—— Le iot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 für wöchentlich 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf ir „ ———ℳ⸗—= A 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-——— Andreas Burns und ſeine Familie. Vierter Theil. Von demſelben Verfaſſer ſind bei Chr. E. Kollmann in Leipzig erſchienen: Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Fritz Stilling“,„Walther Lund“ ꝛc. II. Auflage. 4 Bände. 8⁰. geh. 1855. 4 Thaler. Fritz Stilling. Erinnerungen ans dem Leben eines Arztes Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“,„Walther Lund“ ꝛc. II. Aufl. 4 Bde. 80. geh. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. 1 Walther Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“,„Fritz Stilling“ ꝛc. 3 Bde. 80⁰. geh. 1855. 4 Thlr. Andreas Burns und —. — — — ᷣη — — — — — — — — η 4. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege in den Jahren 1848—1850. Von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James,“„Fritz Stilling,“ „Walther Lund“ u. ſ. w. Vierter Theil. ——;— Leipzig, Berlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1856. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erstes Anpitel. Die Vorunterſuchung. Bevor auch wir uns nach Emmerslund zu Andreas Burns zurückbegeben, um die fernere Geſtaltung des Schickſals ſeines Vaterlandes und ſeiner Familie zu verfolgen, müſſen wir noch einige Zeit bei dem Ge⸗ fangenen verweilen und den Einfluß in's Auge faſ⸗ ſen, welchen die Schlacht von Kolding auf ſeine jetzige traurige Lage auszuüben beſtimmt war. Nachdem der Conferenzrath Parrhiſius und ſeine Nichte ihn am Abende vor Ausbruch der Feindſelig⸗ keiten verlaſſen und als Beweiſe ihrer Fürſorge und Zuneigung ſo mannigfache Gegenſtände der Bequem⸗ lichkeit geſandt hatten, die er neun lange Tage gänz⸗ lich entbehrt, gab er ſich ganz den ſüßen Betrachtun⸗ gen hin, welche dieſe unerwartete Wendung ſeines A. Burns. IV. 1 Geſchickes nothwendig in ihm hervorrufen mußte. Geraumer Zeit aber bedurfte es, ehe er ſich vollkom⸗ men in die neue Lage der Dinge finden konnte. Als hätte er nie dergleichen Luxusgegenſtände, wofür er, ſeinen bisherigen Beſchränkungen im Kerker gegen⸗ über, ein weiches, reinüberzogenes Bett, eine bren⸗ nende Lampe und verſchiedene andere Kleinigkeiten nebſt guten Speiſen und Weinen hielt, beſeſſen oder genoſſen, ſo betrachtete und betaſtete er jedes Einzelne wiederholt, und als er ſich dann wieder die theilneh⸗ mende Miene, die herzliche Freundlichkeit der ſchönen Freundin und ihres Oheims in die Erinnerung zu⸗ rückrief, bewegte eine ſanfte Rührung ſein Herz— und trotz ſeiner Einſchließung fühlte er ſich verhältniß⸗ mäßig glücklicher, als er ſich je in der Freiheit ſeines früheren Lebens gefühlt zu haben glaubte. Die fie⸗ berhafte Aufregung, der innerliche und äußerliche Froſt, ſo wie das Gefühl der gränzenloſen Bitterkeit gegen ſeine Peiniger war aus ſeinem Körper und ſeinem Geiſte verſchwunden und hatte einer behaglichen, ru⸗ higen Ueberlegung Platz gemacht, die darauf hinaus⸗ lief, daß des unglücklichen Menſchen Loos noch im⸗ mer einzelne Licht⸗ und Glanzpunkte darbiete, um das ſonſt ſo karge Leben der Mühe und der Ertra⸗ gung ſeiner Leiden werth zu finden. Raſch verflog 3 ihm unter ſo befriedigenden Betrachtungen der Reſt des Abends und er legte ſich diesmal ſpäter als ge⸗ wöhnlich auf ſein behagliches Lager, wobei er den unbeſchreiblichen Hochgenuß in ſeinem ganzen Um⸗ fange durchkoſtete, ſich nach neun Nächten zum erſten Mal wieder entkleiden zu können. Süß und unglaublich ſchnell verſtrich ihm dieſe eine Nacht, denn er brachte ſie im tiefſten und unge⸗ ſtörteſten Schlafe hin; da aber wurde er plötzlich ge⸗ gen Morgen durch den dumpf in den Gewölben ſei⸗ nes Gefängniſſes widerhallenden Ton eines in der Nähe abgefeuerten Geſchützes erweckt.„Was iſt das?“, rief er verwundert aus, denn er hatte ja nicht die ge⸗ ringſte Vermuthung von den Vorgängen in der Stadt, und daß ſeine Landsleute Kolding angreifen würden, war ihm, dem von allen Tagesvorfällen ſo wenig Unterrichteten, noch viel weniger erklärlich, als den Bewohnern des Hauſes auf dem Berge, die das be⸗ ginnende Gefecht zu derſelben Zeit aus dem Morgen⸗ ſchlummer aufſchreckte. Als er ſich aber überzeugt, daß irgend ein Kampf in der Nähe ſtattfinden müſſe, hatte er auch ſchon ſeinen Entſchluß gefaßt. In al⸗ ler Schnelligkeit kleidete er ſich vollkommen an, ver⸗ ſah ſich mit einem guten Vorrath reiner Wäſche und band ſie nebſt einigen anderen Gegenſtänden, Büchern 1* 4 und was ihm ſonſt das Wichtigſte ſchien, in ein Bündel zuſammen. Zu dieſem Beginnen ſchien ihn ein dunkler Inſtinkt getrieben zu haben, denn kaum war er damit zu Stande gekommen und eben dabei, ſchnell einige Biſſen zu eſſen und ein paar Gläſer kräftigen Weins zu trinken, ſo wurde haſtig ſeine Kerkerthür geöffnet und der Gefangenwärter trat blei⸗ chen und erſchrockenen Geſichtes bei ihm ein. „Was giebt es?“ fragte Henrik mit einer Ruhe, die dem alten Manne, der ſelbſt in der größten Un⸗ ruhe war, unerklärlich erſchien. „Was es giebt?“ Hören Sie das nicht? Mord und Tod, Herr! Die Hallunken, die Rebellen, greifen des Königs Truppen an— auf! kommen Sie heraus, Sie müſſen augenblicklich in einen Wagen ſteigen.“ Mechaniſch, oder vielmehr von einem inneren Triebe, endlich einmal friſche Luft zu ſchöpfen, ange⸗ ſtachelt, ergriff Henrik ſein Bündel, folgte dem voran⸗ laufenden Manne und als er mit ihm in den Flur des Hauſes getreten war, ſah er mehrere Gefängene, gleich ihm mit ihren kleinen Habſeligkeiten beladen, im Halbdunkel des beſchatteten Ganges unter einer nur noch matt glimmenden Laterne ſtehen, denn die Morgendämmerung war eben erſt angebrochen und das düſtere Haus, worin ſie ſich befanden, lag mit * —— 5 ſeinen inneren Theilen noch tief in den Schatten der Nacht begraben. Henrik blickte ſich neugierig im Kreiſe um, ob er nicht etwa ein bekanntes Geſicht unter den Gegen⸗ wärtigen fände, aber es waren nur Fremde, aus de⸗ ren bleichen Mienen der Kummer, die Aufregung und die Beſorgniß vor größerer Gefahr ſprach. Endlich raſſelten einige verdeckte Wagen heran und raſch in dieſelben hineingetrieben, nahmen alle Gefangenen Platz, wo ein Jeder ihn finden konnte. Henrik kam zwiſchen einem Gutsbeſitzer aus der Nähe von Ha⸗ dersleben und einem ehemaligen Beamten des Her⸗ zogs von Auguſtenburg zu ſitzen; vor ihnen ſtiegen zwei Rothröcke mit geladenen Gewehren auf, hinter ihnen ein ſchwer bewaffneter Polizeibeamter. Als der Wagen geſtopft voll war, hatte Henrik kaum noch ſo viel Zeit, ſeinem wohlwollenden Kerkermeiſter ein be⸗ reitgehaltenes Goldſtück zuzuwerfen, denn in demſelben Augenblicke zogen die Pferde an und in ſcharfem Trabe ging es durch die holperige Stadt, die ſchon mit Soldaten, Bürgern und zuſammengelaufenem Ge⸗ ſindel gefüllt war, welche alle Hals über Kopf dem Kampfplatze zueilten. Dieſe Eile hielt aber einige Bummler nicht ab, die Wagen der Gefangenen ge⸗ nauer in's Auge zu faſſen, Schimpfwörter hinter 6 ihnen herzurufen und einen Hagel von Steinen in ihr Inneres zu ſenden, von denen einer den Gutsbe⸗ ſitzer im Geſichte verwundete. Aber nicht lange dauerte die Beſorgniß, noch ärger behandelt zu wer⸗ den; in wenigen Augenblicken war der Wagen aus der Stadt heraus und rollte nun mit gemäßigter Eile auf dem Wege nach Friedericia fort. Keiner der An⸗ weſenden wußte genauer, was vorgegangen war, und erſt die däniſchen Soldaten, die ſich geſprächiger und leutſeliger erwieſen, als man ihnen anfangs zu⸗ muthete, klärten die Lage der Sache auf. Viel und Mancherlei wurde an dieſem Morgen auf dem drei Meilen langen Wege von Kolding nach Friede⸗ ricia in dem Wagen geſprochen, aber nur oberflächlich hörte Henrik zu, denn ſeine Gedanken flogen voll Sehnſucht und Beſorgniß zu den theuren Perſonen zurück, die er im Bereiche der ſtreitenden Parteien wußte; bald aber beruhigte er ſich wieder, denn er ſtellte ſich vor, daß der Conferenzrath alle Mittel auf⸗ bieten würde, um ſeine Nichte der Gefahr zu entzie⸗ hen und auf Umwegen aus der bedrohten Stadt zu ſchaffen. Da ſchaute er, aus ſeinen brütenden Gedan⸗ ken auffahrend, plötzlich in die Höhe, und was er rings um ſich ſah und mit allen erwachten Sinnen einſog, war vollkommen geeignet, ſeine Aufmerkſamkeit — 5 7 in eine andere Richtung zu lenken. Der Morgen war weiter vorgerückt; die Nebel des Meeres, an deſſen Geſtade ſie langſam fortrollten, ſanken allmälig nie⸗ der und einige freundliche Lichtblicke der aus dem Waſſer tauchenden jungen Tagesſonne ſtreuten ihren Glanz über die friedliche Gegend aus. Kräftig ſog unſer Freund die balſamiſche Morgenluft ein, er ath⸗ mete ja Freiheit in einer Geſtalt wenigſtens, und obgleich der dumpfe Modergeruch der feuchten Kerker⸗ luft noch an ſeinen Kleidern hing, ſo wehte der friſche Seewind ſie doch allmälig heraus und ein lange nicht empfundenes Wohlgefühl durchdrang ſeine Bruſt und ſeine vor Wonne bebenden Glieder. Um ſieben Uhr Morgens kam man vor Friederi⸗ cia an. Die Gefangenen wurden ſogleich an den Strand gefahren, wo ein Boot ſie zu erwarten ſchien, wenigſtens ſie ohne Zögerung aufnahm und nach ei⸗ nem Kutter fuhr, der unfern des Ufers vor Anker lag. Eben als die Gefangenen in das Boot geſtiegen waren, liefen einige zerlumpte Bewohner Friedericia's an den Strand, und da ſie erfuhren, wer die Paſſa⸗ giere ſeien, erhoben ſie ein Wuthgeheul und warfen mit Steinen nach ihnen, die indeſſen ihr Ziel nicht mehr erreichten. In einer Viertelſtunde war die ſchmale Meerenge zwiſchen Jütland und der Inſel Fünen *₰ durchſchifft und man langte vor Middelfahrt an, dem reizenden Städtchen, deſſen Häuſer ſich freundlich im klaren Waſſer des kleinen Beltes ſpiegeln. Auch in Middelfahrt ſtanden bald einige Wagen bereit, und nachdem ſich die Gefangenen die Erlaubniß ausgebe⸗ ten und erhalten hatten, einige Eßwaaren von einem ihrer Soldaten einkaufen zu laſſen, und nachdem ſie aus der Hand ihr trockenes Frühſtück geſpeiſt, ſtiegen ſie wieder auf, um den ſechs Meilen langen Weg nach Odenſe zurückzulegen. Die einförmige, obwohl ſehr fruchtbare, doch in dieſer Jahreszeit noch kahle Flachgegend lud zu keinen angenehmen Betrachtungen ein, deſto lebhafter aber ward die Unterhaltung im Wagen geführt, wo natürlich der Krieg nach allen Seiten beſprochen wurde und ſogar die däniſchen Soldaten von ganzem Herzen ſich gegen denſelben erklärten. Je tiefer man aber in das Innere der Inſel hinein kam, um ſo wohlwollender, harm⸗ loſer zeigten ſich die Bewohner derſelben, und namentlich der weibliche Theil gab oft unzweideutige Zeichen ſeiner Theilnahme zu erkennen, ſo daß man beinahe vergaß, daß man kriegsgefangen und inmit⸗ ten einer feindlichen Bevölkerung war. Mittags langte man in dem freundlichen Städtchen Odenſe an und wurde von einer ſtarken Wachtmannſchaft in Empfang 3 9 genommen, denn der liebe Pöbel war auch hier zu Hauſe und umlagerte in heulenden Schaaren die an⸗ gekommenen„deutſchen Hunde.“ In die Wachtſtube des Militairpoſtens geführt, wurde den Gefangenen eine warme Suppe verabreicht, der Bürgermeiſter von Odenſe aber, ein von allen Kriegsgefangenen wegen ſeiner Milde und Men ſchenfreundlichkeit geprieſener Mann, Etatsrath Eirun leiſtete ihnen dabei Geſell⸗ ſchaft, unterhielt ſich mit Jedermann und ſprach na⸗ mentlich lange mit Henrik, deſſen Namen er aus den Papieren des begleitenden Polizeibeamten erfuhr. Nach⸗ mittags vier Uhr rollten zwei andere Wagen vor, um die Gefangenen weiter zu fördern, und hier erſt brach⸗ ten ſie in Erfahrung, daß ſie nach der Feſtung Ny⸗ borg, an der öſtlichen Küſte von Fünen, unmittelbar an der Oſtſee gelegen, geſchafft werden ſollten. Als ſie aber aus dem Wachtlokal traten, fiel der Pöbel nochmals mit Schimpfreden über ſie her und nur den energiſchen Vorſtellungen des Bürgermeiſters ge⸗ lang es, ihn von weiteren Thätlichkeiten abzuhalten. Endlich ging es wieder vorwärts. Die vier Meilen bis Nyborg wurden in fünf Stunden zurückgelegt. Im Dunkel des Abends langte man auf dem Markt⸗ platze in Nyborg an, wo man halten mußte, bis der alte und ſehr griesgrämig ſich geberdende Platz⸗ * 8 10 commandant erſchien, um die Gefangenen in ihre verſchiedenen Kerker führen zu laſſen. Auch diesmal wurde Henrik Paulſen wieder allein geſetzt, und ſo gern er einen verſtändigen Geſellſchafter bei ſich ge⸗ habt, ſo fühlte er ſich doch nicht einſam, denn in ſei⸗ nem Kopfe hatte ſich auf dem Wege hierher bereits ein Plan zur Fortſetzung ſeines Werkes gebildet, den er in dem neuen Gefängniß auf das Papier werfen zu können hoffte. Dies Gefängniß war eine der Kammern der Strandwache und eins der beſſeren von allen in Nyborg vorhandenen, denn es war für Staatsgefangene von einer gewiſſen Auszeichnung be⸗ ſtimmt. Dieſen Vorzug theilte dem Ankommenden ſogleich der Kerkermeiſter mit, indem er ihm als ei⸗ nem ſolchen vornehmen Staatsgefangenen Glück wünſchte und zu dem Ende ein auf Pappe geklebtes Stück Papier überreichte, worauf, wie in einem Gaſt⸗ hofe, die Preiſe für allerlei Bequemlichkeiten, Speiſen und Getränke geſchrieben ſtanden und in einer roth unterſtrichenen Anmerkung um ſofortige Bezahlung des üblichen Eintrittsgeldes, drei Reichsbankthaler be⸗ tragend, gebeten wurde. Henrik Paulſen überlas flüchtig dieſen, für einen Staatsgefangenen wunderbaren Preis⸗Courant, zahlte ſogleich und beſtellte ſich darauf ein gutes Bett mit 11 vollkommen reiner Wäſche, was beſonders angerechnet wurde, ein Licht, für den Abend Thee, und den näch⸗ ſten Morgen Kaffee nebſt Zubehör. Während der Kerkermeiſter das Verlangte ſchleu⸗ nigſt zu beſorgen verſprach, holte Henrik die gefüllte Börſe hervor, die er Helenen verdankte, und nahm einige Goldſtücke heraus, wobei er Grund genug zur Einſicht hatte, wie wichtig dies großmüthige Dar⸗ lehen in ſeiner jetzigen Lage ſei, die ihm übrigens, nach dem Ausſehen des Kerkermeiſters und ſeiner Speiſekarte zu urtheilen, mehr ſpaß⸗ als ernſthaft vorkam. Als der gute Mann zunächſt wieder mit dem Thee erſchien, fragte er, ob der Herr mit dem vorhandenen Tiſche von rohem Holze und der dane⸗ benſtehenden Bank ohne Lehne zufrieden ſei, oder ob er polirte Möbel, natürlich gegen gleich baare Be⸗ zahlung, wünſche. „Mit dem Tiſche bin ich ſchon zufrieden, aber einen guten Seſſel können Sie mir bringen.“ „Sie dürfen auch einen Sopha haben.“ „Ich danke, das Bett wird mir dazu dienen.“— Nachdem nun der preiswürdige Wärter noch nach etwaigen Wünſchen des Herrn gefragt und den Be⸗ ſuch des Gouverneurs um zehn Uhr des nächſten Morgens verkündigt hatte, entfernte er ſich, um das . 12 Bett nebſt Zubehör zu beſorgen, und als es ange⸗ langt und leidlich befunden worden war, ſchlief Hen⸗ rik vortrefflich. Erſt als er früh am nächſten Morgen erwachte, konnte er ſein Zimmer und deſſen Lage vollkommen überblicken. Es war in der That ein anſtändiges, ziemlich geräumiges und trockenes Gemach mit zwei eiſenvergitterten Fenſtern, die auf die Oſtſee hinaus⸗ gingen und den Horizont, das Meer und den Him⸗ mel nach Belieben betrachten, bei hellem Wetter, ru⸗ higer Luft und nicht allzublendender Sonne ſogar die fernen Umriſſe der ſeeländiſchen Küſte erkennen ließen. In dieſer Beziehung alſo blieb Henrik Paul⸗ ſen nichts zu wünſchen übrig, und da ihm ſein Wärter auch noch verſchiedene andere Bequemlichkeiten, eine verſchließbare Kommode und einen warmen Hausrock für Geld und gute Worte verſchaffte, ſo waren ſeine leiblichen Bedürfniſſe ſo ziemlich befriedigt. Wie es ſich nachher erwies, ſo war die Koſt nicht gerade fein und ausgewählt, aber doch ſchmackhaft und gut zu⸗ bereitet, und weiter verlangte ein Mann von Henrik's beſcheidenen Gewohnheiten nichts.* Um neun Uhr Morgens wurde dem Gefangenen bedeutet, er könne eine halbe Stunde im Freien auf dem Walle ſpazieren gehen, bis ſein Zimmer gerei⸗ 13 nigt ſei. Das war eine Freiheit, die der Gefangene nicht erwartet hatte, und eilig und freudig machte er davon Gebrauch. Zwei Schildwachen mit gelade⸗ nem Gewehr deuteten ihm mit ihren Stellungen den Raum an, den er zum Auf⸗ und Abſchreiten benutzen durfte. Mit ſtarken Schritten vollführte er dieſen un⸗ verhofften Spaziergang, denn er hatte das Glück, ſeinem Körper dieſe Bewegung zu gönnen, lange nicht empfunden. Dabei flogen ſeine Blicke weit über Meer und Land hinüber, begrüßten Gottes blauen Himmel und ſchickten ſehnſüchtige Grüße in die Ferne; ſeine Seele aber ſchöpfte neue Kraft aus allen dieſen ſo lange entbehrten Genüſſen. Mit anderen Gefangenen durfte er jedoch niemals zuſammenkommen, deren Spazierſtunde fiel ſpäter am Tage, und da ſeine Fenſter den dazu gewählten Ort nicht beſtrichen, konnte er ſie nicht einmal ſehen. Um zehn Uhr, als der Gefangene ſein gelüftetes Zimmer eben wieder betreten hatte, erſchien der alte Commandant, ein Mann in den Sechzigen, mit ſtar⸗ kem Bauche, wohlgenährtem, von Blut ſtrotzendem Geſicht und grauen Haaren. Mit gravitätiſcher Miene und den Geberden eines vom Gewichte ſeiner erhabe⸗ nen Amtspflichten niedergedrückten Mannes trat er herein, ſetzte ſich geräuſchvoll auf Henrik's Seſſel und 14 4 ließ dieſen wie einen Soldaten vor ſich ſtehen. Nach⸗ dem er ihn lange Zeit genau betrachtet hatte, gab er ſeine Zufriedenheit mit dieſer Muſterung durch eine Art gönnerhaftes Grunzen zu erkennen und ſagte dann kurz:„Sie ſind ein Staatsgefangener, Herr Paulſen!“ „Ja,“ erwiderte dieſer,„ſo ſagt man mir, und ich danke für die Ausſtattung, die man auf meinen Wunſch dieſem Zimmer gegeben hat, obwohl ich hoffen will, daß ich nicht lange hierſelbſt zu bleiben haben werde.“ Der Gouverneur, wie er ſich am liebſten nennen hörte, ließ einen kalten Blick über die noch immer dürftige Einrichtung des Zimmers gleiten, lächelte aber ironiſch, als Henrik von ſeiner Hoffnung, daſſelbe bald zu verlaſſen, ſprach.„Sie ſollen ein gefährlicher Menſch ſein,“ fuhr er fort,„ja, ein ſehr gefährlicher Menſch, und ich werde ein wachſames Auge auf Sie haben. Darum ſitzen Sie auch in einſamer Haft und dürfen mit keinem der übrigen Gefangenen verkehren, um ihnen nicht Ihre gottloſen Rathſchläge, ferner in Widerſpenſtigkeit gegen Seine Majeſtät zu beharren, zu ertheilen. Die Behandlung übrigens, die Ihnen hier zu Theil werden wird, ſoll ganz allein von Ihrem Benehmen abhängen; je verſtändiger und ruhiger * 15 Sie ſelbſt ſich zeigen werden, um ſo wohlwollender werden Ihre Vorgeſetzten ſein. Haben Sie mir ſonſt noch etwas zu ſagen?“ 1 Henrik mußte innerlich ſowohl über die vermeint⸗ liche Gefährlichkeit ſeiner Perſon, wie über den Zwei⸗ fel lächeln, den man hegen konnte, daß er ſich nicht verſtändig betragen würde.„Ich könnte Ihnen ſehr viel ſagen, Herr Gouverneur,“ verſetzte er äußerlich ſehr ernſt aber mit ſanftem Tone,„wenn ich nicht fürchten müßte, Sie Ihrer koſtbaren Zeit mit meinen Auseinanderſetzungen zu berauben. Ich habe nur den einen Wunſch, und den werde ich Ihnen jeden Tag ausſprechen, ſobald wie möglich vor ein Gericht ge⸗ ſtellt zu werden, damit ich Gelegenheit habe, mich gegen die mir zur Laſt gelegten Anklagen, die ich⸗ bis jetzt leider noch nicht kenne, zu vertheidigen und die Gerechtigkeit Dänemark's zu bewundern, wie ich ſeine Macht und Neigung, über vieler Menſchen Wohl und Glück willkürlich zu entſcheiden, noch nie be⸗ zweifelt habe.“ Der Gouvernenr hob mit rügendem Blick ſeinen rechten Zeigefinger in die Höhe.„Halt!“ ſagte er in gütigem Mentortone,„halt, mein junger Freund, das war ſchon nicht ganz anſtändig von Ihnen! Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke über das großmüthige Däne⸗ 16 mark, deſſen edle Abſichten Sie verkennen. Dänemark iſt mehr als gerecht gegen die Holſteiner und Schles⸗ wiger, es iſt ſogar gütig gegen ſie, wenn es ſie be⸗ handelt, wie Sie hier behandelt werden. Was Sie verbrochen haben, weiß ich nicht, und es iſt auch nicht meine Sache, den Grad Ihres Verbrechens zu beur⸗ theilen, denn ich bin nicht Ihr Richter. Aber ich bin ein Arm des großen Vaterlandes, ein Glied ſeines gewaltigen Staatskörpers, und das vergeſſen Sie nie, mein Sohn, und beleidigen Sie daher auch nicht in mir unſer gemeinſames Vaterland. Uebrigens iſt die Unterſuchungscommiſſion ernannt, und es wird nicht lange dauern, ſo wird Ihr Wunſch, verurtheilt zu ſein, erfüllt werden.“ ⸗„Sie irren, mein Herr, ich will nicht verurtheilt, ſondern nur verhört ſein, denn aus meinem Verhöre wird ſich ergeben, daß ich kein Verbrecher bin, wie Sie bereits als feſtſtehend anzunehmen ſcheinen.“ „Herr!“ ſagte der Gonverneur ſtreng.„Seien Sie nicht auch blind gegen ſich ſelber, wie Sie es gegen Dänemark geweſen ſind. Das iſt eben der Fehler Ihrer Landsleute, daß ſie den Irrthum nicht begreifen, in welchem ſie von ihrer Geburt an gegen ihr Oberhaupt befangen ſind. Dänemark hat es ſtets väterlich mit den Herzogthümern gemeint, die Herzog⸗ ————— 17 thümer haben aber nie die Einſicht oder den guten Willen gehabt, dieſe väterliche Geſinnung zu erkennen, und darum haben ſie ſich in die Gefahr gebracht, die auch über Ihrem Haupte ſchwebt.— Genug für heute. Gehen Sie in ſich und bereuen Sie, was Sie in jugendlicher Uebereilung gegen Ihren Wohlthäter gethan, und wenn ich Ihnen rathen darf, laſſen Sie es lieber gar nicht zur Unterſuchung kommen, ſondern ſprechen Sie laut und aus freien Stücken Ihre Reue aus, und ich zweifle nicht, Sie werden den Vortheil bald erkennen lernen, der aus einem ſolchen anſtändi⸗ gen Betragen für Sie hervorgehen muß. Seien Sie klug und bedenken Sie meinen wohlgemeinten Wink. Guten Morgen, mein Herr!“ Als der Gouverneur weggegangen war, fühlte Henrik Paulſen ſich beinahe zum Scherze aufgelegt. Das großmüthige, gerechte und gütige Dänemark trat ihm in einem ganz neuen Lichte vor Augen. Um über ſein Vergehen zu entſcheiden, hatte es in ſeiner Großmuth eine Unterſuchungscommiſſion ernannt, und dieſe hatte ihn ſchon verurtheilt, ehe ſie noch zu⸗ ſammen getreten war. Er war alſo Verbrecher, ohne ein Verbrechen be⸗ gangen zu haben, und dennoch ſollte er daſſelbe be⸗ reuen, um ſeinen ſchlimmen Folgen aus dem Wege A. Burns. IV. 2 18 zu gehen. Daß dieſe ſo gütig angerathene Reue nicht über ſeine Lippen kommen würde und könnte, ebenſo wenig wie er ſie in ſeinem Herzen fühlte, ſtand ſchon im Voraus bei ihm feſt, und aus dieſer Ueber⸗ zeugung ging wieder hervor, daß die bevorſtehende Gerichtsverhandlung eben ſo unergiebig, wie die Dauer ſeiner Gefangenſchaft unabſehbar ſein würde. In ungeduldiger Erwartung der Ankunft jener Commiſſion nun vergingen ihm Tage und Wochen. Durch Geld und gute Worte war es ihm gelungen, Alles von ſeinem Kerkermeiſter zu erlangen, was er wünſchte. Er erhielt alle möglichen, ſogar deutſche Zeitungen, Papier, Federn und Tinte, und ſo wuchs ſeine Arbeit täglich unter ſeinen Händen, da er Muße und Neigung genug dazu hatte. Die Behandlung, die ihm widerfuhr, war im Allgemeinen freundlich und menſchlich genug. Nur die Einſamkeit, die ihn nun ſchon ſo lange umgab und ſich immer gleich blieb, wurde ihm oft zur Pein, denn jeder Menſch, auch der arbeitſamſte und klügſte, und mag er noch ſo ſehr die freiwillige Einſamkeit lieben, hat Anwand⸗ ungen, ſeine Meinungen mit ſeines Gleichen auszu⸗ tauſchen, und dieſe ſteigern ſich zum unabweisbaren Bedürfniß, wenn er unfreiwillig daran gehindert iſt. 19 Die Befriedigung dieſes Bedürfniſſes aber blieb ihm fortan auf das Strengſte unterſagt. So war der Frühling angebrochen und ſeine ſanften Lüfte wehten balſamiſch über das glänzende Meer; klar war die warme Luft, blau der Himmel, und nur die trübe Wolke der Zukunft hing gewitter⸗ ſchwer und geheimnißvoll an dem Horizonte ſeines Geiſtes. Seine wiederholten Fragen nach dem ver⸗ heißenen Gerichte erhielten keine Antworten, und ſchon gab er ſich der Erwartung hin, daß man ihn gar keinem Gerichte unterwerfen werde und er aus der Erinnerung des großmüthigen Dänemarks geſtrichen ſei, als ein Begebniß eintrat, welches ihm bewies, daß dies nicht der Fall und daß, wie es in der Ferne Menſchen gab, die mit innigem Antheil an ſeinem Schickſale hingen, auch ſolche in ſeiner Nähe wären, die es ſich zur Aufgabe ihres Lebens gemacht zu haben ſchienen, ihn ſogar bis an den einſamen Strand des baltiſchen Meeres zu verfolgen, an welchem er jetzt ſeine einſamen Stunden in öder Verlaſſenheit ver⸗ fließen ſah. 2 ½ 20 Es war in den erſten Tagen des Juni,— Hen⸗ rik befand ſich alſo ſchon ſechs Wochen im Staatsge⸗ fängniß zu Nyborg— als der Kerkermeiſter Abends ſpät ſehr eilig bei ihm eintrat und mit gewichtiger Miene verkündete, daß ſein Wunſch nach einem Ge⸗ richte wahrſcheinlich ſehr bald in Erfüllung gehen werde, indem das Dampfboot, welches am Nachmit⸗ tage gekommen ſei, die Unterſuchungscommiſſion für ihn und ſeine Gefährten: mitgebracht habe, und daß dieſe Herren geraden Weges von Kopenhagen abge⸗ ſendet und mit allen möglichen Vollmachten verſehen ſeien, um die bewußte Angelegenheit zur Gniſcheidung zu bringen. Dieſe wichtige Nachricht, je plötzlicher ſie kam, regte in der Bruſt des Gefangenen um ſo lebhafter eine faſt frohlockende Freude auf. Er dankte dem Ueber⸗ bringer derſelben mit gerührtem Herzen, als hätte er ihm ſchon ſeine Freiheit angekündigt, und gab ſich den ſchrankenloſeſten Hoffnungen hin, wie ſie ſeine Landsleute, die Hoffnungsloſigkeit ihrer Lage nicht er⸗ kennend und allein vom Bewußtſein ihres Rechtes durchdrungen, den Dänen gegenüber zu allen Zeiten gehegt hatten und darin doch ſtets ſo ſchwer wie möglich getäuſcht worden ſind. Er konnte die ganze Nacht kein Auge ſchließen; ſtets wiederholte er ſich die 21 ſchon ſo oft durchdachten Gedanken, von deren klaren und ſchlagenden Beweisgründen er ſich den günſtig⸗ ſten Erfolg verſprach. Denn es lebte immer wieder die Ueberzeugung in ihm auf, man werde ein ordent⸗ liches Gericht über ihn halten; und da er wußte, daß man ihn nach den allgemeinen Geſetzen des natür⸗ lichen und menſchlichen Rechtes nicht verurtheilen konnte, weil er ſich dagegen nicht vergangen hatte, ſo glaubte er auch nicht den ausnahmsweiſe ange⸗ ordneten däniſch⸗politiſchen Gerichtshof fürchten zu müſſen. Und das war der arge Irrthum, in den auch der kluge Henrik Paulſen verfiel. Er traute den Dänen daſſelbe Billigkeitsgefühl zu, von dem ſeine Landsleute beherrſcht wurden— und das beſaßen ſie nicht. Vom großen Richterſtuhl der Welt künftighin nach allgemein geltenden Principien und Rechtsbe⸗ griffen beurtheilt zu werden— darauf machten ſie keine Anſprüche, ſie wollten allein Dänen ſein, das heißt ſolche Leute, die über alle Beurtheilung hinaus⸗ liegen, die Alles ungeſtraft thun können, kein Ver⸗ ſprechen zu halten, keine Verbindlichkeit zu erfüllen brauchen und die ein ganzes Land mit ſeinem Volks⸗ ſtamme nicht nach ſeinen, durch Jahrhunderte geheilig⸗ ten Geſetzen, ſondern nach der ureigenen, willkürlichen Geſetzesauslegung tyranniſiren zu dürfen glauben. 22 So wollten ſie auch in Wahrheit die Bewohner der Herzogthümer, die in ihre Hände gefallen, nicht rich⸗ ten, nein, ſie wollten ſie nur verurtheilen; und da ſie erwarten mußten, daß die kriegs⸗ und ſtaatsge⸗ fangenen Schleswig⸗Holſteiner ſich ohne Urtheil und Recht ihren Anmaßungen nicht unterwerfen würden, ſo wollten ſie ſie durch Zwangsmaaßregeln und Dro⸗ hungen jederlei Art dahin bringen, daß ſie, endlich der unabläſſigen Quälereien müde, mündlich und ſchriftlich eingeſtänden, ſie ſeien ſchuldig und bäten ſich das als Gnade aus, was ſie eingebildeterweiſe als ihr Recht in Anſpruch zu nehmen ſich bisher ver⸗ geblich bemüht hätten. So weit wollten ſie ſie haben. Denn wer um Gnade bittet, der demüthigt ſich, der liegt auf den Knieen, und gedemüthigt, auf den Knieen liegend, wollten die Dänen die Herzogthümer ſehen— dahin ging einzig und allein von jeher ihre Politik, dahin ſtrebten ſie auch jetzt, im Ganzen wie im Einzelnen, trotzdem daß das große Deutſchland dem kleinen Dänemark den Fehdehandſchuh hinge⸗ worfen und:„Bis hierher und nicht weiter!“ gerufen hatte.— Der Morgen war angebrochen, ein ſüßwarmer, lieblicher Morgen, wie ihn nur die nördlicheren Meere im Frühjahr hervorzaubern können. Durchſichtig, mit 23 tauſend Wohlgerüchen geſchwängert, war die Luft, die vom Süden daherwehte, Himmel und See wie ein auseinandergeriſſenes Zwillingspaar gleich golden und licht gefärbt, und in den friſch blühenden Gebüſchen und Bäumen in der Nähe des Strandes ſchmetterten die Nachtigallen ihr wonniges Morgenlied. Henrik war früh aufgeſtanden, hatte ſich ſogleich vollſtändig angekleidet und wartete ſehnlichſt auf irgend eine Meldung, daß man ihn vor Gericht for⸗ dern werde. Aber er wartete vergeblich. Seinen ge⸗ wöhnlichen Spaziergang lief er mit leidenſchaftlicher Heftigkeit ab, und nachdem er wieder in ſein Zimmer zurückgekehrt, war es ihm unmöglich, zu arbeiten, zu denken oder auch nur zu leſen, denn jeden Augenblick glaubte er vor ſeine Richter gerufen zu werden. Der Mittag kam und verging; der Kerkermeiſter, wieder⸗ holt befragt, lächelte verſtohlen und pries ſeinem Gefangenen die Geduld als die hauptſächlichſte Tu⸗ gend eines eingeſperrten Menſchen an. „Geduld, Geduld!“ ſagte Henrik mit einer Art innerer Wuth, als er wieder in ſeinem Zimmer, wie ein eingeſperrtes Thier in ſeinem Käfig, auf und ab⸗ lief—„Ja, gieb mir Geduld, o Himmel! Wenn ich keine Geduld bis jetzt gezeigt habe, wer ſoll ſie haben und wie ſoll er ſie zeigen?“— Und dennoch war 24 ein dunkles Vorgefühl in ihm, welches ihm ſagte, die Stunde des Gerichts nähere ſich; auf und abſteigende Hoffnung wogte in ſeinem Herzen, und mit der ela⸗ ſtiſchen Sprungfertigkeit eines gequälten Geiſtes ver⸗ ſetzte er ſich in Gedanken ſchon wieder weit weg in die ſchönen Gefilde der Heimat, wo Liebe und Freund⸗ ſchaft ſeinem Daſein ein ſchöneres Ziel verhießen. So hatte er ſich beinahe in einen exaltirten Gei⸗ ſteszuſtand hineinverſetzt; in hoffnungsfroher Erwar⸗ tung überſchätzte er die kommende Stunde und ver⸗ lieh ihr eine Wichtigkeit, die ſie wohl für ihn in ſeiner Bruſt, aber nicht in der ſeiner kalten ruhig abwar⸗ tenden Richter hatte. Man denke ſich daher ſein Erſtaunen, mit dem er aus allen ſeinen Himmeln fiel, als ſich eine Stunde nach Tiſche ſeine Thür öffnete und ein ſchwarzgeklei⸗ deter Mann in's Zimmer trat, deſſen unvermuthete Erſcheinung ſein innerſtes Herzblut gerinnen machte, denn er erkannte ihn auf den erſten Blick. Herr Olaf Larſſen, den wir ſchon in ſo mancher Verhüllung geſehen, trat diesmal in feiner gewählter Kleidung herein, aber ſein rothes gedunſenes Geſicht, ſein ſchelmiſch lauerndes Auge, die heimtückiſchen Züge um den gemeinen Mund waren dieſelben, wie er ſie zu allen Zeiten und unter allen Verkleidungen zur Schau 25 getragen hatte. Mit ſeinem gewöhnlichen kriechenden Lächeln nahte er ſich ſchleichenden Trittes, wie ein lauernder Fuchs, ſeinem alten Schulkameraden, der mit weitaufgeriſſenen Augen und unausſprechlicher Verwunderung auf dieſen am wenigſten erwarteten Beſuch blickte. „Guten Morgen, Henrik Paulſen!“ ſagte der ehe⸗ malige Jugendgefährte leutſelig.„Nun— ſo ver⸗ wundert, mich zu ſehen? Habe ich es nicht immer ge⸗ ſagt, daß die Wege von Freunden ſich auf dem brei⸗ ten Pfade des Lebens wiederholt begegnen? Haben Sie vergeſſen, was ich Ihnen damals nachrief, als Sie ſo jähzornigen Gemüthes, blindlings in Ihr Verderben rennend, auf dem Wege von Flensburg nach Huſum mich ſo unkameradſchaftlich verließen? Na, da bin ich wieder mit Ihnen zuſammengetroffen — Sie ſehen mich wirklich vor ſich, Sie irren ſich nicht, und diesmal in Nyborg, auf ächtem däniſchen Grund und Boden, he?— Noch immer keine Worte? Nun, ſo nehmen Sie doch wenigſtens meine Hand — ich ſtrecke ſie Ihnen ja ſchon lange entgegen — ſeien Sie nicht mehr ſo ſtolz und hochfahrend, wie Sie es früher waren— bequemen Sie ſich in Ihre Lage— da, nehmen Sie ſie hin und heißen Sie einen alten Freund, wie es ſich gebührt, willkommen!“ 26 Henrik, Blitze aus ſeinen Augen ſchleudernd, konnte vor Unwillen eben ſo wenig wie vor Ueberraſchung zu Worten kommen. Er wies die dargebotene und lange in der Luft ſchwebende Hand von ſich und trat ſelbſt noch einen Schritt zurück.„Weg da von mir!“ ſagte er endlich ſtolz und kurz—„Ich drücke keinem Spione die Hand!“ „Aha, das iſt es! Sie haben mich alſo ſehr rich⸗ tig erkannt in dem Hauſe zu Apenrade— wiſſen Sie noch?— Und weil Sie mich nicht gefunden haben, als Sie mich ſo eifrig ſuchten, ſo zürnen Sie mir noch. O! Sehen Sie, der blinde Eifer kommt ſelten zum rechten Ziele— man muß nur ſuchen, wo man gewiß iſt zu finden— ich war gewiß, Sie hier zu finden, und darum ſuche ich Sie heute auf.“ „Spotten Sie nicht, ſondern ſagen Sie mir, was Sie hier vorſtellen und wollen. Das iſt Alles, worum ich Sie bitte.“ „Was ich hier vorſtelle? Was ich will? Haben Sie es ſo eilig? Ich dachte, hier drängte Sie nichts, Sie hätten endlich einmal Zeit genug übrig für einen alten Freund, den Sie ſtets über die Achſel angeſehen und der Sie doch ſtets ſo warm geliebt und zu Ih⸗ rem Beſten angeleitet hat.— Doch, Henrik Paulſen, was ſpreche ich zu Ihnen wie ein Fremder? Hier ſind 27 wir ja nicht ſo weit auseinander, wie früher und an anderen Orten, hier drängt ſich keine ältere Freund⸗ ſchaft zwiſchen die unſrige, hier bin ich Olaf Larſſen — und Sie ſind Henrik Paulſen— da, Mann, neh⸗ men Sie die Hand und laſſen Sie ein vernünftiges Wort mit ſich ſprechen— es wird Zeit dazu.“ „Wozu wird es Zeit?“ „Daß Sie einſehen, wo Sie ſind, was Sie ſind und auf Ihre Rettung denken.“ „Welche Rettung? Wollen Sie mich retten? Ich gebe mich noch lange nicht verloren!“ „Das iſt immer Ihr Unglück geweſen, daß Sie zu hochmüthig auf Ihr beſſeres Loos, Ihr größeres Glück, Ihr edleres Blut und Gott weiß auf welche Vorzüge gepocht haben, von denen ich keinen einzigen in dieſem Augenblicke gerechtfertigt ſehe, ſo ſtolz auch Ihr Auge auf mich herabblickt und mich vielleicht immer noch für etwas hält, was ich ſchon lange nicht mehr bin.“ „Was ſind Sie ſchon lange nicht mehr?“ „Was ich nur aus dem einzigen Grunde ge⸗ weſen bin, meinem Vaterlande um ſo erfolgreicher zu dienen.“ 3 „Ihr Vaterland liegt eben ſo wenig innerhalb der Gränzen dieſes Landes, wie das meinige.“ „Das kommt auf den Geſichtspunkt an, von wel⸗ chem aus man ſeine Stellung auffaßt. Dänemark iſt mein Vaterland, ich wiederhole es Ihnen heute ernſtlich, denn ich bin in Schleswig geboren, und wohl Ihnen, wenn Sie ſich durch dieſen meinen letzten Be⸗ ſuch beſtimmen laſſen, es auch für das Ihrige zu halten.“ Henrik maß den kühnen Sprecher, der bald mit warmem und vertraulichem Tone ſprach, je nachdem er die eine oder andere Rolle, den Protektor oder den Mentor, zu ſpielen beabſichtigte, vom Kopfe bis zu den Füßen. Aber kein Muskel ſeines Geſichts regte ſich und verrieth die auf⸗ und nieder jagenden Ge⸗ fühle der perſönlichen Abneigung und des moraliſchen Widerwillens, die ſeine Bruſt, übervoll zum Zerſprin⸗ gen, gegen dieſen gemeinen Menſchen erfüllten, der käuflich zu jederlei Beginnen war. Dennoch aber verſtand ihn der ſchlaue Unterhändler vollkommen; er las mit ſeinem grollenden Auge die Buchſtaben in der Seele des jungen Mannes, die ihm ſein eigenes Ur⸗ theil ſprachen und, abermals das Bild ſeiner Charak⸗ terloſigkeit vervollſtändigend und ſeinen ſchadenfrohen Geiſt mit Gewalt zurückdrängend, bemühte er ſich, ſo freundlich, ehrlich und milde wie möglich zu erſcheinen. „Laſſen wir die Masken fallen,“ ſagte er endlich mit ungemein redlicher Miene,„ſehen wir uns mit den Geſichtern in die Augen, welche uns die Natur gegeben hat. Sie lieben mich nicht, Henrik Paulſen, ich weiß es, und ich liebe Sie vielleicht auch nicht, und das hat ſeine triftigen Gründe, denn Sie ſind ein Rebell, ich bin ein Patriot, Sie ſind Ihren Ge⸗ fühlen nach ein Deutſcher, ich meiner Einſicht nach ein Däne— und das verträgt ſich nicht zuſammen, ich weiß es,— aber wie, Mann, ſollte Ihr Schickſal Sie noch nicht gedemüthigt, ſollte Ihre oft geprieſene Klugheit noch nicht eingeſehen haben, daß das Recht diesmal auf unſerer Seite und mit dem Rechte auch die Macht vorhanden iſt, daſſelbe aufrecht zu erhalten?“ „Ich ſehe weder von dem Rechte noch von der Macht etwas, daſſelbe aufrecht zu erhalten— und ob ich ein Rebell bin, das hier auszuſprechen, ſteht Ih⸗ nen am wenigſten zu.“ „Doch, doch, mein Lieber— auch darin irren Sie. Ich ſtehe heute im Amte vor Ihnen; ich bin die Obrigkeit, die in Ihr Gefängniß geſandt iſt, um die Vorunterſuchung über Sie abzuhalten— alſo— Sie ſind der Gefangene— und ich— ich könnte am Ende noch Ihr Richter werden!“ „So!“ ſagte Henrik, aufrichtig lächelnd.„Das wußte ich in der That nicht. Alſo Sie könnten mein 30 Richter werden? Nun, dann brauchen wir uns Beide nicht zu bemühen, den ſtreitigen Punkt zu unterſuchen, dann iſt alſo mein Urtheil geſprochen. Laſſen Sie mich es denn bald vernehmen.“ „Still, Henrik, ſtill! Seien Sie nicht bis zum letzten Augenblicke hochmüthig und vorſchnell, und verſchlimmern Sie damit nicht noch Ihre Lage. Al⸗ lerdings bin ich hier als Obrigkeit eingetreten, allein man hat mir einen weiten Spielraum des Handelns gelaſſen, und ich kann vielleicht meinem Vaterlande noch beſſer dienen, wenn ich, anſtatt als ſtrenger Rich⸗ ter zu ſprechen und Sie Ihrer gerechten Strafe zu überweiſen, meine Eigenſchaften als Ihr Jugendgenoſſe geltend mache, wenn ich vermag, Ihr Herz als Freund zu lenken. Und das thue ich jetzt, aber ich thue es zum letzten Male— ich verſuche es noch einmal, Sie auf den einzig richtigen Weg zu führen.“ „Und welcher Weg iſt dies?“ „Ich werde ihn Euch zeigen, Henrik. Seht, Hen⸗ rik, ich will mich die Mühe nicht verdrießen laſſen, das Werk mit Euch von vorne zu beginnen; diesmal aber ſteht der Erfolg auf meiner Seite, Ihr könnt mir nicht wieder entwiſchen, und wenn Ihr Ohren habt zu hören, ſo werdet Ihr mich diesmal nicht ungehört davon gehen laſſen. Schau't Euch um, mein Freund, 31 blickt einmal in Eure Vergangenheit zurück. Betrach⸗ tet die Lage der Welt. Sie hat zu Euren Ungunſten entſchieden, Ihr ſitzet im Kerker. Wißt Ihr, woher das kommt? Nein? Nun, dann will ich es Euch ſagen. Seht, Ihr— und viele Eures Gleichen— ſeid von jeher ein Poet geweſen, und habt Euch die Dinge dieſer Welt immer anders vorgeſtellt, als ſie wirklich ſind. Was habt Ihr nun davon? Eure Phantaſie war ſo reich begabt, daß Ihr Euch ſtets Alles, was Ihr auch nicht hattet, doch damit vorſtell⸗ tet. Der Dichter, der Ihr immer waret, in Worten nicht allein, ſondern auch in Werken, fährt in glän⸗ zenden Wagen ſpazieren, die er nicht beſitzt, er zau⸗ bert ſich die köſtlichſten Pferde, er ſpeiſt von ſilbernen Tafeln die herrlichſten Dinge, wenn er auch in der That nur zu Fuße geht und hungert und darbt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „O, ich bin noch lange nicht fertig. Ich will noch weiter gehen. Nicht zufrieden mit dem Genuſſe der alltäglichen Dinge, mit Eſſen und Trinken, Rei⸗ ten und Fahren und was das Leben ſonſt Köſtliches hat, dringt der Dichter mit ſeiner Phantaſie in den blauen Himmel und lieſt in den Sternen, was Got⸗ tes Wille iſt, oder er verſetzt ſich in die Eingeweide der Erde und auf den Grund des Meeres und gräbt Ihr ſeid ein Verurtheilter!“ 32 Diamanten, Gold und Perlen heraus, und doch ſät⸗ tigt ſich damit nur ſeine Phantaſie, während ſeine ei⸗ genen Eingeweide hungern und darben.“ „Was wollen Sie damit ſagen, frage ich?“ „Seht, ſo ein Held ſeid Ihr auch immer geweſen, habt für Freiheit und Recht geſchwärmt, habt darüber Euer Erbtheil verloren und was habt Ihr gewonnen? Den Kerker! O, wie hat Euch Cure Phantaſie be⸗ trogen, Henrik, mein armer Freund!— Da ſeht mich einmal an! Ich bin immer ein proſaiſcher Menſch geweſen, mein Leben lang, habe gehungert und gedurſtet, wie andere ehrliche Leute, und habe immer nur den Ochſen für einen Ochſen und den Eſel für einen Eſel gehalten. Und was bin ich jetzt? Ein angeſehener Mann in dieſem Königreiche; ich lebe nicht wie Ihr— in Gedanken, ſondern in der That und in vollem Genuſſe, ich träume nicht, frei und ge⸗ ſättigt zu ſein, ſondern ich bin es wirklich.“ „Und welche Genüſſe haben Sie, mit denen Sie in Ihrer beneidenswerthen Proſa prahlen?“ „Nun, bin ich denn nicht frei, nicht Herr meiner ſelbſt? Bin ich gefangen wie Ihr? Iſt das nicht ſchon an und für ſich genug? Und außerdem bin ich ein Mann im Amte, in Würden— und Ihr— 33 „Und glauben Sie, daß ich ewig gefangen, ver⸗ urtheilt, und Sie ewig im Amte, in Würden bleiben werden?“ „Das kann leicht kommen, wenigſtens was man ſo eine Ewigkeit auf Erden nennt. Aber damit es dahin nicht mit Euch komme, darum bin ich jetzt als Freund zu Euch gekommen, und ich bitte Euch in⸗ ſtändigſt, mir diesmal zu folgen.“ „Was verlangen Sie, daß ich thue?“ „Mit einem Worte— denn was ſoll das lange Reden— bekehrt Euch! Sagt: Olaf, ich habe mich bisher geirrt. Schleswig⸗Holſtein iſt Nichts, iſt Staub, eine Chimäre— Dänemark iſt Alles— oder nicht Alles, nur im Rechte gegen Schleswig⸗Holſtein— und Ihr werdet ſehen und Euch darüber verwundern, was die augenblickliche Folge davon iſt.“ „Und Sie ſchämen ſich nicht, mein Herr— der nur einen Namen in meinen Augen hat— und die⸗ ſer Name heißt: Spion— Sie ſchämen ſich nicht, mir das in's Geſicht zu ſagen? Mann, glaubt Ihr, die Wahrheit mit Lügen todtſchlagen, die ganze Welt mit Euren ſophiſtiſchen Stichwörtern dumm machen zu können? Nein, nein, Olaf Larſſen, Ihr habt Euch diesmal, wie immer und für immer, in mir geirrt. So weit ſind wir noch lange nicht. Ihr nennt mich. A. Burns. IV. 3 34 einen Poeten— und vielleicht bin ich es mehr ge⸗ weſen, als ich es ſelber wußte— aber ſo viel ſehe ich, der blinde Poet, doch voraus, daß Ihr mit Eurer Proſa, die man auch Schurkerei nennen könnte, noch weit übler daran ſeid, als ich ſelber, obgleich ich jetzt ein Gefangener und Ihr ein Mann in Würden ſeid. Nein, nein, nein, Mann, wenn Ihr mir nichts weiter vorzuſchlagen habt, als zwiſchen Dänemark und Deutſchland zu wählen, ſo ſeid Ihr vergeblich gekom⸗ men. Ich habe ſchon lange gewählt, und wie ich nun einmal bin, ſo kann ich nur einmal und für ewige Zeiten wählen. Eure Partei aber habe ich nicht gewählt. Und das iſt Alles, was ich mit Euch hier zu ſprechen habe.“ „Wie!“ rief Olaf Larſſen, aufbrauſend in Jamm, da Henrik ſich ſtolz von ihm wegwandte und aus dem Fenſter blickte,„Wie? Ihr wendet Euch von mir? Mann, Menſch, ſeid Ihr verrückt? Oder habt Ihr den Teufel im Leibe? Wißt Ihr, was Euch be⸗ vorſteht!“ „Daſſelbe, was Euch bevorſteht!“ rief Henrik, ſich heftig umkehrend und mit glühendem Auge einen Schritt auf den Verräther zutretend, der eben ſo raſch zurückwich. „Und was ſteht mir bevor?“ 35 „Das Gericht Gottes!“ „Ah ſo! Aber Gott regiert jenſeits— wir befin⸗ den uns dermalen dieſſeits!“ „Erbärmlicher Wurm, der Ihr noch den Unglau⸗ ben zum Verrathe fügt! Meint Ihr, weil Ihr Gott nicht auf Erden ſehet, daß er auch für Andere nicht vorhanden iſt? Werdet Ihr auch ſo ſprechen, wenn Eure letzte Stunde auf Erden ſchlägt und Ihr den gewaltigen Schritt von dieſer Welt zu jener unter⸗ nehmt? Denket an dieſe Stunde auf jener Reiſe!— Das Gericht Gottes erwartet Euch, ſage ich. Ja, Gott wird Euch im Jenſeits offenbaren, wer Ihr ſeid, die Ihr ihn im Dieſſeits verläugnet und die Menſchen wie Thiere des Waldes verfolgt, die er fried⸗ lich und gütig Euch zur Seite geſetzt hat. Und wenn dann ſein unbeſtechliches Richterauge auf Eurem Ver⸗ rätherantlitze haftet— mit göttlichem Blicke— den Ihr ertragen müßt und vor dem Ihr Euch nicht ab⸗ wenden könnt, wie Ihr Euch vor mir jetzt abwen⸗ det— dann ſtammelt, wenn Ihr es vermögt, um Gnade für den Hochmuth, den Menſchenhaß und die Gottesläugnung, die jetzt in Eurem Herzen brennen. Denn nur bei Gott iſt Gnade— aber nicht bei Däne⸗ mark, wie Ihr mir vorzulügen gekommen ſeid. Noch einmal— wir ſind fertig mit einander. Jetzt gehen 3* e. oder bleiben Sie— für mich ſind Sie nicht mehr da!“— Olaf Larſſen ſtand erſchüttert vor ihm. Der ge⸗ bieteriſche Ausdruck des mit warmer Begeiſterung Re⸗ denden, der den Arm gen Himmel erhoben und ſeinen ſchlanken Leib hoch aufgerichtet hatte, bezwang, über⸗ wältigte ihn. Ein inneres Grauen überlief ihn und er ſchüttelte ſich, wie wenn ein ſchreckliches Vorgefühl ſeine feige Seele packte, und ſein dunkelrothes Geſicht nahm eine bleierne Färbung an. Er wollte noch et⸗ was ſagen, ſeine Lippen bewegten ſich ſchon, aber er brachte nichts heraus. Endlich aber hatte er ſich ge⸗ faßt, und mit gleißneriſchem Lächeln einen Schritt vorwärts tretend und den Kopf gegen Henrik vor⸗ ſtreckend, der ihm wieder den Rücken zugewandt, fragte er mit ſeiner ſüßeſten Stimme:„Kann ich Ihnen ſonſt noch mit etwas dienen, mein Herr?“ „Nein! Ich danke Ihnen für Alles!“ „Für Alles? Herr, beſinnen Sie ſich— Sie wiſ⸗ ſen nicht, was Ihnen bevorſteht—“ „So ſagen Sie es mir, aber— wiſſen Sie — drohen können Sie wohl, aber erſchrecken— nein! nie!“ 3 „Wollen Sie meinem Rathe folgen und die Fahne der Rebellion verlaſſen?“ “ 37 „Sie ſind ſelbſt ein Rebell, aber nicht allein gegen Menſchen, ſondern auch gegen Gott, denn Sie haben die Natur verläugnet, die er Ihrem Herzen eingepflanzt, die Gefühle unterdrückt, die Sie mit der Muttermilch eingeſogen; und wenn die Menſchen nicht die Kraft beſitzen, Sie als Rebellen zu ſtrafen— Gott wird gewiß die Gewalt dazu beſitzen— Er wird Ihnen Einen ſenden, der ſtärker iſt als Sie— ſehen Sie ſich vor!— Und was erwartet mich nun— ich höre!“ „Das Gericht!“ ſagte Olaf Larſſen kalt.„Folgen Sie mir, mein Herr— die Vorunterſuchung iſt zu Ende— Sie erſcheinen jetzt vor der Unterſuchungs⸗ commiſſion.“— „Vorunterſuchung? Das nennen Sie Unter⸗ ſuchunge Iſt das däniſches Recht? Nun wohlan denn, ſo bin ich begierig, die Beiſitzer eines wirklichen Gerichts zu ſehen. Vorwärts, ſage auch ich— ſchreiten Sie mir voran, Mann!“ Sweites Anpitel. * Ein däniſches Gericht. Als der Gefangene dem langſam voranſchreiten⸗ den und innerlich vor Grimm kochenden„Mann in Würden“ aus dem Zimmer folgte, ſah er zwei mit gezogenem Seitengewehre bewaffnete Sol⸗ daten davorſtehen und ſich dem kleinen Zuge an⸗ ſchließen. Die vorunterſuchende Gerichtsperſon be⸗ wegte ſich über einen langen Flur durch ein ka⸗ ſernenartig eingerichtetes Gebäude, trat endlich durch eine Flügelthür in eine Art Vorſaal und erſuchte hier ſeinen Begleiter, zu warten bis er gerufen würde. Henrik blieb mit den Soldaten allein, Olaf Larſſen dagegen begab ſich in ein Seitengemach, in welchem Erſterer bald ein ziemlich langes Geſpräch ſich ent⸗ ſpinnen hörte, ohne jedoch ein einziges Wort deutlich verſtehen zu können. Nach einer Viertelſtunde ward er hineingerufen und erblickte ein großes ödes Zim⸗ mer, deſſen Mitte ein grün behangener Tiſch einnahm, um welchen herum auf ledergepolſterten Armſeſſeln, außer Olaff Larſſen, der mit entflammtem Geſichte hinter einem Stuhle ſtand und an den Nägeln kaute, drei ſchwarzgekleidete Herren ſaßen, von denen zwei ziemlich bejahrt und grauhaarig, der dritte aber jung und hellblond war. Die beiden Erſteren waren der Vorſitzende, Etatsrath und Ritter..., und der Ober⸗ auditeur..., der Letztere aber ein Amtsſekretair und Protokollführer. Nachdem der Vorſitzende den Gefan⸗ genen gefragt, ob er däniſch verſtehe und dieſer es be⸗ jaht hatte, ſtellte er ſich ſelbſt und ſeine Gefährten als die aus Kopenhagen geſandte Unterſuchungscom⸗ miſſion vor und fügte hinzu: ob er ſie als ſolche an⸗ erkennen und ihrer Entſcheidung ſich unterwerfen wolle? Der Gefangene erwiderte darauf kurz, daß er ſie als Unterſuchungscommiſſion anerkenne, daß er aber als Schleswiger nicht von Dänen gerichtet werden und mithin einem etwaigen Urtheile derſelben ſich nicht un⸗ terwerfen könne. Man blickte ſich gegenſeitig an, flü⸗ ſterte leiſe und kam endlich überein, den Ausſpruch des Gefangenen zu Prokokoll nehmen zu laſſen. Als darauf der Vorſitzende zum Beginne der Verhandlung 40 ſchreiten wollte, unterbrach ihn zu ſeiner höchſten Ver⸗ wunderung der Gefangene, indem er auf den anwe⸗ ſenden und nicht vorgeſtellten Olaf Larſſen deutete, mit der Frage: ob dieſer Herr auch zur Commiſſion gehöre? „Ja, mein Herr, er gehört dazu.“ „Dann erkenne ich die Unterſuchungscommiſſion gar nicht an, denn in meinen Augen iſt jener Herr nur ein Polizeiſpion— oder ſollte Ihnen das un⸗ bekannt ſein?“ Es entſtand unter den aus Kopenhagen geſandten Männern in Würden ein ſehr verlegenes Stillſchwei⸗ gen, wobei ſie das ſo ausgemerzte vierte Mitglied mit fragenden Mienen anblickten, als erwarteten ſie von ihm einen, den Gefangenen einſchüchternden Donner⸗ ſchlag. Da er aber ſelbſt verlegen ſchwieg, begann das Flüſtern von Neuem, worauf endlich der Vor⸗ ſitzende erklärte, Herr Olaf Larſſen fungire nicht als eigentliches Mitglied, unterſchreibe auch nicht, ſondern ſei nur als Beiſitzer und Vertrauensmann anweſend und werde ſich, wenn der Gefangene perſönlich etwas gegen ihn einzuwenden habe, jeder Einmiſchung in die Unterſuchung enthalten. Nachdem der Etatsrath nun den Gefangenen ermahnt, nicht durch Wider⸗ ſpruch, Eigenſinn oder ſonſtiges, der Anweſenden 41 Amtspflicht erſchwerendes Betragen ſeine eigene Lage zu verſchlimmern, die ſchon an und für ſich eine ſehr ernſte ſei, vor allen Dingen aber nicht, wie ſo eben geſchehen, einen Unterthan Sr. Majeſtät zu beleidigen, da er kein Ankläger, ſondern ein Angeklagter ſei, wollte er das Verhör beginnen, als der Gefangene noch einmal mit feſtem Tone aber beſcheidener Miene fragte: wer denn eigentlich ſein Kläger, wenn er ein Angeklagter ſei?— „Das hat dieſe Unterſuchungscommiſſion, die eine außergewöhnliche und kriegsgerichtliche iſt, nicht mitzutheilen.“ „Wenn das iſt, ſo gehöre ich auch nicht vor ſie, denn ich bin kein Kriegsgefangener, wie mir der Herr Gouverneur dieſer Feſtung ſelbſt mitgetheilt, ſondern ein Staatsgefangener, den man, wenn Sie es noch nicht wiſſen ſollten, bei Nacht und insgeheim von einem Hauſe weggeſchleppt hat, wo er nicht in poli⸗ tiſcher, ſondern in vertraulicher Familienangelegenheit anweſend war.“ Noch einmal begann eine flüſternde Berathung. Der Vorſitzende, offenbar von nicht geringer Verlegen⸗ heit ergriffen, ſprach ſich aber in eine Art gerecht ſcheinenden Zornes hinein und fuhr dann wieder laut fort, ohne im Geringſten des Gefangenen Rede einer 42 Antwort zu würdigen.„Sie ſind Henrik Paulſen aus Sundewitt, nicht wahr?“ „Der bin ich.“ „Sie ſind angeklagt— und Beweiſe der Wahr⸗ heit der Behauptungen des Klägers liegen unzählige und handgreifliche vor— ſchon ſeit Jahren die Ober⸗ herrſchaft Dänemarks über die Herzogthümer durch Rede und Schrift angetaſtet zu haben. Erkennen Sie das an?“ „Nein! Das erkenne ich nicht an. Um die Ober⸗ herrſchaft Dänemarks habe ich mich nie bekümmert und will ich hier nicht unterſuchen, ob ſie ihm zu⸗ ſteht oder nicht; das Recht der Herzogthümer aber habe ich jederzeit und überall in Rede und Schrift vertreten und werde es zu vertreten fortfahren, ſo lange ein Athemzug in mir iſt, denn nur wer ſich ſelbſt verloren giebt, iſt verloren.“ „Schreiben Sie die Worte des Herrn auf, Herr Amtsſekretair. So. Nun weiter, mein Herr. Sie ſind wegen dieſes Verbrechens ſchon einmal in Ko⸗ penhagen vor Gericht gezogen, mit Gefängniß be⸗ ſtraft und von des Königs Majeſtät begnadigt wor⸗ den. Erkennen Sie das an?“ „Ich erkenne an, daß ich vor Gericht gezogen, mit Gefängniß beſtraft und, wie man es nennt, be⸗ 43 gnadigt bin, aber nicht, daß man das Recht dazu hatte, mich in Kopenhagen vor ein Gericht zu ſtellen; noch weniger aber erkenne ich an, mit der Vertheidi⸗ gung des Rechts meines Vaterlandes ein Verbrechen begangen zu haben, wie Sie eben ſagten. Außerdem habe ich nie ſo großes Unrecht gegen Dänemark ver⸗ übt, wie Dänemark gegen mich, indem es mir in Folge jener Verurtheilung das Recht abſprach, eine Erbſchaft anzutreten, die—“ „Still! Vermiſchen Sie nicht eine andere Ange⸗ legenheit mit dieſer jetzigen. Wir ſprechen hier nicht von Ihrem Erbſchaftsprozeſſe. Das iſt eine Sache für ſich, und dieſe Sache iſt längſt in Kopenhagen abgemacht. Der politiſche Prozeß aber, in dem Sie jetzt verwickelt ſind, fängt jetzt— hier erſt an. Ich fahre daher darin fort und erſuche Sie, mich ferner⸗ hin nicht mehr zu unterbrechen.— Nachdem Sie in Kopenhagen begnadigt waren und das Verſprechen gegeben hatten, kein ähnliches Verbrechen wieder zu begehen—“ „Um Entſchuldigung, mein Herr, das habe ich nicht verſprochen. Ich muß gegen Ihr ungeſetzliches Verfahren ernſtlich proteſtiren. Sie gehen ſtets von falſchen Vorausſetzungen aus und kommen daher ſtets auf falſche Reſultate. Ich bitte, dieſe meine Unter⸗ brechung, die wichtig iſt, zu Protokoll nehmen zu laſſen.“ „Sie haben zu hören, nicht zu reden, mein Herr, und nur dann zu antworten, wenn Sie gefragt werden. Nachdem Sie aus der Gefangenſchaft zu Kopenhagen entlaſſen worden waren, haben Sie ſich nach Flensburg begeben, von dort aus aber ſich der polizeilichen Aufſicht, unter der ſie ſtanden, durch die Flucht entzogen. Erkennen Sie das an?“ „Durch die Flucht? War dieſer Herr da etwa meine polizeiliche Aufſicht? Das hat er mir nicht ge⸗ ſagt, als er ſich mir als ein heuchleriſcher alter Be⸗ kannter nahte und mir ſeine Begleitung aufdrang, wo ich allein zu ſein wünſchte, eine Begleitung, der ich mich dadurch entzog, daß ich einen anderen Weg verfolgte, als den, auf welchem er ſelber reiſen zu müſſen vorgegeben hatte. Das nennt man keine Flucht, um ſich einer polizeilichen Aufſicht zu ent⸗ ziehen.“ „Mein Herr, die Polizei iſt niemals verpflichtet, ſich denjenigen als Polizei zu erkennen zu geben, denen ſie als ſolche vorgeſetzt iſt. Nachdem Sie ſich alſo der polizeilichen Aufſicht durch die Flucht entzo⸗ gen hatten, begaben Sie ſich in den Sundewitt, be⸗ ſuchten dort Menſchen, die im Rufe, Mißvergnügte, 45 Aufrührer und Rebellenführer zu ſein, ſtanden und nahmen auch Beſuche von dergleichen entgegen. Er⸗ kennen Sie das an?“ „Die Freunde, die ich beſuchte, und die mich wie⸗ der beſuchten, waren wohl mißvergnügt— denn das waren Dreiviertel der Bevölkerung Schleswigs— aber keine Aufrührer und Rebellenführer. Nur ſoweit erkenne ich die Wahrheit der Anklage an.“ „Gut, das genügt.— Da brach die Revolution aus—. „Leider, ja, in Kopenhagen!“ „Nein, in Kiel, unter der Oberleitung des Her⸗ zogs von Auguſtenburg—“ „Sie irren, mein Herr, es war in Kopenhagen, unter der Oberleitung von Orla Lehmann—“ „Schweigen Sie— das verſtehen Sie nicht— Sie waren damals nicht in Kopenhagen, um das ſo gut wie wir ſelber beurtheilen zu können.— Sie bega⸗ ben ſich darauf nach Rendsburg, wo ſich die Häupter der Verſchwörung zu einem ungeſetzlichen Bunde ver⸗ einigten—“ „Ja, als proviſoriſche Regierung für den in Ko⸗ penhagen bevormundeten König, eine Regierung, die von der Centralgewalt Deutſchlands, allen deutſchen 46 Fürſten und dem ganzen deutſchen Volke anerkannt, unterſtützt und berathen wurde.“ „Dieſer rebelliſchen, ſogenannten proviſoriſchen Regierung, die Dänemark nie anerkannt hat und nie anerkennen wird, ſchloſſen Sie ſich als eifriger Mit⸗ arbeiter an— erkennen Sie das an?“ „Jener von der Centralgewalt Deutſchlands aner⸗ kannten, unterſtützten und berathenen proviſoriſchen Regierung habe ich mich mit Leib und Seele ange⸗ ſchloſſen, ja, das geſtehe ich ſehr gern.“ „Gut, mein Herr. Was Sie im Schooße dieſer ungeſetzlichen Regierung gethan, darüber haben wir keine Worte zu verlieren, das weiß die Welt, das wiſſen wir, das wiſſen Sie, denn von jener proviſo⸗ riſchen Regierung ging der unglückſelige Krieg aus, der jetzt Dänemarks Eingeweide zerfleiſcht.— Von Rendsburg begaben Sie ſich oft und heimlich, in der Regel bei Nacht reiſend, auf geheimen Sendungten nach dem Sundewitt, wiegelten auf Ihrem Wege Bürger und Bauern auf, conſpirirten mit verdächtigten Perſonen und nahmen Gelder zur Unterſtützung der Revolution in Empfang— erkennen Sie das an?“ „Nein, mein Herr, das iſt Alles nicht wahr und ich werde und kann dies nie anerkennen. Nie bin ich auf geheimer Sendung ausgeweſen, nie habe ich 47 weder Bürger noch Bauern aufgewiegelt, nie weder mit verdächtigen Perſonen, noch überhaupt conſpirirt, ſondern nur meine Heimat und meine Freunde be⸗ ſucht, als man mir mein Haus verbrannte und das letzte Eigenthum nahm, welches ich auf Erden noch mein nannte. Und was die Gelder anbelangt, die ich von wohlhabenden Freunden zur Erhaltung der ſchleswig⸗holſteiniſchen Macht im Felde empfing, ſo hat die ganze deutſche Bevölkerung in Schleswig und Holſtein ſie als freiwillige Steuer geliefert, wofür ſie den Beifall von ganz Deutſchland eingeerndtet und womit ſie bewieſen hat, daß ſie kein Opfer ſcheut, um zu ihrem verbrieften nnd beſchworenen Rechte z gelangen.“ „Es iſt gut, mein Herr. Aus Ihren Verneinun⸗ gen unſerer Fragen geht für uns ſo deutlich die Wahrheit hervor, als wenn Sie ſie alle einfach und kurz bejaht hätten, und ſo ſehr Sie über Ihre verſchiede⸗ nen Verbrechen den Deckmantel einer gerechten und löblichen Handlungsweiſe zu breiten verſuchen, ſo ken⸗ nen wir Ihre feinen Schliche ſchon, welche die aller ſogenannten ſchleswig⸗holſteiniſchen Patrioten ſind, und wiſſen ſie nach allen Richtungen vollkommen zu würdigen. Sehen Sie nun ein, daß Sie mit allen dieſen Handlungen eine Regierung, die Sie ſchon ein⸗ 48 mal begnadigt hat, tief verletzt haben, daß Sie ein rebelliſcher Unterthan und ein gefährlicher Menſch für den Beſtand eines Staates ſein müſſen, deſſen Unter⸗ thanen leider in großen Maſſen von dem Gifte dieſer Verbrechen angeſteckt ſind?“ „Ach mein Herr, was ſoll ich Ihnen darauf ant⸗ worten? Ich liebe es nicht, mich immer in einem Kreiſe zu drehen und dabei in den Wind zu ſprechen — das erzeugt Schwindel und der Schwindel zu⸗ letzt Ekel. Was ſoll ich hundertmal daſſelbe ſagen, da Sie es doch nicht einmal anhören, noch weniger aber begreifen wollen. Sie wiſſen, wer ich bin und was ich gethan, auch warum ich es gethan habe— kommen Sie alſo zum Ende mit dieſer Unterſuchung, die nichts iſt, als eine geheime Verletzung derſelben Rechte von Perſonen und Zuſtänden, die Sie ſchon hundertmal öffentlich verletzt, verurtheilt und beſtraft haben.“ 4 „Alſo Sie geſtehen Alles zu?