deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 35„ 2„=—.,„ 1.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird „ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.— . — ————— Adoc. —,— 4 Roman von Phkilipy Galen, Verf. von„der Irre von St. James“,„Baron Brandau“, ꝛc. — Erſter Theil. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten! Erſtes Bnpitel. 7. ——O In der ſächſiſchen Schweiz. Unter dem wunderbar geſtalteten Felſengewölbe im romantiſchen Gebirge der ſächſiſchen Schweiz, wel⸗ chem man den ſo wenig poetiſchen Namen„Kuhſtall’ gegeben, hatte ſich am letzten Auguſt des Jahres 1845 eine ungewöhnlich zahlreiche Geſellſchaft zuſammenge 4 funden. Faſt alle Provinzen unſers Vaterlandes ſchie 4 nen ihre Abgeordneten dahin geſandt zu haben, nigſtens hörte man an den verſchiedenen Tiſchen un in den, einen Kreis für ſich bildenden, Grup 4 angenehme Unterhaltung gewährt, dem nur zu häufig dadurch in den Stand gef gemeinſamen Strebens unſrer an den Emery Glandon. I. 8“ 8 9 M. 2 zen des deutſchen Vaterlandes lebenden Landsleute zu erfreuen, verſchiedene Sammelplätze des allgemeinen Vergnügens zu ſuchen und denjenigen Landſtrichen Anerkennung zu zollen, welche vorzugsweiſe mit ſo ſchö⸗ nen Naturgaben geſegnet ſind. In der That, Deutſch⸗ land iſt reich an erhabenen und maleriſchen Ruhepunk⸗ ten, reicher als irgend ein anderes Land; namentlich aber an Mannigfaltigkeit der Scenen und Ausſichten machen ihm ſelbſt die ausgezeichnetſten von allen, Ita⸗ lien und Schweden, kaum den Rang ſtreitig. Theil⸗ weiſe aus dieſem Grunde mag es auch wohl kommen, daß in keinem Lande der Welt mehr zum Vergnügen oder zur Erholung gereiſt wird, als bei uns, wenig⸗ ſtens haben wir in Frankreich und England nie eine ſolche Leidenſchaft wahrgenommen, zu einer beſtimmten . Zeit, vorzüglich zwiſchen Anfang Juni und Ende Sep⸗ tember, die gebirgigen Gegenden oder irgend ein Bad afzuſuchen, wozu nicht immer der Mangel an Geſund⸗ ffordert; und in keiner Zeitung der Welt, als unſrigen, leſen wir ſo häufig von der alljähr⸗ tehmenden Ueberfüllung dieſes oder jenes Ortes, ige, mit Statiſtik und Politik ſich beſchäf⸗ giftſteller fabelnl. 3. ir kehren zu dem„Kuhſtalle“ zurück, wo 2 ℳ wwiß nicht für die allgemeine Verarmung ſpricht, 3 ſich, während wir jene kleine Abſchweifung unternom⸗ men, noch einige Perſonen mehr eingefunden haben und vergeblich nach einem behaglichen Sitze in der Nähe des romantiſchen Habichtsgrundes umſchauen, was indeſſen die glücklichere größere Hälfte der Ver⸗ ſammelten um ſo fröhlicher ſtimmt, da ſich die Verle⸗ genheit der zu ſpät Eintreffenden immer ſichtbarer auf ihren erhitzten Geſichtern ausſpricht. Indeſſen, auf Reiſen nimmt man es mit einem etwas engen oder abgelegenen Platze nicht ſo genau, und bald iſt man hier und da zuſammengerückt, Tiſche und Bänke ſind glücklich herbeigeſchafft, und alle Ge⸗ ſichter glänzen wieder von jener beſcheidenen Behag⸗ lichkeit, die nun einmal auf den Mienen eines zu ſei⸗ nem Vergnügen Reiſenden thronen muß. Das Einzige, was die anweſenden Damen und Herren von Zeit zu Zeit noch etwas peinigte, war die faſt übermäßige und der vorgerückten Jahreszeit ko entſprechende Hitze; manches Auge richtete ſic bedenklich in die Höhe, denn die bleigrau ie ſich am Horizonte jenſeit des Habicht ummenballten und, lſam heun rücken 4 eben ſo wenig erfreulich war, wie es ihr unverhofft kam. Allein auf Reiſen muß man ſich gegen derglei⸗ chen äußere Störungen mit philoſophiſcher Ruhe wapp⸗ nen. Man iſt einmal unterwegs und ſomit den Ein⸗ flüſſen der Witterung und Temperatur ſchonungslos preisgegeben, und wer in der Welt Etwas erleben, ſe⸗ hen und bewundern will, muß ſich über die kleinen Beſchwerlichkeiten hinwegſetzen, die nun einmal die Erde oder der Himmel über uns arme Staubgeborene verhängt. Unter den verſchiedenen in der Höhlung des Fel⸗ ſens an den zahlreich aufgepflanzten Tiſchen ſitzenden Gruppen, die ſich faſt ſämmtlich mit dem frugalen Frühſtücke aus der Zwergküche des Kuhſtallwirths be⸗ ſchäftigen, während eine böhmiſche Muſikantenfamilie ie e klagenden Töne einer Harfe mit dem grellen Ge⸗ imer einer mißgeſtimmien Geige unter dem Fels⸗ ſüit uns ganz beſonders eine vor dem Keürachhen Pfahlwerk ſitzt, wel⸗ elſenhöhle von dem Habichtsgrunde trennt. gehört ſie einer vornehmen und begü⸗ an, das ſehen wir an ihren Kleidern, en, ihrem ganzen äußeren Gehaben, aber wir auch an der mehr leiſe geflüſterten als laut geſprochenen Unterhaltung, die ſie mit einander führen— eine Beſchränkung, der ſich die luſtigeren Rei⸗ ſenden an mehreren anderen Tiſchen nicht unterziehen, denn ſie lärmen und klappern mit ihren Gläſern und Tellern, als hätte man an dem Geleier der Harfe und Geige noch nicht genug des ſtörenden Lärms in der romantiſchen Grotte, die unſers Bedünkens nur dann in ihrer ganzen majeſtätiſchen Macht und Größe auf uns wirkt, wenn wir ſie ungeſtört und im tiefſten Schweigen der Natur und der Menſchen betrachten. Die erwähnte Geſellſchaft beſteht aus zwei älteren Damen, von denen dem Ausſehen und ihrem Alter nach die eine recht gut die Mutter der daneben ſitzen⸗ den jungen Dame von fünfzehn und eines Jünglings von etwa ſechszehn Jahren ſein könnte, die Beide die munterſten Mitglieder der ganzen Familie ſind. Die zweite ältere Dame ſcheint eine Geſellſchafterin der ſten zu ſein, und damit dieſe vier Perſonen nicht des ernſteren männlichen Schutzes entbehren, iſt i 3 außer einem alten Diener in Livrée noch ein Mann beigeſellt, den wir auf den er einen ſogenannten Hofmeiſter halten ſ trägt einen bis über die Kniee hängenden ſchy und für ſeine etwas ſpärlich begabten zu weiten Rock, ein ſchulmeiſterlich ſteifes 6 tuch mit langen Zipfeln, iſt ſorgfältig raſirt und ſpricht ſtets in einem näſelnden belehrenden Tone, der eben ſo viel Talent wie Neigung zur religiöſen Pädago⸗ gik verräth. Mit den Geſichtszügen der Uebrigen wol⸗ len wir uns jetzt nicht weitläufig beſchäftigen, vielleicht finden wir noch ein andres Mal Gelegenheit, den Le⸗ ſer mit ihnen allen genauer bekannt zu machen; nur in Bezug auf das ſchon erwähnte jüngere Paar wol⸗ len wir uns die Bemerkung erlauben, daß ſie ſich an Bildung des Geſichts ſehr ähnlich ſehen, alſo wahr⸗ ſcheinlich Geſchwiſter ſind, daß die junge Dame eine zierliche Geſtalt und ein reizendes Geſicht hat, auf dem die Farben der Geſundheit mit dem Ausdrucke eines heiteren Gemüths leuchten, und daß ihr reiches blon⸗ des Haar in üppigen Flechten unter dem leichten Som⸗ merhute hervorquillt, den ſie oft feſter zu ſetzen ſucht, wenn der Wind, der jetzt ſchon über den düſtern Ha⸗ rund ſtoßweiſe daherzubrauſen beginnt, die lan⸗ een ihres Bruders, der ſeinen Strohhut abge⸗ hat, um ſeine blühenden Wangen weht. eſer allmälig heftiger und anhaltender blaſende u angethan, das allgemeine Vergnügen Fel nhöhle verſammelten Gruppen uner⸗ ren. Man ſchaute beſorgt inach allen vier genden und ſprach laut die unangenehmſten Befürchtungen aus. Nur ſehr wenige Perſonen freu⸗ ten ſich aufrichtig über das möglicherweiſe bald aus⸗ brechende Ungewitter, und dieſe waren der Wirth des Kuhſtalls und die böhmiſchen Muſikanten, die davon nichts Anderes erwarteten, als daß der größte Theil der anweſenden Gäſte vom Weitergehen abgehalten und zum Hierbleiben gezwungen werden würde. Allein nicht ſelten täuſchen ſich Diejenigen in ihrer Berechnung, die aus dem allgemeinen Schaden den größtmöglichen Nutzen für ſich ſelber zu ziehen geden⸗ ken. So geſchah es auch hier. Viele der Anweſenden ſcheuten weder Regen noch Wind und waren ihrer Meinung nach hinreichend gegen das Naß geſchützt, das vom Himmel tröpfelt und dem undankbaren Menſchen ſo ſelten gelegen kommt; Andere hatten ihre zum Nachtbedarf nothwendigen Effekten entw Schandau zurückgelaſſen oder anderweitig ſandt, und dieſe mußten wohl oder übel ihre fortſetzen, falls ſie nicht eine unbehagliche Nacht i irgend einem auf dem Wege nach ihrem En g6 ledenen Hauſe zubringen wollten. e man denn ſehr bald an d tete plötzlich einen ſo heftigen Regenguß herab, daß. kein einziger Reiſender für dieſen Augenblick zum 4 Weiterwandern Luſt und Muth zeigte. Auch die er⸗ wähnte Familie, die dem offenen Ausgange der Höhle zunächſt ſaß, ſtellte ihre Zurüſtung zum Abmarſche ein und ſuchte unter ihrem Felſendache Schutz, wobei einige beſorgliche Geſichter unter ihnen die Wolkengebilde des dräuenden Himmels nicht gerade mit freudiger Miene zu ſtudiren fortfuhren. In dieſem Augenblicke trat unter die mehr oder minder aufgeregten Gruppen von der Seite der Waſ⸗ ſerfälle her eine neue Geſtalt. Es war ein Reiſender von jugendlichem Alter, höchſtens zwanzig Jahre zäh⸗ einfarbig ſommerlich bekleidet, in der rechten 3 d einen gewichtigen Stock, in der Linken ſeinen rchnäßten Hut tragend, während er einen grauge⸗ Plaid, mehr um das Gewicht deſſelben ſich ern, le zum S huge⸗ gegen den Regen, Stirn, hvvth die großen Tropfen nem Strohhute und blickte ſich ſorgſam nach kleinen Bologneſer Spitzhunde um, der, auf rei Beinen unmittelbar hinter ihm hertrottend, ſich lagerer in unſere Nähe kommt.“ jetzt im Schutze des Steindaches niederließ und eins ſeiner Pfötchen leckte, welches ein ungaſtlicher Fleiſcher⸗ hund am Morgen deſſelben Tages beim Ausmarſche aus Schandau arg zugerichtet hatte. Als der junge Mann dieſe Selbſtkur des Hundes ſah, der ihm ſehr lieb zu ſein ſchien, forderte er von dem Wirthe einen Napf mit Waſſer, etwas Leinwand und einen Schwamm. Darauf ſetzte er ſich, nahm das Thierchen auf ſeinen Schooß, unterſuchte die Wunde, wuſch ſie vorſichtig aus und band kunſtgerecht einen Streifen Leinwand um das kranke Glied, den er dann ſo viel wie möglich mit Nadel und Zwirn befeſtigte. Dieſe ſo einfach, raſch und natürlich vor ſich ge⸗ hende Samariterhandlung wurde in der Nähe der Muſikantenfamilie vollbracht und rief von einer Seite der Anweſenden ein ſpöttiſches, von der anderen ein theilnehmendes Lächeln hervor, welches beides aber der junge Reiſende nicht wahrzunehmen ſchien, der als er damit fertig, den Hund auf den Boden ſette ihm die beſtellte Milch und das hineingedrolte. Bro⸗ darbot und leiſe ſagte: 8 „So, armer Kerl, nun friß und⸗ ruhe dich der ungewohnten Anſtrengung; künftig ab wir vorſichtiger ſein, wenn ſo ein räuberi Das Thierchen dagegen, als wolle es ſich ſeinem Wohlthäter dankbar erweiſen, blickte ihn, bevor es ſein Frühſtück einnahm, mit freundlichem Auge an, wedelte mit dem zottigen Schweife und ſtreckte ſich dann zu ſeinen Füßen nieder. Einige Minuten darauf aber war es ſchon wieder auf den Beinen, um dem Herrn zu folgen, der ſich einer Geſellſchaft anſchloß, welche die in der Umge⸗ bung des Kuhſtalls gelegenen Sehenswürdigkeiten, merkwürdige Felsbildungen und hiſtoriſche Oertlich⸗ keiten, beſichtigen wollte. Wir begleiten ſie nicht dahin, ſondern bleiben bei der ſchon mehrmals erwähnten Familie am Ausgange der Höhle zurück, in deren Mitte ſich zwei Augen befanden, die mit eben ſo freundlichem wie neugierigem Blicke der Liebesthat ge⸗ fol t waren, die der junge Reiſende an ſeinem Hunde 9r mmen hatte. Die beiden älteren Damen hat⸗ terdeſſen mit dem Hofmeiſter unterredet und dem Entſchluſſe gelangt, die Regen⸗ 0 vorüberziehen zu laſſen, bevor man Au ruch e rüſte. ſſcha 8s, daß man noch an Ort und Stelle der junge Mann mit ſeinem Hunde wieder Felsſpalte hervortrat und ſich in der Nähe an einem leer gewordenen Tiſche nieder⸗ — — 11 ließ, um daſelbſt ſein Frühſtück einzunehmen. Bevor er jedoch Platz nahm, begrüßte er die in ſeiner Nähe verweilende Geſellſchaft, indem er ſeinen Hut zog und ſchweigend, aber mit einer genügend verſtändlichen Verbeugung, ſeinen„guten Morgen“ bot. Von Seiten der beiden älteren Damen wurde dieſer freundliche Gruß auf eine kaum merkliche, ſicher aber ſehr vornehme Weiſe mit einem Gegengruße beehrt, der eigentlich nichts weiter als ein verlegenes Augenzwin⸗ kern ohne jede anderweitige Bewegung des Körpers war; die junge Dame dagegen verneigte ſich etwas, als das offene Geſicht des Fremden ihr einen Augenblick zuge⸗ kehrt blieb, gab jedoch mehr durch ihr Erröthen als durch irgend ein anderes Zeichen ihren freundlichen Dank zu verſtehen, während der langberockte Herr Hofmeiſter leicht den Rand ſeines Hutes berührte und dieſe Herab⸗ laſſung mit einem unverſtändlichen Brummen beglei⸗ tete, das den Tönen eines verſtimmten Contrebaſſe nicht unähnlich war. Der Bruder der jungen Dame war zur Zeit nicht anweſend, er hatte ſich n t Diener und einem ab⸗ und zugehenden: fernt, um entweder im Freien ſich nach dem umzuſchauen, oder der Ankunft der Pferde ent ſehen, die behufs einer Beſteigung des Win ſchon vor geraumer Zeit beſtellt worden waren. 12 Eben hatte der junge Reiſende mit herrlichem Ap⸗ petite ſein Frühſtück beendigt, wobei der Spitz auch ſein gebührendes Theil empfangen, als der vorher er⸗ wähnte Knabe mit dem Diener und Führer erſchien und frohlockend verkündete, daß der Unheil nachgelaſſen habe und die Regen ſpendende Wolke weiter gezogen ſei. Dies war in der That der Fall. Man warf noch Dleeinen Blick ringsum, namentlich nach dem Horizonte der Gegend, die man erſtreben wollte, und glaubte ſich eines günſtigeren Reiſewetters verſichert halten zu dürfen. Alsbald rüſtete man ſich zum Abmarſche, was keinen Schwierigkeiten unterworfen war, denn der Füh⸗ rer, bevor er ſich an die Spitze der Geſellſchaft begab, belaſtete ſich mit ſämmtlichen Tüchern und Taſchen, heilte ſich mit dem Diener in die vorhandenen Regen⸗ chirme und ſo, von dem Hofmeiſter geführt, dem zu⸗ die beiden älteren Damen folgten, das Geſchwi⸗ mit dem Diener aber den Zug beſchloß, trat den Weg nach den harrenden Pferden an. em die Geſellſchaft nun an dem bei ihrem gange höflich ſich erhebenden jungen Reiſenden nahe i, ſo erwiderte ſie doch nur auf ſehr mangel⸗ eiſe ſeine Artigkeit. Die älteren Damen wandten as Geſicht ganz von ihm ab und der Hofmei⸗ digte ihn keines Blicks. Nur der Knabe nickte ihm kindlich fröhlich zu und ſeine ſchöne Schweſter erröthete noch einmal, als ſie haſtig an ihm vorüber⸗ ſchritt, indem ſie mit einer gewiſſen verſtohlenen Ver⸗ ſchämtheit unmerklich ihr Köpfchen beugte. Mehr hatte der artige junge Mann wohl nicht erwartet, wenig⸗ ſtens lächelte er zufrieden, als man an ihm vorüber⸗ gezogen war, und blickte den Abgehenden ſo lange nach, als ſeine Augen ſie erreichen konnten. Eine Weile blieb er, nachdem er ſich wieder auf ſeine Bank nieder gelaſſen, nachdenklich ſitzen, und dieſes Nach⸗ denken mußte ſeine ganze Aufmerkſamkeit von den übrigen Vorgängen in der Felsgrotte abgezogen ha⸗ ben, denn als er plötzlich um ſich blickte, nahm er zu ſeinem Erſtaunen wahr, daß die Muſik verſtummt und er faſt allein zurück geblieben war, da die mei⸗ ſten der Anweſenden jener Familie vorangeſchritten oder auf dem Fuße gefolgt waren. Da ſchien in ſeinem Innern eine Selbſtfrage zutauchen. Er erhob ſich, warf einen Blick ri her, als wollte er ſagen:„Nun, was ſoll allein thun? Kann ich den Uebrigen nicht folgen? Oh ja! Das wäre keine ſo üble Reiſegeſellſchaft geweſen Aber ach!“ fügte er halblaut hinzu,„da iſt der arm Spitz— an ihn habe ich nicht gedacht. Er iſt mü und hat ein lahmes Bein. Nun Spitz,“ da der Hund aufgeſprungen war, mit dem Schweife wedelte und ein freudiges Knurren hören ließ—„haſt Du Dich ſchon ausgeruht— willſt Du weiter?“ Das kluge Thier bellte laut, als ob es ihn ver⸗ ſtanden hätte und ſeine Frage bejahend beantworten wollte, that einige Sprünge nach dem Ausgange der Höhle, und ſo war denn der Entſchluß des jungen Mannes auf einmal gefaßt. Er ging zu dem Wirthe, bezahlte ſein Frühſtück und ſchloß ſich dann in einiger Entfernung den vor ihm Gehenden oder Reitenden an, die den anmuthigen, allmälig ſich erhebenden Weg nach dem kleinen Winterberg eingeſchlagen hatten. Den neuen Marſch angetreten hatten die Reiſen⸗ een allerdings, wenn ſie ſich aber der Hoffnung hin⸗ en, unbeläſtigt vom ferneren Unwetter ihr Ziel zu en, ſo befanden ſie ſich in einer argen Täuſchung. ar in dieſem Augenblicke das Stück Himmel, an von dem ſchmalen und zu beiden Seiten eeten Wege wahrnehmen konnte, ziemlich ichter Wind hatte die große Regenwolke w. weggetrieben, und nur von den Blättern enden Waldes tröpfelte das Waſſer des eder. Aber ſchon zogen von Weſten neue “ —= 4 1 men loſejunge Mann ſchritt alſo, dann und wann ſich mer mehr anſteigenden Weg haſtig hinauf, bemüh ſtürmiſche Wolken heran und ein heulender Windſtoß, der ſich hier im Walde nur nicht merklich entwickeln konnte, jagte ſie auf ihrer luftigen Bahn pfeilſchnell dahin. Unſer junger Reiſender war daher auch noch keine Viertelſtunde unterwegs, als er ſchon in Erfah⸗ rung gebracht, was ihm ſelbſt und der in geringer Entfernung vor ihm ſchreitenden Geſellſchaft bevorſtehe. Aber was kümmert einen zwanzigjährigen Menſchen von kräftigem Körperbau, ſtrotzender Geſundheit und üppig ſprudelnder Lebensluſt ein drohendes Ungewitter? Das iſt weiter nichts als ein Vergnügen, eine Unter⸗ haltung, vielleicht ein neuer Kampf mehr, und in die⸗ ſem Alter, unter dieſen Verhältniſſen pflegt irgend ein Kampf nur mit dem erträumten Siege vergeſellſchaf⸗ tet zu ſein. So war es auch hier. Der für uns na⸗ nach dem eifrig folgenden Spitze umſehend, den in der ihn lebhaft intereſſirenden Familie aus dem ſtalle ſo nahe wie möglich zu kommen, wa eine gute Weile dauerte, da die Pferde, welche Diener hinterher nicht weniger eilfertig mittrotteten Endlich aber hatte er ſie doch erreicht, und d 16 nichts weiter beabſichtigt, ſo hielt er ſich dicht hinter dem letzten Pferde, einem kleinen Grauſchimmel, wel⸗ chem die Ehre zu Theil geworden war, die ſchöne junge — Dame auf ſeinem Senkrücken zu tragen. Dieſe, die Augen etwas ängſtlich auf die ſich unabläſſig bewe⸗ genden Ohren ihres Thieres gerichtet haltend und da⸗ bei von Zeit zu Zeit den ſich immer dunkler färben⸗ den Himmel muſternd, hatte keine Urſache gehabt, einen Blick rückwärts zu werfen. Schweigend zog die Karavane den von Strecke zu Strecke enger und ſteiler werdenden Weg dahin, und die vorſchreitenden Führer bemühten ſich immer auffälliger, ihre Pferde in den ſtärkſten Schritt zu ſetzen, denn ihnen mochte es noch weniger unbekannt ſein als dem jungen Manne, der den Zug ſchloß, was für ein Unwetter im Anzuge ſei, noch dazu während ſie mit zahlreicher Damenge⸗ ſchaft auf dem beſchwerlichen Wege nach dem klei⸗ Winterberg ſich befanden. Plötzlich grollte den Reiſenden von der linken ber ein ziemlich naher Donner in's Ohr, und ich darauf fuhr ein blendender Blitzſtrahl zur Erde dem ein Geknatter und Sauſen folgte, als wäre zutzend Tannen von ihm umgeworfen. Unter iden ſchien alsbald eine Art Verwirrung aus⸗ ———— 1 e ene— zu wollen; die kleinen Pferde blieben theil⸗ “ 17 weiſe vor Schreck ſtehen, drehten ſich von der Richtung ab, woher der Blitz gekommen war, und verriethen nicht die geringſte Neigung, vorwärts zu ſchreiten. Namentlich war dies bei dem trotzigen Grauſchimmel der Fall, und ein leiſer Angſtruf entfuhr den Lippen der jungen Reiterin, die ſich feſt in ihr Tuch gehüllt hatte, um ſich ſo viel wie möglich gegen den Regen zu ſchützen. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre Angſt, um einer eben ſo erfreulichen, wie unvermu⸗ theten Ueberraſchung zu weichen, als eine feſt in ihren Plaid gehüllte Geſtalt, die auf ihrem linken Arm ein winſelndes Hündchen trug, mit kräftiger Hand den Zü⸗ gel des Grauſchimmels ergriff und ihn ſicher ſeinen Vorgängern nachleitete, die ſich ſchon wieder in regel⸗ mäßige Bewegung geſetzt hatten. „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ ſagte der junge Mann freundlich,„aber mein Einſchreiten ſchien mir gerechtfertigt. Sitzen Sie ruhig und fürchten Sie ſich nicht; dieſe kleinen Thiere ſind zuverläſſig und aus⸗ dauernd, ſobald ſie ſehen, daß der Menſch ſelbſt ſeine Pflicht erfüllt.“. Die junge Dame dankte mit einigen Worten und der Zug bewegte ſich eine Weile ruhig fort. Bisher aber hatte der Himmel nur gegrollt, nicht lange auf brach er in lautes Zürnen und Toben aus. Vo Emery Glandon. I. 8 2 3 18 — ſeiner vorigen Bläue war nirgends mehr eine Spur zu entdecken, an ihre Stelle war ein grauſchwarzes Wolkenungethüm getreten, das ſeine Schleuſen öffnete und den eiskalten Regen in Strömen herniederfallen ließ. Der voranſchreitende Diener hatte jeder Dame einen Schirm gebracht, und auch die, welche den Schim⸗ mel ritt, hatte den ihrigen empfangen. So war ſie wenigſtens einigermaßen geſchützt. Aber ihr Führer? Ihn traf nicht allein das Waſſer, was aus den Wol⸗ ken hernieder goß, ſondern auch das, welches von dem Schirme ſeines Schützlings herabrieſelte. „Sie werden ſehr naß,“ redete ihn dieſelbe an, „und haben noch dazu den kleinen Hund zu tragen. Wollen ſie mir ihn nicht geben, ich habe die linke Hand frei, da Sie die Zügel führen.“ „Gewiß nicht; Sie werden bald beide Hände ge⸗ brauchen, um den Schirm und ſich ſelbſt auf dem Pferde zu halten. Der Sturm iſt erſt im Anzuge.. Kaum hatte er es geſagt, ſo folgte ſeinen Worten die Erfüllung. Ein orkanartiges Ungewitter braech über die unglücklichen Reiſenden herein. Noch dazu war man gerade an die wilde Felsparthie gelangt, elche ſich der ſchmale Weg nach dem kleinen derge in Schneckenwindungen hinaufquält. II Strömen floß das Waſſer dieſen Weg herab, Be ————— der ſandige Grund war bald in Moraſt verwandelt, die Pferde ſanken bis über die Feſſeln ein und Nie⸗ mand mehr hatte einen ſicheren Tritt. Während nun der jetzige Führer der jungen Dame dicht am Abhange einherwatete, deſſen Tiefe das Auge in der nebeltrüben Dunkelheit nicht erſpähen konnte, folgte Blitz auf Blitz und Donnerſchlag auf Donnerſchlag. Selbſt dem Muthigſten pochte jetzt das Herz, denn ein einziger Fehltritt, das Gleiten eines Fußes, eines Hufes konnte Menſchen und Pferde in den Abgrund ſtürzen. Kein Wort ward bon den Reiſenden in dieſer unerquick⸗ lichen Lage geſprochen, nur dann und wann ließ ſich ein Angſtſchrei vernehmen, während die Führer ihre Thiere durch Zurufe ermuthigten, hier und da Hand anlegten und den Reitern allen möglichen Troſt ein⸗ ſprachen, unter Anderm erzählten, daß hier erſt we⸗ nige Menſchen verunglückt ſeien. So arbeiteten ſich die braven Pferde keuchend die S Schlangenwindungen 4 des ſteilen Felſens hinan, an jeder Wendung des. Weges ſtehen bleibend, die triefenden Ohren ſchüttelnd und tief und ängſtlich Athem holend, denn ſie ſchienen 4 an das Ende ihrer Kräfte gelangt zu ſein und es trat ein Augenblick ein, wo ſelbſt der junge Reiſende ſeinon. Muth etwas wanken fühlte. Aber dieſer Augenblick ward glücklich überwunden; man hatte den hö 24 Punkt erreicht und ſah ohne Beſorgniß hinab in die nebeldampfende Tiefe, über der ſich der Sturm be⸗ reits ausgetobt hatte und weiter nach Oſten gezo⸗ gen war.. Als man erſt ſoweit gelangt, gönnte man ſich einige Minuten Ruhe, um friſchen Athem zu ſchöpfen. Allgemein war man arg zugerichtet. Die Toiletten der Damen waren vernichtet, alle Kleider durchweicht, und theilweiſe hatten ſie ſogar ihre Farben verloren. Einen wie ſeltſamen Anblick daher die endlich wieder weiter wandernde Gruppe darbot, kann man ſich leicht vorſtellen. Auch gaben davon ein ſprechendes Zeug⸗ niß das Kichern und Lachen und die ſchelmiſchen Zu⸗ rufe, mit denen die muthig vorwärtsſtrebenden Rei⸗ ſenden von einigen glücklicheren Schickſalsgefährten begrüßt wurden, die ſich weislich bei Zeiten unter einer vorſpringenden Felsklippe geborgen hatten und hier hockend, kniedlid oder ſitzend in behaglicher Ruhe die vom Wetter hart mitgenommenen Vorübetzie⸗ henden betrachteten. 3 Als man die Hochebene jenſeits des kleinen Win⸗ terberges erreicht hatte, dem großen Winterberge zu⸗ ſeuerte und der Weg hier wieder breiter, weniger beſchwerlich und durchaus ungefährlich wurde, hatte der bis auf die Haut durchnäßte junge Reiſende den 21 Zügel des Grauſchimmels losgelaſſen und ging nun langſam hinter demſelben her, ſeine Aufmerkſamkeit hauptſächlich jetzt dem kleinen Hunde ſchenkend, dem er das Waſſer aus dem Felle ſtrich, einige freundliche Worte ſagte und dafür mit einem dankbaren Knurren und einem Blicke belohnt wurde, den nur ein natur⸗ liebender und thierverſtändiger Menſchenfreund zu erſpähen und zu würdigen verſteht. Nach Verlauf von anderthalb Stunden kam man denn d auf dem großen Winterberge an. Da der junge Mann vorausſetzte, die Geſellſchaft, der er un⸗ aufgefordert das Geleit gegeben, werde hier raſten und ſich an den warmen Oefen des freundlichen Gaſt⸗ zimmers trocknen, ſo bot er der jungen Dame dins Hülfe an, hob ſie vom Sattel und ſprang raſch, ſ ermüdet er war, die Stufen hinan, um ein denes Unterkommen für die Damen auszukundſchaften, von denen er glaubte, daß ſie ihm auf dem Fuße folgen würden. Allein wie erſtaunte er, als er nach Verlauf einiger Minuten, vergeblich auf ihr Erſcheinen war⸗ tend, in's Freie zurück trat und hier von einem Manne erfuhr, daß die ganze Geſellſchaft, ohne ſich aufzu⸗ halten, nach dem Prebiſchthore weiter geritten ſei⸗ wo ſie eine längere Raſt halten wolle. Hätte unſer junger Freund ein Pferd ungeſenden 22 er wäre ohne Zweifel den Spuren der Reiſenden ge⸗ folgt, da aber keins vorhanden war und er ſich von dem weiten Gange, von Schandau bis zum Winter⸗ berge faſt ohne Aufenthalt, ermüdet fühlte, ſo beſchloß er zu bleiben und ſpäter erſt nach dem Prebiſchthore aufzubrechen, wo er ſie noch zu finden hoffte. Allein auch dieſes Vorhaben ſollte ohne den gewünſchten Er⸗ folg ausgedacht ſein, denn nachdem ſich der junge Mann nach Verlauf einer Stunde leidlich getrocknet und an einem Glaſe feurigen Ungarweines geſtärkt hatte, begann das Unwetter von Neuem loszubrechen, der Regen fiel ſtromweiſe hernieder bis zum ſpäten Abend, und erſt in der Nacht hörte er ganz auf, wor⸗ auf ein ſo heiterer und klarer Morgen folgte, wie man ihn ſich auf einer Reiſe nur wünſchen kann. Schon um ſechs Uhr war unſer junger Freund munter und auf den Beinen, und da auch der Spitz ſich ausgeruht, ſein zerbiſſenes Bein neu verbunden war und der fri⸗ e Morgenwind die Wege leidlich getrocknet hatte, ſo t er mit der angenehmen Hoffnung von Neuem d Weg an, die geſtern ſo ſpurlos Entwichenen heute irgend einer Stelle des ſchönen Gebirges wiederzu⸗ finden. Allein auch dieſe angenehme V Vorausſicht ſollte 1 ſich dem ſanguiniſch hoffnungsvollen Manne durchaus nicht ſtichhaltig erweiſen. Als er einige Stunden — 23 ſpäter auf dem Prebiſchthor eintraf, fand er die ge⸗ ſuchten Fremden nicht mehr daſelbſt; ſie waren ſchon am Nachmittag zuvor angelangt, hatten ſogleich friſche Pferde genommen, um ſo raſch wie möglich Hernis⸗ kretſchen zu erreichen und von da nach Schandau zu⸗ rückzukehren, wo ſie ihren Wagen und ihr Gepäck ge⸗ laſſen hatten. So berichtete dem eifrig Forſchenden ein dienſtfertiger Kellner im Gaſthauſe des Prebiſch⸗ thors, und ihm blieb weiter nichts übrig, als ſeinen Weg allein fortzuſetzen, auf dem wir ihm nun folgen wollen, um ſeine nächſten Abenteuer mit ihm zu be⸗ ſtehen und dabei Gelegenheit zu finden, ſeine genauere Bekanntſchaft zu machen. Sweites Anpitel. Im böhmiſchen Walde. Joſeph Sohn— ſo wollen wir hier gleich unſeer jungen Bekannten nennen, bevor wir im folgenden Kapitel ſeine perſönlichen Verhältniſſe ſchildern— hatte 4 ſeinen kleinen Reiſekoffer in Herniskretſchen, wohin er ihn vorausgeſandt, richtig vorgefunden, aber von der Familie, nach der er ſogleich eifrig geforſcht, konnte ihm kein Menſch etwas Gewiſſes ſagen. Er beſchloß — daher, ſeine urſprüngliche Abſicht auszuführen und 8 ſchon am nächſten Tage einen Abſtecher in das rei⸗ zende böhmiſche Gebirge zu machen, um von Auſſig aus nach Prag und Wien und von da nach Trieſt und 4 Venedig zu gehen, was für diesmal das Endziel ſei⸗ ner Vergnügungsreiſe ſein ſollte. Da er von Nieman⸗ em abhängig, ſeine Zeit auf keine Weiſe beſchränkt 1 d auih ſein Geldbeutel in Betracht ſeiner geringen 25 Bedürfniſſe leidlich ausgeſtattet war, ſo ſtand es ihm vollkommen frei, nach Belieben, Laune und Luſt ſeine Reiſe ſchneller oder langſamer fortzuſetzen, je nachdem dieſer oder jener Ort ihn durch ſeine Schönheit, dieſe oder jene zufällig ihm begegnenden Perſonen durch ihre Liebenswürdigkeit feſſelten oder raſcher mit vorwärts nahmen. In der That, lauter glückliche Eigenſchaften für einen gebildeten Mann von ſeinem Alter und ſei⸗ nen Fähigkeiten, deſſen Verhältniſſe vielleicht nur von einer Seite her durch ein uns noch unbekanntes Miß⸗ geſchick einigermaßen beſchattet wurden. Letzteres in⸗ deſſen kümmert uns hier noch nicht, und ſo ſetzen wir mit ihm, nachdem er ſeinen Koffer abermals nach Auſ⸗ ſig vorausgeſandt, bei Herniskretſchen über die Elbe, um von Niedergrund aus, nachdem der öſterreichiſchen Paßpolizei ihr Recht widerfahren iſt, den Mönchsſtein, den Kutſchken und wie die andern maleriſchen Punkte dieſer reizenden Gegend heißen, nach einander zu be⸗ ſuchen oder wenigſtens aus der Ferne zu beſichtigen. So wurde Tetſchen erreicht, das koſtbarſte Juwel der ſächſiſchen und böhmiſchen Schweiz, wie die Beſchrei⸗ ber derſelben oft und mit Recht geſagt haben, und nachdem Joſeph Sohn faſt einen ganzen Tag damit zugebracht, alle reichen Beſitzthümer, Fernſichten und anderen Schönheiten dieſes Ortes zu betrachten, beſchloßs er, an demſelben Tage noch einen Ausflug nach dem Schreckenſtein zu unternehmen, und ſollte ihn ſelbſt die Nacht dabei überholen. Nachdem er genaue Er⸗ kundigungen über den einzuſchlagenden Weg eingezo⸗ gen hatte, begab er ſich Nachmittags drei Uhr, von ſeinem treuen Spitz, der kein lahmes Bein mehr hatte, 8 begleitet, auf die Wanderung. Es war ein angenehm warmer Septembertag. Ein nen der hochſtämmigen Bäume und trieb langſam die kleinen weißen Wölkchen vor ſich her, die am dunkel⸗ blauen Himmelsgewölbe von Zeit zu Zeit ſichtbar wur⸗ ddeen. Unſer junger Wanderer athmete mit Wolluſt die furkende balſamiſche Luft ein, die dem Walde ent⸗ ſtrömte, und ſchritt, ſo behaglich geſtimmt wie je in ſeinem Leben, einen allmälig ſich ſenkenden Höhenzug hiinab, ein Liedchen pfeifend und bisweilen ein paar ermuthigende Worte an ſeinen dicht neben ihm ſprin⸗ genden Liebling richtend. Aber nicht in gerader Linie verfolgte er den einmal eingeſchlagenen Pfad; bald lockte ihn hierhin, bald 4 dorthin irgend ein aus der Ferne maleriſch hervortre⸗ tender Punkt, ein Fels oder ein ſchöner Baum, und nicht immer konnte er dem Wunſche widerſtehen, das, wmas ſich von Weitem in ſeiner Phantaſie ſo ſchön leichter Südwind rauſchte durch die üppigen Laubkro⸗ — “ dargeſtellt, in Wirklichkeit auch in der Nähe zu betrach⸗ ten und zu prüfen. Hierdurch geſchah es, daß er, der Gegend völlig unkundig, in kurzer Zeit vom Haupt⸗ wege weit abkam und, einmal erſt die Richtung ver⸗ lieren, hieß in dieſer öden Fels⸗ und Waldgegend ſie niemals wiederfinden. Aber was verſchlug ihm das? So lange er noch einen betretenen Pfad vor ſich ſah, mußte dieſer Pfad doch endlich einmal auf einen grö⸗ ßeren Weg, nach einem Dorfe, auf ein Haus zu füh⸗ ren, und wo Dörfer und Häuſer ſind, da muß es auch Menſchen geben, die einen verirrten Wanderer zurechtweiſen können. Allein weder die erwarteten Dörfer, noch die Häuſer, noch auch die Menſchen lie⸗ ßen ſich blicken, eine vollkommene Oede lag rings um ihn ausgebreitet, und nur das Rauſchen der Blätter, durch die der Abendwind ſtrich, und das Geſchrei eines Waldvogels, der ſein Neſt ſuchte, ließ ſich im weiten Umkreiſe vernehmen. Endlich aber, jedoch nicht eher, als bis der Nachmittag ſchon längſt dem Abend ge⸗ wichen war und die Bäume tiefere Schatten über die Pfade warfen, die nur noch ſchwer zu erkennen ma⸗ ren, ließen ſich in der Ferne Menſchenſtimmen hören. Mit geſchwinderem Tritte ging ihnen der verirrte Wan⸗ derer entgegen, ſchon innerlich im jugendlichen Ueber⸗ muthe triumphirend, daß ſeine Hoffnung nun doch noch 28 ſollte erfüllt werden. Es waren zwei Weiber, die dür⸗ res Holz in hochbepackten Körben auf dem Rücken tru⸗ gen und in ziemlich lautem Wechſelgeſpräch ihres We⸗ 8 ges daherzogen, um wahrſcheinlich ſo ſchnell wie mög— lich der Heimat zuzueilen. Aber dieſes Geſpräch klang gerade nicht ſehr erbaulich, denn noch in einiger Ferne von ihnen unterſchied er deutlich die, einem nicht dar⸗ an gewöhnten Ohr ziemlich rauh klingenden Kehllaute der böhmiſchen Redeweiſe. Eben ſo wie der junge Mann, ſtanden auch die beiden Frauen ſtill, als ſich ihre Schritte kreuzten; verwundert ſchauten ſie auf, als der Fremdling ihnen mittheilte, daß er ſich wahr⸗ ſcheinlich im Walde verirrt habe, da er ſeiner Berech⸗ nung nach ſchon längſt in die Nähe des erſtrebten Schreckenſteins gelangt ſein müßte. 3„Schreckenſtein!“ ſagte die eine Alte, mit Mühe 1 ſich der deutſchen Sprache bedienend.„Ja freilich, da haben Sie ſich verirrt, gnädiges Herrlein, und zwar iemlich weit. So viel wir wiſſen, liegt der Schrek⸗ kenſtein einige Stunden weit da hinaus, wo Sie her⸗ ggekommen ſind, aber nicht dorten hin, wo Sie hin wollen. Unſer Freund lächelte über den Irrthum, den er ſich ſelbſt und ſeiner Neugierde verdankte, obgleich ihn cht gerade behaglich bei dem Gedanken zu Muthe 4 ward, in einer durchaus fremden und wilden Gegend 3 ohne ein erwünſchtes Unterkommen in der Irre um⸗ — herzuſchw „Was meint Ihr,“ fragte er freundlich,„was ich thun ſoll, um das nächſte Dorf oder Wirthshaus zu erreichen, wo ich übernachten kann?“ „Dorf und Wirthshaus? Hier? Daß ich nicht wüßte, ſchmucker Herr! Aber ein Haus im Walde— die alte Trude wohnt darin— kenne ich allerdings, und Ihr möchtet auch da wohl ein Unterkommen fin⸗ den, wenn ſie bei guter Laune iſt.“ „Wie weit iſt das Haus von hier?“ „Ja, wie weit! Das iſt ſo leicht nicht geſagt. Ich denke aber, ein junger Herr, wie Ihr einer ſeid, der geſunde Beine hat, erreicht in einer Stunde mehr, wie Unſereins in zweien.“ „Und welches iſt der nächſte Weg dahin?“ „Dieſer hier— auf dem wir hergekommen ſind. Ihr ſchreitet immer zu— wenn ſich aber der Weg zu 1 heben und ein dunkler Kiefernwald beginnt, werdet Ihr einen doppelt ſo breiten Pfad zur Rechten finden. Den 3 verfolget immer zu, bis Ihr auf eine Lichtung treter. da ſteht das Haus.“ „Der alten Trude?“ „Ja, der alten Trude.“ „Darf ich Euch eine Kleinigkeit für Euern guten Rath anbieten? Ich habe Euch etwas lange aufge⸗ halten—“ F Die Alten ſahen ſich an und ſchmunzelten. „Küß' die Hand, gnädigſter Junker!“ riefen Beide zugleich, als ein ſelten geſehenes Silberſtück aus der Hand des freundlichen Mannes in die ihrige wanderte. Bald darauf waren die beiden Geſtalten im Abend⸗ dunkel des Waldes verſchwunden und Joſeph Sohn befand ſich wieder mit ſeinem Spitz, der nicht von ſei⸗ wenn der Weg ſich hebt und der Kiefernwald beginnt.“ Aber der Weg hob ſich ſehr bald; nach wenigen Sorütm ſtellte ſich auch der Kiefernwald ein— der erwartete Pfad aber zeigte ſich nicht, und ſo blieb dem Wanderer nichts übrig, als auf dem bisher betretenen rtz zuſchreiten. „Ei, wie dumm, wie dumm!“ ſagte er plötzlich u ſich ſelber und blieb ſtehen.„Hätte ich nicht lie⸗ ber fragen ſollen, wohin die Weiber ſelber gingen und mich ihnen anſchließen ſollen? Aber ſo geht es 6 das iſt die alte Geſchichte der weiſen Herren, wenn 4 ner Seite gewichen war, allein in der immer tiefer herabſinkenden Dämmerung.„Vorwärts, Spitz,“ ſagte er muthig zu dem jetzt voranſpringenden und laut bellenden Thierchen,„vorwärts, und geben wir Acht, 1— 31 ſie vom Rathhauſe kommen! Nun iſt der rechte Mo⸗ ment verfehlt und kommt nicht wieder. Alſo vorwärts — vorwärts Spitz!“ Das heitere Lied, welches vorher die Lippe des Wanderers geſummt, verſtummte jetzt. Ernſt und be⸗ dächtig ſchritt er ſeines Weges weiter, mit ſcharfen und durch die eigenthümliche Lage zu angeſtrengterer Seh⸗ kraft genöthigten Augen in die Tiefe des zu beiden Seiten des Weges ſich endlos ausdehnenden Waldes dringend. Es hat für ein jugendliches und poetiſches Gemüth etwas feierlich Geheimnißvolles, bei ſinkender Nacht einſam durch einen düſteren Wald zu wandern, na⸗ mentlich wenn man ſich in der Fremde befindet und auf keine zurechtweiſende Hand hoffen darf. Das ſichtbare Leben der Außenwelt erliſcht allmälig, und das unſichtbare, aber um ſo gewaltiger wirkende Leben der inneren Welt erwacht mit ſeinen phantaſtiſchen Bildern und Vorſtellungen in übernatürlicher Größe 4 und Macht. Die tanzenden Schatten der Baumſtämme, düſter nnd magiſch über den Weg fallend, das un⸗ durchdringliche Himmelsgewölbe, an dem noch kein blinkender Stern leuchtet, ſich immer weiter und ohne Ende ausdehnend, der Widerhall der eigenen Schei⸗ das Zirpen und Rauſchen im Laube, im M ooſe, 4 der Luft, endlich das hörbar in der einſamen Bruſt klopfende Herz, das ſich ſehnt nach einem anderen Men⸗ ſchenherzen— Alles das iſt hinreichend, einen bedeu⸗ tenden Eindruck ſogar auf eine muthige Seele hervor⸗ zubringen. An Muth gebrach es nun, wie wir ſchon ange⸗ deutet, dem jungen Manne nicht, aber die heutige Lage war ihm doch zu neu, um ihn nicht in eine ernſte Stimmung zu verſetzen, wozu noch der Gedanke an die Ungewißheit des zu erſtrebenden Nachtlagers kam. Wohin flogen plötzlich ſeine Gedanken, als er jetzt, von jeder menſchlichen Geſellſchaft abgeſchieden, durch die immer nächtlicher werdende Dunkelheit ſchritt? Dachte eeines freundlichen Blickes gewürdigt hatte? des hoffnungsvollen Lebens angehauchte Geſicht dachte Eindruck, den er von ihr empfangen, ein viel zu flüch⸗ vor Kurzem in jener Felshöhle begegnet, dem er ſo 1 gllücklich geweſen war, einen kleinen Dienſt zu erwei⸗ ſeen, und das von der ganzen Geſellſchaft allein ihn tiger geweſen, und Joſeph Sohn war nicht der eitle und leicht eroberte Mann, der wochenlang an jedes hübſche Mädchen dachte, das ihm irgend wo begegnet er vielleicht an das holde Mädchengeſicht, welches ihm 5 Ach nein, an dieſes ſchöne, edle, von den Roſen 1 er i in dieſem Augenblicke gar nicht. Dazu war der 233 war. Nein, er war vielmehr ein gediegenerer, gedan⸗ kenreicherer, innerlich mit Gaben ſattſam ausgeſtatteter Mann, um genügenden Stoff zum Denken in ſich ſelbſt vorzufinden, wenn ein ernſter Augenblick ihm auf düſterem Pfade begegnete und ihn dadurch an ſeine eigene Lebensbahn erinnerte, die auch nicht immer auf breiter und lichter Straße des Daſeins geführt hatte. So ſprach ſich dieſer Ernſt auch in dem kurzen Gedanken⸗ gange aus, den wir, um wenigſtens die Richtung ſei⸗ ner Stimmung anzudeuten, hier flüchtig berühren wollen. „Sonderbar,“ ſagte er zu ſich,„höchſt ſonderbar! Mein heutiger Weg iſt beinahe ein Gleichniß meines ganzen bisherigen Lebens, nur daß ich von dieſem Wege weiß, woher er mich geführt hat, alſo woher ich gekommen bin. Wohin ich aber will, das iſt mir hier wie dort unbekannt, und ich kann nur zu dem großen Weſen, das die ganze Natur erfüllt und in dieſes vorübergehende Dunkel gekleidet hat, bittend aufblicken und ſagen: Laß mich ein Ende und an die⸗ ſem Ende ein Licht finden, damit mir auch mein An⸗ fang klar werde.“ Als er dieſen Gedanken zu Ende gedacht, ſchaute er einen Augenblick auf, wie um ſich entweder in der ihn umgebenden düſteren Nacht zurechtzufinden, oder den Gedanken in ſeiner Seele ausſchwingen zu Emery Glandon. I. 3 laſſen, wie ein muſikaliſches Ohr jeden ergreifenden Ton, den es vernimmt, gern ganz verhallen läßt, bevor es ſeine Aufmerkſamkeit einem anderen zuwendet. Da ſtieß ſein Fuß an einen über den Boden her⸗ vorragenden Erdhügel. Er ſtand ſtill, bückte ſich nie⸗ der und forſchte genauer nach dem Hinderniſſe, das ihm in den Weg trat. Es war eine Art Gränzhügel, ſo ſchien es ihm wenigſtens, und da er ſich etwas ermüdet fühlte, ſo ſetzte er ſich darauf, um ein Wenig zu ruhen. Sogleich ſprang der Hund auf ſeinen Schooß, taſtete mit ſeinen Pfötchen nach ſeines Herrn Geſicht, als wolle er ſich, da er es nicht ſehen konnte, voon ſeiner Gegenwart durch das Gefühl überzeugen, und ſtieß ein heiſeres Knurren aus, um damit ſeine innere Unbehaglichkeit anzudeuten. „Aha, Spitz, biſt Du da, mein kleiner Kerl? Ja, ja, ich bin auch da. Aber ängſtige Dich nicht— ſo ſchlimm iſt es nicht. Noch ein Weilchen Geduld! Auch dieſer böhmiſche Wald muß ein Ende nehmen. Du mußt nun einmal alle Irrthümer mit mir durchma⸗ chen, warum biſt Du nicht bei deiner Herrin in Dres⸗ den geblieben!— Aber halt— was iſt das? Regen? Schon wieder?“ 3 In der That— ein klingender Ton, wie wenn ein Tropfen aus großer Höhe auf eine Metallplatte 35 fällt, ließ ſich über dem einſamen Nachtwandler ver⸗ nehmen. Dem erſten Tone folgte ein zweiter, dann mehrere, bis die häufiger fallenden Tropfen in den Blättern rauſchten und jene bedrohliche Muſik hören ließen, die einem Wanderer ohne Dach und Fach ſtets ſo unangenehm klingt. So erhielte die unbehagliche Lage des jungen Man⸗ nes, die er ſich denn doch nicht in dieſer Art vorge⸗ ſtellt hatte, durch dieſen langſam aber reichlich herab⸗ ſinkenden Regen eben keine wünſchenswerthe Zugabe, allein ſie ließ ihn noch keineswegs verzagen, dazu war ſie bei Weitem nicht unheilvoll genug. Was konnte ihm ferner vorbehalten ſein, als höchſtens die bittere Nothwendigkeit, in kühler Nacht bei Regen und Wind, ohne irgend ein Schutzmittel dagegen als ſein wolle⸗ nes Tuch, unter freiem Himmel zubringen zu müſſen? Weiter nichts, und wir müſſen geſtehen, das Hünd⸗ chen, welches er jetzt auf ſeinem Schooße hielt und liebevoll ſtreichelte, ſchien ihm in viel bedauernswer⸗ therer Lage zu ſein als er ſelber. An eine ihm mög⸗ licher Weiſe drohende Gefahr dachte er durchaus nicht; welche Gefahr ſollte ihm wohl drohen? Es war ja ſo finſter, daß ihn Niemand ſehen, alſo auch nicht ge⸗ fährden konnte, und wenn die Waſſer des Himmels nicht ſündfluthartig herniederſtürzten und ihn erſäuf⸗ 3 3* 36 ten, oder der Sturm eine Eiche oder Tanne entwur⸗ zelte und auf ihn warf, ſo ſchien ihm keine einzige Gefahr am weiten Horizonte der Möglichkeiten aufzu⸗ tauchen. Als Joſeph Sohn alles Dieſes im Stillen erörtert, erhob er ſich von ſeinem ſchon feucht gewordenen Sitze und ſchickte ſich an, dieſelbe Richtung des Weges zu verfolgen, in der er vorher gewandelt war, zu welchem Zwecke er ſie ſich genau gemerkt hatte. Und ſiehe da, 4 als er kaum einige Schritte zwiſchen den Tannen zu⸗ rückgelegt, erweiterte ſich der Weg allmälig, bis er endlich die Breite eines durch den Wald führenden Fahrweges annahm, deſſen Räderſpuren beim Gehen deutlich wahrzunehmen waren. In demſelben Maaße, wie der Weg breiter und bequemer ward, wurde auch die Finſterniß weniger undurchdringlich, und als nach feiniger Zeit der Regen nachließ, die oberen Luftſchich⸗ ten ſich aufklärten, zeigten ſich ſogar einige Sterne in dem Himmelsſtreifen, der über dem Tannenwege ſicht⸗ bar wurde. So war denn die nächtliche Wanderung wieder eine viel weniger beſchwerliche, ja ſogar angenehmere geworden und, ſeine zunehmende Müdigkeit abgerech⸗ net, gewährte es dem jungen Manne ein wahres Ver⸗ gnügen, in der ſtillen nächtlichen Stunde, unter ſter⸗ 37 nenbeſäetem Himmel hoffnungsvoll einer endlichen be⸗ haglichen Ruhe entgegenblickend, allein auf ſeine Kräfte ſich verlaſſend, einem unbekannten Ziele zuzuwandern. Rüſtig, mit etwas geſenktem Kopfe, um die Une⸗ benheiten des Bodens beſſer erſpähen und leichter ver⸗ meiden zu können, ſchritt Joſeph Sohn dahin. Alle ſeine Sinne waren zur höchſten Kraftentwickelung ge⸗ weckt, und wie ſein Auge ſchon zwanzig Schritte weit in das Dickicht der Tannen zu beiden Seiten drang, ſo hörte ſein Ohr auf ziemlich weite Entfernung das Krächzen der Raben, den unkenartigen Schrei der Wald⸗ eule und das Fallen der einzelnen Tropfen, die ihren Sitz auf den Blättern der Bäume mit dem auf dem Mooſe der Erde vertauſchten. Als er etwa eine Viertelſtunde auf dieſe Weiſe fort⸗ geſchritten war, blieb er plötzlich ſtehen, denn er glaubte in ziemlich weiter Entfernung hinter ſich noch einen anderen, bisher nicht vernommenen Ton unterſchieden zu haben. Als er ſtill ſtand, um beſſer zu hören, that es auch ſein Spitz, und gleich darauf fing er leiſe an zu knurren. Jetzt wußte ſein Herr, daß er ſich nicht geirrt hatte und daß eine neue Erſcheinung ſeiner un⸗ gewiſſen Lage ſogleich ein Ende machen würde. Er 8 hörte nämlich zunächſt das Schnaufen eines langſam trabenden Pferdes, dann den über die Wurzelſtöcke geſtellt, und am allerwenigſten erfolgte eine Antwort 3 1— länger aufhalten!“ dachte unſer Freund und ſetzte ſo⸗ gleich ſeinen Weg weiter fort, als er bald darauf be⸗ 38 klappenden Hufſchlag und endlich auch das laute Räus⸗ pern eines durch die kühle Nachtluft beläſtigten Man⸗ nes. Aber merkwürdig, als er dieſes Räuſpern deut⸗ lich unterſchied, hörte ſowohl das Schnaufen wie auch der Hufſchlag des Pferdes auf. Anfänglich glaubte der zu Fuße Gehende, ſein nächtlicher, berittener Rei⸗ ſegefährte habe einen anderen Weg eingeſchlagen, aber wo kam dann das ſich noch zuweilen wiederholende Räuſpern her? Es war augenſcheinlich, der Reiter hielt mitten auf ſeinem Wege ſtill. Aber warum hielt er ſtill? Das wäre eine allerdings ſchwer zu löſende Frage geweſen, und dennoch ſchien Joſeph Sohn ſich eine Weile mit ihrer Entzifferung beſchäftigen zu wol⸗ ten, als er plötzlich einen Entſchluß faßte und auf der Stelle ausführte. Er ließ ein verſtändliches ⸗„Wer reitet da?“ durch den Wald ſchallen und horchte dann 3 in die Gegend hin, woher die verſchiedenen Töne zu ihm gedrungen waren. Jetzt aber ließ ſich auch dieſes Räuſpern nicht mehr vernehmen, ſelbſt das Pferd hatte das Schnaufen ein⸗ auf die ausgeſprochene Frage. „Was ſoll ich mich mit dieſem verſtockten Reiter 39 merkte, daß auch der Hufſchlag des Pferdes und dann das Räuſpern des Mannes ſich wieder vernehmen ließ. „Wir wollen das Experiment noch einmal verſu⸗ chen,“ ſagte Joſeph Sohn zu ſich, hielt an, wandte ſich um und ließ ein noch lauteres„Wer reitet da?“ gegen ſeinen unbekannten Gefährten hin erſchallen. Das Experiment fiel vortrefflich aus, denn das Re⸗ ſultat war auf ein Haar daſſelbe. Der Reiter hielt ſtill, das Pferd ſchnaufte, der Mann räuſperte ſich nicht mehr, und nur das Fallen der Tropfen von den Bäumen ließ ſich ohne Unterbrechung in der Nähe vernehmen. Der Fußgänger lächelte vor ſich hin und ſchritt langſam weiter— ſogleich erklang das Pferdegetrap⸗ pel wieder, nur ſchien es um einige Schritte näher ge⸗ kommen zu ſein. Ich weiß nicht, ob es anderen Leuten ebenſo er⸗ geht wie mir. Ich wenigſtens kann es nicht gut er⸗ tragen, ſelbſt bei Tage auf offener Straße nicht, immer einen und denſelben Schritt lange Zeit, wie gebannt an meine Ferſen, hinter mir her treten zu hören. Ich muß mich umdrehen und meinen hartnäckigen Verfol⸗ ger entweder verlaſſen oder zur Seite ausbiegen. Noch unerträglicher iſt eine ſolche unwillkommene Begleitung am Abend, in einer finſteren Straße oder einer abge⸗ auf dieſer abgelegenen Straße zu nächtlicher Stunde 40 legenen Gegend, und die Phantaſie des Menſchen, die bei allen von den alltäglichen Gewohnheiten ab⸗ weichenden Vorfällen ſo geſchäftig iſt, liebt es, hier⸗ bei ſogleich die abenteuerlichſten Verhältniſſe zu geſtalten. Unheimlich im höchſten Grade nun muß einem in fremder Waldgegend und dunkler Nacht verirrten Wand⸗ rer zu Muthe ſein, wenn ihm, wie hier, ein Reiter wie ſein Schatten folgt, hält, wenn er ſtill ſteht, und ſeinen Weg weiter fortſetzt, wenn er daſſelbe thut, ohne ſelbſt auf eine ſo natürliche Frage Antwort zu geben. So erging es Joſeph Sohn, und nicht weil er ſich fürchtete, wollte er dieſer peinlichen Lage ein Ende machen, ſondern weil er zu wiſſen wünſchte, woran eer mit dem Reiter ſei und ob dieſer ihm ein nahege⸗ 3 legenes Nachtquartier anrathen könne oder nicht.— Ddieſer Entſchluß ward auch ſchnell ausgeführt. Sich raſch umwendend, den ſtarken Stock, den er uug, fauſtgerecht faſſend, ſchritt er dem hartnäckig ſchweigenden Reiter entgegen. Dieſer hielt wieder, ja man hätte ſagen können, er hielt erſt recht, als er einen unbekannten Mann auf ſich zukommen ſah, den er vermöge ſeines ſchar⸗ fen Geſichts und weil er häufig bei Nacht zu reiſen 41 pflegte, ſchon längſt wie einen geiſterhaften Schatten vor ſich herwandeln geſehen hatte. Unbeweglich ſtanden Roß und Reiter, als der junge Mann etwas haſtig auf ihn zuſchritt und mit ſeiner kla⸗ ren Stimme ihm ein:„Guten Abend, Herr!“ zurief. „Guten Abend!“ entgegnete eine in der That von der Angſt ſehr mitgenommene Stimme. „Warum antworten Sie mir nicht auf meinen wiederholten Zuruf?“ „Ei, wie kann ich denn und wie werd ich denn, wenn ich halt nicht weiß, wen ich vor mir hab'? Was wünſchen denn Ew. Gnaden von mir?“ „Sie ſollen mir ganz einfach den Weg weiſen, den ich zu gehen habe, um ein Unterkommen für dieſe Nacht zu finden. Ich habe mich verirrt, ſeitdem es dunkel geworden iſt, und weiß weder aus noch ein.“ Dem Reiter entſchlüpfte bei dieſen ihn außeror⸗ dentlich beruhigenden Worten ein mächtiger Stoßſeuf⸗ zer.„Ei du meine Güte“, ſagte er und ſchlug mit 4 der rechten Hand auf ſeinen Schenkel.„Verirrt! Im 3 böhmiſchen Walde?— Aber wer ſind Sie und wohin wollen Sie denn?“ „Ich bin ein einfacher Reiſender und wollte von Tetſchen aus den Schreckenſtein aufſuchen, den id ver⸗ fehlt habe.“ 42 „Den Schreckenſtein! Alſo den Schreckenſtein! Der liegt ja vier Stunden da hinaus— und wohin wollen Sie denn nun?“ „Wohin Sie mich führen werden— nehmen Sie mich mit ſich nach Hauſe— ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ 4 „Mit mir nach Hauſe? Ach, Gott wolle es bald, aber ſo weit iſt es noch nicht! Das geht wirklich nicht, lieber Herr; ich reite nach Drum, wo meine Baſe Kindtaufe hält— ich bin nämlich der Schulmeiſter aus Markersdorf, müſſen Sie wiſſen.“ „So, ſo! Nun da will ich nicht ſtören“, ſagte Jo⸗ ſeph Sohn lächelnd.„Aber vielleicht können Sie mir doch einen Ort unterwegs nennen, wo ich beherbergt werden könnte.“ „Einen Ort— o ja! Warum nicht? Bei der al⸗ ten Trude kommen wir bald vorbei, und wenn Sie ihr ein gutes Stück Geld in die Hand drücken, thut ſie vielleicht ein Uebriges und öffnet eins von ihren ſechs wohl ausgerüſteten Betten.“ „Eins iſt genug für mich. Wer iſt die alte Trude?“ „in altes Weib, Herr, mehr läßt ſich kaum dar⸗ über ſagen, die ihren Mann, der ein wohlhabender Bauer war, überlebt hat und nun ihre Erſparniſſe miit einer unverheiratheten Tochter verzehrt.“ 43 „So. Aber das können wir auch beſprechen, wenn wir unſern Weg fortſetzen.“ „Ja, ja! Setzen Sie ihn nur fort!“ ſagte der Schulmeiſter, nach friſchem Athem ringend, der ihm immer von Neuem zu kurz wurde.„Gehen Sie nur, ich werde ſchon folgen.“ „Aha, ich merke ſchon, iih ſoll vorausgehen— Sie fürchten ſich vor mir— „Fürchten? Vor Ihnen, Herr? Das fällt mir bat nicht ein.“ „Es wäre auch ſonderbar, wenn ein berittener und mit den Wegen vertrauter Mann, wie Sie, einen jungen wohlerzogenen Fremden, der zu Fuße, müde und verirrt iſt, fürchten ſollte.“ „Ganz gewiß, Herr, aber mein Pferd hilft mir nicht viel in dieſem Waldwege bei ſo finſterer NRacht. Ich möchte halt nicht galoppiren, wenn ein Sähnapy. hahn hinter mir her iſt.“ 3 „Nun tröſten Sie ſich, ich bin kein Senapehahre⸗ 3 rief Joſeph Sohn fröhlich und ſchritt ſeinem Beglei⸗ ter voraus, der mit dem Arme die Richtung des We ges angedeutet hatte. Plötzlich aber und haſtig wandte er ſich wieder um und ſprach die Phr natürliche 1 Frage aus: „Wiſſen Sie vielleicht, was die uhr iſt? das 3 laſſ Zifferblatt der meinigen iſt zu klein, um bei der Dun⸗ kelheit im Walde die Zahlen erkennen zu laſſen.“ Der Schulmeiſter aus Markersdorf ſchauerte zu⸗ ſammen, als hätte ihn ſchon die Fauſt des gefürch⸗ teten Schnapphahns gepackt. Der unbekannte Fremde hatte ihn nach ſeiner Uhr gefragt und ſich ſogar nach der Größe ihres Zifferblattes erkundigt. „Meiner Uhr ihr Zifferblatt“, ſagte er ſtockend und wiederholt ſich räuſpernd,„iſt halt auch nicht groß, aber als ich vor einer Stunde am Kirchthurm zu Wernſtädtel vorüber kam, ſchlug es halt zehn Uhr.“ „Nun, dann wird es ſich ja ſo ziemlich berechnen ſſen— wir haben alſo Elf. Da habe ich einen guten achtſtündigen Marſch gemacht! Wie weit ha⸗ ben wir noch bis zur alten Trude?“ „Höchſtens zehn Minuten, Herr!“ Vortrefflich, ſo wollen wir raſch vorwärts ſchrei⸗ ten. Komm, Spitz!“ Die zehn Minuten wurden mit Schweigen, aber mit um ſo rüſtigerem Wandern ausgefüllt; nach die⸗ ſer Zeit aber trat man auf eine lichtere, von Bäu⸗ men befreite Waldſtelle, in deren Mitte ein ziemlich umfangreiches und leidlich erhaltenes Bauernhaus lag. „Son, ſagte der tapfere Schulmeiſter aus Mar⸗ kersdorf, da iſt das Haus der alten Trude, ich habe gleich trabte er etwas, um dem gefürchteten Fremden ſchloſſen waren. Sein erſtes etwas beſcheidenes Klopfen 45 Sie ſicher dahingebracht. Jetzt verſuchen Sie halt ſel⸗ ber Ihr Heil bei ihr, aber klopfen Sie lieber mit zwei Silberzwanzigern an, wenn Sie Einlaß erhalten wollen. Nun adieu, Gott befohlen!“ „Gute Nacht, Herr Schulmeiſter, ich danke Ihnen auch freundlichſt für Ihren guten Rath. Glückliche Reiſe!“ Der Schulmeiſter war ſchon unterwegs und ſo⸗ ſo raſch wie möglich aus den Augen zu kommen, der ihn namentlich mit der Frage nach der Größe des Zifferblattes ſeiner Uhr aus der Faſſung gebracht hatte. Joſeph Sohn dagegen hielt ſich nicht lange damit auf, ihm nachzuſchauen; herzlich müde und hungrig begab er ſich ſogleich an die Thür des Hau⸗ ſes, aus deren Spalt ein matter Lichtſchein auf den Weg fiel, der noch einen Wachenden im Innern ver⸗ rieth, obgleich die Fenſterläden ſchon lange feſt ge⸗ rief keine Bewegung im Hauſe hervor, daher gaubte er ſich berechtigt, etwas ſtärker zu pochen. D das Ohr dicht an die Thürſpalte legend, horch ſpannt auf die Wirkung ſeines Ungeſtüms Aber auch jetzt regte ſich noch Nichts das zum dritten Male wiederholte, a⸗ . 46 noch ſtärkere Pochen ließ ſich in der Tiefe des Hauſes ein ſchlurrender Schritt und bald darauf auch ein brummender Stimmton hören, der ſich langſam der Thür näherte. Dem ermüdeten Wandrer ſchlug das Herz vor Freude. Er war ſeinem Ziele nahe, das Unterkom⸗ men und wahrſcheinlich auch ein Nachteſſen waren glücklich gefunden. Da vernahm er, wie ſich der brummende Ton der Thürſpalte näherte, und eine rauhe, offenbar von einem alten Weibe herrührende Stimme fragte von innen heraus, gerade nicht mit den einladendſten Worten beginnend: „Hol Euch der Teufel, daß Ihr mich in ſo ſpä⸗ ter Nacht ſtört! Iſt mein Haus etwa für Landſtreicher beſtimmt? Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr? „Ein fremder Reiſender, der ſich ſeit acht Stunden im Walde verirrt hat und der Euch für ein Nacht⸗ eeſſen und eine nothdürftige Unterkunft blankes Silber geben wird.. Dieſe mit ſeiner klangreichen und jugendlichen Stimme geſprochenen Worte ſchienen im Innern des Hauſes eine Art Bewegung hervorzurufen. Wenig⸗ ſtens ließ ſich eine zweite etwas friſchere Stimme neben den Brummtönen der älteren vernehmen und eine kurze Berathung zwiſchen beiden fand ſtatt, die 47 ſich endlich zu Gunſten des Einlaß Begehrenden ent⸗ ſchied. „Seid Ihr allein?“ fragte die Stimme, die zu⸗ erſt geſprochen. „Ganz allein, Mutter Trude.“ „Woher wißt Ihr meinen Namen?“ „Der Schulmeiſter aus Markersdorf, der mich zu dieſem Hauſe geführt, hat ihn mir geſagt.“ Ein ſchwerer Riegel innerhalb des Hauſes ward in Bewegung geſetzt, ſodann ein roſtiger Schlüſſel knir⸗ ſchend im Schloſſe umgedreht, und endlich öffnete ſich die Hausthür, in deren Spalte die mumienhafte Geſtalt und das faltenreiche Geſicht der alten Frau, das den Ausdruck eines Habichts trug, ſichtbar wurde, wäh⸗ rend ihr zur Seite eine jugendlichere Erſcheinung, die nach allen ſichtbaren Eigenſchaften nur der Sprößling der alten ſein konnte, eine dürftige Thranlampe zuu Beleuchtung des ſpäten Ankömmlings emporhob. „Guten Abend, Mutter Trude— Ihr iind dolh die alte Trude, wie?“— „Das Alter giebt Gott, junger Mann, at r di 1 Trude bin ich.“ G „So wollt Ihr mir ein Nachtlager und eine Mahl. zeit geben?“ „Davon nachher, kommt nur erſt herein 48 Der junge Mann überſchritt frohlockend die Schwelle und trat in einen verräucherten weiten Raum, der ohne Zweifel die Küche des Hauſes war, aber zum gewöhnlichen Aufenthalte der Bewohner dienen mochte. Im Hintergrunde befand ſich der koloſſale Heerd, deſſen Flamme durch einige Ueberbleibſel von Reiſig in mat⸗ ter Gluth gehalten wurde; an den Seiten ſtanden einige offene Schränke, in denen zinnerne, hölzerne und irdene Geräthſchaften in ziemlich reichlicher Menge ſichtbar waren. Dicht vor dem Heerde endlich hatte ein alter ſchwerfälliger Lehnſtuhl ſeinen Platz gefun⸗ den, deſſen Polſterung, aus Seegras beſtehend, an vielen Stellen des von Rauch und Gebrauch faſt ſchwarz gewordenen Lederüberzuges zum Vorſchein kam, und dieſem gegenüber zwei einfache Schemel. Das war die ganze Ausſtattung der einfachen aber trauli⸗ chen Waldküche. Auf den Seſſel ſich niederlaſſend, während die Toch⸗ ter ihr zur Seite ſtehen blieb, betrachteten Beide mit ſichtbarem Wohlbehagen und innerlicher Befriedigung den hübſchen jungen Mann, der, von dem Winke der Alten Gebrauch machend, ſich ſogleich auf einen der Schemel geſetzt hatte, während der kleine Spitz ſich ſo dicht wie möglich am Feuer zu ſeinen Füßen nie⸗ derkauerte. „Ja, ja, ich glaub's“, fing die Alte das Geſpräch an, nachdem ſie ihre Neugierde hinreichend geſättigt, worin ihr die jüngere Waldbewohnerin treulich gehol⸗ fen—„ich glaub's halt gar gern— Ihr habt Euch verirrt ſeid hungrig und müd!“ „Beides in hohem Grade, Mutter Trude, und wenn Ihr Etwas zu eſſen habt, ſelbſt wenn es nur trockenes Brod wäre, ſo würde ich Euch von Her⸗ zen dafür dankbar ſein.“ „Ja, ja, Brod haben wir genug, ſogar auch But⸗ ter und Milch— iſt Euch mit Milch gedient?“ „Gebt ſie her, ſie wird mir vortrefflich munden.“ Ohne einen Wink der Mutter abzuwarten, die hier Oberbefehlshaber war, trippelte die ſchon in ihrer Nachttoilette befindliche Tochter in eine Ecke der Küche, holte einen großen Topf Milch, ſchnitt raſch mit ei⸗ nem ſcharfen Meſſer ein paar gewaltige Stücke gro⸗. ben Brodes ab, that Butter auf einen irdenen Teller und ſtellte Alles dicht vor den Gaſt auf einen diche⸗ nen Tiſch, den ſie zu dieſem Zwecke mit ihren gewe ttigen Armen herbeitrug, als wäre es nur ein n keicher Stuhl geweſen. Ohne einer Aufforderung zum Zulangen zu bedür⸗ 5 3 fen, nahm der Fremde von dem Gebotenen, und da zugleich auch die Tochter den verlangend aufbli Emery Glandon. J. 50 den Spitz verſorgte, ſo können wir annehmen, daß das erſte Bedürfniß der Verirrten, ihr Hunger, in kur⸗ zer Zeit geſtillt war. „Es ſchmeckt Euch, ja, ja— ich ſeh's und kann es mir denken“, ſagte Mutter Trude mit innerer Be⸗ friedigung.„Ich habe in meinen jungen Jahren oft auch ſolchen Wolfshunger gehabt, wenn ich im Walde auf Arbeit geweſen war— hm!“ „Gewiß ſchmeckt es oder es hat vielmehrg geſchmeckt — nun aber ſagt, könnt Ihr mir bald ein Nachtla⸗ ger anweiſen— ich würde ſelbſt mit einem Bunde Stroh oder Heu vorlieb nehmen.“ Ja, ja, ich glaub's. Aber das geht nicht. Im 22 Heu ſchlafen wir heut ſelber.“ Und hierbei warf ſie einen wie um Rath fragenden Blick auf die Tochter, die ihr fuchsartig ſchlaues Geſicht unverwandt auf die Alte gerichtet hielt. „Ihr ſchlaft heute ſelber auf dem Heu? Wie ſoll ich das verſtehen? Habt Ihr kein Bett für Euch?⸗ Die Alte kicherte in ſich hinein und die Tochter lachte ſogar laut auf.„Betten haben wir genug“, entgegnete die Erſtere—„o ja— aber— es iſt heute halt ein ſeltſamer Tag.“ Nach dieſen Worten näherte ſich die Tochter der Munter und flüſterte ihr in böhmiſcher Sprache ver⸗ ſchiedene durch lebhafte Blicke unterſtützte Sätze in's Ohr, von denen Joſeph Sohn keine Sylbe verſtand „Ja, ja, ſo iſt's, wir wollen es wenigſtens ver⸗ ſuchen“, entgegnete die Alte mit fortwährendem innern Kichern.—„Ich habe wohl noch ein reines Bett,“ wandte ſie ſich zu dem jungen Manne, der dieſer Be⸗ rathung mit einiger Verwunderung zugeſehen,„ein ſchmuckes Fremdenbett von meinem ſeligen Manne her, aber es hat ſo ſeine eigene Bewandtniß damit.“ Hier unterbrach ein Wink der offenbar an dem hübſchen Fremden Gefallen findenden Tochter die Fort⸗ ſetzung der Rede ihrer Mutter, indem ſie auf die matt⸗ flackernde Lampe und die Thür eines Nebengemachs deutete, das nach dem Walde hinaus im hintern Theile des Hauſes lag. Die Alte kicherte lauter als je zuvor und ſtreckte ſchon die Hand nach der Lampe aus.„Seid Ihr auch ganz geſättigt, daß Ihr es bis zum Morgen aushal⸗ ten könnt?“ „Vollkommen! Weiſt mir mein Lager an und d 1 werde Euch morgen dankbar ſein.“ „Euer Wille geſchehe! Folgt mir!“ Sie erhob ſich, ihr Gaſt ebenfalls, und mi in ſein unzertrennlicher Gefährte, der kleine Hund. Leiſe ergriff nun Mutter Trude die Lampe, leiſe ſchritt ſie 5 52 der Thüre zu, öffnete ſie ſo geräuſchlos wie möglich, ſchaute in das Zimmer hinein, als ſpähe ſie nach ir⸗ gend Etwas, dann dem Fremden einen Wink gebend, der ihr eben ſo leiſe gefolgt war, trat ſie in ein gro⸗ ßes Gemach, deſſen weiten und düſteren Raum die matt glimmende Lampe nicht zur Hälfte erleuchtete, zumal ſie noch ihre Hand vor den Docht hielt. Jo⸗ ſeph Sohn glaubte beim Eintreten wahrzunehmen, daß nicht ein, ſondern mehrere Betten in dem Ge⸗ mache ſtanden und daß das ihm zum Lager angewie⸗ ſene ein breites, reinlich überzogenes, für wenigſtens drei Menſchen geräumiges Ehebett war. „Da, das iſt Euer Lager, ſeht es Euch an“, ſagte die Alte in flüſterndem Tone,„damit Ihr Euch ohne Licht zurecht findet, denn Licht darf ich Euch nicht laſſen, das iſt gegen das Hausgeſetz.“ „Dank, Dank, Mutter Trude, ich ſehe es und finde mich ſchon zurecht.“ Mutter Trude, immer noch kichernd, war ſchon wie⸗ der mit ihrer Lampe zur Thür hinaus geſchlüpft, ihren Gaſt in vollkommenſter Finſterniß ſich ſelbſt überlaſſend. Dieſer zögerte nicht lange, das hohe aber appetitliche Bett zu beſteigen. Ohne ſich daher auszukleiden, nur die Schuhe und den Rock abwerfend, ſtreckte er ſich auf das bequeme Lager hin, deſſen ſchweres Deckbett 53 er loſe über ſich legte. Einen Augenblick ſpäter fand ſich auch der Spitz neben ihm ein, und in weniger als fünf Minuten lagen Beide im tiefſten und geſeg⸗ netſten Schlafe. Wie lange dieſer eben ſo ſüße wie feſte Schlaf ge⸗ dauert haben würde, wenn er nicht auf eine völlig unerwartete Weiſe unterbrochen worden wäre, läßt ſich ziemlich genau beſtimmen, wenn wir die Gewohnheit des Aufſtehens des Reiſenden mit ſeiner Müdigkeit in Einklang bringen. Joſeph Sohn, als fleißiger, den Wiſſenſchaften obliegender und dabei geſunder junger Mann, pflegte im Sommer Morgens um fünf und im Winter um ſechs Uhr das Bett zu verlaſſen, wenn er zu gewöhnlicher Zeit zur Ruhe gegangen war und keine außerordentliche Anſtrengung zu überſtehen ge⸗ habt hatte. So können wir wohl annehmen, daß er heute, nach einem ſo langen und beſchwerlichen Marſche, zwei Stunden länger unthätig gelegen haben würde, 4 wenn er nicht geweckt worden wäre. Sein Schlaf war ſo feſt, ungeſtört und gleichmäßig geweſer er keine Ahnung davon haben konnte, daß die Nach verſtrichen und der Morgen des neuen Tages ber vor längerer Zeit angebrochen ſei, um Wald und 54 mit ſeinem himmliſchen Lichte zu vergolden. Zu dem völligen Bewußtſein dieſer Thatſache kam er indeß nicht plötzlich, ſondern nur allmälig, in Folge einer anfangs milden, ſodann aber immer heftiger werdenden Anrei⸗ zung, die von ſeinem kleinen wachſamen Liebling aus⸗ ging. Endlich, das ſich nach und nach bis zum Kra⸗ tzen verſtärkende Schurren einer ſeiner Pfoten auf der entblößten Hand fühlend, ſchlug Joſeph Sohn die Augen auf und ſah ſogleich, daß es Tag war, denn die Strahlen einer kräftigen Septemberſonne fielen bereits ſchräg auf die Fenſter des Zimmers, die, am Abend vorſorglich von Außen geſchloſſen, jetzt geöffnet waren, wahrſcheinlich um dem Schläfer auf beſchei⸗ dene Weiſe anzudeuten, daß er die erwünſchte Ruhe genügend genoſſen habe und daß es jetzt Zeit ſei, ſich zur Abtragung ſeines Dankes anzuſchicken. Allein 8* nicht auf dieſe hellen Fenſter, noch weniger auf die von uns untergelegte Abſicht fielen des gemächlich ſich dehnenden Jünglings Augen und Gedanken zuerſt, vielmehr blieben ſie auf ſeinem Hunde haften, der in ungewöhnlicher Spannung, mit hochaufgerecktem Halſe und weit aus dem Kopfe hervortretenden Glühaugen nach einer beſtimmten Stelle des Zimmers ſtarrte und dabei ſeinen Herrn unaufhaltſam kratzte, als wollte er ihn auf eine Erſcheinung aufmerkſam machen, die 26. 55 ihm erſt zu Geſicht gekommen, nachdem er durch das Oeffnen der Läden aus ſeinem tiefen Schlafe geweckt worden war. Im erſten Augenblicke, als er ſich noch nicht völlig ermuntert hatte, ſah der junge Mann in dem Gebah⸗ ren ſeines Hundes nur eine übel und vorzeitig ange⸗ brachte Wachſamkeit und wollte ihn ſchon mit der ſo heftig geliebkoſten Hand zum Liegen niederdrücken. Als er aber gleich darauf das Ausſehen des Thieres genauer in's Auge faßte und, ſich ſchnell ſammelnd, der Richtung ſeiner lebhaften Blicke folgte, erſchrak er nicht wenig, denn er erkannte ſogleich, daß Spitz ihm durch die wahrſcheinlich ſchon lange fortgeſetzten Zeichen habe zu verſtehen geben wollen, daß außer ihm ſelber noch ein Anderer ſein Stuben⸗ und Schlafgenoß ſei. Zu derſelben Zeit, als Joſeph Sohn zu dieſer Wahrnehmung gelangte, erwachte auch, entweder durch das grell in's Zimmer fallende Tageslicht oder durch das immer lauter erſchallende Knurren des Hundes einem dem Fenſter zunächſt ſtehenden Bette, und es entwickelte ſich nun eine Scene, die für beide Th ile ſo überaus unerwartet und überraſchend, wie in p nlich Verlegenheit ſetzend war.. Ein reizender Mädchenkopf, mahlend in erweckt, der Schläfer oder vielmehr die Schläferin in 56 henden Farben, wie die Natur ſie der Jugend verleiht, wenn ſie nach glücklichem Schlummer die Augen er⸗ ſchließt, erhob ſich von ſeinem Kiſſen und ſchaute, zu⸗ erſt mit Befremden, dann aber mit jähem Entſetzen, auf den ſie eben ſo anſtarrenden jungen Mann hin. Aber nur einen raſch vorübergehenden Moment dau⸗ erte dieſer ſeltſame, alles Blut ihr in's Antlitz jagende Blick. Wie auf einer böſen That ertappt, im Inner⸗ ſten zuſammenſchauernd, warf ſie ſich hintenüber in die Kiſſen und zog in jungfräulich aufblitzendem Schamgefühl das große Deckbett ganz über dieſen ſchö⸗ nen blonden Kopf hin. Joſeph Sohn ſtieß einen unartikulirten Laut des Erſchreckens und der Verlegenheit aus, denn er hatte auf den erſten Blick die junge Dame erkannt, die er vor einigen Tagen zum erſten Male im Kuhſtall ge⸗ ſehen und deren Pferd er am Zügel vom Abgrunde zurückgedrängt hatte, als die Gefahr des Herabſtürzens vom Felſen Pferd und Reiterin zugleich bedrohte. Auch er warf ſich augenblicklich wieder in ſeine vorige Lage auf das Bett zurück, nicht aber um ſein Geſicht zu verhüllen, wie die junge Dame es für angemeſſen er⸗ achtet, ſondern um raſch, kräftig und entſchloſſen nach⸗ zuſinnen, was unter dieſen kritiſchen Umſtänden am ſchicklichſten zu thun ſei. 57 Er brauchte nicht lange nachzudenken; ſein geſun⸗ der Sinn, ſein von Natur richtiges Urtheil gab ihm ſchnell das beſte Mittel ein. Sich im Stillen von ganzem Herzen Glück wünſchend, daß er ſich bei'm Niederlegen nicht entkleidet hatte, erhob er ſich, als er ſah, daß die beſchämte Jungfrau in ihrem Verſteckſpiele fortfuhr, wie der Blitz von ſeinem Lager, und im Nu ſeinen Rock ergreifend, von dem ihm fröhlich nach⸗ hüpfenden Spitz gefolgt, ſprang er zur Thür, um auf der Stelle die eiligſte Flucht zu ergreifen. Mit hochgeröthetem Geſichte und fliegenden Pulſen kam er eben in der Küche an, als Mutter Trude allein am Feuerheerde ſtand, um ohne Zweifel ihren zahl⸗ reicheren Gäſten, als Joſeph Sohn ſie bei ihr vermu⸗ thet hatte, den erquickenden Morgenkaffee zu bereiten. „Trude!“ rief er faſt athemlos.„Was habt Ihr gethan und wie konntet Ihr das thun? Ihr habt mich und die Herrſchaften dort in eine ſchreckliche Ver⸗ legenheit geſetzt.“ Die Alte ſtemmte beide Hände in die Seiten und,— das leiſe Kichern des vorigen Abends bei Seite ſetzend,— brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. Erſt nach geraumer Zeit konnte ſie wieder ſprechen und ſagte: 4 „Ja, ja, es iſt ſo gekommen, wie wir es uns dachten. Haha! Es iſt zum Todtlachen! Ich hätte 4 58 halt etwas Großes darum gegeben, wenn ich geſehen, wie— haha, haha!“ und ſie lachte wieder unbändig in ihrer zwangloſen Art fort, die für den verlegenen jungen Mann in dieſem Augenblicke ſo viel Empören⸗ des hatte, daß er beinahe in Zorn gerathen wäre, was bei ſeinem ſanften Naturell etwas ganz Ungewöhn⸗ liches war. „Nun,“ fuhr ſie fort, als ſie wieder zu Athem ge⸗ kommen war,„was iſt es denn ſo unmenſchlich Schlim⸗ mes, was Euch begegnet iſt? Die andern Leute waren zwei Stunden vor Euch gekommen, und eben ſo müde und hungrig wie Ihr. Sie hatten den Wagen zer⸗ brochen und waren auch einige Stunden im Walde umhergeirrt. Da der Schmied nun den Wagen erſt— morgen herſtellen kann und ſie nicht zu Fuße weiter laufen konnten, ſo mußte ich ihnen doch ein Nacht⸗ quartier geben wie Euch, denn ſie hatten mir eben ſo wie Ihr blankes Geld dafür verſprochen.“ „Es iſt gut,“ ſagte er ſchnell, von einer unglaub⸗ lichen Unruhe geſtachelt,„lacht ſo viel Ihr wollt, ich will Euch darin nicht ſtören— hier iſt ein Silberſtück und damit wird meine Zeche bezahlt ſein.“ Dabei warf er einen blanken preußiſchen Thaler auf den Kü⸗ chentiſch und trat raſchen Schritts zur Thür. Die Augen der Alten fielen kaum auf den Silber⸗ ſen. Wenn Ihr heute nicht über den Spaß lacht, wie 59 glanz des überreichen Zehrgeſchenks, als ſich ihre Lach⸗ luſt plötzlich wie von ſelbſt legte und ſie in beinahe erſchrockenem Tone ausrief: „Na ja, warum nicht gar! Ihr wollt wohl gar böſe thun, daß wir Euch eine ſo hübſche Schlafge⸗ noſſin beigeſellt haben? Nichts für ungut, junger blanker Herr, die alte Trude weiß, was das junge Blut liebt, denn ſie iſt auch mal Zwanzig alt gewe⸗ ich, ſo lacht Ihr ſicher ein andermal darüber, das pro⸗ phezeihe ich Euch, und ich gelte in dieſen Wäldern für ein Stück von einer Wahrſagerin, deren Worte ſchon oft wunderbar richtig in Erfüllung gegangen ſind. Wie— Ihr wollt wirklich fort?