auf 1 Monat: ſ der Bücher auf ihre eig beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen von.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. h, Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 8 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet wird.. 6 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus zbezahlt werden und eträgt: für echentlich 22 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————ãᷣ—— 1 Mtk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung eenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu Keyir haben. 4 eih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Andreas Burns und ſeine Familie. Bei Ch. E. Kollmann in Leipzig iſt erſchienen: Alfred, G., Kaiſerglück. Hiſtoriſcher Roman aus dem dreizehnten Jahrhunderte. 4 Bde. 80. geh. 1856. 6 Thlr. Hermann, E., Glanz und Flitter. Geſellſchaftsbil⸗ der aus der Gegenwart. 8c. geh. 1856. 1 Thlr. 20 Ngr. Keller, Baronin Henr., Waldemar Wernow, oder die Schweſtern. 2 Bde. 8. geh. 1855. 2 Thlr. 20 Ngr. Lebenswege, Vier, Bilder aus dem Skizzenbuche eines Dilettanten. 2 Bde. 80⁰. geh. 1855. 2 Thlr. Maſſow, Clara von, das Stiftsfräulein. Socialer Roman. 2 Theile. 8⁰. geh. 1856. 1 Thlr. 15 Ngr. Nachleſe in und außer mir. Aus den Papieren des Verfaſſers der Selbſtbekenntniſſe, oder 40 Jahre aus dem Leben eines oftgenannten Arztes. Heraus⸗ gegeben und mit einem Vorworte begleitet vom Ver⸗ leger. 3 Bde. 80. geh. 1356. 4A Thlr. Schlechta, K. M., Neueſte Schule. Erzählung der Erzählungen, mitgetheilt aus dem Bundesbuche. 3 Bde. 80⁰. geh. 1856.. 3 Thlr. Satori⸗Neumann, J., Eugenie du Pleſſy, oder der Eid. Hiſtor. Novelle. 8⁰. geh. 1856. 20 Ngr. Vogl, J. N., Neue Gedichte, Epigrammatiſches und Spruͤchliches. Miniatur⸗Ausgabe. geh. 1855. 25 Ngr. Wartenburg, K., Eine Verlorene. Roman. 8. geh. 1855) 2 Thlr. Winter, A., Wunder und Mährchen des neun⸗ zehnten Jahrhunderts. Lebensbilder aus der Ge⸗ ſellſchaft. 8⁰. geh. 1856. 25 Ngr. . Audreas Burns ſeine Faunufilie. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Küege in den Jahren 1848—1850. Von . Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James,“„Fritz Stilling, „Walther Lund.“ u. ſ. p. 4 — Zweiter Theil. ———n—— eipzig,⸗ Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 3 1856. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erſtes Anpitel. Capitain Meviſſen's Morgenfahrt. Einer der erſten, der am folgenden Morgen in Emmerslund ſein Haupt aus den Kiſſen erhob, war Capitain Kühlwetter. Er hatte keine Ruhe im Bette und ſehnte ſich den Wartthurm zu beſteigen, denn eine unbeſtimmte Ahnung peinigte ihn, daß mit dem heutigen Tage die erſten bedeutenderen Feindſeligkeiten der Dänen beginnen würden. Daß der erſte Stoß nun vor ſeinen Augen geſchehen und er ein Zeuge aller Vorgänge ſein müßte, ſetzte er als gewiß voraus und deßhalb glaubte er keinen Augenblick verſäumen zu dürfen. Haſtig ſchlürfte er daher ſeinen Kaffee am gemeinſchaftlichen Frühſtückstiſche und, ſein Fernrohr in der einen, ſein Butterbrot in der andern Hand haltend, trat er im feſt zugeknöpften Regenrocke ſeine A. Burus. II.. 3 1 Allmälig jedoch ſenkten ſich die Nebel des Meeres, kurze Wanderung an. Friſch umſauſte ihn der Mor⸗ genwind auf der Höhe, als er den Horizont zuerſt mit bloßen Augen muſterte, aber ein feiner Sprühregen, der ſich wie ein dünner Schleier vor die Ferne breitete, verſchloß ihm die Ausſicht, und nur die nächſte Um⸗ gebung und kaum das jenſeitige Ufer der Meeresbucht vermochte er in ihren oberflächlichen Umriſſen zu erkennen. Was das rauhe Frühlingswetter betraf, ſo konnte es dem abgehärteten Manne nichts anhaben, an ſolcherlei Mißgeſchick war er gründlich gewöhnt, er beachtete es daher ſehr wenig und hätte es vielleicht kaum bemerkt, wenn ſeine Forſchung dadurch nicht behindert worden wäre. Aber ſo ſcharf ſeine Augen 4 und Ohren auch waren, er konnte nicht die geringſte Erſcheinung oder Bewegung in der Nähe wahrnehmen. ein gelinder Oſtwind erhob ſich und fegte den leichten Regen fort, der langſam gegen Weſten zog und nur die Gegend um Apenrade noch in einen matten Wolkendunſt hüllte. Da war es dem aufmerkſamen Lauſcher, als ob durch dieſen Wolkendunſt hindurch ein ferner dumpfer Hall an ſein Ohr ſchlüge. Er 8 horchte genauer hin, und— er hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht. Raſcher auf einander folgten allmälig die Schläge und es war endlich nicht mehr zu verkennen, 3 daß ſchweres Geſchütz im Süden von Apenrade ſeine dröhnende Stimme erſchallen ließ. Wie ein Falke ſchaute jetzt der alte Seemann in die genannte Gegend hin, aber nur ſein Ohr vernahm das Getöſe, ſeinen Augen zeigte ſich nicht die geringſte Aufklärung. Durch ſein Seeleben an eine genaue Prüfung aller dergleichen Wahrnehmungen gewöhnt, berechnete unſer Capitain ungefähr die Entfernung, aus welcher dieſe Schüſſe kommen konnten, und, nachdem er den Wind und die dicke Nebelluft in Anſchlag gebracht, ſchloß er, daß der Kampf zwiſchen Flensburg und Apenrade ſtattfinden müſſe. Und darin hatte er ſich abermals nicht getäuſcht, denn das Gefecht bei Bau, das erſte und zugleich unglücklichſte für die Herzogthümer in dieſem ganzen Feldzuge, hatte bereits ſeinen Anfang ge⸗ nommen. Von den eben geſchilderten Vorgängen im fernen Weſten ganz und gar in Anſpruch genommen, hatte der wachſame Mann das nahe Meer in Oſten zu be⸗ obachten vergeſſen, auf welchem ſich jetzt neue Vorgänge langſam zu entwickeln begannen. Der vorrückende Tag, mit dem ſtärker wehenden Winde im Bunde, hatte die Luft aufgeklärt und deutlich traten allmälig die Spitzen von Alſen aus ihrem feuchten Grunde hervor. Aber der Oſtwind war nicht anhaltend an dieſem 4 1* *. 4 Morgen; kaum hatte er eine halbe Stunde geweht, ſo zog er ſich nach Süden, ſprang dann bald darauf wieder nach Oſten um und blies endlich leiſe aus Südoſt, wo er ſo ziemlich den Tag über blieb. Je⸗ mehr er aber in dieſer Richtung wehte, um ſo deut⸗ licher wurde der dumpfe Kanonendonner, ſo daß in einzelnen Momenten ſogar der krachende Lärm an verſchiedenen Stellen gehört werden konnte. „Sie beißen an— hol's der Henker!“ brummte der alte Seemann in ſich hinein und ſchwenkte ſeinen Hut wie zum anfeuernden Gruße in die Richtung hinüber, woher der ſchauerliche Schall kam. Plötzlich aber und wie aus Inſtinkt drehte er ſich links, dem Meere zu, und da faßte ſein ſchnelles Auge einen Gegenſtand auf, der, obgleich er ſich ſchweigend ver⸗ hielt, ihn aus alter Gewohnheit noch mehr feſeelte. Demn nicht allein nahm er den reiner gewordenen orzoont wahr, ſondern er erblickte auch das däniſche Wachtſchiff, welches ſeit einigen Tagen auf der Höhe von Warnitz⸗Kopf lag und den Buſen von Apenrade zugleich mit dem Eingange des Alſener Sundes be⸗ wachte. Das Bugſpriet dem Lande zugekehrt ſchau⸗ kelte ſich der Schooner Neptun, denn er war es ohne Zweifel, auf den Wellen an ſeinen Ankern. Aber der Neptun war in dem Augenblicke, als Capitain 5 Kühlwetter ihn wahrnahm, nicht mehr allein. Es hatte ſich ein Geſellſchafter bei ihm eingefunden, der unmittelbar in ſeiner Nähe hielt und mit ihm zu ſprechen ſchien. „Hol' ihn der Teufel!“ ſchrie der Capitain laut. „Es iſt ein Dampfer! Dieſe verfluchten Dampfſchiffe — wie ich ſie haſſe! Machen unſere guten Segelſchiffe zu nichte und laufen ihnen am Ende noch den Rang ab. Ha! wenn ich dem mal Eins auf den Pelz brennen könnte, ich wollte zwei Tage lang— o, einer wäre auch ſchon genug— eine Portion Rum dran⸗ ſetzen. Wart, Burſche, Dich wollen wir näher in's Auge faſſen!“ Und er holte raſch ſein Fernglas hervor, welches er, um es vor der Näſſe zu bewahren, in die Taſche geſteckt hatte, ſtellte und richtete es und ſchaute auf⸗ merkſam eine Weile hindurch.„Es iſt der Odin, der alte Heide,“ fuhr er dann in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„er bringt gewiß eine Depeſche— halt!— er rudert weiter— er kommt heran. O, das muß doch der Commodore wiſſen!“ Und flugs zog er eine Seemannspfeife aus der Taſche und blies dreimal in— kurzen Abſätzen darauf, daß der ſchrillende Ton weit über das Gehöft des Freundes hinaus flog. Capitain Burns war gerade im Hofe, als ihn der bekannte 6 Ton zu ſeinem Freunde rief, und er ſäumte nicht lange, dem vielſagenden Rufe zu folgen. In wenigen Mi⸗ nuten ſtand er neben dem Manne auf der Warte und hatte von dem nahenden Schiffe, mit welchem, wie Kühlwetter meinte, ein Ereigniß verknüpft war, Kennt⸗ niß genommen. „Wir müſſen es abwarten, Capttain,“ ſagte der ernſte Mann und ſchaute durch ſein eigenes Glas, welches er ſtets bei ſich trug, nach Warnitz⸗Kopf hin⸗ über.„Er wird nach Apenrade gehen, um Truppen an's Land zu ſetzen, wie er ſchon oft gethan. Wer weiß, was ſie vorhaben.“ „Was ſie vorhaben? Was können ſie anders vorhaben als Unheil— da— er läßt Dampf heraus, als ob er halten wollte— gebt Acht, das iſt ein Kaperſchiff und ſtattet uns vielleicht einen Beſuch ab.“ Capitain Burns Bruſt athmete ſchwer. Ohne daß er es wußte, entfärbte ſich ſeine Wange; aber es war nicht die Bleiche der Furcht, die ſie überzog, als viel⸗ mehr die Aufregung ungewiſſer Erwartung, die ſein Blut aus dem Geſichte zum Herzen trieb. „Er will halten, Kühlwetter, ich ſehe es. Schaut, er iſt ſtark bemannt— das ganze Steuerbord wim⸗ melt von Menſchen— bei Gott, ſie ſchauen nach Eurem Hauſe.“ 7— „Schaut zu,“ ſchrie der alte Capitain ſo laut, daß ſeine donnernde Stimme bis an das Waſſer hinab ſchallte—„Wenn Ihr mich ſucht, Ihr Hunde, hier bin ich— aber mein Neſt unten iſt leer!“ „So laßt doch das Brüllen, Kühlwetter, wozu denn? Habt Ihr je eine Wache ſich ſo ungebührlich betragen ſehen, ohne in die Eiſen zu gerathen?“ „Ihr habt Recht, Mann; aber der Danebrog är⸗ gert mich, daß ich einen Schlagfluß fürchte— was will er von mir?“ „Das werden wir vielleicht bald erfahren, wenn Ihr ein wenig Geduld habt.“— In der That, das Dampfſchiff hielt mitten im Fahrwaſſer, unmittelbar Capitain Kühlwetter’s Hauſe gegenüber, ſtill und man ſah deutlich, wie die Män⸗ ner an Bord nach dem Strande ſchauten. Gleich darauf wirbelte eine Rauchſäule von der Steuerbord⸗ ſeite auf und ein blinder Schuß krachte über das ſchweigende Waſſer hin. „Sie wollen mit Euch ſprechen, Kühlwetter; beſinnt Euch auf eine paſſende Antwort.“ „Die ſollen ſie haben, ſo wahr ich ein Maul habe— aber bei Gott! ſie ſchießen noch einmal. Das iſt ja gerade wie neulich, als ſie mich an Bord haben wollten.“ 8 „Sie wollen Euch vielleicht wieder an Bord haben, wer weiß es!“ „Oho! heute gehe ich nicht, wenn mir die Schur⸗ ken auch nicht meine Boote genommen hätten. Neulich hatten wir Frieden, heute haben wir Krieg.“ „Eben darum— neulich ginget Ihr freiwillig, heute müßt Ihr.“ „Na, bei meiner Flagge! Ich werde doch den Tölpeln zu gefallen nicht den Berg hinunter trotten wie ein Pudel und mit dem Schwanze wedeln und ſagen: was befehlen Eure Gnaden?“ „Wer denkt daran! Still! Sie ſetzen ein Boot aus—“ „Aha! Heute ſchonen ſie Sr. Majeſtät Boote nicht — ſie ſind alſo im Dienſte— Donner! wie ſpicken ſie das Ding— ſeh' ich recht— ſechs, acht, zehn— zwölf Mann!“ „Es iſt ſo! Ich bin in der That neugierig, wo⸗ hin dieſe Expedition beſtimmt iſt— ſie ſind alle be⸗ waffnet und da— da ſteigt ein Offtzier nach.“ Die beiden, jeden Vorgang auf dem Waſſer be⸗ achtenden Männer ſchwiegen; der Vorfall war zu aufregend, um ihre Neugierde nicht in Spannung zu verwandeln und dieſe Spannung ſchloß alles Reden aus. Die Schaluppe ſtieß vom Schiffe ab und bald ſah man ſechs Riemenblätter mit ſo regelmäßiger Schwingung in's Waſſer tauchen, wie nur die Mann⸗ ſchaft eines Kriegsſchiffes ſie hervorzubringen verſteht. Es war nicht mehr zu verkennen, das Boot wollte Capitain Kühlwetter einen Beſuch abſtatten. In zehn Minuten hielt es am Lande. Vier Männer ſtiegen aus und das Boot zog ſich vorſichtig wieder zwanzig Schritte vom ufer zurück, alle Augen aber ſcharf auf den Vorgang am Lande richtend. Die kurze Strecke bis zum Hauſe war von den Gelandeten bald zurück⸗ gelegt. Sie ſtanden davor und klopften an die Thür. Da aber im Hauſe Niemand wohnte, denn die alte Magd und der Knecht des Capitains waren ihrem Herrn nach Emmerslund gefolgt, ſo ward ihnen keine erwünſchte Aufforderung zu Theil, die Schwelle zu überſchreiten. Das ſchienen die vier Männer auch bald einzuſehen und nachdem zwei von ihnen rings um das Haus gegangen waren und alle Läden ver⸗ ſchloſſen gefunden hatten, faßten ſie einen raſchen Entſchluß und bewegten ſich in der Rihtung nach Capitain Meviſſen's Hauſe. „Gut, daß Helene noch nicht wieder unten iſt,“ ſagte Capitain Burns zu ſich ſelber,„denn wer kann wiſſen, wie dieſer Anfang endet!“ Während die vier Männer die tauſend Schritte, — —— 10 welche zwiſchen den beiden Häuſern lagen, raſch zu⸗ rücklegten, ruderte die Schaluppe auch längs des Strandes daher, und nicht lange dauerte es, ſo hatte man Capitain Meviſſen's idylliſche Wohnung erreicht. Doch begeben wir uns jetzt ſelber an den Strand hinab und ſchauen dem ſeltſamen Vorgange aus der Nähe zu. Capitain Meviſſen hatte vom Fenſter aus mit ſeinem vortrefflichen Glaſe das Ganze ſo gut und noch beſſer überſchaut, als die auf dem Andreasberge Stehenden, aber er hatte ſich wohl gehütet, eine Be⸗ wegung zu unternehmen, welche die Dänen als eine freundlich entgegenkommende hätten bezeichnen dür⸗ fen. Erſt als eine derbe Fauſt an ſeine Fenſter ſchlug ſchaute er verwundert auf und trat alsbald den unwillkommenen Gäſten vor ſeiner Thüre ent⸗ gegen. „Guten Morgen,“ ſagte der Führer des Trupps, den Capitain Meviſſen's kundiger Blick ſogleich für einen Corporal der Marine⸗Soldaten erkannte— „ſchläft man bei Euch ſo lange?“ „O— jal! Je nachdem es iſt!“ erwiderte der An⸗ geredete gedehnt und ſehr natürlich ein künſtliches Gähnen erheuchelnd, wobei er ſich ſo gemüthlich wie möglich die Phyſiognomieen ſeiner Beſucher betrachtete. —,— —— 11 „Wo ſteckt der Mann in jenem Hauſe da oben?“ „Verreiſt, Corporal!“ „Wohin verreiſt— wennss beliebt?“ „Nach Apenrade, um ſich die Rothröcke zu beſe⸗ hen, denke ich.“ „Nennt Ihr das eine Reiſe, Landsmann? Und die Rothröcke, ſagt Ihr? Soll ich das als eine Be⸗ leidigung Sr. Majeſtät Soldaten verſtehen?“ „Beleidigung? Warum nicht gar! Ich ſagt's blos zur Unterſcheidung von Euch, weil Ihr Blaujacken ſeid— hm!“ „Aha!— Wie heißt Ihr und wer ſeid Ihr?“ „Capitain Meviſſen— penſionirt— alter Sol⸗ dat, Herr!“ brüllte unſer langer Freund heraus und reckte ſeine hageren Gliedmaßen ſtraff in die Höhe, wie ein Grenadier vor'm Parademarſche. „Es iſt gut, Cap'tain Meviſſen. So will ich Euch eine Frage vorlegen, die Ihr mir auf Euer Gewiſſen beantworten mögt. Ihr ſeid hier in die⸗ ſem Striche gut bewandert, denke ich, und kennt alle Anſiedler um das Waſſer herum— hier und dort drüben, nicht?“ „Wer ſollte ſie wohl kennen, wenn ich ſie nicht kenne, Corporal, he?“ 12 „Um ſo beſſer. Wo iſt drüben im Sundewitt das Haus des Pächters Rasmus Harms?“ Meviſſen ſchaute verblüfft auf, als er dieſen Na⸗ men hörte, denn er hatte in der That einen unbekann⸗ ten erwartet.„Rasmus Harms!“ rief er—„Ei ge⸗ wiß, den kenne ich wohl— ſo ziemlich wenigſtens—, „Welches iſt ſein Haus— geſchwind, oder 2, „Das da drüben, weſtwärts, iſt, glaube ih. ſein Haus—“ „Glaubt Ihr nur? Ich denke, Ihr wißt— he? Iſt das die Wahrheit, Landsmann?“ „Habt Ihr ſchon gehört, daß Cap'tain Meviſſen eine Lüge geſprochen?“ „Nein, Herr, aber es aufrichtig zu geſtehen, ich habe ihn auch noch nicht die Wahrheit ſprechen hö⸗ ren, denn ich ſehe ihn heute zum erſten Male.“ „Nun, ſo merkt's Euch für das nächſte Mal.“ „Das wollen wir, Landsmann— ſeid Ihr ſchon einmal mit Dampf gefahren, Caprtain?“ „Gott ſoll mich vor dem Teufel bewahren— ich ſegle auf dem Waſſer nur mit Gottes Winden herum, aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mir aus dem Dampfe der Menſchen nur ſo viel mache.“ „So!“ lachte der aufgelegte Corporal, dem der ehrliche Landsmann ohne Zweifel behagte.„Dann 13 könnt Ihr aber einmal eine Probe machen und ſehen, wie es Euch gefällt. Und nun genug der Worte— marſch, in's Boot!“ „In's Boot? Und warum denn, wenn'’s be⸗ liebt?“ „Wenns beliebt? Haha, Herr, ſoll man Euch Euern harten Schädel weich klopfen, damit Ihr zur Höflichkeit und zum Gehorſame gegen Sr. Majeſtät Diener kommt?“ Plötzlich erkannte Capitain Meviſſen an dem krau⸗ ſen Geſichte des Corporals und ſeiner Begleiter den Ernſt des bis jetzt ſo ſpaßhaft geführten Geſprächs, und ohne hörbares Murren, obwohl er inwendig ge⸗ woltig grollte, zog er ſeine Hausthüre feſt an und folgte den beiden voranſchreitenden Soldaten, während die anderen unmittelbar hinter ihm hergingen. Zwei Minuten ſpäter ſaß er zwiſchen den Matroſen in der Schaluppe und flog dem Odin zu, der ihnen mit dumpfem Geraſſel ſchon entgegen geſchaufelt kam.— „Glückliche Reiſe, Kamerad!“ rief Capitain Kühl⸗ 8 wetter auf der Warte mit einem wehmüthigen Seuf⸗ zer aus.„Sie nehmen ihn wahrhaftig mit— hol' ſie der Geier!“ 3 „Ihr könnt Euch bei Meviſſen bedanken, daß er Euch die Morgenfahrt abgenommen, denn auf Euch 14 war es zuerſt gemünzt,“ bemerkte Capitain Burns. „Aber was mögen ſie von ihm wollen?“ „O, o! Armer Meviſſen! Donner und Sackerlot, das iſt ja eine Injurie für uns Alle, Commodore!“ Der Commodore lächelte, ſo wenig er zum Lächeln geneigt war; aber er antwortete nichts, ſondern ver⸗ folgte mit ſprühenden Blicken die Schaluppe, die nach einigen Minuten an ihr Schiff legte und einen Theil ihrer Mannſchaft an Bord ſandte, wozu auch Capi⸗ tain Meviſſen gehörte. Nach kurzer Zeit aber und nachdem der Dampfer bis dicht vor Rasmus Haus geſchaufelt, kletterten ſie wieder in das Boot und die ſechs Riemen ſetzten ſich abermals in Bewegung, dem Landungsplatze hinter Rasmus Harms Hauſe zu⸗ ſteuernd. „So wahr ich lebe!“ rief jetzt Andreas heftig aus und ſein Geſicht überflog eine lebhaftere Farbe— „Sie gehen nach Rasmus Hauſe! Sie haben es auf Henrik abgeſehen! Hoho, Ihr Herren! Ihr kommt zu ſpät, der Vogel iſt ausgeflogen. Das nenn⸗ ich einen Glücksfall, Capitain!“ „Na, was das für ein großer Glücksfall für Me⸗ viſſen iſt, den ſie mitgenommen haben, ſehe ich nicht recht ein. Was ſoll der denn dabei?“ „O, Kühlwetter, ſeht Ihr das nicht? Sie haben 15 ihn als Boten gedungen, um mit dem erſten Schlage den richtigen Ort zu treffen.“ „Wahrhaftig, ja, ſo wird es ſein. Was Ihr ſchlau ſeid, Cap'tain! Nun, dann will ich mich noch beſcheiden, die Suppe ſchmeckt ſo bitter nicht— ſchaut, da ſind ſie am Lande— Halloh!! Und in der That, in dieſem Augenblicke legte die Schaluppe am jenſeitigen Strande an. Und daß ihr diesmaliges Unternehmen ein wichtigeres war, bewies ſie dadurch, daß ſie anſtatt wie vorher vier Mann mit einem Corporale abzuſenden, diesmal zwölf Mann mit einem Offiziere landen ließ, von denen zwei am Strande mit geſchulterten Gewehren auf und abgin⸗. gen, die übrigen aber ſich vorſichtig dem Hauſe nä⸗ herten, welches in tiefſter Stille dalag und wie aus⸗ geſtorben erſchien. Aber Rasmus Harms wußte wohl, was er that; denn obſchon er den Odin und die bemannte Scha⸗ luppe recht gut bemerkt, hielt er ſich doch im Innern des Hauſes bei irgend einer Arbeit auf und ging erſt der feindlichen Mannſchaft, als ſie endlich nach län⸗ gerem Lauſchen die Diele betrat, mit einer ſo ge⸗ müthsruhigen und gleichgültigen Miene entgegen, als ob er tagtägliche Gäſte hereinſchreiten ſähe. Dennoch aber begriff er den Ernſt ſeiner Lage ſehr wohl und 16 — hatte auch gleich eine richtige Ahnung von dem Zu⸗ ſammenhange des Vorhabens der Dänen. „Heda!“ rief der voranſchreitende Offizier, der keineswegs wie ſein Corporal zum Scherze aufgelegt ſchien.„Kommt heraus, Mann, und bringt die Hunde zur Ruhe, wenn ich ſie nicht erſchießen ſoll— raſch, 4 wenn's beliebt— wo iſt Rasmus Harms?“ „Hier iſt er, Herr!“ Und der rechtmäßige Eigen⸗ thümer dieſes Namens ſtellte ſich in ſeiner breitbeini⸗ gen Art, die Hände in die Jackentaſchen geſenkt, ſtramm vor den Fragenden hin, nachdem er mit kur⸗ zem Zurufe die Hunde zur Ruhe verwieſen. 3 „Wo ſind Eure Söhne, Harms?“ „Ich habe nur einen und der iſt weit weg.“ „Wo iſt er, wenn man fragen darf?“ „Zur See, Herr!“ „Und Eure Knechte?“ „Sie ſind mir entlaufen. Wenn Ihr ſie mir wie⸗ der ſchaffen könnt, ſo thut Ihr mir einen Gefallen damit.“ „So, und wer iſt der da, der da obon vom Heu⸗ 2. boden herabguckt?“ 6 3 Rasmus drehte ſich erſchrocken um und gewahrte 4 in der That einen ſeiner zurückgebliebenen Knechte,* 4 17 Jens mit Namen, den die Neugierde aus ſeinem au⸗ genblicklichen Verſtecke hervorgelockt hatte. „Herab da!“ rief der Offizier mit befehlendem Tone und zog eine Piſtole aus ſeinem Gürtel.„Oder gehen drei Mann hinauf und holen den Burſchen herunter— vielleicht ſind ihrer mehrere da oben. Wart, Rasmus Harms, Ihr ſeht, wie ich Euch Eure entlaufenen Knechte wiederſchaffen kann.“ In wenigen Minuten erſchien Jens, am ganzen Leibe zitternd, denn ein Soldat ſtieß ihn von hinten, die beiden anderen von rechts und links, ſo daß er wohl geradeaus mußte. „Wie heißt Ihr, Burſche?— laut, wenn's be⸗ liebt!“ „Jens, lieber Herr!“ wimmerte der Arme, dem noch das Heu an Haaren und Kleidern haftete und der zu ahnen begann, was ihm ſogleich begegnen würde. „Der Kerl hat gute Knochen und iſt wohl bei Leibe— fort mit ihm— er iſt wie zum Matroſen geboren.“ „Herr!“ ſchrie Rasmus, während die Soldaten ihren„freiwilligen Streiter“ abführten—„Wißt Ihr, was Ihr thut?“ Der Offizier ſchwieg, aber er konnte nicht unter⸗ A. Burns. II. 2 18 laſſen zu erröthen, als er das ehrliche Geſicht des Fragenden und ſeine drohende Miene erblickte, der ſeine Rede ſogleich damit ergänzte, daß er hinzuſetzte: „Ihr raubt Menſchen— und das will Seine Maje⸗ ſtät der König von Dänemark nicht.“ 8 „Hat er es Euch vielleicht ſelbſt geſagt— he?“ „Ja, er hat es mir eben ſo gut geſagt, daß Ihr mir nicht meine Knechte nehmen ſollt, wie Euch, daß Ihr ſie nehmen ſollt. Wie ſoll ich leben, wenn ich keine Hände habe zur nöthigen Arbeit?“ „Still! Halt Er's Maul, ſonſt werden wir es Ihm ſtopfen, wenn Er es zu weit aufreißt. Und jetzt auf⸗ gemerkt, Mann!— Kennt Ihr einen Schriftſteller und Zeitungsſchreiber Henrik Paulſen?“ Rasmus ſchaute bei dieſen Worten hoch auf, ſchwieg aber eine Weile ſtandhaft, denn er beſann ſich auf die paſſendſte Antwort. Endlich ſagte er feſt und bieder:„Ja, ich kenne ihn, denn er hat bei mir gewohnt und ich bin ſein Pächter. Ob er aber ein Zeitungsſchreiber iſt, wie Ihr ſagt, iſt mir nicht be⸗ kannt.“ 4 „Und wo iſt dieſer Henrik Paulſen?“ „Seit einigen Tagen nach dem Süden abgereiſt.“ „Iſt das wahr?“ 19 „Wenn Ihr mir nicht glaubt, ſo weiß ich nicht, wie ich Euch von der Wahrheit überzeugen ſoll.“ „Wo hat er hier gewohnt?“ „Dort oben in jenem Zimmer.“ „So folgt mir dahin.“ Und mit raſchem Sprunge war der Offizier auf der kleinen Treppe und ſtand bald darauf in Henrik's Zimmer. Der Ofen war kalt und kein Zeichen der Anweſenheit eines Menſchen zu bemerken.„Zieht den Bettſchrank auf— Ihr da!“ befahl der Offizier. Rasmus that wie befohlen. Das Bett war un⸗ berührt und auch hier war nicht einmal ein abgeleg⸗ tes Kleidungsſtück zu ſehen. Der Offizier verließ das Zimmer wieder und begab ſich in den Peſel, wo er die Frauen weinend fand und auf ſeine Fragen die⸗ ſelben Antworten erhielt, die ihm Rasmus gegeben hatte. Darauf kehrte er nach der Diele zurück und beorderte ſechs Mann, das Haus vom Dache bis zum Keller zu unterſuchen, von denen er nach einer Weile die Meldung erhielt, daß kein männlicher Be⸗ wohner darin zu finden ſei. „Es iſt gut,“ brummte der Offizier unwillig, der offenbar auf einen beſſeren Erfolg ſeines glorreichen Unternehmens gerechnet hatte.„Nehmt Euch in Acht, Rasmus Harms,“ rief er dann und drohte mit 2* . 20 ſeiner Piſtole, die er fortwährend in der Hand hielt. „Ihr ſeid ſehr verdächtig. Schon daß der Staats⸗ verräther Paulſen bei Euch gewohnt hat, wie wir beſtimmt wiſſen und Ihr ſelber ſagt, verurtheilt Euch hinreichend. Aber Ihr könnt Euer Vergehen theil⸗ weiſe wieder gut machen. Wir brauchen friſches Fleiſch an Bord. Gebt, was Ihr habt.“ „Herr!“ erwiderte Rasmus mit Miene und Tone eines tief Gekränkten, der ſich aber wie ein Mann in das Unvermeidliche zu fügen weiß.„Ihr habt mich nicht um meinen Knecht gefragt, den Ihr mir ge⸗ nommen, ſo braucht Ihr mich auch nicht um meine Schweine zu fragen. Mir ſind Menſchen mehr werth, als Säue. Nehmt was Euch beliebt, da Ihr einmal den Befehl von Sr. Majeſtät dem Könige von Dä⸗ nemark dazu habt.“ Grollenden Blickes ſtand der däniſche Offizier vor dem einfachen deutſchen Manne, der ihm in der That imponirte. Nur ſein Auge drohte, aber ſein Mund hatte keine Worte für ſeine Empfindung.„Holt ein Schwein!“ rief er endlich einigen Soldaten zu und wies auf die Koben, hinter deren Verſchlag ein un⸗ ruhiges Grunzen hinlänglich die Anweſenheit ihrer Bewohner verrieth. Zwei Minuten ſpäter ſchleppten vier Mann ein feiſtes Schwein hervor, das ſich ent⸗ 21 ſetzlich gegen die Miſſethat wehrte, die ihm geſchah, und das Haus und den Strand mit einem Gebrülle erfüllten, daß den Zuſchauern Hören und Sehen ver⸗ ging. Und ohne ein Wort weiter zu ſprechen, ſchritt der Offizier den vier Schweineträgern nach, während die übrige Mannſchaft ihm auf dem Fuße folgte. „Nun,“ flüſterte Capitain Meviſſen ſeinem alten Bekannten Harms zu—„laſſen die Schurken mich hier? Zum LTeufel, habe ich Floſſen, über das Meer zu ſchwimmen?“ „Pſt! Capitain! So haltet doch das Maul— wollt Ihr mit nach Fünen oder Seeland?“— Einen Augenblick ſpäter war die Schaluppe wie⸗ der gefüllt. Niemand ſchien an den zurückgelaſſenen Capitain zu denken und er zeigte ſich nicht ſehr be⸗ reit, freiwillig zu folgen, denn er war, Harms Winke gehorchend, mit dieſem innerhalb der Mauern des Hofes zurück geblieben. Bald darauf aber hörte man die Zurufe des Steuermanns in der Schaluppe und die Riemen derſelben ſetzten ſich in Bewegung, ihre Leute dem Dampfer entgegenzuführen. „Nun, und was iſt das da?“ rief Capitain Kühl⸗ wetter auf ſeiner Warte.„Schaut zu, Commodore, was tragen ſie da nach dem Waſſer? Bei meiner Mutter grauem Haare! Wenn meine Augen nicht blind geworden ſind, ſo iſt es ein fettes Schwein und ich meine ſein Quieken bis hier herüber zu hören.“ „Das finde ich ſehr natürlich. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, mit Harms Ueberfluſſe ihre Küche zu verſorgen,“ lautete Andreas kurze Antwort. „Aber wo bleibt unſer Kamerad Meviſſen? Ich habe nicht bemerkt, daß ſie ihn in das Ding da eingeſargt haben. Oder habt Ihr es geſehen?“ „Nein! Sie werden ihn am Lande gelaſſen ha⸗ ben— oder meint Ihr, daß ſich ihre Artigkeit ſo weit erſtreckt, ihn wieder nach Hauſe zu rudern und ſich bei ihm für die Gefälligkeit zu bedanken, die er ihnen erwieſen?“ „Gott ſtrafe mich— aber Ihr habt Recht— und nun können wir ihn nicht einmal herüber holen vor Abend.“ „Er wird ſich wohl nach einigem Frühſtücke bei Harms auf die Behendigkeit ſeiner Beine verlaſſen und den kleinen Umweg über Apenrade dem unbe⸗ ſtimmten Harren auf unſern Liebesdienſt vorziehen.“ „Hol ſie der Kuckuck! Das iſt ein netter Spazier⸗ 2³³ gang! Glücklicherweiſe iſt es Meviſſen, der ihn machen muß. Er hat die längſten Beine von uns Dreien. Ha! wenn es Bardow wäre, der brauchte drei Wochen, um die fünf Meilen hierher zu humpeln. Bei mei⸗ ner Flagge, ein herrliches Frühſtück da drüben!“ „Halt! Was iſt das?“ rief Andreas ängſtlich und ſetzte ſein Glas wieder an's Auge. Kaum aber hatte er es geſagt, ſo war das Gefürchtete ſchon geſchehen. Dem aufwirbelnden Rauche vom Verdecke des Schif⸗ fes war raſch ein Knall gefolgt und eine Kugel ſauſte über das Waſſer. Praſſelnd ſchlug ſie in Rasmus Harms Dach ein und die Capitaine ſahen durch ihre Gläſer Stroh, Balken und Beetter fliegen; zugleich auch fuhr der aus ſeinem Neſte aufgeſcheuchte Storch wirbelnd in die Höhe und flatterte mit heiſerem Ge⸗ kreiſche in's Innere des Landes hinein. „Die Beſtien!“ ſchrie Andreas.„Das iſt ihre Rache, weil ſie Henrik nicht gefunden!“ „Halloh!“ rief Capitain Kühlwetter, roth vor Zorn und am ganzen Leibe zitternd.„Mein Blut kocht, Commodore, daß ich ſo ein Lump bin und dem rauchenden Dinge da nicht Eins verſetzen kann, wie ich möchte. Na warte! Aufgeſchoben iſt nicht aufge⸗ hoben— heute Ihr, morgen wir!— Da gehen ſie hin, die Hallunken! Schaut, wie ſie mit ihrem 24 ſchwarzen Dampfe die reine Luft verpeſten. Hol' Euch der Henker, Ihr Hunde— die Fiſche ſollen Euch freſſen— he, Cap'tain!“— Aber der Angeredete war ſchon von ſeiner Seite gewichen. Als Andreas ſich überzeugt, daß für' Erſte keine weitere Feindſeligkeit gegen ſeine Nachbarn un⸗ ternommen wurde, ſtieg er von der Warte herab, um den Frauen den mitangeſehenen Frevel zu berichten. Zu Capitain Kühlwetter aber geſellte ſich gleich darauf ſein Nachbar Bardow, um ihn ein paar Stunden abzulöſen, was dieſer ſich gern gefallen ließ, nachdem er dem lahmen Freunde in ſeiner lauten Art alle Vorgänge ſo genau wie möglich berichtet hatte. Es mochte etwa elf Uhr Vormittags ſein, als die eben geſchilderten Begebenheiten am Ausgange der Apenrader Bucht ihr Ende erreichten; Abends halb neun Uhr aber, als die Familie in Emmerslund um den Speiſetiſch ſaß, erſchien plötzlich Capitain Meviſ⸗ ſen, müde wie ein gehetzter Haſe, hungrig wie ein gehetzter Wolf und mit einem ſo wüthenden Geſichte, daß Alle, erfreut zwar, ihn wiederzuſehen, doch er⸗ ſchrocken ſich um ihn drängten, um ſeine Erlebniſſe den Tag über aus ſeinem eigenen Munde zu hören. 25 „Guten Abend, Alle zuſammen!“ rief er froh⸗ lockend, als er ſich im warmen Zimmer, inmitten der gemüthlichen Familie des Freundes und vor allen Dingen vor einem wohlbeſetzten Tiſche ſah.„Guten Abend, ſag' ich— ach! Ihr könnt wohl lachen hier in Eurer warmen Koje— aber das war eine lange Jagd, haha!— Aber, Commodore, gebt mir ein Glas mit etwas Kräftigem, bis an den Rand ge⸗ füllt, oder— ich falle um wie ein zerſplitterter Maſtbaum.“ Sogleich ſtand eine Flaſche vom Beſten vor dem angegriffenen Manne und die Frauen bemühten ſich um die Wette, ihm ſo viel Speiſen zu reichen, als nur auf ſeinen Teller gehen wollten. Und ſo müde, ſo wüthend Capitain Meviſſen auch war, ſo ließ er ſich doch dadurch nicht abſchrecken, vor allen Dingen ſeinen Hunger zu befriedigen. Uebermächtige Biſſen, ohne ſonderlich zu prüfen was es war oder ob es zuſammen gehörte, verſchwanden ſpurlos in ſeinem weiten Munde, wie ein kleines Boot im großen Schiffe verſchwindet, um Capitain Kühlwetter's Ge⸗ danken bei dieſem Anblicke zu gebrauchen, und dabei gab er in abgeriſſenen Sätzen und ſeinen Aerger all⸗ mälig herauslaſſend, Alles zum Beſten, was er an dieſem ereignißreichen Tage innen aufgeſtapelt hatte. 26 „Was!“ rief Andreas, der ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen dem Erzähler zugehört,„Sie haben einen Preis auf Henrik's Kopf geſetzt?“ „Ja, ſo iſt es— aber ſie haben ihn noch nicht, um ihn zu bezahlen— das hat mir der Corporal auf dem Schiffe erzählt, der mich ſo freundlich be⸗ handelt hat— prächtiger Schinken das!“ „Und die Kugel hat nicht gezündet?“ fragte He⸗ lene, die den ganzen Tag das Haus der Freunde nicht verlaſſen hatte. „Ein Lach hat ſie gemacht— ſo groß— weiter nichts. Und ein paar Sparren heruntergeriſſen— ſo lang— und den Storch verjagt— weiter gar nichts. Aber ich habe ſie geſehen, als Rasmus ſie im Heue gefunden, ſie war ſo groß wie der Käſe da, aber etwas ſchwerer— Gott ſoll mich ſtrafen, wenn's nicht wahr iſt!— Gebt mal ein Stück her davon — bah!“ „Und Niemand iſt verwundet, Capitain?“ fragte die beſorgte Hausfrau, als ſie den Käſe hinreichte. „Kein Menſch— gar keiner, nicht einmal ein Stück Vieh; wir waren ganz erſtaunt darüber, denn ſo ein Stück Eiſen ſchlägt alles Lebendige todt—“ „Ja, wenn es trifft!“ bemerkte Capitain Bardow —2 ſehr ſchlau und hob den Zeigefinger empor.„Und auch nicht immer! Seht hierher!“ und er klopfte be⸗ haglich an ſeinen hölzernen Fuß. „Die Frauen ſchrieen aber dennoch wie Mord und Tod eine halbe Stunde lang und wir hatten alle Mühe, ihnen auseinander zu ſetzen, daß ein Leck über der Waſſerlinie nichts zu bedeuten habe und leidlich zu ſtopfen ſei— hol mich der Geier! Aber was half's? Sie blökten und zwitſcherten, mehr wie die Thiere im Stalle, es war ein hölliſcher Skandal. Da— ſchenkt mir noch ein Glas voll* ah!“ „Und was ſprachet Ihr da von einer Schlacht?“ fragte Agathe, indem ſie die Flaſche ergriff und dabei zum erſten Male ein Wort hören ließ, ſeitdem der Capitain erzählte. „Ja, das iſt noch das Ernſthafteſte von Allem,“ wiederholte derſelbe. Bei Bau hatten ſich die Tur⸗ ner und Studenten aus Kiel geſetzt und eine feſte Mauer gebildet. Aber die Dänen— verflucht ſeien ſie alle zuſammen!— haben die braven Jungen um⸗ zingelt, niedergehauen, geritten, geſchoſſen— wie rei⸗ fen Hafer. Aber ſie haben ſich wacker gewehrt, die Herren Studenten, Tauſend Schwerenoth! und dar⸗ auf geſtochen und geſäbelt, daß viele Rothjacken in's 28 Gras beißen mußten. Mit einem Worte, es war eine mörderiſche Schlacht— aber wir haben ſie ver⸗ loren— und das iſt der Jammer!“ Andreas ging ſchweigend im Zimmer auf und nieder. Er hörte, er ſah nichts mehr. Aber ſein mächtiger Fußtritt erſchütterte den Boden, den er trat, und die Stühle zitterten, in deren Nähe er kam. „Und in Apenrade?“ fragte er endlich und trat an Meviſſen heran, der immer noch aß und trank. „Ja, in Apenrade, Capitain, da geht es luſtig her, das hetßt, unter dem däniſchen Geſindel. Da ſchmauſen und zechen, und tanzen und jubeln ſie, als ob die Welt von ihnen aus den Angeln geriſſen wäre. Und doch haben ſie 10,000 Mann gebraucht, um ein paar Hundert niederzumetzeln. Und Schles⸗ wig wäre ihre, ſagen ſie, und kein Menſch auf Erden könne es ihnen wieder entreißen, und alle Deutſchen müßten an den Bäumen hängen!“ Andreas hatte genug gehört; er verließ das Zimmer, um in der kühlen Abendluft draußen ſein kochendes Blut zu beſchwichtigen. Dieſgennen aber ſaßen in einer Ecke zuſammen und weinten leiſe. Sie mochten ſich nicht in das Geſicht ſehen, als hät⸗ ten ſie ſich zu ſchämen und als wäre ihnen allein das ganze Unheil des Tages geſchehen. Die drei Capitaine aber, denn ſie waren jetzt wieder alle bei einander, blieben allein am Tiſche ſitzen und flü⸗ ſterten ſich ihre Gedanken zu, die in ihrer Art eben ſo ſchmerzlich waren, wie die aller Uebrigen. Sweites Anpitel. Die jütiſchen Freiſchaaren. So groß die Hoffnungen der Schleswig⸗Holſteiner auf einen günſtigen Erfolg ihrer patriotiſchen Beſtre⸗ bungen und das Vertrauen zu der ſiegreichen Gewalt ihrer moraliſchen Ueberlegenheit geweſen waren, als Dänemark’ tyranniſche Herrſchaft durch jenen hochher⸗ zigen Aufſchwung endlich gebrochen ſchien, ſo groß war jetzt die Trauer und Trübſal im ganzen Lande, als der erſte Verſuch, dem phyſiſch mächtigeren Feinde zu widerſtehen, ſo kläglich und unerwartet geendet hatte. Wer auch die entferntere oder nähere Schuld dieſes herben Schlages tragen mochte Maa zu un⸗ terſuchen half jetzt nichts mehr. Das Unglück war nicht rückgängig zu machen, es mußte alſo ertragen werden. Alle Tage aber liefen neue ſchmerzliche — her zu neuen Rüſtungen gemacht. Und noch einen 31 Nachrichten ein. Faſt jede Familie hatte irgend einen Verluſt erlitten. Denn außer den Gefallenen und Verwundeten, welche das kleine ſchleswig⸗holſteiniſche Heer zählte, hatten die Dänen noch 700 Mann gefangen genommen, und viele unter jenen und dieſen gehörten den erſten Familien des Landes an. Aber der Schmerz wurde gemäßigt durch den Gedanken, daß das Vater⸗ land dieſe Bluttaufe verlange, um in Zukunft vor härteren Schlägen bewahrt zu bleiben. Wie man vom Schlimmen zum Guten, vom Nichts zum Etwas, vom kleinen Anfange zum großen Ende ſchreitet, ſo glaubte man von der Niederlage zum Siege ſchreiten zu müſſen und rieſenhafte Anſtrengungen wurden da⸗ Troſt hatte man bei dem allgemeinen Jammer. Man hatte die Tapferkeit zu bewundern Gelegenheit gehabt, mit welcher das kleine bei Bau geſchlagene Häuflein der reichlich mit Offizieren verſehenen und geübten däni⸗ ſchen Armee widerſtanden hatte. Daß dieſe jungen, kaum militairiſch bekleideten und bewaffneten Leute fähig waren, einſt über die Dänen zu ſiegen, unterlag keinem Zweifel mehr. Der innere Kern ſiegreichen Widerſtandes, die natürliche göttliche Gabe todesver⸗ achtenden Muthes war vorhanden, es fehlte nur an äußerer Ausrüſtung und an Offizieren, die man ja 32 auch endlich zu bilden oder von Deutſchland zu er⸗ halten hoffte und die nach der verlorenen erſten Schlacht erſt recht begierig werden mußten, die zweite vollſtändig zu gewinnen. Denn der menſchliche Geiſt iſt einmal dieſem ſcheinbaren Widerſpruche unterworfen; ihm iſt von der Natur der ſeltſame Trieb eingepflanzt, die größte Hoffnung oft da zu hegen, wo er am hoff⸗ nungsloſeſten darniederzuliegen ſcheint. Er iſt, nicht aus Leidenſchaft, ſondern aus Inſtinkt ein Spieler, der va banque ruft, wenn er in den letzten Zügen liegt und der das Glück durch Trotz herausfordert, wenn es ihm nicht aus freien Stücken entgegenkommt. Anſtatt daß ihn Schwierigkeiten von einem kühnen Unternehmen abſchrecken ſollten, reizen ſie ihn nur zur Ueberwindung derſelben; eine allgemeine Niederlage ſpornt ihn zum zweifelloſen Siege an, und je kräftiger, naturwüchſiger dieſer Geiſt iſt, einen um ſo härteren Schlag erträgt er, um ſich danach deſto elaſtiſcher zu einer höheren Stufe ſeines Wirkens zu erheben. Was nun die Dänen betrifft, ſo hatte ſie dieſer erſte und wahrſcheinlich leichteſte Sieg, den ſie jemals errungen, trotzdem ihnen ihre in jeder Beziehung ent⸗ ſchiedene Uebermacht bekannt war, auf eine maaßloſe Weiſe übermüthig und großſprecheriſch gemacht. Ihren ewigen Feind, den ſie ſo lange gehaßt und gequält, 8* tet zu ihren Füßen und ſie ſtanden triumphirend über ihm. Die Marken des begehrten deutſchen Landes lagen vor ihnen geöffnet, ſeine Söhne waren theils todt, theils blutend, theils machtlos in ihre Hände gegeben— was konnte ſie nun noch abhalten, das Siegel ihrer Macht ein für alle Mal wuchtiger auf den Nacken der Ueberwundenen zu drücken? Daher ihr Jubelgeſchrei, ihr prahleriſches Frohlocken über den gefallenen Feind, ihre öffentlich ausgerufene Verach⸗ tung ſeiner geträumten und nun ſo bald gebrochenen Kraft. Wie von jeher faſt alle Inſelvölker ſich mehr als die Feſtländer dünken, vielleicht weil ſie fühlen, daß ſie in ihren Waſſern unerreichbarer, abgeſchloſſener, alſo ſelbſtändiger und daher leicht ſelbſüchtiger ſind, ſo hielten namentlich die däniſchen Inſelbewohner mit ihrer ihnen eigenthümlichen zähen Hinterliſt, ihrer gleißneriſchen Heimtücke und ihrer nur äußerlich mit höherer Bildung gefirnißten Brutalität nicht zurück, ihre ganze durch die Zeit gehäufte Leidenſchaft gegen die deutſchen Lande loszulaſſen. Sie geberdeten ſich wie die Sieger der Welt und beſangen ihre eigenen Thaten, als wären ſie aus des nordiſchen Donner⸗ gottes ureigenem Schenkel entſprungen, als wären ſie auferſtandene Helden und Halbgötter der großen ſkan⸗ A. Burns. II. 3 konnten ſie jetzt auch verſpotten, denn er lag vernich⸗. — 34 dinaviſchen Vorzeit, und doch hatten ſie nur mit ihrer ganzen Macht eine Handvoll ſchlecht organiſirter und gleichſam zum Opfertode preisgegebener junger Leute geſchlagen. Und ſo zog denn die ſchon am Morgen ihrer Siegeslaufbahn ruhmreiche däniſche Armee in das deutſche Schleswig ein, beſetzte mit Hülfe einiger Verräther in den Städten, deren Namen man lieber der Vergeſſenheit übergeben als durch Nennung ehren muß, dieſe Städte ſelbſt und ſtellte ſich in den Schanzen der Dannevirke auf, um den etwa von Süden herankommenden Feind mit gleicher Münze zu bezahlen. Die Behandlung feindlicher, das heißt deutſcher Einwohner der Städte und Dörfer war ſchon von Seiten der geordneten Armee eine empörende, denn ſie ſchleppten fort, was ſie faſſen und halten konnten und fügten der Schmach ihrer Handlungen noch den Hohn beleidigender Worte hinzu. Aber was waren dieſe Thaten einer noch in Schranken gehaltenen Sol⸗ dateska gegen die Frevel jener ungeordneten Banden und Horden, die, wie Hyänen dem Löwen folgend, wenn er auf Jagd und Beute wandelt, von Jütland her in die Fußtapfen der Krieger traten und über Alles, was etwa noch zu erbeuten, zu beſudeln, zu vertilgen war, mit einer Gier ohne Gleichen herfielen. 35 Woher die einzelnen Glieder dieſer über das ganze nördliche Schleswig, gleich einer planmäßig geordne⸗ ten Räuberbande, ſich ausbreitenden Kette eigentlich kamen, Gott weiß es! aber ſie waren wie durch Zau⸗ berſchlag aus den Gründen der Erde und den Schlupf⸗ winkeln der Wälder aufgeſtiegen, und Alles, was be⸗ ſitos, fauſtkräftig und zügellos war, geſellte ſich zu ihnen, um da Nachleſe zu halten, wo die ſiegreich vorſchreitende Armee ſich vielleicht noch zu großmüthig gezeigt hatte. So bildeten ſich die ſogenannten jüti⸗ ſchen Freiſchaaren, die auf nichts als Menſchenraub, Pferde⸗ und Rinderdiebſtahl, Brand, Mord, und Völle⸗ rei ausgingen und in ihrem ſet cheußlichen Thun noch von Oben her dadurch begünſtigt wurden, daß man ihnen die Menſchen, die ſie fingen, bezahlte, was man einen Preis auf den Kopf eines Landesverräthers ſetzen nannte. Wie viel iſt über die deutſchen Freiſchaaren im deutſch⸗däniſchen Kriege geklagt und geſchrieben worden, und wir wiſſen es wohl, daß Manche in ihren Reihen ſtanden, die beſſer gethan hätten, dem deut⸗ ſchen Namen zu Liebe zu Hauſe zu bleiben und im Schatten der Vergeſſenheit ihr verlorenes Leben zu verbergen, aber dennoch beſeelte einen großen Theil von ihnen, abgeſehen von jener epidemiſch⸗politiſchen Schwindelkrankheit, die damals in den Köpfen der 3* 36 deutſchen Jugend graſſirte, eine edle nationale Ge⸗ ſinnung in Bezug auf das Ziel, das ſie in dieſem Kriege ſich vorgeſteckt, ſie waren kühne, zum Theile leichtſinnige, arbeitsſcheue und beuteluſtig Geſellen, die die Nachſicht des lieben Gottes oft mehr in Anſpruch nahmen, als die eigene Vernunft und männliche Zucht — aber ſie waren auch tapfer, bei aller Vorliebe für den Punſch mäßig, ehrlich und keine Kannibalen wie die däniſchen Freiſchaaren, die dieſen Namen, mit den deutſchen Freiſchaaren verglichen, nur mit Unrecht führten. Dieſe bettelhaften, faſt nackten Horden, in Holzſchuhen, mit Knütteln, Miſtgabeln und Brand⸗ fackeln bewaffnet, kamen nun in hellen Haufen vom Norden daher gerannt und glaubten, jeder Acker, je⸗ des Haus, überhaupt jeder Beſitz, den die glorreiche Armee unzerſtört hinter ſich gelaſſen, gehöre von Gott und Rechtswegen ihnen und ſie könnten ſchalten und walten nach Herzensluſt über Alles, was da lebte und webte auf ſchleswig'ſcher Erde. Wie Heuſchrecken⸗ ſchwärme fielen ſie, in der Regel bei Nacht, über die wohlbekannten Wohnungen der deutſchen Bevölkerung her, verwundeten oder tödteten die Männer, mißhan⸗ delten die Weiber, füllten ihre Säcke mit Speiſen, Geld und allerlei tragbarem Beſitze, trieben die Vieh⸗ heerden weg und endlich, um den Weg zu bezeichnen, 37 den die däniſche Rache nahm, zündeten ſie zum Ab⸗ ſchiede das Haus an, in welchem ſie ſo eben geplün⸗ dert und gewüthet hatten. So ging es im Rücken der ſiegreichen däniſchen Armee her und es war alſo kein Wunder, daß die Bewohner des nördlichen Schleswig's zitterten, wenn nur der Name dieſer Freiſchaaren genannt wurde, deren Orgien von einer Küſte bis zur andern ſchallten und die ſchlafenden Väter und Mütter aus ihrer Ruhe aufſchreckten. Daher ertönte gegen dieſe Brut ein Weheſchrei durch das ganze Land, und in allen Fa⸗ milien rüſtete man ſich, ſie hinter den eigenen Mauern wohlgewaffnet zu empfangen und ſich ihrer ſo ſchnell wie möglich zu entledigen. Und gerade die Gegend zwiſchen Hadersleben und Apenrade und die Umkreiſe beider Städte hatten ſich dieſe Streiter Gottes zum Kampfplatze auserſehen, denn gerade hier war unter die däniſche Bevölkerung die deutſche am reichlichſten gemiſcht und, rings von Feinden und Verräthern eingeſchloſſen, ſchutzlos dem Unheile preisgegeben. Noch ſchlimmer wurde das Uebel dadurch, daß die jüngeren Leute entfernt, theils vor den Dänen geflüchtet, theils zur deutſchen Armee zum Kampfe gezogen waren, und ſo blieb die Sorge des Schutzes und der Vertheidigung den älteren Männern 38 oder Knaben überlaſſen, und dieſe waren nicht immer ſtark genug, dem Wogenandrange jener jütiſchen Sünd⸗ fluth zu widerſtehen. In Enmerslund hatte man ſehr bald Gelegenheit, das Unweſen dieſer Räuberſchaaren aus nächſter Nähe zu erfahren, denn alle Tage nach dem Siege bei Bau langten Nachrichten von Bränden, Mordthaten und Wegſchleppungen an, die in der Umgegend verübt waren. Allein die ziemlich abgelegene Lage des Gu⸗ tes hatte die Bewohner bis jetzt vor dem Beſuche derſelben geſchützt und Andreas, von den drei Capi⸗ tainen und ſeinen ſechs alten Matroſen, die bei ihm geblieben waren, unterſtützt, hatte Sorge getragen, einem etwaigen Anfalle der Unholde mit Nachdruck zu begegnen. Da aber lief mit einem Male, etwa acht Tage nach den von uns berichteten Begebenheiten, ein ſchreckliches Gerücht in der Runde umher und warf ein flammendes Licht auf die Thaten der Dänen, und leider muß die Geſchichte die Wahrheit deſſelben beſtäti⸗ gen, ſo ungern ſie auch den geſitteten Menſchen als einen halbverwilderten Barbaren darſtellt. Auf dem reizend in ſtiller Waldeinſamkeit gelege⸗ nen Schloſſe Glücksburg nämlich, zwei Stunden etwa von Flensburg entfernt, nicht weit von dem ſchönen 39 Flensburger Fjord und der Landſpitze von Holdnaes gelegen, hatten die Dänen ſchrecklich gehauſt und noch dazu war der Anführer der Uebelthäter nicht ein Mit⸗ glied der Freiſchaaren, ſondern ein däniſcher Offizier, der Lieutnant von Svane geweſen. Wenn dergleichen ſchon von einem Manne geſchehen konnte, dem man, allein vermöge ſeiner Stellung, Bildung und Geſittung zutrauen muß, was ſollte man erſt von bettelhaften rohen Haufen erwarten, die, ihrem Bildungsgrade ge⸗ mäß, weit weniger Rückſichten als Herr von Svane zu nehmen hatten. Das Schloß Glücksburg, alterthümlich gebaut, mitten in einem buchenumkränzten See gelegen, war ſeit langen Jahren der Lieblingsſitz und Sommer⸗ aufenthalt der verwittweten Herzogin von Schleswig⸗ Holſtein⸗Sonderburg⸗Glücksburg geweſen. Dieſe hoch⸗ ehrwürdige edle Frau, deren Wandel nur Wohlthun, Liebe und Menſchenfreundlichkeit bezeichnet, hatte von jeher ein Vergnügen darin gefunden, mit ihrer un⸗ verheiratheten Tochter, der liebenswürdigen Prinzeſſin Louiſe, einige Monate im Jahre in ländlicher Stille und Zurückgezogenheit auf dieſem Schloſſe zuzubrin⸗ gen. Verehrt von Allen, die ſie kannten, geliebt von Allen, die ihr nahe kamen, war ſie eine von den Damen, die ihre hohe Geburt nicht als ein Vorrecht 40 auf höheren Lebensgenuß, ſondern als eine Aufgabe betrachten, den unter ihnen Stehenden mit gutem Beiſpiele, das von Gott geſchenkte Leben würdig zu benutzen, voranzugehen. Auf das Schloß dieſer Dame, die überdieß die Mutter des Prinzen Chriſtian, ſeines künftigen Königs, war, wurde der Lieutnant von Svane mit funfzig Mann vom 6. Bataillon der dä⸗ niſchen Linien⸗Infanterie fünf Tage lang einquartiert. Dieſe fünf Tage haben hingereicht, obengenanntem Herrn und ſeinen Begleitern ein Denkmal für die Ewigkeit zu ſetzen. Denn dieſer Herr geberdete ſich in dem herzoglichen Schloſſe, als ob er der über Tod und Leben gebietende Eigenthümer deſſelben wäre. Zuerſt und um ſich, wie es hieß, gegen einen Ueber⸗ fall zu ſchützen, hatte Herr von Svane die Zugbrücken, die zum Schloſſe führten, abgebrochen— was ſich im Kriege noch entſchuldigen ließ— ſodann es aber für ſeine landesherrliche Pflicht gehalten, mit ſeinen Sol⸗ daten die gefüllten Weinkeller des Schloſſes zu leeren. Auch das hätte man ihm vielleicht als Sieger nicht übel gedeutet. Aber damit noch nicht befriedigt und vielleicht von dem edlen Weine, den er vorfand, be⸗ rauſcht, ordnete er eine Plünderung des Schloſſes an, verwüſtete das Mobiliar deſſelben und nahm ſich davon mit, was ihm am beſten gefiel, und was er theil⸗ 41 weiſe wieder verkaufen ließ oder an Frauenzimmer von zweideutigem Rufe verſchenkte, wovon ein Beweis iſt, daß Jahre nachher die früheren Beſitzer man⸗ cherlei Familienangedenken hie und da von verſchie⸗ denen Inhabern wieder ankaufen ließen. Die zarten Frauenarbeiten, von der Prinzeſſin eigenen Händen zu ihrer Freude hergeſtellt, alte Fa⸗ milienſchätze, Bilder, ſeit Jahren in dem Schloſſe ge⸗ hütet, verwüſtete ſeine freche Hand, indem er ſie als Zielſcheibe beim Piſtolenſchießen benutzte, da kein an⸗ derer Feind vorhanden war, der Kampfesluſt des adligen Herrn ſich entgegenzuſtellen. Aus der Privat⸗ kapelle der Herzogin nahm er ein ſilbernes Chriſtus⸗ bild mit, den Armenſtock zerſchlug er und bereicherte ſeine Compagnie mit dem darin liegenden Scherflein für Arme und Hungernde, ja, das Grabgewölbe der Familie entweihte er, indem er die Särge erbrach und die Gebeine der Todten antaſtete. Aus dem Abendmahlskelche trank er Punſch, während ein Mann auf der Orgel in der Kirche einen Galopp ſpielen mußte und der Prediger zum Mittanzen aufgefordert wurde. Zum Schluſſe ſeiner Heldenthaten aber gab er am 16. April ſeiner Compagnie und verſchiedenen Frauenzimmern und Dienſtmädchen der Umgegend einen Ball in den herzoglichen Gemächern und feierte 42 dabei Orgien, die ſich leichter vorſtellen als beſchrei⸗ ben laſſen. Zuerſt das Gerücht und dann die Beſtätigung dieſer wahrhaft vandaliſchen Gewalt verbreitete ſich wie ein Lauffeuer durch das ganze Herzogthum und alſo auch bis nach Emmerslund, und es war ſehr natürlich, daß hier und an anderen Orten die Blicke der Trauernden und Geſchändeten ſich ſehn⸗ ſüchtig nach dem Süden wandten, um der Hülfe derer entgegen zu ſehen, von denen ſie allein zu er⸗ warten war. Aber keine Nachricht hülfreich nahender Truppen drang zu den Ohren der kummervollen Her⸗ zogthümer, Alles blieb ſtill für ſie vom Süden aus und immer verderblicher brauſte vom Norden her die zerſtörende Völkerwoge heran. Andreas Burns hatte ſich längſt auf einen Angriff ſeines Beſitzthums vorbereitet. Beide Zugänge, vom Garten und der See wie vom flachen Lande aus, waren durch feſte Bohlenthore verſchloſſen und durch verſchiebbare Balken nach Möglichkeit unzugänglich gemacht worden. Die großen Doggenhunde liefen frei auf dem Hofe und im Garten umher und melde⸗ ten jeden fremden Fußtritt durch ihr wachſames Ge⸗ bell an. Auf der Warte ſtand Tag und Nacht einer der Capitaine und lauerte auf jpdes verdächtige Ge⸗ 43 räuſch aus der Ferne. Alle Pferde und Kühe waren Nachts in ihre Ställe eingeſchloſſen und wurden nur bei Tage einige Stunden auf die Weide geführt. Innerhalb des Hauſes waren alle Gewehre und Pi⸗ ſtolen geladen und lagen mit vielen anderen Waffen, die noch von des Capitains Seefahrten herrührten, zum augenblicklichen Gebrauche bereit. Die Matroſen⸗ knechte waren auf verſchiedenen Poſten aufgeſtellt und mit den gehörigen Befehlen für einen etwaigen Ueber⸗ fall verſehen. Schon ſeit dem 10. April lebte man in dieſer Spannung, und obwohl Unruhe und Be⸗ ſorgniß auf den meiſten Geſichtern zu leſen war, ſo hatte man doch noch keine Gelegenheit gehabt, den gefürchtetſten aller Feinde von Angeſicht zu ſehen. Andreas allein blieb ruhig und kalt, wie er es nicht anders ſein konnte, denn ſeine männliche Seele war gegen alle Gefahren des Leibes und Lebens gehärtet, und wenn er auch dann und wann im Herzen Sorge um die ihm anvertrauten Lieben empfand, er ließ ſie niemals über ſeine Lippen ſchlüpfen oder aus ſeinen Augen blicken, im Gegentheile, er ermunterte und er⸗ muthigte Alle durch ſeine ungeſtörte Geiſtesruhe und ſeinen ſtets bereiten Zuſpruch.— Da, am 18. April gegen Mitternacht ſah Capitain Kühlwetter von der Warte aus ein Haus in der — 4 nächſten Umgebung in Flammen auflodern, wodurch die mordbrenneriſche Bande ihre Annäherung an die bisher verſchonte Gegend verrathen hatte. Aber nichts geſchah in unmittelbarer Nähe des Andreasberges, was die Vermuthung hätte beſtärken können, man habe auch Emmerslund einen Beſuch zugedacht, ob⸗ gleich Capitain Burns deutſche Geſinnung rings⸗ herum jedem Kinde bekannt und mancher Verräther unter den umwohnenden Bauern zu fürchten war. Der 19. April verging ebenfalls ruhig wie die Tage vorher. Der Mond, der in der letzten Nacht ſeine ganze Lichtfülle über die Umgegend ausgeſtreut, ver⸗ klärte den Horizont weit und breit und erleichterte dadurch Capitain Kühlwetter'’s Rundſchau bedeutend. Aber nichts war auch in dieſer Nacht zu erſpähen und ſchon gab man ſich der Hoffnung hin, daß die wüthende Bande weſtwärts und ſüdlich gezogen ſei, um ihre Frevel in noch unberührte und feindlichere Gegenden zu tragen. Der 20. April, der Gründonnerſtag, war ange⸗ brochen und man ſaß, mit Ausnahme von Capitain Bardow, der nur zur Zeit ſeiner Wache auf dem Berge erſchien, ſonſt aber ſeiner alten Lore Geſellſchaft leiſtete, deren Gemüthsruhe und Schwerbeweglichkeit ſie am Verlaſſen ihres Häuschens hinderte, am Früh⸗ 45 ſtückstiſche, als ein Bauersmann aus Barsmark mel⸗ dete, daß die Bande in der Nacht vorher ſich in ſei⸗ nem Dorfe gezeigt, einige Pferde und Kühe fortge⸗ trieben und an einem einzeln ſtehenden Hauſe eine Brandſtiftung verſucht habe. Jetzt ſtreife ſie in klei⸗ neren Haufen in der Umgegend umher und ſuche of⸗ fenbar eine Stätte, wo in der nächſten Nacht ein lohnenderer Schlag auszuführen ſei. Der Bauer entfernte ſich wieder und hinter ihm wurde der Thorweg, der in das platte⸗Land führte, wie gewöhnlich verſchloſſen. Der Tag verging aber⸗ mals ruhig und Jedermann in Emmerslund behaup⸗ tete ſeinen ihm angewieſenen Poſten. Gegen Abend beſchloß der Capitain, von einigen Knechten beglei⸗ tet, einen Rundritt anzutreten, um ſich von der Wahr⸗ heit der Ausſage des Bauers mit eigenen Augen zu überzeugen. Als die Dämmerung eintrat, ritt er vor⸗ ſichtig fort und hinterließ Capitain Kühlwetter ſeine Befehle, während Meviſſen auf der Warte ſtand und Bardow wieder zu ſeiner alten Lore hinabgegangen war. Capitain Kühlwetter, nachdem er mit den Frauen ein paar Worte gewechſelt, verließ das Zim⸗ mer und begab ſich in die Ställe, um eine Umſchau innerhalb des Gehöftes zu halten und nachzuſehen, ob alle gegebenen Anordnungen ausgeführt ſeien. 46 So waren die Frauen allein geblieben und mit ihrer täglichen Arbeit beſchäftigt, Strümpfe für die vater⸗ ländiſchen Soldaten zu ſtricken, Binden und Banda⸗ gen zurecht zu machen und Charpie für die Verwun⸗ deten zu zupfen. Neben ihnen in einigen Körben ſtanden die werthvollſten Sachen des Hauſes, goldene und ſilberne Geräthe; und in zwei blechernen Kaſten lagen Andreas und Helenens Briefſchaften und Gel⸗ der verwahrt, damit, wenn irgend ein Ueberfall ſtatt⸗ fände, gleich das Nothwendigſte zur Hand wäre. „Du biſt ſo ſtill, Helene,“ begann die Hausfrau das Geſpräch und hielt in ihrer Arbeit inne, das in dieſen Tagen immer thränenſchwere Auge auf das holdſelige Weib gerichtet, deſſen zarte Finger mit ei⸗ nem Streifen Leinwand emſig beſchäftigt waren. „Ja,“ erwiderte Helene,„ich will es nur geſtehen — ich habe einen Plan, Gertrud, den ich Dir mit⸗ theilen muß. Wir haben zwar unſere werthvollſten Beſitzthümer hier zuſammengepackt, aber ſind ſie ſiche⸗ rer in dieſen Körben, ſo offen hingeſtellt, als in ih⸗ ren Schränken, die man wenigſtens verſchließen kann? Sollte der unbarmherzige Feind, was Gott verhüte, hereinbrechen, ſo fände er Alles recht bequem auf eine Stelle gehäuft und das Fortſchleppen wäre ihm da⸗ durch nur leichter gemacht. Beſſer ſcheint es mir, 47 wir ſuchten einen ſicheren Ort, wo kein menſchliches Auge dieſe Dinge fände und wir brächten ſie dann dahin, ohne daß Jemand darum weiß, als wir. Meint Ihr nicht auch?“ „Du haſt Recht, Helene, ich habe auch ſchon daran gedacht,“ entgegnete Agathe. „Das iſt auch meine Anſicht,“ ſagte die Mutter, „und ich habe ſchon mit Andreas darüber geſprochen, aber er hat keine Sorge, daß die Jüten bei ſeinen Anordnungen in's Haus gelangen. „Andreas,“ ſagte Helene,„iſt ein Mann und ein ſehr kräftiger und muthiger Mann. Muthig ſind wir zwar auch, denn unſere Nerven ſind nicht von Sei⸗ denfäden gemacht, aber in dieſem Punkte ſcheint mir die Sicherheit über den Muth zu gehen.“ „Du haſt Recht, Helene,“ rief die Frau Burns und ſprang von ihrem Stuhle auf.„Andreas iſt jetzt fort und wir könnten ſeine Abweſenheit benutzen, dieſe Gegenſtände in Sicherheit zu bringen, wo nur wir allein ſie zu finden im Stande wären.“ „Aber wohin bringen wir ſie?“ fragte Agathe und legte ihre Arbeit bei Seite. Die Frauen berie⸗ then eine Weile, dann hatten ſie ihren Entſchluß ge⸗ faßt und gingen ſogleich daran, ihn auszuführen. Agathe holte eine große Stalllaterne herbei und zün⸗ 48 dete zwei Lampen darin an; Gertrud beſorgte eine Hacke und zwei Spaten, und dann trugen ſie ſelber die wohlverwahrten Körbe, Kaſten und das Geräth in den Keller hinab, denn keiner der Dienſtboten im Hauſe ſollte den Ort wiſſen, wo man die Schätze der Familie verbarg. Von Niemandem bemerkt,— die Mägde hielten ſich leiſe flüſternd in der Küche oder der Spinnſtube auf— waren die Frauen in den Keller gelangt, den ſie vorſorglich hinter ſich zuſchloſ⸗ ſen, um nicht geſtört zu werden. Von dem düſteren Lampenlichte nur nothdürftig in ihrem Thun beleuch⸗ tet, traten ſie in den hinterſten Raum eines Gewöl⸗ bes, wo das Weinlager des Capitains ſeinen Platz hatte. Hier machten ſie ſich ſogleich an die Arbeit; die Mutter lockerte die Erde auf und die beiden An⸗ deren ſchaufelten ſie fort, und da ſie, obwohl nicht an dergleichen Arbeit gewöhnt, kräftig und fleißig waren, ſo hatten ſie ſehr bald in den leichten Sand⸗ boden ein geräumiges Loch gegraben, welches wenig⸗ ſtens einen der Körbe aufnehmen konnte. „Es iſt noch lange nicht groß genug,“ bemerkte Helene und trocknete ſich mit einem Tuche den Schweiß von ihrer ſchönen Stirn,„es ſind drei Körbe und zwei Kaſten, die Platz haben wollen.