“ „Ich hoffe, Sie haben wie ein rechtlicher Mann Alles zu Protokoll nehmen laſſen, was ich zugeſtan⸗ den und nicht zugeſtanden habe. Weiter kann ich nichts ſagen.“ „Bereuen Sie, was Sie gethan haben, mein Herr?“ 49 „Ich— bereuen? Ja, mein Herr, wenn man be⸗ reuen nennt, daſſelbe, was man einmal aus voller Ueberzeugung, gethan, noch zehnmal mit derſelben Ueberzeugung wiederzuthun, da es immer nach gött⸗ lichen und menſchlichen Geſetzen geſchieht— ſo be⸗ reue ich.“ „O, o, mein Herr, wie leidenſchaftlich und tief ſind Sie in einen ungeheuren Irrthum verſtrickt! Ich be⸗ klage Sie aufrichtig. Sie werden ſich alſo auch nicht herbeilaſſen, eine Schrift zu unterzeichnen, worin⸗ Sie Reue und Beſſerung, ſo wie Gehorſam gegen die däniſchen Geſetze geloben?“ „Nimmermehr werde ich das.“ „Nun, dann ſind wir eigentlich mit der Unter⸗ ſuchung Ihrer Angelegenheiten zu Ende. Wir wer⸗ den nach Kopenhagen berichten und Sie werden ſelbſt dahin geführt werden, um daſelbſt vor Gericht ge⸗ ſtellt zu werden, welches über ihre Handlungen ur⸗ theilen wird.“ „Ich kann mir denken, was das für ein Gericht ſein wird, wenn ich nach dem gegenwärtigen urtheile. Auch ich werde mich an ein Gericht wenden, welches aber über dem von Kopenhagen ſteht.“ „Und welches iſt das, mein Herr?“ „Das iſt das Gericht der öffentlichen Meinung. . 4 A. Burns. IV. 50 Sie können von mir vorausſetzen, daß ich mich an dieſes wenden werde, denn ich habe den Muth, den Willen und die Kraft dazu. Ihre Verhandlungen hier, die vorher vor jenem Herrn überſtandene ſogenannte Vorunterſuchung und dieſes Geſpräch ſelbſt werde ich in allen Blättern und Zeitungen bekannt machen und Ihre Perſonen und Namen werden darin eben ſo ſtark beleuchtet werden, wie meine Handlungen, die Sie mit dem Namen Verbrechen zu beehren belieben.“ „Wie, das wollten Sie wirklich thun? Damit drohen Sie uns?“ „Ich drohe Ihnen nicht damit— ich ſage Ihnen nur offen und ehrlich, was ich zu thun gedenke, da ja auch Sie mir geſagt haben, was Sie in Kopen⸗ hagen zu thun gedenken.“ Die drei Herren, zu denen jetzt auch Olaf Larſſen getreten war, ſchauten ſich verwundert an— der Vorſitzende trocknete ſich mit einem Tuche den Schweiß vom Geſichte, der in Strömen von ſeiner Stirn rieſelte. „Soll ich die letzten Worte auch im Protokoll mit aufnehmen?“ fragte lispelnd der erſchrockene Amts⸗ ſchreiber, der ſich ſchon in Kiel und aller Welt Orten am Pranger ſtehen ſah. „Ja— Alles— Wort für Wort. Der Herr Ge⸗ fangene verrennt ſich immer tiefer in ſein Netz. Gut, Sie ſollen Ihren Willen haben. Jetzt können Sie hinausgehen und warten, bis Sie wieder hereinge⸗ rufen werden. Gehen Sie.“ Henrik ſchritt hinaus, in äußerſter Ruhe und ſicht⸗ barer Gelaſſenheit. Sein Herz zählte keinen Puls⸗ ſchlag mehr, als da er hineingegangen war, denn Alles, was er gehört, hatte er ſich längſt als unaus⸗ bleiblich vorgeſtellt; er kannte die nichtsſagenden und nur der Form wegen angeſtellten Verhöre ſeiner Geg⸗ ner zu gut, um irgend eine Beſorgniß vor den Fol⸗ gen ſeiner Offenherzigkeit zu hegen. Uebrigens brauchte er nicht lange im Vorzimmer auf den Wiederbeginn der Verhandlung zu warten. In zehn Minuten ward er wieder hineingerufen und fand die vier Herren mit erhitzten rothen Köpfen, glaubte aber ein leiſe trium⸗ phirendes Lächeln in ihren Geſichtszügen wahrzuneh⸗ men. Augenſcheinlich hatten ſie ſich auf einen andern Sprung vorbereitet und dieſer Sprung ſollte Heurik in der That etwas unerwarteter treffen, da er ein ganz neues Ziel betraf. Als er ſeinen Platz vor dem Vorſitzenden wieder eingenommen, ſagte dieſer:„Mein Herr! Mit dem Verhör über Ihre eigenen Angelegenheiten ſind wir ſo ziemlich zu Ende; es bleibt nur noch übrig, Ihnen 4* 5² einige Fragen in Bezug auf Perſonen vorzulegen, deren Schickſal mit dem Ihrigen mehr oder minder verwickelt iſt. Da iſt denn zuerſt der Capitain An⸗ dreas Burns auf Emmerslund bei Apenrade. In welcher Verbindung ſtehen Sie mit dieſem Manne?“ „In einer ſehr ehrenwerthen Verbindung, mein Herr. Capitain Burns iſt von meiner Jugend an mein väterlicher Freund geweſen und ich halte es für ein großes Glück, einen ſo edlen, rechtſchaffenen und in allem Guten erprobten Mann zum Führer und Be⸗ rather gehabt zu haben. Er hat mich früh mit ſei⸗ nem Vertrauen beehrt und ich habe ihm früh meine ganze Seele geweiht. Ich ſage Ihnen damit nichts Neues, weiß ich, ſonſt würde ich mich nicht darüber auslaſſen; da Sie aber Alles wiſſen, was mich be⸗ trifft, ſo wiſſen Sie auch ohne Zweifel, daß die Fa⸗ milie des Capitain Burns' diejenige iſt, die ich am meiſten auf der Welt liebe und verehre und daß ich mich im Schooße derſelben wie in der eigenen hei⸗ miſch und glücklich fühle. Das iſt unſer Verhältniß.“ „Wären Sie doch in allen Dingen ſo offen ge⸗ weſen; Sie erleichtern mir dadurch ungemein meine ſchwierige Aufgabe.— Capitain Burns hat einen Sohn in der Marine Sr. Majeſtät gehabt, nicht wahr?“ 53 „Ja; es iſt dies derſelbe Erik Burns, der mit Chriſtian dem Achten bei Eckernförde in die Luft ge⸗ flogen iſt,— und dem Vater mein Beileid über dieſen Unglücksfall zu bezeugen, iſt der Grund meiner letzten Anweſenheit in ſeinem Hauſe geweſen.“ „So. Iſt dieſer in die Luft geflogene Erik Burns mit Bewilligung ſeines Vaters in die däniſche Ma⸗ rine getreten?“ 3 „Capitain Andreas Burns hat keine Kinder, die etwas gegen ſeinen Wunſch und ſeinen Willen thun — ſchließen Sie daraus auf die Beantwortung der Frage, die Sie mir vorgelegt haben.“ „Das ſcheint mir aber nicht ganz mit dem Cha⸗ rakter und der politiſchen Anſicht des Capitain Burns' übereinzuſtimmen, mein Herr. Dieſer Punkt in ſeiner Geſchichte iſt dunkel. Können Sie mir darüber gar keine Aufklärung geben?“ Henrik dachte einen Augenblick nach. Er ſah ſo⸗ gleich ein, daß dieſer Umſtand Andreas eher nützlich als ſchädlich ſein könne und er beſchloß daher, das zu verſchweigen, was er ſehr wohl zur Aufklärung dieſes Verhältniſſes hätte mittheilen können.„Capi⸗ tain Burns,“ ſagte er,„hat nie Etwas in ſeinem Leben ohne Ueberzeugung gethan. Wenn er daher ſeinen Sohn der däniſchen Marine übergab, ſo wollte 54 er ihm wahrſcheinlich in derſelben die Bildung eines tüchtigen Seemannes angedeihen laſſen, und dies ſcheint ſein Vertrauen zur däniſchen Marine anzu⸗ deuten, die er aus genauſter Erfahrung kannte. Dies mag die Erklärung jenes dunklen Punktes ſein.“ „Es mag ſo ſein— ja! Nun weiter. Hat der Capitain Burns ein großes Vermögen?“ „Er hat mich nie in ſeine Rechnungsbücher blicken laſſen, aber ich halte ihn für wohlhabend.“ „Wie viel Gelder ſind durch Ihre Hände an die ſogenannte proviſoriſche Regierung gegangen, die einſt in des Capitains Kaſſe gelegen haben?“ „Wenn Sie eine ganz genaue Einſicht in dieſe Summen wünſchen, ſo müſſen Sie ſich an die ehe⸗ malige proviſoriſche Regierung, die jetzige Statthal⸗ terſchaft, wenden, nur in deren Belegen dürften Sie die Angaben derſelben finden.“ Der Vorſitzende ſchwieg entrüſtet; der Gefangene ſchien bei der letzten Erwiderung etwas zu beißend geworden zu ſein, ſo höflich auch ſeine Ausdrucks⸗ weiſe und Miene war; daher freute er ſich ſchon im Voraus, ihm einen kleinen Stoß verſetzen zu können, der ihn ſeiner Meinung nach von dem hohen Pferde herunterwerfen ſollte, auf dem er ſaß.„Ich möchte noch nach einer anderen Perſon fragen,“ ſagte er 1 55 — mit ungemein ſanfter Stimmr,„die in der Nähe des Capitain Burns wohnt,— aber vielleicht verbietet Ihnen ein mir unbekannter Grund, von derſelben zu reden— wie?“ „Nennen Sie mir erſt dieſe Perſon, ehe ich weiß, ob ich von ihr reden kann oder nicht. Im Allgemei⸗ nen aber kenne ich keinen Grund, der mich hindern könnte, von den Perſonen zu reden, mit welchen Ca⸗ pitain Burns meines Wiſſens verkehrt. Es ſind dies nur ſehr Wenige, da mein Freund ſich zunächſt mit ſeiner Familie beſchäftigt, und dieſe zurückgezogen von aller Welt, aber mit allen Nachbarn in Liebe und Freundſchaft lebt.“ „Iſt Ihnen eine Wittwe Parrhiſius bekannt?“ fragte der Vorſitzende plötzlich und richtete einen ſchar⸗ fen Blick auf den Gefangenen. Dieſer, in der That durch dieſe Frage etwas be⸗ troffen, ſchwieg eine Weile, denn es widerſtrebte ſei⸗ nem Gefühle durchaus, an dieſem Orte und vor dieſen Männern von derjenigen zu ſprechen, die ſeinem Her⸗ zen ſo theuer war: allein er faßte ſich bald, verbeugte ſich höflich und ſagte:„Dieſe Dame iſt mir aller⸗ dings bekannt.“ „Sie lebt im Hauſe des Capitain Burns'??e. 56 „Ja, ſeit zwei Jahren lebt ſie daſelbſt, ſeitdem ihr Mann in Altona geſtorben iſt.“ „Sie ſoll ſehr vermögend ſein?“ „Man ſagt es. Ich weiß es nicht.“ „Dieſe Dame hat auch reichlich mit zu den Kriegs⸗ koſten des Rebellenheeres beigetragen— nicht wahr?“ „Das iſt mir nicht bekannt. Ein Rebellenheer aber exiſtirt meines Wiſſens gar nicht, ſie konnte es alſo auch nicht unterſtützen.“ „Es iſt dies dieſelbe Dame, die in der Mitte des April ſich in Kolding aufhielt— 2“ „Ganz dieſelbe Dame, die in Kolding ihren Oheim, den Conferenzrath Parrhiſius beſuchte.“ „Wir wiſſen das— o ja! Was that ſie bei Ihnen im Gefängniß?“ „Sie beſuchte mich mit ihrem Oheim!“ ſagte Henrik mit leiſe bebender Stimme. „Welche Gründe hatte ſie dazu?“ „Ohne Zweifel führte ſie Theilnahme an meinem Schickſale in das Gefäſigniß. Wir ſind ſeit unſerer Kindheit miteinander bekannt und befreundet.“ „Wollte ſie ſich vielleicht auch nach der Taſche er⸗ kundigen, in welcher jene wichtigen Papiere enthalten waren?“ „Wie?“ dachte Henrik.„Können dieſe Menſchen 8* —— 57 durch die Kleider ſehen oder durch die Wände hören? — Welche Taſche?“ fragte er laut mit möglichſt gleich⸗ gültigem Tone, während ihm doch das Herz etwas lauter pochte. „Dieſelbe Taſche, ſage ich, in welcher die Papiere enthalten waren, die Sie wahrſcheinlich nach Rends⸗ burg bringen ſollten und Anweiſungen auf große Summen Gelder bei dem Bankier... in Altona enthielten.“ „Davon iſt mir nichts bekannt,“ ſagte Henrik dreiſt. „Das iſt wohl möglich, mein Herr. Bei Ihnen iſt dieſe Taſche allerdings nicht gefunden und die Dame allein ſcheint ſie verloren zu haben.“ „Verloren?“ fragte Henrik mechaniſch. „Ja, mein Herr, ſie hatte ſie verloren. Man hat ſie ihr aber ihres hochgeachteten Oheims wegen und um ihr einen Beweis von der Redlichkeit unſerer Be⸗ amten zu liefern, wiedergegeben, nachdem man, wie es das Kriegsgeſetz erheiſcht, den Inhalt dieſer Pa⸗ piere kennen gelernt, aus welchem Inhalte zugleich un⸗ umſtößlich hervorgegangen iſt, daß Sie der Ueberbrin⸗ ger dieſer Papiere an die Statthalterſchaft ſein ſollten. Da Sie aber ein Gefangener in Kolding waren, ſo kann man nicht annehmen, daß die Dame Ihnen dieſe Papiere daſelbſt anvertrauen wollte, im Gegen⸗ theil erſcheint es ziemlich klar, daß Sie dieſe Papiere bei ſich verſteckt hatten, daß die Dame allein aus dem Grunde nach Kolding kam, um ſie ihnen abzunehmen, um ſich und den Capitain Burns nicht zu verrathen, wenn ſie zufällig bei Ihnen gefunden worden wären, und daß ſie dieſelbe, nachdem ſie ſie empfangen, un⸗ glücklicherweiſe verloren hat.“ Henrik ſchwieg, denn er war in Wahrheit auf das Tiefſte über dieſen Unfall betroffen. Plötzlich aber raffte er ſich zuſammen und da er den Beamten auf eine Antwort warten ſah, ſagte er feſt:„Mein Herr, die Beſchuldigungen, die Sie da neuerdings gegen eine Dame, die ich verehre, und gegen mich ausſpre⸗ chen, ſind ſo verletzend, wie ſie nur ſein können. Da Sie aber durchaus keine ſicheren Anzeigen für dieſel⸗ ben, im Gegentheile nur oberflächliche Vermuthungen haben, ſo können Sie von mir nicht vorausſetzen, daß ich durch neue Bekenntniſſe, wenn ich ſolche zu ma⸗ chen hätte, Licht in das Dunkel bringen werde, wel⸗ ches Ihre Augen zu umhüllen ſcheint, wie ich ſehr wohl ſehe. Denken Sie, was Sie wollen, aber zwin⸗ gen Sie keinen Gefangenen, etwas auszuſagen, was er ſelber nicht weiß.“ „Sehr wohl! Wir bedauern allerdings, Ihnen. — dieſe Papiere nicht vorlegen zu können, Sie würden ſich dann wohl zum Sprechen bequemen, wenn Sie ſie ſähen; allein Sie irren ſich, wenn Sie glauben, daß dieſe Sache für uns dunkel iſt, ſie iſt im Gegen⸗ theile ſo überaus klar, daß kein Zweifel übrig bleibt. Sie wiſſen alſo nichts von der verlorenen Taſche und den darin befindlichen Papieren?“ „Ich weiß weder von einer verlorenen Taſche noch von dem Ihnen bekannten Inhalte der darin vorhanden ſein ſollenden Papiere.“ Die Unterſuchungscommiſſion lächelte ſich gegen⸗ ſeitig an und Olaf Larſſen warf einen bedeutſam är⸗ gerlichen Blick auf den Vorſitzenden, denn er ſchien ſehr unzufrieden damit zu ſein, daß die Taſche den Händen des Bürgermeiſters in Kolding wieder ent⸗ ſchlüpft war. „So ſind wir denn alſo mit Ihnen zu Ende,“ ſagte der Vorſitzende zu dem Gefangenen.—„Haben Sie jetzt die Güte, das Protokoll dort zu unter⸗ ſchreiben.“ „Sehr gern.“ „Nun ſo thun Sie es doch— worauf warten Sie denn?“ „Auf die Vorleſung. Sie werden mir doch nicht zumuthen, eine Schrift zu unterzeichnen, deren Inhalt ich nicht genau kenne?“ „Trauen Sie uns nicht in einer ſo ernſten Sache?⸗ „Und wenn Sie ein Engel wären, wie Sie nur ein däniſcher Beamter ſind, ſo müßten Sie mir das Pro⸗ tokoll vorleſen.“ „Das wird nicht geſchehen, mein Herr Das können Sie in Ihrer Lage nicht verlangen. Entwe⸗ der Sie unterzeichnen, oder Sie unterzeichnen nicht— Beides wird ſo ziemlich auf Eins hinauslaufen, wenn wir Drei es unterſchrieben haben.“ „So erfüllen Sie dieſe Ihre ſeltſame Beamten⸗ pflicht. Wenn mir dies Protokoll aber in Kopenhagen vorgelegt wird, werde ich dagegen als gegen ein un- geſetzliches proteſtiren.“ „Ausnahmezeiten erheiſchen Ausnahmegeſetze— Sie ſind nicht der Mann, ſich auf die Geſetze berufen zu können, da Sie ſie längſt alle verletzt haben. Pro⸗ teſtiren Sie alſo, ſoviel Sie wollen— laſſen Sie dieſen Proteſt auch in die Zeitungen ſetzen!“ „Das ſoll gewiß geſchehen und Sie ſollen dabei wohl bedacht werden. Sind Sie jetzt fertig mit mir?“ „Ja, mein Herr. Noch in dieſer Nacht werden Sie ſich bereit machen, mit dem Dampfſchiffe nach Kopenhagen zu gehen.“ 61 „In dieſer Nacht? Gut! Leben Sie wohl, meine Herren, leben Sie wohl, Herr Olaf Larſſen— und vergeſſen Sie das Dieſſeits nicht, wenn Sie einſt an die Pforten des Jenſeits gelangen, und namentlich gedenken Sie meiner dabei, wenn Sie vor einem hö⸗ heren und gerechteren Richterſtuhle da oben ſtehen, als ich ſo eben hier unten geſtanden habe. Leben Sie wohl!“ Er verbeugte ſich höflich aber kurz und verſchwand. Die zurückbleibende Commiſſion blickte ſich etwas unbehaglich an und ſchüttelte die weiſen Köpfe. Man ſchien mit den Aufſchlüſſen nicht recht zufrieden zu ſein, die man von Seiten des Gefangenen reerhalten, aber da man gleich von vorn herein nicht viel von ihm erwartet hatte, ſo fand man ſich in das Unver⸗ meidliche, vertiefte ſich noch in ein langes Geſpräch über den vorliegenden Fall und trennte ſich endlich, um ſich von den Mühſeligkeiten auszuruhen, die man in Amt und Würden getragen.— Henrik Paulſen aber, ſobald er in ſein Gefängniß zurückgebracht war, begab ſich daran, ſeine werthvoll⸗ ſten Sachen in ein Bündel zuſammen zu ſchnüren und ſich reiſefertig zu machen. Als der Kerkermeiſter darauf den Thee brachte, ſchenkte er ihm Alles, was er nothwendig in Nyborg zurücklaſſen mußte, worüber derſelbe eine große Freude bezeigte.„Werde ich die⸗ ſes mein Bündel mit auf das Schiff nehmen können?“ fragte der Gefangene. Der Wärter ſah ihn mit einem Blicke an, als wollte er ſagen:„Wenn Sie mich dabei zu Rathe ziehen, gewiß!“ Henrik verſtand auch dieſen Blick, denn er hatte die Leute dieſer Art jetzt hinreichend kennen gelernt. Er bot ihm daher einen Thaler an, wenn er ihm das Bündel ſicher in's Schiff bringen wollte. Der ſo deutlich Verſtandene verſtand ſeinerſeits auch und verſprach Alles zu thun, was in ſeiner Macht ſtehe. So machte ſich denn Henrik fertig, abermals nach Kopenhagen verſetzt zu werden, welches er in ſeinem Leben nicht wiederzuſehen gehofft hatte. Schlimmeres konnte ihm daſelbſt nicht begegnen, als ihm in Kol⸗ ding begegnet war, daher war er auch ruhig und um ſein eigenes Schickſal am wenigſten beſorgt. Auch konnte aller Vorausſetzung nach ſeine Gefangenſchaft nicht länger als bis zum nächſten Friedensſchluß ausgedehnt werden und von dieſem Frieden war ſchon in allen Blättern die Rede geweſen, die Henrik in den letzten Tagen geleſen hatte. So erwartete ihn wahrſcheinlich nur noch eine kurze Gefangenſchaft und im Geiſte ſah er ſich einige Wochen ſpäter ſchon 63 wieder an einen Ort verſetzt, deſſen Bewohner ſeine Seele liebevoll Tag und Nacht umfaatterte. Erſt um Mitternacht wurde er von ſeinen Wachen aus der Zelle geholt und zum Strande geführt. Ihnen ſchloß ſich der Kerkermeiſter mit dem Bündel an, um ſich den verſprochenen Thaler zu verdienen. Am Landungsplatze der Boote ward Henrik eingeſchifft, mit ihm ſtieg der Kerkermeiſter ein, als dehort es zu ſeinem Berufe, ſeine Gefangenen bis an Bord zu ge⸗ leiten. Und das that er diesmal wirkl lich. Als Hen⸗ rik ſchon auf Deck geſtiegen war, warf er ihm das Bündel nach und rief ihm zu, er habe ſeine Wäſche vergeſſen, worauf ihm Henrik ein Papier überreichen ließ, welches die verheißene Belohnung in doppelter Geſtalt enthielt. Kaum aber waren der Gefangene und mit ihm einige andere ſeiner früheren Gefährten an Bord, ſo wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben; der Dampf that ſeine Schuldigkeit, die Maſchine ſetzte ſich in Bewe⸗ gung und das Schiff ſchaufelte nach Oſten, dem Sunde zu, wo es am nächſten Mittage ſein Ziel er⸗ reichte. Drittes Bapitel. Das Ende des zweiten Feldzuges. Helenens Rückkehr nach Emmerslund, die man ſo bald nicht erwartet hatte, war von der Familie des Capitain Burns als ein überaus angenehmes Ereig⸗ niß begrüßt worden. Jedes Mitglied derſelben wurde durch eine beſondere Freude beglückt, am meiſten von Allen faſt Andreas, denn er hatte ſich im Laufe der Zeit ſo ſehr an Helenen gewöhnt, ihre Unterhaltung und ihren Rath ſo hoch ſchätzen und ſie ſelber ſo herzlich lieben gelernt, daß während ihrer ſiebentägi⸗ gen Abweſenheit ein großes Rad in der Maſchine des häuslichen Familienkreiſes ſtill geſtanden hatte. Nachdem Helene am erſten Abende im gemeinſchaft⸗ lichen Verſammlungszimmer die allgemeinere Mitthei⸗ lung ihrer Erlebniſſe, welche für Alle paßte, erzählt 65 hatte, ging ſie am nächſten Tage daran, jedem Ein⸗ zelnen ſeinen beſonderen Antheil insgeheim zu ent⸗ hüllen. Hier erfuhr denn Andreas zuerſt den bedauer⸗ lichen Verluſt jener Taſche, und er konnte nicht um⸗ hin, ſich ſelber einzugeſtehen, daß dieſer Umſtand aller⸗ dings bedeutſame Folgen für ihn und ſeine Familie haben könne. Wie er aber auf Alles, was in dieſer ſchweren Prüfungszeit geſchehen mochte, längſt gefaßt war, ſo bemühte er ſich auch ſehr bald, dieſen neuen Unfall von ſich abzuſchütteln, jedoch fing er an, lang⸗ ſam im Stillen daran zu arbeiten, auch den ſchlimm⸗ ſten Folgen, die im Hintergrunde der Zeiten ſchlum⸗ mern mochten, durch frühzeitigen Entſchluß vorzubeu⸗ gen. Seine Sorge über dieſen Punkt wurde aber bedeutend durch den Gedanken gemäßigt, daß Hen⸗ rik, wie Helene berichtet, nach Kopenhagen gebracht und dort in den Händen des vielvermögenden Con⸗ ferenzraths Parrhiſius ſei, der, ſeines Verſprechens eingedenk, für ihn zu ſorgen wiſſen werde, was auch Helene als unzweifelhaft vorausſetzte. Daß Friedrich wohl und munter war, hatte Andreas und Gertrud unendlich beruhigt, während Agathe bei der Erzäh⸗ lung ihrer Freundin von ihrem zufälligen Zuſam⸗ mentreffen mit ihm mehr Blicke und Gedanken als Worte hatte. Als Helene aber am nächſten Morgen A. Burns. IV. 5 66 mit ihr am Strande ſpazieren ging und getreulich berichtete, was Friedrich mit ihr über ſie ſelbſt geſpro⸗ chen, brach ſie in Thränen aus, umſchlang Hele⸗ nen innig und ließ ſich Sylbe für Sylbe den ganzen Hergang der Sache mehrmals wiederholen. Da konnte denn Helene nicht anders, als ſie mit dem Zeichen ſeiner Erinnerung zu überraſchen, ſie gab ihr das Tuch und ſagte, daß Friedrich beim Abſchiede ſeine Lippen darauf gedrückt. Als Agathe dieſe in ihren Augen faſt unglaubliche Thatſache hörte, konnte ſie ſich vor Glück kaum laſſen, ſie liebkoſte die ſchöne Freundin, als hätte ſie ihr das Leben wieder gegeben, denn ſie ging ja von jetzt an einer begründeteren Hoffnung künftigen Glückes entgegen. Im Uebrigen hatte ſich in Emmerslund nichts ver⸗ ändert. Einquartierungen der nach Norden ziehenden deutſchen Reichstruppen kamen und wechſelten alle Tage; die Beſtellung der Felder, das Züchten des Viehes, durch kriegeriſche Zwiſchenſpiele nicht mehr geſtört, ging von jetzt an wie im tiefſten Frieden vor ſich, und Andreas, nur bisweilen nach Apenrade oder Hadersleben reitend, verkehrte von Zeit zu Zeit mit einigen Freunden, die ſich ihm in dieſer Zeit der ver⸗ gleichungsweiſe günſtigen Lage der Herzogthümer mit neuer Hoffnung angeſchloſſen hatten und die ſchwer⸗ 67 müthigen Einwendungen zu bekämpfen ſuchten, die der vorſichtige Mann gegen eine allzu glückliche Lö⸗ ſung ihrer vaterländiſchen Verhältniſſe wiederholt aus⸗ zuſprechen ſich gedrungen fühlte. Denn ſeit jenem unheilvollen Tage bei Eckernförde, wo ihm ein theu⸗ res Kind genommen, war ſeine frühere innerliche Ruhe nicht mehr in ſein Gemüth zurückgekehrt; wo er ging und ſtand, ſchwebten Schatten vor ihm auf, die das glimmende Licht verdunkelten, welches ſich in Folge der mächtigen Hülfe der Deutſchen noch einmal über die aufathmenden Herzogthümer verbreitet hatte. Und damit er auf keinerlei Weiſe ohne Sorge und voll zu großer Hoffnung ſei, ſollte er in dieſen Tagen eine Nachricht erhalten, die er nach Helenens letztem Berichte am wenigſten erwartet hatte und welche Friedrich betraf, der im Hospitale zu Chri⸗ ſtiansfelde lag, nachdem er in der zweiten Schlacht bei Kolding verwundet worden war. „Mein lieber Vater,“ hatte Friedrich mit eigener zitternder Hand geſchrieben,„ſeid glücklich, ſeid zufrie⸗ den, denn wir haben einen großen doppelten Sieg er⸗ fochten. Zweimal haben wir die Dänen in einer mör⸗ deriſchen Schlacht beſiegt. Ich bin durch eine Kugel am linken Arme verwundet und nach Chriſtiansfelde gebracht, wo es uns gut geht und wir wie Kinder 5* 68 einer großen Familie von den liebevollen Händen un⸗ ſerer Landsleute gepflegt werden. Dennoch würde ich es vorziehen, in Emmerslund meiner Geneſung ent⸗ gegen zu gehen, aber man will mich nicht fortlaſſen. Wenn Du einen Tag für mich übrig haſt, ſo komme herüber geritten und ich werde Dir dann von Helenen erzählen, die ich erfreulicher Weiſe vor Kolding getrof⸗ fen habe und die ſich daſelbſt, wie Du weißt, bei ihrem Oheim aufhält. Ich küſſe die Mutter und grüße Agathen ſo herzlich wie möglich. O, mein Va⸗ ter, wir haben alſo keinen Erik mehr! Verzeihe, daß ich Dich an dieſen Verluſt erinnere, aber ich habe ſo gut einen Bruder, wie Du einen Sohn verloren, und ich fühle tief, was Ihr, und vor Allen die theure Mutter, bei ſeinem Hingange gelitten haben müßt. Laß mich bald von Dir hören und ſchließe in Dein tägliches Gebet Deinen Friedrich ein.“ Andreas war durch dieſen eigenhändigen Brief des vortrefflichen Sohnes einerſeits eben ſo beruhigt, wie andererſeits ſchmerzlich berührt; letzteres nament⸗ lich wegen ſeiner Frau, die ſchon ſo tief in Trauer war, und der er daher, nach reiflicher Berathung mit Helenen, dieſes neue Ereigniß nicht eher mittheilen wollte, als bis er ſich von der Bedeutung deſſelben mit eigenen Augen überzeugt hatte. Er ſtieg alſo — 69 eines Morgens in den letzten Tagen des April zu Pferde und, vorgebend, nach Hadersleben reiten zu müſſen, begab er ſich eiligſt nach Chriſtiansfelde. In dieſer kleinen Stadt, zwiſchen Kolding und Hadersleben in einer mit Gärten geſchmückten Ebene liegend, herrſchte in dieſen Tagen ein ſeit langen Jah⸗ ren nicht erlebtes wunderbares Treiben. Die ſtillen Bewohner derſelben, eine große Herrnhutercolonie bil⸗ dend, waren auf nichts weniger vorbereitet, als auf einen blutigen Krieg. Friedlich, arbeitſam und fromm ſahen ſie nur mit Schmerzen auch ihren ruhigen Er⸗ denwinkel in die Feindſeligkeit der Menſchen gezogen, aber treuer deutſcher Geſinnung voll und zu jeder Pflichterfüllung bereit, legten ſie alle Hände an, die Opfer zu bringen, welche das Wohl des Vaterlandes auch von ihnen forderte. Nachdem die Schlacht von Kolding geſchlagen war, brachte man, wie wir ſchon berichtet haben, einen großen Theil der Verwundeten hierher und alle fanden eine liebevolle Aufnahme. Man räumte ſogleich die Kirche aus, ſchlug darin mehr als hundert Betten auf, richtete Küchen und Vorrathskammern ein, und die Frauen der Stadt insbeſondere bemühten ſich, den blutend anlangenden Kriegern eine Stätte des Friedens und der Tröſtung zu bereiten. Außer von dieſen Verwundeten aber war 70 die kleine Stadt noch anderweitig in Anſpruch ge⸗ nommen. Das preußiſche Hauptquartier war dahin verlegt und ein zahlreiches Gefolge des kommandi⸗ renden Generals, aus Fürſten, Offizieren und Beam⸗ ten beſtehend, ſchlug in Gaſt⸗ und Bürgerhäuſern ſeine vorübergehende Wohnung auf. Als ſich Capitain Burns dem ſtillen Oertchen nä⸗ herte, erkannte er es kaum wieder. Die Wege, die dahin führten, ſonſt ſo ſchweigſam, menſchenleer und reinlich, waren faſt ausgefahren, mit Koth bedeckt und mit Fuhrwerken ohne Zahl gefüllt. Reiter in allerlei Uniformen, Fußſoldaten aus allen deutſchen Ländern, bewegten ſich auf allen Straßen und Handel und Wandel zeigten ſich an allen Ecken, ſo daß die Be⸗ wohner der Stadt ſelbſt in eine andere Welt verſetzt zu ſein glaubten. Da Andreas keinen näheren Freund in Chri⸗ ſtiansfelde hatte, ſo ſtieg er im beſten Gaſthofe ab, der zufällig derſelbe war, welcher dem preußiſchen Hauptquartier zum Aufenthalte diente. Kaum aber nahm man darin von einem Fremden Notiz, der die Arbeit der dienſtbaren Hände noch um eine neue ver⸗ mehrte. Trepp' auf Trepp' ab ſprangen die flugs her⸗ beigeſchafften Kellner, und es koſtete Mühe und Geduld, auch nur das geringſte Bedürfniß aus ihrer Hand zu —,.,— — ,— 71 erhalten. Die Leute im Hauſe ſchienen ſämmtlich den Kopf verloren zu haben, denn Alles ging d'runter und d'rüber. Nachdem der Capitain ſein Pferd endlich un⸗ tergebracht und ſelbſt gefüttert, begab er ſich nach der Kirche, in welcher die Verwundeten lagen; langſa⸗ men Schrittes bewegte er ſich durch die regelmäßig geraden und breiten Straßen, denn die bunten Grup⸗ pen allerlei deutſcher Krieger, die ſie heutes bevölkerten, beſchäftigten lebhaft ſeine Aufmerkſamkeit. Bald aber hatte er die Kirche erreicht; nachdem er die davor ſte⸗ hende Wache um Erlaubniß gebeten, eintreten zu dür⸗ fen, ſchritt er über die Schwelle, über welche kurz vor⸗ her ſo viele Seufzer geflogen, und hatte ſogleich einen eigenthümlichen Anblick vor ſich. Den ganzen großen und namentlich ſehr langen Raum hatte man von allem gewöhnlichen Inhalte befreit und dafür waren drei lange Reihen Betten aufgeſtellt, aus denen die bleichen Geſichter der Schwerverwundeten mit ſtillem, fragendem Blicke ihm entgegenſtarrten. Ungeachtet der vielen anweſenden und ſich hin und herbewegenden Menſchen herrſchte eine ſo feierliche und bedeutſame Stille darin, daß man glauben mochte, der heilige Geiſt, der dieſe Räume ſonſt bewohnt, ſchwebe auch heute mit Andacht gebietendem Antlitze unſichtbar durch denſelben hin. Bevor Andreas aber zu den 72 einzelnen Verwundeten ſchritt, betrachtete er flüchtig die allgemeinen Einrichtungen, die man zum Wohle der kranken Vaterlandsſöhne getroffen hatte. Gleich in der Nähe der Thür, beinahe die ganze Breite des Saales einnehmend, ſtand eine lange, mit Charpie, Leinwand, Inſtrumenten und ſonſtigen zu Verbänden gehörigen Utenſilien bedeckte Tafel, an welcher ein Dutzend Damen und Frauen, aus Nähe und Ferne herbeigekommen, beſchäftigt waren, die Vorſchriften der ab und zu gehenden und leiſe redenden Aerzte aus⸗ zuführen. Am entgegengeſetzten Ende des weiß ge⸗ tünchten Raumes war innerhalb der Sakriſtei die Vorrathskammer, der Speiſeſaal und eine Art fliegen⸗ der Küche eingerichtet, für welche aus ganz Holſtein und Schleswig alle möglichen Vorräthe, Leckereien und Erfriſchungen herbeigeſtrömt waren und in der ſich eine große Anzahl freiwillig arbeitender deutſcher Frauen auf und ab bewegte und ſelbſt hier ihre Ar⸗ beit mit Schweigen oder nur leiſe geſprochenen Wor⸗ ten verrichtete. Es war gerade die Stunde der ärzt⸗ lichen Viſite, und die jungen Diener Aeskulaps gin⸗ gen von Bett zu Bett, die gräßlichen Wunden beſich⸗ tigend und verbindend, welche der erbarmungsloſe Feind geſchlagen hatte. Am ſchwerſten von Allen waren diejenigen verwundet, die den fanatiſchen Bür⸗ — gern, eigentlich Würgern, von Kolding in die Hände gefallen waren; gleich der erſte zur linken Hand im Bette Liegende, ein blutjunger, kleiner und außeror⸗ dentlich ſchwächlicher Menſch hatte ſieben Wunden an ſeinem Körper aufzuweiſen, von denen, jede für ſich tödtlich, er ſechs von den Meſſern jener Würger er⸗ halten hatte, nachdem er von einer Flintenkugel, die ihm durch die Bruſt gegangen, ſchon niedergeſtreckt war. Trotz dieſer ſieben tödtlichen Wunden aber lebte er in ſeinem ſchmerzhaften Zuſtande ſchon eine ganze Woche, ſprach mit Jedermann von der ſiegreichen Schlacht bei Kolding und hoffte auch im nächſten Kam⸗ pfe Sieger zu ſein. Er irrte ſich nicht, denn zwei Tage darauf hatte er alle Feinde dieſer Erde überwunden. Mit ſcheuem Blicke und hochklopfendem Herzen ſchritt der Vater die langen Reihen der bleichen Kran⸗ ken hinunter, um ſich unter den vielen unbekannten Geſichtern das bekannte ſeines Sohnes zu ſuchen, und ſiehe, ganz unten am Ende des Saales erſt ſah er ihn liegen und ſeine Aerzte erwarten. Aber ſchon hatte er den ernſten und doch ſo liebevollen Vater von Weitem erblickt und ſtreckte ſeine unbeſchädigte Rechte verlangend nach ihm aus. Augenblicklich ſtand er neben ihm und drückte ihn an ſein Herz. Friedrich war kränker, als er geſchrieben hatte, das ſah der Vater auf den erſten Blick an ſeiner fieberhaften Er⸗ regung, aber er ſagte es ihm nicht, da er ſelbſt keine Ahnung davon zu haben ſchien. Bald darauf traten die wackeren ſchleswig⸗holſteiniſchen Aerzte heran, nah⸗ men den Verband ab und Andreas ſah die Wunde ſeines Sohnes. Eine Kartätſchenkugel hatte ihm ein Stück des linken Vorderarms fortgenommen, der Kno⸗ chen war zwar unverletzt, wie der Arzt behauptete, aber die Wunde groß und bedeutend genug. Als der Verband beendigt war, ſetzte ſich der Vater auf das Bett des Kranken und erzählte ihm Alles, was ihm lieb und angenehm ſein konnte aus der Heimat, und vernahm dagegen alle Erlebniſſe des Sohnes, wobei er zu ſeiner Freude hörte, daß Friedrich in Folge des zwiefachen Sieges zum Offizier befördert ſei. Nachdem er einige Stunden bei ihm verweilt und nächſtens wiederzukommen verſprochen hatte, ſagte er ihm Lebe⸗ wohl, die Hoffnung ausſprechend, ihn bald nach Hauſe holen zu können, wozu der Arzt augenblicklich ſeine Genehmigung verſagte. Andreas ſprach mit dieſem nachher noch über den Kranken und nahm die Beru⸗ higung mit hinweg, daß die Wunde zwar langſam aber ſicher heilen werde, wenn keine unerwartete Stö⸗ rung dazwiſchen träte. Mit ſchwerem Herzen begab ſich der Capitain auf 75 den Rückweg; der Anblick der bleichen Söhne ſeines Vaterlandes, die auch für ihn ihr Blut vergoſſen, hatte einen unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht. Langſam ritt er der Heimat zu, und die Gedanken, welche ihn unterwegs heimſuchten, waren trotz des geprieſenen Sieges ſeines Sohnes ſo trauriger Art, wie er ſie in dieſem Kriege noch nicht gehabt zu haben ſich erinnerte. „Einen Sohn habe ich bereits verloren,“ ſagte er zu ſich im ſtillen Selbſtgeſpräche,„und der andere iſt mir ſchon zweimal ernſtlich gefährdet geweſen. Was werde ich noch verlieren? O ja, Deine Hand ruht ſchwer auf uns, mein Gott, aber wir müſſen es mit Ergebung ertragen. Wohlan denn, bereiten wir uns auf noch härtere Prüfungen vor und ſeien wir auf Alles gefaßt, was uns treffen kann, damit wir nicht in Wehmuth und Schmerz unterliegen. Dein Wille geſchehe, o Herr!“ Als er ſpät Abends nach Hauſe kam, berichtete er Gertruden und Agathen, daß er in Chriſtiansfelde ge⸗ weſen und was er da vorgefunden, und nun begann für ihn ein neuer Kummer, den er längſt vorhergeſe⸗ hen hatte. Es war, als ob Emmerslund ſeit langer Zeit und für alle ferneren Tage nur der Ort für Thränen und Seufßzer ſein und als ob kein fröhliches 76 Wort mehr, wie früher ſo häufig, in ſeinen Räumen gehört werden ſollte. Gertrud wollte ſogleich nach Chriſtiansfelde, um den Sohn zu pflegen, aber An⸗ dreas widerſetzte ſich dieſem mütterlichen Verlangen auf das Ernſthafteſte, indem er vorgab, daß Pflege in Fülle vorhanden und kein Unterkommen in der klei⸗ nen Stadt zu finden ſei, da alle Häuſer mit Verwun⸗ deten und Soldaten übervoll belegt wären. So er⸗ gaben ſich denn Gertrud und Agathe ſeufzend in die neue Lage, Andreas aber mußte ihnen verſprechen, alle zwei oder drei Tage nach Chriſtiansfelde zu reiten und weitere Erkundigungen einzuziehen. Das that er denn auch und jedesmal kehrte er mit erneuerter Hoffnung auf baldige Beſſerung des Kranken zurück. Unterdeſſen hatte der Feldzug des deutſch⸗däniſchen Krieges ſeinen allbekannten Verlauf genommen. Nach⸗ ddeem die Schleswig⸗Holſteiner vor Beginn des Krie⸗ ges bis zum 29. April im Norden allein gekämpft, die Dänen ſtets geſchlagen, zurückgedrängt und gede⸗ müthigt hatten, trotzdem dieſelben immer geprahlt, ſie würden ſie wie Spreu in alle Winde zerſtreuen, wenn ſie ſie nur einmal allein vor ſich hätten, erhielten V *½ — v „. denn endlich auch die Preußen und die ihnen folgen⸗ den Baiern, Heſſen und Sachſen den Befehl, ſich der jütiſchen Gränze zu nähern, ſie zu überſchreiten und den Feind zu verjagen, wo er ſich blicken ließe. Auf dieſen Befehl hatten die kampfluſtigen Truppen ſchon lange mit Sehnſucht gewartet; begierig, an den Eh⸗ ren des Krieges auch Antheil zu nehmen, eilten ſie der längſt von Weitem geſehenen Gränze mit einer Freude entgegen, die der Begeiſterung der Schleswig⸗ Holſteiner wenig nachgab. Aber dicht vor derſelben angelangt, wurde wiederum Halt geboten, denn, wie es hieß, wären die Unterhandlungen noch nicht ganz beendigt, und man hoffte immer noch von den Dä⸗ nen im Guten zu erreichen, was, ihnen mit Gewalt der Waffen abzunöthigen, jetzt nur geringe Mühe machte. Aber die Dänen gaben nichts freiwillig her⸗ aus; ſtörriſch und hartnäckig wie immer, wollten ſie gezwungen ſein, und ſo ſchickte man ſich denn endlich auch dazu an. Am 5. Mai war die Geduld der deutſchen Heerführer am Ende; im Schnelſſchritte die Gränze überſchreitend und das in Trümmern liegende Kolding betrachtend, durch deſſen theilweiſe noch ge⸗ ſperrte Straßen ſie zogen, rückten ſie auf dem Wege nach Veile vor. In der Nähe des Dorfes Alminde aber hatten die Dänen ihre Macht geſammelt und 78 verſuchten es noch einmal, den Preußen zu widerſte⸗ hen. Aber ihre Anſtrengung war vergebens, und als ſie erkannten, was ſie nie hatten glauben wollen, daß der preußiſche Angriff ernſtlich gemeint ſei, wichen ſie in wilder Flucht zurück, ließen die feſteſten Punkte in den Händen der Feinde und ſetzten ſich endlich erſt hinter den vortrefflichen Schanzen von Veile feſt, die ſie hier auf den Landſtraßen und den herrlichen Bu⸗ chenhügeln, den ſchönſten des damit ſo reichlich ge⸗ ſegneten Nordens, in überaus vortheilhafter Lage auf⸗ geworfen hatten. Aber auch hier wurden ſie von dem Feuereifer der Preußen verdrängt und nun, überall geſchlagen und eine Umgehung fürchtend, erfaßte ſie ein paniſcher Schrecken, wie jedesmal, wenn ſie ihre Berechnungen zu Schanden werden ſahen. Felder und Straßen mit ihren weggeworfenen Waffen be⸗ deckend, um, leichteren Fußes, nur mit heiler Haut davonzukommen, flohen ſie jählings dem höheren Norden zu.— Zu derſelben Zeit kämpften auch die Schleswig⸗ Holſteiner in der Nähe von Friedericia mit günſti⸗ gem Erfolge, ſchloſſen dieſe Feſtung endlich am 10. Mai ein und begannen acht Tage ſpäter das Bom⸗ bardement. Den weichenden Dänen auf dem Fuße folgend— 5 2A 7 * 79 denn oft fanden wir noch die Betten in unſeren Quar⸗ tieren von ihnen warm— rückten die Preußen und ihnen zunächſt die Baiern nach und nach in Wälle, Horſens, Skanderborg und endlich in Aarhuus ein, beſtanden hier verſchiedene kleine Gefechte, ermöglich⸗ ten es aber nicht, die Dänen zum Stehen zu bringen, die ſich nur, wenn ſie heimlicher Weiſe einen ſicheren Schlag ausführen konnten, mit Uebermacht auf einen kleinen Truppentheil warfen und demſelben nach Kräften zu ſchaden ſuchten. Das war denn eine er⸗ müdende und langweilige Kriegführung für die vor⸗ wärtsſtrebenden Truppen; alle Nächte vom Feinde, der bei Weitem an Zahl die Uebermacht hatte, beun⸗ ruhigt zu werden, ihn zu verfolgen, aus den Augen zu verlieren und endlich unverrichteter Sache in die alten Quartiere zurückkehren zu müſſen, das hat für den kampfluſtigen Soldaten etwas ungemein Pein⸗ liches und zuletzt Einſchläferndes. Das Hauptlager der Dänen auf der Halbinſel Helgenaes, Aarhuus ge⸗ genüber, blieb den deutſchen Truppen, welche keine Schiffe hatten, überdieß unnahbar; denn die ſchmale Landzunge, die nach Helgenaes führt, konnte von den zahlreich verſammelten däniſchen Kanonenbooten be⸗ quem beſtrichen werden und außerdem war ſie durch Sümpfe und andere natürliche Vertheidigungsmittel 80 gegen einen erfolgreichen Angriff geſchützt. Nur von Zeit zu Zeit kamen ſie aus ihren Schlupfwinkeln zum Vorſchein, jedesmal aber nur, um wie der Fuchs in der Nacht auf Beute auszugehen, und oft genug ſchleppten ſie wirklich eine ſolche heim. Viel iſt in Deutſchland über dieſe Art der Krieg⸗ führung geſprochen und geſtritten und mancher Tadel laut geworden, aber ſo unwillig man in der ſicheren Heimat darüber war, unwilliger konnte man nicht ſein, als die Truppen ſelber, denen dieſe Aufgabe zu⸗ gefallen war. So verſtrich das Frühjahr und der Sommer rückte vor; mit ihm aber flutheten die Frie⸗ densgerüchte herein, die ſich diesmal früher als im erſten Jahre beſtätigen ſollten. In Deutſchland ſelbſt ſah es traurig genug aus; Aufſtand, Zwietracht, Un⸗ heil war allenthalben ausgebrochen, im Süden und Norden, Oſten und Weſten; keine Regierung ſtand auf feſtem Fuße, eine jede hatte innere und äußere Feinde zu bekämpfen. Den Dänen war es endlich durch ihre jammerreichen Epiſteln gelungen, das Herz des eiſigen Rußlands zu erweichen und zu ſchmelzen. Die Ruſſen, die Verhältniſſe, wie ſie wirklich waren, gar nicht kennend, nur durch däniſche Berichte darüber aaufgeklärt oder, beſſer geſagt, umnebelt, erkannten allerdings eine Revolution an; da aber ein Volk ge⸗ 81 gen ſeinen Souverain, oder vielmehr dieſer gegen ſein Volk kämpfte, ſo mußte natürlich das Unrecht auf Seiten dieſes Volkes ſein, und die Vorhut der euro⸗ päiſchen Ruhe, wie ſie es wenigſtens damals zu ſein ſich das Anſehen gab, glaubte dieſe Ruhe auch in den Herzogthümern herſtellen zu müſſen, und ſo erſchallte denn der laute Donnerruf vom Norden her: innezu⸗ halten mit allen Feindſeligkeiten gegen das arme, verkannte, kleine Dänemark, und den rebelliſchen Her⸗ zogthümern länger keinen Vorſchub zu leiſten. Ein allgemeiner Weheſchrei über dieſe unglaubliche Gewalt⸗ that— die nur der Nemeſis einer ſpätern Zeit zu rächen vorbehalten war— drang von einem Ende Deutſchlands bis zum anderen. Aller Herzen öffneten ſich um ſo mehr für die geopferten Herzogthümer und aller Augen richteten ſich auf das koſtbare Schlacht⸗ feld, wo um die deutſche Ehre gewürfelt wurde, voller Erſtaunen abwartend, was denn nun daſelbſt geſchehen würde. Schon lange waren dieſe Friedensgerüchte den Truppen beider kämpfenden Theile bekannt geworden; die Dänen wußten es ſo gut wie die Deutſchen, daß der Krieg bald ein Ende haben werde, und man be⸗ gnügte ſich daher, das Gewehr beim Fuß, ruhig auf ſeinem Poſten zu ſtehen und einander in das drohende A. Burns. IV. 6 82 Geſicht zu ſchauen. So war es in Jütland, ſo war es im Sundewitt, wo den Dänen nur deutſche Reichs⸗ truppen gegenüberſtanden, die ſie fürchteten, weil ſie ſich ihnen nicht gewachſen wußten. So war es aber nicht in Friderieia, wo ſie nur Schleswig⸗Holſteiner allein vor ſich hatten, Schleswig⸗Holſteiner, die ſie zwar auch fürchten gelernt, die ſie aber außerdem haßten, weil ſie ſie als Rebellen betrachteten und an denen, für die Niederlagen bei Eckernförde und Kolding, eine ſchreckliche Rache zu nehmen, ſie ſich feierlich ge⸗ lobt hatten. Und dieſe Rache führten ſie in der That auf eine in der Geſchichte geſitteter Völker noch nie dagewe⸗ ſene Weiſe aus. Die Zeit war bis zum 5. Juli vorge⸗ rückt, die Friedensverhandlungen waren in Kopenha⸗ gen und Berlin bis zum Abſchluſſe gediehen und der Waffenſtillſtand durch die That eingeleitet. Schon bezeichnete man den Tag und die Stunde, wo die Friedenspoſaune ihre Klänge über die entzweite Welt würde erſchallen laſſen, und dieſe Stunde war nicht mehr fern. Wollten daher die Dänen die Zeit be⸗ nutzen, um an den Schleswig⸗Holſteinern Rache zu üben, ſo mußten ſie eilen. Und alſo eilten ſie. Während die Preußen in und vor Aarhuus die Dänen noch immer auf Helgenaes ſtehend glaubten, 83 wo ſie ſo viele Wochen unthätig geſtanden, ſchifften dieſe ſich bei nächtlicher Weile und von einem ſchützen⸗ den Nebel begünſtigt, heimlich ein und landeten faſt ihre ganze Macht eben ſo heimlich vor Fridericia, da ihnen wie überall auch hier das Meer gehörte. Hier, kaum angelangt, wurde ihnen mitgetheilt, daß es auf die Vernichtung des ſchleswig⸗holſteiniſchen Rebellenheeres abgeſehen ſei, und, um den Muth der Inſulaner zu erhöhen, wurde ihnen ein bacchantiſches Feſt bereitet. Berauſcht von reichlich geſpendetem Branntwein und in Kannibalen umgewandelt, mußten ſie ſich das Wort geben, ein deutſches Eckernförde und Kolding aufzuführen. Die ſchleswig⸗holſteiniſche Armee hatte keine Ahnung von der vorgehenden Orgie. An den be⸗ vorſtehenden Frieden denkend, der ihnen bereits auf einen der nächſten Tage verkündet war, ſchliefen ſie ruhig in ihren, leider zu weit ausgedehnten Stellun⸗ gen im großen Halbkreiſe um die Feſtung herum. Da brachen in der Nacht vom 5. zum 6. Juli die Dänen mit 25 Bataillonen aus den Thoren von Fridericia hervor. Die Nacht war dunkel, die Dä⸗ nen marſchirten in ſchleichendem Tritt. Die Schles⸗ wig⸗Holſteiner ſahen und hörten ſie nicht, als bis ſie dicht vor ihnen ſtanden. Viele von ihnen waren ent⸗ kleidet, dem Schlafe ergeben, und hatten die Waffen 6 ½4 84 ungeladen bei Seite geſtellt. Da ſtürmten zehn Ba⸗ taillone im Schnellſchritt auf die ruhig Schlafenden ein und mit wüthender Mordgier fielen ſie über die Unmächtigen her. Im erſten Augenblicke war die Ver⸗ wirrung groß; als aber die Deutſchen nur zu bald er⸗ kannten, was ihnen zugedacht war, erhoben ſie ſich wie die Löwen; unbekleidet oder nur halb be⸗ kleidet, wie ſie lagen, ergriffen ſie die Waffen, ka⸗ men einzeln zum Waffentanze und drängten mit unglaublicher Kraft und Kühnheit die erſten zehn Bataillone bis an die Thore der Stadt zurück. Aber da brach die zweite und größere Hälfte, im wildeſten Rauſche, von Blutgier und Rachegedan⸗ ken erfüllt, hervor. Dreifach den ſtutzenden Deutſchen an Zahl überlegen, warfen ſie ſie wieder auf ein⸗ zelnen Punkten zurück, und nun entſpann ſich ein Kampf, oder eigentlich ein Gemetzel, Mann gegen Mann, das heißt immer drei gegen einen, wie es ſelten bei dunkeler Nacht ſo heldenmüthig und zugleich ſo mörderiſch gekämpft worden iſt. Ster⸗ ben wollten ſie Alle oder ſiegen, und viele von ih⸗ nen beſiegelten dieſen männlichen Vorſatz mit ih⸗ rem Leben und ihrem Blute. Die Fechtenden ſtan⸗ den Bruſt an Bruſt gedrückt, die Bajonette trieften von Blut, ganze Wälle von getödteten Dänen 85 ſchichteten ſich in der Schlachtlinie auf. Aber wenn die vorderſten gefallen waren, drückten die hinterſten blindlings nach, und ſo mußten immer neue Reihen und Glieder in das kannibaliſche Gefecht. Um eine Batterie fluthete das Blutmeer am höchſten— es war die des wackeren Hauptmann Chriſtianſen. Er ſelber und ſeine Getreuen fochten wie Verzweifelte bis auf den letzten Mann; dicht vor den Geſchützen ſtehend erhielten die Dänen doppelte Kartätſchenladungen in's Geſicht, und als die herangepreßten Maſſen die kleine Zahl endlich erdrückten, ſprengte der heldenmüthige Führer die ganze Batterie ſammt allen in der Nähe befindlichen Feinden in die Luft. Und ſo erlag endlich der Löwenmuth der Wenigen der Tigerwuth der Vie⸗ len. Allmälig, langſam zogen ſich die übrig gebliebenen Schleswig⸗Holſteiner zurück, aber ſie verloren dabei 1500 Gefangene, viele Geſchütze und deren Munition. Bis zum Mittage des folgenden Tages dauerte das entſetz⸗ liche Blutbad, und als es endlich ein Ende nahm, hatten die Deutſchen 3000, die Dänen aber 5000 Mann und ihren Feldherrn verloren. Das war der letzte Schlag, der in dieſem Feldzuge vollführt wurde, denn am 10. Juli wurde die Waf⸗ fenſtillſtandsakte in Berlin unterzeichnet und der Friede folgte ihm auf dem Fuße nach. Viertes Mapitel. — Waffenſtillſtand und Friede. Aber was für ein Friede war das für die Schles⸗ wig⸗Holſteiner, die dieſen Feldzug ſo ruhmreich be⸗ gonnen, ſo glücklich fortgeſetzt hatten und durch die thatſächliche Hülfe faſt aller deutſchen Fürſten zu der Hoffnung berechtigt waren, ihr von denſelben aner⸗ kanntes Recht, den Dänen gegenüber, werde nicht allein, ſondern müſſe ſogar zur Geltung kommen und ihr ewiger Streit endlich zu einem befriedigenden Abſchluſſe gelangen? Doch wir wollen nicht klagen, nur die Thatſachen wollen wir berichten, die hier lau⸗ ter als Seufzer und Thränen ſprechen.* Zufolge der abgeſchloſſenen und alsbald bekannt gemachten Waffenſtillſtandsakte ſollte die bisherige Statthalterſchaft der Herzogthümer die Regierung nur * 8 87 über Holſtein fortführen, über Schleswig aber— den Hauptſtreitpunkt des ganzes Krieges— wurde eine Verwaltungscommiſſion geſetzt, die auseinem Dänen, einem Engländer und einem Preußen beſtand und ſich in Flensburg niederließ. Außerdem wurde die ſoge⸗ nannte Demarkationslinie mitten durch das Herz des Landes von Flensburg bis Tondern gezogen, welche die Scheidewand zwiſchen deutſchem und däniſchem Intereſſe darſtellen ſollte. Alle oberhalb dieſer Linie wohnenden Deutſchen alſo waren rettungslos dem Dänenthum verfallen. Nördlich von dieſer Linie ſollte Schleswig von 4000 Schweden, ſüdlich von 6000 Preußen beſetzt und durch dieſe Truppen die öffent⸗ liche Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten werden. Die Inſel Alſen, die doch gewiß zu Schleswig gehört, behielten die Dänen vorweg als feſten Sammelplatz aller ihrer künftigen gegen die Deutſchen gerichteten Unternehmungen; die ſchleswig⸗holſteiniſchen Truppen aber wurden ſüdlich der Eider nach Holſtein verwieſen. Nie iſt wohl das Intereſſe, das Gefühl der Hin⸗ neigung, das Bewußtſein der Abſtammung ſo vieler einer großen Nation angehörigen Menſchen ſchwerer verletzt worden, als das der jenſeits jener Demarka⸗ tionslinie wohnenden Deutſchen. Ein Schrei der Ent⸗ rüſtung und des Schreckens tönte durch das ganze 88 Land, wie noch nie zuvor. Von allen Seiten erhoben ſich Klagen und Proteſte, welche die unerhörte Gewalt⸗ that, die hiermit den Schleswigern widerfuhr, zu den Ohren aller Fürſten und Völker brachten. Rührender aber und das menſchliche Gemüth tiefer ergreifend iſt keiner von allen geſchrieben oder geſprochen worden, als es durch jene drei Männer geſchah, welche das angliſche Land nach Berlin*) ſandte, um die traurige Veräußerung ihrer Heimat an ihren Erbfeind in das rechte Licht zu ſtellen und um möglichſte Abhülfe zu bitten. Selten ſind drei einfachere, ehrenwerthere und von ihrem Schmerze tiefer gebeugte Männer vor einen mächtigen König getreten und haben ſo begründete, flehende, aus dem tiefſten Herzen ſtammende Worte zu ſeinen Füßen niedergelegt. Von dem edlen Könige, einem ächten deutſchen Manne ſeiner Geſinnung und ſeinem Herzen nach, wurden ſie, wie bekannt, freundlich und großmüthig empfangen; ihre Bitte ihnen aber zu gewähren, hatte er wohl den Willen und den Wunſch⸗ aber damals nicht die Macht in Händen. Viel und oft hat man *) Siehe: Bericht über die Deputation aus Angeln nach Berlin, veröffentlicht von den Mitgliedern derſelben. Flensburg 1849. * 89 zu jener Zeit, und auch ſpäter noch, die preußiſche Ehre und den preußiſchen Namen geſchmäht und Ver⸗ wünſchungen über eine Politik ausgeſprochen, die ſo vielverheißend begann und ſo ſchwächlich im Sande verlief. Aber nie haben dieſe Schmähenden und Ver⸗ wünſchenden bedacht, daß ein König, möge er auch noch ſo mächtig in ſeinem Lande ſein, nicht allein die ganze Welt nach ſeiner Neigung regiert, und daß der König von Preußen durch äußere Umſtände damals gezwungen wurde, ſeiner Neigung und Einſicht ent⸗ gegen, den Schleswigern eine kräftige Hülfe zu verſa⸗ gen. Doch die Gründe hier zu entwickeln, welche dieſe äußeren Umſtände klar machen wie die Sonne den Tag, iſt hier nicht der Ort; nur um der Geſchichte zu folgen, die Wahrheit zu ſagen und im Zuſammen⸗ hange mit unſerer, die Schickſale der Herzogthümer damaliger Zeit umfaſſenden Erzählung zu bleiben, mußten wir das Erwähnte wenigſtens anführen. Die neue Landesverwaltung, aus den drei, ver⸗ ſchiedenen Nationalitäten angehörigen, Männern be⸗ ſtehend, begann alſo ihre Thätigkeit damit, daß ſie die zum Vortheile der Schleswiger erlaſſenen Geſetze, namentlich ihre Verbindung mit Deutſchland betreffend, aufhob. Da ihr die in Holſtein regierende Statthal⸗ terſchaft dabei natürlich im Wege ſtand, ſo ſuchte ſie 90 dieſelbe durch vielerlei Bemühungen zum Rücktritte zu bewegen, aber dieſe Statthalterſchaft hatte ihre Pflicht erkannt und blieb ihr treu. Alle dieſe, den Schleswigern ſehr unerwartet kommenden Beſtrebungen und noch viel Schlimmeres einleitenden Vorſpiele gingen meiſt, wie man ſagt, von dem däniſchen Theilnehmer jener Landesverwaltung aus, welcher das Uebergewicht über ſeine beiden Collegen geſchickt zu benutzen verſtand, um das neugeſchaffene Schleswig ganz im däniſchen Sinne zu verwalten. Hieraus iſt auch die Handlungs⸗ weiſe der Dänen erklärlich, die ſie in dem ſo glücklich ohne Schwertſchlag erlangten Schleswig an den, Tag legten. Denn ſie hauſten nicht allein darin, als ob es eine däniſche Provinz— eine ſolche hätten ſie viel⸗ leicht geſchont— ſondern als ob es ein erobertes feindliches Land wäre, dem man eine gerechte Züchti⸗ gung angedeihen laſſen müſſe. Die nördlich von jener Demarkationslinie liegenden Theile Schleswigs be⸗ handelten ſie, wie wenn die Bewohner deſſelben ihre Leibeigenen wären. Täglich wurden deutſchgeſinnte Bewohner überfallen, mißhandelt, bis in ihre Häuſer verfolgt und gleichſam darin belagert. Aus den Hos⸗ pitälern zurückkehrende Schleswiger wurden auf der Straße angegriffen, zu Boden geworfen und ſo ge⸗ ſchlagen, daß die alten Wunden wieder aufbrachen. 1 V Die Schweden, die die öffentliche Ordnung erhalten ſollten, ſahen dieſem Unfuge an vielen Orten ruhig zu, ſollen ſogar oft noch dabei geholfen haben. Die doppelt auferlegten Steuern wurden mit einer Roh⸗ heit ſonder Gleichen eingetrieben und allen Deutſchen, ob ſie zahlen konnten oder nicht, faſt unerſchwing⸗ liche Abgaben unter allerlei Formen aufgebürdet. Und wurden die Bewohner Schleswig's hierdurch zu däniſcher Sprache bekehrt? Nein, im Gegentheile, ſie wurden deutſcher, als ſie vorher geweſen waren. Sie leiſteten Widerſtand, wo ſie ihn nur leiſten konn⸗ ten, ſie gehorchten ſchwer oder gar nicht den aufge⸗ drungenen däniſchen Beamten, und was an ſtreitba⸗ rer Mannſchaft vorhanden war, verließ Haus und Hof und zog gegen Süden über die Eider zu den Holſteinern. Der Uebermuth der Dänen in Kopen⸗ hagen über das vollſtändige Gelingen ihrer lange ge⸗ hegten Pläne, und das Vertrauen auf den wunder⸗ baren Umſchwung in der Anſicht der Sachlage von Seiten der preußiſchen Regierung war ſo groß, daß ſie ſogar in Berlin den Antrag ſtellten, die Fregatte Gefion auszuliefern, die noch immer auf ihrem Anker⸗ platze vor Eckernförde lag und von preußiſchen Sol⸗ daten beſetzt gehalten wurde. Daß Preußen dieſem maaßloſen Anſinnen nicht nachkam, beweiſt noch heute 92 die preußiſche Flagge auf jener herrlichen Fregatte, unter der ſie auf allen Meeren kreuzt und ſchon oft im Sunde den Danebrog ſalutirt hat, ohne zu errö⸗ then, daß ſie ihren früheren Beſitzern, die ſie nicht vertheidigen konnten, abtrünnig geworden iſt. Als nun die Schleswig⸗Holſteiner einſahen, daß auf dieſem Wege unter dem verheißenen und nicht erfüllten Schutze der deutſchen Mächte kein Heil für ſie ſei, faßten ſie einen verzweifelten Entſchluß. Noch einmal begab ſich eine Deputation unter Anführung des Grafen Reventlow⸗Farve nach Kopenhagen und machte Anerbietungen, wie ſie ſich nur mit der Ehre ſo tief gekränkter Männer und eines von aller Welt verlaſſenen Volkes vertrugen. Die Herzogthümer machten ſich anheiſchig, einen großen Theil der däni⸗ ſchen Staatsſchuld zu bezahlen, ſie wollten ihre Trup⸗ pen auf 9000 Mann vermindern, wollten Dänen zu Chefs ihrer Behörden annehmen und auf einen ge⸗ meinſamen Staatsrath verzichten— aber die Dänen waren und blieben unverſöhnlich, ſie forderten mehr, immer mehr und endlich ſo viel, daß man zur Ein⸗ ſicht kam, ſie wollten gar keine Verſöhnung, ſie woll⸗ ten allein Haß, Streit, Krieg, den Untergang Schles⸗ wig's,— und ſo wurden die Unterhandlungen aber⸗ mals abgebrochen und der Graf Reventlow ſammt 2 93 Genoſſen vom däniſchen Miniſterium aus Kopenhagen ſogar polizeilich ausgewieſen. Dieſe Hartnäckigkeit der Dänen entſprang allein aus der Einſicht, daß ſich die Großmächte immer wei⸗ ter von den Herzogthümern zurückzogen, und allerdings räumte man ihnen Spielraum genug ein, ſich als die unbezweifelten Sieger und die Herren der Lage zu geberden. Vergebens war der hochherzige bairiſche Proteſt in Frankfurt, den däniſchen Abgeſandten nicht eher beim Bundestage zuzulaſſen, als bis Dänemark ſeine Streitigkeiten mit Deutſchland auf eine befriedi⸗ gende Weiſe geſchlichtet habe— der däniſche Geſandte blieb und tagte mit in Frankfurt. Und ſo kam denn endlich der Friede zu Stande, den Preußen unter eng⸗ liſcher Vermittelung mit Dänemark ſchloß, während sin London die europäiſchen Großmächte und Schwe⸗ den ſich zur Erhaltung der däniſchen Monarchie in ihrem vollen Beſtande einigten. Durch dieſen Ver⸗ trag, dem nur Oeſtreich und Preußen nicht beitraten, vernichtete man die deutſche Zukunft Schleswig's und ees iſt dieſer Vertrag der berühmte Protokollentwurf, geſchloſſen zu London am 2. Juni 1850. Die Groß⸗ mächte erklärten darin, daß ſie zur Aufrechterhaltung des europäiſchen Gleichgewichts Dänemark ſtark und mächtig erhalten müßten— darum alſo 94 müſſe Schleswig däniſch ſein und werden— und er⸗ kannten die däniſche Abſicht in Bezug auf Schleswig für eine ſehr weiſe an. Sollen wir noch weiter in Aufzählung dieſer außer⸗ ordentlich gerechten, weiſen und klugen Protokolle und Friedensſchlüſſe fortfahren? Nein! Der Leſer wird mit den angeführten zufrieden ſein und ſich ein klares Bild der neuen Verhältniſſe im unglücklichen Schles⸗ wig entwerfen können; ſollte er aber Luſt haben, die genauere Auseinanderſetzung jenes Friedensabſchluſſes zu verfolgen, ſo ſchlage er die Bücher der Geſchichte auf und er wird vollkommen, wenn nicht befriedigt, doch aufgeklärt werden. Wir für unſer Theil ſind weitläuftig genug geweſen und der Zeit nach unſerer Erzählung ſchon vorgeſchritten, aber wir mußten es thun, um dieſelbe in vollen Einklang mit den politi⸗ ſchen Ereigniſſen zu ſetzen. Jetzt kehren wir nach Emmerslund in das Herz Schleswigs zurück, zu der Zeit, wo der Waffenſtillſtand geſchloſſen war, die deutſchen Truppen Jütland und Nordſchleswig ver⸗ ließen und ſtatt ihrer die Dänen und Schweden mit Sang und Klang, Trompeten⸗ und Paukengeſchmetter einrückten, um nicht das beſiegte, wohl aber das im Würfelſpiel der Staaten gewonnene Schleswig von Neuem in Beſitz zu nehmen. — mal den Mann, dem wir dieſ 95 In welcher Stimmung die deutſchen Bewohner Schleswig's bei dieſer Lage der Dinge ſich damals befanden, davon ſich ſattſam zu überzeugen haben die aus dem Norden zurückkehrenden Reichstruppen die beſte Gelegenheit gehabt; waren dieſe Männer doch ſelbſt tief erſchüttert und lebhaft aufgeregt, als ſie erkennen mußten, daß das Blut der Ihrigen vergeb⸗ lich gefloſſen und die zahlloſen Opfer der Schleswiger umſonſt gebracht ſeien. Schweigend, mißmuthig und über ihre zweideutige Rolle innerlich grollend, mar⸗ ſchirten ſie von Quartier zu Quartier, ſahen und hör⸗ ten überall das allgemeine Weh und halfen es tragen, indem ſie dem herben Geſchicke der ſo tödtlich Getrof⸗ fenen die innigſte Theilnahme zuwendeten. So kamen ſie auch nach Emmerslund und begrüßten noch ein⸗ 1 ſe Geſchichte gewidmet, der ſchwer unter der Bürde der Gegenwart litt und doch noch lange nicht den bitteren Kelch ſeiner Prü⸗ fungen bis auf den letzten Tropfen geleert hatte. Schweigend und ohne Zweifel ſchmerzlich bewegt, aber frei, edel und offen, dabei gaſtfrei wie immer, em⸗ pfing er uns und ließ uns ſeine innerſten Empfin⸗ dungen wohl ahnen, aber ſichtbar und hörbar werden ließ er ſie nicht. Beinahe drei Tage raſteten wir bei ihm, denn die Haupt⸗ und Nebenwege, auf denen 96 wir ſüdwärts zogen, waren alle mit rückkehrenden Truppen überfüllt und gar häufig traten längere Stockungen im Marſche ein; da hörten wir denn noch einmal alle ſeine Erzählungen von den in den letzten Jahren verlebten ſchrecklichen Tagen, und als wir endlich auf Nimmerwiederſehen ſchieden, begleitete er uns bis an die Gränze ſeiner Beſitzungen und nahm mit einem warmen Händedrucke von uns Abſchied. Ich ſehe noch immer ſeine kräftige hohe Geſtalt und ſein, wie aus Stein geſchnittenes marmorbleiches Ge⸗ ſicht, wie er hinter uns ſtand und die Hand vor Au⸗ gen hielt, um ſich gegen den glänzenden Sonnen⸗ ſchein des herrlichen Auguſtmorgens zu ſchützen, und uns ſo lange nachblickte, als ſeine glühenden Augen uns erreichen konnten. Was ich ihm damals ver⸗ ſprach, halte ich hiermit, indem ich ſeine und ſeiner Familie Geſchichte dem theilnehmenden Leſer über⸗ gebe.