Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von ¹ Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. B 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für inlehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Dänen wenigſtens ſchienen der Meinung zu ſein, daß die Bedingungen, welche ſie unterzeichnet, wohl für ihre Feinde, nicht aber für ſie ſelber bindend wären, 3 und demgemäß richteten ſie ihre Handlungen ein. Und in der That, ſie erreichten damit ihren Zweck; denn da, wo ſie ihre Uebermacht geltend machten, ſowohl in der Beſetzung unerreichbarer, vom Oceane A. Burns. III. 1 2 ſelbſt beſchützter Inſeln, wie in dem ſchlau angelegten Gaukelſpiele geheimnißvoll wühleriſcher Umtriebe, hatten ſie keinen Feind, alſo keinen Widerſtand, mithin auch keine Niederlage zu fürchten. Die deutſchen Reichs⸗ truppen hatten mit ihnen zugleich die Herzogthümer räumen müſſen und waren, wenn auch murrend und grollend, an ihren heimatlichen Heerd zurückgekehrt; Schiffe beſaßen die deutſchen Regierungen nicht, um frei im Meere ſchwimmende Inſeln zu behüten— wen hätten die Dänen alſo fürchten ſollen? Doch wohl nicht die paar Bataillone ſüddeutſcher Reichs⸗ truppen, welche die Lazarethe bewachten, oder die zwei Schwadronen Hanſeaten, die eine Art Landpolizei bildeten? Vor der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee ſelbſt, die ſich erſt allmälig zu ihrer ſpäteren Vollkommen⸗ heit entwickelte und die ſie immer noch als einen un⸗ geordneten Haufen rebelliſcher Bauern zu betrachten liebten, hatten ſie viel zu wenig Achtung, um den vortrefflichen Kern zu würdigen, welcher derſelben zu Grunde lag; bisher wenigſtens, wo ſie noch mit ihr zuſammen gerathen, waren ſie immer an Zahl bei Weitem überlegen geweſen, und ſo, glaubten ſie, würde es bleiben und der Sieg über dieſe Rebellenſchaar ſtets eine leichte Sache ſein. So ließen ſie denn ihren Gelüſten freien Lauf, beſetzten trotz des Waffenſtill⸗ 1 * —— —,— —— 3 ſtandes die ihnen verbotenen Inſeln Alſen und Arröe und weigerten ſich ſogar laut, dieſelben jemals zu räumen, wohl wiſſend, daß Alſen für ſie der unan⸗ taſtbare Schlüſſel der Herzogthümer ſei; ſo ſandten ſie ferner, als eine höchſt unſchuldige und friedliche Sache, ganze Schaaren abgerichteter Deutſchenfreſſer nach Nordſchleswig, um die Bevölkerung gegen die beſtehende Regierung und zur Steuerverweigerung auf⸗ zureizen, nahmen, wo ſie ihrer habhaft werden konn⸗ ten, ſchleswig⸗holſteiniſche Schiffe fort, um ihnen in unverlöſchbaren Spuren das„Danſk⸗Eiendom“ einzu⸗ brennen, ſchickten bewaffnete Horden des noch in gu⸗ tem Andenken ſtehenden jütiſchen Landſturms in das Innere Schleswigs, wo ſie gleich Räuberbanden wirth⸗ ſchafteten, und wagten ſogar einzelne Truppenabthei⸗ lungen, die dagegen abgeſchickt wurden, mit geſchloſ⸗ ſener Macht anzugreifen, was ihnen indeſſen ſtets ſehr übel bekam. Unter ſolchen traurigen Verhältniſſen verlor ſich das Jahr 1848 in das folgende hinein, ohne daß Jemand wußte, was nun geſchehen ſollte, ohne daß eine wirkliche Entſcheidung der obſchwebenden Frage gefällt und von den entfremdeten Parteien eine Aus⸗ ſöhnung und Beilegung des unnatürlichen Streites ernſtlich verſucht worden wäre. Die Diplomatie allein 3. 1* 4 webte am großen Webſtuhle der Zeit, und obgleich ſie ein rieſiges Machwerk menſchlicher Fingerfertigkeit zu Stande brachte,, ſo zerriſſen doch alle weislich einge⸗ legten Fäden, als ſie an das Licht und die Luft des freien Gottestages kamen, für den ſie in Anbetracht der nur Geſundheit und Kraft erfordernden Zeit viel zu fein und ſchwach geſponnen waren. Der geduldige und nur innerlich regſame Geiſt der Schleswiger und Holſteiner blickte mit Erſtaunen auf alle dieſe geheimnißvollen Unternehmungen hin, und nach den Opfern, die ſie ſo bereitwillig gebracht, war es ihnen wohl nicht zu verdenken, wenn ihre Erbitterung eben ſo ſehr wie ihre Sehnſucht wuchs, dem herzloſen Feinde mit größerem Ernſte als das erſte Mal die Zähne zu weiſen und allein durch Kampf eine endliche Entſcheidung herbeizuführen. Und die Dänen ihrerſeits ſchürten das Feuer, wo ſie nur Gelegenheit dazu fanden, immer mehr. Ueberall, wo ihnen geborene Schleswiger oder Holſteiner begegne⸗ ten, ſogar in fremden und neutralen Häfen, ließen ſie ihre Wuth an ihnen aus, mißhandelten und verfolg⸗ ten ſie, wie den für vogelfrei erklärten Auswurf einer verachteten Nation. Selbſt an den deutſchen Beamten, welche die Poſt nach Kolding begleiteten, vergriffen ſie ſich, und ſo eigenſinnig und übermüthig beſtanden 5 ſie auch in höheren Kreiſen auf ihrem eingebildeten Rechte, daß man ſogar den Grafen Reventlow⸗Farve, als er nach Kopenhagen ging, um noch einmal die Hand zum gütlichen Uebereinkommen zu bieten, nicht einmal der Ehre würdigte, das zürnende Antlitz ſei⸗ nes königlichen Herrn zu ſehen, ſondern ihn an die Herren Miniſter wies, die bereits den neuen Feldzug eingeleitet, alſo keine Luſt hatten, Recht und Billig⸗ keit einem vermeintlichen Siege vorzuziehen, weshalb er denn auch ohne allen Erfolg von denſelben abge⸗ wieſen wurde. Da blieb denn den Herzogthümern nichts Anderes übrig, als zu rüſten, was und ſo viel ſie konnten. Und mit einer Rührigkeit, Opferfreudigkeit und Um⸗ ſicht bereiteten ſie ſich auf's Neue vor, ihren Erbfeind nachdrücklich zu empfangen, daß die Leiſtungen der kleinen Ländchen faſt an's Wunderbare gränzen, wenn man ſie mit denen größerer Staaten vergleicht. Nach⸗ dem zunächſt die allgemeine Wehrpflichtigkeit ausge⸗ ſprochen war, legte man Hand an, die vor Kriegsluſt jubelnden Rekruten zu tüchtigen Soldaten auszubil⸗ den, und bald ſtand eine Armee unter den Waffen, wie ſie an Zahl wohl nicht den Dänen gleichkam, an Ausrüſtung und freudiger Hingebung an die Sache des Vaterlandes aber ihnen bei Weitem überlegen 6 war. Ihre Infanterie, ganz nach preußiſchem Muſter ausgeſtattet, beſtand aus handfeſten, kerngeſunden, naturkräftigen jungen Leuten, wie ſelten eine Armee beſſere in ihren Reihen gehabt hat; ihre Kavallerie zählte vortreffliche Pferde und hiebfeſte Arme, und 4 ihre Artillerie, in Beſpannung und Bedienung gleich 1 muſterhaft, konnte den Vergleich mit jeder anderen 1 aufnehmen. Der frühere Mangel an Offizieren wurde möglichſt ſowohl durch Offiziere aus allen deutſchen Armeen, die ſchaarenweiſe zum Kampfe herbeieilten, als auch durch allmäliges Heranbilden der eigenen Jugend erſetzt. Da die Dänen ſich namentlich auf Alſen und in Jütland feſt verſchanzten, wo ſie je 20,000 Mann unter den Waffen hatten, ſo mußte man zuerſt an den Schutz der dieſen Endpunkten zu⸗ nächſt liegenden Landſtrecken denken, und ſo wurde Nordſchleswig und der Sundewitt bei Zeiten von der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee beſetzt. Als nun am 26. März der Waffenſtillſtand abge⸗ laufen und damit auch das Mandat der gemeinſamen Regierung, unter welcher bis dahin die Herzogthümer geſtanden, erloſchen war, ernannte der deutſche Reichs⸗ verweſer eine Statthalterſchaft, die aus dem Rechts⸗ geellehrten Beſeler und dem Grafen Reventlow⸗Preetz beſtand, und ließ die deutſchen Reichstruppen wieder 4 3 * 7 in die Herzogthümer einrücken, deren Oberbefehl der preußiſche General von Prittwitz übernahm. Aber nicht die Deutſchen allein waren zum Kriege gerüſtet, auch die Dänen hatten alle Kräfte aufgebo⸗ ten, diesmal ſo ſtark wie noch nie auf den Kampf⸗ platz zu treten, und namentlich auf die Ausrüſtung ihrer großen Schiffe, beinahe ihre Kräfte erſchöpfend, hatten ſie ungeheure Mittel verwandt, um mit eini⸗ gen gewaltigen und wohlberechneten Schlägen den Feind mit einem Male niederzuſchmettern. So zeigte ſich ein noch größerer Ernſt auf beiden Seiten, als im vorigen Jahre, und wenn die Erbitterung, womit die Schläge geführt wurden, die beiderſeitige Hart⸗ näckigkeit, der Groll, der Haß ſich diesmal in allen Unternehmungen auf eine ſchlagendere Art kundthat als früher, ſo trug die bisher verlorene Zeit und Mühe ebenſowohl das Ihrige dazu bei, wie der Um⸗ ſtand, daß keine Partei einen entſcheidenden Sieg da⸗ von getragen hatte, was immer ein bitterer Stachel zu geſtählterer Anſtrengung iſt. Eine vernünftige Beurtheilung der Sachlage von Seiten Dänemark's herbeizuführen, ſo viel Mühe man ſich auch allſeitig dazu gegeben, war nicht möglich geweſen. Einmal im Fortſturze ihres ungerechten Eigendünkels begriffen, wolten ſie, was ſie mit Liſt nicht hatten erreichen 8 können, mit Gewalt erzwingen und—„wenn ein ruhiger Beurtheiler ſich heut zu Tage wundern mag,“ ſagt ein geiſtreicher Staatsmann*),„daß Dänemark den Krieg ſo lange hat fortſetzen können, daß das Miniſterium den Malmöer Wafeenſtillſtand unerfüllt gelaſſen und gekündigt hat, daß es fortwährend an ſeinen übertriebenen Forderungen feſthielt, ſo iſt das, nachdem Dänemark einmal die Gränzen des Rechts und der Politik überſchritten hatte, mehr der Lauheit, mit welcher der Krieg von deutſcher Seite geführt worden und der damaligen Schwäche der deutſchen Cabinete, als dem Uebermuthe der Dänen zuzuſchrei⸗ ben, denn nach den bisherigen Erfahrungen darf man ſich nicht wundern, wenn das däniſche Miniſterium die Anſicht gewonnen hat, daß es allen Niederlagen ſeiner Truppen ungeachtet den deutſchen Regierungen durch Drohungen mit ruſſiſcher, engliſcher und ſogar franzöſiſcher Hülfe imponiren kann.“ So begann denn am 27. März wiederum die Blokade aller Häfen der Herzogthümer. Im nörd⸗ lichen Schleswig fingen zuerſt die alten Raubzüge *) Siehe: Einige Worte zur Verſtändigung über den Krieg mit Dänemark. Von einem norddeutſchen Staatsmanne. Berlin 1849. B — — 9 wieder an und vor Kiel, Lübeck, Eckernförde, ja vor der Elbe und Weſer zeigten ſich däniſche Kriegsſchiffe. Am 30. März verſuchten ſie ſogar bei ihrem Aug⸗ apfel Eckernförde zu landen, wurden aber vorläufig von den dortigen Strandbatterieen mit Nachdruck zu⸗ rückgewieſen. Das war der Stand der Angelegenheiten vor Aus⸗ bruch des zweiten Feldzuges, das heißt zu der Zeit, wo wir wieder zu unſerer Erzählung zurückkehren, und ſo beſuchen wir jetzt das uns befreundete Em⸗ merslund, wo die Familie Andreas Burns noch wie am Schluſſe des vorigen Buches in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit den kommenden Tagen erwartungsvoll entgegenſah. Wir verließen ſie inmitten des Sommers, noch bevor der Waffenſtillſtand ausgeſprochen war, und da dieſer zeitig genug im Jahre eintrat, ſo gab er den Bewohnern der Herzogthümer hinreichend Gelegenheit zu nothwendigen Reiſen und Geſchäften, die ſo lange hatten ruhen müſſen. Auch Andreas war im Sep⸗ tember einige Wochen vom Hauſe entfernt geweſen, und als er endlich von ſeinen Ausflügen befriedigt zurückkehrte, ſtanden die Buchen bereits in funkelndſter Herbſtpracht und der Fuß der geſchäftigen Menſchen, der ſchon eiliger auf den bereiften Wegen ſchritt, 10 rauſchte in den abgefallenen Blättern, die der klagende Nordweſt von ihren Zweigen geſtreift hatte. Aber auch der Herbſt war vorübergegangen, der ſchneidende Nordoſtwind flog brauſend über die ſeuf⸗ zenden Wellen und Wälder und trieb alles Lebendige, was nicht draußen zu thun hatte, unter das ſchir⸗ mende Obdach der Häuſer und Hütten; abermals la⸗ gen Meer und Land in eiſigen Feſſeln und die Starr⸗ heit und Erſchlaffung der äußeren Natur ſpiegelte ſich wider in dem wandelbaren Menſchenherzen, welches dem Einfluſſe der Jahreszeiten ebenſo unterworfen iſt, wie die Welle und die Wolke dem Winde gehorcht, den der Athem Gottes über Länder und Meere bläſt. So finden wir denn des Capitains Familie regel⸗ mäßig alle Abende um den runden Tiſch, auf dem der Theekeſſel ſiedet, in der Nähe des ſtrahlenden Ofens verſammelt, eine harmloſe und um ſo innigere Geſelligkeit darbietend, als ſie von aller Welt abge⸗ ſchieden war, an welcher jedoch Helene, die ſchon lange wieder ihr Epheuhaus bezogen hatte, faſt im⸗ mer Theil nahm. An mancherlei Unterhaltungen über Frieden und Krieg, zu denen die jetzt regelmäßig an⸗ langenden Zeitungen Stoff genug boten, fehlte es ihnen nicht; bald von Sorge niedergeſchlagen, bald von friſcher Hoffnung belebt, wie ſie nun einmal 11 überall in dem beweglichen Menſchengemüthe wech⸗ ſeln, hatten ſie zum Theile die Prüfungen des letzten Sommers vergeſſen und wandten ihren Sinn ſchon wieder auf den kommenden Frühling hin. Von den Einfällen der jütiſchen Freiſchaaren hat⸗ ten ſie diesmal nichts zu fürchten gehabt, denn meh⸗ rere Abtheilungen der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee ſtanden im Norden und Oſten und ließen die räube⸗ riſchen Horden nicht heran; dafür aber gab es bis⸗ weilen Einquartierungen und dieſe wurden ſtets mit Freuden empfangen und mit Bedauern wieder entlaſ⸗ ſen, denn die Anweſenheit patriotiſch geſinnter Men⸗ ſchen übte einen überaus wohlthätigen Einfluß auf die Familie aus, die darüber ihre perſönlichen Sor⸗ gen vergaß, welche noch von Zeit zu Zeit am Hori⸗ zonte ihres Lebens wie wetterdrohende Wolken vor⸗ überflogen. Was aber Allen ein neues und großes Vergnü⸗ gen gewährte, das war der unausgeſetzt fortlaufende Briefwechſel mit Henrik, den jetzt keine äußere Stö⸗ rung unterbrach, da die Poſten wieder hergeſtellt und der Verkehr zwiſchen den Herzogthümern ſelbſt durch Nichts gefährdet war. So blieb denn Andreas ſtets mit dem Neueſten in Verbindung; Henrik theilte mit, was er mittheilen durfte, und die einſamen Bewoh⸗ 12 ner Emmerslunds fühlten ſich weniger abgeſchloſſen von aller Welt, als ſelbſt im vergangenen Sommer, wo ſie ſich inmitten der Begebenheiten des Tages be⸗ funden hatten. Aber auch angenehmere Unterhaltung als die Be⸗ ſchäftigung mit den troſtloſen Ergebniſſen der Politik der Gegenwart gab es zuweilen auf dem einſamen Gute. Helene benutzte die gemüthliche Stunde, wenn die Familie in der Hausfrau Zimmer hinter dem Theetiſche behaglich zuſammengedrängt ſaß und in ru⸗ higer Stimmung war, und las ihren Freunden erſt einzelne Stellen, dann ganze Abſchnitte aus den Stim⸗ men der Völker vor, bis Andreas, allmälig aufmerk⸗ ſamer auf den Inhalt des Buches lauſchend, eines Abends fragte, warum ſie das Werk nicht von vorne zu leſen beginne und ihnen das Ganze zum Beſten gebe? Da entſchloß ſich denn Helene, auch dieſer Auf⸗ forderung zu genügen; freilich ein Schritt, den ſie eigentlich wider Willen that und zu dem ſie faſt nur ihre Begeiſterung für den Inhalt des geheimnißvol⸗ len Buches zwang, eine Begeiſterung, die im Laufe der Zeit ſo groß geworden war, daß ſie ihr Feuer unmöglich länger verbergen konnte und endlich aus⸗ ſtrömen mußte, wobei ſich in allen ihren Aeußerungen die heftige Bewegung ihres Innern verrieth. —— ——— 13 Andreas horchte hoch auf, als Helene in ihrer Vorleſung immer weiter vorrückte, denn was ſie da in harmoniſchem Zuſammenhange las, glaubte er in einzelnen Andeutungen, Winken und Wendungen ſchon oft aus einem anderen Munde vernommen zu haben. Auch Friedrich ſchaute bisweilen ſeinen Va⸗ ter fragend an und Beide tauſchten Blicke aus, welche die Leſende allein nicht ſah, weil ſie, theilnahmlos für alles Uebrige, nur in den Inhalt ihres Buches vertieft war. Und ſo kam es bald dahin, daß man allgemein den Augenblick herbeiſehnte, wo die Ge⸗ ſchäfte des Tages abgemacht waren und Helene das Buch aus der Taſche zog und es aufſchlug, denn Jeder war begierig, den ferneren Verlauf zu verfol⸗ gen und die Anſichten des Verfaſſers, der in wohl⸗ lautender Rede und häufig in begeiſterungskühnem Schwunge ſprach, bis zu Ende zu hören. Wieder⸗ holt bat ſich Andreas das Buch von Helenen ſelber aus, welches dieſe ſtets, ſobald ſie ihren Vortrag be⸗ endigt, eilig verbarg, und obwohl ſie es anfangs nur mit Widerſtreben aus der Hand gab, ſo konnte ſie ſich doch dem ernſtlichen Anſinnen des edlen Freun⸗ des nicht entziehen, aber mit eiferſüchtigem Auge ver⸗ folgte ſie ihn, wenn er es nach Tiſche allein durch⸗ blätterte und dieſen oder jenen Ausſpruch noch ein⸗ 14 mal genau prüfte und im Geiſte erwog. Endlich ſchien Andreas genug darin geleſen zu haben. Als er es eines Abends nicht wie gewöhnlich forderte, wollte ſie es ihm freiwillig geben; er aber lehnte es dankend ab und ſagte lächelnd, er habe es ganz bis zu Ende und wiederholt geleſen und begriffen. „Nun, dann brauche ich es ja nicht mehr vorzu⸗ leſen,“ ſcherzte Helene. „Doch, Helene; aus Ihrem Munde höre ich gern jedes Wort noch einmal, und ich bin ja auch nicht der Einzige, der dies ſchöne Werk genießen will. Bei⸗ läufig— iſt Ihnen vielleicht der Verfaſſer bekannt, der ſich auf dem Titelblatte nicht genannt hat und mir doch werth zu ſein ſcheint, jedem Leſer ſelbſt dem Namen nach bekannt zu ſein?“ „Nein,“ erwiderte Helene kurz,„ich kenne ihn nicht, werde aber hoffentlich nächſtens erfahren, wer er iſt. Henrik hat es mir verſprochen, denn er kennt den Verfaſſer und weiß ſeinen Namen. Aber es iſt ein Geheimniß, welches wir uns bei der jetzigen Weltlage wohl erklären können, Andreas, und darum müſſen wir zum Nutzen des Verfaſſers ſelber unſere löbliche Neugierde beſchränken.“ Andreas nickte mit dem Kopfe, konnte aber kaum ein geheimnißvolles Lächeln unterdrücken, denn inner⸗ —,— —,— lich war er überzeugt, in dieſem Punkte zu wiſſen, was er wiſſen wollte und was außer ihm Niemand zu ahnen ſchien. „Muß es nicht ein herrlicher Mann ſein,“ fragte Helene weiter,„der ſo verſtändlich, ſo wahr und im⸗ mer ſo geiſtreich die Verhältniſſe der Gegenwart zu beleuchten wagt?“ „Ja, o ja, ein herrlicher Mann, Helene, wenn man ſeinen Geiſt, ſein Gemüth und vor allen Din⸗ gen ſeine Vaterlandsliebe in Betracht zieht.“ „Nun, ich meine, es müßte ſich auch ſchon in ſeinem Geſichte, in ſeinem Auge abſpiegeln, was ſich in ſeinem Kopfe und Herzen bewegt.“ „Sie meinen mit einem Worte, es müſſe ein recht hübſcher Mann ſein, der ein ſo hübſches Buch ge⸗ ſchrieben hat?“ Alle lachten, nur Helene lächelte nicht einmal; ſie fühlte ſich eigentlich etwas erbittert über ſich ſelber, ſich ſo eine ſolche Blöße gegeben zu haben.„Ihr braucht nicht ſo triumphirend zu lachen,“ ſagte ſie ſchmollend,„und mir auf ſo ironiſche Weiſe Euern Dank dafür ſagen, daß ich Euch habe Theil nehmen laſſen an dem Werke, welches mich ſchon lange im Stillen entzückt. Uebrigens habt Ihr mich eben ſo 16 wenig verſtanden, wie Ihr falſch urtheilt, wenn Ihr das Buch nur ein hübſches nennt.“ „Wir haben Sie nicht falſch verſtanden, Helene, und ſind Ihnen im Gegentheile ſehr dankbar, daß Sie uns Gelegenheit gegeben haben, Ihr Entzücken zu theilen; aber ich komme noch einmal auf die äu⸗ ßere Erſcheinung des unbekannten Verfaſſers zurück und glaube bemerken zu dürfen, ohne Sie zu ver⸗ letzen, daß der Schreiber eines guten Buches nicht im⸗ mer ſo ausſieht, wie man ihn ſich vielleicht beim Leſen ſeiner Gedanken vorſtellt. Ein mit dem Geiſte und dem Herzen verfaßtes Buch kann nur den Geiſt und das Herz des Verfaſſers, nie aber ſeine äußerliche Begabung wiederſpiegeln. Das dächte ich, iſt klar, ſo viel ich es weiigſtens verſtehe.“ „Das mag im Allgemeinen gewiß der Fall ſein.“ verſetzte Helene, nur noch äußerlich widerſtrebend, denn innerlich war ſie gewiß von der Wahrheit jenes Aus⸗ ſpruches überzeugt, wie jeder Andere,„und ich habe auch nicht im Geringſten an die äußere Erſcheinung jenes unbekannten Mannes gedacht, als höchſtens an den Glanz ſeines den inneren Geiſt widerſtrahlenden Auges; aber dennoch, wenn ich, durch Eure Neu⸗ gierde angeregt, mir den Mann, der dieſes Buch ge⸗ ſchrieben hat, vorſtelle, ſo muß ich mir denken, daß 17 auch ſein äußerliches Weſen ſeinem inneren Werthe entſpricht.“ „Das iſt freilich etwas Anderes, das kommt in dem beſonderen Falle auf die Phantaſie des Leſers an. Wie denken Sie ſich zum Beiſpiele das Aus⸗ ſehen Ihres Verfaſſers?“ Helene wollte lächeln, aber es gelang ihr nicht recht; dafür erröthete ſie.„Sie ſprechen von mei⸗ nem Verfaſſer,“ ſagte ſie endlich hoch aufathmend, als wollte ſie den inneren Sturm ihres rebelliſchen Blutes unterdrücken,—„wie thöricht! Als ob er nicht auch der Ihrige, wie der aller Welt wäre!“ „Wie Sie ihn ſich vorſtellen, frage ich— Sie überhören die Hauptſache— weiter will iih nichts wiſſen. Nun, heraus damit!“ Helene ſchwieg und ſenkte die zu lebhaft funkeln⸗ den Augen auf ihren Schooß. „Soll ich es ſagen,“ fragte Agathe plötzlich,„wie Helene ſich dieſen unbekannten Mann denkt?“ Helene ſchaute verwundert auf, denn Agathe hatte bisher nur eine ſchweigende Zuhörerin abgegeben; Andreas aber winkte dem geliebten Mädchen ſeinen Beifall zu. „Sie denkt ihn ſich ſo,“ ſagte ſie eifrig,„wie alle Frauen, die das Bedürfniß nach Liebe fühlen, ſich. A. Burns. III. 2 18 den Mann vorſtellen, der allein dieſer Liebe wür⸗ dig iſt.“ „Bravo!“ ſagte der Vater.„Du haſt es ge⸗ troffen.“ „Vielleicht auch nicht!“ rief Helene etwas zu leb⸗ haft, um nicht getroffen zu ſcheinen und erröthete ſo tief, daß ſie wie eine mit Purpur überſchüttete Roſe ausſah. „Das iſt wenigſtens genug geſagt und ich für meine Perſon ſtimme Agathen vollkommen bei. Uebri⸗ gens weiß ich, wer der Verfaſſer iſt.“ „Ich auch!“ rief Agathe auf einmal mit trium⸗ phirender Miene. „Und ich auch!“ wiederholte Friedrich langſam, indem er das ernſte Geſicht zu einem ſeltenen Lächeln nöthigte. Helene blickte Alle der Reihe nach erſtaunt an. „Nun ſo ſagt es mir doch, wen Ihr dafür haltet,“ flüſterte ſie beinahe beſchämt. „Still!“ ſagte der Vater mit neckiſcher Miene und erhob ſeine Hand.„Still, Kinder, kein Wort! Es iſt ein Geheimniß, Helene!“ „O Ihr Thoren!“ rief dieſe jetzt und brach end⸗ lich auch in Lachen aus.„Beinahe wäre ich närriſch genug geweſen, Eurer vorlauten Weisheit mein Ohr 19 zu öffnen. Wenn Ihr es wüßtet, wüßte ich es ſchon lange, das glaubt nur— ich werde es aber von Euch Allen zuerſt erfahren und es Euch— nicht ſagen!“ Aber auch zu ernſteren Unterhaltungen, als dieſe letzte war, bot der allmälig verſtreichende Winter hin⸗ reichenden Stoff. Eines Tages, es war im Anfange des Februar, erſchien Rasmus Harms aus dem Sundewitt vor Capitain Burns. Er hatte ſich über das ungeſtüme Waſſer gewagt, um dem verehrten Manne einen Brief ſeines jüngeren Sohns zu bringen. Dieſer Brief war durch ſeinen ehemaligen Knecht Jens, den die Mannſchaft des Odin bei ihrem erſten Beſuche ſei⸗ nes Hauſes mitgenommen, wie ſich der Leſer aus dem erſten Kapitel des zweiten Theiles erinnern wird, überbracht. Der arme Menſch war damals nach Alſen geſchleppt und dort in die Artillerie eingeſtellt worden. So hatte er gegen die Düppeler Schanzen, die ſeine Landsleute vertheidigten, mitwirken müſſen und dabei einen Arm verloren. Späterhin nach Ko⸗ penhagen gebracht, um von da über Lübeck nach Hauſe entlaſſen zu werden, weil er dienſtuntauglich war, kam er daſelbſt plötzlich an und wunderte ſich, 2* 20 ſeinen alten Herrn in einem beinahe fertigen neuen Hauſe zu finden, welches auf den Trümmern des ab⸗ gebrannten erbaut worden war. Erik Burns hatte Jens zufällig in Kopenhagen getroffen, als er ſich eben einſchiffen wollte, und da er von ihm hörte, daß er nach dem Sundewitt ging, ihn gebeten, an ſeinen Vater jenen Brief mitzunehmen. Jens erzählte nun Wunderdinge von den Rüſtungen der Dänen zur See; ſeiner Meinung nach, die ſich ſogleich im ganzen Sundewitt wie ein Lauffeuer verbreitete, hätten ſie ſo viel rieſige Schiffe bemannt, um damit die ganze Welt in Trümmer ſchießen zu können. Rasmus Harms war wieder zurückgeſegelt und Andreas ſaß vor ſeinem Schreibtiſche und las mit Herzklopfen den Brief ſeines Sohnes Erik. Derſelbe war im Januar geſchrieben und etwas lange umher⸗ geſchweift, ehe er in die rechten Hände gelangte. An⸗ dreas las ihn mehrere Male, denn jedesmal, wenn er ihn zu Ende geleſen, glaubte er bei der nächſten Durch⸗ ſicht einen anderen Inhalt finden zu müſſen, immer aber hatte er ſich zu ſeinem Leidweſen getäuſcht. Er athmete nur das wildeſte Dänenthum obgleich er we⸗ der das Wort Deutſch noch Däniſch ein einziges Mal ausſprach; aber zum Entſetzen des Vaters handelte er von weiter nichts als den Rüſtungen im großartig⸗ 21 ſten Maaßſtabe, um zu dem einzig möglichen Ziele zu gelangen, und verhieß nicht allein den entſchieden⸗ ſten Sieg gleich im Anfange, ſondern auch einen im Ganzen ruhmvollen Feldzug. Und gegen wen konnte dieſer Ruhm und Sieg anders errungen werden, als gegen die Freunde und Landsleute des Vaters, denen der Schreiber ſelber durch Geburt und Erziehung an⸗ gehörte, und eines Vaters, dem er Alles, was er war und beſaß, verdankte? Andreas fühlte tief die unabſichtliche Liebloſigkeit des leichtſinnigen Sohnes und hätte lieber gar keine Nachricht von ihm als dieſe empfangen. Dennoch aber war ihm das Schrei⸗ ben willkommen wegen ſeiner Frau, die bei jeder Ge⸗ legenheit ſeufzte und ſich über das unbekannte Schick⸗ ſal ihres Lieblingsſohnes bitter beklagte, da ſie ſeit ſeinen letzten durch den Spion überbrachten Zeilen nichts wieder von ihm gehört hatte. Am Schluſſe aber enthielt das erbauliche Schreiben folgende Mit⸗ theilung:. „Und was mein Avancement betrifft, mein „guter Vater, ſo kann ich Dir endlich verkün⸗ „„den, daß ich nahe am Ziele bin. Der alte „Neptun iſt in die Docks gelegt, um ausgebeſ⸗ „ſert zu werden, die ganze Mannſchaft aber iſt „auf Chriſtian den Achten verſetzt, das herrliche 22 „Linienſchiff, unſer Stolz und Ruhm, welches „nebſt der unvergleichlichen Gefion beſtimmt iſt, „im nächſten Kriege ſich unſterblichen Ruhm zu „erwerben und unſere Donner unter die zittern⸗ „den Feinde zu tragen. Bei der herkuliſchen „Ausrüſtung dieſer beiden Seerieſen und indem „uns kein ebenbürtiger Feind gegenüberſteht, wird „dieſer Ruhm nicht ausbleiben. Nach der erſten „namhaften ſiegreichen Affaire, die wir unter⸗ „nehmen, ſoll ich befördert werden. Sobald ich „Offizier bin, ſiehſt Du mich wieder, eher aber „nicht, denn nur in dieſem Falle iſt mir ein Ur⸗ „laub zugeſagt, den ich jetzt nicht nachſuchen kann, „da uns die Herzogthümer, deren Verblendung „ich beklage, verſchloſſen ſind. Gehabe Dich „wohl und grüße die Mutter und die theure „Agathe.“ Andreas warf den Brief zornig bei Seite und ſtützte ſein Haupt gedankenvoll auf die Hand.„Der leicht⸗ ſinnige Knabe,“ ſagte er,—„von einer Verblendung zu ſprechen, in der er ſelbſt befangen iſt! Er thut gar nicht, als ob er fühlte, welches Herzeleid dieſes Schreiben mir verurſachen muß. Doch— ſeien wir gerecht. Wenn ich es recht bedenke, kann es kaum anders ſein. Tag und Nacht unter Dänen, immer 23 und ewig ihr Geſchwätz vom großen Dänenthume zu hören, wofür ſie ſchwärmen und was ſie ſich im Geiſte vorſpiegeln, iſt es da anders möglich, als daß ihr Ruhm ſein Ruhm, ihr Triumph ſein Triumph geworden iſt? So mag es denn Gott wenden, wie er will, ihn befördern oder nicht— einer von uns Beiden wird auf dieſe oder jene Weiſe Vortheil da⸗ von ziehen. Doch dieſe allgemeine Ausrüſtung in Kopenhagen, das iſt etwas ſehr Bedeutungsvolles und Beachtungswerthes. Woher nehmen ſie das Geld dazu? Denn Chriſtian den Achten und die Gefion auszurüſten, überſteigt beinahe die däniſchen Kräfte. Ein Linienſchiff, das größte und beſte, was ſie haben! Und die Gefion, ihre ſchönſte Fregatte! Dänemark ſcheint es groß vorzuhaben. Gnade Gott den armen Deutſchen, die dieſen Batterieen gegenüber zu ſtehen kommen! Wehe den Herzogthümern! Wenn ſie mit ihren Breitſeiten auf unſere Ufer losdonnern, werden ſie unſere kleine Armee in Splitter ſchießen. Wie Gott will, ſage ich! Aber wohin wollen ſie mit dieſen Schiffen? Ich möchte es wohl ſehen, wenn ſie damit ihren Kampf eröffnen, denn es wird doch wohl deutſche Männer geben, die ſie nicht fürchten. Gott gebe nur, daß ſie unſer ſtilles unvertheidigtes Ufer nicht zur Zielſcheibe wählen. Doch nein, hier iſt 24 kein Feind für ſie, hier können ſie nicht landen— höchſtens in Apenrade. Warten wir es ab, die Zeit wird es lehren!“— Ja, und die Zeit ſollte es lehren, aber auf eine andere Weiſe, als der Sohn es hoffte, der Vater aber nach Lage der Sache es fürchten mußte. Auf die anderen Mitglieder der Familie brachte dieſer Brief ganz verſchiedene und von einander ab⸗ weichende Wirkungen hervor. Die Mutter war glück⸗ lich, endlich einmal etwas zu leſen, was von dem Leben und der Geſundheit ihres Sohnes zeugte, über den anderweitigen Inhalt ging ſie nach Art überzärt⸗ licher Mütter nachſichtig hinweg. Agathe und Helene dagegen fühlten Mitleid mit dem tief in's Herz ge⸗ troffenen Vater, deſſen Schweigen und trüb bewölkte Stirn allein den Kummer verrieth, den ihm das ge⸗ dankenloſe Schreiben des Sohnes verurſacht hatte. Friedrich aber fühlte ſich ergrimmt wie nie, und man mußte ſich alle mögliche Mühe geben, um ihn von lauten Verwünſchungen und Zornesausbrüchen in Ge⸗ genwart der Mutter abzuhalten. „Wartet nur,“ ſagte er eines Tages zu Helenen, „dieſer niederträchtigſte Brief, den je ein undankbarer Sohn an einen ſo vortrefflichen Vater geſchrieben hat, wird ihm einſt ſchwer angerechnet werden, wenn das 25 Gericht des Höchſten ſeine Stimme erſchallen läßt. Jetzt hat er gänzlich meine Liebe verloren. Denn eine ſolche Gedankenloſigkeit, die an däniſche Frechheit gränzt, dergleichen an Andreas Burns zu ſchreiben, überſteigt allen Glauben. Aber ein Gutes hat dieſer Brief doch bei mir gewirkt. Er erinnert mich, daß wir Deutſchen alle uns gegen die Dänen rüſten müſ⸗ ſen; auch meine Zeit iſt alſo gekommen, zu der auf dem Papiere ſchon beſiegten Armee abzugehen.“ Und er hielt Wort. Von ſeiner Verwundung gänz⸗ lich wiederhergeſtellt, mit ſeiner früheren Kraft begabt und ſo weit entfernt von den Strecken, wo ſich das Schickſal ſeines Vaterlandes entſcheiden ſollte, hatte er keine Ruhe, keine Raſt mehr in dem ſtillen Hauſe. Er wartete nur das Ende des Februar ab, um ſein lange überlegtes Vorhaben auszuführen. Und der Schnee des Winters ſchmolz und das raſſelnde Eis im Meerbuſen zerrann unter den mäch⸗ tiger wirkenden Strahlen der Sonne des jungen Jahres. Stürme und Wogendrang beruhigten ſich und nur heftige Winde und Regengüſſe erinnerten noch von Zeit zu Zeit daran, daß die gebrochene Macht des Winters vor dem ſiegreichen Frühlinge den Rückzug antrete. Es war am 1. März, als Friedrich vor ſeinen 26 Vater trat, ihm die Hand reichte und einfach ſagte: „Gieb mir Deinen Segen, Vater, zum zweiten Male; denn ich will gehen, wohin mich meine Pflicht ruft!“ „Hier haſt Du ihn, mein Sohn; gehe mit Gott und zeige Dich Deines Vaterlandes würdig!“ Und er umarmte ihn herzlich, nachdem er ſeine Hand auf den Scheitel des Knieenden gelegt. Darauf trat er zur Mutter und ſagte ihr Lebewohl. Es durchſchnitt ihm das Herz, als er die würdige liebevolle Frau weinen ſah, aber er bezwang ſich und ſchied. Auch Agathen reichte er freundlicher, als er ſich die letzte Zeit gegen ſie bewieſen, die Hand, und als ſie ihm bleich und ruhig, völlig in ihr Schickſal ergeben, Gottes Segen wünſchte, glaubte er vollauf zu ſeinem Vorhaben gerüſtet zu ſein. Noch an demſelben Tage ritt' er davon, nach Schleswig zu, in deſſen Gegend ſein Regiment in Quartier lag. Sweites Mapitel. Eckernförde. Capitain Meviſſen war in der Mitte des März nach Kiel gereiſt, um einige nothwendige Geſchäfte abzuwickeln. Am letzten Tage des Monats kehrte er zurück und überbrachte dem Commodore die Nachricht, daß wahrſcheinlich in den erſten Tagen des April die Feindſeligkeiten wieder beginnen würden, daß die Führer der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee aber be⸗ ſchloſſen hätten, den Angriff des Feindes im Sunde⸗ witt zwar zu erwarten, ſich aber langſam auf ihre Hauptpunkte zurückzuziehen, um ihn von den Schiffen wegzulocken und inmitten des Landes zu empfangen, wo ſie ihm zu widerſtehen allein die Mittel beſäßen. Außer dieſer allgemeinen Mittheilung aber über⸗ brachte er noch eine beſondere, die auf Andreas einen 28 bei Weitem ſtärkeren Eindruck machte, daß man näm⸗ lich durch Spione die Meldung empfangen habe, die Dänen hätten auf Alſen einen großen Kriegsrath ge⸗ halten und beſchloſſen, mit ihrer ganzen Seemacht Eckernförde zu überfallen, die dort aufgepflanzten Batterieen in den Grund zu ſchießen, die ſchleswig⸗ holſteiniſche Armee, die nördlich von Eckernförde um Flensburg und Apenrade herum ſtand, von aller ſüd⸗ lichen Hülfe abzuſchneiden, indem ſie in Eckernförde ſelbſt eine ſtarke Truppenabtheilung landeten und auf dieſe Weiſe nicht allein die deutſchen Hauptmächte trennten, ſondern auch deren Aufmerkſamkeit zerſplit⸗ terten, wodurch ſie ſelbſt eine vortheilhaftere und ihren Feinden gefahrdrohende Stellung gewinnen würden. Und dieſer nicht üble Plan war in der That zur Ausführung beſtimmt. Von deutſcher Seite indeſſen hatte man denſelben vorhergeſehen, und um ihn zu vereiteln, den Hafen von Eckernförde durch Aufwer⸗ fung zweier Batterieen zu ſchützen geſucht, was aller⸗ dings eine ſehr kleine Schutzwehr gegen die ganze Machtentfaltung der großen däniſchen Schiffe war. Hätte man frühzeitiger ſichere Nachrichten darüber ge⸗ habt, ſo wäre es Pflicht geweſen, den zur Landung des Feindes, inmitten der Stellung des deutſchen Heeres ſo günſtig gelegenen Hafen feſter zu machen —— 29 und gleich von Anfang an mit einer ſtärkeren Macht dem von der See kommenden Feinde entgegenzutreten. Das war aber nicht geſchehen und ſo mußte man ſich mit Kühnheit wappnen, auf das Glück vertrauen und dem Schickſale das Uebrige anheimſtellen. Die deutſchen Hülfstruppen, unter General Pritt⸗ witz Oberbefehl geſtellt, rückten indeſſen allmälig heran, und es war diesmal beſchloſſen, im Gegenſatze zum vorigen Jahre, größere Armeen auf einem Punkte zu vereinigen, um, wo ein vortheilhafter Schlag aus⸗ führbar wäre, denſelben um ſo verderblicher für die leicht zu Schiffe wegflüchtenden Dänen zu machen. Andreas hörte dem Capitain Meviſſen, der alle dieſe Einzelnheiten mit überzeugender Miene vortrug, mit großer Spannung zu. Die großen Schiffe waren theilweiſe wirklich ſchon bei Alſen eingetroffen und bereit, ihren erſten Gewaltſtreich mit Nachdruck zu be⸗ ginnen. Alſo der Kampf ſtand unzweifelhaft bevor. Als Gertrud hiervon Kenntniß erhielt und nun zum erſten Male ihren Erik auf einem entſcheidenden Kampf⸗ platze wußte, erbebte ihr Herz. Anfangs nur leiſe und im Stillen wehklagend, erhob ſich ihr Schmerz von Stunde zu Stunde zu lauterem Ausbruche, und vergebens waren die Tröſtungen der Ihrigen, den mütterlichen Jammer zu beſänftigen, indem ſie die 30 Hoffnung auf einen möglicher Weiſe unblutigen Aus⸗ gang nicht aufzugeben ſchienen. Aber dieſe Hoffnung wies ſie als eine ſehr unwahrſcheinliche zurück, der Kampf konnte ihrer Meinung nach nicht ausbleiben, und wie er auch ausfiel, der Verluſt, die Gefahr we⸗ nigſtens war ſtets auf ihrer Seite. Siegten die Dänen, ſo unterlag ihr Vaterland, ihr Sohn, ihre Freunde, ſo wurden alle Hoffnungen und Wünſche ihres Mannes, ja auch ihre eigenen in Bezug auf die Erlangung ihrer Rechte und auf die Beſtätigung ihrer Freiheiten begraben; ſiegten die Deutſchen, ſo ſank vielleicht ihr geliebteſtes Kind in dem Kugelregen der erbitterten Freunde. Das war allerdings eine üble Vorausſicht und auf Niemanden machte ſie einen ſtär⸗ keren Eindruck, als auf Andreas ſelber, ſo viel er ſich auch Mühe gab, ſeine innere Spannung und Auf⸗ regung den Augen der Seinigen zu verbergen. Waren aber in dem Herzen ſeines Weibes die Ge⸗ fühle der Mutter bei Weitem vorherrſchend und ſah ſie aus dieſem Punkte die nächſte Zukunft ſchwarz, ſo litt bei ihm der deutſche patriotiſche Geiſt und Sinn mehr, und doch hatte auch er Gefühle für den abtrünnigen Sohn, die ſich aus keinem Vaterherzen wohl je ganz verbannen laſſen. Ja, um die Wahr⸗ heit zu geſtehen, er fürchtete diesmal mehr eine Nieder⸗ —— 31 lage der Deutſchen, da ihre Macht den Schiffen gegen⸗ über eine mehr als zehnfach geringere war, als er auf einen Sieg über die Dänen hoffte, ſo groß ſein Vertrauen auf die Kühnheit und Kampfesluſt ſeiner Landsleute war. In dieſer Weiſe zwiſchen Hoffnung und Beſorgniß hin und her ſchwankend, ſchwebte bald ſeine Kindes⸗, bald ſeine Vaterlandsliebe auf der höchſten Spitze der ſchaukelnden Schickſalswoge, und dieſer innere Zwieſpalt ſich ſo lebhaft widerſprechender Gefühle, wie ſie nicht tiefer ein edles Männerherz zerfleiſchen können, war groß genug, ſelbſt einen ſo ſtarken Mann, wie er war, bis in's innerſte Mark zu erſchüttern. Die zwei erſten Tage, nachdem Capitain Meviſſen mit ſeiner verhängnißvollen Meldung zurückgekehrt, trieb es ihn unſtät und rathlos umher. Er ſprach faſt kein Wort, er hatte faſt keinen Blick für das, was um ihn geſchah. Zu ſeinen Ohren ſchien das Klagegeſchrei ſeines Weibes kaum zu dringen, und doch weckte es in ſeinem Herzen allmälig einen echo⸗ artigen Widerhall, der endlich, ſeine Nerven auf das Aeußerſte anſpannend, ſeiner hin und herſchwankenden Neigung eine entſchiedene Wendung zu geben anfing. Zwei Pflichten ſtritten zuletzt in ihm um die Ober⸗ gewalt und beide wog er genau prüfend gegen ein⸗ 32 ander ab, beide zerlegte er in ihre einzelnen, ſein gan⸗ zes Weſen erfüllenden und durchdringenden Theile, denn ſein Geiſt litt nicht, wie bei Gertrud, unter den einſchlagenden Stößen des Schickſals, im Gegentheile verdoppelte ſich ſeine natürliche Kraft und Begabung bei dem zunehmenden Widerſtande derſelben. Hielt ihn einerſeits das nahende Kriegsunheil in ſeinem Hauſe, bei den Seinigen zurück, ſo trieb ihn anderer⸗ ſeits die Theilnahme an dem bevorſtehenden großen Kampfe unwiderſtehlich nach Süden. Mit eigenen Augen hätte er am liebſten, da er mit den Armen nicht kämpfen durfte, dem nie erlebten Schauſpiele beigewohnt, welches ſich nach der allgemeinen Mei⸗ nung im Hafen von Eckernförde entwickeln ſollte. Bald überwog das eine Bedenken, die eine Neigung, die eine Pflicht die andere. Endlich, da er mit ſich ſelbſt nicht zum Abſchluſſe kam, entſchloß er ſiche dar⸗ über zu reden. Zuerſt ſprach er mit Helenen, die ſeine Vertraute geworden war, wenn er ſich in Her⸗ zensnöthen befand. Helene durchſchaute ſogleich mit ihrem klaren Blicke das Ganze, ſeine Lage, ſeine Wün⸗ ſche, die widerſtreitenden Punkte in ſeinen verſchiede⸗ nen Pflichten als Familienhaupt. Auch ſie fing an zu überlegen; aber nicht langſam wie der kalt berech⸗ nende Mann ging ſie dabei zu Werke, ſondern blitz⸗ 33 ſchnell griff ſie mit kühnem Inſtinkte in das umtrei⸗ bende Rad der Geſchicke der ihr ſo innig befreundeten Familie ein. „Aber Sie haben ja hier für Ihr Haus und die Ihrigen nichts zu fürchten,“ ſagte ſie endlich mit dem ganzen Stolze ihres großen perſönlichen Muthes;„wir befinden uns hier in tiefſter Ruhe, kein Feind bedroht Emmerslund, keiner wird ſich ihm nahen, wenn der gewaltige Kampf im Süden tobt. Der Andreasberg liegt nicht an der großen Straße, welcher die Armeen folgen, und keine beſondere Beute lockt die vorüber⸗ ſegelnden Schiffe an. Ihre Rache haben die Dänen hier voriges Jahr gekühlt, ſollten ſie dieſes Jahr noch einmal unvertheidigte Häuſer harmloſer Menſchen be⸗ ſchießen? Das glaube ich nicht. Und ſelbſt wenn Enimerslund von einem ähnlichen Schickſale heimge⸗ ſuchtswürde, was könnten Sie allein gegen ſo Viele leiſten? Und wenn auch Ihr unbezweifelter Muth, Ihre männliche Kraft und Ausdauer, Ihre größere Einſicht hier von Nutzen ſein kann, ſo können Sie ſich doch nicht gegen eine feindliche Uebermacht ſieg⸗ reich vertheidigen, und gegen einen etwaigen räube⸗ riſchen Ueberfall kann Sorge getragen werden, dazu ſind Männer genug hier. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Andreas, ich ginge auch, wohin mich die Nei⸗ A. Burns. III. 3 34 gung oder das größere Bedürfniß ruft— und Beides ruft Sie nach Eckernförde— denken Sie nur an Hoptrup und was Ihre Gegenwart bei jenem Kampfe für Ihre Familie Gutes geleiſtet hat.— Wie weit iſt es von hier bis Eckernförde?“ „Wenn ich den kürzeſten Weg reite und mein ſchnellſtes Pferd nehme, ſo iſt es nicht weit. Höchſtens zwölf Meilen, und die reite ich in einem Tage.“ „So reiten Sie, mein Freund. Ich habe noch einen anderen Grund, der mich dazu treibt, Ihnen zu dieſem Ausfluge zu rathen.“ „Und welcher iſt das?“ „Ich glaube, Sie werden Gertrud damit außer⸗ ordentlich beruhigen. Wenn ſie Sie ſelbſt in der Nähe des Kampfplatzes weiß, ſo wird ſie einen Schutzengel an Erik's Seite glauben, und wenn Sie ihm auch nicht beiſtehen können, ſo werden Sie doch ſichere Nachricht von ſeinem Schickſale mit zurückbringen können. Das wird der Einbildung oder vielleicht auch dem Wahne der übermäßig beſorgten Mutter als eine große Tröſtung erſcheinen.“ „Das läßt ſich hören. Sagen Sie noch Nieman⸗ dem von dieſem Plane, ich will erſt mit meinen Freunden ſprechen.“ Und er berief ſogleich die alten Capitaine zuſam⸗ —— 35 men und legte ihnen ſeinen Wunſch, die Gründe zu demſelben, ſo wie auch die Beſorgniß für den Fall vor, daß irgend etwas Feindſeliges gegen Emmers⸗ lund geſchehe, wenn er abweſend wäre. „Pah!“ rief Capitain Kühlwetter, der immer der Erſte in der Beiſtimmung zu einem kühnen unter⸗ nehmen war,„Was ſoll hier Feindſeliges geſchehen? Zu uns kommen ſie diesmal nicht. Für dieſen Feld⸗ zug habe ich um uns keine Sorge; die Dänen haben ſtärkere Feinde zu beſiegen. Und für den Fall, daß ſie ihr Kuckucksei in Eure Koje legen wollen, Com⸗ modore, ſtehen wir Alle hier für einen Mann, verlaßt Euch drauf, Ihr ſollt mit uns zufrieden ſein.“ „Und ſeid Ihr derſelben Meinung, meine Freunde?“ fragte Andreas die beiden Anderen, die ſchon bei⸗ fällig genickt hatten. „Ganz gewiß,“ ſagte Capitain Meviſſen,„es giebt nur eine Meinung für mich, und die iſt, nach Eckern⸗ förde zu ſegeln. Nehmt mich mit, Commodore, ich möchte auch ein däniſches Linienſchiff mit deutſchen Kugeln ſtopfen ſehen.“ „Ja!“ rief der alte Bardow triumphirend,„und macht es, wie wir es mit dem Odin gemacht haben; ſchießt ihn zuſammen wie einen tollen Hund und laßt ihn Seewaſſer ſaufen, bis er berſtet— der Racker!“ 3* Andreas lächelte matt bei dieſem kriegeriſchen Aus⸗ falle des Veteranen.„So weit ſind wir noch nicht, Bardow,“ ſagte er.„Euch ſteckt immer noch die alte Lore im Kopfe und darum ſeid Ihr ſo rachſüchtig. Ein Linienſchiff, alter Freund, iſt aber kein kleiner Dampfer, es wird ſich nicht ſo leicht der Gefahr aus⸗ ſetzen, auf eine Sandbank feſt zu gerathen und ſich mit glühenden Kugeln beſchießen zu laſſen. Ich be⸗ ſorge ſogar das Gegentheil, ſie werden in unſer ar⸗ mes Herzogthum ein tüchtiges Loch mit ihren Zähnen reißen.“ „Um ſo mehr müßt Ihr dabei ſein, das Loch ſtopfen zu helfen. Geht, geht, Cap'tain, wir wollen zu Eurer Beruhigung alle Drei ſo lange auf Em⸗ merslund wohnen, bis Ihr wieder da ſeid, und Tag und Nacht Wache ſtehen, um die feindliche Flagge von Weitem zu reſpektiren. Hol's der Teufel, aber wenn es ſein muß, iſt Vorſicht beſſer als Naſe⸗ weisheit.“ „Es iſt gut und ich danke Euch,“ ſagte Andreas, der ſeinen Entſchluß gefaßt hatte.„Mit Euch bin ich fertig, nun will ich noch mit meiner Frau reden.“ Am Abende deſſelben Tages— es war der 2. April — war die Stunde dieſes Zwiegeſprächs gekommen. Andreas hatte Widerſpruch von Seiten Gertrud's 37 befürchtet, aber er hatte ſich diesmal geirrt. Kaum hatte er nur von ferne ſeine Neigung verrathen, nach Eckernförde zu gehen, ſo ſchaute Gertrud aus ihren Thränen hell auf und fiel ihm vor Freude laut ſchluchzend um den Hals. „O Andreas!“ rief ſie,„was für ein herrlicher Mann biſt Du! Jetzt erkenne ich Deinen Werth erſt ganz. Du haſt mir aus der Seele geſprochen, denn ich habe auch ſchon an die Möglichkeit dieſer Reiſe gedacht, aber ſie nur nicht auszuſprechen gewagt. O gehe, gehe nach Eckernförde und beruhige mein Herz. Wenn ich Dich in Erik' Nähe weiß, bin ich getröſtet. Dir iſt es ſchon einmal gelungen, einen blutenden Sohn den Händen der Feinde zu entreißen und zu retten— o rette mir auch diesmal meinen Erik, und ich werde keinen Wunſch mehr auf der Welt haben.“ „So werde ich gehen, Gertrud, und werde Gott bitten, daß er mich begleitet, denn weiter will ich Nie⸗ mand neben mir haben. Was Er dann beſchließt, dem müſſen wir uns fügen, Frau, das bedenke, wenn ich fort bin. Aber höre, ich muß ſchon morgen fort, der Weg iſt weit und die Dänen warten nicht auf mich.“ „So gehe in Gottes Namen, und wenn es ſo⸗ gleich ſein muß; ich werde auch im Geiſte bei Dir 38 und Erik ſein, und wenn Du zurückkehrſt, ſollſt Du eine dankbare Frau in mir finden.“ „So ſoll es ſein. Aber ich kann vielleicht nicht ſogleich wiederkommen— wer weiß, wie lange es dauert, bis etwas Entſcheidendes vorfällt. Wirſt Du auch nicht unruhig werden, wenn ich mehrere Tage ausbleibe?“ „Nein, Andreas, denn ich werde mir ſagen, daß Gott Deine Abweſenheit ſo lange will und Dich auf der Reiſe hält, die Du unſerem Kinde zu Liebe und zu meiner Beruhigung unternommen haſt. Reiſe ge⸗ troſt und kehre erſt zurück, wenn Du mir etwas Gu⸗ tes heimbringen kannſt.“ Andreas küßte ihre Stirn, wie er gewöhnlich that, wenn ſie ein ernſtes Geſpräch geführt, und drückte ihr die Hand. Dann ging er in den Stall und trat zu ſeinem Lieblingspferde, deſſen ſchönen Hals er liebe⸗ voll ſtreichelte.„Nun, mein guter Schimmel,“ ſagte er, als das Pferd den kleinen Kopf nach ihm um⸗ wandte und das kluge Auge auf den bekannten Herrn richtete,„Du ahnſt noch nicht, daß Du einen gewal⸗ tigen Marſch vor Dir haſt. Auf und tummle Dich, wir wollen wie bei Hoptrup unter die Feinde gehen und ihnen zeigen, daß wir keine Furcht haben. Dies⸗ mal aber werden ſie nicht mit Piſtolen und Flinten⸗ 39 kugeln, ſondern mit Vierundachtzigpfündern auf uns ſchießen.“ Und das edle Pferd wieherte laut, als ob es ihm eine muthige Antwort auf ſeine Anrede geben wollte. Andreas befahl das Thier wohl zu pflegen und ſtark mit Gerſte zu füttern, und ließ dann Alles zu ſeinem weiten Ritte am nächſten Morgen in Bereitſchaft ſetzen. Am 3. April, Morgens um elf Uhr, nachdem er ein gutes Frühſtück zu ſich genommen und für den langen Ritt mit Waffen, Nahrungsmitteln und gegen Wind und Regen ſchützenden Kleidern ſich wohl ver⸗ ſorgt hatte, nahm Andreas Burns Abſchied von den Seinigen. Viele Thränen zwar wurden dabei ver⸗ goſſen, aber man tröſtete ſich, daß ſeine Wiederkehr ſie alle trocknen würde. Nachdem er ſein Weib und Agathen umarmt, drückte er Helenen herzlich die Hand und ſchüttelte ſie den drei Capitainen und allen Die⸗ nern, die ſich im Hofe um ſein Pferd drängten. Muthig ſcharrte der Schimmel den Boden und ſchien froh zu ſein, als ſein Herr endlich in den Sattel ſtieg und ihn in's Freie hinaus lenkte. Alle liefen hinter ihm her und ſchauten und wink⸗ ten mit Tüchern ſo lange, als ſie ihn mit den Augen erreichen konnten. Endlich war er hinter einer Biegung des Weges verſchwunden und nun erſt kehrten die 40 Zurückbleibenden ſchweigend und ſtille Gebete zu Gott emporſendend in das Haus zurück, in welchem eine ungewöhnliche Ruhe zu herrſchen pflegte, wenn der raſtloſe Gebieter fern war. Begleiten wir aber den einſamen Reiter auf ſeinem langen und bedeutungsſchweren Wege, denn auch wir wollen Zeuge ſein von einem ſo ſeltſamen, wunder⸗ baren und verhängnißvollen Kampfe, wie ihn die Weltgeſchichte noch auf keinem Meere der Erde bis dahin hatte entrollen ſehen. Von Apenrade ritt Andreas unangefochten auf der Landſtraße, die nach Flensburg führt, nach Süden, denn nur Schleswig⸗Holſteiner ſtanden in dieſer Ge⸗ gend und belebten mit ihren Märſchen, durch fröhliche Geſänge ſich zum bevorſtehenden Kampfe ermuthigend, den mitunter ſehr langweiligen Weg. Friedrich, nach dem er mehrmals forſchte, hatte er nicht das Glück zu treffen, denn das Regiment, zu dem derſelbe ge⸗ hörte, war ſchon ſeitwärts gerückt und erwartete die Dänen im Sundewitt, wo der erſte Schlag zufällig an dieſem Tage geſchehen ſollte. Die Kanonen von Eckenſund her aber hörte er aus der Ferne brummen; daſelbſt griffen die Dänen mit Dampfern und Kano⸗ nenbooten die Schleswig⸗Holſteiner an, ſetzten viele Truppen an's Land und glaubten ſchon an einen —4t. Sieg, da die Deutſchen, wohlweislich die Schiffskugeln vermeidend, langſam bis Gravenſtein zurückwichen, wohin ihnen zu folgen indeſſen die Dänen zögerten. In Flensburg traf er Nachmittags gegen vier Uhr ein, ohne ſein Pferd im Mindeſten angeſtrengt zu haben, denn er wollte ſeine Kräfte nicht unnütz opfern. Nach kurzer Raſt brach er von Flensburg gegen ſechs Uhr wieder auf, wählte aber diesmal nicht die Land⸗ ſtraße nach Schleswig, ſondern durchſchnitt in raſche⸗ rem Trabe quer das Angeler Land, indem er den kür⸗ zeren und bequemeren Weg über Solt, Hastrup und Scholderup wählte, um ſich bei Miſſunde mit der Fähre über die Schley ſetzen zu laſſen, wo er die Nacht bei einem Freunde blieb, deren er nirgends in dieſen gaſtfreien Landſtrichen entbehrte. Von Miſſunde bis Eckernförde hatte er nur noch einen kurzen Weg, und dieſen legte er am 4. April in einer Stunde zurück, wo er denn endlich das viel⸗ beſprochene Städtchen vor ſich liegen ſah, aber ſeinen Hafen noch frei von allen Schiffen fand, was man ihm ſchon in Miſſunde verkündet hatte, denn erſt am Nachmittage dieſes Tages ſegelte die ſtolze Danebrogs⸗ flotte heran. In Eckernförde ſelbſt wohnten mehrere ſeiner Freunde und er war unſchlüſſig, bei welchem er einkehren ſollte, da er von Allen wußte, daß ſie 42.. ihn mit offenen Armen empfangen würden. Bei dem wackeren Bürgermeiſter, den er beſonders ſchätzte, wollte er nicht einſprechen, denn die Behörden bekamen ohne Zweifel in den nächſten Tagen viel zu thun, und darum wollte er nicht ſtörend dazwiſchen treten. So entſchloß er ſich denn endlich, bei einem jüngeren Bruder des alten Wundarztes einzukehren, der in Apenrade wohnte und deſſen wir bei Friedrich's Ver⸗ wundung früher Erwähnung gethan haben. Es war ein alter Seekamerad des Capitains und ihm alſo ſeit langen Jahren befreundet, ein biederer, ächt deut⸗ ſcher, warmblütiger Mann, der eben ſo viel Muth und vaterländiſche Geſinnung wie Andreas beſaß. Von dieſem auf das Herzlichſte empfangen, ruhte er ſich kurze Zeit von ſeinem langen Ritte aus, theilte ihm ſein Vorhaben mit und vernahm die Billigung des Freundes, der mit ihm den Kampf, wenn er wirk⸗ lich bevorſtände, aus nächſter Nähe beſchauen wollte, ihm auch die Oertlichkeiten um Eckernförde, und wie ſie die Deutſchen bis zu dieſem Augenblicke benutzt, bald darauf zeigte. Um dem Leſer, der dieſe Oertlichkeit nicht mit ei⸗ genen Augen geſehen, ein deutliches Bild von den einzelnen Abtheilungen des bevorſtehenden Kampfes zu geben, iſt es nöthig, daß wir ihm dieſelbe, ſo wie 9 ee=eeeee 43 die Vertheidigungsanſtalten der Schleswig⸗Holſteiner, etwas genauer beſchreiben. Das maſſiv gebaute und 4000 Einwohner zäh⸗ lende Städtchen Eckernförde liegt an der innerſten nördlichen Ecke des gleichnamigen Meerbuſens, iſt von Kiel, Schleswig und Rendsburg ziemlich gleich weit, etwa drei Meilen, entfernt und mit beiden erſteren durch eine ſchöne Chauſſee, mit letzterem durch einen leidlichen Sandweg verbunden, auf denen von Strecke zu Strecke tragbare Telegraphen in einigen Richtungen aufgeſtellt waren. Die kleinen, ziemlich wohnlichen Häuſer ſtehen nicht weit vom Strande entfernt auf einer Landzunge, welche den Meerbuſen von einem Binnenſee, dem Windebyer Noer, trennt. Eine tiefe Waſſerverbindung zwiſchen beiden bildet den eigent⸗ lichen Stadthafen, über den eine Brücke nach dem nördlichen Strande des Meerbuſens führt, an welchem zunächſt an der Stadt das als Seebad bekannte Dorf Borby liegt. Der Meerbuſen ſelber, an ſeiner Mün⸗ dung zwei Meilen breit, verengt ſich trichterförmig gegen die Stadt hin bis zu einer Breite von einer Viertelmeile, iſt außerordentlich tief und gewährt den ſchwerſten Schiffen ein ſicheres Fahrwaſſer. Die Ufer, die ſich von der Stadt aus nach dem Meere erſtrecken, ſind am Strande dünenartig verflacht, mit weichem ————— 3 Kiesſande bedeckt, und erſt hinter den von den drei vorhergenannten Städten herlaufenden Straßen erhe⸗ ben ſie ſich zu ziemlich bedeutenden Hügelrücken, die im Süden, nach dem Meere hin, ſchön bewaldet, im Norden, vorn am Strande ziemlich kahl ſind, auf den weiter zurückliegenden Anhöhen aber ebenfalls reichen Baumwuchs zeigen. Zur Vertheidigung des Hafens nun waren zwei Batterieen angelegt, deren Erdarbeiten größtentheils noch aus dem erſten Feldzuge herrührten. Betrachten wir zuerſt die ſogenannte Nordbatterie. Dieſe lag etwa zwanzig Minuten von der Stadt entfernt auf einer in den Meerbuſen auslaufenden Landzunge des nörd⸗ lichen Ufers und beherrſchte den Eingang des Hafens, war alſo einem feindlichen Angriffe zunächſt ausgeſetzt. Hinter ihr hob ſich das Ufer allmälig empor und zeigte den reich bewaldeten Louiſenberg, von deſſen Höhe aus man in das Innere der Schanze hinein⸗ ſehen konnte. Sie war aus dem Meeresſande erbaut, der mit Geröllſteinen und Kieſeln vermiſcht war, die Böſchungen mit Raſen belegt, eben ſo die Bruſtwehr⸗ kronen, damit der Wind der bedienenden Mannſchaft nicht den feinen Sand in die Augen wehe. Die Feuerlinie lag ſieben Fuß über dem Geſchützſtande und alle Geſchütze feuerten über Bank. 45 Der innere Raum der Schanze lag zwei Fuß tiefer als der Geſchützſtand, war alſo durch neun Fuß Bruſt⸗ wehrhöhe gedeckt. Bei mittlerem Waſſerſtande lag die Feuerlinie zwölf bis vierzehn Fuß über dem Meeres⸗ ſpiegel. Die obere Bruſtwehrdicke betrug ſiebzehn Fuß, die innere Böſchung war fünf Fuß hoch und mit dicken Eichenbohlen und Raſen bekleidet. In der Kehle war die Batterie mit Palliſaden geſchloſſen. Das Blockhaus inmitten derſelben lag halb innerhalb, halb außerhalb der Batterie, war mit Schießſcharten verſehen und durch ungeheure Balken, Faſchinen und Erde granatenfeſt gedeckt. In den Kehl⸗ palliſaden, welche ſenkrechte Schießſcharten hatten, be⸗ fand ſich ein Flügelthor, der einzige Ein⸗ und Aus⸗ gang der Batterie. Die Munition der Kanonen ward in einem Magazine nahe am Thore der Kehle auf⸗ bewahrt. Innerhalb der Batterie befand ſich ein aus Backſteinen erbauter Ofen mit eiſernem Roſte zum Glühen der Kugeln. Daneben war ein Brunnen ge⸗ graben. In der Mitte des kleinen Raumes war ein Bretterhäuschen für den Commandeur aufgeſchlagen. Rings um die Batterie lief ein breiter und tiefer Graben, der das Material zum Baue derſelben gelie⸗ fert hatte und ziemlich mit Grundwaſſer gefüllt war. Ihre Geſtalt war fünfeckig; die breiteſte Seite nahm 46 die Kehle ein. Von ihrem linken Flügel aus zog ſich eine ſtarke Bruſtwehr bis zum Fuße des Louiſenberges, die eine Art gedeckten Weges bildete. Bewaffnet war die Batterie mit ſechs eiſernen Geſchützen, zwei 24⸗Pfündern, zwei 18⸗Pfündern und zwei 84 pfündigen Bombenkanonen, die 55 Pfund ſchwere Kugeln ſchoſſen. Die vier erſten waren mit ihren Mündungen dem gegenüberliegenden Ufer, eine Bombenkanone in der Richtung nach der ſüdlichen Hafenecke, die andere dem inneren Hafen zugewandt. Zu den Geſchützen führten vom inneren Raume aus treppenartige Auftritte an der inneren Böſchung hinauf. Die Beſatzung beſtand aus einem alten Feldwebel, zwei Unteroffizieren, vier Bombardieren und 46 Kanonieren, mit Ausnahme des Feldwebels und eines Kanoniers ſämmtlich Re⸗ kruten, die den Feind zum erſten Male in ihrem Leben ſehen ſollten. Alle Leute aber waren ruhig, ja kalt⸗ blütig, und von athletiſcher Kraft, wie ſie nur der Norden Deutſchlands hervorbringt. Alle waren nüch⸗ tern, von vortrefflichem Humor und äußerſt willig und anſtellig. Der Commandeur war der Haupt⸗ mann Jungmann, ein ehemaliger preußiſcher Offizier, der erſt vor wenigen Wochen aus dem Oriente zurück⸗ gekehrt war, wo er die Armee des Sultans im Artillerie⸗ weſen unterwieſen und ſchöne Erfahrungen geſammelt 47 hatte, die er nun als freiwilliger Streiter im gegen⸗ wärtigen Kriege verwerthen wollte, ein kühner, um⸗ ſichtiger, entſchloſſener Mann, den der Ruhm herbei⸗ gerufen zu haben ſchien, um ſeine Schläfe mit dem Lorbeerkranze zu ſchmücken. Er war zugleich Ober⸗ commandant beider Batterieen, hatte aber ſeinen Standplatz in der Nordbatterie. Die Südbatterie, ſüdlich und kaum fünf Minuten von der Stadt entfernt, unmittelbar am Strande ge⸗ legen, zeigte im Rücken einen hohen Uferrand, an deſſen Fuße die Kielerſtraße vorbeilief. Auch ſie konnte von den hinter ihr liegenden Höhen eingeſehen wer⸗ den. Das Maäͤterial, aus dem ſie erbaut, war dem der Nordbatterie gleich. Auch ihre Feuerlinie lag etwa zwölf Fuß über dem Meeresſpiegel. Sie war vier⸗ eckig gebaut; ihre zwei Pulvermagazine lagen in ihrer linken Flanke und ragten mit ihrer Decke vier Fuß über die Bruſtwehrkrone hinaus. In den Flügel⸗ ecken ihrer Kehlpalliſaden befand ſich rechts und links je ein Flügelthor. Auch hier war ein Ofen zum Glühen der Kugeln erbaut, aber anſtatt des Brunnens war ſie mit gefüllten hölzernen Waſſer⸗ tonnen verfehen. Das Bretterhäuschen für den Com⸗ mandeur fehlte auch hier nicht, eben ſo wenig der rings herumlaufende Graben. In ihrem Rücken befand 48 ſich eine Redoute mit Blockhaus und Geſchützbänken. Dieſe Redoute war nur mit Infanterie beſetzt. Die Geſchützfeuerlinie der Südbatterie war länger als die der Nordbatterie. Armirt war ſie allein mit vier 18⸗Pfündern, welche den Meerbuſen der Länge nach beſtrichen. Im Uebrigen war ihre innere Einrichtung der der Nordbatterie gleich. Ihre Beſatzung beſtand aus zwei Unteroffizieren, v. Preußer und Stinde, zwei Bombardieren und 33 Kanonieren, die ebenfalls ſämmtlich Rekruten waren. Ihr ſpezieller Comman⸗ deur war der Unteroffizier Theodor von Preußer, ein freiwilliger Streiter, Sohn eines Majors in der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee, aus Rendsburg gebürtig. Eigentlich war er Oekonom, obgleich er zum Artillerie⸗ dienſte in der königlichen Cadettenſchule zu Kopen⸗ hagen erzogen war. Er zählte erſt 24 Jahre, war ein Mann von außerordentlicher Energie und zugleich dem beſcheidenſten Weſen. Er war vom Schickſale be⸗ ſtimmt, der eigentliche Held des Tages zu werden, aber— doch greifen wir unſerer Erzählung nicht vor. Das waren alle Vertheidigungswerke im Eckern⸗ förder Hafen. Fürwahr! eine kleine, beinahe winzige Macht gegen die ungeheuren Angriffsmittel der Dä⸗ nen, die wir nachher kennen lernen werden. Außer dieſer Beſatzung beider Batterieen, auf denen die drei⸗ 49 farbige deutſche Flagge unverzagt im friſchen Winde flatterte, ſtand das 3. ſchleswig⸗holſteiniſche Reſerve⸗ bataillon unter Commando des Hauptmann Irminger in Eckernförde. Am 2. April aber ward noch eine Reſervebrigade und eine Naſſauer leichte Feldbatterie von ſechs Geſchützen unter den Befehlen des regieren⸗ den Herzogs von Sachſen⸗Coburg⸗Gotha in die Um⸗ gend der Stadt cantonnirt, eine Truppenmacht, die nicht in's Treffen kam, da den Dänen die beabſich⸗ tigte Landung verwehrt wurde. Als Capitain Burns dieſe Vertheidigungsmittel am Morgen des 4. April genau beſichtigt hatte, ſchüttelte er wehmüthig den Kopf. „Das ſind ſchwache Anſtalten,“ ſagte er zu ſeinem Freunde,„um Linienſchiffe aufzuhalten, und ich würde faſt verzagen, wenn nicht Gott ſelbſt unſeren braven Truppen zwei große Beiſtände zugeſagt hätte.