“ rief ſie erſtaunt, als ihr Gaſt die Thürklinke ſchon in der Hand hielt. „Ja, ich will fort. Ich hätte Euch gern für Eure Gaſtfreundſchaft gedankt, nun habt Ihr Euch aber ſelbſt um dieſen Dank betrogen. Ich muß fort, denn wie ſollt' ich jener Dame jetzt mit ruhigem Geſichte vor die Augen treten? Guten Morgen!“ „Wie? Und nicht einmal den Kaffee wollt Ihr nehmen und das Brod, das i) ſir En Fehühn und geröſtet habe?“ „Ich danke für Alles!“— 3 Und fort war er in den thauigen, gohdgl 60 Wald, wo der friſche Morgenwind bald ſeine von der Erregung der letzten Augenblicke erhitzten Schläfe kühlte, auf dem erſten beſten Wege, ihm gleichgültig, wohin er ihn führte, denn er war gewiß, bald Menſchen zu begegnen, die ihn auf die Straße leiten würden, die er verfolgte, um über Auſſig nach ſeinem nächſten Ziele, der Stadt Prag, zu gelangen. ——— Brittes Vapitel. Joſeph Sohn. Während wir nun den jungen Wanderer, der in den erſten Stunden dieſes für ihn ſo abenteuerlich be⸗ gonnenen Tages ſein verletztes Schaamgefühl kaum beſchwichtigen und ſeine Verlegenheit noch lange nicht überwinden konnte, gemächlich ſeines Weges ziehen. laſſen, um ſpäterhin ſeine ferneren Schickſalsprüfun⸗ gen treulich mit ihm zu theilen, wollen wir uns in dieſem Kapitel mit ſeiner Vergangenheit beſ ſchäftigen und erfahren, wer er eigentlich war, welche Eigen⸗ ſchaften, Mittel und Hülfsquellen er beſaß, um dar⸗* aus den vorahnenden Schluß zu ziehen, ob er auch jenen Prüfungen der Zukunft, die wir eben angedeutet, gewachſen war und ihnen mit einiger Hoffnung ſie glücklich zu beſtehen, entgegen ging. Der Urſprung unſers jungen Freundes war i 5 62 ₰ tiefes Dunkel gehüllt, und hierin allein ſchon liegt für uns ein großer Theil des Intereſſes an ſeiner eigen⸗ thümlichen gegenwärtigen Lage und ſeinem künftigen Geſchicke. Wie es den Anſchein hatte, war er, was man im gewöhnlichen Leben ein natürliches Kind oder ein Kind der Liebe nennt, mit welchen ſonderbaren Ausdrücken man ſolchen Sprößlingen unſeres Erach⸗ tens mehr Ehre und Gerechtigkeit erweist, als man ihnen im bürgerlichen Leben geſetzliches Recht hat an⸗ gedeihen laſſen. Denn welche ſchönere und ſchicklichere Bezeichnung könnte es für ein menſchliches Geſchöpf geben, als eben die eines Kindes der Liebe? O, wären doch alle Kinder wirkliche Kinder der Liebe, dann könnten ſie oft mit größerem Stolze auf ihre Erzeu⸗ ger, mit befriedigenderer Genugthuung auf den Ur⸗ ſprung ihres Daſeins blicken. Aber merkwürdig ge⸗ nug! Man bezeichnet mit dieſem Namen— wie man in der Welt ſo oft falſche Namen für gewiſſe Dinge braucht — ein Kind von ungeſetzlicher Abſtammung, ein Kind, welches ſein Daſein mehr den heißblütigen, natürlichen 3 Trieben zweier Menſchen, als den ceremoniellen und veergebrachten Sitten innerhalb der Gränzen einer ſtaat⸗ lichen Einrichtung verdankt. Die Natur ſelbſt tritt oſt auf die Seite ſolcher von der Sitte und dem Ge⸗ ſetze Gebrandmarkten, indem ſie ihnen, wie ſchon der alte Shakeſpeare ſo vortrefflich ſagt, mehr Stoff und kräftigeren Feuergeiſt gegeben, als im verdumpften, trägen, ſchalen Bett verwandt wird auf ein ganzes Heer von Tröpfen. Auch Joſeph Sohn, wenn er ein ſolches Kind der Liebe war, was wir jetzt noch nicht mit Beſtimmtheit annehmen können, war von dieſer guten Natur reichlich genug ausgeſtattet worden, und wenn er auch gerade nicht mehr Stoff und kräftigern Feuergeiſt, um mit Shakes⸗ peare zu reden, beſaß, als andere junge Leute ſeines Alters, ſeiner blühenden Geſundheit und ſeines leb⸗ haften Blutes, ſo war er doch ſicher mit einem edlen, für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen be⸗ gabt, ſo beſaß er doch einen klaren, naturgeſunden Geiſt, eine ſchnelle Faſſungsgabe, ein richtiges Urtheil, einen überwiegenden, ſelbſt die ſchwerſten Gegenſtände leicht begreifenden Verſtand, und endlich mit natürli⸗ chem Muthe in moraliſchen und phyſiſchen Dingen einen ächt männlichen, das heißt edlen und vorwurfs⸗ freien Charakter. Ihm ſelbſt hatte der Gedanke, daß er möglicher⸗ weiſe ein ungeſetzlicher Sprößling einer heißen, leiden⸗ ſchaftl ichen Lübe ſei, noch krinen Kummer verurſacht 64 erſt in unſer Herz, wenn das wunderliche Ding„ge⸗ ſittete Welt“ genannt, ſich in unſern Weg wirft, Hin⸗ derniſſe vor uns aufthürmt und, nach unſerm Her⸗ kommen forſchend, auch nach unſern Mitteln, das Leben zu beſiegen, fragt. Und in dieſe ſogenannte ge⸗ ſittete, auch große Welt genannt, war er noch nicht gerathen,— glücklicher Weiſe, fügen wir hinzu; denn wir halten es eben für keinen großen Gewinn, ſchon vor Ablauf der erſten ſchönen zwanzig Jahre in das dunkle Geſpinnſt dieſer Welt geworfen zu werden, das ſich dem unerfahrenen Menſchen oft wie das verhäng⸗ nißvolle Gewebe der trügeriſchen Spinne einer unſchul⸗ digen Fliege gegenüber erweiſt. Joſeph Sohn hatte bisher ſtill für ſich und ſeine Studien und Liebhabereien gelebt, er hatte nie irgend welchen Zwang zu erdul⸗ den gehabt, keine unüberſteigliche Schranke hatte ſich ſeinem Wollen und Wünſchen entgegengeſtemmt. Alſo auch darin hatte ihn bis jetzt das Schickſal begünſtigt, wie wir ſogleich noch ausführlicher erfahren werden. So viel er ſelbſt von ſeiner Vergangenheit wußte, war er als ganz kleines Kind, etwa zwei oder drei Jahre alt, in die Hände ſeines jetzigen Pflegevaters gelangt, der ein Lehrer an der Stadtſchule zu Bre⸗ a aamter der dortigen Sa 65 war er groß geworden, hatte er ſeinen erſten Unter⸗ richt empfangen, und ſeine Neigungen hatten glück⸗ licher Weiſe mit den Liebhabereien deſſelben, die das Studium der neuen Sprachen, vor Allem aber die Muſik und die Naturwiſſenſchaften betrafen, überein⸗ geſtimmt. Bis zu dem Jahre, wo er die Univerſität zu Göt⸗ tingen bezog, hatte er ſich ſogar für den ehelichen Sohn dieſes Mannes gehalten, und kein Menſch in Bremen wußte es auch anders oder gab ſich wenig⸗ ſtens den Anſchein, es anders zu wiſſen. Denn der Profeſſor Sohn— ſo hieß der Pflegevater Joſeph's — war ein in ſeiner Geburtsſtadt ſo angeſehener, ge⸗ achteter Mann, daß Jedermann es vermied, nur ir⸗ gend Etwas von ihm oder den Seinigen zu behaup⸗ ten, was ein falſches Licht hätte auf ihn werfen kön⸗ nen. Als Joſeph aber vom Hauſe ſeines Vaters Ab⸗ ſchied nahm, um ſich nach Göttingen zu begeben, ſchloß ſich dieſer mit ihm in ſein Arbeitscabinet ein und eröffnete ihm: daß er nicht ſein leiblicher Sohn, ſondern nur ſein Pflegekind ſei. Als er drei Jahre alt geweſen, habe ein Fremder, den er zufällig auf der Sternwarte kennen gelernt, ihn gefragt, ob er einen elternloſen Knaben gegen ein anſtändiges Er⸗ ziehungsgeld als ſein Kind in ſein Haus nehmen Emery Glandon. I. 5 66 wolle? Er habe dieſe Frage bejaht und ſo ſei Joſeph ſein Sohn geworden. Weiter wiſſe er über ſein Her⸗ kommen Nichts. Allerdings ſei ihm von dieſem Manne mehrfach, anfangs mündlich, ſpäter auch ſchriftlich zugeſichert worden, des jungen Kindes Her⸗ kommen ſolle ihm in Zukunft kein Räthſel bleiben, man werde zu rechter Zeit die nothwendige Auskunft geben, bis dieſe aber erfolgt ſei, werde alljährlich ein beſtimmtes Jahrgeld an den Poofeſſor einlaufen, wel⸗ ches dieſer von der Poſt in Bremen unter der Adreſſe: Profeſſor Sohn, Poſt reſtante, ſtets am erſten Januar einzufordern habe. Dieſer erſte Januar war auch als Geburtstag des Knaben und das Jahr 1825 als das ſeiner Geburt angegeben worden. Was ſeinen Namen anbelange, ſo ſolle er bis zur Aufklärung ſeiner Ab⸗ ſtammung den ſeines Pflegevaters führen, damit die⸗ ſem ſelbſt in Betreff der fortſchreitenden Erziehung ſeines Zöglings weniger Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden. Ueber Art und Weiſe der Erziehung, Verwendung der pünktlich einzuſendenden Gelder wur⸗ den keine Vorſchriften gemacht, keine Rechnungslegung gefordert, da man von dem ehrenwerthen Charakter des deutſchen Gelehrten keine Veruntreuung zu beſor⸗ gen ſchien. 3 Alle dieſe Bedingungen waren von dem harmlo⸗ 67 ſen und warmherzigen Profeſſor Sohn angenommen worden und er hatte im Laufe der Jahre genügend Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß ſeine Sorge für ſein Kind nicht vergebens geweſen, daß vielmehr die Saat ſeiner Liebe reiche Früchte getragen habe. Auch die verſprochenen Geldſendungen waren alljährlich, von Braunſchweig aus datirt, immer pünktlich am Neu⸗ jahrstage in Bremen eingetroffen, woraus Joſeph ſelbſt den Schluß zog, daß ſein unbekannter Wohl⸗ thäter von einer doppelt zarten Aufmerkſamkeit für ihn beſeelt, alſo eben ſo gütig wie edel ſei,— zwei Eigenſchaften, die er Anderen um ſo eher zutraute, als er ſie ſelbſt in hohem Grade beſaß. Denn Joſeph war zu einem vortrefflichen Jüng⸗ linge aufgewachſen, was der Leſer aus dem Vorher⸗ gehenden ſchon theilweiſe errathen hat. In einer guten Schule unterrichtet, von weiſer Hand geleitet, mit natürlichen Gaben reich ausgeſtattet, war er ſchon mit ſeinem ſiebzehnten Jahre reif zur Univerſität ge⸗ weſen, und da ihm ſein Pflegevater, im Gegenſatze vieler wirklicher Väter, in keiner Weiſe einen Schnür⸗ ſtiefel anzulegen die Abſicht hegte, ſo war Joſeph, der ſich zu keinem beſonderen Fachſtudium entſchloſſen, aus ureigenem Triebe ein Student der Naturwiſſen⸗ ſchaften geworden, wobei er nebenbei ſeine geliebte 4 5* 68 Muſik nicht aus den Augen verloren und zur Ab⸗ wechſelung auch das ſchon im Elternhauſe begonnene Studium der neueren Sprachen fortgeſetzt hatte. Im Frühling dieſes Jahres, nachdem er ſchon vor zwei Semeſtern Göttingen mit Heidelberg vertauſcht, war er in das Haus ſeines Pflegevaters nach Bremen zu⸗ rückgekehrt, wo indeſſen eine nicht unwichtige Verän⸗ derung ſtattgefunden hatte. Die brave Frau des Pro⸗ feſſors nämlich hatte das Zeitliche geſegnet und Jo⸗ ſeph dadurch eine treue mütterliche Pflegerin verloren. Da aber die ziemlich gleichalterige Schweſter des Pro⸗ feſſors ſich des Hausweſens ihres Bruders annahm, ſo hatte der Verluſt nur dem Gemüthe, dem innern Weſen der Betheiligten eine Wunde geſchlagen, im äußern treufeſten Haushalte dagegen ging Alles ſeinen unabänderlichen Gang wie vorher. Da von den be⸗ hufs der Erziehung des Knaben pünktlich gezahlten Geldern, die eine für gewöhnliche Verhältniſſe ganz hübſche Summe ausmachten, ſtets noch ein Erkleckli⸗ ches übrig geblieben war, der Profeſſor ſelber für ſich aber nicht den geringſten Anſpruch darauf erhob, ſo war es möglich geweſen, den Sohn jährlich eine grö⸗ Fere oder kleinere Reiſe davon beſtreiten zu laſſen, und das war ſeit drei Jahren auch regelmäßig geſchehen. So ſehr er ſich nun auch geſehnt hatte, Frankreich 69* und England zu beſuchen, weil er in den Sprachen dieſer beiden Länder am meiſten bewandert war, ſo hatte er es doch für ſeine nächſte Pflicht gehalten, erſt ſein Vaterland kennen zu lernen, das ja an Intereſſan⸗ tem, Schönem und Merkwürdigem ſo reich iſt wie kein anderes, und ſo hatte er vor drei Jahren den Harz, das ſchleſiſche Gebirge und einen Theil von Oeſterreich, vor zwei Jahren den Rhein, Baiern, Ty⸗ rol und die Schweiz geſehen, und in dieſem Jahre treffen wir ihn auf dem Wege durch die ſächſiſche Schweiz nach Wien, und es ſollte ganz von ſeinem Belieben abhängen, ob er ſeinen Weg bis Trieſt und ſich einzig und allein damit begnügen, alle ihm vor⸗ gelegten Lectionen buchſtäblich zu lernen, alle Regeln Meiner endloſen Theorie praktiſch zu üben und den täg⸗ lich anwachſenden Lebenspflichten nachzukommen, ohne um eines Haares Breite davon abzuweichen und ohne ““ . 70 eine Beſchäftigung zu haben, die ſein Herz befrie⸗ digt und ſeinen Geiſt erfriſcht— wahrlich, ſo wür⸗ den ihn die Steifheit der grammatikaliſchen Regeln, die Endloſigkeit der Aufgaben und das kalte Einerlei eines monotonen Berufslebens bald verknöchern, das heißt unempfindlich und unempfänglich für äußere Einflüſſe und ſanftere Einwirkungen machen, er würde in früher Jugend kalt und ſtumpf, ſteif und zopfartig werden und mehr einer künſtlich zuſammengefügten Maſchine als einem natürlich aufgewachſenen Menſchen gleichen. Wie wir es überhaupt ermöglichen, ſchon Kinder zu beinahe Minervaartiger Weisheit und All⸗ ſeitigkeit zu erziehen, wie das heutzutage Mode und Sitte iſt, wie wir ihnen die zahlloſen Erforderniſſe der Zeit, die nothwendige und beiläufige Bildung ein⸗ zutrichtern vermögen, ohne daß ihnen der Kopf ſpringt oder der Faden der Geduld reißt,— man begreift es oft nicht, wenn man nicht annehmen will, daß auch dieſe Ausbildung der heutigen Jugend auf eine ge⸗ wiſſe Art mit Dampfkraft, mit elektriſcher Geſchwin⸗ digkeit, mit unterſeeiſcher Heimlichkeit geſchieht, für de⸗ ren Probe⸗ und Stichhaltigkeit wir allerdings keine Buürgſchaft leiſten möchten.. Um uns aber die eigenthümlichen Liebhabereien Joſeph Sohn’s, zu denen wir jetzt zurückkehren, recht 71 klar zu machen, müſſen wir zugeſtehen, daß gerade die wiſſenſchaftlichen Studien, mit denen er ſich haupt⸗ ſächlich beſchäftigt, ſeitdem ſein Geiſt Urtheil und ſein Herz eine Neigung verrathen hatte, daß ſie es waren, die ihn zu dieſen Liebhabereien befähigten. Denn wenn das Studium der Natur, das heißt der erſchaf⸗ fenen Dinge am Himmel, auf der Erde und im Meere unſere Augen und Gedanken eben zum Himmel, zur Erde und auf den Grund des Meeres leitet, alſo über⸗ all hin, wo es etwas zu beſchauen, zu prüfen, zu er⸗ gründen giebt, ferner wenn wir die Sprachen der ge⸗ bildetſten Völker verſtehen und Alles leſen, was ſie uns ſagen, lehren, enthüllen— ſo werden wir eben auf Dinge, große und kleine, aufmerkſam, die den Menſchen von weniger allgemeinen Kenntniſſen und geringerer ſpecieller Bildung ewig verſchloſſen und un⸗ zugänglich bleiben, wir lernen das Große durch das Kleine und das Bedeutende durch das Geringfügige verſtehen, wir lernen lieben, was vielleicht häßlich, und ſchätzen, was verächtlich erſcheint, wir ſehen, daß in der Kreiſung des Schöpfungsrades Nichts überflüſſig, unwichtig, zwecklos, vielmehr Alles und Jedes ein nothwendiges Ding iſt, was ſeinen eigenen Zweck, ſeine eigene Bedeutung, ſo wie ſein Verhältniß zum allgemeinen Beſtande hat, wir begreifen endlich, daß 2 in dem Leben und Treiben der Völker keine Kraft ge⸗ ringzuſchätzen, kein Talent zu entbehren, wie in dem Haushalt des kleinſten Thierchens kein Tropfen zu ver⸗ lieren iſt, keine Faſer fehlen darf, um es am Leben, alſo zur Erfüllung ſeines Zweckes zu erhalten. Und wenn nun zu dieſen ernſten, die ganze Ge⸗ dankenfülle eines geiſtig begabten Menſchen beſchäfti⸗ genden Studien und Erkenntniſſen ein Drittes kommt, gewiſſermaßen ein Verbindungs⸗ und Ausgleichungs⸗ mittel, welches das Herz bewegt, die Sinne abſchleift, die innere Gefühlswelt weckt, wie es die Muſik thut, die, einem reinigenden Feuer gleich, alles Gewaltſame, Brutale, Harte in uns wie Schlacken herauswirft, al⸗ les Unebene glättet, und wenn man dieſer gewaltigen Kraft, die in der Muſik lebt und webt, Einfluß auf ſeinen Geiſt, ſein Herz, ſein Gemüth geſtattet, wie Jo⸗ ſeph Sohn es in hohem Grade that, dann muß wohl die Frucht einer ſo dreifach gewappneten Potenz eine ähnliche ſein, wie ſie in den eigenthümlichen Neigun⸗ gen dieſes jungen Menſchen hervortrat und wie wir ſie in ſeinem Charakter und Weſen ſpäterhin noch genauer erkennen werden. So war er— man lächle nicht, wenn man hört, was wir ſagen wollen— ein Liebhaber von allem lebendigen Thieriſchen geworden, was auf Erden uund zwiſchen Erde und Wolken lebt, 73 er konnte kein lebendes Weſen leiden oder Schmerz empfinden ſehen, das Wohlbehagen deſſelben erweckte ſein eigenes, jedes Thieres Schmerz den ſeinigen, und alle Diejenigen verfolgte er mit der ganzen Energie ſeines Herzens, die vor ſeinen Augen Thiere verletzt, gepeinigt oder unnöthigerweiſe tyranniſirt hatten. Dieſe nicht gar häufig gefundene Richtung und Liebhaberei mußte ihm theilweiſe ſchon angeboren ſein, denn ſchon in ſeiner frühſten Jugend machte ſie ſich bemerklich und wuchs bald vor den Augen ſeines Er⸗ ziehers zu einer nicht mehr zu verkennenden Thatſache heran. Schon als kleiner Knabe zeigte er ein ganz ungewöhnliches Wohlgefallen an verſchiedenen Thier⸗ gattungen. Die Tauben im Fluge zu betrachten, wenn ſie gegen den blitzenden Strahl der Sonne mit ver⸗ goldeten Flügeln rauſchten, war für ihn ein könig⸗ liches Vergnügen; auch ein ſanftes ſchneeweißes Ka⸗ ninchen leiſe zu ſtreicheln und ſein merkwürdiges rothes Auge zu bewundern, war ihm ein nie zu oft wieder⸗ holter Genuß. Da der Pflegevater als Naturfor⸗ ſcher, die ja bekanntlich alle mehr oder minder Thier⸗ liebhaber ſind, an dieſen kindlichen Freuden ſeines Sohnes Gefallen fand und oft ſelbſt Theil nahm, ſo geſchah es ſehr bald, daß Tauben und Kaninchen in das elterliche Haus wanderten, und ſelten mag es wohl —*— Thiere in einer Haushaltung gegeben haben, die mit zärtlicherer Sorgfalt beobachtet, gefüttert und gepflegt worden wären, als die ſich in Joſeph Sohn's geräu⸗ migen Ställen tummelten. Als der Knabe aber all⸗ mälig älter wurde, zeigte ſich auch ein allmäliger Fortſchritt in der Zuneigung, der Abwartung und Pflege, ſo wie in der Ausdehnung über eine größere Anepaßt zärtlich geliebter Geſchöpfe, und dieſe Aus⸗ wahl wurde nicht blindlings, ſondern faſt methodiſch und dabei in der Regel nur nach einem gewiſſen Prin⸗ cipe betrieben. Es gab nämlic für den mit ſo wei⸗ chem Gemüthe ausgeſtatteten Knaben keine größere Pein, als wenn er ſah, wie irgend ein Thier von ir⸗ gend einem ſeines Gleichen gebiſſen, oder aber von einem Menſchen beſchädigt oder über die Gebühr ge⸗ züchtigt wurde. Alle dieſe im Gegenſatze zu ihren Peinigern ſchwachen Thiere fanden einen großmüthigen Beſchützer und Wohlthäter an Joſeph Sohn. Sehr häufig geſchah es, daß er einem armen Manne, der ſel bſt kaum das nöthige Brod zum Lebensunterhalte hatte, einen nichts weniger als ſchönen Hund oder eeinen Vogel abkaufte, aus dem einzigen Grunde, weil er fürchtete, das betreffende Thier könne in der Hand ſeines zeitigen Beſitzers irgend einmal Mangel leiden oder gar Hungers ſterben. » Vögel um ihn her zu einem um ſo größeren an. In 75 So ſammelte ſich ſeine Menagerie ſehr bald zu einem anfangs nicht bedachten Umfange an, und der nachſichtige Pflegevater ſah nicht ſelten mit ſtillem Widerſtreben einen neuen Stall, ein Vogelhaus, einen Taubenſchlag nach dem andern entſtehen. Unter die⸗ ſen Thieren zu weilen, ſich auf ſeine Weiſe mit ihnen zu unterhalten, ihre Gewohnheiten und Inſtinkte zu ſtudiren und vor allen Dingen ihre Zärtlichkeitsaus⸗ ſtrömungen und Liebesbeweiſe entgegenzunehmen, war eine Hauptlieblingsbeſchäftigung des lernbegierigen Kna⸗ ben, der vom Vater die Mittel und Bücher erhalten hatte, die Naturgeſchichte ſeiner Lieblinge im ganzen Umfange kennen zu lernen. Als der Knabe zum Jünglinge herangewachſen war, nahm ſeine Neigung zu den Thieren eine ernſtere Ge⸗ ſtalt an. Zuvörderſt wurde er Mitglied verſchiedener Vereine gegen Thierquälerei und bemühte ſich in ſei⸗ nen Kreiſen auf dieſe Weiſe mit allen Kräften, die Sklaverei der Hausthiere zu einer verträglicheren unm- zugeſtalten. Allerdings erſchwanden nach und nach mehrere Gattungen von Thieren, z. B. Katzen, Kanin⸗ chen, Meerſchweine und dergleichen aus ſeinen Samm⸗ lungen, dagegen aber wuchs das Heer der Hunde und 76 ganz Bremen gab es keinen Fuhrmann, der den jungen Sohn nicht gekannt hätte, denn wo dieſer irgend einen Knecht ein Pferd mißhandeln, übermäßig an⸗ ſtrengen und ſchlecht halten ſah, da fand er ſich als Vermittler ein und ſuchte auf die gutmüthigſte Weiſe dem in ſeinen Augen verbrecheriſchen Treiben Einhalt zu thun. Aus dieſem Grunde auch erhielt er von ſeinen Geſpielen, die ſich theilweiſe ſeinen Liebhaber⸗ eien anſchloſſen, den Namen:„Joſeph, der Thier⸗ freund;“ auch kannte er alle Hausthiere in der Stadt bei Namen, ſo wie die Namen ihrer Beſitzer, und nicht ſelten geſchah es, daß er von einer ganzen Schaar von Hunden auf ſeinen Spaziergängen begleitet wurde, da er gewöhnlich alle Taſchen voll guter Biſſen hatte, die er vorzüglich denjenigen ſpendete, von denen er wußte, daß ſie zu Hauſe nicht gerade in übermäßiger Koſt gehalten würden. Es liefen einige ſeltſame und zergötzliche Geſchichten von ihm in der Stadt um, wie er hie und da ſeine Thierliebhaberei öffentlich darge⸗ than, die wir hier nicht ausführlich erzählen wollen, aber es war, namentlich im heißen Sommer, nichts Seltenes, ihn mit einem zu dieſem Zwecke gedun⸗ ggeenen Knaben herum wandern und den durſtigen Hunden einen kühlen Trunk reichen, oder im kalten Winter einige ſich herumtreibende hungrige Hunde an 8½ — 77 ſich locken zu ſehen, um ſie an ſeinem warmen Ofen vor einer gefüllten Schüſſel ſich laben zu laſſen. Als Joſeph Sohn zur Univerſität Göttingen ab⸗ ging, lag er mit inſtändigſter Bitte ſeinen Pflegevater an, ſeine zurückgelaſſenen Lieblinge, da er ſie doch nicht alle mit ſich nehmen konnte, in gewohnter Weiſe zu verſorgen und ihm ſelbſt ja pünktlich von dem Be⸗ finden derſelben Kenntniß zu geben. Aber auch als Student ſetzte er ſeine Liebhaberei, wenngleich in ge⸗ mäßigterem Umfange, fort und wunderbarer Weiſe er⸗ regte dies Verfahren bei den jungen Leuten ſeines Alters und Standes durchaus keinen Anſtoß, da es als etwas ſehr Natürliches erſchien, den in allen Din⸗ gen ſo liebenswürdigen Mann auch mit ſeinen Thie⸗ ren ſo freundlich und wohlwollend verkehren zu ſehen. Ja, ſeine Art und Weiſe, der Thierwelt näher zu tre⸗ ten, erweckte eine ähnliche Neigung bei vielen ſeiner Commilitonen, und es wurde zu ſeiner Zeit in Göt⸗ tingen und ſpäter auch in Heidelberg unter den Stu⸗ denten Sitte, Beſitzer von möglichſt vielen Hunden, Vögeln und anderm Gethier zu ſein.* Auch war es höchſt intereſſant, den jungen Gelehr⸗ ten über ſeine Lieblinge ſprechen zu hören, denn da ek mit ſeltenem Scharfblick das Inſtinktive der Thiere mit dem Verſtändigen, was in ihrer Natur lag, in Verbindung zu ſetzen verſtand, ſo lag ihm auch die Gabe nicht fern, ſeine Kenntniſſe und Erfahrungen auf die Menſchen anzuwenden und ſo die Stufenleiter hinan zu ſteigen, die vom niedrigſten Weſen der Schöpfung bis hinauf zu dem mächtigen Geſchöpfe führt, welches die Gottheit, wie die Bibel ſagt, nach ihrem Ebenbilde geſchaffen und zum Meiſter alles Lebendigen auf Er⸗ den eingeſetzt hat. Wer nicht fähig iſt, ſagte er oft, die Eigenthümlichkeiten und Fähigkeiten, die mannig⸗ fachen Tugenden und Vorzüge der Thiere zu erfaſſen, die ſich in aller Natürlichkeit und Urſprünglichkeit dar⸗ ſtellen und betragen, wie ſollte der im Stande ſein, die viel künſtlicher ausgebildeten, abſichtlich verſteckten oder zur Schau getragenen Eigenſchaften und Tugen⸗ den der Menſchen zu ergründen und zu ſeinem Beſten zu benutzen? So wuchs die Liebhaberei an Thieren bei Joſeph Sohn eigentlich nur zu einem weiter ausgedehnten Humanismus heran; er liebte und bewunderte das Natürliche und Naturgemäße überall, wo er es fand, und ſollte es ſelbſt an untergeordneten Weſen der Schöpfung haften. Daß er alſo auch ein Menſchen⸗ freund im wahren und edlen Sinne des Worts war und ward, ergiebt ſich hieraus ſchon von ſelbſt, und wir werden bald noch mehr Gelegenheit haben, dieſe 79 ſeine Eigenthümlichkeit in ergreifenderer Weiſe darzu⸗ ſtellen. Für's Erſte war er nur zufrieden mit ſich und der Welt, wenn er einem Pferde, einem Hunde oder irgend ſonſt einem Thiere etwas Gutes erweiſen konnte, und ſein ganzes Streben ging dahin, in ſeinem Kreiſe, ſo viel in dieſer Richtung zu wirken, wie ihm mög⸗ lich war. Auf der Reiſe, auf welcher wir ihn zu treffen Ge⸗ legenheit hatten, ſahen wir ihn von einem kleinen Bologneſer Spitz begleitet. Derſelbe war ihm nicht vom Hauſe aus gefolgt, ſondern erſt in Dresden zu⸗ fällig ſein Eigenthum geworden. Eine fremde Dame hatte ihn im Gaſthofe, wo Joſeph ſich aufhielt, zu⸗ rückgelaſſen, und nachdem der Wirth vergeblich meh⸗ rere Tage auf die Abforderung des Thieres gewartet, hatte er es endlich ſehr gern geſehen, daß der junge Reiſende ſich deſſelben erbarmt und es mit ſich ge⸗ nommen hatte, zumal es ihm ſchon auf eine unge⸗ wöhnliche Weiſe zugethan war.“ Dem Leſer, der über ſo alltäglich Scheinendes, was bei genauerer Betrachtung doch nicht ganz ge⸗ wöhnlich iſt, zu lächeln liebt, mag dieſe genaue Aus⸗ einanderſetzung der Thierliebhaberei unſers Helden et⸗ was ſeltſam erſcheinen, allein wir ſchildern die Men⸗ ſchen, nicht wie ſie überall und immer, ſondern wie 80 ſie bisweilen ſind, und ſo müſſen wir dem geneigten Leſer für jetzt ſchon dies Lächeln geſtatten, in vollem Vertrauen, daß ſich im Verlauf unſerer Erzählung noch Gelegenheit genug bieten werde, dieſe Eigen⸗ thümlichkeit Joſeph Sohn's aufzuklären und mit ſei⸗ nen übrigen Eigenſchaften und Handlungen in Ein⸗ klang zu bringen. Nur ſo viel wollen wir zu dieſer vorläufigen Charakteriſtik deſſelben noch hinzufügen, daß Joſeph Sohn ſich von ſeinen Altersgenoſſen der jetzigen Zeit auch noch durch einige andre Züge un⸗ terſchied, die, wenn nicht ganz ſo ſeltſam, doch wenig⸗ ſtens unter den jungen Leuten der Gegenwart leider ſelten genug geworden ſind. Er wollte nicht mit zwanzig Jahren ein erfahrener, mit Allem vertrau⸗ ter, weltweiſer Mann, er wollte kein Menſch ſein, der durch die bis zur Neige ausgekoſtete Wolluſt aller irdiſchen Genüſſe abgeſtumpft gegen die Dinge der Außen⸗ und Innenwelt war, nein, er wollte ſein und ſcheinen, was er wirklich war, ein junger, die Welt und ſich ſelbſt ergründender Menſch mit einem warm⸗ fühlenden, weichen, naturgemäßen Herzen, mit einem für alles Schöne, Wahre und Erhabene empfänglichen Geiſte, der ſich keine Mühe verdrießen läßt, alle Tage in der Erkenntniß des Guten fortzuſchreiten, ſelbſt mit Aufopferung eines bequemen und nur Honig ſchlür⸗ 81 fenden Lebens, dem die heutige Jugend ſo ausſchließ⸗ lich huldigt. Das gegenwärtig beinahe ausgeſtorbene, kindliche Gepräge der wirklichen Jugend hatte ihn alſo nicht verlaſſen, nein, es durchdrang ihn durch und durch, es ſprühte in die Welt hinein, nahm und gab den Glanz dieſer Welt auf und zurück, und ſchon aus ſeinen treuen, warmblickenden blauen Augen leuchtete die Herzensgüte hervor, die er als urſprüngliches Erb⸗ theil aus der Hand Deſſen empfangen hatte, der auch die Kinder der Liebe erſchaffen hat, der auch ſie be⸗ wacht und denen er ſogar beſonders ein Hort iſt bis zu dem unbekannten Endziele ihres mannigfach um⸗ wölkten Lebensganges. Auch den tollen Ehrgeiz, ſchon in früher Jugend ein angeſtauntes, bewundertes, großes Etwas zu ſein, der die heutige junge Welt oft ſogar aus dem Schlum⸗ mer ſtört, kannte er nicht, er hatte nicht einmal die Abſicht, etwas Bedeutendes, Großes zu werden:— zufrieden mit den Gaben, die ihm die gütige Natur verliehen, erhob er ſich über Niemanden, am wenigſten über ſich ſelbſt, und trotzdem hoffte er von der Zu⸗ kunft, ſie werde ihm lächeln und ſich ſo vor ihm ge⸗ ſtalten, daß er mit Genugthuung einſt auf ſeine ver⸗ gangenen Tage zurückblicken könne und ſich keinen Vorwurf zu machen brauche, wie er heutzutage das Emery Glandon. I. 6 82 Alter manches Menſchen verdüſtert, der ſeiner Mei⸗ nung nach ſchon als Stern aufging, um wenigſtens einmal eine Sonne zu werden, und kaum als winzige Sternſchnuppe im großen Weltenraume ſpurlos ver⸗ ſchwand. Viertes Vapitel. Die Judenſtadt in Prag. Ungefähr acht Tage nach ſeiner fluchtartigen Ent⸗ fernung aus dem Waldhauſe im böhmiſchen Gebirge finden wir Joſeph Sohn in Prag wieder. Was die alte prachtvolle und merkwürdige Königsſtadt an Reich⸗ thümern, Seltenheiten, Schönheiten in ihren Baudenk⸗ mälern, Sammlungen, Kirchen aufzuweiſen hatte, war von unſerm wißbegierigen Freunde, der ein hohes In⸗ tereſſe an allen dieſen Koſtbarkeiten nahm, wiedetholt bewundert worden. Wir ſehen ihn eines Morgens in der St. Nikolaikirche, jenem prachtvollen Denkmale alt⸗ deutſcher Baukunſt, welches ſich die Jeſuiten unter ſo vielen hundert andern zu ihrem ewigen Ruhme geſetzt haben, andächtig in einem Kirchenſtuhle der Orgel ge⸗ genüber ſitzen, deren mächtigen Klängen er mit hin⸗ gebender Seele lauſchte. Der Mann, der dieſes Wun⸗ 68— 8 84 derwerk menſchlichen Kunſtfleißes in jenen Tagen be⸗ wältigte, war ein großer Meiſter in ſeiner Kunſt, und nachdem Joſeph Sohn erſt einmal ſeinem Vortrag zufällig beigewohnt, hatte er beſchloſſen, jeden Mor⸗ gen, bevor er ſeine Entdeckungsreiſe nach neuen Sel⸗ tennheiten antrat, eine halbe Stunde an dieſer Stelle ſeine Andacht zu verrichten. Denn Joſeph Sohn ge⸗ hörte zu jenen nicht allzu zahlreichen, verſtändigen und aufgeklärten Menſchen, die keines Tempels einer be⸗ ſtimmten Religionsſecte bedürfen, um von ganzem Herzen ihrem Gott ſich nähern zu können, nein, ihm war es gegeben, ſeine Seele zu Gott zu erheben über⸗ all, wo er war, ſei es in der Moſchee eines Muſel⸗ manns, in dem gothiſchen Dome eines Katholiken oder in der einfachen Kirche eines evangeliſchen Chriſten; für ihn war der Geiſt, das Auge Gottes überall zu erreichen, ſelbſt im ſtillen Wald⸗ und Felstempel, deſ⸗ ſen Säulen ragende Bäume oder moosbewachſene Steine bilden, und überall war er gleich fromm und gleich ſehr zur Anbetung des höchſten Weſens geneigt. Am Morgen des erwähnten Tages ſchien der Or⸗ gelſpieler in St. Nikolai ſeine glückliche Stunde zu haben. Als die Meſſe zu Ende war und die Andäch⸗ tigen ſich in alle Welt zerſtreuten, ſchloß er ſeinem Schlußſatz eine Orgelübung an, in deren gewaltigen 85 Klängen das geübte Ohr des jungen Muſikkenners ſo⸗ gleich das berühmte Vorſpiel zum Choral:„Aus tief⸗ ſter Noth ſchrei' ich zu Dir“ von Sebaſtian Bach er⸗ kannte. Im Innerſten mächtig bewegt, blieb er ſitzen, bis die Klänge des Spielers verrauſcht waren und in ſeiner Bruſt eine weiche und ihm ſonſt nicht ge⸗ wöhnliche elegiſche Stimmung zurückgelaſſen hatten. Nachdem der Orgelſpieler ſchon längſt geendet, ſaß er noch eine Weile ſtill da und ließ die herrlichen Töne erſt in ſeinem Herzen ausſummen, dann erhob er ſich langſam und ſchritt dem Ausgange der Kirche zu, um dem letzten Ziele entgegenzugehn, welches er ſich in Prag an dieſem Tage vorgeſetzt hatte. Als er auf der von Menſchen durchflutheten Straße vor der Kirche angelangt war, fiel ihm erſt jenes Ziel des heutigen Vormittages wieder ein und er mußte ſich geſtehen, daß er eigentlich in keiner richtigen Stimmung zu die⸗ ſem ſeltſamen Beſuche ſei. Denn er hatte beſchloſſen, kein erhabenes Kunſtwerk, keine Sammlung von Ge⸗ mälden, Büchern, Gold, Silber und Edelſteinen, wie ſie in Prag in ſo erſtaunlicher Fülle zu finden ſind, zu betrachten, ſondern einen Theil der Stadt, der nichts von dem Allen, aber ſehr viel von dem Entgegenge⸗ ſetzen, dem menſchlichen Elende, dem menſchlichen Schmutze und der menſchlichen Armuth bot, einen Theil der Stadt, der bei alledem jedoch merkwürdig genug in ſeiner Art iſt, ſo daß es faſt kein Reiſender verſäumt, ſich denſelben wenn auch nur flüchtig anzuſehen, mit einem Worte— die alte Judenſtadt. Und in der That, dieſer düſtere, enge, menſchen⸗ gefüllte, von Gewühl, Schacher, Schmutz, Elend, Hunger, Krankheit, Häßlichkeit und Alterthum wim⸗ melnde Theil von Prag machte in dieſer ſo ſeltſamen Geſtalt und Fülle, trotz der nicht dafür empfänglichen Stimmung des Reiſenden, wie er ſelbſt annahm, dennoch einen ſo gewaltigen Eindruck auf ihn, daß, ſobald er nur an die erſte Ecke dieſes Viertels kam, das ſich ſchon von Weitem durch ſeine dicke Luft und⸗ die eigenthümliche Ausdünſtung der daſelbſt ſo viel⸗ fach feilgebotenen Gegenſtände kundthat, er ſeine Stim⸗ mung wechſeln und ſtatt der bisherigen künſtleriſchen Andacht Neugierde und Theilnahme in ſein Herz ein⸗ ziehen fühlte. Leſer! Biſt du ſchon in dem Judenviertel zu Prag geweſen?— Wo nicht, ſo können wir Dir nur ſchwer einen vollſtändigen Begriff des ſeltſamen Ganzen ge⸗ ben, denn jeder einzelne Zug deſſelben iſt ſo eigen⸗ thümlich in ſeiner Art, ſo ganz und gar abweichend von Allem, was wir in nordiſchen Städten davon ſehen, daß es unmöglich iſt, mit wenigen Worten, 4— 87 3 8 wie ſie uns hier nur darüber zu Gebote ſtehen, das Ganze in allen ſeinen Einzelnheiten zu beſchreiben. Jedoch wollen wir es mit einigen charakteriſtiſchen Zü⸗ gen verſuchen und bitten Dich nur, falls Du einmal ſelbſt nach Prag kommſt, es ja nicht zu verſäumen, mit eigenen Augen zu beſchauen, was wir Dir hier nur als unvollkommenes Bild vorführen können. Die im Allgemeinen an ſich ſchon engen und win⸗ keligen Straßen des Theiles von Prag, in welchem das Judenviertel liegt, verengen, winden und drücken ſich, je näher man ihnen kommt, noch mehr in und auf einander, und wir treten in eine Gaſſe ein, die kaum die Breite hat, daß ein Wagen hindurch fahren kann, und deren Tageshelle durch die finſtern, hohen, mittelalterlichen Häuſer und Spelunken, die ſie zuſam⸗ menſetzen, um ein Bedeutendes beeinträchtigt wird. Die meiſten Erdgeſchoſſe dieſer düſtern Häuſer bilden Speicher und Gewölbe, die tief in das Innere der⸗ ſelben hinein treten und mit allem möglichen Trödel⸗ kram gefüllt ſind, deſſen die Welt, nachdem ſie ihn einſt in reinerer, vollkommnerer Geſtalt beſeſſen und abgenutzt, ſich endlich entäußert hat. Denn wenig Neues, Modernes, für Dich und die Deinigen Brauch⸗ bares erblickſt Du in dieſen Gewölben, die Dich wie unterirdiſche Verließe angähnen. Meiſt ſind es ver⸗ 8 88 griffene, vermoderte, zerlumpte und zerbrochene Ge⸗ genſtände, die zu Tauſenden von Exemplaren in un⸗ geordneten Haufen über einander gethürmt daliegen. Altes, verroſtetes Eiſengerümpel, Lumpenkleider, an denen noch hie und da eine Spur ehemaliger Pracht und Schönheit flimmert, untermiſcht mit überreifem Obſte, Vegetabilien allerlei Art, unter denen beſon⸗ ders die Zwiebeln ſehr zahl⸗ und geruchreich vertreten ſind, bedecken wackelige Tiſche, ſchmierige Bänke; und Alles, ſo viel nur die enge Gaſſe zu faſſen vermag, um den Durchgang nicht gänzlich zu verſperren, iſt unter Gottes freien Himmel geſchleppt, um die ver⸗ ſchiedenen Herrlichkeiten den Augen der Vorübergehen⸗ den preiszugeben und etwaige Kaufluſtige anzulocken. In den höhlenartigen Verließen der Häuſer ſelbſt aber ſind Schnitt⸗ und andere Waaren von jenen leichten und billigen Stoffen angehäuft, deren Erwerbung die Mittel einer armen Bevölkerung nicht überſteigt, und die mit dem Verkaufe dieſer Luxus⸗Gegenſtände Beauf⸗ tragten müſſen mit dem Vermögen der Katzen begabt ſein, das heißt im Dunkeln eben ſo gut ſehen kön⸗ nen, wie andere Leute im Lichte, denn an eine künſt⸗ liche Beleuchtung dieſer Boutiken iſt nicht zu denken. Innerhalb dieſer ſtinkenden, faulenden, roſtenden und ſchimmelnden Welt treibt ſich nun eine Bevölkerung *—. —„ 7 —— 3 8 * umher, die im Ganzen und Einzelnen mit dem bis⸗ her Geſagten in vollkommenſtem Einklange ſteht. Men⸗ ſchen, denen jenes orientaliſche Gepräge in jeder Linie, jedem Geſichtszuge, jeder Geberde, jedem Stimmlaute aufgedrückt iſt, welches wir an ſchönen und jungen Geſtalten des auserwählten Volkes ſo ſehr bewundern, tummeln ſich, in Lumpen gekleidet, darin herum, ſchreien ſich und allen Vorübergehenden ihre Meinungen, Gedanken und Wünſche mit einer Haſt und einem Eifer zu, der eben ſo unverſtändlich wie komiſch, für Menſchen von übergroßer Empfind⸗ lichkeit aber ſogar abſchreckend iſt. Namentlich ſind die zigeunerhaften Weiber mit verſchrumpften Geſich⸗ tern in großer Menge vertreten und kein Name fällt Dir häufiger ein, als der Methuſalem's, deſſen leben⸗ diges Abbild Du hier in zahlloſen Exemplaren vor Deinen verwunderten Augen zu haben glaubſt. Sel⸗ ten dagegen erinnert Dich ein friſches jugendliches Geſicht und eine hebeartige Geſtalt an die klaſſiſchen Schönheiten, die Moſes ſo einladend ſchildert, nur Schaaren von halbnackten, lumpenbedeckten, zittern⸗ den, ſich raufenden und balgenden Kindern begegnen Dir an allen Ecken und häufen ſich von Haus zu Haus, wie Sand am Meere an. Unangeſchrieen, un angetaſtet ſchreitet faſt Niemand, am wenigſten aber ein Fremder durch dieſe verräucherten Hallen, denn die Bewohner derſelben wittern mit natürlichem In⸗ ſtinkte heraus, wer ſich aus Neugierde oder irgend einem anderen Grunde hierher verirrt.„Junger Herr,“ „blankes Herrchen“,„gnädiges Herrchen“ ſind Aus⸗ drücke, die man tauſend Mal an einem Tage hier ausſprechen hört, und dabei ſtrecken ſich die gelben magern Hände irgend einer alten Megäre zitternd nach einem Arme oder einer Hand aus, die zufällig in ihren Bereich kommt, um ihren Beſitzer zu bewegen, ſich irgend einen abgelegten Flitter anzuſehen, der überall in ſchimmeliger Fülle aufgehäuft liegt. So erging es auch Joſeph Sohn an dieſem Mor⸗ gen. Verwundert über die citronengelben, gebräun⸗ ten, verwetterten Geſichter dieſer Welt für ſich, in Staunen geſetzt über das Meer von Bärten, über den Schwall von herzlichen, wünſchenden, bittenden Wor⸗ ten, die von allen Seiten auf ihn einſtürmten und den ſchönen jungen Mann mit allen möglichen Liebko⸗ ſungen überſchütteten, wußte er anfangs nicht, wie er ſich dieſen unerwarteten Zärtlichkeiten gegenüber ver⸗ halten ſollte, bis ein zufällig hinter ihm her gehender Bewohner der Stadt ihm ganz laut zurief, er ſolle ſich die alten Hexen vom Halſe ſchütteln und, wenn ſie nicht gutwillig gingen, ſeinen Stock gebrauchen. — —— 8—— Von letzterem Rathe machte unſer Freund nun zwar keinen Gebrauch, allein er bewegte ſich raſcher und entſchiedener durch die lärmenden Haufen, die, als ſie ſahen, daß der Fremde nichts mit ihnen zu thun haben wolle, ſogleich von ihm abließen und ihre Thätigkeit in anderer Richtung zu üben fortfuh⸗ ren. So war er ſchon durch mehrere Straßen ge⸗ wandelt, die ſämmtlich ein dem geſchilderten ähnli⸗ ches Anſehn bewahrten, nur daß hie und da ein ärmliches Haus mit einem beſſer ausgeſtatteten ab⸗ wechſelte, und er hatte ſich ſchon um ein Bedeutendes dem Gewirre der kleinen Gäßchen entzogen, um zu der verſchloſſenen Pforte der bekannten alten Synagoge mit dem uralken Friedhofe zu gelangen, als ein eigen⸗ thümliches Schauſpiel ſich vor ſeinen Augen zu ent⸗ rollen begann. Allmälig häuften ſich die Inſaſſen des Judenviertels auf eine bisher noch nicht geſehene Weiſe an, und namentlich an weiblichen Bewohnern ſchie⸗ nen die alten Spelunken eine ganze Armee ausge⸗ ſpieen zu haben, die ſich alle nach einem beſtimmten Hauſe drängten und ſchoben, das, faſt am Ende der Gaſſe gelegen, ſo ärmlich, baufällig und verrottet ausſah, daß man ſich wundern konnte, wie die Po⸗ lizei einer großen Stadt es geſtatten möge, daß noch unter dieſen, halb in der Luft ſchwebenden Balken und 92 Steinen ſich ſterblich geborene Menſchen aufhielten. Indeſſen um das Innere der Judenſtadt ſcheint ſich die Polizei von Prag in dieſer Beziehung nicht viel zu bekümmern, wenn die Judengemeinde ſelbſt nicht dafür das Ihrige thut. Bei genauerem Hinblicken nun, und als er ſich mit Mühe Bahn gebrochen, nahm denn Joſeph Sohn wahr, daß er ein Begräbniß vor Augen habe, und er konnte alſo die Bemerkung machen, daß auch in Prag in der Judenſtadt wie in allen übrigen Orten der Welt das weibliche Geſchlecht die größte Zahl der nicht von Theilnahme, aber gewiß von Neugierde ge⸗ plagten Leidtragenden liefert. Vom Sarge ſelbſt, der auf einer niedrigen Bahre getragen wurde, konnte er nicht viel ſehen, dazu war das Menſchengewirr zu groß, nur daß eine ſolche feierliche Handlung vor ſich ging, war aus den Reden der ſich drängenden Maſſe zu vernehmen, die ſich übrigens auf keine Weiſe theil⸗ nehmend oder gar feierlich geſtimmt erwies. Im Ge⸗ gentheil, je näher Joſeph Sohn dem eigentlichen Mit⸗ telpunkt der Ceremonie kam, um ſo mehr konnte er erkennen, daß die Leute um den Sarg her ſogar ſehr g luſtig geſtimmt waren und den Geſtorbenen mit höh⸗ niſchen Worten und verletzenden Anſpielungen zu Grabe geleiteien. 3„ 2 93 Den fein fühlenden Mann, als er ſich von der Alllgemeinheit dieſer Gefühlloſigkeit überzeugt, empörte ſolch' rohes Gebahren, und er ſchaute nach irgend ei⸗ nem weniger rohen Geſichte umher, um eine Frage nach der Urſache deſſelben auszuſprechen. Endlich be⸗ merkte er ein ziemlich junges Weib, das dicht an ſei⸗ nem Ellbogen ging und, wie es den Anſchein hatte, mit weniger gleichgültigem Geſichte den Sarg in die Augen zu faſſen verſuchte. „Wer wird dort begraben?“ fragte er in ſeiner ge⸗ wöhnlichen milden und freundlichen Art.* „Der alte Simon Schawai, gnädiger Herr.“ „Wer war der alte Simon Schawai?“ „Ein böſer, hinterliſtiger, trunkſüchtiger Schurke war er, der auf Koſten aller Welt lebte und vor deſ⸗ fen Griffen keine Taſche in der ganzen Judenſtadt ſicher war.“ „So. Darum giebt man ihm auch wohl ein ſo theilnehmendes Geleite?“ „Theilnehmend? Der Wind beſchütte mich mit Aſche, wenn das wahr iſt, gnädiger Herr! Man freut ſich, daß er todt iſt, und darum lacht man heute einmal auf deſſen Koſten, der ſo oſt auf Koſten Ande⸗ rer gelacht hat.“— Joſeph Sohn hatte genug gehört und geſehen. Er 94 fand das eben geſchilderte Verfahren ſehr natürlich und doch ſchauerte ein wehmüthiges Gefühl ihn durch und durch. Er blieb an dem gebrechlichen, ſchon mit mehreren Stützen verſehenen Hauſe, welches er jetzt erreicht hatte, ſtehen, während der Sarg mit ſeinen Trägern ſchon in der nächſten Gaſſe verſchwunden war, und ließ den ganzen gellenden, pfeifenden, grinſenden Haufen an ſich vorüberziehen. So wurde die Straße nach und nach leerer, der Menſchenknäuel wickelte ſich allmälig ab, erſt kamen einzelne Nachzügler in vollem Laufe nachgeſtürzt, um wenigſtens doch auch noch den Genuß eines Blickes zu haben, dann aber entſtand eine Ruhe, eine Stille um ihn her, die ſo recht mit der Oede des verlaſſenen Hauſes harmonirte, aus dem man den elenden Todten ſo eben fortgetragen hatte. In Gedanken verſenkt über das, was er hier ge⸗ ſehen und gehört, wurde er plötzlich durch ein gewal⸗ tiges Gepolter und Geſchrei aufgeſtört, welches hinter ihm im Innern des alten wurmſtichigen Hauſes ſich erhob und eben ſo viel Hohn wie Angſt, ſo viel Ge⸗ walt wie Schmerz erkennen ließ. „Schlagt ſie todt, ſchlagt ſie todt!“ ſchrie ein wilder zigeunerhafter Bube und ſchwang eine Peitſche in der Luft, um ſie gleich darauf auf ein wie ein Reh von ihm und ſeinen Gefährten gehetztes Kind 95 fallen zu laſſen, das, ſeiner Kleidung nach zu ſchließen, die in wehenden Lumpen um ſeinen abgemagerten Körper flatterte, dem weiblichen Geſchlechte angehörte: „Schlagt ſie todt,“ wiederholte der Bube ſchlagend, „es iſt die Hexe Schawai, die ihren Onkel wieder auf⸗ leben macht, der die Leute betrügt, die Kinder ſtiehlt und alle Tage beſoffen in der Goſſe liegt.“ „Nein, ſchlagt ſie nicht todt,“ ſchrie ein anderer zottiger, zerlumpter Burſche—„wir wollen ſie heute Abend lebendig begraben bei ihrem alten Onkel, dem Spitzbuben Schawai—“ „Halt!“ rief Joſeph Sohn und trat dem dicht an ihm vorübertobenden Haufen entgegen, indem er mit der einen Hand die Peitſche des erſten und mit der andern den Arm des zweiten Jungen aufhielt. Kaum hatte das arme gejagte, etwa zehn Jahre alte Geſchöpf einen Menſchen erblickt, der ſich ſeiner anzunehmen ſchien, ſo flüchtete es dicht an ſeine Seite, warf aus den glühenden Augen, die in ſeinem Kopfe funkelten, einen um Barmherzigkeit flehenden Blick auf den hohen jungen Mann und bat mit flehender Stimme: „Rette mich, rette mich, Herr, ſie ſchlagen mich todt und ich bin noch lahm von ihren geſtrigen Schlägen.“ Joſeph Sohn warf nur einen Blick auf das arme elende Geſchöpf, welchem die hellen Schmerzeszähren 96 über ſein ſchmales Geſicht herabliefen, dem die Angſt und der ſchnelle Lauf kaum einen Schimmer von Röthe ertheilt hatten, ſo abgehärmt, blutlos und mager war es, und augenblicklich war ſeine Theilnahme dafür angeregt, um ſo bald nicht wieder zu verlöſchen, denn was Joſeph Sohn einmal in ſein Herz geſchloſſen, das ließ er ſo leicht nicht wieder los. „Fort von ihr!“ herrſchte er den Buben zu und ſtieß einige von ihnen heftig aus dem Thürgange, in den er getreten war, auf die Straße hinaus,„oder ich nehme Euch mit mir und ſperre Euch Alle in ein Gefängniß ein.“— Die tolle, von Haß und Leidenſchaft angeſtachelte junge Brut ſtieß ein höhniſches Gebrüll aus; als ſie aber ſah, daß der ſtarke Mann Ernſt machte, einen naſeweiſen Jungen packte und arg ſchüttelte, liefen ſie alle davon und ſo blieb nur Diejenige, die man ſo eben todtſchlagen und lebendig begraben wollte, in ſeinen Händen zurück. „Wer biſt du, Kind?“ fragte er mit herzlichem Tone die arme Kleine, die ihre fliegenden Rabenhaare von der ſchweißbedeckten Stirn zurückſchüttelte und ihn mmit unmöglich zu beſchreibendem, halb ſtaunendem, halb bewunderndem Auge anblickte. Oheim geſtorben iſt?“ 97 „Ich bin Rachel Schawai, des alten Simon Scha⸗ wai, den man ſo eben begräbt, einzige Verwandte.“ „Haſt Du keine Mutter 2 „Nur im Himmel.“ „Aber Du haſt doch ſonſt Verwandte?“ „Keinen als Gott, den Vater der Verlaſſenen.“ Joſeph Sohn ſchauderte unwillkürlich zuſammen. „Lebteſt Du denn allein mit Deinem Oheim?“ „Ja! Und er ſchlug mich alle Tage und ich mußte betteln und, ſo viel ich auch brachte, hungern und durſten, mehr als ich faſt ertragen konnte.“ „Wo findeſt Du nun ein Unterkommen, da Dein Rachel Schawai weinte; ſie wußte es ſelber nicht. „Wo wohnſt Du?“ „Dort oben.“ „Komm, führe mich hin!“ Das Kind huſchte ein Ueberbleibſel von Treppe hinauf, das unſerm Freunde kaum ſtark genug für eine Hühnerſteige zu ſein ſchien. Vom Geländer war keine Spur mehr vorhanden; ein feuchter, klebriger, von Rauch, häufigem Angreifen und Alter ganz ſchwarz und glatt wie ein Aal gewordener Strick lief von unten bis oben hin und diente zur Handhabe. Von den Wän⸗ den, die an hundert Stellen geborſten und von dem Emery Glandon. 1. 3 7 98 in grauem Alterthum aufgetragenen Kalke entblößt waren, ſickerte eine ekle Feuchtigkeit herab, und der Schmutz, der in allen Ecken zur Schau trat und viel⸗ leicht ſchon ſo lange aufgehäuft lag, als das Haus gebaut war, machte in Verbindung mit der ſchrecklichen, faſt den Athem beklemmenden Dunſtatmoſphäre, die darin herrſchte, einen ſo peinigenden Eindruck auf den Beſchauer, daß es kaum mit Worten zu beſchreiben iſt. Endlich, nachdem ſie über verſchiedene Stiegen, Lük⸗ ken, Abſätze fortgeklettert war und mehrere Thüren ohne Schloß und Riegel hinter ſich gelaſſen hatte, trat Rachel Schawai in ein enges Kämmerchen, das zehn Schuh breit, ſechſe hoch und von zwei Luken erleuch⸗ tet war, die nach den Hallen hinaus gingen, unter denen die Knopf⸗Eiſen⸗ und Knoblauchsverkäufer ihre Schacherwerkſtätte aufgeſchlagen hatten. In zwei Win⸗ keln deſſelben lagen zwei verfaulte Strohſäcke und auf. jedem eine zerriſſene, ekelhafte Decke, deren Beſtand⸗ theile und Farben nicht mehr zu erkennen waren. In der Mitte ſtand ein dreibeiniger Tiſch und ein Schemel, an der einen Wand eine alte, offene Lade und auf ddeem Fenſterbrette eine leere Branntweinflaſche. Das war das ganze Mobiliar, welches das Haus des ver⸗ ſtorbenen Simon Schawai aufweiſen konnte, in deſſen Abweſenheit ſich bereits andre Gäſte eingefunden hat⸗ —99 5 ten, die wohlgemuth im ſtinkenden Strohe niſteten und bei'm Eintritt Rachel's und ihres Begleiters ſich durch zahlloſe Löcher in den wackelnden Wänden flüchteten. Als der weichfühlende, das behagliche Leben in und außer ſich ſo tief empfindende Joſeph Sohn in dieſe Kloake trat, ſchauderte er vor Ekel und Schrecken ein Mal über das andere, und er betrachtete mit tiefer Wehmuth das elende Kind, welches gehorſam und mit kummervoller Miene hier vor ihm ſtehen geblieben war. „Hier wohnſt Du?“ fragte er bebend, während ſeine Wange bleicher und ſein Auge feucht wurde. „ und wie lange haſt Du hier gewohnt?“ „So lange ich denken kann. Ich habe nie eine andere Wohnung geſehen.“ Dieſe, mit weicher, weinerlicher Stimme geſproche⸗ nen Worte zitterten dem jungen Manne in innerſter Seele wieder. Ihn erfaßte ein nie empfundenes Mit⸗ leid. Hier galt es etwas Ernſtlicheres, als einen hung⸗ rigen Hund zu füttern oder ein herrenloſes Vögelchen in Schutz zu nehmen. Aber wie kann man hier gründ⸗ lich helfen? war die Frage, die er ſich, mit dem Kopfe ſeiner hohen Geſtalt beinahe bis an die triefende Decke ſtoßend, hier augenblicklich vorlegte. Er warf noch einen Blick auf das in unnachahmlicher Ergeben⸗ heit vor ihm ſtehende Mädchen, welches ihren Kopf ge⸗ 7* 3 ſenkt und die Hände gefaltet vor der Bruſt hielt, er ſah ihr zerzauſtes Rabenhaar, den ſchmelzenden Blick ihres flehendlich auf ihn gerichteten Auges, ihre in Fe⸗ tzen um ihren abgehärmten Körper hängenden Kleider und— da war es ihm, als ob plötlich vor ſeinen, einen Ausweg ſuchenden Sinnen ſich der am Morgen dieſes Tages ſchon einmal gehörte Choral:„Aus tief⸗ ſter Noth ſchrei' ich zu Dir,“ nochmals hören ließe; die gewaltigen Töne brauſten in ſeiner Erinnerung auf und ſein Herz ſchmolz in mitleidige Wehmuth hin. „Du haſt hier wohl ſehr ſchlecht gelebt, mein Kind?“ fragte er das ſchweigende und in Demuth auf irgend eine ſeiner Aeußerungen harrende Mädchen. „Ich weiß nicht, was gut leben heißt. Mein Oheim war keines Menſchen Freund und die Leute nannten ihn bös, träg und lüderlich.“ „Haſt Du außer dieſem verſtorbenen Oheim wirk⸗ lich keinen andern Verwandten?“. „Ich habe nie einen geſehen und immer gehört, ich hätte Niemanden auf der Welt, der ſich um mich be⸗ kümmerte, wenn mein Oheim geſtorben wäre.“ „Kennſt du den Vorſteher Eurer Gemeinde?“ „Ja. „Wo wohnt er?“ „Das weiß ich nicht, aber er hält ſich um dieſe 101 Zeit gewöhnlich in der alten Synagoge auf, um ſich mit ſeinem Freunde, dem Cuſtos derſelben, zu unter⸗ reden.“ „Wohl! Ich werde mich zu ihm begeben und nach Kräften Gutes für Dich bei ihm auswirken. Willſt Du mich hier erwarten, damit ich Dich wiederfinde?“ „Ach, ſehr gern, wenn nur die böſen Jungen von der Gaſſe nicht wiederkommen, mich ſchlagen und ver⸗ treiben, wie ſie es alle Tage thun—“ „Ja ſo! Nun, hoffentlich werden ſie bis dahin nicht wiederkommen, ich werde nicht lange ausbleiben. — Du haſt doch heute ſchon Etwas gegeſſen?“ Rachel ſenkte den Kopf und ſah ſehr betrübt aus. Der menſchenfreundliche Fragende merkte daraus, wie die Sachen ſtanden. Mit den Worten:„Du ſollſt bald von mir zu eſſen haben und bleib' ja im Hauſe, daß ich Dich wiederfinde!“ ſtieg er vorſichtig die Hüh⸗ nerſteige hinab und trat ſogleich ſeinen Weg zu der berühmten Kirche der Juden und ihrem alten Begräb⸗ nißplatze an, um daſelbſt den Vorſteher der Judenge⸗ meinde zu treffen und ihm ſein Anliegen vorzutragen. Wie Rachel geſagt, war der Cuſtos an Ort und Stelle, um ſich die in den Morgenſtunden ſo häufig kommenden Fremden nicht entſchlüpfen zu laſſen, und bei ihm befand ſich der Vorſteher ſelber. Da jedoch 102 Erſterer eben mit einem Reiſenden beſchäftigt war und an ſein Amt ging, ſo blieb nur Letzterer zurück, den Joſeph Sohn, da er ihn nicht kannte, um die Erlaubniß bat, ſich die Alterthümer betrachten zu dür⸗ fen. Der Vorſteher, ein gefälliger Mann, bot ſich ſelbſt zum Führer an, und ſo geſchah es, daß Jo⸗ ſeph Sohn ſchon eine Weile mit ihm herumwanderte, ohne eine Ahnung zu haben, in weſſen Begleitung er ſich befinde. So betrachtete er ſich denn die aller⸗ dings ſehr alte und merkwürdige, aber auch mit al⸗ terthümlichem Schmutze reichlich ausgeſtattete Alt⸗ Neu⸗Synagoge, ohne daß jedoch der redſelige Füh⸗ rer mit allen Anführungen ſeiner Kenntniſſe irgend eine ſichtbare Aufmerkſamkeit ihm hätte abſchmeicheln können. Mit einem Worte, Joſeph Sohn war zer⸗ ſtreut, er dachte zu viel an das Geſchick der armen Rachel Schawai, um ſich für die vermoderten Ue⸗ berreſte Derer intereſſiren zu können, die ſchon vor Jahrhunderten ausgelebt und ausgelitten hatten. Endlich war der Führer mit ſeinen Erklärungen zu Ende und man ging langſam zur Eingangspforte zurück, während Jener noch einige demüthige Andeu⸗ tungen über die Armuth der ihm anvertrauten Ge⸗ meinde fallen ließ und in der bilderreichen Weiſe ſei⸗ nes Volkes von den Kümmerniſſen und Entbehrungen 103 ſprach, denen die Nachkommen Abrahamss auf dieſer Erde preisgegeben ſeien. Joſeph Sohn ſtand ſtill und ſchien ſich zu beſin⸗ nen. Der Andere glaubte den hier häufig ſich wieder⸗ holenden Augenblick gekommen, wo der bekannte öſter⸗ reichiſche Papierſchein, der Geld bedeutet, aus den Händen des gütigen Fremden in die ſeinigen über⸗ gehen würde. „Ach ja“, ſagte Joſeph Sohn träumeriſch,„Sie haben Recht, es giebt ſo viel Elend, Mühe und Sorge auf der Welt! Ich will mich auch von hier zu dem Vorſteher Ihrer Gemeinde begeben und mein unbe⸗ deutendes Scherflein ſeinen Händen überantworten.“ „Dieſer Vorſteher bin ich ſelber, gnädiger Herr!“ „Sie— von der ganzen jüdiſchen Gemeinde?“ ſagte der große junge Mann, einen fragenden Blick über die kleine Geſtalt des mit ihm Redenden wer⸗ fend, der ihm ohne Zweifel nicht gewichtig genug für einen ſo ſchweren Poſten ſchien, wie er ſich wenigſtens denſelben vorſtellte. „Von der ganzen Gemeinde— ja, der bin ich.“ „Ach, das habe ich nicht gewußt, ſonſt hätte ich.⸗ ſchon längſt ein Wort des Vertrauens mit Ihnen ge⸗ ſprochen. Kommen Sie, laſſen Sie uns dort zwiſchen die Gräber gehen, da ſind wir am wenigſten geſtört. 104 — Sie haben heute ein Begräbniß gehabt?“ „Das haben wir leider beinahe alle Tage.“ „So— ich meine aber einen armen Mann, der heute beerdigt iſt—“ „Ah, Simon Schawai!“ „Schawai— ja wohl, ſo hieß er. Was war das für ein Mann?“ „O, mein Herr, ein Mann, von dem es nicht der Mühe lohnt, nur fünf Minuten zu ſprechen. Er war der Auswurf unſerer Gemeinde, ein unverbeſſer⸗ licher Gauner, Tagedieb und Säufer—“ „Er hat kein Vermögen hinterlaſſen?“ „Gott ſoll mich bewahren— Vermögen? Nicht einen halben Kreuzer. Wir haben ihn auf unſere Ko⸗ ſten beerdigt.“. „Wer wird für ſeine Nichte, die kleine Rachel Schawai, Sorge tragen?“. Der Vorſteher der Judengemeinde hob verwun⸗ derungsvoll den Kopf in die Höhe. So viele perſön⸗ liche Kenntniſſe über dieſe Gemeinde, die beinahe über die ſeinigen gingen, hatte er dem jungen Fremden nicht zugetraut. Als er aber dem feſt auf ihn gerich⸗ teten Blicke deſſelben begegnete, der eine beſtimmte Antwort auf ſeine Frage erwartete, zuckte er die Ach⸗ ſeln und ſagte;„Sorgen? Für das Kind? Ach, das — 105 weiß ich nicht— irgend ein altes Paar wird ſich wohl ſeiner annehmen, da es keine weiteren Verwandten hat.“ „Alſo es hat wirklich keine Verwandte?“ „Gar keine. Die Eltern des Kindes ſind lange todt und waren arme, obgleich ehrliche Leute. Das hat man leider vergeſſen und da man jetzt nur weiß, daß Rachel die Nichte des böſen Schawai iſt, ſo wird ſie nicht viele Leute finden, die ſich ihrer annehmen, denn man fürchtet die Erblichkeit des Böſen.“ „Aber es muß doch für das Kind geſorgt werden?“ „Ach, wir haben für ſo viele Kinder zu ſorgen, mein Herr! An Kindern fehlt es den Juden in Prag eben ſo wenig, wie anderswo.“ „Mag ſein; allein es muß das ſehr bald geſchehen, denn wie mir das Kind ſoeben ſelbſt geſagt, hat es heute noch Nichts zu eſſen gehabt. Sie werden es doch nicht wollen verhungern laſſen?“ „O, dieſe kleinen Raben wiſſen ſchon Atzung zu finden und eine Brodrinde reicht bei ihnen Tage lang aus, ihren nicht verwöhnten Magen zu ſpeiſen.“ „Das könnte mich nicht befriedigen, wenn ich mich an Ihrer Stelle und in Ihrem Amte befände. Wiſſen Sie was? Laſſen Sie mich einige Minuten hier allein und führen Sie einſtweilen jene Fremden, die ſo eben in den Hof traten, in die Synagoge. Bis Sie fertig 106 ſind, werde ich ein Mittel ausfindig gemacht haben, wie dieſem Kinde zu helfen iſt.“ Der Vorſteher verbeugte und entfernte ſich. Jo⸗ ſeph Sohn blieb unter den Gräbern allein. Er ſetzte ſich auf eines derſelben nieder und dachte über das trau⸗ rige Geſchick ſo vieler Menſchen nach.„Wie viele reiche Menſchen,“ ſagte er zu ſich,„giebt es in dieſer gro⸗ ßen Stadt, wie viele wohlhabende Juden ſogar in die⸗ ſer Gemeinde— und Keiner, Keiner iſt da, der hier hülfe und mit wenigem Gelde dieſem Kinde vielleicht das Leben rettete. Ha! Was zerbreche ich mir den Kopf darüber, es iſt nun einmal ſo auf der Welt! Man muß nicht lange fragen, hoffen, warten, nan muß handeln, wenn man etwas Gutes thun will, damit allein erreicht man ein Ziel— ja, es ſchwimmt mir ſchon vor den Augen, was man hier thun müßte — aber— was wird man zu Hauſe ſagen?— O, Nichts, wenigſtens Nichts, was mich ſchmerzen könnte — und hier muß ich doch Etwas thun!— Gut, wir wollen ſehen, was ſich thun läßt— da kommt der kleine Mann wieder, der ein Vorſteher ſeiner Gemeinde ſein will— ich bin neugierig, was er jetzt für eine Miene annehmen wird.“ 8 Der Vorſteher, der die Fremden dem freigeworde⸗ nen Cuſtos überwieſen, kehrte zu dem jungen Manne —— 4. 107 zurück⸗ den er unter den Gräbern gelaſſen hatte, für die er zärtlicher beſorgt ſchien, als für Diejenigen, die noch nicht darunter lagen. „Nun,“ ſagte er,„haben Sie es ſich überlegt?“ „Gewiß. Ich will es kurz machen. Ich intereſſire mich für die kleine Rachel Schawai—“ „Das ſehe ich, gnädigſter Herr!“ „Können Sie mir Bürgſchaft leiſten, daß ihre Zu⸗ kunft beſſer geſtaltet ſein wird als ihre Gegenwart?“ „Beſſer? O ja, aber in welcher Art?“ „Ich meine, daß man für ihre Erziehung ſorgen wird und namentlich dafür, daß ihre Moralität kei⸗ nen Schaden leidet—“ Der Vorſteher fühlte ſich immer betroffener von den unerhörten Fragen dieſes Fremden und ſchlug ſinnend die Augen nieder.„Bürgſchaft leiſten?“ ſagte er endlich mit einem beklommenen Athemzug.„Nein! — Verſprechen will ich, daß ich an ſie denken, für ſie ſorgen will, ja— aber Bürgſchaft leiſten— beden⸗ ken Sie, für wie viele Kinder ich zu ſorgen habe! Noch dazu geht mich die Rachel gar nichts an—“ „Mich noch viel weniger—“ „Freilich, aber doch deshalb mehr, weil Sie ſich für ſie intereſſiren, während ſich hier Niemand für ſie intereſſirt.“ 9 1+ — — 108 „Schlimm genug! Wenn ich Ihnen nun eine Summe Geldes zum Beſten dieſes armen Kindes ein⸗ händigte, würden Sie dieſe für daſſelbe verwenden?“ „Mit dem größten Vergnügen, und für die gute Verwendung dieſer Summe will ich ſichere Bürgſchaft leiſten.“ Joſeph Sohn nickte beifällig. Schon war er be⸗ reit, ſeine Brieftaſche zu öffnen, als ihm die Ueberle⸗ gung kam, daß eine Summe Geldes, zumal er jetzt nicht Herr einer bedeutenden war, um etwas Erkleck⸗ liches damit zu leiſten, bald verausgabt und dann das arme Kind ſo ſchlimm daran ſein würde wie jetzt. Aber was thun?„Was wird die Zukunft dieſes Kin⸗ des ſein?“ fragte er plötzlich laut, obgl dich er nur zu ſich ſelbſt reden wollte. Der Vorſteher zuckte die Achſeln. ,34 weiß es nicht,“ ſagte er. „Hören Sie,“ fuhr der junge Mann entſchloſſen fort—„Das Kind, dieſes Judenkind, hat mich mit Augen angeblickt, wie es ein Reh oder w⸗ zu thun pflegt, wenn eine unbarmherzige Melte ihn zer⸗ fleiſcht und die hinterliſtige Kugel des Jägers ſchon ſein Blut vergoſſen hat— ich kann ſolche Blicke nicht ertragen, ohne ſie entſprechend zu erwidern, denn ſie dringen mir in's Herz, ſaugen ſich da feſt und ſtehen mir Tag und Nacht flehend vor der Seele. Wie wäre es, wenn ich Ihnen einen anderen Vorſchlag machte — würden Sie mir das Kind anvertrauen?“ „Ihnen?“ fragte der erröthende Jude lächelnd, aber ſogleich zuſtimmend, fügte er bei:„Warum nicht?“ „So ohne Weiteres?“ „Wie ohne Weiteres?“ „Ohne mich zu kennen?“ „Ohne Sie zu kennen! Ihr Ausſehn ſchon ſpricht 5 ₰ u Ihren Gunſten und Ihre Theilnahme bürgt mir ür die Probehaltigkeit Ihres Herzens.“ „Wenn ich nun das Kind ganz für mich behielte und es zu meinen Verwandten brächte?“ 5 f „Wohl ihm! Auch mir würde das ganz recht ſein.“ „Würde aber kein Menſch, jetzt oder ſpäter, An⸗ ſpruch darauf erheben?“ „Wer ſollte das thun? In der Judenſtadt zu Prag — alſo in der ganzen Welt— Niemand!“ „Gut. Können Sie mir eine rechtskräftige Be⸗ ſcheinigung ausſtellen, daß ich mit Ihrer Genehmi⸗ gung das Kind mit mir genommen habe?“ „Gewiß kann und werde ich das.“ „Und auch ſeine Papiere einhändigen?“ „Papiere? Ich weiß von keinen.“ „Aber man muß doch wiſſen, wo das Kind gebo⸗ ren iſt, wie es heißt, wie alt es iſt?“ „Natürlich, das kann ich Ihnen ſchriftlich geben, wenn Sie es verlangen.“ „Noch einmal— es iſt wichtig für mich und mein Gewiſſen— Niemand wird jemals Anſpruch darauf erheben?“ „Kein Menſch auf der Welt— verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Abgemacht; ſo thun Sie, wie Sie ſagen und ge⸗ ben Sie mir dieſe Papiere.— Halt, nuch Eins! Haben Sie vielleicht eine Frau?“ Der Vorſteher wurde wieder etwas irre.„Ja“ ſagte er ziemlich matt. „Wollen Sie mir dann einen Gefallen thun?“ „Sehr gern, wenn es in den Gränzen der Mög⸗ lichkeit liegt.“ „Es liegt darin. Laſſen Sie Ihre Frau das Kind irgend wohin bringen, daß man es reinige, es ſieht mir ſehr— ſehr unreinlich aus.“ „Das glaube ich gern.“ „Sodann nehmen Sie hier dieſe Banknote und laſſen Sie von Ihrer Frau dafür anſtändige Kleider, Wäſche und Schuhwerk beſorgen. Packen Sie dieſe kleine Ausſtattung in einen Koffer und bringen Sie * “ 8 A mir das Kind mit demſelben zu. Wollen und können Sie das?“ „Das will und kann ich,“ ſagte der warm wer⸗ dende Jude, der nicht begreifen konnte, wie dieſer ſel⸗ tene Samariter unter die Chriſten kam. „Und wann kann ich das Kind alſo umgeſtaltet von Ihnen in Empfang nehmen?“ „Späteſtens morgen, denke ich. Aber wo wohnen Sie?, „Im blauen Stern, hier liſt meine Karte— jetzt aber wollen wir das Mädchen holen, folgen Sie mir gefälligſt.“ 3 Die beiden Männer verließen den Friedhof und ſchlugen den kurzen Weg nach dem Hauſe des verſtor⸗ benen Schawai ein. Mit bedenklichem Geſicht ſah der Vorſteher den jungen Chriſten die Hühnerſteige erklim⸗ men, dieſer aber ermuthigte ihn, dreiſt zu folgen, in⸗ dem er ihm den Troſt zuſprach, daß er, da er leichter ſei als er, nichts von dem Einbruche des Holzes zu befürchten habe. 8 Schon als ſie die erſte Hälfte der Treppe erſtiegen hatten, hörten ſie Lärmen oben auf dem Flure, und daſelbſt angelangt, fanden ſie fünf bis ſechs Buben mit Peitſchen und Stöcken bewaffnet, die im Begriff waren, die Thür nach Innen zu drängen, die Rachel 111 „* 112 mit krampfhafter Gewalt ihnen entgegendrückte. Als der Vorſteher dieſe jugendliche Brutalität ſah, kam ein heiliger Zorn über ihn; er riß einem Jungen die Peitſche aus der Hand und hieb wüthend auf ſeine davonſtie⸗ benden Gefährten, die kopfüber die Treppe hinabpol⸗ terten.— Darauf traten ſie bei Rachel Schawai ein, die in ihrer gewöhnlichen demüthigen Stellung vor ih⸗ nen ſtand und ihre funkelnden Augen bald von dem einen der Männer zum andern laufen ließ, da ſie ſich nicht erklären konnte, was der Beſuch des ihr bekann⸗ ten Vorſtehers zu bedeuten habe. „Guten Morgen, Rachel,“ begann Letzterer die Rede. „Sieh Dir dieſen Herren an— er iſt astonnin, Dir Gutes zu thun.“ „Er hat mir ſchon Gutes gethan, denn er hat mich von meinen Würgern befreit und mir liebevolle Worte geſagt.“ 1 „Um ſo beſſer, daß Du das erkennſt. Höre jetzt, was ich Dir ſage. Du weißt, wie ſchlecht es Dir hier in Prag ergangen iſt. Willſt Du nun mit dieſem Herrn in deſſen Heimat ziehn, die weit von hier ent⸗ fernt liegt, und etwas Ordentliches lernen, um ein braves Kind zu werden?“ Das arme Mädchen warf einen unbeſchreiblich ernſten und dankbaren Blick auf den ſchönen, jungen 113 Mann, deſſen Wangen der Vorgang des Augenblicks warm geröthet hatte und deſſen Auge von einem tie⸗ fen Gefühle der Befriedigung leuchtete. Es lag in dem Blick dieſes Kindes eine Intelligenz, ein Empfinden des ihr widerfahrenden Glücks, das eine dankbare und zugleich gefühlvolle Seele verrieth. Gleich darauf aber fing ſie heftig an zu ſchluchzen, hob die gefalteten Hände in die Höhe und ſagte mit inniger Betonung:„Ich will gern, recht gern mit ihm gehen, denn er iſt gut.“ Der Vorſteher der Juden warf einen Blick auf den Chriſten, als wollte er ſagen:„Sie hören, was ſie ſagt, die Sache iſt abgemacht!“ Wenige Augen⸗ blicke nachher hatten alle Drei das baufällige Haus verlaſſen, der Vorſteher mit dem Kinde, um es ſeinem Verſprechen gemäß reinigen und kleiden zu laſſen, und Joſeph Sohn, um in die Stille ſeines Zimmers zu⸗ rückzukehren und weiter über den ernſten Schritt nach⸗ zudenken, den er heute Morgen noch nicht hatte vor⸗ ausſehen können und der ſo unerwartet in ſein ein⸗ faches Leben griff, wie ſeiner Meinung nach noch nie etwas Andres es gethan hatte. Am nächſten Morgen um zehn Uhr war Joſeph Sohn damit beſchäftigt, vom Balkon ſeines ſchönen Emery Glandon. I. 8 Zimmers im Gaſthof zum blauen Stern aus dem Ge⸗ wirr des Prager Lebens auf dem Marktplatze zuzuſehen, und namentlich gewährte es ihm Vergnügen, die brau⸗ nen Geſichter und den ſlaxiſchen Typus der vorüber⸗ marſchirenden Soldaten zu ſtudiren, die mit ihrem leichten Tritt, und trotz ihrer einfachen Sommerkleidung, ein ächt kriegeriſches Anſehn zii und in ihrer ganzen Erſcheinung weit von den ſteifen und ſchwerfälligen 3„„. erL Bewegungen abwi en, die er⸗ Wehe an den Kriegern in ſeiner nördlichen Heimat wahrgenommen hatte. Als er auf dieſe Weiſe beſchäftigt war, klopfte&s an die Thür und es trat der Vorſteher mit dem Juden⸗ kinde an der Hand herein, denen ein Knabe mit einem gefüllten kleinen Koffer auf dem Fuße folgte, jedoch ſich ſogleich entfernte, als ihm der Vorſteher ſeine Bürde aus der Hand genommen hatte. Joſeph Sohn ging ſeinen Gäſten freudig entgegen und reichte Beiden die Hand. Auf ſeine Einladung ſetzten ſie ſich, nachdem Rachel Schawai ihren leichten Strohhut abgelegt und mit komiſchem Ernſte das Män⸗ telchen von ſchwarzer Seide zuſammengefaltet hatte, das ſie jetzt ſo natürlich und kunſtgerecht um die Schultern trug, als wäre ſie nie in einer andern Klei⸗ dung einhergeſchritten. Joſeph Sohn betrachtete lä⸗ chelnd und mit einem unbeſchreiblichen Gefühle von⸗ / 1 115 innerem Glück die große Umwandlung, die mit dem verlaſſenen Judenkinde vorgegangen war. Der Vor⸗ ſteher hatte Wort gehalten und ſeine Frau das Mög⸗ lichſte zur zweckmäßigen Ausſtattung der Kleinen ge⸗ than. Rachel ſtellte ſich in einer Sauberkeit dar, von der ſie am vorigen Tage keine Ahnung gehabt hatte. Rabenſchwarz fiel ihr natürlich gekräuſeltes reiches Haar über ihre ſchmalen Schultern und berührte das braune Wollkleidchen, das eng und feſt ihren wohlgeſtalteten Leib umſpannte. Auf den Händen trug ſie ſogar Handſchuhe, die ſie erſt auf ihres neuen Pflegers Ge⸗ heiß auszog, was ſie gern that, um den kleinen Spitz zu ſtreicheln, der ſie von allen Seiten beroch, aber all⸗ mälig ſich ihr vertraulich zu nähern ſchien, da ſie ihn freundlich anblickte, was die Thiere ſo wohl verſtehn und dankbar anerkennen. Erſt jetzt und in ihrem heu⸗ tigen Anzuge fiel Joſeph Sohn der kluge und nach⸗ denkliche Ausdruck ihres Geſichts auf. Es wa nicht ſchön, bei Weitem nicht, aber es war höchſt intereſſant. Das Auffallendſte und jedenfalls das Schönſte daran war die in ihrem Knochenbau rein gewölbte Stirn, die ächt orientaliſch geſchweiften und etwas ſtarken Augenbrauen und darunter die großen runden, düſter⸗ glimmenden Kohlenaugen, die einen Verſtand wieder⸗ ſpiegelten, der bii den Kindern der Juden ſo häͤufig 8 und frühzeitig entwickelt gefunden wird, und ſich bei ihr in wenigen, aber wohlklingenden und ſtets das Richtige ausdrückenden Worten erkennen ließ. Der Blick dieſer Augen aber ſagte deutlich, daß ſie ein Ver⸗ ſtändniß habe von Dem, was mit ihr vorgehe, und mehr verlangten die beiden Männer nicht, denn es war das Angenehmſte, was er ihnen ſagen konnte. Was den übrigen Theil ihres Geſichts betraf, ſo war es von gelblich bleicher Farbe, mager, und machte ziemlich den Eindruck eines halb verhungerten, abgehärmten und ſeiner niedrigen Stellung ſich ſelbſt bewußten Weſens. Ihre Lippen waren, ihrem Urſprunge gemäß, etwas ſtark entwickelt, aber ihre Zähne kerngeſund und von einer beinahe blitzenden Weiße. Joſeph Sohn hatte zum Empfange ſeiner Gäſte ein Frühſtück auf ſein Zimmer bringen laſſen und es machte ihm ein großes Vergnügen, Rachel ſich ſatt eſſen zu ſehen. Aber wenn er erwartet hatte, ſie werde mit der Gier eines ausgehungerten Kindes über die nie ggeeſehenen und genoſſenen Dinge herfallen, ſo irrte er ſich. Freilich ließ ſie ihre Blicke mehrmals über das ungewohnte reichliche Mahl laufen, doch aß ſie wenig, mmeeiſt nur Brod, indem ſie auf Befragen ſich für ge⸗ ſättigt erklärte. Um ſo beſſer ließ es ſich der Vor⸗ ſteher ſchmecken. Nachdem er eine Flaſche Melnicker mit ſeinem Wirthe getrunken, winkte ihn dieſer zum Balkon hinaus, während Rachel mit dem Hunde ſpielte oder ſich in dem glänzenden Zimmer mit ſteigendem Behagen umſah. „So iſt alſo das Kind mein,“ ſagte Joſeph Sohn flüſternd zu dem Vorſteher,„und das verdanke ich Ih⸗ nen. Hier aber habe ich Ihnen meine Adreſſe aufge⸗ ſchrieben, damit Sie mich finden können, wenn Je⸗ mand das Mädchen zu irgend einer Zeit zurückfordern oder nach ſeinem Befinden fragen ſollte.“ „O, beſorgen Sie das gar nicht,“ erwiderte lächelnd der Vorſteher.„Niemand wird es zurückfordern, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf.“ „Mein Gewiſſen verlangt dieſe Sorgfalt aber. Sie haben alſo volles Vertrauen zu mir, daß ich mich Ihrer Gabe würdig beweiſen werde?“ „Gewiß habe ich das, ſonſt würde ich Ihnen kein Kind meiner Gemeinde überlaſſen haben. Gott ſegne Sie— Sie ſcheinen ein braver Mann zu ſein.“ „Aber noch Eins. Wenn ich das Kind nun, falls es ſpäter ſelbſt dazu Neigung hätte, als Chriſtin auf⸗ erzöge, würden Sie auch damit einverſtanden ſein?