— So waren die letzten Preußen von ſeinem Hofe abgezogen und er kehrte ſtill, langſam, in tiefes Nachdenken verſunken, in ſein Haus zurück, wo die weinende Familie ihn herzlich empfing und ſeine treuen Freunde, eng um ihn geſchaart wie in allen bitteren Momenten ſeines Lebens, liebevoll ſeiner war⸗ teten. Und als die Einen immerfort weineten, die 97 Anderen aber heftige Reden auszuſtoßen anfingen, wie es ihre rauhere Natur mit ſich brachte, da ſtellte er ſich mitten unter ſie und ſagte ihnen folgende Worte: „Kinder, weinet nicht, und Ihr, meine Freunde, zürnet auch nicht. Wenn einer von uns einen großen Schmerz tief in ſeinem Innerſten fühlt— o, er brennt mir glühend in der Seele— und wenn er jäh aus ſeinen Himmeln in einen finſteren Schacht der Erde geſchleudert iſt, wo kein Licht, keine Wärme und keine Hoffnung lebt— ſo bin ich es. Aber ſehet, ich ermanne mich mit aller meiner Kraft aus dieſem großen Schmerze und erhebe mein Haupt dankbar zu Gott empor, denn er hat mir mit Euch und meinen anderen Beſitzthümern noch viel übrig gelaſſen.— So ſtehen wir denn nun wieder allein, meine Lieben, unſerem ewigen Feinde gegenüber, und haben ſeinen Angriffen nichts entgegenzuſetzen, als unſer duldſames Herz. Sehet Euch alſo nicht mehr ſuchend um nach der von Außen verheißenen Hülfe, denn Ihr findet ſie nicht. Helfet Euch ſelber, ſo wird Euch der Himmel helfen, ſagt jener ſchöne Wahlſpruch, und den wollen und müſſen auch wir jetzt zu dem unſrigen machen. Doch Ihr dürfet nicht zürnen, ſage ich, daß man uns jene Hülfe entzogen hat— zürnet 4 98 vielmehr auf Euch, daß Ihr zu ſicher auf etwas Un⸗ ſicheres gerechnet habt. Wohl hat ſie uns der König von Preußen verſprochen— und hat er ſie uns nicht zur rechten Zeit gebracht? Denket nur an die Schlacht bei Schleswig, und Ihr werdet Euch eines Beſſeren beſinnen. Eine ſolche Wohlthat aber, zur ſchweren Stunde geſpendet, darf niemals vergeſſen werden! Auch iſt er ja nicht die einzige Macht, die über Krieg und Frieden in Europa zu entſcheiden hat. Er, ſo mächtig und ſtark er iſt, iſt nur ein einzelnes Glied eines größeren Organismus und kann nicht allein für ſich, den anderen Gliedern zum Trotze thun, was ihm be⸗ liebt, wenn es ſein Herz auch ſehnlichſt wünſchen ſollte. Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachte ich den Mann, den jetzt alle Welt im Munde hat. Murret alſo nicht, ſondern faſſet Euch männlich. Wir Schleswiger, wir ſind einmal heute zu Schlachtopfern auserſehen und müſſen den bitteren Trank des Lebens bis zur Neige leeren— ſo iſt es aber, ſeitdem es eine Weltgeſchichte giebt, ſchon Vielen ergangen, die ihr Vaterland und ihre Ehre, ihr Recht und ihre Freiheit mehr liebten, als den ſcheinbaren Frieden und die aus Mitleid hingeworfenen Brocken einer von Haß und Feindſchaft beſeelten Obergewalt. Und nicht immer die Schlechteſten ſind es geweſen, die am 99 meiſten gelitten haben.— Wenn es aber Etwas in dieſer wunderbaren Welt giebt, was Euch augen⸗ blicklich tröſten kann, ſo blicket gleich mir nach Süden hin in das ſtrahlende Geſicht des deutſchen Volkes. Sehet, es lächelt uns an und tröſtet uns in unſerm Leiden, und eines ganzen Volkes Troſt iſt ein großer und reicher Troſt. Das deutſche Volk, mächtiger als ſeine Fürſten und nicht weniger edel, hat ein Wort mitzureden in dem Schickſalsſpruche mit ihm verbun⸗ dener Völker, und Ihr wiſſet es wohl, es hat ſchon ein Wort zu unſeren Gunſten mitgeredet. Denn auf ſeinen Antrieb eben hatten ſich die Fürſten entſchloſſen, uns zu helfen in unſerer Noth, und darum bin ich überzeugt, es wird uns nie ganz ſinken und unter⸗ gehen laſſen von dieſer Erde. Gebet Acht und ſeid getroſt! Es wird uns ſeine Arme öffnen, wenn es nicht mehr mit dem Schwerte für uns ſtreiten kann, es wird uns die Bruderhand entgegenſtrecken, um uns an ſein Herz zu ziehen und uns einen Platz an ſeinem Heerde bereiten, wenn wir an dem un⸗ ſrigen keinen mehr haben ſollten, denn einem edlen, guten und gottgetreuen Volke iſt jeder wackere Mann willkommen, und das ſind wir ja, Gottlob! unter allen Bedrängniſſen geblieben.“— Und als ſie nach dieſen Worten ſich Alle um ihn 100 drängten und ihm die Hände ſchüttelten, da faßte er die ſanft weinende Helene ſcharf in's Auge und ſetzte noch Folgendes hinzu:„Um Einen von uns nur thut es mir leid, daß er nicht bei uns iſt und ſeine Stimme mit der meinigen erhebt, um mit ſchöneren Worten vielleicht, aber ehrlicher gemeinten gewiß nicht, zu ſagen, was jetzt unſere nächſte Aufgabe und Pflicht iſt. Ja, Helene, was würde unſer braver Freund Henrik Paulſen ſagen, wenn er hier wäre? Würde er noch eine ſo große Hoffnung, ein ſo gränzenloſes Vertrauen, eine ſo kühne Begeiſterung für den ge⸗ wiſſen Sieg unſerer gerechten Sache hegen, wie da⸗ mals— wiſſen Sie es noch? O, o, o! Wie recht habe ich immer gehabt, wenn ich bezweifelte, was er ſo ſicher vor ſich ſah! Wie klar hat die Stimme in meiner Bruſt geſprochen, wenn ſie mich warnte, wenn ſie mir rief: erwarte nichts von Dänemark! Däne⸗ mark giebt Schleswig nie ſein Recht, denn es kann es ihm nicht geben; ohne Schleswig iſt Dänemark Nichts, denn die deutſchen Herzogthümer ſind nicht allein ſein Herz, ſondern ſie ſind auch ſeine Krone, ſein Schmuck. O, o, meine Kinder, es iſt bitter und hart, ſein Vaterland, welches man ſo liebt, wie wir es lieben, ſo tief gekränkt, ſo tief erniedrigt, ſo tief ge⸗ demüthigt zu ſehen, daß man nicht einmal die Sprache N 101 reden ſoll, die unſere Mutter uns vorgelallt und mit ihrer ſüßen Liebesmilch in das Blut gegoſſen hat— doch ſtill! Mich hat der trübe Geiſt der Klage er⸗ griffen, und wer klagt, iſt kein Mann mehr. So laßt mich denn jetzt nur noch Vater und Freund ſein. Kommt Alle her an mein Herz und laßt mich an dem Schlage des Eurigen fühlen, daß Andreas Burns noch viele Stätten auf Erden hat, wohin er ſein Haupt in Frieden legen kann!“ Und Alle, laut aufſchluchzend, drängten ſich in ſeine Arme und er ſchloß ſie nach einander an ſein Herz. Dann aber, während ſie noch leiſe fortweinten, ging er hinaus und die Männer folgten ihm bald, denn Vieles gab es jetzt zu bedenken, zu berathen, und wenig Zeit war ihnen übrig geblieben, um einen Entſchluß zu faſſen, der ihre Zukunft gegen das dro⸗ hende Unheil ſicher ſtellte.— Wenige Tage erſt waren nach dieſem Auftritte im Hauſe zu Emmerslund vergangen— und lange noch nicht hatten alle deutſchen Reichstruppen die Eider überſchritten— da regte es ſich ſchon auf ganz andere Weiſe im nördlichen Schleswig. Mit den Schweden zugleich war eine Fluth neuer däniſcher Beamten ein⸗ gezogen, die Beſitz von ihren Aemtern nahmen, nach⸗ 102 dem ſie ihren Vorgängern verkündet, ſie ſeien ent⸗ laſſen und könnten ſich eine andere Heimat und ein anderes Brot ſuchen, worauf ſie wie Männer von ächtem däniſchen Gepräge zu ſchalten und zu walten begannen. Da wurde denn viel Widerſpruch und Streit laut, aber Das, was jetzt Geſetz ſein ſollte, wurde mit eiſerner Fauſt gehandhabt und wo man nicht auf der Stelle gehorchen wollte, da kamen die Schweden herbei, legten Beſchlag auf Hab' und Gut und bewieſen dadurch, daß nur der Starke im Rechte ſei. Da hielten denn Viele es für gerathen, den Wohnſitz ihrer Väter zu verlaſſen und nach Süden zu ziehen. Ganze Familien, deren Ernährer von ihren Aemtern vertrieben wurden oder befürchten mußten, wegen ihrer bekannten treufeſten Geſinnung in däniſche Kerker geſchleppt zu werden, wanderten aus und viele Häuſer ſtanden leer, in denen jetzt dänen und Schwe⸗ den nach Belieben hauſten. In Emmerslund war dafür geſorgt, daß keiner Perſon, die ſich ein amtliches Anſehen gab, wider⸗ ſprochen wurde. Es geſchah Alles, was das neue Geſetz befahl, was die neue Obrigkeit verlangte. Nach einigen Tagen ſchon erſchien der neue Hardesvogt mit ſeinen Begleitern, beſuchte den Beſitzer des An⸗ dreasberges und nahm Rückſprache über ſeinen Beſitz, 8 103 ſeine Leiſtungsfähigkeit und Steuerkraft. Andreas ſchätzte ſein Gut ab, wie er es in ſeinem Innern ge⸗ ſchätzt hatte, denn es war ihm unmöglich, ein un⸗ wahres Wort zu ſprechen, aber das ſchien dem er⸗ leuchteten Beamten noch nicht genug. Er ſchrieb das Doppelte an und legte Andreas die zwiefache Steuer auf. Obgleich dieſer die abſichtliche Quälerei bemerkte, ſo ſagte er doch nichts, aber im Stillen freute er ſich, daß er auf Helenens Antrieb ſchon lange den größten Theil ſeines Vermögens aus den Herzogthümern ge⸗ zogen und in Hamburger Papieren angelegt hatte, wo auch Helenens Hauptſumme lag. So konnte man ihm doch nur nehmen, was er in Schleswig hatte, denn von ſeinen auswärts ſtehenden Mitteln hatte Niemand eine Kunde. Von Zeit zu Zeit auch wur⸗ den ihm zwanzig bis dreißig Schweden in den Hof gelegt, die eine Art Umzug in ihrem Nevier hielten, um nach dem Rechten zu ſehen, wie es hieß, in der That aber nur, um Diejenigen zu beobachten, die man beobachtet wiſſen wollte, und von Denjenigen zu zehren, denen man einen gewiſſen Ueberfluß zutraute, und zu dieſen gehörte natürlich auch Capitain Burns. Die Schweden ſelbſt, die in Emmerslund ein⸗ rückten, waren meiſt gute, einfache Leute und alter graubärtige Soldaten, die an und für ſich keinen 104 rechten Begriff von ihren Leiſtungen in Schleswig hatten und nur thaten, was ihnen befohlen war. Sie verweilten auch ſehr gern auf dem ſchönen Gute, wo ihnen Alles gewährt wurde, was ſie wünſchen konnten, wo ihnen Nichts in den Weg gelegt ward und die größte Ruhe und Ordnung im Gange des Hausweſens wie in Bezug auf die öffentlichen Ange⸗ legenheiten herrſchte. Ein neuer Gaſt in Emmerslund, von dem wir noch nicht geſprochen, zu dem wir uns aber jetzt noth⸗ wendig wieder wenden müſſen, war Friedrich. Er war aus dem Hospitale zu Chriſtiansfelde erſt Mitte Juni in's elterliche Haus zurückgekehrt, zwar noch nicht gänzlich geheilt, aber doch voll Hoffnung, unter der mütterlichen Sorgfalt und Pflege und durch den Rath des alten Wundarztes in Apenrade, den man wieder herbeigerufen hatte, bald vollſtändig Herr ſeiner Glie⸗ der zu ſein. Allein dieſe Hoffnung rückte in immer weitere Ferne hinaus, die Wunde wollte ſich nicht ſchließen, der Arm nicht zu ſeiner früheren Beweglich⸗ keit und Kraft zurückkehren. Mißmuthig ſah der Kranke einen Tag nach dem andern, eine Woche nach der andern ſchwinden, bis er endlich auf den für ihn tief peinlichen Gedanken verfiel, er werde wie ſo viele ſeiner Landsleute ein Krüppel bleiben und das unaus⸗ 4 1 1 195 löſchliche Zeichen des däniſchen Uebermuthes ſein gan⸗ zes Leben mit herumſchleppen müſſen. Daß dieſer Gedanke dem ſonſt ſo kräftigen, willensſtarken und lebensmuthigen Manne allerdings keine frohe Ausſicht gewährte, erſcheint ſehr natürlich, daß er aber auch dazu beitragen ſollte, ſein Lebensglück nach einer anderen Richtung hin zu ſtören, hatte Niemand vor⸗ ausgeſehen und lag der Grund davon einzig und allein in der zarten Reizbarkeit ſeines edeldenkenden, von aller Selbſtſucht freien, für Andere aber nur zu rückſichtsvollen männlichen Herzens ſelbſt. Was nämlich ſein Verhältniß zu Agathen betrifft, welches wir hier zumeiſt vor Augen haben, ſo hätte, wie man zu hoffen berechtigt war, nach der freund⸗ lichen Vermittelung Helenens und den Verheißungen, die Friedrich ſelbſt daran geknüpft, vom Augenblicke ſeiner Rückkehr in's elterliche Haus an, ein liebevolle⸗ rer Verkehr zwiſchen den beiden jungen Leuten ſtatt⸗ finden müſſen, zumal da Erik nicht mehr als drohen⸗ des Schreckgeſpenſt vor Friedrich's Geiſte ſtand, das ſeine Phantaſie früher ſo oft gequält hatte, jetzt aber auf keine Weiſe mehr hinderlich ſein konnte, wenn Helenens Meinung ſich als die richtige erwies, daß Agathe dem Verſtorbenen wirklich nur ſchweſterlich er⸗ geben geweſen war. Dieſer liebevollere Verkehr ſchien 106 auch anfangs in der That ſich einniſten zu wollen, wenigſtens war die erſte Begrüßung zwiſchen Beiden eine ungemein herzliche und hoffnungsvolle geweſen. Allein ſehr bald wieder änderte ſich das Verhältniß und nahm faſt ganz die frühere Färbung an, die oft ſo ſchwer auf dem ganzen Hauſe gelegen hatte und nicht ſelten der einzige Mißklang in der ſonſt ſo hei⸗ ter geſtimmten Eintracht der Familie geweſen war. Man hätte bei Friedrich dieſe düſtere Färbung ſeines Gemüths wohl auf die allgemeine Lage der Familie⸗ auf ſeine geſcheiterten Hoffnungen, ſeine verfehlten Anſtrengungen und die traurigen Verhältniſſe ſeines Vaterlandes ſchieben können, aber das war es nicht allein, was an ſeinem Herzen nagte, nein, ein ganz anderer Kummer hatte ſich plötzlich in ihm aufgethan und den Horizont ſeines Lebens in trübe Wolken ge⸗ hüllt. Und als nun endlich Agathe, die ſich durch Helenens Aufmunterung zu ſchnelleren Fortſchritten in ihren ſüßeſten Erwartungen berechtigt glaubte, bei Friedrich's zunehmend kälterem Weſen von Tage zu Tage trauriger, ſchweigſamer wurde, ſich von Fried⸗ rich noch mehr als früher zurückzog und der Mutter faſt allein die Sorge um ſeinen kranken Arm über⸗ ließ, da warf auch Friedrich wieder den Glauben an Helenens Verſicherungen bei Seite und blieb bei ſeiner 107 anfänglichen Meinung, Agathens Traurigkeit habe allein in dem Verluſte des Jugendgeliebten ihren Grund. Und leider beſtärkte ihn darin abermals ſeine eigene Mutter, die bei aller Liebe für ihn und Aga⸗ then doch noch immer blind den eingebildeten Vor⸗ zügen Erik's ergeben geblieben war, deſſen ganze Nei⸗ gung ſie von Jugend an auf das ſchöne Mädchen gerichtet wußte. So tauchte denn plötzlich jener ſchon oben erwähnte Kummer in Friedrich's Seele auf und gewann raſch einen ſolchen Umfang, daß er bald alle anderen Ge⸗ danken aus ſeinem Kopfe verbannte.„Erik war ge⸗ ſund und von untadelhaftem Körper, als er noch lebte und ſie ihn liebte,“ ſagte er ſich,„und— ich bin und bleibe ein Krüppel. Und wenn ſie auch, wie Helene verſichert, eine flüchtige Neigung für mich bewahrte — jetzt iſt das Alles auf immer vorbei, denn ich habe keine Anſprüche mehr auf ein ſo ſchönes, jun⸗ ges und feuriges Weib, da ich ſelbſt mit gelähmtem und ſteifem Arme wie ein Invalide, für den man nur Mitleid hat, durch's Leben gehe.“ Und als erſt dieſer ſchwarze Gedanke in ſeinem Innern Wurzel gefaßt, da wucherte er üppig wie eine tropiſche Sumpf⸗ pflanze nach allen Richtungen auf, und Friedrich, die⸗ ſer feſte, willensſtarke Mann, beſchloß, dem Glücke der 108 Liebe für dieſes Leben zu entſagen und nicht mehr daran zu denken, Agathen näher zu treten. Je un⸗ zweifelhafter er ſie nun für ſich verloren gab, um ſo mehr bemühte er ſich, ſeine Gedanken in eine andere Richtung zu treiben, wozu er jetzt Gelegenheit genug hatte, denn er hielt es für ſeine hauptſächlichſte Pflicht in dieſer Zeit, ſeinem Vater nicht allein durch Mit⸗ gefühl, ſondern auch durch Rath und That in der Bedrängniß beizuſtehen, in welche dieſer bei dem ſchmählichen Verlaufe der politiſchen Angelegenheiten von Tage zu Tage mehr gerieth. Gern hätte Helene, die das Unkraut zwiſchen den Beiden von Neuem aufwachſen ſah, noch einmal die Vermittlerin geſpielt, allein ihre freundlichen Verſuche wurden von dem grämlichen Friedrich etwas unſanft zurückgewieſen. Das hätte ſie nun freilich nicht ab⸗ gehalten, ihre Bemühungen ſtandhaft fortzuſetzen, denn ſie war eben nicht leicht zu verletzen, wo es galt, An⸗ deren einen Beweis ihrer Menſchenliebe zu geben, aber es traten ſehr bald bedeutungsvollere Verhält⸗ niſſe ein, die ihre Aufmerkſamkeit von den kleinlichen Quälereien abzogen, welche ſich zwei einander mißver⸗ ſtehende Liebende ohne alle Noth und böſen Willen ſelbſt bereiteten. Helenens Sorge hatte ſich vielmehr auf die ernſthaftere Lebenslage gerichtet, in welche 109 die ihr ſo befreundete Familie Burns allmälig ge⸗ rathen war. Klarer als ſelbſt Andreas, der in ſeinem Herzen zu edel und in ſeiner Geſinnung zu ehrlich war, um Anderen Schlimmeres als ſich ſelbſt zuzu⸗ muthen, ſah ſie das Unheil ſchon aus der Ferne ge⸗ gen ſein Haupt emporſteigen und ſie hatte ſchon lange im Stillen bei ſich überlegt, wie dem biederen Manne zu rathen ſei und auf welche Weiſe er am ſicherſten den Schlag vermeiden könne, der endlich unausbleiblich auf ihn niederfallen mußte. Denn nicht allein die bisher ſo wohldenkenden Bauern der Umgegend, mit denen er ſo vielfach in Verbindung ſtand, waren aufſäſſig, widerſpenſtig und feindſelig geworden, in⸗ dem ſie, durch endloſe Wühlereien aufgehetzt, däniſcher geſinnt zu ſein die Miene annahmen, als ſie ſelbſt geglaubt hatten, ſondern, was für Andreas bedenk⸗ licher war, Helene beobachtete auch das Verfahren der neuen däniſchen Verwaltung und bemerkte, wie dieſe hier und da, mit langſamem aber ſicherem Vorgehen alle wahrhaft deutſch geſinnten Männer theils durch offene Gewalt, theils durch geheimen Zwang zu vertreiben begann— und Diejenigen, die ſich ihr widerſetzten, ſogar ergreifen und nach däniſcher Art fortſchleppen ließ. Die Vorboten eines ähnlichen Einſchreitens auch gegen Capitain Burns hatten ſich bereits lo auf dem Hofe zu Emmerslund angemeldet; die häufigen Beſuche verſchiedener Beamten, die ſich von Andreas Verhältniſſen ſo genau wie möglich zu un⸗ terrichten ſuchten und ganz eigenthümliche Blicke auf den Herrn des Hauſes warfen, hatten in ihren Augen eine ganz andere Bedeutung, als dieſe Beamten ſelbſt anzugeben ſich bemühten. Sie ahnte ein Unheil, und als ſie erſt ſo weit gekommen, hielt ſie ſich verpflichtet, Andreas offen ihre Meinung zu ſagen. Andreas hörte ſie anfangs ſchweigend und endlich kopfſchüttelnd an.„Nein,“ ſagte er,„ich ſehe keine Gefahr für mich. Was wollten ſie auch von mir? Ich kann mir nichts Schlimmes denken, denn ich bin mir keines Böſen bewußt. Meine Gedanken, freilich! die ſind ihnen nicht günſtig, aber das können ſie nicht wiſſen, denn die Dänen vermögen nicht wie Gott in die Bruſt der Menſchen zu ſchauen, und einen Aufſtand gegen ſie habe ich nie gepredigt und predige ich nicht. Alſo woher Gefahr, Helene?“ Helene fuhr aber fort, 5 auseinanderzuſetzen, daß ſeine deutſche Geſinnung— der Hauptmakel an einem Manne in der Dänen Auge— in ganz Schleswig bekannt ſei und daß man ihn ſchon deshalb allein verfolgen würde; wiederholt drang ſie in ihn, einen Entſchluß für die Zukunft zu faſſen, der ihn und 111 ſeine Familie gegen alle Ereigniſſe ſicher ſtellte,— aber all ihr Bemühen war vergebens.„Welchen Ent⸗ ſchluß ſollte ich faſſen?“ fragte er eines Tages.„Wel⸗ cher Weg führt zu einem ſicheren Ziele? Nennen Sie ihn mir!“ Und da Helene hierüber noch nicht ganz einig mit ſich ſelber war und vor der Hand keinen ſicheren Weg angeben konnte, der aus dieſem Laby⸗ rinthe führte, wenigſtens es nicht wagte, den einzi⸗ gen ihr ſicher ſcheinenden zu nennen, ſo gab er ſich für's Erſte ſelbſt nicht die Mühe, einen zu erdenken; und die Sache blieb wie ſie war. So ſaßen ſie denn oft Abends im Garten oder, bei kühlerem Wetter, um den großen runden Tiſch im Saale zuſammen und ſprachen wenig, denn Alle waren auf verſchiedene Weiſe verſtimmt. Nur bis⸗ weilen warf Helene einen ſchmerzlichen Blick auf das ruhige Antlitz des ſo ſchwer heimgeſuchten Mannes, und um ihm und ſeiner Familie ihre ganze Hinge⸗ bung zu beweiſen, gab ſie ſich Mühe, durch liebe⸗ volles Eingehen in Alles, was die einzelnen Meinun⸗ gen betraf, das Leben Aller zu erleichtern, ſo viel in ihren Kräften ſtand, und dies Bemühen fruchtete, denn Alle erkannten daſſelbe und halfen ihr in ihrer Art und Weiſe mit dabei. Daß Helene ſelbſt aber noch auf andere Weiſe litt, 112 wußte Niemand, ja ſie geſtand es ſich ſelbſt kaum, denn ſie hatte ihr Gelöbniß, ihr innerſtes Geheimniß zu verſchweigen, gehalten; kein Menſch in Emmers⸗ lund hatte die Neigung ihres Herzens errathen und die ſtillen Seufzer wahrgenommen, die unwillkürlich ihrem Buſen entſchlüpften und über das Meer nach Oſten flogen, wo ſie ſich das geheimnißvolle Ziel ihrer Gedanken und Sorgen noch immer zu ſuchen hatten. Da ſollte ein Ereigniß eintreten, welches den Wunſch Helenens nach einem kräftigen Entſchluſſe des Capi⸗ tains lebhaft unterſtützte, indem es ſeine Aufmerkſam⸗ keit ernſtlicher denn je zuvor auf ſeine Lage richtete — ein Ereigniß, oder vielmehr nur das Eintreffen einer Nachricht, welche Alle ſchon lange entbehrt und erhofft hatten, ohne es gerade gegen einander auszu⸗ ſprechen. Doch bevor wir zur Entwickelung jenes Entſchluſſes und ſeiner Folgen ſchreiten, die das Schickſal der Bewohner Emmerslund's auf eine ſo ernſte und ſchnelle Weiſe umgeſtalten ſollten, wie es Niemand vermuthet hatte, wollen wir einen kurzen Blick auf den Tag werfen, welcher alle dieſe Vor⸗ gänge in ſeinem Schooße trug. Es war einer der letzten Tage des Auguſt, ein warmer, etwas trüber, windſtiller Tag, als gegen Abend die Familie, die gerade ohne ſchwediſche Gäſte 4 113 war, einen Spaziergang nach dem Strande zu unter⸗ nehmen beſchloß, was ſie lange nicht gemeinſchaftlich gethan hatte. Den Berg hinunter führte Andreas ſeine Frau, und Friedrich, den kranken Arm in der Binde tragend, das Geſicht noch bleich von den über⸗ ſtandenen Schmerzen und unruhig von den in ſeinem Herzen wühlenden Gedanken, ſchritt zwiſchen Helenen und Agathen langſam hinterher. Als ſie am Fuße des Berges, der Inſel gegenüber, angekommen waren, ſchieden ſich die Paare; Gertrud, der ſich Agathe an⸗ ſchloß, hing ſich an ihres Sohnes Arm und Andreas geſellte ſich zu Helenen. So wandelten ſie langſam dem Epheuhauſe zu,— welches Helene jetzt nur noch ſelten beſuchte, da ſie ihre Wohnung bleibend auf dem Andreasberge aufgeſchlagen hatte,— um den Capitainen einen Beſuch abzuſtatten, die jetzt wieder wie in fruͤheren friedlichen Zeiten ihre Strandhäuschen bezogen hatten. Andreas war trüber, und ernſter als gewöhnlich geſtimmt, denn er hatte einen ſehr unangenehmen Tag verlebt. Schon am frühen Morgen hatten ſeine Knechte mit einigen umwohnenden Bauern Streit ge⸗ habt, und als er ſelber, auf das Feld gerufen, denſelben gütlich ſchlichten wollte, hatte man ſich ſeiner Anſicht widerſetzt und gedroht, ihm den Hardesvogt auf den A. Burns. IV. 8 114 Hals zu ſchicken, der ihm zeigen werde, was Rechtens ſei. Um allen unnützen Hader zu vermeiden, hatte Andreas ſeinen Knechten befohlen, nachzugeben, und war in ſein Haus zurückgekehrt, wo, wie ſo eben ge⸗ meldet wurde, ein Beſuch ihn erwartete. Als er in ſein Zimmer trat, fand er, wie ſchon ſo oft, zwei däniſche Beamte vor, die mit ihm über verſchiedene Dinge Rückſprache nehmen wollten, die er ſchon längſt abgethan glaubte, und er gab daher ſeine Meinung unumwunden auf ſeine natürliche ehrliche Weiſe zu erkennen. Von einem Gegenſtande zum andern über⸗ gehend, waren ſie endlich auf den Kern der Sache gekommen und baten ſich, kraft ihrer amtlichen Stellung, Unterſtützung für die ſchwediſchen Truppen aus, für deren Unterhalt feſtgeſetzte Lieferungen zu beſtimmten Zeiten von den Grundbeſitzern abgegeben werden mußten. Andreas hob verwundert das Haupt in die Höhe und ſprach ſeine Befremdung über dieſe For⸗ derung aus, da er ja ſchon zu rechter Zeit ſeine Ab⸗ gabe geliefert habe. Da man dies nicht beſtreiten konnte, ſo ſchob man die Forderung auf geſteigerte Anſprüche, auf ausgebliebene Eintreibungen, und— um die Quäler endlich los zu werden, ſagte ihnen Andreas das übermäßig Verlangte zu. Als ſie aber mit lachender Miene wieder davon 115 gefahren waren, reute ihn ſeine zuvorkommende Be⸗ reitwilligkeit, er durchſchaute klarer den abſichtlichen Zwang und nahnm ſich vor, künftig zäher und weniger gutwillig zu ſein. Der Beſuch hatte ſich bis weit über Mittag hingezogen, das Eſſen der Familie war dadurch verſpätet worden, die Arbeit des ganzen Ta⸗ ges unterbrochen und ein unbehaglicher Mißklang für den Reſt deſſelben zurückgeblieben. In dieſer Stimmung trat Andreas den Spazier⸗ gang mit ſeinen Lieben an. Als er neben Helenen am Meeresſtrande herſchritt, wo die friedliche Stille der Gegend eine wohlthuende Wirkung auf ihn aus⸗ übte, betrachtete er eine Weile das ſanft; fließende Waſſer, in deſſen blauer Tiefe ſich das jenſeitige grüne Ufer ſpiegelte, mit tiefer Bewegung. So ruhig wie heute war es lange nicht in dieſer Gegend geweſen, kein lauter Streit, kein wahrnehmbarer Kampf machte ſich in der ſtillen Natur bemerklich, und doch wurden die Gemüther der darin wohnenden Menſchen von einem tief inneren, unſichtbaren Zwieſpalt aufgeregt. An dieſen unbehaglichen Gegenſatz denkend, fiel ſein Auge auf Rasmus Harms' neue Wohnung, wobei ihm durch eine natürliche Ideenverbindung der eigent⸗ liche Beſitzer des Gutes, ſein Freund Henrik Paulſen in die Gedanken kam. 8* 116 Andreas blieb einen Augenblick ſtehen und ſchaute ſinnend nach dem anderen Ufer hinüber. Dann ſein leuchtendes Auge auf Helenen richtend, ſagte er plötzlich:„Es iſt ſonderbar, Helene, und kaum kann ich es begreifen— Sie haben früher ſo oft zu mir von unſerm Freunde Henrik geſprochen, und jetzt, ſeit⸗ dem Sie ſeinetwegen nach Kolding gefahren, ſich großen Gefahren ausgeſetzt und ihn geſprochen haben, ſchweigen Sie ſo hartnäckig über ihn. Hat das irgend einen Grund, den Sie mir noch nicht mitgetheilt haben?“ Helene, die ihr Innerſtes getroffen fühlte, erbleichte leicht und ſenkte den Blick zu Boden, was Andreas bei ihrem ſonſt ſo feurig lebhaften Weſen nicht ge⸗ wohnt war. Sie befand ſich in der That, was bei ihr ſelten geſchah, in Verlegenheit, dem verehrten Manne eine aufrichtige Antwort zu geben, denn die Unwahrheit hatte ſie ihm nie geſagt und konnte ſie ihm auch jetzt nicht ſagen. Daher faßte ſie ſich kurz und verſetzte etwas haſtig:„Wenn ich auch nicht oft von ihm ſpreche, Andreas, ſo denke ich wirklich um ſo mehr an ihn. Iſt es Ihnen nicht auch auf⸗ gefallen, daß Henrik länger in Kopenhagen bleibt, als man erwarten ſollte? Die Gefangenen ſind längſt 5 — 117 entlaſſen und in ihre Heimat zurückgekehrt, und Hen⸗ rik iſt noch immer nicht bei uns.“ „Er iſt vielleicht ſchon in Rendsburg?“ warf An⸗ dreas lauſchend hin. Helene blieb ſtehen, ſah ihn fragend an, ob er das im Ernſte geſprochen und, indem eine glühende Röthe über ihr Antlitz flog, ſagte ſie raſch:„Nein, Andreas, das iſt nicht der Fall, denn das iſt nicht möglich. Wenn Henrik in Rendsburg, alſo in Frei⸗ heit wäre, ſo wüßten wir es beſtimmt.“ „Woher wiſſen Sie das? Haben Sie einen Grund zu dieſer Annahme?“ „Ja, ich habe einen beſtimmten Grund.“ „Und welcher iſt das?“ „Henrik weiß, daß wir ſeinetwegen in Unruhe ſind; er würde uns nicht darin laſſen, wenn er uns davon befreien könnte.“ „Meinen Sie? Ja, das glaube ich auch— alſo er iſt noch nicht in Rendsburg. Das iſt gewiß,— wo iſt er aber dann?“ „Ohne Zweifel in Kopenhagen und hoffentlich in der Obhut meines gütigen Oheims.“ „Sollte dieſer Oheim dann nicht Mittel und Wege gefunden haben, uns von dieſem Umſtande zu —— 118 benachrichtigen? Nein, nein Helene, das ſcheint mir dunkel.“ Helene fing an zu zittern, ſie wußte nicht warum. „Aengſtigen Sie mich nicht!“ hätte ſie beinahe ge⸗ ſagt, aber ſie unterdrückte es, als es noch auf ihren Lippen ſchwebte und ſprach von der Schwierig⸗ keit, Briefe von Kopenhagen nach Schleswig zu ſenden, da die Abſender auf ihrer Hut ſein und die däniſchen Poſt⸗ und Polizeibeamten fürchten mußten. So waren ſie zum Epheuhauſe gekommen, wo ſie die beiden entfernter wohnenden Capitaine beim alten Bardow fanden, der ſie mit einem Glaſe Grog bewirthete und nun auch Andreas und ſeine Geſell⸗ ſchaft dazu einlud. Nachdem ſie eine halbe Stunde bei ihm verweilt und über die Tagesvorfälle geſprochen hatten, ſchlugen ſie den Rückweg ein, denn ein feuch⸗ ter Nebel begann zu fallen und Friedrich hatte vom Arzte den ſtrengen Befehl erhalten, die Abendluft noch zu vermeiden und zeitig in ſeinem Bette zu ſein. So ſchritten ſie etwas haſtig den Berg hinauf, und als ſie im Hofe anlangten, hörten ſie, daß der alte Wund⸗ arzt aus Apenrade ſchon ſeit einer Stunde ſie er⸗ warte, um ſeinem Patienten einen Beſuch abzuſtatten. 8 1 —— Fünftes Vnpitel. Ein ſchnell gefaßter, wichtiger und weiſer Entſchluß. Nachdem der alte Wundarzt, deſſen Bekanntſchaft wir jetzt erſt perſönlich machen und der ein für ſeine Jahre noch rüſtiger Mann mit kahlem Schädel, gut⸗ müthigem Bacchusgeſichte, aber ſehr ſcharfblickenden Augen war, die Familie ſeines alten Herrn und Freundes begrüßt hatte, wandte er ſich an ſeinen Pa⸗ tienten und hielt ihm eine Strafpredigt, daß er ſei⸗ nen Rath ſo wenig befolge und im Abendnebel am Waſſer ſpazieren gegangen ſei.„Aber das kommt davon, Cap'tain,“ ſagte er in ſeiner gewöhnlichen ſcherzhaften Weiſe,„wenn man die Verführung ſo nahe hat. Ihr hättet die jungen Damen bei Seite ſchicken ſollen, wenn Ihr einen„ſo ſchönen Fall,“ wie 120 den kranken Arm da in Euer Haus nehmen wolltet. Ich weiß wohl, warum die Wunde nicht heilt.“ „Und warum heilt ſie denn nicht?“ fragte Helene matt lächelnd. „Darum nicht, weil Eure und der jungen Dame brennende Augen da alles geſund zuſtrömende Blut in Gährung verſetzen und der natürliche Heilungspro⸗ zeß dadurch zu Schanden gemacht wird.“ „Ihr irrt Euch,“ ſagte Agathe kurz, indem ſie mit einer brennenden Kerze herantrat, damit der alte Doktor, der etwas kurzſichtig war, ſeinen„ſchönen Fall“ beſſer betrachten könne.„Ja, ja, ſeht mich nicht ſo verwundert an— Ihr irrt Euch, ſage ich, denn unſere Augen ſind weder brennend, noch verſetzen ſie in Gährung und hemmen den Heilungsproceß.“ „Ihr irrt Euch auch, Fräulein gathchen! Haha! Was ich heute zumache, reißt Ihr morgen wieder auf und die Wunde wird alle Tage größer— nun? That das weh, mein Freund?“ Friedrich zuckte, als des ſchwatzhaften Doktors Hand mit einer Sonde in die Tiefe der Wunde fuhr, gab aber keinen Laut von ſich.„Seid Ihr an einen ſo kleinen Stich noch nicht gewöhnt?“— fuhr der Doktor fort.„He? Seht, das Ding hier iſt nicht halb ſo ſpitz, wie der Blick da, den gathchen eben auf Euch warf.“ „Nun— wird es?“ fragte Andreas, ebenfalls hinzutretend. „Es wird!“ ſagte der alte Wundarzt und legte ſeinen neuen Verband an.„Aber langſam! So! Von jetzt an wenden wir eine milde Salbe an, es iſt zu viel Feuer im jungen Blute— die wird küh⸗ len— aber hübſch dünn geſtrichen, mein Fräulein, bitte ich.“ „Meine Mutter beſorgt den Verband,“ erwiderte Agathe ruhig, aber ich werde ihr Ihre Befehle genau mittheilen.“ „Ja, thun Sie das und ſehen Sie lieber auch bisweilen nach dem Rechten. Das Händchen da iſt ſo hübſch weich und hat eine magnetiſche Kraft an ſich, wie nichts Anderes auf der Welt— ja!“ „Ihr irrt Euch ſchon wieder— es iſt nichts Magnetiſches daran.“ „Haha! Das unſchuldige Blut!“ ſagte der Doktor naiv, wickelte ſeine Inſtrumente zuſammen und griff nach ſeinem Hute.* „Nun, Ihr wollt doch nicht ſchon wieder fort, Adam?“ fragte Andreas, der die Anſtalten des Alten 122 ſah und wußte, daß ſeine Frau draußen einen Imbiß bereit machen ließ. „Ich muß!“ erwiderte der Doktor und blinzelte den Capitain auf eine geheimnißvolle Weiſe an.„Ich habe noch ein Geſchäft für heute Abend. Aber halt, beinahe hätt' ich's vergeſſen, Eins wollt' ich Euch ſa⸗ gen. Habt Ihr ſchon gehört, daß die beiden Pfarrer Peterſen und Lorenzen ſeid vorgeſtern verſchwunden ſind?“ „Wie? Die Prediger Peterſen und Lorenzen?“ „So ſage ich, ja! Weg ſind ſie— über alle Berge, und kein Menſch weiß wohin. Vorgeſtern Abend waren ſie bei einem Freunde in N., und nach⸗ dem ſie das Haus ſpät Abends verlaſſen, hat man ſie nicht wiedergeſehen.“ „Und hat man keine Vermuthung?“ „Gewiß hat man die. Sie ſind gefiſcht— den Weg alles geſunden deutſchen Fleiſches gegangen, haha!“ „Wie, Ihr meint, man hätte ſie weggeſchleppt?“ „Nun, das iſt ſo klar wie drei mal drei neun! tadelle in Kopenhagen. Gute Nacht, meine Da⸗ men— nein, nein, kein Glas heute, nicht ein einziges. Uebermorgen zwei oder drei— gute Die ſind ſchon ſicher auf dem Wege nach der Ci⸗ — ⸗ ve — Nacht!“ Und während er Friedrich die Hand reichte, und den Damen ſeinen Kratzfuß machte, gab er An⸗ dreas noch einmal einen Wink mit dem Auge. Die⸗ ſer verſtand und folgte auf den Flur. Hier deutete der Alte auf die Thür zu des Capitains Zimmer, und ſogleich ſchritten die beiden Männer dahin, ſchloſ⸗ ſen die Thür hinter ſich und traten an ein Fenſter, welches noch der letzte Widerſchein der Abendröthe vergoldete.„Was wünſcht Ihr?“ fragte Andreas ruhig. „Hört, Cap'tain, mein ärztlicher Beſuch iſt heute nur ein Vorwand geweſen, um Euch zu ſprechen, ohne Aufſehen zu erregen. Seid auf Eurer Hut! Man munkelt davon, die Dänen werden Euch aufs Dach ſteigen. Verſtanden?“ „Wo munkelt man das?“ „In der Stadt, auf dem Lande, überall! Und viele Menſchen ſogar wundern ſich, daß es noch nicht geſchehen iſt.“ „Und warum ſollte das geſchehen?“ „Warum? Seid Ihr nicht Cap'tain Burns? Seid Ihr nicht ein Deutſcher? Ein mächtiger, ſtarker Mann mit einem ganz hübſchen Vermögen? Glaubt Ihr, daß man nur auf arme Schlucker, wie dieſe Pfarrer und Advokaten, Schriftgelehrte und Beamte ſind, Jagd macht? Na, ich ſage Euch, nehmt Euch in Acht!— Das iſt aber erſt eine Neuigkeit.“ „Habt Ihr noch eine ähnliche zweite?“ „Ich weiß nicht, ob ſie eine ähnliche iſt. Aber ſeht, mein Neffe Frank, der, wie Ihr wißt, bei Düp⸗ pel gefangen und auf die Dronning⸗Maria gebracht wurde, iſt glücklich losgekommen und heute Nachmit⸗ tag bei mir in der Stadt eingetroffen. Er erzählt Wunderdinge von Kopenhagen. Aber Eins hat er mitgebracht, was Euch freuen wird. Er hat in den letzten Tagen frei herum gehen dürfen und da hat er Euern jungen Freund. den Henrik Paulſen ge⸗ troffen— „Ha! Henrik Paulſen? Gott ſei Dank! Alſo er iſt wirklich noch in Kopenhagen?“ „Ja, er iſt da und ziemlich feſt, wie ich höre; man will ihn nicht loslaſſen, ſo lange noch Ausſicht auf Krieg iſt.“ „Warum nicht?“ „Das weiß ich nicht. Als er nun von meinem Neffen hörte, daß er von Sonderburg, wohin er ge⸗ bracht werden ſollte, nach Apenrade gehen würde, da hat er ihn gebeten, einen Brief an Euch mitzuneh⸗ men— ja, Cap'tain!— Und der arme Junge hat es ihm nicht abſchlagen wollen und hat den Brief in 1 * 125 ſeinem Stiefel mit hierhergebracht, denn er hat in ei⸗ ner Höllenangſt gelebt, die Dänen würden mit ihren Luchsaugen durch das Leder ſehen.“ „Und hat er ihn glücklich mit herübergebracht?“ „Das hat er und nun hat er wieder eine wahre Höllenfreude gehabt, als er ihn endlich los war— und die will ich auch haben, wenn ich ihn erſt in Euren Händen weiß—“ „So habt Ihr ihn alſo? Gebet her!“ „Da iſt das Ding— ſeht, es ſteht keine Adreſſe darauf, aber er iſt gewiß an Euch!“— Und der alte Mann zog aus ſeiner Bruſttaſche ein ziemlich um⸗ fangreiches Packet hervor und legte es in Andreas' Hand.„Nun aber Gott befohlen, Cap'tain; Ihr braucht mich nicht zu begleiten, ich finde den Weg nach meinem Wagen allein. Gott befohlen! Gott befohlen!“ Andreas ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er zündete raſch eine Kerze an, denn es war bereits dunkel geworden, ſchloß die Thüre ab und ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch, um den ſehnlichſt erwarteten Brief des theuren Freundes zu leſen. Dieſer Brief aber lautete, wie folgt: „Mein theurer Freund! Endlich ſehe ich eine Möglichkeit vor mir, einige Zeilen ſicher in Ihre Hände 126 gelangen zu laſſen. Aber ich muß mich kurz faſſen, denn ich habe viel zu ſagen. Ich nenne Ihren Na⸗ men nicht, damit, wenn dieſer Brief etwa in die un⸗ rechten Hände fiele, Niemand verrathen werde. Mir iſt es wunderbar gut und ſchlimm ergangen, aber am Ende mehr gut als ſchlimm.“— Und nun er⸗ zählte er kurz die Einzelnheiten ſeines Aufenthaltes in Kolding und Ryborg, die wir ſchon kennen, legte aber einen beſonderen Nachdruck auf das ſeltſame Verhör in Gegenwart Olaf Larſſen's, ſo wie auf den Umſtand, daß man von ihm über die aufgefundenen Papiere in der verlorenen Taſche, über Andreas ſelbſt und Helenen die genauſte Auskunft habe erhalten wollen. Nachdem er aber bis zu ſeiner Einſchiffung nach Kopenhagen gelangt, fuhr er im Schreiben fol⸗ gendermaßen fort:„Als ich in Kopenhagen landete, wurde ich mit mehreren Unglücksgefährten in das Wachthaus in der Nähe der Zollbaumsbrücke gebracht. Von da kam ich in einſame Haft in die traurige Ci⸗ tadelle von Friedrichshafen. Hier ſaß ich vier lange Wochen. Da erſchien eines Tages bei mir der edle Mann, der mich ſchon im Kerker von Kolding mit jenem Engel an ſeiner Seite beſuchte, den ich nicht näher bezeichnen will, den Sie aber gewiß errathen werden. Er hatte unermüdlich nach mir geforſcht und — 127 endlich meinen Aufenthaltsort entdeckt. Durch ſeine Fürſprache und auf ſeine Bürgſchaft, die ich mit meinem Ehrenworte unterſtützen mußte, daß ich nicht flüchten wollte, durfte ich eine kleine Wohnung in der Nähe der Citadelle beziehen und in ſeiner Beglei⸗ tung die Stadt und ſpäter ſogar einige Geſellſchaften beſuchen. Ueber meine Erfahrungen hierbei einmal mündlich mehr. Für jetzt aber,— nachdem ich Ih⸗ nen geſagt, daß für mich keine Ausſicht iſt, vor voll⸗ ſtändiger Beendigung des Krieges, den man noch lange nicht mit dem Frieden zu vertauſchen denkt, in Freiheit geſetzt zu werden, da man mir die Ehre an⸗ thut, mich für ein großes Triebrad der ſogenannten Revolution zu halten,— habe ich eine herbere Pflicht gegen Sie ſelbſt zu erfüllen, und ich beſchwöre Sie, auf meine Worte zu hören. Mein Bürge, den ich achten und lieben gelernt habe, hat mir die glänzend⸗ ſten Beweiſe ſeines Vertrauens und ſeiner Freund⸗ ſchaft gegeben, und auch er ſchließt ſeine Bitten den meinigen an, die ich an Sie und diejenige richte, die ihm durch verwandtſchaftliche Bande ſo nahe ſteht. Mein Freund! ich habe alle acht Tage ein Verhör zu beſtehen gehabt; von meinem Vergehen aber, da man mich ſicher und, ſo lange ich hier bin, für un⸗ ſchädlich hält, iſt beinahe keine Rede mehr, deſto mehr 128 aber von dem Ihrigen und dem einer anderen Per⸗ ſon, die man gleich Ihnen für ſehr gefährlich erach⸗ tet, ſo lange Beide in dem bedrohten Lande ſind. Die Gelder, die Sie der proviſoriſchen Regierung vor⸗ geſchoſſen haben, ſollen ſchwer auf Ihr Haupt fallen, und Ihre Neigung, für Ihr Vaterland zu leben, wird als ein Staatsverbrechen erachtet. Ich weiß es ziem⸗ lich beſtimmt, daß man beabſichtigt, Sie ferner für die Herzogthümer unſchädlich zu machen. Auch Ihr Schütz⸗ ling iſt nicht mehr ſicher bei Ihnen, denn man hat hier keine Ehrfurcht vor dem weiblichen Geſchlechte, wenn man es in die Politik verwickelt glaubt. Ich bitte, ich beſchwöre Sie alſo, ſorgen Sie dafür, ja, befehlen Sie ihr, wenn ſie bei ihrem Muthe und ih⸗ rem Vertrauen auf die Unantaſtbarkeit ihrer Perſon beharrt, ihren jetzigen Aufenthaltsort zu verlaſſen und für's Erſte über die Eider oder an einen anderen ſiche⸗ ren Ort zu gehen. Und wenn Ihnen Ihr eigenes Glück und das Wohl Ihrer Familie heilig iſt, ſo ge⸗ hen Sie mit ihr. Eilen Sie, was Sie können, ſonſt dürfte mein Rath zu ſpät kommen. Es ſollen noch einige hundert wackere Männer in Schleswig zur ge⸗ fänglichen Einziehung bezeichnet ſein, und Sie ſtehen auf der Liſte obenan. Woher ich das weiß, fragen Sie nicht, genug— ich weiß es. Meinen Beſchützer — 129 habe ich ſeit drei Tagen nicht geſehen, denn er ver⸗ läßt ſein Haus nicht, da ſeine Gemahlin lebensge⸗ fährlich erkrankt iſt. O mein Freund— wann und wo ſehen wir uns wieder? Welche Sehnſucht erfaßt —mich nach Ihnen und den Ihrigen, indem ich dieſes ſchreibe! Darf ich der ſüßen Hoffnung Glauben ſchen⸗ ken, die mich von Zeit zu Zeit in meiner ſtillen Klauſe beſucht und wie eine große Glocke in meinem Herzen den Gedanken läutet: Du wirſt ſie einſt Alle glück⸗ lich wiederſehen und ſelber mit ihnen glücklich ſein? Giebt es eine Vergeltung da oben im Himmel, mein Freund, die unſere Geſchicke ſchon auf Erden lenkt, ſo, o, glauben Sie mir, ſo wird ſie uns gerecht wer⸗ den, denn wir— ja, wir haben Alle bitter gelitten und ſchwere Prüfungsſtunden getragen. Aber ge⸗ troſt iſt mein Herz, mein Geiſt friſch, und mein Ver⸗ trauen auf Gottes Hülfe wie immer unerſchütterlich. Leben Sie wohl, mein theuerſter, mein väterlicher Freund! Grüßen Sie Alle, Alle, Alle— am meiſten ſie, die ich— doch ſtill—,— dies armſelige Blatt ſoll das Geheimniß meiner Seele nicht in die Heimat tragen, in meiner Bruſt allein ſoll es das blaue Meer durchſchiffen, damit es warm, heiß, glühend zu ihr ge⸗ lange und friſch und lebendig aus dem Herzen zum Herzen gehe. Denn es i*ſt klar in mir geworden, mein A. Burns. IV. 9 130 Freund, ganz klar, ich weiß, was ich will und wollen darf. Was mich aber zu dieſem begeiſterten Auf⸗ ſchwunge vermocht, was mich ſo kühn in meinen frü⸗ her nie gehegten Erwartungen gemacht hat— o, mein Freund, ich darf es Ihnen nicht ſagen, aber ich habe mein Herz einer edlen Seele erſchloſſen und dieſe Seele hat mir ein Wort des Troſtes geſprochen, wel⸗ ches meine Kraft verdoppelt, meine Hoffnung verzehn⸗ facht hat. Noch einmal leben Sie wohl, aber beher⸗ zigen Sie meine Mahnung— gehen Sie, ſo lange Sie noch können und richten Sie ſich ein, ſobald nicht wieder zu kommen, denn Schleswig iſt zu eng für Sie geworden, die Hölle hat ihre Hetzhunde auf das arme Land losgelaſſen und mamachtet die Men⸗ ſchen nur wie das Wild, das man jagen darf, wo man es findet. So iſt heute der Lauf der Welt, das iſt der Segen unſerer Zeit, das iſt der Fluch unſerer treuen Anhänglichkeit an ein ſchönes, herrliches, un⸗ vergeßliches Land, welches ich, fürchte ich, niemals wiederſehen werde. Meinen Verpflichtungen im Sun⸗ dewitt aber bleibe ich treu; mein Gut kann der kau⸗ fen, der darauf wohnt, er hat es ja ſchon ſo lange gewünſcht. Wünſcht er es noch, ſo iſt es das ſeine und zahlen kann er, was er will und wann er vermag— ich werde es ihm ſchreiben, ſodald ich 131 dazu im Stande bin. Nun zum letzten Male— leben Sie wohl! Mit Hand, Herz und Seele der Ihrige und— der Eurige— Gott ſegne Euch!“ Andreas las dieſen Brief zweimal, ehe er ſich von ſeinem Seſſel erhob. Dann die Arme gegen den Him⸗ mel ausſtreckend, ſagte er mit hohler, aus tiefſter Bruſt heraufgeholter Stimme:„Er hat vielleicht Recht — ich ſollte ihm gehorchen und— gehen! Aber fliehen — fliehen— fliehen von der Scholle Landes, die man durch tauſend Mühen und Sorgen erkauft— von der ſüßen Muttererde, die den Abend unſeres Le⸗ bens ſehen und unſer Grab einſt bergen ſollte— ich kann es nicht, es wäre zu ſchrecklich. Nein, nein, nein, Henrik, Du Guter, Braver!— ich kann es nicht! O, o, wer hätte das gedacht! Alles treibt mich von hier fort und nun treibt auch er mich! Soll ich wirklich fort, wirklich? Mein Blut rollt wie Feuer durch meine Adern bei dieſem Gedanken— vor Weh, aber auch vor Haß! Diejenigen, die mich hier ergreifen, ſind unglücklich— ſie ſind gerichtet! Ich laſſe mich nicht lebendig fangen— an mich hat noch nie ein lebendiger Arm Hand angelegt— ich ertrage es nicht. Mein Geiſt ſcheut gewaltſam vor einer ſo eklen Berührung zurück— meine Seele ſträubt ſich mit allen Faſern dagegen. Und doch— 9* 132 doch— doch hat er Recht. Helene wenigſtens muß fort— ihr muß ich ein Hort, ein Schutz ſein, und ich bin es vielleicht nicht lange mehr. Und ſogleich ſoll ſie es erfahren— ſogleich!“ Und er zog den Glockenzug an der Thür und ließ, da ein Diener kam, die Freundin zu ſich beſcheiden. 4 Als Helene bald darauf in's Zimmer trat, ſah ſie ſogleich an des Capitains energiſchem Geſichtsaus⸗ druck, an ſeiner feſt zuſammengerafften Haltung, daß etwas Wichtiges vorgefallen ſei und den Geiſt des vor ihr ſtehenden Mannes tief erſchüttert habe.„Was giebt es, mein Freund?“ fragte ſie, erhob auch ihrer⸗ ſeits den edlen Kopf und blickte ihn eben ſo feurig und entſchloſſen an, wie er ſein Auge ſinnvoll und feſt auf ihr wurzeln ließ. 3 Andreas aber konnte die Empfindungen und Ge⸗ danken, die in ſeiner Seele wühlten, nicht ſo raſch in Worte kleiden; eine Weile ſtand er ſchweigend vor ihr und Helene ſah, wie ſein Geſicht immer bleicher, ſeine Züge immer eiſerner und geſpannter und ſeine Stirn immer trotziger wurde. Plötzlich aber faßte er mit beiden Händen ihre Rechte, drückte ſie krampfhaft zuſammen und ſagte mit feierlicher, ſeine ganze ent⸗ ſchloſſene Seele darlegender Stimme: „Helene! Ich habe Sie rufen laſſen, um Ihnen 133 etwas Bedeutſames, Unerwartetes mitzutheilen. Wir ſtehen an der Schwelle eines neuen Lebensabſchnittes und haben die Pflicht auf uns, mit aller möglichen Geiſteskraft uns aufrecht zu erhalten, dabei nicht an uns ſelbſt, ſondern nur an Andere zu denken, deren Wohl uns vom Willen des Himmels anvertraut und in unſere Hand gegeben iſt. Was uns— ich meine Sie und mich— bevorſteht, ſendet uns Gott, und ſo muß es uns willkommen ſein, wenn es auch ſchwer zu tragen iſt.“ Helene, ſo ſtark und willenskräftig ſie war, und ſo entſchloſſen ſie, wenn es galt, jeder Gefahr in's Auge ſehen konnte, bebte doch zuſammen, als ſie dieſe, mit tiefer Erregung geſprochenen Worte hörte, die, ſo kurz und unklar ſie waren, ihr doch ſchon hinreichen⸗ den Aufſchluß gaben, daß ſie einen höchſt bedeutſamen Sinn verbärgen. Aber dennoch ruhig bleibend, ob⸗ gleich ihr Buſen wider ihren Willen wie das ſtürmi⸗ ſche Meer wogte, ſagte ſie mit gewaltiger Kraftan⸗ ſtrengung: „Was giebt es, Andreas, ich höre.“ „Der Augenblick iſt gekommen, Helene, wo wir die Gegenwart vergeſſen und an unſer künftiges Schick⸗ ſal denken müſſen. Ich glaubte ihn vor einigen Ta⸗ gen noch ziemlich entfernt, aber er iſt mit Sturm⸗ 134 ſchritten herangewandelt und hat mich beinahe über⸗ raſcht. Doch damit Sie wiſſen, was vorgeht, leſen Sie dieſen Brief. Da, ſetzen Sie ſich. Er iſt von Henrik aus Kopenhagen und betrifft zumeiſt Sie und mich. Wenn Sie ihn zu Ende geleſen haben, wollen wir weiter reden.“ Helene ſaß ſchon, ehe noch der Capitain ausge⸗ ſprochen hatte. Er zündete ihr noch eine Kerze an und ſtellte ſie zu der anderen. Dann aber, während ſie erſt eilig, dann immer langſamer und bedächtiger las, ging er ruhig im Zimmer auf und ab, den Kopf auf die Bruſt geneigt und in tiefes Sinnen verloren. So hatte er ſchon ſeinen Entſchluß gefaßt, ehe ſie noch mit dem langen Brief zu Ende gekom⸗ men war, aber bevor er dieſen Entſchluß ganz aus⸗ ſprach, wollte er erſt hören, was Helene dachte und ob ſie geneigt ſein würde, ſich demſelben anzuſchließen. Beim Leſen des Briefes traten Thränen in Hele⸗ nens Augen und ſie mußte ſie wiederholt trocknen. Denn was ſie las, war wichtig für ſie, überaus wich⸗ tig, von Anfang bis zu Ende. Es lag mehr in die⸗ ſem Brief für ſie, als ſelbſt Andreas in der Auf⸗ regung des erſten Augenblicks bedachte. Er hatte nur die Trennung von Emmerslund dabei im Auge ge⸗ habt, Henrik aber hatte auch ſeine Gefühle, ſeine 135 Hoffnungen in Bezug auf Helenen darin geäußert. Als ſie an die Stellen kam, die dieſen Punkt be⸗ trafen, mußte ſie eine Weile inne halten, um ihre Bewegung zu bemeiſtern, denn ſie war ein Weib, ein fühlendes, zärtliches, liebendes Weib, das erkannte ſie jetzt ſelbſt, wie ſie es nie ſo deutlich erkannt, und wenn in Kolding Henrik' künftiges Geſchick nur vor⸗ bereitet und eingeleitet war,— hier, heute wurde es in ihrem Innern beſtätigt und beſiegelt. Endlich aber war ſie fertig. Langſam ſtand ſie auf, trocknete ſich zum letzten Mal die Augen und trat zu Andreas, dem ſie herzlich die Hand bot.„Nun, mein Freund,“ ſagte ſie ſanft und ruhig, wie ein Kind, das ſeine Furcht bezwungen hat,„was haben Sie mir zu ſagen?“ „Haben Sie geleſen und begriffen?“ „Ich habe begriffen, vollſtändig— wir müſſen fort, ſchon Ihretwegen!“ „Meinetwegen? Wir? O! Das heißt, Sie müſ⸗ ſen fort— Ihretwegen! Thun Sie mir den Ge⸗ fallen, Helene, und denken Sie jetzt nur noch an ſich. Ich bin mit mir über mich ſelbſt noch nicht vollſtän⸗ dig einig, für Sie aber unwiderruflich. Henrik hat vielleicht, ja wahrſcheinlich, in Bezug auf uns Beide Recht— in Bezug auf Sie hat er gewiß Recht. Sie 136 wiſſen, wie lieb Sie mir ſind, wie lange wir mit einander verbunden waren durch Freundſchaft, Sorge und Glück— aber jetzt darf ich Sie nicht länger bei mir behalten. Wenn Ihnen in meinem Hauſe ein Unheil begegnete, ich könnte es vor Niemandem ver⸗ antworten, am wenigſten vor mir. Sei es alſo gerade heraus geſagt, was ich nie zu Ihnen ſprechen zu müſſen gedacht und gewünſcht habe und was ſchwer genug aus meinem Herzen auf die Lippe tritt — Helene, verlaſſen Sie mein Haus— und bald, wo möglich heute noch!“ „Wie, Andreas?“ rief Helene, in edlen Eifer auf⸗ flammend, und ihre Augen blitzten, wie ſie lange nicht geblitzt hatten—„Das ſagen Sie mir? Ich ſoll Ihr Haus verlaſſen— und heute noch, und al⸗ lein? O, das kam nicht aus Ihrer edlen Seele her⸗ vorr, das gab Ihnen die knechtiſche Furcht für mein bedeutungsloſes Ich ein, das ſagen Sie mir nur zur Prüfung, ob ich ſo herzlos, ſo furchtſam, ſo wei⸗ biſch wäre, mich allein und ſo bald wie möglich in Sicherheit zu bringen. Nein, mein Freund, wenn für mich eine Gefahr vorhanden iſt, iſt auch für Sie eine vorhanden, und wenn für Sie keine iſt, ſo giebt es auch für mich keine. Haben wir alſo Alles bisher gemeinſchaftlich getragen, ſo tragen wir Alles auch — —— ferner gemeinſchaftlich. Entweder Sie gehen und ich auch, oder Sie bleiben und ich bleibe mit Ihnen.“ Andreas ſchüttelte ſanft den Kopf, mehr aus Ver⸗ wunderung über das hochherzige Weib, als weil er ihre Meinung ablehnen wollte, obwohl ſie dieſes Zei⸗ chen nur in letzterem Sinne deutete.„Nein, Helene,“ ſagte er dann, leiſe in Darlegung ſeiner Anſicht der Sache vorſchreitend,„dem iſt nicht ſo. Für Sie iſt die Gefahr größer, als für mich. Ich kann mich ſchützen, ich bin ein Mann— Sie ſind kraftlos, ohne Rückhalt, in Vergleich mit mir— Sie ſind ein Weib, ein zartes, leicht verletzliches Weib— darum müſſen Sie allein gehen, vielleicht komme ich bald nach. Ja, gehen Sie noch heute, Sie feſſellt hier kein Geſchäft wie mich, Sie haben keine Familie, kein Haus, kei⸗ nen Hof und eine große Anzahl Diener, für die man ſorgen muß. Sie können Alles, was Sie hier be⸗ ſitzen, mit ſich nehmen— ich habe länger zu thun, oehe ich an's Scheiden denken kann.“ „Nein, Andreas, nein, ich gehe nicht allein und Sie werden mich nicht dazu zwingen wollen. Ich will gehen, ja, ſogleich, wenn es ſein muß, aber nur nicht allein. Wo Ihre Familie bleibt, bleibe auch ich; verläßt ſie noch heute Ihr Haus, ſo verlaſſe ich es mit ihr. Bleiben Sie allein, ſo lange Sie bleiben müſſen, aber ſchicken Sie Ihre Familie mit mir fort oder— behalten Sie mich hier.“ „So, gut! Sie zwingen mich alſo, mich von meiner Familie zu trennen— Ihretwegen muß ſie mit fort, denn Sie müſſen fort. Gut, ſo ſoll es ſein— meine Familie geht mit Ihnen, noch heute!“ „Wie, ich ſoll Sie zwingen, ſich von Ihrer Fa⸗ milie zu trennen? Nein, Andreas! Aber vielleicht will Ihre Familie gar nicht fort, will ſo lange blei⸗ ben, bis Sie ſelbſt mitgehen— und dann bleibe ich auch ſo lange. Fragen Sie doch erſt, ob ſie mit Ihrer Anſicht einverſtanden iſt—“ „Helene, wenn Andreas Burns ſeiner Familie etwas zu ihrem eigenen Beſten befiehlt, ſo gehorcht ſie ihm— meine Frau und Kinder gehen noch heute mit Ihnen von hier fort—“ „Nein, nein, nein!“ rief hier plötzlich Gertrud, die mit Friedrich und Agathen in's Zimmer ſtützte, deſſen Thür Helene bei'm eiligen Eintreten nur angelehnt hatte, und die, als ſie die Beiden ſo laut ſprechen hörten und ein ernſtes Ereigniß beſorgten, herbeige⸗ kommen waren, denn Gertrud hatte vom Garten aus ihren Mann einen Brief leſen ſehen, von dem ſie nicht wußte, wie er in ſeine Hand gekommen war, den alſo nur der alte Doktor heimlich zurückgelaſſen 139 haben konnte.„Nein, das thut ſie nicht, Andreas!“ rief jetzt die Frau, die Gattin, die Mutter, deren Ge⸗ fühle durch das Wort Abreiſe, Trennung von ihrem Manne bis zu ihrer höchſten Macht und Innigkeit geſteigert waren.„Wir ſollten fort— Du allein wollteſt hier bleiben— Andreas, habe ich recht ge⸗ hört— das wollteſt Du mir thun?“ „Wenn es aber ſein muß, Gertrud?“ „Nein, nein, es muß nicht ſein, mein Lieber! O, ſieh mich nicht ſo ſtreng und ſtirnrunzelnd an, Dein Herz iſt ja warm und glatt wie das eines Kindes, und Du warſt ja immer lieb und hold gegen mich. Sieh, ich ahne nur, was geſchehen iſt; ich weiß nicht Alles, habe nicht Alles gehört, was Du geſprochen— es klingt mir nur dumpf in den Ohren: ich ſoll fort von Dir! Aber das werde ich nicht, nein, Andreas! Sieh, ich habe ja ſo lange an Deiner Seite geſtan⸗ den, achtundzwanzig lange, oft heitere, oft ſorgenvolle Jahre, und immer haſt Du mich an Deinem Herzen behalten, oft ſogar auf den Wellen des ſchrecklichen Meeres, nie haſt Du mich von Dir getrieben. Bin ich Dir nicht treu, nicht redlich, nicht ergeben geweſen, mein Andreas? O, nein, nein, nein, das kannſt Du ja nicht von mir verlangen. Denkſt Du noch daran, Andreas, als vor Kurzem unſer Erik geſtorben war 140 und Du mir noch einmal ſein liebes Antlitz zeigteſt, was Du mir damals verſprachſt und nachher noch ſo oft, wenn wir an ſeinem Grabe weinend vorüber⸗ gingen? Habe ich nicht ſelbſt gehalten, was ich mit ſchwerem Herzen verhieß, nicht zu klagen, nicht zu jammern, Deinen Schmerz nicht durch den meinigen zu vergrößern? Ich wollte fortan nur für Dich leben, nur Dir angehören— und nun willſt Du mich von Dir weiſen? O, ſage mir Alles, was geſchehen, da⸗ mit ich es weiß, damit ich Dich tröſte— aber ver⸗ laſſen, verlaſſen werde und kann ich Dich nicht!“ Und in jammerreichen Schmerz aufgelöſt, warf ſie ſich an ſeinen Hals und weinte laut wie ein Kind. Agathe aber und Friedrich ſtanden neben ihr und weinten mit, obſchon ſie nicht das Gefühl einer mit Gewalt von ihrem Manne geriſſenen Gattin kannten. Da raffte ſich Andreas zuſammen, drückte ſein Weib ſanft von ſich und ſagte feſt und laut:„Wohlan denn, ich ſehe, wie die Sachen ſtehen. Es giebt Her⸗ zen auf Erden, die feſter an einander hängen, als Eiſen und Stahl— nur Gott konnte ſie ſo innig an einander ſchmieden— nehmt ein Beiſpiel daran, Ihr jungen Leute, und lernt von der da, was der Menſch dem Menſchen auf Erden ſein kann. Gertrud, Du und die Kinder, Ihr habt mich behorcht und ſeid 1 141 ſo meinem Entſchluſſe zuvorgekommen. Heute in ſtiller Nacht wollte ich noch überlegen und morgen zu Euch treten und ſagen: Kinder, wir müſſen Em⸗ merslund verlaſſen, vielleicht auf immer,— darum faſſet Euch, aber es muß geſchehen. Nun ſollt Ihr ſchon heute hören, was ſich begeben hat. Seht, hier iſt ein Brief von Henrik Paulſen aus Kopenhagen gekommen; der Doktor hat ihn mir mitgebracht. Er ſchreibt, wir ſeien nicht ſicher hier, man wolle Hele⸗ nen, mich und Gott weiß wen noch nach Kopenhagen ſchleppen. Er hat Recht, Gertrud, denn ſchon Viele haben mir daſſelbe geſagt und man ſoll redliche War⸗ nungen in ſo trauriger Zeit nicht in den Wind ſchla⸗ gen. So höret denn, was ich Euch Bitteres ſagen muß, mit einem Worte an— rüſtet Euch, ſo ſchnell Ihr könnt, denn wir müſſen Alle zuſammen, auf lange Zeit, vielleicht auf immer,— den Andreasberg verlaſſen.“ „Den Andreasberg verlaſſen!“ rief die Mutter, ſchlug die Hände zuſammen, daß es laut ſchallte, und ſank krampfhaft ſchluchzend auf einen Stuhl. Agathe kniete weinend neben ihr, Friedrich aber ſchaute mit hochklopfender Bruſt ſeinen Vater an und fragte: „Iſt das durchaus nöthig, mein Vater?“ „Es iſt durchaus nöthig, mein Sohn!“ 142 „So beeilen wir uns— ich habe es mir ſchon lange als unausbleiblich vorgeſtellt.“ „Das geht ſo raſch nicht, mein Sohn; ich habe zwar ſchon Manches und das Wichtigſte ſogar dazu vorbereitet, aber dennoch bleibt mir viel zu überlegen, zu thun, ehe ich mich losreißen kann. Aber ich werde dieſe Nacht zu Hülfe nehmen und morgen Mittag ſchon werde ich wiſſen, ob mein Plan mit unſerm ſchönen Gute ausführbar iſt oder nicht. Wenn Ihr mir jetzt noch eine Bitte erfüllen wollt, ſo laßt mich allein, ganz allein— ich habe zu denken und zu ſchreiben.“ „Großer Gott!“ rief Gertrud händeringend, ſtand vom Stuhle auf und fiel wieder darauf zurück— „Ich ſoll mein Haus, meinen Hof, mein Waſſer, meines Kindes Grab— Alles, was mir ſo unaus⸗ ſprechlich theuer iſt— verlaſſen? Und warum— warum— was habe ich verbrochen?“ „Nichts haſt Du, gute Seele, verbrochen; ich allein bin der Sünder. Daß ich mein Vaterland mehr als meine Ruhe liebte, daß ich für meine Rechte und meine Freiheit ſprach, daß ich meine Mannesehre fleckenlos von ſklaviſcher Furcht erhielt,— das iſt ein Verbrechen, welches man heut, hier zu Lande, nicht ungeſtraft begehen darf. Aber geht, geht— laßt mich allein— ich bitte Euch!“ Und nachdem ſie ſich noch einmal an des Treuen Bruſt geworfen, der feſt wie eine Eiche bei all dem Jammer ſtand, den Schmerz, der auch ſein Inneres durchfraß, ſtill für ſich bekämpfend, umfaßten ſie He⸗ lene und Friedrich und führten ſie langſam in ihr Zimmer zurück, wohin ihnen Agathe bald leiſe wei⸗ nend nachfolgte, nachdem ſie den Vater noch einmal geküßt und ihm zugeflüſtert hatte:„Gott ſegne Dich — ich gehorche Dir willig— Du haſt mich heute viel gelehrt— ich weiß jetzt, was der Menſch dem Menſchen auf Erden ſein muß. Laß uns erſt in Ruhe ſein und ich werde Dir Freude bereiten!“— Andreas aber rief einen ſeiner treueſten Diener, den alten Peter, herbei und gab ihm den Auftrag, ſo raſch und ſo geheim wie möglich Hans Blach⸗ mann und Ernſt Baring, den Diener Helenens, her⸗ beizurufen, dann aber ſelbſt zu einer Dienſtleiſtung bereit zu ſein, die Eile und Verſchwiegenheit erfor⸗ dere. Während der alte Matroſe nach Hans Blach⸗ mann'’s Hauſe trabte, kam Ernſt Baring zuerſt herein. „Baring!“ ſagte Andreas ernſt,„erinnern Sie ſich noch des Hauſes in Hadersleben, wo wir anhiel⸗ ten, als Sie Ihre Herrin nach Kolding begleiteten?“ 144 „Ja, Herr Capitain, es war beim Capitain Struenſee.“ „So machen Sie ſich fertig, morgen früh um drei Uhr dahin zu reiten. Gehen Sie zu ihm— aber nur zu ihm allein, und er iſt jetzt zu Hauſe, ich weiß es, und ſagen Sie ihm— merken Sie genau, was ich ſage: Ich, Andreas Burns, laſſe ihn bitten, au⸗ genblicklich zu mir zu kommen— es ſei Zeit!— Weiter nichts. Haben Sie mich verſtanden?“ „Ja, Herr Capitain!“ „So gehen Sie. Niemand auf der Welt aber, außer Ihrer Herrin, erfahre, wohin Sie gehen und was Sie beſtellen— ich erwarte das von Ihnen.