A ar Tarmrhararananaranananhr arararararanananananhanhanh Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. EAAGcn ITaraTaganr Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 2„„ franz. od. engl.„ 2 Kr. Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 3 3 1 30„⸗ 1 1 12 „, 3.„„ „ 1.=3 56 ⸗ 13. asnsnnnaanannnanngananagaganananananananenanannananen ananananananananananagananaganaelt Araraarannr 7 . 7 1 H Burns Andreas — — — — — = = 8 — — — — — Von demſelben Verfaſſer ſind bei Chr. E. Kollmann in Leipzig erſchienen: Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Fritz Stilling“,„Walther Lund“ ꝛc. II. Auflage. 4 Bände. 8o. geh. 1855. 4 Thaler. Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes von Philipp Gulen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“,„Walther Lund“ ꝛc. II. Aufl. 4 Bde. 8o0. geh. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Walther Fund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James“„Fritz Stilling“ ꝛc. 3 Bde. 8o. geh. 1855. 4 Thlr. t —— Andreas Burns und ſeine Faumiliec. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege in den Jahren 1848—1850. Von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Der Irre von St. James,“„Fritz Stilling,“ „Walther Lund“ u. ſ. w. 3 Erſter Theil. —:;— Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1856. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbebalten. 5* Erſtes Kapitel. Der getäuſchte Spion. g ſch Trüb und ſchwer hingen die Wolken des 19. Fe⸗ bruar 1848 über die deutſchen Herzogthümer der jü⸗ Fiſchen Halbinſel herab. Kalt und neblig lag der frühe Morgen auf Land und Meer, und wer von den Be⸗ wohnern der Stadt Flensburg nicht nothwendig im Freien zu verkehren hatte, hielt ſich am liebſten in der Nähe des warmen Ofens hinter dicht verſchloſſenen Thüren und Fenſtern auf. Nur in der Nähe des Hafens zeigten ſich einige lebhafte Menſchengruppen, die trotz der ungünſtigen Witterung ſeit Tagesanbruch nicht von der Brücke gewichen waren und ſehnſuchts⸗ voll nach dem Meere ſchauten, von woher ſie das däniſche Poſtdampfſchiff erwarteten, welches ihnen die neueſten Nachrichten aus Kopenhagen verkünden ſollte. Denn man lebte damals in den kurzen Tagen der A. Burns. I. 1 2 Hoffnung, daß der neue König, der am 20. Januar den Thron ſeiner Väter beſtiegen hatte, Einſicht, Wohl⸗ wollen und Gerechtigkeitsgefühl genug in ſich tragen würde, um den lange und ſchwergeprüften Herzog⸗ thümern endlich ihr Recht zu verleihen. Weiter woll⸗ ten ſie nichts, als eben ihr Recht, mehr haben ſie nie gewollt, mehr würden ſie nicht genommen haben, ſelbſt wenn ſie ihren alten Erbfeind, den alles Deutſch⸗ thum methodiſch verſchlingenden Dänen, mit den Waffen zu Boden geſchlagen hätten, die er ihnen mit Gewalt und Liſt in die Hände zwang. Und worauf ſtützte ſich dieſe kurze Hoffnung der vertrauensvollen Herzogthümer? O, ſie hatten eine ſcheinbar ſichere Stütze, die, wenn ſie auch hie und da im Laufe der Zeiten gebrochen worden war, noch heute, und hoffentlich noch lange Zeit, ihre Kraft und Dauerhaftigkeit in der Meinung der Menſchen be⸗ wahren wird— ſie ſtützten ſich auf das Wort eines Königs, der, eben erſt mit dem Purpur bekleidet und mit königlicher Macht ausgerüſtet, das Wort der Milde und Verſöhnung geſprochen, indem er am 24. Januar eine Amneſtie für alle Preß⸗ und politiſchen Vergehen erlaſſen und ſogar am 28. deſſelben Monats gemein⸗ ſchaftliche Stände für das Königreich und die Herzog⸗ thümer nebſt einer Verfaſſung verheißen hatte, welche 3 die beſonderen Rechte ſeiner ſämmtlichen Unterthanen zu ſichern verſprach, eine Verfaſſung, die nichts in der Verbindung ändern ſollte, welche kraft ſo vieler könig⸗ lichen Ausſprüche unantaſtbar ſeit ewigen Zeiten zwi⸗ ſchen Schleswig und Holſtein beſteht. Dieſer königlichen Verheißung aber, ſo ſchön und vielverſprechend ſie klang, waren bereits viele ſchwer zu verkennende Anzeichen gefolgt, welche die Bewoh⸗ ner der Herzogthümer fürchten ließen, daß in dieſem ſchönen Klange ſich ein Mißton verberge, der die kaum geborene Hoffnung eben nicht lebhaft ermunterte. Eine freiſinnige, der gegenwärtigen Zeit und dem Geiſte und der Bildung ihrer Bewohner angemeſſene Ver⸗ faſſung verſprach man ihnen freilich; was man ihnen aber nicht verſprach, und was man dennoch am hei⸗ ßeſten erſehnte, das war die unangetaſtet fortbeſtehende Selbſtſtändigkeit und Unzertrennbarkeit der Herzog⸗ thümer. Und darum eben harrte man aller Orten jeder Botſchaft aus Kopenhagen, um zu vernehmen, was man von dorther zu erwarten, was man zu fürchten habe, denn noch immer konnte man ſich von der ſo natürlichen Hoffnung nicht losreißen, der Kö⸗ nig werde in ſeiner jugendlichen Kraft dem auftauchen⸗ den Fanatismus des Dänenthums zu imponiren wiſ⸗ ſen, er werde ſich erinnern, daß er ſelbſt aus deutſchem 1* Blute entſproſſen ſei, und er werde ſomit die bereits zügellos daherbrauſende Macht jener Inſelbewohner beugen und die treuen Herzogthümer nicht vergeſſen, die ſchon ſo viele Laſten getragen und doch ſo wenige Anerkennung von Seiten der königlichen Huld und Gnade gefunden hatten. Endlich gegen Mittag, als die Nebel ſich lichteten und die Sonne des Himmels wenigſtens durch die düſteren Wolken lächeln zu wollen ſchien, kam das bereifte Dampfboot herangeſchaufelt, brach ſich durch die flimmernden Eisſchollen des Hafens Bahn und legte endlich an der Landungsbrücke an. Ein lebhaftes Gedränge fand um die Reiſenden ſtatt, die, froh, ihre kalte Fahrt beendigt zu haben, ſo eilig wie möglich das ſchwankende Schiff mit dem feſten Boden zu ver⸗ tauſchen ſtrebten. Freunde begrüßten die Freunde und führten ſie mit haſtigem Schritte in ihre mehr oder minder entfernte Wohnung, um ſie zu erwärmen und dann die Mittheilungen der neueſten Ereigniſſe von ihnen entgegenzunehmen. Einige dieſer durchfrorenen Reiſenden aber traten mit Denen, die ſie erwartet hatten, raſch in das Gaſt⸗ haus am Hafen, deſſen ſich diejenigen Leſer ſehr wohl erinnern werden, die mit uns den Feldzug von 1848 bis 1849 mitgemacht haben, jenes gemächliche Gaſt⸗ 5 haus, von deſſen Fenſtern aus man den ſpiegelnden Hafen überſchaut und die grün bewaldeten Berge ragen ſieht, die denſelben ſo maleriſch umgürten, und an deſſen Tiſchen wir ſo oft bei fröhlichem Gläſer⸗ klange unſerer daheim gebliebenen Lieben gedachten, für ein untrennbares Schleswig⸗Holſtein mit Worten kämpften und ſchon im Voraus den tückiſchen Dänen über die Königsau hinaus in ſeine nördlichen Pro⸗ vinzen jagten. Sehr bald und ohne daß man eigentlich ſah, wie es geſchah, hatten ſich die Gäſte des Herrn Raſch in zwei ſtreng geſchiedene Parteien an den in langen Reihen ſtehenden Tiſchen geſondert. Auf der einen Seite ſaßen ſechs bis acht freiblickende, lautredende Männer— ſchon daraus, daß ſie laut redeten und ihre Gedanken und Empfindungen nicht zurückhielten, erkannte man, daß ſie deutſche Bewohner der gefähr⸗ deten Provinzen waren; ihnen gegenüber ſaß eine mehr ſcheu als drohend flüſternde Gruppe, die nur von Zeit zu Zeit einen lauernden Blick auf jene warf und mit geringſchätzenden Mienen und Achſelzucken das laute Gebahren derſelben mehr zu bemitleiden als zu fürchten ſchien. Eine geraume Zeit ſchon hatte das bald lautere, bald leiſere Geſpräch der erſten Gruppe gedauert— 6 und daß es ein politiſches war, bedarf unſerer Ver⸗ ſicherung nicht— als ſich die Blicke der zweiten mit bedeutſamem Ernſte auf einen Mann hefteten, der vereinzelt mitten zwiſchen beiden Parteien an einem kleinen Tiſche ſaß und mehr mit der Befriedigung ſeines geſunden Appetites, als mit ſonſt irgend Etwas in der Welt beſchäftigt zu ſein ſchien. Und doch, wenn man ſein gedankenſchweres, blaſſes, beinahe wehmüthiges Geſicht genauer betrachtete, hätte man meinen ſollen, ſeine düſteren Gedanken wären mit einem bei Weitem weniger materiellen Stoffe beſchäf⸗ tigt, als ſeine Zähne, denn bisweilen hielt er ſinnend im Eſſen inne und ſchaute mit dem tiefblauen Auge 4 nachdenklich durch das Fenſter, vor dem er gerade ſaß, in die trübkalte Winterluft hinaus, die in großen Nebelflocken über Land und Waſſer wirbelte. Plötzlich aber raffte er ſeine umherſchwirrenden Gedanken zu⸗ ſammen, trank ſein großes Glas feurigen Portweins aus und winkte den Kellner herbei, der zufällig in ſeiner Nähe ſtand. Frage und Antwort wurden leiſe und ſchnell gewechſelt, und leichtfüßig ſprang der Die⸗ ner, nachdem er die Bezahlung der Zeche empfangen, aus dem Zimmer, wahrſcheinlich um einen Auftrag zu erfüllen, den er gleichzeitig erhalten hatte. In dieſem Augenblicke ſchwieg die Gruppe der — 7 flüſternden Politiker. Wer ſie aber aufmerkſamer beobachtet hätte, würde wahrgenommen haben, wie alle ihre Blicke lebhaft ſpähend an dem jungen Manne. hafteten, der einſam und ſtill vor ihnen ſaß, weder links noch rechts ſchaute, endlich aber ein neben ihm liegendes Zeitungsblatt ergriff und eifrig zu leſen begann. Die beobachtenden ſchweigſamen Männer warfen ſich einen verſtändlichen Blick zu und fingen wieder leiſe mit einander zu reden an. Plötzlich ſtand einer von ihnen auf, und, nachdem er ſeinem nächſten Nach⸗ bar die Hand gereicht, ſagte er ziemlich laut, indem er ſich zur Thüre wandte: „So haben wir uns verſtanden, Olaf. Ein Wort, ein Mann— in fünf Minuten ſoll das Pferd zur Stelle ſein— halt Dich wacker. Adieu!“ Merkwürdig! Dieſe däniſch geſinnten Männer, obgleich ſie den Deutſchen mit jedem Blutstropfen haßten und die deutſche Sprache, den Hauptſtreitpunkt zwiſchen beiden Nationen, mit Liſt und Gewalt aus⸗ zurotten bemüht waren, ſprachen ſtets deutſch, wenn ſie in der Nähe von Deutſchen waren. Wollten ſie mit ihrer Kenntniß derſelben prunken und ſich den Anſchein einer Bildung geben, die ſie in der That nicht beſaßen? Wollten ſie ihre Nationalität zu geeig⸗ neter Zeit verbergen und Deutſche ſcheinen, ohne es zu ſein? Möglich, daß dies bisweilen ſo war, gewiß aber, daß ſie oft mit ihrer deutſchen Sprache, wie jener berühmte Diplomat mit Worten ſeine Gedanken verbarg, den däniſchen Verfolgungsgeiſt verhehlen wollten, rſie vom Scheitel bis zur Fußſohle Hanm Der Mann, der vorher geſprochen, hatte das Zim⸗ mer verlaſſen und das Geflüſter der zurückbleibenden Freunde wurde wieder fortgeſetzt, während die Männer der laut redenden Gruppe plötzlich aufſtanden und Zimmer und Haus verließen, denn ihr Frühſtück war zugleich mit ihrer Unterhaltung beendigt. Gleich darauf trat der Kellner wieder herein und näherte ſich dem leſenden Gaſte, um ihm einige Worte leiſe in's Ohr zu ſagen. Dieſer erhob ſich, nahm einen langen, wohlgefutterten Reitermantel vom Wandnagel und ließ es ſich gefallen, daß der dienſtfertige K Kellner ſeinen ſtattlichen Leib, der von jugendlicher Kraft und Geſundheit zeugte, umhüllen half; dann ergriff er ſeinen ſchwarz lackirten Matroſenhut, drückte ihn feſt auf das blonde Lockenhaar, zog ſeine wildledernen Handſchuhe an und verließ das Haus, ohne die Zu⸗ rückbleibenden auch nur eines Blickes zu würdigen. Verlaſſen wir mit ihm Herrn Raſch's gaſtliches 9 Haus und folgen wir ihm auf die kalte und weniger von Grog und Roſtbeaf duftende Straße. Raſchen Schrittes, nur einmal ſich flüchtig um⸗ blickend, ob er vielleicht von irgend einem Lauſcher beobachtet werde— denn zu damaliger Zeit gab es in den Herzogthümern, zumal in den bedeutenderen, halb deutſch und halb däniſch geſinnten Städten, ein ganzes Heer officieller Spürhunde— begab er ſich in die kleine Gaſſe, welche den Hafen mit der Norder⸗ ſtraße verbindet, und trat hier in den Hofraum einer unſcheinbaren Herberge, in welche die Landleute, die vom Norden her die Stadt beſuchten, häufig einzu⸗ kehren pflegten. Auf dieſem Hofe ſchien er das Er⸗ ſtrebte vor ſich zu ſehen, wenn man nach dem Lächeln ſeines wohlwollenden Geſichtes urtheilen ſollte, womit er einen jungen Landmann in der Tracht der Sunde⸗ witt'ſchen Bauern begrüßte, der neben einem Korb⸗ wagen ſtand, auf welchem bereits einige Felleiſen wohl befeſtigt und gegen die Witterung der Jahres⸗ zeit verwahrt lagen. Am Zügel aber hielt der junge Bauer ein ſchwarzes kräftiges Pferd von jenem ächt däniſchen Schlage, deſſen Vorzug weniger in der zar⸗ ten Schönheit und gefälligen Uebereinſtimmung ſeiner Glieder, als in dem derben Baue ſeiner Knochen und der Dauerhaftigkeit ſeiner Leiſtungen beſteht. Der 10 junge Mann aus dem Gaſthauſe ſchnallte ſich jetzt raſch ein Paar mächtiger Sporen, die er unvermerkt aus den weiten Taſchen ſeines Mantels hervorgeholt, an die Ferſen und trat dann an das Pferd, deſſen vollen Hals er freundlich ſtreichelte, als er ſeine glän⸗ zenden Augen fragend auf ſich gerichtet ſah. „Iſt es friſch bei Kräften und kann ich mich dar⸗ auf verlaſſen, daß es laufen und im Nothfalle einen Knick überſpringen kann, Matthias?“ fragte er den ſchweigend vor ihm ſtehenden jungen Menſchen, der mit freudigem Wohlbehagen bald ſein Lieblingsroß, bald den wohlgeſtalteten Mann betrachtete, der es reiten ſollte.. f „Es iſt ganz friſch, Herr, und wohl gefüttert; ſeit geſtern Abend, wo ich hier ankam, hat es ge⸗ ſtanden,“ erwiderte der Gefragte in der breiten Mund⸗ art der nordſchleswig'ſchen Landleute, die den deutſchen Baum ihrer alten Mutterſprache mit manchem Reiſe däniſcher Wortverfeinerung gepfropft haben. „Und es iſt Alles geſund zu⸗ Hauſe und man ſieht mich gern zurückkehren?“ Der Bauer lächelte, wie nur ein dickköpfiger, breit⸗ ſchultriger ſchleswig'ſcher Bauer lächeln kann, das heißt, indem er den Mund ſo weit aufriß, wie er ihn aufreißen konnte.„Ja, Herr, ja, es iſt Alles — —— 11 geſund daheim, und Alt und Jung freut ſich, Euch nach ſo langer Abweſenheit wieder zu ſehen.“ „Gut, gut, Matthias, ich bin ſchon auf dem Wege dahin. Späteſtens morgen gegen Sonnenuntergang könnt Ihr mich erwarten.“ Und während er dies ſprach, hatte er den Rücken des ſcharrenden Pferdes beſtiegen und ſich bequem im Sattel zurecht geſetzt. „Wann fährſt Du ſelber fort?“ „Sogleich, Herr, ſogleich; ich warte nur, bis Ihr zur Pforte hinaus ſeid.“ „So nimm mein Gepäck in Acht und gehabe Dich wohl— auf Wiederſehen!“ Und mit leichtem Schenkeldrucke ſetzte er ſein mu thiges Thiex in Bewegung und bald lag der Hof der Herberge und ein großer Theil der Norderſtraße hinter ihm, indem er ſich dem Süden des Landes zu⸗ wandte. Wer wie wir die endloſen Straßen der ſchleswig⸗ ſchen Hauptſtädte bei Tag und bei Nacht, zu Pferd und zu Fuß gemeſſen, der weiß, wie lang ſie ſind und wie ihr holpriges Pflaſter aus großen Granit⸗ und Baſaltſteinen den vorwärts ſtrebenden Reiſenden ermüdet. Da unſer Freund ſich fürs Erſte im Schritte bewegte, ſo brauchte er beinahe eine halbe Stunde, 12 bis er das Süderthor erreichte, und erſt als er dieſes hinter ſich hatte, lockerte er die Zügel und ließ ſeinen Rappen in jenem behaglichen Paßgange ausſchreiten, welcher der däniſchen Pferderace ſo eigenthümlich iſt. So erreichte er ſehr bald die Stelle der breiten Land⸗ ſtraße, die ſich weſtwärts nach Huſum wendet, ‚und nachdem er ſein Auge noch einmal nach der im Ne⸗ bel verſchwindenden Stadt zurückgewandt, trabte er, jedes Aufenthalts hoffentlich überhoben, munter ſeinen Weg fort. „Gott ſei Dank, daß ich allein und nun endlich auf dem Wege nach meiner Heimath bin,“ ſprach er zu ſich ſelber und hüllte ſich feſter in ſeinen falten⸗ reichen Mantel, denn der pfeifende Oſtwind, der in dieſer Jahreszeit durch Mark und Bein alles Leben⸗ digen dringt, blies ſtark über die kahlen Blachfelder und trieb den lockeren Sand des Weges und die eisſtarren Nebelſchichten der Oſtſee brauſend über die öden Hecken und Gelände hin. Und in der That, wenn der oben angedeutete Weg ſchon im Sommer, wo Bäume und Sträucher rings umher in ihrem Schmucke prangen und die grünenden Saaten dem Auge des Wanderers munter entgegenleuchten, nicht allzu lieblich und unterhaltend iſt, wie öde und trau⸗ rig mußte er erſt in rauhen Wintertagen erſcheinen, 13 wo die Sonne die dicke Luft nicht zu durchdringen vermag und naßkalte Winde und wirbelnde Nebel unſere einzigen Reiſegefährten ſind? So boten ſich denn auch heute dem einſamen Wan⸗ derer keine anderen Abwechſelungen dar, als daß er von Zeit zu Zeit das Knarren der mit ſtarrem Reife bedeckten Aeſte der Bäume vernahm, die ihm zur Seite am Wege ſtanden und unter ihrer kalten Laſt zu ſeuf— zen ſchienen, oder daß eine quer über die Straße flie⸗ gende Krähe ihm ihren gellenden Morgenruf zuächzte, bevor ſie ſich in der trüben Ferne verlor, was Beides in Gemeinſchaft mit dem klagenden Winde eine ſo traurige Muſik bildete, daß der Hörer, von innerem Froſte geſchüttelt, einmal über das Andere unter ihrem Einfluſſe zuſammenſchauerte. Bald aber war ſeine Aufmerkſamkeit von dieſen öden Naturſtimmen ab⸗ gelenkt und ſogar die Wirkung des Windes eine we⸗ niger fühlbare für ihn geworden, denn kaum ſah er ſich allein auf der öden Haide, ſo fiel er in ſeinen geheimſten Gedankengang zurück und die ſtörende Außenwelt, mochte ſie anziehend oder abſtoßend ſein, war für ihn nicht mehr da. Aber noch keine halbe Viertelmeile hatte der ſchnau⸗ bende Rappe auf der Landſtraße zurückgelegt, als ſein Reiter durch eine, wie es ſchien, nicht gerade will⸗ 14 kommene Störung wieder aus ſeinem Nachdenken ge⸗ weckt wurde. Denn plötzlich vernahm er die Huftritte eines zweiten Reiters, der im ſcharfen Trabe von der Stadt her, gewiſſermaßen in ſeinem Kielwaſſer, dicht hinter ihm her trottete. Ein einziger Rückblick ge⸗ nügte, einen Reiter auf einem Falben zu erkennen, der es ſehr eilig zu haben ſchien, trotzdem aber den blauen Rauch ſeiner Cigarre luſtig in die trübe Win⸗ terluft blies. In wenigen Minuten hatte dieſer zweite Reiter den erſten eingeholt, und unſer Freund beſaß Scharfſicht genug, ſeinen unvermeidlichen Reiſegefähr⸗ ten mit kurzem Ueberblicke vom Kopfe bis zu den Füßen zu muſtern. Es war ein kleiner, etwas dick⸗ bäuchiger Herr in einem langhaarigen Flausrocke, der ihm ſelbſt im Sattel bis auf die Knöchel reichte, einem grauen Filzhute und, in Ermangelung von Sporen, mit einer wuchtigen Reitpeitſche verſehen. Sein Falber war kräftig genug, aber ſchwer und träg und nicht halb mit dem feurigen Muthe und der elaſtiſchen Schnellkraft begabt, wie ſie der Rappe ſo ſichtbar zur Schau trug. Aber nicht auf allem Die⸗ ſem haftete der ſchnelle Blick des erſten Reiters; mit Verwunderung vielmehr hatte er das verſchmitzte Ge⸗ ſicht, die röthliche Naſe und das gelbblonde Haar eines Mannes erkannt, in deſſen Geſellſchaft er, ohne 15 mit ihm in ein näheres Verhältniß zu treten, von Kopenhagen her über die Oſtſee gefahren war, und den er ſehr wohl vor Kurzem unter jener im Flens⸗ burger Gaſthauſe flüſternden Gruppe wahrgenom⸗ men hatte. Der Falbenritter befand ſich kaum an ſeiner linken Seite, als er den Lauf ſeines dicken Wallachs zügelte, wobei, wahrnehmbar genug, ein Ausdruck ge⸗ heimer Befriedigung über ſeine lächelnde Miene flog. „Guten Morgen, mein Herr!“ rief der unerwartete Ankömmling und faßte leicht an ſeinen von der Reiſe etwas mitgenommenen Hut.„Es iſt ein verteufelt kalter Morgen für einen einſamen Reitersmann— daß der Teufel die Geſchäfte hole! He! Ihr reitet da aber einen vortrefflichen Rappen— hml ein Füne, Herr, wenn ich nicht irre.“ „Sie irren Sich nicht— er iſt wirklich von fü⸗ niſcher Abkunft— Sie ſcheinen einen guten Blick zu haben und ein Kenner— von Pferden wenigſtens zu ſein.“ „Haha! Sie haben es errathen. Aber darf ich ſo frei ſein, Ihnen eine Cigarre anzubieten?— man hält ſich wenigſtens die Naſenſpitze damit warm.“ Und er hielt ſeinem Gefährten eine lederne Taſche hin, die er ſchnell aus ſeinem Rocke gezogen und —= 16 worin wenigſtens ein Dutzend der beliebten Röllchen enthalten war. „Ich danke, mein Herr, ich bin ſelbſt verſehen, pflege aber bei einem ſcharfen Ritte, den ich heute noch vor mir habe, nicht zu rauchen.“ „Und wohin führt Sie Ihr Weg, wenn ich fra⸗ gen darf?“ Der alſo Angeredete beſann ſich einen Augenblick, dann ſagte er mit ziemlich gleichgültigem Tone:„Das iſt der Weg nach Huſum, wie Sie wiſſen, und nicht allzuweit davon wird mein Nachtlager ſein.“ „Huſum! Hm! Ich dachte, Sie gingen nach Gottorp—“ „Nach Gottorp? Warum nach Gottorp, wenn auch ich einmal fragen darf?“ „Nun, warum nicht nach Gottorp ſo gut wie nach Huſum? Es liegt nichts Verfängliches in meiner Neu⸗ gierde, Herr; aber ich denke, Gottorp iſt der beliebteſte Ort, wo Ihre Freunde ſich jetzt verſammeln.“ Der Andere antwortete nicht, aber ein glühender und beinahe drohender Blick ſchoß aus ſeinem offenen Auge hervor, mit dem er den kecken Frager durch⸗ bohren zu wollen ſchien. „Nun, nichts für ungut, Herr Paulſen; ich gehe auch nach Huſum und biete mich Ihnen zum Be⸗ — —-— 17 gleiter an, wenn Sie nichts dawider haben. Es iſt wenigſtens nicht unangenehmer, zu Zweien als mutter⸗ ſeelenallein in dieſem Satanswetter auf offener Land⸗ ſtraße zu ſein.“ Hatte die Miene des alſo Angeredeten ſchon vor⸗ her Mißtrauen und Vorſicht ausgedrückt, da er den blondköpfigen Reiter ſo unerwartet an ſeiner Seite ſah, ſo ergriff ihn jetzt ein unwilliges Erſtaunen, als er ſich bei ſeinem Namen von einem Fremden ange⸗ redet hörte, deſſen Namen er ſelber nicht wußte, deſſen Geſinnungen ihm aber von dem Augenblicke an be⸗ kannt erſchienen, ſobald er mit ſpöttiſcher Miene von Gottorp, als dem vermuthlichen Ziele ſeiner Reiſe ſprach, denn das ehrwürdige Schloß Gottorp in Schles⸗ wig galt damals bei den mißtrauiſchen und ränke⸗ ſüchtigen Dänenfreunden für das gefürchtete Neſt der deutſchen Patrioten, wo dieſe ihre rebelliſchen Pläne brüteten und ſich angeblich auf die Thaten vorbereiteten, die bald darauf das Königreich Dänemark bis auf den Grund erſchüttern ſollten. „Wie,“ ſagte er daher und bemühte ſich, ſeinen Nachbar mit noch ſchärferem Auge zu durchforſchen, „Sie wiſſen meinen Namen? Habe ich ſchon früher vielleicht die Ehre gehabt, von Ihnen gekannt zu ſein?“ A. Burns. 1.— 2 18 „Gott verdamme mich, Henrik Paulſen, wenn Sie nicht ein ſchlechtes Gedächtniß haben, ein bei weitem ſchlechteres, als Ihre hoffnungsvolle Jugend erwarten ließ. Ja, ja, Sie ſehen, ich bin nicht allein ein Pferdekenner, ſondern ich bin auch im Stande, das Geheimniß und die Abkunft eines Menſchen zu durch⸗ ſchauen, denn ich weiß ſogar Ihren Taufnamen. Ja, ja, ſo iſt es. Aber betrachten Sie mich einmal ge⸗ nauer und prüfen Sie mein altes Geſicht, ob Sie nicht Spuren vorfinden, die Sie an frühere Zeiten und glücklichere Tage erinnern, als die jetzigen ſind.“ Und dabei lüftete er ſeinen breitrandigen Hut und ſchaute den verwunderten Reiſegefährten mit vergnüg⸗ lich blinzelnden Augen an. Kaum hatte der Fremde ausgeſprochen, ſo hatte ihn auch Henrik Paulſen erkannt; aber er hielt es für gerathen, dieſe Erkennung auf keine zu heitere und ſtürmiſche Weiſe an's Tageslicht treten zu laſſen. „Wenn ich mich nicht irre,“ ſagte er langſam,„ſo habe ich Sie allerdings ſchon früher geſehen— ja, ich bin faſt überzeugt davon.“ „Ich bin ſchon lange und ſicher davon überzeugt. Ja, Henrik, es ſind zehn Jahre her, daß wir in Kiel Kinderpoſſen trieben und die trocknen juriſtiſchen Col⸗ 19 legien nicht ſelten mit dem Fechtplatze und dem duf⸗ tenden Alekruge vertauſchten.“ „Wohl, wohl— aber wie war doch Ihr Name, der mir faſt noch dunkler iſt, als Ihr Geſicht und Ihre Stimme?“ „Gottes Tod, Henrik, wie ſeid Ihr ſo vergeßlich! Wie, Ihr kennt Olaf Larſſen nicht mehr?“ „Olaf Larſſen! Richtig, richtig— das iſt der Name, auf den ich mich lange beſonnen habe.“ „Ja, ja, Olaf Larſſen reitet wieder mit Henrik Paulſen und vielleicht trinkt er auch wieder mit ihm. Wahrhaftig, alter Knabe, ich freue mich ſo herzlich darüber, daß ich um Eure Hand bitte, die ich ſo lange nicht geſchüttelt habe.“ . Henrik konnte nicht anders, obwohl ſein innerſtes Gefühl ſich dagegen ſträubte, denn er kannte ſeinen alten Univerſitätsfreund beſſer und von einer Seite, die eben nicht zu ſeinen Gunſten ſprach— er reichte alſo die behandſchuhte Hand hinüber, die Herr Olaf mit ſo großem Eifer drückte, daß man ihn hätte für Wärme halten können, was indeſſen anzunehmen ſein kälterer Gefährte wohlweislich nicht geneigt ſchien. „Und nun, mein alter Freund,“ fing jener wieder an,„wollen wir uns den kalten Weg durch freund⸗ liche Erinnerung verkürzen; vergeſſen wir die neuen 2* 20 Zeiten und denken wir allein an die alten— haha! die alten Zeiten! Ich wünſchte, ich hätte einen Krug Porter zur Hand und kredenzte ihn Euch wie ehe⸗ mals.“ „Mögen wir uns auch ohne Porterkrug der ver⸗ gangenen Zeiten erinnern— ach! ſie waren in der That heiterer, als die jetzigen.“ „Warum das, Henrik, alter Freund? Ihr habt ja erſt Achtundzwanzig auf dem Rücken, wenn ich noch zählen kann, und das iſt keine ſchwere Laſt für einen ſo wackeren Knochenbau, wie Ihr ihn zeigt. Was habt Ihr gegen die Tage, die einem ehrlichen Men⸗ ſchen geſtatten, ſich aus dem Staube emporzuarbeiten? He? Nehmen wir ſie, wie ſie einmal ſind, der Herr giebt ſie, und wir Menſchen können das ja doch nicht ändern.“ „Sind Sie Pfarrer geworden?“ fragte Henrik Paulſen nach einer kurzen Pauſe, wehmüthig lächelnd. „Pfarrer? Gott ſoll mich verdammen! Was ſprecht Ihr für Zeug? Hatte Olaf Larſſen jemals auch nur einen Anflug von der Scheinheiligkeit eines Prieſters?“ „Er hatte ihn damals nicht, wie ich wohl weiß, aber er ſcheint ihn jetzt zu haben, denn er führt, was 6 ich nie bei ihm gehört, den Namen des Herrn in ſei⸗ nem liederreichen Munde.“ „Nun, das iſt ſo Mode jetzt, und ich liebe es, in einigen Dingen wenigſtens die Mode mitzumachen. Aber holla, Henrik! Aufgeſchaut! Ein offenes Wort verräth ein redliches Herz— warum ſind die Zeiten jetzt ſo trübe, daß ſie Euer ſchmuckes Geſicht, das einſt ſo blühend und munter war, in ernſte Falten legen?“ „Warum ſie ſo trübe ſind— wollt Ihr das erſt von mir erfahren? Wenn Ihr den Sturm ungewöhn⸗ lich brauſen hört, fraget Ihr dann nicht, was daſſelbe zu bedeuten habe?“ „Pah! Wir in dieſen Landen ſind an den Sturm gewöhnt und fragen nicht viel danach. Auch läßt ihn der liebe Gott brauſen, der Gerechte aber kümmert ſich nicht darum— der Herr ſänftigt ihn für die Lämmer, könnte ich ſagen, wenn ich ein Pfaffe wäre, was ich glücklicherweiſe nicht bin.“ „ und was ſeid Ihr denn?“ fragte Henrik mit ern⸗ ſter Betonung und ſchaute den alten Commilitonen mit aufmerkſamer Spannung an. Was ich bin? Hm! Das ſollt Ihr ſogleich er⸗ fahren, Henrik, denn ich habe keinen Grund, weder meine amtliche Stellung und meine Handlungsweiſe 22 gegen Freund und Feind, noch den Weg zu verheh⸗ len, den ich bei hellem Tage oder bei dunkler Nacht in meinem dem Geſetze geweihten Wirken zu gehen geſonnen bin. Wohlan, ſo höret denn meine kurze Lebensgeſchichte, ſeitdem wir uns vor etwa neun Jah⸗ ren in Kiel trennten, Ihr, um zu Eurem Vergnügen oder zu Eurer Belehrung zu reiſen, denn Ihr waret nicht allein wohlhabend, um das erſte zu befriedigen, ſondern auch vernünftig genug, die zweite zu ſuchen, ich aber, der ich ein armer Beamtenſohn war, eine kleine Stellung in Kopenhagen zu ſuchen, die meinen beſcheidenen Anſprüchen für alle Zukunft genügen ſollte. Und ſiehe, mir war das buhleriſche Glück günſtig in der nordiſchen Königsſtadt; es gab damäals wie heute edle Männer im Schooße der glorreichen däniſchen Regierung, die meinen guten Willen und meine loyale Anhänglichkeit an ihre gerechte Sache zu würdigen verſtanden. Auf ihr Anrathen verließ ich die juriſtiſche Laufbahn, die nur Stoff zu unliebſamen Unterſuchungen gab, und widmete mich fortan der Verwaltung. Ich wurde anfangs bei den Steuern angeſtellt, und da ich ein geborener Schleswiger war—“ Und als er einen Augenblick in ſeiner Rede ſtockte, ergänzte Henrik, der ſeine Ohren auf den erzählenden 23 Mann, ſeine Augen aber in ſein eigenes Innere ge⸗ richtet hielt—„und da Ihr die Steuerkraft Eurer Landsleute aus eigener Anſchauung kanntet—“ „Nun, nun, ob ich ſie auch kannte, ich habe mein Wiſſen nie zu ihrem Schaden, vielmehr nur zum Wohle des ganzen Vaterlandes benutzt—“ „Ihr meint doch das Vaterland bis zur Eider, nicht wahr?“ „Hm! Nein, darin verkennt Ihr mich gänzlich— da ich alſo ein geborener Schleswiger und mit allen Verhältniſſen meiner Heimat genau vertraut war, ſo gelang es mir, meinen Vorgeſetzten auf eine Weiſe zu dienen, die eben ſo angenehm für ſie, wie ehren⸗ voll für mich war, was man ſo nennt, ja, ehrenvoll, Herr Paulſen, was Ihr auch darüber denken mögt, denn ich verſtehe Euren ſpöttiſchen Blick recht gut. Als ich in jener Abtheilung der Verwaltung das Mei⸗ nige geleiſtet, trat ich in eine andere, die mir nicht weniger Aufklärung und Anerkennung verhieß, in— in eine ſehr nützliche, aber auch kitzliche— in die der Polizei, und ſo habe ich denn, wie die Biene nur aus den ſüßen Blumen den Honig ſaugt, die bitteren aber unberührt läßt, meinen Honig aus den mir wohlgefälligen Anſtellungen geſogen und bin endlich, mit Gottes und unſeres guten Königs Hülfe,— den 24 der Herr beſchützen möge!— auserleſen, mit der Zeit eins der Aemter als Hardesvogt zu erhalten, die hier oder dort ihren derzeitigen Beſitzer auf irgend eine Weiſe verlieren möchten. Gegenwärtig aber befinde ich mich in Aufträgen, die ich Euch nicht näher be⸗ zeichnen kann, auf einer kleinen Rundreiſe, wobei ich ganz zufällig das Vergnügen hatte, nach langen Jah⸗ ren wieder mit Euch zuſammen zu treffen, Euch auf⸗ richtig mein Herz zu eröffnen und nun endlich von Euch zu hören, was Ihr mir über Euern eigenen Lebenslauf und Eure ferneren Ausſichten freundſchaft⸗ lich mitzutheilen habt.“ Herr Olaf hatte mit etwas unſicherer Stimme und meiſt abgewandtem Geſichte, dann und wann ſtockend und ſich beſinnend, dieſe ſeine ſehr allgemeine und in der That unvollkommene Beichte abgelegt, und als er, einen kurzen Stoßſeufzer von ſich gebend, damit zu Ende gekommen war, benutzte er das nachdenkliche Schweigen ſeines Gefährten, um ſich eine neue Ci⸗ garre anzubrennen, was ihm die wohlthuende Ge⸗ legenheit verſchaffte, ſein Geſicht abermals einer mög⸗ lichen Beobachtung zu entziehen. Als das ſeine Naſenſpitze wärmende Feuer im beſten Zuge war und die bläulichen Duftwolken ſpielend mit den Morgennebeln ſich vermiſchten, wandte er endlich ſein 25 forſchendes Auge auf den noch immer ſchweigenden Mann an ſeiner Seite, der ſeinen Blick geradeaus auf die Ohren ſeines Gaules geſenkt hielt, den er dicht neben dem Falben in leichtem Paßgange dahin⸗ trotten ließ. Es war nicht zu verkennen, und Henrik Paulſen bemerkte es wohl, obgleich er nichts außer ſich zu bemerken ſchien, daß ſein leichtfertiger Begleiter während der letzten Worte ſeiner Mittheilung ernſter und bedächtiger geworden war, als er ſich vorher ge⸗ zeigt hatte, und eben daraus ſchloß er ſehr richtig, daß der loyale Lebenslauf ſeines ehemaligen Studien⸗ genoſſen wohl heimlicheren und gewichtigeren Obliegen⸗ heiten gewidmet geweſen ſei, als er ſie eben nur ſo obenhin angedeutet hatte. Das Geſpräch gerieth nun einige Augenblicke in's Stocken, als ſich plötzlich Henrik Paulſen zu ſeinem Nachbar wandte und mit ruhigem Tone ſagte:„Ich bin Euch ſehr verbunden für Eure gefällige Offen⸗ herzigkeit; aber darf ich mir die Frage erlauben, warum Ihr mir dieſelbe nicht auf dem Dampfboote erwieſen, wo doch Zeit genug dazu geweſen wäre, und warum Ihr Euch überhaupt erſt hier auf der Landſtraße mir genähert und Euch als einen alten Freund zu erkennen gegeben habt?“ „O! Ah!“ ſtotterte der wider Willen etwas ver⸗ 26 blüffte loyale Polizeimann— denn dafür müſſen auch wir ihn nach ſeiner eigenen Erklärung halten— „Alſo Ihr habt mich ſchon an Bord bemerkt? Dachte ich mir es doch! Haha! Aber wie wäre das ſo leicht möglich geweſen! Bedenkt doch die vielen Menſchen, die Störungen, die langen Ohren und die großen Mäuler der— der— aber halt,“ fuhr er mit einem anſcheinend ehrlichen, in Wahrheit aber ſehr ver⸗ ſchmitzten Lächeln fort,—„wir kommen ganz von unſerem Thema ab. Ich habe Euch nun Alles geſagt, was Euch über mich ſelbſt erwünſcht ſein könnte— jetzt iſt die Reihe des Hörens an mich gekommen, und ich erwarte, Ihr werdet einem alten Schulkameraden eben ſo offen und ehrlich entgegentreten, wie er ſelbſt Euch entgegengetreten iſt.“ „Offen und ehrlich!“ ſagte Henrik Paulſen zu ſich ſelbſt.„Der Narr! Glaubt er wirklich, mich mit ſei⸗ ner dummen Offenheit und Ehrlichkeit zu beſchwindeln? Hm! Sehen wir, was er ferner beabſichtigt, denn daß er etwas beabſichtigt, iſt ſo ſonnenklar, wie der heil⸗ loſe Nebel um uns her immer dicker und ſteifer wird.“ Eben wollte er ſeine laute Gegenrede beginnen, als ihn der weniger vorſichtige Olaf noch einmal un⸗ terbrach. „Hört mich an,“ rief er etwas leiſer als vorher 27 und drängte ſeinen trägen Falben noch näher an den Rappen heran,„vielleicht fällt es Euch ſchwer, mir Alles zu ſagen, was Ihr auf dem Herzen habt. Ich kann mir das in Eurer Lage wohl denken. Aber da⸗ mit Ihr Muth faſſet und Euch nicht ſcheut, mir etwas zu enthüllen, was Ihr anderen Menſchen zu verbergen vielleicht Grund genug habt, ſo will ich Euch ſagen, was mir ſelber von Eurem Schickſale bekannt iſt, denn ich habe zufällig Gelegenheit gehabt, einen Blick in das Chaos Eurer Lebensgeſchichte zu werfen.“ Bei dieſen in der That ſehr offenherzigen Worten erhob Henrik Paulſen ſein machdenkliches Haupt und ſtarrte ſeinen ſeltſamen Gefährten nicht ohne wahr⸗ haftes Erſtaunen an.„Wirklich!“ rief er.„Habt Ihr Euch ſchon mit meiner winzigen Lebensgeſchichte bekannt gemacht? Ei, das iſt vortrefflich; ſo laßt ſie mich aus Eurem Munde vernehmen, vielleicht habe ich den Vortheil dabei, mittelſt Eurer objektiven An⸗ ſchauung mein eigenes Ich richtiger beurtheilen zu können, als ich in meiner befangenen Subjektivität mir bisher träumen ließ. Vorwärts, Herr Olaf Larſ⸗ ſen, laßt Euer Tau ſchießen, Ihr findet guten Anker⸗ grund in mir.“ „Ich dacht' es mir wohl, ich dacht' es mir, alter Knabe, daß Ihr nicht unzugänglich wäret, wenn man 28 nur den rechten Punkt an Euch berührt. Nun, alſo heraus damit. Was ich von Euch in Erfahrung ge⸗ bracht, das heißt, verſteht mich recht, was ich hier und da gerüchtweiſe über Euch vernommen, ohne daß ich beſonders danach forſchte, iſt ungefähr Folgendes. Vom Jahre 37 bis 39 ſtudirtet Ihr in Kiel die Juris⸗ prudenz. Haha! Das war für Euern phantaſiereichen Kopf ein zu trockener Boden und darum ſatteltet Ihr um und warfet Euch auf das Studium der Geſchichte, der philoſophiſchen und politiſchen Wiſſenſchaften, und wurdet ein ſogenannter Diplomat, worin Ihr damals in Kiel einige gute Vorbilder hattet.“ „Ziemlich richtig; aber nicht die Gründe, welche Ihr anführt, Olaf, brachten mich zu dieſem Wechſel, ſondern äußere Verhältniſſe beſonderer Art beſtimmten mich dazu. Doch, dünkt mich, ſage ich Euch damit nichts Neues, wenn ich anders Eure Miene recht 3 verſtehe.“ Herr Olaf, der ehemalige Steuerbeamte, der gegen⸗ wärtige Polizeimann und der zukünftige würdevolle Hardesvogt, lächelte ſchlau bei dieſen aushorchenden Worten.„Ja, ja,“ ſagte er ſchmunzelnd,„ich ſehe es immer klarer, Ihr ſeid in Wahrheit ein Diplomat geworden und verſteht Euch auf die Entzifferung der Gedanken und Geſichter der Menſchen—“ —— 29 „Vielleicht ſo gut, wie Ihr Euch auf die Erkennt⸗ niß der Abſtammung eines füniſchen Roſſes verſteht, denn ich muß Euch nun ehrlich ſagen, daß dieſer mein wackerer Rappe kein Füne, ſondern ein vollblütiger und patriotiſcher Seeländer iſt, wie je einer auf jener gnadenreichen Inſel geboren ward.“ „Haha! Schlauer Fuchs, der Ihr ſeid, wenn ich Euch darin trauen kann! Aber nur weiter im Texte. Alſo wir ſtanden bei Eurer Umſattelung. Dieſe er⸗ folgte alſo nach Eurer Meinung zumeiſt aus dem Grunde, weil Ihr eine Erbſchaft von einem reichen und kinderloſen Oheime in Kopenhagen erwartetet, weshalb Ihr Euch auch Jahre lang in der Königs⸗ ſtadt aufhieltet, die doch ſonſt nicht viel Verführeriſches für Euch beſaß.“ „Das iſt ziemlich richtig— weiter!“ „Indeſſen fandet Ihr einige unerwartete Schwie⸗ rigkeiten in Bezug auf den Antritt dieſer Erbſchaft, als der Oheim geſtorben war—“ „Sagt es nur gerade heraus, da Ihr auch das wißt— ich war kein ächter Däne, vielmehr nur ein einfacher, armer Schleswiger von Geburt, mit einem Worte, ein Deutſcher— ein Reichsfeind.“ „Sachte, ſachte, alter Freund, wer wird ſich ſo vorſchnell verrathen!— Ihr ſolltet nur ganz einfach 30 ein Schriftſtück unterzeichnen, daß Ihr Gut und Blut dem Könige von Dänemark, Sr. Majeſtät Chriſtian dem Achten, als treuer Diener widmen wolltet—“ „Ja, aber als König von einem untheilbaren Dänemark, was es doch nicht war, nie werden konnte, — und ich ſollte mein Herkommen, meine Ueberzeu⸗ gung, die Gerechtigkeit meiner vaterländiſchen An⸗ ſprüche mit einem Eide abſchwören— freilich— und darum eben kam die Unterſchrift nicht zu Stande—“ „Und Ihr verloret die Erbſchaft, um die Ihr bis vor Kurzem, obwohl vergeblich, prozeſſirt habt— iſt es nicht ſo?“ „Auch das iſt richtig— aber weiter, Eure Weis⸗ heit wird bald an's Ende gelangt ſein—“ „Da habt Ihr es. Ihr warfet Euch den neueſten Beſtrebungen der Deutſchgeſinnten in die Arme, um Euch dadurch zu helfen— ach, das war der weiteſte Weg, zu Euren Anſprüchen zu gelangen— Ihr wur⸗ det ein dem däniſchen Königthume feindſeliger Ge⸗ ſchichtsforſcher, ein anonymer Pamphletiſt, ein poli⸗ tiſcher Klopffechter—“ „Ein Klopffechter? Nein, Mann, bei der Seele meines Vaters, das wurde ich nicht, das konnte ich 4 4 ———— niemals werden, denn ich blieb, was ich war, was ich noch bin und ewig bleiben werde, ein—“ „Sachte, ſachte, ſage ich; ſchließt Eure Rechnung nicht vor dem Abende. Was Ihr bleibt oder werdet, könnt Ihr eben ſo wenig wiſſen, wie ich— was Ihr aber wurdet—“ „Nun, ſprecht es nur aus, Ihr verwundet mich jetzt ſehr wenig damit, denn die traurige Thatſache liegt hinter mir— meine Papiere wurden eines Ta⸗ ges in meiner Abweſenheit vom Hauſe durchſucht und entwendet, ich wurde verhaftet, für den Verfaſſer ver⸗ ſchiedener Aufſätze erkannt, ſechs Monate—“ „In einem ſicheren Verwahrſam gehalten, aus dem Ihr vor wenigen Tagen zufolge der königlichen Amneſtie entlaſſen ſeid, mit der gerechten Ver⸗ warnung—“ „Ein reuiger und gebeſſerter Sohn des vielgelieb⸗ ten jungen Vaters in Kopenhagen zu werden, nicht wahr?“ „So iſt es. Was ſoll ich Euch nun noch ſagen?“ „Darauf kann kein Menſch neugieriger ſein, als ich ſelber. Was könnt Ihr mir noch ſagen?“ „Daß Ihr unverantwortlich gehandelt habt— Ihr waret ein gemachter, ein angeſehener Mann mit Eurem Vermögen und Euren Fähigkeiten, ein Mann 32 von Gewicht in dem neu auflebenden Königreiche, deſſen Sonne ſeit vier Wochen im Aufgehen begriffen iſt—“ „Oder auch nicht, wie man es nehmen will.“ „Ihr irrt Euch, ſchwer, Henrik Paulſen, Ihr ſehet die öffentlichen Angelegenheiten von einer falſchen Seite an.“ „Das Recht hat nur eine Seite für mich, für die Menſchheit, für Alles, was athmet und lebt auf Erden.“ „Aber nicht für uns, nicht für Euer Vaterland, für Euern König—“. „Für meinen König? Ja, da habt Ihr Recht. Aber auch für mein Vaterland? Ich bin ein Schles⸗ wiger—“ „Nun, und?“— „Und was noch? Man will Schleswig aus den Blättern der Geſchichte ſtreichen, man will es zu einer Provinz des nordiſchen Inſelreichs machen— aber nein, nein, nein, Olaf Larſſen, das wird nun und nimmer geſchehen, denn Schleswig und Holſtein ſind ſelbſtändige Staaten, in den Herzogthümern herrſcht der Mannsſtamm unſerer Herzogsfamilie, und dieſe Herzogthümer ſind eng verbundene Staaten, und— und—“ „Nun und was noch? frage auch ich.“ „Und wir ſind deutſche Männer und keine dä⸗ niſchen Knechte!“ „Lirum, larum!“ brummte der däniſche Kämpe ſtill vor ſich hin und wandte ſein Geſicht links ab in ein Gehöft hinein, an welchem ſie ſo eben vorüber ritten, um ſeinem ſtolzen und ehrlichen Gefährten nicht in das auflodernde Geſicht blicken zu müſſen. „Worte, Worte, nichts als leere, todte Worte!“ „Nicht leere, todte Worte,“ rief der edle junge Mann, deſſen ganzes Gefühl aus ſeinen Augen leuch⸗ tete.„Vielmehr Worte, die durch ein geheiligtes Recht anerkannt, durch unzählige Schwüre von Königen und Fürſten verbrieft und beſiegelt ſind—“ „Und die dennoch nichts als Worte bleiben—“ „Wenn ſie nicht endlich zu Handlungen führen, die noch ernſter und geheiligter ſind, als dieſe Worte—“ „Still, Mann, ſtill, die Winde haben Flügel und tragen die Worte der Menſchen zu den Ohren—“ „Der Menſchen, ja, zu Ohren, die erſchaffen ſind, um das Gehörte zu den Herzen weiter zu führen— ja, ich weiß es, bei Gott!“ Und der Redende, den das Geſpräch über ſo wichtige und ſchwer verkannte Gegenſtände innerlich zum Enthuſiasmus entflammt A. Burns. I. 3. 34 hatte, richtete ſich hoch in ſeinem Sattel auf, ſo daß er beinahe um einen ganzen Fuß über den Mann 1 neben ihm emporragte, und nahm die Zügel ſeines Gaules feſter in die Hand, als ob er ihn auf das zunächſt folgende Unternehmen allmälig vorbereiten wollte. „Ihr handelt unklug, Henrik, ſehr unklug, wenn Eure Gedanken in Eurem Sinne auch noch ſo gerecht und geheiligt ſind,“ nahm endlich der Falbenritter wieder das Wort. „Das Recht iſt unwandelbar und unumſtößlich; die Schlangenklugheit der Liſtigen und Begehrlichen kann es niemals unterdrücken—“ „Flauſen, Flauſen, nichts als Flauſen, haha!“ „So!“ rief entrüſtet Henrik Paulſen und hielt ſei⸗ nen aufmerkſamen Gaul an einer Stelle der Land⸗ ſtraße an, wo ein ſandiger und ſchmaler Fahrweg zur Rechten in ein dicht bereiftes Tannengebüſch ablenkte, deſſen Richtung der immer undurchdringlicher gewor⸗ dene Nebel nur auf wenige Schritte erkennen ließ. „So? Sprecht Ihr alſo zu einem Manne, der, ſo lange er folgerecht denken und männlich handeln konnte, ſein ganzes Leben in dem feſten Beſtreben hingebracht hat, ſeinen Ueberzeugungen vom Rechte gemäß zu leben, zu handeln und zu ſterben, wenn 35 es nicht anders geht,— dann, dann, Herr Olaf Larſe ſen, iſt unſere Scheideſtunde für immer gekommen. Ihr gehet fortan links, ich rechts. Hier iſt die Straße, die mich meines Weges führt. Wir wollen ſehen, wer zuerſt an ſein Ziel kommt. Gehabt Euch wohl, auf Wiederſehen, Herr Olaf— oder auch nicht, wie es Gott, dem Herrn, gefällt, deſſen Namen Ihr ſo oft im Munde und ſo wenig im Herzen führt. Adieu!“ — Und ſeinem ſeit langer Zeit aufmerkenden und luſtig ſchnaubenden Gaule beide Sporen einſetzend, warf er ihn rechts in den Sandweg hinein, und ſchneller, als der verblüffte Herr Olaf es vermuthen konnte, war er im ſtärkſten Galopp hinter dem be⸗ reiften Tannengebüſche und dem dichten Nebelwalle verſchwunden. Herr Olaf Larſſen hielt noch immer unbeweglich auf ſeinem Platze, denn auch er hatte vorher ſeinen Falben angehalten. Sein kupferfarbiges Geſicht ver⸗ längerte ſich, ſeine ſtieren Augen riſſen ſich weit auf, und als ob ihm ein vergebens gebanntes Geſpenſt aus dem Zauberkreiſe entwichen, ſtarrte er dem Da⸗ vonjagenden nach, deſſen ſcharfen Galopp er noch eine kurze Weile vernahm, dann aber— die brennende Cigarre war ſchon längſt ſeinem geöffneten Munde entfallen— fuchtelte er inſtinktartig mit der Reit⸗ 3* 36 peitſche in der Luft herum, ohne dem pfeifenden Nebel wehe zu thun, und tief aufſchnappend wie ein Fiſch, der lange nicht aus ſeiner luftleeren Tiefe aufgetaucht, brachte er einen langgezogenen Seufzer hervor, der echolos in der ihn umgebenden Einſam⸗ keit verhallte. „Daß Dich Gott verdamme, Du deutſcher Hund!“ hauchte er endlich in zähneknirſchender Wuth hervor, die aber nun keinen Gegenſtand mehr hatte, an dem ſie ſich auslaſſen konnte—„daß Dich Gott ver⸗ damme! Du haſt mir eine Naſe gedreht— ich bin ein geprellter Mann! Aber wart, wenn Du mir auch heute entwiſcht biſt, morgen iſt auch ein Tag und ich habe die Witterung Deiner Spur.— Nach Huſum geht er gewiß nicht, das war eine Finte; ich muß mich alſo wahrhaftig nach dem verfluchten Rattenneſte Schleswig wenden. Ha! verdammte Schurken, alle zuſammen! Orla Lehmann hat Recht, man muß Euch mit blutigen Striemen auf den Rücken ſchreiben, daß Ihr Dänen ſeid!“— Und als wäre ſein Gaul an dem eben erlittenen Unfalle ſchuld, riß er ihn mit leidenſchaftlicher Fauſt herum, daß das arme Thier erſchrak, hinten und vorne ausſchlug und beinahe ſeinen erbosten Reiter abgeworfen hätte. Dieſer aber, ſich überzeugt haltend, 37 daß bei dem dichten Nebel und der Flüchtigkeit des Pferdes Henrik Paulſen's an keine ſichere Verfolgung zu denken ſei, wandte ſich auf den Weg nach Flens⸗ burg zurück, um ſich daſelbſt mit ſeinen Helfershelfern zu berathen und ſpäter die Spur des deutſch geſinn⸗ ten Mannes bis Schleswig zu verfolgen, denn daß er dahin gegangen ſei oder trotz ſeiner ſcheinbaren Umkehr nach Norden ſpäter gehen werde, ſchien Herrn Olaf Larſſen keinem Zweifel zu unterliegen. Sweites Aapitel. Das Pächterhaus im Sundewitt. Henrik Paulſen hatte alle Urſache, mit den Lei⸗ ſtungen ſeines Rappen, mochte er nun aus Fünen oder Seeland ſtammen, bei ſeinem erſten Proberitte zufrieden zu ſein, denn er bewies eben ſo viel Aus⸗ dauer im ſchnellſten Laufe, wie angenehme Sicherheit auf jenen ſo holprigen, oft ſchmalen, oft eingeſenkten, bald bergauf, bald bergab über Hecken und Gräben führenden Wegen, wie ſie gewöhnlich nur ein ge⸗ ſchultes Jagdpferd edelſter Race zu zeigen pflegt. Und welches war der Weg, den unſer Flüchtling ſo plötz⸗ lich, und dennoch nach reiflicher Ueberlegung und im vorſorglichen Gefühle unzweifelhafter Nützlichkeit am Mittage des 19. Februar einſchlug? In einem ziem⸗ lich großen um die Stadt Flensburg herumführenden 39 Bogen reitend, hielt er nicht eher an, um ſeinem bra⸗ ven Pferde Raſt zum Verſchnaufen zu geben, als bis er die hügelige Ebene von Bau erreicht hatte und das einſame Dörfchen und dahinter die breite Straße liegen ſah, die weſtwärts nach Tondern führt. Ohne Ahnung, daß das freie Gefild, welches er ſo eben durchſchnitt, wenige Monate ſpäter, als erſtes Schlacht⸗ feld, mit den blutenden Leichen ſeiner Landsleute be⸗ deckt ſein würde, ließ er auch dieſe jetzt verödeten Strecken hinter ſich und bewegte ſich nun in gemäch⸗ lichem Trabe dem Weſten der Halbinſel zu. An eine Verfolgung von Seiten ſeines zudringlichen alten Freundes, den er vom erſten Augenblicke an, zuerſt auf dem Schiffe, ſodann in der Gaſtſtube des Herrn Raſch und endlich auf offener Landſtraße, wohin er ihm ohne Zweifel abſichtlich nachgeritten war, für einen geheimen Spion gehalten, dachte er nicht im Geringſten mehr, ja, in der Vorausſetzung, daß ſchon mehrere Stunden Weges zwiſchen ihnen lägen und keine ähnliche Gefahr für die nächſte Zeit drohen würde, hatte er ſich ſchon während ſeines haſtigen Rittes durchaus wohlthuenderen Gedanken überlaſſen, und ſeine Phantaſie weilte im Voraus in der Nähe Derjenigen, die er jetzt auf ſeiner Rundreiſe beſuchen und, da ſie warmen Antheil an ſeinem Schickſale 40 —Q—ꝑ—ꝑ—ꝑ—O nahmen, über den Ausgang deſſelben beruhigen wollte. Und ſo verließ er nach einem halbſtündigen Trabe auch die Straße nach Tondern wieder und wandte den Kopf ſeines Pferdes dem Norden zu, auf welchem Wege er denn auch, als die Abenddämmerung ſich mit den Nebeln des Tages vermiſchte, ein ſtattliches Gut erreichte, welches einer ſeiner Freunde bewohnte, deſſen Gaſtfreundſchaft er für die nächſte Nacht in Anſpruch nehmen wollte. Doch es liegt nicht in unſerer Abſicht, den jungen Mann in dieſen Edelhof zu begleiten; wir begegnen ihm erſt am folgenden Morgen wieder, als kaum der Tag angebrochen war und die Glocken des nächſten Dorfthurmes den Sonntag feierlich einzuläuten be⸗ gannen. Noch immer lagen dichte Nebelſchichten über den menſchenleeren Triften und blattloſen Gehölzen aus⸗ gebreitet, aber es däuchte unſerm Reiſenden, daß die Kälte ſich bedeutend gemäßigt habe und der ſchneidende Nordoſtwind milder geworden ſei. Ja, als er noch eine kurze Wegſtunde weiter geritten war, ſchien es ihm ſogar, als ob die Wolkenberge um ihn her ſich allmälig zu verdünnen begännen, denn ſein ſpähendes Auge erfaßte von Zeit zu Zeit einen weiteren Hori⸗ zont, es traten dann und wann entfernter liegende 41 Gehölze, Hügel und Dorfſchaften hervor, und gegen Mittag endlich, als er eines zweiten Freundes Hof verließ, hatte ſich der Nebel faſt gänzlich geſenkt, der Himmel ſchwamm in heiterer Bläue über ihm und Gottes allmächtige Sonne, die um ſo freundlicher uns begrüßt, je ſeltener ſie ſich zeigt, lächelte in mildem Glanze die auflebende Erde an. Unſer Freund fühlte ſich bei dieſem erheiternden Anblicke von einem un⸗ ausſprechlich wohlthuenden Gefühle angehaucht; ſo lange der feuchte Nebel ſeine düſteren Locken um ihn geſchüttelt, hatte ein dumpfer Druck auf ſeinem Herzen gelegen, als er aber geſunken, erſchien es ihm, als wäre der Vorhang eines dunkelen Schickſals vor ihm aufgerollt, und die Welt, die in ihrem friſchen Glanze vor ihm lag, leuchtete ihm viel ſchöner, herrlicher, jungfräulicher als ſonſt entgegen. War es vielleicht deshalb, weil er ſich bereits inmitten ſeiner heimat⸗ lichen Gefilde, in dem gemüthlichen Sundewitt be⸗ fand, deſſen hochragende Buchenwälder, deſſen Hügel und Thäler, jetzt freilich öde und halb erſtarrt, ihm von jeher einen Reiz zu beſitzen ſchienen, den er ſelbſt in ſchöneren und geprieſeneren Ländern wiederzufinden niemals im Stande geweſen war? Von Holebüll nach Gravenſtein reitend, hielt er ſich an letzterem Orte eine Stunde bei einem anderen 42 Freunde auf, und als nun der Nachmittag weiter vorrückte, wandte er ſich wieder dem Norden zu, und bald erreichte er das Dorf Baurup, deſſen Kirchthurm er ſchon aus weiter Ferne als einen alten Bekannten begrüßt hatte. Für einen nicht im Sundewitt geborenen Reiſenden, nachdem er die große Straße zwiſchen den einzelnen Kirchdörfern verlaſſen, wäre es ſchwer geweſen, ſich den richtigen Weg durch die unzähligen Kreuzpfade, die ſich zwiſchen Gräben und Knicken durch moorige Thä⸗ ler und über bewaldete Hügel hinzogen, einem be⸗ ſtimmten Ziele ohne Schwanken entgegen zu winden, aber Henrik Paulſen war in dieſem Diſtrikte geboren und groß geworden, wie alle ſeine Landsleute kannte er jeden noch ſo kleinen Pfad, jedes Gebüſch, jedes Moor, faſt jeden Baum, und ſelbſt die Namen der Landleute waren ihm bekannt, über deren Felder er ritt und an deren gaſtlichen Thüren er nach und nach vorüber kam. Im friedlichen Stillleben, ſehnſüchtig des kommen⸗ den Frühlings gewärtig, ruhten in öder Winterzeit ringsum Land und Flur; die Natur ſelbſt ſchien die⸗ ſen lieblichen Landſtrich zum Schauplatze einer Idylle beſtimmt zu haben und kein jäher Lärm, kein Aus⸗ bruch unharmoniſchen Getöſes unterbrach die lautloſe — 43 Stille, die über den ganzen Umkreis des meerum⸗ floſſenen Sundewitt gebreitet war. Und ſo friedvoll die ruhende Landſchaft ſich zeigte, ſo harmlos bewährte ſich auch der Sinn ihrer einfachen Bewohner. Vön dem Erzeugniſſe ihres fruchtbaren Bodens ernährt, nur dem Ackerbaue und der Viehzucht ergeben, ihre Gedanken kaum auf die brennendſten Fragen der Gegenwart richtend, ließen die fleißigen Landleute einen Tag nach dem andern von ihrem Lebenspfade fortrinnen, ohne des kommenden zu gedenken, ganz allein den gegenwärtigen genießend. Noch keine Ahnung des ſchaudererregenden Tages, der mit ſtürmendem Glockengeläute die ſchlummernden Geiſter aus ihrer Ruhe aufſchrecken ſollte, ſo nahe er ihnen lag, zeigte ſich auf den Geſichtern der rüſtigen Geſtalten, die un⸗ ſerem Wanderer auf ſeinem heutigen Wege begegneten und, freundlich mit Mund und Hand grüßend, ihrem ſonntäglichen Vergnügen nachgingen. So war es allmälig Abend geworden und Henrik ließ ſeinen Rappen, der des Tages Laſt und Mühe bald hinter ſich haben ſollte, in langſamem Schritte ſeines Weges ziehen, den er ungeleitet kannte. Die Dämmerung des friedlichen Tages ſenkte ſich feierlich nieder, wie ein Schleier über das Antlitz der kurz vor⸗ her lachenden Erde ſinkt und die einzelnen Züge deſſelben 44 allmälig in formloſe Geſtaltung verſchwimmen läßt. Von Norden und Oſten her aber hauchte ein rauher und würziger Luftzug heran, deſſen Wirkung Roß und Reiter fühlten, deſſen Urſache aber Letzterem eben ſo bekannt wie willkommen war. Beide ſchauerten leicht zuſammen, aber nicht vor Kälte allein, denn das Thier witterte den nahen wärmenden Stall, und der Menſch erfreute ſich im Voraus der wohlthuenden Heimat, die ſein Fuß ſo lange nicht betreten hatte. Die Strömung des kalten Luftzuges aber kam vom Meere her, jenem ſchönen Meere, welches ſeine rollen⸗ den Gewäſſer ſo liebreich in die Buchten des Landes ſendet und über deſſen Oberfläche der hörbare Athem Gottes ſtreicht, ehe er die reichgeſegneten Länder und ihre Bewohner umfächelt. Auch das Dorf Warnitz hatte der Reiſende endlich hinter ſich gelaſſen und darin einigen ihm begegnen⸗ den Landleuten die Hand gedrückt. Wenige Worte waren gewechſelt, ein baldiger Beſuch in den nächſten Tagen aber war allen verſprochen worden. Ein gro⸗ ßer Hof lag nun zur Rechten, kaum einen Büchſen⸗ ſchuß vom nahen Sunde entfernt. Als Henrik die grauen Strohdächer dieſes Hofes von Weitem liegen ſah, fühlte er ſein Herz lauter und ſchneller in ſeiner Bruſt pochen. Er hatte ſein ehemaliges Vaterhaus 45 erblickt, wo ihm der Tag des Lebens vielverheißend aufgegangen war. Ach! aber die Eltern, die ihn mit liebevoller Hand großgezogen, die ihn gepflegt und mit ſorgender Zärtlichkeit überſchüttet hatten, ſie weil⸗ ten nicht mehr darin, denn ſchon lange deckte ſie der grünende Raſen, der unweit davon am Fuße eines kleinen Hügels im Abendrothe ſchimmerte. Geſtorben waren ſie ihm für immer, bald nach ihnen drei hoff⸗ nungsvolle Geſchwiſter, und keine Macht auf Erden gab ſie ihm, dem allein Verwaiſten, wieder. Und mit ihnen aus ſeinem Beſitze gewichen war das herrſchaft⸗ liche Gut, und fremde Hände, von den däniſchen In⸗ ſeln herübergezogen, walteten und ſchafften jetzt darin. Ein düſterer Flor lagerte ſich um ſein ernſtblickendes Auge, als er dies und manches Andere bedachte und die troſtloſe Gegenwart mit der ſüßen Vergangenheit verglich. Faſt mit Gewalt riß er die ſchönen und doch ſo traurigen Erinnerungen aus ſeinem blutenden Herzen. Und links ab, etwas dem Weſten zu und dem Apenrader Meerbuſen entgegen, lenkte er ſeinen willigen Rappen, und als er in dieſe Richtung ſchaute, gelang es ihm, wenn auch mit innerer Ueberwindung, ſich dem unvermeidlichen Geſchicke zu entziehen und dem möglichen Glücke des kommenden Tages hoff⸗ nungsvoll hinzugeben. Denn ſeine jetzige Heimat, 46 das einzige Beſitzthum, welches er auf Erden das ſeine nannte, nachdem ihm das Schickſal alles Uebrige ent⸗ riſſen, ein bäuerliches Grundſtück, lag vor ihm. Ein wohlmeinender Mann, von Geburt ein Angelſachſe, hatte es in Pacht genommen und zahlte dafür einen leidlichen Zins. Er, der brave Rasmus Harms, war der Vater des jungen Bauers Matthias, der am Tage vorher in Flensburg den beſtellten Rappen in die Hände unſeres Freundes geliefert und ſeine aus Kopen⸗ hagen mitgebrachten Habſeligkeiten ſicher nach Hauſe geſchafft hatte. Auf dieſem einſamen, von aller Welt weit abgelege⸗ nen Gehöfte, dicht am Ufer des Meeresarmes, der ſich nach Apenrade ſchlängelt, hatte Henrik ſich ein Stüb⸗ chen vorbehalten; dahin pilgerte er jetzt, um in un⸗ geſtörter Ruhe zunächſt ſeine Gedanken zu ordnen, ſeine Handlungsweiſe zu überlegen und— ſo Gott es wollte— ſein nächſtes Schickſal zu erwarten. Das Zwielicht des ſchnell hereinbrechenden Abends, noch nicht von dem Lichte des langſam emporquellen⸗ den Mondes erleuchtet, der am Tage vorher ſeine größte Rundung erreicht hatte, ließ den heimkehrenden Reiter die vor ihm liegende Ferne nur in ihren äußeren Umriſſen erkennen, und dennoch drang ſein forſchender Blick, gleichſam die ihn umgebende Dunkelheit mit 47 dem Lichte ſeines inneren Auges erhellend, in dieſe Ferne vor und er glaubte mehr und deutlicher zu ſehen, als in der That zu ſehen möglich war. Den⸗ noch aber war es hell genug, die nächſte Nähe in ihren Einzelnheiten zu unterſcheiden, und an dieſe hal⸗ ten auch wir uns, indem wir Schritt für Schritt mit dem von Zeit zu Zeit laut wiehernden Rappen vor⸗ ſchreiten. Hinter dem Dorfe Warnitz hatte er einen kurzen Heckenweg nach Weſten eingeſchlagen und war auf dieſem in einen Buchenwald gelangt, wie man ihn hehrer und gleichmäßiger in ſeinen emporſtrebenden weißlichen Rieſenſtämmen ſich kaum denken kann. Denn die Buche iſt das heimiſche Gewächs dieſer ge⸗ ſegneten Landſtriche, ſie gedeiht hier in vollkommenſter Fülle, ſie ſtrebt aus dem üppigen Boden ſchnurgerade zum freien Himmel auf und bietet mit ihren rieſigen Wurzeln und ihren zwei bis drei Fuß dicken Stämmen, aus der Salzluft der umgebenden Meere Stoff zum Widerſtande ſaugend, den ſchneidenden Winden Trotz, die bald von Oſten, bald von Weſten her über den ſchmalen Landgürtel jagen. Der fette Marſchboden hob ſich hier allmälig zu einer hügelartigen Anſchwellung empor und erreichte ſeine höchſte Höhe in unmittelbarer Nähe des Hofes, 48 der in einer Lichtung jenes Buchenwaldes auf einem parallel mit dem Meere laufenden Kamme lag, und dachte ſich unmittelbar hinter demſelben in einen weidenreichen Wieſengrund ab, an deſſen tiefſter Stelle ſich die murmelnden Wellen brachen. Jene Lichtung öffnete ſich jetzt vor Henrik's Augen und er nahm ſchon aus der Ferne die leuchtende Feuerflamme wahr, die aus dem Hintergrunde des Hauptgebäudes empor⸗ flackerte und dem durchfrorenen Wanderer ſein letztes und zugleich warmes Ziel andeutete. Kaum aber hatte ihn die letzte Wendung des Weges in den vol⸗ len Anblick des gaſtlichen Feuers gebracht und die ſtille Luft den Schall des über die Wurzelſtöcke klap⸗ penden Pferdehufes in jene Richtung getragen, ſo drang das Geheul der wachſamen Hunde aus dem Gehöfte hervor, dem der Rappe mit freudigem Ge⸗ wieher lauter als vorher antwortete. Noch einige hundert Schritte weiter, und vor uns liegt die ſechs Fuß hohe ſteinerne Mauer, die das Gehöft Rasmus Harms umſchließt, an deren weitgeöffneter Pforte die⸗ ſer ſelber mit ſeinem Sohne und ſeinen Knechten den ſehnlichſt erwarteten Herrn mit lauter Begrüßung empfängt, während ein in Holzſchuhen ſtolpernder Junge die maaßlos heulenden Hunde mit einem Knüt⸗ tel zur Ruhe zu bringen ſucht. 