“ „So rühre Dich!“ rief Agathe und, die aufge⸗ 8 49 gangenen blonden Locken anmuthig über den Nacken zurückſchüttelnd, ſtach ſie mit einer Emſigkeit ihr Werkzeug in den Boden, als ob ſie damit das liebe Brot verdienen müßte. Es war ein ſchönes, obwohl ſeltſames Schauſpiel, bei der matten Beleuchtung der Stalllaterne die drei Frauen in dem düſteren Gewölbe eine ſo haſtige Ar⸗ beit vollbringen zu ſehen. Schweigend ſtand die äl⸗ tere von ihnen einen Augenblick auf ihre Hacke ge⸗ lehnt und betrachtete mit Verwunderung ihre beiden jüngeren Gefährtinnen, deren wunderbarer Liebreiz in ſeiner von einander abweichenden Art ihr nie ſo auf⸗ fallend vor Augen getreten war. Agathens geſchmei⸗ dige Glieder bewegten ſich blitzſchnell hin und her⸗ unter ihren flammenden Wangen hervor leuchtete das nur auf ihre Arbeit gerichtete Auge in ſeiner gewöhn⸗ lichen Milde, während ihr hoch aufathmender Buſen Kunde von der Anſtrengung gab, mit der ſie ihre Aufgabe vollzog. Langſamer, aber tiefer mit ihren kräftigen Armen grabend, verrichtete Helene ihr Werk; ihr ausdrucksvolles Geſicht glänzte von einer lebens⸗ vollen Bleiche, wie man ſie nur bei energiſchen Men⸗ ſchen findet, und ihr funkelndes Auge und die an⸗ muthigen Bewegungen ihrer gerundeten Glieder ver⸗ liehen ihr in dem dunklen Gewande, welches ſie noch A. Burns. II. 4 immer trug, das Anſehen einer Feenkönigin, die in ihren Schätzen gräbt. „So,“ ſagte endlich Helene,„jetzt iſt das Loch groß genug, glaube ich. Aber wir haben kein Stroh, es über die Körbe zu decken und ihren Inhalt vor der Erde zu ſchützen.“ „Warte einen Augenblick!“ rief Agathe,„ich hole ein Bund vom Hofe.“ Und raſch ſchloß ſie den Kel⸗ ler auf, ſprang davon und lief mit fliegenden Haaren über den Hof, wo ihr Capitain Kühlwetter begegnete, dem ſie ihr Anliegen vortrug. Verwundert blickte der alte Mann das ſo aufgeregte Mädchen an, aber er holte ein Bund Stroh herbei und erbot ſich es dahin zu tragen, wohin ſie es haben wollte. „Nein, nein!“ rief Agathe,„ich kann es allein tragen; ich bin nicht ſo ſchwach, wie Ihr denkt.“ Und damit nahm ſie es ihm ab und eilte wieder in das Haus hinein. Kopfſchüttelnd ſtand der alte Seemann und blickte ihr nach.„Ein niedliches kleines Ding!“ murmelte er vor ſich hin,„aber eigenſinnig ſind ſie doch alle — bah!“ Und er ſchritt wieder über den Hof und, durch eine nur den Vertrauteſten des Hauſes bekannte Oeffnung in der ſtachlichten Hecke, die den Garten vom Hofe trennte, hindurch kriechend, ging er leiſe 51 pfeifend über die Wieſe der Warte zu, um ſeinem Ka⸗ meraden Meviſſen einen guten Abend zu ſagen.— Bald war das Werk im Keller vollbracht; die Körbe und Kaſten waren in den ausgehöhlten Raum geſtellt, das Stroh darüber gebreitet und nun beſchäf⸗ tigten ſich die klugen Frauen damit, die loſe Erde darauf zu ſchütten, was eine leichtere Arbeit war, aber mit großer Vorſicht vollführt werden mußte, da man keine Spuren der friſchen Umgrabung hinterlaſ⸗ ſen durfte. Endlich waren ſie auch damit zu Stande gekommen und nun ſtampften ſie mit den Füßen das aufgeſchüttete Erdreich feſt, ſo feſt ſie nur konnten, und fegten zuletzt mit einem Beſen die Oberfläche glatt, daß das Geheimniß in der That ziemlich ſicher verwahrt ſchien. „Nun leuchte, Agathe,“ ſagte Helene,„und laß uns unterſuchen, ob irgend eine Spur verräth, daß hier unter der Erde etwas verborgen iſt.“ „Halt!“ rief Agathe und hielt die Laterne hoch empor, ſo daß ihr röthlicher Schein auf die ruhig lie⸗ genden Flaſchen mit dem köſtlichen Inhalte fiel.— „Ich glaube, wir haben Unrecht gethan, gerade dieſen Ort für den ſicherſten zu halten. Gelangt irgend ein Feind in das Haus, ſo wird er den Weinkeller wie 4* 5² überall zuerſt auffuchen und dann könnte er leicht auf die Spur unſeres Geheimniſſes gerathen.“ „Deine Beſorgniß kommt zu ſpät,“ lächelte He⸗ lene,„es iſt einmal geſchehen. Bis morgen mag es ſo bleiben und dann mag Dein Vater die Erde noch feſter ſtampfen oder die Körbe an einen Ort bringen, den er für geeigneter hält. Für heute haben wir un⸗ ſere Pflicht gethan und ſind ermüdet. Sind wir ganz fertig?“ „Ja,“ ſagte die Mutter und ergriff die herumlie⸗ genden Spaten, während Agathe noch einmal mit der Laterne über den Boden leuchtete. Hierbei fielen die Augen der Umherſchauenden auf einander und ſie bemerkten gegenſeitig, daß ihre Geſichter von der An⸗ ſtrengung der ungewohnten Arbeit hoch geröthet, ihre Haut mit Schweiß bedeckt und ihre Hände von der Erde arg beſchmutzt waren. „Pfui!“ ſagte Helene,„wie ſehen wir aus!“ „Wie Frauen, die ihre P erfüllt haben, Kin⸗ der!“ entgegnete die Mutte aßt uns aber jetzt hinaufgehen und uns reinigen. Und damit wollten ſie eben den Keller verlaſſen, als alle plötzlich in ihrer Bewegung inne hielten, denn ein ungeheures Geheul ſchallte heiſer und dumpf vom Hofe her bis in den verſchloſſenen Keller hinein. 53 „Was iſt das?“ rief Helene—„das iſt nicht der Capitain— ſchließ auf, ſchließ auf, Agathe, damit wir hinauf kommen—“ „O mein Gott— wo iſt der Schlüſſel?“ rief dieſe, mit beiden Händen in den Taſchen ihrer Kleider ängſt⸗ lich ſuchend. „Schnell! Wer hat ihn?“ rief die Mutter.„Nein, es iſt nicht Andreas— macht, daß wir hinauskom⸗ men, es iſt kalt hier und wir ſind erhitzt.“ Man ſtand erſchrocken da, ſuchte überall den Schlüſſel— aber er war nirgends zu finden. Die erſchöpften und nun noch geängſtigten Frauen hatten die Sprache verloren; ſtarr blickten ſie einander an, denn von oben her erſcholl jetzt ein dumpfes, unbe⸗ ſtimmtes Getöſe, deſſen Urſache man leider wohl ver⸗ muthen, aber auf keine Weiſe vollſtändig erklären konnte.— —Qꝑꝑᷓꝑᷓño·eQ:q Kehren wir jetzt zu Capitain Kühlwetter zurück, der eben den Hof verlaſſen hatte, um ſeinen Wache haltenden Kameraden auf der Warte aufzuſuchen. Mit eiligen Schritten erſtieg er die Höhe und kam zur rechten Zeit oben an, um ſeine Augen mit denen 54 Capitain Meviſſen's zu vereinigen, denn dieſer hatte zu derſelben Zeit einen Menſchenhaufen zu erblicken geglaubt, der von Apenrade her in nächtlicher Stille, aber raſch den Hügel erſteigend ſich ſo heimlich wie möglich dem Gehöfte zu nähern ſchien. „Sie ſind's!“ flüſterte Meviſſen beklommen. „Komm herunter vom Maſtkorbe, jetzt wollen wir ihnen auf Deck die Zähne weiſen. Halloh! Nun iſt aber der Commodore fort und wir haben die Enterer allein abzuſchlagen.“ „Um ſo mehr Ehre für uns!“ rief Kühlwetter froh⸗ lockend und, immer zwei Stufen auf einmal über⸗ ſpringend, glitt er mit einer Eile die Treppe hinab, daß die alten Bretter unter ihm krachten und er bei⸗ nahe zu Boden geſtürzt wäre, als er die feſte Erde erreichte. „Sachte!“ ſagte Capitain Meviſſen, als er hig⸗ ter ſeinem Kameraden herſtolperte.„Hol' die Hallun⸗ ken der Teufel! Beinahe hätten wir uns die Hälſe gebrochen, ehe wir ſie an der Kehle gefaßt haben.“ „Wenn ich ſie nur erſt daran hätte! Vorwärts, Mann, kaltes Blut und offene Augen jetzt— nun geht der Tanz los— ich habe ſchon lange Luſt gehabt, einen Menſchen zu prügeln, der däniſches 5⁵ Blut in den Adern hat, und nun ſchickt mir der Herrgott dieſe Burſchen in den Weg.“ Mit dieſen Worten waren ſie in den Hof geſchlüpft, hatten ein paar dicke und noch dazu geknotete Tau⸗ enden ergriffen— eine Waffe, die ſie vortrefflich zu handhaben verſtanden— und ſtellten ſich mitten im Hofe auf, voller Erwartung, was der nächſte Augen⸗ blick bringen würde. Sie brauchten nicht lange zu warten. Denn ſchon ſchlugen die Hunde, die die nahenden Menſchen gewittert hatten, ihr wildes Gebell an und ſtürzten nach dem Thorwege, der feſt verrammelt und einem ziemlich ſtarken Angriffe zu widerſtehen geeignet war. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein tobendes Ge⸗ ſchrei von Außen vernehmen. Knittel und ſonſtige harte Gegenſtände wurden mit Gewalt gegen den Thorweg geſtoßen und zwiſchendurch ungeſtüm Ein⸗ laß begehrt. „Still!“ flüſterte Kühlwetter ſeinem alten Freunde und den herbeiſchleichenden Matroſen zu—„Still! Laßt ſie gewähren. Brechen ſie den Thorweg auf, dann erſt ſtürzen wir ihnen entgegen wie ſechs Bomben und ſchmettern ſie alle zu Boden.“ Schwer aufkeuchend, die Köpfe horchend vorge⸗ beugt, ſtanden die ſechs unerſchrockenen Männer im 56 Hofe, mit geſchwungenen Tauen und Knütteln, und ſahen dem Angriffe der draußen Stehenden mit einem wahren Heißhunger auf einen geſunden Kampf ent⸗ gegen. „Aufgemacht!“ brüllte eine heiſere Stimme in dä⸗ niſcher Sprache—„Aufgemacht, Ihr deutſchen Hunde, oder wir brennen Eure Baracken nieder!“ „Soll ich eine Flinte aus dem Zimmer holen, Kühlwetter,“ flüſterte Meviſſen,„und aus dem Pferde⸗ ſtallfenſter einen zu Boden ſtrecken?“ „Nein, Kamerad, kein Blut vergießen, ſo lange es nicht nöthig wird,— ſo lauten die Befehle des Com⸗ modore und wir müſſen ihm gehorchen, denn wir ver⸗ theidigen ſein eigen Schiff und er iſt unſer Capitain. Klopfen kannſt Du ſie, ſo viel Du willſt, und tüchtig wo möglich, daß ſie das Wiederkommen vergeſſen— aber kein Schuß, kein Blut— aber was iſt das?“ In dieſem Augenblicke hörte man das klirrende Geräuſch zerbrechenden Glaſes und gleich darauf ent⸗ ſtand im Pferdeſtalle ein Krachen, als ob ein Fenſter⸗ flügel mit Gewalt hinabgeſchleudert würde. Zugleich fingen die Pferde an zu ſtampfen und zu wiehern und man konnte daraus ſchließen, daß die Feinde das Stallfenſter von Außen erklettert, es durchbrochen und ſo einen Eingang in das Innere der Gebäude ge⸗ 57 funden hatten. Sie mußten alſo Leitern bei ſich ha⸗ ben, denn das Fenſter war außerhalb des Gehöfts, da es über dem abwärts führenden Wege lag, we⸗ nigſtens zwölf Fuß vom Boden entfernt, während es im Stallraume nur etwa vier Fuß von der Diele maß. Kaum hörten die aufmerkſamen Hunde das Ge⸗ polter im Pferdeſtalle, ſo ſtürzten ſie heulend dahin und wenige Sekunden darauf hatten ſie ihre Beute gefaßt, und Hundegeheul, Pferdegetrampel und Men⸗ ſchengeſchrei brachten zuſammen einen Lärm hervor, daß ein ſchwaches Herz Zittern und Beben dabei über⸗ fallen hätte. Aber ſchwache Herzen gab es in dieſem Augenblicke auf Emmerslund nicht. Im Nu war die Hälfte der im Hofe ſtehenden Männer innerhalb des Stalles und bei der ſchwachen Beleuchtung, die von einer einzigen Laterne darin herrührte, erblickten ſie ein Schauſpiel, welches anfangs ſo verworren und drohend erſchien, daß ſie eine geraume Zeit brauchten, um es in allen Einzelnheiten zu erkennen und ſelbſt⸗ thätig mit in ſeine Entwickelung einzugreifen. Drei bis vier Männer, in abgeriſſenen Kleidern und mit Stangen und Knütteln bewaffnet, waren vom Fenſter zur Erde herabgeſprungen; zwei von ih⸗ nen lagen ſchon am Boden, von den Doggen fürch⸗ terlich zerfleiſcht, während die beiden anderen mit 58 ihren Prügeln über die gewaltigen Hunde herfielen. Aber die wackeren Thiere verſtanden zu kämpfen und biſſen wüthend unter mörderiſchem Geheule auf die Angreifer ein. Dabei ſchlugen die Pferde mit geſträubten Mähnen und ſprühenden Nüſtern aus und vollendeten ſo das grauſige Bild. In die⸗ ſem Augenblicke aber, wo die Vertheidiger des Stalles zu ermatten anfingen, kam ihnen vom Hofe die Hülfe und drei entſetzliche Prügel wirthſchafteten mit einer Schnelligkeit und Bedachtſamkeit hinter den ausſchlagenden Pferden herum, daß die davon Ge⸗ troffenen in eine arge Klemme geriethen. Aber die im Fenſter ſtehenden und zur Reſerve beſtimmten Freiſchaaren, die die fürchterlichen Hiebe unter ſich regnen hörten, ſtutzten und ſchienen die Luſt verloren zu haben, an denſelben Theil zu nehmen, ermunterten aber um ſo eifriger die draußen Stehenden, den Thor⸗ weg zu ſprengen, um von hinten her ihren Kamera⸗ den zu Hülfe zu eilen. Dieſen Plan aber durchſchaute Capitain Kühlwetter, der mit ſeiner gewaltigen Com⸗ mandoſtimme die ganze Schlacht im Halbdunkel leitete, und der ſeinerſeits ſelbſt ſehr lebhaft wünſchte aus dem Stalle in's Freie zu gerathen, wo er Unterſtützung bereit wußte und ſeinen krachenden Prügel beſſer ſchwingen konnte. Daher brüllte er plötzlich ſeinem —,.,— 59 Freunde und dem Knechte, die neben ihm fochten, zu, nach dem Hofe zu weichen. Dieſe verſtanden den Wink und befolgten ihn ſogleich. Die fünf bis ſechs Mann aber, die nach und nach durch das Fenſter in den Stall geſtiegen waren, hielten dieſen Rückzug für eine Flucht und folgten den davon Eilenden mit einer Haſt, die nur ihrer Wuth gleichkam, ihre bisherige Niederlage in Sieg umgewandelt zu ſehen. Zwei von ihnen aber blieben am Boden liegen, über ihnen die Doggen, und bei jeder Bewegung, die ſie ver⸗ ſuchten, ihren Siegern zu entrinnen, griffen die wü⸗ thenden Thiere von Neuem an. So wurde der Kampfplatz, nachdem ſich alle Theilnehmenden eine Weile verſchnauft, aus dem en⸗ gen Stalle in den geräumigen Hof verlegt und hier nahm die Angelegenheit für die Angegriffenen anfangs eine ſehr günſtige Wendung, denn die drei am Thor⸗ wege bisher Wache haltenden Matroſen ſtürzten jetzt ihren Kameraden zur Hülfe herbei, ſo daß die erſten Eindringlinge in kurzer Zeit kampfunfähig gemacht waren. Nun aber zeigte ſich eine neue und drohendere Gefahr. Die außerhalb des Gehöfts ſtehenden Frei⸗ ſchaaren, als ſie den Kampf im Pferdeſtalle ſein Ende erreichen ſahen und die Stimmen der Kämpfenden 60 ſich entfernen hörten, glaubten darin einen Sieg der Ihrigen zu erkennen, und anſtatt ſich mit dem Auf⸗ bruche des Thorweges abzumühen, ſchlüpften ſie alle, einer nach dem andern, durch das offene Fenſter herein. Als die treuen Hunde ihre Feinde ſich ſo ge⸗ waltig vermehren ſahen, ließen ſie ihre erſten Opfer los und ſtürzten ſich, obgleich ſchon aus mehreren Wunden blutend, auf die neu angekommenen. Dieſe, den Feind im Hinterhalte wähnend, ſtutzten anfangs, ſchlugen aber auf die Hunde ein und ſuchten eben⸗ falls das Freie zu gewinnen, wo ſie denn zu ihrem Erſtaunen den Kampf auf dem hell vom Monde beſchienenen Hofe zu Ungunſten der Ihrigen entſchie⸗ den ſahen. Mit einem Grimme daher, wie ihn nur der entmenſchte jütiſche Bauer entwickeln kann, ſtürzten ſie ſich mit ihrer Uebermacht auf die beiden Capi⸗ taine und ihre Helfer, und nun entſpann ſich ein Kampf, der eben ſo heftig wie kurz war. Die ge⸗ wandteren Seeleute hielten ſich zwar die mit ſchwereren Waffen verſehenen Bauern vom Halſe, ſo gut ſie konnten, die immer zunehmende Menge aber zu be⸗ ſiegen waren ſie nicht im Stande. Allmälig von der Mitte des Hofes an die Scheunenwände zurückge⸗ drängt, fühlten ſie bereits ihre Kräfte erlahmen und fingen an einzuſehen, daß, wenn nicht bald Hülfe —— ——— — 61 käme, ſie ihre Flagge vor den Piraten würden ſtrei⸗ chen müſſen. In dieſem kritiſchen Augenblicke, den ein wüthen⸗ des Getobe und Gekreiſch von der mächtigeren Seite bemerklich machte, nahm Capitain Kühlwetter ſeine Zuflucht zu einer Kriegsliſt. Mit ſeiner donnernden Stimme, die in der Erregung des Augenblicks eine noch höhere Entwickelung erreichte, brüllte er aus Leibes⸗ kräften in däniſcher Sprache:„Heraus, Kameraden, jetzt iſt es Zeit! Faßt die Hunde von hinten— ſchießt ſie nieder— alle zuſammen!“ Bei dieſem unerwarteten und ſehr verſtändlichen Ausrufe ſtutzten und wichen die Freiſchaaren zurück, um dem von hinten anrückenden Feinde ins Geſicht zu ſehen, und dieſen Augenblick, ſo kurz er war, wollte der Capitain benutzen, ſich gegen die offene Hausthür zu werfen, dieſelbe wo möglich erreichen und verſchließen, und dann von innen her ſich der gefährlicheren Waffen bedienen, die zum Gebrauche in der Noth auf den Tiſchen bereit lagen. In dem⸗ ſelben Augenblicke aber, als Capitain Kühlwetter ſei⸗ nen Kameraden zuwinkte, den letzten Entſchluß aus⸗ zuführen, erhielten ſie eine plötzliche und gänzlich unerwartete Verſtärkung. Aus der vorher ſchon er⸗ wähnten Oeffnung in der Gartenhecke hervor erhob ſich „ 1 62 raſch eine dunkele Geſtalt nach der andern, und eine Stimme, die mit ihrer Fülle und Tiefe Mark und Bein durchſchauerte, donnerte den ſchon erſchrockenen Freiſchaaren ein gebieteriſches Halt zu. Der Commo⸗ dore, von hinten her mit ſeinen Matroſen über die Hecken geklettert, während er die Pferde auf der Wieſe gelaſſen, war gerade zur rechten Zeit nach Hauſe zu⸗ rückgekehrt; ein kurzer Umblick hatte hingereicht, ihn vom Stande der Dinge zu unterrichten und nun ſtand er ſelber, wie vom Sturmwinde herbeigeführt, mit einem kurzen, aber handfeſten Stocke bewaffnet, unter den Seinigen und feuerte dieſelben ſchon mit ſeiner bloßen Gegenwart, dann aber auch mit mächtigem Zurufe an. Hageldicht und von friſchen Armen ge⸗ ſchwungen fielen jetzt die Streiche und einzelne Frei⸗ ſchaaren, ihr nahendes Mißgeſchick erkennend, waren ſchon wieder durch das Stallfenſter entflohen und hatten das Weite geſucht, ehe noch der Kampf im Hofe vollſtändig zu Gunſten der Bewohner deſſelben entſchieden war. Windelweich geklopft, mit Blut und Beulen bedeckt, lagen die Angreifer am Boden und flehten um Gnade. Da Andreas Burns ſeinen Sieg* geſichert ſah, fühlte er Erbarmen. Vom Stallfenſter aus hatte er ſelber hinaus geblickt und keine Feinde mehr in der Nähe des Hofes bemerkt. So ließ er raſch den 63 Thorweg öffnen und die zerſchlagenen Banditen zum Hauſe hinauswerfen, was in Begleitung einiger Fuß⸗ tritte und Schlagwörter mit einem Eifer geſchah, der dem im Kampfe entwickelten nichts nachgab. Auch die Hunde wurden von ihren Opfern, die ſie noch immer feſt hielten, losgemacht und dieſe vor die Thür geworfen, wo ſie ſich bald erholten und von ihren Kameraden mit fortgeſchleppt wurden. So war der Sieg alſo vollſtändig durch die Um⸗ ſicht und den Muth der alten Seeleute errungen, denen das Glück in Geſtalt des Commodore zur rech⸗ ten Zeit zu Hülfe gekommen war, und die Sieger ſtanden im glänzenden Mondlichte auf dem Hofe und wünſchten ſich mit den ſonderbarſten Reden gegen⸗ ſeitig Glück zu den Prügeln, die ſie erhalten und aus⸗ getheilt hatten. Am ſchlimmſten aber waren die Hunde weggekommen, die blutend, aber ungebrochenen Muthes in ihre Hütten krochen und ihre ehrenvollen Wunden beleckten. „Halloh, Commodore!“ rief Capitain Kühlwetter frohlockend, aber mit etwas heiſerer Stimme,„das nenn ich mir deutſche Hiebe! Hättet Ihr nicht befoh⸗ len, die Meſſer und Piſtolen in der Conſtabelkammer zu laſſen, wir hätten ſie alle mit einer vollen Lage in den Grund gebohrt.“ EEEQE 64 „Nun, mein alter Freund,“ erwiderte Andreas,„wie ich an Euern verbogenen Hüten und zerriſſenen Röcken ſehe, ſo waren die däniſchen Hiebe eben auch nicht ſchlecht, und es iſt beſſer ſo, als hätten wir ein Menſchenleben auf unſerm Gewiſſen. Aber wie iſt der Ueberfall begonnen worden?“ Und er ging mit den Capitainen und den Knechten in den Stall und Alles wurde ihm haarklein berichtet und durch den Augenſchein erläutert. „Nagelt die Fenſter mit Brettern zu,“ befahl er dann den Knechten,„und haltet Wache, damit wir nicht noch einmal überrumpelt werden. Jetzt aber nehmt Eure Meſſer und laßt Euch Piſtolen geben, und kommt dieſe Brut noch einmal heran, ſo gebraucht ſie, als ob Ihr mit Piraten föchtet— meine Geduld mit dieſem Geſindel iſt zu Ende. Vorwärts, Captains, laßt uns jetzt zu den Frauen gehen und einen wackeren Imbiß nach der Arbeit genießen.“— 4 Während die Knechte die Befehle ihres Herrn voll⸗ führten, ſchritten die drei Männer dem Hauſe zu, wobei ſich Andreas ſchon im Stillen wunderte, daß ihm keine der Frauen wie gewöhnlich entgegen kam. 3 Als ſie durch die Thür eingetreten waren, fanden ſie das Wohnzimmer Gertrudens leer, obwohl die Lampe gemüthlich auf dem Tiſche brannte und die 65 Arbeiten der Frauen daneben lagen. Nach der Küche ſchreitend, fanden ſie auch dieſe ohne ihre Bewohne⸗ rinnen, denn die Mägde waren bei dem ausbrechen⸗ den Kampfe durch ein Fenſter in den Garten geſprungen und hatten ſich hier ſo gut wie möglich verſteckt. „Halloh! Gertrud! Agathe! Helene!“ rief der Capitain laut, aber ſeine Stimme zitterte hörbar, da er dieſe lieben Namen ausſprach. Als er aber immer noch keine Antwort erhielt, blieb er ſtehen und warf einen fragenden Blick auf die verdutzten Capitaine, der deutlicher, als Worte es konnten, eine unheimliche Beſorgniß verrieth. „Wo ſind ſie, Commodore, wollt Ihr ſagen— he? Aber ſo wahr ich Cap'tain Kühlwetter bin und meine Augen offen habe— ich weiß es Euch nicht zu ſagen.“ 3 Andreas fühlte jetzt eine Angſt ſein Herz durch⸗ ſchauern, von der er ſich noch keine Rechenſchaft zu geben wagte. Aus einem Zimmer flog er ins andere — Trepp' auf, Trepp' ab eilte ſein Fuß— aus dem Hauſe ſprang er in den Hof, aus dem Hofe in den Garten, und überall machte ſich ſeine dröhnende Stimme bemerkbar, aber von keinem antwortenden Rufe wurde ſein Ohr beglückt. Bleichen Angeſichts, mit verworrenen Haaren und A. Burns. II. 5 66 bebenden Händen kehrte er in ſeiner Frau Wohnzimmer zurück, die Capitaine immer unmittelbar hinter ihm her, wie Spürhunde jeden Winkel und jede Ecke durch⸗ ſuchend. „Wo ſind die Frauen?“ ſchrie Andreas endlich wüthend—„Habt Ihr ſo ſchlecht Wache gehalten? Muß ich fürchten, daß ſie mir weggeſchleppt ſind?“ „Mann, ſo ſeid doch ruhig!“ rief Capitain Me⸗ viſſen, der keine Ahnung davon hatte, wie einem Gat⸗ ten und Vater zu Muthe iſt, wenn er ſein Liebſtes in den Klauen von Wölfen beſorgen muß.„Wir müſſen ſie finden! Durch die Luft können ſie doch nicht geflogen ſein?“ Dem alten Kühlwetter blitzte jetzt endlich eine richtige Idee durch den Kopf.„Halloh, Cap'tain!“ rief er— „Ich muß mich beſinnen— ja, ſo iſt es— Agathchen habe ich ein Bund Stroh geben müſſen und ſie iſt, glaube ich, damit in den Keller gegangen.“ „In den Keller!“ ſchrie Andreas außer ſich und ſtürzte ſchon durch die Thür, während Capitain Kühl⸗ wetter eine Lampe ergriff und ſo raſch wie möglich hinter ihm her leuchtete. Kaum waren die Männer in den vorderſten Keller gelangt, ſo ſahen ſie ſchon die Thür des zweiten offen ſtehen und bald kamen ſie vor dem verſchloſſenen Weinkeller an, aus dem ſich 67 jetzt die Stimmen der eingeſperrten Frauen vernehmen ließen. „Gelobt ſei Gott!“ jauchzte Andreas und fragte ob ſie alle lebendig und geſund ſeien. „Ja, ja, alle geſund!“ riefen drei Stimmen zu⸗ gleich—„Aber wir haben den Schlüſſel verloren und können die Thür nicht öffnen!“ „Geht fort von der Thür!“ ſchrie ihnen Andreas jubelnd und beinahe von Freude erſtickt zu, und mit einem Fußtritte, der eine Wand hätte umſtürzen kön⸗ nen, brach er die Thür auf und flog in die Arme ſeiner vor Kälte und Angſt bebenden Gattin. Der Vorgang war bald aufgeklärt; Andreas Herz aber war zu ſtark erſchüttert, um Worte finden zu können, die ſeine Gefühle ausdrückten. Einen Arm um ſeine Frau, den andern um Agathe geſchlungen, kehrte er in ſein Zimmer zurück und hier erzählten die Capitaine den drängenden Frauen, was ſo eben im Hofe geſchehen war. „Es war vielleicht ein Glück,“ ſagte Helene,„daß wir den Schlüſſel verloren; dort unten waren wir auf alle Fälle ſicherer, als hier oben.“ „O meine Angſt!“ rief der Capitain und drückte ſeine Hand auf ſein Herz.„Es iſt wahr, Ihr waret dort unten ſicherer, als hier, und der Zufall oder 5* Gottes Schickung ließ Euch den Schlüſſel verlieren. Aber wer beſchreibt mit Worten, was das Herz em⸗ pfindet, wenn es gefoltert iſt, wie das Meine heute! Laßt uns Gott danken, daß es ſo geendet hat. Aber Muth, Muth, Kinder, das iſt der Krieg, der uns dieſe Schreckniſſe ſendet. O!“ Und wider ſeinen Willen wurde ſein Auge feucht, und er wandte ſein bleiches Geſicht ab, damit die Anderen die Empfindungen nicht ſähen, die ſich auf demſelben ausſprachen. Die Frauen aber verließen das Zimmer, um ſich ſo raſch wie möglich umzuklei⸗ den und zu den harrenden Männern zurückzukehren.— Drittes Anpitel. Die däniſche Einquartierung. Die faſt überall und zu allen Zeiten gemachte Er⸗ fahrung, daß geſetzloſe Banden von Natur feige ſind und ſtets vor tapferen Männern zurückweichen, wenn dieſe nur den erſten Angriff des bettelhaften Geſindels mit energiſchem Widerſtande abſchlagen, bewährte ſich auch hier. Gleich bei ihrer erſten räuberiſchen That in Emmerslund männlich empfangen und übel zugerichtet, flohen die jütiſchen Freiſchaaren vom Hofe des Capitains Burns wie vom Sturme verjagt, und verloren ein für alle Mal Muth und Luſt, ſein Be⸗ ſitzthum anzugreifen und auf ſeine Koſten ſich einen guten Tag zu machen. Aber nur in ſofern es ihre ei⸗ gene Haut betraf, hatten ſie an dem erſten Verſuche genug bekommen; ſich an dem edlen Capitaine und 70 ſeinen tapferen Helfershelfern auf eine andere ihnen weniger empfindliche Weiſe zu rächen, war dagegen ein zu ſüßer Genuß, als daß ſie demſelben ohne Wei⸗ teres hätten entſagen können. Noch in derſelben Nacht nahmen ſie daher einem der umwohnenden Bauern Wagen und Pferde weg und fuhren damit nach Apenrade, wo ſie das däniſche Militair auf dem Po⸗ ſten wußten. Noch vor der Stadt, in der Nähe des Hafens, fanden ſie eine ſtarke Abtheilung Infanterie und bei dieſer meldeten ſie ſich, klagten über die Mißhandlung, die ihnen von einem Deutſchen wider⸗ fahren und zeigten zum Beweiſe der Wahrheit ihrer Ausſage die friſchen Wunden auf, die ſie in dem nächtlichen Kampfe davongetragen. Sogleich wurden zwei Offiziere und funfzig Mann beordert, den Andreasberg zu beſetzen, die aufrühre⸗ riſche Gegend, wie ſie bezeichnet wurde, zu durchſtrei⸗ fen und den Uebelthäter nach den Geſetzen des Krie⸗ ges zu beſtrafen. Am Morgen des nächſten Tages, es war der 21. April und obenein der heilige Charfreitag, ſtanden 1” die Bewohner von Emmerslund nach ihrer Gewohn⸗. 12 heit bei Zeiten auf und begaben ſich trotz des Feier⸗ tags an ihre Geſchäfte, denn es gab in der ſorgen⸗ vollen Zeit überall zu thun. Der Capitain ſaß an . 71 ſeinem Schreibtiſche, die Frauen kleideten ſich an, Ca⸗ pitain Meviſſen ſtand auf der Warte, und Knechte und Mägde waren theils im Garten, theils auf dem Hofe beſchäftigt, die Spuren zu vertilgen, die die ver⸗ gangene Nacht überall zurückgelaſſen hatten. Da trat Capitain Kühlwetter in ſeinem eilig geflickten Rocke ein ſehr dickes blaues Auge mit einem Tuche bedeckt, und etwas langſamer und ſchwerfälliger gehend als ſonſt, aus der Hausthür. In der einen Hand hielt er eine Gabel, in der andern eine große Schüſſel mit geſchnittenem Fleiſche. So näherte er ſich hinkend den Hundehütten, in denen die tapferen Doggen jetzt friedlich ſchliffen, denn auch ſie bedurften der Ruhe und hatten Schmerzen zu überwinden. „Na!“ ſagte der alte Seemann zu ſich ſelber— „ſie ſchlafen noch. Eigentlich iſt es unrecht, daß ich ſie ſtöre, aber ich habe es mir geſtern gelobt, ihnen heute Morgen einen guten Leckerbiſſen zu bringen. Heraus, Caſtor und Polluxy! Heraus, meine Jungen — ich habe hier etwas für Euch!“ Auf dieſen lauten Zuruf der wohlbekannten Stimme und vielleicht auch von dem Dufte der Schüſſel angezogen, krochen die beiden großen Hunde langſam aus ihrem Strohlager hervor, gingen aber ebenfalls lahm und dehnten ihre mächtigen Glieder, die hier und da 72 eine haarloſe Stelle, eine dicke Beule oder gar einen blutigen Fleck zeigten. Dennoch aber ſchienen ſie ſich des Beſuches zu freuen, denn ſie wedelten mit den Schwänzen und reckten ihre rothen Zungen mit lei⸗ ſem Gebelfer dem appetitlichen Fleiſche entgegen. „Aha, meine Jungen,“ ſagte der alte Seemann, „Ihr tretet etwas breitbeinig auf, als ob Ihr an Bord wäret und die See etwas hoch ginge. Hol's der Henker! Mir geht es eben ſo. Na, na, ſeht mich nur genau an, ich habe auch ein blaues Auge und morgen wird es noch bunter bewimpelt ſein, und meine Knochen ſind ſo lahm wie die Euren. He, fühlt Ihr Euch auch am ganzen Leibe ſo gerädert wie ich? Ja, ja, meine Burſchen, da habt Ihr'nen fetten Biſſen!“— Und er warf ihnen große Stücken Fleiſch in die ſchnuppernden Mäuler, die ſie verſchlan⸗ gen, ohne beſonders zu koſten.„Nun thut Euch was zu Laue Fanſ Ihr bald wieder wohl aufgeta⸗ kelt und zum Entern bereit ſeid. Ich muß Euch aber loben— Ihr habt wacker gearbeitet— Wetter! was mir das Bücken ſchwer wird! Hol' der Teufel ſolche Prügelei! Lieber will ich zehnmal gekielholt werden, als ſolche Dreſchübung noch einmal durchmachen. Die Arbeit war für mich alten Kerl etwas zu jungfräu⸗ lich.— Haha! Schmeckt's Euch? Das glaub' ich. 73 Da, ſtille, Caſtor— gieb Deinem Bruder Pollux die Hälfte ab— ſo, alter Burſche, das war ehrlich ge⸗ theilt. Nun habt Ihr aber ſchon die ganze Mahlzeit verſchlungen— Ihr ſeid raſch bei jeder Arbeit, das muß ich ſagen. Aber halt“— und er ſtellte die Schüſſel auf den Boden und ließ ſich etwas langſam auf ſeine ſteifen Kniee nieder, indem er die Hunde ge⸗ nauer unterſuchte—„zeigt mal her, was Ihr für Lecke an Eurem Rumpfe habt. Aha, das iſt ein gu⸗ ter Riß, Caſtor— Deine Naſe hat auch ein Anden⸗ ken an den Gründonnerſtag erhalten und Dein Fell iſt eben nicht haarreicher geworden— aber es geht doch noch— nun laß mich mal Dein Bugſpriet be⸗ ſchauen, Pollux— ſtill, mein Junge, ich thue Dir ja nicht weh, wie die Piraten geſtern. Hoho! Du haſt mehr abgekriegt— ja, lecke Dir nur die Krallen, lecke ſie, das thut gut— auch Du haſt Dich wacker gehalten— aber was iſt das?“ Der im Plaudern begriffene Capitain hätte ſicher noch eine Weile fortgeſchwatzt und den„tröſtenden Chirurgen“ geſpielt, wenn nicht ſo eben der ſchrille Pfeifenton ſeines Freundes auf der Warte an ſein Ohr gedrungen wäre.„Haha,“ rief er,„das iſt Me⸗ viſſen's ſanfte Flöte, ich kenne ſie— wie, kommen die Jütländer ſchon wieder zum Tanze— das wäre 74 zu früh am Tage!“ Und er erhob ſich ſogleich von der Erde und ließ in der Haſt die Schüſſel ſtehen, die Caſtor noch einmal mit ſeiner breiten Zunge rein wuſch, wobei Pollux ihm einen nicht allzu brüderlichen Blick von der Seite zuwarf. Capitain Kühlwetter begab ſich, ſo raſch er gehen konnte, in den Garten, von da auf die Wieſe und langte ſehr bald am Fuße der Warte an.„Na, was giebt's? Kamerad da oben— komm herunter, meine Knochen thun mir zu weh, ich mag nicht bei jedem Pfiffe die Stufen hinauf klettern.“ In kurzer Zeit befand ſich Meviſſen neben ihm, der glücklicherweiſe etwas gelenker geblieben war, und erzählte raſch, daß ein ſtarker Trupp Rothröcke, von zwei Offizieren geführt und einigen Packpferden ge⸗ folgt, den Weg nach dem Hofe heraufziehe. Capitain Kühlwetter dachen d Augen und pfiff ſein Sturm⸗ lied durch die Zähne, ging aber ſogleich mit ſeinem Freunde in das Haus, um den Commodore von dem neuen Beſuche in Kenntniß zu ſetzen. Andreas blieb an ſeinem Schreibtiſche ſitzen und zuckte die Achſeln, als er die Botſchaft vernahm. „Was ſollen wir dabei thun?“ ſagte er.„Nichts, ſo viel ich urtheile. Gegen eine halbe Compagnie kön⸗ ——— 75 nen wir uns nur leidend verhalten. Wir haben eben Krieg. Gebe nur Gott, daß wir es mit einem ge⸗ bildeten Offiziere zu thun kriegen und daß kein Svane darunter iſt. Hollah! Da trompeten ſie ſchon! Laß die Hofthür aufmachen, Kühlwetter, und beſorge das Uebrige; ich kann es nicht über mich gewinnen, dem Dänen entgegen zu gehen und denke, wenn er mir etwas zu ſagen hat, wird er mich ſchon zu finden wiſſen.“ Capitain Kühlwetter begab ſich ſpornſtreichs in den Hof und ließ von zwei Knechten den Thorweg öffnen. Da ſtanden vor ihm die zwei Offiziere und hinter ihnen ein großer Trupp däniſcher Soldaten in ihren groben blauen Hoſen, verblichenen rothen Uni⸗ formen und altväteriſchen Tſchakos, die unſeren, an glänzendes Militair gewöhnten Augen, da wir ſie zum erſten Male ſahen, mehr wie Soldaten eines ſpießbürgerlichen Theaters, denn als Krieger eines nordiſchen Königs erſchienen. Es waren meiſt alt⸗ gediente Leute mit wettergebräunten Geſichtern und ungeſchlachten Leibern. Der jüngere Offizier aber trug unzweifelhaft die Spuren eines Windbeutels und trotzigen Deutſchenhaſſers auf ſeinem Geſichte, wäh⸗ rend der ältere ein geſetzter und nicht unfreundlicher Mann war. 76 „Was beliebt?“ fragte Capitain Kühlwetter mit ſeinem froſtigſten Geſichte. „Seid Ihr Capitain Burns?“. „Nein, mein Herr, der bin ich nicht, aber ich bin von ihm beauftragt, nach Ihren Wünſchen zu fragen.“ „Marſch— vorwärts!“ kommandirte der ältere Offizier, ohne weiter den Sprecher zu beachten, und die Truppe ſetzte ſich in Bewegung und hatte ſich bald unter dem brummenden Geheule der Hunde im Hofe aufgeſtellt, auf dem kein Menſch ſichtbar war als ein alter Matroſe, der mit einem Beſen in der Hand neugierig glotzend vor dem Pferdeſtalle ſtand. Kaum waren die Soldaten im geräumigen Hofe in Reih' und Glied zuſammengetreten, wobei ſie ſich begehrlich innerhalb der ſtattlichen Gebäude um⸗ ſchauten, ſo kamen auch die Packpferde herein. Die Offiziere waren mit den Soldaten beſchäfti gt, ließen ſie einen Kreis um ſich bilden und ſchienen ihnen Befehle zu geben, denn gleich darauf traten je zwei Mann mit geſchulterten Gewehren vor jede Thür des Hauſes und hielten ſo alle Ausgänge beſetzt. Ein Packknecht, der die Pferde am Zügel hielt, ging, ohne den neugierigen Matroſen zu beachten, in den Stall und blickte ſich darin um. Drei bis vier Ständer waren von Pferden leer, aber mit Heu, 77 Stroh und ſonſtigen Stallbedürfniſſen gefüllt. Ohne ein Wort zu ſprechen, löſte der Packknecht die Halfter zweier neben einanderſtehender Pferde, drehte ihre Köpfe herum und war eben im Begriffe, ſie aus dem Stalle zu ziehen, als der aufmerkſame Matroſe da⸗ zwiſchen trat. „Was beliebt?“ fragte er barſch den Packknecht. „Das ſind meine Pferde.“ Der Packknecht erhob ſein dummes Auge gegen den Frager, und ohne ihn einer Antwort zu würdi⸗ gen oder ein Bedenken zu zeigen, ſtellte er dem Ma⸗ troſen ein Bein, daß derſelbe kopfüber zu Boden ſtürzte, worauf er däniſch rief:„Was beliebt, deut⸗ ſcher Hund?“ Aber der deutſche Hund ſtand ſogleich wieder auf ſeinen Füßen und verſetzte dem däniſchen Wolfe einen Schlag über die Ohren mit ſeinem Beſen, daß ihn ein Schwindel ergriff und ein Strom hellen Blutes aus ſeiner Naſe ſpritzte. „Das beliebt mir auch!“ rief der Matroſe, ſich ebenfalls der däniſchen Sprache bedienend, da nur dieſe verſtanden wurde. In demſelben Augenblicke aber hatten ihn ſchon einige rothe Arme ergriffen und weiter hinten in den Stall geſchleppt, wo ſie ihn mit Stricken banden und auf das Stroh warfen, die 78 beiden edlen Pferde des Capitains aber in den Hof jagten, von wo ſie ſogleich aus der geöffneten Thür galoppirten, um auf ihre gewohnte Weide zu flüchten. Dafür aber zogen die Dänen ihre eigenen bepackten Pferde in den Stall, ſattelten ſie ab und warfen ihnen eine reichliche Menge Heu vor. Die Offiziere hatten von dieſem unbedeutenden Vorfalle, der ihnen wahrſcheinlich ſehr alltäglich erſchien, keine Kenntniß genommen und nachdem ſie ihre Ob⸗ liegenheiten im Hofe erfüllt, ſchritten ſie ohne Wei⸗ teres auf die Thür zu, die in das Herrnhaus führte und traten in das Zimmer ein, wo Andreas Burns ruhig und als ob er gar keinen Antheil an dem Vor⸗ gehenden habe, am Schreibtiſche ſaß. „Guten Morgen, mein Herr!“ ſagte der ältere Offizier.„Sind Sie Capitain Andreas Burns und der Beſitzer von Emmerslund?“ „Der bin ich und was wünſchen Sie?“ „Sie ſind mein Gefangener. Sie haben däniſche Unterthanen in dieſer Nacht mißhandelt, und wir ſind abgeſandt, dergleichen Brutalitäten durch eine paſſende Einquartierung für die Folge zu verhüten, die ſo lange bei Ihnen bleiben wird, bis Sie zu Verſtande gekom⸗ men ſind. Geben Sie ſogleich Ihre Befehle zur Ver⸗ 79 pflegung der königlichen Truppen, ſie haben einen Marſch gemacht und bedürfen Speiſe und Trank.“ Andreas gewahrte ſogleich, daß er trotz der belei⸗ digenden Worte und der abſichtlich verdrehten That⸗ ſachen, die er ſo eben vernommen, mit einem gemä⸗ ßigten und ziemlich gebildeten Manne zu thun habe. Demgemäß verfuhr auch er. „Es iſt gut, mein Herr,“ erwiderte er ruhig und wie ein Mann, der ſich jeden Augenblick in das Un⸗ vermeidliche zu ſchicken entſchloſſen iſt,„ich bin Ihr Gefangener, denn ich kann mich Ihrer Macht nicht widerſetzen und trage auch kein Verlangen danach. Daß ich aber däniſche Unterthanen mißhandelt und damit eine Brutalität begangen habe, wie Sie ſagen, iſt eine Unwahrheit. Im Gegentheile, ich ſelbſt, ein friedlicher Mann, bin vorige Nacht von einem Haufen fanatiſcher Bauern überfallen und meine eigenen Leute ſind von den Ihrigen mißhandelt worden, wovon Sie die Spuren, wenn Sie ſonſt wollen, noch heute in meinem Stalle wahrnehmen können.“ „Bitte, machen Sie keine Worte— die ſind ge⸗ nug zwiſchen Dänen und Deutſchen gewechſelt. Von heute an entſcheiden Thaten. Weiſen Sie uns Zim⸗ mer an, wo wir wohnen können, doch— verſtehen Sie mich recht— bei der geringſten Bewegung, die ——O———⸗——--——˖QQQOQOñOOCO—B—QᷓõͤO- 80 Sie vornehmen, dies Zimmer oder dieſes Haus ohne unſere Bewilligung zu verlaſſen, gebe ich Befehl, Sie auf ein Schiff zu bringen, welches zu meiner Ver⸗ fügung ſteht und in der Nähe kreuzt.“ Andreas warf einen gleichgültigen Blick auf den Sprecher, erwiderte jedoch kein Wort. Seine Rechte aber ergriff den Glockenzug und gleich darauf trat eine ſtattliche Magd ängſtlich in's Zimmer. „Zwei Zimmer für dieſe Herren und ein Frühſtück für ſie und ihre Untergebenen!“ lautete ſein Befehl, ſo kurz, ſo gebieteriſch und mit Nachdruck geſprochen, als hätte er ihn in der Kajüte eines Kriegsſchiffs er⸗ tönen laſſen. So war denn der Commodore ein Gefangener in in ſeinem eigenen Zimmer, vor dem ſogleich zwei Sol⸗ daten mit gezogenem Säbel Poſto faßten. Die Offi⸗ ziere waren unterdeß in ihre Wohnungen geführt und empfingen ihr reichliches Frühſtück. Eben ſo die Sol⸗ daten, die, wenn ſie nicht Wache ſtanden, ein Unter⸗ tommen in den Stuben der Knechte gefunden hatten, 8 während dieſe auf Befehl ihres Herrn den Heuböden aufgeſucht, um allen Streit mit den Feinden zu ver⸗ Rothwein und ihre Untergebenen bei einigen Flaſchen Rum; ie Pewohner d des Hauſes ſelber aber, vor⸗ . meiden. Bald ſaßen die Offiziere bei einer Flaſche 81 züglich die Frauen, hatten ſich in die Zimmer des oberen Stockwerks zurückgezogen und vermieden ſoviel wie möglich mit den Fremden in Berührung zu kom⸗ men. Fürs Erſte ſchienen die Dänen mit ihrer Be⸗ wirthung zufrieden zu ſein und ließen keine Wünſche weiter laut werden; nur ſtöberten ſie in allen Scheu⸗ nen, Ställen und Kammern herum, erbrachen ver⸗ ſchloſſene Räume, beſichtigten jedes Einzelne darin und nahmen von vielem Vorgefundenen Verzeichniſſe auf, als wäre bereits Alles ihr Eigenthum, was ſie mit Augen und Händen erreichen konnten. Dieſe guten däniſchen Krieger befanden ſich da⸗ mals erſt im Anfange ihres kriegeriſchen Rauſches, noch war er nicht zum Fieber, zum Wahnſinne, zur Raſerei geſteigert, wie in ſpäterer Zeit. Sie hatten noch keine Niederlage erlitten, und ihr ruhmvolles Heldenthum zu erreichen, war noch mit keiner Mühe verbunden geweſen. Daher traten ſie bis jetzt mit einer gewiſſen Zurückhaltung auf und genoſſen nur, was ihnen freiwillig geboten wurde. Allmälig jedoch* hörten ſie auf beſcheiden zu ſein, ſie lernten mit Leichtigkeit größere Forderungen ausſprechen, und wie ihre Blicke begehrlicher und feindſeliger, ihre Worte rauher und befehlender wurden, ſo blieben ihre Hände auch nicht mehr lange in ihren eigenen Taſchen ſtecken. A. Burns. II. 6 82 Indeſſen gehorchten ſie augenſcheinlich den ernſten Befehlen ihres Vorgeſetzten und nur hinter ſeinem Rücken wagten ſie ihre Großſprechereien und unge⸗ ſtümen Wünſche heimlich an den Mann zu bringen. Um Mittagszeit wurde den beiden Offtzieren, die es ſich bequem gemacht, nachdem ſie ihre Pflicht erfüllt, in ihrem Zimmer der Tiſch gedeckt; da ſie aber nur zwei Couverts aufgelegt ſahen, begab ſich der Aeltere von Beiden zu ſeinem Gefangenen und erſuchte ihn, gemeinſchaftlich mit ihnen die Mahlzeit einzunehmen. Der Capitain, zum erſten Male in ſeinem Leben im eigenen Hauſe von einem Fremden zur Tafel geladen, folgte ſogleich, ohne nur ein Wort zu erwidern und bald ſaßen die drei Männer um einen Tiſch, deſſen Beſetzung nichts zu wünſchen übrig ließ. Der Capitain aber, ſchweigſamer, ernſter, kälter denn je, nur dann und wann einen ausdrucksvollen Blick auf die Offiziere werfend, bemühte ſich nicht im Geringſten, ſie zu den Speiſen und Getränken zu nöthigen. Er ſelber ſchien ſeinem Benehmen nach mehr Gaſt als Wirth zu ſein und ſo waren die Herren gezwungen, ſich ſelbſt zu bedienen, und das thaten ſie wie Männer, die an dergleichen gewöhnt und ſich ihrer Berechtigung dazu vollkommen bewußt ſind. Auch ſie verhielten ſich anfangs ziemlich ſchweig⸗ 83 ſam und waren keineswegs frei von aller Verlegenheit, mit einem Manne von Andreas Charakter in eine ſo unangenehme Berührung gekommen zu ſein, denn daß dieſer ein Mann von Charakter war, hatte der ältere Offizier ſeinem jüngeren Gefährten in der erſten Stunde ihres Einzugs bemerklich gemacht. Erſt als die zweite Flaſche Medoc ihre Geiſter zu beleben an⸗ fing, öffneten ſie ihre Lippen und begannen ein Ge⸗ ſpräch, welches abſichtlich darauf berechnet ſchien, An⸗ dreas zur Theilnahme zu verlocken. Aber auch das war eine falſche Berechnung, denn der Gefangene hatte wohl Augen und Ohren, ſchien aber den Gebrauch ſeiner Zunge durchaus verloren zu haben. Beſonders bemühte ſich der junge Offizier, ein etwas oberflächlicher und dabei geſpreizter ſeeländi⸗ ſcher Herr, den Grimm ſeines Schlachtopfers durch Aufzählung der Großthaten der däniſchen Armee bei Bau zu reizen, denn das Wort Bau hatte damals, und auch ſpäter noch, einen beinahe magiſchen Klang in den Ohren der Dänen und ſchien ihnen der In⸗ begriff aller ſoldatiſchen Größe zu ſein. Er ſprach von der namenlos ſchlechten Aufſtellung und Führung der Freiſchaaren— mit welchem Namen er die ganze ſchleswig⸗holſteiniſche Armee zu beehren ſchien— ihrer troſtloſen Niederlage und jagdartigen Flucht, 6* 84 dann aber mit beſonderer Würde von der beſonnenen Taktik der Dänen, ihrem unvergleichlichen Sieges⸗ muthe und endlich von den bedeutenden Folgen die⸗ ſes großen und leider wahrſcheinlich letzten Sieges. Denn Schleswig ſei jetzt ein Theil Dänemark's und die ganze Welt nicht im Stande, den rebelliſchen Ameiſenhaufen oberhalb der Eider dem erhabenen Sieger zu entreißen.— Aber auch dieſer Ausfall fruchtete bei dem ernſten Manne an ſeiner Seite nichts; wohl blickte er den Sprechenden bisweilen düſter an, ſein Auge blitzte dann und wann jählings auf, aber er ſchien von der Vorſehung ſeine Gedanken nur dazu empfangen zu haben, um ſie dem neugie⸗ rigen und zankſüchtigen jungen Helden zu verbergen. „Nun, nun,“ erwiderte der ältere Offizier, um das bis zu einer gewiſſen Höhe geführte Geſpräch nicht in der unbehaglichen Schwebe zu laſſen,— denn Je⸗ mand, der ſich ſelbſt lobt und in deſſen Lob der Zu⸗ hörer nicht einſtimmt, fühlt ſich in der entſtehenden Pauſe ziemlich empfindlich getadelt,—„Nun, nun, nicht zu raſch, Kamerad. Der erſte Sieg iſt es gewiß geweſen, aber ob es der letzte war, den wir erfechten müſſen, will ich doch nicht ſo beſtimmt behaupten, ſo gern ich für meine Perſon es auch ſähe. Aber, Herr Capitain,“ wandte er ſich an dieſen,„haben — 85 Sie nichts von der preußiſchen Hülfe gehört, die man Ihren Landsleuten zugeſagt hat?“ Unläugbar lag ein feiner Spott in dieſer Frage, Andreas aber ſchien ihn nicht zu bemerken.„Nein,“ erwiderte er einfach,„ich habe nichts davon gehört.“ „Poſſen!“ rief der junge Lieutnant.„Die Herren Preußen haben bei ſich ſelber genug zu thun und der König von Preußen iſt kaum Herr in ſeinem eige⸗ nen Lande, um noch Anderen eine zweideutige Hülfe gewähren zu können.“ „In der Börſenhalle aber ſoll es dennoch geſtan⸗ den haben, und ſogar die Zahl der marſchirenden Bataillone der Bundesarmee iſt darin angegeben,“ bemerkte ſein Kamerad. „Poſſen, Poſſen, ſage ich, nichts als kindiſche Poſſen. Die Börſenhalle iſt ein Lügenblatt, die deutſchen Zeitungen insgeſammt ſind Lügenblätter, und die Deutſchen—“ Hier ſtockte er, denn der Capitain erhob mit einem ſchaudernden Rucke ſein Haupt, als kämpfe er mit Gewalt ſeine innere Wallung nieder und als wolle er ſeine Ohren befähigen, ſchärfer zu hören, um das Endurtheil des kecken Dänen über ſeine Landsleute zu vernehmen. „Nun, das glaube ich doch nicht ſo unbedingt,“ 86 unterbrach ihn der Andere.„Es ſollen zwar bis jetzt keine Preußen die Eider überſchritten haben, aber ſie ſollen auf dem Marſche begriffen ſein.“ „Glaube das, wer willl, ich nicht. Allenfalls ſteckt man einige tolle Freiſchärler in preußiſche Uniformen und will uns mit dieſer Renommage erſchrecken Pah! Der ganze Krieg iſt ein Freiſchaarenkrieg und ein ein⸗ ziger Jüte kann es mit Sechſen von ihnen aufneh⸗ men. Das haben wir bei Bau geſehen! „Stille, mein Freund!“ rief der Aeltere beruhigend. „So iſt es denn doch wohl nicht. Aber den Krieg halte ich in der Hauptſache für beendet— oder hoffen Sie das nicht, mein Herr Capitain?“ 3 „Ich hoffe ſehr wenig, mein Herr! Und was die Neuigkeiten im Süden betrifft, ſo leben wir hier ſo entfernt von der großen Straße, daß wir nur ſelten die Vorgänge zeitig erfahren; indeſſen wird die Folge lehren, ob dieſer Krieg ſchon jetzt beendet iſt, oder nicht. Wir müſſen das abwarten.“ „Das wollen wir, ja— trinken Sie keinen Wein?“ „Ich trinke ſelten Wein und nur dann, wenn ich ein Bedürfniß danach habe. Jetzt fühle ich keins.“ „So begleiten Sie uns in den Garten und zei⸗ gen Sie uns Ihr Beſitzthum.“ 87 Andreas erhob ſich und ſchritt in den Garten hinaus, wohin ihm die Offiziere auf dem Fuße folg⸗ ten. Die Herren bewunderten die gefälligen Anlagen und die ſchöne Ausſicht, als ein rothröckiger Soldat herbei kam und dem älteren Offizier einige Worte in die Ohren ziſchelte. „Der Mann ſagt mir eben,“ redete der Offizier den Capitain an,„Sie ſollen da drüben einen vor⸗ trefflichen Ausguck haben; darf ich bitten, uns dahin zu führen?“ Andreas fühlte eine warme Blutwelle aus ſeiner Bruſt in ſein Geſicht ſteigen, denn eins ſeiner liebſten Geheimniſſe war entdeckt und es kam nur auf den Scharfſinn der Dänen an, die Bedeutung deſſelben zu errathen. Dennoch aber faßte er ſich bald und ſchritt den Herren voran. Auf der Höhe angelangt, welche die wachehaltenden Capitaine jetzt verlaſſen hatten und nach Hauſe geſchlichen waren, denn ſie konnten hier oben im Augenblicke nichts nützen, blie⸗ ben die Offiziere, verwundert über die herrliche Aus⸗ ſicht, ſtehen und ſchauten namentlich nach Oſten hin, wo das feindliche Blokadeſchiff in ſtolzer Majeſtät auf dem Meere ſchwebte. „Das iſt unſer Schiff, Herr Capitain, ſehen Sie es Sich genau an. Sie werden es wahrſcheinlich in 88 einigen Tagen beſteigen, um eine kleine Reiſe zu un⸗ ternehmen.“ „Wie Gott will!“ ſagte der Capitain und bezwang mit aller Gewalt das heftige Schlagen ſeines Herzens; denn er hörte ſo eben, daß er fort ſollte von ſeinen Lieben, weggeſchleppt wie ſo viele brave Leute aus Städten und Dörfern. O, das war ein bitterer Au⸗ genblick für den wackeren Mann und lange dauerte es, bis er ſich gefaßt hatte und den Bemerkungen ſei⸗ ner Begleiter wieder folgen konnte. „Wozu benutzen Sie dieſes Gerüſt?“ fragte der jüngere Offizier geradezu den Gefangenen. „Wozu wir es dieſen Augenblick ſelber benutzen, mein Herr. Es iſt ein ſchöner Ausſichtspunkt und ſchon von meinem Vorgänger auf dieſer Beſitzung errichtet.“ „So! Mir ſcheint es kein bedeutungsloſer Poſten in Angeſicht des Feindes zu ſein— ſo eine Art Wartthurm, vortrefflich zum Spioniren eingerichtet— man müßte ihn eigentlich ſchleifen— indeſſen, wie Sie ihn vielleicht früher gebraucht, ſo können auch wir ihn jetzt benutzen. Künftig mag man ihn wo andershin verſetzen.“ Und man ſtieg wieder hinab, ſpazierte auf dem Berge herum und kehrte dann in das Zimmer zurück, wo man den Kaffee auf dem Tiſche fand. 89 „Darf ich mein Weib ſprechen?“ fragte Andreas mit Selbſtüberwindung ſeinen älteren Gefangen⸗ wärter. „In unſerer Gegenwart gewiß. Alſo Sie haben eine Frau? Es thut mir leid, daß ich nicht früher von der Anweſenheit einer Dame gehört— laſſen Sie ſie doch ſogleich davon in Kenntniß ſetzen.“ Bald darauf trat Gertrud mit verweinten Augen ein. Wenige begrüßende Worte wechſelte ſie mit den Dänen, einen herzinnigen Blick aber mit ihrem Manne, deſſen Hand ſie ſogleich ergriff. Andreas be⸗ nutzte die ihm vergönnte Freiheit nur dazu, einige Anordnungen auszuſprechen, die ſeine Frau ſogleich auszuführen verſprach, worauf ſie ſich entfernte, nach⸗ dem der ältere Lieutenant ſie aufgefordert, ihren Mann zu beſuchen, ſo oft ihr Herz es begehre.— In dieſer Weiſe vergingen zwei Tage leidlich genug. Die jüngeren Damen blieben in ihren Zim⸗ mern und nur die Hausfrau brachte einen Theil die⸗ ſer Zeit bei ihrem Manne zu. Die däniſche Be⸗ ſatzung in Emmerslund allein gab mannigfachen Anlaß zu Klagen, indem ſie von Stunde zu Stunde dreiſter wurde und ſich tiefere Eingriffe in das Haus⸗ weſen und Eigenthum des deutſchen Capitains er⸗ laubte. Denn nicht nur hatten ſich einige übermü⸗ 90 thige Soldaten ein fettes Kalb ausgeſucht und ge⸗ ſchlachtet, ſondern ſie benutzten auch Wagen und Pferde zu allerlei dienſtlichen und undienſtlichen Ver⸗ richtungen, holten Tag und Nacht verſchiedene Kriegs⸗ bedürfniſſe aus Apenrade und Hadersleben heran und brachten die Pferde in der Regel auf eine Weiſe ab⸗ gehetzt zurück, daß ſich der Beſitzer endlich genöthigt ſah, ſein Mißfallen darüber dem älteren Offizier zu erkennen zu geben. Dieſer lächelte aber nur und ſagte, es thue ihnen dies keinen Schaden, er habe bereits ſtrenge Befehle zu dieſem Behufe gegeben. „Ob ſie aber befolgt werden, mein Herr, das ſcheint mir hier die Hauptſache zu ſein.“ „Sie werden befolgt— begnügen Sie Sich da⸗ mit. Und was das geſchlachtete Kalb betrifft—“ „Davon rede ich nicht,“ unterbrach ihn der Ge⸗ fangene,„ich ſpreche von den Pferden, und dieſe ſind mir zu werth, als daß ich ſie ohne Einſpruch ungehobelten Fäuſten überlaſſen ſollte, die damit nicht umzugehen verſtehen.“ Der parteiiſche Offizier wandte ihm verdrießlich den Rücken und begab ſich hinaus, um ſeinen Befeh⸗ len Nachdruck zu geben und einige gelinde Strafen zu verhängen, die, wie natürlich, nicht vollſtreckt wur⸗ den. Im Gegentheile, durch dieſe ſchärfere Aufſicht 91 wurden die Rothröcke im Geheimen nur noch erbitter⸗ ter und eigneten ſich von jetzt an thatſächlich zu, was nicht ihr und ihres Königs Eigenthum war. Auch mit den Knechten ſuchten ſie bei jeder Gelegenheit an⸗ zubinden, und da dieſe von ihrem Herrn die ſtrengſte Anweiſung erhalten, den Uniformen aus dem Wege zu gehen, ſo zwangen ſie ſie zu Entgegnungen, die nicht immer ſehr ſanft ausfielen. So brach der 23. April, der Oſterſonntag des Jahres 1848 an. Jedes Jahr war dieſer Feſttag in Emmerslund dadurch gefeiert worden, daß man frühe nach Apenrade fuhr, um die Kirche zu beſuchen, dann aber wieder zu Tiſche nach Hauſe zurückkehrte, um fröhlich und glücklich bei einander zu ſein. Heute aber war das nicht möglich, ja die Familie blieb von einander getrennt und von der friedlichen Feiertags⸗ ſtille, die auf dem Lande etwas ſo unausſprechlich Rührendes hat, war keine Spur wahrzunehmen. Oben in Agathens Zimmer ſaß dieſe und Helene, und die Mutter war von Beiden beauftragt, dem gefan⸗ genen Vater und Freunde die herzlichſten Grüße zu überbringen. Mit ſanften Worten redeten nun Vater und Mutter mit einander, hielten ſich an den Hän⸗ den und blickten ſich liebevoll an, während der ältere Offizier mit abgewandtem Geſichte in einer Zeitung 92 las, die er ſo eben erhalten. Gleich darauf entfernte ſich Gertrud und auch der Offizier verließ das Zim⸗ mer, um die Warte zu beſteigen, die jetzt ſein Lieb⸗ lingsaufenthalt zu ſein ſchien. Der Herr Lieutenant aber war durch einige ſonderbare Gerüchte nebenbei etwas erſchreckt worden, die eine Ordonnanz aus Apenrade mitgebracht hatte, und die von Scharmützeln der Freiſchaaren im Süden ſprach, welche nicht ſo glücklich für die Dänen wie die herrliche große Schlacht bei Bau ausgefallen waren. Dennoch aber hatte we⸗ der er noch ſonſt Jemand in dieſer Gegend eine Ah⸗ nung von dem Umſchwunge der Dinge, der ſich wie mit einem Zauberſchlage von dieſem Tage an ent⸗ wickeln ſollte. Als er nun am Oſtermorgen, es mochte etwa zehn Uhr ſein, auf die Warte ſtieg, fand er das Wetter ziemlich unbehaglich. Ein heftiger Südweſt⸗ wind jagte düſtere Wolkenmaſſen über das Waſſer und von Zeit zu Zeit entluden ſich dieſe ihres kühlen In⸗ halts über das immer noch fahlbraune Land, welches der langſam heranziehende Frühling noch nicht in ſein grünes Sommerkleid gehüllt hatte. Der däniſche Offizier ließ ſich einen Mantel bringen und horchte aufmerkſam in der Richtung nach Süden und Weſten hin, denn es dünkte ihm, als ließe ſich von Zeit zu Zeit Kanonendonner aus der Ferne vernehmen. Eine 93 Viertelſtunde ſpäter rief er ſeinen Kameraden hinauf und Beide lauſchten nun mit großer Spannung auf den dumpfen Schall im Süden. Der Kanonendon⸗ ner war nicht zu verkennen, ja, er verſtärkte ſich von Augenblick zu Augenblick, und ſtatt ſich mehr nach Süden zu ziehen, wie ſie hofften, ſchien er ſogar raſch gegen Norden vorzudringen. Was dieſer Ka⸗ nonendonner bedeute, war Beiden nicht recht klar, dennoch nahmen ihre Geſichter einen ſtrengeren Aus⸗ druck und ihre Geſpräche eine ernſtere Wendung an. Um zwölf Uhr endlich ließ man den gefangenen Ca⸗ pitain um ſeine Gegenwart bitten. Er erſchien ſo⸗ gleich. Auf die Frage der Herren, was er von dieſem Schießen denke, erwiderte er, daß er der Meinung ſei, es finde ein ernſthafter Kampf ſtatt. „„Ja, das iſt nichts Neues— aber wo?“ Der gewiegte Seemann ſchaute nach dem Wol⸗ kenzuge, prüfte die Luft und rechnete dunn im Kopfe. „Meiner Meinung nach muß es in der Nähe von Schleswig ſein,“ ſagte er ohne Bedenken.„Es klingt mir, als ob über die Schley hinüber Schüſſe geſchleu⸗ dert würden.“ „Oho! So weit ſind ſie noch nicht!“ meinten die Offiziere, ſchüttelten die Köpfe und ſprachen leiſe mit einander. 4 94 „Können Sie uns weiter nichts ſagen?“ fragte der ältere Offizier wieder. „Was ſoll ich ſagen— ich weiß nichts!“ „So! So wollen wir Ihnen denn ſagen, daß Sie Sich zu morgen früh fertig machen, zu Schiffe zu gehen.“ „Haben Sie mich darum hierher beſchieden, um mir dieſe freudige Nachricht zum zweiten Male mit⸗ zutheilen?“ Beide blickten den Frager groß an, deſſen ſtrenges kaltes Geſicht nicht die geringſte innere Bewegung verrieth. Nach einer Weile ſtieg man hinunter und Andreas gab ſeiner Frau die Anweiſung, einen kleinen Koffer mit Wäſche zu verſehen und verſchiedene Kleinigkeiten, die er ſtets mit auf Reiſen nahm, hinzuzufügen. Die Frau erſchrack, als ob ſie des Himmels Einſturz ver⸗ nähme. 3 „Willſt Du denn fort, Andreas?“ fragte ſie. „Ja, Gertrud, dieſe Herren hier wollen mich auf ihr Schiff mitnehmen— ſtill! faſſe und erinnere Dich, daß der Erlöſer am heutigen Tage auferſtand.“ Der Troſt kam aus dem Herzen, aber er ging nur zu den Ohren der armen Frau. Laut aufſchreiend ſtürzte ſie ihrem Manne in die Arme, der ſie nur mit 95 Mühe beſchwichtigen konnte. Die Offiziere aber ſtan⸗ den am Fenſter, ſchwiegen und ſahen mehr verdrieß⸗ lich als theilnehmend aus. Bald darauf verließ Ger⸗ trud das Zimmer und ging zu Helenen und Agathen hinauf, denen ſie ſchluchzend das neueſte Unheil mit⸗ theilte. Kaum hatte Helene die unerwartete Botſchaft ver⸗ nommen, ſo flog ein roſiger Schimmer über ihr edles Geſicht.„Weine nicht, Gertrud,“ ſagte ſie,„Andreas geht nicht auf das Schiff, ich verſpreche es Dir.“ „Du? Wie könnteſt Du das? Wir ſind ja nur arme Weiber und haben keine ſiegreiche Armee zu unſerer Unterſtützung.“ „Doch, Gertrud, wir haben eine. Laß mich nur machen. Ich werde mir, wenn die Herren geſpeiſt ha⸗ ben und der junge Lieutenant weggegangen iſt, die Ehre ausbitten, mit dem älteren Herrn ein Geſpräch unter vier Augen zu führen, denn ich habe ihm et⸗ was für uns Alle höchſt Wichtiges zu ſagen.“ „Du ſcherzeſt, Helene, was könnteſt Du ihm ſagen?“ „Das laß meine Sorge ſein. Beinahe ſtehe ich Dir für den Erfolg. Aber laß mich gewähren und trockne Dein Geſicht ab, ich mag Deine guten Augen nicht mit dem Thränenſchleier verhüllt ſehen.“ * 4 /96 8 Während das Geſchützfeuer in der Ferne von Stunde zu Stunde zunahm und nun ſogar deutlich in den Zimmern zu hören war, ſpeiſten die Offiziere wieder mit ihrem gefangenen Wirthe. Aber das heu⸗ tige Mahl, obgleich der Capitain einige Gläſer Wein trank, war noch einſylbiger als die früheren, denn je⸗ der der drei Männer mochte wohl das Seinige zu bedenken haben. Als die Mahlzeit beendigt war, brannte ſich der junge Offizier eine Cigarre an, ſtieg auf ein Pferd des Capitains, um welches er dieſen nicht gebeten, und ſprengte nach Apenrade. Andreas beurlaubte ſich und zog ſich in ſein Zimmer zurück. So war der ältere Offizier allein geblieben. Er ſtand vom Tiſche auf, ſtellte ſich an ein Fenſter⸗ öffnete es und lauſchte mit wachſender Beſorgniß hinaus. Da ging hinter ihm die Thür leiſe auf und herein trat eine hohe, edle Geſtalt, alle Blüthe der Jugend und Schönheit auf dem entſchloſſenen Geſichte tra⸗ gend. Es entſtand ein leichter Zugwind im Zimmer, ſo daß, dadurch aufmerkſam gemacht, der Offizier ſich raſch herumdrehte. Aber beinahe erſchreckend, als er eine Erſcheinung vor ſich ſah, die er jetzt am wenig⸗ ſten erwartet, ſchlug er das Fenſter zu, verbeugte ſich und ſtotterte:„Wen habe ich die Ehre vor mir zu ſehen?“ — 976 „Mein Name iſt hier gleichgültig, mein Herr, aber ich bin eine Verwandte des Hauſes; da ich je⸗ doch auch um Ihren Namen bitten möchte, ſo muß ich Ihnen den meinigen wohl zuerſt nennen. Ich heiße Helene Parrhiſius.“ „Ich bin der Premierlieutenant von Blom, mein Fräulein!“ „Ich bin kein Fräulein, ſondern eine Frau, Herr von Blom, aber— ich danke Ihnen, daß Sie mich mit Ihrem Namen bekannt gemacht haben. Ich habe ein Anliegen an Sie.