“ Der Vorſteher beſann ſich. Endlich ſagte er:„Herr, es giebt nur einen Gott über Chriſten und Juden— Rachel's Gott wird alſo unter allen Umſtänden immer 118 derſelbe, das heißt der Ihrige und der meine ſein. Das genügt. Ich bin zwar ein Jude, aber keineKote Laſſen Sie das Mädchen werden, was die Verhält⸗ niſſe verlangen, in die Sie ſie bringen werden, das wird in jedem Falle das Beſte ſein.— Hier habe ich noch drei Gulden und zwanzig Kreuzer, die von Ihrer Banknote übrig geblieben ſind— und das iſt die Rechnung für die beſchafften Kleider, die Ihnen meine Frau ſendet.“—. „Die Rechnung will ich zur Erinnerung mit mir nehmen— aber wo ſind die Papiere des Kindes?“ „Hier; es iſt jedoch nur Wenig, was ich Ihnen über ſie mittheilen kann. Sie iſt zehn Jahre und neun Monate alt und die Tochter des verſtorbenen David Schawai—“— „Wie, ſo alt ſchon? Das hätte ich nicht gedacht — bitte, das Geld behalten Sie für die Armen Ihrer Gemeinde.“ Der Vorſteher verbeugte ſich und wollte einige Worte des Dankes ſprechen. Joſeph Sohn aber unter⸗ brach ihn und führte ihn in das Zimmer zurück. Einige Minuten ſpäter hatte er Abſchied genommen und ſich entfernt. Joſeph Sohn aber war mit ſeiner neuen Ge⸗ fährtin, der kleinen Rachel Schawai, allein geblieben. Fünſtes Vapitel. Das Haus des Profeſſors. Den noch übrigen zur Beſichtigung von Prag beſtimmten Theil des Tages benutzte Joſeph Sohn, um Rachel wenigſtens ein kleines Stück ihrer Vater⸗ . ſtadt zu zeigen, damit ſie doch eine andere Erinnerung von derſelben mit ſich nähme, als ihr die Judenſtadt bot, deren Gränzen ſie niemals überſchritten hatte. Zu dieſem Zweck beſtieg er mit ihr einen offenen Wa⸗ gen und ließ ſich durch das Gewühl der Stadt, über die ſchöne Moldaubrücke den Hradczin hinauffahren, von deſſen Höhe herab man den ſtaunenerregendſten Anblick über das unabſehbare Häuſermeer von Prag Moldau und ihre prachtvollen Brücken, und endlich über die weiter hinaus liegende ſchimmernde Ferne mit ſeinen Kirchen und Paläſten, über die ſpiegelnde mit ihren Höhenzügen, ihren Dörfern, Burgen und Klöſtern, ihren Wolken und ihrem Himmelsblau hat 120 Als er oben auf dem Balkon des Fränleinſtifts ſtand und der ſtaunenden, im eigentlichen Sinne des Worts niedergedrückten Rachel alle dieſe Herrlichkeiten zeigte, die ſie kaum mit ihren darauf nicht vorbereite⸗ ten Sinnen faſſen konnte, ward er durch den rühren⸗ den Ausdruck ihres bleicher als gewöhnlich erſcheinen⸗ den Geſichts tief ergriffen. Mit einer Art Starrheit, die an Verſteinerung ſtreifte, die glühenden Augen in die von allen Farben ſchimmernde Tiefe ſenkend, welche die breite blaue Moldau in zwei große Hälften theilte, deren mannigfaches Leben in leiſe brauſenden Tonwellen bis zu den einſamen Beſchauern herauf⸗ tönte, ſtand die kleine Geſtalt neben dem großen, ſich ämſig um ihre Belehrung bemühenden jungen Mann, die Hände wie gewöhnlich vor der Bruſt gefaltet und den ausdrucksvollen Kopf mit dein üppigen Locken⸗ haar demüthig zur Seite geneigt. „Dergleichen alſo haſt Du nie geſehen,“ fragte Joſeph Sohn wiederholt,„und Dir auch nie ſo ſchön gedacht?“ „Nie, nie, mein lieber Herr— ach, es iſt zum Weinen ſchön!“ Und ſie weinte wirklich über Alles, was ſie ſah und noch nicht mit Worten benennen konnte, indem 7 bald darauf lächelnd verſprach, ihren Begleiter nicht —— mehr Herr, ſondern Joſeph anzureden, wie er es ſchon wiederholt verlangt hatte, damit Diejenigen, die ihre Unterhaltung hörten, um ſo eher an ein verwandt⸗ ſchaftliches Verhältniß zwiſchen Beiden denken könnten. Aber ſo ſchön es hier oben auf dem Hradezin war und ſo tief die kleine Jüdin von dem wunder⸗ vollen Anblicke der prächtigen Gegend ergriffen ward, ſie ſollte an dieſem Tage Etwas erleben, was noch viel ſchöner für ſie war und eine ſo gewaltige Wirkung auf ſie äußerte, daß ſie im wahren Sinne des Worts davon betäubt wurde. Joſeph Sohn verließ mit Rachel den Hradezin, und da er bis zur Abfahrt mit dem Stellwagen nach Auſſig noch einige Stunden übrig hatte, ſo wollte er noch einmal die St. Nikolaikirche, ſeine Lieblingsſtätte in Prag, beſuchen. Der Leſer wird ſich wundern, zu hören, daß un⸗ ſer Freund nach Auſſig, alſo in ſeine Heimat zurück wollte, da er doch nach Wien, Trieſt und Venedig zu gehen die Abſicht gehabt hatte. Allein die unvorher⸗ geſehene Erwerbung Rachel's, deren Bekleidung, Bekö⸗— ſtigung und Reiſe eine unverhoffte Ebbe in ſeinem Säckel herbeigeführt oder wenigſtens herbeiführen mußte, hatte ihn beſtimmt, für diesmal auf jenen ausg ehn⸗ 122 teren Ausflug zu verzichten, um ihn vielleicht im näch⸗ ſten Jahre nachzuholen. Zu dieſem Behufe und um ſeine Pflegeeltern auf ſeine unvermuthet frühe Rück⸗ kehr vorzubereiten, hatte er kurz vor ſeiner letzten Aus⸗ fahrt in Prag einen Brief in ſeine Heimat geſandt, der das liebevolle Verhältniß, welches zwiſchen ihm und den Pflegern beſtand, vollkommen ausdrückte, denn es fand ſich folgende, dem Leſer vielleicht nicht unin⸗ tereſſante Stelle darin: „ und nun, meine Vielgeliebten, theile ich Euch mit, „daß ich viel früher zu Euch zurückkehre, als wir Alle „beim Abſchiede gedacht haben. Die Urſache dieſer „Abkürzung meiner Reiſe wird Euch klar werden, ſo⸗ „bald ich wieder zu Hauſe eintreffe, denn ich möchte ſie „bis dahin verſchweigen, um Euch die Ueberraſchung „nicht entgehen zu laſſen, die Ihr in ſolchen Dingen „ſo ſehr von mir liebt. Nur ſo viel ſei Euch geſagt, „daß ich ein ſeltenes Exemplar für meine kleine Me⸗ „nagerie mit nach Hauſe bringe, welches hier in Prag „mich finden zu laſſen der gütigen Vorſehung gefal⸗ len hat. Freilich wird Euch dieſes letzte mir noch „fehlende Stück in meiner Sammlung mehr Sorge „bereiten, als alle früher erworbenen, allein ich weiß „ja, wie gütig und aufopfernd Ihr für mich von je⸗ „her geweſen ſeid. Ich verſpreche Euch auch, daß es 123 „das Letzte, das Allerletzte ſein ſoll, was ich Euch in's „Haus bringe; von nun an wird mein Habe und Be⸗ „ſitz für geſchloſſen erklärt und wir wollen nun Alle „in Gemeinſchaft genießen, was wir erworben haben. „Gott erhalte Euch geſund und froh, damit wir uns „bei'm Wiederſehn ohne irgend einen Kummer freuen „können, was hoffentlich in fünf bis ſechs Tagen ge⸗ „ſchehen wird, da ich mich nur einen Tag in Dresden „aufzuhalten gedenke.— Doch wir wollten den Schreiber dieſer Zeilen mit ſeiner Pflegebefohlenen nach der St. Nikolaikirche be⸗ gleiten. Es wurde zufällig eine große Meſſe in der⸗ ſelben geleſen, denn man feierte gerade einen der vie⸗ len katholiſchen Feſttage. Die Verſammlung darin war ſehr zahlreich und der ganze innere Raum, na⸗ mentlich Hochaltar und Chor, ſehr glänzend erleuchtet. Die goldenen und ſilbernen Geräthſchaften, an denen die Kirche ſo reich iſt, funkelten bei dem Scheine der zahlloſen Wachskerzen, und die herrlichen Decken⸗ und 8 Seitengemälde hoben ſich bei dieſer hellen Beleuchtung klar ab von den Wänden, als träten die Geſtalten au ihnen lebendig daraus hervor. Joſeph Sohn hielt Ra⸗ chel an der Hand gefaßt und fand endlich ein Plätzchen im Hintergrunde der Kirche, mitten unter den Andächti⸗ gen— der Hochaltar und das ganze kirchliche Schau⸗ * 124 gepränge lag alſo gerade vor ſeinen Augen. Rachel war von allen dieſen, ihr neuen Erſcheinungen einge⸗ ſchüchtert wie eine Taube, die ſich in einem fremden Revier unter nie geſehenem Geflügel findet; ſie blickte mit ihren großen funkelnden Augen bald auf dieſes, bald auf jenes Schauſpiel, bis ſie endlich mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck der Verwunderung immer wieder zu dem Geſichte Joſeph's zurückkehrte, als wollte ſie ihn fragen, was der Glanz und die Pracht bedeu⸗ teten, die ſich ſo plötzlich vor ihr entrollt hatten. Aber ſtill und demüthig, wie immer, denn viel zu ſprechen lag überhaupt nicht in ihrer Art und Weiſe, blieb ſie neben ihm ſitzen, nur hielt ſie ſeine Hand in der ihri⸗ gen feſt, als fürchte ſie, in dem Menſchengewühle den einzigen Halt zu verlieren, den ſie ſo eben erſt gewon⸗ nen hatte.„ Da war die Ceremonie zu Ende und die koſtbare Orgel brauſtte ihre Schallwellen von der Höhe herun⸗ ter über den ganzen menſchengefüllten Raum. Auf dieſen Augenblick hatte der muſikverſtändige Sohn lange gehofft, aber am wenigſten erwartet, daß er auf Rachel eine ſo ungeheure Wirkung hervorbringen könnte. Dieſe hatte in ihrem ganzen Leben keine an⸗ dere Muſik gehört, als die etwa von jüdiſchen reiſen⸗ den Muſikanten in ihrer engen ſchmutzigen Heimat 125 herrührte. Als aber nun in dieſer feierlichen Umge⸗ bung, in der weihrauchdurchdufteten Stille und bei dem ungewohnten Glanze der ſie blendenden katholi⸗ ſchen Pracht jene wunderbar ergreifende Orgelmuſik durch den Raum ſchallte und der vortreffliche Spieler wieder eins ſeiner klaſſiſchen Vorſpiele hören ließ, da bebte das faſt überreizte Kind jäh zuſammen und er⸗ lag beinahe der Laſt der über ſie hereinſtürzenden Won⸗ negefühle. Von Minute zu Minute beklommener ath⸗ mend, mit fliegenden Pulſen und laut hämmern⸗ dem Herzen erhob ſie ihren Kopf, ſchaute in die Höhe nach dem Orte ſich um, woher der zauberiſche Klang kam, und brach plötzlich in ein krampfhaftes Schluchzen raus. Vergebens verſuchte ſie ihr Freund mit leiſe ge⸗ flüſterten Worten zu beruhigen, allein es gelang ihm nur, ihr lautes Schluchzen zu unterdrücken, während ſie, mit dem Kopfe an ſeiner Schulter ruhend, leiſe zu weinen und zu wimmern fortfuhr. Als endlich die Meſſe vorüber und das Orgelſpiel zu Ende war, erhob ſich Joſeph und mit ihm Rachel. Auf den Marktplatz vor der Kirche gelangt, blieb Er⸗ ſterer eine Weile ſtehen und ſchaute liebevoll das im⸗ mer noch weinende Kind an.„Warum weinſt Du ſo ſehr,“ fragte er wohlmeinend,„hat Dich irgend Et⸗ was verletzt, Rachel? 126 „Ich weiß es nicht, warum ich weine, Herr,“ er⸗ widerte ſie mit fliegendem Athem,„aber ich mußte wei⸗ nen. Ich habe einmal von Engeln gehört, die im Himmel wohnen, und als ich dieſe Muſik hörte, dachte ich, dieſe Engel im Himmel fingen alle mit einem Male zu ſingen an. Da that es mir plötlich hier am Herzen ſo weh und ich mußte weinen und ſchluch⸗ zen, Herr.— Nimm es mir nicht übel, Joſeph, aber ich konnte nicht anders.“ „Wie ſoll't ich Dir das übel nehmen, Kind? Ich ſelbſt fühle eine Wolluſt bei dieſer Muſik mein Herz durchziehn, und ſolche oder ähnliche Muſik anzuhören oder ſelbſt zu machen, bildet einen Theil meiner Ta⸗ gesgeſchäfte zu Hauſe.“ „Wie, Du machſt auch ſolche Muſik in Deiner Hei⸗ mat? Alſo auch außerhalb Prag's kann man das hören?“ „Ueberall, Kind, wo die Menſchen zu Gott beten, alſo auch in meinem Vaterlande, wohin wir jetzt gehen.“ „O, dann gehe ich noch einmal ſo gern mit Dir, denn ich will Dir nur ſagen, daß ich gern wieder in mein ſchmutziges Haus in der Judenſtadt zurückkehren wollte, wenn ich von Zeit zu Zeit ſolche Muſik hören könnte.“ „Du ſollſt ſie recht oft hören, das verſpreche ich 127 Dir, und Du brauchſt deshalb nicht hier zu bleiben. Jetzt aber laß uns raſch weiter gehen, ich habe noch Einiges im blauen Stern zu thun und dann wollen wir uns ſogleich in den Wagen ſetzen, um nach Hauſe zu fahren.“ „Iſt der Weg weit bis nach Hauſe?“ „Wir werden wohl ſechs Tage gebrauchen, bis wir bei meinen Eltern anlangen.“ „Aber Du bleibſt doch immer bei mir?“ „Immer, mein Kind. Laß alle Beſorgniß ſchwinden und denke immer, daß ich jeden Deiner Schritte be⸗ wache.“— 4 Es war ſchon ziemlich dunkel geworden, als ſie nach dem blauen Stern gingen und Joſeph Sohn dieſe Worte in ſeiner gewöhnlichen Milde ſprach, ſonſt hätte er ſehen können, wie zwei zärtlich liebende Kin⸗ deraugen ſich auf ihn hefteten, aber er hätte nicht die neue Welt von unbeſtimmten Empfindungen, die ohne Zweifel Empfindungen unnennbaren Glücks und un⸗ ſäglicher Wonne waren, entdecken können, die ſeit we⸗ nigen Stunden in dem unentwikelten aber gewiß fruchtbaren Buſen dieſes von den Menſchen verwahr⸗ 3 loſten, aber ſicher nicht von Gott verlaſſenen Kindes auf und nieder wogten. 128 Unmittelbar an dem reizenden, erſt in neuerer Zeit auf den abgetragenen Wällen entſtandenen Spazier⸗ gange, der die Alt⸗ und Vorſtadt Bremens verbindet, lag, in dem Jahre, welches wir vorn genannt haben, noch von ſeinen Nachbarhäuſern getrennt und von ei⸗ nem artigen Blumengarten umgeben, der auf die Pro⸗ menade führte, ein kleines aber zierlich gebautes Land⸗ häuschen, das ſich im Sommer faſt ganz hinter die grünen Bäume verſteckte, die ſchon vor vielen Jahren eine Zierde dieſer Stadtgegend geweſen waren. Lau⸗ ſchig, beſcheiden hinter ſeine größeren Nachbarn zurück⸗ tretend und doch durch einladende Nettigkeit ſie faſt alle beſchämend, verhieß es ſchon durch ſein äußeres Anſehn, der Wohnort einer gemüthlichen Familie zu ſein, und das war auch wirklich der Fall, denn in dieſem Häuschen wohnte der Pflegevater unſeres jun⸗ gen Freundes, der alte Profeſſor Sohn mit ſeiner be⸗ tagten Schweſter, ein Paar, ſo gemüthlich, ſo harm⸗ los, und deshalb ſo allgemein beliebt, wie kaum ein zweites in der großen Handelsſtadt Bremen. Von den rauſchenden Freuden, dem blendenden Verkehr und dem falſchen Schimmer der großen Welt längſt abge⸗ ſchnitten, ſo daß ſie ſie kaum von Hörenſagen kann⸗ ten, lebten ſie nur ſich ſelbſt und ihrem geliebten Pfle⸗ gekinde, das ſie wie ihr eigenes betrachteten und be⸗ 4 129 handelten. Außer ſeinen wenigen Berufsgeſchäften an der Sternwarte, denn den Unterricht am Gymnaſium der Stadt hatte der Profeſſor längſt aufgegeben, trieb er nur Muſik und nebenbei, kaum als Nebenſache zu betrachten, die Zucht und Unterhaltung der verſchiede⸗ nen Thiere, die ſich durch Joſeph's eigenthümliche Lieb⸗ haberei ſeit langen Jahren in ſeinem Hauſe und Hofe angeſammelt hatten. Begeben wir uns jetzt in das Innere dieſes Hau⸗ ſes, zu welchem man durch die Thür von der Wall⸗ ſeite her trat. Wir finden keine ſehr geräumigen Zim⸗ mer und keine glänzende und moderne Einrichtung darin vor, wohl aber eine überaus gemüthliche, be⸗ queme und dem gegenwärtigen Lebensbedarf der Be⸗ wohner vollkommen entſprechende. Das ganze obere Stockwerk, außer dem größten Zimmer darin, wel⸗ ches dem allgemeinen Bedürfniſſe zur Zeit als Muſik⸗ ſaal diente, hatten die Alten dem jüngern Mitgliede der Familie eingeräumt; hier lag ſein Arbeits⸗ und Schlaf⸗ und daneben ſein Vogelzimmer, in dem auf— von der Decke herabhängenden Tannen ganze Schaa⸗ ren von Waldvögeln aller Art niſteten und in faſt ungebundener Freiheit ihr Daſein genoſſen. Mehr Räumlichkeiten als dieſe vier gab es im oberen Stock⸗ werk nicht. Das Erdgeſchoß, nur zwei Stufen über 9— Emery Glandon I. dem Garten gelegen, bewohnte das alte Geſchwiſter⸗ paar ſelber, jedes von ihnen hatte ſein Wohn⸗ und Schlafgemach für ſich und zwiſchen beiden war noch ein leeres Cabinet übrig, welches ſie das Beſuchs⸗ zimmer nannten, wiewohl ohne eigentlichen Grund, denn ſo lange das Haus im Beſitz des alten Herrn war, hatte noch kein Beſuch aus der Fremde die patri⸗ archaliſch lebende Familie heimgeſucht. Das Ganze war das Eigenthum des alten Profeſſors, und ſein Werth machte ſo ziemlich ſein ganzes Vermögen aus, welches er eben auf dieſen Ausbau verwendet hatte, während er ſeine geringen Bedürfniſſe reichlich von ſeiner Penſion als ehemaliger Lehrer der Stadtſchule und ſeinem Gehalte als Beamter der Sternwarte be⸗ ſtritt. Es war der Abend eines Sonntags und die bei⸗ 4 den Alten ſaßen in des Profeſſors Wohnzimmer, wie es ſeit Jahren Sitte bei ihnen war, wenn ſie allein das Haus hüteten, während ſie ſich in den Muſikſaal des obern Stockwerkes begaben, ſobald der Sohn da⸗ heim war. Eine hell brennende Lampe, von einem Lichtſchirme beſchattet, ſtand auf einem mit einer grü⸗ nen Damaſtdecke geſchmückten Tiſche. Der Fußboden war mit einem warmen einfachen Teppiche bekleidet; an den Wänden ſtanden meiſt Bücherſchränke, ein gro⸗ 131 ßer Arbeitstiſch und verſchiedene den Wohnort eines Gelehrten andeutende Gegenſtände. Auf dem Sopha hinter dem Tiſche ſaß die jetzige Hausfrau, die gute Tante Lisbeth, im ſonntäglichen ſchwarzſeidenen Ueberrock und ſchneeweißer Tüllhaube, eine grüne Brille auf der leicht gebogenen Naſe, und das ſanfte blaue Augenpaar in dem bleichen etwas mageren Geſichte auf den wollenen Strickſtrumpf ge⸗ richtet, den ſie in Händen hielt und damit offenbar ein nothwendiges Bekleidungsſtück für den abweſenden Liebling vollendete. Ihr zur Seite, im ſchwarz⸗man⸗ cheſternen Schlafrock, einen großen Quartband vor. ſich auf dem Tiſche, mit ſeinen noch kräſtigen Augen ſelbſt die kleinſte Schrift überwindend, ſaß der alte Profeſſor, eine ebenfalls étwas magere und ſogar ver⸗ trocknete, aber immer noch bewegliche Geſtalt mit fei⸗ nen Gliedern, ſchneeweißem Kopfe und ungemein gut⸗ müthigen, etwas nachdenklichen Zügen. Neben Beiden auf einem kleinen Schenktiſche ſiedete, wie alle Abende, die große meſſingene Theemaſchine, und daneben ſtan⸗ den auf reichbemalten alten Porzellantellern verſchie⸗ dene Speiſen, die ſich zum leichten Abendbrod eigneten. Zur Seite der Tante auf dem grünen Plüſchſopha ſaß ein majeſtätiſcher großer ſchwarzer Kater, behag⸗ lich ſchnurrend, bald ſeine Herrin, bald deren Bruder 9* 132 mit einem Gluthblicke betrachtend und dann und wann die glänzenden Pfoten leckend; um den Tiſch endlich herum auf dem warmen Fußboden lagen ein halbes Dutzend Hunde von verſchiedenen Racen, Farben und Größen, von denen der größte ein ſchwarzer Neufund⸗ länder, der kleinſte ein gelbbrauner Affenpinſcher, ein großer, ſchneeweißgewaſchener, ſehr ſchöner Pudel aber das Prachtſtück der ganzen Menagerie war. Sämmt⸗ liche Hunde lagen auf dem Boden, ſchliefen und ſchnarchten leiſe, denn laut durfte keiner ſeine Stimme vernehmen laſſen, dafür ſorgte eine lederne Hunde⸗ peitſche, die, mehr als Schreckmittel denn zum Ge⸗ brauch beſtimmt, im Bereiche der Hand des Hausherrn auf einem Stuhle lag. 6 Der alte Herr war in ſein Studium ſo tief ver⸗ ſunken, daß er es nicht einmal bemerkte, als ſich ſeine Schweſter langſam von ihrem Sitze erhob, den Wachs⸗ ſtock anzündete, ihren Schlüſſelkorb nahm und ſich leiſe aus dem Zimmer entfernte, um, von Jack, dem Affenpinſcher gefolgt, der es für ſeine Pflicht zu hal⸗ ten ſchien, ſeine Gebieterin auf Schritt und Tritt durch das ganze Haus zu begleiten, ſich in das obere Stock⸗ werk zu begeben. Auf dem Corridor vor dem Wohnzimmer ange⸗ kommen, wo eine ungeheure altfränkiſche Wanduhr 133 mehr raſſelte als tickte, faßte ſie zuerſt vorſichtig nach dem Drücker der Hausthür, die ſie feſt verſchloſſen fand. Dann im Hintergrunde des Hausganges bei⸗ läufig einen Blick in die Küche werfend, wo die roth⸗ wangige Magd im Sonntagsſpencer ſaß und ſtrickte, ſchritt ſie gemächlich die Treppe hinauf, ſchloß die Treppenthür und eine meſſingbeſchlagene Flügelthür auf und trat in das Wohnzimmer des abweſenden Pflegeſohnes. Hier, obgleich es Abend und ſchon längſt dunkel war, empfing ſie wie zum Gruße ein melodiſches Girren, Schnalzen und Piepen, denn es hingen an den tiefen Fenſterwänden von oben bis unten herab Käfige, gefüllt mit verſchiedenen auserle⸗ ſenen Singvögeln; im unterſten großen Holzkäfig ſa⸗ ßen, ſchon träumend, aber bei ihrem Eintritt erwa⸗ chend, vier wunderſchöne Lachtauben, die ſogleich ihr fröhliches Gegurre hören ließen. Auf einer bewegli⸗ chen Stange, die an meſſingenen Ketten von der Zimmerdecke herabhing, hockte ein grüner Papagei⸗ der ſehr deutlich ſein:„Lore, guten Abend“, vorbrachte, und ihm gegenüber vor dem zweiten Fenſter ein rei⸗ zendes Kapuzineräffchen, das ſogleich aus dem Schlafe erwachte, als die alte Dame hereintrat, die ſtets alle Taſchen voll Knackmandeln, Roſinen und Bisquit hatte, was ſie auch jetzt durch die That bewies. 4 134 Nachdem Bergamo ſeile Mandel erhalten, leuch⸗ tete Tante Lisbeth rings umher und fand Alles in ſchönſter Ordnung, wie ſie es ſchon vorgeſtern, geſtern und heute zum ſechsten Male gefunden. Auf dem Tiſche vor dem Sopha und auf dem Arbeitspulte lagen die zumeiſt gebrauchten Bücher, wie es Joſeph ſo gern hatte, alle Stühle ſtanden auf dem gehöri⸗ gen Platze, die Vorhänge, die Rouleaux von blendend⸗ ſter Weiße waren in Ordnung, und ſelbſt das Bett im Nebenzimmer war aufgeſchlagen und Schlafrock und Pantoffeln hingen und ſtanden an Ort und Stelle. Von ihrer letzten Umſchau vorzüglich befriedigt, trat ſie an die Vogelkäfige, die meiſt von Meſſing und höchſt ſauber geputzt waren, und dann in die Vogelſtube, um ſich zu überzeugen, daß jedes Thier ſein Futter und Waſſer habe, damit Joſeph, wenn er etwa heute käme, nicht den Verdacht ſchöpfte, man habe einen ſeiner Lieblinge in ſeiner Abweſenheit hun⸗ gern oder durſten laſſen. Als auch das vollendet, warf ſie einen Blick in den nebenanliegenden Muſik⸗ ſaal. Hier ſtand an der Hauptwand ein ſchöner Wie⸗ ner Flügel, das koſtbarſte Stück des ganzen Haus⸗ halts, daneben des alten Profeſſors Lieglingsinſtru⸗ ment, ein Cello, wohlbewahrt in ſeinem Gehäuſe, und verſchiedene andere Kaſten, deren Form ſchon anzeigte, daß Violinen ihren Inhalt bildeten. Sonſt war in dem ziemlich großen und hohen Raume, der mit einer hellen Tapete bekleidet und deſſen drei Fenſter mit äußerſt dünnen Mouſſelinvorhängen geſchmückt waren, nichts zu ſehen als einige kleine Tiſche, ein Dutzend. Stühle und drei bis vier Notenpulte. Auch hier gab es nichts mehr zu ordnen, denn Alles befand ſich in beſter Verfaſſung, und ſo be⸗ gab ſich Tante Lisbeth wieder die Treppe hinab, um zu ihrem ſchweigſamen Bruder zurückzukehren. Aus der Küche trat ihr jetzt die Magd mit ihrer Lam⸗ pe entgegen und fragte, ob vielleicht irgend etwas zu thun ſei. „Nein, Grete, für den Augenblick nichts. Aber aufgepaßt, ſage ich Dir, denn er kommt heute, kommt gewiß— Kater Murr, wie er ihn nennt, o gleich ſein Name eigentlich Peter iſt, leckt ſich ohne Unterlaß die Pfoten, und das hat noch niemals etwas Andres als Beſuch bedeutet. Bei dem geringſten⸗Ge⸗ räuſch vor der Thür öffneſt Du, damit er nicht zu lange zu warten braucht, was ſehr unangeuehmn iſt, wenn man von der Reiſe kommt.“ Grete lächelte, denn ſie hatte dieſen Befehl jeden Abend zehnmal empfangen, ſowie gehört, daß Kater . 136 Murr, oder eigentlich Peter, ſich ohne Unterlaß die Pfoten lecke. Gleich darauf trat Tante Lisbeth bei ihrem Bru⸗ der ein, der immer noch las und gar nicht wußte, daß eer eine Zeitlang allein geweſen war. Vorſichtig über die auf dem Teppich liegenden Hunde ſchreitend, um keinem auf den Schwanz oder eine ausgeſtreckte Pfote zu treten, kam ſie glücklich an ihrem Sopha an, ſtrei⸗ chelte Kater Murr, eigentlich Peter, den glänzenden Rücken, der ſich ſogleich unter ihrer Hand bogenförmig geſtaltete, und ließ ſich dann geräuſchlos auf ihren weichen Sitz nieder, wobei ſie jedoch nicht verfehlte, einen erſtaunt fragenden Blick auf den leſenden Bru⸗ der zu werfen, der ſich durch Nichts ſtören ließ und in ſein aſtronomiſches Werk über die Maaßen vertieft war. Ihn dann eine Weile ſchweigend beobachtend, ſann ſie offenbar auf eine weibliche Liſt, um zu ihrem Zwecke zu kommen, den Profeſſor zum Sprechen zu bringen, da ſie aus Erfahrung wußte, daß eine ab⸗ ſichtliche Unterbrechung ſeiner Arbeit ihm unangenehm war. Plötzlich hatte ſie gefunden, was ſie ſuchte. Sie gab dem den Kopf erhebenden Pudel Hektor einen Wink, den derſelbe ſogleich verſtand und befolgte. Er erhob ſich langſam von ſeiner behaglichen Stelle, gähnte, reckte alle vier Pfoten nach den vier Himmels⸗ 137 gegenden— beiläufig ein Kunſtſtück, welches ihn die Natur gelehrt, der Profeſſor aber vervollkommnet hatte — und kam dann ſchweifwedelnd heran, ſeine bis auf einen ungeheuren Schnurrbart geſchorene Schnauze auf das Knie der Herrin legend und ſie freundlich fragend anblickend, wie nur ein kluger Pudel es verſteht. „Hektor!“ ſagte ſie dann halblaut— ein Ton, der, wie ſie wußte, den ſtudirenden Bruder, mehr ſtörte, als das gewöhnliche laute Sprechen—„Paß auf— er kommt! Ich glaube, die Poſt iſt ſchon in die Stadt 7 4 eingefahren.“ Augenblicklich erhob der Leſende ſein Haupt und ſchob das große Buch weit von ſich, ein Beweis, daß er zu ſtudiren aufhöre und zur Unterhaltung geneigt ſei. „Meinſt Du?“ fragte er, beinahe neugierig ausſe⸗ hend.„Woher weißt Du, daß er kommt?“ „Aha! Alſo endlich! Erlauben es wirklich die Sterne am Himmel, daß Du Dich einmal um Men⸗ ſchenkinder auf der Erde bekümmerſt? Ich glaubte ſchon, ich würde heute meinen Thee allein trinken müſ⸗ ſen, da Du kein Ende finden konnteſt.“ Der gelehrte Profeſſor ſtarrte ſeine Schweſter laut⸗ los an, obgleich ſie die vorigen Worte nur ſcheinbar ernſt, aber innerlich lächelnd über ihren leichten Sieg und ihre häusliche Obergewalt geſprochen hatte, ſchlug 138 dann das Buch zu und ſtellte es an ſeinen gehörigen Platz. „Du ſollſt den Thee nicht allein trinken, Lisbeth, ich bin ſchon gehorſam, wie immer— aber wie— Du haſt ihn ja noch nicht fertig gemacht— worauf warteſt Du?“ „Auf Daſſelbe oder vielmehr auf Denſelben, auf den Du warteſt. Joſeph kommt heute beſtimmt, oder es giebt keine Ahnungen mehr in der Welt.“ „Meinſt Du wirklich? O, das wäre herrlich! Ich habe eine wahre Sehnſucht nach dem Jungen und mir fehlt mein Duo des Abends— bei Gott! Und erſt recht ſehne ich mich nach ihm, ſeitdem vorgeſtern der Brief kam, der ihn drei Wochen früher ankün⸗ digte, als wir ihn erwartet hatten.“ „Ja, ſo iſt der Menſch, mir geht es eben ſo. Aber, Joſeph, höre mich an, haſt Du noch nicht wieder nachgedacht, was für ein ſeltenes Thier er wohl mit⸗ bringt?“ „Mein Kind, was ſoll da das Nachdenken? Hier hilft weder Logik, noch mathematiſche Berechnung, we⸗ der Zoologie noch Sprachenkunde, hier hilft allein— Geduld. Es giebt viele Tauſend Arten Thiere auf der Welt, ich könnte alſo viele Tauſend Mal etwas 139 Falſches erdenken, ehe ich das Rechte träfe, es wäre mithin eine ſehr vergebliche Mühe.“ „Ja, aber, ich weiß doch nicht— mir kommt es immer vor, je mehr ich über ſeinen Brief nachdenke, als ob es etwas recht Schönes und Seltenes ſein müßte. Denn überlege es Dir einmal ſelbſt, es iſt ja gerade der Grund, daß er drei Wochen früher zurückkommt, als er beabſichtigte, und auf Trieſt und Venedig hatte er ſich doch das ganze Jahr gefreut! Es muß alſo ein wichtiges Exemplar ſein, was er heimbringt. Wo werden wir es nur laſſen?“ Der Profeſſor dachte über den Anfang der Rede ſeiner Schweſter nach, über ihre letzte Frage war er jedoch unbeſorgt; denn wenn Joſeph das bewußte Thier unterwegs haben und halten konnte, ſo konnte er es auch im Hauſe haben und halten— das war ein logiſcher Schluß und Logik liebte und übte der Profeſſor in allen Dingen, ſelbſt den allertäglichſten. „Gieb noch einmal den Brief her,“ rief er plötzlich. „Zum Teufel, wo iſt er denn, ich habe ihn doch vor⸗ her erſt auf dieſen Tiſch gelegt?“ Die Schweſter griff heimlich in ihr Buſentuch, wo ſie die Briefe des Lieblings am liebſten bewahrte, weil ſie ihr da allein gehörten, reichte ihn hin und ſagte:„Da haſt Du ihn.“ 140 Der Profeſſor las den zehnmal geleſenen Brief noch einmal durch, immer langſamer und langſamer und rief dann:„Es iſt richtig, wie Du ſagſt: er ſchreibt, heute Abend reiſe ich von Prag ab, einen Tag halte ich mich in Dresden auf, ſpäteſtens in ſechs Tagen alſo bin ich bei Euch. Der ſechste Tag iſt heute. Wann kommt die Poſt?“ „Um neun Uhr— jetzt iſt es dreiviertel vorbei.“ „Ha! Alſo in einer Viertelſtunde!“ Und die Alten geriethen vor Erwartung und Sehn⸗ ſucht in ſolche Unruhe, daß ſie ihre Lieblinge aus ihrer Ruhe ſcheuchten, die, um nicht von dem hin und her laufenden Geſchwiſterpaar getreten zu werden, mitten aus dem Zimmer ſich in die Ecken flüchten mußten. Endlich, Punkt neun Uhr— man hörte die Stunde von einem Thurme aus der Stadt her deutlich ſchla⸗ gen, ehe ſie noch die Hausuhr verkündet, konnten ſie ihre Unruhe kaum beſchwichtigen. Der alte Profeſſor ſetzte ſein ſchwarzes Sammetkäppchen auf, öffnete ein Fenſter und lauſchte hinaus. „Ich möchte einmal ſelbſt zur Poſt laufen,“ ſagte er, ſich in's Zimmer zurückwendend,„da wüßte ich ja beſtimmt, wann ſie ankommt.“ „Nein, das hat er ſich verbeten. Er will nicht an 141 der Poſt erwartet ſein und die Sachen läßt er ſich vom Poſtboten tragen.“ „Wenn er nun aber einen großen Kaſten, etwa mit einem jungen Löwen hätte?“ „Großer Gott, wie Du mich erſchreckſt! Er wird uns doch kein Raubthier in's friedliche Haus bringen?“ „Haha! Am Ende doch!— Du fürchteſt Dich und ſagſt ſtets, Frauen hätten nie Furcht— iſt das Logik? Ja, Weiberlogik!“ „Schweig mir mit Deiner Logik! Wenn er wirk⸗ lich ein Raubthier brächte, dann wollten wir doch ein⸗ mal ſehen, wer von uns Beiden die wenigſte Furcht hätte.“ In dieſem Augenblick ſprang der Pudel in die Höhe, dem ſogleich die andren Hunde folgten, und alle erhoben ein entſetzliches Geheul. Sie hatten mit ih⸗ ren feinen Ohren in der Ferne Jemanden ſprechen hö⸗ ren und vielleicht ſchon ihren jungen Herrn erkannt. Auch hatten ſie ſich nicht geirrt. Zwei Minuten ſpä⸗ ter kamen drei Menſchen vor das Gitterthor des Gar⸗ tens, von denen einer zwei Koffer trug. Eine größere Geſtalt hielt eine kleinere an der Hand. „Hoho!“ rief eine fröhliche klangreiche Stimme— „Grüß Euch Gott! Da bin ich!“ Und in's Fenſter herein ſchaute der Liebling des ganzen Hauſes, auf 142 ſeinem freien Arm ein kleines Bologneſerſpitzchen tra⸗ gend, offenbar aus Vorſicht, damit ihm bei ſeinem Eintritt in's Haus von den größeren Hunden kein Schaden geſchehe. „Joſeph! Guten Abend, guten Abend!“ tönten zwei glückliche Stimmen ihm entgegen, aber gleich darauf rief die des Profeſſors:„Ah! er hat einen Hund, es iſt nur ein Hund, Lisbeth, den er mitbringt.“ „Meinetwegen auch ein Pferd, Alter; ich danke Gott, daß er da iſt und wir ihn wieder haben.“ Und hinaus ſprangen Beide auf den Flur, um den gelieb⸗ ten Reiſenden mit den zärtlichſten Armen zu umfangen. Aber wie erſtaunten ſie, nachdem ſie ihn und dann den reizenden Hund, wie Tanty Lisbeth ihn genannt, geliebkoſt, als ſie plötzlich hinter ihm her ein Kind aus dem Schatten des Abends hervor treten ſahen. Beide jedoch ſagten kein Wort, nur ihre Augen deuteten in die Richtung, wo Rachel ſich hinter ihrem Beſchützer verbarg, und dennoch verſtand ſie der Pflegeſohn auf der Stelle.„Meine Lieben,“ rief er,„ſchafft einmal erſt alle Hunde hinaus nach dem Hofe, damit die Stube leer wird— das Kind ängſtigt ſich, da es ſie alle heulen hört, ich ſehe es.“ Der Profeſſor eilte in die Stube zurück und in kurzer Zeit war das wihtig Werk vollbracht, 143 Hunde waren auf den umzäunten Hof geſpertt, wo ſie nun ungehindert ihren Freudengefuͤhlen freien Lauf laſſen konnten. Bald darauf waren die vier Perſonen, nachdem der Träger entlaſſen worden und die Magd die beiden Kof⸗ fer in Empfang genommen hatte, in das Zimmer des Profeſſors getreten und Rachel fing, von Joſeph dazu ermuntert, an, ſich ihres Hutes und ihrer äußeren Rei⸗ ſehüllen zu entledigen. Unterdeſſen ſuchten die beiden Alten verſtohlen ſich in's Geſicht zu blicken, und Tante Lisbeth gelang es ſogar, ihrem Bruder zuzuflüſtern: „Ich glaube, es iſt ein Judenkind, Joſeph!“ worauf er, unwillig, von ſeinem Sohne möglicher Weiſe beim heimlichen Flüſtern ertappt zu werden, ziemlich laut rief:„Meinetwegen eine Mohrin, Lisbeth, warte die Zeit ab, es wird ſich Alles löſen.“ Und in der That, es löſte ſich bald. Denn nach⸗ dem der Thee raſch getrunken und dabei das nöthige Backwerk verzehrt war, ſagte Joſeph der Jüngere freundlich zu dem Kinde:„Rachel, es iſt ſpät gewor⸗ den und Du wirſt von der langen Reiſe müde ſein. Meine Tante wird Dich zu Bett bringen; geh⸗ mein Kind, und ſchlafe wohl bis morgen.“ Rachel, gehorſam wie immer und ſchnell Alles thu⸗ end, was ihr Beſchützer befahl, verneigte ſich rings und 144 folgte dann der alten Tante, die um ſo mehr eilte, um bald zu erfähren, was es mit dieſem Kinde für eine Bewandtniß habe und wie es in ihr Haus komme. Sie führte es in das ſogenannte Beſuchszimmer, wo das ſchnell bezogene Bett bald im Stande war, den neuen kleinen Zögling in Empfang zu nehmen. Als Tante Lisbeth wieder im Wohnzimmer erſchien, fand ſie alle Hunde darin vor, die von ihrem jungen Herrn einzeln mit freundlichen Worten und Streicheln begrüßt wurden. Dann aber ſich auf das Sopha niederlaſſend, wo heute auch Joſeph Platz nehmen mußte, ſchlug ſie die Hände zuſammen und rief:„Nun, Joſeph, erzähle, erzähle, wie biſt Du zu dem kleinen Mädchen gekom⸗ men und was haſt Du mit ihr vor?“ Das war denn nun bald geſchehen und in zehn Minuten wußten die beiden menſchenfreundlichen Ge⸗ ſchwiſter Alles von dem Judenkinde aus Prag, was wir ſelber von ihm wiſſen. Und mehr war in der That nicht nöthig, um das ſeltſame Paar mit der in⸗ nigſten Theilnahme für das elternloſe Kind zu erfüllen, außerdem hatte es Joſeph, ihr Joſeph, ihnen gebracht, und das war genügend, alle Sorgfalt, die ſie demſel⸗ ben früher ſelbſt zugewendet, auch jetzt ſeinem neuen Zögling zuzuwenden. Wenn Rachel, die, nur wenige Schritte von den noch wachen Verſammelten entfernt, „ 145 ſchon ſchlief, im Stande geweſen wäre, die darauf fol⸗ gende Unterhaltung zu vernehmen und die Pläne an⸗ zuhören, die über ihre fernere Lebensſtellung ſogleich beſprochen, eingeleitet und nur auf den nächſten Tag hinausgeſchoben wurden, ſie hätte zufrieden ſein und lächeln können, daß ſie unter ſo vielen Millionen gü⸗ tiger Menſchen, welche die große Erde bewohnen, gerade dem durch ſeine äußeren Verhältniſſe mit ſeinen Pfle⸗ geeltern ſo günſtig geſtellten Joſeph Sohn in die Hände gefallen war. Erſt nach Mitternacht hatte Joſeph Alles berichtet, was ihm auf der Reiſe begegnet war, und noch eine halbe Stunde ſpäter erſt hatte man ſich über Alles geeinigt, was mit dem neuen Ankömmlinge geſchehen ſollte, denn daß mit dem dürftig erzogenen, in Allem vernachläſſigten Judenkinde Viel geſchehen mußte, um es die verſäumten Jahre nachholen und mit Bewußt⸗ ſein in den Kreis Derer eintreten zu laſſen, die ſeine fernere Erziehung übernommen, darin waren alle Drei einig, die über dieſe Erziehung zu wachen ſich heutite Abend das ſtillſchweigende Gelübde abgelegt hatten. Emery Glandon. I. 10 85* v““— Sechstes Mapitel. Rachel Schawai. In den nächſten fünf bis ſechs Tagen herrſchte im Hauſe des Profeſſors Sohn eine darin ſelten ge⸗ ſehene Rührigkeit und Thätigkeit, und namentlich ſuchte Tante Lisbeth den Beweis zu liefern, daß ſie ein bedeutendes Gewicht in die Waggſchaale des Haus⸗ weeſens ihres Bruders zu legen habe. Unter zwei oder drei Nähterinnen in ihrem Zimmer waltend, ordnete ſie mit ihrer vollen Herzensgüte und umſichtigen Sorg⸗ falt Alles an, was zur Herſtellung einer vollſtändigen Garderobe des neuen Pfleglings erforderlich war. Mit den Männern kam ſie in dieſen Tagen nur wenig, faſt allein nur bei'm Mittagseſſen und in den ſpäteren überthätigen Hausfrau ſich jedes Eingriffs in ihr Amt Abendſtunden in Berühruug, denn dieſe wußten wohl, daß ſie während der ſo wichtigen Beſchäftigung der 147— oder jeder Störung deſſelben zu enthalten hatten. Sie gingen daher, theils gemeinſchaftlich, theils jeder für ſich ihren Geſchäften nach, und wenn ſie einmal ihre gewöhnlichen Studien eine Stunde unterbrachen, ſo erholten ſie ſich auf einem angenehmen Spazier⸗ gange oder plauderten in ihrem Zimmer zuſammen, je nachdem das Wetter das Eine oder Andere wün⸗ ſchenswerther machte. Der Pflege der Muſik aber hatten ſie in dieſen Tagen noch nicht gedacht, denn dazu fanden ſie noch nicht die gehörige Ruhe; erſt mußte Tante Lisbeth frei von ihren augenblicklichen Sorgen ſein, bevor ſie alle Drei, oder jetzt Vier, zu jenem hohen Genuſſe vereint den Muſikſaal als Sam⸗ melplatz aufſuchten und ihre ſo lange verlaſſenen Ge⸗ fährten, den Flügel und das Cello, wieder begrüßten. Dieſe erſten wenigen Tage aber waren hinreichend geweſen, die älteren Bewohner des Hauſes zu beleh⸗ ren, daß die kleine Perſon, um deren willen alle dieſe Unruhe und Rührigkeit herrſchte, derſelben wohl wür⸗ dig ſei, denn Rachel hatte ſich ſchnell allen Mitglie⸗ dern ihrer jetzigen Familie auf ihre Weiſe dienſtbar und willfährig gezeigt. Joſeph hatte ihr nur einmal geſagt:„Rachel, gieb Acht, was mein Vater und Tante Lisbeth gern haben und ſuche Beiden gefällig zu ſein“, und dies Wort hatte genügt, die ganze ange⸗ 10* 148 borene Regſamkeit des ſo reich begabten Kindes⸗ in Bewegung zu ſetzen. So ging ſie der Hausfrau in Allem zur Hand, was dieſe vornahm oder vornehmen laſſen wollte, ſie lief, holte, brachte, that was ihr geheißen, mit einer Schnelligkeit und Pünktlichkeit, daß Tante Lisbeth ſehr bald auf den Gedanken ge⸗ rieth, dieſes Naturkind, das ſo wenig unter gebilde⸗ ten Menſchen geweſen und von zärtlichen Händen ge⸗ pflegt ſei, habe eine größere Anlage zum Apportiren empfangen, als ſelbſt der darin unübertreffliche Pudel Hektor. Dceem ernſten Profeſſor gegenüber verhielt ſie ſich allein noch etwas ſcheu und zurückhaltend, vielleicht weil er in Folge ſeiner anhaltenden Beſchäftigung am wenigſten mit ihr ſprach und ſich um ſie bekümmerte, vielleicht aber auch weil ihr ſein Alter und ſeine na⸗ türliche Würde auf eine ungewohnte Weiſe imponirte. Um ihren Freund Joſeph dagegen drehte ſich ihr gan⸗ zes Dichten und Trachten, und es bedurfte nur eines Wortes der Tante Lisbeth, als:„Rachel, geh' einmal zu Joſeph und ſieh, ob er Etwas bedarf“, ſo ſprang ſie ſchon wie ein Reh die Treppe hinan, horchte erſt leiſe an der Thür, ob ſie ihn auch nicht ſtöre, und trat dann leiſe wie eine Elfe bei ihm ein, mit we⸗ nigen Worten, aber freudig funkelnden Augen den — 149 gegebenen Auftrag auszurichten. Erlaubte ihr Joſeph dann, ein Weilchen in ſeiner Nähe zuzubringen, ſo war ihr ſehnlichſter Wunſch erfüllt, ſie ſchaute ſich dann rings in ſeinen Zimmern um, legte Dies und Jenes zurecht und beſchäftigte ſich vor allen Dingen damit, ſeine Vögel zu betrachten und ihm die War⸗ tung und Pflege derſelben abzulauſchen, zu welchem Behufe ſie ſich gern Morgens bei ihm einfand, wenn die Fütterung vor ſich ging. Als nun Rachel ſich allmälig an das regelmäßige und ſtille Hausweſen gewöhnt, als ſie heimiſch darin geworden war und das neue ungewohnte Leben ihr keine Verwunderung mehr einflößte, ſo daß man die Hoffnung hegen konnte, ſie werde dem ſo nothwendi⸗ gen Unterrichte gewachſen ſein, begann zufolge einer Berathung der drei ihre Zukunft überwachenden Per⸗ ſonen dieſer Unterricht allmälig ſelbſt. In den kleinen Handarbeiten des weiblichen Geſchlechts übernahm Tante Lisbeth ſelber die Unterweiſung, für den Ele⸗ mentarunterricht aber mußte man ein geeignetes In⸗ dividuum ausfindig machen, da man ja die an Jahren ſchon vorgeſchrittene Rachel nicht in den ihrer Unwiſ⸗ ſenheit entſprechenden Unterricht mit ganz kleinen Kin⸗ dern bringen konnte. Der Profeſſor war ſo glücklich, einen älteren Lehrer zu finden, der mit ganzer Hinge⸗ 3 9. * 150 dung ſich dieſem Geſchäffe unterzog, und als Rachel erſt begriff, um was es ſich handele und daß ſie recht raſche Fortſchritte machen müſſe, um das ſeit Jahren Verſäumte flugs nachzuholen, warf ſie ſich mit voller Bruſt in die Arbeit und es dauerte nicht lange, ſo konnten alle Betheiligten mit dem erzielten Erfolge zufrieden ſein. Spielend lernte ſie leſen, ſchreiben und rechnen, und als man in den langen Winterabenden bei einander ſaß, bald las und bald ſprach, der Un⸗ terricht auch während der Unterhaltung und durch dieſelbe fortgeſetzt wurde, da ergab ſie ſich mit einem Eifer dem Leſen, daß ſelbſt der alte Profeſſor bekennen mußte, niemals einen gelehrigeren und fleißigern Schüler geſehn zu haben. Dieſer Eifer der Lernenden ſpornte aber zu gleicher Zeit die Lehrenden an und bald glaubte man ſo weit gekommen zu ſein, die kleine Schülerin einer öffentlichen Schule anvertrauen zu können, was ſich denn in der Falge auch als ſehr nützlich erwies. Wie es ſich von ſelbſt verſißt, nahm Rachel auch an den chriſtlichen Andachtsſtunden ihrer Gefährtinnen Theil. Da ſie erſt jetzt von den verſchiedenen Reli⸗ gionen wie von der Geſchichte der Menſchheit Kennt⸗ niß erhielt, alſo keine beſondere Vorliebe für den 5 Glauben hegte, in dem ſie geboren war, ſo konnte H 151 man auf keine Hinderniſſe von ihrer Seite ſtoßen, in dem Glauben erzogen zu werden, der von dem ihrer Vorfahren und Eltern abwich. Allerdings erregte der rein jüdiſche Name, ſowie ihr mit jenem eigenthüm⸗ lichen orientaliſchen Gepräge ihres Volkes gezeichnetes Geſicht ſofort den Verdacht, daß ſie eine geborne Jüdin ſei, allein in Bremen, wo es ſo viele angeſehene Ju⸗ denfamilien giebt und wo man frei von den gehäſſi⸗ gen Vorurtheilen ſo mancher anderen Stadt iſt, that ihr das nicht den geringſten Abbruch, und unter den Kindern, mit denen ſie aufwuchs, war zufällig keins von jenen böswilligen und ränkeſüchtigen Geſchöpfen, die es ihr zufolge ihres Ausſehns und Namens zum Vorwurfe machten, nicht von Chriſteneltern geboren zu ſein. Es wäre ein Keichtes geweſen, ihr einen Namen beizulegen, der weniger an ihre Abſtammung erinnerte, allein in der erſten Zeit dachte Niemand im Hauſe des Profeſſors daran, und ſpäterhin hatte man ſich ſo an dieſen Namen gewöhnt und fielen auch andere wichtige Ereigniſſe vor, daß die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit ganz davon abgelenkt wurde; und als ſchließlich Dinge ſich zutrugen, die unſerer weitern Erzählung vorbehalten ſein werden, war es zu ſpät, das einmal Unterlaſſene nachzuholen, und Rachel, ob⸗ wohl eine Chriſtin geworden, galt überall und immer 152 für Das, was ſie ihrem Namen und ihrem Ausſehn nach ſchien, für eine Jüdin. Dooch wir ſind hiermit der Zeit ſchon vorausge⸗ ſchritten und kehren wieder in die erſten Tage ihres Aufenthaltes im Hauſe des Profeſſors zurück. Bald nachdem die Schneiderinnen und Nähterinnen aus dem Reiche Tante Lisbeth's entlaſſen waren und Rachel's Kleiderſchrank ſich mit allen nothwendigen Erforder⸗ niſſen gefüllt hatte, regte ſich bei den Bewohnern des kleinen Landhauſes die Luſt wieder, ihre Abendconcerte zu beginnen, und ſo finden wir eines Abends den Profeſſor und ſeine Schweſter im behaglich erleuchteten Muſikſaale, die Ankunft Joſeph's erwartend, der einen ſeiner gewöhnlichen weiten Spaziergänge unternom⸗ men hatte. Tante Lisbeth ſaß mit ihrem Strickſtrum⸗ pfe auf einem Stuhle und hörte mit Andacht— denn auch ſie war eine enthuſiaſtiſche Verehrerin der ſchö⸗ nen Tonkunſt— dem vortrefflichen Spiele ihres Bru⸗ ders zu, der neben dem geöffneten Flügel ſaß und eine Phantaſie von Romberg auf dem Cello ſpielte, das er als ein der ganzen Stadt bekannter Virtuos meiſterhaft beherrſchte. Rachel ſaß noch im unteren Zimmer mit ihrem Lehrer, als ihr zum erſten Mal die wunderbaren Töne vom oberen Stockwerke her in die Ohren rauſchten und ihr fernerhin alle Luſt an 8 5 der Arbeit und alle Aufmerkſamkeit auf den Vortrag ihres Lehrers benahmen. Da dieſer nun die vorge⸗ ſchriebene Zeit verſtrichen ſah, ſo packte er ſeine Bü⸗ cher zuſammen, bot ſeiner Schülerin einen guten Abend und entfernte ſich. Kaum hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, ſo ſchlüpfte Rachel auf den Flur, horchte aufmerkſam, ſprang dann leicht wie eine Feder die Treppe hinan und kauerte ſich auf dem oberen Flure dicht an der Thür nieder, aus der die ſeltſamen Töne ihr entgegenſchallten. Sie mochte noch nicht zehn Minuten dieſen Platz eingenommen haben, als Joſeph nach Hauſe kam und, da er Niemand im untern Stockwerke fand, wohl aber ſchon von Außem den Muſikſaal erleuchtet geſehn hatte, ſich ſogleich eben dahin begab, um endlich ſich wieder der herrlichen Kunſt zu widmen, von der er durch⸗ ſeine Reiſe und ſeine gegenwärtigen Beſchäftigungen ſo lange zurückgehalten worden war. Obgleich er ziemlich kräftig die Treppe hinauf ſchritt, ſo vernahm Rachel, deren feinem Ohre ſonſt kein Fußtritt von ihm entſchlüpfte, doch diesmal nichts von ihm; mit ganzer Seele der Thür zugeneigt, den Kopf dicht an die Spalte gedrückt, ſtand ſie horchend, athemlos und innerlich entzückt da. 154 „Rachel!“ rief Joſeph.„Was machſt Du hier? Warum gehſt Du nicht hinein?“ Erſchrocken wie nie, als ſei ſie auf einer Uebelthat ertappt, drehte ſich Rachel herum und zeigte dem An⸗ kommenden ein mehr wie je bleiches Geſicht, und als Joſeph ſie bei der Hand nahm, fühlte er ſie brennen und ihre Finger in den ſeinigen zucken. „Biſt Du krank, mein Kind?“ fragte der junge Mann beſorgt. „Nein, Joſeph, aber die Muſik da drinnen iſt zu ſchön.“ „So komm doch hinein, dann kannſt Du ſie ja noch beſſer hören.“ So trat er denn mit ihr in's Zimmer und be⸗ grüßte die Verwandten, die ſich ſogleich zu ihm wen⸗ deten und ein Geſpräch mit ihm begannen. Unterdeß glitt Rachel, von Niemandem beachtet, leiſe, leiſe an das Inſtrument, welches der Profeſſor an einen Stuhl ge⸗ lehnt hatte, betrachtete es mit beinahe feierlicher Sorg⸗ falt von allen Seiten und ſetzte ſich dann ſtumm auf einen Stuhl nieder, den Augenblick mit Herzklopfen erwartend, wo das ſonderbare Gehäuſe ſeine Stimme würde von Neuem ertönen laſſen. Sie ſollte nicht lange warten. Der Profeſſor, der ſich bald mit Joſeph verſtändigt hatte, was ſie heute — — 155 muſitiren wollten, ſetzte ſich und ſpielte Joſeph zuerſt ein Solo vor, das er in ſeiner Abweſenheit compo⸗ nirt hatte und welches reich an Schönheiten war, wie 3 ſie ſo mannigfaltig und wunderbar nur ein Cello hö⸗ ren läßt, wenn es ein fertiger Meiſter ſpielt. Als der Vortrag zu Ende war, ließ Joſeph ſein Bravo! Bravo!l erſchallen und wollte ſich eben zu'm Flügel begeben, als ein unterdrücktes Schluchzen von der Ecke her, in der Rachel ſaß, ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe lenkte. Als er ſie bitterlich weinen ſah, blickte er verwun⸗ dert die Pflegeeltern an, denn er erinnerte ſich ſogleich an jene Scene in der St. Nikolaikirche zu Prag, wo ihm zum erſten Male das feine Gefühl für Muſik an dem Judenkinde aufgefallen war. Freundlich der Weinenden zuſprechend ergriff er ihre Hand, zeigte und erklärte ihr das Inſtrument und erweckte von Neuem in ihr den Trieb, das wunderbare, hohle We⸗ ſen anzuſtaunen, in deſſen Innerm die herrlichen Töne ſchliefen. So fühlte ſie ſich bald wieder beruhigt und Joſeph wollte ſich abermals zum Flügel wenden, als Rachel fragte:„Wie heißt dies Inſtument?“ „Man nennt es das Cello.“ „Kann es jeder Menſch ſpielen lernen?“ „Jeder Menſch, der Luſt und Neigung dazu hat.“ 156 „So laß mich Cello ſpielen lernen.“ . Die Anweſenden lächelten und bemühten ſich ab⸗ wechſelnd, ihr zu beweiſen, daß das Cello ein Inſtru⸗ ment ſei, welches in der Regel nur Männer ſpielten. „Spielen Mädchen kein Inſtrument?“ „Gewiß, Rachel, zum Beiſpiel das da.“ „Was iſt das für eins?“ „Ein Klavier oder ein Flügel, wie man auch ſagt. Willſt Du es einmal hören?“ „Ich bitte Dich darum.“ „So komm her und gieb Acht, wie man es macht, um ihm ſeine ſchöne Stimme abzulocken.“ Joſeph ſetzte ſich vor ſein Lieblingsinſtrument, auf dem er Meiſter war, und ließ einige kraftvolle Accorde hören. Dann aber ſpielte zer ein Mendelsſohn'ſches Lied mit einem Ausdruck und einer Innigkeit, daß er das Herz ſeiner älteren Zuhörer ſelber entzückte. Als er fertig war, wandte er ſich zu Rachel, die dicht neben ihm geſtanden und mit wahrer Begeiſterung die Griffe ſeiner Finger verfolgt hatte, und fragte ſie, wie ihr dies Inſtrument gefalle? Diesmal weinte Rachel nicht. Auch ſah ſie nicht bleich, nicht erſchrocken, nicht niedergeſchmettert aus. Glühend war ihr Geſicht, ihre Augen funkelten wie von Empfindung einer namenloſen Wonne, und ihre 2 157 freudige Bewegung war von der Art, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte. „Nun, gefiel Dir das?“ „O, köſtlich, köſtlich, Joſeph!“ und ſie ſchlug vor Entzücken in die Hände und legte ſie liebevoll um ſeine Schultern. „Nun, wenn es Dir Vergnügen macht, dies Inſtru⸗ ment kannſt Du ſpielen lernen und ich ſelbſt will und kann darin Dein Lehrer ſein.“ „O, Du machſt mich zu glücklich. Aber wie lange dauert es wohl, bis ich es ſo gut ſpielen kann wie Du?“ Joſeph und die Alten lächelten.„Das wird von Dir ſelbſt abhängen,“ ſagte der Erſtere;„je fleißiger Du Dich übſt, um ſo raſcher wirſt Du die ſchweren und unangenehmen Anfangsgründe überwinden.“ „O, dann lerne ich Tag und Nacht, aber ich ſehe nichts Schweres und Unangenehmes daran. Deine Finger gleiten ſo leicht darüber hin, wie ein ſpielender Wind.“ „So ſchwer wie Du es Dir vielleicht vorſtellſt, iſt es auch nicht, mein Kind,“ ſagte der alte Profeſſor. „Zeig' einmal Deine Hand her, ich will ſehen, ob Du Geſchick dazu beſitzeſt.“ Rachel reichte kindlich eilig ihre jetzt ſo weiß ge⸗ 158 waſchenen Hände hin, daß man außer einem kleinen ſchwarzen Tintenfleck an der Spitze des Mittelfingers kein Stäubchen daran wahrnehmen konnte. Der Pro⸗ feſſor betrachtete lange und aufmerkſam Hand und Fingergelenke der kleinen Jüdin, bog ſie hin und her und ſagte endlich kopfſchüttelnd zu ſeinem Sohne: „Sieh, Joſeph, dieſe wunderbar geſtaltete Hand— ſo etwas habe ich noch nicht geſehn. Iſt Dir das nicht ſchon aufgefallen?“ „Was denn?“ Und er beugte ſich nieder und ſtaunte in der That ebenſo über die merkwürdig gebildete Hand des Mädchens, wie ſein Vater. Sie war ſchmal, aber die Finger lang und edel geformt. Das wäre nun freilich eine Schönheit, aber keine Merkwürdigkeit ge⸗ weſen, wenn ſie weiter keine Eigenſchaften beſeſſen hätte. Das Wunderbarſte daran aber war, daß ſie keine Knochen zu enthalten ſchien, ſondern daß die Kno⸗ chen knorpelartig weich und namentli 4 bieglam wie Wachs waren, ſo daß man, wenn nen p die Hand in Din eine andere ſchloß, ſie faſt zuſa zuſammendrü⸗ cken konnte, wie einen elaſtiſchen Gummiball. Als alle Drei beide vollkommen übereinſtimmen⸗ den Hände nun lange genug betrachtet und ſich ver⸗ ſchiedentlich ermunternd angeblickt hatten, ſagte der alte Profeſſor:„Rachel, Dein Wunſch, den Flügel ſpie⸗ per 159 len zu lernen, ſoll erfüllt werden. Du ſollſt auch da⸗ rin alle Unterweiſung erhalten, die wir Dir angedeihen laſſen können. Wenn Deine innere Fähigkeit den äu⸗ ßeren Eigenſchaften entſpricht, die Dir die Natur ver⸗ liehen hat, ſo glaube ich, wirſt Du ſchnelle Fortſchritte in der Muſik machen und wir und Du werden Freude an unſerm Bemühen haben.“ „Wann fangen die Stunden an?“ fragte Rachel mit glühendem Eifer, der aus allen ihren Poren ſprühte. „Morgen früh. Je früher Du aufſtehſt, um ſo länger werden ſie dauern.“ „Es iſt gut,“ ſagte Rachel mit einer Entſchieden⸗ heit und Feſtigkeit des Weſens, die nur diejenigen Menſchen beſitzen, die durch Zufall an eine Stelle ge⸗ rathen ſind, für die ſie die Natur ganz allein beſtimmt zu haben ſcheint.„Nun ſpielt weiter, ich werde nicht mehr weinen und zittern, da ich nun weiß, daß ich einſt auch ſolche Muſik werde machen können.“ Am nächſten Morgen um fünf Uhr war Rachel ſchon in ihrem Bettchen munter, wuſch und kleidete ſich im Morgengrauen an und klopfte dann an Jo⸗ ſeph's Thür. „Wer iſt da?“ fragte der noch im Bette Liegende. 160 „Ich bin es,“ rief Rachel's Stimme,„ich bin fer⸗ tig und die Stunden können beginnen.“ Joſeph lachte laut auf, ſprang aus dem Bette und kleidete ſich raſch an.„Das iſt ein Eifer,“ ſagte er fröhlich,„wie ich ihn mir nicht vorgeſtellt. Nun wohl⸗ an, wir wollen ſehen, was es giebt! Wer weiß, wen wir in dieſer kleinen Perſon vor uns haben, die ſchon die Gaſſenbuben in Prag eine Hexe nannten.“ Eine Viertelſtunde darauf begann der erſte Unter⸗ richt, dem täglich ein immer länger dauernder und ſich öfter wiederholender folgte, denn eine Stunde ge⸗ nügte weder der Schülerin, noch ſehr bald auch dem Lehrer. Die Fortſchritte, die Rachel machte, und das Faſſungsvermögen, welches ſie dabei entwickelte, gin⸗ gen ſo weit über alle Erwartungen des Letzteren hin⸗ aus, daß er ſein Erſtaunen von Tage zu Tage we⸗ niger bergen konnte und jetzt eine Arbeit und ein Stu⸗ dium vor ſich ſah, deſſen Erſprießlichkeit ihm vor kur⸗ 3 zer Zeit noch nicht einmal als Ahnung vorgeleuchtet hatte. Der Entwicklungsgang, den Rachel in der Mu⸗ ſit einſchlug, ſowohl im Begreifen des ihr als theo⸗ retiſche Regel Mitgetheilten, wie im praktiſchen Aus⸗ führen des ihr als nützlich und angenehm Vorgelegten verwandelte ſich bald in eine Art Sturmlauf, und ihr Leiſtungsvermögen trat als eine wunderbare Er⸗ X Lrn⸗ She, ͤ 6.. ,, Su 7 N eEuee, e ee, ſcheinung in’'s Leben, die man hoch begabten und talentvollen Perſonen ſehen muß, um ſie glauben oder nur für möglich halten zu können. Wie jenes ſeltſame tropiſche Gewächs, welches ſich ſo raſch entwickelt, 8 daß man es dnin wachſen ſieht, ſo entwickelte ſich auch Rachel in der Muſik, ſo daß man wie bei jener Pflanze auf die Idee gerathen mußte, es ſei allein die geheimnißvoll in ihr waltende und quellende Natur, die ſolche erſtaunlichen Erfolge hervorbrachte. Und mit dieſem Fortſchreiten in der Vollendung des Einzelnen wie im Umfang des Ganzen war eine un⸗ nachahmliche Zähigkeit des Feſthaltens, des Gedächt⸗ niſſes des Erlernten und eine Fähigkeit ſich in dem einmal Aufgenommenen von ſelbſt weiter fortzubilden, gleichſam von einer Stufe auf die andere, höher ge⸗ legene ſich zu ſchwingen vorhanden, wie nur die Aus⸗ erleſenen und unter dieſen viele von jenem Volke es beſitzen, welches wir Chriſten ſo oft ungerechter Weiſe mit einem verächtlichen Lächeln über die Schulter a zuſehen belieben. O Oe man lächle nicht ſo verächt über die geheime geiſtige Deiltige Triebkraft die lkes welches Moſes einſt das auserwählte 2 Volk Gottes nannte, über die gewaltige Schöpfungsfülle, die in ½ den Kindern deſſelben ſchlummert! Man erhebe viel⸗ mehr ſein Auge anerkennend und mache es groß auf, Emery Glandon. 1 162. wenn man die mannigfaltigen Leiſtungen jener Män⸗ ner ſieht, die aus dem Stamme Israel ihren Ur⸗ ſprung herleiteten und zu allen Zeiten durch unendlich reiches Wiſſen und Können in jederlei Richtung gei⸗ ſtigen Lebens die Welt in Erſtaunen und Bewunderung geſetzt haben. Die große Weltefonne, von der alles Licht und Gedeihen ausſtrömt, hat ihre Geiſter mit einem unerſchöpflichen Triehé, ſich emporzuarbeiten und ſich ihrer Strahlen zur Verbreitung irdiſchen Lich⸗ tes zu bedienen, erfüllt;„er Geiſt der Erkenntniß vie⸗ ler Dinge, die Fähigkeik, ſie im Innern zu bewah⸗ ren, zu entwickeln, iſt ihnen in einem ſo hohen Maaße gegeben, wie nur wenige Andere ſie beſitzen, und was produktives Talent und Genie betrifft, ſo beſitzen ſie es häufiger und oft in viel höherem Grade, 8 als wir, die wir über ſie im Ganzen die Naſen zu rümpfen pflegen. Mit dieſem Talente, dieſem Genie war auch Ra⸗ . hhel Schawai begabt, und ein eiſerner Fleiß, ein un⸗ bewußt in ihr ſchlummernder ſtählerner Wille, ein un⸗ aufhörlich ſie vorwärts treibender Drang, dies Talent in kurzer Zeit zu entwickeln und zur Anſchauung zu bringen, kam demſelben glücklich zu Statten. Joſeph erſtaunte darüber ſehr bald, nicht minder der alte Profeſſor, und da ſie nun auch ihrerſeits alles Mög⸗ liche beitrugen, dies Talent zu hegen und zu pflegen, ſo war die Wirkung eine um ſo ſchnellere und ſicht⸗ barere. Mit dieſen Studien im Bereiche der Muſik gingen nun die andern Hand in Hand, ſo daß Rachel's Le⸗ ben ſehr bald nur aus Uebungen, Arbeit und edlem Beſtreben in jederlei Richtung zuſammengeſetzt war. An Spielen, wie ſie ſo gern und natürlich alle Kin⸗ der treiben, fand ſie nicht den geringſten Gefallen; für Putz, Spazierengehen, oberflächliches Geſpräch hatte ſie keinen Sinn, ihr ganzes Sehnen und Trachten war fortan nur auf ein ernſtes, eigentlich über ihre Jahre weit hinausliegendes Ziel gerichtet, was jedoch den Männern, die an ihr ſtilles, beſchauliches und mehr in ſich verſunkenes Weſen gewöhnt waren, nicht be⸗ ſonders auffiel. Wollte ſie ſich einmal von ihren un⸗ ausgeſetzten Uebungen erholen, ſo ging ſie in irgend einer wirthſchaftlichen Angelegenheit Tante Lisbeth zur Hand, obwohl man ihr anſah, daß dergleichen nicht. ihr Fach, daß ſie darin, ſo zu ſagen, nur Dilettantin war. Obgleich nun in dieſen häuslichen Leiſtungen nichts von ihr erwartet, viel weniger noch gefordert wurde, ſo machte ſie ſich doch durch mehrfache kleine Aushülfen bei der Hausfrau und den männlichen Mit. gliedern des kleinen Hausſtandes ſehr beliebt, und ſo 11* — —— 164 kam es denn, daß ſie namentlich in den Augen der Letzteren von Tage zu Tage wuchs, da dieſe an ihren erſtaunlichen Leiſtungen in Sachen der Kunſt erkannten, welche hohe Begabung die Natur in dieſes Kind der Armuth, der Niedrigkeit und des menſchlichen Elends gelegt habe. Nun erſt recht freuten ſie ſich des glück⸗ lichen Gedankens Joſeph's, ſich des Kindes angenom⸗ men zu haben, und ſie faßten den eben ſo männlichen wie hochherzigen Entſchluß, daſſelbe auf jede Weiſe zu ſchützen und zu ſeiner allgemeinen wie beſonderen Ausbildung ſo viel beizutragen, als in ihren Kräf⸗ ten lag. Wie verhielt ſich nun Rachel dieſen menſchenfreund⸗ lichen Bemühungen gegenüber? Bewies ſie ſich dank⸗ bar?— Mit Worten wenigſtens that ſie es nicht, denn es war ihr überhaupt nicht gegeben, durch viele Worte ihre Gefühle auszudrücken. Dankbare Em⸗ pfindungen aber hegte ſie gewiß und ſie hatte auch ſicher das Bewußtſein derſelben; denn was war es anders, was ſich in ihren Augen ausſprach, die ja ſtets die Regung ihrer Seele wiederſpiegelten, wenn ſie, ſich unbeachtet wiſſend, mit unſäglichem ſtillen Be⸗ hagen ungeſtört an den wohlwollenden Mienen ihrer älteren Wohlthäter und an dem feurig belebten und thatkräftigen Ausdruck des Jüngern haften konnten? 165 Aufmerkſam war ſie auf Alles, was um ſie her ge⸗ ſchah, ohne dieſe Aufmerkſamkeit gerade bemerklich wer⸗ den zu laſſen. Namentlich war ſie gern eine ſchweig⸗ ſame Zeugin des ernſten Geſprächs der Männer, wenn dieſe Abends ihre Tageserlebniſſe, ihre neuen Erfahrun⸗ gen auf dem Gebiete der Naturwiſſenſchaften austauſch⸗ ten oder ein gutes Buch, das Werk einer neuen groß⸗ artigen Erfindung beſprachen, wozu in den bedeutungs⸗ vollen Zeiten, in denen ſie lebten, ſo oft die Gelegenheit ſich bot. Doch am meiſten beglückt war ſie— und dann verrieth ſie ſich als Theilnehmerin durch ein ſprü⸗ henderes Funkeln ihres ſchwarzen Auges— wenn über Muſik verhandelt ward, und das geſchah oft genug, in der Regel jedoch erſt in den ſpäteren Abendſtunden nach dem Nachteſſen, die überhaupt der Muſik geweiht waren, da der Tag nur zu anderen und ernſteren Din⸗ gen verwendet wurde. Bei dieſen Geſprächen war ſie doppelt Ohr und ließ ſogar oft ihre leichte Handar⸗ beit ruhen; dann ſchwelgte ſie in Entzückungen, die Niemand ahnte, dann ging ihr das Reich der Welt ſtrahlend und glückverheißend auf, einer Welt, für die ſie allein geboren war. Natürlich dachte und ſagte ſie ſich und Anderen über dieſe Entzückungen Nichts, denn noch mehrere Jahre mußten vergehen, ehe ſie ſelbſt ihrer Wünſche und Beſtrebungen ſich bewußt wurde, 166 ehe ſie erkannte, warum und wozu ſie auf der Welt war,— für jetzt lebte ſie nur noch gleichſam in einem vom Nebel der Kindheit beſchatteten Elemente, deſſen Hülle die Sonne der Zukunft noch nicht zu durchdrin⸗ gen vermochte, obgleich eine dunkle Vorahnung in Ge⸗ ſtalt eines unbewußten Dranges nach einem fernablie⸗ genden Ziele ihr in den erleuchtetſten Momenten ihres jetzigen Lebens ſchon bisweilen vorzuſchweben ſchien. So verging Allen der Winter ebenſo raſch wie an⸗ genehm und im Beginn des Frühjahrs konnte man mit behaglicher Befriedigung auf die Leiſtungen wäh⸗ rend deſſelben zurückblicken. Wir meinen jedoch hier⸗ mit weniger Das, was man unter ſich und mit ein⸗ ander, als was man mit Rachel geleiſtet, da wir uns mit dieſer in gegenwärtigem Kapitel hauptſächlich be⸗ ſchäftigen. Was daher dieſe anbetrifft, ſo war ſie jetzt in ihr zwölftes Lebensjahr getreten, und ihr Geiſt, ſo lange gefeſſelt, unterdrückt, ſprengte vielleicht gerade deshalb, von Tage zu Tage mit größerer Gewalt ſeine Bande und brach ſich Bahn, wie die Blume die Hülſen der Knospe ſprengt, wenn die Strahlen der Sonne mit geheimnißvoller Allmacht auf ſie einwirken. Schon ſchrieb ſie eine ſehr flüſſige leſerliche Hand, ſie konnte jedes deutſch gedruckte Buch fließend leſen, und ein natürlicher, friſcher Geiſt, der erſt ſo weit iſt und eine — Fülle inneren Dranges und Strebens beſitzt, iſt ganz dazu geſchaffen, ohne Schwierigkeit weiter und weiter vorzudringen. In der Muſik aber war ſie unſtreitig am weiteſten vorgerückt. Sie ſpielte ſchon allerliebſt vierhändige Sonaten mit ihrem Lehrer und verrieth dabei die ſeltene Fähigkeit, Alles, was ſie einmal ſelbſt geſpielt oder nur mehrere Male gehört, aus⸗ wendig zu behalten. Wenn ſie nach fleißiger Wieder⸗ holung in Gedanken ihr neuſtes Stück feſt inne hatte, dann ſaß ſie träumeriſch auf ihrem Stuhle und dachte darüber nach, wie ſie wohl dieſe oder jene Stelle am beſten und verſtändlichſten durch den Ton, die Kraft, den Nachdruck, den ſie ihr gab, ausdrücken könne, und Joſeph wunderte ſich nicht wenig am nächſten Morgen, wenn ſie ihm das eben erſt Erlernte auf eine Weiſe vortrug, wie er ſie ihr gar nicht angedeutet hatte und wie ſie doch dem Inhalte und dem Weſen deſſelben vollkommen entſprach. Wer ſo das Leben dieſer vier Menſchen in dem ſtil⸗ len Hauſe am Walle betrachtete, wie ein Jeder für ſich und dann Alle wieder zuſammen für und mit einander wirkten und ſtrebten, der mußte ſich wohl ſagen, daß ſie mit dieſem Leben zufrieden und darin glücklich wa⸗ ren, und das waren ſie in vollem Sinne des Worts. Das ziemlich vorgerückte Alter der beiden Geſchwiſter ,. 168 wurde durch ſeine gewöhnlichen Gebrechen nur wenig oder gar nicht berührt, ſie genoſſen mit heiterer Dank⸗ barkeit gegen ihren Schöpfer die Gaben der flüchtigen Stunden, und der junge Mann an ihrer Seite, in ihrer Mitte, ſtrebte mit ruhig klarem Bewußtſein vor⸗ wärts, unbekümmert um die Sorgen einer unbeſtimm⸗ ten Zukunft, und Rachel endlich ließ, unbeirrt von dieſer ſowohl wie von der Vergangenheit, ruhig ihren Genius ſich entfalten, ohne an das Walten eines un⸗ bekannten Schickſals zu denken, das ſo oft die Wünſche des Menſchen durchkreuzt oder ſeine Wege in weit von ſeiner Voräusſicht abweichender Richtung führt. Am erſten Januar des Jahres 1846 war, wie im⸗ mer um dieſe Zeit, der Wechſel zu Joſeph's weiterer Unterhaltung eingelaufen und wiederum war es eine hinreichend große Summe, um ihm auch in dieſem Jahre eine Vergnügungsreiſe zu geſtatten. Aber zu ddieſer Reiſe hatte der junge Mann diesmal weder Trieb noch Neigung. Er fühlte ſich ſo glücklich zu Hauſe, fand ſeine Zeit ſo ganz ſeinen Wünſchen gemäß von ſeinen Lieblingsſtudien in Anſpruch genommen, daß er zur Freude der Alten eines Tages den Entſchluß aausſprach, er wolle diesmal ſein Vergnügen dem ih⸗ rigen unterordnen und zu Hauſe bleiben, zumal zu einer Reiſe nach England, wohin er ſich am lebhafte⸗ 9„„7 169 ſten ſehnte, die Mittel denn doch nicht reichten, die ihm zu Gebote ſtanden. Als Rachel eines Abends vom Aufſchub dieſer längſt beſprochenen und für gewiß angenommenen Reiſe hörte, jubelte ſie innerlich hoch auf, denn ſchon hatte ſie mit Schrecken an eine Unterbrechung ihrer Stunden gedacht, abgeſehen davon, daß ihr während vier lan⸗ ger Wochen der Umgang mit ihrem hochverehrten Freunde entzogen wurde. Ihr Aeußeres hatte ſich in der Zeit, ſeitdem ſie unter Menſchen lebte, die ſich um daſſelbe bekümmer⸗ ten, auffallend wenig und viel weniger verändert, als man hätte vermuthen ſollen. Gewachſen war ſie faſt gar nicht und ihre ohnehin kleine und zarte Geſtalt ſchien ihrem zunehmenden Alter kaum noch entſprechend. Auch ihr Geſicht hatte weder an Fülle noch an Leb⸗ haftigkeit der Farben zugenommen, vielmehr ſeine frü⸗ here Magerkeit und gelbliche Bläſſe behalten; nur der früher ſo traurige, gleichſam entſagende Zug um Mund und Augen war einer ruhigern und zufriedenern Miene gewichen; ihr Auge allein ſtrahlte feurig und ſpiegelte die Fülle geiſtiger Geſundheit und die unausgeſpro⸗ chene Wonne ihres beglückten Herzens wieder. Das Ein⸗ zige, was auch eine äußere allmälige Vervollkommnung an ihr erkennen ließ, waren ihre Arme und Hände, § Rdu/ 4 cherer 170 4 erthrepbereerrenesexehe was wahrſcheinlich eine natürliche Folge des vielen — Klavierſpiels und der Ausarbeitung der Muskeln der⸗ ſelben war. Ihre Hand wurde länger, federartiger, ſpannkräftiger, ohne ihre urſprüngliche Weiche zu ver⸗ lieren, und die Formen des Armes rundeten ſich und nahmen ſichtbar an Kraſt und Fülle zu. Dieſe Kraft machte ſich auch allmälig in ihrem Spiele bemerkbar, das ſich alle Tage zu fertigerer Gewandtheit, zu aus⸗ drucksvollerem Schwunge entwickelte und einen ſo auf⸗ merkſamen Beobachter, wie Joſeph, erkennen ließ, daß dieſe Kraft und Fülle nicht allein in den Händen lag, ſondern aus der Seele ſtammte und mit der Ausbil⸗ dung ihres inneren Weſens, ihrer Erkenntniß und ih⸗ rer allgemeinen Bildung gleichen Schritt hielt. Im Laufe des Winters hatte Rachel Gelegenheit gehabt, manches ſchöne Concert zu beſuchen und man⸗ chen reich begabten Virtuoſen, darunter auch einige bbedeutende Klavierſpieler zu hören, und die Folge da⸗ . von war jedesmal eine um ſo eifrigere Bemühung ge⸗ woeeſen, die Aufgabe zu löſen, die ſie ſich zwar nicht . ſelbſt geſtellt, denn dazu war ſie noch zu jung, zu un⸗ erfahren, zu wenig muſikaliſch gebildet, zu deren Lö⸗ ſung ſie aber ein innerer, unbewußter leitender Drang beſeelte, der durch ſolche äußere Ermunterungen immer 4 lebhafter, bewußter wurde und ihr klar werden ließ, A I 3 171. was der Menſch leiſten könne, wenn er es ernſtlich wolle— und dieſer Wille gewann täglich größeren Umfang in ihrer Bruſt und ſetzte ſich immer tiefer da⸗ rin feſt. Umgang mit anderen Familien und Perſonen hat⸗ ten der Profeſſor und die Seinigen nur wenig. Der alte Herr kam alle vier Wochen einen Abend mit ſei⸗ nen Collegen zu einer wiſſenſchaftlichen Berathung zuſammen, der in der Regel ein frugales Mahl folgte; Tante Lisbeth beſuchte nur ſelten Kaffeegeſellſchaften, die ſie alle Jahr einmal im Hauſe erwiderte, wenn die Männer andegeingeneſöih t waren. Joſeph hatte unter den Töhnen er e wo es nur wenige junge Leute ſeines Alters gab, die mit ihm in Ge⸗ ſinnung und Neigung übereinſtimmten, keine Bekannte, da ſeine Schulfreunde lange in alle Weltgegenden verſchlagen waren und ſich in ganz entgegengeſetzten Verhältniſſen bewegten. An Geſpielen für Rachel fehlle es ganz; die Nachbarhäuſer lagen zu weit entfernt, 3 um irgend ein jugendliches Verhältniß knüpfen zu laſ⸗ ſen, und außerdem fühlte das ernſte Kind keine Nei⸗ gung, mit Altersgenoſſen zu verkehren, deren Leben in Allem, was ihr lieb und theuer war, von dem ihrigen ſo bedeutend abwich. So groß nun der Verluſt an Jugendfreunden durch das einſame häusliche Leben 172 für ſie war, ſo groß war für ſie der Gewinnſt durch den geläuterten Umgang mit ernſteren und gediegenern Menſchen, was im Allgemeinen kein Vortheil für die Jugend, im Beſondern jedoch für auserleſene, begabte Naturen, wie Rachel ohne Zweifel eine war, von un⸗ berechenbar bedeutungsvollem Einfluß iſt. Denn ſolche Naturen brauchen nicht den gewöhnlichen, breitgetrete⸗ nen Weg zu verfolgen, um zu ihrem Ziele zu gelan⸗ gen, ſie ſchreiten überhaupt nicht im langſam gemeſ⸗ ſenen Schritte des alten Schlendrians einher, ſie hüpfen, ſie ſpringen, ſie fliegen ihrem Ziele entgegen; Ju⸗ gendluſt, Tanz, Kinderſpiel, exiſtirt für ſie nicht, das Schickſal hat ihnen in dem ernſt drängenden, geheim⸗ nißvollen Triebe ihrer Bruſt einen gediegenern Spiel⸗ gefährten gegeben, und wenn ſie überhaupt des äußeren Anreizes bedürfen, um ſich wohl und zufrieden zu fühlen, ſo iſt die Arbeit ihr Spiel, das Studium ihr Zeitver⸗ treib, die Erkenntniß des Fortſchritts im Guten und Großen ihre Erholung. Daß ſolche Naturen den eigentlichen Lebensgenuß nicht kennen lernen, wie ihn leichtfertigere und charakterſchwächere Perſonen ſuchen und lieben, erhellt hieraus von ſelbſt, aber der Genuß des Lebens iſt auch nicht für Alle derſelbe, denn während der Eine ihn im materiellen Behagen findet, ſieht ihn der Andere einzig und allein im glänzenden * 173 —— Gebilde ſeines Ringens und Schaffens, wie es ſeine Phantaſie, als Ideal mit allen Reizen der Welt ge⸗ ſchmückt, ihm Tag und Nacht vor die begehrende Seele malt. Der Jahrestag des Eintritts Rachel's in die Fami⸗ lie Sohn wurde feſtlich, aber in der gewohnten häus⸗ lich behaglichen Weiſe begangen, durch friedliches Bei⸗ einanderſein, durch heiteres Geſpräch und ſchließlich durch die Aufführung einer herrlichen Muſik. O, wer hätte einen ſolchen Tag vor einem Jahre in Prag vor⸗ ausgeſehn, wer die Folgerungen an das Begräbniß des alten Simon Schawai geknüpft, wie ſie ſich nun täglich lebendiger geſtalteten und in Zukunft noch herr⸗ licher zu entwickeln alle Ausſicht boten! O— doch wer wagt es, den Schleier der Zukunft auch nur auf einen Tag zu lüften, der unſer Schickſal, unſer Glück und Unglück, unſre Freude und Hoffnung, aber auch leider unſre Schmerzen und unſre Sorgen verhüllt!?— Siebentes Aapitel. Die Verwaiſten. Der zweite Winter, ſo lange Rachel in Bremen wohnte, hatte begonnen nnd mit dem November wie gewöhnlich ſeine Nebel, ſeine feuchte kalte Luft, ſeine langen Nächte und kurzen Tage gebracht. Wer von den vier ſo eng verbundenen und in ſüßeſter Gemein⸗ ſchaft lebenden Perſonen hätte gedacht, daß ihre Ver⸗ hältniſſe in dieſem Winter ſich anders geſtalten könn⸗ ten als im vorigen, und doch ſollten ſie ſich bald ganz, ganz anders geſtalten, und anders heißt leider im ge⸗ wöhnlichen Leben häufiger ſchlimmer als beſſer. Man war bis zur Mitte des Monats vorgedrungen. Der alte Profeſſor liebte den November nicht und er ſprach das oft genug aus.„Da lobe ich mir den kal⸗ ten, ächt winterlichen Dezember,“ ſagte er eines Abends⸗ „der hat doch Charakter, der bringt uns doch wenig⸗ 8 125 ſtens das ſchöne Weihnachtsfeſt; aber dieſer charakterloſe, wetterwendiſche November, der unter hundert Men⸗ ſchen hundert und einen krank macht, der iſt nicht mein Freund. Kinder, laßt uns recht thätig in die⸗ ſen Tagen ſein; je fleißiger man iſt, um ſo raſcher verſchwindet die Zeit.