49 Verweilen wir einen Augenblick bei Rasmus Harms, während er dem Herrn ſelber den Steigbügel hält und mit kurzen, aber wohlgemeinten Worten nach ſeinem Befinden fragt. Selten hatte eine ſtattlichere und in ihrer Art ſtolzere Geſtalt auf mächtigeren und zu größerer Sicherung des wuchtigen Oberkörpers weit auseinandergebreiteten Beinen geſtanden, als wir ſie an unſerm neuen Bekannten finden; ſelten hatten treuere lichtblaue Augen aus einem gutmüthigeren Ge⸗ ſichte, dem man dennoch nicht einen energiſchen Aus⸗ druck abſprechen konnte, hervorgeblickt. Den dampfen⸗ den Stummel im Munde, ohne den es nun einmal nicht ging, die wollene Zipfelmütze auf dem lang⸗ behaarten, breiten Kopfe, einen rothgefutterten war⸗ men Friesrock über die kurze, mit ſilbernen Knöpfen verzierte Hausjacke gezogen, in faltigen Kurzhoſen von olivenfarbigem Mancheſter und in dunkelblauen, von einer ſilbernen Schnalle unter dem Knie zuſammen⸗ gehaltenen Strümpfen, die in ſchweren ledernen Schu⸗ hen ſteckten und ein Paar Beine von beneidenswer⸗ them Umfange erkennen ließen, ſtand er am Kopfende des Rappen und drückte ſeinem Herrn ſo herzhaft die Hand, daß dieſen ein ſchmerzliches Wehgefühl darüber ergriff. Gleich darauf trabte der Rappe ohne Auf⸗ forderung in den wohlbekannten Stall, denn er A. Burns. I.“ 4 50 wußte ſein Tagewerk beendet, und Rasmus Harms führte mit gravitätiſchem Schritte den Ankömmling Han die Schwelle des Wohnhauſes. Da ſtand es mit ſeinem alten, verräucherten Giebel, auf deſſen breite⸗ ſten Querbalken in Holz geſchnittene Bibelſprüche prangten, unter dem Schutze des fußdicken Stroh⸗ daches, von deſſen Firſt ein ungeheures Storchneſt, jetzt freilich leer von ſeinen ſommerlichen Gäſten, ſeit uralten Zeiten herabſchaute, und öffnete gaſtlich ſein breites Thor, deſſen Flügel ſich jedoch unmittelbar hin⸗ ter den eingetretenen Bewohnern ſchloſſen. Henrik Paulſen befand ſich innerhalb der Gränzen ſeiner neuen und alleinigen Heimat. Langſamen Schrittes durchwandelte er an der Seite ſeines Päch⸗ ters die lange Tenne, hier Diele genannt, hinter deren Raufen zur Rechten die Stiere und Kühe an ihren Ketten raſſelten, und zur Linken die Pferde neugierig ihre Köpfe aus den Krippen hervorſtreckten. Mit halb beklommenem Athem zog er den qualmenden Rauch ein, der in langgezogenen Säulen vom Feuer im Hintergrunde der Diele her ihm gleichſam zur Begrü⸗ ßung entgegenwirbelte und ſich einen Ausweg in's Freie ſuchte, wo er ihn finden konnte. Am Ende der Diele aber dehnte ſich das große Haus zu dem ge⸗ waltigen Raume der Küche aus, an deren beräucher⸗ 1 ter Decke zahlloſe Schinken, Würſte und Speckſeiten ſich zum appetitlichen Schmauſe rüſteten, während rings an den Wänden im Widerſcheine der flackern⸗ den Heerdflamme kupferne Geräthſchaften jeder Größe ſauber blitzten. Im hinterſten Raume der Küche aber, mitten zwiſchen zwei Thüren, die in die Familien⸗ gemächer des Pächters führten, praſſelte auf granite⸗ nen Quadern das Feuer, über deſſen gewaltig lodern⸗ der Flamme ein ungeheurer Keſſel ſchwebte, der an eiſernen Ketten vom beweglichen Dachbalken leiſe ſchwankend herniederhing. In dieſem behäbigen Raume herrſchte eine wohl⸗ thuende Wärme, die den erſtarrten Reiſenden um ſo behaglicher umwallte, als ſie mit den kräftigen Ge⸗ rüchen gemiſcht war, welche aus einer brodelnden Pfanne emporſtiegen, mit deren Inhalte eine der vie⸗ len rothröckigen Mägde beſchäftigt war. Aber Henrik Paulſen hatte hier noch zwei herzliche Begrüßungen auszutauſchen. Auf der ſteinernen Schwelle der Küche, ihrem unbeſtrittenen Reiche, ſtand Urſel, das Weib des Rasmus Harms, eine Matrone von anſehnlichem Wuchſe, gewichtigen Formen und einem Geſichte, wel⸗ ches einſt gewiß ſo ſchön geweſen war wie das, wel⸗ ches an ihrer Seite dem nahenden Herrn entgegen⸗ lächelte. Denn reſpektvoll einen Schritt hinter der 52 Mutter, knixend und leiſe erröthend, dann aber gleich darauf die dargebotene Hand des verehrten Herrn ſchüttelnd, ſtand Margrethe, die Tochter des Haus⸗ herrn, ein dralles, rothwangiges Angelnkind mit licht⸗ blondem Haar und Augen ſo blau, wie der Schooß des Meeres. Stattlich wallte um ihren geſchmeidi⸗ gen Leib der weite kurze Wollrock, und das knappe blaue Tuchmieder mit den ſilbernen Schnüren und der eng anliegende Bruſtlatz umſchloß ſo prall ihre vollen jugendlichen Formen, wie das flittergeſtickte Häubchen mit den lang herabhängenden Bändern auf dem Hinterkopfe kaum die widerſtrebenden Haarflechten bemeiſterte. Hinter beiden Frauen aber drängten ſich die kichernden Mägde heran, neugierig, den niemals geſehenen Herrn wenigſtens aus beſcheidener Ferne zu betrachten, von dem ſeit langer Zeit ſo viel des Gu⸗ ten geſprochen und der jetzt gekommen war, in ihrer Mitte ſeine ſtille Wohnung aufzuſchlagen. „Grüß Euch Gott, Herr!“ ſagte die Mutter zum dritten Male und wiſchte ſich mit dem Rücken der lin⸗ ken Hand die Freudenthränen aus dem Auge, während ihre Rechte die des jungen Mannes umſpannt hielt —„Grüß Euch Gott, Herr, und wolle es Euch un⸗ ter uns wohlbehagen!“— Nachdem auch Margrethe einen warmen Hände⸗ 53 druck und dabei einen freundlichen Blick empfangen, der ihr das Wohlwollen des lange nicht geſehenen Herrn verſicherte, trat Rasmus Harms wieder zu die⸗ ſem heran und fragte ihn, ob es ihm genehm ſei, ſein Zimmer zu betreten, um es ſich vor dem fertigen Abendeſſen ein bischen bequem zu machen. Henrik Paulſen, dem die Worte fehlten, da er ſich ſo liebe⸗ voll empfangen ſah, nickte ihm beiſtimmend zu und, ſogleich ein Licht ergreifend, ſchritt ihm voran der ſtämmige Wirth ein paar Stufen zur Seite der Küche hinauf, die zu dem Zimmer führten, welches im neuen Anbaue des Hauſes über den Wohnräumen des Pächters lag und zur Aufnahme des geehrten Herrn eingerichtet war. Und bald befand ſich Henrik allein und hatte Muße genug, ſich in ſeiner neuen Behau⸗ ſung umzublicken, nachdem ſein Wirth zwei Kerzen auf dem Tiſche angezündet und beſcheiden das Zim⸗ mer wieder! verlaſſen hatte. Man denke ſich die Wohnung, die Henrik von dieſem Augenblicke an als die ſeinige betrachten ſollte, wenigſtens was ihre innere Ausſtattung anbetrifft, keineswegs als eine unſern jetzigen Begriffen von Bequemlichkeit und Eleganz entſprechende. Denn ſie beſtand aus einem einzigen großen Gemache mit drei ziemlich kleinen Fenſtern in einer Linie, die nach dem 54 Meere hinausgingen. Ein großer und ein kleiner Tiſch, ein altväteriſcher leidlich gepolſterter Ruheſtuhl und ein halbes Dutzend gewöhnlicher Rohrſtühle mach⸗ ten Alles aus, was von Geräthſchaften darin wahr⸗ zunehmen war. Ein großer, unten eiſerner, oben mit blauen Flieſen bekleideter Ofen, von Außen heizbar, durchwärmte das Gemach reichlich, und als einziger Schmuck prangte über den Fenſtergeſimſen ein ſehr einfacher, nicht über zwei Fuß langer Muſſelinvor⸗ hang, den Margrethe mit eigenen Händen aufgehängt und für das Schönſte und Vollkommenſte der Art hielt, was je eine weibliche Hand in dieſer abgelege⸗ nen Gegend zu Stande gebracht hatte. Die Vorzüge alſo, welche dieſe Wohnung für unſeren genügſamen Freund vor vielen anderen voraus hatte, beſtanden außer ihrer ſchönen Ausſicht in's Freie, von der wir nachher ſprechen werden, ganz allein in ihrer Einſam⸗ keit und Stille, Vorzüge, die für Menſchen von Hen⸗ riks Schlage allerdings nicht zu verachten ſind, denn er bedurfte derſelben für die ernſten Gedanken und Beſchäftigungen, denen ſobald wie möglich ſich hinzu⸗ geben er ernſtlich geſonnen war. Einer beſonderen Eigenthümlichkeit auch dieſer Woh⸗ nung aber müſſen wir noch gedenken, die uns ſelbſt, als wir während des deutſch⸗däniſchen Krieges zum 55 erſten Mal eine ähnliche betraten, zumeiſt in die Au⸗ gen fiel und die Einfachheit jenes Volksſtammes eben⸗ ſo deutlich charakteriſirt, wie ſeine Neigungen und Liebhabereien. Man merkt nämlich, ſobald man ein ſolches Zimmer betritt, daß man der See und den Gewohnheiten, die auf ihr herrſchen, ſehr nahe iſt, denn man findet viele Einrichtungen der Seeleute auf die Wohnungen des feſten Landes übertragen. So z. B. ſind die meiſten Räumlichkeiten, Diele und Küche ausgenommen, beſchränkt, die Treppen eng, die Balkenlagen der Decken niedrig, und jeden kleinen Raum hat man zu irgend einem Gebrauche weiſe be⸗ nutzt, wie man es zwiſchen den engen Planken eines Schiffes zu ſehen gewohnt iſt. Dort wie hier ſind auch die Wände der Zimmer mit braun gebeiztem Holzgetäfel ausgeſchlagen und man bedarf niemals des tragbaren Schrankes, da dergleichen in allen For⸗ men und Tiefen in die Fugen dieſer hölzernen Wände ſelbſt eingelaſſen ſind. Ein ſolches verſchließbares Fach in der Wand zeigt auch, nachdem man die Flü⸗ gelthüren davor weit geöffnet, das in der Regel für drei oder vier Perſonen beſtimmte breite Bett, und damit man nicht zu oft Verlangen trage, ſich auf die⸗ ſes verführeriſche Lager zu ſtrecken, iſt es ſo hoch über dem Fußboden des Zimmers angebracht, daß man 56 ſtets mittelſt eines Stuhles, nicht ſelten ſogar mit Hülfe einer kleinen Leiter hinauf und hinein klettern muß, wozu auch einige Uebung gehört, wie wir die ſpaßhafte Erfahrung zur Genüge ſelbſt gemacht haben. Auf das an dieſe Einrichtung nicht gewöhnte Auge des Fremden macht es einen eigenthümlichen Ein⸗ druck, wenn er zufällig in ein ſolches noch von ſei⸗ nen hochſchwebenden Inſaſſen bewohntes Zimmer tritt, er glaubt ein lebendes Bild in koloſſalem Rahmen hoch an der Wand zu ſehen, und er fragt ſich ver⸗ wundert, wer es da oben aufgehängt, da die Leiter, die zu demſelben führt, nicht ſelten von dem Bewoh⸗ ner des Hintergrundes dieſes Bildes in die Höhe ge⸗ zogen wird, um vor geſellig geſtimmten Katzen und Hunden in ſeiner patriarchaliſchen Ruhe geſichert zu ſein. Ein auf dieſe Weiſe zubereitetes Bett war auch die hauptſächlichſte Bequemlichkeit des Zimmers, wel⸗ ches wir oben beſchrieben haben, und Henrik hielt es für ſeine Schuldigkeit, ſich von der guten Beſchaffen⸗ heit der dazu verwandten Erforderniſſe zu überzeugen, denn ein behagliches Lager für die Nacht, nachdem der Tag in Arbeit und Mühe verſtrichen war, liebte er, und zu ſeiner Freude fand er, daß Rasmus Harms Frauen auf dieſen ſeinen einzigen Luxus die mög⸗ lichſte Sorgfalt verwendet hatten. 57 Als er ſo die einfache Ausrüſtung ſeiner Woh⸗ nung betrachtet und ſeine Erwartungen in dieſer Be⸗ ziehung vollkommen befriedigt gefunden hatte, begab er ſich an die Beſichtigung ſeiner durch Matthias Harms überbrachten Beſitzthümer. Zu ſeinem Beha⸗ gen fand er Alles unverſehrt vor, und bald lagen ſeine Kleider, ſeine Wäſche, ſeine Bücher und Schrif⸗ ten, mit einem Worte, alle kleinen Habſeligkeiten, die er von Kopenhagen mitgebracht, an Ort und Stelle, und er machte es ſich nun endlich ſelbſt bequemer, da er den erſten Abend zu Hauſe zuzubringen beſchloſſen hatte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür des Gemaches und die blauen Augen Margrethens blickten ihn zutraulich an. „Darf ich eintreten, Herr?“ fragte das im Sonn⸗ tagsſchmucke prangende Mädchen. „Immer herein, Margrethe, Du biſt mir willkom⸗ men; ich habe Dir überdieß zu danken für Deiner Hände Arbeit in dieſem Gemache,— Du haſt Alles recht hübſch gemacht.“ „Ach lieber Gott, der Herr ſpaßen wohl nur!“ Und ſie wurde blutroth, vor Freude, daß ihr Herr mit ihren ſchwachen Leiſtungen zufrieden ſchien. „Ich ſpaße nicht, denn es iſt Alles reinlich und in Ordnung, und das liebe ich.“ 58 „Soll ich es vielleicht noch wärmer machen, Herr Henrik?“ „Bei Leibe nicht, es iſt warm genug— aber was wollteſt Du mir ſagen?“ „Ich ſollte fragen, ob der Herr hier oben oder unten im Peſel bei dem Vater ſpeiſen will?“ „Ich werde heut Abend hinunter kommen, von morgen an aber werde ich auf meinem Zimmer eſſen.“ Das Mädchen trippelte die Treppe hinab und Henrik folgte ihr faſt auf dem Fuße. Unten in der Putzſtube Harms, in der Volksſprache Peſel genannt, waren für den heutigen Abend große Vorkehrungen zum würdigen Empfange des Gaſtes getroffen. Ein geräumiger Tiſch, nur für zwei Speiſende mit Tel⸗ lern und ſchneeigem Linnen verſehen, ſtand mit allem Zubehör mitten in der großen Stube; auch die Stühle waren ſchon davor gerückt. Hinter dem einen ſtand Rasmus Harms und erwartete ſeinen Gaſt. Als er laut gebetet und ſich mit Henrik geſetzt hatte, ſtellte ſich Frau Urſel hinter den Stuhl ihres Gatten und Margrethe hinter den ihres Herrn, beide gewöhnt, ihre Hauspflicht zu erfüllen und die ſpeiſenden Män⸗ ner zu bedienen. Gleich darauf öffnete Jemand von Außen die Thür und eine flachshaarige Magd, im runden rothen Friesrocke und knappen von Silber⸗ 59 borten ſtrahlenden Mieder, trug raſch nach einander ſämmtliche Speiſen auf den Tiſch, an denen der Ap⸗ petit der beiden Männer ſich verſuchen ſollte, in der That eine Fülle von kräftigen Nahrungsmitteln bie⸗ tend, die ein Dutzend hungriger Mägen geſättigt hätte. Als der geröſtete Schinken eines fetten Ferkels auf dem Tiſche dampfte und Rasmus Harms einige ſaftige Schnitten heruntergeſäbelt, öffnete Frau Urſel einen Wandſchrank und holte eine Flaſche Portwein und zwei alterthümliche Kelchgläſer hervor, die ſie vor die zulangenden Männer ſtellte, während Mar⸗ grethe den Kork löſete und das feurige Getränk kre⸗ denzte. Dem Schinken folgte ein gebratener Dorſch von rieſiger Größe, ſodann eine Gans mit ihren ſteten Begleitern, den gebackenen Pflaumen, und end⸗ lich die unvermeidliche rothe Grütze, die der Bewoh⸗ ner jener Gegenden als Speiſeſchluß niemals in An⸗ ſpruch zu nehmen vergißt. Während des Eſſens wurde ſehr wenig geſprochen, denn beide Männer erfüllten den Wunſch der Frauen, nämlich ſo viel von jedem Gerichte zu eſſen, wie ihnen möglich war. Als aber die Grütze zweimal die Runde gemacht und die Tafel damit beendet war, trugen die Frauen die Reſte fort und ließen nur die Flaſche ſtehen, von nun an die Männer ihrer Geſellſchaft beraubend, die jetzt ihren 60 Gedanken Luft zu machen begannen, ein Bedürfniß, dem wenigſtens Rasmus Harms bisher nur mit Mühe Einhalt gethan hatte. Doch wartete er, nicht wemiger beſcheiden als ſeine Frauen, mit Fragen, die ihm ſchwer auf dem Herzen lagen, bis Henrik die Antwort auf die ſeinigen erhalten, die ſämmtlich äußerſt befriedigend lauteten, da ſie die Wirthſchaft, ihren reichlichen Ertrag und ſonſtige auf das gepach⸗ tete Gehöft bezügliche Gegenſtände betrafen. „Seid Ihr jetzt fertig mit Euern Fragen, Herr?“ lautete Rasmus Anrede, als endlich Henrik ſchwieg und ein Glas des feurigen Weines leerte. „Ja, Harms, ich bin fertig; was habt Ihr mir ſonſt noch zu ſagen? Doch ich bitte Euch, kurz zu ſein; morgen, wenn wir unſere Nachbarn beſuchen, werde ich Euch unterwegs erzählen, was es Neues in Kopenhagen giebt.“ „Ach, Herr, was ſcheert mich Kopenhagen! Wir leben im Sundewitt, und viel Gutes werdet Ihr nicht zu berichten haben, denn Gutes kommt nicht daher. So iſt es alſo beſſer, wir behalten für heute unſere gute Laune und ſparen den Aerger bis mor⸗ gen. Das iſt es auch nicht, was ich Euch fragen wollte!“ Und er ſchob mit der Rechten die Zipfel⸗ mütze von dem Ohre und kratzte ſich dahinter, als 61 habe er etwas Kritiſches im Sinne und wage ſich nicht recht mit der Sprache heraus. Auf einen er⸗ munternden Blick ſeines Herrn aber räuſperte er ſich, und nachdem er ſeine kurze Pfeife in Brand geſetzt, die niemals die Tiefe ſeiner Hoſentaſche verließ, ohne in den Mund zu wandern, flüſterte er mit vorgeneig⸗ tem Kopfe und blinzelndem Auge:„Darf ich von Eurer eigenen Angelegenheit ſprechen, Herr?“ Henrik erröthete leicht und ſenkte das Auge, wo⸗ bei ein tiefer Seufzer ſeinen Lippen entfuhr.„O Ras⸗ mus, alter Freund, hört mich an. Mit meinen An⸗ gelegenheiten in Kopenhagen iſt es vorbei. Mein Prozeß iſt verloren, und Alles, was ich noch beſitze und erwarten kann an zeitlichen Gütern, iſt dieſer Hof und ſein Ertrag.“ Laut ſchallend fiel die ſchwere Fauſt des Sunde⸗ witters auf die Tiſchplatte, ſo daß die Flaſche tanzte und die Gläſer ihren dunklen Inhalt auf das weiße Linnentuch ergoſſen.„Verloren?“ rief er mit don⸗ nernder Stimme,„Ihr habt Euern Prozeß verloren? Auch das noch nach der ſchmählichen Haft für ein ehrliches deutſches Wort? Iſt es möglich, wie? Und der König, wofür haben wir ihn— konnte er Euch nicht zu Eurem Rechte verhelfen?“ „Der König, Harms? Mir zu meinem Rechte 62 verhelfen? Glaubt Ihr, daß das ſo leicht iſt? Kann er ſich denn ſelbſt zu ſeinem Rechte verhelfen? Haben ihm nicht die weiſen Männer des Danebrog den Daumen auf das Auge gedrückt? Und er ſollte an mich denken, der arme Mann, für mich etwas thun, wenn er auch wollte?— Ha, haltet Ihr mich etwa für einen Dänen, Mann, dem der Beſitz der Welt verheißen ward?“ „Nein, Herr, bei Leibe nicht, Ihr ſeid nicht von jenem kalten, ſelbſtgefälligen Stamme, kein fiſchblüti⸗ ger Däne, Ihr ſeid ein Schleswiger, ein Sundewit⸗ ter, das iſt ein Deutſcher, und Gott ſoll mich ſtrafen, wenn Ihr je etwas Anderes werdet, ſo viel man Euch auch locken mag!“ Und er ſtreckte ſeine breite Hand über den Tiſch und drückte herzlich und warm die Rechte, die alſogleich in die ſeine fiel.„Aber wie, iſt es Euer ganzer Ernſt, iſt der Prozeß ohne Widerruf verloren, keine Möglichkeit des Gewinnens der rechtmäßigen Erbſchaft vorhanden?“ „Keine, Rasmus, nicht die geringſte— laßt es aber für heute genug ſein, morgen mehr davon; für jetzt muß ich Euch gute Nacht ſagen. Ich habe noch zu arbeiten und dann hat der heutige Tag auch ſeine Ruhe verdient.“ Auch Rasmus erhob ſich, und als er ſo mit ſeiner — — 63 breiten Bruſt vor der ſchlankeren Figur des jungen Mannes ſtand, der ihn nur an Länge überragte, trat er noch näher an ihn heran, legte beide Hände ge⸗ wichtig auf ſeine Schultern und blickte ihm liebevoll in die treuen blauen Augen. „Herr,“ ſagte er mit gepreßter Stimme—„nur ein Wort noch. Ihr kennt mich— ich bin der alte Rasmus Harms. Ich habe niemals ein Hehl aus den ſchlechten und gerechten Gedanken gemacht, die mir der Herrgott im Himmel verliehen hat, und hier in meinem alten Herzen hämmert es ſo laut, daß es heraus muß, was darinnen iſt. Ja, Herr, mein guter kleiner Henrik, den ich ſchon als Knaben auf den Armen gewiegt— ſagt mir— ich frage Euch— kann ich Euch mit irgend einer Liebe dienen? Mit Geld und Gut? Sagt es und nehmt es, denn die Kiſte mit Spezies iſt gefüllt, meine Scheunen und Ställe ſind bis an die Dachſparren voll, und das Gras läßt Gott alle Jahre auf dem Felde wachſen. Mein Herz aber— mein Herz—“ Er konnte nicht weiter ſprechen; Thränen erſtickten ſeine Stimme und er ſchämte ſich nicht, ſie offen vor den Augen ſeines jungen Freundes fließen zu laſſen. „Mein guter Rasmus,“ erwiderte Henrik und er⸗ griff feſt die Hand des wackeren Mannes,„ich danke . 64 Euch. Aber ich brauche im Augenblicke nichts, was Ihr mir geben könntet. Wenn ich einmal etwas ge⸗ brauche, ſo werde ich Eurer Freundſchaft gedenken und mich an Niemand wenden, als an Euch. Aber für jetzt behaltet Eure Spezies, ſorget für Scheunen und Ställe, denn— denn— es könnte eine Zeit kommen, wo beide geleert ſind und jene da drüben“ — und er ſtreckte ſeine Hand gegen das Meer aus —„Euch ſelbſt um den Sparpfennig Eures Lebens berauben.“ „Wie, Herr, meint Ihr den Dänen, den unerſätt⸗ lichen? Wollte Gott, er käme und ſuchte ſich etwas bei uns! Beim Teufel und ſeinen Heerſchaaren, wie er ſelber ſich verſchwört, er ſoll etwas finden— dieſe hier!“ Und er hob beide nervige Fäuſte empor, ſchlug ſie an einander, daß es laut durch das ganze Zimmer ſchallte und ſteckte ſie dann in die Taſchen ſeiner Jacke, während er mit kochendem Athem und wuch⸗ tigen Schritten die krachende Diele maß. Henrik ſchritt ihm voran nach der Küche. Mar⸗ grethe ergriff eine Leuchte und führte ihren Herrn in ſein Zimmer zurück, nachdem er noch einmal dem Vater und der Mutter die Hände geſchüttelt. Lächelnd — und knixend und eine gute Nacht wünſchend, huſchte ſie wieder die Treppe hinunter und Henrik Paulſen 65 war wieder allein in ſeinem Zimmer, wo er für heute wenigſtens die erwünſchte Ruhe gefunden zu haben glaubte. Aber er täuſchte ſich, wie wir ſehr bald er⸗ fahren werden. Henrik hatte gleich nach ſeiner Ankunft einige Briefe zu ſchreiben beabſichtigt, aber das kurz vorher geführte Geſpräch hatte ſeine Geiſtesruhe unterbrochen und herben Gedanken den Zutritt zu ſeiner Seele geöffnet. Um ſie entweder niederzukämpfen oder im glücklichſten Falle ganz zu vergeſſen, ging er einige Male leiſe im Zimmer hin und her und dachte über den Edelmuth ſeines Pächters nach, der nur ein Bauer war, aber mit einem Herzen begabt, wie es die ſtolze „Bruſt jedes Edelmanns geziert hätte.„So ſind ſie beinahe alle,“ ſagte er zu ſich ſelber,„dieſe wackeren Söhne unſeres Landes, ſie geben, was ſie ſelber ha⸗ ben, und wer über ihre Herzen und Arme zu gebieten hat, der iſt Herr einer mächtigen Heerſchaar. Darum aber eben haſſen ſie jene Inſulaner, darum möchten ſie ſie vertilgen aus den Gauen dieſes Landes oder wenigſtens ihnen für das deutſche Herz ein däniſches Stück Fleiſch einſetzen— ja, ſelbſt in deutſchen Zun⸗ gen ſie zu ihrem Gott beten zu laſſen, iſt ihnen ein Gräuel. O, mein armes Vaterland, wann wird der im Stillen freſſende Kampf entſchieden ſein, der ſo A. Burns. 1. 5 66 lange ſchon und ſchneidend ſeine Zähne an dein Lieb⸗ ſtes, Theuerſtes ſetzt? Denn daß ſie Deine Fluren beſitzen, Deine Reichthümer an ihren Tand vergeuden, Deine Söhne über das Meer führen, um ſie zu dä⸗ niſchen Knechten zu entwürdigen, das iſt nicht halb ſo hart und verwerflich, als daß ſie Deinen Geiſt unterdrücken, Deine Sprache vertilgen, Deinen Lebens⸗ nerv, den Zuſammenhang mit den Brüdern in Deutſch⸗ land, unterbinden wollen. Halt— iſt Jemand drau⸗ ßen vor der Thür?“ .„Ja, Herr, ich bin es,“ rief Rasmus Harms Stimme, und ſeine taſtende Hand griff eben an die Thürklinke und er trat raſch in das Zimmer.„Ihr müßt ſchon entſchuldigen, daß ich noch einmal ſtöre, aber beinahe hätte ich vor Freude über Eure Ankunft vergeſſen, was ich Euch doch noch heute mittheilen muß. Geſtern Abend kam der Poſtbote von Warnitz herüber und brachte mir einen großen Brief. Da iſt er, da. Und als ich ihn öffne, denn Ihr ſeht, er trägt meinen Namen auf der Adreſſe, ſiehe, da finde ich drei Briefe an Euch ſelber darin, mit der Bitte, ſie Euch zu überliefern, ſobald ich beſtimmt wüßte, wo Euer Aufenthalt wäre.“. Henrik nahm ihm die Briefe aus der Hand, dankte und trat damit dem Lichte näher, um die Aufſchrift — 6 zu prüfen.„Ah,“ ſagte er,„ich kenne die Hand⸗ ſchriften, ſie kommen aus Kiel von meinen Freunden!“ Und eben wollte er den einen öffnen, während Ras⸗ mus, die Klinke in der Hand, noch immer zwiſchen Thür und Angel ſtand.„Aber wie!“ rief er plötzlich. „Sehe ich recht? Sind die Briefe in dieſer Geſtalt in Eure Hand gelangt?“ „Wie meint Ihr, Herr, ich verſtehe Euch nicht.“ „Kommt einmal her, Harms, machet die Thür zu. Seht hier— das Siegel iſt erbrochen geweſen— verſteht Ihr mich?“ „Von mir nicht, bei Leibe nicht, Herr! Ihr wer⸗ det doch das nicht von mir denken?“ „Nein, Rasmus, nein, ich denke das nicht von Euch, und es iſt nicht das erſte Mal, daß mir der⸗ gleichen in dieſen Landen und Zeiten begegnet. Wiſſet Ihr, wer dieſe Briefe erbrochen hat— denn da ſeht nur, auch dieſe ſind künſtlich zugeleimt, nicht einmal die geringe Mühe hat man ſich gegeben, das ſchnöde Thun mit ſorglicher Hand zu vertuſchen— wißt Ihr, ſage ich, wer ſie erbrochen hat?“ „Wie ſoll ich es wiſſen, Herr, Hände gekommen ſind?“ „Nun, ich will es Euch ſagen— das hat die königlich däniſche Polizei gethan, die lauernde, ſpä⸗ 5*. da ſie ſo in meine 68 hende, überall Unheil und Verrath witternde Po⸗ lizei.“ „Nein, Herr, ſagt nein! Das wäre ja ſelbſt ein nichtswürdiger Verrath!“ „So ſehet Ihr, ſo ſehe ich, ſo ſieht alle Welt es an, aber nicht jene erhabenen Herren, die dergleichen fur eine tugendhafte Handlung halten. Ja, dieſe däͤ⸗ niſche Tugend iſt bei uns Deutſchen Verrath. Aber beunruhigt Euch nicht. Die Freunde, die hierher ihre Briefe an mich ſenden, wiſſen wohl, was ſie thun, es wird nichts in den Briefen ſtehen, was Euch und mich ſelber zu Schanden machen könnte.“ Und er ſchlug vorſichtig einen Brief nach dem an⸗ dern auseinander und fand, wie er vermuthet, daß ſie nur gleichgültige Nachrichten von Freunden, die anfragten, wie es ihm ergehe, wo er ſich aufhalte, wohin er ſich zu wenden gedenke, und nicht ein einziges Wort über die Lage der öffentlichen Angelegenheiten enthielten. Als Rasmus auch davon unterrichtet war, ent⸗ fernte er ſich mit wehmüthigem Kopfſchütteln, um für heute von ſeinem Freunde zu ſcheiden und ſich zur nächtlichen Ruhe vorzubereiten. Henrik aber faltete die Briefe wieder zuſammen, legte ſie in ein Fach ſeines Wandſchrankes, welches nur er zu öffnen ver⸗ ſtand, und ſchritt wieder nachdenklich im Zimmer auf 69 und ab. Die ſchon früher gemachte und jetzt wieder⸗ holte Entdeckung, daß die heimliche Eröffnung ver⸗ traulicher Briefe kein Gegenſtand des Abſcheus der däniſchen Gewalthaber ſei, war nicht geeignet, ſein aufgeregtes Blut zu beruhigen, und ein neuer, eben nicht wohlthuender Gedankengang hatte ſeine Seele in Anſpruch genommen. Er bedurfte der Abkühlung, es wurde ihm zu warm im Zimmer, viel zu warm für ſein bewegtes Herz. Er trat an ein Fenſter, öff⸗ nete es und blickte hinaus. Und das war das beſte Mittel, ſeinen Kummer zu beſchwichtigen und die Wallung ſeines Blutes zu beſänftigen, denn der An⸗ blick der vor ihm liegenden Landſchaft, des nach Oſten und Weſten weithin ſich dehnenden breiten Waſſer⸗ gürtels hatte ſtets eine wunderbare Gewalt über ihn ausgeübt. Und was erblickte ſein Auge, als es in ſtiller nächtlicher Stunde aus dieſem Fenſter ſah? Eine der ſchönſten Buchten, welche das baltiſche Meer in zahlloſer Abwechſelung und Fülle auf der Oſtküſte der Herzogthümer bildet, indem es ſeine ſtolz fluthenden Gewäſſer weit in das geſegnete Land hin⸗ ein ſendet und Straßen ſchafft, auf denen der raſtlos thätige Menſch von Land zu Meer und von Meer zu Land pilgert, um die Erzeugniſſe beider zu tauſchen, zu genießen, iſt der prachtvolle Meerbuſen von Apen⸗ 70. rade. Beinahe zwei Meilen lang und an der wei⸗ teſten Stelle ſeines Ausganges eine Meile breit, ſtellt er die Form eines Füllhorns dar, deſſen Spitze dicht vor der Stadt Apenrade in gefälliger Schwingung ſich nach Norden umbiegt, und deſſen Oeffnung, gegen das baltiſche Meer gewandt, ſeine Waſſer im Süden gegen den Alſener Sund, im Norden gegen die Inſel Barſöe und weiter hinaus gegen Fünen ſendet, ein ſanft gewundenes Becken bildend, ſo lieblich in ſeinem geſchlängelten Laufe, von ſo reizenden Ufern begränzt und meiſt unter einem ſo heiteren Himmel ſtrahlend, daß ſchon manches Herz beim Anblicke deſſelben vor Freude hoch auf geſchlagen hat. Gewaltige Buchen⸗ wälder mit goldgrünen Blätterkronen ſteigen die ſchim⸗ mernden Anhöhen hinan, die ſich bald in jähem Ab⸗ ſturze, bald in ſanften Wellenlinien allmälig empor⸗ ſchwingen; ſaftig grünende Wieſengründe, von zahl⸗ loſen Rinder⸗ und Pferdeheerden bevölkert, wechſeln von Zeit zu Zeit mit üppig wogenden Kornfeldern ab. Spiegelklar fluthet ſtolz und prächtig das in der Ruhe ſo friedliche, im Sturme ſo tobende flüſſige Element auf und ab, und wirft zugleich mit der Bläue des nördlichen Himmels auch zahlloſe Bilder fried⸗ licher Dörfer, ſtattlicher Häuſer und maleriſcher Fiſcher⸗ hütten in ſtrahlendſtem Glanze zurück. Hier am 71 Strande des leiſe athmenden Meeres ragen keine Ruinen verfallener Größe, keine königlichen Schlöſſer und Thürme, keine fürſtlichen Dome empor, hier am Strande des Meeres allein rauſchen in ſtillem unzer⸗ ſtörbaren Gange die ewigen Wellen, glänzt das ſtets ſich verjüngende Laub rieſiger Wälder, haucht der heilſame Athem des großen, Leben und Gedeihen ſpendenden Gottes. Und wer in behaglicher Ruhe an einem ſchönen Sommertage, wo die milden Winde würzige Düfte von Oſten herüber fächeln, am Strande zu ſitzen, auf die blendende Waſſerfläche hinauszuſchauen und ſein lauſchendes Ohr an der Muſik der murmelnden Wellen zu weiden liebt, o, der vermag viel an einem Tage zu ſehen und zu bewundern, der kann reiche Betrach⸗ tungen anſtellen über die enthüllten Wunder der un⸗ entweihten Natur und über die ſchöpferiſche Gewalt des alle Elemente ſich unterwerfenden Menſchen. Denn nicht iſt es die wilde brauſende Nordſee, deren dun⸗ kele Wogen ein jagender Sturmwind mit ſpritzendem Schaume dahinfegt, nicht branden die ſchäumenden Waſſerberge mit ſchallendem Getöſe an den klippen⸗ zerriſſenen Ufern, nicht wie ein zürnender Donnergott fluthet hoch auf das zerſtörende Meer, oder zieht ſich feige zurück, wenn ſeine Sitgesſtunde vorüber, nur „ 272 den ſchlammigen Meeresgrund mit ſeinem eklen Mo⸗ raſte und die faulenden Ueberreſte ſonſt lebendiger Weſen zeigend,— nein, hier wogt das blaue, heitere baltiſche Meer, deſſen ſchimmernde Fluthen meiſt in ſanften Schwellungen dahingleiten und am Rande des grünenden Ufers mit bläulichen Kieſeln ſpielen, flüſternd wie harmloſe Kinder, tanzend wie neckiſche Elfen. Und doch iſt es kein Schwächling mit ge⸗ brochener Kraft, den wir vor uns haben. Sehet nur das königliche Schiff mit ſeinen breit ausgeſpannten Flügeln dahinziehen, wie die mächtige Woge es ſtolz auf ihrem Rücken trägt, wenn der Wind ſein Morgen⸗ lied ſingt, oder wie zu anderer Zeit der wachſende Sturm die toſenden Waſſermaſſen ſchwellen macht, daß ſie die rieſigen Bäume mit den Wurzeln aus dem Strande reißen und manchen allzu kühnen Schiffer im naſſen Todesbette begraben. Aber das Alles war es nicht, was Henrik an die⸗ ſem Abende vor Augen hatte, denn weder eine be⸗ wegungsloſe, ſanfte Strömung, noch grünende Bäume, noch luſtig ſegelnde Schiffe waren auf dem Waſſer und an ſeinen Ufern zu ſehen. Schon lange war der warme Sommer mit ſeinen balſamiſchen Lüften verflogen, die Blätter waren zur Erde geſunken und rauſchten vor Dürre im ſpielenden Winde, und öde —-— — —— 73 und traurig blickten die braunen Anhöhen in die kalt vorüber gleitende Fluth hinab. Seine Phantaſie nur hatte ſich den heimatlichen Umkreis im glänzendſten Lichte gedacht, wie er ihn ſo oft in früheren Jahren bewundert und in ſeiner Erinnerung unvergeßlich auf⸗ bewahrt. Heute, in kalter Februarnacht, brauſte der Oſtwind jach von der Rechten daher und ſchüttelte die widerſtrebenden Wellen auf, daß ſie klagende Töne von ſich gaben. Rollende Eisſtücke, dann und wann mit lautem Krachen zuſammenſtoßend, tummelten ſich auf den weißen Spitzen der Wogenberge und wühlten das Geſtrüpp des Strandes auf, wenn der ſauſende Wind ſie zu Lande jagte. Und dennoch war es ein herrlicher Anblick, an dem ſich ſein Auge labte. Denn unabſehbar weit nach allen Richtungen hatten ſich die blauen Himmel geöffnet und funkelten ihren ewigen Glanz in tauſend und abermals tauſend Lichtern her⸗ nieder, und von Oſten her ſchwebte der glühende Mond herauf, Alles und Jedes, Berge und Waſſer, Erde und Luft mit ſeinem perlenden Lichte verherr⸗ lichend. Beinahe athemlos vor Wonne und Entzücken ſtand der ſtaunende Sohn des Landes da und be⸗ grüßte die nächtliche Scene. Weſtwärts und oſtwärts flogen abwechſelnd ſeine Blicke und umfaßten den ganzen ſichtbaren Horizont, während ſein Ohr das 74 tiefe Murmeln der Wellen und das praſſelnde Ge⸗ räuſch der berſtenden Eisſchollen einſog. Das war Muſik für ſeine Seele, das war Labung für ſein tief wehmüthiges Herz. Endlich aber wandten ſich ſeine Augen in gerader Richtung über den Meerbuſen, und auf einer Stelle des nördlichen Ufers, etwa eine halbe Stunde von der See entfernt, blieben ſie haften. Da oben auf dem höchſten Punkte der ganzen Ufer⸗ ſtrecke, dem ſchönen Andreäsberge, wohnte einer ſeiner liebſten Freunde im ſtattlichen Herrenhauſe, und ihn und ſeine Familie begrüßte er innig im Stillen, denn auch ihn hatte er ſeit dem letzten Sommer nicht ge⸗ ſehen und erſt den nächſten Abend hatte er auf Em⸗ merslund— ſo hieß das Gut des Freundes— zu⸗ zubringen beſchloſſen. Als er aber endlich ſeinen Blick von dieſer Höhe wieder zum Ufer hinabſenkte, begann ſein Herz lauter zu ſchlagen. Noch eine ſüßere Stelle gab es für ihn an jenem Ufer und nur mit zaghafter Scheu und innerlichem Beben wagte er ein Haus zu ſuchen, welches, als das erſte von drei kleinen ein⸗ ſamen Strandwohnungen, etwas weiter nach Oſten hin, unmittelbar am Fuße des Andreasberges lag. Und ſchon hatte er es gefunden und er behielt es feſt im Auge, denn aus ſeinem Erdgeſchoſſe blinkte ein Licht wie ein Stern herüber und ſagte ihm, daß 75 der alte freundliche Bewohner deſſelben, ein von ſeinen Irrfahrten ausruhender Seekapitain, in ſeiner idylli⸗ ſchen Wohnung ſei.„Gruß, Gruß auch ihm!“ dachte er eben und nickte im Stillen mit dem Kopfe dazu, als er plötzlich zuſammenſchrak und ſein Auge ver⸗ wundrungsvoll zu dem oberen Stockwerke deſſelben Hauſes erhob. Denn in dieſem Augenblicke ſchien es ihm, als ob auch deſſen Fenſter ſich erhellten und ein klei⸗ ner Lichtſtrahl daraus über das kiesreiche Ufer glitte und mit roſigem Widerſcheine ſich in den Wellen ſpiegelte. „Irre ich mich,“ ſagte er leiſe,„oder iſt es wirk⸗ lich ein Licht? Könnte es nicht des Mondes blitzender Strahl ſein, der ſo eben das obere Fenſter getroffen? — Nein, der Mond iſt es nicht, er ſteht noch zu tief, und alle drei Häuſer ruhen im tiefſten Schatten der Nacht. Ha! Wer kann das ſein, was hat es zu be⸗ deuten, daß dieſes Zimmer, welches im Winter ſtets das Auge geſchloſſen, es heute ſo weit geöffnet hat?“ Und er ſprang raſch zu einem Verſchlage in der Wand, holte ein gutes Fernrohr herbei und ſchraubte den Nachtſpiegel ein, um ſo deutlich wie möglich die Ferne zu unterſuchen. Im Nu war das Rohr geſtellt und ſein ſcharfes Auge blickte über den Meeresarm hinüber. Nach kurzer Beobachtung aber ließ er es ſchon wieder ſinken. 76 „Vater im Himmel! Nein, ich habe mich nicht getäuſcht. Es iſt wirklich Licht im oberen Stockwerke des Epheuhauſes. Wie mir mein Herz ſchlägt— ſollte die Bewohnerin ſchon jetzt, mitten im Win⸗ ter—?“ und er ſenkte das Haupt, ging mit leiſen Schritten im Zimmer auf und nieder und vergaß ſo⸗ gar das Fenſter zu ſchließen, durch welches der ſchnei⸗ dende Nordoſt ſeine kalten Lüfte hereinjagte. Aber welches liebende Männerherz hat je den er⸗ kältenden Wind gefühlt, wenn es von einer einzigen Empfindung lodernd erfüllt war? Wann fror ein Mann, wenn ſeine Seele glühte vor Entzücken, das Weib, das einzige Weib zu ſehen, welches für ihn auf Erden geſchaffen war? Endlich, nach langem Stillſchweigen, brach ſich das innerliche Gefühl Bahn, von welchem die ge⸗ quälte Bruſt ſo ganz erfüllt war, und ſprach ſich in folgenden Worten aus:„Wie! Welches traurige und dooch ſo ſüße Schickſal verfolgt mich! Iſt es nicht ge⸗ nug, daß ich in ſo kurzer Zeit mein Vermögen ein⸗ gebüßt, daß meine reinſten Handlungen für Ver⸗ brechen ausgelegt wurden, daß ich eingekerkert und mein ehrlicher Name für ewige Zeiten an den Pranger geſchlagen ward? Muß ich nun hier, wo ich allein Ruhe und Vergeſſen finden kann, gleich in den erſten 77 Stunden meiner Ankunft an den großen Schmerz erinnert werden, der mich ſeit vier Jahren als mein Fluch und doch als meine höchſte Seligkeit verfolgt? Ja, es ſind vier Jahre her, daß jenes unvergeß⸗ liche Weib mir zum erſten Male ſeit meiner Kinder⸗ zeit in dem abgelegenen Epheuhauſe des alten Bar⸗ dow wieder vor Augen trat. Ich ſah ſie und war von ihr berauſcht— denn ſie iſt meine erſte Liebe. Da erfuhr ich, daß ſie das Weib eines Andern ſei, und meine Qual begann. Und doch zog es mich alle Sommer hierher, wie den frierenden Zugvogel die warme Tropenluft anzieht, ſie wiederzuſehen und ihre Stimme wieder zu hören, denn ich wußte es wohl, daß ſie mit dem Storche und der Schwalbe in 52— ihr Sommerhaus einzog. Ein unglückſeliges Ver⸗ hängniß ſchwebt über ihr und dies Bewußtſein viel⸗ leicht machte ſie mir um ſo theurer. Auch ſie ſucht in den kurzen Sommermonaten Erholung und Ruhe— an dieſen heimiſchen Geſtaden, denn auch ſie iſt von einem großen Schmerze und mancherlei Sorge gepei⸗ nigt. Diesmal kam ich aber nicht ihretwegen, dies⸗ mal kam ich meinetwegen; wenn ſie anlangte, wollte ich wieder fern in anderen Himmelsſtrichen ſein, denn ich hatte beſchloſſen, ihr niemals wieder zu begegnen. Iſt ſie aber, die ſonſt ihretwegen kam, diesmal vielleicht mei⸗ ——,—— 78 netwegen gekommen?— Ich armer Thor, wie könnte ich das hoffen! Was bin ich, was beſitze ich, was laſſe ich für die Zukunft erwarten, daß ſie den Wunſch und die Neigung hegen könnte, ihr Schickſal mit dem meinigen einſt zu verbinden, wenn das ihrige erſt frei von den traurigen Banden iſt? Und doch achtet, doch ſchätzt ſie mich, ich weiß es, der Capitain drüben hat es mir geſagt, und ihr Auge hat mir geſtanden, daß ſie das Weh meines Herzens ergründet hat. Aber was hilft mir das?“ Lieben wir ein Weib, um uns damit zu begnügen, zu wiſſen, daß es uns achtet und ſchätzt? Gab uns die Natur nicht das begehrende Herz, den köſtlichen Trieb des ungetheilten Beſitzes? Beſitz? Ich ſie beſitzen? Kann ich ſie ernähren, wie ihr Stand es verlangt, wie die Welt vom Manne es fordert, dem das Weib aus freier Hand ſeine Nei⸗ gung zuwendet? Habe ich eine Stufe im Leben er⸗ klommen, die ſie mit mir zu theilen das Verlangen tragen könnte? O, da bin ich wieder, wo ich war, ich bin ein Enterbter, ein Gebrandmarkter, ein Miſſe⸗ thäter im Sinne des königlichen Geſetzes— aber nein, nein, nein, Henrik, das biſt Du nicht, das könig⸗ liche Recht iſt diesmal kein Recht, für mich wenigſtens, für uns Alle nicht; die Richter, die über mich zu Ge⸗. richt geſeſſen, ſind vom Parteigeiſte beſtochene Richter 79 geweſen, man hat mich ungerecht verurtheilt, man hat mich widerrechtlich beſtohlen, ich bin allein ein Opfer meiner treuen, geſetzmäßigen, vaterländiſchen Geſinnung, meiner heimatlichen Gefühle geworden — ach, das iſt der einzige Troſt, die einzige Beru⸗ higung, die ich aus meinem Schiffbruche gerettet— ſieh, wie das Licht einem Sterne gleich in ihrem Zim⸗ mer funkelt— es bewegt ſich— ha! ſie iſt es viel⸗ leicht nicht; die alte Lore, des Capitains Weib, wird durch das Zimmer gegangen ſein— nein, es bleibt, es haftet auf derſelben Stelle. Aber ach, was ſoll das Jammern, das Klagen? Bin ich ein Wortheld geworden, der ſeine ſelbſtiſche Leidenſchaft zum Gegen⸗ ſtande ſeiner Anſtrengungen macht, die einem edleren Triebe gewidmet ſind? Halt alſo— ich will mich bis morgen gedulden; morgen Nachmittag ſegle ich nach Emmerslund hinüber, dort werde ich erfahren, ob meine Beſorgniß oder meine Freude gerechtfertigt iſt und was ihre frühzeitige Anweſenheit zu bedeuten hat. Bis dahin gute Nacht, Licht da drüben, gute Nacht, mein liebliches Meer, meine Berge und meine Wälder, und gute Nacht Dir, Himmel da oben, mit Deinen ſtrahlenden Kerzen, Dir Mond, mit dem hell⸗ ſehenden Gottesauge— gute Nacht, gute Nacht!“ And er ſchloß langſam das Fenſter und zog ſich 80 in das Zimmer zurück, um ſich zum Schreiben nieder⸗ zulaſſen. Plötzlich aber, eben als er die Feder er⸗ griffen, kam eine unerwartete Müdigkeit über ihn. Der lange Ritt in der kalten Luft, die mannigfachen Gemüthsbewegungen, denen er ausgeſetzt geweſen war, und zuletzt das übermäßig warme Zimmer hat⸗ ten ſeine Lebensgeiſter abgeſpannt. Er ſchob die Ar⸗ beit bis zum Morgen auf und bereitete ſich zum Schlafe vor. Langſam trat er an das Fachwerk der Bettwand und ſchloß die breiten Thüren derſelben auf. Eben hatte er ſie zurückgeſchlagen und wollte ſich an's Auskleiden begeben, da hielt ſeine Hand in dieſem Thun inne und ſein Ohr wandte ſich zur Thüre des Zimmers hin. Denn plötzlich ſchlugen die Hunde auf dem Hofe an und brachen dann in ein wüthendes Geheul aus. Henrik öffnete die Thür und ſchaute zur Diele hinab, die ſtill und finſter war, denn die Familie des Pächters und die meiſten Mägde und Knechte hatten ſich bereits zur Ruhe begeben. Da ſchwiegen die Hunde, von einem noch wachenden Men⸗ ſchen zur Ruhe gebracht. Aber zugleich ſchallte der Huftritt eines Pferdes auf den Steinen der Schwelle, ein Reiter ritt zur Diele herein, ſtieg ab und ſprach mit dem Manne, der ihn hereingeführt. Dieſen erkannte Henrik an der Stimme, es war Matthias, der Sohn des Hausherrn. 81 „Wer kann das ſo ſpät ſein?“ fragte ſich Henrik, und unwillkürlich fielen ſeine Gedanken auf den Spion, der ihn geſtern verfolgt hatte.„Wäre es möglich— nun, dann bin ich neugierig, wie ſich die bevorſtehende Scene entwickeln wird.“— In dieſem Augenblicke trat der Reiter, von Mat⸗ thias geführt, in die Küche und Henrik hörte eine ruhige, aber gebieteriſche Stimme ſagen: „Ich freue mich, daß ich das rechte Haus getroffen habe. Ich ſuchte Rasmus Harms, Euern Vater. Da er aber ſchon ſchläft, ſo ſtöret ihn nicht und führt mich zu Henrik Paulſen, der hier wohnt, wie Ihr ſagt. Das iſt ein beſonderer Glücksfall, der mich mit ihm zuſammenführt.“ Kaum hatte Henrik den Klang dieſer Stimme ver⸗ nommen, ſo ſchlug ſein Herz höher auf, denn er glaubte den Reiter erkannt zu haben. Das Licht zu ergreifen und zur Treppe zu eilen, war das Werk eines Augenblicks, und gleich darauf ſtand er dem Fremden von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. A. Burns. 1. Drittes Anpitel. Ein ſpäter Gaſt, der keinen Namen hat. Ein etwas langſamer, aber feſter und gemeſſener Schritt bewegte ſich die kleine Treppe herauf, und ein Mann, ſchon vorgexückt an Jahren, aber von würdevoller Haltung, mit einem imponirenden Weſen und ausdrucksvollen ariſtpkratiſt chen Geſichtszügen be⸗ gabt, trat gleich darauf in Henrik's Zimmer. Der lange dunkle Bart, der mit dichtem Geringel das ganze wohlgenährte Antlitz einfaßte, war ſtarr vom weißen Reife der Winternacht, obwohl der Reifende im Uebrigen vortrefflich gegen die Einwirkungen des Wetters verwahrt war. „Was ſeh' ich!“ rief Henrik, beinahe zitternd vor Freude, als er ſeine Vermuthung beſtätigt fand und 4 83 den ſpäten Gaſt mit einem Blicke erkannt hatte.„Sie ſelber, Herr Gr—“ „Still, Henrik, ſtill!“ winkte der Fremde und deutete mit leiſe erhobenem Daumen über die Schul⸗ ter auf Matthias zurück, der ihm bis zur Schwelle des Zimmers gefolgt war und zu dem er ſich jetzt umwandte, indem er ſagte:„Da ich ein Obdach ge⸗ funden, mein Freund, ſo bin ich zufrieden. Kann ich ein Glas Wein oder Grog haben, ſo ſoll es mich freuen. Wo nicht, ſo muß ich mich auch be⸗ gnügen.“— Wenige Minuten darauf war Matthias wieder mit einer Flaſche und zwei Gläſern erſchienen, ſetzte ſie auf den Tiſch und fragte, was der Herr ſonſt noch befehle, denn der ſchlaue, Burſche hatte ſogleich er⸗ kannt, daß der eben angekommene Gaſt mit Henrik Paulſen befreundet ſei. „Nichts mehr, guter Freund; ſorgt nur für mein Pferd und füttert es, wie es ſich gehört. Ich bleibe bis morgen früh und weiter bedarf ich nichts.“ „Aber ein Bett müßt Ihr doch haben!“ rief Matthias, einen fragenden Blick auf ſeinen Herrn werfend. „Da ſehe ich ein ſehr großes; es iſt urſprünglich für eine ganze Familie beſtimmt, es können alſo auch 6* zwei Männer darin ſchlafen. Gute Nacht, mein Freund, und nun laßt uns allein.“ Während er dies ſprach und Matthias ſich gehor⸗ ſam entfernte, hatte der Fremde Hut und Mantel ab⸗ gelegt und ſtand jetzt in einem feinen Leibpelze Henrik Paulſen gegenüber, der vor Verwunderung und Ehr⸗ erbietung gar nicht zu Worte kommen konnte. „Da, mein junger Freund,“ ſagte der Fremde, der Alles, was er that und ſprach, mit einer natürlichen, ihm ſehr gut kleidenden Würde vorbrachte,„ſchütteln wir uns zuerſt die Hände. Wir haben uns lange nicht geſehen, aber um ſo angenehmer iſt das zufäl⸗ lige Zuſammentreffen. Aber halt— ſetzen wir uns und vor allen Dingen trinken wir ein Glas Wein zu Nacht, ich bin durſtig und draußen war es kalt. Seine Majeſtät, der Herzog von Schleswig und Holſtein ſoll leben! Aber hören Sie— meinen Na⸗ men und Stand laſſen Sie bei Seite“— ſetzte er beinahe flüſternd hinzu. „Sie brauchen hier keinen Verrath zu beſorgen; alle Bewohner dieſes Hauſes ſind treue und bewährte Freunde, für die ich bürge— aber wie erkläre ich mir Ihr Hierſein und was hat dieſe Reiſe bei ſol⸗ cher Winternacht zu bedeuten? „Hören Sie mich an, es hängt ganz einfach zu⸗ 85 ſammen. Ich bin in Hadersleben geweſen; es machte ſich nothwendig, ich mußte perſönlich mit Thomſon und Anderen reden. Da ich nach Sandberg zu mei⸗ nem Vetter will, ſo ritt ich nach Tiſche fort, um in Apenrade zu übernachten. Zufällig erfuhr ich, ehe ich vom Pferde ſtieg, die Anweſenheit mehrerer Män⸗ ner daſelbſt, die ich nicht ſehen mochte. So ritt ich denn weiter und dachte, da mir Sandberg zu weit lag, an Rasmus Harms und daß Sie mir geſchrieben, Sie würden in dieſen Tagen bei ihm eintreffen. Dieſe erfreuliche Nachricht ſchien mir eine gute Einlaßkarte bei dem alten Herrn zu ſein und ich beſchloß, ſeine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch zu nehmen. Da bin ich nun und habe das Glück, Sie ſelbſt ſchon anwe⸗ ſend zu finden. Wann ſind Sie gekommen?“ „Vor einigen Stunden, Herr Gr—“ „Pſt! Es iſt nicht nöthig, ſage ich.“ „Aber darf ich vielleicht wiſſen, was Ihre Reiſe nach Hadersleben nothwendig machte?“ „Gewiß, mein guter Paulſen. Doch haben wir noch Zeit, davon zu ſprechen. Der Wein iſt gut"“— „Er liegt in dem Keller eines ſchleswig'ſchen Bauers“— „Wohl! Zuerſt aber möchte ich wiſſen, wie es Ihnen ergangen iſt. Wackerer Freund! Alſo man 86 hat Sie eingeſteckte Haha! Das charakteriſirt die große Nation. Aber nun iſt ja der Tod Sr. Ma⸗ jeſtät Chriſtian des Achten zur rechten Zeit für Sie gekommen und mit dem neuen Herrſcher— den Gott mit Einſicht und Redlichkeit ſegnen möge!— die Amneſtie. Da ſind Sie uns wiedergegeben. Ich wünſche Ihnen eben ſo viel Glück dazu, wie uns. Darf ich hoffen, daß auch Ihre Erbſchaft Ihnen ge⸗ rettet iſt?“ „Im Gegentheile, ſie iſt verloren— ich habe das Schriftſtück nicht unterzeichnen wollen, welches man mir vorgelegt und—“ 3— „Tod und Teufel!“ Und bei dieſem laut ausge⸗ ſtoßenen Fluche faßte der alte Herr ſeinen üppigen Bart und zog ihn leidenſchaftlich durch die rechte Hand.„Und das ſagen Sie ſo kaltblütig? Haben Sie ſich ſchon über die Bedeutung dieſes Verluſtes hinweggeſetzt?“ „Wenn ich nicht mehr im Leben verliere, als die⸗ ſes ſchnöde Hab' und Gut, ſo habe ich wenig ver⸗ loren. Ich beſitze noch dieſen Hof und denke mich als Landmann auf demſelben niederzulaſſen, da das Schiff meines öffentlichen Lebenslaufes geſtrandet iſt.“ „O, warum ſo kleinmüthig? Sie ein Landmann? Sie ſcherzen. Bei Leibe nicht, das werde ich niemals —— 87 zugeben. Sie gehören wo andershin. Wie, mein Freund, offen geſprochen— darf ich Ihnen ein An⸗ erbieten machen?“ „Für jetzt muß ich danken. Ich darf mich für's Erſte in Nichts einlaſſen. Ich will einmal friſche Luft ſchöpfen. Später— unter Umſtänden— ja, vielleicht!“ „Nicht vielleicht, ganz gewiß! Sie wiſſen, ich habe eine Stimme beim Herzoge. Sie brauchen nur ein Wort auszuſprechen und ſehen mich bereit, Alles für Sie zu thun, was Sie für Ihre Hingebung an unſere gute und gerechte Sache ſo reichlich verdienen.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar— wenn Ihre gü⸗ tige Verwendung mir nothwendig erſcheinen ſollte, werde ich darum bitten.— „Hier meine Hand, Henrik Paulſen!“ und beide Männer ſchüttelten ſich kräftig und herzlich die Hände. „Nun zur Sache, mein junger Freund. Erzählen Sie mir zuerſt Ihre Neuigkeiten und ich werde dann eben ſo ehrlich mit den meinigen ſein.“ „Im Ganzen weiß ich ſehr wenig, was Ihnen nicht ſchon bekannt ſein dürfte, höchſtens kann ich Manches aus eigener Anſchauung beſtätigen. Als ich meiner Haft entlaſſen war, die mir mehr der Verdacht, ein Staatsverbrecher gegen Dänemark zu 88 ſein, als die Begehung irgend eines Frevels zuge⸗ zogen, befriedigte ich, wie Sie Sich vorſtellen können, den natürlichen Trieb, mich um meine perſönlichen Angelegenheiten zu bekümmern; nur beiläufig öffnete ich meine Ohren, um die allgemeine Anſicht der Sachlage aus dem Munde unſerer Gegner zu ver⸗ nehmen. Dabei aber mußte ich ſehr vorſichtig ver⸗ fahren, Mund und Augen hüten, denn wie Sie wiſ⸗ ſen, beleidigt man jene Leute durch einen ſchiefen Blick und wird zum Verſchwörer in Folge eines offen⸗ herzigen Wortes. Ich mußte alſo jeden Schritt mit Ueberlegung vorwärts thun. Vor allen Dingen iſt das Heer der Aufpaſſer ein zahlreiches in Dänemark, beſonders in Kopenhagen, und jedes Mittel iſt dem ſchlauen Inſulaner recht, wodurch er Erkundigungen ſammeln kann. Sogar auf dem Schiffe, mit wel⸗ chem ich nach Flensburg fuhr, befand ſich ein ſehr gut unterrichteter Spion; er verfolgte auch hier meine Spur und traf geſtern, wie zufällig, auf der Land⸗ ſtraße mit mir zuſammen, um meinen Weg und mein Beginnen auszuſpüren. Allein ich hütete mich, denn ich kannte Herrn Olaf Larſſen ſchon aus früheren Zeiten her.“. „Was? Der Winkeladvokat— der geheime Po⸗ lizeiknecht— Olaf Larſſen?“ 3 89 „Derſelbe, der künftige Hardesvogt, was er zu werden ſich ſchmeichelt.“ „Und er wird auch ſeinen Zweck erreichen. Der⸗ gleichen Vögel gelangen zum Neſte, ehe der Winter anbricht. Aber weiter.“ „Nun, ich konnte alſo in Kopenhagen nur mit wenigen Gutgeſinnten zuſammentreffen, dieſe Art iſt dort etwas dünn geſäet. Aber aus dem Frohlocken des großen Haufens konnte ich genügend erkennen, daß man einem Siege nahe zu ſein glaubt, denn Sie wiſſen, unſer edler Meiſter jubelt nur, wenn er ſich im Vortheile ſieht und uns ein Leid mehr ange⸗ than hat.“ „Ja freilich, das iſt ſeine Art und Weiſe.“ „Was ich Ihnen nun weiter mittheilen kann, iſt betrübend. Aber das Volk drüben auf den Inſeln hält ſich nun einmal für das herrſchende, von un⸗ ſern Rechten war bei ihm niemals die Rede, nur von dem Rechte des däniſchen Volkes allein. Wäh⸗ rend unſer Beſtreben von jeher nur dahin ging, von der Gemeinſchaft einer gleichartigen Volksbeglückung im däniſchen Sinne loszukommen, wenn es dem Rechte nach ging, herrſchte drüben in Worten und Geberden täglich mehr der Trieb vor, uns zu unter⸗ drücken, zu tyranniſiren. Einen Schleswiger quälen 90 y heißt bei ihnen, dem däniſchen Volke einen Triumph bereiten. Ja, ſie entblödeten ſich ſogar nicht, laut und offen darüber zu berathen, wie es am leichteſten in's Werk zu ſetzen ſei, bei den deutſchen Regierungen auf Beſchränkung der Preſſe⸗ in Bezug auf die ſchles⸗ wig⸗holſteiniſchen Angelegenheiten anzutragen, wäh⸗ rend ihre eigenen Organe ſelbſt die Deutſchen maaß⸗ los ſchmähten. Was half es, daß Ludwig von Baiern, deſſen Herz kühn und feurig für alles deutſche Weſen klopft, daß der König von Preußen ein Wort für unſer Recht ſprachen und ſogar der deutſche Bund ſich auf unſere Seite neigte— die Regierung fand mächtige Stützen im Erbfeinde von Deutſchland's Größe, denn Rußland, England und Frankreich, die niemals einig ſind, wurden in dieſem Punkte einig und ſprachen ihren Beiſtand dem kleinen Inſelvolke zu, welches ſich wie ein getretenes Hündchen geberdete. Doch das wiſſen Sie eben ſo gut wie ich und jeder Deutſche weiß es.“ „Weiter, weiter— nun?“ „Da ſah ich denn auch eines Tages jenen Mann in ſeinem politiſchen Klub als Redner auftreten, der uns ſchon als ſechszehnjähriger Knabe mit blutigen Streichen zu Dänen geſtempelt hat— jenen fanati⸗ ſchen Rabuliſten, der ein zweiter Robespierre hätte — im Stillen gegen Dänemark, und er ſcheint es zu 91 werden können, wenn er ſiebzig Jahre früher ge⸗ lebt“— „Ha— Sie haben Orla Lehmann gehört?“ „Ja, ich habe ihn gehört und geſehen, dieſen flachsköpfigen Großdänen, und er geberdete ſich, als ob ein König von Dänemark eine Peitſche wäre, die ſeine Hand nur zu ſchwingen brauche, um die Her⸗ zogthümer damit über die Eider zu jagen. Was nie ein Däne gewagt, laut und öffentlich an der Verbin⸗ dung von Schleswig und Holſtein zu rütteln, das that er zuerſt vor hunderten ſchwachköpfiger und halb berauſchter Menſchen, er, der demokratiſche Halbgott. Und ſeine Partei, die gierig die Hände nach unſern Marſchen ausſtreckt, vermehrt ſich täglich; er kom⸗ mandirt ſchon jetzt eine Armee, die dem Könige über den Kopf zu wachſen droht. Der Baum der Freiheit, hört' ich ihn ſagen, könne nur wachſen, wenn man ihn mit Blut dünge, und das fruchtbarſte Blut ſei das der Schleswig⸗Holſteiner. So beherrſcht er ſchon jetzt mit eiſerner Fauſt die ſchwachen Gewalthaber, und was er nicht durch Ueberzeugung bezwingt, knechtet et durch Furcht. Und dieſe Furcht hat, beſorge ich, ſelbſt den König ergriffen. Man hat ihm einzuflü⸗ ſtern verſtanden, die Herzogthümer bewaffneten ſich 92 den Handlungen ableiten. Er will uns nicht ſelbſt auf den Leib, aber man hat ihm geſagt, daß wir 6 ihm auf den Leib wollten, und das hat ihm ſeie— nächtliche Ruhe geraubt. Denn wenn er uns unſer Recht giebt, ſo ſchreien ihm die Demokraten entgegen, er entziehe es ſeinen loyalen und unterthänigen Lan⸗ deskindern. Er muß alſo vorwärts und gegen uns⸗ Daher werden wir in Kurzem eine durchgreifende Po⸗ litik zu erwarten haben, und wenn wir keine Stütze in uns ſelber finden, ſo werden wir fallen, wie die reifen Birnen vom Baume fallen, wenn eine ruchloſe Hand ſie ſchüttelt. Man wird uns in das Meer des Unheils treiben, wo es am tieſſten iſt, und unſere Kinder werden einſt zu ihrem Staunen vernehmen, daß ihre Väter keine Dänen, ſondern Schleswig⸗Hol⸗ ſteiner geweſen ſind, denn Dänemark wird zu ihrer Zeit, nicht bis an die Eider, nein, bis zur Elbe rei⸗ chen. Wollen Sie noch mehr vernehmen? Ich weiß nichts mehr, denn das iſt Alles, was ich mit eige⸗ nen Augen geſehen und mit eigenen Ohren gehört 3 habe.“ 4 Henrik ſchwieg; ſeine Wangen glühten und in ſeinen großen Augen brannte ein düſteres Feuer. Er ſeufzte laut; aus der Bruſt des ihm gegenüberſitzen⸗. 3 * glauben. Daraus müſſen Sie alle ſeine ſchwanken⸗ 93 den Mannes aber antwortgte ihm ein noch lauteres und eben ſo trauriges Echo. „Ja!“ ſagte der Fremde und legte ſeine weiße Hand auf die ſeines jüngeren Gefährten.„Sie haben mir treulich die traurige Wahrheit geſchildert. Ihre Mittheilung ſtimmt Wort für Wort mit den Nach⸗ richten überein, die ich ſelbſt erhalten habe. Die Warnung des Herzogs an ſeinen königlichen Vetter vom 5. Januar iſt leider zu ſpät gekommen; am 20. ſchloſſen ſich Chriſtian's Augen, und Friedrich's des Siebenten öffneten ſich. Aber ich fürchte, nicht uns, nur ſeine Inſulaner ſchauen ſie an. Man wartet nur auf einen Funken, der zu rechter Zeit irgend wo vom Himmel fällt, um die große Mine, die unter un⸗ ſern Füßen gegraben iſt, in die Luft zu ſprengen. So. weiß ich beſtimmt, leider weiß ich es, daß man eine Liſte, eine Art ſchwarzes Buch, angelegt hat, in wel⸗ cher Alle verzeichnet ſind, die ein Herz für ihr deut⸗ ſches Vaterland haben. Ich und Sie und hundert Andere, die beſſer ſind als wir, ſind darauf ange⸗ ſtrichen. Und blutig roth ſind ſie angeſtrichen. Man 3 hat uns mit Spionen umgeben, die jeden unſerer Schritte belauern. Unſere Briefe, die wir einander ſchreiben und in denen wir mit gerechtem Schmerze von unſern Sorgen gegen unſere Lieben ſprechen, wer⸗ ——— —y— 94 ſchaft, die Gelehrten des Landes und die beſitzende Klaſſe, haben uns daher geeinigt und eine Beſchwerde über alle Unbill an den König gerichtet und uns auf unſer duldendes Schweigen berufen. Was hat es uns aber geholfen, was hat man uns geant⸗ wortet? Ha! daß es ſo wäre, wie man es uns ein⸗ zureden verſucht! Unſere Befürchtungen, unſere Kla⸗ gen ſeien nur krankhafte Einbildungen; wir ſähen Schatten, wo nichts als Licht und Gnade wäre; wir geberdeten uns wie hypochondriſche Kranke, denen die Welt voll Schreckbilder erſchiene, und ſchließlich, wir ſeien ſo mißtrauiſch, weil wir ſelber geheime, unge⸗ ſetzmäßige Verbindungen unterhielten. Man rathe uns freundlich, aber auch ernſtlich, unſere Zuſammen⸗ künfte in Gottorp zu unterlaſſen, denn daß eine Au⸗ guſtenburger Verſchwörung im Schwunge ſei, halte man ſo gut wie erwieſen. Da haben Sie Alles, was auch ich Ihnen Tröſtliches ſagen kann. So ſtehen die Sachen. Der neue König iſt ſo gut wie verloren für uns.“ 4 „Das iſt allerdings eine tröſtliche Ausſicht!