“ „Und welches iſt das, wenn ich fragen darf?“ „Sie wollen den Capitain Andreas Burns auf ein Schiff bringen und ſeiner Familie entführen— iſt das wahr?“ „Das will ich nicht, ſondern das muß ich, meine ſchöne Dame!“ „Sie irren Sich. Sie ſind nicht von den Ver⸗ hältniſſen der Familie gehörig unterrichtet, wenn Sie darauf beſtehen. Der Capitain Burns hat Verbin⸗ dungen in Dänemark, die Ihre Handlungen gegen ihn ſtrenge prüfen werden.“ Der Offizier, der mit jeder Minute höflicher wurde, machte ein langes Geſicht, denn Helenens Art und Weiſe zu ſprechen hatte ſo viele natürliche Würde A. Burns. II. 7 und einen beinahe ſtrengen Ernſt, daß an der Wahr⸗ heit ihrer Worte nicht gezweifelt werden konnte. Da⸗ her ſchwieg er, nur ſeine Augen verſchlangen das ſchöne Weib, deren wenige Worte ſchon einen ſo tie⸗ fen Eindruck auf ihn gemacht hatten. „Sie wollen dieſen Mann zur Strafe auf ein dä⸗ niſches Schiff führen,“ fuhr Helene fort,„und wiſſen vielleicht nicht, daß Sie ihm damit einen großen Dienſt erweiſen. Denn auf jenem Schiffe, welches öſtlich hier im Meere kreuzt, iſt ſein Sohn Offizier wie Sie.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit, mein Herr, Erik Burns iſt See⸗ offizier auf der Flotte Sr. Majeſtät, und Sie— wollen dafür ſeinen Vater in die Gefangenſchaft ſchleppen—“ Wie— und das ſagt mir der Mann nicht ſelber?“ „Sie kennen dieſen Mann nicht, von dem Sie ſo obenhin ſprechen. Er würde ſich nie herbeilaſſen, etwas zu ſeinen eigenen Gunſten zu ſagen, wenn eine größere Gewalt ein Unrecht über ihn verhängt. Er iſt ein ſtrenger, nur äußerlich kalter Ehrenmann, der die Gunſt ſeines Nebenmenſchen wohl für Andere, aber nie für ſich ſelber in Anſpruch nehmen mag.— Jetzt bringen Sie ihn auf jenes Schiff und Sie wer⸗ den erleben, daß man ihn mit Ehren wieder an's Land ſetzt. Um Ihnen dieſen Anblick zu erſparen, kam ich zu Ihnen.“. „Sie ſind zu gütig, mein Fräulein,— meine gnädige Frau, wollt' ich ſagen. Aber Gott ſoll mich behüten, mich ſelbſt in eine ſo üble Lage zu bringen. Kann ich den Capitan nicht ſogleich ſprechen?“ „Thun Sie das lieber nicht— laſſen Sie mich den Zwiſchenträger zwiſchen Ihnen Beiden machen.“ „So angenehm mir das wäre— ich darf Ihren Wunſch nicht erfüllen, denn ich muß die Beſtätigung Ihrer Ausſage aus ſeinem eigenen Munde vernehmen.“ „So bin ich Ihre gehorſame Dienerin und werde den Capitain ſogleich benachrichtigen.“ Und nach ei⸗ ner haſtigen Verbeugung ſchlüpfte ſie zum Zimmer hinaus, in welches gleich darauf der Capitain trat und den däniſchen Offizier noch in Erſtaunen über den unerwarteten Auftritt fand.„Sie wünſchen mich zu ſprechen?“ fragte er in ſeiner gewöhnlichen kurzen Weiſe. „Ja, mein Herr; iſt es wahr, daß Ihr Sohn auf der Flotte Sr. Majeſtät dient?“ Andreas Antlitz wurde bleich wie der Tod. Dieſe Frage hatte er von einem Dänen jetzt am wenigſten 7* 7100 erwartet.„Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte er mit bebenden Lippen. „Eine Dame, die mich ſo eben gebeten hat, Sie bei Ihrer Familie zu laſſen und Sie nicht mit auf ein Schiff zu nehmen.“ Andreas begriff augenblicklich die Klugheit dieſer Dame, wer ſie auch ſein mochte, die hinter ſeinem Rücken ihm zugleich eine Schmach und eine Wohl⸗ that bereitet. Er glaubte zuerſt, daß es Gertrud ge⸗ weſen, aber bald klärte ihn ſein Feind darüber auf. „Dieſe junge und ſchöne Dame in Trauerkleidern,“ ſagte er,„hat mir zu rechter Zeit einen Wink gege⸗ ben, der beſſer angebracht geweſen wäre, wenn man ihn mir gleich beim Eintritte in dieſes Haus mitge⸗ theilt hätte. Jetzt habe ich nur zu fragen, ob es Wahrheit iſt, was jene Dame mir eröffnet hat.“ „Es iſt die Wahrheit, mein Herr!“ „So verändert das unſer Verhältniß, mein Herr Capitain. Geben Sie mir Ihre Hand— Sie ſind frei. Ich nehme die Verantwortung auf mich, die aus dieſer meiner Handlungsweiſe entſpringt— wol⸗ len Sie mir Ihre Hand nicht geben?“ „In ſo fern Sie ein Ehrenmann ſind— ja!“ Und Andreas berührte mit innerem Widerſtreben die N ₰ N 4 2 101 8 Hand des Offiziers, die dieſer ihm ſchon lange ent⸗ gegenhielt. „Herr Capitain,“ entgegnete er herzlich—„ich bin nicht für dieſen Krieg— Sie auch nicht, ich merke es Ihnen ſehr wohl an. Aber ich muß meine Pflicht erfüllen— erfüllen Sie auch die Ihrige. Sie ſind frei, wiederhole ich, und ſo lange ich die Ehre habe, Ihr Gaſt zu ſein, ſollen Sie die Wirkung da⸗ von verſpüren. Thu'n Sie jetzt, was Ihnen beliebt, ich werde das Meinige thun.“ Und er ging raſch hinaus, ſeine Soldaten zuſam⸗ men zu rufen, während Andreas, beinahe ſtarr vor Staunen, ihm ſchweigend nachblickte. In dem Au⸗ genblicke ſchwebte Helene herein. Einen Finger auf den lächelnden Mund drückend, wies ſie mit der an⸗ dern Hand nach dem Hofe und reichte ſie dann dem Freunde hin. „Helene,“ ſagte dieſer,„Sie haben meinem Feinde meine größte Schwäche verrathen, indem Sie ihm die wundeſte Stelle meines Herzens aufdeckten, aber ich danke Ihnen dennoch, denn Sie haben ein großes Unheil von meinem Hauſe und mir ſelber abgewandt. Ich hätte nie gegen jenen Mann über meine Lippen bringen können, und hätte mein Leben davon abge⸗ hangen, daß Erik, mein Sohn, mein Feind und der 10² Feind ſeines Vaterlandes iſt. Denn ein Vater bürgt für die Irrthümer ſeiner Kinder, und dieſen Irrthum kann ich allein vor Gott, ſonſt aber vor Niemandem auf der Welt auf mich nehmen.“ Und er küßte das holdſelig lächelnde und doch tief bewegte Weib auf die ſchöne Stirn und ging mit ihr hinaus, ſeine Frau zu begrüßen und ihr und Aga⸗ then das neueſte Ereigniß mitzutheilen. Freude und Zufriedenheit waren wieder eingekehrt in Emmerslund, aus dem ſie mit ſo rauher Hand vertrieben worden, und in kurzer Zeit ſollten ſie ei⸗ nen ſo hohen Grad erreichen, wie ihn keiner der Be⸗ theiligten in nächſter Zukunft für möglich gehalten hatte. War der Mittag des Oſterſonntags traurig und düſter vergangen, ſo ſollte zunächſt der Abend um ſo heiterer verſtreichen, denn die ganze Familie ſaß in der Hausfrau Zimmer beiſammen und die fremden Offiziere verſuchten es nicht mehr, ihre Unter⸗ haltung zu ſtören. Eine ſtrengere Disciplin hatte ſich auch bei den Soldaten bemerkbar gemacht und ſo⸗ gar der junge Lieutenant erhielt eine Verwarnung von ſeinem Vorgeſetzten, als er gegen Abend mit 103 dem ſchaumbedeckten Pferde des Capitains in ſein Quartier zurückkehrte. Ueber das im Süden vorgefallene Treffen hatte der junge Mann keine entſcheidende Nachricht aus Apenrade mitgebracht; Alles was er wußte, beſchränkte ſich auf allgemeine Vermuthungen, die eben ſowohl der Hoffnung wie der Sorge freien Spielraum ließen. Am nächſten Morgen wurden zu verſchiedenen Zeiten Ordonnanzen nach der Stadt geſandt und die Offi⸗ ziere wichen faſt keinen Augenblick von der Warte. Wenn aber auch auf dem Lande noch Alles ruhig und friedlich war, ſo verrieth doch die haſtige Bewe⸗ gung mehrerer Dampfer auf dem Waſſer, daß irgend etwas Bedeutungsvolles im Werke ſei. Hin und her, von und nach Apenrade, dampften ſie in geflügelter Eile, brachten und holten Mannſchaften, Kanonen und Pferde, und bald hofften die Dänen, ſie kämen als Beiſtand, bald fürchteten ſie, ſie brächten Truppen in Sicherheit. Der zweite Oſtertag hatte alſo in den äußeren Vorgängen noch unruhiger begonnen, als der erſte, und mit jeder vorrückenden Stunde ſtieg dieſe Un⸗ ruhe, denn das Schießen erneuerte ſich, wenn auch in ſchwächerem Maaße, indem es ſich unzweifelhaft nach Norden zog und mehr über den Sundewitt her⸗ 104 über als von dem feſten Lande weſtwärts her zu ſchallen ſchien. Die Soldaten ſtanden in Gruppen auf dem Hofe zuſammen und flüſterten leiſe, die Of⸗ fiziere beriethen ſich vorſichtig auf der Warte. Aber noch immer langte keine entſcheidende Botſchaft an, die die allgemeine Ungewißheit gehoben hätte. Da, ſpät Abends, kam eine Ordoninanz aus Apenrade an⸗ geſprengt und überbrachte traurige Dinge. Die Dä⸗ nen ſollten von Schleswig gewichen und ein Theil ihrer Armee in vollem Rückzuge begriffen ſein. Die Offiziere tranken und ſpielten den Abend nicht, wie zuvor, ja, ſie ſchliefen kaum in der nächſten Nacht, vielmehr ſtellten ſie ſtarke Poſten in der ganzen Um⸗ gegend aus und beſuchten dieſelben von Zeit zu Zeit. Am Morgen des 25. April aber kam ein Bauer ge⸗ laufen, wahrſcheinlich ein däniſcher Spion, der dem kommandirenden Offiziere ein Papier überbrachte. Es hieß darin, er ſollte auf ſeiner Hut und zu Allem ge⸗ rüſtet ſein. Von Schleswig und Gudſöe zöge die Armee ſich vor der Uebermacht und nach einem wohl⸗ überlegten Plane mit Ehren zurück. Es bliebe bei den früheren Beſtimmungen. „Nach einem wohlüberlegten Plane und mit Eh⸗ ren!“ das war allerdings ein kleiner Troſt. Aber „die Armee zöge ſich zurück,“ das klang ſchon bitterer. 105 Und endlich, vor welcher„Uebermacht“ denn? Das war die Frage. Die Schleswig⸗Holſteiner hatten ja keine Uebermacht gegen die däniſche Armee im Felde. Das war alſo im Ganzen keine erbauliche Benach⸗ richtigung und ſie umſchloß überdieß ein Geheimniß, welches kein Däne zu löſen verſtand. Da, ſpät am Abende des 25. April, kamen einige verſprengte dä⸗ niſche Soldaten, Bauernſöhne aus der däniſchen Um⸗ gebung von Emmerslund, in trauriger Geſtalt ange⸗ laufen. Sie trugen weder Flinten noch Torniſter, und ihre Kleider waren im übelſten Zuſtande. Nach⸗ dem man den halb Verhungerten raſch einige Biſſen gereicht, erfuhr man ziemlich ausführliche und unzwei⸗ deutige Mittheilungen, die durch das Ausſehen ihrer Ueberbringer nur noch mehr beſtätigt wurden. Sie erzählten ſo ungeheuerliche Dinge von einer mörderi⸗ ſchen großen Schlacht bei Dannevirke und Schleswig, daß den Zuhörern die Haare zu Berge ſtiegen. Die ganze dänjſche Armee ſei aufgelöſt und in wilder Flucht nach Alſen hin begriffen. Nur wenige Ba⸗ taillone marſchirten in einiger Ordnung dem Sunde⸗ witt zu. Verſprengte Flüchtlinge aller Waffengattun⸗ gen erfüllten die Wege und Wälder. Infanteriſten zu Pferde, Kavalleriſten zu Fuße flüchteten unaufhalt⸗ ſam nach Norden, um nur irgend einen ſicheren — 24 106 Schlupfwinkel vor den ſchrecklichen preußiſchen Hu⸗ ſaren zu ſuchen. Was die Armee ausgeſtanden und wie tapfer ſie gekämpft, ſei kaum zu ſagen. Faſt alle Offiziere ſeien gefallen und Tauſende von Soldaten gefangen oder todt. Denn die Preußen ſeien wirklich da und hätten gefochten wie die Lö⸗ wen. Ihre Kolonnen ſeien das Schrecklichſte von Allem, was man je geſehen, und ihre Zahl Legion. Es wären zwar lauter grüne Burſchen, aber ſie hätten en ſchwarzen Teufel im Leibe. Wenn ſie Hurrah 4 chrieen, bebten die Bäume und ihre Gewehre träfen ſchon den Feind, wenn die Schützen noch gar nicht ſichtbar wären. Sprachlos ſtanden Alle, die das hörten; nur We⸗ möglich,“ ſagte der jüngere Offizier zum älteren, der ſeinerſeits ſchwieg. Aber noch ſchweigender verhiel⸗ ten ſich die Bewohner von Emmerslund, die ſehr bald die wunderbare Mähr erfahren hatten, obgleich ihr Herz vor Frohlocken zu zerſpringen drohte. An⸗ dreas ging einſam mit dröhnenden Schritten in ſei⸗ nem Zimmer auf und ab, nur in ſeiner Bruſt tobte der gewaltige Sturm der Freude. Die Hände der Frauen zitterten bei der Arbeit und die Diener lie⸗ fen dahin und dorthin, zum erſten Male geneigt, die uige ſchüttelten zweifelnd die Köpfe.„Es iſt nicht 107 die pünktliche Erfüllung ihrer Obliegenheiten zu ver⸗ geſſen. So verſtrich in ſchwebender Pein und Erwartung der 25. und 26. April. Endlich am 27. Morgens lief ein vollſtändiger Bericht mit neuen Befehlen ein, der einerſeits alle Hoffnungen aufrecht erhielt, anderer⸗ ſeits Verzweiflung brachte. Alles was Däniſch hieß, ſagte der Bericht, flüchte; eine große feindliche Armee ſei im ſiegreichen Anzuge. Die Dänen ſollten ganz nach dem Norden, nach Jütland hinein, weichen oder zu Schiffe nach Alſen flüchten, wie es den Führern am leichteſten und ſicherſten auszuführen ſcheine. Nun entwickelte ſich eine lebhafte Scene im Hofe zu Emmerslund. Alles was Hände hatte, packte und ſchnürte die Bündel. Die Soldaten vergaßen das Frühſtück, die Offiziere tobten und lärmten im Hofe herum, ohne gehört und verſtanden zu werden. Kaum nahm man ſich ſoviel Zeit, alles königliche Eigenthum zuſammen zu raffen. Schon war eine Abtheilung übereilig an den Strand hinab gezogen und hatte den Schooner und ein Dampſſchiff herbeigerufen. Boote flogen von den Schiffen zu Lande und vom Lande zu den Schiffen. Immer drängender wurde der Aufbruch, immer ſchleuniger die Vorbereitung 108 dazu. Endlich ſchien man fertig zu ſein. Ein Ren⸗ nen, Ueberſtürzen und Jagen gab ſich kund, wie nie zuvor. Die Offiziere vergaßen Abſchied von ihrem Wirthe zu nehmen; vielleicht ſchämten ſie ſich; die Soldaten hatten keine Augen für das Rückwärtslie⸗ gende, nur für das Vorwärts, was doch erſt recht ein Rückwärts war, hatten ſie Sinn. Plötzlich ſtand der kurz vorher ſo belebte Hof leer und mit faſt kopfloſer Eile flogen die rothröckigen Schaaren dem Landungs⸗ platze der Boote des Schooners zu, während die Ma⸗ troſen auf dem Hofe beinahe vor Lachen ſtarben. Andreas ſtand mit den Frauen auf der Warte und ſchaute ſchweigend und tief bewegt dem fluchtartigen Abzuge zu. Gertrud hing an ſeinem Halſe, Agathe und Helene hielten ihn an den Händen gefaßt. Da jagte der letzte Packknecht davon— aber ſieh— er hatte zwei herrliche Pferde aus dem Stalle des Ca⸗ pitains an das ſeine gebunden, welches ſchwer be⸗ laden war und daher mit dem Wunſche des Flüchtigen nicht gleichen Strich halten konnte. Aber auch die mitgenommenen Pferde erwieſen ſich ſtörriſch, da man ſie ſchlug, was ſie nicht gewohnt waren, und ſchienen zu ahnen, was man ihnen anhabe. Da entwickelte ſich denn mitten auf dem hügeligen Sandwege, der nach dem mehr öſtlich gelegenen Einſchiffungsorte —— ——— 109 führte, eine ſonderbare Schlußſcene dieſes erſten Kriegsaktes. Eben trabte jener Packknecht, laut ſchreiend, mit ſeinem erbeuteten Gute an einem Gebüſche vorbei, welches am Wege lag. Er hieb wüthend auf die Pferde, und je wüthender er hieb, um ſo langſamer ging es vorwärts. Plötzlich ſprang aus dem Gebüſche ein kleiner ſtümmiger Mann hervor und vertrat dem Flüchtigen den Weg.„Halt!“ ſagte die rauhe Stimme des alten Seemanns,„halt, mein Burſche, wir haben noch ein kleines Garn mit einander abzuwickeln. Warte einmal!“ Und mit ſehnichter Fauſt in die Zügel des Flüchtlings greifend, ſchnitt er mit ſchar⸗ fem Meſſerzuge die Halfterleinen der Pferde ſeines Herrn durch, hob, ein Bein des Reiters packend, mit kräftigem Rucke dieſen über den Sattel und warf ihn zu Boden, worauf er dann die Pferde in ihre Hei⸗ mat zurückpeitſchte, der ſie eilig zugaloppirten. Als ſich nun aber der Packknecht aus dem Staube erhob, hatte ihn ſchon eine harte Fauſt am Kragen gepackt.„So!“ ſagte der alte Matroſe in plattem Däniſch—„Mit den Pferden wären wir fertig, jetzt kommſt Du an die Reihe. Sieh mich mal an, wenn Du ſo viel Zeit übrig haſt— kennſt Du mich noch, alter Junge? Du haſt mir neulich ein Bein geſtellt, — 110 als ich in Ausübung meiner Pflicht begriffen war— weißt Du es noch? Heute erfülle ich eine noch ſüßere Pflicht— ich ſtelle Dir ein Bein. Sieh mal das kleine Ding hier— kennſt Du das?“ Und ein hart geknotetes Tauende aus der Taſche ſeiner Jacke ziehend, fing er an, den Packknecht zu bearbeiten, daß er bald wie ein angeſtochenes Schwein brüllte. Aber keine Hülfe war da, ihn aus den unbarmherzigen Händen ſeines Feindes zu reißen. Erſt als er, nach der Meinung deſſelben, genug hatte, das heißt win⸗ delweich geprügelt und zum Abſchiede noch mit einem Fußtritte beſchenkt war, der ihn einen Abhang hin⸗ unterkollern machte, erhob er ſich heulend und ſchimpfend. Und ſeinen über das Getöſe verwunderten Gaul beim Zügel ergreifend, hinkte er, ſo raſch er hinken konnte, den davonjagenden Kameraden nach, die, ſobald ſie am Strande anlangten, in die Boote ſprangen und Hals über Kopf die deutſche Erde mit dem ſicheren Boden des däniſchen Schiffes vertauſchten. Viertes Anpitel. Die preußiſche Einquartierung. Mächtig war die Wirkung, die der fluchtähnliche Abzug der Dänen auf die Gemüther der Bewohner von Emmerslund hervorbrachte. Die ſo ſchwer drückenden Feſſeln waren plötzlich von ihren Gliedern genommen und Jeder konnte ſich wieder bewegen, wie er wollte; die Nacht des Kummers war von ihrer Seele gewichen und die Sonne des Lebens ſchaute wieder lächelnd und fröhlich aus den kurz vorher ſo dunkeln Wolken herab. Wo ſo eben noch trüber Ernſt gewaltet, machte ſich jetzt lebhafte Heiterkeit geltend; und um ſo auf⸗ fallender trat der Gegenſatz hervor, je ſchneller er in'’ Leben getreten war. Nie hatte ein regeres Leben auf Hofe und Felde, innerhalb des Hauſes und in Scheunen und Ställen geherrſcht, als an dieſem denk⸗ 112 würdigen Morgen. Singend verrichteten die Mägde, laut jubelnd die Knechte ihre Arbeit. Alle Geſichter hatten ſich aufgeklärt und die Sorge ſchien gänzlich aus dem Herrenhauſe geflohen zu ſein. Wenigſtens wenn man die äußere Oberfläche der Menſchen und Dinge betrachtete, konnte das ſo erſcheinen; in ihrem Inneren freilich war noch ein guter Reſt von Beſorgniß zurückgeblieben, denn der augenblicklich günſtige Stand der Angelegenheiten verſprach ja noch durchaus keine glückliche Beendigung des ganzen Krieges, es war ein einzelner heiterer Tag des traurigen Kampfes, weiter nichts, dem noch viele andere düſtere Tage folgen und Schmerz und Trübſal genug auf die Herzen der Be⸗ theiligten häufen konnten. Auch die Capitaine kamen jetzt wieder vom Strande herauf, wünſchten ſich und allen Uebrigen Glück zu dem Umſchwunge der öffentlichen Angelegen⸗ heiten und bezogen mit dem alten Eifer ihren Wacht⸗ poſten, um wo möglich die Erſten zu ſein, welche die noch nie erblickte preußiſche Armee heranrücken ſähen. Denn daß dieſe in die Umgegend kommen würde, unterlag keinem Zweifel mehr. Ja, man hoffte ſogar, daß Emmerslund die Ehre widerfahren würde, eine preußiſche Einquartierung zu erhalten, wozu in Häu⸗ ſern und Ställen Alles bei Zeiten in geeigneten Stand 6 3 113 geſetzt wurde. Schon wenige Stunden, nachdem die Dänen abgezogen und abgeſegelt waren, ſtand das Herrenhaus von Emmerslund ſo ſchmuck und klar da wie je zuvor, Alles war am gehörigen Orte, Pferde und Kühe auf den Wieſen, die Knechte auf dem Felde und die Mägde in der Küche, um die ſehnlichſt er⸗ warteten Krieger mit gefüllten Töpfen und Schüſſeln zu empfangen. Man denke ſich aber nicht, daß dies in jedem Hauſe in und um Apenrade der Fall war. Ach nein! Der Jubel über die Ankunft der Preußen theilte ſich eben ſo ſehr, wie der Schmerz über den Abzug der Dänen ſich getheilt hatte. Denn nicht überall wurden die deutſchen Truppen mit Freude und Sehnſucht er⸗ wartet. Däniſche Sympathieen hatten ſich ſeit lan⸗ ger Zeit in manchem Hauſe und Herzen eingeniſtet; die Dänen kannte man aus jahrelangem Umgange und Handelsverkehre, die Preußen aber hatte man nie geſehen, und böswillige Zungen waren bereitwillig genug geweſen, nicht das Beſte von ihnen vorherzu⸗ ſagen. Denn ſie ſeien gekommen, erzählten ſich Viele, von ehrloſen und meineidigen Vaterlandsverräthern herbeigerufen, um einzig und allein ihre Eroberungs⸗ gelüſte zu befriedigen. Sie würden ſich ſehr bald als räuberiſche Feinde ausweiſen. Alles, was männlich A. Burns. II. 3 8 114 ſei, Jung oder Alt, würden ſie als Kanonenfutter in die vorderſten Reihen ihrer Schaaren ſtellen und das eigentliche Wehe würde erſt mit ihnen über das Land kommen, welches doch unter den Dänen unzählige Jahre ſo friedlich und glücklich geweſen ſei. Einige der muthloſeſten Dänenfreunde liefen ſogar mit ihren früheren Beſchützern davon, ließen Haus und Hof ein⸗ ſam hinter ſich, um nur den gefürchteten Deutſchen ſo raſch wie möglich aus dem Wege zu gehen. Und dieſe Furcht und Muthloſigkeit wuchs von Augen⸗ blick zu Augenblick wie eine anſteckende Krankheit; Einer machte den Anderen beſorgt, Einer trieb den Anderen fort. Vergeblich waren die Vorſtellungen der Gebildeteren, die an die bekannte preußiſche Manns⸗ zucht und die geiſtige Bildung der jungen Truppen erinnerten; ganze Familien wanderten zuletzt mit ihren beweglichen Beſitzthümern nach Alſen, Fünen oder Jütland aus, und eine neue Art paniſchen Schreckens machte ſich unter der Bevölkerung verſchiedener Land⸗ ſtriche bemerklich. Und ſchon näherte ſich mit ſchnellen Schritten die deutſche Armee. An demſelben Tage noch, wo die Dänen abgezogen, marſchirten die ſchönen hannover⸗ ſchen Regimenter in den Sundewitt ein, beſetzten die verlaſſenen Düppeler Schanzen und wechſelten Schüſſe 115 mit den nahegelegenen Schiffen im Alſener Sunde und im Flensburger Fjord. Von allen Seiten krach⸗ ten die feurigen Schlünde und die ſo lange nicht ge⸗ hörten Schüſſe hallten im weittönenden Echo zurück von den rieſigen Buchenwäldern und den Bergrücken des Apenrader Meerbuſens. In manchen Orten da⸗ gegen herrſchte eine Todtenſtille, als die deutſchen Truppen einzogen, und beſonders Weiber und Kinder hielten ſich in den hinterſten Zimmern der Häuſer verſteckt. Allmälig erſt kamen ſie hervor, und als ſie die gemüthlichen deutſchen Leute ſahen, die Geſichter und Stimmen hatten wie andere Menſchen, und die ihnen fröhlich die Hände ſchüttelten, da erholten ſie ſich von ihrem eingebildeten Schrecken und boten wil⸗ lig die Erfriſchungen an, die ſie im Hauſe hatten. Alle Truppen aber, mochten ſie von Süd oder Nord in Deutſchland ſtammen, legten eine muſterhafte Dis⸗ ciplin und eine in dieſer Gegend noch nie bei Kriegern wahrgenommene Liebenswürdigkeit an den Tag. Früh am Morgen des 28. April 1848 wurde die ganze Bewohnerſchaft Emmerslund's durch Capitain Kühlwetter's ſchrille Pfeife in Aufregung verſetzt. Aber heute pfiff die alte Flöte, wie ſie Capitain Me⸗ viſſen nannte, keine drohende Fanfare, ſondern eine fröhliche Melodie, wie man ſie nur ſelten gehört. 8** 116 Der Muſikant hatte von Weitem vier geharniſchte Reiter auf ſtolzen Pferden herangaloppiren geſehen, und einige Augenblicke ſpäter hatten ſie auf dem Gutshofe gehalten und Einquartierung von zwei Of⸗ fizieren und zwanzig Mann preußiſcher Küraſſiere an⸗ geſagt, die gegen Mittag von Apenrade her anlangen würden. Denn Vater Wrangel werde ſelbſt in Apen⸗ rade einrücken und dem nördlichen Schleswig ſein Heldenangeſicht mit der freundlich lächelnden Miene zeigen. Die ganze dienſtbare weibliche Einwohnerſchaft und was an Männern auf dem Hofe war, ſtürzte vor die Thür, um die rieſigen geharniſchten Reiter zu ſe⸗ hen, aber ſchon waren ſie wieder raſſelnd davon ge⸗ ſprengt, um ihre Pflicht an anderen Orten zu erfüllen. Nun kam erſt das rechte Leben in den freudig beweg⸗ ten Kreis. Alle im Verborgenen aufgehäuften Speiſe⸗ vorräthe wurden raſch herbeigeſchafft, Wein, Rum und Bier aus den Kellern geholt, und was in der Küche braten und backen konnte, ſetzte alle Hände in Bewegung. Andreas hatte die Küraſſiere nicht ſelbſt geſe⸗ hen, aber Capitain Kühlwetter und Meviſſen hatten ſie ſtandesgemäß empfangen. Beide waren in Be⸗ geiſterung über die ſchönen jugendlichen Männer, die — 117 ihnen die Hände geſchüttelt wie alten Bekannten, und von denen Capitain Meviſſen behauptete, ſie wären zu Fuße größer als er zu Pferde, und zu Pferde ſo groß, daß Capitain Kühlwetter ihnen nur bis an die Kniee reichte. „Oho!“ rief dieſer, halb luſtig, halb ärgerlich— „Er ſegelt heute mit falſcher Flagge und verrechnet ſich in den Knoten, die er zurückgelegt. Aufgepaßt! Ich werde ihnen zeigen, daß ich nicht ſo klein bin, wie ich ausſehe!“ Und er faßte auf der Stelle einen großen Entſchluß, als er nebenbei hörte, daß des Commodore Grauſchimmel geſattelt werden ſollte, um ſeinen Herrn der Einquartierung entgegen zu tragen, der dieſelbe ſchon unterwegs begrüßen und feierlich auf ſein Gut führen wolle. Gleich darauf trat er auch bei ſeinem Freunde und Gönner ein, der mit dem Ankleiden beſchäftigt war.„Guten Morgen, Commodore!“ ſagte er fröhlich.„Gut Wetter heute — wir werden einen heiteren Sonnentag haben!“ „Wohl!, wohl, Kühlwetter, das paßt zu dem heu⸗ tigen Feſte.“ „Auf ein Haar, Commodore, und warmen Süd⸗ wind obenein— es wird einen wahren Frühlingstag abgeben.“ an „Ja, ja, alter Freund, ich ſehe es wohl. Aber was wollt Ihr? Ihr ſeht mich ſo bedeutſam an.“ Der Capitain drehte ſeinen lackirten Hut wie eine Spindel in den Händen herum und ſchaute ſchmun⸗ zelnd zu Boden.„Ihr wollt gen Apenrade?“ fragte er endlich in ſeinem leiſeſten Stimmtone. „Ja, ich will hin. Vielleicht komme ich zu rechter Zeit, den General Wrangel zu ſehen, der die Schlacht bei Schleswig gewonnen hat und unſer Aller Retter iſt. Ich bringe dann unſere Einquartierung mit zurück.“ „Ich will Euch was ſagen, Commodore; Ihr könnt mir einen Gefallen thun und ich will es für doppelte Ration annehmen, wenn Ihr meinen Wunſch erfüllt.“ „Heraus damit— was wollt Ihr, Mann?“ „Laßt mich mit Euch nach Apenrade reiten— ich möchte auch den alten Haudegen ſehen, der ein Ge⸗ ſicht wie ein Löwe und ein Schwert wie ein Gewit⸗ ter hat— ich kann mir keine rechte Vorſtellung von ſeinem Spiegelbilde machen.“ „Ihr— reiten? Kühlwetter, verſtehe ich recht? Habt Ihr das auch wohl bedacht? Aber warum nicht, wenn Ihr nur ein Pferd regieren könnt, denn ich muß Euch ſagen, es wird nicht durch den Wind ge⸗ trieben und durch ein Steuer gelenkt wie ein Schiff—“ 119 „O, was das anbelangt! Ich habe zwar mein Lebtage nicht auf dem haarigen Rücken eines Gaules geſeſſen, aber— ſeht einmal her— in ſolchen Zei⸗ ten, wie wir ſie jetzt haben, muß ein Mann Alles verſtehen. Es wird doch gewiß nicht ſchwerer ſein, als ein Schiff durch Untiefen und Korallenbänke zu ſteuern?“ „Nein, das nicht, alter Freund, obwohl es eine eigene Kunſt iſt. Aber beeilt Euch— kleidet Euch ſonntäglich an und ſeid in einer Stunde bereit, mit mir abzugehen.“ Der alte Capitain ſchlug ſich auf die Lende, daß es wie ein Piſtolenſchuß krachte.„Prächtig, Commo⸗ dore!“ rief er.„Alſo ich kann mir Euern kleinen Goldfuchs auftakeln laſſen, den der Schurke heute Morgen mitnehmen wollte?“ „Den Goldfuchs? Seid Ihr närriſch? Das iſt der wildeſte Burſche aus dem ganzen Stalle— nehmt den alten Falben— Ihr wißt nicht, was ein Hengſt iſt—“ „Oho, ob ich das nicht weiß— hol' mich der Geier! Aber den alten Falben, meint Ihr? Gott ſoll mich verdammen, wenn ich das thue. Wenn ich im Sonntagsſtaate bin, will ich auf einem Pferde ſitzen und nicht auf einem Kameele— Schwerenoth! 120 Ihr werdet ſehen, wie ſtolz er unter mir ſteuert, und Eure Freude daran haben.“ „Meinetwegen, laßt ihn ſatteln, aber ſchnell!“ Der Capitain warf, frohlockend wie ein Knabe, dem man den Willen gethan, ſeinen Hut in die Luft und ſprang in den Hof, wo er mit erhabener Würde ſeine Befehle zum Satteln des Goldfuchſes ertheilte. Dann lief er an den Strand hinab nach ſeinem Hauſe und kam in kürzerer Zeit, als man vermuthet, athem⸗ los wieder herauf, im Sonntagsſtaate— einem na⸗ gelneuen Glanzhute, dunkelblauem Rocke, halb Jacke, halb Leibrock, und braunen Mancheſterhoſen. An den Hacken trug er einen halben Fuß lange Spieße, Spo⸗ ren genannt, die ihm ein Knecht des Capitain Burns geborgt, und in der Hand eine Hundepeitſche, als be⸗ dürfe der feurige Goldfuchs derartige Reizmittel, um ſeine Pflicht zu thun. Der Capitain mußte unwill⸗ kürlich lächeln, als er ſeinen alten Freund ſo wohl 1 aaufgetakelt ſah, trank mit ihm eine Flaſche Porto und befahl die Pferde in den Hof zu führen, nachdem er den Frauen Lebewohl geſagt hatte. Alles, was in Emmerslund am Leben war, ſtand im Hofe, um die Kavalkade abgehen zu ſehen,— außer dem alten Kühlwetter ſollte noch ein Diener den Capitain begleiten— und eben wurden die drei 121 Pferde vorgeführt, von denen der Goldfuchs haar⸗ ſträubende Capriolen machte, denn er war ein feuri⸗ ges Thier und wurde nur ſelten geritten. Als Capitain Kühlwetter dieſe tollen Sprünge ſah, während er noch auf feſtem Grund und Boden ſtand, ward ſein Muth etwas gedämpft, dennoch lächelte er ſtolz die Damen und die Capitaine Meviſ⸗ ſen und Bardow an, die ſich heimlich anſtießen und bedenkliche Mienen zuwarfen, mitunter aber ein ver⸗ ſtecktes Lachen hören ließen. Schon ſaß der Commodore in den Bügeln und ließ ſeinen ſchönen Grauſchimmel tanzen, deſſen lange weiße Mähnen in anmuthigen Wellenlinien um ſei⸗ nen ſchlanken Hals flatterten; Capitain Kühlwetter aber ſtand immer noch auf der Erde an der Back⸗ bordſeite des Fuchſes, der bereits unruhig wurde, daß man ihn ſo lange aufhielt. „Nun, Caprtain, ich bin fertig. Vorwärts, wenn Ihr noch mitwollt— oder habt Ihr die Luſt ver⸗ loren, denn Ihr ſtreichelt ſo bedächtig dem Fuchſe den Hals?“ „Daß mich Gott verdamme, wenn ich die Luſt verloren habe!— Haltet das Ankertau feſt, Meviſſen, damit der Wind nicht die Segel faßt, ehe ich an Bord bin— halloh! Das wäre gemacht!— Ich 122 ſitze, Cap'tain! Kapp' das Tau, Junge— ſo, ich danke. Halloh! ich komme, Cap'tain! Ruhig, mein Burſche— adieu Alle zuſammen!“ Und im tanzenden Schritte bewegte ſich in hal⸗ ber Bogenlinie der Fuchs dem Schimmel nach, der ſchon unter dem Thorwege war, und bewährte den Satz, daß ein Schiff ſicherer ſegelt, wenn es gehöri⸗ gen Ballaſt hat. Denn Capitain Kühlwetter war, wie wir wiſſen, etwas ſchwer, und der ſchlaue Fuchs ſchien ſeine ungewohnte Bürde erſt prüfen zu wollen, ehe er ſeine Kraft und Schnelligkeit verſuchte. So ritten die beiden Reiter langſam den Hügel in das flache Land hinunter, dicht hinter ihnen der Knecht, gleich den Capitainen im Sonntagsſtaate; trotz der feierlichen Kleidung und der ernſten Miene ſeines Herrn aber konnte er dennoch nicht ein grinſendes Lachen über die geſpreizte Haltung des alten Seemanns unterdrücken, der ſich ein wahrhaft gravitätiſches An⸗ ſehen gab.. „Nun, Commodore,“ begann dieſer draußen das Geſpräch—„ſeht mich mal an. Mache ich Euch nicht Ehre, wie ich hier ſitze? Habe ich nicht ein präch⸗ tiges militairiſches Ausſehen, he?“ Capitain Burns warf nur ein Auge auf ſeinen Nachbar und mußte ſchon unwillkürlich lächeln.„Ja,“ ———— ———— 123 verſetzte er heiter,„Ihr macht mir immer Ehre und habt ein ziemlich militairiſches Ausſehen in Eurer Art. Aber wenn Ihr nur nicht die Beine wie Lee⸗ ſegel über Bord ſtrecken wolltet— wozu das, Kühl⸗ wetter? Ihr habt ja auf dieſe Weiſe keine Gewalt über das Thier, auf deſſen Rücken Ihr ſitzt.“ „O, bei meiner Flagge, Cap'tain, das thue ich ganz abſichtlich ſo. Denn ich möchte Eurem Gaule nicht wehe thun, wenn ich mich in meiner ganzen Macht und Herrlichkeit auf ihm niederließe. Nein, nein, Cap'tain, ich weiß, was ich Euch ſchuldig bin!“ „O, er fühlt Euch ja gar nicht, macht es Euch immerhin bequem. Und dann ſeht Ihr aus, als ob Ihr wie eine holländiſche Brigg vorn zu ſchwer ge⸗ laden wäret, und Euer Spiegel hinten über dem Waſſer ſchwappte— haltet Euch gerade, Mann, wie es einem Soldaten geziemt, ſonſt ſehe ich nächſtens Euer Bugſpriet mit dem Kopfe des Pferdes in un⸗ ſanfte Berührung kommen.“ „Das iſt ſchon eher wahr!“ entgegnete Kühlwetter und ruckte ſeinen Oberkörper um einige Zolle zurück, der aber immer noch eine bedeutende Neigung vor⸗ wärts zu fallen verrieth.„So, nun ſitze ich doch ge⸗ wiß wie ein Exerciermeiſter, he?“ „O ja, ſo leidlich! Und was die Zügel betrifft, 124 ſo haltet ſie etwas loſer; Ihr wißt ja, wenn ein Tau zu ſtraff angeſpannt wird, ſo bricht es um ſo eher.“ „Aber er muß doch meine Fauſt fühlen, Cap'⸗ tain, habe ich immer ſagen hören, ſonſt denkt er am Ende, es ſäße ein Kind auf ihm.“ „Das denkt er wahrſcheinlich ohnedieß, denn er weiß gewiß, ſo gut ich es weiß, daß Ihr nicht reiten könnt und in dieſer Kunſt ein Kind ſeid.“ „Nicht reiten kann, Cap'tain? O, das war doch nur Euer Spaß?“ „Nun, das wollen wir gleich einmal prüfen. Setzt Euch zurecht, Mann; wir haben einen breiten Sandweg vor uns und müſſen uns beeilen, wenn wir den preußiſchen General ſehen wollen.“ „Ja, ja freilich; aber wartet noch ein Bischen und nehmt einen Rath von mir an. Setzt nicht gleich ſo im erſten Augenblicke alle Segel bei, Cap'tain, laßt uns erſt eine Weile laviren, bis meine Leinwand an die Luft gewöhnt iſt— ſo etwa—“ und er be⸗ wegte die rechte Hand mäßig ſchnell auf und ab. Kaum aber hatte er dieſe Bewegung begonnen und unwillkürlich ſeinen Oberkörper mit in Schwin⸗ gung verſetzt, ſo ahmte der Fuchs unter ihm dieſelbe nach, und da auch der Schimmel in dieſem Augen⸗ 125 blicke einen Schenkeldruck fühlte, ſo trabten ſie ſehr bald in mäßiger Eile dahin. Des alten Seemanns Bruſt keuchte laut bei den erfolgenden Stößen, und bei jedem Auf⸗ und Niederfliegen gab er einen knar⸗ renden Ton von ſich, wie ein Maſtbaum, der nicht ganz feſt in ſeinen Grundeiſen ruht. Dennoch hielt er ſich wacker, obgleich er eine poſſierliche Figur zeigte. Bald aber gelangten die Reiter an einen Hohl⸗ weg, deſſen beide Seiten von einer hügelartigen Er⸗ hebung des Bodens mit jungem Baumwuchſe begränzt waren, und da er zu ſchmal zum raſchen Reiten für Zweie war und der Commodore ſeinen Gefährten nicht von ſeiner Seite laſſen wollte, ſo fiel er in Schritt, was der Fuchs ſogleich nachahmte. „Nun, wie thut's?“ fragte der Erſterer. „Das muß ich ſagen, Wetterelement! Das Schiff ſtampft, Commodore, wie bei'm Nordweſter— hoho, alter Burſche! Es iſt mir, als ob alle meine Einge⸗ weide wie in einen Brei gerührt wären. Aber weiß der Kuckuck, wie wir ſchon ſo weit vorgerückt ſind, ohne Schiffbruch zu erleiden— wir ſind ja ſchon durch den Hohlweg. Tauſendſaſa! Ich glaube, wir haben zehn Knoten zurückgelegt.“ Man erreichte wirklich eben das Ende des langen Hohlweges und gelangte auf eine weite, von Hecken, 126 Gräben und einzelnen Waldungen durchſchnittene Ebene, an deren äußerſtem Ende bereits einzelne Häuſer von einem Vorwerke vor Apenrade ſichtbar wurden. Die ganze weite Fläche war vom glänzendſten Sonnen⸗ lichte überſtröomt und in der warmen Atmoſphäre machte ſich jener Duft bemerkbar, der beim linden Südwinde vom Meere herweht und mit den Aus⸗ dünſtungen der quellenden Frühlingserde geſchwängert iſt. Andreas athmete mit Wolluſt dieſen köſtlichen Duft ein und labte ſein Auge an der Klarheit des blauen Himmelszeltes, welches heiter und fröhlich über den dampfenden Gefilden lächelte.„Seht, Ca⸗ pitain,“ rief er vergnügt,„was das für eine herrliche Luft iſt— o! wenn keine Sorgen in dieſer Luft ſchwebten, wie göttlich wäre dann das arme Menſchen⸗ leben!“ 1 „Wohl wahr, Cap'tain; ich habe aber jetzt keine andere Sorge, als etwa nur mein bischen Verſtand auch zu Pferde zu behalten, denn weiß es der gute Herrgott da oben— ich meine, ich kann mich gar nicht mehr recht beſinnen, ſeitdem mich der Gaul in die Höhe und wieder herunter ſchmeißt— iſt das bei Euch eben ſo und habt Ihr auch ſolchen Satansdurſt wie ich? Ich glaube, ich könnte die See ausſaufen, wenn ſie mir Einer in einer Flaſche Porter präſentirte.“ 127 „Nein, ich bin ſchon daran gewöhnt; und was den Durſt betrifft— ja, ja, Ihr habt ganz trockene Lippen— ſo leidet ein ungeübter Reiter immer daran.“ „Hol' der Henker! Wenn ich das gewußt, ſo hätte ich mir einen Kübel mit Flüſſigkeit beigeſtaut— es iſt ganz zum Verzweifeln, o!“ Der Capitain ſchwieg und ſchaute aufmerkſam in die Ferne.„Halt!“ rief er plötzlich—„ſeht da vorne, ſchau' ich recht?— Seht Ihr nichts blinken da un⸗ ten hinter dem Gebüſche am Wege?“ „Gewiß, Cap'tain! Das ſieht beinahe aus, als ob hundert Sonnen am Erdboden kröchen— was iſt das, he?“ „Halloh, Alter, das ſind die Preußen! So wahr ich lebe! Ihre Helme und Harniſche funkeln in der goldenen Sonne— hurrah! Jetzt aber müſſen wir den ganzen Wind in unſere Segel faſſen, denn es ziemt ſich, den wackeren Deutſchen mit wallendem Wimpel entgegenzugehen. Vorwärts!“ Und ſeinem Schimmel die Sporen gebend, flog er über die Ebene, daß der Sand hinter ihm her tanzte, und der Fuchs an ſeiner Seite machte es eben ſo, ohne des Anrei⸗ zes ſeines Ritters zu bedürfen. Dieſer aber ſpielte eine komiſche Figur. Mit der Rechten bald nach 128 ſeinem Hute, bald nach dem Sattelknopfe greifend, um ſich zurecht zu rücken,— denn er wußte nicht, wie es geſchah, aber er rutſchte immer weiter nach hinten, je mehr der Fuchs vorwärts kam— blieb er in unaufhörlicher, hin und her ſchaukelnder Bewe⸗ gung, wie ein Schiff auf wogender See. Dabei ſpran⸗ gen ſeine Augen vor Erregung beinahe aus dem Kopfe; beide Backen hatte er aufgeblaſen und die funkelnde Naſe dazwiſchen ſah aus, als ob die halbe Pinte Portwein, die er verſchluckt, tropfenweis in ſie gefahren wäre und ihre Oberfläche mit Rubinen be⸗ deckt hätte.— Indeſſen kam man in ſo raſchem Laufe der Pferde ſehr bald den marſchirenden und dabei ſingenden Sol⸗ 4 daten näher. Es war eine ganze Schwadron der ſchönen preußiſchen Königin⸗Küraſſiere auf rieſigen Pferden, die eben ſo kräftige Menſchen trugen. An der Spitze, weit vorauf, ritt eine kleine Vorhut. Nach langem Zwiſchenraume kamen einige Trompe⸗ ter, hinter ihnen der Rittmeiſter, welchem die anderen Offiziere und Reiter, nebſt Bagagewagen, folgten. Am Schluße ritt wieder eine Nachhut, wie man eben im Kriege zu marſchiren pflegt. Als der Capitain den willkommenen Fremden näher kam, ließ er ſein Pferd in vollem Laufe heran⸗ 129 ſprengen, um es ganz in der Nähe kunſtgerecht zu pariren. In dieſem Augenblicke aber hörte er einen Weheruf hinter ſich. Er drehte ſich herum und fand ſeinen bisherigen Gefährten aus ſeiner Nähe ver⸗ ſchwunden. Waren es die Trompeten, die um dieſe Zeit ihr Schmettern begannen, oder war es das Raſ⸗ ſeln der ſtählernen Pallaſche, oder vielleicht auch das Strahlen der blinkenden Helme und Küraſſe, die ihn entſetzten,— genug, kaum war der Fuchs mit ſeinem keuchenden Reiter in ihre Nähe gekommen, ſo prallte er zurück, machte plötzlich Kehrt und, mit einem gewaltigen Satze den Graben am Wege überſprin⸗ gend, ging er in vollem Jagen auf und davon. Kühlwetter blieb mannhaft, wenn auch etwas außer Faſſung gebracht, zwar nicht in den Bügeln, aber doch im Sattel ſitzen; feſt an die Mähne des lebhaf⸗ ten Thieres geklammert, ſtieß er nur einige Flüche aus, die leider ungehört im Morgenwinde verſchwam⸗ men. Endlich, auf einem abſeits gelegenen Hügel angelangt, hatte der Fuchs die Gefälligkeit, ſeinen Wünſchen zuvorzukommen und inne zu halten, ja ſich ſogar herumzudrehen, ſo daß der Capitain wenigſtens aus der Ferne ſehen konnte, was vorging. Indeß hatte er keinen rechten Genuß davon, denn ſein mu⸗ thiges Pferd ſtand keine Minute ſtill. Bald rechts, A. Burns. II. 9 130. bald links ſpringend und in der Regel mit den Hin⸗ terbeinen in der Luft herumfahrend, riß es ihn hin und her, ſo daß es ihm vorkam, als ſitze er auf einer wankenden Rae im Sturme und müſſe ſich mit allen Fingern an irgend etwas halten, was er auch herz⸗ haft that. Unterdeſſen hatte ſich Capitain Burns der Hauptcolonne der Küraſſiere genähert und war zu dem Führer derſelben, einem Rittmeiſter von herku⸗ liſcher Geſtalt, aber freundlichen Geſichtszügen, heran⸗ geritten, um ihn zu begrüßen.„Guten Morgen, mein Herr!“ ſagte der noch ziemlich jugendliche Krieger. „Sind wir auf dem richtigen Wege nach Emmerslund auf dem Andreasberge?“ „ Ja, mein Herr, das ſind Sie und ich ſelbſt bin der Bewohner deſſelben und gebe mir die Ehre, Sie in mein beſcheiden Haus zu geleiten, wenn Sie da⸗ hin beſtimmt ſind.“ „Vortrefflich, Herr Capitain— denn das ſind Sie ja wohl— reichen wir uns die Hände. Guten „Morgen noch einmal. Wollen Sie gefälligſt neben mir Platz nehmen?“ Und der Zug, der eine Weile geſtockt hatte, ſetzte ſich wieder in Bewegung, während die Trompeter ihre luſtige Melodie noch eine Weile fortſetzten, ſo daß 131 man nicht ſprechen konnte. Als ſie jedoch ihre Muſik einſtellten, lächelte der Rittmeiſter und ſagte zu ſeinem Wirthe:„Was iſt das für ein Mann dort auf dem Hügel? Reißt er etwa vor uns aus?“ „Ach nein, er nicht, aber ſein Pferd. Es iſt mein alter Freund und Nachbar, der Capitain Kühlwetter, der heute zum erſten Male im Sattel ſitzt, ſich aber doch nicht die Freude verſagen konnte, die Befreier ſeines Vaterlandes ſchon auf der Landſtraße zu be⸗ grüßen.“ „Aha! Er befindet ſich gewiß da in einer üblen Lage.— Heda! Reiten zwei Mann vorſichtig hinüber und verſuchen ſein Pferd in die Mitte zu nehmen, damit ihm kein Schaden geſchieht. Vorwärts!“ Sogleich befolgten zwei Reiter den Befehl, ſpreng⸗ ten über den Graben und trabten querfeldein, dem Ausreißer nach. Nun aber entſpann ſich eine drollige Scene. Der Fuchs ließ immer ganz ruhig die ſtrah⸗ lenden Küraſſiere näher kommen, ſobald ſie aber in eine gewiſſe Entfernung von ihm gelangt waren, machte er Kehrt und wählte ſich einen entfernter liegenden Haltpunkt aus. Vergebens war alles Zu⸗ reden und Fluchen des Capitains, vergebens ſein Zupfen und Zerren am Zügel, und ſeine ganze Macht und Herrlichkeit, die er jetzt in ſein Geſäß zu legen 9* 132 verſuchte, war nicht im Stande, den kleinen Fuchs zu bändigen. Endlich legte ſich ein junger Offizier in's Mittel, indem er dem ſpringenden Roſſe in Carriere den Weg abſchnitt und es in vollem Laufe aufgriff; als ſich dieſes aber erſt in feſter Hand fühlte, blieb es fromm wie ein Lamm ſtehen und faßte nur die glänzenden Reiter verwundert in'’s Auge, deren An⸗ blick ihm vollkommen neu war. So kamen denn auch die andern beiden Küraſſiere an den alten Seemann heran, ſchnallten einen langen Riemen um den Zaum ſeines Pferdes und baten ihn nur, die Zügel ganz loſe zu halten. Auf dieſe Weiſe kehrte man zur Schwadron zurück und wurde vom Rittmeiſter und der lachenden Mannſchaft mit lautem Zurufe begrüßt. Der Capitain ſelber aber riß ſeinen Hut vom Kopfe und zeigte ſein triefendes Gluthgeſicht den kichernden Leuten in ſeiner ganzen Würde. Da die Schwadron nur zu Zweien ritt, ſo ge⸗ langte man, ohne den Zug zu ändern, durch den Hohlweg und ſah endlich den Andreasberg mit ſeinen knospenden Buchenwaldungen dicht vor ſich liegen. „Alſo dort oben wohnen Siee“ fragte der Ritt⸗ meiſter den Commodore.„Kann man von Ihrer Wohnung das Waſſer ſehen?“ „Ganz und gar und bis weit auf das Meer hin⸗ — O—O—ę—ę—ę—ę—Q—Q—Q—C—— —— 133 aus, ſelbſt Alſen und ſogar Fünen erreicht der Blick.“ „Und ſind auch Schiffe in Sicht?“ „So viel Sie wollen und geſpickt mit Kanonen und Rothröcken!“ „Das iſt herrlich, wir haben uns ſehr lange ſchon darauf gefreut. Vielleicht giebt es einen kleinen Strauß. Sie reiten aber da ein herrliches Thier— ich hätte Luſt, mit Ihnen einen Handel zu machen.“ „Ich ſtehe Ihnen mit allen meinen Pferden zu Dienſten, nur dieſes eine kann ich unmöglich aus der Hand geben. Ich habe es ſelbſt erzogen und gezähmt und finde ſo leicht keines wieder von ſeiner Schnelle und Dauerhaftigkeit.“ „Das thut mir leid— es iſt ein Däne, nicht wahr? Prächtige Knochen und reines Blut!“ „Ein Däne von edelſter Race— ein Seeländer den Eltern nach, aber auf reiner deutſcher Erde ge⸗ boren und groß geworden.“ „Ein kapitales Thier— haben Sie viele Pferde?“ „Für jetzt nur einige Dreißig.“ „Was, das iſt ja eine halbe Schwadron!“ „Wir ſind ja nur Ackerbauer und Pferdezüchter, Herr Rittmeiſter, das iſt unſer ganzes Beſitzthum. Auch bin ich geſonnen, meinem Vaterlande oder ſeinen 134 Helfern einen Theil davon zu überlaſſen, wenn ich ſichere Gelegenheit habe, ſie anzubringen.“ „Nun, die Gelegenheit iſt da, es ſoll ein Wort ſein. Wir ſprechen noch darüber.“ Und er galop⸗ pirte vor und rief ſeinen Soldaten ein gedehntes aber weithin ſchallendes Halt zu. Denn man war an einen Gabelweg gekommen, wo er ſeine Reiter theilen mußte. Bald waren ſie in zwei Haufen ge⸗ ſchieden, die Einen, um nach Emmerslund, und die Anderen, um nach Barsmark und Kirkebye zu gehen, wohin ſie Andreas Diener führen ſollte. Sehr bald hatte man ſich unter Lebewohlrufen getrennt und Andreas ritt jetzt mit dem Rittmeiſter und jenem jungen Offiziere, der den Capitain Kühlwetter einge⸗ fangen, voran dem Berge zu, während letzterer, immer noch im Schlepptau zwiſchen den beiden Rieſen, die ihn, wie zwei Goliaths den kleinen David, in der Mitte hatten, ihnen unmittelbar auf dem Fuße folgte. So langte man unter Hundegebell, Trompetenge⸗ ſchmetter und Hurrahgeſchrei der verſammelten Ma⸗ troſen im Hofe an, wo auch die Mägde in vollem Putze ſich verſammelt hatten, die nie geſehenen Stahl⸗ reiter mit höchſt verwunderten Augen anzuſtaunen. Keiner aber war ſtolzer und doch zugleich froher, als —ꝗꝗ—.— Capitain Kühlwetter, da er wieder feſten Ankergrund unter ſeinen Füßen fühlte, und nun erſt machte er den angekommenen Herren ſeine vollkommene Reverenz, indem er wiederholt ſeinen Hut ſchwenkte und Allen die Hände ſchüttelte, daß ihre Gelenke krachten. Der Rittmeiſter und Lieutenant aber, nachdem an geeigne⸗ ten Stellen draußen im Felde einige Vedetten ausge⸗ ſtellt, traten, von Andreas geführt, in das Innere des Herrenhauſes, wo ſie von den Damen bewillkommnet wurden, die alle in ſchwarzſeidenen Gewändern um die Frühſtückstafel ſtanden, welche im großen Speiſe⸗ ſaale zubereitet war. Und bald ſaßen ſie wie alte Bekannte um den reich beſetzten Tiſch, erzählten und hörten die wunder⸗ ſame Begebenheit bei Schleswig mit an, wo der alte Wrangel die Schlacht mit einer Parade begonnen hatte. Laut aber klangen die Gläſer an einander und namentlich die drei Capitaine wetteiferten, weſſen Schiffsraum die ſchwerſte Laſt faſſen könne. Nach dem Frühſtücke, während die Damen ihren Geſchäften nachgingen, die drei Capitaine aber bei der Flaſche blieben, wobei Kühlwetter ſeine ritterlichen Abenteuer und Heldenthaten von hundert Seiten be⸗ leuchtete, führte Andreas ſeine Gäſte auf dem Berge ſpazieren. Sie waren über Alles höchlich erfreut, 136 namentlich aber von der ſchönen Ausſicht auf der Warte entzückt und erkannten ſogleich ihre Wichtigkeit in militairiſcher Beziehung, weshalb ſie auch ſogleich eine Wache auf dieſelbe beorderten, um Land und Meer ringsum im Auge zu behalten. „Alſo die Dänen wiſſen von dieſem Ausgucke?“ fragte der Rittmeiſter den Capitain, nachdem dieſer die Thaten der jütiſchen Freiſchaaren und die Hand⸗ lungsweiſe der Dänen erzählt hatte. „Ja, ſie wiſſen von ihm, und es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie dieſe Kenntniß nächſtens zu be⸗ nutzen und uns das ſchöne Gerüſt in Brand zu ſtecken verſuchten. Indeſſen kann man es vom Waſſer aus nicht ſehen und noch weniger, wenn dieſe Bäume erſt ihr volles Laub erhalten haben, was ja in we⸗ nigen Tagen geſchehen ſein wird.“ „Das wollt' ich auch eben bemerken. Es giebt gewiß Einige unter ihnen, die ſich die Lage deſſelben gemerkt haben, und ihre Kanonenboote tragen ſchweres Kaliber genug, um ein paar glühende Kugeln von der Mitte des Waſſers aus hierher zu werfen.“ „Für dieſen Fall habe ich auch geſorgt und bereits eine Art Nothgerüſt anfertigen laſſen, welches ich nur zuſammen zu ſchlagen brauche, um ſogleich bei der Hand damit zu ſein. Meine Matroſen ſind geübte 137 Zimmerleute und arbeiten, wie man zur See zu ar⸗ beiten gewohnt iſt.“ „Und haben Sie ſich ganz und für immer von der See zurückgezogen?“ fragte der Lieutenant, ein junger, zutraulicher und hübſcher Mann von vor⸗ nehmer Herkunft. „Wie Gott will, Herr Graf! Wenn ich meine Tage hier beſchließen darf, ſo werde ich ihm dankbar ſein; ſollte es anders beſchloſſen ſein, ſo müſſen wir als Männer wiſſen, uns in das Unvermeidliche zu fügen.“ „Ja, Sie— aber die ſchönen Damen da drinnen, werden die gern von dieſer harmloſen Stätte ſcheiden, wo ſie ſo lieblich aufgewachſen ſind?“ „Die werden ihr Leben wahrſcheinlich hier nicht beſchließen— für ſie wird ſich ein Anderer finden, der ihnen wo möglich eine noch ſchönere Heimat be⸗ reitet.“ „Ah— ſo ſtehen die Sachen! Die glücklichen Heimatſpender!— Und betrifft das auch jene wun⸗ derſchöne Dame in Trauerkleidern, mit den dunkelen Haaren und den träumeriſchen blauen Augen? Sie ſcheint eine Dame von Welt und Mitteln zu ſein— oder bin ich zu unbeſcheiden, wenn ich nach ihrer Herkunft frage?“ Andreas theilte einfach darüber mit, was wir ſchon wiſſen und er keinen Grund zu verbergen hatte. „Eine reizende Geſtalt!“ ſagte der Lieutenant, der ſie nicht vergeſſen zu können ſchien—„Ein Auge, welches tauſend Dinge ſpricht, wovon ſich die Philo⸗ ſophen auch nichts träumen laſſen— und ein Ge⸗ ſicht— o!“ Der Rittmeiſter lachte laut und warf dem ernſten Capitain einen verſtohlenen Blick zu.„Sie müſſen meinem Kameraden verzeihen,“ ſagte er dann,„wenn er noch Augen für dergleichen hat, er iſt jung und fängt das Leben erſt an.“ Andreas ſchwieg, aber er nickte lächelnd Beifall und ſie gingen wieder hinab, nachdem er die einzel⸗ nen Landſtriche, Inſeln und Buchten genannt, die von der Warte aus zu ſehen waren. Als ſie im Garten anlangten, hörten ſie ein allge⸗ meines und fröhliches Gelächter vom Hofe herüber⸗ ſchallen. Sie traten hinein und hatten einen eigen⸗ thümlich ſpaßhaften Anblick vor ſich. Die drei Capi⸗ taine waren in den Hof gekommen, wahrſcheinlich nicht ſowohl um ihre Neugierde in Bezug auf die preußiſche Reiterbewaffnung zu befriedigen, als ſich von ihrer inneren Hitze abzukühlen, in die ſie der Kellervorrath des Capitains verſetzt. Da hatte ſich denn eine kleine Scene mit ihnen entwickelt. Capi⸗ tain Kühlwetter nahm zuerſt die Glückwünſche der Mannſchaft wegen ſeines tadelloſen Rittes entgegen und zählte dem verſammelten Hausgeſinde noch ein⸗ mal ſeine Kunſtſtücke vor. Gleich darauf hatte er ſich den Pallaſch des Wachtmeiſters umgeſchnallt, der ihm beinahe bis an den Hals reichte. Die Küraſſiere fanden das ſo ſpaßhaft, daß ſie ihm auch einen Küraß anlegten und zuletzt eine Stahlhaube aufſetzten. So ſtand denn der kleine kugelrunde Mann, der ganz von Eiſen zu ſein ſchien, mitten in dem Haufen der Krieger und fühlte ſich nicht wenig geſchmeichelt, daß er Allen ſo viel Stoff zum Vergnügen bot. Sogar die Damen hatte das allgemeine Beifallgeſchrei an's Fenſter gelockt und er hörte eben ihre ſilbernen Stim⸗ men an ſein Ohr ſchlagen. In dieſem Augenblicke traten die Offiziere mit dem Capitaine in den Hof und gewahrten den Vorgang. Von des kleinen See⸗ manns Geſichte war nichts zu ſehen, als in der Mitte etwa ein hervorragender ſcharlachrother Fleck; Bruſt, Schultern und Rücken dagegen verſchwanden unter dem gewaltigen Küraſſe, nur ſein runder Bauch quoll widerſtrebend darunter hervor. Den gezogenen Pallaſch in der Rechten, fuhr er damit in der Luft herum und 140 ſtieß dabei Worte und Flüche aus, daß die jungen Soldaten beinahe vor Lachen ſtarben. „Präſentirt das Gewehr!“ rief ein kühner Kornet, als die Herren vom Garten her naheten. Und augen⸗ blicklich verſuchte der Capitain das Manöver aus⸗ zuführen, aber mit Bewegungen und Geberden, wie ſie nur ein Seemann hat. „Halloh!“ ſchrie ſeine Stentorſtimme aus dem Eiſen heraus—„Seht mich mal an, Commodore, ich bin belaſtet wie ein indiſch Fregattſchiff— hol's der Henker, das ſitzt ſchwer auf den Knochen!“ „Es iſt nur gut, daß Ihr ein Gegengewicht dabei habt, ſo könnt Ihr nicht wippen, wenn Ihr im Sturme zur See geht,“ ſagte ſcherzend der Capitain. „Wie meint Ihr das, mein Feldherr?“ „Nun, Ihr ſcheint inwendig eben ſo ſchwer be⸗ laſtet zu ſein, wie auswendig— das iſt meine Meinung.“ „Hol's der Henker, Ihr habt Recht, wie immer— ich bin ſchwer, innen und außen; aber daran ſind die Preußen am meiſten ſchuld, denn die Freude in meinen Knochen wiegt ſchwerer als ſonſt was.“ Und er ſalutirte ringsum und ließ ſich wieder entharniſchen, um mit dem Wachtmeiſter und dem Kornet, die er auf eine Flaſche Kanarienſekt eingeladen, nach ſeinem 141 Hauſe zu wackeln und der inneren Schwere, die ſchon jetzt die Oberhand hatte, vollends das Uebergewicht zu geben. Was die preußiſche Mannſchaft betraf, ſo wun⸗ derten ſich die Bewohner von Emmerslund nicht min⸗ der, als ſpäter die Dänen in Jütland, ſowohl über die auffallende Jugend, wie auch über den Grad der Bildung derſelben. Daß nun aber gar Söhne aus höheren Ständen, Studirte, Künſtler und Beamte mit dem Gewehre in der Hand in Reih' und Glied ſtanden und fochten, die doch nicht wie die Bauern⸗ ſöhne der Schleswig⸗Holſteiner und Dänen zum Todt⸗ ſchießen geboren, konnten ſie lange nicht begreifen. Uebrigens hatten ſich in kurzer Zeit Offiziere und Gemeine ſehr behaglich in dem gaſtfreien Landſitze eingerichtet. Es ſchien Allen gleich vortrefflich da⸗ ſelbſt zu gefallen und ſie bewieſen ſich auf jede mög⸗ liche Weiſe dankbar für die gute Aufnahme. Die Gemeinen, ſobald ſie ihre Pflicht erfüllt und die Stalljacke angezogen, halfen den Knechten in der Wirthſchaft, auf dem Felde, im Garten, in den Scheunen, ja, ſie hätten auch gern den Mägden ge⸗ holfen, wenn ſie nicht das ſtrenge Auge des Capi⸗ tains und die würdevolle Haltung der Hausfrau ge⸗ fürchtet hätten, die überall ab- und zugingen, wo eine wichtige Arbeit verrichtet wurde. Die Offiziere dagegen hielten ſich gern zu den Damen, wenn An⸗ dreas beſchäftigt war; ſie unternahmen mit ihnen Spaziergänge am Strande, erzählten ihnen Man⸗ cherlei vom fernen Vaterlande, von den Zuſtänden daſelbſt und nahmen mit großer Theilnahme auf, was ihnen die Damen wieder von ihren Verhältniſſen berichteten. Helene kam täglich zu Tiſche auf den Berg und blieb in der Regel bis zum Abend daſelbſt; ſeitdem die Dänen abgezogen waren und keine Gefahr mehr die Gegend unſicher machte, war ſie wieder in das Epheuhaus gezogen, denn ſie ſehnte ſich, trotz aller Neuigkeiten, die ſie oben vernahm, wieder allein zu ſein und ſich ihrem Nachdenken hinzugeben, wie es ihr durch lange Gewohnheit zur zweiten Natur geworden war. So vergingen mehrere Tage, ohne daß etwas be⸗ ſonders Wichtiges vorgefallen wäre. Schiffe kamen genug geſegelt und gedampft, hielten ſich aber ſtets in beſcheidener Entfernung, denn die Furcht vor den gewaltigen Deutſchen nach der erſten für unmöglich gehaltenen Niederlage hatte ſich noch immer nicht ge⸗ legt und man bedurfte einiger Zeit, um ſich von dem großen Schrecke zu erholen und zu neuen wirkſamen Unternehmungen zu ſtärken. Daß die Preußen den Schleswig⸗Holſteinern wirklich zu Hülfe gekommen waren, hatte die Dänen moraliſch am tiefſten verletzt. Als ſie die blinkenden Helme derſelben ſchon vor dem Dannevirke ſahen, glaubten ſogar ihre Führer noch, es ſeien Holſteiner oder Freiſchaaren, in preußiſche Uniformen verkleidet. Ach, aber da machten ſich die ſchon lange berühmten weitreichenden Gewehre be⸗ merkbar, da ließ ſich das ſchreckliche, nie gehörte Hur⸗ rahgeſchrei vernehmen, dem jedesmal ein unwider⸗ ſtehlicher Bajonettangriff folgte, und ſchon vor dieſem Geſchreie liefen ſie entſetzt davon. So war leider kein. Zweifel mehr, daß die Preußen in Perſon gekommen waren. Und nun bei Schleswig von dieſen, durch einen übermäßigen Marſch ermüdeten jungen Leuten, denen ſie an Zahl und Kanonen ſo weit überlegen geweſen, geſchlagen und beſiegt zu werden, ſo gänz⸗ lich und unerhört, noch dazu im Angeſichte der ſoge⸗ nannten Rebellenhaufen, das war für die vorher ſo übermüthigen, großſprecheriſchen Dänen ein Schlag, wie ſie ihn lange nicht auf ihrem eiſernen Schädel gefühlt hatten. Darum waren ſie gelaufen, was ſie laufen konnten, und nicht eher hatten ſie ſich ſicher 144 gefühlt, als bis ſie das Meer zwiſchen ſich und den Siegern gelaſſen, als bis ſie auf der unzugänglichen Inſel Alſen ſaßen und Schanzen und Wälle gegen die näher rückenden Hannoveraner aufgeworfen hatten. Doch, bleiben wir noch einige Zeit in Emmers⸗ lund; erſt wenn wir hier zu einem Ruhepunkte ge⸗ langt ſind, wollen wir im Fluge die Entwickelung des ſeltſamen Krieges fortſpinnen bis zu dem Tage, wo Freund oder Feind wieder den Andreasberg beſteigt. In Emmerslund drohte für den Augenblick keine Sorge und Noth von Außen hey aber je ſicherer und behaglicher man ſich in der Nähe der rettenden Armee fühlte, um ſo lebhafter wandte man ſeine Blicke den in Gefahren befindlichen entfernteren Lieben zu. Von Erik durfte in des Capitains Gegenwart nie geſprochen werden; er wollte durch Worte nicht an ihn erinnert werden, da ſein Herz ſich ſeiner oft genug mit täglich wachſendem inneren Schauder und doch ſo zärtlicher Liebe erinnerte, denn er war und blieb ja ſein Sohn und noch dazu ſein jüngſter und unbe⸗ rathenſter. Die Mutter freilich ergriff jede Gelegen⸗ heit, mit Jedermann, wer es auch war, über ihren Liebling leiſe zu ſprechen; Tag und Nacht dachte und ſorgte ſie für ihn und nicht ſelten geſchah es, daß ſie, 145 trotzdem es ihr ſchwer wurde, die Warte erſtieg, um wenigſtens das Schiff von Weitem zu ſehen, zwiſchen deſſen Wänden das theure Kleinod ihres Lebens ath⸗ mete und wirkte. Und in der That, Eriks Geſchick ſchien ſeinen Verwandten in dieſen Tagen nicht das beklagenswertheſte zu ſein, denn ihre Phantaſie ward nicht beſchäftigt, ſich ſein Leben voller Gefahren und Kämpfe vorzuſtellen; man ſah ja ſein Schiff ruhig vor Anker auf ſeinem Wachpoſten liegen, dann und wann höchſtens den ſicheren Grund verlaſſen, um mit günſtigem Winde dahin und dorthin zu kreuzen, ſtets aber kehrte es am Abende auf ſeinen alten Platz zu⸗ rück, um zu beobachten, was etwa am Lande ſich zu⸗ trage und ſtets vorhanden zu ſein, wenn man ſeiner zu irgend einem Unternehmen bedürfen ſollte. In ſtiller Nacht zwar, doch das wurde von Emmerslund aus nicht beobachtet, ſetzte der Neptun oft einige Boote aus, holte einzelne Menſchen vom Lande und brachte ſie wieder dahin zurück, denn das geheime Einverſtänd⸗ niß der Dänen mit vertrauten Landbewohnern hörte niemals auf und ihr Spionirſyſtem war ſo vollkom⸗ men geordnet, wie jemals ein kriegführendes Volk ſich deſſen erfreuen konnte. Wenn man nun von Erik nur leiſe oder gar ins⸗ geheim reden durfte, ſo hörte der Capitain es um ſo A. Burns. II. 10 146 lieber, wenn man recht oft und viel von ſeinem Sohne Friedrich und ſeinem Freunde Henrik ſprach. Beide waren nun ſchon drei Wochen vom Hauſe entfernt, gewiß in mühevoller Thätigkeit begriffen, und noch war nicht die geringſte Nachricht von ihnen nach dem Andreasberge gelangt. Doch wie wäre das auch mög⸗ lich geweſen, da die Dänen bis vor Kurzem die Ge⸗ gend beſetzt gehalten hatten, keine Poſten fuhren und der einzige Weg der Vermittelung nur durch geheime Boten hätte geſchehen können, was entweder ſehr ge⸗ fährlich, oder wenigſtens ſehr ſchwierig war. Aber eben weil man keine Nachrichten von ihnen erlangen konnte, ſehnte man ſich um ſo lebhafter danach, und dazu kam die natürliche menſchliche Neugier, zu ver⸗ nehmen, wo ſie denn ſeien, was ſie vollbracht, und zu welchen Unternehmungen ſie in Zukunft beſtimmt wären. Denn daß ſie am 8. oder 9. April unverſehrt an ihren Beſtimmungsort gelangt, wurde ohne Be⸗ denken vorausgeſetzt; wäre ihnen ein Unglück begeg⸗ net, ſo würde der Eine oder Andere von ihnen gewiß nach Hauſe berichtet haben, auf welche Weiſe es nun auch hätte geſchehen ſollen. Jetzt aber, da das Land und die Straßen nach dem Süden den Deutſchen of⸗ fen lagen, war es eher möglich, an eine briefliche Unterhaltung zu denken und man ſprach gleich am 147 erſten Abende mit den preußiſchen Offizieren darüber. Dieſe erboten ſich ſehr freundlich, Briefe ſicher nach Rendsburg zu befördern, denn es war ein Bedürfniß eines civiliſirten Heeres, in ſeinem Rücken ſogleich eine Poſtverbindung mit dem Mutterlande herzuſtel⸗ len, was denn auch auf das Schleunigſte, jedoch nur zum Vortheile der fremden Krieger geſchah, während der einheimiſche Bürger und Landmann aus nothwen⸗ diger Vorſicht im Allgemeinen von dieſer Begünſti⸗ gung ausgeſchloſſen blieb. So ſprach denn Andreas noch an demſelben Abende im Familienkreiſe den Wunſch aus, daß ein jedes Mitglied derſelben, ſeien es auch nur wenige Zeilen, an ſeine Lieben ſchreiben und ihnen beruhi⸗ gende Mittheilungen in Bezug auf die gegenwärtigen Vorgänge in der Heimat machen ſolle. Man war allgemein damit einverſtanden und ſchon in der Frühe des nächſten Morgens wurden viele eifrige Federn in Bewegung geſetzt. Als aber der Mittag kam und die Frauen ſich kurz vor Tiſche verſammelten, überreichte man dem Hausherrn die geſchriebenen Briefe, der ſie alle zuſammen in ein Couvert ſchließen und an Hen⸗ rik in Rendsburg ſchicken wollte, weil deſſen Aufent⸗ halt daſelbſt allein mit Sicherheit vorauszuſetzen war. Aber da begegnete dem braven Manne etwas, was 10* 148 er nicht erwartet hatte. Er ſaß vor ſeinem Schreib⸗ tiſche, noch mit ſeinen eigenen Mittheilungen beſchäf⸗ tigt, als Helene und Agathe leiſe hinter ihm eintra⸗ ten, jede ihren Brief in der Hand haltend.