“ „Und was ſind das für Beiſtände, die ich nicht ſehe?“ fragte der Freund ſorgenvoll. „Das iſt erſtens der ungebrochene Muth in der Bruſt jener wackeren Krieger, wie ich mich mit eige⸗ nen Augen überzeugt habe, ein Muth, auf den ich ſtark baue und der ſich weder vor Menſchen noch vor ihren Zerſtörungswerkzeugen fürchtet. Sodann cher und ich wundere mich, daß Du ihn nicht ſiehſt, A. Burns. III. 4. es jener ſauſende Oſtwind, der vom Meere in den Buſen hinein fegt und das Unternehmen der Dänen bedenklich machen zu wollen ſcheint. Bei dieſem Winde werden ſie nicht ſo tollkühn ſein, die Batte⸗ rieen anzugreifen, denn im Falle ſie beſchädigt wür⸗ den, könnte ihnen der Rückzug dadurch abgeſchnitten werden.“ „Oho! Dafür werden ſie Dampfer mitbringen, um ihre großen Schiffe aus dem Gefechte zu ſchlep⸗ pen, wenn Gefahr da iſt— verlaß Dich darauf!“ Andreas nickte mit dem Kopfe und zuckte die Ach⸗ ſeln.„Ja,“ ſagte er traurig,„wenn das iſt, haben ſie doppelte Uebermacht. Sie ſind unwiderſtehlich im Angriff und unbeſorgt um ihren Rückzug. O, welche trübe Ausſichten, welche ſchwache Hoffnungen! Doch, verzagen wir nicht— vielleicht hilft Gott!“ In dem kleinen Städtchen ſelbſt befand ſich Alles in einer leicht erklärlichen Unruhe, der eine eigenthüm⸗ liche Neugierde beigemiſcht war, welche von den vie⸗ len Vermuthungen wahr werden, ob die Dänen kom⸗ men, ob ſie angreifen, ob ſie landen und, was die Hauptſache war, ob ſie die Batterieen, von denen man Großes erwartete, zum Schweigen bringen, alſo 2 51 egen würden. Für letzteren Fall hatten mehrere vor⸗ orgliche Leute ſchon verſchiedene Vorkehrungen getrof⸗ fen, wenigſtens wollte man die Kranken retten und mancherlei Beſitzthümer in Sicherheit bringen. Zag⸗ haftere hatten ihre Sachen gepackt, um zu rechter Zeit die Stadt verlaſſen zu können. Auf ein ruhiges Oſterfeſt, welches unmittelbar vor der Thür ſtand, konnte Niemand mehr rechnen, zumal man ſich ſehr lebhaft drinnerte, daß auch am vorjährigen Oſterſonn⸗ tage die Schlacht bei Schleswig geſchlagen war, und ein gewiſſer Aberglaube auch die kriegeriſchen Ereig⸗ niſſe dieſes Jahres damit in Verbindung ſetzte. Nie⸗ dergeſchlagen und hoffnungslos waren gewiß nur ſehr Wenige; ernſt, ſorgenvoll und bedächtig dagegen Alle; zuverſichtlich und freudeſtrahlend Viele, denen namentlich die in der Nähe lagernden Truppen Muth einflößten, obgleich dieſe bei dem bevorſtehenden Bom⸗ bardement gerade am wenigſten leiſten konnten. Auch die Anweſenheit des Herzogs von Sachſen⸗Coburg, der auf einem Gute am Wege nach Kiel, Gottorf, ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte, beruhigte Man⸗ chen, denn wenn ein regierender Fürſt das Schickſal der Stadt in Perſon theilen wollte, konnte es nach ihrer Meinung doch nicht ſo gar arg hergehen. Alles das und noch vieles Andere wurde lebhaft in den 4* ſie ſ b b 5²2 Straßen, in den Wirthshäuſern, am Strande und in der Nähe der Batterieen beſprochen, um die ſich viele Neugierige verſammelt hatten, wenngleich kein Menſch beſtimmt wußte, ob und wann die Dänen erſcheinen würden, denn nur das allgemeine Gerücht hatte bis⸗ her ihre Annäherung vorausgeſagt. So verſtrich den Bewohnern der Stadt, obwohl ſie innerlich tief bewegt waren, der Nachmittag ohne alle äußere Störung; nichts geſchah, was von Be⸗ deutung geweſen wäre. Andreas, vom Ritte des vo⸗ rigen, vom vielen Laufen dieſes Tages und von ſei⸗ ner inneren Aufregung, die er mit Gewalt bezwingen, wollte, ermüdet, ſaß im Hauſe ſeines Freundes, wel⸗ ches eins der nächſten am Chriſtians⸗Pflegehauſe war, aus dem man die Invaliden und Kinder fortſchaffen wollte, wenn die Schiffe ſich zeigten, da es dicht am Strande in der Nähe der Südbatterie, alſo den feind⸗ lichen Kugeln zumeiſt ausgeſetzt lag. Es war Nach⸗ mittags fünf Uhr geworden; die Freunde ſaßen bei einem Glaſe Wein am Fenſter, welches nach der See hinaus führte, und hatten ihre Ferngläſer bei der Hand, durch die ſie von Zeit zu Zeit nach dem Meere blickten. Aber nichts zeigte ſich, ſo ſehr auch ihre Ungeduld den heißen Augenblick erſehnte, um der läſtigen Spannung, dieſer aufreibenden Qual, über⸗ „ 53 hoben zu ſein. Da wirbelte plötzlich von der Nord⸗ batterie, die man bequem mit den Augen erreichen konnte, eine kleine Rauchſäule auf und gleich darauf donnerte ein blinder Alarmſchuß über das hochauf fluthende Meer. Alles ſprang hinaus an den Strand, die Urſache davon zu ergründen, und bald hörte und ſah man, daß eine halbe Meile außerhalb des Ha⸗ fens, nahe dem ſüdlichen Ufer, ein großes feindliches Schiff ſich zeigte, dem nach und nach mehrere folgten, die alle unter vollen Segeln heranwogten und um welche herum, wie jagende Falken, mächtige Dampfer ſchwärmten, als wollten ſie mit ihren raſchen Schwin⸗ gen das Lager umkreiſen, in dem der König der Meere dieſe Nacht ruhen ſollte. Schnell ließ der Freund unſeres Capitains ſein kleines Gig in Bereitſchaft ſetzen, und kaum zehn Mi⸗ nuten ſpäter rollten ſie, von einem munteren Pony gezogen, auf dem Wege, der nach Kiel führt, nach Altenhof, dem ſiegreichen Kampfplatze der Freiſchaaren im vorigen Jahre, hinter deſſen Gehöfte ſie ausſtie⸗ 1 gen und über die Sandhügel dem Strande zuſchritten, um das Meer und ſeine neuen Bewohner aus der Nähe zu betrachten. Da hatten ſie denn in der That ein großes, und wenngleich erwartetes, doch immer Erſtaunen erregen⸗ 54 des Schauſpiel dicht vor Augen. Das ganze däniſche Geſchwader, welches das Gerücht im Anzuge erklärt, hatte ſich in angemeſſener Entfernung vom Strande verſammelt und in gehörigen Zwiſchenräumen dem Dorfe Aſchau gegenüber, Anker geworfen. Da lag der Rieſe der däniſchen Marine, der ſchöne Chriſtian der Achte, in ſeinem ganzen vollendeten Prachtbau, erſt in den Jahren 1840— 45 mit großer Eleganz gebaut, ſtrotzend von ſeinen 84 ſchweren Kanonen und 800 Mann Beſatzung; ſodann die leichtfüßige ſchwarze Gefion, der beſte Segler der däniſchen Ma⸗ rine, die erſt 1846 ihre erſte Fahrt vollbracht hatte. Ihr weiter Bauch ſchloß 48 ſchwere Kanonen und 500 Mann Beſatzung in ſich ein. Ihnen zunächſt ſchaukelten ſich die beiden großen Dampfer, der Hekla und der Geiſer, mit je zehn 60⸗pfündigen Bomben⸗ kanonen ausgerüſtet, jener dem Linienſchiffe, dieſer der Fregatte als Hülfsmacht beigeſellt; ſodann drei große Transportſchiffe mit zum Landen beſtimmten Mannſchaften gefüllt, und endlich ganz im Hinter⸗ grunde ein unſtät flankirender Aviſodampfer, der Ad⸗ jutantendienſte verſah, im Ganzen alſo acht Segel, alle voll feuerſpeiender Schlünde und todbringender Geſchoſſe, und von Männern geführt, von denen man erwarten konnte, daß ſie dem Tode kühn in's Auge 55 ſchauen würden, denn den Chriſtian befehligte der Commandeur⸗Capitain Paludan, ein altersgrauer, aber erfahrener zäher Seemann, und die Gefion der Capitain Meyer, ein feuriger, handfeſter Draufgänger, der ſtolz auf ſein ſchönes Schiff war und ſich der Ehre werth zeigen wollte, daſſelbe zu befehligen. Alle Erwartungen, die man gehegt, waren alſo pünkt⸗ lich und wirklich eingetroffen; die feindlichen Schiffe waren da und der Kampf konnte nicht ausbleiben, wenn Gott nicht durch ſeinen zornig daher brauſenden Wind Einhalt gebot. Jetzt galt es, den Kopf oben und die Augen offen zu halten, die Sorge aus der beklom⸗ menen Bruſt zu verbannen und den männlichen Muth allein zu bewahren, um dem nicht mehr entrinnbaren Geſchicke kühn die Stirn zu bieten. Keiner von Allen aber, welche die auf dem Meere ſchwebenden Schiffe mit funkelnden Augen muſterten, mochte wohl von ſolchen Gefühlen hin⸗ und her⸗ geriſſen werden, wie Andreas Burns, als er die anſcheinend ſchlummernden Rieſen vor ſich liegen ſah. Schnell und faſt ſpringend flog ſein ſcharfer Blick von einem ſchwarzen Rumpfe zum anderen, nur auf einem haftete er länger, durchdringender, und das war der dunkle Koloß, an deſſen hochragendem Bord er ſeinen Erik wußte. Von Maſt zu Maſt, von 56 Tauwerk zu Tauwerk ſpähte ſein forſchender Blick, auf jeder Spiere weilte ſein Auge, in jede Fuge drang ſein Herz, denn an irgend einer Stelle dieſer wogen⸗ den Feſtung mußte ja ſein Sohn ſeine Pflicht erfül⸗ len. Welche Gedanken in dieſem Augenblicke durch ſein im Stillen arbeitendes Gehirn, welche Empfin⸗ dungen durch ſein hochklopfendes Herz fuhren, wer möchte es wiſſen oder gar beſchreiben? Daß aber ein wilder Schmerz— um ſo ſchneidender, weil er ohne Aeußerung getragen werden mußte— ſeine Nerven erbeben machte, eine großartige Beſorgniß für irgend ein Leid, welches ihm begegnen würde, ſein ganzes Gebein erſchütterte, das verrieth ſein bleiches, marmorkaltes Antlitz und ſein düſter und unendlich traurig blickendes Auge. Alles, was er jetzt von der äußeren Natur, welche ihn umgab, in ſeine Sinne faſſen konnte, das erfaßte er mit blitzſchnellem Geiſte; Für und Wider wog er gegen einander ab, und wenn ihn das Eine bangen ließ, ſo glaubte er in dem An⸗ dern wieder eine Hoffnung zu finden— welches Bangen, welche Hoffnung— für ſein Vaterland, für ſeinen Sohn?— das iſt unmöglich auseinander zu ſetzen, denn Beides war in ein einziges dum⸗ pfes Gefühl namenloſer Beklemmung verflochten, wie er nie in ſeinem Leben ein ähnliches empfunden hatte. 57 Aber welche Erſcheinungen in der äußeren Natur waren es, die auf die Ereigniſſe des kommenden Ta⸗ ges von ſo großem Einfluſſe ſein konnten?— Schauen auch wir uns den Himmel, die Luft und das Meer an, und ein einziger Blick, wenn wir auch keine See⸗ männer ſind, wird uns belehren, welche wichtige Rolle in dem bevorſtehenden Kampfe die Natur ſelber zu ſpielen geſonnen ſchien. In heiterer Bläue ſtrahlte der abendliche Him⸗ mel über Erde und Meer, und nur im Weſten von Eckernförde ſchwoll ein rieſiges Wolkenbett auf, in welches ſo eben die Sonne geſunken war. Rings um dieſes Wolkenbett herum aber, den ganzen weſt⸗ lichen Horizont umfaſſend, wogte ein feuriger Glanz am Himmel, der ſo hell und mächtig war, daß er mit ſeinem Widerſcheine die taumelnden Wellenberge roſig übermalte, die ſich von Oſten ſtürmiſch daher und übereinanderwälzten. Denn der ſchneidende Oſt⸗ wind, der den ganzen Tag geweht, jagte auch jetzt noch brauſend über die weite Fläche, fuhr mit ſeiner erkältenden Schärfe durch Mark und Bein alles Le⸗ bendigen und wühlte von Grund aus das Meer auf, ſo daß es mit wuthſchnaubendem Toben an die Ufer emporbrodelte und ſeine ſalzigen Schaumkronen bis hoch auf den Strand ſchleuderte, wo ſeine feinſten 58 Atome wie ein feiner Staubregen mit den Atomen der Luft durcheinander wirbelten. Dieſer Wind, dieſe Wellen waren es, auf die der erfahrene Seemann hauptſächlich ſein Augenmerk ge⸗ richtet hatte und welche in der That geeignet waren, jene widerſtreitenden Empfindungen in ſeiner Seele hervorzurufen, die wir oben anzudeuten verſuchten. „Sprich, Burns, alter Kamerad,“ ſagte der Freund endlich, der den qualvollen Zuſtand ſeines Gefährten wohl bemerkte, da er ihn ſchon den ganzen Tag be⸗ obachtet hatte,„ſprich, und befreie Deine Seele von den Befürchtungen, die auf ihr laſten. Glaubſt Du, daß die ſchlauen Dänen bei dieſem Winde heran⸗ kommen und unſere Batterieen angreifen werden?“ Andreas hörte die Worte wohl, aber er begriff ſie nur langſam, denn er dachte ſo eben an Gertrud und an das, was ſie ſagen würde, wenn ſie hier wäre. Einen Blick nach dem Himmel, und den zweiten auf die ſchäumenden Wellen werfend, ſagte er endlich mit feſt auf einander gebiſſenen Zähnen:„Sie werden nicht ſo dumm ſein, das zu unternehmen. Aber ſie haben ja Dampfer, ſagſt Du, und da ſind ſie ja wirklich vor uns. Ich bin darin aber anderer Mei⸗ nung als Du. Dieſe ſonſt große Hülfe verringert hier ihre Gefahr kaum, wenn ſie den Angriff bei die⸗ 59 ſer ſteifen Kühlte beginnen. Denn ein Dampfer iſt auch verwundbar und als Kranker noch weniger werth, als ein Segelſchiff. Und das weiß der Jung⸗ mann da drüben, den wir heute Morgen geſprochen haben, ſo gut wie wir. Er ſcheint mir der Mann zu ſein, feſtzuhalten, wenn er angebiſſen hat, und die Dampfer, ſeine ſchlimmſten Feinde, wird er zunächſt vor's Meſſer nehmen. Meiner Meinung nach bleibt den Dänen nur Eins übrig.“ „Und was iſt das?“ „Ihre Boote herabzulaſſen, ſie vollkommen zu bemannen und die Batterieen von der Kehle anzu⸗ greifen, eine nach der anderen. Wenn ich Paludan wäre, ich thäte es in der Nacht— drauf und dran! ſagte ich, wir müſſen ſie haben, nur ſo iſt der Sieg möglich— wohlverſtanden, wenn der Oſtwind ſo fortbläſt.“ „Hm, hm!“ ſagte der Freund und lächelte,„Du biſt noch immer der Alte— Gott ſteh mir bei, mich mit Dir herumzuhauen! Nicht wahr, den Säbel zwiſchen den Zähnen und die Piſtolen in beiden Fäu⸗ ſten— hurrah!— Freilich, freilich, wenn ſie das thun, oder thäten— denn das thut kein Däne— dann zitterte ich für das arme Eckernförde.“ Und wieder ſchwiegen die beiden Männer und 60 fuhren fort, den Horizont, das Meer und die Schiffe zu betrachten, die allmälig in einer anderen Beleuch⸗ tung wie magiſche Luftbilder vor ihren erſtaunten Augen hin und her zu gleiten ſchienen. Denn wäh⸗ rend ihres eifrigen Geſprächs hatte ſich ein zweites Schauſpiel entwickelt, das an Pracht, Großartigkeit und geheimnißvollem Schauer das vorhergegangene bei Weitem überbot. Die Sonne hatte mit ihren letzten roſigen Strah⸗ len das im abendlichen Dunkel ruhende Eckernförde und ſeine ganze Umgebung ſchon lange verlaſſen, da⸗ für aber war der beinahe volle Mond über das Land heraufgeſtiegen und übergoß mit ſeinem perlreinen Lichte den ſternenklaren Himmel und die Spitze des Meerbuſens. Allmälig ſtieg er höher herauf und trotz Wellen und Wind ſegelte er gerade dem Drange der Elemente entgegen und thronte bald ſiegreich über den Schiffen, die unter ihm in auf⸗ und ab⸗ fluthender Bewegung wie elfenartige Erſcheinungen der Nacht tanzten. Ihre dunkelen Rümpfe wurden alle ſichtbar, ihre zarteren Linien, das feine Faden⸗ netz ihres Tauwerks, ihre weithin flatternden Wimpel traten klarer hervor, und die zu kurzen Feſtons aufge⸗ reeften Segel ſchienen ſilberne Neſter zu ſein, in de⸗ nen ſich der brauſende Wind gern feſtgeſetzt, wenn er 61 nicht, von dem ihm zunächſt folgenden Luftzuge weiter getrieben, fortgemußt hätte, ohne mit ſeiner dämoni⸗ ſchen Gewalt die elementariſche Grundkraft zu über⸗ winden, an welche die dräuenden Seerieſen mit feſten Ketten geſchmiedet waren. Das ſchönſte Schauſpiel aber bot in dieſem Augen⸗ blicke das Meer in ſeinem wunderbaren Glanze und ſeiner auf⸗ und abwälzenden Wellenbewegung dar. Denn da das Licht von Weſten kam, alſo die an⸗ dringenden Wogenberge von vorn beleuchtete, die von Oſten her aus dem Meere heranſtürzten, ſo ſah das Meer ſelbſt wie ein großmächtiger Waſſerfall aus, der vom Himmel zur Erde herniederrollte, als wolle er das feſte Land vor ſich umſtürzen und verſchlingen. Wie eine hochaufgethürmte Mauer, die von rollenden Rädern getragen wird und ſich immer näher und näher wälzt, deren Kämme und Kronen aber von dem glitzernden Mondlichte vergoldet ſind, weit hin nach allen Seiten leuchten und alle Lichtkörper des Himmelsgewölbes widerſtrahlen, ſo wälzte ſich in dieſer Nacht das gewaltige Meer heran, welches der kalte Oſtwind zu durchwühlen fortfuhr, als hätte er noch nicht genug die fluthende Welle geküßt und müßte noch aus tieferer Tiefe die Geheimniſſ e ſeines Schooßes austrinken. 62 Aber bei all dem Schönen und Wunderbaren, was dieſes Schauſpiel dem ſtaunenden Menſchenauge bot, fing doch der nächtliche Wind etwas zu kalt zu wehen und die Gebeine der ſo lange am Strande unbeweglich ſtehenden Männer zu durchſchauern an. Der Seemann aus Eckernförde glaubte lange genug das Meer, den Himmel und die Schiffe betrachtet zu haben, und ſeine wachſende Ungeduld machte ſich durch verſchiedene Anzeichen dem Freunde bemerkbar. Aber dieſer hörte und ſah ihn nicht; ſein Nachtrohr feſt an das Auge gedrückt, ſchaute er noch immer das ſchwer wogende Linienſchiff an und wandte bisweilen ſein Ohr in die Richtung, wo es lag, als wollte er die geheimnißvollen Töne belauſchen, die ſich von Zeit zu Zeit an ſeinem Borde vernehmen ließen. „Haſt Du noch nicht genug geſehen?“ fragte end⸗ lich der nachſichtige Freund.„Komm, laß uns nach Hauſe fahren; mich friert wie einen Knaben, der zum erſten Male die Wache auf dem Vormars hat, und Dein dünner Regenrock hält auch nicht den ſcharfen Zug dieſer Nachtkühlte ab.“ „Was willſt Du?“ fragte Andreas barſch.„Horch! Hörſt Du nichts? War das nicht Trommelwirbel vom Schiffe her? Da— jetzt ſchrillt der Ton der Hochbootsmannspfeife über die Wellen. Er ruft 63 die Mannſchaft zuſammen und heißt ſie zu Bette gehen.“ „Das wollen wir auch, Kamerad, komm, folge mir.“ „So geh Du, wenn Du willſt. Mich friert nicht. Ich werde die Nacht hierbleiben, damit ich am Mor⸗ gen der Erſte bin, der ihre Kugeln pfeifen hört.“ „Ich glaube, Du wäreſt dazu im Stande, Du alter Eiſenmenſch, denn Du fühlſt nicht wie Andere weder Regen noch Wind, wenn Deine Seele im Kampfe iſt. Aber was willſt Du hier, Andreas? Hier ſiehſt Du nichts. Ich denke, wir gehen nach der Stadt und ſchlafen ein paar Stunden, dann, mit Tagesanbruch, fahren wir nach Borby und verkriechen uns in irgend einen Winkel in der Nähe der Nord⸗ ſchanze, um den Kampf aus der Nähe zu betrachten, denn dahinüber zieht er ſich. So dachte ich es mir und Du wirſt mir beiſtimmen, wenn Du Dir es überlegſt.“ Andreas beſann ſich nicht lange, denn er ſah die Wahrheit des Geſagten ein.„Du haſt Recht,“ ſagte er,„warum ſollte ich uns die Nacht rauben, helfen kann ich nicht. Dieſe Nacht wollen wir noch zu ſchla⸗ fen verſuchen; wer weiß, ob uns die folgende nicht von ſelbſt den Schlummer rauben wird. So komm, ich folge Dir, Dein Rath war gut.“ Und ſein Rohr 64 zuſammenſchiebend und noch einen langen Blick auf Meer und Schiffe werfend, ſtieß er einen lauten Seufzer aus, worauf er mit dem Freunde nach dem Hauſe bei Altenhof zurückkehrte, wo ſie ihr Fuhrwerk gelaſſen hatten. Dieſes beſtiegen ſie ſogleich und fuhren ſo raſch wie möglich nach der Stadt zurück. ——— Brittes Vapitel. Das Gefecht mit der Nordbatterie. Selten, oder wohl nie, war eine unruhigere Nacht auf Eckernförde herabgeſunken, als die vor dem grü⸗ nen Donnerſtage, dem 5. April 1849. Nur wenige Menſchen ſchloſſen die Augen, viele blieben angekleidet auf ihren Betten liegen, da man jeden Augenblick einen Angriff erwartete, und nur die Kinder erfreuten ſich eines vollkommen erquickenden Schlafes. Tauſend⸗ fältige Phantaſiegebilde drängten ſich den beſorgten Gemüthern auf und faſt Alle hörten in dem traum⸗ reichen Halbſchlummer, der ſie umgaukelte, den Ka⸗ nonendonner des kommenden Tages ſchon im Voraus, ſahen ihre Häuſer in Trümmer ſtürzen und ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen. Aber unaufhaltſam rückte die Nacht in ihrem gewöhnlichen Laufe fort, A. Burns. III. 5 66 7 der Feind unternahm keinen Angriff— und der Morgen des verhängnißvollen Gründonnerſtags däm⸗ merte endlich langſam im Oſten herauf. Schon lange vor vier Uhr war Andreas ſeinem Lager entſtiegen und auch ſein Freund hatte nun keine Ruhe mehr. Raſch ordnete dieſer Alles im Hauſe an, nahm ſein Geld zu ſich, ließ ſein Vieh nach Weſten treiben, löſchte alle Feuer im Hauſe aus und, nach⸗ dem er mit Andreas gefrühſtückt und ſein Gig mit Lebensmitteln und anderen Dingen beladen, ſchloß er das Haus ſelbſt zu und ſtieg mit ſeinem Gaſte auf, um nach Borby zu fahren. Und ſie waren nicht die Einzigen, die in der Frühe des Morgens dieſen Weg betraten. Viele trieb die Furcht, viele die Neugierde eben dahin, um den erſten Angriff des Feindes aus möglichſter Nähe zu ſehen. Raſch aber zog ſie der Pony, dem zur Seite des Capitains Grauſchimmel trabte, nach dem Dorfe. Hier ließen ſie Wagen und Pferde zurück und machten ſich nun zu Fuße auf, indem ſie den Weg in der Richtung nach der Nord⸗ ſchanze längs der Bergkette einſchlugen. Ungefähr 300 Schritte davor blieben ſie auf einer Hügelſpitze ſtehen, von wo aus ſie in die Schanze hineinblicken konnten, machten daſelbſt einen tiefen Graben aus⸗ findig, vor dem ein halbes Dutzend rieſiger Buchen 67 wurzelte, und beſchloſſen, von hier aus dem Kampfe zuzuſchauen, denn da die feindlichen Kugeln ſich alle auf die Batterie concentriren würden, glaubten ſie an dieſem Orte keiner Gefahr ausgeſetzt zu ſein, was auch in der That der Fall war. Von dieſem Graben aus hatten ſie das ganze Schlachtfeld vor ſich. Zu ihrer Linken, nur tiefer unter ihnen, lag die Nord⸗ batterie; 7— 8000 Schritte jenſeit des Meerbuſens, und noch mehr zur Linken, ankerte die feindliche Flotte. Zur Rechten, ebenfalls in der Tiefe, lag die Stadt, dahinter die Südbatterie mit ihrer luſtig wehenden Flagge, und etwas höher hinauf die ſchon erwähnte Redoute, die ſie zu erreichen hofften, wenn der Kampf ſich nach der Stadt wenden ſollte, da man von dort aus eben ſo die Südbatterie einblicken und alles Vor⸗ gehende beobachten konnte, wie von ihrem gegenwär⸗ tigen Standpunkte den vorderſten Kampfplatz. Für jetzt aber waren ſie mit ihrer Stellung vollkommen zufrieden, es fehlte ihnen nichts als die feſte Ueber⸗ zeugung eines unbeſtrittenen Sieges. Und das war freilich etwas Viel. Noch immer blies der Wind ſtark aus Oſten, aber doch gelinder, als am Abende zuvor. Der Horizont und das Meer waren zwar noch von leichtem Nebel⸗ gewölke verſchleiert, aber die Sonne, die man bald 5* 68 erwartete, mußte es ja durchbrechen, und dann lag Alles, was zu ſehen war, vor den Augen der Käm⸗ pfenden und Zuſchauenden. In der Nordbatterie ſelber war auch bereits Alles auf ſeinem Poſten. Um vier Uhr wurde Hauptmann Jungmann“), der in feſtem Schlafe lag, von ſeinem Feldwebel Clairmont wach gerüttelt, der ſich bei ſei⸗ nem Chef beklagte, daß er nicht habe ſchlafen können. Der Hauptmann ging nach dem Ofen, wo die 18 pfün⸗ digen Kugeln glühend gemacht wurden und wo die Artilleriſten ſich wärmten und das Frühſtück bereite⸗ ten, denn es war kalt und windig zugleich. Auf einen „Guten Morgen!“, den ihnen der Befehlshaber bot, antworteten ſie Alle fröhlich und friſch, und der Trom⸗ peter Hanſen, der ſeinen Herrn als Ordonnanz, die Trompete auf dem Rücken und die Brieftaſche auf der Bruſt, wie ein Schatten auf Schritt und Tritt begleitete, antwortete für ſeine Kameraden, daß ſie ſich freuten, bald wacker arbeiten zu müſſen. So graute auch ihnen der Gründonnerſtag⸗Morgen. Die Artilleriſten traten an ihre Geſchütze. Es wurde ihnen der Befehl ertheilt, nur den Rollſchuß anzu⸗ *) Siehe Eckernförde und der 5. April 1849. Von Eduard Jungmann. Hamburg 1852. 1* 2 69 wenden und das Feuer eines Geſchützes in dem Augen⸗ blicke abzugeben, wenn die Spitze eines heranſegelnden Schiffes in die Schußlinie käme. Dann wurde ſcharf geladen.. Jetzt ſtieg der Commandeur mit feſtem Schritte die kleine Treppe hinauf, die auf die Bruſtwehrkrone führte, und betrachtete durch ſein Fernrohr genau die eine halbe Meile jenſeits vor Anker liegende Flotte. In dieſer Stellung blieb der muthige Mann unver⸗ zagt, denn um ſeine junge Mannſchaft anzufeuern, hatte er kühnlich beſchloſſen, im Falle eines Angriffs frei und frank auf der Bruſtwehr ſtehend die erſten Lagen des Feindes zu empfangen. Doch wir müſſen jetzt einen Blick auf die Flotte werfen, denn auch hier war Bewegung genug vor⸗ handen, und aus zuverläſſigen Mittheilungen) wiſſen wir, was ſich an Bord derſelben begab.. *) Rapporte des Commandeurcapitain Paludan und des Capitain Meyer an das däniſche Marine⸗Miniſterium über das Gefecht bei Eckernförde. Von Rendsburg den 8. und 9. April datirt.— Da dieſe Rapporte dem Verfaſſer in einem aus dem Däniſchen überſetzten Manuſcripte vorgelegen haben, ſo können ſich leicht einige kleine Irrthümer in Benennung einzelner Schiffs⸗ gegenſtände eingeſchlichen haben, die in demſelben unüberſetzt ge⸗ blieben waren, weshalb er in dieſem Falle den kundigeren Leſer um Entſchuldigung bittet. Die Ereigniſſe auf und um die Schiffe ſelbſt aber ſind Zug für Zug der Wahrheit gemäß geſchildert. — 70 Um die vom Eskadre⸗Commandeur Garde ihm gegebenen Befehle zu befolgen, hatte ſich Comman⸗ deur Paludan mit den ihm untergeordneten Schiffen von Alſen aus an ſeinen Ankerplatz bei Aſchau be⸗ geben, wie wir oben geſehen haben. Dieſe Befehle beſtanden in dem Auftrage: in der Dämmerung in den Hafen von Eckernförde einzulaufen, den Feind zu beunruhigen, auf verſchiedenen Orten eine Landung zu bewerkſtelligen, die Strandbatterieen anzugreifen, ſie wo möglich zu nehmen oder zu zerſtören und ſich zum Herrn von Eckernförde zu machen. Dieſem Be⸗ fehle gemäß war die Flotte in den Hafen eingelaufen; da aber der Wind zu ſtark aus Oſten wehte, um noch denſelben Abend die Aufgabe zu löſen, ſo ſah⸗ ſie ſich genöthigt, die Nacht über vor Anker liegen zu bleiben und den nächſten Tag mit vielleicht gün⸗ ſtigerem Winde zu erwarten. Gleich nachdem die Anker gefallen waren, begab ſich Capitain Meyer von der Gefion an Bord des Linienſchiffs und ver⸗ nahm hier zuerſt den Zweck ſeiner Anweſenheit vor Eckernförde, worauf er mit dem Befehle, Morgens vier Uhr wiederzukommen, zu ſeinem Schiffe zurück⸗ kehrte und Alles zur bevorſtehenden Schlacht klar machte, namentlich aber ſeine beiden vorderſten und hinterſten Kanonen, zur größeren Concentrirung — ,.— 71 des Feuers, in den Spiegel und die Bugpforten ſetzen ließ. Punkt vier Uhr am anderen Morgen erſchien ſeine Schaluppe wieder neben dem Linienſchiffe und mit ihm zugleich die Capitaine Aſchlund und Wulff vom Hekla und Geiſer, um ſich am nächſtfolgenden Kriegsrathe zu betheiligen. Nicht ganz ohne Widerſpruch ver⸗ ſtändigte man ſich dahin, die gegebenen Befehle ſo weit auszuführen, wie es in Anbetracht des heftigen Windes möglich wäre, und da derſelbe um dieſe Zeit ſchwächer geworden war und hoffentlich noch mehr nachließ, ſo wurde der Kampf beſchloſſen und die Capitaine erhielten den Befehl, diejenigen Stellungen einzunehmen, welche wir ſogleich vom Lande aus be⸗ obachten wollen, die aber durch den bald widriger werdenden Wind und die ſchnell aufeinander folgen⸗ den Unglücksfälle bedeutenden Abänderungen unter⸗ worfen wurden, ſo daß faſt Nichts von Allem geſchah, was nach der Verabredung geſchehen ſollte, vielmehr der Einſicht eines jeden Schiffsführers überlaſſen blieb, ſich ſo gut wie möglich aus der Schlinge zu ziehen. Wie weit ihnen das nun gelang, ſoll die folgende wahrheitsgetreue Schilderung darzuthun verſuchen. Kaum waren die Capitaine wieder zu ihren Schif⸗ fen zurückgekehrt, wo ſie, um ihren nachherigen Ma⸗ 72 növern vorzuarbeiten, die Anker am Bug und Spiegel auf Back⸗ und Steuerbord an ihren Kabeltauen be⸗ weglich aufhingen, ſo hißte Chriſtian der Achte das Signal zum Lichten auf. Sobald dies geſchehen, ging die Flotte unter Segel, dergeſtalt, daß ein Schiff im Kielwaſſer des andern folgte und auf dieſe Weiſe ſeine ſpätere Stellung einzunehmen begann. Aller Augen waren auf das vorangehende Linienſchiff, den König des Tages, gerichtet und jeder Mann brannte vor Verlangen, an dem Ruhme Theil zu nehmen, den zu erringen ihm ohne Zweifel beſchieden ſein würde. Und nachdem die Mannſchaften auf den verſchiedenen Schiffen zur Ausdauer und Thätigkeit ermahnt waren, zeigten ſich überall gleich reger Eifer und Luſt, für's Vaterland zu kämpfen; vom älteſten Lieutnant bis zum kleinſten Jungen herab war Alles von der Hoff⸗ nung beſeelt, den beſten Erfolg zu erzielen. 4 Was aber die Mannſchaft des Linienſchiffes ſelbſt betrifft, ſo erzählt man ſich— verbürgt kann dieſe Nachricht nicht werden, obwohl ſie dem Verfaſſer am Tage nach der Schlacht in Eckernförde von einem ge⸗ fangenen Dänen als ſicher berichtet wurde— ſo er⸗ zählt man ſich, ſage ich, daß vor der Abfahrt am Morgen ſich zwei, an ſich ſehr unbedeutende, für den abergläubiſchen Seemann aber bedeutungsvolle Zufälle 73 an Bord Chriſtian des Achten zutrugen. Als nämlich der Commandeur Paludan die Capitaine der anderen Schiffe zum Kriegsrathe um ſich verſammelt ſah, wollte er ihnen die Depeſche vorleſen, die ihm behufs des Unternehmens auf Eckernförde zugekommen war. Als er aber in die Taſche griff, um ſie hervorzuholen, fand ſie ſich zu ſeinem höchſten Erſtaunen nicht mehr vor. In allen Taſchen darauf ſuchte ſie der Com⸗ mandeur; da er ſie aber nicht bei ſich zu haben ſchien, ging er in ſeine Privatkajüte zurück, um ſie unter ſeinen Papieren zu ſuchen und ließ während dieſer Zeit die kopfſchüttelnden Capitaine allein. Aber auch hier war das wichtige Dokument nicht zu finden. Betroffen und einigermaßen verwirrt kehrte der Com⸗ mandeur nach einiger Zeit in das Verſammlungszim⸗ mer zurück, um ſeinen Capitainen den Inhalt der Depeſche wenigſtens mündlich mitzutheilen. Da aber habe er ſie plötzlich zufällig in dem Unterfutter ſeines Rockes entdeckt, indem die Taſche, worin er ſie auf⸗ bewahrt, ſchadhaft geweſen war und das Papier hatte hindurchgleiten laſſen. Dieſer Vorfall hätte die Ca⸗ pitaine ſichtbar bedrückt und ſie hätten von vorn⸗ herein kein großes Vertrauen zu ihrem Unternehmen gehabt. Einen bei Weitem größeren Eindruck aber, der die 74 ganze Mannſchaft des Linienſchiffes betraf, habe der zweite ſonderbare Zufall hervorgerufen. Als nämlich der Flottenbefehlshaber im Augenblicke des Abſegelns Ordre ertheilt, das Zeichen zum Anfange der Schlacht zu geben, das heißt, die Flagge aufzuziehen, habe ſich der Flaggenoffizier vergriffen oder wenigſtens zwei Flaggen ſtatt einer emporgehißt, denn mit dem Da⸗ nebrog ſei zugleich die ſchwarze Trauerflagge in die Luft geſtiegen, wäre aber, da der Fehlgriff ſehr bald bemerkt worden, augenblicklich wieder herabgezo⸗ gen. Dieſer Vorfall habe ſelbſt die wenigen alten Matroſen und Seeſoldaten, die auf dem Schiffe ge⸗ weſen, verdutzt gemacht; mißmuthig und ſchweigend ſeien alle an ihre Stelle gegangen und jeder habe eine beſtimmte Vorahnung gehabt, der Danebrog werde am Abende des Tages der Trauerflagge Platz machen müſſen. Man verzeihe die Unterbrechung; da wir aber in Erzählung des Kampfes von Eckernförde ſo treu wie möglich ſein möchten, ſo haben wir vorſtehende Mit⸗ theilung nicht für überflüſſig gehalten. Und ſo ſegelte die ſtolze Flotte, ſicher auf ihre ungeheure Uebermacht bauend, raſch und kühn heran. Voran unter Marsſegeln das ſchwere Linienſchiff, einen weiten Bogen nach dem Meere hin beſchreibend, als 75 wollte es den Hafen verlaſſen, gleich darauf aber wieder in den Meerbuſen umlegend, wodurch es näher an die Batterie herankam; hinter ihm in angemeſ⸗ ſener Entfernung die leicht ſchwebende Gefion, auch unter Marsſegeln, daneben die Dampfer, ſchwarze Rauchwolken hinter ſich laſſend, womit ſie die klare Morgenluft, welche die Sonne ſtrahlend erleuchtete, verfinſterten. Hinter den Dampfern aber, der letzte Kämpe, ſegelte die Corvette Najade heran, die erſt vor kurzer Zeit zur Flotte geſtoßen war, während die Transportſchiffe und ein kleinerer Dampfer ſich außerhalb des Hafens hielten. Es war ein prachtvoller Anblick, die fünf mächti⸗ gen Schiffe in ſtreng geregeltem Laufe heranziehen zu ſehen; Allen, die es ſahen, klopfte hoch und voll das Herz. Die vor kurzem beim Ankerlichten ſtattgefun⸗ dene Rührigkeit auf den großen Verdecken war ge⸗ ſchwunden, Alles an Bord war ſtill und hatte nur Augen und Sinn mordgierig auf's Land gerichtet. Der Hekla, als wolle er ſeine ſchnellere Triebkraft be⸗ weiſen, kam dem Linienſchiffe bald zur Seite, dann voran. Als er etwa 1000 Schritte von der Batterie entfernt war, ließ Hauptmann Jungmann den Befehl zum Feuern ertheilen. Der 24⸗Pfünder des linken Flügels eröffnete das Gefecht. Es war funfzehn Mi⸗ 76 nuten vor ſieben Uhr. Die Kugel ſchlug auf das Meer, ſpritzte die Waſſer hoch empor und fuhr dann dem Dampfer, den ſie ſich zum Ziele genommen, in die Flanke. Vom Feinde feuerte ebenfalls der vorderſte Dam⸗ pfer zuerſt. Blitz, Rauchwolke, Knall und Kugel machten ſich in demſelben Augenblicke bemerkbar und letztere ſchlug zwei Fuß unter dem immer noch auf der Bruſtwehr ſtehenden Commandeur Jungmann ein. „Ihr ſeht, Leute,“ ſagte er, ruhig ſich umdrehend, „es trifft nicht jede Kugel!“ Dem erſten Schuſſe folgten von beiden Seiten die anderen ſchnell; die Schiffe überſchütteten lagenweiſe die kleine Batterie mit Geſchoſſen jeder Art. Unter ſolchen Umſtänden, ſagt General von Rah⸗ den, hätte die ganze Batterie Fuß für Fuß müſſen abgekämmt, die bloßſtehenden Geſchütze demontirt, die Mannſchaften niedergeſchoſſen werden. Von der immer als tüchtig genannten däniſchen Marine durfte man Solches erwarten. Aber Nichts von dieſem ge⸗ ſchah. Tauſende von Kugeln, Granaten und Kartät⸗ ſchen umſauſten die braven Vertheidiger, durchwühlten die Bruſtwehr, zerſchmetterten Palliſaden und Block⸗ haus in tauſend kleine Stücke, aber die ſchleswig⸗hol⸗ ſteiniſchen Kanonen ſchoſſen ruhig weiter. Jeder ihrer 77 Schüſſe traf. Man konnte es hören und ſehen, wie das Holz krachte, die Splitter flogen, das Tauwerk zerriß, und der ſtolze Chriſtian ſtöhnte beinahe laut bei jedem Schuſſe, der ſeinen Bug traf, ſeine Batte⸗ rieen leer fegte und ganze Reihen ſeiner Kanoniere niederſtreckte. Vom Worte ihres Führers ermuntert, beeilten ſich die deutſchen Kanoniere, und trotz jenes Kugelregens, von fünf Breitſeiten immer zugleich abgeſchickt, blie⸗ ben ſie niemals die Antwort ſchuldig, zeigten ſich immer ruhig, bedacht, ſicher zielend. Die fünf Schiffe umzingelten jetzt in weitem Bo⸗ gen die Nordbatterie, im Centrum die Dampfer, auf dem rechten Flügel des Feindes die Corvette, auf dem linken die Gefion und zuletzt Chriſtian; alle fünf blie⸗ ben ſo unbeweglich wie möglich auf dem eingenom⸗ menen Standpunkte liegen und ſchienen denſelben nicht eher verlaſſen zu wollen, als bis die Nordbat⸗ terie in Staub verwandelt wäre. „Die Thoren!“ rief Andreas Freund von ſeinem Standpunkte aus, von wo er den ganzen Vorgang genau überſah.„Wie kann man ſo dumm ſein! Sie feuern alle fünf mit ganzen Lagen auf einmal und bedenken nicht, daß ſie der Batterie dadurch Zeit laſſen, in der freien Zwiſchenzeit ihre Geſchütze zu be⸗ 78 dienen. Eins nach dem andern müßten ſie feuern und keine Minute zum Laden laſſen. O, o! Höre, wie die Kugeln der Unſrigen in ihren Eingeweiden wühlen!“ Die erſten Verwundungen in der Batterie fanden gleich in der erſten Stunde des Gefechts ſtatt. Dem Trompeter Hanſen riß eine Kugel die eine Wade weg und er brach zuſammen. Gleich darauf wurde ein Kanonier von einem Granatenſtücke niedergeſchmettert. Die Mannſchaften des Geſchützes, zu dem der Ver⸗ wundete gehörte, ſprangen ihm zu Hülfe und verga⸗ ßen ihr Geſchütz. Aber ein kleiner Jude, Elias mit Namen, brachte allein den langen Wiſcher mit Mühe in die Seele der Kanone, und da ihm die Arbeit zu ſchwer wurde, rief er:„Ihr verfluchten Kerls, helft mir doch, helft mir doch!“ Die Geiſtesgegenwart dieſes Menſchen rief die Anderen augenblicklich zu ihrer Pflicht zurück. Das erſte Schiff, welches kampfunfähig ſeine Stelle verließ, war die Corvette, aber nicht eher, als bis ſie einen 24⸗Pfünder in der Batterie lahm geſchoſ⸗ ſen hatte. Dies Geſchütz hatte einen ſo ſtarken Rück⸗ ſchlag, daß ſein Bettungsrahmen bald mit Pflöcken feſtgeſchlagen werden mußte. Als die Corvette, zu ſicher geworden, noch um 100 Schritte näher kam, ſchoß dieſe Kanone mit Kartätſchen auf ſie. Das half. 79 Aber ein unglücklicher Racheſchuß vom Schiffe traf die Lafette, ſie ſprang über jene Pflöcke zurück und überſchlug ſich in das Innere der Batterie hinein, ohne jedoch Jemanden zu beſchädigen. Die. Corvette aber lavirte lahmgeſchoſſen mit hängenden Maſten und halben Segeln zum Hafen hinaus. Dennoch wurde die Lage der Batterie mit jedem Augenblicke gefährlicher und zwar durch ein Manö⸗ ver des Linienſchiffes, welches ſich langſam weſtlich in den Hafen vorgedrängt und von ſeinen Maſten aus eine ſchwache Stelle der Batterie eingeſehen hatte. Die weiße Farbe der Holzthür des Pulvermagazins bot ein ſicheres Ziel dar und die ſchweren Kugeln Chriſtians bohrten ſich bereits in unmittelbarer Nähe der Thür ein. Traf eine Kugel, ſo flog die ganze Batterie in die Luft. Auf Befehl des Commandeurs rief der Feldwebel Clairmont Freiwillige auf, die Thür mit Balken und Bohlen zu decken. Die Artilleriſten ſprangen wie Rehe nach der Kehle der Palliſadenwand und holten das Material herbei, was ein gefährlicher Weg war, denn die Kugeln regneten hageldicht in das freie Innere hinein. Aber das Werk gelang und rettete die Batterie, ohne daß Jemand getroffen wurde. Bisher hatten die 18⸗Pfünder mit den Dam⸗ 80 pfern, die 84⸗Pfünder mit den Segelſchiffen gefoch⸗ ten. Die Schiffe aber, wider Willen langſam vor⸗ rückend, wahrſcheinlich von Fluth und Wind alſo getrieben, und die Batterie immer näher umzin⸗ gelnd, wechſelten dabei ihre Stellung. Plötzlich kam der Geiſer in den Bereich einer Bombenkanone. Sie feuerte auf ihn und traf ſeinen Rumpf, daß man den furchtbaren Schlag deutlich krachen hörte. Un⸗ mittelbar darauf fuhr die volle Lage des Verwun⸗ deten über die Köpfe der Kanoniere dahin, traf aber Keinen. Aber das Rohr jener Bombenkanone war getroffen und ragte vorn hoch in die Luft, war alſo nicht mehr zu gebrauchen. Raſch wurde es mit Tauen umwickelt und hinter den Geſchützſtand geriſſen. Das Dampfſchiff ſelbſt jedoch ſchien genug zu haben, ſo auch der Hekla, beide liefen ſo raſch ſie konnten aus dem Hafen und es blieben alſo nur noch Chri⸗ ſtian der Achte und die Gefion zurück. Unterdeß bemühte man ſich ein ſchwieriges Werk zu Stande zu bringen, nämlich den heruntergeſchoſſe⸗ nen 24⸗Pfünder wieder auf ſeine Bettung zu bringen, wobei die Infanteriſten, die Hauptmann Irminger um acht Uhr glücklich vom Louiſenberge her zur Hülfsleiſtung in die Batterie gebracht hatte, ſehr thä⸗ tig waren. Doch gelang das Werk erſt ſpäter. 81 Einen Hauptangriff hatte die deutſche Flagge zu beſtehen, die auf der linken Flanke der Batterie von der Bruſtwehrkrone herabflatterte. Da ſie der Wind parallel mit den Schiffen lang auseinander blähte, ſo war ſie bald durchſchoſſen und ein Ende ganz zerfetzt; als aber auch die Schnur, die ſie über eine Rolle zog, zerſchoſſen wurde, fiel ſie in den inneren Raum der Schanze hinab. Laut und heiſer erſcholl bei dieſem Falle das Hurräh der Dänen über das Waſſer. Da⸗ mit der Feind aber nicht glaube, die Deutſchen hät⸗ ten die Flagge geſtrichen, ließ ſie der Commandeur an eine Stange nageln. Er und Lieutnant Schnei⸗ der von der Infanterie faßten jeder ein Ende der ſchweren Stange und ſtiegen mittelſt einer Leiter auf das Blockhaus hinauf. Vier Mann folgten mit Schau⸗ feln nach. Im vollen Kugelregen wurde die Stange in die Erde auf dem Blockhauſe gegraben und gleich darauf flatterte die Flagge wieder luſtig im Winde. Der Commandeur war der letzte, der die Leiter hinab⸗ ſtieg und die gefährliche Stelle verließ. Ueber dieſes Meiſtterſtück gränzenlos erbittert, ſchoſſen die Dänen wüthend nach dem Blockhauſe, ganze Lagen aus ihren Breitſeiten flogen wie im Wirbelwinde hinauf, die Flagge aber blieb unverſehrt. Bald nach dieſem Vorfalle kam vom Louiſenberge A. Burns. III. 6 82 herab ein Bauernwagen in raſendem Galopp gefah⸗ ren und hielt zu Aller Erſtaunen am Palliſadenthore der Batterie. Außerhalb hatte ſich das Gerücht ver⸗ breitet, die Verwundeten und Todten lägen haufen⸗ weiſe in der Batterie, während es doch bis jetzt nur zwei waren, und nun wollte der brave Bauer, mit eigener Lebensgefahr den beſchoſſenen Weg entlang fahrend, die Unglücklichen in Sicherheit bringen. Als nun die beiden Verwundeten, von denen der Trompeter Hanſen laute Schmerzenstöne von ſich gab, aus dem Blockhauſe, wohin man ſie einſtweilen ge⸗ legt, auf den Wagen gehoben wurden, pfiff eine Ku⸗ gel zwiſchen den Pferdeköpfen durch und ſchlug in die Verbindungsbruſtwehr dahinter laut krachend ein, denn man hatte von den Schiffen aus den anlangenden Wagen bemerkt. Die Pferde, ſchon wild genug, bäum⸗ ten ſich und ſprangen hin und her, der Bauer aber, der vor der Deichſel ſtand und ſie am Zügel hielt, bemeiſterte ſie glücklich. Als der Commandeur ſeinen Attilleriſten zurief, einer müſſe den Wagen begleiten, ſprang ein zu allem Schwierigen williger und fort⸗ während auf die Dänen ſchimpfender Mann, Andre⸗ ſen mit Namen, vor das Thor. In demſelben Au⸗ genblicke heulte eine volle Lage durch die Luft und die Granaten praſſelten rings herum. Ehe Andreſen 83 den Wagen erreicht, war er eine Leiche, denn eine große Kugel hatte ihn mitten am Leibe gepackt. Die wildgewordenen Pferde aber jagten in geſtrecktem Laufe davon und den Louiſenberg hinauf. So wa⸗ ren die Verwundeten gerettet. Um 9 ½ Uhr erſchien ein ſchleswig⸗holſteiniſcher Offizier zu Pferde an derſelben Thür und fragte an, ob die Naſſauer⸗Batterie nicht am Gefechte Theil nehmen könne. Mit dem Befehle, zwei Geſchütze am ſüdlichen Rande des Louiſenberges aufzufahren, die anderen aber zwiſchen Südbatterie und Stadt aufzuſtellen, ſprengte er wieder davon. Gleich dar⸗ auf kamen die zwei Geſchütze und beſchoſſen das Li⸗ nienſchiff, wodurch dieſes ſein Feuer theilen mußte und ſo der Mannſchaft der Batterie Luft gab, was dieſe ſich zu Nutze machte und den obenerwähnten 18⸗Pfünder wieder in's Feuer brachte.— Man kann ſich lebhaft die Gefühle vorſtellen, mit welchen Capitain Burns bisher in ſo unmittelbarer Nähe des Kampfes verweilt hatte, an deſſen Erfolge nicht allein ſein Vaterherz, ſondern von anderer Seite auch ſeine ganze männliche Neigung, ſein Patriotis⸗ mus hing. Bei jedem Schuſſe, der das bretterne Bollwerk des Linienſchiffes traf und ſeine Flanken er⸗ beben machte, bebte auch ſein Herz, denn er konnte 6* 84 ihm einen Sohn getödtet haben; bei jeder vollen Lage aber, die von den Breitſeiten der Schiffe über die Batterie raſſelte, erhielt er einen neuen Stoß, denn auch er wie alle Uebrigen mußte befürchten, daß dieſe mörderiſchen Geſchoſſe, die bald ziſchend, bald ſauſend durch die Luft flogen und deren kra⸗ chenden Anſchlag auf die getroffenen Gegenſtände man deutlich unterſcheiden konnte, die ganze Batterie mit allen Menſchen darin in die Luft ſprengen würden. Beſonders im Anfange des Treffens, als ſeine Sinne des gewaltigen Lärms und Feuers noch un⸗ gewohnt waren, machten ſich dieſe widerſtreitenden Gefühle in ihm durch eine entſetzliche Beſorgniß be⸗ merklich; als aber bei ununterbrochenem Getöſe und Gekrache der Schlacht ſeine Aufregung ſtieg, ſeine Auf⸗ merkſamkeit mehr und mehr angeſpannt wurde und die Erfolge auf beiden Seiten immer deutlicher zu Tage traten, mit einem Worte, als er erſt eine bis auf einzelne Kleinigkeiten ſich erſtreckende Ueberſicht des großartigen Ereigniſſes gewonnen hatte, da wurde ſeine väterliche Sorge durch das bedeutende Gegen⸗ gewicht eines ſiegreichen Fortſchrittes ſeiner Lands⸗ leute um Vieles gemildert, ſo daß er ſich ſelbſt in der traurigen Lage, in welcher er ſich befand, allmälig gelaſſener und leichter zu Muthe werden fühlte. So 3 W 85 war er denn ein ruhiger und auf alle einzelne Vor⸗ fälle, die anderen Augen entgingen, ſehr aufmerk⸗ ſamer Beobachter geworden und namentlich hatten ſich alle ſeine Sinne mit einer wahren Adlerſchärfe auf die Vorgänge an Bord der Schiffe gerichtet, deren Verhalten unter ſo bedeutungsvollen Umſtänden ihn als alten Seemann und in ſeiner jetzigen perſönli⸗ chen Beziehung zu einem derſelben doppelt in An⸗ ſpruch nahm. Trotzdem die beiden Männer von der Natur mit feſten Nerven begabt und an die gewaltigen Stim⸗ men der entfeſſelten Elemente gewöhnt waren, ſo ſchauerten ſie doch zuerſt vor dem furchtbaren Don⸗ ner unwillkürlich zuſammen, der ſich in dieſem ſelt⸗ ſamen Kampfe ſo dicht vor ihnen hören ließ. Dieſer Donner, durch mannigfachen Widerhall verſtärkt, war aber auch von ganz fürchterlicher, nie gehörter Art. Es war ihnen zu Muthe, als ob ſie das Gehör und die Sprache dabei verlieren müßten und als legte ſich eine ſchleierartige Betäubung auf ihr Gehirn, welcher bald ein dumpfer Kopfſchmerz folgte, von ſo eigen⸗ thümlicher Beſchaffenheit, als würde ihr ganzer Schä⸗ del von allen Seiten in eine bleierne Preſſe zuſam⸗ mengedrückt. Dabei hatte ſich ringsum der Horizont verdüſtert, denn die Sonne hatte längſt ihr leuchten⸗ 86 des Angeſicht wie hinter ein Trauertuch verhüllt. Ein dicker nebelartiger Rauch, mit Schwefelgeruch verbun⸗ den, ſchwebte über den Gewäſſern, und namentlich die Stadt und die Südbatterie waren oft ganz hin⸗ ter undurchdringbaren Wolkenmaſſen verſchwunden, aus denen nur von Zeit zu Zeit der krachende Blitz der abgefeuerten Geſchütze brach. Am freiſten da⸗ von blieb die Nordbatterie; der blaue Rauch ihrer paar Geſchütze verflog immer raſch nach Weſten und wälzte ſich, vom Oſtwinde getrieben, über die ſchwim⸗ menden Feſtungen der Stadt zu. Die Schiffe ſelbſt, vorzüglich das Linienſchiff, waren ſchon mehr und mehr in graues Gewölk gehüllt, aus dem ihre Ma⸗ ſten und ihr Takelwerk hie und da geiſterhaft hervor⸗ tauchten, denn ihre 138 Kanonen, die nach beiden Landbatterieen zugleich Verderben ſpieen, glichen un⸗ aufhörlich brüllenden Vulkanen, die Blitz, Donner und Qualm in einer Sekunde von ſich gaben. Es mochte zwiſchen neun und zehn Uhr ſein— die Stunden waren ihnen wie Minuten verflogen— als Andreas ſeinen Freund auf eine Erſcheinung aufmerkſam machte, die er ſchon einige Zeit auf dem Linienſchiffe zu bemerken glaubte und wobei ſein ge⸗ quältes Herz einen neuen Stoß erhielt. Jedesmal, das ſah er beſtimmt, wenn nach einer vollen Lage 87 der blaue Rauch von dem Borde Chriſtian des Ach⸗ ten verflogen war, blieb eine gelbliche Wolke über ſeinem Verdecke ſchweben, die, unten dunkler gefärbt, nach oben hin breiter und lichter auseinander flatterte. „Siehſt Du das?“ ſchrie er ſeinem Kameraden zu, denn bei dem hölliſchen Getöſe um ſie her war die gewöhnliche Menſchenſtimme unhörbar. Der Gefragte richtete ſein Glas aufmerkſam auf das Schiff, ſah eine Weile hindurch und nickte dann mit dem Kopfe bejahend.„Ja,“ ſchrie auch er,„ich glaube, es brennt an Bord!“ Und in der That, das Linienſchiff hatte Feuer ge⸗ fangen, man ſagt ſogar ſchon bei dem erſten Schuſſe, denn eine glühende Kugel war in ſeine Taukammer gefallen und hatte gezündet, aber man konnte, ſo viel Mühe man ſich an Bord gab, bei den während des Suchens ſich verwickelnden Taumaſſen die Brandſtelle nicht finden und löſchen. Dem genauen Beobachter am Lande machte ſich auch eine auffallende Rührig⸗ keit an Bord des Schiffes bemerkbar, die ſichtbar von Augenblick zu Augenblick zunahm und der Batterie um ſo mehr Gegenſtände zum mörderiſchen Zielen bot. Die Aufmerkſamkeit auf dieſes Ereigniß wurde jedoch dadurch wieder abgelenkt, daß die Schiffe jetzt ihre Stellung wechſelten und diejenige endlich einzu⸗ 88 nehmen begannen, welche von Hauſe aus als die be⸗ ſchloſſene und wirkſamſte im Auge behalten worden war. Offenbar glaubten die Schiffsführer, daß die Nordbatterie zum Schweigen gebracht ſei, da ihr Feuer ſich bedeutend vermindert hatte, denn zwei ihrer Kanonen waren demontirt und die beiden nach Oſten gerichteten konnten von keiner Wirkung mehr ſein, da die Schiffe unterdeß ſelbſt zu weit nach We⸗ ſten gegangen waren. Bisher hatte Chriſtian und die Gefion, die, wie wir wiſſen, allein auf dem Kampfplatze geblieben wa⸗ ren, ihre Steuerbordſeiten der Nordbatterie zugewandt, während ſie mit ihren Backbordkanonen die Südbat⸗ terie aus weiter Ferne beſchoſſen. Jetzt aber führte man ein Manöver aus, welches die Schiffe, je wei⸗ ter es ſie von der Nordbatterie entfernte, der Süd⸗ batterie und der Stadt um ſo näher brachte, ihnen aber bei dem wachſenden Winde und der von Oſten her ſtarken Strömung gefährlich zu werden anfing. Das Linienſchiff nämlich beſchrieb, zuerſt vor⸗ und ſüdwärts ſteuernd und dann wieder nordwärts wen⸗ dend, einen S förmigen Bogen und legte ſich breit vor die Südbatterie, in einer Entfernung von etwa 600 Schritten, ſo daß alſo ſein Bugſpriet gegen das Dorf Borby, nach Norden, ſein Spiegel nach Süden und — —ᷣ 89 ſein Backbord der Südbatterie zugekehrt war, während es ſo ſein Steuerbord frei behielt, um von Zeit zu Zeit Kugeln nach der Nordbatterie zurück zu werfen. Die Geſion dagegen beſchrieb einen ähnlichen kleine⸗ ren Bogen nach Süden, legte ſich in gleicher Stellung, aber etwas nördlicher als das Linienſchiff, quer vor die neu aufgefahrene Naſſauer Batterie und lag alſo unmittelbar zwiſchen dieſer und der Nordbatterie. In dieſer Lage beſchloſſen ſie zu verharren und mit der Südbatterie eben ſo ſchnell fertig zu werden, wie ſie es mit der Nordbatterie zu ſein glaubten, ein verhängnißvoller Irrthum, der ſchwer in die Waag⸗ ſchale des ſpäteren Erfolges fiel. Um nun bei dem herrſchenden Winde nicht näher an den Strand ge⸗ trieben zu werden und frei ohne alle Störung mit vollen Breitſeiten die Batterie in den Grund zu ſchie⸗ ßen, ließen ſie die bereits vor Beginn des Gefechts vorbereiteten Anker fallen und begannen mit ſteigen⸗ der Haſt ihr mörderiſches Werk. Da ereignete ſich aber für die Gefion, die bisher ſchon am härteſten mitgenommen war, ein bedeutungsſchwerer Unfall. Ihr Spiegelankertau ward zerſchoſſen und nun trieb die Strömung ihren Spiegel der Südbatterie zu, die ſich dieſen Umſtand zu nutze machte und ſie mit Vollkugeln von hinten her beſtrich, die der ganzen 90 Länge nach über Deck fegten und entſetzliche Ver⸗ wüſtungen anrichteten. Da dieſe Stellung nun für die weggemähte Mannſchaft nicht auszuhalten war, ſie auch während derſelben nur mit ihren paar Spiegel⸗ kanonen gegen die Batterie wirken konnte, indem ihre Breitſeiten lahm waren, ſo bemühte ſich Capitain Meyer, durch Hülfe der Segel den Spiegel wieder nach Außen und vom Lande wegzuwenden. Dieſes Manöver erkannten die beiden im Graben neben der Nordbatterie liegenden Seemänner durch ihre Gläſer ſehr deutlich. Aber ſo ſehr man ſich an Bord ab⸗ mühte— das Manöver gelang nicht. Daher gab die Fregatte dem Dampfer Geiſer, ihrem Trabanten, der nach Ausbeſſerung ſeiner Schäden zur rechten Zeit wieder im Hafen erſchien, ein Signal, ihr zu Hülfe zu kommen, und zwar dadurch, daß er den Spiegel der Fregatte an's Schlepptau nahm und nach dem Meere hinzog, während ihr Bug an ſeinen Ankern auf der Stelle, wo er lag, liegen blieb. Capitain Wulff ſteuerte den Geiſer augenblicklich auf die Gefion zu, erhielt aber auf ſeinem Wege eine derbe Lehre von der wieder ſchußfertigen Nordbatterie. Aber den⸗ noch rauſchte der Dampfer heran, nahte der Fregatte und nahm das zugeworfene Tau in Empfang. Kaum aber zog die Maſchine es an, ſo ward es durch einen 91 glücklichen Schuß aus der Südbatterie zerſchoſſen. Ein zweites angelegtes Tau traf, wunderbar genug, derſelbe Unfall. Daher ging der Dampfer wieder zu⸗ rück und legte ſich wieder vor die Nordbatterie und die beiden Naſſauer Geſchütze am Louiſenberge, um dieſe wenigſtens zum Schweigen zu bringen, erhielt aber hier den Gnadenſtoß und ſtrich völlig lahm aus dem Bereiche der Kanonen zum Hafen hinaus. Unterdeſſen war es der raſtlos arbeitenden Fregatte gelungen, durch eigene Anſtrengung die gewünſchte Stellung einzunehmen, aber leider erſt, nachdem ſie ſtark mitgenommen war. Da aber jetzt Paludan zur Einſicht gelangte, daß bei ſo vielem unvorhergeſehenen Mißgeſchicke der erſehnte Erfolg, die ungemein gut feuernde Südbatterie mit einem Gewaltſtreiche zum Schweigen zu bringen, nicht gelang und die Nord⸗ batterie auch wieder kräftig zu feuern anfing, ſo faßte er den Entſchluß, den Kampf aufzugeben, beide Schiffe noch, ſo lange es Zeit ſei, aus dem Feuer zu bringen und in See zu ſtechen. Er ſignaliſirte daher den Hekla herbei, der jetzt ebenfalls ſeine Wunden ver⸗ bunden hatte, um den Chriſtian ſelbſt in's Schlepptau zu nehmen. Und der Dampfer, augenblicklich gehorchend und vielleicht ſchon dieſen Befehl erwartend, rauſchte kühn 92 heran. Als er aber quer vor das Linienſchiff kam, erhielt er von jeder Batterie einen Schuß in den Ruderſtamm dicht über dem Waſſergange, ſo daß ſein Steuer gänzlich zerſchoſſen wurde, was den Capitain Aſchlund nöthigte, dem Linienſchiffe die Hülfe zu ver⸗ ſagen und ſich aus der Schußlinie zu begeben, um den Schaden vor Anker wieder herzuſtellen. Es war jetzt zehn Uhr Morgens. Da von dem Orte aus, wo Capitain Burns und ſein Gefährte ſich befanden, die nun folgenden Manöver nicht mehr genau beobachtet werden konnten, ſo beſchloſſen ſie, denſelben zu verlaſſen und ſich auf die Südſeite der Stadt zu begeben. Raſch ward dieſer Entſchluß aus⸗ geführt, wie er gefaßt worden war, und in vollem Laufe rannten ſie dem Dorfe Borby zu, um zu ihrem Wagen zu gelangen. Uiertes Anpitel. Das Gefecht mit der Südbatterie. Als die beiden Männer außer Athem bei dem Hauſe anlangten, wo ſie ihren Wagen und ihre Pferde untergebracht hatten, fanden ſie letztere am ganzen Leibe zitternd und mit Schweiß bedeckt. Der furcht⸗ bare, nie gehörte Kanonendonner hatte die wackeren Thiere in eine gränzenloſe Angſt verſetzt. Laut wie⸗ herten und ſchnauften ſie vor Schrecken, ihre Mähnen ſträubten ſich empor und ihre Hufe zerſtampften wü⸗ thend den Boden. Dennoch verſagten ſie nicht den Dienſt; vielleicht waren ſie froh, von ihren Ketten erlöſt zu werden und aus der Nähe des ſchrecklichen Gekrachs zu kommen. Andreas ſaß zuerſt im Sattel und, von ſeinem Gefährten im Wagen gefolgt, flog er im Galopp durch die menſchenöde Stadt, ſtellte 94 ſein Pferd in ein Gaſthaus ein und eilte, was er laufen konnte, der vorerwähnten Südredoute zu, deren Beſatzung ausgeſchwärmt war und ſich auf verſchie⸗ denen Punkten des Strandes außerhalb der Schuß⸗ linie aufgeſtellt hatte, ein Manöver, welches dem Commandeur Paludan, wie er ſelbſt ſagt, die trau⸗ rige Ueberzeugung gab, daß Eckernförde ſtärker beſetzt ſei, als er anfangs geglaubt hatte. So waren die Freunde bald wieder an einem zweiten ſicheren Orte vereinigt und nun im beſten Stande, die ſich jetzt entwickelnden Begebenheiten auf das Genauſte zu verfolgen. In der Südbatterie hatte von Tagesanbruch an ein eben ſo reges Leben geherrſcht wie in der Nord⸗ batterie; Jedermann war auf den Verlauf des Kampfes geſpannt, der ſich ſo frühzeitig vor letzterer entwickelt hatte. Theodor Preußer war in jeder Beziehung der Mann, dem Vertrauen ſeiner Vorgeſetzten zu ent⸗ ſprechen und die ehrenvolle Aufgabe, die ſie ihm auf⸗ gebürdet, vollkommen zu löſen. Er war zwar nur noch ein junger Unteroffizier, aber mit dem Herzen eines Helden, mit der Umſicht eines erfahrenen Krie⸗ gers und mit der Standhaftigkeit eines Veteranen ausgerüſtet. Als die jungen Leute, denen er vorge⸗ ſetzt war, mit Herzklopfen die mächtigen Schiffskoloſſe 95 heranſchwimmen ſahen, trat er unter ſie, redete ihnen männlich zu und ſchloß ſeine Worte:„So geben wir uns denn die Hand, daß wir dieſe Batterie nicht ver⸗ laſſen bis auf den letzten Mann und den letzten Schuß Pulver!“ Alle reichten ihm ihre Hände hin und er ſchüttelte ſie Jedem kräftig und herzlich. Im Beginne des Gefechts war die Südbatterie von den Schiffen nur nebenbei bedacht und mit Ku⸗ geln begrüßt worden, ihr war erſt der zweite Stoß vorbehalten, nachdem der erſte vollbracht war. Die weitere Entfernung hatte die Sicherheit der beider⸗ ſeitigen Kanonade beeinträchtigt. Als aber um zehn Uhr, wie wir berichtet, die angreifenden Schiffe ſich mit ihren Breitſeiten dicht vor den Strand legten, da war der Augenblick des Handelns, der Umſicht, der Unerſchrockenheit gekommen und nun galt es, ſich eben ſo wacker zu halten, wie die Kameraden in der Nordbatterie. Die erſte volle Lage begrüßte die junge Mannſchaft mit einem kräftigen Hurrah, und als ſie ſah, daß ihre eigenen Kugeln die Schiffe trafen, da wuchs ihnen der Muth ſichtbar und bald ward das wilde Draufjagen der Kugeln ein planmäßiges Schie⸗ ßen, worin bei ſolchen Angriffen die geiſtige Ueber⸗ legenheit der bedienenden Mannſchaft ſich ausſpricht. Mit einem unglaublichen Nachdrucke aber und ei⸗ 96 nem friſch erneuten Eifer, trotzdem ſie auf ihren Schif⸗ fen alle Hände voll mit Löſchung des Feuers, mit Wegſchleppung der Todten und Verwundeten und mit der Leitung des Schiffes ſelber zu thun hatten, wur⸗ den die Schiffsbatterieen bedient. Volle glatte Lagen wechſelten unaufhörlich mit einzelnen wohlgezielten Schüſſen, und bald wurde die Südbatterie mit dem⸗ ſelben Eiſen⸗ und Feuerregen überſchüttet, wie früher die Nordbatterie. In tauſend Splitter wurde Alles, was von Holz war, fünf Fuß dicke Balken des Block⸗ hauſes und die Palliſaden zerſchmettert; Sand, Kieſel⸗ ſteine, Raſenſtücke flogen wie ein Sprühregen umher, und der berauſchende Pulverdampf wälzte ſich in un⸗ durchdringlichen Wolken von den Schiffen herüber, ſo daß die Kanoniere dieſe oft nicht einmal ſehen konnten. Kaum aber hatte der Oſtwind den Dampf verjagt, ſo gaben ſie ſchon wieder ihr Feuer ab. Ueberall war der junge Commandeur ſelber zur Hand. „Friſch auf, Leute, friſch auf!“ rufend, ſpornte er je⸗ des Einzelnen Eifer, und wo eine Hand fehlte, legte Her augenblicklich die ſeinige an. Auch hier wurde die Flagge heruntergeſchoſſen und dieſer Glücksſchuß von den Dänen mit heiſerem Hurräh begrüßt. Schnell aber wurde eine neue zu dieſem Behufe ſchon vor⸗ gerichtete Stange mitten im inneren Raume der 97 Batterie aufgerichtet, und als die Flagge wieder ſieg⸗ reich in die Lüfte emporſtieg, ſprang der junge Preußer mit dem ganzen Leibe auf die Bruſtwehr, ſchwang den blanken Säbel über den Kopf und donnerte ein ächt deutſches Hurrah über das Waſſer hin, während die Dänen von ihrem Takelwerke aus verblüfft auf das ſonderbare Schauſpiel blickten und den Helden des Tages mit Kartätſchen beſchoſſen. Keine Kugel traf ihn, wohl aber merkten die Dänen, daß ſie es mit entſchloſſenen Leuten zu thun hatten. Bald darauf wurden fünf Mann in der Süd⸗ batterie durch eine Kartuſche, die Feuer gefangen, ehe ſie eingeſetzt war, kampfunfähig, ſonſt aber war noch Niemand verwundet, denn ſobald die Leute ge⸗ ſchoſſen, was immer nach einer vollen Lage der Schiffe geſchah, ſprangen ſie hinter die Bruſtwehr und duckten ſich nieder, ſo daß die Kugeln über ihr Köpfe hinweg⸗ pfiffen und verſchiedene Dächer der Stadt durchbohr⸗ ten. Bald nach Beginn des heißeſten Kampfes aber ſchlug eine feindliche Kugel auf den Kopf der Ka⸗ none, welche den linken Flügel einnahm, brach ein Stück Eiſen los und trieb es in die Seele, wobei der Lauf nach links zu ſtehen kam und nicht mehr ge⸗ braucht werden konnte. So war ein Geſchoß weniger vorhanden, aber Mannſchaft zur Ablöſung für die A. Burns. III. 7 98 anderen gewonnen. Bei dieſer Gelegenheit wurde ein Kanonier durch einen abſpringenden Eiſenſplitter am Kopfe verwundet, der Einzige in der Batterie, der ſich rühmen konnte, durch das Feuer des Feindes beſchä⸗ digt zu ſein. Eine Viertelſtunde ſpäter wurde ein zweites Geſchütz unbrauchbar und zwar dadurch, daß eine Kartätſchenkugel in ſeine Mündung geſchlagen war. Man merkte es erſt, als man es wieder gela⸗ den hatte, aber der Schuß nicht losging. So hatte man nur noch zwei Geſchütze zur Vertheidigung übrig und blickte jetzt ſehnſüchtig nach der Naſſauer Batterie hinüber, gleichſam als wollte man ſie zum eifrigeren Thun anfeuern.