“ „Ja, und das Schlimmſte von Allem iſt, fürchte ich, daß die königlichen Verſprechungen vom 28. Ja⸗ nuar ſich in eine Seifenblaſe auflöſen werden. Geben den heimlich geöffnet. Wir, die gedemüthigte Ritter⸗ —— 95 Sie Acht, was kommt. Schon iſt es ſo weit gedie⸗ hen, daß der König durch die Schreier gezwungen ward, öffentlich Plakate in Kopenhagen anſchlagen zu laſſen, welche beſagen, daß ſeine lieben getreuen dâ⸗ niſchen Unterthanen ihre Erkenntlichkeit nicht auf eine Weiſe an den Tag legen möchten, welche mit ſeinem tiefen Schmerze um den Verluſt eines geliebten Va⸗ ters nicht ſtimmen würde. Und ſo ſtill das Volk da⸗ bei ſich, verhielt, um ſo lauter und heftiger ſchrie die Preſſe, daß den Dänen zu viel geſchehen ſei, indem man den Herzogthümern das Verſprechen gegeben, ſie ſollten nimmer zu däniſchen Provinzen herabgedrückt werden. Was ich daher befürchte, iſt, daß die radi⸗ kale Umſturzpartei, mit Herrn Orla Lehmann an der Spitze, ſich eines Tages der Regierung bemächtigen und den vielgeliebten König für abgeſetzt erklären werde. „O, das wäre ja eine Revolution und wir hätten dann die Pflicht, den König, unſern Herzog, gegen dieſelbe zu ſchützen.“ „Das wollen wir, das werden wir, Mann. Dazu eben regen wir die Hände. Und dazu müſſen auch Sie uns helfen. Alle Guten, alle Starken müſſen fortan beiſammen ſtehen. Auch Sie gehören zu die⸗ ſen. Darf ich auf Sie rechnen, wenn die große 96 Stunde ſchlägt und wir einen vertriebenen König zu empfangen haben?“ „Hier iſt meine Hand und mit ihr mein Herz. So ſchwach ich bin, dazu werde ich alle meine Kräfte freudig und ohne Bedenken hergeben.“ „So bin ich nicht vergebens bei Ihnen geweſen und nun— laſſen Sie uns an unſere Nachtruhe denken.“ „Wollen Sie wirklich mit dieſem Lager vorlieb nehmen?“ „Schlafen Sie nicht ſelber darauf? Fürwahr, ich bin nicht immer ſo gut gebettet geweſen. Vorwärts! Wer von uns Beiden ſteht morgen früh zuerſt auf? Er hat das Vorrecht, den vorderſten Platz einzu⸗ nehmen.“ „Das werde ich diesmal ſein; ich bin gewohnt, jeden Morgen um fünf Uhr dem Tage in's Auge zu ſchauen.“ „Das iſt nicht ganz mein Geſchmack, für mich muß der Tag mit beiden Augen angebrochen ſein, wenn ich die meinigen öffnen ſoll. Aber um acht Uhr muß ich doch ſchon morgen unterwegs ſein.“ Während des letzten Theils dieſes Geſpräches klei⸗ deten ſich die beiden Männer aus, und nachdem ſie —— 97 noch ein Glas auf das Wohl ihres Vaterlandes ge⸗ leert, ſtellte Henrik einen Stuhl vor den Wandſchrank und lud ſeinen Gaſt ein, in die Höhe zu ſteigen. Dieſer lächelte, als er ſich dazu anſchickte, und mit ſeines Wirthes Hülfe ſank er tief in die Daunen des Lagers, das ſeine weichen Wogen wie ein Meer auf⸗ ſchüttelte, und bald war er in den Tiefen deſſelben beinahe verſchwunden. Henrik löſchte das Licht und gleich darauf lag er ſeinem Gaſte zur Seite. Draußen aber pfiff der Wind ſein ſchauriges Nachtlied, und die Eisſtücke, die auf dem Waſſer ſchwammen, ließen ihr Krachen und Kniſtern bis zu dem Zimmer hinauftönen, wenn ſie jählings an das Ufer ſtießen und eins dem anderen Zertrümmerung drohte. Am wolkenloſen Firmamente aber zog der Mond ſiegreich ſeine Bahn und bald war er ſo hoch geſtiegen, daß er neugierig in die nur halb verhan⸗ genen Fenſter des einſamen Hauſes blickte. „Sie haben eine angenehme Wohnung hier,“ be⸗ gann der Fremde noch einmal das Geſpräch,„und eine eigenthümliche Nachtmuſik lullt den Müden in Schlummer ein. Hören Sie den Wind wohl? Er hat ſich heut Abend nach Süden gedreht und wir werden morgen Thauwetter haben.“ „Das wäre eine angenehme Mitgift zur Reiſe.“ A. Burns. 1I. 7 98. „Wollen Sie auch wieder fort?“ „Ich will nur einige Nachbarn beſuchen und ver⸗ nehmen, was man im Sundewitt vom Gange der Welt denkt.“ „Das iſt brav. Ah!“ Und er gähnte laut, wie Jemand, der die Fittiche des Schlafes rauſchen hört. „Aber noch Eins. Wie weit ſind Sie mit Ihrem neuen Werke?“ „Es gedeiht, und ich gedenke es hier in der länd⸗ lichen Ruhe zu vollenden.“ „Haben Sie es auch gut verwahrt, daß kein Un⸗ berufener die Naſe hinein ſteckt, ehe es vom Stapel läuft?“ „Es iſt ſicher hier in einem Wandſchranke ver⸗ borgen, den Niemand zu öffnen verſteht als ich.“ „Das iſt recht. Haben Sie ſchon einen Titel dazu?“ „Es führt denſelben, wie die erſte vollendete Ab⸗ theilung.“ „Das iſt ein ſchöner Titel; das Buch wird in den Herzogthümern mit Gier verſchlungen. Der Herzog ſelbſt iſt bezaubert. Hüten Sie ſich aber, Ihren Na⸗ men vorzuſetzen, ſonſt ſind Sie verloren. Es iſt 99 freilich ſchade, daß die Welt nicht den Namen des Verfaſſers erfährt; was Sie aber dadurch an Ruhm verlieren, gewinnen Sie an Sicherheit.— Es liegt ſich gut in dieſem Bette— ich ſpüre den Schlaf.“ „So wünſche ich Ihnen angenehme Träume. Gute Nacht!“ „Gute Nacht, mein junger Freund!“ Als die Sonne des nächſten Tages noch nicht über die Gehölze der benachbarten Hügel heraufgeſtiegen war, wehte ein milder Südwind und verſprach einen freundlichen Reiſetag. Nach eingenommenem Früh⸗ ſtücke, Punkt acht Uhr, wurde der edle Mecklenburger, den der Fremde ritt, in die Diele geführt und von ſeinen weniger ſchönen Kameraden, die noch der warme Stall feſſelte, mit lebhaftem Gewieher begrüßt. Gleich darauf trat der Beſitzer deſſelben ſelbſt, von Henrik geleitet, die kleine Treppe herab, die in den Küchen⸗ raum führte. Als aber nun erſt Rasmus Harms er⸗ ſchien, dem noch nicht geſehenen Gaſte ſeine Ehrerbie⸗ tung zu beweiſen, fuhr er beinahe erſchrocken zurück, 7* 100 als er deſſen anſichtig wurde, der ohne ſein Wiſſen eine Nacht unter ſeinem Dache zugebracht hatte. Kaum aber hatte ſich der Fremde eilig von Hen⸗ rik und den umſtehenden Bauern verabſchiedet und war auf ſeinem großen Braunen davon geritten, ſo zupfte er Henrik Paulſen am Aermel und ſagte halblaut: Wie, Herr, wenn ich mich nicht irre, ſo iſt un⸗ ſerm Hauſe eine große Ehre widerfahren. War das nicht der—“ „Pſt! Wenn Ihr ihn erkannt habt, ſo ſchweigt darüber und erzählt es nicht weiter, damit kein Ge⸗ rede entſteht. Es iſt zwar kein dunkeler Pfad, den er wandelt, indeſſen will er bei der Lage der Dinge keine Gelegenheit zu übelen Nachreden geben.“ „Ah, ich verſtehe. Es iſt eine Reiſe, wie ſie ſo viele vornehme Herren machen— wie nennt man das Ding doch?“ „Incognito!“ „Ja, ja, ſo iſt es. Der Tauſend!“ Und er ſchaute ſeinen Herrn mit noch einmal ſo ehrerbietigem Blicke wie früher an.„Aber wie iſt es, Herr, wollen wir nun nicht auch unſere Gäule beſteigen und unſern Morgenritt unternehmen?“ 101 „Laßt ſie fertig machen— ich bin bereit.“ Und einige Augenblicke ſpäter wurde der uns ſchon bekannte Rappe und ein kräftiger Schweißfuchs für Rasmus herbeigeführt und beide Männer ſaßen bald in den Bügeln und trabten dem Süden zu, dem lieblichen Alſener Sund entgegen. 4 —ʒÿ—;— Viertes Mnpitel. Emmerslund. Es liegt nicht in unſerer Abſicht, die beiden zuletzt forttrabenden Reiter auf ihren Beſuchen bei den be⸗ freundeten Nachbarn von Haus zu Haus zu begleiten. Wir begnügen uns zu bemerken, daß ſie ihre Abſicht vollſtändig erreichten und von der Geſinnung der im Sundewitt wohnenden deutſchen Familien eine be⸗ friedigende Einſicht mit nach Hauſe brachten. Dieſe Einſicht indeſſen, ſo erfreulich ſie einerſeits war, hatte im Ganzen dennoch einen trüben Beigeſchmack, denn die bisher ſo friedliche Stimmung Sundewitt's fing damals an, allmälig und faſt unmerkbar einem auf⸗ geregteren Zuſtande zu weichen. Die Wühlereien je⸗ ner raſtloſen däniſchen Partei hatten ſich auch hier endlich eingeniſtet, wie ſie ſchon längſt an anderen — 103 Orten der Herzogthümer Zwieſpalt und Unruhe aus⸗ geſtreut hatten. Und das war im Sundewitt, wie in allen Gränzländern, weit leichter durchzuführen als anderswo. Von dem fruchtbaren Boden des Landes angelockt, hatten ſich viele Dänen von den benach⸗ barten Inſeln und Jütland zwiſchen der deutſchen Be⸗ völkerung niedergelaſſen und es war ihnen im Laufe der Zeit gelungen, ſich mit derſelben theils durch Heirathen zu vermiſchen, theils ihr einen däniſchen Anſtrich zu geben, indem ſie die heimiſche Sprache und Geſinnung unter ihren Nachbarn und Freunden eifrig zu ver— breiten verſtanden. Dieſe Ganz⸗ oder Halbdänen waren von den Hauptwühlern der wachſenden radi⸗ kalen Partei leicht gewonnen worden, und, mit Ver⸗ ſprechungen künftigen Glückes und künftiger Größe eben nicht ſparſam, war es ihnen möglich geweſen, das Unkraut ihrer politiſchen Gleichmacherei unver⸗ merkt weiter auszuſäen. Noch hatte zwar die all— gemeine Gährung bei Weitem nicht ihren höchſten 1 Punkt erreicht, das war erſt ſpäteren, nicht fern liegen⸗ den Tagen vorbehalten, aber doch war ſie bei Ein⸗ zelnen ſchon hoch genug geſtiegen, da das Feuer lange geſchürt und der Stoff des unnatürlichen Brandes von allen Seiten reichlich hinzugetragen wurde. Denn ſeitdem der bekannte offene Brief, ein un⸗ 104 königlicher Fehdehandſchuh, am 8. Juli 1846 in die friedlichen Herzogthümer geſchleudert worden, war alle Ruhe und Behaglichkeit aus den ſtillen Gemüthern ihrer Bewohner gewichen. Es war, als ob ein böſer Geiſt in die Herzen der Menſchen gefahren wäre. Der uralte Zwiſt— ob Deutſcher, ob Däne— war wie ein heilloſer Phönix aus der matt glimmenden Aſche ewiger Völkerzwietracht aufgeſtiegen und hatte den innerſten Widerſtandsgeiſt beider Nationen wachgerüt⸗ telt, die Familieneintracht geſpalten, Freunde von Freunden und Kinder von Eltern losgeriſſen. Was im Volke, ſagt ein namhafter Schriftſteller*), Sinn für Wahrheit, Gefühl für Recht, deutſchen Sinn und Treue hatte, fand ſich auf das Tiefſte verletzt. Die holſteiniſchen Stände richteten, trotz des Einhalt ge⸗ bietenden däniſchen Commiſſars, Petitionen an den König und verwahrten ſich männlich und feſt gegen die däniſchen Uebergriffe. Schnöde zurückgewieſen wandten ſie ſich als Deutſche an den deutſchen Bun⸗ destag und wurden dafür wegen pflichtwidrigen Ver⸗ fahrens von der däniſchen Regierung aufgelöſt, wel⸗ chem Vorgehen harte und willkürliche Maaßregeln *) Guſtav Pſitzer: Anlaß und Entſtehung des Kampfes in Schleswig⸗Holſtein. Frankfurt a. M. 1850. 105 folgten, indem man die Preſſe unterdrückte, das Brief⸗ geheimniß mit Füßen trat, richterliche Beamten ent⸗ ſetzte und reichliche Verhaftungen durch Kabinetsbefehl vornahm. Welche Stimmung ein ſolches despotiſches Verfahren hervorrief, davon ſich perſönlich zu über⸗ zeugen, hatte der König ſattſame Gelegenheit, als er auf einer Reiſe nach Schleswig die bittere Erfahrung machte, daß die ſchleswig'ſchen Bauern, die nach altem Brauche ihren König und Herrn in feierlichem Auf⸗ zuge von Ort zu Ort zu fahren pflegten, ihre Pferde zu ſtellen verweigerten und ſtatt deren Poſtpferde mit vieler Mühe und Aufenthalt beſchafft werden mußten. Ueberall begrüßten den verwunderten Landesvater un⸗ heimliche Stille, leere Fenſter, und laute Drohungen wurden gegen die gefügigen Werkzeuge ſeiner Willkür ausgeſtoßen. Auch die ſchleswig'ſchen Stände erklärten ſich ge⸗ gen die Folgerungen des offenen Briefes, der mit einem Schlage die unantaſtbaren Rechte der Herzog⸗ thümer vernichtete, aber auch hier wurde von Oben her die Annahme der eingereichten Petitionen verweigert. Ja, der königliche Commiſſar erlaubte ſich ſo unerhörte Ein⸗ griffe in die Rechte der Stände, daß der Herzog von Auguſtenburg nach einer ergreifenden Rede aus der Ver⸗ ſammlung trat, worauf auch dieſe aufgelöſt wurde. 8 ——— — — — 106 Das war zwei Jahre vor dem Beginne unſerer Erzählung geſchehen; jetzt war man ſchon weiter im Zwieſpalte vorgerückt. Zwar hatte ein neuer König den Thron beſtiegen und noch einmal eine kurze Hoff⸗ nung auf Beſſerwerden auferſtehen laſſen; wie aber ſeine Regierung begonnen, hat man im Allgemeinen ſchon aus den früheren Blättern dieſes Buches erſehen. In dem friedlichen Sundewitt nun hatte man früher die Politik nur dem Namen nach gekannt. Das Volk war theils zu einfältig, theils zu gut, ſich um etwas mehr zu bekümmern, als was ſich auf ſein Haus und ſeine Wirthſchaft, höchſtens auf die zunächſt wohnen⸗ den Nachbarn bezog. Ihre Steuern bezahlten ſie willig dem, der ſie in Empfang nahm, ohne zu fra⸗ gen, wohin das Geld gehe oder was damit geſchehe. Daß die Herzogthümer etwas Beſonderes für ſich wä⸗ ren, wußte man kaum, der Däne war im Allgemeinen gleich dem Deutſchen geſchätzt, man liebte ihn nicht ausnahmsweiſe, aber man haßte ihn auch nicht. An einen Krieg, der aus dem Wettſtreite beider Nationali⸗ täten entſpringen könnte, dachte kein Menſch, ja man hielt ihn in Anbetracht der aufgeklärten Zeit für un⸗ möglich. Wo lag nun der Keim des langſam nahenden Streites, wer ſäete ihn aus, und welche ruchloſe Hand 107 ſchoß den erſten Giftpfeil in die ruhig ſchlummernde Menſchenbruſt? Die däniſche Preſſe that es, die Dannevirke, dieſe in jenen Gegenden viel verbreitete Zeitung, die ſeit einer Reihe von Jahren Alles, was die däniſche Sprache verſtand, gegen die deutſche Sprache, über⸗ haupt gegen Alles was Deutſch war, namentlich aber gegen die deutſchen Beamten aufzureizen ſich unter⸗ fing. Der Streit war alſo anfangs ein Sprachſtreit. Allmälig aber zogen, wie der redliche Pfarrer Wolleſen*) nach eigener Beobachtung bemerkt, die däniſchen Vor⸗ kämpfer den ganzen Streit mehr auf das politiſche Gebiet hinüber. Sie verlangten, daß die in Schles⸗ wig wohnenden Deutſchen, welche Däniſch verſtänden, ſich auch der däniſchen Nationalität anſchlöſſen, daß ferner nur dann Jemand ein Beamter ſein könne, wenn er eine rein däniſche, das heißt eine deutſch⸗ feindliche, Geſinnung hege; alles Uebrige aber, was ſich gegen dieſe Erforderniſſe auflehne, ſei als Ver⸗ ſchwörung, als Demoraliſirung königlicher Beamten zu betrachten. In der That, man weiß nicht, ob man die Dumm⸗ *) Siehe ſeine Phyſiognomie Sundewitt's in den Kriegs⸗ jahren 1848 und 1849. Schleswig 1850. 108 heit ſolcher Tonangeber mehr bedauern oder ihre Bös⸗ willigkeit mehr verdammen ſoll. So aber geſchah es, daß nicht allein der politiſche, ſondern auch der mo⸗ raliſche Charakter der Schleswig⸗Holſteiner verdächtigt wurde, und gerade dies war der Punkt, in welchem ſogar ein Sundewitter zu verletzen war. Von nun an entſtand eine Spaltung in der ganzen Bevölkerung; in allen Zuſammenkünften, Vereinen geſelliger und politiſcher Natur theilte man ſich in eine deutſche und in eine däniſche Partei. Der innere Zwieſpalt war hierdurch thatſächlich ausgebrochen, allen Gemüthern war es plötzlich wie Schuppen von den Augen ge⸗ fallen, daß es fortan zwei Dinge auf der Welt gebe, die, äußerlich ſo friedlich zu einem harmoniſchen Gan⸗ zen verbunden, innerlich feindſelig ſich gegenüberſtan⸗ den und nicht mehr neben und miteinander Raum auf der Welt hatten— eben das deutſche und dä⸗ niſche Element. Zu welchem von beiden unſere Reiter gehörten, auf welcher Seite ihre Freunde ſtanden, die ſie an dem erwähnten Morgen beſuchten, weiß der Leſer ſchon. Sie vernahmen bei dieſen Beſuchen, ſo viele ſie deren auch in den näher oder entfernter liegenden Höfen und Dörfern abſtatteten, genug des Haders, der Be⸗ ſorgniß, aber auch genug der Hoffnung und des fröh⸗ 4 109 lichen deutſchen Gottvertrauens, ſo daß ſie, im Gan⸗ zen mit ihrer Ausbeute zufrieden, auf müden Pferden aber mit erhobenem Geiſte zurückkehrten, voll des ſchönen Bewußtſeins, die Beſorgten aufgerichtet, die Rathloſen getröſtet und die Hoffenden ermuntert und ermuthigt zu haben. „So wollt Ihr denn wirklich noch heute hinüber?“ fragte Rasmus Harms ſeinen jungen Herrn, als ſie Nachmittags gegen vier Uhr am Strande ſtanden und über die glitzernde Waſſerfläche ſchauten, die im ſin⸗ kenden Sonnenſtrahle noch tauſend Farben ſpiegelte, während die Schatten des frühen Abends die am jenſeitigen Ufer liegenden Wälder und Berge ſchon heimſuchten. „Ja, Harms,“ lautete die feſtgeſprochene Antwort, nich will und muß hinüber. Der Wind iſt günſtig und die Eisſchollen ſind unbedeutend an Zahl und Größe— ich denke, drei Männer werden genügen. Laßt alſo in Gottes Namen das große Boot da, welches auf den Strand gezogen iſt, ausrüſten, und wenn es mir heute Abend zu ſpät zur Rückkehr wird, ſo mögt Ihr mich erſt morgen erwaiten.“ Eine Viertelſtunde ſpäter meldete Rasmus, daß —— S —— 110 Alles in Bereitſchaft ſei. Henrik, mit ſeinem Fern⸗ glaſe bewaffnet, ſtieg an den Strand hinab und bemerkte, daß ſein Pächter aus Vorſicht vier Männer zum Ueberſetzen ſeiner Perſon beordert hatte, von de⸗ nen Matthias ſſelbſt den Helmſtock hielt, ein Mann am Spriet⸗ und zwei am Luggerſegel ſaßen, alle mit langen Pikenſtangen bewehrt, um die anrollenden Eisſtücke vom Boote fern zu halten. Faſt alle an den Küſtenſtrichen der Herzogthümer geborenen Männer ſind gelernte Schiffer; von Jugend an mit den Gefahren des flüſſigen Elementes ver⸗ traut, ſteckt viel vom ſeemänniſchen Trotze in ihnen, der ſich erkühnt, die ſchrankenloſe Willkür deſſelben mit mächtiger Hand zu zähmen und ſich zum Meiſter ſeiner wilden Natur zu machen. Daher haben die meiſten von ihnen auf Kauffahrtei⸗ oder gar Kriegs⸗ ſchiffen gedient und Dänemark' zuverläſſigſte Matroſen ſind von jeher die Schleswig⸗Holſteiner geweſen. Auch Henrik war in der Schiffahrtskunde bewandert, und ſo konnte er ſich heute dem etwas bewegten Waſſer ohne Beſorgniß anvertrauen. Kaum ſaßen Alle auf ihren Plätzen, ſo wurden die Segel entfaltet; der Wind faßte ſie ſchnell, und unter den beſten Reiſewünſchen des nachſchauenden Rasmus ſchoß das Boot vorwärts. Rüſtig arbeiteten —.,—. 111 die braven Jungen mit ihren Piken, und ohne Scha⸗ den zu nehmen, drang der Bug des kleinen Schiffes kühn durch die Wellen. „Wo wollt Ihr landen, Herr?“ fragte Matthias, indem er dem Boote eine Richtung nach Oſten gab, um nachher die Strömung zu benutzen, und mit ih⸗ rer Hülfe deſto leichter den Landungsplatz, der mehr weſtlich lag, zu erreichen. „Halte feſt an die Inſel da drüben und laufe in die kleine Bucht hinter der Landzunge ein. So. Aber nicht zu nahe an Capitain Bardow's Haus da— er ſoll mich erſt morgen ſehen.“ „Hm! der Capytain hat ſo gut ein Fernglas wie Ihr!“ „Freilich, aber er wird mich doch nicht erkennen, ich bin zu tief in den Mantel verſteckt.“ „Das glaube ich nicht; der alte Seehund hat Augen wie ein Luchs— aufgepaßt da vorn, da kommt ein Berg von Eis!“ Aber der Berg von Eis that dem Boote nichts; die mäßige Berührung zweier fortdrückender Piken ge⸗ nügte, das Boot in dem elaſtiſchen Elemente vom Eiſe fern zu halten. Gleich darauf aber ſchoß es, gerade vor dem friſchen Südwinde herlaufend, wie ein rüſtig vorwärts ſtrebender Renner, um ſo raſcher 112 durch die bewegtere Fluth. Als es ungefähr die Mitte des Meerbuſens erreicht hatte, griff Henrik zum Fern⸗ rohre und richtete es mit beinahe zitternder Hand auf das Epheuhaus, welches jetzt eine kleine Viertelſtunde von ihm entfernt lag und aus deſſen Fenſtern Capi⸗ tain Bardow ihn nicht beobachten ſollte, während er ſelbſt ſo viel wie möglich von dem Inhalte des Hau⸗ ſes zu erſpähen entſchloſſen war. Aber ſo gut auch die Augen des Schauenden waren und ſo ſcharf er in die noch ziemlich helle Ferne drang, er gewahrte keine Spur eines Menſchen. Oben und unten ſchien das niedliche Strandhaus von Bewohnern leer, und als nach geraumer Zeit das Glas vor den Augen Henrik's ſich ſenkte, weil ſeine Hand es nicht länger halten konnte, hätte Matthias, wenn er Augen dafür gehabt, ein leiſes Kopfſchütteln an ſeinem Herrn wahr⸗ nehmen können, welches ohne Zweifel ſeine Ueber⸗ zeugung ausdrücken ſollte, daß die erwartete Erſchei⸗ nung nur in ſeiner Einbildung vorhanden geweſen wäre. So war man ſehr bald an die Stelle gelangt, wo der Bug des Bootes nach Weſten wenden mußte, um die bezeichnete kleine Bucht hinter der Landzunge zu erreichen, die dicht am Fuße des Andreasberges hundert Schritte weit in die See vorſprang und eine 113 tlich liegende kleine Inſel von faſt kreisrunder Form den Anprall der Wogen ſchützte, auf deren arſchboden einige Dutzend ſtämmiger Buchen d ein kleiner Wald üppigen Gebüſches wucherte, deſſen Blattfülee im Sommer einen an— genehmen Schatten werfen mußte. Unmittelbar zwi⸗ ſchen dieſer Inſel, die einen mäßigen Steinwurf weit vom Strande entfernt lag, und der ſchmalen mit Gras bedeckten Landſpitze vertiefte ſich das Fahrwaſſer inmitten zweier Sandbänke, und zwiſchen dieſen pfleg⸗ ten die Boote zu Lande zu fahren, deren Inſaſſen ſich vom Meere aus nach Emmerslund begeben woll⸗ ten. Man mußte aber genau mit dem zickzackartigen Laufe dieſer unterſeeiſchen Sandbänke vertraut ſein, um die rechte Landungsſtelle zu erreichen, und das war heute die ſchwerſte Aufgabe der Schiffer. Denn von den Eisſtücken in der Nähe des Strandes mehr bedrängt als im freieren Waſſer, bedurfte es nicht ge⸗ ringer Mühe und Aufmerkſamkeit, in die ſchmale Bucht einzulaufen. Endlich aber gelang das Unternehmen und eine Minute ſpäter ſprang Henrik an einer Stelle auf das Land, wo verſchiedene große und kleine Boote des Beſitzers von Emmerslund auf den Strand ge⸗ zogen waren und ein kleiner Kutter mit Halbdeck, beinahe fertig für die erſte Reiſe, auf ſeiner hölzernen Rüſtung lag. A. Burns. I. 8 S 4— 2 ——öʒ—— 114 Kaum fühlte Henrik den weichen Flugſand ſeinen Sohlen, ſo blickte er ſich raſch nach al ten um. „Sollen wir Euch hier erwarten, Matthias. „Nein, fahre zurück, ich komme erſt morgen nach Hauſe. Grüße den Vater und halte mein Zimmer gegen Mittag warm.“ Gleich darauf ſtieß das Boot wieder ab, wandte dem Lande ſeinen Spiegel zu und bald ſchwebte es, lavirend gegen den widrigen Wind, nach dem Hofe hinüber, der in der matten Beleuchtung des Abend⸗ dunkels von ſeiner Höhe herab friedlich über das Waſſer ſchaute. Henrik hatte bei ſeinem Umblicke Niemanden be⸗ merkt, er war alſo ſeiner Meinung nach ungeſehen gelandet, und das eben ſchien ſein Wunſch zu ſein. Mit jedem Fußwege auch auf dieſer Seite des Meer⸗ buſens vertraut, ſchlug er einen ſchmalen Pfad ein, der ſogleich bergan durch den Buchenwald zu ſteigen begann, und begrüßte die lange nicht geſehenen Riefen⸗ ſtämme, die eine Zierde des Beſitzthums ſeines F Freun⸗ des, des wackeren Andreas Burns, bildeten. Dieſer war der wohlhabendſte Eigenthümer des ſchönſten und größten Landgutes in der ganzen Umgegend. Erſt 1— 115 ſeit ſechs Jahren etwa bewohnte er Emmerslund, welches er von einem noch reicheren Manne, einem Handelsherrn, der nach Altona übergeſiedelt war, ge⸗ kauft hatte. Früher war er Schiffscapitain im Dienſte jenes geweſen, hatte auf ſeinen Reiſen viel Geld ver⸗ dient, ſo daß er ſich zwei eigene Schiffe anſchaffen und damit alle Meere der Welt befahren konnte; jetzt aber hatte er ſich zur Ruhe geſetzt, wie es ſo viele Seecapitaine im beſten Mannesalter thun, wenn ſie ge⸗ nug auf dem Ocean herumgeſchaukelt ſind und das Ver⸗ langen empfinden, ihren Lebensabend im Kreiſe ihrer Familie und unter Freunden ſorgenfrei zuzubringen. Unter der umſichtigen Leitung dieſes eben ſo kennt⸗ nißreichen wie thatkräftigen Mannes hatte das im Norden und Weſten ſandreiche, im Süden und Oſten äußerſt fruchtbare Ackerland, welches zu Emmerslund gehörte und ſich von der Spitze des Andreasberges hinab nach allen vier Weltgegenden eine halbe Stunde weit erſtreckte, außerordentliche Fortſchritte in der Kul⸗ tur gemacht, und namentlich in Bezug auf Viehzucht konnten Wenige mit dem Capitain wetteifern, denn es war ſeine Liebhaberei, die ſchönſten Rinderheerden, die edelſten Schafe und die tüchtigſten Pferde zu beſitzen. Saſtigen Schrittes eilte Henrik auf dem Fußpfade 8* 116 zwiſchen den Buchen die Anhöhe hinan und erreichte ſehr bald den weiten Wieſengrund, der etwa auf hal⸗ ber Höhe des Berges längs einer breiten Plattform ſich hinzog und in günſtiger Jahreszeit der Tummel⸗ platz ſämmtlicher weidenden Heerden war. Auch jetzt ſchon waren einige Thiere aus den Ställen gelaſſen und fraßen das kurze Gras ab, welches unter dem Schnee der letzten Wochen ſich zeitig erhoben hatte. Ueber den Wieſengrund raſch forteilend, erklomm Henrik'’s Fuß auch den letzten und ſteilſten Gipfel des Berges und ſtand bald vor dem eichenen Gatter der Weißdornhecke, welche Park und Garten des Capi⸗ tains gegen das freie umliegende Land abſchloß. Mit den Geheimniſſen des Ortes vertraut, öffnete er von Außen die in der Regel geſchloſſene Pforte und trat nun in ein kleines Tannengehölz, welches ein Kranz der ſtärkſten Buchen umgab, die dem Boden um Em⸗ merslund entſproſſen. Mitten zwiſchen den Tannen erhob ſich ein hölzernes Gerüſt, deſſen oberſte durch ein Geländer geſchützte Plattform mit dem Wipfel der Buchen faſt in gleicher Linie lag. Des Vergnügens an der weiten Fernſicht wegen aufgebaut, konnte die⸗ ſes Gerüſt auch zum Wartthurme dienen, denn das Auge des Menſchen, der oben auf der Höhe ſtand, beherrſchte weit und im ganzen Umkreiſe das Meer, — 11 die Inſeln und das feſte Land, die von hier aus geſehen wie eine Landkarte vor dem Beſchauer aus⸗ gebreitet lagen. Henrik erſtieg ohne Beſinnen die vielfach gewun⸗ dene hölzerne Treppe, die hinauf führte, und bald ſtand er, hoch aufathmend vor Luſt, auf der höchſten Spitze des Gerüſtes. Laut klopfte ſein Herz, als er die ſchöne Umgegend gewahrte, die er ſein Vaterland nannte, und er wußte anfangs nicht, wohin er zuerſt den überraſchten Blick wenden ſollte. Denn ſchon nahte die Dämmerung des Abends, da die Sonne im Weſten, jenſeits der ſchleswig'ſchen Küſten, ſo eben in’s Meer geſunken war, und nur ein breiter purpur⸗ rother Flammengürtel lag noch über der Bucht von Apenrade und warf einen goldenen Schimmer, der allmälig in roſiges Wolkengefieder ſich verlor, über den ganzen in feierlichem Schweigen ruhenden Meer⸗ buſen. Raſch dieſen breiten Waſſerſtrich, der von hier oben viel ſchmaler und kürzer erſchien, als er wirklich war, vom Anfange bis zum Ende hinabfliegend, ſchweifte ſein ſpähendes Auge auf das Meer hinaus, welches in weitem, dunkelglänzenden Bogen das feſte Land umſchloß und in düſterer Ferne mit den Küſten von Fünen in eine blauſchwarze Wolkenmauer ver⸗ ſchwamm. Auf der nördlichſten Spitze der anmuthig ———— O————— 118 geſchweiften Inſel Alſen haftete ſein Blick etwas län⸗ ger und verfolgte aufmerkſam den ſchmalen und be⸗ deutungsvollen Waſſerſtreifen, der wie ein breiter Fluß zwiſchen Schleswig und Alſen als Alſſund ſich nach Süden hinabzog. Dann nach Norden hinauf in den kleinen Belt ſchweifend, begrüßte er die zahl⸗ loſen kleinen Inſeln, die wie ſchwimmende Schatten aus dem ſchimmernden Meere auftauchten. So, mit leuchtendem Auge im Kreiſe herumwandernd, erreichte er das feſte Land im Norden wieder, flog über die ebenen Strecken des Haderslebener Grundes hin und kehrte dann allmälig bis zu dem Punkte im Weſten zurück, von dem er in ſeiner Betrachtung ausgegan⸗ gen war. „Schön, herrlich und wunderbar biſt Du, mein meerumſchlungenes Vaterland!“ ſagte der junge Mann entzückt zu ſich ſelber.„Und wer gleich mir auf die⸗ ſer Höhe ſtände und Deine zauberiſchen Reize ſähe, würde ſich nicht mehr wundern, daß wir nirgends wo anders leben mögen und Dich ſo innig lieben, daß wir Deinen Beſitz, wenn man ihn uns ſtreitig machen könnte, ſelbſt mit unſerm Blute erkaufen würden!“—. Langſam die Stufen wieder hinabſteigend, betrat er dann den Park und ſchritt nachdenklich durch eine * 119 kleine Pforte in den Garten ſeines Freundes, an deſſen Ende er ſchon das weiße Herrenhaus mit dem rothen Ziegeldache gaſtlich hervorſchimmern ſah. Selbſt im Winter konnte man an den regelmäßig gepflanz⸗ ten Obſtbäumen, den zierlichen Blumenbeeten und dem wohlgehaltenen Raſen die Sorgfalt erkennen, mit welcher dieſer Garten im Sommer gepflegt wurde, und mit faſt kindiſchem Entzücken betrachtete Henrik die wohlbekannten Stellen, an denen er in früheren Jahren ſo unausſprechlich glücklich geweſen war. In warmer Jahreszeit trat man unmittelbar aus dem Garten durch eine faſt immer geöffnete Thür in den größten Raum des Herrenhauſes ein, einen Saal von bedeutendem Umfange, in welchem die Familie gewöhnlich zu ſpeiſen pflegte; jetzt im Winter aber war dieſe Thür geſchloſſen und Henrik mußte ſich daher zum Hofe wenden, um den vorderen Eingang zu gewinnen. Er fand die ſchwere Bohlenthür des Hofes nur angelehnt und trat in denſelben ein, einen Raum von mächtigem Umfange, der an ſeiner weſt⸗ lichen Seite von dem ſtattlichen Herrenhauſe, an den drei anderen aber von gefüllten Scheunen und Stäl⸗ len begränzt war. An der Nordſeite, den langen Pferdeſtall von der Diele trennend, befand ſich der Haupteingang zum Hofe vom Innern des Landes —Qᷓᷓ 2 — ——— 120 her, einen großen Thorweg zeigend, der mit ſchweren Flügeln geſchloſſen werden konnte, in der Regel aber den häufig anlangenden Gäſten oder dem geſchäftigen Treiben der Knechte geöffnet war. Auch heute ſtand er weit auf, aber Niemand war im ganzen Hofraume zu ſehen, als der unerwartete Gaſt, der eben ſo leiſe wie unbemerkt von hinten her eingetreten war, den⸗ ſelben erreichte. Da aber witterten ihn die beiden großen däniſchen Doggen, die vor ihren Hundehütten mitten im Hofe und zu beiden Seiten eines tiefen Ziehbrunnens an ihren Ketten gefeſſelt lagen, und ſtießen ein ſo grimmiges Geheul aus, daß einige Knechte aus den Ställen herbeigezogen wurden, um die Urſache dieſes ungewohnten Gelärmes zu ergrün⸗ den. Von ihnen erfuhr Henrik ſehr bald, daß der Hausherr und ſein älteſter Sohn Friedrich außerhalb, die Hausfrau aber in ihrem Zimmer ſei. Henrik durchſchritt den Vorflur des Herrenhauſes, warf Hut und Mantel einer lächelnden Magd zu, denn ſie hatte ihn ſogleich erkannt, und klopfte mit beben⸗ dem Finger an die Thür des Zimmers, worin er wie gewöhnlich die Hausfrau beſchäftigt wußte. Unterdeſſen hatte die Dämmerung draußen raſch zugenommen und innerhalb des etwas düſteren Hau⸗ ſes war es beinahe ſchon ganz finſter geworden. Der 121 Einlaß Begehrende brauchte nicht lange auf eine Ein⸗ ladung, näher zu treten, zu warten. Eine feine Stimme rief ihr leiſes Herein! und alsbald ſtand der vom Schatten des Abends unkenntlich gemachte Mann vor der verwundert aufſchauenden Hausfrau. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abende thätig, ſaß ſie auch jetzt, im Zwielicht mit dem Strickſtrumpfe be⸗ ſchäftigt, am Fenſter und gab ſich dabei ganz ihren geheimſten Betrachtungen hin, die einer liebenden Frau und Mutter ja ſo viel Gelegenheit bieten, Sorgen mit Freuden zu miſchen. Ungemein mütter⸗ lich ſah ſie heute Abend in ihrem ſchneeweißen Häub⸗ chen und dem ſchwarzen Kamelotkleide aus, als ſie ſo ſtill und nachdenklich daſaß, mit den Fingern me⸗ chaniſch arbeitend, mit Sinn und Gemüth der Reihe nach bei ihren Lieben weilend. Als ſie aber einen fremden Mann in's Zimmer treten ſah, erhob ſie ſich raſch und trat dem Nahenden, der noch kein Wort geſprochen hatte, einige Schritte entgegen. Sie war von hoher, voller Geſtalt und edlen Geſichtszügen, deren lebhafte Farben, in Uebereinſtimmung mit dem jugendlich blonden Haar, faſt ihr Alter verbargen, da ſie doch ſchon weit über die Vierzig hinaus war. „Guten Abend, Frau Burns!“ ſagte da eine tiefe und klangvolle Stimme. Kaum aber war dieſe Stimme —— — — —— —— 122 zu ihren Ohren gedrungen, ſo war ſie auch ſchon er⸗ kannt. „Henrik Paulſen! So wahr ich lebe! O, welche freudige Ueberraſchung!“ Und ſchnell hatte ſie beide Hände des lieben Freun⸗ des ergriffen und begrüßte ihn auf die herzlichſte Weiſe. Bald ſaßen ſie auf dem ſchwarzen Sopha in der Nähe des praſſelnden Ofens, und Fragen und Antworten, ſo natürliche Ausbrüche zweier befreunde⸗ ter Menſchen nach langer Trennung, flogen von der einen zum andern herüber und hinüber. Mit kurzen Worten hatte Henrik ſehr bald die Hauptereigniſſe ſei⸗ nes letzten Lebensabſchnittes, namentlich ſeine Abſicht, ſich ferner auf ſeinem Hofe in der Nähe aufzuhalten, erzählt und darauf die freundlichſten Glückwünſche über ſeine Geſundheit und ſein gutes Ausſehen, wie ſie nur Frauen ſo theilnehmend ausſprechen können, da ſie ſie wirklich empfinden, entgegengenommen. Von ſeinem perſönlichen Mißgeſchicke, ſeinen Verluſten und getäuſchten Erwartungen, ſprach Frau Gertrud zwar nicht, und doch fühlte Henrik aus ihrem ganzen We⸗ ſen heraus, daß ſie größeren Antheil daran nehme, als wenn ſie ihn mit zahlloſen Worten zu erkennen gegeben hätte. „Und wo iſt der Capitain?“ fragte endlich V 4 5 — — 123 Henrik, als er mit ſeinem flüchtigen Berichte zu Ende war. 1 „Er iſt in Kiel,“ erwiderte die Frau mit einem Seufzer, der ihr tief aus dem Herzen hervorzudrin⸗ gen ſchien. „In Kiel? Was macht er in dieſer Jahreszeit in Kiel?“ „Was er da macht? Ach, Henrik, daß ich ihn mit meinen ſorgenden Blicken bis dahin verfolgen und ſeine Schmerzen lindern könnte, die ihm ohne Zweifel nicht erſpart werden dürften. Ich weiß ſehr wenig davon, was ihn vor vier Tagen ſo eilig nach Holſtein trieb, aber ich kann es mir wohl denken— o ja! Sie kennen ja meinen guten Andreas genug, um zu wiſſen, daß er einſylbig iſt in Allem, was ſeine große Seele beſchäftigt, und daß ſeine innerſten Gedanken ſelten über ſeine Lippen treten. Ich habe nie einen Mann geſehen, der ſo wenig mit Worten verräth, was an ſeinem Leben frißt.“ „Sie übertreiben vielleicht ſein Leid, Frau Burns. Wohl ſind es ernſte Zeiten, die ſogar einen Andreas Burns erſchüttern können, aber ein ernſtliches Leid iſt noch weit von ihm entfernt.“ „Sie wollen mich tröſten— o Ihr Männer ver⸗ 124 ſteckt Eure Geſichter hinter Masken— aber ich weiß, was ich weiß.“ „Und was wiſſen Sie, Frau Burns?“ „Daß Andreas mit ſeinen Freunden in Berathung über die neuſten politiſchen Ereigniſſe begriffen iſt,“ ſagte ſie leiſe, aber feſt. „Hm! Da bin ich neugierig. Wann mag er wohl wiederkommen?“ „Ich habe ihn ſchon geſtern erwartet; heute aber kehrt er gewiß zurück. Als Sie kamen, glaubte ich ihn ſchon zu erkennen, und doch hatten Sie nicht ſei⸗ nen wuchtigen Tritt.“ „Und wo iſt Friedrich, mein wackerer Friedrich, Ihr älteſter Sohn?“ „Er ritt geſtern nach Hadersleben, zwei junge Pferde zu kaufen— Andreas kann ja nicht genug haben.“ „Und Agathe, Ihre ſchöne Pflegetochter?“ „O, die iſt zum Cap'tain Bardow hinuntergegan⸗ gen und ich wundere mich, daß Sie ihr nicht begegnet ſind, ſie wollte um die Dämmerung zurück ſein.“ Henrik ſchwebte noch eine Frage auf den Lippen, aber er zwang ſie wieder in ſein Herz hinein; er hatte noch nicht den Muth dazu, etwas zu hören, —ꝙ 125 was ihm entweder eine Freude oder einen Schmerz offenbaren mußte. „Und Sie fragen nicht nach Erik, unſerem Lieb⸗ linge?“ unterbrach die Matrone das Schweigen. „Ach ja, Erik! Ich wollte ſchon nach ihm fragen — aber— nun, wie geht es ihm?“ „Nach ſeinen letzten Briefen zu urtheilen, geht es ihm gut, dem lieben Jungen. Er iſt Kadet erſter Klaſſe geworden und hat das Examen rühmlich be⸗ ſtanden. Sie können ſich meines Mannes Freude vorſtellen.“ „So, freut er ſich darüber? Will denn der Erik in der Marine Sr. Majeſtät bleiben?“ „Das iſt ſein lebhafteſter und einziger Wunſch. Der Danebrog für immer!“ ſchrieb er im letzten Briefe.“ „O! Und Andreas?“ „Fragen Sie ihn, was er darüber denkt; mir verſchweigt er auch das und doch möchte ich gern bis auf den Grund ſeines Herzens in dieſem Punkte ſehen.“— Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein, welches eine Magd, die ſchon vorher eine brennende Lampe auf den Tiſch geſtellt hatte, dadurch unterbrach, daß ſie das blinkende Theegeſchirr auf einem Seitentiſche 126 auftrug, was nach hergebrachter Ordnung täglich um dieſe Stunde in Frau Burns Zimmer geſchah. Dieſe erhob ſich, um nach ihrer Gewohnheit die Wirthin zu machen. Einen Augenblick ſpäter kniſterte die ge⸗ müthliche Flamme unter dem Keſſel und das Waſſer darin brodelte lebhaft auf, dann folgte das ange⸗ nehme Geraſſel der Taſſen und zwiſchen durch ließ die alte Standuhr neben der Thür ihr gewichtiges Ticktack in dem ſtillen Zimmer ertönen. Und damit man ganz ungeſtört und unbelauſcht ſei, ſchloß eine dienſtfertige Magd draußen die Fenſterläden zu, die Frau Burns innerhalb des Zimmers ſogleich in der gewöhnlichen Art befeſtigte. Als ſie nun hiermit und allen übrigen Anordnun⸗ 2 gen, die ſie vom Tiſche fern gehalten, fertig war und ſich neben ihrem Gaſte niedergelaſſen hatte, ſchaute dieſer ſie mit einem Geſichte an, in deſſen Augen mehr der Frage lag, als auf ſeiner Lippe hätte lie⸗ gen können, wenn er ſie ausgeſprochen hätte. Und daß dieſe Frage für ihn von Wichtigkeit war und eben ſo ſchwer von ſeinem Herzen ſich loslöſte, be⸗ wies ſein beklommener Athem, der trotz aller verſuch⸗ ten Bemeiſterung von Seiten des jungen Mannes der beobachtenden Frau des Capitains dennoch nicht entging. — 127 „Nun, Henrik?“ fragte ſie lächelnd.„Was giebt es ſonſt noch, was Ihr Herz bedrückt?“ „Eine einzige Frage nur noch beantworten Sie mir,“ entgegnete mit bebender Stimme der Gefragte, der ſeinen geheimen Wünſchen nicht ungern entgegen⸗ gekommen ſah.„Als ich geſtern Abend in meinem Häuschen drüben angelangt war und aus dem Fen⸗ ſter alle meine Freunde an dieſem Ufer begrüßte, ſchien es mir, als ob in Capitain Bardow's Ober⸗ hauſe ein Licht ſchimmerte. Habe ich mich geirrt, oder habe ich recht geſehen?“ Die Frau an ſeiner Seite lächelte, wie die Frauen nur lächeln, wenn ſie eine bejahende Antwort auf der Zunge haben, ohne ſie beſtimmt ausſprechen zu wollen. Schon daraus allein erkannte Henrik, daß er keiner Täuſchung in Bezug auf jenes Licht unter⸗ worfen war. Er ergriff der Matrone Hand und preßte ſie ſchweigend in die ſeinige, denn ſeine Auf⸗ regung und Spannung nahm von Augenblick zu Augenblick zu. Da flog es plötzlich wie ein Blitz über das nachdenkliche Geſicht der erfahrenen Frau. Schon längſt hatte ſie dieſe oder eine ähnliche Frage in Bezug auf das Haus am Strande erwartet, aber ſie hatte noch keine genügende Antwort in ihrem Herzen zurechtgelegt, denn daß dieſer Antwort eine 128 weitere Frage von Seiten des jungen Mannes folgen würde, hatte ſie vorausgeſehen und beinahe gefürchtet. So lange wir aber über dieſen inneren Vorgang in ihrer Seele ſprechen, er dauerte in der That nur einen kurzen Augenblick und Henrik hatte in ſeiner Ge⸗ müthsbewegung dieſe leiſe Zögerung nicht einmal bemerkt. „Ich wundere mich gar nicht,“ erwiderte ſie mit Vorſicht,„daß Sie auch in dieſem Punkte richtig ge⸗ ſehen, Henrik, denn ich weiß, daß Ihr Auge ſtets ein ausgezeichnetes war, was ſogar Andreas—“ „O, bitte, laſſen Sie das, ſpotten Sie meiner nicht. Alſo das Licht war wirklich in Bardow's Hauſe? Dann war alſo auch eine Bewohnerin der oberen Zimmer vorhanden?“ „Auch eine Bewohnerin war und iſt vorhanden, ja— Sie folgern eben ſo richtig, wie Sie ſehen.“ „Helene alſo iſt da— iſt wirklich da? O ſagen Sie es mir—“ „Ja, Henrik, Helene iſt da!“ 5„Aber wie? Mitten im Winter? Sie kam ja ſonſt nie vor Mitte April. Was hat das zu be⸗ deuten?“ Frau Gertrud wurde ernſt, beinahe ſo ernſt, wie ſie es nur werden konnte.„Lieber Henrik,“ ſagte ſie ——— langſam,„ſein Sie auch heute ſo gefällig, wie Sie es immer ſind, erlaſſen Sie mir die Antwort auf dieſe Frage. Ich kann Ihnen doch keinen vollkomme⸗ nen Aufſchluß geben, denn ich habe ſie heute Morgen nur flüchtig begrüßt, da ſie erſt vorgeſtern ſpät Abends wider alles Erwarten angekommen iſt. Aber— Sie können ja ſo leicht Alles erfahren, was Sie wünſchen, wenn Sie Ihre Fragen von ihr ſelbſt beantworten laſſen. Ich ſetze nämlich voraus, daß Sie morgen früh das Epheuhaus beſuchen werden.“ „Morgen früh?“ „Oder wollten Sie heute noch hin?“ „Bewahre— mein Abend iſt Ihnen geweiht.“ „Und die Nacht doch hoffentlich auch,— denn ich nehme natürlich an, daß Sie ſie unter unſerem Dache zubringen werden. Ihre Anweſenheit wird für Andreas 4 eine große Freude ſein, er erhält dadurch Gelegenheit, 3— ſich einmal das Herz rein zu reden, was ich ſelber’ e ſo ſehr wünſchen muß. Und morgen früh dann, wenn die Sonne ſo heiter ſcheint wie heute, wandeln Sie zum Strande hinab und beſuchen den alten Capitain. der Sie, wie wir Alle, herzlich willkommen heißen wird.“ „Ich nehme Ihre gütige Einladung dankbar an — aber, da bellen die Hunde— ſollte das der Ca⸗ „. 1 pitain ſein?“ A. Burns. I. * ¹30 Die Frau vom Hauſe horchte einen Augenblick auf. „Nein,“ ſagte ſie,„mein Mann iſt es nicht. Den begrüßen ſie anders, auch kommt er zu Pferde. Aber es wird Agathe ſein, die ſich verſpätet hat. Erlauben Sie, daß ich einen Augenblick hinausgehe und mich umſehe, was es giebt.“ Schnell war ſie aus dem Zimmer entwichen, we⸗ niger um zu ſehen, was es gebe, wie ſie ſagte, als vielmehr um der Pflegetochter, deren Ankunft ſie rich⸗ tig vermuthet hatte, raſch einige Worte in's Ohr zu flüſtern, damit ſie nicht unvorbereitet Henrik gegen⸗ über trete. Bald darauf öffnete ſich die Thür wieder und herein trat hinter der voranſchreitenden Mutter die ſchöne Pflegetochter des Hauſes, ein Mädchen von neunzehn Jahren, die, nachdem ſie ihren Vater, der ebenfalls ein Seemann und Freund des Hausherrn geweſen, in den Wellen verloren hatte, von Kindheit an in des Capitains Hauſe erzogen war, hier aber wie das eigene Kind des Hauſes betrachtet wurde. Daß Agathe ſchön war, haben wir ſchon zweimal angedeutet; hier aber müſſen wir weitläuftiger aus⸗ einanderſetzen, daß ihre Schönheit von einer ganz be⸗ ſonderen und jener nur im Norden Europa's vor⸗ gefundenen Art war. Man erzählt ſich, daß Leonardo da Vinci bei ſeinem Aufentt Isländerin geſehen habe und von deren blühendem Teint ſo betroffen und zugleich entzückt worden ſei⸗ daß er fortan ſeinen ſchönſten Frauenbildern nurleinen ähnlichen zu verleihen ſich bemüht habe. Ob dies wahr iſt, wiſſen wir nicht, wir haben es nur irgend wo geleſen. Daß aber dieſer nordiſche Teint eine merkwürdige Erſcheinung für denjenigen iſt, der ihn noch nicht geſehen, wiſſen wir aus eigener Anſchauung. Beinahe durchſichtig ſchimmert dieſen zarten Weſen das bewegliche Blut unter der feinen, faſt milch⸗ weißen Haut; bei der geringſten inneren Regung füllt ein warmer Strahl jenes Blutes das feine Adernetz dieſer Haut an und ergießt einen Purpurglanz über alle ſichtbaren Theile des Körpers, der an Farbe und Wärme nicht lieblicher und lebhafter gedacht werden kann. Die anregende Friſche der mäßig kalten Winter⸗ tage und die milde Wärme der kryſtallreinen Sommer⸗ luft, von den Seewinden faſt immer bewegt und von den ſalzreichen Ausdünſtungen des Meeres jederzeit erfüllt, erhöhen und unterhalten nur dieſen ffleckenloſen Farbenſchmelz, und ſelbſt bis in das ſpäteſte Lebens⸗ alter hinein bewahrt ſich dieſe Schönheit der Haut bei denjenigen, welche die wohlwollende Hand der Natur in ihrer Kindheit damit geſchmückt hat. 9* Eins dieſer auserleſene Weſen war Agathe Burns, wie ſie allgemein genannt wurde, obwohl ihr väter⸗ licher Name ein anderer war. Von hoher Geſtalt, wie viele ihrer nordiſchen Schweſtern, von ſchlankem und doch kräftigem Gliederbaue und mit etwas un⸗ beſchreibbar Grazienhaftem im Baue und in der Hal⸗ tung ihrer Schultern und Hüften begabt,— vielleicht eine Folge der ihren Oberkörper eng umſchließenden Kleidertracht— war ſie eine Erſcheinung, wie ſie wohl ſelten ein Mann ohne Bewunderung erblicken mag. Ihr reiches hellblondes Haupthaar, an den ge⸗ füllteſten Stellen in's Blaßgoldene hinüberſpielend, lockte ſich in natürlichen Ringeln um Stirn und Schläfe und glich ſo dem blitzenden Strahlenbogen, welchen die Maler um das Haupt ihrer Madonnen zu malen lieben, obgleich wir hiermit nicht ſagen wollen, daß Agathe etwas Madonnenartiges an ſich trug. Die natürlich blickenden, großen und auffallend blauen Augen, die an Sättigung der Farbe mit dem Purpur der Wangen wetteifern, geben dieſen ſchönen Geſichtern erſt das richtige Licht, den Ausdruck des innerlichen Lebens und lächeln den Beſchauer eben ſo freundlich an, wie der reine Schmelz ihrer ſtets geſunden Zähne. So, mit tanzenden Schritten, leicht auf den vollen 133 Hüften ſich wiegend, die ein knappes Sammtmieder umſchloß, unter welchem ein dunkeler Taftrock in rei⸗ chen Falten hervorquoll, trat Agathe in's Zimmer, und kaum hatte ſie den bekannten Gaſt erblickt, ſo flog ſie auf ihn zu und ſchüttelte ihm treuherzig beide Hände. „Willkommen, Herr Paulſen!“—„Guten Abend, Agathe!“ waren die einzigen Worte, die man hörte, und doch lag in dieſen wenigen Worten, die ein ent⸗ ſprechender Blick begleitete, eine herzlichere Begrüßung, als eine lange Rede zu gewähren vermocht hätte. Henrik ſchaute mit warmer Regung das ſchöne Mädchen an; aber ſo warm dieſe Regung war, ſo war ſie nicht ausſchließlich die Folge der Betrachtung ihrer Perſon. Agathe kam ſo eben von einem Hauſe her, um deſſen Bewohnerin ſich Henrik's ganze Seele drehte, und in dieſem Sinne erſchien ihm das liebe Mädchen noch bedeutungsvoller und liebreizender, als ſie wirklich war. Hätte Agathe dies gewußt— und wir können nicht behaupten, daß ſie es nicht wenig— ſtens vermuthete— ſie wäre nicht erzürnt darüber geweſen, denn ſie, wie alle die Ihrigen, war voll⸗ kommen mit der geheimen Neigung Henriks zu der uns noch unbekannten Dame vertraut. Nach den erſten natürlichen Begrüßungen, die ſie 134 mit der Mutter und deren Gaſte getauſcht, war es zunächſt dieſer, der ſeine Worte wieder in Beziehung zu ſeinen innerſten Gedanken ſetzte, indem er fragte: „Aber wie, Agathe, wo kommen Sie ſo ſpät her — ſind Sie ohne Begleitung bei Bardow geweſen?“ „Aha, Sie wiſſen es alſo ſchon— haben Sie uns vielleicht von Ihrem Boote aus hinter den Vor⸗ hängen lauern geſehen?“ „Wie? Sie hätten mich bemerkt?“ fragte Henrik und erröthete wider Willen ſo ſtark, daß er es ſelber fühlte. „Warum denn nicht? Sind wir nicht, wenigſtens Ihre ergebene Dienerin,“— und ſie knixte ſchelmiſch dabei—„Töchter von Seeleuten und mit den Ge⸗ bräuchen unſerer Väter bekannt, wenn ſie einen klei⸗ nen Punkt aus großer Ferne genauer betrachten wol⸗ len? Verſtehen wir nicht auch mit einem guten Fern⸗ glaſe umzugehen?“ Und ſie lachte ſo hell und luſtig auf, daß Henrik beim Klange dieſer Heiterkeit ſeinen Froſt und ſeine Traurigkeit vergaß und wider Willen in die Stimmung des neckiſchen jungen Weſens ge⸗ rieth, welches ſo harmlos fröhlich vor ihm ſtand. „Was haben Sie mir ſonſt noch aus dem Epheu⸗ hauſe zu erzählen?“ fragte er endlich mit abgewandtem Auge und verfehlte dabei den Blick, den die Mutter yv in dieſem Momente der bereits vorbereiteten Tochter zuwarf. Agathe lächelte und wollte vielleicht eben den Mund zu einer ſchalkhaften Unwahrheit öffnen, als ein neues Hundegebell laut wurde und die Huftritte mehrerer Pferde ſich auf den Steinen des Hofes ver⸗ nehmen ließen. Kaum hatte dieſer Ton das Ohr des Mädchens berührt, ſo ſprang ſie zur Thür und— „Das iſt Friedrich!“— rufend, war ſie wie eine Elfe in den Hausflur geflogen, um ſich von der Wahrheit ihrer Vermuthung zu überzeugen. Und es war wirklich Friedrich, der älteſte Sohn des Hauſes, der den Knechten draußen ſeine Befehle wegen der mitgebrachten Pferde zukommen ließ und dann, Agathen auf dem Fuße folgend, zur harrenden Mutter und dem werthen Freunde in's Zimmer trat. Friedrich war zwar erſt ſechsundzwanzig Jahre alt, aber er ſchien einige Jahre älter zu ſein, denn ſein Geſicht, von einem dunklen Barte eingefaßt, hatte einen ungemein ruhigen und bedächtigen Ausdruck und zeigte einen Ernſt und bisweilen eine Strenge in den blitzenden Augen, die unbedenklich weit über ſein Alter hinaus lagen. Dennoch aber war mit dieſen männlichen Eigenſchaften, die er offenbar vom Vater geerbt hatte, denn der Mutter fehlten ſie gänzlich, ein 136 mildes, wohlwollendes Herz verbunden, und dieſe freundlichere Seite ſeines Charakters verrieth ſich, ſo⸗ bald er den Mund aufthat und in ſeiner gewöhn⸗ lichen kurzen Weiſe einige Worte ſprach. So war er ganz und gar dazu befähigt, den großen Haushalt in des Vaters Abweſenheit zu leiten, man gehorchte augenblicklich ſeinen Anordnungen, wie man dem Va⸗ ter gehorchte, und that dabei gern, was er wünſchte, ohne dazu beſonders aufgefordert zu werden, wie man auch gewohnt war, der Mutter in Folge eines Blicks Alles zu Liebe zu thun. Von Geſtalt war er groß, breit in den Schultern und mächtig in der Bruſt, und was ſein muskelkräftiger Arm einmal gefaßt hatte, 3 das ließ er nur dann wieder los, wenn er ſelber dazu geneigt war, denn auf dem Hofe des Vaters, und dieſer hatte nur naturwüchſige, kraftvolle Leute in Dienſten, kam ihm keiner an dauerhafter Leibesſtärke gleich. Schon in den frühſten Lebensjahren hatte er den Vater, an dem er mit herzlicher, obwohl ſchweig⸗ ſamer Ergebenheit hing, auf ſeinen weiteſten Seereiſen begleitet und mancherlei Länder und Menſchen ge⸗ ſehen, mancherlei Gefahren beſtanden. Er wäre auch Seemann geblieben, wenn der Capitain nicht das Seeleben aufgegeben und den älteſten Sohn, der einſt ein Erbe in Emmerslund werden ſollte, an ſeiner 2——— 137 Seite zu behalten gewünſcht hätte, um ihn tüchtig und einſichtsvoll zu ſeinem künftigen Berufe anzu⸗ leiten. Aber noch immer war er dem Seeleben und was ſich darauf bezog, auf das Wärmſte zugethan, und wo es Gelegenheit gab, ein Stück auf die See hinaus zu ſegeln, oder nur in der Jolle über den Meeresarm von Apenrade zu rudern, da war er ge⸗ wiß bei der Hand, und deshalb hielt er ſich auch ſo gern in der Nähe des Waſſers auf, wo er gerade jetzt mit dem Baue jenes ſchon erwähnten Kutters be⸗ ſchäftigt war, was er bei einem Schiffszimmermanne in Apenrade gründlich erlernt hatte. Nicht allein aus alter Gewohnheit und Liebhaberei, ſondern auch weil der Vater es gern ſah, ging er noch immer in der Tracht der Seeleute einher, wie es alle männlichen Bewohner des Hofes thaten, die ohne Ausnahme in früheren Jahren entweder Matroſen auf Andreas Burns Schiffen, oder wenigſtens Mitſchiffer und Hand⸗ werksleute an Bord geweſen waren. Als Friedrich die im Zimmer Anweſenden in ſei⸗ ner Art herzlich begrüßt, Henrik die Hand geſchüttelt, der Mutter aber die Rechte geküßt hatte, ließ er ſich in der Nähe des Ofens nieder, wo ihm Agathe ſo⸗ gleich ſeinen Thee nebſt Zubehör, nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke zubereitet, hingeſtellt hatte, was der gute 138 Bruder, beiläufig geſagt, gar nicht zu merken oder wenigſtens ſehr natürlich zu finden ſchien. Während er langſam aß und trank, dabei aber doch reichliche Biſſen verſchwinden ließ und zwiſchendurch die Fragen beantwortete, welche die Mutter an ihn richtete, oder die Antworten aufmerkſam entgegen nahm, womit Henrik ſeine theilnehmenden Aeußerungen erwiderte, ſtand Agathe, ihn faſt mit ihren Kleidern ſtreifend, dicht neben ihm, als ob ſie jedes Wort von ſeinem Munde in nächſter Nähe auffangen oder keinem an⸗ deren Menſchen die Obhut über ihn einräumen wollte. Dieſe Bemerkung machte wenigſtens Henrik in den erſten Minuten, während es der Mutter nicht im Ge⸗ ringſten aufzufallen ſchien, da ſie vielleicht daran ge⸗ wöhnt war. In der That ſtrahlte das lichte Auge des Mädchens von einem Gefühle behaglicher Zu⸗ friedenheit wider, als ſie eine Perſon mehr am Thee⸗ tiſche zu bedienen hatte, welches Henrik kurz vorher nicht in demſelben bemerkt zu haben glaubte. „Soll ich Dir ein Glas Grog zurecht machen?“ fragte Agathe, als der Speiſende die zweite Taſſe Thee mit der Hand, nicht mit dem Munde ablehnte. „Nein— ich danke. Gieb mir aber mehr Brot und Fleiſch. So. Ich bin mehr hungrig als durſtig.“ 139 „Aber es iſt ſo kalt draußen— Du ſollteſt es der Erwärmung wegen thun.“ „Es iſt nicht ſo arg kalt und ich fühle mich warm genug— beinahe zu warm— hm!“ Und er knöpfte ſich zum Beweiſe, daß er wahrgeſprochen, die dunkel⸗ blaue Matroſenjacke auf, die er unter dem abgelegten Oberrocke trug. „Und haſt Du tüchtige Pferde, wie ſie der Vater liebt, in Hadersleben gefunden?“ fragte die Mutter, die immer nur an ihren Mann dachte. „Zwei prächtige Grauſchimmel, ja, Mutter; der Vater wird ſeine Freude daran haben.“ „Wo biſt Du abgeſtiegen? In der Stadt?“ fragte Henrik, der ein genauer Beobachter der ganzen häus⸗ lichen Scene geweſen war. „Ja wohl in der Stadt— bei Peterſen, bei dem gerade einige däniſche Herren logirten, die auch Pferde kaufen wollten, in Hülle und Fülle, und die mich gewaltig um meine Grauſchimmel beneideten, als ich ſie erſtanden. Ha! Sie boten fünf Piſtolen für jedes mehr, als ich gegeben.“ „Und Du— was thateſt Du?“ „Ich nickte blos mit dem Kopfe, dachte aber bei mir, wenn ein däniſcher Dragoner⸗Rittmeiſter Halb⸗ 140 blut reitet, iſt Vollblut für einen ſchleswig'ſchen Bauer gerade gut genug.“ Alles ſchwieg nach dieſem laut geäußerten Ge⸗ danken eines ſchleswig'ſchen Jünglings, der ſich den Dänen gegenüber fühlte. Agathe aber ſchien es übel zu vermerken, daß Friedrich ſo viel von den Pferden und ſo wenig mit ihr ſelber ſprach. Sie zog ſich in einen Winkel des Zimmers zurück und warf aus der Ferne einige mehr betrübte als feindliche Blicke auf den Redenden hinüber, der ihre Anweſen⸗ heit fortan kaum zu bemerken ſchien. Nach einer Weile hob Fritz, wie er meiſt genannt wurde, ſeinen Kopf empor und ſchaute ſich rings auf dem Tiſche um. „Suchſt Du etwas?“ fragte Agathe ſchnell und ſprang ſchon aus ihrer Ecke herbei. „Ah— biſt Du noch da? Ich glaubte, Du wä— reſt hinaus gegangen— ja, ich ſuche noch etwas Brot, gieb mir mehr.“ Die Mutter lächelte über den vortrefflichen Appe⸗ tit ihres Sohnes, denn ſie freute ſich ſtets, wenn es ihm ſchmeckte; Henrik dagegen wunderte ſich über die ungeheure Schnelligkeit, mit der der bedeutende Vor⸗ rath vom Tiſche verſchwunden war, während Agathe, ſo raſch ſie laufen konnte, ſich beeilte, das Fehlend zu ergänzen. . 8 141 „Denkſt Du auch daran, mein Sohn,“ ſagte die ſorgliche Mutter,„daß wir in einer Stunde unſere Abendmahlzeit einnehmen?“ „O gewiß— das vergißt man nicht.“ Als Agathe mit dem Brote wieder erſchienen war und Fritz von Neuem ſeine Kauwerkzeuge in Bewe⸗ gung ſetzte, trat eine Pauſe im Geſpräche ein. In dieſem Augenblicke knarrte laut die Thür, die aus dem Garten in den Hof führte, und einige kräftige Männer⸗ ſtimmen machten ſich von draußen her vernehmbar. Faſt zugleich mit dieſen fremden Tönen ließen die Hunde wieder ihr Geheul hören, ſchwiegen aber ſehr bald, als ein mächtiger Zuruf ſie belehrte, daß es Freunde ſeien, die dem Hofe naheten, und wandelten ihr Lärmſignal in freudiges Knurren um. „Wer iſt das?“ fragte aufhorchend die Mutter. Agathe ſprang hinaus und kam nach zwei Mi⸗ nuten wieder in's Zimmer.„Es ſind die drei Ca⸗ pitaine vom Strande,“ ſagte ſie,„die den Vater zu ſprechen wünſchen; ſie bitten, hereintreten und ihn er⸗ warten zu dürfen, da er noch nicht da iſt.“ „Laß ſie kommen,“ lautete die freundliche Antwort der Mutter, ſie blieb aber auf ihrem Platze anfangs ſitzen, bis ſie an Capitain Bardow dachte, der im Epheuhauſe wohnte. Auch Fritz blieb ſitzen und ließ 142 ſich im Schmauſe nicht ſtören, während Henrik ſo⸗ gleich vom Stuhle aufgeſprungen und den Nahenden entgegen getreten war. Aber ſchon hatte Frau Gertrud das Zimmer ver⸗ laſſen, um mit dem vorher genannten Capitain ein paar Worte zu wechſeln, ehe er Henrik ſah. Da öffnete ſich die Thür und ein wunderliches Kleeblatt, raſch hinter einander eintretend, wurde den Augen der Anweſenden ſichtbar. Voran ſchritt ein ſehr großer, hagerer Mann, der Capitain Meviſſen, ihm folgte ein ſehr kleiner, aber um ſo dickerer, der Capitain Kühlwetter, und dieſem ein mittelgroßer mit einem Stelzfuße, der Capitain Bardow. Alle Drei waren vom Wetter und von tauſend Stürmen arg mitgenommene und gezeichnete Männer, alle Drei hatten harte und ſogar rauhe Geſichtszüge, alle Drei waren von gleich vorgerücktem Alter, was ihr faſt gleichmäßig weißgrau gefärbtes Haupt⸗ und Barthaar verrieth, alle Drei hatten nur einen Theil im Geſichte, der etwas röther an Farbe und hervorragender war, als alle übrigen Theile deſſelben, und alle Drei end⸗ lich hatten denſelben ſchwankenden Gang, die laute, ſchreiende Sprache, die ausdrucksvollen Geberden und die unbeſchreibliche Haltung eines alten Seemannes, der mehr wagehalſige Schritte auf dem im Sturme v— 143 ſchwankenden Schiffe, als auf dem ſicheren Erdboden gemacht hat. Sie ſtellten ſich nach ihrem Eintritte ſogleich in einer Reihe auf, verbeugten ſich ehrerbietig und ſchwenkten mit einer unnachahmlichen Hand⸗ bewegung ihren glanzledernen Hut zum Gruße. „Guten Abend, Madamchen,“ ſagte Capitain Me⸗ viſſen mit wahrhaft trompetenartiger Stimme,„guten Abend, Agathchen, guten Abend, Herr Fritz— guten Abend— ei, ſieh da— ſchau her, Bardow— kennſt Du den Burſchen da? Verdamme mich Gott und ſchneide mir der Teufel mein Senkblei entzwei— aber es iſt Paulſen, Henrik Paulſen— guten Abend, mein Junge!“ und er ſchüttelte dem jungen Manne die Hand, daß alle ihre Gelenke krachten. „Halloh!“ rief jetzt Capitain Bardow ſo laut, als wenn er im Sturme auf ſeiner Campanje ſtände, „halloh, mein alter Junge! Hierher geſehen! Grüß Dich Gott und das Vaterland— in Fetzen mit dem Danebrog!— Na, meine alte Lore wird mir nach⸗ 1 her einen Zopf an den Hals fragen, wenn ich ihr ſage, daß ich Eure wackere Hand geſchüttelt habe!“ „Guten Abend, Henrik, mein Gelehrter!“ rief zu⸗ letzt Capitain Kühlwetter mit einer Stimme, wie ſie ein Matroſe vom Maſtkorbe erſchallen läßt, wenn er Land ſieht, und ſtreckte dem Lieblinge Aller ſeine beiden 144 Hände entgegen, wobei er vor Freude ſeinen Hut fal⸗ len ließ.