„Aha,“ ſagte er, als er ſich herumdrehte und die beiden hol⸗ den Frauengeſtalten bemerkte,„ſeid Ihr ſchon fertig? Da bin ich ja ſaumſelig geweſen— nun, gebt ſie nur her.“ Und er reichte ſeine Hand der Helenen's zuerſt entgegen. Aber wie erſtaunte er, als er die Aufſchrift ihres Briefes las, denn ſie war nicht an Henrik, wie er beſtimmt erwartet, ſondern an Fried⸗ rich, ſeinen Sohn, gerichtet. Und er begann zu ah⸗ nen, was weiter kommen würde. Und richtig, als Agathe, eben ſo erröthend wie Helene bei dieſer ein⸗ fachen Handlung, ihm den ihrigen reichte, war er nicht mehr erſtaunt, auf ſeiner Rückſeite den Namen Henrik Paulſen's zu leſen. „Es iſt gut,“ ſagte er nachdenklich und wandte ſich wieder zu ſeinem Schreiben zurück, während die Frauen raſch die Stube verließen. „Wunderbare Frauenherzen!“ rief der Capitain aus, als er wieder allein war und die zierlichen Briefe vor ſich liegen ſah.„Niemals ſprechen ſie unumwun⸗ den die Gefühle aus, welche ſie im Herzen tragen, als begingen ſie einen Verrath an ſich ſelber, wenn 149 ſie Anderen ein ſüßes Glück bereiteten. Sieh nun dieſe Frauenzimmer da! Wer hätte das gedacht! Wie kommt Helene dazu, an Friedrich, und Agathe, an Henrik zu ſchreiben? Einzig und allein aus dem Grunde, weil jede von ihnen nicht an, den ſchreiben will, an welchen ſie am liebſten ſchreiben möchte. O, Ihr armen Dinger, Ihr habt Euch gerade dadurch bei mir verrathen; jetzt ſchaue ich, wie nie, in Euer Innerſtes. Glück auf, Henrik, mein wackerer Junge, Dein Hoffnungsſegel bläſt ein günſtiger Wind auf, und Du biſt nicht mehr ſo weit vom Ziele entfernt, als Du fürchteteſt, da Du von mir gingſt. Hm! — Und Agathe? Das liebe Kind! Alſo wirklich? O, wenn Fritz nicht ſo ein Eiſenkopf wäre und Erik's Flatterſinne zuſchriebe, was ſeine eigene rauhe Tugend verdient hat— aber er iſt blind, blind, blind, weil Erz in ſeinem Hirne— doch halt— von wem hat er dieſen Eiſenkopf? Ach, Gertrud, wie manche ſtille Thräne haſt Du vielleicht über Deinen Mann ge⸗ weint!“ Und der Vater ſchaute in ſein eigenes Herz, wie es nicht ſelten geſchieht, wenn der Menſch die Handlungen Anderer beurtheilt und dabei ſein eigenes Bild im Spiegel derſelben vor ſeinen Augen erblickt. Ob ſich aber der gute Vater nicht dennoch in Be⸗ zug auf die wahre Neigung der Frauen irrte? In 150 Agathens Neigung irrte er wohl nicht, das ſcheint uns ſelber ziemlich gewiß; ob aber dieſe Neigung von Friedrich eben ſo erwidert wurde, wie er es im inner⸗ ſten Herzen wünſchte? Das war zwar dunkel, aber bei Weitem nicht ſo dunkel, wie Helenens Neigung zu Henrik, die, wenn ſie vorhanden war, gewiß erſt in einem jungen Keime beſtand, der noch zu zart war, um die Rauhheit der Witterung, den Wind und den Froſt der bevorſtehenden Lebenstage ungefährdet zu überdauern und trotz aller äußeren Hinderniſſe zu Blüthe und Frucht emporzuſchießen. Doch, laſſen wir dieſen Schleier noch ungelüftet, der Sturm der Zukunft wird ihn verwehen oder zer⸗ reißen und wir werden ohne Zweifel einſt dieſer ge⸗ heimnißvollen Neigung in das Antlitz blicken. Da kam allen jetzt in Emmerslund Weilenden ſehr unerwartet am 1. Mai Abends der Befehl aus dem Hauptquartiere in Hadersleben, wohin es am 30. April vorgeſchoben war, daß die in der Umge⸗ gend einquartierten Preußen ſchon mit Anbruch des nächſten Tages abmarſchiren und über Hadersleben nach der jütiſchen Gränze vorrücken ſollten, denn Ge⸗ neral Wrangel gedachte in raſchem Zuge den Feind bis in ſein eigenes Lager zu verfolgen, um auf dieſe Weiſe, ſo hoffte alle Welt und der kühne General viel⸗ f. 151 leicht ebenfalls, den Krieg in kürzeſter Friſt zu beendigen. So ſtand denn ſchon wieder nach kurzem Genuſſe ein neuer Abſchied bevor und es gab keinen Bewohner auf Emmerslund, der nicht mit einiger Betrübniß die wackeren Reiter hätte ſcheiden ſehen, die ſich alle, vom Erſten bis zum Letzten, gegen Jedermaͤnn von ihrer beſten und liebenswürdigſten Seite gezeigt hatten. Der Capitain hatte noch am ſpäten Abende, nach Ankunft dieſes Befehls, mit dem Rittmeiſter eine lange Unterredung gepflogen, ihm einige gute Pferde abge⸗ laſſen und zuletzt zwei mit kräftigen Gäulen beſpannte Wagen überwieſen, um ſie nach Gutdünken zum Beſten der preußiſchen Truppen zu verwenden, ſo Aange er ihrer bedürfen würde. Der Rittmeiſter ſtellte ihm reiwillig eine Beſcheinigung darüber aus, was nothwendig er⸗ ſchien, denn es begann für die Bewohner Schleswig's das Regiment der Requiſitionen, eine natürliche Kriegs⸗ pflicht, die aber oft zur Plage wurde, denn es kam in Betreff der geſtellten Fuhren nicht ſelten vor, daß ein Bauer, der nur zwei Pferde beſaß, um damit ſei⸗ nen Acker zu beſtellen, dieſelben aus ſeinem Hofe ent⸗ laſſen mußte, ohne ſie in ſechs bis acht Wochen wie⸗ der zu ſehen, wenn er ſie überhaupt je wieder ſah. Waren ſie einmal erſt unterwegs, ſo kehrten ſie ſelten früher ſo lieb geweſen war. Und mehrere Wochen 152 in kurzer Zeit zu ihrem Beſitzer zurück; aus einer Hand gingen ſie in die andere; wem ſie gehörten, war dem augenblicklichen Inhaber einerlei, und wollte der Kutſcher nicht gutwillig gehorchen, ſo wandte man Mittel an, die ihn ſchnell beſſeren Sinnes machten. Daher,(und um nicht zu etwas gezwungen zu wer⸗ den, was er gern freiwillig leiſtete, ſtellte Andreas aus eigenem Antriebe ſeine Pferde. Er übergab die zwei bewährten Bauern aus Barsmark, iinspflichtig waren, und ertheil te ihnen Be ſen, die ihnen etwa n— u bleiben geſtatteken. Der Cip ſelber diesmal aber nicht von ſeinem kühlwetter begleitet, gab ſeinen Gäſten das Geleite bis Hadersleben, und ſo raſſelten denn nach langem Händeſchütteln und vielfach gewechſelten freund⸗ lichen Worten die Reiter aus dem Hofthore hinaus, ihrem ferneren blutigen Ziele entgegen. Still ward es in den kurz vorher ſo froh belebten Räumen; im Hauſe, im Hofe, im Stalle erſchallte kein fröhliches Lachen mehr, und das früher ſo laute Geſpräch war verſtummt. Faſt unheimlich fiel den Bewohnern dieſe Stille auf's Herz, die ihnen doch 153 dauerte es, ehe wieder Einquartierung vorſprach, denn Emmerslund lag etwas entfernt von der großen Straße nach Norden, und wenn es den Heerführern nicht darauf ankam, das ganze Land zu beſetzen und den Feind aus den entlegenſten Schlupfwinkeln zu vertreiben, ſo zögerten ſie, ihre ohnehin ſchwachen Kräfte ſo weit zu zerſplittern, und drängten ihre Truppen mehr und mehr um die Hauptorte zuſam⸗ men, die an der großen Landſtraße lagen. So war denn der Schauplatz des Krieges für's Erſte von Emmerslund fern gerückt und von Freund und Feind ſah man wochenlang nichts. Um aber Leſer ein vollſtändiges Bild von Schleswig⸗ Holſtein's kurzem Glücke im Laufe des erſten Kriegs⸗ jahres zu liefern und zugleich die Begebenheiten, welche uns ſpäter wieder auf den Andreasberg zu⸗ rückführen, dadurch einzuleiten, iſt es unſere Pflicht, daß wir ihm einen geflügelten Ueberblick über die all⸗ gemeinen Kriegsereigniſſe verſchaffen, die dem zweiten Mai, dem Tage des Einmarſches der deutſchen Trup⸗ pen in Jütland folgten. Und dieſe Pflicht nach bei⸗ den Richtungen zu löſen, wird die Aufgabe des näch⸗ ſten Kapitels ſein. Fünftes Mapitel. Hans Blachmann's Geheimniß. Während die Dänen auf der Inſel Alſen, ihrem ſteten und wegen Schiffsmangels der Deutſchen un⸗ zugänglichen Zufluchtsorte, alle möglichen Rüſtülfggen betrieben, um die bei Schleswig erhaltene Scharte ihrer Kriegsehre auszuwetzen, und während ſie von allen Seiten Kriegsmaterial herbeiſchleppten und na⸗ mentlich die Düppel'ſchen Höhen durch Schanzen be⸗ feſtigten, welche zu bauen die Sundewittſſchen Bauern mit Gewalt gezwungen wurden, beeilten ſich die deutſchen Truppen andererſeits, immer weiter im Nor⸗ den vorzudringen, und ſich das Pfand zu ſichern, welches ſie ſo blutig errungen hatten. Einzelne Ab⸗ theilungen, leider viel zu klein, um bei der durch Schiffe leichteren Beweglichkeit der Feinde etwas Großes zu leiſten, beſetzten verſchiedene Küſtenorte der 155 Herzogthümer, in der Hoffnung, die bald da, bald dort zu Waſſer andringenden Dänen von ärgeren Verwüſtungen abzuhalten, was ihnen jedoch bei Wei⸗ tem nicht immer gelang. Die Haupttheile der Armee unter General Wrangel aber überſchritten die jüti⸗ ſchen Gränzen, nachdem kurz vorher die bekannte ener⸗ giſche Proklamation des alten Meiſters an die Be⸗ wohner des feindlichen Landes erlaſſen war.— Dieſer gottvergeſſene Einfall der Deutſchen in ein urdäniſches Land erbitterte die Dänen über alle Maa⸗ ßen. Flugs ordneten ſie eine allgemeine Blokade al⸗ ler deutſchen Oſtſeehäfen an und jagten die Schiffe der Feinde auf, wo ſie ſie faſſen konnten. Gegen dieſe harte Maaßregel hatten die deutſchen Regierun⸗ gen keine Abwehr, denn eine deutſche Flotte gab es bekanntlich nicht, und Strandbatterieen, die hier und da errichtet wurden, reichten nicht ſo weit, um die handeltreibenden Schiffe der Deutſchen auf offenem Meere zu ſchützen. So war denn, ohne daran gehindert zu werden, General Wrangel am 7. Mai in Kolding eingerückt, während der Prinz von Noer Veile, die Generale Bo⸗ nin und Möllendorf Friedericia und Snoghoi, der hannover'ſche General Halkett aber den Sundewitt beſetzt hielt. 156 Die Landmacht der Dänen im Norden war nicht groß, ihre Kerntruppen lagen auf Alſen, wo ſie nicht erreicht werden konnten, und ſo ſtand das jütiſche Land den Deutſchen offen, ſo daß ſogar der Major von Zaſtrow es wagen konnte, jenen kühnen Streif⸗ zug nach Aarhuus zu unternehmen, von welchem er, ohne Verluſte zu erleiden, ſo reiche Beute an Lebens⸗ mitteln zurückbrachte, daß er 7000 Mann damit ſpei⸗ ſen konnte. Für dieſen Einfall und Streifzug aber rächten ſich die Dänen durch den ſogenannten kleinen und heimlichen Krieg. Sie betrieben Kaperei und Menſchenraub, wo ſie es ungeſtraft thun konnten, und ſtifteten überhaupt ſo viel Unheil in den Herzog⸗ thümern an, wie ihnen nur immer möglich war. Daß die Preußen in Friedericia, der alten däni⸗ ſchen Feſtung, es gewagt, die verhaßte deutſche Flagge aufzuhiſſen, ärgerte die Dänen beinahe am meiſten. Am 8. Mai ſtellten ſie mit ſechs Kanonenbooten und einem Kriegsdampfer eine großartige Schießübung da⸗ nach an, hatten aber den Verdruß, ſie weder zu Falle zu bringen, noch dem Feinde einen erheblichen Scha⸗ den zufügen zu können, während ſie dabei ihr eigenes königliches Schloß, das Zeughaus und viele Häuſer der Stadt in Brand ſchoſſen. Als nun die Preußen ſich gegen dieſen Angriff wehrten, wie es ganz na⸗ 157 türlich war, den Dampfer und die Kanonenboote mit ihrer vortrefflichen Artillerie beſchädigten, ſo daß ſie zur Umkehr gezwungen wurden, und dabei das von den Dänen jenſeits des Belts beſetzte Dorf Striib in Brand gerieth, auch die füniſche Stadt Middelfahrt einige Granaten zugeſchickt erhielt, da erhoben die Dä⸗ nen ein allgemeines Klagegeſchrei über die Barbarei eines ſolchen mordbrenneriſchen Krieges. Sie beſchick⸗ ten die Regierungen Rußland's und Schweden's und ſtellten dieſen das himmelſchreiende Unrecht vor, wel⸗ ches ihnen von den Deutſchen widerfahren war und erbaten ſich ſchleunige Hülfe gegen die deutſche Gewalt. Und in der That, kaum ſollte man es glauben, jene Regierungen hatten ein offenes Ohr für ihre Vorſtellungen, ſie glaubten den däniſchen Berichten und verſprachen, die deutſchen Anmaßungen in die gebührenden Schranken zurückzuweiſen. Zuerſt zogen die Schweden eine Armee von 14000 Mann zuſam⸗ men und ließen ſie bei Malmöe ein Lager beziehen, mit der Drohung, den Dänen zu Hülfe zu eilen, falls General Wrangel nicht augenblicklich Jütland räume, wogegen dieſer beim deutſchen Bunde die Ein⸗ berufung des ganzen 10. Armeecorps beantragte, um einem ernſtlichen Kriege mit ernſtlichen Mitteln begeg⸗ nen und die dentſche Ehre geziemend vertreten zu können. 158 Auch in London gelang es den argliſtigen Dä⸗ nen, Sympathieen für ihr Märtyrerthum zu wecken, und das war nicht ſo unerklärlich, da die Engländer beſorgten, die Deutſchen möchten im Norden zu mäch⸗ tig werden, vielleicht Jütland behalten, eine Flotte ſich erwerben und mit der Zeit, wenn auch ſchwache, doch immer nicht zu verachtende Nebenbuhler zur See wer⸗ den, zumal die ſchönen Häfen in den Herzogthümern und Jütland den Eroberern dazu die beſte Gelegen⸗ heit boten. Daher vereinigten ſich die Großmächte in London und fingen allmälig an daran zu denken, wie dem ernſter und mächtiger anwachſenden Kriege ein Ende zu machen ſei. Die Dänen, ſchon im Schlepptaue der mächtigen Britten ſich wähnend, boten alle ihre Kräfte auf, ihren Feinden im Kleinen Ab⸗ bruch zu thun, da es im Großen nicht möglich war, und nahmen Schiffe auf Schiffe weg, wofür General Wrangel den Jütländern eine Contribution von zwei Millionen Speziesthalern auferlegte. Auch Apenrade, wohin General Halkett unterdeß ſein Hauptquartier verlegt hatte, ſtatteten däniſche Kriegsſchiffe einen vorübergehenden Beſuch ab, zogen ſich aber nach einigen guten Schüſſen der Hannoveraner weislich zurück, um bald darauf im Sundewitt eine größere Kraftentwickelung zu veranſtalten. Unerwartet lande⸗ 159 ten ſie am 28. Mai daſelbſt mit ganzer Macht und ſtarker Artillerie, unterſtützt von Kanonenbooten und Kriegsſchiffen aller Art. Aber ſo dräuend auch der wohlberechnete Angriff war, ſo ſcheiterte er doch an dem Heldenmuthe der Hannoveraner und Oldenbur⸗ ger, die den Feind nach heißem Kampfe auf den Düppeler Höhen wieder nach Alſen zurücktrieben. Ueber den armen Sundewitt zog ſich überhaupt das heftigſte Gewitter des ganzen Krieges zuſammen. Seitdem die deutſchen Truppen daſelbſt eingezogen waren, fand täglich vom Sunde her eine Kanonade ſtatt, die bald eine neue Schanze zu zerſtören, bald einen ſichtbar werdenden deutſchen Soldaten wegzu⸗ ſchießen verſuchte, wobei leider die Bewohner des Sundewitt's am meiſten litten, indem ſie in ewiger Sorge gehalten und ihre Häuſer in Brand geſchoſſen wurden. Keinen Tag waren die armen Leute ihres Lebens und Beſitzes ſicher. Daher zogen ſie mit ihren Habſeligkeiten und Heerden ſchaarenweiſe aus, denn ſie konnten ja doch nicht ihre Felder bebauen. Tu⸗ mult ohne Ende dröhnte von einem Ende des Alſe⸗ ner Sundes bis zum andern, Feuerſignale, lärmender Trommelwirbel, Trompetengeſchmetter ließen ſich im⸗ merfort ſehen und hören, und das dumpfe Krachen der Kanonen, das Knallen der Gewehre und aufwir⸗ 160 belnde Rauchſäulen waren zur Tagesordnung gewor⸗ den. Fabelhafte Gerüchte ſtreuten dabei die Dänen aus, von denen Paſtor Wolleſen ſo treu wie naiv die gewiſſeſte Kunde giebt. So wollten ſie eines Ta⸗ ges mit einem Schuſſe 120 Mann getödtet und 15000 Deutſche im Düppeler Treffen erſchlagen haben. Die Peſt müſſe ausbrechen, ſagten ſie, denn ganze Felder ſeien zu Kirchhöfen geworden und die Todten ſo loſe eingeſcharrt, daß Arme und Beine wie Kartoffelſträu⸗ cher daraus hervorragten. Selbſt die Ruſſen ſahen ſie in ihrer Phantaſie ſchon zur Hülfe herbeieilen, die mit fürchterlichen Thieren, den ſogenannten Einhornen verſehen wären, die auf einen Wink bärtiger Koſacken auf die Deutſchen losſprängen und ſie ohne Erbar⸗ men Mann für Mann niederſpießten. Die armen Mecklenburger beklagte ein Mann über die Maaßen, denn obgleich ihr Herzog gekommen wäre und fle⸗ hentlich gebeten hätte, ihm ſeine Soldaten zurück zu geben, ſo hätte er ſie doch nicht retten können, vor den Einhornen ſei an kein Entkommen zu denken ge⸗ weſen, ſie wären alle geſchlachtet worden, wie die übrigen Deutſchen. Aber noch ehe die Schlacht bei Düppel geſchlagen — am 25. Mai— geſchah etwas, was ganz Deutſch⸗ land und General Wrangel vielleicht am wenigſten 161 erwartet hatte. Die Diplomatie, die vom grünen Tiſche aus das Wohl und Weh der Menſchen be⸗ trachtet, aber nicht ſo weitreichende und klare Augen hat, um Alles zu ſehen, wie es wirklich iſt, ließ um dieſe Zeit ihre erſte Fanfare erſchallen und ſchmetterte dem ſiegreichen General Wrangel ein gebieteriſches „Halt“ zu, dem bald darauf ein klägliches„Zurück“ folgte. Vom deutſchen Bunde zum Feldherrn für Schleswig⸗Holſtein's Recht eingeſetzt, mußte er der Stimme des deutſchen Bundes gehorchen und— er ging wirklich zurück. Schon am 28. Mai, während noch die Kanonen auf den Düppeler Höhen donnerten, ſchlug er ſein Hauptquartier wieder ſüdlich von Flensburg auf. Daß hierdurch die Dänen nur kecker wurden, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Nicht genug, daß ſie die Stadt Gravenſtein, wenn auch ohne Erfolg, von der See aus bombardirten, nicht genug, daß ſie in Kopenha⸗ gen die deutſchen Schiffe verkauften, ſo glaubten ſie auch das Völkerrecht ſo mit Füßen treten zu dürfen, daß ſie die deutſchen Kriegsgefangenen auf dem Gefang⸗ nenſchiffe Dronning⸗Maria wie Sklaven behandelten, während die in Stade gefangen gehaltenen Dänen auf Bällen und Theatern ſich vergnügten.“) *) Siehe Schleswig⸗Holſtein's Erhebung. Altona 1849. Von einem Ungenannten. A. Burns. II. 11 4. 162 Und ſobald General Wrangel Jütland und Nord⸗ ſchleswig verlaſſen hatte, rückten die Dänen ihm wieder auf dem Fuße nach, Städte und Dörfer von Neuem wie eine Sündfluth überſchwemmend, und wie das erſte Mal folgten den Truppen die jütiſchen Freiſchaaren, mordend und brennend, raubend und plündernd. Aber— und das war die Folge ihrer erſten Vertreibung— ſie verbreiteten ſich diesmal nicht ſo weit über das platte Land, nur in der Nähe der großen Heerſtraße, wo die däniſche Hülfe bei der Hand war, hauſten ſie, denn ſie fürchteten mit Recht eine Rückkehr der Deutſchen. So kam es, daß der Andreasberg diesmal von den Dänen und Jüten verſchont blieb, obwohl ſie jeden Tag erwartet wur⸗ den und Alles, wie früher, auf ihren Empfang vor⸗ bereitet war. Aber noch ein blutiger Schlag ſollte am 5. Juni den bereits hinreichend geängſtigten Sundewitt treffen. Schon am 3. Juni war die ſogenannte und berühmte Herregaardsſtyttere(Edelhofsſchützen), die Blüthe der däniſchen Armee, eine Schaar Scharfſchützen, aus vor⸗ nehmen Cdelhofsbeſitzern, Grafen, Baronen und Jagd⸗ liebhabern beſtehend und in den abenteuerlichſten Kleidertrachten einherſtolzirend, unter Anführung des däniſchen Barons Blixen⸗Finecke, im Sundewitt er⸗ 4* 163 ſchienen, um ihr Heldenſtück wie am 28. Mai zum zweiten Male zu verſuchen und aus wohl gewähltem Verſtecke hervor, wie auf einer Herrenjagd begriffen, den erſten beſten deutſchen Soldaten, oder in Erman⸗ gelung deſſelben auch nur Pferde und Kühe, niederzu⸗ ſchießen. Dieſe Herrenbande erlitt, als am 5. Juni von den Hannoveranern und Preußen gegen die vor⸗ dringenden Dänen ein Schlag geführt werden ſollte, eine gränzenloſe Niederlage. Als dieſe Herren lan verſchiedenen Orten wohlgemuth bei Tiſche ſaßen und ſchon im Voraus in der Wolluſt der bevorſtehenden wil⸗ den Jagd ſchwelgten, erſchien plötzlich ein Mann, der ihnen erzählte, daß die ganze preußiſche Armee im Sundewitt eingerückt ſei, um alle Dänen daraus zu vertreiben. Ein paniſcher Schreck erfaßte die tafelnden Vaterlandsretter. Aus allen Häuſern, wo ſie nun gerade ſaßen, ſprengten ſie auf geſattelten und un⸗ geſattelten Pferden wild hervor, dem zufälligen Be⸗ ſchauer in ihren maskenartigen Aufzügen als flüch⸗ tende Koſaken, verzweifelnde Samiels und bügelloſe Raubritter ein ſeltſam tragikomiſches Bild darbietend. In Eckenſund ging es ihnen am ſchlimmſten, denn da hatten ſie ſammt und ſonders die Köpfe verloren. In der Beſorgniß, ſchon umzingelt zu ſein, eeilten ſie dem Strande zu, ſprangen von den Pferden, ließen 11* 164 ſie laufen wohin ſie wollten, und ſtürzten ſich ſelber in’'s Meer, um nach der in der Nähe liegenden däni⸗ ſchen Corvette zu ſchwimmen. Vierzig ſchöne herren⸗ loſe Pferde wurden hier den langſam herankommen⸗ den deutſchen Huſaren zur Beute. Aber nicht ganz ſo glücklich endete dieſer Tag für die übrigen Deut⸗ ſchen, deſſen Kampf von Morgens elf bis Abends zehn Uhr dauerte und an welchem die preußiſchen Truppen allerdings Theil nahmen, aber nachdem ſie wieder ſechs Meilen vom Norden und Weſten her marſchirt waren. Trotz des ungeheuren Feuers der Dänen von den Schiffen und den Düppeler Schan⸗ zen aus bewahrten die preußiſchen Truppen ihren alten Ruhm, und wenn ſie auch bei Nübel nicht voll⸗ ſtändig ſiegen und den Feind vertreiben konnten, ſo behaupteten ſie doch das Schlachtfeld, mit den braven Hannoveranern kameradſchaftlich Seite an Seite fechtend. Aber nicht allein das lange Gefecht, die Kugeln und das Feuer hatten den Gehöften und ihren Be⸗ ſitzeen im Sundewitt Schaden zugefügt, auch die von dem Kampfe erhitzten Soldaten forderten nach voll⸗ brachter blutiger Arbeit Pflege und Nahrung, und was das kleine Ländchen an Vorräthen, namentlich an Schlachtvieh, aufzuweiſen hatte, wurde herbeige⸗ ſchafft, und wenn nicht gleich gutwillig gegeben, mit — 165 Gewalt hervorgeholt. Da war es denn natürlich, daß der däniſch geſinnte und immer noch verſtockte Bauer am härteſten mitgenommen wurde, aber auch der deutſche verlor allmälig das Seine, denn ſeine zer⸗ ſtampften Kornfelder ſtanden nicht wieder auf, ſeine gelichteten Heerden vermehrten ſich nicht, ſeine ver⸗ brannten Häuſer ſtellte kein Menſch wieder her. Tage lang nach den wiederholten Treffen und Scharmützeln war der„Garten Sundewitt“ mit den Spuren der wildeſten Zerſtörung bedeckt. Zerbrochene Waffen, zer⸗ riſſene Kleider, halbvertrocknete Blutlachen bedeckten rings die Wege und Stege, die begränzenden Hecken waren zerſplittert, breite Wege durch die Kornfelder getreten, Trümmer zerſtückelter Häuſer hemmten den zurückbebenden Fuß des Wanderers und überall deuteten halb verfaultes Stroh und glimmende Brandſtätten die Stellen an, wo die kämpfenden Truppen im Bi⸗ vouak gelegen. So laut aber dieſe ſchrecklichen Kampfeszeugen ſprachen, ſo ſtill verhielten ſich die eingeſchüchterten Menſchen. Eine Todtenſtille herrſchte in allen Häuſern, wo noch Bauern wohnten; überall waren Leichenzüge zu ſehen, die fremde Todte beſtat⸗ teten, und tagelang zog man unter abgelegenem Ge⸗ ſtrüppe Sterbende oder Verwundete hervor, die in der Stunde des Gefechts blutend ſich dahin geſchleppt 166 hatten, um unbeläſtigt ihre Seele aushauchen zu können. Und welcher traurige Gemüthszuſtand der zu⸗ ſchauenden Menſchen herrſchte in dieſem Ländchen, welches, wie Wolleſen ſo treffend ſagt, die Wildbahn war, auf welcher die beiderſeitigen Patrouillen Tag und Nacht ihre Treibjagd abhielten! Die Dänen ſtan⸗ den im Oſten, die Deutſchen im Weſten; es gab keine Obrigkeit, keine Regierung, keinen Schutz, keine Ruhe mehr, denn alle Tage wechſelten die gebietenden Herrn. Siegten auf einer Stelle die Dänen, ſo ſchleppten ſie alle verdächtigen Männer mit fort, ſiegten die Deut⸗ ſchen, ſo liefen die däniſch Geſinnten davon. Kein Menſch war ſo ſeines Lebens, ſeiner Freiheit, ſeines Beſitzes ſicher. Kein lautes und ehrliches Wort durfte geſprochen werden, Spione lauerten auf jeden Wink, ihn an den rechten Mann zu bringen, und darin waren die Dänen erprobte Meiſter. So kam es denn endlich dahin, daß die Meiſten bei Gelegenheit frei⸗ willig fortliefen. Die Dänen ſtrömten nach Alſen, wenn die Deutſchen kamen, und wollten die Dänen wieder ihre Rekruten holen, ſo verkrochen ſich die deutſchen Männer in Wälder oder Fiſcherkähne, und es gab tragikomiſche Scenen genug, wenn die ver⸗ laſſenen Weiber händeringend und verzweifelnd von 167 Straße zu Straße liefen, um die Davoneilenden am Rockſchooße zurückzuhalten. In den Häuſern blieben endlich nur ganz alte Leute zurück, die gar nicht fort⸗ kommen konnten oder welche die Angſt ſtumpf ge⸗ macht hatte. Höchſtens wenn die Kugeln ſauſten, ſtiegen ſie auf langen Leitern in die Brunnen und kamen erſtarrt und halb verhungert wieder zum Vor⸗ ſchein, wenn das Schießen nachließ. Namentlich Nachts lief beinahe Alles davon, denn man wußte in der Finſterniß ja nicht, ob deutſche oder däniſche Pa⸗ trouillen kommen würden, und dann wimmelten be⸗ ſtimmte Zufluchtsörter von Ausreißern, die erſt bei Tage wieder nach Hauſe gingen, weil man beim Sonnenſcheine den Feind wenigſtens von Weitem erkennen konnte. In Broaker blieb unter Anderen von ſechs Beamten nur der Paſtor Wolleſen zurück; drei deutſche Privatlehrer aus der Gegend zogen nach Süden, drei däniſche Prediger flüchteten nach Alſen. Gottesdienſt und Schule gab es nicht mehr, denn aus Kirche und Schulhaus waren Kaſernen und Lazarethe gemacht. Zu dieſer allgemeinen äußeren Verwilderung kam noch die innere Entzweiung der Bewohner, die ſich zu verſchiedenen Nationalitäten hingezogen fühlten. Dänen wurden gegen die Deutſchen aufgehetzt, Deutſche 168 gegen die Dänen, mit allen erdenklichen Mitteln und Künſten; gewühlt wurde ohne Unterlaß in den nie⸗ deren Volksſchichten, ſo daß zuletzt kein Menſch mehr wußte, was er thun, was er laſſen ſollte, was Recht, was Unrecht war, womit er die Deutſchen kränkte oder womit er die Dänen beleidigte— alle Meinun⸗ gen gingen bunt durch einander. So litten die Sun⸗ dewitter, wie lange kein Land gelitten. Von der Ruhe und dem Frieden der übrigen Welt abgeſchnitten, ohne Hülfsmittel, das eigene Elend zu verringern, denn es gab weder Arzt noch Apotheker, weder Richter noch Pfarrer, erfaßte die Zurückbleibenden eine unbeſchreib⸗ liche Wehmuth. Von allen Freunden getrennt, ohne Poſten, ohne Zeitungen, erfuhren ſie nicht, was drau⸗ ßen in der Welt vorging, und zu allerletzt fing noch die Noth an, ihr hohles Auge aufzuthun. Denn ſchon lange waren ihnen viele zum Leben nothwendige Dinge ausgegangen, Lebensmittel vor Allem; man hatte keinen Zucker, kein Salz und vieles Andere nicht mehr. In abgeriſſenen Kleidern und Schuhen ſchlichen ſie herum, denn es gab weder Schneider noch Schuſter, und Alle waren beinahe erdrückt von den Laſten eines Krie⸗ ges, der eben erſt begonnen hatte und um ſo härter gefühlt wurde, je ungeſtörter der Friede geweſen war, in welchem die Bewohner dieſes Ländchens bisher gelebt hatten. 169 So ſtanden im Allgemeinen die Angelegenheiten der Herzogthümer zu dem Zeitpunkte, bis zu welchem wir jetzt in unſerer Erzählung gelangt ſind, und keh⸗ ren wir nun zu den einzelnen Begebenheiten auf dem Andreasberge, in die friedliche Stille des ſchönen Em⸗ merslund zurück. Während wir uns davon fern gehalten haben, war der Frühling mit ſeinen ſanft fächelnden Lüften und ſeinem prangenden Blätterſchmucke in voller Schön⸗ heit und Lieblichkeit daſelbſt eingezogen. Waſſer und Land, Himmel und Erde ſtrahlten in den lache Farben, und über Nähe und Ferne hatte die Natur einen Glanz und eine Fülle ma Liebreizes ausgegoſſen, wie ihres Gleichen ſen von Apenrade nie geſehen zu haben ſel Doch der Genuß dieſer göttlichen. Gaben ward den Bewohnern des Landſitzes dieſes Jahr leider gar ſehr getrübt. Kanonendonner hallte Tag und Nacht von allen vier Weltgegenden her und namentlich der Sundewitt war ſtets in einen trüben Schleier ge⸗ hüllt, den die von dort aufſteigenden Rauch⸗ und Pulverwolken weit über den einſt ſo friedlichen Land⸗ ſtrich verbreiteten. Bisweilen ſogar, wenn ein friſcher Südwind wehte, trug er auf ſeinem breiten Fittich übelriechenden Qualm herüber und ein ekler Dunſt 170 verbrannter Gegenſtände wälzte ſich trüb und ſchwer dem Norden zu. Aber das menſchliche Gemüth iſt ſo reich mit den Mitteln des Ertragens und Ver⸗ geſſens des Traurigen begabt, daß man den Tumult, nachdem er einige Wochen gedauert, wohl noch äu⸗ ßerlich hörte, aber nicht mehr wie das erſte Mal innerlich davon ergriffen wurde. Man beklagte die armen vom Unheile betroffenen Menſchen allerdings auf das Herzlichſte, da man ihnen aber nicht helfen konnte, hoffte man im Stillen und flehte zu Gott, s dieſem Unglücke das Glück, aus dieſem Kampfe e mit allen ſeinen Segnungen und Genüſſen lender hervorleuchten möge. Burns, den weitſichtigen und in keinerlei egoiſtiſch en Täuſchungen befangenen Mann allein be⸗ ſchlich eine düſtere Ahnung, wenn er mit wachſamem Auge den wunderbaren Verlauf des ſeltſamſten aller Kriege beobachtete, der auf Schleswig's Gefilden mit ſo glänzenden Erwartungen und Verheißungen be⸗ gonnen hatte. Aber ſo ſehr er auch die Kraftloſig⸗ keit des erfolgloſen Vorgehens, die Zerſplitterung der edlen deutſchen Kräfte und vor Allem den ſo uner⸗ klärlichen Rückgang des General Wrangel beklagte, ſo ſprach er ſich doch nie herbe und tadelnd darüber aus, wie ſo viele Andere. Hinter den gleißneriſchen 171 Schleier der Diplomatie ſchaute er ſicherlich, aber es widerſtrebte ſeinen Gefühlen, wie es damals und auch ſpäter von ſo vielen Seiten geſchah, die Män⸗ ner zu ſchmähen, die ſeinem Vaterlande ſo bereitwillig ihre Hülfe gebracht hatten und die doch nur das Werkzeug eines höheren Willens im größeren Vater⸗ lande waren. Was konnten ſie thun, als den Be⸗ fehlen gehorchen, die ihnen gegeben wurden,— und das thaten ſie ja nur, indem ſie das eroberte Land wieder verließen, alſo an ihren perſönlichen Handlun⸗ gen gab es nichts zu tadeln und zu beſſern. Aber noch eine andere Sorge quälte um dieſe Zeit den wackeren Mann, und dieſe betraf ein theures Mitglied ſeiner Familie, weniger ſeinen Freund Hen⸗ rik, den er ziemlich beſtimmt in Rendsburg und in Sicherheit, wenn auch nicht in Ruhe und Frieden wmußte. Auf jene durch die preußiſchen Offiziere be⸗ ſorgten Briefe war noch keine Antwort erfolgt, weder von Henrik's, noch von Friedrich's Seite. Daß Letz⸗ terer jetzt bei der Armee war, konnte der Zeit nach beſtimmt angenommen werden, denn ſeine kurze Ue⸗ bungszeit mußte längſt abgelaufen ſein. Aber ob er noch geſund oder verwundet, lebendig oder todt ſei, das war eine Frage, die ſelbſt ein ſtarkes Vaterherz erſchüttern konnte, um ſo mehr, da er ſeine Sorgen 172 darüber in ſeiner Familie nicht auszuſprechen wagte und ſeine trüben Gedanken in der eigenen Bruſt allein verarbeiten mußte. Nur mit Helenen durfte er ſich geſtatten, bisweilen ein vertrauliches Wort zu wech⸗ ſeln, denn ſie war die thatkräftigſte und entſchloſſenſte der drei Frauen. So ganz und gar ſie ein fühlendes Weib war, wenn es galt, der Natur ihr Recht zu geben, ſo hatte ſie doch von dieſer Natur eine innere Widerſtandskraft gegen die Schläge des menſchlichen Schickſals und eine ſo lebensmuthige Seele empfan⸗ gen, daß für ſie bei Weitem weniger Gefahr oder Schmerz in den Ereigniſſen zu liegen ſchien, die Ger⸗ trud oder Agathen in Ohnmacht zu ſetzen im Stande waren. Sie allein war es, die ihren väterlichen Freund tröſtete, wenn dieſer überhaupt des Troſtes bedurfte, und gewöhnlich geſchah dies auf ſtillen Spaziergän⸗ gen, die ſie des Abends am Strande unternahmen und wobei ſie oft theilnehmend nach dem Sundewitt hinüber ſchauten, wo die Trompete ſchmetterte, die Trommel wirbelte und der dumpfe Widerhall des ſchweren Geſchützes die ſtille Luft um ſie her erbeben machte. So ergingen ſich Beide auch am 6. Juni Abends in trau lichem Geſpräche. Die Schlacht des vorigen Tages im Sundewitt war ausgekämpft und die Krie⸗ ger ruhten müde auf ihren Lagern oder über allen Schmerz erhaben im kühlen Schooß der Erde. Nur von Zeit zu Zeit wirbelte eine qualmende Rauchſäule über den jenſeitigen Buchenwäldern auf und verkün⸗ dete irgend einen nachträglichen Brand, wie er alle Tage vorkam; dann und wann ließ ſich auch wohl noch ein entfernter Kanonenſchuß vernehmen, der vom Alſener Sunde herübertönte, aber die beiden Wan⸗ delnden, in leiſes Geſpräch über das Schickſal des Tages verſenkt, hörten und ſahen davon nichts. Tie⸗ fer ſank unterdeſſen die Sonne hinter Apenrade hinab und vergoldete mit roſigem Widerſcheine die höchſten Spitzen der Wälder; ein ſanfter Wind kräuſelte die Oberfläche der ſchimmernden See, und ſtolz und einſam wie immer ſchwammen die wachehaltenden Schiffe vor Warnitz⸗Kopf auf und ab. „Welch friedlicher, lieblicher Abend,“ ſagte endlich Helene, indem ſie am Rande des Meeres, deſſen per⸗ lende Schaumkronen beinahe ihren Fuß umſpielten, ſtehen blieb und das ewig neue Wunder einer liebe⸗ vollen Natur um ſich her betrachtete.„Man ſollte meinen, es könnte in dieſer ſtillen Welt keinen Krieg und Zwiſt geben, und doch, wie ſehr kranken wir daran. Mir iſt bisweilen zu Muthe, als ob ich jetzt nur im Traume lebte und als müßte ich bald erwachen 174 aus dieſem Halbſchlummer, der meine Seele wie ein wüſter Rauſch umfängt.“ „Ja,“ erwiderte Andreas und blieb neben ſeiner Begleiterin ſtehen,„wir werden, wir müſſen einſt er⸗ wachen aus dieſem Traume, aber daß dies Erwachen nur nicht noch ſchmerzlicher und wüſter iſt, als der Traum, in dem wir uns befinden. Mir weiſſagt eine unbeſtimmte Ahnung nichts Gutes— ich weiß nicht, wie es kommt, aber es iſt einmal keine Hoffnung auf Beſſerwerden in meinem Herzen. Doch— laſſen Sie uns hinaufgehen, Helene; Sie ſind leicht gekleidet und der Wind weht ſtärker von Oſten her.“ Und er bot ihr den Arm, um ſie heimzuführen. „Was kann der äußere Wind uns anhaben,“ be⸗ merkte Helene, als ſie dem väterlichen Freunde bereit⸗ willig folgte,„wenn unſere Seele ein innerlicher Sturm erſchüttert!— Aber daß Friedrich nicht ſchreibt—“ „Und daß Henrik kein Wort von ſich hören läßt—“ „Halt! Tönte da nicht Capitain Meviſſen's Pfeife von der Warte herunter?“ Beide ſtanden ſtill und horchten. Helene hattee ſich nicht getäuſcht; der ſchrille Ton wiederholte ſich, aber er klang fröhlich und ſchmetterte wie aus froh⸗ lockender Bruſt hernieder. 175 „Er verkündet einen Beſuch,“ rief Andreas, mehr in Erregung ſprechend, als er ſelber wußte—„laſſen Sie uns ſchnell gehen, denn es muß ein willkomme⸗ ner ſein, wie mir Meviſſen's Melodie ſagt.“ Und ſie ſtiegen ſo ſchnell ſie konnten den Berg hinauf und bald ſtanden ſie im Hofe, wo ſie auch ſchon die ganze Bewohnerſchaft in freudigem Erſtaunen verſammelt fanden. Und wer war der willkommene Beſuch, der wirklich ſo eben angelangt war? Es war einer der Bauern mit ſeinem Geſpanne, welchen der Capitain den Preußen vor ſechs Wochen mitge⸗ geben hatte und der zum erſten Male ſeit jener Zeit den heimatlichen Boden betrat. Seine Pferde waren in gutem Zuſtande, obgleich ſie ſechs Wochen lang nie unter Dach und Fach gekommen waren, halb Jütland, Schleswig und Holſtein zweimal nach allen Richtungen durchlaufen und allerlei Laſten, geſunde, kranke, ſterbende und todte Menſchen hin und her ge⸗ tragen hatten. Man kann ſich die Freude der Bewohner Em⸗ merslund's denken, als ſie dieſen Mann wieder ſahen, der im Fluge ſo Vieles und Verworrenes erzählte, daß man ihn anfangs kaum begriff. Als er aber den Capitain erblickte und ihm vertraulich die Hand ſchüttelte, gab er ihm einen Wink mit dem Auge und 176 deutete auf das Haus. Der Capitain verſtand ihn augenblicklich und wußte, daß er ihm etwas Wichti⸗ ges zu ſagen habe, und nachdem er, um die Frauen nicht zu ängſtigen, oberflächlich die Pferde begrüßt und einige gleichgültige Worte geſprochen hatte, ſchritt er in das Haus und ſchloß ſich mit dem Bauer in ſein Zimmer ein. Neugierig wie ſelten aber ſaßen unter⸗ deſſen die Frauen im Speiſeſaale, mußten jedoch eine geraume Zeit warten, bis der Hausherr wieder zu ihnen trat und erzählte, was er vorläufig mitzutheilen für nöthig hielt, Und was berichtete der Bauer ſeinem Herrn? Es war wichtig, ſowohl für den ſorgenvollen Vater, wie für den warmen Vaterlandsfreund, vom Anfange bis zum Ende; aber obgleich ſeine lange Unruhe um ſei⸗ nen Sohn dadurch beſchwichtigt wurde, ſo ſchoß doch wieder eine neue Unruhe in ihm auf, die ſehr bald zu einem wichtigen Entſchluſſe führen ſollte. Hören wir alſo, wie der Bericht des treuen und verſchwiege⸗ nen Menſchen lautete. „Na, da ſind wir ja allein, Capytain,“ ſagte er,„und ich bin froh darüber. Ich habe Euch viel zu ſagen und da ich nichts Schriftliches habe, muß ich Euch Alles mündlich berichten. Das war ein tüchtiges Wettrennen dieſe ſechs Wochen lang. V 17 7 Seht, Ihr wißt, wie es damals fortging, nach Jüt⸗ land hinein. Da bin ich kreuz und quer herumge⸗ ſchickt, habe das ganze Land geſehen und tauſenderlei Neues erlebt. Aber das ſpare ich mir für ein ander⸗ al auf. Auch den Streifzug nach Aarhuus habe ich igennßt und des Majors Zaſtrow Bagage gefah⸗ ren. Als wir aber Jütland den Rücken gekehrt, wurde ich mit Kranken nach Apenrade geſchickt und ich glaubte ſchon, Euch bald wiederzuſehen. Da aber haben ſie mich aufgegriffen und nach Flensburg ge⸗ ſandt. Von Flensburg mußte ich hinunter nach Schleswig und von Schleswig nach Rendsburg.“ „Wie, Ihr ſeid in Rendsburg geweſen, Hans?“ „Erſt recht, Capetain! Da blieb ich einen Tag in Ruhe und ließ meine Pferde verſchnaufen, wie die anderen alle, die zu Hunderten da verſammelt waren, denn ſie hatten tüchtig trotten müſſen. Und wen ſah ich da in den Magazinen, wo ſie bergehoch Stroh und Heu, Hafer und Gerſte und alles Mögliche an Brot und Fleiſch, Kleidern und Pulver aufgeſtapelt haben — wen ſoh. ich da? Weiß Gott, den Herrn Paul⸗ ſen, den— „Ha! Und Du ſprachſt mit ihm?“ „Nun, erſt recht, Cap'tain! Er nahm mich ſogleich mit ſich nach Hauſe— o, in ein großes ſchönes A. Burns. I 12 178 Haus, wo er mit vornehmen Leuten wohnte, die jetzt das Land regieren, und da fragte er, hol's der Hen⸗ ker, nach jedem Stecknadelknopfe in Eurem Hauſe. Und er wollte mir einen Brief an Euch mitgeben, ſagte er, und ich ſollte ihn am nächſten Morgen ab⸗ 1 holen, ehe ich zurückführe. Da ging ich von fort und ſtellte mich bei meinem Wagen auf, der mit hundert anderen auf dem großen Marktplatze ſtand. Da aber kam mitten in der Nacht, als ich auf mei⸗ nem Strohe ſchlief, ein Offizier, zählte die erſten be⸗ ſten zehn Wagen ab und wir mußten Hals über Kopf nach Eckernförde hinauf, Pulver hinzubringen und Kugeln, und Gott weiß was noch! So kam ich um meinen Brief von Herrn Paulſen und habe ihn auch nicht wieder geſehen.“ „Alſo er iſt geſund und friſch?“ „Na, erſt recht, Cap'tain, wie ein Fiſch—“ „Und hat er Euch nichts von Friedrich, meinem Sohne, geſagt?“ „Verſteht ſich, erſt recht, Captain. Daß er Dra⸗ goner geworden und ein wackerer Haudegen ſei, der ſchon manchen Strauß mitgemacht, und daß er ſich wohl und munter befinde—“ „Gott ſei Dank, Hans, Ihr macht mir eine große Freude.“ 179 „Still, Cap'tain, es kommt noch viel beſſer, war⸗ tet nur ein Bischen.— Als wir nun in Eckernförde unſere Ladung abgeliefert, mußten wir quer durch's Land nach Tondern, um Gott weiß was hinzubrin⸗ gen, und von da nach Flensburg, dann wieder nach Schleswig zurück, wo ich zwei Tage blieb und zum erſten Male mit den Herren Freiſchaaren zuſammen kam, die nach dem Norden marſchirten. Das iſt eine luſtige Geſellſchaft, Herr, aber ſo bös iſt ſie nicht, wie man ſie macht; wild und unbändig und tollköpfig genug, ja, aber von ganz anderem Schlage, wie die Jütländer, die Ihr gedroſchen habt— Ihr wißt ja. Vorgeſtern nun fuhren wir nach Flensburg, und wie ich da in der Norderſtraße in einer langen Reihe mit den anderen Wagen halte, wen ſehe ich da? So wahr mir Gott helfe— den Junker Fritz ſelber.“ „Meinen Sohn, Hans?“ „Erſt recht, Cap'tain! Und er ritt noch den gro⸗ ßen Fuchs, den er von hier mitgenommen. Ha, aber wie ſah er aus— ich hätte ihn beinahe nicht wieder erkannt.“ „Den Fuchs?“ „Nein, den Junker, Herr!“ Weiß Gott, die ſchwar⸗ zen Haare waren ihm dicht um's Maul gewachſen und der blanke Helm ſaß ihm ſo tief in der Stirn, 12 * 180 daß man kaum ſeine Augen ſehen konnte, und ſein Säbel klapperte an ſeiner Seite wie ein Donner⸗ wetter.“ „Und was ſagte er Dir?“ „O, er beſtellte mir viele tauſend Grüße und fragte mich aus, wie es hier im Hauſe ausſähe, juſt, wie Herr Paulſen gethan, und es war mir ganz komiſch, 1— daß Einer beinahe dieſelben Fragen that, wie der Andere.“ „Und ſprach er nicht davon, mich einmal zu be⸗ 1 ſuchen?“ „Erſt recht, Cap'tain! Aber das kommt jetzt.“— Und Hans fing plötzlich an leiſer zu ſprechen.„Seht,“n ſagte er, trat dem Capitaine einen Schritt näher und legte den rechten Zeigefinger an die Naſe,„ſeht, es iſt etwas Geheimes und Gefährliches in der Luft, und Junker Fritz iſt arg damit verwickelt. Was es iſt, das darf man eigentlich nicht ſprechen, aber den⸗ ken kann man ſich, meine ich, was man will.“ „Und was denkt Ihr Euch dabei?“ fragte An⸗ dreas, ſelbſt unwillkürlich leiſer ſprechend und den. Athem anhaltend. 1 „Seht, Cap'tain, das will ich Euch ſagen. Ge⸗ f ſtern Morgen marſchirten die Herren Freiſchaaren mit 1 181 ihrem großen Major Tann— Potz Blitz, den habe ich auch geſehen, was iſt das für ein geſprächiger Mann!— von Flensburg ab. In Bau ſollte eine große Parade ſein, aber da war nichts zu ſehen, als ein Haufen Kavallerie. Die Anderen waren alle nach dem Sundewitt gezogen, wo es geſtern erſchrecklich gedonnert hat. Junker Fritz aber ritt mit dem Ma⸗ jor Tann und kam auch einigemal an meinen Wagen heran und bot mir einen Schluck an, der mir noch heute gut ſchmeckt. Es geht beinahe bis Apenrade, ſagte er dann; Ihr könnt Euch von da auf den Weg machen und nach Hauſe fahren, um den Vater und die Mutter und alle Anderen zu grüßen, wir brau⸗ chen Euren Wagen vor der Hand nicht mehr. Das wollt' ich denn auch thun, aber es kam anders. Ge⸗ ſtern Abend nämlich, es war ſchon beinahe Nacht, kam Junker Fritz zu mir— wir lagen in Uck, da un⸗ ten, Herr— aber ich war ganz verwundert, ihn nicht mehr in ſeiner Uniform zu ſehen.“ „Worin war er denn ſonſt gekleidet?“ „Nun, wie die anderen Herren Freiſchaaren— in einen Rock und Hoſen, und auf dem Kopfe hatt' er einen alten Hut mit einer Feder— ſo groß!“ „Wie?“ rief Andreas erſtaunt.„Das verſtehe ich nicht.“ 182 „Ich verſtand es auch nicht gleich, aber endlich verſtand ich es erſt recht. Und das iſt eben das Ge⸗ heimniß, was ich nur Euch ſagen darf. Seht, der Major Tann hat ein großes Unternehmen vor und da hat ſich Junker Fritz von ſeinem Commandeur die Erlaubniß ausgebeten, einen Führer abzugeben, da er rings herum jeden Buſch und jede Pfütze kennt. Und nun haben ſich Alle eine weiße Binde um den linken Arm gebunden, um ſich zu erkennen in der mordfinſteren Nacht, wenn es drauf und drunter geht, und nicht auf einander einzuhauen, wie Wetter! Nun hieß es heute Morgen allgemein, es gehe nach Ton⸗ dern, da hätten die Bauern Revolte gemacht. Aber das iſt nicht wahr, Cap'tain— es geht nicht nach Tondern.“ „Und wo geht es denn ſonſt hin, wißt Ihr es nicht?“ „Erſt recht, Cap'tain— und das iſt das ganze Geheimniß— es geht hier dicht vorbei, nach Haders⸗ leben, da wollen ſie die Dänen von hinten faſſen, überrumpeln und ihnen die Geſchichte bei Bau hinter die Ohren ſchreiben. Und trapp, trapp, trapp, auf und davon reiten und fahren und laufen ſie ſchon heute Nacht alle nach Hadersleben, ich aber bin bei Apenrade ſeitwärts gezogen, Euch die Grüße zu bringen, 183 und da habe ich Euch die ganze Hiſtorie erzählt— nun wißt Ihrs.“ „Und iſt das Alles, was Ihr mir von meinem Sohne zu ſagen habt?“ „Alles, Herr, und nicht einen Tippel habe ich ausgelaſſen. Aber halt, das hat er doch noch geſagt. Wenn die Geſchichte bei Hadersleben glückt, will er nach Hauſe kommen und ſich einen Tag gütlich thun — das war das Letzte, was er mir ſagte.“— Nachdem der brave Hans vom Capitain belobt, beſchenkt und mit einem guten Schlucke verſehen war, verließ er den Hof, um ſich ſo ſchnell wie möglich nach ſeinem nicht weit entfernten Hauſe zu begeben, was er ſo lange nicht geſehen hatte. Den Capitain aber ließ er in einer großen Unruhe zurück. Sein Sohn Friedrich auf einem nächtlichen Streifzuge mit Tann's Freiſchaaren! Das ging ihm in ſeltſamem Gewirre im Kopfe herum. Das ſah ſo ganz dem kühnen Geiſte des Sohnes ähnlich, aber— das war auch gefährlich. Schon die Angabe des Bauers, man wolle den Dänen die Schlacht bei Bau hinter die Ohren ſchreiben, gab ihm genügende Aufklärung, wel⸗ cher Art das gewagte Unternehmen ſei. Wenn nun dem erſten Bau ein zweites folgte, wie dann? Wenn auch diesmal die däniſche Uebermacht, denn er wußte, 184 daß dieſe in und bei Hadersleben vorhanden war, die deutſche Jugend umzingelte, niederſäbelte, gefan⸗ gen nahm? Wie dann?— Eine nie empfundene Angſt packte ſein väterliches Herz mit Geierklauen an, er fühlte es beben, wie es ſelten gebebt. Aber er fühlte dies Beben nicht für ſich, ſondern für ſeinen Sohn, deſſen Arm ſo eben die Thaten vollführen half, die er ſelber ſchon lange im Stillen herbeigewünſcht. Es war ihm zu Muthe, als müſſe er dieſe Gefahr mit ihm theilen, als müſſe er wenigſtens in ſeiner Nähe ſein, um wie ein ungeſehener Schutzengel, mit dem heiligen Vertrauen auf Gottes gnädigen Bei⸗ ſtand ausgerüſtet, um und über ihm zu ſchweben. Er machte ein paar Schritte im Zimmer auf und ab, und ſchon hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt, der ſeiner aufgeregten Empfindung als ein ganz natür⸗ licher erſchien. Er mußte ſelbſt nach Hadersleben, in die Nähe davon wenigſtens, um mit eigenen Augen zu ſehen, was vorginge. Vielleicht, ſo flüſterte ihm eine ſtille Hoffnung zu, wollte es ein gütiges Ge⸗ ſchick, daß er mit ſeinem Sohne zuſammenträfe— vielleicht— o wolle es Gott nicht!— brauchte er Hülfe, und wer konnte ihm die ſicherer, lieber bringen, als der eigene Vater? Eigentlich klar war ihm indeß ſein Vorhaben nicht, nur ein dunkler Inſtinkt trieb 185 ihn dazu an, aber ſchon war dieſer innere Trieb ſo ſtark in ihm geworden, daß er, was vor ihm lag, nicht mehr vollbringen wollte, ſondern mußte. Schnell ging er daher an ſeinen Schrank, nahm aus einem Ebenholzkäſtchen zwei herrliche Piſtolen, lud ſie und füllte einen Beutel mit Kugeln und ſein Jagdhorn mit Pulver. Dann verließ er das Haus und begab ſich in den Stall. Hier befahl er, Morgens Punkt drei Uhr ſeinen Grauſchimmel geſattelt zu halten, ihn aber nicht vor das Haus zu führen, da er ihn ſelber aus dem Stalle holen wolle. Erſt als das angeord⸗ net, fühlte er allmälig ſeine gewöhnliche Ruhe in ſein Inneres zurückkehren und ſo ging er zu den Frauen hinein und erzählte ihnen gemächlich, was er von Henrik und Friedrich in Erfahrung gebracht, aber nicht, daß Friedrich in nächſter Nähe ſei, noch weni⸗ ger, was er durch die Andeutungen des Boten in Bezug auf den bevorſtehenden Ueberfall in Haders⸗ leben vernommen.. Der Jubel über dieſe ſo günſtigen Nachrichten war in der Familie gränzenlos und den Gefühlen der dabei Betheiligten angemeſſen; zum erſten Male ſeit langer Zeit vergoß Gertrud Freudenthränen, daß ihr älteſter Sohn ihr noch erhalten ſei. Aber ſo ruhig und vorſichtig auch der Capitain 186 ſeine Mittheilungen den Frauen vortrug, zwei auf⸗ merkſame und ſcharfſichtige Augen hatten ihm doch eine gewiſſe Aufregung abgeſehen. Agathe war nicht ganz mit dem Berichte des Vaters zufrieden und hätte ihn gern vollſtändiger gehört. Es lagen Pauſen in ſeinen Reden, Blicke in ſeinen Augen, Bewegungen in ſeinen hin und herfahrenden Händen, die noch et⸗ was Anderes anzudeuten ſchienen, als was er ausge⸗ ſprochen. Dieſes Andere aber von dem verſchwiege⸗ nen Capitain zu erfahren, wäre keinem Menſchen möglich geweſen. Sie faßte ihrerſeits daher auch einen Entſchluß, den ſie eben ſo geheim ausführen wollte, wie der Capitain den ſeinigen. Ein ähnlicher innerer Inſtinkt leitete auch ihre Gefühle, und die Gefühle der Frauen führen, wenn ſie ſtark ſind, nicht weniger zu Thaten als die der Männer. Als das Abendeſſen vorüber war, ging ſie, als hätte ſie in der Wirthſchaft etwas zu thun, in den Hof und erkun⸗ digte ſich nach Hans Blachmann, dem Bauern. Im Stalle vernahm ſie, daß er nach Hauſe gegangen ſei, aber zugleich auch ſah ſie, daß der beſte Sattel des Capitains herbeigeholt und wie zum baldigen Gebrauche in die Nähe gelegt wurde. Einige ſchlaue Fragen, an den richtigen Mann gebracht, enthüllten ihr denn auch, daß der Vater in der Nacht einen wahrſcheinlich heim⸗ 187 lichen Ritt vorhabe. Dieſer Ritt, ſo ſagte eine Stimme in ihr, mußte mit den Nachrichten, die Hans gebracht, in Verbindung ſtehen. Das geheimnißvolle Weſen des Vaters, eine unbeſtimmte, warm in ihrem Herzen aufſteigende Ahnung gab ihr zu denken. Bald war ſie auf dieſe Weiſe zu einem Entſchluſſe gelangt, den ſie ausführen wollte. Denn daß des Vaters Ritt ſich auf Friedrich bezog, das zu enträthſeln, war nur ein kleiner Sprung ihres bereits in allen Tiefen auf⸗ geregten Gemüths, welches ſich jeden Augenblick mit dem abweſenden Lieblinge beſchäftigte. Sie mußte zunächſt den Bauer ſelbſt ſprechen, koſte es, was es wolle. Und wir wiſſen ja, wenn das Herz eines Weibes von einem einzigen Gedanken beſeelt iſt und dieſer Gedanke ſich auf ihre Liebe bezieht— dann ſchießen alle dunklen Keime ihrer Entſchlüſſe ſchnell zu einem großen Baume auf und die Begeiſterung tritt an die Stelle der Kraft, die Schwärmerei an die Stelle der Klugheit und Beſonnenheit. Aber auch Agathe wartete ſchlau und mit eben ſo erkünſtelter Ruhe, wie der Vater vorher, den Au⸗ genblick ab, wo ihr Vorhaben am leichteſten in's Werk zu ſetzen ſei. Noch einmal kehrte ſie in's Zimmer zurück und fand die Eltern mit Helenen im Geſpräche, die noch da war. Endlich brach ſie auf und der Ca⸗ m 188 pitain, wie er gewöhnlich that, ſprach ſeine Abſicht aus, ſie ſelber nach dem Epheuhauſe zu führen, wo ſie wieder ſchlief, denn er hatte ſich vorgenommen, Helenen beim Abſchiede ſeinen nächtlichen Ritt anzu⸗ vertrauen. Dieſe Begleitung hatte Agathe erwartet. Kaum waren daher die Beiden weggegangen, ſo ſagte ſie der Mutter gute Nacht und ſtieg in ihr Stübchen hinauf. Aber nachdem ſie ſich raſch in ein Tuch ge⸗ hüllt, ſchlüpfte ſie wieder die Treppe hinunter und be⸗ gab ſich in den Hof, um ihren Liebling Caſtor von der Kette zu löſen. Der Hund umſprang ſie mit leiſem freudigen Geknurre, denn er begleitete ſie öfters auf einſamen Wegen als treuer Schützer und Hort, ſie aber verwies ihn ernſtlich zur Ruhe. Dann trat ſie mit ihm in den Garten und ſchritt durch dieſelbe Pforte, welche ſo eben den Capitain und Helenen hinaus gelaſſen; ſtatt aber den Weg nach dem Strande einzuſchlagen wie jene, ſprang ſie über die Wieſe, und durch daſſelbe Schlupfloch, durch welches damals die Männer hereingekommen, als die jütiſchen Freiſchaaren das Haus überfallen, gelangte ſie in's Freie auf den Hügel und bog nun in den Weg ein, dem wir ſie damals wandeln ſahen, als ſie dem nach Barsmark gerittenen Friedrich entge⸗ genging. * 189 — 4 Die feierlich hereingebrochene Nacht breitete ſtill und friedlich ihre ſanften Schwingen über die Ge⸗ gend aus, die in ihrem erſten, ruhigſten Schlummer lag; windſtill war die Luft, warm und friſch zugleich, denn der balſamiſche Thau der ſich erholenden Natur hatte ſich bereits auf die von der Hitze des Tages er⸗ mattete Erde geſenkt. Nie aber war der Himmel ſo lichtklar geweſen und die Sterne, die einzigen Leuch⸗ ter, welche den nächtlichen Weg des einſamen Mäd⸗ chens erhellten, ſo goldrein daran hervorgetreten. Getroſten Muthes und keine Gefahr befürchtend, denn der Geiſt der Liebe, über ihr ſchwebend und wachend, wandelte alle Menſchen in Engel und jeden Schatten in Licht um, lief ſie mehr als ſie ging ihren wohlbe⸗ kannten Pfad entlang, und die treue Dogge, als ſie erſt ſah, welchen Weg die Herrin einſchlug, ſprang mit der Naſe in der Luft vor ihr her, als erkenne ſie ihre Pflicht, die Straße rein zu halten vor jedem Störenfriede. Aber ſie ſollte keinem begegnen, denn Niemand befand ſich im Felde, Niemand im ganzen weiten Umkreiſe, der die friedliche Nacht⸗ wandlerin hätte beunruhigen können. Schon hatte ſie vom Hügel, den ſie herniederſtieg, das Häuschen Hans Blachmanns erblickt und an dem darin flim⸗ mernden Lichte erkannt, daß er noch munter ſei. Raſch —— G— 4 * eilte ſie darauf zu und bald ſchaute ſie, leiſe heran⸗ tretend und dem Hunde ein Zeichen zum Schweigen gebend, damit er die Bewohner der einſamen Hütte nicht erſchrecke, in das kleine Fenſter hinein. Hans Blachmann ſaß in Hemdsärmeln am Tiſche und flickte beim Scheine eines winzigen Lämpchens ſeine Jacke, die er ſechs Wochen lang nicht vom Leibe gehabt, denn auch er war ſo wenig wie ſeine Pferde während ſeiner Dienſtleiſtung je unter ein Dach bei Nacht gekommen. Seine alte Mutter und eine jün⸗ gere Schweſter, die bei ihm wohnten, waren ſchon zu Bett, nachdem er ihnen mit kurzen Worten ſeine Abenteuer erzählt. Da ſchaute er verwundert auf, als eine Hand leiſe an ſein Fenſter pochte. In dem⸗ ſelben Augenblicke ſchlug der Hund ein leiſes Geknurr an, ſtellte ſich dicht neben Agathen und legte ſeine ſchweren Tatzen auf den Fenſterrand, um ebenfalls in das Innere des Häuschens zu blicken, als wolle er ſehen, ob es auch darin geheuer ſei. Hans kam ſo⸗ gleich an's Fenſter, öffnete es und war höchlichſt er⸗ ſtaunt, die beiden ſeltenen Beſucher vorzufinden, die er ſogleich erkannte. „Ei, kleines Fräulein“ ſagte er,„was giebts denn ſo heimlich in der Nacht, daß Ihr mich noch ſo ſpät aufſucht?“ 190 191 „Kommt heraus, Hans, ich habe mit Euch zu ſprechen,“ bat das Mädchen;„Ihr könnt mich wieder nach Hauſe begleiten, dann gehe ich um ſo ſicherer.“ „Gewiß will ich das und herzlich gerne— nur laßt mich erſt die Jacke anziehen. So!“ Und er ſprang, ohne die Thür zu öffnen, um kein Geräuſch zu machen, aus dem niedrigen Fenſter in's Freie und ſtand gleich darauf neben der Tochter ſeines Herrn, die ſofort den Rückweg nach dem Berge einſchlug, während der Hund dicht hinter ihr mit der Schnauze zwiſchen ihr und dem Manne ging, als wolle er ſie auch gegen dieſen beſchützen. „Hans,“ fing Agathe das Geſpräch an—„Ihr könnt nicht allein, Ihr müßt mir einen großen Gefallen thun.“ „Eben recht von Herzen gern— was ſoll ich thun?“ „Ihr müßt mir Alles Wort für Wort erzählen, was Ihr dem Vater heute Abend erzählt habt.“ Der Bauer ſtand ſtill und holte tief Athem. „Und warum muß ich das?“ fragte er. „Es iſt eine Nothwendigkeit, meine Ruhe hängt davon ab und Ihr werdet nicht wollen, daß ich die Nacht mit Angſt und— Wehklagen verbringe.“ 8 „Gott bewahre mich davor, mein kleines Fräulein 192 — aber es iſt ein Geheimniß, was ich dem Captain geſagt habe.“ „So, ein Geheimniß? Und doch weiß es mein Vater? Eben weil er es weiß und weil es ihn zu⸗ meiſt betrifft müßt Ihr mir es auch ſagen, damit ich ihn tröſten kann, denn er iſt ſchwer beſorgt, das könnt Ihr mir glauben. Ihr habt ihn gar bange gemacht.“* „O, das thut mir ja ſehr leid!“ ſeufzte der ehr⸗ liche leichtgläubige Hans leiſe.„Aber wird es der Cap'tain mir nicht verargen, wenn ich Euch Alles ſage, und könnt Ihr ſo gut ſchweigen wie er?“ „Was das Erſte betrifft, ſo laßt es mich allein mit dem Vater abmachen, Ihr ſollt nichts von ihm zu befürchten haben, ich verſpreche es Euch; und was das Letzte angeht, ſo will ich beſchwören, daß ich ſchweigen kann.“ „Na, dann heraus damit— hier habt Ihr es!“ Und er erzählte ihr Wort für Wort, was er vorher dem Capitain erzählt und was Alles war, was er wußte. Agathe war auf das Höchſte betroffen, denn was ſie hörte, war ſchlimmer und gefährlicher, als ſie ſich vorgeſtellt;! Sie athmete l t vor Beklommenhe und mußte mitten auf dem erhen bleiben, 193 ſich von ihrem Schrecken zu erholen, wobei ſie kein Wort hervorbringen konnte. Aber in ihrem Herzen hämmerte und arbeitete es wie nie. Friedrich iſt in der Nähe— der Vater will jedenfalls zu ihm reiten — eine Schlacht ſteht bevor— er kann verwundet, getödtet werden— das waren ſo ungefähr die qual⸗ vollſten Hauptpunkte ihrer ſchnellen Gedankenjagd. Da ſchoß es ihr plötzlich wie ein lichter Funke durch den Kopf— das mußte ihr Gott eingegeben haben, meinte ſie, woher wäre es ſonſt wohl gekommen. Was ſie aber eigentlich damit wollte, ſie wußte es nicht mit Worten zu ſagen, und doch fühlte ſie viel⸗ leicht in innerſter Seele, daß ſie etwas Unbeſtimmtes, noch Unklares, Unvorbedachtes ausführen wolle.