* Und dies war der Moment, wo eine gewiſſe Be⸗ ſorgniß, wenn ſie überhaupt vorhanden war, in der Südbatterie ſich bemerklich machte. Zwei Geſchütze gegen zwei voll bewaffnete Breitſeiten ſo großer Schiffe — das war kein einladendes Verhältniß, um ein ſo ernſtes Gefecht mit Hoffnung auf glücklichen Erfolg fortzuſetzen. Aber der kritiſche Augenblick ging vor⸗ über, man dachte nicht mehr an Rückwärts, nur das Vorwärts hatte man im Auge, zumal man ſah, daß auch die beiden letzten Geſchütze wackere Löcher in die Schiffswände riſſen. Während man bei ſo angeſtrengter Arbeit nur die ————— 99 breiten Schiffsrumpfe vor Augen behielt und wie toll und blind die Verwüſtung in ihrem Inneren zu ver⸗ mehren trachtete, überſah man ganz die Vorgänge an Bord, und doch waren dieſe von ſehr hervorragender Art und hätten, wenn man ſie bemerkt, gewiß dazu beigetragen, dem ſchwächeren Theile noch größeren Muth und damit eine freudigere Hoffnung einzuflößen. Unſere beiden Seemänner dagegen, die immer mehr auf die Schiffe als auf die Batterieen ihr Auge ge⸗ richtet hielten, bemerkten dieſe Vorgänge ſehr wohl und fingen allmälig an, das Loos der Schiffe vorher⸗ zuſehen, wenn nicht bald Hülfe kam, welche die Dä⸗ nen ſelber mit aller Macht herbeizuführen verſuchten. Denn als Commandeur Paludan auf den Beiſtand der Dampfer verzichten und dennoch bei den vielen Schäden, die ſein Schiff und namentlich die Gefion erlitten, wünſchen mußte, ſeine Schiffe zu retten, er⸗ griff er das letzte Mittel, mit eigener Anſtrengung dem raſtloſen Feinde und dem drohenden Untergange zu entrinnen. Während von den Backbordſeiten beider Schiffe fortwährend gefeuert wurde, als ob ihnen nicht der geringſte Schade geſchehen ſei, ließ er in der Stille auf der dem Meere zugewandten Steuerbord⸗ ſeite des Linienſchiffes Schaluppen und Jollen her⸗ unter, bemannte ſie ſtark mit Ruderern, ließ ein langes 7* 100 Warptau daran befeſtigen, um zu verſuchen, bei dem augenblicklich leiſer wehenden Winde das Schiff da⸗ durch vom Ufer fort zu bugſiren. Aber die Arbeit war ſchwer genug und ging langſam von Statten, als plötzlich bei wieder erwachendem Winde ein neues Ereigniß eintrat, welches leider nicht zu den erfreu⸗ lichen gehörte. Auf der Gefion nämlich flog ein Signal in die Höhe, welches klar ausſprach, daß Capitain Meyer ſich außer Stande fühle, das Gefecht länger fortzu⸗ ſetzen. Gleich darauf erſchien auch von der Fregatte ein Offizier in einer Jolle mit dem mündlichen Ge⸗ ſuche, einen Arzt für die zahlloſen Verwundeten, und Hülfsmannſchaft zum Warpen der Fregatte zu ſenden, indem an beiden Mangel ſei, und die Maſte und Takelage derſelben ſich in einem Zuſtande befänden, der ihr das Segeln unterſage. Augenblicklich gingen in einer großen Schaluppe ein Chirurg und ſiebzehn Mann ab, mit dem Befehle, die Gefion ſolle ſich, koſte es was es wolle, aus dem Feuer ziehen. Zu⸗ gleich wurde von beiden Schiffen noch einmal der Geiſer herbeigerufen, der auch glücklich aus der Ferne her bei der Fregatte anlangte und ein von derſelben zugeworfenes Tau auffing. Da dies aber nicht lang genug war, wurde vom Dampfer ein zweites aus⸗ 101 geworfen und ein Mann in einem Boote herabgelaſſen, um die beiden Enden an einander zu knoten. Kaum aber war dies Wagſtück gelungen, ſo erhielt der Geiſer von der Naſſauer Batterie einen Schuß in die eine Maſchinerie, ſo daß dieſelbe ſofort angehalten werden und Capitain Wulff das Bugſirtau wegwerfen mußte, um die unverletzte Maſchine mit der zerſtörten außer Verbindung zu ſetzen. Dadurch war die Kraft des Dampfers gelähmt, und da Paludan auch von ihm keine Hülfe mehr erwarten konnte, befahl er ihm, aus dem Feuer zu gehen, was er auch langſam that, um — nicht wiederzukommen. Jetzt begann man die Fregatte, um ſie zu retten, mit aller Macht hinauszuwarpen, während die Schüſſe aus der Batterie kräftig fortdauerten. Da aber durch den Zug der rudernden Matroſen ihr Bug nach dem Meere gezogen ward, kam ſie aufs Neue in eine üble Lage, und wieder beſtrichen die Kugeln der Batterie wie früher das Schiff der Länge nach. Dabei war auch der Wind wieder ſtärker geworden, die Mann⸗ ſchaft vom Kampfe ermattet und nicht mehr ſo viele Hände vorhanden, um zugleich die Batterieen zu bemannen, die Segel zu beſchlagen und die haufen⸗ weiſe herumliegenden Verwundeten wegzuſchleppen, die denn auch hülflos auf dem Verdecke liegen 102 blieben, was ein großes und klägliches Hinderniß war. Unter dieſen Umſtänden und da die Landbatterieen nicht mehr zum Schweigen gebracht werden konnten, entſchloß ſich Commandeur Paludan nach langer Be⸗ rathung mit ſeinen Offizieren, das Letzte anzuwenden — eine Kriegsliſt in ſeltſamer Form— und da es nicht mehr mit offener Gewalt vorwärts ging, mit der Einſchüchterung es zu verſuchen, ein ächt däniſches Manöver, was aber daran ſcheiterte, daß er ſich gegen⸗ über Männer hatte, die ſich weder ſchrecken noch blen⸗ den ließen. Es war ein Uhr Mittags, als man zur großen Verwunderung aller Zuſchauer am Strande eine weiße Flagge nach der Maſtſpitze des Linienſchiffes empor⸗ ſteigen ſah und beide Schiffe plötzlich ihr Feuer ein⸗ ſtellten, wodurch ein Augenblick der Ruhe eintrat, der im Gegenſatze zu dem kurz vorher ſtattgefundenen Getöſe, von wunderbarer und ergreifender Wirkung war. Erſt das Schweigen der feindlichen Geſchütze machte die eifrigen Kämpfer am Lande aufmerkſam, daß etwas Wichtiges an Bord vorgegangen ſei. Man hatte ſich alſo zum Parlamentiren herbeigelaſſen. Dda aber die Nordbatterie nicht ſogleich davon etwas er⸗ 2 fuhr, ſetzte ſie ihr Schießen fort, bis eine Ordonnanz hinausſprengte und die unerwartete Nachricht über⸗ brachte, denn man hatte ſich am Lande die Lage der Schiffe bei Weitem nicht ſo bedenklich vorgeſtellt. Wenige Minuten nach Ankunft dieſer Ordonnanz fuhr ein Wagen am Strande von Borby her nach der Nordbatterie. Drei Herren ſaßen darin, um den Commandanten der Batterieen zu ſprechen. Es waren der Bürgermeiſter der Stadt, Langheim, der Senator Lange und der Etappen⸗Commandant Wigand. Im zerſchoſſenen Offizierhäuschen der Batterie fand die Berathung ſtatt. Die Dänen hatten einen Offizier an Land geſandt mit der kurzen Aufforderung: die Deutſchen ſollten die Schiffe unbehindert aus dem Hafen laſſen. In dieſem Falle würde man die Stadt ſchonen, ſonſt aber ſie in einen Schutthaufen ver⸗ wandeln. Zur Antwort waren dreiviertel Stunden Friſt gewährt. Gleich nach dieſer Meldung war der Seeoffizier wieder an Bord gegangen. Aus dieſem Schreiben ging alſo unzweifelhaft her⸗ vor, daß ſich die Dänen als Herren der Lage be⸗ trachteten. Anfänglich wollte Hauptmann Wigand nachgeben; ihm ſchienen die Batterieen zu ſtark gelitten zu haben und die Feinde noch übermächtig zu ſein. Der Bürger⸗ meiſter überließ die Entſcheidung der Militairbehörde. 104 Da aber ſagte der Hauptmann Jungmann, er werde ſo lange ſchießen, als er eine Kugel habe. Dieſe Ant⸗ wort ſtimmte wunderbar mit der Theodor Preußers überein, der, als er den Vorſchlag vernommen, aus⸗ gerufen hatte:„Lieber will ich mein Leben laſſen, ehe ich ſie aus dem Hafen laſſe!“ Mit dieſer heldenmüthigen Antwort waren auch der Magiſtrat und die Bürger der Stadt einverſtan⸗ den, ihnen ſei an ihren paar Häuſern nicht ſo viel gelegen, ſagten ſie, als an den feindlichen Schiffen! Auch der ritterliche Herzog von Sachſen⸗Coburg, der den ganzen Tag unermüdlich im Feuer gehalten hatte, ſchloß ſich dieſer Meinung an, und die ſchließliche Antwort lautete: Man finde ſich nicht veranlaßt, das Schießen einzuſtellen. Sollte die Drohung, eine offene Stadt in Brand zu ſchießen, vollführt werden, ſo fiele der Fluch eines ſolchen Vandalismus auf Däne⸗ mark, welches die Schiffe hier verträten! Aus den Dreiviertelſtunden waren unterdeß ihrer zwei geworden, die ſich die Dänen ſehr wohl gefallen ließen, denn ſie konnten ſie gebrauchen. Sie benutzten ſie folgendermaßen. Der Hekla hatte ſich draußen im Hafen wie vermittelſt Ruderſchaalen und Schinkeln ſo weit ſee⸗ fertig gemacht, als er dadurch wieder eine unvoll⸗ 105 kommene Steuerkraft erlangt hatte, wobei er freilich vierzehn Mann am Ruder mit Talljen und Rad ha⸗ ben mußte. So glaubte er zur Hülfe wieder im Stande zu ſein. Er lief unter Parlamentärflagge heran und erhielt von Paludan den Befehl, zuerſt die Fregatte hinauszuſchleppen, dann aber dem Linien⸗ ſchiffe beizuſtehen. Erſtere hatte unterdeſſen eifrig fortgewarpt, war aber nicht weit von der Stelle gekommen, da Kräfte fehlten und Wind und Wellen zu widerſpenſtig waren. Auch der Hekla mußte ſeiner Liebespflicht Einhalt thun, denn von Seiten der Nordbatterie wurde die⸗ ſelbe als ein nicht ausbedungenes Werk des Waffen⸗ ſtillſtandes angeſehen; er erhielt einen warnenden Schuß, und da er ſich ſelbſt ſehr ſchwach fühlte, ging eer in einem weiten Bogen um die Nordbatterie herum aus dem Hafen hinaus. Während dieſer Zeit ſah die Gefion ein, daß ihre Boote ſie nicht allein ſchlep⸗ pen konnten und noch dazu Gefahr liefen, bei der hohen See mit Waſſer gefüllt zu werden und zu ſinken; ſie rief ſie daher zurück. Chriſtian kam da⸗ gegen etwas näher an den Strand, wie man ſagt, in der Meinung, ſeiner Drohung, die Stadt zu be⸗ ſchießen, dadurch mehr Nachdruck zu geben; allein das fiel ihm wohl nicht mehr ein; er fing vielmehr an 106 ein Spiel der Wellen zu werden, und dieſe trugen ihn Schritt vor Schritt ſeinem naſſen Grabe näher. Dennoch beſſerte er, was er konnte, erfriſchte ſeine Leute und machte ſich fertig, wie ein wackerer Kämpe ſeinen Waffentanz fortzuſetzen, wenn die Unterhand⸗ lung ſich zerſchlagen ſollte. Ein noch regeres Leben aber herrſchte am Lande während des Waffenſtillſtandes. Tauſende von Men⸗ ſchen waren plötzlich aus allen Winkeln und Ecken aufgetaucht und erſchienen am Strande, Hunderte liefen Hals über Kopf nach der Nordbatterie. Hier wurde die Zeit benutzt, alle Kanonen wieder ſchuß⸗ fertig zu machen. Die halb erſchöpften, von Schweiß triefenden, vom Pulverdampfe bis zur Unkenntlichkeit entſtellten und geſchwärzten Leute ruhten ſich aus; hier und da ſaßen ſie herum, ſprachen und ſcherzten über das grauenvolle Werk des Tages. Die Stadt hatte einen Wagen mit Lebensmitteln geſandt und man aß und trank nach Herzensluſt. Und das half und gab neuen Muth, neue Luſt zum Kampfe. Was aber am meiſten Noth that— auch die Geſchütze ruhten ſich aus; ihre glühenden Röhre, die man nicht mehr berühren konnte, kühlten ſich ab und wurden ſo wieder handgerecht. Der Commandeur ſelber aber ſaß auf der Böſchung des Pulvermagazins und ſchrieb 107 ſeine Berichte, worin er um Hülfe bat, die er zu brauchen glaubte. Gleich darauf trug eine Stafette ſie nach Rendsburg. Aehnlich, nur noch viel lebhafter war das Treiben um dieſe Zeit in der Südbatterie. Große Menſchen⸗ gruppen wogten auf und ab und bemühten ſich, die⸗ ſen oder jenen Artilleriſten aus der Batterie zu ſehen, ihn zu umarmen oder ihm wenigſtens die Hand zu ſchütteln, wenn ſie ſeiner habhaft werden konnten. Nach Theodor Preußer riefen Alle und er mußte einige Augenblicke heraustreten, um ſich beglückwünſchen zu laſſen, was er dankend ablehnte, da man noch lange nicht am Ende ſei. Den wackeren Kriegern bot man Speiſen und Getränke aller Art und ſprach ihnen Muth ein, was dieſe, nun im Feuer erprobt, nicht gerade für nothwendig hielten. Dennoch ſah man ihnen die Ermattung deutlich an, faſt alle waren hei⸗ ſer und der wackere Unteroffizier Stinde hatte ſogar beinahe ganz ſeine Stimme verloren. Auch Andreas Burns erſchien mit ſeinem Freunde in der Batterie, deren Verwüſtung und Zerſplitterung ihm einen Begriff von dem heißen Stande der Käm⸗ pfenden gab. Auch aß und trank er, aber eigentlich nur maſchinenmäßig, denn er ſchmeckte nichts davon und wußte nicht, was er genoß. Sein Auge, beſtän⸗ * 108 2 dig auf das Linienſchiff gerichtet, deſſen Benehmen ihm von Minute zu Minute verdächtiger vorkam, und dennoch noch an keinen durchaus glücklichen Erfolg der Strandbatterieen glaubend, denn man konnte un⸗ möüglich eine genaue Einſicht der Lage der Schiffe ge⸗ winnen, ſchritt er in leiſem Geſpräche mit mehreren zufällig gefundenen Freunden am Strande auf und ab. „Was meinen Sie dazu, Capitain Burns, wie wird das Ende ſein?“ fragte ihn ein Bekannter, der ihm begegnete.— „Das weiß Gott allein!“ lautete ſeine ruhige Ant⸗ wort. „Aber was hoffen Sie? Oder fürchten Sie etwas?“ „Ich fürchte viel und hoffe wenig, obgleich ich von hier aus noch deutlicher einen großen Fehler des Fein⸗ des bemerke, den ich ſchon früher ausgeſprochen.“ „Und welcher iſt dies?“ fragte der Unteroffizier Preußer, der zu der Gruppe getreten war. Andreas reichte ihm die Hand und drückte ſie ihm warm. Dann aber ſprach er mit bleichem Geſichte und bebender Stimme folgende Worte: „Blicken Sie dahin, mein junger Held! Dort iſt die Nordbatterie und hier iſt die Südbatterie. Mitten zwiſchen beiden liegen zwei große Schiffe, ohne die erſtere zum Schweigen gebracht zu haben. Hinaus 2* 109 aus dem Hafen können ſie nicht— ich habe es mit eigenen Augen geſehen und als alter Seemann be⸗ urtheilt. Sie haben alſo keine Mittel zu entfliehen, denn ſehen Sie da, der Wind und die Wellen wer⸗ den heftiger, als ſie je geweſen ſind.“ „Nun— und? Fahren Sie fort!“ Andreas bebte krampfhaft zuſammen, ſein Pa⸗ triotismus kämpfte in dieſem Augenblicke einen Rie⸗ ſenkampf mit der Liebe zu ſeinem Kinde.„Sagen Sie ſich das ſelbſt,“ ſagte er leiſe.„Der Feind iſt in Ihre Hand gegeben— wenn Sie ihn zerſchmet⸗ tern wollen, thun Sie es ja, denn ſobald kommt Ihnen eine ähnliche Gelegenheit nicht wieder!“ Und da er vor innerer Bewegung nicht weiter ſprechen konnte und ſeine Rührung nicht blicken laſſen wollte, ging er langſam bei Seite. „Was hat der ernſte Mann?“ fragte der junge Preußer mit Theilnahme. „O!“ erwiderte Andreas Freund.„Er iſt der edelſte Patriot der Herzogthümer— aber— ſchauen Sie da, ſein jüngſter Sohn iſt gegen ſeinen Wunſch Kadet auf dem Chriſtian—“ „O!“ riefen Alle und wandten einen traurigen Blick auf den dahin eilenden Seemann und einen zweiten auf das dicht vor ihnen liegende Linienſchiff. *—;—V—— 85 110 Die in Verzweiflung gefaßte, aber mit dem Scheine der Ruhe und Zuverſicht ausgeführte Kriegsliſt, ihre. Schwäche hinter einer prahleriſchen Drohung zu ver⸗ bergen, war den Dänen alſo nicht gelungen. Wenn man ſie auch nicht durchſchaut hatte, ſo war man doch ſtandhaft genug geweſen, von dem übermüthi⸗ gen Feinde keinen Pardon nehmen zu wollen. Gleich nach vier Uhr brachte ein Seeoffizier die ſchriftliche Meldung an's Land, daß die Dänen die Feindſelig⸗ keiten ſogleich wieder beginnen würden. Eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter glitt die weiße Flagge vom Maſte her⸗ unter und damit war das Zeichen zum Angriffe gegeben. Im Nu ſtoben die Zuſchauer am Strande nach allen Seiten auseinander und verſchwanden wie von einer Windsbraut fortgefegt; das weite ſandige Ufer, noch ſo eben von Menſchenhaufen wimmelnd, war wieder öde und leer; nur die Naſſauer Batte⸗ rie mit ihren Mannſchaften blieb auf dem freien Raume ſichtbar, während die am ſüdlichen Hafenende aufgeſtellte Infanterie ſich ebenfalls hinter ihre Ver⸗ ſtecke zurückgezogen hatte. Von der Nordbatterie konnte nur die Gefion, wie ſie jetzt ſtand, erreicht werden; gleichſam blind aber in ſein Verderben rennend, ſpannte das Linienſchiff einige Segel auf und fuhr, ſich un⸗ verantwortlicher Weiſe dadurch zugleich beiden Feuern 111 ausſetzend, unmittelbar vor die Südbatterie bis auf Kartätſchenſchußweite heran. Letztere hatte ſich beim erſten Angriffe ziemlich verſchoſſen, während des Waf⸗ fenſtillſtandes aber von der Nordbatterie Munition und zugleich den Befehl erhalten, von jetzt an auch mit glühenden Kugeln zu ſchießen, was bisher nicht geſchehen war. So lagen denn die feindlichen Schiffe beiden Batterieen mundgerecht, die vier Naſſauer Ge⸗ ſchütze aber, welche zwiſchen dem Pflegehauſe und dem Strande ſich nördlich von der Südbatterie auf⸗ geſtellt, beſchoſſen vorzüglich die Takelage und die Maſtkörbe des Linienſchiffs. Um halb fünf Uhr be⸗ gann das Feuer wieder und ſteigerte ſich ſchnell bis zu einer Heftigkeit, wie ſie ſelbſt vorher im lebhafte⸗ ſten Gefechte nicht beobachtet worden war. Die Schiffe ergoſſen eine wahre Fluth von Ku⸗ geln ſchwerſten Kalibers auf die Batterieen und zu⸗ gleich auch theilweiſe auf die Stadt, um ihre Dro⸗ hung auszuführen. Die Dächer der Häuſer krachten zuſammen, aber man hörte kaum den Fall der ſtür⸗ zenden Balken und Steinwände vor dem Donner der auf einmal losbrüllenden Geſchütze. Zwiſchendurch aber klirrten die zerſchmetterten Fenſterſcheiben und das hie und da aufgeriſſene Straßenpflaſter ſchlug dröhnend und polternd gegen Thüren und Bretter⸗ zäune. Das Pflegehaus bekam einige Schüſſe davon ab, aber nur eine 82jährige kranke Frau, die in ihrem Bette von einer Kugel, nachdem ſie zwei Wände durch⸗ ſchlagen, getroffen wurde, war das einzige Menſchen⸗ leben, welches die Stadt dem ſchonungsloſen Feinde zum Opfer brachte. Aber die Deutſchen waren nicht minder thätig in Entladung ihrer todbringenden Geſchoſſe. Die Ge⸗ fion litt eine Zeit lang am meiſten. Ihr Spiegel, auf welchem mit großen goldenen Buchſtaben ihr ſtolzer Name prangte, hatte ſich wieder dem Strande zugedreht und es gab kein Mittel mehr, ihn ſeewärts zu wenden. So würgten die Naſſauer Kugeln nach Herzensluſt über ſie hin, immer die Länge des Schiffs beſtreichend, in alle Luken und Oeffnungen hinein jagend, die Maſten zerſplitternd, das Tauwerk zerrei⸗ ßend, welches in Fetzen und Stücken nach allen Sei⸗ ten herabhing, und Tod und Verderben in die ſchon genug gelichteten Reihen der Seeleute tragend. Und die glühenden Kugeln der Südbatterie, deren Flug man deutlich verfolgen, deren dampfende, brennende Wunden man mit bloßen Augen bemerken kann, boh⸗ ren ſich immer ſicherer, heilloſer da ein, wohin man ſie auf Chriſtian den Achten ſchleudert, denn ſie kom⸗ men aus nächſter Nähe, und bei jedem ihrer Würfe 113 ertönt ein Wehegeſchrei über das Waſſer her, und da und dort ſteigt vom Borde eine flackernde Flamme auf, zum Zeichen, daß ihrer ſchon mehrere gezündet. Da wird der ächzenden Gefion von einer 84pfün⸗ digen Bombe von der Nordbatterie her das Steuer zerſchmettert und zugleich von einer anderen Kugel ihr eines Ankertau zerriſſen; allmälig treibt ſie wider⸗ ſtandslos näher an den Strand, und da die Kartät⸗ ſchen aus vierhundert Schritt Entfernung über ihre Batterieen fegen, beugt und windet ſie ſich unter den ſchrecklichen Stößen und ihr Feuer wird allmälig ſchwä⸗ cher und ſchwächer. Doch, begeben wir uns ſelbſt an Bord und ſehen wir, wie den Schiffsführern zu Muthe iſt. Capitain Meyer, als er ſein ſchönes Schiff in dieſe troſtloſe Lage verſetzt ſah, berief ſeine Offiziere in ſeine Ka⸗ jüte, in der man kaum vor Pulverdampf athmen konnte, um mit ihnen den letzten, traurigſten Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Alle ſtimmten darin überein, daß fernere Vertheidigung— denn ein Angriff war es ſchon lange nicht mehr— nur vergebliche Menſchen⸗ opfer fordere und alſo nutzlos ſei. Verbrennen und verſenken durfte man das Schiff nicht, weil zahlloſe Verwundete, ſo viele, daß man ſie nicht raſch genug wegbringen konnte, im unterſten Raume, auf den A. Burns. III.. 8 Decken, in allen Kajüten lagen. Auf den Grund ſetzen wollte man es darum nicht, weil das Linien⸗ ſchiff dadurch ſein Fahrwaſſer verloren hätte und man wenigſtens hoffte, daß dieſes ſich frei machen und da⸗ von gehen würde. So blieb denn nichts weiter übrig, als Ergebung— Ergebung an einen Feind, den man ſelbſt zu vernichten gekommen war. Und ſo ward es beſchloſſen. Sogleich ſandte Capitain Meyer einen Offizier an Bord ſeines Vorgeſetzten und mel⸗ dete, daß er die Flagge ſtreichen müſſe, eine Mitthei⸗ lung, die der alte Paludan ſchweigend und mit er⸗ gebener Miene hinnahm. Das Linienſchiff dagegen war vielleicht dadurch in ſeine jetzige ſchlimme Lage gerathen, weil ſein Commandeur die Geſion nicht allein im Hafen zu⸗ rücklaſſen wollte. Da aber ſeine Bedrängniß von Augenblick zu Augenblick zunahm, namentlich die glü⸗ henden Kugeln der Südbatterie immer gräulichere Verwüſtung anrichteten, ſo beſchloß er endlich, die Flucht zu verſuchen. Während er daher alle mög⸗ lichen Kräfte zum Feuern auf Batterie und Stadt verwandte, wurden Männer auf die Raaen geſandt, um die Segel zu löſen. Zugleich wurden die Anker mit Macht gehoben. Schon waren Fock⸗, Klüver⸗ und Beſahnſegel beigeſetzt, aber auch die Marsſegel beizu⸗ 115 ſetzen, wollte nicht gelingen. Dennoch kam das rie⸗ ſige Schiff in langſame Fahrt. Aber in demſelben Augenblicke bemerkten die Schützen am Lande das Manöver, welches ihnen ihre Beute entziehen ſollte. Alle Kanonen, mit Granaten und Kartätſchen gela⸗ den, richteten ſich in die Höhe, auf Maſten, Segel und Tauwerk zielend, und wie durch eine Windsbraut weggefegt, ſank augenblicklich Alles in Fetzen herab, und die getroffenen Männer ſtürzten kopfüber auf das ſchon von Blut ſchwimmende Deck nieder. Das Schiff war nicht mehr im Stande zu fahren, alles laufende Gut hing todt herab. So trieb es ſüdweſtlich dem Landgrunde entgegen, ſeinen reichverzierten Spiegel zum erſten Male der Südbatterie zeigend, ſo daß es nun auch der Länge nach beſchoſſen ward, wobei, wie man verſichert, eine durchſchlagende glühende Kugel auf einen Schlag drei Kanonen demontirte und einer Reihe im Gliede ſtehender Seeleute die Köpfe wegriß. Plötzlich aber erzitterte es von der höchſten Maſtſpitze bis zum Kiele, und ſeine ſchwarzen Flanken hin und her ſchüttelnd, ſtieß es mit dem Hintertheile auf den Grund und ſaß auf dem Sande felſenfeſt. Da gab es denn kein Mittel mehr, das Schiff flott zu machen, immer wüthete das Feuer vom Lande fort und fort und jede Kugel ſplitterte und krachte in 8* —ᷓ——r—— 116 die unteren Räume hinein, ſo daß Menſchen und Holz zugleich in Stücke geriſſen wurden. Dabei war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen, ſowohl im Waſſergange unter den Röſten, als auch an verſchiedenen Stellen der Steuerbordſeite und im großen Raume. Da endlich— o viel zu ſpät!— rief Paludan ſeine Offiziere zuſammen, um ihre An⸗ ſicht über die Lage des königlichen Dreideckers zu ver⸗ nehmen. Es konnte keine abweichende Meinung mehr geben— man beſchloß das traurige Beiſpiel der Ge⸗ fion nachzuahmen. Es war jetzt beinahe ſechs Uhr. Man ließ mit dem Schießen nach, was man ſich am Lande anfangs nicht zu deuten vermochte; denn daß das Schiff ſich ergeben wolle, dachte kein Menſch, oder nur ſehr Wenige. Nachdem daher Befehl gegeben war, alle Waſſerhähne laufen zu laſſen, um das Schiff damit zu füllen, die Munition über Bord zu werfen und das Feuer mit allen Händen zu löſchen, ertönte auch noch der letzte, das Herz eines Seemanns zer⸗ malmende Befehl— die Flagge zu ſtreichen. Fünftes Mapitel. Das Gottesgericht vor Eckernförde. Und ſo war denn dieſer für den Befehlshaber eines großen Schiffs ſo ſchreckliche und demüthigende Augenblick gekommen. In den Landbatterieen hatte man die letzten Manöver des Feindes nicht recht be⸗ griffen, da kein erfahrener Seemann ſich unter den Kämpfenden befand. Nur Andreas Burns, ſein Freund und noch einige andere aus der Umgegend herbeigeeilte Seecapitaine ſahen allmälig den Aus⸗ gang des Kampfes ſich nähern, den ſie auf die Weiſe, wie er jetzt erfolgte, alle für unmöglich gehal⸗ ten hatten. Als die Gefion den ſtolzen Danebrog, das Zei⸗ chen der Herrſchaft über die däniſchen Meere, lang⸗ ſam und gleichſam ſo lange wie möglich zögernd 118 ſinken ließ und dafür die weiße um Gnade bittende Flagge ſchnell emporzog, ſtießen die Seemänner am Lande einen Schrei des Frohlockens aus. Aber die Deutſchen verſtanden leider das Signal nicht und feuerten immer weiter. Da ließ aber auch das Li⸗ nienſchiff das weiße Kreuz im blutrothen Felde herab und auf ſeiner Maſtſpitze flatterte das Zeichen der Noth und Ergebung, wobei plötziich alle ſeine Feuer⸗ ſchlünde verſtummten. Dieſen Vorgang mit einem Blicke erfaſſend, erhoben ſich nun die beiden Seeleute aus ihrem Verſtecke und ſprangen mit mehreren von anderen Seiten herbeieilenden Kameraden an den Strand hinab. Noch im Laufe begriffen, ſchrieen ſie ſchon aus der Ferne, ſo laut ſie vermochten, den Sieg aus, und da ſie nicht gleich verſtanden wurden, winkten ſie mit den Tüchern, um dem Feuer von Seiten der Landbatterieen Einhalt zu thun. In dem⸗ ſelben Augenblicke ſtieß von der Gefion ein Boot mit einem Offiziere ab; auch er ſchwang ein weißes Tuch hoch über ſeinem Kopfe. In der Nähe der Naſſauer Batterie erreichte er durch das Waſſer watend das Land.. „Meine Herren,“ ſagte er mit traurigem Tone, „warum ſchießen Sie noch? Sehen Sie die Frie⸗ densflagge da oben nicht? Wir haben uns ja er⸗ “ * geben— ſchonen Sie das Leben derer, die ſich nicht mehr vertheidigen können, denn an Bord der Fre⸗ gatte iſt mehr Tod als Leben.“ Schweigend und auf's Höchſte verwundert ſtand die Mannſchaft der Batterie und ſtarrte den unbegreif⸗ lichen Sendboten an. Da kamen aber auch die See⸗ männer vom Lande herbeigelaufen und erklärten den Vorfall. Augenblicklich ſchwiegen die Kanonen, nur die Nordbatterie feuerte noch von Zeit zu Zeit, da erſt ein Bote zu ihr hinausjagen mußte, das wunder⸗ bare Ereigniß zu verkünden. Einer der Erſten zur Stelle war der Herzog von Sachſen⸗Coburg.„Es iſt dies der glücklichſte Tag meines Lebens!“ ſoll er geäußert haben. Wie vom Winde herbeigeweht, füllten zahlreiche Menſchengruppen plötzlich den weiten Raum am Strande an. Ein ungeſtümer und endloſer Jubel⸗ ruf hallte laut an den Häuſern der Stadt wider. Die Thore der Batterie öffneten ſich und die Menge ſtrömte unaufhaltſam hinein, die wackeren Kämpfer zu beglückwünſchen, zu umarmen. Aber wie ſahen ſie aus! Es dauerte eine Weile, ehe ſie ſich beſinnen, ehe man ſich ihnen verſtändlich machen konnte. Sie ſchienen das Gehör verloren zu haben und Einige hatten es wirklich verloren. An ihrer Kleidung war 120 keine Farbe mehr zu erkennen; alles Metall an ihrem Leibe, am Helme, am Degen ſchien verſchwun⸗ den zu ſein. Eine dicke ſchwarze Kruſte bedeckte ſie von der Helmſpitze bis zu den Stiefeln hinab; die Geſichter, eben ſo ſchwarz und dabei von der unge⸗ heuren Anſtrengung und Aufregung gedunſen, waren vollkommen unkenntlich, als wenn ſie Masken vor⸗ gelegt hätten. Kaum aber hatte ſich der erſte Jubel gelegt, ſo gedachte man der Verwundeten auf den Schiffen. Boote flogen augenblicklich hinüber, um die Befehlshaber der Schiffe und dann die Verwundeten an Land zu holen. Einer der Erſten, der auf dem Strande erſchien, war der alte Paludan. Er wurde von Matroſen auf den Armen durch die Brandung getragen und über⸗ reichte dem Herzoge ehrfurchtsvoll und von ſeinem Ge⸗ ſchicke tief gebeugt ſeinen Degen. Gleich nach ihm langten Schaaren Verwundeter an. O, mit welchem Entzücken mochten die ſo jungen oder ganz alten Leute, die man gewaltthätig zum Dienſte gepreßt, wieder feſten Boden unter ihren Füßen fühlen, und wie glücklich waren ſie, wenigſtens das Leben gerettet zu haben! Und von allen Seiten ſprang man her⸗ bei, ihnen einen Labetrunk zu reichen und die Blu⸗ tenden in warme Betten zu lagern. 121 Boot an Boot, zu den Schiffen oder den Bewoh⸗ nern der Stadt gehörig, flog jetzt hin und zurück, das Werk der Liebe zu vollenden und zu retten, was zu retten war; ſchon war der Strand ſchwarz von den Geſtalten der dunkel gekleideten Matroſen. Unter allen aber bewegte ſich ein einzelner Mann eifrig hin und her, fragend, forſchend und ſuchend, und doch fand er nicht, was er ſuchte. „Weiß Keiner von Euch, wo der Kadet Burns iſt?“ fragte ſeine tiefe Stimme, hie und da zu einem der Verwundeten tretend. „Noch an Bord! Noch an Bord!“ riefen ſie Alle. „Er iſt ein Tollkopf, Herr!“ ſagte endlich ein alter Steuermann.„Er hat geſchworen, das Schiff nicht lebendig zu verlaſſen und will es in die Luft ſprengen.“ „Iſt denn noch viel Pulver an Bord?“ „Sechstauſend Pfund, Herr!“ Da richteten ſich plötzlich Aller Blicke auf das Linienſchiff. Die Sonne hatte ſich endlich, müde, das Blutvergießen und den Vernichtungskampf der Men⸗ ſchen länger zu ſchauen, geſenkt und der dämmernde Abend ſchwebte mit ſeinem düſteren Fittich hernieder. Noch war das große Schiff in eine undurchdringliche Rauchwolke gehüllt, aber hierhin und dorthin zuckten bereits glühende Flammenſtröme daraus hervor, die der blaſende Wind wie feurige Schlangen nach dem Lande jagte. Da eilten zwei Männer beflügelten Schrittes von entgegengeſetzten Seiten an das Ufer, dicht vor das brennende Linienſchiff. Beide trafen am Rande des Waſſers zugleich auf einem Punkte zuſammen. Es war Theodor Preußer und Andreas Burns. Beide richteten ihre glühenden Blicke auf das glühendere Schiff. „Wollen Sie mit hinüber, Ihren Sohn zu bergen?“ fragte Preußer den Capitain. „Vorwärts!“ donnerte Andreas gewaltige Stimme. Das war das einzige Wort, welches er ſprach. Alle ſeine Beklommenheit, ſeine Betäubung, ſeine Angſt war aus ihm verſchwunden, nur Muth und Thatkraft allein lebten in ſeiner Bruſt, denn die perſönliche Ge⸗ fahr, in die er ſich jetzt begab, kannte er nicht, ſie eriſtirte für ihn gar nicht. Vergebens war das Be⸗ mühen der Umſtehenden, die beiden Männer abzuhal⸗ ten, ſich auf das brennende Schiff zu wagen. Den Einen trieb allgemeine Menſchenliebe, den Anderen die väterliche Zärtlichkeit, und welche Gewalt hat je dieſe beiden Rieſen bezwungen? „Ihr braucht uns nicht zu folgen!“ ſchrie Preußer 123 mit heiſerer Stimme—„Her das Boot dort!“ Aber zwei oder drei wackere Ruderer wollten es nicht ver⸗ laſſen und baten, mitfahren zu dürfen. Schon hatte Andreas die Brandung durchwatet und ſtand bereits am Steuer des auf⸗ und abgeſchleuderten Bootes, und Preußer hatte ein Ruder ergriffen, um ſeinen Arm wie ſeinen Kopf dem barmherzigen Werke zu leihen. Wie von unſichtbaren Flügeln in die Lüfte gehoben, tanzte das kleine Schiff über die haushohen Wellen dem leuchtenden Schiffe entgegen. Mit eiſer⸗ nem Arme und unüberwindlicher Willenskraft arbeite⸗ ten die paar Männer gegen das feindliche Element, und ſchon waren ſie dem drohenden Feuerheerde nahe gekommen. Da hatten ſie es erreicht. Oben am Spie⸗ gel ſtanden mit geſträubtem Haare und zerriſſenen Kleidern mehrere Matroſen, die ſich zu retten wünſch⸗ ten und doch keine Möglichkeit dazu ſahen. Denn. ſchon erleuchtete die mächtiger werdende Flamme des Schiffes das Land weithin und das im feurigen Glanze glitzernde Meer. „Werft uns einige Taue zu!“ donnerte des Capi⸗ tains Stimme hinauf. Augenblicklich befolgte man den Ruf und die win⸗ zigen Menſchen klommen an dem ſtöhnenden Rieſen in die Höhe, der hier drei Stockwerke hoch aus dem Meere ragte. Andreas war der Erſte, der das von Blut ſchlüpfrige Deck betrat. Wie ein irrender Geiſt der Nacht, mit vorgeſtrecktem Kopfe, funkelnden Au⸗ gen und von dem Widerſcheine der züngelnden Flam⸗ men düſter beleuchtet, ſtürzte er darüber hin, halb gleitend, halb fallend über Blutlachen und Trümmer. „Iſt der Kadet Burns noch am Leben?“ fragte er einen alten Matroſen, der ſein Schiff nicht verlaſſen wollte und mit unterſchlagenen Armen an der zer⸗ ſplitterten Schanze lehnte. „Ja!“ ſagte der Mann trotzig und wiſchte ſich Blut und Schweiß aus dem geſchwärzten Geſichte. „So eben habe ich ihn da vorne geſehen. Aber beeilt Euch— er hatte eine brennende Lunte in der Hand!“ Ohne auf die nahenden Flammen zu achten, ſtürzte der von ſeinen innerſten Gefühlen gegen die äußeren Schrecken gehärtete Mann dem Feuerwirbel näher. Aber ſein Fuß ſtrauchelte jeden Augenblick über die gehäuften Trümmer, todte und blutende Menſchen⸗ leiber. Eben ſo erging es dem jungen Preußer, der unmittelbar hinter ihm war, ihn aber plötzlich aus dem Geſichte verlor. Dem jungen kühnen Manne ſchwindelte es vor Augen, als er die Verwüſtung, den Jammer, das Elend ſah. Alles war in Fetzen, in 125 Stücken, in Brocken— nichts ganz, nichts heil, nichts geſund. „Fort, fort— immer hinab!“ rief er den ver⸗ dummt daſtehenden Seeleuten zu—„Da kommen die Boote!“ „Sie kommen zu ſpät! Das Schiff wird gleich in die Luft fliegen!“ rief ein taumelnder Bootsmann. In demſelben Augenblicke ſtürzte ein Mann mit verbrannten Haaren und Kleidern von der Mitte des Schiffs dem Hinterdecke zu. Es war Andreas, der ſeinen Sohn nirgends gefunden hatte. Aber da ſchlugen die kniſternden Flammen ſchon hinter ihm auf.„Rette ſich wer kann!“ ſchrie er—„Es iſt Alles verloren, das Schiff fliegt auf! In einem Augenblick wird das Feuer die Pulverkammer erreicht haben!“— Die noch auf dem Chriſtian befindlichen Offiziere und Matroſen, die ihr Schiff nicht verlaſſen wollten, hatten ſich ganz nach hinten gedrängt. Dicker Rauch umhüllte ſie alle. Das Feuer leckte ſchon an den Maſten und dem Takelwerke hinauf. Noch immer unter ihnen ſtehend, das rettende Tau ſchon in der Hand, aber den Kopf unverrückt ſpähend zurückgewendet, ſtand Andreas Burns. Er wollte nicht weichen, ſo lange es nicht unumgänglich nöthig war. 126 Da durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, der zur rechten Zeit kam. Er dachte an ſein Weib und ſeine übrigen Kinder. Raſch fuhr er am Taue in das Meer hinab und erreichte ein Boot, hinter ihm etwa noch zwölf Menſchen. Es war die höchſte Zeit. Denn kaum wogte das gefüllte Boot über die Wellenberge hin, ſo ſchien ſich das Meer gegen den Himmel zu heben. Eine dunkelrothe Lohe, mit breitem Fittich emporſtrebend, ſchlug gegen die Wolken auf. Stadt, Land, Meer, die am Strande verſammelten Menſchen — Alles ſah man wie in bengaliſchem Feuer erglän⸗ zen. Zugleich erſcholl ein Gekrach wie von tauſend Donnern, daß Allen die Sinne vergingen, und das feſte Land zitterte, wie von einem Erdbeben geſchüttelt. Das Schiff war in die Luft geflogen, eine fächer⸗ artige, nach Oben ſich ausbreitende Hölle ausſpeiend. Tauſende von Trümmerſtücken, Vieles in Atome zer⸗ ſplittert, Kanonen, Kugeln, Holz, Eiſen, Kühe, Schaafe, Schweine und alles mögliche Geräth ſtob wie in einem gewaltigen Feuerregen nach allen Richtungen aus⸗ einander. Und unter ihnen zweihundert Menſchen, deren Gebrüll, während ſie in der Luft ſchwebten, wie das Wehegeheul abgeſchiedener Geiſter erklang und die Ohren der am Lande ſtehenden Zuſchauer mit Entſetzen erfüllte. Schwer, dumpf, klanglos war das 127 gurgelnde Geräuſch, als alle dieſe Gegenſtände in die aufſchäumende Fluth ſanken— dann war Alles ſtill ringsum. Aber was noch Leben und Kraft in ſich hatte, fluthete, ſchwamm, regte ſich nach dem Lande hin, über welches ſich trotz der großen Menſchenmaſſe eine plötzliche Grabesſtille verbreitet hatte. Aber bald hatte ſich der Schreck und Schauer der in ſtumme Bildſäulen verwandelten Zuſchauer ge⸗ legt— der Drang, zu retten was zu retten war, hatte ſich aller Gemüther wie mit einem Zauber⸗ ſchlage bemächtigt— Alles ſtürzte an den Rand des brandenden Waſſers, welches ſeine Opfer todt oder lebend an den Strand ſpülte. Einige, die den kühn⸗ ſten Luftſprung ihres Lebens unverſehrt mitgemacht, kamen athemlos herangeſchwommen, als ſie aber, von liebevollen Armen aus den Wellen gezogen, den feſten Boden betraten, taumelten und ſanken ſie kraftlos in Bewußtloſigkeit hin. Unterdeſſen aber hatte der Tag ſein Ende erreicht und die Nacht ſank kalt, ſtürmiſch und traurig herab; glühend ging der glänzende Mond auf, glühend viel⸗ leicht vor Zorn, ſo viel Trümmer und Wehklagen beſcheinen zu müſſen; das frühere Frohlocken der Sie⸗ ger aber hatte ſeinen Ausdruck verloren. Theodor 128 Preußer war, ein Opfer ſeiner Menſchenliebe, mit in die Luft geflogen.— Am Strande aber ging einſam, ſuchend, ſpähend, hierhin und dahin ſich wendend, ein Mann auf und nieder. Aber man täuſche ſich nicht in ihm. Keine Thräne kam in ſein trockenes Auge, kein Jammer⸗ laut entquoll ſeinen Lippen. Schmerzlich und tief er⸗ ſchüttert ſchlug zwar ſein Herz, aber mannhaft und ungebrochen, ein gottergebener Menſch, hatte er ſich unter den Willen ſeines Schöpfers gebeugt, der dieſen ſchweren Richterſpruch über ſein Haupt ausgeſprochen. Lange nachdem die dumpfe Mitternachtsglocke des Kirchthurms der Stadt über den grabesſtillen Hafen erklungen, kehrte Andreas Burns erſt in die gaſtliche und unbeſchädigte Wohnung ſeines Freundes zurück. Als am anderen Tage die Glocken der Stadtkirche den heiligen Charfreitagsmorgen mit feſtlichem Ge⸗ läute begrüßten und zugleich den Dank der Bewohner für die wunderbare Rettung zu Gott dem Allmächti⸗ gen emporſandten, die er ihnen und ihrer Heimat am vorigen Tage ſo gnädig geſpendet, hallten ſie über eine ſtille, anſcheinend in tiefſten Frieden ver⸗ ſenkte Gegend hin. Ein feierliches und geheimnißvolles 6 129 Schweigen lag auf der ganzen Natur,nur die Wellen des Meeres rauſchten, wie ſie am Tage zuvor ge⸗ rauſcht, aber dennoch war der brauſende Lärm, den ſie verurſachten, wenn ſie hoch brandend das Ufer peitſchten, leiſe Muſik gegen das Gebrüll der wüthen⸗ den Schlacht am vorigen Tage. Kalt und ſchneidend wehte derſelbe Wind über die See, aber in dem Pfeifen, welches er hören ließ, wenn er durch die Lüfte ſchwoll, lag allein der kühlende Athem Got⸗ tes, nicht die leidenſchaftliche Fühlloſigkeit des um Leben und Tod, Sieg und Untergang würfelnden Menſchen. Nur die Sonne wollte nicht recht aus ihrem Wolkenſchleier an dieſem Tage hervorbrechen; düſtergraue Dunſtberge hatte ſie vor ihr Antlitz ge⸗ zogen, als ſcheue ſie ſich, mit vollem Auge auf die Verwüſtung zu ſchauen, die am Strande, auf den Ge⸗ filden der Stadt und in ihrem ſonſt ſo ſchönen Meer⸗ buſen zu ſehen war. Und was hätte die Sonne geſchaut, wenn ſie frei und klar auf das Schlachtfeld des vorigen Tages geblickt? Ach, ſie hätte keine Freude daran gehabt, wie auch viele Menſchen keine hatten, die darauf nie⸗ derſahen. Nur die kleine Batterie am Strande, aus der wenige Stunden zuvor der Tod Pſdie. ſtand, in ihrer äußeren Erſcheinung wenigſtens, rein und A. Burns. III. 9 4 130 unbeſchädigt innerhalb ihres mit Waſſer gefüllten Grabens da, denn man hatte die Nacht benutzt, ſie von den Spuren des Kampfes zu reinigen und zu neuem Kampfe vorzubereiten. Innerhalb ihrer Wälle freilich, obgleich die durchſchoſſene dreifarbige Flagge ſiegreich und luſtig im Morgenwinde wehte, lagen Haufen von Splittern und Trümmern des Block⸗ hauſes und der Palliſaden herum, in jedem Fußbreit Erde zeigten ſich die Spuren der wühlenden Geſchoſſe, und wer noch ſprechendere Zeugen des Geſchehenen ſehen wollte, brauchte nur die Berge von däniſchen Kugeln zu betrachten, die man bereits geſammelt und unter den Kanonenſtändern aufgehäuft hatte. Außer⸗ halb der Batterie aber, weit die Hügel hinauf und die Straße nach der Stadt hinab, ſo wie rings am Strande herum, hatte das Grauen ſeine Körner reich⸗ lich ausgeſäet. Da lag Alles durcheinandergeſchüttelt herum, was Lebendiges und Todtes, Weiches und Hartes, Großes und Kleines in dem weiten Bauche des rieſigen Schiffes gelegen hatte, aber Nichts war ganz, vollkommen, zuſ ammenhängend, Alles nur Stück⸗ werk, Ruine, Ueberbleibſel irgend eines geweſenen Ge⸗ genſtandes, Reſte eines verblichenen und zerſtörten Ganzen. Waffenbruchſtücke aller Art, Beſitzthümer jederlei Gattung, Koſtbares und Gewöhnliches, Nah⸗ 8 131 rungsmittel in zerſprengten Tonnen, verkohlte Balken und Bretter, Nägel, Handwerkszeuge, Geräthſchaften von Holz und Eiſen, vor allen Dingen aber— ein grauſiger Anblick— Stücke von Menſchen, die noch am Tage vorher geathmet und gelebt, auf Sieg ge⸗ hofft und ſich wie Männer von Eiſen gezeigt hatten — alles das hatte nun ſeine Laufbahn auf Erden vollbracht, ſeine Beſtimmung erfüllt und lag jetzt hier und da zerſtreut und zerſtückelt auf den Hügeln, den Feldern, den Wegen weit hinter der Stadt herum“), *) Wie groß die Gewalt dieſer Exploſton war und wie weit herum die Gegenſtände geſchleudert wurden, das beweiſt unter Anderm folgende Thatſache, die zugleich ein anderweitiges In⸗ tereſſe in ſich ſchließt, weshalb wir ſie unſern Leſern nicht vor⸗ enthalten zu dürfen glauben. Die Wahrheit derſelben aber verbürgen wir, da uns aus hochachtbarer Hand das Dokument zu Geſicht gekommen iſt, um welches es ſich hier, wie der Leſer ſogleich ſehen wird, handelt, ein Dokument, deſſen beglaubigte Abſchrift in deutſcher wortgetreuer Ueberſetzung in unſern eige⸗ nen Händen befindlich iſt. Beim Kirchdorfe Coſel, eine ſtarke Meile von Eckern⸗ förde entfernt, fiel unmittelbar nach jener Erploſton ein bren⸗ nender Gegenſtand, unweit der Wohnung des Predigers Rönnen⸗ kamp, auf's Feld nieder. Die ſogleich dahin eilenden Neugie⸗ rigen fanden ein eben im Verlöſchen begriffenes, zuſammen⸗ geſchnürtes Bündelchen Papiere. Es wurde vollends gelöſcht und der Prediger nahm es mit nach Hauſe. Am folgenden Morgen trieb ihn die Neugierde, den ihm auf ſo ſeltſame Weiſe zu Theil gewordenen Fund näher zu unterſuchen und er fand 9* 4 und Jeder, der ſuchen wollte, fand eine reichliche, traurige und lieber nicht geſammelte Erndte. So reich darin— welch ein merkwürdiges Geſchick!— die, zwei Tage zuvor von dem Commandeur der däniſchen Marine, Garde, von Alſen aus datirte und dem Commandeur⸗Capitain Paludan er⸗ theilte Ordre zu der ſo unglücklich abgelaufenen Expedition gegen Eckernförde. Der Prediger Rönnenkamp ſandte dieſes Doku⸗ ment ſofort mit einem beſonderen Boten an den derzeitigen Chef des ſchleswig⸗holſteiniſchen Kriegs⸗Departements, Herrn General⸗ Major von Krohn in Schleswig, der noch heute in Beſitz die⸗ ſer merkwürdigen Reliquie iſt. Das Aktenſtück iſt auf einen ganzen Bogen geſchrieben, freilich an einigen Stellen am Rande, ſo wie auch an ein paar Stellen in der Mitte durchbrannt, aber noch vollkommen lesbar, ſo daß die Ordre zum Angriffe und die Abſicht derſelben klar vorliegt. Dem Leſer, der ſich dafür intereſſirt und es anderweitig vielleicht nicht geleſen hat(da es ſchon— wo, wiſſen wir nicht — abgedruckt iſt), theilen wir auch dieſes Aktenſtück in der wortgetreuen Ueberſetzung mit und bemerken nur, daß die ausgebrannten Worte durch die punktirten Stellen bezeichnet ſind. Es lautet: 1 In Folge Ordre vom commandirenden Generale ſoll eine Expedition, beſtehend aus zwei Dampfſchiffen und einigen Trans⸗ portfahrzeugen von Horuphav ſo frühe abgehen, daß ſelbige den Abend des 4. d., bei eintretender Dämmerung, vor dem Hafen von Eckernförde eintrifft, wo dieſe in Verbindung mit dem Linienſchiffe Chriſtian VIII. und der Fregatte Gefion, wo mög⸗ lich in den Hafen einläuft und an verſchiedenen Stellen Truppen an's Land ſetzt, welche indeß bald wieder an Bord genommen werden müſſen, darauf die feindlichen Strandbatterieen zerſtört und ſich wo möglich in Beſitz von Eckernförde ſetzt, woſelbſt Nachrichten vom Feinde eingezogen und alle feindlichen Vorräthe 133 und weit aber auch die Saat des Unheils am Lande verbreitet war— es war nur ein Spiel, eine Klei⸗ nigkeit, mit dem Schauſpiele verglichen, welches der mitgenommen oder zerſtört werden. Die Abſicht iſt, den Feind zu alarmiren und denſelben glauben zu machen, daß eine be⸗ deutende Stärke be Eckernförde landen wolle.— Die Alarmi⸗ rung muß wo möglich ſo früh geſchehen, daß die Nachrichten davon den 5. Morgens in Flensburg eintreffen können, alſo wo möglich bald nach Mitternacht; da dieſes aber vielleicht nicht ausführhar, ſo........... ........ Tagesanbruch.......— Dem Herrn Com⸗ mandeur⸗Capitain Paludan wird dieſe Expedition übertragen, deſſen Einſicht........ Aufmerkſamkeit gegen Süden... Gegen Abenddämmerung iſt die Fregatte Gefion mit dem Dampfſchiffe Geiſer....... außerhalb....... Hafen .......... und der Chef....... Ihrem Commando. In drei Jachten.................. zur Dispoſition......... Dampfſchiffe.......... ausgeſetzt werden............. Während der Expedition beſorgt die Corvette Galathea ......... vor dem Kieler Hafen....... Wenn die Expedition den 5. geendet iſt, ſo geht die Galathea hierher, nach der dem Chef derſelben gegebenen Ordre. Sie werden eines von den Dampfſchiffen beordern, die Galathea zu begleiten. Das andere Dampfſchiff ſenden Sie direkt hierher mit dem Rapport über die beendigte Expedition. Sonderburg den 3. April 1849. 8 Garde. * — 134 Nand des Meeres rings um den Buſen herum darbot. Da lag noch, wo er geſtern gelegen, der ungeheure Kiel des einſt ſo königlichen Schiffes; der Grund ſeines nicht mehr vorhandenen Hintertheils ſaß noch auf derſelben Sandbank feſt, nur ſein ſchön geſchweif⸗ ter Bug, einzig und allein ziemlich zuſammengehalten, ragte wie ein dunkeler dräuender Meergeiſt aus den ſchäumenden Wellen hervor. Alles Uebrige war ver⸗ ſchwunden, im Grunde der See begraben, weit in alle Lüfte zerſtreut. Vierhundert Schritte vom Lande entfernt, ſtarrten dieſe Trümmer acht oder neun Fuß hoch in die Luft, und noch nicht geſättigt in ihrem Grimme, ihrer Leidenſchaft und Gier, fraß und nagte die düſterrothe Flamme an den Gegenſtänden, die ihrer hin und her flackernden Zunge Speiſe boten. Noch immer ſchlug der lodernde Brand haushoch em⸗ por und ſandte einen ſtinkenden Qualm in die reine Morgenluft, und jedesmal, wenn die wogende Fluth, die noch Berge auf Berge an das Ufer ſchleuderte, darüber hinwegſtürzte, löſchte er ſich; kaum aber war die ſalzige Flüſſigkeit über die Trümmer gerauſcht, ſo loderte die Flamme wieder mit neuer Gewalt aus dem feuchten Schooße hervor. Und dies Schauſpiel dauerte drei Tage hindurch, 4⁴ . da erſt hatte der Feuer⸗ und Waſſerwolf ſeine Beute verſchlungen. Nur am Strande, unmittelbar das ſandige Ufer berührend, lag, etwa 300 Schritte breit und 3000 Schritte lang, ein rieſiger leiſe wogender Gürtel, den die Wellen, ſo mächtig ſie waren, nicht hoch in die Höhe heben konnten, denn in dieſem chaotiſchen Gür⸗ tel war Alles enthalten, in ſeinen Bereich hatte das Meer Alles herangeſpült, was geſtern Abend in die Luft geflogen und in die Tiefe geſunken war. Millio⸗ nen zerbrochener, zerriſſener, zerfetzter Stücke und Stück⸗ chen, von der Größe einer halben Schiffswand bis zur Kleinheit eines Kieſelſteins, tauchten auf und nie⸗ der in der tanzenden Brandung. Zerſchmetterte Maſte, zerſplitterte Boote, meiſt ihre Kiele den Lüften zeigend, zerriſſenes Tau⸗ und Segelwerk, Flaggen und Ruder, Kiſten und Tonnen, Möbel und Waffen— Alles, Alles trieb und rieb ſich bunt durcheinander, drückte und preßte, ſchob und hob Eins das Andere an's Ufer, als wollte ein Jedes aus dem feuchten Grabe gerettet und wieder in warmer Menſchenhand gebor⸗ gen ſein. Und dann und wann hob ſich eine Stelle, wie eine kleine Inſel, höher empor, als triebe ſie eine lebendige, innere Kraft an das Licht. Und die Men⸗ ——ꝛ—ꝛ— 136 ſchen, die eilfertig hinzuſprangen, um vielleicht noch ein Leben zu retten, fanden in der Regel nichts als einen todten Körper, einen Kopf, einen Arm, ein Bein, welches die Seele längſt verlaſſen, das Meer erſäuft und der Tod erkältet hatte. Und da ſtanden ſie am Ufer und ſchauten mit ſtieren, verwunderten Augen und ſtockendem Athem auf die wogende Wüſte, das tanzende Chaos, welches dem Leibe eines Rieſen angehört hatte. Je weiter der Morgen in den Tag vorrückte, deſto mehr füllte ſich der weite Strand mit neugierigen, erſchrockenen und vor Staunen nicht reden könnenden Menſchen; aus der ganzen Umgegend, aus Kiel, Schleswig und Rendsburg ſtrömten ſie herbei, um das unglaubliche Schauſpiel zu ſehen, denn ſchon iſt zu ihnen die Kunde des merkwürdigſten aller Siege und Nieder⸗ lagen gedrungen. Haufenweiſe umdrängen ſie den Strand, holen und fiſchen heraus, oft mit Lebens⸗ gefahr, was ihnen behagt und beliebt, und rollen ſchon große Fäſſer an den Strand hinauf, die ſie aufſchlagen und dann daraus mit köſtlichen Leckerbiſſen und herrlichem Kopenhagener Biere ſich erlaben. Auch Waffen und ſonſtige Erinnerungen an den königlichen Chriſtian ſammeln ſie ſich, Jeder nimmt, was ihm gefällt, denn noch wehrt Niemand die Aneignung, es iſt Alles, Alles Eigenthum des ſiegreichen deutſchen Volkes, welches ſeine Abgeordneten aus allen Stän⸗ den hierher geſendet hat. Aber da naht von der Nordſeite der Stadt her, wo die ſchöne Jungfrau des Meeres, die ſtattliche Gefion, mit Ketten an die Brücke gebunden iſt— eine koſtbare Gefangene, weil ſie zugleich die einzige ſichtbare Trophäe des großen Sieges iſt— ein trau⸗ riger, unwilliger und unſer tiefſtes Mitleid in An⸗ ſpruch nehmender Zug. Man hat die Seeleute der Fregatte aus ihrem blutigen Gefängniſſe, in dem ſie während der Nacht geblieben waren, entlaſſen; ſie kommen herbei und vereinigen ſich mit den geretteten Kameraden des Linienſchiffes. Und ſchon nahen auch die preußiſchen Musketiere vom 12. Infanterie⸗Regi⸗ mente, welche die Gefangenen nach Rendsburg führen ſollen. 3 Da fahren auch Wagen auf, kleine holſteiniſche Bauerwagen, für die königlichen Offiziere beſtimmt, die kurz vorher noch im Vollgefühle ihrer Herrſchaft auf der Campanje ihres Dreideckers gethront haben. Auf den erſten derſelben ſteigt der greiſe Paludan, tief geknickt von ſeinem unerhörten Mißgeſchicke, das graue Haupt vornüber gebeugt, die Hände in die weiten Aermel ſeines Ueberrocks geſteckt, von Zeit zu . 138 Zeit im kalten Morgenwinde ſchaudernd und ſich nicht getrauend, einen Blick auf die neben ihm brennende Ruine ſeiner Herrſchaft zu werfen. Als er auf ſei⸗ nem Strohſacke ſitzt, nimmt er einige kleine Knaben — ein rothhääriger iſt darunter und weint— die jüngſten Kadetten, zwiſchen ſeine Kniee, denn es ſind Söhne vornehmer Leute in Kopenhagen, die man ſei⸗ ner Leitung und Obhut anvertraut hat. Als ſeine kleinen Gefährten alle um und neben ihm ſitzen, wirft er einen Abſchiedsblick auf Eckernförde— er wird es nie vergeſſen— und fährt davon. Den zweiten Wagen beſteigt ein anderer Offtzier, der Capitain Meyer, der Führer der Gefion, die er jetzt verlaſſen hat, um ſie nicht wiederzuſehen. Stolz und ſicher ſchreitend, das Antlitz kühn erhoben, wirft er mit Zähneknirſchen einen düſteren Blick auf den brennenden Chriſtian, deſſen Flammen ſich blutig in ſeinem Herzen widerſpiegeln. Feſt, ungebrochen, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen ſitzt der ſtrenge Mann auf ſeinem Strohſacke und denkt im Stillen vielleicht an einen neuen Kampf. Wahrlich! es wäre nicht rathſam, ihm in dieſer Stimmung noch einmal mit ſeiner Fregatte auf offenem Meere zu begegnen, denn er würde ſich ſchlagen wie ein Verzweifelter, auf Le⸗ ben und Tod. Nachdem auch zu ihm einige junge 139 Leute auf den Wagen geſtiegen ſind, folgt er, die lautlos umherſtehende Menge mit ſtolzem und feuri⸗ gem Blicke betrachtend, ſeinem ehemaligen Befehls⸗ haber. Und ſo beſteigen denn auch die anderen Offi⸗ ziere ihre Wagen, unter ihnen der kühne Graf Wedel Jarlsberg, der Adjutant Paludan's, der unmittelbar vor der Exploſion des Schiffs vom hohen Borde in die See geſprungen war und trotz ihrer gähnenden Schlünde das Ufer glücklich erreicht hatte. Viele von ihnen tragen um Kopf, Arm oder Leib mit Blut ge⸗ tränkte Binden, Beweiſe, daß ſie mehr oder weniger verwundet ſind, was aber jeder ſo viel wie möglich dem Volke von Eckernförde zu verbergen trachtet. Als aber die zehn oder zwölf Wagen ihre Laſt aufgenommen haben und davon gefahren ſind, treten die preußiſchen Musketiere heran und bilden einen großen aber ſehr dünnen Kreis um die Matroſen und Seeſoldaten, von denen noch über 900, die im Hos⸗ pitale liegenden eingerechnet, am Leben und gefangen ſind, aber auch von den Anweſenden bluten Viele aus verſchiedenen Wunden, die ſie ſich kaum wollen verbinden laſſen. Es ſind düſtere, trotzige Geſtalten mit finſterem Blicke, die noch die Folgen des langen Gefechts, Abſpannung und Ermüdung, auf ihren bleichen Geſichtern tragen und mit trübem Schwei⸗ 140 gen den ernſt blickenden Kriegern folgen, die ſie nach der Feſtung Rendsburg führen. Von Hunderten von Menſchen begleitet, ſetzt ſich der lange Zug in Bewegung, rückt langſam die An⸗ höhe hinauf und lockt aus jedem Orte, aus jedem Hauſe, an dem er vorüberkommt, Männer, Weiber und Kinder auf die Straße, die über die Maaßen neugierig ſind, das große Wunder zu ſchauen, und nicht begreifen können, wie es möglich war, daß ſo viele und ſo ſtarke Männer von ſo wenig braven Männern beſiegt worden ſind. Kaum aber iſt dieſer Menſchenhaufe vom Strande vor Eckernförde weggezogen, ſo bereitet ſich ſchon ein anderes, nicht weniger ergreifendes, ja ein viel trüb⸗ ſeligeres Schauſpiel vor. Schleswig⸗holſteiniſche, thü⸗ ringiſche Soldaten und Einwohner der Stadt kom⸗ men von langem Suchen zurück und legen am Strande nieder, was ſie auf ihrem Wege gefunden haben— verſtümmelte Leichen, einzelne Menſchenglieder— Alles aber kalt, blutlos, von der Starrheit des Todes be⸗ fangen, geſchwärzt vom Pulverdampfe und beſtäubt von dem trockenen Gefilde, wohin es die Gewalt des auffliegenden Vulkans geſchleudert. Unter den Suchern befindet ſich— wir ahnen es ſchon— unſer Freund, der Capitain Burns. Mit 141 treuen, ſcharfen Vateraugen hat er unter den vielen Leichen und Leichentheilen eine einzige geſucht, aber er hat ſie noch nicht gefunden. Da zieht ein lauter Aufſchrei ihn nach einer großen Gruppe hinüber. Man hat vier Stücke zuſammengeſetzt, die ungefähr einen Menſchen bilden und unzweifelhaft einem ein⸗ zigen gehörten, und dieſer Menſch hieß im Leben Theodor Preußer. Ja, er iſt es, man erkennt ſein Antlitz, das ſelbſt der gräßliche Tod nicht verzerrt und verunſtaltet hat. Stumm, mitleidsvoll und tief bewegt tragen ihn die Bürger nach der Stadt, um ihn vom Staube zu reinigen und ihm eine ehren⸗ volle Ruheſtätte anzuweiſen. Aber was iſt das— wem gehört jener Kopf mit den blond gelockten Haaren, die die Flamme verſchont und nur der Staub des Feldes, worauf er gefunden, befleckt hat?— Es iſt ein zartes, feines Geſicht und muß einem kaum bärtigen Jünglinge gehört haben. Ein Mann hält ihn an den Haaren empor und fragt, ob vielleicht Jemand ihn kenne? Andreas wirft nur einen Blick darauf— und er hat ihn erkannt; ja, es iſt ſeines Sohnes Kopf, ſei⸗ nes Erik, des Lieblingskindes ſeiner Gertrud, deren liebliche Züge er ſelbſt im Tode noch trägt. Mit einem Satze, wie ihn der Löwe auf ſein gefährdetes 142 Junge vollführt, ſpringt er darauf zu und nennt das traurige Ueberbleibſel eines Menſchen ſein Eigenthum. Er hebt ihn in die Höhe, betrachtet ihn beim Lichte der Sonne, die eben ihr Antlitz enthüllt und dem unglücklichen Bater über dem todten Auge des Kindes das lebendige, allgegenwärtige Auge Gottes zeigt, und ruft:„Ja, ja, er iſt es— ich kenne ihn!“ Und raſch ein ſeidenes Tuch um das geliebte Kin⸗ deshaupt ſchlingend, trägt er es auf ſeinem Arme in das Haus des Freundes, ſchließt ſich in ſein Zimmer ein und läßt Niemanden ſehen, von welchen Gefüh⸗ len er durchdrungen, von welchen Schmerzen er er⸗ ſchüttert iſt. Sechſtes Anpitel. Die Rückkehr vom Siege bei Eckern⸗ förde. Es war beinahe der Mittag des Charfreitages herangekommen, als der Beſitzer des Hauſes, der bis dahin ſeinen Gaſt abſichtlich nicht geſtört hatte, an Andreas' Thür pochte. „Wer iſt da?“ fragte eine ruhige, tiefe und ernſte Stimme heraus. „Ich bin es, Andreas, Dein Freund— darf ich nicht zu Dir eintreten?“ Die Thür öffnete ſich und dem Eintretenden bot ſich ein ſeltſamer Anblick dar. Außer dem bleichen Freunde, deſſen energiſches Geſicht aber ſeine voll⸗ kommen wiedergewonnene Faſſung verrieth, ſah er— eine traurige und früh verblühte Blume— auf einem 144 geleerten Blumentopfe das rein gewaſchene und wohl⸗ gekämmte Haupt des todten Jünglings ſtehen. Still⸗ ſchweigend, von Niemandem bedient und unterſtützt, hatte der Vater mit liebevoller Hand dies Werk allein verrichtet, und als es vollendet war, zu ſeinem Schö⸗ pfer gebetet und um Kraft gefleht, nicht den eigenen Schmerz, denn der war ſchon bezwungen, ſondern den einer anderen Seele ſiegreich zu bekämpfen, der er dies theure und letzte Andenken überbringen wollte. „Sieh,“ ſagte Andreas zu ſeinem Freunde,„das war mein Erik, mein jüngſter Sohn, auf den ich einſt große Hoffnungen baute, denn er hatte vortreffliche Anlagen für einen tüchtigen Seemann, und Luſt und Neigung zu dem ſchönen und kühnen Berufe, wie wir ſelber, da wir ſo jung waren, wie er. Aber Gott wollte es anders, und ihm müſſen wir Men⸗ ſchen ja kindlich gehorchen, denn er iſt ja unſer Aller Herr und Vater. Auch ſoll der Menſch auf Nichts in dieſer Welt feſt und ſicher rechnen, denn je ſicherer er zu rechnen glaubt, um ſo gewiſſer verrechnet er ſich, da er die Mächte des Schickſals nicht in An⸗ ſchlag bringt, die ihm falſche Zahlen unterſchieben. Hätten wir eine deutſche Flotte gehabt, er wäre ge⸗ wiß ein Deutſcher geblieben, aber ſo trifft der all⸗ gemeine Fluch unſerer nationalen Schwäche auch mein 145 altes Haupt, obgleich ich ſie nicht verſchulde. Nicht die däniſche Geſinnung, nur die däniſche Macht und der Glanz ihres Rufes zur See zog ihn zu den Nach⸗ baren hinüber, und in männlichem Kampfe, vielleicht in Verzweiflung, nicht ſiegen zu können oder gegen ſein Vaterland ſeine Hand erhoben zu haben, hat er ſein Leben gelaſſen. Das iſt ſeine kurze Geſchichte. Und nun, mein Freund, danke ich Dir für Deine Gaſtfreundſchaft. Ich habe nur noch ein kleines Ge⸗ ſchäft vor mir, dann muß ich Dein Haus verlaſſen und mein eigenes aufſuchen.“ „Aber warum ſo eilig, Andreas? Du kommſt früh genug mit der traurigen Botſchaft heim.“ „Eben darum, damit kein Anderer die Botſchaft vor mir bringe, will ich ſie ſelbſt ſo ſchnell wie mög⸗ lich bringen. Ach, ich habe hier nur ein leichtes Ge⸗ ſchäft vollbracht— zu Hauſe erwartet mich ein ſchwereres.