„Es pfeift eine tüchtige Briſe mit Dir heran, mein Alter, daß Dich der Satan! Aber um ſo will⸗ 3 kommener auf der Sandbank, wo die alten Seehunde ſich ſonnen! Junge, wie ſteht's in Kopenhagen, beißen die däniſchen Bullenbeißer immer noch nicht den Mond oder bellen ſie ihn blos wie früher an?“ Während Henrik alle dieſe ſeltſamen, aber in je⸗ ner Männer Munde ſo natürlich klingenden Begrü⸗ ßungen mit Worten beantwortete, die dem Weſen der etwas derben, aber in der That ſehr gutmüthigen und ehrenwerthen Seeleute angemeſſen waren, und ſich augenblicklich ein wahrer Höllenlärm in dem kurz. 3 vorher ſo ſtillen Zimmer entwickelte, hatte Agathe ſchnell ihren Entſchluß gefaßt, eine Flaſche alten Cog⸗ nacs herbeigeholt, drei große Gläſer mit heißem Waſſer und Zucker zu halben Theilen gefüllt, wie es Gebrauch an Bord eines guten Schiffes war, und ſie dann auf eine zierliche Platte geſtellt. Und als die drei Männer noch nicht ganz ihre erſten Begrüßungen beendigt hatten, trat ſie ſchon an ſie heran, um ihnen die ſtets willkommene Labung anzubieten. „Nehmt, Capitain Meviſſen, greift ſchnell zu— das iſt das größte, das paßt für Euch— wenn es Bardow ſieht, ſo ſchnappt er es weg— ſo!“ 145 „Hols der Henker, mein Fräulein— aber mein Schiffsraum iſt ſchon halb voll geſtaut!“ Und er ver⸗ ſuchte einen Bückling beſcheidener Veklegenheit, der ihm gewiß nicht aus dem Herzen kam. „O, ſo nehmt raſch— es iſt ja ein ſteifer— für einen ächten Nordweſter geeignet.“ „Falſch geloggt, Agathchen, falſch geloggt— es weht ja jetzt Südwind— haha!“ Und ſchon hatte er ſein Theil ergriffen und bereits die Hälfte davon in dem halb vollen Schiffsraume geborgen. Die bei⸗ den Anderen machten einige ähnliche ſchwache Ein⸗ wendungen, aber Agathe's Ueberredungskunſt warf alle ihre Bedenklichkeiten nieder und ſo ſaßen ſie gleich darauf in weitem Kreiſe um den Theetiſch, jeder ſein rauchendes Glas ſteifen Grogs in der Hand und ihre rothen Naſen ſchnüffelnd über den duftenden Inhalt gebogen. „Was es doch immer hier hübſch iſt!“ bemerkte Capitain Kühlwetter, der kleinſte und dickſte von den Dreien.„Ich freue mich jedesmal, wenn ich in dieſe Kojen trete. i Sankt Neptun, oder wie der heilige Meergott hier braucht man ſich nicht zu ängſti⸗ gegen die Dec u rennen— und uken! Ich niemals in einer 146 ſo wohlgeſtalteten Cajüte geweſen. Aber Eins fehlt, Madamchen, hol mich der Sturmwind!“ „Was könnte hier fehlen, Capitain?“ fragte lächelnd die Matrone. „In des Cap'tains Back da drüben riecht es viel beſſer— es weht eine ſo hübſche Kanaſter⸗Briſe da drinnen—“ „Ah, ich verſtehe! Die Cigarren, Agathe!“ rief die Mutter, und flüchtig, wie der ſpielende Wind, holte die aufmerkſame Tochter auch dieſe Erfriſchung herbei und die drei alten Waſſerhähne hatten ſich diesmal mit einem ſolchen Eifer bedient, daß in we⸗ nigen Augenblicken das lichte Damenzimmer in eine Art Rauchkammer verwandelt war. „Aber in welchem Fahrwaſſer ſtreicht unſer Commo⸗ dore herum, daß er ſo lange außer ſeiner Back ſchläft, he?“ fragte Capitain Bardow. Denn mit jenem Na⸗ men beehrten die drei Kameraden den Capitain Burns, dem ſie von ganzem Herzen ergeben waren und deſſen Einſicht und Vermögen, ſo wie das allgemeine An⸗ ſehen, worin er in der ganzen Gegend ſtand, ihnen einen nicht unbedeutenden Grad von Bewunderung abzwang, ſo daß ſie ihm, der in Dingen groß und hervorſte war, freiwillig ein en Titel beigelegt hatten.. ,— 1 147 „Er iſt, wie Ihr wißt, in Kiel, mein lieber Bar⸗ dow.“ „Ja, ich weiß, Madamchen, aber— ich weiß auch, daß er gerne wieder zu Hauſe iſt, wenn er ſo lange wie diesmal herumgeluggert iſt.“ „Er muß wider Erwarten aufgehalten ſein, denn er wollte ſchon geſtern heimkehren.“ Während ſo die Hausfrau mit Bardow, Henrik mit Kühlwetter und Friedrich mit Meviſſen ſprach, hatte ſich Agathe hinaus begeben, um friſches heißes Waſſer zu beſorgen, denn ein einziges Glas Grog, und wenn er auch noch ſo ſteif war, wäre etwas zu wenig für ſo ausgepichte Männer geweſen. In halb⸗ lauter, flüſternder Beſprechung begriffen, die dann und wann durch ein behagliches Schlürfen des flüſſigen Stoffes unterbrochen wurde, alle zuſammen aber von einer Fülle bläulicher Dampfwolken umwirbelt, ſo daß das Licht der großen Lampe erbleichte, war die Unterhaltung eben im beſten Gange, als ein furcht⸗ bares Geheul auf dem Hofe entſtand, welches mehr dem Gejauchze einer ganzen Hundemeute, als zwei einzelnen Doggen anzugehören ſchien, denn die in den Ställen eingeſchloſſenen Jagdhunde geſellten ſich jetzt ihren zwei Kameraden auf dem Hofe in Bezeugung ihrer Freude bei. 10* * 148 „Da iſt der Commodore!“ rief Bardow zuerſt und ſprang mit ſeinem Stelzfuße auf die Diele, daß die Taſſen auf dem Tiſche klapperten.„Ich höre es an dem wohllautenden Geſange der Beſtien.“ Augen⸗ blicklich war jede Unterhaltung abgebrochen, alle Glä⸗ ſer wurden raſch geleert und ſämmtliche Gäſte ſprangen von ihren Sitzen empor. Diesmal aber lief die Mut⸗ ter, welcher ſogleich der Sohn folgte, ſelbſt zum Zim⸗ mer hinaus. Nur Agathe und Henrik blieben bei den Seeleuten zurück. Henrik kannte hinreichend die Gewohnheiten ſeines Freundes, der ſich in der Regel, wenn er lange von Hauſe entfernt geweſen war, zuerſt in ſein Zimmer zu begeben pflegte, wohin ihn nur die liebende Haus⸗ frau mit den Neuigkeiten des Tages begleitete. Auch heute geſchah es ſo. Er bezwang alſo ſein Herz, das ſich lebhaft dem bewährten Freunde entgegen neigte, und blieb im Zimmer zurück, bis er Nachricht erhalten würde, daß der Capitain ihn zu ſehen verlange. Fünftes Anpitel. Andreas Burns, der Commodore. Frau Gertrud war in ihrer Herzensfreude, ohne dabei an ihre eigene Geſundheit zu denken, aus der warmen Stube in den kalten Hof gelaufen, um nur ſo raſch wie möglich den von ſeiner Reiſe zurückkeh⸗ renden Gatten zu bewillkommnen. Eben ſtieg er von ſeinem kochgahr gerittenen Lieblingsgaule, einem kräf⸗ tigen holſteiniſchen Grauſchimmel. Drei bis vier Knechte ſtanden ſchon mit abgezogenen Hüten umher, jeder eifrig bemüht, dem hochverehrten Herrn, ohne ein Wort zu ſprechen, die gewöhnlichen Dienſte zu leiſten. „Guten Abend, Andreas!“ rief die entzückte Ma⸗ trone, als ſie ihren Mann unverſehrt vor ſich ſah. „Guten Abend, Gertrud!“ antwortete eine tiefe, orkanartige Stimme, die ſich bei dieſer freundlichen 150 Begrüßung offenbar zu mäßigen verſuchte, und gleich darauf ſchloß der Beſitzer derſelben mitten auf dem Hofe die treule Gattin in ſeine Arme, worauf er, den rechten Arm um ihren Leib geſchlungen, die freudig Bewegte mit kurzen energiſchen Schritten den Haus⸗ flur entlang in ſein Zimmer führte. Dieſes große, einfache, aber wohnlich ausgeſtattete Zimmer war lange vor Ankunft des Hausherrn ſchon ſo behaglich wie möglich zu ſeinem Empfange gerü— ſtet worden. Zwei blitzende Meſſinglampen brannten hell auf den Tiſchen— denn Andreas Burns liebte vor Allem ein hellerleuchtetes Zimmer— und der große eiſerne Ofen ſtrahlte eine angenehme Wärme den ohne Zweifel erſtarrten Gliedern des Reiſenden entgegen. Betrachten wir bei dieſer klaren Beleuchtung den Mann etwas genauer, der jetzt ſtolz aufgerichtet vor ſeiner Hausfrau ſtand und ihre Hände in den ſeini⸗ gen hielt, nachdem ihm dieſelben ſorgſam den Man⸗ tel vom Halſe gelöſt und den von Kälte ſtarrenden Lederhut bei Seite gelegt hatten. Capitain Andreas Burns war ein Mann von funfzig Jahren, aber rüſtig und wohl erhalten in jeder Beziehung, ſo daß man ihn, namentlich wenn er ſprach, ging oder ritt, zehn Jahre jünger hätte halten — — können. Von ziemlich hoher, feſtgefügter Geſtalt und breiter Bruſt, mit einer außergewöhnlich ſtarken Mus⸗ kulatur begabt, die allen ſeinen Bewegungen eine ge⸗ wiſſe Energie und Lebhaftigkeit verlieh, machte er beim erſten Anblicke auf den Beſchauer den Eindruck eines unerſchütterlich feſten, allen Gefahren des Leibes Trotz bietenden Kernmenſchen. Kurzgeſchnittenes dun⸗/. keles Haar lockte ſich um ſeine Schläfe 1 und bildete 0. in der Art, n wie es etwas ſtarr vorn aufgerichtet ge tragen wurde, einen charakteriſtiſchen Schmuck um ſeine gebieteriſche Stirn. Sein Geſicht, nicht gerade blaß, aber auch nicht auffallend dunkel gefärbt, trug Willenskraft und dauerhafte Geſundheit in jedem Zuge zur Schau. In der zehrenden Luft des Südens 3 und der beißenden des Nordens zu jedem Widerſtande gehärtet und von den inneren Stürmen ſeiner Seele keine Spur verrathend, bot es in ſeinem gewöhnlichen Ausdrucke das unverkennbare Gepräge innerlicher Ruhe und unerſchütterlicher Geiſtesgegenwart dar, die nur dem fremden und mit den wohlwollenden Gefühlen ſeines warmen Herzens nicht vertrauten Beobachter als Gemüthskälte und abweiſende Strenge erſchienen. Sein größter Schmuck jedoch lag in dem ſcharfblicken⸗ den dunklen Strahlenauge, womit er ſeinen Freund ermuthigte, ſeinen Feind aber niederſchlug, und ſein 2 152 unbeugſames, todesmuthiges Herz prägte ſich am deutlichſten in den feſten Linien ſeines ſtrenggeſchloſ⸗ ſenen Mundes aus, um den herum, auf Oberlippe und Kinn, ein beinahe rabenſchwarzer Bart in locki⸗ gen Wellenlinien ſich kräuſelte. Im Allgemeinen war der Ausdruck ſeines Geſichtes ernſt, feſt, ſchwer, und man ſah demſelben an, daß es kein Kinderſpiel war, was ſich in der Seele dieſes vollendeten Mannes be⸗ wegte. Er hatte den größten Theil ſeines Lebens auf allen Oceanen der Erde, unter tauſend Stürmen und Gefahren, den Schreckniſſen der Elemente und den Leidenſchaften der Menſchen preisgegeben, zuge⸗ bracht, Wind und Wellen hatten ihn öfter zur Ruhe geſungen, als Muſik und Heiterkeit, und alle dieſe Erlebniſſe hatten ſo nachhaltige Spuren in ſeinem ganzen Weſen, ſeiner kurzen barſchen Rede und ſei⸗ nem entſchloſſenen Thun zurückgelaſſen, daß ſie bei genauerer Beobachtung keinen Augenblick verkannt werden konnten. So ſtand er da wie eine Säule, aber eine eben ſo lebendige und warme, wie ſtarke und feſte Säule, die dem Schwachen ein Schutz, dem Gewaltigen eine Warnung war, und gegen wen einmal das Blitzen ſeines gebieteriſchen Auges brennend aufgeflammt hatte, der wußte, daß dieſe Seele keine Furcht, dies — 153 Herz keine Beugung kannte, denn beide waren wie ſeine Muskeln aus Stahl, Willen und Dauerhaftig⸗ keit zuſammengeſetzt. Und doch, wer ihn nur recht betrachtet hätte, wenigſtens jetzt, an dieſem Abende, der hätte wahrnehmen können, wie über aller dieſer Kraft und Stärke ein Schatten ausgebreitet lag, der ſeine Thatkraft mäßigte; der hätte enträthſeln können, daß eine düſtere Wolke ahnungsvoller Sorge auf ſei⸗ ner makelloſen Stirn flatterte, daß in dem Zucken ſeiner Muskeln, im Beben ſeiner geſchloſſenen Lippen eine nur mit Mühe verborgene Unruhe wurzelte. Aber Gertrud, das liebevolle Weib, welches ſtets ein ſchrankenloſes Wohlbehagen empfand, wenn es ſich an der Seite des bewährten Mannes ſah, ge⸗ wahrte heute, zumal in ihrer Freude, ihn nach tage⸗ langer Trennung wiederzuſehen, dieſen Anflug von Sorge und Unruhe nicht. Ihre beiden Hände auf ſeine Schultern gelegt, blickte ſie ihm zärtlich in die dunkelen Augen und hob ſich auf den Fußſpitzen zu ihm empor, und er, der hochgewachſene Mann, beugte freundlich den ſtrengen Kopf herab, um ihren ſuchen⸗ den Lippen die ſtarre Stirn zu bieten. „Da biſt Du alſo, Andreas!“ ſagte ſie mit ihrem herzlichſten Tone.„O, wie bin ich zufrieden, daß ich Dich wieder habe. Ohne Dich iſt es ſo ſtill hier. 1 ————y—— 154 Aber warum biſt Du ſo lange geblieben? Ich habe Dich ſchon geſtern erwartet.“ „Wohl!“ erwiderte in ſeiner gewöhnlichen Kürze und mit gemäßigter Stimme der wackere Mann.„Ich konnte nicht früher zurück. Man hielt mich in Kiel auf. Und dann wieder in Rendsburg. Iſt Alles geſund hier?“ „Alles, Alles, Gott ſei Dank! Aber Du biſt doch heute unmöglich von Kiel gekommen? Das wäre ſelbſt für Dich und Dein beſtes Pferd zu weit!“ „Freilich! Das wäre es geweſen. O, ich habe den Schimmel tüchtig mitgenommen. Aber ich komme heute nur von Schleswig, wo ich eine Nacht zuge⸗ gebracht.“ „Aus Schleswig! Dann haſt Du doch einen ehrlichen Ritt gemacht!“ „Das habe ich, ja!“ „Dann biſt Du wohl auch ſehr müde und kalt — was ſoll ich Dir bringen, um Dich zu ſtärken, zu erwärmen?“ „Mit der Müdigkeit geht es— aber durſtig bin ich— fürwahr! Gieb her, was Du haſt!“ „Was willſt Du trinken, lieber Mann,— Thee, Portwein oder Grog?“ „Nichts davon— gieb mir ein Glas Bier.“ ——,— —.,— 155 „Bier? Das kalte Bier?— Willſt Du nicht lie⸗ ber Wein— ich habe Alles zur Hand.“ „Nein, Trudchen, keinen Wein— mein Blut iſt erhitzt genug— es braucht nur den Durſt zu lö— ſchen— alſo gieb Bier.“ Im Nu war ſie aus dem Zimmer— denn die Frau zählt nicht nach Jahren, wenn ſie in Liebe wirkt— um das Begehrte zu holen, während der raſtloſe Capitain einige raſche Schritte auf und nie⸗ der that und ſeine mächtigen Glieder dehnte, die ihm denn doch etwas ſteif geworden waren. Alsbald aber, da er um ſich her die Behaglichkeit ſeines ſtillen Zim⸗ mers gewahrte, war er in ein tiefes Sinnen verloren und ein tiefer Seufzer wand ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Den Kopf geſenkt, die Arme gekreuzt, ſchritt er hin und her und bemerkte die wieder eingetretene Gattin nicht einmal, die ihm eine Schnitte Fleiſch⸗ brot und ein großes Glas voll ſchäumenden Bieres gebracht hatte. „Danke!“ ſagte er kurz, als er das letztere ergriff, das Brot aber unbeachtet ließ und mit einem raſchen Zuge das ganze Glas leerte.„Ah, das that wohl!“ rief er dann und gab das leere Glas in die empor⸗ gehaltene Hand der Frau zurück. „Aber Du biſt ſo ſchweigſam, Mann?“ fragte 156 ſie weiter, denn jetzt erſt bemerkte ſie die auf ſeiner Stirn ſchwebende Wolke und das arbeitende Gähren ſeiner Bruſt.—„Warum biſt Du ſo nachdenklich — iſt Dir etwas Düſteres begegnet?“ „Hm! Düſteres! Der ganze Himmel iſt düſter, rings um uns herum, Gertrud—“ „Du irrſt, Andreas; der Mond ſcheint hell und Gottes Sterne funkeln ſtrahlend am Himmel.“ „Freilich— an dieſem Himmel! Laß es gut ſein, Gertrud, bis nachher. Ich habe mit Dir zu reden — aber erſt, wenn alle Uebrigen zur Ruhe ſind. Du ſollſt heute einmal bis in mein tiefſtes Herz blicken. Es hat ſich Allerlei darin angeſammelt.— Aber wer iſt in Deinem Zimmer?— ich hörte vorher Menſchen darin ſprechen.“ 4 „O, es ſind ihrer viele da, die Dich ſehnlichſt er⸗ warten. Zuerſt iſt Friedrich gekommen—“ „Hat er Pferde mitgebracht?“ „Zwei prächtige Grauſchimmel, wie er ſagt—“ „Ha! Das iſt gut. Morgen muß er nach Apen⸗ rade und kaufen, was zu kaufen iſt.“ „Noch mehr Pferde? Wozu denn das?“ „Du ſollſt es erfahren— man nimmt ſie uns ſonſt weg. Die Dänen kaufen, was ſie kriegen können—“ —,— 157 „Die Dänen? Alſo wirklich? Warum denn?“ Schon Fritz ſagte das vorher.“ „Siehſt Du!— Und wer iſt ſonſt noch da?“ „Die drei Capitaine vom Strande—“ „Das iſt auch gut— ich will ſie ſogleich und zuerſt ſprechen. Und ſonſt Niemand?“ „Ja, noch Einer. O, wie wirſt Du Dich freuen, ihn zu ſehen!“ „Nun— wer iſt es?“ „Henrik Paulſen!“ „Ha! Das iſt mir der Liebſte— der Beſte, der jetzt kommen konnte. Wackerer— armer Paulſen!“ Und er rieb ſich die Hände, als wenn ihn ein inne⸗ rer Froſt ſchüttelte, und doch hatte er ſich eben über Hitze beklagt.„Es iſt gut, Gertrud; geh jetzt hinaus und ſchicke mir die Capitaine herein— nachher will ich mit Henrik ſprechen, und zuletzt— mit Dir.“ 3 Nach einem warmen Händedrucke und einem Kuſſe auf die Wange ihres Mannes entfernte ſich die Haus⸗ frau und kehrte in ihr Zimmer zurück, wo ſie die Seeleute bat, ſich ſogleich zu ihrem Manne zu be⸗ geben. Dieſe ſtanden ſchon auf dem Sprunge, tran⸗ ken ſchnell ihren zweiten Steifen aus und empfahlen ſich den Anweſenden, worauf ſie über den Flur ſchrit⸗ ten, hinter den beiden Vorangehenden der hinkende 158 Capitain Bardow mit ſeinem krachenden Stelzfuße, nachdem er Henrik noch ein:„Alſo morgen, mein Junge!“ zugerufen hatte. Das Geſpräch zwiſchen dieſen vier Männern wol⸗ len wir hier nicht belauſchen, auch bedarf es wohl kaum der Erwähnung, daß die Lage der öffentlichen Angelegenheiten den hauptſächlichſten Stoff dazu lie⸗ ferte. Alle vier waren patriotiſche Männer in der edelſten Bedeutung des Worts, alle viere keuchten mehr oder minder unter der Laſt der Schmach, die das übermüthige Inſelvolk den Bewohnern der Her⸗ zogthümer aufbürdete, und alle vier theilten ſich oft ihre Erwartungen und Befürchtungen mit, um, wenn ein neuer Akt willkürlicher Maßregelung in's Leben treten ſollte, jederzeit darauf gefaßt und vor ſeinen üblen Folgen ſo viel wie möglich geſchützt zu ſein. Etwas Aehnliches geſchah auch heute; ſchließlich be⸗ richtete Capitain Burns einige Ergebniſſe ſeiner Reiſe und enthüllte ihnen die Entſchlüſſe, die er für ſeine Perſon gefaßt hatte, mit denen die befreundeten Män⸗ ner wie immer vollkommen einverſtanden waren. Lange dauerte dieſes Geſpräch der vier Männer — —,— 139 und laut genug wurde es geführt, denn man hörte ihre gewaltigen Stimmen durch zwei Thüren hindurch über den Flur herüberſchallen. Freilich, ſie hatten ihr ganzes Leben lang dieſe Stimmen etwas geübt und waren gewohnt, ſelbſt die Stimmen der Elemente, den donnernden Sturm und das Rauſchen der brül⸗ lenden Wogen damit zu übertönen. In der Regel aber hörte man die drei Capitaine vom Strande wie im Chor zugleich ſchreien, während dieſelben, wenn ihr Commodore ſprach, in ehrfurchtsvollem Schwei⸗ gen verharrten. Die Frauen hatten ſchon lange das Zimmer der Mutter verlaſſen und beſchäftigten ſich mit der In⸗ ſtandſetzung des Speiſetiſches im Eßſaale. Friedrich und Henrik waren alſo allein geblieben; jeder von ihnen aber war ſo ganz von ſeinen beſonderen Ge⸗ danken eingenommen, daß ihre Unterhaltung nicht viel Zuſammenhang hatte und nur aus einzelnen Worten und hingeworfenen Bemerkungen beſtand. Endlich traten die Frauen wieder zu ihnen und meldeten, daß das Eſſen die Gäſte erwarte, und faſt zu gleicher Zeit öffnete ſich des Capitains Thür und die drei Freunde vom Strande entfernten ſich. Lang⸗ ſamer und weniger laut, als ſie gekommen waren, gingen ſie davon, denn ſie mochten wohl Ernſtes ge⸗ 160 nug zu bedenken haben; und als ein Knecht das Thor, welches in den Garten führte, hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen hatte und dem früheren Lärme eine ſanfte Stille gefolgt war, lächelten die beiden Frauen die im Zimmer befindlichen Männer an und lüfteten ſchnell einige Fenſter, um den düſteren Wolken, welche die Cigarren der ehrenwerthen Capitaine hinterlaſſen, einen Abzug in's Freie zu gewähren. Da ging noch einmal die Thür auf und herein trat Andreas Burns ſelber. Jetzt erſt flog ihm Agathe entgegen und küßte ihn zärtlich. Kaum aber hatte er ein Auge für ſie, denn nachdem er raſch dem ihm zunächſt ſtehenden Sohne die Hand geboten, ging er auf Henrik zu und drückte ihn innig und warm an ſeine Bruſt. „Henrik Paulſen!“—„Andreas Burns!“ das waren die einzigen Laute, die ſich vernehmen ließen. Was aber die Worte der Beiden nicht ſagten, das ſprach ihr langer Händedruck aus, den ſie darauf mit herzlichem Blicke tauſchten. „Aber wie wäre es, Ihr Männer, wenn wir zu⸗ erſt ſpeiſten?“ fragte die Mutter und trat an die bei⸗ den Freunde heran. „Ja, Kinder, laßt uns eſſen!“ rief der Herr des Hauſes.„Mein Wahlſpruch iſt, wie Ihr wißt: zu⸗ — ö— 161 erſt die Arbeit, dann das Vergnügen! Heute aber ſei es umgekehrt. Laßt uns erſt der Befriedigung des Leibes gedenken, ehe wir den Geiſt in Thätigkeit ſetzen!“ Und er ergriff ſeines Gaſtes Arm und führte ihn in's Speiſezimmer, welches unmittelbar an das Gemach der Hausfrau ſtieß. Friedrich, einen Augen⸗ blick mit ſich ſelbſt in Zweifel, welcher der beiden Frauen er die Hand bieten ſollte, gab nach kurzem Bedenken der Mutter den Vorzug, und ſo blieb Aga⸗ then nichts übrig, als allein hinterher zu wandeln, was ſie mit einer Art ſchmollender Fügſamkeit that, denn ſie konnte ja nicht offenbar dem Sohne zürnen, daß er die Mutter— der Schweſter vorgezogen hatte.— Eine Stunde ſpäter ſaßen im Zimmer des Capi⸗ tains dieſer ſelber mit Henrik auf dem Sopha neben dem Ofen. Sie hatten eine Flaſche alten Weines vor ſich ſtehen und ſchienen geneigt, es den drei Seemännern nachzuthun, denn wie dieſe hüllten ſie bei ihrer Unterredung ſehr bald das Zimmer in bläu⸗ liche Wolken, die aus ihren edlen ſpaniſchen Cigar⸗ ren emporſtiegen. „Alſo ſo ſtehen Deine eigenen Angelegenheiten,“ ſagte kopfſchüttelnd der Capitain, als Henrik eine Weile geſprochen und ihm einen getreuen Abriß ſeiner A. Burns. I. 11 162 Erlebniſſe und der damit verbundenen Erfahrungen gegeben hatte, die wir ſchon kennen.„Das muß ich ſagen! Das iſt allerdings bitter und hart genug! Verflucht ſeien dieſe parteiiſchen Richter, die nur Ge⸗ rechtigkeit füj den Dänen, für den Deutſchen allein die Verdammung haben! Aber was hilft das Ge⸗ ſtöhne! Den Verluſt Deines Vermögens mußt Du verſchmerzen, wie wir Alle das Unrecht, das uns ſchon ſo lange geſchehen, ſtandhaft ertragen. Die Pacht drüben trägt Dir ja ſo ziemlich ein, was Deine Ge⸗ nügſamkeit bedarf, und für das Andere wird Deiner Hände Arbeit ſorgen— oder dürfte ich vielleicht hoffen, daß Du mir die Genugthuung gewährſt—“ „Still, Capitain, ſtill davon; ich weiß, was Sie ſagen wollen. So hat geſtern ſchon jener Mann ge⸗ ſprochen, von dem ich ſagte, daß er mit mir in einem Bette geſchlafen— aber ich kann Ihnen nichts An⸗ deres erwidern als ihm.“ „Gut, gut, ich weiß es ja wohl. Ach, Henrik, was ſind das für Zeiten! Was habe auch ich für traurige Dinge gehört! Meine Anſicht der Sache war immer eine friedliche, wie Du weißt, was ich aber in Kiel und Schleswig vernommen, hat meine Hoffnung auf eine gütliche Ausgleichung beinahe eben ſo tief niedergeſchlagen, wie meine Seele bis in 163 den Grund erſchüttert. Und was mich am bitterſten dabei verletzt, das iſt der Gedanke, inmitten eines friedlichen Landes, vielleicht ſelbſt im eigenen Hauſe, von Verräthern umgeben zu ſein, die wir nicht ken⸗ nen, denn, wie man ſagt, haben ſie bis in die höch⸗ ſten Kreiſe hinein und bis zu dem erbärmlichſten Volke hinab ihre Saugrüſſel geſteckt, um das Gift aufzuſpüren und es in die Ohren ihrer Gewalthaber zu träufeln. O, was haben wir armen Schleswig⸗ Holſteiner gethan, daß man uns ſo arg verläumdet! Wir haben von jeher nichts als unſere Rechte bean⸗ ſprucht, die man von jeher mit Füßen getreten. Jahre lang hat man uns hingezogen mit leeren Verſprechun⸗ gen, Gelübde auf Gelübde gehäuft, um endlich un⸗ ſere gerechten Hoffnungen als Täuſchungen unſerer ehrlichen deutſchen Phantaſie zu offenbaren. Jetzt end⸗ lich, da es ſich bald entſcheiden muß, wer unſer Schickſal beſiegeln ſoll, fragen wir gehorſamſt an, was unſer Loos in Zukunft ſein wird, und da fletſcht man uns ingrimmig die Zähne entgegen und ſchreit: Was habt Ihr zu fordern? Zur Ruhe mit Euch! Ihr habt nur zu winſeln, denn Ihr ſeid Hunde!— Donner und Tod! Und das ſagt uns Deutſchen ein Däne! Und er allein will ſeine Flagge als das Pa⸗ nier für Wahrheit und Recht auf unſeren Meeren 11 5 164 flattern laſſen! Ha, was iſt Wahrheit und Recht? Jeder Menſch glaubt die Wahrheit zu ſprechen, wenn er von ſich ſelbſt ſpricht, und das Recht zu hand⸗ haben, wenn er über ſich ſelber urtheilt— darum, blos darum haben die Dänen Recht gegen uns, ſonſt nicht. Bei Gott dem Allmächtigen! ich bin kein Po⸗ litiker mit klügelndem Witze, kein ſchlaͤuer Kopf, der Jahre lang vorher haarſcharf abwägt, was für ein Popanz ſich im Schooße der Zeiten erzeugt,— ich bin nur ein einfacher, natürlicher Bürger mit war⸗ mem Herzen, der Gottes Gebote erfüllt und dem Menſchen thut, was er gegen ſich ſelbſt gethan haben will. Ich kann es in Rede und Schrift nicht haarklein auseinanderſetzen, was für Schmach jenes hochmü⸗ thige Inſelvolk uns ſeit Jahrhunderten angethan, aber dennoch weiß ich, und jede Fiber in mir empört ſich dagegen, daß es nur Lügen und wieder Lügen ſind, die ich in ihren hohlen Deklamationen leſe, die ſie dem rechtgläubigen Ruſſen und dem frommen Oeſterreicher auftiſchen. Und dieſe feilen Engländer mit ihren vollen Kaſten und ſchwimmenden Burgen! Ja, wenn ſie nicht das einige Deutſchland fürchteten, in deſſen Schooße ein neuer Meſſias ſich erzeugt, wenn ihnen nicht Dänemark gegen Rußland's wach⸗ ſende Flotte ein Bollwerk, und wenn es den begehr⸗ 165 lichen Ruſſen nicht ein Bollwerk gegen die über⸗ müthigen Britten wäre, wie würden ſie dann mit dieſem kleinen Könige umſpringen, der leider auch un⸗ ſer Herzog iſt! Was wäre und wo läge Dänemark anders für ſie als ein unbeachteter Schattenfleck im Monde?— Nein, nein, nein! Was unſere Beſten und Klügſten auch ſagen, ich glaube nicht, daß es jemals mit uns beſſer wird. Es kann nur noch ſchlimmer werden. Du ſollſt es erleben. Es bedarf nur eines zufälligen Anſtoßes, des Augenzwinkens eines mächtigen Potentaten, und ſie ſpielen da drü⸗ ben ihren Trumpf aus und rufen:„Wer will was von uns? Ihr ſeid unſer! Das ruft ſchon jetzt jene radikale Partei in dem pöbelreichen Kopenhagen, die den König ſo im Sacke hat, daß er nicht wagen darf, Ja oder Nein zu ſagen, wenn ſein königliches Herz und ſein Gerechtigkeitsgefühl es vielleicht auch wollte. Was wollen dieſe demokratiſchen Herren? Warum liebäugeln ſie alle mit dem plebejiſchen Volke, deſſen Berührung ſie doch ſonſt wie die Peſt ſcheuen? Wol⸗ len ſie vielleicht alle ſelber Könige von Volkes Gna⸗ den werden? Nun dann gute Nacht, Freiheit und Lauterkeit der Erde! Mein einziger Troſt in dieſem anbrechenden Wirr⸗ warr iſt nur der, daß es gelungen iſt, alle widerſtrei⸗ 166 tenden Parteien unſeres Landes in eine einzige und um ſo ſtärkere Phalanx zu verſchmelzen. Ritter und Bauern, Geiſtliche und Gelehrte, Reiche und Arme — alle ſtehen wie ein Mann jetzt zuſammen. Das Geſicht gegen Nordoſt, das Herz zu Gott gewandt, erwarten ſie getroſten Muthes, was der neue Tag bringen wird. Ich habe es immer geſagt, dieſe Einig⸗ keit iſt auch unſere ſtarke Seite, wie ſie es einſt für Holland und die Schweiz war. Was wollen, was können ſie gegen ein einiges Schleswig und Holſtein? Sind wir ihnen nicht in Allem gewachſen? Haben wir nicht eben ſo viel Kraft, ſo viel Vertrauen auf uns ſelbſt und, was das Beſte iſt, viel mehr Recht als ſie? Und wenn unſere Männer an Zahl freilich weniger ſind, ſo ſind es doch ganze Männer, wie es auf der Welt nur Wenige giebt! Aber halt— Eins muß ich Dir noch ſagen. Was hältſt Du von der Rüſtung, die der Däne ganz im Stillen vorbereitet?“ „Welche Rüſtung?“ fragte Henrik verwundert. „Wie, das weißt Du noch nicht? Sie fangen ganz leiſe an, ihre Armee mobil zu machen.“ „Mobil? Gegen wen?“ „Das eben iſt die Frage, die alle Gemüther in Bewegung ſetzt. Nur Gott allein weiß es. Vielleicht gegen die Türken. Haha! Sie kaufen alle ſchweren 167 Pferde für ihre Artillerie auf, und da ſie die beſten in den Herzogthümern finden, ſo ſtrömen ſie in hellen Haufen herüber. Nun, ſie bieten Geld, und für Geld iſt, wie Du weißt, Alles zu haben.“ „Das iſt in der That wunderbar! Wo haben Sie das gehört?“ 1 „In Kiel wußte man vorgeſtern noch nichts da⸗ von— in Schleswig aber erzählt es ſich jeder Junge auf der Straße. Giebt es denn einen Krieg? fragte ich Dieſen und Jenen. Frage den Himmel, antwor⸗ teten ſie mir, der mag es wiſſen. Aber bei Gott! Ehe ich nicht beſtimmt weiß, wozu dieſer Pferdehandel im Lande, ſo wahr kaufe ich alle auf, die ich finde — füttern kann ich ſie heerdenweiſß— denn ſchon das Sprichwort ſagt: trage dem Teufel kein Holz zu, Du mußt doch ſelber an ſeinem Feuer braten!“ „Aber was wollen Sie ſelbſt damit machen?“ „Nun, iſt das nicht einfach? Was ich habe, kann der Däne nicht haben.“ „Haha! Der Spaß kommt Ihnen etwas zu theuer zu ſtehen.“ „Wozu liegt das Geld im Kaſten, wenn ich es nicht Zinſen tragen laſſe? Und dieſe Pferde tragen Zinſen— gieb Acht.— Willſt Du einen tüchtigen „5* — 168 Wallach haben, ſo ſuche Dir morgen einen aus— ich habe genug.“ „Ich danke; ich habe ein brauchbares Pferd von Rasmus erhalten und mehr bedarf ich nicht.“ „Und Du willſt alſo wirklich drüben im Sunde⸗ witt bleiben?“ „So lange mich nichts von dort vertreibt, ge⸗ wiß!“ „Und willſt Dich wieder den Studien und der Freude der Arbeit widmen?“ „So lange und ungeſtört wie möglich. In der Arbeit allein vergeſſe ich den Druck und Wirrwarr des Lebens.“ „Wohl, ich verdenke es Dir nicht. Ich wünſchte auch meine Gedanken in Worte kleiden zu können wie Du— ich wollte ihnen eine gewürzreiche Suppe zuſammenrühren—“ „Ich glaube es— aber Sie haben etwas eben ſo Gutes und noch Beſſeres zu thun— für Ihre Familie zu ſorgen und Ihr Haus zu beſtellen.“ „Ach ja— meine Familie! Still davon! Und wir haben alſo Hoffnung, Dich täglich als unſern Gaſt zu ſehen?“ Henrik ſeufzte, wie ſo eben ſein Freund geſeufzt, wozu jeder Menſch in dieſem Leben ſeine eigenen 169 4 Gründe hat.„Täglich nun wohl nicht,“ erwiderte er bedeutſam,„aber ſo oft wie möglich.— Wiſſen Sie, daß Helene wieder da iſt?“ „Helene? Unſer lieber Sommervogel? Du ſcher⸗ zeſt— aber jetzt ſchon im Winter? Was hat das zu bedeuten?“ „So habe ich auch gefragt. Morgen werde ich ſie beſuchen, ehe ich hinübergehe—, „Nun, dann brauche ich Dich nicht zu uns ein⸗ zuladen, unter dieſen Umſtänden wirſt Du von ſelber kommen—“ „Vielleicht auch nicht. Ihr Haus wird mir ſtets das zweite Vaterhaus ſein.“ „Gewiß— o wäreſt Du mein leiblicher Sohn! Habe ich Dich doch immer im Stillen als meinen Aelteſten betrachtet! Ja, baue auf mich in allen Fällen, Henrik, ich werde mir Mühe geben, Dir ein wackerer Vater zu ſein!— Aber höre, mir fällt eben jener Olaf Larſſen wieder ein, von dem Du vorher ſprachſt. Sollte es möglich ſein, daß er Dir von drüben aus mit auf die Reiſe nach dem Feſtlande gegeben war?“ „Faſt ſcheint es ſo, obwohl ich keinen direkten Beweis dafür habe. Für'’ Erſte hat er mich aus dem Auge verloren.“ „Nimm Dich aber in Acht. Rede nicht öffentlich, 10 laß Deinen Namen vor Niemandes Ohren erklingen weder ſchriftlich, noch mündlich— ſprich Deine Ge⸗ danken nie vor Unbekannten aus. Du ſtehſt einmal im ſchwarzen Buche.“ „Und glauben Sie, daß Sie darin fehlen?“ „Beim Himmel! In meinem ſchwarzen Buche ſte⸗ hen ſie Alle zuſammen. Das wirft aber keinen S Sper⸗ ling vom Dache. Sie ſollten einmal auf meinen Hof kommen und Hand an mein Eigenthum legen—“ „Nun und wenn ſie im Namen des Geſetzes kä⸗ men, würde ihnen da Andreas Burns nicht zualler⸗ erſt gehorchen?“ „Wie, gehorchen? Sie müßten mir doch erſt etwas befehlen. Und wenn dieſer Befehl nach dem Geſetze, alſo nach meinem Sinne wäre, ſo würde ich ihn aller⸗ dings befolgen; liefe er demſelben aber zuwider, ſo würde ich ihnen zeigen, daß ich allein Herr in meinem Hauſe bin. O, ſie kennen mich zur Genüge, und ſo leicht werden ſie ihre Stirn nicht an den alten Eiſen⸗ freſſer ſtoßen, der ich in ihren Augen bin.“ 1 „O welche traurigen Ausſichten, Andreas! Daß wir ſchon Urſache haben, ſo Schlimmes nur zu den⸗ ken! Welches Unheil kann über uns ergehen— und wir müſſen es mit kalten Aug gen viell lelcht herannahen ſehen!“ ———— 171 „Das iſt mein Stolz, daß ich das kann. Wenn ſie mich ungeſtört laſſen, werde ich ihnen keinen Stein in den Weg legen— wehe ihnen aber, wenn ſie mich ſtören— ſo lange bin ich Eis— dann aber Blitz und Flamme.“ „Es iſt noch ein Troſt, daß dieſe Schwebe nicht lange dauern kann. Eine Entſcheidung zum Guten oder Schlimmen muß erfolgen. Es muß biegen oder brechen. Von woher der Wind blaſen wird, wiſſen wir nicht, daß er aber gewiß einſt— und ich glaube 5 bald— blaſen wird, das liegt mir im Blute⸗ wie ein nahendes kaltes Fieber.“ „Mir auch! Da, Henrik, trinken wir dies Glas auf unſeres Vaterlandes Wohl! Noch lebt der alte Gott über den Wolken. Sieh, wie ſein helles Auge da oben ſo wachſam und erhaben wandelt und mit ſeinem feurigen Blicke das Weh der Menſchen ſich anſchaut. Auch auf das unſrige ſchaut er nieder und er wird es ſich zu Herzen nehmen. Komm; ehe wir zu Bette gehen, laß uns noch einmal den Blick auf das Meer da unten werfen und Muth aus der Allgüte Deſſen ſchöpfen, der es uns zur Freude geſchaffen hat!“ Und in der That, nie hatte der Mond ſeinen majeſtätiſchen Lauf auf einer wolkenloſeren Bahn voll⸗ endet, als in dieſer Nacht. Nur die Sterne flammten 172 auf ſeinem Wege, aber dieſe hemmten ihn nicht. Langſam und feierlich zog er dahin, einen langen goldenen Streifen im Meere zurücklaſſend, als ſtände er in geheimnißvoller Verbindung mit der glitzernden Fluth. Und wie das Waſſer und der Himmel, ſo lagen auch die Felder und Wälder in tiefſtem Frieden, und die Winde hatten den ſauſenden Schwung ihrer Fittiche geſänftigt und flüſterten nur leiſe in den ſchlummernden Wellen. Welcher Menſch hätte unter der ſanften Oberfläche dieſes Waſſers, hinter dem kryſtallreinen Spiegel dieſes Himmels einen Sturm geahnt? Wer hätte geglaubt, daß in der Bruſt der ringsum ſchlafenden Menſchen außer dem Frieden auch noch etwas Anderes, Grauen⸗ hafteres ſchlummere? Und doch brauſte der wilde Or⸗ kan ſchon im Stillen heran, doch hob das Erdbeben unter der Oberfläche dieſer Erde ſchon ſeine dämoniſchen Rieſen empor, und in dem Gährungskeſſel der Leiden⸗ ſchaften der Völker kochte und brodelte es heimlich und unheilvoll. O ſchlafet ſüß, ihr armen Herzog⸗ thümer, ruhet ſanft von Eurem Tagewerke aus, denn bald, bald werdet Ihr erweckt werden von dem Sturme, dem Erdbeben, dem Völkerkampfe, und es wird lange keine Nacht für Euch geben, die ſo liebl lich und freund⸗ lich wie dieſe iſt.— —— 173 Kurze Zeit nach Beendigung dieſes Geſpräches waren alle Bewohner des Herrenhauſes zu Emmers⸗ lund zur Ruhe gegangen. Die einzigen Wachenden waren die großen Doggen auf dem Hofe, die, von ihren Tagesketten erlöſt, ſich der beſchränkten nächt⸗ lichen Freiheit bedienten und innerhalb der Mauern des Hofes ihre Pflicht erfüllten. In dem traulichen Ehegemache, worin Andreas Burns und ſein Weib ſchlief, brannte kein Licht mehr, nur der verſchwiegene Mond ſchaute mit ſeinen ſilber⸗ nen Strahlen durch die leicht verhangenen Fenſter, um ſein heimliches Werk zu verrichten und die müden Schläfer zu belauſchen. Aber dieſe hier waren weder müde, noch ſchliefen ſie; beide wachten vielmehr mit munteren Augen, obwohl ihre Seelen ſchwer um⸗ düſtert waren. Andreas hatte ſeiner Frau verſprochen, mit ihr im Geheimen ein vertrauliches Wort zu re⸗ den, und wann konnte die Zeit geeigneter dazu ſein, als jetzt, wo Niemand ſie ſtörte, Niemand ihre Rede behorchte, denn weit von den übrigen Schlafzimmern des Hauſes abgelegen befand ſich das Nachtlager der Eltern.— Die Hausfrau lag unbeweglich und mit geſpann⸗ N] ter Aufmerkſamkeit in ihrem Bette, welches dicht neben dem ihres Mannes ſtand, denn ſie erwartete von 1 124 Augenblick zu Augenblick den Anfang ſeiner Rede zu vernehmen, ohne ihn an ſein Verſprechen erinnern zu müſſen, was er nicht gern hatte, da er ſeine Zuſagen ſtets aus eigenem Antriebe zu erfüllen liebte. Der Hausherr dagegen lag voll unruhiger Beklemmung an ihrer Seite, er wälzte ſich hierhin und dahin, und noch immer nicht ſchien er die gewünſchte Lage ge⸗ funden zu haben, als treibe ihn eine innere Sorge von Stelle zu Stelle. Endlich konnte die Geliebte ſeiner Jugend und die Freundin ſeines Alters dieſes qualvolle Schweigen nicht länger ertragen. Sie erhob leiſe den Kopf und blickte ausdrucksvoll den raſtloſen Mann an. Andrezs,“ begann ſie,„was quält Dich? Du biſt ſo unruhig. Ich dachte, Du wäreſt müde nach dem weiten Ritte und würdeſt noch beſſer als ge⸗ wöhnlich ſchlafen.“ „Nein, ich kann nicht ſchlafen, Frau!“ erwiderte der Angeredete.„Es läßt mir keine Ruhe, denn mein Herz iſt voll Sorge und bedarf der Entlaſtung. Höre!“ Und ſo war von der klugen Frau ſanft und na⸗ türlich die Bahn gebrochen und der Wunſch der lie⸗ benden Mutter ſollte erfüllt werden. „Es ſind jetzt ſiebenundzwanzig Jahre, ſeitdem wir 175 zufrieden und— wohl kann ich es ſagen— glücklich neben und mit einander durch's Leben gegangen ſind, Gertrud. Nicht wahr? Ja, Gott hat uns in allen Stücken reichlich geſegnet, indem er uns brave Kinder, treue Freunde und Beſitzthümer gegeben hat, die ſich ohne eigennütziges Zuthun, nur in Folge unſerer Mühen und Arbeiten, von Jahr zu Jahr vermehrt haben. Sieh unſeren ſchönen Hof, den ſchmucken Garten, das ergiebige Land, ſieh unſere herrlichen Thiere und die gefüllten Scheuern um uns her— iſt es nicht ein reicher Segen, der mit uns unter einem Dache wohnt? Und unſere freundlichen Zim⸗ mer, von denen man Land und Meer meilenweit überſchaut, ja ſelbſt dieſes trauliche Gemach, in deſſen Fenſter, wie Gottes Auge, der ſtille Mond ſo milde hereinblickt— iſt es nicht köſtlich und wohnlich bei uns und haben wir nicht ein Recht gehabt, uns glück⸗ lich zu fühlen? Ach, Gertrud, ich bin nicht immer ſo gut gebettet geweſen, wie heute! Ich bin durch eine rauhe Schule des Lebens gegangen und vielleicht ſelbſt dadurch ein rauher Mann geworden— Du weißt es und Du verzeihſt mir. Jahre lang hat die rauſchende, unerbittliche Woge, nur durch ein dünnes Brett von meinem Kopfe geſchieden, an mein Ohr gebrauſt, unzählige Mal hat der toſende Sturm meine —:— ————— —— —ᷓʒᷓ ——Q·Q—CO˖·OꝭQ⁊ñ/ꝑV˙—BSg V ———— ———— 176 Locken aufgewühlt und der eiſige Regen mich bis in das Herz hinein erkältet. Ja, noch Schrecklicheres habe ich erduldet. Siebenmal habe ich Schiffbruch erlitten. Auf abgeriſſenen Planken, nicht ſchwerer und größer als ich ſelber, bin ich auf pfadloſem Meere herum⸗ geſchwommen und habe zu Gott um Hülfe gerufen, da keine Menſchen um mich waren und nur furcht⸗ bare Thiere nach meinen Gebeinen haſchten. Und ſieh, ſiebenmal hat er mir ſeine Hülfe geſandt. Sechs⸗ mal nahmen mich halb Bewußtloſen vorüberſegelnde Schiffe, einmal eine wüſte Inſel auf, wo ich mich wochenlang von Wurzeln und Muſcheln nährte, die mir das Meer, erbarmungsvoller als die Erde, gütig an den Strand warf. O, und noch aus vielen an⸗ deren Gefahren des Leibes und Lebens hat mich Gott oftmals gerettet, die ich Dir nicht alle aufzählen will, und immer wieder hat er mich zu Dir und meinen Kindern zurückgebracht. Und merkwürdig! Immer, wenn ich in ſo großer Noth und Trübſal war, hat mein Herz muthig und unverzagt geſchlagen, immer habe ich beinahe mit Sicherheit gewußt, ich würde nicht unterliegen, und dieſe innere Stimme, die ſtets laut und verſtändlich zu mir ſprach, hat mich niemals betrogen. Jetzt aber, hier an Deiner Seite, wo ich ſo glücklich und ruhig 177 liegen könnte, fühle ich zum erſten Male in meinem Leben dieſen Muth in meiner Bruſt wanken, und keine Stimme will ſich vernehmen laſſen, die mir zuruft: Schau auf, Andreas, der Helfer naht!— Und doch iſt die Gefahr, in der ich jetzt ſchwebe, eine ganz an⸗ dere, ja man könnte ſie für viel geringer halten, als jede meiner früher überſtandenen, da ſie nicht von feindlichen Elementen oder einem ſtrafenden Gotte, ſondern von Menſchen kommt, die gleich mir von Weibern geborene Geſchöpfe ſind. Aber ach, Gertrud, es iſt ſonderbar! Die Gefahren, die mir Gott geſandt, waren mir nie die ſchrecklichſten; die Schmerzen aber, die mir die Menſchen angethan, ſind mir von jeher die bitterſten geweſen. Und ſo iſt es jetzt. Gott iſt immer gütiger und liebreicher als die Menſchen; er ſtraft wohl, und oft hart, aber er erhebt und beglückt auch wieder— das aber thun die hartherzigen Men⸗ ſchen nicht; ſie ſtrafen, ohne zu läutern, ſie haſſen uns, ohne uns zu vergeben, denn ſie haben, obwohl ſie Gottes Kinder ſind, doch nicht ihres Vaters ver⸗ ſöhnliches Herz. Höre mich weiter. Als wir uns damals in Apen⸗ rade, wo Dein guter Vater wohnte, am Altare die Hände reichten, gelobten wir uns, Leiden und Freu⸗ den des Lebens gemeinſam zu tragen. Die Freuden A. Burns. 1⸗ 12 11 178 haben wir redlich gemeinſam getragen— nun aber kommen die Leiden und dieſe müſſen wir noch er⸗ tragen lernen. Laß mich jetzt mein Herz ausſchütten vor Dir, wie ich es vor keinem Menſchen ausgeſchüttet habe, denn ſelbſt dieſem edlen Henrik habe ich nicht Alles vertraut, was mir auf der Seele liegt, obwohl er mein ganzes Vertrauen beſitzt— was ich alſo jetzt ſage, iſt nur für uns Beide. Sieh, ich habe einen Mann in Kiel geſprochen, der eben aus Kopenhagen kam. Der hat mir eine ſchreckliche Nachricht in's Ohr geflüſtert. Wenn es wahr iſt, was der Mann ſagt, dann ſind wir ſchon innerhalb der Leiden, ob⸗ gleich wir äußerlich noch im Glücke zu ſchlummern ſcheinen. Man hat, ſo ſagte der Mann, in Kopen⸗ hagen an mächtiger Stelle beſchloſſen, unſer Herzog⸗ thum mit Gewalt dem däniſchen Reiche einzuverleiben; die deutſche Sprache iſt die längſte Zeit in dieſen Landen geredet worden, ſie ſoll von jetzt an der dä⸗ niſchen weichen. Ja, unſere Kinder ſollen, ſo hat eine frevelnde Stimme in brutaler Wuth geſchworen, ſo⸗ gar ihren Goethe und Schiller vergeſſen, die doch von Jugend auf in unſerem Marke und Blute Mark und Blut geworden ſind.— Wie man das anfangen, welcher Mittel man ſich bedienen, welche Gelegenheit man vom Zaune brechen will— das wußte er nicht. 17 † * Auch ich weiß es nicht, und kaum vermag ich zu glauben, daß es ſo iſt, wie er ſagte. Doch, wenn es ſo iſt— wenn Dänemark uns mit der Peitſche oder dem Säbel zwingen will, dann, Gertrud, dann wird ſich das ganze Land erheben, und wie die Wogen des allmächtigen Meeres an den niedrigen Küſten unſeres kleinen Landes ſich brechen und zerſchellen, ſo wird der Anfall jener Inſelbewohner an unſeren Leibern, unſeren abwehrenden Armen ſich brechen und zer⸗ ſchellen.— Du weinſt, ich höre es— weine noch nicht, Getrud. Noch iſt es ſo ſchlimm nicht, wie wir fürchten müſſen, daß es vielleicht werden kann. Und kommt die Zeit der Prüfung wirklich heran, o dann werden wir Alle des gegenſeitigen Troſtes und Bei⸗ ſtandes bedürfen, denn auch wir werden unſeren Theil am allgemeinen Kampfe und Streite haben. Was mir aber das Aergſte, das Betrübendſte für uns da⸗ bei ſcheint, das will ich Dir jetzt ſagen. Nicht für Dich, nicht für mich, nicht für Friedrich und Agathe fürchte ich— Euch und mich werde ich Alle zu ſchützen wiſſen, wenn Gott an meiner Seite bleibt. Ich habe vielmehr Furcht— große Furcht für einen Anderen von uns. Und das iſt unſer Erik, Dein Liebling, Gertrud— ich weiß es wohl, daß er es iſt. Ha! auch ich habe den kühnen Jungen gern, und 12 180 doch hat er Dir und mir den meiſten Kummer ver⸗ urſacht. Aber man ſagt ja, wir Eltern hätten immer die Kinder am liebſten, die uns die meiſten Sorgen bereiten, und das mag wohl ſo ſein. Von frühſter Jugend an hatte der Junge Auge und Herz für das Seeweſen. Das fanden wir ſehr natürlich. Es lag in ſeinem Blute. Ja, wir freuten uns darüber und beſtärkten ſeine Neigung durch tauſend Anreize nur noch mehr. Als er aber zwölf Jahre alt und ſchon mit mir nach Amerika und Oſtindien geſegelt war und ſich immer bewährt hatte, da ſprach er eines Ta⸗ ges ein Wort aus, was mich erſchütterte, ſo ſtark, daß ich es noch heute zu fühlen meine. Vater, ſagte er, laß mich von Deinen Schiffen. Das Alles iſt mir zu klein, zu eng, zu kaufmänniſch. Es iſt beinahe nur Spielerei. Bringe mich auf ein großes oder nur bewaffnetes Schiff, in die königliche Marine, damit ich ein Mann und ein Krieger werde.— Anfangs freute ich mich über dies muthige Wort des Knaben, ja ich ermunterte ihn nur noch mehr dazu. Später aber, als ich mir Alles genau überlegt und ihn ge⸗ fragt hatte: in welcher Marine er dienen und wachſen wolle?— da erfaßte mich ein Schreck, denn da ant⸗ wortete er: Du fragſt, Vater? Giebt es eine andere Flagge für uns, als den Danebrog, unter deren 181 Schutze wir dienen mögen? Fährſt Du nicht ſelber darunter, flattert er nicht dahinten auf allen Deinen Schiffen? Laß mich nach Kopenhagen und Du ſollſt es nie bereuen, ich werde fleißig und gehorſam ſein! — Ach, Gertrud, der Junge ging nach Kopenhagen, Du weißt es. Und jetzt wandelt er unter ſeinem ge⸗ liebten Danebrog. Der Danebrog aber iſt über uns, ſeine Falten flattern drohend über unſern Häuptern, und vielleicht kann bald die Stunde ſchlagen, daß wir, Vater und Mutter, zu unſerm Kinde als unſerm Sieger, um Erbarmen flehend, emporblicken müſſen.“ „Das verhüte der barmherzige Gott!“ ſchluchzte Gertrud. „Er verhüte es! Aber was ſoll ich nun beginnen?“ Soll ich einen Machtſpruch thun und den Knaben von ſeinem Schiffe reißen? Würde dieſer Knabe, der unterdeß beinahe ein Mann geworden, mir ge⸗ horchen?“ „Um Gottes willen, Mann, warum ſollte Dir Dein eigen Fleiſch und Blut nicht gehorchen?“ „Ich möchte es nicht prüfen. Wenn Du nun mit mir einverſtanden biſt, wie Du es ſo viele Jahre ge⸗ weſen, ſo will ich Dir den Entſchluß, den mir Gott eingegeben hat, vorlegen und wir wollen bedenken, wie wir ihn ausführen.“ 9 182 „Und was iſt das für ein Entſchluß, Andreas?“ „Ich will den Knaben rufen und ihm auseinander⸗ ſetzen, was ich befürchte. Er ſoll ſelbſt über unſer und ſein Schickſal entſcheiden. Will er dann unter ſeinem Danebrog bleiben— ſo bleibe er. Will er nach England, Frankreich oder Deutſchland, ja, nach Amerika gehen— ſo gehe er— ich will ihm Alles gewähren.“ „Ach, Vater!“ ſchluchzte lauter die geängſtigte Mutter und warf ſich an ſeinen Hals.„Ja, das ſcheint mir das Beſte!“ „Gut! Bleibt er aber bei den Dänen, ſo kann es geſchehen, daß wir in ihm unſern Feind erblicken. Haſt Du auch das bedacht?“ „Ich glaube das nicht. Ihr Männer ſeht Alles ſchwarz, was Euch im Wege ſteht.“ „Wir Männer nur? Ach, wollte es Gott, daß Du auch darin Recht hätteſt— aber ich glaube es diesmal nicht.“ „Wir könnten es ja noch abwarten—“ „Bis es zu ſpät iſt. Nein, Gertrud, wer dem Regen aus dem Wege gehen will, der begiebt ſich un⸗ ter Dach, ehe er fällt. Blitzt es erſt, dann donnert es auch— und in der That— es blitzt ſchon wetter⸗ 183 leuchtend am Himmel auf und den Donner höre ich in weiter Ferne auch bereits grollen.“ „So rufe ihn ſo ſchnell Du kannſt und laß das Gewitter nicht erſt vollends hereinbrechen. Aber wo willſt Du ihn finden?“ „Er iſt ſchon gefunden. Höre weiter. Als ich in Kiel war, wurde ſein Schiff, der Schooner Neptun ſignaliſirt. Er brachte einen Geſandten an's Land, der nach Berlin ging, mit deſſen Hofe unſere Regierung über unſer Schickſal rechtet. Denn der König von Preußen ſoll diesmal für uns und gegen die Dänen ſein. Den will man nun auch für ſich gewinnen. Doch, laſſen wir das.— Ich ſchrieb an den Capitain des Schooners und bat um Urlaub für Erik auf eine Stunde. Der Capitain war freundlich genug, ſeinem alten Kameraden eine Freude zu gewähren,— Erik kam an's Land.“ „Wie? Er kam? Du hüätteſt ihn geſehen? Und das ſagſt Du mir erſt jetzt?“ „Ruhig, Gertrud. Ja, er kam und ich ſprach mit. ihm—“ „O, was ſagte er, wie ſah er aus?“ „Das ſollſt Du ſelbſt mit eigenen Augen ent⸗ ſcheiden— denn er kommt morgen oder übermorgen zu uns.“ 1 4 184 „Was!“ rief die zärtliche Mutter und richtete ſich im Bette auf.„Erik, mein Erik kommt? Großer Gott im Himmel— ich danke Dir!“ „Ja, er kommt auf achtundvierzig Stunden in's väterliche Haus. Denn er erzählte mir, daß der Nep⸗ tun ſeine Station vorm Apenrader Buſen nehme und daß er einzulaufen gedenke, um irgend einen Dienſt zu verrichten, ſobald das Wetter und das Eis im engen Gewäſſer es geſtattet. Nun iſt es milde ge⸗ worden und das Eis liegt faſt ganz gegen Apenrade zu. Meiner Meinung nach werden wir den Südwind längere Zeit behalten. So wird denn der Neptun kommen und Erik wird ſeinen Urlaub erhalten, was ihm der Capitain verſprochen hat. Das iſt es, was ich Dir mittheilen wollte und was mir ſo ſchwer auf der Seele gelegen. Wir werden den Jungen ſehen und ich werde als Vater mit ihm ſprechen. Aber alle Bitten und Ermahnungen Deinerſeits verbitte ich mir — wir wollen nicht ſeine ſchlechtere Hälfte erobern— er ſoll uns von ſelbſt ganz oder gar nicht gehören— das verlange ich von Dir. Nun beruhige Dich und trockne Deine Thränen. Komm, lege Deinen Kopf auf meinen Arm, wie Du ſo oft geſchlummert!“ Und er küßte die leiſe weinende Gattin und drückte d ihren geſenkten Kopf an ſeine Bruſt. Sie aber ſchlang 185 den Arm um ſeinen Nacken und küßte wieder den edlen Mann, wie ſie ſo oft gethan. Und ſiehe, als die Rede deſſelben beendigt und die Laſt von ſeiner Bruſt gewälzt war, da wurde es ruhig und friedlich in ihm. Die Stürme waren für den Augenblick entwichen und die Stunde der Windſtille gekommen. Der Mond aber wandelte unterdeſſen un⸗ geſtört ſeine Bahn, und als er zum letzten Male freundlich in's Fenſter der Eheleute blickte, da gewahrte ſein großes Auge zwei ruhig Schlummernde, über die der Friede des Herrn ſeine ſanften Schwingen ge⸗ breitet hatte. Sechſtes Anpitel. Das Epheuhaus am Strande. Heiter, wie ſie lange nicht gelächelt, ſtieg die junge Morgenſonne aus dem baltiſchen Meere her⸗ vor und goß ihre zauberiſchen Lichtwellen voll über über den Apenrader Meerbuſen und die angränzen⸗ den Länderſtrecken aus. Luſtig ſpiegelten ſich in dem ſilbernen Waſſergrunde die bewaldeten Anhöhen, und lare Tiefe des Meeres warf das ſe lichtblauen Himmels faſt eben wie er weit hin über das Im Herrenhauſe zu Emmerslun man wie gewöhnlich früh wach geworden und allgemeine Thä⸗ tigkeit regte ſich in allen ſeinen Theilen und unter allen ſeinen Bewohnern. Jeder befand ſich an der 187 ihm zugewieſenen Stelle und vollbrachte das Seine. Schon lange vor Tagesanbruch hatten die Knechte die Pferde geſtriegelt, die Mägde die Kühe beſorgt und theilweiſe auf die Weide getrieben. Fröhliches Gebrüll und Gewieher, untermiſcht mit dem Geklin⸗ gel der Leitglocken, hallte von den Wieſen herüber, und das Stampfen der muthigen Pferde, als ſie zü⸗ gellos über den noch dampfenden Boden galoppirten, dröhnte hörbar bis in den belebten Hof herauf. Und ſo ruhig und erfriſcht die Natur um ſie her, ſo ruhig und neu aufgerichtet ſchienen auch die Bewohner nach unge⸗ ſtörtem Schlafe zu ſein, als ſie um den gemeinſchaft⸗ lichen Frühſtückstiſch ſaßen und die Arbeit des vor⸗ liegenden Tages beſprachen. Nur Einer unter ihnen verbarg ſein nachdenkliches Geſicht mit Mühe vor den prüfenden Augen der Umſitzenden. Henriks Auge ſchaute befangen um ſich her und kaum fand er die geeigneten Worte, den heiteren Fragen Agathens und dem ernſteren Geſpräche Friedrich's mit freundlicher Erwiderung zu begegnen. Haſtig auch ſprang er vom Stuhle auf, als er ſein Frühſtück genoſſen, und ſuchte ſeines älteren Freundes ernſtes Auge. „So komm, Henrik!“ ſagte Andreas und griff nach dem Hute.„Laß uns die Pferde betrachten, die Fritz gekauft, und ſehen, ob er einen guten Handel ge⸗ 188 macht.— Und Du, Fritz, haſt meine Aufträge bereits empfangen; mache Dich zeitig auf nach Apenrade und erfülle auch heute Deine Pflicht, wie Du ſie geſtern erfüllt haſt.— Adieu, Mutter, adieu, Agathe! Ich habe unten am Waſſer zu thun und Ihr werdet mich vor Mittag nicht wiederſehen. Henrik begleitet mich. Nach Tiſche fahre ich ihn ſelber nach dem Sundewitt hinüber.“ Und ſo traten die Männer, Henrik von dem viel⸗ ſagenden Lächeln Agathens begleitet, auf den Hof, wo Andreas ſeinem Hühnerhunde pfiff, ohne den er ſelten umherzuwandeln pflegte, denn er liebte die Thiere, die ſich an den Menſchen gewöhnen und ihm dienſtbar ſind. Bald waren ſie den Blicken der Frauen entſchwunden, die ſich nun auch an ihre Ar⸗ beit begaben. Agathe beaufſichtigte die Mägde in Küche und Keller, die Mutter ordnete und wirthſchaf⸗ tete mit der Stubenmagd im Innern des Hauſes herum. Zuerſt aber, ehe ſie an den Strand hinabſtiegen, erkletterten die beiden Männer das hölzerne Gerüſt am Saume des Bergrückens, um von oben herab den jungen Tag zu begrüßen, was Andreas aus alter Gewohnheit faſt jeden Morgen that. Schweigend ſchau⸗ ten ſie über die Gewäſſer und betrachteten Meer und 189 Land. Ha! Wie blitzte Alles ſo freudig und ſtrah⸗ lend aus dem dampfenden Nebel der Ferne auf! Im vollen friſchen Morgenglanze lachten die hügeligen Gefilde, das ſpiegelnde Meer, die noch matt ſchim⸗ mernden Landſpitzen von Alſen und Fünen. Schon grünten in lebhafterem Schmelze die erwachenden Wieſen, und durch die Wipfel der blattloſen Bäume jagte ahnungsvoll der leichte Morgenwind, als wolle er ſie grüßen und ihnen das Geheimniß des nahen⸗ den Frühlings verkünden, dem er voraufgegangen war. Und wie das Innere des ſich umſchauenden Be⸗ ſitzers ſo vieler ſchöner Güter auch beſchaffen ſein mochte, ſein dunkeles Auge leuchtete höher auf, als es ſein ganzes Eigenthum mit einem Blicke überflog. Konnte er ſich nicht glücklich fühlen im Bewußtſein, ſo reich geſegnet zu ſein, wie ſelten ein Menſch, konnte er nicht ruhig in die ſchlummernden Zeiten ſchauen, die in dieſem Augenblicke ſo heiter vor ihm zu liegen ſchienen? Nein, er war nicht glücklich, nicht einmal heiter. Und warum war er es nicht? Wir wiſſen es ja— nicht auf ſich, nicht auf ſeinen großen Beſitz blickte ſein ernſtes Auge, nein! über einen weiteren Kreis ſchaute es hinaus, ſein Vaterland lag ihm vor der Seele und dieſe Seele blutete bereits in lang⸗ ſam rinnenden Tropfen, denn er gewahrte mit ahnen⸗ ———;:——— dem Vorgefühle das ſchwere Verhängniß, welches ſeine nächtigen Flügel bald über dieſes ganze Vaterland ſchütteln ſollte. Nur die zagende Hoffnung, die uns nimmer verläßt: es werde, es könne vielleicht ſich Alles zum Guten wenden, dämpfte in etwas ſeinen bitteren Schmerz. O ja, die Hoffnung! Wir armen Menſchen ſind ja meiſt nur glücklich in Hoffnung, denn ſie iſt die einzige Gefährtin des Lebens, die uns nie im Stiche läßt, wo ſelbſt die Wirklichkeit treulos von unſerer Seite weicht! „Ja, Hoffnung!“ dachte auch Henrik, als er mit ſeinem ſchweigenden Begleiter die Stufen des Gerü⸗ ſtes wieder hinabſtieg und den Fußpfad betrat, der an den Strand führte.„Ja, Hoffnung! Wenn Du nicht wäreſt mit Deinem lindernden Balſam, Deinem ſanft ſtreichelnden Finger, wie keiner auf Erden die brennende Wunde kühlt!“— Die Männer langten am Strande an und hielten ſich eine Weile an dem mit Buſchwerk umgebenen Platze auf, wo die Schiffszimmerleute mit der Voll⸗ endung des Kutters beſchäftigt waren, der noch feſt auf ſeinen Schlittenklötzen lag. Nachdem der Capi⸗ tain jedes Einzelne beſichtigt und die fleißigen Arbei⸗ ter zu möglichſter Eile getrieben, ſchritt er an Henrik's Seite den Strand gegen Oſten hinauf, zur Rechten 191 das wallende Meer mit ſeinen Schollen, zur Linken den ſanft abſteigenden Hügel laſſend, der ſeinen eige⸗ nen Namen trug. Henrik ſprach kein Wort mehr, der Capitain ſchwieg ebenfalls, wie es Regel bei ihm war, wenn kein wichtiger Anlaß ſeine Lippen öffnete. Allmälig näherten ſie ſich ſo dem Orte, wo Capitain Bardow ſeine idylliſche Wohnung aufgeſchlagen, und bereits ſah man von Weitem das Häuschen liegen, deſſen Scheiben im Strahle der Morgenſonne glänz⸗ ten und deſſen epheuumrankte Mauern eine Schaar junger Möven, im leichten Winde ſpielend, mit ihren weißen Schwingen luſtig umflatterten. „Halt!“ ſagte jetzt Henrik und blieb plötzlich ſte— hen,„bis hierher und nicht weiter, Andreas! Ich habe noch Manches in meinem Innern zu überlegen, bevor ich die Schwelle jenes Hauſes überſchreite und möchte am liebſten mit mir allein ſein. Kehret jetzt um und gehet Euren Geſchäften nach. Am Mittage bin ich wieder in Emmerslund und Ihr haltet viel⸗ leicht Euer Verſprechen und fahret mich dann nach dem Sundewitt hinüber.“ „Gewiß, Henrik, ich werde ganz zu Deinen Dien⸗ ſten ſtehen. Nun, mit Gott, mein lieber Junge, lächle doch einmal fröhlich auf. So! Du haſt ja eine Freude vor Dir, was heut zu Tage eine Selten⸗ ————— 2 2————.ÿy—.jß— 192 heit iſt, und die genieße nun vollkommen. Adieu und grüße Helenen. Hoffentlich ſehe ich ſie bald und dann wollen wir es ſo einrichten, daß wir häufig des Abends um unſern Tiſch verſammelt ſind. Gehabe Dich wohl, mein Freund— auf Wiederſehn!“ Raſch trennte er ſich von dem Freunde und begab ſich mit ſeinem kurzen, energiſchen Schritte auf den Heimweg. Henrik blickte ihm eine Weile nach, dann wandte auch er ſich herum und ſchritt dem vor ihm liegenden Hauſe zu. „Welch beneidenswerther Mann!“ ſagte er zu ſich ſelber.„Welche Ruhe, welche Sicherheit in Allem, was er ſpricht, was er thut. Man fühlt ſich immer ſtark, wenn man in ſeiner Nähe weilt. Welch un⸗ ſchätzbaren Freund habe ich, haben wir Alle an ihm! O daß es Gott wollte, ich könnte ihm die Entſchei⸗ dung über mein ſüßeſtes Geſchick getroſt in die Hände legen, um durch ſeine Vermittelung ein vielleicht bald noch beneidenswertherer Mann zu werden. Aber ach! welche Thorheit, ſo Bedeutendes, Herrliches ſich als möglich zu denken, welche kopfloſe Eile, ſich in das ungewiſſe Meer der Zukunft zu ſtürzen! Langſam, langſam, Henrik, Dein Weg zum Ziele iſt noch weit, und tauſend unüberſteigliche Hinderniſſe liegen mitten im Wege. Sieh— da iſt es ja, das alte Haus, wie . 193 ſchön muß es dies Jahr im Sommer werden! Ha! wie freundlich es jetzt ſchon vor mir liegt— wie der Epheu ſich um jedes Fenſter üppig emporſchlingt, als möchte auch er es liebend, zärtlich, innig umfaſſen. O! Ich verdenke es ihm nicht, ſeine Mauern bergen einen köſtlichen Schatz! Und wie die Möven luſtig um ſein grünes Dach flattern, von dem man kaum einen Ziegel ſieht, Alles grün und friſch umhüllt vom ſchmeichelnden Hauslauche— Alles, Alles hängt und niſtet daran, will einen Theil davon für ſich haben, ſelbſt die Störche haben da oben ihr Neſt aufgeſchla⸗ gen, um in ihrer Nähe ihre kleinen Jungen zu füt⸗ tern. Und ich? O— weg, trügeriſche Hoffnung! — aber auch weg Du, angſtvolle bleiche Furcht— wenn Gott will, daß ich glücklich werde, ſo wird es geſchehen, wo nicht— ſo— ſo—“ „Hoho!