“ Und er hatte Recht, die Zeit verſchwand wirklich, mit ihr aber noch etwas Anderes, was keiner von ih⸗ nen erwartet hatte. Die Grippe wüthete in dieſem Jahre mehr denn je in Bremen und forderte wie ge⸗ wöhnlich gerade Diejenigen zu Opfern, die man am weiteſten von ihrem Ende entfernt geglaubt hatte. Als Joſeph eines Abends mit dem Profeſſor von der Sternwarte nach Hauſe kam, wo ſie Beobachtungen des Sternſchnuppenfalls angeſtellt hatten, hörten ſie ſchon auf dem Flure von der Magd, daß ſich Tante Lisbeth unwohl fühle und zu Bett gelegt habe. Der eiligſt herbeigerufene Arzt verſchrieb ein Mittel, das ſeine Wirkung, wie er ſagte, nicht verfehlen würde, am andern Morgen aber hatte das bewährte Mittel ſeine Wirkung vollſtändig verfehlt, denn Tante Lisbeth rang mit dem Tode. Noch vierundzwanzig Stunden ſpäter— und ſie war den Weg alles Irdiſchen gegangen, den Weg, der nur einmal⸗ zurückgelegt werden kann, aber dafür auch, wie wir Alle hoffen, zum Himmel führt. 176 Da war denn allerdings eine große unausfüllbare Lücke in die bisher ſo glückliche Familie geriſſen. Schweigend, das altersgraue Haupt vor Schmerz ge⸗ beugt, ſtand der Bruder neben dem Sarge der ihm viel zu früh Geſtorbenen; er hatte keine Worte für ſein Leid. Dennoch fand er ſich als Mann in das Unvermeidliche und war, wie immer, auch diesmal getroſt und ergeben in den Willen ſeines Schöpfers. Joſeph ſah zum zweiten Male in ſeinem Leben eine Leiche, und diesmal faſt noch mehr als das erſte Mal fühlte er ſich durch und durch erſchüttert, denn was er damals als Knabe als maaßloſen Schmerz getragen, wiederholte ſich ihm jetzt bei vollem Be⸗ wußtſein, und ein Schmerz wie eine Freude, deren man ſich bewußt, iſt doppelt Schmerz und Freude. Rachel hatte ſchon als ganz kleines Kind oft von Sterbenden und Todten gehört und ſie auch geſehen, denn in der Judenſtadt zu Prag ſtarb man oder lag man wenigſtens als Todter mehr öffentlich als geheim aus; ihr war es daher nichts Neues, daß ein Menſch, den ſie noch vor Kurzem lebendig und anſcheinend geeſund geſehn, ſterben könne. Daß ihr aber jetzt Je⸗ mand durch den Tod entzogen wurde, der ſie ſo lieb gehabt, ſie, die ſo Wenige geliebt, eine Frau, die ſo unausſprechlich wohlthuend auf ihr ganzes Weſen ein⸗ 177 gewirkt, das drückte ſie buchſtäblich zu Boden. Starr und ſteif ſaß ſie in den erſten Tagen auf ihrem Stuhle, ließ ihre thränenfeuchten Augen von Einem zum An⸗ dern wandern, und wenn ſie dann die allgemeine Betrübniß aus jedem Blicke hervorquellen ſah, in je⸗ dem lauten Worte und in jedem ſtillen Seufzer ſich ausſprechen hörte, dann fühlte ſie ganz ihre Ohnmacht, daß ſie nicht zu helfen vermochte, wo ſie doch ſo gern geholfen hätte. So blieb ſie noch zwei Tage nach der Beerdigung ſtumm und nur innerlich ihren Schmerz verarbeitend, aber an dem alten Profeſſor hing ihr feuchtes Auge mit einer ſo innigen Zärtlichkeit und Theilnahme, daß, hätte er ſie hörbar vernommen, er dadurch einen ſprechenden Beweis von der Liebe und Treue erhalten hätte, die in dem ſtillen Buſen des armen Iudenkindes ſchliefen. Träge und düſter verſtrich der unholde November; des Profeſſors viel belobter Dezember war gekommen. Man hatte ſich in das alte gewohnte Geleiſe des Le⸗ bens zurückgefunden und das Beiſammenſein, das Studium, die Muſik wurden wie früher fortgeſetzt. Eine ſorgende, glättende Hand aber fehlte in dem Le⸗ ben aller Drei und das machte ſich oft, überall und recht ſchmerzlich bemerkbar. Aber was half es— ſo tief eine ſolche Lücke in's Leben geriſſen wird, ſie wird, Emery Glandon. I. 12 3 178 ſie muß ausgefüllt werden— und ſo war es auch hier. Es war der 21. Dezember des Jahres 1846 ge⸗ kommen. Schon ſaß der Profeſſor mit ſeinen beiden Kindern, wie er ſie nannte, Abends um den Speiſe⸗ tiſch, als ein Bote von der Sternwarte kam und den Profeſſor dahin berief, wo ihn mehrere ſeiner Collegen erwarteten. Es war bitter kalt und ein ſtrenger Oſtwind wehte über das kahle Blachfeld herüber, daß die Fenſterläden bebten und der Luftzug in den Kaminen und Ofen⸗ röhren raſſelte. Joſeph wäre gern mitgegangen, um das verheißene Phänomen am Himmel zu betrachten, welches die Gelehrten beobachten wollten, aber er mmochte Rachel an dieſem Abend, der etwas Unheim⸗ liches, Gewaltthätiges in ſeiner Begleitung hatte, nicht ohne Geſellſchaft laſſen. So blieb er zurück und ſein Pflegevater ging allein den wohlbekannten Weg. Etwa eine Stunde ſpäter aber hörte man ihn hüſtelnd durch die Gartenpforte ſchon wieder hereintreten. Er ſah ganz blaß aus, als er in’s Zimmer trat, und ſagte auf Befragen, daß er innerlich einen ſtarken Froſt verſpüre, daß er etwas recht Warmes trinken und ſich dann zu Bett legen wolle. Dergleichen kommt zu oft vor, als daß man gleich 179 etwas Arges, oder wohl gar das Aergſte denken ſollte. Als Joſeph am nächſten Morgen mit Rachel in's all⸗ gemeine Frühſtückszimmer trat, nachdem er ihr ſchon eine Muſikſtunde gegeben, wunderte er ſich, ſeinen Pflegevater noch nicht vorzufinden. Eilig begab er ſich in ſein Schlafzimmer und erſchrocken bebte er vor dem Ausſehn des Alten zurück, denn ſein Geſicht glühte und ſein Auge leuchtete in einem unheimlichen Glanze. Eine Viertelſtunde ſpäter erſchien der eiligſt gerufene Arzt und erklärte, daß eine Lungenentzündung im An⸗ zuge und wahrſcheinlich durch Erkältung entſtanden ſei. Indeſſen ſei nichts Weſentliches zu befürchten. Wer hat nicht ſchon Aehnliches im Leben gehört und Troſt aus dieſer Erklärung geſogen? Allein auch die Aerzte ſind dem Irrthum unterworfen, denn ſie ſind Menſchen, und Menſchen können wohl auf Ge⸗ neſung und Leben hoffen, aber Beides weder geben noch erhalten. Daß wir das Unvermeidliche kurz darſtellen— auch beim Profeſſor wollten wie bei der Tante die Mittel ihre Wirkung nicht thun, und vier Tage nach der Erkrankung nahm der Arzt den Sohn des Er⸗ krankten bei Seite und theilte ihm mit gewichtiger Miene mit, daß eine gewiſſe Gefahr drohe, daß er aber, da alle Menſchen ſterben könnten und ſterben 180 Es war die Nacht vor dem Weihnachtstage. Ra⸗ chel hatte zu Bett gehen müſſen und es weinend ge⸗ than, weil ſie neben Joſeph wachen und dieſer es nicht zugeben wollte. Joſeph ſaß am Lager des treuen Pfle⸗ gers ſeiner Jugend und beobachtete mit unſäglichem Wehgefühl die Verwüſtungen, welche die bei alten Leuten ſo leicht tödtliche Krankheit in ſeinen Geſichts⸗ zügen angerichtet hatte. Es war ein Schein von Beſ⸗ ſerung eingetreten, der den jungen Mann das Beſte hoffen ließ und ihn doch unendlich täuſchte, wie es ſo oft geſchieht, kurz bevor der unerbittliche Tod ſein Opfer fordert und uns noch einmal Leben und Ge⸗ neſung vorlügt, wo nichts als Untergang und Auflö⸗ ſung iſt. Der Kranke hatte eine halbe Stunde geſchlafen und Joſeph freute ſich dieſes Schlafes, weil er ihn für den Uebergang zur Beſſerung hielt, nachdem er vier Tage und Nächte vergeblich auf ſich hatte warten laſſen. Plötzlich erwachte der Profeſſor, that einen tiefen freien Athemzug, ſchlug die Augen auf und blickte nach der Stelle hin, wo Joſeph neben ihm zu ſitzen pflegte. Als er ihn auch jetzt mit liebevoller Theilnahme in ſeiner Nähe ſah, lächelte er und ſtreckte 181 ſeine Hand nach ihm aus. Joſeph ergriff die theure Hand, die ſo lange Jahre väterlich für ihn geſorgt, drückte ſie innig zwiſchen ſeinen beiden und küßte ſie. „Mein lieber Sohn,“ fing der Profeſſor zu reden an,„ich habe eine Weile ruhig und glücklich geſchlum⸗ mert und fühle mich außerordentlich dadurch geſtärkt, obgleich ich der feſten Ueberzeugung bin, daß dieſes Gefühl der Kraft nicht lange dauern wird, denn— denn— auch meine Stunde des Abſcheidens von die⸗ ſer Erde iſt gekommen.“ „Mein theurer, lieber Vater!“ unterbrach ihn der liebevolle Sohn, der bei dieſen troſtloſen Worten einen unendlichen Schmerz durch ſeine Bruſt ziehen fühlte. „Still, Joſeph, unterbrich mich nicht; wer weiß, wie lange ich anhaltend reden kann und ich möchte Dir noch ſo gern einige Worte ſagen, bevor ich meine Augen für immer ſchließe. Sieh alſo da, da ſitzen wir ſchon wieder zuſammen, um einen Abſchied zu nehmen, wie vor ſechs Wochen, aber diesmal wolleen wir, da wir nur Männer ſind, die daran Antheil ha⸗ ben, uns gefaßter zeigen bei der Prüfung, denn wir Menſchen gewöhnen uns leicht an Das, was uns öfter begegnet, ſelbſt an das Leid. Sieh, ich bin, wie Du weißt, ſeit langen Jahren ein treuer Beobachter aller Vorgänge in der Natur geweſen und habe als 182 ſolcher die Einſicht gewonnen, daß alles Geborne, das ſein ihm von Gott beſtimmtes Ziel erreicht hat, ge⸗ brechlich wird und den Rückweg antreten muß, um wieder zu werden was es früher war— Staub und Aſche, nennt es der Gebrauch des Lebens, was aber falſch iſt, denn wir Naturforſcher wiſſen, daß die Ur⸗ ſtoffe der Schöpfung die Quelle alles Lebendigen ſind. So iſt es mit dem Halme des Feldes, dem Blatte und der Frucht des Baumes, dem Thier des Waldes, der Luft und des Waſſers, und ſo muß es auch mit dem Menſchen ſein, der nur die Blüthe alles Erſchaf⸗ fenen, nicht aber ein aus der ewigen Regel und der fortlaufenden Schöpfungskette des Göttlichen heraus⸗ tretendes Glied iſt. Daß der Menſch oft noch gern am Leben bliebe, zumal wenn er liebende Herzen hin⸗ ter ſich läßt, das iſt wahr und auch natürlich, denn es iſt ſchön auf der Erde, zumal wenn man weiß, daß Menſchen vorhanden ſind, die mit uns Eins und Daſſelbe fühlen, denken und erſtreben. Die Trennung 52 von Dieſen erweckt denn auch allein den Schmerz und 3 die Furcht des Todes, der für den Sterbenden ſelber kein Tod, ſondern nur Auferſtehung zu einem höheren, veredelten und vergeiſtigten Leben iſt— ſo wenigſtens verſtehe ich und, wie ich weiß, auch Du, alle Wande⸗ lung auf Erden. Alſo auch wir müſſen ſcheiden, mein — — Brief von der Poſt zu holen, der unter meiner Adreſſe . 183 Sohn! Scheiden! Was heißt das? Uns trennen auf ein paar Jahre! Ach, Joſeph, was gelten uns Män⸗ nern, die wir einen Blick in die Geſchichte der Ent⸗ ſtehung der Welt und ihrer ewigen Umbildung gewor⸗ fen haben, ein paar Jahre! Im Nu ſind ſie verſtoben und auch Du wirſt mich dort oben, oder wo auch der Sammelplatz der Geſchiedenen ſein mag, nicht lange auf Dein Erſcheinen warten laſſen, ſo gern ich Dir auch ein langes, ſchönes und ehrenhaftes Leben wünſche. Doch davon wirſt Du ja wohl überzeugt ſein, ohne daß ich es ſage. Laß uns vielmehr in dieſer Stunde die Blicke nicht vorwärts werfen— ach, ich ſage Dir, es iſt ein ſehr hoher Genuß für mich, hinter den Vor⸗ hang des verſchloſſenen Himmels zu ſchauen— ſon⸗ dern laß uns einmal rückwärts blicken. Sieh, es ſind jetzt beinahe zwanzig Jahre her, daß Du als kleines hülfloſes Kind in meine Hände niedergelegt wurdeſt. Du weißt Alles, was ſich auf Deine Verhältniſſe be⸗ zieht, darum kann ich ja offen und ehrlich mit Dir davon reden. Wir wiſſen nicht, wer Deine Eltern ſind und wo ſie leben. Daß ſie noch leben und ſo⸗ gar bemittelte Leute ſind, haben wir alle Jahre zur Genüge erfahren und Du wirſt es in acht Tagen wie⸗ der erfahren, alſo vergiß nicht, am erſten Januar den „. 184 um dieſe Zeit regelmäßig in Bremen anlangt. Wie lange ſich Deine Eltern vor Dir verbergen werden, wozu ſie wohl ihre Gründe haben mögen, weiß Gott allein; wohin Du Dich aber auch einſt von hier wen⸗ deſt, denn Du wirſt nicht immer in Bremen bleiben wollen— vergiß nie zu dem beſtimmten Tage hier⸗ her zurückzukehren, denn es könnte einmal eine wichti⸗ gere Botſchaft an Dich einlaufen, als die, welche Dir alljährlich Deine ſechshundert Thaler bringt.— Was ich mit dieſen mir für Dich eingehändigten Mitteln habe an Dir thun können, das habe ich gethan, in dieſer Beziehung drückt mich auch nicht die geringſte Beſorg⸗ niß über eine Pflichtverletzung. Etwas Andres frei⸗ lich iſt es mit den Mitteln, die ich von innen heraus für Dich verwandt habe. Ob ich darin das Mögliche zu Deinem Beſten geleiſtet, will ich nicht ſelbſt zu ent⸗ ſcheiden wagen. Wenigſtens habe ich mich bemüht, nach meinen Kräften zu handeln. Liebe, Neigung, Anhänglichkeit habe ich im Leben genug für Dich ge⸗ habt— und die habe ich auch noch jetzt in Fülle— aber was hilft's— ich bin ein Menſch und alſo der Auflöſung verfallen, jetzt kann Dir auch meine Liebe nichts mehr helfen. Doch— ich muß mich kurz faſ⸗ ſen— mein Athem wird wieder beengter. Die klei⸗ nen goldenen Zierrathen, die an Deinem Leibe haf⸗ 185 teten, als Du in mein Haus kamſt und die Dir viel⸗ leicht in der Folge nützlich werden können, findeſt Du in dem Dir bekannten Kaſten meines Schreibtiſches, wo ich ſie bisher auf Deinen Wunſch aufbewahrt habe. Hier haſt Du den Schlüſſel dazu. Auch liegt das baare Geld dabei, welches ich hinterlaſſe. Das Packet mit Deinem Namen bezeichnet, enthält Dein Geld, das heißt das, was von den ſechshundert Tha⸗ lern, die ich für Dich alljährlich erhielt, übrig geblie⸗ ben iſt— es iſt freilich nur ſehr wenig, denn ich habe Dir allen Deinen Lieblingsneigungen zu folgen ver⸗ gönnt— das Uebrige gehört mir, alſo von morgen an— oder übermorgen— ebenfalls Dir. Denn Du ſollſt mein Erbe ſein von Allem, was ich hinterlaſſe, Du haſt Dich mir ſtets ſo brav, liebevoll und edel gezeigt, wie es nur mein leiblicher Sohn gekonnt hätte, wenn er ein guter Sohn geworden wäre. Ich habe zwar noch einen Neffen von meiner verſtorbenen Schweſter, welcher mein natürlicher und geſetzlicher Erbe wäre— wie Du weißt, wohnt er in Königsberg — allein er iſt ein ſehr wohlhabender Mann und wird die kleinen Brocken, die ich hinterlaſſe, nicht be⸗ anſpruchen. Damit Du nun aber auch geſetzlich mein Erbe werdeſt, will ich morgen früh um acht uhr— der Notar iſt ſchon beſtellt— mein Teſtament machen 186 — Du, Du allein biſt mein Erbe. Den Flügel dort oben— Du weißt— habe ich von Deinem Gelde gekauft, er iſt alſo Dein— die Beſtätigung davon findeſt Du in dem Schreibtiſch.— Sobald ich todt bin, benachrichtige meinen Neffen und ſchicke ihm eine Abſchrift meines Teſtaments— damit er weiß, woran er iſt. Ach, daß man von Vertheilen und Vererben re⸗ den muß, ſo lange man noch lebt und das Verthei⸗ lende vor ſich ſieht— das iſt bitter— das iſt ſchmerz⸗ lich— doch es iſt einmal nicht anders. Mein Sohn, ich bliebe gern noch ein paar Jahre bei Dir— und Rachel— es war zu ſchön— mit Euch zu muſiciren. Du biſt gut, rechtſchaffen— ſie iſt ein großes Genie, er⸗ kenne das ja— ſchätze ſie nach ihrem richtigen Werth — mein Gott— was iſt das?— Soll ich ſchon jetzt — das wäre zu früh— o wie hell wird es vor mei⸗ nen Augen— Licht— Licht— Joſeph, ich— ſterbe!“ Das war ſein letztes Wort. Früher als er es er⸗ wmartet, früher, viel zu früh, als es für Joſeph gut war, ereilte ihn der Tod. Denn kaum hatte er das letzte Wort geſprochen, ſo holte er einen tiefen Athem⸗ zug, warf noch einen Scheideblick auf den neben ihm lau aufſchreienden Sohn— dann fiel ſein bleiches Haupt i in die Kiſſen zurück und er war— eine Leiche. 187 Uebergehen wir die nächſten Stunden, ja ſogar die nächſten Tage, die auf dieſen unerwarteten Sterbe⸗ fall folgten. Der Profeſſor Sohn war beerdigt; neben dem Hügel ſeiner lange vor ihm ſchlafen gegangenen Frau und neben dem ſeiner erſt vor ſechs Wochen verſtorbenen Schweſter erhob ſich nun ſein eigener, viel zu früh, wir wiederholen es, für die zurückge⸗ bliebenen Verwaiſten, nicht allein, weil der Born ſeiner Liebe noch lange nicht für ſie erſchöpft war, ſondern auch weil er vor der Stunde geſtorben war, in der er ſeinen letzten Willen niederzulegen die Ab⸗ ſicht gehabt hatte.. Eine tiefe Stille herrſchte im Hauſe, als Joſeph und Rachel von der Beerdigung zurückgekommen waren, ungeachtet der vielen Thiere, die darin mit ihnen leb⸗ ten. Aber die Vögel ſangen an dem trüben Tage nicht, deſſen Sonnenlicht durch überreich herabfallende Schneeflocken verdunkelt wurde, und die Hunde lagen unbeweglich in den Zimmern und unterbrachen das leiſe Weinen der Zurückgebliebenen nicht, die in einer Ecke ſaßen und ſich durch einen Thränenſtrom, der kein Ende nehmen wollte, die volle Bruſt erleichterten. Endlich war es ganz finſter geworden und die Magd brachte die große Lampe herein, die noch vor 1 ſo wenigen Wochen die ganze glückliche Familie be⸗ 2 188 beſchienen hatte. Da ſahen ſie ſich gegenſeitig in die Augen und Einer fühlte an dem Ausſehn des Andern, welchen gemeinſamen unerſetzlichen Verluſt ſie erlit⸗ ten hatten. „Joſeph,“ ſagte Rachel mit leiſe bebendem Tone und ſchmiegte ihren dunklen Lockenkopf an ſeine Schul⸗ ter,„nun ſind wir allein auf der Welt— ich weiß, wie es thut, wenn man keinen Vater und keine Mutter mehr hat— aber Du, Du weißt es noch nicht.“ Joſeph erhob ſein bleiches Geſicht und ein Schim⸗ mer ſtrahlenden Lächelns flog über ſeine ſchönen Züge, als er antwortete:„O doch, doch weiß ich es, Rachel; der Verſtorbene war ja mein Vater, und ſeine Frau meine Mutter nicht. Ich war nur ihr Pflegekind. Sie haben ähnlich an mir gehandelt, wie ich an Dir, denn wie Du, ſo bin auch ich ſchon lange eine Waiſe!“ „Joſeph!“ ſchrie Rachel auf.„Du eine Waiſe wie ich? O, nun weiß ich, warum ich Dich ſo ſehr lieb habe; aber erzähle mir doch, wo hat Dich Dein guter Pflegevater denn gefunden?“ Joſeph erzählte mit wenigen Worten ſein Mißge⸗ ſchick. Er glaubte, das Kind achte nicht viel auf ſeine Worte, aber ſchon war ſie kein Kind mehr und hatte ein Gedächtniß, das ſich alle Tage mehr mit deerr Kraft eines Rieſen begabt ſeigte.„ — Pe 8 189 Von dieſem Tage an entwickelte ſich Rachel geiſtig ſchneller und umfaſſender, von jetzt an hatte ſie ein Verſtändniß für Alles, was ſie ſelbſt und Joſeph be⸗ traf. Von dieſem Tage an faßte ſie auch den Ent⸗ ſchluß, dem älteren Freunde mehr als ein Kind, ſie wollte ihm ein Troſt, eine Hülfe, eine dritte Hand ſein. Dieſer Entſchluß ſprach ſich in allen ihren Handlun⸗ gen und Unternehmungen aus, und wenn Joſeph in der Fluth der Ereigniſſe, die bald über ſein Haupt herein⸗ brachen, Zeit und Neigung dazu gehabt hätte, würde er ſchon in dem leuchtenden Blitzen ihres Auges, in den feinen entſchloſſenen Linien um ihren Mund den Ent⸗ ſchluß geleſen haben, der ihre ganze Seele erfüllte. Am ſpäten Abend dieſes Tages, nachdem Rachel ihr Bett aufgeſucht hatte, ſaß Joſeph vor dem Schreib⸗ tiſch ſeines Pflegevaters und ſuchte in deſſen Papieren herum. Er ordnete ſie und legte vor allen Dingen diejenigen nebſt den Rechnungen in ein Packet zuſam⸗ men, die ſich auf ihn ſelbſt bezogen und mit pünkt⸗ licher Genauigkeit von dem alten Profeſſor unterzeichnet waren, zum Belege, daß ſie von den Geldern bezahlt ſeien, die er für Joſeph's Erziehung erhalten hatte. Auch das Geld, welches ihm ſelbſt gehörte und eine Summe von beinahe hundert Thalern ausmachte, nahm er zu ſich; das aber, welches der Profeſſor hinterlaſſen 190 hatte und ungefähr das Doppelte betrug, ließ er einſt⸗ weilen in dem Pulte liegen. Die beiden Kleinigkeiten, die er als Kind ſelbſt mit in das Haus des Profeſſors gebracht, beſtanden aus einem eigenthümlich geform⸗ ten goldnen Medaillon, welches in ſeinem Innern unter einer Kryſtallkapſel eine kleine blonde Haarlocke enthielt. Joſeph hielt dieſe Locke für eine von ſeinem eigenen Haar, wie es wohl in der Jugend ausgeſehn haben mochte, und damit ſtimmte die verblichene Farbe deſſelben vollkommen überein. Außer dieſem Medail⸗ lon war noch ein kleines maſſiv goldenes Petſchaft von ſehr zierlicher Arbeit vorhanden, in welches ein ausdrucksvoller Doggenkopf eingravirt war. Offenbar war es kein Familien⸗ ſondern nur ein Phantaſie⸗ oder Privat⸗Wappen, wofür es nach langer Beſichti⸗ gung auch Profeſſor Sohn und alle die Wappenkun⸗ digen gehalten hatten, denen er es gezeigt, in der Hoffnung, daraus auf die Abſtammung Joſeph's ſchlie⸗ ßen zu können. . An den Neffen ſeines Pflegevaters hatte Joſeph gleich am Morgen nach dem Todestage geſchrieben, ihm das unerwartete Hinſcheiden des theuren Verwand⸗ ten angezeigt und Mittheilung von des Verſtorbenen letztem Willen beigefügt, der freilich nur mündlich und ohne Zeugen geäußert war. 191 Von den Bewohnern Bremens ſtörte Joſeph Sohn Niemand in ſeinem einſtweiligen Beſitz; Jedermann nahm an, daß Joſeph der natürliche Erbe des Ver⸗ ſtorbenen ſei, und die Wenigen, die von des Erſteren Vergangenheit wußten, gönnten ihm von Herzen das kleine Erbe, zumal ihnen die Wohlhabenheit, wenn nicht der Reichthum des fernen Neffen des Verſtorbe⸗ nen bekannt war. Die erſten acht Tage nach dem Hintritt des Ver⸗ ewigten, in die das Weihnachtsfeſt fiel, auf das man ſich nun vergeblich gefreut hatte, vergingen den beiden Verwaiſten in niederdrückender Stille. Kaum ſprachen ſie dann und wann einige Worte, und nur Abends, wenn des Tages Licht erloſchen war, wagten ſie ſich an die freie Luft, als ſcheuten ſie ſich, Menſchen zu begegnen, die mit ihnen von der Urſache ihrer Trau⸗ rigkeit reden könnten. Auch dauerte es längere Zeit, ehe ſie ſich entſchließen konnten, den Flügel zu öffnen und durch die ernſten Klänge einer ihrem Empfinden angemeſſenen Muſik die heilige Stille zu entweihen, die jetzt im Muſikſaal herrſchte, wo, wie ſo vieles An⸗ dere im Hauſe, das Cello unangerührt und ſchweigend auf ſeiner Stelle ſtand. Endlich war der erſte Januar gekommen. Rachel wußte, daß es Joſeph's Geburtstag war und beglück⸗ 192 wünſchte ihn am frühen Morgen mit thränenden Au⸗ gen. Er ſchloß das ſo innig mit ſeinem Schickſale verflochtene Kind in ſeine Arme und entgegnete mit Dankesworten, die ſeinem vollen Herzen entſtrömten, den freundlich wehmüthigen Gruß. Dann kleidete er ſich an und begab ſich auf die Poſt, um nach dem bewußten Briefe zu fragen, der alle Jahre an dieſem Tage in Bremen eintraf. Aber merkwürdig, es fand ſich kein ſolcher vor und Joſeph mußte unverrichteter Sache und um eine nicht unbedeutende Hoffnung är⸗ mer in ſein Haus zurückkehren. Dem Ausbleiben des Briefes konnte allerdings eine Verſäumniß von Seiten der Poſt zu Grunde liegen, allein Joſeph nahm es kaum ſo auf; er fühlte ſich ſeltſam bedrückt, als er heimging und wich Rachel’s fragenden Blicken aus, die ſogleich mit ihrem ſtillen Scharfſinn entdeckte, daß auch in dieſer Erwartung der Freund unglücklich ge⸗ weſen war. Träge verſtrichen die Stunden bis zum Mittag. Nachdem das einfache Mahl in aller Stille eingenommen war, ging Joſeph zum zweiten Male zur Poſt, diesmal aber ſchon mit beklommenerem Herzen. Als ihn der Poſtbeamte an das kleine Fenſter tre⸗ ten ſah, hinter deſſen Riegeln ſich für ſo viele Men⸗ ſchen Wohl und Wehe verbirgt, lächelte er, nahm aus 193 dem bekannten Fache einen Brief heraus und händigte ihn dem jungen Manne ein. Joſeph warf nur einen Blick darauf und ſchauerte zuſammen. Der Brief trug allerdings die von der bekannten kaufmänniſchen Hand geſchriebene Adreſſe des verſtorbenen Schulmanns, fber — die vielſagenden fünf Siegel auf der Rückſeite ten und ſtatt ihrer zeigte ſich ein einziges Senen in der Mitte, noch dazu— und das goß eben den Schrek⸗ ken in Joſeph's Blut— von ſchwarzer Fo Farbe Sar leete Der junge Mann war ſo aufgeregt, daß es ihm zen nicht möglich war, auf der Straße den ohne Zweifel e inhaltsſchweren Brief zu öffnen. Mit möglichſter Ruhe Merf trat er ſeinen Rückweg an, begab ſich in ſein Zimmer und ſchloß ſich daſelbſt ein. Jetzt erbrach er das Sie⸗ 7 gel, entfaltete das verhängnißvolle Blatt und las zu ſeinem unſäglichen Erſtaunen folgende Worte: „Geehrter Herr Profeſſor! „Leider zwingen mich die Umſtände, Ihnen heute „eine Nachricht zu geben, die von der gewöhnlichen „und wahrſcheinlich von Ihnen erwarteten weit ab⸗ 8 „weicht. Ich bin nicht mehr im Stande, Ihnen fer⸗ „nerhin den Zuſchuß behufs der Erziehung und Unter⸗ „haltung Ihres Pflegeſohns zu bewilligen, den ich 1 „Ihnen getreulich bis jetzt überſendet habe. Möge 8 „der junge Mann, der jetzt in dem Alter iſt, ſich ſelbſt Emery Glandon. I. 13 194 „durch das Leben helfen zu können, ſeine eigenen Kräfte „zu ſeinem Lebensunterhalte anwenden, das wünſche, „das rathe ich ihm zu ſeinem ferneren Beſten. Ich „ſelbſt verlaſſe an dem Tage, wo ich Dieſes ſchreibe, „Euro da, um in einem überſeeiſchen Lande mein Leben „zu beſchließen, wozu mich Umſtände und Verhältniſſe „zwingen, die ich voriges Jahr noch nicht vorausſehen „konnte. So habe ich denn die Ehre, zum letzten „Male das Wort an Sie zu richten und ich empfehle „Sie und Ihren Sohn dem Schutze Gottes, der der „beſte iſt für Waiſen und Verlaſſene, in welche Klaſſe, „wie ich Ihnen zu ſagen mir erlaube, Joſeph Sohn „von heute an gehört. Leben Sie wohl und nehmen „Sie meinen Dank für Ihre bisherige Mühwaltung in „Angelegenheiten des jungen Mannes an, von dem ich „hoffe, daß er Ihrer Erziehung Ehre machen wird.— Joſeph ſtand wie verſteinert, als er dieſe Zeilen ohne Datum und Namen las, die ihm wie eine bit⸗ tere Ironie auf die Vorfälle der jüngſten Tage erſchie⸗ nen. Nicht daß er eine Waiſe, ein Verlaſſener war, wie der Schreiber ſagte, kränkte und verwirrte ihn, ach nein! Das wußte er ja ſchon längſt, das hatte er ſich im Laufe der Jahre wenigſtens oft genug geſagt, aber daß der Schreiber mit einer ſo herben Kälte von den unzähligen Liebesbeweiſen des Profeſſors ſprach 195 und ihm gar keinen Aufſchluß über ſein Herkommen, ſeine Eltern gab, das bewegte ihn tief und ſchmerzlich. Nur die Stelle, in welcher der Verfaſſer von dem Alter ſprach, in dem Joſeph ſich jetzt befinde, und daß er mit ſeinen eigenen Kräften ſich durch das Leben hel⸗ fen könne und müſſe, erhob ihn weit über ſeinen Schmerz. Gerade ſie erweckte einen Stolz, eine Kraft des Selbſtgefühls und Widerſtandes gegen das Schick⸗ ſal in ſeinem Innern, die er noch nie in ſeinem Le⸗ ben empfunden hatte. Er richtete ſich hoch auf, als er die Stelle noch einmal las, blickte mit funkelnden Augen um ſich her und rief laut aus:„Ja, darin hat der fremde Herr Recht, ich bin wirklich in dem Al⸗ ter, wo ich mir ſelbſt helfen kann; das iſt eine Lehre, die er mir ertheilt, für die ich ihm dankbar ſein muß. Wohlandenn, Du Waiſe und Verlaſſener, richte Dich auf und zeige Deine Kraft. Bis jetzt haſt Du ge⸗ ſchlummert und geruht, die leicht errungenen Gaben des Lebens genoſſen, ohne ſie zu verdienen, von jetzt an wird es anders ſein, und Du wirſt das Brod eſ⸗ ſen, was Deine Hände und Dein Kopf ſich erworben haben. Es muß gut ſchmecken, dies Brod, wenn ich der Fülle von Vertrauen zu mir ſelbſt glauben darf. die ich plötzlich in meinem Gehirn ſich erheben fühle.“ Und er faltete den Brief wieder zuſammen, ſteckte ihn 1382 196 in ſeine Brieftaſche und ging lange Zeit ſinnend und denkend auf und nieder. Aber was er ſuchte, er hatte es bis jetzt nicht gefunden— Kraft beſaß er, ohne Zweifel, und auch guten Willen, dieſe Kraft zu üben — aber wohinaus dieſe Kraft ſtrömen laſſen, wozu dieſen Willen anwenden? Das war ihm noch nicht klar. Da vernahm er plötzlich vom Muſikſaal her, der dicht neben ſeinem Zimmer lag, die feierlichen Klänge einer ernſten Haydn'ſchen Sonate, die Rachel ſpielte. Wunderbar ermuthigt und gekräftigt durch dieſe Klänge, die ſeine Seele in höheren Schwung verſetzten, und ſei⸗ nem Entſchluſſe ſchon näher gekommen, öffnete er die Thür, trat ein und zeigte der verwundert aufſchauen⸗ den Spielerin ein ſo heiteres, willenskräftiges und ermuthigtes Geſicht, wie dieſe es noch nie an ihm wahrgenommen hatte. So verlief der erſte Januar. Der erſte Schritt in das neue Jahr war ein herber geweſen, aber auch der zweite ſollte kein angenehmerer ſein, wie wir ſogleich hören werden. Der zweite Januar brach kalt und windig an. Joſeph, von innerer Unruhe gepeinigt, ohne ſich des Grundes bewußt zu ſein, war ſchon aufgeſtanden, als noch Dämmerung herrſchte. Langſam ſchritt er im Zimmer auf und nieder und ſah die Sonne etwas trüb ſich über den Horizont erheben, die ihm, ſo hoffte er, künftig wieder golden und heiter ſcheinen würde. Er vergaß dabei den Unterricht, den er von heute an wieder hatte beginnen wollen, und Rachel trat ihre Uebung allein an, da ſie den Säumigen nicht an ſein Verſprechen erinnern wollte. Endlich wurde es heller und der Tag war völlig angebrochen. Die ſchwarz gekleidete Magd brachte in gewohnter Weiſe das Frühſtück in Joſeph's Zimmer, wo man jetzt den Morgenkaffee einzunehmen pflegte. Joſeph rief Rachel herein und begrüßte ſie, indem er ſich entſchuldigte, ſie vergeſſen zu haben, was ihm jetzt erſt einfiel. Als ſie die erſte Taſſe getrunken hatten, ſchellte es heftig an der Hausthür, die in der Regel verſchloſſen war. Die Magd öffnete und ſprach einige Worte mit drei eintretenden Männern. Gleich darauf erſtiegen ſie die Treppe und klopften an Joſeph's Thür. Als dieſe ſich auf ſeinen Ruf öffnete, ſah er drei Männer vor ſich ſtehen, die er an ihrer Kleidung und an ihren Abzeichen als Sendboten des ſtädtiſchen Gerichts erkannte. Der Eine trat vor, fragte Joſeph, ob er der Pflegeſohn des verſtorbenen Profeſſors 198 ſei, und als dies bejaht wurde, theilte er dem mehr als Erſtaunten mit, daß er im Auftrage des Gerichts komme, um die Hinterlaſſenſchaft des Verſtorbenen im Auftrage des Erben, ſeines Neffen, zu verſiegeln, zu welchem Behufe er ein Schriftſtück vorwies, das ſeine Handlungsweiſe rechtfertigen ſollte. Halb gebrochenen Herzens verneigte ſich Joſeph blos, denn die Stimme verſagte ihm. Endlich fand er ſie wieder, um dem Beamten die Mittheilung zu machen, daß die Beſitzthümer des Profeſſors im Erd⸗ geſchoß ſich befänden, da Alles, was hier oben ſei, außer einigen Betten und Möbeln, ſein Eigenthum wäre. „Haben Sie Beweiſe dafür, mein Herr?“ „Ja, hier ſind ſie!“ Und er ſchloß ſein Pult auf und legte den Beamten die Rechnungen vor, die hin⸗ reichend beſagten, was ihm gehöre. Die Beamten waren oder ſchienen befriedigt und begaben ſich wieder die Treppe hinab. In kürzerer Zeit, als Joſeph es für möglich gehalten, war das untere Stockwerk dem jungen Manne, der darin auf⸗ gewachſen, zufrieden und glücklich geweſen war, ver⸗ ſchloſſen und er ſah ſich auf die oberen Zimmer be⸗ ſchränkt, die er bisher für ſein ausſchließliches Eigen⸗ thum gehalten hatte. 199 Der neue Schlag, der hiermit auf den Unbefan⸗ genen niederſtürzte, war hart— und um ſo härter, da er vollkommen unerwartet kam. Er war noch nicht ſo weit mit den düſteren Vorkommenheiten des Fami⸗ lienlebens vertraut, daß er ihn mit Gleichmuth hätte hinnehmen ſollen, und nun erſt dämmerte ihm die Ah⸗ nung auf, daß ſein kommendes Leben denn doch ein ſehr weit abweichendes von ſeinem früheren werden könnte. Rachel, noch weniger mit den Vorgängen des Ta⸗ ges und ihren Urſachen vertraut, hatte doch Grund genug anzunehmen, daß ihrem Freunde ein neues Schickſal auferlegt ſei, denn ihre Augen hingen an ſeinen zerknirſchten Mienen und laſen die Bitterkeit heraus, die ſein Herz ſchwellen machte. Wenige Worte aus ſeinem Munde, deſſen Ausſpruch ſtets ein Evan⸗ gelium für ihre Seele war, reichten hin, ſie ungefähr mit dem Vorgehenden bekannt zu machen, und es ge⸗ lang ihm, ſie von weiteren Fragen abzuhalten, indem er ſie auf die Zukunft und beſſere Tage vertröſtete. Im Laufe des Tages erſchien ein Advokat, der ſich als den gerichtlichen Beiſtand des Erben des Profeſ⸗ ſors vorſtellte und Einſicht in die vorliegenden Ver⸗ hältniſſe ausbat. Joſeph hatte keinen Grund, ihm nur ein Wort von Dem zu verſchweigen, was er ſel⸗ 200 ber über ſeine Vergangenheit wußte, und dieſe Offen⸗ herzigkeit gewann ihm den Geſchäftsmann ſichtlich. Er ſchloß damit, daß er ſein Thun entſchuldigte und Alles aufzubieten verſprach, daß Nichts geſchehe, was dem jungen Manne unangenehm ſei. „O,“ ſagte dieſer,„ich verlange keine Freundlich⸗ keit und Nachſicht— ich meine nicht von Ihnen, ſondern von dem Erben meines Pflegevaters. Thun Sie Ihre Schuldigkeit und laſſen Sie das Geſetz wal⸗ ten. Ich bin alt genug, um einzuſehen, daß Sie Nichts für mich thun können.“ „Nein, ich nicht, denn ich bin zur Partei Ihres Gegners gehörig. Aber auch Sie können ſich nach einem gerichtlichen Beiſtand umſehen.“* „Wozu? Um einen Prozeß zu begingen, der mir Koſten verurſacht, die ich auf alle Fälle vermeiden muß? Nein, mein Herr, die Sache iſt zu klar, um mich nicht das Ende errathen zu laſſen. Nur noch eine Frage wollte ich mir erlauben.“ „Und die wäre?“ „Werden Sie mir geſtatten, mit allen den kleinen Beſitzthümern, die ich mein nenne, dies Haus zu ver⸗ laſſen?“ „Warum nicht? Ihnen ſteht Nichts im Wege. Aber ich bin beauftragt, Ihnen mitzutheilen, daß dies durchaus keine Eile hat, da der Erbe des Verſtorbe⸗ nen für dies Haus doch nicht ſogleich einen Käufer finden wird.“ „Mit Nichten, mein Herr; ich werde es ſobald wie möglich verlaſſen, denn ich halte mich nicht gern auf, wo ich ungern geſehen bin. Theilen Sie das gefäl⸗ ligſt Ihrer Partei mit, wenn ich bitten darf.“ „Haben Sie vielleicht noch einen Wunſch?“ Joſeph beſann ſich.„Ja,“ ſagte er endlich.„Mein Pflegevater beſaß mit mir gemeinſchaftlich viele Thiere, die aufzuziehen und zu pflegen, uns ein nicht geringes Vergnügen verurſachte. Erhebt der Erbe auch darauf Anſpruch?“ Der Advokat verſuchte ein Lächeln, das ihm miß⸗ lang, als er den kalten Ernſt ſeiner Gegenpartei ſah. „Nein,“ ſagte er nach kurzem Beſinnen,„der Erbe er⸗ hebt darauf keinen Anſpruch und wird ſogar froh ſein, von der Laſt dieſer Thiere befreit zu bleiben. Auch rathe ich Ihnen—“ *Er ſchwieg, denn Joſeph's Auge blitzte fragend ge⸗ gen ihn auf. „Was?“ ſagte eine Stimme, die dröhnend durch das ganze Zimmer klang. „Ich rathe Ihnen,“ fuhr der Advokat mit leiſerem Tone fort, als fühle er plötzlich den Trieb, behutſamer aufzutreten,„ſich auch ſehr bald dieſer Thiere zu ent⸗ ledigen. Ihre Unterhaltung koſtet Geld und Sie wer⸗ den ſobald keinen Ort finden, wo Sie ſie ſo gemäch⸗ lich unterbringen und ziehen können wie hier.“ Joſeph zuckte ſchmerzlich zuſammen, er war in ſei⸗ nem Innerſten getroffen, denn er fühlte augenblicklich, daß der Mann mit dieſem Rathe Recht habe. Und doch— von ſeinen Lieblingen ſich zu trennen— das war bei allem Unglück, was ihn ſo haufenweis traf, nicht der geringſte Schlag. „Natürlich!“ ſtammelte er.„Ja, Sie haben Recht, ich ſehe es ein. Auch von dieſen Thieren werde ich — muß ich mich trennen. Gut. Ich danke Ihnen.“ „So leben Sie wohl!“ 8. Der Advokat ging. Joſeph aber ſank auf einem Stuhle zuſammen, und ſelten wohl ſind Thränen, wie ſie aus ſeinen Augen über ſeine Wangen rannen, aus einem zarter beſaiteten Herzen an's Tageslicht gedrun⸗ gen. Da fühlte er Etwas ſeinen Arm berühren. Ver⸗ wundert ſchaute er auf. Rachel ſtand bleich wie eine Leiche, mit ſtarren Blicken und bebenden Lippen vor ihm. „Joſeph!“ hauchte ſie ihm entgegen. „Was willſt Du, mein Kind?“ „Die Thiere ſollen fort?“ 20 3 „Ach, Du haſt gehört?“ „Ja, Alles,— jedes Wort! Du biſt arm?“ „Ja, ich bin arm, Rachel, vielleicht bald ſehr arm.“ „Und ich—?“ Mehr konnte ſie nicht ſagen; halb vernichtet ſank ſie zuſammen und fiel in ſeine Arme. Joſeph verſtand ſie. Er hob ſie auf, drückte ſie liebevoll an ſich und ſagte:„Ruhig, ruhig, mein Kind. Ich bin arm— aber lange nicht ſo ſehr, wie Du denkſt— und Du, Du biſt mir ein Troſt— aber keine Laſt.“ „Iſt das wahr, Joſeph?“ ſchrie ſie wie im Ent⸗ zücken auf. „So wahr ein Gott im Himmel lebt, an den wir Alle glauben. Du verläſſeſt mich nicht— ich ver⸗ laſſe Dich nicht— denn ſieh, ich bin jung, ich bin ſtark— hier iſt mein Kopf, hier ſind meine Hände— was wollen wir mehr?“ Da füllten ſich Rachel's Wangen wieder mit Blut, ihre Augen ſtrömten von einem wohlthätigen Ouell über und zum Himmel aufblickend, rief ſie wie im Echo aus:„Was wollen wir mehr? O, wie glücklich, wie glücklich bin ich— Du verſtöß'ſt mich nicht. O, noch einmal iſt Rachel, das arme Judenkind, glücklich, denn ich glaubte ſchon, ich müßte wieder nach Prag!“ — 204 „Um Gotteswillen, wie konnteſt Du auf den Ge⸗ danken kommen, Rachel! O nein, nein, nein! Komm, Kind, ſieh', die Sonne draußen ſcheint golden und mächtig, ich fühle Luſt, mir eine lange nicht gehabte Bewegung zu machen. Komm, laß uns den Athem Gottes trinken und uns eine Wohnung ſuchen, wo wir glücklich und fleißig ſein können, denn hier bleibe ich keine vierundzwanzig Stunden mehr.“ Achtes Mnpitel. Wenn es auf Erden dunkelt, glänzen des Himmels Sterne. Auf dieſem Spaziergange war Joſeph ſo glücklich, ein der Vorſtadt auf dem Wege nach Vegeſack bei einer Gärtnersfrau, die ein neugebautes und für Sommer⸗ wohnungen eingerichtetes Häuschen beſaß, eine kleine und ſeinen Wünſchen entſprechende Wohnung für einen billigen Preis zu finden. Zwiſchen Gärten und ein⸗ zelnen zerſtreut aufgebauten größeren Häuſern lag das⸗ ſelbe ſtill und freundlich da, einige Aehnlichkeit mit dem Hauſe am Walle verrathend, wenn man von den geebneten Spaziergängen, den künſtlichen Baum⸗ und Blumenanlagen und dem lebhafteren Gewoge der Menſchen abſah. Joſeph fand hier für ſich und ſei⸗ nen Flügel ein ziemlich geräumiges Zimmer, in dem er zugleich ſchlafen konnte, und für Rachel ein Käm⸗ 206 merchen, das ihren geringen Bedürfniſſen vollkommen genügte. Die Gärtnersfrau, die Wittwe war und einen Handel mit Gemüſen und Obſt trieb, dem ein älterer Sohn vorſtand, hatte auch freundlich genug die Beköſtigung und Aufwartung des einziehenden Paares übernommen und ſo war für das Hausweſen der Verwaiſten leidlich geſorgt. Schon in den näch⸗ ſten Tagen bewerkſtelligten ſie ihren Umzug und rich⸗ teten ſich ſo behaglich wie möglich ein. Freilich zeigte es ſich, daß die Wohnung, als erſt die Möbel aus dem Profeſſorhauſe dahin geſchafft, ein wenig⸗ eng war, allein in Anbetracht der erlittenen Verluſte und ſeiner jetzigen viel eingeſchränkteren Lebensweiſe, glaubte Joſeph ſich bequem genug untergebracht. Eine größere Sorge hatte er wegen ſeiner vielen im Hauſe des Profeſſors um ihn herum lebenden Thiere gehabt; ſie waren ihm alle an's Herz gewach⸗ ſen und doch war es unmöglich, ſie ſämmtlich in den Umzug mit einzuſchließen. Endlich faßte er den ein⸗ zigen Entſchluß, der hier möglich war, indem er ſich von den meiſten trennen und nur diejenigen behalten wollte, die bequem in der neuen Wohnung mit unter⸗ gebracht werden konnten. Zur Uebernahme der aus⸗ kerleſenen Tauben und des ſchönen übrigen Gefieders zeigte ſich die Gärtnersfrau ſehr gern bereit, denn ſie hatte einen großen und geräumigen Viehhof im Beſitz und verſprach ſich ſogar aus dieſem plötzlichen An⸗ wachs ihres Hofhalts einen künftigen Gewinn, was ſich auch vollkommen beſtätigte, weshalb ſie dem neuen Miether ſich in anderen Dingen um ſo gefälliger erwies. So brauchte ſich Joſeph doch nicht von die⸗ ſen Thieren zu trennen und konnte ihrer Wartung und Pflege vor wie nach ein wachſames Auge ſchen⸗ ken. Sogar zur Aufnahme einiger Hunde hatte ſich der junge Gärtner verſtanden, und dieſe zeigten ſich den Bewohnern des abgelegenen Hauſes in der Folge ſehr nützlich. Die drei Wachtelhunde aber, die Joſeph beſaß, verſchenkte er, ſo ſchmerzlich es ihm war, an einige Bekannte des verſtorbenen Profeſſors, die gern ein Andenken von ihm haben wollten und ſie gut zu halten verſprachen. Für ſich behielt er nur den ſchö⸗ nen Pudel Hektor und für Rachel den kleinen Bolog⸗ neſer Spitz, den ſie ſchon in Prag kennen gelernt hatte und der fortan ihr Liebling geblieben war. Auch von ihren Lachtauben wollte ſie ſich nicht trennen und wies ihnen einen Platz ihrem Bette gegenüber in der kleinen Kammer an, die ſie bewohnte, eben ſo wie Joſeph ſeine Singvögel in ihren meſſingnen Käfigen in ſeinem eigenen Zimmer unterbrachte. Der Kapu⸗ zineraffe aber und der redſelige Papagei wanderte in eeeer erthes † 208 das nächſte Nachbarhaus des Profeſſors, wo ein wohl⸗ habender Kaufmann wohnte, der ſich ſchon lange um die beiden Thiere vergebens beworben hatte. So war denn Alles wieder beiſammen, was Joſeph von dem Schiffbruche ſeines jugendlichen Lebens zu retten im Stande geweſen, und er pries ſich noch glücklich, ſo viel behalten und nicht mehr eingebüßt zu haben. In ſo weiſer Beſchränkung ſich unſer Freund nun auch zu leben und nur das Nothdürftigſte ſich zu ge⸗ ſtatten anſchickte, ſo ſah er doch ſehr bald ein, daß er mit ſeinem geringen Vermögen nicht weit reichen würde, wenn er nicht ſo bald wie möglich auf neue Erwerbs⸗ quellen bedacht wäre, wobei ſich die Erinnerung an die Thatkraft ſeines Kopfes und die Arbäitsfähigkeit ſeiner Hände auf eine noch nachdrücklichere Weiſe er⸗ neuerte. Zu dem Behufe faßte er den Entſchluß, einen Mann aufzuſuchen und um Rath zu fragen, dem er ſchon bei Lebzeiten des Pflegevaters das größte Vertrauen geſchenkt hatte und der vielleicht vermöge ſeiner Stel⸗ lung die geeignetſte Perſönlichkeit war, ihm den rechten Weg zu ſeinem Vorhaben zu bahnen. Es war dies ein hochgeſtellter Lehrer an der erſten jugendlichen Bildungsanſtalt in Bremen, ein allgemein geachteter Mann, der eine Fülle von Bekanntſchaften in reichen 209 8& Häuſern hatte und deſſen Ausſpruch in allen ſeine Wiſſenſchaft betreffenden Angelegenheiten maaßge⸗ bend und von Bedeutung war. Außer ſeiner Be⸗ freundung mit vielen Patricierhäuſern kam ihm noch ſeine Stellung als Dirigent einer großen Penſions⸗ anſtalt zu Statten, in welcher aufgenommen zu werden den Söhnen des umwohnenden Adels zu einer Art Regel oder Pflicht geworden war, bevor ſie die Uni⸗ verſiät oder irgend einen andern Berufskreis betraten. Daß ein ſolcher Mann im Stande ſei, einen ſo wiſ⸗ ſenſchaftlich gebildeten Menſchen, wie Joſeph Sohn es war, der ſich nebenbei durch die liebenswürdigſte Per⸗ ſönlichkeit auszeichnete, in ſeiner jetzigen bedrängten Lage unter die Arme zu greifen, war leicht vorauszu⸗ ſetzen, und Joſeph hatte ſich in ſeinen Erwartungen auch nicht getäuſcht., i eef⸗un Der Profeſſor Schltn ſo wollen wir ihn nennen— nahm den jungen Mann ſehr freundlich auf und hörte mit der größten Aufmerkſamkeit ſeine Bitte an. Als Joſeph ſeinen warm geſprochenen Vor⸗ trag beendigt hatte, ging er einige Male nachdenklich im Zimmer auf und ab, ſtand dann vor dem Hülfe⸗ ſuchenden ſtill und ſchaute ihm wohlwollend in das edle Geſicht, das in Folge innerer Aufregung lebhaft geröthet war. Emery Glandon. I. 14 „Mein lieber Sohn,“ ſagte er milde,„ich begreife vollkommen Ihre jetzige Lage und bedaure von gan⸗e zem Herzen, daß mein Freund und College einen Tag zu früh für Sie geſtorben iſt—“ „O, viele Tage, wenn nicht Jahre, Herr Profeſſor!“ „Ja wohl, ja wohl, ich verſtehe Sie ſchon, ich meine nur in Bezug auf das beabſichtigte Teſtament. Ich habe ſchon daran gedacht, ob man dem Neffen Ihres Pflegevaters nicht ſchreiben und den Sachver⸗ halt—“ „Kein Wort, kein einziges Wort,“ unterbrach ihn beinahe heftig und ſich ſtolz aufrichtend der junge Mann.„Ich darf mich nicht ſo weit erniedrigen, daß ich bitte, wo ein ſo reicher Mann, wie der Erbe meines gütigen Vaters, mir durch ſeine Handlungs⸗ weiſe das Bitten unmögjich gemacht hat.“ „So— das iſt etwas Andres; ich glaubte, man könnte Ihnen vielleicht noch von dieſer beanemſten Seite her helfen.“— „Um Gotteswillen nicht! Die bequemſte Hülfe iſt nicht immer die edelſte, und meinem Gefühl ſagt ſie am wenigſten zu.“ „Wohl, ich verſtehe Sie. Nun, dann muß man an etwas Anderes denken. Und Gott ſei Dank! ich weiß ſchon, wie Ihnen geholfen werden kann. Eine 2 ——— 2* 211 Art des Erwerbes will ich Ihnen. zwar nicht anra⸗ then, aber doch wenigſtens erwähnen, damit Sie ſehen, daß ich nicht um verſchiedene Mittel und Wege verle⸗ gen bin. Wie ich weiß, haben Sie die vollkommen wiſſenſchaftliche Reife, die man von einem Lehrer einer höheren Erziehungsanſtalt verlangt, und es käme nur darauf an, daß Sie ſich einer Prüfung unterwürfen, in deren Gefolge ſich dann eine Anſtellung bald finden ließe. Allein— aufrichtig geſprochen, rathe ich Ih⸗ nen nicht dazu. Einmal— Sie verzeihen mir, daß ich vielleicht einen ſchmerzenden Punkt in Ihrem Herzen berühre— ſcheinen Sie mir wegen Ihrer äußeren Verhältniſſe nicht dazu geſchaffen zu ſein, Ihre ganze fernere Exiſtenz in einer ſo abhängigen Lage zu ſuchen, denn es iſt immer noch möglich, daß das Dunkel Ih⸗ rer Herkunft— Sie ſehen, der alte Sohn hat mit mir darüber wie mit einem Freunde geſprochen— auf eine für Sie günſtige Weiſe gelüftet wird.“ „Darauf ſetze ich durchaus keine Hoffnung mehr nach Ankunft jenes Ihnen bereits mitgetheilten Schreibens.“ „O, das kann man doch nicht ſo genau wiſſen. Sodann aber iſt das Leben eines ſelbſt gutgeſtellten Lehrers immer eine Art Knechtſchaft, deren Druck man erſt kennen lernt, wenn man ihr ausgeſetzt iſt. Alſo binden, verſagen, beſtimmen Sie ſich nicht feſt für eine 14* 212 Ihnen in der Zukunft nicht angemeſſene Stellung. Nein, überlaſſen Sie ſich für's Erſte meiner Sorgfalt, unterrichten Sie, aber nur privatim und in reichen Häuſern, die einen guten Lehrer vortrefflich beſolden, damit Ihre Zeit nicht ganz aufgezehrt werde und Sie noch Muße, ſich fortzubilden, behalten.“ „Ja, das wäre mir allerdings das Liebſte.“ „Sehen Sie wohl. Dann warten Sie Ihre Zeit ab, vielleicht findet ſich irgend wo eine Anſtellung für Sie, die Ihnen behagt und eine Zukunft verſpricht; dafür halten Sie ſich bereit. Indeſſen zeigen Sie ſich geduldig und bedenken Sie, daß man den Weg über einen hohen Berg am zweckmäßigſten langſam und ruhig zurücklegt. Sind Sie mit mir einverſtanden?“ „Vollkommen!“— „Nun, dann haben wir ja ſchon einen Schritt zum Ziele zurückgelegt. Wie ich weiß, ſind Sie in der Muſik ſehr bewandert. Lehrer in den neueren Sprachen ſind zu Dutzenden vorhanden, Lehrer der Naturwiſſenſchaften finden meiſt nur in Schulen und öffentlichen Anſtalten Beſchäftigung, aber ein guter MRuſiklehrer, ein wirklich guter, iſt und bleibt immer und überall ein ſeltener und geſuchter Mann.“ „‚Das wäre mir auch das Liebſte und darin denke ich Genügendes leiſten zu können.“ 213 „So iſt es denn abgemacht. Ich werde Ihnen noch in dieſer Woche einige Schüler verſchaffen, und haben Sie erſt zwei, ſo haben Sie bald vier und mehr. Das wird ſich machen laſſen.— Wo wohnen Sie jetzt?“ Joſeph gab ſeine Wohnung an, die ziemlich weit von der des Profeſſors abgelegen war, und ging dann, innerlich aufgerichtet und getröſtet, nach Hauſe. Der Profeſſor hielt Wort. In wenigen Tagen fand ſich Joſeph als Lehrer in einigen ſehr reichen Kaufmannshäuſern eingeführt, ſah ſich gut beſoldet und die Beſorgniß für die nächſte Zukunft war alſo wieder glücklich beſeitigt. So große Mühe er ſich aber auch mit ſeinen Schü⸗ lern und Schülerinnen gab, ſo viele Sorgfalt er auf ihre Ausbildung verwendete, den Hauptunterricht er⸗ theilte er der einzigen Schülerin in ſeinem Hauſe: Rachel flößte er Alles an Gutem, Schönem und Wah⸗ rem ein, was er wußte, und ſie lohnte ihm ſeine Mühe reichlich durch Aufmerkſamkeit im Zuhören, durch Feſt⸗ halten des Erlernten und durch Nachdenken über Alles,. 4 was ſie in ſich aufnahm. Wenn Beider ſtilles Leben um dieſe Zeit einen Zuſchauer gehabt hätte, derſelbe würde es beneidense⸗ dorth und unnachahmlich in ſeiner eigenthümlichen 214 Art gefunden haben. Denn eigenthümlich war von Joſeph's Seite die brüderliche Sorgfalt, mit der er je⸗ den ihrer Schritte im Leben und Lernen bewachte, der unausgeſetzte Fleiß, den er auf ihre geſammte Ausbildung verwandte, und von Rachel's Seite dage⸗ gen die faſt abgöttiſche Verehrung, die ſie dem jungen Manne weihte, der ihr ſo viele Opfer brachte, der kindliche Gehorſam, den ſie gegen ihn beobachtete, und die liebevolle Hingebung, die ſie in allen Dingen, die ihn betrafen, an den Tag legte. Er, der lebens⸗ kräftige, junge Mann zog ſich von allem Umgang mit Altersgenoſſen zurück, verſagte ſich jede, auch die kleinſte Freude, den geringſten Genuß außer dem Hauſe, um nur die freiwillig übernommene Pflicht an dem verlaſſenen Kinde im ganzen Umfange zu üben. Sobald er ſeine Stunden in den Häuſern der Vor⸗ nehmen beendet, eilte er in ſeine eigene Wohnug zu⸗ rück, um irgend einen Unterricht dort fortzuſetzen oder ſicch einen neuen muſikaliſchen Genuß mit der ihm an Kunſtfertigkeit jetzt faſt gleickommenden Schülerin zu bereiten. Rachel dagegen, die auf dieſe Weiſe keinen vollen Abend und nur wenige Stunden des Tages allein zu verbringen hatte, war den ganzen Tag mit ihren Studien beſchäftigt, um, wenn ihr Lehrer nach Hauſe kam, auch in ſeinen Augen Fortſchritte gemacht 1 ¹ „ 5 8 —— 215 zu haben, oder ſie gab ſich kleinen Verrichtungen hin, die zur Bequemlichkeit und zum Wohlbefinden des einzigen Menſchen beitrugen, der ihr, der Verlaſſenen und Verwaiſten auf Erden, hülfreich und liebevoll entgegengetreten war. Beſchreiben wir einen Tag dieſes einfachen, genuß⸗ reichen und ſeelenvollen Lebens, ſo wird der Leſer die ganzen beiden Jahre begriffen haben, die ſie in dieſem Verhältniß mit einander zu verbringen vom Schick⸗ ſal beſtimmt waren. Im Sommer ſtanden Beide, ohne Verabredung und mit ſeltener Uebereinſtimmung ihres vorwärts drängenden Triebes, um fünf und im Winter um ſechs Uhr auf. Nachdem ſie gemeinſchaftlich ihr Früh⸗ ſtück eingenommen, begaben ſie ſich an den Flügel, wo Joſeph irgend ein Werk eines großen Tondichters in ſeinen Einzelnheiten mit Rachel durchging, beſprach und dann ſpielen ließ. Von den leichteren Uebungs⸗ ſtücken war man längſt zu ſchwereren Meiſterwerken übergegangen und Joſeph ſah zu ſeinem Schrecken die Zeit kommen, wo ihn die befähigtere Rachel über⸗ flügeln und nichts mehr von ihm würde erlernen können. Nachdem ſie ſich auf dieſe Weiſe zwei bis drei Stunden gemeinſam beſchäftigt, begab ſich Joſeph an ſeine eigenen Studien, die er aus Liebhaberei 216 und Arbeitstrieb eifrig fortſetzte, und Rachel blieb am Flügel ſitzen oder gab ſich dem Leſen und Studiren hin. Auf dieſe Weiſe beſchäftigt verließen ſie im Sommer bis zum Mittag ihr Zimmer nicht, im Win⸗ ter aber machten ſie um dieſe Zeit einen Spaziergang durch die Stadt oder auf dem ſchönen Walle, nachdem Joſeph einige ſeiner Stunden außer dem Hauſe abge⸗ halten hatte. Nach Tiſche ging Rachel wieder an den Flügel, Joſeph an ſeinen Uuterricht, und im Sommer wandelten ſie dann gegen Abend durch die Gärten, über die Felder oder nach der Weſer, wo Rachel ſtets mit neuem Erſtaunen die großen Schiffe betrachtete, die, wie ſie jetzt wußte, Handel und Wandel nach der neuen Welt über den Ocean trugen, wovon ſie früher keine Ahnung gehabt hatte. Dieſe ſtundenlangen Spaziergänge erwieſen ſich ihr beſonders lehrreich, deenn ihre Unterhaltung unterwegs war ſtets ernſt und erſtreckte ſich auf Gegenſtände, über deren Urſprung und Zweck nachzudenken das wißbegierige Mädchen einen gränzenloſen Eifer bezeigte. Von dieſen Gän⸗ gen zurückgekehrt nahmen ſie ihr beſcheidenes Abend⸗ brod ein, und nun begann die von jeher geübte Un⸗ terhaltung mit der Muſik, bei der ſie um ſo mehr Vergnügen genoſſen, je weiter ſie ſich gegenſeitig da⸗ rin gefördert ſahen. 21 So verſtrich Tag um Tag, Woche um Woche, und je regelmäßiger ſie lebten und je eifriger ſie vorwärts ſtrebten, um ſo ſchneller enteilte ihnen die Zeit, die dem gelangweilten Menſchen im Schneckengange da⸗ hinkriecht, für den Arbeitſamen aber geflügelt iſt. In dieſer Art verlief dem jungen Manne in ma⸗ terieller wie geiſtiger Beziehung das Leben leidlich er⸗ träglich— für den Augenblick wenigſtens; ob er es aber für die Dauer angenehm und genügend gehalten hätte, ſteht ſehr dahin. Denn ein junger Menſch, der, lebensfroh, nach Neuem begierig, mit Anlagen für einen bedeutenderen Wirkungskreis in der größeren Welt be⸗ gabt iſt, kann ſich, vom Drange ſeines Pflichtgefühls hingeriſſen, wohl eine Zeit lang an einem und dem⸗ ſelben Orte, unter beſcheidenen Verhältniſſen wohl und zufrieden fühlen, endlich aber erwacht mit größerer Ge⸗ walt die Sehnſucht nach ausgebreiteterem Verkehr, nach lebhafterem Austauſch der Meinungen und Anſichten, nach Abwechſelung der Genüſſe der Welt, die ſich vor ſeiner Phantaſie immer weiter und weiter ausdehnt, je enger ſein eigener Lebenskreis iſt, und was ihm in beſchränkterer Lage früher eine Wohlthat erſchien, wird ihm allmälig ein Druck, abgeſehen von dem täglich mehr auf ſeiner Seele laſtenden Einerlei, was ſich beim beſten Willen mit der Zeit von ſelbſt einſtellt. ———— 218 Dieſe Sehnſucht nach Abwechſelung und größerer geiſtiger Regſamkeit trat bei Joſeph nicht plötzlich ein, aber doch tauchten allmälig in ſeiner Seele einige Bilder der großen Welt auf und er fing an, ohne es anfangs ſich ſelbſt zu geſtehen, nach geiſtigem Ver⸗ kehr und Austauſch der Meinungen, namentlich mit Männern, zu trachten. So kam es denn, daß er, ſeinem Verlangen unwillkürlich folgend, hier und da einen frühern Umgang erneuerte oder einen neuen be⸗ gann, zumal er Rachel, die immer verſtändiger, um⸗ ſichtiger, klarer über ſich ſelbſt und Andere wurde, jetzt öfter allein laſſen konnte, ohne befürchten zu müſſen, ſie in die troſtloſe Dürre der Langenweile zu ſtürzen. Langeweile, nein, die kannte ſie nicht, in keiner Weiſe; der Flügel allein hätte ſie den ganzen Tag in Anſpruch genommen, wenn ſie nichts Andres zu thun gehabt; ſie, die früher das Leben nur von ſeiner troſtloſeſten, einſamſten Seite kennen gelernt, hatte alſo Abwechſelnng genug. Was ihre Fertigkeit im Spiel betrifft, ſo gab ſie ſchon ihrem Lehrer darin nichts nach, im Gegentheil, ſie hatte ſogar mehr Schwung, mehr inneres Feuer, mehr produktives Talent als er, nur an der äußern langſam mit der Zeit wachſenden Kraft und Nachhaltigkeit gebrach es ihr noch. Aber auch dieſe ſtellte ſich nach und nach ein, denn ſie war —— 219 in den letzten Jahren merklich gewachſen und ſtärker geworden, obſchon ſie für ein Mädchen von ihren Jahren immer noch klein, zart und ſchwach genug erſchien. Ihr Geſicht aber war ihrem übrigen Körper bei Weitem vorausgeeilt, denn es hatte bedeutend an Ausdruck gewonnen, es ſpiegelte ſich darin unverkenn⸗ bar die Reife ihres Geiſtes, die ſchwunghafte und doch nur innerlich zur Geltung kommende Fülle ihrer Seele ab. Die Stirn, von jeher der ſchönſte Theil ih⸗ res Geſichts, war klarer, das dunkle Auge unter den edel geſchweiften Brauen noch größer, feuriger, aus⸗ drucksvoller geworden, und was ſie nicht mit Worten zu ſagen wußte, das konnte ein Menſch, der in die Tiefe ihrer Seele zu ſchauen vermochte, in dem feuch⸗ ten Glanze derſelben leſen. Im Ganzen war ſie in⸗ nerlich reifer, entwickelter, als Mädchen ihres Alters zu ſein pflegen, und die traurigen Erfahrungen, die ſie zeitig geſammelt, hatten ſie eben ſo ſehr geſtählt, wie ſie ſie früher gezeitigt hatten. Ihre Wangen wa⸗ ren auch um dieſe Zeit noch bleich und mager, wie man ſie oft bei Menſchen findet, die von einem innern unbewußten Drange verzehrt werden, ihr Teint hatte noch immer den gelblichen Anſtrich behalten, den er in der Kindheit gezeigt, aber ein ſinniges Lächeln um⸗ ſpielte ſchon merklich ihre Lippen und erhellte bis zu —.————— 220 den Schläfen hinauf das bleiche Geſicht, wie auch der blaſſe Sonnenſchein eine trübe Gegend heiter und roſig färbt. Wenn ſie ſaß und dabei las oder träu⸗ meriſch in Gedanken verſunken war, ſchienen ihre Glied⸗ maßen beinahe erſchlafft und kaum im Stande, die innere Schwere zu tragen, ſobald ſie ſich aber vor den Flügel ſetzte und ſeine Töne erklingen ließ, belebten ſich ihre Züge, ihr Auge vergrößerte ſich und, die rei⸗ chen Rabenhaare zurückſchüttelnd, ſchien ſie auf un⸗ ſichtbaren Schwingen dem Geiſte auch außer ſich be⸗ gegnen zu wollen, der in der Tiefe ihres Weſens ſeine Wohnung aufgeſchlagen. Es war für Joſeph ein hoher Genuß, ſie in ſol⸗ V chen Augenblicken heimlich zu beobachten, denn es kam ihm dann vor, als gäbe ſie ihrem inwohnenden Ge⸗ nius auch äußerlich Audienz. Er fühlte dabei einen erhebenden Stolz ſeine Bruſt durchziehn, indem er be⸗ dachte, daß er es geweſen, der dieſes kleine Weſen b aus dem Staube erhoben und in die lichten Räume der Poeſie und des Lebens verſetzt— und man ver⸗ zeihe ihm dieſen Stolz, denn er beruhte auf rein menſch⸗ lichen Empfindungen, die ſich aus keiner irdiſchen Bruſt ausrotten laſſen, und ſei ſie noch ſo wenig von den Erbfehlern der Eitelkeit und Selbſtſucht befleckt. Dennoch und trotz dieſes ihn beſeligenden Stol⸗ —————— 3 zes und des Bewußtſeins, ſeine Pflicht erfüllt zu ha⸗ ben und noch alle Tage zu erfüllen, konnte es nicht fehlen, daß er ſich innerlich aufrieb. Alles was er that, an Rachel und ſich ſelber, mochte es ſo viel ſein wie es wollte, genügte ihm nicht, ſein Wirkungs⸗ kreis war ihm nicht groß genug, er ſpannte bei Wei⸗ tem nicht alle ſeine Kräfte an, die eines viel größeren Feldes der Thätigkeit bedurften, um ſeine Fähigkeit in's Spiel zu bringen und die Triebräder ſeines Gei⸗ ſtes in Schwung zu ſetzen. Wenn er auch nicht ſelbſt dazu kam, ſich das ein⸗ zugeſtehen, weil ja ſelten ein Menſch aus ſich heraus ſein Verhältniß zur übrigen Welt richtig beurtheilt— die äußeren Verhältniſſe, die allmälig auf ihn ein⸗ drangen, mußten ihm endlich die Binde von den Au⸗ gen reißen. Zwei volle Jahre hatte er nun ſchon mit Rachel dieſes einſame ſtille Leben geführt, er war dreiundzwan⸗ zig, ſie vierzehn Jahre alt geworden, und ſein Er⸗ werb hatte bisher ſeinen Bedürfniſſen entſprochen. Mangel alſo kannte er bis jetzt nicht, und doch iſt der Mangel einem ſtrebenden Menſchen oft nothwen⸗ dig, ihn zur Erkenntniß ſeiner ſelbſt, zum Vertrauen auf ſeine eigene größere Kraft, zum Wunſche einer Lebensänderung hinzudrängen. Dieſer Mangel ſollte 222 auch hier nicht ausbleiben, dafür hatte die Vorſehung geſorgt. Das Jahr 1848 mit ſeinen traurigen Be⸗ wegungen war gekommen, um ſo trauriger, weil kein Menſch, der davon betroffen wurde, darauf vorbereitet war. Auch auf unſern jungen Freund ſollten die feindlichen Einwirkungen deſſelben nicht ausbleiben. Mehrere reiche Familien, in deren Kreiſe er durch Ver⸗ mittlung jenes braven Mannes Eintritt erhalten hatte, zogen es vor, die unruhige Stadt mit dem ruhigeren Lande zu vertauſchen. Dadurch fielen natürlich die Unterrichtsſtunden aus, die Joſeph's Exiſtenz gefriſtet hatten. Andre Familien, weniger furchtſam, aber alle überflüſſigen Ausgaben in einer bedrängten Zeit ſcheu⸗ end, beſchränkten ihren Haushalt in jeder Weiſe. So kam es, daß Joſeph immer weniger erwerben konnte und ſich immer nothdürftiger mit ſeinen Mitteln ein⸗ richten mußte. Dank der innern unaufhörlichen Be⸗ ſchäftigung Rachels, für die das äußere Leben mit ſeinen Sorgen und Bedürfniſſen noch eine unbekannte Welt war, fühlte dieſe nicht, wie die Speiſen, die ſie genoß, immer magerer zubereitet, wie ihr Tiſch immer ſparſamer beſetzt wurde. Putz und ſchöne Kleider hatte ſie nie begehrt und begehrte ſie auch jetzt nicht, alſo von dieſer Seite wurde Joſeph keine Verlegenheit be⸗ reitet. Aber er ſelbſt fühlte nur zu lebhaft, wie die 227 — „O Joſeph, weiter Nichts? Das iſt doch nicht ſchwer zu ſagen. Haben wir uns denn überhaupt ſchon einge⸗ ſchränkt? Ich weiß ja gar nichts davon.“ „Du gutes Mädchen! Siehſt Du denn nicht, wie unſere Speiſe alle Tage ärmlicher wird und daß un⸗ ſere Kleider nothwendig bald mit beſſeren vertauſcht werden müſſen?“ „Nichts, gar nichts ſehe ich davon. O, wenn es weiter nichts iſt, das iſt ja nur eine Kleinigkeit. Ich habe ja nie Hunger, und meine Kleider— ſind die nicht gut genug für Dich und mich? Unter andere Menſchen kommen wir ja nicht.“ Joſeph lächelte. Freilich, die Entbehrungen, die er empfand, empfand Rachel nicht, und doch hatte er ſich in ihr geirrt, wenn er glaubte, ſie empfinde auch die ſeinigen nicht.— Einige Minuten ſpäter ſaß er am Fenſter und ſchaute in die trübe Nachtluft hinaus. In ſeinem Grübeln und Sinnen bemerkte er nicht, wie ſich Rachel an ſei⸗ ner Seite niedergekauert hatte und ihm unverwandt in'’s Geſicht ſchaute.. Endlich hörte er ſeinen Namen flüſtern. Er blickte auf und ſah Rachel's Auge glänzend und voll auf dem ſeinigen haften. „Was willſt Du, mein Kind?“ 15* „Joſeph, ich kann Dich nicht leiden ſehen, Du biſt ſo gut und doch jetzt ſo trüb und traurig. Geh' ein⸗ mal eine Stunde unter Menſchen.“ „Was ſoll ich unter Menſchen thun? Sie reden mir meinen Gram nicht weg.“ „Geh' in ein Vergnügungshaus, wie Du es wohl früher einmal mit dem Vater gethan haſt. Trink' ein Glas Wein oder Bier.“ Joſeph lächelte faſt heiter.„Du gutes Kind,“ ſagte er, ihr Lockenhaar ſtreichelnd,„ſolche ſogenannte Vergnügungshäuſer bieten mir wenig Vergnügen und Zerſtreuung. Sie ſind nur für glückliche oder gelang⸗ weilte Menſchen. Wenn aber Jemand Sorge hat, ſo verſcheucht er ſie am leichteſten durch Einſamkeit und Nachdenken.“ „So wollen wir einen Spaziergang machen und uns wenigſtens dadurch zerſtreuen.“ „Es iſt finſterer Abend, Rachel, und es ſcheint bald regnen zu wollen.“ „O das thut nichts. Die friſche Luft ſtärkt, das Getreibe der Menſchen auf den beleuchteten Straßen zerſtreut unſere Sorge und mir iſt es immer ſo vorge⸗ kommen, als ob ein Blick, zu dem weiten freien Him⸗ mel emporgeworfen, wo die Sterne Gottes blitzen, die ganze Seele labt.“ „Ha! Du haſt Recht. Ja, wir wollen uns am Anblick der Sterne Gottes laben, wenn uns das Licht der Menſchen verſchloſſen iſt. Komm, mein Kind— raſch, raſch, das war ein guter Gedanke!“ Und ſie verließen, von ihren treuen Hunden gefolgt, ſogleich das Haus und kehrten nach einer Stunde lebhaften Gehens und eifrig über ihre Verhältniſſe geführten Geſprächs, mit erleichterten Herzen und neuer Hoffnung voll in ihre ſtille Wohnung zurück. Neuntes Aapitel. Einem Winke der Vorſehung muß man folgen. Am nächſten Tage ſchickte der Profeſſor Schickedanz einen Brief, worin er ſeinem Schützling wieder einige neue Schüler überwies. Wer war froher als Joſeph und namentlich Rachel, die von jetzt an auch an allen äußeren Verhältniſſen Joſeph's ihren gebührenden An⸗ theil nahm— der Aufblick zu den Sternen Gottes ſchien alſo geholfen zu haben. So konnte man ſich denn doch ohne die größte Noth durch den Sommer des theuren Jahres 1848 ſchleppen, und wenn auch Jo⸗ ſeph's Wangen von ihrer früheren Fülle und Färbung etwas verloren, ſein Geiſt rang ſich heiter durch und er war ſchon zufrieden, daß er die Miethe für ſeine Wohnung und die Rechnung für ſeine und Rachel's Verpflegung pünktlich an ſeine Wirthin bezahlen konnte. Rachel fühlte im Laufe dieſes Sommers gar keine ————;—ꝛx 231 Entbehrung mehr. Sie ſah ihren brüderlichen Freund nicht mehr ſo ſorgenvoll, ſie übte und ſtudirte mit un⸗ abläſſigem Eifer, und ſo war ihr jetziges Leben, mit der Leidensſchule verglichen, die ſie früher durchgemacht, immer noch ein üppiges und herrliches zu nennen. Allein auch dieſer Sommer ging vorüber und Joſeph ſah in nicht allzu weiter Ferne den Winter dräuend die Stirn runzeln, und der Gedanke, wie dann das koſtbare Heizungsmaterial und das theure Licht zu beſchaffen ſei, raubte ihm ſchon jetzt manche ruhige Stunde. Aber wenn ihm einmal ängſtlich und beklom⸗ men zu Muthe wurde, dann fiel ihm immer wieder Ra⸗ chel's Aufblick zu den Sternen Gottes bei, und raſch er⸗ hob er dann ſtets ſein Haupt, um den Blick in die blauen Fernen zu verſenken, oder die ſtrahlenden Lichter auf⸗ zuſuchen, die der allmächtige Schöpfer auch zum Troſt der Leidenden angezündet und als unvergängliche Leucht⸗ thürme gegen alle irdiſchen Klippen und Gefahren am Himmel aufgeſteckt hat. So ſaß er auch eines Abends in der Mitte des Septembers allein am Fenſter und ſchaute in die trübe Luft hinaus. Aber heute wollten weder der blaue Himmel hervortreten, noch die goldenen Sterne ſich finden laſſen, denn undurchdringliche Nebelwolken zogen ſchwer am Firmamente hin und kalter Regen fiel in großen Tropfen aus ihnen hernieder. Halb ſeine Ge⸗ danken nach Außen, halb ſein Ohr auf die Töne ge⸗ wandt, die Rachel dem Flügel entlockte, überhörte er ein lautes Schellen an der Hausthür, die des Abends ſtets verſchloſſen war. Plötzlich ließ ſich ein ſo heftiges und anhaltendes Klingeln vernehmen, daß ſowohl Joſeph wie Rachel aus ihren Phantaſieen aufgeſchreckt wurden. Beide ſprangen von ihren Stühlen empor und ſahen ſich erſtaunt an. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte Joſeph ſich ſelber, wobei er unbewußt lauter als gewöhnlich ſprach. „Sind denn unſre Wirthe nicht zu Hauſe, daß Nie⸗ mand die Thür öffnet?“ „Ich glaube, ſie ſind vor einer Stunde nach der Stadt gegangen,“ erwiderte Rachel, während Joſeph ſchon ein Fenſter geöffnet hatte und hinunterfragte, wer da ſei? Es war eine Magd des Proofeſſors Schickedanz, die noch nicht in dieſem Hauſe geweſen war und her⸗ auffragte, ob Herr Joſeph Sohn hier wohne? Nach⸗ dem ſie eine bejahende Antwort erhalten, meldete ſie athemlos, Herr Sohn möchte doch ſogleich zum Herrn Profeſſor kommen, es betreffe eine ſehr wichtige An⸗ gelegenheit. 233 Die beiden jungen Leute horchten erſtaunt auf, wobei Joſeph ein freudiges, Rachel dagegen ein ängſtliches Vorgefühl anwandelte. „Was mag das ſein, Joſeph?“ fragte Rachel. „Es iſt ſchon ſo ſpät und der Weg zu dem Herrn iſt ſo weit!“* „Was wird es anders ſein, mein Kind, als das Anerbieten irgend eines Unterrichts? Ich werde na⸗ türlich gehen, ſobald ich höre, daß die Wirthsleute wieder da ſind, damit Du nicht allein im Hauſe biſt. Ah, da öffnet ſich die Thür— ſie ſind es. So gehe ich denn ſogleich.“ Rachel hatte ſchon Joſeph's Rock, Hut und auch einen Schirm herbeigeholt, da es noch immer regnete. In wenigen Minuten hatte er ihr Lebewohl geſagt und den Wunſch ausgeſprochen, ſie möge nicht zu Bett gehen, ehe er wieder heim ſei, ein Wunſch, der, beiläufig geſagt, überflüſſig geſprochen wurde, da Ra⸗ chel ohne Aufforderung bis zum Morgen gewartet hätte, wenn er nicht früher zurückgekommen wäre. Wie ſchon angedeutet, war es ein unangenehmer Abend, der im Sommer das unerquickliche Gefühl des plötzlich nahenden Herbſtes auf ſeiner feuchtkalten Luft herbeitrug. Joſeph hatte eine volle halbe Stunde zu gehen, denn der Profeſſor wohnte in der ſeiner EEVEVEEEEVEVENEVNvVIuiB;ʒBÖFöm ſ᷑‚.iiäU¶C 234 Wohnung völlig entgegengeſetzten Vorſtadt, der Weg war alſo weit genug, um dem ſo eilig und ſpät Be⸗ rufenen hinreichend Zeit zu laſſen, über die Urſache dieſer Eile nachzudenken. Wie es in ſolchen Momen⸗ ten geſchieht, malt ſich die Seele eines in bänglicher Erwartung Schwebenden die ſeltſamſten Möglichkeiten aus, ohne jedoch je das Richtige zu treffen, und wäh⸗ rend man oft die Thorheit an ſich ſelbſt begeht, ſich etwas recht Ungünſtiges vorzuſtellen, findet nicht ſelten das Gegentheil ſtatt, obgleich nicht geläugnet werden kann, daß es auch oft umgekehrt der Fall iſt. Joſeph hoffte oder fürchtete jedoch diesmal Nichts, ſeine Seele war von dem langen Warten auf ein beſſeres Geſchick ermattet und ſeine früheren ſo leb⸗ haften Hoffnungen bedeutend herabgeſtimmt. Mäßi⸗ gen Schrittes ging er daher durch die erleuchteten 5 Straßen, die bei dem ſchlechten Wetter menſchenleer 1 und öde waren. Allmälig indeſſen ließ der Wind, der ihm den Regen in's Geſicht trieb, nach und als er aus dem Thore trat, in deſſen Nähe der Profeſſor wohnte, hörte auch der Regen auf und ein Stück 3 blauen Himmels machte ſich über ihm bemerkbar, aus deſſen klarem Gewölbe zwei Sterne neugierig auf den einſam Wandelnden herniederblinzelten. 8 Zoſeph, von früher Jugend gewöhnt, Alles zu er⸗ 235 faſſen und zu deuten, was in der Gotteswelt um ihn her geſchah, blickte freudig zu den ihm bekannten Sternen empor. Der hell ſtrahlende Jupiter, der aufmunternd über ihm blitzte, ſchien ihm von guter Vorbedeutung zu ſein, und hoffnungsvoller, als er von Hauſe weggegangen war, betrat er die Treppe, die zur Wohnung ſeines Gönners führte.— Der Empfang, der ihm zu Theil wurde, ſtimmte mit dieſem glücklichen Vorgefühle überein, denn der gelehrte Schulmann ging heiteren Angeſichts in ſeinem Zimmer umher, als der zu ihm Beſchiedene eintrat, und ſtreckte ihm lächelnd die Hand entgegen.„Ah,“ ſagte er,„das iſt gut, daß Sie meiner Bitte ſogleich gefolgt ſind. Aber ſetzen Sie ſich zunächſt, Sie ſind raſch gegangen, Ihr Athem keucht.“ „Eine wichtige Botſchaft, mag ſie etwas Gutes oder Schlimmes betreffen, kann man nicht raſch ge⸗ nug vernehmen, Herr Profeſſor, um ſich über das Eine zu freuen oder gegen die Folgen des Anderen zu wappnen.“ „O, o, Sie ſind doch wohl nicht beſorgt?“ „Nicht im Geringſten, ich fürchte Nichts auf der Welt.“ 8 „Da haben Sie auch ſehr Recht, und diesmal 3 wäre die Sorge in der That ohne Noth geweſen. Ich habe Ihnen ſogar eine recht günſtige Nachricht mitzutheilen.“ Während er dieſe Worte mit einem gewiſſen ſchmun⸗ zelnden Geſichtsausdrucke ſprach, der einem edlen Manne nur dann eigen iſt, wenn er Jemandem, der ſich in einiger Noth befindet, eine Freude bereiten kann, goß er zwei Gläſer voll Weined den die Magd unterdeſſen auf den Tiſch vor dem Sopha geſtellt hatte, auf welchem der Wirth und ſein Gaſt Platz genommen. „So, mein junger Freund, ſtoßen wir einmal auf eine glückliche Wendung Ihres Schickſals an und trinken wir ein Glas aus unſerm berühmten Raths⸗ keller, den mir die Herrn Väter der Stadt jedes Jahr zum Neujahrswunſche überſenden. So. Wie ſchmeckt er Ihnen?“ 4 „Vortrefflich.“ „Ja. Nun, es iſt zwar nicht der Duft der be⸗ rühmten Roſe, aber er hat doch genug andrer Blumen Duft an ſich. Nicht wahr? Nun aber zur Sache. Hören Sie, ich habe heute gegen Abend einen Brief erhalten, in dem ein Auftrag eingeſchloſſen war, und ich glaube mich deſſelben am beſten entledigen zu können, wenn ich mich an Sie wende, Ihnen den ganzen Brief zu leſen gebe und Ihnen dann überlaſſe, ſeinem Inhalte nach zu handeln.“ 237 Joſeph neigte beiſtimmend ſein Haupt und ſein glänzendes Auge drang bis in die Seele des langſam in ſeiner Mittheilung vorſchreitenden Profeſſors, was vielleicht in deſſen Abſicht lag, um ſeinen Zuhörer die bevorſtehende Freude deſto länger und gründlicher koſten zu laſſen.. „Doch,“ fuhr er fort,„bevor ich Ihnen den Brief zum Leſen übergebe, aus dem Sie am beſten den Charakter des Mannes erkennen werden, mit dem Sie zu thun haben ſollen, will ich als Einleitung einige Bemerkungen voranſchicken.