“ Der Freund drückte dem Freunde die Hand und ließ ihn gewähren, denn er kannte ſeinen Charakter und wußte, daß er von einem einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſe nicht abzubringen war, Dicht neben dem Hauſe des Seemanns wohntt ein armer Schreiner. Zu dieſem begab ſich Andreas, ſägte ihm einige Worte und ward in die kleine Werk⸗ A. Burns. III. 10 146 ſtatt geführt, wo er Bretter und Werkzeuge empfing. Und der Sonntag ward nicht durch die Arbeit ent⸗ heiligt, die jetzt von den Händen des bleichen Vaters voollführt wurde. Schnell, geſchickt, ohne Hülfe eines Fremden, zimmerte er einen kleinen Kaſten und machte ſich einen Deckel dazu; und als das leichte Werk vollbracht war, trug er es in ſein Haus, wickelte das theure Kindeshaupt in mehrere weiße Tücher, die ihm ſein Freund gegeben, legte es in den Kaſten und na⸗ gelte den Deckel darauf. Dann band er das Ganze in ein ſchwarzes Wachstuch ein und knüpfte eine ſtarke Schnur darum. So ſah es aus wie ein kleiner Sarg, der leicht zu handhaben war. Eine halbe Stunde ſpäter ward der treue Grau⸗ ſchimmel vor das Thor des Hofes geführt und An⸗ dreas ſetzte ſich auf, nachdem er warmen Abſchied von ſeinem Freunde genommen. Vor ſich auf den Sattel aber nahm er das koſtbare Käſtchen und hielt es feſt mit ſeinem rechten Arm umſchlungen, während die Linke die Zügel führte. So, und nur von dem mitleidsvollen Blicke ſeines Freundes verfolgt, ritt er langſam aus der mit Trümmern bedeckten Stadt hin⸗ aus, die er nicht hoffnungslos, aber auch nicht voll großer Hoffnung auf ein glückliches Ende betreten hatte, und hinter ihm her erſcholl der laute Jubel 147 der Bewohner, der ſich jetzt von Stunde zu Stunde ſchallender erhob, je weiter die Erinnerung an das Unheil des eben Erlebten vor dem wachſenden Sieges⸗ gefühl in die Schatten der Vergangenheit zurückſank. In langſamem Schritte, denn er hatte ja nun keine Eile mehr, ſetzte der einſame Wanderer ſeinen Ritt nach Miſſunde fort, denſelben Weg wählend, den er vor drei Tagen gekommen war, und ſein braves Pferd, als wüßte es, welche doppelte Laſt von Schmerz und Leid es trage, bewegte ſich ruhig wie nie zuvor der Heimat zu.. Als die Schley mittelſt der Fähre überſchritten war, ſtieg der Reiter wieder auf und ritt, in ſtille Betrachtung verſenkt, langſam weiter, denn Vieles hatte er zu bedenken, zu beſchließen. Alles, was am Tage zuvor vor ſeinen Augen geſchehen war, wieder⸗ holte er ſich im Geiſte von Anfang bis zu Ende; was er aber zu Hauſe thun und ſagen wollte, das wußte er noch nicht, das konnte er noch nicht beden⸗ ken, denn eine Ueberfülle von Sorge und Kummer ſah er vor ſich liegen, die ihn um ſo mehr bewegten, weil ſie ihn nicht ſelber betrafen. So wurde es allmälig Abend und die Dämme⸗ rung ſank auf die Gegend herab, durch die der ein⸗ ſame Reiter ſeinen Weg fortſetzte. Trotzdem aber 10* 148 der Wind immer noch durch die Bäume rauſchte, ihre Wipfel ſchüttelte und klagend über die öden Felder ſtrich, dünkte ihn doch die Luft ſo ſtill zu ſein, wie er ſie nie gehört zu haben ſich erinnerte, denn noch immer, und lange nachher noch, glaubte er das Ge⸗ brüll der donnernden Geſchütze und den betäubenden Knall des auffliegenden Schiffes in ſeinen Ohren und ſeinem Gehirne widerkrachen zu hören. Und der Abend wandelte ſich in die Nacht um, und der Reiter ritt immer in gleichem Schritte wei⸗ ter. Je weiter er aber ritt, je dunkeler es um ihn ward und je ſtiller die Nacht auf die unruhige Erde ſank, um ſo ruhiger, friedlicher wurde es in ſeinem Herzen, das ſich vertrauensvoll zu Gott erhoben und von ihm Segen in Fülle, eben den erbetenen Frie⸗ den, erhalten hatte. So langte er erſt bei hellem Mondenſchein in Flensburg an. Hier blieb er bis zum Morgen, ruhte ſein Pferd und nahm ſelbſt einige Nahrung zu ſich, deren er ſehr bedurfte, denn er hatte in den letzten zwei Tagen wenig oder gar nichts ge⸗ noſſen. In Flensburg vernahm er, daß auch im Sunde⸗ witt wieder der Kampf begonnen hatte, und gerade an dieſem Tage, dem 7. April, dem Oſterſonnabend, entſpann ſich ein hartnäckiger Kampf, denn die Dä⸗ 149 nen waren in großen Schaaren von Alſen herüber⸗ gekommen und drängten die Deutſchen bis Baurup zurück, alſo wieder in die Nähe von Rasmus Harms kaum hergeſtelltem Hauſe, ſo daß auch in Emmers⸗ lund Unruhe herrſchen mußte. Wohl hörte Andreas auf ſeinem Wege nach Apen⸗ rade das Feuer der kämpfenden Geſchütze, aber das ſchien ihm Alles jetzt nur ein Kinderſpiel, Tand und Scherz, nachdem er bei Eckernförde viel Größeres ge⸗ ſehen und gehört. Als er gegen Mittag in Apenrade einzog, fand er auch hier Alles in Kampf und Auf⸗ ruhr. Die Dänen waren, überall daſſelbe Spiel ver⸗ ſuchend, mit einer Corvette und ſechs Kanonenboo⸗ ten gekommen und hatten das Apenrader Schloß und die Schanzen vor der Stadt eifrig beſchoſſen, mußten aber, von den Schleswig⸗Holſteinern zurück⸗ gedrängt, ihr Heil in der Flucht ſuchen, ſo raſch ſie konnten. Und gerade als ſie auf ihre Schiffe flüch⸗ teten, kam Andreas vor der Stadt an und mußte einen weiten Umweg nehmen, um nicht zwiſchen die kämpfenden Schaaren zu gerathen. So langte er erſt Nachmittags bei dem alten Wundarzte an, der in der nördlichen Vorſtadt wohnte, und bei ihm trat er ab und raſtete einige Stunden, weil er daſelbſt am wenigſten von Neugierigen geſtört war. 150 Sobald er aber den alten Freund begrüßt hatte, ſandte er einen zuverläſſigen Boten nach dem An⸗ dreasberge, um Capitain Kühlwetter zu benachrich⸗ tigen, daß er von Eckernförde nach Hauſe zurück⸗ kehre. Er fügte aber den Wunſch hinzu, Niemand dieſe Rückkehr und die Stunde ſeiner Ankunft wiſſen zu laſſen; Capitain Kühlwetter allein ſolle ihm bis an einen, eine Viertelſtunde von Emmerslund gelege⸗ nen Ort, den er genau bezeichnete, entgegenkommen, um daſelbſt ſeine weiteren Wünſche zu vernehmen. Auf die gewiſſenhafte Erfüllung dieſes Auftrages hatte er den Plan gebaut, den er auszuführen entſchloſſen war. Gegen Abend endlich, eine Stunde vor der be⸗ ſtimmten Zeit, verließ Andreas das Haus des alten Wundarztes. Langſam, immer langſamer ſetzte er ſeinen Weg fort, denn je weiter er kam, um ſo ſchwe⸗ rer und beklommener wurde ſein Herz. Die ruhige Faſſung, die er mit ſo viel Mühe und Selbſtüber⸗ windung errungen, wurde wieder tief erſchüttert, als er ſich die ſchmerzliche Ueberraſchung vorſtellte, welche ſeine Erſcheinung und ſeine Mittheilung in Emmerslund hervorbringen würde. Wiederholt ſprach er zu Gott und bat ihn, ſeine Hand gütig und milde über das Mutterherz zu breiten und der Schwachen mit ſeiner 61— Stärke beizuſtehen, damit ſie den großen Schmerz, der ihr bevorſtehe, leichter ertrage. Während er dies ſo bei ſich bedachte, war er im langſamſten Schritt ſeines Pferdes bis an die Stelle gelangt, wohin er Capitain Kühlwetter beſchieden hatte. Aber vergebens ſah er ſich nach ihm um, er war noch nicht da, und auch ſonſt kein Menſch, dem er in Ermangelung des alten Seemanns den Auftrag hätte anvertrauen können, den er im Sinne trug. Aber er hatte ja keine Eile, es drängte ihn diesmal nicht mit ſo herzlicher Gewalt nach Hauſe, wie früher, wenn er Tage lang davon entfernt geweſen war, im Gegentheil, wider Wiſſen und Willen verſuchte er den Augenblick des Wiederſehens ſo lange wie mög⸗ lich hinauszuſchieben. Daher beſchloß er zu warten und ſtieg aus dem Sattel, immer noch ſorgſam ſein ſchwarzes Käſtehen auf dem Arme tragend, ohne von deſſen Schwere ermüdet zu werden, denn ein Vater vermag mit Arm und Herz eine große Laſt zu tra⸗ gen, wenn ſie das Wohl oder Weh eines Kindes, eines Sohnes betrifft. So ſtand er im Dunkel des Abends, der ſeine Schatten ſchon lange über die Erde gebreitet, hinter einem noch blattloſen Gebüſche, langſam auf⸗ und abgehend und bisweilen einen erwartungsvollen Blick 152 in die Richtung nach Emmerslund werfend. Aber Capitain Kühlwetter kam noch immer nicht. Statt ſeiner jedoch ſtieg der Vollmond hinter Apenrade herauf und übergoß mit ſeinem ſtrahlendſten Lichte das ganze vor ihm liegende herrliche Land. O, auch auf den Andreasberg fiel ſein glänzendes Auge, und Andreas konnte nicht nur das Dach, ſondern ſogar die Fenſter der Gartenſeite ſeines Hauſes im Wider⸗ ſtrahl des Mondlichtes ſchimmern ſehen. O, wie wurde ihm da mit einem Male ſo weich und wehmüthig um's Herz, denn den Frieden und die häusliche Stille, die er dort oben innerhalb der Mauern jenes Hauſes wohnen wußte, ſollte er ſtören, die Hoffnung in Schmerz verwandeln und dem treu⸗ ſten Herzen auf Erden die bitterſte Qual bereiten! Nie wie in dieſem ſchweren Augenblicke hatte Ca⸗ pitain Burns ſo tief und ſüß das Familienglück em⸗ pfunden, welches ihn ſchon ſo viele Jahre an Ger⸗ trud und ihre Kinder feſſelte, nie hatte er, die Schwingung des menſchlichen Schickſalsrades, das ihn und die Seinigen jetzt zermalmte, für ſo wandel⸗ bar und die Gaben der Erde für ſo trügeriſch gehal⸗ ten. Beinahe zwölf Jahre wohnte er nun ſchon un⸗ ter dieſem Dache und unendlich viel Glück und Se⸗ gen hatte ihn Gott bisher darin genießen laſſen, und * 153 nun war der Augenblick gekommen, wo ihm zum er⸗ ſten Male der Herrſcher im Himmel ſein leuchtendes Antlitz verhüllte und ihn mit nächtiger Trübſal an⸗ blickte. Als er in dieſem durchbohrenden Schmerzgefühle, von den geiſterhaft dämmernden Mondſtrahlen und dem Geflüſter des über die Felder rauſchenden Nacht⸗ windes umſchauert, ſo einſam und nachdenkend ſtand, erfaßte plötzlich eine trübe Ahnung ſein männliches Herz.„Das iſt der Anfang des kommenden Leids,“ ſprach eine geheimnißvolle Stimme in ſeiner Bruſt, „und auf die erſte Niederlage werden noch mehrere folgen. Bisher hat Dein Lebensweg hoffnungsvoll und glücklich den Berg hinaufgeführt— jetzt, jetzt aber, Andreas, ſchreiteſt Du abwärts dem dunkelen Ziele des irdiſchen Lebens entgegen, welches Der da, deſſen Haupt Du an Deinem Herzen hältſt, ſchon er⸗ reicht hat!“—„Nun, wohlan denn,“ antwortete dieſer Unheil verkündenden Stimme ſein ſich wieder erhebender Muth,„wenn es ausgeſtanden ſein muß, ſo wollen wir es ausſtehen, denn dem Schickſale und Gottes Willen uns widerſetzen können wir Menſchen ja einmal nicht. Und müßte ich ſelbſt den Frieden und die Freude jenes Daches verlaſſen, und hinaus⸗ ziehen in die fremde Welt, wie ſo Viele— auch das, 154 ja, auch das wollte ich— nicht freudig zwar— aber doch willig erdulden, wenn ich nur mein Weib und meine übrigen Kinder behalte!“ „Mein Weib! O, was ſoll ich ihr ſagen, wenn ich nun ſtill und wehmüthig nach Hauſe komme? Ich weiß es noch nicht. Vielleicht aber giebt mir Gott den rechten Gedanken ein, wenn ich ihr fragendes Auge ſchaue, und leitet meine unbeholfene Zunge, daß ich ſie nicht entſetze. Ach, wie freudig ließ ſie mich von ſich gehen, wie voll Hoffnung blickte ſie mich an, als ich ſchied— bringe mir Gutes zurück, Andreas, ſagte ſie zu mir— und was bringe ich ihr? Da, hier— dieſes Haupt— blaß und kalt— denn es iſt Alles, was auf der Welt von dem Kinde übrig iſt, was ſie ſo heil und geſund unter ihrem Herzen getragen hat!“ Und zum erſten Male, ſeitdem ihm ſo viel Schreck⸗ liches begegnet, kam ihm eine Thräne in's Auge, ein ſeltener Gaſt bei ihm, und er zerdrückte ſie nicht, ſon⸗ dern ließ ihr freien Lauf, denn er fühlte mit Wolluſt, wie ſie die Laſt von ſeiner Seele hob, als hätte ein Engel mit ſanftem Flügelſchlage die heiße Wunde ſeines Herzens gekühlt— und feſt an dieſes Herz preßte er den kleinen Sarg, als wollte er ihn daran erwärmen, doch er— blieb ſtarr, kalt und unempfind⸗ 155 lich für Alles auf Erden, denn ſein Gefühl, ſein Leben war ſchon lange in die Gefilde des Himmels hinauf⸗ geſtiegen. Verlaſſen wir hier einen Augenblick den harrenden Vater und gewähren wir ihm Zeit, im Stillen ſeine traurigen Gefühle niederzukämpfen, ſeine Seele wird ſich ſchon wieder emporringen aus dem irdiſchen Wirr⸗ warr, wie ſie es ſchon ſo oft gethan,— und begeben wir uns nach Emmerslund, um zu erfahren, wie es dort während ſeiner Abweſenheit hergegangen war. In tiefſter äußerlicher Ruhe hatte die Familie ge⸗ lebt, ſeitdem der Hausherr von ihr geſchieden war, aber nicht ſo in innerlicher Ruhe und Zufriedenheit. Voll Sorge hatte Gertrud ihren Mann entlaſſen, und nur die Hoffnung, eine angenehme Nachricht von ihm zu erfahren, wenn er zurückkehrte, hatte dieſe Sorge in etwas erleichtert. Kaum aber war er davon ge⸗ ritten, ſo hätte ſie ihn gern wieder zurückgerufen, wenn es nur möglich geweſen wäre; denn nach Art der Frauen, die nur den augenblicklichen Antrieben ihrer Gefühle folgen, hatte ſie in dieſe bedenkliche Reiſe gewilligt. Als ſie ihn nicht mehr ſah, ihn, der der ganze Troſt und Schatz ihres Lebens war, fiel 156 ihr plötzlich eine größere Sorge auf's Herz, als je zuvor, und ſelbſt die Betrübniß um das Schickſal ihres Lieblingskindes trat davor in den Schatten zu⸗ rück.„Es iſt unrecht,“ ſagte ſie wiederholt zu ſich, „daß ich ihn von mir gelaſſen habe. Wenn ihn nun ein Unheil ereilte, wenn nun Beiden etwas Gefãhr⸗ liches begegnete— o, ich Thörin, wie habe ich blind und unklug gehandelt! Was kann er denn Erik hel⸗ fen, wenn er am Lande und dieſer auf dem Schiffe iſt? O großer Gott, beſchütze meine beiden Lieben— aber halte vor Allem Deine Hand über Andreas, denn er iſt mein Alles, ohne ihn könnte ich nicht leben!“ Dieſer Gedanke, den vielleicht Gott geſchickt hatte, um der Mutter Herz auf einen großen Schlag vor⸗ zubereiten, ſollte für Andreas ſelbſt eine ungeahnte Hülfe ſein, obgleich er für die Tage ſeiner Abweſen⸗ heit der Gattin Hesz zerriß. Von Stunde zu Stunde lauerte ſie nun ſelbſt auf ſeine Rückkehr, aber er konnte ja in ſo kurzer Zeit nicht zurückkommen. In ſolchen Lagen aber halten die Frauen oft das Un⸗ mögliche für möglich, ſie klammern ſich an ein Wun⸗ derwerk der Vorſehung und vergeſſen über ihre Em⸗ pfindungen den Zuſammenhang der Verhältniſſe der Welt, das Wirkliche und nur Erreichbare. So auch 157 Gertrud. Am 3. April Mittags war Andreas fort⸗ geritten, am Mittag des nächſten Tages alſo mußte er ſpäteſtens in Eckernförde anlangen, denn er ritt ja immer ſo raſch. Das war am Mittwoch. Er würde Zeit genug an dieſem Tage haben, ſich von den Ver⸗ hältniſſen zu unterrichten, und am Donnerſtag zurück⸗ reiten, alſo Freitag Mittags zu Hauſe ſein. So rechnete die Gattin; ſie bedachte aber nicht, wie die Mutter vorher gerechnet, die nur ein ihrem Sohne begegnendes Ereigniß im Sinne gehabt hatte, welches herbeizuführen oder zu beeilen ja nicht in der Macht⸗ vollkommenheit ihres Mannes lag. Doch ſie rechnete einmal ſo, und wir wiſſen, was die Frauen einmal ſich ausgerechnet haben, das wollen ſie auch ſtimmen und eintreffen ſehen. Als nun aber der Mittag des Freitags kam und Andreas ausblieb, ward ſie ſchon unruhig. Der Abend kam, die Nacht— und ſie wurde beinahe krank vor Sehnſucht nach dem Manne ihrer Liebe. Am Sonnabend Morgen endlich, durch Helenens und Agathens tröſtlichen Zuſpruch ermuthigt, faßte ſie ſich wieder und ſprach wiederholt den Ge⸗ danken aus, ſie wolle Alles erdulden, wenn ſie nur »Andreas noch einmal wohlbehalten im Leben wieder⸗ ſähe. Ob ihr dieſer Gedanke ohne alle Nebengedanken aus dem Herzen kam, wiſſen wir nicht, daß er aber 158 ſchon oft ausgeſprochen iſt, haben wir im Leben zur Genüge erfahren. Eine ähnliche Sorge hatte ſeit dem vorigen Tage die drei alten Seemänner ergriffen. Seit des Capi⸗ tains Abreiſe hatten Kühlwetter und Meviſſen ihre Wohnung auf Emmerslund aufgeſchlagen und treu⸗ lich ihr Verſprechen gehalten, das Haus und die Um⸗ gegend bewacht. Aber Nichts geſchah, was ſie hätte beunruhigen können. Am 3. April waren zwar im Sundewitt die erſten Kanonenſchüſſe des wiederaus⸗ brechenden Krieges gefallen, aber das war nichts Neues, Aufregendes mehr, das hatten ſie lange er⸗ wartet und darauf waren ſie vorbereitet. Auch die im Meerbuſen vorbeiſegelnden Schiffe beunruhigten ſie nicht; beim Beginne eines ernſtlichen Krieges konnten die Dänen ihr Augenmerk nicht mehr auf kleine Häu⸗ ſer und Höfe gerichtet halten, ſie mußten alle Kräfte für den ſchlagfertigen Feind aufſparen. So war ihnen der 3. und 4. April verſtrichen. Am 5. früh Morgens aber ſtanden ſie alle Drei auf der Warte und horch⸗ ten aufmerkſam nach dem Süden hinüber, denn die fürchterliche Kanonade von Eckernförde drang bis Apen⸗ rade und vielleicht noch weiter hinauf nach Norden. Daß etwas Ernſtliches, Großes in jener Gegend vor⸗ gefallen ſei, berechneten ſie ſchnell, und jetzt fing ihre 159 Sorge an, daß ihr Freund nicht vergeblich ſeine Reiſe angetreten habe. Als aber am Abende dieſes Tages jene furchtbare Exploſion geſchah, die durch beide Herzogthümer gehört und deren himmelhohe Feuer⸗ ſäule theilweiſe auch von geeigneten Orten geſehen wurde, da ſchraken ſie ernſtlich zuſammen, denn jener dumpfe, aus der Ferne herüberdringende Widerhall konnte nichts Anderes bedeuten, als das Auffliegen eines Pulverthurms oder eines großen Schiffes. Und als nun nach jenem dumpfen Donner Ruhe eintrat und ſich auch den anderen Tag keine Schüſſe mehr hören ließen, wurden ſie dadurch nur um ſo mehr in ihrer Meinung beſtärkt, aber ſie hüteten ſich ſehr wohl, Frau Burns ihre Befürchtung mitzutheilen, denn ſie kannten ihre Stimmung und Sorge. So verging ihnen der Freitag; als aber auch da ihr Commodore nicht zurückkam, gaben ſie ſich ſogar der Beſorgniß hin, ihn ſelbſt könne ein Unheil betrof⸗ fen haben. Den ganzen Sonnabend ſtanden ſie, faſt immer zuſammen, auf der Warte und ſchauten ſehn⸗ ſüchtig nach dem Wege von Apenrade aus. Aber der Erwartete kam nicht, ſtatt ſeiner aber die Kunde, daß die Dänen in Apenrade angegriffen hätten und zurück⸗ geſchlagen ſeien, was denn auch Nachmittag die in's Meer zurückſteuernden Kriegsſchiffe beſtätigten. 160 Da endlich traf gegen Abend der Bote aus Apen⸗ rade ein. Er war einem Knechte auf dem Felde be⸗ gegnet und hatte dieſen zu Capitain Kühlwetter ge⸗ ſchickt, um durch ſeine eigene Erſcheinung kein Auf⸗ ſehen zu erregen, denn alſo hatte es ihm der vor⸗ ſorgliche Capitain geheißen. Als der Knecht auf die Warte trat und den Capitain herunterrief, folgten ihm ſeine Kameraden auf dem Fuße, ſogleich ein wich⸗ tiges Ereigniß vermuthend, denn dergleichen Boten waren bis jetzt an Keinen von ihnen geſchickt worden. Als ſie außerhalb des Hofes in's Freie traten, fanden ſie den Mann und vernahmen die Botſchaft, und da ſie ihnen wenig Aufſchluß gab, ſchauten ſie ſich be⸗ denklich an. Capitain Kühlwetter machte ſich aber ſogleich bereit, den Weg anzutreten, ſobald die be⸗ ſtimmte Stunde gekommen wäre, die nicht mehr fern war. Als er im Begriff war, ſeinen Vorſatz auszu⸗ führen, trat zufällig Gertrud in den Hof, und da ſie den Freund zum Ausgehen bekleidet ſah, fragte ſie ihn, wohin er ſo ſpät wolle. Der alte Kühlwetter, ſonſt nicht auf den Kopf gefallen, war doch etwas verdutzt, denn gerade von Frau Burns ließ er ſich dieſen Augenblick am wenig⸗ ſten gern befragen, da er ja ihrem Manne entgegen gehen wollte und ihr nichts davon ſagen ſollte. Er 161 gebrauchte alſo eine etwas matt klingende Ausrede und ſagte, er wolle nach Barsmark, um mit Hans Blachmann ein Abkommen zu treffen. Als er dieſen Namen nannte, rief ihn Gertrud in's Zimmer— und das hatte des Seemanns Ver⸗ zögerung verurſacht— und bat ihn, ein kleines Packet an die alte Mutter Blachmann's mitzunehmen, die etwas leidend war. Ehe dieſes Packet zuſammengeſucht war, verging einige Zeit; kaum aber hatte der Capi⸗ tain es in Händen, ſo lief er raſch zum Hofe hinaus, und wiederholt nach ſeiner Uhr ſehend, ging er mit eiligen Schritten den Hügel hinunter, auf die Stelle zu, wohin ihn der Commodore beſtellt hatte. Und da ſah oder glaubte er ihn ſchon von Wei⸗ tem zu ſehen, wie er im hellen Mondlichte neben ſei⸗ nem Pferde ſtand und gleich ihm ein Packet auf dem Arme hielt. „Aber was Teufel!“ dachte der alte Kühlwetter, „Was hält er denn da ſo ſtill, wenn er es wirklich iſt? Warum kommt er nicht in ſein Haus? Iſt er oder ſein Pferd lahm? Beim lieben Gott, das hat was zu bedeuten— und ich merke nichts Gutes, ſo wahr ich Kühlwetter heiße!— Guten Abend, Com⸗ modore— ja, ja, Ihr ſeid's!“ rief er laut und ſchwenkte ſchon von Weitem ſeinen Hut, als er deut⸗ A. Burns. III. 11 162 lich den Grauſchimmel und daneben ſeinen Herrn im Schatten des Gebüſches halten ſah. Und er trat dicht an ihn heran und wunderte ſich über das ſon⸗ derbare Schweigen und die ſteife Unbeweglichkeit des Mannes.„Nun,“ fing er wieder an,„was giebt's denn? Ihr ſeid doch wohlauf? Da habt Ihr meine Hand, Cap'tain!“ „Guten Abend, Kühlwetter. Ich danke Euch, daß Ihr gekommen ſeid. Da habt Ihr auch meine Hand. Wie geht es zu Hauſe?“ „Gut, gut— zum Teufel, ganz vortrefflich, ſage ich Euch. Aber Ihr— Ihr antwortet mir nicht— Ihr ſeid doch nicht krank? Ihr ſprecht ja nicht?“ „Ich bin geſund, Kühlwetter, Gott ſei Dank!“ Kühlwetter wurde jetzt ernſter betroffen und ſtiller als gewöhnlich, denn er bemerkte an dem Weſen des Capitains und an dem Tone, womit er ſprach, daß ein Unglück geſchehen ſei. „Cap'tain!“ ſagte er warm—„Habet Vertrauen zu mir— der alte Kühlwetter iſtss, mit dem Ihr ſprecht. Euch iſt etwas begegnet— ſoll ich es nicht wiſſen? Was habt Ihr in dem ſchwarzen Dinge da?“ „Den Kopf meines Sohnes Erik, Kühlwetter— er iſt mit dem Linienſchiffe in die Luft geflogen.“ Capitain Kühlwetter wurde kreideweiß und zitterte. —— — 163 Er nahm ſeinen Hut ab und ſprach ein leiſes Gebet. Jetzt hatte er den ſtillen Mann vor ſich vollkommen verſtanden.. „Alſo Gott hat es ſo gewollt, Cap'tain— und in die Luft geflogen iſt er, ſagt Ihr— und mit dem Linienſchiff?“ „Ja!“— Und Andreas erzählte kurz, was ge⸗ ſchehen war, in Bezug auf den allgemeinen Sieg und den perſönlichen Schmerz. Der alte Kühlwetter ſtand auf das Heftigſte er⸗ ſchüttert vor ihm; er hielt noch immer den Hut in der Hand und ſein weißes Haar flatterte im Winde. „In die Luft geflogen— der Chriſtian! Und die Gefion genommen!— Und der Junge, der Erik, o!“ Und die hellen Zähren rollten ihm über die Wangen und er legte ſeinen Arm liebevoll auf die Schulter des Vaters.„O Andreas,“ ſchluchzte er laut—„wie weh thut mir das! Ich kann es Euch kaum ſagen. Aber der verteufelte Junge— warum iſt er zu den Dänen gegangen?“ „Still!“ rief Andreas laut und ernſt.„Still von Erik— kein Wort über ihn. Schmähet den Todten nicht. Er ſteht vor ſeinem Schöpfer, der ihn richten mag. Er hat einen Irrthum auf Erden begangen und den hat er gebüßt. Wenn Jemand die Strafe 11* 8 164 erduldet, hat Niemand das Recht, ihn ſeines Vergehens anzuklagen. Er hat ſie mit ſeinem Blute abgewaſchen. Auch iſt es nicht ſeine Schuld, daß er ſich irrte, ſon⸗ dern die meinige. Warum habe ich es gelitten, daß er zu den Dänen ging? müßt Ihr fragen. Ich allein habe es zugegeben und darum hat Gott mich geſtraft, denn er, der Todte, fühlt keinen Schmerz— er iſt bei Gott— ich und die Mutter allein tragen das Schwerſte und um ihrer willen bin ich am meiſten betrübt.“ „Ja, die Mutter!“ rief Kühlwetter angſtvoll aus, und die Haare ſtanden ihm bei dieſem Gedanken zu Berge. Da brach Andreas ſeinen traurigen Gedankengang ab und ſagte ruhig:„Hört nun, warum ich Euch hierher gerufen habe. Ich wollte nicht, daß man dies Käſtchen ſogleich bei meiner Ankunft ſähe. Man würde mich fragen, was es enthält, und ich will da⸗ nach nicht gefragt ſein. Da, nehmt es und bewahrt es wohl. Laßt keinen Menſchen es berühren, noch weniger öffnet Ihr es. Erſt, wenn ich es von Euch fordere, bringt es zum Vorſchein. Will die Mutter das Haupt ihres Kindes ſehen, ſo müſſen wir es ihr zeigen, wo nicht— und das wäre mir das Liebſte— ſo wollen wir Beide es morgen bei Sonnenuntergang beſtatten— unter den ſchönen Buchen auf der Inſel, Kühlwetter,— die immer ſein Lieblingsplatz war, wo er dem Winde und der Welle am nächſten iſt— da ſoll er ruhen,— habt Ihr mich verſtanden, Mann?“ „Ja!“ ſchluchzte Kühlwetter.„Ich habe Euch ver⸗ ſtanden!“ Und ſchon hatte er das Käſtchen auf dem Arme, das er nicht ſo ſchwer vermuthet, wie es wirk⸗ lich war, und liebkoſte es, als wenn es ein lebendiges Kind geweſen wäre. Kaum aber hatte er es in der Hand, ſo ſtieg An⸗ dreas in den Sattel. Die aus ſeiner Bruſt aufſtei⸗ genden Seufzer mit Gewalt zurückdrängend, ſein Auge nur auf das vom Mondlichte erleuchtete Haus rich⸗ tend, ritt er langſam auf daſſelbe zu, während der alte Seemann mit ſeiner Bürde noch langſamer hin⸗ ter ihm her ſchlich, denn er war über die Maaßen betrübt. Einige Minuten ſpäter hatte der Capitain den Hof und das Haus erreicht. Kaum aber ließen die Hunde ihr gewöhnliches Freudengeheul hören, ſo ſtürzte Alles, was lebendig darin war, aus den Thüren her⸗ vor, diesmal war Gertrud von Allen die Erſte, hinter ihr kamen Agathe, Helene und die beiden Capitaine, um ſie herum alle Knechte und Mägde. Andreas ſtand noch mit einem Fuße im Bügel, da hing ſein 166 Weib ſchon an ſeinem Halſe, ſo leidenſchaftlich und zärtlich, wie er es nie zuvor geſehen. „Andreas, Andreas!“ rief ſie mit ungewöhnlicher Haſt.„Gott ſei gelobt und gedankt, daß ich Dich wieder habe, daß Du lebſt und geſund biſt— o komm herein, komm herein!“ Stumm, ihre Liebkoſungen nur matt erwidernd, und innerlich beinahe vernichtet, folgte Andreas der ihn leitenden Hand, aber er war verwundert über einen ſo ſeltſamen Empfang, denn er hatte als erſtes Begrüßungswort den Namen Erik erwartet. Bald ſtand er inmitten des hell erleuchteten Zimmers, He⸗ lene, Agathe und die beiden Capitaine dicht um ihn und Gertrud herum. Aber nun ſprang dieſe wieder an ſeinen Hals, wie ſie es vor vielen, vielen Jahren gethan, und nochmals dankte und lobte ſie Gott, daß er ihr ihren Andreas wiedergegeben habe. Endlich ſtand er frei mitten im Zimmer, mit hoch erhobenem Haupte, aber bleichem Geſichte und beben⸗ den Lippen, denn er ſuchte nach Worten und fand keine. Helene, die ihr Auge feſt auf ſein Antlitz geheftet hielt, war die Erſte, die eine Ahnung des Vorgefallnen ergriff. Sie ſchauderte zuſammen und gab Agathen einen verſtohlenen Wink. als ob ſie die ſo plötzlich verſtörten Gedanken ſam⸗ 16 „Nun, Geliebteſter, Theuerſter,“ rief Gertrud, die nur für die Gegenwart ihres Mannes, nicht für ſein entſtelltes Weſen Augen hatte,„da biſt Du endlich, und unverſehrt. O wie glücklich bin ich— und was bringſt Du uns für Nachricht mit?“ Andreas öffnete den Mund, die Worte aber blie⸗ ben ihm in der Kehle ſtecken.„Was für Nachricht?“ wiederholte er faſt tonlos.„O, eine wichtige, bedeu⸗ tungsvolle Nachricht, Gertrud— der allmächtige Gott im Himmel, dem Du ſo eben für meine Rückkehr ge⸗ dankt haſt, hat ein großes Gericht gehalten bei Eckern⸗ förde— er hat die Dänen in unſere Hand gegeben und wir— wir haben einen großen Sieg erfochten.“ „Haben wir? Wirklich?— O, dann iſt aber Erik nicht befördert, Andreas!?“ 1 Andreas faßte ſeine ganze männliche Kraft zu⸗ ſammen. Und das ihm dargereichte Wort wie mit Entzücken empfangend, ſagte er feſt und klar:„O ja, Gertrud, er iſt doch befördert— aber ſo hoch, daß er nicht höher kommen kann.“ Und er deutete mit der Rechten gegen den Himmel und ſchlug dabei die Au⸗ gen zur Decke des Zimmers empor. Das Wort war geſprochen und die Wirkung eine augenblickliche. Beide Hände vor die Stirn ſchlagend, —y ͦq qdſꝓ- y-— ———-—— 168 meln wolle, und ihre Augen in die ihres Mannes bohrend, deren Ausdruck ſie erſt jetzt erfaßte, öffnete die Mutter den Mund, aber nun konnte ſie kein Wort hervorbringen. Mit den Blicken von Einem zum Andern irrend, fragend, lauſchend, hatte ſie alle ihre Sinne geöffnet, aber Niemand gab einen Laut von ſich, der wie ein Troſt oder Widerſpruch geklun⸗ gen hätte. Alle ſchrieen dann mit einem Male auf, und im Gefühle, daß die Mutter die am tödtlichſten Getroffene wäre, ſtürzten ſie mit offenen Armen zu ihr hin. Sie aber wehrte Alle von ſich ab; mit bleichen Lippen hing ſie nur an ihres Mannes Antlitz, um von dieſem die Bejahung oder Verneinung einer Frage zu erlangen.„Iſt er todt, Andreas?“ fragte ſie hohl. „Ja, Gertrud, er iſt todt!“ Und er ſchloß ſie feſt an ſüine Bruſt und weinte laut. O Gott, o Gott,“ rief ſie dann und ſah ihm in die Aur—„und haſt Du es ertragen?“ „Der Menſch kann Alles ertragen, Gertrud;— ich habe mich in Gottes unabänderlichen Willen ge⸗ fügt. Und warum ſollte ich nicht— was iſt denn Leben und Sterben, Kinder, wenn man auf dieſer Welt nicht glücklich iſt? Und er— er war nicht 169 glücklich, das weiß ich beſtimmt, denn er hatte ſich von uns gewandt. Ohne uns war ihm das Leben eine Qual— und darum war ihm der Tod ein Ge⸗ winnſt. Und er iſt groß geſtorben, meine Lieben, er hat durch ſeinen Tod ſein Leben geadelt. Wie er mir ſelbſt einſt in ernſter Stunde das Gelübde ge⸗ than, nie ſeine Hand gegen ſein Vaterhaus zu er⸗ heben, lieber Feuer in die Pulverkammer zu werfen, wenn man Solches von ihm verlange, ſo hat er— man ſagte es mir— ſeine Hand gegen das Schiff erhoben, welches gegen ſeine deutſchen Brüder ge⸗ kämpft, und hat es— ſo glaube ich— felbſt in die Luft geſprengt.“ O Andreas!“ rief die Mutter athemlos und ſank vor ihrem Manne auf die Kniee.„Vergieb mir, ver⸗ gieb mir, ich habe ſchwer geſündigt, und in den troſtloſen Stunden, wo Du abweſend und meinet⸗ wegen zu Erik gegangen warſt, habe ich es erſt er⸗ kannt. Aber ich klage mich ſelber an und habe ſchon meine Strafe. Erik's wegen habe ich oft den Dänen den Sieg gewünſcht— und jetzt, jetzt hat mich Gott durch ſeinen Tod für dieſe Sünde geſtraft. O Vater, Bater— da haſt Du mich— ich traure und bereue zugleich— nie, nie will ich wieder von Dir und Dei⸗ nen edelen Gefühlen weichen— ich bin jetzt wieder 170 ganz Dein treues Weib und weine mit Dir über un⸗ ſern Sohn!“ Und ſie fiel halb ohnmächtig vor Aufregung und Selbſtüberwindung an ſeine Bruſt und er umfing ſie mit ſeinen Armen liebevoll und rief ſie mit Küſſen in'’s Leben zurück. Nach einer Weile, als Gertrud ſich erholt und den Bericht des Todes ihres Kindes zu hören die Kraft gewonnen hatte, verlangte ſie ſelbſt ſogleich Alles zu vernehmen, jede Einzelnheit ſogar, und Andreas konnte nicht genau genug in der Erzählung des Erlebten ſein. Mit ihren Augen an ſeinem Munde hangend, ſeine Hand in der ihrigen haltend, ſchlürfte ſie jedes Wort von ſeinen Lippen ein und, bleich wie der Tod, hatte ſie doch Leben genug in ſich, den Schmerz zu bewältigen, der an ihrem Herzen fraß. Endlich war Andreas mit ſeiner Erzählung zu Ende gekommen und alle Zuhörer athmeten laut vor Entſetzen und wußten nicht, was ſie ſagen ſollten; aber daß er von Erik's Leiche einen Theil mitgebracht, hatte er noch verſchwiegen. Da ſenkte Gertrud das Haupt auf die Bruſt, faltete die Hände auf dem Schooße zuſammen und ſagte matt, wie zu ſich ſelbſt ſprechend:„Alſo ſo iſt es gekommen— er iſt todt! Ja, die Eltern müſſen ſterben und Kinder können 171 ſterben, und ich habe mir das recht oft als möglich gedacht, obwohl ich davor ſchauderte, denn ich bin eines Seemannes Weib und kenne die Gefahren, die einem ſolchen drohen. So iſt er alſo dahin— wohl! Auch ich muß es ertragen. Aber daß ich nicht ein⸗ mal eine Locke von ſeinem Haare habe, ihm nicht die Augen zudrücken kann mit der Hand, die ihn auferzogen und gepflegt, daß ihn ganz und gar die kalte See verſchlungen,— das iſt bitter, das iſt trüb, das iſt ſchmerzlich. O! Könnte ich nur einmal noch ſein liebes Geſicht im Tode ſehen— ich wäre glück⸗ lich— glücklich ſelbſt in dieſer Stunde!“ „Wie?“ rief Andreas erſtaunt und erhob ſich— „Iſt das Dein Ernſt, Gertrud? Haſt Du den Muth, das Antlitz Deines Erik im Tode zu ſehen?“ „Ja, ja, ich habe ihn— zeige es mir, und Du ſollſt keine Klage mehr aus meinem Munde ver⸗ nehmen.“ Andreas winkte Kühlwetter zu, der ſchon längſt in’s Zimmer getreten war. Derſelbe ging raſch hin⸗ aus, kehrte aber bald zurück, auf ſeinem Arme das ſchwarze Käſtchen tragend, welches ihm vorher der Capitain gegeben hatte. „Du haſt es verlangt, Gertrud,“ ſagte dieſer feſt, „und Du haſt ein Recht dazu. Sieh, Gott iſt mir noch barmherzig geweſen und hat mich das Haupt meines Sohnes finden laſſen. Wohlan denn— da iſt es!“ Und raſch die Schnur durchſchneidend, öffnete er den kleinen Sarg und hob das geliebte Kindeshaupt, deſſen lange Haare noch lockig um ſeinen blaſſen Scheitel fielen, daraus hervor. Werfen wir einen Schleier über den Vorgang der nächſten Stunde und der folgenden Nacht. Die zärt⸗ liche Mutter hatte ihren Wunſch erfüllt geſehen, ſie hatte dem lieben Todten die Augen zugedrückt und ſich die Locken ſeines Kopfes genommen, die ſie auf ihrem Buſen bewahrte. Am nächſten Morgen aber war ſie mit ihrem Manne, Agathen, Helenen und den drei treuen Capitains nach der kleinen Inſel am Fuße des Andreasberges gefahren, wo Andreas ſelbſt zwiſchen zwei gewaltigen Bäumen das kleine Grab gegraben, das Haupt beſtattet und den Segen ge⸗ ſprochen hatte.— Große Trauer war zwar in Emmerslund einge⸗ kehrt, Gott aber hatte durch ſeine wunderbare Hülfe Allen die Kraft gegeben, das Unvermeidliche zu er⸗ tragen, und Andreas hatte alſo nicht umſonſt zu ihm —13. gefleht. Wie tief aber der Schmerz um den Verlorenen auch war— jede Stunde, die vom neuen Tage in's Leben rauſchte oder glitt, wehte beſänftigenden Flügel⸗ ſchlag heran und kühlte die brennende Wunde, wie wir es Alle empfunden, die wir ein theures Haupt auf Erden ſchon verloren und begraben haben. Siebentes Anpitel. Beſuch von Freund und Feind. An demſelben Tage, wo Andreas Eckernförde ver⸗ ließ, um nach Norden zurückzureiten, ja faſt in der⸗ ſelben Stunde, erſchien Henrik Paulſen in Begleitung vieler Herren aus Rendsburg von Süden her, um den Kampfplatz und die Trophäen des größten und merkwürdigſten Ereigniſſes des ganzen Krieges in Augenſchein zu nehmen. Tief erſchüttert durch den Anblick der feindlichen Trümmer und freudig bewegt über die kühne That der Seinigen, ward er dagegen ſehr ſchmerzlich ergriffen, als er zufällig durch die Erzählung eines Offiziers den Vorgang bei der Samm⸗ lung der Leichen vernahm und den traurigen Antheil erfuhr, den ſein Freund Andreas Burns daran ge⸗ habt. Durch genaueres Nachfragen war es ihm end⸗ 175 lich möglich geworden, das Haus zu ermitteln, worin der brave Capitain zwei Nächte zugebracht hatte. Sogleich begab ſich Henrik dahin und erfuhr nun hier den ganzen Zuſammenhang des unglücklichen Ereigniſſes. Augenblicklich beſchloß er, ſobald es ſeine Zeit erlaubte, ſich nach Emmerslund zu begeben, da er ſich vorſtellen konnte, in welcher troſtloſen Lage die Familie ſeines Freundes ſich befand. Nachdem er daher am Sonnabend Morgen verſchiedene Ge⸗ ſchäfte beendet, beurlaubte er ſich von ſeinen Vor⸗ geſetzten, die mit ihm in Eckernförde waren, und ſchlug dieſelbe Straße nach Norden ein, die auch An⸗ dreas einen Tag vor ihm betreten hatte. Wie lieb war es ihm nun, daß ein dunkeles Vorgefühl einer möglichen Verlängerung ſeiner Reiſe ihn veranlaßt hatte, Helenens Taſche und alle Papiere darin mit ſich zu nehmen, die ſich auf die von ihr und Andreas der Statthalterſchaft vorgeſchoſſenen Gelder bezogen; ſo konnte er ſie ihnen ſogleich übergeben und auch perſönlich einige mündliche Beſtellungen ihrer Bankiers hinzufügen. Aber auch ſein Weg wurde diesmal nicht ſo ſchnell wie gewöhnlich zurückgelegt, denn endloſe Züge mar⸗ ſchirender Krieger, Kanonen und Munitionswagen, Felldlazarethe, Bagagetrains und was Alles zu einer 6 beweglichen und großen Kriegsunternehmung gehört, füllten alle Straßen und Wege an und eine wahre Völkerwanderung wälzte ſich unaufhaltſam vom Sü⸗ den dem Norden entgegen. Nach dem Sundewitt zo⸗ gen die Sachſen, Baiern und Hannoveraner, nach der jütiſchen Gränze, aber nur allmälig und langſam vorrückend, die Preußen, Heſſen, Würtemberger und Badenſer, und die neuen Truppen der ſchleswig⸗hol⸗ ſteiniſchen Armee flutheten wie ein blinkender Stern nach verſchiedenen Richtungen einher, von Kampfes⸗ luſt brennend, dem gehaßten Feinde auch ein Eckern⸗ förde zu Lande zu bereiten. Faſt jede Stunde be⸗ gegnete Henrik einem glänzenden Generalſtabe oder gar einem fürſtlichen Gefolge, denn an der Spitze ihrer Truppen zogen viele deutſche Fürſten mit in den Ruhm und Sieg verheißenden Kampf. In der That, wenn man dieſe Menge hülfsgerüſteter und kampfesmuthiger Krieger ſah, mußte man glauben, ſie würden die 40,000 Dänen, die ihnen an verſchie⸗ denen Orten gegenüberſtanden, mit Leichtigkeit ver⸗ ſchlingen oder in's Meer werfen und ſo ein für alle Mal den Krieg zu Gunſten der geknechteten Herzog⸗ thümer entſcheiden. Darum wurden ſie auch überall, in jeder Stadt, in jedem Dorfe, ja vor jedem einzeln ſtehenden Käthnerhäuschen mit Frohlocken empfangen, brüderlich begrüßt und gaſtfrei mit allem vorhande⸗ nen Hab und Gut bewirthet. Denn im Anfange des Krieges 1849 dachte noch Jedermann in Schles⸗ wig und Holſtein an einen glücklichen Erfolg der ge⸗ rechten, und darum von allen deutſchen Regierungen gebilligten und unterſtützten Erhebung der Herzog⸗ thümer; da war noch nicht der unerklärlich geheimniß⸗ volle und beinahe wunderbare Umſchwung in der Betrachtung und Würdigung der Thatſachen geſche⸗ hen, wie am Ende dieſes Jahres, denn die damals für allmächtig gehaltenen Ruſſen hatten noch nicht ihren Commandoſtab über die deutſchen Fürſten und Völker geſchwungen, und dieſe konnten noch thun, was ſie ſelbſt für gerecht, menſchlich und fürſtlich hielten. Auch Henrik Paulſen war von den vorwärts mar⸗ ſchirenden Hülfstruppen auf das Höchſte angefeuert und ermuthigt, und darum ließ er ſich wohl die Zö⸗ gerung gefallen, die ſeine Eile mäßigte, welche ihm ſonſt bei dem heißen Verlangen, ſeine Lieben in Em⸗ merslund bald zu begrüßen, gewiß ſehr unwillkommen geweſen wäre. So war er endlich erſt gegen Abend nach Flensburg gelangt, und da ſein Pferd noch nicht ermüdet war und er ſelbſt ſehr lebhaft wünſchte, am Oſtermorgen früh auf dem Andreasberge zu ſein, A. Burns. III. 12 178 ſo beſchloß er einen weniger betretenen Seitenweg einzuſchlagen und bis dicht vor Apenrade auf ein Gut zu gelangen, wo einer ſeiner Freunde wohnte. In ſcharfem Trabe flog er daher, ſobald er freie Bahn gewann, in die ſeitwärts führende Richtung und langte Abends ſpät bei ſeinem Freunde an, der ihn gaſtfrei wie immer empfing, obgleich ſein Haus voller ſchleswig⸗holſteiniſcher Truppen war. Aber man war in dieſen Zeiten gewohnt, ſich auch mit kleinem Raume zu behelfen, und ſo brachte er die Nacht in angeneh⸗ mem Verkehre mit Freunden und Landsleuten zu, denn einige der ſchleswig⸗holſteiniſchen Offiziere wa⸗ ren ihm ſchon von Rendsburg her bekannt. Um ſieben Uhr am Oſterſonntag⸗Morgen ritt er denn in Geſellſchaft dieſer Offiziere nach Apenrade und langte daſelbſt um acht Uhr an. Hier aber be⸗ gegnete ihm eine Ueberraſchung, deren wir gedenken müſſen, da ſie ihm nicht allein ſehr unerwartet kam, ſondern wahrſcheinlich auch mit den künftigen Exeig⸗ niſſen, die wir bald zu berichten haben werden, im Zuſammenhange ſteht. Langſamen Schrittes ritt Henrik Paulſen zur Lin⸗ ken zweier Offiziere durch Apenrade, und da die Straße dieſer Stadt, die nach Norden führt, eng iſt, ſo nahmen die drei Reiter beinahe den ganzen Raum derſelben ein. Wie es in der Regel bei ſolchen Ge⸗ legenheiten geſchieht, ſchauten die Reiter in die Fen⸗ ſter der Häuſer, an denen ſie vorüberritten, aus wel⸗ chen ſchon in aller Frühe zahlloſe Menſchenköpfe blick⸗ ten, um mit Freude und Hoffnung, oder mit Haß und Erbitterung, je nachdem man deutſch oder dä⸗ niſch geſinnt war, die marſchirenden Truppen zu be⸗ trachten. Beinahe waren ſie ſo, dicht vor den ſcherzenden Soldaten reitend, bis an das Ende der Stadt ge⸗ langt, als Henrik plötzlich hinter dem geſchloſſenen Fenſter eines ziemlich unſauberen Hauſes, das einem Gaſtwirthe gehörte, ein Geſicht zu erblicken glaubte, welches er hier und jetzt zu ſehen am wenigſten er⸗ wartet hatte. Aber er kam ſo ſchnell an dem Hauſe vorüber und hatte dieſes Geſicht nur ſo flüchtig er⸗ faßt, daß er ſich anfangs geirrt zu haben meinte. Als er aber kaum einige Schritte weiter geritten war, beſann er ſich, daß dieſes Geſicht, wenn es wirklich das vermuthete geweſen, an dieſem Orte für ihn und Andere von großer Bedeutung ſei, und er hielt ſo⸗ gleich ſein Pferd an und theilte ſeinen Verdacht den beiden Offizieren mit. Kaum hatten dieſe den Freund angehört, ſo machten ſie ſelber Halt und ließen ihre Truppen mitten in der Straße ſtehen bleiben. 12* 180 Die drei Männer ſprangen von den Pferden und begaben ſich ſchnell in das Haus zurück. Hier ver⸗ urſachte ihr unerwarteter Eintritt eine ſichtbare Stö⸗ rung, denn die Geſichter der darin Befindlichen, Män⸗ ner und Frauen, ſchauten ſie mit unverholenem Er⸗ ſtaunen an, das ſich noch höher ſteigerte, als ſie die Fragen Henrik Paulſen's vernahmen. „Wo iſt der Wirth dieſes Hauſes?“ fragte er ha⸗ ſtig und ſtreng, ſobald er im Zimmer war und ſich rings darin umgeblickt hatte. Ein Mann, mit wüſtem und unfreundlichem Ge⸗ ſicht, ſtellte ſich als Wirth vor, verbeugte ſich aber nicht, noch weniger nahm er ſeine wollene Haus⸗ mütze ab. „Wer war der blondhaarige Mann, der ſo eben neben Euch dort am Fenſter ſtand?“ fragte Henrik gebieteriſch. 3 Der Wirth und alle im Zimmer Befindlichen blickten ſich ſehr natürlich nach dem Fenſter um, als ſuchten ſie ſelber die bezeichnete Perſon, die aber nir⸗ gends zu ſehen war. „Er iſt jetzt nicht im Zimmer,“ ſagte Henrik ernſt, „aber er war beſtimmt hier, ich weiß es. Heraus mit der Sprache. Wie heißt Ihr?“ Der Mann nannte ſeinen Namen und betheuerte, 181 daß er Niemanden im Zimmer geſehen, als diejenigen, die noch jetzt darin wären. Aber Henrik beſtand auf ſeiner Meinung, und da die ihn begleitenden Offiziere derſelben Anſicht waren, ſo wurden ſogleich acht Mann beordert, das ganze Haus nach der bezeichneten Perſon zu durchſuchen. Aber die Mühe war vergeblich. So eilig und genau man zu Werke ging, das Haus vom Boden bis zum Keller nach allen Richtungen und in allen Winkeln durchſtöberte— man fand den bezeichneten Mann nicht. Einſchüchterung der Wirthsleute, von den Offizieren verſucht, fruchtete auch nichts, ſie blie⸗ ben gleichgültig und ſtarr bei der Behauptung, man habe die Perſon nicht geſehen, ſie könne nicht da⸗ geweſen ſein und die Herren müßten ſich geirrt haben. Auch die Offiziere glaubten das endlich, und da ſie einſahen, daß ein längerer Aufenthalt nicht rath⸗ ſam war, da hinter ihren Truppen andere heranrück⸗ ten, ſo ſtiegen ſie wieder auf ihre Pferde und ritten zur Stadt hinaus. Kopfſchüttelnd aber, und keineswegs zweifelnd ſetzte Henrik ſeinen Weg fort.„Ich habe mich nicht ge⸗ irrt,“ ſagte er wiederholt,„und den Schurken be⸗ ſtimmt erkannt. Es war Herr Olaf Larſſen, ſo gewiß ich ſein gedunſenes rothes Geſicht und ſeinen Flachs⸗ 182 kopf geſehen und ſeine gläſernen Augen mich lüſtern und erſchrocken zugleich angeglotzt haben. Es iſt ein gefährlicher Menſch, meine Herren, und wo er ſich blicken läßt, da pflegt das Unheil mit ihm einzukeh⸗ ren, denn er iſt ein eben ſo verſchlagener wie kühner Spion der Dänen.“ Man ſprach noch einige Zeit von der Möglichkeit, daß Henrik ſich dennoch geirrt haben könne, als man ſchon an den Scheidepunkt des Weges gekommen war; die ſchleswig⸗holſteiniſchen Truppen rückten nach Norden auf Hadersleben vor und Henrik ſchlug ſei⸗ nen Weg gen Oſten nach dem Andreasberge ein. Es war ein trüber, wolkiger, windiger Morgen. Unerträglicher Staub wirbelte von allen Straßen und Feldern empor, denn es hatte lange nicht gereg⸗ net und der anhaltende Oſtwind hatte alle Feuch⸗ tigkeit der Luft und der Erde mit fortgenommen. Langſamer als ſonſt daher und immer noch nachdenk⸗ lich über die ſeltſame Begegnung ſeines Feindes, verfolgte Henrik ſeinen Weg und nach einer guten Stunde erſt, etwa Morgens zehn Uhr, traf er auf dem Hofe des Capitains ein. Ein wie lieber Gaſt Henrik Paulſen auf Emmers⸗ lund auch immer geweſen war, diesmal, am Oſter⸗ tage, wo nur Trauer und Trübſal in der Familie 183 herrſchte und jede Zerſtreuung eine Wohlthat ſein mußte, war er ein hochwillkommener und namentlich für Andreas ſehr erwünſchter Beſuch. Das bewies ihm ſogleich der erſte Empfang. Als er vom Pferde ſtieg, eilte Alles vor die Thür, als wenn ein Sohn vom Hauſe gekommen wäre; Gertrud aber war zu⸗ meiſt entzückt, denn nun hatte ſie Gelegenheit, mit einem vertrauten Freunde recht nach Herzensluſt über das Hauptthema des Tages zu reden, wovon ihr Herz überſchwoll und worüber zu ſchweigen ſie ja ihrem Manne aus eigenem Antriebe gelobt hatte, um den kaum überſtandenen Kummer nicht immer von Neuem zu wecken. Und Helene, fühlte ſie nicht auch die herzlichſte Freude, als ſie diesmal ſo unerwartet Denjenigen vor ſich ſah, der ihr ſeit ſeinem letzten Beſuche unſtreitig viel näher gerückt war, als ſie ſich ſelbſt geſtehen wollte? Wir mögen es wohl glauben, wenigſtens widerſprachen dieſer Annahme nicht die ſanft geröthe⸗ ten Wangen, die doch kurz vorher noch ſo bleich ge⸗ weſen waren, und die lebhaft leuchtenden Augen, mit denen ſie dem Freunde an der Thür entgegentrat, ob⸗ wohl ſie noch deutlich die Spuren ſo eben vergoſſener Thränen zeigten. Als man aber im ſpäteren Verlaufe des Geſprächs 184 vernahm, daß Henrik aus reiner Theilnahme nach Emmerslund gekommen, nachdem er in Eckernförde den Verluſt der Familie erfahren, da ſchlugen ihm erſt recht alle Herzen entgegen und Alle fühlten in der trüben Zeit um ſo mehr, wie glücklich der Menſch und die Familie ſei, die noch Freunde habe, in deren Bruſt das fremde Leid wie das eigene empfunden werde. Nach Friedrich wagte Henrik ka laut zu fra⸗ gen; einmal wollte er Agathen nicht in Aller Gegen⸗ wart erröthen laſſen, ſodann aber fürchtete er ſich, der Mutter Sorge auch auf dieſen Sohn zu lenken, denn wo einmal das Unglück waltet, malt die Phantaſie des Furchtſamen ſich daſſelbe in allen möglichen For⸗ men und Geſtalten aus. Aber von Andreas erfuhr er, daß Friedrich bei der vorrückenden Armee und wahrſcheinlich auf dem Marſche nach der jütiſchen Gränze begriffen ſei. Näheres wußte er ſelber nicht. Im Laufe des Tages ſprach ſich Henrik mehrmals hoffnungsvoll über den Ausfall des Krieges und die allgemeine Theilnahme in Deutſchland dafür aus. Er glaubte beſtimmt, und Viele in Rendsburg mit ihm, daß mit dieſem Feldzuge der Streit beendigt und der Frieden hergeſtellt ſein werde. Andreas da⸗ gegen konnte oder wollte dieſer Anſicht nicht mit 185 ganzer Seele beiſtimmen, mochte er nun durch den Unglücksfall in der Familie bedenklich geworden, oder ſeine Beurtheilung der Verhältniſſe eine richtigere ſein, als die des jüngeren Freundes. „Wißt Ihr,“ ſagte Henrik im Verfolg des Ge⸗ ſprächs nach Tiſche,„daß Dänemark den vierten Theil ſeiner Flotte bei Eckernförde eingebüß zt hat, daß es alſo dadurch ungeheure Verluſte erlitten, die es beim beſten Willen wegen Mangels Mitteln nicht er⸗ ſetzen kann, zumal es die St der Herzogthümer — ſeine reichſte Erwerbsqum erloren hat?“ “¹erwiderte „Ich bin nicht Deiner 2 1 ß Das, was 7 dreas ruhig,„wenn Du glaul eben anführſt, zur ſchnelleren Er beitragen werde. Gerade dieſer Verluſt zur See, wo Dänemark am empfindlichſten, weil am mächtigſten iſt, gerade dieſer Sieg, den wir errungen, wird den Krieg verlängern und die Verſöhnung erſchweren, in⸗ dem er die Dänen erbitterter, halsſtarriger und eifri⸗ ger bemüht machen muß, die erlittene Scharte auszu⸗ wetzen. Und das werden ſie wollen, ich kenne ſie — glaube es mir, mein lieber Henrik.“ „Aber was wollen ſie gegen die vortrefflichen deutſchen Truppen ausrichten, die ſie ſchlagen werden, ielung des Friedens 186 wo ſie ſich blicken laſſen? Sie können gegen dieſe keinen Sieg erringen.“ „Das werden ſie vielleicht auch gar nicht wollen. Die Deutſchen in Deutſchland, wenn ſie ſie auch ge⸗ rade nicht zärtlich lieben, haſſen ſie bei Weitem nicht ſo ſehr, wie ſie die Deutſchen in den Herzogthümern haſſen. Nur mit uns wollen ſie Krieg führen, nur ſich rächen, nur uns wollen ſie ihnen die Gelegenheit günſtig iſt, wen laſſen. Gieb Acht! Den inen, werden ſich vor ihnen hre Meere zurückziehen, und rwenn ſie eines Vortheils ſicher ſind, werden ſie wie die Geier aus ihren Verſtecken hervorbrechen und die Beute heimholen. Das wird die Folge lehren.“ „Aber werden ſich die fremden Mächte ſolchen heimlichen Krieg gefallen, werden ſie ſich von den Dänen an der Naſe herumziehen laſſen?“ „Ich weiß es nicht, aber ich glaube beinahe. Denn ſie werden zu edel und zu ſehr ächte Krieger ſein, um die künſtlichen Winkelzüge jener Inſulaner mit gleicher Münze zu bezahlen. Das verſtehen ſie nicht, das wollen ſie nicht. Sie zeigen ihrem Feinde ehr⸗ lich das Geſicht, die Dänen aber zeigen ihnen nur eine Maske. Sie werden die fremden Truppen und ihre Anführer durch Hin⸗ und Herzüge, durch Ein⸗ und Ausſchiffungen ermüden, ihre Fürſten werden eines läſtigen Krieges, der ihnen ſtatt Vortheil nur Scha⸗ den, ſtatt Ruhm nur Verdruß bietet, überdrüſſig wer⸗ den und endlich ſagen: Ihr Schleswig⸗Holſteiner, Ihr ſeht, wir haben den beſten Willen gehabt, Euch zu helfen; zwei Jahre lang haben wir unſere Truppen mobil gemacht und Euch geſendet, auch viele Koſten getragen und genug Blut verloren, aber— die Dä⸗ nen laſſen ſich nicht ſchlagen, ſie entwiſchen uns im⸗ mer, und wir— wir armen Teufel, wir haben ja keine Schiffe und können doch nicht über das Waſſer laufen und ſie in ihrem Kopenhagen angreifen. Wir alſo ſind fertig, wir kehren in unſer eigenes Haus zurück, wo wir bei Gott! ſelber genug Geſchäfte haben— nun ſeht Ihr zu, wie Ihr allein damit fertig werdet; wir haben nichts dagegen, wenn Ihr ſie ſchlagen, beſiegen, bezwingen könnt— ſchlagt ſie, beſiegt ſie, bezwingt ſie mit Euerm Ueberfluß an Menſchen und Mitteln, und je vortheilhafter die Be⸗ dingungen für Euch ſind, die Ihr ihnen abtrotzen werdet, um ſo mehr Achtung werden wir vor Eueren ſtarken Armen haben und um ſo herzlicher werden wir Euch Glück wünſchen.“ 18 „Wenn ſie ſo handelten, Andreas, würden ſie ihre Verſprechungen nicht erfüllen, ihre fürſtlichen Zuſagen nicht löſen, und wo wären Treu und Glauben in der Welt, wenn ſie nicht bei den Herrſchern der Men⸗ ſchen ſind?“ „Mein Lieber, in der höheren Politik giebt es keine Verſprechungen, keine Zuſagen, wenn der eigene Vortheil ſie zu brechen und zu löſen befiehlt; das ſind Dinge, die ſich auf die niedrigen, alltäglichen Vorfälle des Lebens beziehen— wir aber befinden uns in einer ausnahmsweiſen Zeit, in der nicht die gewöhnlichen Geſetze Kraft und die vernünftigen An⸗ ſchauungen Geltung haben. Und dann, mein Freund, wer bürgt Dir dafür, ob die Fürſten, die heute für uns ſind und kämpfen, morgen noch die Macht haben, es zu thun, wenn ihnen auch der Wille dazu bleibt? Wenn nun die Dänen, wie es ſchon lange heißt, ſich einen mächtigen Bundesgenoſſen gewinnen— und geſtehe ein, daß ſie geſchickt genug ihren Vortheil nach dem Lichte zu drehen wiſſen— wenn die Eng⸗ länder, die Franzoſen oder gar die Ruſſen kommen, ihre ungeheuren Flotten ſenden und die guten Deut⸗ ſchen aus unſerem Lande jagen oder ſie bei ſich ſel⸗ ber bedrohen— wie dann?“ Henrik ſchwieg. Der Horizont ſeiner Hoffnungen 189 wurde plötlich finſterer, als er bisher geweſen war; wo er allein das Licht der Sonne geſehen, trieben Geſpenſter mit düſteren Wolkengeſichtern auf und ab. „Ihr nehmt mir meine ganze leichte Stimmung, An⸗ dreas,“ ſagte er traurig,„ich bin ſo froh hierher ge⸗ kommen, um Euch meine freudigen Nachrichten mit⸗ zutheilen, und nun hat Eure kalte Betrachtung, die leider vielleicht die richtige iſt, mein warmes Herz ge⸗ troffen und mein Blut ſchwer und dick gemacht.“ „Mein lieber Henrik— glaube es mir, ſo leid mir das thut, ich bereue es dennoch nicht, ſo herbe auf Dich gewirkt zu haben. Wenn ich es Dir nicht geſagt hätte, ſo würde es Dir bald die Geſchichte der nächſten Zeit entwickelt haben, und es iſt beſſer, daß wir mit offenem Auge in die Zukunft blicken und uns dieſelbe zurecht zu legen beginnen, als daß wir blind in unſer Schickſal rennen und erwürgt werden, wo wir es am wenigſten erwarteten.“ „Ihr ſprecht ſo ſicher, Andreas, wißt Ihr denn das ſo beſtimmt? Ihr hattet doch früher eine an⸗ dere Anſicht und viel mehr Hoffnung und Ver⸗ trauen!“ Andreas ſchüttelte wehmüthig den Kopf.„Das iſt jetzt vorbei, mein Freund. Schon der erſte Waf⸗ fenſtillſtand hat mit gezeigt, was wir von Außen her 190 zu erwarten haben. Hätte man uns ernſtlich helfen wollen— oder können, muß ich richtiger ſagen, ſo hätte man das gleich mit Ernſt gethan, mit Nach⸗ druck Hand angelegt und die Dänen hätten ihre Un⸗ verſchämtheit im Sacke behalten müſſen. Nein, nein, mein Freund, ich habe da bei dem fürchterlichen Ge⸗ krach vor Eckernförde, wo ich nichts ſah und hörte, als Tod und Verderben, eine Art von Viſion gehabt und dieſe Viſion iſt eine traurige geweſen.“ „Und welche war das? Laßt ſie uns wenigſtens hören, wenn wir ſie auch nicht ſehen.“ „Wohlan denn, wenn Du die Wahrheit hören willſt, wie ſie mir ſchwer in den Gliedern und im Herzen liegt— ſo höre ſie: das Spiel der Herzog⸗ thümer mit Dänemark wird bald ausgeſpielt ſein und wir— werden die Partie verloren haben und bezah⸗ len müſſen.“ Die Frauen miſchten ſich jetzt in das Geſpräch, denn ſie wollten es nicht länger dauern laſſen, da ſie ſahen, daß Henrik darunter litt, obwohl ſie mehr Andreas als ihm glaubten. Man kam auch nicht wieder darauf zurück, und da Henrik's Aufenthalt nicht lange dauern konnte, denn er mußte am Dienſtag nach dem Feſte ſchon wieder nach Rendsburg zurück⸗ kehren, ſo bemühte man ſich um ſo mehr, ihn in 191 eine wohlthätigere Stimmung zu verſetzen. Aber es war vergebens; der Giftſtoff des Capitains hatte Auf⸗ nahme in ihm gefunden und wühlte und wirkte fort, wie eine anſteckende Krankheit, die, wenn ſie ſich erſt einmal im Organismus eingeniſtet, daraus nicht wie⸗ der ſo leicht vertreiben läßt. So blieb man den Sonntag Abend in gedrückter Stimmung zuſammen, wie es auch kaum bei der Lage der Dinge anders möglich war. Andreas mußte noch einmal den Vorgang des Seetreffens erzählen, ohne dabei auf Erik zurückzukommen, und Henrik gab die Verſicherungen zum Beſten, welche die deutſchen Regierungen der Statthalterſchaft gegeben hatten, um den leidigen Krieg ſo bald wie möglich zu Ende zu führen.* So war der Montag Morgen gekommen und mit ihm ſchleswig⸗holſteiniſche Fouriere, die zum nächſten Tage dreißig Mann Einquartierung anſagten, eine Bürde, die man von nun an in Emmerslund ſo bald nicht wieder los werden ſollte, die man aber mit Freuden ertrug, da ſie zur Führung des Krieges un⸗ erläßlich war. Und das war die Zeit für die Haus⸗ frau, wo nebſt allen ihren Mitteln und Vorräthen auch ihre ganze Thätigkeit in Anſpruch genommen wurde, und wenn es hier auch nicht wie im Sunde⸗ 192 witt herging, wo 20,000 Mann auf wenigen Quadrat⸗ meilen wie die Heuſchrecken Alles leer und kahl fraßen, ſo ſollte man doch ſehr bald merken, daß es ein Unterſchied ſei, zwanzig Perſonen oder fünfzig im Hauſe zu haben und zu ſättigen, die außer ihrem geſunden Appetit auch noch mancherlei Aufregung und Unruhe in das ſtille Haus brachten. Als die Mannſchaft auf dem Hofe angeſagt war und Andreas die Meldung in's Zimmer brachte, da⸗ mit Gertrud bei Zeiten ihre Vorkehrungen treffen könne, ſagte Henrik:„Morgen ſchon? Nun, da gehe ich ja gerade zur rechten Zeit weg, um Ihnen ein Zimmer leer zu machen.“ „Für Sie haben wir immer ein Plätzchen, Henrik,“ erwiderte Gertrud und reichte ihm die Hand.„Und im Nothfall ſchliefen wir Frauen alle in einem Zim⸗ mer, um den Männern Platz zu machen, die doch am übelſten daran ſind, denn ſie müſſen kämpfen und erwerben zugleich.“ „Und beharren Sie immer noch darauf, hier zu bleiben?“ fragte Henrik Helenen leiſe. „Immer, mein Freund, die Sache iſt abgemacht. Aber ſeht— da kommt die Sonne freundlich und warm hervor. Wollen wir nicht einen kleinen Spazier⸗ gang unternehmen?“ 193 Gertrud ſtimmte ſogleich bei, denn ſie verband eine Abſicht damit. Sonſt war ſie ſelten an den Strand gegangen, denn es war ihr beſchwerlich, den Berg zu ſteigen; ſeit zwei Tagen aber war ſie ſchon viermal unten geweſen und immer hatte ſie die Inſel zum Endpunkt ihres Weges gewählt, vielleicht in der Meinung, die Seele Eriks ſchwebe zwiſchen den Wipfeln über der Stätte, wo das Behältniß lag, in welches ſie eingeſchloſſen war, ſo lange ſie auf Erden geweilt hatte. Außer Agathen, die im Hauſe geblieben, befanden ſich Alle bald am Strande und warfen ſchweigend einen Blick auf die Inſel hinüber, als grüßten ſie im Stillen das abgeſchiedene Familienglied. Andreas aber gab Henrik einen Wink, mit Helenen vorauszu⸗ gehen, denn er wußte wohl, daß Gertrud ſich nicht ſo leicht von der Stelle trennen würde, die ihr Theuer⸗ ſtes umſchloß. So wandelten denn die Beiden lang⸗ ſam vorauf, dem Epheuhauſe zu, wo Henrik dem al⸗ ten Bardow einen guten Tag ſagen und Helene ſich ihr Petſchaft holen wollte, um damit die neue Voll⸗ macht, die ſie in Betreff ihrer Gelder Henrik zu über⸗ geben verſprochen, zu unterſiegeln. Als ſie beinahe am Hauſe waren, drehten ſie ſich herum und erwar⸗ teten die Nachkommenden, die am Strande Arm in A. Burns. III. 13 194 Arm langſam daherſchritten. In dieſem Augenblick wurde vom Warnitz⸗Kopf her, wo ſchon lange zwei Schiffe vor Anker gelegen hatten, ein kleiner Schooner ſichtbar, den der günſtige Oſtwind unter vollen Segeln wie einen Wettrenner heranſchießen ließ. Man be⸗ merkte ihn wohl; da man aber jetzt täglich und faſt zu jeder Stunde ein oder das andere Kriegsſchiff nach Apenrade gehen ſah, ſo richtete man keine beſondere Aufmerkſamkeit mehr darauf. Als nun Andreas die beiden jüngeren Leute erreicht hatte, hieß er ſie ihre Geſchäfte im Hauſe verrichten und verſprach, ihre Rückkehr mit Gertrud am Strande abwarten zu wollen. Sogleich befolgten ſie den Wunſch des Freundes und ſchritten raſch dem Hauſe zu, hinter deſſen Thür ſie auch bald verſchwanden. Andreas hatte ſie mit den Augen verfolgt, ſo lange er ſie noch ſehen konnte, dann drehte er ſich mit Gertrud herum und wandelte der Inſel zu, auf dieſe Weiſe dem Epheuhauſe und dem Meere den Rücken zukehrend. „Welch ein ſchönes Paar,“ ſagte er zur ſchwei⸗ genden und nur bisweilen leiſe aufſeufzenden Gattin, —„wie für einander geſchaffen! Wie glücklich wäre ich, wenn ich ſie noch als Mann und Weib in jenes Haus treten ſähe— ſie würden ſich auch ſo lieb haben, wie wir,— nicht wahr, Gertrud?“ 195 Gertrud nickte mit dem Kopfe, denn ſie konnte in dieſem Augenblick nicht ſprechen, da ſie die Augen voll Thränen hatte. An den Worten ihres Mannes merkte ſie ſtets, wie er es ſich angelegen ſein ließ, ſie zu zerſtreuen, und eben das riß immer wieder von Neuem ihre blutende Wunde auf. „Aber ſie ſind ſonderbar, dieſe jungen Menſchen,“ fuhr Andreas fort,„ſie gehen Jahre lang neben ein⸗ ander her, lieben ſich wahrſcheinlich gegenſeitig und wagen es nicht, ihr Herz zu öffnen. Als ich Dich liebte, Gertrud, da ſagte ich es Dir gleich, nicht wahr, und doch war ich viel jünger damals, als Henrik jetzt iſt.“ Gertrud bejahte freundlich und drückte ſeinen Arm an ihre Bruſt. Endlich bezwang ſie ſich und ging auf die Gedanken ihres Mannes ein.