“ ſchrie hier eine mächtige Stimme ihm zur Seite.„Hoho, mein Junge! Das iſt recht, daß Ihr ſo früh Euern Wimpel im Winde ſchwenkt. Das iſt ehrlich von Euch! Da, gebt mir die Hand. Nun — gut geſchlafen dieſe Nacht? Ha, ich ſage Euch, meine alte Lore hat ſich die Kehle nach Euch wund gefragt, ich mußte wahrhaftig meine Flagge gegen ihre Uebermacht ſtreichen— ſie kam mir mit zu vol⸗ lem Winde heran. Nun, lauft nicht ſo ſchnell; ſeht, A. Burns. I. 13 194 mein alter Holzſtiefel kann nicht gleichen Schritt mit Euch halten. Ich mache jetzt nur halb ſo viel Kno⸗ ten in der Stunde, wie ſonſt. Bleibt einmal hier ſtehen. Seht Euch mal das niedliche Gewächs da an— iſt es nicht eine Freude, he? Und dieſe Take⸗ lage, was meint Ihr dazu? Seht mal mein Gärt⸗ chen davor— o, den Hollunder ſolltet Ihr dies Jahr in der Blüthe ſehen und die kleinen duftenden Dinger, die Blumen— wie heißen ſie doch— He⸗ lene hat mir einen ganzen Korb davon mitgebracht. Heißa!“ Der Alte hätte noch eine halbe Stunde weiter ge⸗ ſchwatzt, wenn Henrik ihn nicht gebeten, ihn allein zu laſſen, da er gerade einen beſonderen Gedanken für ſeine Bücher zu verarbeiten habe.„Gut, mein Junge, daß das Buch nur gelinge, was Ihr da auspreßt, — aber ich verſtehe, Ihr ſperrt den Alten unter Deck, er iſt zu vorlaut geweſen. Na, nichts für ungut— gehet nur hin— ſehet und— verliebt Euch nicht zu ſehr. Ein Bischen kann nicht ſchaden, aber be⸗ denket— haha!— iſt ja noch die Frau eines An⸗ deren, eines vornehmen Mannes— haha! Nun Gott befohlen, alter Junge!“ Und er quetſchte Henrik's Hand mit ſeinen eiſer⸗ nen Fingern, daß dieſem der Athem verging, und hinkte zu ſeinen Booten, die auf den Strand gezo⸗ gen waren, damit ſie das Eis nicht zertrümmere. Henrik ſchaute wieder vorwärts und trat noch einige Schritte dem Hauſe entgegen. Vielleicht hätte er noch länger gezögert, in das Gehege deſſelben einzu⸗ treten, wenn er nicht von ferne den Capitain Meviſ⸗ ſen bemerkt hätte, deſſen Haus am nächſten lag, un⸗ gefähr einen Büchſenſchuß weit von ſeinem Nachbar, dem Capitain Bardow, entfernt. Eben ſo weit von jenem, noch mehr nach Oſten hin, hatte ſich Capi⸗ tain Kühlwetter angeſiedelt, denn die alten Seeleute lieben nun einmal, ihren Lebensabend in der Nähe des Strandes zu genießen; ſie müſſen den Wind ſo oft wie möglich beobachten, die Wellen bei Tage und bei Nacht rauſchen hören und jederzeit ein freies Stück blauen Himmels über und um ſich haben.— Als Henrik durch die kleine Thür des Gärtchens trat, das ſich rings um das Epheuhaus breitete, und er das harmloſe Stillleben bewunderte, in welchem die Bewohner dieſer Häuſer ihr unruhiges Leben be⸗ ſchloſſen, ſtörte ihn ein lauter Aufſchrei aus ſeinem Brüten auf. Und ſo ſchnell ſie konnte, kam die alte Lore, die Frau des Capitain Bardow, aus der Thür ihres Hauſes ihm entgegengelaufen. Denn ſie war etwas ſchwer, dieſe gute Frau, und von gewaltigem 13* 196 Leibesumfange, ſah aber in ihrer Tüllhaube, unter welcher ſchneeweiße Haare in reichlicher Fülle hervor⸗ quollen, und in ihrem graugewürfelten Tuchrocke ſau⸗ ber und nett wie immer aus. „Henrik, mein kleiner Knabe, Gott ſteh mir bei!“ rief ſie und ſtreckte ſchon von Weitem beide Arme nach ihm aus, als wolle ſie ihren Liebling damit umfangen.„Biſt Du da? O welche Luſt! Ha, hat der Alte alſo doch nicht gelogen— hat er wirklich einmal die Wahrheit geſchwatzt! Ja, was Du hübſch ausſiehſt, mein Sohn! Na, laß es nur gut ſein, ich kann es Dir ja wohl ſagen, die alte Lore iſt nicht zum Verlieben geſchaffen. Aber da drinnen— Hen⸗ rik, da drinnen— ſchau“— und ſie flüſterte ihm leiſe in die Ohren.„Was Du da ſehen wirſt! Na! Gott gebe den Kindern Freude, wir Alten haben ſie ja auch genoſſen! Ich wilk Dich nun nicht länger aufhalten, einige Minuten wirſt Du wohl nachher in Mutter Lorens Koje ſitzen können, nicht wahr?“ „O gewiß, Mutter Bardow!“. „Na ja, ich wußt' es ja wohl. Aber geh nur zuerſt da die kleine Treppe hinauf— da wohnt, da wohnt— hihi! laß mich einmal nach Deinem klei⸗ nen Herzchen fühlen, wie es pocht— na, voran, mein Junge, und unverzagt!“ Und ihn raſcher vor⸗ 197 wärts ſchiebend als er aus freien Stücken gehen zu wollen ſchien, zwang ſie ihn ohne Beſinnen die blank geſcheuerte Treppe zu erſteigen, die ihn zu der uns noch unbekannten Dame führen ſollte. Laſſen wir unſern Freund hier allein und wenden wir uns jetzt zu der ſchönen Strandbewohnerin, denn es wird Zeit, daß auch wir das Geheimniß kennen lernen, welches alle die guten Leute dem ahnungs⸗ loſen jungen Manne bisher nur mit Mühe verborgen haben und welches wir erfahren müſſen, ehe wir ihn bei der Dame ſeines Herzens eintreten ſehen, um Zeugen ſeiner Verwunderung und ſeiner maaßloſen Freude zu ſein. Helene war die Tochter eines reich begüterten Grund⸗ beſitzers und Kaufherrn, Namens Hammerſtein, der unter ſeinen vielen in Schleswig und Holſtein gele⸗ genen Gütern aus beſonderer Vorliebe Emmerslund auf dem Andreasberge früher bewohnte und jener ſchon erwähnte Vorgänger Andreas Burns in dieſem ſchönen Beſitzthume war. Mit der Zeit aber, da ſeine beiden Töchter heranwuchſen und ſeine Handelsver⸗ bindungen, denen er einen großen Theil ſeiner Nei⸗ gungen und ſeines Vermögens gewidmet hatte, einen immer bedeutenderen Aufſchwung nahmen, hatte er ſich zu einer Wohnungsveränderung entſchließen müſſen 198 und war nach Altona gezogen, um hier ſowohl dem Mittelpunkte des nordiſchen Handels näher zu ſein, wie auch ſeinen Töchtern eine ihren künftigen Aus⸗ ſichten entſprechendere Erziehung geben zu können. Andreas Burns Familie hatte ſtets, ſo lange des Ca⸗ pitains Thätigkeit ſelbſt noch dem Seedienſte gewid⸗ met war, in Apenrade gewohnt, und ſo war ihre Bekanntſchaft mit Helenens Vater ſchon in eine frü⸗ here Periode ihres Lebens gefallen. Der reiche Guts⸗ und Kaufherr fühlte ſich, wie Alle, die in die Nähe des Capitains kamen, von ſeinen ausgezeichneten Eigenſchaften, ſeinem feuerfeſten Charakter, ſeiner ſee⸗ männiſchen Tüchtigkeit und ſeinen patriotiſchen Nei⸗ gungen unwiderſtehlich angezogen, und ſo verband dieſe in vielen Punkten ſo entgegengeſetzten, in andern ſo übereinſtimmenden achtungswerthen Männer ſehr bald ein unzerreißbares Band vollkommener Ergeben⸗ heit und Freundſchaft, welches durch den Abzug des reichen Mannes nur äußerlich gelockert, niemals aber innerlich aufgehoben wurde. Schon in früher Jugend alſo war Helene mit den Kindern des Capitains in nähere Berührung gekommen und auch die in der Nachbarſchaft wohnenden Kinder wohlhabender Eltern waren ihre Spielgefährten geweſen. Unter dieſen zeichnete ſich vor Allen der Sohn eines treuen Freun⸗ 199 des beider Männer aus, eben unſer Henrik Paulſen, der ſchon im jugendlichen Alter durch ſeine knaben⸗ hafte Unerſchrockenheit, ſein zartfühlendes Herz und ſeine geiſtigen Eigenſchaften, die frühzeitig eine ernſte Richtung nahmen, die Aufmerkſamkeit und Vorliebe der Männer auf ſich zog. Helene, die etwa ſechs Jahre jünger war als Henrik, wuchs mit dieſem auf und, wie es bei ſolchen Verhältniſſen häufig zu ge⸗ ſchehen pflegt, eine freundſchaftliche Neigung verband Beide von Jugend an, die indeſſen dadurch gewaltſam geſtört wurde, daß zuerſt Henrik nach Kiel auf die Schule, ſpäter auf die Univerſität kam, und ſodann Helene ihrem Vater nach Altona folgte. Hier wurde die Erziehung des aufblühenden Mädchens mit allen Mitteln, die dem reichen und angeſehenen Manne zu Gebote ſtanden, vollendet. Wenn nicht im Luxus, doch gewiß im Ueberfluſſe erzogen, ohne Leitung einer liebenden Mutter, die ſchon frühe geſtorben war, blieb das Kind ſtets den Händen gelehrter Erzieherinnen überlaſſen und bildete ſo unter fremder Sorgfalt ſeinen Charakter aus. Dieſer nahm bei vorrückenden Jahren eine merklich erkennbare ernſtere Färbung an. Helene war körperlich und geiſtig frühzeitig entwickelt und von der Natur mit einem klaren, umfaſſenden Geiſte und einem feinfühlenden Herzen begabt; Beides, in⸗ 200 dem es Nahrung und Wachsthum ſuchte, ſprach ſich ſehr bald in ihrem ganzen Weſen aus, ohne jedoch von ihrem viel beſchäftigten Vater recht begriffen und vollſtändig gewürdigt zu werden. Eine vorherrſchende und faſt leidenſchaftliche Neigung aber konnte ihr der Aufenthalt in der belebten Stadt und der Umgang mit reichen Leuten niemals rauben— das war die ſeltſam und dauerhaft vorherrſchende Liebe zu ihrem ehemaligen Aufenthaltsorte, zu Emmerslund auf dem ſchönen Andreasberge. Hier weilten tagtäglich ihre Gedanken, hier zogen ſie alle ihre ſüßen Empfindungen hin, denn hier blühte die poetiſche Blume ihrer Ju⸗ gend, und je älter ſie wurde, um ſo inniger, lebhafter ſehnte ſie ſich mit wachſendem Verlangen nach der ſtillen Gegend am Strande des Meeres zurück. Aber das Schickſal verſagte ihr hartnäckig die Erfüllung dieſes brennenden Verlangens, ihr Vater gab in die⸗ ſem einen Punkte nie ihrem Wunſche nach und nur einige Male ward es ihr geſtattet, die Familie des Capitains, der vom Seeleben ſich endlich ganz zurück⸗ gezogen, auf kurze Zeit zu beſuchen. Dieſe kurzen Beſuche aber beſtärkten ſie immer mehr in der Vor⸗ liebe für ihre Heimat, ja, ſie gaben allen ihren ſpã⸗ teren Wünſchen eine entſchiedene Richtung. Denn bald wurde das ſchöne, von Allen, die es ſahen, be⸗ 201 wunderte Mädchen zur ernſteren Entwickelung ihres Lebensſchickſals gedrängt und gerade der Vater, der für ſein einziges ihm übrig gebliebenes Kind— denn die jüngere Schweſter war bald nach ihrer Ankunft in Altona geſtorben— das Beſte zu erwählen glaubte, trieb ſie wider Willen und Wiſſen dieſer Entwickelung entgegen. Der einzige Sohn eines der reichſten Patrizier in Altona ſah eines Tages Helene und glaubte klug und weiſe zu thun, wenn er ſie zur Gattin erwählte. Bald waren die entzückten Väter einig und vollkommen der Meinung, daß auch ihre Kinder von dieſer Verbin⸗ dung entzückt ſein müßten. Arnold Parrhiſius war ein junger, äußerlich ziemlich begabter, innerlich hohler Menſch, wie man ſie in großen Handelsſtädten und reichen Familien ſehr häufig findet. Einzig und allein den genußreichen Freuden des Lebens ergeben, ver⸗ ſchwendete er in früher Jugend ſeine Kräfte, die für ein ganzes Leben auszureichen beſtimmt waren. Mit vierundzwanzig Jahren war er bereits zu jener troſt⸗ loſen Ueberzeugung gelangt, daß, dies Leben eigent⸗ lich ſehr langweilig ſei, da es weder genügende Reize, noch dauernde Genüſſe, noch ſ ſonſt etwas biete, was des täglichen Aufſtehens und Niederlegens, des An⸗ und Auskleidens werth wäre. Helenens Schönheit, .——-ↄ·œr 202 ihre Bildung, ihr Geiſt und vor allen Dingen die eigenthümliche Richtung ihres ſelbſtändigen, feſt ent⸗ wickelten Weſens, welches die Welt nach eigenen An⸗ ſichten, nicht nach den einſeitigen Lehren ihrer Er⸗ zieher zu betrachten liebte, zogen ihn leidlich an, und er hielt es für möglich, daß der Duft dieſer ſeltenen Blume geeignet ſei, ſein überlebtes und ermüdetes Gehirn für die ganze Lebensdauer zu berauſchen. Helene hatte nicht viel Zeit, einen Entſchluß zu faſſen, der für ihr Leben ſehr folgenſchwer werden konnte, woran ſie indeſſen bei ihrer Jugend damals nicht dachte. Sie liebte keinen Mann vorzugsweiſe; ihre Neigungen flatterten bei Weitem mehr um die Schöpfungen der Dichter, a n ſie ſchwärmte allein für die Gedanken und Empfindungen, die ſie von jenen höher begabten Weſen ausſprechen hörte, und nur in ihrem Innern hatte ſich unbewußt die Geſtalt und das Weſen eines angebeteten Gegenſtan⸗ des ausgebildet, der mehr vom Engel als vom Men⸗ ſchen an ſich tragen mochte. So glaubte ſie, wie viele Töchter reicher Eltern, daß dieſe oft geprieſene Liebe nur in den Worten der Dichter lebe, und daß es für ein Mädchen nur aus hergebrachter Sitte noth⸗ wendig ſei, einen Mann zu heirathen; und da ſie überdieß ihren Vater glücklich machte, wenn ſie ſeinen 203 Wünſchen baldiges Gehör ſchenkte, ſo hielt ſie ihre Zuſtimmung nicht zurück und ward, mehr im Traume als bei vollem Bewußtſein, die Verlobte des jungen Patriziers. Die Verheirathung des ſo verſchiedenen Paares wurde aber auf ſechs Monate hinausgeſchoben. Anſtatt bei ſeiner Braut zu bleiben, ſie kennen zu lernen und an ſich ſelbſt zu prüfen, ob ſie wirklich für ſeine Anſichten der Dinge geſchaffen, zog der Bräu⸗ tigam es vor, noch eine Weile die kurze Freiheit zu genießen und in der Welt umherzuſchweifen, wie ſo viele Leute umherſchweifen, die reich und gelangweilt ſind, nicht um ſich zu bilden, ſondern um ſich zu ver⸗ gnügen und die Zeit zu vertreiben. Nachdem er mit einer Schaar gleichgeſinnter Freunde Frankreich, Italien und die Schweiz durchflogen, kam er erſt drei Tage vor ſeiner ehelichen Verbindung nach Altona zurück. Helene war erſchrocken, als ſie ihn wiederſah. So hatte ſie ſich den Mann nicht vorgeſtellt, dem ſie ihr ganzes Leben weihen ſollte. Er war kränklich, bleich, entſtellt; er bellagte ſich ſelbſt, geiſtig erſchöpft, inner⸗ lich verödet uͤnd vor allen D Dingen leiblich übermüdet zu ſein. Schlafen, ſchlafen— das war die einzige Erholung, wonach er Verlangen trug, und das un⸗ abweisliche Bedürfniß, dem ſeine Natur erlag. Von den drei Tagen, die er vor ſeiner Hochzeit in Helenens 204 Nähe verlebte, verſchlief er beinahe ſechszig Stunden, und von den übrig bleibenden zwölf brachte er nur jeden Tag eine halb träumend bei ſeiner Braut zu. Das fiel aber Niemandem beſonders auf, als eben Helenen; ſeine Umgebung war längſt an ſolch ſelt⸗ ſames Betragen gewöhnt, und ſein und ſeiner Braut Vater hatten zu viele Geſchäfte, um ſich um die Son⸗ derbarkeiten ihres Sohnes zu kümmern. So kam der Hochzeitstag heran. Im bräutlichen Schmucke er⸗ wartete die lebensfriſche, ſchöne Braut den abgelebten, traurigen Bräutigam. Als er in den Saal trat, wo die verſammelten Verwandten und Freunde die Feier begehen helfen wollten, entſtand eine ſeltſame Auf⸗ regung. Keiner ſchaute den todesmatten Bräutigam, alle nur die verwunderte Braut an, erwartungsvoll, was ihre ſprechenden Mienen für Gedanken oder Gefühle ausdrücken würden, wenn ſie das ſtrahlende Auge auf den bleichen Mann richtete, der theilnahm⸗ los ihr gegenüberſtand und mehr einem Schiffbrüchi⸗ gen als einem Manne glich, der eben die glücklichſte Stunde ſeines Lebens feiern ſollte. Die Ceremonie war vorüber, Helene war die Gat⸗ tin Arnold Parrhiſius geworden, und die Hochzeits⸗ gäſte ſaßen bei der Tafel. Da geſchah etwas Ent⸗ ſetzliches. Der Bräutigam, anſtatt im Beſitze einer ſo —— 205 ſchönen Braut, mit der er noch kein Wort gewechſelt, glückſelig zu ſein, ſtarrte wie ein Verlorener, Verzwei⸗ felnder vor ſich hin. Plötzlich aber ergriff er ein Meſſer und erhob den Arm, um es in den Buſen ſeiner Gattin zu ſtoßen. Er hatte den Verſtand völ⸗ lig verloren und verfiel in eine unbändige Raſerei. Das Uebrige iſt bald geſagt. Mit dem Hochzeits⸗ ſchmauſe war es natürlich ſehr raſch zu Ende gegan⸗ gen und der Unglückliche in die Wohnung ſeines Va⸗ ters gebracht. Hier wurde er anfangs ärztlich behandelt und bewacht, bald aber fand man es nothwendig, ihn in ein Irrenhaus zu bringen. So waren Helenens Flitterwochen vergangen. Sie war die Frau eines ungeliebten, wahnſinnigen Mannes geworden, ſie hatte einen anderen Namen angenommen, ohne die ſüße Erfahrung zu machen, welche Bedeutung in ſolcher Umwandlung des weiblichen Geſchickes liege. Erſt von dieſem Aügenblicke ging dem jungen unerfahrenen Weſen eine neue Welt auf. Das lachende Mädchen war in ein ernſtes, nachdenkliches Weib verwandelt; der Schmerz des Lebens war in ihr erwacht, nicht aus von Liebe gebrochenem Herzen, ſondern aus zu ſpät gereifter Erkenntniß hervorgegangen. Sie fühlte, daß ſie ein Weib ſei, geboren zum Leben, das heißt zum Lieben, und dieſes Leben war ihr verſchloſſen, 4 206 vielleicht bis zu einer Zeit, wo ſie nicht mehr lieben und geliebt werden konnte, das heißt auf ewig. So ſchuf ſie ſich ein künſtliches Leben, das Leben des Ge⸗ dankens, der Empfindung, der Phantaſie. Sie fing das Leben der Menſchen überhaupt zu ſtudiren an und fand, daß der Kernpunkt deſſelben ganz wo an⸗ ders liege, als ſie bisher geglaubt. Das reine Son⸗ nenlicht des Selbſtgenügens, ohne von Selbſtſucht verdunkelt zu ſein, ging ſtrahlend in ihr auf; ihre bisherige Umgebung, die dem Geſchäfte und dem Vergnügen gewidmete Stadt ſchien ihr nur von den Schatten eines verfehlten Daſeins bevölkert zu ſein. Sie ſehnte ſich fort aus dieſem Chaos, deſſen Ruhe⸗ ſtunde nur um Mitternacht ſchlägt; das allgemeine Mitleid, die laute Theilnahme ihrer Eltern und Be⸗ kannten wurde ihr je länger je mehr eine unerträg⸗ liche Laſt. Zu ihrem unglücklichen Manne durfte ſie nicht mehr, ihre Anweſenheit verſchlimmerte ſtets ſein Uebel ſichtbar, ſo daß die Aerzte ihre Beſuche endl ii ganz unterſagten. So zog ſie zum erſten Male vor fünf Jahren in das Epheuhaus am Strande, welches früher ihrem Vater gehört hatte, aber ſchon vor zehn Jahren vom Capitain Bardow erworben war. Vergeblich hatte Andreas und ſeine Familie ſich bemüht, ſie in ſein 8 207 Haus zu ziehen; ſie lehnte alle ſeine einladenden Bitten freundlich aber entſchieden ab, denn ſie wollte allein, ſelbſtändig, völlig ungebunden ſein. Ihre Ein⸗ ſamkeit, jetzt ihre ſüßeſte Freundin, genügte ihr voll⸗ kommen, und wenn ſie einmal eine Neigung zu ge⸗ ſelligem Verkehre ſpürte, ſo konnte ſie ſie ja jeden Augenblick befriedigen, indem ſie ſich nach Emmers⸗ lund begab. Hier, unter dem Schutze dieſes ſeelen⸗ ſtarken Mannes und im vertraulichen Umgange mit ſeiner Familie wurde Helene eine Patriotin aus Ue⸗ berzeugung, denn hier las, hörte und ſah ſie, welche Laſt ihrem Vaterlande von dem übermüthig herrſchen⸗ den Inſelvolke aufgebürdet war, eine Patriotin, wie es ihre Landsmänninnen noch heutigen Tages mit ganzem Herzen, ganzer Hingebung, ganzer Begeiſte⸗ rung ſind. Ein bemerkenswerther Umſtand, den ein geiſtreicher Beobachter*) für einen ſchlagenden Beweis hält, daß die bevorſtehende Bewegung in den Herzog⸗ thümern keine gemachte, ſondern aus dem verletzten Gefühle des Volkes ſelbſt hervorgegangene war, die tiefe Wurzeln geſchlagen und darum nicht vorüber⸗ gehend ſein kann.— Hier begann Helene zu wün⸗ ſchen, zu hoffen, zu leben für ihr Vaterland, welches *) Ferdinand Fiſcher: Drei Tage in Holſtein. Leipzig 1846. * 208 ihr Eltern, Geſchwiſter und einen Gatten erſetzen ſollte. Sie blieb den erſten Sommer bis zum letzten Oktober bei dem alten Bardow wohnen. Dann ging ſie zu einer Freundin auf ein abgelegenes Gut im Süden. Als aber die erſte Frühlingsblume der er⸗ wachten Flur entſproßte, bezog ſie wieder ihr Lieb⸗ lingshaus am Strande, welches ſie unterdeſſen aus eigenen Mitteln hatte erweitern und zu, ihrer Auf⸗ nahme vorbereiten laſſen. So war es vier Jahre hinter einander geſchehen. In dieſen vier Jahren hatte Henrik Paulſen ſie oftmals wieder geſehen und der traurige Roman ſeines Lebens hatte ſich zu ent⸗ wickeln begonnen. Liebend, wie je ein Mann ein Weib geliebt hat, durfte er dennoch nicht von ſeiner Liebe ſprechen, denn Helene war das Weib eines An⸗ deren; ja und was das Schrecklichſte für ihn war, man hatte ſogar im letzten Jahre von einer bevor⸗ ſtehenden Heilung des kranken Gatten geſprochen und eine neue Verbindung Helenens mit ihm für möglich gehalten. Stets hatte es Henrik einzurichten gewußt, einen Theil des Sommers auf dem Pachthofe im Sundewitt zu verleben, um dadurch ſeinem Idole nä⸗ her zu ſein; von da aus ſah er ſie ſo oft wie mög⸗ lich, aber nie im Epheuhauſe, als höchſtens bei der erſten und letzten Begrüßung, wenn er kam und wenn 209 er Abſchied nahm; ſtets nur traf er mit ihr in Em⸗ merslund zuſammen, wohin ſie faſt täglich ging, mochte das Wetter nun günſtig ſein oder nicht. Alle Freunde in der Nachbarſchaft kannten die fruchtloſe Anhänglichkeit des geduldigen Mannes, alle ſchloſſen ſich um ſo herzlicher an ihn an, denn ſie achteten und liebten ihn, wie er geachtet und geliebt werden mußte, wenn man ihn näher kannte. Aber was half das? Helenens Gatte lebte, und ſie war und blieb für ihn das Weib dieſes Gatten. Ob Helene ihn wieder liebte? Wir wiſſen es noch nicht, aber— wir glauben es kaum. Denn Helene liebte einen Anderen oder vielmehr Einen, den ſie ſich ſelbſt im Traume, im Geiſte, wenn auch mit unkla⸗ rem Bewußtſein, als Geliebten vorgeſtellt. Wer dieſer Andere war, werden wir heute noch erfahren. Daß ſie aber Henrik ſchätzte, daß ſie ihn in vielen Dingen mit ihrem Vertrauen beehrte und alle ſeine vortreff⸗ lichen Eigenſchaften anerkannte, das bedarf keiner Frage, darüber hatte ſie ſich oft genug gegen Gertrud und Agathe ausgeſprochen, das hatte ſie ihm ſelbſt durch tauſend untrügliche Beweiſe zu erkennen gege⸗ ben. Aber von dieſer Hochſchätzung bis zur Liebe— das war noch ein gewaltiger Sprung, und dieſen Sprung zu unternehmen, dazu fehlte es dem rück⸗ A. Burns. I. 14 ———-— ⁰-ᷣꝓ́— 210 ſichtsvollen jungen Manne an Allem, an Gelegenheit, an ſicherem Selbſtvertrauen, vor Allem aber an des Himmels Zuſtimmung. Doch dieſe Zuſtimmung hatte endlich der Himmel ſelber gegeben, und das war das Geheimniß, welches wir geſtern und heute die Bewohner von Emmers⸗ lund Henrik haben verbergen ſehen. Helenens Gatte war im Irrenhauſe geſtorben, nachdem ſein Vater ſchon ein Jahr früher vor Gram aus dieſem Leben geſchieden war, und Helene war die Erbin des gan⸗ zen Vermögens ihres Gatten und ihres eigenen Vaters geworden, der bald darauf ebenfalls das Zeitliche ge⸗ ſegnet hatte. Darum war ſie diesmal ſo früh ge⸗ kommen; ſie wollte ſich den ganzen Frühling, den Sommer und Herbſt, und vielleicht ſogar den Winter über auf ihrem Ruheſitze aufhalten und erholen, wo Niemand ſie ſtörte, wo ſie ganz ihren Gedanken und Gefühlen leben und in dem Genuſſe der reizenden Natur ihren Phantaſiegebilden ſich überliefern konnte. Vor drei Tagen erſt war ſie, wie wir wiſſen, ange⸗ langt, im Trauerkleide, das ihr ſo ſchön ſtand wie kein anderes. Dieſe große Veränderung ihres Ge⸗ ſchickes mit eigenen Augen zu entdecken, war nun Henrik durch die Verſchwiegenheit ſeiner Freunde vor⸗ behalten, indem man ſich vorſtellte, daß der arme 211 Mann, der jüngſt ſo herbe Leiden erfahren, dadurch reichlich entſchädigt werden würde, denn man erwar⸗ tete allgemein, daß Helene, obgleich ſie ſich nie über dieſen Punkt ausgelaſſen, insgeheim Neigung genug zu Henrik bewahre, um ihm nach Verlauf der üblichen Trauerzeit ihre Hand zu reichen. So ſtanden alſo die Sachen am heutigen Tage, und es bleibt uns nur noch übrig, die äußere Er⸗ ſcheinung der geheimnißvollen Wittwe zu ſchildern, was uns ſehr leicht gelingen wird, da wir ſie jetzt in ihrem eigenen Hauſe vor Henrik's Ankunft beſuchen wollen. Capitain Bardow's Haus hatte vor vier Jahren ein zweites Stockwerk mit gefälligen Zimmern erhal⸗ ten, die einfach aber geſchmackvoll und eines ſo ſchö⸗ nen Weſens, wie Helene war, würdig ausgeſtattet waren. Blumen und Gewächſe aller Zonen hatten Schiffe und Wagen in Fülle gebracht, Möbel, Tep⸗ piche, Gemälde und alle ſonſtigen Zierrathen, mit de⸗ nen wir unſere häuslichen Räume zu ſchmücken pfle⸗ gen, waren theils von Andreas Burns, theils von den drei Capitainen an verſchiedenen Orten beſorgt oder von Helenen ſelber geſchickt worden. Die junge Wittwe hatte alſo nicht allein ein einſames, beque⸗ mes, ſondern auch ein zierliches Obdach. Ein wohl⸗ x „ 14 212 erzogenes Mädchen, Käthe mit Namen, und ein be⸗ 4 jahrter Diener, Ernſt Baring, hatten ſie immer beglei⸗ tet, ſo auch diesmal. An Capitain Bardow und ſeiner Frau hatte ſie hinreichenden Schutz und An⸗ halt, und bedurfte ſie eines mächtigeren Beſchützers, ſo war der Commodore ſtets ſehr bald in ihre Nähe zu beſcheiden. So treten wir denn in ein traulich warmes, von milden Wohlgerüchen lieblich duftendes Gemach von ziemlicher Höhe und Tiefe. Durch zwei von ſchnee⸗ weißen Vorhängen leicht beſchattete Fenſter ſehen wir das leiſe fluthende Meer, welches ſeine glitzernden „Eisſchollen am harten Kiesufer allmälig zerſchellt und zerreibt, und jenſeit deſſelben den im Morgenlichte glänzenden Sundewitt, deſſen hie und da vorſprin⸗ gende Landſpitzen ſehnſüchtig herüberblicken. Wenden wir unſern Kopf zur Rechten, ſo ſchauen wir tief in den Apenrader Buſen, beinahe bis in ſeine letzte Krümmung hinein, wenden wir ihn zur Linken, ſo reichen wir weit über die Mündung deſſelben hinaus, von wo ſeine Wogen vom baltiſchen Meere herein⸗ ſtrömen. Von dieſem Fenſter aus ſieht ſich alſo der Winter noch behaglicher an, als von der bewaldeten Höhe des Andreasberges. Wir ſind der lebendigen Welt um einen Schritt näher gerückt und dennoch 213 athmet tiefe Stille und heimliche Einſamkeit weit um uns her. Wir hören deutlicher die ſtürzende Welle rauſchen und können die Möven zählen, die mit blitzendem Fittiche über den eiſigen Schaum fliegen. Die vorüberſegelnden Schiffe, denen wir Grüße zu⸗ winken, können wir beinahe anrufen und, wenn es uns behagt, dicht vor dem Gärtchen des Hauſes in ein Boot ſteigen und von kundiger Hand uns ſicher über die Gewäſſer rudern laſſen. In welche der an⸗ gegebenen Richtungen nun ſchweifen die blauen Au⸗ gen und mit welchem Gegenſtande da draußen be⸗ ſchäftigen ſich die ſtillen Gedanken des ſchönen Weibes, welches, ein offenes Buch auf dem Schooße haltend, auf einem Seſſel in unmittelbarer Nähe dieſes Fen⸗ ſters, nachdenklich zurückgelehnt ſitzt? O, nicht mit der Außenwelt ſind ihre Gedanken in dieſem Augen⸗ blicke beſchäftigt, um dieſe bekümmern ſie ſich heute ſehr wenig,— ſie blicken vielmehr in die eigene Seele hinein, ſie beſchwören ein oft bewundertes Bild herauf, welches in dieſer geprüften Seele wohnt, ein Bild, ſchön und heiter, jugendlich und doch männlich, ſüße Worte redend und doch zu kräftigen Thaten entſchloſ⸗ ſen, nicht allein geiſtig geſund und friſch, ſondern auch leiblich lebend, mächtig und gewaltig in Hoff⸗ nung. Und woher ſtammt dies Bild? Aus den Zei⸗ 214 len des Buches, welches vor ihr liegt und deſſen Titel wir ſogleich aus dem eigenen Munde der Leſerin er⸗ fahren werden, iſt es an das Tageslicht ihrer Gedan⸗ ken hervorgeſtiegen.— Aber wie iſt dieſe Geſtalt be⸗ ſchaffen, die vor unſern Augen halb ſitzt, halb liegt? O wenn ſie doch ſtände, daß wir ihren vollkommenen Wuchs ungehindert betrachten, daß wir dieſe Run⸗ dung und Fülle der Schultern, des Nackens, der Hüf⸗ ten von allen Seiten bewundern könnten! Nein, das können wir jetzt noch nicht, aber wir ſchließen aus Allem, was wir ſehen, daß es eine vollendete Schön⸗ heit an Körper und Antlitz iſt, welche wir vor uns haben. In höchſter Blüthe des Lebens prangt dieſer volle und elaſtiſche Leib, jedes Glied an ihm iſt rei⸗ 1 zend und üppig zugleich geformt. Ihre Arme, ihre Hände, ihre Füße, von denen ſie nur den einen zeigt, indem ſie ihn auf eine kleine Bank ſtützt, entſprechen allen Anforderungen, die das Auge des wähleriſchen Mannes an ein ſchönes Weib machen kann. Und wie ſtolz und anmuthig zugleich umwallt ſie das ſchwere, ſchwarzſammtene Gewand, in welches dieſer wundervolle Körper gehüllt iſt, wie ſchließt es ſich feſt um die prangenden Formen der Bruſt, des ſchneei⸗ gen Halſes, den nur ein einfacher ſchwarzer Seiden⸗ ſtrich umfängt. Wahrlich, eine ähnliche Erſcheinung — 215 muß Maria Stuart geweſen ſein, als ſie, über ihres Lieblings Schönheit nachſinnend, in ihrem Söller am Meeresrande ſaß, ihn vielleicht erwartend, vielleicht erſehnend. Doch wir haben keine Maria Stuart vor uns, einmal keine Königin, ſodann keine buhleriſche Schönheit, denn Helene iſt ein engelreines, keuſches Weib, eine Jungfrau im Denken und Empfinden, deren Lieben und Hoffen noch in der Knospe ruht. Auch iſt ihr Haar nicht blond, ſondern dunkelbraun; glänzend und reich, von der frei blickenden alabaſternen Stirn ganz zurückgeſtrichen, läuft es hinten im Nacken zum künſtlichen Neſte zuſammen, deſſen ſchwere Flech⸗ ten zwei düſter funkelnde Granatenknöpfe— der ein⸗ zige Schmuck an ihrem ganzen Körper— mühſam an einander halten. Und wie iſt ihre Geſichtsfarbe, die Form ihrer Züge beſchaffen? An Farbe kommt ſie faſt der Agathens gleich, denn auch ſie iſt ja ein nordiſches Weib, wie Leonardo da Vinci ſie liebte und malte; an Ausdruck der Züge, an Harmonie der Farbe nur iſt ſie vollendeter, gereifter, geiſtiger und von ausgeprägterem Charakter. Auch ihr blaues Auge iſt ſtrahlender, ſprechender, voller und größer, und was die übrigen einzelnen Schönheiten dieſes ſinnigen Antlitzes betrifft, über welches, wie der leichte Schatten einer ſchwebenden Wolke, eine melancholiſche 216 Ruhe gleitet, ſo entſprechen ſie vollkommen denjeni⸗ gen, welche wir bereits mit immer noch zu matter Feder aus der Erinnerung hier entworfen haben. Wenn man Helenen mit Agathen vergleichen wollte, ſo könnte man ſagen: Agathe iſt ein unſchuldiges, ſanftes, neckiſches Naturkind, Helene ein ausgeprägtes, durch des Lebens Schmerz verklärtes und vergeiſtigtes Weib; Agathe iſt eine ſpielende Elfe, Helene eine königliche Fee; Agathe iſt der verheißende Frühling, Helene der gewährende Sommer; Agathe— ja, ſa⸗ gen wir es nur gerade heraus— ein verliebtes Mädchen, Helene ein Liebe ahnendes, aber auch Liebe gewährendes Weib, wenn ſie ſo glücklich ſein ſollte, Denjenigen aus den vielen Millionen Männern der Erde herauszufinden, den der göttliche Vater da oben für ſie geſchaffen hat. „Wie oft,“ ſagte Helene ſtill nachdenkend zu ſich ſelber,„habe ich dieſes liebe Buch nun ſchon gele⸗ ſen, und wie oft werde ich es noch leſen? Ich kenne beinahe jeden Gedanken darin auswendig und immer wieder treibt mich eine innere Gewalt, ihn noch ein⸗ mal in dieſen Blättern zu ſuchen, ihn mir zu ver⸗ körpern, ihn mit meinem Geiſte zu verſchmelzen. Iſt es die Liebe zum Vaterlande, die mich am meiſten darin anzieht, oder iſt es der Schwung der Phantaſie —— 217 des Redenden, der mich berauſcht? O, es iſt beides, beides, ich kann keins vom anderen trennen.— Oft iſt mir, als hörte ich die Worte hier laut zu mir ſprechen; es weckt mich plötzlich inmitten der Nacht ein ſeltſam klingendes Geräuſch vor meinen Ohren— ich wache erſchrocken und doch freudig auf, denn es ſpricht mir ein unbekanntes Weſen laut und deutlich die lieben Gedanken vor. Und doch iſt das nur eine Täuſchung, doch iſt nur mein Geiſt ſo lebhaft er⸗ griffen, daß er ſelbſt im Schlafe davon nicht laſſen kann.— Aber welche verführeriſche Macht liegt auch darin, welche gewaltige Tiefe und Poeſie tritt uns aus den Ideen dieſes Buches entgegen! Stimmen der Völker! Ja, auch ich höre Euer Brauſen und Fluthen, und verſtehe Euch wohl. O, wer Euer lei⸗ ſes Wimmern, Euer wehklagendes Weinen, Euern laut tobenden Schmerz einmal erſt hat ausſchreien hören, der kennt Euch, Stimmen der Völker, der ver⸗ nimmt Euern Ruf, ob er aus der Mitte der Civili⸗ ſation oder aus den Steppen der Wildniß herüber⸗ tönt. Und wer kein Herz hat für die Völker, die mit ſolchen Stimmen zu uns reden, um Haß und Groll gegen diejenigen zu empfinden, die dieſe Völker un⸗ terdrücken, der hat überhaupt kein Herz, weder für den liebreichen Schöpfer, noch für das wehklagende Geſchöpf! 218 Ein ſchöner Titel: Stimmen der Völker! Wer dem Verfaſſer wohl denſelben eingegeben hat! O, offenbar ſeine Seele, ſein Geiſt, die voll Betrübniß ſind und doch voll Hoffnung zu dem Urquelle gött⸗ licher Verheißung dringen! Ich möchte ihm auch ein⸗ mal nachflattern, wenn er ſich zu der Höhe empor⸗ ſchwingt, wo er, forſchend wie ein Adler, aber auch milde und Frieden tragend wie eine Taube, auf die unter ihm ſtöhnenden Völker hinabſchaut! Aber ach, mir ſind die Schwingen dazu verſagt, nur Männer fliegen ſtolz der Sonne entgegen, wo wir Frauen de⸗ müthig über dem Erdboden flattern. Ich kann nur fühlen, vielleicht auch verſtehen, was er mit ſo gewal⸗ tiger Stimme zu der aufhorchenden Welt ſpricht, und damit muß ich mich begnügen.— Und daß er keinen Namen hat, dieſer liebe Freund! Wie wunderbar! Aber wenn auch nicht ſeinen Na⸗ men, ſeine Perſon kann ich mir jedenfalls vor⸗ ſtellen,— ob richtig, ob falſch, das iſt freilich die Frage. Wie oft habe ich ſchon darüber nachgedacht und niemals etwas Sicheres, Entſchiedenes gefunden. Und wie alt mag er wohl ſein? O, ein gereifter Mann iſt er gewiß, dafür ſpricht ſchon ſeine Erfah⸗ rung, ſein Wiſſen, ſeine Kenntniß von allen möglichen Verhältniſſen der Welt. Und doch hat er eine ſo 219 jugendlich blühende Phantaſie, daß er noch jung, wenigſtens von Herzen ſein muß. Aber das Herz iſt ja immer jung und der Geiſt immer friſch, wem die Natur einmal mit beiden ein Geſchenk gemacht hat. Die ewige Jugend iſt ja die charakteriſtiſche Gabe für ſie, darum nennt man dieſe Weſen begabt, darum dauern ſie länger im Schalle und Gewoge der Völ⸗ ker, während unſer Name verſchwindet und ausge⸗ ſtrichen iſt, ſobald wir das Auge geſchloſſen haben. Welch trauriger Gedanke, ſeinen Namen auf ewig er⸗ loſchen zu ſehen! Hu, mich friert dabei, ich mag ihn nicht weiter denken.— Aber— ſoll ich noch einmal dieſes Mannes gedenken, von dem ich vorher ſprach? Ja, ich will's, die Sonne lächelt ſo heiter, und ſo will auch ich einmal heitere Gedanken hegen und pflegen. Ich möchte ihn wohl einmal mit meinen Augen ſehen. Wenn er nun plötzlich, wie hergezau⸗ bert, vor mir ſtände? Was würde ich ſagen? Würde ich Worte haben, ihn zu begrüßen, ihm zu danken? Nein, das würde ich nicht— aber was würde ich thun? Seltſame Frage, was kann ein Weib ſagen und einem Manne thun, den es vergöttert?“ V Und ſie küßte das Buch, das ſie inſtinktmäßig zu ihren Lippen erhoben, raſch, aber darum nicht weni⸗ ger innig, und ließ es dann leiſe auf die ſchwellende 220 Bruſt gleiten, wo die Frauen halten, was ſie am liebſten haben, als wolle ſie damit das ungeſtüme Pochen zurückdrängen, welches aus der Tiefe ihrer Bruſt herauf beinahe hörbar bis zu ihren Ohren hämmerte. „Närriſche Frauen wir! Wenn wir etwas lieben, drücken wir gern unſere Lippen darauf und halten es an unſerm Buſen, den uns die Natur zur Wiege des Lebendigen gegeben hat— doch, das mag wohl ei⸗ ner Blume genügen oder einer Taube— aber einem Manne, wie dieſem? Wenn er das nun eben geſehen und gehört hätte, was müßte er denken? Kann er ſich wohl denken, daß ich ihn liebe— ja— liebe? Aber wie kann das Liebe ſein, was wir für Jemand fühlen, den wir nicht kennen, den wir nie geſehen ha⸗ ben? O, mit dieſer Liebe hat es doch wohl nicht ſo viel zu bedeuten, das iſt nur die Liebe zu ſeinen Ge⸗ danken, die unſere Vertrauten ſind, und von dieſer bis zur Liebe ſeiner Perſon iſt wahrſcheinlich ein Sprung, den ich noch nicht gethan, ein Unterſchied, deſſen Größe ich noch nicht einmal ermeſſen kann!— Daß dem erſten Theile aber noch immer nicht der zweite folgen will! Zehnmal habe ich darum nach Hamburg geſchrieben und immer noch nicht iſt mein Wunſch erfüllt worden. Wie lange werde ich noch 221 warten müſſen! O, er iſt ſo träge, dieſer gute, liebe Mann; wenn er wüßte, wie man Verlangen trägt, ihn weiter zu leſen, er würde ſich gewiß mit ſeiner Arbeit beeilen. Sagt es ihm, Lüfte, rauſcht es ihm zu, Ihr Wellen da draußen, daß ein Augenpaar ſehn⸗ ſüchtig auf ſeinen Flügelſchlag wartet, daß eine ver⸗ laſſene Seele ſeiner Aufmunterung bedarf! O Lüfte und Wellen, ja, Euch kann man Alles ſagen, Ihr ſeid verſchwiegen, ſo laut Ihr auch bisweilen redet; o, redet einmal zu mir, aber recht deutlich, daß ich Euch verſtehe. Aber ach! man verſteht Euch ſelten. Jedem ſagt Ihr etwas Anderes und vielleicht Nie⸗ mandem das Rechte. Der Eine überſetzt Euer Ge⸗ murmel in Beifall, Euer Brüllen in Zorn, dem An⸗ deren tönt Eure Stimme als Muſik, noch einem An⸗ dern als Schreckensruf, und doch drückt Ihr damit vielleicht etwas ganz Anderes aus!— Aber ſieh, wie das Meer heut ſo leiſe wallt und die Eisſtücke ſich allmälig verlieren; Gottes allmächtige Sonne wird ſie in Dämpfe und Tropfen verwandeln und der Frühling wird ſie wieder mit den anderen Tropfen vereinen. Wie klar und rein heut die Luft iſt— man müßte ſie eigentlich genießen. Ich ſitze zu viel, ich weiß es wohl, und doch ſtudire ich ſo gern. Nun, ich werde nach dem Andreasberge gehen und mit 8 * 222 Agathen ein wenig herumlaufen. Ich habe ihren Vater noch nicht einmal begrüßt— auch Henrik iſt oben— wir ſahen ihn ja geſtern herüberkommen— vielleicht iſt er noch nicht zurückgeſegelt, wenn er nicht nach Norden gereiſt iſt. Doch was ſollt' er im Nor⸗ den? Ihn treibt es ja nur nach dem Süden!— Was er wohl zu der Veränderung meines Geſchickes geſagt hat!— Ha! da fällt mir ein Gedanke ein. Ob Henrik wohl ſchon dies Buch geleſen hat? Ge⸗ wiß hat er es geleſen, der ja beinahe Alles lieſt, was gut und edel iſt. Ich will ihn gelegentlich einmal fragen. Sicher hat es auch ihm gefallen— aber die Männer hängen an Büchern nicht ſo ſehr wie die Frauen; ſie leſen lieber die Blätter des Lebens und wir leben mehr in den Blättern der Bücher— das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Leben des Man⸗ nes und des Weibes, zwiſchen ſeinem Geiſte und ihrem Herzen, zwiſchen ſeiner Thatkraft und ihrem Gefühle!— Und doch darf ich kaum mit ihm davon ſprechen. Wenn eres nun nicht geleſen hätte und wollte es leſen— ich dürfte ihm ja mein Kleinod nicht zeigen, er läſe dann meine einfältigen Bemer⸗ kungen, die ich daneben geſchrieben. Und er iſt ſo klug, ſo beleſen und ſtreng in ſeinem Urtheile. Er könnte am Ende mitleidig über mich lächeln. Nein, 223 nein, ich kann es ihm nicht zeigen, ſo werth er mir auch iſt,— denn außer dieſen einfältigen Bemerkun⸗ gen ſtehen noch einige andere darin, die einem frem⸗ den Auge doch vielleicht zu glühend, zu leidenſchaft⸗ lich erſcheinen— und was müßte er denken, wenn er das ſähe! Ha! Da kommt er— die alte Lore hat ihn mir mit ihrem Aufſchreie verrathen— wie ſie ſich freut, wenn ſie ihn ſieht— da ſteht er mit ihr — mein guter Henrik, mein Jugendfreund! Er hat doch eine ſtattliche Figur, ein edles Geſicht, ein treues rechtſchaffnes Auge— ja, das hat er, ach ja! — Weg nun, mein Buch, in den Kaſten hier und ſchnell den Schlüſſel abgezogen. So. Nun iſt es verwahrt. Er blättert in jedem Buche, was auf dem Tiſche liegt, und ich möchte am wenigſten in ſeinen Augen thöricht erſcheinen, der ſo ernſt und ſo gediegen iſt.— Er tritt mit der Lore in's Haus.— Soll ich ihm entgegen gehen? Ja, warum nicht?“— So endete das lange Selbſtgeſpräch, welches wir belauſcht, ohne daß Helene es bemerkt. Was die Männer doch neugierig ſind! Nicht wahr? Nun, ſeid nur ruhig, Ihr lieben Frauen— bei wem gehen wir denn in die Schule, wenn nicht bei Euch? 224 Henrik hatte, wie wir wiſſen, die Treppe ſchon halb erſtiegen. Da trat ihm zufällig auf der ober⸗ ſten Stufe Helenens Jungfer, Käthe, entgegen und ſprach laut ihre Freude über ſeine Ankunft aus, denn Henrik hatten nicht allein die Herrſchaften, ſondern auch ihre Diener gern. Aber Käthe war wegen ihres verſtorbenen Herrn, den ſie nie mit Augen geſehen, in Trauer gekleidet, und das war für Henrik ein un⸗ erwarteter Anblick. „Guten Morgen, Käthe,“ ſagte er, beinahe er⸗ ſchrocken,„wie geht es Ihnen— iſt Ihre Gebieterin ſchon zu ſprechen?“ „Gewiß, Herr Paulſen— und es geht ſo er⸗ träglich.“ „Aber was iſt denn geſchehen, warum—“ In dieſem Augenblicke öffnete Helene von innen die Thür und trat ihrem Jugendfreunde einen Schritt über die Schwelle entgegen. Kaum aber hatte Henrik die hohe Geſtalt und das herrliche Geſicht vor ſich erblickt, da war Alles Uebrige in der Welt für ihn verſchwunden. Eben wollte er ſeiner maaßloſen Freude durch Worte Luft machen— da faßte ihn ein neuer, viel heftigerer Schreck, denn auch Helene war gegen ihre Gewohnheit ſchwarz gekleidet— und ſprachlos, n bebender Lippe und bleichen Zügen blieb er un⸗ 225 beweglich vor ihr ſtehen. Endlich aber faßte er ſich und folgte mechaniſch der ſchönen Freundin in ihr Zimmer— die Thür ſchloß ſich hinter Beiden— Henrik war, wo er ſo lange zu ſein gewünſcht,— aber wie ſeltſam! Er hatte Alles vergeſſen, was er zu ſagen ſich vorgenommen, ſo feſt er es auch ſeinem Gedächtniſſe eingeprägt zu haben glaubte.— Und etwas Aehnliches iſt wohl ſchon vielen Män⸗ nern begegnet. Denn wenn wir, von leidenſchaft⸗ lichen Gefühlen für ein ſchönes Weib tief bewegt, uns auf den Weg zu ihr begeben, ſo pflegen wir wohl unſere Gedanken zu ſammeln und die beſten Worte, die uns zu Gebote ſtehen, hervorzuſuchen, um einen angenehmen Eindruck auf unſere Geliebte her⸗ vorzubringen. Kaum aber ſind wir in ihre bezau⸗ bernde Nähe gelangt, kaum ſchauen wir dieſe ange⸗ betete Geſtalt, die wir ſo gern mit den Armen um⸗ ſchlingen möchten, ſo ſind die geſammelten Worte in ein dunkeles Chaos verſchwommen, ja, unſre Gedan⸗ ken ſind ſo ganz von unſern Empfindungen beherrſcht, daß wir ſie nicht frei entwickeln können, und wir er⸗ ſcheinen nicht ſelten kalt und gleichgültig, wo wir doch in der That ſo glühend und zärtlich wie mög⸗ lich ſind.— So erging es auch Henrik an dieſem für ihn ſo A. Burns. I. 15 226 verhängnißvollen Morgen. Endlich aber hatte er ſich ſo weit gefaßt, daß er Helenens ihm entgegengeſtreckte Hand ergreifen und mit ſeinen Lippen berühren konnte, wie er gewöhnlich that. Dann aber erhob er den lockigen Kopf, ſchaute ſie von Neuem erſchrocken an und ſuchte vergebens nach Worten. „Nun, Henrik,“ begann ſie ſelber das Geſpräch, „ſein Sie mir herzlich willkommen. Aber was macht Sie ſo ſtumm, ſo betreten?“ „Helene!“ ſtammelte er—„Verzeihen Sie mir, aber ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll— Ihr Kleid, das Kleid Käthe's, wie ſoll ich mir das deuten?“ „Wie!“ rief jetzt auch Helene verwundert.„Wa⸗ ren Sie nicht auf Emmerslund? Hat man Ihnen dort nichts geſagt— Sie wiſſen es alſo noch nicht?“ „Niemand hat mir etwas geſagt— ſie lächel⸗ ten wohl Alle ſo heimlich— aber ich weiß von nichts—“ „Sie lächelten— und heimlich? Sie haben Sich wohl geirrt, mein Freund, denn man pflegt nicht zu lächeln, wenn man eine Freundin bedauert, die ihren Mann verloren.“ „Wie? Was? Iſt es wahr?— Sie ſind— er iſt—“ Ja, Henrik, er iſt todt— Arnold Parrhiſius iſt „J 227 geſtorben und Sie finden Ihre alte Freundin in Wittwenkleidern wieder.“ Henrik's Bruſt flog, ſeine Lippen bebten krampf⸗ haft, der Uebergang von einem zum andern Gefühle war zu ſchnell, zu unerwartet. Er trat Helenen einen Schritt näher und ſie hörte ſeinen Athem leidenſchaft⸗ lich, wie noch nie, aus ſeiner Bruſt hervorſteigen. „Ich danke, Henrik, mein lieber Freund,“ ſagte ſie ſanft,„für Ihr ſchweigſames Beileid. Sie ſind beſtürzt, ich ſehe es. Verſtändlicher kann Niemand ſein Mitgefühl ausſprechen. Schweigen wir denn darüber, es war Gottes Wille ſo. Und nun, Henrik, ſetzen wir uns— wie geht es Ihnen?“ „Wie es mir geht?“ ſtammelte immer noch Henrik. „Wie es mir geht, Helene? O! Mir geht es gut— mir geht es— wollte ich ſagen— aber mein Gott, verzeihen Sie, ich kann mich ſo ſchnell gar nicht faſ— ſen— das war nicht recht von Agathen und ihrer Mutter— gönnen Sie mir nur einen Augenblick zur Erholung— alſo— er iſt wirklich todt?“ „Ja, Henrik— er iſt todt!“ „Der Arme!— Der Glückliche, wollte ich ſagen. Und darum ſind Sie ſo früh hierher gekommen?“ „Ja, Henrik, darum bin ich gekommen. Ich will dieſen Sommer und den ganzen Winter hier bleiben 15* 228 und mich von den tiefen Eindrücken erholen, den die⸗ ſer Todesfall auf mein Gemüth gemacht hat.“ „Sie bleiben hier? Ja? O, welch ein merkwür⸗ diges Zuſammentreffen!“ „Wie ſo, mein Freund?“ „Uns führt ein ähnliches Schickſal hier zuſammen. Ich bleibe jetzt auch im Sundewitt, denn ich habe ſonſt jede Heimat und Alles verloren, was ich be⸗ ſaß— „Wie? ſollten Sie auch einen Schmerz erfahren haben, Henrik?“ „Mehr als einen, Helene! Sie haben Ihren Mann, ich meine Ausſicht in eine glänzende Zukunft ver⸗ loren. Sie ſehen einen Bettler vor ſich ſtehen, der weiter nichts beſitzt, als einen armſeligen Bauernhof. Die königlichen Gerichte in Kopenhagen haben ge⸗ gen mich entſchieden.“ „Wie, man hat es gewagt? O mein armer Freund!“ „Man hat es gewagt, ja; mein ſchönes Vermö⸗ gen und mein ehrlicher Name gehört jetzt dem Kö⸗ nige von Dänemark, und dafür hat man mir den eines Verräthers gegeben.“ „Henrik Paulſen! Iſt es wirklich ſo! Alſo auch ich habe ein Beileid auszuſprechen? O, ich thue es 229 von ganzem Herzen!“ Und ſie bot ihm herzlich die Hand und blickte ihm theilnehmend in die Augen. Henrik fing an zu lächeln. Sein Muth hob ſich — der Ausſpruch dieſes Beileids hatte ſeinen Schreck vollſtändig überwunden.„Ich danke Ihnen, Helene,“ ſagte er und ſetzte ſich in ihre Nähe,„Ihre Theil⸗ nahme belebt und erhebt mich. Mein Verluſt iſt eigentlich ſo groß nicht. Ich bin von jeher ein ge⸗ nügſamer Mann geweſen, mein Leben lang, und da hat dieſer letzte Schlag nicht viel zu bedeuten. Ich kann denken, arbeiten, wie Sie wiſſen, ja, und die Arbeit des Gedankens kann einem Manne ſein Aus⸗ kommen verſchaffen. Außerdem habe ich Freunde—“ „Ja, die haben Sie— auch ich gehöre dazu.“ „Helene! Darf ich es hoffen?“ „Hoffen blos? Warum nicht wiſſen? War ich Ihnen nicht immer befreundet?“ „Ja, das waren Sie. Wir waren noch Kinder, als unſre Augen ſich zum erſten Male begegneten— jetzt aber, jetzt bin ich ein Mann, und Sie ſind— ein Weib geworden. Aber wohl mir, daß Sie Sich in⸗ nerlich in Nichts geändert, daß Sie noch immer die Erinnerung an unſre Jugend bewahrt haben. O, wir finden im Alter ſo wenig neue Freunde— und ich, 230 ich will mich Ihrer Freundſchaft würdig beweiſen— ja, das will ich, ſo wahr mir Gott helfe!“ 2 Und er ſeufzte tief auf und ſchwieg, ſinnend vor ſich hin blickend. Bald aber war er mit der Freun⸗ din in ein ernſtes Geſpräch vertieft. Es betraf die Zeiten, in denen ſie lebten, und die Geſchicke derer, mit denen ſie durch Neigung und Freundſchaft innig verbunden waren. Als aber auch dieſes Geſpräch zu Ende, wußte Henrik nicht mehr, was er ſagen ſollte, ſein erſter Beſuch ſchien ihm lange genug ge⸗ dauert zu haben. Er ſtand daher auf, ergriff ſeinen Hut und ſchickte ſich an, Helenen zu verlaſſen. Schon ſtand er vor ihr, um Abſchied zu nehmen, da fuhr Helenen ein muthiger Gedanke durch den Kopf. „Henrik,“ ſagte ſie ſtockend,„ich habe noch eine Frage, die Sie mir vielleicht beantworten können. Sie ſind ein Literat und haben— viele Bücher ge⸗ leſen, auch manche Bekanntſchaften unter denen ge⸗ macht, die Bücher geſchrieben haben. Iſt Ihnen ein⸗ mal ein Buch vor Augen gekommen, welches— wel⸗ ches— den Titel„Stimmen der Völker“ führt?“ Ueber Henrik's Geſicht flog ein lebhafter Schim⸗ mer freudigen Erſtaunens. Aber augenblicklich hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt und er war Mann genug, 231 ihn ſtandhaft auszuführen.„O ja,“ erwiderte er,„ich habe es geleſen— man lieſt ja ſo Vieles—“ „Dies iſt nicht wie ſo Vieles. Und iſt Ihnen an dem Buche nichts aufgefallen?“ „Aufgefallen? Was ſollte mir daran aufgefallen ſein? Es trägt den Stempel ſeiner Zeit und dieſe Zeit iſt trübe.“ „Trüb? Ja. Sie iſt ſehr trübe.“ Und augen⸗ blicklich lenkte ſie ihre Gedanken in ihre Seele hinein und dieſe Seele ſagte: Er hat es zwar geleſen, aber er findet nicht darin, was ich darin finde. Er iſt Mann, ich bin Weib. Alſo ſtill— ich habe mich entweder in ihm oder in mir getäuſcht.— O! und auch ihrer Lippe entſchlüpfte ein Seuf⸗ zer, deſſen Bedeutung Henrik bei Weitem nicht er⸗ kannte, nicht erkennen konnte, denn er bezog ihn auf ganz andere Dinge, als denen er geweiht war. „Wohin gehen Sie von hier?“ fragte Helene ab⸗ lenkend. „Ich will einen Augenblick zur alten Lore gehen, dann will ich Meviſſen und Kühlwetter beſuchen und dann zu Andreas zurückkehren.“ „So werde ich Sie begleiten, wenn Sie wieder vorüberkommen; auch ich wollte Emmerslund heute beſuchen.“ —— Siebentes Anpitel. Der däniſche Seekadet. Der alten Lore und den beiden befreundeten Ca⸗ pitainen war der verſprochene Beſuch abgeſtattet und der ſchöne Spaziergang mit Helenen der Verabredung gemäß vollendet. Henrik hatte einen köſtlichen Mittag und Nachmittag in Emmerslund verlebt. Ihm war zu Muthe, als ob ſich eine Wolke über ihm geöffnet und ihren himmliſchen Segen auf ihn herabgelaſſen hätte. Eine Art Rauſch, wie er ihn nie zuvor em⸗ pfunden, hatte ſich ſeines Geiſtes bemächtigt und er konnte kaum die Möglichkeit des Glückes begreifen, welches ihm die waltende Vorſehung wider alles Er⸗ warten an dieſem Tage geſpendet hatte. An die für den Nachmittag verabredete Rückkehr nach dem Sundewitt wurde nicht gedacht, obgleich das „So werde ich mich beeilen, Helene, leben Sie wohl. Auf Wiederſehen!“ Und nachdem er noch einmal ihre Hand geküßt, ging er raſch aus dem Zimmer, frohlockend im Her⸗ zen, daß ihm ein ſo ſchöner Spaziergang bevorſtand. Ach! wir ſehen ſo oft die Zukunft vor unſern ver⸗ langenden Augen blitzen, daß wir die glühenderen Strahlen der Gegenwart darüber vergeſſen! Auch Henrik dachte ſchon an die kommende ſchöne Stunde, während er dem vielleicht ſüßeren Kelche der gegen⸗ wärtigen noch lange nicht auf den Grund geſchaut!— Boot auf des Commodores Befehl dazu gerüſtet war und die Ruderer die Herren erwarteten. Aber Henrik ſchien ſeinen Wunſch, ſobald wie möglich nach Hauſe zurückzukehren, vergeſſen zu haben, und ſein Freund erinnerte ihn nicht daran. Glücklich und heiter, wie man es lange nicht in ſo befreundetem Kreiſe geweſen war, ſaß man gegen Abend, als das Zwielicht ſeinen dämmerigen Schein durch die Fenſter ſandte, um den großen Tiſch, bei kniſterndem Feuer, und plauderte und ſcherzte, wenn auch mit gemäßigter Laune, wie es die ernſte Stimmung der Anweſenden zu fordern ſchien. Agathe war vor Allen vergnügt; ſelbſt mit Friedrich, was ſie ſelten that, trieb ſie ihre Späße, und mehr als einmal flüſterte ſie der Mutter oder Helenen neckiſche Dinge in's Ohr. Helene ſelbſt be⸗ fand ſich in ſanfter, bewegter Stimmung; ſie ſah ſich ſo gern geſehen, ſo herzlich geliebkoſt von der ganzen Familie, daß ſie vergaß, was Drückendes auf ihrer Seele lag. Friedrich verhielt ſich ſtill wie gewöhnlich; wie ſein Vater war er kein Mann von vielen Worten, aber er lächelte oft bei den ſcherzenden Reden ſeiner. Schweſter, wie er Agathen nannte, was ihr ſelber am ſeltſamſten zu klingen ſchien. Henrik war von Allen der geſprächigſte. Mit gerötheten Wangen und ſprü⸗ henden Augen erzählte er alles in Kopenhagen Erlebte und Erduldete, und mehr als einmal ſah er dabei Helenens funkelndes Auge herzlich theilnehmend auf ſein Antlitz gerichtet. So verſtrich der Abend; man ſetzte ſich zu Tiſche. Und als auch das Nachteſſen vorüber war, gab man ſich wieder den Beſprechungen der Gegenwart und Zukunft hin, wie man vor Tiſche der Vergangenheit ſein Ohr geliehen. Endlich erhob ſich Helene, um nach Hauſe zu gehen, und da fiel es Henrik zum erſten Male ein, daß auch er noch einen ziemlich wei⸗ ten Weg zurückzulegen habe. Dennoch wollte er erſt Helenen nach Hauſe geleiten, deren Diener ſich bereits eingefunden hatte. Als man aber vor die Thür trat und einen dichten Nebel wahrnahm, der ſelbſt die nächſten Gebäude des Hofes verhüllte, da fragte He⸗ lene, ſich freundlich an Henrik wendend:„Und Sie wollen wirklich noch heute nach dem Sundewitt hin⸗ über?“ „Ich muß, Helene, man erwartet mich und ich habe morgen viel nachzuholen.“ „Nein!“ erwiderte ſie und trat in das Haus zu⸗ rück.„Ich gehe nicht eher von hier fort, bis Sie mir verſprechen, dieſe Nacht hier zu bleiben. Habe ich nicht Recht, Capitain,— iſt dieſer Nebel in Verbin⸗ dung mit den Eisſchollen nicht gefährlich?“ Andreas lächelte; auf einen ihm verſtohlen zu⸗ kommenden Wink aber erklärte er die nächtliche Ueber⸗ fahrt für unmöglich, und ſo ſah ſich Henrik gezwungen, wider Erwarten noch eine Nacht in Emmerslund zu bleiben. Auf dem Heimwege nach dem Epheuhauſe bot er Helenen den Arm, wie er es auch früher ge⸗ than, und der lange Weg wurde ihm zum flüchtigen Schritte, er hätte gewünſcht, die ganze Nacht im Nebel mit dem ſchönen Weſen umherzuirren, das ſich ſo vertraulich auf ſeinen Arm ſtützte und die freundlich⸗ ſten Worte mit ihm wechſelte. Endlich aber einmal mußte der Abſchied erfolgen, und mit dem Verſprechen baldigen Wiederſehens ſchie⸗ den Beide von einander. Sinnend, grübelnd und doch entzückt von geheimer Luſt, kehrte Henrik nach Emmerslund zurück; nie hatten ſo ſüße Träume ihn umſchwebt, wie in der folgenden Nacht. Morgens um acht Uhr aber erklärte er ſich un⸗ widerruflich zur Fahrt entſchloſſen, und trotz des noch immer undurchſichtigen Nebels wurde ſie bald darauf in’s Werk geſetzt. Der Commodore ſelbſt leitete das große Boot, welches von vier Ruderern bewegt wurde, denn der Wind war zu gering und die Luft zu dick, um ein Segel benutzen zu können. Als Andreas ſeinen Freund im Sundewitt an's Land geſetzt, fuhr 237 er ſogleich zurück, denn ihn riefen Geſchäfte auf ſein Gut. Henrik aber ſtieg in ſeine einſame Wohnung hinauf, voll Hoffnung und Vertrauen, daß ſein Schick⸗ ſal von jetzt an wieder eine günſtigere Wendung neh⸗ men werde. Verlaſſen wir ihn hier, ohne ihn in ſein Haus zu begleiten; erſt ſpäter werden wir erfahren, welche neue Ueberraſchung ihn daſelbſt erwartete. Blei⸗ ben wir zunächſt noch auf dem nördlichen Ufer des Meerbuſens und ſehen wir die Ereigniſſe mit an, die ſich hier in den nächſten Stunden und Tagen zu⸗ trugen. Es war ungefähr zehn Uhr Morgens; der Com⸗ modore und Friedrich, der am Tage vorher vergeblich nach Apenrade geritten, wo er die gewünſchten Pferde ſchon verkauft gefunden hatte, waren zu einigen Nach⸗ barn gegangen, um mit ihnen wegen ihrer brauch⸗ baren Gäule zu unterhandeln. Noch immer lag der Nebel ſchwer auf dem Waſſer, während er ſich am Lande bereits hie und da geſenkt hatte. Die Sonne brach langſam durch die wogenden Dunſtſchichten und einzelne Strahlen funkelten bereits aus der Höhe herab, Jals ein unerwartetes Schauſpiel die Strandbewohner in nicht geringe Bewegung verſetzen ſollte. Die Schifffahrt war zur Winterszeit in der Regel mäßig, wochenlang ſtand ſie bisweilen wegen des 238 Eisganges ganz ſtill, immer aber zeigten ſich einzelne Schiffe, die ein kühner Capitain oder die Noth in den Hafen zu Apenrade trieb. Für den Bewohner jener Strandgegenden war es daher kein beſonderes Schau⸗ ſpiel, ein Schiff heranſegeln zu ſehen, liefen zur Sommerszeit doch wenigſtens ein Dutzend täglich ein und aus. Anders aber verhielt es ſich, wenn einmal ein Kriegsſchiff ſich zeigte. Dann eilte Jedermann an den Strand, denn man erwartete ſtets etwas Neues von einer ſolchen Erſcheinung. So ſollte es heute ge⸗ ſchehen. Begeben wir uns nun nach Capitain Kühl⸗ wetter's Strandhäuschen, welches, wie ſchon geſagt, am weiteſten von Apenrade entfernt, alſo zunächſt am Meere und nicht allzuweit von der Mündung der gro⸗ ßen Bucht entfernt lag. Der kleine dicke Capitain ſaß in ſeinem faſt überheizten Stübchen, die dampfende Pfeife im Munde und die Brille auf der Naſe, denn er ſtudirte, wozu er ſich ſtets jener zwei Gläſer zu bedienen pflegte, die ihm einen ſeltſamen Anſtrich von Gelehrſamkeit gaben, welche mit ſeiner übrigen Er⸗ ſcheinung in etwas ſtarkem Gegenſatze ſtand. Der Capitain las heute ſehr eifrig in einem abgegriffenen alten Buche, welches von der Belagerung und Be⸗ ſchießung Kopenhagen's durch die Engländer im Jahre 1807 handelte. Der aufmerkſame alte Student be⸗ 239 fand ſich eben mitten im Feuer und ſeine Geberden dabei waren die eines in Thätigkeit begriffenen See⸗ manns der alten Schule, das heißt, er ſtampfte mit den Füßen den Boden und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß Alles um ihn her tanzte und krachte. Endlich war er an die Kataſtrophe gelangt, der Sieg war, wie er ſchon zwanzigmal geleſen, den Engländern verblieben. Da ſtand er befriedigt auf, legte die Brille auf das geheiligte Buch, ſtopfte ſich eine neue Pfeife und ſtieß eine ganze Reihe ächt ſeemänniſcher Flüche aus. „Wetter und Sturmwind!“ ſchrie er,„das heiße ich gut gepfeffert! So muß es kommen! frunter,'run⸗ ter alle Maſte und die ganze Teufelstakelage! Proſit die Mahlzeit, da haben wirs! Haha, meine Bürſch⸗ chen, gut gepfeffert, ſehr gut gepfeffert!