— Vor ſechs oder acht Jahren wohnte hier in der Nähe auf einem hannö⸗ verſchen Gute ein reicher Baron, von Haldrungen iſt ſein Name. Er lebte in zweiter, kinderloſer Ehe, hatte aber aus erſter Ehe mehrere Kinder, von denen er mir den älteſten Sohn als Penſionair anvertraute. Es war dies ein hoffnungsvoller Knabe, von dem ich mir nur Gutes verſprach; zu meinem und des Vaters Leid⸗ weſen aber ſtarb er in meinem Hauſe an der Ruhr und unſer Verhältniß ward in Folge dieſes Trauerfalls auf eine ſehr herbe Weiſe zerriſſen. Nichtsdeſtbweni⸗ ger bewahrte mir der Herr Baron ſeine Freundſchaft und bewies ſie mir auf eine ſehr unerwartete und mich ziemlich bekümmernde Weiſe. Der Baron näm⸗ lich verließ ſein Gut im Hannöverſchen und kaufte oder erbte— ich weiß es ſo genau nicht— ein Gut im Preußiſchen, hart an der Gränze zwiſchen Pom⸗ mern und Preußen, nicht weit von der Oſtſee, in der Nähe der Stadt Danzig. Da nun ſeit der Zeit ſein zweiter Sohn erwachſen war, bat er mich, denſelben ebenfalls in mein Haus 3 nehmen und auf dieſelbe Weiſe zu erziehen, wre ſoe älteren Bruder. Dieſer Wunſch lief nun ganz und gar meiner Neigung zu⸗ wider, denn das Unglück mit dem erſten ſchwebte mir beſtändig vor Augen und ich mochte nicht gern den Sarg auch des letzten Sohnes und Erben des Barons in meinem Hauſe ſehen. Ich ſchlug ihm daher ſein Begehren rund ab und empfahl ihm, einen Erzieher auf ſein Gut zu nehmen, den ich ihm bézeichnete. Der Baron ſtimmte meinem Vorſchlage bei und der Erzieher wurde angenommen. Seitdem ſind Jahre verſtrichen und der Sohn des Barons muß ein er⸗ wachſener Menſch geworden ſein. Der Baron wohnt andauernd auf Brenkowitz, ſo heißt ſein Gut, und bewahrt auch jetzt noch eine gewiſſe Anhänglichkeit an meine Perſon. So ſehr dieſe ausdauernde Nei⸗ gung nun zu ſeinen Gunſten ſpricht, denn dergleichen vornehme Herrn pflegen gegen Unſereins nicht zu häu⸗ ſig eine beſondere Vorliebe zu hegen, ſo muß ich Ih⸗ nen doch die Wahrheit ſagen, wie ſie feſt in meiner 239 Ueberzeugung begründet iſt. Der Baron iſt ein rei⸗ cher, etwas ſtolzer und ziemlich kalter Menſch, ein Egoiſt, wie man Viele ſeines Gleichen in der Welt findet. Seine Familie gehört erſt von ſeinem Vater an, der ſeiner Zeit ein großes Geldgeſchäft hier in Bremen leitete, zum Adelsſtande. Zur Zeit als Han⸗ nover einen ſelbſtſtändigen König erhielt, wurde der Großhändler Haldrungen, der unterdeß Rittergutsbeſi⸗ tzer geworden war, der Baron von Haldrungen, und mit dieſer Standeserhöhung zog ein bei ſolchen Leuten nicht ſeltener Adelsſtolz in die Familie ein, der in dieſem Falle eigentlich nur Geldſtolz iſt, was Ihnen ein Wink ſein mag. Da haben Sie nun die ganze Vergangenheit des jetzigen Barons von Haldrungen, ſo weit ich ſie ſelber weiß, und jetzt leſen Sie den Brief, wonach Sie handeln mögen, wie Ihnen beliebt.“ Joſeph, ſein Herz etwas lauter klopfen fühlend als gewöhnlich, ergriff den Brief und las beim Scheine der Lampe folgende Zeilen, die mit der nachläſſigen und fluͤchtigen Handſchrift hingeworfen waren, wie ſie Leute zu haben pflegen, die höchſtens nur alle Vier⸗ teljahr eine Gänſefeder in die Hand nehmen. „Sehr werther Herr Profeſſor! „Es ſcheint, als ob ich aus der Verlegenheit, Ih⸗ „ren Rath und Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen, 240 „nicht herauskommen ſollte. Sie ahnen alſo wohl „ſchon, daß ich wieder eine Bitte im Hinterhalte habe. „Doch zur Sache. Nachdem es den Bewohnerinnen „meines Gutes, namentlich den Bemühungen meiner „Schweſter, gelungen iſt, dem frommen Manne, den „Sie mir vor einigen Jahren zum Hauslehrer für „meine Kinder empfahlen, die vakante Predigerſtelle „im Dorfe Brenkowitz auszuwirken, ſteht meine Fami⸗ „lie wieder verlaſſen wie vor Jahren da. Zwar ſind „meine Kinder, wie Sie ſich ſelbſt ſagen können, jetzt „erwachſen und bedürfen nicht mehr eines Schulmei⸗ „ſters, allein die vertrackte Welt iſt heute eine ganz andre, „als ſie zu meiner Zeit war, und das junge Volk „glaubt, die Berechtigung zu haben, alle Weisheit zu „ſchlucken, die zwiſchen Himmel und Erde vertheilt iſt. „Nun meinetwegen, ich will ihrer Sehnſucht nicht in „den Weg treten, habe ich doch die Mittel dazu, die „Launen meiner edlen Pflanzen zu befriedigen. Mir „freilich iſt ein gut zubereiteter Rehrücken und eine Fla⸗ „ſche Rüdesheimer oder eine Parthie LHombre lieber „als alle Kunſt und Wiſſenſchaft— warum ſollte ich „in meinen alten Tagen verhehlen, was ich ſeit mei⸗ „ner Jugend auszuſprechen ſtets den Muth gehabt habe „— allein ich bin vielleicht nicht im Stande, den Wiſ⸗ „ſensdrang der Meinigen zu begreifen, der alle Tage * 241 „zu wachſen und das in früheren Jahren gänzlich Un⸗ „bekannte ſich aneignen zu wollen ſcheint. So ſetzen „ſie mir denn alle Tage zu, die Zimmer, die jener „fromme Mann leer gelaſſen hat, mit einem neuen „Weisheitskrämer zu füllen und— hol' der Teufel die „ewige Quälerei!— ich muß endlich einen Schritt „dazu thun, ſo ſauer mir auch das Schreiben wird. „Was man nun verlangt, iſt Folgendes. Die Kinder⸗ „dreſſur iſt abgemacht, und ſo will man einen höher „Unterrichteten um ſich haben, der mehr der Gefährte „als der Lehrer der Weisheitsjünger iſt. Denn dieſe „ſagen, ſie müßten neuere Sprachen, Muſik und den „ganzen Krimskrams kennen lernen, den man Natur⸗ „wiſſenſchaften nennt und wovon alle Welt jetzt den „Mund vollnimmt. Ich betrachte das als eine Mode⸗ „ſache, wie man auch andre dumme Moden mitmacht, „und wenn ich jährlich 4000 Thaler für Pariſer Putz⸗ „ſachen, Pferde und moderne Wagen ausgebe, kann „ich auch einige Hundert für einen Lehrer der Natur⸗ „wiſſenſchaften aus dem Fenſter werfen. Ja, ja doch, „das mag zur vollſtändigen Erziehung der jetzigen jun⸗ „gen Welt gehören, ich glaube es, obgleich ich davon „keinen Nutzen ſehe. Mögen ſie denn lernen, ſo viel „ſie wollen, ich werde dadurch nicht klüger, nicht dum⸗ „mer, nicht beſſer, nicht ſchlechter, ich bin nur zufrie⸗ Emery Glandon. I. 242 4 „den, wenn man mich in Ruhe läßt und ich im Stande „bin, mit der Welt gleichen Schritt zu halten, und „das, denke ich, thue ich, wenn ich ſolche Liebhaberei „an Narrenspoſſen befriedige. „Suchen Sie mir alſo einen Mann aus, der ver⸗ „ſteht, was hier verlangt wird und der mit einer ge⸗ „räumigen Wohnung, einer guten Tafel, mannigfa⸗ „chen Familienfreuden, einem einſam gelegenen Ritter⸗ „gute, viel Sand und circa zweihundert Thalern Ge⸗ „halt vorlieb nimmt, was ich indeſſen gern erhöhen „will, wenn es nothwendig ſein ſollte. Schicken Sie „mir ihn, ſobald Sie ihn ausfindig gemacht haben, „aber ſorgen Sie für einen anſtändigen Menſchen, mit „dem man, ohne ſich eine Blöße zu geben, bei Tiſche „ſitzen und einen Spazierritt nach einem benachbarten „Freunde machen kann. Nur Eins bitte ich mir aus — ſenden Sie mir keinen Windbeutel, keinen bur⸗ „ſchikoſen Schlagetodt, keinen politiſchen Wortklauber „und Rädelsführer, ſonſt mag er haben und nicht „haben oder ſein was er will. Sollte er von einer „vorherrſchenden Neigung zum Beten und Singen be⸗ „ſeſſen ſein, na! ſo kann er die hier auch befriedigen, „denn bei mir im Hauſe, hinter meinem Rücken na⸗ „türlich, wird meiner Meinung nach viel unnützes „Zeug gebetet und geſungen, da Jedermann, der mich 243 „kennt, weiß, daß ich nicht den modernen Glauben „habe, der liebe Gott bekümmere ſich mehr um die ceute, die da heulen und ſchreien, als um die, die „in vernünftiger Sprache, in ihrer Art und Weiſe zu „ihm ſprechen, wenn es an der Zeit iſt. Hat der „Menſch, den ich von Ihnen beanſpruche, alle die ge⸗ „nannten Erforderniſſe— Muſik und Sprachen ſchei⸗ „nen mir das Hauptſächlichſte zu ſein— ſo will ich „von ſeinem Herkommen abſehn und ſelbſt wenn er „der Sohn eines Schmiedes wäre, ſoll er mir will⸗ „kommen ſein, vorausgeſetzt, daß er mit ſeiner vul⸗ „kaniſchen Abſtammnung nicht prahlt. Mein Gott, wir „können nicht Alle Barone und reiche Leute ſein, es „muß auch Proletarier geben, die uns das Eſſen be⸗ „reiten und den Unrath aus dem Wege räumen, der „ſich von ſelber in allen Ecken anhäuft. „Vorläuſig eine Benachrichtigung Ihrerſeits erwar⸗ „tend, grüße ich Sie einſtweilen, aber je mehr Sie „ſich beeilen, mir meinen Wunſch zu erfüllen, um ſo „dankbarer werde ich Ihnen ſein. Ich habe dafür ge⸗ „ſorgt, daß Ihnen zu gehöriger Zeit ein Dutzend ge⸗ „räucherter Gänſebrüſte und ein Ohm Rothſpohn über⸗ „ſandt werde; genießen Sie das auf meine Geſund⸗ „heit und vertreiben Sie ſich damit die Langeweile, „die Ihnen Ihr Amt verurſacht. Die Richtung, die 16* 244 „der neue Mentor einſchlagen muß, um zu meinem von „der Landſtraße etwas abgelegenen Gute zu gelange,f „liegt hier bei. Leben Sie wohl und gedenken Sie „freundlich Ihres ergebenſten Barons von Haldrungen.“ Joſeph hatte zu Ende geleſen. Mit geröthetem Geſicht und nachdenklicher Miene, denn ihm ſchoſſen zu gleicher Zeit wohl hundert Gedanken durch den Kopf, blickte er den Profeſſor an, der ſeinerſeits lä⸗ chelnd vor ihm ſtand und kaum die Zeit erwarten konnte, bis der Leſende die Augen zu ihm aufſchlagen würde.„Nun“, rief er endlich,„was ſagen Sie dazu?“ „Was ſoll ich dazu ſagen? Wie man ſich eine ſolche Stellung auch denken mag, man trifft nie das Rich⸗ tige. Ich denke alſo lieber gar nicht nach und— nehme das Gebotene freudig und dankbar de „Bravo! Das iſt auch meine Meinung. Mit dem Manne wird ſich leben laſſen, beſonders von Seiten eines Menſchen, wie er ihn verlangt. Ich denke, es wird Ihnen nicht ſchwer werden, ſich in einem Hauſe, wo Geſinnungen herrſchen, wie ſie hier ange⸗ deutet ſind, nicht zum allgemeinen Diener, ſondern zum Herrn und Gebieter Aller zu machen.“ 8 „Das wäre nun gerade nicht meine Neigung.“ 245 „Meine auch nicht, allein Sie werden auf dem Schloſſe des Barons der Klügſte ſein, und dem Klu⸗ gen— Sie wiſſen es ja— gehört die Welt. Haha! So ſind mir alſo meine Spickgänſe ſicher— ſehen Sie, wie eine Hand die andre wäſcht! Eigentlich müßte ich mich bei Ihnen bedanken, ſtatt daß— nun was? Spannen Sie etwa andere Seiten auf?“ Joſeph hatte ſich plötzlich an die Stirn gegriffen und eine bedenkliche Miene angenommen. Es war ihm etwas ganz Beſonderes eingefallen, was⸗er mit Worten zu berühren aus einem natürlichen Grunde zögerte.„Nein“, ſagte er ſichtbar beklommen,„das nicht. Warum ſollt' ich mich nicht dazu entſchließen? Mir bleibt wenig Andres übrig. Auch geht das Ge⸗ forderte nicht über meine Kräfte: ich bin Muſiker, ver⸗ ſtehe die neueren Sprachen und habe die Naturwiſſen⸗ ſchaften enſig betrieben; desgleichen bin ich kein poli⸗ tiſcher Rädelsführer, kein burſchikoſer Schlagetodt, auch kein Betbruder— allein—“ „Was denn allein?“ „Ich habe einen kleinen Haushalt— einen Flügel—“ „Oho! Weiter Nichts? Den Haushalt verkaufen Sie, und den Flügel— den Flügel, den nehme ich vielleicht, wenn er gut iſt.“ „Er iſt vortrefflich.“ „Um ſo beſſer. Morgen will ich ihn probiren. Kommen Sie nach einigen Jahren hierher zurück und verlangen Sie ihn dann wieder, ſo liefere ich ihn Ihnen aus.— Hal ich dachte ſchon, die Nachſchrift in der Ecke da unten hätte Sie ſtutzig gemacht.“ „Welche Nachſchrift? Ich habe keine geſehen— aha!“ Und er las die faſt unleſerlich gekritzelten Worte: „Eine einzige Bedingung ſtelle ich dem Menſchen: er muß ſich auf drei Jahre verpflichten, ſonſt läuft er mir am Ende nach den erſten vier Wochen davon, wenn es ihm bei mir in der Einſamkeit nicht gefällt.“ —„O, das hat er nicht zu befürchten“, ſagte Joſeph, „vor der Einſamkeit erſchrecke ich nicht— die Be⸗ dingung gehe ich gern ein.“ Der Proofeſſor nickte beifällig; vielleicht war er elſt jetzt ſeiner Spickgänſe vollkommen gewiß. Nachdem ſie noch Verſchiedenes über den neuen Lebensberuf hin und her geſprochen, der Profeſſor bei einem Glaſe Wein noch manche gute Lehre ertheilt, trennten ſie ſich und Joſeph war froh, in Gottes freier Luft allein zu ſein, um ſeine ſchwirrenden Ge⸗ danken ordnen und über verſchiedene Punkte nachden⸗ ken zu können, die ihm ſchwerer auf dem Herzen la⸗ gen, als der Profeſſor vorausſetzen mochte, die er aber demſelben nicht mitgetheilt hatte, weil er fürch⸗ 8 1 — —.— 247 tete, in dieſem Punkte ſeiner Uebereinſtimmung ver⸗ luſtig zu gehen. Als Joſeph in's Freie trat, war der Himmel wie⸗ der vollkommen heiter geworden und die Sterne ſtrahl⸗ ten in ungetrübtem Glanze von dem blauen Him⸗ melszelte. Der junge, von ſo tief wogenden Gefüh⸗ len erſchütterte Mann warf einen dankbaren Blick em⸗ por und ſchritt dann, viel langſamer als er gekommen war, durch die ſtiller gewordene Nacht dahin. „Ach“, ſagte er zu ſich ſelber,„das Alles wäre recht gut, recht vortheilhaft und ganz zur rechten Zeit gekommen— aber mein todter Haushalt iſt es nicht, der mir ſo viel Kopfzerbrechen verurſacht, wie der gute Profeſſor glaubt, ſondern der lebendige— was ſoll ich mit dem anfangen? Was ſoll aus Rachel, was aus meinen Thieren werden? Mich trennen von ihnen? Nein, das wäre mir unmöglich— ſie mitnehmen, ſie alle mitnehmen? Ha, Rachel? Ja— warum nicht, und einige von den Thieren— das geht vielleicht auch.“ Und ſchon ſchritt er muthiger und lebhafter die ſtille Straße entlang, nachdem er ſich bereits der ſüßen Möglichkeit der Vollführung ſeiner Wünſche um einen bedeutenden Schritt genähert hatte. „Ich werde es auf jeden Fall verſuchen“, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort.„Morgen, wenn der 248 Profeſſor den Flügel beſieht, werde ich ihn bitten, eine Anfrage deshalb an den Baron zu ſtellen, und dann werde ich ruhig ſeine Antwort erwarten. In dem Briefe war von einer geräumigen Wohnung die Rede— nun, da werden doch wohl einige Vögel Platz finden— und Rachel bringe ich, wenn ich ſie nicht bei mir behalten kann, zum Prediger oder Schul⸗ lehrer des Dorfs. Da iſt ſie in meiner Nähe, da kann ich ſie erhalten, denn ich bin ja wohlhabend von nun an, da ich für meinen Unterhalt nicht mehr zu ſorgen brauche. Und vielleicht ſind die Herzen der Gutsbewohner freundlich geſinnt— ſie ſollen ja ſo⸗ gar fromm ſein und fromme Menſchen ſind doch im⸗ mer gut’? vielleicht erlauben ſie mir, Rachel bei mir zu behalten— alſo wohlan, nur mit friſchem Muthe vorwärts; wenn ich erſt da bin, wird ſich das Uebrige ſchon finden. Und ha— da fällt mir ein gu⸗ ter Gedanke ein! Wenn ſie Rachel muſiciren hören, das muß ſie für ſie gewinnen— ja, ja, ſo wird es ſein, es kann nicht anders ſein.“ G So war denn ſein neuſter und, wir tragen kein Bedenken es zu ſagen, ſein kühnſter Entſchluß gefaßt, den er bis jetzt noch in's Leben getragen, denn Ra⸗ chel zu ſeinen Pflegeeltern zu bringen, die er ſo ge⸗ genau wie ſich ſelber gekannt, war eine Kleinigkeit, — 249 ſie aber zu fremden, vornehmen und reichen Leuten mitzunehmen, die er gar nicht kannte, war minde⸗ ſtens ein Wageſtück, wie das nur ein Herz wie das unſers Freundes unternehmen konnte, das allen Men⸗ ſchen ſo viel Edelmuth und Hochherzigkeit zumuthete, wie es ſelber beſaß. Von dieſem Entſchluſſe nun zur friſchen That geſtachelt, eilte er mit haſtigen Schritten nach Hauſe und ſah ſchon von ferne Rachel ſeiner wartend im Fenſter liegen.. Als er bei ihr eintrat, bemerkte ſie ſogleich an ſeinem lebhaft bewegten Geſicht und den freudig fun⸗ kelnden Augen, daß ihm etwas Gutes widerfahren ſei. Aber nicht gewohnt, ihm mit Fragen der Neugier läſtig zu fallen, betrachtete ſie ihn nur ſtill und forſchend, als er fröhlich auf ſie zueilte, ihre beiden Hände ergriff 4 und heiter ausrief:„Rachel, Rachel, ſiehſt Du, Deine Sterne haben Dich nicht belogen— es iſt mir etwas Gutes begegnet, worauf der Segen Gottes ruhen möge!“ Darauf ſetzte er ſich zu ihr und erzählte das Hauptſächlichſte von Dem, was ihm an dieſem Abende begegnet war, daß er die dargebotene Stelle als einen Wink der Vorſehung betrachte, ſie alſo nicht von ſich weiſe, und endlich, daß er ſie ſelbſt und einen klei⸗ 5 Theil ſeines lebendigen Beſitzes mit ſich nehmen wolle. Rachel hatte während der Erzählung ihres Freun- — 250 des bald lächelnd bald trübe zu ihm aufgeblickt, denn auch ſie hatte ſogleich an eine mögliche Trennung von ihrem bisherigen Beſchützer gedacht. Als ſie aber nun von ihm, dem ſie ſo unbedingt in Allem ver⸗ traute, den Entſchluß ausſprechen hörte, daß er ſie mit ſich nehmen und einſtweilen ein Unterkommen für ſie in dem nahegelegenen Dorfe ſuchen wolle, da war ſie wieder ganz glücklich und nickte ihm, ohne viele Worte zu machen, ihre volle Beiſtimmung zu. „Aber unſer Flügel, was ſoll aus dem werden?“ fragte ſie plötzlich. „Ha— ja! Den verkaufe ich an den Profeſſor.“ „Den verkaufſt Du? Soll ich denn nicht mehr Muſik treiben?“— „Gewiß ſollſt Du das, und erſt recht. Ich ſoll ja eben der Muſik wegen zu den reichen Leuten kom⸗ men und da wird es doch wohl einen Flügel geben, auf dem wir üben können?“ Als Rachel dieſen Ausſpruch vernahm, war ſie bald befriedigt, und nachdem Beide hinreichend be⸗ ſprochen, was ſie von ihren kleinen Beſitzthümern zu⸗ rücklaſſen und was mitnehmen wollten, begaben ſie 1 ſich zu Bette, um auch da noch im Traume fortzuſe⸗ tzen, was ſie ſo eben an Luftſchlöſſern gebaut hatten. Nur ein Gedanke quälte Joſeph Sohn und das war 1 251 der, ſeinen Pudel zurücklaſſen zu müſſen, der ihm, da er ein großes und ſtarkes Thier war, doch zu viel Un⸗ bequemlichkeiten verurſachen konnte. Endlich hatte er ſich auch dazu entſchloſſen und es war beſtimmt, nur Rachel's Lieblingsſpitz, einige Käfige mit Vögeln und den Lachtauben die Reiſe mitmachen zu laſſen, und um dieſen Entſchluß ſogleich in's Werk zu ſetzen, be⸗ ſprach er am nächſten Morgen ſchon mit ſeiner Wir⸗ thin das Nöthige. Hier fand er ein ſehr williges und kaum geahntes Entgegenkommen. Uüiden Frau nämlich, die es für rathſam hielt, ihre kleine Woh⸗ nung ferner ſogleich mit Möbeln zu vermiethen, fand es bequem, die ihrem jetzigen Miether gehörigen Sa⸗ chen für einen mäßigen Preis an ſich zu kaufen, was dieſen ſelbſt augenblicklich in Stand ſetzte, ſich und Rachel ſofort mit den ſo nothwendigen Kleidungsſtü⸗ cken zu verſehen, die ſie in ihrer neuen und glänzen⸗ deren Lage ohne Zweifel gebrauchen würden. Am nächſten Morgen kam ſeinem Verſprechen zu⸗ folge der Profeſſor Schickedanz, um den Flügel Joſeph's zu beſichtigen. Da Rachel gerade nicht anweſend war, ließ Joſeph ſeine Saiten erklingen, und in kurzer Zeit war er mit dem Profeſſor einig geworden, ihn für einen angemeſſenen Preis und unter den geſtern verabrede⸗ ten Bedingungen in das Haus des Letzteren wandern 252 zu laſſen. Auch verſprach der gefällige Mann, ſogleich an den Baron zu ſchreiben, ob er erlaube, daß Joſeph, der einen kleinen Hausſtand beſitze, denſelben mitbringe, da er ſich nur unter dieſer Bedingung zu der Stelle auf drei Jahre verpflichten wolle. Dieſes Verſprechen führte der Profeſſor noch an demſelben Tage aus und nachdem er hinzugefügt, daß der Baron keinen ſeinen Erwartungen entſprechenderen „Menſchen“ finden könne, daß Joſeph mit vortreffli⸗ chen Eitlſthafe des Herzens und Geiſtes ausgerü⸗ ſtet ſei, empfahl er ihn mit großer Wärme zu einem erwünſchten Hausgenoſſen. Auf dieſen Brief erfolgte vom Baron umgehend die ſichtbar mit Freuden geſchriebene Antwort, daß Herr— Joſeph Sohn willkommen ſei und ſeinen kleinen Haus⸗ ſtand mitbringen könne, da ihm zwei geräumige Zim⸗ mer zur Verfügung ſtänden; daß er ſich aber beeilen ſolle, ſeine Reiſe anzutreten, da man ſeiner lebhaft begehre. Zur Beſtreitung der Reiſekoſten war dieſer Antwort eine ausreichende Summe beigefügt. Nach acht bis zehn Tagen ungefähr waren denn Joſeph und Rachel zu dieſer Reiſe gerüſtet. Von der Verlegenheit, auf welche Weiſe dieſelbe am beſten zu⸗ rückgelegt werden könne, da Eiſenbahnen um dieſe Zeit noch nicht von Bremen bis Danzig führten, be⸗ 253 freite ihn ein glücklich zur rechten Zeit eintretender Zu⸗ fall, den ihm abermals der Profeſſor ſogleich mittheilte. Ein Kaufmann aus Bremen nämlich, der auf einer Reiſe nach Rußland begriffen war, hatte den Unfall gehabt, in Königsberg mit dem Poſtwagen umgewor⸗ fen zu werden und ein Bein zu brechen. Nachdem er ſechs Wochen dort krank gelegen, hatte er die Sehn⸗ ſucht nach der Heimat nicht überwinden können und war in Begleitung eines Krankenwärters, der ſich in Bremen häuslich niederlaſſen wollte, mit in Kö⸗ nigsberg gedungenen Hauderer eben in ſeiner Vaterſtadt eingetroffen. Der Eigenthümer dieſes Wagens war ſehr gern bereit, Joſeph Sohn und ſeine Begleitung bis Danzig als Rückfracht mitzunehmen, von wo es Je⸗ nem leicht werden konnte, ein andres Fuhrwerk zu finden, um an den Ort ſeiner Beſtimmung zu gelangen. So war denn der Tag des Antritts dieſer Reiſe endlich gekommen, und nachdem Joſeph den herzlich⸗ ſten Abſchied vom Profeſſor, ſeiner Wirthin und ſei⸗ nen leider zurückzulaſſenden Lieblingen genommen, ſtieg er an einem ſchönen Septembermorgen in den beque⸗ men Wagen und rollte, ohne Ahnung, welche Folgen dieſe Reiſe für ſeine und Rachel's Zukunft haben könne, aus den Thoren der Stadt Bremen dem Oſten zu. Tehntes Papitel. Bentowitz und ſeine Bewohner. Als ſie aber erſt das kleine Gartenhäuschen, das bisher ihre harmloſe Heimat geweſen war, aus dem Geſicht verloren hatten und ein bekanntes Haus der alten biederen Stadt nach dem andern vorüberfliegen ſahen, fühlten ſie ſich von Minute zu Minute beklom⸗ mener um’s Herz werden, bis ſie endlich, als ſie die Vorſtadt erreicht hatten, die Bremen nach Oſten hin ſchließt, eine vollkommene Beute ihres mit Mühe ſo lange unterdrückten Wehgefühls wurden. Joſeph, ver⸗ ſchloſſener, wortkarger denn je, an die Vergangenheit zurückdenkend, wie es Einem immer geſchieht, wenn man einer ungewiſſen Zukunft entgegeneilt, ſaß in der einen Ecke des Wagens, und Rachel, in der an⸗ dern zuſammengekauert, ihre leiſe geweinten Thränen abtrocknend, bedauerte Alles, was ſie hinter ſich ge⸗ — 255 laſſen, den Flügel, den ſtillen Garten, das kleine Haus, den heulenden Pudel, den man in ein Zimmer geſchloſſen, damit er die Abreiſe nicht wahrnehmen ſolle, und alle die tauſend Kleinigkeiten und liebge⸗ wordenen Gewohnheitsdinge, die man hinter ſich läßt, wenn man den alten Aufenthalt mit einem neuen unbekannten vertauſcht,— Keines von ihnen wagte das Andere anzublicken, aus Furcht, ein trübes Ge⸗ ſicht zu ſehen, und doch ſtimmten ſie in Allem über⸗ ein, was in dieſem verhängnißvollen Ausdith ihre Herzen bewegte. Da hatten ſie das letzte bekannte Haus an der Landſtraße nach Rotenburg erreicht und der Anblick deſſelben brach die Rinde, die um ihre Seele lag. 3 „So“, ſagte Joſeph, Rachel vertraulich näher 6 rückend und ihre Hand ergreifend,„nun ſind wir in der Fremde, Rachel; Gott gebe uns ein ſo freundli⸗. ches Willkommen, wie der Abſchied herbe und bitter war!“ tröſtendem Zuſpruch ſie zu beruhigen, als plötz⸗ lich hinter ihnen ein wohlbekanntes Geheul ſich hö⸗ ren ließ und Hektor, der große weiße Pudel, in ge waltigen Sprüngen zur Seite des Wagens erſchien Bei dieſen Worten fing Rachel laut an zu ſchluch⸗— 5 4 zen und vergeblich bemühte ſich ihr Begleiter, mt 256 und mit Blicken, die man nicht beſchreiben kann, die man aber, wenn ſie ein Menſch ſehen ließe, als Blicke voll namenloſer Wonne bezeichnen würde, die im Wa⸗ gen Sitzenden begrüßte. „Mein Gott, Hektor!“ rief Joſeph.„Das treue Thier! Er hat ſich losgeriſſen und iſt uns nachgerannt. Halt, Kutſcher, halt!“ Und er konnte es ſich nicht 1 verſagen, ſogleich aus dem Wagen zu ſpringen und den treuen, ſchon verloren gegebenen Hund auf offe⸗ ner Straße zu liebkoſen. Das kluge Thier verſtand das Thun ſeines Herrn ſehr wohl und dann, nach⸗ dem Letzterer wieder eingeſtiegen war, ſtieß er ein noch lauteres Freudengeheul aus und lief ſpringend neben dem weiter fahrenden Wagen her, den er keine Se⸗ kunde aus den Augen ließ. „Gut“, ſagte Joſeph,„mag er mitlaufen! Zu⸗ rückbringen mag und kann ich ihn nicht, die nochma⸗ lige Trennung würde mir das Herz abſtoßen. Mögen die Herrſchaften, zu denen wir gehen, uns etwas ſcheel anſehen, wenn wir vor ihnen ſo zahlreich erſcheinen; wo aber ſo Viele ein Unterkommen finden, wird für Hektor auch noch ein Platz übrig ſein.“ „Das denke ich auch“, ſagte Rachel, wieder hei⸗ ter lächelnd, und ſcherzte mit den Lachtauben, die ne⸗ ben den Violin⸗ und Cellokaſten, in zwei großen Kä⸗ 257 figen ihnen gegenüber auf dem Rückſitz ſtanden, wäh⸗ rend der kleine Spitz auf ihrem Schooße zum Schlage hinausblickte und bellte, um auch ſeinerſeits dem be⸗ freundeten Gefährten einen willkommen heißenden Gruß zuzurufen. ir nun die beiden Waiſen den weiten und eg von Bremen über Lüne⸗ die mecklenburgiſchen Lande, Landſtraße nach Coeslin Meilen vom Meere Laſſen w ziemlich langweiligen W burg, durch Hannover, über Stettin auf der großen und Stolpe, immer nur einige entfernt, ohne es ein einziges Mal zu ſehen, allein fortſetzen, es würde uns zu wenig Unterhaltung ge⸗ währen, ihre ſteten Begleiter und Reiſegefährten zu ſein. Endlich in Neuſtadt, nicht weit vom Putziger Wiek, wo ſie eigentlich über ihr nördlicher liegendes Ziel ſchon hinauswaren, verließen ſie ihren Hauderer, der ſich von hier aus ſüdlich ſeiner e zuwandte, und beſtiegen eine kleine Kaleſche, die ſie an den Ort ihrer Beſtimmung, der dem Führer derſelben bekannt war, bringen ſollte. Wenigſtens waren ſie beſtändig vom ſchönſten Wetter begleitet geweſen, und die neuen Eindrücke, die ſie auf dieſer Reiſe in ſich aufnahmen, boten ihnen Stoff genug, ſich die Zeit zu verkürzen. 171 Emery Glandon. I. — 258 Gehen wir lieber jetzt, da ſie nur noch wenige Stun⸗ den von ihrem Ziele entfernt ſind und mit abermals bangendem Herzen demſelben zuſteuern, voran, be⸗ trachten wir uns das große Rittergut Brenkowitz und 1 nehmen wir dann die Perſonen in Augenſchein, die 4 bald als neue Schauſpieler auf dem Schauplatze un⸗ ſerer Erzählung aufzutreten beſtimmt ſind. 8 Nur etwa eine gute halbe Stunde vom Strande der Oſtſee entfernt, zwiſchen dem Zarnowitzer See und der kleinen Hügelkette, die ſich in Buchen⸗ und Kiefern⸗ bewaldeten, von Süden nach Norden auslaufenden Vorſprüngen gegen das baltiſche Meer erſtreckt, liegt an einem kleinen murmelnden Bache, der nur nach heftigem Regen ſeine flachen Ufer überſteigt, ſonſt aber ziemlich ſeicht und keine fünfzehn Schritte breit iſt, das Dorf Brenkowitz. Nur zwei mit Ziegeldächern verſehene Häuſer erblickt man darin, das Prediger⸗ und das Schulhaus, die übrigen ſind nach guter alter deutſcher Sitte mit Stroh gedeckt, verrathen aber durch ihre Größe, Reinlichkeit und die Sorgfalt, die an die ſie umgebenden Gärten gewandt iſt, eine nicht unbe⸗ deutende Wohlhabenheit. Wenn man, wie unſre Rei⸗ ſenden, von dem Städtchen Neuſtadt kommt, läßt man das Dorf Brenkowitz linker Hand liegen, um auf 3 beſſerem und kürzerem Wege nach dem Gute gleichen ie 259 Namens zu gelangen. Dieſes Gut, zum größeren Theil der Schauplatz der Begebenheiten, die wir jetzt erzählen wollen, iſt ein großes, ziemlich wohl erhalte⸗ nes und von reichen Leuten bewohntes Gut, wie man dergleichen auf der Gränze von Pommern und Preu⸗ ßen ſo viele ſieht. Dicht an der Weſtſeite des vorher beſchriebenen Baches, die Brenke genannt, der das ei⸗ gentliche Gehöft mittelſt eines ſechszehn Fuß breiten Grabens, über den eine gemauerte Brücke führt, wie eine kleine Feſtung umgiebt, erhebt ſich das ſtattliche weißgetünchte Herrenhaus in zwei Stockwerken, zu deſ⸗ ſen breiter Hausthür von kernigem Eichenholze mit großen eiſernen Nägeln beſchlagen, eine ſteinerne Treppe führt, auf deren drei Abſätzen zu beiden Seiten große Kübel mit ſüdlichen Gewächſen prangen, die indeſſen nur wenige Monate an dieſem Platze der rauhen nördlichen Seeluft ausgeſetzt bleiben dürfen. Im Halbkreiſe um das Herrenhaus, ausgenommen die of⸗ fene freie Seite, die nach der Brücke hinſieht, grup⸗ piren ſich die verſchiedenen Wirthſchaftsgebäude und 8 Ställe, die wiederum unter einander theils durch einen reinlich gehaltenen Hofraum, theils einen mit gewala tigen Pappeln und Kaſtanien bepflanzten Gartenpark verbunden ſind, der auf dem großen Raume zwiſchen Brücke und Hof zu beiden Seiten des mit Feldſteinen 12* 260 gepflaſterten Weges mit Blumen und Gartenanlagen, gerade nicht prachtvoll, doch angenehm genug ver⸗ ziert iſt. Die nächſte Umgegend dieſes Gutshofes iſt eben, nur dann und wann von einigen kleinen Seen unter⸗ brochen, zwiſchen denen ſich der Sandweg nach der Oſtſee durchſchlängelt, der zu beiden Seiten meiſt mit verkrüppelten Weiden eingefaßt iſt. Uebrigens iſt der Boden ſehr fruchtbar, man ſieht weit und breit nur gut bearbeitete Ackerfelder, auf denen hin und wieder auf einer hügelartigen Erhebung eine große Linde emporragt, die in der Regel mit einer Grasbank um⸗ geben iſt. In der Ferne gegen Oſten zieht ſich in maleriſchem Bogen von Süden nach Norden die ſchon erwähnte Hügelkette hin, deren dunkele Laubkronen ein gutes Auge vom Schloßfenſter aus in der klaren Seeluft ſich Sutlich abheben ſieht, und der blaue Him⸗ mel, der über ihnen lacht, bildet einen freundlichen Gegenſatz zu dem fahlen Grau, das rings über die bebaute Ebene gebreitet liegt. Innerhalb des Gutshofes bewegen ſich an ver⸗ ſchiedenen Stellen Leute beiderlei Geſchlechts von einem kräftigen und ſchönen Menſchenſchlage bei ihrer tägli⸗ chen Arbeit. Die Männer zeigen ſich in kurzen Ar⸗ beitsjacken, die nur bei feierlichen Gelegenheiten mit 72 261 langſchößigen Röcken vertauſcht werden, und kurzen Tuchhoſen, an den Seiten mit blanken Knöpfen ver⸗ ſehn, und Strümpfen, die bis zum Knie reichen, wo ſie mit glänzenden Schnallen befeſtigt ſind. Die Frau⸗ en dagegen zeichnen ſich vortheilhaft durch ihre Schooß⸗ jacken, ihre von blanken Knöpfen ſtrotzenden Mieder⸗ weſten, ihre weitgebauſchten rothwollenen Friesröcke, die bis zu den Knieen reichen, blaue Zwickelſtrümpfe und zierlich ausgeſchnittene Schuhe aus. Das volle Haar iſt nur an den Schläfen und auf dem Scheitel zu ſehen, hinten und oben ſchließt es ein ſchwarzſei⸗ denes Tuch ein, deſſen große Schleifen weit über die ganze Breite Kopfes wegfeichen und von denen am Hinterkopfe bis ſchwarzſeidenen B Hals tragen die Mädchen und Frauen die ſchon die Nähe des er ethen, aus dem gern blitzen breite, aifſ⸗ von dem dienenden Perſonal zu dem herrſchaftlichen über; hier aber müſſen wir et⸗ was umſtändlicher verfahr„denn auf dem Charakter und Weſen derſelben beruht mit ein Hauptbeſtand⸗ ſelbſt zufiel. Außer ſich ſo wenig wie 262 theil des Intereſſes und der Bedeutung unſrer Erzäh⸗ lung. Was zunächſt den Hausherrn betrifft, ſo wiſſen wir ſchon Einiges von ihm. Er war gerade kein bö⸗ ſer, aber auch kein Menſch von beſonders gutem Cha⸗ rakter, der vielleicht beſſer geworden wäre, wenn er es der Mühe werth gehalten hätte, ſich in ſeiner Jugend etwas mehr mit den Wiſſenſchaften, den Künſten und den Ereigniſſen der Welt als mit ſeinem Vergnügen und der Befriedigung ſeiner Leidenſchaften zu beſchäf⸗ tigen. Mit geringen geiſtigen Fähigkeiten begabt, hatte er ſtets die Schwierigkeit und Langeweile des Lernens gefürchtet, da ihm ja Alles, was and⸗ Leute ſich durch ſauren Fleiß und geiſtige Anuengund, erwerben, von n war es ihm höchſt bequem, um andre Leute zu beküm⸗ nlich vortrefflich ging— hlbefinden war der Glanz⸗ und Kernpunkt ſein 18, das Endziel aller ſeiner Beſtrebungen. Vom Gl it äußeren Mitteln reich bedacht, hatte er in ſeinen früheren Jahren nur einen lebhaften Wunſch gehegt, leider aber war dieſer Wunſch das Einzige, was er nie und nimmer erreichen konnte, und da er dies einſah, ſo fthlte er ſich dadurch gegen Begünſtigtere zurückgeſetzt, weshalb ſich ein gewiſſer mern, ſo lange e und dieſes vortreffl 263 Grimm, der nicht ohne Neid war, oft in ſeinen Aeu⸗ ßerungen und in ſeinen Handlungen ausſprach. Dieſer unerreichbare Wunſch betraf nämlich einen Stammbaum, der ſich wo möglich von den Kreuzzügen herſchrieb; alle Bemühungen aber, die für vieles Geld von ver⸗ ſchiedenen dazu befähigten Perſonen wiederholt ange⸗ ſtellt wurden, dieſen Stammbaum aus der Erde wach⸗ ſen zu laſſen, waren an dem natürlichſten Hinderniß von allen, nämlich daran geſcheitert, daß nirgends ein Ahnherr des Hauſes aufzufinden war, ſo wie daß die Frauen, die ſeine Vorfahren geheirathet, aus nichts weniger denn ariſtokratiſchen Familien ſtammten. Denn wie wir wiſſen, war ſein Vater ein Kaufmann gewe⸗ ſen, ja ſehr alte Leute in Bremen erinnerten ſich noch leidlich wohl, gehört zu haben, daß derſelbe kaum ein Kaufmann zu nennen, vielmehr nichts mehr und we⸗ niger als ein Krämer geweſen ſei, der mit Taback ge⸗ handelt. Dieſe eben nicht unehrenvolle, aber dem Baron wenig zuſagende Lebensſtellung ſeiner Vorfah⸗ ren ſuchte nun Leopold von Haldrungen ſo viel wie möglich zu vergeſſen, und um nicht alle Tage von Neuem daran erinnert zu werden, hatte er es für er⸗ ſprießlich gehalten, ſein ſchönes Gut im Hannöverſchen, 3 in unmittelbarer Nähe von Bremen gelegen, mit dem Gute an der preußiſchen Gränze zu vertauſchen, durch 264 welche Mittheilung die Annahme des Profeſſors Schik⸗ kedanz dahin berichtigt wird, daß daſſelbe nicht ererbt, ſondern einfach mit baaren 100,000 Thalern erkauft war. Hier kannte man ſeine Abſtammung nicht ſo genau, hier hielt man vielleicht den Baron von Hal⸗ drungen für Das, wofür er ſich ſelbſt hielt, und das war nichts Geringes, nichts Unbedeutendes. Wenn man indeſſen ſeinen Adelsſtolz recht genau betrachtete, ſo war derſelbe weniger auf ſeine Abſtammung als auf ſein Geld gerichtet, denn von dem adligen, ehr⸗ und ruhmſüchtigen Weſen, welches ſo viele wirklich alte Edelleute erfüllt, und welches ſie eben zu Dem macht, was ſie ſind, war in dem modernen Herrn von Hal⸗ drungen nicht die Spur zu finden, wogegen er ein un⸗ geheuer großes Gewicht auf diejenigen Errungenſchaften legte, die er mit ſeinem Gelde und ſeinem dadurch äußerlich geſteigerten Anſehn erreichen konnte. Er be⸗ ſaß alſo jenen unliebenswürdigen, auf keiner reellen Grundlage baſirten Stolz, der das Erbtheil aller Em⸗ porkömmlinge iſt, er glaubte, Das, was er gelte, ſei genug, ihn bis in die Wolken zu erheben, ohne daß er nöthig hätte, ſich zu bemühen, wirklich etwas Be⸗ ſonderes zu ſein und zu leiſten. Auch in anderer Weiſe war unſer Gutsherr nicht eben liebenswürdig zu nennen, weder gegen wirklich 4 265 vornehme Leute, noch gegen untergeordnete Perſonen, weshalb er ſowohl außer dem Hauſe bei ſeinen Nach⸗ barn, wie in demſelben bei ſeinen Dienern wenig be⸗ liebt war. Denn er war im Allgemeinen heftig, auf⸗ fahrend und konnte bei Gelegenheit ſogar recht ge⸗ diegen grob und roh ſein, eine Eigenſchaft, die von Untergebenen eben ſo gut gewürdigt wird, wie von Men⸗ ſchen höherer Lebensſtellung und befähigterem Geiſte. Genau genommen war er nicht einmal wohlmeinend, gutmüthig, denn wenn er, ſo lange die Sonne ſeines Vergnügens am Himmel ſtand, auch ſtill oder beruhigt erſchien, ſo brodelte ſein haſtiges Weſen doch ſogleich hervor, ſobald ſich irgend eine kleine Wolke vor die⸗ ſelbe lagerte. Was ſeine äußere Erſcheinung betrifft, ſo ſtimmte ſie ziemlich genau mit dem eben geſchilderten innern Weſen überein, ſie war etwas derb und verrieth ſehr deutlich die ſchwelgeriſche Lebensluſt, die den drei und funfzig Jahre zählenden Mann ſeit ſeiner Jugend auf Schritt und Tritt begleitet hatte. Er war von ziem⸗ lich bedeutender Corpulenz, hatte einen mäßig kahlen Kopf mit grauen ſchlichten Haaren, und ein dickes rothes Geſicht, das nicht allein von der ſcharfen See⸗ luft ſo dick und roth geworden war, die einen guten Theil des Jahres in Brenkowitz zu wehen pflegte. In 266 ſeinen waſſerblauen Augen, wie überhaupt auf ſeinem ganzen Geſichte, lag nichts beſonders Charakteriſtiſches, nur um ſeine fleiſchigen Lippen vibrirte ein ſo zu ſa⸗ gen koſtender Zug, als wären ſie jederzeit bereit, die Blume eines Weines oder das feine Aroma einer Trüffelpaſtete zu genießen. Trotz ſeiner unbeholfenen Körperbeſchaffenheit war er, wie allgemein angenommen wurde, ein leiden⸗ ſchaftlicher Jäger, zu welchem Zwecke er weit herum in der Umgegend von Jedermann, der damit verſehen war, eine Jagd gepachtet hatte, denn der Wildſtand auf ſeinem eigenen Landſtriche reichte für ſeine Be⸗ gierde bei Weitem nicht aus. Um die Landwirthſchaft dagegen bekümmerte er ſich ſehr wenig, dafür hatte er ja einen tüchtigen und gut bezahlten Verwalter, deſſen Sache es war, für Pflege der Aecker und einen möglichſt reichen Ertrag zu ſorgen. Schöne Pferde hielt er ſich zwar, aber nicht, weil er ſie überhaupt liebte oder weil es ſo Mode bei ſeinen Nachbarn war, ſondern um die Leute ſo oft wie möglich ſagen zu hö⸗ ren:„Kein Wunder, daß die Gäule gut ſind, ſie ge⸗ hören dem Herrn von Haldrungen.“ Umgang mit ſeinen Nachbarn liebte er, wenigſtens für ſeine Perſon, ſehr, namentlich wenn es Leute waren, die mit ihm jagten und nachher wie er, ohne unter den Tiſch zu 267 fallen, vier Flaſchen Pontak trinken und eine oder zwei Nächte mit L Hombre⸗Spiel todtſchlagen konnten. Wenn er ſchon als Hausherr und Landwirth bei ſeinem Geſinde ſehr wenig galt und in der That nicht halb ſo viel Reſpekt einflößte, als andere uns ſogleich näher tretende Perſonen, ſo war er in ſeiner Familie bis zu einem gewiſſen Punkte eine Null. Dieſer Punkt betraf nämlich jene bisweiligen Aufwallungen blinden Zornes und eigenmächtigen Handelns, die er bei ge⸗ wiſſen Gelegenheiten, oft ohne allen Grund, blicken ließ, um ſich dadurch ein Anſehn zu geben, das, wie er ſelbſt fühlte, ihm als Hausherrn längſt durch die Finger geſchlüpft war. Von Jugend auf hatte er ſich um ſeine Familie äußerſt wenig bekümmert, obwohl er das Wort„meine Familie“ an der Tafel mit Fremden ſehr häufig im Munde führte, und ſo war kein einziges Mitglied derſelben gewöhnt, ſich in ſei⸗ nem Thun und Laſſen von ihm als Vater eine Ein⸗ ſchränkung auferlegen zu laſſen oder ſeiner väterlichen Willensmeinung zu folgen. Zufrieden, wenn er nichts von den Vorgängen im Innern ſeines Hauſes hörte, ging der unbekümmerte Mann allein ſeinem Vergnü⸗ gen nach, und da ihm vor allen Dingen daran gele⸗ gen war, allen unangenehmen Vorfällen aus dem Wege zu gehen, ſo vermied man es auf jede Weiſe, 268 ſeinen Zorn durch Mittheilung derſelben zu erregen, der, wenn er einmal losbrach, ſich unzweifelhaft über Alles ergoß, was ihm in den Weg kam, mochte es ſchuldig ſein oder nicht. Von Natur zu keiner Art Studium aaßgel egt, we⸗ der Künſte noch Wiſſenſchaften liebend und treibend, war es ihm ganz einerlei, ob Jemand aus ſeiner Fa⸗ milie ſich darum kümmerte.„Mögen ſie lernen, ſo viel ſie können und wollen, ich werde dadurch nicht klüger, nicht dummer, nicht beſſer, nicht ſchlechter“, haben wir ihn ſelbſt von ſich ſagen hören, und ſo war es auch. Die Erziehung ſeiner Kinder daher— und ſie waren in der That ſehr wohl erzogen— war mehr durch ihre guten Naturanlagen ihren ſanften und tadelloſen Charakter, als durch ſeine Mithülfe zu Stande gekommen. Er bezahlte die Erzieher und Lehrer, die nothwendig waren, und damit glaubte er, ſeine Pflicht vollſtändig erfüllt zu haben. In Ge⸗ meinſchaft lebte er mit ſeiner Familie eigentlich nicht; die einzelnen Glieder derſelben waren ihm nicht ge⸗ rade gleichgültig, aber ſie hatten auch keinen beſon⸗ deren Reiz für ihn; er wußte nicht, ob ſie gut oder ſchlecht, ſchön oder häßlich waren, denn er hatte ſie keeiigentlich nie genau betrachtet oder nach ihrem äuße⸗ ren und inneren Werthe geforſcht. Mittags allein— 269 Abends ſehr ſelten— traf er mit ihnen bei Tiſche zuſammen, die Tafelſitzungen in der Familie aber wur⸗ den ſo kurz wie möglich, die dagegen mit Fremden, namentlich Männern, ſo lang wie möglich ausgedehnt. Hieraus erklärt es ſich auch, daß die Kinder weniger von ihrem Vater wußten und geringeren Antheil an ſeinem Leben und Wirken nahmen, als es bei ande⸗ ren Kindern Sitte iſt. Ihr Vater war ihr Vater, das war Alles, was ſie von ihm wußten, und die Schuld dieſes wenig empfehlenswerthen Familienverhältniſſes lag nicht auf Seiten der Kinder. Sie waren ihm in früherer Zeit oft genug kindlich liebevoll und mit zärtlicher Ergebenheit entgegengetreten, aber da ſie nie beachtet worden waren, ſcheuten ſie ſich endlich, ihm gegenüber eine Empfindung blicken zu laſſen, die niemals verſtanden wurde. So waren ſie von jeher theils ſich ſelbſt, theils der Obhut ihrer Lehrer und einiger anderer Perſonen, die wir auch noch kennen lernen werden, überlaſſen geweſen, und er wußte kaum, daß er erwachſene, liebenswürdige und dabei ſchöne Kinder beſaß. Daher wunderte er ſich auch nicht, daß man noch einmal in vorgerückteren Jahren, nachdem die eigentliche Erziehung derſelben längſt beendet war, auf einen Erſatz für den zum Prediger avancirten, ge⸗ rade nicht allzu beliebten frömmelnden Hofmeiſter be⸗ 270 ſtand, einen Erſatz, den man beanſpruchte, weniger um einen Erzieher und Lehrer, als einen Gefährten und Lebensgenoſſen auf dem einſamen und von allem traulichen Verkehr abgeſchloſſenen Landſitze zu gewinnen. Da wir von dem eigenthümlichen Verhältniſſe des Barons zu ſeiner zweiten Gemahlin und ſeiner bei ihm lebenden Schweſter das Nähere abhandeln werden, wenn wir zu dieſen Perſonen ſelbſt übergegangen ſind, ſo wollen wir jetzt nur wenige Worte von jenen Kindern ſagen, um auch ſie dem Leſer perſönlich näher zu rücken. Der einzige noch lebende Sohn des Barons hieß Werner und war ein Jüngling von neunzehn Jahren, hoch gewachſen, blond von Haaren, mit lebhaft ener⸗ giſchem Geſicht und feurigen Augen, der augenſcheinlich in ſeinem ganzen Gehaben, in ſeiner Kleidung und Haartracht das Weſen eines werdenden Künſtlers zeigte. In ſeinen Mienen lag eine edle Offenheit, gepaart mit einer ungemeinen Gutmüthigkeit, und von dem nichtsſagenden Stolze ſeines Vaters war in ſeinem Herzen nicht die geringſte Spur zu finden. Da ihm in ſeiner Jugend nie geſagt war, daß er zu irgend einer ernſten Laufbahn beſtimmt ſei, ſo war er als Knabe ſchon lediglich ſeinen eigenen Wünſchen und Neigungen gefolgt, und es war faſt ein Wunder zu nennen, daß er in beſcheidenen Gränzen geblieben 271 und nicht wie ein zuchtloſes Füllen aus der Art ge⸗ ſchlagen war. So hatte denn Werner von Haldrun⸗ gen, als er erwachſen und ſelbſtändiger geworden, bei ſich beſchloſſen— und nur ſeine zärtlich geliebte Schweſter war hierin ſeine einzige Vertraute— nichts mehr und nichts weniger als ein Künſtler zu werden, und die Kunſt, der er ſich in die Arme geworfen, war die Muſik. Auf ſeinen faſt ausſchließlichen Betrieb da⸗ her hatte der Vater dem Profeſſor in Bremen den Wunſch ausgeſprochen, wo möglich einen in der Mu⸗ ſik ſehr bewanderten„Menſchen“ zu ſenden, und er freute ſich am allermeiſten auf denſelben, da ihm ein ſehr muſikaliſcher verheißen war, mit dem er nun aus Leibeskräften zu geigen hoffen durfte. Aber nicht allein in der Muſik war Werner ein bewanderter jun⸗ ger Mann, nein, er hatte in Betracht ſeiner ſeltſamen Erziehung ſich gar manche Kenntniſſe geſammelt, die ſo mancher Junker vom Lande und auch ſelbſt aus der Stadt nicht beſitzt, denn alle Stunden, die er nicht der Muſik widmete, füllte er mit Leſen guter Bücher aus, die auf ſeinen und ſeiner Schweſter Betrieb in reicher Auswahl von Zeit zu Zeit verſchrieben wurden. Die Lieblingsneigungen ſeines Vaters, die Jagd und üppiges Leben in Eſſen und Trinken, hatte er nicht ererbt, weshalb er Erſterem auch ſehr gleichgültig 272 war, der ihn mit einem gewiſſen wegwerfenden Tone: „mein Sohn, der Muſikant,“ nannte, bis er vielleicht einmal, zur Erkenntniß der Sachlage kommend, auf den Einfall gerathen würde, dieſen ſeinen Sohn für irgend ein Lebensverhältniß zu beſtimmen— ein Ein⸗ fall, der bei ihm durchaus nicht unmöglich war, da er ſchon mehrere Male die Zukunft Werner's zum Ge⸗ ſprächsgegenſtande mit ſeiner Schweſter gemacht hatte. Und eine ſolche Unterhaltung mit Fräulein Sibyllle von Haldrungen pflegte in ihrem Gefolge ſtets den Ausbruch eines väterlichen Ungewitters zu haben. Für jetzt indeſſen war kein ſolcher Ausbruch zu beſorgen; Vater und Sohn, in der Regel ſich nur einmal täglich ſehend, lebten Jeder auf ſeine Weiſe neben einander fort, und das Ungewitter, welches all⸗ mälig über Beide heranzog, ſollte diesmal von einer Seite kommen, die weder der leichtſinnige Baron, noch ſeine hochweiſe Schweſter, am wenigſten aber der un⸗ befangene Werner ſelbſt ahnen konnte. Als eine ähnliche Erſcheinung im Aeußern, und doch im Innern wieder ganz von ihm verſchieden, ſtellte ſich ſeine nur um ein Jahr jüngere Schweſter dar. Sophie war ein ſchönes friſches, eben erſt voll⸗ kommen aufgeblühtes Naturkind, frei von aller ſtäd⸗ tiſchen Verzärtelung, aller überkünſtlichen Empfindſam⸗ 273 keit, edel, offen und von überaus natürlicher Jung⸗ fräulichkeit des Herzens und Charakters. Hoch und ſtattlich empörgewachſen wie ihr Bruder, von wun⸗ derſchönen Verhältniſſen der Glieder, namentlich was ihre Rundung und Fülle betraf, war ſie von zartem Teint, wie die nordiſchen Jungfrauen ihn beſißen, und hatte jenes herrliche blonde Haar, deſſen Farbe zwiſchen Gold und Silber die Mitte zu halten ſcheint. Wen ihr großes rundes blaues Auge einmal freund⸗ lich betrachtet, der konnte ſobald die Süßigkeit dieſes Blicks nicht vergeſſen, und mit dieſem ſüßen Blicke ſtimmte der wohllautende Klang ihrer die Weichheit und Milde ihres Herzens verrathenden Stimme überein. Sophie, die ihre Mutter ſchon in der frühſten Kindheit verloren hatte, war unter den Augen einer verſtändigen Erzieherin, die ſeit einigen Jahren aber geſtorben war, aufgewachſen; ſpäterhin in die Hände ihrer zweiten Mutter gerathen, von der ſie nur Gutes erfahren und Edles und Schönes geſehen, war ſie zu jener ſeltenen Erſcheinung an Körper und Geiſt em⸗ porgeblüht, wie wir ſie eben geſchildert haben. Von früher Jugend an aber hatte ſich in ihr ein Drang nach allem Wiſſenswerthen der Welt geoffenbart, und nicht mit Unrecht behauptete ihr früherer Lehrer von ihr, daß es eigentlich ſchade ſei, daß ſie kein Knabe Emery Glandon. I. 18 274 geworden, da ſie eben ſo viel Neigung und Ausdauer zu ernſtem Studium bewies, wie der lobenswertheſte Ls Student. Daß ſie in dieſen Studien Dasjenige be⸗ Aaexorzugte, was ihrem jungfräulichen Weſen am nächſten und natürlichſten war, iſt nicht ſchwer zu begreifen, und ſo ſehen wir ſie denn eifrig die Geſchichte der Völker und der Schöpfung, ſo wie die ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften treiben. Um ſich nun in allen dieſen Dingen ſo viel wie möglich zu vervollkommnen, auf ihrem einſamen Landſitze keine Langeweile zu empfinden und ſich ſelbſt zu genügen, hatte auch ſie ihre Bitten mit denen ihres Bruders um einen tüch⸗ tigen und erfahrenen Lehrer bei dem Vater unterſtützt. Doch wir müſſen uns jetzt zu der Stiefmutter die⸗ ſer Kinder wenden, die, ſo wenig ſie vermöge ihrer beſonderen Gemüthsrichtung und ihres beſcheidenen zurückhaltenden Weſens im Hauſe des Barons eine große Rolle ſpielte, doch in ihrer milden und ächt weiblichen Art von großer Einwirkung auf die Ent⸗ wickelung der Charaktere dieſer beiden Kinder geweſen war. Wie dieſe Frau, einer Taube zu vergleichen, eigentlich in den Beſitz eines Mannes, wie der Baron war, gerathen konnte, möchte dem Leſer ein pſycholo⸗ giſches Räthſel ſein, wenn er ſich nicht der ſo häufi⸗ gen Erſcheinung im Leben erinnerte, daß manche — 275 Männer von entſchieden geringem Werthe, von durch⸗ aus untergeordneter Bildung und von mehr üblen als guten Eigenſchaften, oft, ſehr oft, gerade die ſchön⸗ ſten, liebenswürdigſten und begabteſten Frauen zu ge⸗ winnen ſo glücklich ſind, was allerdings auch bisweilen unter umgekehrten Verhältniſſen der Fall iſt. So viel iſt indeſſen gewiß, daß wirkliche Negung von beiden Seiten ſolche verſchiedenen Paare ſehr ſelten an ein⸗ ander kettet; in der Regel führen Verhältniſſe düſterer oder wenigſtens geheimnißvoller Art, die dem großen Publikum nur oberflächlich bekannt werden, eine Ver⸗ bindung herbei, die eben ſo wenig Glück von Außen, wie Segen von Innen verheißt. Etwas Aehnliches mochte auch wohl Henriette von Bergen, die von altem Adel aber bitterer Armuth war, dem Baron von Haldrungen zugeführt haben. Er hatte ſie in oder bei Hannover kennen gelernt, wo ſie im Hauſe einer ebenfalls bedürftigen Verwandten gleich einem Veilchen im Verborgenen blühte und ihr kurzes Blumenleben in der Stille und Anſpruchsloſigkeit hin⸗ brachte, von der die genußſüchtigen Frauen der gro⸗ ßen Welt keine Ahnung haben. 4 Leopold von Haldrungen war ſchon zwölf Jahre Wittwer geweſen, als er dieſes Veilchen in ſeiner Ver⸗ borgenheit blühen ſah und, weniger von dem Dufte 18* 276 deſſelben bezaubert, denn der Baron war von keinem Veilchendufte wie auch von keiner Frauenſchöne und Würde zu bezaubern, auf den Gedanken gerieth, ſich noch einmal mit einem weiblichen Weſen zu verbin⸗ den, nicht ſowohl um ein ungekanntes Glück an ſei⸗ ner Seite zu finden, als um von ſich ſagen zu kön⸗ nen:„ich habe mich zum zweiten Male mit einer Tochter des alten und edlen Stammes der von Ber⸗ gen vermählt!“ Von welcher Art die Vergangenheit dieſes Fräu⸗ leins von Bergen auch geweſen ſein mochte, die für Jedermann in ein unergründetes Dunkel gehüllt blieb, ſie war jedenfalls ſchon vor der Bekanntſchaft mit dem Baron von einem geheimen und durch Nichts zu be⸗ ſiegenden Kummer gequält, der ſeinen Grund wohl nicht in ihrer unverſchuldeten Armuth und ihrer ab⸗ hängigen Lage hatte, wie der Baron lange Zeit ſich einbildete. Der Grund dieſer Armuth und abhängi⸗ gen Lage von jener bereits erwähnten bedürftigen Ver⸗ wandten aber iſt uns wenigſtens bekannt; ſie ward durch ihren einzigen Bruder herbeigeführt, der, durch bodenlos leichtſinniges Leben ſein eigenes und das Ver⸗ mögen ſeiner Schweſter den Winden preisgegeben hatte. In die Tiefe jenes Herzenskummers. aber hatte niemals, ſo viel wir wiſſen, ein ſterbliches Auge geblickt, nur — 277 Gott allein mochte es bekannt ſein, welcher Krebs un⸗ aufhörlich an ihrem gemarterten Herzen fraß. Der Baron natürlich, als er die ungewöhnlich ſtille, bleiche, aber immer noch wunderbar ſchöne Jungfrau ſah, glaubte ihren Schmerz in ihrer traurigen äußeren Lage begründet, und dieſe in eine angenehmere umzuwan⸗ deln, dazu war er, ſeiner Meinung nach, gerade der rechte Mann. Allein der gute Baron hatte ſich dies⸗ mal bedeutend und in doppelter Beziehung geirrt, denn einmal war Fräulein von Bergen durchaus nicht ge⸗ neigt, den Wünſchen des reichen Mannes zu entſprechen, und dann, als ſie durch den Tod der Verwandten ganz 72 verwaiſt und verlaſſen in der Welt ſtand, und nach ſhee flanger Prüfung mit ſich ſelber, nach namenloſen Schmer⸗ 2 Lasedlih ſeine Hand annahm, war es ſeinem Reichthume 5„Doch nicht geglückt, ihren gebrochenen Lebensmuth wie⸗ weee Er aufzu ichten. Na äͤhriger vergeblicher Bewerbung folgte undiiferahe von Bergen ihrem Schickſal, das ſie auf das Gut des Baͤrons-hührte, welches er damals noch im Hannöverſchen beſaß. Hier lebte ſie ſtill für ſich und meiſt in ihre Zimmer eingeſchloſſen, wie ſie früher in dem abgelegenen Hauſe ihrer Verwandten ge⸗ lebt. Als der lebensluſtige Baron, der ſich einen ganz zen und nachdem ſie ein Meer von Thränen vergoſſen, 278 anderen Erfolg von ſeiner großmüthigen Handlung verſprochen hatte, dieſes abgeſchloſſene Leben mit nüch⸗ ternen Augen betrachtete, ward er über ſich ſelbſt un⸗ willig, zog ſich mehr und mehr von ſeiner Gemahlin zurück, die es eigentlich nur dem Namen nach war, und fuhr fort, auf eigene Hand die Genüſſe des Lebens auszubeuten, da ſeine Gattin es verſchmähte, ſein Glück darin zu theilen. So war es vor Jahren auf dem Gute in Hanno⸗ ver geweſen, ſo war es noch jetzt auf Brenkowitz. Hen⸗ riette wußte kaum, daß ſie einen Gatten hatte, und dieſem Gatten war es einerlei, ob Jene da drinnen in ihrem Zimmer ſaß, leiſe ſeufzte, mitunter weinte und ſich ihren Studien überließ oder an Gott weiß was dachte. Dieſe Studien drehten ſich, wunderbarer Weiſe für den Herrn Gemahl, faſt allein um die engliſche Geſchichte und Literatur. Alles was aus England kam oder Bezug darauf hatte, intereſſirte die ſtill trauernde Baronin, und da dieſe blinde Vorliebe, wie der Ba⸗ ron meinte, mit nichts Vernünftigem in Einklang ſtand, ſo bezahlte er mürriſch und brummend die Rechnun⸗ gen für engliſche Bücher, die von ſeinem Buchhändler in Danzig von Zeit zu Zeit einliefen. Sollen wir nach Dieſem noch hinzufügen, daß die beiden Gatten keine zärtliche Neigung für einander 279 hatten? Nein, das brauchen wir kaum, denn ihre An⸗ ſichten, ihre Beſtrebungen, ihre Beſchäftigungen liefen ſo weit auseinander, daß nirgends ein Zuſammentref⸗ fen zu bemerken war. Mit der Zeit hatten ſie ſich auch gänzlich von einander entwöhnt; wenn die Ba⸗ ronin ſich einmal recht wohl befand, kam ſie wohl zu Tiſche, um mit ihrer Familie zu ſpeiſen, in der Regel aber aß ſie allein auf ihrem Zimmer, oder mit Sophie, was in den letzten Jahren immer häufiger geſchah, da ſie, wie ſie ſagte, von einem heftigen Kopfſchmerze ge⸗ peinigt wurde, was man allerdings glauben konnte, wenn man ihr ſtets ermattetes, angegriffenes Geſicht ſah, obgleich ihre frühere berühmte Schönheit im Gan⸗ zen nicht abgenommen hatte. Denn für eine Frau von einundvierzig Jahren— in welchem Alter ſie ge⸗ genwärtig ſtand— ſah ſie noch über die Maaßen gut und vortheilhaft aus, und man hätte ihr ohne Zögern zehn Jahre weniger gegeben, wenn man ſie nach ihrer äußeren Erſcheinung hätte ſchätzen wollen. Dazu trug freilich ihre ſylphenhaft ſchlanke Figur, ihr wachsbleiches, marmorartiges Geſicht und das ſchöne hellblonde Haar bei, das ſie glatt geſcheitelt und feſt an den Schläfen anliegend trug, obgleich es an Fülle mit den reichen Locken ihrer Stieftochter hätte wettei⸗ fern können. —— Möͤͦ=† ¼¼— c,ccgöyööq—4y⸗=g= — 2280 Daß eine Frau mit ſolchen Neigungen zum unge⸗ ſtörten Stillleben, ſeit Jahren an einſames Studium gewöhnt, nicht geeignet ſein würde, einem großen Haus⸗ ſtand, wie wir ihn auf Brenkowitz finden, vorzuſtehen, erklärt ſich von ſelbſt. Aber dazu hatte ſie auch nie⸗ mals Neigung und Abſicht gezeigt. Im Gegentheil, ſie war ganz zufrieden damit, daß eine andere geſchäf⸗ tigere und ohne Zweifel geſchicktere Hand ſich der Füh⸗ rung dieſes Hausweſens bemächtigt hatte, und wenn das auch oft auf eine ihrer Stellung als Hausfrau ſchnurſtracks zuwiderlaufende, etwas harte und em⸗ pfindliche Art geſchah, ſie duldete es, wie ſie Alles um ſich her duldete, mit himmliſcher Ergebung und unnachahmlicher Nachſicht. Trotzdem aber, daß ſie niemals thätig in Küche, Keller und Haus einſchritt, beſaß ſie dennoch die vollkommene Achtung und Liebe der ganzen Hausdienerſchaft, mit Ausnahme einer ein⸗ zigen Perſon, der Jungfer Jakobine, die nicht in ihren, vielmehr in den ſpeciellen Dienſten Derjenigen ſtand, die ſich in Brenkowitz ein gewaltiges Anſehn als herr⸗ ſchender Hausgott gab. Nur für dieſe Jakobine allein war der milde, beinahe hülfeflehende Blick und das unſäglich ſanfte Weſen der ſtillen Baronin nicht vor⸗ handen, ſie war ſogar geneigt, Alles, was insgeheim im Zimmer derſelben geſchah, hinterliſtig zu erſpähen 281 und dahin zu berichten, wo es ſtets als willkommene Beute in Beſchlag genommen und zu den beabſich⸗ tigten Zwecken benutzt wurde. So wenden wir uns denn zu der Perſon im Haus⸗ halt des Barons, die darin die erſte und, wie ſie ſelbſt meinte, bedeutungsvollſte Rolle ſpielte— zu der jün⸗ gern Schweſter deſſelben, Fräulein Sophie von Hald⸗ rungen. Sie war eine beinahe funfzigjährige alte Jungfer vom reinſten Waſſer, wie man ſie ſo häufig in vornehmen Häuſern umherwanken und ihr ſpecifi⸗ ſches Gewicht ſchwer in die Waagſchaale der Familie legen ſieht. Auf den Geſichtern vieler dieſer alten Jungfern— glücklicherweiſe giebt es auch viele vor⸗ treffliche alte Mädchen, die himmelweit von der uns hier vorſchwebenden Erſcheinung abweichen— ſieht man mit einem Blicke die ganze Herzensöde und See⸗ lendürre ausgeprägt, der ſie in dieſem Leben verfallen ſind. Alle ihre bösartigen Neigungen, ihre ſelbſtſüch⸗ tigen Beſtrebungen ſpiegeln ſich in den Zügen wieder, die keine Spur von dem beibehalten haben, was die Natur einſt mit gütigerem Griffel auf ihr Antlitz ge⸗ ſchrieben hatte. Jedes jugendliche Geſicht haſſend, weil es ſchöner als das ihrige iſt, jede kindliche Regung beneidend, weil ſie ſie nicht nachfühlen können, jede von der ihrigen abweichende Meinung verdammend, 282 weil ſie ſie nicht nachdenken können, ſchhreiten ſie, mit ihrem gewaltigen Schlüſſelbunde raſſelnd, eifer⸗ ſüchtig auf jede andere Gewalt, durch die Zimmer und Räume, befehlen und tadeln, und dringen mit ihren Luchsaugen in jede Spalte, jeden Winkel des Haushalts ein. Wehe Denen, die nicht ihre Lieblinge ſind oder ihren Anordnungen, ihrem Willen entgegen⸗ ſtreben! Sie ſind vor der Anklage gerichtet, nach ſtren⸗ gerem als drakoniſchem Geſetz, denn es iſt gewiß wahr, unter allen ſtrengen Richtern iſt eine alte herzloſe Jung⸗ fer, in der nur die Zunge noch Leben und Bewegung hat, der liebloſeſte und härteſte. Wie wir ſie hier im Geiſte vor uns haben, ſo ſah ſie auch wirklich in Perſon aus. Sie war ſehr mager, ſehr ſpitznaſig, ſehr geſprächig; geld⸗ und adel⸗ ſtolz, faſt noch mehr als ihr Bruder, war ſie auch ſehr zank⸗ und eiferſüchtig, und ſchließlich— die Krone von allen altjüngferlichen Tugenden— ſehr fromm. Wir meinen aber mit dieſer Frömmigkeit jene beſondere Art, wie ſie heutzutage in manchen Häuſern Mode— nicht Herzensſache,— Heuchelei, aber nicht Wirklichkeit, Schein, aber nicht Wahrheit iſt und ſehr viel von den geheimen Wünſchen der Erde, aber ſehr wenig von den erhabenen Hoffnungen des Himmels im Hinter⸗ halt hat. Dieſe Frömmigkeit wehrte auch bei Fräu⸗ — W 283 lein Sibylle durchaus nicht manches irdiſche Gelüſten aob. Sie kleidete ſich ſehr gern in grell gefärbte Stoffe und überlud ſich mit dem auffallendſten Modeputz; ſie — außerordentlich gern die leckerſten Sachen und e verſchmähte auch Morgens ein Gläschen Malaga, Mit⸗ 2 tags drei Gläſer Champagner und Abends einige Glä⸗ ſer g guten Punſches nicht— eine von Tage zu Tage zunehmende Liebhaberei, die vielleicht an der blauro⸗ then Färbung ihrer Naſenſpitze ſchuld war, welche ſie jedoch ſelbſt der abſcheulichen ſcharfen Luft beimaß, die in dieſem entſetzlichen Lande wehte. Etwas Qualvolles wäre es für dieſe intereſſante Per⸗ ſönlichkeit geweſen, wenn ſie, ſo abweichend von allen übrigen Bewohnern des Gutes, mit ihren frommen Beſtrebungen, ihren himmliſchen Neigungen allein hätte ſtehen ſollen. Das wäre ja eine wirkliche Hölle auf Erden geweſen! Nein, damit das Eden, welches ſie um ſich her verbreitete, bevölkert ſei, dafür hatte die gute Dame bei Zeiten geſorgt und ſomit ihren Bruder be⸗ ſchwatzt, eine alte Jugendfreundin als Geſellſchafterin bei ſich aufnehmen zu dürfen, die ihr leibhaftiges Spiegelbild in der äußeren Erſcheinung und im in⸗ nern Werthe, überall und immer ihre Begleiterin, im Nothfall ihre Stellvertreterin, alſo ihr weiblicher Ad⸗ jutant war. Dieſe vortreffliche Dame zählte noch vier 284 Jahre mehr und nannte ſich Fräulein Urſula von Krecht. Sie ſchlief mit ihr in einem Zimmer, ſie ſaß bei Tiſche neben ihr, ſie ging, ſie fuhr mit ihr zur Kirche, zum Jahrmarkt in Neuſtadt oder wohin es nur ſonſt war. Darum war ſie auch eben ſo beliebt oder, was daſſelbe ſagen will, eben ſo verhaßt auf dem Gute bei allen Dienſtboten; und wenn es eine Perſon gab, die man noch mehr fürchtete und vermied, ſo war es die ge⸗ meinſchaftliche Dienerin Beider, eben jene ſchon er⸗ wähnte Jakobine. Dieſe drei alten Jungfern waren auch die vertrauteſten Freundinnen des ehemaligen Erziehers in Brenkowitz, eben jenes Mannes geweſen, den einſt der Profeſſor Schickedanz dahin empfohlen hatte, und der jetzt, Dant der kriechenden Bettelei der beiden Damen, die Stelle als Prediger im Dorfe Bren⸗ kowitz erhalten hatte. Das Gerücht aber hatte dem guten Mann Unrecht gethan, wenn es behauptete, er ſei in allen Dingen der gehorſame Knecht jener Da⸗ men geweſen. Nein, einige Scharfſichtige raunten ſich ſogar in die Ohren, der jetzige Pfarrer ſei gar nicht ſo fromm, wie ihn ſeine Verehrerinnen gehalten, er habe ihnen nur aus Klugheit, um einſt eine gute Stätte zu haben, zeitweilig die Schleppe getragen. Was hieran Wahres oder Falſches iſt, geht uns nichts an, der Pfarrer, deſſen Namen wir nicht einmal ge⸗ — nannt haben, hat für unſere Erzählung keine Bedeu⸗ tung und wird vielleicht kaum noch einmal erwähnt. So haben wir denn die Hauptperſonen im Schloſſe zu Brenkowitz, wie uns dünkt, genügend abgehandelt und der Leſer wird ſich mit der vorläufigen Zergliede⸗ rung ihrer Charaktere nicht vergebens bemüht haben, da wir ihm verſichern können, daß ſie ſämmtlich eine bedeutende Rolle in der Erzählung ſpielen, die wir jetzt unverweilt fortſetzen wollen. Elftes Anpitel. Der Einzug in die neue Heimat. In die eben geſchilderte Familie ſollte nun unſer Freund Joſeph Sohn eintreten. Die Ausſpicien wa⸗ ren, wenn wir Alles zuſammen halten, nicht gerade günſtig, aber auch nicht ungünſtig, es kam alſo auf die Art und Weiſe ſeines Benehmens an, wie ſich ſeine Zukunft innerhalb des neuen Lebenskreiſes ge⸗ ſtalten würde. Wünſchen wir ihm eine recht glückliche Zukunft, denn wir glauben, er verdiente ſie wie We⸗ nige, die ſich in ähnlicher Lage mit ihm befanden. Es war Mittag vorüber, als die beiden Reiſenden Neuſtadt verließen und auf ihrem zigeunerhaft bepack⸗ ten Wagen, der für eine ſolche Menge von Koffern, Muſikinſtrumentenkaſten, Vogelbauern und Bücherki⸗ ſten, wie ſie ſie mit ſich führten, in der That nicht eingerichtet war, mit zufriedener Miene auf Brenko⸗ 287 witz zurollten, denn ſie waren des langen Fahrens, des ewigen Aus⸗ und Einſteigens überdrüſſig und ſehn⸗ ten ſich nach Ruhe und ſtillem häuslichen Leben. Der Kutſcher, der ſie fuhr, war ein mehr redſeliger als gefälliger Mann; ſchon die vorgebliche Ueberlaſtung ſeines Fuhrwerks, das ein lahmer Gaul zog, entlockte ihm einige ungeſtüme Ausrufungen, die nichts als eine Erhöhung des bedungdnen Lohnes bezweckten. Als dieſe ihm endlich zugeſagt war, wurde er menſch⸗ licher geſtimmt und ergoß ſich in einer wahren Fluth von Erzählungen über die Gegend, die Leute, die da⸗ rin wohnten, und ihre Wohlhabenheit. Joſeph hatte keine Ohren für ihn, nur ſeine Augen flogen rechts und links, die Gegend zu muſtern, die Fruchtbarkeit der weiten Felder zu bedenken und ſich an die Eintö⸗ nigkeit des flachen und nur mit geringem Baumwuchs bedeckten Landes zu gewöhnen. Je näher man aber Brenkowitz kam, um ſo freundlicher wurde das ſtille Gelände. Kleine Hügelketten, auf deren höchſten Punk⸗ ten, ſchon aus der Ferne ſichtbar, ein alter ſchön be⸗ laubter Baum ſtand, gewährten manche Abwechſelung, und die langgeſtreckten Seen, die bald rechts bald links vom Wege lagen, ſpiegelten bei dem hellen Wet⸗ ter anmuthig die fliegenden Wolken und das blaue Himmelsgewölbe wieder. 288 „Jetzt wird es beſſer hier herum“, ſagte der Kut⸗ ſcher und deutete mit ſeiner Peitſche auf die Umgegend, während ſein fauler Gaul im langſamſten Schritte vorwärts ging.„Noch eine halbe Stunde und wir werden Brenkowitz erreicht haben,“ „Sie meinen das Gut?“ bemerkte Joſeph. „Nein, ich meine das Dorf, Herr.“ „Kennen Sie den Schulmeiſter im Dorfe?“ „O ja, recht gut, er iſt weit und breit in der Runde als der beſte Geiger berühmt.— Aber ich denke, Sie wollen auf das Gut?“ „Dahin will ich auch, zunächſt aber muß ich den Schullehrer ſprechen, fahrt alſo bei ihm zuerſt vor.“ Während ſich Joſeph nach dieſen Worten zu Ra⸗ chel wandte und mit ihr in dem eben gehörten Um⸗ ſtande, daß der Schulmeiſter ein vortrefflicher Geiger ſei, eine gute Vorbedeutung für ſeinen an ihn zu rich⸗ tenden Wunſch ſah, brummte der Fuhrmann einige unverſtändliche Worte vor ſich hin, aus denen ein aufmerkſamer Zuhörer den Sinn vernommen hätte, daß er für das Gut und nicht für das Dorf Bren⸗ kowitz gedungen ſei, und daß ſich der Herr mit leichter Mühe nach letzterem, das etwas links vom Wege ab⸗ läge, alſo weiter wäre als das Gut, zu Fuße bege⸗ ben könne. 289 So näherte man ſich denn endlich dem langerſehn⸗ ten Ziele. Von ferne ſah man ſchon mitten im freien Felde ein rieſiges Baum⸗ und Buſchwerk emporragen, und als man allmälig näher kam, tauchten dazwi⸗ ſchen die braunen Dächer der mitten darin erbauten Ge⸗ bäude auf. „Iſt denn das das Dorf Brenkowitz?“ fragte Jo⸗ ſeph, als er ſich ſo mit einem Male dicht vor dem Gutshofe ſah und der Kutſcher ſeinen lahmen Gaul außerhalb der Brücke, die über den Graben des Gu⸗ tes führte, anhielt. „Das Gut Brenkowitz iſts, wohin ich gedungen bin.“ „Ich ſagte Euch ja, daß ich zum Dorfe zuerſt wollte. Bringt mich ſogleich dahin.“ „Keinen Schritt fahr ich weiter; mein Pferd kann nicht mehr. Es iſt ein netter Spaziergang da den Lärchenwald bis zu'm Dorfe hinunter.“ Obgleich Joſeph ſehr aufgebracht war, ſah er doch ein, daß mit dem eigenſinnigen Menſchen nichts an⸗ zufangen ſei. Er ſtieg alſo mit Rachel vom Wagen und legte ſeine Geräthſchaften vorſichtig in den Sand dicht am Rande des Grabens außerhalb der Brücke nieder, worauf er den Kutſcher bezahlte, der auch ſo⸗ gleich ſeine Rückfahrt antrat. Emery Glandon. I. 19 290 So ſtand er denn am Eingange des Schloſſes ſei⸗ nes neuen Dienſtherrn, von Niemandem bewillkommnet, nur von Rachel ernſt angeſchaut und von ſeinen Hun⸗ den lärmend umſprungen, die ſich freuten, ihn wieder auf ebener Erde zu ſehen. „Bleib' bei den Sachen, Rachel“, ſagte Joſeph, „ich werde hinein gehen und Jemanden aufſuchen, der ſie an den Ort ihrer Beſtimmung trägt. Hektor, du bleibſt hier.“ Damit ſchritt er über die Brücke in den Park; aber Hektor that ſeltſamer Weiſe diesmal nicht wie ihm be⸗ fohlen, ſondern ſchlich ſeinem Herrn langſam nach, dem ſehr bald auf der Gränze zwiſchen Park und Hof Jungfer Jakobine entgegen kam, die zufällig im Hofe war und die Anlangenden von Weitem bemerkt hatte. „Gehören Sie zum Gute?“ fragte Joſeph ſchnell. „Gewiß— was giebt's denn?“ „Ich bin der aus Bremen verſchriebene Hausleh⸗ rer und wünſche den Herrn Baron zu ſprechen. Seien Sie doch ſo gut und ſchicken Sie Jemanden nach der Brücke, um mein Gepäck in's Schloß zu ſchaffen.“ Jakobine, alles Neue mit ſcheelſüchtigen Blicken betrachtend und nicht ſehr erpicht darauf, einen Schloß⸗ bewohner mehr zu haben, der ſich ja möglicher Weiſe die Gunſt Derjenigen erwerben konnte, die ſie ſelbſt 291 begünſtigten, that einen raſchen Sprung nach der Brücke, an deren Ende eben Rachel mit dem Spitz ſichtbar wurde. Dieſe und dann noch den Haufen zuſammen⸗ geſtellten Gepäcks gewahrend, blieb ſie wie verſteinert ſtehen, ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen und rannte ſpornſtreichs wieder an dem geduldig har⸗ renden Hauslehrer vorbei, um die unglaubliche Mähr ſogleich an den rechten Mann zu bringen. Aber ſie ſollte noch eine andere wichtige Nachricht mit in's Schloß zu tragen haben, denn in dem Augenblicke, als ſie an Joſeph vorüberflog, kam der Lieblingshüh⸗ nerhund des Barons im Sturmeslauf aus dem Schloß⸗ hofe hervor, um ſich mit aller hündiſchen Ungebühr auf den unbekannten Eindringling an des Fremden Seite, den Pudel Hektor zu ſtürzen und ihm durch einige wü⸗ thende Biſſe begreiflich zu machen, daß ſeines Bleibens hier nicht länger ſein könne. Allein er war bei Hektor an den Unrechten gekommen. Obgleich dieſer einige Stunden marſchirt war, ſo war er doch ein ſehr kräf⸗ tiger und muthiger Hund, und nicht lange dauerte es, ſo entſpann ſich ein wüthender Kampf, mit ſchreck⸗ lichem Geheul untermiſcht, der damit endete, daß der neidiſche Hühnerhund, weidlich zerbiſſen, mit ein⸗ gekniffenem Schwanze nach dem Hofe zurück hinkte. „Was?“ ſchrie die entſetzte Jakobine, ſich mit ge⸗ 19 8 3 1 4 8 1 3 2 292 röthetem Geſicht zu dem ruhig blickenden Fremden wen⸗ dend.„Solche große wüthige Thiere bringen Sie auch mit und laſſen den Leibhund des gnädigen Herrn halb todt beißen? O mein Gott, o mein Gott, das wird Ihnen ſchlecht bekommen!“ Joſeph, der ſie mit einigen begütigenden Worten aufhalten wollte, ſah ſie mit drohenden Armbewegun⸗ gen zum Schloſſe hinaufrennen. Er bedauerte das Vor⸗ gefallene, was er für eine ſchlimme Vorbedeutung hielt, aber leider konnte er es nicht rückgängig machen. Eben im Begriff, der entfliehenden Magd, die ein lautes Wehklagegeſchrei ausſtieß, zu folgen, kam ihm der alte gute Diener der Baronin, Valentin, entgegen, fragte nach ſeinem Begehr und verbeugte ſich dann mit er⸗ gebener Miene vor ihm. „Ah, das iſt gut, das iſt ſehr gut, daß Sie da ſind, Herr Lehrer;“ ſagte er,„die Herrſchaft hat ſchon mehrmals heute von Ihnen geſprochen. So, ſo— alſo das ſind Ihre Sachen?“ „Ja, dieſe möchte ich auf meinem Zimmer haben unnd dieſe zwei Koffer nach dem Dorfe, wo ich einige Augenblicke zu thun habe.“ „Beides ſoll ſogleich geſchehn. Heda, Ihr Jungen, kommt einmal her. So, dieſe Koffer tragt nach dem Dorfe— für die übrigen werde ich ſelbſt ſorgen. Kann ich Sie immer der Herrſchaft melden, Herr Lehrer, und wann kommen Sie aus dem Dorfe zurück?“ „In einer kleinen Stunde, denke ich.“ „Prächtig, prächtig— ich werde Alles beſorgen. O, Ihr Zimmer iſt für die Dingerchen da groß genug — und das iſt alles nur leichte Waare— bis auf die große Kiſte. Heda! Jakobine! Faß einmal mit an!— Guten Morgen! Jakobine thut, als ob ſie das Gehör verloren hätte. Na, es ſchadet nichts. Nun ge⸗ hen Sie nur erſt nach dem Dorfe, Herr Lehrer, die Jun⸗ gen ſind mit den Koffern ſchon voran— ich werde Alles einrichten, wie Sie es nur wünſchen können.“ Joſeph nahm Rachel an die Hand und folgte ſchwei⸗ gend den behende laufenden Bauerjungen. Der erſte Schritt in ſeinem neuen Verhältniß war gethan. Er war gemeldet und ſeine Sachen bereits an Ort und Stelle geſchafft. Jetzt wollte er für Rachel ein Unter⸗ kommen ſuchen— ein doppelt ſchweres Unternehmen! Einmal es zu finden und dann, ſich von ihr zu tren⸗ nen,— dann aber ſich ſelbſt nach dem Schloß bege⸗ ben und wo möglich ſeinen Hektor mit einzuſchmuggeln ſuchen.