„Den Grund, Andreas,“ ſagte ſie,„warum ſie ſich ihre Herzen nicht eröffnen, kann ich mir wohl erklären. Henrik wird nie in ſeinem großen Zartgefühle um Helenens Hand werben, ſo lange er ein armer Menſch und Helene eine reichbegüterte Frau iſt. Du kennſt ihn ja in dieſem Punkte— gerade ſein Edelmuth verzögert ſein Glück. Ob aber Helene ihn eben ſo aufrichtig wieder liebt, wie er ſie, und wie man einen Mann lieben muß, den man heirathen will, das bezweifle ich noch ſehr.“ 196 „Wie ſo? Hat ſie Dir etwa darüber ihre Meinung geſagt? „Nie ganz beſtimmt, Andreas; aber aus manchen Andeutungen konnte ich ſo ziemlich entnehmen, daß ſie Henrik wohl werthſchätzt und auch lieb hat, aber nicht liebt, und das iſt eben ein Unterſchied bei einer Frau, guter Mann.“ „Wohl! Aber ich ſehe den Grund nicht ein, warum ie Henrik nicht wirklich lieben ſollte, der dieſer Liebe o werth iſt?“ „Den Grund? Das iſt eine Frage! Warum liebte ich Dich und ſagte es Dir? Weil ich Dich liebte. Warum liebt alſo Helene Henrik nicht? Weil ſie ihn nicht, vielleicht aber einen Anderen liebt, wie ich mir das bisweilen denke, da ſie höchſt ſeltſame Aeußerun⸗ gen darüber fallen läßt.“ „O!“ ſagte Andreas mit ſchmerzlichem Tone.„Das thäte mir ſehr leid um unſern guten Henrik. Aber ich glaube es nicht. Sie liebt vielleicht auf dieſelbe Art einen Anderen, wie ich ihr ſcherzhaft geſagt, daß Henrik auch eine Andere liebt.“ „Wie, das haſt Du ihr wirklich geſagt?“ „Ja, denn ich wollte ſie dadurch reizen, mir ihre Neigung zu Henrik auf irgend eine Art zu bekennen. 197 Aber ich ſehe ein, ich habe das vielleicht nicht geſchickt genug eingefädelt, ich verſtehe mich nicht auf herglei⸗ chen Geſchäfte. Meine Hand iſt zu rauh, einen ſo feinen Knoten zu ſchürzen und zeine Zunge zu un⸗ gelenk. Ich werde auch künftig meine Finger aus dem Spiele laſſen.“ In dieſes Geſpräch vertieft, waren ſie unterdeſſen nach der Inſel hinuntergeſchritten und hatten weiter nicht auf den Schooner Acht gegeben. Als ſie ſich jetzt aber umdrehten und wieder dem Epheuhauſe zu⸗ wandelten, bemerkte Andreas, daß derſelbe viel näher gekommen und bereits dem Ufer zugeſteuert war, als wollte er mit demſelben in irgend einen Verkehr treten. Halb neugierig, halb unruhig, blieb er mit Gertrud unmittelbar am Strande ſtehen und ſchaute auf das niedliche Schiff hin, welches das Land genau zu be⸗ obachten ſchien, denn ſchon mit bloßen Augen konnte man wahrnehmen, daß ſeine Maſtſpitzen mit aus⸗ lugenden Männern ſtark beſetzt waren. Plötzlich ſchoß ein Boot hinter ſeinem Spiegel hervor und ruderte, ſchnell wie ein abgeſchoſſener Pfeil, der Stelle des Landes zu, wo Andreas und ſeine Frau ſtand. Aber kaum hatte der Capitain dieſes unerwartete und nicht bedeutungsloſe Manöver in's Auge gefaßt, ſo nahm er auch eine weiße Flagge wahr, die auf dem Helm⸗ 6 198 ſtock des Bootes flatterte und die er ſogleich für eine rlamentärflagge erkannte. „N rief der Capitain mit Befremdung aus —„Was bedeutet denn das?— Eine weiße Flagge? Wollen ſie mit uns reden?“ „Andreas, ich bitte Dich, laß uns raſch umkehren — ſie werden doch nicht auf uns ſchießen?“ Andreas antwortete nicht. Starren Blicks das ſich raſch nähernde Boot betrachtend, ſtand er wie ange⸗ wurzelt, als wäre ſein Auge bezaubert, obgleich ſein Herzblut gerann. Augenblicklich aber faßte er ſich wieder, preßte Gertrud feſt an ſich und ſagte:„Ruhig, mein Kind; entrinnen können wir nicht, ohne uns größerer Gefahr auszuſetzen, denn ſie würden uns bald verfolgen. So laß uns getroſten Muthes der kommenden Stunde entgegenſehen; daß ſie nichts Bö⸗ ſes beabſichtigen, läßt mich die Flagge erkennen— und doch iſt das Boot Mann an Mann beſetzt.“ Die Schaluppe, denn das war ſie, wie man jetzt ſah, kam noch näher heran und wollte augenſchein⸗ lich landen, wußte aber nicht die Stelle zu finden, wo dies am leichteſten zu bewerkſtelligen wäre. Als Andreas dies Vorhaben erkannte, erwachte das ſtolze Gefühl ſeines⸗Berufes in ſeiner Bruſt, und bei dem kommandirenden Offiziere, der aufrecht im Spiegel 199 ſtand, wie durch innere Eingebung gleichen Edelmuth vorausſetzend, beſchloß er ſogar den Lootſen zu machen. „Hollah!“ rief eine Stimme aus dem Boot, die friſch und kräftig klang und alſo aus dem Munde eines jungen Mannes kam.„Wo ſteigen wir bequem an's Land— ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.“ Andreas deutete mit der Hand auf eine Stelle, dicht vor Capitain Bardow's Hauſe. Der Bug der Schaluppe wandte ſich ſofort dahin und einige Mi⸗ nuten ſpäter ſprang der Offizier an's Land, während das Boot wieder einige Klaftern in das Waſſer zurückging. Mit leichtem Schritt und gefälligen Be⸗ wegungen trat der junge Mann daher, grüßte ſchon freundlich aus der Ferne und näherte ſich dem ver⸗ wunderten Paar. „Guten Morgen, meine Dame und mein Herr!“ ſagte der Offizier verbindlich.„Bin ich hier auf dem Wege zu Capitain Burns?“ Andreas erbleichte unwillkürlich, Gertrud aber zit⸗ terte an ſeinem Arme wie Espenlaub, als ſie den Namen ihres Mannes von dem feindlichen Offizier ausſprechen hörte. „Was wollen Sie von Capitain Burns?“ fragte Andreas mit ſo feſtem Stimmtone, daß ſelbſt Gertrud wieder Muth ſchöpfte. „Ich habe den Auftrag, ihn zu beſuchen, bevor er morgen ſeine Einquartierung erhält.“ „Wiſſen Sie das ſo beſtimmt, daß er ſie erſt morgen erhält?“ „Ganz beſtimmt, mein Herr! Wir ſind von allen Bewegungen unſerer Feinde genau unterrichtet.“ „Und was bedeutet die weiße Flagge auf Ihrem Spiegel!“ „Da ich eine Dame am Lande ſah“— und der Offizier verbeugte ſich artig vor Gertrud—„ſo glaubte ich ſie nicht erſchrecken zu dürfen, und darum bin ich auch allein an Land gekommen.“ „So danke ich Ihnen, mein Herr— ich bin der Capitain Burns ſelber.“ „Wie— Sie ſelbſt ſind es? Das iſt ein glück⸗ liches Begegnen. Darf ich Ihnen meine Hand rei⸗ chen, um Ihnen meine Achtung auszudrücken? Ich bin zwar ein Däne, aber ich bin auch ein Seemann, wie Sie es ſind, und weiß den friedlichen Mann vom Feinde zu unterſcheiden.“ Andreas reichte die Hand hin, die der Frende auf eigenthümliche Art drückte, und augenblicklich verſtand ihn jener, obgleich der Offizier kein Wort ſprach, aber die Trauerkleidung Gertrud's mit einem Blicke über⸗ flog, der eine genügende Erklärung ſeiner Gedanken 201 abgab.„Was wünſchen Sie von mir?“ fragte der ältere den jüngeren Seemann, des Letzteren Blick von Gertrud ablenkend. Dieſer zögerte eine Weile, denn es ſchien ihm ſchwer zu werden, ſeinen Auftrag in Worte zu kleiden. „Haben Sie vielleicht Waffen in Ihrem Hauſe?“ fragte er endlich ſtockend und erröthend. „Waffen? Gewiß! Da ich allein in einem Hauſe am Strande wohne und ein alter Seemann bin, ſo können Sie ſich denken, daß ich damit verſehen bin.“ „Und können Sie es über ſich gewinnen, mir die⸗ ſelben auszuliefern, ohne daß ich danach zu ſuchen brauche?“. „Auch das zu thun bin ich im Stande, mein Herr; denn wenn ich mich weigerte, könnten Sie mich leicht dazu zwingen. Darf ich Sie bitten, mich nach meinem Hauſe zu begleiten, ſo ſoll Ihnen zu Dienſten ſtehen, was Sie wünſchen.“ „Sogleich, Herr Capitain. Ich habe noch eine Frage zuvor. Wer wohnt in dieſem niedlichen Hauſe, welches hier vor uns liegt?“ „Ein alter Seemann, Bardow mit Namen, deſſen Frau der Odin im vorigen Jahre erſchoſſen hat, und der ſelbſt lahm und ohne Vertheidigung iſt.“ „Ich weiß das, leider, mein Herr! Aber im oberen 202 Stock, deſſen koſtbare Vorhänge noch einen anderen Bewohner verkünden— wer wohnt da?“ „Eine Dame, die ſich von der Welt zurückgezogen hat, um ihren verlorenen Gatten zu betrauern und in ſtiller Einſamkeit ſich ſelbſt zu leben,“ verſetzte An⸗ dreas unbefangen. „So! Dürfte ich Sie wohl bitten, mich in dieſes Haus zu begleiten, damit ich dem alten Manne mein Begehren kund thue?“ Andreas durchſchaute ſogleich die feine Abſicht des däniſchen Offiziers, der ſich übrigens mit der Höflich⸗ keit eines gebildeten Weltmannes ſeiner traurigen Pflicht entledigte. Denn es war klar, daß er nur darum Andreas'’ Begleitung nach Bardow's Hauſe in Anſpruch nahm, um ihm nicht Zeit zu laſſen, vor ihm nach Emmerslund zu gelangen und daſelbſt Vor⸗ kehrungen zur Entfernung der Waffen zu treffen. Wenigſtens ſah Capitain Burns ſo die Aufforderung an. Da der junge Mann aber zuvorkommend, ja freundlich blieb und offenbar nichts Feindſeliges be⸗ abſichtigte, ſo ſtimmte er ſogleich bei und forderte Gertrud auf, ihnen zu folgen, welcher der Offizier aber den Vortritt ließ. Bevor er aber in's Haus ging, trat er hart an's Ufer, gab ſeinen Leuten einen Wink mit der Hand, den ſie wahrſcheinlich einer früheren 203 Verabredung gemäß ſogleich verſtanden, und folgte unmittelbar dem Capitain in das Haus.— Sehen wir nun, was ſich während dieſes uner⸗ warteten Vorfalles in dem Hauſe ſelbſt ereignet hatte. Henrik war mit Helenen eingetreten und hatte ſich zunächſt zu dem alten Bardow begeben, der in der⸗ Aben Stube ſaß, wo früher die alté Lore gehauſt, und an einem großen Netze ſtrickte. Während er ihn begrüßte, ſtieg Helene die Treppe hinauf, öffnete die Thür ihres Zimmers und ſuchte aus ihrem Schreib⸗ tiſch das gewünſchte Petſchaft hervor. Da ſie aber etwas länger verweilte, als ſie ſelber wußte, kam Henrik ihr nach und Helene lud ihn zum Sitzen ein, worauf ſich wie gewöhnlich ein trauliches Geſpräch zwiſchen ihnen entſpann. Unterdeß war der Schooner herangekommen, das Boot hatte ſich davon entfernt und dem Lande genähert. Da warf Helene zufällig ihren Blick auf das Meer und entdeckte den Vorgang zwiſchen Andreas und dem Offizier. Henrik, der ihre Bewegungen aufmerkſam verfolgte, ſah ſie plötzlich erbeben und Leichenbläſſe ihr Geſicht überziehen. „Um Gottes willen, was iſt Ihnen?“ rief er und ſprang von ſeinem Stuhle auf. „Still!“ erwiderte ſie und wehrte ihn mit der Hand vom Fenſter zurück.„Das Schiff hat ein 204 Boot an's Land geſchickt und ein Offizier iſt ausge⸗ ſtiegen und ſpricht mit Andreas.“ „Wie?“ rief Henrik beſorgt—„Ein däniſcher Of⸗ fizier— mit Andreas?“ „Ja— raſch, Henrik, raſch— faſſen wir einen Entſchluß— er kommt mit ihm hierhor Es iſt mög⸗ lich, daß er Sie ſucht.“ „Mich?“ fragte Henrik, und auch ſeine Wange er⸗ bleichte, obwohl er von Natur eben nicht ängſtlich war. Der däniſche Offizier war während dieſer Zeit mit Andreas und Gertrud ſchon in das Haus getreten und ſprach mit dem alten Bardow. Ohne ſich ihres Thuns eigentlich bewußt zu ſein und nur von einem inneren Inſtinkt getrieben, öffnete Helene die Thür, die in ihr Schlafgemach führte, welches noch nie ein Mann betreten, und ehe ſich Henrik beſinnen konnte, was vorging, ſah er ſich in demſelben allein und hörte, wie Helene hinter ihm den Schlüſſel abzog. Einen Augenblick ſpäter vernahm ſie Schritte auf der Treppe und gleich darauf trat Gertrud, verſtörten 1 Angeſichts, Andreas ruhig wie immer und hinter ihm 3 der däniſche Seeoffizier mit neugieriger Miene ein. „Helene,“ ſagte Andreas ernſt, aber mit funkeln⸗ dem Auge, das indeſſen ſogleich einen befriedigten 205 — 205 Ausdruck annahm, als er die Angeredete allein vor ſich ſah—„entſchuldigen Sie unſern unangemelde⸗. 8 ten Beſuch— aber hier iſt ein Herr, der ſich über⸗ zeugen will, ob ich die Wahrheit ſprach, als ich ihm ſagte, daß nur eine Dame hier oben wohne.“ Der däniſche Seemann trat in's Zimmer, blickte ſich darin um und verbeugte ſich, indem er erſtaunt ſchien, ein ſo ſchönes Weib im Traueranzuge vor ſich zu ſehen. „Um Vergebung, Madame,“ ſagte er,„daß ich Sie in Ihrer Einſamkeit ſtöre, aber ich handle auf Befehl meiner Vorgeſetzten. Wohnen Sie allein in dieſem Stockwerk und haben Sie nichts darin ver⸗ borgen, was— was auf den Krieg Bezug hat?“ 4 Und er lächelte ſelbſt bei dieſen Worten, die er mit leiſem Zögern ſprach. Helene richtete ſich hoch auf; ihre Wange brannte und ihr Auge leuchtete, denn ſie dachte nur an Hen⸗ rik und ihr Inſtinkt belehrte ſie, daß ihm allein der ſeltene Beſuch gelte. Aber ſie fühlte auch, daß der Augenblick des Handelns gekommen ſei und ſogleich hatte ſie ſich gefaßt.„Ich wohne allein hier, mein Herr,“ erwiderte ſie ſtolz,„und falls Sie daran zwei⸗ feln, ſo ſteht Ihnen nichts im Wege, ſich durch den Augenſchein davon zu überzeugen.“ t 206 „Und haben Sie keinen Diener um ſich, der Sie beſchützt in dieſer Einſamkeit?“ „Einen Diener und eine Dienerin— letztere aber iſt auf Emmerslund, wo ich mich gewöhnlich auf⸗ halte.“ „Wohl— aber kann ich den Diener nicht ſehen?“ Helene zog die Glocke. Im Augenblick darauf er⸗ ſchien Ernſt Baring in der Thür, erſchrockenen Ge⸗ ſichts, aber in ſeine dunkle Livrée gekleidet, die er ge⸗ wöhnlich trug. Der junge Seemann warf nur einen oberfläch⸗ lichen Blick auf ihn, dann winkte er mit der Hand, als wolle er ihm andeuten, er möge ſich wieder ent⸗ fernen. Als dies geſchehen, ſenkte der höfliche Feind die Stirn, als beſänne er ſich auf etwas.„Es ge⸗ nügt mir,“ ſagte er endlich,„was ich ſehe. Ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen.“ Und mit Hand und Augen grüßend ſchritt er langſam zum Zimmer hinaus, ſogleich von Andreas und Gertrud gefolgt, während Helene bebend zurückblieb, bleich vor Schrecken auf ihren Seſſel ſank und ihr Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckte. Unterdeß war der Offizier mit ſeinen Begleitern an den Strand zurückgekehrt, hatte mit Andreas einige Worte gewechſelt und ſein Boot herbeigewinkt. Acht 207 Männer ſtiegen ſofort an's Land und in ehrfurchts⸗ voller Entfernung hinter ihrem Offizier herſchreitend, folgten ſie der Geſellſchaft nach dem Andreasberge hinauf.— Hier angekommen, blieb die Schiffsmannſchaft, von den anweſenden Knechten mit Erſtaunen betrachtet, auf dem Hofe ſtehen, während der Offizier in das Haus trat und von Andreas einige Waffen ausge⸗ liefert erhielt, die diefer nicht verborgen hatte, wäh⸗ rend ſeine beſten Gewehre und Piſtolen in ſicherem Verwahrſam ruhten, wohin er ſie aus Vorſicht längſt gelegt hatte. 3 Als der Offtzier die alten Waffen auf dem Tiſche liegen ſah, lächelte er.„Darf ich Sie bitten, mir dieſe Waffen anzuvertrauen,“ ſagte er zögernd,— nich muß ſo handeln, denn mir ward der Befehl dazu.“ „Nehmen Sie, ich verweigere Ihnen nichts; Sie haben die Macht dazu und ich bin nicht geſonnen, mich derſelben zu widerſetzen.“ „Ich danke Ihnen. Und da jetzt Ihre Gattin nicht gegenwärtig iſt, ſo darf ich wohl fragen, ob die Trauerkleider, die ich hier ſehe, Ihrem Sohne gelten?“ „Sie gelten ihm, mein Herr— ja, Sie haben Recht.“ — —— 208 „Ich ſpreche Ihnen mein Beileid aus— erſt ge⸗ ſtern iſt mir die Kunde von ſeinem Tode geworden. Ich kannte ihn und weiß den Schmerz des Vaters zu würdigen, deſſen Ruhe ich übrigens nicht ſtören will. Darf ich hoffen, daß ich Sie mit der Erfüllung mei⸗ nes Auftrages nicht verletzt habe?“ „Sie haben mich nicht verletzt, ſondern ſich als ein Ehrenmann erwieſen. Jetzt reiche ich Ihnen meine Hand, obgleich Sie ein Däne und als ſolcher mein Feind ſind.“ Und ſie ſchüttelten ſich die Hände, worauf der Of⸗ fizier mit kurzen Worten ſich empfahl. Nachdem er auf den Hof getreten, rief er ſeine Leute und ſtieg mit ihnen denſelben Seitenweg hin⸗ ab, den Andreas ihn abſichtlich heraufgeführt, um ihn auf dieſe Weiſe von der Inſel fern zu halten, wo er ſonſt leicht den Kutter bemerkt hätte. An⸗ dreas hatte ihm das Geleit gegeben, aber erſt als er ihn dem Strande zueilen ſah, fing ſein Herz an zu klopfen, und langſam ſtieg er die Warte hinauf, auf der Meviſſen und Kühlwetter voll Beſorgniß ſtanden, und beobachtete mit ihnen, wie die Dänen die Scha⸗ luppe beſtiegen, dem Schooner entgegenruderten und ſeinen Bord erkletterten, um die Waffen abzuliefern, die ſie ſo leichten Kaufs erhalten hatten. Aber lange 209 erſt nachdem das Schiff aus dem Meerbuſen hinaus lavirt war und ſeinen Standort neben dem andern 5 Schiffe vor dem Warnitz⸗Kopf eingenommen hatte, verließen Helene und Henrik das Epheuhaus, und raſch einen ſelten betretenen Bergpfad einſchlagend, kehrten ſie Beide nach Emmerslund zurück, wo ſie von der ganzen Familie mit lebhafter Freude begrüßt wurden. A. Burns. III. Jehtes Anpitel. Ein Ereigniß, welches Niemand erwartet hat. Im Laufe dages hatte Henrik Helenens und Andreas' Vollmachten, abermals neue, von einem Ban⸗ kier in Altona zu beziehende Gelder an die Statt⸗ halterſchaft zum Beſten des Vaterlandes zu zahlen, erhalten und ſie in der Taſche, die er ſtets auf bloßer Bruſt trug, wohl verwahrt. Als es Abend gewor⸗ den und das Nachteſſen eingenommen war, ſaß die Familie um den Tiſch in der Mutter Zimmer bei⸗ ſammen und beſprach, wie es gewöhnlich geſchah, die Vorfälle des Tages, die heute von ſo beſonderer Art geweſen waren, daß ſie ihr hinreichenden Stoff boten, ſich nach allen Richtungen lebhaft darüber zu äußern. So drohend der feindliche Beſuch anfangs ausgeſehen, 211 ſo war er doch zuletzt zu allgemeiner Zufriedenheit abgelaufen, und ſelbſt Andreas mußte lächeln, wenn er bedachte, daß er mit dem Verluſte einiger un⸗ brauchbarer Flinten, die ihm ſchon lange zur Laſt ge⸗ weſen, davon gekommen war. Nur über die eigent⸗ liche Urſache und den wahren Zweck der Landung waren die Meinungen getheilt, denn wenn Gertrud, Agathe und Henrik der Anſicht waren, ſie habe allein der Waffenſuchung rminſ h war vielmehr Helene der Ueberzeugung, man habe etwas viel Ernſteres im Auge gehabt, und nur die Höflichkeit und der zu⸗ fällige Umſtand, daß er in Capit ain Burns den Va⸗ ter ſeines ehemaligen Kameraden gefunden, habe den jungen Seemann von ſtrengeren Forderungen abge⸗ halten.„Wäre er ein alter, griesgrämiger, eiſenfreſſe⸗ riſcher Inſeldäne geweſen,“ ſagte ſie,„ſo würde er ſchärfere Hausſuchung gehalten und vielleicht auch bei mir Etwas gefunden haben, was der Abſich! der Dänen näher lag, als dieſe alten Flinten.“ Und ihr Blick haftete feſt auf Henrik'’s Antlitz, der noch immer ungläubig den Kopf ſchüttelte, obgleich auch Andreas endlich nicht abgeneigt ſchien, Helenen Recht zu geben. „Jedenfalls,“ fuhr dieſe fort,„können wir uns Glück wünſchen, ſo leichten Kaufs davon gekommen zu ſein, und uns die Warnung zu Herzen nehmen, 14* 212 nicht zu kühn an den Strand zu laufen, wenn feind⸗ liche Schiffe in der Nähe kreuzen. Nur etwas An⸗ genehmes hat uns der Vorfall gebracht, und das iſt die Bekanntſchaft eines ehrenwerthen Mannes, eine ſeltene Eigenſchaft eines Dänen in jetziger Zeit, wenn man bedenkt, wie ſie im Allgemeinen den Krieg ge⸗ gen die Deutſchen führen.“ „Er war ein Seemann,“ warf Agathe leicht hin, „und die Seeleute ſind in der Regel edelmüthiger, als die Landſoldaten— das liegt in ihrem Berufe.“ „O, wenn das Friedrich gehört hätte!“ flüſterte ihr Helene zu und drohte mit dem Finger, eine An⸗ ſpielung, die uan holdes Geſicht mit Purpur übergoß und ſie für den ganzen Abend ſchweigſam machte. „Am meiſten wundere ich mich darüber,“ ſagte Andreas,„daß ſie ſo gut von allen Vorfällen am Lande unterrichtet ſind. Wie genau der Herr wußte, daß wir erſt morgen Einquartierung erhalten und daß alſo ſein Beſuch für heute bei uns gefahrlos ſei.“ „Das iſt ein Beweis, wie vortrefflich ſie durch Spione bedient ſind,“ erwiderte Henrik.„Merkwürdig, daß mir ſogleich mein Freund Olaf Larſſen einfiel, als ich hörte, daß die Dänen gelandet ſeien.“ „Nimm Dich vor ihm in Acht,“ ſagte Andreas ernſthaft.„Er ſcheint Dein böſes Verhängniß zu ſein und verſpricht ſich von Deinem Fange vielleicht goldene Berge.“ „Ich fürchte ihn nicht; morgen früh um fünf Uhr reite ich fort, und auf einer Straße, wo kein Däne zu finden iſt.“ „Haſt Du ſchon Dein Pferd beſtellt?“ „Alles iſt abgemacht; Peter wird es mir ſatteln. „Alſo morgen!“ ſeufzte Andreas.„Wie raſch die Tage verſchwinden, wenn ſie zu den freudigen zählen, und doch dauert ein Schmerzensta ſo lang! Ach ja! Wer weiß, wann wir uns ſehen, Henrik, und wie ſich unterdeß die Dinge geſtalten!“ „„Wir wollen das Beſte hoffen. Sobald aber der Feldzug zu Ende iſt, bin ich wieder bei Euch und dann— und dann—“ er ſchwieg; nur ſein Auge ſchweifte langſam und ſchüchtern nach Helenen hin⸗ über, die auf ihre Arbeit niederſah, mit der ihre 8 ſchönen Hände beſchäftigt waren. „Nun, und dann?“ fragte Agathe leiſe.„Sie woll⸗ ten noch etwas ſagen.“ Eben als Henrik den Mund öffnen wollte, um irgend etwas zu erwidern, ging die Thür auf. Ca⸗ pitain Kühlwetter trat herein und ſagte Andreas einige Worte leiſe in's Ohr. Dieſer erhob ſich, ohne ein 214 Wort zu ſprechen, von ſeinem Stuhle und ging mit ihm hinaus. Beide begaben ſich über den Hof in den Garten und von da auf die Warte, und hier vernahm Andreas die Nachricht, daß Capitain Meviſ⸗ ſen, der den Abend auf der Höhe zugebracht, ſchon ſeit einer Stunde beobachtet haben wollte, daß eins von den beiden Schiffen, die vor Warnitz⸗Kopf ge⸗ legen, wieder in den Meerbuſen eingelaufen ſei und einige Boote an's Land geſchickt habe, die noch nicht wieder an Bord zurückgegangen wären. „Wo iſt die Landung geſchehen?“ fragte Andreas. „An zwei iedenen Stellen. Das eine Boot ging drüben Ufer, weſtlich von Warnitz⸗Kopf. Ich konnte es deutlich im Lichte des Mondes verfol⸗ gen, der ſich jetzt hinter jene ſchwarze Wolke verkro⸗ chen hat, und das andere etwa tauſend Schritte nörd⸗ lich von Kühlwetter's Hauſe an's dieſſeitige Ufer.“ „Habt Ihr auch recht geſehen, Meviſſen?“ „Nun, habe ich denn nicht noch vortreffliche Au⸗ gen, Commodore, daß Ihr mich ſo fragt? Ich hab' es geſehen, das iſt Alles, was ich ſagen kann.“ Andreas ſchraubte ſich ſein Nachtrohr zurecht. Aber es war zu dunkel geworden, um etwas Beſtimmtes zu erkennen. Zwar war das feindliche Schiff als ein ſchwarzer Punkt in der Ferne zu unterſcheiden, weiter 215 aber auch nichts. Der ganze Himmel hatte ſich mit düſteren Wolken bezogen und dieſe hatten des Mondes Antlitz verſchleiert; kein Stern war am ganzen Fir⸗ mamente zu finden und man mußte jeden Augenblick einen tüchtigen Regenguß erwarten. Lange ſtanden die drei Männer ſchweigend neben einander und be⸗ obachteten ſcharf den Horizont und das Meer, aber kein einziges Anzeichen war vorhanden, was den Ver⸗ dacht der beiden Capitaine hätte verſtärken können. In nächtlicher Stille ruhte das Land, eben ſo das Meer, und nur leiſe rauſchten die Waſſer nach We⸗ ſten hin, denn auch der Wind ar gelinder gewor⸗ den und zeitweiſe ſchien er— Dabei war die Luft wärmer als am Tage, und alle drei Männer ſprachen beſtimmt die Meinung aus, daß nach dem ſehnſüchtig erwarteten Regen beſſeres Wet⸗ ter folgen würde.— Unterdeſſen hatten die im Zimmer Verſammelten ihr Geſpräch ruhig fortgeſetzt, ohne anfangs auf An⸗ dreas Abweſenheit und deren Grund beſonders zu achten. Endlich aber, als eine Pauſe in der Unter⸗ haltung eingetreten war, ſiel es Gertrud auf, daß ihr Mann ſehr lange ausbleibe und ſie ſprach ſich laut darüber aus. Agathe ging ſogleich hinaus und fragte zuerſt im Hauſe, dann im Hofe, wo der Capi⸗ 216 tain ſei, worauf ſie von einem Knechte zur Antwort erhielt, daß er mit Capitain Kühlwetter in den Gar⸗ ten und wahrſcheinlich auf die Warte gegangen ſei. Mit dieſer Meldung trat ſie wieder in's Zimmer, und als ſie das Wort Warte ausſprach, horchten Alle auf, als wäre damit eine ernſtere Bedeutung ver⸗ knüpft. Gertrud ſeufzte laut; Helene blickte Henrik an und dieſer ſtand endlich auf und trat an's Fen⸗ ſter, um ſich den Himmel zu beſchauen. „Es iſt ſehr finſter draußen,“ ſagte er.„Der Mond hat ſich hinter Wolken verſteckt. Ich werde einmal auf di rte ſteigen und ſehen, was die Männer treib Damit nahm er ſeinen Hut und ging hinaus. Langſam ſchritt er über den Hof, und mit beiden Händen taſtend gelangte er durch die Gartenthür, denn es war ſtockfinſter in dem eingeſchloſſenen Raume, zu⸗ mal er eben aus dem erleuchteten Zimmer in's Freie getreten war. So kam er am Fuße der Warte an und wollte ſchon die erſte Stufe erſteigen, als er ein leiſes Geräuſch neben ſich zu hören glaubte. „Iſt Jemand hier?“ fragte er laut. Niemand antwortete. In dieſem Augenblick fiel ihm ein, daß Andreas vielleicht nicht auf der Warte ſei, und um ſich das Hinaufſteigen in der Finſterniß 217 zu erſparen, ſtellte er ſich daneben hin und rief hin⸗ auf:„Andreas!“ „Was giebt es?“ fragte des Gerufenen klare Stimme herunter. „Kommt Ihr nicht bald in's Haus?“ fragte Henrik weiter—„oder habt Ihr etwas, Beſonderes beob⸗ achtet?“— „Biſt Du es, Henrik?“ rief der Capitain wieder herab. „Ja, Andreas, ich bin es!“ „Nun, wenn Du es ſelbſt ſagſt, dann muß es wohl wahr ſein!“ ſagte plötzlich eine rauhe Stimme neben ihm, und ehe er ſich n enu was ihm geſchah, faßten ein paar kräftige Arme die des jun⸗ gen Mannes von hinten, eine Art dicker Pelzkappe ſtülpte ſich über ſeinen Kopf, von dem der Hut her⸗ untergeſchlagen wurde, und einen Augenblick ſpäter fühlte er ſich von unſichtbaren Händen emporgehoben und mit haſtiger Eile davon getragen. Das Alles war ſo raſch und unerwartet geſchehen, und im erſten Augenblick war der Ergriffene ſo be⸗ troffen geweſen, daß er nicht daran denken konnte, einen Laut von ſich zu geben. Jetzt, da er es ver⸗ ſuchte, war es ihm unmöglich, auch fühlte er ſich ſo feſt von mehreren ſtarken Armen umſtrickt, daß er 218 nicht die geringſte Gegenwehr zu leiſten vermochte. Wohin man ihn trug, er wußte es nicht, aber er ahnte es, denn erſt in dieſem Augenblicke tagte ihm ein helles Licht, welches Helene allein im Laufe des Tages erblickt, indem ſie von vornherein annahm, daß der Beſuch der Dänen am Morgen Henrik Paul⸗ ſen allein gegolten und man ſeine Anweſenheit in Emmerslund nur habe auskundſchaften wollen. Nicht zehn Minuten waren verſtrichen, ſo fand ſich Henrik in ein Boot niedergelegt, welches ſechs Ru⸗ derer in pfeilſchnelle Bewegung ſetzten. Man nahm ihm die Verhüllung vom Kopfe und nun ſah er ſich inmitten einer bewaffneten Schaluppe, von däniſchen Matroſen umgeben, deren Augen ſtarr auf ihn ge⸗ richtet waren, deren Geſichter er aber bei der großen Finſterniß ringsum nicht zu unterſcheiden vermochte. „Wenn Sie jetzt um Hülfe ſchreien wollen,“ ſagte eine rauhe Stimme auf däniſch zu ihm, ſo können Sie es thun— Sie verſtehen mich doch?“ „Ich verſtehe Sie— ja!: Wohin bringen Sie mich?“ „Auf Sr. Majeſtät Schiff!“ „Auf daſſelbe, welches heute Morgen in die Bucht einlief?“ „Nein, das iſt nach Sonderburg gegangen.“ 219 „Und wohin gehen Sie?“ „Sie thäten beſſer, nicht zu fragen, ſondern zu ſchweigen. Das Uebrige wird ſich Ihnen zu rechter Zeit offenbaren. Ich habe meinen Auftrag zu er⸗ füllen und der ſchließt alle weitere Unterhaltung aus.“ So ſah ſich denn Henrik gefangen, in einem Au⸗ genblicke, wo die Freiheit einen ſo überaus großen Werth für ihn hatte. Aber was half es, ſich über ſein Schickſal zu beklagen? Er war Mann genug, einzuſehen, daß im Kriege Jedermann ſolchen Wider⸗ wärtigkeiten unterworfen ſei, namentlich im gegen⸗ wärtigen Kriege, wo die Menſche äubereien an der Tagesordnung waren. Und da es den Kriegsgefan⸗ genen nicht an's Leben ging, fühlte er ſich in dieſer Beziehung beruhigt. Nur als er an Emmerslund und die dort Verſammelten dachte, legte ſich eine drückende Laſt auf ſein Herz. Sehnſüchtig ſchaute er nach der Höhe zurück, ſprach ein leiſes Gebet zu Gott und dann wandte er getroſt ſeinen Blick der dunkelen Zu⸗ kunft entgegen. Andreas jedoch, als er Henrik nicht antworten hörte, glaubte, er würde ſich zu ihm auf die Warte begeben, in welcher Meinung ihn das Geräuſch, das ſich bei Henrik’s Ergreifen am Fuße der Treppe ver⸗ nehmen ließ, noch mehr beſtärkte. Als es auf der 8 220 Treppe ſelbſt aber ruhig blieb, dagegen forteilende Schritte auf dem Wege nach dem Meere ſich hörbar machten, wurde er unruhig und rief wiederholt Hen⸗ rik's Namen. Da aber auch jetzt keine Antwort er⸗ folgte, ſtieg er ſchnell ſelber hinab, ſuchte ihn unten im Garten und da er ihn nicht fand, lief er raſch in's Zimmer. „Wo iſt Henrik?“ rief er mit beklommener Stimme, als er die Frauen allein ſah. „Er iſt ja zu Dir hinaufgegangen,“ ſagte Gertrud und Agathe zugleich, während Helene ſtumm wie eine Bildſäule vor ihm ſtand und die Hand auf den Bu⸗ ſen drückte, de Feſſeln zu zerſprengen drohte. Andreas hatte kein Wort weiter geſprochen. Athem⸗ los war er wieder in den Garten gelaufen und kam gerade zur rechten Zeit, als Kühlwetter's brüllende Stimme von oben herunterſchmetterte:„Cap'tain, Cap'tain— geſchwind, geſchwind herauf!“ „Was giebt es?“ donnerte Andreas zurück. „So kommt doch herauf!“ Andreas ſtürzte die Treppe hinauf, ſo ſchnell, daß er ſpäter ſelber nicht wußte, wie er die Höhe erreicht, und als er mit fliegendem Athem oben angelangt war, ſah er nichts mehr, hörte aber, daß ein Boot unmittelbar vom Ufer vor Emmerslund abgeſtoßen 221 ſei und zwei blaue Leuchtkugeln emporgeworfen habe, worauf es mit Haſt nach Oſten gerudert. Und gerade jetzt, als ſich Andreas Augen in die dunkele Ferne nach Oſten bohrten, als ob ſie Nacht und Finſterniß mit Gewalt durchdringen wollten, trat der volle Mond unter einer Wolke hervor und goß ſein ſtrahlendes Licht über das ſtillfluthende Meer aus. Da ſah er denn, was jetzt zu ſehen zu ſpät war, ein Boot, welches wie eine über das Meer fliegende Möve dem heranſegelnden Schiffe entgegenſchwebte und von demſelben mit ſeinem ganzen Inhalte aufgenommen wurde. 2 ½ Als Henrik Paulſen das Deck des Schooners, der zu ſeiner Aufnahme beſtimmt war, betreten hatte, wurde er in die Kajüte des Capitains geführt. Er fand ihn bei einer Flaſche Portwein ſitzen und mit einem jungen Mann, den Henrik für den Schiffsarzt hielt, im Plaudern begriffen. Zugleich mit ihm trat der Offizier ein, der ihn am Lande gefangen genom⸗ men, und meldete, daß dies der Verhaftete ſei, nach dem man ihn ausgeſchickt. Der Capitain des Schiffes, ein kleiner Mann mit rothem Geſicht, das zugleich von Weingenuß, mun⸗ 222 terer Laune und Leutſeligkeit glänzte, erhob ſich von ſeinem Sopha, trat dicht vor den Gefangenen hin und muſterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Das edle Anſehen deſſelben, ſeine männliche Ruhe, die aus ſeiner ganzen Haltung wie aus ſeinem klugen Auge ſprach, ſchienen dem Seemann zu behagen und den achtungsvollen Ton einzugeben, mit dem er ſogleich zu ſprechen begann. „Mein Herr,“ ſagte er, indem er ſich der deutſchen Sprache bediente, die er ſo gut wie jeder gebildete Däne ſprach,„ſind Sie Henrik Paulſen aus Sunde⸗ witt, der beim Bauer Rasmus Harms eine Wohnung hatte?⸗ „Ja, Herr Capitain, der bin ich.“ Der Offizier lächelte den Arzt an, der nahe heran⸗ getreten war, und fuhr dann zu Henrik gewendet fort: „Nun, ſo wünſche ich mir Glück, daß Sie mir die Ehre Ihrer Anweſenheit gönnen. Es hat uns viel Mühe gemacht, Ihrer habhaft zu werden, denn Sie ſcheinen mit Geiſtern in Verbindung zu ſtehen und ſind uns oft nur wie durch ein Wunder ent⸗ ſchlüpft.“ „So haben Sie mich ſchon lange geſucht?“ fragte Henrik ernſt, ohne im Geringſten ſeinen Geſichts⸗ ausdruck zu verändern. 223 „Gewiß, und auch Andere vor mir. Schon im vorigen Jahre hofften wir Sie abliefern zu können.“ „Und darf ich vielleicht wiſſen, warum man ſo eifrig ſich um meine geringe Perſon bemüht hat?“ „Seien Sie nicht zu beſcheiden, mein Herr; wenn es Ihnen aber angenehm iſt, zu hören, daß man Sie für einen gewandten und fähigen Mann hält— was in dieſem Kriege gleichbedeutend mit gefährlich iſt— ſo ſage ich es Ihnen.“ „Ich bin nicht ſo eitel, wie Sie vielleicht denken, und ſchlage meinen Werth nicht höher an, als er wirklich iſt, und das mag in Bezug auf öffentliche Angelegenheiten ſehr niedrig ſein.“ „Wie Sie das vielleicht anſehen! Doch, Ihren Werth zu beſtimmen iſt meine Sache nicht, das mögen die Schriftgelehrten entſcheiden.— Haben Sie ſchon zu Abend geſpeiſt?“ „Vollauf— gönnen Sie mir nur Ruhe, und wenn Sie mir eine Gefälligkeit erweiſen wollen, ſo ſagen Sie mir, wohin Sie mich führen.“ Der Capitain zuckte die Achſeln.„Das, mein Herr, überſchreitet meine Vollmacht. Wenn Sie aber die Küſte von Schleswig und Jütland kennen, wie ich bei Ihnen vorausſetzen darf, ſo werden Sie mit eigenen Augen ſehen können, wo man Sie an's Land 224 bringt.— Setzen Sie ſich, big Ihr Zimmer in Ord⸗ nung gebracht iſt.“ Henrik wollte eben von dieſer freundlichen Er⸗ laubniß Gebrauch machen, als ein Seeſoldat mit ge⸗ zogenem Degen eintrat und meldete, daß die Koje des Gefangenen in Bereitſchaft ſei. „So folgen Sie dieſem Mann und ſchlafen Sie wohl an Bord Sr. Majeſtät Schooner.“ „Wie heißt dieſer Schooner?“ fragte Henrik, bevor er dem Befehle Folge leiſtete. „Es iſt der Neptun, mein Herr.“ „Der Neptun? Auf dem früher Erik Burns Ka⸗ det war?“ „Derſelbe— friſch aus den Docks gekommen und funkelnagelneu getakelt. Gute Nacht!“ KHenrik folgte ſeinem Führer und war bald mit ſeiner Koje bekannt, einem kleinen Raume, ſechs Fuß lang, viere breit ‚weiter nichts als eine hölzerne Pritſche darbietend, mit ein paar wollenen Decken belegt, und der an der Schiffswand ein zolldickes Fenſterglas hatte, nicht größer als ein Kindeskopf, und außerdem noch von Außen mit einer eiſernen Stange verziert. Als der Seeſoldat mit einer Laterne in 8dieſen behaglichen Raum hineingeleuchtet, brummte 225 er einige Worte, entfernte ſich wieder und ſchloß hin⸗ ter ſich die Thür zu. Henrik war alſo allein. Ohne ſich zu beſinnen, denn es war weiter nichts in dieſem engen Waſſer⸗ grabe zu thun, warf er ſich auf das Lager, deckte ſich mit einer wollenen Decke zu, ſtützte beide Hände als Kopfkiſſen unter den Kopf und gab ſich ſeinen Ge⸗ danken hin, die in unaufhörlicher Bewegung, wie Ebbe und Fluth, in ſeinem Gehirne auf und niederjagten. Eine geraume Zeit verſtrich, bis ſich ſein laut ſchlagendes Herz ſo weit beruhigt hatte, daß er zum klaren Nachdenken kommen konnte, und als er erſt ſo weit war, fühlte er ſich bei Weitem nicht ſo unglück⸗ lich, als man hätte vermuthen ſollen, denn ſein kräf⸗ tiger Geiſt bewältigte die gezwungene Lage ſeines Leibes und ſetzte ſich weit über Meere und Länder hinweg in eine ruhigere, heiterere Zeit, wo keine Ge⸗ waltthat, kein Zwang, keine Zwietracht herrſchten und wo weder die Deutſchen die Dänen bekriegten, noch dieſe die Deutſchen in Eiſen und Bande ſchlugen. Aber zum Schlafe konnte er dennoch nicht gelan⸗ gen. Das unaufhörliche Rauſchen der Wellen, nur wenige Zolle von ſeinem Ohre entfernt, hielt ihn wach, und nicht weniger die Bekümmerniß um Die⸗ jenigen, denen er ſo unerwartet entzogen war. Erſt A. Burns. III. 15 gegen Morgen machte ſich das Bedürfniß der erſchöpf⸗ ten Natur bei ihm geltend und er ſchlief ſo ſanft ein, wie er es nur je in Rendsburg oder Emmers⸗ lund vermocht hatte. Als er die Augen wieder aufſchlug, dämmerte ein trübes Licht durch das kleine Fenſter in ſein Gemach, und als er ſich nun erſt genau darin umblicken konnte, erfaßte ihn das bitterſte Gefühl, welches ihn ſeit dem vorigen Abend heimgeſucht; denn er mußte ſich Schritt für Schritt die letzten Ereigniſſe erklären und alſo noch einmal in Gedanken durchleben, was er in Wirklich⸗ keit durchlebt, und eine ſolche Wiederholung, wenn ſie nur Schmerzliches betrifft, drückt den Geiſt ſtärker — nieder, als das Ereigniß ſelbſt, da ſie mit vollkom⸗ menem Bewußtſein und ohne die Aufregung des un⸗ vorhergeſehenen Augenblicks vor ſich geht. Da er nicht Raum genug zum Gehen oder Stehen hatte, ſo blieb er liegen, aber auch das Liegen wurde ihm mit der Zeit eine Laſt, wie ſie der Geſunde leicht empfindet, wenn er durch Zwang in dieſer Lage ge⸗ halten wird. Bald darauf wurde die Thür der Koje aufgeſchloſſen; der Soldat, der ihn am Abend herein⸗ geführt, erſchien mit einer großen Taſſe Thee und Brot und erkundigte ſich, ob der Gefangene einen Wunſch habe. * 227 „Ja, bringen Sie mir Waſchwaſſer und ein Handtuch.“ „Ein Handtuch?“ fragte der Soldat und lächelte höchlich erſtaunt. Dennoch ging er, und zu Henrik's eigener Verwunderung brachte er ſehr bald das Ver⸗ langte und bemerkte dabei, er laſſe die Thür offen und der Gefangene könne auf Deck gehen und zwi⸗ ſchen den Maſten hin und her wandeln. Als Henrik ſich gewaſchen und ſein Frühſtück ge⸗ noſſen, machte er von der gegebenen Erlaubniß Ge⸗ brauch und trat aus der Koje. Der Soldat, der da⸗ vor ſtand, folgte oder vielmehr führte ihn auf das 5 Deck, wo ein ſchläfriger Kadet, einige Matroſen, zwei Steuerleute und drei oder vier Soldaten zu ſehen waren. Kein höherer Offizier aber ließ ſich in der Nähe blicken. Das Schiff zog unter halben Segeln dahin und Leinwand und Tauwerk waren naß von dem Thau der Nacht und einem feinen Sprühregen. Als Henrik ſich umſchaute, wo er wohl ſein mochte, erfaßte ihn anfangs ein nie empfundenes Grauen, denn nichts ſah er als dichten Nebel, der das Schiff nach allen Richtungen umgab. Es regnete zwar, aber die kleinen Tropfen, die vom Himmel fielen, waren warm, wie die Luft, die von Südoſten über das Meer zog. Land und Himmel waren nirgends zu 4 8* 15* 228 ſehen und nur die graue Woge rieſelte trüb und ſchwer an den Wänden A Schiffes entlang. Da Henrik keinen Hut hatte, denn man hatte ihm den⸗ ſelben ja vom Kopfe geſchlagen, ſo bat er den Sol⸗ daten, ihm einen alten Matroſenhut zu verſchaffen; und als ein junger Matroſe, der in der Nähe ſtand, dieſen Wunſch hörte, nickte er dem Soldaten zu, ſprang in eine Luke hinab und kam dann mit einem lackir⸗ ten und ziemlich neuen Hute wieder hervor. Es war ein aus Holſtein gepreßter Matroſe, der Mitleiden mit dem deutſchen Gefangenen hatte. Henrik bot ihm ein Geldſtück an, aber er dankte und entfernte ſich, indem er erröthete. So ſchritt denn der Gefangene langſam auf dem Schiffe zwiſchen den beiden Maſten und vier Kano⸗ nen hin und her, nach allen Seiten ſpähend, ob er nicht Land erblicken könne. Aber nichts war zu ſehen und erſt gegen Mittag hellte ſich das Wetter auf und ein dunkeler Streifen grauen Landes, hie und da mit freundlichen Häuſern und blätterloſen Wal⸗ dungen bedeckt, machte ſich im Oſten bemerkbar. „Iſt das nicht Fünen?“ fragte Henrik ſeinen Soldaten. Dieſer nickte. Henrik war neugierig, wohin der Lauf des Schiffes ſich richten würde; da er zur Rechten 4 229 Fünen hatte und der Bug des Schiffes nach Norden ging, ſo war nur die eggenblickliche Stellung klar, aber nicht das Ziel. Nach einer Stunde etwa trat der Capitain auf Deck, muſterte den Horizont, ſprach mit einem Offizier, der an ſeiner Seite ging und begrüßte mit Kopfnicken den Gefangenen, ohne ein Wort an ihn zu richten. Um zwölf Uhr aber, als er eben wieder in ſeine Koje getreten, kam der Soldat und lud ihn ein, in die Conſtabelkammer zu kommen und ſein Eſſen ein⸗ zunehmen. Henrik folgte und ſaß bald an einem langen Tiſche unter Säbeln, Flinten und Piſtolen, die reihenweiſe an der Wand aufgehangen waren, und ſogleich wurde ihm eine große Schüſſel Gemüſe und etwas geſchnittenes Salzfleiſch, aber ſtatt des Meſſers und der Gabel nur ein Löffel vorgeſetzt. Der Gefangene aß, denn er hatte Appetit, und das hielt er ſelbſt für ein gutes Zeichen ſeines Muthes bei ſo trübem Geſchick. Während er bei Tiſche ſaß, kam ein Dampfer in Anrufsweite, und der Neptun ſetzte ein Boot aus und nahm Depeſchen in Empfang. Gleich darauf wurden mehr Segel beigeſetzt und das Schiff ſtrich ſcharf nach Norden, dicht an der Küſte von Fünen entlang, die freundlichen Inſeln, die ſo reich⸗ lich den kleinen Belt bevölkern und verſchönern, raſch 230 hinter ſich laſſend. So wurde die nördliche Ecke des Belts erreicht und bei leichken Südoſtwinde die Land⸗ ſpitze vor dem Buſen von Kolding umſegelt. Und als der Nachmittag in den Abend überging und Hen⸗ rik, der wieder auf Deck gegangen war, ſehnſüchtig nach dem nahen Lande blickte, ſah er von ſeinem er⸗ höhten Standpunkte aus die geſchwärzten Ruinen des Koldinger Schloſſes ragen, die Bucht gleiches Namens ſich allmälig verengern und den Schooner in den Hafen einlaufen, der an Romantik einer der ſchönſten der jütiſchen Küſte iſt, aber etwas Düſteres wegen der nahe bei einander liegenden Waldhöhen hat. Hier wurden allmälig die Segel gereeft und endlich die Anker ausgeworfen. Man ſchien alſo am Ziele an⸗ gelangt zu ſein. Da trat der Capitain des Schiffes an den Ge⸗ fangenen heran und fragte:„Wiſſen Sie, wo Sie ſind?“ „Ja, ich bin im Hafen von Kolding.“ „Nun wohl, dahin ſollte ich Sie bringen, und wie Sie ſehen, habe ich das gethan. Machen Sie ſich fertig, um acht Uhr Abends werden Sie an Land gehen.“ Henrik dankte und bat den Hut behalten zu dür⸗ fen, den ihm der Matroſe gegeben. 231 „Machen Sie das mit ihm ſelbſt ab, ich habe mich darum nicht zu kümmern.“ Henrik nahm ein Geldſtück in die Hand, um es dem freundlichen Menſchen zu geben, wenn er ihn ſehen würde, was aber erſt beim Einſteigen in's Boot geſchah. Als daſſelbe unten am Schiffe lag, ward der Ge⸗ fangene aufgefordert, hinabzuſteigen. Er winkte mit der Hand dem Capitain zu und kletterte hinab. Neben ihm ſaß der Arzt, den er am Abend vorher in der Kajüte des Capitains geſehen, und dann zunächſt der Matroſe, dem er ſeinen Hut verdankte. Als das Boot abgeſtoßen war, ſagte Henrik leiſe zu dem jungen Manne an ſeiner Seite:„Mein Herr, Sie ſind ein Arzt, wie ich glaube.“ „Ja, der bin ich— ſind Sie krank?“ „Nein, aber da Sie ſich dem Menſchenwohle ge⸗ widmet haben, ſo möchte ich eine Bitte gegen Sie ausſprechen, die daſſelbe betrifft, und Sie um Ihre Hülfe erſuchen.“ „So ſprechen Sie— was ich thun kann, werde ich gewiß und gern thun.“ „Wenn es irgend in der Möglichkeit liegt, ſo laſ⸗ ſen Sie dem Capitain Burns, in deſſen Hauſe ich 232 gefangen genommen bin, die Nachricht zukommen, wohin man mich gebracht hat. Sie werden ihn von großer Unruhe befreien und einen Mann beglücken, der es um Dänemark verdient hat, eine Gnade zu genießen, denn ſein Sohn iſt mit Chriſtian dem Ach⸗ ten in die Luft geflogen.“ „Ich weiß es,“ ſagte der Arzt trüb,„und ich kannte den braven jungen Mann ſehr wohl. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf; ſobald ich wieder in die Apen⸗ rader Bucht einlaufe, ſoll der Capitain auf irgend eine Weiſe von Ihnen hören. Wollen Sie meinen Handſchlag darauf?“ Henrik reichte die Hand hin und fühlte ſich nun beruhigter denn je. Während dieſes leiſe geführten Geſpräches war man dem Lande nahe gekommen, über welches ſich die Abenddämmerung längſt gebreitet hatte. Trotzdem man aber eine ſo ſpäte Stunde zur Landung gewählt, hatte ſich doch eine große Volksmenge verſammelt, die neugierig den Nachrichten entgegenzuharren ſchien, welche der Neptun vom Süden mitbrachte. So dachte wenigſtens Henrik. Bald aber ſollte er zu ſeinem Leidweſen erfahren, daß er ſich in dieſer Beziehung geirrt, denn nicht dem Schooner, ſondern ihm ſelber galt die allgemeine Aufmerkſamkeit, da ſich ſehr bald 233 in der Stadt das Gerücht verbreitet hatte, der Neptun ſignaliſire einen Gefangenen von Bedeutung. Als das Boot an den Hafendamm anlegte, drängte ſich der Pöbel— denn nur dieſer hatte ſich verſam⸗ melt— dicht an die Landungsſtelle, ſo daß kein Menſch ausſteigen konnte. Während nun die Matroſen die Städter durch Worte und Püffe zurückzutreiben ver⸗ ſuchten, machte ſich von hinten her ein Corporal mit vier Mann däniſcher Infanterie durch die Maſſe Bahn, um derſelben durch ſeinen rothen Rock und ſeine Ba⸗ jonette Reſpekt einzuflößen. Auch wich ſie einen Au⸗ genblick zurück und hielt ſich noch ſo ziemlich ruhig. Kaum jedoch hatte ſich der Gefangene von ſeinem Platze im Boote erhoben und war in ſtolzer Haltung, wie ſie ihm ſo gewöhnlich war, an das Land geſtie⸗ gen, ſo erhob ſich ein ſo durchdringendes, widerwär⸗ tiges Bewillkommnungsgeſchrei, daß Henrik anfangs nicht wußte, wem das eigentlich gelte und was es zu bedeuten habe. Aber bald ſah, hörte und fühlte er, daß er allein die Zielſcheibe dieſes rohen, gemeinen Haufens ſei, denn man drang von allen Seiten auf ihn ein, riß ihn zuerſt an den Kleidern und fügte dieſem Angriff die niedrigſten Schimpfwörter bei. Henrik blieb ſtehen, richtete ſich hoch auf und warf einen leuchtenden Blick auf dieſen Auswurf der däni⸗ 234 ſchen Stadt. Es war nur Geſindel, was er vor ſich hatte, bettelhaft, zerlumpt, von jenem widerlichen An⸗ blick, wie man ihn nur damals unter der aufgeregten Bevölkerung ſah, die durch politiſche Wühlerei auf das Höchſte fanatiſirt war. Einem ſolchen Haufen gegenüber konnte ein Mann wie Henrik nur mit ver⸗ ächtlichem Stolze und ruhiger Ergebung ſich waffnen. Und das that er auf eine ſo nachdrückliche Weiſe, daß der Pöbel ſich dadurch nur um ſo mehr verletzt fühlte. Von den fünf Rothröcken in die Mitte genommen, denen ſich zuletzt der junge Schiffsarzt anſchloß und die von Zeit zu Zeit ſich ausſtreckenden Fäuſte zurück⸗ zuhalten verſuchte, ſchritt der Gefangene nun raſch durch die Hafenſtraße in die Stadt hinauf. Da man ſo dem deutſchen Hunde, wie man ihn wiederholt nannte, nicht beikommen konnte, begnügte man ſich, ihn anzuſpeien, mit Koth zu bewerfen und zur Er⸗ läuterung dieſer Gunſtbezeugung einige lieblich klin⸗ gende däniſche Begrüßungsworte hinzuzufügen. Aber von Straßenecke zu Straßenecke vermehrte ſich der lärmende Haufe und mit ihm die zügelloſe Wuth deſſelben, und je näher man dem Rathhauſe kam, wo, wie man wußte, der Gefangene geborgen ſein würde, um ſo mehr bemühte man ſich, ihm ein körperliches Leid anzuthun. Aber die Soldaten, ganz — 235 dicht um ihr Schlachtopfer gedrängt, fällten ihre Ge⸗ wehre, und ſo erzwang man ſich den Durchgang, bis es nahe am Rathhauſe doch noch einem zerlumpten Vaterlandsfreunde gelang, dem ſtolzen deutſchen Hunde einen däniſchen Rippenſtoß zu verſetzen. Das war die letzte Beleidigung, die ihm widerfuhr. Gleich darauf trat er in's Rathhaus und wurde in ein Zim⸗ mer geführt, wo er zwei Männer fand, von denen der Eine an einem Tiſche ſchrieb, der Andere aber, ein großes Schlüſſelbund in der Hand haltend, ehrerbietig an der Thüre ſtand. Bleichen Geſichts, innerlich vor Aufregung und Zorn bebend und doch ſich zur kaltblütigſten äußer⸗ lichen Ruhe bemeiſternd, ſtand Henrik unter der Lampe, die von der Decke herabhing und das große warme Zimmer ziemlich erleuchtete. Mit ihm, das ſah er jetzt, war der Schiffsarzt eingetreten und hatte ſchon mit dem ſchreibenden Manne einige Worte gewechſelt; dann ſagte er dem Gefangenen noch einmal Lebe⸗ wohl und entfernte ſich mit verſtändlichem Blick, der ſo viel bedeuten ſollte, als: er werde ſeines Ver⸗ ſprechens eingedenk ſein. Als er die Thür ſchloß, erhob ſich der ſchreibende Mann von ſeinem Stuhle, trat vor den Gefangenen und betrachtete ihn ziemlich lange und genau. Dennoch 236 aber lag mehr ernſtes Wohlwollen und aufrichtige Theilnahme in dem Geſichte des würdig erſcheinenden Mannes, als Strenge und feindliche Drohung, ob⸗ wohl er ſich augenſcheinlich Mühe gab, ſo groß und erhaben wie möglich zu erſcheinen. „Sind Sie Herr Henrik Paulſen aus dem Sunde⸗ witt?“ fragte auch er mit einer weichen und wohl⸗ lautenden Stimme. „Der bin ich.“ „Kennen Sie mich vielleicht, Herr Paulſen?“ „Ich habe nicht das Vergnügen.“ „ Ich bin der Bürgermeiſter von Kolding und habe den Auftrag, Sie zunächſt unterſuchen zu laſſen, ſo⸗ dann Sie ſtreng in einem vorgeſchriebenen Lokale zu bewachen und Ihnen jede Erleichterung Ihrer Lage zu verſagen. Ich theile Ihnen das mit, damit Sie nicht mir eine Laſt aufbürden, die ich nicht gern auf meinen Schultern tragen möchte, zumal ich nicht weiß, was Sie verbrochen haben und es aus den Anzeigen, die über Sie an mich eingelaufen ſind, nicht hervor⸗ gegangen iſt.“ Henrik verneigte ſich höflich, denn er ſah, daß er es mit einem vernünftigen Manne zu thun hatte. „Thun Sie Ihre Pflicht,“ ſagte er,„ich bin an däni⸗ ſche Gefangenſchaft gewöhnt.“ — —— — 237 „Sind Sie ſchon einmal in Haft geweſen?“ „Vor zwei Jahren in Kopenhagen, ja. Und wenn Sie den Grund wiſſen wollen, ſo will ich Ihnen den⸗ ſelben nennen.“ Der Bürgermeiſter ſagte weder Ja noch Nein, und doch ſah man ſeinem lauſchenden Geſichte an, daß er gern einen näheren Einblick in des Gefangenen Verhältniſſe zu thun wünſchte. „Ich bin ein Privatmann geweſen,“ fuhr Henrik fort,„habe aus Neigung geſchriftſtellert und dabei oft und klar meine patriotiſche Meinung ausgeſprochen, außerdem aber in Kopenhagen eine Erbſchaft bean⸗ ſprucht, die mir von Rechtswegen zukam, die man mir aber nur unter der einzigen Bedingung zu be⸗ willigen verſprach, wenn ich mich fortan mit allen Kräften dem däniſchen und nicht mehr dem deutſchen Intereſſe widmete.“ 3 Der Beamte ſchwieg, blickte aber faſt beſchämt zu Boden, als trüge er als Däne mit die Schuld dieſer edelen Politik, denn das leuchtende Geſicht, die treuen Augen und die unläugbare Wahrheit, die aus allen Zügen des Gefangenen ſprach, brachten eine Wirkung auf ihn hervor, die überzeugend und demüthigend zugleich war.„Und darum ſind Sie jetzt ein Gefan⸗ gener?“ fragte er endlich beinahe flüſternd. 238 „Ich fuhr fort, ein Deutſcher zu ſein und meine Anſichten beizubehalten. Darum erſchien ich gefähr⸗ lich, wie viele Andere, und darum fiel man bei Nacht über mich her, während ich mich bei einem Freunde aufhielt, ſchleppte mich hierher und ließ mich vom Pöbel beſudeln, als ob ich ein gemeiner Verbrecher wäre. Einen andern Grund wenigſtens weiß ich nicht und werde ihn erſt erfahren, wenn man mich, wie ich hoffe, bald vor ein Gericht ſtellt.“ Der Beamte lächelte ſchmerzlich.„Gute Nacht,“ ſagte er dann.„Das da iſt Ihr Gefängnißwärter. Er wird Sie nicht hart behandeln, und das Wenige, was ich vielleicht zu Ihrem Beſten thun kann, ſoll geſchehen, ſobald Sie mich von Ihren Wünſchen in Kenntniß ſetzen. Und mit raſchem Schritte, der merken ließ, daß er froh war, aus der Nähe eines ſolchen Gefangenen zu kommen, verließ er das Zim⸗ mer und Henrik befand ſich allein ſeinem Kerkermei⸗ ſter gegenüber. „Na,“ ſagte dieſer und trat einige Schritte näher heran,„nun ſind wir allein, mein Herr. Wollen jetzt bald Bekanntſchaft mit einander machen. Haben Sie Waffen oder Dinge von Werth bei ſich?“ Henrik erſchrak, denn in dieſem Augenblicke erſt fiel ihm die Taſche ein, die er auf der Bruſt trug 239 und in der ſich bedeutende Werthpapiere und Anwei⸗ ſungen befanden, die Helenens und Andreas Namen trugen, dieſe alſo, wenn ſie entdeckt wurden, in große Verlegenheit bringen konnten. „Waffen?“ ſagte er endlich.„Nein! Und Dinge von Werth? Nichts als meine Uhr, meinen Siegel⸗ ring und ein wenig Geld!“ „So! Na, das müſſen wir ſehen. Kleiden Sie ſich einmal aus.“ „Auskleiden?“ fragte der Gefangene ſchaudernd. „Ja wohl, das iſt hier ſo Sitte— aber geſchwind, mein Herr; ſo lange wir allein ſind, kann ich nur ſein, wie mich der Herr Bügermeiſter Ihnen geſchil⸗ dert hat— alſo beeilen Sie ſich.“ Henrik's Muth belebte ſich wieder. Raſch warf er den Rock ab, kehrte die Taſchen um und zeigte dem Gefangenwärter den Inhalt derſelben. „Gut,“ ſagte dieſer—„die Weſte und die Bein⸗ kleider auch— ich muß ſehen, ob ſie nicht verborgene Taſchen haben.“ „Hier ſind ſie— ſehen Sie ſie an.“ „Gut— und nun die Stiefel— bitte, ja, die Stiefel.“— „Die Stiefel?“ fragte Henrik und mußte unwill⸗ kürlich lächeln. 240 „Ja, ja, die Stiefel— denn ich muß in meinen Bericht ſetzen, daß in Ihren Stiefeln nichts verborgen geweſen iſt.“ Henrik that, was man verlangte. Als er auch damit fertig war, kleidete er ſich wieder an, wobei er plötzlich bemerkte, daß der Mann ihm die rechte Hand entgegenhielt.„Was wünſchen Sie?“ fragte der Ge⸗ fangene. „Ihre Börſe. Die Gefangenen in Kolding dür⸗ fen kein Geld haben. Befürchten Sie aber nichts; ſie bleibt in meinen Händen, und was Sie gebrau⸗ chen, werden Sie von mir empfangen, ich werde Ihnen genaue Rechnung ablegen.“ Henrik gab die Börſe ab und folgte dann dem voranſchreitenden Manne, der ſich eine Laterne ange⸗ zündet hatte, eine Treppe hinabſtieg und im Hinter⸗ hauſe eine mit Eiſen beſchlagene Thür aufſchloß, durch die er den Gefangenen treten ließ.„Das iſt Ihr Ge⸗ fängniß,“ ſagte er.„Es haben ſeit zwei Jahren ſehr viele anſtändige Leute darin geſeſſen; Gott weiß, wo alle die Uebelthäter herkommen. Sehen Sie ſich darin um, ſo lange ich hier bin, denn Sie dürfen kein Licht behalten.“ Henrik warf einen troſtloſen Blick in das Gemach, worin ſo viele anſtändige Leute geſeſſen hatten— „ 241 ſo kurz aber dieſer Blick auch war, er hatte Alles er⸗ faßt, was vorhanden war. „Gute Nacht!“ ſagte der freundliche alte Mann —„Oder wollen Sie heute Abend noch etwas eſſen oder trinken— ich kann Alles bringen— was Sie bezahlen.“ „Nein— ich bin ſatt— gute Nacht!“ Und damit ging der Kerkermeiſter hinaus, riegelte und ſchloß die Thür feſt hinter ſich zu und entfernte ſich mit langſamen, ſchweren Schritten, die Henrik 3 noch lange mit ſeinen aufmerkenden Ohren verfolgen konnte. So war er denn im Kerker zu Kolding, der doch noch etwas trauriger ausſah als der zu Kopenhagen. Stumm, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Hände gefaltet, ſtand er in der Finſterniß, die rings um ihn herrſchte, und ſprach zu ſich ſelber, da er mit Nie⸗ mandem ſonſt ſprechen konnte. Und doch war er nicht — ganz allein, noch mit einem Anderen konnte er ſpre⸗ chen, und dieſer Andere erleuchtete— unſichtbar über und in ihm thronend— auch dieſen dunkelen Kerker. Als Henrik ſich von der Allgegenwart des höchſten Nichters auch an dieſem Orte überzeugt, wurde es ruhiger, leichter und klarer in ihm. „Wie doch die Menſchen ſich abmühen,“ ſagte er zu A. Burns. III. 16 242 ſich,„einander Uebles zu thun! Was können ſie ſich thun, wenn ſie dem Duldenden dieſen Anker nicht aus der Bruſt zu reißen vermögen! Wohlan denn, Ihr herriſchen Dänen, die Ihr auf der Höhe der Zeit zu ſtehen tagtäglich vor aller Welt behauptet— Ihr habt mich wieder gefeſſelt, habt mir die Freiheit, die Luft und das Licht, meine Freunde und mit ihnen das roſige Lebensglück genommen, und doch— habt Ihr nur Wenig von mir, denn mein Herz und mein Geiſt, meine Phantaſie und meine Zukunft— alle meine Triebe und Hoffnungen ſind nicht bei Euch. Heute ſeid Ihr freilich Meiſter über meinen Leib— morgen vielleicht ſchon richtet Euch die Welt. Ja, ja— Schleswig⸗Holſtein könnt Ihr einen kurzen Sommertag feſſeln und berauben, aber vernichten in alle Ewigkeit könnt Ihr es nicht. Die ſpäteſten Tage werden Euern Enkeln erzählen, daß Ihr vortreffliche 3 Henker, aber ſehr erbärmliche Menſchen geweſen ſeid. So will denn auch ich mich in mein Loos ergeben — über Euch und uns ſteht Gott— Dein Wille ge⸗ ſchehe, o Herr!