“ „Sie ſollen mit mir zufrieden ſein!“ Der Diener ging und Andreas blieb allein. Nach einer guten halben Stunde kam der alte Peter athem⸗ los von Ernſt Blachmann zurück und meldete, daß derſelbe ſogleich kommen werde; er ſelber aber ſei be⸗ reit zu thun, was ſein Herr ihm befehlen werde. „So nimm Dir zwei Männer mit und fahre zu Rasmus Harms hinüber. Aber ſei vorſichtig; Nie⸗ mand vermuthe Deine Sendung. Wenn Harms ſchon ſchläft, ſo klopfe ihn heraus und ſprich leiſe mit ihm, daß Niemand es höre, und ſage: er ſolle ſogleich mit Dir zu mir herüberkommen, ich hätte nothwendig mit ihm noch in dieſer Nacht zu ſprechen.“ „Das ſoll bald abgemacht ſein, Cap'tain— gu⸗ ten Abend!“ Bald darauf erſchien Hans Blachmann.„Guten Abend, Blachmann!“ ſagte der Capitain.„Seid Ihr geneigt, mir einen Liebesdienſt zu thun, der mit Anſtrengung für Euch verbunden iſt?“ „Erſt recht, Herr, und zu jeder Stunde bin ich be⸗ reit.“ „Das dachte ich mir, darum habe ich Euch geru⸗ fen. Ich weiß, Ihr ſeid ein treuer, redlicher und da⸗ bei zuverläſſiger Mann, Blachmann, der keine Mühe ſcheut, ſeinem Nächſten zu dienen— und Ihr werdet keinem Menſchen auf der Welt verrathen, was ich Euch anvertrauen will?“— „Erſt recht nicht, Herr, Ihr könnt Euch ganz auf mich verlaſſen,— wie ich's ſage, ſo meine ich's.“ „Ich weiß das, darum habe ich Euch zu einem ſchwierigen Auftrage auserwählt. Macht Euch be⸗ reit, morgen früh um drei oder vier Uhr ein Pferd zu beſteigen. Ihr könnt den Hamlet nehmen, den kleinen Rappen, er iſt flüchtig wie der Wind, und dauerhaft wie Ihr ſelber. Ihr reitet um Apenrade herum, nicht durch die Stadt, nach Schleswig. Es A. Burns. IV. 10 * 146 ſind neun ſtarke Meilen, aber doch könnt Ihr mor⸗ gen Mittag bequem dort ſein. Hält das Pferd aus, und auch Ihr, ſo reitet Ihr, nachdem Ihr zwei Stun⸗ den geraſtet, weiter— nach Rendsburg. Iſt das Pferd matt, oder auch Ihr, ſo ſtellt den Rappen ein, wo Ihr ihn ſicher wißt und nehmt einen Wagen— dann aber ſogleich. Geld werde ich Euch geben. Aber Ihr müßt morgen Abend in Rendsburg ſein. Von Rends⸗ burg fahrt Ihr mit dem Nachtzuge nach Altona. In Altona langt Ihr übermorgen früh— alſo am Frei⸗ tag— an. Ihr geht ſogleich, es wird fünf oder ſechs Uhr ſein, nach Blankeneſe, zu Capitain Buhſt— kennt Ihr den?“ „Iſt er derſelbe, dem das Gut Marſchlund bei Huſum gehört und der Euch vor zwei Jahren auf ſo lange Zeit beſucht hat?“ „Derſelbe, Blachmann. Fragt nach ihm, jedes Kind kennt ihn in Blankeneſe. Den laßt Ihr wecken, wenn er noch ſchläft und gebt ihm den Brief, den ich Euch morgen früh, wenn Ihr abreitet, einhändi⸗ gen werde. Wollt Ihr das thun?“ „Erſt recht, Herr, das iſt nur ein leichtes Stück Arbeit.“ 3 „Gut. Ihr wartet bei ihm auf Antwort. Habt Ihr die, ſo bewahrt Ihr ſie ſorgſam, ſteckt ſie in *8 1424 Euern Stiefel, damit Ihr ſie nicht verliert, und kommt auf dieſelbe Weiſe, wie Ihr gegangen ſeid, zurück, ohne Euch eine Stunde ohne Noth aufzuhalten. Spä⸗ teſtens Sonnabend Abend, alſo am erſten September, könnt Ihr wieder hier ſein. Solltet Ihr Euch ver⸗ ſpäten und erſt in der Nacht zum Sonntage hier an⸗ langen, ſo tretet Ihr bei mir ein, ich werde jede Stunde bereit ſein, Euch zu empfangen. Und nun geht und rüſtet Euch. Keinem Menſchen ſagt Ihr ein Wort von Eurem Ziele, wo Ihr mich lieb habt, weder hier noch unterwegs. Das Geld zur Reiſe und der Brief wird um drei Uhr morgen früh bereit ſein.⸗— Als Hans Blachmann den Hof verlaſſen hatte, um ſich zu ſeinem Ritte vorzubereiten, ſetzte ſich An⸗ dreas ruhig an ſeinen Schreibtiſch, denn er fühlte ſchon jetzt, nachdem kaum ſein Entſchluß in's Leben zu treten begonnen hatte, eine ungeheure Laſt von ſeinen Schultern genommen. Eine Stunde etwa ſchrieb er, dann faltete er den Brief und ſiegelte ihn zu, ohne eine Adreſſe darauf zu ſchreiben. Nachdem auch das vollendet war, begab er ſich in das Zimmer ſei⸗ ner Frau, wo er die ganze Familie troſtlos beiſam⸗ men ſitzend fand. Kaum aber hatte er die Schwelle überſchritten, ſo ſprangen ihm Alle mit einem Freu⸗ 10* 148 denſchrei entgegen, denn ſein Geſicht ſtrahlte eine Heiterkeit und Zufriedenheit aus, die an dieſem Un⸗ glückstage zu ſehen Niemand mehr erwartet hatte. Der erſte der Herbeigerufenen, der des Capitains Wunſch auf der Stelle Folge leiſtete, war Rasmus Harms aus dem Sundewitt. Es war etwa ein Uhr Nachts und Andreas mit dem Ordnen und Zuſam⸗ menſchnüren ſeiner Papiere beſchäftigt, als der red⸗ liche Mann eintrat, auf deſſen athletiſchem Körper die Sorge der Zeit keine andere Spur menſchlicher Gebrechlichkeit zurückgelaſſen, als daß ſie höchſtens ſein graues Haar noch etwas mehr gebleicht hatte. Männlich in ſein Ungemach ſich fügend, hatte er ſich allmälig von den Schrecken wieder erholt, die der dornenvolle Krieg über ſein Haupt ausgeſchüttet. Er war durchaus nicht erſtaunt, daß ihn der Capitain mitten in der Nacht ſo eilig rufen ließ, denn zu da⸗ maliger Zeit war Jedermann in Schleswig gewohnt, Entſchlüſſe eben ſo ſchnell faſſen, wie zu jeder Stunde ausführen zu ſehen. Noch weniger wunderte er ſich, als er hörte, daß der Capitain ſchon am nächſten Sonnabend Emmerslund mit ſeiner Familie verlaſ⸗ ſen wolle, denn auch das hatte er längſt voraus⸗ 149 geſehen, da ihm ſeines Nachbars Verhältniſſe zu Dä⸗ nemark bekannt waren. Als er aber vernahm, daß Henrik Paulſen in Kopenhagen geſund ſei, ihn grü⸗ ßen laſſe und den Vorſchlag mache, ihm ſein Gut käuflich zu überlaſſen, war er hoch erfreut und erklärte ſich ſogleich bereit, das Geſchäft abzuſchließen. Dazu aber hatte Andreas keine Vollmacht; nur über den Preis wurden ſie vorläufig einig und Andreas ver⸗ ſprach, das Weitere ſpäter durch Henrik oder, falls er von dieſem ſelbſt dazu Auftrag erhielte, durch eigene Vermittelung beſorgen zu wollen. So ſchieden ſie, beiderſeits wehmüthig bewegt, aber wie Männer, die in einer traurigen Lebenslage die Zukunft feſt und unverzagt in's Auge zu faſſen wiſſen. Und auch wir ſcheiden hier von dem wackeren Manne, den wir nicht wiederſehen werden, der aber die Kriegsdrangſale in Schleswig glücklich überſtand, im nächſten Jahre mit Henrik den Verkauf ſeines Gu⸗ tes abſchloß und noch heute im Wohlſtande im Sun⸗ dewitt wohnt, wo er ſich als beſcheidener Mann in die Umſtände der Zeiten fügen gelernt hat, wie man⸗ cher Andere. Im Kreiſe ſeiner Familie, die ſich durch die Verheirathung ſeines Sohnes Matthias und ſei⸗ ner Tochter Margrethe bald vergrößerte, lebt er glücklich und den Verhältniſſen gemäß zufrieden als einer jener 150 braven Männer, die das herbe Schickſal ihres Vater⸗ landes als eine Prüfung betrachtet haben, welche Gott der Herr auf ihr Haupt zu legen für gut be⸗ funden hat. Als er den herzlichſten Abſchied vom Capitain ge⸗ nommen und nach dem Sundewitt zurückgekehrt war, fuhr Andreas in ſeiner Arbeit fort. Punkt drei Uhr erſchien Hans Blachmann, zu ſeiner Reiſe gerüſtet, nahm Brief und Geld in Empfang und ſetzte ſich dann auf den ſchwarzen Dänen, um ſeiner Beſtim⸗ mung zuzutraben, während Ernſt Baring ſeinen Ritt nach Hadersleben antrat. Nun erſt begab ſich An⸗ dreas zur Ruhe zu ſeinem Weibe, welches ihn ſchlaf⸗ los im Bette erwartete, aber Troſt und Standhaftigkeit in ihren Leiden aus ſeinem freundlichen Zuſpruch ſog. Um fünf Uhr Morgens war der Capitain ſchon wieder auf dem Hofe. Noch geſchah nichts, was ſeine bevorſtehende Abreiſe angedeutet hätte, denn der Ca⸗ pitain Struenſee aus Hadersleben mußte erſt erwartet werden; bis dahin ging Alles in ſeinem gewöhnlichen Geleiſe fort, obwohl Andreas im Stillen ſchon alle Anordnungen überlegt hatte. Um elf Uhr Vormit⸗ tags aber traf der Freund aus Hadersleben zu Wa⸗ gen ein, denn er war augenblicklich der Einladung gefolgt, deren Urſache er ſogleich errathen hatte. 151 Er war einer der älteſten und vertrauteſten Freunde Andreas Burns'. Sie hatten ihre Jugend auf einem Schiffe verlebt und waren ſich treu ge⸗ blieben in dem Gewoge der Zeiten wie auf dem des Meeres. Er hatte zwar eine reiche Dänin aus Ha⸗ dersleben geheirathet, war aber dadurch ſelbſt kein Däne geworden; ſeine deutſche Geſinnung hatte er wacker bewahrt, nur war er ſo weiſe geweſen, ſich nie in die Politik ſeines Landes zu miſchen. Er hatte ſchon vor Jahren den Wunſch gehegt, den Andreas⸗ berg zu kaufen, und vom jetzigen Beſitzer deſſelben die Zuſage erhalten, daß, wenn er ſich je durch irgend einen Grund veranlaßt ſähe, an den Verkauf zu den⸗ ken, er der erſte ſein ſollte, dem er darüber Mitthei⸗ lung machen würde. Das jetzige Anerbieten des Freundes kam ihm nicht unerwartet, denn er hatte die Nothwendigkeit dazu vorhergeſehen und ſprach dieſe Meinung auch offen aus. Die beiden Männer waren ſehr bald einig. Struenſee übernahm das Gut, wie es war, mit dem ganzen Inventarium an Vieh, Möbeln und ſonſtigen Gegenſtänden, mit Aus⸗ nahme von zwanzig Pferden und verſchiedenen Wagen, die Andreas für ſich behielt,— eben ſo die wenigen Leute, die, der Nachbarſchaft angehörig, auf dem Hofe zurückbleiben wollten. Er gab auch die einzige Be⸗ 152 dingung zu, die Andreas ihm ſtellte, im Verlauf von zehn Jahren den Kauf rückgängig zu machen, wenn es Andreas gelingen ſollte, bis dahin ſeine Rückkehr nach Schleswig ohne Gefahr möglich zu machen. Ach, er wußte wohl, daß ſein Freund, wenn er erſt einmal den vaterländiſchen Boden verlaſſen, denſelben nicht wieder würde betreten dürfen, denn er kannte den Haß Dänemarks gegen die deutſchen Männer und wußte nur zu gut, daß kein Herz für ſie in Kopenha⸗ gen ſchlug. Ein Handſchlag, mit Schmerzen gegeben und mit Theilnahme erwidert, trat an die Stelle des Contraktes; über den Preis waren ſie ſchon lange einig. Nur einen einfachen Schein, der nach Andreas' Abreiſe erſt gerichtlich gemacht werden ſollte, um die⸗ ſelbe nicht vorzeitig zu verrathen, bat ſich der Käufer aus, welcher beſagte, daß Capitain Struenſee der Beſitzer von Emmerslund ſei, damit ihm die däniſche Verwaltung nicht die Zwangsſteuer auferlegte, die der deutſche Capitain Burns hatte zahlen müſſen, denn die däniſch Geſinnten— und dafür galt Struenſee zufolge ſeiner Verbindung— waren in dieſer Be⸗ ziehung vor ihren deutſchen Nachbarn namenlos be⸗ günſtigt. Die Familie Burns ſah er nicht; es wäre ihm zu ſchmerzlich geweſen, den Kummer der verehrten Frau des Freundes mit eigenen Augen wahrzuneh⸗ 153 men, den er ſich vorſtellen konnte, da er ihre An⸗ hänglichkeit an Emmerslund genügend kannte. So hatten die Männer in einer kurzen Stunde ihr wich⸗ tiges Geſchäft beendet, nicht einmal zu Tiſche wollte der Gaſt bleiben, und nachdem er verſprochen, ſchon am nächſten Sonntag den neuen Beſitz anzutreten, wenn Andreas am Tage vorher abgereiſt wäre, nannte ihm dieſer ſeinen nächſten Aufenthaltsort, bat jedoch ihn Jedermann geheim zu halten. Und ſo ſchieden die beiden Männer unter herzlichen gegenſeitigen Glückwünſchen, der Eine das Beſitzthum des Andern in Händen haltend, das dieſer ſo unausſprechlich ge⸗ liebt, der Andere heimat⸗ und hauslos, wie er es lange nicht geweſen war, aber mit einer Faſſung und Selbſtverläugnung dem neuen Leben entgegenſchreitend, wie ſie wohl ſelten das Herz eines Mannes in einer ſo peinvollen Lage bewohnt haben. So war denn alſo der Würfel gefallen und An⸗ dreas ſah ſeinen ſchnellen Entſchluß zur ſchnellſten That gereift. Als ihn Capitain Struenſee verlaſſen hatte, ſtand er eine Weile allein in ſeinem Zimmer und bedachte, was nun zu thun ſei, denn Vielerlei lag noch vor ihm. Da fielen ihm die drei Capitaine vom Strande ein und zu ihnen ſandte er jetzt und ließ ſie bitten, ſogleich zu ihm zu kommen. 154 Und ſie gehorchten ſogleich. Wie damals, als wir ſie zum erſten Male in Gertrud's Zimmer treten ſa⸗ hen, kamen ſie auch jetzt, Bardow hinter den beiden Andern etwas langſamer herhinkend, lärmend und lebhaft herein, aber ihre Stimmung war ernſter und gehaltener, ihre Begrüßung gemäßigter, denn der traurige Geiſt der Zeit hatte auch ihre unverwüſtliche Munterkeit und Laune zu ſtillerem Weſen umge⸗ wandelt. Als ſie bei dem Freunde eingetreten waren und dieſer ſie ungewöhnlich warm begrüßt hatte, begab er ſich mit kurzen Worten daran, ihnen ſeine Lage zu ſchildern und ſodann ſeinen Entſchluß mitzutheilen, Emmerslund zu verlaſſen, das er verkauft habe. Aals ſie dieſe höchſt unerwartete Neuigkeit vernahmen, ſtanden ſie zum erſten Male in ihrem Leben ſtumm und verwirrt vor ihrem alten Freunde und Meiſter, denn ihre Gedanken hatten vor Schreck den Ausdruck verloren und ihre vom Wetter gebräunten Geſichter wurden beinahe blau vor Verwunderung und Ueber⸗ raſchung. Aber dennoch ſahen ſie ein, daß Andreas nicht anders handeln konnte, und ſie billigten daher ſeinen Entſchluß. Wehmüthig und bis ins innerſte Mark erſchüttert, drückten ſie ihm wiederholt die Hände, was bei ſolchen der That gewidmeten Männern mehr ⸗ 155 als alle Worte ſagte. Der Gedanke, von ihrem Com⸗ modore ſich zu trennen, an deſſen Seite ſie ſo lange Jahre glücklich gelebt, war ihnen zu ſchmerzlich, und um ihre Rührung zu verbergen, beeilten ſie ſich, ihn jetzt zu verlaſſen, verſprachen aber, ihm mit allen Händen bei ſeiner Entfernung behülflich zu ſein, und Jedermann ſeine Abſicht und ſeinen Aufenthalt zu verſchweigen, was ſie auch Beides mit einer Pünkt⸗ lichkeit erfüllten, wie Andreas ſie von ihnen erwar⸗ ten konnte. Langſam, ſchweigend, mit gebückten Köpfen ſchlichen ſie aus dem Hauſe und durch den Garten; kaum ſprachen ſie ein Wort, ſo lange ſie im Bereich der Ohren ſeiner Leute waren; erſt als ſie unten am Strande in Bardow's behaglichem Zimmer ſaßen, brummten ſie ſich ihre Gedanken zu und ver⸗ gaßen vor Leid und Schmerz zum erſten Male, ihre Unterhaltung mit einem ſteifen Glaſe Grog zu wür⸗ zen, der ja ſonſt niemals bei einer wichtigen Ver⸗ ſammlung fehlen durfte. Serhſtes Mapitel. Der Abſchied von Emmerslund. Als der Tag der Abreiſe des Capitain Burns' und ſeiner Familie aus Emmerslund nun unwiderruflich feſtgeſetzt und den Mägden und Knechten verkündet war, und dieſe erſt begriffen hatten, um was es ſich eigentlich handle, machte ſich im Hofe und in den verſchiedenen Gebäuden deſſelben eine noch nie da⸗ geweſene Regſamkeit bemerkbar. Alles was Hände hatte, bewegte ſie mit unermüdlicher Schnelligkeit, denn jeder ſuchte das allgemeine Werk gleich dem eigenen zu fördern und Allen kam es darauf an, ihren Eifer und Fleiß zum Wohle der hochverehrten Herrſchaft auf die anſchaulichſte Weiſe an den Tag zu legen. In den Scheunen und Hintergebäuden hämmerte, ſägte und nagelte es von Anbruch des 4 * 157 Tages bis in die ſinkende Nacht, keine Stunde Ruhe gönnten ſich die willigen und ihrem Herrn mit Leib und Seele ergebenen Menſchen. Kiſten und Kaſten von allen Größen wurden beſchafft, und ſobald ein neues Behältniß fertig war, wanderte es in's Haus, um mit Gegenſtänden gefüllt zu werden, die den Beſitzern durch langen Gebrauch lieb und werth ge⸗ worden waren, denn man kann an dergleichen todten Dingen eben ſo innig hängen, als an Haus und Hof. Und ſobald die Frauen im Hauſe die Kiſten gefüllt hatten, nagelten ſie die Knechte zu und verpackten ſie auf die drei großen Heuwagen, die in den Scheunen aufgeſtellt und zum Transport der wandelbaren Gü⸗ ter beſtimmt waren. Das Hofthor hatte man weis⸗ lich geſchloſſen, um die Augen vorübergehender Neu⸗ gieriger von den Vorgängen im Innern abzuhalten, und da Niemand während der drei folgenden Tage das Gut verließ, ſo blieb das Geheimniß der ſtillen Vorbereitung ſtreng bewahrt. Um die Hausfrau, die innerhalb des Herrenhauſes ihre Anleitungen gab, bewegten ſich die Frauen und Mägde; um Andreas, der außerhalb deſſelben befahl, ſchaarten ſich die Knechte; auch Friedrich blieb ſtets an der Seite ſei⸗ nes Vaters und half ihm, ſo weit es ſeine leidende Geſundheit zuließ. Und alle drei Tage, die man bis * 158 zur Rückkehr Hans Blachmann's vor ſich hatte, und deſſen Ankunft man nothwendig erwarten mußte, ehe man das Gut verließ, gingen ruhig, ohne alle äußere Störung vorüber; nichts geſchah, was die Beſorgniß, von den Dänen überraſcht oder an der ſo nöthigen Arbeit gehindert zu werden, im Geringſten gerechtfer⸗ tigt hätte, Alles im Umkreiſe des Hofes blieb ſtill, und nicht einmal ein Gerücht von einem in der Nähe vorgefallenen neuen Angriffe auf Perſonen oder Ei⸗ genthum verlautete. Weder däniſche Beamte, die in den letzten Tagen ſo zahlreich und häufig erſchienen waren, noch ſchwediſche Einquartierung zeigte ſich, was dem geheimen Unternehmen außerordentlich för⸗ derlich war. So war das äußere Leben in dem ſonſt ſo ge⸗ müthlichen und harmloſen Hofe beſchaffen— wie ſah es aber im Innern der zu einem neuen Lebenswege ſich vorbereitenden Menſchen aus? Ach, ſo lange ſie eifrig beſchäftigt waren, die Bequemlichkeiten und Be⸗ ſitzthümer des Lebens, die ſie mit in die neue Heimat begleiten ſollten, zu ſondern, zu ordnen, ſo lange ſchien ihr Seelenſchmerz beſchwichtigt oder eingedämmt; wenn ſie aber Abends, ermüdet von des Tages Laſt und Arbeit, um den runden Tiſch verſammelt waren, den ſie nun bald auf immer verlaſſen ſollten, dann 159 brach er um ſo lauter und ungeſtümer aus allen Fu⸗ gen ihres Innern hervor. Da ſaßen ſie ſich denn oft ſtumm gegenüber, ſtarrten ſich in die vom Weh ge⸗ bleichten Geſichter und ſeufzten nur bisweilen laut auf; hatte aber erſt Einer ein Wort der Klage fallen laſſen, dann ergoß ſich aus allen Herzen ein Strom wehmüthiger Gefühle, und den Worten folgten ge⸗ wöhnlich Thränen auf dem Fuße nach, die Andreas abſichtlich nicht zu ſtillen verſuchte, denn er wußte, daß das menſchliche Herz am ſicherſten von ſeinem Drucke erlöſt wird, wenn es ſich ſatt und müde weint. So war der Mittwoch, der Donnerſtag und Frei⸗ tag wie im Fluge vergangen und endlich der Mor⸗ gen des Sonnabends gekommen, an welchem Tage des Capitains Familie das heimatliche Haus verlaſſen ſollte. Andreas hatte ſchon oft im Stillen gerechnet, wann Hans Blachmann von ſeiner weiten Reiſe zu⸗ rück ſein könne, aber immer wieder rechnete er von Neuem, weil er ſich getäuſcht und nicht alle Hinder⸗ niſſe in Anſchlag gebracht zu haben glaubte. So war er in dieſer Berechnung endlich zu dem feſt⸗ ſtehenden Reſultat gekommen, daß der getreue Bote, wenn er ſich diesmal bewähre, wie er ſich immer be⸗ währt hatte und kein Unglücksfall ihn betroffen habe, Sonnabend Nachmittag vier, ſpäteſtens ſechs Uhr in 160 ⁸ Emmerslund ſein köͤnne. Von dem Ausfall ſeiner Botſchaft hing das Ziel der Reiſe des Capitains ab, denn gereiſt wäre er jedenfalls, und wenn ſein Freund nicht mit ſeinem Vorſchlage übereinſtimmte, ſo war Hamburg als das nächſte Ziel derſelben feſtgeſetzt. Was ſich dann weiter entwickeln würde, das hatte er nicht bedacht, daran zu denken, das zu überlegen war noch Zeit genug, wenn man unterwegs und in völli⸗ ger Sicherheit war. Da man auf eine helle Mond⸗ nacht rechnen konnte, ſo wollte Andreas dieſelbe be⸗ nutzen, um mit ſeiner Familie wenigſtens über die Gränze Schleswigs zu kommen, hatte er die erſt hin⸗ ter ſich, ſo war er für alle Zeit geborgen. Schon ſüdlich von der Demarkationslinie war er in Sicher⸗ heit, denn nur bis zu ihr ſtanden und ſtreiften die Schweden und hielten die däniſchen Beamten und Aufpaſſer ihre Augen offen, nur bis dahin reichte ihre Herrſchaft, während ſüdlich von jener Linie das preußiſche Aufſichtsamt begann, welches ihm kein Hinderniß mehr in den Weg legen konnte. Und bis ſüdlich von Flensburg zu gelangen, das däuchte ihm, bei ſtiller Nacht, mit guten Pferden und bei ſeiner Kenntniß aller Straßen und Wege eine Kleinigkeit zu ſein.— Der Sonnabend Morgen war angebrochen und V 161 Alles im Hofe und Hauſe war munter. Golden erhob ſich die Sonne aus dem Meere und warm waren ihre Strahlen, als wollte ſie ihr himmliſches Licht noch einmal in ihrer ganzen Fülle und Lieblichkeit auf die Häupter der Scheidenden fallen laſſen. Die nöthig⸗ ſten Arbeiten und Vorbereitungen zur Reiſe waren vollendet, alle mitzunehmenden Habſeligkeiten waren auf die Wagen in den verſchloſſenen Scheunen verpackt und mit Heu und Stroh künſtlich zugedeckt, damit unterwegs kein neugieriges Auge den fluchtartigen Abzug des Auswanderers etwa erſpähe. Auch die Frauen waren mit ihrer Fülle von Koffern und Schachteln fertig und ſchon ſtand der große Familien⸗ wagen, in welchem Gertrud, Agathe, Helene und Friedrich fahren ſollten, in Bereitſchaft, während in dem kleinen Wagen Helenens Jungfer und eine treue Hausmagd Platz nehmen ſollten. Andreas wollte die Reiſe zu Pferde zurücklegen und ſo war ſein treuer Schimmel, Henrik's Rappe, der noch immer in Em⸗ merslund ſtand, und die anderen Pferde, die zum Mitgange beſtimmt waren, ſchon früh am Tage reiſe⸗ fertig. Aber nicht in einer Reihe hinter einander ſollte der Abzug geſchehen; die beladenen vierſpännigen Wagen ſollten in Zwiſchenräumen auf einander fol⸗ gen, um auf dieſe Weiſe weniger Aufmerkſamkeit zu A. Burns. IV. 11 162 erregen; die Straßen, die ſie einſchlagen ſollten, wa⸗ ren den fahrenden Knechten genau beſtimmt, und als allgemeiner Sammelplatz die Mühle bei Oſter⸗Huſum angegeben, von wo ſich der ganze Zug gemeinſchaft⸗ lich ſeinem Ziele entgegen bewegen ſollte. So war alſo Alles in Ordnung und nur noch ein ſchweres Tagewerk war zu vollbringen— Abſchied zu nehmen von den Orten, die den Scheidenden ſo überaus theuer geworden waren. Und da verfolgte denn Jeder ſeinen eigenen Weg; zum erſten Male in dieſen Tagen trennte man ſich, denn Jeder hatte ſei⸗ nen beſonderen Neigungen, ſeinen Lieblingsſtellen nachzugehen, denen er noch einmal eine ungeſtörte Stunde widmen wollte. Bis Mittag aber, ſo hatte es Andreas angeordnet, ſollten Alle im Hofe verſam⸗ melt ſein, von da an ſollte Niemand mehr das Haus verlaſſen, um, nach der letzten heimatlichen Mahlzeit und ſobald Hans Blachmann eingetroffen war, unge⸗ ſäumt den Weg antreten zu können. Es war gegen zehn Uhr Morgens, als Gertrud, nachdem ſie die Ställe und Scheunen durchwandert, das Haus verließ und mit leiſem Schritt den Berg hinunterſtieg, um ihren Lieblingsort, die kleine Inſel, zu beſuchen. Sie löſte ſelber das Boot vom Ufer und ruderte ſich langſam hinüber. O wie bleich und 163 kummervoll war ihr Geſicht, wie eingefallen ihre Wange, wie erloſchen ihr mildes Auge, denn ſie hatte drei Tage und drei Nächte lang geweint und das ſchmerzliche Weh des Herzens zu bezwingen getrachtet. Immer aber war es wieder von Neuem aufgebrochen und nun— ſollte das Letzte, Schmerzlichſte geſchehen, ſie ſollte noch einmal auf Erik's Grabe knieen, um auch von ihm— von ihm, vielleicht auf ewig zu ſcheiden. Bald war ſie drüben auf der Inſel, betrat den von Farrenkräutern, Epheu und Moos ſtrotzenden Bo⸗ den und ihr ſeidenes Kleid rauſchte darüber hin. Schwarz war ſie gekleidet zum Abſchiede von ihrem Theuerſten, das ſie hinter ſich ließ, denn es war ja ein wirklicher Trauertag, den ſie zu überwinden hatte. Und da ſtand ſie unter den rieſigen Buchen des klei⸗ nen Eilandes, die ihre gewaltigen Wipfel gegen den blaugewölbten Dom des Himmels erhoben und in deren kühlem Schatten, vom Rauſchen des Seewin⸗ des umgaukelt, ſie ſo manche kummervolle Stunde verlebt hatte. Langſam und von einer feierlichen Rührung bewältigt, ſchritt ſie unter den Bäumen fort und bald hatte ſie den kleinen Raſenhügel er⸗ reicht, den die herrlichſten Blumen ſchmückten. Bis jetzt war ſie ruhig geblieben und hatte mit feſtem 11* 164 Willen den immer höher fluthenden Schmerz bezwun⸗ gen; als ſie aber dieſen kleinen immergrünen Hügel ſah, da brach er gewaltſam hervor, und, in Thränen faſt zerfließend und ein lautes Jammergeſchrei aus⸗ ſtoßend, warf ſie ſich auf die Kniee und küßte die geliebte Muttererde, unter welcher der Kopf des Ver⸗ unglückten ruhte. Das war der ſchmerzlichſte Augen⸗ blick ihrer Trennung von der Heimat; war er erſt überſtanden, ſo war Alles, was vor ihr lag, eben und leicht. Und merkwürdig genug, als ſie ſo da lag, zu Gott betete und in die Erde hinabſprach, da wurde ihr plötzlich leicht ums Herz, leichter, als ihr lange geweſen war. Kam es nun daher, daß ihr Schmerz den höchſten Grad erreicht hatte und nicht tiefer in ihrem Herzen freſſen konnte, kam es daher, daß ein Schmerz den anderen, der Abſchied von Erik's Grabhügel und der von Emmerslund, ſich gegenſeitig bekämpfte und niederſchlug, oder hatte Gott mit ſeinem himmliſchen Finger ihr Herz berührt und es zum Aufſchauen zu ihm ermuthigt— genug, die göttliche Wirkung war da. Nachdem ſie eine Weile auf den Knieen gebetet hatte, fühlte ſie plötzlich eine ſanfte Wärme ihr Herz umziehen, der gewaltige Schmerz ließ nach und das Rauſchen des Seewindes, der eben ſtärker über die Wogen ſchwoll, flüſterte, wie eine beruhigende Muſik, 165 ſanften Frieden in ihr Herz. Sie ſtand auf und ſetzte ſich auf den Hügel. Ihr ganzes Leben durch⸗ flog ſie von Anfang an, ſo weit zurück ſie denken konnte, bis auf den heutigen Tag, und Alles in Allem genommen, fand ſie Vieles, in deſſen Beſitz ſie ſich noch glücklich ſchätzen konnte, denn Vielen war Mehr genommen und Weniger geblieben als ihr. Da, ſo ſehr ſie ſich eben noch beklagt, dankte ſie Gott aus warmem Herzen und verhieß, unwandelbar treu ihren Pflichten zu leben, mit ihrem Looſe von jetzt an zu⸗ frieden zu ſein und nicht mehr an ſich, ſondern an Andere zu denken. Und als ſie erſt ſoweit gekommen war, wurde ſie von Minute zu Minute ruhiger, ge⸗ faßter, ſo daß ſie endlich aufſtehen und Blumen pflücken konnte, die gütige Hände und die Natur ſel⸗ ber um das Grab herum ausgeſtreut, und als ſie eine Hand voll davon geſammelt hatte, bereitete ſie ſich zum Scheideblick vor. Und ſie wunderte ſich ſpäter ſelber darüber, daß ſie keine Thräne mehr dabei ver⸗ goſſen; mütterlich breitete ſie die Arme über den theueren Boden, küßte ihn noch einmal und ſagte dann ſanft:„Lebe wohl, lebe wohl, mein Sohn, dort oben ſehen wir uns wieder!“ Und einen langen, einſaugenden Blick über die ganze Inſel, auf die Baumwipfel, den Himmel darüber und das kühle 166 Grab in ihrem Schatten werfend, ging ſie langſam und gehobenen Geiſtes nach ihrem Boote zurück, fuhr ſich über den ſchmalen Waſſerſtreif und ſtieg vollkom⸗ men beſänftigt den Andreasberg hinan. Und wohin begab ſich Agathe? Schweigſam, bleich und ebenfalls in Trauer gekleidet, beſuchte ſie alle Stellen des Gartens, des Berges, an die ſich irgend eine Erinnerung ihrer unſchuldsvollen Jugend knüpfte. Wo ſie als Kind mit Friedrich geſpielt, wo ſie als Jungfrau ſeine Gegenwart herbeigewünſcht, wo ſich die reine Flamme ihres Herzens entwickelt hatte, da trat ihr Fuß leiſe und wehmüthig auf. Auch ſie pflückte von dieſen Lieblingsſtellen die ſchönſten Blu⸗ men, band ſie in einen Kranz zuſammen und ſchritt dann leiſe, wie ſie gekommen, wieder in ihr Zimmer zurück, wo ſie ſich einſchloß, auch ihr junges Leben in Gedanken durchflog und auf ihre Kniee ſank und Gott bat, ihre Zukunft lichter zu geſtalten, als ihre Gegenwart war.— Helene war unterdeß an den Strand hinabgegan⸗ gen und hatte das Epheuhaus aufgeſucht, in deſſen grünbewachſenen Mauern ſie nun nicht mehr länger athmen ſollte. Zuerſt ging ſie zu dem alten Bar⸗ dow, der bis Mittag zu Hauſe blieb und dann auf den Berg kommen wollte, um bis zur Abreiſe da zu⸗ 167 bleiben, dankte ihm für alle ſeine Freundſchaft und Gefälligkeit und ſchenkte ihm, was ſie im Hauſe an Möbeln und Geräthſchaften zurückließ. Denn daß ſie nicht wieder dahin zurückkehren würde, hatte ihr eine Ahnung geſagt, die zu wohlbegründet war, um ſie täuſchen zu können. Alsdann nahm ſie den Schlüſſel von der Wand, wo er immer hing, und ſtieg allein in ihr Zimmer hinauf, deſſen Thür ſie feſt hin⸗ ter ſich ſchloß. Da rückte ſie denn, wie ſie ſo oft ge⸗ than, den glänzenden Sammtſeſſel an das Fenſter, ließ ihre herrlichen Glieder noch einmal hineinſinken, faltete die weißen Hände im Schooße zuſammen und blickte träumeriſch auf das blaue Meer hinaus. So hatte ſie oft in vergangenen Tagen geſeſſen, gedacht, gewünſcht, gehofft— ihre ſüßeſten jugend⸗ lichen Gefühle hatte ſie an dieſem Fenſter verträumt und weit, weit hinaus waren von hier ihre Blicke durch die blauen Lüfte und die rauſchenden Waſſer geflogen. Wo waren die Gefühle, die Gedanken je⸗ ner Jugend geblieben? Da, wo ſie immer und alle ſich verlieren,— in das tief beſchattete Reich ewig begrabener Vergangenheit waren ſie hinabgeſunken. Dieſe Vergangenheit war oft lieblich, freundlich und ſüß geweſen, oft aber hatte auch ein Sturm darüber gefluthet, den ſie jedoch immer kräftig bezwungen 168 und abgewartet hatte. Jetzt aber hatte ſie die rauhe Hand der erbarmungsloſen Welt erfaßt und ſchleu⸗ derte ſie hinans in eine unabſehbar dunkele Zukunft. Oder irrte ſie ſich— war dem nicht ſo? War ihre Zukunft hell, glänzend, ſonnig wie das Licht, das jetzt aus dem blauen Himmel herab golden über das Waſſer funkelte? Sie warf einen fragenden Blick dar⸗ auf— ein lebendiger Strahl glühenden Lebens zit⸗ terte durch ihre Bruſt, ſie fühlte ihr Herz im Buſen klopfen, ſo ſtürmiſch, daß ſie die Hand darauf drücken mußte, um ſeinen Schlag zu beſänftigen.„O!“ ſagte ſie,„wie ich plötzlich ſo heiter, ſo glücklich, gleichſam von Wonne berauſcht mich fühle— war das Gottes Stimme, die dieſen Ton in meiner Seele erweckte? O mein Gott!“— und auch ſie ſank auf ihre Kniee und betete laut:„O mein Gott— täuſche mich nicht— mache auch mich einmal glücklich— ich bin ja in meinem Leben ſo lange unglücklich geweſen— ich möchte auch einmal die wonnigen Tropfen Deines köſtlichen Segens koſten, den Du ſo reich, ſo überreich auf die Erde geſtreut— gieb mir— gieb mir— nein! Noch nicht! Noch darf ich es nicht ſo laut ſprechen, was in meinem Herzen lebt— der Tag dazu iſt heute noch nicht da— wir müſſen erſt flie⸗ hen, fliehen aus dieſer ſchönen, herrlichen, paradieſi⸗ 169 ſchen Welt in ein andere, und wer weiß, wie es da iſt. Alſo jetzt nur meinen Dank, o Gott, für die ſe⸗ ligen Stunden meiner Erkenntniß und Hoffnung, die Du mir hier geſchenkt; nimm ihn beſonders dafür an, daß Du mich Einſame, Tooſtloſe, Verlaſſene hier ſo edle und rechtſchaffene Menſchen finden ließeſt— und bleibe ihnen und mir hold auf den neuen We⸗ gen, die wir von heute an betreten werden. Amen!“— Langſam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, das Haupt halb auf die Bruſt geneigt, ſchritt Andreas zuerſt über die Felder hin, die bisher ſein Eigenthum geweſen waren. Von jeder Strecke Landes wußte er, was es für Frucht getragen, und er ſagte im Stillen jeder Scholle Dank dafür, daß ſie ſeine Wohlhaben⸗ heit vermehrt hatte, was eigentlich ein Dank an den Schöpfer war. Als er dieſen weiten Rundweg vollen⸗ det, kehrte er in ſeinen Garten zurück und betrachtete Blumen, Bäume und Raſen, die er eigenhändig ge⸗ pflanzt und mit ganzer Liebe gepflegt hatte. Nach⸗ dem er ſein von tauſend widerſtreitenden Gefühlen flammendes Auge an allen dieſen Einzelnheiten ſatt⸗ ſam geweidet, blickte er ſich rings um, ob ihm auch Niemand folge, und da er ſich allein ſah, ſtieg er die Treppe hinan, die auf die Spitze der Warte führte. Da ſtand er denn auf dem höchſten Punkte des gan⸗ 170 zen Landes und blickte nach allen vier Weltgegenden hin. Wie oft hatte er hier oben geſtanden, in glück⸗ lichen Friedenszeiten, um den Segen zu überſchauen, den ihm Gott verliehen, und in traurigen Kriegszeiten, um den nahenden Feind oder auch die nahende Hülfe dagegen zu erſpähen! Und jetzt ſtand er zum letzten — letzten Male da. O, das war ein trüber, ſchwerer, wehmüthiger Blick, mit dem er von Oſten nach We⸗ ſten, von Süden nach Norden ſchweifte. Aber er mußte gethan werden und Andreas that ihn herzhaft. Da flog denn zuerſt ſein Auge nach dem Meere, ſei⸗ nem alten Liebling, hin, wo er ſo oft die geblähten Segel ſchon aus der Ferne geſchaut und dem kühnen Schiffer ſeinen Seemannsgruß zugewinkt hatte. Bit⸗ ter aber wurde dieſer Blick, in grimmige Falten zog. ſich des Mannes Mund, als er die Küſte von Alſen traf, wo das Heerlager ſeiner unverſöhnlichen Feinde, der Dänen, war, die ſein Vaterland zu Grunde ge⸗ richtet und ihn ſelbſt ſo elend gemacht, indem ſie ihn von Haus und Hof in die weite Welt trieben. Noch einmal ließ er ſeinen Blick nach dem Meere fliegen, ſah in der nebelhellen Ferne einige Segel auftauchen und am dunkelblauen Horizonte verſchwinden und kehrte dann langſam nach dem Sundewitt zurück, wo ihm Rasmus Harms' neues Haus in's Auge fiel. 17¹ „Lebewohl!“ ſagte er,„in Deinen Räumen hat auch einmal eine treue Seele geathmet— ſie wird Dich nicht wiederſehen— ich werde ihr aber den letzten Gruß von Dir bringen. Lebewohl, Rasmus Harms, lebe wohl!“— Mit ſchwererer Ueberwindung ſodann, immer wieder von Neuem dahin zurückkehrend, wandte er ſich vom Meere ab; aber das flüſſige, glänzende Element, welches ein friſcher Südoſt kräuſelte, der von Stunde zu Stunde heftiger wurde, ſchien ihn mit magnetiſcher Kraft an ſich zu reißen, ſo daß er ſich kaum von ihm losmachen konnte.„Ich will es nicht mehr ſehen, das verlockende Meer!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen und ſtampfte, unzufrieden mit ſich ſelber, den Fuß auf den Boden, aber immer wie⸗ der haftete ſein Auge wie gebannt darauf.„O Gott,“ ſagte er endlich,„es iſt kein Wunder, daß ich dieſes Waſſer ſo liebe! Habe ich doch Dreiviertel meines Lebens darauf zugebracht, ſein freundliches Murmeln und ſein zorniges Brüllen verſtanden, und hat es mich doch ſo lange, ſo weit und immer ſo ſicher an ſeinem Buſen getragen! Und nun?“— Und auch er ſank hier oben im Angeſicht des blauen Himmelsdo⸗ mes und des von Gott geſchaffenen weiten Meeres nieder und betete laut: „Wohlan denn, ich gehe! Ich danke Dir, mein 172 Gott, für allen Segen, den Du mir in tauſenderlei Geſtalt aus Deinen Wolken hier herabgeſandt haſt. Segen und Fruchtbarkeit, Wärme und Kälte zu rech⸗ ter Zeit haſt Du mir gegeben und Freude und Genuß iſt dadurch alle Tage hervorgeſproßt, wo mich Dein leuchtendes Auge geweckt hat. Daß ich jetzt Schmerz und Trübſal habe— nun wohl, dazu haſt Du mir ja eine männliche Seele gegeben, und wir Alle wer⸗ den mit Deiner Hülfe den Schlag überwinden, der uns bedroht. Ich danke Dir alſo auch für dieſe feſte Seele, o Gott, und bitte Dich, laß Deinen Segen auf dieſem Lande, dieſer Stätte ruhen, wenn mein Fuß ſie nicht mehr betritt, mein Auge ſie nicht mehr ſchaut!“ Und mit gewaltiger Selbſtüberwindung riß er ſich endlich von der Stätte los, ohne noch einen Blick auf das Meer zu werfen, damit es ihn nicht wieder ver⸗ locke— und dann rückwärts über das breite grüne Land hinſchauend, welches er einſt das Seine nannte, winkte er mit ſeinen Armen grüßend darüber hin und— ſtieg langſam hinunter. Als er im Hofe anlangte, fand er denſelben un⸗ gewöhnlich ſtill, denn die Dienſtleute waren beim Eſ⸗ ſen und ſeine Familie erwartete ihn im Speiſeſaal. Als er dieſe öde Stille auf dem ſonſt ſo belebten 4 173 Hofe ſah, beſchlich ihn ein dumpfes Vorgefühl von dem Schweigen, welches hier herrſchen würde, wenn er heute Abend ſelber das Gut verlaſſen hätte, und von einer ſeltſamen Empfindung bedrückt, als ob dieſe Räume nichts Heimatliches, Gemüthliches mehr für ihn umſchlöſſen, in keiner Verbindung mehr mit ihm ſtänden, oder wohl gar ſchon ein ihm feindlich geſinn⸗ tes Element beherbergten, ſehnte er ſich, ſie ſo ſchnell wie möglich zu verlaſſen. Im Gartenſaale fand er alle Mitglieder ſeiner Familie ſchweigſam auf den Stühlen umher ſitzend und ihn erwartend. Er nickte ihnen einen Gruß mit dem Kopfe zu und zog die Glocke. Das war das Zeichen, daß man das Eſſen auftragen ſolle. Alle ſtellten ſich jetzt auf ihre Plätze um den Speiſetiſch, beteten leiſe und ſetzten ſich dann. Kein Wort wurde geſprochen, Keiner blickte den An⸗ deren an, um nicht durch das trübſelige Geſicht deſ⸗ ſelben an die gegenwärtige Lage noch mehr erinnert zu werden. Da ging die Thür auf und herein trat Ernſt Ba⸗ ring, der jetzt gewöhnlich bei Tiſche bediente, und hin⸗ ter ihm die alte Hausmagd, die heute zum letzten Male ihren Dienſt in des Capitains Familie verrich⸗ tete, denn ſie kehrte zu ihren Verwandten nach Bars⸗ mark zurück. Ihre dickverſchwollenen Augen deuteten 174 genügend an, welche Gefühle auch ihr Herz bewegten. Sonſt hatte ſie immer ſchweigend die Suppe vor die Hausfrau geſtellt und ſich dann hinter ihren Stuhl begeben, heute aber führte ſie nur den erſten Theil dieſer althergebrachten Sitte aus, denn als ſie die Suppe auf den Tiſch geſtellt, vergaß ſie ihren Dienſt, faltete die Hände, brach in lautes Schluchzen aus und preßte die Worte hervor:„Ach lieber Gott, ach lieber Gott, das iſt die letzte Suppe für meine gute Herrſchaft!“. Kaum hatte ſie dieſe Worte mehr ausgeſtoßen als geſprochen, ſo brach der zurückgehaltene Strom Aller mit einer wahren Leidenſchaft hervor. Alle weinten und ſchluchzten laut, worüber Andreas verwundert ſein Haupt erhob und ſich rings umſchaute. Als aber der erſte heftigſte Schmerzesausbruch vorüber war, ſtand er von ſeinem Stuhle auf und blickte je⸗ den Einzelnen fragend an.„Was weint Ihr, meine Lieben?“ ſagte er ſanft,„Bezwinget Euern Schmerz und richtet Eure Gedanken zu Gott empor, der Euch noch ſo Vieles gelaſſen hat, nachdem er Euch blos⸗ Eure bisherige Heimat entzogen. Blicket Euch um — ſind wir nicht Alle bei einander? Ein Freund fehlt uns zwar, der mit zu unſerer Familie gehört, aber er wird nicht immer fehlen, nur Stunden und Tage liegen zwiſchen ihm und uns, und ſeine er⸗ munternde Stimme wird uns bald wieder begrüßen. Sind wir alſo nicht glücklich zu nennen, daß wir noch Alle beiſammen ſind? Kann ſich nicht Einer auf den Anderen ſtützen, Einer den Anderen tröſten? O, ſtützet Euch auf mich, und ſoweit und ſoviel es meine ſchwachen Kräfte vermögen, will ich Euch auch zu tröſten verſuchen!“ „Ach!“ ſeufzte Gertrud,„aber wir ziehen ja in die Fremde!“ „Ja, in die Fremde— dahin ziehen wir freilich, aber ſie wird es uns nicht lange bleiben, denn auch hier waren wir einſt fremd, und jetzt iſt uns jeder Baum feſt in's Herz gewachſen. So wird es auch an anderen Orten ſein. Oder glaubt Ihr, daß Got⸗ tes Sonne an dieſen anderen Orten nicht ſo glän⸗ zend ſcheint wie hier?— O, jammere nicht, mein treues Weib, ſo ſehr um dieſe Heimat, wir haben ja Alle auf Erden keine, und was Du ſo nennſt, das wird er Dir geben, und Regen und Sonnenſchein wird er auf unſere Felder ſenden, und gute und ehr⸗ liche Menſchen wird er uns auch entgegenführen, wie er es hier gethan hat. Wohlauf denn und ſeid ge⸗ troſt! Die Welt iſt groß und viele Häuſer hat des Menſchen Hand erbaut und unter allen läßt ſich ar⸗ 176 beiten und ruhen, wenn dieſer Menſch ſelbſt zufrieden und gottgetreu iſt. So ſtillet denn Eure Thränen und eſſet die Speiſe, die uns auch heute Gott gege⸗ ben— und er wird auch morgen und künftig für Euch ſorgen. Amen!“ Alle ſetzten ſich nach dieſen Worten; die Mutter füllte die Teller und Ernſt Baring trug ſie herum. Keiner aber ſprach ein Wort während der folgenden Mahlzeit und nie war eine ſo ſchweigſam in Em⸗ merslund abgehalten worden. Als das Eſſen vorüber war, blieben Alle im Saale zurück. Auf Andreas' Anordnung mußte Alles an Kleidern und ſonſtigen mit in die Wagen zu nehmen⸗ den Gegenſtänden im Zimmer bereit liegen, damit kein Augenblick verloren gehe, wenn die Zeit zur Ab⸗ fahrt gekommen wäre. So liebte er es, ſo hatte er es immer gehalten. Helene ſprach leiſe mit Friedrich, Agathe mit der Mutter, Andreas ging ſtill auf und ab. So verging eine halbe Stunde und oft ſah der Capitain nach der Uhr, die er beinahe immerwährend in Händen hielt. Da traten die drei Capitaine vom Garten herein, die Tücher vor den Augen haltend und beinahe nicht wagend, einen Blick auf die Schei⸗ denden zu werfen. Kaum aber hatten ſie Andreas ernſtes Antlitz bemerkt und den Wink verſtanden, 177 ihren Schmerz zu bewältigen, ſo faßten ſie ſich und fingen ihre Reden an, die ein ſeltſames Gemiſch von Traurigkeit und Hoffnung auf Wiederſehen bildeten. „Macht es kurz, meine Freunde!“ rief ihnen wieder⸗ holt Andreas zu.„Ihr ſeht ja, wie es hier ſteht!“ So drängten ſie ſich denn um ihn und ſchüttelten ihm die Hände und flüſterten leiſe, ſo leiſe ſie flüſtern konnten.„Mir iſt zu Muthe, Captain,“ ſtöhnte Kühlwetter,„als ob ich meine Flagge vorm Feinde geſtrichen hätte.“—„Und mir,“ ſagte Meviſſen,„als ob mir das Steuer meines beſten Schiffes zerbrochen wäre!“—„Ach!“ ſeufzte der lahme Bardow,„als ich die alte Lore verlor, war ich traurig, ſehr traurig — aber heute— heute bin ich leck durch und durch!“ Und er zog wieder ſein Tuch vor' Geſicht und heulte dahinter, wie eine tobende Windsbraut. „Wollen wir noch ein Glas zum Abſchiede trin⸗ ken, Freunde?“ fragte Andreas plötlich. Alle Drei riſſen die Augen auf und ſchauten ihn muthig an.„Ja!“ riefen ſie Alle wie auf Commando und Gertrud ging ſogleich hinaus und ließ einige Flaſchen und Gläſer bringen, die ſie für dieſen Fall in Bereitſchaft gehalten hatte. So tranken ſie ſich gegenſeitig Muth zu und auch die Frauen thaten ihnen Beſcheid, wie es im Norden die Sitte mit ſich bringt. A. Burns. IV. 12 178 Andreas aber war es dadurch gelungen, eine an⸗ dere Stimmung hervorzurufen, denn er kannte ja ſeine Freunde. Als ſie aber nun im harmloſen Plau⸗ dern mit der Familie begriffen waren und nicht mehr von Scheiden und Wiederſehen ſprachen, löſte ſich Andreas von ihnen los, ging in den Hof und ſah in den Ställen nach, ob Alles bereit ſei, wie er es an⸗ geordnet. Alles war nach ſeinen Befehlen geſchehen, die Pferde ſtanden angeſchirrt und geſattelt, die Knechte gerüſtet daneben.„Wann geht es los?“ fragte der alte Peter, der die vier Schimmel vorm Familien⸗ wagen fahren ſollte. 1 „Sobald Hans Blachmann zurück iſt— auf ihn warte ich allein. Joachim, Du fährſt mit dem erſten Packwagen voran— biſt Du bereit?“ „Alles bereit, Cap'tain?“ „So iſt es gut. Steige Einer auf die Warte und ſchaue nach Apenrade hinunter. Sobald er einen Reiter kommen ſieht, meldet er es mir.“ So verging die Zeit. Andreas wurde ſchon un⸗ geduldig, obſchon es noch nicht vier Uhr war. Er lief ab und zu, ſah nach Dieſem und Jenem und kehrte, immer mit der Uhr in der Hand, die ihm nie ſo langſam gegangen war, in das Zimmer zurück, denn er fühlte ſich von einer Unruhe verzehrt, wie er 179 ſie nie in ſeinem Leben empfunden hatte und die ihm eben ſo peinlich wie unerklärlich war. Endlich um halb fünf Uhr ſprang ein Matroſe von der Warte herunter.„Er kommt!“ rief er in's Zimmer hinein—„Ich habe ihn geſehen!“ Und ſo war es; fünf Minuten ſpäter trabte Hans Blachmann in den Hof, der ihm ſchon geöffnet war, ſchwenkte den Hut und rief ſein freudiges:„Halloh, Cap'tain!“ „Seid Ihr da, Junge?“ rief dieſer fröhlich und trat an das triefende Pferd, das l luſtig wieherte, als es ſeinen Stall vor ſich ſah. Hans Blachmann zeigte einen vom ſcharfen Ritt gedunſenen Kopf, hatte ſteife Glieder und konnte kaum vom Sattel herunter. An⸗ dreas half ihm ſelber und fragte, ob er auch heil da⸗ von gekommen ſei? „Erſt recht, Cap'tain— und der Däne auch— bei Gott, ein herrliches Thier!“ „Nun, dann behaltet ihn zum Andenken an mich und an dieſen Ritt!“ Hans Blachmann riß die Augen weit auf—„Ich ſoll Hamlet den Dänen haben, Herr?“ „Ja,“ verſetzte Andreas, ihm die Hand ſchüttelnd. „Ihr habt ihn verdient.“ 12* 180 „Nun, dafür bringe ich auch gute Botſchaft, Cap'⸗ tain!“ „Woher wißt Ihr, daß ſie gut iſt— Ihr habt alſo den Cap'tain Buhſt getroffen?“ „Erſt recht— und daß die Botſchaft gut iſt, ſagte er mir ſelber. Reit' zu, reit zu, Kerl, ſagte er beim Abſchiede, als er mir den Brief gab, damit er zur rechten Zeit ankommt, Deinem Herrn iſt viel daran gelegen— Du trägſt ihm eine gute Botſchaft zu. Und da iſt der Brief, Cap'tain.“ Andreas überhörte Alles, er hatte nur den Brief im Auge. Er eilte damit in's Zimmer, riß ihn auf und las folgende herzliche Worte: „Mein armer Freund! Daß Du in ſo großer Noth biſt, ſchmerzt mich tief, aber ich habe der⸗ gleichen vorhergeſehen. Säume keine Stunde län⸗ ger und komme ſogleich. Daß Du mir immer willkommen biſt, wußteſt Du ſchon, als Du an mich ſchriebſt, alſo ſpreche ich nicht davon— Du biſt ein Schleswiger und ich ein Holſteiner, und das iſt Eins, ſo lange der alte Gott im Himmel lebt. Mein Haus in Marſchlund ſteht leer und ganz zu Deiner Verfügung. Damit Du Alles zu Deinem Empfange daſelbſt vorbereitet findeſt, gehe ich ſchon heute Nachmittag ſelber dahin, denn ich 181 muß der Erſte ſein, der Dich in der neuen Heimat willkommen heißt. Bei uns iſt tiefer Frieden auf der Oberfläche, aber unten grollt und ſprudelt es. Von den Dänen merkt man nichts. In Rends⸗ burg aber giebt es alle Hände voll zu thun, denn ſie haben beſchloſſen, wie Männer zu fechten, und zu ſiegen oder zu ſterben. Leider dürfen wir ſelber nicht mit, denn auf uns ſehen viele Augen, für die wir leben und wirken müſſen. Gott gebe fei⸗ nen Segen! Eile, eile, es erwartet Dich jede Stunde Dein alter Kamerad, Freund und Bruder.“ „Gott ſei gedankt!“ rief Andreas mit einem lau⸗ ten Seufzer.„Ich wußte es ja! Nun aber vor⸗ wärts, Kinder, ich habe keine Ruhe mehr; der Boden von Emmerslund brennt unter mir. Macht Euch fertig, ich werde die Wagen abfahren laſſen.“ „Ihr wollt doch nicht ſchon bei Tage fort?“ fragte der alte Bardow.„Wartet noch ein paar Stunden, die Nacht iſt ſicherer als der Tag und der Mond bleibt hell— wir haben einen ſteifen Südoſt! Bah!“ Das letzte Wort ſagte er zu ſich ſelber, denn An⸗ dreas war ſchon auf dem Hofe und ließ die drei Laſtwagen anſpannen. Das Werk war in wenigen Minuten geſchehen; ſobald der erſte fertig war, fuhr er ab. Andreas fiel es wie Blei von den Schultern, 182 als er die vorderſten Räder über die Steine des Ho⸗ fes rollen hörte. Er konnte auch keine halbe Stunde warten, bis er den zweiten abfahren ließ, nur gebot er ihm, langſam zu fahren, um den erſten nicht ein⸗ zuholen. Zehn Minuten nach dem zweiten folgte der dritte. „So!“ ſagte Andreas nun zu ſich ſelber.„Sie ſind weg. Nun, Peter, führt die Schimmel heraus und legt ſie vor den großen Wagen— Claus, vor⸗ wärts, die Füchſe vor den kleinen— halloh, alle Händ' angelegt, Burſche!“ Die Befehle des Herrn, mit dem alten gebieteri⸗ ſchen Tone geſprochen, wurden ſogleich vollſtreckt. So war allmälig Alles zur Abfahrt bereit. Als die Frauen vom Fenſter aus die Anſtalten dazu ſo eilig treffen ſahen, fingen ſie auch an ſich zu rüſten, nur Gertrud nicht, denn ſie konnte ſich ſo ſchnell von ihrem Hauſe nicht trennen, da ſie erſt den Abend zur Reiſe be⸗ ſtimmt geglaubt hatte. Vom Augenblick des wirk⸗ lichen Abſchiedes ergriffen, vergaß ſie Andreas Anord⸗ nungen, lief weinend im ganzen Hauſe umher, drückte den zurückbleibenden Mägden wiederholt die Hände und hatte ihnen noch tauſend verſchiedene Dinge zu ſagen. Andreas bemerkte die Zögerung ſehr wohl, aber er wollte ihr den kleinen Troſt nicht entziehen, 188 den ſie, wie er wußte, aus ihren Klagen ſchöpfte, ob⸗ gleich er gern raſcher fortgekommen wäre. Deshalb begab er ſich wieder in den Hof; und da er Alles in Bereitſchaft, die Pferde vor den Wagen, die Kutſcher Peitſche und Zügel in der Hand halten ſah, um welche herum die drei Capitaine beinahe verdutzt vor Weh ſtanden, trat er an die Hundehüttten, löſte eigen⸗ händig die Ketten der Doggen und ſagte:„Ihr geht auch mit!“— Die Hunde heulten übermäßig und umſprangen die Pferde, denn ſie wußten nun, daß ſie nicht allein zu Hauſe bleiben ſollten. In dieſem Augenblick trat Agathe, ſchon den Hut auf dem Kopfe, in die Hausthür und rief den Vater hinein, der ſogleich ſeinen Mantel und Hut ergriff, die auf einem Stuhle lagen.„Was willſt Du, mein Kind?“ fragte er ſanft, in dieſem Momente mehr erſchüttert, als er ſelber für möglich gehalten. „Bitte, komm geſchwind— ſo eben iſt ein Herr vom Strande herauf in den Garten getreten und blickt ſich nach allen Seiten um.“ „Laßt ihn nicht herein, damit er nicht unſere An⸗ ſtalten ſieht,“ rief Andreas, warf Mantel und Hut wieder hin und ſchaute in den Garten, an deſſen Ende er ſogleich einen alten Mann wahrnahm, der ſich langſam dem Hauſe näherte. Er ging an einem 184— Krückſtocke und hinkte etwas, war fein wie ein vor⸗ nehmer Reiſender gekleidet und hatte ein ehrwürdiges Anſehen. „Der thut uns nichts!“ ſagte Andreas zu ſich, trat ſogleich in den Garten und ſchritt ſchnell dem alten Herrn entgegen, der ſtehen blieb, als er den Ca⸗ pitain ſich ihm nähern ſah. Als dieſer ihn erreicht hatte, erkannte er einen Fremden, wenigſtens erinnerte er ſich nicht, ihn je geſehen zu haben. Der Fremde nahm tief den Hut ab, verneigte ſich ehrerbietig und ließ dabei ein ſüßes Lächeln über ſein wohlgenährtes und etwas dunkelfarbiges Geſicht laufen, was aber Andreas nicht genau beachtete, da er augenblicklich mit ganz anderen Dingen beſchäftigt war. „Habe ich die Ehre, den Capitain Burns vor mir zu ſehen?“ fragte der alte Herr verbindlich. „Ja, mein Herr, der bin ich— wen habe ich die Ehre—?“ 3 „Pſt! Mein Herr— ſind wir allein? Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen zu erkennen geben darf— ich fürchte mich vor den Schweden, die hier herum ſtehen ſollen—“ „Sie irren ſich, die Schweden ſind nicht in der Nähe— auch ſind wir allein und Sie haben hier Niemand zu fürchten.“ 185 „Doch, doch— ich bin ein alter Mann, wie Sie ſehen, und die Zeiten ſind für Unſereins trübe— ich— habe Ihnen einen Gruß zu bringen— von einem Freunde— an den Sie vielleicht jetzt nicht denken.“ „Von wem? Nennen Sie ihn mir.“ „Ich habe erſt vor acht Tagen Kopenhagen ver⸗ laſſen und dort Henrik Paulſen kennen gelernt—“ „Ach, mein Herr, dann ſeien Sie mir zehnfach gegrüßt— was bringen Sie mir von ihm?“ „Viele herzliche Grüße— er hat Hoffnung, bald bei Ihnen zu ſein— ich konnte ihn nur flüchtig vor meiner Abreiſe ſprechen und da verſprach ich ihm vor allen Dingen zwei Aufträge in dieſer Gegend zu be⸗ ſorgen— einen für Sie— und den andern für Rasmus Harms da drüben im Sundewitt, woher ich ſo eben komme. Ich habe dem alten Harms einen Brief gebracht und er hat mich ſelber herübergefahren.“ „So ſind Sie alſo zu Waſſer gekommen?“ „Ja, Herr Capitain; mein Boot liegt unten an Ihrer Inſel, wie mir Harms ſagte, und ich muß ſo⸗ gleich wieder abfahren, denn mein Wagen erwartet mich im Sundewitt und ich fürchte, daß der Wind gegen Abend heftiger wird.“ Andreas warf einen Blick nach dem Himmel. Die 186 Wolken zogen wirklich etwas ſtürmiſch darüber hin und der Südoſt hatte ſich in einen ſteifen Oſt⸗Oſt umgedreht.„Ja,“ erwiderte er,„es iſt etwas kühlig für Sie auf dem Waſſer, aber es geht noch. Fahren Sie ſogleich wieder ab?“ „Auf der Stelle, ſobald ich Ihnen die Hand ge⸗ ſchüttelt habe, denn meinen Gruß habe ich ja beſtellt. Ich muß heute Abend noch in Schleswig ſein. Wenn Sie noch etwas von Henrik hören wollen, ſo beglei⸗ ten Sie mich ein Stückchen, da Sie wohl nicht in der Zeit ſo bedrängt ſind wie ich.“ „Gern,“ ſagte Andreas arglos, der jetzt nur an Henrik dachte und, Agathen herbeirufend, die in der Gartenthür ſtehen geblieben war, flüſterte er ihr zu: daß er ſogleich zurückkehren werde und daß Alle un⸗ terdeß einſteigen ſollten. Gleich darauf ſchritt er neben dem Fremden her, der den Berg hinab etwas raſcher zu gehen begann, was Andreas nicht un⸗ lieb war. „Meine Sendung in Schleswig iſt geheim,“ ſagte der Fremde;„man kann alſo in dieſen Zeiten nicht vorſichtig genug ſein. Als ich Sie nun ha he ſah, erkannte ich Sie ſogleich, denn der gute Henrik hatte mir eine ſo treue Beſchreibung von Ihnen geliefert, daß Sie nicht zu verkennen waren.“ 187 „Und was macht er— wie ſieht er aus— iſt er wohlauf?“ „Vortrefflich. Das Leben in Kopenhagen bekommt ihm trotz der Gefangenſchaft ſehr gut. Er hat eine leidliche Wohnung. Anfangs zwar mag es ihm nicht ſo gut gefallen haben, da mußte er viel aushalten; als aber dex alte Parrhiſius erſt ſich ſeiner angenom⸗ men hatte, da war das Schlimmſte überwunden. Der hat ihn wie einen Sohn behandelt.“ „Ja, das hat er— er muß ein prächtiger alter Mann ſein—“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte der Herr mit ſeinem freundlichſten Lächeln, wobei jedoch ſein Auge ſeitwärts einen funkelnden Blick warf. „Woher ich das weiß?“ fragte Andreas etwas ſtutzig und ſah ſich ſeinen Begleiter etwas genauer an, deſſen Stimme ihm plötzlich bekannter vorkam, obwohl er ſich nicht beſinnen konnte, wo er ihn ſchon früher geſehen.„Ach,“ ſagte er—„ſagen Sie mir, haben wir uns vielleicht ſchon einmal geſehen? Und wo war das?“. „Nun, ſo rathen Sie einmal— ich denke auch eben daran— wo war das? Aber es war vor Jahren und weit weg von hier—“ Andreas neigte den Kopf und beſann ſich, denn 3 188 es ſchien ihm daran zu liegen, den Mann zu erkennen. Dabei ſchritt er aber immer weiter in Gedanken fort und war jetzt beinahe bis an die Ausmündung des Weges nach dem Strande gelangt. Endlich ſagte er: „Nein, ich finde nichts— helfen Sie mir.“ „Ja, Herr Capitain, ich will Ihnen helfen, aber nicht heute kann ich Ihnen das ſagen, denn meine Zeit iſt abgelaufen, ich muß hinüber; in einigen Wo⸗ chen aber kehre ich zurück und dann erlaube ich mir, auf längeren Beſuch bei Ihnen vorzuſprechen. Bis dahin denken Sie nach, wer ich wohl ſein könnte.“ „Sie werden mir immer angenehm ſein,“ ſagte Andreas, in dieſem Augenblicke nicht daran denkend, daß er in einigen Wochen nicht mehr in Emmerslund ſein werde.„Aber haben Sie es ſo ſehr eilig— ha — was iſt das?“ Andreas blieb ſtehen, denn öſtlich von- Rasmus Harms' Hauſe, dicht unter Warnitz⸗Kopf, lag ein Schooner unter vollen Segeln. Er war ohne Flagge, das hatte des Seemanns Auge auf den erſten Blick erkannt. Plötzlich ſtarrte ſein Fuß zurück— ſeine Arme hoben ſich empor, als ſcheue er ſich, einen Schritt vorwärts zu thun, denn vor ſeinen Augen, vor ſeiner Seele drang ſich ein ſchreckliches Geſicht auf, aus deſſen hohlen Augen ihm die Gefahr rieſengroß ent⸗ 189 gegengrinſte. Dann einen Blick auf ſeinen Gefährten werfend, der höhniſch lachte, ſah er, daß dieſer ſeinen Hut mit der einen Hand, ſeine graue Perücke mit der andern abnahm und ſich aufrichtend ſagte:„Kennen Sie mich noch nicht?“ „Wie? Was ſehe ich? Sie ſind der Spion, der im vorigen Jahre in der Nacht, als die Freiſchaaren hier waren, mir einen Brief meines Sohnes brachte?“ „Ja, Capitain Burns, der bin ich— ich bin Olaf Larſſen und ich verhafte Sie im Namen Sr. Majeſtät des Königs von Dänemark!“ O, wozu werden die Namen der Könige miß⸗ braucht!—— Andreas ſtand wie vom Donner gerührt, denn aus dem Gebüſch an ſeiner Seite traten ſechs Männer mit gezogenen Meſſern hervor, ſchloſſen ſich dicht um ihn und trieben ihn mit Gewalt dem Strande ent⸗ gegen. Andreas, ſo unvorhergeſehen, beinahe im Augen⸗ blick ſeiner Flucht von einer Heimtücke und Uebermacht ergriffen, ſchien willenlos, ein Kind geworden zu ſein, denn er gehorchte und folgte wie ein ſolches beinahe mechaniſch. Keinen Laut gab er von ſich, aber in ſeiner Bruſt ſtieg eine Wolke auf, die einen zermal⸗ menden Blitz in ſich ſchloß. In Zeit von drei Mi⸗ 190 nuten ſaß er in einem Boote, welches am Landungs⸗ platze lag, den man vorher nicht überſehen konnte, weil der Weg am Ende eine Biegung machte, und gleich hinter ihm ſprangen ſeine Feinde hinein, griffen zu den Rudern und trieben es mit ächtem Seemanns⸗ ſchlag durch die hochgehenden Wellen dem Schiffe entgegen. Andreas ſchien nichts zu ſehen; aber er ſah Alles, was für ihn zu ſehen war, und das war viel. Das Boot war zu klein für acht Menſchen bei hohem Wellen⸗ ſchlag. Der Schooner war weit entfernt, die Gefahr alſo, der man ſich ausſetzte, nicht gering. Andreas ſaß in der Nähe des Steuers, deſſen Handhabe der commandirende Offizier, einer der ſechs Männer, der zu ſeiner Rechten ſaß, gefaßt hatte; ihm zur Linken, dicht an ihm, ſaß der Betrüger, der Verräther, der Spion— Olaf Larſſen, der ſich den Schweiß von der Stirn trocknete, den ihm das Mühſal ſeines traurigen Berufs und die Freude des Gelingens ſeines teufliſchen Planes hervorgelockt. Andreas, ſtarr wie ein Bild von Stein, mit marmornen Zügen, ohne Regung und faſt ohne Athem, ſchien ſeine Gedanken ver⸗ loren zu haben. Wer aber glaubte, er denke nicht, der hatte ſich ſchwer geirrt. Denn er dachte in die⸗ ſem bedeutungsvollen Augenblicke Größeres, Schreck⸗ 191 licheres, als er je zuvor gedacht. Plötzlich raffte er ſich zuſammen und ſchüttelte ſich wie ein Löwe, der den Kampf mit einem Elephanten beginnen will. Sein Auge glühte wild auf wie eine verzehrende Flamme und mit dieſem glühenden Auge blickte er Olaf Larſſen an. „Was ſehen Sie mich ſo troſtlos an?“ fragte dieſer höhniſch. „Können Sie den Blick eines Mannes nicht er⸗ tragen?“ „Sie haben nicht den Blick eines Mannes, ſon⸗ dern den eines Tigers.“ „Sagen Sie eines Löwen, denn dazu haben Sie mich aus einem Menſchen gemacht.“ „Wenn Sie nur den Blick eines ſolchen haben, ſo fürchte ich Sie nicht— nur ſeine Klauen ſind furchtbar.“ „So? Meinen Sie? Dann will ich ſie Ihnen zeigen. Hollah! Glaubt Ihr den Andreas gefaßt zu haben? So haltet ihn feſt, wenn Ihr könnt!“ Und indem er dies ſprach oder eigentlich mehr brüllte mit ſeiner Donnerſtimme, hatte der Löwe ſeine Klauen ſchon ausgeſtreckt; mit der Rechten den Kra⸗ gen des Steuermanns, mit der Linken den Olaf Larſſen's faſſend, erhob er, ehe ein Menſch es ver⸗ 192 muthete, denn Alles geſchah mit Blitzesſchnelle, Beide von ihren Sitzen mit Rieſenkraft, ſtieß ihre Köpfe zuſammen, daß ſie taumelten, warf den Einen rechts, den Andern links über Bord und ſtand gleich darauf ſelbſt auf dem äußerſten Rande des kleinen Bootes. Dann eine hoch heranbrechende Welle benutzend, gab er ihm einen Druck in die Tiefe, daß es Waſſer ſchöpfte, umſchlug und, ſelbſt mit einem gewaltigen Satze in's Meer ſpringend, ſchwamm er dem ihm zunächſt liegenden Lande zu. Er war ein Schwimmer wie ſelten ein Seemann, 8 dabei ſtark und beſonnen. Mit furchtbaren Armſtößen durchbrach er die Wogen und da er mit ihnen ſchwamm, kam er raſch vorwärts. Hinter ihm aber kämpften ſieben Männer, unvermuthet in's Waſſer geſchleudert, mit den Wellen, fünf hielten ſich an dem mit dem Kiel nach oben ragenden Boot, das ſie ſchnell ergriffen hatten und welches auch bald nach⸗ her, obgleich mit ſchwirrenden Sinnen, der Steuer⸗ mann erreichte; der ſiebente aber, Olaf Larſſen, ſchrie laut um Hülfe. „oHülfe, Hülfe!