— So ſchritten ſie denn in bedrücktem Schweigen den 294 eilig laufenden Jungen nach, anfangs im Schatten eines niedlichen Lärchengebüſchs und ſodann durch eine hochſtämmige Kiefernwaldung, aus welcher heraustre⸗ tend ſie das Dorf dicht vor ſich liegen ſahen. Eins der erſten Häuſer der ihnen zugewandten Straße, der Kirche gegenüber, war das des Küſters und Schulleh⸗ rers; es war ein einfach weiß getünchtes aber ſauber gehaltenes Bauernhaus, von einem halb verwitterten Stacket umgeben, hinter dem ein zierlich gehaltenes Gärtchen den Fremden heiter entgegenlächelte. Inner⸗ halb des Stackets, dicht vor der Thür, ſtellten die Jun⸗ gen die Koffer und den Käfig mit Lachtauben auf den Boden, worauf ſie ſich entfernten, nachdem ſie eine kleine Belohnung empfangen. Joſeph und Rachel da⸗ edee ſich, beklommen und doch freudig bewegt, auf eit grünes Bänkchen, das unter einem Birnbaum ſtand, und wandten ihre Ohren einem offen ſtehenden Fenſter des Häuschens zu, aus dem ſich, gleichſam als bewillkommnender Zuruf für ſie, ein reizend und ſehr fließend geſpieltes Geigenduo hören ließ, welches ſie durch ihren Eintritt nicht ſtören wollten. Bald jedoch war es zu Ende und Joſeph, Rachel auf der Bank laſſend, begab ſich mit klopfendem Herzen in das In⸗ nere, um ſeinem kleinen Pflegling ein zeitweiliges Un⸗ terkommen zu bereiten. 1 295 Als er ſich überzeugt, daß die Muſik wirklich zu Ende war und nur zwei Männerſtimmen im Stübchen ſprachen, klopfte er an und, durch einen heiteren Her⸗ einruf in's Innere beſchieden, war er ſogleich angenehm überraſcht von Allem, was er vor ſich ſah. Mitten in dem reinlich gehaltenen, wiewohl nur mit einfachem Hausgeräth gefüllten Gemach ſtanden hinter ihren Notenpulten zwei Männer. Der Eine, augenſcheinlich der Lehrer, war ein ältlicher freundlicher kleiner Mann mit grauen Haaren, im Schulmeiſter⸗ rock; der Andere ein blühender und ſtattlicher Jüngling — Werner von Haldrungen. Hinter ihnen— ein wahrer Genuß für den Beſucher— zeigte ſich ein of⸗ fenes Klavier, deſſen Aeußeres ſchon verrieth, daß es nicht ſo ganz verwahrloſt ſei, wie man dergleichen Inſtrumente in der Regel bei armen Landſchullehrern findet. Aber der Cantor Treumann, in deſſen Hauſe wir uns jetzt befinden, gehörte keineswegs zu jenen ſo häufig geſehenen wiſſenſchaftlichen Proletariern, denn er war nicht allein ein in vielen Dingen ſehr gebilde⸗ ter Mann, ſondern beſaß auch neben ſeinem freilich nur geringen dienſtlichen Einkommen ein kleines Ver⸗ mögen, das ihn mit ſeiner Frau und einzigen Tochter leidlich genug erhielt. 3 Nicht ohne Erſtaunen ſahen Beide den unerwar⸗ 296 teten ſtattlichen Gaſt eintreten. Sie legten ſogleich ihre Geigen aus der Hand und näherten ſich ihm. „Wen habe ich die Ehre vor mir zu ſehen?“ be⸗ gann der Cantor das kurze Geſpräch. „Ich heiße Joſeph Sohn und bin der neue Haus⸗ lehrer auf Brenkowitz.“ Ein doppelter Ausruf der Ueberraſchung ließ ſich ſogleich vernehmen, worauf ſich Werner von Haldrun⸗ gen lächelnd als den Schüler Joſeph's vorſtellte. Auch dieſer mußte lächeln, denn er hatte in dem neunzehn⸗ jährigen Schüler keine ſo wohlgebildete und angenehme .Perſönlichkeit zu finden erwartet, wie er ſie jetzt vor ſich ſah. Dieſer erſten Ueberraſchung ſollte ſogleich die zweite nicht weniger angenehme folgen. „Sie werden ſich wundern, Herr Cantor,“ fuhr Joſeph fort,„daß ich, noch ehe ich mich bei dem Herrn Baron und ſeiner Familie vorgeſtellt, zu Ihnen komme, allein mir liegt eine Sorge ſchwer auf dem Herzen, von der mich vielleicht Ihre gütige Miiwitkunn be⸗ freien kann.“ Verwundert ſchaute der Cantor und eben ſo ſein Zögling auf.„Als ich den Ruf hierher bekam,“ fuhr Joſeph fort,„lebte ich mit einer— einer entfernten Verwandten zuſammen, einem talentvollen Mädchen. Zu jung, um ſie allein für ſich bleiben zu laſſen, 297 konnte und wollte ich mich auch nicht von ihr tren⸗ nen und ſo brachte ich ſie mit hierher, in der Hoff⸗ nung, bei Ihnen oder durch Ihren Rath irgend wo anders ein Unterkommen für ſie zu finden, wofür ich mit dankbarem Herzen Alles zu leiſten verſpreche, was man von mir verlangen wird. Da ſie außerdem meine Schülerin in der Muſik iſt, ſo fände ich vielleicht hier in der Nähe des Schloſſes die beſte Gelegenheit, den Unterricht fortzuſetzen, wenn man mir auch das er⸗ lauben wollte.“ Bei dieſen Worten warf der junge Baron einen ſonderbaren Blick auf den Cantor, der, ſo viel ihn Joſeph deuten konnte, die feſte Erwartung ausſprach, daß jener dieſem ſo beſcheiden vorgebrachten Geſuche augenblicklich nachkommen werde. Auch hatte er ſich darin nicht geirrt. „Wenn Ihre kleine Verwandte,“ entgegnete er ſo⸗ gleich,„bei uns vorlieb nehmen, mit meiner Tochter in einem Zimmer ſchlafen und auf dieſem nur leidlich guten Klavier ihre Studien vollenden will, ſo— ſo betrachten Sie die Sache als abgemacht.“ „Aber Ihre Bedingungen, Herr Cantor?“ „O, Bedingungen! Wer wird gleich davon ſpre⸗ chen! Ob ein Kind mehr auf dem Lande mitißt— das wird mich nicht ärmer machen als ich bin.“ 298 „Dennoch bitte ich Sie, wenn nicht Ihretwegen, doch meinetwegen, eine beliebige Summe zu nennen, damit ich meine Schuldigkeit erfüllen kann.“ „Nun ja, nennen will ich ſie ſchon, aber groß wird ſie nicht ſein; ich werde mit meiner Frau darüber re⸗ den, und morgen, wenn Sie uns wieder beſuchen, ſol⸗ len Sie das Reſultat vernehmen. Aber wo iſt die Kleine?“ Rachel wurde hereingerufen und ihr der Cantor Treumann als das Oberhaupt der Familie bezeichnet, in deren Mitte ſie von jetzt an Schutz finden würde. Darauf begrüßten ſich die beiden Parteien, des Can⸗ tors Frau und Tochter wurden ebenfalls gerufen und hießen die unerwarteten aber gern geſehenen Gäſte eben ſo einfach willkommen, wie der Alte. Nachdem man ſich noch eine Weile über Verſchie⸗ denes, was ihr gegenwärtiges Verhältniß betraf, unter⸗ halten hatte, verabſchiedete ſich Joſeph von der kleinen Familie und wollte ſich eben entfernen, als ihn der junge Baron fragte, ob er ihm erlaube, ihn nach Hauſe zu begleiten und in ſein neues Amt daſelbſt einzuführen. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar“, erwiderte Joſeph, „aber Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir ge⸗ ſtatteten, mit Rachel, die mich eine Strecke begleiien wird, noch einige Augenblicke allein zu ſein, ich habe 299 ſo Manches mit ihr zu reden, was Sie wenig intereſ⸗ ſiren dürfte.“ Der junge Mann verbeugte ſich erröthend und voll⸗ kommen einverſtanden mit ſeinem neuen Lehrer. Da⸗ rauf ſchritten Joſeph und Rachel hinaus und, in lei⸗ ſem Geſpräch begriffen, richteten ſie ihre Schritte wie⸗ der dem Gute zu. Eine Viertelſtunde ſpäter ſtellte ſich Rachel bei ihren neuen Hausgenoſſen ein, zwar mit thränenden Augen, aber doch angenehm durch den ihr zum zwei⸗ ten Mal zu Theil werdenden Empfang berührt. Laſſen wir ſie jetzt allein bei dem alten Treumann und fol⸗ gen wir dem ſchnell ſchreitenden Joſeph, der mit ſei⸗ nem Hektor ſo eben in den Schloßhof trat, diesmal aber nicht von dem Hühnerhunde beläſtigt wurde, der ſich in ſeine Hütte verkroch, ſobald er den ſchlachtfer⸗ tigen Pudel über die Brücke treten ſah. Kaum hatte Joſeph den Park erreicht, ſo näherte ſich ihm ſchon der alte Valentin, begrüßte ihn höflich und fragte, ob er ſeine Geſchäfte im Dorfe geordnet habe? Als Joſeph dies bejahte, ſagte er: „So folgen Sie mir gefälligſt, ich habe alle Ihre Sachen in Ihr Zimmer ſchaffen laſſen und da können Sie es ſich bequem machen nach der langen Reiſe. Bitte dieſe Treppe hinaufzuſteigen. Der Herr Baron 300 iſt für jetzt nicht anweſend, aber die Damen werden Sie benachrichtigen laſſen, wenn ſie zu ſprechen ſind.“ Joſeph folgte dem voranſchreitenden Diener und dicht an ſeiner Seite trottete Hektor einher, als ob es ſich von ſelbſt verſtände, ſeinen Herrn auch hier zu be⸗ gleiten. „Wie wird es mit dem Hunde werden?“ fragte Joſeph etwas beklommen ſeinen Führer.„Wird man mir geſtatten, ihn zu behalten?“ „Ei nun— es wird ſich ja wohl machen laſſen. Nur muß er des Herrn Barons Lieblinge nicht beißen. Er hat dem Fidelio eine etwas ſtarke Lection gegeben und der Herr Baron, machen Sie ſich gefaßt darauf, wird einen kleinen Lärm hören laſſen. Wenn er aber erſt das ſchöne Thier ſieht— er iſt ein Liebhaber von Hunden— ſo wird er nichts dagegen haben, denke ich.“ Doppelt erfreut durch dieſen Ausſpruch, der frei⸗ lich nicht von competenter Lippe kam, folgte Joſeph weiter in das obere Stockwerk des nach Oſten gelege⸗ nen Schloßflügels, ſchritt durch einen langen Corri⸗ dor und trat endlich in ein Zimmer ein, deſſen Ge⸗ räumigkeit und freie Ausſicht über die weiten Felder ihn überraſchte. „Hier iſt Ihre Wohnung“, ſagte der alte Valentin freundlich.„Machen Sie es ſich nun bequem und 301 ordnen Sie Ihre Sachen. Da ſtehen die Vögel und dort die Inſtrumentenkaſten— da drinnen aber iſt Ihr Schlafgemach. So. Jetzt iſt es halb ſechs Uhr, Jakobine oder ich ſelbſt werde Ihnen Beſcheid brin⸗ gen, wann die Herrſchaft Sie ſprechen will. Adieu für jetzt!“ Damit ging er hinaus und Joſeph war allein— allein in einer ihm ganz fremden Gegend, einem frem⸗ den Hauſe, unter fremden Menſchen, wahrlich eine Lage, die einem von Natur ſo nachdenklichen Menſchen Stoff genug zur ernſtlichen Selbſtbeſchauung bieten konnte. Bevor Joſeph ſich an das Auspacken und Ordnen ſeiner kleinen Habſeligkeiten begab, betrachtete er ſein Zimmer und von dem Fenſter aus die Gegend, die er von dem hochgelegenen Stockwerke weit hinaus be⸗ ſtreichen konnte. Sein Wohngemach war in der äußer⸗ ſten Ecke des öſtlichen Schloßflügels gelegen, welches mit ſeiner Hauptfront, ſeltſam genug, nach Norden ſah. Der öſtliche Flügel ſchien überhaupt für die männlichen Bewohner des Schloſſes beſtimmt zu ſein, da in ihm der Baron, ſein Sohn Werner, der Ver⸗ walter und Joſeph Sohn ihre Zimmer hatten, wäh⸗ 302 rend die Damen ſämmtlich im gegenüberliegenden und durch den Hof getrennten, weſtlichen Flügel wohnten, das größere Mittel und Hauptgebäude aber die Ver⸗ ſammlungs⸗ und Beſuchszimmer, den großen Saal und einige andere ziemlich bedeutende Räume in ſich faßte. Unter Joſeph's Fenſtern nun zunächſt lag ein Stück Garten mit einigen uralten ſchönbelaubten Ka⸗ ſtanienbäumen, hinter ihnen zog ſich um den ganzen Gutshof der Graben fort, woran ſich dann der nach Norden und Oſten führende ſandige Landweg und dieſem zunächſt das freie Feld anſchloß. Ueber dieſes weite Feld ſchweifte Joſeph's Blick mit Vergnügen; zwar waren weder Ferne noch Nähe durch romantiſche oder maleriſche Schönheiten charakteriſirt, allein die im Norden und Oſten durch die ſchon angedeuteten Waldberge begränzte Fläche mit ihrem in der Ferne blitzenden See, ihren auf kleinen Hügeln ſtehenden Baumgruppen, bot doch einen angenehmen Sehkreis dar, und der unermeßliche Himmel, der ſich über dem Ganzen wölbte, geſtattete der Seele oder dem ſinnen⸗ den Geiſte einen weiten Tummelplatz, um mit ihren Träumereien aus den kalten Mauern des Hauſes in die fruchtbare und ſonnige Gotteswelt zu flüchten. Nachdem Joſeph ſein Auge eine Weile an den lieblichen Horizonte geſättigt und mit ſchnellem Blice 3⁰3 ſogleich die anziehenden Punkte der vor ihm liegenden Fläche aufgefaßt hatte, trat er ſchon einigermaßen be⸗ friedigt zurück und betrachtete den engeren Raum, der ihm zur Wohnung angewieſen war. Doch dieſer bot nichts beſonders Bemerkenswerthes dar; ein altes et⸗ was abgeſeſſenes Sopha mit einem birkenen runden Tiſche davor, dem Fenſter etwas näher zur Rechten ein Schreibpult, ein leidlich klarer Spiegel mit einer Kommode darunter zwiſchen den Fenſtern, zur Linken ein offenes Bücherrepoſitor, ein Tiſch und einige Stühle an den Wänden— das war Alles, was man ſah, und freilich kaum mehr, als der genügſame neue Hauslehrer bedurfte. Sein Bett in der Kammer da⸗ gegen war ſehr gut, und beide Gemächer boten Raum genug, um die verſchiedenen mitgebrachten Gegen⸗ ſtände an den rechten Ort zu bringen. So begab ſich. denn Joſeph ungeſäumt daran, ſeine Habſeligkeiten zu ordnen und aufzuſtellen. Zuerſt kamen ſeine gefieder⸗ ten Freunde an die Reihe, die ſich nach der langen Unruhe wohl freuen mochten, wieder an einem ſtillen Orte zu verweilen und ſogleich ihre Stimmen erſchallen ließen. In einer Stunde war Alles untergebracht und Joſeph ſchaute ſich nun vergnügt in ſeinem kleinen Reiche um, das ihn jetzt ſchon mehr anheimelte, da er wieder ſo viel wie mogli unter den Seinen war. * rire Gerade als er völlig zu Stande gekommen, klopfte es an die Thür und das freundliche Geſicht des alten Valentin's zeigte ſich in der Spalte. Er brachte einen ſehr ſoliden Meſſingleuchter mit einem auf dem Gute ſelbſt gefertigten Talglichte und ſtellte ihn nebſt einer gefüllten Waſſerkaraffe auf den Tiſch. „Ah— ſchon fertig?“ ſagte der Alte, ſich rings umblickend.„Ich kann alſo nicht mehr helfen. So, hier haben Sie für's Erſte ein Licht und Waſſer— und hier ſind auch Schwefelhölzer. Da lege ich ſie hin, unter den Spiegel. Ich ſoll Ihnen auch ſagen, daß Sie eine Lampe bekommen könnten, wenn Ihnen die lieber wäre.“ „Ich danke, Alter, ich habe ſelbſt eine mitgebracht, an deren Licht ich gewöhnt bin, und bitte nur, ſi alle Tage mit Oel zu füllen.“ 4 „Das ſoll geſchehn. Ja, aber nun ſoll ich Ihnen einen Gruß beſtellen von der gnädigen Frau und Sie möchten ihr verzeihen, daß ſie Sie heute Abend nicht mehr empfangen kann, ſie will ſich zeitig zur Ruhe begeben, da ſie etwas leidend iſt.“ Sie iſt doch nicht krank?“ „O behüte! Nur etwas ſchwächlich, und Sie wer⸗ den ſie nicht zu oft zu ſehen bekommen, ſie verläßt ihre Zimmer nur wenig. Aber einen andern Beſuch 8* 305 werden Sie heute noch und zwar ſehr bald empfan⸗ gen; der junge Herr iſt ſo eben vom Dorfe zurückge⸗ kehrt und hat ſchon gefragt, ob Sie fertig wären mit Auspacken. Ah— ich glaube, da kommt er ſchon. Nun, ſo leben Sie wohl und machen Sie es ſich be⸗ quem!“ Vertraulich mit dem Kopfe nickend und freundlich dabei lächelnd ſchritt der Alte, dem der neue Hausleh⸗ rer ſchon am erſten Tage hundertmal beſſer gefiel, als der frühere, fromme, immer moraliſirende Herr, der nun Prediger in Brenkowitz geworden war, zur Thür hinaus, und kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo erſchien Werner von Haldrungen und begrüßte mit wirklicher Herzlichkeit und der ihm eigenthümlichen Offenheit das neue Mitglied des väterlichen Hauſes. Nachdem er ihm wiederholt die Hand geſchüttelt, ſah er ſich im Zimmer um und ſagte dann: „Na, da ſind Sie alſo ſchon fertig— das iſt raſch gegangen. Nun machen Sie es ſich nur ſo bequem wie möglich, und wenn Ihnen nicht Alles im erſten Augenblicke bei uns gefallen ſollte, ſo werden Sie mit der Zeit ſchon finden, daß es ſich erträglich genug le⸗ ben läßt, nachdem man ſich mit den Eigenthümlich⸗ keiten der hier waltenden Perſonen vertraut gemacht hat. Sie müſſen ſich nicht wundern, daß ich, der Sohn Emery Glandon. I.— 20 * 306 des Hauſes, Ihnen das am erſten Tage gleichſam zum Willkommen ſage, allein ich kann leider niemals verſchweigen, was mir auf dem Herzen liegt. So ſage ich Ihnen auch, daß ich hoffe, wir werden recht bald gute Freunde werden und ich werde manches Gute von Ihnen lernen können; denn obgleich Sie nur wenige Jahre älter ſind als ich, ſo haben Sie doch gewiß zehnmal mehr gelernt, was allerdings nicht allein meine Schuld iſt, da man in einer großen Stadt meiner Meinung nach in einer Woche mehr lernt, als in einem Monate auf dem Lande.“ „Es kommt darauf an, was man lernen will.“ „Gewiß— aber da wollen wir gleich von der Hauptſache reden. Sie müſſen wiſſen, ich habe mich der Muſik gewidmet, obgleich ich nicht viel davon ver⸗ lauten laſſen darf. Mein Vater iſt ein eigener Mann und will nach ſeiner Laune leben und auch Andere danach leben laſſen. Na, noch hat er mich nicht ge⸗ fragt, ob ich ewig hier bleiben will, und es wird Zeit genug ſein, ihm meine Abreiſe zu melden, wenn mein Koffer gepackt iſt.“ 3„Wohin wollen Sie denn reiſen?“ „O, in irgend eine große Stadt, wo die Kunſt Werth und Geltung hat und die Künſtler ſelbſt ge⸗ ehrt ſind.“ 307 „Alſo Sie wollen ein Künſtler werden?“ „Werden? Ja, wenn man öüberhaupt einer wer⸗ den kann und nicht ſchon von Natur einer iſt. Doch um Gotteswillen, laſſen Sie ſich kein Wort darüber entſchlüpfen.“ 3 Joſeph Sohn lächelte über das ſeltſame Vertrauen ſeines Zöglings, ſchüttelte ihm die Hand und gelobte Verſchwiegenheit.„Was für ein Inſtrument ſpielen Sie am liebſten?“ fragte er weiter. „Ich ſpiele nur eins— die Geige. Wie ich ſehe, haben auch Sie eine— darf ich ſie mir betrachten?“ „Sehr gern.“* Es dauerte nicht lange, ſo hatte Werner die Geige ſeines Lehrers in der Hand, beſah ſie, verſuchte ſie und ſchritt dann, einige kühne Paſſagen hören laſſend, im Zimmer auf und ab.„Sie hat einen guten Ton. Von wem iſt ſie?“ „Mein Vater hat ſie mir geſchenkt und der hat ſie vor Jahren von einem alten armen Künſtler ge⸗ kauft. Ohne Zweifel hoͤren Sie, daß ſie von italie⸗ niſcher Abkunft iſt?“ „Vortrefflich, vortrefflich! Sie iſt dreimal beſſer und kräftiger als meine. Spielen Sie mehrere Inſtru⸗ mente, als ich hier ſehe, Geige und Cello?“ 20* 308 „Ich ſpiele drei; dieſe beiden und am liebſten den Flügel, wenn ich einen habe.“ „Ah, hören Sie, da kann ich Sie tröſten. Unſer Flügel iſt ſehr gut. Ich wenigſtens habe nie einen beſſern gehört und geſehen. Mein Vater hat ihn aus Paris von Erard kommen laſſen, und voriges Jahr erſt hat er die Reiſe gemacht.“ Joſeph Sohn hob ein vor Freude leuchtendes Auge empor.„Von Erard?“ ſagte er.„Solchen habe ich noch nie gehört.“ „Das glaube ich wohl. Na, warten Sie, morgen können Sie ihn probiren, er ſteht im großen Saale neben dem Wohnzimmer meiner Mutter. Heute iſt ſie etwas leidend, ſonſt könnten wir gleich einmal hinuntergehen. Aber wiſſen Sie was— laſſen Sie mich dafür Ihr Cello hören.“ Joſeph öffnete ſogleich den Behälter, nahm das Inſtrument heraus und ſtimmte es. Als er ſich dann auf einen Stuhl niedergelaſſen, ergriff er den Bogen und ließ eine Romberg'ſche Etüde hören, wie er ſie ſo ausgezeichnet ſpielte, wenn der Geiſt der Töne über ihn kam. Auch war die Wirkung ſeines Spiels eine augenſcheinliche. Werner, die Augen weit auf⸗ geriſſen, den Kopf vorgeſtreckt und die Geige mit den Bogen, ohne es zu wiſſen, auf dem Rücken haltend, 309 lauſchte jedem Tone, jeder Modulation, jeder Schwin⸗ gung, und als Joſeph mit ſeinem Spiele aufhörte, worin er einen guten Theil ſeiner Fertigkeit zum Be⸗ ſten gegeben, hatte Werner die Geige niedergelegt, war auf ihn zugeſprungen und hätte ihn beinahe an ſeine Bruſt gedrückt. „Hören Sie“, rief er begeiſtert aus,„Sie ſpielen göttlich, göttlich! Sie ſind ja wirklich ein Künſtler. O Gott— ſpielen Sie auch ſo die Geige?“ „Ich denke.“ „Nun dann bin ich noch auf einige Jahre zufrie⸗ den mit meinem Landleben. Haha! Von Ihnen kann ich viel lernen und wir wollen Abends eine herrliche Muſik hören laſſen. Haben Sie auch Noten mitge⸗ bracht?“ „Fine ziemliche Menge.“ „Na was dann noch mehr! Hier finden Sie, was Sie nicht haben, von Haydn bis Vieuxtemps, von Reiſſiger bis Mendelsſohn, von Mozart bis Liszt— juchhe, das ſoll eine Freude werden!“ Er wollte eben wieder zur Geige greifen, als eine Störung eintrat, die er nicht erwartet hatte. Es ließ ſich nämlich vor der Thür das Rauſchen eines ſeide⸗ nen Kleides vernehmen, eine Hand ergriff den Drücker und ohne anzuͤklopfen ſchwebte eine Dame herein, die 310 bei der unterdeß eingetretenen Dunkelheit des Abends in ihrer angenommenen Würde, ihrer ſteifen Haltung und mit dem ſtolz auf ihren mageren Schultern ge⸗ tragenen Kopfe dem neuen Hauslehrer die Beherrſche⸗ rin von Brenkowitz zu ſein ſchien, eine Meinung, die noch der Umſtand unterſtützte, daß ein feines Fili⸗ grankörbchen am Arme der Eintretenden ein großes Schlüſſelbund erkennen ließ. Eben wollte Werner ſeinen neuen Freund der Dame vorſtellen, als dieſe mit einer verſtändlichen Handbewegnng und in einem Tone, der mehr Schärfe als Lieblichkeit, mehr Spitze als Höhe und mehr an⸗ genommene Künſtelei als wahre Natürlichkeit verrieth, ſagte:„Werner, laß uns allein, ich habe mit dem Herrn unter vier Augen zu ſprechen.“ Werner, ſtill für ſich lächelnd, nickte beiſtimmend, warf Joſeph Sohn einen bedeutſamen Blick zu, der eine Aufforderung, aufmerkſam zu ſein, enthielt, und ſchritt ſogleich und zwar etwas haſtig zur Thür hin⸗ aus, als wäre er froh, aus dem Bereiche der herriſch blickenden Dame zu gelangen. 3 Trotzdem Joſeph Sohn gehört, daß die Baronin leidend ſei, ſo hielt er die unerwartete Erſcheinung doch in Folge ihrer zur Schau getragenen Würde, in der glänzenden Kleidung und in einer gewiſſen unbe⸗ 311 ſchreiblichen Grandezza, welche in jeder ihrer Bewe⸗ gungen, ihren Blicken, ihren Worten lag, für die Ge⸗ mahlin ſeines Brodherrn, und demgemäß verbeugte er ſich ehrfurchtsvoll vor ihr. Aber ſchon während dieſer Verbeugung und ſobald die Dame den ſtillen Hauslehrer in's Auge gefaßt, veränderte ſich ihr Ausſehn um ein Bedeutendes. Sie ſtutzte, als ſie ihn ſah, trat etwas zurück und wußte in der That nicht mehr, mit welchen hochtrabenden Worten ſie ihre lange durchdachte Rede habe begin⸗ nen wollen. „Guten Abend, mein Herr“, ſtotterte ſie endlich —„aber mein Gott! wie iſt mir denn— was wollt' ich ſagen— Sie ſind alſo Herr Sohn?“ „Ich bin Joſeph Sohn, ja, Frau Baronin.“ Dieſes eine Wort gab ihr ihre Haltung und Faſſung wieder, indem es ihrem jungfräulichen Stolze einen unerwarteten Stoß verſetzte, trotzdem ſie vor vielen Jahren die Jungfräulichkeit gern zum Opfer gebracht hätte, um Das zu werden, für was ſie jetzt irrthümlich gehalten wurde. Sich in die Bruſt wer⸗ fend, als ſei ſie in Wahrheit beleidigt, ſagte ſie herb: „Wie— Sie halten mich— aber ich dächte doch, mit einiger Menſchenkenntniß könnte man leicht— in⸗ deſſen, freilich— ja, ich habe mich Ihnen nicht vor⸗ 312 geſtellt— ſo will ich Ihnen denn ſagen, wie Sie mich zu nennen haben: ich bitte mir von Ihnen den Titet„gnädiges Fräulein“ aus, denn ich habe die Ehre, des Barons von Haldrungen Schweſter zu ſein.“ Joſeph Sohn verbeugte ſich und ſprach einige Worte, die ſeinen Irrthum entſchuldigen ſollten, und ſah dann in ſeiner natürlichen Weiſe das gnädige Fräulein ehrlich und offen an, das durch dieſen, wie es ihr vorkam, etwas kühnen Blick wieder außer Faſ⸗ ſung gerieth, zumal derſelbe durch einen unglaublich ruhigen Geſichtsausdruck unterſtützt wurde. „Mein Herr“, begann ſie wieder,„alſo Sie ſind in Bremen geboren?“ „Wie ich nicht anders weiß— ja!“ „Wie hieß Ihr Vater?“ „Wie ich— Sohn!“ „Ich wollte ſagen— was war er?“ „Er war Profeſſor am dortigen Gymnaſium und Beamter der Sternwarte.“ „So, alſo an der Sternwarte, hm! Mir däucht aber, wir könnten uns bei dieſer Unterhaltung auch nie⸗ derlaſſen. So!“ Und ſie ſetzte ſich breit auf das alte Sopha, während Joſeph beſcheiden vor dem Tiſche ſte⸗ hen blieb, der dicht davor ſeinen Platz hatte.„Bitte.“ fuhr ſie fort,„es ſcheint raſch finſter werden zu wol⸗ len— zünden Sie doch dort die Kerze an.— Ah— wer hat Ihnen das Licht gebracht? Der dumme Menſch — gewiß Valentin— weiß der Dummkopf noch nicht, daß wir in Brenkowitz zwei Lichte in jedem Zimmer brennen?“ Dieſe laut hingeworfene Frage, die, wie es ſchien, dem neuen Ankömmlinge einen hohen Begriff von dem Glanze beibringen ſollte, der in Brenkowitz herrſchte, blieb in der Luft ſchweben, wenigſtens beantwortete ſie der Gefragte nicht hörbar, obwohl er unwillkürlich mit den Schultern zuckte, was ſo viel gelten konnte als —„ich weiß es nicht, mein gnädiges Fräulein.“ Zu⸗ gleich aber hatte Joſeph den herriſch geſprochenen Wunſch erfüllt, das ſelbſtverfertigte Talglicht angezündet und dicht vor ſich auf den Tiſch geſtellt, ſo daß der Schein deſſelben hell auf ſein Geſicht fiel. Die Baroneß konnte ſich nicht enthalten, dieſes Geſicht mit einer gewiſſen Muße zu betrachten, wobei ſie indeß vergaß, irgend ein Wort zu ſagen, ſo daß Joſeph, wenn er nicht von Natur gegen ſolches Verfahren geſtählt geweſen wäre, dadurch peinlich hätte berührt werden müſſen. Er half ſich damit, daß er das Licht ſchneuzte, und richtete dann ruhig abwartend ſeine ſanften Augen auf das habichts⸗ artige Geſicht der ihm ſtolz gegenüberſitzenden Dame. 314 Sobald ſie dieſen Blick bemerkte, fuhr ſie zuſammen, blickte ſich verlegen rings um und ſuchte offenbar einen neuen Anknüpfungspunkt. Glücklicherweiſe ließ er ſich finden, denn Hektor erhob ſich in dieſem Augenblicke von der Stelle, wo er bisher ruhig gelegen, auf die Hinterläufe, legte die Vorderpfoten ſanft neben ſeinen Herrn auf den Tiſch und ſchaute dann unverwandt die ihm fremde Dame an. „Ah,“ ſagte ſie raſch,„Sie glaubten nicht genug Geſellſchaft bei uns zu finden, darum haben Sie ſich eine für einen Hauslehrer, wenn er in ein fremdes Haus zieht, ziemlich ungewöhnliche mitgebracht. In der That, ich finde das ein wenig ſonderbar.“ „Ich finde es ſelbſt ſo, mein gnädiges Fräulein, und bitte deshalb um Entſchuldigung. Allein wenn Sie von meiner Vergangenheit unterrichtet wären, ſo würden Sie mir ſehr bald verzeihen; außerdem aber habe ich die Stelle in dieſem Hauſe nur unter der Bedingung angenommen, meine wenigen mir lieb ge⸗ wordenen Beſitzthümer mit hierherbringen zu dürfen.“ „So— das wußte ich nicht. War das kleine Mäd⸗ chen, welches Sie bei ſich haben, mit dieſen Vögeln und dieſem Hunde auch in die Bedingung eingeſchloſſen?“ „Das kleine Mädchen, mein gnädiges Fräulein, hat dieſes Schloß noch nicht betreten und wird es 315 ohne Ihre ausdrückliche Aufforderung auch nie thun. Indeſſen— um Sie über ihr Verweilen hier in der Nähe aufzuklären, erlaube ich mir Ihnen mitzutheilen, daß ich ſie bei dem Cantor in Brenkowitz auf meine Koſten in Penſion gegeben habe, mit welchem Unterkom⸗ men wir Beide vor der Hand ganz zufrieden ſind.“ Dieſe mit großer Ruhe und Milde geſprochenen Worte verfehlten ihren Eindruck auf die vornehme Dame nicht, die ohne Zweifel in der Abſicht hierhergekommen war, den neuen Hausbewohner zu demüthigen,— eine Abſicht, die, wie ſie wahrſcheinlich ſelbſt einſah, bis jetzt noch nicht gelungen war, wenigſtens lag auch nicht das geringſte Zeichen einer Niederlage in dem Weſen, den Worten und dem Ausſehn des immer noch vor ihr ſtehenden Mannes. Alles Dies mochte endlich wohl der Dame klar werden, ſie faßte ſich daher plötzlich ein Herz und ſagte mit etwas höflicherem Tone, der indeß während des Sprechens ſehr bald wieder in den früheren herri⸗ ſchen überging: „Aha, alſo ſo iſt es! Nun, das wind ſich finden. Aber was ich Ihnen ſagen wollte— ſetzen Sie ſich doch und vernehmen Sie von mir die Art und Weiſe, wie wir unſre hieſige Hausordnung geregelt haben und wie wir erwarten, daß Sie an derſelben Theil — 316 nehmen werden. Wie Sie bemerken werden, erheben wir keine beſonderen und ſchwer zu erfüllenden An⸗ ſprüche, nur muß ich bitten, daß Sie Ihre Pflichten ſo genau gegen uns, wie wir die unſrigen gegen Sie erfüllen.“ Joſeph, der ſich gemächlich einen Stuhl herbeige⸗ tragen hatte und der Sprechenden nun gegenüber ſaß, nickte beiſtimmend mit dem Kopfe. „Zunächſt theile ich Ihnen mit, daß wir hier auf dem Lande früh aufſtehen. Das Frühſtück wird Ihnen zu beliebiger Zeit auf Ihr Zimmer gebracht werden. Um ſieben Uhr im Sommer und um acht Uhr im Winter finden Sie ſich im Salon ein, um den Cho⸗ ral zum Geſange bei'm Morgengottesdienſte zu ſpielen. Denn Sie müſſen wiſſen, daß wir jedes Tagewerk mit Geſang und Gebet beginnen, wie wir es auch Abends um neun Uhr wieder damit beſchließen. Das ganze Geſinde nimmt hieran Theil, alſo auch Sie, und es wäre mir recht angenehm, wenn Sie Morgens einige Worte als einleitendes Gebet ſprechen wollten.“ Sie hielt inne und ſchaute mit einer wahren Lammesmiene den vor ihr Sitzenden an. „Sehr gern,“ ſagte dieſer,„wenn Sie mit dem aufrichtig geſprochenen Danke vorlieb nehmen wollen, den ich jeden Morgen auch zu meinem Schöpfer zu 317 ſprechen pflege. Sie dürfen indeſſen keine beſonderen Anſprüche erheben, da ich kein ſtudirter Geiſtlicher bin und zu ſolchen Vorträgen den beſten Willen, aber kein eigentliches Geſchick beſitze.“ „O, das findet ſich mit der Uebung. Uebrigens muß ich Ihnen ſagen, daß unſre Hauptandacht Abends ſtattfindet und daß dieſe der Herr Prediger aus Bren⸗ kowitz leiten wird, wie er es ſchon ſeit ſechs Jahren gethan hat. Einfinden müſſen Sie ſich jedoch dabei, um dem übrigen Geſinde mit gutem Beiſpiele voranzu⸗ gehen.“ Joſeph erröthete ſtark, doch verneigte er ſich ſchwei⸗ gend. 3 „Sodann,“ fuhr die Dame fort,„werden Sie des⸗ Morgens meiner Nichte abwechſelnd mit meinem Nef⸗ fen Muſikunterricht ertheilen, was ungefähr bis elf Uhr Ihre Zeit in Anſpruch nimmt. Um elf Uhr frühſtü⸗ cken wir gemeinſchaftlich und beſprechen verſchiedene Gegenſtände, wobei wir, wenn es uns gut dünkt, Ihre Mitwirkung in Anſpruch nehmen werden. Von zwölf bis ein Uhr werde ich Sie bitten, mir einige Briefe aufzuſetzen oder in verſchiedenen Wirthſchafts⸗ gegenſtänden Ihre Unterſtützung zu leihen. Von ein bis zwei Uhr können Sie ſpazieren gehen. Um zwei Uhr ſpeiſen wir. Das Tiſchgebet werden Sie eben⸗ 4 318 falls ſprechen. Um drei Uhr beginnt der Unterricht in Sprachen, der Literaturgeſchichte und vielleicht der the⸗ oretiſchen Muſik mit Ihren Schülern. Das wird bis fünf Uhr währen. Um dieſe Zeit werde ich in der Lage ſein, Ihnen mitzutheilen, was wir für den Abend beſchloſſen haben. In der Regel werden wir uns über wiſſenſchaftliche Gegenſtände unterhalten, oder Sie wer⸗ den die Güte haben, uns aus irgend einem Buche oder die Zeitungen vorzuleſen, oder auch— wenn es verlangt wird, uns auf irgend eine andere Weiſe Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Natürlich hört dieſe Hausordnung aauf, ſobald wir Geſellſchaft haben oder außerhalb auf Beſuch ſind. Um acht Uhr Abends ſpeiſen wir— um neun Uhr findet die Abendandacht ſtatt und von zehn Uhr an gehören Sie ſich ſelbſt.— Sie haben mich verſtanden, nicht wahr?“— „Ich glaube wohl. Nur eine Bemerkung muß ich mir erlauben. Werden meine Schüler, die nach Allem, was ich geſehn und in Erfahrung gebracht habe, keine Kinder mehr ſind, mit dem von Ihnen aufgeſetzten Plane ganz einverſtanden ſein?“ „Welche Frage, mein Herr! Hier iſt Jedermann mit Dem einverſtanden, was ich— ich meine— was wir angeordnet haben, alſo auch meine Nichte und mein Reffe. So. Alſo ſo weit wären wir Ich ent. 319 ferne mich jetzt und werde Sie in einiger Zeit zum Thee bitten laſſen, um Sie meiner Nichte und mei⸗ ner Freundin, dem Fräulein von Krecht vorzuſtellen.“ Sie erhob ſich majeſtätiſch, machte eine ſteife Ver⸗ beugung und rauſchte zur Thür, wobei Joſeph das Licht ergriff und ſie mit höflicher Verbeugung aber glühendem Kopfe zur Thür begleitete. Mit einer gnä⸗ digen Handbewegung ſchritt ſie hinaus. Der Corri⸗ dor war erleuchtet und ſo konnte ſie ihren weiteren Weg allein finden. Joſeph ſchritt in's Zimmer zurück, lächelte ſtill für ſich und trat dann an's Fenſter, um zum wolken⸗ loſen Himmel aufzublicken, an dem eben die Geſtirne Gottes ſichtbar zu werden anfingen.„Guter Gott“, ſprach es in ſeiner Bruſt,„ich freue mich, Deine Lich⸗ ter auch hier über meinem Haupte leuchten zu ſehen, denn hier im Hauſe ſcheint es an manchem Lichte zu mangeln. Hm! Das war der Anfang und aller Anfang iſt ſchwer. Nun, nur Geduld, es macht ſich oft Alles beſſer und leichter, als man denkt. Alſo bis Morgens ſieben Uhr und von zehn Uhr Abends an gehöre ich mir— hm! Das iſt doch Etwas. Ich dachte ſchon, ſie würde mich auch zu Nachtwächter⸗ dienſten werben wollen. Aber dafür wird wohl das übrige Geſinde gepreßt ſein! Nun gut, kleiden 320 wir uns jetzt an, um der ehrenvollen Einladung vor⸗ ſchriftsgemäß Folge leiſten zu können. Arme Rachel!“— Während wir Joſeph Sohn bei dieſem Geſchäfte allein laſſen, folgen wir Fräulein Sibylle von Hal⸗ drungen in ihr Gemach, das, wie wir wiſſen, im an⸗ dern Flügel des Schloſſes lag und ein mit allem Com⸗ fort der Reichen ausgeſtattetes großes Gemach war, in dem bei hell brennender Lampe eine ältliche Dame ſaß, die im Aeußern viele Aehnlichkeit mit dem gnä⸗ digen Fräulein hatte, und im Innern wahrſcheinlich auch nicht ſehr von ihr verſchieden war. Lwölftes Anpitel. Der erſte Tag in Brenkowitz. Joſeph war nicht der Einzige, der von der eben überſtandenen Unterredung einen glühenden Kopf be⸗ kommen hatte. Auch das gnädige Fräulein trat höchſt erregt bei ihrer Freundin ein, die ſich auf der Stelle neugierig erhob, um den Bericht zu vernehmen, den ihr die Dame des Hauſes nach alter Gewohnheit über jeden häuslichen Vorfall abzuſtatten pflegte. Sie be⸗ merkte an dem Ausſehen derſelben ſogleich, daß etwas Beſonderes geſchehen ſein mußte, und richtete daher ei⸗ ligſt die Frage an ſie:„Nun, Sibylle, was hat ſich denn ereignet, Du ſiehſt ja aus, als ob Du Dich ge⸗ argert hätteſt.“ „Geärgert? Nein, meine Liebe, ſo weit ſind wir noch nicht. Aber komm, Kind, ſetze Dich und höre mir zu. So. Aufgeregt, freilich, das bin ich und Emery Glandon. 1. 21 “ 322 wer ſollte es nicht ſein! Denn dieſer Menſch aus Bre⸗ men— wie denkſt Du wohl, daß er ausſieht?— hat mich in Wahrheit in Verlegenheit geſetzt und ich habe mich zuſammennehmen müſſen, um ihm das mitzutheilen, was ich ihm zu ſagen hatte. Höre, Ur⸗ ſel, das wird intereſſant mit dieſem Herrn! Bei mei⸗ ner Ehre! Damit mein Bruder und die Kinder ihn nicht verderben, werden wir uns Mühe geben müſſen, ihn in den nöthigen Gränzen der Schicklichkeit zu halten.“ „Der Schicklichkeit? Hat er Dich beleidigt?“ „O, wie könnte mich ein ſolcher Menſch beleidi⸗ gen, Kind! Aber was meinſt Du wohl— der Menſch hat mir zu denken gegeben, und wir werden manche Stunde angenehm damit zubringen können, uns über ihn zu unterhalten. Wie ſtellſt Du ihn Dir vor, den beſcheidenen Mann, den der Profeſſor aus Bremen ſo himmelhoch empfohlen hat? Bei Gott, nicht wie ein Schulmeiſter ſieht er aus und bewegt er ſich und ſpricht er, nein, wie ein Prinz— ſo etwa“, und ſie warf den Kopf vornehm zurück,„der uns eine Gnade erzeigt, daß er hierhergekommen iſt.“ „Wie ein Prinz? Du machſt mich ſehr neugierig, Sibylle.“ „Nun ja, ſolch' Anſehn giebt er ſich, ſolche vor⸗ nehme, herablaſſende Miene ſetzt er auf, und ſolch 5 323 feines Lächeln und ſanftes Erröthen wie ein junges Mädchen hat er— aber höre, Urſel, wenn hinter dieſer ſtolzen Maske nicht ein Stück vom Teufel ſteckt, dann will ich keine Menſchenkenntniß mehr beſitzen. Nehmen wir uns alſo in Acht, Urſel, laſſen wir uns auf keine Weiſe von dieſem Adonisgeſichte täuſchen und verführen— ich kenne die Männer, dieſe Heuch⸗ ler, die Gott der Herr zum Unglück der Weiber mit dieſer ſchändlichen Schönheit begabt hat.“ „Alſo er iſt wirklich ſo ſchön?“ „Auf meine Ehre, ja, das iſt er! Und dies Ge⸗ ſicht— nein, ich kann Dir gar nicht ſagen, welchen ſonderbaren Eindruck es auf mich gemacht hat. Und dabei kam es mir ſo bekannt vor, daß ich darauf ſchwören wollte, ich hätte es ſchon hundertmal geſehen.“ „O, wenn es weiter nichts iſt— das begegnet uns oft und bei näherer Betrachtung finden wir uns in der Regel getäuſcht.“ „Nein, meine Liebe, diesmal nicht. Ich weiß es zu beſtimmt. Wart', wir wollen ihn tüchtig ausfra⸗ gen, wenn er kommt, denn ich werde ihn zum Thee herüberrufen laſſen, und da leihe mir Deinen Bei⸗ ſtand in der Unterſuchung,“— Das Geſpräch wurde dadurch unterbrochen, daß die Thür aufging und die ſylphenhafte Geſtalt So⸗ 324 phiens hereinſchlüpfte. Sie begrüßte die Anweſen⸗ den und ließ ſich dann langſam mit ihrer Stickerei auf einen Seſſel neben dem Sopha nieder, auf wel⸗ chem die beiden älteren Damen ſaßen. „Guten Abend, Sophie“, ſagte Fräulein Sibylle. „Nun, mein Kind, wo biſt Du ſo lange geweſen?“ „Ich war bei der Mutter, ſie befindet ſich nicht ganz wohl.“ „Das iſt leider nichts Neues.— Was willſt Du, Jakobine?“ Jakobine war leiſe eingetreten und erkundigte ſich mit ihrer gewöhnlichen Katzenfreundlichkeit, die ſie ſſttets im Angeſicht ihrer Gebieterin blicken ließ, ob ſie den Thee bringen ſolle. „Ja, mein Kind, und dann geh hinüber und lade die Herren zu uns ein. Der Baron iſt nicht zu Hauſe, 3 aber Werner iſt da und der Hauslehrer auch.“ „Soll ich Den auch einladen?“ „Sogleich, ſobald der Theetiſch ſervirt iſt— ah! nimm heute das neue Silbergeſchirr— hörſt Du?“ In fünf Minuten war Alles bereit und Jakobine begab ſich in den Herrenflügel, um ihren Auftrag aus⸗ zurichten.— „Mein Kind,“ redete die ehrbare Tante feierlich die vollſtändig ausgewachſene Dame an, die ihre ſchönen — 325 Augen unverwandt auf ihre Arbeit geſenkt hielt und ihre Finger mit der Seide ſpielen ließ, die ſie verar⸗ beitete—„mein Kind, haſt Du den neuen Lehrer ſchon geſehn?“. „Nein, liebe Tante.“ „So bereite Dich vor, ihn kennen zu lernen. Er wird gleich hier ſein. Aber thu' mir die Liebe, ſprich ſo wenig wie möglich und überlaß uns die Leitung des Geſprächs.“ „Sehr gern. So eben war Werner bei der Mut⸗ ter und hat Bericht über den Mann abgeſtattet.“ „So— was ſagte er denn?“ fragte die Tante mit einem wahren Habichtsblick. „Er fand ihn ſehr angenehm; auch ſoll er Meiſter im Spiel auf dem Cello ſein.“ „Das kann ein Jeder werden, der ſein Lebelang nichts anders thut, als orgeln und geigen.“ Sophie hob langſam ihr edelgeformtes Geſicht in die Höhe und betrachtete die Tante mit einem Blicke, der hinreichend darthat, daß ſie durchaus nicht in Allem der Meinung derſelben beiſtimmte. Allein ſſe ſchwieg klüglich und mochte ſich ihr Theil denken, wie viele junge Mädchen in ähnlicher Lage es thun. Da ging die Thür auf und Jakobine wies Herrn Sohn in das Theezimmer. “ 326 Tante Sibylle blieb wie gefeſſelt auf ihrem Platze ſitzen, ihre Freundin aber und Sophie erhoben ſich unwillkürlich, als ſie die hohe Geſtalt des Vielbeſpro⸗ chenen eintreten ſahen, der ſich wiederholt verbeugte, als ihm die Namen der Anweſenden genannt wurden. Da aber geſchah etwas auf allen Seiten völlig Uner⸗ wartetes. Joſeph Sohn war der Tochter des Hauſes gegenübergetreten und hatte einen Augenblick feſt ſein Auge auf ſie gerichtet. Eben ſo ſie auf ihn. In demſelben Momente aber hatten ſie ſich erkannt, ob⸗ gleich drei lange Jahre zwiſchen dieſem Tage und ihrer erſten Begegnung lagen. Joſeph ſah Niemand an⸗ ders vor ſich, als die junge ſchöne Dame, deren Pferd er damals auf dem Wege den Winterberg hinauf ge⸗ führt und mit der er dann einige Tage ſpäter auf ſo abenteuerliche Weiſe im böhmiſchen Gebirge zuſam⸗ nengetroffen war. Letzterer Umſtand, der noch heute e beiden jungen Leute in Verlegenheit ſetzte, war allein daran ſchuld, daß ſie ihre frühere Bekanntſchaft mit keinem Worte erwähnten. Wie nach gegenſeiti⸗ ger Verabredung ſchwiegen Beide darüber und ver⸗ mieden es ſogar, ſich ferner anzublicken, was Sophie den ganzen Abend beharrlich durchſetzte, während Jo⸗ ſeph es doch ſpäterhin nicht unterlaſſen konnte, das Auge verſtohlen auf das ſchöne Weſen zu richten, das 327 ſchon damals einen ſo angenehmen Eindruck auf ihn gemacht hatte, jetzt aber einen tiefern hervorbrachte, da ſie ſeit jener Zeit zur vollkommenen Jungfrau her⸗ angereift war. 8 Aber dieſe Verlegenheit, die ſich im Benehmen der beiden jüngeren Perſonen ausſprach, entging den bei⸗ den Aelteren nicht. Wie durch Inſtinkt ſagten ſie ſich, daß hier etwas ganz Beſonderes obwaltete, was ſie wahrſcheinlich erſt erfahren würden, wenn der Haus⸗ lehrer ihren Kreis verlaſſen hätte, was leider noch nicht ſo bald ſtattfinden konnte. Tante Sibyllens neugie⸗ riges Herz bebte und ihre Aufregung machte ſich deut⸗ lich auf ihrem dunkel gerötheten Geſicht bemerklich, ein Vorgang, der ſich auf dem Mumienantlitz ihrer Freundin, die in allen Dingen ihr Spiegelbild war, wiederholte. Glücklicherweiſe kam bald darauf Werner hinzu und durch ſein lebhaftes Geſpräch, wodurch er auch Joſeph zu freierer Meinungsäußerung veranlaßte, wurde die Unterhaltung bald allgemein und zu Fräu⸗ lein Sibyllens Befremden viel angenehmer, als ſie gedacht hatte, denn der neue Hausgenoß verſtand es in der That auf meiſterhafte Weiſe, nicht allein das Cello zu ſpielen, was ja Jeder lernen kann, ſondern auch die Unterhaltung über verſchiedene wiſſenswerthe Dinge ſo lehrreich, ſpannend und intereſſant zu füh⸗ 328 ren, daß allen Betheiligten der Abend bis um neun Uhr wie im Fluge verſtrich.— Um neun Uhr aber— man hatte ſo eben das Abendbrod genoſſen— ließen ſich die Klänge einer melancholiſchen Glocke durch das ganze Haus verneh⸗ men. Unter Fräulein Sibyllens Leitung begab man ſich in den großen Saal des Mittelhauſes und hier fand ſich allmälig das ganze Geſinde ein, um die üb⸗ liche Abendandacht zu halten, die heute ohne den Predi⸗ ger ſtattfand, der morgen am Sonntag zu predigen hatte. Wir wollen dieſes täglich ſich zweimal wiederho⸗ lende Schauſpiel nicht genau in ſeinen Einzelnheiten beſchreiben, ein für alle Mal aber müſſen wir erwäh⸗ nen, daß zu dem Choral, den Joſeph ſpielte, ein ſchreck⸗ lich mißtöniges Geplärre ſich von der Herrſchaft, ſo weit ſie dabei anweſend, und von dem Geſinde ver⸗ nehmen ließ, das auf keine Weiſe geeignet war, den Sinn zu Gott zu erheben und ihm damit den Dank für das vollendete Tagewerk darzubringen. Im Ge⸗ gentheil, es war eine mechaniſche Verrichtung, die Je⸗ dermann unternahm, weil er ſie unternehmen mußte und die denn auch ohne allen Aufſchwung endete, wie ſie ohne Erhebung begonnen hatte. Nur eine angenehme Ueberraſchung hatte dieſe ſo⸗ genannte Abendandacht dem neugierig geſpannten und 329 von den Ereigniſſen des Abends ſichbar aufgeregten Hauslehrer gebracht. Schon bei den erſten Griffen auf dem Flügel hatte er bemerkt, daß derſelbe wirklich ein köſtliches Inſtrument war, und hierdurch befriedigt, ſo wie durch das unerwartete Wiederfinden ſeines jugend⸗ lichen Ideales, an das er in mancher ſtillen Stunde zurückgedacht, heiter geſtimmt, war er aus der Familie geſchieden, um in der Stille der Nacht mit ſeinem Schöpfer zu Rathe zu gehen, durch deſſen Schickung er in Verhältniſſe getreten war, die ihm eben ſo neu, wie ſeltſam und doch auch wieder intereſſant erſchienen. Kaum war er zur Thür hinaus, und kaum war ihm Werner gefolgt, um noch einige Worte über ihre nächſte Uebung zu wechſeln, ſo ſprang die Tante von ihrem Platze auf, wie von einer Feder emporgeſchnellt. Sie konnte ihre brennende Neugier nicht länger bezäh⸗ men.„Sophie,“ rief ſie,„geſtehe, Kind, was war das und was iſt das? Du warſt merkwürdig verle⸗ gen, als Du dieſen Menſchen ſahſt— kennſt Du ihn etwa, haſt Du ihn irgend wo geſehn?“ Bei dieſer unerwarteten und directen Frage errö⸗ thete das holde Mädchen wie eine Purpurroſe.„Ge⸗ wiß, liebe Tante,“ ſagte ſie,„habe ich ihn ſchon ge⸗ ſehen, und Du und Werner auch, und ich wundere mich, daß Ihr ein ſchlechteres Gedächtniß habt als ich.“ 330 „Du machſt mich ſehr neugierig, mein Kind— ich wüßte mich durchaus nicht zu erinnern, obgleich ich be⸗ kennen will, daß mir ſein Geſicht vom erſten Augen⸗ blick an außerordentlich bekannt vorkam.“ Sophie erzählte mit kurzen Worten, was wir ſchon wiſſen, kam jedoch nicht auf das nächtliche Zuſammen⸗ ſein in dem Waldhauſe zurück. „Was!“ rief die erſtaunte Tante.„Weiter nichts? Dieſer vorlaute, naſeweiſe junge Menſch, der ſich ſo unaufgefordert in unſre Nähe drängte— das iſt der neue Lehrer?“. „In unſere Nähe, liebe Tante? Ich dächte, Dir hätte er ſich ſicher nicht aufgedrängt und mir eben ſo wenig. Im Gegentheil, er erwies ſich mir in einem gefährlichen Augenblicke ſo männlich und hülfreich, daß — daß ich ihm noch heute dafür dankbar bin. Gute Nacht, liebe Tante, gute Nacht, Fräulein Urſel.“ Und ein Licht nehmend, ſchritt ſie aus dem Zim⸗ mer, ohne die verwunderten Geſichter wahrzunehmen, die hinter ihr zurückblieben. Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, ſo ſahen ſich die beiden Freundinnen wie zwei Sperber an, die einen und denſelben Raubgedanken haben und nur nicht wiſſen, wie ſie ihn zur That machen ſollen. Da⸗ rum fehlten ihnen auch die Worte und nur in unbe⸗ 331 ſtimmten Ausrufungen gaben ſich anfangs ihre Em⸗ pfindungen kund. „Da haben wir',“ keifte endlich die Gebieterin des freiherrlichen Schloſſes,„da haben wir's, Urſel. Wer hätte das gedacht, für möglich gehalten! Es iſt doch merkwürdig, wie wunderbar die Wege der Menſchen ſich kreuzen. Der muß hierherkommen, Der? Bei Gott, das iſt mir eine ſeltene Begegnung. Meinſt Du nicht auch? Und ich dachte wunder wo ich ſein Geſicht ge⸗ ſehen und hatte mir ſchon alle bekannten Perſonen in's Gedächtniß gerufen, die ihm ähnlich ſehn könnten. Haha! Das iſt eine komiſche Geſchichte und etwas höchſt Unbedeutendes, wo ich auf Bedeutendes gefaßt war.“ „Nun, nun,“ meinte Fräulein von Krecht mit mentorartigem Kopfſchütteln,„beruhige Dich, liebe Si⸗ bylle, ganz unbedeutend iſt dieſer Menſch nicht. Wenn ich aufrichtig ſein will, ſo muß ich ſagen, er iſt ein verwettert hübſcher Mann, klug, intereſſant und—“ „Warum nicht gar! Verliebe Dich nur nicht noch in ihn! Ich finde gar nichts Beſonderes an ihm. Gute Nacht, Urſel!“ Damit trennten ſie ſich, zum erſten Mal in ihrem Leben nicht recht einig in ihren Anſichten über einen und denſelben Gegenſtand. 332 Der nächſte Tag war ein Sonntag und dabei ein wirklicher Sonnentag. Joſeph Sohn ſtand ſchon früh am Fenſter und blickte mit aufgeheiterten Sinnen über die glänzende Fläche hinaus, die ſich faſt ohne Ende vor ſeinem Auge ausbreitete und rings, ſo weit die⸗ ſelbe reichte, im blitzenden Strahlenmeere wogte, das allein die Königin des Himmels über die freudig er⸗ bebende Erde ausgießt. Mit einem aus ſeiner beſon⸗ deren Begabung entſpringenden Wohlbehagen ſah er die Vögelchen in den Bäumen des Parks hüpfen und ſpielen und hörte er das Zwitſchern der zahlloſen Sperlinge, die von Dach zu Baum und von Baum zu Dach flogen. Dieſer einzige Anblick hätte genügt, ihn alle die kleinen Bitterkeiten vergeſſen zu laſſen, an denen der vergangene Tag ſo reich geweſen war, und es wieder auf diejenigen Freuden zu lenken, die ihn mit in dieſe ſtille Gegend begleitet hatten. Einer ſeiner erſten Ge⸗ danken fiel auf Rachel. Wie mag es ihr gehen, dachte er, und gleich darauf beſchloß er, ſie ſchon am frühen Morgen zu beſuchen, da der Sonntag ihm faſt allein gehörte, wie er aus dem Geſpräche des vergangenen Abends zu ſeiner Befriedigung vernommen hatte. Nur erwartete er noch den alten Valentin, der verſprochen, ihm bei Zeiten die Stunde anzugeben, wann er dem Ba⸗ ron, dem er ſich vorſtellen mußte, am gelegenſten käme. 333 Valentin ließ auch nicht lange auf ſich warten. Um ſechs Uhr trat er mit dem Frühſtück herein und begrüßte mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit das neue Mitglied des Hauſes. „Alſo wirklich ſchon auf?“ ſagte er.„Na, das freut mich. Ich liebe die Leute, die ſich nicht die Sonne in's Geſicht ſcheinen laſſen, ſo lange ſie noch im Bette liegen. Ich kann Sommer und Winter nicht länger als bis Fünf ruhig bleiben. Ja, ja, das mag wohl ſo die Gewohnheit eines alten Mannes ſein, wie ich einer bin. Aber, Herr Sohn, ich habe eine doppelte Beſtellung für Sie. Der Herr Baron will Sie um zehn Uhr bei ſich ſehen, zu welcher Zeit er zu frühſtü⸗ cken pflegt, und die Frau Baronin bittet,„ſich zu ihr zu bemühen, ſobald Sie der Baron entlaſſen hat. Da können Sie nun freilich nicht mit Fräulein Sibylle, die ſchon den großen Wagen beſtellt hat, wahrſchein⸗ lich damit Sie neben ihr ſitzen können, nach der Kirche fahren, denn Herrendienſt geht vor Gottesdienſt— haha!“ „Alſo bis zehn Uhr bin ich mein eigener Herr?“ ſagte Joſeph halb für ſich, aber doch laut genug, daß Valentin es als eine an ihn gerichtete Frage deuten konnte. „Na das verſteht ſich,“ erwiderte er gutmüthig. 334 „Ei warum denn nicht? Sonntags müſſen Sie ſich von Niemandem etwas befehlen laſſen. Eine Aus⸗ nahme davon macht heute der Beſuch bei dem Herrn Baron und der Frau Baronin, weil Sie geſtern erſt angekommen ſind. Und was Fräulein Sibylle Ihnen befiehlt— Die hat hier nichts zu ſagen.“ „Wie? Ich dächte doch. Sie thut wenigſtens ſo, als ob ſie das ganze Hausweſen zu regeln und in Ord⸗ nung zu halten hätte.“ „Na freilich thut ſie ſo— aber wer kehrt ſich daran? Ich nicht und kein Menſch, als die alte Ur⸗ ſel und die verdammte Jakobine, die Fuchsſchwänze⸗ rin. Na, Sie werden das in acht Tagen weg haben, und wenn Sie einmal über irgend Etwas in Unge⸗ wißheit ſind, ſo fragen Sie mich nur, ich weiß hier Beſcheid.“ Joſeph lächel te über des Alten Vertraulichkeit, wäh⸗ rend er ſeinen Kaffee trank. „Wer iſt Ihnen denn der Liebſte hier im Hauſe? fragte er, auf die Weiſe des Alten eingehend. „Na, was iſt das für eine Frage! Diejenige, der ich mit Leib und Seele ergeben bin, eine Perle, Herr Sohn, eine in Gold gefaßte Perle— natürlich die Frau Baronin. O, wer die ſo kennt, wie ich, der muß ſie auf den Händen tragen, obgleich ſie— unter uns 335 geſagt, Herr Sohn, aber bei Gott, ſprechen Sie gegen Niemand darüber— von ſehr Wenigen hier verſtan⸗ den wird.“ „So. Und wer iſt Euch nach der Baronin der Liebſte?“ „O, ohne Frage Fräulein Sophie. Das iſt ein herrliches Mädchen und verdiente der Baronin leibliche Tochter zu ſein. Die Beiden ſind ſich auch gut, ſehr gut, Herr Sohn, denn ſie verſtehen ſich.“ „So. Und wer kommt nach Fräulein Sophie in Eurer Neigung?“ „Nu, Herr Werner, ganz gewiß. Das iſt ein bra⸗ ver Junge, offen und ehrlich.“ „Aber Ihr ſprecht ja von dem Baron nicht—“ „Ach der! Was ſoll man von ihm ſprechen? Er iſt der Herr Baron und das iſt Alles.— Aber wie iſt mir denn, ich glaube gar, ich plaudere. Nehmen Sie das nicht übel, Herr Sohn, und denken Sie nichts Schlech⸗ ttes von mir. Daß ich eine alte Plaudertaſche bin, iſt wmar wahr, aber das iſt auch mein einziger Fehler, und Ihnen, ja Ihnen— das habe ich gleich wegge⸗ habt— kann man Alles ſagen, was man auf dem Herzen hat, denn Sie paſſen zu Fräulein Sophie und Junker Werner und der Frau Baronin, wie Fräu⸗ lein Urſel zu Fräulein Sibylle, und Jakobine zu Beiden.“ 336 „Aber wer paßt denn zum Baron?“ „Kein Menſch, wenn Sie es doch wiſſen wollen. Der geht ſeinen Weg ganz allein und das iſt recht gut und von der Vorſehung ſo eingerichtet.“ „So. Alſo auch hier hat die Vorſehung mitge⸗ ſpielt“, dachte Joſeph.„Ach ja, ich glaube es gern. Spielt ſie doch überall mit— auch mit mir, mit meinem Schickſal— o ja!“ Das letzte Wort ſprach er mit einem Seufzer laut, der Valentin in einige Verwunderung verſetzte.„Ich glaube gar“, ſagte er,„Sie ſeufzen ſchon am erſten Tage hier im Hauſe. Gott bewahre mich! Ein jun⸗ ges Blut wie Sie— nichts für ungut, Herr Sohn — muß noch nicht ſeufzen. Seufzen Sie, wenn Sie alt und grau und ſteif ſind wie ich— ich hätte wahr⸗ haftig Grund genug dazu— aber nicht eher. Ihnen gehört noch die ganze Welt.“ „Die ganze Welt? Oho!“ „Ganz gewiß. Wenn ich in Ihrem Alter wäre, Ihr Geſicht und Ihre Geſundheit und alles das ge⸗ lernt hätte, was Sie gelernt haben— ich ſeufzte über Niichts, denn ich fürchtete mich vor Nichts, und die Menſchen ſeufzen doch nur immer aus Furcht.“ „Aus Furcht? Wovor ſollt' ich denn Furcht haben.“ „Na, ich will es nicht ſo ganz genau ſagen, aber 334 recht heiter iſt es Ihnen noch nicht im Herzen. Nur Geduld— in vier Wochen werden Sie anders den⸗ ken, verlaſſen Sie ſich darauf— und jetzt wünſche ich Ihnen einen guten Morgen. Vergeſſen Sie nicht — um zehn Uhr will der Herr Baron Sie ſprechen, und wenn ich Fräulein Sibyllle ſehe, werde ich es ihr ſagen, damit ſie Sie nicht mit zur Kirche ſchleppt, wo ſie doch nur betet, weil der Herr Prediger ihr vorbetet! Still, kein Wort darüber, es iſt mir über die Lippe geſchlüpft.“ Und den Finger auf ſeinen ge⸗ ſchwätzigen Mund legend, ging er ſo vorſichtig hin⸗ aus, als beſorge er auf Eier zu treten. Joſeph lächelte über die charakteriſtiſchen Winke, die er eben erhalten hatte und glaubte ſie benutzen zu können. Sobald er aber ſein Frühſtück genoſſen, nahm er Hut und Stock, rief Hektor zu ſich und begab ſich die Treppe hinab, um ſo raſch wie möglich nach dem Dorfe zu eilen und nachzuſehen, wie Rachel ſich be⸗ finde. Freier, kühner und zufriedener hob ſich des jun⸗ gen Mannes Bruſt, als er in Gottes heiterer Natur, an dem goldſchimmernden Morgen durch den Lärchen⸗ wald und dann durch die balſamiſch duftenden Kie⸗ 3 22 3 Emery Glandon. I. 338 fern dem Dorfe zuſchritt. Da lag es ſchon vor ihm mit ſeinen wohnlichen Häuſern, ſeinen Strohdächern und ſeinem alten Kirchthurme, deſſen goldenes Kreuz auf der Spitze im friſchen Sonnenlichte glitzerte. Gleich darauf hatte er das Cantorhaus erreicht, das ihm heute noch viel traulicher erſchien als geſtern, da es ja nun die Heimat ſeines theuren Pfleglings, ſeiner Rachel war, die er wie eine jüngere Schweſſter liebte. Friedlich und ſtill ſchaute es aus dem Hollunderge⸗ büſch hervor; auf ſeinem Giebel mitten im hochge⸗ thürmten Neſte, ſtand ein Storch und klapperte ſein Morgengebet, und Tauben— o auch hier waren Tauben— flogen mit glänzendem Fittich im Kreiſe herum und wiegten ſich voll munterer Lebensluſt in der ſtrahlenden Luft des neuen Tages. Da ſtand er ſtill und lauſchte. Er hörte, wie ſchon ganz in der Frühe Jemand das Klavier ſtimmte —„Aha!“ dachte er,„das geſchieht auf Rachel's Ver⸗ anlaſſung. Der alte Cantor zeigt ſich früh thätig und gefällig.“ Kaum hatte er es gedacht, ſo flog die Thür auf, und Rachel, die ihn vom Fenſter aus be⸗ merkt, ſtürzte ſich in ſeine Arme. „Guten Morgen, guten Morgen!“ riefen ſich Beide zu, und bald gingen ſie neben einander im Garten auf und nieder, wo Rachel berichtete, wie es ihr ſeit 339 dem vorigen Abend ergangen war. Abgeſehn von der Trennung ihres Freundes fühlte ſie ſich außeror⸗ dentlich befriedigt. Den alten Cantor ſchilderte ſie als einen prächtigen Mann, und ſeine Frau als eine herzensgute Hausmutter, eben ſo die einzige Tochter als ein heiteres Kind. Mit letzterer gemeinſchaftlich hatte ſie ein kleines Stübchen bezogen, worin auch der Spitz und die Lachtauben ein Unterkommen ge⸗ funden hatten. Man hatte den ganzen Abend vor⸗ her, nachdem ſich der junge Baron entfernt, muſicirt, und der Cantor war von der Fähigkeit ſeiner neuen Schülerin enthuſiasmirt worden. Nach einer halben Stunde ſtiller Unterhaltung gingen ſie in's Haus, um den Cantor und ſeine Familie zu begrüßen. „Na, Herr Sohn“, ſagte jener, nachdem die er⸗ ſten Worte geſprochen waren,„Sie haben mir eine ſeltene Schülerin in's Haus gebracht. Und da ſoll ich noch Unterricht ertheilen? Nein, wahrhaftig, das kann ich nicht, denn die kleine Rachel ſpielt beſſer als wir Alle zuſammen.“ „Das möchte wohl möglich ſein“, erwiderte Jo⸗ ſeph voll Freude,„alſo ihr Spiel gefällt Ihnen?“ „Ob es mir gefällt! Der Tauſend! Aber Eins— Eins, wiſſen Sie, kann ich ihr doch noch beibringen. Das hat ſie noch nicht weg.“ 340 „Was wäre das?“ „Die klaſſiſche Kirchenmuſik. Ich habe ihr geſtern Abend eine Bach'ſche Fuge vorgeſpielt und das war ihr ganz was Neues.“ „Spielen Sie die?“ „Gewiß, Herr Sohn, das iſt meine Stärke. Ach ja! Weiter kann ich auch eigentlich nichts, das aber ſchlägt in mein Fach.“ „Das iſt auch ſchon genug. Ja, ja, unterrichten Sie ſie nur darin, Sie werden bald ſehen, was für eine gelehrige Schülerin Sie haben. Das moderne Spiel mit ihr nehme ich auf mich, es wird ſich dazu ſchon eine Stunde des Tages finden laſſen.“ „Ganz gewiß, und wenn Sie nichts dawider ha⸗ ben, nehme ich ſie heute mit auf die Orgelbank. Das ſoll ſie auch lernen— dazu habe ſie Luſt, hat ſie mir geſagt.“ Aus Rachel's leuchtenden Augen blitzte bei dieſen Worten die Freude über den unbekannten Genuß her⸗ vor und Joſeph nickte ihr ſeinen vollen Beifall wie immer zu. Er blieb bis neun Uhr im Cantorhauſe. Dann begab er ſich, von Rachel ein Stück Weges begleitet, auf den Rückweg nach dem Schloſſe. So hatte er 341 Zeit genug, ſich auf den Beſuch beim Gutsherrn ge⸗ hörig vorzubereiten. Punkt zehn Uhr trat Valentin in ſein Zimmer und meldete, daß der Herr Baron beim Frühſtücke ſitze und daß die Luft ſonſt rein ſei, da die frommen Damen nach der Kirche gefahren. „Habt Ihr Fräulein Sibyllle geſagt, daß ich nicht mit zur Kirche führe?“ „Nun freilich, und ſie hat ein ſchreckliches Geſicht dazu geſchnitten und den Kopf unſanft zurückgewor⸗ fen— etwa ſo— das iſt ſo ihre Geberde, wenn ſie keine Gewalt hat, ihren Willen durchzuſetzen. Dafür hat nun Fräulein Sophie mitfahren müſſen und der junge Herr hat ſich freiwillig angeſchloſſen, weil er zum Cantor wollte. Sie werden alſo die Frau Ba⸗ ronin nachher allein finden. Iſt es gefällig, Herr?“ Joſeph war bereit. Seine weißen Handſchuhe an⸗ ziehend und den Hut in die Hand nehmend, ſchritt er in ſeiner beſten Kleidung ſtill neben dem alten Die⸗ ner her, der ihn vor des gnädigen Herrn Zimmer führte, in das er zuerſt trat, um den Beſuch zu melden. Hier, wo alle Schildereien, Zierrathen und ſon⸗ ſtige Gebrauchsgegenſtände den Bewohner als leiden⸗ ſchaftlichen Jäger verriethen, ſaß der Baron und ge⸗ noß, im bequemſten Schlafrock von türkiſchem Woll⸗ ſtoff, auf dem ſilbergrauen Kopfe eine grüne Sammet⸗ 342 mütze tragend, ſein Frühſtück. Es ſchien ihm vor⸗ trefflich zu ſchmecken. Die Bouillon war kräftig und nicht zu ſalzig geweſen, die Coteletten ſaftig und gut geklopft, und der Madeira, den er von Zeit zu Zeit aus einem zierlichen Kryſtallglaſe ſchlürfte, hatte das größte Wohlbehagen auf ſein Geſicht gezaubert. Eben legte er Meſſer und Gabel bei Seite, wiſchte ſich mit der Serviette den Mund ab und lugte ſchon nach einer auf der Conſole unter dem goldumrahmten Spie⸗ gel liegenden Havannah hinüber, als die Thür auf⸗ ging und Valentin mit ſeinem gewöhnlichen geräuſch⸗ loſen Schritt eintrat. „Ah, Du kommſt wie gerufen, Alter!“ rief er ihm entgegen.„Raſch die Cigarren dort unter dem Spie⸗ gel her und zünde mir das Wachslicht an.“ Valentin nickte, zum Zeichen, daß er verſtanden habe, mit dem Kopfe, ſagte aber demungeachtet zuerſt: „Gnädiger Herr, Herr Sohn ſteht vor der Thür.“ „Thu, was ich Dir ſage, der Herr wird doch ei⸗ nen Augenblick Zeit haben?“ Valentin brachte das Verlangte, zündete eine kleine Kerze an, die ein von Rehbockshorn gefertigter Leuch⸗ ter trug und ſtellte Alles dicht vor ſeinen Herrn, wor⸗ auf er eilfertig das Geſchirr mit den Speiſereſten zuſammenraffte, um es ſogleich auf einem Anrichte⸗ 343 brekt aus dem Zimmer zu tragen. Der Baron er⸗ griff haſtig eine der feinen Cigarren, machte ſie mund⸗ gerecht und zündete ſie gemächlich an, wobei er be⸗ fliſſen war, mit vorgeneigtem Kopfe und möglichſt weit geöffneter Naſe die erſte Dampfwolke einzuſaugen, die der kleinen Tabaksrolle entſtrömte. 3 „Sie riecht gut, Alter, merkſt Du es?“ „Sehr gut, Herr Baron— aber Herr Sohn ſteht draußen und wartet auf Ihre Befehle.“ „Ja, ja, ich hab's ſchon gehört. Laß ihn eintre⸗ ten, er findet mich in der beſten Laune ihn zu em⸗ pfangen.“ Eine Minute ſpäter trat Joſeph mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen freien Anſtande ein und, einen raſchen Blick auf ſeinen Principal werfend, verneigte er ſich ſo höflich, wie man ſich vor einem ſolchen Manne zu verneigen pflegt. Aber es dauerte eine geraume Zeit, ehe er ein Wort der Begrüßung von dem Herrn Baron vernahm, der in guter Laune zu ſein vorgab; denn, ohne Zwei⸗ fel betroffen von dem unerwartet edlen Anſehen der in ſeinen Dienſt getretenen Perſon, die vor ihm ſtand, konnte dieſer es ſich nicht verſagen, ſie erſt mit unge⸗ mein nobler Ruhe vom Kopfe bis zu den Füßen zu muſtern. 344 „Guten Morgen“, ſagte er endlich mit ſeiner et⸗ was heiſeren Stimme und winkte gnädig mit der rech⸗ ten Hand, während er mit der Linken ſeine Mütze um einen halben Zoll von ihrem Platze ſchob.„Alſo da ſind Sie. Hm! Sie kommen direct aus Bremen?“ „Ja, Herr Baron.“ „Nun, da ſcheinen närriſche Sitten zu herrſchen, wie immer, ich kenne die Stadt mit ihren ungenirten Bewohnern— hml Sie kommen da gleich mit einem biſſigen Hunde, der mir meinen beſten Hühnerhund im erſten Augenblick zerfleiſcht— da, ſehen Sie— da liegt das arme Thier in der Ecke und winſelt— iſt das billig von Ihnen?“ „Nein, Herr Baron, ich bedaure ſogar ſehr dieſen unangenehmen Vorfall und werde Sorge tragen, daß dergleichen nicht wieder geſchieht. Allein, nach der Trennung von ſo vielem Lieben und Werthen, konnte ich es nicht über das Herz bringen, das treue Thier, das mir wider meinen Willen auf der Landſtraße nach⸗ gelaufen kam, zurückzulaſſen, und ſo, auf Ihre Güte bauend, nahm ich es mit mir, ohne zu bedenken, welche Folgen dieſe Kühnheit haben könne.“ „Da haben wir die Folgen— ich bitte mir raus, daß Sie ein ähnliches Ereigniß verhindern, damit ſich Nichts gleich von Anfang an zwiſchen unſre Inundſchaft 345 legt. So— jetzt haben Sie Ihre Abfertigung und nun ſetzen Sie ſich.“ Joſeph nahm einen Stuhl und ließ ſich in ehrer⸗ bietiger Entfernung von ſeinem Herrn darauf nieder. „Was macht der Profeſſor Schickedanz?“ nahm die⸗ ſer das Geſpräch nach Kurzem wieder auf. „Er befindet ſich wohl und hat mir die ergeben⸗ ſten Grüße an Sie aufgetragen.“ „Danke! Wenn Sie an ihn ſchreiben, grüßen Sie ihn wieder von mir— ich ſchreibe nicht gern.— Sie haben ſtudirt?“ „In Göttingen und Heidelberg.“ „Haben Sie ſich an demokratiſchen Umtrieben be⸗ theiligt?“ „Ich habe mich nur mit den Wiſſenſchaften und der Muſik beſchäftigt. Die Politik iſt nicht mein Fach.“ „Das iſt vernünftig von einem jungen Menſchen. — Wie gefällt Ihnen mein Gut und die umliegende Gegend?“ „Was ich davon geſehn habe, befriedigt mich; das Land ſcheint ſehr fruchtbar zu ſein.“ „O, ja. Haben Sie ſchon meine Frau geſprochen?“ 339 habe noch nicht die Ehre gehabt; erſt im Laufe dieſes Morgens werde ich mich ihr vorſtellen. Ihr Fräu⸗ lein Schweſter jedoch habe ich ſchon geſtern geſprochen.⸗ 346 „Aha! Mit der müſſen Sie ſich bemühn auf gu⸗ tem Fuße zu ſtehn, wenn es Ihnen bei uns behagen ſoll. Sie führt eine Art Regiment im Hauſe.“ Joſeph ſchwieg und verbeugte ſich blos. „Ja das müſſen Sie. Im Uebrigen werden Sie hier gute Tage haben— trinken Sie ein Glas Wein?“ „Wenn Sie es mir geſtatten!“ Der Baron ergriff die Flaſche und goß ein leeres Glas, das neben dem ſeinigen ſtand, bis an den Rand voll.„Da, nehmen Sie— auf ein gutes Einver⸗ ſtändniß!“ Beide tranken, nachdem ſich Joſeph abermals ſtumm verbeugt hatte. „O ja, gute Tage werden Sie haben. Sie ſollen hier nicht wie ein Einſiedler leben, ſondern Sie ſollen Ihr Leben genießen. Jagen Sie mit mir, eſſen und trinken Sie was Gutes. Im Uebrigen laſſen Sie ſich nicht zu viele Beſchränkungen auflegen— warum lä⸗ cheln Sie?“ „Meine Zeit iſt durch die Anordnung des gnädi⸗ gen Fräuleins ſo in Beſchlag genommen, daß ich an das Jagen nicht viel werde denken können.“ „Aha, das dachte ich mir. Alſo ſchon eingeſchult! He, Wiſchiwaſchi, davon laſſen Sie ſich das Herz nicht bedrücken. Daran kehren Sie ſich nicht, das wird ſich 347 machen laſſen. Sie ſcheinen mir nicht der Mann zu ſein, ſich ohne Weiteres unter den Pantoffel einer Frau zu ſtellen. Haha! Das fehlte noch— geigen Sie, reden Sie, unterrichten Sie, ſoviel Sie wollen, das Uebrige wird ſich finden.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar für dieſe gütige Aus⸗ einanderſetzung; ich werde aber meine Pflicht nach je⸗ der Richtung zu erfüllen ſuchen.“ „Nun ja, das verſteht ſich von ſelbſt. Darum habe ich Sie verſchrieben und darum bezahle ich Sie. Sind Sie mit zweihundert Thalern zufrieden?“ „Ja, Herr Baron.“ „Gut.— Auf Werner halten Sie Ihr Auge— ver⸗ ſtehen Sie mich? Er iſt ein Wildfang, der ſonderbare Ideen vom Leben und dabei keinen rechten Begriff von ſeinem bevorzugten Stande hat. Wie gefällt er Ihnen?“ „Er hat einen vortheilhaften Eindruck auf mich gemacht.“ „Freilich, ein hübſcher Burſche; aber ſeien Sie nicht zu cordial mit ihm, er läßt ſich zu leicht gehen, hat einen eigenſinnigen Kopf und ganz abſonderliche Lei⸗ denſchaften.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, ſie in die rich⸗ tigen Gränzen zu leiten, wenn ich ſie erſt kennen werde.“ 348 „Das wird nicht lange dauern. Wenn Sie etwas Auffallendes an ihm bemerken, ſo ſagen Sie es mir, Sie werden mich immer bereit finden, auf Ihre Seite zu treten, wenn Sie im Rechte ſind. So. Jetzt kön⸗ nen Sie gehen, ich habe Ihnen das Nothwendigſte geſagt und bin kein Freund von überflüſſigen Worten.“ Joſeph erhob und verbeugte ſich, und einen Au⸗ genblick ſpäter ſtand er auf dem Corridor und ging nachdenklich ſeinem Zimmer zu.„Der alte Valentin hat Recht, wie ich merke,“ ſagte er hier zu ſich.„Hier bläſt Jeder aus einer andren Tonart. Das wird allerdings ein ſeltſames Concert geben. Nun, ich werde mich vor der Hand nur als ſtiller Zuhörer ver⸗ halten, vielleicht lerne ich bald die ungewohnte Melo⸗ die verſtehen, die hier in der Mode iſt. Herein!“ Valentin hatte geklopft und trat leiſe ein.„Sind Sie fertig mit dem Herrn Baron, Herr Sohn?“ „Ja, Valentin, ich bin fertig und ſtehe zu Dienſten.“ „So kommen Sie, ich habe der Frau Baronin Ihre Ankunft gemeldet.“ Joſeph folgte abermals dem voranſchreitenden Die⸗ ner, der über den Corridor nach dem Mittelhauſe und von hier aus nach dem weſtlichen Flügel ſchritt, wo er vor einer Thür ſtehen blieb, dem jungen Mann ei⸗ nen Wink gab und leiſe anklopfte. 349 Auf einen ſanften Hereinruf trat er ein und nach einigen Sekunden wieder heraus, die Thür offen laſ⸗ ſend. Joſeph Sohn ſtand vor der Dame des Hauſes.— Halten wir einen Augenblick inne und betrachten wir, bevor wir das Geſpräch zwiſchen den beiden Per⸗ ſonen mit anhören, die Umgebung der Gemahlin des Barons von Haldrungen. Denn aus dieſer ſchließen wir oft mit eben ſo großer Sicherheit auf den Cha⸗ rakter und das Gemüth der Perſonen, mit denen wir verkehren ſollen, als aus ihren Worten und ihrer äußeren Erſcheinung. Und in der That, wenn Henri⸗ ette von Haldrungen's Inneres ſo lieblich, ſo harmo⸗ niſch, ſo eigenthümlich einfach und doch voller Reize war, wie das Innere dieſes Gemachs, dann können wir wohl behaupten, daß ſie zu jener auserwählten Zahl ſchöner Seelen gehöre, die ihren Wohnſitz nur zeitweilig auf der Erde genommen zu haben ſcheinen, gewiſſermaßen hier zum Beſuch ſind, um nach einiger Zeit in den beſeligenden Frieden ihrer Heimat, den Himmel zurückzukehren. Die Baronin von Haldrungen, als Henriette von Bergen an keinerlei Art Luxus oder nur Bequemlich⸗ keit gewöhnt, hatte als Frau des reichen und auf ſeinen Beſitz ſtolzen Barons demnach eine Wohnung beziehen müſſen, die Alles enthielt, was der Menſch 350 auf Erden Schönes, Anmuthiges und Erfreuliches für das Auge beſitzen kann. Aber es iſt gewiß wahr, daß nicht allein die lebloſen Gegenſtände, die wir in den Zimmern der Reichen antreffen, denſelben den oft ſo wunderbaren Reiz verleihen, von dem wir uns behaglich angehaucht fühlen, wenn wir ſie betreten, ſondern es iſt ein unnennbares, unſichtbares Etwas, was uns dieſe Räume ſo überaus anziehend erſcheinen läßt. Die Art und Weiſe, wie das Vorhandene auf⸗ geſtellt iſt, harmoniſch zuſammenpaßt und wie und von Wem es benutzt wird, das iſt das Geheimniß, welches hier dem aufmerkſamen Beobachter zu löſen bleibt. So ziehen uns in dieſem Zimmer nicht allein die koſtbaren Stoffe mit ihren verſchiedenen ſanften Far⸗ ben an, die Stühle, Seſſel und Divans bekleiden, nicht die herrlichen von Meiſterhänden angefertigten Gemälde, nicht die duftenden Blumen auf Conſolen und Tiſchchen, und die hundertfältigen kleinen, nichts⸗ bedeutenden und doch ſo mächtig auf unſere Sinne wirkenden Dinge, die der unermüdliche Menſchen⸗ geiſt erfindet und die fleißige Menſchenhand anfertigt, nein, es iſt der gleichſam ätheriſche Duft, der uns aus dieſen goldenen Büchern, dieſen bedachtſam be⸗ gonnenen und fein ausgeführten Arbeiten, dieſem A⸗ 351 len und Jeden entgegenweht, der uns berauſcht und mit herzlicher Sympathie erfüllt. Und wenn wir dann einen Blick auf die weiche Geſtalt, das ſeelenwarme, wenngleich kummervoll bedrückte Geſicht dieſer einſa⸗ men Dame werfen, die mitten im Ueberfluß und im Beſitze aller materiellen Mittel bedrängt und verlaſſen vor uns ſitzt, dann glauben wir ſchon einen Theil des Geheimniſſes des vor uns liegenden Räthſels gelöſt zu haben. In der That, ſo weit das ganze Innere dieſes von ſanften Wohlgerüchen duftenden Gemachs, das nicht groß, nicht klein und doch ſo traulich und anmuthig iſt, von dem Innern der Wohnungen der übrigen Gutsbewohner, mit vielleicht einziger Aus⸗ nahme des Zimmers ihrer Tochter, verſchieden iſt, ebenſo verſchieden iſt die gewiſſermaßen ätheriſche Geſtalt und das mild liebliche Geſicht dieſer Dame von den Ge⸗ ſtalten und Geſichtern aller übrigen Bewohner des weiten Schloſſes. Die Baronin hatte an dieſem Morgen nicht die Dorfkirche beſucht, aber auf den erſten Blick ſah man, daß ſie ihren Gottesdienſt im Zimmer abgehalten hatte, und zwar einen Gottesdienſt, der aus tiefer be⸗ wegtem Herzen und aus heiliger angehauchtem Ge⸗ müthe kam, als ihn der Beſuch irgend einer Kirche bewirken konnte. Ohne zu wiſſen, warum, fühlte ſich 35²2 die Baronin an dieſem Sonntagsmorgen auf eine ſeltſame, lange nicht empfundene Weiſe bewegt und geneigt, ihren ganzen inneren Sinn vor dem Throne Deſſen auszuſchütten, der unſre Vergangenheit eben ſo gut wie unſre Zukunft kennt. O, ſie hatte recht herzlich erſt vor Kurzem mit dieſem großen Geiſte über ihre Vergangenheit geredet, ſie hatte ihm ihre ganze kalte, todte, erſtarrte Gegenwart dargelegt und ihn um eine ſanftere, wärmere Zukunft gebeten, ob⸗ wohl ſie ſich geſtehen mußte, daß in Anbetracht ihres ſeltſamen Geſchicks, das ſie in Mitte einer von ihr nicht verſtandenen und ſie nicht verſtehenden Welt verſetzt, dieſe Bitte nur einer der vielen frommen Wünſche ſein und bleiben würde, die ſie in ihrem be⸗ wegten Leben ſchon ſo oft gehegt hatte. Dies Gebet war ſeit einigen Minuten geſprochen, und ruhiger und zufriedener denn ſeit langer Zeit ſah ſie in den Sonnenſchein hinein, der ſich von dem blauen Him⸗ melsdome da oben auch in ihre ſtille Einſamkeit ſenkte. Wenn ein Menſchenkenner ſie in dieſem Au⸗ genblicke geſehen hätte, er würde ohne Zweifel erkannt haben, daß ihr Inneres ein koſtbarer aber feſt ver⸗ ſchloſſener Schrein war, zu dem Niemand einen Schlüſ⸗ ſel beſaß, deſſen Schloß ſie aber auch mit ängſtlichſter Sorgfalt behütete— er würde erkannt haben, daß 353 Henriette Nichts mehr von dieſer Welt erwartete und ihre Hoffnung allein auf den Himmel geſetzt hatte— er würde endlich erkannt haben, daß ſie, wenn ſie auch in ſchöneren Tagen längſt verſchollener Vergangen⸗ heit gelebt, für die jetzige Welt mehr eine im Duft und Nebel der Erinnerung zerfließende Erſcheinung, als ein fühl- und taſtbarer Körper von materiellen Stoffen war. Wer hätte dieſem ſanften Weſen, dieſem bleichen Geſicht mit den feinen Zügen, den ſüßen ſchmelzenden Augen und dem in leicht gebogenem Scheitel zu bei⸗ den Seiten abfallenden blonden Haar angeſehen, daß es ſchon dreiundvierzig Jahre zählte? Sah ſie nicht faſt noch jungfräulich aus in ihrem hellſeidenen Mor⸗ genkleide, in dem ſchüchternen Aufblick, den ſie biswei⸗ len gleichſam unwillkürlich nach irgend einem Gegen⸗ ſtande hin that, und in jeder ihrer ſanften, mädchen⸗ haften Bewegungen? Ja, innerlich, für ſich, war ſie noch eine Jungfrau, wenn die Seele des Menſchen ihn zu Dem machen kann, was ſie ſelbſt iſt, und ſo ſtrahlte dieſes innerlich jugendliche Weſen auch in ih⸗ rem Aeußeren wieder und kettete unſer Gefühl um ſo feſter an ſie, wie es ſchon unſer Auge beim eiſten Blick faſt magnetiſch gefeſſelt hatte. Wie war dieſes engelgleiche Weſen in die Gewalt Emery Glandon. I. 23 354 —* dieſes brutalen, herzloſen Mannes gerathen, der ſie ſeine Gemahlin nannte? O, das Verhängniß mußte ſie hart bedrückt haben, daß ſie ſich ihm ergeben, denn daß zwiſchen Beiden eine unüberſteigliche Schranke lag, hätte ein Blinder gewahren können, der ſie Beide nur reden gehört. Aus ihrer ſanften Rede ſchon allein hätte Joſeph Sohn ſchließen können, daß auch ſie ihre eigene Melodie in dieſem Hauſe ſpiele, dieſe Melodie aber zu ergründen wäre eine leichtere und angenehmere Ar⸗ beit für ihn geweſen, als das widerwärtige Getön nur zu hören, welches die anderen Hauptperſonen, die er bis jetzt auf dem Gute kennen gelernt hatte, von ſich gaben. Als Valentin mit tiefer Verbeugung und unge⸗ mein ſanftem Tone ſagte:„Gnädige Frau, Herr Sohn iſt draußen!