“ Und ohne den Ekel zu empfinden, den ſchon ſo 3 viele Gefangene in dieſem ſchaurigen Kerker empfun⸗ den, warf er ſich auf das dunſtige Strohlager, wel⸗ ches in einer Ecke auf einem bretternen Gerüſte auf⸗ 4 243 geſchichtet lag, zog eine klebrig feuchte Decke über ſeine Füße und knöpfte ſeinen Rock bis unter das Kinn zu. So lag er ſtill, in tiefes Nachſinnen ver⸗ ſunken, lange Zeit. Ihn ſtörte nicht die klirrende Schildwache, die auf dem Flure mit gemeſſenen Schritten während der Nacht auf⸗ und niederging, nicht die nagende Ratte, die unter ſeinem warmen Leibe im Strohe raſchelte, auch nicht das dumpfe Athmen und Schnarchen, welches aus dem Neben⸗ kerker in ſeine Ohren drang, wo wüſte Verbrecher an⸗ gefeſſelt zu ſein ſchienen, und noch lange bevor die Mitternacht mit ihrem geheimen Schauer auf die fin⸗ ſteren Mauern, die ihn umgaben, herabgeſunken war, lag er im feſteſten Schlafe, wie ihn nur der geſunde, der freie, der glückliche Menſch genießen kann. Als er aber gegen Morgen ſeine Augen aufſchlug, und ein fahles Licht durch das eiſenvergitterte Fen⸗ ſter in die Höhle, die ihm zum Aufenthaltsorte diente, fallen ſah, ſchauderte er zuſammen, wie er auf dem Schiffe zuſammengeſchaudert, was doch noch eine Stätte der Freiheit und des Lichtes im Verhältniß zu ſeiner jetzigen geweſen war. Halb erſtarrt vor feuchter Kälte, und von einer giftigen Dunſtatmoſphäre umwallt, dünkte ihm das Athmen ſogar erſchwert zu ſein. Langſam und gleichſam fürchtend, noch Schrecklicheres 16* 244 zu ſehen, blickte er ſich um und ließ ſein Auge von der Decke bis zum Fußboden ſchweifen, bis es endlich auf dem Fenſter haften blieb, durch welches jenes bleiche und kalte Licht hereinfiel, was von nun an ſeinen Tag bedeuten ſollte. Es war ein enger, öder Raum, in dem er ſich befand; von klebriger Feuchtig⸗ keit triefende Steinwände, geſchwärzt und angefreſſen von Alterthum und Fäulniß, umgaben ihn. Das er⸗ bärmliche harte Strohlager, auf dem er die Nacht zu⸗ gebracht, war mit einer ſchmutzigen, halb von Schim⸗ mel überzogenen Decke belegt, deren ekelerregendes Anſehen erſt der beginnende Tag ihm verrieth. In der Mitte des Raumes ſtand ein hölzerner Tiſch und eine Bank davor. Auf dem Tiſche ein irdener Waſſer⸗ krug. Weiter war nichts darin zu ſehen. Henrik ſprang von ſeinem Lager empor und ſchüt⸗ telte ſich das innere Grauen ab, welches ihn bei die⸗ ſer Muſterung ergriffen hatte. Er trat an das kleine vergitterte Fenſter, welches den draußen beginnenden Tag nur gleichſam tropfenweiſe einließ. Kein Stück⸗ chen blauen Himmels konnte er daraus erſpähen. Vor ihm lag ein kothiger enger Hof, von altersgrauem Gemäuer eingeſchloſſen; ſeinem Fenſter gerade gegen⸗ über ein ähnliches, zwiſchen deſſen Eiſenſtäbe ſich bleiche Geſichter drängten, um den neuen Nachbar in 245 Augenſchein zu nehmen. Aber das waren keine po⸗ litiſche Gefangene, wie er, deren Geſichter er ſah, das waren von Leidenſchaft, Elend und Lüderlichkeit aus⸗ gemergelte Züge, das waren Verbrecher, Diebe und Herumſtreicher, die man in ewigem Verwahrſam hielt, um das Menſchengeſchlecht vor ihrer unmenſchlichen Wuth zu ſchützen. Als aber der Tag heller wurde und er die Geſichtszüge der ihn beobachtenden Perſo⸗ nen genauer entziffern konnte, ſah er, daß es Weiber waren, zerlumpt, mit dem Stempel menſchlichen Aus⸗ wurfs bedrückt, die ihm einen hohnlachenden Gruß mit grinſender Lippe entgegenwarfen. Nach kurzer Zeit ſchien ſich neben ihm ein ande⸗ rer Gefangener von ſeinem Lager zu erheben und auch an das Fenſter zu treten, denn es begrüßte Je⸗ mand die Weiber gegenüber mit ſataniſchem Lachen und einem gurgelnden Spottliede, während dieſe mit ihren knöchernen Fingern auf Henrik wieſen, als woll⸗ ten ſie dem Nachbar andeuten, daß ſie eine neue Augenweide erhalten hätten. Bald darauf öffnete die eine Megäre ihr Fenſter und unterhielt ſich mit dem befreundeten Nachbar in einer Sprache, die Hen⸗ rik nicht verſtand, denn ſie war weder deutſch noch däniſch; aber aus den ſcheußlichen Geberden, welche ihre Worte begleiteten, konnte er entnehmen, daß ſie 246 eben nicht von heiligen Dingen ſprachen. Hier wa⸗ ren Studien zu machen, und Henrik machte ſie wirk⸗ lich an dieſem und an vielen anderen Tagen, in de⸗ nen er der unfreiwillige Genoſſe dieſes menſchlichen Auswurfs blieb. Um ſieben Uhr Morgens erſchien der Kerkermei⸗ ſter und fragte, was ſein Gaſt frühſtücken wolle. Nachdem dieſer ſeine Wünſche kundgegeben, brachte er ihm Waſchwaſſer, Handtücher, Kaffee und Brot. Was ihm der gute Mann dabei erzählte, hörte er ſchweigend an, als er aber fortgegangen war, wußte er nicht, was er geſprochen hatte. Gegen Mittag beſuchte ihn der Bürgermeiſter und ſprach einige troſtreiche Worte zu ihm. Auf Henrik's Frage, ob er bald vor Gericht geſtellt werden würde, zuckte der Mann die Achſeln, was ihm eine geläufige Geberde zu ſein ſchien. Zeitungen, die ſich der Ge⸗ fangene ausbat, durfte er nicht bewilligen, auch keine Bücher, ſagte er und ſchien befriedigt, als Henrik be⸗ merkte, er trage kein Verlangen, etwas zu leſen, er habe deſto mehr zu denken, denn er müſſe ſich erſt in ſeine Lage zurecht finden, und das erfordere Zeit. So verging ein Tag und viele andere Tage. Hen⸗ rik hatte ſich an die kühle Luft ſeines Kerkers ge⸗ 247 wöhnt; er fror zwar, obgleich ihm der Wärter noch einige Decken gebracht, aber er empfand es nicht ſo bitter, denn er war von Natur nicht weichlich und durch die Gewohnheit körperlich abgehärtet genug. Das Geſchrei, den widerlichen Geſang ſeiner Nach⸗ barn hörte er kaum noch, denn ſeine Sinne und ſeine ganze geiſtige Thätigkeit waren auf eine in Gedan⸗ ken vollführte Arbeit gerichtet. So brachte er ſeine Tage in Nachdenken, ſeine Nächte in Grübeleien zu. Von den Außendingen erfuhr er nichts, denn der Kerkermeiſter war ſelbſt darüber in Unwiſſenheit. Allmälig aber begann eine dumpfe Gefühlloſig⸗ keit— das Erzeugniß der einſamen Haft und der ſchaurigen Kerkerluft— in ihn einzuziehen; das töd⸗ tende Einerlei des ſiechen Lebens, welches er führte, entmuthigte ihn; ein kalter beklemmender Druck be⸗ mächtigte ſich ſeiner geiſtigen Fähigkeiten, und da er Niemanden hatte, dem er ſeine innerſten Gedanken und Gefühle mittheilen konnte, ſo erfaßte ihn eine Sehnſucht nach einem Menſchen, wie er ſie noch nie gekannt und kaum mit einem Namen beézeichnen konnte. O, hätte er nur Einen gehabt, dem er ſein Herz aufſchließen gedurft, und wäre es ein Kind ge⸗ weſen, er würde ſich glücklich gefühlt haben, denn eine Menſchenbruſt in ſeiner Nähe zu wiſſen, die 248 menſchlich ſich regt, fühlt und klopft, das iſt für den Menſchen ein eben ſo hoher Genuß wie ein nothwendi⸗ ges Bedürfniß. Aber gerade das hatte man dem ge⸗ fährlichen Gefangenen verſagt, er ſollte allein ſein und Alles entbehren, was das Leben reizvoll und lieblich macht, ſo wollte man ihn ſtrafen, und ohne daß er es ſich ſelber geſtand, hatte man ihm damit doch einen Schaden zugefügt, den er nicht für mög⸗ lich gehalten hätte. Von Tage zu Tage wartete er auf das Erſcheinen eines Richters; er hatte ſich vorbereitet, Alles zu ſa⸗ gen, was ein Menſch in ſeiner Lage, mit ſeinen Kenntniſſen ausgerüſtet, vor ſeinen Richtern ſagen kann, um ſie zu beſchämen, ſie zum Eingeſtändniß ihrer Schmach zu bringen, das heißt zum Erröthen vor ſich ſelbſt, aber es zeigte ſich keiner. Und man bedurfte auch keines Richters, denn richten wollte man ja die Männer von Schleswig⸗Holſtein nicht, man wollte ſie nur ſtrafen— das war die grau⸗ ſame, unmenſchliche und falſche Politik, die damals die Dänen befolgten und die dennoch nichts ver⸗ mochte, als Geiſt und Seele, Herz und Leib der Ge⸗ knechteten noch unwilliger gegen das Gebiß ſchäu⸗ men zu laſſen, welches man ihnen widerrechtlich angelegt hatte, eine Politik, die abſichtlich erfunden 249 zu ſein ſchien, um ihnen einen Haß und einen Wi⸗ derſtandsdrang einzuflößen, der, wenn er auch in der Gegenwart erloſchen ſcheint, doch für alle Zukunft lebendig bleiben wird und den keine Zeit, kein Macht⸗ ſpruch und kein König von Dänemark jemals wird brechen oder löſen können. Keuntes Anpitel. Einem kühnen Entſchluſſe folgt eine edle. That. Selten hatte ſich auf Emmerslund und ſeine Be⸗ wohner nach einem ſo friedlich begonnenen Abend eine unruhigere Nacht herabgeſenkt, als die war, in deren Beginn das Ereigniß vorfiel, welches wir im vorigen Kapitel erzählt haben. Viele Mitglieder der Familie waren gar nicht zu Bett gegangen, und diejenigen, welche ihr Lager geſucht, hatten vergeblich auf Ruhe und Schlaf gehofft. Nachdem alle Männer des Hau⸗ ſes und Hofes unmittelbar nach dem traurigen Er⸗ eigniß zuſammengerufen worden waren und ſich mit Laternen verſehen, hatte man den ganzen Garten durchſucht und ſehr bald Henrik's Hut am Fuße der Warte gefunden. Dieſe Entdeckung hätte ſchon Auf⸗ 251 ſchluß genug gegeben, ſelbſt wenn man das ſo eilig abfahrende Boot und das Signal mit den Leucht⸗ kugeln nicht bemerkt hätte. Immer aber ſchwebte man noch in der Erwartung eines zweiten Ereigniſſes, welches das erſte erklären würde, und man konnte die Hoffnung nicht los werden, es müſſe ſich Jemand finden, der genaueren Aufſchluß über den Hergang der Sache geben könne— aber vergebens; ſie blieb, wie ſie war, in räthſelhafte Dunkelheit gehüllt. Da ſaßen denn bis tief in die Nacht die Familien⸗ glieder und die beiden Capitaine zuſammen, deren Wachſamkeit diesmal ſo arg getäuſcht worden war, und überlegten und beſprachen Alles, was ſich auf Henrik's unfreiwillige Entfernung bezog; da man je⸗ doch zu keinem erwünſchten Ergebniß gelangen konnte — denn was hätte zu ſeiner Rettung Erſprießliches geſchehen können— ſo beſchloß man auch in dieſem Falle, wie in ſo vielen anderen Fällen, den Verlauf abzuwarten und auf Gottes Fürſorge zu vertrauen, der ihnen ja auch dieſe neue Prüfung geſendet hatte. Dennoch war die Entrüſtung über die verwegene That faſt eben ſo groß wie der Schmerz, daß gerade Henrik, der ſchon ſo hart geprüfte Freund und Liebling Aller, von dem ſchweren Schlage zumeiſt betroffen war. So ohne alle ſichtbare Veranlaſſung, mitten in eine ruhige 252 Familie hinein den Fluch des Krieges zu ſchleudern, ein Glied aus der ſchön geſchlungenen Kette der Freundſchaft zu reißen und es in Kerker und Nacht zu ſchleppen— das war ein Gedanke, der Allen gleich unerträglich und widerwärtig war. Und doch war man durch die Erfahrung und die traurige Lage der Zeit auf dergleichen Ereigniſſe vorbereitet, doch wußte man ſchon lange, daß Hunderte von Familien in den Herzogthümern Aehnliches erlebt und erlitten hatten, aber, mochte das immer als ein hohler Troſt bei der Beurtheilung der Verhältniſſe im Ganzen erſchei⸗ nen, für den Einzelnen, den das bittere Geſchick traf, war es gewiß ſtets ein ſchweres und auf keine Weiſe durch irgend einen Troſt gemildertes Unheil. Am tiefſten von allen Mitgliedern der Familie aber waren diesmal Andreas und Helene verletzt, und Beide bemühten ſich nicht, ihre innere Erregtheit durch äußere Ruhe oder erheuchelte Gleichmüthigkeit zu ver⸗ decken. Erſterer war, ſeiner Natur gemäß, in eine Art wilden dämoniſchen Zornes verfallen, der ſich durch ſein finſteres Geſicht, ſeine zuſammengezogenen Brauen, ſeinen faſt ſtechenden Blick und ſeine energi⸗ ſche Haltung verrieth, ſonſt aber ſchwieg er, wie es ſeine Weiſe war, wenn er ſich tief bewegt fühlte, und nur von innerem Grolle verzehrt, beide geballte Fäuſte 253 auf den Tiſch gelegt, hörte er die lebhaften Gefühls⸗ äußerungen der in ganz entgegengeſetzter Art ergriffe⸗ nen Freundin an. Anfangs war Dieſe, als man die ſichere Ueber⸗ zeugung erlangt hatte, daß Henrik entführt ſei, und ſein Hut in's Haus gebracht wurde, in einen Thränen⸗ ſtrom ausgebrochen, wie ihn noch Niemand zuvor ſie hatte vergießen geſehen; aber das war nur der natürliche und faſt unbewußte Reiz geweſen, der wi⸗ der ihren Willen ihre Nerven in dieſer Richtung durch⸗ zuckt hatte. Nachdem ſie der Natur ihr Recht gegeben, faßte ſie ſich wunderbar ſchnell und ging, wie von einem unſichtbaren Sturme getrieben, in eine der er⸗ ſten Regung ganz entgegengeſetzte Aufwallung über. Nie hatte ſie Andreas und ſeine Familie ſo reich an Worten, Gründen und Auslegungen gefunden, nie hatte ihr ſchönes Auge ſo zornig geflammt, ihr Buſen ſo heftig gewogt, als ſie mit klarer Ueberſicht und hinreißender Geiſtesfülle Henrik's ganzes Verhältniß den Anweſenden entwickelte, wie es ſich in ihr nur durch langes Nachdenken und die genaueſte Einſicht in ſeine Lebenslage konnte aufgeklärt haben. Verwun⸗ dert blickte Andreas, blickten Alle auf, als ſie dieſe ganz neue Erfahrung machten, denn wo hatte in ihr dieſe innige Theilnahme für ihren Freund ſo lange 254 und ruhig geſchlummert, wie war ſie ſo plötzlich, gleichſam aus dem Schatten der Nacht auftauchend, hellleuchtend hervorgeblitzt, denn ſo lieb ihr Henrik nach Aller Meinung auch früher geweſen, daß er ſo tief in ihrer Neigung ſaß, ſo hoch in ihrer Achtung ſtand, hatte kein Menſch vermuthet. Als die Familie ſich endlich für die noch übrige kurze Nacht getrennt hatte, hörte man Helenen noch lange in ihrem Zimmer auf und nieder gehen, und als ſie am nächſten Morgen beim Frühſtück ſchon völlig angekleidet erſchien, ſprachen ſowohl ihre bleiche Wange wie ihr hohles Auge es aus, daß ſie die Nacht nicht der Ruhe und dem Schlafe gewidmet hatte. Aber wie ſie am Abend vorher heftig, laut und geſprächig geweſen, ſo war ſie jetzt ſtill, beinahe wortkarg, jedoch ſah man ihr an, daß ihr Inneres in dunkelen Entſchlüſſen und geheimen Plänen ſich abarbeitete. Eine Art gewaltigen, nur in ihren Au⸗ gen wiederglühenden Trotzes hatte ſich ihrer ganzen Seele bemächtigt, und wenn ſie ein Mann geweſen wäre und den Störenfried des Hauſes in einer Perſon hätte herausfordern können, ſie würde es mit einer Erbitterung, einer Ueberzeugung ihres Rechtes und einem ſo muthigen Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg gethan haben, wie wohl ſelten ein ähn⸗ 255 licher Entſchluß aus einer Menſchenbruſt hervorgegan⸗ gen iſt. Gleich nach dem Frühſtück ging ſie allein an den Strand hinab. Innerlich brütend und mit großer Selbſtüberwindung den ſeltſamen Grimm ihres Her⸗ zens bekämpfend, lief ſie haſtig auf und nieder, die Augen voll und ſprühend auf das ſtillathmende Meer gerichtet, als hätte ſie eine gerechte Forderung daran zu richten, und als erwarte ſie, die treuloſe Welle werde ihre Pflicht erfüllen und den Geraubten wieder herausgeben. Aber das Meer giebt ſelten lebendig wieder, was es vom Glück und Troſt des Menſchen fortſpült. Vergebens war ihre Erwartung, wenn ſie ſie gehegt, vergebens ihr Vertrauen, Henrik werde auf dieſelbe geheimnißvolle Weiſe, wie er verſchwunden war, irgend wo wieder erſcheinen, denn kein befreun⸗ detes Segel zeigte ſich, kein Lüftchen, das über die Waſſer zog, keine Welle, die über die Kieſel zu ihren Füßen rauſchte, gab die geringſte Kunde von ihm. Allmälig aber, als ihr Körper zu ermüden anfing, ihre Schritte langſamer und kürzer wurden, beruhigte ſich auch ihr Geiſt, und als ihre Uhr die zehnte Stunde zeigte, trat ſie in ihr Haus, ſchloß ſich in ihr Zimmer ein und ſchlief einige Stunden. Andreas war unterdeß ſelbſt herabgekommen, um zu ſehen, 256 was ſie treibe, und um ſie wo möglich zu beruhigen und zu bewegen, ſich in das unvermeidliche Schickſal zu ergeben, da es doch einmal nicht zu ändern ſei. Aber wie wunderte er ſich, als er nichts mehr zu be⸗ ruhigen und zu tröſten vorfand. Helene war oder ſchien durch göttliche Eingebung beruhigt und getröſtet zu ſein, und nie hatte ſie ihn ſo klar und entſchloſſen angeblickt, als da er jetzt in ihr Zimmer trat. „Nun, Helene,“ ſagte er und drückte ihr warm die Hand, denn wie ihm einſt Agathe durch ihre Auf⸗ opferung für Friedrich theuer geworden war, ſo war ihm jetzt auch Helene noch lieber und werther gewor⸗ den, da er den Antheil ſah, den ſie an Henrik's Schickſal nahm.—„Nun, Helene, wir ſind an einem neuen bedeutſamen Punkt unſes Lebens angelangt— nicht wahr?“ „Wie ſo?“ fragte Helene verwundert. Andreas ſtaunte und ſchwieg, denn in dem fun⸗ kelnden Auge, welches ihn anblitzte, lag eine ſo ge⸗ diegene Faſſung und eine ſo ſelbſtbewußte Geiſtes⸗ ſchärfe, die allen Kummer, alle Sorge ausſchloß, daß der Mann nicht zu begreifen vermochte, wie die kurz vorher ſo leidenſchaftlichen Empfindungen in dieſem weiblichen Herzen ſeinem jetzigen Zuſtande ſo ſchnell hatten Platz machen können.„Ich meine nur,“ fuhr 257 er mit ſcharfer Beobachtung fort,„wir haben Beide einen theueren Freund verloren.“ „Ja— das haben wir, Andreas, aber nicht ei⸗ gentlich verloren, ſondern wir vermiſſen ihn nur für den Augenblick und werden ihn bald wiederfinden.“ „Hoffen Sie das ſo beſtimmt?“ „Ich fühle es— hier! Man ſtreicht einen Men⸗ ſchen nicht ſo ohne Weiteres, wie eine Zeile aus ei⸗ nem Buche, aus dem Leben aus.“ „Oh! Anss Leben wird man ihm nicht gehen, das fürchte ich auch nicht— aber in einen dumpfen, fin⸗ ſteren, liebeleeren Kerker wird man ihn werfen; Nah⸗ rung und Licht wird man ihm entziehen und an al⸗ lem Uebrigen Mangel leiden laſſen, woran ein Mann wie er ſeine Freude und ſeinen Genuß hat. Das iſt auch ſchon bitter genug, und um ſo bitterer, daß umn ihn uns und ſeiner Freiheit gerade jetzt entriß, n wir ihn glücklich über alle Klippen ſeines Lebens hin⸗ weggeſchafft glaubten.“ „Ja— bitter iſt es, ſchmerzlich, höchſt betrübt— aber—“ „Nun, Helene, aber—?“ „Andreas!“ rief ſie plötzlich und faßte kräftig ſei nen Arm—„Ich bin auf Alles gefaßt, zu Allem ent⸗ ſchloſſen— wir müſſen Henrik zu befreien ſuchen.“ A. Burus. III. 17 258 Andreas ſtand betroffen da und blickte ſie an, als wollte er ſagen: was iſt das für eine neue Viſion! Hat ſie den Verſtand verloren?—„Wie wollen Sie ihn befreien?“ fragte er endlich kleinlaut. „Das weiß ich noch nicht, aber Gott wird uns ſchon ein Mittel an die Hand geben und wir haben nur die Augen zu öffnen, um es zu erkennen und dann in Ausführung zu bringen.“ „Wie? Ich verſtehe Sie nicht.. „Nicht? Nun— ich kann doch nicht deutlicher ſein— wir wollen nicht nur, wir müſſen ihm helfen.“ „Gewiß, aber wie, frage ich?“ „Das wiſſen wir freilich noch nicht, aber es wird ns ſchon offenbaren. Andreas, ich will Ihnen was ſagen, was Niemand außer uns Beiden zu wiſſen braucht, damit man mich nicht verkenne und meine Handlungsweiſe fälſchlich deute. Sie haben mir einſt— erinnern Sie ſich noch an unſern da⸗ maligen Spaziergang— mitgetheilt, daß Henrik ein Weib liebe, welches ſeiner würdig ſei. Gut denn. Dieſes Weib, ſo vortrefflich oder edel es ſein mag, iſt vielleicht nicht im Stande, ihm zu helfen— es weiß wahrſcheinlich nicht einmal, in welcher Lage er ſich befindet— ſo wollen wir uns denn, ſo will ich 259 mich ſelbſt an ihre Stelle ſetzen und in ihrem Geiſte, in ihrem Namen, in ihrem Gefühle ihrem Geliebten beizuſtehen ſuchen, denn dieſer ihr Geliebter iſt auch unſer Freund, er hat alſo auch Anſpruch auf unſers Fürſorge, unſere Hülfe.“ „Ah— ſo!“ Und der ernſte, erſt jetzt vollkom⸗ men klarſichtige Mann that in das Innere dieſes ſelt⸗ ſamen Weibes einen noch tieferen Blick, als je zuvor, und eine kleine helle Wolke ſchwebte an dem dunkelen Horizonte ſeiner Gegenwart herauf und er ſah wenig⸗ ſtens ſeines jungen Freundes Geſchick in nebelartiger Ferne von einem freundlichen Himmelsſtrahle erleuchtet. „Sie haben Recht,“ ſagte er endlich, abſichtlich das Geſpräch in eine andere Richtung lenkend— „wir haben ſogar unſeretwegen ſelbſt die Verpflich⸗ tung, Alles aufzubieten, um unſerm Freunde mit al⸗ len unſern Kräften beizuſtehen.“ 1 a unſeretwegen? Wie ſo? Das verſtehe ich nicht.“ „Gewiß, Helene. Wir ſind ſchwer betheiligt bei ſeiner Wegſchleppung. Haben Sie das nicht bedacht? Er hatte unſere Gelder, unſere Papiere, unſere Na⸗ mensunterſchrift in Händen. Wenn man ihm dieſe nimmt, wird man auch uns ergreifen, wo man kann, und ebenfalls in ein däniſches Gefängniß ſchleppen.“ Helene blickte ihn mit großen Augen an, als wollte 178 260 ſie ſeine Seele ergründen, ob dieſe eben ausgeſproche⸗ nen Gedanken ſeine Meinung beſtimmt und ſeine Hülfsleiſtung bedingt hätten.„Auch uns?“ fragte ſie lächelnd.„Glauben Sie, fürchten Sie das? Nein, Andreas, das fürchte ich nicht. Henrik wird ſich die Schrift, die er auf ſeiner Bruſt verwahrt, nicht nehmen laſſen.“ „Wenn man ſie ihm aber mit Gewalt entreißt, wie dann?“ Helene beſann ſich einen Augenblick.„Das iſt Alles nichts,“ ſagte ſie,„daran denke ich gar nicht, — meine Perſon kommt hierbei gar nicht in Be⸗ tracht. So engherzig muß man nicht ſein, und Sie ſind es auch nicht.“ Sctatt aller Antwort reichte ihr Andreas die Hand und blickte ſie zärtlich, liebevoll an, wie er es ehe⸗ mals bei Agathen nach der Schlacht von Hoptrup gethan. „Nein,“ ſagte er warm,„ich bin es auch nicht. Jetzt erſt verſtehen wir uns ganz. Helfen wir alſo unſerm Freunde, wie und wo wir können und erwar⸗ ten wir von Gott das Mittel, das Er uns dazu ſen⸗ den wird. Ein ſo unbedingtes Vertrauen, wie Sie zu Ihm haben, wird Er nicht täuſchen wollen!— Und nun, fühlen Sie ſich jetzt aufgelegt, mit mir nach 261 Emmerslund zurückzukehren, wo viele Menſchen ein⸗ getroffen ſind“— E „Ah— iſt die Einquartierung gekommen?“ „Sie iſt ſchon ſeit einigen Stunden da.“ „Wohlan denn, ich fühle mich zu Allem aufgelegt, was Sie von mir verlangen. So laſſen Sie uns denn gehen.“ Und ſie ſchloß ihr Zimmer zu und folgte dem Freunde nach dem Andreasberge, wo Bewegung und Leben in Fülle herrſchte, denn eine halbe Compagnie kampfluſtiger Vaterlandsſöhne war angelangt, um nach Norden zu ziehen und den Feind in ſeinem eigenen Lande anzugreifen. Acht Tage waren nun ſchon ſeit Henrik's Per⸗ ſchwinden verfloſſen und keine Kunde angelangt, die urgend einen Aufſchluß über ſein Verbleiben gegeben hätte, ſo ſehnlich man auch danach verlangte, obwohl man ſich nach gründlicher Ueberlegung eingeſtehen mußte, daß man nicht wiſſe, woher und durch wen dieſe Kunde nach Emmerslund gelangen könne. Wäh⸗ rend dieſer, in doppelter Trauer verlebten acht Tage hatte der Kampf der ſich gegenüberſtehenden Armeen auch wieder zu Lande begonnen und wurde von bei⸗ 262 den Seiten mit einer Erbitterung und einem Nach⸗ druck geführt, wie es allemal im Beginne eines neuen Kriegsjahres in den Herzogthümern der Fall war. Wie wir wiſſen, war diesmal der erſte Schauplatz ernſtlichen Streites, Eckernförde ausgenommen, Apen⸗ rade und ſeine Umgebung geweſen, und die Dänen hatten ſchon am 7. April das Feld räumen müſſen, indem ſie ihre Schiffe aus dem Meerbuſen zogen und mit ihren Landtruppen über die jütiſche Gränze ge⸗ drängt wurden. Während nun hier ein Theil der ſchleswig⸗holſteiniſchen Armee ſtehen blieb und den überall weichenden Feind auf eine Stelle zu bannen hoffte, waren auch die deutſchen Hülfstruppen im Sundewitt thätig geweſen, hatten die Dänen bis dicht an den Alſener Sund gejagt und ſich endlich entſchloſſen, den Feind hinter den Düppeler Verſchan⸗ zungen anzugreifen, da er von ſelbſt nicht aus den⸗ ſelben herauskam. Am 13. April erſtiegen die Baiern unter Anführung des Oberſtlieutnant von der Tann an der ſüdlichen, und die Sachſen von der nördlichen Seite her die vom Feinde beſetzten Höhen, während die Hannoveraner in der Reſerve blieben. Mit un⸗ widerſtehlichem Bajonettangriff rannten die Baiern die vorderſten Poſten nieder und beſetzten ohne heißen Kampf die ſüdlichen Höhen. Als die Sachſen ihnen 263 nachfolgen wollten, eröffneten die Dänen von ihren Alſener Strandbatterien und raſch herbeigeholten Ka⸗ nonenbooten ein mörderiſches Feuer, welches von den Deutſchen kräftig erwidert wurde. Trotzdem das dä⸗ niſche ihnen aber überlegen war, drangen die Sachſen ſiegreich vor und trieben den Feind in ſeinen ſtark be⸗ feſtigten Brückenkopf zurück. So war dieſer Schlacht⸗ tag entſchieden; die Dänen waren überall gewichen und die Deutſchen behaupteten mit Ausnahme jenes Brückenkopfes das ganze Schlachtfeld. Der anhaltende Donner der Geſchütze an dieſem Tage war weit über den Apenrader Meerbuſen hinaus geſchallt, und die Bewohner von Emmerslund hatten in ſchwerer Sorge geſchwebt, bis ſie ſpät Abends den Sieg der Deutſchen erfuhren und nun ihrer Beklem⸗ mung Meiſter wurden; denn es hat etwas das menſch⸗ liche Gemüth ungemein Niederdrückendes, aus der Ferne den wilden Kampf toben zu hören und nicht zu wiſſen, wie er ſich endlich entſcheidet. Dennoch aber hatte man über dieſe ferne Sorge nicht die nähere des Hauſes aus dem Geſichte ver⸗ loren und wiederholt das Geſpräch auf Henrik gelenkt. Andreas war bald wieder in das alte Geleiſe ſeiner Thätigkeit gerathen, obwohl er im Stillen unausge⸗ ſetzt Augen und Ohren für die Vorfälle des Tages 264 offen erhielt. Und da war es denn wieder haupt⸗ ſächlich Helene geweſen, deren Thun und Treiben er beobachtete, deren Miene und Haltung er ſtudirte, wo ſie es ſelbſt am wenigſten vermuthete. Im Ganzen war ſie ſich gleich geblieben, wie ſie ſich am letzten Tage gezeigt, wo wir ſie verließen; ſie ſchien ruhig zu ſein, ſprach mit Jedermann über die Tagesereig⸗ niſſe, widmete ſich oft der Unterhaltung der täglich neu erſcheinenden Offiziere, ſo daß ihr kaum Jemand den inneren Zwang anmerkte, von dem ſie ſelbſt ihr Herz zuſammengeſchnürt fühlte. Erſt Abends ſpät, wenn ſie ſich in ihr Zimmer zurückzog, las oder ſchrieb, oder es wenigffens verſuchte, gab ſie ſich ſchrankenlos ihren Gedagken hin, bis ſie endlich, die ſonſt ſo lieben Bücher bei Seite legend, den Kopf auf die Hand ſtützte und ungehört die Seufzer aus⸗ hauchen konnte, von denen ihr Buſen bis zum Zer⸗ ſpringen angefüllt war. So war der 17. April herangekommen, ein Ruhe⸗ tag für die marſchirenden Truppen, welche die ganze Umgegend von Emmerslund und ſogar die kleinen Häuſer der drei Seemänner am Strande bevölkerten. Die jetzt anweſenden Schleswig⸗Holſteiner bildeten die Reſerve der bereits nach Norden gezogenen Armee und waren beſtimmt, erſt in den nächſten Tagen an 265 die jütiſche Gränze zu rücken, wo man ein ernſtes Zuſammentreffen mit dem Feinde zunächſt erwartete. Es war einer der erſten warmen und ſonnigen Tage, die der Frühling als Vorboten ſeines längſt erwarteten Einzuges vorausſandte, denn die kurz vor⸗ hergegangenen waren überreich an abwechſelndem Re⸗ gen, Hagel und Schneegeſtöber geweſen. Es war gegen elf Uhr Morgens, als Helene und Agathe, von dem blauen Himmel und der linden Luft angelockt, aus dem Hauſe traten, um einen Spaziergang am Strande zu unternehmen, wo an den vorhergegange⸗ nen Tagen Helene nur allein oder mit Andreas auf⸗ und abgewandelt war. Beide waren in ernſter Stim⸗ mung, wie es wohl nicht anders ſein konnte, Agathe aber beſonders weich und beinahe gerührt von einer ihr unklaren inneren Bewegung, während Helenens Geiſt mit muthigſter Hoffnung auf irgend ein bevor⸗ ſtehendes wichtiges Ereigniß gerichtet war. Als ſie eben den Hof verlaſſen wollten, erhob der Lieblings⸗ hund Agathens, der rieſige Caſtor, den wir ſchon früher in ihrer Begleitung geſehen, ein ſo kläglich flehendes Geheul, daß Agathe es nicht über ihr Herz bringen konnte, ihn an ſeiner Kette zu laſſen. Sie ſchloß ihn alſo los und erlaubte ihm mitzugehen, worüber er ein frohlockendes Freudengeſchrei ausſtieß 266 und in gewaltigen Sprüngen auf und nieder flog. Langſam ſchritten die beiden ſchönen Geſtalten, immer⸗ während von ihrem treuen Begleiter umkreiſt, den Berg hinunter, von manchem beobachtenden Auge der jugendlichen Krieger angeſtaunt und von Allen ehr⸗ erbietig begrüßt. Als ſie den Strand erreicht, legte Agathe ihren Arm in den ihrer Freundin und ſo ſchritten ſie ſchweigend längs der leiſe brandenden Fluth hin. Helenens Auge, ſtets nach der See ge⸗ richtet, bemerkte nicht, das Agathe überaus ſtill und nachdenklich war, denn ſie hatte genügend mit ihren eigenen, ihr ganzes Innere erfüllenden Gedanken zu thun. Ihre Wange war etwas bleich, das Auge aber klar, und nur die von Zeit zu Zeit bebende Lippe verrieth die innere Unruhe, von der ſie ohne Unterlaß verzehrt wurde. Und in der That, es nagte ein ge⸗ heimer Kummer an ihr, den wir heute kennen lernen werden, und von Tage zu Tage wurde der Trieb, ihn von ſich abzuſtreifen, größer und mächtiger in ihrer Seele. Wiederholt hatte ſie ſich von Agathen den Tag von Hoptrup beſchreiben laſſen und nach allen Gedanken und Gefühlen geforſcht, von denen damals die Freundin ſo heldenmüthig bewegt geweſen war. Wenn wir aufrichtig ſein wollen, ſo müſſen wir ge⸗ ſtehen, daß ſie Agathen um dieſen ſchönſten Tag 267 ihres Lebens, wie dieſe ihn ſelbſt nannte, beneidete, ſo wenig der Neid ſonſt eine Eigenſchaft ihres ſpiegel⸗ klaren Herzens war. Vergebens hatte ſie bisher Wün⸗ ſche und Hoffnungen gehegt, einen ähnlichen Tag er⸗ leben und auch zeigen zu können, daß ſie einer ſol⸗ chen Aufgabe, wie ſie Agathe vollführt, gewachſen wäre. Das war das einzige neidiſche Gefühl, welches ſie bis jetzt in ihrem Leben empfunden, das war der Kummer, der an ihrem Herzen nagte, und ſie war feſt entſchloſſen, bei der nächſten Gelegenheit das vor⸗ liegende Beiſpeil nachzuahmen und Andreas' Familie einen Beweis ihrer Anhänglichkeit und zugleich ihres Muthes zu geben. Wie das geſchehen, in welcher Richtung, zu welchem Behufe ſie dieſen Entſchluß ausführen könnte, das wußte, das bedachte ſie nicht, ja das war ihr auch einerlei, denn jede ausnahms⸗ weiſe Handlung war ihr willkommen, wenn ſie nur threm gehobenen Geiſte, ihrer von jugendlicher Schnell⸗ kraft emporgetragenen Seele entſprach. Mit dieſen räthſelhaften und ächt weiblich⸗ſchwär⸗ meriſchen Gedanken auch jetzt, während des Spazier⸗ ganges beſchäftigt, fiel ihr plötzlich Agathens Schwei⸗ gen auf; ſie wandte den Kopf nach ihr hin und ſah, wie die Freundin, das blaſſe Geſicht zu Boden ge⸗ neigt, ebenfalls von geheimen Gedanken bedrückt, 268 neben ihr herſchritt.„Was mag ſie wohl denken?“ fragte ſie ſich, und augenblicklich ſprach ſie dieſe Frage laut und liebevoll aus. Agathe erhob ihr ſinnendes Auge, erröthete leicht und blickte ſie wieder fragend an.„Was ich denke?“ ſagte ſie leiſe.„Vielleicht daſſelbe, Helene, was Du denkſt.“ 1. „Das glaube ich nicht. Was ſtellſt Du Dir denn vor, was ich gedacht habe?“ „Soll ich aufrichtig ſein, liebe Helene— ja?“ „Wie immer, hoffe ich. Sprich Dein ganzes Herz aus, Agathe. Niemand ſtört und hört uns— das meinige ſoll Dir auch nicht verborgen bleiben.“ Agathe erröthete nun vollends und ſagte leiſe: „Ich glaube, Du haſt im Stillen gedacht: wo mag Er wohl jetzt ſein?“ „Aha! Alſo das haſt Du gedacht. Nun ja, das denke ich immer, mein Kind, obwohl zwiſchen Deinen und meinen Gedanken dabei ein kleiner Unterſchied obwaltet.“. „Wie ſo?“ fragte Agathe verwundert. „Nun, wenn Du denkſt: wo mag Er wohl ſein? ſo haſt Du doch Deinen Geliebten dabei im Sinne“— „Meinen Geliebten, Helene? Ich bitte Dich— verwunde nicht mein Herz ſo tief— Friedrich iſt nur mein Bruder!“ „Du Thörin! Mir ſo etwas zu ſagen! Allerdings iſt Friedrich Dein Bruder, aber dennoch in Deiner Seele ſo weit davon entfernt, daß man ihn, glaube ich, viel richtiger als Deinen Geliebten bezeichnen kann. Denn daß Du ihn liebſt, herzlich, innig liebſt, mehr, viel mehr als man einen Bruder liebt, das wirſt Du mir doch nicht verhehlen wollen.“ Agathe ſeufzte und beinahe kam eine Thräne in ihr blaues Kinderauge.„Ja,“ ſagte ſie mit feſtem, energiſchem Tone, der die ganze Kraft und Fülle ihrer Liebe ausſprach,„ich liebe ihn, ich geſtehe es, ich muß es geſtehen, wenn ich aufrichtig ſein will. Aber er— ach, Helene, er liebt mich nicht.“ „Nicht? Meinſt Du? Nun wohlan, warte noch eine Weile, und Du wirſt es ſo genau wiſſen, wie ich es weiß.“* Agathe drückte lebhaft Helenens Arm und frggte heftig:„Was weißt Du?“ „Daß er Dich wieder liebt— ich habe es Dir ſchon ſo oft geſagt, daß Du es endlich glauben kannſt.“ Agathe ſchwieg, wiſchte ſich mit ihrem Tuche das feuchte Auge, wandte ihren Kopf ab und lächelte heeimlich, denn ſie war in dieſem Augenblicke glück⸗ 270 licher, als ſie ſelbſt wußte.„Wir kommen aber von unſerem Geſpräche ab,“ ſagte ſie gleich darauf— „Du wollteſt mir ſagen, was für ein Unterſchied zwi⸗ ſchen uns Beiden iſt, wenn auch Du den Gedanken hatteſt: wo mag Er wohl jetzt ſein?“ „Ja— ſiehſt Du— das iſt etwas durchaus An⸗ deres. Ich dachte allerdings, wo Henrik ſein mag, aber er iſt weder mein Bruder, noch mein Geliebter; er iſt allein, was er auch ſtets nur bleiben wird— mein Freund!“ Agathe ſtand ſtill, lächelte Helene ſchelmiſch an und verſetzte fröhlich:„Nun ja, was Du ſo nennſt! Umſonſt verzehrt man ſich nicht um das Wohl eines Freundes, und magſt Du mir immerhin geſtatten, ihn Deinen recht zärtlich geliebten Freund zu nennen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Helene mit geſteigertem Feuer.„Du irrſt Dich, Mädchen, das iſt er nicht, das iſt er wahrhaftig nicht. Aber, um auch ganz aufrichtig gegen Dich zu ſein, es zieht mich ein dunk⸗ les, unbeſtimmtes Gefühl, von dem ich mir eigent⸗ lich keine Rechenſchaft geben kann und was ſicherlich nicht Liebe iſt, wie Du ſie hegſt, zu Henrik hin und macht meine Beſorgniß um ſein Schickſal rege.“ „Nun ja, das iſt es ja. Du liebſt nicht, wie ich liebe, ſondern nach Deiner Art, wie jedes Weib für 271 ſich liebt— Dein dunkles, unbeſtimmtes Gefühl, von dem Du Dir keine Rechenſchaft geben kannſt, iſt eben Deine Liebe.“ Helene erröthete jetzt ſo ſtark, wie vorher Agathe erröthet war, aber vielleicht mehr aus Unwillen, daß ſie ſich Agathen nicht verſtändlich machen konnte, als weil ſie ſich im innerſten Herzen von ihren Worten getroffen fühlte.„Denke Dir, was Du willſt,“ ſagte ſie ernſt,„Du haſt mich doch nicht begriffen und ich kann mich Dir auch nicht deutlicher machen— ich bin nicht ruhig genug dazu, denn ich habe Vieles auf der Seele, was ich nicht in Worte kleiden kann— aber ſieh, wonach ſchauen da unſere Freunde?“ Die beiden Frauen hatten ſich während ihres Ge⸗ ſprächs dem Epheuhauſe genähert, vor dem, auf drei hinausgetragenen Stühlen ſtehend, die Capitaine eifrig durch ihre Gläſer nach dem Meere ſchauten, während einige Soldaten, die bei ihnen im Quartiere lagen, am Strande ſtanden und ebenfalls nach Oſten blickten. „Guten Morgen, Bardow, alter Bardow!“ rief Helene ſchon von Weitem—„Was macht Ihr da? Seht Ihr ein Schiff?“ Die drei alten Capitaine waren ſeit Henrik's Ent⸗ führung durch die Dänen gegen die Damen des Hauſes, ja ſelbſt gegen Andreas, etwas kleinlaut ge⸗ — 273. worden; die nächtliche Ueberrumpelung, während ſie auf der Wacht ſtanden, hatte ſie tief gekränkt, und ſie hatten ſchon mehrmals geäußert, eigentlich ſei ihre Ehre tief verletzt und ſie müßten eine große That verrichten, um ſie wiedey herzuſtellen. Zugleich mit dieſem gekränkten Ehrgefühl war eine nie empfundene Erbitterung in ihr Gemüth eingezogen und ſie hat⸗ ten geſchworen, wenn ſie jetzt etwas gegen die Dä⸗ nen ausführen könnten, würden ſie es auf Koſten ihres Blutes und Lebens wagen. „Ha!“ rief der alte Bardow griesgrämig zurück —„Was wir ſehen, meine Damen? Was können wir anders ſehen, als ſo ein vertracktes Ding von Schiff, was da eben an den Warnitz⸗Kopf heran⸗ ſegelt— da— da iſt es. Wenn wir nur gleich hier die Warte bei der Hand hätten oder wenigſtens in Euerm Zimmer oben ſtänden, wir würden es bald beſſer in's Auge faſſen können.“ „So kommt ſchnell hinauf!“ rief Helene.„Ich werde Euch das Zimmer aufſchließen laſſen, welches nach Oſten liegt.“ Und ſchon war ſie in's Haus ge⸗ treten und hatte ihrem Diener, der vor wie nach daſſelbe bewohnte, ihre Befehle gegeben. Bald wa⸗ ren ihr und Agathen die drei Capitaine gefolgt und ſtanden nun in dem geöffneten Fenſter und ſchauten 273 neugierig durch ihre Gläſer, während die beiden Frauen mit wachſendem Verlangen dem in der Ferne auftauchenden Schiffe entgegenſahen. „Bei'm Teufel!“ rief plötzlich der alte Kühlwetter frohlockend—„Es iſt ein Schooner— jetzt hab' ich ſeine zwei Maſte— der verfluchte Nebel dahin⸗ ten aber läßt mich gar nicht ſicher an ihn herankom⸗ men. Ah! den Burſchen ſollt' ich kennen— aber die Takelage iſt mir fremd— Meviſſen, was ſagſt Du dazu?“ „Warte noch einen Augenblick,“ erwiderte der be⸗ dächtigere lange Freund,„es iſt allerdings ein Schoo⸗ ner, aber mehr kann ich auch nicht ſagen— er iſt jedenfalls neu getakelt, das ſieht ein Kajütenjunge.“ Plötzlich ſchrie der alte Bardow:„Halloh! Jetzt hab' ich's weg! Gewiß kennen wir den Burſchen. Es iſt derſelbe, der neulich den Offizier an's Land ſetzte, der oben im Hauſe nach Wafefen ſuchte.“ Helenens Buſen hob ſich krampfhaft; ſie drückte Agathens Arm ſo feſt, daß dieſe einen lebhaften Schmerz empfand. „Nein!“ rief der alte Bardow gleich darauf— „Er iſt es doch nicht— ich habe einen falſchen Kno⸗ ten gemacht— es fehlt der weiße Strich— aber ein Schooner iſt es.“ A. Burns. III. 18 224 „Dann iſt es vielleicht der verfluchte Brander ſelbſt, der unſern Freund Paulſen geholt hat,“ bemerkte Kühlwetter. „Wie?“ ſtöhnte Helene und ſprang dicht zwiſchen die drei Männer, deren Körper ſie mit ihren elaſti⸗ ſchen Gliedern berührte, ohne es zu wiſſen.„O, ſeht genau hin, Ihr Männer— irrt Euch nicht— iſt er es oder iſt er es nicht?“ „Sachte, ſachte, Madamchen,“ ſagte Kühlwetter vertraulich.„Das kann man ſo beſtimmt nicht ſagen. Wenn es ein Pferd wäre oder ein Kameel, dann könnte man das Ding gleich bei ſeinem Namen nennen, aber es iſt ein Schiff, ein Schooner, und alle dieſe Seehunde ſehen in der Ferne und noch dazu im Ne⸗ bel gleich graul aus.“ Was Helene in dieſem Augenblicke dachte und fühlte, dürfte nicht ſchwer zu enträthſeln ſein.„Es iſt Henrik!“ jubelte es in ihr—„ſie bringen ihn zu⸗ rück,“ frohlockte ihr Herz.„Doch nein,“ erwiderte der kühlere Verſtand—„das werden ſie nicht— ſo höf⸗ lich ſind die Dänen nicht— o, was man thöricht iſt, wenn man wie im Strudel zwiſchen Furcht und Hoffnung umhergetrieben wird..“ „Er kommt heran!“ ſagte jetzt Meviſſen ernſt, 275 ſetzte ſein Glas ab und gab einem tiefen Seufzer die Freiheit. „Na warte,“ rief Kühlwetter und trippelte halb vor Ungeduld, halb vor Wuth mit den Füßen, daß man im unteren Stockwerk hätte fürchten können, die Decke breche zuſammen.„Willſt Du Dir wieder einen Jemand holen, ſo ſollſt Du uns diesmal bei Laune finden. Wir haben uns ein Wörtchen in's Ohr zu ſagen, mein Lieber!“ „Da, da!“ jauchzte der alte Bardow.„FJetzt bricht er aus dem Nebel hervor. Er hat viel Leinwand aus⸗ gehängt und giebt ſich Mühe, ſtramm an den Wind zu kommen. Aber er iſt unſicher, der Burſche, als wenn er kein gutes Gewiſſen hätte. Nur herein, nur herein, Gevatter— wir haben diesmal Musketen in Fülle für deine Jungen!“ Während dieſes Geſpräches im Hauſe hatten ſich die in den drei Strandhäuſern einquartierten Schles⸗ wig⸗Holſteiner am Strande verſammelt und ſchauten ebenfalls nach dem näher kommenden Schiffe aus. Jetzt aber trat ein Offizier heran und rief ihnen einen Befehl zu. Augenblicklich gehorchten ſie, eilten in ihre Wohnungen, holten ihre Gewehre hervor und ſtellten ſich in getrennten Abtheilungen hinter den Häuſern auf. 18 276 Unterdeſſen hatte der Schooner, den man jetzt ſchon mit bloßen Augen ziemlich deutlich beſtreichen konnte, die zunehmende Südbriſe benutzt und kam mit allen Segeln, die der ſchwache Wind aufblaſen konnte, in die Bucht gelaufen. Aber er hielt ſich gleich weit von beiden Ufern entfernt, wohl wiſſend, daß jedes derſelben mit feindlichen Truppen beſetzt ſei. Langſam aber ſtätig fortſegelnd kam er näher und näher, endlich aber holte er bei und blieb in der Mitte der Waſſerbreite gerade Bardow's Hauſe gegenüber liegen. Dieſer und mit ihm die anderen Capitaine waren keck vor das Haus getreten und be⸗ trachteten neugierig das ihnen ſeltſam ſcheinende Ma⸗ növer des Schiffes, welches in der Entfernung, in der es jetzt lag, nicht ſehr gefährlich werden konnte. Plötzlich flog am Fockmaſt des Schooners ein großes weißes Tuch in die Höhe und unmittelbar darauf wurde ein Boot herabgelaſſen, in welches einige Männer ſtiegen. Auch dieſes hatte die Parlamentär⸗ flagge aufgehißt und ruderte jetzt vorſichtig und lang⸗ ſam dem Lande zu. „Er will wieder ſprechen,“ ſagte der alte Bardow luſtig;„was wird er uns für ein neues Mährchen aufzubinden haben? Nun, Kühlwetter, Du wollteſt ihm ja ein Wörtchen in's Ohr flüſtern und biſt doch ſo 277 mauſeſtill? Willſt Du mein Rohr haben, um ihn anzubraien?“ 3 „Ich habe mein Rohr im Munde, er ſoll mich ſchon verſtehen— brüllen will ich wie ein Seeſtier — hollah!“ Und er gab einen Ton von ſich, daß ein Baum vor Schreck hätte umfallen können. Das Boot war jetzt etwa 400 Schritte vom Lande entfernt. Da hielt es, und ein Mann, der vorn im Buge ſtand, ſchwenkte ein weißes Tuch in der Luft. Helene athmete ſo laut, daß Agathe ſie verwun⸗ dert von der Seite anblickte, obgleich auch ſie eben nicht ruhig war. Jene hatte ein Fernrohr zur Hand genommen und wollte hindurchblicken, aber ihre Fin⸗ ger zitterten ſo ſtark, daß es unmöglich war. „O Bardow— Kühlwetter— Meviſſen,“— rief ſie aus dem Fenſter hinab—„ich bitte Euch, ſeht durch Euer Glas, ob ein Bekannter im Boote iſt’“ Und mit der Hand nach dem Herzen fahrend und den Kopf weit zum Fenſter hinausbeugend, lauſchte ſie mit allen Sinnen auf die Antwort, die ſie ſehn⸗ ſuchtsvoll erwartete. Alle drei Seeleute hatten auf dieſen Zuruf ſcharf nach dem Boote geſchaut, drehten ſich aber mit einem Male herum und ſchüttelten die Köpfe. Helene wurde ſtill wie ein Bild von Stein, 278 und eben ſo bleich, wie ſie kurz vorher glühend ge⸗ weſen war. „Winket doch wieder!“ rief jetzt. Agathe hinab, da ſie ſah, daß der Mann im Boote, welches noch immer ſtill hielt, mit dem Tuche fortwährend wehte. Und ſogleich erhob ſie ihr eigenes Tuch und fächelte in der Luft damit, während Helene die Hände am Leibe behielt, als wären ſie gelähmt. Auch die drei Seemänner zogen jetzt ihre Taſchentücher hervor und breiteten ſie im Winde aus. Und obgleich ſie roth und blau gewürfelt waren, ſo hatte das Boot ſie doch für Friedensflaggen gehalten und ihre Einladung verſtanden. Es ruderte näher heran und hielt hun⸗ dert Schritte vom Lande wieder ſtill, worauf der junge Mann, der vorn im Buge ſtand, ſein ſeemän⸗ niſches„Halloh“ rief. „Was giebt es?“ fragte Kühlwetter's Trompeten⸗ ſtimme. „Iſt der Capitain Andreas Burns bei der Hand?“ „Wen will er ſprechen?“ rief Helene, die ſchon an den Strand gelaufen war, da ſie plötzlich wieder Leben in ſich fühlte. „Nein!“ antwortete der redewechſelnde Capitain. „Nein, er iſt nicht hier— was wollt Ihr von ihm?“ 279 „Ich habe eine perſönliche Beſtellung an ihn aus⸗ zurichten. Kann er nicht raſch gerufen werden?“ „Das geht ſo ſchnell nicht— wir ſind aber ſeine Freunde, und das da iſt ſeine Tochter— ſagt uns, was Ihr zu ſagen habt.“ „Meine junge Dame!“ rief der Mann aus dem Boote mit freundlicher Stimme herüber und ſchwenkte höflich ſeinen Hut—„Sind Sie die Tochter des Capitains Andreas Burns?“ „Ja!“ ſagte Agathe mit ſo leiſer Stimme, daß ſie nicht bis zum Boote hinüberdrang, aber ſie nickte dabei und ſchwenkte verſtändlich genug ihr Tuch. „Ich habe meinen Auftrag in einen Brief ver⸗ ſchloſſen,“ rief der junge Mann,„für den Fall, daß ich den Capitain nicht perſönlich ſprechen konnte. Ge⸗ ben Sie ihm denſelben. Aber wie ſoll ich ihn in Ihre Hände liefern?“ „So kommt doch heran!“ brüllten die drei Capi⸗ taine und winkten wie drei eifrig arbeitende Telegra⸗ phen mit den Armen. „Das iſt mir nicht geſtattet. Habt Ihr kein Boot?“ „Ihr habt ſie uns ja genommen— ſeht Ihr, wie dumm das war!“ rief der alte Bardow zurück. „Halt!“ rief Agathe mit einem Male—„Laſſen 280 Sie ihn den Brief hochhalten und zeigen, dann ſoll er ihn in's Waſſer werfen und der Hund ſoll ihn holen.“ „Das iſt ein prächtiger Vorſchlag!“ riefen die alten Capitaine, und augenblicklich verdolmetſchte ihn Kühlwetter den lauſchenden Leuten im Boote. Der junge Däne lächelte, denn er ſah ſchon, wie die große Dogge herbeigerufen wurde und bereits bis zur Bruſt in den Wellen ſtand. „Hollah, Caſtor, faß, faß, dort!“ rief Agathe und deutete mit der Hand auf das Waſſer hin. Und der Hund ſprang ſogleich weiter vor, durchdrang mit ſei⸗ ner breiten Bruſt die rieſelnden Wellen und da der Brief ihm geſchickt entgegengeſchleudert wurde, als er dicht bei dem Boote war, faßte er ihn bald und brachte ihn wohlbehalten an's Land. Allgemeiner Jubel, vom Boote und vom Lande her, miſchte ſich miteinander. Dann grüßte der junge Mann, die Ruder ſeiner Matroſen ſenkten ſich und das Boot flog wie ein Pfeil dem Schooner entgegen, der wieder alle Segel beiſetzte und nach Apenrade hinaufſteuerte. 3 Schon aber war der durchnäßte Brief in Aga⸗ thens Hand gelangt. Helene, die vorher ſo heftig ge⸗ zittert hatte, ſchritt jetzt feſt an ihrer Seite, während —— 281 ſie nach dem Hauſe gingen, und hatte die Hand ſchon nach dem Briefe ausgeſtreckt. „Raſch, raſch, Agathe,“ rief ſie ungeſtüm,„komm hinauf in mein Zimmer, den Brief müſſen wir ſo⸗ gleich leſen.“ „Wie, Helene, er iſt ja an meinen Vater ge⸗ richtet?“ „Wohl, aber ich will es verantworten. Er iſt von Henrik— ich kann es beſchwören.“ „Ha!“ rief auch Agathe frohlockend—„Wäre es möglich!“ Aber Helene hatte den Brief ſchon aus ihrer Hand genommen, ihn vorſichtig geöffnet und las nun folgende Worte: Herr Capitain! Ihr Freund Henrik Paulſen iſt wohlbehalten in Kolding angelangt. Dort ſitzt er im Gefängniß. Ich habe ihm mein Wort gegeben, Ihnen dieſe Mittheilung zu über⸗ bringen und hiermit löſe ich es. Harald Ibſen, Schiffsarzt des Neptun. „In Kolding!“ ſagte Helene mit langgezogenem Seufzer—„Alſo in Kolding! Siehſt Du— und im Gefängniß— natürlich— aber wie, in Kolding, in Kolding?“ Und plötzlich zuſammenzuckend, als hätte ſie ein Blitzſtrahl berührt, ſchrie ſie laut auf, 282 fiel Agathen, die nicht wußte, was geſchehen, um den Hals und brach in lautes Schluchzen aus. „Aber mein Gott, Helene, was iſt Dir?“ fragte Agathe ſtaunend. „Was mir iſt? O Agathe— ich freue mich— freue Du Dich auch— ich habe ja einen Verwandten in Kolding— weißt Du nicht?— zu dem muß ich augenblicklich— er iſt ein mächtiger Mann!“ „Du mußt nach Kolding?“ fragte Agathe lang⸗ ſam, vor Erſtaunen kaum zu ſich kommend. „Frage nicht, ſondern folge mir.— Da, hier, ſchließen wir das zu— meine Wäſche iſt oben, Geld auch— ſo, ſo— das iſt das Mittel, welches mir Gott geſandt hat, und ich muß es erfaſſen, wie ich mir zugeſchworen habe!“. Und raſch Alles zuſammenraffend, was ihr in die Hände kam, ſchloß ſie die Thür, gab dem alten Bar⸗ dow die Schlüſſel und befahl ihrem Diener, ſich au⸗ genblicklich zu einer Reiſe zu rüſten und ihr dann nach Emmerslund zu folgen. Beinahe laufend, ſo daß ſie bald athemlos war, mußte Agathe neben Helenen den Berg hinauf ſchrei⸗ 283 ten, die, Seele und Geiſt nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, wie von unſichtbaren Flügeln ge⸗ hoben dahin ſchwebte. Mit Verwunderung ſchaute ſie die ſelbſt ſo ſchöne Agathe an, denn ihre Freundin ſchien ſich plötzlich vor ihren Augen verjüngt zu ha⸗ ben. Ihre ſonſt ſo ruhig und ſtolz getragene Geſtalt war von einer elaſtiſchen Beweglichkeit belebt, die ihr vielleicht nur in ihrer früheſten Jugend eigenthümlich geweſen war und ihre Geſichtszüge waren mit dem Ausdruck einer Begeiſterung überhaucht, die ihrer gan⸗ zen Erſcheinung einen wahrhaft bezaubernden Reiz verlieh. So traten ſie in Emmerslund bei Gertrud ein, neben welcher Andreas ruhig ſaß und irgend eine häusliche Angelegenheit beſprach. Als Helene, wie wir ſie eben geſchildert, in's Zimmer ſtürzte und Aga⸗ the athemlos hinter ihr her kam, ſprang der Capitain auf und trat ihnen entgegen, denn er vermuthete ſo⸗ gleich etwas Ungewöhnliches, erkannte aber zugleich aus der Miene der beiden Frauen, daß es eher etwas Neues als Unheilvolles ſei. „Nun,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe, „Ihr ſeid ja Beide außer Athem— und dabei ſo aufgeregt? Was giebt es?“ „Da, da— leſet!“ hauchte Helene hervor, reichte ihm den offenen Brief hin, der noch naß vom See⸗ waſſer war und ſank dann auf einen Stuhl, um zu ſich ſelbſt zu kommen. Andreas las langſam und wiederholt die wenigen Zeilen; je öfter er ſie aber las, um ſo weniger ver⸗ mochte er zu begreifen, wie eine ſo natürliche Sache eine ſo ungewöhnliche Aufregung veranlaſſen konnte. „Das haben wir ja gewußt,“ ſagte er endlich,„nur daß es gerade Kolding iſt, wo man ihn feſthält, iſt neu dabei. Was nun?“ „Was nun?“ fragte Helene, indem ſie von ihrem Sitze aufſprang und ſich zu ihrer vollen Höhe erhob. „Und das fragen Sie ſo gleichmüthig?“ „Nicht gleichmüthig, Helene, aber ich betrachte die Sache als eine bekannte. War ſie Ihnen denn nicht bekannt?— Wie iſt der Brief in Eure Hände ge⸗ kommen?“ Agathe belehrte ihn mit kurzen Worten, während Gertrud die Zeilen des däniſchen Arztes las. „Was alſo nun?“ fragte er noch einmal, und ſah mit feſtem Blicke Helenen an, die allmälig wieder zu ruhigerer Beſinnung zurückgekehrt war. „Das will ich Euch ſagen,“ fuhr Helene mit ge⸗ mäßigtem Eifer fort.„Es iſt nicht gleichgültig für uns Alle, daß Henrik ſich in Kolding befindet, durch⸗ aus nicht, und für ihn und mich am wenigſten. 285 Denkt Ihr denn nicht daran, daß der Oheim meines unglücklichen Mannes“— es war das erſte Mal ſeit Jahren, daß Helene von dieſem öffentlich ſprach— „der Conferenzrath Parrhiſius in Kolding wohnt?“ „Freilich, es iſt wahr, Helene— aber was hilft unſerm Henrik das?“ „Was es ihm hilft? So viel, daß jetzt die Mög⸗ lichkeit vorliegt, ihm zu helfen, ihm ſeine Gefangen⸗ ſchaft zu erleichtern, ja, ihn wo möglich daraus zu befreien.“ „Wie wollten wir das möglich machen?“ „Ganz einfach dadurch, daß ich noch heute nach Kolding fahre, meinen Oheim aufſuche und ihn von unſerm Wunſche in Kenntniß ſetze.“ „Helene!“ ſagte Andreas mit großer Ruhe, und doch ſah er ſchon ein, daß ſein Rath zu ſpät kam, denn daß Helene bereits einen feſten Entſchluß gefaßt, ging aus ihrem ganzen Weſen hervor.„Helene, Sie wollen nach Kolding? Jetzt, wo unſere Truppen dicht davor liegen und es vielleicht in dieſen Tagane an⸗ greifen werden?“ „Gerade jetzt; meine Reiſe dahin wird dadurch um ſo gefahrloſer ſein. Es iſt auch nicht das⸗ warum ich Sie bitten will.“ „Und um was bitten Sie denn?“ „Um Ihren kleinen Wagen, ein paar gute Pferde und einen zuverläſſigen Kutſcher— um weiter nichts.“ „Wie, Helene, verſtehe ich Dich recht?“ fragte jetzt Gertrud ernſthaft, während Andreas ſich Helenens Forderung innerlich ſchon zu fügen begann—„Du willſt wirklich nach Kolding?“ Bedenkſt Du auch, daß Du eine Frau biſt und daß Frauen nicht an einen Platz gehören, der für Männer ſelbſt gefährlich iſt?“ „Gertrud,“ ſagte Helene mit einer nachdrücklichen Feſtigkeit, die von ihrem unerſchütterlichen Entſchluſſe Zeugniß gab—„jetzt iſt nicht die Zeit, daran zu denken, daß wir Frauen ſind und daß ein Ort auf der Welt größere Gefahren als ein anderer bietet. Oder haſt Du einen ſo ſchwachen Begriff von dem Geſchlechte, welchem Du ſelber angehörſt, daß Du es nur zu Haushälterinnen und Nähterinnen herabge⸗ würdigt wiſſen willſt? Iſt eine Frau nur dazu da, im Kriege, den freilich die Männer hauptſächlich aus⸗ fechten, Charpie zu zupfen, dann und wann einen Verwundeten zu pflegen, ihr Vermögen zum Beſten ihrer Landsleute hinzugeben und zu dem Himmel zu beten, daß er Alles zum Beſten lenke? Nein, ich habe einen anderen Begriff von unſeren Pflichten. Auch wir müſſen helfen, retten, wo wir können, und wenn wir auch nicht den Säbel in die Hand nehmen kön⸗ 287 nen, ſo dürfen wir wenigſtens nicht unſere Perſon hinter dem Ofen verbergen, um in Gemächlichkeit den Ausgang abzuwarten, wenn wir mit dieſer Perſon etwas Gutes ausrichten können. Oder ſind wir Wei⸗ ber nur dazu geſchaffen, allein unſeren Gefühlen zu leben und in Angſt und Sorgen unſere Herzen ver⸗ welken zu laſſen? Dürfen wir uns nicht zu Thaten emporſchwingen, zu denen uns Gott den Gedanken, den Muth und die Befähigung gegeben hat?“ Gertrud ſchwieg und blickte zu Boden; auch ſie ſah ein, daß Helene auf ihrem Kopfe beſtand, und ſie kannte ſie hinreichend, um ſie für fähig zu halten, ihren Worten durch die That Nachdruck zu geben. Andreas dagegen ſchritt langſam und überlegend im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor Helenen ſtehen, blickte ſie feſt und klar an und ſagte:„Ich werde Sie begleiten, Helene!“ „Das werden Sie nicht. Sie würden in Gefahr ſein, auf dieſem Wege in die Hände der Dänen zu fallen und Henrik's Loos zu theilen, ſtatt es zu er⸗ leichtern. Sie gehören in Ihr Haus, in Ihre Fa⸗ milie— ich beſitze keins von beiden— meine Sorge iſt und darf dem Allgemeinen gewidmet ſein.“ „Dieſes Allgemeine aber heißt Henrik Paulſen!“ dachte Andreas, und eine mächtige Blutwelle trat aus —ᷣ’ÿ—ÿxℳPCm—ℳA—C—õõ 288 ſeinem Herzen in ſeine Wangen und er reichte Helenen zuſtimmend die Hand. „Sie hat Recht,“ ſagte er zu den beiden anderen Frauen,„wir dürfen ihr nicht widerſtreben. Sie will es und ſie wird es vollbringen, was ſie für gut und recht erkannt hat.“ „Ich würde es auch thun!“ rief jetzt Agathe ſtolz, und umſchlang die Freundin mit ihren Armen. Gertrud fing an zu weinen und verließ das Zim⸗ mer, da ſie ſah, daß ſie überſtimmt war. „Nun, Andreas, wollen Sie mir meine Bitte er⸗ füllen?“ fragte Helene. „Ja, das will ich— aber ich habe eine Bitte dagegen, auf die ich beſtehe, wie Sie auf die Ihrige. Heute reiſen Sie nicht— erſt morgen mit Anbruch des Tages. Sie können mit den Reitern zugleich ab⸗ gehen, die vorher angelangt ſind und daſſelbe Ziel haben wie Sie. So werden Sie ſicher gehen und uns zugleich beruhigt zurücklaſſen.“ „Aber komme ich denn mergen mit denſelben Pferden nach Kolding?“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen. Um elf Uhr ſind Sie in Hadersleben. Um zwölf fahren Sie nach Kolding, wo Sie Nachmittags eintreffen, denn ich werde Ihnen meine beſten Pferde geben.“ 289 So war es beſchloſſen und ſo wurde es in's Werk geſetzt. Ein kleiner Koffer wurde bald mit dem Noth⸗ wendigſten verſehen. Hans Blachmann wurde zum Kutſcher erkoren, und da er ſogleich einwilligte, als man ihn rief und ihm ſein Benehmen vorzeichnete, ſo mußte er eine Livrée Ernſt Baring's, des Dieners Helenens, anziehen. Schon Nachmittags war Alles im Stande; die Dragoner, welche auch⸗nach Haders⸗ leben abgingen, wurden von der Begleitung der Dame benachrichtigt und ihr Führer verſprach, dafür zu ſor⸗ gen, daß Helene unbehindert bis zu den Vorpoſten käme. Weiter konnte er nichts verſprechen und Helene war damit vollkommen zufrieden. Nie aber war ihr ein Abend länger in der ſo theuren Familie gewor⸗ den als der, welcher dieſem Tage folgte. Sie hatte keine Ruhe mehr. Jeden Augenblick ſah ſie nach der Uhr und rechnete im Stillen. Nach dem Abendeſſen hatte ſie mit Andreas noch eine geheime Unterredung, die ſich auf Henrik und die Papiere bezog, die dieſer hoffentlich noch bei ſich trug. Damit war Alles ab⸗ gemacht und es lag nur noch eine kurze Nacht zwi⸗ ſchen dem Entſchluß und ſeiner Ausführung, und auch dieſe ging wie alle unruhigen Nächte endlich vorüber. Morgens vier Uhr war Alles im Hofe munter. Die Pferde wurden angeſchirrt und vor die A. Burns. III. 19 290 leichte Chaiſe geſpannt. Es gab eine zährenreiche Abſchiedsſcene zwiſchen den Frauen, von denen Helene ſich allein ruhig und gefaßt bewies. Um fünf Uhr ſaßen die Dragoner auf und ritten zum Hofe hinaus; Helene ſtieg mit ihrer Jungfer Käthe in den Wagen, Ernſt Baring ſetzte ſich neben Hans Blachmann auf den Bock und fort ging es im ſcharfen Trabe den Reitern nach. Da ließ auch Andreas ſeinen Schimmel herausführen, denn er hatte ſich vorgenommen, der Freundin bis Hadersleben das Geleit zu geben. Im Galopp ſprengte er ihr nach und hatte ſie bald auf dem ſandigen Wege eingeholt. 12 Lehntes Anpitel. Die Reiſe nach Kolding. Der Tag, an welchem Helene dieſe unvorherge⸗ ſehene Reiſe antrat, der 18. April 1849, war von der launenhaften Aprilſonne nicht ſo glanzvoll erleuchtet, wie der vorhergehende; im Gegentheil hatten trübe Wolken den blauen Himmel verhüllt und ſchütteten von Zeit zu Zeit ihren Reichthum an Feuchtigkeit in Geſtalt von Hagelſchauern, Regengüſſen und Schnee⸗ geſtöber auf die kalt und beklommen ruhende Erde herab. Hinter ihren Fenſtern aber trocken und warm ſitzend, fühlte Helene von allen dieſen Stürmen der Elemente nichts; ihre Gedanken waren ihrem Leibe ſchon weit vorausgeeilt und lebhaft beſchäftigt, die einfachſte Art und Weiſe zu erſinnen, wie ſich der edle Vorſatz, den ſie mit kühner Bruſt ergriffen, am 19* 202 beſten in Ausführung bringen laſſen werde, ohne ſich, ſelbſt dem Oheim gegenüber, eine Blöße zu geben. Nur ging ihr die Fahrt viel zu langſam von Statten, denn da die Reiter, die vor ihr ritten, nicht immer traben konnten, mußte auch ſie oft im Schritt hinter⸗ her ziehen, und dies war für die Gährung ihres In⸗ nern, wo Alles im Galopp vorwärts drängte, ein quälender Schneckengang. Dennoch aber kamen ſie allmälig vorwärts und ſchon halb elf Uhr, nachdem ſie nur einmal eine halbe Stunde geraſtet, langten ſie in Hadersleben an, wo Andreas den Wagen zu einer befreundeten Familie geleitete, dann aber Rück⸗ ſprache mit einigen Offizieren nahm, die für die ſichere Weiterbeförderung der Reiſenden ſogleich zu ſorgen verſprachen. Auch hierin begünſtigte ſie der Zufall. Eine Schwadron Dragoner ſollte die Vorpoſten vor Kolding ablöſen; der zugführende Offizier verhieß Al⸗ les, was er verheißen konnte, und um zwölf Uhr Mittags ſetzte ſich der Zug in Bewegung, nachdem Andreas Helenen den glücklichſten Erfolg gewünſcht hatte und nach Emmerslund zurückgekehrt war. Jetzt war Helene alſo allein mit ihrem Vorhaben, † und nun mußte ſich zeigen, ob ſie wirklich gegen alle Ereigniſſe ſo feſt gepanzert war, wie ſie ſich ſelber vorgeredet hatte. Aber die Begeiſterung, die bei ſchwachen Naturen oft eine raſch auflodernde und dann um ſo ſchneller wieder verſchwindende Flamme iſt, war bei ihr, in deren Herzen Metall war, dauer⸗ haft und wuchs ſogar mit der Gefahr, und nur eine einzige Anwandlung von Beſorgniß und Unruhe hatte ſie noch zu beſtehen. Und dieſe betraf gerade Den⸗ jenigen, um deſſenwillen ſie das kühne Vorhaben unternommen hatte. Was würde er ſelbſt ſagen oder vielmehr über ihre Handlungsweiſe denken? fragte ſie ſich wiederholt. Würde er darin nicht eine unweib⸗ liche Einmiſchung in ſein Schickſal erkennen und ih⸗ ren ſo raſch ausgeführten Schritt als einen unüber⸗ legten tadeln? Nein! ſagte Helene feſt, das wird Henrik nicht. Aber wenn er nun darin eine Dar⸗ legung von Gefühlen ſähe, die ſie ſelbſt nicht für ihn hätte, wie dann? Wenn er nur Derjenigen, die, wie Andreas ihr geſagt, über ſein Herz und ſeinen Geiſt allein gebot, die Freiheit geſtattete, ſo zu handeln, wie ſie handelte— wie dann? Das war allerdings ein kritiſcher Punkt, an dem ſie lange mit bangem Herzklopfen hing. Endlich aber hatte ſie auch dafür einen Ausweg gefunden. Meine Reiſe nach Kolding, ſprach ſie ſich vor, kann auf eine doppelte Weiſe eine ganz natürliche ſein. Erſtens können mich Familien⸗ angelegenheiten dahin rufen, denn ich habe ja einen 294 alten Oheim daſelbſt, wie auch Henrik weiß, der nach mir verlangt hat. Sodann aber, wenn er das nicht glaubt, da ich ſo ſelten von dieſem Oheim geſprochen, werde ich ihm ſagen, meine Beſorgniß, durch die Pa⸗ piere, die er bei ſich trägt, in Verlegenheit zu gerathen, habe mich zu dem ſonderbaren Schritte bewogen, nur ich allein konnte ihn unternehmen, da ich zu⸗ meiſt dabei betheiligt bin, Andreas ſein Haus und ſeine trauernde Gattin nicht verlaſſen konnte und kein Anderer in das Geheimniß eingeweiht werden durfte. — So wird es gehen, ſo muß es gehen, ſagte ſie ſchließlich, gleichſam über ihren Erfindungsgeiſt trium⸗ phirend, und als ſie erſt ſo weit gekommen war, öff⸗ nete ſie ihre Augen für die Außendinge, die ſie um⸗ gaben, und die allerdings dazu angethan waren, die Aufmerkſamkeit eines weiblichen Auges auf ſich zu ziehen, denn ſie waren ihr alle neu und ernſthaft genug. War ſchon der Weg von Emmerslund nach Hadersleben mit marſchirenden Truppen, Attillerie, Bagagen und Ordonnanzen bedeckt, ſo ſchien hinter Hadersleben eine wahre Völkerwanderung zu beginnen, die oft ihren Wagen ſtocken machte und ſie länger aufhielt, als ſie gewünſcht hätte. Auf beiden Seiten des Weges zeigten verlaſſene Nachtlager, rauchende Holzſtücke und niedergetretene Waldſtellen, daß Truppen 295 daſelbſt die Nacht im Bivouak zugebracht hatten; Zufuhren jeder Art, Wagenreihen ohne Ende, Pferde, Menſchen, Kriegsmaterial allerlei Gattung wurden vorwärts geſchaffh und ein Gewoge, ein Treiben, ein Drang nach Kampf und Sieg machte ſich in jeder Bewegung bemerklich, wie Helene ſie kaum erwartet hatte. Aber immer langſamer ging es jetzt vorwärts, denn man näherte ſich der Gegend der Königsau, von der man erfahren hatte, daß ſich in den Häu⸗ ſern, Hecken und Gräben derſelben die Dänen ver⸗ ſchanzt hätten. Endlich wurde Halt gemacht; der Offizier, der bis hierher den Wagen geleitet, kam an den Schlag geritten und meldete, daß man die Vor⸗ poſten erreicht habe, die man abzulöſen gekommen ſei. Er verabſchiedete ſich daher von Helenen und glaubte ihr Troſtworte zuſprechen zu müſſen und wie er der Meinung ſei, daß die Dänen ſie nicht aufhalten wür⸗ den, wenn ſie ihnen anzeigte, daß ſie eine däniſche Familie in der Stadt beſuchen wolle. Eben hatte er Helenens Dankſagungen empfangen und ſich vom Wagen entfernt, als dieſe einen Reiter vor dem zurück⸗ gehenden Zuge ankommen ſah, bei deſſen Anblick ihr Herz vor Freude ſchlug. Anfangs glaubte ſie, ſie irre ſich, aber es war nicht der Fall, er war es wilrklich, 296 Friedrich Burns, der auf ſeinem ſchönen Goldfuchſe langſam dahergeritten kam und voller Verwunderung aus der Ferne ſchon das bekannte Geſpann muſterte. Kaum aber hatte Helene das Fenſter ganz aufgeſchla⸗ gen, ſo kam er auch ſchon herangeſprengt, denn er hatte Hans Blachmann trotz ſeiner Livrée, Helenens Diener und endlich dieſe ſelbſt erkannt. Man kann ſich das Erſtaunen des guten Friedrich vorſtellen, hier, vor Kolding, zwiſchen den feindlichen Vorpoſten Helenen wiederzufinden, die er ruhig im elterlichen Hauſe vermuthete. Mit einem lauten Freu⸗ denrufe ſprang er vom Pferde, näherte ſich dem Schlage und faßte Helenens beide Hände, die ſie ihm herzlich entgegenſtreckte. Bald war ihm alle Aufklärung zu Theil geworden, Helene hatte ihm mit kurzen Worten das Nothwendigſte geſagt und Alles hinzugefügt, was ihn vom elterlichen Hauſe erfreuen konnte. Als ſie auf Erik zu ſprechen kamen, deſſen Schickſal Friedrich ſchon kannte, vergoß er Thränen, aber er faßte ſich bald, als er vernahm, daß ſeine Mutter den größten Schmerz ihres Lebens wie eine Heldin ertrage. Nachdem ſie noch eine Weile über Emmerslund geſprochen, ſagte Helene leiſe, damit es Käthe nicht höre:„Friedrich— und Du freagſt gar nicht nach ihr?⸗ 4 297 „Nach wem ſollte ich noch fragen, da Du mir Alles erzählt haſt?“ „Haſt Du Agathen ganz und gar vergeſſen?“ Friedrich wurde bleich wie der Tod.„Nein,“ ſagte er mit bebender Lippe—„aber ſie iſt wohl ſehr traurig?“ „Worüber?