“ tönte der aus kochender Bruſt ausgeſtoßene Schrei in Andreas' Ohren—„Rettet mich— rettet mich, ich kann nicht ſchwimmen— ich ſinke— o Gott, o Gott!“ 193 Aber es gab im Bereiche der Stimme des Gott⸗ loſen diesmal keinen Erbarmer, alle im Waſſer Lie⸗ genden hatten bei dem hohen Wogengange genug mit ſich ſelber zu thun; einmal, zweimal tauchte er auf, brüllte erſt entſetzlich, dann matter, dann ganz dumpf— da aber hatte ihn die kalte Woge mit ſich hinabgeriſſen und es ward ſtill um den Ort herum, wo die grauſige Scene ſtattgefunden. Unterdeſſen aber hatte Andreas das ufer erreicht. Er ſchüttelte ſich das ſchwere Waſſer aus den triefen⸗ den Kleidern, warf einen Blick hinter ſich und da an eine Verfolgung für die nächſte Zeit nicht zu denken war, lief er mit gemäßigter Eile den Berg hinauf.— Oben im Hofe hatte kein Menſch eine Ahnung von dem Vorgefallenen, nur wunderten ſich Alle, daß Andreas ſo lange mit dem alten Herrn fortblieb⸗ Agathe hatte ſeinen Befehl, daß Alle einſteigen ſoll⸗ ten, überbracht, und ſo ſaßen ſie ſchon eine Weile im Wagen, den Hausherrn erwartend. Als er aber immer länger ausblieb, wurden ſie unruhig und Kühlwetter und Moviſſen liefen durch den Garten den Berg hin⸗ unter, auf demſelben Wege, den der Capitain hinab⸗ gegangen war. Aber da kam er ſchon den Berg heraufgekeucht.„Vorwärts!“ ſchrie er halb athemlos, „Vorwärts, was die Pferde laufen können!“ Die A. Burns. IV. 3 13 4æ —-—;—;3—— 194 Capitaine hatten mit einem Blick auf ihres Commo⸗ dore’'s naſſe Kleider den Zuſammenhang begriffen. Mit ihm zugleich ſtürzten ſie dem Hofe zu.„Vor⸗ wärts!“ ſchrieen ſie nun ſelbſt den Kutſchern zu und dieſe, da ſie ihren Herrn mit der Hand bedeutſam winken ſahen, riefen ihre Pferde an und dieſe ſtoben zum Hofthore hinaus, daß die Funken ſprühten. Andreas aber, ohne ſich um ſeine naſſe Kleidung zu kümmern, denn Aehnliches hatte er in ſeinem Le⸗ ben zu oft verſucht, warf raſch ſeinen Mantel um, ſetzte ſeinen Hut auf, drückte den drei Capitainen, die ganz verblüfft vor ihm ſtanden, die Hand und ſchwang ſich auf ſeinen Grauſchimmel, der ſchon un⸗ ruhig den Boden ſcharrte, da er ſich allein zurückblei⸗ ben ſah. So lange er im Hofe war, grüßte er mit Hand und Mund die alten Freunde, dann aber jagte er den beiden voranfahrenden Wagen nach, die er bald einholte. Starr vor Verwunderung und Schrecken blickten ihn die Seinigen an, als ſie das Waſſer aus ſeinen Haaren und von ſeinen Stiefeln hernieder⸗ rinnen ſahen, bald aber hatten ſie Alles erfahren und ſie dankten Gott aus der Fülle ihres Herzens für die wunderbare Rettung. In einer Viertelſtunde waren ſie mit ihren galoppirenden Pferden ſchon längſt aus dem Bereich ihrer Verfolger, wenn dieſe etwa daran 195 denken ſollten, ihr gänzlich mißlungenes Werk wieder aufzunehmen.— Etwa eine Stunde ſpäter erſchien ein däniſcher Seeoffizier mit zehn bewaffneten Matroſen, die in der Schaluppe des Schooners an Land gekommen waren, auf dem Hofe zu Emmerslund und fragte nach Capitain Burns. „Capitain Burns?“ ſagte Kühlwetter ſcheinbar verwundert, der dieſen Beſuch ſchon erwartet hatte. „Der iſt ſchon lange nicht mehr hier— was wün⸗ ſchen Sie von ihm?“ „Wo iſt er?“ herrſchte der Däne den ruhigen Deutſchen an. „In Holſtein, mein Herr!“ „Wie, war er es nicht, den man vorher gefangen nahm?“ „Sie ſind im Irrthum, mein Herr. Captain Burns iſt in Holſtein und hat dies Gut an Cap'tain Struenſee verkauft, der morgen hier einziehen wird.“ „Wie— iſt das wahr? Struenſee aus Hadersleben?“ „Derſelbe, mein Herr!“ „Aber Sie werden mir doch erlauben, das Haus zu durchſuchen?“ „Mit dem größten Vergnügen, ich bin Cap'tain Struenſee's Aufſeher, ſo lange er abweſend iſt.“— 13 8 196 Als aber der däniſche Offizier durch das menſchen⸗ leere und ausgeräumte Haus ſchritt, glaubte er Wahr⸗ heit in Kühlwetters Ausſage zu finden und entfernte ſich brummend. Eine Weile noch hielt er ſich mit ſeinen Leuten am Strande auf und ſchien etwas zu ſuchen. Aber er fand nichts. Erſt zwei Tage ſpäter wurde an die Inſel ein Leichnam angeſpült gefunden, den keiner der Anweſenden kannte, aus deſſen Pa⸗ pieren aber, die er wohlverwahrt bei ſich trug, man erſah, daß er Olaf Larſſen, ein Polizeiagent aus Kopenhagen ſei. ——˖—— Siebentes Bapitel. Marſchlund. Einen großen Bogen um Apenrade beſchreibend, ſetzten die Flüchtlinge in ununterbrochener Eile ihre⸗ Reiſe fort; erſt bei Brunde hinter Ries Jarup wandten ſie ſich ſüdlich und verfolgten nun eine der Neben⸗ ſtraßen bis Bau, von wo ſie, weſtlich um Flensburg herumfahrend, auf demſelben Wege in die Huſumer Straße gelangten, auf welchem vor beinahe zwei Jahren Henrik Paulſen dem Manne ſich entzog, wel⸗ cher ſo eben im Waſſertode den Lohn ſeiner böſen Thaten gefunden hatte. Ohne ein einziges Mal an⸗ zuhalten, ſtets in ſtarkem Trabe vorrückend, über⸗ ſchritten ſie die Demarkationslinie, ohne von irgend einem Menſchen wegen ihrer Reiſe befragt zu werden, denn es war damals nichts Neues, ganze Familien 198 mit ihren Habſeligkeiten den Norden verlaſſen und ſich nach dem Süden wenden zu ſehen. Bei glänzendem Vollmonde und wieder ruhig gewordener Luft langten ſie gegen zehn Uhr Abends in Wandrup an. Hier kannte Andreas den Beſitzer einer Herberge und bei ihm beſchloß er einige Stunden zu raſten und die Pferde verſchnaufen zu laſſen. Der deutſch geſinnte Wirth empfing die ſpäten Gäſte ſehr freundlich, und nachdem Andreas ſeine Kleider gewechſelt, die zwar bei dem ſcharfen Ritte an ſeinem Leibe trocken ge⸗ worden, aber ſchwer und ſtarr geblieben waren, ſetzte er ſich mit ſeiner Familie um den Theetiſch und er⸗ zählte ausführlich die Schlußſcene von Emmerslund. Ob der Polizeiſpion ertrunken, wußte er nicht, erfuhr es aber einige Wochen ſpäter, als er die erſte Nach⸗ richt vom Andreasberg empfing. Von den innigſten Dankgefühlen gegen Gott für die Rettung aus ſo großer Gefahr bewegt, ſprachen die Frauen während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts in Wandrup über nichts als das eben Gehörte, bis ſie Andreas bat, davon zu ſchweigen und ihre Aufmerkſamkeit nicht auf die Vergangenheit, vielmehr auf die Gegenwart und Zukunft zu richten. 3 Man beabſichtigte eigentlich die Reiſe um Mitter⸗ nacht ſchon wieder fortzuſetzen, da aber Andreas erſt 199 ſeine Wagen erwarten wollte, die dieſelbe Straße ge⸗ wählt hatten, ſo zögerte er etwas länger. Eine Viertel⸗ ſtunde nach Mitternach kam der erſte, um Punkt ein Uhr der letzte, und nun ſtiegen ſie endlich wieder ein und ſetzten ihren Weg fort, während die Laſtwagen zurückblieben. In mäßigem Trabe bewegten ſie ſich auf der ſchönen Straße nach Huſum fort, und gegen ſechs Uhr Morgens hielten ſie bei der Mühle zu Oſterhuſum an, mit deren Pächter Andreas bekannt war. Hier ſpannten ſie die Pferde aus und beſchloſſen einige Stunden zu ruhen. Als ſie in des Müllers, eines eben ſo wohlhabenden wie vortrefflichen Man⸗ nes,— Paap iſt ſein Name— Beſuchſtube traten, die nichts vermiſſen ließ, was die Bequemlichkeit und der Luxus in einer großen Stadt zum angenehmen Leben für erforderlich gehalten hätte, hörten ſie das Rauſchen der Nordſee, die in den kleinen Bach, der die Mühle treibt, von der Weſtküſte her eindringt und bei der Fluth ſeinen Spiegel zweimal des Tages um ſechszehn Fuß ſteigen macht. Sie waren alſo ſchon weit von ihrer Heimat entfernt und hatten in einer kurzen Nacht die ganze Breite des Herzogthums Schleswig in ſchräger Linie durchmeſſen. Um zehn Uhr Morgens, als die Familie beim Frühſtück ſaß, wie es nur die liebenswürdige Frau des Müllers von 200 Oſterhuſum ſo lecker zu bereiten verſteht, langten die drei Laſtwagen an, und da Andreas einige Freunde in Huſum zu beſuchen hatte, ſo ging er in die nahe Stadt, in welcher preußiſche Truppen lagen und ſich in Folge der gaſtlichen Aufnahme der Einwohner äußerſt wohlgemuth befanden. Nach Tiſche aber war endlich die Zeit des Aufbruchs gekommen. Um zwei Uhr beſtiegen ſie Pferd und Wagen und fuhren durch das freundliche Huſum, welches die Brandung der Nordſee beſpült, am Meeresufer entlang ihrem nahen Ziele entgegen. Da öffnete ſich plötzlich die Gegend und man glaubte wie durch ein unſichtbares Thor in ein ganz anderes Land gekommen zu ſein. Die trock⸗ nen, kahlen, ſandigen Strecken, die das Herzogthum Schleswig in ſeiner Mitte zeigt, lagen hinter ihnen und das weite grüne Marſchland that ſich auf, einen ſo merkwürdigen Anblick darbietend, wie ihn die rei⸗ ſenden Frauen nie gedacht und geſehen hatten, denn daſſelbe iſt eben ſo eigenthümlich wie lieblich in ſei⸗ ner Art und weicht von allen übrigen Gegenden der Welt auf eine hervorſtechende Weiſe ab. Leſer! Haſt Du ſchon die weſtlichen Marſchen Schleswigs und Holſteins geſehen? Wenn Du ſie nicht geſehen, ſo wirſt Du Dir keine richtige Vor⸗ ſtellung davon machen, wenn Du denkſt, daß es blos 2 4 3 201 ein wie alle übrigen fruchtbaren Länder mit gutem Boden geſegnetes Land ſei. Fruchtbar ſind dieſe Marſchen gewiß, aber dieſe Fruchtbarkeit iſt ganz eigenthümlicher Art, denn die Natur bringt hier zwar jederlei Getreide hervor, wenn man es erzielen will, ihr Hauptwuchs aber iſt die Weide, grüne, ſaftige, in der Sonne wie Gold glänzende Weide, auf wel⸗ cher ein großer Theil der Heerden erzeugt wird und gedeiht, die ſich von hier aus über halb Europa ver⸗ breiten. So weit Dein Auge nach Süden und Oſten geicht, ſiehſt Du nichts, als ein grünes lachendes Feld, in unabſehbare Ebenen ſich ausdehnend, auf welchem Millionen weißer und bunter Blümchen prangen. Von leichtem Stangengerüſt eingepfercht erblickſt Du die große Rieſenfläche in verſchiedene kleinere Felder getheilt, welches die Gränzen des Eigenthums der vielen einzelnen Beſitzer andeutet. Durchfloſſen, be⸗ wäſſert, fruchtbar gemacht ſind dieſe Wieſen von zahl⸗ loſen kleinen Kanälen, in deren glänzendem Spiegel die lachende Sonne ſich ſo gern beſchaut, und zwiſchen denſelben lagern, freſſen, laufen, jagen ſich Tauſende herrlicher eingeborener Pferde, rieſiger brauner Rinder, Schafe und Gänſe in zahlloſen Heerden, und Millio⸗ nen durch die Luft ſchwirrender kleiner Vögel allerlei Gattung, Größe und Farbe. Nie in ſolchem Umfang 20² und in ſolcher Fülle vernommene Töne, die Zeichen des überall üppig aufquellenden Lebens, aber wohl⸗ lautend gemacht durch den ungemeſſenen Raum, in dem der Widerhall ſich abſchwächt und verliert, durch⸗ dringen die grünen Strecken von einem Ende bis zum andern; der dumpfe Hufſchlag galoppirender Pferde dröhnt vor und hinter Dir, das Geblöke der wolligen Schafe und das Geſchnatter der ſchneeweißen Gänſe hallt milde in Deinem Ohre wider, denn Du hörſt Alles wie aus weiter Ferne und der Schall des ganzen Getöns, welcher Dich umgiebt, iſt gedämpft, als ob der ſammtene Teppich, der die reiche Gottes⸗ flur bekleidet, ihn verſchlänge und ſanfter, lieblicher, ſüßer machte. Bäume ſiehſt Du ſehr wenige, denn der brauſende Wind, der meiſt von Weſten daher⸗ rauſcht, drückt ſie im Wachsthum nieder und hält ſie klein; höchſtens um die freundlichen Wohnhäuſer herum, die hier und da wie behäbige Einſiedler auf ihren erhöhten Wällen aus den grünen Matten her⸗ vortauchen, ſiehſt Du einige wenige Hollundergebüſche, Blumen dagegen ſiehſt Du rings um ſie her genug. Lachend, überaus freundlich und zur heimatlichen Ruhe einladend treten Dir überall dieſe Häuſerchen entge⸗ gen, die der erfindungsreiche Sinn des Menſchen in allen Größen und Geſtalten, je nach ſeinem Bedürfniß 203 und ſeiner Laune, hierher gebaut hat. Alles aber was Du ſiehſt, auch das kleinſte Haus, das engſte Feld, athmet Wohlhabenheit, ja Reichthum; alle Menſchen, die Dir begegnen, grüßen Dich freundlich und ſehen es gerne, wenn Du von ihrem Ueberfluſſe genießeſt und an ihrem Glücke Theil nimmſt; wochen⸗ lang kannſt Du bei Fremden Herberge finden und niemals werden ſie Dir zu erkennen geben, daß Du⸗ ihnen läſtig oder überflüſſig biſt. Einen Feind aber, und doch einen großen Reiz, vielleicht den größten von allen, haben die weſtlichen Marſchen. Das iſt die Nordſee, die an ihren weichen Ufern meiſt wild und toſend fluthet und gern das ſchöne Land verſchlingen möchte, wenn der wachſame Menſch mit ewig regſamer Hand ihrer Willkür nicht entgegen arbeitete. Darum, und um die übermüthige Fluth von ſeiner Hütte abzuhalten, hat er dieſe auf hohe, feſte Dämme geſetzt und ſeine Wege und Stra⸗ ßen meiſt auf ſolchen angelegt, die, wohl über zwan⸗ zig Fuß hoch, das ganze grüne Land in allen Rich⸗ tungen durchkreuzen und durchſchneiden. An dieſen feſtgerammten Wänden und Wällen bricht ſich die Wuth des mächtigſten Elementes, und durchdringt, durchwühlt es auch wohl einmal die eine, ſo hält doch die andere es ſtandhaft auf. Denn in ewiger 204 Bewegung iſt dieſes gewaltige Meer. Entweder es kommt oder es geht, nie ſteht es ſtill, nie iſt es ruhig, und ewig ſchäumt es gegen ſeine Geſtade, wie ein vollblütiges Pferd an ſeinem Gebiß. Und ob im Sturme das Rollen der haushohen Wogen Dich erſchreckt, wenn ſie fluthend und krachend über ein⸗ ander ſtürzen und an dem fetten Boden wie hungrige Wölfe nagen, oder ob Du in mondheller ſtiller Nacht das Bild des leuchtenden Himmels, des Mondes, der Sterne in ſeinem glänzenden Spiegel zurückſtrahlen ſiehſt— immer, immer iſt dieſes Meer groß, ſchön, erhaben, immer reißt es Dich zur Bewunderung, zum Staunen hin, wenn Du Dir auch nicht ſagen kannſt, was Du bewunderſt, worüber Du ſtaunſt— und das eben iſt das Wunderbarſte daran. Ich glaube aber, daß das menſchliche Gemüth nicht allein durch den unbegränzten Raum, die unabſehbare Ferne und Größe des Meeres, ſondern vorzugsweiſe eben durch jene ewige Bewegung gefeſſelt wird, die jeden Augen⸗ blick wechſelt, jeden Augenblick etwas bringt, etwas wegnimmt und immer brauſet und ſchäumt, ſo daß wir die Meinung gewinnen, ein ungeheures, lebendi⸗ ges Weſen wirke unſichtbar darin und webe das Große und Niegeſehene, ſchaffe das Unermeßliche und Wun⸗ derbare— und da wir dieſes lebendige Weſen, wela 205 ches das Meer und die Natur darin ſelbſt iſt, immer ſuchen und nicht finden, der menſchliche Geiſt aber gern ſucht, was er auch nicht finden kann, ſo zieht uns das Meer immer und ewig an, giebt uns ewig ein neues Räthſel auf und wird uns ewig ſchön und neu ſein, wie der Frühling, der alle Jahre mit neuem Glanze und neuer Allkraft wiederkehrt und uns mit Bewunderung erfüllen würde, wenn wir auch Millio⸗ nen Jahre alt werden und ſeine jungfräuliche Friſche immer wieder von Neuem betrachten könnten. Mitten in dieſem grünen Garten Gottes, auf einem mächtigen Damme, kaum hundert Schritte weit vom Strande der Nordſee entfernt, erhob ſich das ſchöne Beſitzthum des Capitain Buhſt, welches er meiſt nur im Frühjahr bewohnte, ſeit dem Aus⸗ bruche des Krieges aber immer nur beſuchsweiſe auf kurze Zeit betreten hatte. Hoch und ſtolz über die grüne Fläche ſich erhebend war es ſchon aus weiter Ferne ſichtbar und hieß bei den Umwohnern das Haus des Millionairs, obwohl ſein Beſitzer weit da⸗ von entfernt war, ein ſo reicher Mann zu ſein, um dieſen Namen mit Recht beanſpruchen zu können. Es hatte im Ganzen eine faſt quadratiſche Form, beſtand aus zwei ganzen und einem halben Stockwerk, welr ches letztere vier Giebel mit Schieferplatten bekleidet 206 zeigte, die ſtreng nach den vier Windrichtungen ab⸗ fielen, und von je zwei runden Fenſtern, ſogenann⸗ ten Ochſenaugen, erleuchtet wurde, von denen aus man die ganze Gegend, Land und Meer, bis in die weiteſte Ferne überſchauen konnte. Die geräumi⸗ gen Wirthſchaftsgebäude lagen zu beiden Seiten, et⸗ was mehr nach dem Meere hin und ſo auf keine Weiſe die Ausſicht hemmend; auch ſie hatten Schie⸗ ferdächer, waren von Stein und Holz zuſammengeſetzt und unterſchieden ſich ſonſt in nichts von anderen ähnlichen Einrichtungen, nur daß ſie ſehr wohl erhal⸗ ten und mit freundlichem grauweißen Anſtrich, wie das Herrenhaus, bekleidet waren. Eine halbe Meile im Umkreiſe, außer in der Rich⸗ tung nach Huſum hin, gehörte alles Marſchland dem reichen Privatmann, der einen vortrefflichen Ver⸗ walter auf ſeinem Gute hatte, und das herrliche Vieh jederlei Art, welches darauf weidete, zählte zu dem ſchönſten und beſtgezüchteten der weſtlichen Mar⸗ ſchen. Im Innern war das ſtattliche Haus, welches auf jeder Seite und in jedem Stockwerke, mit Aus⸗ 3 nahme der unteren Oſtſeite, wo der Eingang lag, ſie⸗ V ben Fenſter zeigte, ſo behaglich und wohnlich einge⸗ richtet, wie man in jenem geſegneten Lande die Häu⸗ ſer der Reichen immer findet, das obere Stockwerk 207 ſogar, welches Capitain Buhſt dem vertriebenen Freunde und ſeiner Familie beſtimmt hatte, ſtrotzte von einem Glanze und zeugte von einem Geſchmacke, wie ihn die einfachen Bewohner von Emmerslund, wenn wir Helenen davon ausnehmen, zu ſehen und zu beſitzen nicht gewohnt waren. Als Andreas auf dem ſchmalen Damme, welcher von Huſum bis Marſchlund führte, ſeinen Wagen langſam voranritt und ſchon von Weitem die fun⸗ kelnde Septemberſonne mit wohlthuendem Glanze die Spiegelſcheiben der neuen Heimat vergolden ſah, pochte ſein Herz einmal wieder vor Freude laut, denn nicht allein die Stattlichkeit des vor ihm liegenden Hauſes, dem man den Reichthum ſeines Beſitzers anſah, erfreute ſeinen Sinn, ſondern der tiefe, faſt athemloſe Frieden, der es rings umgab, und den noch kein Krieg und kein Streit feindſeliger Men⸗ ſchen entweiht hatte, beruhigte ſein Gemüth, wel⸗ ches in der letzten Zeit ſo viele rauhe Stürme über⸗ ſtanden hatte. Da der Weg ſo ſchmal war, daß er nicht gut neben dem Wagen ſeiner Familie reiten konnte— denn nur an gewiſſen Punkten können zwei ſich begegnende Fuhrwerke auf dieſen Dämmen einander ausweichen— ſo war er genöthigt, an der Spitze des Zuges zu bleiben; als er aber noch etwa 208 400 Schritte vom Hauſe entfernt war, hielt er an, ließ auch die Wagen ſtill ſtehen und rief den Seini⸗ gen zu, die neue Heimat ſich aus der Ferne zu be⸗ trachten. In dieſem Augenblicke näherte ſich ein Rei⸗ ter von Marſchlund her, und nicht lange dauerte es, ſo befand er ſich an Andreas' Seite und drückte dem wackern Freunde die Hand. Capitain Buhſt war ein Mann von gefälligem und ſtattlichem Aeußern, der ſeine funfzig Jahre mit der Leichtigkeit und Beweglichkeit eines Dreißigers trug. Das Leben in der Nähe einer glanzvollen Stadt, im Mittelpunkte des deutſchen Welthandels, und der Umgang mit den hervorragendſten Männern ſeines Landes hatten ihm einen äußeren Anſtrich von feine⸗ rer Weltbildung gegeben, als man ſie gewöhnlich bei Leuten ſeines Berufes findet, aber im Innern war er ſo einfach, gerade, anſpruchslos und fern von aller Heuchelei der Welt geblieben, wie es Andreas Burns ſelber war. So bewegte man ſich unter raſch gewechſelten Fragen und Antworten dem Hauſe zu und mittelſt einer Zugbrücke, die zwei über dem tiefer liegenden Marſchland hoch erhobene Dämme verband, gelangte man in den Vorhof des Herrnhauſes, der innerhalb eines mit niedrigem Geſträuche aller Art bepflanzten 209 und von herrlichen Blumen duftenden Gartens lag. Hier ſtieg der Beſitzer des Hauſes vom Pferde, um⸗ armte den alten Freund mit Rührung und be⸗ grüßte die Familie deſſelben mit wenigen aber herzlich gemeinten Worten. Eine Stunde ſpäter hatte jeder Einzelne ſich ſein Zimmer gewählt, wie es ſeiner Neigung zumeiſt entſprach; Gertrud, Helene und Agathe bewohnten die Oſtſeite, die weit über die tauſendfach belebte grüne Fläche ſchaute; Andreas und Friedrich hatten ihre Zimmer nach Weſten gegen das Meer hinaus, während zwiſchen beiden Fronten nach Süden und Norden die Schlafzimmer lagen. Sie fanden in denſelben Alles in Bereitſchaft, wie es der Freund geſchrieben hatte, nichts fehlte an der behag⸗ lichſten Einrichtung, ſelbſt die vorhandenen Diener wetteiferten mit den gekommenen, der neuen Herrſchaft durch Aufmerkſamkeit und Schnelligkeit in allen Hand⸗ lungen das Gefühl der Heimatlichkeit zu erregen und Andreas' Pferde machten es ſich bald auf dem grünen Anger ſo bequem, wie es alle Hausthiere jener Ge⸗ gend gewohnt ſind und alſo am meiſten lieben. Etwa eine Stunde blieben die beiden Männer auf Andreas' Zimmer allein, beſprachen die Gegen⸗ wart und theilten ſich ihre Anſichten über die unaus⸗ bleibliche Zukunft mit, die— erwähnen wir es gleich A. Burns. IV. 14 210 hier— von beiden Seiten als keine goldene betrachtet wurde. Fürs Erſte aber war Andreas mit ſeiner Familie geborgen, und das war die Hauptſache; erſt die Ereigniſſe des nächſten Jahres konnten entſcheiden, ob er in ſeinem Vaterlande bleiben durfte oder das Weite ſuchen mußte, wie ſo Viele, denen die Herzog⸗ thümer auf ewig verſchloſſen wurden— auf ewig— das heißt, ſo lange die Zeit, in der wir leben, ihre jetzige Maske trägt, ſo lange der Geiſt, der in ihr lebt, ſich nicht entpuppt, und ſo lange auf Dänemark's Thron die Anſicht ſich geltend macht, Schleswig und Holſtein ſeien däniſche Provinzen, deren zufälliges deutſches Beiweſen nur eine untergeordnete und da⸗ her unmöglich zu berückſichtigende Bedeutung habe. Andreas ſprach von einer Art Pachtzins, den er dem Freunde dafür entrichten wolle, daß er Wohnung und Nahrung auf ſeinem Gute habe; Capitain Buhſt aber wies dieſen Antrag mit Lächeln zurück, indem er ſagte:„Andreas, würdeſt Du von mir ein Pacht⸗ geld genommen haben, wenn ich von hier zu Dir nach dem Norden geflüchtet wäre?“ Da verſtummte natürlich Andreas und ließ kein Wort mehr darüber fallen. „Genieße,“ fuhr ſein Freund fort,„was Dir mein Beſitz an Nahrung und Unterhalt gewährt, es iſt nu * 211 das, was Viehzucht und Ackerbau, was Land und Meer erzeugt— alles Uebrige aber, was Du bedür⸗ fen wirſt, beziehe auf Deine Koſten aus Huſum— es wird wohl bei Weitem das Meiſte ſein— und für das Uebrige laß den Himmel ſorgen.“ Nach zwei Tagen war„der Millionair von Marſch⸗ lund,“ wie er überall hieß, nach Blankeneſe zurückge⸗ reiſt und Andreas ſchaltete und waltete mit ſeiner Familie und ſeinen Dienern in dem reizenden Aufent⸗ halte, wie er nur in Emmerslund geſchaltet und ge⸗ waltet hatte, und es war keiner unter ihnen Allen, der ſich nicht bald in der neuen Heimat mit dank⸗ barem Herzen glücklich befunden hätte, wenn auch bis⸗ weilen ein trüber Sehnſuchtsblick nach dem Norden ſchweifte und ſich den ſtillen Apenrader Meerbuſen, den Andreasberg und alle die einzelnen Lieblingsplätze daſelbſt in die Seele zurückrief.* Kein Geſchöpf auf der Welt, mit wenigen Aus⸗ nahmen, gewöhnt ſich leichter an den Wechſel ſeines Wohnorts und nimmt gelaſſener die Eindrücke deſſel⸗ ben auf, als der Menſch, und um ſo eher wird er ſich in die neue Lage der Dinge zu ſchicken wiſſen, je größer die Sorge und das Weh waren, die ihn aus ſeiner Heimat und ſeinen Gewohnheiten vertrieben haben. Wenige Wochen waren der Familie des Ca⸗ 14* * 8 212 pitain Burns auf Marſchlund vergangen, da hatte ſich jedes einzelne Glied derſelben ſchon eine neue Sphäre der Thätigkeit geſchaffen und ſeine früheren Neigungen und Gedanken mit den hieſigen Verhält⸗ niſſen in Einklang zu bringen gelernt. Andreas be⸗ gann vor Allen eine von ſeinen früheren Gewohn⸗ heiten ganz abweichende Lebensweiſe. Um die Land⸗ wirthſchaft hatte er ſich hier nicht ſo ſtreng wie in Emmerslund zu bekümmern, nur was ihm Vergnü⸗ gen und Bereicherung ſeiner Erfahrungen gewährte, beobachtete und beſorgte er; dafür aber benutzte er reichlich die zur Zeit noch günſtige Jahreszeit, um nach Herzensluſt, was er ſo lange entbehrt, mit ſei⸗ nen Nachbarn zu verkehren, deren Geſinnungen und Vaterlandsliebe, deren Hoffnungen und Befürchtun⸗ gen er theilte und mit denen er daher bald auf dem freundſchaftlichſten Fuße ſtand. Auch nach Schleswig und Rendsburg ritt er bisweilen, fuhr ſogar von letz⸗ terer Stadt auf der Eiſenbahn nach Kiel und Altona, um den politiſchen Horizont zu muſtern und die Zu⸗ kunft zu errathen, die noch immer trübe und wolkig auf den Herzogthümern lag. Aber auf dieſen Reiſen, namentlich in jenen größeren Städten, machte er eine Bemerkung, die ſeinen aus treuer Beobachtung der Zeit und der Verhältniſſe hervorgegangenen Anſichten * 213 ſchnurſtracks zuwider lief. Andreas, ſo muthvoll und hoffnungsreich er in jeder Lebenslage war, die einer augenblicklichen Niederlage glich, hatte doch dieſen Muth und dieſe Hoffnung, inſofern ſie ſich auf eine glückliche Löſung der ſchwebenden Verhältniſſe ſeines Vaterlandes bezogen, von Woche zu Woche mehr ſchwinden gefühlt; und nicht ohne triftige Gründe war dieſe traurige Wandelung in ihm erfolgt. Denn er hatte den Kriegsereigniſſen nahe gelebt, war mit Dänemark'’s Anhängern in häufigere Berührung ge⸗ kommen und hatte aus dem Verkehr mit ihnen die Pläne errathen, welche die Feinde der Herzogthümer mit eiſerner Zähigkeit feſt hielten und mit ungebeug⸗ tem Uebermuthe auszuführen trachteten. Hier in Rendsburg, Kiel und Altona nun fand er eine jener Muth⸗ und Hoffnungsloſigkeit ganz zuwiderlaufende Richtung vor, und beinahe hätte er ſelbſt wieder die alte Hoffnung in aller Macht und Fülle wachſen ge⸗ ſehen, die er früher gehegt und die Henrik mit ſo leidenſchaftlicher patriotiſcher Gluth wiederholt gepre⸗ digt hatte. Hier in dieſen Hauptſtädten des ächt deutſchen und kernhaften Holſteins lebte man, trotz der vergangenen und bevorſtehenden Kriegsereigniſſe, in einer anſcheinend äußerlichen Gemüthsruhe und einem Hoffnungsreichthum fort, als ob man tauſend 214 Meilen vom Kriegsſchauplatze entfernt und kaum ſo innig mit den Ergebniſſen des traurigen Zwieſpaltes verſtrickt wäre. Alle dieſe Männer, dieſe Jünglinge, dieſe Frauen und Mädchen, die er ſah, zeigten einen Gleichmuth, eine Ruhe, die er ſich nur dadurch er⸗ klären konnte, daß ſie ſelbſt nicht dem Feinde und ſeinen Verwüſtungen nahe geweſen waren. Aber auch die eigenthümliche, nirgends wiedergefundene Natur⸗ kraft, dieſe feſte, durch Nichts zu beugende Männlich⸗ keit und Geiſtesruhe, die in dieſen wunderbaren Ge⸗ ſchöpfen liegt, halfen ihnen, über die Schwierigkeiten ihrer verzweifelten Lage ſich zu erheben und den Ho⸗ rizont ihrer Zukunft, wenn nicht roſig, doch keines⸗ weges düſter und unheilsſchwanger vorzuſtellen. We⸗ der der ſchreckliche Schlag bei Fridericia, wo ſo viele Familien ihr Theuerſtes verloren hatten, noch die deut⸗ lich ſichtbare Abneigung der deutſchen Fürſten, den Krieg weiter fortzuſetzen, indem ſie ihre Offiziere und Truppen von Schleswig⸗Holſtein zurückzogen, hatten ihren Muth niedergedrückt; das große Mißgeſchick des Augenblicks ſahen ſie nur als vorübergehend an, ſie fühlten um ſo lebhafter ihre eigene Kernkraft, ihre Widerſtandsfähigkeit, und die Opferfreudigkeit, mit der ſie alles vorhandene Gut auf den Altar des Vaterlandes niederlegten, ließ ſie zu dem ſchönen, * 215 aber dennoch grundfalſchen Glauben kommen: eine ſolche Hingebung, ein ſolcher Patriotismus müſſe endlich durch den glücklichſten Erfolg belohnt werden. Auch die Sympathieen des deutſchen Volkes, die ſich noch immer ungeſchwächt regten, der Zuſpruch bedeu⸗ tender Männer in Wiſſenſchaft und Kriegserfahrung, die Theilnahme eines großen Theils der deutſchen Ju⸗ gend, die immer an Hoffnungen und darum auch an Täuſchungen klebt, erhoben ihre Erwartungen über den Spiegel der Gegenwart und flößten ihnen ein Vertrauen in die Unfehlbarkeit ihrer Beſtrebungen ein, die Andreas beiem beſten Willen nicht theilen konnte. An eine Aufgebung des Kriegs, an demuthsvolle Un⸗ terwerfung, nachdem Dänemark die Hand der Ver⸗ ſöhnung ſo ſchnöde zurückgewieſen, dachte man nicht im Entfernteſten. Gedemüthigt, gebeugt mit maaß⸗ loſer Ergebenheit hatte ſich dieſes edle, kühne, beſon⸗ nene Volk genug, nun war an Demuth und Exge⸗ bung nicht mehr zu denken, nur an Kampf, Streit, Widerſtand bis auf den letzten Mann— und ein ſolcher— ſo wähnte man— mußte, konnte nicht anders als ſiegreich ſein. Daher wurden denn alle Rüſtungen mit einem Eifer betrieben, hinter dem ſelbſt der der früheren Jahre weit zurückſtand; Eltern ga⸗ ben freudig ihre letzten, jüngſten Söhne, die kaum 216 dem Knabenalter entwachſen waren; Familien opfer⸗ ten ihren letzten Beſitz; und alle Köpfe, alle Hände regten ſich mit einer Gluth der innerſten Begeiſterung, die an ſich ſchon wunderbar war und eben deshalb Viele nur einen glücklichen Erfolg vor Augen haben ließ. Aber die Erkenntniß dieſes erhabenen Auf⸗ ſchwunges, ſo ſchön und herrlich er war, vermochte Andreas nicht ganz umzuſtimmen; er freute ſich der Kraft, des Willens, der Hingebung ſeiner braven Landsleute, er und auch Helene gaben von dem Ihri⸗ gen reichlich dazu, aber— in ſeinem Herzen war die Blume ſeiner Hoffnungen einmal geknickt, ſie ſenkte welk und entfärbt ihr früher ſo leuchtendes Haupt, und was er ſich auch vorſprechen ließ und ſelbſt vor⸗ ſprach, um ſeine Gefühle mit denen Aller in Ueber⸗ einſtimmung zu bringen, es war ihm nicht mehr möglich, an einen vollſtändigen Sieg der Herzogthü⸗ mer über Dänemark zu glauben, denn daß Dänemark ihnen nicht mehr allein gegenüberſtand, daß es eine mächtigere Hülfe— die ſtärkſte der damaligen Zeii— hinter ſich hatte, das leuchtete ihm aus allen über⸗ müthigen Forderungen ſeiner Regierung, aus ſeiner Verſöhnungsloſigkeit, aus ſeiner grimmigen Hartnäckig⸗ keit, die Unterwerfung des deutſchen Elementes in den Herzogthümern vollſtändig zu bewirken, ein. 217 So kehrte unſer Freund von ſolchen Ausflügen immer ernſter, nachdenklicher nach Marſchlund zurück, und wenn ihn die Seinigen fragten, ob etwa ein neues Unheil geſchehen, ſo antwortete er traurig: „Nein, meine Lieben, nur immer das alte allein; und mich ſchmerzt die arge Verblendung, die ich überall wahrnehme. Ich kann die Hoffnung der gu⸗ ten Leute in den Städten nicht theilen, ſie ſehen das neue Morgenroth im glänzendſten Lichte, und doch weiß ich, daß der Tag trübe wird, wenn der Morgen zu flammend iſt. Dieſe Erfahrung, dies Bewußtſein, was bei mir zu einer Art Inſtinkt geworden iſt, drückt mich beinahe zu Boden. Ich weiß nicht, woher die⸗ ſen Menſchen die Leichtigkeit kommt, mit der ſie das ſchwere Leben tragen, und mir die Laſt, die auf mei⸗ nen Schultern ruht! Vielleicht täuſchen wir uns Beide und die Wahrheit und Wirklichkeit liegt auch diesmal in der Mitte, aber ſoviel weiß ich ge⸗ wiß: wenn wir noch nicht an dem entſcheidenden Wege der Schickſalswendung ſtehen, das nächſte Jahr wird uns lehren, was wir beſitzen und was wir ver⸗ loren haben, wird uns offenbaren, ob wir Dänen werden oder Deutſche bleiben, und ſo wollen wir denn, da wir nicht helfen können, es abwarten und Gott die Entſcheidung überlaſſen!“ —— — m 218 Friedrich's Beſchäftigungen, diesmal von denen des Vaters abweichend, waren unterdeß ganz anderer Art. Er hielt ſich viel im Hauſe auf, las des Abends den Frauen die Zeitungen vor und auch andere Bü⸗ cher, deren Stoff ihrer jetzigen Lage angemeſſen war; dabei aber verzehrte ihn ein innerer Unmuth, der aus ſeinen körperlichen Leiden und der für thatkräftige Männer kaum erträglichen Unthätigkeit entſprang, in die er verwieſen war. Denn ſein Arm war noch im⸗ mer nicht der ſo ſehr gewünſchten Heilung nahe und von Tage zu Tage verdüſterte ſich ſeine Hoffnung mehr, ihn wieder ſo weit hergeſtellt zu ſehen, um ſich nochmals dem Waffenhandwerk widmen zu können. Von ſeiner Familie Wunſch und ſeinem eigenen Ver⸗ langen nach Hülfe angeſtachelt, hatte er ſich eines Tages nach Huſum begeben und den Rath eines er⸗ fahrenen preußiſchen Militairarztes eingeholt, und die⸗ ſer hatte ihm eine ſeiner Erwartung eben nicht ent⸗ ſprechende Vorausſicht geſtellt.„Ihr Arm wird hei⸗ len, mein junger Freund,“ hatte der ehrliche Nann geſagt,„aber darauf müſſen Sie ſich gefaßt machen, wie er war, ſo wird er nicht wieder. Die Vorderarm⸗ knochen haben gelitten, Sie ſehen das an der Steifig⸗ keit und Schwerbeweglichkeit Ihres Ellbogengelenks⸗ und ich glaube kaum, daß das je anders werden 219 wird. Gewöhnen Sie ſich alſo daran, da Sie ſo gern reiten wollen, den Zügel mit der Rechten zu führen, das Schwert aber zu ſchwingen und zu reiten, wie Sie ſo gern möchten— das bleibt ein frommer Wunſch.“ Und ſo beſtätigte es ſich auch vollkommen. Im Laufe des Winters heilte allmälig die Fleiſchwunde, aber der Arm blieb unmächtig und ſteif. Als Friedrich erſt zu dieſer traurigen Erkenntniß gekommen war, ließ er voll Wehmuth das Haupt und den Muth ſinken. Wozu war er im Leben nütze, wenn er nicht Mann ſein durfte, wie er es mit ganzer Seele wünſchte? Wie vermochte er der heiligen Sache des Vaterlandes förderlich zu werden, wenn er ihm nicht ſeine ganze Kraft zur Verfügung ſtellen konnte? In ſeinen Gedanken alſo war er mit jungen Jahren und gebeugtem Herzen eine Ruine, zu nichts gut als zum Zerfallen und Verwittern im Strome der Winde und Zeiten, er war nur eine zerbrochene Maſchine, die noch langſam und träg eine Weile ihr Tagewerk fortſetzte, aber das Haupttriebrad verloren hatte, mit vollem Schwunge verſchiedene Kräfte in Bewegung zu ſetzen. Und dieſe Gedanken, dieſe Ueberzeugung verſetzten ihn in eine Art Trübſinn, wie er dem rüſti⸗ gen, lebenskräftigen Mann ſo natürlich iſt; brütend 220 hing er ſeinen verlorenen Wünſchen nach und zog ſich ſcheu und ſich ſelbſt zur Laſt immer mehr von dem gemüthlichen Verkehr ſeiner Familie zurück, ſo daß ſeine Hülfsloſigkeit, ſein gebrochener Sinn ſich in manchen Dingen auch den Uebrigen mittheilte und namentlich in Agathens Herzen einen ähnlichen Miß⸗ klang erzeugte. Dieſe und die Mutter litten bei ſei⸗ nem Mißgeſchick am meiſten. Gertrud, die von Allen überdieß das tiefſte Weh über den Verluſt der Heimat empfand, wurde durch ihres jetzt einzigen Sohnes Kummer noch tiefer bewegt, und wenn ſie mit ihm nach Huſum fuhr, wo ſie ſich dem vaterländiſchen Frauenvereine für leidende Krieger angeſchloſſen, um hier Anderen zu helfen und für ſich ſelbſt aus den Ausſprüchen des Arztes neue Hoffnung zu ſchöpfen, ſo kehrte ſie um ſo entmuthigter zurück, wenn ſie den trefflichen Sohn ſchweigen und das Trübſte bedenken ſah, nachdem auch er in Huſum ohne Troſt geblie⸗ ben war. 3 Agathe härmte ſich im Stillen über dies Miß⸗ geſchick ab; ſie ſprach es zwar nicht aus, was ſie fühlte, daß es aber nichts Freudiges war, ſah man an ihren bleichen Wangen, an ihrem weniger elaſti⸗ ſchen Schritt, an dem matten hoffnungsloſen Blick ihres ſonſt ſo lebhaft ſtrahlenden Auges. Denn ach! —— 221 daß unter dieſen Umſtänden ihr lange im Verborgenen getragenes Glück dem Erlöſchen nahe war, daß bei⸗ Friedrich die Neigung zu ihr allmälig in den Hinter⸗ grund trat, das war augenſcheinlich aus ſeinem gan⸗ ‚zen Weſen zu erkennen. Er ſprach wohl dann und wann mit ihr, was er aber ſprach, hatte keinen Be⸗ zug auf ein wärmeres Gefühl, welches doch gewiß in ſeinem Herzen ſchlummerte und von dem wenig⸗ ſtens Helene noch immer vollſtändig überzeugt zu ſein ſchien.— Auf eine andere, aber nicht weniger beängſtigende Weiſe fühlte ſich Helene in jetziger Zeit bedrückt und innerlich wie äußerlich wich ſie von der gegenwärtigen Lebensweiſe der Freunde am weiteſten ab. Sie führte mitten in der ihr ſo theuren Familie, wie ehemals im Epheuhauſe, eine Art Einſiedlerleben, denn ſie gab ſich ganz und gar ihren Phantaſiegebilden hin, die ſie ſeit ihrer Reiſe nach Kolding nicht wieder ver⸗ laſſen hatten. Wohl begleitete ſie bisweilen die Fa⸗ milie auf ihren Ausflügen und Beſuchen in der Nach⸗ barſchaft, wohl nahm ſie an ihren Sorgen und klei⸗ nen Freuden Theil, aber das geſchah mit der Mattig⸗ keit und Bewußtloſigkeit einer nur äußeren Hingebung, während ihr Gang, ihr Blick, ihre Sprache, kurz ihre ganze Erſcheinung deutlich genug verrieth, daß ſie 222 nur mit ihrem Leibe, nicht aber mit ihrem Geiſte anweſend und thätig ſei. Dieſer Geiſt aber, wohin ſchwärmte und fluthete der? Warum ſaß oder wandelte ſie ſo oft am Strande allein, wenn der Wind über die brauſenden Wellen. fuhr, daß ſie ihre Schneehäupter ſchüttelten und das Land peitſchten, welches unter ihrer Wucht zu ſeufzen ſchien? Ja, an dieſem Strande weilte jetzt Helene überaus gern, er war das Ziel faſt aller ihrer Spa⸗ ziergänge, wie er es einſt im Apenrader Meerbuſen geweſen war, und beſonders wenn die Fluth ihre Waſſerberge heranſandte und Gottes Geiſt auf ihnen im Winde daher zu ſchweben ſchien, dann eilte ſie hinab, um aus ſeinem Athem, ſeiner berauſchenden Muſik den lebendigen Geiſt zu verſtehen, den der denkende und fühlende Menſch in den Stimmen der Elemente oft zu hören glaubt. Wenn das Meer ſich aber in ſcheuer Ebbe weit vom Lande zurückzog, zu fliehen ſchien vor einer unbegreiflichen unſichtbaren Macht, dann liebte ſie es nicht; die öden moraſtigen Sumpfſtellen zu betrachten, über denen noch ſo eben die flüſternde Welle geſpielt und ein Zauberſchloß mit Geiſtern und Nixen gelogen, war ihr ein Gräuel, zu dieſer Zeit zog ſie ſich lieber in ihr einſames Zim⸗ mer zurück und wartete, bis der gewaltige Meergeiſt 223 ſeine Schaaren wieder geſammelt hatte und daher⸗ gebrauſt kam im Siegesſchritt und Wogenfülle. Lieber hatte ſie noch den wühlenden Sturm, der die Waſſer zu Bergen emporhob, Sträucher und Blumen knickte und die kleinen Kieſel des Strandes gegen die Fen⸗ ſter des Hauſes und weit über die Marſchen ſtreute, ſo daß die Heerden erſchraken und brüllend über die weiten Ebenen ſtoben— lieber hatte ſie dieſen Sturm, ſagen wir, als die faule dunſtige Ebbe, die ſchaam⸗ los den eklen Meeresboden zeigte, auf dem das Ge⸗ würm der Tiefe ſeine ſtarrenden Augen erſchloß, ver⸗ wundert über die rauhe Luft, die es anwehte, und über die unheimliche Dürre, die ſich über ſeine klebri⸗ gen Glieder breitete. Aber Morgens und Abends um ſechs Uhr, wenn die Waſſerberge am höchſten an⸗ geſchwollen, fehlte ſie ſelten am windigen Strande; weit hinaus blickte ſie über die grauſchimmernde Fläche und richtete tauſend Fragen an die ſalzige Fluth, die dieſe nur ſo ſelten oder nie beantwortete. Und was ſprach ſie wohl mit dem Meere, wenn ſie ihre Au⸗ gen, dieſe ſtrahlenden Glanzlichter, über die Wellen ſchweifen ließ? Ach, wenn ſie ein weißes Segel in der Ferne erblickte und das auf und nieder tanzende Schiff immer näher kommen ſah, dann fragte ſie oft mit ſtiller Herzensſprache:„Bringſt Du mir noch nicht, 224 was ich mir wünſche? Soll ich noch immer vergeblich warten und harren, ſoll ich allein die Verlaſſene und Ein⸗ ſame ſein? O, geberde Dich nicht immer ſo ſtolz, Du Meer, als trügeſt Du— was ich erſehne— auf Dei⸗ nem gewaltigen Rücken heran, Du täuſcheſt mich nur mit endloſer Hoffnung und kommſt immer wieder mit leeren Händen zurück, ſo ſehr und ſo oft ich Dich auch bitte, an mich mit Liebe zu denken.“— Und wenn ſie dann traurig in ihr einſames Zimmer zu⸗ rückgekehrt und, in trübes Sinnen verloren, ſtunden⸗ lang auf⸗ und abgeſchritten war, dann ſeufzte ſie und ſuchte unter ihren Büchern, ob ihr nicht eins oder das andere eine ſichere Zerſtreuung bieten könnte. Aber auch das war eine vergebliche Hoffnung, denn ihr behagte jetzt ſelbſt dieſe Unterhaltung nicht mehr. Früher hatte ſie ſo oft, ſo viel geleſen und dann tagelang über das Geleſene nachgedacht, es ſich zu eigen gemacht und weiter im Herzen und Geiſte fort⸗ geſponnen. Jetzt dachte ſie nicht mehr darüber nach, es war ihr das Alles faſt gleichgültig, langweilig ge⸗ worden. Jetzt träumte ſie viel lieber, ſetzte ſich ſelbſt ihre Gedanken zuſammen und ließ ſie ſchweifen, ſchwei⸗ fen weitweg, bis ſie den Endpunkt alles ihres Grü⸗ 3— belns erreicht hatten. Ihr früheres Lieblingsbuch— wir kennen es ja— hatte ſie lange nicht mehr in 225 der Hand gehabt. Sie ſcheute ſich beinahe, davor, denn ſie fürchtete, wieder davon angelockt und er⸗ griffen zu werden und ſo das Ziel ihres jetzigen Trachtens aus dem Auge zu verlieren, denn wohl war ſie ſich bewußt, daß ſie der Inhalt dieſes Buches einſt beherrſcht hatte, in einem Grade, daß ſie ſelbſt Das, ſelbſt Den vergeſſen konnte, der heute der Ge⸗ genſtand aller ihrer Gedanken war. Und doch dachte ſie bisweilen mit inniger Rührung an die glücklichen und begeiſterten Augenblicke, die ihr die feurige Sprache jener Stimmen der Völker bereitet hatte. So glück⸗ lich wie damals war ſie lange nicht wieder geweſen, denn damals fehlte ihr nichts, da hatte ſie Alles, was ſie verlangte,— den Geiſt, der aus dem Buche ſprach, und jetzt, ach! jetzt verlangte ſie außer dieſem Geiſte noch etwas Anderes. Aber je länger und länger ſie in Marſchlund mit ihren geheimen Wünſchen und Neigungen einſam lebte, um ſo häufiger kam ſie endlich in ihren Ge⸗ danken auf dieſes Buch zurück. Da faßte ſie ſich ei⸗ nes Tages ein Herz und holte es hervor; doch ehe ſie es aufſchlug, legte ſie es auf ihren Schooß und bat Gott, er möchte ſie nicht wieder darin finden laſſen, was ſie früher darin gefunden, er möchte ſie nicht dadurch von ihrem jetzigen Gefühle abziehen, A. Burns. IV. 15 226 nur ſtärken, beleben, befeſtigen möchte er ihre Hoff⸗ nungen auf einſtige ſchönere Tage der leidenden Völ⸗ ker und Nationen. Und ſie ſchlug es langſam und mit klopfendem Herzen auf und fing die erſte Seite an zu leſen. Sie kannte jede Zeile, jeden Gedanken, jedes Wort darin, es war ihr nichts in dem Buche neu, ſie hatte Alles und Jedes hundertmal bedacht — und doch, wie ſie jetzt anfing zu leſen, las ſie mit Erſtaunen weiter und weiter und wußte ſich nicht zu enträthſeln, warum ihr ſo wunderbar dabei zu Muthe wurde. War das vielleicht der alte Zauber des Bu⸗ ches, den es wieder zu üben anfing? Zog es ſie wie⸗ der mit unwiderſtehlicher Macht in den Kreis ihrer früheren Neigungen und Wünſche zurück? Anfangs war ſie ſich darüber nicht klar, als ſie aber immer weiter las, wunderte ſie ſich immer mehr, ſo daß ſie endlich, alles Blut aus dem Herzen warm nach dem Kopfe ſteigen fühlend, inne hielt, das Buch wieder auf den Schooß legte und zu ſich ſelbſt ſagte:„Das iſt merkwürdig— was iſt das? Iſt das daſſelbe Buch? Sind das dieſelben Gedanken, dieſelben Worte, die mich ſo oft hingeriſſen haben? Nein, es iſt ein anderes geworden, denn es führt eine ganz neue, wunderbar deutliche Sprache, mir iſt, als ob jedes Wort an eine andere Stelle in meinem Geiſte, mei⸗ 227 nem Herzen träte, als ob ich es plötzlich ganz an⸗ ders verſtände und fühlte!“— Ach, das Buch war nicht verändert, es war gewiß daſſelbe geblieben, aber die einſtige Schwärmerin des Geiſtes, die jetzt zur Schwärmerin des Herzens geworden war, hatte keine Ahnung, daß dieſe Wandelung in ihr ſelber lag, daß ſie mit anderen Augen, mit anderen Gefühlen ſich zwiſchen den Gedanken tummelte und dieſelben ihr Inneres vorbereiteter, aufgeſchloſſener, zur richtigen Empfängniß des Inhalts geneigter trafen. Aber bald kam ſie von ſelber auf dieſen Gedanken und ſprach ihn ſich auf ihre Weiſe aus.„Früher hat dies Buch wie ein Buch zu mir geſprochen,“ ſagte ſie ſich,„ich konnte mir wohl den Schreiber als einen Menſchen denken, mir ſein Geſicht, ſeine Geſtalt, ſei⸗ nen Geiſt vorſtellen und ihn mit meiner Phantaſie nach allen Richtungen begaben— jetzt aber ſcheint es lebendig geworden zu ſein, es ſpricht zu mir wie ein Menſch, mir iſt es, als ob ich ſogar die Stimme hörte, mit der er dieſe Worte ſprechen würde, wenn er lebendig vor mir ſtände— wie wunderbar, wie ſehr wunderbar! Und wer iſt dieſer ſonderbare Menſch, der dieſen Einfluß auf mich übt; ich ſehe ihn nicht klar, nicht deutlich vor mir; ſein Geſicht, ſeine Geſtalt verſchwimmt vor meinen Augen in einen trüben Nebel, 15* —-—yyyy— 228 und nur bisweilen bricht wie ein blitzartiger Strahl der Erkenntniß ein heller Lichtpunkt aus dem Nebel hervor; kaum aber iſt er aufgeblitzt, ſo iſt er auch ſchon wieder verſchwunden und der alte Nebel um⸗ lagert meine Augen, meine Seele. O, wie recht hat Andreas gehabt, als er ſagte, daß der Menſch dem Menſchen Alles auf Erden ſein kann, wenn er will, wenn er die Gabe gebraucht, die ihm Gott verliehen, wenn er das Herz öffnet, welches nicht allein von Blut, ſondern auch von edlen Gefühlen und Geſin⸗ nungen belebt iſt. Oder ſollte ich in Bezug auf die Umwandlung dieſes Buches im Irrthum ſein? Nein, nein, das Buch kann ſich nicht ändern, alſo muß ich mich wohl ſelbſt geändert haben.— O, das iſt wahr, daran habe ich noch gar nicht gedacht! Wie bin ich doch in der That ſo ganz anders geworden! Anders? Ja! Aber bin ich auch beſſer geworden, wie es nur ſein ſoll, wenn wir uns ändern? O ja, ich glaube wirklich, ich bin beſſer geworden. Früher war ich ſo ſtolz, ſo eitel, ſo eingebildet auf äußere Vorzüge— und jetzt, ach, wo iſt dies trübſelige Gefühl geblieben, was uns für die Welt und die Menſchen ſo läſtig macht? Jetzt möchte ich alle Tage ſchöner, klüger, beſſer werden— und warum? Helene, ſei aufrichtig — warum? Etwa Deinetwegen? Nein, Anderer 229 wegen— ſei ganz aufrichtig, Helene— eines An⸗ deren wegen— ihm zu gefallen möchteſt Du die Stufe der Vollendung erſtiegen haben, denn er iſt— ſehr— O, Helene, was ſind das für Dinge, für ſelt⸗ ſame Gedanken— für wagehalſige Luftſprünge!“ Und ſie las langſam weiter, immer weiter, und immer feſter ſetzte ſich das Bewußtſein, daß ſie ſich nicht in dem Buche irre; aber die Geſtalt, die Stimme, das Geſicht des aus ſeinen Zeilen Redenden zu ent⸗ ziffern, wollte ihr nicht gelingen, ſo ſehr ſie ſich auch darum bemühte. Und da ſaß ſie denn oft in ſtiller Nacht an ihrem Fenſter, wenn der Mond die flüſtern⸗ den Wellen vergoldete und ein fernes Segel beleuch⸗ tete, das unter ſeinen Strahlen durchſtrich, da ſaß ſie und blickte in die klare blaue Winterluft hinaus und ſagte leiſe:„Bringet ihn mir, den ich nicht finden kann, den ich herbei ſehne— o, bringet ihn mir, und ich will keine Bitte mehr an Euch richten, Ihr wunderbaren Sterne, es ſoll meine letzte geweſen ſein, ich will zufrieden und glücklich bis an meines Lebens Ende ſein!“— Aber alle Wellen, die vorüberrauſchten, alle Segel, die vorbeiflatterten, alle Mondſtrahlen und Sterne, die im Waſſerſpiegel zitterten— ſie brachten ihn nicht — der Gewünſchte, Erſtrebte, Erſehnte blieb wo er 230 war, hinter dem dunklen Schleier der Zukunft ver⸗ borgen, und Helene ſchritt langſam, ergeben dieſer Zukunft entgegen, denn einmal mußte ja der Schleier ſinken, einmal mußte es Licht werden im Reiche der Finſterniß, und das wußte ſie beſtimmt im ahnenden Geiſte, daß, wenn dieſer Augenblick einträte, ihr Leben ein geſegnetes ſein würde.— Jehtes Anpitel. Der Invalide. So war den Bewohnern von Marſchlund der Winter verſtrichen, in Hoffen und Bangen, äußerlich zwar im tiefſten Frieden, aber doch reich an innerem Weh, denn mit dem kommenden Frühjahr mußte ſich ja das Geſchick des Vaterlandes, alſo auch das der Familie des Capitain Burns entſcheiden. Mit jedem neuen Monate hoffte man auf irgend eine Hülfe, ei⸗ nen Beiſtand, eine günſtige Entſcheidung ohne Waffen, ob ſie nun aus den Wolken oder dem deutſchen Lande käme; als aber die geſtellte Friſt verſtrichen war, ſah man ein, daß man auf den Himmel und die Men⸗ ſchen vergeblich gerechnet hatte. Da ergab man ſich denn endlich in das unvermeidliche Geſchick, und wann es kommen und wie es ſich geſtalten würde, Andreas 232 und die Seinigen waren ſtandhaft auf Alles gefaßt. So gab man ſich denn zunächſt dem Genuſſe der köſtlichen Gaben des jungen Jahres hin und es ſtreute dieſelben reichlich mit vollen und gütigen Hän⸗ den aus. Selbſt von der ſonſt ſo ſtürmiſchen Nordſee fächelten ſanfte Winde her und das weite Land vor dem Hauſe bedeckte ſich mit einem blumenreichen Teppich, wie ihn noch keiner von ihnen ſo üppig und ſtrahlend bewundert hatte. O wie genoſſen ſie Alle dieſe Geſchenke der vaterländiſchen Fluren und des vaterländiſchen Himmels, wie betrachteten ſie alles Große und alles Kleine mit unerſättlichem Blicke, denn das Bewußtſein lebte in Aller Herzen, es ſei nicht unmöglich, ja ſogar wahrſcheinlich, daß dieſer Frühling der letzte ſei, den ſie in ihrer herrlichen Hei⸗ mat kommen und verſchwinden ſehen würden. O wie würde der Menſch, der ſo heiß das Leben liebt und ſo gern ſeine Güter genießt, das Jahr, die Woche, die Stunde, ſelbſt den Augenblick feſthalten, wenn er beſtimmt wüßte, daß darin ſein letzter Genuß ihn er⸗ warte! Wie würde er ſeine Hand ſegnend auf die aller guten Menſchen legen und mit erhobener Seele ſich vorbereiten auf den großen Schritt, der ihn vom Dieſſeits in das Jenſeits führt, wie würde er nur der Liebe und Freundſchaft leben und allen Haß und —— 233 alle Zwietracht der Welt vergeſſen, die die ſo ſchöne Welt ſo rauh, ſo ſtürmiſch, ſo widerwärtig macht! In dieſer Weiſe und von ähnlichen Vorgefühlen bewegt, lebten und genoſſen unſere Freunde ihre Tage und Stunden, und inniger denn je hatten ſie ſich wieder an einander geſchloſſen, ſich im Geiſte die Hände gereicht und Segen und Gnade von Gott auf die Häupter jedes Einzelnen herabbeſchworen. Und es war Zeit, daß ſie ſich enger an einander ſchloſſen, daß ſie ihre kleine Welt mit den Blumen der Freundſchaft und Neigung ſchmückten, denn um ſie her, in der großen Welt, da kochte ſchon wieder das vulkaniſche Feuer und bereitete ſich ein neuer gewal⸗ tiger, letzter Ausbruch vor. Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick auf die Lage der ſtreitenden Mächte und verbergen wir uns dann nicht länger, daß das traurige Ende des ſo hoffnungsreich begonnenen Krie⸗ ges gekommen ſei. Ein merkwürdiger und nie vorher dageweſener Um⸗ ſchwung der öffentlichen Meinung hatte ſich bei den Regierungen und theilweiſe ſogar beim Volke in Deutſchland im Verlaufe dieſes Krieges über ſeine eigentliche Bedeutung entwickelt. Anfangs lebte und ſtrebte ganz Deutſchland für die mit Füßen getretenen Herzogthümer, Oben und Unten regte ſich Wille und That zugleich zu ihren Gunſten; als aber Dänemark im Sinken begriffen war und die überkluge Diplo⸗ matie ihre Meinung in die Waagſchale der Völker legte, da ſtaute die Welle der öffentlichen Meinung rückwärts und was vorher ein heißer Wunſch Aller, eine Nothwendigkeit für ganz Deutſchland geweſen, das war plötzlich ein frommer Wunſch geworden, den man wohl in ſich tragen, aber nicht verwirklichen könne. Scheint es nicht, als ob Deutſchland, das gute, alte Deutſchland, in der Exaltation eines traum⸗ artigen Augenblicks ſich zu einer patriotiſchen An⸗ ſtrengung erhoben hätte, um gleich darauf, als der Moment der Begeiſterung vorüber, deſto raſcher und theilnahmloſer in den alten träumeriſchen Halbſchlaf zurückzufallen? O Deutſchland, Deutſchland, wird deine Begeiſterung für eine gute und gerechte, ja hei⸗ lige Sache— denn das war die der Herzogthümer für Alle und Jeden, der der deutſchen Zunge angehört— niemals länger als einen kurzen Augenblick dauern? Deutſchland alſo, des Kampfes müde, mancherlei Krebsſchäden in ſeinem eigenen Innern bekämpfend und vor Allem den drohenden nordiſchen Gegner fürchtend, der mit dem Schwerte in der Scheide raſ⸗ ſelte, hatte allmälig ſeine Hand von den Herzog⸗-⸗ thümern zurückgezogen und die Bewohner derſelben 235 ſtanden auf die eigene Kraft beſchränkt, aber ruhig und furchtlos da, denn der Allmächtige hatte ihnen bei ihrer Erſchaffung einen Funken in die Bruſt ge⸗ haucht, der nie erloſch und ſie in keiner Lebenslage verzweifeln ließ. Als die letzten deutſchen Truppen, mit Schaamröthe, wenn nicht auf den Wangen, doch gewiß im Herzen, daß ſie die Sache, die ſie früher mit ihrem Blute beſiegelt, jetzt mit dem Rücken an⸗ ſahen, als dieſe Truppen, ſagen wir, ſie verlaſſen hatten, da erhoben ſie ſich in ihrer ganzen männlichen Kraft und Seelenſtärke, ſchauten, von Menſchen ohne Hülfe bleibend, zu Gott empor und beſchloſſen, wenn nicht mit Glanz zu ſiegen, doch wenigſtens mit Ehren beſiegt zu werden. Am 14. Juli forderte ein däniſches Manifeſt die Herzogthümer zur unbedingten Unterwerfung auf; erſt wenn das geſchehen, wolle Dänemark ein gnädiges Lächeln zeigen und alle gerechten Wünſche befriedigen. Was dieſe Unterwerfung aber bedeutete, das wußte man, und was dieſe Gnade verſprach, das wußte man auch. Sich unbedingt unterwerfen, hieß, Alles vergeblich gethan, gelitten, gekämpft und geblutet ha⸗ ben, ſich auf die Gnade verlaſſen, hieß, ſich der alten Feſſel, dem alten Uebermuth, dem alten Haſſe mit gebundenen Händen auf's Neue überliefern. 236 Das aber konnte nicht geſchehen, wenn man nicht an ſich ſelbſt meineidig werden wollte, und ſo ſchritt man zum Aeußerſten; denn daß Dänemark es dies⸗ mal ernſtlich meine und ein Ende zu machen beab⸗ ſichtige, das deutete die ruſſiſche Flotte an, die zum letzten Male in ihrem Prunke, ihrem Stolze, ihrer allmächtig geträumten Macht und Herrlichkeit den holſteiniſchen Küſten ſich näherte und den däniſchen Forderungen den verheißenen Nachdruck zu geben begann. Sobald die Schweden und Preußen die Herzog⸗ thümer geräumt hatten, rückten die Dänen in die meiſten ihrer Stellungen ein, und ſchon jetzt waren die Landſtriche, die ſie beſetzt hielten, ſo gut wie dä⸗ niſch geworden; nur die Demarkationslinie überſchrit⸗ ten ſie vor der Hand nicht, um ſich den Schein zu geben, als achteten ſie die Satzungen der Regierungen, ddie ſie doch von jeher wenig oder gar nicht beachtet hatten. 3 Die ganze Macht, die Dänemark aufbringen konnte, ſelbſt die Beſatzung von Kopenhagen war ausgerückt, um die Herzogthümer zu bezwingen, und auch dieſe hatten ihre ganze Macht aufgeboten, die Dänen auf⸗ zuhalten. In General von Williſen, einem geprüften und vielfach bewährten Kriegsführer, hatten ſie ſich 237 einen General erkoren und dieſem war der Erſte und Letzte im nordiſchen Kampfe, der edle von der Tann. an die Seite getreten. Außer dieſen Beiden aber wa⸗ ren noch viele andere Krieger gekommen, um noch einmal ihren Arm einem unterdrückten Volke zu lei⸗ hen, und auch viele an Wiſſenſchaft, Geiſt und Ta⸗ lent reiche Männer Deutſchlands, die ihre Hoffnungen im Vaterlande zu Grabe getragen, waren herbeigeeilt, um die letzte deutſche Eiche in Schleswig⸗Holſtein fallen zu ſehen. Soll ich ſie Euch nennen? Ach nein, ihre Namen haben heute keinen vollen Klang mehr, und was nützt es, eine Stimme aus dem Grabe zu vernehmen, die wir wohl hören, aber nicht verſtehen. So mit Hoffnung auf Gott gerüſtet und auf ſich ſelber vertrauend, ſehnte ſich die ſchleswig⸗holſteiniſche Armee nach dem Kampfe. Die Dänen eröffneten ihn an der Küſte von Wagrien am Fehmarnſunde und nahmen die Inſel Fehmarn weg. General Williſen aber, nur auf den Hauptpunkt im Feſtlande ſein Augenmerk richtend, rückte in Schleswig vor und hatte am 15. Juli die Umgegend von Idſtedt und Wedelſpang beſetzt. Hinter dieſen Vorpoſten ſammelte ſich das ganze zu ſeiner Verfügung ſtehende Heer. Am 17. Juli erſchien die däniſche Armee, wieder von Alſen her, ihrer Brücke, um den Herzogthümern den 238 Fuß auf den Nacken zu ſetzen, und auch von Jütland über die Königsau ſchwärmten ſie vor. So ſtanden ſich die beiden Armeen zum erſten Male in großen ſchlachtgerüſteten Maſſen gegenüber und Aller Augen waren erwartungsvoll auf die Heerführer und ihre Truppen gerichtet. Kehren wir jetzt nach Marſchlund zurück und ſehen, was ſich kurz vor dem Ausbruche der Feindſeligkeiten daſelbſt zugetragen hatte. Andreas hielt ein wach⸗ ſames Auge auf die äußeren Vorgänge gerichtet, denn er wollte ſich nicht wieder der Gefahr ausſetzen, von den Dänen überraſcht und aufgehoben zu werden, obwohl ſeine Beſorgniß in dieſem Punkte mit Recht geringer geworden war, ſeitdem die Triebfeder aller Feindſeligkeiten gegen Henrik Paulſen und deſſen Freunde, der fanatiſche Deutſchenhaſſer Olaf Larſſen, nicht mehr in Wirkſamkeit war. Und da in Emmers⸗ lund, von woher er einige Male Nachricht empfan⸗ gen, niemals wieder Nachfrage nach ihm gehalten worden war, ſeine Anweſenheit in Marſchlund cuch nur Wenigen bekannt und die Gegend, in der er jetzt lebte, ſparſam von Dänenfreunden bewohnt war, ſo 239 konnte er ſich in der That ziemlich ſicher fühlen. Dieſe Sicherheit aber konnte gefährdet werden, ſobald die Dänen in das ſüdliche Schleswig einrückten und daſelbſt, wie ſie überall thaten, ſich der zumeiſt deutſch geſinnten Männer bemächtigten. Daher, und um auf alle Fälle vorbereitet zu ſein, traf er bei Zeiten Für⸗ ſorge, ſein Eigenthum zu ſchützen, und ſo waren ſeine beſten Beſitzthümer ſchon im Monat Juni ge⸗ packt und zur Verladung fertig aufgeſtellt, um ſogleich, wenn die Noth drängte, nach Süden geſchafft wer⸗ den zu können. Zu voreilig aber wollte der umſich⸗ tige Capitain ſeinen jetzigen Ruheort nicht verlaſſen, er gefiel ihm, er fühlte ſich heimiſch genug daſelbſt, und ſo erging es auch ſeiner Familie. Daher hatte er den Entſchluß gefaßt, ſo lange wie möglich in Marſchlund zu verweilen und nur der Nothwendig⸗ keit zu weichen, wenn dieſe unvermuthet eintreten ſollte. Den meiſten Kummer hatte er jetzt wieder über ſeinen Sohn. Je deutlicher der Ausbruch der Feind⸗ h ſeligkeiten ſich ankündigte, um ſo unſtäter, friedloſer und mißgeſtimmter zeigte ſich Friedrich. Einſam ſaß er oft auf ſeinem Zimmer und ſchaute trübſelig in die ſonnige Landſchaft oder auf das ſchwellende Meer hinaus. Ein geheimes Fieber zehrte an ſeinem Her⸗ 240 zen, den bevorſtehenden Kampf mit ausfechten zu hel⸗ fen und ſeinem Vaterlande nicht länger ſeinen Arm zu entziehen. Und doch ſah er ſelbſt ein, daß er kein brauchbarer Streiter mehr war. Er konnte den ver⸗ wundeten Arm beim Reiten gar nicht gebrauchen, er mußte ihn ſogar ſtützen, um nicht große Schmerzen darin zu empfinden, das hatten wiederholte und mit dem beſten Willen angeſtellte Verſuche ſattſam bewie⸗ ſen. Ja, als er ſich endlich zwang, ihn an die frü⸗ here Thätigkeit zu gewöhnen, ſtellte ſich ein ſpannen⸗ der Schmerz im Innern des Knochens ein und er mußte nochmals ärztlichen Rath in Anſpruch neh⸗ men. So blieb ihm nichts übrig, als, allein mit ſeinem Gram, im Hauſe zu ſitzen, über ſein Miß⸗ geſchick zu grollen und die Vertheidigung des Vater⸗ landes ſeinen kräftigeren Landsleuten zu überlaſſen. Eine geraume Zeit hatte er ſich in dieſen Zuſtand gefunden und ſchon glaubte Andreas die Kriſis über⸗ ſtanden, da langte die bisher noch bezweifelte Nach⸗ richt an, die Preußen würden beſtimmt nicht für die Herzogthümer mitkämpfen und die Schleswig⸗Holſtei⸗ ner allein auf der Wahlſtatt ſtehen, wenn der Waffen⸗ tanz losginge. Bei dieſer jedem Bewohner der preis⸗ gegebenen Lande ſo verhängnißvollen Nachricht bebte Friedrich zuſammen, ſein Herz erlag beinahe ſeinem 241 brennenden Wunſche, und weder bei Tage noch bei Nacht hatte er Ruhe im Hauſe. Eine Zeitlang be⸗ obachtete der gütige Vater dieſen Zuſtand ſeines Soh⸗ nes mit ſtillem Kopfſchütteln, endlich aber glaubte er ſich in's Mittel legen und mit ihm ein ernſtes Wort reden zu müſſen. Er beſuchte ihn daher auf ſeinem Zimmer, und da er ihn unſtät wie immer und ſeuf⸗ zend fand, ſetzte er ſich zu ihm und fing von gleich⸗ gültigen Dingen zu ſprechen an. Friedrich verſtand ſogleich ſeines Vaters Abſicht, denn er kannte aus Erfahrung deſſen feierliche, gehaltene Miene bei ähn⸗ lichen Anläſſen, und in der Hoffnung, die Stunde werde ſeinen Wünſchen günſtig ſein, erheiterte ſich ſeine Stirn und er blickte ſeinem Vater freundlicher als gewöhnlich in das ſo wohlwollende Antlitz. „Mein Sohn,“ fing Andreas an,„laß uns ein⸗ mal ein verſtändiges Wort zuſammen ſprechen. Du haſt ſeit langer Zeit Deine ſo gemüthliche Ruhe, Deine friedliche Haltung verloren, die ich von Kind⸗ heit an an Dir geſehen, und der Umgang mit Men⸗ ſchen, mit mir und Deiner Familie gewährt Dir kei⸗ nen Genuß mehr. Das ſchmerzt mich und ich möchte Dir gerne helfen. Willſt Du mir nicht Deine Ge⸗ danken mittheilen und ſagen, warum Du ſo traurig biſt? Vielleicht können wir durch ruhige Ueberlegung A. Burns. IV. 16 242 zum erwünſchten Ziele kommen. Alſo heraus mit dem Grunde Deines Trübſinns— was treibt Dich unſtät auf den Feldern und im Hauſe umher?