“ Und damit trat er an einen alten Wandſchrank und füllte ſich ein anſehnliches Glas mit geiſtiger Flüſſigkeit, die ebenfalls nicht wenig gepfeffert war. Aber bei ſolchem Nebel, wie er da draußen wogte und huſchte, konnte man ſchon etwas Scharfes vertragen, zumal eines alten Seehunds Magen, wie er den ſei⸗ nen nannte. Plötzlich, wie durch Inſtinkt getrieben, und als die Süßigkeit des Genoſſenen noch nicht ganz von ſeinen Lippen verſchwunden war, drehte er ſich nach dem Fenſter herum und ſchaute auf das Meer 240 hinaus. Aber da fiel ihm beinahe die Pfeife aus dem Munde. Der Nebel hatte ſich faſt überall ge⸗ ſenkt und nur noch einzelne Flocken wirbelten in raſch verrinnenden Wolkenſchichten über die dampfenden Ge⸗ wäſſer hin; allmälig war die Sonne durchgedrungen und ſtreute ihre Strahlen ſchon hie und da über die Gegend aus. Dennoch konnte unſer Freund das gegenüberliegende Ufer nicht vollſtändig erkennen, aber was kümmerte ihn auch das? Denn faſt in der Mitte des Waſſers, wie aus den Wolken herabgefallen, lag faſt bewegungslos ein prächtiges kleines Schiff und wiegte ſich ſtolz auf den leiſe ſchaukelnden Wellen. Eines Blicks nur bedurfte es bei dem erfahrenen See⸗ manne und er hatte in jenem Schiffe einen alten Be⸗ kannten erſpäht, den Kriegs⸗Schooner Neptun, und er eilte ſogleich hinaus, den unerwarteten Ankömm⸗ ling aus der Nähe zu betrachten. Das Fahrzeug glitt etwa 800 Schritte vom Strande entfernt langſam dahin und bald hatte es die Höhe von des Capitains Wohnung erreicht. Es war der Schooner, deſſen An⸗ kunft der Commodore den Seinen ſchon vor zwei Tagen verkündet hatte, wovon der alte Kühlwetter aber nichts wußte. Luſtig flatterte der ſtrahlende Danebrog in der friſchen Morgenluft und unter ge⸗ refftem Segelwerke arbeitete ſich ſein Kiel leiſe durch ——C—xx—C—C—LO—O—:O—QCO·—OQ— 241 die Fluth, mehr von der Strömung als vom Winde wie ein Geſpenſt der Nacht dahingetragen. „Hol' der Teufel!“ ſagte der Capitain, der von der Urſache der Anweſenheit des Schooners keine Ahnung hatte.„Es iſt der Neptun. Was will der kleine Satan hier? Will er wieder ſein däniſches Kuͤckucksei in ein deutſches Neſt legen? Das ſollte mir nichts Neues ſein. He! Er iſt ſtark bemannt, wie es ſcheint— eins ſeiner Großmäuler iſt gegen das Land her aufgeſperrt— ganz verwettert feind⸗ ſelig ſieht das verfluchte Ding aus.— Na, was ſoll denn das bedeuten, he?“ Und er war, während er dieſe Worte in abgeriſ⸗ ſenen Sätzen ſprach, dicht an den Strand getreten und ſchaute mit lüſternem Auge auf das Kriegsſchiff hin, von deſſen Steuerbordſeite eine weiße Flagge herabwehte, die von Zeit zu Zeit gegen das Land geſchwenkt zu werden ſchien. In dieſem Augenblicke kam Capitain Meviſſen am Strande daher gelaufen und eine Strecke hinter ihm humpelte auch Capitain Bardow heran, ſchon von Weitem mit beiden Armen nach dem Waſſer winkend. „Na guten Morgen, Kam'rad!“ ſchrie ihm Capi⸗ tain Kühlwetter entgegen,„Du kommſt zur rechten A. Burns. I. 16 242 Zeit. Sieh Dir das Ding da mal an. Was mag es wollen?“ „Was es wollen mag? Was geht das uns an? Sind wir etwa ſeine Lootſen oder Ewerfahrmänner? Kennt ein Capitain ſein Fahrwaſſer bei dieſer ſtillen See nicht mehr?“ „Bei meiner Ehre, Meviſſen— das iſt doch nicht ganz ſo. Sieh, der Kerl wird ſich den Arm aus⸗ ſchwenken. Holla, Bardow! Heran, Mann, rudert einmal ein Bischen ſchneller an unſern Steuerbord— hier wird ein Kriegsrath gehalten— wißt Ihr viel⸗ leicht, was der da drüben will?“ Capitain Bardow war außer Athem herbeigehinkt. Verwundert wie ſeine Kameraden blieb er bei ihnen ſtehen, ſeine ſcharfen Augen unausgeſetzt auf den Schooner gerichtet. Endlich ſagte er athemlos: „Ich gäbe etwas darum, wenn der Commodore hier wäre— er hat ſeinen Jungen auf dem Schiffe, es iſt der Neptun.“ „Meinetwegen, aber warum winken ſie uns im⸗ mer zu? Sollen wir ihnen einen Beſuch auf was Warmes abſtatten? Ich danke; ich tauche mit kei⸗ nem Dänen meinen Löffel in die Suppe. Aha! Jetzt werden wir was hören— da ſteigt ſchon der 243 Rauch auf— bums, hat er geſagt, hört Ihrs— was ſoll das aber bedeuten, ſag' ich?“ Und in der That, ein dumpfer Kanonenſchuß don⸗ nerte von einer Bugkanone hernieder und ſetzte die ganze friedliche Bevölkerung rings um in Bewegung, während der blaue Rauch des Geſchützes langſam über das Waſſer wirbelte. „Er ſteckt, ſo wahr ich lebe, in einer Klemme, der Burſche!“ rief der Capitain Kühlwetter und ſchwenkte den Hut. Hurrah, du Großmaul, wie ſchmeckt's Dir?“ „Sollte er auf eine Sandbank gerathen ſein, wie ihrer ein Dutzend vor dem Andreasberge liegen, oder wenigſtens eine befürchten?“ ſchrie Meviſſen mit ſei⸗ ner Stentorſtimme.„Das kann ich mir aber doch nicht denken— ſo weit ich's von hier beurtheilen kann, liegt er im richtigen Fahrwaſſer.“ „Ich verſtehe wahrhaftig ſeine kauderwelſchen Sig⸗ nale nicht— da brummt er noch einmal— Jun⸗ gens, ſage ich, ich werde warm— was will er?“ „Holla! Ich hab's!“ rief mit einem Male Capi⸗ tain Bardow—„Er verlangt ein Boot—“ „Bah!“ ſagte der lange Meviſſen,„dann kann er ſich deutlicher ausdrücken—“ „Nun wahrhaftig, das thut er nach Kräften— Ha, der dritte Schuß. Jetzt wird es Zeit, Jungens, 16* 244 kommt, wir wollen die Jolle in See bringen— faßt an.“ Und ohne zu ſprechen, da ſie jetzt alle Drei gleich willig zur That entſchloſſen waren, hatten ſie bald mit Hülfe einiger Leute, die die Neugierde am Strande verſammelt, das Boot von ſeinen Stützen gehoben, umgedreht und in's Waſſer gewalzt, worauf die ſich Einſetzenden ſogleich zu den Riemen griffen. Kaum bemerkte die Schiffsmannſchaft, daß man endlich ihrem Wunſche entgegenkam, ſo wandten ſie die Raaen, der Bug des Schooners drehte ſich langſam erſt gegen das Ufer, dann wieder zum Meere hin, ſo daß er jetzt ſeine Backbordſeite zeigte, und lavirte dann mit offenen Oberſegeln, die den über die Hügel ſtreichen⸗ den Wind auffingen, nach Oſten zurück. Unterdeſſen ruderten die drei Capitaine, von zwei willigen Burſchen unterſtützt, aus Leibeskräften, die Schollen, die um ſie her tanzten und tauchten, gar nicht beachtend, denn es war ihnen Spielerei, durch einen Waſſerpfad mit Hinderniſſen zu laufen. End⸗ lich kam man dem Neptun näher, die feinen Spieren und die zierlich auf- und ablaufende Takelage traten— klarer hervor und man konnte bereits die Geſichtszüge der auf Backbord ſtehenden Schiffsmannſchaft erken⸗ nen. Capitain Bardow, der am Helmſtocke ſaß, lenkte 245 ſeine Jolle kunſtgerecht an die Backbordpforte. Wie ein Wettrenner ſchoß das kleine Ding auf den da⸗ gegen ungeheuer groß erſcheinenden Schooner los. Die Ruderer ließen jetzt allmälig in ihrer Arbeit nach und die Jolle bewegte ſich in gemeſſener Eile ihrem Ziele entgegen. „Ein ſchmuckes Ding!“ ſagte Capitain Kühlwet⸗ ter.„Hol's der Henker! Schöne Spieren, zierliches Tauwerk, Alles in beſter Ordnung. Das verſtehen die Hunde!“ „Zwölf Kanonen! Bei meinem lahmen Beine!“ rief Capitain Bardow. Alles nett und rührig! Ich wünſchte, ich könnte ihn kapern!“ „Still!“ herrſchte ihm ſein Freund Meviſſen zu: „Deine StimmeV iſt nicht ſo jungfräulich, daß ſie nicht von hier bis Apenrade hinunter ſchallte. Aha! da ſteht ſchon ein Herr mit einer Goldverbrämung. Er ſchneidet ein krauſes Geſicht— ein ächtes Dick⸗ Wetter⸗Geſicht— gebt Acht, wir werden gleich was zu hören bekommen.“ „Halloh!“ rief eine kräftige Stimme vom Back⸗ bord herab, die dem vorhergenannten Offiziere ange⸗ hörte, der den goldenen Streif um die blaue Mütze trug, und faſt zu gleicher Zeit ward ein Tau in ge⸗ ſchickt geworfenem Bogen über die Jolle geſchleudert, 246 nach dem ſogleich einer der Männer griff, um das kleine Fahrzeug ſicher an die Wand des Schooners zu bringen. „Halloh, Ihr Herren, habt Ihr keine Ohren mehr? Verſteht Ihr keine Signale von Sr. Majeſtät Schiffen?“ „Wenn ſie nicht verſtändlich genug gegeben wer⸗ den, nein!“ antwortete Capitain Bardow mit ſeinem mächtigſten Brummton. „Dann thätet Ihr wohl, noch einmal an Bord zu kommen und etwas ſehr Gewöhnliches zu lernen.“ „Dank Euch für den guten Rath, Herr; ich habe in meinem Leben genug Grütze gegeſſen und ſchlafe jetzt in meiner eigenen Back— hm! Was befehlen die geſtrengen Herren?“ „Ein Boot, weiter nichts, und da Ihr es habt, ſo iſt es gut und alle Rede überflüſſig. Oder glaubtet Ihr vielleicht, wir würden ein Boot Sr. Majeſtät dem ſchneidenden Eiſe ausſetzen, wenn es der Dienſt nicht erfordert? Paßt ein andermal beſſer auf, oder wir machen einen Schlitz in Eure deutſchen Ohren. Heda, Kadet, vorwärts!“ „Oho!“ brummten die drei Männer in der Jolle und gaben ein ſehr verſtändliches Naſengeräuſch von ſich, das ohne Zweifel als Inſubordination betrachtet worden wäre, hätte es ſich an Bord zugetragen. Gleich 7 — —— 247 darauf aber kletterte ein gewandter junger Mann, in die weite blaue Jacke eines däniſchen Seekadeten gekleidet, an zwei Tauen vom Schooner herab und einen Au⸗ genblick ſpäter glitt er in die Jolle, die augenblicklich das zugeworfene Tau fahren ließ und vom Schooner abſtieß, um dem Lande zuzueilen. „Was das für grobe Eſel ſind!“ brummte der Steurer der Jolle, als er den Bug derſelben dem Strande zugerichtet ſah. „Nicht ſo laut gebrummt, Alter, Reſpekt in Sr. Majeſtät Dienſt!“ belehrte die Stimme des angehen⸗ den Seehelden. „Oho, Junker, wir ſind nicht in Sr. Majeſtät Dienſt und nie darin geweſen. Oder glaubt Ihr, weil Ihr ſeit Kurzem den goldenen Streif da an der Kappe und den kleinen Spieß an der Seite tragt, Ihr hättet uns in unſerm eigenen Boote die Ohren zu waſchen? Das iſt ein ſchlechter Morgengruß von Euch. Aufgeſchaut, Junker Erik, Ihr ſeid bald auf vaterländiſchem Boden— hier iſt man freundlicher gegen ſeine alten Bekannten. Und nun guten Tag, mein Junge!“ „Guten Tag, Ihr Herren,“ ſagte jetzt lächelnd der junge Mann,„guten Tag, Capitain Bardow, Kühl⸗ wetter und Meviſſen— Potz tauſend, da ſeid Ihr 248 ja alle Drei, Ihr Brummbäre— was machen die Eltern, he?“ „O, Beide oben auf, Junker Erik, wenn Ihr ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht—⸗ „Wie meint Ihr das, Caͤpitain Bardow?“ „Na, gebt mir die Hand, kleiner Mann, obgleich Ihr Euch— ich weiß nicht, warum— ſehr groß vorzukommen ſcheint, und nun kein Wort mehr über das ungewaſchene Maul beim erſten Gruße. Ihr ſeid ein ganz ſchmuckes Kerlchen geworden, ſeit wir uns zum letzten Male geſehen.“ Der junge Seekadet ſpreizte ſich bei dieſen Wor⸗ ten ſichtbar und blies ſeine rothen Wangen auf, und nachdem er gleichſam beiſtimmend dem alten Freunde zugenickt, wandte er ſein Auge dem abſegelnden Schoo⸗ ner nach. So erreichte man ſchweigend und von Seiten der drei Capitaine ziemlich verdrießlich den Strand, wo Erik ſogleich, nachdem er ſich flüchtig bedankt und dem ſonderbaren Kleeblatte die Hand gereicht, an's Land ſprang und mit behendem Schritte dem Wege zueilte, der an Capitain Bardow's Hauſe vorbei nach dem Andreasberge führte, ohne ſich ein einziges Mal in ſeiner ſchönen Heimat umzuſchauen. Eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter war er im Vaterhauſe und lag der vor * 249 Freude weinenden Mutter in den Armen, die ſich an dem friſchen Ausſehen ihres Lieblings nicht ſatt ge⸗ nug ſehen konnte. Die drei Capitaine aber, als ſie den jüngſten Sohn ihres verehrten Commodore ſeines Weges zie⸗ hen ſahen, blickten ihm ſchweigend nach, bis er ihre Worte nicht mehr vernehmen konnte. Dann aber blinzelten ſie ſich verſtändlich an und der lahme Bar⸗ dow ſagte mit beinahe gerührter Stimme zu ſeinen gleichgeſinnten Kameraden: „Na! Der pfeift aus einem andern Loche, wie ſein Vater und ſein Bruder. Gott ſteh mir bei, aber der Teufel ſoll mir mein Logbuch beſchmieren, wenn der Alte ſeine große Freude an dem Jungen hat— bah!—“ Im Herrenhauſe auf dem Andreasberge herrſchte in den nächſten Stunden nach des Junkers Ankunft theilweiſe wenigſtens eine ſehr große Freude und eine nicht minder große Beweglichkeit in Küche und Keller, denn die zärtliche Mutter hatte längſt im Stillen alle Vorräthe in Anſpruch genommen, um ihren Liebling mit allen möglichen Leckerbiſſen zu überſchütten. Erik *₰ 250* * nahm die Beweiſe dieſer Zärtlichkeit mit der Miene eines Menſchen auf, der an dergleiche wöhnt iſt und nichts anderes erwartet hat, da eſ ſeb derſelben für vollkommen würdig hält. Was ſeine äußere Er⸗ ſcheinung betrifft, die gleichfalls den mütterlichen Bei⸗ fall erregte, obwohl ſie nicht ſo durchaus vortheilhaft war, wie Erik ſelber zu glauben ſchien, ſo haben wir ſie zwar ſchon angedeutet, fügen hier aber noch hinzu, daß er an Größe ſeinen etwa ſechs Jahre älteren Bruder nicht erreichte, daß er blondes Haar wie die Mutter und auch mehr die Geſichtszüge dieſer als des Vaters hatte und daß er ſich in einer Haltung bewegte, die nicht allein bedeutend von der einfachen und natürlichen Gewohnheit ſeiner Verwandten ab⸗ wich, ſondern mehr von dem geſchniegelten Weſen und der erkünſtelten Ausdrucksweiſe eines däniſchen Seeſtutzers an ſich trug, als gerade unumgänglich nöthig war.. 4 Erſt gegen Mittag kam der Vater mit Friedrich von ſeinem Ausfluge zurück und fand ſeinen jünge⸗ ren Sohn ſchon in die Behaglichkeiten des elterlichen Hauſes eingebürgert. Er empfing ihn mit warmer Freude, aber dieſe Freude war nicht ſo frohlockender Art wie die der Mutter; es mäßigte ſie vielmehr ein trüber Gedanke, der im Hintergrunde ſeiner Seele „ 251 8 ſchlummerte und dem er, wie wir ſogleich ſehen wer⸗ den, erſt ſpäter einen Ausdruck gab. Friedrich bewill⸗ kommnete ſeinen Bruder herzlich, aber in ſeiner ern⸗ ſten und kurzen Art; er ſchien des Vaters Bedenk⸗ lichkeiten zu theilen und richtete ſeinen forſchenden Blick oft unbemerkt auf das ſichere und ſich fühlende Weſen des jungen däniſchen Offiziers, als wolle er ihn prüfen und aus ſeinem jetzigen Benehmen auf ſeine künftigen Handlungen ſchließen. Erik hatte aber offenbar noch etwas Anderes er⸗ wartet, als dieſen freundlichen Empfang von Seiten ſeiner nächſten Verwandten. Sichtbar verlegen be⸗ hielt er alle Thüren im Auge, ob ſich nicht die eine oder andere öffnen und eine ſehnlichſt herbeigewünſchte ſchlanke Geſtalt daraus hervorſchlüpfen würde. Aber keine der Thüren öffnete ſich zu dieſem Behufe und er war innerlich ergrimmt, daß gerade diejenige der Hausgenoſſen ſo theilnahmlos bei ſeinem Beſuche blieb, auf deren zärtliches Entgegenkommen er am meiſten gerechnet hatte. Wo war Agathe an dieſem Mor⸗ gen? War ſie etwa abweſend?— Nein, ſie war zu Hauſe und wahrſcheinlich mit einer dringlichen häus⸗ lichen Arbeit beſchäftigt, denn es verging beinahe eine volle Stunde, bevor ſie in's Zimmer trat, wo Erik gerade zufällig einen Augenblick allein ſaß, beſchäftigt, 252 ein Glas Portwein zu leeren und eine von des Va⸗ ters beſten Cigarren zu verſuchen. Erik ſprang wie eine Stahlfeder empor, als das Mädchen in die Thür trat und augenſcheinlich eine gewiſſe Verlegenheit verrieth, da ſie ihren Bruder allein vor ſich ſah. Aber dieſelbe bekämpfend, ſagte ſie ſogleich mit ihrem lieblichen Lächeln:„Guten Tag, Erik,“ und reichte ihm die Hand, die der junge Mann ſogleich ergriff und in der ſeinigen behielt, während ſein Auge wie das eines Falken in das ihrige ſchaute. „Nun!“ erwiderte er, ſchon von dieſem kalten Empfange leicht verwundet—„und Du küſſeſt mich nicht? Bin ich Dir ſo fremd geworden?“ Agathe antvodte nicht, aber unwillkürlich errö⸗ thend neigte ſie die Wange zu ihm hin, um ſeinen Lippen entgegen zu kommen. „Nein,“ rief Erik ſchmollend,„ſolchen Auß will ich nicht. Behalte ihn für Dich ſelber. Du biſt mir alſo immer noch böſe, Agathe, und kannſt meine Unarten, wie Du ſie nannteſt, noch nicht vergeſſen?“ „30 bin nicht mehr böſe und habe alles Unan⸗ genehme vergeſſen, aber erinnere mich nicht ſelber wieder daran.— Wie geht es Dir,“ gefällt es Dir noch ſo gut wie früher in Deinem Berufe?“ 253 „Köſtlich, Agathe, und ich habe Dir viel davon zu erzählen. O, Ihr armſeligen Landbewohner, wie ſehr bedauere ich Euch!“ „Wir ſind nicht ſo ſehr zu bedauern, wie Du meinſt; frage einmal Friedrich, ob er ſich nicht in Erfüllung ſeiner Pflicht ebenſo veſishig und glücklich fühlt, wie Du?“ „So!“ wollte Erik erwidern, aber er wurde an der Fortſetzung des Geſpräches gehindert, denn die Thür ging auf und es zeigte ſich der, von dem Agathe ſo eben geſprochen hatte. Gleich darauf ſchlüpfte letztere aus dem Zimmer und die beiden Brüder blie⸗ ben bis zum Mittageſſen allein, um ſich ihre Erleb⸗ niſſe ſeit ihrer letzten Trennung ausführlicher mitzu⸗ thallen,— Der kurze Wintertag verſtrich der Familie des Ca⸗ pitains raſcher als gewöhnlich, denn Vieles hatte man dem auf kurze Zeit anweſenden Sohne zu be⸗ richten, vieles neu Beſchaffte vorzuzeigen und man⸗ ches Alte wieder in Erinnerung zu rufen. Was Erik aber am meiſten zu beunruhigen ſchien, das war die ungewöhnlich ſchweigſame Art ſeines Vaters, die er gerade bei dieſem Beſuche am wenigſten erwartet hatte, obwohl er aus einigen Andeutungen deſſelben bei ſeinem neulichen Aufenthalte in Kiel auf ernſt⸗ „ 4— 254 hafte Aufklärungen gefaßt war. Aber Erik kannte ſeinen Vater ſehr wenig, wenn er geglaubt hatte, der⸗ ſelbe werde gleich im erſten Augenblicke mit ſeinen Abſichten hervortreten. Still und unbemerkt beobach⸗ tete der Vater den Sohn, um ſich erſt ſeine Meinung über ihn zu bilden, ehe er ſich in ein ernſtes Ge⸗ ſpräch mit ihm einließ, und daß er ſein, wenn nicht leichtfertiges, doch gewiß oberflächliches Gemüth ſehr bald durchdrang und eben ſo bald ſeiner Geſinnung in Bezug auf die Lage der vaterländiſchen Angelegen⸗ heiten auf die Spur kam, unterlag keinem Zweifel, denn Andreas Burns hatte ein ſcharfes Auge, wenn es galt, die guten oder ſchlimmen Eigenſchaften ſei⸗ ner Kinder zu ergründen. Auch noch einen anderen Punkt gab es im Vater⸗ hauſe, den Erik im Laufe des Tages nicht zu ſeiner vollen Befriedigung zu finden ſchien, und wir haben denſelben ſchon angedeutet. Dieſer Punkt betraf ſein Verhältniß zu Agathen, die er weniger als ſein ge⸗ diegenerer Bruder für ſeine Schweſter zu halten ge⸗ neigt war. Von jeher hatte er eine beſondere Nei⸗ gung zu dieſem ſchönen Mädchen gehabt, die aber ſeiner Meinung nach niemals ſeinem Wunſche gemäß erwidert worden war, ohne daß er gerade bemerkt hätte, daß Agathe einem Anderen den Vorzug vor 255 ihm gegeben. Einen ſolchen Vorzug würde er Keinem verziehen haben und wenn es ſein eigener Bruder ge⸗ weſen wäre, der dieſen Verrath, wie er meinte, an ſeinem Herzen begangen hätte; denn daß außer ihm noch ein Anderer Anſprüche auf die Neigung dieſes Mädchens machen könne, hielt er für unmöglich, wenn er ſeine perſönliche Würde und ſeinen ſtolzen Eigen⸗ dünkel mit der einfachen Gradheit und dem ſchlichten Weſen der wenigen Menſchen verglich, die mit ſeinem väterlichen Hauſe in nähere Berührung kamen. Nach längerer Trennung nun, hatte er geglaubt, würde Agathe ihren launenhaften Eigenſinn, wie er ihre bis⸗ herige Gleichgültigkeit nannte, abgelegt, ſeine Erſchei⸗ nung in glänzender Uniform, ſein blühendes Geſicht würde ihn liebenswerther gemacht haben, als in frühe⸗ ren Tagen. Und doch war dem augenſcheinlich nicht ſo. Seine Eitelkeit war dadurch ſchwer verletzt und er hatte ſich vorgenommen, mit dem einfältigen Mäd⸗ chen ein ernſtes Wort zu reden. Dieſe Gelegenheit aufzufinden wurde ihm aber etwas ſchwer gemacht, und wenn ihm der Zufall am nächſten Morgen— auf eine Art freilich, wie er ſie am wenigſten erwartet — nicht günſtig geweſen wäre, ſo würde er ſie wäh⸗ rend ſeines zweitägigen Aufenthalts im Vaterhauſe vielleicht gar nicht gefunden haben. 256 So war man zum Abendeſſen des erſten Tages gelangt und daſſelbe wurde von Seiten der Mutter und des jüngeren Sohnes ſehr lebhaft beendet. Beide ergingen ſich in allerlei Mittheilungen, und Friedrich und Agathe ſtimmten bisweilen fröhlich genug mit ein. Schweigſam blieb allein der Vater, noch ſchweig⸗ ſamer als am Morgen, und nur ſein düſterer Blick ſprach die lebhaften Beſorgniſſe ſeiner Seele aus. Und als ſich nun Alle vom Tiſche erhoben, da wurde Erik nicht wenig in Verwunderung geſetzt, als der Vater an ihn herantrat und mit gewichtiger Miene ſagte: „Erik, mein Sohn, bleibe bis neun Uhr bei der Mut⸗ ter. Ich habe bis dahin zu ſchreiben und zu rechnen. Um neun Uhr aber erwarte ich Dich in meinem Zim⸗ mer, denn ich will mit Dir reden.“ Dagegen war nun nichts einzuwenden, obgleich dem Sohne das feierliche Weſen des Vaters nicht ſonderlich zu behagen ſchien. Halb in Gedanken, was die bevorſtehende Unterredung zu bedeuten habe, ließ er die kurze Stunde bis dahin verſtreichen, kaum aber hatte die alte Uhr an der Wand den Ablauf derſel⸗ ben bezeichnet, ſo ſagte er der Mutter und den Ge⸗ ſchwiſtern gute Nacht und begab ſich erwartungsvoll in das Zimmer des Vaters, den er mit gekreuzten Ar⸗ men auf und abſchreitend in tiefen Gedanken fand. I 257 Aber er wurde wieder etwas beruhigt, als er die Vor⸗ kehrungen bemerkte, die zu ſeinem Empfange getroffen waren; auf dem Tiſche ſtanden eine Flaſche alten Weines und zwei Gläſer, die offenbar die gefürchtete Unterredung behaglicher machen mußten. Denn er wußte, daß der Vater ſelten Abends Wein trank, und die heutige Abänderung ſeiner Gewohnheit deutete daher eine Art Feierlichkeit an, deren Grund der eitele⸗ Kadet natürlich auf das Glück bezog, welches dem Vaterhauſe durch ſeinen Beſuch widerfahren war. „Nun, da biſt Du,“ ſagte der Vater liebevoll und reichte ſeine Hand hin,„ſei mir willkommen, mein Sohn. Komm, ſetze Dich zu mir, wir haben lange nicht zuſammen ein gutes Glas Wein getrunken.“* Der Seekadet ſchmunzelte bel dieſen Worten; er hörte das Wohlwollen des Vaters aus denſelben her⸗ aus und verſprach ſich etwas Gutes von dieſem Ein⸗ gange. Und als er nun gar das gefüllte Glas mit den Lippen berührt und den koſtbaren Inhalt, des Vaters beſtes Labſal, alten hundertjährigen Portwein, „gekoſtet hatte, da war ihm zu Muthe, als habe ihn ſein Erzeuger nur gerufen, um ihn, wie die Mutter, mit Süßigkeiten zu überſchütten. Aber er irrte ſich, der gute Sohn; er hatte, wie er das Wohlwollen A. Burns. I. 17 258 ſeines Vaters ſtets unterſchätzt, jetzt ſeine Milde bei Weitem überſchätzt. „Erik, mein Sohn,“ begann der Redende wieder mit einem tiefen Athemzuge,„Du ſitzeſt vor Deinem Vater, und Du weißt, daß dieſes Vaters Name einen guten Klang bei allen Ehrenmännern unſers Vater⸗ landes hat. Oder hat Dir irgend Wer jemals etwas Anderes von dieſem Namen geſagt?— Offen und ehrlich— ſchau mich an!“ „Nein, mein Vater; Jedermann achtet und ehrt Dich hoch; niemals hat Jemand etwas Schlimmes gegen mich über Dich oder Deinen Namen geäußert.“ „ Das erwartete ich, aber ich mußte Dir dieſe Frage alss Einleitung vorlegen, weil leicht Dinge in unſerer wierhaltung vorkommen könnten, die Dich nicht ver⸗ geſſen laſſen dürfen, daß Du außer mit deinem Vater auch mit einem Ehrenmanne ſprichſt.— Als Du vor ſechs Jahren— Du warſt damals noch ein Kind von dreizehn Jahren— den Wunſch gegen mich aus⸗ ſprachſt, in die däniſche Marine zu treten, gewährte ich Dir dieſen Wunſch auf das Bereitwilligſte, ob⸗ gleich ich lieber geſehen, Du wäreſt zu den Englän⸗ dern gegangen, um ein tüchtiger Seemann zu werden, da die Deutſchen leider keine Marine haben. Däne⸗ mark's Marine war auch zum Theile unſere Marine * 259 und unſere Marine war Dänemarks. Seit jener Zeit aber und während Du ein junger Mann geworden biſt, der ſeine eigene Beurtheilung öffentlicher Dinge wachſen ſieht, haben ſich leider die Verhältniſſe zwi⸗ ſchen Dänemark und uns bedeutend verändert, wie Du wiſſen wirſt, und ſie ſtehen ſogar auf dem Punkte, ſich noch bedeutend mehr zu verändern. Iſt Dir hiervon irgend etwas bekannt oder muß ich zu Dir wie zu einem gänzlich Uneingeweihten reden?“ Der Kadet erbl leichte ſichtbar und bewies dadurch dem Vater, daß en allerdings die Lage der Dinge bekannt war.„N.“¹ ſagte er mit etwas finſterem Geſichte, wobei er he doch nicht das Auge zu dem des Vaters aufſchlagen konnte,„ſo viel ich weiß, thut Dänemark ſeine Schuldigkeit, und wenn die Herzogthümer die ihrige thun, was ſollte ſich dann noch mehr verändern?“ „Du weichſt meiner Frage aus, Erik— gut, ich will und darf Dich nicht zwingen, mir Dinge mitzu⸗ theilen, die Ihr auf Eurem Schiffe vielleicht zum Gegenſtande Eurer vertraulichen Unterhaltung gemacht habt; aber um Deine letzte Bemerkung kurz zu er⸗ widern, ſo erkläre ich Dir auf mein Ehrenwort, daß auch die Herzogthümer ihre Schuldigkeit thun wer⸗ den, daß alſo von ihnen her keine Veränderung in 17* 260 ihren Verhältniſſen zu Dänemark herbeigeführt werden wird.— Du lächelſt— lächle nicht, Knabe, gegen Deinen Vater, die Sache iſt ernſt, die wir verhan⸗ deln, und ich fühle vor Gott und den Menſchen, ja vor mir ſelber die Pflicht, mit meinem vielleicht rath⸗ loſen Kinde auf's Reine zu kommen. Höre mich weiter an. Kannſt Du mir beiläufig den Zweck Eurer Krreuzung in dieſen Meeren nennen, oder iſt das ein Geheimniß Deiner dienſtlichen Stellung?“ „Nein, ein Geheimniß iſt es nicht. Die Rüſtungen zur See werden ja offen betrieben und wir mußten uns trotz des Winters herausmachen, um unſre junge Mannſchaft in Uebung zu erhalten. So denke ich es mir und ſo haben wir es Alle angeſehen.“ „Rüſtungen!“ entgegnete der Capitain und ſein Auge blitzte heller auf.„Rüſtungen, ſagſt Du— warum rüſtet denn Dänemark ſeine Schiffe aus? Hat es zu viel Geld in ſeinen Kaſſen?“ „Das weiß ich nicht, Vater; aber daß es rſtet, wenigſtens ganz langſam, iſt beſtimmt. Wie es heißt, ſollen viele Schiffe flott gemacht werden und zum Kreuzen beſtimmt ſein, und ich habe bereits meinen Capitain gebeten, mich, wenn es irgend geht, auf ein größeres Schiff zu empfehlen, denn ich möchte, wie Du weißt, ein vollkommener Seemann werden, wie auch du es biſt.“ „Das iſt nicht mehr als natürlich und ich tadle es nicht. Laß mich jetzt aber einen Schritt weiter in unſerem Geſpräche thun. Alſo Dänemark rüſtet, ſagſt Du, und auch ich ſage es, denn ich weiß es bereits ſeit mehreren Tagen. Der Grund aber, warum es rüſtet, und der Gegner, gegen den es rüſtet, iſt un⸗ bekannt, oder wißt Ihr etwas davon?“ „Nein, wir, wenigſtens ich, wiſſen nichts davon.“ .„Ich auch nicht. Aber wir können es uns viel⸗ leicht erklären, wenn wir die Lage der politiſchen Ver⸗ hältniſſe Europa's ſtudiren. Haſt Du das nicht ge⸗ than?“ „Gewiß, das iſt ja unſer tägliches Geſpräch an Bord. Es gährt in den Völkern, ſagt man, und um bei dieſer Gährung aller Dinge gewärtig zu ſein, rüſten die Regierungen, und ſo rüſtet auch Dänemark.“ „Und in welchem Volke gährt es gegen Däne⸗ mark, mein Sohn?“ 1 „Ohne Zweifel in den Herzogthümern, Vater!“ „Nein, ſage ich Dir, nein, bei Gott! nein! In den Herzogthümern gährt nichts gegen Dänemark, als der alte Groll, daß es ihre Sprache, ihre Rechte unterdrückt; vielmehr gährt es in Dänemark gegen 262 die Herzogthümer und zwar hat ſich zu dem alten Grolle, dem alten Haſſe, ein neuer hinzugeſellt, und um dieſem gewachſen zu ſein, darum rüſtet es.“ Ueber das aufmerkſam lauſchende Geſicht des Jünglings flog ein wetterleuchtendes Zucken. Wenn es nicht ſein Vater geweſen wäre, der Solches zu ihm geſprochen, er würde ihm in's Geſicht geſchlagen haben. Denn er war Däne geworden, durch und durch, im Denken und Fühlen, man hatte ihn gut in die Schule genommen. So aber bezwang er ſich, ſtockte mit Worten und ſchaute verwirrt zu Boden. „Blicke nicht die Erde, ſondern blicke vielmehr den Himmel an, Knabe, und bitte ihn, Dir ſein ewiges Licht nicht zu verſchleiern. Doch, was verſtehſt Du von den Wirrſalen dieſes unglücklichen Landes! Was Du davon denkſt, das ſehe ich— ja, ich ſehe es— und ob auch mein Herz darunter blutet, daß Du, mein Sohn, mein eigenes Blut, eine unrichtige An⸗ ſicht darüber hegſt, ſo habe ich doch Achtung genug vor der Meinung jedes Einzelnen, Dir auch die Dei⸗ nige zu geſtatten. Dein Arm und Dein Herz mehr oder weniger in die Waggſchale geworfen, wird ſie nicht zu unſerem Nachtheile ſinken laſſen. Es lag auch nicht in meiner Abſicht, Dir meine Anſicht der Dinge aufzudrängen, ich entwickele ſie Dir nicht einmal, ob⸗ wohl es mir ein Leichtes wäre, bewahre mich Gott davor! Ich habe vielmehr einen andern Grund, daß ich ſo rede. Geſetzt nun— und gieb jetzt wohl Acht, Erik, denn ich komme zur Hauptſache— geſetzt nun, das Verhängniß wollte es, daß Dänemark und die Herzogthümer, in denen es gegen einander gährt, wie Du ſagſt, auf eine Art, die ich nicht vorherſehen kann, an einander geriethen, was würdeſt dann Du, der Sohn eines Deutſchen, mein Sohn, Andreas Burns' Sohn, thun?“ Kaum war das gewichtige Wort geſprochen, ſo wirkte es mächtig. Der Knabe, der nur noch dem Vater ein Knabe, ſonſt aber keiner mehr war, fing an zu weinen. Er fühlte, in welche Klemme er plötz⸗ lich gerathen, wie wichtig und entſcheidend der Augen⸗ blick für ſeine ganze Zukunft ſei, aber er fühlte zu⸗ gleich auch, in welcher Bedrängniß ſein Vater um ihn war. Während er nun ſeine Thränen zu trocknen und den Entſchluß, den er wahrſcheinlich ſchon längſt gefaßt, noch für ſich zu behalten bemüht war, ſchaute der Vater ihn ruhig an, ſo laut auch ſein Herz ins⸗ geheim pochte, und fuhr dann mit weicher aber eben ſo ernſter Stimme fort: „Ich ſehe, daß Dir die Sorge Deines Vaters nahe geht, aber ich kann Dir dieſen Schmerz nicht 264 erſparen, ich habe ihn auch durchgekämpft. Ich muß heute klar werden über Dich, damit ich weiß, auf wen ich in allen Fällen zu rechnen habe. Das aber befehle ich Dir: ſprich Deine Meinung ehrlich aus, wie ſie Dir im Kopfe oder im Herzen liegt, denn die Wahrheit will ich allein vernehmen, ſelbſt wenn ſie gegen mich wäre.“ „Dann will ich ſie ſagen,“ ſchluchzte Erik. „So ſprich ſie mir aus, mein Sohn.“ „Ich halte das Verfahren der Dänen für gerecht, das der Herzogthümer für geſetzwidrig.“ „Halt! Was haben ſie Geſetzwidriges begangen?“ „Sie haben proteſtirt gegen die Befehle ihres Königs.“ „Du ſprichſt zwei falſche Dinge in einem Athem aus. Einmal iſt der Dänen König nicht unſer König, ſondern unſer Herzog— und das weißt Du gewiß— und dann iſt niemals ein ehrlicher, offen und mit Gründen dargelegter Proteſt eine ungeſetzliche Hand⸗ lung geweſen.“ „Ich aber halte ihn dafür und wir Alle.“ „Das glaube ich gern. Du ſtehſt alſo nicht auf unſerer Seite, ſondern auf der der Dänen?“ „Ich ſtehe nicht allein da, ſondern ich handle auch da. Immer ſtehe ich, wo der Danebrog flattert,— 265 laßt auch Ihr ihn flattern, und ich ſtehe bei Euch!“ rief der Kadet ſtolz. „Nun, das war ehrlich geſprochen. Es iſt gut ſo — ja, ja.— Da wir aber ſo weit ſind, wollen wir zum Schluſſe kommen. Ich gehe noch weiter mit meinen Befürchtungen. Wenn nun die Verwicklungen zwiſchen Euch und uns zu einem ſchlimmen Ende führen?“ „Wohin können ſie führen?“ „Das ſteht bei Gott, mein Sohn, ich kann das nicht überſchauen. Wenn ſie alſo anſtatt zu einem guten, zu einem ſchlimmen Ende führen und Däne⸗ mark ſeine bewaffneten Schiffe gegen unſte friedliche Küſte ſendet— dann würdeſt Du vielleicht— da Du ſo ſehr gegen mich im Rechte biſt— die erſte Kanone auf das Haus Deines Vaters abbrennen— wie?“ „Davor bewahre mich Gott, mein Vater! Lieber würde ich eine Lunte nehmen und ſie an die Pulver⸗ kammer meines Schiffes legen, und wäre es das ſchönſte Schiff Sr. Majeſtät.“ „Iſt das Dein feſter Entſchluß, mein Sohn— würdeſt Du ſo handeln?“ „So wahr ich Erik Burns heiße— ja!“ „Dann gebe ich Dir meinen Segen, mein Sohn, denn Du hätteſt auf dieſe Weiſe nach Deiner Ueber⸗ 266 zeugung und Deiner Ehre gehandelt. Erinnere Dich an dieſe Stunde, wenn die Zeit kommen ſollte, Deine Ehre zu löſen. Jetzt ſcheide ich ruhig von Dir, ich weiß, was ich von Dir zu erwarten habe. Wir ſind einig, ſo weit wir es ſein können. Du biſt zwar ein Deutſcher und ſtehſt auf der Seite der Dänen, Vermuthung, eine Beſorgniß, die noch durch nichts gerechtfertigt iſt, von der wir hier reden, denn von einer Verwicklung, wie die unſrige, bis zum Kriege, einem mörderiſchen, ſchrecklichen Bruderkriege, iſt ein Sprung wie von dieſem Ufer bis zu jenem hinüber.— Einen ſolchen Sprung verſucht nur ein⸗ wahnſinniger Menſch, ein trunkener, verzweifelnder Menſch, und das iſt ja weder der Däne noch der Deutſche bis jetzt. Möglich, daß Alles zum Beſten ſich löſet, möglich, daß wir bald Beide zu einem Ganzen vereinigt gegen einen äußeren Feind uns wehren, denn angreifen werden wir kaum, dazu ſind wir zu ſchwach— dann, dann war dieſe Unterhaltung nur eine Unterhaltung zwiſchen Vater und Sohn— nicht wahr, mein Erik?“ „Ja, mein Vater, und Niemand auf Erden, ſelbſt mein beſter Freund nicht, ſoll davon jemals eine Sylbe vernehmen.“ aber das thun viele Braven, die das Verhängniß wie Dich in dieſe Lage brachte. Auch iſt es ja blos eine 8 267 „So gebe ich Dir meine Hand in Frieden. Bleibe auf dem Schiffe und erfülle Deine Pflicht. Ich werde der letzte ſein, der Dich davon zurückhält. Nun noch dies Glas! Auf daß Dir die Erfüllung dieſer Pflicht ſtets leicht werde und Dein Ziel ein gerechtes und gottgeſegnetes ſei!— Und nun, haſt Du noch ſonſt einen Wunſch, den ich Dir gewähren könnte, ſo ſprich ihn aus; wir finden nicht ſobald wieder eine Stunde, die für die Gewährung deſſelben Dir ſo günſtig wäre, wie dieſe.“ Erik erröthete und ſchaute vor ſich nieder. Aber der Vater hatte auch dieſe Miene richtig gedeutet. „Sprich,“ ſagte er,„und fordere— wenn Du mußt.“ Der Kadet erhob ſein Haupt und ſchaute den gü⸗ tigen Vater an.„Du gabſt mir ja erſt neulich,“ ſagte er,„und reichlich, wie immer.“ „Und Du bedarfſt heute ſchon wieder meiner Unter⸗ ſtützung, nicht wahr?“ „Ja, ich bedarf ihrer.“ Der Vater ſtand, ohne ein Wort weiter zu ſprechen, von ſeinem Stuhle auf und trat an den Schrank. Gleich darauf kam er mit einer Rolle in der Hand zurück, und ehe der Sohn wußte wie es geſchah, lag ſie in ſeiner Hand. Eine Minute ſpäter hatte er das Zimmer des Vaters verlaſſen und ſeine Schlafkammer 268 geſucht, wo er die Rolle öffnete und zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, das beinahe einem Schrecken gleichkam, wäh⸗ rend er nur Silber zu finden erwartet, große, dop⸗ pelte und noch dazu däniſche Goldpiſtolen fand.— * Die ernſte Stimmung, in welche obige Abend⸗ unterhaltung den Seekadet verſetzt hatte, hielt nicht lange bei ſeinem dem Gefühlswechſel leicht unter⸗ worfenen Charakter vor, und vorzüglich war es das reiche Geſchenk des Vaters, welches ſein Gemüth ſehr bald auf angenehmere Dinge lenkte. Am Morgen des nächſten Tages daher, da ein Seemann am Lande in der Regel wenig zu thun findet, trieb er ſich nach gemeinſchaftlich eingenommenem Frühſtücke in allen Scheunen und Ställen herum, ſcherzte mit den Mäg⸗ den, ſtritt mit den Knechten und ſuchte vor allen Dingen Agathens habhaft zu werden, mit der er ein ernſtes Geſpräch zu führen ſich vorgenommen hatte, welches aber weniger die politiſche Lage der Gegen⸗ wart betraf, als das des vergangenen Abends. Aber es war merkwürdig, daß Agathe gerade an dieſem Morgen ungewöhnlich viel zu thun hatte; bald war in der Küche, bald in den Zimmern zu ſchaffen, und 269 da ſie ſtets mit einer Hausmagd gemeinſchaftlich wal⸗ tete, wurde der unglücklich manövrirende Seemann zuletzt verdrießlich und beſchloß einen Morgenſpazier⸗ gang zu unternehmen, nachdem er zuvor erfahren, daß der Vater nach Apenrade, Friedrich aber nach dem Dorfe Barsmark geritten war. Die Mutter war frühzeitig an den Strand nach Capitain Bardow's Hauſe gegangen, um Helenen einen Beſuch abzuſtat⸗ ten und ſie zum Abende einzuladen, wo die Anweſen⸗ heit des jüngeren Sohns gefeiert werden ſollte. Ihre Bitte, ſie dahin zu begleiten, hatte der Kadet abge⸗ lehnt, indem er der leicht beſtimmbaren Mutter irgend einen Grund ſeines Zurückbleibens vorzuſchützen ge⸗ wußt. So verließ denn auch er das Haus und ſchlug den Weg nach dem Strande ein. Kaum aber hatte ſich Agathe ſeiner Entfernung vergewiſſert, ſo beeilte ſie ſich ſelbſt, einen Plan aus⸗ zuführen, den ſie ſich ſchon am Abende vorher in den Kopf geſetzt. Sie mußte Friedrich ſprechen, und im⸗ mer war er ihr, wo ſie ihn ſuchte, Schritt für Schritt ausgewichen. Offenbar plagte ihn ein Kummer, und Agathe liebte keine kummervollen Menſchen; wenig⸗ ſtens was ſie ſelbſt dazu beitragen konnte, that ſie gar zu gern, um freundliche Geſichter um ſich herum zu ſehen. 270 Friedrich hatte ihr, bevor er abgeritten war, einen eigenthümlich mitleidsvollen Blick zugeworfen und gleich darauf einen Seufzer auspeſtoßen, als er ſeinen Bru⸗ der neben ihr bemerkte, wo dieſer gewöhnlich war. Noch ehe ſie zu Tiſche ging, mußte ſie wiſſen, was ihm auf dem Herzen lag, denn ihr Auge und Ohr waren raſch und ſcharf genug geweſen, ſowohl jenen Blick wie den Seufzer zu erhaſchen. Sie beſchloß daher ihm entgegen zu gehen, da ſie beſtimmt zu wiſſen glaubte, er müſſe jeden Augenblick von Bars⸗ mark zurückkehren. Schnell warf ſie ihre Kapuze über den Kopf, hing ſich ihr Mäntelchen um und, die klei⸗ nen Hände in einem großen Muffe verſteckend, ver⸗ ließ ſie den Hof durch den Thorweg, der auf die Straße nach Norden, alſo gerade in entgegengeſetzter Richtung des Weges führte, den Erik eingeſchlagen hatte. Raſch ſchritt ſie den ſandigen Abhang hin⸗ unter, der in das ebene Land hinein ſich ſenkte und bewegte ſich dann mit hüpfendem Schritte zwiſchen den Hecken hindurch, die auf dem Wege nach dem Dorfe lagen. Nach kurzer Zeit erſtieg ſie wieder einen ſandigen Hügel, der rings von Knicken eingeſchloſſen war und von deſſen Höhe man das Dorf und den ganzen Weg, der dahin führte, überſchauen konnte. Und ſiehe, ſie hatte ſich nicht in ihrer Berechnung 271 geirrt. So eben verließ ein Reiter das Dorf und be⸗ wegte ſich in gemächlichem Schritte dem Hügel ent⸗ gegen. Es bedurfte nur eines Blicks ihres ſcharfen Auges, um in dieſem Nen Friedrich zu erkennen. Was der junge Mann unterwegs dachte, wiſſen wir 4 nicht; wir glauben uns aber nicht zu irren, wenn 4 * 4 wir annehmen, daß ſeine Gedanken nicht allzu weit 8 von denen entfernt waren, die auch Agathen zu ſchaf⸗ fen machten. Er war daher nicht wenig überraſcht, nach einiger Zeit Agathen auf dem Hügel zu bemer⸗ ken, denn daß nur ſie es war, die ſich da oben dem kalten Morgenwinde preisgab, hatte auch ihm ſein gutes Auge auf den erſten Blick verrathen. Anſtatt aber ſein Pferd zu raſcherem Gange zu treiben, hielt er daſſelbe ſogar einen Augenblick ganz an und ſchien zu überlegen, ob er das Zuſammentreffen mit dem ſeltſamen Mädchen auf freiem Felde vermeiden oder ſuchen ſolle. Endlich hatte er ſich für das Letzte ent⸗ ſchieden; er ſetzte ſeinen Gaul in Galopp und befand ſich in kurzer Zeit an der Schweſter Seite, die ihm ſchon von Weitem einen freundlichen Guten⸗Morgen entgegenrief. „Biſt Du ſchon wieder zurück, Fritz?“ fragte ihre ſilberne Stimme, als das Pferd ſchnaubend neben ihr ſtand. 272 „Ja, Agathe, ich hatte nur ein paar Worte mit Hans Blachmann zu ſprechen. Aber was treibt Dich ſo früh hinaus auf das Land? Der Wind weht ſo naßkalt herüber und wenn ich nicht irre, haben wir bald Regen oder Schnee zu erwarten. Der Sonnen⸗ ſchein hat nicht lange gedauert.“ „Das thut nichts— ich kümmere mich nicht ſo ſehr darum und liebe den Sonnenſchein mehr im Herzen als in der Luft. Aber ſage mir, Fritz, was hat Dir der Erik gethan, daß Du ſo kalt gegen ihn biſt?“ 1 Das ſchlaue Mädchen— denn auch Agathe ge⸗ hörte zu dieſer zahlreichen Klaſſe von lieblichen Ge⸗ ſchöpfen— hatte mit dieſer Frage den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie verdutzte den Gefragten gänzlich, denn ſie beſtätigte insgeheim den Verdacht, den er ſeit langer Zeit im Herzen getragen, daß näm⸗ lich Agathe dem Erik zugethan, für ihn alſo verloren ſei, da Erik ja augenſcheinlich Agathen auf Schritt und Tritt verfolgte. Wie falſch nun dieſer Schluß auch war, Friedrich wurde durch obige Frage nur noch mehr bedrückt. Dennoch ſtieg er vom Pferde, ließ es am Zügel hinter ſich hergehen und ſchritt langſam neben dem Mädchen her, welches wieder den Weg nach Hauſe eingeſchlagen hatte. 273 „Was mir der Erik gethan hat, fragſt Du, Aga⸗ the? Wie Du ſo fragen kannſt! Was ſoll er mir gethan haben? Er iſt ja mein Bruder, und ich habe mich herzlich gefreut, ihn nach ſo langer Trennung wieder bei der Mutter zu ſehen, deren Augapfel er iſt.“ „Bei der Mutter— o! Aber dennoch ſcheinſt Du ihn nicht in allen Dingen mit ganz günſtigem Auge zu betrachten. Sage mir den Grund, Fritz, ich— ich—⸗ 3 „Du möchteſt ihn in Schutz nehmen— ich weiß es wohl.“ Agathe erröthete tief, halb vor Zorn, daß ſie nicht verſtanden worden, und halb aus Aerger über ihre Uebereilung, daß ſie ſo gewaltſam das Geſpräch in dieſe Richtung gezogen.„Du irrſt Dich vielleicht,“ brachte ſie ſtockend hervor und ließ den Kopf mit den ſchwimmenden Augen etwas tiefer ſinken. „Wohl möglich, Agathe, aber ich will recht auf⸗ richtig gegen Dich ſein. Sieh, daß ich mich nicht von ſo ganzem Herzen freute, als Erik kam, das— das war aus einem anderen Grunde, den ich Dir nicht ſogleich ſagen kann.“ „Und das nennſt Du aufrichtig? Gerade dieſen A. Burns. I. 18 274 Grund möchte ich am liebſten wiſſen— ich bitte Dich, Fritz, ſei einmal wirklich aufrichtig gegen mich.“ Friedrich räuſperte ſich.„Ich habe Grund zu glauben,“ ſagte er etwas leiſer,„und auch der Vater hat ihn, daß Erik ein eingefleiſchter Däne geworden iſt, und daß uns dieſe Erkenntniß nicht wohl thun kann, wird Dir ſehr einleuchtend ſein.“ Agathe wollte eben antworten, als ſie ein leiſes Kniſtern an der anderen Seite der Hecke wahrzuneh⸗ men glaubte. „Still!“ rief ſie und blieb ſtehen.„Ging da drü⸗ ben nicht Jemand?“ „Es geht Jemand hier!“ rief eine jugendliche Stimme, und alsbald folgte derſelben ein Kopf, den eine goldverbrämte Mütze ſchmückte und deſſen Augen nicht gerade entzückt das wandelnde Paar betrachteten. Verwundert blieb Friedrich einen Augenblick ſtehen, wie Agathe, aber dieſer Verwunderung folgte unmit⸗ telbar der Unwille, von ſeinem Bruder beim Ausſpre⸗ chen einer Thatſache behorcht zu ſein, die den Haupt⸗ ſtreitpunkt in der Familie bildete und bisher vor aller Welt verſchwiegen worden war. Und unwillig war er nicht allein gegen Erik, ſondern auch gegen Aga⸗ then, die ihn zu jener Aeußerung verlockt, obgleich ſie, wie er annahm, um Erik's Anweſenheit gewußt; 275 am unwilligſten aber war er gegen ſich ſelber, daß er ſo leicht der Verſuchung unterlegen und auf dem beſten Wege begriffen geweſen war, Alles, was ſein Herz beläſtigte, der Schweſter anzuvertrauen. Er be⸗ ſann ſich daher nicht lange, ſtieg auf ſein Pferd und: „Adieu, Agathe, Du biſt in guter Geſellſchaft!“ ru⸗ fend, gab er dem Gaule die Sporen und jagte nach Apenrade zu, von woher er ſeinen Vater erwartete. Während er fortritt, und Agathe, halb beſchämt, halb niedergeſchlagen ihm nachblickte, war Erik über die Hecke und den Graben geſprungen und wandelte ſchon an ihrer Seite. „War das ein Rendezvous?“ fragte er ſpöttiſch. „Dann thut es mir leid, daß mich mein Inſtinkt in dieſe Richtung geführt. Habt Ihr nicht Zeit genug, Eure ungewaſchenen Geheimniſſe zu Hauſe auszukramen?“ „Du fragſt viel mit wenig Worten, Erik,“ erwi⸗ derte Agathe herzhaft.„Ob das ein Rendezvous war? Ja, von meiner Seite war es eins, denn ich ging Friedrich abſichtlich entgegen, was Du mir hoffentlich nicht verwehren wirſt. Sodann aber haben wir keine Geheimniſſe mit einander, am wenigſten ungewaſchene, wie Du ſie zu nennen beliebſt, und was wir zuſam⸗ men ſprachen, konnten wir ſo gut in Deiner wie in jedes andern Menſchen Gegenwart hören laſſen.“ 18* 276 „Aha! Du haſt einmal wieder Deinen kleinen Kopf aufdeſ wie ehemals. Albernes Mädchen! Mir ſo etwas aufbinden zu wollen. Gut, gut, ich ſehe es wohl, für mich haſt Du keinen freundlichen Blick, weil Du ſie alle für Friedrich aufſparſt, für Friedrich, den Träumer, den Ackersknecht—“ „Halt ein!“ rief Agathe, jetzt ernſtlich erzürnt. „Beleidige Deinen vortrefflichen Bruder nicht, der nicht gegenwärtig iſt, Dir mit männlichen Worten zu begegnen. Wenn ich freundlichere Blicke für ihn als für Dich habe, ſo verdient er das eben ſo wohl wie Du, denn ſein Benehmen gegen mich iſt ſtets das eines wahren Bruders, das Deine ſtets das eines eiferſüchtigen und ſich überſchätzenden Liebhabers ge⸗ weſen.“ Erik ſtand ganz verdutzt vor dem zürnenden Mäd⸗ chen, das ſich noch nie ſo kräftig gegen ihn ausge⸗ ſprochen und deſſen helles Auge blitzte, während ihr Buſen heftig gegen das Mäntelchen wogte. „Ein eiferſüchtiger und ſich überſchätzender Lieb⸗ haber?“ rief er ſpöttiſch.„Und auf wen ſollte ich eiferſüchtig ſein? Etwa auf Friedrich? Du Närrin! Aber halt, da Du einmal ernſthaft mit mir ſprichſt, ſo will ich es auch thun und ich bin überzeugt, mein Ernſt wird den Deinigen bei Weitem überflügeln.“ — 277 „Sprich, was Du willſt!“ entgegnete Agathe kalt. „Ich kann Dir nicht ausweichen, wie im Hauſe— was Du aber auch ſprechen magſt— ich ſage es Dir vorher— Du wirſt mich nie mein Benehmen gegen Dich bereuen laſſen.“ „Das wollen wir ſehen! Höre mich wohl an, es iſt das letzte Mal, daß ich von der bewußten Ange⸗ legenheit mit Dir rede. Weißt Du, was der Vater geſtern Abend mit mir verhandelt hat?“ „Ich weiß es nicht und mag es nicht wiſſen, da der Vater wahrſcheinlich Grund genug hat, mit Dir eine geheime Unterredung zu pflegen.“ „Du ſollſt es aber dennoch wiſſen, denn Du biſt dabei betheiligt.“ „Wie?“ fragte Agathe erſchreckend und blieb einen Augenblick ſtehen, während ihr roſiges Geſicht eine plötzliche Bläſſe überflog. „Ja, Du biſt dabei betheiligt und mehr als Du denken kannſt, ſage ich. Der Vater ſprach von den Angelegenheiten der Herzogthümer und Dänemarks. Er bedauerte, mich auf Seiten des Rechtes zu wiſſen. Es ſchmerzte ihn tief, daß—“ „Das ſagſt Du ſo offen und gehorchſt nicht ſo⸗ gleich ſeinem redlichen Wunſche?“ „Er hat keinen Wunſch als den meinen. Er hat 278 mir die Laufbahn freigeſtellt, die ich ſelbſt wähle. Ich habe geantwortet, daß ich bei den Dänen bleibe.“ „Das wußte ich vorher— weiter!“ „Aber dennoch— und das habe ich nicht dem Vater geſagt, aber ich ſage es Dir— es giebt ein Mittel, mich augenblicklich zu bewegen, das däniſche Schiff zu verlaſſen und in das väterliche Haus zurück⸗ zukehren.“ 3 Er hielt inne— kaum konnte er den blitzenden Blick des feſt auf ihn gerichteten Auges ertragen. „Um vielleicht den Dänen im Hauſe des Deut⸗ ſchen zu ſpielen— aber fahre fort,“ rief Agathe ſtandhaft,„oder ſchweige lieber ganz, damit Du nicht in Verſuchung geräthſt, einen Verrath gegen das treueſte Vaterherz auszuſprechen.“ „Nein, es muß geſagt ſein, heute oder nie, denn es möchte lange Zeit vergehen, ehe ich meinen Fuß wieder an dieſen Strand ſetze. Gehe ſogleich mit mir zum Vater; erkläre, daß Du meine Bewerbung an⸗ nimmſt und— ich kehre nicht wieder auf mein Schiff zurück.“ Beinahe hätte Agathe gelacht, und dennoch brach ſie in lautes Weinen aus.„Schrecklich,“ ſchluchzte ſie,„ſchrecklich! Du ungerechter, hartherziger Mann — Knabe ſollte ich lieber ſagen, wie Dein edler Va⸗ 279 ter Dich nennt. Gilt Dir ein armes, verlaſſenes Mädchen mehr, als Dein blutendes Vaterland? O, dann wehe dem armen Weibe, welches einſt das Deine wird, es wird mit Opfern erkauft ſein, die es einſt ſelber bezahlen muß.“ „Wie, ich verſtehe Dich nicht.“ „Aber ich Dich. Wiſſe, daß Du eben in einem Athem drei heilige Dinge verletzt haſt. Die treue Heimat, der kein edler Mann den Rücken kehren ſollte, um mit ihrem Feinde zu verkehren— den bie⸗ deren Vater, den Ehrenmann, der blos für ſeine Fa⸗ milie und die mit Füßen getretenen Rechte ſeines Va⸗ terlandes lebt,— und— und das ſchwache Herz einer elternloſen Waiſe, eines Mädchens, welches un⸗ ter dem Dache Deines Vaters Schutz gefunden hat, den Du hier zunichte machen willſt.— Wir ſind fertig mit einander, Erik, für alle Tage— gehe auf Dein Schiff, ſpionire damit an den Küſten Deiner Heimat— mich aber, mich wirſt Du mit Deinen kindiſchen und gehaltloſen Worten niemals bethören.“ Und ſchnell ſprang ſie davon und eilte dem An⸗ dreasberge zu, während Erik, halb lächelnd, halb er⸗ boſt, ſtehen blieb und ihre gewichtigen Worte in ſei⸗ nem Herzen nachſummen ließ. 280 Auch dieſer Tag verſtrich, wie der vorige verſtri⸗ chen war. Die halbentzweite Familie, durch die all⸗ ſeitige Güte und Liebe der Mutter zuſammengehal⸗ ten, nicht durch den ſtarken Willen des Vaters zur Eintracht bewältigt, vergnügte ſich ſo gut, wie ſie ſich unter den gegebenen Verhältniſſen vergnügen konnte. Helene war nicht der Einladung gefolgt. Ein heftig ſtrömender Regen hatte alle Wege unwegſam gemacht und ſie fühlte auch keine beſondere Neigung, Erik zu ſehen, deſſen däniſche Geſinnung ſie von früher her kannte. Auch die Nacht war verſtrichen und der Morgen gekommen, an welchem der jüngere Sohn wieder ſcheiden ſollte. Heiße Thränen vergießend, hielt ihn die Mutter umſchlungen, denn ihr war ja das unfügſamſte Kind, wie ſo oft, das liebſte; mit abgewandtem Kopfe, aus Mitgefühl für dieſe, nicht aus Traurigkeit über die Abreiſe des Störenfrieds weinend, ſtand Agathe am Fenſter. Friedrich hatte dem Bruder die Hand gereicht und war dann an ſeine Geſchäfte gegangen. Da trat der Vater, in ſei⸗ nen Regenmantel gehüllt, in das Zimmer und mahnte zur Scheidung. Endlich hatte die Mutter den Sohn losgelaſſen und dieſer ſchritt an der Seite des Va⸗ ters den Weg zum Strande hinab. Stumm gingen Beide nebeneinander her; je länger aber der Vater ſchwieg, um ſo unbehaglicher wurde Erik zu Muthe, und er beeilte ſich ſo ſehr wie möglich, wieder auf das Waſſer zu kommen. Unten am Strande harrten ſchon vier Matroſen in der gerüſteten Schaluppe des Capitains. Als ſie das Ufer erreicht hatten, ſahen ſie oſtwärts den Schooner kreuzen, der ſeine Beute ängſtlich zu erwarten ſchien. Ein düſterer Nebel hing dick über dem Schiffe und hüllte die Spitzen ſeiner Maſten wie in einen Trauermantel ein. „Leb wohl, mein Sohn!“ ſagte ruhig der Vater und faßte die Rechte des Jünglings.„Gott mit Dir auf allen Wegen! Denke an die Stunde des vor⸗ geſtrigen Abends. Sei redlich und edel auch in Dei⸗ ner Stellung. Weiter habe ich Dir nichts zu ſagen. Vorwärts!“ Einen Augenblick hing der Sohn an des Vaters Halſe. Dann war er in die Schaluppe geſprungen und hatte raſch ſeinen Ehrenplatz am Steuer einge⸗ nommen. Die Matroſen ſchlugen mit ihren Riemen in's Waſſer und das Boot flog wie ein tanzender Schwan auf den ſpritzenden Wellen dahin. Das Auge auf den Schooner gerichtet, hatte der Kadet bald das Land und ſein Vaterhaus vergeſſen. Nicht ſo der Vater den Sohn. Mit unterſchlagenen Armen, Thränen im Herzen, aber nicht in den Augen, unbe⸗ 282 kümmert um den kalten Regen, der ſein Geſicht peitſchte, blieb er am Strande ſtehen, bis er den Sohn den Bord des Schiffes beſteigen ſah.„Fahre mit Gott!“ ſprach er dann leiſe zu ſich ſelber.„Du haſt mir wehe gethan, und doch verurtheile ich Dich nicht. Aber ich habe meine Pflicht erfüllt und ſomit entſcheide die allmächtige Hand Gottes über uns!“ Und noch einen wehmüthigen Blick auf das Se⸗ gel beiſetzende Schiff werfend, welches ihm einen koſt⸗ baren Tropfen ſeines Lebensblutes entführte, wandte er ſich um und ſchritt nach Hauſe zurück, wo er ſein Zimmer bis Mittag nicht wieder verließ. Aehtes Anpitel. Die ſchleswig⸗holſteiniſche Revolution in Kopenhagen. Der Tag, an welchem Erik ſein Vaterhaus, ſeine trauernde Mutter und ſeinen in das unvermeidliche Schickſal ſich ergebenden Vater verließ, war der 24. Fe⸗ bruar 1848. Ein Tag, ſo unheilſchwanger für die Ruhe und den Frieden Europa's und ſo blutigroth eingetragen in die Blätter der Geſchichte, daß keine Feder, und ſchriebe ſie mit noch ſo glänzender Tinte, ihn jemals wieder wird daraus verlöſchen können. Es war dies der Tag, der von Paris aus, dem po⸗ litiſchen Vulkane Europa's, das lodernde Zeichen durch die Welt ſchleuderte, welches die Leidenſchaften der Völker entfeſſelte; an ſeinem Feuer wurden auch die Ketten geſchmiedet, in welche bald das herrliche deut⸗ 284 ſche Land, die Herzogthümer Schleswig und Holſtein, gelegt werden ſollte. Ehe das unerklärbare Welten⸗ ſchickſal aber dieſe Ketten mit allen ihren einzelnen in⸗ das Fleiſch und Blut eines edlen Volksſtammes ſchnei⸗ denden Ringen vollendete, ſollten freilich noch Jahre vergehen, die heute den Sieg und die Freude, morgen die Niederlage und den Schmerz, heute Freiheit und Vollgenuß des Lebens, morgen Knechtſchaft und Unter⸗ gang heraufbeſchworen. Doch die Herzogthümer ſchlum⸗ mern ja noch im ahnungsloſen Hoffnungsſchimmer einer freundlich tagenden Morgenröthe, noch iſt ihnen die Kunde von der feuerfarbigen Brandfackel nicht gewor⸗ den, erſt zwei Tage ſpäter wird ihnen der elektriſche Funke, der in Sekunden heut zu Tage von Weltmeer zu Weltmeer ſpringt, das unerwartete Signal zublitzen, welches Mord und Entſetzen über alle civiliſirten Län⸗ der an ihr ſchreckliches Tagewerk ruft. Kehren wir bis dahin zu Henrik Paulſen zurück, den wir verließen, als er zwei Tage früher aus der Schaluppe des Capitains ſtieg, um ſein ſtilles Pächter⸗ haus wieder zu betreten. Niemand daſelbſt hatte ſein Herankommen bemerkt, denn Alle waren im Innern des Hauſes oder auf dem nach der Landſeite gelegenen Felde beſchäftigt. Erſt als die Hunde ihr Begrüßungsgeheul ausſtießen, 285 wurden Knechte und Mägde ſeiner anſichtig und bald darauf liefen auch Mutter Urſel und Margrethe her⸗ 3 bei, ihren Herrn zu bewillkommnen. Als ſie ihm noch die Hände ſchüttelten, kroch Rasmus Harms ſelber auf einer Leiter vom Heuboden herab und ſchrie ihm ſchon von Weitem ſeinen Gruß zu. „Na,“ ſagte der arbeitſame Landmann und ſtrich ſich das anhängende Heu von der Hausjacke,„Ihr ſeid einen Tag über die Zeit geblieben, Herr, ich dachte es wohl. Wäret Ihr aber nicht bei Cap'tain Burns geweſen, ſo hätten wir leicht in Sorge ge⸗ rathen können.“ „Es hatte keine Noth, Harms, ich war in einen ſicheren Hafen eingelaufen. Nun— giebt es noch etwas Neues? Ihr ſcheint mit Euren Fragen noch nicht zu Ende zu ſein?“ Der Pächter winkte nach dem Zimmer Henrik's hinauf und dieſer verſtand ihn. Er begab ſich ſo⸗ gleich dahin und Rasmus folgte ihm auf dem Fuße. Das Zimmer war warm und faſt augenblicklich wurde von Margrethen der Kaffee gebracht. „Nun, was giebt es, Harms?“ „Es iſt ein ſonderlich Ding, Herr, um das, was ich Euch ſagen will,“ erwiderte dieſer und kraute ſich, wie es ſeine Gewohnheit war, hinter dem rechten 286 Ohre,— ein unzweifelhaftes Zeichen, daß er ſich in Verlegenheit befand.„Ja, es i*ſt ein ſonderlich Ding, und ich wollte, ich hätt's lieber nicht zu vermelden.“ „Ihr macht mich ſehr neugierig— nur heraus damit, wenn ich es doch wiſſen ſoll.“ „Gewiß müßt Ihr's wiſſen und da habt Ihr's. Es war wieder ein Beſuch hier in Eurer Abweſen⸗ heit, aber diesmal war es nicht der vornehme Herr, der uns neulich die Ehre anthat.“ „Und wer war es denn? Geſchwind!“ „Ja, den Namen weiß ich eben nicht, aber er ſagte, er wäre ein Freund von Euch und hätte Euch lange vergebens geſucht.“ Henrik wurde aufmerkſam.„Ein Freund?“ fragte er haſtig.„Und hat er Euch gar keinen Namen geſagt?“ „Gott behüte! Er wolle Euch ſehen und ſprechen; und da ich ſagte, Ihr wäret verreiſt, wollte er wiſſen wohin? Das hab' ich nun hübſch bleiben laſſen ihm zu ſagen, denn alle Freunde in der Welt, denke ich, brauchen nicht zu wiſſen, wo Jedermann zu finden iſt.⸗ „Recht ſo, aber weiter— wann war er hier?“ „O, er war zweimal hier. Zuerſt vorgeſtern Abend. Und da ich ihm ſagte, Ihr kehrtet wahrſcheinlich geſtern zurück, ſo kam er auch richtig gegen Abend 287 wieder geritten. Als er Euch aber auch dann nicht traf, bat er mich, ihn auf Euer Zimmer zu führen, er wollte ſehen, wie Ihr hier in dem ärmlichen Bauern⸗ hauſe wohntet.“ Jetzt ſchöpfte Henrik ernſtlichen Argwohn, aber er ſprach ihn noch nicht aus.„Und ließet Ihr ihn wirk⸗ lich in mein Zimmer gehen?“ „Ja, Herr, warum nicht, da er ſo zärtlich von Euch ſprach? Ich habe ſelbſt mit ihm hier geſtanden, wo wir jetzt ſtehen, und er hat ſich recht vertraulich rings umgeblickt— ſogar in den Bettſchrank hat er geſchaut.“ „Das ſcheint mir ein zudringlicher Burſche gewe⸗ ſen zu ſein. Ich erinnere mich keines Freundes, der ſolche Neugierde wegen meiner Wohnung an den Tag legen ſollte. Ihr habt im Ganzen nicht recht gethan, ihn hereinzuführen, Harms.“ „Ja doch, ja, das iſts eben, ich dacht' es mir wohl. Und Urſel hat es mir auch gründlich verdacht. Aber es iſt mal geſchehen, Herr, und läßt ſich nicht mehr ändern.“ „Und hat dieſer ſeltſame Freund keine Beſtellung an mich hinterlaſſen?“ „Nein, Herr, durchaus nicht, und das eben hat mir den Dampf angethan. Er ſagte nur, er könne 288 für's Erſte nicht wiederkommen, er habe überſeeiſche Geſchäfte; bei Gelegenheit aber werde er wieder vor⸗ ſprechen und Euch hoffentlich zu Hauſe finden. Dar⸗ auf ſetzte er ſich im Sattel zurecht und ritt— es muß einmal geſagt ſein, Herr Paulſen— ritt in das Haus da drüben, welches ehemals Eurem Vater ge⸗ hörte.“ „Ha!“ rief Henrik,„es war alſo ein Dänenfreund, Was für ein Pferd ritt er— war es etwa ein Falber?““ „Hol's der Henker, Herr, ein Falber war es— 6 S Ihr kennt ihn?“ Henrik erbleichte; er hatte ſchon vorher an Olaf Larſſen gedacht und fand jetzt ſeinen Verdacht beſtä⸗ tigt.„Und hatte er gelbliche Flachshaare und eine rothe Naſe, dieſer Freund?“ „Ja, auch das hatte er, und eine recht gründliche Rothnaſe, meine ich— und trug einen langen Flauſch⸗ rock über ſeine kurze dicke Figur und einen grauen Filzhut—“ „Bei Gott, er iſt's, es iſt Olaf Larſſen geweſen!“ rief Henrik unwillig und warf ſeinen Hut auf den Tiſch.„Ach, Ihr habt ſehr unrecht gethan, Harms, ſehr, ſehr unrecht. Wißt, dieſer Menſch iſt ein däni⸗ ſcher Spion, der mich von Kopenhagen her verfolgt hat und nur wiſſen will, wo ich mein Haupt zur 289 Ruhe gelegt habe, um mich vorkommenden Falls den Dänen zu verrathen.