“ „Daß Erxik todt iſt—“ „O ja, darüber iſt ſie ſo traurig wie wir Alle, aber ſie hat ſich darin gefunden, daß ihr Bruder geſtorben iſt.“ „Ihr Bruder?“ „Friedrich— biſt Du noch immer in dem alten Irrthum befangen? Giebt Dir Dein ſonſt ſo edles Herz keinen anderen Gedanken ein? Wie, hier unter Gottes freiem Himmel, vor mir, Deiner aufrichtigen Freundin, willſt Du Dein Herz verhüllen, wo die Ge⸗ fahr des Todes Dein Haupt umſchwebt?“ Friedrich wandte ſich ab, die Rührung zu verber⸗ gen, die ihn bei Helenens ernſter Rede ergriffen hatte. „Höre mich an,“ fuhr ſie fort—„komm dicht heran— ich werde ſie von Dir grüßen, wenn ich zurückkehre,— gieb mir aber ein Zeichen von Dir mit, daß Du liebevoll an ſie denkſt—“ 298 „Liebevoll? Wer ſagte Dir das?— Doch, ich habe ja nichts—⸗ „Gieb mir einen Handſchuh, ein Tuch, was es auch ſei; es wird ihr genügen, wenn ich ihr ſage, daß es von Dir kommt, und ſie wird darüber glück⸗ lich ſein.“. Friedrich blickte verwundert auf.„Iſt das Dein Ernſt, Helene?“ Helene legte die Hand aufs Herz und ſchaute Andreas' Sohn mit ihren leuchtenden Augen an. Dieſen Augen war nicht zu widerſtehen. Er holte ein ſeidenes Tuch aus der Taſche, drückte die Lippen darauf und ſagte:„Da— thue damit, was Du willſt— ich muß jetzt fort— Gott geleite Dich, und grüße Henrik!“ 3 Und da die Trompete ſchon weit vor ihm ſchmet⸗ terte und ihn zum Abreiten rief, drückte er Helenen die Hand, warf ſich auf ſein Pferd und jagte mit verhängtem Zügel davon. „Selbſt am Vorabende einer blutigen Schlacht werden Gefühle und Pfänder der Liebe ausgetauſcht — ſonderbare, unglücklich glückliche Menſchen!“ dachte Helene, als ſie das Tuch verbarg und ihr Wagen langſam vorwärts rollte. 299 Nach kurzer Zeit, während welcher das eben noch ſo belebte Feld, die von Menſchen gefüllten Wege, der vom Hufe der Pferde raſchelnde Wald ſtiller und einſamer wurden, gelangte Helene in die Nähe der jütiſchen Gränze, was ihr Hans Blachmann, der hier genau Beſcheid wußte, durch wiederholte Winke und lauten Zuruf zu erkennen gab. Die verwahrloſte Landſtraße, auf der vor Moraſt bisweilen nicht durch⸗ zukommen war— denn die vortrefflichen Chauſſeen, welche die egoiſtiſchen Dänen mit ſchleswigſchem Gelde bis in den hohen Norden hinauf erbaut haben, be⸗ ginnen erſt hart an der jütiſchen Gränze, dicht vor Kolding,— ging hier in einen breiten Sandweg über, der zu beiden Seiten von tiefen Gräben und damit parallel laufenden Baumhecken eingefaßt war. Während auf der linken Seite dieſer Hecken, wenn man nach Kolding fährt, nirgends ein Haus zu ſehen, der Anbau überhaupt vernachläſſigt iſt— wir haben hier das Jahr 1849 vor Augen, wo wir im Herbſt zum letzten Male dieſe Straße ſüdwärts zogen— zeigten ſich zur Rechten von Zeit zu Zeit ziemlich anſehnliche Bauernhäuſer, die mit ihren Giebeln ſämmtlich der Straße zugekehrt ſtehen. Sie ſind meiſt mit der Leibfarbe der Dänen, das heißt ſchmutzig roth angeſtrichen, und unterſcheiden ſich nicht ſonder⸗ lich von unſeren deutſchen Bauernhäuſern, ſind indeß mit Ziegeln gedeckt und verrathen leidlich wohlhabende Bewohner. Auf dieſe einzeln nach und nach hervor⸗ tretenden Häuſer hatten die auf dem Bocke des Wa⸗ gens ſitzenden Männer ſcharf ihr Augenmerk gerichtet, denn es war ihnen geſagt worden, daß ſie hinter denſelben die erſten Dänen zu vermuthen hätten. Und ſo war es auch. Unmittelbar an der Gränze, etwa hundert Schritte vor Anfang der herrlichen Granit⸗ ſtraße, die bis Aalborg läuft, trat ein däniſcher In⸗ fanteriſt, nicht eben maleriſch in ſeine ziegelrothe Jacke mit kreuzweiſe laufendem weißen Bandelier und in hellblaue Schlotterhoſen gekleidet, auf dem Kopfe den unförmlichen Tſchako wie ein Butterfaß tragend, mit angeſchlagenem Gewehr hervor und krähte ſein: Hvem der!(Halt werda!) mit ſo furchtbarem Schnarr⸗ tone hervor, daß das ſonſt ſo ruhige Handpferd vor dem Wagen heftig zu ſcheuen anfing. Augenblicklich zog Hans Blachmann die Zügel an, um das Fuhr⸗ werk zum Stehen zu bringen, und wartete ruhig ab, was weiter geſchehen würde. Sogleich ſprangen drei bis vier Mann hinterseinem Gebüſche hervor, gingen auf den Wagen zu und fragten den Kutſcher, wem das Fuhrwerk gehöre. Meiner gnädigen Frau!“ ſagte Hans Blachmann 301 in ſeinem beſten Däniſch, was er ſo gut wie Pder nordſchleswigſche Bauer ſprach. „Hol' der Teufel Deine gnädige Frau!“ brummte der Corporal, denn dieſen hohen Rang bekleidete der Frager.„Kenne ich ſie etwa? Nein! Wie heißt ſie alſo?“ „Das mögt Ihr ſie ſelber fragen,“ erwiderte Hans Blachmann tootzig, der gehört hatte, daß He⸗ lene das Fenſter geöffnet. „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ fragte Helene ſehr höflich im reinſten Däniſch. Der Corporal grüßte militairiſch und artig genug und wiederholte ſeine erſte Frage. „Der Wagen gehört mir,“ ſagte Helene furchtlos. „Ich bin die Wittwe Parrhiſius aus Altona, und auf dem Wege, den Conferenzrath Parrhiſius in Kolding, meinen Oheim, in Familienangelegenheiten zu beſuchen.“ „In Familienangelegenheiten? Die müſſen ſehr wichtig ſein, daß Sie gerade jetzt kommen.“ „Allerdings, mein Freund, ſind ſie das, ſonſt hätte ich mich nicht bei ſo ſchlechtem Wetter auf den Weg gemacht.“ „Nun, was das Wetter betrifft— aber haben 302 Sie keine Papiere, die Ihre Abſicht genauer aus⸗ ſprechen?“ „Wer ſollte mir die gegeben haben? Im Sü⸗ den ſtehen die Deutſchen und in Altona giebt es kein däniſches Amt. Wollen Sie meine deutſchen Papiere ſehen?“ „Ich danke, die kann ich nicht leſen— s iſt Teufelszeug!“ „So laſſen Sie mich vorwärts— oder iſt viel⸗ leicht ein Offizier in der Nähe, der den Conferenz⸗ rath perſönlich kennt?“ Der Corporal brummte in den Bart, drehte ſich um und rief einen Fähnrich herbei. In demſelben Augenblicke aber kam ein höherer Offizier mit zwei Huſaren angeſprengt, die wahrſcheinlich auf Recognoſci⸗ rung geweſen waren und fragte, was vorgehe. Der Corporal ſtattete ſeine Meldung ab und der Offizier, ein ältlicher, freundlicher Mann, ritt dem Schlage näher und grüßte höflich hinein. Helene wiederholte ſogleich ihren erſten Ausſpruch und hatte diesmal den richtigen Mann getroffen. „Den Confexenzrath Parrhiſius wollen Sie beſu⸗ chen?“ fragte er.„Sehr wohl, den kenne ich ge⸗ nau, und wenn es ſich verhält, wie Sie ſagen, meine Dame, ſo wird Ihre Reiſe keine Schwierigkeit haben. 303 Ich reite ſelbſt nach Kolding und werde mich von Ihrer Verwandtſchaft mit dem Herrn Conferenzrath überzeugen. Vorwärts, Kutſcher!“ Und er grüßte Helenen höflich und ſetzte ſich vor dem Wagen in Trab, während die Huſaren auf ſeinen Wink ſich hinter denſelben begaben. So ging es denn raſch weiter, und da man jetzt die breite Chauſſee erreicht hatte, die ſtark bergan führte, ſo war Helene froh, ihrem Ziele ſo nahe ge⸗ kommen zu ſein. Die feindlichen Vorpoſten mehrten ſich jetzt; rechts und links von der Chauſſee hatten ſie Feldſchanzen aufgeworfen, hinter denen man ſie ſtehen und liegen ſah, wenn man ſie im Rücken hatte. Da war der höchſte Punkt der Landſtraße er⸗ reicht und wie durch einen Zauberſchlag öffnete ſich plötzlich eine Ausſicht, wie man ſie ſelten ſo ſchön finden wird und die den Reiſenden um ſo mehr hier überraſcht, da er ſich von Hadersleben her durch einen langweiligen Sandweg durcharbeiten muß. Gerade⸗ aus, aber in bedeutender Tiefe, ſah man die Häuſer der Stadt hervortauchen, die in einem Keſſelthale zwi⸗ ſchen graugrünen, kahlen aber anmuthig gewölbten Bergen liegt. Dieſe Berge erheben ſich jenſeit der Stadt ziemlich ſteil, und auf der äußerſten kahlen Spitze zur Linken, an welcher vorbei der Weg nach 304 dem ſchönen Veile führt, gewahrt man die berühmte Koldinger Mühle, wo der König von Dänemark wäh⸗ rend der Schlacht von Kolding hielt, die erſt in einigen Tagen geſchlagen werden ſollte. Etwas zur Rechten von dieſer Mühle, nur wenig tiefer, erheben ſich die ſchwarz angerauchten Ruinen des alten ſogenannten Königshuuſes, eines ehemaligen königlichen Reſidenz⸗ ſchloſſes, welches die Spanier im franzöſiſchen Kriege bewohnten und, da ſie mit alten Königsbildern ihr Feuer nährten, aus Unvorſichtigkeit abbrannten. Bis jetzt iſt es nicht wieder hergeſtellt und die Zeit nagt erbarmungslos daran, wie ſie endlich Alles zerſtört, was die raſtloſe Menſchenhand zu ſchützen verabſäumt. Ganz rechts in der Tiefe und in unabſehbarer Ferne aber wogte das blaugrüne Meer bis dicht an die Stadt heran, und in dem etwas verfallenen Hafen lagen drei Kanonenboote, zum Kugeltanze gerüſtet, ihre großen Feuerſchlünde gerade auf die Brücke ge⸗ richtet, die dicht vor der Stadt über den Fluß Kol⸗ dinger Au führt, der ſich hier in die Oſtſee ergießt. Als Helene dieſen wahrhaft ſchönen Anblick, den die letzten Strahlen der untergehenden Sonne erleuch⸗ teten, gewahr wurde, faßte ſie friſchen Muth, denn, die Schanzen, Verpfählungen und Barrikaden abge⸗ rechnet, die ſie dicht vor und hinter der Brücke ſah, 305 hatte die ländlich romantiſche Gegend einen ſo fried⸗ lichen Anſtrich, daß ſie wohl begreifen konnte, wie ihr alter Oheim ſeinen Wohnſitz in dieſem verlorenen Erdwinkel aufzuſchlagen vermocht hatte. Als man ſich der murmelnden Koldinger Au näherte, ritt der Offizier im Schritt vorwärts, denn er mußte theils mehreren Poſten und ihm begegnenden Offi⸗ zieren über ſein ungewöhnliches Gefolge Bericht ab⸗ ſtatten, theils hinderte ihn auch am raſcheren Vor⸗ rücken die große Zahl verſchiedener Vertheidigungs⸗ anſtalten, die ſich immer mehr häuften, je näher man an die Stadt kam, und ſich ſogar, wie Helene ſpäter bemerkte, bis auf viele der kleinen Häuſer in den Straßen erſtreckte. Endlich war die Brücke erreicht, der Wagen donnerte darüber hin und raſſelnd flog er nun durch die holprigen engen Straßen der von einem lebhaften Menſchengewoge gedrängt vollen Stadt. Ueberall aber, wohin Helene ihre ſpähenden Augen richtete, ſah ſie Haufen roth und grün geklei⸗ deter Soldaten, und ihr Herz pochte ſtürmiſch, als ſie bedachte, daß alle dieſe Männer nur darum herbei⸗ gerufen wären, um ſo vielen ihrer Landsleute wie mög⸗ lich das Leben zu nehmen. Seines Weges ſicher, führte der voranreitende Of⸗ fizier den Zug durch die halbe Stadt, bog dann in A. Burns. III. 20 306 eine zum Hafen führende Straße ein, galoppirte eine kleine Anhöhe außerhalb der Stadt wieder hinauf und hielt endlich vor einem ſtattlichen Herrenhauſe, welches auf halber Höhe eines kahlen Berges lag und den Hafen, die Stadt und weit hinaus die Straße beherrſchte, die man ſo eben herabgekom⸗ men war. Der Conferenzrath und Commandeur des Da⸗ nebrogordens, Johann Parrhiſius, war ein allgemein bekannter und wegen ſeines liebenswürdigen Charak⸗ ters und ſeines zum Wohlthun aller Art geneigten Herzens hochgeehrter Mann in Kolding. In früheren Jahren ein angeſehenes Mitglied des däniſchen Mi⸗ niſteriums, hatte er in Kopenhagen gewohnt, war aber ſeit ſeiner Entlaſſung aus Staatsdienſten auf ein Gut dicht bei Kolding und faſt in der Stadt ſelbſt liegend gezogen, welches zum Erbtheil ſeiner Frau gehörte, die daſelbſt geboren war. Seit ſechs Jahren hatte er ſich von allen Geſchäften zurück⸗ gezogen und verlebte wie ein ruhig genießender Phi⸗ loſoph ſeinen Lebensabend in dem kleinen Städtchen, welchem ſeine Gattin mit faſt übertriebener Heimats⸗ ſchwärmerei zugethan war. Aber nur bis zum Aus⸗ bruche der Feindſeligkeiten mit den Herzogthümern 307 hatte ſein gemüthliches Stillleben in Kolding gedauert. Seine Gattin, mit ihm in kinderloſer Ehe lebend, war eine eifrige Dänin, alſo eine Feindin von Allem, was Schleswig und Holſtein hieß, und hatte nicht allein gegen dieſe, ſondern auch gegen ihren Mann Partei genommen, der, ſelbſt ein Holſteiner, den Urſprung des unnatürlichen Kampfes kannte und innerlich von ganzem Herzen mit den Geſinnungen ſeiner Lands⸗ leute übereinſtimmte, obwohl er in ſeiner Lage es nicht für gerathen hielt, das größere Publikum von dieſer Neigung Kenntniß nehmen zu laſſen. Als da⸗ her ſeine Frau den Wunſch ausſprach, die Nähe des Kampfſchauplatzes zu verlaſſen und nach Kopenhagen überzuſiedeln, ſtimmte er ihr vollkommen bei, inſo⸗ fern dieſer Wohnungswechſel ſie allein betraf, er aber zog es für ſeine Perſon vor, in Kolding zu bleiben und das Ende des Krieges in Geduld abzuwarten, obſchon er wohl nicht gedacht hatte, daß derſelbe bis weit nach Jütland hinein ſeine Schrecken tragen würde. So wohnte er alſo jetzt in ſeinem bequemen Hauſe allein und ſah mit ſchwerem Herzen den kom⸗ menden Zeiten entgegen, denn daß dieſe ſich weder für Dänemark noch für die Herzogthümer erſprießlich 3 geſtalten würden, hatte er lange und klar genug er⸗ kannt. 20* 308 Nach Altona zu ſeinem verſtorbenen Bruder, He⸗ lenens Schwiegervater, war er nur ſelten gekommen, dennoch aber hatte er ſtets den herzlichſten Antheil an dem traurigen Schickſale der Familie deſſelben ge⸗ nommen. Er war auch einer der vielen aus der Ferne gekommenen Hochzeitsgäſte geweſen, die Zeu⸗ gen des Unglückstages Helenens waren; er vor Allen hatte die unglückliche Braut ſeines verlorenen Nef⸗ fen bedauert und dieſe ſelbſt nicht allein wegen ihrer großen Schönheit, ſondern auch wegen ihrer geiſtigen Fähigkeiten und ihrer Herzensgüte ſchätzen und lieben gelernt. Anfangs, als Helenens Mann noch bei ihr lebte, hatte er oft theilnehmende Briefe an ſie ge⸗ richtet und ſich nach ihrem Schickſal erkundigt, ſpäter aber, als den Unglücklichen das Irrenhaus aufgenom⸗ men, hatte er ſich geſcheut, Kohlen zum Feuer zu tragen, wie er ſagte, und ſo war er von Helenen gänzlich getrennt worden, obwohl n Freunden in Erfahrung gebracht, daß dieſelbe in ihrer Heimat in der Familie des ehrenwerthen Capitain Burns' zurückgezogen lebe. Er bewahrte ihr aber auch jetzt noch eine väterliche Zärtlichkeit und würde es unter allen Umſtänden gern geſehen haben, wenn ſie ſich eeinmal entſchloſſen hätte, Schleswig zu verlaſeen und zu ihm nach Jütland zu ziehen. 1 309 In der letzten Zeit war er ſelbſt etwas kränklich geweſen, litt zuweilen an Gicht und Aſthma, liebte aber immer noch wie früher einen guten Tiſch und fröhliche Geſellſchaft, ſah ſich alſo höchſt ungern mit⸗ ten in die Wirrſale eines Krieges verſetzt, der jeden Lebensgenuß unmöglich machte. An dem Tage, bis zu welchem wir nun in unſe⸗ rer Erzählung gelangt ſind, befand er ſich nicht in angenehmer und behaglicher Laune; verſchiedene kleine Mißgeſchicke hatten den Tag in ſeinen Augen als einen Unglückstag bezeichnet, und je weiter der Nach⸗ mittag vorſchritt, um ſo weniger Ausſicht war vor⸗ handen, ihn beſſer enden zu ſehen. Schon am frühen Morgen war ein Brief aus Kopenhagen von ſeiner Frau angekommen, der ihm die größte Freude, die er ſeit langer Zeit gehabt, den Sieg der Deutſchen bei Eckernförde, höchlichſt verbittert hatte. Sie ſchmählte auf die Herzogthümer, wie immer, aber diesmal mehr als ſonſt, und beklagte ſich über den ungeheuren Ver⸗ luſt und den unauslöſchlichen Jammer, der an dieſem Unglückstage über das herrliche Dänemark herein⸗ gebrochen war. Daher wäre es denn auch natürlich, ſchrieb ſie, daß Dänemark alle ſeine Macht aufböte, den Tag von Eckernförde durch einen andern zu rächen, der den Schleswig⸗Holſteinern eben ſo viel 310 Jammer und Weh bereitete; und wenn ſich die glor⸗ reiche däniſche Armee rückſichtlich der deutſchen Hülfs⸗ truppen nicht gerade kampfluſtig zeigte, ſo hätte das allein darin ſeinen Grund, daß ſie alle ihre Kräfte aufſparte, um den Rebellen zu beweiſen, daß ſie auch in Gewalt der Waffen ihrer Meiſter wäre. Kaum hatte der gute Conferenzrath dieſen Brief zu Ende geleſen, ſo ſtand er haſtig von ſeinem Stuhle auf und ſchleuderte ihn in's Feuer. Ein ſolcher Brief ſollte ſein Haus nicht entweihen. War es nun der Verdruß, den ihm dieſer Brief verurſacht, oder ein anderer Grund, genug, gegen Mittag ſtellte ſich ein geringer Gichtanfall ein, der ſeine Laune noch mehr verdarb. Auch das Wetter war ſo ſchlecht, ſo unbeſtändig und kalt; viele ihm befreundete Fami⸗ lien hatten Kolding verlaſſen, er war alſo auch allein, und ſo vollendete die Einſamkeit, in der er an ſein Zimmer gefeſſelt war, und die Langeweile, von der er gefoltert wurde, das Werk— er wurde unwillig, ſchalt die Diener, die die Oefen zu kalt hielten, und ſchob. endlich alles Unheil auf den verteufelten Krieg, der ſein Blut in Galle verwandele und ihn zwinge, ſeine beſten Jahre in Kummer, Sorge und Einſamkeit hinzubringen.— So ſehen wir ihn denn im Laufe des Nachmit⸗ 311 tags, nachdem er wenig zu Mittag geſpeiſt, beim be⸗ ginnenden Zwielicht auf ſeinem weichen Seſſel am Fenſter ſitzen. Das trauliche Zimmer iſt behaglich warm, mit allen Bequemlichkeiten eines reichen Man⸗ nes ausgeſtattet. Der untere Theil der etwas mage⸗ ren Geſtalt des alten Herrn iſt bis zum Leibe hin⸗ auf feſt in ſeidene Decken gehüllt, man ſieht nur den oberen Theil ſeiner Bruſt und ſeine Arme, die mit einem ſammtnen Schlafrock bekleidet ſind; ſein etwas dunkelfarbiges, wohlwollendes Geſicht, welches ein dichtes weißes Haupthaar ſchmückt, erſcheint aber heute in Folge des in ihm kochenden Grolles nicht ſo lie⸗ benswürdig wie ſonſt. Vor ihm auf einem Tiſchchen liegt ein großes Packet, heute Morgen mit dem unſeligen Briefe zu⸗ gleich angelangter, däniſcher Zeitungen, die er ſchon alle durchflogen hat, außer dem Faedrelandet, den er eben in der Hand hält. Plötzlich wirft er ihn voll Abſcheu in den gemüthlichen Zügen zu Boden, reibt ſich mißmuthig die Hände und blickt grollend zum Fenſter hinaus. „Dieſe erbärmlichen Zeitungen!“ ruft er ingrim⸗ mig aus:„Iſt Alles nicht wahr, was darin ſteht! Die Dänen ſind immer nur Engel und die Deutſchen Hunde, die das liebe Brot nicht verdienen, welches 312 ſie eſſen. Wenn ich nur mal den Hamburger Cor⸗ reſpondenten bekommen könnte— aber ach! was kann ich hier leſen Ich wollte, ich wäre, wo der Pfeffer wächſt, aber nicht in Kolding! O, wie ich allein auf der Welt bin mit meinen Gedanken— und meine Frau— o!— doch halt— was iſt das? Will er zu mir?“ Und er ſchaute verwundert auf, denn in dieſem Augenblicke kam der Offizier, der Helenen geleitete, im Galopp den Berg heraufgeſprengt; nur wenige Schritte hinterher folgte der Wagen, deſſen Hinterrädern ſich die Huſaren ſo nahe wie möglich hielten. Der Offi⸗ zier war ſchon aus den Bügeln und die kleine Stein⸗ treppe des Hauſes heraufgeeilt, wo er heftig die Glocke zog. Nachdem er mit dem Diener, der ſogleich die Thür geöffnet, einige Worte gewechſelt, ward er in's Zimmer geführt und ſtand nun dem Conferenzrathe, der erſchrocken unter ſeinen Decken liegen blieb, ge⸗ genüber. 3 „O, Herr Conferenzrath,“ rief jener ſogleich,„ſind Sie krank? Das thut mir leid. Sie müſſen aber meine Eile entſchuldigen— ich habe nur eine Frage im Dienſte an Sie. Haben Sie— kennen Sie— eine Wittwe Parrhiſius aus Altona, die ſich für Ihre Verwandte ausgiebt?“ 313 „Wie? Wer? Aus Altona— Parrhiſius, ſagen 6 Sie, und ob ich ſie kenne? Zum Teufel, Herr, das iſt meine Nichte, wenn's beliebt— aber was wollen Sie von ihr?“ „Ich muß mich überzeugen, ob die Dame, die dort eben aus dem Wagen ſteigt, dieſe Ihre Frau Nichte iſt— ſie iſt durch die Vorpoſten gefahren, hat keine Papiere bei ſich und beruft ſich einzig und allein auf Sie.“. Die Miene des eben noch grollenden Conferenz⸗ 11 raths war eine ganz andere geworden, auch ſein Po⸗ dagra ſchien plötzlich verſchwunden zu ſein, denn er ſprang wie ein junger Menſch vom Seſſel auf, ſchüt⸗ telte ſeine Decken ab und ſtreckte ſprachlos den Kopf zum Fenſter hinaus. Wenn ihm ein Geſchenk vom Himmel in ſeine Stube gefallen wäre, er hätte nicht mehr erſtaunt und beglückt ſein können, als über die Nachricht, die er ſo eben vernommen, deren Beſtäti⸗ 3 gung er aber noch keineswegs für wahrſcheinlich hielt. Aber da öffnete ſich die Thür und herein ſchwebte eine Geſtalt, wie der alte Oheim nur eine in ſeinem Leben erblickt hatte, und mit roſigem Lächeln auf dem 1 ſchönen Geſicht das einzige Wort:„Mein Oheim!“ ausrufend, ſtürzte ſie in ſeine Arme. Während dieſes raſch ſich entwickelnden Vorganges 314 hatte der Offizier, der genug geſehen, ſich ſtillſchwei⸗ gend entfernt, war mit ſeinen Huſaren abgeritten und ſo fanden ſich die beiden Verwandten, als ſie ihre Blicke wieder erhoben, im Zimmer allein. „Mein Gott, mein Gott! Helene, Helene!“ das war Alles, was der gute Alte über ſeine Lippen bringen konnte, aber er trippelte hin und her im Zimmer, eilte dann wieder auf die Nichte zu und umarmte und küßte ſie immer von Neuem, bis er ſich endlich genügend überzeugt zu haben ſchien, daß He⸗ lene Parrhiſius wirklich bei ihm, in ſeinem Hauſe, ſeinem Zimmer in Kolding ſei. Eine Stunde ſpäter hatte es ſich Helene ſchon ganz bequem bei ihrem entzückten Oheim gemacht. Sie ſaß mit ihm an einem mit perlendem Weine und allen möglichen Leckereien beſetzten Tiſche, in der Nähe des ſtrahlenden Ofens, und hatte ihm faſt ihr ganzes Herz ausgeſchüttet. Der alte Conferenzrath wußte bereits die ganze Lebensgeſchichte Henrik Paul⸗ ſen'’s, ſein früheres Unglück und ſeine Gefangenſchaft in Kopenhagen, den Verluſt ſeiner rechtmäßigen Erb⸗ ſchaft, die Verwüſtung ſeines letzten Zufluchtsortes im 315 Sundewitt und endlich ſeine gewaltthätige Entfüh⸗ rung von Emmerslund in abermalige Gefangenſchaft nach Kolding. War es die lebenswarme Darſtellung der ſchönen Erzählerin und ihr beredter Mund, oder war es das eigene Mitgefühl für einen verfolgten deutſchen Mann, was den alten Herrn bezwang— genug, Helene konnte mit dem Erfolge ihrer Bemü⸗ hungen bis jetzt zufrieden ſein, denn der Oheim ver⸗ ſprach, Alles aufzubieten, was ihren Wünſchen ent⸗ ſprechend wäre.„Aber höre mal, Helenchen,“ ſagte er zuletzt und faßte ihre beiden Hände—„Eins haſt Du mir vergeſſen zu ſagen. In welchem Verhältniß ſtehſt denn Du ſelbſt zu dem Herrn, daß Du Dich ſo lebhaft für ihn intereſſirſt, in dieſen troſtloſen Tagen eine Reiſe hierher machſt und Dich in Gefahren be⸗ giebſt, die für Dich nicht geſchaffen ſind?“ „Mein theurer Oheim, wer ſollte die Reiſe, die raſch vor ſich gehen mußte, unternehmen, wenn ich mich nicht dazu entſchloß?“ ſagte Helene ganz ein⸗ fach und nur die letzte Frage des alten Herrn beant⸗ wortend.„Es war keiner ſeiner Freunde, der mich vertreten konnte, in der Nähe. Sein beſter Freund, Capitain Burns, konnte ſeine Familie nicht verlaſſen und hätte ſich auch in größere Gefahren begeben, als ich— und daß dieſe in der That nicht ſo erheblich V b b waren, ſiehſt Du darin, daß ich ganz geſund und munter hier neben Dir ſitze.“ „Gelobt ſei Gott— ja! Aber höre mal, das iſt alſo ein bloßes Freundſchaftsſtück von Dir?“— Helene nickte zuſtimmend mit abgewandtem Blicke.—„Das muß ich ſagen, das iſt eine Seltenheit heut zu Tage. Ich bin in der That ſehr begierig, dieſen Henrik Paulſen kennen zu lernen. Er iſt aber gewiß ſchon ein Mann in geſetzten Jahren— he?“ „Er iſt etwa ſechs Jahre älter als ich— alſo kein Jüngling mehr—“ „Oho! Das iſt gerade das rechte Alter— haha! Sage mir doch, hat vielleicht Dein Herzchen da auch eine kleine Rechnung mit ihm abzuſchließen— mir kannſt Du das wohl vertrauen.“ Helene erröthete, aber ſie lächelte auch, denn des alten Oheims Frage kam ſo milde und wohlwollend über ſeine Lippen, daß ſie ihm nicht zürnen konnte. „Nein! mein lieber Oheim,“ ſagte ſie ernſt, mein Herz hat nichts mit ihm zu thun— wohl aber giebt es einen anderen ſehr wichtigen Grund, der es durchaus nothwendig erſcheinen läßt, daß ich ihn perſönlich und allein ſpreche.“ „Einen ſehr wichtigen! Aha! Ich verſtehe— einen politiſchen vielleicht?“ 2172 „Ja, mein Oheim Er iſt ein Vaterlandsfreund — 2ih auch— „O, ich auch, meine Liebe— was denkſt Du von mir!“ „Ich wußte es wohl und freue mich jetzt doppelt, daß mir Gott den Gedanken eingegeben hat, mich an Dich zu wenden.“ „Ich danke ihm auch, ich danke ihm aue 1 rief der alte Herr und lief frohlockend wie ein Knabe im Zimmer umher.„O, welch ein Tag, welch ein Tag! Und er begann ſo trübe, ſo einſam, ſo langweilig— und nun, und nun— aber höre, mein Kind, es hat doch bis morgen Zeit?“ „Was denn, mein Oheim?“ „Daß ich mich nach dem jungen Menſchen— wie heißt er doch— ja, Henrik Paulſen— erkundige?“ „Bei Leibe nicht, mein Oheim! Du mußt ſogleich zu ihm gehen und mir die Nachricht überbringen, ob er noch in Kolding iſt und wie es ihm geht.“ „Muß ich, muß ich wirklich?“ fragte der alte Mann und liebkoſte die ſtrahlende Wange der ſchönen jungen Frau.„Nun freilich, wenn Du das ſagſt, wird es wohl nöthig ſein— aber höre, gehen kann ich nicht, ich habe— nein, ich hatte vorher das Zipperlein.“ 318 „So will ich meinen Wagen wieder vorfahren laſſen—“. „»Bewahre, mein Kind, ich habe ja meinen eige⸗ nen.“ Und er ſchellte ſo heftig, daß ſeine beiden alten Diener mit einem Sprunge in's Zimmer ſtürzten. In einer Viertelſtunde ſaß der Conferenzrath in ſeinem Wagen und fuhr nach dem Rathhauſe, um ſich bei ſeinem Freunde, dem Bürgermeiſter, nach dem Gefangenen Henrik Paulſen zu erkundigen, und falls er noch da wäre, dieſen ſelbſt zu beſuchen. Helene, die allein im Zimmer des Oheims zurück⸗ geblieben war, ging in großer Bewegung auf und nieder, da ſie ſich ſo plötzlich und unter ſo glücklichen Verhältniſſen ihrem Ziele nahe ſah. Daß unterdeſſen der Nachmittag in den Abend übergegangen war, be⸗ merkte ſie eben ſo wenig wie daß ein Diener eintrat und zwei Lampen auf den Tiſch vorm Sopha ſetzte. Sie dachte jetzt nur an Den, um deſſenwillen ſie die kurze Reiſe unternommen hatte.„Wird er auch noch in Kolding ſein, werde ich ihn ſehen— was ſoll ich ihm ſagen?“ Das waren die Hauptgedanken, die ihr durch den Kopf fuhren und von denen ſie ſich keinen einzigen zu beantworten wußte, denn was ſie ſich früher in ihrem Geiſte zurechtgelegt, ſie hatte Alles vergeſſen, Alles hatte ſich vor ihren Augen ſo durchaus anders geſtaltet, daß es ihr faſt in dem ſonſt ſo klaren Kopfe ſchwindelte.— Aber wo blieb der Oheim? Er war ſchon eine halbe Stunde fort— endlich eine Stunde, und er kehrte noch immer nicht zurück. Da kam ſein Wagen die dunkle Anhöhe heraufgeraſſelt, und einen Augenblick ſpäter kletterte er daraus hervor und ſtieg langſamen Schrittes die Treppe herauf. Helene trat ihm ſchon in der Thür entgegen; bei⸗ nahe verſagte ihr die Sprache, denn ihr Herz ſchlug ſo laut, daß ſie es hören konnte.„Nun,“ brachte ſie endlich mit Mühe leiſe hervor, indem ſie mehr mit den funkelnden Augen als mit Worten fragte,„Nun, was bringſt Du für Nachricht?“ Der alte Mann trat langſam in's Zimmer; er ſah ernſter, blaſſer, wehmüthiger aus als zuvor. Er ſchüttelte ſich wiederholt, wie vor Froſt, oder wie Je⸗ mand, der etwas Schreckliches erlebt hat und keine Worte finden kann, ſeine Gedanken darin zu kleiden. „Aber um Gottes willen, Oheim, was iſt Dir?“ „Nichts, mein Kind, nichts, aber— aber— es iſt ſchrecklich!“ 320 „Was iſt ſchrecklich? Du tödteſt mich, wenn Du nicht ſprichſt—“ „Oho! So ſchlimm iſt es nicht— nur ruhig, mein Kind,— er iſt noch hier, Dein Freund Henrik Paulſen!“ „Er iſt noch hier— großer Gott, aber was iſt mit ihm?“ „Nun, laß mich nur zu mir kommen und mich erſt ein wenig erwärmen. Ich bin zuerſt beim Bürger⸗ meiſter geweſen und habe mit dem geſprochen. Er muß ihn in ſtrenger Haft halten, ſagte er mir, ob⸗ gleich er nicht weiß warum.“ „Das dachte ich mir wohl. Aber weiter!“ „Und da bin ich denn mit ihm ſelber in das Ge⸗ fängniß gegangen— Helene— mich ſchaudert noch, wenn ich daran denke.“ „Weiter, weiter— war er geſund?“ „Ja, er war geſund. Ich aber würde ſterben, wenn ich nur eine Stunde in dieſem Loche leben müßte. Denke Dir einen finſteren, kalten, einſamen Kerker— ein feuchtes Strohlager an triefender Wand — einen Tiſch und eine Bank darin, worauf ein Krug mit Waſſer ſteht und ein Stück Brot liegt—“ Helene ſtand mit bleichen Wangen, zitternden 321 Händen und fliegendem Buſen vor ihm— ihr Auge bohrte ſich in ſeinen Mund ein, gleichſam als wolle ſie ihm die Worte aus der Seele ableſen. „Und wie ſah der Arme aus?“ „Bleich ſah er aus— aber er lächelte und ſchien ſich zu freuen, als er mich ſah, denn er hielt mich für ſeinen Richter. Ach, mein Kind, dieſer Anblick hat bei mir ganz zu ſeinen Gunſten entſchieden, wenn Du auch nicht für ihn bei mir geſprochen hätteſt. Ich werde Alles thun, um ſein Leiden zu erleichtern, und glücklicher Weiſe hat mir das der Bürgermeiſter geſtattet. Ich werde ſogleich meine Befehle geben, ihm ein gutes Bette, Wäſche, eine Lampe, Speiſe und Trank zu ſenden, und ſo lange er hier iſt, ſoll es ihm an keinem Lebensbedürfniß mangeln.“ „Mein Oheim!“ rief Helene und warf ſich ſchluch⸗ zend an ſeine Bruſt.„Gott ſei Dank, ich bin nicht vergebens hierher gekommen— er hat meine Schritte mit ſeinem Vaterauge erleuchtet.— Und haſt Du ihm von mir etwas geſagt?“ „Kein Wort; ich konnte gar nichts ſprechen, ich war ſo verwirrt und meine Sinne tanzten wie im Kreiſe herum. Und willſt Du wirklich noch zu ihm — in dieſe finſtere Mördergrube?“ „Gewiß, nun erſt recht— und eilen wir!“ A. Burns. III. 21 322 „Geduld, mein Kind— willſt Du nicht warten, bis man ſie in Stand geſetzt?“ „Nein, nein, mein theurer Oheim— ſogleich muß ich hin— ich will ihn ſehen, wie er im Elend ſitzt.“ „So komm'’ in Gottes Namen!“ Und durch den erlebten Schrecken vollends geſund geworden, aber mit viel langſameren Bewegungen als vorher, ſtieg der alte Herr in den Wagen, nachdem ſich Helene raſch zu dem Beſuche angekleidet hatte. Elftes Anpitel. 1 Die Erſcheinung im Kerker und die verlorene Taſche. Im Ganzen finden wir Henrik in derſelben Lage und Stimmung wieder, wie wir ihn am Ende des achten Kapitels verlaſſen haben. Langſam verſtrichen ihm die qualvollſten Stunden ſeines Lebens und eine bleierne Schwere lag auf ſeinem Geiſte, eine dumpfe Gefühlloſigkeit auf ſeinem Herzen. Vergebens raffte er alle ſeine körperliche und geiſtige Widerſtandskraft zuſammen, um der ſtündlich drückender werdenden Laſt entgegenzuſtreben, allmälig aber überwältigten ihn dennoch die Einſamkeit, der Mangel an friſcher Luft, die feuchte Kälte ſeines Kerkers und endlich die ſchmerz⸗ lichen Empfindungen, mit denen er innerlich alle ihm verborgenen Ereigniſſe verfolgte, die außerhalb ſeines 21* 324 Gefängniſſes, inmitten des fortſchreitenden Krieges und im Schooße ſeiner Freunde nothwendig ſich ab⸗ rollen mußten. Er verlor den Appetit; kaum rührte er die wenigen Speiſen an, die er von ſeinem Kerker⸗ meiſter verlangte und mit ſeinem Gelde bezahlte. Bis⸗ weilen ſchüttelte ſchon Fieberfroſt ſeine Gebeine und er warf ſich dann auf ſein ekelhaftes Lager hin, um vielleicht im erbarmungsvollen Schlummer ſeine trau⸗ rige Lage zu vergeſſen; aber auch der Schlaf beglückte ihn nur ſelten noch. Kaum war er in eine Art be⸗ täubender Gefühlloſigkeit verſunken, ſo fuhr er ent⸗ ſetzt empor, denn düſtere Traumgeſtalten und nie ge⸗ ſehene Schreckbilder wankten vor ſeiner aufgeregten Phantaſie hin und her. Wenn er ſich dann über⸗ zeugt, daß kein Geſpenſt in ſeiner Nähe ſei, daß ſeine Einbildung allein die tanzenden Schatten heraufbe⸗ ſchworen, dann fühlte er ſtundenlang ſein Herz in ſtarken Schlägen klopfen, und ehe er es mit Vernunft⸗ gründen beſchwichtigt hatte, war ein Theil der Nacht vergangen und der bleiche Tag dämmerte wieder mit neuer Hoffnung auf. Von den niederſchlagenden Gefühlen, die in ſolcher troſtloſen Einſamkeit und in ſo ekelhafter Umgebung einen Gefangenen erfüllen, hat der Menſch, der in ſüßer Freiheit, unter den beglückenden Strahlen des 325 ſonnigen Lichts, im Schooße der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft lebt, keinen Begriff. Sie ſind, mehr denn leib⸗ licher Tod, der geiſtigen Vernichtung zu vergleichen, die abſichtlich und gewaltſam herbeigeführt wird, und wenn es eine Hölle auf Erden giebt, ſo kann es nur dieſe ſein. Der Verbrecher, der in einem ſolchen Ker⸗ ker nur wie eine Pflanze ſein Leben im Dunkeln friſtet, fühlt das nicht ſo lebendig, wie der unſchul⸗ dige Menſch, der nicht weiß, warum ihn die Strafe ſeiner unbekannten Richter trifft. Des Verbrechers Gedanken, die ſich nur im chaotiſchen Kreiſe unbe⸗ zähmbarer Vorſtellungen bewegen, ſind feſt auf die begangene Schandthat gerichtet, er weiß warum er leidet und ſieht ſeine Strafe als eine gerechte Ver⸗ geltung ſeiner Unthaten an. Und ſelbſt wenn er mit Schmerz dieſe Vergeltung trägt, er muß ſie tragen zum Wohle der geſitteten Welt, aus der er ſich ſelbſt ausgeſtoßen hat, denn er hat die Freiheit, das Licht und den Verkehr mit ſeines Gleichen verwirkt. Wer aber ſo unſchuldig leidet wie Henrik, und wie vor und nach ihm viele Männer damals litten, der hat ein Recht, gegen ſein Schickſal zu murren und Diejenigen zu verfluchen, die ihm Alles genom⸗ men haben, was Gott in ſeiner Güte ihm zum Ge⸗ nuſſe des Lebens, zum Bewußtwerden ſeiner geiſtigen 326 Fähigkeiten und zur Entwickelung ſeiner Kräfte für das Wohl der menſchlichen Geſellſchaft verliehen hat. Und dennoch murrte Henrik nicht gegen ſein Schick⸗ ſal; er würde Alles, was er gethan, mit voller Ueber⸗ legung noch einmal gethan haben und hätte er auch vorher gewußt, daß er die ſchwerſte Buße dafür zu erleiden haben würde; denn er war ein Mann, der allein ſeiner Ueberzeugung gemäß handeln und leben konnte und dieſe hatte ihn belehrt, daß er im Rechte und ſeine Kerkermeiſter im Unrechte ſeien.„Endlich,“ ſagte er ſich,„wird es Tag in meinem Kerker wer⸗ den, man wird mich an die Luft und das Licht des Lebens zurückführen, man wird mir wiedergeben, was man mir genommen hat,— warten wir alſo in Ruhe und Ergebenheit ab, was uns zu erleiden be⸗ ſtimmt iſt.“ Dieſen Gedanken hatte er ſich eben zum tauſend⸗ ſten Male vorgeſprochen, als er am Abend des vor⸗ her genannten Tages, während ſchon die Finſterniß der beginnenden Nacht ſchwer auf ſeinem Kerker lag, die eiſernen Riegel raſſeln hörte, welche die Thür ſei⸗ nes Gefängniſſes verſchloſſen. Verwundert über die zu ſo ungewohnter Zeit vorfallende Störung, erhob er ſich von ſeinem Strohlager und wandte die Augen auf die Thür. Da ging ſie auf und hinter dem mit 3272 einer Laterne eintretenden Gefängnißwärter erſchien der Bürgermeiſter und ein fremder alter Mann mit weißem Haupthaar, deſſen wohlwollendes Geſicht eine gewiſſe ängſtliche Spannung verrieth und deſſen Auge neugierig auf dem Gefangenen haftete.„Das iſt mein Richter!“ ſagte frohlockend eine Stimme in ihm. „Er hat ein freundliches Anſehen— wohlan denn, Henrik, Muth, die Stunde der Befreiung hat ge⸗ ſchlagen!“ Aber er hatte ſich geirrt, wie wir wiſſen, und das gewahrte und hörte er ſehr bald. Der alte Herr ſchauderte zuſammen, als er ihn und ſeine dunkele Kammer ſah, blickte ſich theilnehmend ringsum und richtete dann einige unbedeutende Fragen an ihn, deren er ſich kaum erinnerte, als er nach kurzem Ver⸗ weilen wieder davongegangen war.„Was hat das zu bedeuten?“ fragte er ſich, als er wieder allein war, „wer war das und was wollte der alte Mann? Ein Däne war es nicht, das hörte ich an ſeiner reinen deutſchen Sprache, die mir noch immer wohlthuend im Ohre klingt. Aber warum iſt er ſo ſchnell wieder gegangen, hat er mir keinen anderen Troſt ſpenden können, als den er in ſeinen wenigen Worten ver⸗ rathen?“ Trübe nachſinnend ging der Gefangene in ſeinem 328 Kerker auf und ab— da fing ſein Herz mächtig an zu ſchlagen, wie ſchon ſo oft, und ein quälender Durſt machte ſich auf ſeinen trockenen Lippen bemerklich. Er hob zitternd den ſchweren Waſſerkrug auf und leerte ihn halb. Als er aber das kalte Waſſer getrunken, ſchüttelte ihn ein wilder Fieberfroſt und er warf ſich auf ſein Lager und hüllte ſich, ſo feſt er konnte, in die dunſtigen Decken ein. So war faſt eine halbe Stunde wieder verſtrichen, als er abermals Stimmen und Schritte im Gange vor ſeinem Gefängniſſe zu hören glaubte. Ja, es kam wieder Jemand; ſchon raſſelten die roſtigen Riegel, und nochmals ſprang er von ſeinem Lager auf. Aber da war es, als wenn er plötzlich ſeine Denkkraft, ſeine Beſinnung verloren hätte— ſtarr blickte er auf die Eintretenden hin, die beinahe den ganzen kleinen Raum vor ihm mit ihren Geſtalten ausfüllten. Voran trat der Kerkermeiſter und ſetzte, was er ſonſt nicht that, ſeine Laterne auf den Tiſch, worauf er ſich ſogleich wieder entfernte. Das düſter brennende Licht warf einen trägen Schim⸗ mer über die Anweſenden, und erſt allmälig ent⸗ wickelten ſich in dieſem Schimmer ihre Geſtalten, ihre Geſichtszüge. Es war wieder der Bürgermeiſter und der alte Herr von vorher— aber hinter ihnen hervor bewegte ſich jetzt eine Geſtalt, die, unfähig, einen 329 unwillkürlichen Schrei zu, unterdrücken, als ſie in dem bleichen Manne ihren Freund erkannte, ihm ſelber wie eine Erſcheinung aus luftigen Höhen entgegen⸗ zuſchweben ſchien. Gleichſam verworren, betäubt vor Schreck und Ueberraſchung, trat der Gefangene einen Schritt zu⸗ zück; es brauſte vor ſeinen Ohren, Flammen ſprühten aus ſeinen Augen und von ſeiner Lippe bebte das Wort ſcheu zurück, welches ſich aus ſeiner Seele müh⸗ ſam empor arbeitete. „Mein Herr,“ ſagte der Bürgermeiſter, während der alte Herr mit gefalteten Händen daneben ſtand und bald auf den Gefangenen, bald auf Helenen blickte,—„hier iſt Jemand, der Sie zu beſuchen wünſcht. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde Zeit dazu. Und dem alten Herrn zuwinkend, war er ſo⸗ gleich mit ihm verſchwunden, und Henrik blieb allein mit der Erſcheinung zurück, die er am wenigſten hier zu ſehen erwartet hatte. „Henrik!“ hauchte es von Helenens Lippen leiſe hervor—„Henrik!“ Und beide Hände ihm liebevoll entgegen reichend, brach ſie in einen Strom von Thränen aus. Da erſt erlangte der alſo Angeredete ſeine volle Beſinnung wieder. Auch über ſein bleiches, abgezehr⸗ 330 tes Geſicht ergoß ſich ein Thränenſtrom, und ſtatt Worte hervorzubringen, die ihm noch immer verſag⸗ ten, küßte er wiederholt die warmen Finger des ſchö⸗ nen Weſens, welche ſeine kalten Hände ſeñ und krampfhaft gefaßt hielten. Keines von Beiden wußte nachher, welches die erſten Worte geweſen waren, die ſie zu einander ge⸗ ſprochen hatten; längere Zeit verging, ehe ſie ſich ſo weit faſſen konnten, daß ſie ihren Gefühlen einen Ausdruck zu geben vermochten. Als ſie aber erſt. ſo weit gekommen, ſprachen ſie kaum; unabgewendeten Blickes Angeſicht auf Angeſicht geheftet, ſtanden ſie noch immer dicht vor einander und fragten und ſag⸗ ten ſich gegenſeitig ſchweigend, was auf dem Grunde ihrer Seelen lag. Nie vorher aber hatte Helenens Erſcheinung einen ſo gewaltigen Eindruck auf Henrik hervorgebracht, wie jetzt, wie hier. So ſchön, ſo vollkommen er ſie immer geſehen und in ſeiner Erinnerung bewahrt hatte, nie war ihr herrlicher Wuchs, ihr ſeelenvolles Geſicht, ihr glänzendes Auge ihm ſo lieblich erſchienen, wie an dieſem Abende, in dieſem öden und dunklen Kerker. Wie auf unſichtbaren Schwingen in ein reineres Ele⸗ ment emporgetragen, glaubte er auch eine reinere Luft zu athmen, die von ihr ausſtrömte, und ſein Herz, 331 das vorher ſo dumpf und bang geſchlagen, ſandte ſeine verſtockten Blutwellen ſo leicht und flüſſig wie nie durch ſeine Adern. Und Helene— welchen Gefühlen gab ſie in die⸗ ſem Augenblicke Raum? Es war vielleicht der wich⸗ tigſte Moment ihres Lebens, der über ihre ganze Zu⸗ kunft entſchied. Eine Ahnung davon durchjitterte wohl ihr Herz, in dem es ſich plötzlich wie der laute Schall einer ſilbernen Glocke regte und ihren Blick wie verklärt in eine noch ungeborene Zeit dringen ließ. Nie vorher war ihr Henrik, trotz ſeiner ſchein⸗ baren Erniedrigung, ſeiner farbloſen Bläſſe, ſeiner ge⸗ brochenen Kraft ſo bedeutend, ſo männlich, ſo würde⸗ voll erſchienen; ſie wußte, daß er für ſein Vaterland, ſeine Landsleute, für ſie ſelber litt, und das erhob ihn in ihren Augen weit über die Gränzen der Hoch⸗ ſchätzung hinaus, mit der ſie ihm bis jetzt ergehen geweſen war. Und wie flogen nun wider Beider Wiſſen und Vermuthen die Minuten raſch und beinahe ſtürmiſch dahin, und doch ließ man ſie länger als eine halbe Stunde zuſammen. Was Helene ihm hatte ſagen wollen, was ſie ſich ſo genau im Geiſte zurechtgelegt, um ihr Kommen zu rechtfertigen und nicht in einem falſchen Lichte vor ihm zu erſcheinen— keine Sylbe 332 kam davon über ihre Lippen, ſie hatte es vergeſſen und Henrik fragte ſie auch nicht darum, denn das war nur Nebenſache für ihn; er ſah ſie, und das war Alles, was er verlangen konnte. So ſprachen ſie denn, ohne zu wiſſen, was ſie ſprachen, ihre au⸗ genblicklichen Gedanken aus, und dieſe ſind in ſolchen Momenten nicht in Folge großer Ueberlegung ent⸗ ſtanden und nach einem angelegten Plane entwickelt, ſie ſtrömen aus dem Herzen und fliegen zum Herzen und können allein als der unwillkürliche Ausfluß einer von ihren Feſſeln befreiten Seele betrachtet werden. Aber da fuhr Helene plötzlich empor— ihr fielen die wichtigen Papiere ein, die er auf ſeiner Bruſt, wie ſie wußte, in der geſtickten Taſche trug. Und auch ihn bewegte in demſelben Augenblicke derſelbe Gedanke.„Helene,“ ſagte er,„Gott allein weiß, wie ich zu dem Glück komme, Sie hier zu ſehen— Sie werden mir das morgen ſagen, wie Sie verſprochen haben— nicht wahr? Nun gut denn, dann werde ich meine Faſſung wieder erlangt haben und klar meine Gedanken entwickeln können, über die ich jetzt nicht Herr bin. Aber der Augenblick iſt koſtbar; wer weiß, ob wir wieder ſo viele Muße haben— wollen Sie mich nicht von den Papieren befreien, die in 333 meiner Lage für Sie und Andreas gefährlich werden könnten und die ich, da ſie verſiegelt ſind, nicht den Muth hatte zu erbrechen und vielleicht zu zerſtören, was mir das Beſte ſcheint?“ „Ja, Henrik, geben Sie ſie her, ich hatte es ganz vergeſſen, danach zu fragen. Alſo Sie haben ſie noch?“ „Ja, ich habe ſie noch!“ Und er trat raſch bei Seite, löſte die Schnalle, die das Band der Taſche auf ſeiner Bruſt feſt hielt, und reichte ſie ihr hin. Sie war noch warm von dem Blute, welches traurig dar⸗ unter gekreiſt hatte, das fühlte ſie, als ſie ſie in den Händen hielt. Da aber raſſelten die Riegel dumpf an der Thür. Schnell hatte ſie ihren Muff von der Erde erhoben, der ihr beim Eintreten, als ſie Henrik die Hände ge⸗ reicht, entfallen war, und die Taſche darin verborgen. Gleich darauf traten der Bürgermeiſter und der Con⸗ ferenzrath ein, den Helene ihrem Freunde erſt jetzt als ihren Oheim vorſtellte und der nun ſelber einige freundliche Worte an den Gefangenen richtete. Auch der Bürgermeiſter verkündete ihm, daß er noch heute Abend auf Veranlaſſung des Herrn mit verſchiedenen Bequemlichkeiten verſehen werden würde— jetzt aber ſei die Scheideſtunde gekommen. Mit feſtem Hände⸗ 334 drucke ſchieden die beiden Verwandten von ihm— „Auf morgen!“ rief ihm Helene zu, dann war ſie verſchwunden— die Thür ward hinter ihr zugeſchla⸗ gen und Henrik war wieder in der Dunkelheit ſeines Kerkers allein. Lange blieb er auf demſelben Flecke ſtehen, auf dem er geſtanden, als Helene ihm die Hand gereicht oder vielmehr gedrückt hatte, wie ſie ſie ihm noch nie gedrückt. Starr, von einer neuen Gefühlswoge faſt überfluthet, betäubt, die aber himmelweit von ſeinen früheren Gefühlen verſchieden war, blickte er ihr nach, wie man einer Erſcheinung des Himmels nachblicken würde, wenn ſie dem Menſchen auf Erden ſichtbar werden könnte, und lange Zeit verging, ehe er ſeine Gedanken in das ruhige Geleiſe klaren Selbſtbewußt⸗ ſeins zuzückzuführen vermochte. „Helene!“ war das erſte Wort, welches er zu ſich ſprach—„Iſt es möglich!“— Und von einem in⸗ neren unausſprechlichen Dankgefühl ergriffen, ſank er auf den kalten Boden nieder und dankte ſeinem Schöpfer, daß er ihm eine ſo reiche Gnade geſandt. Was war jetzt ſein Kerker für ihn, was bedeutete ihm Gefangenſchaft! O, um eine ſolche Stunde noch einmal zu erleben, hätte er Jahre lang im dunkelſten Verließe geſchmachtet, denn dieſe Geſtalt, dieſes Ant⸗ F litz, dieſes Weib, das er ſo namenlos und lange liebte, es hatte durch dieſen Beſuch ſeine Seele und mit ihr ſeine ganze Umgebung erleuchtet, erwärmt und ver⸗ herrlicht. Nur Minuten ſchienen ihm verſtrichen zu ſein, als Pabermals ſeine Kerkerthür ſich öffnete. Man brachte ein köſtliches Bett, feine reine Wäſche, eine hell bren⸗ nende Lampe, dann herrlichen Wein und Speiſen 3” herein, die er faſt aus ſeiner Erinnerung verloren hatte, und erſt als er wieder allein war, ſich in ſeinem Ge⸗ fängniß umgeblickt und dieſe Folgen der Anweſenheit eines Engels erkannt hatte, da wurde ihm vollkom⸗ men klar, welch unerwartetes und unermeßliches Glück ihm begegnet war.— Laſſen wir ihn in dem unbeſchreiblichen Gefühle 6 des Genuſſes dieſes Glückes allein und folgen wir dem Conferenzrath und ſeiner Nichte in das glänzende Zimmer, in welches ſie zurückgekehrt waren, nachdem ſie das Rathhaus verlaſſen hatten. Erſt hier warf ſich Helene in großer Bewegung an die Bruſt des alten Mannes, weinte ſich aus und dankte ihm in flüſternden Worten für die Liebe, die er ihr erwieſen hatte. Der alte Mann war tief gerührt. Er wußte jetzt — oder glaubte es wenigſtens zu wiſſen— was er b 1 336 von der Theilnahme Helenens an des Gefangenen Schickſal zu denken hatte, und da er von den wohl⸗ wollendſten Gefühlen für Beide erfüllt war, ſo pries er ſich glücklich, im Stande geweſen zu ſein, zweien ſich ſo nahe ſtehenden Menſchen eine ſo ſüße Stunde bereitet zu haben. Im traulichen Geſpräche ſaßen ſie jetzt neben ein⸗ ander auf dem Sopha, hinter einem reich beſetzten Tiſche, deſſen leckere Speiſen Helene aber kaum be⸗ rührte, denn ihr Herz war zu voll von dem, was ſie ſo eben erlebt hatte. „Nun,“ ſagte der gute Alte,„und habt Ihr Euch denn Alles geſagt, was Ihr Euch zu ſagen hattet?“ „Ach, theurer Oheim, ich weiß es nicht. Ich war ſo bedrückt von dem traurigen Aufenthalt, daß ich kaum meine Beſinnung zuſammen hatte.“ „Ich kann mir das wohl denken. Aber haſt Du denn auch die wichtige Angelegenheit nicht vergeſſen, die Du mit ihm beſprechen wollteſt, wie Du mir ſagteſt?“ „Nein!“ rief Helene und fuhr von ihrem Sitze auf—„Aber jetzt hätte ich ſie beinahe vergeſſen, wenn Du mich nicht daran erinnert.“ Und ſie be⸗ gab ſich in das Zimmer, welches ſie bewohnen ſollte und worin ſie ihre Ueberkleider abgelegt, um 337 aus ihrem Muffe die Taſche zu holen, die ſie von Henrik empfangen hatte. Aber welcher Schreck er⸗ faßte ſie da plötzlich! Die Taſche war fort. Ver⸗ gebens war all' ihr Suchen. Mit verſtörtem Geſicht kehrte ſie zum Oheim zurück und theilte ihm ihren Verluſt mit, den ſie ihm jetzt erſt genauer bezeichnete. Der alte Mann war noch mehr erſchrocken als ſie. Auch er half ihr beimm Suchen. Der Wagen, in dem ſie gefahren waren, wurde beinahe umgekehrt, ein Diener mit einer Laterne nach dem Rathhauſe geſandt, um nachzuſehen, ob die Taſche Helenen viel⸗ leicht auf dem Flure entfallen ſei, aber auch er kam unverrichteter Sache zurück. Da blickten ſich die beiden Verwandten ernſt und bedenklich an. Sie ſchwiegen, denn ſie hatten keine Worte für ihre Gedanken, aber ihre Freude, bei ein⸗ ander zu ſein, war dadurch bedeutend verkümmert und ihre nächtliche Ruhe getrübt, wenn ſie auch Beide ſich bewußt waren, keine abſichtliche Schuld an den Folgen zu tragen, die möglicher Weiſe aus dem Ver⸗ luſte dieſer Papiere entſpringen konnten. So verging Helenen die erſte Nacht in Kolding, und der Morgen des 19. April dämmerte herauf. Noch einmal durchſuchte ſie, ehe der Conferenzrath A. Burns. III. 22 3 338 aufgeſtanden war, alle Winkel, alle Kleider— aber die Taſche war und blieb verloren. Um zehn Uhr Morgens hatte ſich Helene vorgeſetzt, mit ihrem Oheim nach dem Rathhauſe zu gehen, denn⸗ der Bürgermeiſter hatte ihr den wiederholten Beſuch des Gefangenen um dieſe Stunde zugeſagt. Aber ſchon eine Stunde vorher, als ſie im gemüth⸗ lichſten Plaudern noch am Frühſtückstiſche ſaßen, wur⸗ den ſie durch die Meldung eines Dieners überraſcht, der ihnen anzeigte, daß der Herr Bürgermeiſter drau⸗ ßen ſei, um den Conferenzrath in einer wichtigen An⸗ gelegenheit zu ſprechen. Sogleich etwas Ungewöhn⸗ liches vermuthend, erhoben ſich Beide und traten dem wohlwollenden Manne entgegen, der ihren Wünſchen ſo förderlich geweſen war. Aber wie erſtaunten ſie, als ſie ihn mit beſtürzter Miene und haſtigem Schritte bei ſich eintreten ſahen. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte der Beamte eilig,„daß ich Sie ſo früh ſtöre. Aber es iſt mir, und wahr⸗ ſcheinlich auch Ihnen, etwas ſehr Unangenehmes be⸗ gegnet, was meinen frühen Beſuch nothwendig macht. Haben Sie, meine Dame, vielleicht etwas verloren, 339 was Sie geſtern bei ſich trugen, als Sie im Rath⸗ hauſe waren 2un „Ja, mein Herr,“ entgegnete Helene mit erzwunge⸗ ner Ruhe, obgleich ihr Herz bis zum Zerſpringen ſchlug. „Nun wohl— iſt es dies?“ Und er zog die Taſche aus ſeinem Rocke, die Helene ſogleich für die ihrige erkannte. „Ja, mein Herr, das gehört mir.“ „Und fühlen Sie keine Unruhe, daß Sie dieſe Papiere gerade in Kolding verloren haben?“ „Alſo Sie wiſſen, daß ſie Papiere enthält?“ „Freilich weiß ich es und ich habe die Papiere auch leſen müſſen, denn als ſie in meine Hände ge⸗ langten, waren die verſiegelten Schreiben bereits ge⸗ öffnet. Und leider iſt das von einem Anderen ge⸗ ſchehen, der ſie gefunden hat. Durch einen Zufall erfuhr ich von dieſem unglücklichen Funde, und da ich hörte, daß des Herrn Conferenzraths Name darin ſteht—“ „Wie, mein Name?“ freagte der alte Herr mit dem höchſten Erſtaunen. Der Beamte richtete verwundert ſein Auge auf ihn.„Nun ja, Ihr Name! Denn Ihre Frau Nichte, welche dieſe Dame iſt, wie Sie mir ſagten, führt ja Ihren Namen, und da das Gewicht des In⸗ 22* 340 halts dieſer Papiere auf ſie zurückfällt und Sie den⸗ ſelben Namen tragen, ſo ſind auchsSie in den Au⸗ gen mißtrauiſcher Menſchen nicht außer Schuld.“ Der Conferenzrath hing erſchrocken an Helenens kaltem Geſicht, die ſich ſchon wieder gefaßt hatte und auch dieſer neuen Gefahr kühn in's Auge zu ſehen entſchloſſen war. „Und welches Gewicht können dieſe Papiere haben, auf wen können ſie irgend einen Schatten werfen, als auf den Inhaber, der ich war?“ fragte ſie ernſt. „Das, meine Dame, wage ich noch nicht zu ent⸗ ſcheiden. Derjenige, welcher ſie unglücklicher Weiſe gefunden hat und ſich damit fort begeben wollte, denn er iſt ſchon vor zwei Stunden zu Schiffe abgegangen, hat ſie mir nur unter der Bedingung einſtweilen überlaſſen, daß ich die Sache vorläufig hier unter⸗ ſuchen will. Sie ſehen alſo, welche traurige Ver⸗ pflichtung ich auf mir habe, und wenn ich Sie vor dieſer Unterſuchung davon in Kenntniß ſetze, ſo ge⸗ ſchieht es einzig und allein darum, weil ich dieſen Herrn hier, Ihren Verwandten und meinen alten Freund, einen angeſehenen Mann in hieſiger Stadt, nicht in's Verderben ziehen möchte.“ „In’s Verderben?“ rief der Conferenzrath mit ge⸗ kränktem Tone—„Ich weiß davon gar nichts.“ 4 341 „Ja, in's Verderben, ſage ich, mein Freund. Denn wenn der Mann, der von dieſen Papieren unbefugter Weiſe Aeuum genommen hat, und der ein Mann iſt, der die Pflicht auf ſich zu haben glaubt, gegen dergleichen Vaterlandsverrätherei— ſo nennt er es — mit Gewaltmitteln aufzutreten, wenn er geneigt iſt, ſeine K Kenntniß zu anderer Leute Kenntniß zu brin⸗ gen, ſo gerathen Sie Beide und auch ich in große Verlegenheit, wenn ich nicht nachweiſen kann, die unterſuchung gegen Sie eingeleitet zu haben.“ „Und wer iſt der Mann, der von ſo eifriger Pflichterfüllung durchdrungen iſt?“ „Er iſt ein Deutſcher wie Sie— leider muß ich Ihnen das ſagen, obwohl er einen däniſchen Namen trägt, und ein Agent der däniſchen Polizei, deſſen Be⸗ mühungen Ihr Freund im Kerker wahrſcheinlich einen großen Theil ſeines Schickſals verdankt, denn er wußte ſehr gut über ſeine Vergangenheit Beſcheid und hat genaue Aufſchlüſſe über ſein Verhalten während 1 Krieges gegeben.“ „O!“ rief Helene—„Iſt das Vielleicht ein ge⸗ wiſſer Olaf Larſſen?“ „Ich weiß es nicht, meine Dame, aber Sie irren ſich vielleicht. Die Frage iſt nur die, was Sie in dieſem Augenblicke zu thun gedenken?“ 342 „Was ich zu thun gedenke? Folgendes, mein Herr. Es iſt ſogleich zehn Uhr. um ieſe Zeit haben Sie mir einen Beſuch bei dem Gefangiun bewilligt.“ Der Beamte ſchüttelte den Kopf.„Das darf ich jetzt kaum wagen zu geſtatten. Der Amtmann von Veile— Sie wiſſen wohl, daß es der frühere Mini⸗ ſter Orla Lehmann iſt— iſt in der Stadt, und wenn dieſer bereits von dem Inhalte Ihrer Papiere Kennt⸗ niß hat, ſo dürfte Ihr Aufenthalt hierſelbſt nicht von langer Dauer, oder aber von ſehr langer Dauer ſein.“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Ich kann mich nicht umſtändlicher ausdrücken; aber die Klugheit, mit der Sie begabt ſind, wird Sie belehren, was man darunter verſtehen kann.“ „So hören Sie mich an. Sie ſagen, Olaf Larſ⸗ ſen ſei früh am Morgen auf einem Schiffe abgereiſt. Wahrſcheinlich hat er dann noch nicht den Amtmann von Veile geſprochen. Können Sie darüber keine be⸗ te Kenntniß erlangen?“ „Das will ich verſuchen, denn es dürfte für uns Alle das Nothwendigſte ſein.“ „Wohl!, ſo werde ich ſo lange auf Sie warten, bis Sie mit dieſer Nachricht zurückkommen. Während der Zeit werde ich das Nöthigſte beſchließen.“ 348 Der menſchenfreundliche Beamte entfernte ſich und ließ die beiden Verwandten in einiger Verwirrung zurück. Helene öffnete ſogleich die Taſche, nahm die bewußten Anweiſungen heraus, die Andreas und ſie ſelbſt geſchrieben, las ſie noch einmal durch und warf ſie in's Feuer.„Jetzt mögen die Herren kommen,“ ſagte ſie.„Das verbrecheriſche Papier iſt aus der Welt verſchwunden.“ „Aber was ſoll Dir das helfen, mein Kind?“ Nichts, mein Oheim, ich habe ſie nur vernichtet, damit ſie nicht noch einmal in die unrechten Hände fallen. Wir können ſie zu Hauſe jeden Augenblick noch einmal ſchreiben. O, wäre doch Henrik weniger redlich, oder ich vorſichtiger geweſen! Aber der Rauſch der Freude hatte mich trunken gemacht.“ Darauf überlegte ſie, was ferner zu thun ſei, kam aber zu keinem Entſchluſſe, da ſie noch in Ungewiß⸗ heit war, ob die höchſte Obrigkeit der Gegend, der Amtmann von Veile, zu deſſen Diſtrikte Kolding ge⸗ hörte, von dem Vorfalle unterrichtet ſei und danach erſt die Tragweite deſſelben ermeſſen werden konnte. In etwa einer Stunde erſchien der Bürgermeiſter wieder; er war bei Orla Lehmann geweſen und freundlich empfangen worden. Von dem Funde der Taſche wußte er nichts, ſonſt hätte er es gewiß ge⸗ 344 ſagt. Das beruhigte den Bürgermeiſter außerordent⸗ lich; es hatte nun keine ſo große Eile mit der Unter⸗ ſuchung und er ſchöpfte tief Athem, daß dieſe Laſt von ſeiner Bruſt genommen war. „Nun, mein Herr,“ ſagte Helene fröhlich,„wer⸗ den Sie mir wohl Erlaubniß geben, den Gefangenen zu beſuchen, wie Sie geſtern verſprochen haben.“ „Ja, unter einer Bedingung: daß Sie nicht über eine Stunde bei ihm bleiben, erſt am Abend zu ihm gehen und morgen ſo früh wie möglich Kolding ver⸗ laſſen, denn übermorgen wollte der Finder der Taſche wiederkommen und Ihr Aufenthalt hier würde dann kein ſicherer mehr ſein.“ Helenens Herz bewegte ſich krampfhaft.„Gut,“ erwiderte ſie endlich,„da Sie ſo gütig und menſchen⸗ freundlich ſind, kann ich Ihnen dieſe verſtändigen Bitten nicht abſchlagen. Aber ich habe zwei andere dagegen.“ „Sprechen Sie ſie aus.“ „Benachrichtigen Sie den Gefangenen, daß er uns erſt am Abend zu erwarten hat, denn er zählt, glaube ich, die Minuten, bis er uns wieder ſieht. — Sodann aber ſagen Sie ihm nichts von den ver⸗ lorenen Papieren, damit er ſich nicht ohne Noth ängſtigt. Ich werde ihm auch nichts davon ſagen.“ 345 „Beides verſpreche ich ſehr gern. Aber ich bitte Sie, verlaſſen Sie den Tag über nicht dies Haus. Die Bevölkerung von Kolding iſt in großer Auf⸗ regung. Wenn ſie durch irgend einen boshaften Men⸗ ſchen erführe, daß Sie die Haft eines verhaßten Fein⸗ des erleichtert haben oder Sie ſelbſt zu ihm gehen ſähe, ſo wäre ſie vielleicht tollkühn und fanatiſch ge⸗ nug, Sie zu verletzen.“ „Hoho!“ rief der alte Conferenzrath.„In mei⸗ nem Wagen? Das ſollte ihnen ſchlecht bekommen.“ Der Bürgermeiſter zuckte die Achſeln.„Ich ſtehe für nichts,“ ſagte er.„Wenn Sie wüßten, was ich weiß, und den Haß dieſer rohen Menſchen gegen Al⸗ les, was deutſch heißt, ſo genau kennten wie ich, Sie würden gleich mir in Sorge ſein. Und es iſt in der That mein Wunſch, Ihrem Oheim, meinem alten Freunde, Ihnen ſelbſt und wo möglich dem Ge⸗ fangenen zu dienen, wenn meine Menſchenpflicht ſich mit meiner Amtspflicht verträgt.“ „O, helfen Sie ihm, wo Sie können, Gott wird wieder helfen!“ bat Helene mit ſchwimmendem Auge und reichte ihm die Hand. Der Bürgermeiſter nahm die ſchöne Hand in die ſeine, ſah Helenen liebevoll an und erwiderte:„Ja, meine junge Dame, das will ich, ſo viel ich nur 346 kann, ich verſpreche es. Aber meine Kraft iſt gering und die Zeiten ſind ſchwer— ſchwerer faſt, als meine Schultern ſie zu tragen vermögen.“ „Ich glaube es gern; hoffen wir aber das Beſte, Gott wird endlich Alles zum Guten lenken!“ „O, wie ſtimme ich darin von Herzen ein— aber zwiſchen Dänemark und Schleswig⸗Holſtein— wird niemals Friede ſein. Leben Sie wohl!“ 8—— Gerade wenn wir wünſchen, daß ein Tag recht raſch vergehe, ſcheint er uns oft übermäßig lange zu dauern. Es iſt, als ob ein bleiernes Gewicht jede abrollende Stunde zurückhielte und die ſonſt ſo flüch⸗ tige Minute ihre Schwingen verloren hätte, ſo daß der Zeiger der Zeit, trotz unſerer raſtlos vorwärts⸗ ſtrebenden Seele, wie durch einen Zauber auf eine Stelle gebannt bleibt. Aehnlich erging es heute He⸗ lenen. Dieſer lange, lange Tag wollte kein Ende nehmen, ſo ſehr auch der liebenswürdige Oheim ihn zu verkürzen ſich bemühte. Aber alle ſeine Erzäh⸗ lungen und Geſpräche erinnerten ſie nur daran, daß er abſichtlich die Zeit vergeſſen machen wollte, und ſie mußte daher um ſo mehr an die weite Spanne den⸗ ken, die noch zwiſchen dieſem Tag und ihrem Abend 347 lag, wie ſie ihn nannte. Mit einem Blick die Uhr, mit dem andern den Oheim betrachtend, hatte ſie nur halbe Ohren für ſeine Plaudereien, aber er ließ ſich dadurch nicht ſtören, denn er gehörte zu den vortreff⸗ lichen alten Leuten, die der Jugend verzeihen, daß ſie jung iſt, und die nicht vergeſſen haben, daß Herzen in ihrem Buſen pochen, in denen mehr Flamme als Blut lodert. Auch das Wetter war unfreundlich und trüb am Morgen und übte einen geſpenſtiſchen Druck auf die ohnehin ſchon belaſtete Seele aus. Dicker, naßkalter Nebel lag über dem Meere und verhüllte die ſchöne Fernſicht von Kolding, denn man ſah nur die leere, bleifarbige, träge Bucht, welche die Kriegsſchiffe ſeit der letzten Nacht wieder verlaſſen hatten. Der Wind war unſtät; bald wehte er von Süden, bald von Weſten her, immer aber brachte er Regenſchauer und Hagelſchlag zurück, denn die fliegenden und mit Feuch⸗ tigkeit geſchwängerten Himmelsberge wurden bald hier⸗ hin, bald dorthin geſcheucht. Endlich war es Mittag. geworden und der alte Conferenzrath, um ſeiner Nichte die Zeit ſo gut wie möglich zu vertreiben, hielt ſie lange bei Tiſche feſt und goß ihr ein Glas perlenden Weines nach dem andern ein. Und das half wirklich die Stunden verjagen, wenigſtens ſie vergeſſen, und 348 allmälig wurde es düſterer und düſterer im Oſten über dem Meere und nur im fernſten Weſten noch flatterten einige blaßgelbe Wölkchen, die letzten Spu⸗ ren des verſchwimmenden Tages, einſam am Horizonte umher.. 