“ da erwiderte ſie noch viel ſanfter:„Laß ihn herein kommen, Valentin!“ Und er trat herein. Aber was war das? Warum dieſe lange Pauſe, dieſe Stille im Zimmer? Hatte die Frau oder hatte der Mann keine Worte, um ſich gegenſeitig zu begrüßen? Es ſchien, ſie hatten Beide keins, denn feſt mit ihren Blicken auf einander wur⸗ zelnd, ſich gegenſeitig durchdringend, ausforſchend, fra⸗ gend ſtanden ſie ſich gegenüber, bis endlich die Baro⸗ nin, einen mit Mühe halb unterdrückten Seufzer hören laſſend und mit der Hand über ihre Stirn ſtreichend, 355 die, ſie wußte nicht warum, mit einer glühenden Röthe bedeckt war, auf Joſeph Sohn's wiederholte Verbeu⸗ gung ſagte: „Guten Morgen, mein Herr!“ Aber die Bewegung, die ihr Herz in dieſem ſon⸗ derbaren Augenblick packte— packte, ſagen wir mit Bedacht, weil ſie zu ſtark war, um einen andren Aus⸗ druck zu geſtatten— war ſo gewaltig, daß ſie ſich ab und zum Fenſter wenden mußte, um ihre Faſſung wieder⸗ zugewinnen. Und warum dies? Hatten ſich die bei⸗ den Perſonen ſchon einmal im Leben geſehn? Nein, ſie hatten ſich niemals geſehn. Alſo mußte wohl ein andrer Grund vorhanden ſein, der die Dame über den Anblick des jungen Mannes ergriff und— ſagen wir nur ſo viel— in der Gegenwart lag dieſer Grund gewiß nicht, er konnte daher nur in der Vergangen⸗ heit oder auch in der Zukunft liegen, denn es giebt ja ſeltſame Augenblicke im Leben, in denen ſich uns, wenn wir einem unbekannten Menſchen begegnen, mit geheimnißvollem Vorgefühl die Thore dieſes dunklen Reiches, der Zukunft, zu öffnen ſcheinen, um ihn auf unerforſchbare Art mit uns und unſerm ferneren Schick⸗ ſale in Verbindung zu bringen, ein Vorgefühl— wir nennen es Ahnung— das ſich oft genug als begtün⸗ det bawbäͤhrt hat. 23* 356 Joſeph Sohn wußte nicht, wie ihm geſchah. Er bemerkte die Verlegenheit der ſchönen Dame und es ſchmerzte ihn, auch hier vielleicht nicht Derjenige zu ſein, den man erwartet hatte. Als er noch darüber nachſann, wandte ſich die Baronin mit innerer Kraft⸗ anſtrengung herum und ſagte mit ihrer leiſen und weichen Stimme:„Bitte, nehmen Sie Platz, mein Herr, und laſſen Sie uns einige Minuten plaudern, — länger aber nicht, denn ich fühle mich nicht ganz wohl und das Reden greift mich an.“ „Soll ich vielleicht ein andermal wiederkommen?“ fragte Joſeph mit ſeiner ſo feſten und doch ſo wohl⸗ lautenden Stimme. Die Baronin ſtutzte abermals— ſah zur Decke des Zimmers empor, als wolle ſie ſich etwas längſt Ver⸗ ſchwundenes in die Erinnerung zurückrufen— dann aber dem jungen Manne feſt in die Augen blickend, that ſie ſich ſichtbar Gewalt an, indem ſie ſagte:„Nein, heute will ich Sie ſprechen, jetzt, ſogleich. Verzeihen Sie aber, daß ich Ihnen Fragen vorlege, die Ihnen vielleicht ſelt⸗ ſam klingen, allein— ich intereſſire mich für die Men⸗ ſchen, die mit mir unter einem Dache wohnen, ſo daß ich gern Alles von ihnen weiß, was ich wiſſen kann, ohne auf unbeſcheidene Weiſe mich in ihr Inneres zu drän- gen.— Sie ſind der Sohn des— des Profeſſor Sohn?“ 357 „Aus Bremen, ja!“ „Sind Sie in Bremen geboren?“ „Ja, ſo viel ich weiß, denn der Menſch erfährt erſt durch ſeine Eltern oder Verwandten, wo ſeine Wiege ſtand.“ „Wohl. Wie alt war Ihr Vater, als er ſtarb?“ „Er war ſechszig Jahre alt.“ Die Baronin athmete auf, ihr wurde ſichtbar leichter um's Herz. Sie ſetzte ſich auf einen Divan dem jungen Manne gegenüber, doch ſo, daß das Licht auf ſein Geſicht und der Schatten auf das ih⸗ rige fiel. „Sind Sie gern hierhergekommen?“ „Das iſt eine Gewiſſensfrage, gnädige Frau. Ent⸗ ſchuldigen Sie, wenn ich ſie der Wahrheit gemäß be⸗ antworte. Nein, ich bin nicht gern hierhergekommen. Ich war glücklich in meiner Heimat, bei meinen Ar⸗ beiten, meinen Thieren—“ „Wie, Thiere?“ ſchrie die Baronin beinahe auf „Was meinen Sie damit?“ „Weiter nichts,“ ſagte Joſeph ſtockend,„als daß ich ein großer Liebhaber von Thieren bin und von denſelben ſo viele um mich hatte, als ich nur unter⸗ bringen konnte.“ „Das iſt wunderbar!“ ſagte die Baronin mit 358 krampfhaftem Zucken der Geſichtsmuskeln—„ſehr wunderbar. Weiter!“—. „Ja, ich war glücklich, namentlich ſo lange mein Vater lebte. Allein er ſtarb leider— und hinterließ — ja, hinterließ mir Nichts, und ſo gerieth ich in Noth, aus der mich die Berufung Ihres Herrn Ge⸗ mahls rettete. Ich kam alſo aus Nothwendigkeit hier⸗ her und nicht aus freiem Willen.“ „Alſo ſo iſt es. O, Sie Armer! Und nun hier⸗ her! Ja freilich, es wird Ihnen hier Vieles nicht ge⸗ fallen, aber— beſorgen Sie nichts, Sie werden auch manche Freude finden.“ „Ich hoffe das ſchon nicht mehr, ſondern ich bin deſſen gewiß.“ „Wenn Sie einmal eine Stunde für ſich übrig haben und Sie wollen ſie mir ſchenken, ſo ſenden Sie Valentin zu mir— ich werde ſtets für Sie zu Hauſe ſein.“ „Sie ſind ſehr gütig.“ „Verſtehn Sie gut Engliſch?“ „Die engliſche Sprache iſt meine Lieblingsſprache—“ „Was!“ rief die Baronin mit derſelben Lebhaftig⸗ keit wie früher—„was ſagen Sie da?“ „Daß ich die engliſche Sprache außerordentlich liebe und beinahe vollkommen ſpreche.“ 359 Die Baronin erhob ſich.„Es iſt gut“, ſagte ſie, „verlaſſen Sie mich jetzt. Die engliſche Sprache iſt auch meine Lieblingsſprache und bildet den größten Theil meiner Unterhaltung. Wir wollen Milton zu⸗ ſammen leſen— ja, wollen wir das?“ „Mit Vergnügen, gnädige Frau, ſo oft Sie be⸗ fehlen.“ „O, ich befehle nicht, niemals, ich bitte nur, und Sie bitte ich recht herzlich, ſich bisweilen zu erinnern, daß Jemand in dieſem Hauſe wohnt, der— der gern an Perſonen Antheil nimmt, wie Sie eine ſind, der vater⸗ und mutterlos dem ungeſtümen Gewoge des Lebensmeeres preisgegeben iſt— und— und nur einſtweilen einen Hafen gefunden hat, der ihn vor allen Stürmen ſchützt.— Laſſen Sie es ſich wohl ſein bei uns, Herr Sohn, an mir ſoll es nicht lie⸗ gen, wenn es Ihnen hier nicht gefällt.“ Sie verneigte ſich, bemühte ſich zu lächeln, was ihr kaum gelang, und machte eine anmuthige Bewe⸗ gung mit der Hand, die Joſeph verſtand. In zwei Minuten war er auf dem Corridor— auf dem Hofe — außerhalb des Grabens, der den Gutshof umſchloß, um ſeine wirren Gedanken zu ordnen, die, er wußte nicht warum, ihm nie ſo ſeltſam durch den Kopf ge⸗ ſchoſſen waren, als ſeitdem er dieſe ſchöne, gute, aber 360 ohne Zweifel ſehr tief leidende Frau geſehn und ſpre⸗ chen gehört hatte. 3 Aber ſo aufgeregt er ſich auch nach dieſem Beſuche befand, ſo bewegt er dahin ſchritt, was wollte das ſagen gegen das unheilvolle Schmerzgefühl, welches er ſelbſt unbewußt ſo eben hervorgerufen hatte; denn was geſchah hinter ihm, ſobald er die Thür der Ba⸗ ronin geſchloſſen? O, er mußte der ſchönen Frau wi⸗ der Willen und Wiſſen ein großes Weh bereitet ha⸗ ben, denn kaum war das Schloß hinter ihm zuge⸗ fallen, ſo erhob ſie auf dem Flecke, wo ſie ſtand, beide Hände mit einer unausſprechlich flehenden Ge⸗ berde zum Herzen, als wolle ſie einen unendlichen Schmerz damit niederhalten. Dann aber in ein krampf⸗ haftes Schluchzen ausbrechend, fiel ſie auf eine der Ottomanen, und lange dauerte es, ehe ihre Thränen langſamer aber um ſo reichlicher floſſen, um auch hier, wie überall und immer, den grauſamen Schmerz der gepeinigten menſchlichen Bruſt zu brechen. Denn nach⸗ dem ſie wohl eine halbe Stunde ſtill für ſich geweint, war ſie wunderbar ruhig und gefaßt und eine Art göttlicher Stärkung kam über ſie.„O, Gott“, ſagte ſie,„warum weine und klage ich noch immer über das Unabänderliche ſo heftig? Ich ſollte Dir viel⸗ mehr dankbar ſein, daß Du mich auf dieſe Weiſe be⸗ 361 glückſt! Denn ach, dieſen Menſchen haſt vielleicht Du mir geſendet, um mich auf die einzige Weiſe zu trö⸗ ſten, die wirklich ein Troſt iſt. O ja, ich danke Dir alſo, ich danke Dir, Gott, für ihn, den ich nicht kenne, und der mich nur an Einen erinnert, den ich einſt— einſt ſo gut kannte und der mir Alles, Alles auf Er⸗ den war!“— Der übrige Theil dieſes Tages, deſſen Morgen für Joſeph ſo reich an neuen Eindrücken, an unbeſtimm⸗ ten Befürchtungen und Hoffnungen geweſen war, ver⸗ ſtrich, wie ziemlich alle Sonntage künftig verſtrichen. Der junge Hauslehrer war nach ſeinem Spaziergange auf freiem Felde noch einmal nach dem Dorfe ge⸗ gangen, hatte mit Rachel, die voll von Freude über das zu lernende Orgelſpiel war, muſicirt, und war zur Zeit der Speiſeſtunde wieder auf dem Gute er⸗ ſchienen, um mit der ganzen Familie, die Baronin ausgenommen, die allein auf ihrem Zimmer aß, zu ſpeiſen. Das Geſpräch bei Tiſche hatte ſich um Per⸗ ſonen und Verhältniſſe bewegt, die ihm gänzlich un⸗ bekannt waren, weshalb er wenig darauf achtete, und der Baron, kurz angebunden wie immer zu Hauſe, wenn kein Beſuch da war, hatte ſich bald entfernt, 362 um ſein Schläfchen zu halten und dann in die Nach⸗ barſchaft zu reiten und einen Freund zu beſuchen. Auch die älteren Damen hatten ihre Zimmer aufge⸗ ſucht, um Mittagsruhe zu halten, und ſo war Jo⸗ ſeph mit ſeinen ſogenannten Zöglingen allein geblie⸗ ben, die er aus einem Gefühle des Anſtands nicht verlaſſen wollte, obgleich ihn der Sonntag von je⸗ dem Dienſte entband. Nicht wiſſend, was er begin⸗ nen ſollte, ſchlug er einen Spaziergang vor, worin beide Geſchwiſter bereitwillig einſtimmten, und in kur⸗ zer Zeit wandelte Sophie, auf jeder Seite von einem der jungen Männer begleitet, durch den beliebten Lär⸗ chenwald dem Dorfe zu. Als ſie in die Nähe deſſel⸗ ben gekommen waren, bat Sophie, einen Fußſteig zur linken Hand einzuſchlagen, der auf einen Hügel führte, auf dem ein Baum ſtand, von wo man einen hübſchen Blick über das Gut ihres Vaters habe, wie ſie ſagte. „Ja, ja, geht nur“, ſagte Werner,„geht immer voran, ich hole Euch bald wieder ein; ich habe dem Cantor einen Beſuch verſprochen, und dies Verſpre⸗ cchen will ich halten.“ Leicht grüßend ſchritt er ſodann davon und die Baroneß wandelte mit Joſeph allein den nahe gelegenen Hügel hinan. Im Frühjahr und Sommer, wenn der Wind durch 363 das wogende Korn fuhr, der jetzt nur über Stoppeln ſtrich, mußte dieſer Spaziergang ſehr angenehm ſein; fern vom Gewühle der Welt und den menſchlichen Lei⸗ denſchaften, herrſchte hier eine ſo ſüße Stille, daß die Töne, die Menſchen und Thiere in der Ferne hervor⸗ brachten, nur im gedämpften Widerhall herüberklan⸗ gen und wie ein wohllautendes Echo das Herz wohl an die unruhige Welt erinnerten, aber es weder ſtör⸗ ten noch aufregten. Von dieſen Betrachtungen mochte Joſeph Sohn er⸗ füllt ſein, als er mit der Baroneß den kleinen Hügel hinanſchritt, da wir uns ſonſt ſeine Schweigſamkeit nicht gut erklären können, in welcher, merkwürdig ge⸗ nug, auch die junge Dame an ſeiner Seite ſtandhaft verharrte. Endlich hatten ſie den Gipfel der Anhöhe und den alten knorrigen Lindenbaum erreicht, von deſſen Ra⸗ ſenbank aus man weit in die Umgegend ſchauen konnte. Wie in vollkommener Uebereinſtimmung blieben die beiden jungen Leute vor dem Ruheſitze ſtehen und blick⸗ ten ſich ſchweigend in der Gegend um, die nicht glän⸗ zend und romantiſch, aber doch lieblich und anregend war. Denn nicht allein das nahegelegene Dorf mit ſeinen grauen Dächern, ſeinem Kirchthurm und ſeinen ſtark belaubten Baumwipfeln, das Gut mit ſeinen ———————-—— 364 langen Schieferdächern und ſeinem Parke, auch nach anderen Richtungen hin auftauchende Gehöfte und Dorfſchaften brachten Mannigfaltigkeit in das ländliche Bild, und die am Horizonte nach Norden und Oſten laufenden Waldhügelketten ſchloſſen es wenigſtens von dieſer Seite in einen gefälligen Rahmen ein. Nachdem Sophie ihrem Begleiter Zeit genug ge⸗ laſſen hatte, die Landſchaft und den darüber ausge⸗ ſpannten Himmel zu betrachten, ſagte ſie mit ihrem ſo ſanften und wohllautenden Stimmtone:„Nun, ge⸗ fällt Ihnen unſere Gegend?“ „Sie iſt recht hübſch; vor allen Dingen aber, was ich ſo ſehr liebe, friedlich und ländlich, und dennoch bringt ſie den mächtigen Eindruck hervor, der einer unbegränzten weiten Fläche immer eigen iſt, ich meine den des Sehnens in's Weite, Ferne und Unbekannte.“ „O, wenn Sie das lieben, dann ſollten Sie ein⸗ mal erſt die See ſehen, dann würden Sie eine noch 1 größere Sehnſucht nach dem Fernen und Unbekannten empfinden. Oder haben Sie ſchon das Meer irgend wo geſehn?“ „Nie, obgleich ich ſchon oft das Veilonef danach empfunden habe.“ „Nun, dies Verlangen werden Sie bald Pefriedigen ¹ können. Dieſer und der nächſte Monat bringen uns 365 hoffentlich viele ſchöne Tage und dann können wir leicht eine Fahrt nach der Oſtſee unternehmen, die in dieſer Richtung nur eine gute halbe Stunde von hier entfernt iſt.“ Auf dieſe Mittheilung folgte wiederum eine län⸗ gere Pauſe, die indeſſen von beiden Anweſenden wohl nicht gedankenlos zugebracht wurde. „Eigentlich,“ fing Joſeph wieder zu ſprechen an, „iſt eine Ausſicht wie dieſe hier, die durch Nichts als den im Nebel verſchwimmenden Horizont, durch das blaue Himmelsgewölbe oder die buntgefärbten Wolken begränzt iſt, befriedigender, als der Anblick eines von hohen Gebirgen umſchloſſenen und dadurch beengten Thales. In St. Goar am Rhein zum Beiſpiel— haben Sie vielleicht jene berühmte Flußſchlucht ſchon geſehen?“ „Nein.“ „Nun ja, da habe ich mich ſtets im Herzen bedrückt gefühlt, ſo ſchön und geſchwungen der breite Strom dahinrauſcht und ſo maleriſch die mit Weinſtöcken be⸗ deckten Felſen, mit ihren verfallenen Burgen auf den ſtarrenden Klippen, an beiden Ufern emporragen, trotz⸗ dem dort in der Nähe die verführeriſche Lurley ihre Wohnung hat und mit ihrem Sirenengeſange Alt und 366 Jung an ihren Felſen ſchmiedet. Alſo Sie ſind nie am Rhein geweſen?“— „Nein, ich habe nur den Harz, den Thüringer Wald und die ſächſiſche und böhmiſche Schweiz geſehn. Im nächſten Jahre erſt will der Vater mit uns nach der wirklichen Schweiz und Italien reiſen.“ Das Wort„ſächſiſche Schweiz“ hatte Joſeph Sohn wieder etwas verwirrt und nachdenklich gemacht— wenigſtens ſchwieg er abermals. Plötzlich ſich zuſam⸗ menraffend und dabei das Erbeben und Erröthen über⸗ ſehend, welches unwillkürlich ſich über die Wangen ſeiner Begleiterin ergoß, warf er alles falſche Scham⸗ gefühl ab, und um ſich für alle Zukunft reine Bahn zu machen, ſagte er dreiſt:„Mein gnädiges Fräulein, verzeihen Sie die plötzliche Wandlung meines Geſprächs, aber es bedrückt mich Etwas ungemein, was auf Sie Bezug hat.“ Ohne Zweifel glaubte Sophie zu wiſſen, was jetzt kam; ſie neigte das Geſicht vor ſich nieder und ſpielte unbewußt mit ihrem kleinen Sonnenſchirme. „Ja,“ fuhr Joſeph fort,„laſſen Sie uns das jetzt gleich beſprechen, da wir allein ſind, und nehmen Sie meine inſtändigſte Bitte um Verzeihung gütig und nachſichtig auf, aber was ich Ihnen zu Leide that, that ich ohne alle eigene Schuld.“ 367 „Mir? Ei, ich wüßte doch nicht, daß Sie mich gekränkt hätten.“ „Nein, das nicht, aber ich befand mich einſt Ihnen gegenüber in einer Lage, die mich in dem Augenblicke, als ſie ſich ereignete, mehr als beſtürzt gemacht und gepeinigt hat. Bei dem Worte„ſächſiſche Schweiz“ fällt mir alles vor drei Jahren Erlebte ein und—“ „O, bitte, laſſen Sie das, ich bin längſt darüber aufgeklärt und weiß, daß Sie vollkommen ſchuldlos waren. Die Beſitzerin des einſamen Waldhauſes, in dem wir nothgedrungen unſer Nachtlager aufſchlagen mußten, hat mir Alles mitgetheilt, was Sie betraf, und ſo ſind Sie in meinen Augen längſt gerecht⸗ fertigt.“ „Alſo Sie haben mich geſtern Abend wiedererkannt?“ „Ja, auf den erſten Blick. Ich vergeſſe ſelten Ge⸗ ſichter, die ich einmal geſehn,“ ſetzte ſie hinzu und er⸗ röthete gleich darauf, als ſie wahrſcheinlich hierbei des ſchönen Geſichtes ihres damaligen und jetzigen Veglei ters gedachte. „Mir geht es auch ſo; aber es iſt ſonderbar, wie oft man ſich doch in Geſichtern täuſcht, die man nie geſehn und doch ſchon geſehn zu haben glaubt.“ „ Das iſt richtig. Meine Mutter zum Beiſpiel, die ich geſprochen, ehe wir heute zu Tiſche gingen, glaubte 368 auch ein bekanntes Geſicht in Ihnen entdeckt zu haben. Aber— es iſt mir lieb, daß wir davon ſprechen— wie hat Ihnen meine Mutter gefallen?“ „Was ſoll ich darauf antworten? Worte drücken nur ſelten auf die richtige Weiſe Gefühle aus, und Ihre Frau Mutter hat in Wahrheit mein ganzes Ge⸗ fühl erregt.“ „Das freut mich. Es iſt doch eigen, daß ſolche Eindrücke oft gegenſeitig ſind. Auch meine Mutter haben Sie, wie es ſcheint, tief bewegt, denn ſie glaubt Sie ſchon irgend wo unter beſtimmten Verhältniſſen geſehn zu haben.“ „Wo hat ſie früher gelebt?“ „In der Stadt Hannover und deren Umgegend, ſo viel ich weiß.“ 3 „Da bin ich nie geweſen, obgleich ich ihr ſtets ſehr nahe war.“ „Nun ja, es ſcheint uns aber oft ſo, wenn wir einen Menſchen ſehen, der ein anſprechendes oder ab⸗ ſtoßendes Aeußere hat, als ob wir ihm ſchon irgend wo einmal begegnet wären. Ach meine arme Mutter! Schade, daß ſie ſo leidend iſt, ſie iſt ſo gut!“ „Davon war ich im erſten Augenblick, als ich ſie ſah, überzeugt. Iſt ſie ſchon lange leidend?“ „So lange ich ſie kenne. Aber ihr Leiden ſcheint 369 mit der Zeit zuzunehmen und mir iſt immer zu Mu⸗ the, wenn ich ihr wachsartiges Geſicht und ihre ſchmel⸗ zenden Augen betrachte, als ob ſie von einer innern Sehnſucht, vielleicht nach einem ſüdlichen Klima ver⸗ zehrt würde.“ „Nach einem ſüdlichen Klima? Sie liebt aber England am meiſten, hat ſie mir geſagt.“ „O ja, ich ſage auch nur, es ſcheint mir ſo, und darum iſt es mir doppelt lieb, daß mein Vater näch⸗ ſtes Jahr mit uns Italien beſuchen will.“ „In der ſächſiſchen Schweiz war ſie nicht mit Ihnen?“ „Nein, das war meine Tante und Fräulein von Krecht. Meine Mutter verläßt nur ſelten das Gut, geht nie in Geſellſchaft und vermeidet ſo viel wie möglich, Fremde bei ſich zu ſehen.“ „Sonderbar, und doch iſt ſie liebenswürdig genug, um in der erſten Geſellſchaft zu glänzen.“ „Auf dieſen äußern Glanz hat ſie nie etwas ge⸗ geben, ſie lebt faſt nur innerlich und verzehrt ſich augenſcheinlich dabei. Ach, das thut mir ſehr leid, denn ich liebe ſie außerordentlich.— Aber, wo bleibt Werner? Ach ja, da fällt mir ein, er iſt beim Cantor Treumann, und der hält ihn feſt wie immer. Werner kann nie genug Muſik hören und ſelbſt machen.“ Emery Glandon. 1. 4 24 370 „Da können wir ja heute Abend zum erſten Mal ein kleines Concert veranſtalten?“ „Gewiß, das wollen wir auch. Meine Mutter freut ſich ebenfalls darauf. Sie hört ſehr gern gute Muſik.“. „Dann wollen wir uns Mühe geben, ihr Freude zu bereiten.“ „Ach ja, ich werde Ihnen dafür recht dankbar ſein.“ Während dieſes Geſprächs war die Sonne allmä⸗ lig tiefer geſunken; ihre purpurnen Strahlen vergol⸗ deten nur noch die höchſten Spitzen der Bäume und machten ſo den Sonnenſchirm unnöthig, den Sophie, ohne es zu wiſſen, noch immer vor ihren Kopf ge⸗ halten hatte. Als ſie es endlich bemerkte, klappte ſie ihn zuſammen und bei dieſer Bewegung entglitt er ihrer Hand. Joſeph bückte ſich ſogleich, hob ihn auf und trug ihn bis nach Hauſe. Da Werner vergeblich auf ſich warten ließ und auf dem weit ſichtbaren Wege vom Dorfe her nicht erſchien, ſo traten Sophie und Joſeph den Rückweg allein an. In weniger als einer halben Stunde hat⸗ ten ſie das Gut erreicht und Jedes von ihnen war auf ſein Zimmer gegangen. Die Brücke zu ihrer Be⸗ kanntſchaft und gegenſeitigen Mittheilung war durch dieſen Spaziergang geſchlagen und der junge Ha1us — 371 lehrer mußte ſich geſtehen, daß er durch die Erneue⸗ rung dieſer Bekanntſchaft und durch die anziehende Perſönlichkeit der Baronin eben ſo viel auf dem Gute gewonnen, als er durch Fräulein Sibylle und ihre Widerwärtigkeit ſchon verloren gegeben hatte. Gern wäre Joſeph, nachdem er von dieſem Spa⸗ ziergange nach Hauſe gekommen, noch einmal nach dem Dorfe geeilt, um ein Stündchen bei Rachel zu verleben, allein die Zeit war ihm dazu zu kurz gemeſ⸗ ſen, da er nach ſechs Uhr ſeine Gegenwart im Ge⸗ ſellſchaftszimmer zugeſagt hatte. Um dieſe Zeit daher begab er ſich dahin, wohin ſeine Pflicht ihn rief und er fand ſchon ſämmtliche Mitglieder der Familie ver⸗ ſammelt, außer den Baron, der wie gewöhnlich um dieſe Zeit auf irgend ein Gut in der Nachbarſchaft gefahren war, und Werner, der jedoch jeden Augen⸗ blick erwartet wurde. Der große Salon, der gewöhn⸗ liche Sammelplatz für die geſelligen Stunden, eignete ſich vortrefflich zu muſikaliſchen Aufführungen, da er groß und hoch genug dazu und ſein Raum nicht, wie die übrigen Zimmer des Schloſſes, durch einen Ueber⸗ fluß von Möbeln und Verzierungen beſchränkt war. Der ſchöne Flügel ſtand in der Mitte, ſo daß man ſtets das Geſicht des Spielers beobachten konnte, und dieſem gegenüber hatte man einen großen runden Tiſch 24 372 aufgeſtellt, um den herum auf Divans und Seſſeln die Zuhörer ſich gruppirten. Als Joſeph Sohn in den noch vom Tageslicht er⸗ leuchteten Raum eintrat, ſah er die Baronin und Sophie auf der einen, Fräulein Sibylle mit ihrer Freundin auf der andern Seite des Tiſches ſitzen. Nachdem man ſich gegenſeitig begrüßt, wurde der Hauslehrer zum Sitzen neben der Frau vom Hauſe genöthigt und ſogleich entſpann ſich ein Geſpräch, das anfangs nur aus an Joſeph gerichteten Fragen be⸗ ſtand, bald aber von ihm, nicht in belehrender, doch wenigſtens erzählender und erklärender Weiſe fortge⸗ führt wurde. Man hatte mit den traurigen Ereigniſ⸗ ſen der Tagespolitik, der fieberhaften Unruhe der Völ⸗ ker, den mannigfachen Sorgen der Fürſten begonnen und man ſprach ſich offenherzig ſeine Befürchtungen in Bezug auf das Allgemeine aus, da man in Bezug auf das Einzelne, Naheliegende glücklicherweiſe nicht beſorgt zu ſein brauchte. Joſeph liebte das kannegießeriſche Geſpräch über Politik nicht, am wenigſten in Gegenwart von Frauen, und ſo lange man bei dem Aufzählen hiſtoriſcher Thatſachen blieb, behielt er den Gegenſtand bei; als aber Fräulein Sibylle ſich in ſchmähendes Kritiſiren dieſer und jener Handlungsweiſe ergoß, hielt er es 373 für gerathen, dem unerquicklichen Geſpräche eine an⸗ genehmere Wendung zu geben. Dieſe Abſicht gelang ihm vortrefflich und wurde ſogleich von der Baronin unterſtützt, die ſichtlich erfreut ſchien, als ſie vernahm, daß die geringſten Wellenbewegungen des politiſchen Meeres in England verſpürt worden waren. Das Wort Wellenbewegung baute die Brücke zur Wendung des Geſprächs, das für den ganzen Abend auch nicht wieder auf den verlaſſenen Boden zurückkehrte, und man hörte mit wachſendem Erſtaunen die anſchaulichen Erklärungen an, die Joſeph mit gewandter Zunge über verſchiedene naturwiſſenſchaftliche Gegenſtände ver⸗ nehmen ließ. Alles war ſtill geworden, ſobald der unterrichtete Hauslehrer ſeinen kleinen Vortrag begonnen hatte, und lauſchte mit Spannung ſeinen fließenden Worten; keine Frage wurde mehr laut und man ließ ihm un⸗ beſchränkte Freiheit, das Begonnene fortzuſetzen, in welcher Richtung er wollte. Allein er dehnte ſeinen ernſten Vortrag nicht über die Gebühr aus. Nach⸗ dem er, von Sophien dazu angeregt, über einige Vor⸗ gänge in der Atmoſphäre und deren Einwirkung auf die Oberfläche des Meeres geſprochen und dabei mehrmals auf Alexander von Humboldt's Kosmos gekommen war, den die ſtaunende Welt ſo eben begrüßt hatte, verſprach 8 ————;——— ————. 2 —— 4* 5—— 3 8 3 8..— N 374 er einige Kapitel dieſes herrlichen Werkes am nächſten Abend zu erläutern, wenn es den Hörern angenehm ſei. Man war ſehr erfreut darüber, that noch einige Fragen, die ſich auf den eben verlaſſenen Gegenſtand bezogen, und ſchwieg dann einige Augenblicke, als wolle man das ſo friſch Vernommene bedenken und dem Gedächtniß um ſo tiefer einprägen. Wähend dieſer kurzen Pauſe richteten ſich mehr⸗ mals die Augen der Anweſenden auf die Thür, als erwarteten ſie Jemanden mit Ungeduld. Fräulein Sibylle war endlich die Erſte, die dieſer ſchweigſamen Erwartung einen Ausdruck verlieh. „Wo bleibt Werner?“ fragte ſie, ihr Geſicht feſt auf die Baronin richtend, als ob dieſe im Stande wäre, ihr eine erklärende Antwort zu Theil werden zu laſſen. Die Baronin, die eine feine Arbeit in Händen hielt und von Zeit zu Zeit ihre Augen von derſelben ab und auf den redenden Hauslehrer gerichtet hatte, bemerkte wohl den forſchenden Blick, allein durch lange Gewohnheit geübt, den befehlshaberiſchen Geberden der herriſchen Schwägerin mit Sanftmuth auszuwei⸗ chen, ſenkte ſie ihre ſchönen Augen tiefer auf die Ar⸗ beit und ſprach einige Worte leiſe zu Sophie, ſo daß ſie Niemand weiter verſtehen konnte. 375 Das alte Fräulein, durch dieſe ihr unhöflich er⸗ ſcheinende Ausweichung leicht erregt, wandte ſich jetzt mit ihrer lauter wiederholten Frage an Herrn Sohn, und als er zu wiſſen verneinte, wo der junge Baron ſei, ſagte ſie mit ſpitzem Tone:„Herr Sohn, das iſt Ihre Sache, dafür zu ſorgen, daß Werner ſich Abends bei uns einfindet, wenn das Licht auf dem Tiſche er⸗ ſcheint. Ich bitte, bemühen Sie ſich einmal hinaus und ſehen Sie zu, ob er etwa auf ſeinem Zimmer iſt. Joſeph, ſich leicht verbeugend und die Augen der Baronin und Sophiens nicht gewahrend, die ſich theilnehmend auf ſein erröthendes Geſicht hefteten, erhob ſich lautlos und wollte eben die Thür öffnen, als dieſelbe etwas heftig aufgeriſſen ward und Werner ſelbſt eintrat. Da Valentin ihm auf dem Fuße mit einigen Lampen folgte, die das Zimmer hell erleuch⸗ teten, ſo konnte man bald die Aufregung erkennen, in der er ſich befand; denn wie vom raſchen Gange war ſein Geſicht erhitzt, ſeine Haare lagen nicht in der gewöhnlichen glatten Ordnung und ſein Auge fuhr unſtät durch die kleine Verſammlung, in die er ſo geräuſchvoll getreten war. „Guten Abend,“ ſagte er mit bebender Stimme und wandte ſich zuerſt zur Mutter, deren Hand er küßte; dann lächelte er, verſtohlen etwas Neues verheißend 376 ſeine Schweſter an und blieb endlich mit ſpähendem und lebhaft funkelndem Auge auf dem Hauslehrer haften. Alle boten ihm einfach einen guten Abend, nur Tante Sibylle hielt es für ihre Pflicht, dem Neffen einen etwas herben Verweis zu geben, daß er ſo lange ausgeblieben ſei. „Erhitze Dich nicht, Tante,“ entgegnete Werner, „Valentin hat ſo eben erſt die Lampe gebracht und ich habe alſo Nichts verſäumt. Ueberdies bin ich ja wohl über die Jahre hinaus, wo man mir die Stunde ſo genau beſtimmt, wann ich wieder nach Hauſe keh⸗ ren ſoll.“ Allgemeines Schweigen folgte auf dieſe etwas hef⸗ tig geſprochene Erwiderung; Tante Sibylle entfärbte ſich und warf dem Hauslehrer einen Blick zu, als wollte ſie ihm noch tiefer einprägen, daß es ſeine Sache ſei, für dergleichen Ungebührlichkeiten einen Ausweg zu finden. Endlich nahm ſich Sophie der unbehaglichen Stimmung an und ſagte lächelnd und ſchon durch den Ton ihrer Stimme ihre gute Abſicht verrathend: „Biſt Du bis jetzt bei dem alten Treumund ge⸗ weſen, Werner?“ 4 „Ja, Sophie, und ich habe einen großen Genuß gehabt— doch davon nachher.“ 377 „Haſt Du muſicirt, mein Sohn?“ fragte die Ba⸗ ronin. „Nach Herzensluſt, Mama.“ „Dann werden wir wohl heute nicht auf Deine Theilnahme rechnen können?“ „Warum nicht? Muſik kann man nie zu viel hö⸗ ren und treiben. Nur will ich mich erſt etwas erho⸗ len, ich bin raſch gegangen und es iſt warm draußen.“ „Dann, Herr Sohn, werden Sie wohl den An⸗ fang machen müſſen!“ „Sehr gern, gnädige Frau; nur hätte ich gern, bevor ich ſelbſt mich an den Flügel ſetzte, erſt die Fähigkeit Derjenigen geprüft, die hier meine Schüler werden ſollen, damit ich um ſo beſſer weiß, worauf. ich meine Aufmerkſamkeit zu richten habe.“ „O, was ich leiſten kann, wiſſen Sie ja ſchon,“ ſagte Werner lächelnd—„darum thäte wohl Sophie am beſten, ihr Licht leuchten zu laſſen.“ Sophie, die ihren Bruder liebte und ihm nach der eben erfahrenen Zurechtweiſung Seitens der Tante eine kleine Entſchädigung wollte zu Theil werden laſ⸗ ſen, erhob ſich ohne alle heutzutage bei jungen Da⸗ men übliche Ziererei, legte ihre Arbeit bei Seite und begab ſich leiſe ſchwebend, wie ſie immer ging, an den Flügel.„Was ſoll ich ſpielen, Herr Sohn?“ fragte 378 ſie dieſen, der von ſeinem Stuhle aufgeſtanden war und ſich dem Flügel genähert hatte. „Was Sie Ihrer Meinung nach recht gut ſpielen.“ „Sie meinen, ein Lieblingsſtück?“ „Ja, denn die ppielt man in der Regel am beſten.“ Gleich darauf ließen ſich die erſten Flügeltöne an dieſem Abend hören und Sophie gab eine kleine So⸗ nate von Reiſſiger zum Beſten, die ſie ſo gut ſpielte, wie man ſie wohl von jungen Damen ihres Alters und Standes öfters ſpielen hört. Als ſie fertig war, gab Sohn durch einige ermun⸗ ternde Worte ſeinen Beifall kund und näherte ſich höf⸗ lich der Spielerin, ihr ſeinen Dank zu ſagen. „O, loben Sie mich nicht!“ ſagte ſie, hold erröthend, „ich ſpiele recht gern, aber ich habe kein Talent dazu.“ „Woher weißt Du das?“ fragte Tante Sibyllle. „Das merkt man am beſten ſelbſt, liebe Tante, wenn man aufrichtig über ſich zu Gericht ſitzt; und ſo gut Werner weiß, daß er Talent hat, ſo gut weiß ich, daß ich keins habe.“ Werner wollte ſich dagegen auflehnen, als die Thür geöffnet ward und mit ſeinem gewöhnlichen ſchwerſälligen Tritt der Baron eintrat. Alle erhoben ſich und gingen dem Hausherrn entgegen, um ihn zu begrüßen. Aber er befand ſich nicht in der Laune, 379 viele Worte zu machen, denn er hatte ein gutes Glas Wein getrunken und fühlte ſich müde.„Laßt Euch nicht ſtören, Kinder“, ſagte er haſtig, indem er ſich auf einen bequemen Seſſel warf.„Fahrt fort in der Muſik, ich will Etwas hören.“ Werner gab Sohn einen Wink und dieſer befolgte ihn augenblicklich. Bald ſaß er vor dem Flügel, nicht fühlend, daß Aller Augen ſcharf auf ihn gerichtet wa⸗ ren, aus dem ſehr natürlichen Grunde, das Geſchick des neuen Muſiklehrers auch auf dieſem Felde kennen zu lernen. Sich mit der Linken, wie es ſeine Ge⸗ wohnheit vor Anfang des Spiels war, durch das reiche Lockenhaar ſtreichend und mit ſeinen Augen die Taſten überfliegend, als wolle er das Terrain noch einmal be⸗ ſichtigen, auf dem er einen Sieg erringen möchte, griff er feſt in die Taſten und ließ eine jener rauſchen⸗ den und doch gefühlvollen Phäntaſieen hören, in de⸗ ren Vortrag er ſeit Jahren Meiſter war. Hatten mehrere ſeiner Zuhörer vielleicht gefürchtet, er werde nicht ſo gut ſpielen, als man allgemein er⸗ wartete, oder hatten andere gehofft, er werde dieſe Erwartungen nicht erreichen, ſo hatten jene vergeblich gefürchtet und dieſe vergeblich gehofft, denn Joſeph's meiſterhaftes Spiel machte beide Vorausſetzungen zu — nichte. Er riß mit einem Wort Alle hin und nur 380 die verſchiedene muſikaliſche Bildung der einzelnen Zu⸗ hörer gab ſich durch verſchiedene Beiſtimmung kund. Denn während der Baron, nachdem Joſeph geendet, ſein:„Recht hübſch!“ vor ſich hinbrummte und nicht ungeneigt ſchien, ſich einem vorzeitigen Schlummer zu überlaſſen, waren Sophie und Werner dicht an ſeine Seite getreten und ſagten ihm aufrichtig gemeinte herz⸗ liche Worte, und die Baronin ſaß mit klopfendem Her⸗ zen auf ihrer Stelle, unvermögend, weder eine Bewe⸗ gung zu machen, noch ein Wort zu ſprechen. Nur Fräulein Sibylle flüſterte ihrer Freundin zu, die ihren Beifall durch laute Ausrufungen kund gethan:„Du biſt ja ganz entzückt, Urſel! Wie kann man ſich über ſo Etwas außer Athem bringen! Mein Gott! das Klim⸗ pern iſt ein Handwerk, ſo gut wie das Kochen, und dieſer Herr hat ſein Handwerk gelernt. Das iſt Alles!“ „Was war das, was Sie ſpielten?“ fragte Sophie während dieſer Flüſterei. „Das war eine freie Phantaſie!“ rief Werner ent⸗ zückt,„und ſie war vortrefflich.“ „Woher wiſſen Sie, daß es eine freie Phantaſie war?“ fragte ihn Joſeph Sohn. „8, ſo viel verſtehe ich auch davon. Uebrigens folgten Sie derſelben Melodie, die Sie geſtern auf dem Cello ſpielten.“ 381 „Nicht derſelben, aber einer ähnlichen, allerdings, denn mir liegt eine ſchöne Melodie, die ich mit Vorliebe geſpielt, immer einige Tage im Kopfe, bis ich ſie ganz verarbeitet habe; erſt dann verflüchtigt ſie ſich.“ Sophie, die ſich bei dieſen Worten an den Tiſch begab, fand, daß der Baron wirklich eingeſchlafen war. Trotzdem wurden nach einer Pauſe noch meh⸗ rere Klavierſtücke vorgetragen und auch Werner ließ ſich auf der Geige hören, was den Baron wieder er⸗ weckte. Unterdeſſen war die Zeit des Abendeſſens ge⸗ kommen nnd Valentin erſchien, um der Muſik für die⸗ ſen Abend ein Ende zu machen, indem er meldete, daß angerichtet ſei. Der Abendtiſch, der ſonſt ſelten länger als eine halbe Stunde dauerte, wurde heute durch die Anwe⸗ ſenheit des Barons und weil es Sonntag war, etwas länger hinausgezogen; als man ſich daher erhob, wor⸗ auf der Baron ſogleich in ſein Zimmer ging, war Fräulein Sibyllens Singeſtunde gekommen und dem⸗ gemäß traten Knechte und Mägde— auf Socken ein⸗ herſchreitend wie die Frommen des Orients, weil ſie den geheiligten Raum nicht mit ihrem ſchweren Schuh⸗ in zwei Reihen, die Mägde voran, die Knechte hin⸗ werk entweihen durften— in den Salon, ſetzten ſich— 382 ter ihnen, auf einfache Holzſtühle, die ſich ein Jeder mit hereinbrachte, und, nachdem der Hauslehrer einen Wink erhalten hatte, vor dem Flügel Platz zu neh⸗ men und ſeinen Choral zu beginnen, fand jener ſchon einmal beſchriebene ohrenbetäubende Geſang ſtatt, der Fräulein Sibyllen und ihrer Freundin ausnehmend geeignet ſchien, die Herzen der Singenden zu dem Throne des Allmächtigen zu erheben. Die Baronin ſaß während dieſer eine Viertelſtunde dauernden Ceremonie auf ihrem Sopha mit gefalteten Händen und ſchaute die Reihen der Singenden ent⸗ lang nach dem Flügel, deſſen Kerzen das jugendliche Geſicht des Hauslehrers hell beleuchteten und einen Ausdruck darauf bemerkbar machten, der die eben ſo fromme wie der Frömmelei abgeneigte Baronin in Ungewißheit ließ, ob er Mitleid mit dem zu dieſem Gottesdienſt gepreßten Geſinde oder Verwunderung über Diejenige ausſprach, die denſelben hervorzurufen für ihre Pflicht hielt. Als der Geſang beendet war, erhoben ſich Alle, und zu ihrem nicht geringen Erſtaunen hörte die Baronin Herrn Sohn einige paſſende Worte 2zum Schluß der Feierlichkeit ſprechen. Als die Dienſtleute, beim Vorübergehen vor der Baronin ſich freundlich verneigend, ſich entfernten, erfuhr dieſe auf ihre Frage von Sophien, daß Tante Sibylle ſchon am vorigen 383 Tage dem jungen Manne die Erfüllung dieſes Am⸗ tes zur unabweislichen Pflicht gemacht habe. Eine halbe Stunde ſpäter hatten ſich alle Bewoh⸗ ner des Schloſſes in ihre Zimmer zurückgezogen, nur Einer verließ das ſeinige und, von einer innern Un⸗ ruhe umhergetrieben, die ihm ganz ungewöhnlich war, ſuchte er noch einmal den Damenflügel des Hauſes auf, um mit einer der Bewohnerinnen deſſelben eine ſtille Zwieſprache zu halten. Es war Werner, der, leiſe ſeinen Weg fortſetzend, an die Thür ſeiner Schwe⸗ ſter ſchlich und behutſam anklopfte. Nach einer Weile fragte eine zarte Stimme, wer da ſei, und als er: nich bin es, Werner, ich habe noch mit Dir zu ſpre⸗ chen,“ geantwortet, wurde ihm die Thür raſch geöff⸗ net und er ſchlüpfte in das zierliche Gemach, deſſen Bewohnerin er ſchon im Nachtgewande antraf. „Was willſt Du ſo ſpät bei mir, Werner? Aha, ich kann es mir denken. Du willſt beichten undsmir den Grund der Unruhe mittheilen, die Dich heute ge⸗ plagt hat.“. „Etwas dergleichen will ich allerdings, ja, Sophie, Du haſt es errathen. Höre, ich muß Dir mein Herz 384 ausſchütten. Doch ſage mir zuerſt, wie gefällt Dir der neue Lehrer?“— Sophie verſuchte mit dem Kopfe in irgend einen matt beleuchteten Winkel ihres Zimmers zu gelangen, aber der ungeſtüme Bruder, der ihren Arm gefaßt hatte, hielt ſie in ſeiner Nähe feſt und ſah ihr ſo ſcharf in die Augen, daß ſie wahrſcheinlich nur allein davon erröthete. „Offen geſtanden,“ antwortete ſie nach einigem Zögern,„kommt es mir ſeltſam vor, dieſen Mann als unſern Lehrer zu betrachten, der nur wenige Jahre älter iſt als Du— indeſſen ſcheint er ſeinem Poſten vollkommen gewachſen zu ſein.“ „Ganz gewiß, Sophie, er iſt ein tüchtiger Kerl und mir gefällt er ſehr gut. Weißt Du, wir müſſen ihn auf alle Weiſe gegen Sibylle in Schutz nehmen, denn die ſcheint ihre Krallen ſchon tief in ſein Fleiſch geſchlagen zu haben. Pfui, daß man von ſeiner eig⸗ nen Verwandten ſolche Worte gebrauchen muß! Aber⸗ ſie iſt wirklich eine böſe Sieben, wie es ſelten eine giebt. Wenn ich ſie mit der Mutter vergleiche, ſobald ſie einmal neben ihr ſitzt, fällt mir das am lebhafte⸗ ſten ein und ſie wird mir alle Tage widerwärtiger.“ „Biſt Du, um mir Das zu ſagen, noch ſo ſpät zu mir gekommen?“ 385 „Nein, Sophie.“ „So ſage mir, was Dich den ganzen Tag ſo ſelt⸗ ſam aufgeregt hat.“ „Ja, das wollte ich. auch. Sage einmal, Du haſt doch von Jakobine gehört, daß der Lehrer noch— noch Jemand mitgebracht hat?“ „Ja, wunderbar genug; und Jakobine ſagt, es e eine kleine Jüdin.“ „Richtig, das ſcheint wenigſtens ſo, obgleich ſie ſchon in der chriſtlichen Religion Fortſchritte gemacht hat und von morgen an auch den Confirmationsun⸗ terricht des Predigers in Brenkowitz beſuchen wird. Aber höre, ſo klein und unbedeutend dieſes Mädchen äußerlich iſt— ſo groß iſt ſie innerlich—“ „Wie meinſt Du das?“ „Rachel— ſo heißt ſie— iſt nur ein Kind, wenn man ſie von ferne ſieht. Wenn man ihr aber nahe tritt, ihr Geſicht betrachtet und ſie ſprechen hört, vor allen Dingen aber, wenn man ſie Klavier ſpielen hört und ſieht— ſieht, ſage ich— dann iſt ſie kein Kind mehr, ſondern ein mächtiger Dämon ſcheint in ihr aufzuflammen und ſie bringt Töne heraus, die eben ſo wunderbar klingen, wie ihre glänzenden Augen düſter und mitunter himmliſch durch den leeren Raum vor ihr leuchten. Mit einem Worte, Rachel iſt ein Emery Glandon. I. 25 * 386 Genie, wie ich noch keins in meinem Leben geſehen habe.“ 2 1 „Du haſt noch ſehr wenig Genies in Deinem Le⸗ ben geſehen, Werner.“ „Wohl, aber ich habe don davon gehört und ge⸗ leſen. Und weißt Du, was mich am meiſten dabei in⸗ tereſſirt? Das mußt Du aber für Dich behalten und noch Niemandem ſagen, ehe wir nicht größere Gewiß⸗ heit haben.“ „Was mag das ſein? Du ſetzeſt mich mit Dei⸗ ner geheimnißvollen Miene beinahe in Schrecken.“ „Ganz recht, Geheimniß, wie Du ſagſt; ein Ge⸗ heimniß ſcheint allerdings zwiſchen ihr und ihrem bis⸗ herigen Erzieher, eben unſerm Lehrer obzuwalten, das ich noch nicht ganz durchdringen kann.“ Sophie ſchauderte leicht zuſammen und wechſelte ſichtbar die Farbe. Ihr vorher ſo blühendes Geſicht wurde l bleich und dann wieder dunkler gefärbt als vor⸗ heer. Vielleicht war es die Stunde der Nacht und das geheimnißvolle Weſen ihres Bruders, was ihr Herz ſchneller klopfen ließ. „Aber was kann das für ein webeinnis ſein?“ ſagte ſie endlich. „Gewiß ein recht merkwürdiges, was ein klareres Licht auf Sohn werfen würde, wenn wir es wüßten. 387 O, aber ich werde es bald erfahren, denn ich werde täglich nach Brenkowitz gehen und mit dieſer kleinen Rachel über unſern Lehrer ſprechen. Schon habe ich bemerkt, daß dies das angenehmſte Geſpräch iſt, wel⸗ ches man ihr darbieten kann.“ Jetzt erglühte Sophie wirkich wie eine Roſe, und kaum wußte oder ahnte ſie, aus welchem Grunde; wahrſcheinlich aber malte ſie ſich, durch die unklaren Anſpielungen ihres Bruders fortgeriſſen, ein Verhält⸗ niß aus, welches der Natur der Sache am allerwenig⸗ ſten entſprach. „Höre,“ fuhr Werner fort,„Du wirſt neugierig ſein, dies Wunderkind zu ſehen; aber thue mir den Gefallen, bemühe Dich nicht eher, ſie kennen zu ler⸗ nen, als bis ich Dir ſage, daß es Zeit dazu iſt. Ich bin überzeugt, ſie erzählt mir über kurz oder lang ihre ganze Vergangenheit— und dann—“ „Werner! Du wirſt Dich doch nicht in das Ber⸗. trauen eines ſo armen Weſens eindrängen wollen, blos um Deine Neugierde zu befriedigen?“ „Neugierde, Sophie? O, wie denkſt Du ſo er⸗ bärmlich von mir! Nein, wahrhaftig, wenn ich mich um ihr und Herrn Sohn's Schickſal bekümmere, ſo ge⸗ ſchieht es aus reiner Theilnahme für Beide und weil — weil ich mich bemühen will, dieſes armen Mäd⸗ 25* 388 chens Daſein auf jede Weiſe zu erleichtern. Sie hat bisher immer bei Sohn gelebt und nun muß ſie ent⸗ fernt von ihm bei einem armen Dorfſchulmeiſter woh⸗ nen und kann ihren Freund täglich nur eine halbe Stunde ſehen. Iſt das nicht traurig, Sophie?“ „Das muß ſehr traurig für das arme Kind ſein. Höre, Werner, ſage mir aufrichtig,— iſt ſie ſchön?“ „Bewahre, eher das Gegentheil. Gelbbleich, ma⸗ ger, halb verkümmert; nur ihre Hand iſt wundervoll wie aus Alabaſter gemeißelt und mit Sammet über⸗ zogen. Wenn ſie aber ſpricht, verändern ſich ihre Farben und ihre ſchwarzen Augen werden noch einmal ſo groß, wie ſie an ſich ſchon ſind. Wirklich ſchön aber wird ſie, wenn ſie Muſik macht und dann hat ſie etwas Hinreißendes in ihrem ganzen Geſicht, dann iſt es wie in Aether getaucht und mit Schmelz über⸗ goſſen— o, Du haſt ſo Etwas noch nie geſehen.“ Sophie ſchwieg. Ihr Herz klopfte ungeſtüm, ihr Buſen wogte und ſie ſuchte ihres Bruders Auge zu vermeiden, der aufgeregt, wie er noch nie geweſen war, vor ſeiner Schweſter ſtand. „Nun gut,“ ſchloß ſie das ſeltſamſte Geſpräch, welches ſie an dieſem Tage geführt,„ich will ihre Bekanntſchaft machen, wenn Du mir ſagſt, daß es Zeit dazu iſt. Vergiß aber nicht, daß morgen Dein Unterricht beginnt und daß Dir Tante Sibyllle einen Streich ſpielen könnte, wenn ſie merkt, daß Du, an⸗ ſtatt im Hauſe zu ſein, immer in Brenkowitz biſt.“ „O, ich werde mich ſchon in Acht nehmen, verlaß Dich darauf. Und nun gute Nacht, Sophie!“ Er ſchlich leiſe wieder zur Thür hinaus und den Corridor hinab; Sophie aber ſaß noch eine ganze Weile auf derſelben Stelle und ſtarrte, ſeltſamer Ge⸗ danken voll, vor ſich hin, bevor ſie ihr nächtliches La⸗ ger ſuchte.„ Dreizehntes Aapitel. Vier Wochen ſpäter. Wir haben uns bei der Beſchreibung des erſten Tages der Anweſenheit unſers Freundes im freiherrli⸗ chen Schloſſe zu Brenkowitz abſichtlich etwas länger auf⸗ gehalten, weil wir den Leſer mit den Sitten und Ge⸗ wohnheiten daſelbſt genauer bekannt machen wollten, denn in ähnlicher Weiſe wie dieſer eine Tag, verliefen die übrigen der nächſten vier Wochen, gemiſcht mit kleinen Freuden und Leiden, wie es ja überhaupt das menſchliche Leben auf dieſem Planeten mit ſich bringt. Joſeph hatte ſich während dieſer vier Wochen, die ihm ungemein raſch verſchwanden, in alle Verhältniſſe eingelebt, er hatte alle mitwirkenden Perſonen mit ſei⸗ nem natürlichen Scharfblicke durchforſcht, ſo gut über⸗ haupt ein Menſch den andern durchforſchen kann, und die Licht⸗ und Schattenſeiten der Familie im Einzelnen 391 wie im Allgemeinen waren ihm bekannt geworden. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß es ſich im Gan⸗ zen, wenn auch nicht gemüthlich und harmlos, doch erträglich werde leben laſſen, und daß die üblen Eigen⸗ ſchaften eines Theils der Bewohner durch die guten der andern ziemlich vollſtändig aufgewogen wurden. Das war in ſeiner eigenthümlichen, abhängigen Lage ſchon ein großer Vortheil, denn wenn die ſchlimmen Eigenſchaften die Obergewalt gehabt hätten, ſo würde er größerem Leide und herberen Entbehrungen unter⸗ worfen geweſen ſein. So hatte ſich ſehr bald das ſchroff vornehme und auf ſeine Demüthigung abſicht⸗ lich berechnete Weſen der eigentlichen Gebieterin des Hauſes, des Fräuleins Sibylle, dadurch weſentlich mil⸗ dern müſſen, daß der junge Mann, ſo weit es ſich thun ließ und mit ſeiner perſönlichen Würde vertrug, ihren weitgehenden Anſprüchen zu genügen ſich be⸗ mühte, ihren Wünſchen nachkam und die von ihr vor⸗ geſchriebenen Hausregeln möglichſt erfüllte. Ob er in ihren Augen dadurch bedeutend gewonnen hatte, möch⸗ ten wir nicht ſo leicht zugeſtehen, denn es lag gar nicht in ihrer Abſicht, ihn irgend einen Einfluß oder nur eine Einwirkung auf ſich und ihr Handeln ge⸗ winnen zu laſſen, ſie wollte ihn abhängig, durchaus aber nicht tadelfrei haben, damit ſie vollkommenen 392 Spielraum behielt, ihn nach ihrer Weiſe und ihren Anſichten zu modeln und, da er ja doch nur in ihren Augen ein integrirender Theil des Geſindes war, mit Fug und Recht ſeine Moralpredigerin zu bleiben. All⸗ mälig hatte ſie auch die in dieſem Punkte einigerma⸗ ßen erſchütterte Uebereinſtimmung ihrer Freundin Ur⸗ ſel wieder gewonnen und beide vortreffliche Perſonen wetteiferten oft im Stillen mit einander, wie dem jungen Menſchen, der ſich im Umgange mit den übri⸗ gen Mitgliedern des Hauſes ſo wohl fühlte, begreiflich zu machen ſei, daß er der Diener und ſie ſeine Herren ſeien. Alle kleinen Quälereien und Zeitbeſchränkungen nun, die ſie in ihrer regen Phantaſie erſinnen konnten, wurden angewandt, den Herrn Hauslehrer, wie ſie ſich ausdrückten, kirre zu machen und auch ſeine Bäume nicht in den Himmel wachſen zu laſſen. Allein, es wollte ihnen nie recht gelingen, ihn in einer eigentlich unterwürfigen Stellung und mit demüthiger Miene zu ſehen, nein, er behielt ſeine frei und kühn empor⸗ getragene Stirn bei und aus ſeinen hellen Augen leuchtete niemals ein bekümmerter Blick, wie ſich auf ſeinen blühenden Wangen auch niemals die Spur ei⸗ ner Selbſterniedrigung blicken ließ. Um ſo mehr aber waren ſie bedacht, ihn in Feſſeln zu ſchlagen, und wenn das auch im Laufe der erſten vier Wochen nicht 393 gelungen war, ſo gaben ſie doch die Hoffnung nicht auf, daß es ihnen künftig und bei günſtiger Gelegen⸗ heit beſſer glücken werde. Was ſein im erſten Augenblick angeſtauntes Talent betraf, ſo hatte ſich dieſer erſte Eindruck, wie es bei oberflächlich gebildeten und eigentlich herzloſen Men⸗ ſchen oft geſchieht, ſehr bald verwiſcht, andere Ein⸗ drücke, Intereſſen und Wünſche hatten denſelben ver⸗ drängt, und nur Abends in der dazu beſtimmten Stunde, wo er entweder allein ſpielte oder Sophiens und Werner's Spiel mit irgend einem Inſtrumente begleitete, erneuerte ſich auf einige Augenblicke ihre Bewunderung, ſchmolz aber bis zum andern Tage wieder hin, wie der des Abends gefallene Schnee wäh⸗ rend der milder gewordenen Nacht ſchmilzt. So hatten ſie ſich ſehr bald an die in Brenkowitz bisher nicht ge⸗ hörten muſikaliſchen Leiſtungen gewöhnt; ſie betrachte⸗ ten ſie, wie ſie Alles betrachteten, was ihrer Meinung nach untergeordnete Weſen um ſie herum vollbrach⸗ ten, als einen ihrem höheren Stande, ihrem größeren Vermögen gezollten Tribut, der, da er ja gut bezahlt wurde, weder ein Opfer noch eine beſondere Dar⸗ legung größerer Kenntniſſe und höherer Geiſtesbega⸗ bung war. Was das Verhältniß Sohn's zum Baron ſelbſt be⸗ 394 traf, ſo hatte es ſich um kein Jota anders geſtaltet, als es am erſten Tage ausgeſprochen worden war, und der Baron hatte ſeinerſeits nichts dazu gethan, dem Hauslehrer ſeiner Kinder der herrſchſüchtigen Schweſter gegenüber eine angenehmere und freiere Stellung zu bereiten. Er ließ die Sachen gehn, wie ſie einmal gingen und ſeit Jahren gegangen waren; der Trieb und die Luſt, ſelbſtändig mit in das Rad der Häus⸗ lichkeit einzugreifen, ging ihm völlig ab, und die Wich⸗ tigkeit der Sache war ſeiner Meinung nach ſo bedeu⸗ tend nicht, daß ſie beſondere Aufmerkſamkeit, alſo eine über ſeine angeborne Trägheit gehende Anſtrengung verlohnte. Dann und wann, wenn er den jungen Mann bei Tiſche oder irgend wo anders ſah, redete er wohl einige Worte mit ihm, als derſelbe aber ei⸗ nes Tages ſeinen Vorſchlag, ihn auf die Jagd zu be⸗ gleiten, mit der Bitte abgelehnt hatte, ihn von der Jagd ein für alle Mal zu entbinden, hatte er ſogar ſchon halb und halb den Geſchmack an ihm verloren, da er ja der hauptſächlichen Eigenſchaft eines gebilde⸗ ten Mannes entbehrte, mit kaltem Blute die Thiere des Waldes niederzuſchießen. Zufällig war dieſe Scene eines Abends bei Tiſche in Gegenwart der Baronin vorgefallen und ſie hatte mit ſichtbarer Verwunderung des Hauslehrers höfliche 395 aber beſtimmte Ablehnung angehört. Als ſie am an⸗ dern Morgen mit dem jungen Mann und ihrer Toch⸗ ter während des Muſikunterrichts allein war und der Herr Gemahl ſo eben, ohne von ihr Abſchied zu neh⸗ men, auf zwei Tage zur Jagd in der Nachbarſchaft gefahren war, führte ſie das Geſpräch darauf zurück und fragte Joſeph Sohn geradezu, warum er nicht der Einladung des Barons zu dem Vergnügen im Freien gefolgt ſei, zumal er doch ſo wenig Abwechſe⸗ lung bei ihnen habe. „Gnädige Frau“, erwiderte er,„Sie vergeſſen, daß Sie beſchloſſen hatten, heute Nachmittag einen größeren Spaziergang zu unternehmen und Abends Engliſch zu treiben.“ Die Baronin ſenkte das wie von innerem Leid ſtets ſchwere Haupt, ſagte aber kein Wort. „Ueberdieß“, fuhr Jener fort,„muß ich Ihnen aufrichtig bekennen, daß ich kein Freund von der Jagd bin, nie gejagt habe und nie zu jagen denke.“ Das ſchöne Haupt der ſtillen Dulderin erhob ſich bei dieſen Worten raſch wie der Blitz und wandte ſich mit einer eigenthümlichen Bewegung dem jungen Manne zu, der ſeine Meinungen ſtets ſo offenherzig kund gab. Ohne daß ſie ein Wort ſprach, ſah man ihren bebenden Lippen an, daß eine Frage darauf 396 ſchwebte, und ſchon war der Lehrer ihrer Kinder ſo weit in Erkenntniß ihrer ſtillen Wünſche vorge⸗ rückt, daß er dieſelben von ihren ſchweigenden Lippen ablas. „Sie möchten wiſſen, warum ich die Jagd nicht liebe“, fuhr er fort.„Nein, ich liebe ſie ganz und gar nicht, habe ſogar einen unbezwinglichen Wider⸗ willen dagegen. Es thut mir immer im Herzen wehe, wenn ich ein von der Kugel des Menſchen getroffenes blutendes Thier des ſtillen Waldes ſehe, und nie könnte ich meine Hand ſelbſt dazu leihen, ein Gleiches zu thun.“ Die Baronin fuhr empor, wie wenn ſie einen plötz⸗ lich ausbrechenden Schmerz nicht länger bemeiſter könne. Bleich und immer bleicher werdend, wankte ſie zur Thür, von der ſchnell hinzuſpringenden Sophie unterſtützt. „Bleib!“ hauchte ſie kaum hörbar der Tochter zu und deutete verſtändlich mit der Hand auf ihren ver⸗ laſſenen Platz zurück. Sie ſelbſt eilte aus dem Zim⸗ mer, kam auch nicht zu Tiſche und ließ erſt Abends nach dem Eſſen Herrn Sohn bitten, eine Stunde mit ihr ſich zu unterhalten. „Was war das?“ fragte der erſchrockene Hausleh⸗ rer Sophien, die wieder an ihre Arbeit zurückgekehrt 3 397 war.„Ich habe Ihrer Frau Mutter doch nicht weh gethan?“ „O, wie könnten Sie! Sie haben ja nichts ge⸗ ſagt, was ſie ſchmerzlich berühren könnte. Ach, das iſt immer das alte Leiden, und ähnliche Zufälle ha⸗ ben uns früher ſchon mehr geängſtigt als jetzt, wo wir daran gewöhnt ſind.“ „Geht es denn aber immer bald wieder vorüber? „0 ja, ſie bedarf nur der Einſamkeit und Ruhe, um ſich zu erholen, und nachher ſieht ſie nicht gern, daß man davon ſpricht.“ „Das iſt ſeltſam. Leider kann man dergleichen nicht vorherſehn, ſonſt würde man Alles aufbieten, um es zu vermeiden.“— Im Uebrigen war gerade die Baronin Diejenige in Brenkowitz, die außer Werner dem jungen Lehrer am nächſten getreten war. Sie konnte es ſich nicht läugnen, daß ſeit ſeiner Anweſenheit auf dem Gute ein wärmerer Hauch durch ihr abgeſchloſſenes Leben wehe. Außer ihren Stiefkindern hatte ſie Niemanden gehabt, der mit ihr ſympathiſirte, mochte es ſein, wor⸗ in es wollte. Meiſt einſam, ihren eigenen Grübe⸗ leien und Erinnerungen überlaſſen, ſah ſie gleichgül⸗ tig einen Tag nach dem andern ſchwinden; ſie ſehnte ſich nicht nach dem Aufgang der Sonne, ſie bedurfte 398 ihren Untergang nicht, es war eben Nichts in ihrem Daſein, was ihr Freude, Theilnahme und Neigung erregt hätte. Jetzt aber hatte ſie einen geiſtes⸗ oder vielmehr gemüthsverwandten Menſchen wider Erwar⸗ ten gefunden, denn als ſolchen hatte ſich ihr Joſeph Sohn ſehr bald geoffenbart, ſie konnte manche Stunde mit ihm verplaudern, mit Befriedigung an ſeinen ſtets geiſtreichen Belehrungen Theil nehmen und ſeiner Mu⸗ ſik lauſchen. Auch ging ſie wohl dann und wann ein halbes Stündchen mit ihm und den Kindern ſpa⸗ zieren, oder ſtudirte mit ihm ihre Lieblingsſchriftſteller, und ſtets war er bemüht, ſich ihr von der ihm eige⸗ nen liebreichen und zuvorkommenden Seite zu zeigen, wie er es gleich am erſten Tage gethan hatte. So war ihr denn Joſeph Sohn ſchon in dieſen vier Wo⸗ chen ſehr werth geworden; ſie hätte ſich ungern, ſehr ungern, wieder von ihm getrennt, erſt durch ihn hatte ſie die Freuden der Geſelligkeit kennen gelernt, die im Leben des Menſchen von ſo bedeutendem Einfluß auf ſeine innere und äußere Zufriedenheit iſt. Mit Sophien dagegen ſchien ſein Verhältniß nicht ſo günſtig fortgeſchritten zu ſein, wie es in Folge des vertraulichen Geſprächs am erſten Tage das Ausſehn gehabt hatte. Und das lag wohl in der Natur der Sache. Junge Damen pflegen nicht leicht eine Be⸗ 399 kanntſchaft mit ihrem Hauslehrer in vier Wochen kei⸗ men, blühen und Früchte tragen zu laſſen. Hiermit wollen wir durchaus nicht geſagt haben, daß Sophie eins von jenen hochnaſigen Fräuleins war, die eben in ihrem Lehrer nur den Diener und nicht den Men⸗ ſchen ſehen, Gott bewahre! ſie ſchätzte ſeine Kenntniſſe, ſeine Talente, ſie bewunderte die Gleichmäßigkeit ſei⸗ nes Betragens gegen die ſo verſchieden organiſirten Perſonen ſeiner Umgebung und erkannte ſeine Gefäl⸗ ligkeit und Liebenswürdigkeit nach allen Richtungen an— aber ſie war eher ſcheuer als vertraulich gegen ihn geworden, ſie wich ihm oft aus, wenn die Gele⸗ genheit ſich bot, mit ihm allein zu ſein, ſie vermied alle einſamen Spaziergänge mit ihm und hielt nur in Geſellſchaft der Mutter in ſeiner Nähe aus oder wenn ſie Unterricht bei ihm nahm, an dem in der Regel Werner, bisweilen auch die Baronin ſelbſt Theil nahm. Bei dieſem Unterrichte war ſie aufmerkſam wie nie, ſprach aber ſo wenig wie möglich und that Alles, was der kenntnißreichere Mann ihr zu rathen für gut fand. Kaum aber war der Unterricht vor⸗ über, ſo packte ſie ihre Bücher zuſammen und entfernte ſich, wenn Joſeph nicht ſogleich das Zimmer verließ. Wie ſie zu dieſer ſcheuen Zurückhaltung gekommen war, das wiſſen wir noch nicht, wohl aber war es 400 möglich, daß Werner's Andeutung in Bezug auf ein geheimnißvolles Verhältniß zu dem Judenmädchen da⸗ bei auf irgend eine Weiſe im Spiele war. Sicher war nur das, daß ſie auf jede Art vermieden hatte, mit Werner abermals über dieſen Gegenſtand zu reden, was dieſer mit gleicher Zurückhaltung erwiderte. Daß Werner von ſelbſt reden würde, ſobald er irgend Et⸗ was in Bezug auf Rachel erforſcht hätte, das wußte ſie, dazu kannte ſie ihren warmblütigen, offenherzigen Bruder, der Nichts verſchweigen konnte, was ſeine Seele bedrückte, zu gut. Ob ſie es dagegen mit Freu⸗ den erwartete, was er ihr mittheilen würde, das wollen wir ſo genau nicht erörtern, genug, ſie ließ ihm und ſich Zeit, eine Löſung des Räthſels zu finden, wie alle jene edlen Jungfrauen dem Himmel Zeit laſſen, für ihr Beſtes zu ſorgen, und die aus den Wolken für ſie herabträufelnde Gabe mit Ergebung erwarten, die dieſer Himmel für ſie geſammelt und aufbewahrt hat. Etwas anders verhielt es ſich dagegen mit Joſeph ſelbſt in Bezug auf ſein Verhältniß zur Tochter ſeines Herrn. Er hatte nicht lange Zeit gebraucht, zu erkun⸗ den, nicht wie ſchön, wie herrlich gewachſen, überhaupt wie äußerlich begabt ſeine Schülerin, nein, ſondern auch wie gut, wie edel, wie rein und hochherzig ſie 401 im Gegenſatz zu ihren nächſten älteren Verwandten war. Dieſe Beobachtung hatte ihn herzlich an ſie gefeſſelt, denn ſolche Vorzüge an einem ſchönen Mäd⸗ chen von achtzehn Jahren zu erkennen, erweckt in je⸗ dem edeldenkenden jungen Mann eine herzliche Freude. Mit dem größten Vergnügen bereitete er ſich auf den Unterricht mit ihr vor, mit der hingebendſten Auf⸗ opferung widmete er ihrer Belehrung viele Zeit, mit dem reinſten Intereſſe bemühte er ſich, in ſeinen Vor⸗ trägen ihr ſo klar, ſo verſtändlich wie möglich zu wer⸗ den. Und das wollen wir ihm nicht verdenken, denn es hat einen unglaublichen Reiz für einen hochgebil⸗ deten jungen Mann, ein ſchönes und für alles Wiſſen und Können begeiſtertes Mädchen zu unterrichten, ihr die große Welt im Kleinen, die Zukunft in der Ge⸗ genwart und das Göttliche im Menſchlichen zu offen⸗ baren. Freilich, von der Gefahr, der ſie ſich hierbei aus⸗ ſetzen, von dem Feuer, mit dem ſie ſpielen, haben ſolche Leute in der Regel keine deutliche Ahnung; erſt wenn die Flamme der in der Tiefe ihrer Herzen ſchlum⸗ mernden Gefühle hoch auf an die Oberfläche ſchlägt und mit Gewalt ſich ſichtbar und fühlbar macht, erſt dann begreifen ſie, was es heißt, die große Welt in der kleinen, die Zukunft in der Gegenwart das Gött⸗ Emery Glandon. I. 26 402 liche im Menſchlichen zu finden, denn Welt, Zukunft, Göttliches ſuchen ſie nicht außerhalb, ſondern in ſich ſelber auf, ſie halten das Perſönliche für das Allge⸗ meine, und wo ſie das Allgemeine lieben zu lernen glauben, fangen ſie an, das Perſönliche zu lieben, was in der Regel das Ende von dieſer Art Belehrung iſt. Doch ſo weit waren Joſeph und Sophie noch nicht, und nicht auf dieſe Weiſe ſollte die Flamme ihrer Herzen über ihre Häupter zuſammenſchlagen; auf ganz andre Art ſollte ſich der Knoten ihres Ver⸗ hältniſſes ſchürzen und eine Zukunft herbeiführen, die weder ihre Vergangenheit noch ihre Gegenwart für den Augenblick möglich erſcheinen ließ. Mit Werner war der neue Hauslehrer am ſchnell⸗ ſten in eine vertrauliche Stellung gerathen, und das lag eben ſo ſehr in ſeinem Wunſch wie in der Natur der Sache. Das ziemlich gleiche jugendliche Alter, ein gewiſſer Ernſt und eine Gediegenheit des Charak⸗ ters bei Beiden, ein redliches Streben und Wollen, ein gleich offenes, für alles Gute und Schöne empfäng⸗ liches Gemüth iſt ja wohl hinreichend, zwei junge Männer, die ſo nahe bei einander leben und die ſonſt nichts Feindliches trennt, auch innerlich zuſammenzu⸗ führen. So war ſehr bald der Zeitpunkt gekommen, wo ſie ſich weniger als Lehrer und Schüler, denn als 403 treue und ergebene Freunde einander zur Seite ſtanden. Alle Stunden, die Werner nicht in Brenkowitz bei'm Cantor zubrachte, ſuchte er jetzt wo möglich bei ſeinem Lehrer zuzubringen, und Joſeph konnte ſich nicht be⸗ klagen, einen trägen Schüler an ihm zu haben, denn ſelten wohl hat ein jüngerer Menſch, dem ein edler Drang ſtäten Fortſchreitens innewohnte, dem älteren ſo aufmerkſam das höhere Wiſſen abgelauſcht, ſelten ſo warm ſein ganzes Gefühl ihm entgegengetragen, wie Werner es Joſeph that. Aber gehen wir voll⸗ ſtändig bei unſerer Zergliedrung zu Werke— geſtehen wir aufrichtig ein, was außerdem noch dazu beitrug, dies Verhältniß zwiſchen Beiden zu einem unerwartet herzlichen und innigen zu geſtalten. Denn nicht al⸗ lein die guten und edlen Eigenſchaften des Jüngeren ſchloſſen ſich mit Vertrauen und Neigung dem Aelte⸗ ren an, nicht imponirte Dieſer Jenem durch ſein Wiſ⸗ ſen, ſein Talent, ſeine angenehme äußere Erſcheinung und ſein liebenswürdiges Betragen, nein— mit Joſeph Sohn war noch eine andre Macht verbunden, die Werner unwiderſtehlich auf ſeine Seite riß. Und das war Rachel— Rachel, das Judenkind, Rachel, die verlaſſene, die ehemals verkümmerte, aus ihrem natür⸗ lichen Boden geriſſene Pflanze, die unter ihres treuen Pflegers Hand allmälig zu einem Bäumchen empor⸗ . 26* 404 gewachſen war, wie es in der Regel nicht in ſo frühen Jahren mit Blüthen von ſo ſeltenem Dufte, und mit Früchten von ſo wunderbarer Süßigkeit geſchmückt iſt. Von dem Augenblick an, wo Werner Rachel ge⸗ ſehen und namentlich ihr muſikaliſches Genie erkannt hatte, war er wie durch die Gewalt einer Zauberei in ihre Nähe, an ihr Auge, an ihr Spiel gebannt. Daß hiermit keine phyſiſche Leidenſchaft verbunden war, glauben wir kaum noch andeuten zu müſſen, denn Rachels körperliche Entwicklung war zu dieſer Zeit noch nicht ſo weit vorgeſchritten, um einen Jüngling, wie Werner von Haldrungen, berauſchen und entzücken zu können. Daß er aber dennoch berauſcht und ent⸗ zückt war, das beweiſt, daß die dämoniſche Macht, die ihn bezwungen, eine rein geiſtige oder vielmehr ſee⸗ liſche war. Werner war von der Natur ſelbſt mit ſo reichem Talent begabt, daß er alles ähnlich Begabte, ähnlich Strebende außer ihm mit einer Art Begeiſte⸗ rung erfaßte, namentlich wenn er erkannte, daß das angeſtaunte Talent das ſeinige bei Weitem übertraf. So war es zwiſchen Rachel und ihm der Fall, und ſo blieb die Wirkung nicht aus, die wir angedeutet haben. Außer von dieſer geiſtigen Brüderſchaft ward Werner aber noch durch etwas Anderes an Rachel gefeſſelt oder wenigſtens leiſe zu ihr hingezogen— das war das 405 6 geheimnißvoll erſcheinende Band, welches ſeinen Leh⸗ rer mit ihr vereinigte. In ſeinen Gedanken mochte ſich etwas Abenteuerliches, Romantiſches an das Ver⸗ hältniß Beider knüpfen, und eine ſolche Beigabe hat für einen jungen Mann von neunzehn Jahren etwas außerordentlich Verführeriſches. Bis jetzt zwar hatte Werner noch keine Gelegenheit gehabt, vielleicht auch noch nicht das unwiderſtehliche Bedürfniß gefühlt, den Schleier dieſes Geheimniſſes zu lüften, aber doch war er in vertraulichen Mittheilungen ſchon öfters nahe daran geweſen, das Räthſel zu löſen und ſich auch von dieſer Seite zum innigeren Freunde Joſeph's em⸗ porzuſchwingen; denn das fühlte Werner wohl, daß, ſobald er das wahre Sachverhältniß zwiſchen Beiden erfahren haben würde, er ohne Zweifel ſein Herz dem geehrten älteren Manne ganz erſchließen müßte, wie ein junger Menſch voll Empfindung und Edelmuth es unter gewiſſen Verhältniſſen ſo ganz und gern thut. Jede Stunde, die er ſeinen Verwandten, ſeinem Lehrer entwinden konnte, brachte er in dieſen vier Wo⸗ chen im Hauſe des ſich dadurch hoch geehrt fühlenden Cantors und bei Rachel zu. Mit ihr muſieirte, ging, ſprach er, und er ſprach nicht von ſich, ſondern nur von Dem, weſſen ſein Herz voll war, von Rachel und ihrem Erzieher, ſeinem jetzigen Lehrer. Rachel ſelbſt 406 konnte nicht Angenehmeres begegnen; ſie ſah Werner gern kommen und ungern ſcheiden, denn er war ge⸗ wiſſermaßen der Erſatz für den ſeltener erblickten Joſeph geworden, und um ſo mehr, je häufiger er von ihm ſprach. Wenn ſie mit Werner zuſammen war, war auch im Geiſte wenigſtens Joſeph zugegen, und ſo hatte ſie ſich ſelbſt zum Vermittler zwiſchen Beiden erhoben, indem ſie ihm ſchon Manches aus ihrem klei⸗ nen Leben mitgetheilt, was noch Niemand ſonſt wußte, und Werner ſah mit wahrer innerer Befriedigung den Tag näher rücken, wo ſie das letzte Siegel von ihrer Lippe löſen und ihm ihr ganzes Verhältniß mit Jo⸗ ſeph aufdecken würde. Was Rachel's Studium um dieſe Zeit betraf, ſo hatte ſie ſowohl durch den Cantor, der die klaſſiſche Kirchenmuſik hochſchätzte und trieb, wie durch Werner viel Gelegenheit, zu lernen und ſich weiter zu bilden gefunden; Letzterer namentlich war im Beſitze eines vortrefflichen Notenſchatzes, und da ihm völlige Frei⸗ heit gegeben war, alles Neue, Schöne und Große in der Muſik ſich von aller Welt her kommen zu laſſen, ſo floſſen Rachel viele neue Hülfsquellen und Studienmit⸗ tel zu, die ihr ſelbſt bei Joſeph verſagt geweſen waren. Trotz dieſer im Allgemeinen günſtigen Lage fühlte ſich das arme verwaiſte Kind doch öfters ſchmerzlich 407 berührt, und daran war die längere Trennung von ihrem älteren Freunde ſchuld, der ſelbſt darunter ſicht⸗ bar litt. Hätte ſie in dieſer Beziehung ihre Sehn⸗ ſucht, wie früher, in ſtillen Abendſtunden befriedigen, an ſeiner Hand wie in Bremen durch die Gärten und Felder wandeln können, ſie wäre vollkommen glücklich geweſen. Aber vollkommen glücklich ſind ja nur we⸗ nige Menſchen auf Erden, und ſo fanden ſich auch dieſe Beiden in ihre Lage zurecht, die ihnen noch ge⸗ nügenden Stoff bot, ſich wenigſtens zufrieden zu fühlen. So wären wir denn mit der allgemeinen Zerglie⸗ derung der Verhältniſſe der uns nahe berührenden Per⸗ ſonen zu Stande gekommen und wir können uns jetzt zur Schilderung einzelner Thatſachen und Vorkommen⸗ heiten wenden, die mit der Entwicklung dieſer Erzäh⸗ lung in genauem Zuſammenhange ſtehn. Man war zu dem Ende des Monats October ge⸗ langt. Das Wetter war wider Erwarten bisher nicht ſehr günſtig geweſen und man hatte deshalb keinen weiteren Ausflug, am wenigſten aber eine Fahrt nach der Oſtſee unternehmen können, wie Fräulein Sophie ihrem Lehrer auf jenem Spaziergange verheißen hatte. Darum wickelte ſich Alles, was in Brenkowitz geſche⸗ hen konnte, im Innern des Schloſſes und für einige ſeiner Bewohner im Hauſe des Gantors ab. Von der 408 außen liegenden Welt durch anhaltende kalte Winde und Regengüſſe abgeſchnitten, lebte man im Allge⸗ meinen ein ganz behagliches Leben, und nur Wenige litten unter dem Einfluß, den das üble Wetter auf manche Organiſationen und manches Menſchen Laune auszuüben pflegt. Dies begegnete namentlich dem unruhigen Hausherrn, der es bei ſeiner unbeſchäftigten Lebensweiſe unerträglich fand, längere Zeit an einem und demſelben Orte ohne äußere Abwechſelung ver⸗ weilen zu müſſen. Er war gewohnt, faſt täglich in der Nachbarſchaft herumzureiten, hier oder da ein Spiel zu machen oder eine Bowle zu leeren, vor allen Din⸗ gen aber ſich auf der Jagd zu erluſtigen, und nun war von allem Dem nicht die Rede, wenigſtens leg⸗ ten die faſt unwegſamen Straßen, die anhaltenden Regengüſſe dergleichen Unternehmungen große Schwie⸗ rigkeiten in den Weg. Endlich an einem finſteren Tage, wo der Horizont durch Nebel verſchleiert, der Himmel mit einem bleiernen Wolkengerüſt bedeckt und jenſeit des Grabens, der das Schloß umzog, kein Baum zu erkennen war, nahm ſeine Ungeduld über⸗ hand und er vermochte nicht länger mehr im Zimmer auszuharren. Er ließ ſich ein Pferd ſatteln und ritt nach Tiſche ſüdwärts, um irgend einen Nachbar, der ſich vielleicht in ähnlicher Bedrängniß befand, mit ſei⸗ 409 nem Beſuche zu erfreuen. Aber ſchon nach wenigen Stunden war er wieder heimgekehrt, bis auf die Haut durchnäßt und bis in's Mark erkältet. Er hatte in der gewählten Richtung keinen ſeiner Freunde zu Hauſe getröffen und zu ſeinem Leidweſen hören müſſen, daß ſie faſt alle zu einem noch weiter ſüdlich wohnenden Gutsbeſitzer geladen ſeien, der ein großes Feſt veran⸗ ſtaltet hatte. Da der Baron mit dieſem Feſtgeber wenig verkehrte, auch zu weit von ihm entfernt wohnte, ſo konnte er ſich eigentlich nicht verletzt fühlen, bei dieſer Einladung übergangen zu ſein; allein der Be⸗ ſitzer von Brenkowitz war ein eigenthümlicher Herr und nahm ſogar Manches übel, was jedem andern Men⸗ ſchen unter ähnlichen Verhältniſſen ſehr gleichgültig ge⸗ weſen wäre. So kehrte er denn ſehr ſchlecht gelaunt nach Hauſe zurück, zankte mit Jedermann, der ihm in den Weg kam und ließ ſich eine Flaſche Pontac auf ſein Zimmer bringen, um ſeinen Groll damit hinweg⸗ zuſpülen. Auch ſchien ihm dieſe Abſicht vortrefflich gelungen zu ſein, denn die Flaſche war kaum geleert, ſo ſah man ihn ſchon mit dampfender Cigarre ſich zu ſeiner Schweſter begeben, um mit dieſer eine Art Haus⸗ rath zu halten, wie es bei wichtigen Vorkommniſſen ſeine Gewohnheit war. Das Reſultat dieſer Berathung war, daß Baron von Haldrungen ſich entſchloſſen hatte, 410 an einem der nächſten Tage auch einmal in ſeinem ei⸗ genen Schloſſe ein Feſt zu veranſtalten und ſeine Frau, falls ſie auch diesmal wie gewöhnlich Abneigung da⸗ gegen zeigen ſollte, ſich ſelbſt zu überlaſſen und ohne ihre Mitwirkung ſich als glänzender Gaſtgeber zu beweiſen. Kaum war dieſer Entſchluß reiflich nach allen Sei⸗ ten erwogen, ſo wurden auch ſchon mehrere Boten nach verſchiedenen Richtungen abgeſandt, um die aus⸗ erwählten Glücklichen mit der ſo ſeltenen Einladung zu überraſchen. Da keiner der übrigen Bewohner des Gutes von dem Vorgehenden Kenntniß erhielt, ſo er⸗ ſtaunten ſie nicht wenig, als Fräulein Sibylle am Abend bei der allgemeinen Verſammlung die Mitthei⸗ lung machte, der nächſte Sonntag werde ein großer Feſttag in Brenkowitz ſein und die muſikaliſchen Ta⸗ lente möchten ſich vorbereiten, die aus Nähe und Ferne berufenen Gäſte mit einigen Muſikſtücken zu erfreuen, wie ſie in gleicher Vollendung vernehmen zu laſſen kein benachbartes Gut in der Lage war. Sophien kam dieſe Mittheilung ſehr ungelegen, ob⸗ wohl ſie dabei im erſten Augenblick weniger an ſich als an ihre Mutter dachte; als ſie nun aber im Stil⸗ len auch die übrigen obſchwebenden Verhältniſſe über⸗ legte, wollte ihr immer weniger behagen, was der Vater und die Tante ſo eilig unternommen, wenngleich 8 „ 411 ſie auch jetzt noch weit entfernt war, ſich den eigentli⸗ chen Grund ihres Mißbehagens einzugeſtehn. Ihrer Meinung nach hatte ſie ſich einmal in das gegenwär⸗ tige ſtille Leben im elterlichen Hauſe ſo hinein gedacht und gefühlt, daß es ihr eine Art Entweihung er⸗ ſchien, es durch ſo viele Gäſte, deren Weſen und Beneh⸗ men ſie aus Erfahrung kannte, unterbrechen zu laſſen. Unterdeß ließen die Vorbereitungen zu dieſem Feſte nicht lange auf ſich warten. Alles was dazu beitra⸗ gen konnte, es ſo glänzend wie möglich zu machen, wurde in Thätigkeit geſetzt, und in Küchen und Kel⸗ lern, nicht weniger in den zur Aufnahme der Gäſte beſtimmten Räumlichkeiten machte ſich ein Lärm und eine Bewegung bemerklich, und Tante Sibylle, mit dem lauter als gewöhnlich raſſelnden Schlüſſelbund in der Hand, eilte mit einer Aufregung und Haſt hin und her, als hinge von ihren Anordnungen das Wohl und Wehe aller lebenden Weſen im Schloſſe ab. Da ſie aber nicht allein die häuslichen Vorbereitungen übernommen hatte, ſondern auch das geſellige Ver⸗ gnügen nach ihrem Kopfe geregelt haben wollte, ſo vernahmen einige Tage vor dem Feſte Alle, welche an demſelben Theil zu nehmen berufen waren, daß um zwei Uhr das Diner beginnen, dann Nachmittags ver⸗ ſchiedene Spiele ausgeführt werden, Abends vor dem 412 Souper aber ein kleines Concert ſtattfinden ſolle, wozu Herr Sohn das Programm zu entwerfen den Auftrag erhielt, um durch die Kunſtfertigkeit ſeiner Schüler dem Feſte den größten Glanz zu verleihen. Der Hauslehrer, dem dies Feſt ſehr gleichgültig war, weil er einmal an dergleichen keinen Gefallen fand, ſodann aber vorausſah, daß ihm ſelbſt dabei keine angenehme Rolle aufgetragen werden würde, nahm dieſen in befehlshaberiſchem Tone ihm zuge⸗ fertigten Auftrag ſehr ruhig auf, denn es bedurfte bei ihm keiner beſonderen Mühwaltung in dem Entwer⸗ fen jenes Programms, da er die Lieblingsſtücke ſeiner Schüler kannte und genau wußte, was ſie hören laſ⸗ ſen konnten, um Beifall zu ärndten. Dennoch be⸗ ſprach er mit Werner Einiges, dem auch Fräulein Sophie beiſtimmte, und tagtäglich bis zum Feſte konn⸗ ten nun die Hausbewohner diejenigen Muſikſtücke er⸗ tönen hören, die den ſeſtlichen Abend zu verherrlichen beſtimmt waren. So kam der Sonnabend heran; die meiſten Ein⸗ geladenen hatten zugeſagt, und in den Zimmern und Sälen, Küchen und Ställen von Brenkowitz war Al⸗ les im ſtrahlendſten Gewande, die gegen Mittag er⸗ warteten Gäſte mit dem gehörigen Pomp zu empfangen. Vierzehntes Mnpitel. Das Feſt und ſeine Folgen. Der Morgen des Sonntags war angebrochen und zwar in ſo heiterer Laune, wie man ſich nur den Morgen eines Feſttages wünſchen kann. Statt des graubewölkten Himmels der vorhergegangenen Tage zeigte ſich nur reine Aetherbläue, ſtatt der tobenden Winde wehte eine milde ruhige Luft, und ſtatt des beſtändigen Regenguſſes ſtreute die Herbſtſonne ihre goldenſten Strahlen über das ganze Land. Welche Wunder eine ſolche Veränderung auf das menſchliche Gemüth hervorzuzaubern vermag, darin hat gewiß Jeder Erfahrungen geſammelt, der eine Zeit lang bei ſchlechtem Wetter auf dem Lande lebte. Auch im Schloſſe zu Brenkowitz regte es ſich noch einmal ſo lebendig und freudig, und ſelbſt die am wenig⸗ ſten mit dem Bevorſtehenden Einverſtandenen blick⸗ 414 ten fröhlich und heiter in die aufgehellte Landſchaft hinaus. Joſeph hatte die Abſicht gehabt, einige Frühſtun⸗ den dieſes Tages bei Rachel zu verleben, aber darin wie in vielen andern Dingen ſollte er ſich diesmal ge⸗ täuſcht haben, denn ſchon während er noch beim Früh⸗ ſtücke ſaß und in einem wiſſenſchaftlichen Werke las, erſchien Jungfer Jakobine bei ihm und beſchied ihn ſoo bald wie möglich zum gnädigen Fräulein. Mißmuthig legte er ſein Buch bei Seite und klei⸗ dete ſich an, um dem Befehle Folge zu leiſten, als Werner bei ihm eintrat, um ihn zum Spaziergange nach dem Dorfe abzuholen, wozu Beide ſchon am Abend zuvor ſich verabredet hatten. Als Werner hörte, daß Joſeph ihn nicht begleiten könne und daß die Tante ihn wahrſcheinlich den ganzen Morgen mit verſchiedenen Aufträgen zu beſchäftigen wiſſen werde, ſchoß ein nur mit Mühe unterdrückter Freudenſtrahl über ſein heiteres Geſicht. Er tröſtete den Hauslehrer mit einigen Worten, nahm dann deſſen Grüße an den Cantor und Rachel mit auf den Weg und trat ſeinen Gang mit dem Pudel, der ihm willig folgte, ziemlich eilig an. Bald darauf begab ſich Joſeph zum gnädigen Fräulein und fand ſeine Befürchtungen voll⸗ kommen beſtätigt. Die mit ihrem Hausweſen voll⸗ 74 „ 415 auf beſchäftigte Dame hatte ihm ſo viele Aufträge zu ertheilen, ſo viele Wünſche auszuſprechen, deren Voll⸗ führung eine lange Zeit in Anſpruch nahmen, daß Joſeph wohl einſah, er werde den ganzen Tag nicht von der Sklavenkette frei werden und ſein Morgen⸗ ſpaziergang nach dem Dorfe werde ganz unterbleiben müſſen. Und ſo war es denn auch. Denn, nachdem er alle Pflichten gegen die Schweſter ſeines Herrn er⸗ füllt, nahm dieſer ſelbſt ihn noch verſchiedenartig in Anſpruch, und ſo war die Zeit ſehr bald verſtrichen und Joſeph kehrte gegen zwölf Uhr einigermaßen be⸗ drückt auf ſein Zimmer zurück, um ſich zu dem bald beginnenden Feſte anzukleiden. Als er damit beſchäftigt war, trat Valentin unge⸗ wöhnlich haſtig bei ihm ein und fragte, ob er nicht wiſſe, wo der junge Herr ſei, er habe ihn im ganzen Hauſe geſucht uud könne ihn nicht finden. Der Herr Baron wolle ihn ſprechen und ſei ungehalten, dah er ſich nirgends blicken laſſe. „Bei mir iſt er nicht und ich weiß auch nicht, wo er ſich aufhält, wenn er nicht noch im Dorfe iſt, wo⸗ hin er ſich heute Morgen begeben hat.