— aarara ar rrrrrrararcrararanarhnhnhrnhnhnhe IrararaTaraTan anchnhnlr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „ 5„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — „,— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 2 3, 1„ 30„ 1„ 12„„ 45 aa Farar 1.= e „ arararr HAUANAEARAHhEDUHNhRUHAMBURNAMHARAxGAr 2 r rararar rrnnmnmnrrarrranananhnhnanaranananannanhnhr — — c. — 3 33—, ———„f h 0 Varon Drandau 8 und ſeine Junker. Aus den Papieren eines Arztes 58 Pnilipp Galen, Verfaſſer von:„Andreas Burns“,„Walther Lund“,„Fritz Stilling“, „Irre von St. James“ u. ſ. w. ———— Zweiter Theil. Zweite Abtheilung. —R;— ¹ ſeipzig, 1858. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten! ₰ ⸗ 2 Zweite Abtheilung. Ein Edelmann auf dem Tande. d Neuntes Anpitel. Ein wirklicher Edelmann. Die zuletzt erzählten Begebenheiten fielen genau vier⸗ zig Stunden nach Herrn Hübner'’ Abſchied von Marie von Steinach vor, denn er hatte acht Stunden zur Reiſe und faſt einen vollen Tag gebraucht, um genügende Erkundigungen über Diejenigen einzuziehen, derenwe⸗ gen er diesmal nach der Reſidenz gekommen war. Wir finden uns alſo auf Holzendorf erſt am de 6 ten Tage wieder ein, nachdem der Baron den ihn ſo ſchmerzlich berührenden Brief ſeines Bankiers erhalten und dieſer ihn darauf vorbereitet hatte, daß das Ver⸗ mögen ſeiner Kinder, wenn nicht ganz verloren, doch außerordentlich gefährdet ſei, indem es theils in die Hände nichtswürdiger Menſchen gefallen, theils durch die Leidenſchaft des Spiels und verſchwenderiſches Leben auf eine Weiſe zerſplittert ſei, wie man heuti⸗ — 3 4 8 gen Tages leider viele ſchöne Vermögen zu Grunde gehen ſieht. Die beiden nächſten Tage nach Ankunft dieſes Briefes waren in jeder Beziehung einſylbig und traurig auf dem Gute verfloſſen,— nicht einmal der ſchöne September mit ſeiner goldenen Sonne und der linden Luft vermochte die Gemüther der von ſo man⸗ nigfachem Unheil Betroffenen aufzuheitern. Es herrſchte in allen Zimmern, ſelbſt in denen der Dienſtboten, eine unheimliche Stille, denn man hatte wieder ſehr bald in Erfahrung gebracht, daß der gnädige Herr traurige Briefe aus der Reſidenz erhalten habe, daß ſein Vermögen beſchädigt ſei und Gott weiß welche Schickſalsſchläge noch in nächſter Zeit zu erwarten ſtänden. Als man erſt dieſe Einſicht gewonnen, hatte man geglaubt, den Schmerz des Barons durch ſeille Theilnahme ehren, jegliche Arbeit geräuſchlos ver⸗ 8 4* richten und jeden Lärm und jedes laute Wort ſo viel wie möglich vermeiden zu müſſen. Dadurch entſtand dann in allen Räumen eine wahre Todtenſtille, die Menſchen flüſterten ſich ihre Mittheilungen nur mit ggedämpfter Stimme zu, und wenn ein Fremdet⸗ zu dieſer Zeit den Hof beſucht hätte, ſo würde er in ein Sterbehaus zu treten geglaubt und jenen unwillkür⸗ lichen Schauer empfunden haben, der uns überfällt, 7 — wenn wir zu Lebenden und das Leben Genießenden zu kommen wähnen und einen Kranken, einen Wei⸗ nenden oder von Schmerzen aller Art Gebeugten finden.— 6 Der alte Baron war früher ein großer Jagdlieb⸗ haber geweſen und hatte ſtets mit geſpannter Erwar⸗ tung der Eröffnung derſelben entgegengeſehen; ſeit Jahren indeſſen hatte er die Luſt daran verloren und es war ihm immer ſchwerer geworden, das Wild zu erlegen, das ihm ſo oft auf ſeinen Spaziergängen im Walde friedlich. begegnet war. Am erſten dieſer bei⸗ den Tage aber wandelte ihn eine an Unbarmherzig⸗ keit gränzende Vertilgungsſucht aller Haſen, Rehe und Schnepfen an, er lief mit dem Förſter ſchon früh in den Wald und ſchoß alles Lebendige, was ihm in den Weg kam, nieder. In dieſem etwas wilden Ver⸗ gnügen hatte er in der That ſchon nach Verlauf des erſten Tages einigen Troſt gefunden, er kam körperlich ermüdet nach Hauſe und ſehnte ſich nach ſeinem Bette, ſchon ein großer Fortſchritt in der Beſſerung,— denn wenn ein geiſtig bedrückter Menſch nach einem leib⸗ lichen Dinge große Sehnſucht empfindet, ſo kann man jederzeit annehmen, daß jene geiſtige Bedrücktheit ein Gegengewicht, alſo eine Erleichterung gefunden hat. Am zweiten Tage begab er ſich wiedernm, aber 8 diesmal allein, in den Wald. Die Mordluſt auf jene unſchuldigen Thiere jedoch hatte ſich gelegt, er wan⸗ delte nur langſam unter den Bäumen hin, ſah ſich Ober⸗ und Unterholz an und fühlte nicht einmal die Neigung, ſeine Flinte zu laden und auf ein dicht an ihm vorübereilendes Thier anzulegen. Abends kam er auch früher nach Hauſe als am Tage vorher, glaubte ſich unwohl zu fühlen und ſchickte zu Doktor Millin⸗ ger, der auch ſogleich erſchien, mit ihm eine Flaſche Wein trank, aber weder über irgend ein Krankheits⸗ ſymptom, noch ſonſt etwas Anderes zu Rathe gezogen wurde, denn der Baron fühlte ſich ſchon in ſeiner Nähe wohler weil er der einzige Mann war, der ſeine Verhältniſſe kannte, mit dem er darüber reden und deſſen Herzen er die väterlichen Sorgen aufbür⸗ den konnte, die ſein Gemüth wie ein quälender Alp niederdrückten. Doktor Millinger ſpielte an dieſem Abende und auch in den nächſten Tagen eine ſonderbare Figur, und wäre der Baron nicht von ſeinen eigenen Ge⸗ danken ſo ſehr in Anſpruch genommen geweſen, er hätte bald merken müſſen, daß die ſeines alten Freun⸗ des nicht bei der vorliegenden Sache waren, vielmehr weit in der Irre umherſchweiften und daß der gute Doktor faſt noch mehr auf die Entwickelung ſeiner 9 verworrenen Familienverhältniſſe geſpannt war, als er ſelber. Denn in Millinger's Kopfe gährte und ſtürmte es. Er hatte der unerwarteten Entdeckung jenes Abends, als er die Baroneß und Herrn Hübner belauſcht, weiter nachgedacht, in Folge deſſen ſich in ſeinen muthmaßlichen Enthüllungen gewiſſermaßen feſtgeſetzt und auf alle Fälle ſich ſelbſt vorgeredet, daß nun noch etwas Weiteres geſchehen müſſe und werde, was für die ganze Familie von unabſehbarer Wirkung und Folge ſei. Was ſeine eigene Perſon dabei betraf, ſo hatte er ſich vorgenommen,— komme, was da wolle— ein treuer Hort der Familie zu bleiben, dem alten Baron mit Leib und Seele zur Seite zu ſtehen und, ſo viel an ihm liege, mit zu helfen und zu wirken, daß Alles in das alte gute Geleiſe zurückkehre und endlich einmal Ruhe in dies Haus einziehe, wo ſo lange Trübſal und Weh in allen möglichen Geſtalten obgewaltet hatte. Ach ja, dieſe Ruhe ſollte in der That in dies Haus endlich einziehen, aber zuvor ſollten noch Stürme darüber wehen und Gewitter brauſen, von denen weder der gute Doktor noch irgend ein Hausbewohner die ge⸗ ringſte Ahnung hatte. Doch kehren wir jetzt zu Marie zurück, deren in⸗ nere Welt ſeit einigen Tagen eine Umgeſtaltung er⸗ 10 fahren hatte, wie ſie, in ähnlicher Art wenigſtens, ſchon vielen weiblichen Weſen zu Theil geworden iſt, die aber hier auf ein ſo eigenthümlich beſaitetes Gemüth eine größere Erſchütterung hervorbringen mußte, als es unter gewöhnlichen Umſtänden zu geſchehen pflegt. Mit welchen Gefühlen ſehen wir ſie jetzt wohl, nicht allein zu der beſtimmten Abendſtunde, ſondern oft am frühen Morgen ſchon nach ihrem grünen Plätzchen auf dem Grabe der Tante eilen! Wie pochte ihr Herz, als ſie zum erſten Male wieder den Hügel erſtieg, wo ſie am Tage vorher einen Theil ihrer Seele zurückgelaſſen hatte! Wie ſchaute ſie angſtvoll und doch voller Hoffnung in die weite neblige Ferne, die den einen Menſchen verſchlungen hatte, an dem ihr Herz wie mit unſichtbaren Eiſenklammern genietet hing! Ach, noch konnte er nicht wieder zurückkehren, noch konnte er nicht die ſüße Rede fortſetzen, die er am Abende vorher unter dem Schatten der Bäume begonnen hatte, noch konnte ſie nicht ſein dunkles Auge ſchauen, in dem die Gefühle, die ihn durchbeb⸗ ten, ſich alle ſo wunderbar klar widerſpiegelten, und die Seele zu wohnen ſchien, die er theilweiſe in die Mariens ausgegoſſen hatte. Wohl rauſchte in den Blättern der friſche Morgenwind, wohl ſegelten die kleinen Wölkchen am klaren Himmel vorüber, wohl 8 4 3 11 dröhnten die dumpfen Amboßſchläge vom Kupferhammer bis zu ihrem einſamen Sitze herauf, aber dieſer Wind, dieſe Wolken brachten ihn nicht, dieſe lebensvolle TDhätigkeit in jenem Eiſenwerke leitete ſein kräftiger Geiſt und Wille nicht mehr. Fern war er, in ver⸗ wickelte Arbeit verſenkt, mit ſchweren Aufgaben be⸗ ſchäftigt, wie er ſelbſt geſagt, und Marie hatte nicht einmal die geringſte Ahnung davon, welcher Art dieſe Geſchäfte waren, noch weniger wußte ſie, daß ſie mit ihr und ihrer Familie in ſo naher Verbindung ſtan⸗ den. Doch es iſt gut, daß der Menſch von den Din⸗ gen keine Ahnung hat, die in Beziehung auf ihn und ſein näheres oder ferneres Schickſal ſich vorberei⸗ ten, er würde vor Angſt vergehen, vor Erwartung des Ausfalls der kommenden Dinge keine ruhige Stunde haben, er würde den Gebilden ſeiner ſchöpfe⸗ riſchen Phantaſie, die immer mehr zum Schlimmen als zum Guten neigt, zum beklagenswerthen Opfer fallen. So ſaß Marie hoffnungsvoll und Nichts von den Vorfällen in der Reſidenz ahnend, auf ihrem Hügel, und jeden Abend, wenn die Sonne ſich neigte, löſte ſie ſich aus den ſie umſchlingenden Ver⸗ hältniſſen los, um das Verſprechen zu erfüllen, welches ſie dem Geſchiedenen gegeben hatte. Hier allein, auf dieſem Hügel ſitzend, fühlte ſie ſich glücklich 12 und zufrieden, nur hier athmete und lebte ſie, während ſie in den übrigen Stunden des Tages einer lebloſen Maſchine glich, die ihr Werk auf Geheiß ihres Mei⸗ ſters und in Folge ihrer inneren Einrichtung voll⸗ führt, aber ſelbſt nichts davon weiß, was ſie voll⸗ bringt. Nur wenn ſie dem Doktor zufällig einmal in den Weg trat, empfand ſie eine glücklichere ſelbſt⸗ bewußte Regung, denn ſein wohlwollendes Auge ver⸗ ſicherte ſie ſeiner Theilnahme, ſeines Mitgefühls, es ſchien ihr Hoffnung zu verſprechen, ſie auf den kom⸗ menden Tag zu vertröſten, aber immer ſchüttelte ſie ſchweigend den ſchönen Kopf mit den wehmuthsvollen Augen, als wollte ſie ihm ſagen:„Noch nicht! Noch iſt er fort, noch iſt er nicht wiedergekommen. Aber vielleicht morgen!“ Aber dieſes„Morgen“ ward in weitere Ferne hin⸗ ausgerückt, denn ſchon waren volle acht Tage ver⸗ floſſen und noch hatte ſie keine Nachricht empfangen, daß ihr Freund zurückgekehrt ſei. 1 Dieſe acht Tage aber waren noch nicht ganz ver⸗ ſtrichen, als ſchon wieder ein neues und diesmal noch viel ſchwereres Gewitter über dem Gutshof und ſeinen Bewohnern ſich entladen ſollte, und zwar war es wieder der alte Baron, der am heftigſten davon be⸗ troffen wurde. * Eines Tages hatte er gegen den Doktor Millin⸗ ger, als er ihm zufällig begegnete, den Wunſch aus⸗ geſprochen, er möge ihn jetzt recht oft und nament⸗ lich Abends beſuchen. Er fühle ſich im Ganzen un⸗ behaglich, ſagte er, wenn er allein ſei, dagegen un⸗ gleich behaglicher, wenn er Geſellſchaft und beſonders die des Arztes habe.„Wenn Sie keine Familie hät⸗ ten,“ fuhr er lächelnd fort,„ſo würde ich ſogar den Wunſch ausſprechen, daß Sie eine Zeitlang zu mir zögen, denn mir iſt immer zu Muthe, wenn Sie in meiner Nähe ſind, als wäre ich vor einem drohenden Blitzſtrahle geſchützt. Das iſt freilich ein ſchlechtes Zeichen für meinen Geiſtes⸗ und Gemüthszuſtand, um ſo mehr Licht aber wirft es auf Ihre dienſtwillige Ergebenheit und Freundlichkeit. Das arme Kind, die Marie, taugt jetzt auch nichts für mich; das ſtille Gehöft und der geringe Verkehr mit Menſchen, dem ſie hier preisgegeben iſt, hat übel auf ihr ganzes Weſen gewirkt. Sie iſt ſtill und einſyl big geworden, ſehnt ſich wahrſcheinlich nach ihren armen Wahnſin⸗ nigen, und das iſt Nichts für mich. Ich brauche jetzt lebensfrohe und thatkräftige Menſchen um mich her, wie man ſich nach einem handfeſten Stabe umſieht, wenn das Alter kommt und der Gang unſicher wird.— Nühi wahr, Doktor, Sie opfern mir etwas Ihre freie* 14 ½ Zeit, denn ich befinde mich in bedrängter Lage und bedarf des Beiſtandes einer mitfühlenden und theil⸗ nehmenden Seele.“ Gern ſtimmte der freundliche Arzt bei und ver⸗ ſprach, wo möglich jeden Abend zu kommen, was er auch treulich hielt, wie ein wackerer Freund. Jeden Abend aber trat er mit wachſender Beſorgniß in das öde Haus, daß die Angſt des Barons in Betreff des einſchlagenden Blitzſtrahls ſich als eine gerechtfertigte erweiſen werde, denn er theilte die Furcht des Va⸗ ters, daß bald eine abermalige Nachricht aus der Re⸗ ſidenz eintreffen werde, die nicht allein das bekannte Unheil der Söhne beſtätigen, ſondern auch noch neues Unglück dem alten hinzufügen werde. Beide Män⸗ ner hatten ſchon lange einen Brief von dem gefälli⸗ gen Bankier erwartet, ohne ſich darüber ausdrücklich auszuſprechen, aber es kam immer noch keiner, und ſo waren endlich beinahe acht Tage ſeit jener letzten Benachrichtigung verſtrichen und mit jeder ablaufen⸗ den Stunde mehrte ſich die bange Erwartung auf ein neues und unvorhergeſehenes Ereigniß. „Er wird Nichts zu berichten haben,“ ſagte eines Abends der Arzt, als das Geſpräch endlich auf die⸗ ſfen Gegenſtand kam,„wir werden ſchließlich ohne lh. beſorgt geweſen ſein.“ 15 „Ach was, Sie tröſten mich immer mit unzuläng⸗ lichen Vermuthungen, Doktor; das iſt zwar hübſch von Ihnen, aber es hilft mir Nichts. Ich ſage Ih⸗ nen, mir iſt ſonderbar zu Muthe und ich fange an, mich dem Glauben hinzugeben, daß die Leute Recht haben, wenn ſie ſagen, das Alter mache abergläubiſch.“ „Freilich,“ entgegnete der Arzt,„Grund genug, ſich verſtimmt zu fühlen, iſt vorhanden, aber man muß nicht gleich das Schlimmſte fürchten, es kann ſich auch Alles beſſer geſtaltet haben, als wir denken.“ „Schon wieder einmal ein Troſt! Beſſer, als wir denken, ſagen Sie. Sie denken ſich alſo auch etwas Schlimmes— wie?“ Der Arzt ſchwieg, weil er nicht wußte, was er ſagen ſollte, und nicht ſagen wollte, was er be⸗ fürchtete. Er nippte alſo von dem vollen Glaſe, wel⸗ ches noch unberührt vor ihm ſtand, während der Ba⸗ ron ſchon einige Gläſer geleert hatte. Die Stille, die ſich während des Schweigens der beiden alten Herren im Zimmer verbreitet hatte, wurde durch Friedrich unterbrochen, der leiſe eintrat nnd die friſch angekommenen Zeitungen auf den kleinen Tiſch legte, der etwas entfernt von dem Tiſche ſtand, an welchem Jene ſaßen. Der Diener hatta noch nicht wieder die Thür erreicht, als der Baron ſchon den 16 Kopf wandte und nach den Zeitungen forſchend hin⸗ überblickte. Der Arzt verſtand dieſen Blick, der einem etwa mitgekommenen Briefe galt, und auch er richtete ſogleich ſein Auge darauf. „öGeben Sie mal her, Doktor, Sie ſien ja nahe dabei,“ ſagte der Baron.„Was? Iſt ein Brief da⸗ bei?“— Und ſchon war er aufgeſprungen und hatte ſeine Hand der des Arztes entgegengeſtreckt. „Ja, es iſt einer dabei!“ ſagte dieſer langſam, in⸗ dem er die Adreſſe beſah. 4 Der Baron beugte ſich ebenfalls darauf und hatte ſogleich die Handſchrift erkannt.„Es iſt richtig,“ rief er, etwas bleich werdend,—„da haben wir die Geſchichte.“ „Ruhig!“ ermahnte der Arzt.„Was es auch ſein möge, Herr Baron, ſeien wir Männer!“ „Ja, ſeien wir das, Doktor; nur her damit! Auch dieſe Batterie wollen wir ſtürmen und Gott unſere Seele befehlen.“ Er hatte das Couvert aufgeriſſen und im Stehen, mit zu der Lampe niedergebeugtem Kopfe leiſe zu leſen begonnen. Plötzlich raffte er ſich auf.„Da, Doktor,“ rief er,„leſen Sie laut den Brief vor; ich kann nicht. Es flimmert mir vor den Augen und — 17— mein altes Herz klopft, daß ich es bis in die Ohren ſummen höre.“ Doktor Millinger holte ſeine Brille hervor, ſetzte ſie mit zitternden Händen zurecht und ließ ſich, ſicht⸗ bar betroffen, auf einen Stuhl nieder. Auch der Baron ſetzte ſich, rückte aber ſo nahe an den Leſen⸗ den heran, daß er mit ſeinen Knieen die Kniee deſſel⸗ ben berührte. „Herr Baron!“ las der Arzt.„Ich habe lange „gezögert, ehe ich Ihnen den Verlauf der traurigen „Geſchichte meldete, welche ich in meinem letzten „Schreiben begonnen und eigentlich nur in allge⸗ „meinen Umriſſen und Vermuthungen, die auf Ge⸗ „rüchten beruhten, angedeutet hatte.— „Da haben wir's!“ ſagte der Baron.„Er hat ſie nur angedeutet— jetzt kommt erſt die ganze b 6 ganz Wahrheit. O Gott, o Gott, was werden wir hören — leſen Sie!“ „Auch war ſie nur ganz im Allgemeinen bekannt „und wollte ich erſt die Beſtätigung und weitere „Aufklärung der ſo überaus verwickelten Erxeigniſſe „abwarten. Jetzt endlich iſt das ganze Räthſel ge⸗ „löſt und ich kann Ihnen eine volle Erläuterung „geben, aber ich bitte um Verzeihung, daß ich ver⸗ Baron Brandau. II. 2. 2 18 „urtheilt bin, Ihnen ſehr traurige Meldungen ab⸗ „zuſtatten. „Das wiſſen wir ja ſchon,“ ſagte der Arzt be⸗ ſchwichtigend, der ſich unterdeß gefaßt hatte. „Ja, das wiſſen wir ſchon. Weiter, weiter!“ „Laſſen Sie mich zuerſt von Ihrem älteſten Herrn „Sohne ſprechen, Herr Baron; über ſein Schickſal „iſt man am weiteſten aufgeklärt. Leider haben „ſich meine Befürchtungen, daß ſein Buſenfreund, „der bekannte Graf Zaretta, ein Schurke war, voll⸗ „kommen gerechtfertigt erwieſen. Nachdem derſelbe „das Vermögen Ihres Herrn Sohnes in ſeine „Hände gebracht— die Art und Weiſe, wie das „geſchah, werden Sie in der heutigen Zeitung leſen, „die ich, da ſie Ihnen vielleicht nicht zur Hand iſt, „unter Kreuzcouvert mitſende— iſt er auf und da⸗ „von gegangen. Er hat ſich eilfertig geflüchtet und „eine Menge Effekten, namentlich Kleider, zurückge⸗ „laſſen, deren genaue Durchſuchung aber keines⸗ „wegs das über ihn herrſchende Dunkel gelichtet „hat. Glücklicher Weiſe iſt jedoch der Abenteurer, „kurz bevor er ſeine Flucht auszuführen Gelegen⸗ „heit gefunden, als berüchtigter Gauner von einem „Manne erkannt worden, der ihm ſchon ſeit eini⸗ ¹ „ger Zeit in Folge verdächtiger Wechſelunterſchrif⸗ „ten auf der Spur war, leider aber zu ſpät kam, „um den Verbrecher in ſeinen Umtrieben zu ſtören „oder verhaften zu laſſen. Dieſer Mann iſt jetzt „hier in aller Welt Munde, denn er hat eine „außerordentliche Thätigkeit und Geſchicklichkeit be⸗ „wieſen, dem Gauner die Maske abzureißen. Es „iſt ein gewiſſer Herr Hübner— Hier ſank dem Arzte das Blatt aus der Hand und er ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen den Ba⸗ ron an, deſſen Lippen bebten und deſſen Blicke unbe⸗ weglich an ſeinem Munde hingen. Er vermochte kein Wort weiter zu ſprechew, ſondern fragte nur mit den Augen den Baron, ob er den Namen, den er eben geleſen, gehört habe. „Hübner!“ ſagte der Baron leiſe—„Hübner! Ha! Was ſehen Sie mich ſo an?“ „Mein Gott,“ ſchluchzte der Doktor beinahe,„Herr Hübner, ja, es iſt deutlich geſchrieben, das Wort, der Name— wenn das einmal der Hübner wäre, der hier auf dem Kupferhammer die Stelle des zweiten Direktors bekleidet—“ Der Baron öffnete Mund und Augen, ſo weit er konnte. Aber er erſtaunte eigentlich weit mehr über die Veränderung in den Zügen des Arztes, als über den Namen Hübner, der ihm ziemlich gleichgültig war, 20 den er jedoch vor Kurzem gehört zu haben ſich aller⸗ dings erinnerte. „Und wenn er das wäre— was weiter?“ „Gottes Fügung, Gottes Fügung!“ murmelte der Arzt und verſuchte ſich zu ſammeln und wieder den Blick auf den Brief zu richten. „mir zwar unbekannt,“ las er weiter,„aber doch ein „mehrſeitig geachteter Geſchäftsmann und Techniker, „der ſogar in Ihrer Nähe, wie man mir ſagt, auf „dem ſogenannten Kupferhammer Betriebsdirektor „eines großen Eiſenwerkes iſt. „Da haben wirs!“ rief der Baron.„Es iſt Der⸗ ſelbe, von dem wir neulich ſprachen. Aber wie kommt denn Der dazu, dem Gauner, der meine Söhne be⸗ trogen, die Maske abzureißen?“ „Wir werden es leſen, in der Zeitung— nachher!“ ſtotterte der Doktor. „In die Hände dieſes Mannes waren, wie geſagt, „Wechſel und Zeichnungen gelangt, die ihm ver⸗ „dächtig erſchienen. Er kam hierher und erkun⸗ „digte ſich bei verſchiedenen Perſonen nach dem „Treiben des Grafen Zaretta. Auch bei mir iſt er „geweſen, ſchon ehe er bei dem Grafen war, und „nachdem dieſer entſchlüpft, iſt er alle Tage zu mir „gekommen, um mit mir Berathungen zu pflegen, „die Sie ſelbſt, Herr Baron, näher angehen, denn „er zeigt eine ganz ungemeine Theilnahme an dem „traurigen Geſchicke, welches Sie in der Perſon Ih⸗ „rer Söhne betroffen hat,— „Nun, er wird ſie doch nicht ermordet haben!“ ſchrie der Baron auf, die Theilnahme des Fremden über das ſchon zweimal erwähnte traurige Geſchick ſeiner Söhne vergeſſend. „Geduld, Geduld!“ rief der Doktor, der immer geſpannter auf den Ausgang des Briefes wurde und ſchon die Zeitung mit den Augen verſchlang, die auf dem Tiſche neben ihm lag.„Hören wir weiter!“ „— zumal er ſo unglücklich war, den Spitzbuben „nicht in ſeine Hände zu bekommen, was er beab⸗ „ſichtigt hatte. Genug, der Graf Zaretta entſprang, „die Behörden aber haben Alles aufgeboten, ſeiner „habhaft zu werden, da man vermuthet, daß er die „von Ihren und anderen reichen Patricier⸗Söhnen „erbeuteten großen Geldſummen noch bei ſich hat. „Bis jetzt iſt dies aber nicht gelungen und forſcht „man in allen Richtungen hinter ihm her. Das „Signalement, welches in der Zeitung ſteht, hat „Herr Hübner angegeben, der ihn wenige Augen⸗ „blicke vor ſeiner Flucht geſehen und geſprochen hat. „Als dieſer mit den aufgebotenen Polizeibeamten 22 „in die Wohnung des angeblichen Grafen trat, „hatte er ſich auf der Hintertreppe mit ſeinem „Zwillingsbruder, der die Rolle ſeines Kammerdie⸗ „ners ſpielte und abwechſelnd mit ihm bald Herr, „bald Diener war, geflüchtet. Er iſt ein ſlavoni⸗ „ſcher Jude, deſſen eigentlichen Namen man ver⸗ „ſchieden angiebt, und der ſchon Jahre lang in „allen möglichen Geſtalten in der Welt herum reiſt, „um die größten Gaunerſtreiche zu verüben, wobei „er durch die wunderbarſten Naturgaben unterſtützt „wird. Doch ich fange an zu plaudern und ver⸗ „geſſe, daß dies Alles in der Zeitung ſteht. Ich „habe nämlich noch Schlimmeres zu berichten und „gehe jetzt auf Ihre Herren Söhne ſelbſt über. „Noch Schlimmeres?“ ſtöhnte der Baron und ſtützte ſein graues Haupt, den Ellbogen gegen den Tiſch ſtemmend, in die rechte Hand. „In der Wohnung des angeblichen Grafen,“ las der Doktor weiter,„fand man in einem Zimmer, „welches dieſer ſelbſt verſchloſſen, um Niemandem „Zutritt zu geſtatten, Ihren Sohn Alfred mit ſei⸗ „nem Diener. Er war bettlägerig krank, weil er „ſich von dem Verluſte ſeines Vermögens nicht er⸗ „holen konnte. „Der arme Junge!“ ſeufzte der Baron. . „Leider glaubte man, da er im Hauſe des angebli⸗ „lichen Grafen gewohnt, auch bei ihm Hausſuchung „halten zu müſſen, und da fand man denn ver⸗ „ſchiedene Dinge, die den Grafen, aber auch zu⸗ „gleich Ihren Herrn Sohn compromittirten— „Was?“ kreiſchte der Baron.„Compromittirten? Meinen Sohn?“ „Unter anderen Dingen einen Brillantring, der erſt „vor wenigen Tagen einer vornehmen Perſon ge⸗ „ſtohlen worden war und den der geflüchtete Graf „ſeinem Freunde zum Andenken zurückgelaſſen hatte. „Zum Andenken? Das iſt ein ſauberes Geſchenk! Und mein Sohn?— Leſen Sie raſch!“ „In Anbetracht Dieſes wollte man anfänglich Ih⸗ „ren Herrn Sohn verhaften, aber Herr Hübner lei⸗ „ſtete Bürgſchaft für ihn, und ſo iſt er in ſeiner „Wohnung geblieben. „Das vergelte ihm Gott— ich kann es nicht!“ ſeufzte der Baron, während dem Arzte die hellen Thränen über die Wangen liefen und er Mühe hatte, ſeine Rührung zu verbergen. Endlich las er weiter: „Die Unterſuchung geht ruhig ihren Gang, und „zeigt es ſich ſchon jetzt, daß Ihr Herr Sohn Nichts „als der Betrogene jenes Schurken iſt, der ſich ſei⸗ „nes unbegränzten Vertrauens bedient hat, um ihn 24 „zu Grunde zu richten, was Herr Hübner von An⸗ „fang an zu beweiſen ſuchte, der übrigens, wie ich „noch zu erwähnen mir erlaube, hier bleiben will, „bis die Schuldloſigkeit des Betrogenen vollſtändig „erwieſen iſt. „Ein braver Kerl! Bei meiner Ehre!“ rief der Baron, während des Doktors Augen freudig durch ſeine Brille funkelten. Aber er las ſogleich weiter: „Ich komme aber jetzt zu einem Theile meines lan⸗ „gen Berichts, der mich ſelbſt und mein Verhält⸗ „niß zu Ihnen berührt, Herr Baron. Ich meine, „zum eigentlichen Geldgeſchäfte. Seit der Flucht „des Herrn Zaretta und der Bekanntwerdung ſei⸗ „ner fälſchlich angenommenen ariſtokratiſchen Stel⸗ „lung in der großen Geſellſchaft, ſo wie des Ver⸗ „mögensverluſtes Ihrer Herren Söhne, hört der „Credit, den ſie bisher bei vielen Kaufleuten ge⸗ „noſſen, auf, ein ihnen freudig dargebrachtes Opfer „zu ſein. „Was will er damit ſagen?“ fragte der Baron, etwas verletzt.— „Nun, wahrſcheinlich meldet er auf ſeine Art ein Heer unbekannter Gläubiger an— richtig, es kommt ſchon.“ Und er las weiter: „Am erſten Tage noch nicht, aber ſchon am zwei⸗ 25 „ten, dritten, und ſo bis heute fort, tauchten eine „Menge Menſchen mit Forderungen und Rechnun⸗ „gen auf, deren Betrag ſchon jetzt eine Summe „ausmacht, die jeden Begriff überſteigt. Ein Glei⸗ „ches geſchieht in Bezug auf den Herrn Lieutenant, „deſſen Deficit eine ungewöhnliche Höhe erreicht. „Ich ſammele Alles, um erſt eine Ueberſicht zu ge⸗ „winnen und ſodann Ihnen Rechnung zu legen. „Vielleicht ergiebt es ſich, daß die geforderten Sum⸗ „men zu hoch angeſetzt ſind und die Gläubiger ſich „mit einem anſtändigen Procentſatze begnügen. In⸗ „deſſen iſt Alles auf den Namen Ihrer Herren „Söhne, Nichts auf den Namen Zaretta ausge⸗ „ſchrieben, und ſo glaube ich, werden Sie, wie ich „Sie kenne, ſich verpflichtet fühlen, die Summen zu „zahlen, wie hoch ſie ſich auch belaufen mögen. „Das verſteht ſich,“ rief der alte Baron,„bei Hel⸗ ler und Pfennig! Man ſoll nicht von mir ſagen kön⸗ nen, daß ich meine Kinder im Unglücke verlaſſen habe, und daß auf meinem Namen und meiner Familie ein Flecken haftet, den ich mit ein paar lumpigen tau⸗ ſend Thalern hätte abwaſchen können.“ „Die Schulden des Herrn Lieutenants,“ las der „Arzt weiter,“ ſind theils Spiel⸗, theils Luxusſchul⸗ „den. Wenn ich die Rechnungen nicht vor mir 26 „ſähe, die er zu bezahlen hat, ſo würde ich es nicht nglauben, daß ein Mann von ſeinen Jahren in „ſo kurzer Zeit— denn die meiſten Ausgaben be⸗ „wegen ſich innerhalb drei bis vier Monaten— „ſo viel Geld auszugeben, oder ſo viele Dinge zu „genießen, oder überhaupt ſo viel zu verlieren im „Stande iſt. Ich nahm mir die Freiheit, ihm das „ſelbſt zu ſagen, als er in dieſen Tagen bei mir „war, aber— meine direkten und ſehr begreiflichen „Anſpielungen haben nicht den geringſten Eindruck „auf ihn hervorgebracht. Ueberhaupt konnte ich in „manchen Dingen nicht recht klug aus ihm wer⸗ „den, die Sie vielleicht richtiger würdigen dürften, „wenn Sie ihn ſehen und hören ſollten. Trotz der „erlittenen Unfälle war er heiter und guter Laune „faſt luſtig, und ſprach von einer Erbſchaft, nicht zeiner eingebüßten, ſondern einer bevorſtehenden, „die größer wäre, als Mancher vermuthe. „Oho!“ meinte der Baron.„Gewiß denkt er an die Theilung des Vermögens ſeines verſtorbenen Bru⸗ ders Richard— oder er wird doch nicht auf meinen Tod damit anſpielen?“ fügte er mit geheimem Ent⸗ ſetzen hinzu. „Bewahre, Herr Baxon,"ergänzte der Arzt.„Aber hören Sie nur weiter: d0 7 „Leider hat es den Anſchein, als ob er noch im⸗ „mer an die Vorſpiegelungen des vermeintlichen „Grafen Zaretta glaube und als ſei deſſen Flucht „nur ein Scherz, den er ſich zu ſeinem Vergnügen „gemacht und der ſich über kurz oder lang zu ſei⸗ „nen Gunſten aufklären werde. Denn daß der „Graf Zaretta einer hohen, einer ſehr hohen Fa⸗ „milie angehöre, wiſſe er beſtimmt, eben ſo wie, „daß Ihre Familie in baldiger Zeit einen höhern „Rang zu beanſpruchen in der Lage ſein werde. „Die Wahrheit dieſer Meinung zu erforſchen, ſteht „mir nicht zu. „Na, da irrt ſich der gute Scheitler,“ rief der Ba⸗ ron lächelnd.„Es iſt Etwas daran, was Georg ſagt, wieviel aber, das iſt mir unbekannt. Leſen Sie nur weiter.“ „Uebrigens bat er mich um etwas Geld, da er in „ſeiner Noth ohne jeden Pfennig ſei. Ich hielt es „für meine Schuldigkeit, ihm in Ihrem Namen „Etwas zu geben, damit er nicht auf den Gedan⸗ „ken käme, neue Wechſel auf Sie auszuſtellen, was „er ſo ſchon in reichlichſtem Maaße auf Anrathen „des ſauberen Herrn Zaretta gethan hat.— Der „ſogenannte Jagdelub übrigens hat ſich ſeit jener „Ueberraſchung beim Spiel ſchnell aufgelöſt. Die 28 „Theilnehmenden haben, in ſo weit ſie eine dienſt⸗ „liche oder amtliche Stellung bekleideten, von ihren „Vorgeſetzten eine Verwarnung erhalten; als ihre „Strafe wird der ungeheure Verluſt betrachtet, den „ſie ſich durch ihren Leichtſinn ſelbſt zugezogen ha⸗ 3 „ben. Einige von ihnen ſind beurlaubt, um in „aller Stille bei ihren Verwandten ihre zerrütteten „Finanzen in Ordnung zu bringen. So weit mein „gehorſamſter Bericht an Sie, Herr Baron. Alles „Uebrige berichtet die Zeitung. Ich bitte mir von „Ihnen Verhaltungsbefehle aus, wie weit meine „neuen Vorſchüſſe an Ihre Herrn Söhne gehen „ſollen, erwähne aber noch einmal, daß die Sum⸗ „men, die ſie ſchulden oder auf bereits präſentirte „Wechſel ausgeſtellt haben— die noch nicht einmal „gerechnet, die noch eingehen können— ſehr groß „ſind und leicht alle Ihre Erwartungen überſteigen „dürften. In der Hoffnung, Sie vielleicht bald „perſönlich hier zu ſehen, um xaſch alles Vorliegende „zu ordnen, habe ich wie immer die Ehre u. ſ. w.“ „Was? Er will mich bei ſich ſehen?“ rief der Baron mit entſetztem Geſicht.„Jetzt— ich— in. der Reſidenz?— Warum nicht gar! Etwa damit die Straßenjungen hinter mir herliefen, mit Fingern auf mich wieſen und wieſen: Das iſt der Vater von Denen, die geprellt ſind?— Gott ſoll mich bewahren! Das war ein beſtialiſcher Gedanke! O Gott, o Gott, was kann einem Menſchen auf Erden nicht Alles be⸗ gegnen!—“ 1 Und er ſetzte ſich wieder auf ſeinen Seſſel nieder, von dem er ſich erhoben, und ſann tief und ſchmerz⸗ lich bewegt über Alles nach, was er ſo eben gehört hatte. Auch der Arzt blieb ſtumm, und um dem Baron nicht in's Geſicht zu blicken, that er, als leſe er einige Stellen des Briefes noch einmal für ſich und griff dann nach der vor ihm liegenden Zeitung, die er ebenfalls leiſe durchflog. Plötzlich und gegen die Erwartung des ſchweigen⸗ den Arztes, der ſchon beſorgte, daß der alte Mann vernichtet vor Schmerz zuſammenbrechen oder einer, unter ſolchen Umſtänden leicht erklärlichen, Abſpannung erliegen würde, erhob er ſein Haupt mit energiſcher Faſſung, richtete klar und fragend ſeinen Blick auf das bleiche Geſicht des Arztes und ſagte mit wunder⸗ barer Ruhe und beſpielloſer Würde: „Doktor, hören Sie mich einmal an und ſagen Sie mir aufrichtig, was Sie von meinem Entſchluſſe denken, den mir in meiner Noth, wie ich denke, Gott eingegeben hat. Nicht wahr, wenn Sie ſchwere Krankheiten vor ſich haben, ſo wenden Sie oft, wo 30 nicht gefährliche, doch heroiſche Mittel an. So ſagt man mir wenigſtens. Es hat auch etwas für ſich, was ſogar ich, der ich kein Arzt bin, begreifen kann. Ich fühle es in meiner tiefſten Seele, daß ich nieder⸗ geſchmettert und von meinen hohen Zukunftsträumen herabgedrückt bin, daß viele, wenn nicht alle meine Hoffnungen geſcheitert, insbeſondere aber mein väter⸗ liches Vertrauen auf den verſtändigen Sinn meiner Söhne gebrochen iſt. O, ich habe viel Unglück mit meinen Söhnen, und die alte Tradition meines Familienſchickſals ſcheint im Ganzen doch keine Fabel, ſondern eine Wahrheit zu ſein.— Aber, Doktor, noch bin ich, noch lebe und denke ich, alſo meine ich auch handeln zu können. Gerade bei wichtigen Veran⸗ laſſungen muß der Mann zeigen, daß er ein Mann iſt, das heißt, ſeine ihm von Gott verliehene Stärke beweiſen. Und das will ich, Doktor, mit Gottes Hülfe! Das Schickſal ſchlägt auf mich los mit Keulen, und ſo will ich mir einen eiſernen Helm auf⸗ ſetzen, um meinen Kopf wenigſtens zu ſchützen. Ja, man ſoll mich als Mann kennen lernen, wie ich immer einer geweſen bin, und ich will zugleich mit Ehren das Haupt der Familie vorſtellen, die ſelbſt niemals der Ehre baar geweſen iſt. O, Doktor, ſeht, wie ich mich gefaßt und zuſammengenommen habe. Ich klage 31 nicht, ich murre nicht, ich nehme die ganze Laſt erge⸗ bungsvoll auf mich, die mir das Schickſal aufgebür⸗ det hat. Zahlen will ich zuerſt Alles, was meine Söhne ſchuldig ſind, denn kein Menſch ſoll von mir ſagen können, ich oder einer der Meinigen habe ihn beraubt oder übervortheilt. Zahlen will ich bei Heller und Pfennig, ohne einen Groſchen abhandeln zu wollen, ſelbſt wenn ich dies ſchöne Erbgut verkaufen und in einer Dorfhütte, wie ein gemeiner Bauer, woh⸗ nen müßte. Aber ſo viel wird es nicht ſein, was meine Söhne mir koſten, denke ich. Ha! Da fliegt mir ein guter Gedanke zu! Seht, wie ſich die Vor⸗ ſicht lohnt, daß ich das Vermögen meines verſtorbenen Richard nicht zu der Erbſchaft der anderen ſchlug. Das hab' ich nun in vollwichtigen Staatspapieren noch vorräthig, da drinnen im Schranke liegt es. Es ſind 20,000 Thaler. So hoch werden ſich doch die Schulden meiner Söhne nicht belaufen? Meint Ihr nicht auch? Und ſelbſt wenn es wäre, ſo lege ich noch von dem Meinigen hinzu, baares Geld habe ich zwar nicht viel, aber Papiere und Scheine, Wälder und Aecker, und Das läßt ſich zu Gelde machen. Das will ich gleich morgen dem Scheitler ſchreiben und er kann ſich das Geld ſchicken oder holen laſſen, wie er will, an die Auszahlung aber ſoll er ohne Säu⸗ men gehen. Ich liebe es nicht, mich zu ſchämen, daß irgend ein Krämer noch Etwas von mir zu verlangen hat, was ich ihm geben muß. Seid Ihr mit mir einverſtanden, Doktor, oder habt Ihr an meiner Mei⸗ nung Etwas auszuſetzen?