“ „Mein Vater,“ erwiderte der edle Sohn und ſtellte ſich dicht vor das Antlitz deſſelben,„Du fragſt, warum ich traurig bin? Und biſt Du es nicht auch, obwohl Du Dich bezwingſt und Deinem Herzens⸗ kummer Stillſtand und Schweigen gebieteſt? Warum bin ich, warum ſind wir Alle betrübt, wenn es nicht das blutende Vaterland iſt, das uns ſo ſchwer auf der Seele liegt! Laß mich hinaus in den Kampf, laß mich ſtreiten und fechten— gieb mir die frühere Kraft meiner Glieder wieder, und Du ſollſt mich hei⸗ ter, fröhlich und dankbar gegen Gott und Dich ſelber ſehen.“ „Mein Sohn,“ ſagte der Vater ernſt,„die unge⸗ ſtüme Flamme der Jugend, nicht aber der nüchterne Verſtand gereifter Erfahrung ſpricht aus Deiner Rede. Wohl bin ich traurig wie Du um das zuckende Va⸗ terland, aber da ich allein ſein Schickſal nicht än⸗ dern kann, ſo ergebe ich mich in den unabänder⸗ lichen Willen Gottes. Du biſt zweimal muthig und tapfer geweſen, ſchon zweimal hat Dich der Feinde Schwert unmächtig gemacht, und Du willſt zum drit⸗ ten Male hinaus in die Schlacht, wo es Leben um Leben gilt. Wohlan, das iſt Dein Wunſch, und es wäre auch der meinige, wenn Dir das Geſchick ſelbſt nicht die Gewährung deſſelben verſagt hätte. Aber die Angelegenheit, von der wir ſprechen, hat noch eine andere Seite. Blicke mich an, ich bin noch kräf⸗ tig und rüſtig, und hoffe zu Gott, noch ſo lange zu leben, um Dich an meiner Statt als Hort Deiner Familie zu ſehen. Aber ſchon fängt mein Haar an zu bleichen, die Sorgen des Lebens haben mein Herz erſchüttert und ich möchte für den Abend meiner Tage noch Freude und Zufriedenheit erleben. Du biſt mein letzter und einziger Sohn— weiter habe ich keinen mehr— wenn Du mir genommen wirſt, bin ich kinderlos, habe vergebens gelebt und geſorgt, und Deine Mutter entbehrt von dieſer Seite jeglichen Troſtes, ihr ganzes übriges Leben iſt dem Schmerze zum Raube verfallen. Aber auch dieſer troſtloſe Ge⸗ danke würde mich nicht hindern, Dir das Schwert ſelbſt in die Hand zu drücken, wenn Du es noch wie früher führen könnteſt, Dich in die Schlacht zu ſen⸗ den und Dir zuzurufen: thue was Deine Pflicht iſt und Dein Vaterland von Dir verlangt! Aber be⸗ trachte es genau— was kannſt Du leiſten, wie Du jetzt einmal biſt? Willſt Du mit einer Hand reiten und fechten zugleich? Nein, das kannſt Du nicht. 244 Begnüge Dich alſo mit dem Bewußtſein, den guten Willen dazu zu haben, erhalte Dich auch Deiner Pflicht im elterlichen Hauſe und mache Dich hier brauchbar und nütze. Was haſt Du mir nun ent⸗ gegenzuſetzen, ich fordere Dich auf, ehrlich zu ſein und mir nichts zu verſchweigen, was Deine Seele be⸗ laſtet.“ Friedrich ſeufzte tief auf.„Du haſt Recht, mein Vater, wie immer— nur allzu ſehr haſt Du Recht. Aber Eins frißt dennoch an meinem Herzen. Wenn es nun im Lager unſerer Truppen eine Stelle für mich gäbe, die meinen geringen Kräften entſpräche, ich würde dann doch meinem Drange genügt und meinen Theil an der allgemeinen Pflicht getragen haben. Auch meine früheren Kameraden, die mich am Leben wiſſen, würden dadurch erfahren, daß ich noch nicht entmuthigt bin und daß mich nur die Unmöglichkeit, die Waffen zu führen, zur Unthätigkeit verdammt, ſie würden nicht über mich den Stab bre⸗ chen, was vielleicht jetzt geſchieht.“ Der Vater ſann einen Augenblick nach.„Iſt es das, was Dir das Herz zerfrißt?“ fragte er endlich. „Willſt Du nur vor Deinen Kameraden, alſo auch vor Dir, gerechtfertigt daſtehen in Zukunft, damit ſie nicht, wenn ſie an Dich denken, ſagen mögen: er iſt zu 245 Hauſe geblieben, wo wir Alle auszogen? Wenn das iſt, ſo haſt Du Recht, und ich muß ſelbſt Deinem Wunſche beiſtimmen, denn Deine Zukunft möchte ich nicht durch dieſen Schatten, der auf unſer Beider Namen fällt, getrübt ſehen. Höre alſo meinen Rath. Laß uns morgen nach Rendsburg reiten. Stelle Dich Deinem früheren Vorgeſetzten vor und ſprich mit ihm. Will er Dich nehmen, hat er für Dich einen Platz, dem Du gewachſen biſt— wohlan, dann ge⸗ ſchehe Gottes und Dein Wille— ich füge mich, wie ich mich immer in das Unvermeidliche gefügt habe, auch diesmal.“ „Vater!“ rief der wackere Jüngling mit einem Tone, wie er ihn lange nicht ſo freudig ausgeſtoßen —„Iſt das Dein ernſtlicher, feſter Wille?“ „Biſt Du gewohnt, mich anders ſprechen zu hö⸗ ren, wie ich es meine? Kennſt Du Deinen Vater Andreas Burns nicht mehr? Ja, ſage ich, tauſend⸗ mal ja, ich begleite Dich ſelber dahin und erwarte die Antwort der Männer, die über Dein Schickſal zu gebieten haben— mehr kann ich nicht thun.“ „O, mein gütiger Vater, mehr verlange ich auch nicht, wie glücklich machſt Du mich!“ Und er fiel dem Vater mit jugendlicher Heftigkeit um den Hals, drückte einen Kuß auf ſeine Wange und ſchüttelte ihm 246 wiederholt die edele Hand.„So laß uns denn mor⸗ gen aufbrechen, eher habe ich keine Ruhe, als bis ich wenigſtens meinen guten Willen gezeigt.“ „Gut, ſo ſei es beſchloſſen. Aber noch Eins bitte ich mir aus. Du wirſt Dir denken, welchen Kum⸗ mer Deine gute Mutter empfinden würde, wenn ſie von Deinem Entſchluſſe, abermals in den Krieg zu ziehen, hörte, zumal ſie das jetzt nicht mehr für mög⸗ lich hält. Sage ihr alſo nichts davon, ehe es nicht unwiderruflich feſtgeſetzt iſt. Behalten ſie Dich in Rendsburg, ſo wird es noch Zeit genug dazu ſein, und ich allein werde ſie, wie ich ihr ſchon ſo Vieles als nothwendig vorgeſtellt, auch davon unterrichten und überzeugen. Laß uns alſo auf zwei Tage Ab⸗ ſchied von ihr nehmen, ohne ihr zu ſagen, was wir im Sinne haben, es iſt eine Wohlthat für ſie, wenn wir ihr ſo lange wie möglich ihre Ruhe laſſen.“ Und ſo wurde es ausgeführt. Am nächſten Mor⸗ gen ritten Vater und Sohn nach Rendsburg, um für den kampfluſtigen Friedrich eine Stelle im Heere zu ſuchen.— In Rendsburg herrſchte Ende Juni— denn un⸗ ſere Erzählung iſt erſt bis zu dieſer Zeit gelangt— eine leicht erklärliche Regſamkeit. Offiziere und Sol⸗ daten aus aller Herren Ländern hatten ſich einge⸗ 247 funden, um an dem Entſcheidungskampfe Schleswig⸗ Holſtein's Antheil zu nehmen. Hätten alle dieſe rüſti⸗ gen Arme benutzt werden können, vielleicht wäre der Streit noch länger hinausgezogen worden,— zu Gunſten der Herzogthümer entſchieden wäre er da⸗ durch gewiß nicht. Denn hätten dieſe die Schlacht bei Idſtedt gewonnen und die Dänen aus Schles⸗ wig vertrieben, ſo wäre Letzteren zuverläſſig eine mäch⸗ tigere Hülfe zu Theil geworden, und die Ketten der Herzogthümer wären dann vielleicht nur um ſo feſter geſchmiedet worden. Aber dem Führer der ſchleswig⸗ holſteiniſchen Armee und der Statthalterſchaft waren in vieler Beziehung die Hände gebunden. Um den mit mißtrauiſchen Augen alle Vorgänge daſelbſt be⸗ trachtenden Regierungen nicht Anlaß zu dem Glau⸗ ben zu geben, Schleswig⸗Holſtein ziehe die europäi⸗ ſchen Staatsumwälzer herbei, mußten ſie alle diejeni⸗ gen zurückweiſen, die auf irgend eine Weiſe in ihrem Vaterlande als ſolche bezeichnet waren. So zogen nicht allein die polniſchen und ungariſchen Streiter wieder ab, ſondern auch viele Andere, die ſich aus den verſchiedenen deutſchen Ländern freiwillig und mit ehrlichem Herzen geſtellt hatten. Von dieſen und den wirklich angenommenen Käm⸗ pfern wimmelte es in der Feſtung Rendsburg. Zum 248 nahen Ausmarſch vorbereitet ſtanden die Truppen ſchlagfertig und man wartete nur auf den endlichen Abzug der Preußen, um gegen Norden zu ziehen und den Dänen entgegenzutreten, die vorausſichtlich nicht lange auf ſich warten laſſen würden. Friedrich ſah Viele, die er früher kennen gelernt, und Alle freuten ſich, den ehemaligen Kameraden wiederzuſehen. Als ſie ihn aber ſeine Abſicht ausſprechen hörten, noch einmal das Schwert zu ziehen, blickten ſie ihn ver⸗ wundert an, denn ſchon ſeine äußere Erſcheinung verrieth ſeinen Mangel an Kraft. Von geiſtigem Kummer und leiblichem Schmerz war ſein Geſicht bleich und hohl geworden, ſein kranker Arm ließ ſich trotz aller Mühe in keine geſunde Haltung zwingen, und die gutmüthigen Burſchen waren ehrlich genug, ihm das gerade in's Geſicht zu ſagen. Als er aber dennoch darauf beſtand, ſich zu ſeinem Regimente zu begeben, welches in der Nähe von Rends⸗ burg ſtand, willfahrte ihm auch darin der Vater und Beide ritten in das Quartier des Stabsoffiziers, welcher die Dragoner befehligte. Kaum hatten die alten Ka⸗ meraden Friedrich Burns erkannt, ſo umringten und begrüßten ſie ihn herzlich; als er aber auch hier ſei⸗ nen Wunſch ausſprach, unter ihnen zu dienen, wun⸗ derten ſie ſich, daß er zum dritten Male das Geſchick 249 herausfordere, das ihm ſchon zweimal ſo unerbittlich den Rücken gekehrt hatte. Aber das Alles ſchlug ſeine Hoffnung nicht nieder, er begab ſich mit ſeinem Vater zum Befehlshaber und ſtellte ſich vor. Als dieſer freundlich nach ſeinen Verhältniſſen ſich erkundigt und ſein Begehren vernommen, ſagte er nichts, blickte aber fragend den Vater an, der mit ru⸗ higer Ergebung aber bleicher Stirn neben dem Sohne ſtand. „Ich kann Ihnen nichts verſprechen und nichts verwehren,“ ſagte er endlich,„Sie ſcheinen mir aber zu leidend zu ſein, um viel von ſich hoffen zu laſſen. Ich werde daher meinen Arzt fragen und was der Ihnen räth, Burns, das thun Sie— abgemacht!“ Der Arzt kam und Friedrich mußte ſich im Ne⸗ benzimmer entkleiden. Kaum aber hatte jener den Arm geſehen und flüchtig unterſucht, ſo ſagte er kalt lächelnd:„Kleiden Sie ſich wieder an. Danken Sie Gott, junger Mann, daß Sie den Arm behalten haben; erfüllen Sie Ihre Pflicht als Menſch und Sohn, aber zum Krieger ſind Sie auf alle Zeit ver⸗ dorben. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfeh⸗ len, meine Herren.“ Da ſtanden ſie denn und blickten Alle einander 250 an.„Glauben Sie ihm nicht?“ fragte der Com⸗ mandeur.„Ich ſehe, Sie wollen noch etwas ſagen.“ „Ja. Wenn ich das Schwert nicht ſchwingen kann, können Sie mich vielleicht zu etwas Anderem gebrauchen, Herr Major!“ „Nein!“ ſagte der brave Mann ſtreng.„Der Arzt hat Ihnen geſagt: erfüllen Sie Ihre Pflicht als Menſch und Sohn— und das ſage ich Ihnen auch. Invaliden taugen den Dänen gegenüber nichts und ich würde mich einer ſchweren Verantwortung ausſetzen, wenn ich gegen meines Arztes Meinung Ihrer Anſtellung das Wort reden wollte.“ Das Urtheil war geſprochen. Friedrich war ein Invalide. Das hatte er ſich noch nie in ſeiner ganzen Bedeutung zugeſtanden und darum ſummte das Wort mit verhängnißvollem Klange in ſeinen Ohren. O, mit welchen Empfindungen ritt er mit ſeinem Vater nach Hauſe zurück!— Andreas war ſtill und ließ das Gift im Buſen des tief Verletzten ruhig wirken, ihm ſelbſt hatte er ja nicht glauben wollen; jetzt mußte er glauben und gehorchen zugleich. Friedrich's Augen ſchweiften während des langen Rittes über Felder und Wege, über Himmel und Erde— aber er ſah von dem Allen nichts.„Ich bin ein Invalide!“ 251 ſagte er ſich hundertmal, und dieſer Gedanke, dieſes Bewußtſein, welches jetzt mit aller Macht in ihm auf⸗ blitzte und fortwürgte, lag wie ein Alp auf ſeinen jungen Schultern.„Was ſoll ich nun noch thun— wozu bin ich nun noch in der Welt nütze?“ fragte er ſich halblaut ſelber, ſo daß es der Vater hörte. „Deine Pflicht als Menſch und Sohn erfüllen!“ erwiderte ruhig der Vater—„Du hörſt es jetzt zum dritten Mal.“ „Ja,“ ſeufzte der Troſtloſe—„weiter bleibt mir nichts übrig.“ „Und wird Dir die Erfüllung dieſer Pflicht ſo ſchwer, mein Sohn?“ Friedrich wandte das thränende Auge auf ſeinen Vater. Sanft ſchüttelte er den Kopf.„Nein, mein Vater, ſie wird mir leicht werden— aber meinem Vaterlande hätte ich gern geholfen.“ „Ich auch.⸗Das iſt aber vorbei. Nun denke an was Anderes. Du haſt noch eine ſchöne und lange Zukunft vor Dir. Schaue um Dich und zähle, was Dir geblieben iſt— Du haſt noch Viel!“ „Und was habe ich?“ fragte der Sohn traurig. „Das ſollſt Du mir künftig ſagen; für jetzt be⸗ ruhige Dich und finde Dein Schickſal erträglich. Viele 252 haben Schwereres ertragen und Weniger übrig behal⸗ ten aus dem Schiffbruch ihres Lebens, als Du.“ Und ſo kamen ſie nach Marſchlund zurück. Der Juni verfloß, der Juli rückte vor. Die letzten Preußen zogen fort und Schleswig⸗Holſtein war ſich allein überlaſſen. O, welches beklemmende Gefühl erfaßte da die Männer, die früher ſo hoffnungsvoll auf dieſe Hülfe geblickt! Denken läßt es ſich wohl— aber es läßt ſich nicht ſagen!— Er aber, der Invalide, wie er ſich jetzt täglich unzählige Male nannte, war noch ſtiller geworden als zuvor, denn in ſeinen Gedanken war er nicht allein Invalide in Bezug auf den Krieg, ſondern er trug ſeinen leidenden Körperzuſtand auch auf alle ſeine übrigen Lebensverhältniſſe und Ausſichten über. Das fraß jetzt an ſeinem Herzen und beinahe war der Schmerz darüber noch größer, als über den Ab⸗ bruch ſeiner militairiſchen Laufbahn, denn Soldat konnte er nur eine kurze Zeit ſein, leben und wirken, lieben und geliebt werden aber wollte er für's ganze Leben, und dies Leben war ja noch ſo lang— und nun ſchon auch dafür Invalide!? 8 253 Es war ein heißer Julitag; brennend ſtand die Sonne über den windſtillen Marſchen und die darauf weit und breit zerſtreuten Heerden lagen im Graſe, wo es am feuchteſten war. Die zahlloſen Schaaren der kleinen zwitſchernden und ſich ewig hin und her jagenden Vögel, die in dieſen Gründen lebten, ſchwärm⸗ ten heute nicht ſo luſtig in der Luft wie ſonſt, ſon⸗ dern ſaßen und ruhten in ihren kühlen Neſtern und Erdlöchern, um den friſcheren Abend zu erwarten, denn auch ſie drückte die ermattende Hitze des Tages. Nur die Billionen ſchwirrender Inſekten hingen in dicken Schichten über den Triften und erfüllten die Luft mit ihrem Geſumme, als wollten ſie ihre Luſt und Wonne zu erkennen geben, daß ſie heute die ein⸗ zigen Geſchöpfe wären, die ſich in der Gluthhitze, ihrem einzigen Lebenselemente, beglückt und zufrieden fühlten. Gertrud und Helene waren Nachmittags nach Hu⸗ ſum gefahren, um im Kreiſe der patriotiſchen Frauen des Ortes im Voraus für Verbandmittel zu ſorgen, im Fall der neue Kampf wieder friſches⸗Blut fordern ſollte; einen um den andern Tag begab ſich Gertrud dahin und entweder Helene oder Agathe, bisweilen auch Andreas oder Friedrich, begleiteten ſie. Diesmal war Agathe zu Hauſe geblieben. Sie 254 hatte mit den Männern den Kaffee getrunken und war dann in ihr Zimmer zurückgekehrt, um an Bin⸗ den von Leinwand zu nähen, die in Marſchlund in großer Menge gefertigt wurden. Da es ihr aber zu drückend heiß im Zimmer ward, begab ſie ſich in's Freie und trat an das Meeresufer, wo eine friſchere Luft wehte. Auf der halben Höhe des Dammes, auf welchem Marſchlund lag, war eine Raſenbank ange⸗ bracht, von der man weit in's Meer hinaus ſchauen und ungeſtört ſeinen Gedanken nachhängen konnte, wenn man allein ſein wollte. Und Helene wie Aga⸗ the waren Beide gern allein, ſie hatten Vieles zu denken, zu hoffen, zu wünſchen, und darum zogen ſie ſich ſo oft wie möglich in dieſe abgelegene Einſiedelei zurück. Heute war Helene nicht anweſend, alſo ge⸗ hörte Agathen der trauliche Platz. Da ließ ſie ſich denn nieder und nähte an ihren Binden. Aber bald fiel ihr die Arbeit aus den Händen und die ſchönen Finger ruhten unthätig im Schooße. So ſaß ſie da, leiſe athmend, ein Bild der lieblichſten Ruhe, und doch, doch war es in ihrem Herzen nicht ſo ruhig, da pochte, da hämmerte, da bewegte es ſich lebhaft auf und ab und, obgleich ſie die Augen auf das ſtill⸗ wogende Meer gerichtet hatte, ſo ſah ſie es doch nicht, denn ſie ſah und vernahm nichts als das Eine, 255 was ihr ſeit langer Zeit in Gedanken herumging, das Wort, welches Andreas in Emmerslund kurz vor der Abreiſe geſprochen:„Der Menſch ſoll dem Men⸗ ſchen Alles ſein auf Erden, denn er kann es.“ „O ja,“ ſagte ſie leiſe,„er kann es— wenigſtens könnte er es— ich habe es mir ſchon ſo oft vorge⸗ nommen, es zu ſein, zu thun— und immer hat mir Gott die günſtige Gelegenheit dazu verſagt.“ Da ſchrak ſie faſt heftig empor, denn langſam, ruhig, träumeriſch, wie er jetzt immer war, trat Fried⸗ rich vom Damme herunter, um ſich vielleicht auch auf die Raſenbank zu ſetzen, wie er wohl zuweilen that, wenn ſie kein anderer Beſuch in Anſpruch nahm. Eben hatte Agathe zu ſich geſagt: und immer hat mir Gott die günſtige Gelegenheit verſagt, dem Men⸗ ſchen auf Erden Alles zu ſein— hatte Gott vielleicht das Wort gehört und mit ſeiner allmächtigen Hand dem jungen Manne den Weg gewieſen, den er eben ging? 4 Aber nicht allein Agathe war zuſammengefahren, als ſie Friedrich erblickte; auch Friedrich hatte einen Stoß durch ſein Herz gefühlt, als er Agathen auf der Bank vor ſich ſah, die er in ihrem Zimmer ver⸗ muthete, wohin er ſie vor Kurzem ſelbſt hatte gehen ſehen. Beinahe wäre er wieder zurückgetreten, um 1— 4 3 2 1 8 2 ————— 256 ſich einen anderen Platz zu ſuchen: als er aber eine freundliche Geberde Agathens zu bemerken glaubte, die ihn näher zu kommen einlud, bezwang er ſeinen einſiedleriſchen Geiſt und trat an ihre Seite.„Ich glaubte Dich im Zimmer, Agathe,“ ſagte er, ſie be⸗ grüßend,—„Du wollteſt vielleicht hier allein ſein?“ „Nein, Friedrich, das Zimmer war mir zu warm — Deine Geſellſchaft aber iſt mir immer willkommen.“ „So werde ich mich ein wenig zu Dir ſetzen— ach! wie angenehm kühl iſt es hier—“ „Das macht das Meer—, „Und das macht die Einſamkeit!“ Und er ſchwieg wieder und ſchaute über die Fläche des Meeres hin, auf welchem in der Ferne zwei Schiffe, durch die Windſtille gefeſſelt, ruhig bei einander lagen; auch ſie waren vielleicht durch den Zufall zuſammengeführt, wie die beiden jungen Menſchen, die ſich ſeit langer Zeit nicht mehr zu ſuchen pflegten. Da die Pauſe etwas lang wurde, die Beide mit Nachdenken auszu⸗ füllen ſchienen, ſo glaubte Agathe das Stillſchweigen endlich brechen zu müſſen. ¹ „Wirſt Du der Mutter und Helenen entgegen⸗ reiten, Friedrich?“ 3 „Nein, es iſt mir zu heiß; ich glaube, wir bekom⸗ men nächſtens ein Gewitter. Auch macht mir das 257 Reiten kein Vergnügen mehr, ſeitdem—“ hier fiel ihm wieder ein, daß er ein Invalide ſei, und er hielt mitten im Satze inne. „Nun— ſeitdem?“ „Seitdem ich neulich mit dem Vater in Rends⸗ burg geweſen bin.“ „Was habt Ihr denn eigentlich zwei Tage dort gemacht?“ 3 „Wir hatten einen wichtigen Zweck im Auge und — der Zweck wurde verfehlt.“ „Einen wichtigen Zweck? Und davon habt Ihr uns nichts geſagt?“ „Es betraf nur mich.“ „Dich— nur Dich? Iſt das ſo gleichgültig?“ „Für mich— für mich iſt jetzt Alles gleichgültig, ſeitdem—“ Agathe erhob das Haupt von ihrer Arbeit, die ſie in ihrer Verlegenheit wieder vorgenommen, und ſah ihren Bruder an. Ihr Auge umflorte, ihr Buſen hob und ihre Wangen rötheten ſich.„Seitdem?— Fahre fort, Friedrich.“ „O ja, wenn Du es hören willſt— ſeitdem ich Invalide bin.“ „Was heißt das, ich verſtehe Dich nicht.“ ‚Ah ſo! Nun, ich war in Rendsburg, um mich Burns. IV. 17 258 bei meinem Regiment zu melden, aber man wollte mich nicht wieder annehmen, eben weil ich In⸗ valide bin.“ Agathe athmete hörbar.„Wie— Du wolleeſt wieder in den Krieg?““ „Natürlich— war das nicht meine Schuldigkeit?“ „Ich bitte Dich, Friedrich, haſt Du an Deine Mutter dabei gedacht— an den Vater—“ „Ja, an Alle— ſogar an Dich—“ „An mich?“ „Ja, und um ſo lieber wäre ich fortgegangen, da mir alle dieſe Gedanken keinen Troſt ſpendeten.“ „Wie— keinen Troſt? Ich verſtehe Dich wirk⸗ lich nicht.“ „Nun, iſt das nicht klar? Wozu iſt ein Menſch auf Erden nütze, der, wie ich, eins ſeiner beſten Glied⸗ maßen— ſeine halbe Kraft— verloren hat, als— als um todtgeſchoſſen zu werden—“ „Friedrich— um Gotteswillen!“ „Was willſt Du? Wozu bin ich noch nütze, ſage ich, wenn ich kein Mann mehr ſein darf, wie ihn die jetzigen Zeiten erheiſchen. O! Es iſt ſehr bald geſagt, was ſie mir zum Troſte zu ſagen glaubten: Erfüllen Sie Ihre Pflicht als Menſch, als Sohn, aber zum Soldaten ſind Sie verdorben.“ 4 259 „Das haben ſie Dir geſagt, Friedrich?“ „Ja, dies bittre Wort haben ſie mir geſagt, und das iſt es, was an meinem Herzen frißt, Agathe.“ Agathe fing leiſe an zu weinen. Friedrich ſchien es nicht zu bemerken.„O!“ ſagte er plötzlich.„Was iſt das für ein trauriges Leben! So jung, ſo willens⸗ kräftig, ſo lebensfroh und— Invalide— das heißt, todt für die Welt, todt für die Ehre, todt für die ſüßeſte Pflicht!“ Aagathe ſchaute aus ihren Thränen auf.„Todt für die ſüßeſte Pflicht— was für eine Pflicht iſt das bei Euch Männern?“ „Das iſt die Pflicht, für das Vaterland zu kämpfen, und wenn nicht zu ſiegen, doch wenigſtens ehrenvoll zu ſterben.“ „Habt Ihr keine anderen ſüßen Pflichten?“ „Erinnere mich daran nicht, Agathe; ja— es giebt noch ſolche für uns— aber das iſt mir Alles verſagt— ich bin ein Krüppel!“ „Friedrich!“ rief Agathe ſchluchzend und legte ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm.„Ich bitte Dich, ver⸗ ſündige Dich nicht— Du biſt kein Krüppel.“ „Ja, das bin ich, Du wirſt es mir nicht beſtreiten wollen.“ „Ich beſtreite es Dir—“ 17* 260 „So. Was ſuchſt Du?“ Agathe ſuchte ihr Tuch— ſie hatte keins zu ſich geſteckt. Da aber ihre Thränen reichlicher über ihre Wangen zu rollen begannen, ſo fühlte ſie das Be⸗ dürfniß danach. Plötzlich fuhr ſie mit der Hand in die Taſche und zog ein rothſeidenes Tuch hervor, wo⸗ mit ſie ſich raſch die Augen trocknete. Friedrich ſtarrte ſie betroffen an. Eine ſeltſame Ideenverbindung bemächtigte ſich ſeiner Sinne. Es war ſein Tuch, womit ſich Agathe die Augen trock⸗ nete. Er heftete einen wunderbar forſchenden Blick auf das weinende Mädchen und ſchaute dann in ſein eigenes Herz hinein. So ſchön, ſo lieblich, ſo unend⸗ lich milde, wie ihm Agathe in dieſem Augenblicke er⸗ ſchien, glaubte er ſie noch nie geſehen zu haben. Als aber das Mädchen leiſe zu weinen fortfuhr und das Tuch nicht von den Augen nahm, wurde auch er weich und eine ungewohnte Rührung bemäch⸗ tigte ſich ſeines verſchloſſenen Herzens. Es that ihm leid, daß Agathe ſeinetwegen weinte, denn, wie viele Männer, konnte er keine Frau weinen ſehen, ohne das Bedürfniß zu fühlen, ihr den herzlichſten Troſt zuzu⸗ ſprechen. Aber er arbeitete ſich dabei ab, als ob er ein ſchwieriges Werk unternähme, er hätte nicht ge⸗ dacht, daß es ſo viele Anſtrengung koſtete, ein ein⸗ 261 faches Wort des Troſtes über die Lippen zu bringen. „Weine nicht, Agathe,“ ſagte er endlich ſanft;„es thut mir weh, wenn ich ein Mädchen wie Dich wei⸗ nen ſehe; Du mußt noch keine Thränen vergießen.“ Agathe richtete ſcheu und mit innerem Widerſtre⸗ ben ihr Auge auf den ſo ſanft redenden Mann, den ſie noch nie ſo wohllautend reden gehört hatte. Auch wunderte ſie ſich, ſein Geſicht ſo bleich und erregt zu finden, denn ſie hatte wohl keine Ahnung, von welchen unnennbar ſüßen und zugleich ſchmerzlichen Gefühlen ſein Herz bewegt war. Plötzlich und bei⸗— nahe inſtinktmäßig erfaßte er ihre Hand.„Weine nicht, Agathe,“ wiederholte er—„ich bitte Dich darum. Sage mir lieber, wie kommſt Du zu dieſem Tuche, das jetzt ſo naß iſt von Deinen Thränen?“ „Wie ich dazu komme?“ Und Agathe erſchrak. Erſt jetzt bemerkte ſie, welches Tuch ſie in Händen hielt, denn ſeitdem ſie es von Helenen empfangen, hatte es den Ort, woher ſie es eben geholt, nur ver⸗ laſſen, um in ſtillen und einſamen Stunden der Hoff⸗ nung an ihre Lippen zu wandern.„Helene hat es mir gegeben,“ ſagte ſie endlich ſanft und fuhr ſich damit über die glühende Wange. „Helene? Wann?⸗ „Als ſie aus Kolding zurückkehrte.“ 262 „So!“— Friedrich fühlte eine Blutwelle ſo glü⸗ hend in ſein Geſicht ſteigen, wie nie in ſeinem Leben, und er wandte den Kopf ſcheu ab, als wäre er auf einem Diebſtahl ertappt worden. Plötzlich und wie durch innere Eingebung fühlte er, welch großes Un⸗ recht er wohl oft wider Willen dem guten Mädchen gethan haben mochte, welches ſo herzlich theilnehmend an ſeiner Seite ſaß, und alle Einflüſterungen Helenens fielen ihm mit einem Male auf' Herz, das erbebte, als ob es einen Keulenſchlag empfangen hätte. „Es iſt mein Tuch, Agathe!“ ſagte er dann mit abgewandtem Geſicht. „Ja, Friedrich, ich weiß es wohl. Du haſt es mir geſandt, zum Zeichen, daß Du auch in Gefahr des Lebens an mich denken und Dich ſchonen würdeſt.“ „Agathe!“ rief Friedrich wie im plötzlichen Rauſche und faßte ihre Hand feſter—„Ich will nicht länger der Tyrann meines Herzens ſein—“ „O, auch nicht meiner!“ „ Ich fühle, ja, ich fühle tief, daß ich Dir Vieles abzubitten habe.— Warum trägſt Du das Tuch bei Dir?“ „Weil es mir lieb und werth und einer der we⸗ nigen Beweiſe war, die Du mir im Leben gegeben 263 haſt, aus denen ich den Antheil erkennen konnte, den Du an mir nahmſt. Und Helene hatte mir geſagt, Deine Lippen hätten es berührt, bevor Du es ihr gegeben.“ „Ja, das iſt wahr— alſo Du weißt es—“ „Wohl weiß ich es— aber nicht warum Du es thateſt.“ 4— „Das weiß ich auch nicht, Agathe. Ach! ich hatte einen ſonderbaren Gedanken damals, glaube ich.“ „Und was für einen Gedanken?“ „Daß Du mich noch einmal lieben könnteſt, ſeit⸗ dem— ſeitdem Erik todt war—“ „Erik!“ rief Agathe, wie von einer Schlange ge⸗ ſtochen.„Wie kommſt Du auf Erik— jetzt?“ „Verzeih', daß ich ihn in Deiner Gegenwart nannte—“ „Meinetwegen kannſt Du ihn ſo oft nennen, wie Du willſt—“ „Wie? Und ſchmerzt Dich das nicht, wenn Du an ihn zurückdenkſt?“. „O ja, er war ja Deiner guten Eltern Sohn, die unendlich viel Liebes an mir gethan— alſo mein Bruder, wie wir Drei uns immer genannt— aber weiter war er mir nichts—“ 264 „Nichts? Agathe, ſprich die Wahrheit!— Du hätteſt ihn nie geliebt?“ „Nie! Friedrich, ich ſchwöre es Dir zu. Erik liebte mich, das iſt wahr, aber mehr wie ein Kind, denn als ein Mann, und ich konnte ſeine Liebe nie, nie erwidern.“. „Warum nicht?— Sage es offen!“ „Offen? O Friedrich! Wie kann ich das!“ „Ich bitte Dich, thu' mir den Gefallen, die Liebe, die Freundſchaft, wie Du willſt— ſage mir das— denn ich bin ſtets der Meinung geweſen, wie Erik Dich liebte, ſo liebteſt Du Erik!“ „Ich weiß es wohl; das war eine Täuſchung von Dir, Friedrich, und das iſt eben oft und lange mein Kummer geweſen.“ „Dein Kummer?— Aber warum liebteſt Du ihn nicht?“ „Ich liebte einen Anderen!“ ſagte Agathe feſt und entſchloſſen. Friedrich's Augen öffneten ſich weit. Er ſchaute tief in die blauen Sterne hinein, die im ſüßen Schmelze ihm entgegenleuchteten.„Du liebteſt einen Anderen?“ fragte er ſtammelnd. „Ja— ich liebte ihn und liebe ihn noch.“ 265 „Und wen?“— Agathe ſchwieg und ſenkte den Kopf.„Wen— wen?“ rief Friedrich hartnäckig und hatte, ohne es zu wiſſen, feſt ihren Arm gefaßt. Agathe richtete ſtolz ihren Kopf empor. Groß war der Blick, den ſie jetzt zum erſten Male ganz und voll in zwei andere Augen that, und eben ſo tief und klar—„Dich!“ ſagte ſie mit gepreßter Stimme und ſank in ſich ſelbſt zuſammen, als hätte die An⸗ ſtrengung, dieſes kleine Wort hervorzubringen, ihre Kräfte überſtiegen. „Agathe!“ rief Friedrich beinahe vor Schrecken laut auf und lag zu ihren Füßen, ſtützte die Hände auf ihren Schooß und blickte ihr mit brennenden Augen in das glühende Geſicht.„O, ſag' es noch einmal, noch einmal— einen Krüppel liebteſt Du?“ „Du biſt für mich kein Krüppel, Friedrich. Ich habe Dich immer geliebt und würde Dich lieben, wenn Du auch keinen Arm mehr hätteſt, denn des Weibes Herz liebt nicht die Gliedmaßen eines Man⸗ nes, ſondern es liebt ſeine Seele, ſein Herz— und das Deine habe ich lange und immer geliebt.“ „O, mein Gott im Himmel— und das habe ich ſo lange und immer verkannt?“ „Das haſt Du, und darüber eben habe ich die großen Schmerzen empfunden. Aber ſeitdem der Vater 266 uns beim Abſchiede von Emmerslund ſagte: Kinder, nehmt ein Beiſpiel an Gertrud's Liebe, was der Menſch dem Menſchen auf Erden ſein kann, faßte ich den Entſchluß, daß es klar werden ſollte zwiſchen uns, wenn mir die Gelegenheit günſtig wäre— aber Du—“ „Aber ich— ach, ich hatte ja immer einen dop⸗ pelten und zuletzt einen dreifachen Kummer. Zuerſt glaubte ich, Du liebteſt Erik. Dann glaubte ich, Du würdeſt mich niemals lieben können, weil ich ein Krüppel geworden war, und zuletzt drückte mich der Gram nieder, meine Kräfte nicht meinem unglück⸗ lichen Vaterlande weihen zu können. Aber jetzt— kann ich Dir wirklich g 2 lauben? Liebſt Du mich wirklich?“ Agathe lächelte ſüß, denn Friedrich hatte ſie ſchon eine Weile umſchlungen und geliebkoſt.„Warum lächelſt Du, Agathe?“ „Ich wundere mich über Dich, Friedrich, und weiß nicht, was ich Dir antworten ſoll. Ich habe Dir geſagt, daß ich Dich liebe, und Du ſcheinſt ſo glück⸗ lich darüber zu ſein, daß Du es noch einmal hören willſt— aber Du haſt mir ja noch nicht einmal ge⸗ ſagt, ob Du mich wieder liebſt—“ „Wie, habe ich Dir das noch nicht geſagt? O mein 4 267 Gott, wo ſind denn meine Gedanken! Ob ich Dich liebe— Agathe— muß ich Dir das wirklich noch ſagen? Siehſt Du das nicht—“ „Ich ſehe es, ich ſehe es— ja, Friedrich, mein Bruder, mein Freund und nun auch noch mein Geliebter!“ Und Beide umſchlangen ſich und küßten ſich, wie 3 ſie ſich nie umſchlungen und geküßt, und keins von Beiden ſah, daß ein Mann hinter ihnen ſtand, der ſich mit ihnen freute und vor Freuden weinte, und daß dieſer Mann Andreas Burns ſelber war. Da ſchaute Friedrich plötzlich auf und bemerkte ſeinen Vater. Dieſer ſtand ſprachlos vor Rührung, denn er ſah einen der Lieblingswünſche ſeines Lebens erfüllt und wußte, daß Friedrich's Laufbahn durch dieſe Wandlung eine glücklichere und geſegnete ge⸗ worden war. Da ſchaute aber auch Agathe auf und dunkler Purpur färbte ihre Wange. Wie ein Reh ſprang ſie in die Höhe und flog dem theuren Vater in die geöffneten Arme. „Darf ich, darf ich ihn lieben, Vater, wie er mich liebt, und ihm beweiſen, was Gertrud Dir bewieſen hat, was ein Menſch dem Menſchen auf Erden ſein ſoll und kann?“ „Du darfſt!“ ſagte Andreas ſtill und küßte ſie 268 zärtlich, und Du machſt auch mich und uns Alle da⸗ mit glücklich. O Kinder— das iſt ein kühlender Regentropfen auf dieſe brennende Zeit— wollte Gott, daß meine Bitte erhört würde und daß wir bald noch mehr des göttlichen Segens vom Himmel erhielten, wir könnten ihn täglich, ſtündlich gebrauchen!lk?“? Neuntes Aapitel. Die Dänen in Schleswig. Ein ſo frohes Ereigniß, wie das eben geſchilderte, erſtreckte ſeine Folgen nicht allein auf die beiden zu⸗ meiſt dabei betheiligten Glücklichen, ſondern betraf die ganze Familie; Freude und innigſte Theilnahme be⸗ ſeelte Alle und übte auf die bisher ſo gedrückte Stimmung die wohlthätigſte Wirkung aus. Wo die Trauer und der Schmerz in ſo vielerlei Geſtaltung gehauſt hatte, wie in Capitain Burns' Familie, da hebt der kleinſte Glücksfall des Einzelnen die Hoff⸗ nung Aller empor, und Andregs hatte wohl Recht, wenn er ihn mit dem erſten Regentropfen verglich, der auf die lange Dürre des Familienglückes gefal⸗ len war. Helene, die den Vorfall ſchon auf dem Rückwege von Huſum erfahren hatte— denn An⸗ 270 dreas war den Frauen in der Freude ſeines Herzens entgegengeritten und hatte ihnen das neueſte Ereigniß des Hauſes verkündet— war nächſt dem Vater ſel⸗ ber dadurch am tiefſten bewegt; wiederholt ſchloß ſie die erröthende Agathe in ihre Arme, kü te und fragte ſie, wie denn das große Werk endlich zu Stande ge⸗ kommen und das ſtarre Herz des Invaliden erweicht worden ſei.„Und da erfuhr ſie denn zu ihrer freu⸗ digſten Ueberraſchung, daß ihre eigene Reiſe nach Kolding und ihr zufälliges Zuſammentreffen mit Fried⸗ rich daſelbſt erſt jetzt die ſpäte Frucht getragen und das überbrachte Tuch die Brücke zu der ſonderbaren Erklärung gebaut habe. Helene begab ſich nach dieſer Eröffnung in ihr Zimmer und überließ ſich ungeſtört ihren geheimſten Gedanken. Wie wunderbar und unerklärlich ſind oft die Wege, deren ſich das Schickſal bedient, um uns unſerem Glücke entgegenzuführen. Was uns im ge⸗ wöhnlichen Leben ein kleiner Zufall, ein unbedeuten⸗ der Umſtand erſcheint, trägt oft die gewichtigſte Ent⸗ wicklung in ſeinem dunkelen Schooße, und was wir durch inneren Trieb mit unbewußter, gedankenloſer Hand ergreifen, wächſt über Nacht oft rieſengroß in unſer Leben hinein. Doch, wir ſollten uns nicht darüber verwundern und ſtaunen, denn die ganze 271 Welt, die uns umgebende Natur iſt, wenn wir ſie recht betrachten und bedenken, mit ſolchen Wunder⸗ werken überſchüttet, und nur die Gewohnheit verdun⸗ kelt unſer Auge, daß wir ſie nicht immer ſehen, und verhüllt unſern Geiſt, daß wir ſo ſelten die kleine Urſache als Quelle einer großen Wirkung erkennen. Iſt nicht das winzige Saamenkorn einem ſolchen Zu⸗ fall, einem ſo unbedeutenden Umſtande zu vergleichen, und wächſt daraus nicht der gewaltige Baum, die liebliche Blume und die ſüße Frucht hervor? O möch⸗ ten wir doch oft den unſcheinbaren Samen unſeres Glückes erkennen und in die fruchtbare Erde pflanzen, wir würden vielleicht häufiger, als es wirklich ge⸗ ſchieht, den Baum, die Blume, die Frucht unſeres Glückes daraus hervorſproſſen ſehen. In ſolche Träumerei mit ganzer Seele verſunken, ſtand Helene am Fenſter, blickte auf das endloſe Meer hinaus und ſchauerte plötzlich unwillkürlich zu⸗ ſammen. Es war ihrem inneren Ohre, ihrem ge⸗ heimſten Gefühle, welches in jedes Menſchen tiefſter Bruſt ſchlummert, als hätte ſie das ferne Rauſchen der Fittiche ihres eigenen Schickſals vernommen, und als käme durch den unermeßlichen Raum, den wir Luft nennen, ein unſichtbares Weſen herangeflogen, das ſich, je mehr es ſich ihr näherte, um ſo enger 3 zuſammendrängte, bis es endlich plötzlich in ihr Herz ſchlüpfte und ihr ganzes Innere wie mit einer neuen, warmen, unbekannten Empfindung erfüllte. Denn wovon klopfte dies Herz, wovon fluthete dies innerſte Gefühl in ihrer Seele, wenn es nicht von derſelben Hoffnung war, die jetzt auch Agathens Seele entzückt hatte und die ihr eigenes Herz nun nicht mehr ver⸗ laſſen ſollte, obgleich ſie keine Ahnung hatte, von welcher Seite auch ihr Glück ſich nähern und welches Weges ſich die allmächtige Vorſehung bedienen würde, um ſie zu ihrem Ziele zu führen, das ihr nicht mehr fern ſein konnte, wenn ſie der Einflüſterung Glauben ſchenkte, die jene unſichtbare Macht ihr zugerauſcht. Dieſes Gefühl, ſo belebend, ſo beglückend, ſo won⸗ nig, blieb ihr während der folgenden Nacht und der zunächſt folgenden Tage. Und ſelbſt in den ſchweren Prüfungsſtunden, die ſie bald auf ihrem Wege fin⸗ den ſollte und die weder ſie noch eins der Mitglieder der Familie ahnte, wurde ſie dadurch auf der ober⸗ ſten Woge erhalten, denn ſie hatte einmal den feſten Glauben gefaßt, daß der vor ihr liegende Berg der letzte und ſchwierigſte ſein würde, den ſie zu erſteigen hätte, und darum ſcheute ſie weder Mühſal noch Weh, um auf ſeinen belohnenden Gipfel zu gelangen. Doch ſchreiten wir mit dieſer unklaren Andeutung, 273 die unſerer geſchwätzigen Feder entſchlüpft iſt, nicht der Erzählung vor. Die wichtigen Ereigniſſe, welche Capitain Burns und ſeine Familie noch betreffen ſoll⸗ ten, nähern ſich jetzt raſch und führen uns unaufhalt⸗ ſam dem Ziele entgegen, welches der Leſer, der die Geſchichte jener Tage kennt, wahrſcheinlich ſchon vor⸗ hergeſehen hat.— Die freudige Aufregung, die jetzt in Marſchlund auf einige Tage herrſchte, wurde beeinträchtigt und bald ganz wieder beſeitigt durch die äußeren Ereig⸗ niſſe, die ſich raſch in nicht allzuweiter Ferne zu ent⸗ wickeln begannen. Die feindlichen Armeen ſtanden ſich in der Umgegend von Idſtedt, im Norden von der Stadt Schleswig, ſchlachtfertig gegenüber, das wußte man und daher war man jeden Tag auf ein Ereigniß von hoher Wichtigkeit gefaßt. Endlich am Nachmitag des 24. Juli ſchallte der erſte Kanonen⸗ donner von der Brücke bei Solbroe an der Treene herüber, der verhängnißvollen Vorſchlacht von Idſtedt, deren glückliches Ende die Schleswig⸗Holſteiner ver⸗ anlaßte, große Hoffnung auf den folgenden Tag zu ſetzen, und die dennoch nur dazu beſtimmt ſchien, die Meinung ihres Führers irre zu leiten und dadurch den Dänen den ſchon halb verlorenen Sieg in die Hände zu ſpielen. A. Burns. IV. 18 274 Kaum hatte Andreas ſich überzeugt, daß ein ernſtlicher Kampf begonnen habe, ſo traf er alle Vor⸗ bereitungsanſtalten, die ihm zu einer ſchleunigen Flucht nothwendig ſchienen, wenn dieſelbe unvermeid⸗ lich werden ſollte. Er ließ ſeine bereits gepackten Koffer und Kaſten auf die Wagen laden und dieſe zur Abfahrt bereit in einer Scheune aufſtellen. Auch die Pferde wurden von den Weiden geholt und reiſe⸗ fertig gehalten. Aber dieſe Vorbereitungen ſollten ſich vor der Hand noch unnütz erweiſen, denn das Schickſal erſparte ihm dieſe für nöthig gehaltene Flucht für den Augenblick. Gegen Abend ſchwieg der Kanonendonner oder zog ſich weiter nach Norden oder Oſten zurück, und man ſchloß daraus, daß die Dänen zurückgedrängt ſeien. Früh am Morgen des nächſten Tages aber brach ein zwiefaches Gewitter, am Himmel und auf der Erde aus. Als Andreas ſich um halb vier Uhr von ſeinem Lager erhob und in das Freie blickte, fand er den ganzen Horizont mit Gewitterwolken umzogen, und der Kampf der Elemente wie der der Menſchen, den man von beiden Seiten ſeit mehreren Tagen vorausgeſehen, begann ſein doppeltes Spiel. Der erſte Ton, den das auf⸗ merkſame Ohr des Capitains wahrnahm, war ein dumpfer, ferner Kanonenſchuß. Er weckte ſeine Fa⸗ 4 — .275 milie und ermahnte ſie, ſich bald zu Allem bereit zu halten. Um fünf Uhr waren ſie fertig und ſaßen in athemloſer Spannung an einem geöffneten Fen⸗ ſter, denn nun hatte ſich der himmliſche Kampf ent⸗ wickelt und den Lärm des irdiſchen übertäubt. Man hörte nur raſch aufeinanderfolgende Donnerſchläge und ſah die zuckenden Blitze, denen ein erquickender Regen folgte, der die unmäßige Hitze kühlte, wonach ſich das Gewitter nach Oſten zog. Als es vorüber⸗ gerauſcht war und auch der Regen aufgehört hatte, tönte der Donner der Geſchütze wieder aus der Ferne herüber und ſchien trotzig fortſetzen zu wollen, was Gott im Himmel begonnen hatte.— O, wollte doch der Menſch den Segen des Himmels, nicht aber ſeine Zerſtörung nachahmen, er würde ſeinen Beruf richti⸗ ger erkannt und ſeine Aufgabe auf Erden beſſer gelöſt haben!— Andreas ließ zwei Pferde vorführen und zog ſei⸗ nen Regenrock an. Er wollte mit Friedrich dem Ka⸗ nonendonner näher reiten und Erkundigungen über die Vorfälle des Tages einziehen. Auf dem Wege nach Hollingſtedt langſam vorreitend und die Augen nach allen Seiten richtend, näherten ſie ſich dem aus⸗ gedehnten Wahlplatze, der ſich von hier gegen Nor⸗ den zog; aber nach ſechs Uhr verſtummte jedes Ge⸗ 18* 276 räuſch, die Schlacht ſchien beendet und die vom lauen Gewitterregen duftende Natur lag in wolluſtathmen⸗ dem Frieden da. Es war um dieſe Zeit die bekannte Pauſe in dem Kampfe bei Idſtedt eingetreten, die den Schleswig⸗Holſteinern ſo verderblich werden ſollte, obgleich ſie, wohlbenutzt, den in Unordnung gerathe⸗ nen Dänen den Untergang bereitet hätte. Aber die Menſchen der Gegenwart ſehen nicht mit den Augen der Zukunft, noch weniger mit den Augen Gottes, der Gegenwart und Zukunft zugleich ſieht, und darum ſahen und wußten auch die Führer der deutſchen Ar⸗ mee damals nicht, was wir jetzt ſehen und wiſſen, daß ſie geſiegt haben würden, wenn ſie den ſchon halb errungenen Sieg erkannt und verfolgt hätten. Doch es wäre vergebliche Mühe und gehört nicht zu unſerer Aufgabe, in dieſer Erzählung die Pflichten er⸗ füllen zu wollen, die allein dem Geſchichtſchreiber ob⸗ liegen; er allein mag erforſchen, weſſen Schultern die traurige Entſcheidung des Tages aufgebürdet wer⸗ den muß. Vielfach iſt die Schlacht bei Idſtedt von Kundigen und Unkundigen beſprochen und bekrittelt worden, aber es mag viel leichter ſein, über eine ver⸗ gangene große und mißlungene That den Stab zu brechen, als eine vorliegende zum glücklichen Ende zu führen. 277 In einem Bauernhauſe vor Hollingſtedt hielten Andreas und Friedrich an, denn der Regen floß wie⸗ der in Strömen vom Himmel. Niemand wußte, was in der Ferne vorging, wohin die Entſcheidung ſich geneigt habe oder neigen würde. Um halb elf Uhr Morgens aber, nachdem die Dänen ihre zerſplitterten Kräfte wieder geſammelt und ſtatt des gefallenen Ge⸗ nerals Schleppegrell General de Meza das Com⸗ mando übernommen hatte, begann der Kampf von Neuem. Raſch zog er ſich merklich dem Süden näher und der furchtbare Kanonendonner ließ rings die Erde erdröhnen, denn nur etwa eine ſtarke Meile entfernt rollte ſich der linke Flügel des großen Schauſpiels ab. Friedrich bebte vor Kampfluſt, und wäre ſein be⸗ dächtiger Vater nicht an ſeiner Seite geweſen, wer weiß, zu welchem kühnen Wagniß der ungeſtüme Muth ſeines aufgeregten Herzens ſich hätte hinreißen laſſen. Eine Stunde nach Mittag aber— ſo lange verweilten Vater und Sohn in dem Bauernhauſe— war auch dieſer Kampf beendet. Andreas wollte nicht eher nach Hauſe zurückkehren, als bis er eine gewiſſe Nachricht eingezogen hätte. Er ſollte nicht allzu lange darauf warten müſſen. Flüchtende Bauernwagen, mit Hab' und Gut ihrer abgebrannten Beſitzer beladen, jag⸗ ten in kopfloſer Eile daher, dem Süden entgegen, als — 278 wäre der Feind ſchon hinter ihnen her. Mit Mühe war von ihnen zu erfahren, daß die Schleswig⸗Hol⸗ ſteiner auf der Flucht nach Schleswig und weiter ſüdwärts begriffen ſeien und daß die Dänen bald hinterher ſein würden. Dieſer erſten ſo niederſchla⸗ genden und kaum geglaubten Nachricht folgte bald die Beſtätigung und nun ſetzten ſich Andreas und Fried⸗ rich auf und ritten in ſcharfem Trabe nach Hauſe zu⸗ rück. Mit welchen Gefühlen dies geſchah, bedarf der Erwähnung nicht. Andreas hatte, wie wir wiſſen, keine große Hoffnung mehr gehegt, wie ſo viele ſei⸗ ner Landsleute, vielleicht nicht einmal eine geringe, er hatte ſich ſchon ſeit ſeinem Rückzuge von Emmers⸗ lund an die allgemeine Niederlage gewöhnt. Fried⸗ rich aber ſeufzte ſchwer, und erſt, als er das roſige Antlitz Agathens wiederſah, die ihm mit offenen Ar⸗ men entgegeneilte, bemeiſterte das Bewußtſein des innern Glücks den Schmerz über das traurige Ver⸗ hängniß ſeines Vaterlandes. Die nächſtfolgende Nacht wurde in Marſchlund ſehr unruhig zugebracht; erſt lange nach Mitternacht ſuchte Andreas ſein Lager auf. Er hatte nach allen Richtungen Boten ausgeſandt, welche die Stellung der Dänen erforſchen ſollten. Einer nach dem andern aber kam mit der Meldung zurück, daß in der Nähe 279 meilenweit herum keine Dänen zu ſehen, daß ſie viel⸗ mehr nach Oſten und Süden gezogen wären, um die geſchlagene Armee zu verfolgen und für's Erſte ihren vollkommenen Sieg ſicher zu ſtellen. Und das ſchien ſehr natürlich zu ſein. Das ganze Land zu beſetzen, auszuſaugen und in althergebrachter Art zu bedrücken war ein leichtes und ſich von ſelbſt machendes Unter⸗ nehmen, wenn ſie erſt die ſchleswig⸗holſteiniſche Ar⸗ mee vor ſich auf einem Punkte vereinigt wußten. Daß ſie von Weſten her kein Feind bedrohte, war ihnen ſehr wohl bekannt, denn die geſchlagene Armee ſammelte und ordnete ſich in und um Rendsburg, und von dort her allein war die Fortſetzung des Krieges zu erwarten. Daß überdieß die Oſtküſte für die Dänen bei Weitem wichtiger war als die Weſt⸗ küſte, ergab ſich aus den größeren Städten, der ge⸗ häufteren Bevölkerung und der durch große Straßen geſicherteren Stellung, die ſie ſelbſt einnehmen konn⸗ ten; auch wurden ſie von dieſer Seite her von ihren Schiffen unterſtützt, die überall vortreffliche Landungs⸗ plätze fanden, und bezogen ſie alle ihre Hülfsquellen daher; deshalb betrachteten ſie die Weſtküſte als ein Beſitzthum, welches ihnen in Folge ihres ſiegreichen Vorrückens von ſelbſt zufallen und deſſen reiche Beute ihnen jederzeit erwünſcht ſein und bleiben werde. —————(—————— 280 2 Auch ſchienen ſie im erſten Freudenrauſche nach dem Siege bei Idſtedt geneigt, Rendsburg ſogleich ſelbſt zu belagern und im Hauptquartiere der deutſchen Ar⸗ mee erwartete man das auch; daher verſchanzten ſich die Schleswig⸗Holſteiner in der Umgebung der Fe⸗ ſtung und umſchloſſen dieſelbe mit einem eiſernen Gürtel, der erſt noch zu durchbrechen war, ehe an einen wirklichen Angriff auf die Feſtungswerke ge⸗ dacht werden konnte. Allein die erſte Abſicht der Dänen, wenn ſie ſie gehabt, änderte ſich bald; ſie ſchritten vor der Hand noch nicht zur Belagerung und begnügten ſich damit, ſich in der gewonnenen Stel⸗ lung feſtzuſetzen, wobei ſie hofften, der Feind, dadurch beunruhigt, werde ſich ihnen von ſelbſt entgegenwer⸗ fen, um noch einmal das wandelbare Glück einer offenen Feldſchlacht zu verſuchen. Allein das geſchah nicht; zwar war die ſchleswig⸗ holſteiniſche Armee, die ſich allmälig wieder geſammelt und von ihrem Verluſte erholt hatte, muthig genug dazu, ja, die jun⸗ gen Leute brannten vor Kampfbegier, aber ihr Be⸗ fehlshaber glaubte nicht, daß ſo ſchnell auf einander folgende Schläge erſprießlich und daß ein beſonnenes Zuwarten das Beſte ſei, was unter den vorhandenen Umſtänden geſchehen könne. Auch vermehrte ſich von Tage zu Tage die deutſche Armee, denn nach dem 281 erlaſſenen Aufruf an alle kampffähigen Offiziere und Soldaten Deutſchlands, ſtrömten von allen Seiten junge Streiter herbei und bald war die Zahl der bei Idſtedt Gebliebenen und Verwundeten vollkommen er⸗ ſetzt. Daß übrigens die Dänen ſelbſt ſehr große Ver⸗ luſte erlitten, wußte man ſehr wohl; ihr General und viele hohe Offiziere waren gefallen und der Muth der Verzweiflung, mit dem die Schleswig⸗Holſteiner ge⸗ fochten, hatte furchtbare Lücken in ihre Reihen geriſ⸗ ſen, und ſo waren auch ſie aus dieſem Grunde zum Abwarten geneigt. Was die ſich noch einmal regenden Sympathieen Deutſchlands für die hülfsbedürftigen Herzogthümer betrifft, ſo waren ſie niemals größer geweſen, als nach der verlorenen Schlacht bei Idſtedt. In gro⸗ ßen und kleinen Städten, ſelbſt auf dem Lande, bil⸗ deten ſich Vereine, die Gelder und ſonſt nutzbare Ge⸗ genſtände ſammelten, und ungeheure Sendungen aller Art langten aus allen Gegenden in Rendsburg an. Aber was halfen dieſe Sammlungen, dieſe Unter⸗ ſtützungen alle, ſo lange ſie nur von Einzelnen aus⸗ gingen? Die ſchleswig'ſchen Beiträge und Steuern fielen meiſt aus und die Holſteiner mußten die un⸗ geheuren Kriegskoſten für eine Armee von 40,000 Mann allein erſchwingen, was auf die Dauer kaum 282 zu ermöglichen war. Dabei verbreiteten die Dänen und die ihnen wohlgeſinnte Partei kluger Weiſe in allen von ihnen gewonnenen Blättern die Nach⸗ richt, daß in Rendsburg und Kiel der Sammelplatz der in allen Ländern glücklich beſiegten Demokratie ſei, daß der Streit gegen Dänemark dazu benutzt wer⸗ den ſolle, noch einmal eine Schilderhebung wie frü⸗ her in Polen, Ungarn oder Baden gegen das mon⸗ archiſche Princip hervorzurufen, und daß es daher im Intereſſe der deutſchen Regierungen ſelbſt liege, die Unterſtützung der rebelliſchen Herzogthümer auf alle Weiſe zu beeinträchtigen. Dadurch kam bei vielen eben ſo kurzſichtigen wie kaltherzigen Deutſchen die ſchleswig⸗holſteiniſche Angelegenheit in Verruf, die Urſache des gerechten dreijährigen Kampfes ward ver⸗ geſſen, der Schwerpunkt der ganzen Sachlage unna⸗ türlich verrückt, und ſo zog ſich das große Deutſchland im Ganzen immer mehr von den allmälig verblu⸗ tenden kleinen Herzogthümern zurück. Aus dieſem Grunde mag es auch wohl ſein, daß die deutſchen Regierungen nur ſehr ſchwer, manche gar nicht, an die Auszahlungen der den Herzogthümern für Kriegs⸗ lieferungen ſchuldigen Gelder gingen; Deutſchland war in dieſer Zeit ſelbſt nicht reich an flüſſigen Mit⸗ 4 teln, und wo ſolche vorhanden waren, wurden ſie 4½ 283 zum eigenen Beſten gebraucht, denn die Verhältniſſe der größeren Mächte verwickelten ſich zur Zeit immer mehr; und wir wiſſen ja Alle, wozu dieſelben im Winter von 1850 zu 1851 geführt haben. So war das kleine Holſtein auf ſich allein ange⸗ wieſen und das Bewußtſein dieſes Alleinſtehens flößte ihm den Muth und die Kraft der Verzweifelung ein. Es iſt wunderbar, was die Statthalterſchaft in dieſer Zeit, wo ſie von allen größeren Subſidien abgeſchnit⸗ ten war, für ſich allein unternahm, es iſt noch wun⸗ derbarer, wie reichlich die Quelle des kleinen Landes ſtrömte, es iſt endlich am wunderbarſten, wie ſich die Gluth der Begeiſterung ſo lange in den Gemüthern der Menge auf gleicher Höhe erhielt. Aber eben das iſt ein Beweis, daß die Männer von Holſtein ſich bewußt waren, im Rechte gegen Dänemark und ſeine Verbündeten zu ſein, daß ſie ſich bewußt waren, es handle ſich um Leben oder Untergang, daß ſie ſich endlich bewußt waren, kein Menſch auf der Welt würde ihnen helfen, wenn ſie ſich ſelber verließen. Während die Schleswig-Holſteiner nun an der Befeſtigung Rendsburgs Tag und Nacht arbeiteten und mit unerhörten Anſtrengungen die bei Idſtedt ver⸗ ſchoſſene Munition zu erſetzen ſuchten, ereignete ſich das bekannte neue Unglück in der Feſtung ſelbſt— 284 wir meinen die Exploſion des Artillerielaboratoriums am 7. Auguſt. Die Verwüſtung war in der Stadt ſo groß wie der Schreck, den alle Bewohner derſelben davontrugen. Beinahe hundert Menſchen büßten da- bei ihr Leben ein und eine noch größere Anzahl wurde auf den Tod verwundet. Wie einſt in Kolding, noch größer und gräßlicher nur, war die Zerſtörung; Trümmer auf Trümmer ſah man in allen Straßen liegen und an der Stelle des Ereigniſſes ſelbſt ſchien ein Erdbeben einen Theil der Stadt verſchlungen zu haben. Die Dänen, in der Meinung, halb Rendsburg ſei vom Erdboden verſchwunden und die feindliche Armee in alle Winde zerſtreut, benutzten den günſti⸗ gen Augenblick, um ſich eines leicht erträumten Sie⸗ ges zu erfreuen. Am 8. Auguſt griffen ſie auf der ganzen Linie der Sorge die ſchleswig⸗ holſteiniſchen Truppen an, fanden ſich aber bald in ihren Erwar⸗ tungen getäuſcht, denn ſie wurden überall mit einen Feuer empfangen und mit einem Heldenmuth zurück⸗ gewieſen, daß ſie ſogar ihre Todten mitzunehmen vergaßen, was ſie früher nie unterlaſſen hatten. Aber nun endlich, da ſie in Holſtein nicht ein⸗ rücken konnten und ihre Rückzugslinie geſichert wuß⸗ ten, begannen ſie in Schleswig das lange vorbereitete 285 Rachewerk zu üben. Glimpflich und leutſelig waren alle ihre Rohheiten in den früheren Jahren geweſen, wenn man ſie mit der räuberiſchen Gewaltthat ver⸗ glich, die ſie jetzt in dem deutſchen Herzogthume aus⸗ führten, und leider konnte General Williſen dieſem Unfuge nicht ſteuern, denn ſeine Macht reichte nicht mehr ſo weit. Ausgeſogen auf alle mögliche Weiſe wurde das ganze Land, die vorhandenen reichen Vor⸗ räthe weggeſchleppt, Beamte abgeſetzt, Menſchen ge⸗ raubt, auf Schiffe gebracht und nach Kopenhagen geführt, und die gefangenen Schleswig⸗Holſteiner nicht als im redlichen Kriege begriffene Soldaten, ſondern als Verbrecher und wirkliche Rebellen behan⸗ delt. Und da ſie die ausgeſchriebenen Lieferungen in ſo ungeheuren Maſſen nicht für ſich ſelbſt verwenden konnten, ſo verkauften ſie dieſelben an die ruſſiſche Flotte, die noch immer drohend vor Kiel lag. Es würde uns zu weit führen, wollten wir die namen⸗ loſen Summen verzeichnen, die an Getreide, Eßwaaren aller Art, Vieh und ſonſtigem Vorrath unter dem Namen Requiſitionen den Bewohnern des eroberten Landes als Steuern auferlegt wurden, aber man kann ſie, wenn man begierig iſt, die Machtübung der Dänen im Ganzen und Großen kennen zu lernen, in allen Zeitungen und ſonſtigen Berichten nachleſen, 286 die aus jener traurigen Zeit der Erinnerung und der Geſchichte aufbewahrt ſind. Doch wir ſind hiermit, um den nothwendigen Ueberblick über die geſchichtlichen Ereigniſſe zu gewin⸗ nen, der Entwickelung unſerer Erzählung ſchon voraus⸗ gerückt; wir ſchieden am Tage der Schlacht von Id⸗ ſtedt von Marſchlund und kehren jetzt wieder dahin zurück.. Lieblich war der Frieden und unangetaſtet die Ruhe, die ſich am Morgen des Tages nach der Schlacht auf die ganze Umgegend des einſamen Land⸗ ſitzes niedergelaſſen hatten. Das Gewitter und der reichlich gefallene Regen hatte die ſchmachtenden Flu⸗ ren erquickt, warmer Dampf ſtieg aus den getränkten Gefilden hervor und die neu belebten Heerden brüllten ihr Freudengefühl gegen den wolkenloſen Himmel auf, als wollten ſie ihm Dank ſagen für die Erfriſchung, die er ihnen geſendet. Andreas fuhr fort, nach allen Richtungen Boten auszuſchicken, aber keine beunruhi⸗ gende Nachricht wurde vernommen. Erſt einige Tage ſpäter kamen einzelne Abtheilungen däniſcher Soldaten nach Huſum, doch verübten ſie keine beſondere Frevel⸗ that; ſie forderten zwar viel, da ſie aber das Gefor⸗ derte ſogleich erhielten, ſchienen ſie befriedigt und blieben ſtill. Andreas athmete auf, als er dies hörte, 287 und ſchon ſtellte ſich bei ihm die nie ganz aufgegebene Hoffnung ein, es werde ihm möglich werden, ſeinen jetzigen Wohnſitz für die Dauer zu behaupten, als plötzlich von Huſum aus das Gerücht ſich verbreitete, daß die Dänen im nördlichen Schleswig ihre alte Menſchenjagd begonnen hätten und alle Einwohner fortſchleppten, die ihnen als vorzugsweiſe deutſch ge⸗ ſinnt verrathen waren. Bald auch zeigten ſich auf der Straße, die nach Süden führt, ſchwerbeladene Wagen, begüterten Flüchtlingen angehörig, und dieſe ſelbſt, Gutsbeſitzer, abgeſetzte Beamte, Pfarrer, Lehrer, Aerzte, kurz Menſchen aus allen Ständen, kamen aus dem Norden gezogen, um Hals über Kopf die Eider zu erreichen und ſich vor ihren unerbittlichen Feinden ſicher zu ſtellen. Mit ihnen aber langte das Gerücht an, die Dänen würden bald im Süden und Weſten des Herzogthums ſein und hier wie im Norden und Oſten aufräumen. Das endlich machte Andreas ſtutzig. Obwohl er die Gefahr nicht ſo nahe und groß glaubte, wie ſie gefchildert wurde, denn man kannte ſchon die Ueber⸗ treibungen der Furchtſamen, ſo ſprach er doch gegen die Seinigen die Meinung aus, auch er denke an eine Wanderung nach Süden, nur der Ort, wohin er ſich einſtweilen begeben wolle, ſei ihm noch nicht klar ——— 288 Aus dieſer qualvollen Verlegenheit aber wurde er noch an demſelben Tage, wo er dieſen Entſchluß faßte, durch ſeinen Freund Buhſt gezogen, der ihm aus Blankeneſe einen Boten mit einem Briefe ſandte, welcher folgendermaßen lautete: „Mein theurer Freund! Ich wundere mich, daß Du noch nicht bei mir biſt. Zögere nicht den Weg zu benutzen, ſo lange er noch frei iſt. Oder giebſt Du Dich einer vermeintlichen Sicherheit hin und traueſt zu ſehr Deinem Muth und Deinem Glück? Willſt Du noch einmal gefangen werden? Nimm einen Rath von mir an und ſei nicht allzu kühn, bringe Dich und die Deinigen in Sicherheit, ſo lange es noch Zeit iſt. Komm zu mir, nimm Dei⸗ nen ganzen Beſitz mit, den Du in Marſchlund ge⸗ ſammelt haſt, auch bei mir in Blankeneſe iſt Raum genug dafür. Hier kannſt Du in Ruhe abwarten, was aus Schleswig wird, und wenn Du das Land ganz und für immer verlaſſen willſt oder mußt, ſo liegt Dir von hier aus ganz Deutſchland offen. Eile alſo, eile, ich erwarte Dich alle Tage.“ Das entſchied. Andreas begab ſich mit dem Briefe zu Gertrud, bei der gerade Helene war, und las ihn Beiden vor.„So wollen wir alſo nicht zögern,“ ſagte er wehmüthig,„das freundliche Anerbieten an⸗ 289 zunehmen. Richte Alles zu unſerer Abreiſe auf mor⸗ gen früh ein; die Scheideſtunde von Schleswig hat geſchlagen und wir müſſen uns ein neues Vaterland ſuchen.“ Bei dieſen Worten brach die leicht erregbare Frau in lauten Jammer aus, und Andreas wie Helene bemühten ſich lange vergeblich, ihr Troſt zuzuſprechen, der für ein ſo ſchwer geprüftes Herz, wie das ihrige, allerdings nicht ſo leicht zu finden war. Von ſeiner Frau begab ſich der Capitain in den Hof und leitete Alles zur Abfahrt am nächſten Mor⸗ gen ein. Noch einmal entwickelten ſeine Knechte ihre ganze Regſamkeit, noch einmal wiederholte ſich im Kleinen, was wir im Großen in Emmerslund geſehen; als aber der ſtille Abend gekommen war, überzeugte er ſich, daß das Werk vollbracht ſei und daß ihn nichts hindere, ſeine Reiſe nach Holſtein anzutreten. Als das gemeinſchaftliche Abendbrot genoſſen war, nahm Andreas ſeinen Hut und ſchickte ſich zum Aus⸗ gehen an.„Wohin willſt u gehen?“ fragte Gertrud. „Kann ich Dich nicht begleiten?“ „Nein, Gertrud, ich muß raſch gehen, denn ich will zu Smit und Barholm, unſern Nachbarn, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Der Weg wäre etwas zu weit für Dich und ſo will ich allein gehen, ich bin A. Burns. IV.. 19 um ſo ſchneller zurück.— Auf Dich iſt wohl nicht zu rechnen?“— Die letzten Worte waren an Fried⸗ rich gerichtet, der mit Agathen in einer Fenſterniſche ſaß und flüſternd ſich unterhielt. So hörte der Glück⸗ liche des Vaters Frage gar nicht, und dieſer erwartete auch keine Antwort. Helenen einen lächelnden Blick zuwerfend und mit dem Kopfe nach dem Fenſter deu⸗ tend, grüßte er Alle und verließ das Zimmer. Schon glühte das Abendroth am Himmel und ein linder Südwind kräuſelte die langen Wellen der Nordſee. Warm und duftend war die Luft und der Himmel blau, ſo weit des Menſchen Auge reichte. „Wollen wir nicht auch ein wenig ſpazieren gehen und zum letzten Male die weidenden Heerden betrach⸗ ten, Gertrud?