„Der Vater geht, um ſeinen Sohn zu ſehen,“ ſagte ſie zu ſich.„Könnte ich nicht auch gehen, um meinen— Bruder zu begrüßen, wie?“ „Hört,“ ſagte ſie laut, blieb abermals ſtehen und hielt den Arm des Mannes feſt mit ihrer zarten Hand gefaßt —„hört, Hans, nun, da Ihr ſo ehrlich geweſen, will ich Euch ganz vertrauen. Habt Ihr Muth, mit mir allein eine Fahrt nach Hadersleben zu wagen, was vielleicht gefährlich iſt, da dort gekämpft wird?“ „Muth? Ich? Erſt recht! Aber nach Hadersleben ren? Was gehört denn für Muth dazu? Ihr A. Burns. II. 8* 13 194 werdet doch nicht mitten in das Feuer hinein jagen wollen?“ „Bewahre, das verſteht ſich von ſelber,— nur in die Nähe möchte ich, wo man von einem ſicheren Orte aus erfahren kann, was vorgeht— weiter will ich nichts.“ i warum denn nicht, erſt recht! Aber wozu das, Fräulein,— das möcht' ich erſt wiſſen.“ „Auch das will ich Euch ſagen,“ fuhr Agathe fort und legte die Hand auf das ſtürmiſch klopfende Herz, welches um ſo lauter ſchlug, weil ſie nicht ganz die — Wahrheit ſprach.„Seht, ich ängſtige mich um den Vater. Er geht dem Feinde entgegen, ich muß es Euch nur ſagen, denn er hat ſich um drei Uhr Nachts ſein Pferd beſtellt, um nach Hadersleben zu reiten. Wenn ihm nun etwas Uebles zuſtieße— er iſt mit ſeinem Pferde allein— wer ſollte ihm beiſdein em wer helfen?“ „Wollt Ihr denn das? Wären einige handſeſte Männer dazu nicht beſſer geeignet?“ „Nein, Hans, das verſteht Ihr nicht. Von denen würde mein Vater, der ſtrenge Capitain, es übel neh⸗ men— Ihr wißt ja, wie er iſt— aber ich, ſeht mal— ich kann es im Stillen thun, und wenn Alles gut abläuft, ſo fahren wir raſch zurück und er —— 195 erfährt nicht einmal, daß wir uns um ihn geängſtigt haben.“ 4 „Haha! Das iſt eine ſeltſame Geſchichte— erſt recht! Aber mit will ich— erſt recht— das verſteht ſich— und Ihr wollt zu Wagen?“ „Ja, mit des Vaters kleiner Reiſechaiſe. Wir ſpannen die Pferde vor, die Ihr heute zurückgebracht habt, oder ein paar andere, wie Ihr wollt, und fah⸗ ren ihm im Schritte nach, bis wir ſehen oder hören, was vorgeht.“ „Ja— aber nicht zu dicht an ihn heran— denn wenn er ſich umſchaut— o weh, Hans! Sonſt aber iſt es ein vernünftiger Gedanke. Ich bin dabei. Und wann ſoll die Reiſe vor ſich gehen?“ „Späteſtens um fünf Uhr, Hans, denn die Mutter darf noch nicht auf ſein, ſonſt würde ſie mit wollen, und das darf nicht geſchehen, das würde ſie zu ſehr bewegen.“ „Verſteht ſich, verſteht ſich, erſt recht! Alſo um fünf! Na, dann werde ich um vier die Pferde an⸗ ſchirren und die Chaiſe in Stand ſetzen.“ „Die iſt immer in Stand geſetzt, Ihr dürft ſie nur aus dem Schuppen hervorziehen.“ 13* — 196 „Gut, gut das— wenn nun aber Eures Vaters Knechte mich fragen: wozu das Hans? Was dann?“ „Agathe faßte ſich kurz.„Dann,“ ſagte ſie ſchnell, „ſagt Ihr ihnen— der Capitain habe es Euch heim⸗ lich auf dem Felde beim Wegreiten befohlen und Ihr erfülltet nur ſeinen Befehl.“ Der Bauer kratzte ſich hinter den Ohren. Er merkte endlich ſo etwas von feiner weiblicher Liſt. Agathe aber fing an zu ſchmeicheln, zu bitten und— er gab nach, wie vielleicht auch andere und klügere Männer der ſchönen Bittſtellerin gegenüber gethan hätten. So war die Sache abgemacht. Hans geleitete das Fräulein bis an die Hecke, wo das Schlupfloch war, dann nahm er von ihr Abſchied und verſprach mit Wort und Hand, nicht auf ſich warten zu laſſen. Einige Minuten ſpäter war Agathe im Hofe, öffnete leiſe mit einem Nachſchlüſſel die Hausthür und ſchlüpfte, leicht wie eine Elfe auftretend, in ihr Zim⸗ mer hinauf, wo ſie auf die Kniee fiel und Gott bat, ihr zu verzeihen, wenn ſie ein Unrecht begingé, und ihr beizuſtehen, wenn ſie wider Erwarten einen ſchreck⸗ lichen Tag erleben ſollte. Raſch kleidete ſie ſich dann aus und legte ſich zu Bett, noch einmal Gott leiſe bittend, ihr ja ein gnädiger Behüter zu ſein. 197 Der Capitain lag unterdeſſen ſchon im Bette ne⸗ ben dem Lager ſeiner Frau, mit der er noch einige Worte gewechſelt, bevor ſie eingeſchlafen war, wie es bei ihr immer ſehr bald geſchah, wenn ſie keine Sorge quälte. Und heute, Dank der Fürſorge des ſchweigſamen Mannes, quälte ſie ja keine, denn ſie hatte ja nur von dem Wohlbefinden ihres Sohnes gehört, und was kann eine zärtlich liebende Mutter glücklicher ſtimmen, als eine ſolche Nachricht? Nicht ſo der Vater. Scheinbar befriedigt und unbeſorgt hatte er ſich neben ſeinem Weibe zur Ruhe gelegt, aber Ruhe kam dieſe Nacht nicht in ſein Herz, eben ſo wenig wie Schlaf in ſeine Augen. Er ſchaute nur trüb in das dämmernde Nachtlicht, welches in der Ecke des Zimmers auf einem kleinen Tiſche flackerte und ihn daran erinnerte, daß man im Kriege lebe, denn ſeit dem Einfalle der jütiſchen Freiſchaaren brannte es erſt in ſeiner Nähe, weil man zu jeder Stunde der Nacht ein Ereigniß erwarten mußte, was ſchnelle Be⸗ ſinnung erforderte. Dann nach der Uhr ſich wendend, die leiſe tickend an der Wand hing, ſah er, daß es beinahe Mitternacht war. Noch einmal ging er im Geiſte alles Gehörte durch, malte ſich alle Möglich⸗ keiten, die geſchehen konnten, aus, und als er ſogar das Aergſte gedacht, daß er am nächſten Tage einen 198 Sohn verlieren könne, und ſelbſt dieſen Gedanken in ſeinem männlichen Herzen bezwungen, erſt da wußte er klar, was er wollte— ein Zeuge deſſen ſein, was ihm das Schickſal für dieſen Tag beſchieden hatte, was offenbar beſſer und leichter war, als entfernt von dem Platze der Sorge in banger Furcht erwarten, was die kommende Stunde bringen würde. So ging langſam Stunde um Stunde vorüber, ihm um ſo langſamer, da er mit muthigem und Gott ergebenem Geiſte in die Zukunft ſchaute, die ein Mann, wie er, ſtets mit mächtiger Hand erfaſſen und vergegenwärtigen möchte, wenn er es könnte. Endlich aber ſchlug die zweite Stunde des neuen Tages. Mit einem Blick auf ſeine Frau, die feſt ſchlief, ſtand er ohne Geräuſch zu machen auf und kleidete ſich an. Aber wenn ſie auch jetzt aufgewacht wäre, ſie würde ſich doch nicht über ſein Thun ver⸗ wundert haben, denn ſie war es gewohnt, ihn im Sommer jeden Morgen um vier Uhr das Lager verlaſſen zu ſehen, und oft ſogar ſtand er mitten in der Nacht auf, um beim klaren Sternenhimmel oder Mondenſchein die Warte zu beſteigen und den Ho⸗ rizont zu befragen, was er in ſeinem weiten Schooße berge und bereite, denn für ihn, den alten Seemann, gab es keinen Tag und keine Nacht— er war jeder⸗ 199 zeit bereit, ſeine Pflicht zu erfüllen, wann und wohin ſie ihn auch rufen möchte. Endlich war er fertig. Mit einem Blick auf ſeine Frau, der ſein Lebewohl enthielt, ſchlich er leiſe zur Thür hinaus, nahm ſeine Piſtolen, etwas Brot und Wein, öffnete dann die Hausthür und trat in den Hof. Mit dem erſten Blicke hatte er den Himmel befragt und ihn günſtig zu ſeinem Unter⸗ nehmen befunden. Als er dann in den Stall kam, fand er den wachſamen Knecht ſchon mit dem Schimmel beſchäftigt, der eilig ſeine Gerſte ver⸗ zehrte, denn er wußte, daß es fortging, da der Sattel ſchon auf ſeinem Rücken lag. Als der Capi⸗ tain in ſeine Nähe trat, ihn nach ſeiner Gewohnheit anredete und die ſchöne Mähne ſtrich, ſchaute er ſich um und wieherte laut, als wollte er ſagen: auch ich bin ſogleich bereit!— Eine Viertelſtunde ſpäter öffnete der Knecht leiſe den Thorweg. Der Capitain hatte unterdeß ſeine Piſtolen, ſein Brot und ſeinen Wein in die Halftertaſchen geſteckt und ſchwang ſich nun in den Sattel. „Wenn Du gefragt wirſt,“ ſagte er zum Knechte, „wo ich bin, ſo ſprich, ich ſei nach Hadersleben geritten und käme noch vor Tiſche zurück. Guten Morgen, 200 1 haltet gut Haus.“ Und langſam ritt er den Hügel hinunter und bald verſchlang die dämmernde Nacht ſeine Geſtalt und das in der Ferne rauſchende Meer den leiſen Huftritt ſeines munter zuſchreitenden Pferdes. Sechstes Mapitel. Die Heldenthat bei Hoptrup. Es wäre für den Capitain Burns ein Leichtes ge⸗ weſen, mit ſeinem raſchen Pferde in zwei Stunden bis in die Nähe von Hadersleben zu gelangen, wenn er die kürzeſte Straße gewählt und überhaupt die Ab⸗ ſicht gehabt hätte, ſo ſchnell wie möglich ſein unbe⸗ ſtimmtes Ziel zu erreichen; aber er glaubte keine Eile zu haben und zog einen längeren und ſicherern Weg dem kürzeren und unſicherern vor. Auch lag noch die Nacht ſo friedlich und ſanft über der ruhenden Erde, daß es ihm bei den unbeſtimmten Nachrichten, die er in Bezug auf die Zeit und den Zweck des bevorſte⸗ henden Ueberfalls empfangen, unmöglich war, an äu⸗ ßeren Kampf und Streit zu glauben. Es wurde in dieſen ſchönen Juninächten zwar nicht vollkommen 202 finſter, aber dennoch lag das düſtere Gepräge der nächtlichen Stunde auf der ganzen Natur. Nicht die geringſte Bewegung war in den ruhenden Feldern hörbar, kein lebendes Weſen ſichtbar, denn ſelbſt die Schwalbe und der Storch ſchliefen noch ſanft in ih⸗ ren traulichen Neſtern, und die einzige, mehr in der Abwechslung der Farben als in der Ortsveränderung liegende Bewegung, die des einſamen Reiters Auge bemerklich ward, gab ſich in dem ſchimmernden Spiel der hin und her flackernden Sterne kund, die ihre feurigen Augen bald auf, bald zu zu machen ſchie⸗ nen, als wären auch ſie von ihrem langen Gange ermüdet und ſehnten den Schlummer herbei, der vielleicht auch über die anderen Geſtirne wie über un⸗ ſere Erde zu irgend einer Zeit herabſinkt. Andreas blickte oft und lange zu ihnen empor; er kannte ſie alle und faſt jeden einzelnen bei Namen, denn er hatte ſie auf ſeinen tauſendfältigen Wegen durch alle Meere der Erde von allen Seiten, unter allen Ge⸗ ſtalten und Wandlungen geſehen und kennen gelernt. Sie waren ihm alſo liebe Freunde geworden und mit ihnen ſprach er oft und viel, wie früher in ſeinem be⸗ wegten Leben, ſo auch jetzt in der friedlichen Heimat, wohin ihn ſo viele derſelben begleitet hatten. Auch heute begrüßte er ſie wieder mit ſeinen Gedanken, er ſandte aber eine Bitte zu ihnen und ihrem Lenker hinauf, die mit ſeiner heutigen Wanderung im innig⸗ ſten Zuſammenhange ſtand. Allmälig aber erbleichten auch die funkelndſten Sterne über ihm und einer nach dem andern ver⸗ ſchwand hinter dem mattblauen Vorhange, der ſich vom Himmel hernieder zu laſſen ſchien; lichter und lichter wurde es im Oſten und ſchon lief ein ſchmaler bronzener Streif über den Wellen des leiſe zitternden Meeres herauf. Der Augenblick der Scheidung von Nacht und Tag in einer ſchönen oder großartigen Gegend hat immer etwas Ergreifendes, Bewältigendes für den aufmerkſamen Beſchauer und Beobachter. Es iſt, als ob zwei große allmächtige Weſen ſich von einander trennen, um ſich für's Leben nicht wieder zu ſehen, es iſt ein hartnäckiger Kampf zwiſchen einem dräuen⸗ den Rieſen und einem lichten Engel, den dieſer ſieg⸗ reich wie keine andere Gewalt auf Erden zu Ende führt, es iſt mit einem Worte ein ſicherer, unverkenn⸗ barer Tod, aber auch ein eben ſo ſicheres, unverkenn⸗ bares Auferſtehen; die Finſterniß unterliegt, das Licht bleibt oben, frohlockend, erhaben, königlich, und in die kleinſten und verborgenſten Falten der Erde und des Meeres ſendet die Sonne ihre ſtrahlenden Bo⸗ 204 ten aus, dieſen Sieg, dieſes Auferſtehen zu ver⸗ künden. Auch Andreas, trotzdem er ihn ſchon ſo oft be⸗ obachtet, ſchauerte leicht zuſammen, als er den Scheide⸗ kampf beider weltlichen Großmächte vor ſich ſah. Er blieb einen Augenblick auf einem der vielen Hügel ſeines Weges halten, von wo aus er die graue noch ungelenke Maſſe des in Nebelſchatten begrabenen Meeres betrachten konnte, und berechnete, wie lange es dauern würde, bis dieſe noch todte, erkaltete Maſſe lebendig werden und von Millionen Lichtpunkten ſtrahlen und ſchimmern würde, welche die an Dia⸗ manten ſo reiche Sonne in den unergründlichen Schooß des geliebten Meeres zu werfen pflegt. Aber raſch und weit breitste jener bronzene Streifen ſich aus, Strahlen, ſo groß, daß ſie eine halbe Welt er⸗ leuchteten, ſchoſſen zu beiden Seiten über die Wol⸗ kenräume des fernſten Horizontes hin, und wie auf einen Zauberſchlag trennte ſich Land und Meer, jenes zu einem feſten Körper erſtarrend, dieſes in Millionen lebendiger Tropfen ſich auflöſend und verflüſſigend. Der Grauſchimmel wieherte unter dem ſtillen Manne, der ſein Auge voller Entzücken auf dieſes immer neue Wunderbild geheftet hielt, als wollte er ihn erinnern, daß ſein Weg noch weit und ſeine 205 Aufgabe noch ungelöſt ſei.„Du willſt fort,“ ſagte der Reiter—„nun wohlan, fliege eine Strecke und blaſe Deinen Athem in die friſche Morgenluft aus.“ Und ihm die Zügel laſſend, flog er dahin, immer in der Nähe des Strandes ſich haltend, und die jubeln⸗ den Lerchen wirbelten jetzt luſtig vor ihm auf und hinter ihm ſchoſſen die Strahlen des Tages feuriger hervor. So ſetzte er ſeinen Weg in ſcharfem Galopp fort, bis er die Spitze des Gjenner⸗Fjord's erreichte. Hier aber hielt er ſeinen dampfenden Renner an, der mu⸗ thig ſchnaubte und ſtampfte, und warf einen Blick auf die ſtrahlende und wunderbar ſchöne Scene, die vor ſeinen Augen lag. Die Gjenner⸗Bucht iſt im Kleinen, was die von Apenrade im Großen iſt, und nur noch eine ſchönere und von bezaubernderer Anmuth giebt es auf der ſütiſchen Halbinſel, als jene beiden ſind— wir mei⸗ nen die von Veile. Alle Schönheiten aber ſind bei der Gjenner⸗Bucht eng zuſammengedrängt, ein ein⸗ ziger Blick reicht hin, das ganze köſtliche Naturſpiel wie ein prachtvolles Gemälde zu umfaſſen und in ſich aufzunehmen. Von wellenförmigen, lieblich ausge⸗ ſchweiften Anhöhen umgeben, auf denen die rieſigſten Buchenwälder in glänzender Blätterfülle prangen, die 206 ſich amphitheatraliſch von ihren Gipfeln bis an den Spiegel des Waſſers hinunterziehen, ſtrömt ein ſchma⸗ ler und doch genügend breiter Meeresarm, um gewal⸗ tige Schiffe zu tragen, in das anmuthig geſpaltene Land ein. Am Ausgange dieſes eine halbe Stunde langen Waſſerbeckens glänzt die Inſel Barſöe, wie ein grüner Edelſtein ſanft auf dem blauen Ruhe⸗ kiſſen des öſtlichen Meeres gewiegt; dicht am Ufer aber, kleiner, jedoch eben ſo grün im lichten Sommer⸗ kleide, liegt die Inſel Kalöe. Hinter der erſtgenann⸗ ten, wo jetzt die Sonne glanzvoll emporgeſtiegen, um⸗ ſäumte die Ränder der in’s Meer ragenden Landſpitzen ein goldener Gürtel und warf ſein warmes roſiges Licht weiter hinaus über die thauſchweren Blätter der Buchenwälder. Gewichen waren alle die Schatten, die noch kurz vorher über Waſſer und Land gelegen hatten, gefallen die Nebel, und in ſeiner ganzen Klar⸗ heit und Reinheit trat das Bild hervor, wie es Got⸗ tes allmächtige Hand ſo ſchön an dieſer lieblichen Stelle der Erde hervorgezaubert. Wie herrlich zuckten die ſpielenden Strahlen des goldenen Himmels im flimmernden Waſſer wieder, wie lächelnd ſchauten die rauſchenden Bäume in dem kryſtallenen Spiegel zu ihren Füßen ſich an, o— und doch wie tief war die einſame Menſchenbruſt von Sorge und Kummer 207 bewegt, die dieſen Zauber mit Wolluſt betrachtete, wie ſchwer lag die Hand Gottes auf ihr, die ſo viel Schö⸗ nes und Herrliches geſchaffen hatte!— Und weiter drängte er ſein in's Gebiß ſchäumendes Roß; in ra⸗ ſchem Galopp flog er um die Bucht herum, einem ſchmalen Pfade nach Sonderballe folgend, denn er durfte ſich nicht vom Meere zu weit entfernen, um den weſtwärts ſtreifenden Dänen nicht zu nahe zu gerathen. So blieb das Meer ihm zur Rechten, das hügelige Land, welches ſein Blick nur immer auf kurze Strecken überfliegen konnte, zur Linken. Denn mannshohe Kornfelder wogten auf demſelben im Morgenwinde hin und her, Hecken und Zäune zogen ſich über die Hügel, über welche hinweg die Land⸗ ſtraße von Apenrade nach Hadersleben läuft. Nur dann und wann, wenn ſein Weg ſich auf eine An⸗ höhe erhob, blickte er links ab in das tiefere Land hinein, aber noch war Alles um ihn her ſtill und keinen Menſchen ſah er im ganzen Umkreiſe, der ihm irgend eine Kunde von dem, was er zu hören wünſchte, hätte geben können. Und doch hatte das Vorgefecht von Hoptrup ſchon ſeinen Anfang genommen, doch waren kleine Plänkeleien zwiſchen däniſchen Huſaren und den wenigen berittenen Freiſchaaren ſchon vor⸗ gefallen und einzelne Schüſſe krachten aus der Ferne 208 über die hügelige Ebene. Aber der weite Raum, der zwiſchen dem Kampfplatze und dem einſamen Manne lag, verſchlang noch das Knattern der Büchſen, und ſein ſcharfes Auge reichte nicht bis zu dem Orte, wo Menſchen an Menſchen das Aergſte verrichteten. Da, als er an dem Dorfe Diernis vorüber war, deſſen noch menſchenleere Gaſſen er links liegen ließ, ritt er dicht am Meere um die Spitze des Engleſſanger Sees herum und jagte nun am Rande deſſelben über die weite Ebene nach Hoptrup hin. Plötlich hielt er ſein ſchnaubendes Pferd an, denn es däuchte ihm, als ob ein dumpfer Kanonenhall aus nicht allzu weiter Ferne an ſein Ohr ſchlüge. Zwiſchen Kornfeldern langſam und vorſichtig vorreitend, gelangte er auf einen Hügel, der die Gegend beherrſchte, und hier blieb er unter einem einzeln ſtehenden Baume halten, zog ſein Fernglas hervor und faßte die ganze vor ihm liegende Strecke in's Auge, die jetzt von Augen⸗ blick zu Augenblick in ein belebteres Bild ſich ver⸗ wandelte. Ziemlich gerade vor ihm lag das Dorf Hoptrup, an welchem die Straße von Apenrade dicht vorbei nach Hadersleben führte; jenſeits dieſer Straße, mitten auf dem hügeligen Felde, hatte ſich der Kampf entwickelt, in deſſen Mitte er ſich wie mit einem Zauberſchlage verſetzt ſah. 209 Doch gehen wir jetzt bis zu einer früheren Stunde der Nacht zurück und ſehen wir, wie ſich dieſer Kampf entſponnen, den Andreas nicht ſo früh am Tage und nicht ſo weit von Hadersleben entfernt vermuthet hatte. Die urſprüngliche Abſicht des Majors von der Tann, um den kommandirenden Generalen den Be⸗ weis zu liefern, wie wichtig ein Streifcorps ſei und was es leiſten könne, wenn es richtig geführt werde, war eigentlich die geweſen, die nördliche däniſche Ar⸗ mee, die in und vor Hadersleben ſtand, dadurch zu überrumpeln, daß er weſtlich um Hadersleben herum⸗ marſchirte und dann von Norden her in die Stadt drang, um ſo durch Gewalt der Waffen und paniſchen Schrecken zugleich die Feinde zu zwingen, das Ge⸗ wehr zu ſtrecken. Die feindliche Armee ſelbſt hatte der ritterliche Freiſchaarenführer für kleiner gehalten, als ſie war, denn ſie beſtand aus 2000 Mann In⸗ fanterie, vier Schwadronen Kavallerie und zwei Ge⸗ ſchützen, die er mit 360 Mann, von denen fünf oder ſechs beritten waren, anzugreifen beſchloß, ein um ſo größeres Wagniß, wenn man bedenkt, daß dieſe 360 Mann ungeübte Freiſchaaren, jene 3000 Dänen aber wohlgeſchulte Soldaten waren. Jene Umgehung und Ueberrumpelung in Haders⸗ leben wurde aber dadurch vereitelt, daß die Freiſchaa⸗ A. Burns. II. 14 210 ren, die auf einigen fünfzig requirirten Wagen ſchnell vorwärts geſchafft wurden, auf dem Wege von Uck — wo ſie, wie wir wiſſen, die Nacht zugebracht,— nach Hadersleben in der Nähe des rothen Kruges die Meldung erhielten, daß eine däniſche Vedette hinter jenem abgelegenen Hauſe ſtände. Die paar Kavalle⸗ riſten der Freiſchaaren, die in der That kein ſehr mili⸗ tairiſches Ausſehen hatten, denn der eine von ihnen erſchien im ſchwarzen Fracke mit weißen Beinkleidern und Glacéhandſchuhen, ein anderer im jägerlichen Waldanzuge, ein dritter in der Blouſe mit langem Ritterſchwerte bewaffnet*) u. ſ. w., ſprengten auf ih⸗ ren Bauernpferden der aus ſechs Mann beſtehenden Vedette nach, und obgleich ſie von verſteckten Feinden Schüſſe erhielten, waren ſie doch ſo glücklich, einen ausreißenden Dragoner zu fangen, während die fünf anderen nach Norden entflohen und die däniſchen Führer auf das Heranrücken einer großen deutſchen Macht aufmerkſam machten. So änderte denn der ſchnell entſchloſſene Tann ſeinen erſten Plan in einen neuen um, der nicht weniger kühn war und darin beſtand, mit ſeinen paar Leuten die Avantgarde der *) Siehe Tagebuch eines Freiwilligen des von der Tann'⸗ ſchen Corps von G. C. Martens, Hamburg 1848. 3 211 Dänen anzugreifen, ſie über den Haufen zu werfen und dann, um nicht von der feindlichen Uebermacht erdrückt zu werden, raſch als Sieger auf den bereit⸗ ſtehenden Wagen zurückzukehren. In der That ein Anſchlag, der des kühnſten und entſchloſſenſten Par⸗ teigängers würdig iſt. Um ein Uhr Nachts an dem benannten Tage bra⸗ chen nun die Wagen der Freiſchaaren nach kurzer Raſt auf der weſtlichen Straße, dem ſogenannten Ochſenwege, nach Hadersleben auf, erhielten aber hier, in der Nähe des Wartenberger Kruges, eine halbe Stunde weſtlich von Hoptrup, ein ſtarkes Feuer von einer hinter den Hecken aufgeſtellten feindlichen Jäger⸗ compagnie. Alles ſprang ohne Commando von den Wagen und vertrieb die Jäger, die nach Norden zu⸗ rückgingen, während Major von der Tann die Co⸗ lonne wieder in Bewegung ſetzte, da ihm eine Com⸗ pagnie Jäger ein viel zu winziger Feind ſchien, um die koſtbare Zeit zu verlieren. Auch hatte er erfahren, daß der Feind ſich um Hoptrup zuſammenzöge und deshalb befahl er rechtsab in die Landſtraße von Apenrade nach Hadersleben einzuſchwenken. Seine kleine berittene Schaar, bei der ſich Friedrich Burns als Freiwilliger befand, ritt etwa 300 Schritte voraus und erfuhr von einem Bauer, daß geſchloſſene däniſche 14* ———-—õ———ꝛn——— — —— v 8 2 —õõüäÿõäÿää Kavallerie, von Apenrade kommend, gegen Hadersleben im Anmarſche ſei. In aller Eile wurden nun 180 Mann, die Hälfte des ganzen Corps, auf einen, Kreuzweg geſtellt, den die däniſchen Reiter paſſiren mußten. Alles war ſchlagfertig und erwartungsvoll. Lautloſe Stille herrſchte im ganzen Corps. Jeder war auf den erſten Anblick des Feindes geſpannt, der in der Dunkelheit des anbrechenden Morgens daher⸗ zog, und das Schweigen und die Nacht gab der gan⸗ zen Scene einen geheimnißvollen Anſtrich, der die all⸗ gemeine Spannung vermehrte. Da kam er heran und hielt ſchon die Augen auf den drohenden Feind gerichtet. Plötzlich gaben jene 180 Mann Feuer, und die däniſche Kavallerie, wie Spreu aus einander ſtie⸗ bend, ließ Klagetöne hören und verſchwand in zügel⸗ loſer Flucht, wobei jedoch einige verwundete Dragoner gefangen genommen wurden. So waren die deutſchen Freiſchaaren ſchon einen Theil der Jäger und die Dragoner los und ſtießen jetzt wieder zu ihrer ande⸗ ren Hälfte, mit der ſie gleichzeitig noch eine Jäger⸗ abtheilung zurückwarfen, welche den Dragonern auf der Straße nach Hadersleben folgte. Unterdeſſen war der Tag angebrochen und man ſah, wie die däniſche Avantgarde ſich in der Nähe einiger Häuſer in Schlachtordnung auff ſtellte, um ſich 213 den Rückzug nach Hadersleben zu erzwingen, denn ihr Führer, Oberſt Juel, glaubte den Vortrab der ganzen deutſchen Armee vor ſich zu haben, die ihn vom Norden abzuſchneiden gekommen ſei, was auch in der That von den Freiſchaaren geſchehen war, in⸗ dem ſie von der weſtlichen Straße nach Hadersleben auf die öſtliche ſchwenkten, das Geſicht nach Süden kehrten, wo ſie hergekommen waren, und auf dieſe Weiſe zwiſchen Hadersleben und den Dänen ſtanden. Aber der große Irrthum des Oberſten Juel beſtand darin, daß er nur 360 Freiſchaaren und nicht die ge⸗ fürchtete Avantgarde der deutſchen Armee vor ſich hatte. Jetzt aber machte ſich das Gros der däniſchen Armee, welches ſüdlich ſtand, bemerklich und feuerte mit einem Geſchütze, welches eine Jägercompagnie unterſtützte, auf die Freiſchaaren. Allein die Kar⸗ tätſchen trafen meiſt nur die Gebüſche hinter denſel⸗ ben und riſſen die Zweige und Aeſte von den Bäu⸗ men, daß ſie in Stücke flogen und das Kniſtern des brechenden Holzes weit herum tönte. 60 Mann Frei⸗ ſchaaren aber wurden auf die däniſchen Jäger losge⸗ laſſen, und dieſe, kaum angegriffen und von einer feſten Hecke geſchützt, entflohen ſo ſchnell wie möglich, als gelte es, nicht die größte Tapferkeit, ſondern die erbärmlichſte Feigheit zu entwickeln. Da es heller Tag 214 geworden war, ſo konnte den Dänen die kleine Anzahl ihrer Feinde nicht verborgen bleiben, aber von einer blinden Furcht ergriffen, ſchienen Führer und Solda⸗ ten den Kopf verloren zu haben und nur auf per⸗ ſönliche Rettung bedacht zu ſein, ſonſt wäre es, auch ohne Kanonen, ein Leichtes geweſen, die wenigen Freiſchaaren zu umzingeln und entweder gefangen zu nehmen oder niederzuſchießen. Als die 60 Mann von der Verfolgung der Jäger zurückkehrten und ſich eben mit den übrigen Kamera⸗ den vereinigen wollten, krachte ein zweites Geſchütz von Neuem und manche der Freiſchaaren ſtürzten verwundet nieder. Die Erbitterung über dieſen Un⸗ fall aber machte ſich durch ein wüthendes Hurrahge⸗ ſchrei bemerkbar; von einer leidenſchaftlichen Wuth geſtachelt, löſte ſich das kleine Corps auf und, ohne den Zuruf der Führer zu achten, ſtürzte es vorwärts über das Kornfeld auf die beiden Kanonen los, um die Artilleriſten niederzuhauen und die Geſchütze zu vernageln. Bei der einen gelingt ihnen das vollkom⸗ men, die Mannſchaft der anderen aber entſpringt mit den Pferden und läßt ſo beide Kanonen im Stiche. Während ein Theil der Freiſchaaren dieſen nach⸗ jagt, bleibt ein anderer in der Nähe der Kanonen, ent⸗ zückt über die Beute und ſich ſtreitend, ob dieſelben 215 von Eiſen oder Meſſing ſeien. Auf einer Anhöhe hinter und nicht weit von ihnen halten zwei Schwa⸗ dronen däniſcher Huſaren, die auf den Angriff ihrer Jäger zu warten ſcheinen, ſtatt ſelbſt auf die ruhen⸗ den Freiſchaaren einzuhauen. Endlich ermannen ſich die Jäger und ſchießen aus der Ferne auf die kleine Colonne, die gegen die Schießenden theilweiſe an⸗ rennt, um ſie zu zerſtreuen, zum Theile aber bei den eroberten Kanonen zurückbleibt. Dieſer Augenblick endlich ſcheint den Huſaren geeignet, die paar Män⸗ ner, die vor ihnen ſtehen, zum Frühſtück zu verſpei⸗ ſen. In vollem Roſſelauf ſtürzen ſie heran; die Freiſchaaren retten ſich hinter eine Hecke, die Huſaren aber ſpringen darüber hin ihnen nach— und nun entſpinnt ſich ein ſchreckliches Gemetzel, wo nur der perſönliche Muth und die Gewandheit des Einzelnen entſcheidet. Obgleich aber die Huſaren wacker einhauen, was manche Wunde nachher beweiſt, ſo kämpft doch in den Reihen der Freiſchaaren ein freierer Geiſt und ein kühneres Selbſtbewußtſein, und bald zeigen flüch⸗ tende Huſaren und herrenloſe Pferde, die ſich hie und da herumtreiben, auf welche Seite der Sieg ſich ge⸗ neigt hat. Und die Jäger helfen ihren Brüdern, den Huſaren, nicht, im Gegentheil, auch ſie laufen nach allen Seiten auseinander und überlaſſen die braven 216 Reiter, die ſich bis auf den letzten Mann wehren, ihrem Schickſale. So fliehen die Dänen, nachdem ſie noch eine Kanone, die man verlaſſen, mitgenommen, ohne ſich umzublicken nach Norden zu, nur einzelne kühne Reiter kehren dann und wann zurück, um Ver⸗ wundete wegzuſchleppen und herrenloſe Pferde einzu⸗ fangen. Die Freiſchaaren aber, nachdem ſie den Kampfplatz flüchtig abgeſucht und ihre herumliegenden Kameraden zuſammengerafft, ſpringen auf ihre Wa⸗ gen und fahren mit einem Verluſte von nur 25 Ver⸗ wundeten heimwärts, von denen nur Wenige den Dänen in die Hände fielen. Ihre erbeutete Kanone aber, ihre Pulverwagen und Pferde führen ſie im Triumphe nach Uck zurück. So war ein ſehr bedeutender Sieg mit ſehr ge⸗ ringen Mitteln errungen, denn die Dänen räumten in Folge deſſelben Nordſchleswig, und wie die Feig⸗ heit auf der einen Seite groß, ſo war die Tapferkeit auf der anderen bewunderungswürdig geweſen, was ſelbſt General Wrangel durch einen Tagesbefehl an⸗ erkannte und die däniſchen Oberfeldherrn dadurch be⸗ ſtätigten, daß ſie den bei Hoptrup kommandirenden Oberſt von Juel, der ſich ſchließlich in ſeiner Deut⸗ ſchenfurcht ſoweit vergaß, daß er nicht nur Haders⸗ leben Hals über Kopf räumte, ſondern ſich ſogar bis 217 Kolding in wilder Unordnung zurückzog, ſeiner Stelle enthoben. Kehren wir aber jetzt zu unſerem Capitain zurück, der gerade zu der Zeit auf ſeinen Beobachtungspoſten unter den Baum gelangt war, wo das Gemetzel zwiſchen Freiſchaaren und Huſaren um die von erſteren genommene Kanone ſtattfand. Der wenige Pulver⸗ dampf, der über dem Kampfplatze ſchwebte, zog raſch gegen Oſten und vermehrte ſich nicht, denn die Ge⸗ ſchütze hatten für dieſen Tag ihre Pflicht erfüllt und jetzt waren ihnen die Mäuler geſtopft. Zu ſeiner Rechten nach Norden hin ſah er die ausreißenden Jäger laufen und er konnte ſich anfangs den Grund dieſer eiligen Flucht nicht erklären, da kein Feind hin⸗ ter ihnen war. Aber beim Anblicke des heißen Kampfes mit den Huſaren zitterte ihm das Herz in der Bruſt. Hätte er einen Säbel gehabt, er wäre darauf losge⸗ ſtürzt, um ſeinen ſtarken Arm mit in die Waagſchaale des Tages zu legen, aber es war nicht mehr nöthig, denn ſchon hatten die Deutſchen geſiegt. Hierhin und dahin ſprengten einzelne Huſaren, hieben auf abge⸗ ſonderte Kämpfer ein oder ſchleppten Verwundete fort. Alles ging blitzſchnell vor ſich, und nur das Geſchrei der wüthend auf einander los ſchlagenden Menſchen, hin und wieder der Knall einer krachenden Büchſe — —— 218 drang zu ſeinen Ohren. Allmälig aber und ohne es ſelbſt zu wiſſen, war er im Schritte näher heran ge⸗ geritten, denn ſeine innere Begierde, auf irgend eine Weiſe am Kampfe Theil zu nehmen, wuchs von Augenblick zu Augenblick. Da aber war das blutige Tagewerk ſchon vollbracht. Die Huſaren flüchteten in einzelnen Häuflein nach Norden, die Freiſchaaren, nachdem ſie ihre Verwundeten eilig aufgeſucht, zogen nach Süden ab, ſprangen auf ihre Wagen, die in der Nähe der Landſtraße hielten, und fuhren davon. Dieſen Augenblick hielt der Capitain für günſtig, den Plan, der ihn hierher gelockt, auszuführen. Er wollte ſich eben links wenden und den Freiſchaaren nachgaloppiren, um ſeinen Sohn, den er bei ihnen wußte, zu ſehen, als eine unerwartete Scene etwas zur Rechten und in der Nähe der Hecken vor ſich ging, wo kurz vorher das Handgemenge ſtattgefunden hatte. Vier kühne Huſaren, die abgeſeſſen waren und ſich vielleicht vorher verſteckt gehalten hatten, tauchten plötzlich aus dem Aehrenfelde wieder auf, ſprangen wie der Blitz auf ihre Pferde und jagten nun zu Zweien auf der einſamen Ebene herum, einige ihrer herrenloſen Pferde zu erhaſchen. Plötzlich ſaßen zwei von ihnen ab, hoben einen Verwundeten auf ein Pferd und trabten ſo raſch ſie konnten mit ihm davon. 219 Jetzt blieben nur noch die zwei letzten übrig, die von ihren Kameraden bereits ziemlich weit entfernt waren. Mit dieſen beiden glaubte der Capitain es auch ohne Säbel aufnehmen zu können. Er lockerte eine Piſtole in der Satteltaſche, nahm die andere in die Rechte und ſtürzte nun über das Kornfeld auf die beiden Huſaren los. Dieſe, die auch abgeſtiegen waren und ſich mit einem am Boden liegenden Verwundeten be⸗ ſchäftigten, blickten erſchrocken in die Höhe, als ein bisher ungeſehener Reiter in vollem Jagen und mit donnernder Stimme ſie anbrüllend herankam. Der eine von ihnen erreicht glücklich ſein Pferd und ent⸗ flieht, den anderen aber, der von einem anſcheinend ſchwer Verwundeten, den er zu ſeinem Pferde zu ſchleppen ſucht, nicht loslaſſen will, trifft ſeine nie fehlende Kugel und ſtreckt ihn nieder. In dieſem Augenblick hört der in Wallung gerathene Capitain ein Aechzen am Boden. Er wendet ſeinen Kopf da⸗ hin und erblickt einen blutenden Menſchen, der ſeine geröthete Klinge noch in der machtloſen Hand hält. Ein kräftiger Säbelhieb iſt ihm über den Kopf ge⸗ fahren, hat ſeinen Hut zerſchnitten und ſein dunkles Haar mit Blut überſtrömt. Der Capitain ſpringt vom Pferde und beugt ſich zu ihm nieder. Er lebt, der Verwundete, denn er ſeufzt, er röchelt. Noch 220 tiefer beugt ſich der aufmerkſame Mann und ſtreicht ihm das rinnende Blut mit einem Tuche aus dem Geſichte. Da iſt es, als ob eine höhere Macht ſein Auge klar und durchdringend mache. Er ſtößt einen jähen Schreckensruf aus, denn— er hat ſeinen eige⸗ nen Sohn erkannt. Aber ſeine Faſſung verläßt ihn keinen Augenblick, ſo groß ſein Schmerz auch iſt; denn mit dem Schmerze hat auch zugleich die Freude ihn heimgeſucht, den noch lebend zu finden, den er im Geiſte ſchon entſeelt ſich vorgeſtellt. Raſch wirft er einen forſchenden Blick um ſich her und— findet ſich allein. Nun kniet er neben dem Blutenden nie⸗ der und ruft ihn bei ſeinem Namen. Das matte Auge ſchaut eine Weile auf, ſchließt ſich aber ſogleich wieder. Aber der Vater hat genug geſehen, ſein Sohn lebt und ſcheint ihn erkannt zu haben. Es quält ihn nur noch der Gedanke, wie er ihn von der Stelle ſchaf⸗ fen ſoll. Die Angſt ſeines Herzens giebt ihm Rieſen⸗ kräfte, er richtet ſeinen Sohn mit ſtarkem Arme auf und verſucht ihn auf ſein Pferd zu heben. Aber vergebens, der Arme kann ſich nicht im Geringſten ſelber helfen und ſinkt wieder ſchwer auf den Boden zurück, der ſich von ſeinem tröpfelnden Blute immer dunkeler röthet. „Wo iſt rings herum Hülfe, wenn ſie nicht im 221 Himmel iſt!“ ruft des Vaters innere Stimme, und mit flehendem Auge blickt er ſich noch einmal in der verlaſſenen Gegend um. Da gewahrt er einen Bauer, der ſcheu in der Ferne ſteht und ſein niedergetretenes Kornfeld beſchaut. Dieſen ruft er mit lautem Tone an, aber der Bauer hört ihn nicht oder zögert zu kommen, denn es kann ein Feind ſein, der ihn herbeiruft. Niemals in ſeinem Leben hatte der Capitain ſeiner eigenen Rettung wegen laut um Hülfe geſchrieen, jetzt aber gilt es ſeinem braven ver⸗ blutenden Sohne, und ſein Hülferuf erſchallt weit über das Gefild. Das lockt endlich den Bauer näher. Er kommt vorſichtig heran und überzeugt ſich, daß er nur hülfreiche Hand anlegen ſoll. Mit ſeinem Bei⸗ ſtande trägt der Vater den Sohn in das naächſte Haus am Wege und das treue Pferd folgt ſeinem Rufe und bleibt vor der Thüre der Hütte ſtehen. „Habt Ihr einen Wagen, mein Freund?“ fragt der Capitain den Bauer, den er von Anſehen kennt. „Ich will ihn Euch theuer bezahlen.“ „Nein, Herr, aber da unten hält einer auf dem Kreuzwege, der über die Apenrader Straße führt.“ „So gehet hin und bittet ihn heranzukommen, vielleicht iſt eine mitleidige Seele darin, die Erbarmen für das Unglück hat.“ —— —= 222 Während der Vater um den Sohn beſchäftigt iſt, ihm von ſeinem Weine einflößt, ſeine Wunden wäſcht und das rinnende Blut ſtillt, kommt raſch der ange⸗ deutete Wagen herangerollt. Er hält ſchon vor der Thür, aber Niemand zeigt ſich hinter dem herabge⸗ laſſenen Fenſter des Hinterſitzes, nur der Kutſcher, der auf dem Bocke ſitzt und ſcheu um ſich blickt, iſt ſichtbar. Der Capitain hört das Raſſeln des heranfahren⸗ den Wagens und wirft einen Blick zum Fenſter hin⸗ aus.„Was iſt das?“ ruft er laut.„Mein Wagen und Hans Blachmann fährt ihn?“ Im Augenblicke darauf ſteht er vor der Thür. Das Fenſter des Wagens öffnet ſich und ein bleicher, ängſtlicher Frauenkopf ſchaut entſetzt daraus hervor. Der Capitain bleibt erſtarrt wie vor einer Er⸗ ſcheinung ſtehen. Eine tiefe innere Bewegung krampft ſein Herz wie in einen Schraubſtock zuſammen und die Worte verſagen ihm. Endlich ermannt er ſich und einen Schritt vortretend, ruft er mit ſtammeln⸗ den Lippen aus:„Agathe— wie— Du? O, Dich ſendet mir Gott!“— Und mit einem Blicke durch⸗ ſchaut er den inneren Zuſammenhang, die Handlungs⸗ weiſe des Mädchens iſt ihm klar wie das Licht der Sonne über ihm, und die Anweſenheit Hans 223 Blachmann's löſt das übrige Räthſel. Ohne ein Wort zu ſprechen trägt er die Tochter beinahe auf ſeinen Armen in's Zimmer, und bald liegt dieſe ſchluchzend auf den Knieen an des Verwundeten Seite und badet ſein kaltes Geſicht mit ihren heißen Thränen.. Das Uebrige iſt mit wenig Worten erzählt. Nach kurzem Verweilen und nachdem dem Bauern eine reiche Belohnung geſpendet, wird Friedrich von ſechs ſtarken Armen in den Wagen getragen, ſein blutendes Haupt gegen ein weiches Kiſſen gelegt, Agathe ſetzt ſich ne⸗ ben ihn und Hans beſteigt den Bock, die Pferde lang⸗ ſam auf den Rückweg zu lenken, während der Vater am Schlage reitet und das Geſicht nicht vom Antlitz des Sohnes wendet, deſſen Auge ſich allmälig öffnet und deſſen Wange wieder das Leben abſpiegelt, ob⸗ gleich ſein Mund noch keine Sylbe geſprochen hat. Es iſt wohl nicht ſchwer, ſich eine lebhafte Vor⸗ ſtellung von der Ueberraſchung Gertrud's zu machen, als ſie an dieſem Morgen weder ihren Mann noch Agathen beim Frühſtücke erſcheinen ſah. Von Erſterem war ſie allerdings eines bisweiligen frühen Ausritts gewohnt, daß aber auch Agathe nicht die gehörige Zeit 224 einhielt, war ihr noch nicht vorgekommen. Als ſie ſich im Hofe nach Andreas erkundigte, erfuhr ſie von dem Knechte, der ihn in der Nacht herausgelaſſen, daß er nach Haders⸗ leben geritten ſei, aber vor Tiſche zurückkehren werde. Das genügte ihr, denn in dieſem Ritte lag nichts beſon⸗ ders Auffälliges, als daß er ſo plötzlich und ohne vorherige Ankündigung unternommen war. Von Agathen aber wagte ihr Niemand etwas zu ſagen, denn obgleich man ſie hatte fortfahren ſehen und ſich allgemein darüber verwundert, ſo hatte ſie doch den Eingeweihten klüglich Stillſchweigen auferlegt, vor⸗ gebend, es ſei ſo des Capitains Wille. Und das war ein genügender Wink für die an ſtrengen Dienſt und Gehorſam gewöhnten Leute. Endlich beruhigte ſich die Mutter, indem ſie der Meinung war, Agathe habe den ſchönen Morgen zu einem Spaziergange, wahrſcheinlich zu Helenen hinab, benutzt und ſich da⸗ bei verſpätet. Sie habe die Mutter nicht in ihrem Schlummer ſtören wollen und daher ſei ſie ohne ihr Wiſſen fortgegangen. Als es aber acht Uhr ſchlug und Agathe immer noch nicht erſchien, ſandte ſie eine Magd nach dem Epheuhäuschen und ließ anfragen, ob Agathe vielleicht bei Helenen ſei. Helene hörte die Botſchaft der Magd mit einer ſeltſamen Bewegung an, und ſogleich etwas Unge⸗ 225 wöhnliches vermuthend, beſchloß ſie auf der Stelle ſelbſt nach Emmerslund zu gehen. Als Gertrud ſie bald darauf allein erſcheinen ſah und auf ihrem Ge⸗ ſichte eine nicht ganz beherrſchte Verwunderung las, wurde ſie ernſtlich beſorgt und gab ſich den ſon⸗ derbarſten Vermuthungen hin. Helene hatte alle Mühe, ſie zu beruhigen, obgleich ſie ſelbſt in Sorge über das Mädchen war. Daß der Capitain einen gewagten Ritt wegen des Sohnes vorhatte, wußte Helene, denn er hatte es ihr ja ſelbſt am Abende vor⸗ her mitgetheilt, daß aber Agathe— halt! hier ging ihr ein dämmerndes Licht auf, und augenblicklich be⸗ gab ſie ſich in den Hof, um ſo raſch wie möglich hin⸗ ter die Wahrheit zu kommen. „Wer hat den Capitain dieſe Nacht zum Hofe hinausgelaſſen?“ fragte ſie einen alten Matroſen, der ſo ehrlich wie gutmüthig und ſo gutmüthig wie ge⸗ ſprächig war. „Ich ſelber Madamchen!“ ſagte der alte Mann und machte eine verſchmitzte Miene dabei. „Ihr wollt mir noch etwas ſagen, ſehe ich, her⸗ aus damit!“— „Ei nun ja, wenn Sies allein für ſich behalten wollen, möcht' ich allerdings was ſagen—“ erwiderte A. Burns. II. 15 ——— ——.— —————— 226 der Alte zögernd und ſtopfte verlegen ſeinen Taback feſter in die Pfeife hinein. „Ich verſtehe Euch. Ihr wißt, wo das Fräu⸗ lein iſt?“ „Wo ſie iſt— Agathchen? Gott ſoll mich ver⸗ dammen, wenn ich das weiß— aber weggefahren iſt ſie mit der Chaiſe des Capitains— und Hans Blach⸗ mann führte die Zügel— Punkt Fünfe heute Mor⸗ gen— und in einem guten Trabe iſt er weggerutſcht, das kann ich Euch ſagen.“ „Aha!“ ſagte Helene, dankte ihm für ſeine Ge⸗ fälligkeit und ging in den Garten, um ihre fernere Handlungsweiſe im Stillen zu überlegen, denn ſie hatte genug gehört. Auch ſie durchſchaute, ſobald Hans Blachmann's Name genannt war, den Zuſam⸗ menhang der Sache, denn der leitende Beweggrund einer ſo ſeltſamen wie hingebenden Aufopferung von Seiten Agathens war ihr als Weib einleuchtend und klar. Was aber der Capitain dazu ſagen würde, wenn er es hörte, war ihr nicht ganz einleuchtend, noch weniger konnte ſie ſich den Ausgang enträthſeln, den das ganze Unternehmen haben würde. Im Gan⸗ zen war ſie nicht weniger betreten als Gertrud, und da dieſe auch Helenen, nachdem ſie in's Haus zurück⸗ gekehrt war, in Bedenklichkeit fand, obwohl dieſelbe 227 aus einer anderen Urſache als die der Mutter ent⸗ ſprungen war, ſo fühlte ſie ſich wenigſtens durch der Freundin Anweſenheit, die ihr Troſt und Muth zu⸗ ſprach, einigermaßen erleichtert. So vergingen den beiden Frauen die nächſten Stunden in großer Aufregung und mannigfachen Vermuthungen, und erſt nach elf Uhr ſollte ihnen das Räthſel auf eine Weiſe gelöſt werden, wie ſie es am wenigſten erwartet und gewünſcht hatten. Denn um dieſe Zeit ſtieg der von ihren Kümmerniſſen unter⸗ richtete Capitain Kühlwetter von der Warte und mel⸗ dete, daß er des Capitains Wagen und ihn ſelber zu Pferde den Hügel heraufziehen ſähe. Helenens Wangen glühten in Purpur auf, als ſie dieſe Nachricht empfing und ihr Auge wagte nicht, ſich zu Gertrud's Geſicht zu erheben, der ſie Agathens Reiſe mit dem Wagen verſchwiegen hatte. Die Mut⸗ ter aber, ohne einen Augenblick im Zimmer zu blei⸗ ben, lief auf den Hof und trat ſchon außer dem Hauſe den langſam Näherkommenden entgegen. Da gab es denn ein heftiges Erſchrecken, als ſie zuerſt ihren Mann auf ſchäumendem Pferde erblickte, der, während der Wagen langſam ſeine Straße verfolgt, nach Apenrade geſprengt war, um einen alten Wund⸗ arzt zu holen, der daſelbſt in der Vorſtadt wohnte und 15* 228 ſchon lange keine Praxis mehr trieb, zu dem aber Andreas dennoch ſehr großes Vertrauen hegte, weil er ihn Jahre lang auf ſeinen Seereiſen begleitet und ſich immer als geſchickter Berufsmann erwieſen hatte. Die Miene des Capitains, deſſen Geſicht vom ſcharfen und langen Ritte erhitzt und abgeſpannt war, zeigte dennoch deutliche Spuren einer bei ihm ſeltenen Aufregung, und wie die Frauen gewohnt ſind, nach der Miene ihrer Ehemänner wie nach einem Barometer zu ſchauen, ſo hatte Gertrud ſehr bald entziffert, daß etwas Bedeutendes, Gefährliches, ja vielleicht Schreckliches geſchehen ſei. Daß ſie ſich nicht gerade ſehr dabei geirrt, belehrte ſie die nächſte Vier⸗ telſtunde. Uebergehen wir dieſe Viertelſtunde, ſie gewährt nicht viel Angenehmes, wenn man die Auftritte in derſelben genau entwickeln will, und begnügen wir uns, zu erwähnen, daß Alles geſchah, was geſchehen mußte, um den Verwundeten, der noch kein Wort ge⸗ ſprochen hatte und aus einer Ohnmacht in die andere fiel, ſo weich wie möglich zu betten, und daß der Mutter Schmerz ſich viel lebhafter und lauter äußerte, als der des Vaters. Erſt als etwas ſpäter der alte Wundarzt aus Apenrade gekommen war, den Kopf des Patienten geſchoren, die Wunden unterſucht und 229 endlich erklärt hatte, es habe nicht ſo viel zu bedeu⸗ ten und hätte ſchlimmer werden können— ein ſehr weiſer und tröſtlicher Ausſpruch— beruhigte man ſich allgemein, und um ſo mehr, da der alte Freund des Hauſes nicht eher abzureiſen verſprach, als bis ſich — ein abermaliger wiſſenſchaftlicher Ausdruck— Al⸗ les entſchieden hätte. So waren denn Mutter und Tochter mit dem alten Aeskulap zugleich um das Lager Friedrich's be⸗ ſchäftigt und wichen kaum eine Minute von ſeiner Seite; Helene aber, die ſogleich wieder in Emmers⸗ lund zu bleiben ſich entſchloß, leitete die Anordnun⸗ gen im Hauſe, bis Beide ſich ſo weit in ihre Lage gefunden, daß ſie außer der Sorge um den Kranken, auch noch Gedanken für die Geſunden hegen konnten. Eine Todtenſtille herrſchte im Hauſe. Andreas, ſprachlos, bleich und doch erhobenen Gemüths, denn ſein Sohn, der für das Vaterland gekämpft und ge⸗ blutet, war ja wieder in ſeiner Obhut, ſeinem Hauſe und vor allen Dingen in Gottes Hand— ging ein⸗ ſam im Garten auf und nieder. Nur bisweilen ſchaute er durch das Fenſter in den Speiſeſaal, in welchen, als dem geräumigſten, luftigſten Gemache des ganzen Hauſes, der Kranke gebettet war, und dann ruhte ſein Blick mit einer ihm neuen Innigkeit 230 und Zärtlichkeit auf der ſtill vor ſich hin weinenden Agathe, deren Herz und Geiſt ſich dieſen Morgen ſei⸗ nem Vaterauge geöffnet hatte. Hierher in den Gar⸗ ten folgte ihm ſehr bald Helene, und ein langes Ge⸗ ſpräch, das erſte, ſeitdem er wieder im Hauſe war, er⸗ leichterte ihm die Bruſt und er theilte darin der Freundin Alles mit, was er zu erleben und zu füh⸗ len in der Lage geweſen war. „So wiſſen wir alſo, Helene,“ ſchloß er ſeinen Bericht,„was Agathe uns Allen bisher verborgen hat; laſſen wir, um des armen Mädchens Gefühle zu ſcho⸗ nen, Gertrud glauben, daß ſie auf meinen Wunſch den Ausflug gemacht— wir aber wollen Gott bit⸗ ten, daß er uns Friedrich erhalte und ihm mit ſeiner Geneſung zugleich die Fähigkeit gebe, den ganzen Edelmuth und die völlige Hingebung eines Weſens zu erkennen, welches er bisher nur als ſeine Schwe⸗ ſter betrachtet hat. So ſei es!“— Was den letzten Punkt betraf, ſo ſchien ſich der Capitain aber auch diesmal im Charakter und Herzen ſeines Sohnes getäuſcht zu haben. Das erſte Gefühl deſſelben wenigſtens, als er nach einem Tage der Ohnmacht und Sprachloſigkeit zum Bewußtſein er⸗ wachte, war das des Widerwillens, als er neben ſei⸗ ner Mutter auch ſeine Schweſter am Lager ſah. Er verband nun einmal mit dem Gedanken an ſie den Gedanken an ſeinen Bruder Erik. Sein Bruder Erik aber war von jeher ein Freund der Dänen geweſen und kämpfte auf ihrer Seite. Er ſelbſt aber hatte als Deutſcher gegen die Dänen und alſo gegen ſeinen Bruder gekämpft. Agathe war daher eine Abtrünnige in ſeinen Augen, in ſeinem Herzen, und wir wollen es dem Schwerverwundeten auf ſeinem Schmerzen⸗ lager nicht verargen, wenn er im nagenden Gefühle ſeiner vermeintlichen Hintanſetzung ſein Geſicht von dem ihrigen abwandte und ſeine Hand den roſigen Fingern entzog, die ihn auf der langen Fahrt jenes Unglückstages ſo wohl gebettet und jetzt im väter⸗ lichen Hauſe ſo zärtlich gepflegt hatten. Siebentes Vapitel. Die deutſchen Freiſchaaren und der däniſche Spion. Nach dieſem Ausbruche des Kriegsvulkans, der die Bewohner Emmerslund's in Schrecken und Beſorgniß verſetzt hatte, trat wieder eine Zeit der Ruhe ein; es war, als ob die Schickſalsmächte Erbarmen mit der troſt⸗ loſen Mutter hätten, die ſich Tag und Nacht der zärt⸗ lichſten Pflege des kranken Sohnes hingab, und als ob ſie ihr eine kurze Friſt gönnen wollten, ſich wieder auf einen neuen Schlag zu rüſten und zu ſtärken. Wohl zogen Kriegsſchiffe dann und wann am An⸗ dreasberge vorbei nach Apenrade, um hie und da einige Kugeln an's Land zu ſchleudern, wohl tönte von den Inſeln und Sunden im Süd⸗Weſten täglich eine kürzere oder längere Kanonade herüber, aber auf Emmerslund ſelber hatten dieſe Ereigniſſe keinen Be⸗ zug, es ſchien gänzlich aus dem Bereiche des Krieges herausgeriſſen zu ſein, an den es für jetzt nur durch den Hinblick auf den ſiechen Friedrich erinnert wurde. Was die von Seiten des alten Wundarztes ſo bald in Ausſicht geſtellte Geneſung betraf, ſo hatte der gute Mann ſich diesmal mehr denn je geirrt oder die Verwandten des Kranken abſichtlich getäuſcht. Namentlich der eine Säbelhieb, der beinahe von einem Ohre bis zum anderen reichte und in der Mitte des Schädels durch einen Theil des Knochens gedrungen war, brachte ſehr üble Erſcheinungen hervor und gab lange den traurigſten Befürchtungen Raum. Ein hef⸗ tiges nervöſes Fieber hatte ſich des Kranken bemäch⸗ tigt, der nun in wilden Phantaſieen dalag, tauſend Schlachten mit den Dänen lieferte und ſtündlich mit ſeinem Bruder in blutigem Streite lag. Ach! welch ein Troſt war das für die arme Mutter, wenn ſie den einen Sohn wuthentbrannt über den anderen herfallen ſah, wie blutete ihr das Herz, wenn Erik's Name, der ihrem Herzen ſo theuer war, mit dem eines Vaterlandsverräthers, eines Abtrünnigen und Brudermörders verbunden wurde. Und doch mußte es ertragen werden, doch durfte ſie den, der ſo ſprach, nicht unmütterlich von ſich weiſen, ja ſie mußte ihn mit um ſo ſorgfältigerer Liebe bewachen, behüten, * 234 damit ſich nicht erfülle, was er ſo oft im Delirium ſprach, daß der Verrath eines Bruders den andern getödtet habe. Unter dieſen Umſtänden war nicht daran zu den⸗ ken, daß Friedrich ſo bald hergeſtellt werden würde und zu ſeinem Regimente zurückkehren könne. Der Capitain ſchrieb daher einige Tage ſpäter einen den Zuſtand des Sohnes ſchildernden Brief an den Füh⸗ rer der Freiſchaaren, damit dieſer über die Abweſen⸗ 4 heit ſeines Freiwilligen Aufſchluß erhielt und den 1 Dragoneroberſten, zu deſſen Regiment der Verwundete gehörte, von der Sachlage in Kenntniß ſetzte. Hans Blachmann ritt nun mit dieſem Briefe nach Apen⸗ 6 rade, übergab ihn der rechten Perſon, hielt ſich einige Stunden, um nothwendige Einkäufe zu machen und 13 Arzneien zu beſorgen, daſelbſt auf, und kam dann mit einem ganzen Sacke voller Neuigkeiten wieder nach Emmerslund zurück. Die deutſchen Freiſchaaren, die unter Oberſtlieute⸗ nant von der Tann eben einen ſo herrlichen Sieg er⸗ fochten, hatten ſich unterdeß mit denen, welche Haupt⸗ mann Albdoſſer befehligte, vereinigt und hielten nun 6 Apenrade beſetzt. Dieſe friedliche Stadt aber, erzählte Hans Blachmann, könne kein Menſch wieder erken⸗ nen. Die Straßen wären durch hölzerne und ſteinerne 235 Mauern verſetzt und Niemand könne mehr hindurch. Hinter dieſen plötzlich entſtandenen Mauern aber— wir wiſſen, daß es Barrikaden waren— ſtänden die wildeſten Geſtalten, mit Büchſe und Hirſchfänger be⸗ waffnet, und hätten auf Tod und Seligkeit geſchwo⸗ ren, die Stadt gegen die Dänen, wenn ſie kommen ſollten, zu vertheidigen. Bis jetzt aber wären ſie nicht gekommen, und ſelbſt ihre Dampfſchiffe, die bis⸗ weilen bis dicht vor den Hafen ruderten, legten ſich nicht mehr vor Anker, ſondern zögen es vor, im wei⸗ ten Bogen davor umzuwenden und ſich die Vorgänge nur aus der Ferne ſo genau wie möglich zu betrach⸗ ten. Uebrigens lebten die deutſchen Jünglinge in Saus und Braus, tränken mitten auf dem Markt⸗ platze Punſch, und Geſang und Gelächter, Tanz und Vergnügen ſchallte aus allen Häuſern, ſo daß man ſich, wenn man das Alles ſähe, unmöglich denken könne, dieſe jungen Leute mit den heiteren Geſichtern ſeien jeden Augenblick bereit, ſich mit den finſteren Dänen auf Tod und Leben zu ſchlagen. Nächſtens aber würde man in Emmerslund ſelbſt das Vergnü⸗ gen haben, ſie zu ſehen, denn Einige hätten ſchon da⸗ von geſprochen, Patrouillen nach dem Andreasberge und der Mündung des Meerbuſens zu ſenden, um von dem hügeligen Lande das Meer und die Um⸗ 236 gegend zu beobachten, da man beſorgte, die Dänen würden nächſtens wieder mit großer Macht einen Ein⸗ fall wagen und ganz Nordſchleswig bedrohen. Letz⸗ teres war bereits in Erfüllung gegangen und 15000 Dänen hatten ſich im Süden des Amtes Hadersleben gegen die andringenden Deutſchen verſchanzt. Dieſe Nachrichten, die alle wahr und keineswegs übertrieben waren, brachten auf die Gemüther der ſchon hinreichend in Anſpruch genommenen Frauen eben keine beruhigende Wirkung hervor, während An⸗ dreas nicht abgeneigt ſchien, die Männer, die er ſo wacker im Kampfe und aus der⸗ Ferne geſehen, nun auch einmal in der Nähe kennen zu lernen. Allerdings waren die Freiſchaaren an vielen Orten gefürchtet und nicht immer bemüht geweſen, dem ſchlimmen Rufe, der ihnen bei Freund und Feind vorausging, durch die That zu widerſprechen. Allein man würde ſehr Unrecht thun, wenn man ſämmtliche Freiſchaaren in eine Klaſſe verſetzen und dieſe allgemein verurtheilen wollte. Wiederholt zwar war das ganze Corps auf⸗ gelöſt und wieder neu organiſirt, viele rauhe Steine, die in den geordneten Bau des Ganzen nicht paßten, waren ausgemerzt worden, allein es waren noch ge⸗ nug räudige Schafe übrig geblieben, und gerade die bevorſtehende Zeit ſollte es lehren, daß viele von ihnen 237 des ruhmreichen Kampfes, um deſſenwillen ſie gekom⸗ men, nicht würdig wären. Viel und Mancherlei iſt über die Freiſchaaren im deutſch⸗däniſchen Kriege geſchrieben und geſprochen worden, Wahres und Falſches, und ſelbſt von mili⸗ tairiſcher Seite hat man die Hülfe derſelben nicht im⸗ mer richtig angeſchlagen; wer ſie aber nur nach ein⸗ zelnen wilden Geſtalten, die ihm zu Geſichte gekom⸗ men, oder nach den hie und da unter ihnen an's Tageslicht getretenen Umſturzideen beurtheilen wollte, würde ſich ein durchaus mangelhaftes Bild von ihnen entworfen haben. Gewiß waren viele Barrikaden⸗ männer und Baſſermann'ſche Geſtalten unter ihnen, die ſich in ihrem Vaterlande vom Geiſte des Auf⸗ ruhrs hatten verlocken laſſen und nun in Schleswig ihr begonnenes Werk fortzuſpielen geneigt waren; es gab ſogar eine Compagnie unter ihnen, die allgemein verrufen war, nicht allein wegen ihrer communiſti⸗ ſchen Geſinnungen, ihres unordentlichen Wandels und der Gewaltmaaßregeln, die ſie den militairiſchen Ge⸗ ſetzen, denen ſie im Ganzen unterworfen ſein mußten, entgegenzuſetzen pflegten, ſondern auch wegen des Ungehorſams, den ſie ihren ſelbſtgewählten Führern bewieſen. Allein dieſe Aufrührer und Unholde ſtan⸗ den im Ganzen vereinzelt da und das übrige Corps —— 6 238 hielt ſich von ihnen ſo viel wie möglich fern, war auch ſehr zufrieden, als jene Compagnie endlich auf⸗ gelöſt und nach Rendsburg geſchickt wurde. Der grö⸗ ßere Theil der Freiſchaaren beſtand vielmehr aus jun⸗ gen, willenskräftigen, bisweilen wohl leichtſinnigen, aber nicht unedlen Männern, die ihr Leben täglich in die Schanze ſchlugen, um dem deutſchen Vaterlande auch im Norden eine ſtarke Stütze zu ſein; ſie waren aus allen Ländern, allen Klaſſen der Geſellſchaft her⸗ beigezogen und verriethen ſchon durch ihr äußeres Auftreten einen Grad von Bildung, der dem gemei⸗ nen Soldaten in Reih und Glied vollkommen ab⸗ ging. Daß aus allen dieſen Gründen das Verhält⸗ niß zwiſchen ihnen und dem regelmäßigen Militair nicht immer ein freundſchaftliches ſein konnte, liegt in der Natur der Sache, denn ein Freiſchaarencorps wird immer und überall ein für ſich beſtehendes Ganze bilden, welches nach eigenen Geſetzen regiert, nach Ausnahmsregeln verwandt und alſo auch beurtheilt werden muß, während der in Reih und Glied ſtehende Soldat immer nur Soldat und weiter nichts, daher aber an eine weit ſtrengere Pflichterfü–rlung und un⸗ wandelbareren Gehorſam gebunden iſt. Patriotismus aber war nur Wenigen von ihnen abzuſprechen, Muth hatten ſie faſt Alle, wie ſelten ein Klopffechter, und 239 ſeitdem es gelungen war, ihnen einen Führer zu ge⸗ ben, dem ſie mit beinahe abgöttiſcher Liebe ergeben und der dabei vollkommen im Stande war, ihren Geiſt zu begreifen und ihre Kraft zu beherrſchen, konnte es nicht mehr zweifelhaft ſein, daß ſie in dem vorliegenden Kriege eine wichtige Unterſtützung und vielleicht von ſehr großer Bedeutung geweſen wären, wenn nicht die kritiſchen Umſtände der Zeit ihnen einen Zügel anzulegen verlangt hätten. So rückte denn die Zeit heran, wo dieſe Frei⸗ ſchaaren auch in die Umgebung von Emmerslund ge⸗ zogen wurden. Täglich waren ſchon ihre Patrouillen, die bis über die Gjenner⸗Bucht hinausſtreiften, an dem Gehöfte des Capitains vorübergezogen, aber man war allgemein mit dem Kranken im Innern ſo viel beſchäftigt, daß man auf die außen vorgehenden Dinge weniger Acht gab. Täglich auch fanden zwiſchen die⸗ ſen und däniſchen Patrouillen, die von Hadersleben her die Gegend unſicher machten, kleine Scharmützel ſtatt, aber etwas Ernſtliches und die Bewohner von Emmerslund unmittelbar Berührendes war noch nicht vorgekommen. Endlich rückte die unterdeß holſteiniſche Armee unter dem Prinzen von Noer in Apenrade ein, um gegen die große däniſche Armee im gewachſene ſchleswig⸗ 35 240 „Norden ernſtlich zu operiren, und nun vertheilten ſich die Freiſchaaren über den ſchönen Landſtrich, der ſich öſtlich von der Apenrader Straße nach dem Meere, von der Inſel Arröe an bis zu dem Buſen von Apenrade zieht, bezogen in der Nähe von Emmerslund ein Bivouak und traten ſo mit den Bewohnern deſ⸗ ſelben in nähere Verbindung. Was ſich hieraus im Bereiche unſerer Erzählung entſpann, wird das ge⸗ genwärtige Kapitel lehren, zu erwähnen iſt nur noch, daß um dieſe Zeit die Schleswig⸗Holſteiner zum er⸗ ſten Male allein den Dänen eine ernſtliche Schlappe beibrachten, wobei die Freiſchaaren ebenfalls rühmlich betheiligt waren. Und das iſt der Kampf vor der Beſetzung der Stadt Hadersleben, bei der ſich die Hol⸗ ſteiner durch eben ſo große Kühnheit, wie die Dänen durch ihre entſchiedene Feigheit auszeichneten. Denn letztere, anſtatt dem an Zahl und Kanonen wieder bei Weitem ſchwächeren und ſo oft verhöhnten Feinde mannhaft entgegen zu treten, flüchteten auf eine Weiſe aus Hadersleben, die in den Annalen jenes Krieges unauslöſchlich ſein wird. Voller Furcht, von den Schleswig⸗Holſteinern umzingelt und gefangen, oder der deutſchen Armee in's Netz getrieben zu wer⸗ den, bewerkſtelligten ſie eine nächtliche Flucht, die den Haderslebenern viel zu lachen gab. Um ungehört —— —— 241 aus dem Bereiche der Feinde zu kommen, umwickel⸗ ten ſie die Räder ihrer Kanonen mit Stroh, zogen ihren Pferden Strümpfe an, und ſelbſt die Soldaten, die Stiefel in der Hand, verließen auf Socken die Stadt und deren nächſte Umgebung. Um aber auch von anderer Seite her ihrem Namen Ehre zu machen und ſich für ihre moraliſche Niederlage an der ſchwä⸗ cheren Partei zu rächen, ermangelten ſie nicht, vor dieſer Flucht den deutſchgeſinnten Haderslebener Bür⸗ gern ein Denkzeichen ihres Dageweſenſeins aufzurichten. Ohne Säumen ſchleppten ſie alle, von ihren Spionen als Deutſchgeſinnte verrathene Männer nach Norden, mißhandelten Damen aus der Stadt, bei denen ſie angeblich nach deutſchen Fahnen ſuchten, und trieben überall den ſchändlichſten Unfug. Daß die Freiſchaa⸗ ren ihrerſeits in Wiedervergeltung dieſer Gräuelſcenen nicht zurückblieben, läßt ſich bei dem freigeiſtigen Sinne vieler Einzelner von ihnen vorausſetzen, die Veran⸗ laſſung dazu aber wurde immer von den Dänen ge⸗ geben, die von Hoptrup her einen ſolchen Reſpekt vor den Freiſchaaren hatten, daß ſie ihnen, um ihre Furcht zu bemänteln, einen Bund mit dem Teufel zuſchrie⸗ ben, mit dem ein chriſtlicher Menſch, wie bekannt, ja nicht kämpfen kann. So waren die Dänen wieder über die Königsau A. Burns. II.. 16 8 242 gejagt und abermals zog General Wrangel ihnen nach und ſchlug ſein Hauptquartier in Chriſtiansfelde auf, wo er den Feind, wie man zu ſagen pflegt, be⸗ obachtete und ihn bei Gelegenheit in einzelnen klei⸗ nen Vorpoſtengefechten ſchlug. General Halkett dage⸗ gen ſtand immer noch im Sundewitt, einen neuen Anfall der Dänen von Alſen aus abzuwarten. So 3 hatten die großen Mächte Ruhe, der Krieg ſelbſt fing an etwas ſchläfrig geführt zu werden, die Nachrichten von einem baldigen Waffenſtillſtande wurden immer lauter, und ſchon glaubte ſelbſt Andreas Burns das. Ende des blutigen und doch vergeblichen Krieges ge⸗ kommen, als er noch einmal aus ſeiner Ruhe ge⸗ ſchreckt und diesmal ſehr ernſtlich daran erinnert wer⸗ den ſollte, daß man den Tag nicht vor dem Abend loben dürfe. Kehren wir jetzt zu ihm und ſeiner Familie zu⸗ rück. Es war der Juli gekommen,; einzelne Frei⸗ ſchaarenabtheilungen zogen hin und her und berührten bisweilen das Gehöft, wo ſie gaſtfrei aufgenommen und mit Vorräthen aus Keller und Küche reichlich be⸗ dacht wurden. Die Frauen hatten, als ſie die ge⸗ fürchteten Männer aus der Nähe geſehen, ihr Vorur⸗ theil aufgegeben und den freudigen Muth derſelben, mit dem ſie das ungewohnte Kriegshandwerk betrieben, 243 bewundert, und als nun gar Einige ſich nach dem Befinden des Verwundeten theilnehmend erkundigt, hatte ſelbſt Gertrud ihnen ihre Gunſt geſchenkt und dieſelbe durch Erſchließung aller ihrer Vorräthe be⸗ thätigt. So war der 5. Juli angebrochen und hatte eine größere Schaar der jungen Vaterlandsvertheidiger ge⸗ bracht. Am Morgen hatten ſie ein Frühſtück auf Emmerslund eingenommen und waren dann öſtlich und nördlich gezogen, um die Küſten dieſes Landes⸗ theiles zu beobachten und den Feind von heimlichen Landungen abzuhalten, wozu er ſchon mehrmals Luſt bezeigt. Auf dem bewaldeten Hügel, nicht weit hin⸗ ter Capitain Kühlwetter's Hauſe, welches noch immer leer ſtand, weil ſein Beſitzer auf Emmerslund wohnte, hatten ſie ein Bivouak bezogen und ſandten von dort aus ihre Patrouillen rings umher, ein wachſames Auge zugleich auf das Meer und das innerhalb der Küſten gelegene Land gerichtet. Nur eine kleine Abtheilung von ihnen war auf dem Hofe des Ca⸗ pitain Burns geblieben, um von der Warte aus den Feind im Auge zu behalten; ein Mann ſtand Tag und Nacht auf der Höhe, während die anderen im Hofe oder in der Umgegend ihrem Belieben nach⸗ gingen. * 5 16 244 Als es Abend geworden war, ließ der Capitain ſein Pferd ſatteln, um das Bivouak im Walde zu beſuchen. Als ſein alter Matroſe, der das Geſchäft des Stall⸗ dieners verſah, den Grauſchimmel auf den Hof führte, flüſterte er ſeinem Herrn eine ſonderbare Mittheilung zu. Am Nachmittag, ſagte er, ſei ihm unten am Strande, zwiſchen den Holzungen der anſteigenden Hügel, ein Mann begegnet, der ein verdächtiges Ausſehen gehabt. Er habe ſich genau nach allen Verhältniſſen der Be⸗ wohner in der Gegend erkundigt und zuletzt gefragt, wann er den Capitain am ſicherſten allein auf ſeinem Zimmer ſprechen könne. „Und was haſt Du ihm geantwortet?