“ ⸗ Der Arzt hatte ſchon lange mit großer Spannung zugehört und dann und wann mit dem Kopfe bei⸗ ſtimmend genickt. Jetzt aber erhob er ſich von ſeinem Sitze und erwiderte mit geröthetem Antlitz und ehr⸗ licher Miene: „Nein, Herr Baron, ich habe Nichts an Ihrer Meinung auszuſetzen, im Gegentheile, ich finde ſie würdig und edel, ganz wie ich gewohnt bin, Sie handeln zu ſehen, wenn ſchwierige Verhältniſſe Sie bedrücken. Aber ich habe Ihnen etwas Anderes zu ſagen und bitte, mich nicht mißzuverſtehen. Ich möchte Ihnen auch gern meine Bereitwilligkeit zeigen, zu Ihrem und Ihrer Familie Beſten thätig zu ſein. Ich bin ja ein alter Freund, der ſchon lange Jahre dieſes Dach über ſeinem Haupte ſieht und mit Ihnen oft genug darunter an einem Tiſche geſeſſen hat.“ Der Baron nickte ihm freundlich zu und reichte ihm ſeine Rechte hin. „Da habe ich nun einen Plan, und den möchte ich beifällig von Ihnen aufgenommen ſehen. Ich „1Ho 33 habe zwar einige Patienten hier herum, aber keinen, der mich nothwendig gebrauchte, auch will ich mich beeilen, um bald wieder hier zu ſein. Vielleicht kann ich Gutes ſtiften und mit meinen einfachen Augen die Sachlage beſſer beurtheilen, als Scheitler und Andere.“ „Ha! Was wolltet Ihr thun, Doktor?“ Ich will ſelbſt der Ueberbringer Ihrer Botſchaft ſein. Schreiben Sie mir ein paar Worte an Scheitler auf, daß Sie mich mit der Schlichtung der Angelegen⸗ heit beauftragt haben.“ „Sie wollten auch gleich das Geld mitnehmen?“ Der Arzt rieb ſich die Hände und beſann ſich eine Weile, aber ſogleich fuhr er wieder fort:„Ja, das will ich, obgleich ich nicht gern ſo viel Geld bei mir trage.“ „Doktor! Das iſt ein großes Freundſchaftsſtück, Gott belohne Sie dafür. Ich trenne mich zwar jetzt ungern von Ihnen, aber zu der Reiſe gebe ich aus vollem Herzen meine Zuſtimmung. Gehen Sie mit Gott, ja, gehen Sie. Sagen Sie meinen Söhnen, daß ich Kummer und Herzeleid um ſie habe, aber daß ſie ein Beiſpiel an dem alten Manne nehmen ſollen, der ein Herz für die Seinigen und eine hohe Meinung von ſeiner und ihrer Ehre hat. Ich bin Baron Brandau. II. 2. ein Brandau— ja, das bin ich! Das ſagen Sie ihnen und— ſie ſollen ſich ihrer Abſtammung würdig beweiſen.— Noch Eins fällt mir ein. Den Alfred bringen Sie mit; ſagen Sie ihm, das ſei mein Wunſch mein Befehl. Ich will ihn hier haben, unter meinen Augen, er ſoll ein Landwirth werden, er ſoll es— ich will es!“ „Das ſagen Sie ihm lieber ſelbſt, wenn er erſt hier iſt.“ „Ja, das will ich. Und wegen Georgs werde ich an ſeinen Oberſt ſchreiben. Der ſoll ihm die Flügel beſchneiden. Der ſoll ihn kurz halten, oder das Donnerwetter ſoll d'rein ſchlagen!“ Doktor Millinger lächelte. Der alte Baron gerieth ſchon wieder in Zorn— ein gutes Zeichen ſeiner un⸗ gebrochenen Kraft. „Und haben Sie ſonſt Nichts an irgend Jemanden zu beſtellen?“ fragte der Arzt mit weicher Stimme. „An wen noch? Wen meint Ihr?“ „Herrn Hübner.“ „Ach ja, Doktor, das iſt wahr. Den grüßen Sie voon mir und ſchütteln Sie ihm in meinem Namen die Hand— tüchtig! Sagen Sie ihm, es hätte die längſte Zeit gedauert, daß er mir ſo nahe wohnte und wir uns noch nicht geſehen hätten. Ich werde ihm meinen erſten Beſuch machen, ſobald er zurück iſt. Gut, daß Ihr mich daran erinnertet, das iſt ein Ehrenmann; ſchade! daß er ein— ein— nun, was iſt er denn eigentlich, Doktor?“ „Er iſt ein Techniker, ein fleißiger Arbeiter, ein Regent im Reiche der menſchlichen Thätigkeit und Geſchicklichkeit, mit einem Worte, Herr Baron, ein Mann, wie ihn unſere kranke Zeit gebraucht.“ „Ach, gehen Sie mir mit Ihrer kranken Zeit— ſeien Sie nicht zu viel Doktor! Die Zeit iſt heute ſo geſund wie vor tauſend Jahren.“ Der Arzt lächelte und behielt ſeine Meinung für ſich, denn er wußte ſchon aus Erfahrung, daß der Baron über dergleichen Dinge nicht mit ſich ſprechen ließ. Bald darauf nahm er Abſchied, mit dem Ver⸗ ſprechen, mit Tagesanbruch wiederzukommen, das Geld in Empfang zu nehmen und in des Gutsherrn Wagen nach der nächſten Eiſenbahnſtation zu fahren. Als er fort war, blieb der Baron noch eine Weile allein in ſeinem Zimmer. Er ſprach nicht, aber er dachte deſto mehr— an vergangene Zeiten. Endlich blieb er mitten im Zimmer ſtehen und gab dem einzigen Ge⸗ danken Worte, der ihn, ſo lange er ſchon allein war, ganz und gar beſchäftigt hatte.„O Richard, Richard!“ 3* 36 rief er laut aus,„wie wahr haſt Du mir die Zukunft vorhergeſagt! Ja, Deine Brüder haben ſich ſchwerer an mir verſündigt, als Du, und ſie haben Dich an meinem eigenen Herzen gerächt. O, könnte ich acht⸗ zehn Jahre meines Lebens rückwärts ſchreiten, ich würde ein anderer Vater, ein anderer Menſch, ein Glücklicher, ein ſehr Glücklicher ſein. Ach, wer liebt mich jetzt, wo ich allein ſtehe! Kein Sohn iſt da, der mir ſeine Hand leiht, daß ich mich auf ſie ſtüůtze—“ „Aber eine Tochter!“ ſagte da plötzlich eine ſanfte Stimme hinter ihm. Der Baron drehte ſich raſch herum und erblickte Marien, die ein ungeſehener Zeuge der langen Unter⸗ redung mit dem Doktor und des letzten Selbſtgeſprächs geweſen war, das ihm der Schmerz ausgepreßt hatte. Wie ſchon früher ſo oft, war ſie auch jetzt langſam und unbemerkt durch die kleine Tapetenthür in's Zimmer getreten, nachdem Freund Millinger den alten Herrn verlaſſen hatte. „Marie!“ rief der Baron, vor Freuden in Thränen ausbrechend, die ihm der Schmerz nicht ausgepreßt, und ſie feſt in ſeine Arme ſchließend.„O, komm her, mein Kind, und küſſe mich. Ach, wäreſt Du meine Tochter—“ und er legte ſeine Rechte auf ihren ſchönen Kopf—„wäreſt Du die Gattin einer meiner 27 37 Söhne, was könnten wir dann für ein glückliches Leben führen! Aber ach, ich habe keinen, dem ich Dich überliefern möchte, denn meine Söhne, mein Kind, es und beklage mich— meine Söhne taugen 1 1 £●ᷣ Lehntes Anpitel. Die wilde Jagd. Am nächſten Morgen, als kaum die Stunde ge⸗ ſchlagen hatte, die die allgemeine Thätigkeit auf dem Gutshofe laut werden ließ, erſchien Doktor Millinger, zur Reiſe gerüſtet, und trat ſofort bei dem Baron ein. Nach kurzer Begrüßung gingen ſie ſogleich an ihr Ge⸗ ſchäft; der Baron zahlte das Geld aus und ſchrieb eine kurze Anweiſung an den Bankier Scheitler, die kaum nöthig war, da derſelbe die nahen Verhältniſſe des Arztes zum Herrn auf Holzendorf kannte, aber * der Doktor hatte darauf beſtanden, und ſo gab jener nach. Nachdem ſie noch einige Verabredungen getroffen und der Baron die Ermahnungen für ſeine Söhne dem Boten noch einmal eingeſchärft hatte, ſtieg dieſer in den bereit gehaltenen Wagen und fuhr davon, ver⸗ gaß aber vorher nicht, durch Frau Hanne, die ſchon munter war, dem gnädigen Fräulein ſeinen freund⸗ lichſten Gruß ſagen zu laſſen. Als er fort war, nahm der Baron noch einmal die Zeitung zur Hand und las die ſchon am vorigen Abend geleſene Erzählung der Gaunerei des Grafen Zaretta, die wir, da ſie uns bereits bekannt und in allen Einzelnheiten leicht erklärlich iſt, hier nicht zu wiederholen brauchen. Der alte Edelmann war erſtaunt über dieſe Nichtswürdig⸗ keit, die Vollendung in der Verſtellung und namentlich über den Anſtrich von vornehmem Weſen, den ſich der Slavonier gegeben hatte; was ihn aber am meiſten ärgerte, war, daß ſeine Söhne ſich hatten von einem Menſchen blenden und verführen laſſen, der ſeiner Meinung nach Nichts vom inneren Weſen des Adels beſaß, vielmehr nur ſeinen äußeren Schein an⸗ genommen und damit ſo unheilvoll gewirkt hatte. Von Herrn Hübner, der in der Zeitung mehrmals ge⸗ nannt war, bekam er dagegen eine immer höhere Meinung nnd bewunderte im Stillen das richtige Ge⸗ fühl und die untadelhafte Denkweiſe, die derſelbe an den Tag gelegt hatte, wobei er ſich erinnerte, daß ſeine Nichte ſchon längſt dieſen ſeltenen Mann mit ihrem natürlichen Scharfblick ſo richtig beurtheilt hatte. Als er mit dieſer Betrachtung zu Ende gekommen, ſchickte er zum Förſter Tellkamp und ließ ihn zu ſich 40 entbieten. Dieſer, der eine neue Aufforderung zur Jagd in dieſer Berufung ſah, pfiff ſeine Hunde, nahm ſeine Doppelflinte von der Wand und ſchritt flugs dem Herrenhauſe zu. „Seid Ihr bereit, mit mir einen tüchtigen Gang durch den Forſt zu machen, Tellkamp?“ fragte ihn der Baron. „Jederzeit, gnädiger Herr; aber nehmen Sie keine Flinte mit?“ „Nein, Alter, ich will heute nicht jagen, ich habe eine andere Beſchäftigung vor Augen.“ Neugierig, was das für eine Beſchäftigung ſei, folgte der alte Jäger ſeinem Herrn und Beide ſchritten die Kaſtanienallee hinab und wandten ſich dann den tieferen Gehölzen zu, die das Dorf Holzendorf im Weſten umgaben und im Süden ſich bis zu den Hügeln erſtreckten, auf welchen der Friedhof lag. Der Baron zeigte auf dieſem Gange eine ſehr leutſelige Stimmung, wie er ſie gewöhnlich hatte, wenn er mit dem Förſter ſeinen Rundgang hielt; heute aber war dieſe Stimmung von ſo beſonders herausfordernder Art, daß Tellkamp ſchon wagen konnte, ſeinem Herrn wieder einmal eins von ſeinen kleinen Erlebniſſen auf⸗ zutiſchen, wie ſie ihm nicht alle Tage begegneten, wes⸗ halb er auch ſtets ſehr erfreut war, eine Gelegenheit 41 zu ihrer Mittheilung zu finden. Nachdem die beiden Wanderer daher eine Viertelſtunde zurückgelegt und über Dies und Jenes geplaudert hatten, blieb der Förſter plötzlich ſtehen, zeigte in dem ſtark belaubten Gehölze auf einen Kreuzweg und ſagte: „Hier iſt der Fleck, Ew. Gnaden, wo ich vorgeſtern wieder das verdächtige Subjekt ſah, von dem ich Ihnen ſchon im Monat Juni erzählt habe. Ab und zu läßt er ſich bald hier bald da ſehen, aber immer hat er den Anſchein eines ruhig Reiſenden und ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, meine Flinte an ihm zu probiren oder ihm mit meiner Hundepeitſche eine Lektion zu geben, wie Sie mir befohlen haben. — Ihnen hat er wohl noch nicht den verſprochenen Beſuch gemacht?“ „Bei mir iſt Niemand geweſen. Alſo der Kerl ſtreift immer noch hier herum?“ „Immer noch, Ew. Gnaden. Und meine Hunde da zeigen noch immer denſelben Inſtinkt und Wider⸗ willen gegen ihn. Ich traue ihm nichts Gutes zu und es ſollte mich nicht wundern, wenn wir nächſtens irgend wo etwas Böſes von ihm erlebten.“ „Ach, bewahre uns Gott davor, Tellkamp, wir haben ſchon Böſes genug erlebt.“ „Alſo es iſt wahr, gnädiger Herr, was man 42 ſpricht, daß Sie einen ſo großen Verluſt an Gütern erlitten haben?“. „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte der Baron und blieb ſtehen, den ehrlichen Menſchen, der ihm nun ſchon ſo lange diente wie Friedrich und die alte Hanne, mit einem ernſten Blicke anſchauend. „Nun, meiner Treu, gnädiger Herr, das iſt ja ganz natürlich, daß die Dienerſchaft von den Dingen ſpricht, die im Herrenhauſe ſpuken. Es ſollte mich ſogar wundern, wenn es anders wäre. Nein, nein, was Ihnen weh thut, Herr Baron, thut auch uns weh, denn wir ſind, wenn nicht ein Leib, doch eine Seele mit Ihnen.“ Der Baron lächelte über dieſe Vorſtellung einer und derſelben Seele. 4 „Es iſt wahr, was man ſich erzählt,“ ſagte er, weiter vorſchreitend.„Ich habe große Verluſte gehabt und größere noch könnten mir leicht in nächſter Zu⸗ kunft drohen. Das iſt auch der Grund, warum ich Euch aufgefordert habe, mich in den Wald zu be⸗ gleiten. Wir gehen in den Hochwald, Tellkamp, wo das ſchöne Holz wächſt. Ich brauche Geld und da will ich ein paar Hundert alte Bäume fällen laſſen.“ „Im Hochwalde, gnädiger Herr?“ rief der Förſter erſchrocken und blieb mit offenem Munde ſtehen.„Ei, 5 da ſei Gott für! Ich denke nicht, daß Sie ſo ab⸗ gebrannt ſind, um zu dieſem letzten Mittel greifen zu müſſen.“ „Nein, Tellkamp, ſo ſehr abgebrannt bin ich aller⸗ dings noch nicht, um zum letzten Mittel zu greifen, aber ich brauche Geld, und ſo müſſen die Bäume fallen.“ „Ei Du lieber Gott, gnädiger Herr, da weiß ich ein beſſeres Mittel. Darf ich es ſagen?“ „Heraus damit— ich bin ſehr neugierig darauf.“ „Ich habe mir einige Hundert Thaler erſpart,“ ſagte der Förſter leiſe und ſich nach allen Seiten um⸗ blickend, ob ihn auch Niemand höre,„theils von meinem kleinen Einkommen, theils von der Erbſchaft meines Schwiegervaters her. Kinder habe ich nicht, und ſo möchte ich Ew. Gnaden meine Erſparniß an⸗ bieten, wenn Sie das nicht für ungut nähmen.“ „Guter Tellkamp,“ ſagte der Baron, ſeine Rechte ſchwer auf die Schulter des Förſters ſtützend,„ich danke Euch herzlich. Aber mit ein paar Hundert Thalern iſt mir nicht geholfen. Ach nein! Selbſt ein paar Tauſend dürften nicht ausreichen. Spart Euch alſo in Gottes Namen Euren kleinen Schatz für Eure alten Tage auf, die ich noch verbeſſern will, ſobald der Sturm an mir vorüber iſt.“ 44 „O, wie gnädig ſind Sie, Herr Baron!“ rief der alte Förſter und, die gute Gelegenheit wahrnehmend, holte er ſeine Pfeife aus der Jagdtaſche und fragte, ob der Herr Baron ihm erlaube, ſein Morgenpfeifchen zu rauchen. „Raucht in Gottes Namen! Da, ich will mir meine auch anbrennen. So. Nun macht aber die Augen auf, hier ſind wir an dem rechten Fleck. Dieſe Rieſen müſſen ihr Haupt beugen.“ „Alle?“ „Nicht alle, Tellkamp, aber gelichtet müſſen ihre Reihen werden. Ich brauche 20,000 Thaler, und die Hälfte davon muß der Wald liefern.“ „Gott bewahre mich, das wird ein erſchreckliches Blutbad geben, wie ich noch keins hier erlebt. Iſt es denn ſo eilig?“ „Nicht ganz und gar. Aber wir müſſen uns vor⸗ bereiten. Alſo bezeichnet Eure Bäume und vertheilt die Verurtheilten auf Euer ganzes Revier. Verſtanden?“ „Leider ja,“ ſagte der Förſter und ſchritt an der Seite ſeines Herrn die Anhöhe hinauf, auf welcher der Friedhof lag. Bis hierher und nicht weiter pflegte der Baron ſtets nur mit Tellkamp zu gehen. Den oberſten Bergrücken vermied er, wie wir wiſſen, denn er ſchaute nicht gern in die Ebene hinab, wo der Kupferhammer lag. Diesmal aber ließ der Baron die Gräber zur Linken liegen und ſchritt ohne anzuhalten die Anhöhe ganz hinan. Schweigend folgte der Förſter, der nicht wußte, was dieſer ſeltene Spaziergang zu bedeuten habe. Als ſie endlich oben waren, blieb der Baron ſtehen, wandte ſein Geſicht gegen Süden und betrachtete mit voller Muße die rauchenden Schlotte des Hüttenwerks, was dem Förſter ganz wunderbar vorkam. Lange ſchaute er hin, auf jedem einzelnen neuen Gebäude ruhte ſein Blick, und nicht wie ſonſt war ſeine Stirn dabei bewölkt und ſein Auge düſter und unfreundlich. „Seid Ihr ſchon einmal auf dem Kupferhammer geweſen?“ fragte er endlich den neben ihm ſtehenden Diener.— „O ja, oft genug, Herr Baron.“ „So. Ihr gehet wohl gern dahin?“ „Sehr gern. Es giebt eine ſchmucke Arbeit da unten. Wenn Sie es ſähen, würde Ihr Herz ſich freuen. Es iſt zum Erſtaunen, was die Menſchheit Alles enweckt und erfindet!“ „So. Ich glaube es beinahe. Auch Andere ſa⸗ gen mir das. Ich habe wohl Luſt, auch einmal den Kupferhammer zu beſuchen, Tellkamp.“ 46 Mit ſteigender Verwunderung hörte der Förſter dieſen nie vernommenen und nie für möglich gehal⸗ tenen Ausſpruch.„Wollen wir gleich einmal hinun⸗ ter gehen?“ fragte er fröhlich. „Gleich? Jetzt?— Nein! Aber ein andermal und bald. Sagt mal, habt Ihr den Direktor da unten ſchon geſehen?“ „Ja freilich; Herr Baumann heißt er.“ „Den meine ich nicht. Es iſt noch ein Ande⸗ rer da.“ „Herr Hübner. O ja, Den kenne ich auch.“ „Was iſt das für ein Mann?“ „Für ein Mann? Nun, bei Gott, ein Mann, wie ich wenigſtens noch keinen zweiten geſehen habe.“ „wWie ſo?“ „Hm! Er iſt'ne Zierde von einem Menſchen. Schön und groß und ſtark wie eine Eiche, und klug wie ein Fuchs, ſagt man.“ „So. Aber doch nicht ſo hinterliſtig wie ein Fuchs?“ „Gott ſoll mich bewahren, Ew. Gnaden! Er hat nur die guten Eigenſchaften eines Fuchſes— ſonſt iſt er ein Lamm gegen die Leute und ſie tragen ihn Alle auf Händen.“ „Iſt er verheirathet?“ 47 „Nein, und das wundert mich eben.“ „Warum?“ „Weil ich mir denke, daß alle Frauenzimmer, die einen ſolchen Mann ſähen, vernarrt in ihn ſein müßten.“ „Oho! Alſo ſo hübſch iſt er?“ „Na hübſch! Schön iſt er wie Einer!“ „Ich muß ihn doch kennen lernen, nächſtens!“ dachte der Baron, indem er langſam den Weg nach dem Friedhofe einſchlug. Als er die erſten unter den Bäumen zerſtreuten Gräber erreicht hatte, blieb der Förſter plötzlich ſtehen und hielt auch den Baron auf, indem er ſeine Hand auf den Arm deſſelben legte. „Was giebt's?“ fragte der Baron. „Sie iſt da!“ „Wer iſt da?“ „Das gnädige Fräulein ſitzt auf ihrem Grabe.“ „Auf ihr em Grabe?“ „Nun, auf dem der gnädigen Frau, auf welchem ſie alle Tage ſitzt.“ „So. Dann thut mir den Gefallen und geht allein den Hügel hinunter, ich will mich hier ein Weilchen aufhalten.“ Der Förſter nahm ſeinen Hut ab und empfahl ſich. Der Baron aber ſchritt nachdenklich weiter hin⸗ 48 ab und ſah endlich die edle Geſtalt des geliebten Mädchens auf dem grünen Hügel ſitzen. Sie hatte die Ellbogen auf die Kniee geſtützt und den Kopf in ihre Hände gelegt, ſo ſchaute ſie mehr in ſich, als in die Gegend hinein, die im ſchimmernden Morgenlicht geöffnet vor ihr lag. So feſt der Schritt des Barons auch war und ſo geräuſchvoll er durch einige Gebüſche ſich Bahn machte, Marie hörte ihn dennoch nicht. Sie lauſchte den Tönen einer inneren Stimme, und man weiß, daß dieſe Stimme ſtärker als Poſaunen⸗ und Trompeten⸗ ſchall tönt. Plötzlich legte ſich eine Hand auf ihre Schulter und ſie erſchrak ſichtbar darüber, aber ihr chreck war kein ſchmerzlicher, im Gegentheil, ſie glaubte, eine geliebte Hand berühre ſie unverſehens, und ſo freute ſie ſich derſelben, was ſich auch zum Sprechen deutlich auf ihren ſanften Mienen abſpie⸗ gelte. Da bemerkte ſie aber den alten Oheim, wie er ſo weich und wehmüthig auf ſie niederblickte, und, keineswegs verwundert, ihn an dieſem von ihm ſo ſelten beſuchten Orte zu ſehen, fragte ſie einfach, in⸗ dem ſie ſich ſogleich erhob: „Ach, Du biſt es, mein lieber Oheim?“ „Ja, ich bin es, Marie; ich ſah Dich hier ſitzen 49 und ſo kam ich hierher, um mit Dir zu plaudern. Ich habe Dich doch nicht erſchreckt?“ „Ach nein, obwohl ich dachte, es wäre ein Ande⸗ rer, der meine Schulter berührte.“ „Aber wer konnte hier Deine Schulter berühren? Wer durfte das, mein Kind, wenn ich es nicht war?“ Marie ließ ihre Taubenaugen mit einer Milde auf dem Geſichte des Verwandten ruhen, daß dieſer ein Gefühl in ſeinem Buſen ſich regen fühlte, deſſen Anweſenheit darin ihm bisher ſelbſt verborgen gewe⸗ ſen war.„Wer konnte es anders ſein, als ein Freund!“ ſagte ſie ſo ſanft, wie ihr Auge leuchtete, und lächelte dabei den Oheim auf eine himmliſche Weiſe an. „Ein Freund!“ fragte dieſer verwundert.„Haſt Du hier ſolche Freunde?“ „D ja, mein Oheim, ich habe zwei.“ „Und wer ſind dieſe?“ „Der Doktor Millinger und—, „Aber der iſt ja verreiſtt, wie Du weißt—“ „Eben darum konnte es nur der Andere ſein.“ „Und wer iſt dieſer Andere?“ Marie lahnte ſich an die Bruſt des Oheims, um⸗ ſchlang mit der Linken ſeinen Hals und deutete mit der Rechten über die Schulter nach dem Kupferham⸗ mer hinüber. Baron Brandau. II. 2. Der alte Baron glaubte ein Fieber durch ſeine Gebeine fahren zu fühlen. Sein Geſicht verlängerte ſich ungemein und ſeine Augen bohrten ſich tiefer in die der Nichte hinein.„Wen meinſt Du?“ fragte er, nicht gerade ſtreng, aber auch nicht freundlich. „Ich meine Herrn Hübner.“ „Der iſt alſo wirklich Dein Freund?“ „Wirklich und in Wahrheit!“ „Aber ein ſo genauer Freund, daß er es wagen könnte, Deine Schulter zu berühren?“ „Warum denn nicht? Berührt er doch meine Hand, und iſt dieſe doch nur die Verlängerung mei⸗ ner Schulter.“ .„Sehr richtig bemerkt!“ dachte der Baron,„aber wunderbar aufrichtig geſprochen!— So,“ ſagte er laut,„hat er denn ſchon Deine Hand berührt?“ „Ja,“ erwiderte ſtolz das ſchöne Mädchen, den Kopf frei zu dem Geſichte des Barons erhebend— „ja, er hat mir ſchon zweimal die Hand gereicht.“ „Hier oben?“ „Nein, dort unten vor unſerem Parke, wenn er mich in der Abenddämmerung nach Hauſe geleitete.“ Der Baron ſchauerte zuſammen vor Verwunde⸗ rung. Das war ihm Alles ſo neu, kam ihm ſo un⸗ erwartet und wurde ihm doch auf eine ſo unglaublich 1 unſchuldige Weiſe als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache mitgetheilt, daß er unmöglich darüber aufgebracht ſein konnte. Er wußte nicht, wie er das Geſpräch in der begonnenen Weiſe fortſetzen ſollte, und ſo nahm er ſeine Zuflucht zu einer Aenderung deſſelben, obgleich er den Gegenſtand feſthielt.„Höre,“ ſagte er lang⸗ ſam,„laß uns einmal Beide hier auf dieſem grünen Hügel ſitzen und von dieſem Hübner eine Weile ſpre⸗ fahren, denn mich intereſſirt dieſer Mann von Tage zu Tage mehr.“ „Das verdenke ich Dir gar nicht,“ erwiderte Marie, „es geht mir gerade eben ſo.“ Und ſie ließen ſich nieder auf den grünen Raſen, der ſchon nicht mehr die Spuren verbergen konnte, daß oft ein menſchliches Weſen auf ſeinem Hügel ruhte. „Es ſitzt ſich hier weich und ſchön,“ begann der Oheim wieder.„Ich habe mir nicht gedacht, daß man auf einem Grabe ſo gut ſitzen kann. Ach, und chen. Ich habe Verlangen, mehr von ihm zu er⸗ es iſt noch dazu das meiner Frau. Wenn ſie nun hören könnte, was wir hier oben ſprechen, was würde ſie denken?“ „Du würdeſt gewiß nur ſolche Worte ſprechen, die ihr angenehm ſein könnten— ſie würde ſich alſo freuen über unſer Geſpräch.“ „Hm!“ machte der Baron und ſchaute mit um⸗ flortem Auge in die weite blaue Ferne vor ſich, deren weiteſten Horizont ſchon ein leichter Nebel verſchleierte, wie man ihn in bergigen Gegenden am Ende des Sommers oder am Anfang des Herbſtes ſo oft ſieht. „Sieh,“ ſagte er,„Du verſtehſt es wohl, Dir die ſchönſten Plätze auf meinem Gute auszuſuchen. Wie reizend die Berge da drüben, die Häuſerchen da unten und die ſtillen Wälder rings herum liegen!“ „Biſt Du denn noch nicht öfter hier geweſen und haſt Dich an dieſem Anblick gelabt?“ „Selten, mein Kind. Ich liebe die Ruheſtätte der Todten nicht, obgleich ich mir wohl denken kann, daß ſie kühl und friedlich hier unten ſchlummern. Auch habe ich ſelten die Stimmung gehabt, die ich jetzt habe, und die einen Mann in meinen Jahren dazu aufgelegt macht, die Natur zu bewundern und ſeine Beſitzung ſich aus der Ferne zu beſehen, die er täg⸗ lich aus der Nähe beherrſcht.“ „Alſo jetzt biſt Du in einer guten, friedlichen Stimmung, mein Oheim?“ „Ja, mein Kind, denn das Unglück iſt über mein Haupt hereingebrochen und hat mein ſtarres Herz in vielen Dingen geſänftigt. Alles, was vor und hinter mir liegt, ſieht anders aus als ſonſt.“ 1 5 53 „Das iſt mir lieb. So wollen wir denn von Herrn Hübner ſprechen— oder wollteſt Du nicht?“ „Ja freilich will ich. Aber was wollt' ich doch ſa⸗ gen! Ja, der alte Tellkamp begleitete mich vorher auf die Höhe hier hinter uns und wir ſahen uns lange den Kupferhammer an, den ich nun endlich auch be⸗ ſuchen will, um den Herrn Hübner kennen zu lernen, der ſich ſo viel um meine armen Söhne bemüht hat. Der alte Mann ſagte mir— ob es wahr iſt, will ich von Dir hören— daß dieſer Hübner ein ſo ſchöner Mann ſei, daß alle Frauen, die ihn ſähen, vernarrt in ihn werden müßten. He?“ „Vernarrt? Daß ich nicht wüßte!“ „Alſo Du findeſt ihn nicht ſo ſchön?“ „O, mein Oheim, das iſt eine andere Frage.“ Und ſie erröthete bei dieſen Worten wie die jungfräu⸗ liche Erde, wenn die Sonne ſie mit ihrem erſten Morgenſtrahle küßt.—„In der That, er iſt ſehr ſchön; ich habe ſogar nie einen ſchöneren Mann ge⸗ ſehen.“ „Was iſt denn das für eine Art von Schönheit?“ „Er iſt nicht blühend an Farbe und Weiße, mein Oheim, aber er iſt blühend an Kraft und Stärke. Auf ſeinem ausdrucksvollen Geſicht liegt ein unend⸗ liches Wohlwollen ausgebreitet, mit einer gewiſſen 54 Wehmuth gemiſcht, als hätte er in ſeinem Leben viel Hartes erfahren und manchen Kummer empfunden. In ſeinem dunklen Auge aber ſpiegelt ſich eine ſo geiſtige Kraft und Seelenfülle ab, daß ich es Dir nicht beſchreiben kann, und dabei ſpricht er mit ſeiner kräftigen Stimme ſo ſanft, ſo milde, ſo freundlich, daß man nicht den Donner ahnt, der in ſeiner Bruſt ſchläft.“ „Haſt Du denn dieſen Donner ſchon gehört?“ „Ja, in der Fabrik. Als alle Hämmer polterten, alle Blaſebälge brauſten und Millionen Funken ziſchend ſprühten, ſo daß man nur ein namenloſes ohrbetäu⸗ bendes Geſumme vernahm, da tönte ſeine Stimme durch alle den Lärm, wie eine Orgel durch eine Kirche tönt, und ich verſtand jede Sylbe, die aus ſeinem Munde kam.“ „Iſt er groß und voll bei ſeiner Kraft?“ „Er hat beinahe Deine Figur, nur iſt er noch breiter in der Bruſt; überhaupt ſieht er Dir in der Bildung des Kopfes ähnlich, aber ſein Geſicht iſt dunkler, ausgeprägter, willenskräftiger—7 „Ha! Du haſt ihn Dir ſehr genau betrachtet.“ „Ach, dergleichen lernt man in Krankenzimmern, und Du weißt, ich bin viel in denſelben geweſen.“ „Du haſt aber doch gewiß nicht an Deine Kran⸗ ken gedacht, wenn Du Herrn Hübner ſaheſt oder mit ihm ſpracheſt?“ „Gewiß nicht. Im Gegentheil, er hat mich alle meine Kranken vergeſſen gemacht.“ „So. Du haſt alſo gar keine Sehnſucht mehr nach ihnen?“ „Bisweilen, o ja! Aber ſie iſt nicht mehr ſo ſchmerzlich wie früher.“ „Du empfindeſt wohl auch bisweilen eine andere, ſchmerzlichere Sehnſucht— wie?“ „O, noch nicht. Er iſt ja noch nicht lange weg und kommt auch bald wieder.“ Der Baron hatte genug gehört. Er wandte den Kopf ab und dachte:„Hier iſt nicht mehr viel zu thun übrig. Mein Gott, was mir Alles jetzt begeg⸗ net!— Und ich hatte keine Ahnung davon. Wenn dieſer Menſch nun nicht ſo wäre, wie alle Leute ſa⸗ gen und dieſes Mädchen denkt! Wenn er ſie nun unglücklich machte, wie alle die Meinigen durch das Verhängniß unglücklich geworden ſind— o! Das würde mich ſelbſt unglücklich machen, denn dies Kind iſt ein Engel, wie noch nie meine Familie einen be⸗ ſeſſen hat. Man muß es lieben, wenn man es ſieht, man muß es bewundern, wenn man es reden hört.— 26 Plötzlich wandte er ſein Geſicht zu dem ihrigen herum, blickte ihr innig in die flammenden Augen und ſchloß ſie an ſein Herz.„Alſo er kommt bald wieder?“ fragte er herzlich.„Gut, auch ich will ihn dann ſehen. Er hat ſich um die Meinigen bemüht, ſo kann ich ihm ſchon vergeben, daß er einen hirid in mein Haus gemacht hat, ohne ſich von mir die Erlaubniß dazu ausgebeten zu haben.— Komm aber. jetzt hinunter, Marie. Ich bin lange im Walde herum gelaufen und hungrig geworden. Es wird bald Mittag ſein.“ Bei dieſen Worten ihren Arm ergreifend und in den ſeinigen legend, ging er mit ihr denſelben Weg hinab, den ſie ſchon einige Male mit Herrn Hübner gewandelt war. —;— Lange hatte der Baron nicht ſo gemüthlich mit ſeiner Nichte geſpeiſt, als an dieſem Tage. Denn in der letzten Zeit hatte ihn außer den traurigen Fami⸗ lienerfahrungen auch noch die bange Erwartung mög⸗ licher neuer Unfälle gepeinigt; jetzt aber war das Härteſte überſtanden, die gegen das Unglück vorhan⸗ denen Heilmittel waren angewandt und man konnte 57 ſich allmälig wieder der Hoffnung auf ruhigere Zei⸗ ten und glücklichere Verhältniſſe überliefern. So ſaßen ſie denn heute längere Zeit beim Nach⸗ tiſche, den der Baron gegen ſeine Neigung in den letzten Tagen vernachläſſigt hatte, und ſetzten mit Ge⸗ mächlichkeit das Geſpräch fort, welches ſie auf dem Bergeſbegonnen hatten. Der Baron war neugierig, immer mehr von dem unbekannten Manne zu hören, der ſo ohne allen Grund, wie es den Anſchein hatte, aus reinem perſönlichen Mitgefühl— wenn es nicht aus Neigung zu ſeiner Nichte geſchehen war— ſei⸗ nen Söhnen Gutes erwieſen hatte, und Marie war glücklich, von ihm ſprechen zu können, zumal gegen den Oheim, der für ſie niemals ein gebieteriſcher, ſtrenger, zorniger Mann, vielmehr ſtets ein gütiger und vom Unglück heimgeſuchter väterlicher Freund geweſen war. Dieſe für beide Theile ſo wohlthuende Unterhal⸗ tung wurde plötzlich und unerwartet durch den Klang nicht von einem, ſondern zugleich von mehreren Poſt⸗ hörnern unterbrochen, die vom Hofe hereintönten, und Efaſt zu derſelben Zeit ſtürzte Friedrich auf eine bei ihm ganz ungewöhnlich ſtürmiſche Weiſe in die Thür und rief mit höchſt beſtürzter Miene:„Herr Baron, Herr Baron!“ 58 „Was giebt's?“ rief dieſer mit ſeiner kräftigen Stimme, die aber diesmal nicht frei von den Zeichen des Schreckens und Staunens war. „Es kommen drei Wagen mit fremden jungen Herren, gnädiger Herr, und Alle haben ſie Flinten bei ſich und rothe Röcke an, und der Junker Georg ſitzt auf dem Bocke des vorderſten Wagens.