“ fragte Helene. „Ja,“ erwiderte dieſe,„noch einmal laß ſie uns ſehen, Du haſt Recht, Helene— o wie traurig, wie traurig iſt dieſe Zeit!“— Agathe war ſchon davon geſprungen und hatte ein leichtes Tuch für die Mutter geholt; auch den Hut brachte ſie ihr; aber Gertrud wies ihn zurück, denn es ſei zu warm, meinte ſie.. „Wir wollen ihn doch mitnehmen, er iſt nicht ſchwer,“ bemerkte Helene,„es könnte zwiſchen den Wieſen und am Meere kühler ſein.“ “ „Du haſt Recht— adieu, Kinder— Ihr geht wohl nicht mit?“ „Nein!“ ſagte Friedrich leiſe und Agathe ſchüttelte erröthend den Kopf.“— Gertrud und Helene hatten das Zimmer verlaſſen und ſchritten Arm in Arm langſam auf dem Damme in der Richtung nach Huſum hin, wo ſie die weiteſte Fernſicht über die Wogen des fluthenden Meeres zur Linken, und das grüne reiche Land zur Rechten hatten. In ein ernſtes Geſprãäch vertieft, wie es ihrer Ge⸗ müthsbeſchaffenheit angemeſſen war, wandelten ſie ruhig weiter; die tiefe Einſamkeit rings um ſie her berührte ſie wohlthätig und ſie hielten oft inne im Gehen, um den erquickenden Duft einzuathmen, der von der grünen Fläche aus der Tiefe zu beiden Seiten auf⸗ ſtieg und die ganze Gegend mit ſeiner ſüßen Labung erfüllte. Da blieb Helene ſtehen und ſchaute forſchend über das Meer hinaus. „Was ſucheſt Du, Helene?“ fragte Gertrud. „Ich ſuche den Abendſtern— ſieh, da iſt er. Wie er ſo einſam und doch ſo lebhaft da oben in dem freien Raume ſchaukelt und auf uns— ſo ſcheint es mir— lächelnd niederblickt. Es iſt das letzte Mal, Gertrud, bedenke es wohl, daß wir ihn in unſerm Vaterlande begrüßen.“ 19* Gertrud hörte nicht recht, was Helene ſagte, ſonſt hätte ſie gewiß wenigſtens geſeufzt. Sie hatte ſich in der Richtung nach Huſum umgewandt und ſchaute aufmerkſam auf eine Menſchengruppe hin, die in der Ferne auf dem ſchmalen Damme dahergezogen kam. „Helene,“ ſagte ſie plötzlich,„laß uns umkehren oder auf dem nächſten Wege in die Marſchen hinabſtei⸗ gen, da kommt ein Wagen und mehrere Menſchen, wenn ich nicht irre.“ Helene ſchaute flüchtig in die angedeutete Rich⸗ tung, dann drehte ſie ſich, ohne ein Wort zu ſagen, herum, ergriff Gertrud's Arm und ſchritt etwas raſcher dem nächſten Wege zu, der in die Wieſen hinab führte. In dieſem Augenblicke hörte ſie ein galoppi⸗ rendes Pferd hinter ſich. Unwillkürlich wandte ſie ſich rückwärts, um zu ſehen, ob auch der Reiter ſie wahrnehme und nicht in Gefahr bringe, denn der Weg war ſchmal und der Abhang zu beiden Sei⸗ ten ſteil. Aber plötzlich erſchrak ſie heftig und ihre Füße verſagten ihr den Dienſt, denn ſie hatte an dem Reiter eine däniſche Uniform erkannt und vor ihren Augen ging, wie ein vorüberfahrender Blitz, ein hell leuchtendes aber Unheil verkündendes Licht auf. 3 „Erſchrecken Sie nicht, meine Damen,“ redete der 293 herangekommene Offtzier ſie an—„darf ich um Ihren Namen bitten?“. Helene wollte Gertrud ein Zeichen geben, aber dieſe war zu erſchrocken, um es zu bemerken, und zu eilig, die geforderte Antwort zu geben, als daß Helene dieſelbe hätte verhindern können. Raſch hatte ſie ihren eigenen und den Namen Helenens genannt, als auch dieſer gefordert wurde. „Sol“ ſagte der Offizier.„Das trifft ſich wunder⸗ bar. Sie ſuchten wir eben. Bitte, bemühen Sie ſich nach jenem Wagen, ich werde Sie nach Huſum begleiten.“ „Nach Huſum?“ fragte Helene ſtolz und drückte Gertrud's Arm, als wollte ſie ſie auffordern, ihr allein das Wort zu laſſen.„In Huſum wohnen wir nicht — wir wohnen auf Marſchlund.“ „Das weiß ich ſehr wohl, meine Dame. Aber eilen Sie, wir haben keine Zeit.“ „Was ſollen wir in Huſum?“ fragte Helene mit bebender Stimme, denn ſie merkte wohl, warum es ſich handelte. „Das werden Sie ſehen— Sie werden daſelbſt Geſellſchaft finden.“ „Aber ich muß es meinen Mann wiſſen laſſen,“ ächzte Gertrud beklommen hervor. „Das haben Sie nicht nöthig, den werden Sie 294 wohl auch in Huſum finden, denn wie wir hören, iſt er vorher über die Wieſe dort gegangen und es ſind ſchon Männer aus, die ihn zu finden und zu benachrichtigen wiſſen werden.“ Beide Frauen ſahen ſich mit einem Blick des Ent⸗ ſetzens an; Gertrud rang verzweiflungsvoll die Hände, Helene aber blieb kalt und ſtolz, ſie hatte ſich ſchon in ihr Schickſal ergeben.„Müſſen wir nach Huſum, mein Herr?“ fragte ſie zum letzten Mal. „Ja, Sie müſſen, und wenn Sie nicht eilen, brauche ich Gewalt.“ „So komm, Gertrud!“— Und raſch, die Gattin Andreas Burns' am Arme mit ſich fortziehend, ſchritt ſie dem Wagen zu, der die Deichſel immer noch nach Marſchlund gewendet hatte, da kein Platz zum Um⸗ wenden geweſen. Auf den Befehl des Offiziers aber ſpannte jetzt die denſelben begleitende Mannſchaft die Pferde aus, mit einer Eile, wie ſie ſelten der Däne entwickelt, drehte den kleinen Wagen behutſam um und legte die Pferde wieder vor. Wenige Mi⸗ nuten ſpäter ſaßen Gertrud und Helene darauf und im ſchärfſten Trabe, während der Reiter unmittelbar folgte, fuhr man ſie nach Huſum hinein. Lenntes Vapitel. Die Verbannung. Agathe und Friedrich ſaßen immer noch in ihrer Fenſterniſche und unterhielten ſich in jenem geheimniß⸗ vollen Zwiegeſpräch, deſſen namenloſe Süßigkeit nur Diejenigen kennen und begreifen, die ſich in einer ähnlichen Lage befunden haben, wie jetzt unſer glück⸗ liches Paar. Durch das geöffnete Fenſter ſtrömte die balſamiſche Abendluft zu ihnen herein und trug zu dem Duft der Liebe den Duft der Natur hinzu, und 6 der Sterne funkelnde Schaar, die allmälig aus dem Himmelszelte hervorgetreten waren, ſchauten mit neu⸗ gierigen Augen, aber mit verſchwiegenen Lippen, das junge Glück an, welches ſie ſelber nicht fühlen können, da ſie über die menſchliche Schwäche und Stärke— zu empfinden und zu lieben— erhaben ſind.— 2965 Schon lange hatte Ernſt Baring mit ſeinem gewöhn⸗ lichen leichten Schritte eine Lampe in's Zimmer ge⸗ bracht und auf den Tiſch geſtellt, aber ſie hatten es nicht gemerkt, denn weder die Dunkelheit noch das Licht, welches von Außen kam, war für ſie vorhan⸗ den, deren Seelen vom inneren Lichte genügend er⸗ leuchtet waren. Da wurde dieſe ſüße Unterhaltung plötzlich auf eine ſehr unerwartete und traurige Weiſe geſtört. Ernſt Baring, hinter ihm Käthe und einige alte Die⸗ ner des Capitains, traten ungeſtüm herein und füllten das Zimmer mit grell durcheinander ſchwirrendem und ſchwer verſtändlichem Geſchrei. Friedrich ſprang em⸗ por und trat, wie aus halbem Traumſchlafe aufge⸗ weckt, den Jammernden entgegen.„Was giebt es, was wollt Ihr?“ fragte er erſchrocken. „Ach, Herr, ach Gott, ach Gott, was iſt ge⸗ ſchehen!“ „Was denn— heraus mit der Sprache!“ „Frau Krüger vom Hofe iſt ſo eben von Huſum gekommen und will unterwegs geſehen haben, daß ein Trupp däniſcher Soldaten, die einen Wagen bei ſich hatten, Ihre Frau Mutter und meine gnädige Frau mit ſich geſchleppt haben!“ Wie Ernſt Baring mit kläglicher Stimme. 297 Friedrich's Sinne fingen an ſich zu verwirren und doch konnte er unmöglich dem unſicheren Berichte im erſten Augenblicke Glauben ſchenken. Als nun aber Alle, die im Hauſe waren, Agathe nicht ausgenom⸗ men, in's Freie ſtürzten, ſich in der Umgegend ver⸗ breiteten und vergeblich Gertrud und Helenen riefen und ſuchten, da mußte man ſchon an ein Ereigniß glauben, welches eben ſo neu war, wie es weit über alle Erwartungen hinaus ging. Unter dieſe ſo entſetzlich erſchreckten und ihre Kla⸗ gen laut ausſchreienden Gruppen trat plötzlich Capi⸗ tain Burns, der von ſeinem Gange ungefährdet zu⸗ rückkam und keinen Menſchen, der einem Dänen ähn⸗ lich ſah, unterwegs bemerkt hatte. Bald erfuhr er, welch verhängnißvolles Gerücht das ganze Haus in ſo ſtürmiſche Bewegung verſetzte. Nie in ſeinem Le⸗ ben war der kräftige Mann von irgend einem Unglück ſtärker erſchüttert und tiefer ergriffen worden, als in dieſem Augenblick. Sein Weib, ſeine Gertrud, und Helene, ſein Augapfel, von den Dänen entführt, mitten in einem Landſtriche, der ſich anſcheinend des größten Friedens erfreute— nein! das war ihm et⸗ was in ſeiner Art ſo Unbegreifliches, Verabſcheuungs⸗ werthes, Niederträchtiges, daß auch er es Anfangs kaum für möglich halten konnte. Bald aber ſchien 298 er ſich wieder gefaßt zu haben, wenigſtens gab er einen verſtändlichen Befehl, der dahin lautete, man ſolle ihm ein Pferd ſatteln, er wolle ſelbſt nach Hu⸗ ſum reiten. Als Agathe händeringend an ihn heran⸗ trat und bat, ſich ſelber zu ſchonen und nicht in Gefahr zu begeben, da ſchleuderte er einen furcht⸗ baren Blick auf ſie und rief:„Schweigt! Mit Worten und Bitten iſt hier nichts mehr gethan. Wie ſoll ich an mich oder an irgend Jemand anders denken, wenn 3 mman mir mein Weib geſtohlen hat! Fühlt Ihr denn nicht, wie man mein Herz durchbohrt, und mich zum elendeſten Manne gemacht hat? O, der Wurf war ſchlau berechnet— ſie wußten, wo ich allein ver⸗ wundbar war! Aber Fluch dem Menſchen, wer er auch ſei, der ſolch einen Befehl erdenken und aus⸗ ſprechen, Fluch dem erbärmlichen Knechte, der ihn auszuführen wagen konnte!“— Als er nach dieſen, an Friedrich und Agathen gerichteten Worten, eigent⸗ lich gedankenlos, in kochendem Grimme kaum ſeiner Ueberlegung Herr, mit krachenden Schritten auf und nieder tobte, meldete man ihm, daß ſein Pferd bereit ſtehe.— „Friedrich!“ ſagte er da mit klangloſer, heiſerer Stimme, die die zerriſſene Saite in ſeiner Bruſt ver⸗ rieth,„Friedrich, höre mich an und befolge, was ich 299 Dir ſage. Ich befehle Dir, dies Haus nicht zu ver⸗ laſſen, bis Du mich wiederſiehſt oder von mir hörſt. Weißt Du aber bis morgen Mittag nichts von mir, ſo trittſt Du um vier Uhr Nachmittags mit allem unſerm Beſitz die Reiſe an, die wir im Auge hatten, damit Du noch vor Sonnenuntergang jenſeits der Eider biſt.“ „Mein Vater!“ wollte Friedrich ſagen und eine Bittte hinzufügen, aber eine gebietende Handbewegung ſchnitt ihm das Wort ab und ſchon hatte der Vater das Zimmer verlaſſen. Alle Diener des Hauſes, der Verwalter ſeines Freundes an der Spitze, ſtanden im Hofe rings um das Pferd, das, wie Alle wußten, zu einem Ritt auf Leben und Tod geſattelt war. Andreas trat aus dem Hauſe, und kein Wort mehr ſprechend, faßte er den Zügel des Thieres und warf ſich mit einer Gewalt hinauf, daß der treue Schim⸗ mel merkte, es ſei diesmal Ernſt und ein gewaltiger Lauf ſtehe ihm bevor. Auch jetzt ſprach der tief er⸗ ſchütterte Mann kein Wort, er ſah vielleicht keinen der Diener mehr, die ihn umſtanden; in vollem Ga⸗ lopp ſprengte er vom Hauſe fort, daß die Steine des Hofes hinter ihm Funken ſprühten, und ſchon hatte die dunkele Nacht ihn längſt den Blicken der Nach⸗ ſchauenden entzogen, als ſie noch immer den Huftritt ———— 300 des davonjagenden Pferdes hörten. So flog der be⸗ raubte Mann dem kleinen Städtchen entgegen, wel⸗ ches ihm Aufſchluß über das unnatürlichſte Ereigniß ſeines Lebens geben ſollte. Bald hatte er es erreicht. Als er eben zwiſchen den erſten Häuſern durchritt, ſchlug die Uhr des Kirch⸗ thurms die elfte Stunde an. Die um dieſe Zeit ſonſt ſo ruhige Stadt befand ſich heute Abend in unge⸗ wöhnlicher Bewegung. Es war innerhalb derſelben etwas Unerhörtes, Unbegreifliches vorgefallen. In ver⸗ ſchiedene Häuſer waren zu gleicher Zeit, mit Nach⸗ ſchlüſſeln verſehen, Soldatenabtheilungen eingebrochen, hatten mehrere Männer, zumeiſt aber die Hausfrauen ergriffen, ſie trotz der Bitten und des Geſchreis ihrer Angehörigen in bereitgehaltene Wagen geſetzt und waren mit ihnen auf und davon gefahren. Wo ſich die männlichen Mitglieder der betroffenen Familien zur Wehre geſtellt, hatte man auch dieſe mitgenom⸗ men und in ſtrengen Verwahrſam gebracht. Und gerade die angeſehenſten Familien waren von dieſem Unheil betroffen worden, deren Mütter und Töchter zu dem Vereine gehörten, der ſich„der deutſche“ nannte, und deſſen Mitglieder ſeit langer Zeit mit ſorgender Hand und hingebendem Herzen für die kämpfende ſchleswig'ſche Jugend gewirkt und gearbeitet hatten. 301 Da war denn auch Andreas über ſein Schickſal völlig aufgeklärt; daß man es aber diesmal mehr auf die Frauen abgeſehen zu haben ſchien, daß man ihn ſelber nicht geſucht und ergriffen, das blieb ihm und allen ſein Bekannten ein Räthſel. Die unnatürlichſte Gewaltthat, die je die Dänen im deutſchen Lande gewagt, war auf dieſe Weiſe geſchehen und mit einer Kaltblütigkeit, einer faſt raffinirten Ueberlegung ausgeführt, die das teufliſche Werk noch teufliſcher machte. Und zu welchem Zwecke hatte man die armen, ſchuldloſen Weiber fortgeführt, was wollte man mit ihnen beginnen? Das konnte kein Menſch errathen. Wollte man blos ihre Angehörigen erſchrecken und zugleich die Frauen für ihre deutſche Geſinnung ſtrafen? Oder wollte man die Stadt und ſomit das ganze Land für ſeine patriotiſche Hingebung züchtigen? Niemand wußte es, und wenn man es auch gewußt, Niemand hätte etwas dagegen unter⸗ nehmen können. Nun traten die Verwandten und Angehörigen der Geraubten zuſammen und berath⸗ ſchlagten, was in dieſem ſeltſamen Falle zu thun ſei. Aber was wollte man überhaupt thun, da man nicht einmal wußte, wohin die Geraubten geſchleppt wor⸗ den waren. Denn Einige behaupteten, ſie ſeien auf ein Schiff gebracht, welches nördlich von Huſum in der Nordſee gelegen; Andere glaubten zu wiſſen, man habe ſie nach Schleswig oder Flensburg geführt; Alle aber waren darin einig, daß man auf keinem Wege den Entführten nützen könne. Endlich, lange nach Mitternacht, begab ſich eine Deputation zu dem däniſchen Befehlshaber der Stadt, den Niemand kannte. Sie wurde nicht vorgelaſſen, und da man zu mur⸗ ren und ſogar zu drohen anfing, wurde ihr angezeigt, daß ſogleich Truppen kommen und ſämmtliche Groß⸗ ſprecher wegführen würden. So entfernte man ſich wieder unverrichteter Sache und zerſtreute ſich in ein⸗ zelne Häuſer; nichts blieb übrig, als ſich mit ver⸗ zweifeltem Grimm in das Unvermeidliche zu fügen. Andreas durchwachte die Nacht bei einer befreunde⸗ . ten Familie, deren Mutter auch weggeführt war und in deren Hauſe der Verein der Frauen in der Regel ſeine Zuſammenkünfte gehalten hatte. Denn auch er konnte in der Nacht beim beſten Willen nichts voll⸗ bringen, vom kommenden Tage erſt erwartete er Licht und Aufklärung. Aber der Tag kam, mit ihm das Licht, aber die Aufklärung ließ ſich vergeblich erwar⸗ ten. Ja, als einige Männer wirklich von den Dä⸗ nen aufgegriffen und in Verwahrſam gebracht wur⸗ den, da vermehrte ſich noch der allgemeine Schrecken, indem zu dem alten Unglück noch die Gefahr eines 303 neuen hinzutrat. Nur Andreas achtete dieſe Gefahr nicht. Auf einem Wege mußten die Frauen ent⸗ führt ſein, auf welchem, das war freilich ein bis jetzt ungelöſtes Räthſel. Es kam auf das Glück an, die richtige Spur zu treffen. Da wollte es der Zufall, daß ein Mann, der in der Nacht von Flensburg ge⸗ kommen war, die Kunde verbreitete, er ſei unterwegs einem großen Wagen mit ſchreienden Frauen begegnet, der in vollem Jagen auf der Chauſſee nach Flens⸗ burg gefahren ſei. Das wiſſe er be ter nichts. 2 Andreas erbat ſich von ſeinem durch das Unglück faſt ganz zu Boden gedrückten Freunde ein Blatt Pa⸗ pier. Mit zitternder Hand ſchrieb er einige Worte an ſeinen Sohn. Er rieth ihm, ſeinem erſten Befehl zu folgen und im Laufe des Nachmittags nach Blan⸗ keneſe abzugehen. Auf ihn ſelber ſolle er nicht war⸗ ten. Er ſei auf der Spur der Mutter und Helenens, und er werde ſie finden, um das ihnen bevorſtehende Schickſal zu theilen. Dieſen Brief ſandte er mit einem zuverläſſigen Boten nach Marſchlund; als der⸗ ſelbe fortgegangen war, ließ er ſein Pferd vorführen und ſetzte ſich auf. Im Galopp flog er durch die Stadt und gelangte bald nach Oſterhuſum. Hier vernahm er auf Befragen, daß man in der That ſtimmt, aber wei⸗ 304 einen Wagen mit klagenden Weibern geſehen, und daß derſelbe ohne Zweifel die Straße nach Flensburg eingeſchlagen habe. Das war aber ſchon beim Be⸗ ginne der vorigen Nacht geſchehen und die Geraub⸗ ten mußten gegen Morgen in Flensburg eingetroffen ſein, wenn man ſie wilklich dahin gebracht hatte. Ohne ſich weiter zu beſinnen oder unnöthig aufzu⸗ halten, jagte Andreas auf der bezeichneten Straße fort. Wer ihn ſo geſehen hätte, würde ihn eher für einen durch die Welt raſenden Rachegeiſt, als für einen bis in's Mark ſeines Lebens verwundeten Men⸗ ſchen gehalten haben. Mit marmorkaltem Geſicht, weit hervorſpringenden Augen und zuſammengebiſſe⸗ nen Zähnen ſchüttelte er die Zügel ſeines davonſtie⸗ benden Roſſes; an däniſchen Truppenabtheilungen, Fuhrwerken aller Art und ſonſtigen Begegnenden ſprengte er vorüber, als ob es keine Gefahr für ihn auf der Welt gegeben hätte. Erſt in Wandrup hielt er eine Weile an und ließ ſein athemloſes Pferd verſchnaufen. Hier auch hörte er, daß das Gerücht, die Frauen ſeien nach Flensburg gebracht, eine Wahr⸗ heit ſei. Aber hier hatte ihm auch Gott, der All⸗ mächtige, zu dem er unterwegs allein geſprochen, einen Troſt zugedacht, den er jetzt am wenigſten erwartet und gehofft hatte. War der Bericht, den er hier 305— durch einen merkwürdigen Zufall ſerhielt, wahr, ſo konnte das Glück, welches ihn ſo lange geflohen und auf das er im Leben nicht mehr gerechnet, als wieder zu ihm zurückgekehrt betrachtet werden. Denn eben, als er ſich wieder auf ſein Pferd ſetzen wollte, das von dem ſcharfen Ritt am ganzen Leibe triefte, kam ein Reiter von Flensburg her, der nach Huſum wollte. Er war von einer der gefange⸗ nen Damen abgeſandt, um ihren Verwandten zu melden, daß ſie in Flensburg angelangt ſeien und ſogleich nach Kopenhagen eingeſchifft werden ſollten. „Was hilft mir das!“ rief Andreas, als er den Mann die Kunde erzählen hörte, und ſprang auf ſein Pferd. „Wer iſt der Mann?“ fragte der Bote den Wirth von Wandrup, mit dem er vor der Thüre ſtand. „Es iſt der Capitain Burns, dem man auch ſeine Frau entführt hat.“ „Halt, halt!“ ſchrie mit einem Male der Mann hinter dem Davonreitenden her. Andreas hörte den Ruf und zog die Zügel ſeines Pferdes an, blickte ſich aber nur um, ohne zurückzu⸗ kehren. Der Mann lief ihm nach, rückte am Hut und fragte ihn, ob er wirklich Capitain Burns wäre. „Ja, der bin ich, was wollt Ihr?“ A. Burns. IV. 20 306 „Dann übereilt Euch nicht, Herr— Eure Frau und noch eine Dame, die bei ihr war, iſt geborgen.“ „Wie ſo?“ ſtöhnte Andreas und ſprang zitternd aus dem Sattel. „Ich ſtand auf der Brücke von Flensburg,“ er⸗ zählte eilig der Mann,„wo unſere und viele andere aus mehreren Städten geraubte Damen eingeſchifft werden ſollten. Es war eine ſiebzigjährige Frau darunter und alle ſchrieen und weinten ſie zum Er⸗ barmen—“ „Weiter, weiter— das kann ich mir denken—“ „Der Pöbel von Flensburg hatte ſich um die Gefangenen verſammelt, ſpie ihnen ins Geſicht und überhäufte ſie mit Schimpfreden. Eben war ein Dampfer von Kopenhagen angelangt und hatte eine Menge Leute mitgebracht, die an der Brücke gelandet wurden. Unter ihnen befand ſich ein alter däniſcher Herr, der ſich nach dem Vorfalle erkundigte. Eine junge Dame unter den Gefangenen mußte ihn ken⸗ nen, denn ſie warf ſich ihm an den Hals und flehte ihn an, daß er ſie rette. Der däniſche Herr, der einen Orden auf der Bruſt trug und wahrſcheinlich ein vornehmer Mann war, ſprach mit dem Offtzier, der die Damen begleitete, und wies ihm mehrere Pa⸗ piere vor. Dieſe Papiere betrafen Eure Frau und eben dieſe junge Dame— ich weiß es beſtimmt, denn es ging herum wie ein Lauffeuer und erregte allge⸗ meine Theilnahme. Der alte Herr aber führte die beiden Damen in ein Haus in der Nähe, die anderen aber wurden in ein Boot geſtopft und an Bord ge⸗ bracht.“ Andreas ſtand mit kochendem Athem und faſt hörbar ſchlagendem Herzen vor dem alſo ſprechenden Manne. Seine Zunge klebte am Gaumen und kaum konnte er ein Wort vorbringen.„Wann war das?“ fragte er endlich mit bebender Stimme. „Das war etwa vor drei Stunden, Morgens um ſechs Uhr, denke ich.“ „Iſt das wahr, was Ihr mir ſagt— kann ich Euch glauben? Ihr gebt mir das Leben wieder—“ „Herr Capitain, ich ſchwöre es Euch zu— dieſe meine Augen haben es geſehen—“ Andreas drückte ihm die Hand und ſprang wie⸗ der in den Sattel. Als er langſam weiter ritt, kam ihm die erſte Thräne in's Auge, die er ſeit langen Jahren geweint, obgleich er im Innern unzählige ſeit dem vorigen Tage vergoſſen hatte. Aber er wußte nichts davon, denn ſeine Gedanken ſchwirrten, ſeine Sinne hatten ſich umnebelt. Der blitzſchnelle Ueber⸗ gang von der äußerſten Verzweiflung zur unglaub⸗ 20 308 lichſten Freude war zu ſchnell gekommen und hatte ſelbſt den ſo ſtarken Mann überwältigt. Erſt all⸗ mälig faßte er ſich ſo weit, daß er wieder ruhig den⸗ ken konnte.„Wer konnte dieſer alte däniſche Herr ſein?“ fragte er ſich zuerſt. Plötzlich fielen ſeine Ge⸗ danken auf den Conferenzrath Parrhiſius. Sollte es Gott im Himmel gefallen haben, ihm in der Geſtalt dieſes Mannes einen Engel zu ſenden? Es wäre zu viel, zu viel des Glücks— kaum möglich auf die⸗ ſem Stück verlorener Erde! Und langſamer als er ſelber wußte, in hin und herſpringende Gedanken verſunken, ſetzte er ſeinen Weg fort, bis er nicht weit von Flensburg war. Da hielt er ſein Pferd an und lies es im langſamſten Schritt gehen. An wen, wohin ſollte er ſich in Flensburg wenden! Die Stadt war von den Dänen beſetzt, Feinde auf allen Straßen, vielleicht in allen Häuſern; wenn man ihn ſah und erkannte, konnte auch er verloren ſein. Aber das hielt ihn nicht ab, immer weiter zu reiten. Da gelangte er an die Bie⸗ gung der Straße, die auf dem Wege von Huſum nach⸗Flensburg, kurz vor letzterer Stadt ſich links wendet. Um dieſe herum fuhr ihm eben ein Wagen in ſcharfem Trabe entgegen. Seine Bedeckung war nach vorn und hinten zurückgeſchlagen. Zwei Da⸗ 309 men ſaßen vorwärts und ein alter Herr mit weißen Haaren rückwärts darin. Beim Kutſcher und hinten auf ſaß ein Diener. Schon kam der Wagen näher heran. Andreas hielt ſein Pferd an, denn er glaubte unter der Gefühlswoge, die durch ſeine Adern brauſte, zu erſticken. Plötzlich hatte er den Sattel verlaſſen und ſich dem Wagen genähert. Der Schlag deſſel⸗ ben hatte ſich geöffnet und in ſeinen Armen hielt er die ſchluchzende Gertrud und die ſanft weinende He⸗ lene, die ihm wiederholt den alten Herrn vorſtellte, der auch aus dem Wagen geſprungen war und ſeine Freude, den Capitain Burns perſönlich zu ſehen, auf liebevolle Weiſe ausſprach, ohne von dieſem verſtan⸗ den zu werden, denn ſeine Sinne tanzten alle durch einander. Ja, es war der Conferenzrath Parrhiſius, der in Flensburg die beiden Damen getroffen, den Helene ſogleich erkannt und angerufen, und der dann Beide auf eine Weiſe gerctte hatte, wie wir ſogleich erfahren werden. Nach kurzem Aufenthalt und wenigen das vor⸗ liegende Ereigniß erklärenden Worten ſtieg man wie⸗ der in den Wagen und zu Pferde und ſetzte mit ge⸗ mäßigter Eile den Weg nach Hauſe fort. Alle, außer dem alten Conferenzrath, hatten in den letzten Stun⸗ den eine der ſchwerſten Prüfungen ihres Lebens über⸗ 3¹0 ſtanden und die Einwirkung derſelben auf die über⸗ mäßig angeſpannten Nerven war, wie es nicht an⸗ ders ſein konnte, eine überaus heftige; der Ueberreizung war eine allgemeine Erſchlaffung gefolgt, die ſich in⸗ deß bei den verſchiedenen Charakteren auf verſchie⸗ dene Weiſe zeigte. Andreas, dem das Gefühl in⸗ wohnte, als hätte er ſeit dem vergangenen Abend Hölle und Himmel durchwandert, konnte noch immer nicht begreifen, warum gerade ihm ein ſolches Glück widerfahren, wie gerade auf ihn der Himmel ſeinen Segen in der Perſon des alten Parrhiſius nieder⸗ geſandt, und da er auf Erden nicht fand, was er ſuchte, ſo wandte er ſeinen Geiſt dem Herrſcher der Heerſchaaren zu, und ſelten ſind wohl aus einer ge⸗ rührten Menſchenbruſt heißere Dankgebete zu ihm em⸗ porgeſtiegen, als die waren, welche Andreas an dieſem Tage ſeinem Herzen entſtrömen ließ. Die Augen ab⸗ wechſelnd auf die drei Perſonen gerichtet, die neben ihm im Wagen fuhren, ſchien er ſich wiederholt verſichern zu wollen, daß ſeine Wahrnehmung keine Täuſchung, daß ſeine Lieben ungefährdet wieder ſeiner Obhut übergeben ſeien, und das hatte er endlich zur Genüge begriffen. Bald ritt er auf der einen, bald auf der anderen Seite des Wagens, drückte Dieſem und Je⸗ nem die Hand und fragte nach tauſenderlei Kleinig⸗ 311 keiten, wie es ſonſt gar nicht ſeine Art war, die ihm aber heute alle von Wichtigkeit ſchienen. Gertrud ſaß meiſt mit gefalteten Händen da und auch ſie ſprach leiſe Dankesworte zu den Wolken empor. Von Zeit zu Zeit leiſe weinend, wenn ſie ſich die troſtlos vergangene Schreckensnacht zurückrief, lächelte ſie wieder ihren Mann an, wenn ſeine Blicke die ihrigen trafen, und drückte ihm mit immer erneuer⸗ ter Zärtlichkeit die Hand. Der alte Conferenzrath zeigte ſich heute von ſei⸗ ner beſten und glücklichſten Seite, er ſprudelte von Heiterkeit und Laune, und dazu veranlaßte ihn wohl zumeiſt das befriedigende Gefühl, wider Erwarten zu dem Glücke der ihn umgebenden Menſchen beigetra⸗ gen zu haben, welches er hier in jedem Auge wider⸗ ſpiegeln ſah. Ohne Unterlaß ſprach er Gertrud neuen Muth und Troſt zu, indem er ſagte, daß ja nun aller Kummer und alle Sorge vorüber ſei, daß von jetzt an ein ganz neues Leben beginne, eine Andeu⸗ tung, die Andreas nicht ganz richtig begriff, wenn er ihren Sinn nur auf die glückliche Rettung ſeiner Frau bezog. Am ſtillſten von Allen verhielt ſich Helene, und ſie hatte auch wohl den triftigſten Grund dazu, den der Leſer ſelbſt ſehr bald erfahren wird, denn ſie war —— 312 bereits von Ereigniſſen unterrichtet, die Andreas noch unbekannt waren. Von den ſeltſamſten und ſich oft widerſtreitenden Empfindungen bewegt, Freude und Ungewißheit, Hoffnung und Zweifel zugleich in der überfüllten Bruſt tragend, ſaß ſie mit zuſammen⸗ geſchlagenen Händen zurückgelehnt auf ihrem Kiſſen, ſchien die Erde und ihre Bewohner vergeſſen zu haben und ſtarrte bald erbleichend, bald erröthend, den blauen Himmel und die kleinen Wölkchen an, die lichtweiß und flüchtig wie ſpielende Elfen über ihrem Haupte vorüberhüpften. In Wandrup, wo Andreas vor kurzer Zeit erſt ſo unglücklich und dann ſo glücklich geweſen war, hielt man eine Stunde an und hier erfuhr er den Zuſammenhang der Befreiung ſeiner Frau und Hele⸗ nens, ſo wie, daß auch Henrik Paulſen mit dem Con⸗ ferenzrath in Flensburg geweſen, alſo endlich auf freiem Fuße ſei, daß er ſich aber nach kurzer Begrü⸗ ßung der beiden Frauen nach dem Sundewitt be⸗ geben habe, um mit Rasmus Harms Rückſprache über den Verkauf ſeines Gutes zu nehmen. Dieſen Zuſammenhang nun können wir dem Leſer mit we⸗ nigen Worten wiedergeben, da er im Ganzen ſehr natürlich war und nur in dem zufälligen Eintreffen des Dampfbootes aus Kopenhagen zu derſelben Zeit, 3¹13 wo die gefangenen Frauen eingeſchifft werden ſollten, auf den erſten Anblick wunderbar erſcheint. Wir wiſſen ſchon, daß der Conferenzrath nach vielem Bemühen Henrik Paulſen in Kopenhagen auf⸗ gefunden hatte, mit ihm in ſteter Verbindung geblie⸗ ben und nicht allein ſein Beſchützer und Bürge, ſon⸗ dern auch ſein Freund in jeder Beziehung des Worts geworden war. Der alte Herr, der bald nach Hen⸗ riks letztem Briefe ſeine Frau verloren hatte, ſchon im Voraus durch die Mittheilungen ſeiner Nichte zu Gunſten des jungen Mannes eingenommen und die nur halb richtige Vorausſetzung feſthaltend, ein ſüße⸗ res Verhältniß finde zwiſchen Beiden ſtatt, war Henrik mit großem Vertrauen entgegengekommen, und Henrik, durch die troſtloſe Einſamkeit ſeiner Gefangenſchaft zur Mittheilung geneigt, hatte endlich kein Geheim⸗ niß mehr vor ihm gehabt. Häufige Geſpräche über dieſen wichtigen Punkt hatten ſie zu immer größerem Vertrauen geführt, und ſo hatte Helenens Oheim nach und nach nicht allein Henriks ganzes Leben und alle ſeine Verhältniſſe, ſondern auch den Grund er⸗ fahren, warum er nie daran denken könne, als beſitz⸗ loſer Mann um die Hand der reichen Wittwe zu werben, die er ſchon ſo lange geliebt. Nach reiflichem Nachdenken und genauer Prüfung der Sachlage hatte 314 denn der Conferenzrath Henrik den kräftigſten Troſt zugeſprochen und auch hierin Bürgſchaft geleiſtet, daß dieſer Punkt bei Helenen niemals den Ausſchlag ge⸗ gen ihn geben würde, daß ſie vielmehr einen braven Mann auch ohne großes Vermögen ſchätzen werde, und daß Henrik alſo muthig in die Zukunft blicken und auf Helenens Zuneigung bauen möge. Was das fehlende Vermögen bei dem Bewerber anbetraf, ſo hatte er nicht minder die Bemerkung fallen laſſen, daß Helene ſeine einzige Erbin ſei, daß es ihr daher gleich ſein könne, ob das Vermögen, was ſie von ihm zu erwarten habe, aus ſeiner eigenen oder aus der Hand ihres zukünftigen Mannes einſt in ihren Beſitz fließe. Hierüber indeß hatte er ſich gegen Henrik nie ganz klar ausgeſprochen, dieſer konnte nur ſo viel aus ſeinen Worten entnehmen, daß ſeine Angelegen⸗ heit in Bezug auf Helene günſtig ſtände und daß es alſo nur darauf ankomme, den Krieg beendigt zu ſehen, damit er ſelbſt in die Heimat zurückkehren könne. An Letzteres aber war noch lange nicht zu denken geweſen, denn Henrik'’s Prozeß wurde abſicht⸗ lich in die Länge gezogen, um ihm die Ausſicht auf baldige Rückkehr in ſein Vaterland und auf Theil⸗ nahme an den Feindſeligkeiten deſſelben gegen Däne⸗ mark zu benehmen. Der Conferenzrath bemühte ſich 315 indeß auf alle mögliche Weiſe bei verſchiedenen ein⸗ flußreichen und hochſtehenden Perſonen, ihm darin behülflich zu ſein, aber lange Zeit waren alle ſeine Anſtrengungen vergeblich. Endlich, im Mai dieſes Jahres, war es ihm gelungen, Henrik Paulſen's Be⸗ gnadigung und Freiheit unter der Bedingung auszu⸗ wirken, daß er ſein Ehrenwort gebe, ſich nicht mehr in den Streit zwiſchen den Herzogthümern und Dä⸗ nemark zu miſchen und außer Landes zu gehen, denn man hatte gegen alle Agitatoren Schleswig⸗Holſtein's, wofür man Dank Olaf Larſſen's Verrätherei auch Henrik hielt, einen unüberwindlichen Abſcheu eingeſo⸗ gen und hielt ſie für die einzigen Urheber des un⸗ glücklichen Streites, der auch Dänemark ſo tiefe Wunden geſchlagen hatte. Mit dieſem Urtheilsſpruch war Henrik für ſeine Perſon zufrieden geſtellt, aber er wollte Kopenhagen nicht eher verlaſſen, als bis auch ein gleich milder Urtheilsſpruch über Andreas Burns und Helene Parrhiſius gefällt ſei, deren Pro⸗ zeß mit dem ſeinigen ſo eng verbunden war. Die Schlichtung dieſer Angelegenheit hatte bis vor acht Tagen gedauert. Das däniſche Miniſterium, mit wel⸗ chem der Conferenzrath durch einflußreiche Mittels⸗ perſonen verhandelt, hatte auch Helenen und Andreas in ſo weit begnadigt, daß ſie von der Liſte der Ein⸗ 316 zuziehenden geſtrichen wurden, unter der Bedingung, daß ſie wie Henrik das Herzogthum verließen; und zwar lautete das ſchriftliche Erkenntniß, in deſſen Beſitz der Conferenzrath in Kopenhagen geſetzt wurde, da⸗ hin, daß die beſagten Perſonen mit ihren Familien acht Tage, nachdem daſſelbe ausgefertigt worden war, die Eider überſchrittten haben müßten. Wurden ſie ſpäter innerhalb der Gränzen Schleswig's betroffen, ſo hörte die ganze Begnadigung auf und jeder däni⸗ ſchen Obrigkeit ſtand das Recht, ja die Pflicht zu, ſie zu ergreifen und nach Kopenhagen zu liefern. Die⸗ ſer Begnadigung, welche nichts als eine etwas mil⸗ dere Verurtheilung war, war noch eine beſondere Clauſel angehängt. Da das Herzogthum Holſtein für den Augenblick noch nicht wieder unter däniſche Ober⸗ herrſchaft zurückgebracht ſei, ſo gelte der freie Aufent⸗ halt jenſeits der Eider innerhalb der Gränzen Hol⸗ ſtein's auch nur für ſo lange Zeit, bis dies geſchehen wäre, ſobald aber der Zeitpunkt der völligen Beſie⸗ gung der Rebellenarmee eingetreten, alſo Holſtein auch wieder Dänemark gehöre, was man ſehr bald erwar⸗ tete, ſo müßte der Begnadigte auch Holſtein räumen. Dieſen miniſteriellen Beſcheid nun hatte der Conferenz⸗ rath dem Offizier in Flensburg vorgezeigt, und ihm zufolge waren Gertrud und Helene, für deren Iden⸗ tität ſich der Oheim der Letzteren verbürgt, freigegeben worden. Henrik war, um keine Zeit zu verlieren, wäh⸗ rend die Anderen ihren Weg nach Marſchlund nah⸗ men, raſch nach dem Sundewitt geeilt und wollte ſchon am nächſten Tage, ſpäteſtens am zweitfolgenden, in Marſchlund eintreffen, um dann gemeinſchaftlich mit ſeines Freundes Familie den Weg in die Ver⸗ bannung anzutreten. Ddieſe Mittheilung war es, die Andreas, ſoweit ſie ſich auf die äußeren Verhältniſſe der Betheiligten bezog, von dem Conferenzrath Parrhiſius im Wirths⸗ hauſe zu Wandrup nebſt den dazu gehörigen Pa⸗ pieren empfing, und obgleich ihr Inhalt allein es war, dem er die Freiheit ſeiner Gattin und ſeiner Freunde verdankte, ſo enthielt doch ſeine Verurthei⸗ lung zur Verbannung aus ſeinem Vaterlande genug des Stachels, um das Gefühl ſeiner Freude zu mäßi⸗ gen und ihn mit tiefer Wehmuth zu erfüllen.„Alſo verbannt,“ ſagte er, düſter und traurig vor ſich hin⸗ ſtarrend,„verbannt mit meiner ganzen Familie und vielleicht auf Lebenszeit! Und warum? O, meine Theuren, hört es an und begreift meinen Schmerz, — weil mich eine deutſche Mutter in ihrem Schooße getragen— weil ich ein deutſches Herz gehabt und weil ich dem biederen Volke angehöre, welches einen 318 ſo großen Namen und doch einen ſo ſchwachen Arm hat, daß es nicht einmal ſeine zerſtreut wohnenden Kinder ſchützen kann, wenn ſie in die Gewalt von Feinden gerathen ſind. O— o, was für ein Ge⸗ danke! Deutſchland, das große Deutſchland alſo iſt ſchwächer, hülfloſer, ſelbſtverlorener, als das winzige Dänemark— das iſt die härteſte Lehre, der fühlbarſte Schlag, den ich aus dieſer Verurtheilung empfange, das iſt die größte Schmach, die mich ganz und gar dabei erfüllt, denn alles Uebrige wäre leichter zu ver⸗ ſchmerzen, ſelbſt die Erfahrung, daß es Menſchen giebt, die wie die Tiger des Nachts auf Beute und Raub nach ihres Gleichen ausgehen!“— Und er ließ ſich, zermalmt wie nie, auf einen Stuhl nieder, ſtützte den Kopf auf ſeine Hände und blieb lange Zeit in die tiefſte Wehmuth verſunken ſitzen. Plötzlich aber erhob er ſich wieder, denn er hatte ſich männlich ge⸗ faßt und in das Unvermeidliche gefunden. Sein Auge leuchtete frei und kühn auf und ſeine Bruſt dehnte ſich wieder, als wenn ſie ſchon den Athem einer freieren Luft einſöge. „Wohlan denn, mein Freund,“ ſagte er zu dem alten Conferenzrath, der herzlich theilnehmend auf den ſo tief ergriffenen Mann geblickt hatte—„mein Freund— denn als ſolchen haben Sie ſich gegen meine Freunde, gegen mich und die Meinigen erwie⸗ ſen— ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Bemühungen, die ſie unſretwegen ſo vielfach getragen haben. Verzeihen Sie mir nur, daß ich in dem Au⸗ genblick klagen konnte, wo Sie mir eine ſo große Gunſt— ja Gunſt— einer Regierung verkündeten, die ich nie beleidigt und für die ich manches Opfer in jüngeren Jahren gebracht habe; aber es iſt ſchmerz⸗ lich für eines Mannes Herz, wie das meine, aus Gründen, wie ſie nur die Bosheit der Menſchen ge⸗ ſchmiedet, nicht die gütige Vorſehung des Himmels geſendet, ſein Vaterland verlaſſen zu müſſen. Doch jetzt iſt nicht die Zeit zur Klage— es wird genug Stunden in der Fremde geben, die wir damit aus⸗ füllen können— freuen wir uns vielmehr, daß wir wieder beiſammen ſind, meine Lieben, und beeilen wir uns, nach Hauſe zu kommen, wo unſere Kinder in namenloſer Sorge um uns ſind.“ Und ſo begab man ſich wieder, nachdem man ſich noch einmal umarmt hatte, auf die Reiſe, die von jetzt an ſchweigend fortgeſetzt wurde, denn ein Jeder mochte Grund genug haben, mit ſich allein über die nächſte Zukunft zu Rathe zu gehen. Als man in Oſterhuſum angelangt war— es war erſt kurze Zei nach Mittag— ſchlug Andreas vor, die Stadt in 320 öſtlicher Richtung zu umfahren, um den armen Be⸗ wohnern von Huſum bei'm Anblick der Geretteten den ſchmerzlichen Gedanken zu erſparen, daß ſie weniger glücklich als er in der Wiedererlangung ihrer verlore⸗ nen Familienglieder geweſen wären. Und als man nun auf einem Umwege um drei Uhr Nachmittags in Marſchlund eintraf, fand man Friedrich im Hofe mit Vorbereitungen zur Abreiſe beſchäftigt, die aber ſogleich eingeſtellt wurden, da man noch vier Tage Friſt für die Heimat hatte und erſt Henrik's Rückkehr erwarten wollte, ehe man Schleswigs Grenzen für immer den Rücken kehrte.— Friedrich's, Agathens und der in Marſchlund zurückgebliebenen Diener Freude über der Familien⸗ häupter glückliche Rückkehr läßt ſich eher denken als beſchreiben, und ſo begnügen wir uns damit, dieſelbe der Phantaſie des Leſers zu überlaſſen. Noch an demſelben Abende hatte der Conferenz⸗ rath Parrhiſius eine lange geheime Unterredung mit Andreas. Letzterer erfuhr hier, daß Helenens Oheim, nachdem er ſeine Frau verloren, das Gut in Kolding verkauft, ſeine Gelder aus Dänemark gezogen und in⸗ Hamburg untergebracht habe, ferner, daß er entſchloſ⸗ ſen ſei, ſein Vaterland Holſtein zu verlaſſen und ſich in dem ruhigeren Deutſchland anzuſiedeln, daß er 321 alſo freiwillig die Verbannung theilen wolle, die An⸗ dreas ſo ſchwer trage, und daß er, wenn dieſer nichts dagegen habe, die Abſicht hege, in der Nähe ſeiner Familie oder vielleicht gar in der Mitte derſelben ſei⸗ nen Lebensabend zu genießen, da er ſich nicht mehr von Helenen zu trennen wünſche und dieſe ihm an⸗ gezeigt habe, daß ſie die Familie Burns, die ſie fortan als ihre eigene betrachte, niemals mehr verlaſſen wolle.„Wenn Sie mich alſo nicht verſtoßen,“ ſchloß der alte Mann,„wenn Sie geneigt ſind, mit mir in Gemeinſchaft ferner zu leben und auch mir das Glück gönnen, einer edlen Familie anzugehören, ſo zählen Sie mich mit zu derſelben, die dadurch freilich kein junges und liebenswürdiges, aber gewiß ein fried⸗ fertiges und umgängliches Mitglied gewonnen hat.“ „Wie?“ rief Andreas erſtaunt und befriedigt zu⸗ gleich—„Sie wollten Ihr Vaterland verlaſſen und mit uns in die Verbannung ziehen?“ „Mein Freund,“ ſagte der alte Herr gerührt und reichte ihm herzlich die Hand,„unſer Vaterland iſt da, wo wir unſern Heerd und unſere Lieben haben — an Ihnen und an uns iſt es alſo, uns ein neues zu gründen, das feſter ſteht als das, welches wir verlaſſen. Ja, und das will ich mit gründen helfen, wo wir es auch finden, und jeder Ort, welchen Sie A. Burns. IV. 21 322 wählen werden, ſoll mir der rechte ſein, wenn er uns nur Allen gefällt und Bürgſchaft bietet, daß unſere Hoffnung auf ruhigen Genuß des Lebens daſelbſt nicht abermals bitter getäuſcht werde. Auch meinen jungen Freund Paulſen ſchließe ich mit in dieſe un⸗ ſere Verbindung ein und was ihm an Mitteln fehlen ſollte, um auch ein äußerlich berechtigtes Mitglied derſelben zu ſein, werde ich gern von dem Meinigen hinzulegen. So, hoffe ich, werden wir Alle ruhig, glücklich und zufrieden neben und mit einander leben können. Sind Sie hiermit einverſtanden und gefällt Ihnen mein Vorſchlag, ſo ſchlagen Sie ein.“ „Ja, von ganzem Herzen bin ich damit einver⸗ ſtanden und er gefällt mir vollkommen,“ rief Andreas und drückte dem braven Manne gleich herzlich die dar⸗ gebotene Hand,—„und ſo iſt denn der Krieg beendet in unſerem Herzen, ſo gehen wir dem Frieden entgegen, und wenn wir ſein Glück und ſeine Ruhe empfinden, wollen wir hoffen und wünſchen, daß unſer blutendes Vaterland bald auch den ſeinigen finden möge!“ Beide Männer ſahen ſich übereinſtimmend bei die⸗ ſen aus dem Herzen ſtrömenden Worten an, aber Beide ſeufzten, als glaubten ſie nicht daran, was ihr Herz ſo eifrig wünſchte.— Elftes Mapitel. Der Verfaſſer der Stimmen der Völker. Nach dieſem Geſpräche zwiſchen den beiden Män⸗ nern erbat ſich Helene eine Stunde Gehör bei ihrem Oheim. Der Alte lächelte in ſeiner gewöhnlichen ver⸗ ſtohlenen Art, als er dieſen Wunſch vernahm, denn er glaubte ſchon zu wiſſen, wer der Hauptgegenſtand des bevorſtehenden Geſpräches ſein würde. Aber der gute Herr hatte ſich geirrt, ihm ſtand ein noch viel ſchlauerer und feinerer Gegner gegenüber, denn Helene, die allerdings um zu hören gekommen, war eben ſo feſt entſchloſſen, nach dem gern Gehörten ſo wenig wie möglich zu fragen. Nachdem ſie ſich alſo nach der Krankheit und dem Tode der Tante erkundigt und dabei zu ihrem Troſte bemerkt hatte, daß der Con⸗ ferenzrath ihren Verluſt zu ertragen wiſſen werde, 21* 324 ſprach ſie von ſeinem Entſchluſſe, Dänemark und ſo⸗ gar die Herzogthümer zu verlaſſen, und nun mußte er ja wohl von ſelbſt auf einen gewiſſen jungen Freund kommen, der ihm ohne Zweifel zu dieſem Entſchluſſe gerathen hatte. Aber der alte Herr ver⸗ ſtand es außerordentlich gut, dieſen ſeinen Entſchluß nicht ſowohl als einen von Innen heraus hervor⸗ gegangenen, als beſonders durch verſchiedene äu⸗ ßere Einflüſſe hervorgerufenen darzuſtellen und er nannte ſogar nicht ein einziges Mal den Namen Desjenigen, von dem er überzeugt war, daß ihn Helene gern hören wollte. Aber ſchon hatte Helene des guten Oheims Spiel durchſchaut und ſie faßte ſich ſogleich, um vollkom⸗ men gerüſtet darauf einzugehen. Sie erzählte ihm ihre eigenen Erlebniſſe ſeit ihrer Trennung in Kolding, die Gefangennahme des Capitain Burns, ihre Reiſe nach der Nordſee, und wußte ihn durch die geſchilder⸗ ten ernſten Begebenheiten ganz und gar von ſeiner ſcherzhaften Verſchwiegenheit abzuleiten, ſo daß der Ausgang des Geſprächs eine ganz andere Geſtaltung annehmen zu wollen ſchien, als der Eingang hatte vermuthen laſſen. Und in der That ſchloß Helene das Geſpräch damit, daß ſie dem Oheim von ganzem Herzen dankte, bei ſeiner Wohnungsveränderung an 325 ſie ſelbſt gedacht zu haben; ſie verhieß ihm eine frohe Zukunft im Umgange mit Capitain Burns' Familie und bezeichnete ihm noch einmal den Charakter und die Eigenſchaften jedes Mitglieds derſelben, die er nun ſelbſt mit eigenen Augen geſehen hatte und die er alle gleich liebenswerth fand. Darauf küßte ſie ihn, ſtrich ihm liebkoſend die Wangen und ſchien ſich entfernen zu wollen, um noch ein wenig in's Freie zu gehen. Schon ſtand ſie an der Thür, da rührte ſich des alten Oheims Herz; er ſah ſein Unternehmen an dem unergründlichen Weſen eines weiblichen Herzens ge⸗ ſcheitert, und ſogleich beſchloß er eine andere Taktik zu beginnen, denn er war ja gekommen, nicht um zu beunruhigen, ſondern um glücklich zu machen.„Helene,“ ſagte er alſo lächelnd,„komm noch einmal her!“ „Mein guter Oheim, hier bin ich, was wün⸗ ſcheſt Du?“ „Du haſt ja noch nicht nach Deinem Freunde Henrik Paulſen gefragt—“ „Du verſchwiegſt ja ſeinen Namen ſo hartnäckig, daß ich glauben mußte, Du wollteſt ihn abſichtlich nicht nennen, und ſo bezähmte ich meine Neugier, zu vernehmen, wie weit Deine Freundſchaft mit ihm gediehen.“ 326 „Helene, mein Kind! Gieb mir mal Deine Hand. So. Höre mal, Du haſt mir da einen herrlichen jungen Mann zugeführt. Weißt Du, daß er noch beſſer iſt, als Du ihn mir geſchildert? Denn er hat nicht allein ein treues, biederes, aufrichtiges Herz, ſondern er iſt auch ein warmer, edler, ächt deutſcher Mann. Ich danke Dir wirklich für Deine Bemühung, mir ſeine Bekanntſchaft verſchafft zu haben.“ „Für meine Bemühung? Dir ſeine Bekanntſchaft verſchafft zu haben?— Wie ſoll ich das verſtehen?“ „Nun, kamſt Du denn nicht nach Kolding, um mich mit ihm bekannt zu machen?“ Helene erröthete leicht, nickte aber mit dem Kopfe. „Ja, Du haſt Recht, darum kam ich ganz allein nach Kolding.“ Der Alte lachte laut, Helene ſtimmte mit ein. Dann umfaßte er ſie, küßte ſie herzlich und ſagte: „Höre, mein Kind, wenn Du vor Anderen Geheim⸗ niſſe haben willſt, ſo iſt das gut— vor mir aber brauchſt Du keine zu haben— alſo heraus damit!“ „Womit, mein Oheim?“ „Aha! Alſo Du bleibſt verſchloſſen— gut! Aber wart', Du täuſcheſt mich nicht! So feſt Du auch die kleinen Lippen ſchließeſt, aus den Thoren Deiner Augen ſtrömen dennoch alle Gedanken Deiner Seele, 327 alle Gefühle Deines Herzens hervor— die kannſt Du nicht verſchließen, denn Gott hat dieſe Pforten ſelber weit geöffnet und der Weg von ihnen bis in die Tiefe Deines Innerſten iſt nur kurz, und klar zu über⸗ ſchauen. Doch wohlan, Du haſt vielleicht Grund, noch nicht darüber zu ſprechen, was Dir auf dem Herzen liegt, obwohl Du früher viel Grund zu haben ſchienſt, mich dieſe Gefühle errathen zu laſſen, denn ich habe ſie ja in Kolding ſehr leicht errathen— aber Eins muß ich Dir doch noh indau was Dir Henrik ſelbſt nicht ſagen kann— „Und das wäre?“ fragte Helene mit niedergeſchla⸗ genen Augen. „Du weißt doch, daß er vor Jahren einen Erb⸗ ſchaftsprozeß in Kopenhagen verlor?“ „Ja, das weiß ich.“ „Nun, der iſt von einer anderen Seite Nieder auf⸗ genommen worden, oder vielmehr, er iſt noch in einen zweiten gerathen, und ein gerechterer Richter“— und er zeigte mit der Hand nach Oben—„hat ihn den⸗ ſelben gewinnen laſſen. Henrik wird in der That einſt eine hübſche Erbſchaft antreten.“ Helene ſchüttelte ſanft den Kopf.„Mein Oheim,“ ſagte ſie mit tief bewegter Stimme,„hielteſt Du es für nöthig, mir das zu ſagen, ehe Henrik vor uns 328 erſchien? Ach, Du kennſt mich ſehr wenig. Henrik wäre mir am liebſten, wenn er recht, recht arm zurück⸗ käme—“ „Aha, um ihm deſto mehr geben zu können, nicht wahr?“ Helene erröthete, ſo ſehr ſie erröthen konnte, aber ſie mußte dennoch über die triumphirende Miene des Alten lächeln.„Nimm es, wie Du wilſſt,“ ſagte ſie; „aber ich glaube Dich zu verſtehen und bin Dir für Deine gute Abſicht in Bezug auf Henrik wenigſtens dankbar, es iſt edel von Dir und gütig zugleich, wie ich es nicht anders von Dir gewohnt bin. Auch da⸗ für alſo und für Deine Liebe zu Henrik, der mein Freund früher als der Deinige war, danke ich Dir von ganzem Herzen.— Jetzt aber läutet es zum Abendeſſen. Komm, reiche mir den Arm, wie in Kolding, und führe mich hinüber. Nur eine Bitte habe ich— ſprich nicht von Henrik, wenn man Dich nicht nach ihm fragt und bringe ihn nie in Verbin⸗ dung mit mir; Agathe iſt durch ihr Glück etwas übermüthig geworden und neckt mich ohnehin genug. Haſt Du mich verſtanden?“ „Ja, Du ſüßes Kind,“ ſagte der Alte und küßte ihre Stirn.„Dich verſteht man ſchon, wenn Du Einen blos anſiehſt, wie viel mehr nicht, wenn Du 329 ein ſo liebreiches Wort damit verbindeſt. O, was ſind doch gewiſſe Männer zu beneiden!“— Und ſie gingen zu den Uebrigen, die ſie im Speiſezimmer erwarteten. So verging der Abend in munterer Unterhaltung ſehr raſch, denn der Conferenzrath ließ keinen trauri⸗ gen Rückblick aufkommen; in ihm, vor ihm war Al⸗ les ſonnig und heiter,— was hinter ihm lag, küm⸗ merte ihn nicht, und ſo wußte er auch die Geſell⸗ ſchaft, mit der er verkehrte, froh und glücklich zu ſtimmen. Am nächſten Morgen aber in aller Frühe, obwohl man wußte, daß das einzige fehlende Glied der Fa⸗ milie noch nicht ſo zeitig anlangen konnte, ſchauten doch aus allen Fenſtern viel liebevolle Augen in die Richtung aus, woher Henrik kommen mußte, und als man im ſpäteren Laufe des Tages auf den vom Sonnenſchein ſtrahlenden Fluren ſpazieren ging, rich⸗ teten ſich die Schritte unwillkürlich nach Nordoſten. Kurz vor Tiſche verſammelten ſich alle Anweſen⸗ den im Freien; in verſchiedene Gruppen getheilt, ſchlug man den Weg ein, den man geſtern ſelbſt von Oſterhuſum her gekommen war. Gertrud ſchritt mit dem Conferenzrath vorauf, ihnen folgten Agathe und Friedrich, den Schluß machten Helene und An⸗ dreas. Aller Augen waren in die angedeutete Rich⸗ 330 tung gewendet und das Geſpräch der Einzelnen drehte ſich immer um denſelben Punkt. Da rief die heitere Agathe der ſtillen Helene mit ihrer ſilbernen Stimme fröhlich zu:„Helene, warum gehen wir denn immer dieſen Weg und ſchauen wohl ſo ſohnſüchtig nach Nordoſten hinüber?“ „Darum, Agathe, weil wir Alle einen Freund erwarten, den wir lange nicht geſehen haben und der auf jenem Wege endlich zu uns zurückkehrt.“ „SO, Du haſt ihn ja geſtern geſehen und weißt alſo, wie er ausſieht. Nun beſchreibe uns doch, wie ſieht er wohl aus?“. „Wie immer, Agathe, ich finde ihn wenig ver⸗ ändert; nur hat er mehr Fülle und Farbe im Ge⸗ ſicht, als im Gefängniß zu Kolding, wo ich ihn zu⸗ letzt ſah.“— Auch Agathens Plan war geſcheitert; Helene nahm die Neckerei nicht auf, wie ſie gemeint, ſie ſchlug die verſteckte Anſpielung mit Offenheit nieder, und ſo nahm das Geſpräch ſehr bald eine andere Wendung, indem man ſich fragte, wann Hetrik erſcheinen könne. „Er kommt heute Nachmittag!“ ſagte Helene feſt. „Ihre Uhr geht vor,“ bemerkte Andreas lächelnd. „Meiner Rechnung nach kann er erſt heute Abend hier ſein, denn er hat nicht unſere oder Rasmus 331 Harms’ Pferde, ſondern einen Miethwagen aus Flens⸗ burg, wie ich höre.“ „Und wie haben Sie das ausgerechnet? Haben Sie noch immer Ihren ſeemänniſchen Chronometer zur Hand, wenn Sie an ſolche Aufgaben gehen?“ 1„Noch immer, Helene, denn er hat mich noch nie getäuſcht. Sagen Sie ſelber— geſtern Morgen um acht Uhr iſt Henrik nach dem Sundewitt gefahren. Da iſt er etwa um Mittag angekommen. Sein Auf⸗ enthalt und ſein Geſchäft bei Rasmus Harms hat bis vier Uhr gedauert. Dann iſt er nach Emmers⸗ lund hinüber geſegelt, um unſer Haus und ſeine al⸗ ten Freunde zu begrüßen—“ „Und Erik’s Grab!“ ſagte ſeufzend die Mutter. „Ja, und vielleicht auch das ſeines alten Schul⸗ kameraden Olaf Larſſen, dem er eine Blume der Er⸗ innerung weihen wird für die vielen Beweiſe der Liebe, die er ihm während der letzten Jahre ſeines Lebens hat angedeihen laſſen.— In Emmerslund und bei den drei Capitainen iſt er bis zum Abend geblieben, denn er hat ſechs Flaſchen mit ihnen trin⸗ ken müſſen, und dann iſt er wieder zu Harms zurück⸗ gekehrt, um der müden Pferde wegen die Nacht bei ihm zuzubringen. Um ſechs Uhr heute Morgen iſt er fortgefahren und hat Flensburg um zehn erreicht. 332 Dort hat er geſpeiſt und ſeine Pferde ebenfalls, und auch geruht. Um zwei endlich hat er Flensburg ver⸗ laſſen und hat nun ſechs Meilen bis zu uns— rech⸗ nen Sie alſo aus, wann er hier ſein kann.“ „Ihr Chronometer geht nach,“ lächelte Helene. „Er geht richtig— wollen wir wetten?“ „Ich wette nicht mit Ihnen, Sie wetten nur, wenn Sie gewiß ſind, zu gewinnen— „Haha! Das thut jeder Menſch— aber ich wette noch einmal, daß, wenn ich auch diesmal gewinne und Sie verlieren, der Gewinnſt immer doch noch auf Ihrer Seite iſt— wollen Sie auch darauf nicht wetten?“ Helene ſchüttelte ſanft den Kopf.„Auch Sie?“ fragte ſie leiſe.„Auch der ernſte Andreas ſcherzt? O, das iſt das erſte Mal ſeit langer Zeit, daß ich das von Ihnen höre, und ich freue mich und danke Gott dafür!“ 3 So war das halb ſcherzhafte Geſpräch endlich doch in ein ernſtes umgeſchlagen und ſo blieb es bis zum Abend, wo es ſich erwies, daß Andreas’ Chronometer richtiger gegangen war, als Helenens Uhr.— 333 Stunde auf Stunde war verronnen und der Er⸗ wartete noch immer nicht gekommen. Alle ſahen ſei⸗ ner Ankunft mit Freuden entgegen, Zweien aber ſchlug das Herz um ſo lauter vor Ungeduld, je länger ſie hinausgezogen ward— und das war Andreas und Helene. Erſterer hatte ihn ſechszehn Monate nicht geſehen und was hatte der wackere Freund innerhalb dieſer langen Zeit nicht erlitten! In ſeinem Hauſe war er damals von dem verrätheriſchen Feinde er⸗ griffen worden, in ſein Haus kehrte er jetzt zurück, nachdem er ſich ſelbſt drei Monate Gefangenſchaft aufgelegt, um nur dem älteren Freunde und ſeiner Familie ein ſo günſtiges Loos zu bereiten, wie ihm ſelber zu Theil geworden war.— Und Helene? Wir brauchen es wohl nicht noch zu entwickeln, warum ſie mit zitterndem und doch vor Freude hochaufklopfen⸗ dem Herzen dem Freunde entgegenſah, von dem ſie, ſo lange ſie ihn beſeſſen, nie gewußt, wie theuer er ihr ſei, der ihr aber unentbehrlich geworden war, ſeitdem ſie ihn verloren und im Kerker ſein junges Leben verſchmachten und verwelken geſehen hatte. Jeden Augenblick waren Beide nach dem Fenſter geſprungen und ſobald nur ein geringes Geräuſch in der Ferne ſich hören ließ, hatten ſie den Freund vor dem Hauſe zu erblicken geglaubt— immer aber hat⸗ 334 ten ſie ſich bisher geirrt. So war es Abend gewor⸗ den und er war noch nicht da. Jetzt wurde Andreas ſchweigſam und Helene unruhig. Man ſaß ſchon im Speiſezimmer, hatte aber die Stunde des Eſſens hin⸗ ausgeſchoben, um einen Gaſt mehr bei Tiſche zu haben. Die Lampen brannten, nur ein Fenſter war noch geöffnet und zwar das, welches die Ausſicht in der Richtung nach Oſter⸗Huſum freiließ. Andreas nahm an der allgemeinen Unterhaltung keinen Theil, ging nach ſeiner gewöhnlichen Weiſe im Zimmer auf und nieder und trat nur zuweilen an's Fenſter, wohin ihm dann jedesmal Helene folgte, um ihm nicht den Vorzug einzuräumen, den Ankommenden zuerſt zu erblicken. Das hatten ſie eben auch gethan, als ein lautes Gelächter der um den Tiſch Verſammelten ſie in den Kreis der Familie zurückrief. Um die allgemeine Un⸗ ruhe der Erwartung zu beſchwichtigen, hatte der alte Conferenzrath eine Geſchichte erzählt, die ſehr komiſch war, und es war ihm dadurch gelungen, die Auf⸗ merkſamkeit auf andere Gegenſtände zu lenken. Als jetzt auch Andreas und Helenen dieſelbe Geſchichte wiederholt wurde und dieſe zu lachen ſich die Mühe gaben, obgleich ſie in ihrem gegenwärtigen Zuſtande der Spannung gar nichts Lächerliches darin fanden, 335 überhörte man ein leichtes Geräuſch auf der Treppe im Hauſe und die begrüßende Stimme einiger alter von Emmerslund mitgekommener Diener. Henrik, um die Familie am Abendtiſch zu überraſchen, hatte ſei⸗ nen Wagen, deſſen Pferde ihn ſo langſam nach Marſch⸗ lund gebracht, in der Nähe des Hauſes halten laſſen und war zu Fuße angelangt, leiſe die Treppe herauf⸗ geſtiegen, durch einen Diener zurechtgewieſen und eben vor die Thür des Speiſezimmers getreten. Eine Weile horchte er, was innen geſchah, dann aber, als das Gelächter verſtummt war, welches er vernommen, öffnete er die Thür leiſe und trat plötzlich unter die in der That Ueberraſchten. Als ſeine hohe ſchlanke Geſtalt, ſein vom lebhaf⸗ ten Gefühle angeregtes Antlitz ſichtbar wurde und ſein leuchtendes Auge pfeilſchnell über die Verſamm⸗ lung flog, ob auch Niemand fehle, ſahen und er⸗ kannten ſie ihn mit einem Blick.„Henrik!“ riefen ſie Alle, und keiner war da, der ihm nicht entgegen⸗ geeilt wäre und ſeine Hände zu erreichen getrachtet hätte, um die erſte Begrüßung davon zu tragen. Aber nachdem ſein ſchnelles Auge Alles gemuſtert und die Anweſenden gezählt hatte, wurzelte es unbeweglich auf einem Antlitz. Und da trat es ihm ſchon entgegen. „Andreas!“—„Henrik!“ rufend, fielen ſich die bei⸗ 336 den Männer in die Arme und hielten ſich lange wie Vater und Sohn umſchlungen. „Andreas, mein Freund,“ ſagte Henrik, ihn feſt bei der Hand haltend,„o, laß mich Dich Du nennen, wie man ſein Liebſtes nennt, denn Du gehörſt ja auch dazu— ſiehe, da bin ich, wo ich ſo lange zu ſein gewünſcht. O— Du blickeſt mich freudig, aber auch wehmüthig an, edler Mann, und ich verſtehe Dich vollkommen, obgleich Du kein Wort ſprichſt, denn gleich mir und uns Allen haſt auch Du ſchwer gelit⸗ ten! Ja, Andreas, noch einmal begrüßen wir uns im Vaterlande, aber erſt, nachdem wir unſere Hoff⸗ nungen zu Grabe getragen— nicht alle, nein— aber viele, die ſich auf dies Vaterland und ſein Glück, ſeinen Stolz und ſeine Kraft bezogen.— O, Andreas, daß ich Dich hier mit dieſen klagenden Worten be⸗ grüßen muß, da ich doch der Freude ſo viel im Her⸗ zen trage! Aber laß uns das Bitterſte zuerſt und völlig ausſprechen, damit es uns ſpäter nicht das Süße vergälle. Einmal muß es ja doch von der übervollen Seele herunter und ſo ſoll es ſogleich ge⸗ ſchehen. Ja— unſere Gegenwart iſt verloren, An⸗ dreas, o, auch Du erkennſt es, ich ſehe es Deinen Augen an— wir ſind beſiegt— ganz beſiegt von dem Feinde, den wir öfter niedergeſchlagen als er 337 uns, aber mit Hülfe einer Weltmacht beſiegt, die noch nie auf Deutſchland gelächelt hat. O, wenn wir uns dieſe Niederlage geſtehen, offen geſtehen, dann haben wir ſchon für unſern nächſten Sieg den Muth gewonnen. Laß uns alſo dieſen Muth mit klarem Bewußtſein einſtigen Beſſerwerdens, laß uns uns ſelbſt mit kräftig hoffender Seele dieſer ſiegreichen Zu⸗ kunft bewahren! Das iſt die Mahnung, die an alle edlen Söhne des Vaterlandes, an alle mit Wehmuth jetzt erfüllten Geiſter ergeht. Erkennen wir die Stimme Gottes, und ob ſie durch Schmerzen und Tod zu uns ſpreche, ſo erweckt, ſo belebt, ſo begeiſtert ſie uns doch— darum Andreas, darum meine Freunde, die Ihr mich Alle mit umflortem Auge anſchaut, weil ich in Euch den vielleicht ſchon überwundenen Schmerz noch einmal anfache, darum keine Klage, keinen Kum⸗ mer mehr— nur Hoffnung auf Gott, Hoffnung auf uns ſelber, Hoffnung auf die Zukunft. Vor allen Dingen aber Freude und Dank üher und für das Wiederſehen nach ſo langer Treun ng!“ Und er fiel Andreas noch einmal an die Bruſt und hielt ihn in langer Umarmung umſchlungen. So ging er die Reihe herum und zuletzt trat er an Hele⸗ nen heran, die ſich abſeits geſtellt. Ihr einen Augen⸗ blick voll in das flammende Auge ſchauend und ihre A. Burns. IV. 22 * 338 Hand feſt in die ſeinige preſſend, ſchwieg er, als wollte er ſagen:„das ſei unſre Begrüßung für jetzt— das Andere ein andermal!“— Beinahe hätte man das Abendeſſen vergeſſen; endlich dachte Agathe daran. Mit Gewalt mußte man die Fragen und Antworten, die von allen Sei⸗ ten ſich kreuzten, aus einander reißen und den Ein⸗ zelnen ihre Plätze anweiſen. So ſaß man endlich um den Tiſch, aber man aß wenig, obgleich man im allgemeinen Freudenrauſche mehr als gewöhnlich trank. Henrik war faſt der Einzige, der ſprach, wie er es ſo oft in Emmerslund gethan, und Aller Augen und Ohren hingen an ſeinen beredten Lippen. Der alte Conferenzrath aber feierte ein Feſt, wie kein Anderer es mit ihm genoß. Seine Blicke flogen von Henrik zu Helenen und von Helenen zu Henrik zurück, und immer wieder mußte er ſich bekennen, daß er nie zwei Menſchen geſehen, die mehr für einander geſchaffen zu ſein ſchienen. Aber er bewunderte die Haltung Helenens und den Takt Henrik's. Obwohl, wie er gewiß wußte, Beiden das Herz ſchwoll, von anderen Dingen zu ſprechen, als von denen augenblicklich die Rede war, ſo fügten ſie ſich doch bis in die ſpäte Nacht hinein der allgemeinen Unterhaltung. Endlich, nach Mitternacht erſt, trennte man ſich. 339 Als man ſich aber gute Nacht geſagt, winkte Andreas Henrik in ſein Zimmer. Er hatte noch nicht genug gehört von ihm und beinahe zwei Stunden blieben ſieezuſammen und ſchütteten ſich ihre Herzen aus.