“ „Dort kann ich ihn nicht ſuchen, es wird hier im Hauſe bald alle Hände voll zu thun geben.“ Damit entfernte ſich der alte Diener und ging, 416 ſeinem Herrn Bericht abzuſtatten. Kaum aber war er bei dem Baron geweſen und ging eben über den Hof, um eine Beſtellung auszurichten, ſo ſah er den Ge⸗ ſuchten im Sturmſchritt über die Brücke treten. Als Valentin ihm entgegenlief, um ſich ſeines Auftrags zu entledigen, ſah er, daß ſein Geſicht hoch geröthet war und daß ſeine Augen von einer Aufregung flammten, die bei dem jungen Manne eben nicht gewöhnlich war. Werner ſtand ſtill und hörte flüchtig des Alten Beſtellung an. Mit zwei Sprüngen flog er dann die Treppe zu ſeinem Vater hinauf, bei dem er einige Minuten blieb, um ſeine Wünſche anzuhören. Der Baron, der in dieſem Augenblick Wichtigeres zu thun hatte, als ſich um das Ausſehn ſeiner Kinder zu be⸗ kümmern, achtete nicht auf ihn, ſah ihn vielmehr gar nicht an, ſo daß Werner, nachdem er ſeine Worte oberflächlich angehört, wieder davon eilte und ſich nach dem Zimmer ſeiner Schweſter begab. Da er die Thür verſchloſſen fand, ſo klopfte er an, aber nicht in ſei⸗ ner gewöhnlichen ſtillen, ſondern in ſehr heftiger Weiſe. „Wer iſt da?“ fragte Sophiens ſilberne Stimme von innen her. „Ich bin es, Sophie,— Werner! Oeffne geſchwind.“ „Es geht nicht gut, ich bin mit dem Ankleiden beſchäftigt.“— 417 „Dummes Zeug! Oeffne nur, ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen.“ Sophie warf ein großes Tuch über die Schultern und öffnete raſch die Thür, nicht weniger über das Ausſehn ihres Bruders, wie über ſein ungeſtümes Be⸗ gehren, gerade jetzt bei ihr Einlaß zu fordern, ver⸗ wundert.— Was Werner der Schweſter ſo Wichtiges mitzu⸗ theilen hatte, wollen wir jetzt nicht belauſchen, da wir einen Theil deſſelben ſogleich aus ſeinem eigenen Munde erfahren werden; denn nachdem er eine Vier⸗ telſtunde etwa bei Sophien zugebracht, mit ihr geflü⸗ ſtert und ohne Zweifel irgend einen Plan berathen hatte, kehrte er bedächtiger nach dem Herrenflügel zu⸗ rück und trat bei ſeinem Hauslehrer ein, der eben ſeine Toilette beendigt hatte. Obgleich Werner ſich ſchon einigermaßen beruhigt und geſammelt hatte, ſo bemerkte Joſeph doch ſogleich, daß ihn etwas Ungewöhnliches innerlich beſchäftige, denn ſeine Wangen waren noch immer entflammt und ſeine Augen hefteten ſich mit einem ſeltſam forſchen⸗ den und doch zugleich herzlichen Blick auf den ſtattli⸗ chen Mann, der vor ihm ſtand. „Was bringen Sie mir, Werner— ſind Sie ſchon 8 bei Ihrem Herrn Vater geweſen?“ Emery Glandon. I. 27 418 „Ja. Das iſt Nebenſache jetzt. Aber was ich Ihnen bringe? Wollen Sie das wirklich wiſſen und wollen Sie es gütig aus meiner Hand annehmen?“ Joſeph ſah den bewegten jungen Mann erſtaunt an, denn in ſeinen Worten lag eine zutrauliche, warme Herzlichkeit, wie er ſie noch nie an ihm wahrgenom⸗ men hatte.„Gewiß“, ſagte er ſinnend,„nehme ich gern an, was Sie mir bringen, denn mit ſolchem Stimmlaute und ſolchen überſtrömenden Augen bringt man nichts Schlimmes.“ „So denke ich auch. Nun, Herr Sohn, ich bringe Ihnen meine vollkommene Freundſchaft und ganze Ergebenheit— da, reichen Sie mir die Hand und ſagen Sie: Werner, ich will Ihr Freund ſein.“ Joſeph fühlte ſich im innerſten Herzen von dieſer offenen, natürlichen Weiſe gerührt— er reichte raſch ſeine Hand hin, die Werner kräftig ergriff und lange ſchüttelte.„Aber nun ſagen Sie mir, was das zu bedeuten hat, warum Sie mir— mir heut' ein ſo ſchönes Geſchenk darbringen?“ „Ja, das will ich, das muß ich, und wenn ich Ihre Freundſchaft auch noch nicht verdiene, ſo verdie⸗ nen Sie die meinige doch gewiß. Aber zuvor muß ich um Ihre Verzeihung bitten; ich habe mich unbe⸗ rufen in Ihre und andrer Leute Angelegenheiten ge⸗ drängt, und was ich da erfahren, das hat meine je⸗ zige Handlungsweiſe hervorgerufen. Mit einem Worte — verwundern Sie ſich über meine Neugier und Keck⸗ heit, aber ſeien Sie mir nicht böſe— ich bin bis jetzt bei'm Cantor in Brenkowitz geweſen. Ich habe mit Rachel, da Sie nicht kommen konnten, einen weiten Spaziergang gemacht und habe ſie durch mein Geſpräch, durch allmäliges und wiederholtes Forſchen dahin ge⸗ bracht, daß ſie mir— ihre Vergangenheit erzählt hat und wie Sie— ja Sie ſich ihrer erbarmt und zu Dem gemacht haben, was ſie jetzt iſt.“ Joſeph Sohn ſtand mitten im Zimmer, mit weit geöffneten Augen ſeinen jungen Freund betrachtend und im tief bewegten Herzen einen Quell heraufſtei⸗ gen fühlend, ſo warm, ſo wonnig, ſo überaus beglük⸗ kend, wie er noch nie in ſeinem Leben etwas Aehnli⸗ ches glaubte empfunden zu haben. Wenn es auf Erden ſchon eine Anerkennung unſrer Thaten und Hand⸗ lungen giebt— und warum ſollte es nicht?— Jo⸗ ſeph Sohn empfing ſie ſchon jetzt in dem herzlichen Entgegenkommen des jungen Barons, und dadurch einen Theil ſeines Lohns. Demzufolge lächelte er, wo⸗ bei er ſein Auge feucht werden fühlte, ſtreckte noch einmal ſeine Hand Werner hin und ſagte warm:„Wa⸗ rum ſoll ich Ihnen verzeihen, Werner, Sie haben mir 27* 420 damit ja nichts Uebles gethan. Wenn Das, was Sie heute Morgen erfahren haben, ſo wichtig und ange⸗ nehm für Sie war, wie es den Anſchein hat, warum haben Sie mich nicht ſelbſt gefragt, ich hätte Ihnen Alles mitgetheilt, was ein Menſch davon wiſſen kann.“ „O nein, Herr Sohn, nein, lieber Freund, daran zweifle ich ſehr. Sie hätten mir das nicht mit der natürlichen Wahrheit, der Innigkeit, dem Dankgefühle, ſo daß ich die Thatſachen mit Händen greifen konnte, geſagt, wie Rachel es gethan, denn Sie ſind nicht der Mann, der ſich breit vor einen Mitmenſchen hinſtellt und ſagt: ich bin ein edler, braver und tugendhafter Mann!“ „Werner! Und das ſagen Sie mir in's Geſicht?“ „Ja, Joſeph Sohn, daß muß ich Ihnen in's Ge⸗ ſicht ſagen, denn ich liebe Sie herzlich.“ Und ſeine Arme ausbreitend, flog er auf ihn zu und drückte ihn ſtürmiſch an ſein Herz, während heiße Thränen über ſeine glühenden Wangen rollten. Des Lehrers Umarmung war nicht minder herz⸗. lich als die ſeines Schülers, wenn auch weniger un⸗ geſtüm; auch in ſeinen blauen Augen perlte eine Thräne, und er ſchämte ſich nicht, ſie ſeinen jungen Freund ſehen zu laſſen.„Sie wollen noch etwas ſagen, Wer⸗ ner,“ rief er, da dieſer ſichtbar noch einen Gedanken in ſich verarbeitete. 421 „Ja— aber ich beſinne mich eben, ob ich es nicht noch ein paar Stunden hinausſchieben ſoll— und das will ich in der That thun. Alſo warten Sie.“ „Was haben Sie mir zu ſagen? Geſchwind, da kommen die erſten Wagen und Sie müſſen ſich noch umkleiden.“ „Ach, laſſen Sie meinetwegen alle Wagen auf einmal über die Brücke donnern, was kehre ich mich an die ſteiffriſirten Herren und Damen, die ſich bald in meines Vaters Hauſe breit machen werden!— Nein, Joſeph, ich will Ihnen jetzt nur ſo viel ſagen, daß wir ein kleines Complott gegen Sie geſchmiedet ha⸗ ben, und erſt dann ſollen Sie davon hören, wenn es ſeiner Ausführung nahe iſt.“ „Ein Complott? Wir— ſagen Sie? Wer iſt die andere Perſon, die ſich mit Ihnen gegen mich ver⸗ bunden hat?“ Werner lachte laut, legte den Finger auf den Mund und entfernte ſich eben ſo heiter, wie er aufgeregt ge⸗ kommen war. Doch bevor er ſich in ſein Zimmer. begab, ging er hinunter in den Stall und beauftragte den Kutſcher, zu einer beſtimmten Stunde, die er nannte, zwei Pferde und eine Chaiſe bereit zu halten,* um raſch einen kurzen Weg damit zurückzulegen. Jetzt erſt begab er ſich in ſein Zimmer und kleidete 422 ſich an, wozu es die höchſte Zeit war, wenn er nicht den ceremoniöſen Empfang der allmälig anlangenden Geſellſchaft, wie er im Hauſe ſeines Vaters Gebrauch war, verſäumen wollte. Die mit Putz und Flitter überladenen Gäſte wa⸗ ren alle höchſt vergnügt angekommen, einige, nament⸗ lich jüngere, zu Pferde, die meiſten in allerlei Arten von Wagen, von denen manche ſchon im vorigen Jahrhundert Parade gemacht haben konnten. Nachdem ſie von der Dienerſchaft an der Thür in Empfang ge⸗ nommen, wurden die Damen in ein beſonderes An⸗ kleidegemach, die Herren in eins der Zimmer des Haus⸗ herrn geführt, um ihre Toilette aufzufriſchen und ſich zum Erſcheinen im Salon geſchickt zu machen. Dieſe höchſt wichtigen Vorbereitungen nahmen eine geraume Zeit hinweg und es war beinahe ein Uhr, als man ſich in geſchwätzigen Haufen, links und rechts Grüße und Scherze ſpendend, in die glänzenden Geſellſchafts⸗ zimmer begab. Von der Familie des Feſtgebers er⸗ ſchien Werner zuletzt; die Baronin dagegen, die ſich in dieſen Tagen ſehr wohl fühlte, war zu allgemeiner Verwunderung ſchon bei'm Empfange der Gäſte an⸗ weſend. Während nun die alten und jungen Damen 423 in ihrem bunten, von Blumen ſtrotzenden und von Gold und Edelſteinen blitzenden Flitter, und die Herren in ihren ſteifen ſchwarzen Röcken ſich in ein allge⸗ meines Begrüßungsgeſchwader zuſammengedrängt hat⸗ ten und dabei ein Geſchnatter und Gemurmel hören ließen, das ſich beſſer aus der Ferne als in der Nähe ausnahm, ſuchte Sophie aus dem verworrenen Knäuel ihren Bruder heraus, trat raſch an ihn heran und flüſterte ihm einige Fragen zu. Werner, bereitwillig ſeine Zuſtimmung nickend und der geliebten Schweſter, die in faſt allen Dingen ſeine Vertraute war, verſtohlen die Hand drückend, wandte ſich an Valentin, der, ir⸗ gend eines Auftrags gewärtig, an einer der Flügel⸗ thüren ſtand und, als er gehört, um was es ſich han⸗ delte, ſogleich das Zimmer verließ. Bald darauf trat aus einer der hinterſten Thüren die in dieſen Räumen noch niemals ſichtbar gewordene Geſtalt des Haus⸗ lehrers herein, der ſich, ſo ungewohnt ihm eine ſolche Geſellſchaft auch war, doch ſo gemeſſen, ruhig und geſchickt daherbewegte, daß er die Blicke vieler ihm Naheſtehenden auf ſich zog. Da er jedoch denſelben nicht vorgeſtellt wurde und ſich nur im Allgemeinen aus der Ferne höflich vor ihnen verbeugte, ſo erriethen ſie ſehr bald, daß er eine unbedeutende Perſönlichkeit ſei, zumal Fräulein Sibylle und ihre Freundin ſofort 424 eifrig bemüht waren, den neugierigen Fragen einiger ihrer Gäſte mit der eigenthümlichen Erwiderung zu begegnen:„Bitte, meine Liebe, es iſt nur der Haus⸗ lehrer!“. Aber die äußere Erſcheinung dieſes Hauslehrers, der nur mit Naſerümpfen und wegwerfendem Tone von Seiten der mächtigen Beherrſcherin des Haus⸗ weſens beehrt wurde, mußte doch mehr als gewöhnlich und unbedeutend ſein, denn es dauerte nicht lange, ſo wurden einige Lorgnetten hervorgeholt und in die Augenwinkel geklemmt, um ſich den großen, ſehr fein gekleideten Mann, der ſein ſchönes Haupt ſtolz wie ein Edelmann trug, etwas genauer zu betrachten. „Ein Hauslehrer?“ fragte eine in ſchweren Atlas gehüllte Dame, deren Alter die Mittagslinie des Le⸗ bens noch nicht überſtiegen hatte—„Der ein Haus⸗ lehrer? Sie ſcherzen wohl, meine Liebe; wenigſtens ſcheint er mir beinahe zu hübſch und viel zu jugendlich zu einem Lehrer für eine junge Dame, wie Sophie, und einen jungen Herrn, wie Werner.“„Kann er denn was?“„Wo iſt er her?“„Wie heißt er?“— ſo lauteten und ſchwirrten die erſten Fragen über Jo⸗ ſeph Sohn durch einander. Glücklicherweiſe hörte er ſie nicht, denn ſie würden ihm nicht wie günſtige Ver⸗ heißungen der bevorſtehenden Genüſſe geklungen haben, 425 auch kannte ſein Ohr dergleichen ſchmeichelhafte Aus⸗ drücke nicht, wie ſie die ſogenannte große Welt ſo häu⸗ ſig hören läßt, ohne ſich vielleicht bewußt zu ſein, daß ſchon in der Art und dem Tone der Frage eine Beleidigung liegt. Wenn Joſeph Sohn, fern von der glänzenden Ver⸗ ſammlung ſtehend, doch augenſcheinlich die Blicke Vie⸗ ler derſelben unausgeſetzt auf ſich gerichtet ſah und hierdurch endlich in einige Verlegenheit gerieth, ſo be⸗ freite die Baronin ſelbſt ihn ſo ſchnell wie möglich davon; denn ſobald ſie die eigenthümliche Lage des jungen Mannes wahrnahm, ging ſie auf ihn zu, bat ihn freudlich, ihr zu folgen und führte ihn mitten in den ſich allmälig trennenden Kreis, um ihn eini⸗ gen älteren Herren und Damen als den jungen Mann vorzuſtellen, der mit warmer Hingebung es übernom⸗ men habe, ihren Kindern die letzte Feile einer guten Erziehung zu Theil werden zu laſſen. So war Joſeph denn bald mitten in das Feuer der vornehmen Witz⸗ und Schlagwörter verſetzt und befand ſich bald darauf in fließendem Geſpräche mit einigen Edelleuten, die eine feine Bildung zu ſchätzen und einen ſolchen Mann ſeiner Stellung gemäß zu behandeln verſtanden. Endlich erſchienen einige Diener an der bisher noch geſchloſſenen Thür des großen Salons, worin geſpeiſt 426 werden ſollte, und Valentin meldete der Baronin, daß die Tafel die Gäſte erwarte. Dann wurden die Flü⸗ gelthüren geöffnet, und der Baron, eine reiche Dame aus der Nachbarſchaft führend, eröffnete den erfreuli⸗ chen Reigen, der ſchon mancher Verlegenheit und man⸗ chem bangen Harren ein Ende gemacht hat. Da die Tafel von Fräulein Sibylle geordnet war, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß jeder der Anweſenden ſeinen ihm gebührenden Platz erhielt, und ſo war es denn dem Hauslehrer beſchieden, abgeſondert von Allem, was ihn intereſſiren konnte, an einem unteren Ende der langen Tafel mitten zwiſchen einigen alten Jagd⸗ freunden des Barons ſeine Stelle zu finden. Allein Fräulein Sibylle hatte diesmal ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn der auf Alles aufmerkſame Werner, der Tante Spiel errathend, hatte im Stillen einige Zettel vertauſcht, und ſo geſchah es, daß er ne⸗ ben ſeinen neuen Freund zu ſitzen kam. So hatte er ſich ein ihm nicht vorbehaltenes Vergnügen erliſtet und Joſeph einige langweilige Stundin erſpart, denn ſo wenig der Hauslehrer für den größeren Theil der Geſellſchaft vorhanden war, ſo wenig war die ganze Geſellſchaft mit Ausnahme ſeines Nachbars für Wer⸗ ner vorhanden, und es hatte g0 z den Anſchein, als ob er in ſeinem jugendlich brau enden Gefühl Rache 427 üben wolle für das Benehmen einer Geſellſchaft, die nur ſelten verſtanden hat, den edlen Mann zu erken⸗ nen und zu würdigen, wenn dieſer Mann zufällig zu der untergeordneten Rangklaſſe eines Dienenden gehört. Auf dieſe Weiſe ging den beiden jungen Leuten das lange Mahl leidlich erträglich vorüber; Beide be⸗ fanden ſich noch nicht in dem Alter und in den Ver⸗ hältniſſen, wo man am materiellen Genuſſe das höchſte Vergnügen findet, und ihre ſtille Unterhaltung bot ih⸗ nen daher mehr Zerſtreuung und Wohlgefallen dar, als ihre Nachbarn an der enthuſiaſtiſchen Bemühung fanden, die vorhandenen Speiſen und Getränke in ſo reichlicher Menge wie möglich zu vertilgen. Es war gegen vier Uhr, als man allerſeits das Bedürfniß em⸗ pfand, ſich von ſeinem Sitze zu erheben, den man vorher doch ſo eifrig erſtrebt hatte, und ſo ward denn die Tafel aufgehoben, und die üblichen Glückwünſche, daß der Herr das Genoſſene ſegnen möge, wurden von den vergnügten Gäſten ringsum ausgetauſcht. Darauf ſchwir. Alles bald durch einander und die zufriedengeſtellten Damen und Herren zerſtreuten ſich in den Nebengemächern, in denen Jeder auf ſeine Weiſe die begonnene Unterhaltung fortſetzte. Einige junge Paare weihten ſich verſchiedenen kindlichen Spie⸗ len, die einer guten Verdauung ſo dienlich ſein ſollen, 428 weil man ſich keiner geiſtigen Anſtrengung dabei zu unterwerfen braucht; Andere ſchwatzten in einem dicht geſchloſſenen Kreiſe über Wetter, Putz, Kochkunſt, Dienſtboten und Politik; die Alten ſammelten ſich um die Whiſt⸗ und L' Hombretiſche, un nur Wenige zogen ſich in abgelegene Winkel zurück, um in ver⸗ traulicher Plauderei die Stunden zu verbringen. Zu dieſen Letzteren gehörten auch Werner und Sohn. Sie ſtanden in der tiefen Fenſterniſche eines Zimmers, die von dunkelrothen Vorhängen faſt verdeckt wurde, tran⸗ ken eine Taſſe Kaffee und gaben ſich ungeſtört ihrer gewöhnlichen Unterhaltung hin. Als alle Uebrigen, ähnlich wie ſie beſchäftigt, an einem ſichern Orte vor Anker lagen, wurde jedoch dieſe Unterhaltung auf eine für den Hauslehrer ſehr angenehme Weiſe unterbrochen. Sophie nämlich ſchritt, augenſcheinlich Jemanden ſu⸗ chend, an ihnen vorüber und als ſie die Beiden allein bei einander ſah, blieb ſie ſtehen, mit Geberde und Miene, als hätte ſie Diejenigen gefunden, die ſie ge⸗ ſucht habe. So wenigſtens nahm es Werner auf, denn kaum ſah er ſeine Schweſter näher treten, ſo trennte er ſich von dem Hauslehrer und machte ſich in ſeiner Nähe, ohne ihn jedoch aus dem Auge zu laſſen, irgend Etwas zu ſche Es war das erſte Mal eſem Tage, daß Jo⸗ 429 ſeph das Glück zu Theil wurde, mit ſeiner Schülerin einige Worte zu wechſeln. Sophie hatte an der Ta⸗ fel weit von ihm entfernt geſeſſen, nachher war ſie ſtets von einem Schwarme junger Leute belagert ge⸗ weſen, die mit offenkundiger Verehrung dem ſchönen Weſen Hunzighe welches ohne Widerſpruch das an⸗ ziehendſte der ganzen Verſammlung war. Joſeph war daher hoch erfreut, daß auch ihm jetzt eine Ehre zu Theil wurde, die er ſich für dieſen Tag nicht vorbe⸗ halten glaubte, und er richtete demgemäß einige Worte an ſie, die unverkennbar das Gefühl durchſchimmern ließen, welches er darüber empfand. Aber Sophie achtete offenbar in dieſem Augenblick nicht auf ſeine Worte; von einem inneren Triebe, der ſich ſchon in ihrem angeregten Geſicht und ihren glänzenden Augen aus⸗ ſprach, zu irgend einem Vorhaben gedrängt, ſetzte ſie ſich raſch dem Hauslehrer gegenüber und begann ein Geſpräch mit ihm, während Werner, aus der Ferne ſein Geſicht beobachtend, die Empfindungen entziffern zu wollen ſchien, die ſeiner Schweſter Mittheilung darauf hervor⸗ bringen würde. Joſeph Sohn, von der lieblichen Erſchei⸗ nung, die in dem lichten Seidenkleide, welches ſie heute trug, und in dem Kopfputz von natürlichen Kamelien, die dunkel in ihrem goldenen Haar glänzten, lebhaft ange⸗ zogen, merkte dieſe Belauſchung nicht, ſonſt würde 430 ihm wohl das Complott eingefallen ſein, welches ihm Werner an dieſem Morgen angekündigt hatte. „Nun, Herr Sohn“, ſagte ſie halblaut,„wie ge⸗ fällt Ihnen die Geſellſchaft? Iſt es heiterer bei uns, wenn unſere Zimmer bis zum Erdrücken angefüllt ſind, oder an gewöhnlichen Tagen, wo wir mit un⸗ ſerer Muſik allein ſind?“ Der ſo freundlich Angeredete lächelte, und digent lich hätte er nichts zu ſagen gebraucht, um verſtanden zu werden, denn in ſeinen ſprechenden Mienen drückte ſich ſtets der ganze Inhalt ſeiner Seele aus. „Die letztere Frage zu beantworten, will ich Ihnen. ſelbſt überlaſſen, mein gnädiges Fräulein, denn ich bin zu wenig an dergleichen rauſchende Verſammlun⸗ gen gewöhnt, um ſie von dem rechten Geſichtspunkte aus zu beurtheilen. Was aber die Geſellſchaft betrifft, ſo befinde ich mich wohl weniger in einer ſolchen, als in der Ableiſtung eines Dienſtes, da mir Ihr Fräu⸗ lein Tante hinlänglich begreiflich gemacht hat, daß mich meine Pflicht, nicht aber die Ansſicht auf ein Vergnügen hierhergeführt hat.“ Sophie ſah ihn mit ihren großen blauen Augen verwundert an bei dieſen vielleicht unerwarteten Wor⸗ ten, die er jedoch, wie ſie wohl merkte, weniger im rnſ als im Tone ſcherzender ngeihultung geſpro 431 chen hatte. Daher ließ ſie keine Antwort auf ſeine Rede folgen, ſondern ging raſch auf die Abſicht über, die ſie in ſeine Nähe geführt. „Ertragen Sie nur“, ſagte ſie,„den heutigen Tag mit Geduld, Sie werden nur ſelten zu ſolchen Feſten befohlen werden. Auch ich liebe dergleichen nicht und langweile mich mehr unter hundert Men⸗ ſchen, als mit zweien oder dreien. Allein jetzt leihen Sie mir Ihr Ohr. Die augenblickliche Unterhaltung der Herren und Damen wird nicht ſehr lange dauern, bald wird man den Wunſch nach Abwechſelung laut werden laſſen und Sie werden Gelegenheit haben, mit der Geſchicklichkeit Ihrer Schüler zu glänzen.“ „Wie ſo, mein gnädiges Fräulein.“ „Nun, es wird die Muſikaufführung folgen, die meine Tante den Anweſenden verheißen hat und bei der meine Mutter, die ſich jetzt in ihrem Zimmer et⸗ was ausruht, ebenfalls wieder erſcheinen wird.— Sie wiſſen, wir wollten zum Schluß einen Theil des Trio von Beethoven in C-Dur zum Beſten geben, war es nicht ſo??“ „Ja, und Sie werden mit Ihrer ganzen Kraft und Fingerfertigkeit das fleißig geübte Stück ſpielen, um mir auch ein wenig Ehre an dieſem Tage zu⸗ fallen zu laſſen.“ 432 Sophie ſchüttelte leiſe den ſchönen Kopf und ihr Geſicht nahm einen eigenthümlich rührenden Ausdruck an.„Nein“, ſagte ſie feſt und mit beinahe bebender Stimme, denn jetzt nahte die Ausführung des von ihr und ihrem Bruder angeſtifteten Camplotts,„dieſe Ehre wird Ihnen heute nicht zu Theil werden, aber vielleicht eine andere.“ „Wie meinen Sie das?“ „Ich meine das ſo: da es noch Zeit iſt, eine an⸗ dere Einrichtung zu treffen, ſo treffen Sie ſie ſogleich, denn ich kann und werde in dem bewußten Trio heute nicht mitſpielen.“ „Wie, mein Fräulein, was ſagen Sie da? Un⸗ ſere ganze Hoffnung, ich will ſagen, die Hoffnung Ihrer Frau Mutter, die dies Trio ſo ſehr liebt, wollen Sie vernichten? Was wird ſie dazu ſagen?“ „O, ſie ſoll nicht zu kurz kommen, verlaſſen Sie ſich darauf⸗ „Aber warum wollen Sie nicht ſpielen?“ „Ich kann nicht, ich fühle mich nicht dazu aufge⸗ legt. Meine geringe Fertigkeit genügt einer ſolchen großen Geſellſchaft nicht, deren Ohren nicht ſo beſchei⸗ den ſind wie die Ihrigen, die Beſſeres gewohnt ſind, als ſie von mir zu hören bekommen.“ 433 Joſeph horchte hoch auf.„Aber was wird Ihre Tante zu dieſem plötzlichen Entſchluſſe ſagen?“ „O, mit der werde ich darüber einen kleinen Streit haben, aber das kann mich nicht bewegen, von mei⸗ nem Entſchluſſe abzugehn; ich werde vielmehr ſtand⸗ haft bleiben und habe nun zuerſt Ihnen denſelben mitgetheilt.“ Sie wandte ſich bei dieſen Worten um und winkte ihren Bruder herbei, der dieſen verabre⸗ deten Wink ſchon lange erlauert hatte. „Hat Ihnen Sophie ihre Mittheilung gemacht?“ fragte er Joſeph. „Leider, ja; wir werden unſer ſchönes Trio nicht ſpielen.“ „Wir werden es vielleicht doch ſpielen, wenn Sie wollen, denn ich kenne ein Mittel, unſer Vorhaben ausführbar zu machen.“ „Wenn ich will? Warum ſollte ich nicht wollen?“ Werner erröthete bei dieſen Worten, und Sophie athmete ſo tief auf, wie ein Menſch es thut, der ſich in peinlicher Erwartung befindet und eines günſtigen Ausgangs ſeiner Pläne nicht ganz ſicher iſt. „Gut,“ ſagte Werner,„wenn Sie wollen, ſo ſind wir ſicher, Ehre einzulegen, größere ſogar, als wenn Sophie ihre Pflicht erfüllt hätte. Mit einem Wort, Emery Glandon. I. 28 * 434 laſſen wir ſogleich Rachel kommen, ſie wird in unſerm Trio den Flügel ſpielen.“ „Wie? Rachel? Ich verſtehe Sie wohl nicht. Was würden Ihre Eltern, Ihre Tante ſagen? Bedenken Sie das wohl!“ „Ach,“ ſagte Werner mit einem Seufzer der Er⸗ leichterung, da das Complott ſich zum glücklichen Ende zu neigen ſchien,„das iſt längſt von uns bedacht. Meine Mutter wünſcht, was wir Beide wünſchen; meinem Vater iſt es auch recht, wir haben es ihm bereits geſagt, und ſo wird es wohl einerlei ſein, was meine Tante darüber denkt. Nur auf Ihre Einſtim⸗ mung kommt es an, denn ich ſtehe dafür, Rachel wird kommen und ſpielen, wenn Sie ihr Ihren Wunſch mittheilen laſſen.“ Joſeph ſah bei dieſen Worten das edle Geſchwi⸗ ſterpaar ſich anlächeln und hatte das Complott durch⸗ ſchaut, die gute Abſicht begriffen.„Sie wünſchen es?“ fragte er Sophien. „Ja,“ ſagte dieſe mit einem raſchen warmen Blicke, wie ſie noch nie einen auf den jungen Mann gewor⸗ fen,„ja, ich wünſche es.“ „So laſſen Sie Rachel holen!“ ſagte Joſeph, in⸗ dem er laut ſeufzte. 435 „Ich hole ſie ſelber,“ rief Werner, und im Nu hatte er ſich entfernt, war in den Hof geſprungen, hatte den harrenden Wagen beſtiegen und flog im raſcheſten Laufe der Pferde nach Brenkowitz, wo er Rachel am Flügel traf, ihr Joſeph's Wunſch und den ſeinigen kundthat und ſie, die vor Staunen und Freude bebte, noch heute ſo unverhofft ihren Freund zu ſehen, ohne Weiteres bereit fand, dem allgemeinen Wunſche Folge zu leiſten. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, ſo war die wider alles Erwarten aus ihrer Ruhe aufgeſcheuchte Rachel im Schloſſe angekommen; anſtatt ſie aber ſo⸗ gleich in die Geſellſchaft zu führen, brachte ſie Werner zuerſt zu ſeiner Mutter, wie es zwiſchen dieſer und Sophien verabredet war, und wo ſich Letztere alsbald eingefunden hatte. Hier ſtand man ſich denn mit ge⸗ genſeitiger Verwunderung gegenüber, denn das bleiche, faſt erſchrocken blickende Kind, durch nichts Hervorſte⸗ chendes beim erſten Anblick ſich auszeichnend, bildete allerdings einen grellen Gegenſatz zu den ſchönen ge⸗ ſchmückten Damen, die in ihrer Feſtkleidung und in der Fülle ihres Liebreizes dem ganz im Anſchauen ver⸗ ſunkenen Judenmädchen, das nur in ſein einfaches ſchwarzwollenes Sonntagskleid gehüllt war, gegenüber⸗ ſtanden. Aber ſchon waren ſowohl Mutter wie Toch⸗ 28* 1 436 ter durch Werner's lebhaft ſprudelnde Mittheilungen ſo ſehr für die talentvolle Waiſe eingenommen, daß ſie ihre Kleidung nicht mehr beachteten, vielmehr ihre Blicke nur auf das rabenſchwarze Haar, das in an⸗ muthigen Wellenlinien die makelloſe Stirn einſchloß, und die dunklen Augen derſelben gerichtet hatten, die ihre glühenden Sterne mit ſeltſamer Schüchternheit auf die nie geſehene Schönheit dieſer Damen hefteten. Allein bald gelang es den liebreichen Worten der edlen Dame des Hauſes und dem freundlichen Zure⸗ den Sophiens, Rachel zu erheitern und ſie auf das Kommende vorzubereiten, und nachdem Sophie und Werner zur Geſellſchaft zurückgekehrt waren, behielt die Baronin Rachel ſo lange bei ſich, bis ſie die Be⸗ nachrichtigung empfangen würde, daß die Muſik be⸗ ginnen werde. Dieſe Benachrichtigung ließ auch nicht lange auf ſich warten. Joſeph Sohn war es ſelbſt, der auf So⸗ phiens Rath zur Baronin eilte und Rachel bei ihr be⸗ grüßte. Letztere, überglücklich, wieder einmal bei ihrem Lehrer und Freunde zu ſein, flog liebevoll auf ihn zu, umſchlang ſeinen Hals und ſprach laut ihre Freude des Wiederſehens aus, ſo daß die Baronin, überraſcht von ſolcher Anhänglichkeit und Ergebenheit, gerührt voor Beiden ſtehen blieb und nicht wußte, wen ſie mehr 437 bewundern ſollte, den edlen jungen Mann, der, wie ſie bereits wußte, ſich dieſe große Laſt aus reiner Men⸗ ſchenliebe aufgebürdet, oder das verwaiſte Kind, das in ihrem Erzieher den Reichthum der ganzen Welt zu beſitzen glaubte. Als die Baronin, Rachel an der Hand haltend und von Joſeph gefolgt, geräuſchlos wieder in die Ge⸗ ſellſchaft eintrat und mit ihrem kleinen Gefolge be⸗ merkt wurde, erregte ſie ein großes Erſtaunen unter den Weltleuten, die nicht wußten, was dieſer Auftritt zu bedeuten habe. Nur einige vorlaut ſich herandrän⸗ gende alte Jungfern, unter denen ſich pflichtgemäß Tante Sibylle befand, glaubten das Vorrecht zu ha⸗ ben, ihre weiſe Meinung laut zu äußern, und hie und da hörte man den leider mehr geſchrieenen als geſpro⸗ chenen Ausruf:„Ah! Es iſt ein Judenkind! Was ſoll die kleine ſchwarze Hexe⸗ hüur Auf Ehre, ein Zi⸗ geunermädchen!“ Als dieſe unbedachten und ganz ungehörigen Aeu⸗ ßerungen zu Joſeph's Ohren drangen, erröthete er ſo ſtark, daß man ihm anſah, welche Gewalt er ſich an⸗ that, dieſelben nicht auf eine ſeinen Gefühlen ange⸗ meſſene Weiſe zu beantworten; auf Rachel dagegen, die in dem bunten flimmernden Gewühle vor ſich ein noch nie geſehenes Schauſpiel gewahrte und darüber 438 mehr erſchrocken als erfreut war, machten dieſe Bemer⸗ kungen einen ganz entgegengeſetzten Eindruck. Den kleinen ovalen Kopf ſtolz emporgehoben, das vollkom⸗ men erbleichte Geſicht in die Höhe richtend und mit ihren Flammenaugen die alſo Redenden und Fragen⸗ den durchbohrend, glaubte ſie nicht recht gehört zu haben, und das Wort„Hexe“ brachte ſie vielleicht in der Erinnerung um vier Jahre zurück, wo ſie, der Ver⸗ achtung und der brutalen Gewalt einer nicht minder herzloſen Geſellſchaft preisgegeben, von den Händen ihres Beſchützers einem traurigen Schickſale entriſſen wurde. Aber weder den flammenden Geſichtsausdruck des Hauslehrers, noch das bleiche Geſicht des kleinen Opfers beachtend, trat in dieſem Augenblick Fräulein Sibylle in die Nähe der allgemein angeſtaunten Gruppe und, ſich an Werner wendend, der ihr zunächſt ſtand, ſagte ſie mit ihrer krähenden Stimme beinahe ſo laut, daß es Jedermann, der Ohren hatte, hören konnte: „Was hat das zu bedeuten, Werner? Wer hat dieſen Skandal verurſacht? Was ſoll das Judenmädchen in der Geſellſchaft von Baronen und ihren Damen?“ „Tante,“ erwiderte der junge Mann faſt eben ſo laut,„urtheile nicht vorſchnell und warte ruhig ab, was kommt. Du ſowohl wie jeder Andre wirſt eine Ueberraſchung haben, die Niemand erwartet hat.“ 439 „Freilich, eine Ueberraſchung iſt da, ich ſehe ſie, aha!“ ſetzte ſie mehr in ſich hinein brummend hinzu, indem ſie einen Blick auf den Hauslehrer warf, der ſich bereits an den geöffneten Flügel geſetzt hatte,„das iſt ein Streich, den der gewaltige Herr Sohn ange⸗ ſtiftet hat. Es iſt gut, wir wollen— haha! wir wol⸗ len ſchon ſehen!“ Dieſe galligen Worte wurden von einigen kräf⸗ tigen Accorden verſchlungen, die ſich vom Flügel her vernehmen ließen, und alſobald hatte Rachel, mehr noch als die übrigen Zuhörer, ihr kunſtverſtändiges Ohr auf die herrlichen Töne gerichtet. Joſeph, ein flammendes Feuer durch ſeine Adern rollen fühlend, ließ Franz Lißt's rauſchenden großen Galopp hören, und bald hatte er ſich ſo weit von den Feſſeln der ihn umgebenden gebildeten Welt befreit, daß ſie ihn nicht mehr zu drücken vermochten. Auch auf die dicht um den Flügel gruppirten Zuhörer und Zuhö⸗ rerinnen übte ſein meiſterhaftes Spiel eine große Ge⸗ walt aus, denn Keiner von Allen hatte dein neuen Hauslehrer auf Brenkowitz ein ſolches Talent zugetraut. Als Joſeph ſein Spiel beendet hatte, erfolgte dem⸗ gemäß von vielen Seiten ein lautſtimmiges:„Sehr gut, recht brav, vortrefflich!“ Aber ſchon ſtand Wer⸗ ner mit der Geige hinter ſeinem Lehrer, gab ihm einen — —— ³ — * 6 1 1 “— ——ÿ— 440 Wink, und bald verſchlangen ſich die Töne beider In⸗ ſtrumente, die beide Spieler fo vollſtändig wie anmu⸗ thig beherrſchten. Natürlich wurde dieſem Duett ein noch größerer Beifall geſpendet, denn der Sohn des Hauſes hatte ja ſeine Kunſt hören laſſen, und einem ſolchen Publicum, wie es heute in Brenkowitz verſammelt war, gilt der Name des Künſtlers ſtets mehr als ſeine Kunſtfertig⸗ keit. Nachdem man eine angemeſſene Pauſe hatte eintreten laſſen, gab Werner ſeinem Lehrer abermals einen Wink. Dieſer verſtand ihn und wandte ſich nach Rachel um, die, halb hinter dem faltigen Gewande der Baronin verborgen, eine ſtille, kaum noch ängſt⸗ liche Zuhörerin geweſen war. Jetzt nahm Werner die Noten von dem Pult des Flügels, denn Rachel pflegte ihre Muſikſtücke, die ſie vollkommen inne hatte, aus dem Kopfe zu ſpielen, da ſie ſich ſo mehr in den Geiſt der Töne vertiefen konnte, die ſie dem Inſtrumente entlockte; ſodann trat er an ſeine Mutter heran und fragte, ob er jetzt Rachel dürfe ſpielen laſſen? Rachel erbebte, als ſie dieſe Frage ausſprechen hörte, und als darauf die Baronin ſich liebevoll zu ihr umwandte und fragte, ob ſie geneigt zum Spiele ſei, hatte ſie kaum ſo viel Leben und Kraft, um ein flüchtiges Ja auszuhauchen. Als der Sohn des Hauſes darauf der 441 Kleinen ſeine Hand reichte, um ſie auf ihren Platz zu führen, ſah er, wie Valentin ſchon das Cello herbei⸗ gebracht und Sohn bereits ſeinen Platz davor einge⸗ nommen hatte. Rachel, während ſie an ihm vorüber glitt, denn ein Schreiten war ihr elfenartiger Gang in dieſem Augenblick kaum zu nennen, hatte mit einem flehenden Ausdruck ihr Auge auf ihn hingewandt. Der in ſich verſunkene Hauslehrer mochte durch Sympathie dieſen Blick errathen haben; er erhob plötzlich ſein glühendes Geſicht und gleich darauf flog ein ermuthi⸗ gender Blitz ſeines ſprechenden Auges auf die angſt⸗ erfüllte Schülerin. Da faßte ſie ſich ein Herz, ſchritt raſch zum Flügel und ließ ſich auf den erhöhten Sitz, 8 für den Werner geſorgt hatte, nieder. Einen Augen⸗ blick ließ ſie ihr flammendes Auge über die ſchwei⸗ gende glanzvolle Verſammlung gleiten, dann ſah ſie zu den Taſten hinab und betrachtete das ſchöne In⸗ ſtrument, wie ſie ein ähnliches noch nie berührt hatte. Von dieſem Augenblicke gehörte ſie nicht mehr der Ge⸗ genwart und den Menſchen an, die ſich um ſie her drängten und ſtießen. Von jenem göttlichen Hauche durchzuckt, der für die Auserleſenem aus dem Athem Gottes herabzuſtrömen ſcheint, hatte ſie nur Sinn für die Muſik, die ſich unter ihren Händen entwickeln ſollte. Da gab Joſeph das Zeichen zum Beginne, und —442 wie auf Windesſchwingen rauſchten die Töne durch den großen Saal und Rachel feierte zum erſten Mal in ihrem Leben einen Triumph, wie ſie ihn ſpäter noch öfter und glänzender feiern ſollte, denn Alles um ſie her war verſtummt, Aller Blicke wie gebannt auf ihr Geſicht geheftet, das ſich, ſeltſam genug, von Se⸗ kunde zu Sekunde mehr verklärte und einen Abglanz der himmliſchen Empfindung annahm, die uns unbewußt überſtrömt, wenn wir in Tönen ſchwelgen, wie ſie der unſterbliche Meiſter Beethoven an materielle Stoffe zu binden die göttliche Gabe beſeſſen hat. Alle Zuhörer, vielleicht mit einziger Ausnahme der für nichts Schönes und Großes auf der Welt empfäng⸗ lichen Tante Sibylle, waren hingeriſſen von der über⸗ wältigenden Macht, die aus den elaſtiſchen Fingern der Spielerin ſich entwickelte, und, als der erſte Satz geendet, war es nicht mehr Joſeph, Werner und So⸗ phie allein, die ſich über das ſo unſcheinbare und doch ſo koſtbare Juwel freuten, das heute zum erſten Mal unter den glänzenden Menſchen ſtrahlte, die zu Ver⸗ gnügen und Luſt in dieſen Räumen verſammelt waren. Unterlaſſen wir es, die übrigen Sätze der großen Sonate zu verfolgen; die Wirkung des Spieles aller drei Spieler konnte ſich wohl verallgemeinern, aber bedeutender werden konnte ſie nicht. 443 Das Spiel war zu Ende. Einige herzlicher Theil⸗ nehmende umſtanden die drei Spieler, dankten mit freundlichen Worten und thaten vielfach ſich kreuzende Fragen; nur die jüngere Welt, von Fräulein Sibylle angeſtiftet, hatte ſich bald zerſtreut und an das andere Ende des Saales zurückbegeben, um ein Mittel aus⸗ zuſinnen, das kräftig genug wäre, die eben herbeige⸗ führte Wirkung dauernd zu ſchwächen. Und ſiehe da, das Mittel fand ſich ſehr bald und Fräulein Sibylle übernahm es gern, daſſelbe zur Ausſührung zu bringen. Joſeph, in der Nähe der Baronin und Rachel ſich aufhaltend, welche Letztere ſich mit einem Tuche den Schweiß von der Stirn trocknete, den ihr nicht allein das anſtrengende Spiel, ſondern auch die Neuheit aller der eben geſchilderten Vorgänge ausgepreßt, ſah die ſtolze Dame in ihrem dunkelrothen Atlaskleide her⸗ anrauſchen und eine innere Stimme weiſſagte ihm, daß etwas Unangenehmes ihrer Erſcheinung auf dem Fuße folgen würde. Hinter ihr her ſchritt etwas raſch, gleichſam um ſie anfzuhalten, Sophie, aber nicht raſch genug, um ſie vor dem Ziele zu erreichen, kam ſie eben nur zur rechten Zeit, um Zeuge des ſtattfinden⸗ den Auftritts zu ſein. „Mamſell“, begann die hoffärtige Dame, mit ei⸗ ner gewiſſen widerwilligen Kopfbewegung ſich an Ra⸗ chel wendend, die ſich ſogleich erhoben hatte, als ſie ſich allein angeredet ſah,„Mamſell, Sie haben uns einen ſo ſchönen Ohrenſchmaus gegeben, daß wir ge⸗ neigt ſind, noch mehr von Ihrem Talente zu erpro⸗ ben. Zeigen Sie, was Sie können und ſpielen Sie einen Walzer, die jungen Damen und Herren wollen tanzen.“ Rachel, mit ihrem ganzen Herzen in höheren Re⸗ gionen ſchwebend und an nichts weniger denkend als an eine Tanzmuſik, fuhr bei den wie ein rauher Wind ſie berührenden Worten jäh zuſammen und wußte ſich nicht anders zu helfen, als einen flehenden Blick auf die ſie Umſtehenden zu werfen, von denen ſie allein Schutz erwarten konnte, denn außer Sophien war auch noch Werner ſo eben an ſeine Mutter herange⸗ treten. Letzterer, empört über das wohl überlegte An⸗ ſinnen, wollte haſtig das Wort ergreifen, als er ei⸗ nen Blick auf ſeine Mutter warf und bemerkte, wie ihr gewöhnlich ſo bleiches Geſicht in dieſem Augen⸗ blick ein zürnender Ausdruck höher färbte. Auch hatte er ſich nicht geirrt, die Baronin ſelbſt warf ſich zur Beſchützerin des mit ſo ungleichen Kräften angegriffe⸗ nen Mädchens auf. „Liebe Sibylle“, ſagte ſie mit ihrem gewöhnlichen ruhigen Tone, in dem jedoch eine bei ihr ſeltene Er⸗ 445 regung durchklang,„Du ſcherzeſt wohl! Nach der herr⸗ lichen Muſik willſt du einen Walzer hören? Und un⸗ ſere kleine Freundin hier, der wir ſo dankbar für den hohen Genuß ſind, ſoll ihn hören laſſen? Du ſollteſt ihr vielmehr einige Erholung gönnen, um ſich von der gehabten Anſtrengung auszuruhen.“ „O, ein paar Tänze werden Deine kleine Freun⸗ din nicht angreifen“, fuhr Fräulein Sibyllee ironiſch fort,„und ſie thut mir gewiß den Gefallen.“ „Um Verzeihung, gnädige Frau“, ſagte Rachel, unwillkürlich in denſelben Fehler verfallend, in den einſt ihr Freund verfallen war,„ich will Ihnen gern jeden Gefallen thun, aber zum Tanze ſpielen kann ich nicht, denn ich kenne keine Tanzmuſik.“ Sophie, Werner und Joſeph tauſchten einen ra⸗ ſchen verſtändlichen Blick der Freude aus, aber die ſchon aufgebrachte Tante warf in ihrer bekannten Art höhniſch den Kopf zurück und wollte eben irgend eine beißende Bemerkung laut werden laſſen, als Sophie ſich in's Mittel legte und in ihrer offenen und edlen Weiſe ſagte:„Liebe Tante, wenn die jungen Damen und Herren Tanzmuſik haben wollen und müſſen, nach⸗ dem ſie eben erſt eine Sonate von Beethoven gehört haben, ſo will ich ſelbſt ihnen dieſe Muſik machen, da unſere kleine Freundin noch nie einen Tanz geſpielt hat.“ —-— ———— 8 8 5 8 4 8 446 „Wie, Sophie, iſt das ernſtlich von Dir gemeint? Haſt Du darum dieſer kleinen Dirne Deinen Platz vor⸗ her am Flügel überlaſſen, um jetzt den ihrigen einzu⸗ nehmen? Ich ſollte meinen, Du wüßteſt beſſer, was ſich für eine junge Dame von Deinen Verhältniſſen und für ein Judenkind ſchickt, das zum erſten Mal in ſeinem Leben in feine Geſellſchaft gekommen iſt.“ Rachel, ſo jung und unbekannt ſie mit den Sta⸗ chelworten dieſer feinen Geſellſchaft war, hatte doch einen reiferen Geiſt und damit ein richtigeres natür⸗ liches Urtheil über das Vorgehende, als die Dame in dem ſteifen Atlaskleide vorausſetzen mochte. Sie fühlte die Beleidigung, die ihr abſichtlich tropfenweiſe einge⸗ flößt wurde, und von einem unwillkürlichen inneren Reize angetrieben, ſprang ſie wie von einer Nadel ge⸗ ſtochen empor, gleich darauf aber ſank ſie wie vernich⸗ tet auf ihren Stuhl zurück, denn ſie hatte einen ern⸗ ſten abmahnenden Blick ihres in erwartungsvoller Spannung ihr gegenüberſtehenden Lehrers aufgefangen. Es war dem Fräulein von Haldrungen nicht da⸗ rum zu thun geweſen, Tanzmuſik von Sophien zu hören, nur dem verhaßten Hauslehrer und Rachel, ſeinem Schützling, hatte ſie eine Kränkung bereiten wollen, da ſie ſie Beide jetzt mit einem Schlag treffen konnte. Darum wandte ſie ſich auch jetzt ſogleich zu — 4 447 Joſeph, der begierig, wie dieſer Auftritt enden werde, mit leuchtenden Augen neben der Baronin ſtand, und ſagte mit geſteigerter Schärfe:„Herr Sohn, dann ſind Sie wohl ſo gütig, zum Tanze zu ſpielen— oder haben vielleicht auch Sie dazu keine Luſt?“ „Um die Luſt dazu, gnädiges Fräulein“, erwi⸗ derte er, ſich höflich verbeugend,„handelt es ſich jetzt wohl nicht, ſondern allein um das Vermögen. Aber auch bei mir haben Sie ſich an den Unrechten ge⸗ wendet, denn ich habe wirklich noch nie zum Tanze geſpielt, werde aber, Ihnen zu Gefallen, ſogleich dazu ſpielen, wenn die erforderlichen Noten vorhanden ſind. — Werner, haben Sie vielleicht die Güte, mir irgend einen Walzer zu geben?“ „Ei, Gott bewahre, das fällt mir gar nicht ein, Ihnen Noten dazu zu geben“, rief Werner entrüſtet, der ſchon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, ein Wort in das Geſpräch mit einfließen zu laſſen. „Dazu ſind Sie nicht hier, um ſich mit Tanzmuſik abzuquälen. Wenn hier Einer Muſikant ſein muß, ſo werde ich es ſelbſt ſein, denn meine Geige greift beſſer durch und ich habe große Luſt, meiner Tante in dieſem Punkte den Willen zu thun.“ Und ſeine Geige ergreifend und ſich an einen paſſen⸗ den Ort ſtellend, ließ er ſofort und laut genug, daß — ——— — 8 2 —ꝛÿ— 4453 alle Tanzluſtigen ihn hören konnten, einen Strauß'ſchen Walzer erklingen, der auch alsbald ſeine Wirkung that, denn kaum hörte man den erſten Takt, ſo dreh⸗ ten ſich fünf bis ſechs Paare im Kreiſe herum, einem Vergnügen huldigend, ohne welches die junge Welt heutzutage nicht zwei Stunden beiſammen ſein kann. Rachel's Rolle, wenn ſie eine übernommen hatte, war für dieſen Abend ausgeſpielt, denn ſobald der Tanz begann, verließ die Baronin die Geſellſchaft und nahm Rachel mit ſich hinaus. In ihrem Zimmer angekommen, ſprach ſie ſo rührende und liebreiche Worte zu dem verwaiſten Mädchen, daß daſſelbe da⸗ von wie bezaubert wurde, und als die Baronin ſie ſchließlich bat, ihr doch auch ihren Lebenslauf zu er⸗ zählen, wie ſie ihn Werner erzählt, ergoß Rachel ihr ganzes Herz in den Buſen der gütigen Frau, und öfter, als er es ahnte, wurde an dieſem Abend der Name Joſeph's geſprochen und mit geheimen Segens⸗ wünſchen überſchüttet, wie er noch keine in ſeinem Leben über ſich hatte ausſprechen hören. Um neun Uhr erſchien Valentin bei der Baronin und meldete, daß der Wagen bereit ſei, Rachel nach 449 dem Dorfe zurückzufahren. Dieſe erhob ſich, da ſie einſah, daß die Stunde der Trennung geſchlagen habe. „Mein liebes Kind,“ ſagte die Baronin und drückte die ſchönen Hände Rachel's ſanft zwiſchen den ihrigen, „ich danke Dir noch einmal für den hohen Genuß, den Du mir und Vielen von uns heute Abend be⸗ reitet haſt. Dabei hege ich den Wunſch, daß Du dies noch öfter thun mögeſt, und die Gelegenheit daͤu wird ſich bald finden. Fahre jetzt ruhig nach Hauſe, grüße den Cantor und lege Dich zu Bette, denn Du wirſt müde ſein. Morgen früh aber werde ich ſelbſt nach dem Dorfe kommen und das Weitere wird ſich dann finden.“— Einige Minuten ſpäter ſaß Rachel in demſelben Wagen, in dem ſie das Dorf verlaſſen und ſich ge⸗ freut hatte, das Schloß und in dem Schloſſe Joſeph und Werner zu ſehen. Sie hatte ſie Beide geſehn, ja— aber noch vieles Andere, auf das ſie ſich nicht gefreut. Ach, dieſer Abend war von der Vorſehung beſtimmt geweſen, es Licht in ihr werden zu laſſen über ſo Manches, was es im Leben des Menſchen Bitteres und Schmerzliches giebt. Vor Allem war ihr klar geworden, daß ſie ein armes, hülfsbedürf⸗ tiges, verlaſſenes Weſen ſei, daß es Menſchen gebe, die von Gott mit ganz anderen Gütern begabt, als Emery Glandon. I. 29 ————— ·—“ oſͤo—oö—e—ö—ö—— ————— ſie ſie empfangen hatte. Ach, alſo ſie war eine Jüdin, eine häßliche, verabſcheute, von der Straße aufgeleſene Hexe, eine Muſikantin, gut genug, vornehmen Leuten zum Tanze aufzuſpielen? Eine Jüdin? Wie? Wer hatte das den Leuten geſagt? War es denn eine Schmach, eine Jüdin zu ſein, daß man ſie damit niederzuſchmettern verſucht? Auch war ſie ja keine Jüdin mehr, ſie war ja im Herzen und Geiſte ſchon lange Chriſtin, das hatte ſie ja ſo oft mit Joſeph und ſogar mit Werner beſprochen, alſo warum ihr vorwerfen, was ſie nicht verdiente? O, ſie fühlte ſich recht, recht unglücklich über Das, was ſie erfahren, und vor ihrem Geiſte ſchwirrte das glänzende, prunk⸗ volle Gewoge blühender ſchöner Weiber, lächelnder vornehmer Herren, wie ſie es eben in den lichtſchim⸗ mernden Sälen des Herrnſchloſſes vor Augen gehabt hatte— und ſie ſagte ſich:„Ach, ich bin Nichts, ich bin Aſche, Staub, ein verachtetes Geſchöpf in der Welt, und nur dem edlen Joſeph verdanke ich es, daß ich noch bin, noch athme, noch an Gott da über den Sternen denken und ihm danken kann, daß ich bin.“ Mit ſolchen niederdrückenden Gedanken kam ſie zu Hauſe an und freute ſich, als ſie vernahm, daß der Cantor zum Geiſtlichen des Dorfes und ſeine Frau 451 und Tochter zu einer Nachbarin gegangen waren. So war ſie allein in dem ſtillen Hauſe und konnte noch eine Weile ungeſtört ihren Gedanken nachhängen. Aber die ſchönſten Gedanken beſuchten ſie, wenn ſie aus freier Phantaſie, was ſie Joſeph bald abgelernt hatte, ihren Gefühlen auf dem Pianoforte Ausdruck geben konnte. Sie zündete alſo eine kleine Lampe an, öffnete das Inſtrument— ach! es war nicht der köſtliche Flügel im Schloſſe des Barons, aber es war klangreich, rein geſtimmt, und um ſie herum ſaßen nicht die ſchönen Damen mit den Schwanenhälſen und den Diamanten auf Buſen und Fingern— und wollte ſich eben ſetzen, als ihr Blick in den kleinen 1 Spiegel fiel, vor den ſie die Lampe geſtellt. Betroffen ſtand ſie ſtill und ſah zum erſten Mal 6 in ihrem Leben mit Ueberlegung, mit Nachdenken über ihr eigenes Ausſehn in dieſes blendende Glas, welches ſo vielen Menſchen ein angeſtauntes liebliches Bild zurückwirft. Lange betrachtete ſie ihr Geſicht, ihr Haar, ihre Au⸗ gen. Endlich ſchüttelte ſie ſanft und beinahe traurig den Kopf und ſagte ſtill in innerſter Bruſt:„Nein, 1 ich bin nicht ſo ſchön, wie alle dieſe glänzenden Da⸗ men, ich bin ſogar häßlich und— ja, ich glaube es ſelbſt, ich trage den Stempel des wegen ſeiner Untha⸗ 29* ————— ten aus Jeruſalem vertriebenen Volkes auf meiner Stirn. Guter Gott, was kann ich dafür, daß ich nicht von Chriſteneltern geboren wurde, alle meine Gedanken, meine Gefühle ſind chriſtlich— ſoll es allein das dunkle Haar, ſollen es die melancholiſchen Augen und die braune Haut verſchulden, daß man mich zu den Verworfenen zählt?“ Langſam, betrübt, innerlich zerknirſcht ſchlich ſie zu dem Inſtrumente und ließ ſich auf den Stuhl davor nieder. Mechaniſch griff ſie einen Accord— dieſer Accord aber brachte eine gewaltige, umſtimmende Wir⸗ kung auf ihr Inneres hervor. Wie aus einem ver⸗ borgenen Schrein ihres Herzens löſte ſich eine unbe⸗ ſtimmte, köſtliche Wolluſt los und wie auf Flügeln des Windes getragen ſchwebte ſie über alle irdiſche Qual und Blöße hinweg. Wo war nun ihr bleiches bekümmertes Geſicht geblieben, wo war die Schmach ihrer Abſtammung, wo die Häßlichkeit des hinfälligen Körpers hin? Ach, vor ihrem Geiſte war das Alles verſchwunden, denn ſie lebte nicht mehr auf dieſer Erde— hingeriſſen von den melodiſch murmelnden Fluthen des Fluſſes, den man Muſik genannt, und der bald mit donnerndem Rauſchen, bald in Milde und Lieblichkeit dahinfließt, ſah ſie von ferne, ganz von ferne, einen leuchtenden Punkt, und dieſer Punkt —— wurde immer heller, glänzender, er füllte i r ganzes Auge, das ganze Sehnen ihrer gepreßten Bruſt aus — es war die Kunſt, nach deren Erfüllung die Na⸗ tur ein unendliches Sehnen und Trachten in unſre Bruſt geſchloſſen hat,— ein Sehnen und Trachten, wel⸗ ches für den ſterblich gebornen Menſchen das ſchlum⸗ mernde Bewußtſein iſt, daß wir mit ihr zu einem Ganzen zu verſchmelzen beſtimmt ſind, daß die Kunſt für uns eine göttliche Gabe iſt, daß wir alſo, auch arm und hülfsbedürftig, nicht ganz auf der Erde ver⸗ laſſen, ſondern immer noch reich begabt und begnadigt ſind, wenn wir die Erkenntniß, das Gefühl, das Ver⸗ mögen beſitzen, auf irgend eine Weiſe die heilige und unvergängliche Schrift zu verkünden, die der Himmel ſelber in unſer Innerſtes geprägt hat. Als Rachel nach einer halben Stunde zu ſpielen aufhörte, war ſie ein ganz anderes Weſen geworden. Sie wußte nicht mehr, daß ſie häßlich, daß ſie ein Judenkind, daß ſie verachtet und verlaſſen ſei. Glück⸗ lich war ſie, die ganze Welt um ſie her ein Paradies, und alle Güter dieſes Paradieſes waren auch für ſie geſchaffen, und ſie brauchte nur die Hand auszuſtrecken, um dieſe Güter in Beſitz zu nehmen. Im namenlo⸗ ſen Gefühle dieſes Glücks, das ſie nicht anders aus⸗ laſſen konnte, ſank ſie auf die Kniee, dankte Gott laut für ſeine Gaben und ſchloß ihr Gebet mit den Wor⸗ ten:„Ich danke Dir, allmächtiger Vater, der Du ein Gott der Chriſten und Juden biſt, daß Du mich ge⸗ macht haſt, wie ich bin. Denn ich ſollte ſo werden, wie Du mich gemacht haſt, das war Dein Wille, Dein Gebot. Darum bin ich auch zufrieden mit Allem, was ich jetzt beſitze und künftig erreiche— laß mir nur die Erkenntniß Deſſen, was ich allein erſtrebe, die Erkenntniß der Kunſt und— mein dankbares Herz — Dem zu vergelten, der mich in den Tempel des Lebens geführt, wo ich Dich und die Kunſt von An⸗ geſicht zu Angeſicht geſchaut habe und ferner ſchauen werde!“— So war denn die beabſichtigte Demüthigung des ar⸗ men Mädchens in eine natürliche Erhebung umgeſchla⸗ gen, ſo war der Triumph der vornehmen Dame der Sieg der Freiheit des ſtaubgebornen Geſchöpfs gewor⸗ den, ſo war Rachel zur Erkenntniß Deſſen gelangt, wozu ſie auf Erden ein für alle Mal beſtimmt ſein ſollte. Kehren wir nach dieſer kleinen Abſchweifung wie⸗ der in das Schloß zurück. Werner geigte noch immer unverdroſſen fort, ungeachtet ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Aber er dachte nicht mehr an den —————— 45— Walzer, den Galopp, die Polka, die er ſpielte, er dachte an etwas ganz Anderes, und darum geigte er um ſo williger und dadurch beherrſchte und entzückte er die tobende junge Welt, denn wie er eifrig ſeinen Bogen ſtrich, ſo raſ'ten ſie im Saale herum, ſich eine Anſtren⸗ gung aufbürdend, wo ſie ſich ein Vergnügen hatten verſchaffen wollen. Aber ſo iſt die Art der heutigen Tänze beſchaffen. Von der Grazie iſt man zur Furie übergegangen, von der Erheiterung zur Leidenſchaft, von der Erholung zur Erſchlaffung. Dieſem Treiben, ihm ſo neu, ſo ungewohnt, ſah Joſeph Sohn aus der Fenſterniſche zu, wohin er ſich wieder zurückgezogen hatte. Aber an ſeinem innern Auge flogen mehr die Schatten der Vergangenheit vor⸗ über, als an ſeinem äußern. die Bilder der Ge⸗ genwart. Er wiederholte ſich immer wieder von vorn den heutigen Tag, vom Morgen bis zum Abend, denn es war ſo Vieles geſchehen, was er ſich noch nicht recht zu deuten vermochte, was ihm noch ein Geheimniß für jetzt und ein Räthſel für künftig zu löſen gab. Plötzlich aber wachte er aus ſeinem in⸗ nern Sinnen auf und ließ ſeine Augen unter den Tanzenden umherſchweifen.„Ob Sophie auch unter dieſen Raſenden zu finden iſt?“ dachte er. Mit einer gewiſſen Beklommenheit ſchaute er ſich um, aber er fand ſie nicht. Da rauſchte der Vorhang an ſeiner Seite und die Geſuchte ſelber trat heiter lächelnd an ihn heran. Ihr Antlitz war ſo ruhig, ihr Buſen be⸗ wegte ſich ſo leidenſchaftslos, daß er ſich ſelbſt ſagen konnte, Sophie habe wie er dem allgemeinen Vergnü⸗ gen nur mit den Augen beigewohnt. „So ganz allein, Herr Sohn?“ fragte ihn ihre milde und freundliche Stimme.„Tanzen Sie denn nicht, oder macht Ihnen das Zuſehen mehr Vergnü⸗ gen als die Theilnahme?“ „Nein, mein gnädiges, Fräulein, ich tanze nicht, ich habe überhaupt in meinem Leben wenig Geſchmack an dieſem ſogenannten Vergnügen gefunden; ſelbſt das Zuſehen gewährt mir weniger Zerſtreuung als meine Gedanken, die ſich heute auf einem neuen Felde zu tummeln Gelegenheit erhalten haben.“ „So geht es Ihnen wie mir; laſſen Sie uns alſo ein wenig plaudern und ſetzen wir uns hierher, hier ſind wir am wenigſten in Gefahr, umgerannt zu werden.“ Beide ſetzten ſich, die Geſichter nach dem Saale ge⸗ wandt, und doch ſahen ſie Wenig von Dem, was in demſelben vorging, denn Beider Gemüth bewegte ſich in einer anderen Richtung. Eine Weile beobachtete Sophie den Hauslehrer im Stillen, wie Frauen! ſo 457 reichlich mit dieſer Gabe von der Natur bedacht ſind, und nachdem ſie ihre Worte eine Weile überlegt, ſagte ſie leiſe, wiewohl verſtändlich genug: „Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Sohn. Hat meine Tante Sie heute Abend tief verletzt?“ Joſeph lächelte ſchmerzlich. O, dieſes Lächeln ent⸗ hielt der Antwort genug, ſo ſehr er ſich auch bemühte, ſeine Mienen wie ſeine Worte im Zaume zu halten. „Woraus ſchließen Sie das, mein gnädiges Fräulein?“ „Aus Ihren Mienen, Ihrer Haltung, Ihrem Schwei⸗ gen, und vielleicht— „Nun— vielleicht?“ „Aus meiner eigenen Empfindung.“ „Sie ſind ſehr gütig und ich danke Ihnen aufrich⸗ tig für Ihre Uebereinſtimmung mit mir. Aber ſagen Ihnen meine verrätheriſchen Mienen mehr als meine Worte?“ „Ihre Mienen ſind nicht verrätheriſch, wenn ſie der Ausdruck der Seelenſtimmung ſind, die ſo gerecht⸗ fertigt iſt wie die Ihrige heute Abend.“ „Mein Fräulein— o was ſagen Sie da! Ja, jetzt kann ich es dreiſt behaupten, Ihre Tante, ſo große Mühe ſie ſich auch bisweilen giebt, mich zu verletzen, kann mir nichts anhaben, ſo lange meine Empfindungen von Ihnen getheilt werden. O, neh⸗ — men Sie noch einmal meinen innigſten Dank dafür, daß Sie ſich Rachel's mehr und kräftiger angenommen haben, als ich es vermocht hätte.“ „Nicht doch, Herr Sohn, ich habe nur wenig da⸗ bei gethan, aber meiner guten Mutter müſſen Sie dankbar ſein, denn ſie nimmt ſich der armen Rachel noch mehr an, als Sie vielleicht denken mögen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Still, nicht ſo laut! Morgen werden Sie mehr darüber erfahren. Ich habe Sie jetzt nur. aufgeſucht, um Ihnen zu bekennen, wenn Ihnen das für den heutigen Abend ein Troſt ſein kann, daß ich derſelben Meinung über Ihre Handlungsweiſe an Rachel bin, wie Werner.“. „Wie? Alſo auch Sie wüßten—“ „Ich weiß Alles, was mein Bruder weiß, und da ich in den meiſten Punkten mit ihm übereinſtimme, ſo fühle auch ich mich gedrungen, Ihnen im Namen der Menſchlichkeit den Dank auszuſprechen, den Sie und Ihre Wohlthaten an dieſem rarmen Kinde ſo reichlich verdient haben.“ „Mein Fräulein!“ „Still! Hätten wir früher Ihr Verhältniß zu Ra⸗ chel gewußt, wir— meine Mutter wenigſtens— — M hätten ſchon früher dem armen Mädchen unſre Auf⸗ merkſatmkeit geſchenkt.. Wa 3 „— Sie danken mir? Was ſoll ich dann Ih⸗ nen thun, wenn ich dieſe Worte höre?“ Sophie ſchüttelte ablehnend ihren reizenden Kopf. „Sie iſt ein großes Talent, glaube ich.“ „Ein ſehr großes Talent, das iſt keine Frage.“ „So werden Sie künftig noch mehr Freude an ihr haben als jetzt. Auch ſcheint ihr Verſtand ſchon ſehr entwickelt und ihre geiſtige Fähigkeit nicht mehr die eines Kindes zu ſein.“ „Schon lange nicht mehr; ſie iſt nur noch in ihrer äußern Geſtalt ein Kind, an Geiſt, an Verſtand iſt ſie doppelt ſo alt, wie ſie Jahre zählt.“ „Sie ſcheinétthein vortrefflicher Erzieher und Lehrer zu ſein 8 „Ich bitte um Verzeihung, Rachel haben nicht meine Erziehung und meine Lehren gebildet, ſondern die Natur hat ſie zu Dem gemacht, was ſie iſt.“ Sophie lächelte mit einem unausſprechlich gütigen Ausdruck ihrer lebhaft glänzenden Augen.„Sie haben Recht,“ ſagte ſie,„die Natur hat es gethan, aber ſie hat ſich Ihrer Hand und Ihres Geiſtes be⸗ dient, um aus dieſem jungen Mädchen ein Wunder⸗ werk zu ſchaffen. Und ich— ich freue mich, daß die 44 Natur— die Vorſehung— Gott, wie Sie wollen, Sie auch hierher geführt hat, um noch andere Schü⸗ ler und Schülerinnen zu bilden, die freilich nicht ſo begabt ſind, um Ihnen Ehre zu bereiten, wie ſie Ihnen Rachel ſchon jetzt bereitet hat. Das wollte ich, das mußte ich Ihnen heute ſagen, und jetzt will ich meine Pflicht erfüllen, ſo lange mein Vater und meine Tante noch Gäſte in ihrem Hauſe haben.“ Sie erhob ſich, grüßte mit den Augen und dem lächelnden Munde auf eine bezaubernde Art und war gleich darauf unter den jungen Leuten verſchwunden, die Werner's ſchweigende Geige eben einen Augenblick zur Ruhe kommen ließ. Joſeph ſtand wie gebannt auf der Stelle, die er einnahm, als Sophie ihn verließ. Sein Auge ver⸗ ſchlang ihre wunderbar ſchöne Geſtalt, ſo lange er ſie damit erreichen konnte, ſein Herz klopfte ſo ſeltſam, ſein Athem hauchte ſo beklommen— auch auf ihn fing ein unbegreiflicher Zauber an zu wirken.— Aber er war nicht ſo kühn, ſo verwegen, dieſen Zauber, den jeder junge Menſch einmal in ſeinem Leben em⸗ pfindet, ſchon jetzt, wenn auch nur in innerſter Seele, mit einem Namen zu belegen, den er ſchon ſo oft ge⸗ „bört, aber noch niemals in ſeiner vollen Bedeutung empfunden hatte.— —— „ 451 Das Feſt war zu Ende und die meiſten Gäſte hat⸗ ten das Gut verlaſſen, um eine Woche lang von der Fülle der Genüſſe zu reden, die ihnen auf Brenko⸗ witz zu Theil geworden waren, oder auch, wie es ja Gebrauch unter ſolchen Umſtänden iſt, ſich über die vergeblichen Bemühungen des Feſtgebers luſtig zu machen, ihnen ein neues, noch nie dageweſenes Ver⸗ gnügen zu bereiten. Nur einige Herrn waren im Schloſſe zurückgeblieben, die in der Regel um dieſe Jahreszeit einzuſprechen pflegten, um mit dem befreun⸗ deten Baron einige Tage dem Vergnügen der Jagd und nach derſelben dem Spiele obzuliegen. Dieſe Jagd nun begann ſogleich am nächſten Morgen und die Herren ſammt dem Baron hatten das Schloß ſchon verlaſſen, als die meiſten Bewohner deſſelben noch im Schlafe lagen. Wieder war es ein herrlicher Oktobertag, der dem Feſte folgte. Heiter lächelte die Herbſtſonne von den blauen Höhen herab und die Winde hatten ſich aus⸗ getobt und gönnten der noch einmal aufathmenden Erde das kurze Glück, ſich in dem warmen Strahle des Nachſommers zu ſonnen. Früh ſchon trat Werner bei ſeinem Hauslehrer mit einem beinahe triumphirenden Geſichte ein. „Kommen Sie,“ ſagte er,„wir wollen einen tüchtigen 462 Morgenſpaziergang machen. Heute wollen wir Muſik und alles Uebrige ruhen laſſen, denn Niemand hat Zeit zum Nachdenken und Ueberlegen. Tante Sibylle wirthſchaftet im Salon herum, um die lieblichen Spu⸗ ren ihrer Gäſte zu vertilgen, und ſo werden wir heute von ihr unbeläſtigt ſein.“ „Ich will Sie ſehr gern begleiten, denn auch ich fühle das Bedürfniß, nach ſo langer Ruhe mich kräf⸗ tig im Freien zu bewegen. Wollen wir nach Brenko⸗ witz gehen?“ „Nein, dahin gehen wir heute nicht. Kommen Sie nur, ich werde Sie führen.“ Joſeph nahm raſch ſein Frühſtück ein, kleidete ſich dabei an und bald waren die beiden jungen Männer, von dem freudig bellenden Pudel umſprungen, auf dem Wege nach Süden zu, wo man einen guten Weg zum Wandern hatte. Nachdem ſie unter leb⸗ haftem Geſpräch über allerlei Dinge etwa eine gute Meile zurückgelegt, machte Joſeph Miene, ſich auf den Rückweg zu begeben. Werner aber erklärte, als er nach der Uhr geſehn, es ſei noch nicht Zeit dazu und er habe noch nicht genug Bewegung gehabt. „Sie vergeſſen den Rückweg,“ bemerkte Joſeph. „Ich vergeſſe nichts— kommen Sie nur, folgen Sie heute mir, wie ich Ihnen alle übrigen Tage folge.“ † den ſie auf des Letzteren Zimmer ein ſehr appetit⸗ ſchmecken und hatten es ſo ziemlich beendet, als Va⸗ lentin mit heitrem Lächeln eintrat, um abzuräumen, 63 Endlich aber war er ſeiner Meinung nach doch weit genug gegangen und nun erſt kehrte er mit ſei⸗ nem Gefährten auf einem kleinen Unwege langſam nach dem Gute zurück.— Während die beiden Wanderer dieſen Morgen⸗ ſpaziergang ausführten, rüſteten ſich im Schloſſe auch zwei andre Bewohner zu einem ähnlichen, aber in entgegengeſetzter Richtung. Die Baronin ſelbſt benutzte das herrliche Wetter, um mit Sophien einen Gang anzutreten, der wider Wiſſen Joſeph's ſchon am vo⸗ rigen Abend beſchloſſen worden war. So ſah man ſie denn etwa um elf Uhr durch den anmuthigen Lär⸗ chenwald dem Dorfe zueilen, wo ſie bald im Hauſe des Cantors Treumann verſchwanden, dem ſie heute ihren Beſuch zugedacht hatten. Als Werner und Joſeph nach Hauſe kamen, fan⸗ liches Frühſtück vor, das ſie weniger der Fürſorge der Tante Sibylle, als dem Gehorſam Valentin's verdank⸗ ten, der dem Auftrage ſeines jungen Herrn pünktlich nachgekommen war. Beide ließen es ſich vortrefflich 464 wobei er Werner einen ſogleich verſtandenen Wink gab. Kaum hatte er wieder das Zimmer verlaſſen, ſo erhob ſich Werner von ſeinem Platze. „Kommen Sie,“ ſagte er mit mühſam unterdrück⸗ ter Bewegung,„jetzt wollen wir meiner Mutter einen Beſuch abſtatten und uns erkundigen, wie ihr der geſtrige Tag bekommen iſt.“ Der Hauslehrer ſtand auf und ſtimmte der Auf⸗ forderung aus vollem Herzen bei. Sie ſchritten durch das Hauptgebäude und langten vor der Thür der Wohnung der Baronin an. Hier ſtanden ſie ſtill und horchten. „Ob ſie wohl darin iſt?“ fragte Werner mit eigen⸗ thümlich bewegter Stimme.. „Klopfen Sie!“ ſagte Joſeph, und gleich darauf ließ Werner ſeinen Finger wiederholt und laut gegen die Thür ſchlagen. Der erſte Ton, der ſich nach dieſem Pochen aus dem Innern des Zimmers vernehmen ließ, war das Bellen eines kleinen Hundes. Joſeph Sohn horchte hoch auf; ihm kam es vor, als hätte der Spitz, den er Rachel geſchenkt, dieſe ſcharfen Töne ausgeſtoßen. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Kaum wurde die Thür geöffnet, ſo ſprang ihm das kleine Thier, ſchnee⸗ weiß wie immer gewaſchen, entgegen, aber nicht er 465 allein befand ſich in den Gemach, ſondern drei Per⸗ ſonen waren darin, wliche die Ankunft der beiden jungen Leute ſchon lanze mit Sehnſucht erwartet hatten. Als Joſeph Sohn ſeiner Verwunderung Worte leihen wollte, ſprang ſchnell eine leichte Geſtalt auf ihn zu, drückte ſich vertraulich in ſeine Arme und vergoß an ſeinem Halſe unmöglich zurückzuhaltende Freudenthränec. „Nachel!“ war das einzige Wort, welches der über⸗ ruſchte Hauslehrer hören ließ und das er ſprechen konnte. „Ja, Rachel!“ ſagte die Baronin, mit warm ge⸗ röthetem Geſicht auf den Lehrer ihrer Kinder zutre⸗ tend.„Wundern Sie ſich nicht, Herr Sohn,“ fuhr ſie mit gerührter Stimme fort.„Was Sie hier ſehen. iſt Wirklichkeit. Rachel iſt bei uns und wird bei uns bleiben, denn ich habe ſie von heute an unter meinen beſonderen Schutz genommen.“ „Gnädigſte Frau! Das iſt zu viel des Glücks in meiner Lage!“ 1 „Mein junger Freund,“ fuhr die ſchöne Frau mit wehmüthigem Ernſte fort,„nicht mir, nicht Sophien, nicht Werner allein verdanken Sie die Freude, die Sie Emery Glandon. I. 30 — 3————. ] 466 in dieſem Augenblicke enpfſben, ſondern ſich ſelbſt am meiſten. Still— erlaulen Sie mir nur wenige Worte, denn ich möchte dieſen rührenden Auftritt nicht ungebührlich verlängern. Mein Sohn hat mir ge⸗ ſagt, wie Sie in Bremen gelebt, was Sie unſretwegen daſelbſt zurückgelaſſen und wie Sie ſich nur mit Opfern dazu entſchloſſen haben, das Haus in der Fremde mit dem in der Heimat zu vertanſchen. Ich möchte nun gern, daß Ihnen auch dies Haus in ow Fremde eine Heimat würde, darum habe ich in daſſelbe verpflanzt, was Sie in natürlicher Beſcheidenheit davon entſernt gehalten haben. Rachel iſt Ihr Eigenthum, denn Sie haben ſich das größte Anrecht auf ſie erworben, und Rachel ſoll von dieſem Augenblicke wieder mit Ihnen unter einem Dache wohnen. Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe, und ich hoffe, daß Sie mit meinem Entſchluſſe, der die Billigung meiner Kinder hat, zufrieden ſein werden.“ „Zufrieden, gnädige Frau,“ ſchluchzte Joſeph, der ſeine Thränen nicht mehr zurückhalten konnte—„o Sie beglücken mich, wie mich noch Niemand beglückt hat. Doch was ſoll ich Ihnen und Ihren Kindern ſagen— ich vermag in dieſem Augenblicke nur zu ſchweigen und mit neuem Muthe den Entſchluß zu faſſen, mit allen meinen Kräften und Fähigkeiten 467 Ihnen für Ihre Großmuth und Güte dankbar zu ſein.“ Und auf ſie zutretend, erfaßte er die ihm darge⸗ reichte Hand und küßte ſie herzlich, wie er die einer Mutter geküßt haben würde, wenn er ſo glücklich ge⸗ weſen wäre, eine ſolche zu beſitzen. 8 Sophie und Werner aber ſahen dieſen Vorgang 1 mit ausdrucksvollem Schweigen an, nur ihre feuchten Augen und das bewegte Spiel ihrer Mienen verrie⸗ when, daß ſie verdienten, eine ſolche Mutter die ihrige zu nennen, die ihnen nicht die Natur, ſondern der 1 Zufall gegeben hatte. Ende des erſten Bandes. A 5 S S 2 3 A 5 5 S — = 5 ₰ S 0 2. 8 — — —