“ Bei dieſer für den Vater, wie für Marie ſo be⸗ deutungsvollen Nachricht war es, als ob der blaue Himmel, der ſo eben noch über Beiden gethront hatte, plötzlich zuſammengebrochen oder von gewitterdrohen⸗ den Wolken verdüſtert worden wäre. Der Baron ſprang von ſeinem Seſſel auf, als hätte ihn eine Stahlfeder emporgeſchnellt, und Marie, ohne ein ein⸗ ziges Wort zu ſprechen, flüchtete mit bleichem Geſicht in ihr Zimmer, denn es tauchte abermals jenes Un⸗ heil verkündende Zerrbild in ihrer Seele auf, welches ſo lange darin geniſtet, bis es von Hübner's wohl⸗ thuender Erſcheinung daraus vertrisben war, jenes Zerrbild des jungen Verwandten, das, ihre Gegen⸗ wart verdüſternd, ihre Zukunft verwirrend ſie mehr als irgend etwas Anderes an ihre Vergangenheit und deren traurige Erſcheinungen erinnert hatte. Während nun der Baron, der allen Ueberraſchu⸗ gen abgeneigt war, vor dieſer unerwartetſten von 59 len wie vor dem Anblicke eines Geſpenſtes erſchrak, und, voll banger, aber auch trotziger Erwartung, was dieſer Beſuch denn eigentlich zu Tage fördern werde, ſich in die Tiefe ſeines Zimmers zurückzog, wollen wir uns vor die Thür begeben und mit den Haus⸗ bewohnern, die ſich unterdeß alle verſammelt hatten, die ſeltenen Gäſte betrachten, die in dieſem übel ge⸗ wählten Augenblicke ſeinem alten Vater zuzuführen, der jüngſte Sohn des Hauſes ſich nicht entblödete. In der That, drei Wagen, mit Extrapoſtpferden beſpannt, rollten ſo eben in den Hof. In jedem ſa⸗ ßen vier junge Herren in rothen Jagdröcken, dem ge⸗ ſprengten Jagdelub angehörig, deſſen noch vorhandene Reſte Baron Georg von Brandau in vermeſſenſtem Dünkel eingeladen hatte, auf dem Gebiete ſeines Va⸗ ters eine große Jagd abzuhalten. Sie waren der Einladung gefolgt, wie junge Leute ihres Standes ſo gern einer Einladung folgen, die ihrem Vergnügen und ihrer Unterhaltung Stoff verſpricht, und obgleich ſie den alten Baron nicht kannten und ſeine häusliche Einrichtung für ſo viele Gäſte ſogar bezweifelten, ſo glaubten ſie doch den überſchwänglichen Verſicherungen ſeines Sohnes, daß der alte Vater, vor Freuden verjüngt über ihren Be⸗ ſuch, ſeiner bei aller Welt berühmten Gaſtfreiheit mit 60 4 ihrer Bewirthung die Krone aufſetzen würde. Allein die Gaſtfreiheit des Barons, deſſen Einſamkeit und Abgeſchiedenheit von aller Welt wir am beſten kennen, war in der That nicht von der erwarteten Art; auch hatte er Grund genug, ſeinen Sohn nicht allein we⸗ gen des begangenen Vergehens, ſondern auch wegen ſeines jetzigen rückſichtsloſen Betragens, ſeine Anſicht der Dinge durch ſein Verhalten zu erkennen zu geben. Man kann ſich das Staunen und die Verwunde⸗ rung, wenn nicht den Schreck ſämmtlicher Hausbe⸗ wohner vorſtellen, als ſie dieſe zwölf feinen, verwöhn⸗ ten Herren, noch dazu gerade zur Mittagszeit, aus dem Wagen ſteigen und ſich ſogleich gegen Jedermann geberden ſahen, als ſeien ſie hier ſämmtlich zu Hauſe und als erwarteten ſie, mit einer Art Jubelgeſchrei über ihren prächtigen Einfall empfangen zu werden. Frau Hanne aber faßte ſich zuerſt, und ohne irgend einen Befehl erhalten zu haben, vielmehr die volle Genehmigung ihres Herrn zu ihrem Thun voraus⸗ ſetzend, ließ ſie ſchnell den Theil des Hauſes aufſchlie⸗ ßen, welcher zur Unterbringung zahlreicher Gäſte zu dienen pflegte. In dieſe Zimmerreihe, deren Fenſter⸗ läden man raſch geöffnet hatte, ergoß ſich nun der lebhafte Strom der jungen Edelleute; hier machten ſie es ſich auf Sophas und Seſſeln bequem und 4 61 harrten mit Ungeduld des Augenblicks, wo der Herr vom Hauſe erſcheinen und ihnen ſeine Freude über die ihm widerfahrene Ehre auf die unzweideutigſte Weiſe ausſprechen werde. Denn ſein Vater freue ſich außerordentlich, hatte ihnen Georg wohl zehnmal ge⸗ ſagt, den berühmten Jagdelub in ſeinem prachtvollen Schloſſe zu bewirthen; der Champagner werde in Strömen fließen, die Wälder und Felder ihre reichſte Beute ihnen entgegenführen und überhaupt würde jede Tagesſtunde ihr beſonderes Feſt haben. Allein dies Alles ſchien gleich von Anfang an nicht ganz und unbedingt der Fall zu ſein, die Her⸗ ren mußten ſogar ſehr lange warten, ehe ſie den al⸗ ten Baron zu ſehen bekamen, und ſelbſt da war ſein Geſicht nicht von ſo aufgeklärter und ſonniger Art, wie Junker Georg es ihnen ſo prahleriſch vorherver⸗ kündigt hatte. Dieſer ſelbſt war, ſtürmiſch und gar nicht des Herzeleids gedenkend, welches er vor Kurzem über ſeinen Vater ausgeſchüttet, an den Dienern vorbei in das Zimmer deſſelben geeilt, um ihn von ſeiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen und ihm die mitge⸗ brachten Gäſte zu empfehlen, voll Hoffnung, der gute Vater werde ihn, ſeinen Lieblingsſohn, auch diesmal liebreich wie immer empfangen und ſogar zum längeren 62 Verweilen mit ſeinen Kameraden auffordern. Allein er irrte ſich hierin. Der Baron empfing ihn zwar nicht mit Vorwürfen und Anklagen, denn es wider⸗ ſtrebte ſeinem Gefühl, den leichtſinnigen Sohn bei ſeinem erſten Eintritt in's heimatliche Haus, trotzdem er ihn ſo tief verwundet, zu kränken, zumal jetzt, wo Fremde zugegen waren, denen man das traurige Schau⸗ ſpiel einer durch Zwieſpalt zerriſſenen Familie möglichſt entziehen mußte. Aber geſchenkt waren die väterlichen Ermahnungen dem Junker darum doch nicht, er ſparte ſie ſich nur zu einer ſpäteren einſamen Stunde auf. Allein, wenn der Baron auch die Abſicht gehabt hätte, den jungen Wüſtling mit Vorwürfen zu begrüßen, er hätte für den erſten Augenblick gar keine Gelegenheit dazu gefunden, denn Georg zeigte ſich, als er des alten Vaters anſichtig wurde, ſo zerknirſcht vor Reue, ſo betrübt über die Verlegenheiten, welche er ihm be⸗ 4 reitet, daß der Vater keine Worte fand, ſie den ſeini⸗ gen entgegenzuſetzen, die ſtromweiſe über ſeine Lippen kamen. Georg nahm dieſes Schweigen als ein ſehr günſtiges Zeichen auf, er ſah darin die vollſtändige Verzeihung des Vaters, und als er ſich in dieſem Glauben genügend geſtärkt hatte, ſpielte er eine alt⸗ hergebrachte Scene auf, warf ſich dem Vater an den Hals und überhäufte ihn mit ſo zahlloſen Liebkoſungen — 2— und Dankſagungen für ſeine gränzenloſe Güte, daß der Baron eigentlich nicht wußte, wie er ſich dieſem kindlichen Paroxysmus gegenüber verhalten ſolle. Aber ein Vater, der eine liebevolle Schwachheit für einen wenn auch ungerathenen Sohn beſitzt, iſt leicht be⸗ friedigt, wenn er Reue, und in ihrem unmittelbaren Gefolge die erwünſchte Beſſerung zu ſehen glaubt. Als jedoch der erſte Ausbruch dieſer lebhaften Be⸗ grüßung vorüber war und der charakterloſe Sohn in dem Vertrauen des Vaters und ſeiner Verzeihung ſich bereits feſt geſetzt zu haben wähnte, erſtaunte der Letztere von Augenblick zu Augenblick mehr über das ſeltſame Ausſehen ſeines Junkers. Denn das war der alte lebensfrohe, heitere Georg nicht mehr, ſein Leichtſinn war in eine andere Geſtalt, ſeine Charakter⸗ loſigkeit in ein trüberes Weſen, ſein ſprudelnder Ueber⸗ muth in einen traurigeren Zuſtand übergetreten. Die Züge ſeines Geſichtes waren erſchlafft, die Muskeln deſſelben entbehrten aller friſchen Beweglichkeit, die durch die Einwirkung des Geiſtes mittelſt der leitenden Kerven hervorgebracht wird; in ſeinem Auge blitzte der kühne jugendliche Funke nicht mehr, es war er⸗ loſchen, planlos irrte es von einem Gegenſtande zum anderen, gleich wie ſein Gedankengang von einer Reihenfolge von Vorſtellungen zur anderen ohne Zu⸗ —4 ſammenhang überſprang. Dem erſtaunten Vater ſchien der nie ſehr kräftige Sohn wohlbeleibter, ohne damit eine größere Kraft und Feſtigkeit erlangt zu haben; in ſeiner Sprache, ſeinen Geberden, ſeinen Be⸗ wegungen lag etwas Haſtiges, Unwillkürliches, nicht vom regierenden Geiſte Beherrſchtes, was der arme Vater nicht verſtand, was er ſich nicht erklären konnte, ſo ſehr es ihm auffiel, weshalb er auch mit Bedauern daran dachte, daß ſein Freund, der alte Hausarzt, nicht ſogleich anweſend war. Aber was half dem rathloſen Vater dieſe ihn mit immer ſchmerzlicherem Staunen erfüllende Anſchauung— er konnte ſeinen Zuſtand nicht ändern, er konnte nur beſänftigend auf ihn ein⸗ wirken, ihn bitten, daß er ſich und ſeine Geſundheit ſchone, denn daß Georg mit ſeiner mütterlichen Erb⸗ ſchaft im Gewoge des wechſelvollen Lebens auch dieſe Geſundheit verloren habe, das konnte dem in Beob⸗ achtung der Menſchen ſo einfachen, doch immer mit geſunden Sinnen begabten Vater nicht lange verborgen bleiben. Nachdem er alſo mit dem Sohne Kinige ihm ge⸗ eignet ſcheinende Worte gewechſelt hatte, gab er deſſen Bitten nach und begab ſich zu den ihn im Beſuch⸗ zimmer erwartenden jungen Herrn. Dieſe hatten es ſich unterdeß bequem gemacht, betrachteten lächelnd die 65 einfache Einrichtung des dem alten Baron ſo glänzend erſcheinenden Hausraths und machten ſich über die herrliche Ausſicht auf den von Scheunen eingeſchloſ⸗ ſenen Viehhof luſtig, der an der einen Seite des Beſuchzimmers, der Saal genannt, dicht vor ihren Augen lag. „Meine Herren,“ ſagte der alte Daron. nachdem er ſich vor den Anweſenden verbeugt hatte und ihm die Namen derſelben von Georg genannt waren,„ich heiße Sie willkommen, ſo überraſchend mir Ihr un⸗ erwarteter Beſuch iſt. Es wäre mir lieber geweſen, wenn ich vorher eine Anzeige erhalten hätte, daß Sie mir die Ehre Ihrer Gegenwart ſchenken wollten, denn dann würde ich vielleicht Gelegenheit gefunden haben, Ihnen eine angenehmere Unterhaltung zu gewähren. So, wie ich nun einmal unvorbereitet bin, müſſen Sie vorlieb nehmen mit Dem, was Sie in meinem ländlichen Haushalte finden. Was ich habe, gebe ich gern, aber ich ſage Ihnen im Voraus, daß Sie ge⸗ ringere Anſprüche an einen von der Reſidenz ſo ent⸗ fernt wohnenden Landed aan Fheben müſſen, als Sie, inmitten dieſer Reſidenz Kbend, wahrſcheinlich zu erheben gewohnt ind d. Machen Sie es ſich alſo immerhin bequem, das iſt ein Hauptgenuß in meinem Hauſe; ich werde Befehle geben, daß Ihren Bedurf⸗ Baron Brandau. II. 2. 5 8 — 66 niſſen in jeder möglichen Weiſe genügt werde. Wenn ich aber nicht perſönlich an Ihren Vergnügungen Theil nehme, ſo verzeihen Sie mir das, ich habe wichtige Geſchäfte und fühle mich außerdem in dieſem Augenblicke nicht gänzlich wohl. Mein Sohn hier wird daher ſtatt meiner das ehrenvolle Amt eines Wirthes übernehmen.“ Mehr oder weniger konnte der alte Herr nicht ſagen; die Unbequemlichkeit, die ihm in jetziger Zeit die Anweſenheit dieſer tollen Gäſte ſchon in Gedanken verurſachte, drückte zu ſchwer auf ſein hinreichend be⸗ laſtetes Gemüth. Er verbeugte und entfernte ſich, unbekümmert, was die Herm, die er hinter ſich ließ, von ſeiner Gaſtfreundſchaft denken mochten. Und in der That, ſie dachten nicht allein, ſie ſprachen auch unter einander Das aus, was ſie dachten. Es kam 8 ihnen dieſe ganze Art und Weiſe ihres Empfanges, als der wirkliche Anfang einer langen Kette gehoffter Vergnügungen, etwas ſeltſam vor. Ihr Kainerad hatte ihnen die glänzendſte Aufnahme, die abwechſelnd⸗ ſten Zerſtreuungen verſprochen, und was ſie hier ſahen und bald darauf genoſſen, entſprach dieſen Ver⸗ ſprechungen durchaus nicht. Statt des herrlichen Diners von zwölf Gängen, wie der Kamerad gefabelt, wurde ihnen eine einfache, obwohl ſchmackhafte Haus⸗ 67 mannskoſt vorgeſetzt; ſtatt des wie ein Waſſerfall er⸗ giebig ſchäumenden Champagners kam nur ein trink⸗ barer leichter Rheinwein auf den Tiſch. Statt des endloſen Deſſerts, wie man es in den feinſten Re⸗ ſtaurationen der Reſidenz ſeit Jahren gewohnt war, gab es allein Butter, die freilich ſehr friſch, und Käſe, der von Frau Hanne und Jungfer Mike ſelbſt be⸗ reitet war. Indeſſen da das Alles in Hülle und Fülle vorhanden war und Georg ſich herbeiließ, auf eigene Verantwortung nach Tiſche eine Bowle zu brauen, an der die ganze einheimiſche Hausbewohner⸗ ſchaft drei Wochen zu trinken gehabt hätte, ſo ließen ſie ſich den einfachen Anfang in der Vorausſetzung gefallen, daß die folgenden Vergnügungen und Ge⸗ nüſſe um ſo angenehmer und überraſchender ſein würden, zumal man ſich für die nächſten Tage beſſer auf ihre Bewirthung vorbereiten könne. Denn gleich auf mehrere Tage hatte die Einladung des phantaſie⸗ reichen Junkers gelautet. So hatte die ruhige Freude, die lautloſe Wind⸗ ſtille nach tagelangem Sturm für den Baron nicht lange gedauert. Er ſaß mit Marie in deren Zimmer, wo man, trotzdem es am weiteſten vom Fremdenflügel abgelegen war, dennoch das Getümmel, die überlaute Luſt und das mehr als kraftvolle Gelächter hörte, ³ 8 1 68 welches aus dem Speiſeſaale der frohen Zecher herüberſchallte. Eine Weile hörte der Baron dieſes Toben ruhig mit an; dann wandte er ſich zu ſeiner Nichte und wollte mit ihr ein Geſpräch beginnen, um ſeine Gedanken von dem Trübſinn abzulenken, der ſein Herz und ſeinen Geiſt immer dichter umſchleierte. Aber Marie hatte ihre Mittheilſamkeit verloren ſie war ſtill geworden und ſchien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Von Zeit zu Zeit blickte ſie durch das Fenſter und faßte die Sonne in' Auge, die allmälig tiefer ſank, vielleicht im Stillen berechnend, wann ſie den Punkt am Himmel erreicht haben werde, wo ſie das Haus zu verlaſſen und das ſtille Plätzchen auf⸗ zuſuchen pflegte, welches ihr jetzt doppelt heilig ge⸗ worden war. An dieſen gewohnten und heimlichen Spaziergang mochte ſie heute um ſo mehr denken, als ihn auszuführen ihr keine Gelegenheit zu Theil werden ſollte. Die Herren aus der Reſidenz waren um Mittags⸗ zeit eingetroffen, die Beſorgung ihrer Tafel hatte einige Zeit in Anſpruch genommen, die Bowle hatte ſie auch ziemlich lange beſchäftigt, und ſo war es gerade die Dämmerſtunde, in welcher Marie ihren täglichen Spaziergang unternahm, als die jungen Jäger ihr Zimmer verließen, in luſtigſter Stimmung ſich hier und da auf dem Gute zerſtreuten, den Garten, dr 69 Park nach allen Richtungen durchſchwärmten und in jugendlichem Uebermuth tauſend tolle Streiche ver⸗ übten. Der Baron ſah alle dieſe Vorgänge vom Fenſter aus mit an, ohne Anfangs ein Wort darüber zu äußern, ſo wenig ſeine jetzige Stimmung auch mit der der jungen Leute übereinſtimmte. Endlich aber ſagte er zu Marie, deren Unbehaglichkeit er nicht auf ihrem engelsgleichen, immer freundlichen Geſichte, wohl aber an ihrem unruhigen Hin⸗ und Herblicken und Auf⸗ und Abgehen bemerkte: „Du wirſt heute Deinen Spaziergang nicht unter⸗ nehmen können, mein Kind, ich ſehe das ein, denn die jungen Herrn würden Dich bald umſchwärmen und begleiten wollen. Ich ſelbſt wäre bei ihrer jetzigen Stimmung nicht im Stande, Dich vor ihren Thor⸗ heiten zu ſchützen, denn ich weiß, wie dem jungen Volke zu Muthe iſt, wenn der Wein ſeine Köpfe er⸗ hitzt. Ich mag auch nicht zu ihnen hinausgehen, und ſo ſind wir alle Beide Gefangene in unzeirm eigenen Hauſe.“ „Wie lange mag aber dieſe Gefangenſ ſchaft wäh⸗ ren?“ fragte Marie mit ſo wehmüthigem Tone, daß ſich die ganze Empfindung ihrer Seele darin ausſprach. „Das weiß allein Gott, mein Kind. Nach dem 70 Gepäck zu ſchließen, welches ſie mitgebracht, ſcheinen ſie es auf mehrere Tage abgeſehen zu haben.“ Marie erwiderte nichts Hörbares, aber der Blick, den ſie mit dem Oheim tauſchte, ſprach lauter und verſtändlicher, als Worte hätten ſprechen können. Sie würde noch unbehaglicher geſtimmt worden ſein, wenn ſie gewußt hätte, daß die jungen Herrn ſich die größte Mühe gaben, ihren Aufenthaltsort zu entdecken, und daß ſie nur ihretwegen, wie Schmetterlinge, die eine hvonigreiche Blume ſuchen, im Garten und Park herumflatterten. Denn auch von ihr hatte der phan⸗ taſtiſche Huſar wunderbare Dinge gefabelt, ihre Schön⸗ heit geprieſen und ſein Verhältniß mit ihr zu einem viel zärtlicheren geſtempelt, als es in Wirklichkeit der Fall war. Gegen Abend indeſſen ward ihr wider Erwarten Gelegenheit vergönnt, mit ihrem Oheim auf einem kurzen Spaziergange ſich der friſchen Luft zu erfreuen und zugleich die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß Herr Hübner noch nicht wieder von ſeiner Reiſe zurückge⸗ 4 kehrt ſei. Denn ſie wußte den Oheim durch Plaudern ſo gut zu unterhalten, daß er, ohne zu wiſſen was er that, mit ihr den Hügel hinauf ſtieg, wo ſich bald zeigte, daß das bewußte, die Rückkehr des Abweſenden 71 bezeichnende Stäbchen noch nicht auf dem verabredeten Flecke vorhanden war. Während dieſes Spazierganges ſaßen die Mitglie⸗ der des Jagdelubs wieder hinter der Bowle. Als der Baron mit Marie in's Haus zurückkehrte, ſchallte ihnen ſchon von Weitem das maaßloſe Gelächter der⸗ ſelben entgegen. Denn ſo eben ließ ſich zu allge⸗ meiner Beluſtigung Georg als Concertſänger hören. Er hatte die Stimme und das Weſen ſeines Lehrers, eines bekannten großen Künſtlers, angenommen und fühlte ſich ſelbſt ſo ſicher und vollendet in Vortrag und Stimme, daß er dieſelbe Meinung auch bei ſei⸗ nen Kameraden vorausſetzte, welcher Anſicht dieſe in⸗ deſſen nicht zu ſein ſchienen, da ſie jede ſeiner Arien mit wieherndem Gelächter und ironiſch gemeintem Beifall begleiteten, was der arme Sänger jedoch für baare Münze annahm. Der Baron, als er dieſen widerlichen Geſang ſei⸗ nes Sohnes und dieſes ſchmetternde Beifallsgeſchrei ſeiner Gäſte darüber vernahm, wurde immer ſtiller und unzufriedener; Marie aber, das Ohr dem fer⸗ nen Geſange zugekehrt, lauſchte oft mit angehalte⸗ nem Athem dieſen ſonderbaren ihr in's Herz ſchnei⸗ denden Tönen. Sie blieb den ganzen Abend beim Baron ſitzen und hielt meiſt ſeine Hand mit der ihri⸗ 72 gen umſchloſſen auf ihrem Schooße. Sie fühlte ihr Herz von dem, was ſie an Georg geſehen und von ihm gehört, ſo beklommen, daß die kurze Heiterkeit, die ſie ſo eben noch empfunden, ſpurlos aus ihrer Seele verſchwunden war. Oft wollte ſie ſich Luft machen und dem Baron über irgend einen Vorgang in ihrem Innern Aufſchluß geben, aber wenn ſie zu ſprechen anfangen wollte, ſchloſſen ſich ihre Lippen wieder und ſie wußte nicht mehr, was ſie ſagen gewollt, der ſie ſcheute ſich, den Gedanken laut werden zu laſſen, der ihr ganzes Hirn erfüllte. Dieſer Zuſtand dauerte bis ſpät in die Nacht hinein, denn erſt um zwei Uhr brachen die Sänger und Zecher von ihrem Gelage auf und ſuchten ihre Ruheſtätten, die ihnen unterdeſſen von den Händen der Mägde, unter Anleitung der maaßlos unwilligen Frau Hanne, in verſchiedenen Gemächern hergeſtellt waren. Aber nicht lange ſollte die Ruhe im Innern des Gutshofes dauern. Um ſechs Uhr war ſchon wieder Alles in Bewegung, theils den Gäſten das um dieſe Zeit beſtellte Frühſtück zu bereiten, theils ihren übri⸗ gen Bedürfniſſen zu entſprechen, denn um ſieben Uhr ſollte die große Jagd beginnen, welche der Haupt⸗ grund ihres Erſcheinens auf dem ſtillen Landſitze geweſen war. Da einige der Herrn zu müde waren 73 um der weitabführenden Jagd zu Fuße beizuwohnen, ſo wurden die vorhandenen und zum Reiten geeig⸗ neten Pferde geſattelt und zum Leidweſen der Stall⸗ bedienung von den Herren in rothen Röcken beſtiegen. Es war vorherzuſehen, daß dieſe Pferde, wenn ſie eben ſo in Anſpruch genommen wurden, wie alle übrigen dem Baron gehörigen Beſitzthümer, einen ſchweren Tag durchzumachen haben würden, was ſich denn auch leider beſtätigte, denn alle kamen Nach 8 mittags kochgahr geritten und auf das Aergſte mitge⸗ nommen in den Stall zurück.. Um ſieben Uhr Morgens alſo ging es zum Schrecken des langſam hinterherſchreitenden Förſters, der gegen⸗„ wärtig bleiben wollte, um wenigſtens mit eigenen„ Augen zu ſchauen, was er Wald⸗ und Jagdfrevel nannte, in den thauigen Forſt. Eine ſolche wilde Jagd hatte ſeiner Meinung nach noch nie in den Re⸗ vieren ſeines guten gnädigen Herrn gehauſt. Alles Wild, was er ſo lange geſchont, ward an dieſem Tage erlegt, die jungen Männer nahmen keine Rückſicht auf Alter und Geſchlecht, ſie gingen allein ihrem Ver⸗ gnügen nach, und das gebot ihnen, ſo viel des Leben⸗ digen todtzuſchießen, als ſie habhaft werden konnten. Und doch waren ſie mit ihren Erfolgen nicht zufrieden, als ſie in's Schloß zurückkehrten, und machten ihrem 74 Freunde Georg die ſpöttiſchſten Vorwürfe, ſie zu einer großen Jagd eingeladen zu haben. Denn anſtatt der Hirſche, Säue und Rehe, die er ihnen verſprochen, waren nur Haſen, Füchſe und Kaninchen, ſtatt der verheißenen Auerhähne, Faſanen und Wildhühner, nur höchſtens Schnepfen und Krähen angetroffen worden. Sie erklärten laut ihren Wirth für den fabelhafteſten Aufſchneider, dem man in nichts mehr trauen könne, und verſpotteten ihn ſo lange mit ihrem beißenden Witze, bis er böſe wurde und ſeinen Gäſten die uner⸗ hörteſten Grobheiten ſagte. G Bei dem nachfolgenden Mittagsmahle aber, wel⸗ ches diesmal reichlicher und ausgeſuchter als das vorige war, beruhigten ſich die aufgeregten Gemüther wieder, und da auch der alte Baron diesmal daran Theil nahm, ſo artete die Luſt nicht in ſo bacchan⸗ tiſche Schwelgerei aus, wie am verfloſſenen Tage. Ma rie ſaß unterdeſſen in ihrem Zimmer und lauſchte mit Herzklopfen auf das Feld hinaus. Wie gern wäre ſie in's Freie geſchlüpft, um ihren Hügel zu beſuchen und die Ferne zu durchſpähen, wo der Freund weilte, nach dem ſie je länger je mehr ſich ſehnte, denn ihm, ihm allein wollte, konnte ſie ſagen, was ihr Herz bedrückte, ihn verwundete ſie ja nicht ſo tief damit, wie den Vater des Armen, von dem 75 ſie ſprechen wollte. Aber ſie wagte ſich nicht hinaus, die wilden Jäger konnten ſie leicht bemerken, und da ſie ſich vorgenommen, ſich vor ihnen Allen verborgen zu halten, indem ſie an ihrem Gebahren nicht das geringſte Vergnügen fand, ſo hielt ſie es für das Ge⸗ rathenſte, noch einen Tag im Zimmer zu bleiben, da ja doch die Anweſenheit der Gäſte nicht lange mehr dauern konnte. Allein hierin hatte ſie ſich geirrt. Die jungen Herren hatten nicht die weite Reiſe un⸗ ternommen, um nur einen Tag dem Vergnügen der Jagd obzuliegen, wenigſtens zwei Tage wollten ſie beſtimmt jagen, und erſt am dritten Morgen hatte man nach der Reſidenz zurückzukehren beſchloſſen. Ob⸗ gleich ſie ſich nun in faſt allen ihren Erwartungen getäuſcht gefunden, denn keine einzige der Verſpre⸗ chungen des phantaſiereichen Huſarenoffiziers hatte ſich erfüllt, ſo fingen ſie doch ſchon an, ſich zu ver⸗ gnügen, indem ſie ſich in das Vorhandene und Ge⸗ botene ſchickten, und es hätte nur eines einzigen Wor⸗ tes des Wirthes bedurft, um ſie zum längeren Blei⸗ ben zu veranlaſen. Allein dieſer hütete ſich ſehr, dieſes Wort auszuſprechen, ja er ließ ſogar einige An⸗ ſpielungen fallen, daß er nicht an ſo große Geſell⸗ ſchaften gewöhnt ſei, daß er die Ruhe liebe und ſo⸗ gar bedürfe, daß er viele Geſchäfte habe und was 76 dergleichen mehr war. Aber das half nichts weiter, als daß die Zeit, die für den Beſuch auf dem Gute feſtgeſetzt war, unabänderlich gehalten wurde. Am Abende des erſten Jagdtages jedoch zeigte ſich in dem Weſen Georgs eine auffallende Veränderung. Bis dahin war er heiter, luſtig und, wenn auch laut und lärmend, doch immer in den Gränzen des Ver⸗ haltens eines Sohnes geblieben, der auf Beſuch bei ſeinem Vater iſt und ſich mit deſſen Anordnungen und Gewohnheiten in Uebereinſtimmung befindet. Allein die Vorwürfe und Sticheleien ſeiner Gefährten, daß er ihnen zu große Hoffnungen, namentlich auf eine großartigere Jagd erregt, hatten ihn ſichtbar un⸗ zufrieden und mürriſch gemacht. Er begriff nicht, wie man ſo blind ſein könne, nicht Alles ſo zu fin⸗ den, wie er es vorausgeſagt; für ihn wenigſtens war alles Das vorhanden, was er zu finden erwartet hatte. Nie hatte ihm der Wein ſeines Vaters ſo köſt⸗ lich, nie deſſen appetitliches Wild ſo vortrefflich ge⸗ ſchmeckt. Das Zimmer, welches ihm zum Uebernach⸗ ten angewieſen war und welches er mit Zweien ſei⸗ ner Freunde theilte, ſchien ihm ein prächtiger Salon, deſſen Tapezierung und Möblirung Nichts zu wünſchen übrig ließ. Die Jagd ſelbſt war ihm großartig vor⸗ gekommen, er hatte zwar ſtets vorbeigeſchoſſen, aber 77 alles erlegte Wild dünkte ihm dennoch von ſeiner Hand gefallen zu ſein. Als er aber nun, körperlich ermüdet, nach Hauſe kam und ſo manche Kritteleien und Anſpielungen hören mußte, als ſei das Erlebte weit hinter dem Verheißenen zurückgeblieben, fand er ſich beleidigt; anſtatt jedoch ſein verletztes Ehrgefühl gegen ſeine Freunde auszulaſſen, wandte er ſeinen ganzen Zorn gegen Diejenigen, die am wenigſten dazu Gelegenheit gegeben hatten. Von einer leiden⸗ ſchaftlichen Aufwallung übermannt, muthete er den Dienern ſeines Vaters mehr zu, als ſie zu leiſten ver⸗ mochten, er ſchalt ſie ſo lange, bis ſie verblüfft vor ihm ſtehen blieben und endlich in ſeine Nähe zu kom⸗ men fürchteten, ſo daß er oft mehrere Male rufen oder ſchellen mußte, wenn er Einem oder dem Andern einen Auftrag geben wollte. Die Dienſtleute, durch ſolch' ungewohntes Gebahren eingeſchüchtert, flüchteten zu Frau Hanne und Friedrich in die Küche, welcher Letztere, allein zum Dienſte des Hausherrn beſtimmt, mit der Bedienung der Gäſte Nichts zu thun hatte und jetzt voller Staunen die Berichte der Kameraden anhörte, die ſich über den tyranniſchen Junker Georg beklagten, der ein Weſen annähme, als gehöre das Gut ſeines Vaters ſchon ihm und als wären alle darauf Wohnenden ſeine Leibeigenen. 8 78 Als die jungen Herren wieder bei Tiſche ſaßen und der Baron ſelbſt noch unter ihnen weilte, wagte ſich Marie in die Vorrathskammern hinaus, um nach⸗ zuſehen, ob auch Alles ſeinen geregelten Gang gehe. Bei dieſer Gelegenheit hörte ſie die Klagen der Die⸗ ner über ihren jungen Herrn ausſprechen und ſie wunderte ſich gar nicht darüber. In ihrem Innern war ſie längſt auf's Reine gekommen; ihre Anſicht über ihn war feſt auf ihre Erfahrungen gegründet und ſie ſuchte nur Geduld zu gewinnen, um über den gegenwärtigen und folgenden Tag hinwegzukom⸗ men, denn in der Nähe dieſes unſeligen Menſchen fühlte ſie ſich von einer Laſt bedrückt, die ſie keinem Menſchen anvertrauen konnte und die ſie daher in allen ihren Bewegungen und Aeußerungen ſchwer, beinahe träg erſcheinen ließ, wie man ſie nie vorher geſehen zu haben ſich erinnerte. Sie hätte Alles in der Welt in dieſem Augenblicke darum gegeben, wenn ſie ihrem Oheim das in Worten hätte mittheilen können, was auf ihrer Seele lag, aber da ſie nur ein unbeſtimmtes Gefühl von der Wahrheit ihrer Er⸗ kenntniß hatte, ſo ging ihr die Fähigkeit ab, dieſe Erkenntniß in deutlich verſtändliche, das Räthſel lö⸗ ſende Worte zu überſetzen. So ſchleppte ſie ſich von Stunde zu Stunde hin; ausgehen wollte und konnte 79 ſie nicht in dieſer geiſtigen Befangenheit; außerdem fürchtete ſie, von Georg irgendwo überraſcht zu wer⸗ den, dem ſie bis jetzt immer glücklich ausgewichen war, denn eine unbeſtimmte Ahnung ſagte ihr, daß das Zuſammentreffen mit ihm eine Aufklärung her⸗ beiführen würde, die ſie, ſo ſicher ſie ihrer Erkenntniß war, von ſich fern zu halten ſuchte, ſo lange es irgend in der Möglichkeit lag. Endlich kam der Baron vom Tiſche ſeiner Gäſte zurück. Er war aufs Aeußerſte verſtimmt; die Un⸗ terhaltung der jungen Leute hatte ihn nicht im Min⸗ deſten befriedigt, er hatte kaum ihre ſonderbar ge⸗ ſchraubte und über ſeine Erfahrungen weit hinaus⸗ liegende Redeweiſe verſtanden. Noch weniger war er mit ſeinem Sohne zufrieden, der ſich durch ſeine Ge⸗ genwart nicht hatte abhalten laſſen, der Flaſche auf eine Weiſe zuzuſprechen, die dem alten Vater, der doch auch den Weingenuß liebte, ganz unnatürlich er⸗ ſchien. Die Folgen davon hatten ſich denn auch ge⸗ zeigt, es war endlich nöthig geworden, den tobenden Junker in ſein Bett zu tragen. Da lag er denn jetzt und ſtörte Niemanden mehr. Einige der Herren lei⸗ ſteten ihm Geſellſchaft in der Niederlage, Andere tranken fort, und nur Wenige traten in den Garten, 80 um ſich von der friſchen Luft zu neuen Thaten im Trinkzimmer kräftigen zu laſſen. Dieſe Zeit benutzten der Baron und Marie. Sie ſchritten auf einem Umwege hinaus aufs Feld, um ſich von den Ereigniſſen auch dieſes Tages, die immer ſchwerer auf ihnen zu laſten begannen, zu erholen. Aber ſie ſprachen nur wenig mit einander, jedes war mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, und obgleich dieſe ſich faſt um dieſelbe Sache drehten, ſo wagte doch Keines gerade heraus zu reden und auf dieſe Weiſe den Bann zu löſen, der auf ihren Her⸗ zen lag. „Noch einen Tag,“ ſagte der Baron endlich, laut aufſeufzend,„noch einen Tag, mein Kind, dann iſt auch dieſer Kelch an uns vorüber!“ „Gott gebe es!“ erwiderte Marie. „Ich komme mir ſonderbar vor,“ fuhr der Baron fort.„Bin ich noch hier oder bin ich wo anders— ich weiß es nicht recht. Alles ſcheint mir aus ſeinem richtigen Geleiſe gerückt und die Welt ſieht mir ganz anders aus wie ſonſt. Macht das der Kummer der letzten Wochen, der meinen Geiſt niedergedrückt und abgeſpannt hat, oder bringt es die ungewohnte Stö⸗ rung hervor, die Alles über den Haufen geworfen hat, was mir ſeit einem Menſchenalter lieb und 14 81 werth war— ich weiß es nicht. O, welche Menſchen, welche Thorheit, welche Albernheit! Und das nennen ſie Jugendluſt, Frohſinn und Lebensgenuß? Das nenne ich— mit einem Worte— Wahnſinn!“ Wie der Blitz fuhren Marie' leuchtende Augen nach des Oheims Geſicht, als er dies letzte Wort ſprach, und wenn er Augen dafür gehabt, würde er erkannt haben, daß ſie einer und derſelben Meinung mit ihm ſei. Sie ſchmiegte ſich feſter an ſeinen Arm, drückte ſeine Hand und ſchaute dann wieder vor ſich nieder, wie ſie vorher gethan. „Wenn nur der Doktor erſt wieder da wäre!“ fuhr der Baron fort.„Vielleicht bringt er mir über Al⸗ fred günſtigere Nachrichten, die mich erheben und er⸗ quicken. Ach, was iſt das für ein Leben, wie ich es ſeit Wochen führe! Kind, Kind, ich bin deſſelben müde und ſehne mich nach Ruhe, und wäre es auch unter jenen grünen Hügeln dort oben, wohin Du mich wie⸗ der langſam und allmälig führſt!“ „Mein theurer Oheim,“ lispelte Marie leiſe, leiſe wie der Abendwind, der in ihren ſeidenen Haaren ſpielte,„habe Geduld! Es geht das Alles vorüber. Wir befinden uns jetzt in einer kritiſchen Lage, aber ſſie widd ſich entſcheiden in nicht gar langer Zeit.“ „Ja, ſie wird ſich entſcheiden, aber wie?“ Baron Brandau. II. 2. 3 82 „Wie Gott will!“ erwiderte Marie und umſchlang des alten Mannes Hals mit ihrem Arme. „Du haſt Recht,“ ſagte er,„ja, küſſe mich nur. Ach, meine eigenen Kinder küſſen mich nicht. Wenn Du wüßteſt, welche Felſen ich auf dieſen Georg ge⸗ baut, wie viele Opfer ich ſeinem Vortheil und ſeinem Vergnügen gebracht— o, es iſt ſchrecklich, ſich ſagen zu müſſen, daß dies Alles, Alles vergeblich war. Was iſt nun aus ihm geworden? O, warum ſoll ich nicht ſagen, was ich denke— ein Verlorener! Denn ver⸗ loren iſt er— auf dieſe oder jene Weiſe— das ſehe ich ein, wenn ich auch nicht weiß, wie er zu Grunde gehen wird. Hu! Marie, es iſt ein fürchterlicher Ge⸗ danke, ſich in einer Lage zu wiſſen, wo man ſich ſa⸗ gen, es glauben muß, daß über uns denkenden und fühlenden Menſchen ein blindes, kaltes und unbeug⸗ ſames Schickſal walte, das uns wider unſern Willen dahin reißt, wohin wir nicht gehen wollen. Ich habe die⸗ ſen Gedanken, dieſen Glauben ſtets weit von mir abge⸗ halten und ihn ſelbſt ohne Unwillen nicht von Ande⸗ ren können ausſprechen hören, ich habe ihn ſtörriſch und widerſetzlich, weil er mir nicht gefiel, nicht in meine Anſicht der Dinge paßte, Aberglauben genannt, aber jetzt, ach! gieb Acht, erfüllt es ſich, was über meinem Haupte hängt— Georg iſt ein jüngerer Sohn, und noch niemals hat ein ſolcher in meiner Familie das dreißigſte Lebensjahr erreicht, ohne auf eine ſeltſame und in der Familie nie dageweſene Weiſe das Leben zu verlieren. Es iſt traurig, aber es ſcheint wahr zu ſein. Meinſt Du nicht auch?“ 8 Marie ſchwieg; es wäre ihr augenblicklich unmög⸗ lich geweſen, dieſe Frage des alten Mannes bejahend zu beantworten, und doch konnte ſie nicht Nein ſa⸗ gen, denn eine innere Stimme ſagte ihr, der Baron habe in Bezug auf Georg die Wahrheit geſprochen — ſo, wie er angedeutet, werde es kommen. „Nun,“ fuhr der Baron fort,„ſo ſage mir doch, was Du darüber denkſt.“ „Ach, mein guter Oheim, ich kann Dir nur Eins ſagen, mehr verlange jetzt nicht von mir zu hören. Wenn Gott Dich mit dem Schickſale prüfen will, von welchem Du ſprichſt, ſo hat er Dich auch geſeg⸗ net, indem er Dir Kraft gab, als Mann das Unver⸗ meidliche zu ertragen. Wohl Dem, der weiß, was ihm bevorſteht! Und wenn Du es weißt, ſo rüſte und ſtähle Dich dagegen.“ „Das thue ich, Kind, das thue ich ſchon lange. Siehſt Du es nicht? O, wenn Du wüßteſt, was mir in den letzten Wochen Alles durch die Seele gegan⸗ gen iſt, was ich gelitten und wie ich gekämpft— 84 Du würdeſt mit meinem Widerſtande zufrieden ſein. Doch da ſind wir bei den Todten. Sie grüßen uns. Laß uns die Lebendigen vergeſſen und lieber der Da⸗ hingeſchiedenen gedenken, denn jene kränken und ver⸗ letzen uns, und dieſe leben mit uns in Frieden. O, ich habe auch eines ſolchen zu gedenken, der in Frie⸗ den iſt, und mit Dem unterhandle ich ſchon lange im Stillen.“ „Welcher iſt das?“ fragte Marie ſanft, nachdem ſie ſich neben ihrem Oheim auf dem gewöhnlichen Platze niedergelaſſen hatte. „Wer das iſt? Höre es, meine Tochter, Dir will ich es ſagen. Ach, es iſt lange her, daß ich ſeinen Namen geſprochen habe, denn ich vermied es, von ihm zu reden, da mein Herz darunter litt. Jetzt aber, wo ſo viel unerwarteter Kummer dies Herz belaſtet, ſchwindet der, den er mir verurſachte, in Nichts zu⸗ ſammen, und es iſt mir ſogar ein wahrer Troſt, der vergangenen Zeiten zu gedenken, weil ich mich, wenn ich ſie mit den heutigen vergleiche, wundern muß⸗ wie mich damals ſo Kleines aufbringen konnte, da es doch Nichts iſt gegen Das, was jetzt um mich her geſchieht. Sage, haſt Du nie Etwas von meinem verſchollenen älteſten Sohne, meinem Richard gehört?“ 85 „Doch, mein Oheim, ich habe von vielen Seiten darüber reden gehört.“ „Das dachte ich mir wohl. Ach, Marie, ich habe ſehr unrecht gegen den Knaben gehandelt und ich bereue ſchon lange ſchwer meine Tyrannei. Er, der damals noch ein Knabe war,— und was für ein Knabe!— er hat es mir wohl vorausgeſagt, daß dieſe Reue mich einſt erfaſſen würde. Und dieſer Ausſpruch, ſo wunderbar Dir das erſcheinen mag, iſt mir wieder ein Troſt bei meinem jetzigen Schmerze, denn ich fühle, daß ich büßen muß für vergangene Fehler, und daß mich jetzt die Strafe für meine da⸗ malige Härte und meine Vorurtheile trifft. Denn ach! ich glaube wirklich, daß ich in vielen Dingen falſch geſehen, geurtheilt und gehandelt habe. Ich habe es freilich noch Niemandem geſagt, denn ich ſchämte mich vor Jedermann, meinen früheren Irr⸗ thum einzugeſtehen, Dir aber ſage ich es, denn vor Dir ſchäme ich mich nicht, da ich fühle, daß Dein Herz ſo weich und nachſichtig iſt, daß es mir nicht zürnen kann. Nicht wahr, mein Kind?“ Marie verſicherte es ihm mit dankbaren Blicken und indem ſie ſich feſter und inniger an ihn ſchmiegte. „Siehſt Du, ich wußte es wohl. Ja, ich bin ein recht kalter, harter und gefühlloſer Mann geweſen. Warum ich es war, wie ich es ſein konnte, das be⸗ greife ich freilich nicht. Aber ich begreife heute Vie⸗ les nicht, was mir damals ganz leicht zu begreifen ſchien, weil es mir in einem ganz anderen Lichte vor Augen trat. Mag es daher kommen, daß die ganze Welt um mich her ſo merkwürdig verändert iſt ſeit jenen Tagen, oder giebt es einen anderen Grund— genug, es iſt einmal ſo, und es bleibt uns Nichts übrig, als uns mit dieſer Welt ſelbſt zu verändern und beſſeren Einſichten unſer Herz zu öffnen, wie ſie tauſend neuen Erfindungen und Verbeſſerungen ihre Thore geöffnet hat. Und weißt Du, was mich wun⸗ derbar ergriffen und aufgerichtet hat, ja, was mit einem Schlage ſehr viele Vorurtheile, die ich über meinen Stand und Rang in der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft hegte, erſchütterte, untergrub und endlich ſchwin⸗ den ließ? Das war die Erfahrung, die mich jener Hübner gelehrt hat—“ „Hübner!“ rief Marie, plötzlich wie elektriſirt in die Höhe fahrend.„Was hat er Dich gelehrt?“ „Sieh, ſo ein einfacher bürgerlicher Mann ſpringt rein aus edlem Herzen meinem Sohne bei, während mein Sohn, in ſeinem adligen Dünkel, die ganze Welt mit Füßen tritt, mich, ſich und uns Alle zu Grunde richten würde, wenn man ihn gewähren ließe. 