— Helene trat wie berauſcht in ihr Zimmer. Es lag ihr ſchwer in den Gliedern, als hätte ſie eine unge⸗ wohnte Laſt zu tragen, und das Blut aus dem Her⸗ zen ſtieg pochend und lärmend zu ihren Schläfen empor, daß es ihr vor den Ohren ſummte, als bran⸗ deten die Wogen der Nordſee daran, und vor den Augen funkelte, als tanzten die Sterne des Himmels durch einander, die ſich draußen ſo ruhig im Waſſer ſpiegelten. Eilig hatte ſie ſich den Händen Käthens überlaſſen und, als dieſe weggegangen war, hinter ihr die Thür verſchloſſen. Nun endlich war ſie allein, mit ſich, mit Gott! Kaum hatte ſie das Bewußtſein hiervon erlangt, ſo eilte ſie an einen ihrer zur Reiſe gepackten Koffer und holte ein Buch hervor. Die Worte, die Henrik dieſen Abend geſprochen, klangen ihr ſo bekannt, daß es ihr vorkam, als müßte ſie ſie ſchon oft geleſen haben. Aber zum erſten Male fand ſie in dem Buche nicht, was ſie ſuchte, in dem ihr doch jede Seite bekannt war. Sie hatte ſich auch ge⸗ irrt; die Worte, die Henrik geſprochen, ſtanden in der That in dem Buche nicht, obwohl viele ähnliche, aber 22* 340 der Geiſt, der Patriotismus, den ſie bekundet hatten, die Begeiſterung, mit der ſie aus dem Herzen auf die Lippe getreten waren, ſchienen zwiſchen jeder Zeile des Buches zu ſchweben. „Seltſam, ſeltſam! Wie mir ſo wunderbar zu Muthe iſt!“ ſagte Helene endlich, als ſie ſich zu Bett gelegt und das Licht ausgelöſcht hatte.„Iſt jemals ſchon ein Menſch, ein Weib in meiner Lage gewe⸗ ſen? O, dann, dann muß es ſchon viele Glückliche gegeben haben; denn trotz aller meiner erlebten Schmer⸗ zen, die mir deutlich ſichtbar und fühlbar vor der Seele ſchweben, als verſammelten ſie ſich, aus dem Grabe der Zeit erſtehend, noch einmal lebendig in der Ge⸗ genwart, fühle ich mich leicht und glücklich, ſo daß mir blos Schwingen fehlen, um zu fliegen, zu flie⸗ gen in das Reich, wo nur Licht und Wonne iſt!“ Dieſer Gedanke, dieſe Empfindung blieb ihr die ganze Nacht über im Bewußtſein; ſie begleiteten ſie durch ihre Träume und verflüchtigten den Schlaf, deſ⸗ ſen ſie nicht zu bedürfen ſchien, denn alle ihre Lebens⸗ geiſter, ihre Kräfte, ihre Gaben ſchienen geſteigert, er⸗ ſtarkt, verdoppelt zu ſein.— Als der Tag angebrochen war, wachte ſie nach kurzem aber ſüßem Schlummer auf und fand zu ihrer 341 Freude, daß das wonnige Gefühl der vergangenen Nacht in ihrem Buſen geblieben war; nichts hatte ſich in ihr geändert, wie es leider ſo oft dem der Wandlung unterworfenen Menſchenherzen begegnet. Früh ſtand ſie auf und ließ ſich mit beſonderer Sorg⸗ falt ankleiden. Als das aber geſchehen war und ihr roſiges Antlitz aus dem Spiegel ihr heiterernſt ent⸗ gegenblickte, wurde ihr wunderbar feierlich zu Muthe. Sie dachte unwillkürlich an ihre verſtorbenen Eltern, an ihre einſame Jugend, an ihr— beinahe vergeſſe⸗ nes früheres Unglück. Warum kam ihr das Alles jetzt mit einem Male in's Gedächtniß? Ach, ſie wußte es nicht, aber vielleicht hatte es ihr Gott geſandt, der ſie auf der Schwelle der neuen Zukunft ſtehend wußte, um ſie noch einmal alle erlebten Schmerzen fühlen und dann um ſo vollkommener glücklich werden zu laſſen. Leuchtend von Schönheit, ſtrahlend von An⸗ muth in Geſtalt, Geberde und Sprache, trat ſie in das gemeinſame Frühſtückszimmer, in welchem ſchon Alle außer ihr verſammelt waren und ſie nun mit Bewunderung und Entzücken anſchauten, denn obwohl ſie immer ſchön und lieblich war, ſo ſchön und lieb⸗ lich wie heute war ſie niemals geweſen. Das Frühſtück dauerte an dieſem Morgen etwas länger als gewöhnlich. Als man es aber beendet hatte, bat der Conferenzrath Andreas und Henrik, ihm Gehör zu geben, denn er habe mit Beiden zu ſprechen. Sogleich erhob ſich Andreas; weniger eif⸗ rig, das Auge unausgeſetzt auf Helenen gerichtet, die ihn beinahe blendete, folgte Henrik. Die drei Män⸗ ner ſagten den Damen einen guten Morgen und entfernten ſich. Sobald Helene es unbemerkt konnte, ſchlüpfte ſie aus dem Zimmer, holte ihr Buch und begab ſich in's Freie. Bald ſaß ſie auf ihrer Moosbank am Geſtade des Meeres. O, es war ein herrlicher Morgen, der ringsum die erwachte Natur mit holdem Lächeln be⸗ grüßte. Wonnig, als ſtiege es eben erſt aus dem Bade des Meeres hervor, auf dem der goldenſte Son⸗ nenſchein glänzte, tauchte das grüne Land mit ſeinen belebten Wieſen aus dem dünnen Nebel hervor, über ihm wölbte ſich ſtolz der majeſtätiſche Himmel in reinſter Bläue, und die Hitze, die allmälig mit den Sonnenſtrahlen niederquoll, milderte ein koſender See⸗ wind, der ſpielend über die leicht gekräuſelten Wellen fuhr und ſich in den tanzenden Halmen und Hälm⸗ chen der grünen Auen verlor. Da ſaß Helene, von Niemandem geſehen, geſtört; da ſaß ſie und ſchaute noch einmal auf das weite Meer hinaus, welches ſie ſchon ſo oft von hier aus 343 betrachtet, und nie war es ihr ſo rein, ſo erhaben, ſo verklärt erſchienen wie heute. Als ſie mit ihren Blicken, immer weiter nach Weſten dringend, den Ho⸗ rizont erreicht hatte, wo Wellen und Wolken ſich im nebelgleichen Dunſte miſchten, erhob ſie ihr Auge ge⸗ gen den Himmel und ihr Herz ſtieg mit ihm zu dem Schöpfer auf, den der gläubige Menſch ſich da oben thronend denkt.„Vater da oben,“ ſagte ſie mit ſchmelzendem Blick und gefalteten Händen,„ich danke Dir! Nicht auf dieſen flüſternden oder brau⸗ ſenden Wellen, wie ich Dich ſo oft bat, aber auf den eben ſo leiſe oder ſtürmiſch fluthenden Wogen des Schickſals haſt Du ihn mir wieder zugeführt, und nun geſtehe ich Dir ehrlich, daß ich ihn liebe. Ja, ich liebe ihn, wie ſelten ein Weib einen Mann ge⸗ liebt, und Du mußt der Erſte ſein, der es erfährt, und von mir allein mußt Du es erfahren. O, laß ſein Schickſal ſo ruhig fließen, wie jetzt dieſes Meeres Wogen fließen, laß eine linde, ſüße Luft, wie ſie in dieſem Augenblick meine Wange fächelt, über ſeinem Haupte wehen und ewig ein ſo heiteres Licht, wie es da oben leuchtet, ſeinen Weg erhellen. Er hat ja ſo lange, ſo ſchwer, ſo einſam gelitten, jetzt laß ihn nicht mehr einſam'ſein, laß ihn das Leben, das bisher ſo drückend auf ſeinen Schultern gelaſtet, von heute an leicht und ſüß finden, denn er hat es ja zehnfach verdient!“— Als ſie durch ein langes Schweigen und gläubi⸗ ges Emporblicken zu dem Quell alles Lebens das Amen zu dieſem Gebete geſprochen, griff ſie noch ein⸗ mal zu ihrem Buche. Noch einmal wollte ſie darin leſen, noch einmal das Geleſene prüfen. Und ſie las, ſie prüfte mit haarſcharfem Auge und mit noch ſchärferem Herzen.„Nein, nein,“ ſagte ſie dann plötz⸗ lich,„ich kann mich nicht mehr irren, es muß ſo ſein. Der Geliebte meines Geiſtes muß auch der Ge⸗ liebte meines Herzens ſein. O, wie konnte ich im⸗ mer ſo taub, ſo blind ſein, das nicht zu begreifen, ich hätte ja lange ſchon glücklich ſein können, denn er hat mich ja ſchon lange und immer geliebt und mir es durch tauſend Zeichen verrathen, die ich jetzt alle wie von der Sonne erleuchtet vor mir ſehe und verſtehe— doch es mußte wohl ſo geſchehen, wie es geſchehen iſt. Wir lieben ja oft, ohne es zu wiſ⸗ ſen, zu ahnen, und gerade da, wo wir am wenigſten zu lieben glauben, lieben wir oft am innigſten—“ Da fiel ein Schatten auf ihr Buch. Sie erſchrak und erhob raſch das Auge. Henrik ſtand vor ihr, ſtrahlendes Lächeln auf allen Zügen und die Augen voll jener ſchwimmenden und unbeſchreiblichen Gluth, 345 wie ſie ſich nur in Fällen eines großen Glückes oder einer namenloſen Freude in dem ſo ausdrucksvollen Organe ausſpricht. Raſch hatte ſich Helene ganz er⸗ hoben und das Buch, welches ſie geöffnet auf dem Schooße hielt, zugeſchlagen und an die Seite der Bank in das Moos gelegt. Sie überſah dabei, daß auch Henrik ein in Papier geſchlagenes Packet in der Hand hielt, welches er ebenfalls bei Seite legte. „Helene,“ ſagte er,„ich biete Ihnen noch einmal einen Morgengruß und einen recht herzlichen, und ich hoffe, Sie verzeihen dem zurückgekehrten Freunde, daß er Sie dabei in Ihrer Morgenruhe ſtört.“ Dabei reichte er ihr die Hand hin, die ſie langſam ergriff, aber mit ſteigender Wärme drückte, wie es auch Henrik mit der ihrigen that. „Sie ſtören mich nicht, Henrik, und wiſſen wohl, daß Sie mir zu jeder Stunde willkommen ſind!“ lautete ihre Antwort, die mehr geflüſtert als deutlich geſpro⸗ chen wurde. Darauf ſetzten ſie ſich nieder und ſchauten eine Weile ſchweigend über das Meer hin, aber mit we⸗ niger bedrücktem Gefühl, als es vor ihnen einſt Agathe und Friedrich gethan. „Helene!“ fing Henrik wieder an zu ſprechen— „Da bin ich alſo wieder bei Ihnen und in der 346 Heimat! Ach, aber wir bleiben nicht lange mehr darin— morgen ſchon ſcheiden wir und vielleicht auf lange Zeit. Darf ich Ihnen heute, bevor wir unſer Vaterland verlaſſen, noch ſagen, was ich in ſo langer Einſamkeit und getrennt von allen meinen Lieben, in meinem Innern habe verſchließen müſſen? O, es hat ſich ein großer Vorrath von Gedanken darin angeſammelt, ſeitdem wir uns in Kolding zum letzten Mal ſahen, und unmöglich könnte ich ſie alle in einer Stunde erſchöpfen, wenn Sie mir auch willig dazu ihr Ohr leihen wollten. Doch das Haupt⸗ ſächlichſte muß ich Ihnen gleich jetzt ſagen.“ Helene blickte ihren Freund mit warmem Lächeln an. Jedes Wort, was er ſprach, ſog ſie mit Wolluſt ein, wie eine Biene den Honig der Blume einſaugt, den ſie aufſpeichern will, denn es lag eine Innigkeit, eine Muſik in ſeinen einfachen Worten, wie ſie ſie noch nie von ſeinen Lippen vernommen zu haben glaubte. Ohne zu beachten, daß ſie ihm faſt noch kein Wort geantwortet, und ihr Schweigen für hin⸗ reichende Antwort nehmend, fuhr er fort:„Zuerſt bin ich tief in Ihrer Schuld, daß Sie mich in Kolding mit einem Manne bekannt machten, der mir und uns Allen mehr Dienſte geleiſtet hat, als ich von ihm er⸗ warten konnte.“ 347 „Keinen Dank, Henrik, keinen— ich bitte darum. Auch Sie haben uns ſo viel Gutes gethan, wie mir mein Oheim ſagt, daß—“ „Ich ſpreche ja nicht von mir, Helene, noch nicht! Ich ſpreche von Ihrem Oheim— aber was iſt das für ein ſo prachtvoll gebundenes Buch, welches Sie da haben?“ Helene hatte in ihrer Befangenheit, die von Mi⸗ nute zu Minute zunahm, unwillkürlich das Buch er⸗ griffen, welches neben ihr lag. Als es aber Henrik bemerkt, wie wir ſahen, ſchaute ſie erröthend vor ſich hin, ſchlug langſam den Titel auf und hielt ihn ſchweigend dem Fragenden entgegen. „Ah!“ ſagte er lächelnd—„Leſen Sie noch im⸗ mer darin?“ „Noch immer, Henrik; es iſt oft mein Troſt in einſamen Stunden geweſen, es hat mich oft auf meinen Spaziergängen begleitet und ſogar in den Träumen meines Schlafes hat es mir lebendig vor der Seele geſtanden.“ Henrik erbleichte beinahe.„So,“ ſagte er leiſer. „Alſo es hat Ihren Beifall gewonnen wie der erſte Theil?“ „Meinen vollkommenen!“ 348 „Das freut mich— in der That. Und wie wun⸗ derbar, daß ich Sie gerade mit dieſem Buche in der Hand treffen mußte! Sehen Sie, hier iſt der dritte Theil— er iſt zwar nur erſt geſchrieben, aber den⸗ noch ſollen Sie ihn leſen, bevor er gedruckt wird, und nur, wenn auch er Ihren Beifall erwirbt, ſoll das geſchehen. Dabei fällt mir ein, daß ich Ihnen einſt verſprochen habe, Ihnen zur rechten Zeit den Verfaſſer zu nennen. Dieſe rechte Zeit ſcheint mir jetzt gekommen, Helene— oder tragen Sie kein Ver⸗ langen mehr, ſeinen Namen zu wiſſen?“ „Doch, doch, Henrik— halten Sie Ihr Ver⸗ ſprechen!“ „Das will ich. Aber ſagen Sie mir zuerſt— haben Sie nie errathen, wer dies Buch geſchrieben haben kann?“ „Ich will aufrichtig ſein, Henrik. Beim Leſen des erſten Theiles habe ich nichts errathen, oder vielmehr erkannt. Aber das Buch zog mich auf eine unbe⸗ greifliche Weiſe an, ſo daß es mich oft ſogar in Un⸗ ruhe verſetzte, und ich gab mich ſeinem Studium mit einem wahren Seelenrauſche hin, denn Sie wiſſen ja, daß die darin ausgeſprochenen Gedanken und Ge⸗ ſinnungen auch die meinigen ſind, da ich eine Pa⸗ triotin bin. Auch beim Leſen des zweiten Theiles — 349 kam ich in meiner Erkenntniß Anfangs nicht weiter. Erſt in ſpäterer Zeit— es war, glaube ich, kurz nach meiner Reiſe nach Kolding— da, da tauchte in mir oft eine Art von Ahnung auf, aber ich bin wieder irre geworden und nun will ich nicht mehr darüber grübeln, da ich von Ihnen Aufſchluß er⸗ warte.“ „Alſo Sie wiſſen es nicht. Gut, dann will ich es Ihnen ſagen.“ Helene rückte unruhig hin und her; ihre Pulſe flogen, ihr Athem ſtockte, denn der Augenblick, auf den ſie ſo lange gehofft, war endlich gekommen. Aber dürfen Sie denn auch? Geſchieht es mit Bewilligung des Verfaſſers?“ fragte ſie leiſe. „Es geſchieht mit ſeiner Bewilligung— ich darf es, Helene— dies Buch hat ein Freund von Ihnen geſchrieben—“ „Ein Freund von mir?“ „Ja, ein treuer ergebener Freund, der Jahre lang an Ihrer Seite gewandelt iſt und oft mit herzinni⸗ gem Entzücken ſich an Ihrer Theilnahme, Ihrer Freundſchaft aufgerichtet hat, der aber nie gewagt hat, Ihnen ſeine namenloſe Anhänglichkeit, ſeine un⸗ ausſprechliche Ergebenheit zu geſtehen.“ 350 Helene hatte ſchon lange den ſchönen Kopf ge⸗ ſenkt, denn ſie wagte nicht, dem in's Geſicht zu ſehen, deſſen ganze Seele in ſeinen Worten, ſeiner Stimme lag. Wohl aber wußte ſie jetzt, wer dieſer unbekannte Verfaſſer, dieſer treue Freund mit der namenloſen Er⸗ gebenheit war. „Nun, ſind Sie nicht neugierig, ſeinen Namen zu erfahren?“ 3 „Nein, Henrik, nicht neugierig; wohl aber bin ich begierig, es aus ſeinem eigenen Munde zu ver⸗ nehmen.“ „Ha! Sie wiſſen es alſo— ja, Helene, ich bin dieſer unbekannte Verfaſſer. Halten Sie mich aber auch für einen ſo treuen und ergebenen Freund, wie ich mich ſelbſt ſo eben unter dem Bilde eines Un⸗ bekannten geſchildert habe?“ „Henrik! Wär's möglich, daß ich Sie nicht dafür hielte? O— wie bedaure ich, Sie ſo lange verkannt zu haben— oder nein, wie freue ich mich, Sie jetzt endlich ſo richtig erkannt zu haben, muß ich ſagen— Sie alſo ſind der Mann, den ich ſo lange im Stil⸗ len geachtet, verehrt, den ich überall geſucht und nir⸗ gends gefunden habe, und der doch ſo oft und ſo lange in meiner Nähe war?“ 351 „Ob ich ſo achtungswerth bin, wie Sie ſagen, weiß ich nicht, daß ich aber dieſe Stimmen der Völ⸗ ker habe erſchallen laſſen, iſt wahr. Ja, dieſe Stim⸗ men, denen ich nur einen hörbaren Klang, eine ver⸗ ſtändliche Form gegeben, haben Jahre lang, im Wachen und im Traume, um mich geſungen, ſie ha⸗ ben mir das Elend und die Hoffnung unſers leiden⸗ den Volkes enthüllt— ich habe ſie in meinem Herzen widerklingen hören und ſie dann in Worte gekleidet und dem Papiere anvertraut, wie Sie ſie da vor ſich ſehen— haben ſie noch Ihren Beifall, da Sie jetzt wiſſen, daß ſie meinem armen Kopfe und Herzen d Leben verdanken?“ „9 Henrik, wie glücklich machen Sie mich mit dieſem Geſtändniß— unglücklich könnte ich allein darüber ſein, daß ich ſo lange im Dunkeln gewandelt, wo mir das Licht, das ich ſtets vergebens ſuchte, ſo nahe lag.“ „O Helene, beſchämen Sie mich nicht. Es iſt dies nur ein ſchwaches, kärgliches Licht, es leuchtet nicht weit in die Welt und nur mein Inneres er⸗ hellt es—“ „Nur das Ihrige?“ „Ich weiß nicht, ob noch ein anderes, obwohl ich es wünſche. Und nun bin ich durch einen ſeltſamen 352 Kreislauf wieder an den Punkt gelangt, von dem ich vorher ausging, und zu den Gedanken zurückgekehrt, die ich Ihnen, wie ich vorher ſagte, mittheilen wollte, ſo lange noch vaterländiſche Lüfte mich umfächeln. Denn zwiſchen heute und morgen— vielleicht im Schooße dieſer köſtlichen Stunde— liegt die Ent⸗ ſcheidung über meine Zukunft, über mein Lebensglück und die Zufriedenheit meiner Seele. Aber laſſen Sie mich ganz ausſprechen, was ich für Sie auf dieſer Seele habe. Sie ſehen mich ſeit langer Zeit in einem Kampfe begriffen, den ich endlich heute auskämpfen wäll und muß. Mir ſtand und ſteht eine große und bedeutſame Macht gegenüber, und ich habe lange mit mir ſelbſt gerungen, ehe ich ihr den Fehdehandſchuh hinwarf. Ach, ich fühlte wohl, ich war allein zu ſchwach, ſie ſiegreich zu überwinden, und darum machte ich es, wie andere kriegführende Mächte thun, wenn ſie allein ihrem Feinde nicht gewachſen ſind. Ich ſuchte mir einen Verbündeten auf, der mir helfen konnte, und Sie— Sie ſelbſt haben ihn mir zuge⸗ führt, der mir ſeine Hülfe zugeſagt hat.“ „Halten Sie ein, Henrik, Sie brauchen zu mir nicht ſo umſtändlich zu ſprechen. Nennen Sie mir die Macht, die Sie bekämpfen wollen, und ich will Ihnen ſagen, ob ſie wirklich ſo übermächtig iſt, daß 353 Sie, um ſie zu beſiegen, einen Verbündeten ge⸗ brauchen.“ 4 Henrik lächelte; Freude überſtrömte ſein Herz, ſein Geſicht; er ſah ſich ſchon auf dem Wege zum Siege, aber noch immer wagte er nicht, gerade heraus mit der Sprache ſeines Herzens zu treten, das ſo zaghaft in der Erklärung, wie innig in der Hingebung war. „Es iſt dies kein Kampf,“ ſagte er endlich,„der mit Schwertern ausgefochten wird, es iſt vielmehr ein ſüßer, geheiligter, edler Kampf— eigentlich gar kein Kampf, denn ich ſprach nur in bildlicher Weiſe— mit einem Wort, Helene, es handelt ſich hier um has Lebensglück eines Menſchen— und dieſer Menſch— bin ich.“ „Das iſt erſt eine Partei, Henrik— ich nehme das Bild wieder auf, das Sie mir vorzeichneten— zu einem Kampfe laber gehören zwei— wer iſt die Macht, gegen die Sie kämpfen?“ „O, nicht mehr kämpfen, Helene, nein, nein! Und doch will ich das Reich dieſer Macht erobern und mir ſelbſt aneignen— und dieſes Reich— ſind Sie!“ „Und dazu brauchten Sie einen Verbündeten? O, Sie dünken ſich viel ſchwächer, als Sie ſind— wenn Sie aber doch einen haben wollten, ſo hätten A. Burns. IV. 23 354 Sie ſich an Ihren natürlichſten Verbündeten wenden ſollen—“ „Und wer iſt das? Ich ſtehe allein, verlaſſen, arm auf der Welt— denn ich bin ein beſitzloſer Verbannter—“ „Das Letztere iſt Ihr Verbündeter auch— wenn Sie mich dafür halten wollen—“ „Helene— höre ich recht? Darf mein Herz glauben, was mein Ohr ihm leiſe zuflüſtert—“ Helene nickte blos— ſie konnte nicht mehr pre en. Von ihren Gefühlen, die ſo lange in Span⸗ nung geweſen waren, überwältigt, fiel ihre Hand in die ſeinige und ihr Kopf ſank leiſe auf ſeine Schulter hinab. Helene, das ſtarke, muthige Weib, weinte, da ſie hörte, daß ſie geliebt würde, und durch ihre Hin⸗ gebung geſtand, daß ſie wieder liebte. Und was nun geſchah— Niemand ſah es, als der blaue Himmel, die ſchwellende Woge und die flüſternde Luft— Niemand ſah es, als vielleicht das Auge Deſſen, der mit dieſem großen Auge Alles ſchaut, was auf der Erde ſich regt und bewegt, Nie⸗ mand, als der allmächtige Schöpfer, der ihre Herzen für einander geſchaffen und ihre Seelen für einander geformt hatte.— 355 Die Glocke zum zweiten Frühſtück hatte im Hauſe ſchon lange geläutet. Alle waren verſammelt, nur Zwei fehlten noch. Da ging die Thür auf und He⸗ lene, auf Henrik's Arm geſtützt, die Wangen von Thränen und Liebe geröthet, aber die Augen mit einer Welt von Wonne gefüllt, wie man ſie nie an ihr geſehen, trat herein. „Meine Lieben,“ ſagte ſie mit bebender Stimme, indem die Thränen wieder aus ihren Augen hervor⸗ quollen—„Ihr riefet mich und ich komme. Aber mit mir kommt ein Anderer, den Ihr fortan nur neben mir ſehen werdet und der Euch hoffentlich gleich mir willkommen iſt. Ihr habt mich ſchon unter zwei Namen gekannt und geliebt. Als ich noch meinen erſten führte, war ich ein Kind; ob ich damals glücklich war, weiß ich nicht mehr, denn es iſt lange her. Als ich aber den zweiten führte, war ich unglücklich und— nur Ihr habt mich getröſtet Jetzt werde ich bald den dritten führen und namen⸗ los glücklich ſein. Werdet Ihr mich auch da— auch da lieben wollen?“ Und in lautes Schluchzen ausbrechend ſank ſie der mütterlichen Freundin in die Arme, die ſie ihr ſchon lange geöffnet hatte, und eben ſo that es . 23* 356 Henrik mit Andreas und dem Oheim Helenens. Da war denn das längſt Erwartete und Gewünſchte ge⸗ ſchehen und wieder war vereinigt ein glückliches Paar, dem Aller Herzen mit Freude und Theilnahme entgegenſchlugen. Sehlunskapitel. Die Verbannten. Am nächſten Morgen in aller Frühe, es war der 5. Auguſt 1850, herrſchte im Hauſe und Hofe zu Marſchlund eine allgemeine Rührigkeit, denn es war nun endlich wirklich der Tag der Abreiſe gekommen. So freudig man auch in Folge der kurz vorher⸗ gegangenen Familienereigniſſe bewegt war, der Ab⸗ ſchied von der Heimat ergriff Alle auf eine ſchmerz⸗ liche und erſt im Augenblick der Trennung ſelbſt am tiefſten empfundene Weiſe. Man vermied es, ſich gegenſeitig anzublicken, denn Niemand mochte die kummervolle Miene des Anderen ſehen, da ihn das eigene Leid ſchwer genug drückte. Einzeln gingen ſie nach den Zimmern, die nach dem Meere hinaus la⸗ gen, weideten ihre Augen noch einmal an dem ſo 358 liebgewonnenen Elemente und winkten ihm mit Au⸗ gen und Händen die liebevollſten Grüße zu. So hatte endlich Morgens ſieben Uhr die Stunde des Abſchieds geſchlagen. Die Diener des Hauſes, reich beſchenkt von den Verbannten, die bei ihnen eine ſichere aber nur kurze Heimat gefunden, ſtanden ſchweigend um die Wagen herum, denn ſie hatten die neue Herr⸗ ſchaft ſchnell liebgewonnen. Andreas war der Letzte, der dem Verwalter des Gutes die Hand ſchüttelte und den Leuten Lebewohl ſagte, dann ſtieg auch er auf ſein Pferd, das ſich ſchon längſt wieder von ſei⸗ nem wilden Laufe nach Flensburg erholt hatte. „Vorwärts!“ ſchmetterte des Capitains Stimme dem erſten Wagen zu, und ſelber voraneilend, führte er den langen Zug auf die Straße nach Friedrichsſtadt. Dieſer Zug hatte ſich durch einen Wagen und zwei Reiter vermehrt und durch des Conferenzraths Hinzukommen wurde die Geſellſchaft in andrer Weiſe als früher vertheilt. In des Capitains Familien⸗ wagen ſaßen jetzt Gertrud und Agathe allein; in des alten Parrhiſius' Reiſewagen hatten dieſer ſelbſt und Helene Platz genommen; zu Pferde ſaßen außer An⸗ dreas— Friedrich und Henrik, der ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder ſeinen munteren Rappen beſtiegen hatte. Wie dieſe Reiter ſich an den verſchiedenen 359 Wagen vertheilten, kann man ſich denken, nur legten ihnen die ſchmalen Marſchwege von Zeit zu Zeit eine kurze Trennung von ihren Lieben auf. Die kurze Strecke nach Friedrichsſtadt war bald zurückgelegt und nun mußte man an den Eiderdeichen Wagen und Pferde verlaſſen, denn über die Eider führt hier keine Brücke, ſondern nur eine Fähre, auf der man über den Strom ſetzen mußte, der die Gränze zwiſchen Schleswig und Holſtein bildet und zur Fluthzeit fünf bis ſechshundert Fuß breit iſt. Das Wetter war am frühen Morgen ſo ſchön und klar geweſen, als am Tage zuvor; aber ſchon eine halbe Stunde nach der Abreiſe umwölkte ſich der Himmel und die grüne Erde kleidete ſich in ein fah⸗ les Grau, welches in Geſtalt eines bleiernen Nebels von der Nordſee daher zog und ſich über das Land breitete, welches vor der Eider lag. Als die Flüchtigen dieſes Fluſſes anſichtig wur⸗ den, hörten ſie auf zu ſprechen; eine troſtloſe Beklem⸗ mung bemächtigte ſich ihrer Gemüther, denn der Augenblick des Scheidens von ihren vaterländiſchen Fluren war gekommen. Andreas ließ ſeine Familie mit ihren Wagen und Pferden zuerſt über den Fluß ſetzen; er allein blieb auf ſchleswig'ſchem Boden, denn er wollte von Allen der Letzte ſein, der ihn verließ. 2 4 360 Weinend ſtiegen die Frauen in das breite Schiff, ſchweigend, mit umwölktem Antlitz folgten die Män⸗ ner. Während die Fähre mit ihrer erſten Ladung langſam hinüberſchwamm, ging Andreas mit auf der Bruſt gekreuzten Armen am Strande auf und nieder. Noch einmal durchflog er im Sturmlaufe ſein man⸗ nigfach bewegtes Leben und blieb mit ſeinen Gedan⸗ ken einige Minuten auf dem unglücklichen Lande haf⸗ ten, welches er verlaſſen mußte. Ach, er ahnte nicht, daß wenige Wochen ſpäter auch die freundliche Stadt, der er eben den Rücken gekehrt, in Trümmern liegen, daß Menſchenblut die friedliche Eider hinab fließen und daß auch hier der unſelige Kampf um ſein zer⸗ ſtückeltes Vaterland ĩglühend entbrennen werde. Als wollte er ſo lange wie möglich auf ſeinem Boden bleiben und ſeine letzte Berührung ſo innig wie mög⸗ lich fühlen, trat er ſſeine Ferſe feſt und tief in den weichen Boden ein, und als er endlich zur Fähre hinabſteigen mußte, auf der ſeine Laſtwagen ſchon eingefahren ſtanden, war ihm zu Muthe, als klebe ſein Fuß an der geliebten Erde feſt, und nur mit Mühe machte er ſſich von ihr los. Da ſtand denn auch er endlich auf dem Schiffe, das ihn von Schles⸗ wig trennte, und dieſem das Antlitz, Holſtein den Rücken zuwendend, nahm er ſeinen Platz auf dem 361 äußerſten Ende des Fahrzeugs ein und bohrte ſeine glühenden Augen in die Strecken zurück, die er auf dieſe Weiſe verlaſſen zu müſſen niemals gedacht hatte. Aber er ſah nur wenig von ihnen. Der Nebel, der jede Minute dichter wurde, hatte ſich bis zum Fluſſe hinabgerollt; er ſchien dem wehmuthsvoll Schei⸗ denden den Abſchiedsblick leichter machen zu wollen, indem er ihm die lachenden Auen, die grünen Bäume und die ſtillen Menſchenwohnungen des geliebten Hei⸗ matlandes verbarg. „Ja,“ klagte es ſtill in Andreas' Bruſt, als er ſich Fußbreit um Fußbreit von ſeiner Muttererde entfernen ſah—„ja, wie ich Dich jetzt mit meinen leiblichen Augen in Nebel gehüllt erblicke, mein armes Vater⸗ land, ſo ſieht es auch trüb und finſter in Deinem In⸗ nern aus. Hell glänzte die Sonne der Hoffnung über Dir und in unſeren Herzen, als wir den heiligen Kampf um Deine Freiheit, um unſere mit Füßen ge⸗ tretenen Rechte begannen, und jetzt, wo Du in den letzten Zügen liegſt, iſt die Sonne vom Himmel und aus unſeren Herzen verſchwunden und die Geiſter Deiner Kinder ſind, wie Deine grünen Fluren, in Nebel und Wehmuth gehüllt. So iſt es mit dem Glück der Menſchen und der Völker. Der günſtige 362 Anfang ſteht nicht immer in Einklang mit dem trau⸗ rigen Ende. Dem Sonnenglanze der Hoffnung folgt der Nebel und die Troſtloſigkeit des Schmerzes. O Gott im Himmel, wird Dein reinigender Athem ihn nicht wieder zerſtreuen und den Horizont wieder klar werden laſſen, damit auch Schleswig Dein gnädiges Antlitz nochmals erblicke? Gieb es, Allmächtiger, ich flehe zu Dir— für mich bitte ich ja nicht mehr, ich bin ja auf lange Zeit, vielleicht für immer von mei⸗ ner Muttererde verbannt,— aber ich bitte für die Zurückbleibenden! Gieb ihnen, was ſie wünſchen, was ſie verdienen, gieb ihnen den Frieden, Deine ſchönſte, herrlichſte Gabe, gieb ihnen aber vor Allem zuerſt Geduld, das Schwerſte zu tragen und die ge⸗ ſchlagenen Wunden zu heilen, dann aber gieb ihnen Hoffnung und Vertrauen— von den kommenden Zeiten zu erwarten, was ihnen die gegenwärtigen verſagt haben. Amen! Und nun, lebewohl, mein Vaterland— lebe wohl!“ Und mit ausgebreiteten Armen ſtand er da und ſein leuchtender Blick ſchien durch die Nebel zu dringen und das göttliche Auge zu ſuchen, welches durch alle Nebel dringt. Ach, aber er fand es an dieſem Tage nicht— Gott ſelbſt hatte ſein Antlitz über Schleswig verhüllt.— Schweigend hatte man auf holſteiniſchem Boden 1 363 wieder ſeine Plätze eingenommen und bewegte ſich nun, nachdem man Lunden erreicht, auf der ſchönen Straße nach Meldorf zu, wo man um Mittag raſtete. Abends ſpät langte man in Itzehoe an, wo man übernachtete. Den anderen Abend aber fuhr man in Blankeneſe ein und wurde vom Freunde in ſeiner ſchönen Villa am Ufer des Elbſtroms herzlich bewill⸗ kommnet, wo man auf unbeſtimmte Zeit verweilen wollte, bis ein neues Vaterland für die Verbannten gefunden wäre. Vier Wochen wohnte man in dem gaſtfreien Hauſe des alten Freundes, ohne daß ſich das Schick⸗ ſal Schleswig⸗Holſtein's entſchieden hätte oder über⸗ haupt ein Ereigniß von Wichtigkeit in der Krieg⸗ führung eingetreten wäre. So ſchön es aber in dem herrlichen Landhauſe am Ufer des Elbſtroms und ſo wohlwollend man in jeder Beziehung aufgenommen war, ſo ſehnte man ſich doch, je länger je mehr, nach einer eigenen Heimat, einem eigenen Heerde, und na⸗ mentlich Helenen bedrückte die Nähe der Stadt, in der ſie früher ſo viel Unheil erfahren hatte und mit deren Bewohnern ſie in keinen näheren Verkehr tre⸗ ten mochte, um die alten Erinnerungen nicht wieder aufleben zu laſſen. Das allgemeine Verlangen nach dieſer Heimat aber erfüllte das Geſchick früher, als man erwartet hatte, und das Glück, welches ihnen im Vaterlande den Rücken gekehrt, ſchien ihnen wie⸗ der lächeln zu wollen, ſeitdem ſie davon geſchieden waren. Eines Tages kam der Capitain Buhſt aus Ham⸗ burg zurück und brachte eine rheiniſche Zeitung mit. „Meine Freunde,“ ſagte er zu den drei Männern, die am meiſten bei ſeinem Vorſchlage betheiligt waren, „da iſt Etwas für Euch. Ich möchte Euch zwar nicht gerne ſobald von mir ſcheiden ſehen, aber leſet ein⸗ mal dieſe Anzeige. Ein ſchönes Gut im preußiſchen Rheinlande, in einer der herrlichſten Gegenden deſſel⸗ ben, wird zum augenblicklichen Verkaufe aus freier Hand angeboten, und da Ihr die Abſicht und was noch beſſer iſt, flüſſige Kapitalien zum Kaufe habt, ſo dürfte Euch der geforderte Preis nicht zu hoch ſein— Ihr ſeid ja drei Parteien, und Euer Vermö⸗ gen wie Eure Freundſchaft zuſammengeſchoſſen, er⸗ reicht eine erkleckliche Höhe.“ „Ich werde in Bezug auf das Erſtere nicht mit⸗ zählen können,“ ſagte Henrik beſcheiden,„mein Ver⸗ mögen iſt zu klein, um mich am Kaufe eines großen Gutes Theil nehmen zu laſſen.“ 365 „Warum nicht gar!“ rief der alte Conferenzrath. „Dein Vermögen, mein theurer Neffe, iſt auf den Heller ſo groß wie das meinige, ich trete für Dich ein und ſo iſt Helene allein die Dritte im Bunde und die wird dem Capitain und Dir nicht im Wege ſein. Was mich anbetrifft, ſo hoffe ich, Ihr werdet mich als einen beſcheidenen Zuſchauer Eures Glückes bei Euch wohnen laſſen und mir das Gnadenbrot geben, bis ich meine alten Augen zudrücke.“ „Wie ſo?“ fragte Henrik mehr mit den Augen, als mit dem Munde. Der alte Parrhiſius lächelte und winkte Andreas bedeutſam zu, der ſchon das Zeitungsblatt in der Hand hielt und darin las.„Sagt Ihr es ihm, Ca⸗ pitain,“ ſagte er mit gerührter Stimme,„ich habe es ihm ſchon ſo oft in bildlichen Umſchreibungen ange⸗ deutet, aber mich verſteht er nicht.“ Und er verließ das Zimmer und Henrik erfuhr nun, daß der Con⸗ ferenzrath ſeinem zukünftigen Neffen ſein ganzes Erbe beſtimmt habe, deſſen Ueberlaſſung von dem Augen⸗ blick an in Kraft treten ſolle, wo er Helenens Gatte ſein würde.„Beeile Dich alſo,“ bemerkte Andreas lächelnd,„wenn Du ein reicher Mann werden wilſſt. Der Alte hat es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt und geht nicht davon ab, ſo überflüſſig es iſt, denn 366 Helene beſitzt allein für ſich mehr, als Ihr Beide ge⸗ braucht. Drum alſo, mein Junge, beſinne Dich nicht lange; wem es ſo geboten wird wie Dir, zwei Schätze auf einmal zu heben, der braucht eben kein trübes Geſicht zu machen.“ Henrik ſtand wie verſteinert da, verließ aber bald darauf das Zimmer, um mit Helenen Rückſprache zu nehmen, nicht um ſie ſo bald wie möglich zu ehe⸗ lichen, ſondern um ihr den ſonderbaren Gedanken des alten Oheims mitzutheilen. Aber er fand die Beiden bei einander, und als er zu Worte zu gelangen ver⸗ ſuchte, wurde ihm der Mund auf eine ſo ſüße Weiſe verſchloſſen, daß er nicht wußte, ob Schweigen oder Reden in dieſem Augenblick nothwendiger ſei. Am Abende dieſes Tages aber rief Andreas ſeine Lieben zuſammen.„Hört,“ ſagte er,„was ich Euch mittheilen will. Hier in dieſer Zeitung iſt ein gro⸗ ßes und ſchönes Gut in einer der herrlichſten und geſegnetſten Gegenden Deutſchlands zum Kaufe aus⸗ geboten, am freien dentſchen Rheine, wo vernünftige und arbeitſame Menſchen glücklich leben können, wenn ſie ſich in die Geſetze ihres Landes fügen— und dieſe Geſetze ſind milde und weiſe, und dieſes Land iſt groß und reich. Die Käufer aber in dieſen un⸗ ruhigen Zeiten ſind ſelten und Wenige nur ſuchen —— 367 wie wir ein geräumiges Dach über ihrem Haupte. Wohlan denn, ich hatte auf meines Freundes Rath ſchon den Entſchluß gefaßt, dahin abzureiſen und mir das ausgebotene Gut zu beſchauen. Aber jetzt habe ich mich anders beſonnen. Wir Alle haben Theil an demſelben, da wir unſer Haupt darin zur Ruhe legen wollen, alſo muß es auch Allen gefallen. Niemand unter uns darf ſich an dem neuen Wohnorte unhei⸗ miſch fühlen, daher begleitet mich Alle auf dieſer Reiſe. Die Jahreszeit iſt günſtig, das Wetter läßt nichts zu wünſchen übrig, und eine angenehme Zer⸗ ſtreuung, ſelbſt wenn wir nicht finden ſollten, was wir ſuchen, dürfte uns nothwendig ſein. Was meint Ihr zu dieſem Vorſchlag?“ Alle horchten hoch auf und ſahen ſehr vergnügt aus. Keiner von ihnen war je am Rheine geweſen, aber Alle hatten oft und viel von ſeinen wunderbaren Reizen geleſen und gehört. Namentlich Henrik war entzückt, denn die Poeſie und Romantik, die an den Ufern dieſes deutſchen Stromes wohnen ſollten, hat⸗ ten ſchon oft ſein Herz begeiſtert und er hatte ſich lange geſehnt, dieſelben lebendig vor ſich zu ſehen. Und da Alle gleich ihm einſtimmten, ſo ward die Reiſe beſchloſſen und auf die nächſten Tage feſtgeſetzt. Der Conferenzrath und Henrik begaben ſich dieſen 368 Abend früher als gewöhnlich nach Altona, wo ſie ihre Wohnung aufgeſchlagen hatten, um dem Freunde in Blankeneſe nicht überläſtig zu werden. Sie ordne⸗ ten ihre Angelegenheiten und ließen Diener und ſon⸗ ſtiges Beſitzthum zurück, mit der Anweiſung, den Be⸗ fehlen zu folgen, die man ihnen durch Capitain Buhſt zukommen laſſen würde. Daſſelbe ſetzte auch Andreas in's Werk und ſo ſchieden ſie denn auch von Holſtein, um in dem großen Deutſchland ihr Vater⸗ land zu ſuchen. Von Harburg gelangten ſie ſehr bald nach Cöln, denn es iſt jetzt keine Reiſe mehr, von einem Ende Deutſchlands zum andern zu fliegen. In Cöln be⸗ ſtiegen ſie ein Dampfboot und fuhren ſtromaufwärts. Als ſie aber bei Bonn das ſchöne Siebengebirge ſahen, ging ihnen das Herz auf, und als ſie nun die weiter hinauf von Gottes Hand ſo reich ausgeſtreuten Wun⸗ der erblickten, die ſie ſich nicht halb ſo vollkommen gedacht, fühlten ſie die Schmerzen der vergangenen Tage in Vergeſſenheit ſinken und ein neuer Lebens⸗ tag ging ihnen mit ſtrahlender Hoffnung auf. So kamen ſie von Bonn aus in wenigen Stun⸗ den in die herrliche Gegend, wo an einem mächtigen Bogen, den hier der Rhein beſchreibt, von Felſenklip⸗ pen und Weinbergen umgeben, das zu verkaufende 369 Gut lag. Man hatte ſich immer gewünſcht, nicht in einer engen Stadt eingeſchloſſen, ſondern in Gottes freier Natur, ſeinem Himmel und ſeiner Erde, ſeinen Bäumen und ſeinem Waſſer näher zu leben, und ſo traf man hier Alles glücklich beſſammen. Das Gut, nicht zu weit von einer belebten und großen Stadt entfernt, um an ihren Genüſſen und Mitteln nicht Theil nehmen zu können, wenn das Bedürfniß danach erwachte, lag doch einſam in ſtiller Wald⸗ und Fels⸗ gegend, hart am rauſchenden Strome, an deſſen jen⸗ ſeitigem Ufer eine Burg ragte, die ein vornehmer Mann auf den Trümmern eines uralten Werkes er⸗ baut. Es hatte einer reichen Familie gehört, die durch den Tod ihres Hauptes beſtimmt worden war, das Land mit einer entfernter liegenden Stadt zu vertauſchen. Man beſichtigte es von allen Seiten und fand Alles über jede Erwartung. Sogar die in⸗ nere Einrichtung, die reichlich und den Bedürfniſſen der jetzigen Zeit angemeſſen war, konnte mit erhan⸗ delt werden und da der Preis den Mitteln der Kauf⸗ luſtigen entſprach, ſo war man bald entſchloſſen, hier ſeine neue Heimat aufzuſchlagen, zumal dieſelbe ſo⸗ gleich bezogen werden konnte. Es handelte ſich alſo blos um die Zuſtimmung der Regierung des neuen Vaterlandes und dieſe war wenigſtens für den Con⸗ A. Burns. IV. 24 — 370 ferenzrath Parrhiſius ſehr bald zu erlangen, da ſeine Papiere in beſter Ordnung befunden wurden. An⸗ 4 dreas und ſeiner Familie wurde anfangs nur die Er⸗ laubniß zum einſtweiligen Aufenthalt ertheilt; erſt in ſpäterer Zeit, als auch er ſeine Papiere aus Däne⸗ mark erhielt, erwarb er das Heimatsrecht. Das hielt ihn aber nicht ab, ſich bei dem Ankaufe des Gutes ſogleich mit ſeinem Gelde zu betheiligen und ſo wurde es auf des Conferenzraths Namen erhandelt und ging erſt ſpäter auf die Namen der übrigen Theilneh⸗ mer über. Schon nach wenigen Wochen, während die Familie ſich am Rheine an verſchiedenen Orten auf⸗ 4 hielt, zog man ein. Friedrich und Henrik waren un⸗ terdeſſen nach Altona zurückgereiſt und holten die Wa⸗ 5 gen mit den hinterlaſſenen Beſitzthümern herbei, han⸗ delten auch holſteiniſches Vieh und andere zu einem großen Wirthſchaftsbetrieb nothwendige Dinge ein, denn man wollte ſich mit den gewohnten Landes⸗ erzeugniſſen umgeben und ſo eine Art heimatlichen Beſitzes um ſich ſammeln, wie es namentlich für Ger⸗ trud ſo wünſchenswerth war. So war noch nicht der Oktober vergangen und ſchon hatten ſich die Verbannten im neuen Vater⸗ lande eingebürgert. Zwar war noch Manches in der Einrichtung des Hauſes zu thun, allein bei reichlich —— 371 vorhandenen Mitteln und der Nähe einer alle Be⸗ dürfniſſe befriedigenden Stadt kam man vor Beginn des Winters auch damit zu Stande. In dem geräu⸗ migen Hauſe, welches in einem ſchönen Blumengar⸗ ten lag, der ſich allmälig zu den dahinterliegenden Weinbergen auf den Felſen erhob, hatte man ſich ſehr bald behaglich eingerichtet. Da es aus einem Hauptgebäude und zwei kleinen Flügeln mit zwei Stockwerken beſtand, ſo hatte ein Jeder nach freier Wahl ſeine beſondere Wohnung erhalten können. An⸗ dreas, Gertrud und der Conferenzrath wohnten im unteren Stockwerk, die beiden jungen Paare, wenn ſie erſt verbunden waren, ſollten im oberen wohnen. In beiden gab es der großen und gemüthlichen Zim⸗ mer genug, und wie im Epheuhauſe hatte Helene von ihrem Erkerfenſter aus die weiteſte Fernſicht den Rhein hinauf und hinab, nur war der Waſſerſtreifen vor ihr ſchmaler, obwohl die gegenüberliegende Burg auf ihrer Felſenſpitze maleriſcher als ehemals Ras⸗ mus Harms' Haus herüberblickte. So ſehen wir ſie denn bald Alle leben und wirth⸗ ſchaften, wie ſie in Emmerslund gelebt und gewirth⸗ ſchaftet hatten. Andreas, von Henrik und Friedrich unterſtützt, gab ſich mit ungetheiltem Eifer ſeiner neuen Beſchäftigung hin, und bald hatte er ſich in . 24* 372 den Weinbau hineinſtudirt, wie er früher die Vieh⸗ zucht und den Ackerbau betrieben. Gertrud führte die Oberaufſicht des Hausweſens und rüſtige Dienerinnen gingen ihr darin wie in Schleswig zur Hand. He⸗ lene und Agathe fanden hier wenig oder gar nichts in der Wirthſchaft zu thun, ſie gaben ſich, wie es Helene immer gethan, mehr geiſtigen Beſchäftigungen hin und lebten außerdem für ihre Geliebten, die erſt im nächſten Jahre ihre Gatten werden ſollten, denn man wollte das Ende des ſchleswig⸗holſteiniſchen Krieges abwarten, ehe man ſich mit ganzer Seele den Genüſſen des Friedens hingab. So lange noch das Blut ihrer Brüder im Norden floß, ſo lange ſollte in Andreashof, wie das neue Gut betitelt wurde, die hochzeitliche Freude nicht laut werden; Glück war einſtweilen genug in den Räumen deſſel⸗ ben verbreitet, und nur Abends, im Dämmerlicht bis⸗ weilen, bevor man ſich um den Familientiſch in der Mutter Zimmer wie ehemals verſammelte, oder in ein⸗ zelnen Gruppen an dem ſchönen Ufer des Rheines wandelte, wie man früher am Strande der Oſtſee ge⸗ wandelt, löſten ſich einige verſtohlene Seufzer vom Her⸗ zen los, und mit den nach Norden ſegelnden Wolken und Lüften ſchickte man freundliche Grüße heim und ſchloß das unvergeßliche Vaterland in ein ſtilles Gebet ein. Dieſes Vaterland aber— Schleswig⸗Holſtein— müſſen wir von dieſem unglücklichen Lande noch ein⸗ mal ſprechen? O, es wird uns ſchwer, das traurige Ende des glorreichen Anfanges einzugeſtehen, aber wir dürfen ja das begonnene Bild nicht unvollendet laſſen und darum wollen wir wenigſtens die Haupt⸗ züge deſſelben erwähnen. Auch iſt ja jedem denken⸗ den Deutſchen bekannt, was dort oben an der Gränze unſeres Vaterlandes geſchah, er weiß und fühlt noch den Schmerz davon, daß ein kräftiges Glied von unſerm Körper getrennt wurde, er hat darüber ge⸗ trauert, wie ein Amputirter über den Verluſt einer Hand oder eines Fußes trauert, da er aber das Le⸗ ben dabei erhalten ſieht, hat er ſich in ſeinen Verluſt gefunden und ſtatt des verlorenen Gliedes aus Fleiſch und Bein ein hölzernes an ſeine Stelle geſetzt, wo⸗ mit er nun lahm, aber doch leidlich zufrieden durch die Welt ſchleicht. O, was ſollten wir Einzelne auch anders thun, als trauern und denken? Das Han⸗ deln war uns ja verſagt, das durfte blos Daͤne⸗ mark, und ſo ſahen wir träumeriſch zu, wie man uns das zuckende Glied von dem großen duldenden Leibe trennte. Dänemark hatte ſich, wie wir ſchon wiſſen, an einen mächtigen Bundesgenoſſen gewandt, der ſchon 374 lange Schweden und Dänemark als ſeine natürlichen Vaſallen im Norden zu betrachten gewohnt war. Eine Schwächung dieſer Vaſallen durfte das große Rußland nicht zugeben, denn es wäre ja dadurch ſel⸗ ber geſchwächt worden; darum hielt es Deutſchland und beſonders Preußen von der ſo gern gebotenen Hülfe zurück und— Deutſchland und Preußen ge⸗ horchte. So lange Rußland mit dem ungariſchen Aufſtande zu Gunſten Oeſterreichs beſchäftigt war, konnte es nicht ſelbſtthätig gegen Deutſchland operi⸗ ren; kaum aber war Ungarn unter ſeines Oberherrn Botmäßigkeit zurückgekehrt, ſo trat Rußland mit ern⸗ ſterer Miene und finſterem Stirnrunzeln auf. Zuerſt zog Preußen ſeine Truppen aus den Herzogthümern zurück und ſchloß jenen Frieden, den wir aus der Geſchichte kennen. Oeſterreich aber, das von Ruß⸗ land gerettete Oeſterreich, war ſchon aus Dankbarkeit mit Allem einverſtanden, was ſein mächtiger Ver⸗ bündeter wünſchte, und ſo gab es ſich dazu her, einen Streit zu Ende zu führen, dem Preußen einen günſtigeren Ausgang verheißen und gewünſcht hatte. So ſtand Preußen ſelbſt in der Mitte zwiſchen zwei Mächten, die nur einen Gedanken hatten, den, Schleswig und Holſtein in däniſche Hände zurückzu⸗ liefern. Und dieſer Gedanke ward ausgeführt. Es 3 „ 1 —jy;y 375 wurden ein öſterreichiſcher und ein preußiſcher General als Commiſſarien in die Herzogthümer geſandt und ihnen theils duxrch Verſprechungen, theils durch Drohungen die Dautſche Kette angelegt. Die Ver⸗ ſprechungen, als ſie zur diplomatiſchen Durchſicht ka⸗ men, erklärte Fürſt Schwarzenberg für nichtig, weil nach ſeiner Erklärung die Commiſſarien ihre Voll⸗ macht überſchritten hatten, und ſo blieben die Drohun⸗ gen allein übrig. Oeſterreich's Truppen, von zwei preußiſchen Bataillonen, die in Rendsburg blieben, dem Namen nach unterſtützt, rückten im December 1850 in die Herzogthümer ein und die ſchleswig⸗ holſteiniſche Armee legte die Waffen nieder, wozu Preußen mit blutendem Herzen, aber gezwungen durch die äußeren Umſtände, ſeine Beiſtimmung gab. Das war die Strafe, die Rußland über Preußen verhängt, weil es Diejenigen zwei Jahre lang bekämpft, die es ſelbſt beſchützt hatte. Preußen hat dieſe ſeltſame Ver⸗ kettung jetzt klar liegender Verhältniſſe ein edles und großes Herz gekoſtet; in nie geahntem und allzu tief empfundenem Schmerz über die für unmöglich gehal⸗ tene Verwicklung ſeines ruhmreichen Vaterlandes brach es, aber die Nemeſis, die über Völker wie über Men⸗ ſchen waltet und gebietet, rächte es, indem ſie wenige Jahre ſpäter über Diejenigen ſelbſt einen verwüſten⸗ 376 den Sturm hereinbrechen ließ, die triumphirend und unantaſtbar über allem Rechte zu ſtehen die ſtolze Meinung gehabt und ganz Europa ihre kalten Ge⸗ ſetze vorgeſchrieben hatten. So wurden die deutſchen Herzogthümer in die er⸗ barmungsloſen Hände ihres Erbfeindes zurückgeliefert. Wie dieſe mit ihnen verfuhren und noch gegenwärtig verfahren, iſt weltbekannt. Alle Maßregeln gehen wie ſeit langen Jahren darauf hinaus, das Deutſchthum aus einem deutſchen Lande auszurotten und Deutſch⸗ land ſelbſt— ſchweigt und— denkt! O Deutſch⸗ land, wann wirſt Du wieder ſein und werden, was Du ſein und werden kannſt, eine Großmacht, wie Du eine große Macht biſt!— 1 Einen Troſt, eine Anerkennung aber haben die Herzogthümer im reichſten Maaße genoſſen, und da⸗ mit allein ſchon iſt der Beweis geliefert, daß ihr Kampf ein gerechter, ihre Erhebung eine geſetzmäßige war. Deutſchland's Fürſten und Völker haben zum großen Theil ihre Arme geöffnet und die vertriebenen Männer aufgenommen, die Dänemark ſo herzlos von ſich ſtieß. Wiſſenſchaft, Talent und Geiſt, an edle Herzen gebunden, ſind zu uns aus Schleswig⸗Holſtein gewandert, Hunderte haben eine Heimat und einen Heerd gefunden, wo ſie immer Liebe und Theilnahme beſaßen, und ſo wirken und ſchaffen ſie bei uns, wie ſie ſo gern und gut auch für Dänemark gewirkt und geſchafft hätten, wenn dieſes ihrer Hände Arbeit zu erkennen und zu würdigen gewußt hätte. Würden die deutſchen Fürſten und Regierungen das gethan haben, wenn ſie der Meinung wären, ſie hätten Re⸗ bellen in ihre friedlichen Länder aufgenommen? Haben ſie nicht ſelbſt Männer zu Beamten und Lehrern der Jugend eingeſetzt, die Dänemark mit dem Namen „Verbrecher“ geſtempelt hat? Erkennen ſie ſeit Jah⸗ ren nicht in ihnen vortreffliche, redliche Männer an, aauf die ein jeder Staat ſtolz ſein kann? Liebt und ehrt ſie das deutſche Volk nicht auf alle Weiſe, und giebt ihnen die öffentliche Meinung— dieſe größte Macht der Welt— nicht vor aller Welt das ehrende und erhebende Anerkenntniß: Ihr ſeid, was wir im⸗ mer dachten und ſagten, würdige, ehrenwerthe und pflichtgetreue Männer!— Alſo was wollt Ihr, ſchles⸗ wig'ſche, holſteiniſche Männer? Die Dänen haben Euch verkannt und verbannt, die Deutſchen haben Euch geholfen, ſo gut ſie Euch helfen konnten. Einen Himmel haben wir arme Menſchen alle auf Erden nicht, Ihr aber habt bei uns eine Stätte gefunden, wo Ihr Euer Haupt in Ruhe niederlegen könnt, und 378 gern hätten wir Euch mehr gegeben, wenn wir mehr in unſeren Händen gehabt hätten. In den erſten Monaten ſeit ſeiner Ankunft in der neuen Heimat, als der Kampf um Schleswig⸗Holſtein noch nicht zu Ende war, ſaß Andreas nach vollbrach⸗ ter Arbeit oft auf ſeinem Seſſel am Fenſter, vor ſich den friedlich ſtrömenden Rhein, über ſich den ſegnen⸗ den Himmel, um ſich die theuren Glieder ſeiner Fa⸗ milie, und las eifrig die Zeitungen, die Zug für Zug den Kampf der ſtreitenden Parteien meldeten. Als er aber eines Tages das Ende deſſelben las, ſtiegen dunkle Betrachtungen in ſeinem Hirne auf und er legte ruhig, nicht zürnend, wie man hätte denken mögen, das Unglücksblatt bei Seite. „O,“ ſagte er mit wehmüthiger Stimme,„der traurige Kampf in meinem Vaterlande iſt alſo zu Ende. Ich danke Dir, mein Gott, daß Du mir einen Ruheſitz gegeben, wo ich in Frieden das Tage⸗ werk meiner Hände beſchauen kann. Hierher kann mich die Rache meiner Feinde nicht mehr verfolgen — ich wenigſtens bin ein freier Mann und meine Kinder ſind es auch. Dänemark hat alſo wirklich ge⸗ — —— 379 ſiegt— ja— aber um dieſen Sieg beneide ich es nicht. Sein Loos wird und kann ſelbſt mit dieſem Siege kein glückliches werden und ich möchte ſelbſt um den Preis der unterworfenen Herzogthümer kein König von Dänemark ſein. Dieſer Sieg iſt kein wirklicher, natürlicher und ewiger. Für jetzt nur glaubt es, ihn errungen zu haben mit ſeinem Schwerte und brüſtet ſich ſtolz vor allen Nationen damit. O, ſieht es denn nicht, daß alle Nationen ſchaamroth von ihm weichen und nicht an ſeiner Stelle ſein möchten? Denn ſein geträumter Sieg iſt nichts als eine Kette, die es um ſeine eigenen Füße gebunden und wo⸗ mit es ſeine eigenen Hände gefeſſelt hat. Denn die Herzogthümer ſind ſeine beiden Hände und die hat es ein für alle Mal zu ſeinem eigenen Schaden ge⸗ lähmt. Nein, ich möchte kein König von Dänemark ſein, ſo ſtolz auch der Name lautet, und ſo glänzend ſich das prunkende Kopenhagen im Waſſer des Sun⸗ des ſpiegelt. Die inneren Wunden, die es mit Be⸗ ſiegung der Herzogthümer ſich ſelber beigebracht, wer⸗ den nie vernarben, ſein innerer Zwiſt wird ſich nie beruhigen, immer wieder und wieder wird die blutig ausgeſtreute Saat aufkeimen und Drachenzähne ſtatt Segen und Frieden hervorbringen. O Dänemark, nicht Deinetwegen hat Dir Rußland geholfen, wie 380 Du in blinder Selbſtgefälligkeit Dir einbildeſt, ſon⸗ dern es hat Dir geholfen, um das deutſche Volk nicht größer und mächtiger werden zu laſſen, als es ſchon iſt, denn immer fürchten ſie noch den Rieſen Euro⸗ pa's, obwohl ſie ihn in hundert Theile zerſpalten haben.“ „Und wofür haſt Du, mein Vaterland, gefochten, mit dem Worte und dem Schwerte? Wozu haſt Du Deine Kinder in die Schlacht geführt und die vielen Tropfen ihres edlen Blutes vergoſſen? Für nichts, als für eine Hoffnung, die vielleicht erſt in ſpäter Zukunft ihre Blumen entfalten und die lange ge⸗ reifte Frucht tragen wird. Dänemark hält ſeinen Fuß noch immer wie ſonſt feſt auf Deinem Nacken. Sein Danebrog flattert triumphirend auf Deinen deutſchen Meeren— ſeine Zunge flucht vor wie nach der deutſchen Sprache— ſeine Knechte zeigen mit Fingern auf die Kinder der Deutſchen und ſagen laut auf offener Straße: da geht ein deutſcher Hund! O Deutſchland, theures, edles, großes Vaterland! Wende ab von jenem Lande der Bedrückung und Niederlage Deinen Blick und wiſche die Thränen aus Deinem Auge, die täglich aus Deinem Herzen herauf⸗ quellen. Du haſt es wohlgewollt mit Deinen Brü⸗ dern im Norden, aber Deine Stimme war zu ſchwach, ——— 381 Dein Arm lag matt in der alten Schlinge Deiner Gebrechlichkeit. Nur im Herzen und im Geiſte biſt Du groß. Und wie die Thiere des Waldes, die die größten, ſtärkſten und begabteſten ſind, haſt Du von der Natur wohl das Bewußtſein Deiner Kraft, aber nicht den Trieb erhalten, ſie zu üben. Gott ſegne Dich und uns mit Dir— das iſt mein Gebet, ſo lange dieſe Augen Gottes blauen Himmel ſchauen— Amen!“— Erſt im Mai des folgenden Jahres läuteten die Hochzeitsglocken auf Andreashof am Rhein. Zwei überaus glückliche Paare reichten ſich am Altare die Hände und gelobten nun auch vor Gott, was ſie ſchon oft im Stillen gelobt— ewige Hingebung und Treue. Andreas hatte bei dieſer Gelegenheit den Seinigen eine Ueberraſchung zugedacht, und dieſe war ihm voll⸗ ſtändig gelungen. Er hatte die drei Capitaine vom Strande bei Emmerslund zu ſeiner Familienfeier ge⸗ laden, und ſie waren gekommen, um das Glück ihrer Freunde am Rhein zu ſehen, wie ſie ihr Unglück ſo oft an der Oſtſee getheilt. „Hollah, Commodore,“ ſchrie Capitain Kühlwetter, 382 als er aus dem Boote, das ihn vom Dampfboot ge⸗ holt, an's Land ſtieg,„da ſind wir, alle Drei zuſam⸗ men und bringen Euch einen Gruß vom Norden mit — he, wollt Ihr nicht wiſſen, wie es bei uns auf Emmerslund zugeht?“ „Still!“ ſagte Andreas, indem er den wackeren ehemaligen Kameraden die Hand drückte,„trübt mir den Glanz der Sonne am Himmel nicht, die ſo heiter und klar auf meine Gegenwart niederſchaut. Laßt Emmerslund ruhen— es gehört der Vergangen⸗ heit an.“ „Ja, ja, Ihr habt Recht— aber bei Gott, das iſt ein hübſches Wäſſerchen hier— den Rhein nennt man das? So! Ha, und was Ihr da für ein präch⸗ tiges Schloß bewohnt! Aber ſagt mal, kann man denn ruhig ſein Haupt hier auf das Kiſſen legen, braucht man nicht zu fürchten, daß die Steine da oben Einem auf den Kopf fallen, wenn man Nachts in ſeiner Koje ſchnarcht?— Und das ſind alſo die Weinberge, wo der Portwein wächſt? Wahrhaftig, das iſt hübſch hier, Bardow— meinſt Du nicht? Sollen wir das Epheuhaus und unſere beiden Kajü⸗ ten verkaufen und hierher ziehen, wo unſere Freunde wohnen?“ „Ach, lieber Gott,“ ſagte der alte Bardow traurig, . ——— —— — ₰ 383 —„ja, recht gern, wenn die alte Lore hier begraben läge!“ „Wie, mein Alter,“ fragte Andreas,„denkſt Du noch immer an die ſelige Lore zurück?“ „Immer, Capytain, immer, ſo lange ich noch auf einem hölzernen Bein und einem von Fleiſch und Blut herumhumpele. Wie könnte ich die gute Seele vergeſſen, die mir die verfluchten Dänen wrack ſchoſ⸗ ſen— o!“ Und er wiſchte ſich eine einſame Thräne aus dem alten Auge, das ohne dieſe Erinnerung noch immer ſo lebhaft ſchaute wie ſonſt. „Na, nicht geheult!“ jubelte Kühlwetter.„Darum ſind wir nicht hierhergekommen. Hier iſt Hochzeit— beim Satan! Wir wollen Dich ja nicht zwingen, die alte Lore zu verlaſſen— wir ziehen ja wieder ſelber mit Dir zurück— aber wenn man uns nicht vor Dir in den Grund bohrt, dann, dann gehen wir künftig zu Andreas und bleiben bei ihm, bis auch uns einſt die Wache unter Deck ruft. Nicht wahr, Meviſſen?“ „Ja, ja,“ ſagte der ehrliche Meviſſen und drückte verſtohlen dem alten Bardow die Hand, der ihn flü⸗ ſternd gefragt hatte, ob er auch ſicher ſein könne, daß er wieder mit ihm nach Apenrade zurückgehe. Und ſo feierten ſie in gemüthlicher Laune und 384 ſtiller Freude das ſchönſte der menſchlichen Feſte mit, welches jetzt in Andreashof begangen wurde. Die alten Freunde waren wieder nach Schleswig zurückgekehrt, wo ſie ſo lange zu leben gewohnt wa⸗ ren, und die Familie Andreas Burns' war wieder allein und für ſich. Sie pflogen wenig Umgang mit den Nachbarn, Alle aber, die ſie nach und nach kennen lernten, lernten ſie auch lieben, denn ſie zeigten ſich der Liebe ihrer Nachbarn werth. So leben ſie noch heute in ungetrübtem Familienglück zuſammen, wie ſelten eine Familie, denn ihr Glück iſt durch das Un⸗ glück geläutert, und jenes iſt größer und reiner, wenn es durch die Pforten dieſes gegangen iſt. . Aber wie?— iſt Andreas wirklich glücklich, da er von ſeinem über Alles geliebten Vaterlande getrennt leben muß? Ach, wer hat je in die Bruſt jener von der Natur mit eiſernem Harniſch gepanzerten Männer geſchaut, die ein trauriges Geſchick, wie ſelten eins auf Erden, von ihrer Muttererde vertrieben hat! Ernſt und bedächtig ſchreiten ſie durch das Leben; ſie em⸗ pfangen die Gaben Gottes mit ergebenem Herzen, aber mit ſtummer Lippe, denn es iſt ihnen nicht ge⸗ geben, Alles in Worte zu kleiden, was in ihren Her⸗ 385 zen lebt. Aber wir glauben, daß er wirklich glücklich iſt. Er lebt in einem Lande, wo, wie er ſelbſt ſchon einmal ſagte, jeder vernünftige und arbeitſame Menſch glücklich und zufrieden leben kann, wo die ſchöne Natur mit weiſen menſchlichen Geſetzen ſich zu einem harmoniſchen Ganzen verbindet, wo Handel, Bildung und Wohlwollen Menſchen an Menſchen knüpfen, wo jeder rechtſchaffene, ſeiner Pflicht lebende Bürger nach ſeinem Werthe geſchätzt wird und wo man in allen Sprachen der Welt ſeinem Herzen Luft machen kann. Zwar fängt ſein dunkles Haar hie und da zu erblei⸗ chen an, aber ſeine Kraft iſt ungebrochen, ſein Geiſt derſelbe geblieben, wie der ſeiner Gertrud. Vollkom⸗ mene Seelenruhe, die ſüßeſte auf Erden, liegt auf Bei⸗ der Geſicht ausgeprägt, und wenn ihr bisweilen ein wehmüthiger Zug beigemiſcht iſt, der zu ſagen ſcheint, was ſie verloren haben, ſo heitert ſich doch ihr We⸗ ſen auf, wenn ſie auf den alle Jahre ſich mehrenden Kreis ihrer Kinder blicken, wozu ſie auch Helene und Henrik zählen. Auch Gertrud's Schmerz iſt bedeutend gemildert, wie ihn die Zeit nur allein zu lindern vermag. Wohl fühlt ſie oft eine ſtille Sehnſucht nach jener kleinen Inſel im Apenrader Meerbuſen, aber es iſt nur eine ſüße, linde Sehnſucht, wie man ſie nach dem ſtillen A. Burns. IV. 25 386 Lager, wenn man müde, oder nach dem Himmel em⸗ pfindet, wenn man lebensmatt iſt— ſo ſtürmiſch, verzehrend, wie ſie früher war, iſt ſie lange nicht mehr. Und ſind Friedrich und Agathe glücklich? Gewiß. Friedrich lächelt jetzt oft, wenn er bedenkt, wie er einſt ſo thöricht war, ſich das Leben durch unnöthige Sorge zu verbittern, da er doch durch das Geſtänd⸗ niß ſeiner Liebe und durch Verbannung ſeiner krank⸗ haften Einbildung über Erik' vermeintliche Vorzüge es ſich hätte verſüßen können, eine Einſicht, die wun⸗ derſchön iſt, aber in der Regel, wie auch hier, zu ſpät kommt. Agathe aber iſt unbeſchreiblich glücklich, wenn ſie ihren Mann, ihre Kinder, ihre Eltern anblickt, die es jetzt in doppeltem Sinne geworden ſind. Sie hat Emmerslund und den Andreasberg ſo wenig vergeſ⸗ ſen, wie die Anderen, aber ihre neue Heimat iſt ihr eine wahre Heimat geworden, wie ſie es überall wird, wo unſer Heerd ſteht, wie Andreas ſagt, wo unſere Lieben wohnen und wo Gott ſeinen Segen auf unſrer Hände Werk ruhen läßt. Und Helene und Henrik— ſind ſie glücklich? Kaum bedarf es einer Bejahung dieſer Frage. Die Verbindung zweier Herzen auf Erden, die ſich ſo er⸗ geben ſind wie die ihrigen, iſt an und für ſich ſchon — 4 4 4 3 t immer ein glücklicher Bund; wo aber die Liebe des Geiſtes mit der des Herzens vereinigt iſt, da wird ſie eine göttliche Gabe, die köſtlich und herrlich iſt, wie Alles, was von Gott ſtammt. Wir haben ſie im vorigen Jahre geſehen, wo wir einer Einladung nach dem ſchönen Andreashof Folge leiſteten. Nie aber iſt uns der Segen Gottes erha⸗ bener und ſchöner erſchienen, der zwei Menſchen ver⸗ ſchiedenen Geſchlechtes auf der Erde zuſammenband, als hier, da wir Henrik und Helenen im Kreiſe ihrer Kinder ſitzen ſahen und die Blicke wahrnahmen, die Einer auf den Andern richtete, wenn er kam oder ging, wene er ſprach oder ſchwieg— Beide kamen uns wie ein in zwei ſchöne Theile getheiltes Ganze vor, und wenn wir neidiſch ſein könnten, würden wir allein das Glück beneiden, welches dieſe beiden Menſchen auf Erden gefunden haben. Möge es ihnen lange erhalten bleiben— mögen ſie die Sehnſucht überwinden, die noch bisweilen ihre Herzen nach dem entfernten Vaterlande zieht— möge — und dies ſoll das Schlußwort unſers mangel⸗ haften Werkes ſein, für deſſen Fehler wir den güti⸗ gen Leſer um Nachſicht bitten— möge dies Vater⸗ land einſt frei von den Feſſeln werden, die es noch heute bedrücken, und möge dann Niemand in Schles⸗ 25* I 388 wig und Holſtein ſein, der an den einſtigen Kampf 2 4 mit Dänemark anders als an einen Irrthum denken 3 mag, der wohl auf Erden zuweilen die Menſchen 4 blendet und entzweit, der aber, wie alle Irrthümer der Welt, nicht durch das Schwert, ſondern allein durch die Liebe über nden ud aufgeklärt werden kann!—* ,. 4 3& 4 6- Ende. 4 — Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. ſüllſtt 18