“ „Daß mich mein eigener Rauch erſticke, Herr! Das iſt mir eine wahrhaftige Maulſchelle auf mein altes Geſicht, kann's Euch verſichern. Aber wer zum Teufel konnt' ihm das anſehen? Er machte ſich ſo glatt wie ein Aal und ſprach wie ein alter ächter Freund von Euch. Na warte! Hol den Kerl der Geier, wenn er wiederkommt, ich will ihm meine Peitſche um den Hals jagen, daß er das Schlucken vergeſſen ſoll!“ „Er wird Euch ſobald nicht wieder beläſtigen, Rasmus, glaubt es mir. Er weiß jetzt, wo ich wohne und weiter wollte er für's Erſte nichts wiſſen. Seid ein andermal klüger, es iſt wichtig, daß Ihr für mich ſorgt. Ihr wißt, ich habe Feinde da drüben, die mir an den Hals möchten, wenn ich leichtſinnig in die Schlinge ginge. Dieſer iſt von ihnen bezahlt, mich im Auge zu behalten. Sollte er oder ein Anderer wiederkommen, ob ich nun da bin oder nicht, ſo ſagt Ihr, ich ſei nach Rendsburg geritten und käme im Sommer nicht wieder. Ich will allein und ungeſtört vor ſolchen Beſuchern ſein.“ „Aber es könnte doch mal ein wirklicher Freund kommen, Herr?“ A. Burns. I. 19 290 „Wenn Ihr ihn nicht als ſolchen kennt— fort mit ihm— und meint er es ehrlich, ſo werdet Ihr es ihm gleich anſehen. Dieſe Rothnaſe habt Ihr doch gewiß für einen Schurken gehalten?“ „So halb und halb, ja wohl— aber, Donner, was bin ich für ein Eſel geweſen!“ „Laßt es gut ſein und ſeid ein andermal klü⸗ ger!“— Und damit war Rasmus Harms entlaſſen, der in ſeine Stube ging und ſich ſelber auszankte, daß Henrik es bis in ſein Zimmer hören konnte. Unſer Freund war nur im erſten Augenblicke er⸗ ſchrocken geweſen. Bei genauerer Ueberlegung ſah er ein, daß ſelbſt Olaf Larſſen nichts Verfängliches von ihm hätte erfahren können. Er nahm, wie geſagt, an, daß er nur um ſeine Wohnung auszuſpüren ge⸗ kommen wäre, und darin irrtte er ſich auch nicht. „Aber wie hat dieſer Windhund meine Spur aufge⸗ funden?“ fragte er ſich.„Nur der Zufall kann ihn darauf geführt haben, ja, ja; ſeien wir alſo vorſichtig; jeder Schritt, den ich thue, muß vorher bedacht und jeder Menſch, der ſich zeigt, mit Argusaugen geprüft werden. Eine traurige Exiſtenz, aber es geht nicht anders.— Aber da bin ich— zu Hauſe bei mir— und Helene iſt drüben. Großer Gott! welches Glück! 291 Sie entgeht mir nun nicht mehr— ſie iſt Wittwe, alſo frei und ich— ol“ Lange beſchäftigte ſich Henrik mit dieſem wohl⸗ thuenden Gedanken und der Mittag kam heran, ehe er ſich zu der Arbeit entſchloß, derenwegen er nicht länger in Emmerslund geblieben war. Um die Ar⸗ beit des Herzens zu betäuben, nahm er aber jetzt die Arbeit des Kopfes vor und bald ſehen wir ihn hinter verſchloſſener Thür bei ſeinen Büchern und Papieren ſitzen und ſeinen ganzen Fleiß darauf verwenden, das begonnene Werk zu Ende zu führen. Nur wenige Stunden des Tages ruhte er; er ſchrieb bis ſpät in die Nacht, und wenn der Schimmer des neuen Tages noch lange nicht den Horizont vergoldete, zündete er ſein Licht ſchon wieder an. Nur in der Dämmerung ging er am Strande ſpazieren, denn er verlor nicht gern das Epheuhaus aus den Augen, und Niemanden ſprach er außer den Bewohnern des Hauſes. Herr Olaf kam nicht wieder, kein Menſch hörte etwas von ihm, und als zwei Tage in dieſer Art verſtrichen wa⸗ ren, war der zudringliche Freund ſchon faſt ganz ſei⸗ nem Gedächtniſſe entſchwunden, denn eine lieblichere Geſtalt hatte ſich ſeiner ganzen Phantaſie bemächtigt. Den größten Theil ſeiner Ruheſtunden brachte er am Fenſter zu, aus dem er dann ſtets nach dem nörd⸗ 19* 292 lichen Strande hinüberſchaute. Sein Fernrohr kam dabei ſelten aus ſeiner Hand und leiſtete ihm alle nur möglichen Dienſte. Denn nicht nur hatte er das Vergnügen, des Tages mehrmals Helenen zu ſehen, wenn ſie am Strande ſpazierte oder den Andreasberg hinauf ging, ſondern er ſah ſie auch ſelbſt am Fenſter ſtehen und glaubte zu bemerken, daß auch ſie ſich im Gebrauche des Fernglaſes übe. Dies war namentlich an dem Morgen der Fall, als Erik auf den Schooner zurückkehrte, aber das Wetter war zu unfreundlich, die Luft zu trübe und regneriſch, als daß er die Rich⸗ tung ihres Glaſes hätte entdecken können. Das Schiff ſelber hatte Henrik ſehr genau gemuſtert, aber nichts daran gefunden, was ihm ein Bedenken oder von Neuem Unruhe hätte erregen können. Jeden Morgen trug der Landbote von Warnitz ſeine Briefe in der Umgegend umher und pünktlich er⸗ ſchien er im Pächterhauſe, um eine Zeitung, den Hamburger Correſpondenten, abzuliefern, den Henrik in dieſer Zeit las. Mit einem wahren Heißhunger verſchlang er alle Nachrichten, die aus Kopenhagen oder Kiel einliefen, und jene Tage waren reich daran. Gern wäre er auch in den nächſten Tagen, nachdem Erik abgereiſt, auf einige Nachmittagsſtunden nach Emmerslund geſegelt, aber das Wetter war zu un⸗ 293 günſtig dazu. Es ſtürmte gewaltig, die Wellen thürm⸗ ten ſich mannshoch auf und die Schollen brachen dar⸗ über mit ſolchem Gekrach zuſammen, daß er des Nachts ſogar davon aus dem Schlafe geweckt wurde und am Morgen die Wellen mit unzähligen kleinen Stückchen zerſplitterten Eiſes bedeckt fand, deſſen allmälige Zer⸗ malmung, indem es ſich an einander zerreibt, jenen ſchrillen und zitternden Ton hervorbringt, den man ſonſt nirgends wieder hört. So mußte er wohl ſeine Neigung bezwingen und er that es mit dem wohl⸗ thätigen Gefühle, daß ſein künftiges Geſchick dadurch nicht verſpätet werde. Da kam der 27. Februar heran und mit ihm eine Neuigkeit, die er eben ſo wenig wie ſeine übrigen Freunde und die ganze Welt erwartet hatte, deren Folgen aber, wenn ſie ſich wirklich beſtätigte, woran er noch zweifelte, von unberechenbarem Einfluſſe auf die Geſtaltung aller ſtaatlichen Verhältniſſe ſein konn⸗ ten. Am Abende dieſes Tages nämlich kam Rasmus Harms Sohn, Matthias, im ſtrömenden Regen nach Hauſe. Er war in Satrup geweſen, um ein Mäd⸗ chen zu beſuchen, welches er im Frühjahre heirathdn wollte. Er meldete ſeinem Vater, der ſich mit dieſer Nachricht ſogleich zu Henrik begab, daß in Ulderup die Bauern in der Schänke ſäßen und ſich erzählten, 294 in Paris ſei der König ermordet worden und Alles ginge drunter und drüber. Die Bauern, halb deutſch, halb däniſch geſinnt, ſeien darüber unter ſich in Streit gerathen und man habe ſich ein wenig die Zähne gewieſen. Die Einen glaubten die Neuigkeit, die An⸗ dern nicht, und doch müſſe ſie wahr ſein, denn ein von Altona nach Alſen durchreiſender Mann habe ſie in Rendsburg auf der Eiſenbahn gehört und dem Pfarrer mitgetheilt. Henrik erkannte ſogleich die Wichtigkeit dieſer Bot⸗ ſchaft und beſchloß trotz der ſpäten Stunde nach Ul⸗ derup zu reiten, um ſich perſönlich von den näheren Umſtänden zu unterrichten. Der Rappe war bald ge⸗ ſattelt, Henrik verwahrte ſich gegen den kalten Regen, und in einer Viertelſtunde ſchon trabte er ab. Ob⸗ gleich er ſein gutes Pferd ſcharf ausgreifen ließ, ſo brauchte er doch bei der ungünſtigen Witterung, der Dunkelheit des Abends und den grundloſen Wegen eine gute Stunde, um das genannte Dorf zu erreichen und er kam eben vor der Schänke an, als der Pfarrer des Dorfes die darin verſammelten unruhigen Köpfe zur Ruhe gebracht hatte und ihnen eine verſtändige Anrede hielt. Die Läden der Wirhshausfenſter waren in dem allgemeinen Tumulte, welchen die merkwürdige Neuig⸗ 295 keit im Dorfe hervorgerufen, nicht geſchloſſen worden und Henrik konnte ungehindert in das Innere des Zimmers blicken. Vom lodernden Feuer eines unge⸗ heuren Kamins mehr als von zwei Lichtſtümpfen, die auf dem Tiſche brannten, erleuchtet, ſaßen die Bauern gedrängt im Kreiſe herum, ihre Kannen und Gläſer unberührt laſſend. Ihre glotzenden Augen und offenen Mäuler waren alle auf einen Punkt gerichtet; ſie ſchauten aufmerkſam den redenden Prediger an, der, in ruhiger Würde und mit ernſten Mienen vor ihnen ſtehend, eben ſeine Rede beendigte. Er hatte die To⸗ benden ſchließlich zur Ruhe gemahnt und blieb ſelbſt ſo lange im Wirthshauſe, bis ſich alle Beſucher deſſel⸗ ben geräuſchlos und ohne den geringſten Widerſpruch zu verſuchen entfernt hatten, denn das Wort des Pfarrers galt zu allen Zeiten viel bei den ſchleswig⸗ ſchen Bauern. Henrik wartete, ohne abzuſteigen, bis der Pfarrer, den er kannte, ſelber herauskam. Von ihm erfuhr er, daß die Neuigkeit in ſo fern wahr ſei, als Louis Philipp geflohen und die Republik in Frankreich ausgerufen ſei, denn er hatte ſelbſt den Reiſenden geſprochen, der die betreffende telegraphiſche Depeſche in einer Zeitung geleſen. Langſam und nachdenklich ritt Henrik nach Hauſe; er ſah ſchon im Geiſte die düſtere Entwickelung der 296 Verhältniſſe voraus, die dieſem großen Ereigniſſe in Frankreich auch in anderen Ländern folgen mußte. Denn ſo war es ja immer geweſen, und auch in den noch immer friedlichen Herzogthümern, fürchtete er, würde man die Nachſchwingungen dieſes gewaltigen Erdſtoßes verſpüren. Am nächſten Morgen brachte der Landbote zur gehörigen Stunde die Zeitung. Darin ſtand ſchon ausführlicher was geſchehen war, und am folgenden Tage hatte man ſelbſt in dieſem abgelegenen Winkel des Landes alle Vorfälle erfahren, welche die übrigen Bewohner Deutſchland's ſchon zwei Tage früher in Aufregung geſetzt hatten. Henrik fuhr, vom Wetter einigermaßen begünſtigt, am 29. Februar nach Em⸗ merslund hinüber, um mit Andreas eine wichtige Unterhaltung zu pflegen. Beide Männer waren ein⸗ verſtanden, daß die Tragweite eines ſolchen welt⸗ erſchütternden Ereigniſſes in den eigenen kleinen Ver⸗ hältniſſen ſich noch gar nicht berechnen und eben ſo viel hoffen als fürchten laſſe. Henrik kehrte beruhigter nach dem Sundewitt zurück und überließ ſich mit ge⸗ heimer innerlicher Spannung ſeinen Arbeiten. Er wollte ſich vorläufig allen Einwirkungen von Außen verſchließen, welche die Folgen jenes Ereigniſſes noth⸗ wendig bald in ſeiner Umgebung hervorrufen mußten, * EEEEEEE 297 denn wenn etwas Wichtiges geſchah, ſo wußte er be⸗ ſtimmt, daß man ihn von Kiel aus, wo er ſeine ver⸗ trauten Freunde hatte, nicht ohne Nachricht laſſen würde. Und darin hatte er ſich auch nicht getäuſcht. Schon in der erſten Hälfte des Monats März erhielt er einen Boten aus Kiel, der beauftragt war, nur in ſeine eigenen Hände ein Schreiben abzuliefern, wel⸗ ches ihn von allen Vorgängen in Kiel ſelber und den übrigen Städten Holſtein's, dann aber auch, was ihm viel wichtiger ſchien, von den Ereigniſſen in Kopen⸗ hagen unterrichtete. Die radikale Partei in der däni⸗ ſchen Hauptſtadt, hieß es darin, wäre durch die Vor⸗ fälle in Paris zu der Hoffnung ermuntert worden, daß jetzt endlich die Zeit gekommen ſei, wo man ohne beſondere Schwierigkeit die vorbereiteten Pläne gegen die Herzogthümer durchſetzen könne; eine gewaltige Agitation unter den einverſtandenen Männern fände ſtatt und die öffentlichen Blätter ſtrömten über von Angriffen und Schimpfreden gegen die deutſchen Lande des Königreichs. Gleichzeitig würden die Kriegs⸗ rüſtungen offener und umfänglicher betrieben, denn ſchon am 4. März ſei der Befehl gegeben, einen großen Kheil der Schiffe und der Landarmee kampffertig zu machen. Als Ziel dieſer Rüſtungen werde officiell England und Rußland bezeichnet. So lächerlich dieſer 298 4 Vorwand auch ſei, denn warum ſollte Dänemark ge⸗ gen England und Rußland rüſten, ſo glaube doch ein großer Theil des Volkes daran und nehme ſelbſt Par⸗ tei, und nur die klarer blickenden und jenes Volk lei⸗ tenden Männer wüßten, daß dieſe Rüſtungen gegen Niemand anders als gegen die Herzogthümer gerichtet ſeien und das Vorſpiel eines längſt vorbereiteten Staatsſtreiches gegen dieſelben bildeten. Daß durch dieſe Nachrichten und namentlich durch die unverhüll⸗ ten Angriffe der däniſchen Blätter eine große Unruhe in den Herzogthümern entſtanden ſei, brauche nicht beſonders erwähnt zu werden, da ja bekanntlich alle Gemüther über die in Frankreich und allmälig auch in Deutſchland hervorbrechenden Wirrniſſe ſich in zu⸗ nehmender Gährung befänden. Soweit reichte der erſte Abſatz des Schreibens aus Kiel. Einen Tag ſpäter aber war eine Nachſchrift bei⸗ gefügt, welche Folgendes enthielt: In Kopenhagen ſei man, wie ſo eben die Nachricht einlaufe, bereits noch weiter im Angriffe gegen die Herzogthümer vor⸗ geſchritten, indem am 11. März die deutſchfeindliche Partei im Caſino ſich verſammelt und in feurigen Reden das Volk aufgefordert habe, den Einfluß der ſchleswig⸗holſteiniſchen Partei, als die nächſte und größte Gefahr für die Selbſtändigkeit des däniſchen 299 Volkes, zu brechen und die vollſtändige Vereinigung zwiſchen Dänemark und Schleswig zu erwirken. Schles⸗ wig ſei, hätte ein Hauptführer der Radikalen,(der nachmalige Kriegsminiſter) Tſcherning, geäußert, kein eigener ſouverainer Staat, ſondern, wie Fünen, ein Theil der däniſchen Monarchie; wolle ſich Schleswig von Dänemark losreißen, um einen eigenen Staat zu bilden, oder ſich eigenmächtig fremden Staaten anſchließen, ſo ſei dies ein Aufruhr, und ſolche Auf⸗ rührer zum Gehorſame zu zwingen, ſelbſt mit Waffen⸗ gewalt, ſei Pflicht der Regierung. Dieſem ungerech⸗ ten und hinterliſtigen Antrage habe man allgemein beigeſtimmt, obgleich man ſehr wohl wiſſe und wiſ⸗ ſen müſſe, daß die Herzogthümer ſelber noch gar nicht an irgend einen Aufruhr oder nur eine Auflehnung gegen die däniſche Regierung gedacht hätten, denn ſie verhielten ſich ruhig und in den Schranken des Geſetzes, wie immer, obgleich ihre Augen und Ohren nach allen Seiten hin offen wären. Am 13. März endlich ſei an allen Straßenecken in Kopenhagen ein Aufruf angeſchlagen worden, der beſagte, daß Däne⸗ mark's Exiſtenz auf dem Spiele ſtehe; es werde un⸗ tergehen, wenn nicht unverzüglich Schleswig's Tren⸗ nung von Holſtein bewirkt werde. Eine andere Ver⸗ ſammlung habe ſodann eine Adreſſe an den König 300 gerichtet und ſich heftig für die Eidergränze, das heißt für eine Verbindung Schleswig's mit Dänemark aus⸗ geſprochen. Der König ſelber ſei mit dieſen hinter⸗ haltigen Beſtrebungen nicht einverſtanden, ja, er hoffe ſogar auf die Unterſtützung der Herzogthümer gegen den überhand nehmenden Radikalismus der Dänen, indeſſen ſei er durch die unwiderſtehliche Bewegung in Kopenhagen eingeſchüchtert und aus Furcht bereit, der alle Tage mächtiger anwachſenden Partei auf Koſten der Herzogthümer Zugeſtändniſſe zu machen und ge⸗ gen dieſe im Sinne jener zu verfahren. Für's Erſte habe er ſich in Folge dieſer traurigen Vorfälle ent⸗ ſchloſſen, zur größeren Sicherung ſeines Reiches das Generalcommando von Schleswig nach Rendsburg und die ſchleswig⸗olſteiniſchen Hauptkaſſen in Rends⸗ burg und die Münze in Altona mit ihren reichen Be⸗ ſtänden nach Kopenhagen verlegen zu laſſen.*) „Kommen Sie,“ ſchloß der verhängnißvolle Brief, „wenn Ihre Zeit und Ihre Verhältniſſe es irgend geſtatten, ſo ſchnell wie möglich nach Rendsburg; ein großer Theil der ſtändiſchen Abgeordneten der Her⸗ zogthümer wird daſelbſt zuſammentreten und berathen, was unter dieſen Umſtänden gegen die Uebergewalt *) Streng geſchichtlich. Siehe die vorerwähnten Schriften. — 301 der Radikalen in Kopenhagen zu thun ſei. Wir kön⸗ nen nicht genug patriotiſche Männer haben, um mit ihrer Hülfe den allgemeinen Feind zu bekämpfen. Auch Ihre Meinung will man hören und ſich Ihrer Feder bedienen, die ſchon ſo manchen Strauß ſiegreich aus⸗ gefochten hat.“ Tief erſchüttert hielt Henrik das Blatt in der Hand. Der lange drohende Sturm ſchien unmittelbar über ſeinem Haupte ausgebrochen zu ſein, er fing an, ſich nach einem deckenden Schirme umzuſehen. Augen⸗ blicklich war er zum Handeln entſchloſſen und ſchon wollte er Befehl zum Satteln ſeines Pferdes erthei⸗ len, als ihm das Andreas Burns gegebene Verſpre⸗ chen einfiel, nichts Wichtiges oder Entſcheidendes ohne ſein Mitwiſſen oder ſeinen Rath zu unternehmen. Er ſann noch einen Augenblick nach, dann änderte er den erſten Entſchluß und ließ ſchnell das Boot aus⸗ rüſten, um nach Emmerslund zu ſegeln. Als er haſtig und mit glühenden Wangen bei dem Capitain eintrat, fand er ihn glücklicherweiſe zu Hauſe und— ein noch größeres Glück!— Helene ſaß bei ihm im Zimmer, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend, woraus ſie ſo eben dem vöäterlichen Freunde vorgeleſen hatte. 30²2 „Da,“ rief der Ankommende nach der erſten Be⸗ grüßung,„leſet und prüfet, was ich Euch Neues zu verkünden habe. Ja, auch Sie, Helene, bitte ich, Theil an unſerer Berathung zu nehmen, denn Sie und alle Schleswiger ſind dabei betheiligt.“ Andreas Burns, weniger erregt, als Henrik ver⸗ muthet, denn er hatte bereits die mitgetheilten Vor⸗ gänge mit Helenen beſprochen, las laut und langſam den Brief des Freundes aus Kiel vor. Als er damit zu Ende war, erhob er ſeine Augen gegen den Him⸗ mel, während ſein markiges Geſicht eine raſch vor⸗ übergehende Bläſſe entſtellte.„Gut,“ ſagte er mit männlicher Faſſung.„So mußte es kommen, haben wir es nicht lange vorausgeſehen? Das iſt ja nichts weiter, als was uns ſeit Jahren ſchon im zuckenden Herzen gelegen,— nun wiſſen wir es beſtimmt und wälzen den Stein der Ungewißheit und Befürchtung von der Bruſt. Vorwärts—“ und er ſtand von ſei⸗ nem Sitze auf und that einen Schritt gegen Henrik hin,„vorwärts, Dänemark, lege Deine kalte Hand an unſer warmes Leben und tritt uns hinab in den Grund des Meeres. Wir ſind ja nur arme Deutſche, und Du beherrſcheſt eine mächtige Nation. O, Kin⸗ der, Kinder, was werden wir noch erleben!“ „Und was ſoll ich thun, Andreas, rathet mir; 303 ſoll ich dieſer Aufforderung nicht ſogleich gehorchen und nach Rendsburg jagen?“ Andreas, die Hand an die Stirne gelegt und das ſtrahlende Auge feſt geradeaus gerichtet, ſchritt einige Male ſchweigend vor dem Freunde hin und her.„Nein, Henrik,“ ſagte er langſam und bedächtig,„das iſt nicht mein Rath und meine Meinung. Für Dich we⸗ nigſtens nicht. Du biſt ein Einzelner und jene ſind ihrer Viele. Du biſt kein Abgeordneter, der zur Ver⸗ ſammlung berufen wird. Jene erfüllen eine Pflicht, wenn ſie ihren Platz einnehmen, Du— Du gehörſt noch nicht zu ihnen— noch nicht, ſage ich. Wohl ſehe und fühle ich, daß wir am Morgen eines ereig⸗ nißreichen Tages ſtehen und daß für uns Alle bald der Augenblick des Handelns gekommen ſein wird. Du aber befindeſt Dich bei dieſem allgemeinen Streite in einer beſonderen Lage. Greife noch nicht zu den äußerſten Mitteln. Gelänge unſer rechtliches Vor⸗ haben, ſo hätteſt Du klug gethan und man würde Dich vielleicht loben. Aber wer bürgt uns für den Erfolg. Wenn es nun mißlänge, dann hätteſt Du in Uebereilung gehandelt, die von keiner Seite gut geheißen werden dürfte. Bedenke wohl, Du ſtehſt unter Aufſicht der Regierung, die Dich erſt vor Kur⸗ zem begnadigt hat— ob ſie das Recht dazu hatte, △— 304 iſt eine andere Frage— gieb den Vortheil nicht auf, den Dir dieſe Lage in ihren Augen gewährt, bewahre Dir Deine künftige Freiheit dadurch, daß Du jetzt ſtill in Deinem Hauſe bleibſt, wie das ganze Land um uns her. Steht aber einſt dies ganze Land zu⸗ ſammen und mit einem Sprunge auf, dann, dann mein Freund, aber nicht eher, wird auch Deine Stunde gekommen ſein. Das iſt meine Meinung, mein Rath — bleibe und warte ab, dies iſt erſt der Anfang des Endes.“ „Ja,“ rief Helene mit lebhafter Zuſtimmung,„An⸗ dreas hat Recht, das iſt auch meine Anſicht der Dinge, obwohl ich nur ein Weib bin. Laſſen Sie Sich nicht, Henrik, durch ihren patriotiſchen Sinn, den wir Alle kennen und theilen, zu einem Schritte verleiten, den Sie alle Tage vorwärts, nie aber zurück thun können.“ Henrik hatte, ſo lange der Capitain ſprach, ge⸗ ſchwankt; als er aber auch Helenen, dies angebetete und verſtändige Weib in ſeine Meinung einſtimmen hörte, war er entſchieden, derſelben beizutreten. Nach einer Stunde, die er mit beiden ſo theuren Perſonen in wichtiger Unterredung zubrachte, fuhr er nach Hauſe, ſprach ſeine Anſicht in einem Briefe an ſeinen Freund aus und ſchickte damit den einer Antwort harrenden Boten nach Kiel zurück. 305 Die nächſten Tage verliefen in banger Erwartung der kommenden Dinge. Henrik peinigte bald eine unbeſtimmte Sorge, bald ſchwoll ſein Herz von hoff⸗ nungsvoller Wonne über. Lange hielt er es jetzt nicht bei ſeiner Arbeit aus, die ihn zum Sitzen nö⸗ thigte; wiederholt legte er ſie bei Seite, lief in die friſche Frühlingsluft hinaus, die würzig vom Meere über das Land wehte, und kühlte ſeine heiße Stirne in der Nähe der brandenden Wellen ab. So vergin⸗ gen zwei, drei, vier Tage, ohne daß etwas Weiteres im Pächterhauſe oder Emmerslund bekannt wurde, als was die Zeitungen und dunkele Gerüchte herbei⸗ trugen. Endlich am 22. März aber ſandte der treue Freund aus Kiel wieder ſeinen Boten und Henrik er⸗ fuhr, daß die ſtändiſche Verſammlung in Rendsburg am 18. März beſchloſſen habe, eine Deputation von fünf der bewährteſten Männer nach Kopenhagen zu ſenden, um dem König⸗Herzoge die wirkliche Lage und die loyalen Wünſche des Landes vorzulegen, ſo wie, daß Alles in Ruhe und Ordnung des Ausgangs dieſer Sendung harre, daß das ganze Land ſchweigend und gefaßt den königlichen Entſchließungen entgegenſehe, daß kein Tumult, keine Unruhe irgend einer Art ſtatt⸗ gefunden, daß endlich die Deputation, von den Segens⸗ wünſchen der Zurückgebliebenen begleitet, am 21. März A. Burns. I. 20 306 von Kiel abgereiſt ſei und man mit dem Dampfboote am 23. ſchon die Nachrichten von Kopenhagen zurück erwarte. Allgemein hege man die Hoffnung, daß dieſe letzte Sendung Gutes erwirken und dem theuren Va⸗ terlande bald den alten Frieden wiedergeben werde. Uebrigens habe Henrik wohlgethan, nicht zu kommen, vielleicht ginge der Sturm ohne Gefahr vorüber und er ſolle daher die Freiheit ſeiner Handlungen für alle Zukunft zu bewahren ſuchen. Falle etwas Entſchei⸗ dendes vor, ſo werde er unverzüglich Nachricht erhal⸗ ten und dann könne er thun, was ihm gut dünke. Das geſchah am 22. März. Henrik überbrachte auch dieſe Nachricht dem befreundeten Capitain und kehrte am 24. Abends in ruhiger Faſſung nach ſei⸗ nem Hauſe zurück. So dämmerte der 25. März lang⸗ ſam herauf. Der Tag kündigte ſich mit Unwetter an. Schwere Wolken flogen vom Norden herüber und ließen Meer und Land in unbehaglichem Dunkel liegen. Henrik ſtand gegen Mittag am Fenſter und ſchaute ſorgenvoll auf das ſtürmiſche Meer und die ächzenden Bäume hinaus, deren noch kahle Wipfel ein kalter Windſtoß nach dem andern hin und her ſchüttelte. „Wie iſt mir ſo ſonderbar zu Muthe,“ ſagte er zu ſich ſelber und ſchauerte unwillkürlich zuſammen. 307 „Kalter Froſt durchzittert meine Gebeine in dieſem warmen Zimmer und mein Herz klopft ſchwer und bang, als hätte ich eine Miſſethat begangen. Heute ſind es nun drei Tage, daß die unverzagten treuen Männer hinübergeſegelt und dem Throne des jungen Königs bittend genaht ſind. Was werden ſie erfah⸗ ren haben? Heute müſſen ſie zurückkommen, mir ſagt es eine Ahnung. Aber dieſe Ahnung iſt trübe wie der Himmel— Wolken, Wolken, nichts als Wolken ſehe ich vor und über mir, und kein freundlicher hoff⸗ nungsreicher Strahl fällt von oben hernieder.“ Henrik konnte nicht mehr zu ſeiner Arbeit zurück⸗ kehren; er ging am Strande auf und nieder, unbe⸗ kümmert um den ſtärker brüllenden Sturm, der oft bis dicht an ſeine Füße die Wellen des Meeres peitſchte, die dann in dumpfem Getöſe ſich an dem bebenden Ufer brachen und nur ſelten hinter ihren tanzenden Schaumkronen das nördliche Ufer hervortauchen lie⸗ ßen. So ging der Tag vorüber und der Abend ſank mit ſprühendem Regen raſch herein. Schon dunkelte es. Henrik trat in die Diele des Hauſes und ſah ſchon von ferne das Feuer des großen Heerdes lo⸗ dern, um welches die nie raſtenden Mägde beſchäftigt waren. Da ſchlugen die Hofhunde laut an und ein eiliger Hufſchlag ließ ſich am äußeren Thorwege hören. 20* 308 Henrik lief zuerſt aus dem Hauſe dem Ankommenden entgegen— ſeine Ahnung hatte ihn nicht betrogen — es war wieder der Bote, der ihn ſchon zweimal beſucht. Sobald dieſer den Mann erkannte, an den er abgeſandt war, eilte er auf ihn zu und überließ ſein dampfendes Pferd ſich ſelber. „Geſchwind, Herr,“ flüſterte der treue Diener ſei⸗ nes Freundes—„kommen Sie hinein, ich bringe heute wichtige Botſchaft.“ Mehr ſpringend als gehend erreichte Henrik ſein Zimmer, der Bote dicht hinter ihm her, und ſchnell war ein Licht angezündet. Er riß den dicken Brief auf, den der Bote in einem Beutel auf bloßer Bruſt getragen, und durchflog die erſten Zeilen mit leiden⸗ ſchaftlicher Haſt. Als er aber allmälig langſamer weiter las, wurde er, merkwürdig genug, von Augen⸗ blick zu Augenblick ruhiger, gefaßter, bis ſein Herz ſo weit geſtählt war, daß er beinahe mit kaltem Blute zu leſen fortfuhr. Aber er war ſo vertieft in das, was er las, daß er nicht bemerkte, daß der Bote noch neben ihm ſtand. Endlich war er zu Ende ge⸗ kommen. Tief holte er Athem und ſchlug das um⸗ florte Auge gegen die Decke des Zimmers auf. Da ſah er erſt den Boten.„Was!“ rief er mit hohl klingender Stimme,„biſt Du noch hier, Mann? 309 Ah— ſtärke Dich und ſorge für Dein Pferd. Dann reite langſam zurück— Deinen Herrn wirſt Du in Rendsburg treffen— Du haſt keine Eile mehr. Ich werde Dir wahrſcheinlich bald folgen.“ „Und nichts Schriftliches heute?“ „Nichts Schriftliches— mit dem Schreiben iſt es vorbei— grüße Deinen Herrn und er ſoll mich bald von Angeſicht ſehen. Dein Wille geſchehe, Herr!“ Die letzten leiſe geſprochenen Worte hatte der Diener nicht gehört, er beantwortete nur die erſten. „Nichts Schriftliches heute— das iſt mir lieb— ſie paſſen mir ſchon hölliſch auf den Dienſt— ich kann es an ihren Geſichtern wahrnehmen.“ „Du mußt ſtets einen anderen Weg reiten, es giebt ihrer genug.“ „Ja, das will ich auch thun.“— Der Bote ging in die Küche hinunter und wärmte und trocknete ſich am Heerde. Gleich darauf aber wurde Rasmus Harms in das Zimmer ſeines Herrn beſchieden. Er fand denſelben auffallend ruhiger vor als vor Ankunft. des Boten.„Nun, Herr,“ fragte G der treue Pächter,„iſt es gut oder ſchlimm, was der Mann brachte? Ihr ſcheint ſehr kaltblütig zu ſein?“ „Wir haben es auch nöthig, Harms, guter Harms — wir werden es bald warm genug haben. Mor⸗ * 310 gen ſollt Ihr Alles genau von mir hören, Ihr und die guten Nachbarn, heute muß ich einem Andern, dem Capitain drüben, Bericht abſtatten.“ „Wie? Ihr wollt doch nicht etwa über das Waſ⸗ ſer ſetzen?“ „Ich muß, Harms; es giebt jetzt für uns keine Gefahr mehr— meine Reiſe duldet keinen Aufſchub, am wenigſten vom Wetter— rüſtet die große Scha⸗ luppe mit ſechs Männern aus.“ „Nimmermehr, Herr, und ſollt' ich Euch mit mei⸗ nen Knechten an dieſe Thür binden! Wo denkt Ihr hin— das wäre Euer und der Andern Untergang. Ihr dürft nicht zu Waſſer hinüber, wenn Ihr durch⸗ aus müßt.“ „Nicht zu Waſſer— ha! Alſo doch— ja, ich habe nicht einmal daran gedacht, es giebt noch einen andern Weg, aber er iſt weiter als der zu Waſſer—“ „O bei dem Nordwinde wäret Ihr doch erſt in zwei Stunden hinüber gekommen—“ „Keine Worte mehr, Harms— auf denn und tummelt Euch— ſattelt den Rappen, ich will einen wackren Ritt mit ihm machen— wir müſſen um Apenrade herum.“ Harms ſchüttelte wehmüthig den Kopf und brummte von Finſterniß, Regen und grundloſen Wegen, als er 311 eilig die Treppe hinunterſtieg. Dennoch aber beſorgte er das Nöthige ſchnell. In zehn Minuten war das muthige Thier von der Weide geholt, wo es ſich ſchon Tag und Nacht, bei Wind und Wetter, mit ſei⸗ nen Gefährten tummelte, und fünf Minuten ſpäter ſtand es geſattelt und gezäumt auf der Diele. Henrik war ebenſo ſchnell bei der Hand. Den Hut tief in die Stirne gedrückt, den Mantel mit einem Gürtel um den Leib feſt geſchnallt, damit ihn der Wind nicht aus einander blaſe, trat er die Treppe herunter und reichte Rasmus die Hand. „Kommt Ihr morgen bei Zeiten wieder, Herr?“ „Ich kann nichts beſtimmen— Gott allein hat Alles in ſeiner Hand.— Gute Nacht, Kinder!“ Und raſch ſprang er in den Sattel und der Rappe fühlte an dem kräftigen Schenkeldrucke, daß es einen tüchti⸗ gen Ritt galt; laut wiehernd gehorchte er ſeinem Rei⸗ ter und ging in ſcharfem Galoppe von der Diele ab. Harms Familie, Knechte und Mägde, die ſich alle um den Abreitenden herumgedrängt hatten, horchten eine Weile auf den eiligen Lauf des ſich entfernenden Pferdes, deſſen Hufſchlag aber bald der Sturm ver⸗ ſchlang; dann ſahen ſie ihren Herrn an und ſchüttel⸗ 27 ten die Köpfe. 312 „Der hat es ſehr eilig,“ bemerkte Harms,—„und ſpricht ſo oft von Gott, bei dem jetzt Alles ſteht— ich weiß nicht, was er haben mag.“ „Ich will's Euch ſagen,“ erwiderte aus dem Hin⸗ tergrunde der Bote, der ein Butterbrot von einem Umfange zwiſchen den Zähnen hielt, wie man es nur in einer ſchleswig'ſchen Küche findet.„Kommt mit mir hinein— ich darf es Jedermann mittheilen, iſt mir geſagt— und morgen erfährt es überdieß das ganze Land.“ Ueber die Maaßen weit Augen und Ohren auf⸗ ſperrend, folgte Harms dem Diener aus Kiel in ſei⸗ nen Peſel und nahm ſich unterwegs nur noch Zeit, zwei große Gläſer Grog— für den Boten zu be⸗ ſtellen.— Unterdeß hatte Henrik ſchon ein gutes Stück des weiten Weges zurückgelegt. Um ſich denſelben ſo viel wie möglich zu verkürzen, hielt er ſich, ſo oft es ge⸗ ſchehen konnte, in unmittelbarer Nähe des Strandes, was ihm bei ſeiner genauen Ortskenntniß leicht wurde, trotzdem die Dunkelheit, wenn man in's Freie trat, im erſten Augenblicke überaus groß erſchien. Aber er konnte nicht lange im Galoppe weiter jagen, der Re⸗ gen hatte zu tiefe Löcher in dem weichen Erdboden ausgeſpült und das brave Pferd ſank oft bis an die Kniee ein, den Reiter und ſich ſelber gefährdend. Er ſchlug daher einen mäßigen Trab ein, wie ihn der Rappe am liebſten ging, und das ſchaffte auch ſchon genug, wenngleich die Ungeduld des Reiters ſchneller als der Sturmwind davonflog. Grauſig war dieſer Sturm zwiſchen den Hecken anzuhören, durch die Henrik ritt, den er brach und ſtauchte ſich in den vie⸗ len Gaſſen und Gäßchen dieſes vegetativen Labyrinths; grauſiger noch klang das wüthende Rollen der Wo⸗ gen, die über den Strand ſich wälzten— aber Hen⸗ rik, ſo nahe er bisweilen dem Meeresufer ritt, hörte faſt nichts davon. Gegen den anprallenden Wind tief vornüber gebeugt, jeden Augenblick den Sturz ſeines Pferdes erwartend und darauf vorbereitet, hielt er die Zügel kurz in der Hand gefaßt— weiter er⸗ ſtreckte ſich ſeine Aufmerkſamkeit auf äußere Dinge nicht, denn der innere Sturm in ſeinem Herzen über⸗ tönte bei Weitem den Sturm der Elemente. Er hatte etwa zwei Stunden Weges bis Apenrade zu reiten, und er legte ſie in kaum dreiviertel Stunden zurück. Da brach endlich der Mond mit blaſſem Schimmer durch die eilig dahin jagenden Wolkenſchichten und be⸗ leuchtete den ſchlüpfrigen Pfad; gleich darauf aber hatte der nächtliche Reiter die Chauſſee, die von Flens⸗ burg nach Apenrade führt, erreicht. Als er aber den 314 feſten Boden unter ſich fühlte, da gebrauchte er die Sporen, und nun flog er im geſtreckten Galoppe den prächtigen Weg am Ende des ſchönen Fjords entlang, deſſen Grund aus dem herrlichen Granite Jütland's gemauert iſt. So hatte er bald die Stadt erreicht und er mußte ſeine Eile zum Schritte mäßigen, um ſein Pferd zu Athem kommen zu laſſen. Aber auch ohnedieß wäre er dazu genöthigt worden, denn die Straßen der Stadt waren trotz der ſchlechten Witte⸗ rung belebt und faſt vor allen Thüren ſtanden Men⸗ ſchengruppen, die das Gerücht oder vielleicht ſogar ſchon ein eiliges Blatt von den neuſten Ereigniſſen in Kenntniß geſetzt hatte. In Apenrade gab es man⸗ chen däniſch Geſinnten, obwohl das deutſche Element überwiegend iſt, wenigſtens bei der gebildeten und beſitzenden Klaſſe, daher mußte ein nächtlicher Reiter ſich vorſehen, den man leicht für einen wichtigen Botſchafter halten und beläſtigen konnte. Aber es geſchah nichts dergleichen; man war zu erſchrocken, um ſchon jetzt auf einen einzelnen Reiter zu merken, auch war es in den ſchlecht beleuchteten Straßen ziemlich dunkel, und ſo erreichte unſer Freund unge⸗ fährdet das nördliche Ende der Stadt. Der Rappe mußte großen Verſtand beſitzen, oder großes Verlan⸗ gen nach dem noch unbekannten Stalle tragen, denn 1 kaum hatte er die letzten Häuſer hinter ſich, ſo ſetzte 8 er ſich ungeachtet des ſteilen Hügels, den die Straße hinter Apenrade überſteigt, in ſchnelleren Lauf.„Gut!“ dachte Henrik.„Wenn Du freiwillig laufen willſſt, ſo zeige Deine Kräfte, es iſt mir lieber, als wenn ich Dich zwingen müßte. Vorwärts!“ Und wieder flog er, ſcharf zur Rechten abbiegend, längs der nörd⸗ lichen Strandſeite hin, wie er vorher auf der ſüdlichen geritten war. Hier aber wurden die Wege noch ſchlech⸗ ter, bis etwa eine halbe Stunde vor Emmerslund ein bequem anſteigender Sandweg den Reiter auf⸗ nahm, und auf dieſem, von der Nähe ſeines Zieles ermuthigt, kam er raſch vorwärts. Als er die An⸗ höhe nach dem Herrenhauſe hinauf jagte, vernahmen die wachſamen Hunde das Getrappel des Pferdes und zogen durch ihr Geheul ein paar Knechte herbei, ſo daß Henrik, als er am Hofe anlangte, den Thor⸗ weg geöffnet fand und ohne anzuhalten in den Hof hineinſprengen konnte. Die Familie des Capitains ſaß um den Abend⸗ tiſch und auch Helene war ſchon am Mittag trotz des ſchlechten Wetters heraufgekommen, wozu ſie die wach⸗ ſende Sorge um den Stand der öffentlichen Dinge, von der letzten Zeitung heraufbeſchworen, beſtimmt hatte. Eben hatten ſie ihre Mahlzeit beendet und 316 Andreas wollte ſich ſchon vom Platze erheben, als die Hunde zu heulen begannen. „Da kommt Jemand!“ rief Helene zuerſt, die ein ſehr ſcharfes Ohr beſaß. „Sollte es Henrik Paulſen ſein?“ ſagte Agathe zu ſich ſelber und doch ſo laut, daß es die neben ihr Sitzenden hören konnten. „Nein!“ bemerkte Friedrich,„das kann er nicht ſein— es wäre Tollkühnheit, bei dem Sturme über das Waſſer zu fahren.“.* Der Capitain allein ſprach nichts. Er wandte nur aufhorchend den Kopf nach der Seite, wo der Hof lag.„Wer denkt an das Waſſer!“ ſagte er leiſe zu Friedrich—„Aber er iſt es doch!“ rief er plötz⸗ lich laut und ſprang ſo heftig vom Stuhle auf, daß derſelbe umfiel. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Hausthür — alle drei Frauen ſtürzten mit Lichtern dem Ankom⸗ menden entgegen, während die ruhigeren Männer ihn im Zimmer erwarteten und bald— ſtand Henrik wirklich vor ihnen. Aber kaum erkannten ſie ihn. Sein Hut, ſein Mantel— und vor Allem ſein Ge⸗ ſicht und Haar waren mit Koth beſpritzt und trieften vom Regen, und ſeine Wangen waren vom heftigen 317 Nachtritte ſo dunkel geröthet und aufgeſchwollen, als 8 ¹ hätte er eine Maske vor ſeine edlen Züge gelegt. „Mein Gott— Henrik— Sie ſind's!“ rief He⸗ lene und nahm ihm ſogleich den Hut aus der Hand, während Frau Burns und Agathe ihm den Mantel ausziehen halfen. Henrik ſchwieg immer noch, er war athemlos und konnte die erſten Worte nicht fin⸗ den, denn es ſchwirrten ihm die Gedanken im Kopfe. Man hatte ihm ein Tuch hingereicht und er trocknete ſiich ſchnell das Geſicht ab. Dann Allen die Hände ſchüttelnd, wandte er ſich an den Capitain, der, regungslos, ſchweigſam, wie eine ſteinerne Säule hoch aufgerichtet vor ihm ſtand und nur das flammende Auge feagend auf ſein Geſicht gerichtet hielt. „Wißt Ihr es ſchon?“ war Henriks erſtes Wort. „Wir wiſſen nichts!“ ließ ſich eine wunderbar tiefe und volle Stimme aus der männlichſten Bruſt von Allen, die im Zimmer waren, vernehmen. „Nun, ſo hört es an, was ich Euch ſo raſch wie möglich zu überbringen auf Tod und Leben geritten bin— ich habe vor zwei Stunden einen Boten aus Kiel erhalten.“ „Weiter, Henrik, wir hören!“ „So laß ihn doch erſt zu Athem kommen, An⸗ dreas,“ rief die Mutter, um das Gewitter ſo lange 318 wie möglich aufzuhalten, das ſie jetzt im Anzuge ſah, und goß mit zitternder Hand ein großes Glas Wein für den Durchnäßten ein. „Weiter!“ donnerte die Stimme von vorher und die Augen des Capitains ſprühten, denn er ſah und hörte nichts um ſich her, als den nächtlichen Boten. „Nun, ſo laßt mich ungeſtört erzählen, was ich für Euch auf dem Herzen habe.“ Alle ſtanden im Kreiſe um ihn her, die Männer mit bleichen, die Frauen mit hochrothen Wangen und wogenden Buſen. „Ihr wißt es,“ begann Henrik, und ſeine Bruſt hob ſich und ſeine Augen flammten, als er dies ſprach,„am 21. März ſtiegen unſre fünf Männer in Kiel an Bord, um ſchweren Herzens aber voll Gott⸗ vertrauen den bedeutungsvollſten Gang anzutreten und die wichtigſte Botſchaft nach Kopenhagen zu tra⸗ gen, die je die Herzogthümer dahin geſandt; aber ſchon ehe ſie drüben anlangten, hatte man Kunde, daß ſie kommen würden, und war bemüht, ihnen einen traurigen Empfang zu bereiten. Schon am Tage vorher hatte man die uns feindliche Partei im Caſino verſammelt und einen gewaltthätigen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Orla Lehmann, Monrad und Tſcher⸗ ning erklärten das Vaterland, das heißt Dänemark, * 319 in Gefahr und die Herzogthümer in Aufruhr, de nur in ihrem eigenen Geiſte beſtand. Sie drangen auf eine feindſelige Politik gegen dieſelben und wuß⸗ ten ſie durchzuſetzen. Die Stunde der Entſcheidung nähere ſich, ſagten ſie dem Könige, und er müſſe den Thron mit Männern umgeben, welche der Größe ihrer Aufgabe gewachſen ſeien, damit die Nation, die däniſche Nation, nicht zur Selbſthülfe der Ver⸗ zweiflung„getrieben werde. Und weiter erfrechte ſich jenen Srla Lehmann, der ſchon als Knabe ein Ver⸗ räther an unſerm heiligen Rechte war, in der Caſino⸗ Verſammlung zu ſagen: in Rendsburg ſei eine pro⸗ viſoriſche Regierung gebildet, die Hauptkaſſen ſeien weggenommen und ein blutiger Kampf ausgebrochen.“ „Wie, bei uns?“ Daß ihm Gott dieſe Lüge einſt nicht zu ſchwer anrechne— weiter!“ „Ja, bei uns, und er wolle dem Könige in's Ge⸗ ſicht ſagen, er ſcheine ſeiner Aufgabe nicht gewachſen, ſeine Miniſter hätten weder Einſicht, noch Willen, noch Kraft für ihr Amt— und wenn es auch ſchwer ſei, beſſere Miniſter zu finden, ſo gebe es doch Ei⸗ nige.“ „Ha, er meint ſich ſelber— das wäre ein herr⸗ licher Miniſter!“ „Ein wüthender Beifall erhob ſich in der Ver⸗ 320 ſammlung bei dieſen Worten und ſchon an demſelben Abende wollte man in Maſſen auf das Schloß ziehen und vom Könige dieſe beſſeren Miniſter fordern. Nur mit Mühe verſchob man dieſe Forderung bis auf den kommenden Tag, ehe unſere Deputirten angekom⸗ men waren.“ „Wie!“ ſtieß Andreas wild hervor—„das wag⸗ ten dieſe Männer in einer ſo großen Verſammlung zu ſagen?“ „In welcher noch dazu Beamte und Offiziere des Königs zugegen waren.“ „Und hatten dieſe nicht ſo viel Ehre im Herzen, den Verräther, der Solches ſprach und damit ein Re⸗ bell gegen ſeinen König war, zu entlarven?“ „Keine Hand rührte ſich, Andreas— die Ehre der Dänen ſtand ſtill in dieſem großen Augenblicke, es gab in Kopenhagen keinen treuen Diener des Königs mehr.“ „Aber das iſt ja offene Rebellion gegen ihren König und Herrn!“ „Das iſt ſie, Andreas, aber das nennen ſie un⸗ ſere Revolution. Höret weiter. Am nächſten Mor⸗ gen nun zog dieſe rebelliſche Deputation mit einem Gefolge von 16,000 tobenden Menſchen vor Sr. Ma⸗ jeſtät Schloß und brüllte ihm ihren unterthänigſten —. 321 Morgengruß entgegen. Der König war alſo in ſei⸗ nem eigenen Schloſſe belagert und nicht mehr Herr ſeiner Entſchließungen. Von dem ſchreienden Haufen dazu gezwungen, erklärte er, er habe bereits die Wünſche des getreuen Volkes erhört und ein neues Miniſte⸗ rium ernannt,— Orla Lehmann war wirklich Mi⸗ niſter geworden— Schleswig ſei Dänemark einver⸗ leibt. Da trat der alte Oheim des Königs, Prinz Ferdinand, auf und ſagte: ſolche Nachgiebigkeit ge⸗ gen das andrängende Volk ſei Feigheit!— Aber ſeine Stimme war zu ſchwach und wurde in dem brau⸗ ſenden Sturme nicht mehr gehört. Und als man nicht gleich die Männer finden konnte, die im Stande waren, die zu hoch geſtiegene Fluth zu dämmen, und von Seiten der Rädelsführer der Aufruhr in Wien und Berlin mit dem Aufruhre in den Herzogthümern, von dem kein Menſch etwas wußte, in Verbindung gebracht wurde, die Aufregung des Volkes aber durch dieſe und andere Lügen immer mehr und mehr wuchs, da ſchämte ſich der Magiſter Monrad, auch ein neuer Miniſter, nicht, das Wort fallen zu laſſen: dann er⸗ heben wir die Standarte der Republik!— Schon wollte der König, in kraftloſer Herzensangſt und durch fruchtloſe Unterhandlungen ermüdet, dem Volke die Herrſchaft überliefern und die Krone niederlegen, da A. Burns. 1. 21 322 brachte man das Miniſterium zuſammen, welches ſich für fähig hielt, das ſchwankende Staatsſchiff in Fahrt zu bringen, und dieſes Miniſterium ſprach in der That die lächerliche Wahrheit aus: daß man ſich ſchon mitten in der Revolution befinde, daß man im Grunde keinen König mehr habe, ſondern nur eine proviſoriſche Regierung, in Form eines Staatsraths, welcher anzugehören es ſelber die Ehre habe!“ „Iſt das wahr, was Du hier ſprichſt— denn es klingt mir wie eine Komödie?“ fragte Andreas im⸗ mer mehr erblaſſend. „Es iſt wörtlich wahr, Andreas, und wirft, wie Gottes ewiger Strahl, das rechte Licht auf unſere Lage. Ja, ich verſchweige noch Vieles, da ich nicht Alles ſagen kann, um raſch zu Ende zu kommen.— Unterdeß war unſere Deputation gelandet, welche die geſetzliche Unterwerfung der Herzogthümer und die loyale Stimmung des Landes berichten und nur die inſtändigen Bitten eines treuen Volkes überbringen wollte. Aber ſchon hatte man ihr einen feierlichen Empfang bereitet. Der fanatiſch aufgehetzte und ge⸗ gen Alles, was Deutſch hieß, losgelaſſene Pöbel hielt es natürlich für ſeine Pflicht, ſeine Wuth an dieſen Abgeſandten der deutſchen Gebiete zu kühlen. Die ermüdet und hoffnungsvoll an das Land ſteigenden 323 Männer werden von ihm mit Toben und Schreien begrüßt und umringt, und nur einigen wackeren Stu⸗ denten und den Bemühungen des engliſchen Conſuls gelingt es, ſie vor größerer Gewaltthat zu ſchützen. Aber härter und härter gedrängt, müſſen ſie in das Haus des letzteren flüchten, um nur ihr bedrohtes Leben zu retten. Aehnlich ergeht es den in verſchie⸗ denen Stadttheilen wohnenden Beamten, die aus Holſtein ſtammen, auch ſie rüſten ſich zur Flucht, weil ihr Leben in Gefahr iſt.“ „Weiter, Henrik, weiter!“ unterbrach Andreas den athemſchöpfenden Erzähler.„Schlimmer kann es nicht kommen— jetzt können wir Alles hören.“ „Während nun die deutſchen Männer von den Studenten in der Nacht bewacht werden, um ſie nicht Schaden an ihrem Leibe nehmen zu laſſen, ſchreitet man rückſichtslos gegen die Rechte unſeres Landes vor. Man hält das Dampfboot gewaltſam zurück, welches uns die Kunde von der Art des Empfanges unſerer Landsleute bringen ſoll, legt auf alle nach den Herzogthümern beſtimmten Schiffe Beſchlag, zeich⸗ net Freiwillige zum Kriege ein und befehligt 10,000 Mann Truppen in Kopenhagen zur Einſchiffung, um über Eckernförde auf Rendsburg zu marſchiren und uns mit einem Schlage über den Haufen zu werfen. 21* 324 Das that man offen, im Angeſichte des ganzen Vol⸗ kes; insgeheim aber, um noch der brutalſten Gewalt die unwürdigſte Liſt hinzuzufügen, vertröſtet man un⸗ ſere Geſandten mit täuſchenden Hoffnungen, ſo daß dieſe, freilich in einem unverſchloſſenen Briefe, nach Hauſe ſchreiben: es wäre noch nicht alle Hoffnung auf eine zufriedenſtellende Ausgleichung verloren, man ſolle aber in den Herzogthümern jede Gewaltmaaß⸗ regel vermeiden und in Ordnung und Ruhe bleiben. Endlich am 23. März, Morgens 11 Uhr, werden unſere Landsleute zur Audienz in's Schloß beſchieden und ihnen fortwährend, ſelbſt von dem ihnen ſchmei⸗ chelnd nahenden neuen Miniſter Orla Lehmann Aus⸗ ſichten auf Befriedigung der Anſprüche ihres Vater⸗ landes eröffnet. Auf der Fahrt nach dem Schloſſe beſchimpft man ſie ſogar in den Wagen und ſchlägt einen Wachtpoſten zu Boden, der das Gewehr vor ihnen anzieht. Endlich langt man an. Der König erſcheint; er ſieht erſchöpft und traurig aus und ſagt ſelbſt, er habe in drei Nächten nicht geſchlafen und habe keine Verantwortlichkeit mehr.“ „So! Das heißt, er ſei nicht mehr freier Herr ſeiner Entſchließungen. Ja wohl! Weiter, Henrik, weiter, ich ſehe nun ſchon, was kommt.“ „Der König erſchien milde und freundlich genug, 325 aber ſichtbar befangen, als wenn er dem gewaltſamen Drucke einer unbekannten Macht unterliege. Er läßt von einem Miniſter den Beſcheid vorleſen, daß Alles geſchehen werde, die Herzogthümer zufrieden zu ſtel⸗ len, dagegen erwarte er, alle treuen Landeskinder würden ſich um ihn ſchaaren und ſeine angeſtamm⸗ ten Rechte beſchützen. Eine weitere Antwort müſſe er ſich vorbehalten, da der Staatsrath bereits darüber berathe. Hierauf erwiderte unſer Wortführer, indem er die heiligſte Verſicherung der Wahrheit ſeiner Worte beifügte, daß bis jetzt noch kein Wort in den Herzog⸗ thümern gefallen ſei, welches ſeine Rechte als deren Oberherr verletze. Aber das ganze Land gleiche, wie es nicht anders ſein könne, einem Haufen Zunder— ein hineingeworfener Funke könne es in Flammen ſetzen. Was geſchehe, könne Niemand berechnen. Gott gebe, daß Seine Majeſtät die Mittel finden möge, Ruhe und Frieden zu erhalten!— Sichtlich bewegt entließ der König die deutſchen Männer. Auf der Rückfahrt nach Hauſe bedrohte ſie wieder Gefahr, das Volk ergoß ſich in Schimpfreden, wollte die Wa⸗ gen erklettern, und nur in Folge großer Bemühung der edlen Studenten, die ein Spalier um ſie bilde⸗ ten, kehrten ſie unverſehrt in ihre Wohnung, das Haus des engliſchen Conſuls, zurück. Am folgenden Morgen aber erklärte dieſer edle Mann, Hage iſt ſein Name, er könne ſie nicht län⸗ ger in ſeinem Hauſe beſchützen, und forderte ſie auf, ſich einzeln, auf Umwegen nach dem Schloſſe zu be⸗ geben, um die ſchließliche Antwort des Königs in Empfang zu nehmen.“ „Empörend, empörend!“ rief Andreas dazwiſchen, deſſen Blut zu kochen begann.„Eine ſolche Behand⸗ lung unſern bravſten Männern, Abgeſandten eines deutſchen Volksſtammes, und im Angeſichte der gan⸗ zen Welt— o!“ „Als ſie in's Schloß kamen, wurde ihnen erklärt, ihr Leben ſei nicht mehr ſicher, man wolle ſie als Geißeln für die däniſchen Beamten in den Herzog⸗ thümern zurückbehalten. Olshauſen ſogar, unſer Wort⸗ führer, wurde ergriffen und auf ein Kriegsdampfſchiff geſchleppt. Ihm folgten kurz darauf die anderen Ab⸗ geſandten ebendahin. Und hier, Andreas, geſchah ihnen das Aergſte. Denn hier trat Orla Lehmann vor ſie hin und ſagte:„Hier iſt die Antwort auf Ihren Antrag!“ Dieſe Antwort enthielt die Einver⸗ leibung Schleswig's in Dänemark.„Der König habe nicht mehr den Willen, das Recht und die Kraft, ihre Wünſche zu erfüllen, ſeine Abſicht aber ſei, Schles⸗ . wig zu einer däniſchen Provinz zu machen!“ So haben 327 alſo die Miniſter den König gezwungen, ſein zwei Monate vorher gegebenes Wort, ſo wie ſeines Va⸗ ters und ſeiner Vorfahren frühere Verſprechungen zu brechen. Wir ſind alſo Dänen geworden, mein Freund, richtet Euch danach!“ „Und ſagte der edle däniſche Miniſter ſonſt nichts?“ „Nein, er blieb ſtumm, aber er ſchämte ſich, wie man bemerkt haben will— und das iſt Alles, ſo weit es Kopenhagen betrifft.“ „Aber was ſagte man in Kiel darauf? Denn ich leſe in Deinen Augen, Henrik, daß bisher nur die Dänen gehandelt, daß aber von jetzt an die Deutſchen handeln werden.“ „Ja, Andreas, ſie haben ihrer Abſtammung wür⸗ dig gehandelt. Höret zu. Denn jene Revolution in Kopenhagen, die man unzweifelhaft die ſchleswig⸗hol⸗ ſteiniſche nennen wird, weil ſie gegen uns gerichtet war, mußte den geſetzlichen Sinn der Herzogthümer gegen das ſchnöde rebelliſche Miniſterium des däni⸗ ſchen Königs zum Widerſtande aufſtacheln. Zum Widerſtande mit Gut und Blut. Und ſei es, daß man einſt in ſchwerer Verblendung dieſen geſetzlichen Widerſtand eine rebelliſche Erhebung gegen die Geſetze taufe, ſo werden nicht wir, ſondern Dieſenigen die Schuld davon tragen, die uns dazu mit Gewalt ge⸗ 328 trieben haben. So ſchreibt mir mein Freund; was aber weiter geſchah, iſt Folgendes. Und was konnte auch Anderes geſchehen? Wollten ſich die Herzogthü⸗ mer nicht unbedingt den Forderungen der däniſchen Tyrannei unterwerfen, wollten ſie ihre 400 Jahre alten Rechte und ihre gegenſeitige Verbindung auf⸗ recht erhalten, wollten ſie ihr Vaterland nicht dem Raube der Dänen preisgeben, ſo waren ſie genöthigt, an eine Vertheidigung gegen Angriffe zu denken, die Jedermann, der Augen und Ohren hat, vorherſehen muß. Und das haben ſie gethan, Andreas. Hier war keine Zeit mehr zu verlieren; was geſchehen ſollte, mußte raſch geſchehen, denn der Feind ſteht gerüſtet vor uns, den Ungerüſteten. Von dieſem Ge⸗ danken geleitet, fanden ſich, als die erſten Nachrich⸗ ten aus Kopenhagen einliefen, unſere patriotiſchſten Männer zuſammen, und nachdem ſie die ganze letzte Nacht berathen, was in ſo gefahrdrohendem Augen⸗ blicke zu thun ſei, beſchloſſen ſie eine proviſoriſche Regierung zu bilden, die in des Königs Namen und in ſeiner Eigenſchaft als Herzog von Schleswig und Holſtein die Regierung der Herzogthümer übernehmen ſollte. Und hier iſt die Proklamation, die dieſe pro⸗ viſoriſche Regierung heute Morgen vor Tagesanbruche erlaſſen hat.“ 329 „Und aus welchen Männern beſteht dieſe Regie⸗ rung?“ „Aus unſeren Beſten iſt ſie zuſammengeſetzt. Aus dem Grafen Reventlow, Beſeler, dem Prinzen von Noer, Schmidt und Bremer.“ „Und was beſagt die Proklamation?“ „Höre ſelber: „Mitbürger! Unſer Herzog iſt durch eine Volksbewegung in Kopenhagen gezwungen wor⸗ den, ſeine bisherigen Rathgeber zu entlaſſen und eine feindliche Stellung gegen die Herzogthümer einzunehmen.) Der Wille des Landesherrn iſt nicht mehr frei und das Land ohne Regierung. Wir werden es nicht dulden wollen, daß deut⸗ ſches Land dem Raube der Dänen preisgegeben werde. Große Gefahren erfordern große Ent⸗ ſchließungen; zur Vertheidigung der Gränze, zur Aufrechthaltung der Ordnung bedarf es einer leitenden Behörde. Folgend der dringenden Nothwendigkeit und geſtärkt durch das uns bisher erwieſene Zutrauen haben wir, dem ergangenen Rufe folgend, vor⸗ läufig die Leitung der Regierung übernommen, welche wir zur Aufrechthaltung der Rechte des 330 Landes und der Rechte unſers angeſtammten Her⸗ zogs in ſeinem Namen führen werden. Wir werden ſofort die vereinigte Ständever⸗ ſammlung berufen und die übernommene Gewalt zurückgeben, ſobald der Landesherr wiederum frei ſein wird oder von der Ständeverſammlung an⸗ dere Perſonen mit der Leitung der Landesange⸗ legenheiten beauftragt werden. Wir werden uns mit aller Kraft den Ein⸗ heits⸗ und Freiheits⸗Beſtrebungen Deutſchland's anſchließen. Wir fordern alle wohlgeſinnten Einwohner des Landes auf, ſich mit uns zu vereinigen. Laßt uns durch Feſtigkeit und Ordnung dem deutſchen Vaterlande ein würdiges Zeugniß des patriotiſchen Geiſtes geben, der die Einwohner Schleswig⸗ Holſtein's erfüllt. Kiel den 24. März 1848. Die proviſoriſche Regierung.“ „Es iſt genug, Henrik!“ erwiderte Andreas mit ſtolz erhobenem Haupte. So ruhig und beſonnen ſprechen nur deutſche Männer. Dieſes Schriftſtück wird der Welt und unſeren Nachkommen ein Beiſpiel und zugleich der Spiegel unſeres jetzigen Zuſtandes ſein. Aber wie, wird ſich der deutſche Bund der Dänen 331 Einfall gefallen laſſen? Er hat uns unſer Recht ga⸗ rantirt, Chriſtian der Achte hat ſeinen Ausſpruch an⸗ erkannt, und ſein Sohn hat nicht das Recht, gegen ſein heiliges und fürſtliches Verſprechen, eigenmächtig und mit Anwendung von Waffengewalt eine Frage zur Entſcheidung zu bringen, zu deren Löſung der Bundestag ſich für entſchloſſen erklärt hat. Es iſt gut, wir werden ſehen, was folgt.— O, mein Weib, meine Kinder, meine Freunde! Was für Zeiten und Erlebniſſe!— Aber ſeid getroſt, ſeid muthig und un⸗ verzagt. Man hat uns zwar wehe gethan, aber Gott wird nicht dulden, daß wir in unſerem Rechte und in unſerer Freiheit unterliegen!“ Und er ſchloß die laut Weinenden, die ihn um⸗ ringten und liebevoll zu ſeinem ſtrahlenden Auge emporſchauten, an ſeine ſtarke Bruſt und hielt ſie lange innig umſchlungen.— Neuntes Anpitel. Der Ausbruch der Feindſeligkeiten. Henrik blieb dieſe Nacht auf Emmerslund; auch Helene verließ die Familie nicht und man ſandte einen Boten mit der Meldung nach dem Epheuhauſe hinab, ſie dieſe Nacht daſelbſt nicht zu erwarten. Man wollte ſich jetzt nicht ſo ſchnell von einander trennen und man konnte es auch nicht, denn Vieles gab es in Erwartung der kommenden Ereigniſſe zu berathen und zu beſchließen, woran die Anweſenden alle mehr oder minder betheiligt waren. Endlich, lange nach Mitter⸗ nacht, ſuchte ein Jeder ſeine Schlafſtätte auf. Kein Auge aber in Emmerslund wurde in dieſer verhäng⸗ nißvollen Nacht vom Schlafe erquickt, Alle wälzten ſich unruhig auf ihrem Lager umher, der traurigen 333 Dinge gewärtig, welche die nächſten Stunden und Tage bringen würden. 3 Was in Folge jener durch die Herzogthümer wie auf Windesflügeln verbreiteten Proklamation in dieſen und allen deutſchen Landen ſich weiter begab, das hat die Geſchichte jener Tage erinnerlich genug auf⸗ bewahrt. Wir berühren hier nur das Unerläßlichſte, um dem Leſer noch einmal im Zuſammenhange das Bild jener Tage vor die Seele zu führen, und kehren alsdann zu unſerer Erzählung zurück, die ſich nur mit denjenigen Einzelnheiten des folgenden Krieges be⸗ ſchäftigen wird, welche die uns bekannt gewordenen Perſonen betrafen. Wie der Blitz, der vom ſtürmiſchen Himmel niede fährt, die dunkelſte Nacht erleuchtet und den ar duoſ Wanderer den Abgrund erkennen läßt, von dem le nahe ſein Fuß hinabgleitet, ihm aber auch zugleich den richtigen Weg zeigt, der zu ſeinem Ziele führt, ſo hatte jene herzhafte und männliche Proklamation der ehrenwertheſten Männer der Herzogthümer dem ganzen Lande den Weg gewieſen, den es fortan zu wandeln hatte, und die Bewohner deſſelben waren patriotiſch genug, Herz und Geiſt der großen Sache des Vaterlandes unverzüglich zu widmen. Die Cha⸗ raktere, welche damals auf den Schauplatz der Welt 334 traten, auf den die Augen ganz Europas gerichtet waren, glichen ſich, wenn ſie auch in einzelnen Klei⸗ nigkeiten von einander abwichen, doch in einem Punkte vollkommen, als wären ſie alle die Kinder von einer Mutter und von einem Vater geweſen. Alle Nei⸗ gungen, Wünſche, Beſtrebungen waren mit glühendem Eifer einzig und allein auf Abſchüttelung des Joches gerichtet, welches ſo lange Zeit ſchwer drückend auf ihrem Nacken gelegen, und zugleich auf ihre Selb⸗ ſtändigkeit und Einigung mit dem allgemeinen deut⸗ ſchen Vaterlande. Und es war kein Wunder, wenn man genau die damalige Zeit betrachtet, daß der freie, edle, nun aber geknechtete Mann das Schwert der Selbſtvertheidigung in die Hand nahm, denn die däniſche Regierung hatte es ihm mit Gewalt ſelbſt hinein gedrückt. Er mußte losſchlagen, wenn er leben und die Güter des Leben genießen wollte. Druck, Verfolgung, Sorge aller Art häuften ſich auf die Deutſchen ſeit unzähligen Jahren; Vorſtellungen, Wünſche, Bitten halfen ihnen nichts mehr. Betteln, ſich erniedrigen und in den Staub werfen wie die Hunde wollten ſie nicht. Sie fühlten Alle, daß ſie nicht zu Knechten des übermüthigen Inſelvolks gebo⸗ ren waren, elender als das freie Wild im Walde, gefährdeter als das winzige Vögelchen auf den Zwei⸗ 335 gen und in den Lüften. Sich verbergen in den Spal⸗ ten der Erde, wie der Maulwurf vor dem mächtigen Menſchen ſich verſteckt, um ſein Leben ohne Luft und Licht hinzubringen, konnten ſie nicht, denn ſie hatten ein Herz für das Leben, und Sinne für Luft und Licht. Von dem traurigſten Gefühle niedergedrückt, welches einem Menſchen vorbehalten ſein kann, ſein Vaterland von Tyrannen zerfleiſcht zu ſehen, erhoben ſie ſich mit einer gemeinſamen Kraftanſtrengung, die ihnen ihre Selbſtwürdigung eingab. Kämpfen woll⸗ ten, mußten ſie Alle mit dem Heldenmuthe ihres Stammes, kämpfen, um wo möglich zu ſiegen, das heißt, ihre Rechte und Freiheiten zu behaupten, oder in Vertheidigung derſelben unterzugehen. Ein allge⸗ meiner Schrei der Entrüſtung und des erwachten Na⸗ tionalſtolzes erhob ſich von der Küſte eines Meeres bis zum andern, vom Norden, wo die deutſche Sprache mit der fremden ſich miſcht, bis zum Süden tief in das Herz Deutſchland's hinein. Alle Klaſſen, alle Stände, jedes Alter und jedes Geſchlecht geriethen in Bewegung; die Einen boten ihre Arme, die Anderen ihren Kopf, die Dritten ihre Beſitzthümer zum Beſten des Vaterlandes dar, und— man konnte Alles ge⸗ brauchen, denn wie die Dänen ſich ſchon lange auf einen großen Schlag vorbereitet hatten, ſo war in 336 den Herzogthümern Nichts vorhanden, was die erſte Abwehr zu einer ſiegreichen zu machen verſprach. Sie hatten keine Armee, keine Schiffe, und wenn ſie dieſe gehabt hätten, ſo beſaßen ſie weder Bekleidung, noch Waffen, noch Pferde für ihre ſtreitbaren Männer— Alles, Alles mußte neu beſchafft werden. Und es wurde in der That mit einem Eifer, einer Hingebung und bis zu einem Grade von Vollendung beſchafft, der beiſpiellos in der Geſchichte der Kriege daſteht. Aber wie regten ſich auch alle Herzen und Hände! Frauen gaben ihre Kleinodien, ihre Erſparniſſe, ihrer Hände Arbeit; Männer leerten ihre Scheunen, ihre Ställe; Väter gaben ihre Söhne oder kämpften ſogar ſelber mit. Kein Städtchen war im ganzen kleinen Lande, welches nicht ſein Beſtes, Koſtbarſtes hingab, und wenn die Bauern noch am meiſten zurückhaltend waren und ſich nicht ſogleich in die vorderſten Reihen drängten, als der Waffentanz losging, ſo lag das nicht ſowohl in ihrem böſen Willen, als vielmehr in der Langſamkeit ihrer Begriffe, in ihrem nationalen Phlegma und ihrer ländlichen Beſchränktheit, die das große Ereigniß nicht ſo recht faſſen konnte, welches vor ihnen lag. Als der Feind ſie erſt klüger und aufmerkſamer gemacht hatte, da waren ſie ſchneller zum Handeln bereit, da ſchlugen ſie zu mit Macht, 337 und wehrten ſich ihrer Haut mit der wüthenden Energie von Menſchen, die um ſo leidenſchaftlicher zum Aeußer⸗ ſten entſchloſſen ſind, als ſie lange genug gezaudert und die Bitterkeit der Unterdrückung gekoſtet haben. Jene Schwäche aus Mangel aller Vorbereitung nun erkannten die Leiter der ſchleswig⸗holſteiniſchen Lande ſehr bald und darum beeilten ſie ſich, Hülfe da zu begehren, wo ſie zunächſt zu finden war, denn man rechnete feſt auf die thätliche Zuſtimmung Deutſch⸗ lands, wie man ihrer herzlichen und ſchriftlichen ſchon längſt gewiß war. Sie ſandten daher den Juſtizrath Schleyden nach Frankfurt zur Bundesverſammlung, die eben erſt neu gebildet war, und legten derſelben offen und ehrlich die ganze Sachlage vor. Der Bundes⸗ tag erkannte die proviſoriſche Regierung an und be⸗ ſchloß die Rechte und Verbindung der Herzogthümer, da es nicht anders ging, mit Waffengewalt aufrecht zu erhalten, deren Ausführung ſie dem Könige von Preußen übertrug. Unterdeß wurden von Seiten der proviſoriſchen Regierung die Beurlaubten in den deutſchen Landen einberufen und Freiwillige angeworben; auch die ſo⸗ genannten Freiſchaaren, die aus allen Theilen Deutſch⸗ lands mit überſchäumendem Muthe und allzu kühner Erwartung eintrafen, fanden dankbare Aufnahme. A. Burns. I. 22 338 Gleicherweiſe war man thätig in Ankauf und Her⸗ ſtellung von Uniformen, Waffen aller Art und den⸗ jenigen Erforderniſſen, die zum Beginne eines ernſt⸗ haften Krieges unerläßlich ſind. Von allen Seiten floſſen Beiſteuern in Menge zu; Nahrungsmittel, Pferde, Geld ſammelten ſich, und bis auf die kleinſten nothwendigen Dinge war von Allem bald ein ſo großer Vorrath vorhanden, daß man oft nicht wußte, wie man es ſogleich unterbringen ſolle. So ging es in den Herzogthümern her; der all⸗ gemeine und gewaltige Strom der Bewegung zu Gunſten derſelben in Deutſchland aber iſt allen Leſern noch hinreichend aus der Erinnerung bekannt. Wir wiſſen, welche begeiſterte Stimmung für das ſtamm⸗ verwandte Land in unſern Gemüthern herrſchte. R⸗ gierungen und Volk beeilten ſich um die Wette, ihre Bruderpflicht zu erfüllen und niemals war eine ähn⸗ liche Unternehmung mit lebhafterem Eifer begonnen worden. Und da das Alles ſo ſchnell und unerwartet ge⸗ ſchah, während die Dänen die Deutſchen im gemüth⸗ lichen Halbſchlafe zu überraſchen und die Herzogthü⸗ mer mit einem Schlage zu bezwingen dachten, ob⸗ gleich ſie dem Volke in Kopenhagen von einer völlig organiſirten Revolution vorgelogen, ſo gelang das — 5— 339 erſte kühne Unternehmen der Herzogthümer vollſtändig. Die Feſtung Rendsburg, der wichtigſte Ort im gan⸗ zen Lande, wurde vom Prinzen von Noer mit weni⸗ gen Truppen überfallen und genommen. 