87 Von Georg will ich nun gar nicht reden, der iſt für mich und die Zukunft ganz verloren. Seine Geſund⸗ heit hat tief gelitten, o, ich ſehe es ja wohl und Du ſiehſt es auch. Wie lange kann das noch dauern? Irgend ein Zufall wirft ihn aufs Krankenbett, und hin iſt er. Seine Jugendkraft iſt längſt und auf im⸗ mer zerſtört. O, wie dieſe jungen Leute mit Gottes Gaben umſpringen! Es iſt eine Sünde, die ſich an ihnen ſelbſt und an allen den Ihrigen beſtraft.— Weißt Du, ich bin recht neugierig, den Hübner zu ſehen.“ „Warum ſprichſt Du nur jetzt ſo oft von dem Hübner, mein Oheim?“ fragte Marie hocherröthend. „Hat Dir denn ſeine Handlungsweiſe gegen Alfred ſo ſehr gefallen?“ „Ja, mehr, als ich ſagen kann. Ich erwartete nie etwas Gutes für meine Familie von einem ſolchen Menſchen; nun haben ſich aber die Mitglieder mei⸗ ner Familie ſchlecht bewährt und der Rückſtoß bleibt nicht aus, ich muß dieſen Menſchen bewundern im Gegenſatze zu jenen.— Wie alt iſt er wohl?“ „Ich weiß es wirklich nicht, mein Oheim, denn ich habe noch nie an ſein Alter gedacht, als jetzt, da Du danach fragſt.“ „Und er iſt wirklich ein ſchöner Mann?“ 88 Marie nickte, den Kopf an des Oheims Schulter legend. „Und wenn— doch nein, das ſteht mir nicht zu fragen zu— verzeihe mir, daß ich Dich mit Fragen überſchütte, die dieſen Mann betreffen. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich ſo neugierig auf ihn bin. Wenn er doch bald zurückkäme!“ „Ich hoffe es, daß er bald kommt.“ „Ich auch. Aber ſieh, es iſt ſchon ganz dunkel geworden. Wir wollen nach Hauſe gehen. O, es graut mir jetzt vor meinem eigenen Hauſe!“ Und er ſchüttelte ſich vor innerem Froſte, indem er aufſtand, das arme Mädchen an ſeiner Seite feſt an ſich preßte und mit liebevoller Hingebung, wie nur ein Vater ſie hegen kann, Seite an Seite mit ihr den Hügel hinabſchritt. 8 Elftes Aapitel. Die Fürſtenbraut und ein Handarbeiter. Am nächſten Morgen brach die jugendliche Schaar der zeitigen Bewohner von Holzendorf wieder ſehr früh auf, um noch einmal dem Vergnügen der Jagd obzu⸗ liegen. Als man aber nach den Pferden verlangte, die man am Tage vorher geritten, wurde mit Erſtau⸗ nen vernommen, daß dieſelben theils irgend wohin zur Arbeit, theils zur Schmiede im Dorfe geſandt ſeien, um beſchlagen zu werden. „Wer hat das befohlen?“ fragte Junker Georg den Diener, der ihm dieſe unerwartete Nachricht überbrachte. „Der Verwalter, Herr Baron.“ „Sage dem Verwalter, daß er ein Dummkopf iſt und daß ich ihm das beweiſen werde. Platz da!“ Mit dieſen Worten ging der ſich ungemein ſtolz 90 geberdende Junker an dem ſchnell zur Seite ſpringen⸗ den Diener vorbei und begab ſich zu ſeinen Gefähr⸗ ten, ohne ſich weder nach ſeinen Vater noch nach ſonſt Wem zu erkundigen, kochend vor Grimm, daß man den Wünſchen entgegen handle, die der geſtrenge Herr zu hegen für gut befand. Als die Herrn ſämmtlich das Haus verlaſſen hatten, herrſchte eine lange nicht empfundene wohl⸗ thätige Ruhe darin. Jeder freute ſich, friſche Luft ſchöpfen und gehen und thun zu können, wie er zu gehen und zu thun gewohnt war. Niemals hatte man den gnädigen Herrn ſo gütig und freundlich ge⸗ ſehen, wie an dieſem Tage; er ging von einem Ge⸗ bäude zum anderen und ſprach mit jedem ſeiner Leute einige Worte, als wollte er ſie durch dieſe ungewöhn⸗ liche Herablaſſung für die Unbilden ſchadlos halten, die Junker Georg ſie hatte empfinden laſſen. Aber dieſe Ruhe und Zufriedenheit ſollte nur von kurzer Dauer ſein. Die jagenden Herren kamen diesmal ſehr früh zurück, denn ſie hatten ſich auf der Jagd gelangweilt, da ſie kein Wild angetroffen und über⸗ dieß das einförmige Leben, dem ſie wider Erwarten auf dem Gute preisgegeben waren, mit der Zeit un⸗ ausſtehlich zu finden anfingen. Da die Tafel nicht ſo frühzeitig bereitet war, ſo gab es neuen Lärm von 941 Seiten des Junkers Georg, der bei übler Laune war und dieſelbe an Allem und Jedem, was ihm in den Weg trat, ausließ, bis endlich kein Diener mehr in ſein Zimmer wollte, ſo viel er auch klingelte und rief. Endlich beruhigten ihn ſeine Freunde ſelbſt, die einſahen, daß man anfange, läſtig zu werden, und die den Vorſchlag machten, noch an dieſem Tage nach der Reſidenz aufzubrechen. Dieſem Vorſchlage aber widerſetzte ſich der Huſarenoffizier mit Macht, indem er ſagte, er habe noch nicht erreicht, was er zu er⸗ reichen beabſichtigt, und er werde nicht ehe 8. Gut des Vaters verlaſſen, bis die Stunde geſchlagen, die von Anfang an zu ſeiner Abreiſe beſtimmt ſei. So kam denn die Zeit des Eſſens allmälig heran und man begab ſich zur Tafel, ohne auf den Haus⸗ herrn zu warten, der ſeiner Pflicht durch ſein einma⸗ liges Erſcheinen genügt zu haben glaubte und mit Marie allein auf ſeinem Zimmer blieb. Bald erhob ſich wie am vorhergehenden Tage der Lärm des bacchantiſchen Mahles, die Bowle ward mehrere Male hinter einander gefüllt und brachte dieſelbe Wirkung hervor. Außerhalb des Speiſeſaales herrſchte eine tiefe Stille, jeder horchte von ſeinem Verſtecke aus auf das, was dorten vorging, jeder ſehnte die Stunde herbei, wo wiederum Müdigkeit und Erſchlaffung ſich der 92 berauſchten Gäſte bemächtigen würde, um dann wenigſtens eine vorübergehende Ruhe genießen zu können. Die Stunde der Dämmerung war nahe. Der Baron ſchlummerte auf ſeinem Seſſeel. Marie ſaß in ihrem Zimmer mit einer kleinen Handarbeit be⸗ ſchäftigt. Endlich erhob ſie ſich, trat an's Fenſter und öffnete es. Die Luft war ſo lieblich, ſo milde, daß ihr Herz vor Sehnſucht nach einem Spaziergange ſchwoll. O, wie gern wäre ſie nach ihrem Berge ge⸗ eilt und hätte nachgeſehen, ob das Zeichen noch nicht vorhanden wäre, welches die Rückkehr des ſehnlichſt Erwarteten verkündete. Immer drängender wurde das Verlangen, auf ihrem ſtillen Hügel zu ſitzen. Endlich konnte ſie dem Zuge ihres Herzens nicht mehr widerſtehen. Sie fragte einen der Diener, ob die Heerren noch alle bei Tafel wären. Auf die bejahende Antwort beſchloß ſie nicht länger zu zögern und ſchnell den kurzen Weg, der ſie zum Ziele führte, zurückzu⸗ legen. Es wäre doch möglich, dachte ſie, daß Herr Hübner zurück ſei, und dieſer Gedanke beflügelte ihren Entſchluß, machte ihn zur That. Raſch war ſie in ein Tuch gehüllt. Ihren Strohhut ergreifend, befand ſie ſich bald auf dem Felde und lief nun, ſo hurtig ſie ihre Füße tragen konnten, den Hügel hinan, denn 93 es war ihr, als verkünde ihr das klopfende Herz die Rückkehr des Erwarteten. „Aber ſie irrte ſich, wie ſich ſchon manches Herz geirrt, dem ſein Wunſch, ſeine Phantaſie ein ge⸗ liebtes Bild in nächſte Nähe gezaubert. Der grüne Hügel lag einſam wie immer vor ihr, keine be⸗ freundete Hand hatte das verabredete Zeichen auf⸗ geſtellt, nach dem ſie begierig und eilig ſpähte. Bei⸗ nahe traurig über die unerfüllt gebliebene Hoffnung, ließ ſie ſich auf den ſchon etwas feuchten Raſen nieder und ſchaute grübelnd und ſinnend in die Ferne hinunter, die ſich ſchon langſam in ihr abendliches Nebelgewand zu hüllen begann.— Begeben wir uns jetzt an die Tafel der ſpeiſenden Herren, die hier und da in Gruppen auf den Sophas lagen und die Wirkung des genoſſenen Weines in ihren erhitzten Reden ſpüren ließen. Georg hatte eine Weile unter ihnen zugebracht, als ihm plötzlich irgend Etwas einzufallen ſchien und er haſtig den Speiſeſaal verließ. Er begab ſich in das Wohngemach ſeines Vaters und fand daſſelbe leer. Auf Befragen des auf dem Flure beſchäftigten Friedrich's hörte er, der Herr Baron ſei ſpazieren gegangen. „Warum iſt mein Vater nicht bei Tiſche geweſen?“ herrſchte er den ſchon von ſeinem Anblick betroffenen 94 Diener an, denn ſein Geſicht war glühend, ſein Auge entzündet, und ſeine Hände zitterten in fieberhafter Aufregung. „Ich weiß es nicht, Herr Baron!“ „Was ſtarrſt Du mich ſo entſetzt an?“ Der alte Diener ſtand ſprachlos vor ihm und wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Antwort!“ kreiſchte der junge Herr. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten ſoll!“ erwiderte der immer mehr erſchreckende Alte. „Dummes Thier! Man ſteht nicht mit ſo ver⸗ kniffener Miene vor mir.— Man verbeuge ſich!— Nun, wird's bald?“ Der Diener verbeugte ſich, einen ſeltſamen Schauer durch ſeine Gebeine laufen fühlend. „Tiefer!“ Der Diener verbeugte ſich abermals und etwas tiefer als vorher.. „So will ich's haben. Verſteht Er mich? Ein ander Mal hoffe ich, es nicht rügen zu müſſen. Er i*ſt in einer ſchlechten Schule geweſen, Kerl, Er muß noch einmal von vorne zu lernen anfangen. Ich werde Ihn unter mein Meſſer nehmen.“ „Unter Ihr Meſſer?“ ſtammelte der Alte. * 95 „Still geſchwiegen, wenn ein Mann von Aus⸗ zeichnung mit Ihm ſpricht.— Wo iſt meine Couſine?“ „Ach, Herr Baron, ich weiß es nicht.“ „So geh hinaus und bring'mir Beſcheid, wo ſie iſt.“ Der Alte ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er war froh, daß er dem Meſſer des Junkers Georg entſchlüpfen konnte, das er in der Einbildung ſchon ſcharf an ſeiner Kehle ſitzen fühlte. Er ſprang, ſo ſchnell ſeine alten Füße ihn trugen, in die Küche und ſtattete der alten Hanne und einigen Dienern Bericht ab, was ihm ſo eben begegnet war. Man blickte ſich gegenſeitig verdutzt an und wußte nicht, was man ſagen ſollte. Dabei hatte Friedrich vergeſſen, dem jungen Herrn den erwarteten Beſcheid zurückzubringen. Plötzlich erſchien Dieſer mit einem Stocke bewaffnet in der Küche. „Schurken!“ rief er, auf den Erſten Beſten los⸗ ſtürzend,„warum bringt Ihr mir keinen Beſcheid?“ Da ihn aber Alle anſtarrten, als ob ein Geſpenſt unter ihnen erſchienen wäre, ſo fing er an, auf die davon Stäubenden loszuſchlagen. Alles floh, der Eine dahin, der Andere dorthin, nur die alte Hanne, in ein Bild von Stein verwandelt, blieb zitternd vor dem Wütherich ſtehen, denn ihre Füße verſagten Whr in Dienſt. 9 96 „Alte!“ ſagte der junge Mann, plötzlich ſeine Wuth fahren laſſend.„Warum betragen ſich dieſe Menſchen ſo dumm gegen mich? Kennen Sie mich nicht?“ „O, gewiß kennen ſie Sie, Junker Georg!“ lallte die Alte mit kurzem Athem.„Aber ſie ſind nicht ge⸗ wohnt, mit dem Stocke geprügelt zu werden.“ Junker Georg lachte auf eine ganz eigenthümliche Weiſe.„Faßt Euch“, ſagte er,„es war nicht ſo böſe gemeint.— Wo iſt Marie?“ „Auf dem Friedhof wird ſie ſein!“ entfuhr der Alten in ihrer Angſt. „Auf dem Friedhof? Da oben?“ Und er zeigte mit dem Stocke in die Richtung, wo der genannte Ort lag.. „Ja, Herr Baron, dahin geht ſie gewöhnlich, wenn die Dämmerſtunde anbricht.“ „Es iſt gut.“— Und augenblicklich das Haus ver⸗ laſſend und Niemandem ſein Vorhaben verrathend, ſchlug er den Weg nach dem Bergrücken ein, aber er wählte nicht den Fußſteig, den Marie zu gehen pflegte, über die Felder hin, ſondern er verfolgte eiligen Schrittes den Fahrweg, den wir ſchon früher einmal beſchrieben haben.— 3 Narie ſaß ruhig auf ihrem alten Platze. Sie hatte die Hände gefaltet und beobachtete das de 97 der ziehenden Wolken, lauſchte dem fernen Rauſchen des Abendwindes in den Bäumen und mochte dabei in Gedanken bei etwas ganz Anderem ſein, als was ihr jetzt drohte. Plötzlich fuhr ſie zuſammen. Sie hatte einen raſchen Schritt hinter ſich gehört. Auf⸗ ſpringen und ſich umdrehen war das Werk eines Augenblicks, denn wer konnte ihr hier entgegentreten, als der Einzige, um den ſich allein ihre Gedanken drehten. Aber wie erſchrak ſie, wie bebte ſie zurück, als ihr unerwartet die bunte Geſtalt und das verödete Geſicht ihres Vetters entgegentrat.„Georg!“ rief ſie und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. „Ja, ich bin es,“ ſagte Dieſer mit weicher und einſchmeichelnder Stimme.„Ich bin es, Marie, Dein Vetter. Ich habe Dich ſchon geſtern und heute den ganzen Tag vergeblich geſucht. O, warum ließeſt Du Dich von mir nicht finden?“ Marie, dieſe ſo wehmüthig klingende Anrede nicht erwartend, faßte ſich ſchnell. Mit der linken Hand ihre Stirn berührend, als wolle ſie einen darin klopfenden Schmerz gewaltſam zurückdrücken, reichte ſie ihre Rechte dem jungen Manne entgegen und ſagte mit einem eigenthümlichen Tone, den wir bisher noch nie bei ihr gehört haben:„Komm, Vetter, laß uns Baron Brandau. II. 2. 7 98 dort niederſitzen. Da magſt Du mir ſagen, was Du mir zu ſagen haſt.“ In dieſer Stimme lag ein unbeſchreiblich rührender Ausdruck. Es war, als ob eine Mutter zu ihrem Kinde, oder ein wohl geſchulter Wärter zu ſeinem Kranken ſpräche. Auch verfehlte dieſer rührende Aus⸗ druck ſeine Wirkung nicht. Georg folgte willig ihrer führenden Hand und bald darauf ſaß er neben ihr. Aber er ſprach Anfangs Nichts und bewegte ſich auch nicht; ſelbſt ſeine Augen hielt er ſtarr auf das leichen⸗ blaſſe Geſicht des Mädchens gerichtet, deren Augen voll und ganz aufgeſchlagen waren und, mit unwider⸗ ſtehlicher, gleichſam magnetiſcher Kraft begabt, auf den ſeinigen hafteten, als wollten ſie in ihrem Ausdrucke das Buch ſeiner Seele leſen. „Du ſiehſt mich ſo merkwürdig an, Marie,“ begann Georg das Geſpräch,„ſehr merkwürdig, aber es thut wohl. So hat mich lange kein Menſch angeſehen. Wenn Du wüßteſt, wie unglücklich ich bin. Ach, mir liegt Viel auf dem Herzen!“ „So wälze es ab davon, Georg, ſprich es aus; ich höre Dich ruhig an. Vielleicht kann ich Dich tröſten.“ „Wie Du das ſagſt! Wie milde und freundlich! Ach, wenn die Menſchen alle und immer ſo ſprechen wollten! Sieh', ich bin in der That recht unglücklich. Das Schickſal verfolgt mich. Es reißt an meinem gequälten Herzen, daß ich keine Ruhe finde, nirgends, weder hier noch dort. Es treibt mich unſtät von Ort zu Ort, von Stelle zu Stelle. Eine Laſt liegt mir auf der Seele, daß ich immer ſeufzen möchte. Sieh', ſo tief! Was habe ich denn gethan, daß man mich ſo verfolgt?“ „Wer verfolgt Dich denn?“ „O— Viele— die Meiſten! Alle lügen mir Dinge vor, die nicht vorhanden ſind, Alle verlangen von mir, was ich nicht leiſten kann. Ich fühle mich ſchwach.“ „Armer Georg! Doch das wird ſich beſſern. Habe Geduld!“ „Geduld! Ach ja, das habe ich auch ſchon ge⸗ dacht. Aber bald geht ſie mir aus. Ich warte ſchon lange auf Zaretta, der mir eine Botſchaft ſchuldig iſt.— Du kennſt doch Zaretta?“ „Ich kenne ihn!“ ſagte Marie, auf alle ſeine Ge⸗ danken eingehend, ihm niemals widerſprechend. „Alſo Du kennſt ihn? Das dachte ich mir. O, das iſt ein vortrefflicher Menſch. Er hat mich ſehr glücklich gemacht. Seitdem er fort iſt, fehlt mir der rechte Halt meines Lebens.“ 100 „Er wird wiederkommen!“ „Meinſt Du? Ach, nimm meinen Dank für dieſes Wort. Ich hoffe es auch. Und weißt Du, was er mir bringt?“ „Ich ahne es.“ „Richtig, Du haſt Recht, o Du verſtehſt mich. Er bringt mir die Anerkennung des öſterreichiſchen Kaiſers. O, Marie, Dir kann ich es ſagen. Wie wird mein alter Vater ſich freuen! Wie wird er frohlocken, ſeine Familie ſo hoch erhoben zu ſehen! Ein Graf, ein Fürſt zu ſein, das iſt nichts Kleines für einen Menſchen, mein Kind. Schon es zu begreifen, iſt ſchwer. Man muß ſich erſt ſo recht hinein denken, wie ich mich hinein gedacht habe. Unter uns geſagt, Marie, mein Vater war immer etwas ſtolz. Aber er hatte ſeine Gründe dazu— er wußte, daß wir Fürſten⸗ blut in unſeren Adern haben. Nicht wahr?“ „Ich glaube auch.“ „Ja wohl. Und hier, hier auf dieſem Flecke wird bald der Orden prangen. Ein Stern wird dieſe fürſt⸗ liche Bruſt zieren. Und die Reichthümer, die uns dann zu Gebote ſtehen, o, es ſind Millionen! Was meinſt Du, was wir dann anfangen?“ „Wir verwenden ſie ächt fürſtlich, thun viel Gutes—“ „Gutes! Du Engel! Wie Du das ſagſt! Siehſt 101 Du, ich wußte wohl, daß Du mich verſtehen würdeſt, darum ſuchte ich Dich ſo eifrig auf. Aber wohin ziehen wir mit unſerem Gelde? Denn hier iſt es doch zu öde und zu traurig— was meinſt Du, wohin?“ „Wo es ſchön iſt!“ „Richtig, wo es ſchön iſt. O, wie glücklich wollen wir dann ſein! Siehſt Du, ich werde dann Fürſt ſein, den Stern auf der Bruſt tragen, und Du wirſt die Roſe ſein, die an meiner Seite blüht.“ „Es wird ein herrliches Leben ſein!“ „Ein herrliches Leben! Du köſtliches Kleinod! Darf ich Deine Hand küſſen?“ „Küſſe ſie!“ Der Arme beugte ſich über die ſchöne Hand und küßte ſie leidenſchaftlich. Plötzlich fing er an zu weinen, ohne die Hand los zu laſſen.—„Wenn ich Dich doch einmal umarmen könnte, Dich küſſen dürfte — mir würde ſo wohl, ſo unendlich wohl ſein!“ ſeufzte er. „Küſſe mich,“ ſagte Marie mit einer Faſſung und Ruhe, die ihr geſtähltes Herz, ihren unerſchütterlichen Entſchluß verrieth, auf alle Gedanken des Unglücklichen einzugehen. Georg öffnete ſeine Arme und drückte das Mädchen hinein, das wehrlos an ſeiner Bruſt ruhte. Sie ließ es geſchehen, nicht wie ein Opfer, das 102 ſich in ſein Schickſal ergeben hat, ſondern wie eine Prieſterin, die, ihrem Berufe getreu, mit bewußter Selbſthingabe einzig und allein den Willen Gottes erfüllt. „Deine Lippen ſind kalt,“ fuhr Georg fort,„wie kommt das?“ „Mich friert. Die Abendluft thut mir nicht wohl.“ „O! Wollen wir nach Hauſe gehen?“ „Wenn ich Dich darum bitten dürfte—“ Georg ſtand auf. Es ſchien ihm etwas ſchwer zu werden. Seine Füße waren wie an den Boden gefeſſelt. Marie blickte auf ihn hin und erkannte ſeine Ermattung.„Soll ich Dich führen?“ fragte ſie leiſe, gleichſam bittend. „Ja!“ hauchte Georg hervor, denn ſeine Aufregung war gänzlich vorüber und ſeine Erſchöpfung nahm ſicht⸗ bar jeden Augenblick zu. Er legte ſeinen Arm in den Mariens und ſtützte ſich ſchwer darauf, beinahe ſchwerer, als das zarte Geſchöpf es ertragen konnte. Dabei ſenkte er den Kopf auf die Bruſt, ſeufzte zuweilen laut und holte beſchwerlich Athem. „Biſt Du müde?“ fragte Marie hriinehmend „Sehr!⸗ „So ſtütze Dich feſ auf mich— ich bin ſtark“ 5 Eine Weile ſchritten ſie ſchweigend dahin, aber 103 ſehr langſam, denn Georg konnte ſich kaum auf den Füßen halten. Marie unterſtützte ihn mit allen ihren Kräften, bald aber fing ihr das Gehen auf dieſe Weiſe an beſchwerlich zu werden. Sie hob die Augen empor und maaß die Strecke, die ſie noch zurückzulegen hatte. Es lag noch ein bedeutender Raum zwiſchen ihr und dem Schloſſe. Die Dämmerung war unter⸗ deß herabgeſunken und hüllte die Gegend in ihr düſteres Abendkleid ein. Man konnte entferntere Gegenſtände nur noch in ihren allgemeinen Umriſſen unterſcheiden. Da ſtand der unglückliche Mann mit einem Male ſtill. Die Kräfte ſchienen ihn gänzlich zu verlaſſen. Er lehnte ſich ſchwer gegen Marie, die hülfeſuchend rings umherblickte. „Kannſt Du nicht weiter?“ fragte ſie ſanft. „Geduld!— Warte ein Wenig. Mir iſt ſchwindelig. Marie ſtrich mit ihrer Rechten über ſein bleiches Geſicht. Es war mit kaltem Schweiße bedeckt. Als ſie ſo rathlos ſtand, däuchte es ihr plötzlich, als ob ſie Jemand ihren Namen rufen höre. Sie blickte in die Richtung, woher der Schall kam. Es war in der That ein Mann, der, ihren Namen noch einmal rufend, vom Parke eilig daherlief. „Nimm Dich zuſammen!“ ermuthigte Marie den 104 Zuſammengeſunkenen—„es kommt ein Stärkerer als ich bin.“ Der Laufende kam raſch näher. Schon traten ſeine Umriſſe deutlicher aus dem Abendnebel hervor. „Millinger!“ rief plötzlich Marie, den Schatten er⸗ kennend und vor Freude aufjauchzend, und einen Augenblick ſpäter ſtand er an ihrer Seite, auf Georg und ſie einen ſeltſamen Blick werfend, als wolle er aus dem Zuſammenſein dieſer Beiden auf den Grund ſchließen, der ſie zuſammengeführt. Der Arzt war ſchon am Mittag dieſes Tages bei ſeiner Familie in Holzendorf eingetroffen und wollte ſich ſogleich zum Baron nach dem Gute begeben, um von dem Erfolge ſeiner Reiſe Bericht abzuſtatten. Da hörte er aber von der Anweſenheit Georg's und ſeiner Freunde. Das machte ihn in ſeinem Entſchluſſe wan⸗ kend. Endlich gegen Abend konnte er nicht länger von dem alten Herrn fern bleiben, er beſchloß, ihn von ſeiner Rückkehr benachrichtigen zu laſſen, um dann zu handeln, wie der Baron es für gut halten würde. Als er aber auf dem Gutshofe anlangte und denſelben ſtill, ſtiller ſogar als ſonſt fand, trat er in’s Haus. In demſelben Augenblicke kam der Baron vom Garten herein und hörte von der athemloſen Hanne, was vorgefallen war. Den Arzt ſchnell mit ſich hinaus⸗ 105 ziehend und ihn vom Parke aus nach der Anhöhe ſendend, während er ſelbſt den Weg einſchlug, den Georg genommen, trennte er ſich wieder von ihm, alles Weitere der Unterhaltung am Abend überlaſſend, denn es grauete ihn, zu denken, daß Marie, ſein Augapfel, mit dem für trunken gehaltenen Sohne allein auf dem Felde ſei. So traf der Arzt die Ge⸗ ſuchte, freilich in einer anderen Verfaſſung, als er er⸗ wartet hatte. Schnell raunte ſie dem Freunde einige Worte zu und deutete mit dem Auge auf den Kranken an ihrer Seite, ſo daß Millinger, wie von einer inneren Eingebung erleuchtet, wenn auch nicht Alles, doch die Hauptſache begriff. Er nahm ihr die Laſt des jungen Mannes ab und führte ihn, der nichts mehr ſprach, in den Garten und das Haus zurück, wo ſehr bald einige Diener herbeigerufen wurden, die den Ermatteten entkleideten und in's Bett brachten. Während dieſer Zeit war auch der Baron wieder zurückgekehrt, der im Fluge, ſo raſch er es vermocht, den ganzen Weg durchlaufen hatte, aber ſogleich be⸗ ruhigt wurde, als er den Arzt bei Marien fand. Im Hauſe war Alles wunderbar ſtill. Einige der trinkenden Herrn ſaßen noch im Speiſezimmer, ſich geräuſchlos unterhaltend, während ein Theil derſelben 106 in ihren Betten lag, den Rauſch auszuſchlafen, dem ſie ſich alle Tage hinzugeben gewohnt waren. Im Zimmer des Barons aber ſaß dieſer, Marie und Doktor Millinger zuſammen, das Zunächſtliegende zuerſt beſprechend. Marie theilte dem Oheim in Kürze mit, wie ſie Georg überraſcht und daß er ruhig mit ihr geſprochen, verſchwieg ihm aber aus ſchonendem Zartgefühl, was der Gegenſtand dieſes Geſprächs ge⸗ weſen war, jedoch behielt ſie ſich vor, am nächſten Tage dem Arzte ihre ganze Seele aufzuſchließen und auf dieſe Weiſe ſich von der ungeheuren Laſt zu be⸗ freien, die ſie faſt erdrückte. Hören wir nun das Geſpräch mit an, welches zwiſchen dem Baron und dem Doktor ſtattfand, denn Marie beſchäftigte ſich nur als ſtumme Zuhörerin dabei. Faſt erſchöpft von dem überſtandenen Schreck, der Aufregung und dem unheilvollen Bewußtſein, welches ihr jetzt vollkommen klar vor die Seele ge⸗ treten, ſaß ſie ſtill in der Ecke auf dem Ruheſeſſel des Oheims, nur Augen und Ohren den Beiden zu⸗ wendend, denn was ſie hörte, war ſo bedeutungsvoll für ſie ſelber und den alten Baron, daß ſie darüber bald wieder die trübe Geſtaltung der Gegenwart vergaß. Im Ganzen war die Miene des Arztes eine zu⸗ friedene und gab zu ſchlimmen Vermuthungen keinen 107 Anlaß. Er war zwar bewegt, als er dem alten Baron gegenüber ſaß und ihm ſagen ſollte, was er gewiß nicht Alles erwartete, aber ſein Geſicht ſprach die Be⸗ ruhigung aus, daß der Zweck ſeiner Reiſe ſo ziemlich erreicht worden ſei. „O, Doktor, was ſind das für Geſchichten!“ ſagte der Baron, als ſein Bericht über den unverhofften Beſuch Georg's und ſeiner Begleiter zu Ende war. „Was haben wir hier erlebt! Gott ſei Dank, daß ſolche Tage auch vorübergehen!“ „Die Stunde läuft auch durch den rauhſten Tag, ſagt der Dichter,“ entgegnete der Arzt,„und er hat ſehr wahr geſagt. Alſo morgen früh gehen ſie wieder von hier fort?“ „Ja, Gott ſei Dank! Nun laßt mich aber nicht länger in der Schwebe. Erzählt mir, was Ihr er⸗ lebt, denn Ihr werdet auch eine rauhe Stunde durch⸗ laufen haben.“ „Sogar ihrer mehrere! Aber auch ſie ſind zum guten Ende gelaufen und Alles hat ſich beſſer geſtal⸗ tet, als es den Anſchein hatte.“ „Alſo wirklich! Gott ſei gelobt! Das iſt noch ein Troſt.— Nun, wie kamt Ihr denn nach der Reſidenz? Erzählt!“ „Ich kam gut und ſchnell genug hinüber, dafür 4 108 ſorgte die treffliche Locomotive, der ich mich zum erſten Male in meinem Leben überließ. Ich kam Mittags in der Reſidenz an und mein erſter Gang war zu unſerem guten Scheitler. Ich traf ihn zwar nicht allein, indeſſen war Jemand bei ihm, vor dem ich nichts zu verbergen hatte.“. „Wer war das?“ fragte der Baron aufhorchend. „Herr Hübner!“ ſagte der Doktor mit einem ge⸗ wiſſen Nachdruck und heftete einen durchdringenden Blick auf den alten Baron. Marie erhob ſich bei dieſem Worte, als wollte ſie genauer ſehen und hören, aber ihr Blick entfernte ſich nicht von dem Geſichte des Arztes, deſſen Miene un⸗ verkennbar einen gewiſſen Aahelhnißvollen Anflug an⸗ genommen hatte. „Hübner!“ wiederholte der Baron.„Alſo er war da?— Und was that er bei dem Scheitler?“ „Er unterredete ſich mit ihm über die Erfolge, die ſeine Bemühung gehabk, einen Schurken, den er entlarvt, zu entdecken, und einen Betrogenen, den er troſtlos gefunden, wieder aufzurichten.“ „So! Hat man den Schurken wieder?“ „Nein, leider iſt er entwiſcht. Bis jetzt iſt noch keine Spur von ihm aufzufinden geweſen, aber die Behörden forſchen überall nach ihm.“ 4 109 „Mögen ſie ihn finden und zermalmen!— Was ſagte Scheitler?“ „Scheitler war wegen des überſandten Geldes zufrieden und verſprach es nach Ihrem Willen zu verwenden.“. „Sagtet Ihr ihm, daß es das Geld meines Ri⸗ chard ſei?“ „Ja, das ſagte ich ihm.“ „Aber der Hübner hat doch nichts davon gehört?“ Der Arzt ſchwieg; er beſann ſich, was er ſagen ſollte. Endlich ſagte er offen und ehrlich:„Ja, er hörte es mit an und das müſſen Sie mir verzeihen. Denn der vortreffliche Mann hat mehr zu Ihrem und Ihres Sohnes Beſten gethan, als Sie ſich vorſtellen können.“ „So! Nun weiter.“ „Der Bankier verſprach die Summen ohne Abzug nach den eingelaufenen Wechſeln und Rechnungen zu zahlen.“ „Reichte das Geld, welches ich Ihnen gegeben?“ „Das war noch nicht ganz entſchieden, als ich ab⸗ reiſte. Denn es laufen noch ſtündlich ganz erkleckliche Poſten ein und Ihr Sohn Georg hat das Meiſte verausgabt.“ „Hm!“ machte der Baron. 110 „Wir hofften aber, daß Ihres verſchollenen Soh⸗ nes Vermögen das verſchwendete Gut ſeiner Brüder decken werde!“ ſagte der Arzt mit deutlichem Nachdruck. „Ich hoffe es auch!“ murmelte der Baron ſchwer⸗ müthig, ohne auf den Nachdruck, mit welchem jener geſprochen, zu achten.— Der Betrogene aber, was machte der?“ „Er war auf freiem Fuße geblieben. Die Bürg⸗ ſchaft Herrn Hübnerss war angenommen worden.“ „Hübner hat ſich alſo wirklich für ihn verbürgt?“ „Ja, Herr Baron, das hat er gethan.“ „Aber was hat der Menſch für ein Intereſſe an uns?“ „Ein rein menſchliches wahrſcheinlich, denn Herr Hübner iſt ein edler Menſch, wie ich Ihnen ſchon oft geſagt.“ „Seltſam, ſeltſam!“ ſagte der Baron für ſich, während ſich Maries bleiches Geſicht allmälig mit roſigerer Gluth färbte und ihre Augen immer glänzen⸗ der durch den Raum funkelten, der ſie von den Männern trennte. „Die ſofort angeſtellte Unterſuchung hat vollkom⸗ men klar ergeben, daß Alfred von Brandau allein von den Netzen des angeblichen Grafen umſtrickt, keiner Weiſe aber der Theilnehmer ſeiner Berügreeie war. Er hat ſeine Ausſagen eidlich erhärtet und 111 man hat ihm geglaubt. Herr Hübner hat ſolche Be⸗ weiſe aufzubringen verſtanden, daß das ganze Trug⸗ geſpinnſt des Entflohenen aufgedeckt vor den Augen der Behörden lag.“. „Alſo von der Seite iſt Nichts mehr zu befürchten?“ „Nichts mehr, die Sache iſt ſo gut wie abgethan; und Ihr Name, Ihre Familie ſteht ohne Flecken vor aller Welt.“ „Das lohne ihm Gott— ich kann es nicht!“ „Ohne Zweifel wird das Gott thun, Niemand hat gerechtere Anſprüche auf ſeine Belohnung als jener edle Mann, den ich in Ihrem Namen an mein Herz geſchloſſen und Ihre Freundſchaft überbracht habe.“ „Da habt Ihr meine Hand, Doktor, zum Zeichen meiner vollkommenen Uebereinſtimmung. Bei meiner Ehre, daran habt Ihr wohl gethan.— Wann kommt der Mann zurück, daß ich ihn ſehe, ihm danke?“ „Sobald Alfred die Möglichkeit vor ſich ſieht, den Plan auszuführen, zu welchem ihn Herr Hübner be⸗ redet hat. Wenn Sie Ihre Einwilligung zu dieſem Plane geben, ſo ſchreibe ich noch heute nach der Re⸗ ſidenz und Herr Hübner kehrt ſogleich nach dem Kupfer⸗ hammer zurück.“ „Was für ein Plan iſt das?“ fragte der Baron, von Neuem beſtürzt und dabei nicht bemerkend, daß 112 Marie ſich athemlos erhoben hatte und nun mit wogender Bruſt dicht hinter ſeinem Stuhle ſtand. Denn die Hoffnung, Hübner bald wieder zu ſehen, hatte auf ſie gewirkt, wie das Erſcheinen der Sonne auf eine verſchloſſene Blüthe im Monat Mai wirkt. „Das muß ich etwas genauer beleuchten,“ ſagte etwas langſam der Doktor und ſeine Stimme zitterte merklich dabei.„Was ich Ihnen jetzt zu berichten habe, Herr Baron, muß Sie nicht beſorgt machen, nicht ängſtlich ſtimmen, ich wiederhole es, auf mein Wort, das Ende iſt gut, wenn auch der Anfang nicht ſonderlich klingt.“ „Was werde ich hören müſſen!“ ſeufzte der Baron. Der Arzt gab Marien einen leiſen Wink mit der Hand und dieſe kehrte wieder auf ihren vorigen Platz zurück.„Von Herrn Scheitler,“ fuhr er in ſeiner Er⸗ zählung fort,„begab ich mich in Begleitung Herrn Hübners in die Wohnung Alfredss. Es war dies nicht mehr ſeine frühere in dem Hauſe, welches er mit Zaretta gemeinſchaftlich bewohnte, ſondern eine kleinere, behaglichere, in welche den Kranken zu führen Herr Hübner unternommen hatte.“ „Immer derſelbe, immer Hübner und wieder Hüb⸗ ner!“ murmelte der Baron für ſich. „Dort fand ich den armen Baron in einer traurigen 113 Lage. In Folge ſeiner Krankheit, die mehr moraliſchen als leiblichen Urſprungs war, ſah er bleich, abgemagert und verdüſtert aus; man las auf ſeinem Geſichte deut⸗ lich die ſchrecklichen Erfahrungen, die er in den letzten. Tagen gemacht hatte, aber— denn ich will Ihnen Alles ſagen und Nichts verſchweigen, Herr Baron— eine Veränderung zum Guten nahm ich doch ſogleich an ihm wahr: ſein übermäßiger Stolz und Hochmuth, den er früher auf eine ſo erbitternde Weiſe gegen ihm entfernter ſtehende Leute, namentlich gegen Dienende blicken ließ, war aus ſeinem Weſen verſchwunden. Die Demüthigung, die er durch dieſen gemeinen, ſlavoniſchen Juden erfahren, den er für einen Grafen gehalten, war durchſchlagend geweſen und hatte ſein ſteinernes Herz menſchlich erweicht. Aber Das war noch nicht die ganze Wirkung, ſie drang noch tiefer. Er fühlte ſich von aller Welt ausgeſtoßen, der Ver⸗ achtung Aller preisgegeben und ſich ſelbſt unwürdig, ferner mit und unter ſeines Gleichen zu leben. Die Reue, die ihn durch und durch erſchüttert, war ſo groß, daß er glaubte, niemals im Stande ſein zu können, den Flecken von ſeiner Ehre abzuwaſchen, den er ſich ſelbſt durch die Befriedigung ſeiner niedrigen Leidenſchaften zugezogen. K ſchämte er ſich vor aller Welt, am maiſten or Ihnen und vor ſich „ Baron Brandau. II. 114 ſelber, Herr Baron. Er glaubte nicht mehr würdig zu ſein, vor Ihr Angeſicht zu treten, denn er hatte, ſeiner Meinung nach, Ihren Namen zugleich mit dem ſeinigen geſchändet.“ Der Baron ſaß, leiſe mit dem Kopfe nickend, vor dem Erzählenden, ſprach aber kein Wort. „Dieſe vielleicht übermäßige Selbſterniedrigung, die in ſo ſeltſamem Widerſpruche mit ſeiner früheren Ueberſchätzung ſtand, hatte allmälig einen größeren Umfang und eine traurigere Geſtalt angenommen, ſo daß ſie zuletzt alles Maaß zu überſchreiten drohte. Alfred hatte das Leben, wie es ſich ihm geoffenbart, gering zu ſchätzen begonnen, es wurde ihm allmälig eine Laſt, deren ſich zu entledigen dem bedrängten Herzen oft ein Gewinnſt erſcheint.“ „Was!“ ſchrie der Baron.„Wollte er etwa ein Selbſtmörder werden? Der fehlte mir noch in meiner Familie!“ „Er wäre es vielleicht und ſogar wahrſcheinlich geworden, wenn nicht zur rechten Zeit Hülfe gekommen wäre. Es geſchah Dies gerade an dem Tage, als ich ihn zum erſten Male beſuchen wollte. Herr Hübner führte mich alſo in Alfred's Wohnung. Wir traten in ein kleines Vorzimmer, welches der Diener verlaſſen hatte, den Hübner zur flegung und Aufwartung des Kranken hierhergeſetzt. Das fiel dem aufmerk⸗ ſamen Manne ſchon auf. Die Thür, die in Alfred'ss Zimmer führte, war verſchloſſen. Das erregte oder vermehrte ſeinen Verdacht. Er pochte, er rief— aber vergebens. Endlich erfaßte Herrn Hübner eine ahnungs⸗ volle Beklommenheit. Mit ſeiner gewaltigen Kraft brach er die Thür ein und ſtürzte mit mir in das Zimmer des Kranken. Es war die höchſte Zeit. Wir fanden ihn außer dem Bette, todtenbleich und erſchrocken, in dem traurigſten Schritte, den ein Menſch im Leben begehen kann, unterbrochen zu ſein. Die von ihm ſchon halb geladene Piſtole lag auf dem Tiſche und allein die Schnelligkeit, mit der Hübner die Thür ein⸗ gedrückt, hatte ihn an der Ausführung ſeines ſchreck⸗ lichen Planes gehindert. Mit einer Sanftmuth und Ueberredungskunſt, die ich meinem Freunde nicht zu⸗ getraut, und die eben ſo wohl in ſeinem herzlichen Blicke, ſeiner lebensvollen Erſcheinung wie in ſeinen Worten ſich ausſprach, wandte er ſich nun an Alfred und ſtellte ihm in meiner Gegenwart das Unheil vor, welches er über ſich ſelbſt, ſeine Familie und ſeinen ehrlichen Namen für alle Zeiten durch die Handlung habe bringen wollen, deren Vorbereitung wir vor Augen hatten.