“ fragte der Capitain, der keine große Bedeutung auf dieſe Mit⸗ theilung legte, indem er in den Sattel ſtieg. „Was ich ihm unter dieſen Umſtänden antworten konnte, Cap'tain, daß Ihr den ganzen Tag zu Hauſe und von Jedermann zu ſprechen wäret.“ „Und begnügte er ſich nicht damit?“ „Nicht ſo ganz, Cap'tain; er ſchien keine Luſt zu haben, bei Tage den Berg zu erſteigen und wollte ſeinen Beſuch auf den Abend verſchieben. Wenn er nun kommt— was ſoll ich ihm ſagen?“ „Daß er warten mag, wenn er mich ſprechen muß. Adieu!“ 245 Der Capitain ritt langſam fort und hatte bald den angekündigten Beſuch vergeſſen. Es war noch immer ſehr warm, obgleich ſchon der Thau zu fallen begann und die Sterne allmälig aus dem lichten Himmelsraume hervorblickten. So gelangte er, im Schritt ſich bewegend, in einer kleinen halben Stunde an das Bivouak, welches die Freiſchaaren inmitten eines kleinen Gehölzes auf dem höchſten öſtlich gele⸗ genen Hügel der Küſte aufgeſchlagen hatten, wo ſie Kochlöcher gruben und darin ihren Punſch brauten, denn Punſch, ſelbſt in dieſer Jahreszeit, war ein Lieblingsgetränk der jugendlichen Krieger. In dieſem ziemlich weit ausgedehnten Bivouak ging es mehr luſtig als militdiriſch her. Um ein hohes und laut praſſelndes Feuer ſaßen und lagen ſie herum, ſprachen und ſangen, wie ihnen die Laune kam, und ſahen bei Weitem mehr einer vergnügten Burſchenſchaft ähnlich, als einer auf Vorpoſten ſtehenden Kriegerſchaar. Das helle Feuer unter den roſig angehauchten Blät⸗ tern beleuchtete ſeltſam die halb lebhafte, halb ruhende Gruppe, deren kräftige Geſtalten in ihren maleriſchen Trachten ein nicht unbehagliches Bild darboten. Ab⸗ und zugehende Patrouillen ſtörten ſie nicht in ihrem Genuß; ohne ſoldatiſche Formen, die Büchſe nach⸗ läſſig geſchultert oder in der Hand tragend, wie es 246 ihnen gerade behagte, traten die Abgelöſten heran, ließen ſich wohlgemuth am Feuer nieder, tranken ein Glas des immer dampfend gehaltenen Gebräues und berichteten beiläufig, was ſie geſehen und erlebt hatten. Andere dagegen traten ebenſo ſorglos aus dem Kreiſe hervor, ſchnallten ſich den Hirſchfänger oder den klap⸗ pernden Kavallerieſäbel um, ſchulterten ihre Büchſe und ſchritten lachend und ſcherzend in den Wald hinein. Der Capitain richtete auf alle dieſe, ihm neuen Vorgänge ſein Augenmerk und wunderte ſich über den Leichtſinn, mit dem hier das Kriegshandwerk betrie⸗ ben wurde, denn einige mit bewaffneter Mannſchaft gefüllte Boote, von den nahen Schiffen des Feindes abgeſendet, hätten hingereicht, das ganze Häuflein zu umzingeln, niederzumachen oder gefangen fortzuführen. Er machte einige der ihm bekannten Herren auf dieſe Gefahr aufmerkſam, ſprach aber zu tauben Ohren, denn man war an keine andere Sicherung gewöhnt und verließ ſich auf die trillernden Vorpoſten, die am Rande des Gehölzes aufgeſtellt waren und die See im Auge behielten. Andreas, nachdem er das darge⸗ reichte Punſchglas aus der Hand eines Offiziers an⸗ genommen und dem freundlichen Zuſpruche Beſcheid gethan, verabſchiedete ſich nach kurzem Verweilen und 4 — —,— 247 ritt dem Rande des Waldes zu, wo er die vielge⸗ rühmten Vorpoſten ſorglos im Graſe liegen fand. Von ihnen vernahm er zufällig, daß man ſchon mehr⸗ mals während des Tages auf eine verdächtige Per⸗ ſon Jagd gemacht, die ſich ſeit zwei Tagen in der Nähe gezeigt habe, durch das Land ſtreiche, überall Erkundigungen einziehe und nach Mitternacht ge⸗ wöhnlich in einem Boote, bald von dieſer, bald von jener Stelle des Ufers aus, nach den am Warnitz⸗ Kopf vor Anker liegenden Schiffen fahre. „Und kommen die Boote von dem Schiffe, um ihn zu holen?“ fragte Andreas. „So ſcheint es, obgleich man ſie weder abfahren noch anlegen ſieht. Sie müſſen die Stelle mit dem Manne verabredet haben, wo ſie ihn jede Nacht ab⸗ holen wollen und ſich in der Nähe in einer Bucht verſteckt halten, denn plötzlich erſcheinen ſie der Mann ſteigt ein und fährt an Bord.“ „Dann iſt es ein Spion, der zu beſonderem Zwecke von den Schiffen zu gelegener Zeit herübergefahren wird.“ „Das meinen wir auch, und er muß heute ſchon wieder am Lande ſein, denn man will ihn geſehen haben; bis jetzt aber iſt noch kein Boot vom Schiffe 248 da drüben abgeſtoßen, wir halten ein wachſames Auge darauf.“ „Und wo will man ihn bemerkt haben, meine Herren?“ „Vor dem kleinen Hauſe da unten, weſtlich von hier, wo der Capitain Kühlwetter wohnt— ſo heißt er, glaube ich.“ Andreas ſchwieg und bedachte ſich. Vielleicht war das derſelbe Mann, der ihn hatte ſprechen wollen. Die Sache fing an, ihn zu intereſſiren, um ſo mehr, da das vor Anker liegende Schiff der wohlbekannte Neptun war. Doch in der Ungewißheit, ob es nicht vielleicht doch eine zweite Perſon wäre, ſchwieg er und ritt endlich langſam davon, um bei dem Bivouak vorüber nach Hauſe zurückzukehren. Kaum aber hatte er die Flamme des noch immer lodernden Feuers in’s Auge gefaßt, ſo bemerkte er, daß ſich der auf einem Fleck verſammelte Haufe in vorher nicht dage⸗ weſener Aufregung befand. Alle waren von ihren Plätzen aufgeſprungen und drängten ſich auf jenem Fleck zuſammen. Andreas ritt näher und hörte, daß man einen Spion gefangen habe, und auf ſein Befragen erfuhr er, daß es derſelbe Mann, der ſchon längere Zeit in der Umgegend umhergeſtreift, und wahrſcheinlich alſo auch Derjenige ſei, der des — 249 Nachts auf einem Boote nach dem Neptun zu fahren pflege. Der aufgegriffene Mann, mochte er nun ein Spion ſein oder nicht, befand ſich in keiner benei⸗ denswerthen Lage. Mit feſten Stricken an einen Baumſtamm gebunden, ſtand er vor ſeinen Fängern, die eben berathſchlagten, ob ſie nicht das Recht hätten, auch zugleich ſeine Richter zu ſein. Einige ſehr leb⸗ hafte junge Burſche wollten ihn ſogleich am erſten beſten Baume aufgeknüpft oder erſchoſſen ſehen, wäh⸗ rend Bedächtigere die Meinung ausſprachen, daß ſeine Schuld ja noch gar nicht erwieſen ſei. Auf alle Fra⸗ gen, die man dem Gefangenen vorlegte, antwortete er ruhig und mit großer Ueberlegung. Er ſei keines⸗ wegs ein Spion, vielmehr ein armer Bauer aus der Gegend von Hadersleben, er habe ſchon ſeit zwei Tagen nach Hauſe gewollt, ſich aber immer ge⸗ ſcheut, mitten durch die hin und herziehende Armee zu gehen. Auf die Frage, was er denn in der Gegend gewollt und warum er ſein Haus verlaſſen, be⸗ klagte er ſich bitter über die Gewaltthat einer Abthei⸗ lung holſteiniſcher Soldaten, zumal er ſelber ein ſo guter Deutſcher ſei, wie ſie. Er habe Kranke nach Apenrade gefahren und auf dem Rückwege habe man ſein Fuhrwerk angehalten, ihn für einen Spion er⸗ 250 klärt, vom Wagen geworfen und ſei mit den Pferden, ſeinem einzigen Beſitzthume, davon gefahren. „Das iſt eine Lüge!“ rief ein hoher ſchlanker Mann, der eine Offtzierſtelle bekleidete.„Das thun wohl Dänen, aber keine Holſteiner. Ihr habt Euch verplempert, Landsmann, geſteht es oder Ihr bekommt eine Tracht Prügel und werdet nach Apenrade vor's Kriegsgericht geſchickt. Habt Ihr was Schriftliches bei Euch?“ „Ach nein, meine Herren, Sie können meine Ta⸗ ſchen durchſuchen.“ Ein Mann trat an ihn heran, band ihn vom Baume los, ließ ihn alle Kleider ablegen und durch⸗ ſuchte ſie genau, aber nichts wurde bei ihm vor⸗ gefunden. Andreas ſtand aufmerkſam in der Nähe und ſah den Vorgang mit an. Bei der unregelmäßigen Be⸗ leuchtung des auf und nieder flackernden Feuers konnte er das Geſicht und die Haltung des Mannes nicht genau in's Auge faſſen, aber Eins erweckte unbedingt ſeinen Verdacht, daß er nicht die ganze Wahrheit ge⸗ ſagt. Denn der Mann, der ein Bauer aus dem Haderslebenſchen zu ſein vorgab, ſprach den Dialekt jener Leute nicht, vielmehr ſprach er ein ſehr deut⸗ liches, ziemlich reines nnd nur mit Mühe oder Abſicht 251 gebrochenes Deutſch. In ſeinem geraden und offenen Weſen aber ein Feind aller Menſchenjägerei, ſelbſt unter dieſen Umſtänden, und von der Anſicht aus⸗ gehend, daß ihn dieſer Mann am wenigſten kümmere, ſagte der Capitain den Freiſchaaren gute Nacht und ritt langſam nach Hauſe. Kaum aber war er in die Nähe ſeines Hofes gelangt, ſo holte ihn ein ſchnell fahrender Bauerwagen mit drei bis vier Freiſchaaren ein, die den Gefangenen in der Mitte hatten, der ſeinerſeits rückwärts im Wagen und mit gebundenen Händen und Füßen ſeinen Begleitern gegenüberſaß. „Ha, Capitain,“ redete ihn der Führer des Wa⸗ gens an,„erlauben Sie, daß wir den Mann hier für dieſe Nacht in Ihrem Hofe bewachen? Wir wollen ihn bei uns behalten und er ſoll eine Abtheilung morgen nach Hadersleben führen, wo er ſein Haus hat. Da wird es ſich ausweiſen, ob er uns belogen hat oder nicht, und die Freiheit oder eine Kugel iſt ihm dann gewiß genug.“ Dem Capitain widerſtand dieſe Zumuthung aus Gründen, deren er ſich nicht klar bewußt war.„Warum behalten Sie ihn nicht im Walde, meine Herren,“ ſagte er,„unter Ihnen iſt er ſicherer, als in meinem Hofe.“ „Der Meinung ſind wir eben nicht. Im Walde 252 entwiſcht es ſich leichter als aus einem Hauſe, und was die Sicherheit bei Ihnen anbelangt, ſo werden wir ihn mit Ihrer Erlaubniß ſelber bewachen.“ „Dann iſt es Ihre Sache, meine Herren, nicht die meinige. Ein Obdach will ich ihm nicht verſagen. Folgen Sie mir.“ Und er ritt, an den Thorweg, an den er dreimal ſtark klopfte, worauf er ſogleich von innen geöffnet wurde. Unmittelbar hinter dem voranreitenden Ca⸗ pitain folgte der Wagen mit den Freiſchaaren und dem Gefangenen, der ſich ganz ruhig in ſein Schick⸗ ſal ergab. Andreas aber, nachdem er Befehl gegeben, in welche Scheune er gebracht und daß ihm Stroh, Speiſe und Trank geboten werde, trat einigermaßen unzufrieden in ſein Haus ein. Die drei Frauen, die in einer Ecke des großen Krankenzimmers beiſammen ſaßen und leiſe ſprachen, während der Kranke in ſanftem Schlummer lag, der ihn erſt ſeit einigen Tagen erquickte, hatten an dem Hundegebell auf dem Hofe die Rückkehr des Haus⸗ herrn erkannt; bald darauf ſahen ſie ihn auch leiſe bei ſich eintreten, begrüßten ihn und vernahmen von ihm die Schilderung der abendlichen Scene, der er im Walde beigewohnt, ohne daß er jedoch der Er⸗ greifung des Spions und ſeiner jetzigen Anweſen⸗ 1 heit im Hofe Erwähnung that. Nachdem dies ge⸗ ſchehen, trat er an das Bett des Sohnes und bückte ſich über ihn; da er ihn aber ruhig ſchlummern ſah, erhob er ſich wieder befriedigt und ſagte den Frauen gute Nacht.„Und wie habt Ihr heute Nacht Eure Wache eingetheilt?“ fragte er. „Ich wache bis zwölf,“ entgegnete die Mutter, „Agathe bis vier Uhr, und dann kommt Helene an die Reihe.“ „Ihr ſeid drei mitleidige Seelen— Gott ver⸗ gelte es Euch! Gute Nacht, Gertrud; gute Nacht, Helene; gute Nacht Agathe!“ Und er küßte die Letztere, wie er es ſelten ſo innig zu thun pflegte, auf die Stirn und drückte ihre Hand, denn er hatte die Pflegetochter von Tage zu Tage lieber gewonnen, ſeitdem er ihre Herzensneigung ſo überzeugend wahr⸗ genommen. Als er die Frauen verlaſſen, begab er ſich in ſein Zimmer, und da er noch keine Neigung zum Schlafe verſpürte, nahm er ein Buch zur Hand und las. Aber er blieb nicht lange ungeſtört, denn kaum war er fünf Minuten auf dieſe Weiſe beſchäftigt, ſo pochte es an die Thür und auf ſeinen Zuruf erſchien der alte Matroſe, der ihm vorher die Mittheilung ge⸗ macht, daß ihn ein Fremder zu ſprechen wünſche. „Nun, Peter, was giebt's? Tritt näher, Mann.“ Der ſo freundlich Angeredete trat behutſam und etwas ſchüchtern in das Zimmer ſeines Herrn, denn nur ſelten rief dieſer einen Diener zu ſich herein, da er ſeine Befehle gewöhnlich draußen oder vom Fenſter aus ertheilte.„Cap'tain,“ ſagte er und legte einen Finger an die Naſe, zum Beweiſe, daß es etwas Wich⸗ tiges ſei, was ihn beſchäftige—„Habt Ihr vergeſ⸗ ſen, was ich Euch heute Abend von dem Manne ſagte?“ „Nein, Peter, iſt er da, dann laß ihn herein.“ „Jd wohl iſt er da, aber hinten in der Scheune, und eine Wache ſteht vor ſeiner Thür, denn es iſt der Gefangene, den Ihr ſelbſt aus dem Walde mit⸗ gebracht.“ Der Capitain ſchaute hoch auf, erhob ſich von ſeinem Stuhle und trat dicht an den Knecht heran. „Jerſt Du Dich auch nicht, Peter?“ ſagte er ruhig. „Thuſt Du dem Manne nicht zu viel?“ „Nein, Herr, beim Teufel nicht zu viel— es iſt derſelbe, ich will bei meiner Mutter Grab darauf ſchwören. Auch habe ich mit ihm geſprochen, als ich ihm das Eſſen und den Krug Bier brachte und er hat mich dringend gebeten, ihm Zugang bei Euch zu verſchaffen. Er müſſe Euch von Angeſicht ſehen und ſprechen, ſagt er.“ „Was kann er von mir wollen?“ fragte Andreas ſich ſelber und ging einige Male im Zimmer auf und nieder.„Wenn er wirklich ein Spion iſt, ſo hat er mit mir am wenigſten zu ſprechen.“ „Er iſt aber kein Spion, ſagt er,“ erwiderte Peter, denn ſein Herr hatte die letzten Worte laut geſprochen, „und er habe Euch etwas Wichtiges zu ſagen, hat er mir zu wiſſen gethan.“ „So bitte einige von den Herren unſerer Ein⸗ quartierung, ſich zu mir zu bemühen, ich will ihnen den Fall vortragen.“ „Ja freilich, aber das mag er nicht gern, ich habe ihm gleich geſagt, daß Ihr—“ „Erfülle meinen Befehl und kümmere Dich nicht um des Gefangenen Wünſche.“ Peter verſchwand raſch wie ein Gedanke hinter der Thür, denn der Capitain hatte eben mit Quar⸗ terdecks Stimme geſprochen, und bald darauf traten zwei Freiſchaaren herein, die eben mit Capitain Kühl⸗ wetter eine Flaſche„ausgeſtochen“ hatten. Mit kur⸗ zen Worten ſtellte ihnen ihr Wirth die Sachlage vor und gab ihnen anheim, mit dem Gefangenen nach Belieben zu verfahren. — —— 256 „Ich ſehe darin gar nichts Verfängliches, wenn der Menſch mit Ihnen ſpricht, Herr Capitain,“ ver⸗ ſetzte der ältere Kämpe.„Es können Dinge ſein, die ſich auf Ihre Perſon beziehen und das geht Nie⸗ manden von uns etwas an.“ „Dann haben Sie die Güte, meine Herren, mir bei der folgenden Unterhaltung Geſellſchaft zu leiſten, damit Sie erfahren, was ein Mann, den Sie für einen Spion halten, mit Andreas Burns zu ſpre⸗ chen hat.“.— „Nein, Herr Capitain,“ ſagte der Jüngere— „Vertrauen gegen Vertrauen. Wenn die Ausſage des Mannes aber uns oder die Armee betrifft, ſo werde ich Ihr gehorſamer Diener ſein, ſonſt nicht.“ „Thun Sie, wie Sie wollen, meine Herren— ſoll ich zu dem Manne gehen oder wollen Sie ihn hierher begleiten?“ „Wir werden ihn ſogleich holen!“ Und die jun⸗ gen Männer entfernten ſich, ſprachen mit ihrem Ka⸗ meraden vor der Scheunenthür, öffneten dieſelbe und führten den Gefangenen, der noch beim Eſſen und während dieſer Zeit von ſeinen Feſſeln befreit war, in das Zimmer des Herrn vom Hauſe. Andreas ſaß auf ſeinem Seſſel, als der Fremde eintrat, und heftete einen ſeiner ſchärfſten und feſteſten %—— S———— S— 257 Blicke auf denſelben, dem dieſer mit einem frohlocken⸗ den, aber ſehr ſchnell vorübergehenden Lächeln— denn er hatte ja ſeine Abſicht erreicht— begegnete. Es war ein ziemlich kleiner, etwas wohlbeleibter Mann von anſcheinend vierzig Jahren. Sein Geſicht zeigte ſich etwas röthlich und gedunſen, als wenn er viel der Luft oder den Einwirkungen gewiſſer Flüſſig⸗ keiten ausgeſetzt geweſen wäre. Auf ſeinem dicken ſchwarzen Haar ſaß eine blauwollene Zipfelmütze, wie man ſie in jenen Gegenden von Landleuten Tag und Nacht getragen ſieht. Sein in Unordnung befindlicher Bart ſchien nicht ganz mit dem Haupthaare überein⸗ zuſtimmen, denn er war wenigſtens ſtellenweiſe von einer bedeutend lichteren Färbung. Seine Kleidung, obwohl die eines gewöhnlichen Bauers und aus gro⸗ ben Stoffen beſtehend, war faſt ganz neu und ſchien noch auf keines andern Menſchen Leibe geſeſſen zu haben. Alle dieſe Einzelnheiten hatte der Capitain mit ſeinem durchdringenden Blicke raſch erfaßt. Immer noch ſchwieg er, ſaß unbeweglich auf ſeinem Stuhle und blickte den Fremden fragend an. Endlich, da auch dieſer den Capitain mit etwas auffälliger Neu⸗ gierde betrachtete, unterbrach er das Schweigen und ſagte in ſeiner gewöhnlichen kurzen Art: A. Burns. II. 3 17 —— 4, ——ÿ ,;—————— / 258 „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr von mir?“ „Seid Ihr Capitain Andreas Burns von Em⸗ merslund, den ich vor mir ſehe?“ „Der bin ich— was wollt Ihr?“ „Hm! So ſtehe ich alſo vor einem mächtigen, reichen und vielgeprieſenen Manne in dieſer Gegend,— deſſen Angeſicht zu ſchauen ich lange getrachtet habe. Ich werde es nicht wieder vergeſſen— doch, was ich will? Ich will Euch nicht blos angaffen, ſondern Euch vor allen Dingen bitten, mir Gelegenheit zu geben, dieſe Nacht noch Euern Hof und das Ufer zu verlaſſen. Ja, Capitain, laßt mich frei und gebt mir das kleine Boot, was unten am Strande hinter der Inſel verſteckt liegt, und dafür will ich Euch auf eine andere Weiſe gefällig ſein.“ „Wie?“ rief Andreas, in Zorn auflodernd, und erhob ſich gegen den frech vor ihm ſtehenden Mann. „Das wagt Ihr mir in's Geſicht zu ſagen, den man für einen Spion zu halten das Recht hat— Ihr— mir, dem Andreas Burns? Doch ſtill“— und er be⸗ ruhigte ſich wieder und ſchaute den Mann gleichmü⸗ thiger an,„Ihr kennt mich ja nicht, ich muß Euch das zu Gute halten— wer ſagt Euch aber, daß ich ein Boot zu Euren Dienſten habe?“ „Nicht allein eins, ſondern mehrere und einen voll⸗ 259 kommen getakelten und ſegelfertigen Kutter obendrein, Capitain Burns!“ „Aha! Ihr habt das unterſucht und wollt Ge⸗ brauch davon bei Euren Freunden machen, wenn ich Euch nicht den Willen thue?“ „Nein, Herr Capitain!“ ſagte der Mann plötzlich mit einem durchaus anderen und gebildeteren Aus⸗ druck der Stimme, indem er ſich ſo frech und ſtolz wie möglich aufrichtete.„Nein, dieſe meine Mitthei⸗ lung würde zu ſpät kommen, denn man weiß längſt, daß Sie in Beſitz jenes Kutters und einiger Boote ſind, und wenn man irgend einen Vortheil davon hätte, ſie Ihren Händen zu entwinden, ſo würde man es längſt gethan haben. Allein es giebt einen Grund, warum man Ihnen Ihr Beſitzthum bis jetzt gelaſſen hat, und auf dieſen Grund mich ſtützend, habe ich es unternommen, mich in die Gefahr zu begeben, in die Hände der Freiſchaaren, dieſer Banditen und Räuber, zu fallen, denn ich bin nicht gekommen, um zu ſpio⸗ niren und aus den hieſigen Zuſtänden Nutzen zu zie⸗ hen, ſondern einzig und allein Ihnen und einem An⸗ deren, der Ihnen nahe ſteht, gefällig zu ſein.“ Andreas athmete hoch auf. Er ahnte ſchon den Zuſammenhang, aber ſein ganzer männlicher Stolz, ſeine unbeugſam redliche und deutſche Natur ſträubte 260 ſich gegen das Anſinnen des Mannes, den er jetzt in der That für einen Spion hielt. „Mein Herr,“ ſagte er kalt,„Ihre Sprache hat mir lange, ſchon heute Abend im Walde, verrathen, daß Sie nicht der ſind, für den Sie ſich ausgeben. Sie ſind kein Bauer, ſondern ein gebildeter Mann, ja ich will Ihnen einen noch größeren Beweis meiner Scharfſichtigkeit geben, Sie ſind kein geborener Däne, ſondern ein geborener Deutſcher, und um ſo mehr be⸗ dauere ich, der ich ſelbſt, wie Sie ohne Zweifel wiſ⸗ ſen, ein ehrlicher Deutſcher bin, daß Sie ſich ſo viel Mühe gegeben haben, um eine Maske, die Ihnen un⸗ ehrlich zu Geſichte ſteht, vorzunehmen, die ſo leicht zu durchſchauen iſt. Denn obwohl Sie Ihre Hände ab⸗ ſichtlich beſchmutzt haben, um ein Tagelöhner zu ſchei⸗ nen, ſo gewahre ich doch, daß dieſe Hände an feinere Arbeit und um einen anderen Tagelohn zu ar⸗ beiten gewöhnt ſind. Wie Sie ſich aber einmal in mir irrten, indem Sie der Meinung waren, ich würde Ihre Verkleidung vielleicht nicht durchſchauen, ſo irren Sie ſich auch das andere Mal, wenn Sie glauben, daß irgend ein Menſch auf der Welt, und wenn er mir ſo nahe ſtände, wie ein Menſch dem andern nur ſtehen kann, ſo viel Gewalt über mich hat, mich von meinen natürlichſten Pflichten abwendig zu machen. 261 — Wenn Sie mir jetzt noch etwas zu ſagen haben, ſo ſprechen Sie es raſch aus, denn ich fühle keine Neigung, unſer Geſpräch über die Gebühr zu ver⸗ längern.“ Der ſo ernſt und ſtolz Angeredete ſchauerte ein Wenig zuſammen, als er dieſe Worte hörte und das ſtrenge Auge ſah, welches ihm kühn entgegenblitzte, dennoch aber raffte er ſich auf und trat einen Schritt näher an den Capitain heran, der ſeinerſeits unver⸗ rückt wie eine Säule auf ſeinem Platze blieb. „Herr Capitain,“ ſagte er mit leiſerer und etwas bebender Stimme, die zweifellos ſeine innere Bewe⸗ gung verrieth,„es thut mir leid, Sie ſo lange be⸗ läſtigt zu haben. Wenn ich aber einen Auftrag von Ihrem Sohn Erik an Sie habe, der auf dem Neptun dort vor Anker liegt, werden Sie auch dann meine Mittheilung zurückweiſen und mir den Beiſtand ver⸗ ſagen, den ich in ſeinem Namen von Ihnen zu er⸗ bitten habe?“ „Mein Herr, Sie gerathen bei mir immer tiefer in das Netz. Nach Ihren erſten Worten zu urtheilen, waren Sie nur ein Verräther an der deutſchen Sache, nach Ihren letzten aber ſind Sie es auch an der däniſchen, der Sie ſich gewidmet haben. Oder 262 wiſſen Sie etwa nicht, daß mein Sohn Erik in dieſer Beziehung— mein Feind iſt?“ „Wie?“ rief der Fremde erſtaunt und erkannte erſt jetzt den ganzen Charakter des deutſchen Mannes, der vor ihm ſtand—„Auch wenn Ihr Sohn Erik Ihnen durch mich ein Mittel an die Hand giebt, ſich vor einer drohenden Gefahr zu retten?“ „Auch dann, mein Herr; mein Sohn Erik darf mich nicht retten oder ſchützen wollen— er befindet ſich auf einem däniſchen Schiffe— und ich bin ein Deutſcher, und werde es nicht allein durch meine Handlungen, ſondern auch durch Erduldung des mir aufgebürdeten Schickſals der ganzen Welt beweiſen.“ „So, ſo!“ ſagte der Fremde und beſann ſich eine Weile kopfſchüttelnd.„Alſo Sie wollen mich nicht hören— gut, ſo will ich mich wenigſtens eines Ver⸗ ſprechens entledigen, welches ich dem jungen ehren⸗ werthen Manne gab. Herr Capitain, ich habe einen Brief von ihm an ſeinen Vater, und verhieß ihm, den⸗ ſelben nur in Ihre eigenen Hände niederzulegen.“ „Und wo haben Sie dieſen Brief bewahrt, da man Sie doch genau unterſucht hat, wie ich geſehen habe?“ Der Fremde lächelte ſchlau, und allmälig trat ſein natürliches Geſicht aus der Miene hervor, die er künſt⸗ lich angenommen hatte, denn er wähnte den ver⸗ wundbaren Fleck des Capitains berührt zu haben. Raſch ſeine Zipfelmütze abnehmend, unter der ein dicht verworrenes Haar ſichtbar wurde, neigte er das Haupt etwas nach vorn; dann eine ſchwarze Perücke beſeitigend, nahm er aus deren Futter einen kleinen Brief hervor, überreichte ihn dem Capitain und lä⸗ chelte höchſt bedeutſam. Der Capitain trat jetzt zum erſten Male einen Schritt zurück, ſein Antlitz überflog eine bemerkliche Zornesröthe, die aber ſogleich einer tieferen Bläſſe wich, und er ſtarrte von Weitem den ſo plötzlich ver⸗ änderten Mann an, den er nicht kannte, der aber jetzt in gelbblondem Haare vor ihm ſtand und wenigſtens um zehn Jahre jünger geworden zu ſein ſchien. „So nehmen Sie auch Ihren falſchen Bart ab, damit ich Sie ohne alle Verpuppung ſehe!“ ſagte er ironiſch. „Mein Batt iſt nicht falſch, Capitain, nur meine Haare waren es. Dieſer aber iſt dunkel gefärbt und damit habe ich meine Hände beſchmutzt, wie Sie ganz richtig geurtheilt haben.“ „Und wie iſt der Name des vielgeſtaltigen Man⸗ 264 nes, den ich jetzt vor mir zu ſehen die unerwartete Ehre habe?“ „Mein Name thut zur Sache nichts,“ ſagte Herr Olaf Larſſen,— denn er war der kühne Spion— „aber den Brief hier— nehmen und leſen Sie ihn, vielleicht enthält er etwas, was Sie von mir nicht hören wollten.“ Andreas erhob gebieteriſch die Hand und wies den Mann und den Brief deſſelben zurück.„Zurück da!“ ſagte er mit tiefer und klangreicher Stimme, aus der ein unbeugſamer Stolz hervorſchmetterte.„Und wenn mein Leben davon abhängig wäre— ich nehme kei⸗ nen Brief eines Verräthers aus den Händen eines Spions! Und ſagen Sie meinem Sohne, wenn Sie ihn wiederſehen ſollten, daß er vor allen Dingen Ehr⸗ lichkeit gegen Jedermann von ſeinem Vater zu lernen habe.“ Herr Olaf Larſſen ſtand mehr als erſtaunt vor dem unerſchütterlichen Manne, in deſſen Charakter er ſich ſo gänzlich geirrt hatte. Seine gläſernen Augen traten aus ihren Höhlen und ſein natürlich verſchmitz⸗ tes Lächeln verſchwamm in einer widrig verächtlichen Grimaſſe.„Und iſt das Ihr Ernſt, Capitain Burns,“ hauchte er athemlos hervor,„nehmen Sie nicht den Brief eines Sohnes, der mit der Ueberſendung deſ⸗ 265 ſelben vielleicht einen Frevel gegen ſeinen Dienſt, aber eine Tugend gegen ſeinen Vater übte?“ „Wir ſind fertig mit einander. Stecken Sie den Brief ein— doch halt!“ und ſeine Lippen bebten, ſein Geſicht entfärbte ſich, während er dies ſprach— „wenn dieſer Brief in andere Hände als die meinigen fällt— ſetzt mein Sohn ſich dann einer Gefahr da⸗ mit aus?“ „Aha!“ dachte der ſchlaue Unterhändler, dem der Muth noch einmal zurückkehrte.„Jetzt beißt er an! Nein,“ ſagte er laut und lächelnd,„ſo dumm wird der ſchlaue Sohn eines ſo klugen Vaters nicht ge⸗ weſen ſein.“ „So behalten Sie ihn, geben Sie ihn zurück oder fangen Sie damit an, was Ihnen beliebt. Wir ſind fertig, ſage ich. Behalten Sie jetzt Ihre Maske vor oder nicht— ich werde meine Pflicht erfüllen.“— Und raſch an die Thür tretend, öffnete er ſie, um die Frei⸗ ſchaaren, die er draußen vermuthete, hereinzurufen. Herr Olaf Larſſen, als er dieſe unerwartete Bewe⸗ gung ſah und ihren Zweck erkannte, hatte blitzſchnell ſeine Perücke auf den Kopf geworfen und die Mütze darüber geſtülpt, den Brief aber hineinzuſtecken keine Zeit mehr gehabt. Flugs einen Blick in den Spiegel werfend, der ihm zur Seite hing, überflog er ſeine Verwandlung und * 266 ſchien damit zufrieden zu ſein. Dann aber wandte er ſich nach der Thür und verfolgte jede Bewegung des Capitains. Dieſer hatte Niemanden vor der Thür gefunden. Die luſtigen Freiſchaaren, von der Stimme der Mägde in der Küche angelockt, hatten ſich in die hinteren Räume des Hauſes begeben und ſchwatzten dort laut nach Herzensluſt. Mit gewaltiger Stimme, aufgeregt und zornig wie ſelten, rief Andreas nach einem Diener. Mit einer Magd, den Freiſchaaren und einem Matroſen kam zugleich ſeine Frau herbeigelaufen, welche die Stimme ihres Mannes ſelbſt im Krankenzimmer ge⸗ hört hatte. „Meine Herrn,“ ſagte der Capitain zu den Frei⸗ ſchaaren,„hier iſt Ihr Gefangener— bewachen Sie ihn wohl, ich habe Grund genug, ihn für das zu halten, wofür Sie ihn ſelbſt gehalten haben.“ Und Gertrud's Anweſenheit kaum beachtend oder vielleicht gar nicht bemerkend, deutete er auf den Gefangenen, den die Freiſchaaren ſogleich in die Mitte nahmen und zum Hauſe hinausführten. Aber ſo ſchnell der letzte Vorgang ſtattgefunden, es war doch etwas vorgefallen, was weder Andreas, 267 noch die Freiſchaaren bemerkt. Der Spion, den zu⸗ ſammengeballten Brief noch in der Hand haltend, hatte ihn raſch in eine Hand Gertrud's gedrückt und ihr dabei einen Wink gegeben, der ſie in nicht geringes Staunen verſetzte, denn er hieß ſoviel als:„Nehmt und ſchweigt!“ Während die Krieger mit ihrem Gefangenen nach dem Hofe gingen, Andreas aber, innerlich noch mit der eben erlebten Scene beſchäftigt, in ſein Zimmer zurückkehrte, lief Gertrud in das Krankengemach, wo ſie noch Helene und Agathe traf, die ſchon ihre Lich⸗ ter angezündet hatten, um ſich zur Ruhe zu begeben. Beſtürzt über das, was ihr begegnet, denn ſie hatte keine Ahnung von dem Zuſammenhange, trat ſie an den Tiſch, wo die beſchattete Lampe brannte und wickelte das zerdrückte Papier auf. Plötzlich aber ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus, denn ſie hatte Eriks, ihres geliebten Erik's, Handſchrift erkannt.„Er iſt an Dich, Agathe,“ rief ſie entzückt,„da, lies ihn und ſage mir, was das zu bedeuten hat.“ Agathe, eben ſo erſtaunt wie Helene, nahm den Brief, öffnete ihn und hielt ihn, das ſchöne Geſicht vorn über gebeugt, unter die Lampe. Die wenigen Worte, welche der Brief außer einem verſiegelten Zettel ohne Adreſſe enthielt, beſagten nichts, als daß 8* —— — —,— —,— —— ——— 2 ——y——ÿy—— 268 * der Schreiber geſund ſei, die Mutter und den Vater zu grüßen bitte und ſich mit unveränderter Zärt⸗ lichkeit der geliebten Schweſter erinnere. Letztere möge ſein Benehmen bei ihrem letzten Zuſammen⸗ ſein verzeihen, welches nur in einer unüberwindlichen Zuneigung ſeinen Grund habe.— In dem verſie⸗ gelten Zettel aber, deſſen das Schreiben keine Erwähnung that, und den Agathe ſofort öffnete, ſtanden folgende flüchtig und beinahe unleſerlich mit Bleiſtift geſchrie⸗ bene Worte: „Nehmt Euch vor dem Odin in Acht! Er hat Befehle an Bord, die Euch und Euren Freunden Gefahr drohen. Mehr kann ich nicht ſagen— verbrennt dieſen Zettel.“ Agathe hatte laut, beinahe athemlos und mit abgeriſſenen Seufzern den Brief und den Zettel ge⸗ leſen. Als ſie fertig war, ſtanden die drei Frauen mehr erſchrocken als erfreut da und ſchauten ſich fra⸗ gend und ſchweigend an. „Was heißt das?“ fragte endlich Helene, die ſich zuerſt faßte, ergriff den Zettel, der Agathens Händen entfallen war, und las ihn noch einmal.„Das iſt eine Warnung, däucht mir, die wir dem Capitain zukommen laſſen müſſen.“ 3 269 „O mein Gott!“ rief die Mutter,„der gute Erik, der Engel!“ Und ſie wollte ſich ſofort aus dem Zimmer und zu ihrem Manne begeben, als der Kranke im Bette eine Bewegung machte und ſeine Mutter zu ſich rief. Agathe trat ſogleich an das Bett, da ſie ihm am nächſten ſtand.„Was iſt das für ein Brief?“ fragte der Kranke mit matter Stimme. Schnell ſprang Helene herbei, Agathen einen Wink zu geben, damit ſie den Namen des Schreibers ver⸗ ſchweige. Aber es war zu ſpät, oder Agathe hatte den Wink nicht verſtanden.„Er iſt von Erik, Friedrich!“ ſagte weich und gerührt die ſchöne Schweſter und wollte ſich dem Kranken liebevoll nahen. „Hat er an Dich geſchrieben, Agathe?“ „Ja, das hat er gethan.“ „So laß mich in Ruhe!“ ſeufzte der Kranke, wandte den Kopf nach der anderen Seite und ſtieß mit der Rechten die weiche Hand Agathens unſanft zurück. „Die Thörin!“ dachte Helene, während ſie die Schweſter beim Bruder ließ und der Mutter auf dem Fuße in des Capitains Zimmer folgte.— Wenn man erwartet hatte, mit der überbrachten 270 Nachricht dem Vater eine Freude zu bereiten, ſo hatte man ſich ſehr geirrt. Schweigend und ſtirnrunzelnd vernahm er den Vorfall, der den Brief in Gertrud's Hand gebracht und lehnte es ab, mit dem Inhalt deſſelben bekannt gemacht zu werden. Die Mutter, die den Zuſammenhang nicht kannte und alſo ihres Mannes verletztes Ehrgefühl nicht begriff, fühlte ſich gekränkt, ſchritt weinend aus dem Zimmer und be⸗ gab ſich an das Bett des Kranken zurück, wo ſie bis Mitternacht ihre Wache hielt. Helenen allein war es daher vorbehalten, aus dem Munde des Capitains die Urſache zu hören, warum er erzürnt war, und ihm ſodann den Inhalt des geheimnißvollen Zettels mitzutheilen. Aber ſelbſt dieſe Neuigkeit beſchwichtigte ſeinen Unmuth nicht. Erſtaunt und doch in ihrem Innerſten den Edel⸗ muth eines ſo ſeltenen Mannes bewundernd, ſchied Helene von ihm, um ebenfalls ihr Lager zu ſu⸗ chen.— 3 Als man aber am nächſten Morgen in die Scheune trat, wo der Gefangene die Nacht zugebracht, fand man ihn nicht mehr. Ein kleines Fenſter im Hinter⸗ grunde des mit Heu angefüllten Raumes, an welches Niemand gedacht, ſtand offen und zeigte, auf welche Weiſe der ſchlaue Mann in den Garten entkommen 271 war. Auch das kleine Boot des Capitains hinter der Inſel fehlte, und ohne Zweifel hatte ſich der Spion deſſelben bedient, um nach dem Neptun zu gelangen, der ſeit Mitternacht unter leichtem Oſtwinde im Meerbuſen kreuzte. Jrhtes Mapitel. Däniſche Rache. Der 7. Juli, ein dag, der den Herzen der Be⸗ wohner von Emmerslund unvergeßlich werden ſollte, war angebrochen. Capitain Burns hatte ſchon vor Tagesanbruch ſein Lager verlaſſen und wiederholt die Warte beſtiegen, um mit ungewöhnlicher Sorgfalt den Horizont zu befragen, welche Geheimniſſe er heute in ſeinem Schooße berge. Aber ſo lange und ſcharf ſein mit dem beſten Glaſe bewaffnetes Auge Nähe und Ferne prüfte, er gewahrte nichts Verdächtiges; Alles ringsum war ſtill und ſchien mit Ladaht den herrlichen Morgen zu begehen. Ein bläulicher Nebel, von der bereits emporſteigenden Sonne warm angehaucht, dampfte über dem Meere, und nur vor Zeit zu Zeit, wenn ein ſtärkerer Windzug ihn in die iger Freude 273 Flucht trieb, enthüllte er die Maſten und den dunkelen Rumpf des Neptun, der wie gewöhnlich ruhig und wachſam auf ſeinem Ankerplatze lag. Das war jedoch Alles, was des Forſchenden Auge vom Feinde ſah. Er ſtieg daher wieder in den Hof hinab und überließ die Wache dem Capitain Bardow, der dieſelbe bis zwölf Uhr Mittags fortſetzen ſollte. Obgleich die am Abend vorher von Erik einge⸗ gangene Warnung dem Capitain keine beſondere per⸗ ſönliche Unruhe einflößte, ſo durfte er ſie doch nicht ganz unbeachtet laſſen, denn es war nicht anzuneh⸗ men, daß der junge Seekadet ſo voreilig mit der Er⸗ theilung derſelben verfahren wäre, wenn er nicht von einer wirklichen, Emmerslund bedrohenden Gefahr ge⸗ nügende Kenntniß gehabt hätte. Um daher auf Alles gefaßt zu ſein und wenigſtens für die Sicherung der Seinigen geſorgt zu haben, ließ der Capitain insge⸗ heim mehrere Pferde ſatteln und anſchirren und die vorhandenen Wagen in Ordnung bringen. Aber weder ſeine Frau noch die beiden jungen Damen ängſtigte er mit der vorzunehmenden Maaßregel; ruhig ließ er ſie ihren Geſchäften nachgehen, denn ſie waren, theilweiſe wenigſtens, ohnedieß beſorgt genug. Als jedoch der Vormittag immer weiter vorrückte und nir⸗ gends ein Zeichen irgend ein erherannahenden Gefahr A. Burns. II. 18 b 274 ſich kund gab, verſchwand die allgemeine Sorge wie⸗ der und man glaubte, daß Eriks Befürchtung eine übertriebene geweſen ſei oder daß die Dänen ſich ein anderes Ziel ihrer Feindſeligkeiten ausgewählt hätten. Von den Freiſchaaren war früh am Morgen ein Theil wieder abgezogen, um dem Hauptmann der Com⸗ pagnie die Kunde von der Flucht des Spions zu überbringen, eine Kunde, die eben ſo wenig Verwun⸗ derung wie Bedauern erregte, da dergleichen Indivi⸗ duen faſt täglich aufgegriffen wurden und ſehr häufig ihren unaufmerkſamen Fängern wieder entſchlüpften. Hatte man ſie doch ſogar, in faſt allzu kühnem Wahne perſönlicher Sicherheit nach dem Siege bei Hoptrup, abſichtlich in die Stadt Apenrade gelaſſen, um ſich die Vorbereitungen anzuſehen, die zum Empfange der Dänen getroffen waren. Sechs junge Männer aber waren als Beſatzung von Emmerslund zurückgeblie⸗ ben, von denen je zwei und zwei ihre Patrouillen auf den Hügeln und am Strande unternahmen, während die anderen ſorglos ſich dem Schlafe oder ſonſtigem Zeitvertreibe überließen. Kurz nach zwölf Uhr endlich, nachdem man wie gewöhnlich pünktlich geſpeiſt, und Capitain Bardow nach Hauſe gehinkt war, um ſeinem Kameraden Me⸗ viſſen auf der Warte Platz zu machen, ſtieg Capitain — 275 Burns, nachdem er Helene eine Strecke nach ihrem Hauſe begleitet, wo ſie ſich einige Bücher holen wollte, mit Kühlwetter auf die Höhe, um abermals eine ſorg⸗ fältige Rundſchau zu halten. Die Sonnenſtrahlen brannten heiß auf die drei Männer hernieder, zu denen ſich ſpäter noch einige Freiſchärler geſellten, aber ſie fühlten es nicht, denn ihr Körper war zu allen Zeiten und in jederlei Lage ihrem Geiſte unterthan; und dieſer war heute mit ernſthaften Dingen be⸗ ſchäftigt. Der Capitain hatte ſeinen Freunden mit⸗ getheilt, was er auf ſo merkwürdige Weiſe in Er⸗ fahrung gebracht, und dieſe hatten die angekündigte Gefahr noch für wahrſcheinlicher gehalten, als der noch immer daran zweifelnde Commodore. „Es ſoll mich wundern, oh ſich heute wirklich etwas ereignen wird,“ fing endlich Capitain Kühl⸗ wetter zu ſprechen an, nachdem Alle eine geraume Zeit Stillſchweigen beobachtet und nach allen Seiten in die Ferne geſchaut hatten.„Daß es gerade der Odin ſein muß, dieſer niederträchtige Dampfer, der uns was anhaben will, ärgert mich am meiſten.“ „Nun,“ erwiderte Capitain Meviſſen,„mir iſt es ziemlich einerlei, wer mir in's Takelwerk geräth. Die Kugel eines Dreimaſters ſchmeckt eben ſo bitter wie die eines Dampfers. Ich mag dieſe hölliſchen Ma⸗ 18* 276 ſchinen zwar auch nicht leiden, aber Schiff iſt Schiff und Pfeffer iſt Pfeffer— hol's der Kuckuck!“ „Der Teufel ſoll's holen, Kamerad— halloh! Seht Ihr da hinten um die Naſe von Alſen nicht Dampf aufſteigen, als ob die vertrackte Inſel ihre Mittagspfeife rauchte?“ „Ich ſehe ihn ſchon,“ bemerkte der Commodore und ſetzte ſein Glas von einem Auge zum anderen, um ſchärfer und ſicherer zu ſehen.„Ja, da kommt ein Dampfer— nun, wie Gott will!“ Und ſeine Bruſt hob ſich mächtig auf, als wolle ſie im Voraus Luft ſchöpfen und ſich vorbereiten auf das, was vielleicht unausbleiblich war. Alle fünf Männer, denn ſo eben waren die beiden Freiſchärler hinzugetreten, ſchwiegen, ihre ganze Thä⸗ tigkeit war in ihre gen zuſammengedrängt, und wohl ſelten hatten ſie mit ſo gemiſchten Gefühlen in die Weite geſpäht, wie diesmal. Bald war der ferne Dampfſtrich, der aus dem Schornſtein des Schiffes aufſtieg, mit bloßen Augen erkennbar, und eine Vier⸗ telſtunde ſpäter war er dem Neptun ſo nahe gerückt, daß beider Mannſchaften mit einander ſprechen konn⸗ ten. Einige Augenblicke blieben die Schiffe Seite an Seite liegen und es konnte alſo in der That an⸗— genommen werden, daß ein bedeutungsvolles Zwie⸗ 277 * ½ geſpräch zwiſchen ihnen ſtattfände. Gleich darauf aber quoll der Dampf in ſtärkeren Säulen hervor und der Bug des Schiffes drängte die Wellen vor ſich her in den ſtillen Meerbuſen hinein. Aber aus der Ferne betrachtet ſchien ſein Lauf nur ein langſamer zu ſein, ſo raſch es auch durch das Waſſer ſchaufelte. Als ob es jetzt auf ein Com⸗ mando geſchehen wäre, riefen die Seemänner ſich plötzlich die Bemerkung zu, daß es wirklich der Odin ſei, denn ſie hatten ihn alle Drei zu gleicher Zeit erkannt. „Schaut,“ rief Kühlwetter empört,„wie der ſchwarze Qualm die ſchöne reine Luft ſo niederträchtig trübe macht— es iſt eine Schande, daß dergleichen exiſtirt. Nicht genug, daß er Feuer im Leibe hat, nein, er trägt auch des Satans Farbe im Aeußern zur Schau!“ Andreas ſchob jetzt ſein Rohr zuſammen und ver⸗ ließ ſich auf die umſichtigere Sehkraft ſeiner Augen. Den ſcharfen Blick feſt auf das nahende Schiff ge⸗ heftet, als hätte er jeden Zoll breit daran verſchlingen wollen, verfolgte er Strecke um Strecke ſeine naſſe Bahn, aber er ſprach kein Wort, denn ſeine Gefühle waren von der langen Erwartung zu ſtraff geſpannt. „Wie ein Falke jagt er daher,“ ſagte einer der 278 Freiſchärler, der ein Jäger war—„mir iſt, als ſähe ich ihn ſchon ſeine Krallen ausſtrecken, um ſeine Beute zu ergreifen.“ „Nichts vom Falken, nichts vom Falken!“ rief Kühlwetter ergrimmt.„Der Satan iſt es ſelber, Herr Freiſchaar, wie ich ſelten einen ſo gierigen geſehen habe. Warten Sie ein Bischen, Sie werden gleich erfahren, was er für Gift und Galle im Leibe hat. Und was ſeine Krallen betrifft, die ſind etwas länger wie die eines Falken, er wird ſie bald ſo weit aus⸗ ſtrecken, daß ſie uns um die Ohren pfeifen.“ „Er kommt nicht hierher!“ rief Meviſſen mit einem Seufzer, der ſeine bedrückte Bruſt um etwas erleichterte.„Er bleibt im Fahrwaſſer des jenſeitigen Ufers. Wenn er bei uns anlegen wollte, würde er ſich einige Knoten mehr rechts halten.“ „Das kann man noch nicht wiſſen,“ verſetzte An⸗ dreas.„Die Herren an Bord lieben Manöver, die einem Zuſchauer Sand in die Augen ſtreuen. Viel⸗ leicht will er im Bogen fahren und thut uns die Ehre an, vor unſern Augen zu wenden, um uns eins ſeiner Kunſtſtückchen zu zeigen.“ Jetzt ſchwiegen Alle und hingen mit ihren Blicken an dem Schiffe, welches unterdeß die Einfahrt des 279 Meerbuſens hinter ſich gelaſſen hatte und immer näher geſchaufelt kam. „Nehme Einer von Euch das Glas zur Hand,“ ſagte der Commodore,„aber immer nur Einer, und der berichte uns, was er an Bord vorgehen ſieht. Kühlwetter, nehmt Ihr es zuerſt.“— „Ich ſehe nichts, als Blaujacke an Blaujacke auf Deck;“ rapportirte Kühlwetter, der ſogleich den Aus⸗ ſpruch des Capitains wie einen Befehl befolgt hatte. „Er läßt Dampf heraus— pfui, welcher Schwanz!“ „Das ſehen wir,— nur was wir nicht ſehen, ſollt Ihr berichten— er hält in der That inne—“ „Nein, die Räder gehen vorwärts,“ erläuterte Kühlwetter,„aber ſehr langſam. Er ſcheint keine Eile zu haben.“ „Er nimmt etwas auf's Korn,“ ſagte Meviſſen— „nicht zu hoch mit dem Kopf hervor, meine Herren Freiſchaaren, ſonſt ſieht er uns— paßt auf, der teuf⸗ liſche Brei wird gleich überkochen.“ „Die Hüte herunter!“ gebot Andreas, und au⸗ genblicklich ſtanden alle Männer mit flatternden Haa⸗ ren im friſchen Oſtwinde. Langſam, immer langſamer ſchaufelte der Dampfer heran, immer näher wandte er ſich dem jenſeitigen 280 Ufer zu, bis er gerade Rasmus Harms Hauſe gegen⸗ über lag, wo er in der That ſtill hielt. „Jetzt hat er wirklich Anker geworfen!“ rief Kühl⸗ wetter athemlos.„Er ſteht— hols der Henker— alle Männer gucken über Backbord hinüber— uns gilt es diesmal nicht, Commodore!“ „Vielleicht um ſo ſchlimmer, dann ſteigt er dem armen Rasmus auf's Dach, der für Henrik bluten muß.“ „Nun, den Storch kann er ihm nicht noch ein⸗ mal verjagen, der iſt nicht wiedergekommen, ſeitdem man ihn neulich ſo unhöflich aus ſeiner Koje ge⸗ worfen.— Das Schiff lag unbeweglich vor Rasmus Harms Hauſe; nur ein leichter weißlicher Dampf wirbelte aus ſeinen Röhren auf und zog langſam in der warmen Mittagsluft mit dem Winde nach Weſten. Plötzlich ſtiegen drei Rauchſäulen zugleich vom Backbord des Schiffes empor und drei Donnerſchläge, faſt zu einem ſich verbindend, hallten dröhnend über die ſchweigende Landſchaft hin. Und noch hatte das Echo der dieſſeitigen Berge ſeinen Widerhall nicht in den Lüften begraben, ſo folgte den Schüſſen ſchon das heiſere Hurrähgeſchrei der däniſchen Matroſen, womit ſie ihren Jubel zu erkennen gaben, daß die Helden⸗ 281 that gelungen ſei, das Strohdach eines unvertheidigten Bauernhauſes aus 400 Schritte Entfernung in Brand und Trümmer zu ſchießen. Und ſchnell, wie die Wol⸗ ken dem Antriebe der jagenden Windsbraut folgen, folgten ſich nach einander die verderblichen Donnerblitze, Kugel auf Kugel raſſelte in das ſchon halb zerſtörte Haus, deſſen Beſtandtheile nach allen Seiten ausein⸗ ander brachen und in zertrümmerten Fetzen und Stücken hoch in die Luft geſchleudert wurden. Und kaum zehn Minuten dauerte es, ſo wirbelte hie und da aus den Ruinen ein qualmender Rauch auf, aus dem zu⸗ erſt eine kleine rothe Lohe züngelte, die aber ſchnell an Höhe und Breite zunahm, bis ſie zuletzt allge⸗ mein wurde und das ganze Gehöft wie ein zerſtören⸗ des Flammenmeer umwogte. Die vom Andreasberge herab ſpähenden Männer, obgleich ſie etwas Aehnliches, nur nicht ſo ſchnell und in ſo gewaltiger Zerſtörungswuth einhertretend erwar⸗ tet hatten, ſtanden bleich, erſchrocken, entſetzt über die unerhörte Gewaltthat auf ihrer luftigen Höhe. Ihre angſterfüllten Mienen arbeiteten krampfhaft, ihre Hände bewegten ſich inſtinktartig hin und her, aber ihre Lippen fanden lange keine Worte, die Tiefe und Fülle ihrer inneren Entrüſtung auszuſprechen. „Was hat der arme Rasmus gethan!“ brachte 282 endlich Andreas zuerſt mit ſeufzendem Stimmlaute hervor, aber ſeine Zähne knirſchten dabei auf einan⸗ der und ſeinen ſtarken Körper überflog ein fieberhaftes Zittern.„Was hat er gethan, daß ſie ihn wie einen Piraten behandeln! Wehe, wehe! O, wenn ich Dir helfen könnte, armer Harms, mein Lebensblut wollte ich opfern, Dir beizuſtehen!“ Gleich darauf aber hatten alle Drei ihre Gläſer wieder auf den brennenden Hof gerichtet, um das Werk der Zerſtörung weiter zu verfolgen und nur dann und wann gaben ſie ihre Gefühle in kurzen, halb unbewußten Ausrufungen kund. ‚Das Mordbrennerwerk iſt vollbracht!“ rief An⸗ dreas endlich, als er bemerkte, daß der Odin ſich wie⸗ der in Bewegung ſetzte.„Eine Großthat iſt vollen⸗ det;— fahrt zu, wackere Dänen, und ſucht Euch ein anderes Opfer!“ „Er geht gen Weſten!“ rief Capitain Meviſſen frohlockend.„Gebt Acht, er wird Apenrade bombar⸗ diren wollen.“ Alle ſchwiegen und folgten dem langſamen Laufe des Kriegsſchiffes mit bewegtem Herzen, während die tobenden Flammen in Henrik's Hauſe ihr Werk fort⸗ ſetzten, der wirbelnde Qualm, vom Winde gejagt, ſich hoch in die Lüfte erhob und allmälig über den gan⸗ 283 zen Horizont verbreitete, den er mit düſteren Wolken⸗ bergen umzog, als ob es plötzlich Abend geworden wäre. Aber das Freudengeſchrei des alten Capitains war zu früh ausgeſtoßen, denn kaum hatte der Odin ſeinen Weg etwa hundert Klafter weit weſtwärts fort⸗ geſetzt, ſo drehte ſein Bugſpriet ſich nach Norden herum und ging dann im ſchrägen Laufe gerade anf den Andreasberg los. „Seht Ihr,“ rief Andreas, vor Wuth zitternd, „ſeht Ihr, was ich geſagt habe? Er kennt ſein Fahr⸗ waſſer genau— o herrlicher, triumphirender Däne! — Jetzt ſucht er uns heim. Aufgepaßt!“ „Wollen wir nicht hinuntergehen, Commodore, um den Frauen beizuſtehen?“ rief der alte Kühlwetter. „Nein, noch nicht— wir wollen ſie nicht vor der Zeit ängſtigen. Wir wiſſen ja noch nicht, was ſie beabſichtigen— vielleicht dampfen ſie wieder hinaus.“ „Weiter, weiter, Ihr Herren!“ rief Meviſſen, mit beiden Armen ſchwenkend.„Noch ſechs Klafter weiter vor und Ihr ſitzt auf der ſchönſten Sandbank, die Gott der Herr geſchaffen hat— halloh! Wenn ſie kleben blieben, was wollt' ich lachen!“ Es war aber noch nicht zu hoffen, daß ſie kleben blieben, denn ſie ſchienen ihr Fahrwaſſer gründlich ſtudirt zu haben. Noch ehe ſie die Hälfte jener ſechs 284 Klafter zurückgelegt, wandten ſie das Rad und hielten etwa 500 Schritte vom Ufer entfernt ſtill, wo ſie ſich mit ihrer Backbordſeite der kleinen Inſel gegen⸗ überlegten, wie ſie es vorher bei Rasmus⸗ Hauſe gethan. Athemlos, in einer Spannung, wie ſie ſie ſelten empfunden, lauſchten die Männer auf der hohen Brüſtung, duckten ſich aber etwas nieder, um nicht vom Meere aus geſehen zu werden, was leicht mög⸗ lich geweſen wäre, wenn ſich einer ganz erhoben hätte. Aber ſie ſollten nicht lange mehr warten. Denn bald öffneten die Kanonen ihre Mäuler und ſpieen ihr Feuer und ihre Kugeln aus, und den erſten drei Schüſſen folgte, wie vorher am jenſeitigen Ufer, das heiſere Siegesgeſchrei, das in der jetzigen Stellung des Schiffes ſchon mächtiger über das Waſſer dröhnte. Und den drei erſten Schüſſen folgten drei andere und abermals drei. Dann aber war Alles ſtill an Bord, denn wahrſcheinlich wollten die wackeren Schützen die Wirkung ihrer Schießübung abwarten. Und worin beſtand dieſe Wirkung? Nur das zähe Holz der alten Buchen auf der kleinen Inſel krachte und barſt, und ihre erhabenen Wipfel ſchüttelten ſich gleichſam ver⸗ ächtlich hin und her; Aeſte, Zweige und Blätter knack⸗ ten und rauſchten nach allen Seiten, die Kugeln aber V 285 flogen zwiſchen durch und bohrten ſich machtlos in das Sandgeröll des unbezwinglichen Berges ein. „Die Thoren!“ ſagte Andreas, tief Athem ſchö⸗ pfend, während das Leben in ſein bleiches Geſicht zu⸗ rückkehrte.„Das galt unſerem Kutter. Der Herr von geſtern hat geplaudert, aber ſeine Freunde ver⸗ ſchwenden ihr Pulver und ihre Kugeln, denn der Rumpf des Kutters liegt tief hinter dem höheren Erd⸗ walle der Inſel— vielleicht ſchießen ſie mir die Ta⸗ kelage ab— was weiter!— Aber halt, ſpringe jetzt Einer von Euch hinunter und ſage meiner Frau, daß ſie nichts zu fürchten habe. Von dort aus, wo ſie jetzt liegen, erreichen ſie mein Haus mit ihren dummen Rollſchüſſen nicht, und wenn ſie's im Bogenwurf ver⸗ ſuchen ſollten, fliegen die Kugeln über den Schorn⸗ ſtein hinweg, da ſie das Dach vor den Bäumen nicht ſehen können.— Wenn ſie aber in großer Angſt iſt, meldet es mir, dann komme ich ſelber hinunter.“ Capitain Meviſſen wollte eben ſeinen Fuß auf die Treppe ſetzen, um den Wunſch des Freundes zu er⸗ füllen, als ihm ein Freiſchärler zuvorkam.„Laſſen Sie mich gehen, Herr,“ ſagte er,„ich bin ſchneller auf den Beinen und bringe ſogleich wieder Beſcheid.“ Und mit dem Feuer der Jugend ſprang er die Treppe 286 hinunter, daß es ausſah, als ob er ſich abſichtlich Hals und Beine brechen wollte. Die Dänen auf dem Schiffe aber hielten im Schie⸗ ßen inne; ſie mochten wohl einſehen, wie unnütz ihr Eifer gegen einen Sandberg ſei. Das Haus aber konnten ſie in der That nicht ſehen, da ſie zu dicht am Ufer lagen, und ſo hatten ſie keinen ſicheren Ziel⸗ punkt für ihr Wurfgeſchoß. Gleich darauf auch ſetzte ſich der Odin in Bewegung, that aber nur einige Radſchläge und hielt dann wieder ſtill. „Niedergebückt, nieder, Ihr Männer!“ rief An⸗ dreas in Haſt.„Sie ſuchen ſich ein anderes Ziel. Ha! ich glaube, ſie ſchauen ſich nach der Warte um. He, Juchhe! von da unten könnt Ihr ſie nicht ſehen! Keiner aber erhebe den Kopf, ſonſt ſind wir Alle ver⸗ loren!“ Kaum hatte er es geſprochen und kaum hatten ſich alle vier Männer tief unter die Brüſtung geduckt, ſo krachte ein Schuß über das Waſſer. Aber nur die Bäume rauſchten und nickten, Aeſte und Zweige bra⸗ chen zu ihren Füßen, die Kagel aber ſchlug dicht am Ende der Treppe im weichen Sande ein. „Wenn das ein Zufall war, war er gut— hol' ſie der Kuckuck!“ rief Kühlwetter, mit den Armen ge⸗ gen das Waſſer ſchwenkend.„Da, noch einer— 287 etwas beſſer— bei'm Teufel! Das hat an den Rippen der Warte geſplittert. Nun, Commodore, es wird heiß hier oben— was thun wir? Bleiben wir und laſſen wir uns die Stiege wegputzen oder habt Ihr Flügel, ungerupft hinabzugleiten?“ Andreas wollte eben antworten und das Zeichen zum Rückzuge geben, als ſein Herz in heller Freude aufſchwoll. Der Odin hatte den letzten Schuß in der ungefähren Richtung der Warte abgefeuert, dieſe aber noch mehr gefehlt, denn er war ſchon wieder im Abfahren begriffen. Er ſchien nicht genau von ihrer Lage unterrichtet zu ſein, und um auch hier ſeine Ku⸗ geln aufs Gerathewohl nicht zu verſchwenden, hatte er abermals einen Schritt vorwärts gethan. „Er iſt, glaube ich, abgedampft,“ rief Andreas bebend vor Freude, aber immer noch auf den Boden hingekauert.„Was wird er jetzt thun?“ Und als es beim Schweigen verblieb, ſtreckten alle vier Männer etwas voreilig den Kopf über den Blätterwall und ſchauten neugierig nach dem Waſſer hinab. Ohne Zweifel waren ſie nicht entdeckt worden, ſonſt würde es Kugeln auf ſie geregnet haben. Eilig aber ging der Odin wieder vorwärts— da hatte er das Epheu⸗ haus erreicht und ſogleich hielt er abermals ſtill. „Guter Gott!“ rief Andreas.„Der alte Bardow 288 und ſeine Lore ſind zu Hauſe— wenn ſie nicht das Weite geſucht haben, ſind ſie verloren!“ Kühlwetter und Meviſſen erbleichten Beide. Das Leben des alten Kameraden war ihnen ſo viel werth wie das eigene. Kühlwetter wollte etwas ſagen, aber die Stimme erſtickte ihm im Halſe und er brachte nur unartikulirte Töne hervor. In dieſem Augenblicke fiel ein Schuß vom Schiffe— dann ſchaufelte es ſogleich weiter, um ſich vor Capitain Meviſſen's Wohnung zu begeben. Auch hier hinein ſandte es einen Schuß und ſpäter noch in Kühlwetter's Haus einen, das ſich um ſolchen Backenſtreich nicht kümmere, meinte der alte Seemann. Dann aber dampfte es mit voller Kraft weiter, eilte dem Neptun zu, der ihm ſchon un⸗ ter vollen Segeln wie zum Glückwunſche über das gelungene Werk entgegenkam, ſich mit ihm vereinigte und ſchließlich bei Elsholm umlegte, um zu ähnlichen Unternehmungen nach Norden zu ſteuern. Nachdem aber der letzte Schuß an dieſem Tage im Apenrader Meerbuſen gefallen war und Andreas ſich überzeugt hatte, daß das Mordwerk in der Nähe vollbracht ſei, ſtieg er von der Warte hinab, gefolgt von den beiden alten Seeleuten und dem jungen Freiſchärler, die alle mit ſeltener Standhaftigkeit auf dem gebrechlichen Poſten neben ihm ausgehalten und 289 damit einen größeren Muth bewieſen hatten, als ſie ſich ſelber eingeſtehen mochten, denn hätte eine ein⸗ zige Vollkugel die richtige Stelle des hölzernen Ge⸗ rüſtes getroffen, ſo waren alle vier Männer verloren. Als ſie unten anlangten, kam ihnen Gertrud mit bleichem Geſicht und angſtentſtellten Mienen entgegen⸗ gelaufen. Der junge Freiſchärler, der ihr vorher die Kunde des Ueberfalls gebracht, hatte ſie faſt mit Ge⸗ walt zurückhalten müſſen, denn ſie hatte durchaus zu ihrem Manne gewollt. Jetzt, da ſie ihn lebendig und unverſehrt ſah, ſchrie ſie vor Entzücken laut auf und warf ſich ſchluchzend an ſeinen Hals. „Laß es gut ſein, laß es gut ſein, Gertrud,“ be⸗ ſänftigte er ſie.„Zeige den Leuten nicht Deine Be⸗ ſorgniß, ich bitte Dich. Mein Herz hat wohl an Dich gedacht, aber ich ſthat meine Pflicht da oben; Gott iſt uns gnädig geweſen. Der arme Rasmus Harms aber und unſer guter Henrik haben allein ge⸗ blutet. Komm herein und erhole Dich.“ Darauf faßte er ihren Arm, legte ihn in den ſeinigen und zog ſie ſo in das Haus hinein. Im Krankenzimmer, in welches ſie ſich begaben, ſaß Agathe ruhig auf ihrem Stuhle neben dem Bette. Das bleiche Geſicht in beiden Händen verborgen und den Kopf auf ihren Schooß nisdergebeugt. hatte ſie A. Burns. II.. 19 290 Friedrich nicht verlaſſen wollen, der theilnahmlos und ſchweigend neben ihr gelegen, wohl aber das Be⸗ wußtſein des Vorgehenden gehabt hatte. Kaum aber hatte der Capitain Agathen und Friedrich angeblickt, ſo ſchaute er ſich verwundert im Zimmer um. „Wo iſt Helene?“ fragte er mit einem Tone, der Allen durch Mark und Bein drang. „Sie iſt nach ihrem Hauſe gegangen, Du haſt ſie ja ſelbſt dahin begleitet,“ erwiderte Agathe dumpf. „Heiliger Gott!“ rief der erſchrockene Mann. „Wenn ſie in ihrem Hauſe war, kann ſie verloren ſein!“. Und ohne ein Wort weiter zu ſprechen, ſtürzte er, gefolgt von den beiden Capitainen, den Freiſchaaren und der ſchreienden Jungfer der Vermißten, die bei ihr in Emmerslund wohnte, aus dem Zimmer in den Garten, den Berg hinunter und dem Epheu⸗ hauſe zu. Helene war, wie geſagt, von Andreas eine Strecke begleitet, unmittelbar hinter Capitain Bardow nach ihrem Hauſe gegangen, um einige Anordnungen da⸗ ſelbſt zu treffen und verſchiedene Bücher zu holen. Bei ihrem raſcheren Gange hatte ſie bald den lah⸗ men Seemann eingeholt und ſchritt dann, während Andreas den Rückweg antrat, mit ihm dem Epheu⸗ hauſe zu, deſſen grüner Blätterſchmuck dieſen Sommer in überreicher Fülle prangte. Sie fanden die alte Lore wie gewöhnlich bei ihrem Strickſtrumpfe ſitzen und Ernſt Baring, der Diener Helenens, ſaß bei ihr und las ihr aus einem alten Kalender kleine Ge⸗ ſchichten vor, die ſie überaus gern hörte. Als Beide die junge Wittwe und den alten Capitain kommen ſahen, unterbrachen ſie ihre Beſchäftigung, indem die alte Lore den langſam Wandelnden entgegentrat, der Diener aber ſchnell die Treppe hinaufeilte, um ſei⸗ ner Gebieterin die Zimmer aufzuſchließen. Nachdem Helene mit der alten Hausfrau einige Worte gewech⸗ ſelt, ſtieg ſie in ihr Wohngemach hinauf und freute ſich über die ſchöne Ordnung, in der man Alles in ihrer Abweſenheit erhalten, ſo wie über die gemüth⸗ liche Ruhe, die in dieſem kleinen Raume waltete. „O, wenn es erſt wieder Frieden wäre, keine Gewalt ſollte mich von dieſem lieben, lieben Orte reißen!