300 Lauen⸗ burger und 30 Kieler Jäger, mit einem Extrazuge von Kiel dahin gefahren, vollbrachten das kühne Werk, indem ſie ſich, ohne Widerſtand zu finden, durch das offene Thor auf die Hauptwache begaben. Ein großer Theil der Beſatzung ging ſogleich zu den deutſchen Brüdern über, während man einen anderen mit faſt allen Offizieren ruhig nach Norden abziehen ließ. Der Commandant, der ſtill zu Hauſe ſaß, erfuhr den Her⸗ gang erſt, als der Platz ſchon in den Händen der Holſteiner war. Und wie verhielten ſich die Dänen dabei? Schon lange vor Anfang des Krieges hatte man die Offtziere der däniſchen Armee aus Schleswig und Holſtein nach Kopenhagen berufen, die Soldaken beurlaubt, die Waffen im Magazine zu Rendsburg in unbrauch⸗ baren Zuſtand verſetzt. Raſch aber ſandten ſie nun ihre eigenen Truppen von den Inſeln über Alſen nach dem Sundewitt, rückten zugleich von Jütland her vor, beſetzten ganz Schleswig und nahmen eine feſte Stel⸗ lung im Dannevirke, jener alten Schanze, die ſchon vor uralten Zeiten zur Abwehr der Deutſchen auf⸗ 22* 8 8 3 — — 1 340 geworfen war und welche ſie für unüberwindlich hiel⸗ ten. Thätig wie immer, wenn es geheime Unterhand⸗ lungen zu ſpinnen galt, ſtachelten ſie ihre in den Herzogthümern vertheilten Anhänger auf und breite⸗ ten ein Netz von Spionen und Stafetten über das ganze Land aus, die den Deutſchen oft ſehr verderb⸗ lich werden ſollten und namentlich das gemeine Volk und die Bauern gegen dieſelben aufzuhetzen ſuchten. Theilweiſe gelang ihnen dies auch, aber der Kern der Bevölkerung war zu kräftig, ehrlich und klarſehend, um nicht das Recht vom Unrechte zu unterſcheiden, und ſo hatten ſie hierin im Ganzen wenig Ausſicht auf entſchiedenen Erfolg. Daß Deutſchland, oder Preußen, oder irgend eine deutſche Macht den Herzog⸗ thümern zu Hülfe kommen würde, verlachten ſie als Fabel, denn ſie pochten auf ihre Freundſchaft mit den deutſchen Regierungen, ja, ſie entblödeten ſich ſogar nicht, ihren Soldaten in öffentlichen Bekanntmachungen mitzutheilen, die Preußen kämen, um die Holſteiner von hinten her zu würgen und das aufſäſſige Volk zu Paaren zu treiben. Selbſt als der König von Preußen Rendsburg von ſeinen Truppen beſetzen ließ, waren ſie noch in dieſem Irrthume befangen, obwohl die Sprache deſſelben nicht eben däniſch geklungen hatte. Im letzten Augenblicke vor dem Ausbruche des. 341 Krieges noch verhöhnten ſie den preußiſchen Abge⸗ ſandten, den Major von Wildenbruch, den ſein Herr⸗ ſcher nach Sonderburg ſandte, um dem Könige von Dänemark, der ſich daſelbſt aufhielt, Vorſtellungen in gütlicher Weiſe zu machen, indem man dieſem Abge⸗ ſandten antwortete: es ſeien die Miniſter und nicht der König, die in dieſer Sache eine Entſcheidung faſ⸗ ſen könnten und man habe nach Kopenhagen geſchickt, um den Miniſter Knud zu holen. Sobald dieſer in Sonderburg eintraf, erklärte er dem preußiſchen Ab⸗ geſandten, daß die däniſche Regierung ſich auf keine Unterhandlungen einlaſſen wolle, bevor Schleswig nicht vollſtändig von däniſchen Truppen beſetzt ſei, und der Geſandte mußte unverrichteter Sache nach Rendsburg zurückkehren, worauf die Dänen die Danne⸗ virke beſetzten. So ſtanden die Sachen in den nächſten Tagen nach den auf Emmerslund geſchilderten Vorgängen. Kehren wir jetzt dahin zurück und holen wir diejenigen Begebenheiten nach, die ſich im Umkreiſe dieſes fried⸗ lichen Ortes und des benachbarten Sundewitt zuge⸗ tragen hatten. Ein milder Frühlingshauch durchwürzte Land und Meer, die Luft war ſtill, die See lag in ſpiegelnder Klarheit da, als Henrik am 29. März Abends nach 342 dem Sundewitt hinüberfuhr, nachdem ſein Pferd ei⸗ nige Nächte vorher durch einen ſicheren Boten zum Pächterhauſe zurückgebracht war. Denn ſo lange hatte er ſich in Emmerslund aufgehalten. Andreas hatte nicht allein viel mit ihm zu berathſchlagen und zu verabreden gehabt, ſondern es auch für vortheilhaft gehalten, ſeines Freundes Aufenthaltsort für's Erſte geheim zu halten, um ihn ſo den möglichen Nach⸗ forſchungen jenes Olaf Larſſen zu entziehen. Endlich aber konnte Henrik nicht länger von ſeinem Hauſe fern bleiben, er mußte ſeine Papiere in Ordnung bringen und ſich auf ſeine längere Reiſe nach Rends⸗ burg vorbereiten, zu der er nun ernſtlich entſchloſſen war, denn ſein Freund in Kiel, der ihn von den bis⸗ herigen Verhältniſſen treulich in Kenntniß geſetzt, war, wenn nicht ein Mitglied der proviſoriſchen Regierung, doch bei den nächſten Entſchlüſſen derſelben betheiligt und bedurfte ſeiner Unterſtützung, da in der neuen Leitung der Herzogthümer noch viel zu thun übrig blieb. Der Abend dämmerte ſchon ſtark herauf, als Henrik in des Capitains Schaluppe über den Meeresarm ſetzte, man hatte ſich vorher vom Wartthurme aus wohl verſichert, daß kein feindliches Schiff in der Nähe war, denn es wäre gefährlich geweſen, in den Bereich der Dänen zu gerathen, deren Schiffe ſchon hin und 343 her zu fliegen begannen, aber noch keine beſtimmten Befehle erhalten zu haben ſchienen. Für jetzt ſollten ſie wahrſcheinlich nur Furcht und Schrecken einflößen und die Uebermacht der Inſulaner auf dem Waſſer darthun, was ihnen auch ſo ziemlich bei einem Theile der an den Küſten wohnenden Bevölkerung gelang. Als Henrik diesmal im Sundwitt landete, empfing ihn Rasmus Harms ſchon am Strande. Denn der brave Mann hatte unendlich viel Angſt um ſeinen Herrn ausgeſtanden und, obgleich er ihn drüben in Sicherheit gewußt, doch immer gefürchtet, daß man ihn auf der Rückfahrt ertappen und vor ſeinen Augen in neue Gefangenſchaft führen würde. Daher lugte er von Stunde zu Stunde über das Waſſer hinüber, bis er endlich an dem genannten Abende ſo glücklich war, ihn unverſehrt landen zu ſehen. „Gott ſei Dank!“ rief er ihm ſchon von Weitem entgegen,„daß ich Euch heil und geſund wiederſehe. Ah, da ſeid Ihr— nun kommt nur herein, meine Zunge brennt vor Verlangen, Euch mitzutheilen, was ich auf dem Herzen habe.“ Und er führte ſeinen lie⸗ ben Herrn im Triumphe und zur Beruhigung der ganzen Familie in ſein Zimmer, während des Ca⸗ pitains Matroſen unverweilt an's jenſeitige Ufer zu⸗ rückkehrten.. 344 Rasmus wußte Henrik ſehr viel zu erzählen, nach⸗ dem er ſeinem patriotiſchen Herzen über die neuen Verhältniſſe Luft gemacht hatte.„Hoho!“ ſagte er, „Wie hat ſich hier Alles geändert, ſeitdem Ihr fort ginget. Bald nach Eurer Abfahrt langte die Prokla⸗ mation unſerer Regierung an und wir ſind nun mit einem Schlage reine Schleswig⸗Holſteiner geworden. Aber nicht Alle, Herr, nein, leider nicht Alle, denn die Angſt vor den Rothröcken von der einen Seite, und die Furcht vor den Freibeutern aus Deutſchland von der anderen ſpukt wie ein Geſpenſt in den dum⸗ men Köpfen der Menſchen; und weil ſie nicht wiſſen, wen ſie am meiſten zu fürchten haben, möchten ſie lieber Alles beim Alten und ſich noch eher von dem bekannten als dem unbekannten Feinde tyranniſiren laſſen, als beiden muthig und unverzagt entgegen⸗ treten. Das dumme Volk! Die deutſchen Freiſchaa⸗ ren, die ſchon in Flensburg mit rothen Federn auf dem Kopfe und mit Bärten— ſo lang!— ſpazieren ſollen, werden doch wahrhaftg keine lebendigen Teufel ſein, wie man ſagt. Und ich fürchte mich nicht im Geringſten vor ihnen; mich macht der rothröckige Däne wärmer. Und hier, unſer Herr Nachbar, auf Eures Vaters ehemaligem Gute, hat ſich in der That ſehr rothröckiſch bewieſen, denn es ſitzen ſchon ſeit 345 Tagen einige Herren bei ihm hinter den Gläſern, und pochen und lärmen, daß die ganze Umgegend es hört. Sie gehören zu den Schiffen, die im Alsſunde kreu⸗ zen. Geſtern iſt auch in Broaker der Baron Dirckinck⸗ Holmfeld geweſen, der die Corvette Najaden komman⸗ dirt, und hat mir nichts Dir nichts die Steuerkaſſe mit ſich nehmen wollen. Aber halt, Herr Baron, es ging nicht ſo leicht und man ſchlug ihm rechtſchaffen ſein Begehren ab. Nun iſt er lärmend abgezogen und will mit ſeinen Rothröcken wiederkommen und mit Gewalt nehmen, was ihm mit Liſt nicht gelang. Und, Herr, ſie ſind ſehr klug, dieſe Herren. Von Son⸗ derburg aus haben ſie große Haufen bedrucktes Pa⸗ wie unter das Volk verſtreut, unſere Regierung eine Meute Rebellen genannt und Jedem Erlaubniß ge⸗ geben, jeden Deutſchen ohne Weiteres niederzuſtoßen, und wer irgend ein deutſches Geſicht zieht, auf die Schiffe zu ſchleppen. Nun ja doch, das iſt leicht ge⸗ ſagt; aber ſie ſollen nur zu mir kommen und mich preſſen wollen, ich verſtehe auch was davon und werde ſie wie ein alter Angelſachſe begrüßen. Nehmt Euch alſo in Acht— ich laſſe Euch nicht aus dem Hauſe, ſo lange Ihr hier bleibt— ſie haben ſchon dort drüben einen Pfarrer geprügelt, der von Ver⸗ nunft und brüderlichem Sinne predigen wollte, denn 346 Vernunft und Bruderſinn kennen die Dänen nicht— weiß es der Teufel! Auch andere beſonnene Männer haben ſie mißhandelt und eingeſperrt und bewachen ſie in ihrem eigenen Hauſe mit Miſtgabeln und Dreſch⸗ flegeln. Alſo nehmt Eure Naſe in Acht!“— Das waren ſo ungefähr die erſten Berichte, die Henrik von den Zuſtänden im Sundewitt empfing und die er ſich beinahe nicht anders vorgeſtellt. Am Tage darauf, als nun jener Baron, ehemals Com⸗ mandeur der preußiſchen Corvette Amazone, mit 50 Rothröcken erſchien und die Kaſſen in der ganzen Um⸗ gegend mit ſich nahm, da ging der Lärm erſt recht los und die däniſche Geſinnung, das heißt die Furcht vor'm Stocke, ſchien mit einem Male die deutſche verdrängt zu haben. Raſch hatten die Dänen einen kleinen Theil des Sundewitt beſetzt, ihre Schiffe in die Flensburger Bucht bis Holnis geſandt und zwei Kanonenboote vor Bockholm gelegt, um bequem die Holniſſer Landenge beſtreichen zu können. Aber noch war kein feindlicher Angriff erfolgt, nur hatte man ſich auf Koſten der Sundewitter gütlich gethan, Wa⸗ gen und Pferde requirirt und alle Lebensbedürfniſſe aus ihren Vorräthen bezogen, wogegen kein Menſch ſich auflehnen konnte, da die Uebermacht durchaus auf Seiten der Dänen und kein deutſcher bewaffneter 347 Mann vorhanden war, der dem Unfuge hätte ſteuern können. Im Pächterhauſe am Strande und ſeiner Nähe, außer von Zeit zu Zeit in dem benachbarten Herren⸗ hauſe, befand ſich noch keine Einquartierung, aber man beſorgte ihre Ankunft jeden Tag, daher mußte man ſich beeilen zu thun, was man zu thun ent⸗ ſchloſſen war. Henrik hatte Rasmus Harms ſeinen Entſchluß mitgetheilt, nach Rendsburg zu gehen, und da Matthias ihn begleiten wollte, um ebenfalls in vaterländiſche Dienſte zu treten, ſo wurden alle An⸗ ſtalten dazu in heimlicher Stille getroffen. Henrik packte ſeine Papiere, Bücher und Kleider in ein Fell⸗ eiſen, welches ein Knecht, Clas mit Namen, der ſich ihm zum Diener erboten, auf einem ſtarken Pferde mitnehmen ſollte. Rasmus ſelbſt hatte in patrioti⸗ ſcher Geſinnung einen Theil ſeines vorräthigen Gel⸗ des mit eingepackt, um es durch Henrik der Regie⸗ rung zur Verfügung ſtellen zu laſſen. Da man aber nicht ſichere Nachrichten erlangen konnte, wo und wie weit die Dänen in's Land hinein ſtanden, ſo ver⸗ zögerte ſich die Abreiſe von Tage zu Tage. Endlich am 6. April glaubte man die ſichere Kunde zu haben, daß im Sundewitt nur zu Düppel und Broaker die Dänen ſtänden, und ſo war auf den folgenden Tag die Abreiſe zur Nachtzeit feſtgeſetzt. Henrik wollte in der Nacht vorher noch einmal nach Emmerslund hin⸗ über, um Abſchied zu nehmen. Da aber zeigten ſich plötzlich raſch hinter einander auf⸗ und abfahrende Schiffe in der Apenrader Bucht, und er mußte noch einen Tag länger warten. So war der 7. April herangekommen und mit ihm der Beginn der Feind⸗ ſeligkeiten. Schleswig⸗holſteiniſche Dragoner, die auf Glücksburg einquartiert waren, wollten die Dänen von dem Uebergange über die Landenge abhalten, ſo wie auch an der Schanzarbeit hindern. Zwei Kano⸗ nen wurden zu dieſem Behufe bei Bockholm aufge⸗ ſtellt und fingen mit zwei Dampfſchiffen und zwei Kanonenbooten ein Gefecht an, welches zwei Stun⸗ den um Mittagszeit anhielt. Dumpf und ſchauerlich rollten die Donnerſchüſſe über die früher ſo friedliche Gegend hin und verſetzten alle aufhorchenden Ge⸗ müther in eine Aufregung und Spannung, wie ſie die Sundewitter damals noch nicht gewohnt waren, aber bald als etwas ſehr Alltägliches kennen lernen ſollten. Schon am Morgen dieſes Tages hatte ſich ein neues und unerwartetes Ereigniß längs des ganzen nördlichen Strandes im Sundewitt zugetragen, wel⸗ ches für die dem Meere ſo nahe wohnenden und dar⸗ 349 auf verkehrenden Menſchen mit großen Unbequemlich⸗ keiten verknüpft war. Als die Bauern bei Tagesan⸗ bruche aus ihren Gehöften traten und an den Strand eilten, um ſich nach feindlichen Schiffen umzuſehen, fanden ſie ſich ihrer Boote beraubt. Die Dänen wa⸗ ren in der Nacht hier und da gelandet und hatten die vorgefundenen Fahrzeuge entweder mitgenommen oder verſenkt, und, wo es ohne vieles Geräuſch mög⸗ lich geweſen war, hatten ſie ſogar einige Knechte auf⸗ gegriffen und auf ihre Schiffe geſchleppt. Denn ſie wußten wohl, daß dieſe Leute zu Matroſen, an denen es ihnen mangelte, ſehr gut zu gebrauchen wären. Daher kam es, daß ſich von dieſem Tage an ein großer Theil der männlichen Bevölkerung verſteckt zu halten pflegte und nur bei Nacht in's Freie wagte. Henrik ſaß an ſeinem Schreibtiſche, als Rasmus Harms mit dieſer Botſchaft bei ihm eintrat. „So kann ich alſo nicht mehr zum Capitain hin⸗ über?“ fragte er, während alles Blut ſeines Geſichtes ſich nach dem ſehnſuchtsvollen Herzen drängte. Harms lachte und erzählte ſeinem Herrn dann, wie er den Dänen ein Schnippchen geſchlagen, denn er hätte dergleichen vorhergeſehen und ſein beſtes Boot ſchon ſeit einigen Tagen auf dem Lande in Sicherheit gebracht. Dies hatte man in ſeinem Ver⸗ 350 ſtecke nicht gefunden und ſo ſollte es dazu dienen, die. nächtliche Ueberfahrt zu bewerkſtelligen. Alles wurde dazu in Bereitſchaft geſetzt, aber erſt bei anbrechen⸗ dem Tage wurde das Unternehmen möglich, denn erſt um dieſe Zeit zogen die kreuzenden Dampfer weſt⸗ und oſtwärts und ließen das Fahrwaſſer frei. Harms ſelber machte diesmal den Steuermann und wollte ſo lange drüben am Lande bleiben, bis Henrik mit ihm zurückkehrte, um vom Sundewitt aus ſeinen Weg nach Rendsburg anzutreten. Es war fünf Uhr Morgens, als das Boot vom Pachthofe abſtieß und in einer halben Stunde liefen die kundigen Segler zwiſchen den Sandbänken glück⸗ lich ein, wo ſich Harms mit ſeinen Knechten ſorglich hinter der Inſel verbarg. Als Henrik den Strand betrat und ſich anſchickte, den Berg zu erſteigen, kam ihm Andreas Burns ſel⸗ ber entgegen, um ſich nach ſeinen Booten umzuſchauen, denn auch an dieſem Ufer, hatte er eben die Meldung empfangen, waren die Feinde in der Nacht auf Beute ausgegangen. Die Unternehmer dieſes nächt⸗ lichen Raubzuges aber mußten große Eile gehabt und den Strand gar nicht betreten haben, denn nur die im Waſſer liegenden Boote waren genommen, die hinter der Inſel im Geſtrüppe verborgenen aber wa⸗ ren unangetaſtet geblieben, ſo auch der Kutter, der unbeſchädigt auf ſeinem Stapel ſtand und deſſen Vollendung man mit jedem Tage näher kam. Um die Stätten, wo die Arbeiter ihr Werk verrichteten, noch mehr zu ſichern und daſſelbe den etwaigen Nach⸗ forſchungen der Dänen zu entziehen, ließ Andreas ſogleich kurzgeſägte Baumſtämme davor in den Bo⸗ den ſenken und mittelſt Weidenruthen und feſtgeſtampf⸗ ter Erde eine ziemlich handfeſte Schutzmauer herſtel⸗ len. Im Laufe des erſten Tages ſchon gedieh das Werk faſt ganz, ohne das geringſte Hinderniß zu er⸗ fahren, und erſt als das geſchehen, konnte man Hoff⸗ nung hegen, die ſo nothwendigen Fahrzeuge für die nächſte Zukunft ſich bewahrt zu haben. Um aber auf alle Fälle vorbereitet zu ſein, ließ der umſichtige Capitain auch oben in ſeinem Schuppen zwei kleine Boote erbauen, die ein paar Männer ohne Mühe an den Strand hinab tragen konnten, wenn der Augen⸗ blick ihres Gebrauchs gekommen ſein ſollte. Als alle dieſe Befehle unten am Strande gegeben waren, ſtieg er mit Henrik den Berg hinan und be⸗ gab ſich auf den Wartthurm, um von der Höhe aus einen Ueberblick über den ganzen Meeresarm zu ge⸗ winnen. Kaum hatten ſie die Plattform betreten, ſo ſahen ſie von Apenrade her den Schooner Neptun 352 vor vollem Südweſtwinde heranſegeln. Er hatte alle Leinwand beigeſetzt und ſchien es ſehr eilig zu haben. Das kleine geſchmeidige und wohlgeführte Schiffeflog wie ein Falke auf der Jagd dahin und ließ ſeinen Danebrog ſo frohlockend in der Morgenluft wirbeln, als hätte er einen großen Sieg erfochten. Und in der That, der Neptun hatte in dieſem Augenblicke ſeine erſte Heldenthat vollbracht, denn er ſchleppte in ſeinem Innern den Bürgermeiſter Schouw und einige angeſehene Leute aus Apenrade mit ſich, um ſie in däniſche Gefangenſchaft zu führen, weil ſie als Män⸗ ner von ächt deutſcher Geſinnung in Kopenhagen ebenſo ſehr, gefürchtet wie gehaßt waren. Damit be⸗ gannen die Menſchenräubereien an den deutſchen Kü⸗ ſten, die dazu angethan waren, den däniſchen Namen noch gehäſſiger zu machen, als er bisher ſchon gewe⸗ ſen war. Andreas blickte mit ſchmerzbewegten Geſichtszügen auf das heranjagende Schiff, denn er wußte ja, daß ſein Sohn Erik ſich auf demſelben befand, obwohl ihm bis jetzt noch unbekannt war, welche ſchreckliche That er an dieſem Morgen vollbringen geholfen.„Ver⸗ gebe ihm Gott, wie ich ihm vergebe!“ ſprach es im Innern des Vaters, und ſein Auge blickte wie ſein Herz düſter und voll widerſtrebender Gefühle auf das 353 feindliche Schiff hinab, welches ſein Kind in ſeinem bretternen Bauche trug. Als es ſich näherte, muß⸗ ten die beiden beobachtenden Männer ſich verbergen, denn leicht konnte es ſonſt geſchehen, daß man ſie vom Meere aus ſah, da die das Holzgerüſt umgeben⸗ den Bäume den Lauſcherort noch nicht mit ihrem Laube vor Entdeckung ſchützten. „Da geht er hin,“ ſagte endlich Andreas, der ſich des Gedankens an ſeinen Sohn mit männlicher Er⸗ gebung zu entſchlagen verſuchte, ſeufzend zu ſeinem Gefährten,„da geht er hin wie ein wackerer Renner zum Turnier. Daß ein ſo unedles Volk ein ſo edles Schiff haben darf! O, über Eure Thorheit, Ihr Deut⸗ ſchen! Jetzt werdet Ihr einſehen, wie unrecht Ihr/ gethan, Eure Küſten nicht beſſer mit ſolchen hölzer⸗ nen Mauern zu verſorgen. Ein ſo großes, reiches und mächtiges Volk, wie Ihr es ſeid, läßt ſich von dieſen Piraten den Rang darin ablaufen! Pfui! daß ich ſelber ein Deutſcher bin und mir dieſe Schmach in's Geſicht ſagen muß!“ „Ihr ſeid ja nicht daran ſchuld, Andreas,“ ent⸗ gegnete zuſprechend Henrik,„alſo tadelt Euch nicht ohne Noth. Der Schaden wird ſie ſchon klug machen, und wenn ſie wirklich in einen ernſthaften Krieg ge⸗ rathen, werden ihre Fürſten auch eine Flotte bauen.“ A. Burns. I. 23 354 „Ja, wenn es zu ſpät iſt. Ha! Den Brunnen deckt man immer, wenn das Kind ertrunken— das iſt die alte Bauernregel. Glaubſt Du aber wirk⸗ lich, Henrik, daß die deutſchen Regierungen ſich in unſern Zwiſt mit den Dänen miſchen werden?“ „Glaubt Ihr es nicht? Wer wollte daran zwei⸗ feln, Andreas? Der Mächtige iſt ja immer redlich, wenigſtens ſollte er es ſein. Und nachdem der Bun⸗ destag ſeine Hülfe zugeſagt und der König von Preu⸗ ßen jenen wahrhaft königlichen Brief an den Herzog von Auguſtenburg geſchrieben, zweifle ich keinen Au⸗ genblick mehr.“ „Ach, Henrik, mein Freund, ich zweifle gar ſehr daran. Möglich, daß ſie mit Worten und Wünſchen für uns kämpfen, aber mit Kanonen und Säbeln— das iſt eine andere Sache. Große Staaten haben oft mehr Rückſichten auf ihre Nebenbuhler zu nehmen, als kleine, und Preußen vor Allen hat mehr zu thun, als ſich mit unſern häuslichen Angelegenheiten zu plagen.“ „Nein, Andreas, nein, Ihr irrt diesmal. Gebet Acht. Schon iſt der Befehl zum Marſche gegeben, und noch dazu ſchickt der hochherzige König ſeine Gar⸗ den. Das beweiſt, daß ihm Schleswig⸗Holſtein wirklich am Herzen liegt, wie er es offen vor aller Welt aus⸗ — ſteht gerüſtet da.“ „Wäre es wahr, mein Freund! Ich wollte nicht zuletzt frohlocken. Aber ich glaube es nicht eher, als bis ich es ſehe. Am liebſten freilich wäre es mir, wenn wir mit eigener Fauſt dem Dänen an die Gur⸗ gel könnten und keines fremden Menſchen Hülfe ge⸗ brauchten. So aber, wie die Sachen jetzt liegen und wir ſo unvorbereitet gegen einen lange fertigen Feind ſtehen, ſchickt uns vielleicht Gott Hülfe in der Noth, bis wir mit der Zeit dem Gegner gewachſen werden und auf unſeren eigenen Füßen ſtehen können.“ „Ihr ſeid heute ſo kleinmüthig, Andreas, wie ich Euch nie geſehen. Und doch ſeid Ihr der Mann nicht, vor der Gefahr zu erbleichen. Was iſt die Ur⸗ ſache davon?“ „Nein, Henrik, kleinmüthig bin ich nicht!“ rief Andreas, ſich heftig emporraffend.„Ich hatte nur meine Bedenken, als ich jene ſtolzen Schiffe und un⸗ ſere unbefeſtigten und beraubten Ufer ſah. Gieb einen Schooner wie den da unter mein Commando und ſtelle mich Dänemark's beſtem Schiffe gegenüber— dann urtheile anders über einen Mann, deſſen Herz nur augenblicklich gebeugt iſt, weil er ſeinen Sohn auf dieſem Schiffe dahinſegeln ſieht, den er einſt zu 23 geſprochen. Auch das zehnte Bundes⸗Armee⸗Corps 356 einem deutſchen Seehelden erzog— ja, ja, Henrik, das iſt es, was mir die Seele zerreißt und mein Herz⸗ blut ſtocken macht. Aber wie ſtark dies Herz dennoch iſt, erkenne daraus, daß es das ſieht und— doch nicht verzweifelt.— Komm, laß uns gehen!“ Henrik ehrte den tiefen Schmerz des Vaters, wie er die Geſinnung des Mannes zu ſchätzen wußte, und ſo ſchritt er ſchweigend neben ihm her nach dem Hauſe. Trotz der frühen Morgenſtunde war Alles lebendig im Hofe, und ſogar die Frauen ſah man ſchon bei ihrer Arbeit. Als die beiden Männer in den Hausflur traten, begegnete ihnen Agathe; ſobald ſie ſie aber erblickte, verſchwand ſie hinter einer der Thüren, wahrſcheinlich um— eine ſeltene Erſchei⸗ nung bei dem lebensfrohen Mädchen— ihre roth⸗ geweinten Augen und ihr wie Wachs bleiches Geſicht vor ihnen zu verbergen. Aber die Augen der Män⸗ ner waren eben ſo raſch geweſen und hatten ihre ungewöhnliche Aufregung bemerkt.„Was hat das Mäͤdchen?“ fragte Henrik den Capitain 2,Wahrſcheinlich Kinderpoſſen oder Kopfweh. Fraun müſſen bisweilen weinen, um in der Uebung zu blei⸗ ben.— Iſt das Frühſtück fertig, Lenore?“ „Ja, Herr,“ antwortete die flinke Magd,„da drin⸗ nen leht Alles auf dem Tiſche.“ * 357 Bald nachdem ſie in's Zimmer getreten waren, er⸗ ſchien die Hausfrau. Auch ſie hatte verweinte Au⸗ gen und ſchien betrübt, wie nie. Der Capitain und ſein Gaſt ſchoben die Urſache der allgemeinen Trau⸗ rigkeit auf den abweſenden Erik und Beide ſchwiegen daher. Nach einer Weile trat Agathe herein, denn ſie wußte wohl, daß nach hergebrachter Hausordnung Niemand bei den gemeinſchaftlichen Mahlzeiten ohne wichtigen Grund fehlen durfte. Die Begrüßung war gegenſeitig kurz, und den Umſtänden gemäß drehten ſich die Fragen der Frauen um Henrik's Reiſe. Da ſah ſich der Capitain forſchend im Zimmer um, als ſuche er etwas. „Wonach ſchauſt Du Dich um, Andreas?“ fragte die ſorgſame Frau, die nicht entdecken konnte, was ihrem Manne fehlen mochte. „Wo iſt Fritz?“ lautete ernſt und bedeutſam die Frage des Vaters. Die Frauen ſchwiegen und ſenkten etwas die Köpfe. In demſelben Augenblicke aber trat der Ge⸗ nannte herein und begrüßte ehrfurchtsvoll, wie ge⸗ wöhnlich, ſeinen Vater, liebevoll ſeine Mutter, und freundlich Henrik, während er für Agathen kaum einen kurzen Blick und ein einfaches Wort hatte. Er war 358 in Reiſekleidern, bis an das Kinn zugeknöpft, und Sporen klirrten an ſeiner Ferſe. „Willſt Du reiten?“ fragte der Vater, einen ra⸗ ſchen Blick über des Sohnes Ausrüſtung werfend. „Ja, ich will reiten, mein Vater.“ „Und wohin?“ „Ich werde es Dir ſagen, ſobald Du gefrühſtückt haſt.“ Als das Frühſtück vorüber war, faßte der Capi⸗ tain ſeinen Sohn in's Auge, ohne ein Wort weiter zu ſprechen; aber dieſer verſtand ihn. Er gab dem Vater einen Wink, ihm aus dem Zimmer zu folgen, was ſogleich geſchah.„Was haſt Du, ſprich!“ ſagte der Vater, als ſie das Schreibzimmer des Letzteren er⸗ reicht hatten. „Ich will nach Rendsburg, mein Vater!“ Ueber das ausdrucksvolle Antlitz des eiſernen Man⸗ nes flog ein Schimmer des Frohlockens, der wunder⸗ bar mit dem der Sorge und des Kummers gemiſcht war.„Ha!“ rief er,„ich dachte es mir. Alſo Du willſt mit gegen unſeren Feind kämpfen, mein Friedrich?“— „Ja, das will ich, mein Vater. Es iſt nöthig, daß ich gut mache, was ein Anderer— übel ſthut. „Ha! Woran erinnerſt Du mich— ſchweig da⸗ 359 von! Zwei Söhne habe ich nur und Du haſt nur einen Bruder. Und Sohn gegen Sohn— Bruder gegen Bruder, das iſt ſchmerzlich genug für ein Vater⸗ herz. Haſt Du auch bedacht, Fritz, daß ich allein hier zurückbleibe und alle Hände voll zu thun habe?“ „Ich habe Alles bedacht; aber das Vaterland hat noch mehr alle Hände voll zu thun und ſeine weit hallende Sturmglocke, die alle ſeine Söhne ruft, über⸗ tönt meine Sorge um Dich. Aber damit Du keinen Helfer entbehrſt, wie ich Dir einer war, ſo wird Ca⸗ pitain Kühlwetter meine Stelle hier im Hauſe ver⸗ treten— ich habe ihn darum gebeten und er hat es mir zugeſagt.“ „Geh!“ ſagte der Vater kurz und wandte ſich ab, denn etwas Ungewohntes, Naſſes kam ihm in's Auge, was er den Sohn nicht wollte merken laſſen. „Vater!“ rief aber dieſer und umfaßte ihn von hinten mit beiden Armen—„Ich danke Dir— darf ich aber Deinen Segen mit mir nehmen?“ Und augenblicklich lag er auf den Knieen vor ſeinem Er⸗ zeuger.. Liebevoll beugte ſich dieſer über ihn, legte beide Hände auf ſeinen dunkelen Scheitel und ſprach:„Gott iſt über uns, Fritz; er wird Dich gewiß ſegnen, wie ich Dich ſegne, ſchon um meinetwillen, denn ich habe 360 Anſprüche an ſeine Milde für den Kummer, den er mir in Deinem Bruder gegeben. Steh auf und komm an mein Herz.— Wann willſt Du gehen, mein Sohn?“ „Mit Henrik, Vater, denke ich.“ „Ha! Wußte er ſchon heute Morgen darum?“ „Kein Wort, mein Vater, ich will es ihm jetzt erſt ſagen.“ „Und die Mutter?“. „O, der ſagte ich es ſchon geſtern Abend, und die wollte mich halten mit Gewalt und zärtlichen Wor⸗ ten. Aber da ſagte ich ihr, ich ginge heimlich, wenn ſie mich hielte— und nun hat ſie die Nacht vor Kummer nicht geſchlafen, was ich beklage aber nicht ändern kann.“ „Aha, nun kann ich mir Alles erklären. Und Agathe?“ „Was ſoll Agathe hier— ihre Gedanken ſind bei Erik!“ 4 3 „Fritz, wenn Du Dich nur nicht darin täuſcheſt?“ „Nein, ſie hat es mir neulich ſelbſt geſagt— o ich weiß— aber bitte, ſchweig von Agathen.“ Und damit war er zur Thüre hinaus. Der Vater aber ſchüttelte den Kopf, als er allein war, und blickte nach⸗ denklich zu Boden.„Der Thor!“ flüſterte er mehr 361 als er ſprach.„Er iſt der Einzige, der nicht ſieht, daß er ſich irrt, und alle Welt ſieht es und weiß es af a es ſo ſein— um ſo leichter wird er von hinnen gehen, wenn ſein ganzes Herz bei ſeiner gro⸗ ßen Pflicht iſt. Nun— wie Gott es will!“ Nach dieſen Worten ſchloß er die Thür ſeines Zimmers und ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch. Hier ſuchte er lange Zeit in ſeinen Papieren herum, ord⸗ nete ſie und ſchloß endlich die wichtigſten feſt in einen blechernen Kaſten, während er andere zerriß und dann im Ofen verbrannte. Nachdem er dieſe Arbeit voll⸗ endet, rief er Henrik und Friedrich in ſein Zimmer, die ſogleich ſeinem Rufe folgten, als wenn ſie ihn erwartet hätten.„Kinder,“ ſagte er,„laßt es uns kurz abmachen, denn die Zeit drängt. Sei es ſo, wie Ihr beſchloſſen habt,— Ihr reiſet alſo zuſammen. Ich kann Dir, mein Friedrich, keinen beſſeren Gefährten zuweiſen, als dieſen unſern Freund hier. Möget Ihr Beide glücklich nach Rendsburg gelangen und eben ſo glücklich Euer ferneres Ziel erreichen. Hier, mein Sohn, iſt Dein Reiſegeld, denn Du wirſt als Frei⸗ williger Deinem Vaterlande dienen, ohne Sold von ihm zu empfangen. Bewahre es ſorgſam; ſollteſt Du aber über kurz oder lang mehr bedürfen und mich nicht erreichen können, ſo wende Dich an Henrik, der 362 im Hauptquartiere bleibt und meine Anweiſungen auf meinen Bankier in Altona erhält.— Hier, Henrik, in dieſer Brieftaſche ſind die Anweiſungen Se dem 4000 Mark Banco enthalten, die ich fürs Erſte der proviſoriſchen Regierung darbiete, da ich ſie gerade in Händen habe. Laß Dir den Schuldſchein dafür geben, wenn Du es für nöthig erachteſt, und bewahre ihn auf, bis wir uns wiederſehen. Sobald ich Geld flüſſig habe, werde ich weiter darüber beſtimmen. So nimm ſie denn hin und ſei der Ueberbringer meiner Glückwünſche an jene Männer, die ſich hoffentlich be⸗ währen werden. Ich kann keinen ſicherern Boten damit beauftragen, als Dich.“ „Wenn ich aber unterwegs das Unglück haben ſollte, aufgegriffen zu werden, Andreas?“ „Hoffentlich wird das nicht geſchehen. Noch ſtehen die Dänen nur zwiſchen Apenrade und Flensburg, und da Ihr vom Sundewitt abgehet, ſo ſtoßet Ihr nicht auf ſie. Sollte es aber dennoch geſchehen, ſo wird man Euch doch nicht plündern, denn wie Ban⸗ diten werden ſich die Truppen des däniſchen Königs nicht aufführen. Nun habt Ihr Euer Geld, unter⸗ ſtützet Euch gegenſeitig, ich kann nicht mehr thun, als Gott bitten, daß er Euch ſicher geleite.— Was nimmſt Du für Pferde mit, Fritz?⸗ 363 „Gieb mir den großen Goldfuchs, und Jürgen, der mich begleiten und auch ein Dragoner werden 3. jungen Grauſchimmel, den ich neulich ge⸗ kauft, ſie ſind beide ſtark und ſchnell zugleich.“ „Jürgen will auch mit? Bravo! Nehmet die Pferde, und ſobald ich es ſicher thun kann, will ich noch mehr ſtellen.“ „So erlaube mir, daß ich ſie ſatteln laſſe, damit Jürgen nach dem Sundewitt vorangehe, denn wir müſſen ſie heute Nacht friſch finden, wenn wir ihrer Schnelligkeit bedürfen.“ „So wollt Ihr ſchon heute Nacht fort?“ „Ja. Denn obgleich die Dänen, wie Henrik ſagt, geſtern Abend nur in Broaker und Düppel ſtanden, ſo könnten ſie doch unterdeß weiter vorgerückt ſein, und nur Nachts allein dürfen wir ſicher ſein, daß ſie uns auf den Wegen, die wir wählen werden, nicht ertappen.“ „Gut, dann ſind wir ja wohl für jetzt fertig. Ihr braucht erſt Nachmittag oder gegen Abend über⸗ zuſetzen, da Ihr erſt Nachts fortwollt. Der Neptun iſt oſtwärts geſegelt und die Kanonenboote haben ſich vor Apenrade gelegt, ſo wird ja wohl Euer Weg frei ſein. Und nun, Friedrich, habe ich noch ein Wort mit Henrik allein zu ſprechen.“ 364 Friedrich entfernte ſich ſogleich.„Haſt Du mir ſonſt nichts zu ſagen, mein Freund?“ beg der Capitain das kurze Geſpräch mit ſeinem Ga „Iyr habt meinen Wunſch errathen, Andreas; ja, ich möchte mit Euch noch über einen wichtigen Ge⸗ genſtand reden. Es betrifft Helenen. Schützet ſie wohl und nehmet ſie lieber in Euer Haus auf, wenn die Gegend unſicher wird.“ „Ja, Henrik, hier haſt Du meine Hand darauf. Damit ſoll Alles geſagt ſein. Ich weiß, wie viel Dir daran liegt und— und— doch ſei in jeder Be⸗ ziehung unbeſorgt, ſie ſoll, wie Du mein älteſter Sohn biſt, meine älteſte Tochter ſein.“ „So bin ich zufrieden und danke Euch herzlich.“ „Und was Du von jenem Gelde für Dich ſelber gebrauchſt, behalte davon zurück; als treuem Diener des Vaterlandes, der Du biſt, gebe ich dem Vater⸗ lande, wenn ich Dir gebe.“ „Ich danke, Andreas, für Euern guten Willen, aber ich bedarf noch nichts. Man wird mich nicht darben laſſen. Wann kann ich wohl zu Helenen hinabgehen?“ „Wann Du willſſ, mein Freund; in jetzigen Zei⸗ ten giebt es keine Etikettenſtunde. Grüße ſie von mir und gehabe Dich wohl. Adieu!“— 365 Während Friedrich nun im väterlichen Hauſe und in den Ställen Alles zu ſeinem und Jürgens— des einzigen jüngeren Mannes auf Emmerslund, denn die anderen waren ſämmtlich ältere Matroſen— Ab⸗ gange vorbereitete, dabei aber, wo er auch ging oder ſtand, es vermied, Agathen in den Weg zu treten, begab ſich Henrik an den Strand hinab und bald hatte er das Epheuhaus erreicht. Aber nicht mit ſo freudigen Gefühlen, wie vor einigen Wochen, betrat er die theure Schwelle; denn damals war er in der Hoffnung gekommen, recht lange in der Nähe der ſchönen Bewohnerin zu verweilen, heute kam er, um Abſchied zu nehmen, auf eine ſo lange und unbe⸗ ſtimmte Zeit, daß ſich ihr Ende gar nicht abſehen ließ, und unter ſo bedeutungsvollen Umſtänden, daß ſeine Zukunft mehr als getrübt erſchien. Henrik war erſt in das gemüthliche Zimmer der alten Lore ein⸗ getreten, um auch dieſer Lebewohl zu ſagen. Die gute Frau empfing ihn auch diesmal mit ihrem herz⸗ lichen Wohlwollen, aber ihr Zuruf klang heute nicht ſo fröhlich wie gewöhnlich, ihre Freude, Henrik Paulſen bei ſich zu ſehen, ſchien gedämpft, und ihrem ganzen Weſen war eine beſondere Art mütterlicher Wehmuth zugeſellt.„Gehe nur hin, Henrik Paulſen, mein Sohn,“ ſagte ſie unter Anderm,„diesmal wirſt Du 366 B 3— die alte Lore nicht wiederfinden, wenn Du zurück⸗ kehrſt.“ „Und warum nicht?“ fragte Henrik theilnehmend. „Wollt Ihr dies ſchöne Ufer verlaſſen und aus Furcht vor den Kriegsereigniſſen in Eurem Alter Euch noch eine neue Heimat ſuchen?“. „Nein, nein, guter Henrik, das iſt es nicht,“ er⸗ widerte ſie.„Es gefällt mir noch immer hier, wie vor zehn Jahren, da Bardow es kaufte, und wenn es auf meinen Wunſch allein ankäme, würde ich dies kleine Haus einſt nur mit einem noch kleineren und kühleren vertauſchen; nein, das iſt es nicht, was ich meine. Ich fürchte mich auch nicht vor den Dänen, aber ſie werden die alte Lore von ihrem Neſte ver⸗ jagen und ihr das Haus über dem Kopfe anzünden.“ Henrik lächelte zwar über die Sorge der Alten, die ihr ihre Phantaſie vorſpiegelte, aber im Innern erſchrak er doch darüber, denn wenn ihre Beſorgniß eine gerechtfertigte war, ſo wäre ja auch Helenens Leben und Eigenthum in dieſem Hauſe nicht ſicher geweſen. Aber er tröſtete, ſo gut er vermochte, die alte Frau, die vielleicht darum ſo traurig war, weil ſie ſich einſam fühlte, denn Capitain Bardow war mit ſeinem Nachbar Meviſſen nach dem öſtlich gelege⸗ nen Strande hinaufgegangen, um eine Recognosci⸗ 367 — 56 rung der feindlichen Schiffe vorzunehmen, und ſie gab dem Scheidenden, als er bald darauf ging, ihre heiße⸗ ſten Segenswünſche unter einem Strome von Thrä⸗ nen mit. Helene hatte Henrik in das Haus treten ſehen, war alſo auf ſeinen Empfang vorbereitet. Zwar be⸗ fand ſie ſich noch in ihrem ſchwarztaffetnen Morgen⸗ kleide und ihr glänzendes Haar war noch unter einem kleinen Spitzenhäubchen verborgen, aber die Schönheit dieſer wunderbaren Frau war, für Henrik wenigſtens, von einer ſo ſeltenen Art, daß ſie in der Tracht im⸗ mer am ſchönſten erſchien, in welcher man ſie gerade ſah, was wohl darin allein ſeinen Grund haben mochte, daß Kleider und Putz ihre Geſtalt nicht voll⸗ kommener und ihr Geſicht nicht ſchöner zu machen im Stande waren, als ſie die Natur gebildet hatte. Kaum hatte Henrik die oberſte Treppenſtufe erſtie⸗ gen, ſo öffnete Helene wie damals ihre Thür, die ſie ſogleich wieder hinter dem Eintretenden ſchloß. Henrik blickte ſich rings in dem duftenden Zimmer um, als wolle er ſeinen behaglichen Inhalt ſich um ſo feſter einprägen, da er ſo frühe davon ſcheiden mußte. Endlich, nachdem er der Freundin die Hand gereicht, ſagte er:„Guten Morgen, Helene. Wie trugvoll ſind doch die Bilder, welche die Phantaſie des Menſchen 368 in köſtlichen Rahmen vor ſeine Seele ſtellt, und wie unerwartet ſchnell ſchwinden ſeine begründetſten Hoff⸗ nungen in Schaum und Luftgebilde hin! Sehen Sie, als ich neulich kam, Sie zu begrüßen, da hatte ich mir den nahenden Sommer als eine fortlaufende Kette ſüßer Erlebniſſe vorgeſtellt, und nun— noch iſt das Grün der Bäume nicht einmal ſeiner Winterhaft ent⸗ ſchlüpft, da iſt ſchon die ganze ſchöne Hoffnung und Vorſtellung in Nichts zerronnen. O wie kurz war die Freude, Helene, und wie langwird der Schmerz ſein!“ Das ſchöne Weib wandte ihr blitzendes Auge ei⸗ nigermaßen fragend auf den dieſe Worte Sprechenden. Es lag eine eigenthümliche Weiche, ein zärtliches Schmachten in ſeiner Stimme, ſeinen Mienen, die ſie noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Aber ſie faßte ſich ſchnell und ſich auf das Sopha niederlaſſend, während Henrik einen Seſſel davor einnahm, erwiderte ſie, indem ſie dem Geſpräche eine Wendung gab, die von Henrik vielleicht nicht ſo raſch erwartet war:„Ja, mein Freund, Sie haben Recht. Wie lang wird der Schmerz der trüben Zeit ſein, in der wir leben! Neu⸗ lich, obwohl in einiger Unruhe, hatten wir doch noch den heimatlichen Frieden, heute ſind wir ſchon mitten im Kriege und wer weiß, wo wir morgen ſein werden!“ „Der Krieg wird nicht ewig dauern, Helene; der —— 369 Frieden kehrt wieder, denn man führt ja nur Krieg, um den Frieden zu gewinnen. Seltſamer Widerſpruch in Allem, was aus dieſer unvollkommenen Menſchen⸗ natur ſich erzeugt!— Aber, welcher allgemeiner Auf⸗ ſchwung, Helene! Können wir nicht ſtolz ſein, Schles⸗ wiger zu heißen, die endlich den Stein abwälzen, der ſo lange auf ihre Herzen und Nacken gedrückt?“ „Ich freue mich wie Sie, Henrik, der Erhebung unſeres Vaterlandes; aber, ſei es nun, daß ich ſchwä⸗ cheren Geiſtes bin als Sie, oder daß mein Herz unter mancherlei Sorgen zu leben gewohnt iſt— meine Hoffnungen ſind ſo viel verheißender Art nicht. Ich kann mir nicht denken, daß mit der Erhebung zu⸗ gleich auch der Sieg gekommen iſt, weil das ein zu großes Glück wäre und der Menſch zu vollkommenem Glücke einmal nicht geboren iſt. Doch, wir wollen uns jetzt nicht, da Sie Abſchied von mir nehmen— denn dazu ſind Sie doch gewiß heute gekommen— die Gegenwart durch die Betrachtung einer ungewiſſen Zukunft trüben. Hoffen wir, was wir hoffen können, und ertragen wir, was uns zu ertragen aufgelegt wird, mit der Ergebung, an die ſowohl Sie wie ich ſchon ſeit Jahren hinreichend gewöhnt ſind.“ „Sie haben Recht, Helene, aber laſſen Sie mich noch ein Wort zu Ihnen ſprechen, ehe wir ſcheiden. A. Burns. I. 3 24 370 Haben Sie auch wohl reiflich überlegt, in welcher mißlichen Lage Sie ſich hier am offenen Strande des Meeres, ſo nahe dem kreuzenden Feinde, entfernt von aller ſchützenden Hülfe befinden? Sollten Sie es nicht vorziehen, nach Altona oder wo anders hin zu gehen und dort den Ausgang der Dinge zu er⸗ warten?“ „Nach Altona, Henrik? Das ſagen Sie mir? Nein, mein Freund, ich gehe weder nach Altona, noch anders wohin. Hier will ich bleiben, wohin ich mich ſo viele Jahre meines vergangenen Lebens vergeblich geſehnt habe und wo ich endlich in den Hafen der Ruhe eingelaufen bin. Muß ich auch hier leiden und Schmerzen ertragen, ſo werden ſie nicht ſchwerer auf meine Schultern fallen als anderswo, und welches Schickſal mich hier erreichen möge, ich habe es mir freiwillig auferlegt. Das iſt ein großer Troſt, Henrik⸗ und ich bin ſtolz darauf, daß er aus meinem eigenen Entſchluſſe hervorgegangen. Ruhig, mein Freund, kämpfen auch Sie nicht gegen mich an— es iſt Al⸗ les vergeblich. Und was ſollte ich hier Beſonderes zu fürchten haben? Führen die Dänen mit Weibern Krieg? Sollten ſie das kleine Beſitzthum, welches ich hier um mich niedergelegt, plündern wollen? Nein, das befürchte ich nicht. Auch kann ich ja, wenn 371 feindliche Horden in die Nähe kommen, nach Emmers⸗ lund gehen und da oben wohnen, und da habe ich, denke ich, Freunde und Beſchützer genug.“ „Daß es ſo ſei, wie Sie ſagen! Ich ſehe, Sie ſind feſt entſchloſſen. Gut. Aber ich ſehe Sie ungern hier zurückbleiben und wüßte Sie lieber im Schutze einer ſicheren und von gar keiner Kriegsgefahr bedroh⸗ ten Stadt.“ „Nein, Henrik, nein, ich bin Ihre Landsmännin! Denken Sie nicht ſchlechter von mir, als ich von Ih⸗ nen denke. Auch Sie begeben ſich in Gefahr, um Ihre Pflicht zu erfüllen. Meine Pflicht hält mich hier in meiner Heimat feſt. Verwandte habe ich nicht in Deutſchland, die ich dadurch in Unruhe ſetze, daß ich hier bleibe, und meine wenigen Freunde, wozu ja auch Sie gehören, werden mir ſchon die Laune ge⸗ ſtatten, eine kleine Gefahr, wenn ſie kommt, mit ih⸗ nen zu theilen.— Aber jetzt laſſen Sie uns von et⸗ was Anderem ſprechen. Ich habe Ihren Beſuch er⸗ wartet, Henrik, und knüpfe eine Bitte daran. Sie wiſſen, daß ich ein beträchtliches Vermögen beſitze und daß ich darüber nach Belieben verfügen kann. Eine Seltenheit für eine einſame Frau. Ich bin nun mit mir zu Rathe gegangen und habe mich entſchloſſen, einen Theil meiner Werthpapiere der proviſoriſchen 24* 372 Regierung zu übergeben, um die Kriegskoſten mit da⸗ von beſtreiten zu können.“ aber, ſind die Gelder flüſſig?“ „Sie ſind es, wenn man ſie wechſelt. Die kleine Summo, die ich bei ihrem Umſatze verliere, kommt bei den großen Verluſten Anderer und der allgemeinen Noth nicht in Betracht. Auch habe ich mehr in Al⸗ tona, als Sie vielleicht wiſſen. Aber darf ich hoffen, daß Sie mir die Erfüllung meiner Bitte nicht ver⸗ weigern, die ich jetzt auszuſprechen im Begriffe bin?“ „Verfügen Sie in Allem über mich— ich ſtehe Ihnen mit allen meinen Kräften zu Dienſten.“ „So iſt es gut, mein Freund, das habe ich auch erwartet. Sehen Sie, hier habe ich jene Papiere in eine Taſche genäht. Nehmen Sie und verwahren Sie ſie, nicht in Ihrem Koffer oder auf Ihrem Pferde, ſondern da, wo ſie am ſicherſten ſind, auf Ihrer und bewahren Sie mir auch die Schuldverſchreibung unſerer Regierung. Das iſt es, was ich von Ihnen verlange.“ Henrik mußte wider Willen lächeln, er ſchien in eer nahm die Taſche aus ihrer Hand, betrachtete ſie 8 „Das iſt ein hochherziger Entſchluß, Helene— Bruſt. Nehmen Sie ſie mit ſich nach Rendsburg Geldangelegenheiten der Vertraute Aller zu ſein. Aber 373 und küßte das glänzende Wappen, welches auf einer ihrer Seiten von Helenens zarten Fingern ſelber ein⸗ geſtickt war. „Sie hegen ſo großes Vertrauen zu mir, wie An⸗ dreas, Helene,“ ſagte er dann,„und ich bin ſtolz, mit ſo reicher Bürde belaſtet zu meinen Freunden zu kommen. Man wird mich ſchon der Gaben wegen, die ich bringe, willkommen heißen, denn Sie und Andreas geben mir mehr mit, als ich mit mir ſelber bringe.“ „Schlagen Sie unſere Leiſtungen nicht zu hoch im Gegenſatze zu den Ihrigen an. Der Kopf und der Geiſt eines tüchtigen Mannes wiegt in heutiger Zeit ſchwerer als Geld— ach ja, ich weiß das wohl zu ſchätzen, und wenn ich Eins bedaure, ſo iſt es, daß ich nicht auch ein Mann bin und ein Schwert ſchwin⸗ gen kann, wie meine braven Landsleute.“ „Sie haben wohl Recht. Aber ich ſchwinge ja auch das Schwert nicht, denn nur mit der Feder kämpfe ich gegen den Feind.“ „Das iſt gleichviel. Wo Arme und Hände Schlach⸗ ten ſchlagen, da muß auch ein Geiſt ſein, der ſie er⸗ denkt, und das iſt in meinen Augen eben ſo ehren⸗ werth. Gehen Sie alſo mit Gott und laſſen Sie von ſich hören, wenn Sie Gelegenheit dazu finden.“ 374 Henrik glaubte in den letzten Worten eine Auf⸗ forderung zu finden, ſeinen Beſuch zu beenden. Und doch hatte er noch ſo viel ſagen wollen. Das mußte er nun ungeſagt laſſen. Sein perſönliches Intereſſe ſchien ihm in dieſem Augenblicke nicht bedeutend ge⸗ nug, es an das allgemeine zu knüpfen. Tief auf⸗ ſeufzend erhob er ſich und ergriff Helenens Hand. „Leben Sie wohl,“ ſagte er innig,„ich gehe mit denn Sie geben ihn mir zu meiner Begleitung. Aber Gott iſt ſo groß, daß er bei einer Theilung nie⸗ mals kleiner wird, und ſo laſſe ich auch einen guten Theil von ihm bei Ihnen— behalten Sie ihn. Jetzt gehe ich einigermaßen beruhigt von Ihnen, ſo beſorgt ich auch war. In Ihrer Bruſt lebt der Muth eines großen Geſchlechts und die wahrhaft ſtarke Seele ei⸗ ner Auserleſenen. Auch mit Andreas habe ich Ihret⸗ wegen geſprochen, er wird Ihnen ein männlicher Hort ſein. So leben Sie wohl, Helene, mögen wir uns bald glücklicher wiederſehen und dann der Frieden über dieſem ſtillen Meerbuſen lächeln, wo jetzt nur feind⸗ liche Schiffe auf und nieder jagen. Leben Sie wohl!“ Und er drückte einen langen Kuß auf ihre Hand, die ſie ihm, während er ſprach, gelaſſen hatte, und fühlte den warmen Gegendruck der ihrigen, ehe ſie ihn los⸗ ließ. Er trat aus dem Zimmer, aber ſchon auf dem Vorſaale ſtehend, warf er einen ſo vielſagenden Blick zurück, daß Helene erbebte und tief erröthete. Gleich darauf war das Zimmer geſchloſſen und, die theure Taſche feſt auf ſeinem Herzen bewahrend, ſchritt er eiligen Fußes die Anhöhe nach Emmerslund hinauf.— Kurz nach Tiſche erſchien Capitain Kühlwetter, ge⸗ folgt von einem alten Matroſen, der einen großen Sack mit ſeinen werthvollſten kleinen Beſitzthümern trug, um in des Commodore Haus zu ziehen und Friedrich's Stelle einzunehmen, wie er es dieſem ver⸗ ſprochen hatte. Von der ganzen Familie willkommen geheißen, richtete er ſich ſehr bald in Friedrich's Zim⸗ mer ein, beſtieg aber darauf ſogleich die Warte und begann mit ſeinem Fernrohre den Horizont zu mu⸗ ſtern und die Sicherheit der Männer zu überwachen, die in der Abenddämmerung über den Meeresarm ſetzen wollten. Endlich war die Stunde der Aus⸗ führung ihres Planes gekommen. Henrik hatte ſich ſchon bei den Mitgliedern der Familie verabſchiedet und ſchritt mit Andreas zum Strande hinab, wo die Matroſen die Schaluppe in Bereitſchaft hielten. Nur Friedrich zögerte noch immer oben im Hauſe; obwohl er ſchon zweimal von der Mutter Abſchied genom⸗ men, verließ er ſie doch noch nicht, weil er jeden Au⸗ genblick Agathen glaubte in's Zimmer treten zu ſehen, die gleich nach Tiſche auf ihre Kammer gegangen war. Endlich konnte er nicht länger zögern, ohne einen Grund dafür anzugeben.„Wo iſt Agathe?“ fragte er mit gepreßter Stimme die Mutter, die leiſe weinend auf ihrem Stuhle ſaß, da nun die Stunde gekom⸗ men war, wo ſie auch ihren älteſten Sohn in den Krieg ziehen ſehen ſollte. „Sie iſt auf ihrer Kammer, mein Sohn. Geh doch hinauf, da ſie nicht herunterkommen will.“ Friedrich beſann ſich einen Augenblick, ob er dem Eigenſinne des Mädchens, wie er ihr Betragen nannte, entgegenkommen oder ſeinen Unwillen darüber durch abſchiedloſe Trennung zu erkennen geben ſollte. End⸗ lich ſiegte ſein gutes Herz über ſeinen männlichen Stolz und, nachdem er noch einmal der Mutter Lebe⸗ wohl geſagt, verließ er das untere Zimmer und ſtieg mit langſamen Schritten die Treppe hinauf, die nach der Schweſter kleinem Gemache führte. Da ſaß ſie einſam und verlaſſen am Fenſter und weinte eben ſo heftig, wie unten die Mutter weinte. „Warum kommſt Du nicht hinunter, um Abſchied von mir zu nehmen, Agathe?“ fragte er ruhig aber ernſt und ſchaute verwirrt in das unter Thränen lächelnde Geſicht des lieblichen Mädchens. 377 „Ich glaubte, Du würdeſt mich ſelber aufſuchen, Friedrich— willſt Du ſchon gehen?“ „Im Augenblicke— ich habe ſchon faſt zu lange gezögert. Der Vater und Henrik erwarten mich be⸗ reits am Strande.“ „Alſo wirklich— ach!— nun, ſo gehe in Got⸗ tes Namen!“ „Ich bin ſchon unterwegs, Agathe. Aber warum weinſt Du ſo ohne Unterlaß? Fürchteſt Du ſo ſehr für Erik? Glaubſt Du, daß ich ihm auf meinem Wege begegnen und ihn als meinen Feind behandeln werde? Das wäre ein unnöthiger Schmerz. Er iſt auf dem Schiffe, ich kämpfe zu Pferde, und Schiffe und Pferde begegnen ſich nicht, wie Du weißt.“ Das Mädchen nahm ihr naſſes Tuch von dem hoch errötheten Geſichte und blickte erſtaunt und bei⸗ nahe niedergeſchmettert von wortloſem Schmerze den alſo Redenden an.„Fritz,“ ſagte ſie wehmüthig und trat ihm einen Schritt näher,„verletze mich nicht noch in dem Augenblicke, wo Du Dich von mir entferneſt und zu einem Ziele gehſt, das Dir noch unbekannt iſt und Dich und uns Alle gleichmäßig betrüben kann. Ich dachte aber jetzt nicht an Erik— ich dachte—“ „An wen könnteſt Du ſonſt denken, wenn nicht an ihn?“ 378 Das tiefbewegte Mädchen brach in ein krampf⸗ haftes Schluchzen aus. Sie konnte kein Wort mehr hervorbringen. Friedrich trat raſch auf ſie zu, ſchlug ſeinen rechten Arm um ihre Hüfte und hauchte einen flüchtigen Kuß auf ihre glühende Wange.„Lebe wohl,“ ſagte er leiſe,„tröſte die Mutter und erheitere den Vater. Ich bin nicht beſorgt um mich, denn ich kämpfe für Euch Alle und mein Vaterland. Alſo leb wohl!“ Und mit der Hand winkend, als wolle er ſie gleichſam von ſich abwehren, die ſich wieder zu ihm hin bewegte, trat er ganz zurück, und einen Augenblick ſpäter krachte die kleine Treppe unter ſei⸗ nem gewichtigen Fußtritte. Aber da geſchah etwas hinter ſeinem Rücken, was ihn, wenn er es geſehen, vielleicht mit einem wonni⸗ geren Gefühle erfüllt hätte, als er bisher in ſeinem ganzen Leben empfunden. Gleich nachdem er das Zimmer verlaſſen, richtete Agathe ſich hoch auf und ſtarrte den leeren Raum vor ſich an, den ſo eben die Geſtalt des jungen Mannes eingenommen hatte. Und halb bewußtlos auf die Kniee fallend und beide Arme nach dem Entwichenen ausſtreckend, rief ſie in Her⸗ zensangſt und Seelenqual:„O Gott, o Gott! Er geht, ohne nur eine Ahnung meiner Gefühle zu ha⸗ ben. Friedrich, Friedrich! komm noch einmal zurück!“ 379 Aber Friedrich ſtand ſchon im Hofe, und den ver⸗ ſammelten Knechten und Mägden die Hände ſchüt⸗ telnd, eilte er den beiden Vorangegangenen nach, die ſchon in der Schaluppe ſaßen und den Nachzügler erwarteten. Kaum hatte er ſeinen Platz an Henrik's Seite eingenommen, ſo gab der Capitain das Zei⸗ chen zur Abfahrt. Mit einer Behendigkeit und Kraft, wie ſie ſie ſelten entwickelt, legten ſich die Matroſen in ihre Ruderblätter, und das kleine Schiff flog wie ein auf ſeine Beute ſtürzender Falke über die in der Windſtille ſchweigend daliegenden Gewäſſer. Rings⸗ um herrſchte eine feierliche Stille; die Abenddämme⸗ rung breitete ſchon ihre tiefen Schatten über das Meer; kein feindliches Schiff war zu ſehen und kein Späherauge bemerkte oder verfolgte die Fahrenden. So war ihre Fahrt glücklich und kurz. Als ſie am Sundewitt hinter dem Pächterhauſe gelandet waren, begleitete Andreas die Scheidenden auf kurze Zeit in das Innere deſſelben, um ſich zu überzeugen, daß Jürgen mit den Pferden wohlbehalten angelangt fei. Gleich darauf hatte er ſein letztes Abſchiedswort ge⸗ ſprochen, hatte noch einmal des Sohnes und Freun⸗ des Hände geſchüttelt und war wieder in ſein Boot geſtiegen, um ſo ſchnell wie möglich nach Hauſe zu⸗ rückzukehren.— 380 Auf den ziemlich heiteren Tag folgte eine dunkele und regneriſche Nacht. Ein heftiger Weſtwind hatte ſich erhoben und fegte ſtürmiſch durch die Wipfel der alten Bäume im Sundewitt. Gerade eine ſolche Nacht hatten die Männer zu ihrem Ritte gewünſcht. Als die zehnte Abendſtunde geſchlagen, traten die wohlverhüllten freiwilligen Kämpfer aus Henrik's Zim⸗ mer in die Diele herab. Weinen und Schluchzen war auch hier zu hören, denn auch hier ſchied ein wackerer Sohn und ein hochverehrter Freund. Aber der Abſchied ſelbſt war ein ungleich kürzerer als drü⸗ ben in Emmerslund. Die einfachen Bewohner des Pächterhauſes waren nicht gewöhnt, ihren Gefüh⸗ len ſo freien Lauf zu laſſen, wie drüben geſchehen war. Ein herzliches Wort und ein laut ſchallen⸗ der Handſchlag war Alles, was man zu ſagen und zu geben hatte. Das Uebrige hatte Gott in ihre Seele eingeſchloſſen. Zuerſt beſtieg Matthias ſei⸗ nen kräftigen Dänen und ritt ſogleich als Vorhut davon, denn der Weg, den man einſchlagen wollte, war vorher genau beſprochen und jedem Einzelnen bekannt. Ihm folgten Henrik und Friedrich, die dicht neben einander blieben. Den Beſchluß mach⸗ ten Jürgen und Clas, der ſich Henrik zum Beglei⸗ ter angeſchloſſen hatte. So ritten ſie ſchweigend in 381 die Nacht hinein auf dem Wege nach Feldſted vor, ohne jedoch die große Straße zu berühren, da ihnen die kleinen Seitenpfade ſicherer ſchienen als dieſe. Auch verſchlang der heulende Wind und der ſtrömende Regen den Huftritt ihrer Pferde. So zogen ſie ſüd⸗ lich am Hostrup⸗See vorüber nach Kliplev, und es war erſt zwei Uhr in der Nacht, als ſie in ſchar⸗ fem Trabe die Gegend von Bau erreichten, wo ſie die Freiſchaaren und Turner vorfanden, die am nächſten Tage, dem 9. April, ihre Bluttaufe erhalten ſollten. Hier erſt erfuhren ſie zu ihrem Schrecken, daß ſie mitten durch die däniſche Linie geritten waren und daß nur die ſchaurige Nacht und ihre Kenntniß der abgelegenſten Wege ſie vor der Gefangenſchaft be⸗ wahrt hatten. Henrik war der größten Gefahr ent⸗ gangen, denn wäre er hier ergriffen worden und hätte man die vielen Gelder bei ihm gefunden, die er in der koſtbaren Taſche auf ſeinem Herzen trug, es hätte ihn kein Menſch vor der Beraubung derſelben ge⸗ ſchützt, denn die Dänen, begierig, auf ihren Raub zu ſtürzen, hatten ſich vorgenommen, ihre heißeſte Rache an dem erſten Feinde zu kühlen, den ſie bereits, wie ſie wußten, mit ihrer Uebermacht überflügelt hatten. Nachdem ſie ihre Pferde gefüttert und eine Stunde geruht, ſchlugen ſie von Bau aus den Weg nach dem 332 Weſten von Flensburg ein, um die Stadt zu ver⸗ meiden und erſt ſüdlich von ihr die Straße nach Schleswig zu betreten, wo ſie einen längeren Halt machten. Aber noch hatten ſie am anderen Tage ihr nächſtes Ziel nicht erreicht, da war das Schlachtfeld bei Bau ſchon von dem Blute der Tapferen geröthet, die in allzu kühnem Wagniſſe ihre Bruſt zuerſt dem zehnfach ſtärkeren Feinde dargeboten, und dieſer Sieg hatte die frohlockenden Dänen im Sturmſchritte nach Schleswig geführt, wo vierzehn Tage ſpäter am Danne⸗ virke ihr Uebermuth von den preußiſchen Garden erſt gezügelt werden ſollte. Ende des erſten Theils. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig iſt ferner erſchienen: Neueſte Schule. Erzählung der Erzählungen mitgetheilt 4 aus dem Bundesbuche K. A. Srhlerht. (Camillo Hell.) 3 Bände. 8⁰. 1856. geh. 3 Thlr. Vier Lebenswege. 1 Bilder 1 aus dem Skizzenbuche eines Dilettanten. 2 Bände. 8⁰. geh. 2 Thlr. Waldemar Wernow, oder: 1 Die Schweſtern. 1 Moman. 3 Henriette Baronin von Keller. 4 2 Bände. 80. geh. 2 Thlr. 20 Ngr. Oer Todescandidat von Auguſt Schrader. 6 Bände. 80. geh. 6 Thlr. 8 Eine Verlorene. Roman von Karl Wartenburg, Mitarbeiter der„Gartenlaube,“„Leip. Modenzeitg.“ ꝛc. 80. geh. 2 Thlr. Ueueſte Gedichte Johann Nep. Vogl. 80. geheftet 2⁵ Neugroſchen. Die Todtenhand f. ge Prinre. Fortſetzung des Romans Der Graf von Monte- Chriſto von Alexander Dumas. Taſchen⸗ Ausgabe(auch unter dem Titel: Supplemente zu Alep. Dumas Schriften 1— ör Theil). 6 Bde. à 10 Ngr. Octav⸗Ausgabe 3 Bde. à 20 Ngr. Kaiſerglück. Hiſtoriſcher Roman aus dem dreizehnten Jahrhundeite von Gotthardt Alfred. 4(G. A. Luther.) 4 Bände. 8⁰. 1856. geh. 6 Thlr.