— Doch was ſoll ich viele Worte über das edle Benehmen Hübner's machen! Genug, er gab 116 zu, daß ſein bisheriges Leben allerdings ohne allen Werth geweſen, er bewies ihm aber auch, daß er ein ferneres vor ſich habe, welches jenes vergeſſen machen könne. Nicht Stand und Herkommen mache den Menſchen edel und glücklich, ſondern allein das Ver⸗ dienſt, welches er ſich durch die Anwendung und Ver⸗ vollkommnung ſeiner Fähigkeiten, durch ſeinen Fleiß und ſeiner Hände Arbeit erwerbe. Darauf erzählte er ihm mit kurzen eindringlichen Worten ſein eigenes Leben, wie er durch eine bittere Schule des Duldens und Lernens gegangen, wie er allein durch Nachden⸗ ken und Arbeit ſich von einer niedrigen Stufe zu einer höheren emporgegeſchwungen, wie er durch den Se⸗ gen, den das Bewußtſein einer ſchweren Pflichter⸗ füllung verleiht, ein gewaltigerer und beſſerer Mann geworden, als er ohne jene Arbeit es jemals hätte werden können. Wollen Sie daher arbeiten und arbeiten lernen, denn bis jetzt verſtehen Sie nichts davon, ſchloß Herr Hübner ſeine Rede, ſo will ich Derjenige ſein, der Ihnen die Wege dazu bahnt und die Mittel dazu bietet. Ich habe in England eine Fabrik, auf der ich einen Mann, wie Sie ſind, ge⸗ brauchen kann. Was Sie da zu thun und zu lernen haben, werden Sie erfahren, ſobald Sie meinen An⸗ trag anzunehmen entſchloſſen ſind. Die Stelle wird 117 Ihnen übrigens genügenden Lebensunterhalt bieten; ich ſelbſt hatte weniger, als ich zu arbeiten begann; mit der Zeit aber wird ſie Ihnen lohnendere Früchte tra⸗ gen und Sie können von einer Stufe zur anderen emporklimmen, bis Sie endlich auf einer ähnlichen ſtehen werden, welche Sie mich ſelbſt jetzt einnehmen ſehen. Wollen Sie das?“ „Ich will Alles,“ erwiderte er,„was mich beſſern und über die erbärmliche Meinung erheben kann, die ich jetzt von mir ſelbſt habe, aber mein Vater— was wird der ſagen, und wird er mir abermals die Mittel bewilligen, die ich für die neue Lebensſtellung ge⸗ brauche?“ „Macht Ihnen der gute Mann, Ihr Vater, noch irgend eine Sorge?“ fragte Herr Hübner.„Haben Sie nicht Gelegenheit genug gehabt, den Edelmuth und die Selbſtaufopferung dieſes Mannes von Grund aus kennen zu lernen? Glauben Sie, daß er ſich ernſtlich Ihrem Vorhaben widerſetzen wird, wenn er be⸗ greift, daß er Ihnen damit allein Leben und Ehre erhalten kann? O, wie wenig kennen Sie Ihren ſo vortrefflichen Vater!“ „Was,“ rief der Baron, von ſeinem Stuble auf⸗ ſpringend,„das hat dieſer Menſch Alles von mir geſagt? Woher weiß er das?“ 118 „Das denkt er ſich,“ ſagte ruhig der Arzt,„denn Hübner denkt von allen Menſchen Gutes, ſobald ſie ihm nicht Gelegenheit gegeben haben, das Gegentheil davon anzunehmen.“ „Ich habe ihm aber weder Gelegenheit zu dem Einen, noch zu dem Anderen gegeben— ich kenne ihn ja gar nicht.“ „Aber er kennt Sie vielleicht— wer weiß das!“ „O!— Nun endigen Sie Ihre Erzählung. Was ſagte mein Sohn zu dem Vorſchlage dieſes— dieſes Mannes?“ „Er nahm ihn an, nachdem ihm Herr Hübner erklärt, nicht ſein Vater, ſondern er ſelbſt übernähme die Herbeiſchaffung der Mittel zu ſeiner neuen Lebens⸗ ſte llung, da er ja in ſeinen Dienſt trete, das heißt: er nähme ihn unter der Bedingung an, daß Sie Ihre Einwilligung zu dieſem Schritte gäben.“ „Warum kommt er nicht ſelber, um ſich dieſe Einwilligung zu holen, die ich ihm von ganzem Her⸗ zen gebe?“ „Verzeihen Sie ihm, Herr Baron, er ſchämt ſich, vor Ihr Angeſicht zu treten. Er will erſt Ihr Auge wieder ſchauen und Ihre Hand wieder berühren, wenn er Ihre Liebe verdient hat— ſo ſagte er mir ſelber.“ — Der Baron preßte beide Hände vor ſeine Augen, um damit zwei Thränen zu verwiſchen, die langſaem ſeine Wangen hinabrollten.„Ich bin es zufrieden,“ ſagte er hohl und reichte dem Doktor die Hand.„Ich danke Ihnen. Und wann wird mein Sohn die Reiſe antreten?“ Sobald die Unterſuchung über ſeine Verbindung mit dem angeblichen Grafen Zaretta beendigt ſein wird. So lange muß er natürlich in der Reſidenz bleiben. Herr Hübner wird von Zeit zu Zeit dahin reiſen und ſich von ſeinem Befinden unterrichten, denn er hat häufig in eigenen Angelegenheiten in der Re⸗ ſidenz zu thun. Auch wird er, was an ihm liegt, jene Unterſuchung ſo viel wie möglich zu beſchleuni⸗ gen ſuchen. Darf ich alſo noch heute an ihn ſchrei⸗ ben und ihm Ihre Einwilligung zu Alfred's neuem Unternehmen eröffnen?“ „Ja, ja, ſchreiben Sie an ihn! Grüßen Sie ihn von mir. Sagen Sie ihm, ſein erſter Gang, wenn er nach dem Kupferhammer kommt, ſoll zu mir ſein, ich werde ihn mit offenen Armen empfangen und den Segen, den er über mich und mein Haus gebracht hat, in meinen Augen leſen laſſen.“ Der Arzt war bei dieſen Worten von ſeinem Stuhle aufgeſtanden und hatte den mit weichem Tone 420 redenden Baron mit inniger Theilnahme angeſchaut. Es lag etwas unbeſchreiblich Rührendes in dieſem Blicke, eine innere Befriedigung, die man nur dann empfindet, wenn man das Ziel eines jahrelangen Strebens erreicht hat und nichts Störendes mehr zwiſchen ſeinem Wollen und Vollbringen ſieht. Eine halbe Stunde ſpäter ſaß Doktor Millinger vor ſeinem Schreibtiſch in Holzendorf und vollendete den Brief, den ſowohl Herr Hübner wie Alfred mit heißer Sehnſucht erwarteten. Im Hauſe des Barons aber wurde trotz der Anweſenheit der unruhigen Gäſte einmal eine ruhige Nacht verlebt, der Baron ſchlief feſt und träumte zum erſten Male in ſeinem Leben, daß der Fluch, der ſo lange Jahre auf ſeiner Familie gelaſtet, von ihr genommen ſei und, wunderbar ge⸗ nug, durch einen Mann, der, was vor kurzer Zeit noch ein undenkbarer Fall in der Vorſtellung des ſtolzen Herrn geweſen, durch ſeiner Hände Arbeit Das erworben hatte, was des reichen Edelmannes Söhne mit allen ihren Mitteln und Vorzügen nicht zu be⸗ wahren im Stande geweſen waren. Lwälftes Anpitel. Ein grüner Zweig am alten Lebensbaume. Als die nächſte Morgenſonne ſich über die Wipfel des Parks von Holzendorf erhob, herrſchte eine unge⸗ wöhnliche Ruhe auf dem weiten Gehöfte und in den Räumen des Herrenhauſes. Die unruhigen Gäſte, welche drei Tage darin gehauft und Jedermann läſtig gefallen waren, hatten das Gut verlaſſen, und keine Spur ihres Daſeins war geblieben, als einige Ver⸗ ödung in Keller und Küche, eine bald beſeitigte Un⸗ ordnung in den Zimmern, welche ſie bewohnt, und die Erinnerung an ihr wüſtes, auf dem friedlichen Holzendorf nie erlebtes Treiben. Georg war von ſei⸗ nem Vaterhauſe geſchieden, ohne irgend Jemandem ein Lebewohl zu ſagen, wie er ohne Anzeige ſeines Beſuches gekommen war. Ein ſo befremdliches Thun, früher unerhört in der Familie des Barons, fiel jetzt X 2 8 122 Niemandem mehr auf, Alle waren daran gewöhnt, das Seltſamſte, was ſie je in dem Hauſe ihres Herrn erfahren, von den Söhnen deſſelben zu erwarten, die alles Schlimme, was in ſeinem früheren rauhen We⸗ ſen gelegen, zu maaßloſer Höhe geſteigert, von ihm geerbt, dabei aber keine ſeiner guten Eigenſchaften mit empfangen hatten. Alle ſogar waren froh, daß der früher ſo vergötterte Sohn, der liebenswürdige Junker Georg, geſchieden war, und ſie dankten dem Himmel, daß ſie, ohne größeren Schaden zu nehmen, mit dem bloßen Schrecken davon gekommen waren. Marie war unmittelbar nach dem Frühſtücke, das ſie gemeinſchaftlich mit dem Oheim eingenommen, nach dem Dorfe gegangen, um ihrem Freunde, dem Arzte, einen Beſuch abzuſtatten. Nicht allein das herrliche Septemberwetter, auch ein innerer gährender Trieb hatte ſie zu dieſem frühen Gange bewogen, denn ſie wollte ihr Herz frei machen von jedem Kum⸗ mer, bevor ſie es ganz der Freude öffnete. Doktor Millinger war zu Hauſe und ſpazierte bald mit Ma⸗ rien in ſeinem Gärtchen auf und ab, von Georg redend, oder vielmehr ihre Ausſagen über ihn bedäch⸗ tig anhörend. Weniger, als man hätte vermuthen ſollen, war er über ihre Mittheilung erſtaunt, obwohl im Innerſten ergriffen über das neue und unerwartete I. Unheil, welches über das Haupt des ſo ſchwer ge⸗ prüften Vaters hereinbrechen ſollte. Wenn er aber auch als Arzt im Stillen kaum zweifelte, daß Marie's Beobachtungen richtig ſeien, denn er traute ihr Scharf⸗ blick genug und eine durch lange Erfahrung beinahe ſachkundig gewordene Einſicht zu, ſo widerſtand es doch ſeinem Gefühl als Menſch, gleich das Aergſte anzunehmen, was man an einem ſeines Gleichen, der uns ſo nahe ſteht, auf dieſer Welt erleben kann. Das Geſpräch über dieſen traurigen Gegenſtand hatte ſchon eine ziemliche Weile gedauert, als es auf einen angenehmeren überging. Marie fing an von Herrn Hübner zu ſprechen und überlegte mit Millin⸗ ger, wann derſelbe füglich zurückzuerwarten ſei. Der Arzt rechnete aus, daß ſein geſtriges Schreiben um Mittagszeit des gegenwärtigen Tages in der Reſidenz ankommen, alſo einige Stunden ſpäter in Hübners Händen ſein und ſogleich Alfred von Brandau mitge⸗ theilt werden würde Daraus ging ziemlich ſicher hervor, daß Hübner ſeine Geſchäfte den nächſten Tag ordnen, mit Alfred über mancherlei Dinge die nöthige Rückſprache nehmen und dann am naächſtfolgenden nach dem Kupferhammer zurückkehren werde. „Alſo übermorgen kommt er!“ jubelte Marie im innerſten Herzen, und ihre Blicke und Wangen ſpra⸗ * 124 chen dieſen Jubel auch ſichtbar aus.„O, gieb mir ſo lange das Leben, mein Gott, daß ich dies Glück von Herzen empfinden kann,“ fügte ſie im Stillen hinzu.—„Wie kommt es aber eigentlich,“ fragte ſie endlich laut,„daß Herr Hübner ein ſo großes In⸗ tereſſe an den Söhnen des Barons, meines Oheims, nimmt?“ „Sie fragen mich? Iſt das Intereſſe an Ihrer Perſon nicht groß genug, um es auf die ganze Fa⸗ milie des Barons zu übertragen?“. Marie ſenkte erröthend den Kopf.„Ja,“ ſagte ſie,„es mag dies theilweiſe ſo ſein, aber ich dachte mir ſchon oft, es müſſe ihn noch ein anderes Intereſſe an den Baron knüpfen.“ „Wie kommen Sie auf dieſen Gedanken?“ fragte der Arzt mit ſeitwärts gewandtem Kopfe. „Sie würden mir das kaum glauben, wenn ich es Ihnen ſagen wollte, und doch iſt es in der Wahr⸗ heit begründet. Sie wiſſen, ich betrachte genau d Mienen und Blicke der mit mir verkehrenden Men ſchen, denn man hat mich das in meiner Jugend lernen laſſen, bis es endlich zur Gewohnheit und zweiten Natur bei mir geworden iſt.“ „Nun?“ fragte der aufmerkſam horchende Arzt. „Da habe ich denn von meinem kleinen Talente 125 Gebrauch gemacht und auch Sie ein Wenig ſtudirt, lieber Doktor. Sie verbergen meinem Oheim offen⸗ bar irgend Etwas, was ich ſelbſt noch nicht durch⸗ ſchauen kann—“ Der Arzt betrachtete das kluge Mädchen mit ſei⸗ nem tiefforſchendſten Blicke. Sie hatte ihre Augen voll gegen ihn aufgeſchlagen, was ſie ſo ſelten that, und ſchaute in die ſeinigen fragend, prüfend und ſiegreich hinein, wie ſich der Arzt insgeheim ſelbſt ge⸗ ſtehen mußte. „Nein!“ ſagte er endlich feſt und mit ſichtbarer Selbſtüberwindung,„Sie irren ſich diesmal. Das Intereſſe, welches Herr Hübner an Ihnen nimmt, iſt allein groß genug, um ſein Intereſſe an der ganzen Familie auf den höchſten Grad zu ſteigern.“ „Iſt das wahr?“ „Sollten Sie daran zweifeln?“ Marie drückte dem Doktor die Hand und legte ih⸗ ren zierlichen Zeigefinger auf den roſigen Mund. So ſah ſie ihn lächelnd und bittend an und er nickte ihr von ganzem Herzen die Beſtätigung ſeiner Ausſage zu. Nach etwa einer Stunde aber kehrte ſie, von einer ſeiner Töchter eine Strecke begleitet, nach dem Gute zurück, im Herzen außerordentlich erleichtert, denn ſie hatte nicht allein Alles, was ihre Seele be⸗ 126 drückte, dem menſchenfreundlichen Arzte mitgetheilt, ſondern von ihm auch die wohlthuende Ueberzeugung mit hinweg genommen, daß die ſüßeſte Hoffnung ih⸗ res Lebens eine völlig und allſeitig begründete ſei. Auf dieſe Weiſe erheitert und namentlich durch den Gedanken aufgerichtet, der Oheim dulde nicht al⸗ lein, ſondern ſei auch erfreut über ihre Neigung zu dem ſeltenen, auf den letzten Blättern ſo viel beſpro⸗ chenen Manne, kam ſie in das alte Schloß zurück. Nie hatte der Baron, noch einer der Hausbewohner, ihr holdſeliges Geſicht ſo ſtrahlend geſehen, wie an dieſem Tage, nie war ſie ſo leicht und ſchwebend durch das ſchweigende Haus gewandelt und hatte Dies und Jenes mit ſo ſorgſamem Auge geprüft oder ſo gütig mit Jedermann geſprochen. Längſt ſchon war das alte Vorurtheil gegen ihren ſchwachen Geiſteszuſtand bei den Bewohnern von Holzendorf geſchwunden und hatte einer ſtillen Bewunderung, die bisweilen in be⸗ geiſterte Lobpreiſung überging, Platz gemacht. Allen 8 erſchien ſie jetzt als der wahre Schutzgeiſt des Hau⸗ ſes, an dem nur zu bedauern geweſen, daß er ſo lange trüb und wehmüthig aus den Augen geblickt, der aber jetzt, wie er lächelnd und ermuthigend von Stelle zu Stelle ging, Aller Herzen mit neuer Hoffnung auf künftige Beſſergeſtaltung der obſchwebenden Ver⸗ hältniſſe erfüllte. Marie war am nächſten Tage faſt nicht aus dem Zimmer des Oheims gekommen oder hatte daſſelbe nur an ſeiner Seite verlaſſen. Verſchiedene Rechnun⸗ gen mit ihm durchſehend und allerlei Geſchäfte ord⸗ nend, war ſie dann mit ihm durch die Scheunen und Ställe gewandert, was er beſonders gern ſah, denn er liebte es, bei dieſer Gelegenheit ſeine Begleitung auf dieſe oder jene Verbeſſerung aufmerkſam zu ma⸗ chen, die er getroffen oder wenigſtens zu treffen Wil⸗ lens war. Nachmittags hatte ſie dann mit ihm ih⸗ ren gewöhnlichen Spaziergang unternommen und, wie der Arzt es vorhergeſagt, keine Spur von der Rück⸗ kehr des Geliebten gefunden. Bis zum Zwielicht war der Oheim mit ihr auf der Anhöhe geblieben, dann aber nach Hauſe gegangen, da ein ſtarker Nebel zu fallen begann, der den Aufenthalt im Freien un⸗ angenehm machte und Jedermann ſo raſch wie mög⸗ lich das heimiſche Dach ſuchen ließ. So war der erſte Tag verſtrichen und es war nur noch ein halber zu verleben, bis ſich entſcheiden würde, ob der Erwartete kommen werde und ob alſo die Berechnung ſeines Aufenthaltes in der Reſidenz und -—ÿ— 128 ſeiner Reiſe in die Heimat richtig geweſen oder nicht. Marie war an dieſem Tage— es war ein Sonntag — zeitiger aufgeſtanden als gewöhnlich, denn es dul⸗ dete ſie nicht mehr ruhend auf ihrem Lager; die Thä⸗ tigkeit des Lebens, die Feier des Sonntags und vor allen Dingen die Hoffnung auf einen beſonderen Feſt⸗ tag nahm ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch und regte ſie ſelbſt zu thätigem Handeln an. Schon der frühe Morgen verſprach einen ſchönen, warmen Tag. Zlitzſchnell ſtieg die Sonne am Hori⸗ zonte auf und durchbrach mit gewaltiger Kraft die ſtarren Nebelſchichten, die ſich vor ihrem majeſtätiſchen Blick in die Räume des Himmels verflüchtigten oder in die weiten Gründe des zwiſchen den Bergen lie⸗ genden flachen Landes zerſtreuten. Schon um neun Uhr war der Himmel klär und rein, kein Wölkchen trübte den goldenen Blick des Tagesgeſtirns und laue balſamiſche Wärme ergoß ſich von ihm aus über Wald und Flur. 1 Marie ging mit der alten Hanne und mehreren Hausbewohnern nach Holzendorf zur Kirche, wie ſie dies alle Sonntage that. Der Baron wollte anſpan⸗ nen laſſen, aber ſie verbat es ſich, weil der Lebens⸗ muth, der ihre Seele erhob, und die Lebenskraft, die alle ihre Glieder durchdrang, ſie anreizte, den Körper —— 129 mit dem frohlockenden Geiſte in Einklang zu ſetzen. So ſchritt ſie denn im leichteren Sommerkleide, den Strohhut auf dem glänzenden Haare, an der Seite der bedächtig wandelnden Hanne, die wiederholt zu langſamerem Gehen ermahnen mußte, da man ja nicht warm in die kühle Kirche kommen dürfe, den kurzen Weg nach dem benachbarten Dorfe dahin. Nie hatte Marie, ſeitdem ſie in ihrer jetzigen Hei⸗ mat wohnte, ſo innig zu Gott gebetet, wie an die⸗ ſem Tage, nie hatte ſie ſo kindlich herzlich zu ihm gefleht, daß er nur diesmal ihre Bitten erhören und von jetzt an alle Schrecken und Sorgen von dem Haupte der Ihrigen nehmen möge. Für ſich ſelbſt und das eigene Glück hatte ſie weniger lebhafte Ge⸗ danken und Worte gefunden, nur ein empfindungs⸗ reiches Erheben zu dem Urquell alles Guten auf Er⸗ den vermochte ſie ihm wünſchend und hoffend darzu⸗ bringen, voll des ſchönen Glaubens, Er, der alle Ge⸗ danken der Menſchen erforſche, auch wenn ſie nicht laut geſprochen würden, könne und werde auch die ihrigen erforſchen und erhören. Aber wunderbar! Die ſonſt ſo vortreffliche Pre⸗ digt des jungen Geiſtlichen hatte heute nicht die be⸗ ruhigende Wirkung auf ihren Geiſt geübt, wie frü⸗ her, im Gegentheile, er hatte wider Wiſſen und Wil⸗ Baron Brandau. II. 2. 9 —“ ———— ſtille Gehöft da, rings herum und im Hauſe war 130 len ihr Herz mit neuen Beſorgniſſen und Aengſten erfüllt. Denn er hatte öfter und verſtändlicher, als es bei ihm Gewohnheit war, auf die Familienver⸗ hältniſſe des Gutsherrn angeſpielt und mit nachdrück⸗ licher Betonung wiederholt den Satz ausgeſprochen: der Menſch ſolle nicht zuverläſſig ſeine Hoffnung auf irdiſche Dinge ſetzen, das Glück ſei wandelbar, und wo man ſich einen guten Tag verſpreche, da kehre oft ein trüber Gaſt ein und aus dem erwarteten Feſte werde ein ſtrafender Gerichtstag, der die insgeheim begangenen Sünden enthülle und die Strafe für das verſchwiegene Böſe in ſeinem Gefolge trage. Erſchüttert von den durch dieſe Rede angeregten Gedanken, ſchritt Marie ſchweigend an der alten Hanne Seite wieder nach dem Gute, ohne im Hauſe des Doktors vorzuſprechen, wie ſie eigentlich beabſichtigt hatte. Aber es trieb ſie eine unbeſtimmte geheimniß⸗ volle Macht, wieder unter das Dach des Oheims zu gelangen und ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob der trübe Gaſt, von dem der Geiſtliche geſprochen, noch nicht bei ihm eingekehrt ſei und die gehoffte Freude in Trübſal verwandelt habe. Allein ſie hatte ſich diesmal getäuſcht, ihre Befürchtungen waren in keiner Weiſe eingetroffen, ruhig und friedlich lag das b 131. Alles ſauber und reinlich, wie immer des Sonntags, und auf den großen Viehhöfen ruhten in gemächlichſter Weiſe die Hausthiere, ſich der warmen Sonne eben ſo freuend, wie die Menſchen. Der Baron trat ſeiner Nichte ſchon vor der Thür entgegen und begrüßte ſie, indem er, wie er gewöhn⸗ lich that, ihre reine Stirn mit ſeinen Lippen berührte. „Haſt Du für mich mit gebetet, mein Kind?“ fragte er freundlich. „Ja, mein Oheim, ich habe für uns Alle gebetet und für Dich ganz insbeſondere.“ „Wohl mir!“ ſeufzte der alte Herr.„Ich kann es gebrauchen. Auch ich habe in meiner ſtillen Stube zu Gott geſprochen und hoffe, daß er uns Beide er⸗ hört haben wird.— Willſt Du mich in den Garten begleiten?“ Marie antwortete nur durch ein ſtilles Neigen des Kopfes und ſchon hing ſie an ſeinem Arme und ſchritt, ihm wohlweislich die Rede des Predigers verbergend, was ſie ſonſt nicht zu thun pflegte, neben ihm durch die ſonnig beſtrahlten Gänge, bald dieſe, bald jene Blume flüchtig betrachtend, und nur dann und wann einen haſtigen Blick zwiſchen den Bäumen hindurch nach der unfernen Anhöhe werfend, die man von 9* einzelnen Stellen des Gartens aus mit den Augen erreichen konnte. So ging die Zeit bis zum Mittageſſen bald vor⸗ über und erſt als die Eßglocke das Zeichen gab, das Mahl ſei angerichtet, begab ſich der Baron mit ſeiner Nichte in das Haus zurück. Aber bevor er ſich an den Tiſch ſetzte, hinter dem ſchon der alte Friedrich ſeiner Gewohnheit gemäß den Herrn erwartend ſtand, gab er demſelben den Befehl, zwölf Flaſchen Wein für die geſammte Hausdienerſchaft zu verabfolgen, damit ſie den heutigen Tag wie einen Feſttag be⸗ gehe. Ein Befehl, der nur ſelten, höchſtens an gro⸗ ßen Feiertagen, gegeben wurde, der aber heute dem froh bewegten Hausherrn aus voller Seele kam, denn er glaubte nicht allein in ſeinem, ſondern auch in Mariens Sinne zu handeln, wenn er heute liebreich gegen die Menſchen war, wie es Gott gegen ihn ge⸗ weſen, indem er ſeinem ſchwer geprüften Herzen eine ſo frohe Stimmung eingeflöſt hatte. Endlich ſaß er an der Tafel und ſpeiſte von dem Wilde, welches die Herren, die zum Beſuche dageweſen, in überreicher Fülle geſchoſſen hatten. Beim Nach⸗ tiſch, der auch diesmal ſich etwas länger hinaus dehnen zu wollen ſchien, ließ Marie die erſten Zeichen einer wachſenden Ungeduld blicken. Sie ſchaute häufiger 133 als ſonſt nach der vor ihr ſtehenden Uhr und warf auch bisweilen einen prüfenden Blick zum Fenſter hinaus, als ob ſie befürchtete, der Tag möchte ohne ihr Wiſſen raſcher verlaufen und die Nacht ohne die liebliche Dämmerſtunde hereinſinken. Endlich trank der Baron ſein letztes Glas Burgunder aus und er⸗ hob ſich von ſeinem Stuhle, um ſich auf den großen Seſſel niederzulaſſen, der in einer Ecke des Zimmers ſtand und wie gewöhnlich ſeine bequemen Arme zur Nachmittagsruhe geöffnet hielt. Marie, des Oheims Hand in der ihrigen haltend, blieb eine Weile neben ihm ſtehen und forſchte, ob der Schlaf nicht bald über ihn kommen und ihr die Freiheit geben würde. „Nun,“ ſagte der Baron,„ich bin müde, mein Kind, und werde bald mein Schläfchen halten. Da biſt Du denn erlöſ't von meiner Geſellſchaft. Du gehſt wohl heute etwas zeitiger auf den Berg und wünſcheſt meine Begleitung für dieſen Tag nicht — wie?“ Marie erwiderte Nichts, lächelte aber und erröthete, ihre friſchen Lippen auf die Hand des Oheims nieder⸗ beugend. Aber ſie blieb, bis er die Augen geſchloſſen hatte, neben ihm ſtehen, und erſt als ſie die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß er feſt entſchlummert ſei, löſ te ſie ſanft ihre Hand aus der ſeinigen und entfernte ſich wie eine Elfe, deren Schritt nur die Lüfte hören und die Geiſter der Erde ſehen. Raſch dann in ihr Zimmer tretend, rüſtete ſie ſich mit klopfendem Herzen zu ihrem Gange. Würde er diesmal wohl ein lohnender ſein? fragte ſie ſich wieder⸗ holt, würde diesmal das Zeichen die Kunde geben, daß der ſo lange Abweſende eingetroffen ſei?— Endlich war ſie fertig und, den breitrandigen Stroh⸗ hut auf das glänzende Haar drückend, öffnete ſie leiſe die Thür und ſchlich zu der Gartenpforte hinaus, als ob ſie auch hier noch einen Schlafenden aus ſeiner Mittagsruhe ſtören könne. Golden lag noch der Schimmer der nachmittäg⸗ lichen Sonne auf Wald und Flur, als ſie das freie Feld jenſeits der Parkbrücke betrat, milde fächelte die Luft von Oſten herüber und ließ die Bänder am Hute der raſch dahin Eilenden luſtig flattern. Was ſie jetzt dachte, ſie wußte es nicht. Augen und Herz auf die Höhe gerichtet, ging ſie raſcher als ſie eigentlich wollte und hatte bald den Fahrweg erreicht, der auf der halben Höhe des Berges von Weſten nach Oſten führte. Auf dieſem Wege begegnete ihr der alte Schäfer, der ſeine Heerde langſam dem nächtlichen Obdach entgegentrieb. Der Mann blieb ſtehen, als er das gnädige Fräulein kommen ſah, und nahm 135 ehrerbietig den Hut ab, während ſein Hund die wohl⸗ bekannte Geſtalt mit fröhlichem Bellen umkreiſte. „Kommſt Du von der Höhe her, Peter?“ fragte die holde Wandrerin. „Ja, gnädiges Fräulein, ich bin auf dem Fried⸗ hof geweſen.“ „Haſt Du Niemand daſelbſt geſehen?“ „Keinen Menſchen. Aber ich habe mich auch nicht lange aufgehalten.“ „Haſt Du vielleicht das Grab der ſeligen gnädigen Frau betrachtet?“ „Ja, das thue ich immer, wenn ich vorübergehe. Ich habe ſie ja ſelbſt mit zu Grabe getragen vor langen Jahren.“ „So. Und haſt Du nichts Fremdes darauf bemerkt?“ „Fremdes? Nicht das Geringſte!“ „So will ich Dich nicht länger aufhalten. Gute Geſchäfte, Peter!“ „Desgleichen, gnädiges Fräulein!“— Der Mann zog noch einmal ſeinen Hut und blickte eine Weile kopfſchüttelnd der raſch hinwegeilenden ſchönen Geſtalt nach.„Was ſie nur immer bei den Gräbern zu thun hat!“ murmelte er in ſich hinein. 136 „Hab⸗ ich doch mein Lebtage nicht ſolche ſonderbare Vorliebe für die Todten geſehen! Kurios, kurios!“ Die Benachrichtigung des Schäfers, ſo wenig Ge⸗ wicht ſie wirklich haben konnte, ſchien Marien wenig Tröſtliches zu verſprechen. Mehr als einmal ſeufzte ſie auf— ſollte ihr heutiger Gang, von dem ſie ſich ſo viel verſprochen, abermals ein vergeblicher ſein?— Etwas herabgeſtimmt in ihren freudigen Hoffnungen ſchritt ſie jetzt langſamer den Berg hinan, nur den Bllick unverwandt auf die Höhe gerichtet. Schon ſah — ſie den grünen Hügel und den hochhervorragenden Denkſtein dahinter in der Ferne liegen. Aber wer beſchreibt ihre Ueberraſchung, ihren freudigen Schreck, als ſie mit ihrem Falkenauge von ferne ſchon einen grünen mitten auf dem Grabe ſteckenden Zweig ent⸗ deckte! Im Fluge legte ſie die letzten Schritte zurück und bald hielt ſie das lange erwartete Zeichen einer treu ergebenen Liebe in ihren Händen und küßte und herzte es, als wenn es belebt geweſen wäre und hätte fühlen können, welcher Schatz von Zärtlichkeit in die⸗ ſem Thun lag. O, er war da— er war da! Gewiß war er erſt dieſen Mittag gekommen und hatte ſogleich, wie er verſprochen, ſeine Rückkehr, nicht durch ein trockenes Stäbchen, ſondern durch einen grünen Zweig, vielleicht 137 ſchon dadurch ſein glücklich beendetes Geſchäft ver⸗ rathend, verkündet. Marie war ſo hoch beglückt, daß ſie vor Freuden faſt weinte. Mit beiden Händen den Zweig um⸗ ſchließend, ſaß ſie auf dem Raſen und ſchaute harrend und hoffend in die weite blaue Ferne hinab.— O Gott im Himmel, wie ſchön, wie unbeſchreiblichtitt wonnevoll ſind die Augenblicke, wo wir an Lenig Stelle, ſei es im Walde, ſei es ſonſt irgend wo, Die⸗ jenige oder Denjenigen erwarten, der uns das Theuerſte iſt, was wir auf Erden haben und an dem unſere ganze irdiſche Glückſeligkeit hängt! Wie unauslöſchlich gräbt ſich die Erinnerung daran in unſer Herz, und wenn es auch fünfzig Jahre her ſind, ſeitdem wir jung und hoffnungsvoll, liebend und wieder geliebt geweſen ſind! Was auch Trübes, Kummervolles ſeit⸗ dem ſich über unſere Seele ergoſſen, wir haben es Alles vergeſſen und nur das Eine behalten— das Andenken an jene unwiederbringlichen Augenblicke der erwartungsvollen reinen Liebe! In jedem Lüftchen, das koſend durch die Blätter rauſcht, in jedem Zirpen des ſchuldloſen Gewürms, welches die Gräſer erzittern macht, in jedem kniſternden Zweige, den der zu Neſte fliegende Vogel bewegt, glauben wir die Stimme, den Schritt Deſſen zu vernehmen, der, wenn er erſcheint, 3 138 unſer junges Herz beinahe vor Freuden ſpringen macht. O, vergeſſet ſie nicht, dieſe köſtlichen Augen⸗ blicke, Ihr jungen Menſchen, es dürfte Euch Nichts in Eurem ſpäteren drangvollen Leben begegnen, was würdiger wäre, bis an das Ende Eurer Tage im ankbaren Herzen, in ſchuldloſer Seele aufbewahrt zu *— Marie ſaß ſchon eine Weile auf ihrem Raſenhügel und hatte ihre Augen in die unter ihr liegende Ferne gewandt. Aber ſie ſah nichts vor ſich als ein blaues unermeßliches Aethermeer, in dem Himmel und Erde, Wald und Flur, Alles was vorhanden war, zu ver⸗ ſchwimmen ſchien; nur mit den Ohren rückwärts hor⸗ chend, als wolle ſie das geheime Treiben und Rüh⸗ ren in der unſichtbaren Welt erſpähen, lauſchte ſie in die Ferne, aber ſie hörte nichts als das immer lautere und raſchere Schlagen ihres eigenen bewegten Herzens. Da aber, endlich, rauſchte es hinter ihr. Auf ſprang ſie, und von einer inneren Gefühlswoge durch und durch erſchüttert, floſſen alle ihre glühenden Empfindungen in ihre Augen und füllten ſie mit einem fluthenden Lichtglanze an. Noch einen Augenblick dauerte es, da bogen ſich die Zweige der kleinen umſtehenden Gebüſche ausein⸗ ander und hervor trat eine kräftige Geſtalt, wie es 139 nur eine ſo vollkommene und ſchöne für ſie auf Er⸗ den geben konnte. Laut aufjauchzend flog ſie dem lange Erwarteten entgegen und erſt als ſie ihm ganz nahe war, blieb ſie ſtehen, kaum wiſſend, daß ihre Arme, aus innerem unbewußten Triebe, erhoben wa⸗ ren, den Geliebten damit zu umſchlingen. Auch er blieb einen Moment ſtehen, gleichſam um aus der Ferne die Umriſſe des zärtlichen Weſens zu erfaſſen und aus ihrem äußeren Erſcheinen auf ihr inneres Empfinden zu ſchließen. Dann aber, ebenfalls einen Freudenruf ausſtoßend, eilte er raſch vorwärts und ſchloß die ihm entgegenſinkende Geſtalt an ſein männ⸗ liches Herz. Wer eigentlich der Erſte geweſen, der dieſe Bewegung ausgeführt, es wäre ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, denn es geſchah gleichzeitig, aus gegenſeitigem inneren Bedürfniß, des Dankes, der Freude und der Liebe entſpringend, und das iſt eine dreifache Macht, die ſchwerlich von einer anderen in der Welt über⸗ wunden werden könnte. „Marie!“ ſagte endlich Herr Hübner, das dunkele Geſicht mit den feurigen Augen dem ihrigen nahe bringend—„Sie ſind alſo wirklich da? O, ich auch, ich auch!“ 5 AUnnd keiner weiteren Worte mächtig, wie auch ſie keines fähig war, führte er ſie auf den Raſenſitz, 140 ließ ſich neben ihr nieder und hielt ihre warmen Hände feſt mit den ſeinigen umſchloſſen. Marie hatte die Augen niedergeſchlagen, als ſähe ſie in ihre eigene Bruſt hinein, ſie wagte ſie nicht zu erheben, denn jetzt erſt fing ſie an, zu bedenken, daß die eben ſtatt⸗ gefundene Begrüßung nicht die gewöhnliche geweſen wmar. Endlich aber faßte ſich Herr Hübner zuerſt, that einen tiefen, freudigen Athemzug und ſagte warm und ernſt: „Verzeihen Sie mir, Marie, daß ich meine Freude, Sie Ihrem Verſprechen treu zu finden, ſo ſtür⸗ miſch ausdrückte. Habe ich mich aber ſo ſchwer ver⸗ gangen, daß Sie mir immer noch nicht vergönnen, in Ihren Augen Verzeihung zu finden?“ Da erhoben ſich denn die lilienweißen Lider, und wie ein Vorhang vor einem glänzenden Bilde ſich hebt und daſſelbe entſchleiert, ſchlug ſie weit und groß ihre tiefblauen Augen zu ihm auf. Was der ſtarke Mann an ihrer Seite darin las, wollen wir hier nicht erörtern, auch in ſeinen Augen ſchimmerte es liebevoll und warm, und die Sprache, die beide Au⸗ genpaare redeten, mochte wohl eben ſo übereinſtim⸗ mend wie verſtändlich ſein. Es dauerte eine geraume Zeit, bis Beide ſich ſo weit geſammelt hatten, daß ſie ruhig mit einander reden konnten. O, was hatten ſie ſich gegenſeitig zu ſagen, zu geloben, zu verheißen! Und ſie ſagten und gelobten ſich viel, mehr, viel mehr, als unſere ſchwache Feder hier zu beſchreiben vermag. „Alſo Ihr Oheim,“ ſagte Herr Hübner bedeutungs⸗ voll, nachdem ſie ſich ihre Gefühle geſtanden,„wird Nichts gegen meinen Beſuch einzuwenden haben, den ich ihm morgen abzuſtatten gedenke?“ „Im Gegentheil, er erwartet Sie mit Freuden.“ „Wie iſt es aber gekommen, Wem iſt es gelun⸗ gen, dieſes ſtolze Herz zu Gunſten eines unbedeuten⸗ den unbekannten Mannes bürgerlicher Abſtammung zu ſtimmen?“ „Seinem eigenen Gefühle zumeiſt, das durch den Schmerz, den Kummer und die Sorge um ſeine Fa⸗ milie erwacht iſt, ſodann aber unſerem Freunde, dem wackeren Arzte—“ „Hat nicht noch Jemand anders mitgeholfen?“ „Auch ich habe das Meinige gethan, ja,“ ſagte kaum hörbar Marie.„Aber Sie müſſen mir Viel er⸗ zählen,“ fuhr ſie traulicher fort,„ich bin begierig, zu wiſſen, wie Sie ſo ſchnell in der Reſidenz für die Söhne meines Oheims handeln konnten. Waren das vielleicht die wichtigen Geſchäfte, die Sie dahin. riefen?“— „Ja, ſie waren es!“ ſagte Hübner, aus tiefſter Bruſt aufſeufzend.„Ach, Marie, wenn ich Ihnen das ſagen, das erklären wollte, das würde uns eine lange koſtbare Zeit fortnehmen, aber hören werden und ſollen Sie es, denn ich werde es ſelbſt Ihrem Oheim erzählen.“ „Waren Sie denn ſchon früher mit den Verhält niſſen ſeiner Söhne bekannt?