“ dachte ſie und trat an ihren Bücherſchrank, den ſie öffnete und unter den vielen ſchön gebundenen Büchern 19* 292 einige ausſuchte, die ſie mit Agathen abwechſelnd dem geneſenden Friedrich vorleſen wollte. Von einigen beſonders bevorzugten Werken— die„Stimmen der Völker“ waren es nicht, denn die hatten ſie mit nach Emmerslund begleitet— angelockt, fing ſie an zu leſen, und bald vertiefte ſie ſich ſo ganz in dieſe ihr zur zweiten Natur gewordene Lebensbeſchäftigung, daß ſie nicht einmal den dicht am jenſeitigen Ufer vor⸗ überſchaufelnden Odin gewahrte. Eben ſo aber war es Capitain Bardow ergangen. Er hatte ſich, als er von ſeiner langen Standwache ermüdet nach Hauſe kam, auf's Ohr gelegt und ſeine alte Lore hatte die⸗ ſes Beiſpiel ſo vortrefflich gefunden, daß ſie es ſo⸗ gleich nachgeahmt. So war kein Menſch außer Ernſt Baring im Hauſe, der die Ankunft des Schiffes be⸗ merkt hätte; dieſer aber, da er unzweifelhaft glaubte, ſowohl ſeine Herrin wie die Eheleute Bardow hätten es geſehen, lief am Strande entlang, um ſeinen Lauf und ſein Ziel mit Muße zu verfolgen. Von der Hitze des Tages, dem frühen Aufſtehen und dem Spaziergange, wie gewiß auch von den ver⸗ ſchiedenen Gemüthsbewegungen, die ſie betroffen, an⸗ gegriffen und ermüdet, hatte ſich Helene auf ihren bequemſten Seſſel niedergelaſſen, und hier war ihr das Buch aus der Hand geſunken und ſie hatte ſich 24 293 ebenfalls der Uebermacht des Schlummers ergeben müſſen. Plößlich ſchreckte ſie und alle Bewohner des Hauſes der krachende Donner auf, der Rasmus Harms' Hof zerſtörte. Entſetzt wie nie und ſchon glaubend, der Feind ſei in ihrer Abweſenheit über Emmerslund hergefallen, ſprang ſie an's Fenſter, und von hier aus ſah ſie den unerwarteten ſchrecklichen Vorgang jenſeit des Waſſerſpiegels bis an's Ende mit an. Beſtürzt und im erſten Augenblicke nicht einmal an Henrik Paulſen denkend, deſſen letztes Beſitzthum ſo grauſam heimgeſucht wurde, blieb ſie unbeweglich am Fenſter ſtehen, während der alte Bardow an den Strand humpelte und, im Schatten eines Baumes ſtehend, das traurige Ereigniß durch ſein Glas beobachtete. Vom tiefſten Mitgefühl für die armen Leute, welche das Unglück betraf, ergriffen, betrachtete ſie alle ein⸗ zelnen Scenen dieſes kurzen und doch ſo jammerrei⸗ chen Schauſpiels. Als aber die ſelbſt am hellen Sonnentage blitzenden Flammen aus Rasmus' Hauſe emporſchlugen und der aufſteigende Rauch das Licht der Sonne zu trüben begann, fing ſie bitterlich zu weinen an, denn jetzt fiel ihr erſt ein, daß auch Hen⸗ rik, ihr Jugendfreund, unter dieſem Schlage ſchwer leide. Aber nicht lange vergoß ihre ſtarke Seele dieſe weichlichen Tropfen. Im tiefſten Herzen ergrimmt 294 über das ſchnöde Verfahren des ungroßmüthigen* Feindes und von widerſtandsfähigem Trotze ange⸗ geſtachelt, blieb ſie bleich und ſtarr vor innerer Erre⸗ gung am Fenſter ſtehen, bis die Kataſtrophe damit endigte, daß der Odin weiter dampfte. Von ihrem hochgelegenen Zimmer aus konnte ſie eine ziemliche Strecke des Meerbuſens weſtlich von Emmerslund überblicken, und ſchon war ſie einigermaßen befriedigt, als ſie das verderbenbringende Schiff am Andreas⸗ berge vorbei ſteuern ſah, wie es auch zu derſelben Zeit die Männer auf der Warte waren. Plötzlich aber ſah ſie es wenden und ſeine überlegene Kraft gegen den Andreasberg verſuchen. Da klopfte ihr Herz in ſo lauten Schlägen auf, daß ſie es dem Springen nahe glaubte und ſich von einer ohnmäch⸗ tigen Betäubung getroffen fühlte. In ihren Seſſel zurückſinkend, das Auge krampfhaft geſpannt auf das feuerſpeiende Schiff gerichtet, glich ſie einer kaum be⸗ lebten, allmälig zu Stein erſtarrenden Bildſäule. Al⸗ les Blut war aus ihrem ſonſt ſo ſtrahlenden Antlitze gewichen und das einzige Gefühl, deſſen ſie ſich be⸗ wußt blieb, war das einer lähmungsartigen Kälte, welche, von innen nach außen ihre Glieder ergreifend, ihren ganzen Körper wie ein eiſiger Strom durchrie⸗ ſelte. Wie lange dieſer unnatürliche Zuſtand dauerte, . 295 wußte ſie jetzt und auch ſpäter nicht. Zeit und Raum waren vor ihren wankenden Sinnen in einen düſte⸗ ren Nebel verſchwommen. Wohl ſah ſie das Schiff ſeine Stellung vor Emmerslund verlaſſen, wohl ſah ſie es wieder herankommen, aber an ſich und eine möglicher Weiſe noch größere perſönliche Gefahr dachte ſie keinesweges mehr. Denn was ſollte ein Weib wie ſie, die Nieman⸗ dem etwas zu Leide gethan, von kämpfenden Män⸗ nern zu fürchten haben? Plötzlich aber ſtanden alle ihre Sinne ſtill und ihr Herz hörte gänzlich auf zu ſchlagen. Das Schiff, nachdem es einen Augenblick ihrem eigenen Hauſe ge⸗ genüber gehalten, ſpie einen Feuerſtrahl aus und faſt zu derſelben Zeit, ſo kam es ihr vor, wurde das Haus, deſſen Bewohnerin ſie war, wie durch ein Erd⸗ beben bis in ſeine Grundfeſten erſchüttert. Die Wände zitterten, die Scheiben klirrten, Tiſche und Stühle tanz⸗ ten im Zimmer umher. Wohl hörte ſie ein ſchreckliches Krachen unter ſich, wie wenn große Steinmaſſen zer⸗ trümmert und umhergeſchleudert würden, was aber eigentlich geſchehen ſei, wen ein Unglück betroffen, da⸗ von hatte ſie keine Vorſtellung, denn ſie war nicht mehr Herrin ihres Bewußtſeins und die Außenwelt hatte ihre vollkommene Einwirkung auf ihr Inneres 296 verloren. Dennoch verſuchte ſie ſich von ihrem Stuhle zu erheben, aber ihre Füße waren wie an den Boden gefeſſelt; ſie wollte die Hand nach dem Fenſter aus⸗ ſtrecken, aber ihre Arme fielen machtlos auf ihren Schooß zurück. Da wachte ſie auf aus dem namenlos ohnmäch⸗ tigen Zuſtande und ſah das Schiff wie einen Geiſt der Nacht, der ſeinen Racheplan vollbracht, langſam über das ſpielende Waſſer gleiten. Gleich darauf aber kam der alte Bardow ohne ſeinen Hut, mit fliegen⸗ den Haaren und ſchaukelnden Armen vom Strande dahergeſtürzt, laufend, wie er vielleicht kaum gelaufen war, da er noch zwei geſunde Beine hatte. Er warf einen jammervollen Blick auf ſein Haus, ſchlug die Hände über dem grauen Kopfe zuſammen und ſtürzte der Thüre zu. Dann aber folgte ein Schrei, ein ſchrecklicher, durch das Haus gellender Schrei des alten Mannes aus dem unteren Zimmer her und dann war Alles ſtill.— Dieſer ſeltſame Schrei aber, ſo durchdringend, hülfeflehend und zugleich ſchmerzvoll, wie ſie ihn nie gehört, ſchreckte Helenen gewaltſam aus ihrem beſin⸗ nungsloſen Zuſtande auf. Sie ſprang inſtinktartig em⸗ por, ſtürzte die Treppe hinunter, die unverſehrt geblie⸗ ben war, uund trat in den Flur, der ſich nach des 297 alten Bardow Stube öffnete. Hier aber erwartete ſie ein grauenerregender Anblick. Die ſchwere Kugel war mitten durch die epheubelaubte Wand zwiſchen den beiden Fenſtern geſchlagen, hatte ein großes Stück derſelben herausgeriſſen, war durch das Zimmer ge⸗ flogen und hatte auch die hinteren Wände geſprengt. In der Mitte dieſes Zimmers aber, in blutigen Fetzen auf den Boden geſchleudert, lag ein unkenntlicher gräßlich verſtümmelter Leichnam, deſſen Anblick ſich kaum beſchreiben läßt. Denn die alte gute Lore, mit⸗ ten vor der Bruſt von der Kugel gepackt, war in zwei Theile zerriſſen, die durch wenige Stücke Fleiſch. und einige blutige Kleiderlappen noch zuſammen ge⸗ 1 halten waren. Neben dieſem zerſtümmelten Leichnam, faſt eben ſo bleich und kalt wie dieſer, mit ſtarr aus dem Kopfe tretenden Augen, blauen Lippen und emporgeſträubten Haaren, ſtand die gebrochene Geſtalt des alten See⸗ kapitains. Seine Hände vor der Stirn zuſammenge⸗ rungen, das altersgraue Haupt vornüber gebeugt, ſtierte er auf das grauſige Schauſpiel hin, welches ſeinen alten Augen für dieſen unſeligen Tag aufge⸗ ſpart war. „Bardow!“ rief Helene athemlos—„Großer Gott, was iſt das?“ ———— — ꝗ————— 8* 298 „Was das iſt, he? Was das iſt? Und Sie fra⸗ gen noch?“ ſtammelte der wieder in's Leben gerufene Mann.„Meine alte Lore iſts, die mir die Beſtien nicht gönnten— o Gott!“ Und der alte Mann ſank auf die Kniee in das Blut nieder, welches aus dem Leibe ſeines Weibes gefloſſen war und weinte laut wie ein Kind. Helene wußte nicht, was ſie ſagen, was ſie thun ſollte. Sie ſchauderte zuſammen, aber ſie hatte keine Thränen mehr. Ihre Nerven waren zu ſehr ange⸗ ſpannt, ihre Seele trocken, die ewig feuchte Quelle des Weibes war verſiegt vor der überſtrömenden Gluth des nie erlebten Schmerzes. Wie lange ſie ſo ſtand, ſie wußte es nachher nicht. Daß der Odin noch zwei⸗ mal geſchoſſen, hatte weder ſie noch Bardow gehört. Wie die Zeit überhaupt verronnen, was ſie Beide während derſelben gemacht, ſie konnten es nicht ſagen, als mit einem Male Menſchen um ſie herum ſtan⸗ den, als liebevolle Arme ſie umfaßten und Andreas Burns, der edle Freund, vor Wonne, ſie noch am Leben zu ſehen, ſie ſtürmiſch an ſeine Bruſt drückte. Da lag aber noch immer der alte Bardow auf den Knieen vor der verſtümmelten Frau. Ihre eine Hand, die ganz geblieben, in der ſeinigen haltend, und einen jammerreichen Blick auf den Commodore 299 werfend, der ihm tröſtende Worte zuſprach, ſagte er ſchluchzend und ſich allmälig in die traurige Gegen⸗ wart findend: „Da habt Ihr's, Andreas, da habt Ihr'’! Vier⸗ zig Jahre hat die alte Lore an meiner Seite ge⸗ ſeſſen, wenn ich zu Hauſe war— und nun iſt ſie todt! Ach, meine arme alte Lore!— Was hatteſt Du denn gethan, Du fromme unſchuldige Seele, die nie einen Schmetterling beleidigte, daß ſie Dir ſo arg mitgeſpielt! Heute Morgen noch ſo munter und ge⸗ ſund— und nun iſt es ſchon vorbei, nun biſt du wrack! O, meine alte Lore, ich werde Dich nicht wiederſehen— Du wirſt mir nicht mehr den Stelz⸗ fuß reichen und ich werde Dir keine Fiſche mehr fangen— ol“ In ſolchen und ähnlichen Wehklagen erging ſich der tiefe und rührende Schmerz des alten verein⸗ ſamten Seemanns. Der Jammer wollte gar kein Ende nehmen. Vergebens waren die Tröſtungen der Freunde, die endlich das Zimmer zu reinigen unter⸗ nahmen, wobei die Freiſchaaren ſich außerordentlich thätig bewieſen. Helene war ſchon in ihr Zimmer zurückgekehrt und lag auf dem Sopha, um ſich von dem ausgeſtandenen Schrecken zu erholen; nur An⸗ dreas und die anderen Freunde waren bei dem alten Seemanne geblieben. Und erſt als man die Stücke der Leiche hinausgetragen, das Zimmer gewaſchen und ſo viel Ordnung wie möglich in dem zerſtörten Hauſe hergeſtellt, erſt da brach ſein Schmerz in einer anderen und ſeinem rauhen Weſen natürlicheren Ge⸗ ſtalt hervor. Eine gränzenloſe Wuth hatte ihn mit einem Male angepackt. Seine Fäuſte ballten ſich krampfhaft, ſeine Stimme brüllte entſetzliche Flüche hervor, und es wäre beinahe zum Lachen geweſen, als er alle ſeine Piſtolen und Flinten hervorholte, ſie zu laden begann und auf die ſchon lange entfernten Danen losſtürzen wollte. „Aber was wollt Ihr denn damit machen, Bar⸗ dow, mein Freund?“ fragte Andreas, der kaum ein Lächeln unterdrücken konnte, ſo tief er bewegt war. „Was ich damit machen will?“ brüllte der Ge⸗ fragte.„Und das fragt Ihr mich? Hurrah, Commodore! Todt machen will ich ſie Alle, todt, todt, todt! Verbrennen, verſengen, wie es nur geht, daß keine Spur mehr von ihnen auf Gottes Erde bleibt, die ſie beſudelt und geſchändet haben. Ha! Seht mich nicht ſo lammesmüthig an, Ihr Alle, ich bin wie ein Eber, dem man ſeine Sau geſtohlen hat— Gott, ja, ja, ja— ich bitte Dich, lieber großer Gott, gieb 301 mir die Brut in meine Hände, daß ich ſie räche, meine alte gute Lore—“ „Aber Bardow, bezwingt Euch,“ rief Andreas mit ernſter Würde und legte ſeine Hand beſchwichtigend auf des Alten Schulter.„Seid ein Mann, ein Ca⸗ pitain, der ſein Schiff erhalten muß, das ihm die Buben in Brand geſteckt— kommt, Ihr ſeid ſchon ſo oft geprüft und immer ſeid Ihr der alte wackere Bardow geblieben!“ „Ha, Commodore, bin ich das wirklich geblieben? Nun, Ihr habt Recht, ich will es auch noch bleiben. Was ſoll ich aber thun, he? Ihr könnt Alles von mir verlangen, ſprecht—“ „So kommt mit mir nach dem Andreasberge— verlaſſet dies morſche Haus, bis ich einige Leute ge⸗ ſchickt habe, die es ausbeſſern— ſo lange bleibt Ihr bei mir.“ „Bei Euch? Ehe die alte Lore begraben iſt— 2 Gott ſoll mich ſtrafen, wenn ich das thue! Erſt muß ſie unter der Erde ſein, dann, ja dann— o Gott, o Gott, daß ich das erleben mußte, ich alter Mann!“ Und er fing wieder bitterlich an zu weinen, bis es endlich Andreas gelang, ihn ſo weit zu be⸗ ruhigen, daß er vernünftigen Vorſchlägen Gehör gab 302 f, und ſich in Gottes unvermeidliche Fügung zu ſchicken verſprach. In den ſpäteren Nachmittagsſtunden dieſes ereig⸗ nißreichen Tages, als ſich die Gemüther der vom Un⸗ glück Betroffenen einigermaßen beruhigt hatten und man überzeugt war, daß für' Erſte kein Angriff der Dänen auf die Umgegend weiter ſtattfinden würde, er⸗ tönte im Hofe von Emmerslund ein lange nicht ver⸗ nommener Ruf. Es war die Lärmpfeife des Capi⸗ tains, die ihre gellende Melodie nur dann weit herum erſchallen ließ, wenn es Noth that und ſeine ganze ihm noch zugehörige Schiffsmannſchaft augen⸗ blicklich zuſammengerufen werden ſollte. Die alten Matroſen, deren ganzes Herz noch an den Erinnerun⸗ gen ihres Seelebens hing und für deren Ohr es keine ſchönere Muſik gab als die kecke Weiſe dieſer weithin ſchrillenden Pfeife, ſtürzten eilig herbei, denn ſie waren überzeugt, daß ihr Capitain ihnen einen Auftrag ertheilen würde, der ſich auf das Ele⸗ ment bezog, dem ſie ſo viele Jahre ihres Lebens gewidmet hatten. Andreas hatte ſchon eine Stunde vorher durch eigene Anſchauung ſich überzeugt, daß ſein kleiner Kutter, an dem er ſo eifrig gebaut 303 und der ſeit etwa vierzehn Tagen vom Stapel ge⸗ laſſen, von den Kugeln der Dänen nicht beſchädigt war, nur die ſchönen Buchen der Inſel waren arg zerſplittert und einige jüngere Geſträuche ganz aus dem Boden gewühlt. Eben ſo hatte er wahrgenom⸗ men, daß der ewige Wächter der Meeresbucht, der Schooner Neptun, endlich ſeinen Poſten verlaſſen und mit dem Odin, wahrſcheinlich im Triumphe ihn be⸗ gleitend, nordwärts geſegelt war; er brauchte alſo nicht zu fürchten, in ſeinem jetzigen Unternehmen, welches auf Hülfsleiſtung des armen Rasmus Harms berechnet war, von feindlichen Schiffen beläſtigt oder gar geſtört zu werden, denn außer jenen beiden war kein anderes, weder oſt⸗ noch weſtwärts, zu ſehen. Als die ſämmtliche Mannſchaft des Capitains, die aus zehn Köpfen beſtand, verſammelt war, theilte er ihr ſeinen Plan, Rasmus Harms Hülfe zu bringen, oder, wenn es ihm lieber wäre, ſeine Familie einſt⸗ weilen nach Emmerslund herüber zu holen, mit. Da dies Unternehmen aber möglicher Weiſe mit Gefahren verknüpft war, indem während der Fahrt die feind⸗ lichen Schiffe auf ihren Poſten zurückkehren konnten, ſo rief er Freiwillige auf, die ihn etwa begleiten möchten. Da wollte denn, wie vorauszuſehen, ein Jeder Freiwilliger ſein, und nur mit Mühe gelang 304 es, ſie zu überzeugen, wie es nöthig ſei, daß einige von ihnen zum Schutze des eigenen Hofes zurück⸗ blieben. So kam man denn endlich überein, drei Mann unter Capitain Kühlwetters Commando in Emmerslund zurückzulaſſen; um den Kutter aber voll⸗ ſtändig zu bemannen und drüben am Ufer gegen alle Ueberrumpelung geſichert zu ſein, ſchloſſen ſich die vorhandenen Freiſchaaren nach eingeholter Genehmi⸗ gung ihrer Vorgeſetzten der abendlichen Fahrt an. Als auch das geordnet war, erhielten die Matroſen den Befehl, den Kutter ſegelfertig zu machen, damit er am Abend, wenn die Dunkelheit begänne, bereit ſei. Sogleich ſchleppten die rüſtigen Leute die noth⸗ wendigen Segel, Taue und ſonſtige Schiffsgeräth⸗ ſchaften an das Ufer hinab und die Arbeit begann mit einer Rührigkeit und einem Eifer, wie ſie lange nicht in Emmerslund wahrgenommen waren. Andreas hatte den Frauen ſeine Abſicht mitge⸗ theilt und von allen Seiten die vollkommenſte Billi⸗ gung erhalten. Friedrich, der auch davon gehört, ſeufzte, daß er verhindert war, an der Fahrt Theil zu nehmen, gab ſich aber der Hoffnung hin, bald wieder im Stande zu ſein, den Kampf von Neuem zu beginnen und dem Feinde die Schläge mit Wucher zu vergelten, die er von ihm erhalten hatte. Und 4 305 das iſt eine ſonderbare Erſcheinung im Kriege, die wir recht oft mit eigenen Augen erlebt haben. Ge⸗ rade die am ſchwerſten Verwundeten brannten am heißeſten vor Verlangen, noch einmal dem Feinde ge⸗ genüber zu ſtehen, der ſie verletzt hatte. Anſtatt da⸗ durch entmuthigt zu ſein, wurden ſie im Gegentheile nur noch mehr angeſtachelt, Schläge mit Schlägen zu vergelten, und gerade, weil ſie einmal verwundet waren, glaubten ſie vor einem ähnlichen Mißgeſchick für alle Zukunft bewahrt zu ſein. Wir haben im heftigſten Kugelregen Leute geſehen, die auf den Tod verwundet waren und vielleicht nur noch Stunden zu leben hatten, und die dennoch, bei vollkommener Geiſtesklarheit und im Bewußtſein des Vorgehenden, vor Verlangen bebten, wieder in das Feuer zurückzu⸗ kehren. Wunderbare Menſchennatur, die ihren uner⸗ ſchütterlichen Trotz und ihre unzerſtörbare Widerſtands⸗ fähigkeit auch in ſolchen Lagen zu erkennen giebt und den Trieben des geſunden Lebens und der Ge⸗ wohnheit noch ergeben iſt, wenn ſchon der nahende Tod ihr die Gränze ihres Daſeins geſteckt hat!— Ehe aber die Stunde der Ausführung ſeines menſchenfreundlichen Unternehmens herankam, verging Andreas beinahe vor Ungeduld. Er konnte die Zeit nicht erwarten, Rasmus Harms Beiſtand zu leiſten; A. Burns. II.. 1 20 306 und doch durfte er vor beginnender Nacht nicht daran denken, den breiten Waſſergürtel ungeſehen zu über⸗ ſchreiten. Ein einziger an irgend einer hervorragen⸗ den Stelle aufgeſtellter Spion konnte das Werk der Barmherzigkeit verrathen und den Hülfeſpendenden ſelbſt einen traurigen Untergang bereiten. Als aber endlich die neunte Abendſtunde gekommen und noch kein Schiff am Eingang der Bucht zu erblicken war, konnte und wollte er nicht länger zögern. Nachdem er von den Frauen und Friedrich Abſchied genommen und mit Capitain Kühlwetter gewiſſe Verabredungen für den Fall, daß ein Schiff ſichtbar würde, getroffen hatte, ging er mit Capitain Meviſſen in den Hof und pfiff ſeine Leute zuſammen. Alle mußten ſich nun mit Flinten, Piſtolen und Meſſern bewaffnen, und ſo, vollkommen gerüſtet, ſchritt endlich der kühne Zug an den Strand hinab, wo man das große im Geſtrüpp verſteckte Boot hervorzog und auf dieſem nach dem an der Inſel liegenden Kutter überſetzte. Kaum waren alle Männer an Bord, ſo nahm der Capitain ſeinen Platz auf dem kleinen Quarter⸗ deck ein und ſeine Befehle wurden in dem gewöhn⸗ lich ſtrengen Tone eben ſo energiſch gegeben, wie blitzſchnell in althergebrachter Weiſe pünktlich voll⸗ zogen. „Alle Hand an's Werk, den Kutter in See zu bringen!“ hieß es zuerſt. Sechs Matroſen, von zwei kräftigen Freiſchärlern unterſtützt, ſprangen in das Boot, griffen zu den Riemen und warpten den Kutter⸗ durch die Sandbänke hinter der Inſel hervor, wobei die an Bord des letzteren Befindlichen dieſes mühe⸗ volle Werk dadurch unterſtützten, daß ſie ihn mit lan⸗ gen Stangen, die ſie auf den Meeresgrund ſtießen, von ſeinem Ankerplatze fortbewegten. So gelangte man in kurzer Zeit in glattes Fahrwaſſer. Als aber das erkannt war, kamen die Ruderer wieder an Bord, nahmen das Boot in Schlepptau und zwei Minuten ſpäter rollte das große Segel des Kutters herab, welches man in ſtarke Reefe legte, da der Oſtwind etwas friſch blies, und bald faßte es der Wind und augenblicklich richtete ſich ſein ſchlanker Bug nach der Mitte des Waſſers, dem gegenüberliegenden Ufer zu. Es war eine Freude, das kleine Fahrzeug bei ſo ſtraffem Winde durch das Waſſer ſchießen zu ſehen und Andreas ſprach gegen Capitain Meviſſen laut ſeinen Beifall über die Arbeit ſeiner Matroſen aus. Die Fahrt ging jetzt ungeſtört und mit möglichſter Schnelligkeit von Statten, der Wind blieb ſtetig und kein Späherauge verrieth das geheimnißvolle Werk. 20 308 Noch immer brannte in kleineren auf und ablodernden Flammen das große Gehöft am jenſeitigen Ufer und das Meer ſtrahlte in lebhaftem Widerſcheine die gol⸗ denen Feuergarben zurück, die dann und wann, wenn ein Balken zuſammenbrach, in die Höhe ſprühten. Je länger aber das feindliche Element in dem fried⸗ lichen Orte gewüthet, um ſo mehr Zeit hatte der Be⸗ ſitzer ſelber gehabt, ſich männlich in das unvermeidliche Schickſal zu ergeben. Er ſpürte keine Müdigkeit, kei⸗ nen Hunger, obwohl er ſeit Mittag keinen Augenblick geruht, keinen Biſſen genoſſen hatte. In ſeinem fe⸗ ſten Sinne ſchon im Voraus bedenkend, wie er den Verluſt ertragen und erſetzen wolle, war er in ſich zur Ruhe und Ueberlegung gekommen, und das iſt immer ſchon ein großer Schritt zur Abwehr der Noth. Wohl hatte er oft an dieſem Tage den Andreasberg im Auge gehabt und ſeine Gedanken auf deſſen edlen Beſitzer gerichtet, denn er wußte wohl, daß Andreas Burns, wenn er Hülfe bringen konnte, auch Hülfe bringen würde. Daß dies nicht vor der Nacht ge⸗ ſchehen könne, war ihm ſo gut bekannt, wie Andreas ſelber, und ſo erwartete er denn auch den redlichen Freund nicht vor Eintritt der Dämmerung. Als dieſe endlich eingetreten war und er den Kutter im Anſegeln bemerkte, wußte er, wer ihm nahte und ſo 309 ſtand er denn jetzt am Strande und empfing den Capitain mit lebhaft gerührtem Herzen. Kaum war ein Theil der Männer mit dem Boot gelandet, ſo legten die auf dem Kutter zurückbleiben⸗ den Matroſen denſelben im Schatten der Bäume am Ufer vor Anker, zogen alle Segel ein und ſchau⸗ ten aufmerkſam nach der Warte hinüber, um der et⸗ waigen Signale gewärtig zu ſein, die Capitain Kühl⸗ wetter ihnen geben würde. „Nun, Freund Harms,“ redete der Capitain Burns den Schwergeprüften an—„wie geht es Euch? Mein Hierſein giebt Euch Kunde, daß wir Euer Schickſal mit Theilnahme betrachtet. Habt Ihr Ver⸗ luſt an Menſchenleben erlitten?“ „Gott ſei Dank, nein! Wir waren Alle ſeitab getreten, denn wir hatten das Gewitter nahen ge⸗ ſehen. Und Alles iſt geſund, Cap'tain, nur wimmern die Frauen, daß ſie kein Dach und Fach für die Nacht habenͤ.. „Darum eben bin ich gekommen, und wenn Ihr geſonnen ſeid wie ich, ſo kommt Ihr mit Weib und Kind hinüber, bis Ihr an den Aufbau denken könnt.“ „O, mein guter Caprtain!“ ſchluchzte Rasmus Harms und ſchüttelte die Hand des braven Mannes 310 —„Wie dankbar bin ich Euch! Ich habe ſchon daran gedacht, meine alte Urſel und Margrethen, mein Kind, hinüberzuſchicken, aber ich wußte ja nicht, wie ſchwer Ihr ſelber heimgeſucht wäret von den Teufeln, die meinen Hof vernichtet haben.“ „Wohlan denn, ſo kommt und laßt uns den Schaden beſichtigen!“ Und von Rasmus geführt, ſchritten alle Männer, die gelandet waren, dem Orte des Unheils zu. Da bot ſich ihnen denn ein grauſenhafter An⸗ blick dar. Die Feuerſtätte ſelbſt war noch immer un⸗ nahbar, aber in dem mit Früchten des Jahres ſo reich ausgeſtatteten und jetzt niedergetretenen Garten war die Verwüſtung an jedem Baume ſichtbar. Hier hatte man auch das Wenige aufgehäuft, was aus den Flammen zu retten möglich geweſen. Denn das Unheil war ſo ſchnell, ſo unerwartet über die Troſt⸗ loſen hereingebrochen, daß ihnen kaum die Beſinnung geblieben war. Händeringend, mit aufgelöſten Haaren und zerriſſenen Kleidern ſtanden hier bei den Trüm⸗ mern ihres Eigenthums die alte Urſel, Margrethe und ſämmtliche Mägde, ſchluchzten und erzählten hundertmal daſſelbe, immer wieder von vorne be⸗ ginnend und kein Ende ihres Jammers findend. 311 „Und habt Ihr ſonſt Alles verloren, Harms?“ fragte Andreas.„Wie ſteht es mit dem Vieh?“ „Ach, mein Vieh iſt ſchon lange theils geſtohlen, theils verkauft, theils aufgezehrt. Glücklicherweiſe habe ich noch vor wenigen Tagen einige Kühe und Schweine an die Hannoveraner verkauft, die es nicht umſonſt haben wollten, und die paar Pferde, die mir von den requirirten übrig geblieben, ſind davongeſtoben, als die Kugeln und Flammen ſie aus dem Stalle ſcheuchten.— Hier aber Cap' tain,“ und er deutete auf eine ſchwere Eichenholzkiſte mit ſtarken Eiſenbe⸗ ſchlägen,„hier iſt mein Erſpartes, das iſt mir ge⸗ blieben, und auch einige Wäſche da in den anderen Kaſten iſt unverſehrt. Das iſt freilich auch Alles, aber, wie ich denke, ein leidlicher Anfang zum künfti⸗ gen Ende.“ „Ihr habt Recht, Männer dürfen nicht verzwei⸗ feln, wenn Gott bue Leiden ſchickt. Es iſt eben Krieg, in dem wir begriffen ſind, und das iſt kein Puppenſpiel. Nun aber, Kinder, wenn Ihr ſonſt nichts zu thun habt, macht Euch daran, alles Be wegliche auf den Kutter zu bringen.“ Da ging denn eine regſame Scene unter dem klaren Sternenhimmel und in der linden Nachtluft vor. Alle freien Hände faßten auf einmal an und N 312 in einer kurzen Stunde war mittelſt des hin und her⸗ fahrenden Bootes das ganze gerettete Eigenthum des Bauers an Bord des Kutters gebracht. Endlich gin⸗ gen auch die Frauen und Mägde an Bord und nur zwei alte Knechte blieben zurück, die Felder zu hüten, den Garten wieder herzuſtellen, ſo weit es thunlich war, und die weggelaufenen Pferde einzufangen, über Alles aber die Aufſicht zu führen, bis Rasmus zu⸗ rückkehren und den Bau des neuen Hauſes anordnen würde, ſo Gott den Frieden gäbe. Sonſt war nichts aus den brennenden Ruinen zu bergen, und da Ras⸗ mus keinen Grund hatte, unter den jetzigen Umſtän⸗ den länger im Sundewitt zu bleiben, ſo entſchloß er ſich kurz, ebenfalls ſeine Heimat zu verlaſſen und jenſeit des Waſſers ſich vorläufig eine neue zu ſuchen. Schmerzlich war der Augenblick, als er und ſeine Familie von dem ſo theuren Orte ſchied, wo er ſo viele Jahre ſeines Lebens ruhig und glücklich gelebt hatte; herzzerreißend das Schreien der Frauen, als ſie ihren klagenden Blick vom Waſſer aus auf das noch immer brennende Haus warfen. Aber auch das mußte bezwungen werden und— es ward bezwungen. So ſtiegen die Letzten an Bord des Kutters, und da die Umgegend ruhig blieb, indem die Feinde ſich viel⸗ 313 leicht ſchämten, die Folgen ihrer Frevelthat aus der Nähe zu betrachten, ſo ſetzte man das Schiff ſehr bald wieder in Bewegung, und es war kaum Mitternacht vorüber, als die Unternehmung ihr Ende erreicht und die Geretteten das Ufer des wohlwollenden Nachbars beſtiegen. Von Gertrud herzlich empfangen und gaſtlich be⸗ wirthet, ſchliefen die Vertriebenen zum erſten Male unter einem fremden Dache, und als ſie am nächſten Morgen, da die Sonne, neues Leben ſtrahlend, aus dem Meere heraufſtieg, nach ihrer matt rauchenden Heimat über das Waſſer hinüber blickten, da war ihr Schmerz milder, ihr Verluſt erträglicher geworden, denn ſie hatten nur verloren, was verlierbar war, irdiſches Gut und vergänglichen Beſitz; das Vertrauen auf Gott und auf ſeinen gnadenreichen Vaterarm aber fühlten ſie mächtig in ihrem Herzen leben, ja, es war ſeit der vorigen Nacht vielleicht lebendiger und wahrhaftiger in ihnen geworden, als es früher geweſen war. Neuntes Mapitel. Des alten Bardow Rache und das Ende des erſten Kriegsjahres. Der nächſte Tag in Emmerslund verfloß in ge⸗ räuſchloſer und um ſo bedeutſamerer Stille, als ein jeder der jetzigen Bewohner Stoff genug hatte, ſeinen eigenen nicht beſonders troſtreichen Gedanken nachzu⸗ hängen. Indeſſen hatten ſich ſogar die am ſchwerſten Betroffenen, der alte Bardow und Rasmus Harms, allmälig in das Unvermeidliche gefunden, und ob⸗ gleich ihr Schmerz noch neu war und der Gegenſtand ihres Kummers ihnen ſtündlich vor Augen lag, ſo ga⸗ ben ſie ſich doch ſchon in Gedanken der Hoffnung hin, daß Gottes ausgleichende Hand den begangenen Fre⸗ vel nicht ungeſtraft laſſen würde— ein für Menſchen von dem Bildungsgrade, wie ihn jene beiden Männer beſaßen, großer und im vorliegenden Falle ſehr in's Auge ſpringender Troſt. Nur am zweiten Nachmittage darauf erneuerte ſich des alten Seemanns Schmerz, als die Beerdigungs⸗ feierlichkeiten der Ueberreſte der alten Lore ſtattfanden. Die ganze Bewohnerſchaft der Umgegend war an den Strand geeilt, um der guten allbekannten Frau die letzte Ehre zu erweiſen und wenigſtens einen Blick auf den hinter ihrem Sarge herhinkenden Gatten zu werfen, denn einige Neugierde pflegt bei ſolchen Ge⸗ legenheiten immer mit der herzlichſten Theilnahme verbunden zu ſein. Auch eine Abtheilung der zunächſt liegenden Freiſchaaren hatte ſich der Feierlichkeit ange⸗ ſchloſſen und der Pfarrer des nächſten Kirchdorfes hielt eine den Umſtänden gemäße, ſehr feierliche un bende Anrede an die große Verſammlung. Als man von der Beerdigungsſtätte zurückgekehrt war, nahm Andreas den alten Freund mit ſich nach Emmerslund, um ſeinen trüben Geiſt zu erheitern und den umflorten Blick, mit dem er um ſich ſchaute, aufzuklären. Und da er ſeine Gemüthsart und Neigung kannte, ſo ſetzte er ſich mit ihm allein in ſein Zim⸗ mer, ſprach liebevoll von den vergangenen glücklichen Zeiten ihres Seelebens und ſchenkte ihm dabei ein Glas ſeines feurigſten Weines ein. 316 Aber der alte Seemann hatte heute weder Ohren zu hören, noch eine Zunge zu ſchmecken. Seine Ge⸗ danken auf Gott weiß was gerichtet, ſchaute er an des Commodore ernſtem Geſicht vorbei zum Fenſter hinaus in's Blaue, ſagte zuweilen:„Ja, ja!“ und ſchnellte die Finger beider Hände ſo kunſtfertig zu⸗ ſammen, daß jedesmal ein ſchallender Doppelklang dabei zu Stande kam. Endlich bemerkte Andreas die Theilnahmloſigkeit ſeines Gefährten und beſchloß, ei⸗ nen anderen Weg der Vermittelung zu betreten. „Heda, Bardow, alter Freund!“ rief er und ſchüt⸗ telte des Mannes Arm—„Was ſinnt Ihr, woran denkt Ihr ſo unabläſſig— könnt Ihr die alte Lore rnicht in ihrem Grabe ruhen laſſen?“ geufel, Cap'tain!“ rief der Alte wild— wohl, mich noch einmal an die Iiie S Seele zu erinnern, denn mein Blut wird immer dicker und meine Eingeweide heißer, wenn ich ihren Namen von einem Anderen nennen höre, ſelbſt wenn Ihr es ſeid, der ihn ausſpricht. Nein, nein, Capttain, mir liegt etwas Anderes im Sinne, und wenr nir darin keine Gewährung wird, ſo hab' ich den Tod ſelber— ich ſag's Euch.“ „Und was iſt es, was Euch ſo ſtark erſchüttert?“ 17 00 „Gerade heraus geſagt, Cap'tain— es liegt wie ein Fieber in meinen alten Knochen. Ich muß die⸗ ſen verdammten Hunden von Dänen Eins aus⸗ wiſchen, und ſollt' ich nach Kopenhagen ſegeln und ein Stadtviertel anbrennen. Seht, dieſe Nacht habe ich kein Auge geſchloſſen, was mir ſelten paſſirt, und immer ſummte es mir wie eine alte Sturmglocke vor den Ohren, und mit jedem Bumbum klang es mir im Herzen, als wenn Gott ſelber hinein riefe: Drauf, drauf, Bardow, ſchlage ſie Alle todt! Und ſeht, das kann ich auch jetzt nicht los werden, und ſo gern ich Euch Beſcheid thun möchte in dieſem edlen Stoffe, und Euren troſtreichen Worten zuhören— das Bum⸗ bum überſchreit Alles und ich muß immerwährend an die Schurken denken, die mir ſo großes Leid ange⸗* than.“ „Aha!“ ſagte Andreas, der jetzt Bardow's Gedan⸗ ken auf die Spur kam.„Das kenne ich, Alter, das iſt das innere Rachegefühl, was in der Bruſt des mißhandelten Menſchen wohnt und nicht zur Ruhe kommt, bis ſich ein Gegenſtand gefunden, an dem er es auslaſſen kann. Nun ja, etwas Aehnliches ſchlum⸗ mert auch in mir, obſchon ich mich nicht rächen, ſon⸗ dern ſie nur für ihre Frevelthaten geſtraft wiſſen will, und daß das nicht ausbleiben wird, weiß ich beſtimmt.“ 31s „Meint Ihr das gewiß, Commodore?“ „So gewiß Ihr da vor mir ſitzet— ja, Gott wird ſie ſtrafen, und vielleicht iſt ſein Zorngericht nä⸗ her an ihnen, als wir denken mögen.“ „Ihr habt es getroffen, wie ein Blitz den Stahl trifft— hol mich der Satan! Ja, wenn das iſt, ſo will ich Euch Beſcheid thun mit dieſer Flaſche. Auf Gottes Gericht alſo!“ Und er leerte das große Glas, welches noch unberührt vor ihm ſtand, mit einem Zuge, wobei er die Augen zukniff, um Gottes Gericht vielleicht um ſo deutlicher ſchon im Innern zu ſehen. Als Andreas den alten Knaben erſt ſo weit ge⸗ bracht ſah, ſchöpfte er Hoffnung, ſein Herz auch mit den Gedanken an Den zu erfüllen, der jenes Gericht zu vollſtrecken hatte, und eben wollte er einen kleinen Verſuch machen, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, als über den Garten her, nach welchem ſich die Fenſter des Zimmers, worin ſie ſaßen, öffneten, die ſchrille Pfeife Capitain Kühlwetter's ertönte, der um dieſe Zeit auf der Warte ſtand. „Was iſt das wieder?“ rief Andreas und ſprang auf. Aber noch hatte er keine beſtimmte Vermuthung gefaßt, was ſchon wieder Neues im Anmarſche ſein könne, als Capitain Meviſſen, der ſeinem Kameraden 319 auf der Warte Geſellſchaft geleiſtet hatte, eilig in's Zimmer trat. „Was giebt's, Meviſſen?“ fragte Andreas ſchnell. „So lacht einmal!“ rief dieſer, den Mund von einem Ohre bis zum andern aufreißend.„Es iſt Zeit dazu! Es geht ein Gerücht durch die Leute, das ver⸗ fluchte Schiff, der Odin, ſei in die Gjennerbucht ein⸗ gelaufen und ſitze dort auf dem Sande feſt. Vielleicht hören wir bald etwas Genaueres darüber, denn es kommt eben von Barsmark her ein Mann gejagt, der gleich in den Hof reiten wird.“ Kaum hatte der alte Bardow nur den Namen Odin und dann die darauf folgende Botſchaft gehört, ſo ſprang er, mit ſeinem Stelzfuße den Boden ſtam⸗ pfend, wie ein Kreiſel in der Stube herum, rief ein Mal über das andere Hurrah! und klatſchte in die Hände, daß es wie ein Peloton Piſtolenſchüſſe klang. Andreas aber war unterdeſſen auf den Hof geeilt, wo⸗ hin ihm die beiden Anderen, nachdem ſie ſchnell noch ein Glas geleert, bald nachfolgten. Und da langte eben Hans Blachmann aus Barsmark an, der die vorher nur gerüchtweiſe verbreitete Kunde beſtätigte. Deer Odin ſäße wirklich feſt, berichtete er, und obſchon ſich der Neptun große Mühe gebe, ihn wieder flott zu machen, ſo habe man doch die Ausſicht, ihn mit 320 Kugeln zu erreichen, wenn die Artillerie erſt da wäre, nach der man geſchickt habe. Er hätte eben die Häu⸗ ſer der Gjennerbucht beſchießen wollen, als ihn die gerechte Vergeltung ereilt. „Hollah!“ rief Capitain Bardow, als er das hörte,„Nun iſt mein Fieber weg und der überzählige Ballaſt auch, der mir auf der Seele gelegen. Halloh! jetzt bin ich wieder der alte Bardow! Geſchwind, Commodore, geſchwind— laßt anſpannen; gebt mir einen Wagen, ich muß bei der Affaire ſein; denn ehe dieſe meine Augen ihn nicht ſinken ſehen, habe ich keine Ruhe auf Erden!“ Andreas zeigte ſich ſogleich willig, den Wünſchen des alten Mannes zu entſprechen. Er ließ zwei flinke Pferde vor einen leichten Wagen legen, und in fünf Minuten war das Fuhrwerk zur Abfahrt bereit. Ca⸗ pitain Meviſſen wollte ſeinen alten Kameraden nicht allein ziehen laſſen, der ſchon neben dem Kutſcher auf dem Strohſacke ſaß; er ſtieg daher mit einigen Frei⸗ ſchaaren, die ebenfalls das Abenteuer beſtehen woll⸗ ten, auf, und im Nu ſtoben die Pferde mit den un⸗ ternehmenden Leuten davon, während das laute Hal⸗ loh des alten Bardow die muthigen Thiere nur noch mehr befeuerte. Verlaſſen auch wir mit dieſem Wagen Emmerslund 321 und verfolgen wir das neue Unternehmen, von dem Andreas ſich nichts Beſonderes verſprach, denn man war noch nicht an die Unglücksfälle zur See der auf dem Waſſer bisher immer ſiegreichen Dänen gewöhnt. Im vollſten Laufe, von unabläſſigen Zurufen ge⸗ jagt und mit Peitſchenhieben, die ſie nur ſelten zu fühlen bekamen, noch mehr in Feuer geſetzt, flogen die Pferde mit ihrem mäßig belaſteten Wagen an Bars⸗ mark und Kirkeby vorbei und erreichten, indem man immer die kürzeſten Feldwege einſchlug, ſehr bald den Gjenner Fjord. Als man hier aber die wackeren Thiere ſich verſchnaufen laſſen mußte und eine Weile abſtieg, um ſich nach dem, von Bardow unterwegs zu tauſend verſchiedenen Todesarten verurtheilten Odin umzuſchauen, ſah man nirgends ein Schiff, noch viel weniger aber ein auf irgend einer Sandbank feſtſitzen⸗ des. Die in ſo toller Haſt hierher Gefahrenen zogen lange Geſichter und Capitain Bardow machte ſeinem gepreßten Herzen durch ſchreckliche Flüche Luft. End⸗ lich erſchien ein Bauer und erkundigte ſich, was man denn eigentlich ſuche. Als er den alten Seemann nach dem geſtrandeten Schiffe fragen hörte, beſtätigte er die Wahrheit der Thatſache, aber das ſei ſchon vor mehreren Stunden geſchehen, erzählte er eifft.. Seit der Zeit habe das Segelſchiff den Dampfer flott A. Burns. II. 8 21 322 gemacht; und während das erſte nach Südoſt umgelegt, habe ſich letzterer nach Norden begeben, um im Ar⸗ röerſunde ſein Meiſterſtück zu verſuchen. Als die von Emmerslund gekommenen Männer dieſe Nachricht vernahmen, waren ſie ſehr betrübt und beriethen ſich, was unter dieſen Umſtänden weiter zu thun ſei. Einige wollten ſogleich nach Hauſe zurück⸗ kehren, da ja der Zweck ihrer Fahrt verfehlt ſei; Bar⸗ dow aber, der hierüber auf das Aeußerſte ergrimmte, ſagte, er müſſe ſich ſchämen, nach Hauſe zu kommen, ohne den Odin einmal geſehen zu haben; ſie möchten immerhin zu Fuße nach Emmerslund gehen, er würde aallein nach Arröe fahren, denn ihm habe der Com⸗ modore das Fuhrwerk anvertraut. Mehr um dem Alten willfährig zu ſein, der den meiſten Grund zum Haſſe des feindlichen Schiffes hatte, als weil ſie irgend eine Abſicht gegen daſſelbe zu erreichen hofften, entſchloſſen ſie ſich endlich, mit nach dem Arröeſund zu fahren. Es war noch ziem⸗ lich früh am Tage und man konnte den ſchmalen Sund zwiſchen dem Feſtlande und der reizenden In⸗ ſel noch leicht vor Einbruch der Nacht erreichen. Daß auf dem Wege dahin nichts zu befürchten war, wußte man beſtimmt, da die ſchleswig⸗holſteiniſche Armee in und um Hadersleben ſtand, ſich bis zur See ausbrei⸗ . 323 tete und dort mit den Freiſchaaren zuſammentraf, die unter Hauptmann Aldoſſer die Küſte behüteten. So ſtieg man denn wieder auf und bald ſetzte ſich der Zug in Bewegung, die Straße von Apenrade nach Hadersleben verfolgend, die man jedoch bei Hoptrup wieder verließ, um über Kjelſtrup und Heiſager nach Flauth zu gelangen, wo man etwa um zehn Uhr Abends ankam und die unerwartet erfreuliche Nach⸗ richt erhielt, daß der Odin allerdings noch in der Nähe der Küſte im Sunde liege, weshalb man auch ſchon nach Artillerie geſchickt habe, um ihn bei Tages⸗ anbruch auf's Wärmſte mit glühenden Kugeln zu be⸗ grüßen. So ſetzte man die Reiſe ſogleich über Raad nach dem Sunde fort und traf etwa um elf Uhr Abends an Ort und Stelle ein. Nachdem man den Pferden ihr Futter vorgewor⸗ fen, betrat man den Strand und fand hier ſchon ei⸗ nige Vorkehrungen zur Ueberraſchung des Feindes ge⸗ troffen. Eine Abtheilung kampfluſtiger Freiſchaaren hatte das Ufer beſetzt und ſich hinter Hecken und Bäu⸗ men ſo gut wie möglich vor den Luchsaugen der Dänen verborgen. Zwei kleine Geſchütze, die man herbeigezogen, hatten zu ſchwaches Kaliber und tru⸗ gen ihre Geſchoſſe nicht weit und ſicher genug, um 21* 324 dem Schiffe wünſchenswerthen Schaden zu thun, da⸗ her hatte man eine Stafette nach Hadersleben geſandt, um ſchweres Geſchütz zu holen. Die beginnende Nacht war klar und ſternenhell; man ſah deutlich die ſchönen Waldungen von Arröe, einer der lieblichſten Inſeln der blauen Oſtſee, vor ſich liegen, und mitten im Sunde, unbeſorgt vor ei⸗ nem Angriffe, den er auf dem Waſſer beim Mangel ſchweren Geſchützes für unmöglich hielt, lag der Odin und ruhte von ſeinen Strapazen der vergangenen Tage aus, um am nächſten Morgen mit friſcher Kraft eine neue ungefährliche Schlacht irgendwo in der Nähe zu liefeen. Als Capitain Bardow des ihm ſo verderblich ge⸗ woordenen Schiffes anſichtig wurde, erfaßte ihn eine unbezähmbare Leidenſchaft und er verſchwor ſich hun⸗ dertmal, dem Daſein des feurigen Teufels ein Ziel zu ſetzen, worüber die umherſtehenden Freiſchaaren lachten, aber ernſt wurden, als ſie vernahmen, welch' trauriges Ereigniß den alten Mann dagegen ſo über⸗ aus erbittert hatte. Er war nicht von der Stelle zu bringen, an Ruhe und Schlaf dachte er nicht, und hätte man ihm nicht mit Gewalt einige Gläſer Punſch aufgedrungen, er würde auch dazu keinen Antrieb ge⸗ fühlt haben, denn ſein ſonſt leidlicher Appetit und 325 Durſt war ganz und gar in dem Verlangen ſei⸗ ner Seele aufgegangen, den Untergang des Schiffes herbeizuführen, als ob das ſo ein kleines und leichtes Unternehmen geweſen wäre. Aber Gott, der Lenker der Schickſale der Menſchen und Dinge auf Erden, ſchien ſelbſt beſchloſſen zu haben, den brennenden Wunſch des alten Mannes zu erfüllen. Er ſchlug die ſonſt ſo ſchlauen Dänen mit blinder Zuverſicht, daß ſie ſich in ihrer jetzigen Lage für unantaſtbar hielten, und gab ihnen diesmal keine Kunde, daß ihre Feinde näher und ſtärker wären, als ſie dachten. Ruhig blieb das Schiff auf ſeinem weichen Bette im Sunde liegen; die langſam und majeſtätiſch von Oſten her aufſchwellenden Wogen hoben es dann und wann auf ihrem breiten Rücken in die Höhe, aber unverrückbar feſt von ſeinen An⸗ kern gehalten, ſank es immer wieder auf ſeine alte Stelle zurück und nahm ſich ſo ſicher und zuver⸗ läſſig im Bewußtſein ſeiner Kraft aus, als wäre es der unüberwindliche Beherrſcher der nordiſchen Meere geweſen. Da, lange nach Mitternacht, raſſelten zwei Zwölf⸗ pfünder von Hadersleben heran und eine jederzeit willige und zu jeder muthigen That entſchloſſene 326 Mannſchaft begleitete ſie. Capitain Bardow gerieth darüber außer ſich vor Entzücken und humpelte dem Führer der Geſchütze entgegen, um ihm ſeine Kamerad⸗ ſchaft anzutragen. Bald waren die Ankommenden von dem Wunſche des alten Seemannes, den Odin in Grund zu bohren, unterrichtet und freundlich ge⸗ nug, ihm die Erfüllung deſſelben zu verſprechen. Mit einer Haſt und Sicherheit, wie ſie nur kriegsgeübte Männer beſitzen, ging man darauf an die Arbeit, warf hinter einer Hecke eine kleine Schanze auf, ver⸗ tiefte den Grund für die Bedienungsmannſchaft und zog endlich die Geſchütze ein, wobei alle Anweſenden nach Kräften mithalfen. Aber noch war die Zeit der Handlung nicht gekommen; es war noch zu dunkel, um richtig zielen zu können; und da man einen ernſten Zweck vor Augen hatte, ſo wollte man nichts verſäumen, um denſelben zu erreichen, und nur mit dem gehörigen Nachdruck zu Werke gehen. Der Unruhigſte von Allen war der alte Bardow. Hundertmal blickte er nach der See hinaus, ob das Schiff auch nicht davon gegangen ſei, und wenn er es fand, hob er ſeine Augen zu der kleinen Mondſichel, die ihr Licht ſparſam über die brodelnden Wellen ausgoß, bis all⸗ mälig die Nacht ſchwand, die Morgenröthe roſig aus dem feuchten Horizonte auftauchte und alle bei, der 327 folgenden Handlung thätigen Menſchen in die Nähe des Schauplatzes derſelben zog. „Geduld meine Kinder, Geduld!“ ſagte der alte Mann und hinkte von einem Geſchütze zum anderen, indem er ihre glänzenden Röhren mit der flachen Hand ſtreichelte—„Nur Geduld, ſage ich Euch. Ihr ſollt nicht vergebens die lange Nacht gelauert haben. Wartet noch ein wenig, bald ſollt Ihr Euern Mund ſo weit aufmachen, wie nur möglich, und dem See⸗ hunde da drüben ſo tiefe Wunden einbeißen, wie er ſie mir ſelbſt geriſſen hat.“ Die Umſtehenden lächelten, als ſie dieſe ſeltſame Anrede vernahmen; der Offizier aber, der dabei war, klopfte dem alten Manne auf die Schulter und ver⸗ ſprach ihm bald ſeinen Wunſch zu erfüllen.„Wie iſt es aber, Alter,“ ſagte er,„habt Ihr wohl ſchon ſo ein brummendes Ding abgebrannt?“ „Ich? Meint Ihr mich? Ob ich ſolch ein Ding ſchon abgebrannt? Bei Gott und. allen ſeinen Heer⸗ ſchaaren, was war das für eine Frage an den alten Bardow, der vierzig Jahre zur See gegen allerlei Feinde gekämpft! Ich glaube nicht, Herr, daß Ihr Alle zuſammen, wie Ihr hier ſteht, ſo viel Lunten angelegt, wie ich allein.“ „Nun, wenn Ihr das ſo gut verſteht, ſo will ich 328 Euch geſtatten, ein Geſchütz abzufeuern— wählt— das rechte oder das linke,— mir iſt es einerlei, beide ſind mit Granaten geladen.“ „Wirklich? Alſo Ihr wolltet? Hur— ja ſo, ich darf ja nicht ſchreien! Bis nachher alſo— aber dann ſollt Ihr hören, was der alte Bardow für eine Kehle hat. Na, ich nehme das da, das rechte, das hat ſo ein ſchelmiſches Auge und blinzt mich ſchon lange vertraulich an— wo iſt die Lunte, her damit — aha! Ich werde auch der Erſte ſein, Kamerad,“ — wandte er ſich an den Bombardier, der das zweite Geſchütz richten ſollte,„und ſo wie ich Feuer geſagt, ſchreit Ihr Mord— ſo ſoll es ſein!“ Und ſo war es beſchloſſen. Lautlos und voll er⸗ wartungsreicher Spannung ſtanden die Männer und harrten mit nach dem Himmel gerichteten Antlitz, bis das roſige Licht des anbrechenden Tages hellere Strah⸗ len werfen würde. Der Capitain trippelte ungeduldig hin und her, zerſtampfte den weichen Boden mit ſeinem Stelzfuß und rieb ſich die Hände vor Freude faſt wund. Ein Auge immer auf das Schiff; welches von Augenblick zu Augenblick ſeine ſcharfen Linien klarer aus dem Nebel der Nacht erhob, und das andere auf die Ka⸗ 1 329 none gerichtet, die vor ihm ſtand, flüſterte er:„Bald, bald, mein Mäuschen— bald, bald!“ Da brach der lächelnde Tag mit glänzenderem Lichte herein und man ſah beinahe ſo klar wie im Mittagsſcheine den Rumpf des Dampfers vom Waſſer ſich abheben. Eine kleine graue Dampfwolke wirbelte brauſend aus ſeinem Schornſtein hervor und bewies, daß man geheizt habe, um vielleicht mit Tagesan⸗ bruch ebenfalls das Werk zu beginnen. Darum mußte man ihm zuvorkommen und ſo war endlich der Augenblick der Handlung erſchienen. Der Offtzier flüſterte ſeiner Mannſchaft zu, daß keine Minute zu verlieren ſei und daß ſie ſich fertig machen ſollten. „Wir ſind fertig,“ ſagte der Unteroffizier, der beim zweiten Geſchütze ſtand, neben welchem, wie beim er⸗ ſten, jeder Mann ſeine Stellung nach Vorſchrift ein⸗ genommen hatte. „Wohlan denn!“ rief nun mit lauter Stimme der junge Offizier.„Vorwärts, No. 1, Feuer!“ Capitain Bardow war ſchon lange hinter ſein Geſchütz geſprungen und hatte über das Viſir ſcharf nach dem Schiffe hinübergelugt. Auch er war fertig; und mit der einen Hand, zwar nicht vorſchriftsmäßig, aber doch wirkſam, die Lunte anlegend, mit der an⸗ dern den Hut vom Kopfe reißend, brüllte er ſein don⸗ 330 nerndes Hurrah in die friſche Morgenluft. Heraus aus dem Geſchütz krachte der Schuß und die Kugel flog auf das etwa vierhundert Schritte vom Ufer entfernt liegende Schiff los, welches einen ſo bitteren Morgengruß am wenigſten erwartet hatte, denn es war durchaus nicht auf einen Ueberfall eines Zwölf⸗ pfünders vorbereitet. Und daß der Schuß ſaß, hörte und ſah man deutlich, denn das getroffene Holz des Schiffes krachte und die Splitter flogen in der Luft wirbelnd umher, während eine unruhige Bewegung an Bord ſich augenblicklich bemerklich machte. Dem erſten Schuſſe folgte der zweite nicht minder ſicher, und ſchon waren beide Geſchütze wieder von den herbeiſpringenden Kanonieren geladen. Capitain Bardow war unterdeß bei Seite getre⸗ ten, um die Wirkung ſeines Schuſſes beſſer zu ver⸗ folgen. Er ſchwenkte ſeinen Hut gegen das Schiff und wiederholte ſein Hurrah.„Warte,“ ſagte er, „jetzt weiß ich, daß Du kein Geſpenſt, ſondern der Teu⸗ fel mit Fleiſch und Blut biſt. Nun ſoll es noch beſſer kommen— Dir wollen wir einheizen— denke an Rasmus Harms— hollah, meine Herren, jetzt einen Schuß für die alte Lore!“ Und am ganzen Leibe vor Erregung zitternd, kauerte er ſich noch einmal hinter dem Geſchütze nie⸗ 331 der, und ſeinem Laufe eine etwas veränderte Richtung geben laſſend, feuerte er es zum zweiten Male ab. „Halloh!“ rief er, als die einſchlagende Kugel im Schiffe ſelbſt entſetzlich krachte und zerſprang— „Hollah, das ging ihm in die Leber—! Der alte Bardow hat freilich nur ein Bein, aber zwei geſunde Arme hat er— hurrah!“ Und nicht in die Leber allein, um den Ausdruck des alten Seemanns feſtzuhalten, ſondern ſogar in's Herz war ihm dieſer meiſterhafte Schuß gedrungen, denn er hatte den Dampfkeſſel getroffen, und ſogar zerſprengt. Der glühende weiße Dampf, der darin eingepreßt war, fuhr mit furchtbarer Gewalt und höl⸗ liſchem Ziſchen nach allen Seiten des Schiffes umher, hüllte daſſelbe wie in einen dicken Nebel ein und ver⸗ brühte und verbrannte alles Lebendige, was mit ihm in Berührung kam. Die überraſchte und zugleich entſetzte Mann⸗ ſchaft des Odin, theilweiſe noch ſüß ſchlummernd in den Matten liegend, ſprang unangekleidet, wo nur eine Oeffnung war, aus dem Innern heraus, denn jeden Augenblick mußte ſie befürchten, das Schiff würde an zehn Stellen zugleich in Brand gerathen. Einige von ihnen ſprangen in's Meer, dem Feſtlande oder der Inſel Arröe zu; Erſtere wurden gefangen, 332 Letztere entkamen. Die meiſten aber retteten ſich in den Booten und entflohen, mit Brandwunden bedeckt, dem feurigen Ofen, der ſie von allen Seiten wie die Hölle ſelber umgab. Ein furchtbares und bis zur Inſel hinüberſchal⸗ lendes Siegesſchrei aber begleitete die Fliehenden vom Lande her und beinahe übermäßig war der Jubel über eine That, die eben ſo neu wie überraſchend war. Der alte Bardow hatte das Seinige gethan, denn er allein hatte mit ſeinem vortrefflichen Schuſſe den übermüthigen Feind in die Flucht geſchlagen. Faſt wahnſinnig vor Freude, tanzte er auf dem Strande umher, umarmte und küßte, was ihm in den Weg kam und ließ aus dem nächſten Fährhauſe auf ſeine Koſten herbeiholen, was Flüſſiges und Feſtes zu trinken und zu ſpeiſen darin war. Das Schießen der Kanoniere dauerte eine Zeit lang fort, bis ſie ſich überzeugt hatten, daß Niemand mehr an Bord des verwüſteten Schiffes ſei, welches, von ſeinen Ankern losgeſchoſſen, endlich mit dem Strome fort fluthete und auf den Sandbänken von Arröe ſtrandete. Den ganzen Tag über ſtrömten zahlloſe Beſucher aus Hadersleben und der Umgegend herbei, um den todten Leib des geſchlachteten Rieſen anzuſtaunen. Eine Art Bivouak hatte ſich am Strande gebildet, 333 und Alt und Jung tummelte ſich darin umher, um den Einbruch der Nacht zu erwarten und dann dem Wrack des ehemals ſo ſtolzen Schiffes den Reſt zu geben. So wurde der Tag in Saus und Braus ver⸗ bracht. Als aber die Dunkelheit des Abends ſich über das Meer legte, fuhren einige wagehalſige Freiſchärler, von Bardow ſelber angeführt, nach dem Wrack hin⸗ über und bohrten es unter ſeiner Leitung an ver⸗ ſchiedenen Stellen an. Erſt als das luſtig hineingur⸗ gelnde Waſſer ſeinen weiten Leib allmälig zu füllen anfing und es immer tiefer und tiefer in das ver⸗ ſchlingende Meer ſank, kehrten ſie an den Strand zu⸗ rück, das Uebrige der Wuth des feindlichen Elementes überlaſſend.— Andreas hatte, den alten Kameraden denſelben Abend als er fortgefahren war, nicht mehr auf Em⸗ merslund zurückerwartet. Als er aber auch am nächſten Morgen, ja ſelbſt bis zum Mittag nicht kam, wurde er unruhig, ließ ſich ſein Pferd ſatteln und ritt nach der Gjennerbucht. Hier aber vernahm er ſchon die Kunde der unerwartet großen That. Von innerem Verlangen getrieben, dieſelbe mit eigenen Au⸗ gen zu ſchauen, ſchlug er raſch den weiten Weg nach dem Arröeſunde ein und gelangte gegen Abend an 334 ſein Ziel, wo er noch Zeuge des Unterganges des feindlichen Schiffes war, welcher dem alten Seemanne ſeine Ruhe wiedergegeben hatte. Stürmiſch umarmte ihn der alte Freund und eine Zähre trat dem edlen Manne in die Augen, als er die Worte aus ſeinem Munde ſtammeln hörte:„Na, Commodore, habe ich es Euch nicht geſagt, daß ich es vollbringen würde? Nun iſt die alte Lore gerächt und ich bin wieder der alte Bardow wie früher. So! Nun laßt uns nach Hauſe fahren und den Anderen erzählen, daß ich auch einmal ein Heldenſtück vollbracht!“— Die Ueberrumpelung und Verſenkung des feind⸗ lichen Dampfers Odin war aber auch die letzte glän⸗ zende That in dem erſten Feldzuge dieſes Krieges. Beide Theile hatten genug des Blutes vergoſſen und ſchienen nicht aufgelegt, der Kriegsfurie neue Opfer zu bringen. Die Dänen fühlten ſich namentlich zu Lande zu ſchwach, den vereinigten Heeren der deutſchen Mächte mit Erfolg entgegenzutreten und hatten ſich ſchon lange gehütet, ihre Armee denſelben im Ganzen preiszugeben; zur See aber waren ihre unternomme⸗ nen Rüſtungen noch nicht zu einem Grade vollendet, der ihnen ein entſchiedenes Uebergewicht über die an⸗ — 2525 335 gelegten Strandbatterieen geſichert hätte. Daher be⸗ gannen denn, ſobald die Waffen ruhten, die Federn der Diplomatie ſich in Bewegung zu ſetzen, und hierin waren die Dänen, wenigſtens was ihre Verſpre⸗ chungen betraf, außerordentlich ſtark und meiſterlich geſchult. General Wrangel, der bisher die Dänen mit gezogenem Schwerte zurück getrieben, wo er ſie getroffen, mußte dies Schwert einſtecken, da die Feder es befahl, und da er unter dieſen Umſtänden keine weiteren Waffenſiege mehr für möglich hielt, ſo be⸗ gann er ſelbſt in Wonſild die Unterhandlungen mit den Dänen einzuleiten. Dieſe aber ſtellten ſo maaß⸗ loſe Forderungen, daß die auf dem Schloſſe Bel⸗ levüe bei Kolding geſchloſſene Uebereinkunft dem General Wrangel ſelber ſo bedenklich, und das deutſche Recht und die deutſche Ehre ſo tief dadurch beleidigt ſchien, daß er derſelben nicht beitreten zu können den Ausſpruch that, und ſo erklärte die proviſoriſche Re⸗ gierung am 25. Juli, daß die Friedensunterhandlun⸗ gen gänzlich abgebrochen ſeien und jetzt das Schwert entſcheiden müſſe. So verſuchten denn die Dänen noch einmal ihr Heil mit Anwendung ihrer ſtärkeren Macht zur See und ihre Schiffe näherten ſich zunächſt der Eckernförder Bucht, auf die ſie es überhaupt von jeher abgeſehen hatten, konnten aber gegen die neuen 336 Strandbatterieen nichts ausrichten und zogen ſich zu⸗ rück, um bald darauf nochmals wiederzukommen und nochmals unverrichteter Sache umzukehren. Der heftige Widerſtand der Dänen aber und ihre übermäßigen Forderungen erbitterten die deutſchen Regierungen immer mehr und von allen Seiten ſtröm⸗ ten neue Truppen herbei, den Frieden mit Gewalt herbeizuführen. Beſonders im Sundewitt griff der Oberſt von Zaſtrow am 16. Auguſt das vereinigte däniſche Geſchwader an und zwang es trotz der gro⸗ ßen Uebermacht ſeiner ſchweren Schiffskanonen zum Rückzuge. Endlich aber und nachdem die am 15. Au⸗ guſt zuſammengetretene ſchleswig⸗holſteiniſche Landes⸗ verſammlung ſich vier Tage ſpäter ſchon wieder vertagt hatte, um die von Neuem aufgenommenen Friedens⸗ unterhandlungen nicht zu ſtören, wurde am 26. Au⸗ guſt der Waffenſtillſtand zu Malmöe geſchloſſen, ein Beſchluß, der keine der Parteien befriedigte und, wie er die peinlichſten Gefühle im deutſchen Volke hervor⸗ rief, weil der deutſche Aufſchwung darin gänzlich miß⸗ achtet wurde, die Herzogthümer um alle ſo todesmu⸗ thig erworbenen Errungenſchaften ihrer Erhebung zu bringen drohte; denn was hatte der für rechtmäßig anerkannte Aufſtand und das ſo reichlich vergoſſene Blut, was hatten die Anſtrengungen und Aufopfe⸗ 337 rungen eines ganzen Volkes erreicht? Eine Ueberein⸗ kunft, wolch die Freiheit der Herzogthümer vernichtete und der Dänen trotzigen Uebermuth bis zu einem Grade echob, wie er in der Weltgeſchichte bis dahin noch nicht ſeines Gleichen gefunden hatte. So trat denn die zwitterhafte Geſtalt des vielbe⸗ ſprochenen Malmöer Wafefenſtillſtandes in's Leben, in deſſen Gefolge Niemand in Schleswig⸗Holſtein wußte, ob er däniſch oder deutſch, wer Herr und wer Unter⸗ than, wer im Recht und wer im Unrecht ſei. Die Phyſiognomie der Herzogthümer begann eine ſeltſame Maske vorzunehmen. Anfangs war man vom ver⸗ heißenen Frieden beglückt, bald aber zeigte ſich das blendende Trugſpiel, womit man dem Volke feinen Sand in die Augen geſtreut hatte. Zwar kamen die gefangenen Deutſchen aus den däniſchen Kerkern zu⸗ rück, Eltern ſahen ihre Kinder wieder, die verlaſſenen Marken und Hänſer füllten ſich plötzlich mit ihren ent⸗ laufenen Bewohnern, zwar war der Kanonendonner und die Lärmtrompete verſtummt und der fleißige Ar⸗ beiter begann wieder ſeine verwüſteten Felder zu be⸗ bauen, ſeine zerſtörten Häuſer aufzurichten, aber eine geſicherte Hoffnung, daß der Fluch des Krieges nicht wiederkehre, daß das mit Füßen getretene Recht zu A. Burns. II. 22 ——— * —— — * — 338 Ehren kommen und ſich in ſeinem Glanze erheben werde, war nicht vorhanden. Hin und her ſchwank⸗ ten die Meinungen der Parteien wie die der Regie⸗ rungen und augenblicklichen Gewalthaber. Das ganze ſchleswig⸗holſteiniſche Volk erhob laut ſeine gerechte Klage durch ſeine Landesverſammlung; als aber die deutſche Nationalverſammlung in Frankfurt derſelben Gehör gab, legte das deutſche Reichsminiſterium ſeine Funktionen nieder, weil es die Beſchlüſſe derſelben gutzuheißen ſich nicht getraute. So wurde endlich, um nur einen Mittelpunkt rechtmäßiger Handlungs⸗ weiſe zu haben, eine Commiſſion zur Ausführung der Waffenſtillſtandsbedingungen abgeſendet, während die deutſchen Reichstruppen in Eile die Herzogthümer räumten. Auf däniſchen Betrieb ward auf Alſen eine königliche Immediatcommiſſion eingeſetzt, die zwar Be⸗ fehle erließ, von Niemandem außerhalb der Inſel aber beachtet wurde. Was dieſe Commiſſion heute befahl, riß morgen ein Erlaß der ſchleswig⸗holſteiniſchen Lan⸗ desverſammlung nieder, ſo daß endlich kein Menſch in den Herzogthümern mehr wußte, wem er gehorchen, was er thun, was er laſſen ſollte. Heute zum Bei⸗ ſpiel wurden Steuern ausgeſchrieben, morgen wurden diejenigen mit Strafen bedroht, die ſie zahlen wür⸗ den; heute wurde den Pfarrern befohlen, den Erlaß 339 der einen Regierung, morgen den der andern von den Kanzeln zu verleſen. Heute wurde einem Grund⸗ beſitzer Strafe auferlegt, wenn er dies oder jenes thäte, morgen von anderer Seite, wenn er es nicht thäte. Eine wahrhaft babyloniſche Verwirrung zeigte ſich aller Orten und das Feld der Partei⸗ nahme für dieſe oder jene Seite im Schooße der Bürger und Bauern war zum Nachtheile des ganzen Landes wieder von Neuem weit und breit geöffnet. Bald wurden däniſche Beamte von Deutſchen, bald Deutſche von Dänen abgeſetzt, ſo daß endlich viele von ſelbſt ihr Amt niederlegten, weil ſie nicht wuß⸗ ten, in weſſen Auftrage ſie es verwalten ſollten. So kamen neue Prediger, neue Beamte jederlei Art an die Reihe, und Klage über Klage, Verwir⸗ rung über Verwirrung ſtrömte über das ganze Land herein, das nicht einmal wußte, an wen es ſeine Steuern zu bezahlen hatte, da dieſelben von beiden Seiten in Anſpruch genommen wurden. In dieſem Wirrſale verſtrich der ſiebenmonatliche Waffenſtill⸗ ſtand, ohne daß man am Ende deſſelben im Klaren war, ob Krieg oder Friede folgen würde. Fürwahr ein trauriges Ende des erſten Aktes des blutigen und ſo viel verheißenden Drama's. 22* 340 Doch bevor wir uns zum Beginne des zweiten Feldzuges wenden, müſſen wir noch Einiges nach⸗ holen, was ſich auf unſere Freunde in Emmerslund bezieht; und kehren wir alſo zum Schluſſe dieſes Bu⸗ ches noch einmal zu ihnen zurück. Tehntes Aapitel. — Häusliche Leiden und Freuden. Die Freiſchaaren waren von Emmerslund und aus ſeiner Umgegend abgezogen und hatten ſich, da es im Norden nichts mehr für ſie zu thun gab, nach Süden gewandt; ſo war Capitain Burns' Familie ſeit langer Zeit zum erſten Mal wieder ſich ſelber überlaſſen und konnte ihren Gewohnheiten und Be⸗ ſchäftigungen nachgehen wie früher. Da von kriege⸗ riſchen Unternehmungen in der Nähe nichts mehr ver⸗ lautete, ſo gab man ſich eifrig den Arbeiten des Friedens hin, denn vieles Nothwendige war in der Zeit der Sorge vernachläſſigt worden. Knechte und Mägde waren auf dem Felde beſchäftigt und allmälig fingen die Scheunen an ſich zu füllen, das Vieh wurde auf Wieſen und Triften ſich ſelber überlaſſen 342 und ſo nahm das ländliche Beſitzthum wieder nach und nach den friedlichen Anſtrich an, den es ſo lange entbehrt hatte. Das Einzige, was der Familie augenblicklich Sorge bereitete, war der eigenthümliche Gemüthszuſtand des in der Geneſung begriffenen Sohnes. Seine Wun⸗ den waren längſt geheilt, ſeine Kräfte erholten ſich, nachdem ihn das Fieber verlaſſen, in der geſunden Luft und bei der vortrefflichen Pflege wunderbar ſchnell, aber ſein bleiches Geſicht erhellte keine Spur von Freude über dieſe Geneſung, im Gegentheile wurde ſein Gemüth von Tage zu Tage düſterer, ſeine Stimme klangloſer und der Blick ſeines ſonſt ſo freundlichen Auges immer trauriger und klagender. Es ſchien eine Laſt auf ſeinem Herzen zu liegen, die ſeinen Geiſt lähmte und ſeine Jugendkraft in ihrer ſteigen⸗ den Entwickelung zurückhielt. Die Mutter, während des langen Krankenlagers an dieſe eigenthümliche Stimmung gewöhnt, ſchob die Urſache davon auf die Folgen ſeiner Verwundung und hoffte, das Uebel werde mit fortſchreitender Ge⸗ neſung von Tage zu Tage abnehmen. Nicht ſo der Vater. Er war weit⸗ und ſcharfſichtiger als die her⸗ zensgute Mutter, und ſeine Erfahrung ſagte ihm deutlich genug, welches Unkraut in der Bruſt des 343 Sohnes wuchere. Außer ihm war es allein Helene, die mehr als eine Ahnung der Traurigkeit des jun⸗ gen Mannes hatte und oft ſchon hatte ſie im Stillen mit dem älteren Freunde berathſchlagt, wie der Ge⸗ müthsverſtimmung deſſelben zu ſteuern ſei, obgleich es ihr klar war, daß dieſe Bemühungen bis zu der Zeit hinaus geſchoben werden mußten, wo ſeine gänz⸗ liche körperliche Geneſung erfolgt ſei, um das alte Uebel durch etwaige Erregung nicht von Neuem zu wecken. 