1 „Nun wird es Zeit, Helenchen,“ ſagte der Alte, der in roſiger Laune war,„nun werde ich mir mei⸗ nen Pelz bringen laſſen, denn ich ſoll ja bei Dir in dem kalten Loche bleiben— oder befreiſt Du mich davon?“ „Nein, mein lieber Oheim, ich bitte Dich wieder⸗ holt: bleibe die Stunde, die uns zu verplaudern ver⸗ gönnt iſt, bei uns, lerne Henrik Paulſen kennen und freue Dich, einem ſo braven Manne Deine Gunſt ge⸗ ſchenkt zu haben.“ „Meine Gunſt? Du Närrchen! Als ob ich ſie ihm geſchenkt hätte! Haſt Du ſie mir nicht— Na, na— ich ſage ja nichts!“ Und er hielt ſich ſelbſt den Mund zu, auf den Helene ſchon ihre weiche Hand gedrückt hatte.— Als es Abend geworden war und man gegen un⸗ berufene Späheraugen geſchützt zu ſein glaubte, ließ der Conferenzrath den Wagen vorfahren. Leicht hüpfte Helene hinein, langſamer folgte der Alte. In fünf Minuten waren ſie im Rathhauſe. Der Bürgermeiſter 349 erwartete ſie ſchon und bald darauf raſſelten die Riegel und Helene und ihr Oheim ſaßen bei ihrem Freunde. Nun erſt ſchütteten ſie alle Gedanken aus, die ge⸗ ſtern ihre Freiheit nicht gefunden hatten; Helene er⸗ zählte von Emmerslund jeden Vorfall nach Henrik's Entfernung bis auf den Brief des ehrenwerthen dä⸗ niſchen Schiffsarztes, und dieſer berichtete ſeine Ge⸗ fangennahme und ſeine im Ganzen menſchliche Behand⸗ lung, den Pöbel am Hafen und den ſchaurigen Kerker in Kolding ſelbſt abgerechnet. Was aber Helene nach dieſer Stadt geführt, wagte er auch diesmal nicht zu fragen, das Geſpräch führte Helenen jedoch ſelber darauf und Henrik gab ſich ſehr bald dem Glauben hin, der Oheim habe ſie zu ſich gerufen. Aber wie lange ſie noch bleiben würde, das erlaubte er ſich wenigſtens fragend anzudeuten. „Mein Freund,“ ſagte Helene ernſt und feierlich, „ich gehe ſchon morgen früh um acht Uhr zurück nach Emmerslund. Ich habe es beſtimmt zugeſagt; auch ſind meine Geſchäfte mit dem Oheim beendet, und er— er wird an meiner Statt Sie recht oft beſuchen. Nicht wahr, mein Oheim?“ „Ja, mein Herr, das werde ich. Helene geht frei⸗ lich fort, das liebe Kind— ach! ſie kann ja nicht länger bei mir bleiben, aber ich, ich bleibe hier, ſo —— 350 lange es Gott noch gefällt. Sie ſollen an Nichts Mangel leiden— ich verſpreche es Ihnen heilig— ich werde alle Mittel aufbieten, um Ihre Gefangen⸗ ſchaft erträglich und Ihre Befreiung möglich zu machen. Sorgen Sie um nichts.“ In dieſem Augenblicke knarrte die Thür und der Bürgermeiſter trat ein. Er zeigte die Uhr und Alle verſtanden ihn. Wenige Worte nur wurden beim Abſchied geſprochen, aber Blicke und Hände führten eine um ſo beredtere Sprache.„Sind Sie auch hin⸗ reichend mit Geld verſehen?“ fragte Helene flüſternd, als ſie ihm die Hand drückte.. Henrik zögerte zu antworten. Er war ja in den letzten Jahren ſeines Lebens immer arm geweſen und hatte ſich mehr behelfen müſſen, als die Freunde wußten; jetzt aber war ſein kleiner Vorrath bald ganz erſchöpft und er glaubte ſich nicht zu erniedrigen, wenn er ſeiner reichen Freundin dieſen Umſtand bekannte. „Nein,“ ſagte er endlich,„ich habe nur noch wenig — bitten Sie Ihren Oheim in meinem Namen um eine kleine Unterſtützung, ich könnte ſie vielleicht ge⸗ brauchen.“ „Nicht meinem Oheim— mir ſelbſt ſage ich das, Henrik.— Hier, ich hatte dieſe Börſe ſchon für Sie eingeſteckt.“ 351 Und ſchon hatte ſie, mit vor Wonne bebender Hand, dieſelbe in die ſeinige gleiten laſſen— da fühlte er erſt, daß ſchweres Gold darin war. Er wollte etwas ſagen, aber in dieſem Augenblick erſchien der Kerkermeiſter in der Thür und Helene legte den Finger auf ihren Mund. So ſchieden ſie. Und noch auf dem Flure ſtehend, ſandte ſie einen leuchtenden Blick in das dunkle Gemach zurück und Henrik erſchien es, als wäre dieſer Blick bei ihm zurückgeblieben, denn fortan ſollte es nicht mehr düſter in ſeinem Ge⸗ fängniß ſein. „Auch das iſt wieder vorüber,“ ſagte Helene ſtill zu ſich, als ſie auf dem Heimwege neben ihrem Oheim im ſanft rollenden Wagen ſaß„auch das! Nun, guter Gott, Du haſt es beginnen laſſen, Du wirſt es auch vollenden, und wie Du mich ſicher zu ihm ge⸗ leitet haſt, wirſt Du ihn auch wieder ſicher— zu mir geleiten!“ Und mit dieſem Gebet zu Gott in der Seele, nicht auf der Lippe, kam ſie zu Hauſe an. Von jetzt an war Helene ſtill. Der Vorhang hin⸗ ter einem Abſchnitt ihres Lebens war gefallen und ſie blickte unverzagt dem nächſten entgegen. Ihre Ge⸗ danken weilten nicht mehr in Kolding, ſo lieb ſie den alten Oheim auch gewonnen hatte und ſo ſehr er ſich fortwährend bemühte, ihr noch die letzten Stunden zu 352 erheitern, zu verſüßen. Aber wir wiſſen ja, wenn ein zart⸗ und tieffühlendes Weib einen neuen und ſo mächtigen, ſo überwältigenden Gedanken in ihr In⸗ neres aufgenommen hat, wie wir glauben, daß es Helene in dieſen beiden Tagen in Kolding gethan, dann hört, ſieht und empfindet ſie nichts als dieſen Gedanken allein. Alle Dinge, die zwiſchen Himmel und Erde kreiſen, exiſtiren nicht mehr für ſie, ſie athmet und lebt nur noch in dem göttlichen Element, in welchem keine Stürme wehen, keine Feſſeln drücken, keine Schmerzen brennen— in der Idee der Liebe! Noch ſpät am Abend hatte ſie ihre Vorbereitungen zur frühen Abreiſe am nächſten Morgen getroffen. Ihren Koffer hatte Käthe ſchon gepackt, Wagen und Pferde waren von Ernſt Blachmann zur ſchnellſten Reiſe gerüſtet. Der Oheim hatte ihr einen Paß vom Bürgermeiſter ausgewirkt, der ihr die däniſchen Vor⸗ poſten öffnen ſollte, und um ſie ja recht ſicher durch dieſe menſchliche Mauer zu bringen, hatte der vor⸗ ſorgliche Alte ſogar beſchloſſen, ihr ſelbſt das Geleit zu geben, bis ſie wieder bei ihren Landsleuten wäre. Und das hatte ſie von ganzem Herzen dankbar an⸗ genommen. Lwölftes Mapitel. Die Schreckenstage von Kolding. Von den Gemüthsbewegungen der letzten Tage und den ſchlaflos zugebrachten Nächten überaus er⸗ müdet, hatte ſich Helene in dieſer Nacht frühzeitig zur Ruhe begeben und nachdem ſie in einem heißen Ge⸗ bete dem klar ſchauenden Auge Gottes offen und ehrlich ihr ganzes Herz dargelegt, war ſie in einen ſüßen und durch keine Störung unterbrochenen Schlaf geſunken. Aber gegen Morgen, als der grauende Tag ſein bleiches Haupt über das Meer erhob, wurde die⸗ ſer Schlaf durch wunderbar ſchreckhafte Träume beun⸗ ruhigt. Wiederholt ſchauerte ſie zuſammen, erwachte halb und fühlte den Druck einer geheimnißvollen Macht auf ihrem Herzen liegen. Aber immer ſchlief ſie, von einer Mattigkeit, wie ſie ſie nie gefühlt, A. Burns. III. 23 — 354 überwältigt, wieder ein und immer wieder kreiſten die wilden Traumbilder um ihre von Neuem erbebende Seele. Da ſchrak ſie plötzlich vor einer unausſprech⸗ lich düſteren Erſcheinung zurück. Aus dem wüſten Wolkenchaos, welches über ihrem Haupte in den Lüf⸗ ten wirbelte, ſtreckte ſich eine große, feurig blutige Hand hernieder, die ihre rieſigen Finger mit den ſpitzigen Krallen auf und zu bewegte, als ob ſie die Schlummernde ergreifen und in die ſchwindelerregende Höhe ziehen wollte. Angſtvoll wandte ſie ſich hin und her, bald hierhin, bald dorthin ausweichend, aber immer war die von Blut triefende Hand zuckend hin⸗ ter ihr her und ſchon hielt ſie ihr ſeidenweiches Haar in der Fauſt, deſſen ſchwarze Locken ſie mit ihren eigenen Augen ſich immer höher erheben ſah. Von unausſprechlicher Angſt gefoltert, keinen Zufluchtsort im ganzen Umkreiſe gewahrend, von aller Menſchen Huülfe verlaſſen, kämpfte ihre athemloſe Bruſt laut ſtöhnend gegen das dämoniſche Ungethüm, und als ihre Angſt endlich den höchſten Gipfel erreicht hatte, erwachte ſie mit einem Schrei, der noch in ihren Oh⸗ ren gellte, als ſie ſchon längſt wieder zur Beſinnung gekommen war und ſich in dem ſicheren Bette im Hauſe ihres Oheims fand. In Angſtſchweiß gebadet, das Herz hochauf ſchlagen fühlend, blickte ſie ſich rings 355 um, und als ſie die blutige Hand verſchwunden und das dämmernde Morgenlicht durch die Vorhänge in's Zimmer fallen ſah, fühlte ſie ſich ſo wonnig und ſicher gebettet, ſo glücklich und befriedigt im allmälig ſich beruhigenden Gemüthe, wie ſie eine ähnliche ſüße Empfindung noch niemals im Leben gekoſtet zu ha⸗ ben glaubte. Aber was war das? Welches Gelärm ließ ſich da mit einem Male aus der Ferne hören? Und kam es nicht immer näher und näher, bis es ganz dicht am Hauſe zu ſein ſchien? War das nicht Trommel⸗ wirbel beinahe unter ihrem Fenſter, ſchmetterten nicht die Signalhörner durch die ganze Stadt, donnerte nicht ſchweres Geſchütz vom Süden herüber? Schnell erhob ſie ihren roſigen Kopf von den Kiſſen und ſtützte ihn, um beſſer hören zu können, auf den ſchönen entblößten Arm— nein, ſie hatte ſich nicht getäuſcht, ein ungewöhnliches Leben und Bewegen herrſchte draußen, Menſchen ſchrieen und lärmten, Pferde jagten auf und ab und das dumpfe Geraſſel in Galopp fahrender Kanonen hallte an den Wänden wider, ſo daß die Fenſter klirrten und der ganze Fußboden des Hauſes bebte. Da litt es ſie nicht länger mehr im Bette; raſch ſprang ſie auf und warf ſich in die Kleider. Die 23 ³ . 356 Glocke, die zu ihrem Mädchen führte, hatte ſie ſchon mehrmals gezogen, aber Käthe, wahrſcheinlich vom feſten Morgenſchlafe befallen, erſchien noch immer nicht. In wenigen Minuten hatte ſie allein ihre Toi⸗ lette beendet, und als es nun heller und heller im Freien wurde, zog ſie die dunkelrothen Vorhänge vom Fenſter zurück und blickte ängſtlich auf die lebendige Stadt hinaus.. In dieſem Augenblicke hörte ſie im Nebenzimmer Schritte; ſie öffnete die Thür, und mit beſtürzter Miene, im Nachtgewande, eilte ihr der Oheim ent⸗ gegen, den das Getümmel auch aus dem Schlafe aufgeſchreckt. „Mein Gott, Helene,“ rief der alte Mann mit halb vor Entſetzen erſtickter Stimme—„was iſt das?“ „Ruhig, mein Oheim, ruhig,“ tröſtete ſie ihn. „Was kann es ſein? Man wird an einander gerathen ſein, die Deutſchen oder die Dänen haben angegriffen; wir können nichts thun als geduldig das Ende ab⸗ warten.“ Der Conferenzrath ſtand verwundert vor der feſt und ruhig blickenden Frau, denn ſo heldenmüthig hatte er ſich ſeine Nichte nicht gedacht. Und es iſt wahr, vor einer geradeaus wandelnden, aufrecht her⸗ vortretenden Gefahr hatte Helene keine Furcht, nur 357 die ſchleichende Heimtücke, die kriechende Feindſeligkeit flößte ihr Grauen und Schrecken ein.„Ein Kampf,“ ſagte ſie,„ein ehrlicher Kampf, Mann gegen Mann, hat begonnen— ſiehſt Du es wohl! So laß uns denn Gott bitten, daß er der gerechten Sache den Sieg verleihe!“. Daß die Dänen diesmal nicht die Angreifenden waren, gewahrte man ſehr bald. Denn augenſchein⸗ lich waren ſie überraſcht worden, das zeigte ſich in allen ihren Bewegungen; eine Art Verwirrung gab ſich in ihrem Hin⸗ und Herrennen kund, und die nach einem Punkte hinſtürzende Menge bewies, daß der Feind vom Süden her gegen die Stadt gedrungen ſei. Raſch warf ſich nun auch der Oheime in die Klei⸗ der, und als er wieder zu Helenen zurückkam, um die ſich unterdeß ihre Dienerſchaft angſtvoll verſam⸗ melt hatte, vernahm er, daß ein Angriff der Deut⸗ ſchen ſtattgefunden habe und daß die Dänen alle nach den Straßen eilten, die jenſeits der Stadt auf die Brücke über die Koldinger⸗Au mündeten. In dieſem Augenblick liefen mehrere Bürger vom Hafen her über den Vorplatz hin, der ſich vom Hauſe des Conferenzraths gegen die Stadt hinunterſenkte. Sie waren bewaffnet und ihre frohlockenden Stim⸗ men ſprachen die beſte Erwartung aus, die ſie von — ꝗM±˖fe —— ——— dem ausgebrochenen Kampfe hegten.„Halloh, halloh, vorwärts!“ kreiſchte einer herauf—„die Rebellen haben uns angegriffen; jetzt wollen wir ihnen zeigen, daß wir Dänen ſind!“ Der Conferenzrath hatte ein Fenſter geöffnet, um einen oder den andern von ihnen anzurufen; als er aber dieſe Worte hörte, ſchlug er das Fenſter zu und zog ſich ſchaudernd in das Innere des Zimmers zu⸗ rück.„Die Rebellen,“ ſagte er,„die Rebellen! Sieh'ſt Du, ſo nennt man Euch, Helene, ach! welche trau⸗ rige, verhängnißvolle Zeit!“ Helene hatte ihre Diener wieder fortgeſandt und ihre Reiſe abbeſtellt. Der Oheim war überglücklich vor Freude, als er die Befehle dazu ausſprechen hörte. „O, Helene,“ rief er,„mein theures Kind, Du willſt mich nicht verlaſſen? Das iſt herrlich, das iſt gött⸗ lich von Dir— wie ſoll ich Dir das vergelten?“ „Kann ich denn fort?“ fragte Helene, über die Freude des alten Herrn lächelnd.„Kann ich denn fort, wenn der Kampf tobt? Muß ich nicht bei Dir bleiben, wenn ich auch nicht wollte? Lege mir nicht für eine Tugend aus, was nur eine Nothwendig⸗ keit iſt.“ 1 „O, das bleibt ſich ja ganz gleich; ich erkenne das Glück, nicht allein zu ſein, wenn blutiger Kampf 359 gelobt, daß er mir in Dir einen Schutzengel ge⸗ ſandt hat!“ Man brachte das Frühſtück herein und wollte ſich eben an den Tiſch ſetzen, ſo wenig man auch auf⸗ gelegt dazu war, als plötzlich ein hundertfältiger Don⸗ ner von der Stadt her krachte und die Erſchreckten wieder an's Fenſter zog. Salve auf Salve tönte von der Brücke her, Kanonendonner miſchte ſich mit Klein⸗ 1 gewehrfeuer, und das Kampfgetöſe ſcholl ſo deutlich herüber, als wenn die Schlacht dicht unter den Fen⸗ ſtern ſtattfände.- Und da, da praſſelten ſchon die Flammen auf; vom leichten Südwinde herangetriebener Brandgeruch wälzte ſich ſchwer und unheilverkündend über die un⸗. glückliche Stadt und verdüſterte ringsum den Horizont. M „Es muß irgendwo brennen,“ ſagte Helene mit gefalteten Händen,„ſieh den gelbgrauen Qualm da — das kann nicht von den Geſchützen herrühren.“ Sie hatte zwar ſchon oft, als ſie noch in Emmers⸗ lund weilte, aus der Ferne den heftigſten Kanonen⸗ donner gehört, ihr Ohr war alſo an dieſe toſende Schlachtmuſik gewöhnt. So nahe wie jetzt aber war ſie ihr nie geweſen, und ſo ſtark ihr Herz, ſo mächtig ihr Wille war, ſſie mußte zittern, denn das Gekrach und Streit in der Stadt wüthet; Gott ſei doppelt 6 —-— 360 ringsum hallte in den Bergen ſchreckenerregend wi⸗ der, die Häuſer bebten und die Fenſter klirrten, als ſollte Alles in Stücke und Trümmer zuſammen⸗ ſtürzen. Der Conferenzrath hatte ſich in einen Winkel zu⸗ rückgezogen; er hielt ſich die Ohren zu, denn er glaubte, ſie müßten ihm zerſpringen. Helene eilte zu ihm und mit bebender Stimme tröſtete ſie ihn. Er blickte ſie liebevoll an und drückte ihr zärtlich die Hände, aber ſprechen konnte er nicht, ſein morſches altes Herz war nicht mehr ſtark genug, ſolchen ſchrecklichen Tönen männlich Widerſtand zu leiſten. Je ängſtlicher, hin⸗ fälliger er aber wurde, um ſo muthiger erhob ſich Helene, und als der Kampf erſt eine Stunde gewü⸗ thet, fühlte ſie ſich jederlei Gefahr gewachſen, denn ſie hatte Zeit gehabt, ihre Nerven zu beruhigen und zu ſtählen. So flogen in unausgeſetzter Aufregung die Stun⸗ den raſch und werderbenvoll vorüber. Kein Menſch im Hauſe wußte, wohin der Sieg ſich neigte, denn keiner war dazu zu bewegen, das Haus zu verlaſſen, in dem man ſich ſicher glaubte, da es von allen Häuſern der Stadt am weiteſten vom Kampfplatze entfernt lag. Und das war richtig. Bis hierher zwar konnten die Geſchoſſe der Schleswig⸗Holſteiner wohl 361 dringen, aber ſie richteten ſie nicht ſo hoch, da ſie ihre Gegner dicht vor ſich hatten. Als es neun Uhr war und der Kampf immer noch nicht beendigt ſchien, ja mit kurzen Unterbrechun⸗ gen ſich immer wüthender erhob, fühlte Helene end⸗ lich das Bedürfniß, einige Nahrung zu ſich zu neh⸗ men. Sie aß und trank, was vor ihr ſtand, haſtig, im Stehen, und darin wenigſtens ahmte ihr der Oheim nach. „Laß uns ein Glas Wein trinken, Oheim,“ ſagte ſie plötzlich,„ich fühle das Bedürfniß danach und mir iſt zu Muthe, als müßte bald Alles entſchieden ſein, denn es ſtrömt wie von oben her eine Beruhigung in mich ein, die mich wie auf Flügeln des Windes aufwärts hebt.“ Schon war Helene dem Conferenzrath ein Orakel geworden. Er ſprang empor und klingelte nach Wein. Sogleich wurde er gebracht; der Diener hatte die Flaſche ſchon entkorkt, ſie auf einen Tiſch geſtellt und war wieder hinausgegangen, da hörte man den Galopp eines Pferdes den Hügel heraufkommen, und hinter ihm her, näher und näher rückend, krachten die Salven, als würden ſie zu einer Luſtbarkeit abge⸗ feuert. 36² Beide ſprangen an ein Fenſter. Und in der That, ein einzelner Mann zu Pferde, in Civilkleidern, kam haſtig dahergeſprengt; er ſchien keinen ſicheren Aus⸗ gangspunkt zu wiſſen, denn er warf ſein Pferd bald links, bald rechts herum. Jetzt war er dicht vor dem Hauſe, und ſchon glaubte man, er wolle Einlaß be⸗ gehren, da wandte er ſich plötzlich wieder links und ſchlug die Straße ein, die nach Norden führt. Noch eine Weile hörte man den Galopp ſeines Pferdes, aber bald war er in dem Hurrahgeſchrei und den ein⸗ zelnen Schüſſen, die aus der Ferne herübertönten, ver⸗ klungen. Der Conferenzrath hatte dieſen Mann feſt in's Auge gefaßt und beide Arme zum Himmel erhoben, als er dem Hauſe ganz nahe war. Ein unwillkür⸗ licher Verwunderungsſchrei entfuhr ſeinen Lippen und mit blitzenden Augen ſchaute er dem Davoneilen⸗ den nach. 1 „Wer war der Mann, kannteſt Du ihn?“ fragte Helene mit einer ſeltenen Gemüthsruhe. „Ha!“ rief der Oheim—„haſt Du ihn Dir ge⸗ nau angeſehen? Die Flucht dieſes Mannes ſcheint mir eine vollkommene Niederlage der Dänen anzu⸗ deuten— o, wie ich mich erfriſcht fühle!“ — 363 „Aber wer war er, wer war er, mein Oheim?“ „Wer er war, mein Kind? Schaue die lebendige Gerechtigkeit Gottes, ſie hält ihre Waage aufrecht über den Wolken und wankt nicht mit ihrem Arme. Das war der Anſtifter des ganzen ruchloſen Krieges, die Seele der Rebellion der Dänen gegen ihren Kö⸗ nig in Kopenhagen— der Mann, der den Schles⸗ wig⸗Holſteinern mit blutigen Striemen auf den Rücken ſchreiben wollte, daß ſie Dänen ſeien— das war der Amtmann von Veile— Orla Lehmann.“ „Wie? Dieſer blonde, bleiche Mann mit dem leb⸗ haft blitzenden Auge— Orla Lehmann?“ „Ja, mein Kind, das war er. Er iſt ein ſehr fähiger, verſtändiger, klarer Mann, das kann ich Dir verſichern, denn ich kenne ihn ſehr genau, aber ſein blinder Fanatismus, der nur die Wolken und nicht das Gewitter heraufziehen ſieht, hat ihn verführt. Was er ſieht, ſieht ihm Däniſch aus, und das iſt vielleicht ſein und unſer Aller Verderben.“ „Aber wie kommt er eigentlich hierher, da er doch Miniſter in Kopenhagen geworden war?“ „Das iſt er geweſen, mein Kind, und die Sache iſt ſehr einfach zu begreifen. Er hatte dem Könige und dem Lande eine Suppe eingebrockt; da es aber an's Auseſſen kam, ſchmeckte ſie ihm ſelber nicht, und 364 um ihn nicht Hungers ſterben zu laſſen, machte man ihn zum Amtmann von Veile, der ſchönſte Poſten in Jütland— aber ſieh da— was iſt das?“ Helene wandte ſich wieder zum Fenſter. Da ſah man erſt einzeln, dann in ſtärkeren Haufen die rothen Röcke der Dänen, untermiſcht mit grünen Jäger⸗ geſtalten, in vollem Laufe dahereilen. Die Straßen mit ihren Blutſpuren färbend, dann und wann von einer dazwiſchen fahrenden Kugel in einem Knäuel zu Boden geworfen, aber immer wieder vorwärts ge⸗ jagt von den verabſcheuten Rebellen, flohen ſie, wie Orla Lehmann, dem Norden zu, denn— ſie konn⸗ ten es ſich nicht länger verſchweigen— ſie hatten die Schlacht bei Kolding am 20. April verloren. Und zuletzt ihnen nach, im vollen Roſſeslaufe, wie zehn Gewitter raſſelnd und donnernd, ſprengten die däniſchen Geſchütze auch davon, hier und da einen blutenden Menſchen niederreißend, ohne Aufenthalt, nur um das koſtbare Geſchütz, viel koſtbarer als das dumme Menſchenleben, dem Könige von Dänemark zu erhalten. Ja, die Schleswig⸗Holſteiner, drei winzige Ba⸗ taillone, hatten die doppelt ſo ſtarken Dänen bei Kol⸗ ding geſchlagen! Schon am frühen Morgen hatten zwei Bataillone, 365 heranſtürzend wie die Eber, ſchnell wie die Hirſche und ſtark wie die Löwen, alle Verſchanzungen, Ver⸗ haue und Barrikaden an den Häuſern, an denen He⸗ lene vorübergekommen war, genommen. Wie die Windsbraut waren ſie dahergeſtürmt, wie der Orkan hatten ſie alle Hemmniſſe niedergebrochen. In unauf⸗ haltſamer Haſt dann, von einer Gluth der Begei⸗ ſterung vorwärts getrieben, wie ſie nur in dieſem Kriege ſich zeigte, hatten ſie ſich auf die Poſten vor der Brücke geworfen, dieſe zurückgejagt und waren nun auf die Brücke und ihre Barrikaden ſelbſt los⸗ geſtürzt. Hier aber hatten ſich die Dänen hinter Schanzen und Kanonen feſtgeſetzt und beſtrichen mit wohlgezieltem Kreuzfeuer den engen Weg. Selbſt aus den zunächſt gelegenen Häuſern, deren Fenſter man in Schießſcharten umgemauert hatte, ſchoſſen ſie auf die andringenden Deutſchen herunter; aber dieſe, keine Kugel achtend, ſtürmten mit Hurrahgeſchrei über die Brücke, warfen Soldaten und Bürger, die ſich auch zum Theil bewaffnet, über den Haufen und ſchlugen ſie endlich ganz in die Flucht. Wild und ordnungslos genug ging dieſe Flucht vor ſich. Aus allen Thoren, nach allen Richtungen liefen und ſprengten die Dänen davon, um den ver⸗ folgenden Schleswig⸗Holſteinern zu entkommen, und, ——ᷓyya — ——— 366 hätten dieſe nur hinreichende Kavallerie gehabt, ſie würden ſie noch ärger zugerichtet haben. So war der Sieg bei Kolding errungen; auf den Thürmen der Stadt flatterte die deutſche Fahne, weiter nach Norden aber vorzudringen, war diesmal nicht gelungen. Vor den Thoren der Stadt hatten ſich die Dänen wieder verſchanzt und ſchwärmten außerhalb derſelben herum. Das Hauptziel des Ta⸗ ges aber war erreicht, die übermüthigen Dänen wa⸗ ren zum erſten Male aus einer ihrer Städte gejagt, hatten viele Leute verloren, die entweder todt auf dem Platze lagen oder als Gefangene in den Händen der Deutſchen geblieben waren, und die Schleswig⸗Hol⸗ ſteiner ſaßen nun triumphirend in den Straßen und Häuſern der däniſchen Stadt und ließen ſich wohl ſchmecken, was für jene bereitet war. Einen traurigeren Tag hatten die Bewohner Kol⸗ ding's nie erlebt, und doch ſollte er nur das Vorſpiel eines viel blutigeren und traurigeren ſein. Alles was ſich in ſeine vier Pfähle zurückziehen und gegen die Feinde abſchließen konnte, zog ſich zurück und ſchloß ſich ab, und dieſe waren für jetzt zu ſchwach, ſich mit Gewalt alle Thüren zu öffnen, oder ſie woll⸗ ten die Gewalt, die ſie hatten, nicht anwenden, um nicht den Namen von Kannibalen und Rebellenhaufen —64 zu verdienen, womit ſie die däniſchen Zeitungen ohne Grund zu bezeichnen pflegten. Auch zogen ſie es bei der bekannten Stimmung der Einwohner vor, auf den Straßen, Plätzen und in einzelnen unbewohnten öffentlichen Gebäuden ihr Bivouak aufzuſchlagen und ſich hier von ihren Strapazen zu erholen. Mit ſchlei⸗ chendem Fuße, ingrimmigem Drohblick und kaum ver⸗ hehlter Mordgier bewegten ſich einzelne Vagabunden ſpionirend in den Gaſſen umher und ſelbſt dem ver⸗ biſſenen Weſen der höheren Bürgerſchaft, deren Mit⸗ glieder hier und da auf den Straßen zu thun hatten, konnte man deutlich anmerken, daß ſie noch nicht, wie man zu ſagen pflegt, aller Tage Abend gekom⸗ men glaubten. Viele Häuſer blieben ganz verſchloſ⸗ ſen, und Niemand begehrte in ſie einzutreten, und zu dieſem letzteren gehörte des Conferenzraths Parrhiſius Haus. Glücklicherweiſe war es abgelegen genug, um dem Hauptanlaufe nicht preisgegeben zu ſein; wenn ein Deutſcher ſich aber dahin verirrt hätte, ſo würde er mit dem Empfange zufrieden geweſen ſein, der ihm daſelbſt bereitet war. Aber die Schleswig⸗Holſteiner bewegten ſich nicht in ſo weitem Kreiſe umher, wahr⸗ ſcheinlich erwarteten ſie einen Ueberfall, denn ſie arbei⸗ teten fleißig an den Schanzen und Verpfählungen, welche die Dänen gegen ſie ſelbſt errichtet, um ſie 368 jetzt wieder gegen die Dänen aufzuwerfen, und riſſen einige brennende Häuſer ein, um das Weitergreifen der Flammen zu verhüten. Außerdem aber betrugen ſie ſich menſchlich, forderten von der Stadtobrigkeit nur, was ſie beanſpruchen konnten, und rüſteten ſich, einem neuen Angriffe der Dänen gewachſen zu ſein, weshalb ſie mit der Botſchaft ihres Sieges, die ſie nach Süden ſchickten, die Bitte um Beiſtand ver⸗ banden. Im Hauſe des Conferenzraths ging es an dieſem Tage ſehr ſtill und beklommen her, denn Helene war von einer neuen Sorge befallen worden. Wohl hun⸗ dertmal hatte ſie gefragt, in welcher Richtung das Rathhaus liege, und mit Schaudern daran gedacht, daß das Feuer es erreichen und dann Niemand aus den finſteren Gewölben gerettet werden könne. Nach Tiſche hatte der Conferenzrath einen vertrauten alten Diener ausgeſchickt, dem ſich Hans Blachmann frei⸗ willig angeſchloſſen, und dieſe brachten die Nach⸗ richt zurück, daß das Rathhaus unverſehrt ſei, daß die Deutſchen auch ſchon die Gefängniſſe durchſucht, aber Niemanden darin gefunden hätten. „Wie?“ fragte Helene, als ſie das hörte—„Nie⸗ manden gefunden? Sie werden ſie doch nicht um⸗ gebracht haben?“ 369 „O nein doch,“ ſagte Hans Blachmann,„erſt recht nicht— ſie haben ſie gewiß heute Morgen fortge⸗ ſchleppt, denn ſie werden nicht ſo dumm ſein, ihre mit ſo vieler Mühe zuſammengeſuchten Gefangenen in die Hände ihrer Angehörigen fallen zu laſſen.“ Das war nun wieder eine neue Qual, in die man unvermuthet gerathen, und der alte Diener wurde noch einmal nach dem Rathhauſe geſchickt, um wo⸗ möglich den Bürgermeiſter zu ſprechen und zu fragen: wo der bewußte Gefangene ſei. Als der Diener nach langem Bemühen den Bür⸗ germeiſter einen Augenblick ſprechen konnte, ſandte die⸗ ſer ihn mit einem Gruße heim und verſprach, ſelber vorzuſprechen, ſobald er einen Augenblick Zeit gewin⸗ nen könne. Man ſolle ſich dübnigens nicht ängſtigen, fügte er hinzu. An eine Reiſe konnte alſo für dieſen Tag gar nicht gedacht werden, und den alten Oheim in den jetzigen Verhältniſſen allein zu laſſen, ſchien Helenen unmöglich zu ſein, auch mußte ſie erſt Genaueres über Henrik's Verbleiben erfahren, und ſo hatte ſie Grund genug, noch einige Tage in Kolding zu bleiben, und damit war der Oheim vollkommen zufriedengeſtellt. Als es finſter geworden war, die Bivouakfeuer der Sieger aber die Straßen und Plätze tageshell erleuch⸗ „A. Burns. III. 24 370 teten, kam der Bürgermeiſter, um ſein Verſprechen zu halten, in das Haus des Conferenzraths. Aber wie wunderbar verändert ſah der gute Mann aus! Die ungeheure Laſt und das Weh des einen Tages hatte ſeine Schultern niedergedrückt, er ſchien zerknickt an Geiſt und Leib, er gähnte fortwährend und ſank faſt erſchöpft auf einen Seſſel, ſobald er in's Zimmer ge⸗ treten war. b Nachdem er ein Glas kräftigen Weins dankbar angenommen und geleert hatte und ſchon Helenens Augen erwartungsvoll auf die ſeinigen gerichtet ſah, ſagte er:„Ja, meine junge Dame, unſer Schickſal hat ſich ſchnell umgewandelt; geſtern konnte ich Sie zu meiner Gefangenen machen, und heute bin ich 3 der Ihrige. Unſer Reich iſt für jetzt aus. Ich kann ¹ Sie nicht mehr zur Unterſuchung ziehen, der Amtmann von Veile iſt fort und ich— ich bin frei von dieſer Verantwortung wenigſtens. Sie können alſo gehen, wann und wohin Sie wollen, vorausgeſetzt, daß Sie die Richtung nach dem Süden wählen.“ „Ach, was mich betrifft, mein Herr,“ erwiderte Helene,„ſo ſorgen Sie ja nicht um mich, ich habe mich längſt in das Unvermeidliche ergeben— aber der Gefangene— Sie ſagen ja nichts von ihm—“ „Ja, der Gefangene,— richtig! Das wollt' ich 371 Ihnen ſagen. Der iſt auch fort. Kaum hatte das unerwartete Gefecht heute Morgen begonnen, ſo brachte eine Stafette den Befehl, alle Gefangenen augenblick⸗ lich nach Fridericia zu ſchaffen; die Schiffe, ſie wei⸗ ter zu bringen, lägen ſchon bereit.“ „Schiffe? Und wohin denn? Ich bitte Sie, thei⸗ len Sie mir Alles mit, was Sie wiſſen.“ „Ganz gewiß, meine junge Dame— aber wie ſoll ich das wiſſen? Ich vermuthe jedoch, daß man ſie nach Kopenhagen bringen wird, um ſie dort vor ein Gericht zu ſtellen.“ „Kopenhagen!“ rief Helene Sylbe für Sylbe, und ein tiefer Seufzer drang aus ihrem Herzen hervor. „Das iſt gut, das iſt ſehr gut!“ rief der Con⸗ ferenzrath frohlockend. „Gut, mein Oheim, ſehr gut? Und warum, wenn ich fragen darf?“ „Das will ich Dir ſagen, mein Kind. Wenn wir beſtimmt wiſſen, daß er nach Kopenhagen gebracht iſt, ſo könnte man dort am meiſten für ihn wirken. Ich habe große und mächtige Verbindungen daſelbſt.“ „O, mein theurer Oheim!“ rief Helene und warf ſich, von neuer Hoffnung erfüllt, in ſeine Arme. Der Bürgermeiſter erhob ſich, verſprach Alles auf⸗ zubieten, um den Ort zu erfahren, wohin man die 24* — ————— 372 Gefangenen gebracht und entfernte ſich mit ſchwan⸗ kendem Schritte, um das Wohl der Stadt, der er ſo lange im Frieden vorgeſtanden, auch im traurigen Kriege zu bedenken. „Und wollteſt Du wirklich Henrik's halber nach Kopenhagen, mein Oheim?“ fragte Helene ſchmeichelnd. „Nun ja, warum nicht? Wenn das ſo fort geht, verliere ich ohnedieß den Muth, hier zu bleiben. Ge⸗ ſtern waren wir Däniſch, heute ſind wir Deutſch, und wer weiß, ob wir morgen nicht wieder Däniſch ſind.“ „Das verhüte Gott!“ „Er verhüte es. Darauf aber verlaß' Dich, ſobald Du dieſer Stadt den Rücken gekehrt haſt, bleibe ich keine Stunde länger hier.“ „O, mein Oheim, ſo will ich ſogleich duſweihen. wenn es Dir hier ſo drückend iſt.“ „Bewahre! So raſch kann ich nicht reiſen. Zwei, drei Tage gebrauche ich, um mein Haus in gehörigen Stand zu ſetzen, denn ich habe zu ſorgen, zu ſchaffen; ich bin kein Jüngling mehr, mein Kind, der heute hier, morgen dort zu Hauſe iſt— bewahre!— Aber wenn es Dir nach einigen Tagen beliebt und Du mich nicht nach Kopenhagen begleiten willſt, dann in Gottes Namen!“ 373 Helene ſchüttelte ſanft den Kopf.„Gehe Du nach Kopenhagen,“ ſagte ſie,„thue dort Dein Möglichſtes — ich verlaſſe mich auf Dich— ich kehre nach Em⸗ merslund zurück, denn dahin rufen auch mich Pflichten.“ „So ſei es, mein Kind; und nun wollen wir uns an das Einpacken meiner Sachen begeben, und wenn wir damit fertig ſind, übergebe ich mein Haus einem Diener und der Köchin, damit Freund oder Feind darin verpflegt werden kann— ich aber gehe auf und davon!“ Und ſo war es beſchloſſen und Alles im Hauſe, was Hände hatte, begab ſich an's Einpacken der werth⸗ vollſten Beſitzthümer des reichen Hausherrn. Am 23. April Morgens wollte der Conferenzrath nach Fridericia fahren, um ſich von dort nach Kopenhagen einzuſchiffen, während Helene zu derſelben Zeit ihre Rückreiſe nach Emmerslund antrat. Einige Straßen und Plätze, ſo wie die Verthei⸗ digungsanſtalten der Stadt und einzelne zu Kaſernen benutzte Gebäude ausgenommen, herrſ gen Theilen Koldings eine unheildrohende Stille. Von den Bürgern ſah man faſt keinen bei Tage ſeinen Geſchäften nachgehen, nur des Abends regte es ſich unheimlich in einigen abgelegenen Winkeln, und na⸗ —————— — ——— chte in den übri⸗ 374 mentlich in der Nähe des Hafens machte ſich Nachts unter ehemaligen Matroſen und einem gewiſſen Theile der niedrigen Bevölkerung eine auffallende Bewegung bemerklich. Unter der am fanatiſchſten däniſch geſinn⸗ ten Einwohnerſchaft liefen ſchon ſeit dem Tage der verlorenen Schlacht Gerüchte um, die man ſich an⸗ fangs nur verſtohlen zuflüſterte, allmälig aber mit frohlockender Miene eifriger und kühner verbreitete. Einige wollten wiſſen, der Amtmann von Veile ſei wieder verkleidet in die Stadt gekommen, um die Bürgerſchaft zu einer großen That aufzuregen, die ſich natürlich auf das Verderben der Feinde bezog; die ganze däniſche Armee, vom Norden heranmarſchirt und vom Süden her durch Schiffe herbeigezogen, würde ſich jählings auf die Stadt werfen, alle Deutſche ver⸗ tilgen und eine blutige Rache für die Niederlage am 20. April nehmen. Bis zu des Conferenzraths Hauſe drangen dieſe unheilvollen Gerüchte nicht, ſonſt würden ſie daſelbſt eine Beſchleunigung des beabſichtigten Auszuges ver⸗ anlaßt haben; die drückende Schwüle einer mißlichen Lage aber verbreitete ſich wie eine anſteckende Krank⸗ heit durch die ganze Stadt, wirkte alſo auch beun⸗ ruhigend auf die Bewohner des einſamen Hauſes ein, und je länger ſie in derſelben verweilten, um ſo un⸗ 375 heimlicher und ängſtlicher wurde namentlich Helenen zu Muthe. Den Schleswig⸗Holſteinern aber hatte man dieſe Gerüchte nicht verbergen können, denn es waren ſehr viele unter ihnen, welche die däniſche Sprache ver⸗ ſtanden, und die blindlings wüthenden Dänen hatten ſich nicht immer ſo in ihrer Gewalt, ihre feindſeligen Blicke, ja nicht einmal ihre Zungen zu beherrſchen. Der Haß, der Widerwille, der Groll gegen die ſieg⸗ reiche ſogenannte Rebellenſchaar war ein gränzenloſer, das verſchwiegen ſie auf keine Weiſe, und wenn es noch einmal und hoffentlich bald zum Kampfe käme, drohten ſie überall, ſo würde derſelbe nothwendig ein ſchrecklicher und verderbenbringender ſein. Daher hat⸗ ten die Deutſchen denn auch bald alle möglichen Vor⸗ kehrungen zur kräftigſten Abwehr getroffen. Zwei Bataillone Infanterie, zwei Jägercorps bivouakirten in der Stadt ſelbſt, und der andere größere Theil der Armee, ſofern er nicht ganz im Süden ſtand, dehnte ſich, aus lauter Schleswig⸗Holſteinern beſtehend, weſt⸗ wärts von Kolding gegen das Dorf Vanderup aus. So hielten ſie die Augen offen und ihre Herzen ſchlugen getroſt einem neuen und gewaltigen Kampfe entgegen. Die Nacht vor dem 23. April war gekommen. 376 Die Vorbereitungen zur Abreiſe der Herrſchaften im Hauſe des Conferenzraths waren beendet; Alles war beſtimmt, was in Abweſenheit des Herrn geſchehen, wie man den Anſprüchen Aller, wer ſie auch ſein mochten, begegnen, und was man in dieſem oder je⸗ nem Falle zu thun bereit ſein ſollte. Ueber Henrik waren keine genaueren Nachrichten eingegangen; der Bürgermeiſter aber hatte noch am Abend vorher, als er freundſchaftlich die Oberaufſicht des Hauſes über⸗ nommen, die beſtimmte Ueberzeugung ausgeſprochen, er ſei nach Kopenhagen gebracht, und das wurde denn auch jetzt für das Wahrſcheinlichſte gehalten. Helene hatte ſich früh zur Ruhe begeben, nicht etwa, weil ſie wieder ſehr ermüdet war, ſondern weil ſie allein ſein wollte und in ungeſtörter Ruhe ihre Abreiſe ſchneller herbeizuführen ſich einbildete. Aber darin hatte ſie ſich diesmal getäuſcht. Zwar war ſie bald eingeſchlafen, aber ſie erwachte mitten in der Nacht, und da ſie es zu dunkel fand, um ſich ſchon anzukleiden, ſo blieb ſie wachend im Bett liegen. Kurz darauf hörte ſie die große Wanduhr im Zimmer des Oheims ſchlagen, und zu ihrer Verwunderung war es erſt eine Stunde nach Mitternacht. Da ſie ſich aber nach dem dreiſtündigen Schlummer vollkommen geſtärkt fühlte, bemühte ſie ſich nicht, noch einmal 377 den Schlaf herbeizurufen, und rückſichtslos gegen ihre eigene Behaglichkeit gab ſie ſich von Neuem der Fluth ihrer Gedanken hin. Was hatte ſie in Kolding erreicht? fragte ſie ſich vor allen Dingen. War es Viel oder Wenig? Es war Beides. Viel in Bezug auf Das, was ſie nicht erreichen gewollt, Wenig in Bezug auf Das, was ſie wirklich beabſichtigt hatte. Wohl hatte ſie Henrik ge⸗ funden, ihn geſprochen, ihn getröſtet, aber befreit— nein! Das hatte ſie nicht. Und doch war dies der eigentliche Hintergrund ihrer geheimſten Gedanken ge⸗ weſen. Vielleicht wäre es ihr gelungen, wenn der Kampf nicht ſtattgefunden, die unglückliche Brieftaſche nicht verloren gegangen und der Gefangene ihr nicht entriſſen worden wäre, vielleicht aber auch nicht.— Was hatte ſie aber erreicht, was ſie nicht zu erreichen die Abſicht gehabt? Zunächſt die vollkommene Zu⸗ neigung ihres alten kinderloſen Oheims. Er hatte ihr in den letzten Tagen hinreichende Beweiſe davon gegeben, indem er ſie ehrlich nicht allein in ſein po⸗ litiſches Hausweſen, ſondern auch in ſeine übrigen Familienangelegenheiten und namentlich ſeine finan⸗ ziellen Verhältniſſe blicken ließ, welche letztere ſehr anſehnlich waren, und deren künftige Beſtimmung er in ſeiner altväteriſchen plauderhaften Art durch 378 mannigfache Anſpielungen der Nichte verrathen hatte. Außer dieſer Zuneigung ihres Oheims aber hatte ſie noch etwas Anderes erreicht— etwas, was wir nicht ſo deutlich bezeichnen können, und was ſie ſelbſt nicht mit einem beſonderen Namen nannte, was aber dennoch die Ueberzeugung, das tiefinnere Bewußtſein in ſich ſchloß, daß ihr ferneres Lebensglück eine be⸗ ſtimmtere Richtung durch dieſe Reiſe erhalten habe, als ſie kurz vorher für möglich gehalten,— daß ſie, mit einem Worte, nicht mehr ganz allein im Denken und Fühlen auf dieſer Welt ſtehe, und daß ein fremdes Geſchick Macht und Bedeutung über das eigene ge⸗ wonnen habe. Ach! aber ſo ſüß dieſe Entdeckung auch war, ſo ſchrak ſie doch davor wie vor einem unſeligen Irrthum zurück. Wie, wenn ſie ſich dies⸗ mal nicht in ſich, ſondern in einem Anderen getäuſcht, wenn ſie die Wolke für den Himmel, den Tropfen für das Meer gehalten hätte? Nein, nein, nein! Das wäre etwas grauenhaft Entſetzliches, viel ent⸗ ſetzlicher als Alles, was ſie in ihrem bisherigen Leben Trübes und Trauriges erlebt. Darum hinab in den tiefſten Grund der Seele mit dieſem ſüßen Geheimniß! Keines Menſchen Blick— er mag ſo edel und ſo treu ſein, wie er will— darf darauf fallen, keiner Sonne Licht in ſein Dunkel ſcheinen— ſie, ſie allein ſoll die einzig eingeweihte Hüterin dieſes Geheimniſſes ſein und ſelbſt ſie will ſo wenig wie möglich daran denken und es feſt im Innerſten ihres Herzens ver⸗ ſchließen, damit es ihr nicht etwa im Schlafe über die gedankenloſe Lippe ſchlüpfe, damit es die Lüfte nicht in ihren Seufzern hören, die, dämoniſchen Ur⸗ ſprungs, es weiter in die Welt und ihre Straßen tragen könnten. Das waren im Allgemeinen die Betrachtungen, denen ſich Helene in dieſer Nacht überließ, bevor ſie ihren Fuß wieder in die Heimat zurückſetzte, das die Sorgen, die ihre Augen offen und ihren Geiſt mun⸗ ter erhielten. Als ſie aber die alte Uhr die dritte und endlich die vierte Morgenſtunde ſchlagen hörte, hatte ſie keine Ruhe mehr im Bette. Seufßzend ſtand ſie auf, blickte das ſchneeweiße Lager liebevoll an und ſagte:„Auch hier habe ich zum letzten Male geſchlafen! So gehen wir armen Menſchen von einem Orte der Welt zum andern, bis wir an irgend einem Plätzchen zum letz⸗ ten Male die Augen ſchließen!“ Und ſie kniete vor ihrem Lager nieder, ſandte ein heißes Gebet zu Gott empor, dankte ihm für ſeinen gnädigen Schutz auch an dieſem Orte und bat ihn, ſeine Hand über alle ihre Lieben auszuſtrecken, deren Zahl ſich ſeit Kurzem um ein bedeutendes Haupt vermehrt hatte, was ſie auch Gott— und Gott allein— offen und ehrlich geſtand. Jetzt zündete ſie ihre Kerzen an und begann ſich langſam anzukleiden. Helene gehörte nicht zu den Frauen, die einen halben Tag gebrauchen, um für die andere Hälfte deſſelben mit ihrem Putze fertig zu werden und ohne Scheu an das Licht dieſes Tages zu treten. Ihre Schönheit an Antlitz und Geſtalt war ihr vollkommenſter Putz, und den verſtand ſie ſo raſch zu entwickeln und mit den ihm zugewieſenen äußeren Hüllen zu begaben, daß ſie, wenn es noth⸗ wendig war, in einer Stunde bereit ſein konnte, vor jedes Kenners prüfendes Auge zu treten. So war ſie aauch heute ſehr bald fertig und lauſchte nun, ob der alte Oheim noch nicht bei gleichem Geſchäfte wäre. Aber nein, es war noch Alles ſtill in ſeinem Zimmer. Da erfaßte ſie plötzlich eine eigenthümliche Unruhe. Es ſchien ihr Zeit zu ſein, an den Aufbruch zu den⸗ ken, und doch ſchlief vielleicht gar der Oheim noch. Wenn er ſich nun verſchliefe— nein, das durfte nicht ſein; und damit ſie ſicher wäre, daß dies nicht geſchehe, wollte ſie ihn ſelber wecken. Auf den Fuß⸗ ſpitzen glitt ſie durch das Zimmer, welches ſein und 21. ihr Schlafgemach trennte, öffnete leiſe die Thür und trat, ohne das geringſte Geräuſch zu verurſachen, in ſein Zimmer ein. Der gute Alte lag wirklich noch zu Bette hinter den grünſeidenen Vorhängen und ſchlief feſt. Sie ſetzte das Licht auf den Tiſch, zog leiſe einen Vorhang zurück, kniete an ſeinem Bette nieder und drückte einen ſanften Kuß auf ſeine herab⸗ hängende Hand. Er ſchlug ſogleich die Augen auf und ſchien erſchrocken; als er aber Helenen an ſeiner Seite ſah und ihre warmen Lippen noch auf ſeiner Hand zu fühlen glaubte, lächelte er mild und ſtreckte ihr die Rechte entgegen. „Schon auf, mein Lämmchen? Ei, guten Morgen, mein Kind. So ſüß bin ich lange nicht geweckt wor⸗ den— ach! daß Du immer bei mir bliebeſt!“ „Guten Morgen, mein Oheim! Aber Du ſchläfſt ja ſo lange— Du haſt doch nicht vergeſſen, daß wir früh reiſen wollen? O bitte, beeile Dich etwas, da⸗ mit wir fort kommen, ich habe keine Ruhe mehr in Kolding.“ „Du haſt Recht— ich auch nicht. Ich will ſo⸗ gleich aufſtehen.“ „Ich gehe ſogleich hinaus, nur ein Wort will ich Dir noch ſagen und das kannſt Du hier hören.— 382 Nicht wahr, Du wirſt Dir alle Mühe in Kopenhagen geben? O bitte, bitte!“ Der Alte lächelte und ſtreichelte der ihn Liebkoſen⸗ den das glänzend ſchwarze Haar.„Ja,“ ſagte er, „alle Mühe werde ich mir geben, und wenn wir Frie⸗ den haben und meine Alte in Kopenhagen bleiben will, dann bringe ich ihn Dir vielleicht ſelbſt— nun, meinteſt Du denn etwas Anderes?“ Heelene hatte ſich ſchon erhoben und den Kopf ab⸗ gewandt, um dem Oheim nicht das glühende Geſicht zu zeigen, in welches alles Blut aus dem Herzen ſtürmiſch hinaufflackerte.„Steh auf, ſteh auf!“ rief ſie ihm zu.„Ich werde das Frühſtück in mein Zim⸗ mer tragen laſſen!“ Und damit war ſie zur Thür hinausgehüpft, nachdem ſie dem Oheim die Kerzen vor dem Spiegel angezündet. Bald nach fünf Uhr ſaßen ſie am Frühſtückstiſche. Ernſt Baring kam herein und fragte, ob er das Ge⸗ päck aufſchnallen ſolle. Helene nickte. Er nahm den Koffer und trug ihn hinaus. Auch der Conferenz⸗ rath fragte, ob ſein Wagen in Bereitſchaft ſei und erhielt den Beſcheid, daß nur die Pferde noch vorge⸗ legt zu werden brauchten. In dieſem Augenblicke dröhnte, wie ein Donner⸗ ſchlag aus heiterer Höhe, ein dumpfer Kanonenſchuß in der Ferne, dem ſogleich ein zweiter und dann mehrere folgten. Helene blickte ihren Oheim mit Ent⸗ ſetzen an; dieſer erhob ſich halb von ſeinem Stuhle, fiel aber zitternd ſogleich wieder darauf nieder. Faſt zu gleicher Zeit kam einer der alten Diener des Con⸗ ferenzraths hereingeſtürzt und ſchrie:„Die Dänen, Herr, die Dänen! Sie ſind von Norden her in die Stadt gedrungen und jagen die Deutſchen vor ſich her.“ Dieſer letzte Beiſatz, ſo unheilvoll er ſich anhörte, gab Beiden den Muth wieder.„Tölpel!“ rief der alte Couferenzrath ärgerlich,„So raſch laufen die Deutſchen nicht vor den Dänen davon.“ Aber ein Kampf hatte ſich wirklich entſponnen, und da in dieſem Augenblicke auch mehrere Kriegs⸗ ſchiffe im Hafen ſichtbar wurden, die ihr Feuer auf die Brücke eröffneten, welche die Schleswig⸗Holſteiner beſetzt hielten, ſo war den Reiſenden der Weg ver⸗ ſperrt und Oheim und Nichte wieder Gefangene im eigenen Hauſe. Die Tages zuvor in der Stadt umlaufenden Ge⸗ rüchte beſtätigten ſich auffallend genau. Die Dänen hatten den Jahrestag der Schlacht bei Schleswig zu dieſem Angriff gewählt, nicht allein um jenem Un⸗ glückstage eine neue und verbeſſerte Gedenktafel auf⸗ 384 zurichten, ſondern auch um denſelben für ſich ſelbſt zu einem Feſttage umzuwandeln, indem ſie ihre Tod⸗ feinde mit Stumpf und Stiel ausrotteten. 19 Ba⸗ taillone Infanterie, 14 Schwadronen Kavallerie und eine bedeutende Artilleriemacht, außerdem noch unter⸗ ſtützt von ſchwer bewaffneten Kanonenbooten, zogen zu dieſem Behufe vom Norden heran, glühend vor Eifer, den tollkühnen Rebellen eine große, und wo möglich letzte Schlacht zu liefern. Einem an Zahl ſo überlegenen Feinde konnten die zwei Bataillone Infanterie und zwei Jägercorps Schleswig⸗Holſteiner in Kolding nicht lange Wider⸗ ſtand leiſten, zumal ſie nur wenige Geſchütze hatten, und nach wackerem Kampfe fingen ſie an zu weichen, während die Dänen, mit ihren feſten Maſſen ſchwer nachdrückend, immer mehr Raum gewannen. So zog ſich der Kampf von Norden nach Süden durch die ganze Stadt; langſam, ruhig, fortwährend fechtend, gingen die Schleswig⸗Holſteiner vorſichtig zurück; im⸗ mer heftiger, maſſenhafter warfen ſich die Dänen vor⸗ wärts und endlich— endlich waren ſie wieder Meiſter der Stadt. Herunter vom Thurme ſank die deutſche Fahne und der blutige Danebrog wirbelte wieder keck in den heimatlichen Lüften. Da brach denn ein end⸗ loſer Jubel in dem triumphirenden Kolding aus, 5 385 brüllendes Siegesgeſchrei erhob ſich aller Orten; die Bürger taumelten auf die Straßen, tranken Brüder⸗ ſchaft mit den Rothröcken, die ſie ſo bald wieder erhal⸗ ten, und tauſend wilde Flüche ſchallten den Schleswig⸗ Holſteinern auf die Höhe nach, hinter welche dieſelben ſich zurückgezogen hatten. Ein wildes bacchantiſches Zechgelage entwickelte ſich auf den von Menſchen wimmelnden Straßen, und ein Theil der Bataillone, die nicht im Feuer geweſen, kamen mit Handwerk⸗ zeugen aller Art herbei, verrammelten die Stadt und die Brücke, bauten Barrikaden von allen möglichen herbeigeſchleppten Gegenſtänden auf, mauerten Fenſter und Thüren in den Häuſern zu, legten Hinterhalte und Schießſcharten darin an und rüſteten ſich, den Feind, wenn er etwa noch einmal wiederzukommen wagen ſollte, mit blutigen Köpfen heimzujagen. Im Hauſe des Conferenzraths, bis wohin ſich die Wogen des jubelnden Menſchenſchwarmes allmälig fortpflanzten, herrſchte Beſtürzung und Schrecken über die unerwartete Wandelung der Dinge. Er ſelber hatte keine Worte mehr, und Helene vergoß Thränen, eben ſo vor Betrübniß, daß ſie nicht früher aufge⸗ brochen, wie aus Schmerz, daß dieſe Wandelung mög⸗ lich geweſen war. Aber es war nicht zu ändern, man mußte ſich in ſein Schickſal ergeben. Die Koffer A. Burns. III. 25 — — 386 wurden wieder von den Wagen geſchnallt und in ein Zimmer eingeſchloſſen. Ein Haufe Dänen, der ſich lärmend dem Hauſe näherte, wurde eingelaſſen und auf Begehren mit Speiſe und Trank bewirthet. So war es allmälig zehn Uhr geworden und man hielt von däniſcher Seite den Sieg für geſichert. Lang und ſchwer ſchlichen den Einen im Hauſe die Stun⸗ den hin, frohlockend und zechend verpraßten ſie die Anderen. Da aber ſollte etwas geſchehen, was Niemand er⸗ wartet hatte. Die Schleswig⸗Holſteiner hatten ſich auf der Anhöhe vor Kolding geſammelt und Ver⸗ ſtärkung erhalten, namentlich waren ihnen zwei Bat⸗ terieen ſchwerer Geſchütze zu Hülfe gekommen. Plötz⸗ lich eröffneten ſie damit auf die ſiegträumende Stadt ein mörderiſches Feuer und rückten im Sturmſchritt von der Höhe herunter. Ihre erſte Bemühung war, die läſtigen Schiffe zu entfernen, und das gelang ih⸗ nen glücklicherweiſe ſehr bald. Denn dieſe, ihres Ver⸗ luſtes bei Eckernförde noch lebhaft eingedenk, ſuchten, als ſie die Kanonen gegen ſich auffahren ſahen, eiligſt das Weite. Dadurch hatten die Schleswig⸗Holſteiner Luft bekommen, wenigſtens war ihre rechte Flanke nicht mehr bedroht. D'rauf und diran gingen ſie nun vor und mit Hurrahgeſchrei nahmen ſie wieder die —— —— Schanzen und die Barrikaden vor der Brücke und ſchleuderten ihr maſſenhaftes Feuer wuthentbrannt in die von Menſchen vollgeſtopfte Stadt. Da entſpann ü9 denn ein mörderiſches Gefecht, ein Blutbad ohne Gleichen. An der Brücke zunächſt bildete ſich ein nſchenknäuel, der ſich Schritt für Schritt in die tadt hineinwühlte, und ſo reichlich die Geſchoſſe der n aus Verſtecken und Häuſern dagegen flogen, Kreuzfeuer hinderte die Schleswig⸗Holſteiner nicht, — langſam aber ſicher kamen ſie vorwärts. Schon waren ſie wieder über die Brücke gedrungen. ier aber erwartete ſie eine neue Gefahr. Aus jedem 4 ſter begrüßten ſie die? Bugfen⸗ und Piſtolenkugeln Bürger; wer keine Schußwaffe hatte, ließ einen dnhet ſchwerer Steine auf ihre Köpfe regnen und dichtge⸗ ſchaarte Bataillone ſperrten in den engen Straßen den Weg, wo jeden Schritt eine Todesgefahr lauerte. Aber durch mußten ſie, immer durch; auf ihren Ba⸗ jonettſpitzen ſchwebte der Sieg, in Gemeinſchaft mit dem Haß und dem lebendig gewordenen Rachegefühl für ſo lange Jahre getragene Unbill und Ungerechtig⸗ keit, und Mann an Mann feſt gedrängt, keilten ſie ſich immer tiefer in die von Menſchen wogenden Straßen ein. Da aber die wüthenden Bürger ihnen von oben her der Todesgeſchoſſe zu viele auf den Hals η S — ] 9 G än ◻ & S —) 388 ſchickten, ſo fing man an die einzelnen Häuſer zu ſtürmen, die wie eben ſo viele Feſtungen vertheidigt wurden, und da begann denn das furchtbarſte Ge⸗ metzel. Wüthend in die Häuſer brechend, Thüren und Fenſter zerſchlagend und alle Möbel zerſplitternd, er⸗ griffen ſie die raſenden Uebelthäter, ſtürzten ſie aus den Fenſtern hinunter auf das Pflaſter und brachen ſich auf dieſe Weiſe Bahn, um ſich Luft und freien Durchgang zu ſchaffen. Hinter den alſo ſiegreich vor⸗ rückenden Truppen aber würgte der Todesengel in anderer und viel ſcheußlicherer Geſtalt. Fanatiſche, trunkene Bürger, namentlich Metzger mit ihren Fang⸗ meſſern bewaffnet, ſtürzten aus allen Thüren, und wen ſie von den Deutſchen blutend und wehrlos am Bo⸗ den fanden, ſtießen ſie das lange Meſſer in die Bruſt, in den Leib, um ihnen nur ſo viele Wunden wie möglich beizubringen, ſelbſt wenn ſie ſchon todt waren. Da erlagen denn Viele dieſem viehiſchen Taumelgeiſte, da war überall Röcheln und Stöhnen zu hören und die Straßen ſchwammen vom rothen Menſchenblute. Aber immer weiter, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus wälzte ſich die ſiegreich vordringende Woge und achtete des kleineren Unheils und der entfeſſelten Leidenſchaft der allmälig ermattenden Henkersknechte nicht, deren Grimm erſt nachließ, als ſie nichts mehr b 389 zu tödten und zu zerſtückeln fanden. Plötzlich aber fuhr ein paniſcher Schrecken unter die Dänen.„Es kommt Kavallerie— vorwärts d'rauf!“ ſchrie ein kühner hol⸗ ſteiniſcher Jäger, und wie vom Sturme weggefegt, wandten ſich mit einem Male die Dänen um und fingen Hals über Kopf an nach Norden zu laufen. Jetzt ſtürzten die Schleswig⸗Holſteiner, von Neuem befeuert, vorwärts, mit größeren Maſſen brachen ſie ſich Bahn, und von verſchiedenen Seiten her ſich die Hände reichend, umzingelten ſie ganze Haufen däni⸗ ſcher Soldaten, die um ihr Leben bittend die Gewehre ſtreckten. Noch hatte die große Kirchenuhr der Stadt nicht die erſte Stunde des Nachmittags geſchlagen, da war die Stadt ſchon wieder in die Hände der Deut⸗ ſchen gefallen; die Dänen aber, raſtlos verfolgt, flohen weit, weit nach Norden hinaus, und nicht eher hielten ſie in ihrem athemloſen Laufe an, als bis ſie ſicher hinter den Wällen von Fridericia oder in dem fernen Veile ſaßen. Hinter ihnen her aber, weithin die Kunde ihrer Niederlage tragend, wüthete das Element des Feuers. Halbe Straßen brannten ab, Häuſer ſtürzten ein, mehrere Gaſſen wurden von aufgehäuftem Geröll, Trümmern und Aſchenhaufen ganz ungangbar, Flam⸗ men und Rauch hüllten die ganze Gegend ein und 90 man mußte, um von Süden nach Norden zu gelan⸗ gen, große Umwege einſchlagen. Auch ein Theil der Bürger flüchtete oder verſteckte ſich in allen Löchern über und unter der Erde, und wo noch ein Haus heil und kalt war, da drangen die Schleswig⸗Hol⸗ ſteiner ein, vertrieben die Bewohner, griffen und ban⸗ den die Widerſpenſtigen und ruhten ſich endlich auf dem Lager ihrer Feinde aus. So war der Nachmittag gekommen und man ge⸗ wann einen Ueberblick über den vollſtändig errunge⸗ nen Sieg. Man ſammelte die Todten und Verwun⸗ deten, fuhr dieſe ſogleich nach Chriſtiansfelde und Hadersleben zurück und zählte die Gefangenen. 800 Dänen waren getödtet, 200 den Siegern in die Hände gefallen, und unter ihnen— ihr höchſter Triumph— der Amtmann von Veile, Orla Lehmann, der ſich in einem Hauſe verſteckt hatte, aber ergriffen wurde, ohne im erſten Augenblick erkannt zu werden. Zu den Flüchtigen aber gehörte auch— ſo er⸗ zählte man uns in Kolding— der König von Däne⸗ mark ſelber. Bei der Koldinger Mühle zu Pferde haltend, war er mit ſeinem Stabe ein Augenzeuge der Anſtrengungen ſeiner Krieger, die ſchwer verkann⸗ ten und verachteten Rebellenhaufen zurückzudrängen, aber auch Augenzeuge von dem Todesmuthe und der 391 heldenmüthigen Tapferkeit der Schleswig⸗Holſteiner, die ſo gern ihr Blut für ihren König, nicht gegen ihn verſpritzt hätten, wenn es ihnen geſtattet gewe⸗ ſen wäre. Erſt als Schaaren von Flüchtigen ſich um ihn ſammelten und ihm die unglaubliche Wahrheit klar zu machen verſuchten, daß der Tag der Nieder⸗ lage für das große d däniſche Heer gekommen ſei, erſt da überzeugte er ſich von dem traurigen. Irrthum, in dem er befangen geweſen, und ſoll gerufen haben:„Nun— dann iſt ja Alles verloren!“ worauf er ſeinem Pferde die Sporen gab und nach Norden davon ſpre Von den Schleswig⸗Holſteinern aber deckten 300 Todte das Pflaſter der Stadt, meiſt Söhne von Be⸗ amten, wohlhabenden Bürgern und Bauern— der Sieg war alſo nicht nur blutig, er war auch theuer erkauft, denn wieder waren 300 Familien des kleinen Landes von Schmerz und Leid über den Verluſt der Ihrigen heimgeſucht. Die Nachrichten von den in der Stadt vorgehen⸗ den Gräueln gelangten erſt ſpäter zu den Ohren der Bewohner des Hauſes auf dem Berge, als die Ueber⸗ zeugung des gewiſſen Sieges ſchon die Angſt aus ihren Herzen genommen hatte. Schleswig⸗Holſteiner ſelbſt waren es, die ihnen die einzelnen Vorfälle er⸗ zählten, als ſie durch Hans Blachmann erfuhren, 392 daß die Bewohner des Hauſes Deutſche ſeien. Nach⸗ mittags um drei Uhr zog ein leicht verwundeter Stabsoffizier bei dem Conferenzrath ein und konnte nicht genug ſein Glück rühmen, ſelbſt in Kolding wohlwollende Landsleute gefunden zu haben. In Folge dieſer glücklichen Einquartierung blieb das Haus von allen Requiſitionen verſchont, die man den übri⸗ gen Bewohnern der Stadt auferlegte, wie ſie früher die Dänen in Schleswig ſo meiſterhaft geübt. Bei'm Abendtiſche, an welchem der liebenswürdige Offtzier trotz ſeiner Verletzung Theil nahm, begrüßte man ſich perſönlich und nun erſt hörte der Fremde, ein wie ſeltſames Geſchick das Haus ſeines Wirthes ſeit dem 20. April zum zweiten Mal betroffen hatte. Er bot ſogleich ſeine Vermittelung an, wenn man noch ge⸗ ſonnen ſei, die längſt beabſichtigte Reiſe anzutreten, und das nahm man ſogleich dankbar an. Er begab ſich ſelbſt zum Etappen⸗Commandanten, ließ ſich für den Oheim und die Nichte eine Schrift ausfertigen, daß ihrer Abreiſe nichts entgegenſtehe und überbrachte ihnen ſpät am Abend dieſelben mit den herzlichſten Glückwünſchen. So war es denn Helenen beſchieden, noch eine Nacht in Kolding zu bleiben, diesmal aber ſtand ihrer Abreiſe am nächſten Morgen nichts im Wege. * — ——— — —. 393 Sie ſetzte ſich mit zu ihrem Oheim in den Wagen und ließ den ihrigen hinterherfahren, denn da die Stadt unwegſam war, indem die Trümmer d der vor⸗ angegangenen Verwüſtung noch alle Straßen bedeck⸗ ten, ſo mußten ſie Beide bis zur Koldinger Mühle den einzigen offenen Weg über die Berge einſchlagen. Als ſie die unglückliche Stadt, deren Brandſtätten noch Flammen und Rauch in die friſche Morgenluft emporſandten, hinter ſich liegen ſahen und die Augen auf das freie Feld vor ſich richteten, athmeten ſie hoch auf, es war ihnen, als ob der ſchreckliche Alp, der ſeit vier Tagen auf ihrer Seele gelaſtet, plötzlich gewichen wäre und dem köſtlichen Gefühle uneinge⸗ ſchränkter Freiheit und Befahrloſigirn Platz gemacht hätte. Hier am Fuße der Mühle endlich trennten ſie ſich. Heiße Schmerzes⸗ und Freudenthränen zugleich vergießend, lag Helene lange am Halſe des wackeren alten Mannes und nahm ihm noch einmal das Ver⸗ ſprechen ab, welches er ihr in Bezug auf den Gefan⸗ genen in Kopenhagen ſchon ſo oft gegeben hatte. Und auf ein fröhliches Wiederſehen in ruhigeren Zei⸗ ten hoffend und tauſend Segenswünſche ſprechend, ſetzte ſich der alte Herr in ſeinen Wagen und lenkte nach dem Norden hin, während Helene in den ihrigen ſtieg, begleitet von einer Ordonnanz zu Pferde— die 394 ihr der Stabsoffizier aus eigenem Antriebe mitgege⸗ ben— und dem Süden zufuhr. Der zerſtörten Stadt wegen und weil die Brücke davor nicht zu paſſiren war, mußte ſie einen großen Umweg machen, denn anſtatt ſich ſogleich von Kolding nach Chriſtiansfelde zu begeben, ſchlug Hans Blachmann den Weg über Wanderup, Oedies und Frörup ein. Hier erſt, nach⸗ dem ſie die grundlos ſandigen Wege jener traurigen Gegend überwunden, gelangten ſie auf die Straße nach Chriſtiansfelde, wo der Dragoner ſie verließ, um nach Kolding zurückzukehren, denn von jetzt an war keine Störung der Reiſe mehr zu befürchten. Zum raſchen Laufe trieb jetzt Hans Blachmann ſeine mun⸗ teren Pferde an, die lange genug Ruhe gehabt hat⸗ ten, um den etwas ſtarken Marſch nach Hauſe in einem Tage zurückzulegen, und nachdem Helene in Hadersleben eine Stunde bei derſelben Familie ſich aufgehalten hatte, die ſie auf ihrer Hinreiſe ſo gaſt⸗ freundlich empfangen, rollte ſie, von neuer Sehnſucht ihr Herz ſchlagen fühlend, dem lieben Emmerslund entgegen, welches ſie auch beim letzten Strahle der ſcheidenden Sonne glücklich und wohlbehalten erreichte. Ende des dritten Theils. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind ferner erſchienen: Die ſchöne Gabriele von A Auguſt Maquet. Aus dem Franzöſiſchen vollſtändig überſetzt von . 2dM S Ferd. Heine und Aug. Schrader. 10 Bde. 12. geh. 3 Thlr. 10 Ngr. Der vorſtehende höchſt feſſelnde Roman des geiſtreichen Mitarbeiters von Alex. Dumas bildet ſowohl den Anfang einer in elegantem Deutſch veranſtalteten vollſtändigen Ausgabe von„Aug. Maquet's neuere Nomane“ als auch ein gewiß Allen willkommenes Supplement zu Alex. Dumas': Die Fünfundvierzig. Das Haus Pirardl oder 8 ³ 8 2.—⁹ ÿ. 1 Fünfmalhunderttauſend FrancsRenten. Sitten⸗Roman von Dr. Louis Veron. Aus dem Franzöſiſchen vollſtändig überſetzt Auguſt Ichrader. 2 Bände. Schillerformat. 20 Neugr. Die Freimaurerei der Frauen. Roman von Charles Monſelet. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt Ferdinand Heine. 3 Bände. 12. 1856. geb. 1 ½ Thlr. Ferner: Glanz und Flitter. Gefellſchaftsbilder aus der Gedenwart. Von Eugen Hermann. 8°. 1856. geheftet 1 Thlr. 20 Ngr. Teonore von Monkey. „Romantiſche Erzählung von Wilh. Raeger. 2 Bände. 8⁰. 1856. geh. 2 Thlr. Junker Franz unter den Wilddieben oder das Nonnengrab. Romantiſche Erzählung von Wilh. Naeger. 3 Bände. 8⁰. 1855. geh. 3 Thlr. Der rothe Bartel und der Courierzug. Zwei Novellen von Wilh. Kargrr. 8⁰. 1856. geh. 1 Thlr. ſſſnfffſfff Aenun 14 15 17 18 1