“ „Schon lange. Seit vielen Jahren. Ach ja, ich bin ein alter Bekannter des Barons und habe viel mit ihm vor Jahren verkehrt, was er gewiß längſt vergeſſen hat. Ich habe den Mann immer geliebt und geachtet, obgleich ich mit ſeiner grauſamen Will⸗ kür in früheren Jahren, die er gegen Manchen aus⸗ übte, nicht einverſtanden war. Doch das iſt ja jetzt vorüber, ſagen Sie, und es iſt mir erklärlich, denn das Unglück läutert die Menſchen am ſchnellſten und vollkommenſten. Da hörte ich denn, als ich vor eini⸗ gen Monaten aus England hierher kam, von dem Baron und ſeinen Söhnen ſprechen. Ich erkundigte mich genauer danach und allmälig gewann ich einen klareren Einblick in ſeine Verhältniſſe. Daß Alfred und Georg von Brandau ſich in ſchlechten Händen befanden, unterlag keinem Zweifel, auch vermehrten ſich die Beweiſe dafür ſchnell. Ich reiſ'te häufig nach 143 der Reſidenz und da erfuhr ich denn, daß der Graf Zaretta ihr Verderben ſei. Zu gleicher Zeit ward ich auf das Treiben dieſes Mannes auf eine andere Weiſe aufmerkſam. Es gelangten Wechſel in meine Hände, die offenbar und doch ſo künſtlich gefälſcht waren, daß ſie von Jedermann für ächt gehalten wurden, während ſich erſt ſpäter, als die ächten ein⸗ liefen, herausſtellte, daß ſie falſch waren. Mehrere ſolcher Wechſel waren in meine Hände gefallen und ich hatte nicht unbedeutende Verluſte dadurch erlitten. Da fiel mir endlich an dem einen ein Zeichen auf, welches mir ſeit langen Jahren bekannt war. Es war ein Buchſtabe, ein Z., ganz eigenthümlich ge⸗ ſchnörkelt, und von einem Meiſter in der Zeichnen⸗ kunſt ausgeführt. Daſſelbe Z ſtand unter einem Briefe, den ich einſt aus einem Londoner Gefängniß von einem Gauner erhalten, der mich beſtohlen hatte, und der mich darin um Verzeihung bat, weil es ſein erſter Jugendſtreich ſei. Der Gauner nannte ſich Zara. Bei einem gelegentlichen Aufenthalt in der Reſidenz nun fand ich zufällig in einer Kunſthandlung eine Federzeichnung, die nicht allein wegen ihrer vor⸗ trefflichen Ausführung, ſondern auch wegen des Buch⸗ ſtabens 3 merkwürdig war, der, ganz klein, unten in einer Ecke und eben ſo künſtlich verſchlungen war, 144 wie jener auf dem Wechſel und unter dem Gauner⸗ briefe in London. Auf Befragen erfuhr ich, daß der Verfertiger dieſer Zeichnung wahrſcheinlich der Graf Zarretta ſei. Dieſer ähnliche Name vermehrte ſogleich meinen Verdacht, daß Zara und Zaretta dieſelbe Per⸗ ſon ſei. Wenn dieſer Spitzbube und Abenteurer in der Geſellſchaft der Söhne des Barons Brandau iſt, ſagte ich mir, ſo iſt es um ihr Glück und die Ruhe ihrer Familie geſchehen. Leider erfuhr ich durch meine Kundſchafter etwas zu ſpät, daß meine Befürchtun⸗ gen im vollkkommenſten Maaße eingetroffen, und nun hielt mich Nichts mehr auf, mich perſönlich in dies unnatürliche Verhältniß zu miſchen; ich unterbrach ſogar die ſüßen Zuſammenkünfte mit Ihnen, um einer der dringendſten Pflichterfüllungen meines Le⸗ bens entgegenzugehen, denn überall, wo ich das Böſe im Kampfe mit dem Guten ſehe, kann ich aus mir angebornem Drange nicht müßig ſtehen und zuſehen, wie ſich das Würfelſpiel entſcheidet, ich muß Partei nehmen, wohl oder übel. So kam ich denn dort an und ſah die beiden Brüder mit eigenen Augen. Georg erkannte ich für den am tiefſten Verſtrickten. Ihn konnte ich nicht retten. Sein Umgang, ſein Verkehr, ſeine Lebensweiſe umgab ihn wie mit einer eiſernen Mauer und machte ihn allen Verſuchen, ihn ſeinem 145 Geſchicke zu entreißen, unzugänglich. So beſchloß ich denn, wenigſtens den Alfred zu retten. Wie Sie wiſ⸗ ſen, gelang mir die Ergreifung Zaretta's nicht. Er war zu ſchlau, ich zu vertrauensvoll auf meine Kraft, mein Recht und die getroffenen Vorſichtsmaßregeln. Alles Uebrige wiſſen Sie. Aber nun erzählen Sie mir, was unterdeß hier geſchehen, denn ich habe ſchon gehört, daß Georg von Brandau mit einem Theil ſei⸗ ner Kameraden bei ſeinem Vater war. Marie erzählte einfach, was ſich zugetragen, und verſchwieg dem Geliebten Nichts, ſogar nicht ihre Be⸗ fürchtungen über Georg's geiſtigen Zuſtand. Hübner hörte mit großer Spannung zu und gab durch Schwei⸗ gen und den traurigen Ausdruck ſeines Geſichts ſeine vollkommenſte Theilnahme zu erkennen. „Der arme Vatex,“ ſagte er, als Marie mit ihrer Erzählung zu Ende war,„iſt der Einzige, den ich be⸗ klage. An ſeinem jüngſten Sohne verliert die Welt nicht viel, er hätte ihr doch nie etwas genützt. Er zählt zu der großen Schaar Derjenigen, die Gott in ſeiner Vatergüte über viele Millionen geſtellt und mit Glücksgütern überhäuft hat, und der alles Das wie ein Thor benutzt, um ſich zu verderben, ſtatt ſich zum bedeutenden Manne zu erheben. Wenn dieſe jungen Leute ſoviel Kraft, Zeit und Mittel zur Ausführung Baron Brandau. II. 2. 10 146 großer und ernſter Unternehmungen verwendeten, wie ſie ſie zur Begehung von nichtswürdigen Thorheiten vergeuden, wir würden viele große Namen in der Geſchichte der Kunſt und Wiſſenſchaft, des Krieges und Friedens mehr zählen, während wir jetzt über mehr Namen gebieten, die einen vielverſprechenden Klang, als eine große Bedeutung haben. Denn was iſt ein ſchöner Name, den ich durch die zufällige Ge⸗ burt empfangen und nicht durch mein Betragen und meine Kenntniſſe, ſo wie durch gute und nutzbare Eigenſchaften zu einem wirklich ausgezeichneten und edlen gemacht habe? Ach, dieſe jungen Leute ſind al⸗ lein ſtolz auf das, was ſie von Anderen erhalten ha⸗ ben, und glauben dafür die Hände ſelbſt in den Schooß legen und Andere für ſich ſorgen laſſen zu können.— Auch Alfred war nahe daran, ein trauri⸗ ges Endeslt nehmen. Es ward noch glücklich abge⸗ wandt. Gott wolle ihn erleuchten, daß er ſurlen auf geebneterer Bahn wandle!“ „Ja, Gott gebe es! Sein Vater hofft es und wir Alle. O, wie dankbar wird Ihnen mein Oheim ſein!“ „Ich verlange ſeinen Dank nicht. Ich verlange etwas ganz Anderes von ihm.“ Marie ſchwieg, aber ihr Erröthen bewies, daß ihr dies Andere nicht ganz unbekannt ſei. 147 „Wird er es mir wohl geben, was ich wünſche?“ fragte Herr Hübner weiter. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Es iſt viel, ſehr viel, mehr als der reiche Baron zu geben vielleicht Willens iſt. Ich verlange zunachſt ſeiner Schweſter Kind von ihm—“ Es trat ein kurzes Schweigen ein, welches aber demungeachtet ausdrucksvoll und beredt genug war. Marie ſchlug noch einmal ihr großes Auge glücklich lächelnd auf und ließ dann leiſe, leiſe ihren Kopf an ddie Schulter des ſie innig betrachtenden Mannes ſinken. „Wird/ er Sie mir geben?“ fragte er mehr flüſternd als laut redend. 5 5A„Ich hoffe es!“ erwiderte ſie eben ſo. Keiſe legte ſich ſein Arm um ihre Hüfte, immer hnater aber drückte er ſie an ſich, bis endlich die vor Freude bebende Geſtalt an ſeiner Bruſt ruhte und zum erſten Male ſeine Lippen ihre glühende Wange berührten. „Marie!“ hauchte er ihr ihren Namen entgegen. Sie ſchwieg. „Warum antworten Sie mir nicht?“ „Ich weiß nicht, wie ich Sie nennen ſoll?“ „Ha! Ja freilich!“ Und er fuhr auf, indem er ſei⸗ nen Ar von ihr frei machte, aber dafür ihre nicht 10* 148 mehr widerſtrebende Hand ergriff.„Da haben Sie Recht! Aber Sie wiſſen ja, daß ich Hübner heiße.“ „Haben Sie keinen anderen Namen?“ „Gefällt Ihnen dieſer nicht?“ „Er hat mir bisher ſehr gefallen. Aber des Wei⸗ bes Lippe und Herz nennt ſeinen Geliebten gern bei dem Namen, bei dem ihn ſeine Mutter nannte.“ „O, Marie! Wie ſüß iſt das geſagt! Keiner könnte es beſſer ſagen. Ja, ich habe noch einen anderen Namen, bei dem mich meine Mutter nannte, freilich — es iſt ſchon lange her, denn ich war damals nur noch ein Kind— und den werde ich Ihnen auch einſt ſagen. Heute aber geht das nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil ich nicht lügen will, was ich in jedem Falle unter der Würde eines edeldenkenden Mannes halte. Wo ich nicht die Wahrheit ſagen kann, ſchweige ich lieber. Es wäre nun zwar keine in's Gewicht fallende Lüge, Ihnen irgend einen anderen beliebigen Namen zu nennen, aber es widerſteht dies meinem Gefühl, denn der Name, der zum erſten Mal einer Liebenden über die Lippe tritt, bleibt ihr unwandelbar und für alle Zeiten der liebſte.“ „Iſt denn Ihr Name ſo ſonderbar? 2“ Hübner antwortete nicht, ſondern deutete mit der 149 Hand in die Ferne.„Sehen Sie,“ ſagte er, raſch das Geſpräch wechſelnd,„wie ſchnell es leider heute dunkel wird. Da iſt der Nebel ſchon wieder, unſer ſteter Mahner. Langſam zieht er aus den Gründen herauf und ſendet uns fühlbar ſeine feuchte Luft heran. O, laſſen Sie uns, ehe die Sonne ganz geſunken iſt, noch einmal den Kamm des Berges dort oben be⸗ treten und die Stelle betrachten, wo die Allliebende die Erde verläßt. Wenn auch im Weſten ſich der Nebel gebildet hat, ſo muß es ein prachtvoller An⸗ blick ſein.“ Marie hatte ſchon keinen anderen Wunſch und Willen mehr als den ihres Geliebten. Raſch erhob ſie ſich und wandelte an ſeinem Arme die ſanft an⸗ ſteigende Höhe hinauf. In der That, als ſie oben unter den einzelnen Föhren ſtanden und weſtwärts in die vor ihnen liegende Ebene hinabblickten, wurde ihnen ein ſeltener und glänzender Anblick zu Theil. Eine dünne Nebelſchicht hatte ſich auch über dieſe Ebene gelagert und hing wie ein halb durchſichtiger Dunſtſchleier vom Himmel auf die ſchweigende Erde herab. An jener Stelle aber, wo das Tagesgeſtirn verſchwunden, war ein purpurner Schimmer zurück⸗ geblieben, der ſeine goldenen Strahlen weit nach allen Weltgegenden ſchoß, die allmälig ſchwächer und ſchwächer wurden, bis ſie ſich in matte roſige Schatten aufzulöſen ſchienen. Lange verſenkten ſich die Blicke der Schauenden in dieſen purpurfarbigen und goldenen Schein, bis auch dieſe Farben ſich allmälig verdunkelten und Nichts als eine mattgelb glimmende Lohe zurückblieb, die Himmel und Erde mit eigenthümlichem Glanze erhellte. „Sie iſt fort,“ ſagte Herr Hübner mit ruhiger Andacht,„und fängt jetzt an, den Bewohnern der neuen Welt zu leuchten. Morgen aber, morgen, Marie, geht ſie uns wieder auf und ſie wird auf zwei Glückliche herniederſchauen. Nicht wahr?“ „Sie ſind es ja ſchon heute!“ „Woh, ſie ſind es, aber die Welt weiß noch Nichts von ihrem Glück und das gehört mit zur Vervollkom⸗ nung des unſ'rigen. Ach, verſtehen Sie mich recht: ich will nicht und verlange nicht die Theilnahme der Welt, denn ich weiß ſehr wohl, daß ſie mich nicht beſeligen kann, ich meinte vielmehr die Theilnahme der Wenigen, deren Schickſal mit dem unſrigen zu Einem verwachſen iſt, die Theilnahme Ihres Oheims und der Seinigen.“ „Ach! Die iſt Ihnen auch ſchon heute gewiß. Kommen Sie gleich mit mir hinunter und laſſen Sie uns den morgenden Tag ſchon heute feiern.“ Mein, meine ſüße Marie, das geht heute nicht. 151 Morgen werden es ſechszehn Jahre, daß ich einen ſchrecklichen Tag und unvergeßliche Schmerzen erlebte, ſeitdem begehe ich dieſen Tag immer in feierlicher Stimmung und mit ernſten Gedanken. Darum will ich ihn morgen zu einem Freudentage machen und dann die Erinnerung an den vor ſechszehn Jahren auf ewig in die Vergeſſenheit verſenken. Da— ſehen Sie einmal dort hinunter— da liegt mein jetziges Haus, die Stätte meiner Arbeit, meiner Neigung. Sehen Sie, wie die glühenden Hochöfen ihre Flammen durch den Nebel ſchlängeln und wie der dunkele Rauch ſo maleriſch darüber flattert— iſt es nicht auch ein ſchöner Anblick?“ „Gewiß, es dampft und kocht und brauſ't wie alle Tage.— Arbeiten denn aber die Leute auch heute, da es Sonntag iſt?“ „Sie arbeiten immer, Tag und Nacht, wir dürfen nicht feiern. Die Feuer müſſen in Gluth und das Eiſen in Fluß erhalten werden, ſonſt würde das große Werk rückwärts ſtatt vorwärts ſchreiten.“ „Die fleißigen Menſchen! Was ſie ſich quälen müſſen!“ „Nicht doch, meine Liebe, ihre Qual iſt ja eben ihre Luſt. Sie ſehen den Fortſchritt und zerkennen und würdigen ihn. Freilich iſt ihre Arbeit mühſam, 152 aber weſſen Arbeit, der es ehrlich mit ſich und Anderen meint, iſt es nicht—? Wohl Dem, deſſen Ergötzen zugleich in ſeiner Arbeit ruht! Und das iſt bei die⸗ ſen Leuten der Fall. Auch iſt ihr Lohn reichlich und Sie werden Keinen unter ihnen finden, der nicht ſtolz im Bewußtſein ſeines Leiſtens und Könnens wäre und der lieber feiern als arbeiten möchte. Die wahre Arbeit iſt die wahre Feier des Menſchen, ſo verſtehe ich wenigſtens die Satzung Gottes, die freilich nicht die aller Sterblichen iſt.“ „Haben Sie auch ſo ſchwer einbeite. Tag und Nacht, wie dieſe Menſchen?“ „Sie meinen, von unten an? Ja! Das habe ich gethan und mich oft meines kleinen Anfangs gefreut. Wie der kleinſte und ärmſte Junge habe ich die Oefen geheizt und das Waſſer geſchleppt, bis ich ein Mann— und ſtark— und zu größeren Arbeiten befördert ward.“ „O, wie wohl muß Ihnen jetzt zu Muthe ſein, wenn Sie auf die damalige Zeit zurückblicken und ſich ſagen können, was Sie gelernt haben. Ich fühle das mit Ihnen, ſo recht aus vollem Herzen, denn ich habe auch von unten an gedient.“ „Sie? Sie ſcherzen!“ „Nein, es iſt mein Ernſt. Ich lebte ja über acht⸗ zehn Jahre in einem Irrenhauſe und am Kranken⸗ 158 bette. Da habe ich den ganzen Krankendienſt auch aus Erfahrung kennen gelernt.“ „Es iſt wahr. So haben wir alſo Beide uns unſere jetzige Stellung verdient und das Bewußt⸗ ſein möchte ich wenigſtens um kein Königreich weg⸗ geben.“ „Ich auch nicht. Erſt Sie haben mich meine armen Wahnſinnigen vergeſſen gemacht und erſt durch Sie iſt mir die Welt in ihrer wahren Geſtalt auf⸗ gegangen, während ich bis dahin nur jene für die einzige hielt.— Aber ſehen Sie da— der rothe Schein dort über dem großen Werkhauſe wird immer größer und mächtiger—“ „Weil es immer dunkler hier draußen wird und die Flammen in der Nacht viel heller leuchten als am Tage. Es wird Zeit, daß wir nach Holzendorf gehen.“ „O, noch nicht! Es iſt ſo ſüß, in dieſer Stille zu weilen—“ „Aber es wird immer feuchter und kälter—“ „Ich fühle die Kälte nicht, wenn ich bei Ihnen bin.“— Und ſie ſchmiegte ſich, während ſie Dieſes ſagte, feſter an ſeine Seite und er drückte ſie inniger mit ſeinem ſtarken Arme an ſich, als wollte er ihr die ganze innere Gluth ſeiner Seele mittheilen. „Wenn einmal Feuer ausbräche in jenen Werk⸗ 154 ſtätten,“ fing Marie wieder an,„was müßte das ſchrecklich ſein!“ „Glauben Sie das nicht; unſere Leute wiſſen mit dem Feuer umzugehen und fürchten ſich nicht davor. Auch ſind unſere Löſchgeräthſchaften in beſter Ordnung, Alles liegt gerüſtet da und tauſend bereitwillige Hände faſſen gleich an, wo es Noth thut.“ „Dennoch müßte es furchtbar ſein. Ich habe vor Nichts auf der Welt ſolche Angſt wie vor'm Feuer.“ „Ich nicht, es iſt mein Element.“ „Aber der Feuertod thut ſo weh!“ „Wer wird daran denken! Wer an den Tod denkt, wagt das Leben nicht, und das Leben zu wagen, iſt Pflicht und Aufgabe des Mannes, wenn er damit Gutes leiſten kann.— Aber wenden wir uns von dem Feuer fort, wenn es Ihnen unnöthige Sorge macht— da, blicken wir lieber dort hinunter, wo das ſtille Gut Ihres Oheims liegt. Wie heimiſch und freundlich ruht es da zwiſchen ſeinen Bäumen; ſelbſt der Nebel, der rings das große Thal füllt, ſcheint es noch verſchont zu haben. Es labt mich dieſer Anblick ungemein und ich verſetze mich gern und leb⸗ haft in ſeine Mitte, die harmloſen Menſchen und die kräftigen Thiere mir vergegenwärtigend, die darin ihr 155 Weſen treiben. Wie glücklich kann ſo ein Landedelmann ſein, wenn—“ „Wenn er kein Unglück hat, wie mein Oheim. Haben Sie ſchon von ſeiner Familientradition gehört, nach der immer die jüngeren Söhne ſeines Stammes. auf ſchreckliche Weiſe umkommen und nur die älteſten bewahrt bleiben?“ Wäre es nicht ſchon zu dunkel geweſen, Marie hätte in Folge dieſer Frage Herrn Hübner's warm⸗ belebtes Geſicht um mehr als einen Grad bleicher werden ſehen können. Auch antwortete er nicht eher, als bis Marie ihre Frage wiederholte. „Ja,“ ſagte er mit leiſer und tief bewegter Stimme, „ich habe davon gehört.“ „Aber bei ihm iſt ſie nicht eingetroffen,“ fuhr Marie fort. „Wie ſo?“ fragte Herr Hübner raſch. „Nun, ſein älteſter Sohn iſt vor den jüngeren Söhnen geſtorben, denn er iſt im Waſſer, auf einem untergehenden Schiffe, umgekommen.“ „So!“ ſagte Herr Hübner gedehnt.„Das wußte ich nicht.— Alſo ſein Richard iſt todt?“ „Todt— ja, leider! Ich wünſchte, er kebte, dieſer Richard— welch ſchöner Name!— dann hätte der alte arme Mann doch wenigſtens an einem 156 Kinde Freude, vorausgeſetzt, daß dieſer Sohn nicht wie ſeine Brüder geworden wäre.“ „Nein, ſo wäre Richard nicht geworden, der hatte keine Anlage zur Trägheit, zur Habſucht und zum verſchwenderiſchen Lebensgenuß.“ „Wie?— Kannten Sie ihn denn?“ „Gewiß kannte ich ihn. Ich war eine Zeitlang ſein Spielgefährte dort auf dem Gute des Grafen, wo jetzt der Kupferhammer ſteht.“ „Ach! Das wußte ich nicht. Darum auch Ihre Theilnahme!— Was für ein Knabe war dieſer Richard?“ „In ſeinen Kinderjahren war er wild wie ein Füllen und etwas unlenkſam, aber nur deshalb, glaube ich, weil ſein wunderlicher, ahnenſtolzer Vater ihn nicht in der Richtung wollte wachſen und gedeihen laſſen, welche er ſich ſelbſt zu wählen beliebte. Richard liebte die Natur und Alles, was ſie erſchuf und erſtehen ließ, vor allen Dingen aber das künſtliche Händewerk der Menſchen und ihr fleißiges Streben nach einem großen, bedeutungsvollen Ziele.“. „Sein Vater aber verkannte das?“ „Gewiß, hundert Mal. Er murrte mit ihm, wenn er arbeitete,— er zankte mit ihm, wenn er dachte,— er ſtrafte ihn, wenn er vergaß, daß er das Kind eines 157 Edelmanns war und mit Kindern geringerer Leute zuſammentraf. Das erbitterte den ſich fühlenden Kna⸗ ben und er ſetzte nun ſeinen eigenen Kopf dem ſeines Vaters entgegen, was vielleicht unrecht war.“ Marie ſchwieg ſinnend.„Es iſt recht traurig, das zu denken,“ ſagte ſie endlich.„O, wenn dieſer Richard noch lebte und wiederkäme, was würde ich mich freuen — und ſein Vater auch.“ „Letzteres glaube ich kaum.“ „Warum nicht? Darin verkennen Sie ihn! Mein Oheim iſt ein ganz anderer Mann geworden, als er früher war. Fragen Sie nur den Doktor Millinger danach.“ „Ich habe ihn heute noch geſprochen,“ ſagte Herr Hübner nachdenkend, indem er Marie langſam in der Richtung des Gutes den Berg hinabführte. „War er auf dem Kupferhammer?“ „Er kommt jeden Tag, ſeine Kranken zu beſuchen. Den heutigen Abend wollte er bei'm Baron zubrin⸗ gen, ſagte er mir.“ „So werde ich ihn ja noch treffen. Er iſt ein trefflicher Mann— ihm verdankt mein Oheim viel.“ „Ich glaube auch; der Doktor aber hat früher viel von dem Eigenſinn und Hochmuth des Barons zu leiden gehabt.“ 15s „Das hat er ihm gewiß jetzt vergeben—“ „Aus vollem Herzen.“ Unter dieſem Geſpräch waren ſie den Hügel hin⸗ abgeſchritten und gingen jetzt durch die Felder, der Brücke des Parks entgegen. Endlich langten ſie daſelbſt an. Herr Hübner blieb ſtehen, beide Hände Mariens feſt in den ſeinigen haltend. „Alſo auf morgen!“ „Ja, morgen,“ wiederholte Marie und ſank, von ſeinen Händen unwillkürlich dahingezogen und ihnen eben ſo gern folgend, leiſe an ſeine Bruſt. Das war ihr letztes Wort. Gleich darauf trennten ſie ſich, von Weitem ſich noch ſo lange betrachtend, als es der Nebel und die Dunkelheit des mondloſen Abends ge⸗ ſtattete.— Morgen! Wie oft denkt und ſagt der Menſch: Morgen! Morgen will ich Dies und Jenes thun! Und er weiß nicht, was in dem kurzen Raume zwi⸗ ſchen Heute und Morgen geſchieht, ob in der düſteren Nacht, die ſie beide trennt, nicht vielleicht ein Dämon, ein Schreckgeſpenſt hauſt, oder ſich aus dem Schooße des unergründlichen Schickſals in derſelben erzeugt. Leben und Tod, Geburt und Untergang, Freude und Schmerz, alle Gegenſätze des menſchlichen Lebens könn aus dieſer Nacht entſtehen, und wohl dem Menſch 159 der nicht weiß, was ihm bevorſteht, ſonſt würde er nicht an Morgen denken, wenn er noch im Heute lebt!— Wie von unſichtbaren Flügeln getragen, von dem Bewußtſein: zu lieben und geliebt zu werden mit himmliſcher Wonne erfüllt, ſchritt Marie durch den Park ihres Oheims dem Hauſe entgegen. So zufrie⸗ den, ſo heiter geſtimmt, ſo glücklich war ſie noch nie geweſen wie an dieſem Abend. Sie dachte an weiter nichts, als dem Oheim mit dem Freudenrufe entgegen⸗ zutreten: Morgen kommt Herr Hübner zu Dir!— Ach, und ſchon rauſchten die Fittiche des neuen Ge⸗ ſchicks über ihr und um ſie her, ſchon war die ſchau⸗ rige Nacht angebrochen, die zwiſchen Heute und Mor⸗ gen lag, ſchon bewegte das nahende Ungethüm, das dieſe Nacht zu einer grauenvollen verkehren ſollte, ſeine Glieder auf ſie zu, aber ſie ſah und hörte es nicht, denn auch ihr war es glücklicher Weiſe verſagt, hinter den Vorhang zu ſchauen, der dem armen Men⸗ ſchen die nächſte Stunde verbirgt. Dreizehntes Anpitel. — Die Schreckensnacht. Als Marie in ihr Zimmer getreten war, um Hut und Tuch abzulegen, hörte ſie im Nebengemach meh⸗ rere Männerſtimmen laut durcheinander ſprechen. Man ſchien eine allgemeine Berathung über einen mißlichen Gegenſtand abzuhalten. Marie unterſchied ſehr bald die derbe Stimme des Förſters Tellkamp, dem bis⸗ weilen das ſanftere Organ des Doktor Millinger bei⸗ ſtimmte. Mitunter redete auch noch ein Dritter da⸗ zwiſchen und das war der junge Verwalter, der mit zur Berathung gezogen war. Der Baron ſelbſt ſprach am wenigſten, er ſchien erſt die Anderen ihre Meinung ſagen laſſen zu wollen, bevor er die ſeinige hören ließ. Marie war begreiflicher Weiſe nicht ſehr geneigt, dieſer Unterredung im Einzelnen zu folgen, ihr Herz war zu tief bewegt, ihr Gemüth zu lebhaft mit etwas 161 Anderem beſchäftigt, um ſich um das Treiben dieſer Männer zu bekümmern. Allein bald hörte ſie doch Einzelnheiten, die ſie aufmerkſam zu machen geeignet waren. „Wo habt Ihr ſie zuerſt geſehen und wo zuletzt?“ fragte endlich des Barons tiefe und ſehr ernſt klin⸗ gende Stimme. „Meinen Sie ganz zuerſt, gnädiger Herr?“ fragte der Förſter.„O, das iſt ſchon lange her— es war im Frühjahre, als ich zum erſten Male dem einen Burſchen begegnete, und das habe ich Ew. Gnaden rechtzeitig mitgetheilt. Auch neulich im Walde, als Sie die zum Fällen beſtimmten Bäume bezeichneten, ſprachen wir davon.“ „Ja, ja, Tellkamp, ich weiß es, oder ich glaube mich wenigſtens darauf zu beſinnen. Aber ſeit der Zeit iſt mir ſo vieles Andere durch den Kopf gefah⸗ ren, daß ich es ganz überſehen habe. Der Kerl ſchien Euch alſo verdächtig?“ „Ueber die Maaßen, gnädiger Herr. Gleich von Anfang an. Ich habe es auch dem Herrn Doktor hier geſagt, daß ich ihn, wenn ich ihm mit der Büchſe Abends im Walde begegnet wäre, für einen Wilddieb gehalten und als ſolchen behandelt hätte.“ „Aber er trug ja keine Büchſe— Baron Brandau. II. 2. 162 „Niemals, nein! Das iſt wahr. Ein Schelmenge⸗ ſicht aber hatte er dennoch, das will ich beſchwören. Und wo ich ihn zuletzt geſehen? Ei, jeden Abend bin ich ihm faſt begegnet, und an dem Abende, als der Junker Georg mit den rothen Herren ankam, ſogar zweimal. Daß es immer derſelbe war, will ich mit auf meinen Eid nehmen, obwohl er ſich den ſchwar⸗ zen Bart abgeſchnitten hatte und ganz andere Klei⸗ dung trug.“ „Habt Ihr ihn angeredet?“ „Nur einmal, das erſte Mal. Später machte er ſich immer ſpornſtreichs davon, ſobald er mich ſah; und damals ſagte er mir, daß er Ihnen einen Be⸗ ſuch machen wollte.“ „Mir? Nun, dann iſt es vielleicht ein alter Be⸗ kannter geweſen.“ „O, nein doch, der ſtreicht nicht wie ein Dieb Nachts im Walde und Felde herum. Ich bin über⸗ zeugt, daß der Kerl allerdings Ihnen einen Beſuch zu machen beabſichtigt, aber keinen freundſchaftlichen. Jetzt ſind es ſogar ihrer Zwei und der Andere ſcheint mir ein eben ſo großer Halunke zu ſein, wie der erſte.“ „Was ſollten dieſe Menſchen aber beabſichtigen?“ fragte der Baron, den Doktor Millinger dabei an⸗ blickend. 163 „Wenn ſie etwas Uebles im Sinne haben,“ erwi⸗ derte dieſer,„ſo kann man auf Alles gefaßt ſein. Ein Diebſtahl zum Beiſpiel würde hier nicht ſchwer auszuführen ſein.“ „Ja, wenn wir keine Wachen ausſtellten!“ rief der Förſter dazwiſchen. „Ach, was Ihr nur immer mit Euren Wachen wollt!“ brummte der Baron.„Was wollt Ihr be⸗ wachen, wen wollt Ihr bewachen— glaubt Ihr, daß ich ein oder zwei Menſchen fürchte?“ „Das Schloß wollen wir bewachen und ich will es,“ ſagte d der ehrliche Förſter freimüthig und kühn. „Und hier ger Herr Verwalter iſt mit mir derſelben Meinung.“ Der Baron hob ſein Auge zum Verwalter empor, der in ſeiner Beſcheidenheit nicht viel zu ſprechen wagte.„Iſt das Ihre Anſicht?“ fragte der Baron. „Ja, gnädiger Herr, das iſt meine Anſicht. Auch i*ſt es leicht auszuführen, wenn wir einige bewaffnete Männer ein paar Nächte hindurch den Hof umgehen laſſen.“ „Meinetwegen! Ihr Alle ſeid Haſenfüße!“ „Das bin ich nun gerade nicht,“ brummte der Förſter.„Ein bischen Vorſicht aber, denke ich, kann uns in dieſen Zeiten nicht ſchaden.“ 164 „In dieſen Zeiten— was meint Ihr damit?“ „Nun, ich meine nur ſo. Es wird jetzt genug geſtohlen.“— „Sie haben viele Werthpapiere, Herr Baron,“ ſagte wohlmeinend der Arzt;„die Meinung Tellkamp's läßt ſich vertheidigen.“ „Ach, nun fangt Ihr auch an, zu zittern. Da bin ich denn wohl überſtimmt. Drei gegen Einen, das iſt zu viel. Meinetwegen! Aber um die Papiere braucht Ihr Euch nicht zu ängſtigen, die nehme ich alle Abende mit in mein Schlafzimmer, wo ich ein paar gute Piſtolen und einen Sarras habe, der ſchon früher ſeine Pflicht erfüllt hat.“ 4 „Dann bin ich befriedigt,“ meinte der Arzt.„Aber Sie beſitzen auch eine Menge Silbergeſchirr und viel⸗ leicht auch Baares.“ „Baares? Gott ſoll mir beiſtehen! Wo ſoll das herkommen in dieſen traurigen Zeiten, um mit Tell⸗ kamp zu reden. Dafür haben meine Herren Söhne geſorgt. Vorwärts denn, macht die Wache unter Euch ab. Ich bin damit einverſtanden.— Iſt das Fräulein noch nicht zurück?“ Marie hörte dieſe Frage mit eigenen Ohren. Sie öffnete ſogleich die kleine Tapetenthür, die ihr Zim⸗ mer von dem des Barons trennte, und erſchien vor — 165 den Männern. Der Förſter und der Verwalter ent⸗ fernten ſich ſogleich, um ihre Maßregeln für die Nacht zu verabreden. Doktor Millinger aber blieb, denn er hatte ſich vorgenommen, dem Baron und ſeiner Nichte dieſen Abend Geſellſchaft zu leiſten. „Guten Abend, mein Kind,“ ſagte der Baron freundlich zu Marien, ihr ſeine Hand reichend.„Wie? Biſt Du bis jetzt im Nebel auf dem Berge geweſen?“ „Nein, ich bin ſchon ſeit einer Weile zurück und habe einen Theil Eurer Unterredung mit angehört.“ „Schwätzerei, Schwätzerei, aber keine Unterredung, Kind.— Habt Ihr Euer Pferd eingeſtellt, Doktor? Ja? Nun dann iſt es gut. Ihr bleibt alſo heute Abend hier?“ „Ich denke ſo, wenn Sie es mir geſtatten.“ „Bitte darum. Nun aber zu etwas Anderem. Sage mir, Marie, iſt der— der Herr Hübner ange⸗ kommen?“ Die ſo ohne alle Umſtände Gefragte hätte nicht mit Worten zu antworten gebraucht, ihr Erröthen, ihr freudiger Blick, den ſie, freilich mit einiger Ueber⸗ raſchung, von dem Oheim blitzſchnell auf den Doktor gleiten ließ, enthielt der Bejahung genug. „Ach ſo,“ fuhr auch der Baron ſogleich fort,„ich merke es ſchon. Alſo er iſt da?“ 166 „Ja, er iſt da, mein Oheim, endlich! Er läßt Dich vielmals grüßen, und den Doktor auch; morgen wird er Dir ſeine Aufwartung machen.“ „Endlich! ſage auch ich. Ich freue mich darauf. Warum ſeht Ihr mich ſo wunderbar an, Doktor?“ „Ich? O! Ich wüßte doch nicht!— Es iſt ſehr nebelig draußen, mein gnädiges Fräulein, nicht wahr?“ „Ja, ſehr!“ „Auch recht kühl?“ fuhr der Doktor fort, um nur Etwas zu ſagen. „Das habe ich nicht bemerkt.“ „Wie kommt Ihr mir Beide ſo ſonderbar vor!“ ſagte der Baron lächelnd, ſein Auge von Marien zum Doktor und wieder zurück wendend.„Euer Wetterge⸗ ſpräch nimmt ja gar kein Ende. Habt Ihr Euch nichts Beſſeres zu ſagen, wie?— Sage mal, Kind, was ſagte der Herr— Hübner, hat er Dir Nichts von ſeiner Reiſe nach der Reſidenz erzählt?“ „Viel, mein Oheim, und er wird es Dir morgen auch erzählen.“ „Ich danke ſchon im Voraus dafür, ich habe ge⸗ nug von der Sache. Er kann mir was Beſſeres mit⸗ theilen. Ich will mit ihm morgen nach dem Kupfer⸗ hammer fahren und mir das närriſche Werk beſehen.“ Die Augen des Arztes leuchteten durch den Raum, 46 der zwiſchen ihm und dem Baron lag, denn er hatte ſich unterdeſſen auf einen Seſſel niedergelaſſen, der weit vom Tiſche entfernt ſtand, auf dem die große Lampe brannte. Er richtete ſein Geſicht bald auf den Baron, bald auf Marie, in deren Mienen er zu leſen verſuchte, was der Hauptinhalt ihrer Unterhaltung mit Herrn Hübner geweſen war. Aber er konnte nicht ergründen, was er über Alles gern gewußt hätte. Er ſah nur, daß ihr Geſicht von einem lebenswarmen Gefühle widerſtrahlte, und ſo dachte er ſich ungefähr, was ſie mit einander verhandelt hatten. Das Geſpräch wurde nun eine Zeitlang in ver⸗ ſchiedenen Richtungen fortgeſetzt, ohne die beiden Hauptpunkte des Abends, Herrn Hübner und die aus⸗ geſtellten Wachen, zu berühren. Allmälig kam ſo die Zeit des Abendeſſens heran und Friedrich erſchien, um. zu fragen, ob im Speiſeſaale oder im Zimmer des Herrn Barons angerichtet werden ſolle. „Wir wollen hier eſſen,“ ſagte der Baron heiter, nes iſt mir ſo bequemer. Der Speiſeſaal iſt zu ge⸗ räumig und öde für drei Perſonen, und ich halte mich hier lieber auf. Der Doktor wird es nicht übel nehmen.— Habt Ihr aber die Läden alle feſt ver⸗ ſchloſſen, Friedrich?“ 168 „Ja, gnädiger Herr, ſie ſind im ganzen Hauſe verriegelt.“ „Es iſt gut— aber was iſt denn das?“ fragte der Baron und wandte ſich nach dem Fenſter herum, vor dem es heftig rauſchte.„War das der Wind? Wo kommt denn der mit einem Male her?“ „Ja, Herr Baron, es iſt plötzlich ſehr ſtürmiſch ge⸗ worden. Der Wind jagt die Nebel wie Wolken über die Erde. Auch hat er ſich gedreht, wir haben Oſt⸗ wind bekommen.“ „So. Na, dann wird die Wache draußen wenig Vergnügen haben. Meinetwegen, ſie wollten es ja nicht anders. Aber ſorge dafür, Friedrich, daß das Feuer in der Küche die Nacht durch unterhalten werde. Die Männer können von Zeit zu Zeit hereinkommen und einen Schluck Warmbier oder Punſch trinken.“ Friedrich machte eine ſtumme Verbeugung und ging hinaus, um die Befehle ſeines Herrn in Aus⸗ führung zu bringen. Bald darauf ward der draußen gedeckte Tiſch hereingerollt und die Stühle herum⸗ geſtellt. „Was wollen wir trinken, Doktor?“ fragte der Baron. Doktor Millinger beſann ſich.„Was wir heute 4 5 vor ſechszehn Jahren getrunken haben,“ ſagte er end⸗ lich mit beinahe zitternder Stimme. „Heute vor ſechszehn Jahren, Doktor? Der Tau⸗ ſend! Das ſoll ich noch wiſſen? Da habt Ihr ein beſſeres Gedächtniß als ich.“ „Wohl möglich!“ „Was tranken wir denn damals, he?“ „Wir tranken auch Punſch,“ ſagte leiſe der Arzt, den Baron mit ſeltſamen Blicken fixirend. Dieſer ſann offenbar nach. Plötzlich griff er ſich an die Stirn, ſeufzte tief auf und ließ ſich, ohne ein Wort zu ſagen, auf ſeinen Seſſel in der Ofenecke nieder. 4 Doktor Millinger hatte Alles bemerkt. Er trat dem alten Freunde näher und bot ihm die Hand. Der Ba⸗ ron faßte ſie mit beiden Händen und drückte ſie warm. „Sechszehn Jahre!“ ſagte er leiſe, doch ſo laut, daß Marie es hören konnte. Sie trat jetzt auch den beiden Männern näher und fragte mit ſichtbar ſchwer zurückge⸗ haltener Bewegung:„Was war das für ein Tag, mein Oheim, an welchem Ihr Punſch getrunken habt?“ „O mein Kind,“ erwiderte mit ſchmerzlich beweg⸗ ter Stimme der Oheim,„das war noch ein glücklicher Tag gegen den folgenden, gegen alle übrigen folgen⸗ den, denn an dem— an dem Tage— wußte ich noch nicht—“ — — 479 „Still!“ unterbrach ihn der Doktor.„Ich will es Ihnen ſagen, mein liebes Fräulein. Es war mein Geburtstag. Der Herr Baron lud mich dazu bei ſich ein und wir tranken eine Bowle Punſch.“ „Das hatte ich vergeſſen, Doktor! Wahrhaftig, es iſt ja wahr!“ rief der Baron, mit einem Male heiterer geworden, wobei er ſich ſchnell von ſeinem Stuhle erhob und den alten Freund auf die herzlichſte Weiſe beglückwünſchte, was Marie ſogleich auch ihrer⸗ ſeits that. Durch dieſe geſchickte Wendung des Geſprächs— denn der Baron wußte ja nun nicht genau, auf wel⸗ ches Ereigniß an jenem Tage der Doktor ſich bezogen hatte— war der traurige Gedanke, der den alten Herrn bei der Erinnerung an denſelben befallen, be⸗ ſeitigt. Man ſetzte ſich um den Tiſch und nach eini⸗ ger Zeit wurde die verlangte Bowle gebracht, die herrlich dampfte und ihren leckeren Duft durch das ganze Zimmer verbreitete. So ſaßen ſie denn, nicht allein eſſend und trinkend, ſondern auch manches Er⸗ eigniß mit Worten berührend, welches innerhalb die⸗ ſer ſechszehn Jahre in ihrem Geſichtskreiſe vorgefal⸗ len war. 171 Während der Abendmahlzeit der Herrſchaft bemühte ſich Tellkamp, die Wache für dieſe Nacht auszuwäh⸗ len und mit den beſten Anweiſungen zu verſehen. Zwei Knechte, kräftig und willig, hatten ſich aus freien Stücken zur Uebernahme der erſten Wache erboten. Aber das war dem vorſſchtigen Förſter noch nicht genug; er geſellte ſich ſelbſt den Beiden zu, ſchritt von Einem zum Anderen hin und her und ſah nach, daß Jeder in den angewieſenen Schranken ſeine Pflicht erfülle. Es war draußen im Freien nicht ſo behaglich, wie im warmen Zimmer des Barons, und die dann und wann die Küche heimſuchenden Wachen konnten den Punſch wohl vertragen, der daſelbſt von der jun⸗ gen Magd Mike warm gehalten wurde. Undurch⸗ dringlicher Nebel erfüllte noch immer Feld und Wald, aber er lagerte nicht mehr ſo träg und ſchwer auf den Höhen und in den Thälern. Von Zeit zu Zeit wühlte ſich ein jäher Windſtoß hinein, der bald aus dieſer, bald aus jener Richtung zu kommen ſchien, und zerriß dann die ſchweren Dunſtmaſſen, die den im Freien Befindlichen eiskalt in’s Geſicht ſchlugen. Vom Himmelsgewölbe ſelbſt war Nichts zu ſehen, eine bleifarbige, ſcheinbar dicht gepreßte Atmoſphäre verband Himmel und Erde mit einander, und kein e Stern durchbrach und erleuchtete dies wüſte, kalte Einerlei. Da man bei dieſer ſehr ſchlecht zur Nachtwache geeigneten Witterung nicht weit um ſich ſchauen konnte, ſo hielten ſich die Männer, ihre Knüttel feſt mit den Händen gepackt haltend, meiſt in der Nähe des Her⸗ renhauſes auf, von verſchiedenen Seiten her es lang⸗ ſam umkreiſend und ſich dann an irgend einer Stelle begegnend und mit Worten begrüßend. Nur der För⸗ ſter, die geladene Doppelflinte ſchußfertig in der Hand, wagte ſich dann und wann etwas weiter hinaus und ſchloß auch die Scheunen mit in ſeinen Umgang ein, bei ſeiner Rückkehr dann jedesmal dieſen oder jenen Wächter anrufend, wenn er in ſeine Nähe gelangt zu ſein glaubte. Aber er hatte ſich oft getäuſcht und einen Baum für einen Menſchen gehalten, der ihm dann keine Antwort zu Theil werden ließ, was ſtets ein unzufriedenes Brummen von Seiten des aufmerk⸗ ſamen Jägersmannes zur Folge hatte. Wie aber die Gefahr faſt nie oder nur ſelten von der Seite kommt, woher man ſie erwartet, ſo war an den im Auge behaltenen Stellen von den gefürch⸗ teten Herumſtreichern weder Etwas zu ſehen, noch zu hören, und doch konnte man mit ziemlicher Sicher⸗ heit vorausſetzen, daß, wenn ſie einen Einbruch in das 173 Schloß beabſichtigten, ſie keine geeignetere Nacht als dieſe hätten wählen können, um ungeſtraft in die Nähe deſſelben zu kommen und nach vollbrachter That wieder zu entſchlüpfen, denn Nebel und Wind begünſtigten in jedem Falle ein ſolches verbrecheriſches Unternehmen. So war denn der Abend den verſchiedenen, an der Entwickelung deſſelben theilnehmenden Perſonen ziemlich verſtrichen und die Nacht kam allmälig heran, ſich ſchon äußerlich durch größere Kälte und ſchärferen Wind bemerklich machend. Als es im Zimmer des Barons zehn Uhr ſchlug, ſtand Doktor Millinger von ſeinem Sitze auf und machte Miene, ſich zu empfehlen. „Wollt Ihr fort?