4 Agathe, obgleich ſie ſich leiblich ganz geſund fühlte und alle ihre bisherigen Verrichtungen im Hauſe pünktlich erfüllte, zeigte ebenfalls eine auf⸗ fallend traurige Stimmung, die ſogar eine ſichtbare Veränderung in ihrer äußeren Erſcheinung hervorzu⸗ rufen anfing. Ihre roſige Wange war blaß, ihr munteres Auge trüb geworden; verſchwunden war das fröhliche Lachen, welches ſonſt oft ſchon des Morgens durch das Haus ſchallte und dafür ſah man nicht ſelten beim Frühſtückstiſch die Spuren heißer Thränen, die ſie anſtatt des wohlthuenden Schlum⸗ mers auf ihrem nächtlichen Lager heimgeſucht hatten. Auch war ſie, die im Geſpräch ſonſt ſo Muntere, Heitere, Fröhliche, ernſt und ſtill geworden, ſo daß ſie im Hauſe mehr als duldende, denn als handelnde 344 Perſon auftrat. Anfangs hatte die Mutter dieſe Um⸗ wandelung des lieben Mädchens in einer übermäßigen Anſtrengung zu finden geglaubt, der ſie ſich bei ihren Nachtwachen an Friedrich's Krankenbette hingegeben, da aber dieſe Zeit längſt vorüber war und Agathens Zuſtand eher ſchlimmer als beſſer wurde, ſo mußte auch ſie endlich einen anderen Grund dafür aufſuchen. Ach! und in ihrer mütterlichen Verblendung, in ihrer Schwärmerei für den abweſenden Lieblingsſohn, fand ſie einen, der gerade dem wirklichen und wahren ent⸗ gegengeſetzt war, denn ſie glaubte daſſelbe, was auch Friedrich glaubte, daß nämlich Agathe mit liebendem Herzen an Erik hange und allein um ſein ferneres Schickſal ſo ſchmerzlich beſorgt ſei. Gerade die Un⸗ terredungen über dieſen Punkt, die der Geneſende häufig insgeheim mit der Mutter gepflogen, hatten ihn in ſeiner Meinung beſtärkt und ihm eine Einbil⸗ dung vorgeſpiegelt, die der Wirklichkeit, wie ſo oft im Leben, durchaus entgegengeſetzt war. So gingen dieſe beiden jungen Menſchen, durch das Schickſal ſo eng verbunden und von demſelben heißen Gefühle einer vorwurfsfreien Neigung ver⸗ zehrt, äußerlich fremd neben einander her und anſtatt ſich das Leben durch ein Geſtändniß ihrer Qualen zu erleichtern, erſchwerten ſie ſich durch hartnäckiges 345 Schweigen und gegenſeitige Verhehlung ihrer Em⸗ pfindungen jede Stunde ihres Daſeins. Aber an ein ſolches Geſtändniß, ja an eine äußerliche Kund⸗ gebung ihrer Gefühle war bei Beiden nicht im min⸗ deſten zu denken. Friedrich, von kühlem Tempera⸗ mente, jedes Thun auf das Bedachtſamſte erwägend, ſtreng und zurückhaltend in ſeinen Aeußerungen von jeher, wie ſelten ein Mann in ſeinen Jahren, nur dem ernſteren Lebenszwecke mit ganzem Gemüthe er⸗ geben und auf das Bedeutendere Auge und Geiſt gerichtet, hätte lieber das Härteſte erduldet, als dem jungen Mädchen, welches er äußerlich als Schweſter behandelte, innerlich aber anbetete, von der er aber glaubte, daß ihr Herz ſeinem Bruder ergeben ſei, von ſeinen geheimſten Gefühlen Rechenſchaft abgelegt. Er hätte das in ſeiner reizbaren Gewiſſenhaftigkeit für ein Verbrechen gegen ſeinen Bruder gehalten, den er wohl brüderlich liebte, aber über deſſen Auf⸗ führung und Handlungsweiſe er, aus Gründen, die wir kennen und ehren müſſen, lebhaft erbittert war, deſſen Rechten er aber demungeachtet auf keine Weiſe zu nahe treten wollte, da er von ihm ſeit langer Zeit wußte, daß er Agathen leidenſchaftlich erge⸗ ben ſei. Agathe dagegen hatte keine ſo vortheilhafte Meinung 346 von ſich ſelber und ſchlug ihre äußeren Mittel nicht ſo hoch an, wie es wohl andere junge Mädchen von ihrem Alter, ihrer Schönheit und größerer egoiſtiſcher Selbſtſchätzung gethan hätten, um ſich für werth zu halten, von einem ſo gediegenen jungen Manne ge⸗ liebt zu werden, ja ſie kam ſich in ihrer abhängigen Stellung ſo klein, ſo unbedeutend gegen ihn vor, daß ſie es ſogar für einen Raub an ſeinen Eltern hielt, die ihr ſo viele Güte und Liebe im Leben erwieſen hatten, wenn ſie Anſpruch auf die Neigung ihres älteſten Sohnes, des Erben von Emmerslund, hätte machen wollen. Uud wenn ein hochherziges Mädchen, welches inneren Werth, weiblichen Stolz beſitzt, ſich nicht geliebt glaubt, ſo wird ſie lieber ihr Herz be⸗ zwingen, ihrer Neigung entſagen und in Liebe ver⸗ gehen, als dem Manne ihr Inneres enthüllen, von dem ſie ſich verſchmäht und unbeachtet glaubt. So hatte ſich das Verhältniß zwiſchen Beiden allmälig entwickelt, welches wir hier genauer erörtern 1 mußten, weil uns ſpäterhin nicht mehr die Zeit dazu 5 bleiben dürfte.— Es war ein lieblicher Juliabend,— vier bis fünf Tage nach dem Siege über den Odin,— warm und würzig, lieblich und friſch, wie ſie nur am Ufer des nördlichen Meeres gefunden werden und niemals die„ 347 phyſiſche Erſchlaffung in ihrem Gefolge haben, wie in ſüdlichen Gegenden— als die Familie des Ca⸗ pitains ſich im Garten befand und nach vollbrachtem Tagewerke auf und nieder wandelte, um ſich an der ſüßen Luft und dem friſchen Hauche zu laben, der vom Süden her über den Meeresgürtel fächelte und leiſe über die duftenden Blumen ſtrich, die ſeine ſanften Schwingen mit ihrem Wohlgeruche erfüllten. Voran ſchritt die Mutter, Friedrich am Arme führend und in leiſem Geſpräche mit ihm begriffen; weiter hinter ihnen Agathe allein, bleich und kummervoll wie immer, hie und da eine Blume knickend und dabei vielleicht an ihr eigenes geknicktes Herz denkend. Hinter dieſer, ſo weit entfernt, daß ſie nicht von ihr gehört werden konnten, ſchritten Andreas und He⸗ lene einher, Beide in ihrer ganzen ruhigen Kraft und Lebensfülle, er in ſeiner gewöhnlichen männlichen Sicherheit, ſie im vollen Liebreiz ihrer ſo reich be⸗ gabten Natur. Noch trug ſie zwar ihr ſchwarzes Gewand, aber ſchon deuteten einzelne farbenreichere Beſtandtheile ihrer immer gewählten Kleidung darauf hin, daß dien Zeit auch für ſie wieder gekommen ſei, wo ſie ſich den heiteren Anſprüchen des Lebens hin⸗ neigen könne, denn ſie hatte den ſchönen Glauben, daß es nicht Gottes Wille ſei, ewig zu trauern oder wenigſtens in Trauer zu erſcheinen, wo doch ſo viel Grund zum Preiſe ſeiner väterlichen Güte vorhan⸗ den war. Im weiten Kreiſe um den großen, reich mit Ro⸗ ſen und Levkojen beſetzten Raſenfleck des Gartens ſchreitend, wo ſich die Wandelnden nie begegneten und nie im Wege waren, redeten Andreas und Helene leiſe mit einander, und da ſie die beiden Menſchen ſo dicht vor ſich hatten, deren Schickſal ſie ſo innig berührte, ſo war es natürlich, daß ſie über das ſonder⸗ bare Verhältniß derſelben ihre Meinungen austauſchten. „Da gehen unſere beiden Patienten nun vor uns her,“ ſagte Andreas lächelnd und doch im Herzen ſehr ernſt geſtimmt zu Helenen, die mit einer Roſe ſpielte und ſie oft an ihre Lippen führte, um den ſüßen Duft ſo lange wie möglich einzuſaugen—„Da ge⸗ hen ſie hin und ſtoßen ſich von einander ab wie zwei feindliche Mächte, die ſich doch lnnerlich ſo nahe ver⸗ wandt und zu gleichem Genuſſe ihrer Freiheiten be⸗ rechtigt ſind. Die Thoren! Ach, ſie erinnern mich an den traurigen Streit Dänemark's und unſerer Herzog⸗ thümer. Wenn der Eine es verſtände, des Anderen Gaben zu erkennen, ſeine Hülfsquellen zu benutzen und ſeinen natürlichen Neigungen Rechnung zu tra⸗ 349 gen, wahrlich! was könnte das für eine heilſame, glückliche und große Verbindung ſein! Aber ſo iſt es einmal im Leben. Selten erkennen es zwei Men⸗ ſchen und zwei Völker, die für und neben einander geſchaffen ſind, daß ſie ſich gegenſeitig unter die Arme greifen, fördern und tragen ſollen, um ſich das Leben zu erleichtern, zu verſüßen,— viel lieber gehen ſie grollend und ſtreitend neben einander her— was iſt es doch für eine ſeltſame Welt, in der wir leben, nicht wahr, Helene?“ „Ja, Sie haben Recht, ich habe das auch ſchon oft gedacht. Aber es iſt einmal nicht anders, und da ſich zwei große Völkerſchaften nicht immer vertragen können, ſo muß man es ſchon zwei ſchwachen Ge⸗ ſchöpfen verzeihen, wenn ihnen Gott nicht die Augen zur Erkenntniß ihres Glückes geöffnet hat. Was aber Friedrich und Agathen betrifft, Andreas, ſo laſ⸗ ſen Sie mich heute einen Vorſchlag machen, den ich mir ſchon lange überlegt habe, den ich aber ohne Ihre Zuſtimmung nicht ausführen wollte. Lange kann es nicht mehr ſo bleiben, ſie reiben ſich Beide gegenſeitig auf— wir müſſen alſo ein Mittel finden, ſie einan⸗ der zu nähern, ihnen die Augen zu öffnen und ſie mit Gewalt in ihr Glück zu ſtoßen, wenn es nicht anders ſein kann.“ „Nun, ich bin neugierig, wie Sie das zu Stande bringen wollen, Helene.“ „Es iſt das nur ſehr einfach, beſter Mann, und ich wundere mich, daß Sie nicht ſelbſt ſchon längſt darauf verfallen ſind. Bei Agathen richten wir nicht viel aus, mit der habe ich ſchon oft über ihre Nei⸗ gung geſprochen, denn ſie hat ſie mir längſt vertraut. Sie glaubt ſich nicht im Entfernteſten geliebt und hat in der That viel Grund zu dieſem Glauben, denn Friedrich zeigt ſich eben nicht liebenswürdig ge⸗ gen ſie. Verſuchen wir es daher mit Friedrich ſelber.“ „Nun, da bin ich doch geſpannt, zu erfahren, was Sie von dem Eiſenkopfe erwarten!“ „Das iſt ſo ſchwierig nicht, lieber Freund. Ge⸗ ſtatten Sie mir ganz einfach, mit ihm über dies Ver⸗ hältniß zu reden; ich als Frau und Freundin kann ihm leichter die Augen öffnen, als Sie, der Sie ſein Vater und ein Mann ſind. Wenn ich ihm ſage: Friedrich, Du verkennſt Agathen, Agathe hat keine Neigung zu Erik, es iſt das Alles eine Täuſchung Deiner Phantaſie—“ „O halt, Helene, Sie ſind da in einem ar⸗ gen Irrthume befangen und kennen meinen Sohn nicht, wie ich ihn kenne. Glauben Sie im Ernſt, daß das etwas bei ihm fruchten würde? Ganz ge⸗ 3 351 wiß nicht! Er würde Sie vielleicht anlächeln und Ihnen ſeinen Dank abſtatten für Ihre Mühe, aber glauben— glauben würde er Ihnen nicht. Er ge⸗ hört zu den Naturen, die mit warmem Herzen, aber mit einem Kopfe von Stahl ausgerüſtet ſind. Um ſeinen Sinn zur Einſicht einer Sachlage zu zwingen, iſt keine Ueberredung fein und ſtark genug, denn er folgt allein ſeiner Ueberzeugung. Er würde Alles, was Sie ihm ſagen, auch wenn Sie es mit der Miene der Wahrheit und Aufrichtigkeit ſagten, für eine Verabredung zwiſchen Ihnen und Gott weiß Wem halten und nur um ſo feſter auf ſeiner Anſicht der Dinge beharren, je eindringlicher Sie ihm die Ihrige vorlegten. O, ich kenne dieſen Sinn von Kindheit an und habe meinen Sohn oft genug durchſchaut.“ „O daß die Männer ſo eigenſinnig ſein können!“ rief Helene ſcherzhaft, und es doch im Ernſte mei⸗ nend, aus.. „Nennen Sie nicht Eigenſinn, was die Natur zum Charakter geſtempelt und den Menſchen verliehen hat, um danach zu leben und zu wirken— gerade, wie ſie Ihnen— die Weiber meine ich— den Inſtinkt und zuweilen auch die Laune gab, um oft auf ihre Weiſe den richtigen Weg zu finden.“ „Andreas!!. 352 „Ich rede im Ernſt, Helene, und vielleicht kommt die Zeit, wo ich Ihnen Beweiſe liefern kann, daß Sie heute Unrecht haben und ich im Rechte bin. Doch, laſſen Sie uns dies Geſpräch abbrechen; mir liegt außer dieſem noch ein Druck auf der Seele, den ich nicht allein bewältigen kann, und darin können Sie mir vielleicht beſſer helfen. Laſſen Sie uns von Friedrich auf Henrik übergehen. Auch deſſen Schickſal erfüllt mich mit Schmerz, ich kann es Ihnen nicht verſchweigen, Helene. Ich liebe Henrik wie einen äl⸗ teren Sohn oder einen jüngeren Bruder, Sie wiſſen es, und er verdient dieſe Liebe, nicht allein um das blutende Vaterland, das er nach Kräften vertheidigt, nicht allein um mich und meine Familie, der er herz⸗ innig ergeben iſt, ſondern um Alles, was er im Le⸗ ben gethan und erlitten hat, denn er iſt ein braver, guter, edler Menſch— mit einem Worte, ein Menſch, den man lieben muß. Nicht wahr, Helene?“ Helene pflückte eine neue Roſe und warf die alte in die Gebüſche.„Gewiß,“ ſagte ſie, den friſchen Duftkelch an ihre eben ſo ſüßen Lippen drückend,„ge⸗ wiß verdient er alle Liebe— das iſt wahr und ich darf es ſagen. Auch ich vertraue ihm ganz und gar— und— und ich habe früher immer gedacht, er müſſe einmal ein paſſender Mann— für Agathe ſein.“ 353 Andreas ſtand ſtill und blickte mit ſeinem ſchärf⸗ ſten Blicke in das liebliche Antlitz der vor ihm Ste⸗ henden, als wollte er erforſchen, ob ſie mit den Wor⸗ ten, die er eben gehört, die Wahrheit geſprochen. Aber Helene hielt dieſen Blick ſtandhaft aus, keine verrätheriſche Röthe zeigte ſich auf dem ſtrahlenden Geſichte, ſo daß Andreas faſt an ihr irre wurde. „Wie,“ ſagte er plötzlich und gleichſam durch einen inneren Anreiz getrieben, dem er ohne Ueberlegung folgte,„Sie wiſſen es nicht, daß Henrik ſchon ſeit Jahren eine geheime Liebe nährt?“ Jetzt ſtand Helene ſtill und ſah den Freund verwun⸗ dert an, wie er ſie vorher angeſehen. Ihre Wange abe leichte und ihre Lippe zitterte nicht, und den⸗ noch, wer einen Blick dafür gehabt, hätte vielleicht eine kleine Wolke über ihre Stirn können flattern ſe⸗ hen, deren Urſprung eben ſo unklar war, wie der mancher größeren Wolke am Himmel iſt. „Er nährt eine geheime Liebe, ſagen Sie, und ſchon ſeit Jahren? Und das höre ich jetzt zum erſten Male?“ „Darüber wundern Sie ſich? Haben Sie je ſo innigen Antheil an Henrik Paulſen genommen, He⸗ lene, und je das Geſpräch auf dieſen Punkt gelenkt? Nein, das haben Sie nicht. Das Wort Liebe— ich A. Burns. II. 23 354 weiß es ſehr wohl— war ſtets aus dem Wörterbuche Ihrer Unterhaltung geſtrichen und Sie, die nur dem Vaterlande ihre Neigung geſchenkt, haben nie eine andere einem Menſchenauge verrathen. Wie durfte ſich alſo Henrik erdreiſten, zu Ihnen von ſeiner Liebe zu ſprechen?“ „Das iſt etwas ganz Anderes, Andreas; ich war, wiſſen Sie, nicht in der Lage, an Liebe zu denken und von Kebe zu ſprechen; überhaupt, die Liebe, von der man ſpricht, ſcheint mir nicht die rechte zu ſein. Und doch irren Sie, wenn Sie denken, ich verſtehe nicht zu lieben oder habe meine Liebe nur einem er⸗ habenen Begriffe und nicht einem fühlenden Menſchen zug ewandt. O nein, mein lieber Freund, wir ſind heute in aufrichtiger Herzensergießung, und da will ich einmal auch von meinem Herzen ſprechen. Ich liebe in der That auch— ja— ſtaunen Sie nicht zu ſehr, aber ich liebe nicht, wie andere Frauen lie⸗ ben, die Geſtalt, das Geſicht eines Mannes, ſondern ich liebe ſein Weſen, ſeinen Geiſt, ſeine Ideen. Das i*ſt auch eine Liebe, Andreas, und eine recht ſchöne, ſüße und reine Liebe. Doch— das gehört nicht hier⸗ her— Sie ſprachen von Henrik und nicht von mir. Darf ich nicht wiſſen, wer und wo das Mädchen iſt, dem der edle Henrik ſeine Gefühle geweiht hat?“ — 4 355 Andreas ſchwankte, er wußte nicht ſogleich, was er erwidern ſollte. Endlich ſagte er:„Nein, ich bin nicht befugt, Ihnen dieſe Mittheilung zu machen; vielleicht findet auch Henrik ein größeres Vergnügen daran, Ihnen das ſelbſt zu ſagen als es von mir ſa⸗ gen zu laſſen. Nur ſo viel darf ich verrathen, daß das Weib, welches er liebt, ſeiner Liebe vollkommen werth iſt.“ „Alſo Sie kennen die Unbekannte—?“ „Ich kenne ſie genau, ja, und ich verehre ſie auch. Doch nicht weiter hierin. Fragen Sie ihn, Helene, und ich bin überzeugt, er wird Ihnen die reinſte Wahrheit ſagen.“ „Das iſt nicht ſo leicht, Andreas, gewiß nicht. Eine Fran, und wenn ſie auch die Jugendfreundin eines Mannes iſt, hat weder das Recht noch den Muth, nach ſeinen heiligſten Gefühlen zu forſchen. Wenn er einmal in günſtiger Stunde Vertrauen zu mir hegt, ſo ſagt er es mir gewiß aus freien Stücken und das will ich vorziehen.“ „Gut— erwarten wir das, es wird nicht aus⸗ bleiben. Beobachten Sie ihn aber, wenn Sie ihn wiederſehen, genau, Helene, und wenn Sie Augen für die Liebe haben, wie Sie ſagen, ſo werden Sie gewiß erkennen, daß Henrik liebt. Wen er aber liebt, 4 4 23* von den Flammen verzehrt und keine Mittel, fürchte ſein, ſo kenne ich ihn doch zu gut, um nicht zu wiſ⸗ ſen, daß er unſere Freundſchaft wenig in Anſpruch Andreas, und ihm ſagen, Rasmus Harms habe * 3 356 das Ihnen zu ſagen, Sie haben Recht, iſt ſeine ei⸗ gene Sache. Doch, um auf mein voriges Geſpräch zurückzukommen— Henrik thut mir ſehr leid. Kaum von dem großen Unglücke in Kopenhagen zur Ruhe gekommen, ereilt ihn hier ein neues, welches das er⸗ ſtere vollſtändig macht. Sein letztes Beſitzthum iſt ich, ſind vorhanden, es wieder herzuſtellen.“ „Keines, Andreas? Dürfen ſeine Freunde ihn nicht unterſtützen?“ „Ich weiß, was Sie damit ſagen wollen. Frei⸗ lich, ein ſolcher Verluſt hat nicht viel zu bedeuten, wenn man vermögende Freunde, wie Henrik, beſitzt. Aber wenn wir und Andere auch verſuchen wollten, ihm beim Aufbau eines neuen Hauſes behülflich zu nehmen wird. Er iſt ſtolz, dieſer Henrik, Helene, und er würde ſich für immer für unſeren Schuldner hal⸗ ten, und dieſes demüthigende Bewußtſein würde ſeine freie Bewegung hemmen und ſeine Seele belaſten, denn außer daß er ſtolz iſt, iſt er auch zartfühlend wie ſelten ein Mann. „So wollen wir es im Stillen aufbauen laſſen, 357 — es aus Erſparniſſen gethan, die er ſeiner Pachtung verdanke.“ Andreas ſchaute die alſo Sprechende noch einmal ſehr aufmerkſam an, denn die theilnehmende Freund⸗ ſchaft Helenens ſchien ihm in der That eine ſehr warme zu ſein. Endlich ſagte er lächelnd:„Das war ein Entſchluß und ein Rath, liebe Freundin, wie ſie nur das Herz eines Weibes erzeugen kann, ein herz⸗ licher, guter, edler Entſchluß und Rath— aber wei⸗ ter auch nichts; denn zur Ausführung iſt er ſehr we⸗ nig geſchickt. Als wenn Henrik ſeinen Pächter nicht auch für ſeinen Gläubiger halten würde, ſo gut wie uns! Nein, nein, Helene, ſo wie ich ihn kenne, iſt ihm nicht zu helfen, und eben das iſt es, was mich ſchmerzt. Ich habe, aufrichtig geſtanden, ein recht herzliches Verlangen, ihn zu ſehen, zu ſprechen. Wir werden ihm Vieles zu erzählen haben und er noch mehr uns. Ich habe lange bedacht, wie ich ihm ſo ſchonend wie möglich das neue Unheil im Sundewitt mittheilen ſollte, denn es iſt beſſer, daß er von uns die ungeſchminkte und ganze Wahrheit, als vom Ge⸗ rüchte eine unklare und halbe erfahre. Erſt geſtern war es mir aber möglich, ihm durch einen ſicheren, nach Rendsburg gehenden Mann meinen Brief zu⸗ kommen zu laſſen, indeſſen fürchte ich, daß dieſer 358 Brief ihn zu ſpät trifft und anderweitige Nachrichten ſein Blut ſchon in Wallung geſetzt haben.— Horch! hörten Sie nichts?“ „Was denn?“ fragte Helene und hob erſchrocken den Kopf in die Höhe. „Mir war es, als ob ich ein galoppirendes Pferd auf der Straße hörte— ich habe mich aber wahr⸗ ſcheinlich getäuſcht.“ Er hatte ſich aber nicht getäuſcht. Denn nachdem die Wandelnden noch einige Schritte nach dem Ende des Gartens gethan, erhob ſich auf dem Hofe das lärmende Hundegebell, wie es ſich immer hören ließ. wenn ein Fremder denſelben betrat, und einige Augen⸗ blicke ſpäter erſchallte lauter Freudenruf eben daͤher, als ob die ganze Hausdienerſchaft zuſammengelaufen wäre und jubelnd den Ankommenden begrüßte. „Es iſt doch Jemand,“ ſagte Andreas und blieb ſtehen, nach dem Hauſe zurückſchauend.„Wie!“ rief er plötzlich—„ſehe ich recht? Iſt es wirklich der Wolf in der Fabel? Wahrhaftig, er iſt es— Hen⸗ rik!“ Und mit lebhaftem Zurufe, wie man ihn ſelten bei dem ernſten Manne gehört, ſprang Andreas Burns mehr als er ging, dem Hauſe zu, aus deſſen Garten⸗ thür ſoeben Henrik ſelber, den Hut in der Hand, vom ſcharfen Ritte erhitzt, mit wallendem Haar und 359 warm geröthetem Geſichte ihm entgegentrat. Auch er öffnete die Arme und beide Männer umſchlangen ſich wie liebende Brüder. „Andreas!“ rief Henrik außer ſich vor Freude. „Ich weiß es ſchon— ſie iſt nicht getroffen— o, wo ſind ſie— Alle geſund, Alle am Leben? Ha, da kommen ſie— Gertrud— Helene, ach! Friedrich und Agathe!“ Und die Begrüßung wurde eine all⸗ gemeine, und die Freude um ſo herzlicher, da ſie ſo unerwartet gekommen war. Faſt am lebhafteſten aber äußerte ſie, was ganz gegen ſeine Gewohnheit war, Friedrich. Er hatte jetzt ſo viel Worte in einem Augenblicke, wie er vor⸗ her kaum in einer Stunde gehabt. Als aber Henrik ſein leuchtendes Auge auf Helenen richtete, erbleichte ſeine Wange.„O,“ ſagte er und trocknete ſich den Schweiß von der Stirn,„Sie leben, Helene! Gott dem Allmächtigen ſei Dank! Ich habe eine ſchreck⸗ liche Zeit durchlebt. Geſtern Morgen erſt erfuhr ich zufällig, daß das Epheuhaus durch einen Kanonen⸗ ſchuß zerſchmettert und dabei eine Frau um's Leben gekommen ſei. Ich beſann mich kurz— ſagte keinem Menſchen was ich that— warf mich auf's Pferd— und da bin ich!“ Andreas blickte Helenen triumphirend, Helene An⸗ 360 dreas mit Thränen der Rührung an. Alſo ihretwe⸗ gen war er gekommen, nicht ſeinetwegen. Sie reichte ihm beide Hände und ſagte:„Ich danke Ihnen, mein Freund; nein, ich war nicht die Unglückliche, wie Sie ſehen, die alte Lore aber ward das Opfer.“ „Die alte Lore! So war ihre Ahnung doch ge⸗ rechtfertigt. O!“ Und alſobald ſchritten Alle ins Haus hinein und kurz darauf ſaßen ſie zuſammen, als wenn ſie nie ge⸗ trennt geweſen wären; ein Zeuge aber, wenn er ihrer erſten Unterredung beigewohnt, würde daraus entnom⸗ men haben, daß Henrik nicht herzlicher hätte begrüßt und aufgenommen werden können, wenn er der wirk⸗ liche Sohn des Hauſes geweſen wäre. In ſpäter Stunde, kurz vorm Abendeſſen, wan⸗ delte Henrik mit Andreas und Rasmus Harms im Garten auf und nieder und erhielt dabei gründlichen Aufſchluß über alle auf ſeiner Beſitzung im Sunde⸗ witt vorgefallenen Verwüſtungen. Mit einer ſeltenen Faſſung und Ergebung, die beide Zuhörer in Ver⸗ wunderung ſetzte, hatte er bis zur Schlußkataſtrophe, die Beſchießung des Hauſes durch den Odin, zugehört, 361 dann aber mit ruhigem Tone einfach zu Rasmus ge⸗ ſagt:„Ihr allein, mein lieber Rasmus, ſeid dabei zu beklagen, denn Ihr habt nicht nur Euern friedlichen Ruheſitz, Eure harmloſe Arbeitsſtätte und Wohlha⸗ benheit eingebüßt, ſondern Ihr habt auch viel Leid, Kummer und Sorge während der langen Kriegszeit und namentlich an dem letzten Unglückstage getra⸗ gen. Was mich betrifft, ſo bin ich nicht ſo ſchwer dadurch geprüft wie Ihr, denn ich kann überall meine Hütte aufſchlagen und meine Pflichten als Bürger und Arbeiter erfüllen. Wir leben nun einmal im Kriege und da muß Jeder auf den Verluſt ſeiner Habe gefaßt ſein. Viele ſind ſchlimmer dabei wegge⸗ kommen. Ich war ſchon lange auf dergleichen vor⸗ bereitet und ſo bin ich jetzt nicht überraſcht. Indeß iſt das nicht die Hauptſache. Ihr müßt Euch, ſo bald der Waffenſtillſtand geſchloſſen iſt, der jetzt er⸗ wartet wird, an den Aufbau unſeres Hauſes begeben. Ich habe leider keine Mittel dazu, alſo müſſen wir ſie anderwärts ſuchen und— wir werden ſie finden.“ „Sie ſind ſchon gefunden, Herr,“ rief Rasmus, „doppelt und dreifach, denn wenn ich ſie nicht hätte, ſo—“ und er ſchwieg, denn der neben ihm gehende Capitain hatte ihn heftig mit dem Arme angeſtoßen. „Nun was weiter, alter Freund? Baut alſo mit 362 Gottes Hülfe aus Eueren oder anderen Mitteln das Haus wieder auf, und damit Ihr für Eure Einbuße entſchädigt werdet, ſo zahlet Ihr mir ſo lange keine Pacht, bis das ausgelegte Kapital abgetragen iſt.“ „Und wovon willſt Du unterdeſſen leben?“ fragte Andreas, innig gerührt von der männlichen Faſſung und Genügſamkeit des jungen Freundes. „Von meiner Hände Arbeit, Andreas, denn ſie verſtehen, Gott ſei Dank! zu ſchaffen, was ihnen mein bischen Kopf eingiebt. Ich habe wieder ein Buch verkauft und von dem Ertrage deſſelben kann ich ein Jahr lang leben; wenn das um iſt, verkaufe ich ein neues, und ſo kommt allmälig die Zeit, wo ich wieder den Pachtzins erhalte.— Nun aber laßt uns hineingehen— die Hausfrau winkt ſchon zum Abendeſſen. Doch erſt muß ich noch Eure alte Urſel und die flinke Margrethe begrüßen, Rasmus, ſonſt machen ſie mir ein ſchiefes Geſicht.“ Und er eilte, während Andreas nachdenklich in den Speiſeſaal trat, auf den Hof und wechſelte einige Worte mit der Fa⸗ milie des Pächters, die einſtweilen in einem leer ſte⸗ henden Seitengebäude des großen Gehöftes unterge⸗ bracht war. Nach dem Abendeſſen vereinigte ſich die Familie, wie es ihre Gewohnheit war, um den großen Tiſch, der zur Sommerszeit im offenen Gartenſaale ſtand. Die drei alten Capitaine ſaßen heute mit dabei, denn da Freund Henrik Paulſen zurückgekehrt war und es viel zu erzählen und zu hören gab, durften ſie na⸗ türlich nicht fehlen. So ſaß man ganz gemüthlich bei einem Glaſe Wein zuſammen, als Henrik zunächſt die Ereigniſſe zu hören verlangte, die Emmerslund während ſeiner Abweſenheit betroffen hatten, und dieſe Erzählung wurde dem aufmerkſamen Zuhörer auf eine etwas bunte und lebhafte Weiſe vorgetragen, indem bald dieſer, bald jener Anweſende irgend einen Zuſatz beizufügen hatte. Erſt mit dem Untergange des Odin⸗ den Capitain Bardow in ſeiner handgreiflichen Weiſe vortrug, war dieſer lange und ausführliche Bericht beendet und nun bat man allgemein Henrik, nicht län⸗ ger zu zögern und auch ſeine Erlebniſſe zum Beſten zu geben. Henrik ſtrich ſich das Haar aus der Stirn, ſchaute ſich rings um und ſagte endlich:„Mein Be⸗ richt iſt ſehr einfach und läßt ſich mit wenigen Wor⸗ ten zuſammenfaſſen. Während Ihr inmitten des Krieges lebtet und von allen ſeinen Drangſalen Euern Antheil erhieltet, ſaß ich ſicher hinter den Wällen der Feſtung Rendsburg, aber auch da ging es, wenngleich friedlich, doch ſtürmiſch genug zu. Mit meinen Begleitern gelangte ich, als ich von Euch ging, wie Ihr ſchon von Friedrich wißt, glücklich nach Rendsburg und wurde daſelbſt von meinen Gönnern und Freunden mit offenen Armen empfangen. Von meinen Begleitern ward ich ſehr bald getrennt; Fried⸗ rich und Matthias, Jürgen und Clas traten in die Armee ein und zwar in ein Dragonerregiment, da ſie beritten waren, während ich ſelber auf den Büreaux der proviſoriſchen Regierung beſchäftigt wurde. Da gab es nun nicht viel ruhige Stunden, wie Ihr Euch denken könnt, aber deſto mehr Arbeit, Unruhe und Kopfzerbrechen. Von Tagesanbruch ſaßen wir bis 3 tief in die Nacht hinein und ſuchten das Chaos zu entwirren, welches uns über die Köpfe hereingeſtürzt war. Denn die proviſoriſche Regierung fand keine geordnete, geregelte Maſchinerie vor, die, einmal in Gang geſetzt, von ſelbſt ihre Schuldigkeit thut, nein! ſie mußte das Eiſen erſt ſchmieden, aus welchem dieſe Maſchine gebaut werden ſollte, ſie mußte die verſchie⸗ denartigſten Elemente zu einem organiſchen Ganzen vereinigen, aus denen das ſeltſam bedeutungsvolle, große und ſchwierige Werk, welches man Regierung nennt, zuſammengeſetzt iſt. Wie ſchwierig das ſchon im tiefſten Frieden geweſen wäre, leuchtet von ſelbſt ein, nun aber ſollte das Alles mit einer jählings hereinſtürzenden Kriegsführung zuſammenfallen, wir d 365 mußten unterhandeln und fechten zugleich, ſchaf⸗ fen und umreißen in einem Athem, ſiegen und regie⸗ ren mit einem Schlage. Das ſtellt Euch nun einmal recht lebhaft vor. Wie Ihr es Euch aber auch vor⸗ ſtellen mögt, Ihr werdet keinen rechten Begriff von dem Gewühle ohne Ende, dem Laufen und Hetzen, dem Jagen und Treiben haben, welches ſich in Rends⸗ burg gleich einem gewaltig brauſenden und ächzen⸗ den Räderwerke auf und abtrieb. Alle Tage, faſt jede Stunde, geſchah etwas Anderes, Neues, Uner⸗ wartetes, und auf Alles, lag es uns auch noch ſo fern, mußten wir gefaßt und vorbereitet ſein. Da langten, um Euch nur Einiges vor Augen zu führen, von ganz Deutſchland, aus dem entfernteſten Süden, aus dem Norden, Weſten und Oſten zugleich Truppen aller Gattungen mit ihren endloſen Ausrüſtungsge⸗ genſtänden an, und ſie mußten empfangen, beköſtigt, einquartiert werden. Da kamen Prinzen, Generäle, Of⸗ fiziere, Freiwillige aller deutſchen Zungen, und ſie mußten mit Ehren empfangen, mit Wohlwollen behandelt und in aller Eile unter Dach und Fach gebracht werden. Da liefen endlich Geſandte, Abgeordnete, Aufſchluß⸗ ſuchende, Beglückwünſchende und Tröſtende ein, um die Meinungen ihrer Souveraine anzudeuten, die Petitionen lhrer Körperſchaften zu überreichen, ſich 366 von den Zuſtänden der Herzogthümer zu überzeugen — ſie mußten alle dankbar angehört, belehrt und ehrenvoll behandelt werden. Tauſende von Briefen, Aufſchlüſſen, Erklärungen langten täglich an und mußten auf der Stelle beantwortet werden. Doch das war immer nur erſt ein kleiner Theil unſerer vielverzweigten Geſchäfte. Denn nun kam die Sorge für unſere eigene, erſt neu geſchaffene Armee. Waf⸗ fen, Munition, Kleidung, Pferde, Wagen und tau⸗ ſenderlei unmöglich zu nennende Gegenſtände mußten beſchafft werden, Magazine errichtet und die ausge⸗ ſchriebenen Lieferungen, die auf Hunderten von Wa⸗ gen augenblicklich einliefen, mußten ſorglich unterge⸗ bracht, bewacht, vertheilt werden. Außer der Armee und ihren Erforderniſſen kam dann die innere Ver⸗ waltung des Landes an die Reihe, das in den nörd⸗ lichen Diſtrikten in ſich ſelbſt zerſpalten, halb deutſch, halb däniſch war. Die Einen nicht zu tief zu ver⸗ letzen, die Anderen gehörig zu ſpornen, war eine wich⸗ tige und keineswegs leichte Aufgabe. Darauf kamen die Verwaltung der Finanzen, das Ausſchreiben und Eintreiben der Steuern, die Abſchätzung der zahl⸗ pflichtigen Bewohner— Alles mußte erſt von Grund aus entworfen und dennoch zugleich in Betrieb ge⸗ ſetzt werden. Und Alles ging, Gottlob! 11 geregeltem 367 und geordnetem Gange einher, wie im Schooße einer alten und durch Erfahrung weiſe gewordenen Regie⸗ rung; denn Jedermann that auf ſeinem Platze ſeine Schuldigkeit und es war nur die alleinige Neigung, der einzige Trieb vorhanden, ſeinem Vaterlande das koſtbarſte Opfer zu bringen. Um von mir ſelbſt zu ſprechen, der ich nur ein Atom in der großen Ma⸗ ſchinerie war, ſo kam ich ſelten vor zwei Uhr Nachts zu Bett, und um ſechs Uhr Morgens war ich ſchon wieder auf meinem Poſten. Die Aufregung und der feſte Wille trat an die Stelle der Kraft und halfen uns Dinge vollbringen, die vielleicht Niemand, der ſie nicht vollbringen geſehen, zu ſchätzen weiß. Und nun brach der Krieg mit allen ſeinen Leiden im Ganzen und Großen aus. Was gab es da erſt für Sorge und Arbeit! Todte Freunde waren zu begra⸗ ben, blutende Brüder zu heilen, trauernde Wittwen zu tröſten, gefangene Feinde unterzubringen; Truppen, Truppen und immer wieder Truppen mit ihren hun⸗ grigen Mägen kamen an, und ſie alle mußten ver⸗ ſorgt und auf die rechte Straße gewieſen werden. Und da dies Alles auf eine genügende Weiſe geſchah, ſo daß Jedermann ſich wunderte, Ordnung und Ruhe bei uns zu finden, die er nicht erwartet hatte, ſo belebte ſich unſer Muth und wir lernten erkennen, was ein 368 einiges, ehrliches Volk, wenn es auch nur klein iſt mit feſtem Willen und ungetheilter Kraft vollbringen kann. Da erſt lernten wir die Hülfsquellen, den Reichthum, den Vorrath an Kraft, den phyſiſchen und moraliſchen Werth unſers Vaterlandes ſchätzen, und oft, wenn wir, vom langen Tagewerke ermattet und ſorgenvoll, den Ausgang aus dem uns umwindenden Labyrinthe nicht wußten, kam uns von Gott un⸗ vermuthete Hülfe und er ſandte uns in Geſtalt eines Zufalls, eines Glücksumſtandes einen Engel hernieder, der die Strahlen ſeiner leuchtenden Fackel in die Finſterniß unſerer Rathloſigkeit fallen ließ. Nun weiß ich, wer unſere Freunde, wer unſere Feinde, was unſere Stärken, unſere Schwächen ſind. Ich weiß, was wir leiſten und was wir ertragen können. Meine Anſichten über Alles, was ich vorher nie ge⸗ ſehen und erlebt, nur gedacht oder geahnt hatte, er⸗ weiterten, vermehrten, entwickelten ſich alle Tage, denn der Wirkungskreis, in dem wir uns bewegten, war groß, der Stoff unſers Vollbringens reich und unſer Trieb und unſer Wille— Gottlob!— die beſten von der Welt.“ „Aber wie wird es enden?“ fragte Andreas haſtig, als der Redner eine kleine Pauſe eintre⸗ ten ließ, —ſ —— ——— 369 „Fraget die Götter, Andreas, oder wenn Ihr es lieber hört, blicket zu Gott auf, der ſeine offenen Au⸗ genſterne da oben über unſerm Vaterlande funkeln läßt. Er allein weiß es, doch wir hoffen das Beſte. Für den Augenblick freilich ſind die Lichter des Him⸗ mels in Dunkel gehüllt— aber auf die Nacht folgt der Tag, und der Schlummer, in dem die Armeen zu ruhen ſcheinen, erneuert ihre Kraft, ſtählt ihre Wider⸗ ſtandsfähigkeit, und damit wächſt das Vertrauen auf das deutſche Volk, deſſen Stimmen laut zu unſeren Ohren gedrungen ſind.“ „Aber die Regierungen, Henrik?“ „Mein Freund, bedenket, daß ich nicht aus der Schule plaudern darf. Denn gerade mir ſind die politiſchen Erörterungen und Entwickelungen anver⸗ traut. Nur ſo viel kann ich ſagen. Es ſtrömt ein redlicher Wille von vielen deutſchen Herrſchern aus, und es iſt nicht zu verkennen, daß ihre Abſicht mit uns eine ehrliche, ächt deutſche und vaterländiſche iſt. Aber ihr Wille und theilweiſe auch ihre Kraft iſt ge⸗ lähmt, nicht allein durch innere Verwickelungen, ſon⸗ dern auch durch äußere Gewalten, die im Hinter⸗ grunde lauern und die wir, wenn wir ſie und die Quellen, aus denen ihr Mißtrauen fließt, auch kennen, zu beherrſchen noch weniger im Stande ſind, als un⸗ A. Burns. II. 1 24 3 O111 370 ſere großmüthigen Helfer. Keine Regierung von allen, die uns beiſtehen, kann alle ihre Fähigkeiten und Mittel nach Wunſch entwickeln, keine von gan⸗ zem Herzen zeigen, wie ſie es mit uns meint, denn die Diplomatie der civiliſirten Welt, dieſe regierende Macht aller Könige und Fürſten, hat ihnen einen Zügel angelegt, der die Widerſpenſtigen und Ungehorſamen mit ſcharfem Gebiß und ſtarker Fauſt beherrſcht. Aber noch hoffe ich, daß es ſich machen wird. Wir ſind erſt im Anfange des Krieges mit Dänemark, Frieden giebt es ſobald nicht, glaubet es mir. Die Erbit⸗ terung iſt zu groß auf beiden Seiten, die Verwicke⸗ lung zu künſtlich, der Groll ſitzt zu tief im Herzen und hat zu viel Zeit gehabt, ſeine grimmige Saat zu reifen. Jetzt iſt er ein Ungethüm geworden, das man nicht mehr mit einem Keulenſchlage nieder⸗ werfen kann. Was aber allein ſtandhaft, unverrückt, willenstreu zn uns hält, das iſt das große, wackere deutſche Volk, Andreas,— ich weiß es und habe ſichere Beweiſe davon. O, mein Freund, mir ſchwillt das Herz höher auf, wenn ich dieſe brüderliche Zu⸗ neigung ſehe. Wenn wir mit ihm Eins und Alles ſein könnten, welch' eine herrliche Verbrüderung wäre das!— doch das wollen, das können wir ja nicht, denn wir wollen uns nicht losreißen von Dänemark, 371 ſondern ihm nur unſere Rechte abgewinnen. Blicket aber nach Deutſchland hin— auch der Kleinſte, Aermſte, Geringſte giebt, was er hat; die Männer kämpfen, die Weiber ſammeln und arbeiten, ja, ſelbſt die Kinder in den Schulen ſetzen ihre kleinen Hände in Bewegung und öffnen ihre Sparbüchſen für uns. Ein laut ſchmetternder Trompetenton der Entrüſtung gegen unſern Erbfeind dröhnt von Süden bis Nor⸗ den, von Oſten bis Weſten, und das bisher unbe⸗ kannte Wort: Schleswig⸗Holſtein! iſt das Stichwort der Gegenwart geworden. Ja, es giebt für uns eine allmächtige Sympathie in der Welt, die Sympathie der Gleiches fühlenden und wollenden Völker, die ein goldenes, unzerreißbares Band mit uns umſchlingt, denn ſie erkennen in unſerer Niederlage, in unſerem Schmerze, in unſerem Untergange ihre eigene Zukunft. Wenn Gott die Waggſchaale ſeines ewigen Gerichts allein auf die Schultern des deutſchen Volkes legte, glaubet mir, ſie ſänke nicht auf die Seite unſerer Gegner hinab. Alſo Muth, Andreas, Vertrauen, An⸗ dreas— auf Gott und die Menſchen, die mit uns eine Sprache reden. Das iſt Alles, was ich Euch ſagen kann.“ Andreas' Geſicht glühte, ſeine Augen funkelten und er drückte dem ſchweigenden Freunde warm die Hand. 24** 372 Helene aber ſchwieg mit wallendem Herzen. Bleich und ſprachlos blickte ſie auf den Mann hin, der alſo geredet hatte und ihre Augen öffneten ſich ſo weit wie ihr Herz. So, wie er jetzt vor ihr ſaß, hatte ſie Henrik, den ſanften Jugendfreund, nie geſehen. Er war ein ganz anderer Menſch geworden, als er vom deutſchen Volke, von der Sympathie der Nationen, von ſeinen Hoffnungen und Ausſichten ſprach. Nicht in den einfachen Worten, die er geredet, lag der wirkſame Zauber, den er auf die Hörenden geübt, ſondern in der Art und Weiſe ſeines Sprechens, in der erhobenen Haltung ſeiner Geſtalt, in der Begei⸗ ſterung ſeiner lebhaft befeuerten Geſichtszüge und ſei⸗ ner flammenden Augen. Und das ſteckt an, das ſpringt, wie der elektriſche Funke, von Auge zu Auge, von Seele zu Seele. Bewegten Herzens und er⸗ friſchten Geiſtes erhob auch ſie ſich, trat an ihn heran und drückte ihm ebenfalls die Hand. Er ver⸗ ſtand ſie und ſeine Augen ſuchten freudeſtrahlend und dankerfüllt die ihrigen.— Mit ſolchen Geſprächen war der kurze Abend ver⸗ ſtrichen und erſt lange nach Mitternacht trennten ſich die Mitglieder der Familie und ſuchten, ein jedes tief bewegt, ihr nächtliches Lager. Als aber das Frühſtück am nächſten Morgen vor⸗ 4 + — über war, ſtiegen Helene und Henrik den Berg hinab, um längs des Strandes nach dem Epheuhauſe zu wandeln, wo Erſtere dem Freunde die Spuren der Verwüſtung, welche die feindlichen Kugeln zurückge⸗ laſſen, zeigen, und Henrik den alten Capitainen ſeinen Morgengruß bieten wollte, die bereits emſig mit der Ausbeſſerung ihrer Wohnungen beſchäftigt waren. Ein herrlicher Julimorgen lag glanzvoll auf See und Land, und da es ſeit langer Zeit das erſte Mal ar, daß Henrik die Heimat unter ſo freundlichem Lichte, in ſo ſchöner Jahreszeit und bei ſo lieblicher Begleitung ſah, ſo erſchien ſie ihm reizender denn je. Nachdem ſie unten am Strande und auf der Inſel die zerknickten und zerſplitterten Bäume betrachtet, welche die Granaten der Dänen getroffen hatten, ſchritten ſie am Ufer langſam nach dem Epheuhauſe fort, in traulichem Geſpräche dies und das berührend, was während Henrik's Abweſenheit auf dem Berge vorgefallen war. Nachdem Helene ſo die Morgenfahrt Agathens erzählt, welche dieſe nach dem Schlachtfelde von Hop⸗ trup heimlich unternommen, und ihren ganzen Bei⸗ fall über dieſe edle Frauenthat ausgeſprochen hatte, wandte ſich das Geſpräch von ſelbſt auf Friedrich und Agathen hin und Henrik fragte, was eigentlich 1 374 die Beiden ſo trübe ſtimme, da ſie ja doch von ihrer gegenſeitigen Neigung, die jedem einigermaßen Ein⸗ geweihten augenblicklich offenbar werde, überzeugt ſein müßten, zumal ihrer einſtigen Verbindung kein Hin⸗ derniß im Wege ſtände. „Das iſt eben das Wunderbare dabei,“ erwiderte Helene,„daß ſie, wo kein äußerliches Hinderniß iſt, ſich allein von Innen heraus eins ſchaffen. Jeder⸗ mann weiß, daß ſie ſich lieb haben, mit Ausnahme vielleicht der von Erik verblendeten Mutter, und ſie ſelber nur wiſſen es nicht, oder wollen es viel⸗ mehr nicht wiſſen. Ich habe ſchon ſo oft die gute Agathe ermuntert und ihr Friedrich's Neigung, die er nur aus übelangewandtem Rechtlichkeitsgefühl gegen ſeinen Bruder verbirgt, dargethan, aber es iſt mir nie möglich geweſen, ſie von der Wahrheit und Aufrich⸗ tigkeit derſelben zu überzeugen. Das arme Kind! Ich kann kaum ſagen, wie leid ſie mir thut, denn ſie zehrt ihre ſchönſte Jugendzeit in Schmerz und Leid auf.“. „Friedrich iſt meiner Anſicht nach nicht weniger zu beklagen,“ bemerkte Henrik.„Aber es ſteckt in allen dieſen Burns a6g feſtes, verſchloſſenes, unzu⸗ gängliches Weſen, daß die dahinter verborgenen Tu⸗ genden nur dem Eingeweihten ſichtbar werden. Daß — f 375 Friedrich Agathens Neigung nicht anerkennen will, ſcheint mir mehr Edelmuth als Irrthum zu ſein, er kennt ſie gewiß und hält die ſeinige nur aus lobens⸗ werther Rückſicht zurück, die um ſo mehr zu bewun⸗ dern iſt, da er überzeugt ſein muß, daß Erik Aga⸗ thens Liebe nicht verdient. Daß Agathe aber auch Friedrich's Neigung nicht ſieht— ach, Helene!“ und er ſeufzte bei dieſen Worten ſchwer auf—„das iſt keine Seltenheit, obwohl man von den Frauen rühmt, daß ſie ſich nicht häufig in dieſer Beziehung täuſchen. Nein, nein, ſie ſehen nicht immer, wo Licht und Liebe iſt, und tappen oft wunderbar lange in Schatten und Finſterniß.“ Helene ſchaute ihren Freund ſcharf von der Seite an, als er dieſe Worte ſprach, denn ihr fiel dabei die Bemerkung des Capitains am vorigen Abend ein. Sie hätte gewiß das Geſpräch in derſelben Richtung fortgeſetzt und in Anwendung weiblicher Neugierde vielleicht eine kleine Anſpielung gewagt, hätte Henrik nicht plötzlich ein in Papier geſchlagenes Packet aus der Taſche gezogen und daſſelbe in die rechte Hande genommen, die von Helenen am weite⸗ ſten entfernt war, da ſie zu ſeiner Linken ging. „Was haben Sie da für ein Packet, Henrik?“ fragte Helene, augenblicklich vom vorigen Geſpräche 376 abgelenkt, denn des jungen Mannes Miene nahm hier einen ganz eigenthümlich ſchelmiſchen und bei⸗ nahe frohlockenden Ausdruck an, der dem ernſten Ge⸗ präge ſeines ruhigen Geſichts nicht gewöhnlich war. Henrik warf einen Blick auf das in vollem Licht⸗ glanze zu ſeiner Rechten ſchimmernde Meer, kehrte von da, in weitem Bogen über den wolkenloſen Him⸗ mel ſchauend, als wolle er ſeinen Beiſtand herab be⸗ ſchwören, zu dem ſchönen Weibe an ſeiner Seite zu⸗ rück und ſagte halb lächelnd, halb ernſthaft: „Ja, Helene, das wollte ich Ihnen eben ſa⸗ gen. Erinnern Sie ſich noch des Geſpräches, welches wir in Ihrem Hauſe führten, als ich Sie das letzte Mal beſuchte? Sie fragten mich, ob mir ein Buch bekannt ſei—“ „Ha!“ rief Helene, ſtand ſtill und ſtarrte den Re⸗ denden beinahe erſchrocken an, denn er hatte eines der lebhafteſten Gefühle in ihrer Seele geweckt,„Wohl — wir ſprachen von den Stimmen der Völker— Sie hatten ſie ja wohl auch geleſen?“ „Ja, ich hatte ſie geleſen, Helene. Und da Ihnen ſo viel an dem Buche gelegen ſchien, ſo wollte ich— ſo dachte ich, Ihnen eine Freude zu bereiten, wenn ich Ihnen die zweite Abtheilung, die unterdeß erſchie⸗ nen iſt, von Altona mitbrächte.“ 377 „Wie, Henrik, das hätten Sie wirklich gethan?“ „Gewiß, Helene, und hier iſt das Buch. Ich war vor einigen Wochen im Auftrage der Regierung in Altona und da beſuchte ich auch einen Buchhändler. Bei ihm ſah ich es und nahm es mit mir, um es Ihnen zu ſenden. Ehe ſich aber dazu eine Gelegen⸗ heit fand, entſchloß ich mich unerwartet ſelber zur Reiſe, und da fiel mir glücklicherweiſe zur rechten Zeit bei meinem eiligen Aufbruche ein, es mit mir zu neh⸗ men. Da iſt es— leſen Sie es und ſagen Sie mir dann bei Gelegenheit, ob Ihnen dieſer Theil ſo gut gefällt, wie der erſte.“ „Henrik!“— Und ſchon hatte ſie das Packet ergriffen, den Umſchlag abgeriſſen und das Buch aufgeſchlagen. „Ja, es iſt es, ich ſehe es. O welche Freude! Wenn Sie wüßten, wie unbegränzt ich dieſes Buch liebe, wie ſehnſüchtig ich es ſo lange erwartet habe und wie ich den Verfaſſer deſſelben, den Niemand kennt, verehre, Sie würden begreifen, einen wie großen Ge⸗ nuß Sie mir mit dieſer ſchönen Gabe bereitet haben. Jetzt wird wieder manche einſame Stunde köſtlich be⸗ reichert und mit erhabenen Gedanken bevölkert ſein — o Henrik, wie, hören Sie nicht?“ Henrik hörte nuͤr zu gut, aber alles Blut ſeines Herzens war ihm in das Geſicht geſtiegen und er 378 hatte es daher nach dem Meere gewendet, um nicht über dieſen ſeltſamen inneren Vorgang ertappt zu werden. Endlich aber hatte er ſich ſo weit gefaßt, daß er ſein Auge wieder auf ſeine Begleiterin richten konnte, aber da war er nicht weniger überraſcht, als vorher, denn ein roſiges, wonniges Lächeln, wie er es nie an ihr geſehen, überſtrahlte ihr ganzes Geſicht; ihre Finger bebten, als ſie das theure Buch umſchlan⸗ gen, und ſie heftete einen ſo feurig dankbaren Blick auf den erſtaunten Mann, daß er beinahe ſeine müh⸗ ſam errungene Faſſung nochmals verloren hätte. „Leſen Sie,“ ſagte er,„ja, leſen Sie erſt, und wenn Sie den zweiten Theil eben ſo gut finden, wie den erſten, ſo will ich Ihnen den Verfaſſer nennen.“ „Wie? Sie kennen ihn?— Heraus mit dem Namen!“ „Nein, Helene, noch nicht! Noch darf ich es nicht; aber Sie ſollen die Erſte ſein, die ihn erfährt. Es waltet ein kleines Geheimniß über dieſen Verfaſſer. Der Buchhändler hat ihm einen Schwur geleiſtet, nie ſeinen Namen ohne ſeine Billigung zu nennen, und der Verfaſſer hat dem Buchhändler daſſelbe ver⸗ ſprochen, damit nicht etwa durch ſeine eigene Schuld der ehrliche Mann in Verlegenheit gerathe.“ 379 „Und kenne ich ihn vielleicht ſchon aus anderen Werken? Das allein können Sie, müſſen Sie mir ſagen!“ „Nein, Helene, Sie kennen ihn nicht, denn dies iſt ſein erſtes Werk, womit er vor die Augen der Welt getreten iſt.“ „Und iſt es ein Landsmann von uns, wie man vermuthen muß, da er unſere Verhältniſſe zu Däne⸗ mark ſo genau kennt?“ „Ich zweifle kaum daran— aber Sie ſind ja ſo heftig bewegt, wie ich Sie ſelten geſehen!“ Und während er dies ſagte, wurde ſeine eigene Wange vor innerer Erregung bleich, denn all ſein Blut ſtrömte wieder in ſein übervolles Herz zurück. In dieſem Augenblicke, den Beide vielleicht gern verlängert hätten, begegnete ihnen Capitain Kühl⸗ wetter, der auf einem Seitenwege vom Berge herun⸗ ter kam; er trat auf ſie zu und begrüßte ſie in ſeiner gewöhnlichen lauten Weiſe, wodurch er den Zauber zerriß, der ihre Seelen umſponnen hatte. Gleich dar⸗ auf ſtanden ſie vor'm Epheuhauſe, an dem der Bruch ſchon verſtopft war, den die unglückſelige Kugel ge⸗ ſchlagen, in deſſen inneren Räumen aber noch zwei Maurer emſig beſchäftigt waren. Sie traten hinein und Helene und Kühlwetter beſchrieben Henrik noch einmal die gräßliche Scene. Bald darauf begab ſich jener in ſein eigenes Haus, um Henrik ſpäter daſelbſt zu erwarten, und dieſer ſtieg mit Helene die Treppe hinauf, um in ihrem Zimmer von einigen Geſchäften zu reden. Kaum darin angekommen, ſchloß Helene das erhaltene Buch in einen Schrank und hieß Henrik bei ſich willkommen. Dieſer aber nahm aus ſeiner Bruſt⸗ taſche die von der Freundin Hand geſtickte Taſche, öffnete ſie und legte einige Papiere auf den Tiſch. „Hier, Helene,“ ſagte er,„ſind die Beſcheinigun⸗ gen der proviſoriſchen Regierung, die Ihre Vorſchüſſe mit warmem Dank empfangen hat. Noch können ſie nicht zurückgezahlt werden, aber ſo bald es geht, ſollen Sie die Erſte ſein.“ Laſſen Sie mich vielmehr die Letzte ſein, mein Freund, ich habe mehr, als ich bedarf. Und haben Sie auch meinen Bankier in Altona geſprochen, wie Sie mich hoffen ließen?“ „Ja. Ihre Zinſen liegen bereit und Sie können ſie jeden Tag in Empfang nehmen. Soll ich ſie für Sie einkaſſiren?“ „Ja, thun Sie das, ich bitte darum.“ „So geben Sie mir Vollmacht, ohne dieſe zahlt der Bankier nicht.“ „Gewiß, ich werde ſie heute Mittag auf Emmers⸗ 8 381 lund ſchreiben und Andreas, deſſen Handſchrift der Bankier kennt, kann ſie unterzeichnen. Auch für ihn ſollen Sie die Zinſen einziehen, hat er mir geſagt.“ „Wohl, er hat ſchon heute Morgen mit mir dar⸗ über geſprochen; ich ſoll wieder einen Theil davon der Regierung überweiſen.“ „Gewiß, und das habe ich auch im Sinne. Auch das ſollen Sie heute Mittag in Empfang nehmen.“ „Aber warum wollen Sie nicht ſelbſt nach Altona gehen, Helene— ich bitte Sie noch einmal darum. Verlaſſen Sie dieſe dem Kriegsunheil ſo ausgeſetzte Gegend, die jeden Tag neue Gefahren droht.“ Helene blickte den Freund ernſt an, lächelte dann ſanft und ſchüttelte wehmüthig den ſchönen Kopf. „Nein, Henrik— ich gehe nicht von hier fort,“ ſagte ſie leiſe.„Blicken Sie hier um ſich⸗— ſchauen Sie das reizende Meer, den grünenden Wald, die weite Wölbung des göttlichen Himmels— und ringsum kein Menſch, der mich ſtört und meine Einſamkeit unterbricht. Das iſt ſehr viel, und ein ſeltenes Ge⸗ ſchenk des Himmels— ich liebe das.“ „Wohl, ich weiß es— aber haben Sie gar keine Beſorgniß, daß Ihnen hier ein Unheil begegnen könnte? — ich für mein Theil—“ 382 „Nein, nein, mein lieber Freund, ich habe gar keine Beſorgniß. Gott hat mich ſchon einmal ſo wunderbar beſchützt und mir dadurch bewieſen, daß er über mich wacht. Ich muß ihm ſchon deshalb mein Vertrauen ganz beſonders ſchenken. Meinem Schick⸗ ſale, wie und wo es mir auch vorbehalten ſein mag, kann ich nirgends entrinnen, und Altona— nein, nein, nein! O, wenn Sie die traurigen Erinnerungen wüßten, die mich dort verfolgen—“ und ſie wandte das Geſicht ab, hielt die Hände davor und ſchauerte entſetzt zuſammen. „Ruhig, Helene, ruhig— ich ſchweige ja ſchon. Bleiben Sie und Gott behüte Sie, das iſt mein in⸗ nigſter Wunſch.“ „Ich danke, Henrik. Ach! Auch von Andreas Fa⸗ milie mag ich mich nicht mehr trennen, es iſt mir dort oben ſo wohl, wie ehemals im väterlichen Hauſe — dort allein habe ich jetzt Vater, Mutter, Geſchwi⸗ ſter, Freunde, die mich lieben und die ich wieder liebe. Auch verknüpft uns ſchon das innige Band gemein⸗ ſam getragenen Mißgeſchicks— und das hält feſt, mein Freund.“ „Gewiß thut es das. Doch, Helene, der Morgen verſtreicht, ich muß zu den Seeleuten.— Darf ich Sie nachher abholen und nach Emmerslund begleiten?“ 4 383 „Und müſſen Sie wirklich ſchon morgen in aller Frühe fort, oder war es ein Scherz, daß Sie nur ei⸗ nen Tag hier bleiben wollen?⸗ „Scherz? Scherze ich mit Ihnen? Nein, Helene, ich muß fort. Kein Menſch weiß, wo ich bin; ich ſagte Ihnen ja, nur die Beſorgniß, daß hier— ein Unglück vorgefallen, trieb mich von meiner Pflicht hinweg. Jetzt ruft dieſe Pflicht um ſo lauter und — ich gehorche.“ „So gehen Sie,“ ſagte Helene feſt,„ich will Sie nicht halten. Wenn Sie von Kühlwetter zurückkehren, holen Sie mich wieder ab.“— So lang der ſchöne Sommertag war, er ging doch ſo raſch vorüber, wie alle Freudentage, die man gern verlängerte, wenn es möglich wäre. Wieder bis Mit⸗ ternacht war die Familie beiſammen geweſen und hatte ſich vergnügt, wie man ſich in dieſen Zeiten vergnügen konnte, durch gegenſeitige Theilnahme, durch Beweiſe der Ergebenheit und Zuneigung und die wie⸗ derholt ausgeſprochene Hoffnung auf künftige beſſere Zeiten. Nach zwölf Uhr erſt trennte man ſich, nachdem Hen⸗ rik die erwähnten Papiere erhalten und in ſeiner Taſche verwahrt hatte. Aber um drei Uhr Morgens war . Nein großer Theil der Familie ſchon wieder im Garten⸗ 384 ſaale verſammelt, denn ein überaus heftiges Gewit⸗ ter hatte ſich über Emmerslund zuſammengezogen und ſchoß ſeine feurigen Blitze gerade auf das Ge⸗ höft herab. In ſolchen Fällen litt Andreas nicht, daß Jemand im Bette blieb. Und ſo war es auch heute. Der Donner rollte unabläſſig durch den ge⸗ öffneten Himmel, der Ströme lange entbehrten Re⸗ gens auf die Erde ſchleuderte; und die raſch ſich ein⸗ ander folgenden Blitzſtrahlen vergoldeten das Meer weit umher und übergoſſen die bebenden Wälder mit tageshell ſtrahlendem Lichte. Am wildeſten aber tobte die See ſelber. Hohe Schaumkronen ſchaukelten ſich auf ihren Wellenhügeln und brachen ſich krachend an einander, riſſen an den Ufern Bäume und Landſtrecken aus und brüllten ihr ſchauriges Lied bis zum Hauſe auf dem Berge hinauf. Andreas hatte ein Fenſter geöffnet und ſchaute ernſt und ruhig auf die tobenden Elemente. Er war an dergleichen Naturkämpfe gewöhnt und doch um⸗ düſterte ſeine klare Stirn heute ein trüber Gedanke. „Das iſt kein friedlicher Tagesanfang und keine Aufforderung, die Waffen auf Erden ruhen zu laſ⸗ ſen,“ ſagte er zu dem neben ihm ſtehenden Henrik; „der Himmel geht den Menſchen mit keinem guten Beiſpiele voran. Wir Seemänner ſind abergläubiſch. 8 4 ————— — Behüte Gott das Land, unſere Kinder und uns ſel⸗ ber. Amen!“ Eben ſo ernſt, faſt noch ſchwermüthiger ſtand Henrik neben ihm und betete ihm nach:„Erhalte uns Gott das Land, unſere Freunde und uns ſelber. Amen!“— Zwei Stunden ſpäter war das Gewitter nördlich gezogen und grollte nur noch in einzelnen tiefen Droh⸗ tönen leiſe herüber, der Regen aber raſſelte vor wie nach hernieder. Henrik befahl demungeachtet, ſein Pferd zu ſatteln und ging ſchon unruhig, bleich, ge⸗ ängſtigt, er wußte nicht warum, im Zimmer auf und ab. „Willſt Du bei dieſem Wetter reiten, Henrik?“ fragte Andreas. „Ich muß.“ „So! Wohlan denn— ſattelt das Pferd!“ „Es iſt ſchon geſattelt, Herr!“ „So führt es heraus. Aber nimm einen Regen⸗ mantel von mir mit, ich habe ihrer zwei.“ nen— gebt ihn her. So. Da kommt das Pferd. Und nun lebet wohl!“ Alle traten bewegt, Mehrere mit Thränen in den Augen, heran.„Das war ein kurzer Beſuch!“ ſagte Gertrud. Kein Menſch antwortete ihr, ſie fühlten ſich A. Burns. II. 3 25 8* * * 386 Alle von einer ſchweren Laſt bedrückt, was vielleicht ſeinen Grund in der ſchwülen Gewitterluft hatte. „Gott behüte Euch Alle!“ rief Henrik endlich, und einen letzten Blick auf Helenen werfend, die bleich und ſprachlos unter den Uebrigen ſtand, ſprang er in den Regen hinaus, wo trotzdem die Leute vom Hofe, vor Allen Rasmus Harms und ſeine Familie, ſtanden, um Abſchied von ihm zu nehmen. Gleich darauf ſaß er im Sattel und ſein wackerer Rappe wieherte unter der bekannten Laſt vor Freude, obgleich das Waſſer ſchon von ſeinem Buge troff.„Lebt wohl!“ rief Henrik noch einmal, und dem Pferde die Sporen ge⸗ bend, jagte er durch den Thorweg, im vollen Regen dahin nach der Straße von Apenrade hinüber, um noch denſelben Tag das neun ſtarke Meilen entfernte Schleswig zu erreichen— ein Kinderſpiel für ſolchen Reiter und ſolches Roß.— Andreas weilte noch immer auf dem Flure des Hauſes und ſchaute auf die leere Stelle im Hofe, wo ſo eben ſein junger Freund geſtanden hatte.„Wie ein Meteor, kommt, leuchtet und verſchwinde r Menſch!“ flüſterte er in ſich hinein. Doch als er ſich dabei umdrehte, um in's Zimmer zu gehen, bemerkte er, daß noch Jemand hinter ihm ſtand. Es war He⸗ lene, bleich und kalt, wie vorher; als ſie aber des 4* Freundes Auge feſt auf ſich wurzeln ſah, erröthete ſie leicht, drückte ihm die Hand und ſagte ſo leiſe, daß .— er ſie kaum verſtand:„Er iſt ein vortrefflicher Menſch, Andreas, pflichtgetreu, warm und wahr!“ 1„Wer?“ fragte Andreas, ſich nach ihr umdrehend, 4 während er ſchon das Thürſchloß in ſeiner Hand hielt. Er erhielt aber keine Antwort mehr; die rei⸗ zende Geſtalt, deren Seele nur ſo eben zu ihm ge⸗ ſprochen, war ſchon in Gertrud's Zimmer getreten und ſeinem nachſchauenden Auge entſchwunden. 4 Ende des zweiten Theils. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. Von demſelben Verfaſſer ſind bei Chr. E. Kollmann in Leipzig erſchienen: Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes von Philipp Galen, ¹ 3 Verfaſſer von:„Fritz Stilling“,„Walther Lund“ ꝛc.— 4 Bände. II. Auflage. 8⁰. geh. 1855. 4 Thaler. „ 2 9 9. Fritz Stilling. 6 Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“,„Walther Lund“ ꝛc. 4 Bde. II. Aufl. 80⁰. geh. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Walther Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers von 3 Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“,„Fritz Stilling“ ꝛc. 6 3 Bde. 8o. geh. 1855. 4 Thlr. 1 8