“ fragte der Baron.„Bleibt doch und trinkt noch ein Glas. Euer Geburtstag kommt ſo bald nicht wieder.“ G „So ſei es denn das letzte,“ ſagte der Doktor und nahm das volle Glas aus den Händen des Haus⸗ herrn, das dieſer ihm hinreichte.„Auf ein glückliches neues Jahr, auch für Sie, Herr Baron— Gott gebe ſeinen Segen, heute und morgen und im⸗ merdar!“ Kaum hatte er, ſich gegen die Anweſenden verbeu⸗ gend, das Glas an den Mund geſetzt, ſo hielt er mitten im Trinken inne und horchte hoch auf. Denn die 174 Hunde im Hofe, ſonſt ſtill in irgend einem Winkel liegend, ſchlugen heftig an, wie wenn etwas Frem⸗ des auf den Hof käme. „Was iſt denn das?“ ſagte der Baron.„Wäre es wieder der Wind oder hörte ich das Rollen von Rädern auf dem Hofe?“ Er hatte noch nicht ausgeſprochen, da ließ ſich ſchon ein fremdartiges Lärmen, Schreien und Reden auf dem Flur und im Vorhauſe hören, dem bald von verſchiedenen Stimmen tobende Worte und Ge⸗ ſchrei folgten. Der Baron und Doktor Millinger, raſch in den Vorſaal tretend, um zu ſehen, was es gebe, fuhren Beide entſetzt zurück, als ſie die ihnen vor Augen liegende Scene gewahrten, die, wie aus den ſtürmiſchen Wolken herniedergefallen, plötzlich der gemüthlichen Stunde wider Vermuthen ein ſchreckliches Ende bereitete. Von zwei bewaffneten Gensdarmen theils geführt theils unterſtützt, war eine Geſtalt aus dem Wagen geſtiegen, die leider keinem der Anweſenden unbekannt war. Mit ſeinem zerriſſenen rothen Jagdrock beklei⸗ det, geſträubten und wild um den Kopf hängenden Haares, das von Aufregung und Irrſinn gedunſene Geſicht angſtverzerrt, die Augen bohrend und ſtarr auf die ihn feſſelnden Führer gerichtet, erſcheen der 175 Junker Georg wie ein aus ſeinem Käfig gebrochenes Raubthier im Hauſe ſeines Vaters.„Was iſt das?“ wollte dieſer rufen, aber die Stimme erſtickte ihm in der Kehle, denn er begriff blitzſchnell, inſtinktartig, was für ein Schlag endlich über das Haupt ſeines unglücklichen Sohnes hereingebrochen ſei. „Halt da!“ rief jetzt der wahnſinnig gewordene Menſch,„halt da, Ihr Männer vom Gericht, meine Leibwache und Trabanten— ſtreckt das Gewehr, ich befehle es Euch. Seht Ihr nicht, o, ſehet Ihr nicht, daß ich im Schloſſe meiner Väter bin, um meine fürſt⸗ liche Braut zu beſuchen und ihr Haupt mit diamante⸗ ner Krone zu ſchmücken? Laßt ab von mir— weg mit der Fauſt— man ruhe ſich von der Reiſe, man erfriſche ſich. O— da iſt ſie, da iſt ſie— willkom⸗ men meine theure, ſüße, ſchöne Braut!“ Dieſe letzten Worte galten in der That Marien, die, dem Baron und dem Arzte auf dem Fuße folgend, ſobald ſie nur einen Blick auf den Unglücklichen ge⸗ worfen, erkundet hatte, was mit ihm geſchehen ſei, und augenblicklich zur Handlung der Menſchenliebe entſchloſſen, mit Gewalt das laute Schlagen ihres Herzens bemeiſternd, vorſprang und auf den armen Vetter zueilte, der ſie ſogleich, wie ein Geier, mit ſei⸗ nen Armen umklammerte. 176 „Laßt ihn los! Um Gotteswillen!“ rief ſie flehend den Gensdarmen zu, die ihn von ihr entfernen woll⸗ ten—„keine Gewalt, keine Gewalt, ich ganz allein werde ihn beſchwichtigen!“— Es iſt unmöglich, die vor Schreck todtenbleich ge⸗ wordenen Geſichter der Umſtehenden, des in tiefſter Seele zerſchmetterten Vaters, des theilnehmend mit⸗ fühlenden Arztes und der vor Entſetzen unthätig zu⸗ ſchauenden Diener zu beſchreiben. Erſt nach gerau⸗ mer Zeit, nachdem man Georg in das warme Zimmer gebracht, wo er gierig einige Gläſer heißen Punſches leerte, während die Gensdarmen noch immer auf dem Flure ſtanden und den Leuten das Erlebte berichteten, ward es dem Arzte möglich, ſich ſelbſt von dem Her⸗ gange der Sache leidlich zu unterrichten. Wie ſich ſpäter auswies, war Georg mit ſeinen Gefährten glücklich in der Reſidenz angelangt, hatte aber daſelbſt, gleich einigen Anderen derſelben, auf dem Tiſche ſeine Entlaſſung aus ſeinen bisherigen militairiſchen Ver⸗ hältniſſen vorgefunden. Bei dieſem unerwarteten Schlage in eine ſchreckliche Raſerei ausbrechend, war er zu einem Bekannten geeilt, den daſſelbe Schickſal getroffen, hatte dort unter den Händen eines eilig herbeigeholten Arztes einen Tag und eine Nacht to⸗ bend und wüthend zugebracht, und ſich dann am 177 Morgen des gegenwärtigen Tages nach der Eiſenbahn begeben, von wo er, merkwürdig genug, Ruhe und Faſſung heuchelnd, nach der Station gefahren war, von der man nur zu Wagen nach Holzendorf gelan⸗ gen kann. Hier hatte ſein Weſen und Benehmen, zumal er ſich für den Fürſten Brandovar ausgegeben, allgemeine Aufmerkſamkeit erregt. Man hatte, da er im Bahnhofgebäude Lärm gemacht, daß man ihn ohne alle Ceremonieen empfange, poltzeiliche Hülfe herbeigerufen und ihn in einen Wagen gebracht, um ihn zu ſeinem Vater führen zu laſſen, da er Vielen am Orte bekannt war. Bei dem ſtarken Nebel hatte der Kutſcher ſich mehrmals verfahren und ſo waren die Gensdarmen erſt ſpät mit ihm an Ort und Stelle gelangt, das Entſetzen, welches ſie hinter ſich gelaſſen, mit ſich in das ſtille Haus des unglücklichen Vaters tragend. Als Marie den Armen in dieſer Nacht ſah, war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen. Jetzt erſt war es ihr vollkommen klar, daß ſie vom erſten Tage an, wo ſie Georg geſehen, die Entwickelung ſeiner geiſtigen Krankheit geahnt oder empfunden hatte, und nur die Sorge, dem armen Vater das Schreck⸗ liche zu verſchweigen, hatte ihre Lippen gebunden. Nun aber war ſie nicht allein zur Theilnahme, Baron Brandau. II. 2. 12 ſondern auch zur thätigſten Hülfe bereit. Sich ihrer Erfahrungen im Irrenhauſe deutlich bewußt, bot ſie Alles auf, den von Zeit zu Zeit in neue Wuthaus⸗ brüche gerathenden Menſchen zu beruhigen, und ihrer ſanften Ueberredung, ihrem Eingehen auf ſeinen eigenthümlichen Wahnſinn war das auch wirklich ge⸗ lungen, denn ſie wußte ſehr wohl, wie man mit einem ſolchen Kranken umgehen müſſe. Auf den verdutzten Vater war in dieſer entſetzensvollen Stunde nicht zu rechnen, er war faſt erdrückt von dieſem neuen Schlage, der ſo unvermuthet auf ſein Haupt gefallen war, aber der Arzt ſtand ihm rathend und helfend zur Seite, und in kurzer Zeit hatte man ſo den Unglücklichen in einem ſicheren Giebelzimmer des Hauſes zur Ruhe gebracht, wo nur Marie mit Mitke vor ſeinem Bette ſaß, ihn mit zärtlichen Worten beſchwichtigte und ſeine heiße Stirn mit in Waſſer getauchten Tüchern kühlte. Wenden wir uns von dem Kranken ab, deſſen Krankheit in ihrem weiteren Verlaufe zu ſchildern nicht in unſerer Abſicht liegt, auf deren allgemeine Entwickelungsurſachen wir aber ſpäter noch einmal zurückkommen müſſen, da gerade ſie es iſt, auf deren Exiſtenz und Verbreitung in der heutigen Welt wir aufmerkſam machen möchten— begeben wir uns 179 einſtweilen zu dem unglücklichen Vater, der mit ge⸗ beugtem Haupte und gefalteten Händen auf ſeinem Lehnſtuhle ſaß und Gott bat, ihm Kraft zu verleihen, auch dieſen Schlag zu ertragen und den bitterſten Kelch von allen bald an ſeinen Lippen vorübergehen zu laſſen. „Alſo wahnſinnig, wahnſinnig!“ ſtöhnte er.„Das fehlte mir noch in meiner eigenen Familie! Einen wahnſinnigen Sohn haben die Brandau's noch nicht gehabt. O Schickſal, Schickſal, wie biſt Du ſo ſchwer zu begreifen, warum haſt Du gerade mich ausgewählt, ein ſolches Entſetzen zu erleben! Doch, konnte es anders ſein, anders kommen? Wo habe ich meine Augen, meine Gedanken gehabt, ſo viele Jahre hin⸗ durch! Hat dieſer Unglückſelige nicht ſchon lange wie ein Wahnſinniger gelebt und gehandelt? Iſt ſeine jetzige Krankheit nicht allein die letzte Stufe ſeines leichtſinnigen, aller Vernunft und Einſicht baaren Lebens?— O mein Gott, mein Gott, wie klar liegt Alles das jetzt vor meiner Seele, ich ſehe es zum Greifen deutlich, nur meine einfältige Vaterliebe hat mich ſo lange blind und taub gemacht, hat mich ver⸗ kennen laſſen, was ich zu erwarten, zu fürchten hatte!—“ 4 12* 180 „Ja,“ fing er nach einer Weile wieder an, nach⸗ dem er ſich ſchweigend dem unnennbaren Schmerze überlaſſen, der ſein altes Herz zerriß—„dahin führt das bodenlos thörichte Leben der heutigen Jugend, das ſind die Früchte unſerer gelobhudelten Zeit der Aufklärung und Intelligenz, das ſind die Errungen⸗ ſchaften des freigewordenen Menſchengeiſtes auf Grund einer liberal und human gewordenen Erziehung! Habe ich nicht Recht gehabt, als ich vor Monaten in der Reſidenz Alles auf den Kopf geſtellt, alles ſolide Alte verbannt und nur das Neue mit einer Art von Götzendienſt gefeiert fand? Kamen mir nicht alle Menſchen, die ich ſah, alle Verhältniſſe, in die ich Einſicht gewann, wie aus den Fugen gerückt vor? Sagte ich es nicht dem Doktor, der ungläubig den Kopf ſchüttelte und mir entgegnete: ich allein ſei auf dem alten Flecke ſtehen geblieben, während die Ande⸗ ren fort⸗ und mir vorausgeſchritten ſeien? Ein herr⸗ licher Fortſchritt, dem Irrenhauſe entgegen, eine köſt⸗ liche Verwandlung— bei Gott, wenn es nicht zum Weinen wäre, es könnte zum Lachen ſein!“— Und er lachte wirklich, aber wie ein dämoniſcher Geiſt, in deſſen Lachen ſich nicht die Freude der Menſchheit, ſondern allein ihre Verzweiflung ausſpricht. „O, wie wohl iſt meiner Frau da oben unxr 181 dem grünen Hügel,“ fing er dann wieder an,„wie ſchmerzlos liegt ſie da, ſieht Sommer und Winter auf einander folgen und fühlt weder die Hitze des einen, noch die Kälte des andern. O, läge ich bei ihr und fühlte auch nicht den grimmigen Schmerz, der meine Eingeweide zerreißt und mein Blut gegen das eigene Herz empört, welches es kreiſen macht. Was ſoll ich noch auf dieſer jammerreichen Erde, al⸗ lein und verlaſſen, denn alle meine Kinder haben ſich von mir gewandt, ſind in Verbrechen und Wahnſinn verfallen— und warum? O, es iſt gräßlich, aber wahr: weil ich in vermeſſener Eitelkeit, in unüber⸗ legtem Hochmuthe, in unbezwinglichem Stolze zu jener unſeligen Stunde den Fluch auf ſie und mich geladen, den der mit Unrecht gezüchtigte Knabe win⸗ ſelte: Deine jüngeren Söhne werden Dich ſtrafen für Das, was Du ſo ungerecht an Deinem älteſten ge⸗ than!— O, Richard, mein Richard— wäreſt Du bei mir— könnte ich noch einmal Deine Hand berüh⸗ ren, ich wollte knieen, knieen vor Dir und Dich be⸗ ſchwören, den Fluch von Deines Vaters Haupt zu nehmen und ihn zu ſegnen mit Kindesliebe— o, Gott, o, Gott, wo haſt Du meinen Richard begraben— laß ihn auferſtehen und zu mir kommen, er wäre ja die einzige Hoffnung, die noch für mich auf dieſer Schrei der Freude aus, als er den Arzt noch bei ſich ſah.„Millinger,“ ſagte er herzlich,„ach! Ihr ſeid 12 Erde übrig bliebe, das einzige Band, welches mich noch mit dieſem Leben verknüpfte!“ Nach dieſen mit unendlicher Weichheit und Weh⸗ muth geſprochenen Worten legte er ſeinen Kopf in beide Hände, beugte ſich vorn über und weinte laut, ſo laut, daß er nicht einmal den Schritt des Arztes vernahm, der geräuſchlos durch die Thür eintrat, nachdem er eine Stunde am Bette Georg's geſeſſen und mit Marie über die Krankheit deſſelben ſich be⸗ rathen hatte. In der ganzen Erſcheinung des Arztes, wie ſie jetzt ſichtbar ward, als er leiſe in das Zimmer des Barons trat, gab ſich eine tiefe Erſchütterung kund. Sein Geſicht war bleich, die Zeichen der tiefſten Trauer tragend, ſeine Haltung gebeugt, und ſeine Hände zit⸗ terten, ſobald er ſie von ſeinem Körper löſte. Lang⸗ ſam ſchritt er ſo heran und legte die Rechte auf das niedergebeugte Haupt des alten Barons. Dieſer richtete ſich ſogleich auf und ſtieß einen noch da— Ihr verlaßt mich nicht?“ „Nein, Herr Baron, ich verlaſſe Sie nicht, ich bleibe die ganze Nacht und den morgenden Tag bei Ihnen. Ich habe ſchon einen Boten an meine Frau 1883 geſandt, um ihr die Urſache meines Ausbleibens zu erklären.“ „Wohl, ich danke Euch! O, es iſt eine Wohlthat für mich, noch einen Freund, wie Ihr ſeid, um mich zu haben. Wo iſt Marie?“ „Sie iſt bei dem Kranken. Wir können ihn kei⸗ nen beſſern Händen anvertrauen, ihr allein folgt und gehorcht er, ſie verſteht es, mit ſolchen Unglücklichen umzugehen— nie habe ich etwas dergleichen geſehen und es iſt mir faſt unerklärlich.“ „Sie iſt mir von Gott geſandt, Doktor, ich habe es ſchon lange im innerſten Herzen gefühlt. Wie iſt es aber mit ihm? Raſ't und tobt er noch?“ „Nein, er liegt ruhig in ſeinem Bette und hört die Erzählungen Ihrer Nichte an, die ſie ihm wie Honig in die aufgeregten Ohren träufelt, denn ſie ſpricht eine Sprache mit ihm, von Kronen und Scep⸗ tern, die kein Menſch verſteht, als ſie und er allein.“ „Das iſt merkwürdig.— Sind die Männer, die ihn gebracht, wieder fort?“ „Nein, ich habe angeordnet, daß ſie die Nacht mit dem Wagen hierbleiben. Sie ſitzen in der Küche und erzählen zum zehnten Male den horchenden Leu⸗ ten ihr trauriges Erlebniß.“ „O, Doktor, wie tief wühlt das in meinem Her⸗ 184 zen! Meine Knechte ſitzen beiſammen und ſchwatzen über das Schickſal ihres Herrn! Welche Demüthigung für den ſtolzen Baron! Aber wißt Ihr, Doktor, der alte Baron iſt es nicht mehr, den Ihr vor Euch ſeht—“ „Nein,“ entgegnete ſanft der Arzt,„er hat ſich ſchon lange zu ſeinen Gunſten geändert. Ich weiß es ſehr wohl.“ „Ganz, Doktor, ganz und gar. O, ich kann Euch das nicht ſagen, wie es ſo langſam und allmälig gleich Harfenton und Sphärenklang in meine Bruſt zog, wie ich den brauſenden Sturm in meinem Blute ſich ſänftigen, den quälenden Stachel in meinem ſtol⸗ zen Herzen ſich abſtumpfen fühlte und die Liebe und Neigung zu den mich umgebenden Menſchen eine ganz andere Geſtalt annahm. Das Alles hat mir Marie gebracht, der Engel!“ „Ja, ſie iſt ein Engel, ſo erſcheint ſie mir heute in ihrem vollſten Glanze. Sie ſollten nur ſehen und hören, nicht was ſie thut und ſpricht, ſondern wie ſie es thut und ſpricht.“ „Um Gotteswillen— ich mag es nicht hören und ſehen, ich kann es mir vollkommen denken. In mei⸗ nem ganzen Leben werde ich den ſchrecklichen Anblick meines Sohnes nicht vergeſſen; er war es nicht ſelbſt, 185 was ich ſah, ſondern nur ſein Geſpenſt.— Wie nennt man den Wahnſinn, der ihn erfaßt hat? Iſt es Tobſucht?“ „Ach nein, es iſt eine mir ſelbſt ſogar bisher, wenn nicht unbekannt, doch fremd gebliebene Art des Wahnſinns. Erſt Marie hat mir den Namen ge⸗ nannt und mich mit ſeinen Symptomen bekannt ge⸗ macht.“ „Maria? Auch Das? Und Ihr habt ihn nicht einmal gewußt?“ „Nein, ich geſtehe meine Unwiſſenheit ein. Dieſe Art von Kranken kommt mir hier auf unſerem Dorfe nicht vor; Marie aber hat ſie häufig, ſagt ſie, im Irrenhauſe geſehen. Sie nennt es den Größen⸗ wahn.“ „Den Größenwahn?“ „Ja, und was ſie mir ſo eben darüber mitgetheilt hat, werde ich mein Leben lang nicht vergeſſen, denn es berührt tief, tief die ganze gegenwärtig lebende Menſchheit, das heutige Leben, die Verbildung der Jugend, die durch übertriebenen Genuß alles Deſſen, was Gott in ſeiner unerſchöpflichen Vatergüte den einfältigen Menſchen gegeben hat,— der Ueberreizung der Nerven huldigt und dadurch eine Beute des ſchreck lichſten Schickſals auf Erden wird.“— 186 Brechen wir hier einen Augenblick ab, um dem Leſer eine allgemeine Aufklärung über die merkwür⸗ dige Form des Wahnſinns zu geben, welcher, wie wir eben hörten, Georg von Brandau ergriffen hatte; die nachfolgende Belehrung wird ihn hinreichend entſchä⸗ digen für den kurzen Aufſchub der Fortſetzung unſerer, ihrem Ende entgegengehenden Erzählung. Denn es iſt leider wahr, was der Arzt eben ſagte: dieſe Wahn⸗ ſinnsform hat eine große Bedeutung für die gegen⸗ wärtige Zeit und das heutige Leben, nicht allein we⸗ gen ihrer täglich zunehmenden, faſt erſchreckenden Häu⸗ figkeit, ſondern auch wegen ihrer allmäligen Verbrei⸗ tung durch faſt alle Klaſſen der Geſellſchaft, obgleich nicht zu läugnen iſt, daß die ſogenannte vornehmere, bemitteltere und auf höhere Bildung Anſpruch ma⸗ chende Klaſſe die zahlreichſten Mitglieder in ihren Reihen hat. Der ſogenannte Größenwahn iſt jene wunderbare, noch nicht allzu lange bekannte und in dem Sodom der modernen Welt, in Paris, zuerſt beobachtete Wahnſinnsform), die der Menſch ſich ſo recht mit *.) Eigentlich iſt der Größenwahn nur ein äußerlich wahr⸗ nehmbares Symptom einer im Verborgenen ſchleichenden organiſchen Gehirnkrankheit, der chroniſchen Meningitis, die ihre gewöhnlichen 187 eigenen Händen ſchmiedet, die er ſich ſelbſt künſtlich zuſammengeſetzt, denn ſie geht unmittelbar aus der Lebensweiſe der heutigen Jugend hervor oder ſteht wenigſtens in ſehr nahem Zuſammenhange mit ihr. Wenn man den Wahnſinn, der ein Auslöſchen des Selbſtbewußtſeins, ein Verlaſſen des geſunden geiſti⸗ gen Seins und ein Uebergang in das kranke geiſtige Sein iſt, unter Umſtänden ein glückliches Selbſtver⸗ geſſen nennen kann, ſo könnte man den Größenwahn den glücklichſten Wahnſinn von allen nennen. Denn die davon Befallenen ſind ſich ihrer Krakheit nicht allein nicht bewußt, ſondern ſie leben in dem beſtändigen und unumſtößlichen Wahne, die glücklichſten, begabteſten, reichſten und ſchönſten Menſchen auf Erden zu ſein. Die ganze Erde und Alles, was darauf lebt und webt, iſt entweder ihr Eigenthum, oder ſie haben Stadien: der Reizung, der Ausſchwitzung und der Lähmung, durchläuft. Bayle heißt der franzöſiſche Arzt, der ſie 1822 zuerſt genauer beſchrieb. Er war längere Zeit Interne zu Charenton (der Irrenanſtalt für höhere Stände bei Paris), ſtudirte fleißig die pathologiſche Anatomie des Gehirns Geiſteskranker und ver⸗ ööffentlichte 1822 ſeine Recherches sur les maladies mentales. Erſt ſeit dieſer Zeit iſt die Aliénation paralytique, die Paralysie générale, bei uns Größenwahn benannt, eingebürgert in die Pſychiatrie. Anmerkung des Verfaſſers. wenigſtens das Vorrecht, mit den Gütern dieſer Erde nach Belieben ſchalten und walten zu können. Sie allein ſind die Herren dieſer Welt und alle übrigen Menſchen ſind nur zu ihrem Nutzen und Gedeihen vorhanden. Niemals dünken ſich dieſe bevorzugten Leute, etwas Kleines zu ſein, ſtets ſind ſie etwas Be⸗ deutendes, Großes, Seltenes, vor dem alle übrigen Kreaturen ſich vor Bewunderung und Ehrfurcht im Staube beugen müſſen. Daher finden wir, daß ſie in ihrer Einbildung in der Regel ſolche Stellungen ein⸗ nehmen, die im gewöhnlichen Leben von oberflächlich Denkenden und Urtheilenden beneidet und nicht ſelten in ihrem Glanze und wahren Werthe überſchätzt wer⸗ den. Sie ſind alſo Grafen und Herren, Fürſten und Könige, große Künſtler, Dichter und Sänger, Gelehrte jeden Grades und jederlei Richtung. Vor den Augen dieſer glücklichen Unglücklichen dehnt ſich die ganze Welt wie ein weites, glänzendes und natürlich ihnen gehörendes Paradies aus. Die gewöhnliche Luft erſcheint ihnen als göttlicher Aether, alle Metalle ſind Gold, alles Waſſer, was darinnen fließt, iſt Champagner und Rheinwein. Die lieblich⸗ ſten Melodien ſchwirren ihnen Tag und Nacht vor den Ohren, Vögel ſingen auf allen Zweigen, die Blätter der Bäume ſind von Smaragd und die Früchte derſelben Nektar und Ambroſia. Was ſie ſpeiſen, und wäre es das elendeſte Mahl, ſcheint ihnen ein Göt⸗ termahl; jedes Weib, und wäre es eine Stallmagd, wie Don Quixote's Duleinea, eine Aſpaſia; alle be⸗ deutenden, namhaften Menſchen, auch wenn ſie ſie nie geſehen und nie von ihnen gehört, ſind ihre beſten Freunde oder ſogar Vettern; Alles können ſie zu ihren Gunſten bewegen und lenken, und ſelbſt der liebe Gott iſt ihr erſter Diener und Knecht. Daß ihnen alle Reichthümer der Welt zu Gebote ſtehen, verſteht ſich von ſelbſt, ſie rechnen nicht nach Tauſen⸗ den, ſondern nur nach Millionen und ſchenken Jedem, ſo viel er nur braucht oder haben will. Untergebenen gegenüber geben ſie ſich ſtets ein herriſches Anſehen, während ſie, wunderbar genug, gegen Diejenigen, die ihnen durch Geiſt, Kraft oder Anſehen überlegen ſind, ſich in der Regel beſcheiden, oft ſogar demüthig ver⸗ halten. Hieraus ergiebt ſich alſo, daß dieſe Krankheit auf einer unerhörten Selbſtüberſchätzung beruht, daß die davon Befallenen alle großen und guten Eigenſchaf⸗ ten der Menſchen zu beſitzen wähnen, daß ſie ſich kör⸗ perlich und geiſtig gleich reich begabt, durch äußere Verhältniſſe beglückt, allen übrigen Menſchen ein un⸗ nachahmliches Muſter und Beiſpiel zu ſein dünken. — 190 Die Urſachen dieſer ſchrecklichen Krankheit, um ſo ſchrecklicher, weil ſie mit jedem Jahre an Zahl und Intenſität wächſt, ſind verſchiedener Art, meiſt aber auf Stolz und Dünkel, Eitelkeit und Wichtigkeit der Perſon geſtützt, begleitet von einem das richtige Maaß überſchreitenden verſchwenderiſchen Leben, ſowohl in leiblicher als geiſtiger Weiſe. Daher die beiden Na⸗ men, womit die Franzoſen dieſe Krankheit nennen, monomanie des grandeurs und paralysie générale progressive, von denen der erſtere mehr die geiſtige Abweichung und der zweite die ſomatiſchen Urſachen bezeichnet. Denn Alles, was Körper und Geiſt zu⸗ gleich ſchwächt, Ausſchweifungen jeglicher Art, über⸗ mäßige und lange fortgeſetzte Aufregung, namentlich im Spiel, Nachtwachen und übertriebene geiſtige An⸗ ſtrengungen erzeugen ſie. Am häufigſten werden Män⸗ ner davon befallen; denn bis jetzt kann man auf acht⸗ zig davon ergriffene Männer nur immer ein Weib rechnen, und zwar zumeiſt ſolche, die den höheren oder wenigſtens den beſſeren Ständen angehören. Junge, bemittelte Offiziere, denen ihre Privilegien den Kopf verrückt haben, deren Beſchäftigung nicht hin⸗ reichend iſt, die ihnen zugehörige Zeit zu tödten und die deshalb auf Allotria verfallen, Poſtſekretaire, denen eine eben ſo unvernünftige wie übermäßig anſtren⸗ 191 gende Arbeit ohne Ruhe und Raſt aufgebürdet iſt, Gränz⸗ und Steuerbeamte, die, den böſen Einflüſſen der Witterung preisgegeben, Tag und Nacht in feuch⸗ ten Wäldern umherſchweifen müſſen, eitele und ſchwach begabte Künſtler, denen die Welt nicht den erwarteten Ruhm und Kranz zu Füßen legt— alle dieſe Leute ſind mehr oder weniger den Angriffen dieſer dämoni⸗ ſchen Krankheit zumeiſt ausgeſetzt, indem ſie ihre kör⸗ perliche Nervenkraft lähmt und dadurch auch lähmend auf ihre geiſtige Fähigkeit einwirkt. Allmälig nur, wie die Zerſtörung der leiblichen Kräfte fortſchreitet, wächſt dieſe mörderiſche Krankheit— mörderiſch, ſagen wir, denn die Erfahrung lehrt, daß ſie in der Regel den davon Ergriffenen im Laufe von ſechs Jahren tödtet. Klein und unſcheinbar iſt ihr Anfang, der Uneingeweihte erkennt ihn nicht und die an die Eigenheiten des davon Befallenen Gewöhnten tröſten ſich damit, daß derſelbe immer ein exeentriſcher Kopf geweſen ſei. Anfangs ſind dieſe Leute nur eitel, aufgeblaſen, leicht verletzbar und ſtolz; allmälig wer⸗ den ſie herriſch, dünkelhaft, ſchwer umgänglich, leicht verletzend; zuletzt aber überheben ſie ſich gänzlich ihrer Sphäre und eilen mit Sturmſchritten der höchſten Stufe des Irrſinns zu, die wir vorher ſchon ange⸗ deußet haben. 192 Wie ſich aus dem bisher Geſagten ſchon von ſelbſt ergiebt, ſo finden wir dieſe Form des Wahnſinns leider nicht allein in Irrenhäuſern vor, wenngleich ſie darin in höchſter Blüthe anzutreffen iſt, ſondern weit und breit in der ganzen Welt zerſtreut, in allen Stellungen und Rangverhältniſſen ſehen wir den Größenwahn gleichſam in milderer Form, in erträg⸗ licher Größe, in noch nicht überſchwänglicher Ausbil⸗ dung auftreten. Am ſichtbarſten aber tritt er in ein⸗ zelnen eitelen, dummſtolzen und nicht ſattſam gebil⸗ deten Menſchen periodiſch oder nur momentan auf. Es ſind dies die ſanguiniſchen, leicht erregbaren Con⸗ ſtitutionen, die von den äußeren Eindrücken der Welt leicht influirt werden und ſich ſelbſt eine mehr denn vernunftgemäße Obergewalt über Andere zuſchreiben. Sie haben Augenblicke, in denen ſie wie auf Wolken über dem ſtumpfen Erdenleben zu ſchweben ſcheinen und in denen die Welt, in der ſie perſönlich athmen und weben, eine ätheriſche Beimiſchung für ſie hat, während alle unter ihnen Stehende gemeine ſtinkende Luft athmen. Sie fühlen ſich— man weiß eigentlich nie wodurch— über ihres Gleichen erhaben, geben ſich einem unerklärlichen inneren Rauſche hin und ſchreiten, wie von unſichtbaren Flügeln getragen, an⸗ geſtaunt und bewundert von Jedermann— nach ihrer 193 Meinung wenigſtens— gleichſam auf einer Kometen⸗ bahn dahin. Plötzlich aber fallen ſie aus allen ihren Himmeln und ſehen ſich auf die nackte kalte Erde ver⸗ ſetzt, die ihnen nun wie alltägliche Proſa, wie gemeines Sein erſcheint. Iſt es da dem ſchwachen Menſchenkopfe zu verdenken, wenn er, plötzlich zur Beſinnung kommend, und ſeinen früheren Wahn als Irrthum erkennend, den Verſtand verliert? Wer iſt ſo wohl beſchaffen und eiſern organiſirt, ſolche Demüthigung, ſolche Kleinheit mit Ergebung zu ertragen? Sich früher ſo groß und mächtig gedünkt zu haben, eben noch ein König, ein Cröſus, ein Raphael, ein Shakſpeare geweſen und jetzt Nichts zu ſein, als ein ganz gewöhnlicher, duldender, armer Erdenmenſch? O, wo iſt ihr Gold, wo ſind ihre Edelſteine, ihre Ehrenzeichen geblieben, die ſie ſo eben auf der Bruſt und in Händen getragen, die ſie an alle Welt verſchenkt haben? Alles iſt vor ihren Augen plötzlich Staub und Aſche geworden, der Champagner hat ſich in geſchmackloſes Waſſer verwandelt, die Macht, Größe und Herrlichkeit, mit der ſie geprunkt, iſt in Plunder zerfallen. Welcher Umſchwung, welche Ver⸗ änderung! Wie muß dem Menſchen zu Muthe ſein, den plötzlich das Bewußtſein packt, Alles, was ſeine Phantaſie ſich vorgeſtellt, ſein Beſitz, ſein Verdienſt, ſeine äußere Geltung ſei verflogen wie die Luft, die Baron Brandau. II. 2. 13 —— 194 aus dem erſten beſten geöffneten Fenſter entſchlüpft, alle ſeine Einbildung mit einem Male erlahmt, ſeine Ideenwelt zerſtört? Ach, iſt Dies nicht viel ärger, als aus dem Leben plötzlich in Vernichtung überzugehen? Denn die wirkliche Vernichtung, der wirkliche Tod iſt doch nicht mit Bewußtſein verbunden, dieſe Vernichtung aber eben iſt das Bewußtſein, daß das ganze Leben nur eingebildete Größe, Schönheit und Vortrefflich⸗ keit war! Welche Lehre aber ſoll der Menſch, wenn er ſich Dies durchdenkt und recht klar vergegenwärtigt, aus dieſer Betrachtung ziehen? O, er nehme die Welt und das Leben, wie ſie ſind, nicht wie ſie ſein könnten; er arbeite und arbeite, um aus der einzigen Quelle geſunden und Zufriedenheit gebenden Lebens zu ſchöpfen, er erhebe ſich nicht willkürlich über Andere, über ſich ſelbſt, er ſei zufrieden mit Dem, was ihm Gott gegeben und ſchreite nicht über den beſchränkten Kreis hinaus— denn jedes einzelnen Menſchen Lebens⸗ kreis iſt und muß ein beſchränkter ſein— den die Vorſehung um ſeine Exiſtenz gezogen, er ſtrecke ſeine nimmerſatte Hand nicht nach Gütern aus, die außer ſeiner Sphäre liegen, er genieße, was er hat, was er erreichen kann, und gönne den Anderen den Reichthum, die höhere Lebensſtellung, den Rang und die Ehre, die 195 für ihn nicht geſchaffen ſind, er wende endlich ſeinen Verſtand dazu an, ſich und die Welt zu begreifen, und dämme ſeine überſprudelnden Leidenſchaften bei Zeiten in die Gränzen ein, welche die Sitte und der Anſtand der Welt um ihn gezogen haben. Wer Demuth im Herzen, Beſcheidenheit in ſeinen Anſprüchen, Vertrauen zum guten Ende in Gott in ſich trägt, der iſt vor dem traurigen Wahnſinn geſichert, den wir hier zu ſchildern verſucht, einem Wahne, der alle Tage in der Sittenloſigkeit, der Schwelgerei, dem Uebermuth, dem Trotz, der Eitelkeit und dem falſchen Glanz der leicht⸗ verletzlichen ſogenannten Weltehre gleich einem freſſen⸗ den Krebſe im Herzen und Geiſte der Menſchen ſeine Nahrung findet. Vor einem ſolchen Kranken, deſſen Extaſe ſo eben erloſchen war und deſſen Erſchlaffung den höchſten Grad erreicht hatte, ſo daß ſein augenblickliches Da⸗ ſein dem der ſüßeſten Ruhe gleichzukommen ſchien— das heißt für ein Auge, welches die Krankheit nicht zu erkennen, und für einen Geiſt, der ſie nicht zu be⸗ greifen vermag— ſaß Marie von Steinach in der Mitternachtsſtunde dieſer Schreckensnacht. Neben ihr kauerte bleich, die gefalteten Hände in den Schooß 13 ½ 196 gedrückt, Mike, die junge Magd, die den Muth hatte, ihrer Herrin zu Liebe an dem Bette eines Wahn⸗ ſinnigen zu wachen, deren Beiſpiel für ſie ſo erhebend war, daß ſie es in allen Stücken nachzuahmen be⸗ ſchloſſen hatte. Auch der Baron und Doktor Millinger waren in des Erſteren Zimmer noch wach, beſprachen noch immer die vorliegenden Verhältniſſe und ſuchten gegenſeitig alle die Troſtgründe zu erſchöpfen, die der denkende Verſtand und das gläubige Herz des Menſchen in ſolchen verzweiflungsvollen Lebenslagen noch in Vor⸗ rath zu haben pflegt. Die Wachen vor dem Hauſe aber ſchritten unterdeſſen noch immer munter auf und ab, nur zuweilen, wenn ſie ſich zufällig begegneten, ſich von den gräßlichen Dingen etwas in's Ohr raunend, die drinnen im Herrenhauſe vorgefallen waren und die jetzt die größere Runde im Munde der Diener machten, denn ein Theil der Bewohner des Gutshofes war wach geblieben, zumal man wußte, daß die Herr⸗ ſchaft ſelbſt noch nicht die zweifelhafte Ruhe des nächt⸗ lichen Schlummers geſucht hatte. Welche Gedanken und Gefühle mochten wohl den Geiſt und das von ſo widerſtreitenden Empfindungen bewegte Herz jenes edlen Mädchens erfüllen, als ſie in dieſer tiefen Nachtſtunde ſo ſtill und lauſchend am 1 d 197 Bette des Kranken ſaß und mit willigſter Ergebung die Dienſte verrichtete, die ſie in ihrer Jugend am Krankenbette der Mutter und vieler anderer Leidender mit ſo hinreißender Geduld zu üben gelernt hatte! Was hatte ſie Alles an dieſem denkwürdigen Tage er⸗ lebt, welche Freude und welchen Schmerz kennen ge⸗ lernt! Die höchſte Wonne des Lebens war durch ihre junge Bruſt gezogen, indem ſie ihr Kunde gab vom höchſten Beruf des weiblichen Herzens, und eine der tiefſten Betrübniſſe, die das menſchliche Mitgefühl erregen kann, hatte ſie mitempfunden. O, ſie gab ſich jetzt von beiden Zuſtänden ihrer Seele Rechen⸗ ſchaft und ſprach mit Gott, mit dem ſie ſchon ſo oft geſprochen, indem ſie ihn bat, ihr ihre Liebe zu ſchir⸗ men und zugleich den Kummer ihres alten guten Oheims durch ſeine allmächtige Fürſorge zu mildern. Ob Gott wohl das Gebet erhörte, welches aus dieſem reinen Buſen zu ſeinem Wolkenſitze ſich erhob? Wir wollen es wünſchen; wenigſtens gab er ihr für den Augenblick Ruhe und Zeit zum ſtillen Nachdenken, denn der Kranke lag in einem todtenähnlichen Schlafe, ſeine Sinne waren dem für ihn ſo traurigen Erden⸗ leben entrückt, nur ſeine Finger bewegten ſich bisweilen krampfhaft auf der ſeidenen Decke, auf der ſie ruhten, und ſeine Bruſt athmete ſchwer und beklommen, als 198 würde ſie von einer inneren Laſt und Sorge be⸗ drückt. Es war ein großes Glück, weniger für ihn, als für ſeine Umgebung, daß er in ſo tiefem Schlafe lag, denn noch war die ſchaurige Nacht, die zwiſchen Heute und Morgen ihre düſteren Locken ſchüttelte, erſt halb vorüber, was ſo eben die große Vorſaaluhr verkündet hatte, die man bei der großen Stille durch das ganze Haus die Mitternachtsſtunde ſchlagen hörte, und noch fünf lange einſame Stunden mußten verſtreichen, bis das erſte Tagesgrauen am Himmel ſichtbar wurde. Ob dieſer Schlaf durch das beruhigende Mittel herbeigeführt war, welches der Arzt aus ſeiner Taſchen⸗ apotheke dem Kranken eingeflößt hatte, oder ob es die natürliche Folge ſeiner ſeit zwei Tagen unaufhörlichen Aufregung war, wer kann es erörtern? Genug, die ſegensreiche Wirkung war da und Marie hatte Zeit gewonnen, ſich zu ſammeln, ihren Entſchluß zu faſſen und ſich mit neuer Faſſung auf etwa wiederkehrende Wuthausbrüche ſeiner momentan ſchlafenden Leiden⸗ ſchaft vorzubereiten. Als die Uhr ihre metallene Stimme hatte aus⸗ klingen laſſen, erhob ſich Marie leiſe von ihrem Stuhle und ſagte in jenem flüſternden und doch ſo verſtänd⸗ lichen Tone, den nur die Menſchen beſitzen, die ein 4 199 halbes Leben am Krankenbette einer geliebten Perſon zugebracht haben, zu der ihr ſo innig ergebenen und ſie aufmerkſam betrachtenden Magd: „Mike, er ſchläft ruhig und feſt; ich glaube, er wird ſo bis zum Morgen ſchlafen, denn ſeine Lebens⸗ geiſter ſind vollſtändig erſchöpft. Wenn er morgen aber wieder aufwacht, wird er von Neuem toben und wir werden dann wieder unſere Kräfte gebrauchen— willſt Du daher nicht hinuntergehen und Dich zur Ruhe begeben?“ „Ich? gnädiges Fräulein. Gehen Sie denn auch zur Ruhe?“ „Nein!“ hauchte Marie leiſe und lächelte mit ihrem ſanfteſten Lächeln dabei.„Ich bleibe wach bis zum Morgen und den ganzen anderen Tag; ich bin an das Wachen gewöhnt und fühle keine Abnahme meiner Kräfte. Du aber biſt nicht daran gewöhnt, haſt den Tag hindurch gearbeitet und wirſt auch morgen wieder arbeiten müſſen.“ „Das ſchadet Nichts; o, ich bin jung und ſtark, weit ſtärker als Sie, gnädiges Fräulein, und wo Sie bleiben, bleibe ich auch!“ „Das iſt freundlich von Dir und ich danke Dir, aber ich fordere es nicht.“ „O ich weiß, wann hätten Sie ſchon einmal Etwas 200 von mir gefordert— Sie bitten ja nur immer. D'rum bleibe ich ſo gern bei Ihnen, das wiſſen Sie ja.“ „Ich weiß es und es iſt mir auch lieb, daß ich Jemanden in meiner Nähe habe, nur wollte ich Dich nicht beläſtigen.— Höre, wie der Wind da draußen heult,— es iſt eine ſtürmiſche Nacht, auch in der äußeren Natur.“ „Freilich, und es war doch ein ſo ſchöner Tag!“ „Ach ja, er war ſehr ſchön! Wer hätte das ge⸗ dacht!— Ob wohl der Nebel noch immer ſo dicht auf den Feldern liegt— ob noch kein Stern am Himmel zu ſehen iſt?“ Mike ſtand auf und nachdem ſie auf Marie’s Ge⸗ heiß die Lampe, die in der vom Krankenbette am wei⸗ teſten entfernt liegenden Zimmerecke brannte, noch etwas mehr verdunkelt, trat ſie an's Fenſter und rollte be⸗ hutſam den grünen Vorhang auf, der davor herab⸗ gelaſſen war. Das Giebelzimmer, in dem ſie ſich be⸗ fanden, lag nach dem Viehhof hinaus, der im Hinter⸗ grunde von der großen Scheune, links von dem Pferde⸗ und Kuhſtall und rechts von den Schafſtällen einge⸗ faßt war. Dieſer große Hof lag ſtill und einſam vor den Augen der beiden Schauenden, denn auch Marie war zu der Dienerin getreten, um ihren Blick auf den Himmel und in das Freie hinaus zu richten; 201 nicht das leiſeſte Geräuſch war auf demſelben zu ver⸗ nehmen, das Vieh erfreute ſich einer ſüßeren Ruhe in dieſer Nacht, als ſelbſt die Menſchen. Nur dann und wann ließ ſich der Ton einer raſſelnden Kette durch den nächtlichen Frieden hören, der einzig und allein von Zeit zu Zeit durch einen toſenden Windſtoß unter⸗ brochen wurde, der jetzt gerade über die große Scheune her auf das Schloß zuwehte. „Es iſt kein Stern zu ſehen,“ ſagte leiſe die Magd,„der Nebel liegt noch dicht zwiſchen Erde und Himmel.“ „Du irrſt, Mike, er iſt bedeutend gelichtet; ich kann ja den ganzen Viehhof überſchauen und da hinten iſt ſogar ein Stern ſichtbar.“ „Wo denn? Das iſt ja nicht möglich.“ „Doch!“ Und Marie deutete mit Mikes eigener Hand, wobei ſie ſich vertraulich auf ihre Schulter ſtützte, auf die Stelle, wo ſie den Stern zu ſehen ge⸗ glaubt hatte.„Da iſt er,“ ſagte ſie,„ſiehſt Du wohl — doch nein— Du haſt Recht, ich muß mich geirrt haben— der Stern iſt fort und ich ſehe Nichts als einen trüben Nebel rings um mich her.“ „Man ſieht ja nicht einmal das Dach der Scheu⸗ nen,“ fuhr Mike fort.„Vielleicht iſt Jemand mit einer Laterne über den Hof gegangen.“ 20²2 „Das kann nicht ſein, Mike, es war ja viel höher. Die Sterne flimmern doch nicht am Boden.— Ob mein Oheim wohl noch wach iſt?“ Ohne ein Wort auf dieſe Frage zu äußern, ſchlich Mike auf den Zehen zur Thür hinaus, ſchritt auf dem oberen Corridor nach der Treppe hin und horchte hinunter. Als ſie gleich darauf wieder zurückkam, ſagte ſie:„Gewiß, der gnädige Herr iſt noch wach, er ſpricht laut mit dem Doktor und Friedrich ſitzt auf einem Stuhl vor der Thür und nickt.“ „So. Doch ſieh— da iſt das Licht wieder.“ „Wo? Dort? O, das iſt kein Stern—“ „Ich ſage auch jetzt nicht, daß es ein Stern iſt— aber ein Licht, eine Laterne—“ „Mein Gott, wer ſollte denn ſo ſpät mit einer Laterne in die große Scheune gehen und noch dazu auf den Boden? Denn das iſt ja ungefähr die Ge⸗ gend der großen Luke, wo es brennt—“ „Es brennt? Wo, wo?“ 3 „Ich meine das Licht— aber wahrhaftig! Bei Gott, gnädiges Fräulein, das Licht wird immer größer und größer— o Fräulein— es iſt— Feuer— Feuer!“ 8 Marie richtete ſich bei dieſem Schreckensruf ſo hoch in die Höhe, wie ſie Mike noch nie geſehen hatte. 203 Ihr Geſicht überzog dabei augenblicklich eine Leichen⸗ bläſſe und, die rechte Hand auf das laut ſchlagende Herz drückend, faßte ſie mit der Linken ſo heftig Mike's Arm, daß dieſe einen lebhaften Schmerz empfand. Plötzlich kam ihr die Sprache wieder, die ſie einen Augenblick verloren zu haben ſchien— „Mike,“ rief ſie—„geſchwind! Mein Oheim!— Rufe, rufe!—“ Mike ſprang wie der Blitz die Treppe hinab in das Zimmer des Barons und verkündete hier athem⸗ los, keuchend, was ſie und das gnädige Fräulein ſo eben vom Giebelfenſter aus beobachtet hatte. Unterdeß war die Flamme, die Anfangs durch den Nebel verhüllt, nur wie ein Licht erſchienen, ſchon be⸗ deutend gewachſen und der düſtere Rauch des brennen⸗ den Holzes und Heues miſchte ſich auf dem Hofe bereits mit dem weißen Nebel, ſo daß Jedermann allein durch den Geruch das nahende Unglück wahrnehmen konnte. Der Baron, ſo tief gebeugt und von Sorgen anderer Art erdrückt er auch war, erhob ſich bei dieſer neuen unerwarteten Nachricht wie ein Mann, der ſich den einen Feind ſo eben vom Halſe geſchüttelt und nun einem zweiten zu begegnen, ſchon wieder friſchen Muth gewonnen hat. Ihm auf dem Fuße nach folgte 204 der Arzt, der, wie es den Anſchein hatte, in dieſer Nacht ſein ſteter Begleiter bleiben ſollte. Kaum waren ſie auf dem Hofe angekommen, ſo erſchien auch der Förſter mit ſeinen beiden Wachen, deren Aufmerkſam⸗ keit leider nicht hatte verhindern können, daß irgend ein Böſewicht in der Stille der Nacht herangeſchlichen war und das Feuer in der Scheune angefacht hatte, denn anders konnte es nicht entſtanden ſein, da ſeit mehreren Tagen kein Menſch vom Gute die Scheune betreten hatte. Alle Verſammelten nun richteten ihre Augen auf die große Luke derſelben und leider war es nicht mehr zu verkennen, daß ein ernſtliches Feuer ausgebrochen ſei. Als man das aber erſt erkannt, entwickelte ſich auf dem großen Gutshofe eine überaus thätige und lärmvolle Scene. Alles was an Menſchen in den verſchiedenen Häuſern vorhanden, war im Nu auf den Füßen. Lautes Rufen von der einen Seite, Wehklagen auf der anderen ließ ſich alsbald vernehmen. Eine Zeit lang ſchien es, als ob eine Art Verwirrung unter den zum Theil aus dem Schlaf aufgeſcheuchten Leuten ausbrechen wollte, aber des Barons donnernde Stimme, der mitten auf dem noch leeren und einen Fuß hoch mit niedergetretenem Stroh bedeckten Vieh⸗ hofe ſtand, ſo wie das Beiſpiel der noch anweſenden Gensdarmen, die Georg hergeführt, brachten eine Art 205 ☛ Leitung und Ordnung in alle raſch auf einander fol⸗ genden Vorgänge. Während einige Männer vor allen Dingen in die zunächſt gelegenen Ställe ſprangen, das angekettete und laut brüllende Vieh von ihren Stän⸗ dern löſten und aus den weit geöffneten Thorwegen trieben, was bei den ſich theilweiſe widerſetzenden Schagfen ein ſchwieriges Stück Arbeit war, aber von den inſtinktmäßig die Gefahr begreifenden und ängſt⸗ lich bellenden Hunden vortrefflich unterſtützt ward, warfen ſich zwei junge Burſche auf die erſten beſten raſch gezäumten Pferde und jagten nach verſchiedenen Richtungen hin, um Hülfe zu holen, ſo nach dem Dorfe Holzendorf, wo mehrere Spritzen ſtanden, und nach dem Kupferhammer, von woher der bedeutendſte Beiſtand zu erwarten war. Unterdeß aber hatte das Feuer in der großen, mit Getreide, Heu und Stroh gefüllten Scheune große Fortſchritte gemacht, die der jetzt wieder von Südweſten herjagende Wind leider noch zu beſchleunigen angethan war. Bereits ſtand das ganze lange Dach in hellen Flammen und die feurige Lohe leckte ſchon nach den allmälig ſich leerenden Ställen hinüber. Die kleine, im Gutshofe vorhandene Spritze, die ſogleich in Thätig⸗ keit geſetzt war und eifrig von der anweſenden Mann⸗ ſchaft bedient wurde, um vor allen Dingen den zu⸗ 206 nächſt gelegenen Schaafſtall zu ſchützen— was konnte ſie thun, als einen kleinen dünnen Waſſerſtrahl gegen den bedrohten Giebel werfen, denn wenn auch ihrer ſechs vorhanden geweſen wären, ſie hätten das große Feuermeer nicht zu bewältigen vermocht, zumal es in dem trockenen Stroh und Heu eine ſo ungeheuer reich⸗ liche und leicht entzündliche Nahrung fand. So war es denn natürlich, daß der Feuerheerd von Minute zu Minute ein größerer, die Gefahr für die Ställe eine bedeutendere wurde und das Endreſul⸗ tat, wenn die erwartete Hülfe zu lange ausblieb, kein anderes ſein konnte, als daß bei dem herrſchen⸗ den Winde, der gegen das Schloß hinwehte, endlich alle Gebäude ein Opfer der Flammen wurden. Die geräuſchloſen und doch ſo tief die Seele er⸗ ſchütternden inneren Vorgänge Derer zu ſchildern, die vom Giebelfenſter aus Zeugen des ganzen ſich all⸗ mälig entwickelnden Schauſpiels waren, wäre eine Aufgabe, der unſere ſchwache Feder auf keine Weiſe gewachſen iſt. Marie, in ihrer unbeſchreiblichen Her⸗ zensangſt— denn wir wiſſen, daß Feuersgefahr ihr die ſchrecklichſte von allen Gefahren ſchien— auf die erſt laut und heftig weinende, dann aber ſich bald faſſende Mike geſtützt, ſtand noch immer am Fenſter und ſchaute auf das jeden Augenblick ſich vergrößernde 207 Feuermeer hinüber, das ſeine Gluth, ſeinen düſter⸗ rothen Schein bis in das ziemlich weit entfernte Kran⸗ kenzimmer warf, ohne jedoch den Schlafenden im Min⸗ deſten zu ſtören. Ihr Auge hatte keine Thränen, ihr Buſen keine Seufzer, ihre Lippen keine Worte mehr, und doch weinte, ſeufzte und ſprach ſie innerlich in dieſer ſchrecklichſten Stunde ihres Lebens mehr, als in irgend einer anderen zuvor. Das Auge wie gebannt auf die einzelnen Menſchen gerichtet, die in dem hellen Scheine des den Nebel durchdringenden und ſchauerlich aufhellenden Feuers hin und her glitten, gleich Ge⸗ ſpenſtern, die ein geheimnißvolles Werk ſchaffen, die Hände feſt um das Kreuz des geöffneten Fenſters ge⸗ klammert, Wünſche und Bitten zu dem unſichtbaren Leiter aller menſchlichen Geſchicke emporſendend, ſtand ſie einige Schritte von dem unglücklichen Wahnſinni⸗ gen entfernt, der, ohne Ahnung, was um ihn her vorging, im glückſeligen Todesſchlaf dalag und vielleicht von ſeinen Millionen träumte, die ihm ſein Irrſinn als ſein unverlierbares Eigenthum vorgelogen. Die anderen Frauen des Hauſes, wie immer die lauteſten und unruhigſten Zeugen bei ſolchen Vorfällen, liefen ſchreiend und händeringend aus einem Zimmer in’'s andere, aus dem Hauſe in den Hof, aus dem Hofe in den Garten und wußten vor Aufregung nicht, 208 wo ſie Hand anlegen, was ſie thun, was ſie laſſen ſollten. Plötzlich erſchien der Baron im Hauſe, wo die Frauen verſchiedene Gegenſtände zu packen und bei Seite zu ſchaffen anfingen. „Kein Menſch rühre hier eine Hand an,“ lautete ſein keinen Widerſpruch duldender Befehl— bis hier⸗ her kann das Feuer nicht dringen; laßt ab von allem Thun im Hauſe und helft die Spritze draußen mit Waſſer füllen, bis Hülfe kommt!“ Gleich darauf war er wieder im Freien, und wo man ſein graues Haar, das ſeine Bedeckung verloren, im Nachtwinde flattern ſah, gehorchte man unbe⸗ dingt ſeinen Anordnungen, die er dadurch unterſtützte, daß er ſelbſt mit Hand anlegte, wo es nothwendig erſchien. Während man nun ſo alle vorhandenen Kräfte in's Spiel brachte, ohne doch dem feindlichen Elemente ei⸗ nen Erfolg abzuringen, vielmehr ihm Schritt vor Schritt weichen mußte, nahte die Hülfe, von der der alte Baron ſo eben geſprochen, allmälig heran. Der Bote, der nach Holzendorf gejagt war, hatte den kürzeſten und bequemſten Weg zurückzulegen und er kam auch zuerſt am Ziele an. Aber ehe hier die ſchlafenden Menſchen erweckt wurden, ſich ankleideten und ſam⸗ 209 melten, ehe man die Pferde anſchirren und vor die Spritzen legen konnte, verſtrich eine geraume Zeit. Als ſie endlich in vollem Jagen auf dem Gutshofe anlangten, war ihnen ſchon eine andere, weit abge⸗ legenere, aber ſchnellere und werkthätigere Hülfe zu⸗ vorgekommen, eine Hülfe, auf deren umfaſſende und ſachkundige Thätigkeit wir jetzt hauptſächlich unſern Blick richten wollen. Der Bote, der nach dem Kupferhammer geritten war, hatte noch nicht die Hochöfen erreicht, als ihm ſchon eine ſtarke, zweckmäßig gerüſtete Mannſchaft vom Eiſenwerke her mit ihren großen Spritzen ent⸗ gegengeraſſelt kam. Er hielt ſein keuchendes Pferd an, um mit einem der Leute zu ſprechen, aber kein Menſch hörte oder ſah ihn, denn eine gewaltig trei⸗ bende Kraft jagte ſie alle dem von Weitem ſichtbaren Ziele entgegen. Wie dieſe Hülfe ſo ſchnell bei der Hand ſein konnte, wird uns das Folgende erklären. Herr Hübner, denn von ihm müſſen wir jetzt re⸗ den, war, nachdem er ſeine Geliebte verlaſſen, lang⸗ ſam auf den Bergrücken zurückgekehrt, von wo aus er das Haus ſehen konnte, in dem Marie von Stei⸗ nach wohnte. Eine unbegreifliche Sehnſucht nach dieſem Hauſe hatte ſich ſeines ſtarken Herzens be⸗ mächtigt und er konnte kaum den morgenden Tag er⸗ Baron Brandau. II. 2. 14 210 warten, um ſeine Schritte dahin zu lenken, wie er verſprochen hatte. Lange nachdem Marie ſchon zu ihrem Oheim in's Zimmer getreten war und mit ihm und dem Doktor Millinger bei Tiſche ſaß, weilte er immer noch auf dem Berge, ſaß ungeachtet der nächt⸗ lichen Kühle und der Feuchtigkeit des ſich immer mehr verdichtenden Nebels auf derſelben Stelle und ließ wenigſtens ſeine Gedanken das Ziel umkreiſen, das ſeine Augen nicht mehr erreichen konnten. Was er hier dachte, im vollen Herzen empfand, können wir uns wohl vorſtellen, wenn wir ſeine heiße Liebe, die eben ſo ſchnell, wie ſie erwacht, auch bis in's Rieſenhafte geſteigert war, für das ſchöne Mädchen im Auge behalten, welches ſich im Hauſe des alten Barons aufhielt. Wohl möglich, daß er auch im Geiſte erwog, wie der Baron ihn ſelber am nächſten Morgen empfangen, und was er auf die Bitte, die er ihm vorzutragen beabſichtigte, erwidern würde. Endlich aber ſchien er dieſen Gedanken ge⸗ nug nachgehangen zu haben und er erhob ſich, um ſich langſam zum Kupferhammer zurückzuwenden. Hier langte er etwa eine halbe Stunde früher an, bevor Georg's unerwartete Erſcheinung im Hauſe ſeines Vaters das traurigſte Schauſpiel aufführte, welches bisher noch darin geſehen worden war. Er ſchritt. 211 immer mit langſamerer Bewegung, als man ſonſt bei ihm zu bemerken gewohnt war, nach dem Hauſe, wo ſein Freund, der Direktor Baumann wohnte, ſprach mit dieſem einige wenige Worte und ſetzte ſich dann an den gemeinſchaftlichen Abendtiſch, ohne aber ſein Geſicht gegen irgend Jemand zu erheben oder eine Anrede an die ſeines Schweigens ungewohnte und daſſelbe richtig beurtheilende Gattin ſeines Freun⸗ des zu richten. Nachdem er raſch einige Speiſe zu ſich genommen, grüßte er die Anweſenden und ent⸗ fernte ſich, indem er die Richtung nach dem großen Werkhauſe einſchlug. Als er hinausgegangen war, blickten ſich die bei⸗ den Gatten heimlich lächelnd an, denn ſie ſchienen nicht allein einen und denſelben Gedanken gehabt, ſondern auch dieſe gegenſeitige Uebereinſtimmung er⸗ rathen zu haben. „Morgen wird er ſchon anders ſein,“ ſagte Herr Baumann zu ſeiner Gattin, und dieſe nickte mit dem Kopfe und entgegnete nur: „Das denke ich auch und freue mich darauf, denn es wird Zeit.“ „Ja, es wird Zeit, morgen ſind es ſechszehn Jahre, daß—“ 14* * 212 „Ich weiß es, lieber Mann— nun, Gott gebe ſeinen Segen!—“ Herr Hübner durchſchritt bedächtig, Alles und Je⸗ des prüfend, jeder begonnenen Arbeit einen durchdrin⸗ genden Blick ſchenkend, den von der an ſo vielen Stellen brennenden Feuersgluth tageshell erleuchteten Ma⸗ ſchinenraum, ordnete Dies und Jenes an und ſprach wenige Worte mit mehreren ihn begrüßenden Werk⸗ meiſtern. Das that er alle Abende, ehe er zur Ruhe ging und ſo hatte ſein diesmaliges Thun für Nie⸗ mand etwas Beſonderes. Als er aber Alles beſich⸗ tigt und in beſter Ordnung gefunden, verließ er das große Gebäude und durchſchritt noch mehrere kleinere. Auch hier war er mit ſeinem Befunde zufrieden und ſo verließ er endlich die Werkſtätten, um ſeinen Fuß wieder wo anders hinzuſetzen. Aber nicht wie ſonſt alle Abende begab er ſich in ſeine Wohnung zurück, nein, er bewegte ſich, gerade als die Hüttenuhr die elfte Nachtſtunde ſchlug, in der Richtung des Berg⸗ rückens hin, den er erſt vor wenigen Stunden ver⸗ laſſen hatte. Langſam, in tiefes Sinnen verloren, betrat er den ſchmalen Fußſteig, der zwiſchen Tannen und Farrn⸗ kräutern hindurch nach der Anhöhe führte und den er ſo ruhig und ſicher verfolgte, als erleuchtete ihn die * 213 Sonne des Tages oder das klare Licht der Nacht, und doch herrſchte eine faſt undurchdringliche Finſter⸗ niß, die der Nebel noch mehr verdichtet hatte. Eine gute Viertelſtunde ſpäter langte er auf dem Gipfel des Berges an und ſchaute ſich nun am ganzen Ho⸗ rizonte ringsum, ob ſich das Wetter nicht aufklären und der Nebel verſchwinden wolle. Und in der That, der gewaltige und ſtoßweiſe über die weite Fläche fahrende Wind hatte ihn merklich gelichtet und hie und da drang ſchon des einſamen Mannes Blick in weitere Ferne, in der er ſogar die dunkleren Umriſſe des mit großen Bäumen bepflanzten Parkes hinter dem Gutshofe zu erkennen glaubte. Obgleich jener heftige Wind kalt und ſchaurig über die Felder blies, ſo ſchien er doch auf den ſtar⸗ ken Mann keine große Wirkung zu üben. Sich etwas feſter in ſeinen warmen Oberrock hüllend, begab er ſich hinter ein dichtes Gebüſch, das ihm einigen Schutz gewährte und von wo aus er die ganze vor ihm lie⸗ gende Gegend mit ſeinen Augen beſtreichen konnte. Doch nur in einer Richtung ſchaute er hin und zwar mit ſolcher aufmerkſamen Schärfe, ſolchem hartnäckigen Feſthalten des einen Punktes, daß man ſeinen Blick mit dem eines Adlers oder Falkens hätte vergleichen können, der in hohen Lüften ſchwebt und doch mit 214 zärtlicher Liebe ſtets das kleine Neſt auf irgend einer Felſenſpitze im Auge behält, von welchem ſein Weib und ſeine Jungen verlangend nach ihm emporblicken. Wohl eine Viertelſtunde mochte auf dieſe Weiſe im gedankenvollen Hinſchauen und Grübeln verfloſſen ſein, als die rauher werdende Nachtluft den einſamen Mann eine kleine Bewegung wünſchenswerth finden ließ. Schnell entſchloſſen, wie er es immer war, wählte er, ohne zu wiſſen, welchen Weg er verfolgte, nur ſeinem inneren Triebe gehorchend, denſelben Weg, den er mit Marie gewöhnlich zu gehen pflegte, wenn er ſie bis an die Parkbrücke des Gutes begleitete. Allmälig raſcher voranſchreitend, gelangte er bald an den Garten, der die Felder vom Parke trennte, blieb hier einen Augenblick ſtehen und beſann ſich, ob er vielleicht zum erſten Male den Park und Gar⸗ ten ſelber betreten und ſich dem Aufenthalt der Ge⸗ liebten ganz nähern ſolle. Allein von einer unerklär⸗ baren Macht nach der Anhöhe zurückgezogen, auf der er vorher geſtanden, ſchritt er denſelben Weg zurück und erreichte in wenigen Minuten den Friedhof, der ſo oft ſchon ein Zeuge der traulichen Unterredung ge⸗ weſen war, die er hier mit der Geliebten gepflogen hatte. Auf dieſer ſeinem Herzen ſo theuren Stätte, 215 der Vertrauten ſeiner geheimſten Gedanken aus früherer und ſpäterer Zeit, ward er von einem ſeltſam beru⸗ higenden Gefühle ergriffen; er ließ ſich daher auf dem feuchten Raſen nieder und erging ſich in den lieb⸗ lichen Erinnerungen, wie ſie uns ſo oft beſchleichen, wenn wir an dem Platze weilen, wo wir zum erſten Mal mit der Erwählten unſeres Herzens zuſammen⸗ getroffen ſind. Auf dieſem Flecke ſitzend und ſeine Gedanken in die kurz vergangene Zeit verſenkend, hörte er vom Kupferhammer her die Mitternachtsſtunde er⸗ tönen und ſogleich erhob er ſich von ſeinem Platze. „Der Tag iſt angebrochen,“ ſagte er zu ſich ſelber, „an welchem das lange bedachte Werk ausgeführt werden ſoll. O, Gott da oben im Himmel, ſei mir gnädig geſinnt! Füge es glücklich, daß ich ohne Schmerz und Kampf zu dem Meinen gelange, dem Meinen, was Du mir durch wunderbare Fügung in jenem Hauſe, an das ſich ſo viele liebliche und pein⸗ volle Erinnerungen knüpfen, aufbewahrt haſt. Ja, der lange erſehnte Tag iſt angebrochen, an welchem ich auf einem Pfade, den mir ein Engel geebnet, in den Hafen der ſchmerzlich entbehrten Ruhe einzulaufen gedenke. Jetzt will ich befriedigt nach Hauſe gehen, nur wenige Stunden trennen mich noch von meinem Ziele, die will ich der Ruhe widmen, denn bald werde 216 ich wieder munter zu einem lange nicht geübten Ta⸗ gewerk ſein müſſen.“ Er ſtand, nachdem er dieſe Worte geſprochen, noch einmal ſtill und ſchaute, wie er dachte, zum letzten Male in dieſer Nacht, auf das nur in dunkelen Umriſſen erkennbare Holzendorf hinab. In dieſem Augenblick aber zeigte ſich ſeinem ſcharfen Auge ein heller Punkt in dem weiten Nebelmeere, der anfangs auch ihm wie ein tief ſtehender Stern entgegen leuchtete. Bald jedoch erkannte er, daß er ſich geirrt haben mußte, denn das erblickte Licht ſtand viel zu tief, um dem dunkelen Himmel angehören zu können. „Was kann das ſein?“ dachte er ſchnell.„Ein Licht dort unter den Bäumen, mitten zwiſchen den Häuſern des Gutes? Was iſt das? Es wächſt— es flackert auf— wie— großer Gott— wäre es möglich— ſollte es ein Feuer ſein?“ Schnell laufend, als triebe ihn ein Sturmwind auf die Höhe hinauf, ſprang er zum Gipfel des Berg⸗ rückens hinan, von dem er einen vollkommneren Ueberblick gewinnen mußte. Noch im Laufe begriffen, wandte er ſein durchdringendes Auge rückwärts und — ja, ſeine Beſorgniß war gerechtfertigt— von hier aus erſchien ſchon das Licht eine Flamme, die regel⸗ los, von dem Dache eines Hauſes aus, durch die 217 bläuliche Nachtluft flackerte.„Es iſt Feuer!“ rief es in ihm,„Feuer in ihrer Nähe!“ Und nun alle Ge⸗ danken nur auf dieſen einen Punkt vereinigend, ſtürmte er in vollem Laufe den Fußſteig hinab, um die Stätte, wo allein ihm die Hülfe für die dringende Gefahr zu wohnen ſchien, blitzſchnell zu erreichen. Schon war er in die Nähe der Hochöfen gelangt, die ihre friedlichen Flammen gefahrlos gegen den dü⸗ ſteren Nachthimmel emporſandten, aber noch immer ſah er keinen Menſchen, dem er das ſchreckliche Wort: „Es iſt Feuer in Holzendorf!“ hätte zurufen können. Plötzlich ſtand er ſtill, gönnte ſeiner klopfenden Bruſt einen freien Athemzug und griff in ſeine Taſche, wo er eine kleine Pfeife trug, deren gellende Töne Allen, die im Kupferhammer wohnten, bekannt ſein mußten. Dieſe Pfeife an den Mund zu ſetzen und ſo kräftig wie möglich den Feuerruf erſchallen zu laſſen, war das Werk einer Sekunde. Sofort wieder weiter ſtür⸗ zend, erreichte er den Kupferhammer ſelbſt, und noch einmal, in der Gaſſe zwiſchen den Häuſern ſtehend, wo die ruhenden Arbeiter wohnten, ließ er ſeine Pfeife hören. Da aber hatte dieſe Pfeife ſchon ihr Echo gefunden. Die überall herumſtreifenden Wächter hatten den Hülferuf bei Zeiten vernommen und zehn⸗ fach wiederholten ſie ihn ſelber an allen Ecken und Enden. 218 Wenige Minuten dauerte es jetzt nur, und die ganze, von Männern ſo zahlreich bewohnte An⸗ ſiedelung gerieth in fluthende Bewegung. Aus allen Gebäuden ſtrömten dunkele Menſchenmaſſen hervor, düſterglimmende Fackeln ſchwingend, und kurze Zeit darauf waren mehrere Hundert Arme bereit, dem un⸗ vorhergeſehenen nächtlichen Werke ihre Kraft zu leihen. Durch immer bereite Thürhüter eiligſt erſchloſſen, öff⸗ neten ſich die nebenanliegenden Schuppen, und was Hände und Füße zu regen hatte, lief an dieſen Sam⸗ melplätzen zuſammen. Unter die ſchnell ſich organi⸗ ſirenden Gruppen trat jetzt eine hohe menſchliche Ge⸗ ſtalt. Schmetternd klangen ihre wenigen Worte in die Ohren der aufhorchenden Arbeiter. Da kamen ſchon die raſch geſchirrten Pferde im Trabe herbei, blitzſchnell waren ſie vor die ſtets bereit gehaltenen Spritzen gelegt und im donnernden Galopp flog das erſte Fuhrwerk die Anhöhe hinauf, dem bedrängten Nachbargute entgegen. Aber der erſten Spritze folg⸗ ten bald die zweite, dritte und vierte; immer längere Ströme dunkeler Menſchengeſtalten geriethen in Be⸗ wegung und von der einen Gruppe tönte der jubelnde Ruf zu der anderen:„Herr Hübner hat uns nach Holzendorf befohlen!“. So wurde die ſtille Straße, die nach dem Gute 219 führte, lebendig, wie ſie es lange nicht geweſen war, und kurze Zeit nur dauerte es, ſo jagten die erſten Helfer durch die Kaſtanienallee, die vor dem Herren⸗ hauſe mündete, durchſchnitten raſſelnd den Hof und kamen in dem Augenblick auf dem Viehhofe an, wo die Gefahr eine dringende, die Hülfe eine höchſt noth⸗ wendige geworden war. Wie durch den Wink eines Zauberers blitzſchnell 4 herbeigeführt, veränderte ſich jetzt die Scene innerhalb des Viehhofes. Von der erſten Spritze, die er ſelber geführt, herabſpringend und die dampfenden Pferde aus dem Bereich der Gefahr ſendend, hatte Herr Hübner ſich bald von dem Stande des Feuers unterrichtet. Sein funkelndes Auge ſpähte nach allen Seiten, um die drin⸗ gendſte Gefahr zu erkennen und demgemäß ſeine Unter⸗ nehmungen einzuleiten. Gleich darauf drang ſeine Stimme zu aller Anweſenden Ohren und namentlich zu den Ohren Derjenigen, die mit ihm gekommen waren, in geordneten Reihen ihn umſtanden und ſei⸗ nen Befehlen ſchon entgegenharrten. Die größte Ge⸗ fahr für die zunächſt ſtehenden Giebel und Dächer der Ställe erkennend, die hier und da ſchon von den darauf regnenden Feuerfunken zu rauchen anfingen, genügte ein Wink ſeiner nach beiden Seiten ausgeſtreckten Arme, und augenblicklich ſprangen zwei Dutzend Männer, auf — 220 den mitgebrachten Feuerleitern wie Katzen kletternd, in die Höhe und ſaßen bald auf den heißen, hier und dort aufglühenden Firſten der Dächer. Im Nu raſ⸗ ſelten, von ihren gewaltig gehandhabten Aexten ge⸗ troffen, Sparren und Balken in den Hof hinab, während die in Thätigkeit geſetzten Spritzen mit ihren Waſſer⸗ ſtrahlen den kühnen Männern von unten her zu Hülfe 4 amen. Schon flogen von den zerſchmetterten Dächern ddie Stücke umher und bald krachten die Mauern ein, der wüthenden Flamme allen brennbaren Stoff ent⸗ ziehend. Zu beiden Seiten verſchwanden Wände und Balken und benahmen ſo den Bewohnern des Guts⸗ hofes die Beſorgniß, das gewaltige Feuer bis zum Herrenhauſe ſich ausbreiten zu ſehen. Es war ein ſtaunenerregender Anblick, die kräf⸗ tigen Fabrikleute inmitten des Feuerregens ihr Werk unerſchrocken und kühn mit gleichmäßig andauerndem Eifer fortſetzen zu ſehen. Denn das ihnen entgegen⸗ ſtehende Element, mit dem ſie meiſterhaft umzugehen verſtanden, ſcheuten ſie nicht; von Rauchwolken, ſprü⸗ henden Feuerfunken und raſſelnden Waſſerſtrahlen um⸗ wirbelt, ſchlugen und riſſen ſie wacker d'rein, als för⸗ derten ſie inmitten der behaglichſten Ruhe ihr fried⸗ liches Handwerk. Und Alles ging dabei eben ſo ſchwei⸗ gend wie ſchnell und ſicher her, denn jeder Einzelne 221 wußte, was er zu thun hatte und zu welchem Zwecke die menſchliche Kraft erfolgreich verwandt werden müßte. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte der Gutsherr den Arzt, der treulich an ſeiner Seite aushielt, und zeigte auf den gewaltigen Befehlshaber, der ſeine gehärteten Schaaren zum Kampfe gegen das feindlichſte der Elemente trieb. Doktor Millinger trat nahe an den Fragenden heran, drückte mit ſeltſam geheimnißvoller Miene ſei⸗ nen Arm und ſagte leiſe:„Das iſt Herr Hübner vom Kupferhammer, Herr Baron, der Ihnen auf heute Morgen ſeinen Beſuch verſprochen hatte.“ „Er hat Wort gehalten, wie ich ſehe, aber er iſt früher gekommen, als ich ihn erwartete. Bei meiner Ehre, Doktor, das iſt ein Mann, vor dem ich mit Freuden mein Haupt entblöße.“ Als er dies geſagt, ſchaute er unverwandt auf die athletiſche Geſtalt hin, die in unnachahmlicher Ruhe, ihrer phyſiſchen Stärke ſich bewußt, unbeirrt die Haupt⸗ ſache im Auge behielt, um die es ſich hier allein für ihn zu handeln ſchien.— Unterdeſſen ſtand Marie noch immer unbeweglich an ihrem Giebelfenſter. Sie hatte den Kranken ver⸗ geſſen, der hinter ihrem Rücken in ununterbrochenem tiefſten Schlafe lag. All' ihr Sinnen, das ganze Drän⸗ 222 gen ihres von Gefühlen überflutheten Herzens war auf den einzigen Menſchen gerichtet, deſſen energiſches Ge⸗ ſicht, von den dunkelen Locken umwallt und von der tageshellen Gluth des praſſelnden Feuers erleuchtet, ſich bald nach dieſer, bald nach jener Richtung des Hofes wandte. Schon an ſeiner Stimme, als er ſei⸗ nen Männern ſeine Befehle zudonnerte, hatte ſie ihn erkannt, ehe er noch den eigentlichen Schauplatz der nächtlichen Scene betreten, und das Schlagen ihres Herzens begleitete jeden ſeiner Schritte mit wunder⸗ barer Sympathie und einer jetzt jede Sorge ausſchlie⸗ ßenden Hoffnung. Sie ſah nicht allein, nein, ſie wußte beinahe mit Beſtimmtheit, daß nun, da er gegenwärtig war, alle weitere Gefahr ein Ende habe, denn ein Herz wie das ihre, traut dem Geliebten, der ſolche Umſicht, Kraft und Geſchicklichkeit beſitzt, ohne Zweifel das Schwerſte zu. Mit einer Spannung ohne Gleichen verfolgte ſie jede ſeiner Bewegungen, mit ihrem wieder klar ge⸗ wordenen Auge ſah ſie nur ihn unter den zahlreichen Geſtalten, die jetzt und von Minute zu Minute mehr die weiten Gehöftsräume füllten. Drei⸗ oder viermal ſogar hatte ſie ihre Stimme erheben wollen, um dem Geliebten zuzurufen, aber dieſe Stimme erſtickte in ihrer Bruſt, ehe ſie an die Luft getreten war, denn 223 immer hatte ſie vergeſſen, was ſie ſagen wollte, ehe ſie den Mund dazu aufgethan. Alles, was Lebendiges auf dem Gute war, drängte ſich jetzt nach dem Hofe in's Freie, um aus möglichſter Nähe Augenzeuge der werkthätigen Hülfe der Retter und ihres ſichtbar zunehmenden Erfolges zu ſein. Um den Baron zumeiſt häufte ſich der wachſende Menſchenknäuel an und nie war der verehrte Mann ſo dicht und maſſenhaft von allen Denen umgeben geweſen, die Antheil an ſeinem Schickſale nahmen und die Hoffnung hegten, auch diesmal werde die Vor⸗ ſehung ſich zu ſeinen Gunſten entſcheiden. Um dieſe Zeit langten endlich auch die Dorfſpritzen an und, von zahlloſen Händen bedient, ſpieen ſie ihre breiten Waſſerſtrahlen auf die Gegenſtände, die noch am mei⸗ ſten der Gefahr des allmälig erblaſſenden Feuers aus⸗ geſetzt waren, welches ſeine Wuth an der großen Scheune gekühlt und dieſelbe bis auf den Grund in Aſche und Trümmer gelegt hatte, denn ſie war nicht von Menſchenhänden zu retten geweſen. Von einem unbeſchreiblichen Wonnegefühl durch⸗ bebt, als ſie dieſe deutlichen Erfolge ſah, empfand Marie ein heißes Verlangen, ihrem Oheim nahe zu ſein, ſeine Hand zu berühren und in dieſem bedeutungs⸗ vollen Augenblicke ihr den Mann zu zeigen, dem ſie 224 ihre Liebe geſchenkt hatte. Von dem erſten Gedanken dieſes Entſchluſſes bis zu ſeiner Ausführung war nur ein kurzer Schritt. Plötzlich zu der allein an ihrer Seite gebliebenen Magd ſich umwendend, ſchloß ſie leiſe das Fenſter, warf einen Blick auf den ſchlafenden Kranken und deutete jener den Wunſch an, einen Augenblick bei demſelben allein zu bleiben. Die ge⸗ treue Mike, obgleich ſie am liebſten ihrer jungen Herrin gefolgt wäre, gehorchte dennoch willig und, mit wenigen Worten ihr zuflüſternd, ſich auf dem Hofe in Acht zu nehmen, kehrte ſie an das Fenſter zurück, um dem Schauſpiel im Freien bis an's Ende zuzuſchauen. Marie dagegen verließ, leiſe die Treppen hinunter⸗ gleitend, das obere Stockwerk des Herrenhauſes. Eben wollte ſie den vorderen Flur des Mittelgebäudes durch⸗ eilen, um ſo den Hof zu gewinnen, als ſie ihre Lippen vertrocknet und einen glühenden Durſt fühlte. Schon wollte ſie in die Küche treten, um daſelbſt einen Trunk kühlen Waſſers zu ſuchen, als ſie zwei dunkele Geſtalten in den von der Nacht halb beſchatteten Vorſaal ſchlüpfen ſah, der in das Zimmer des Barons führte und nicht weit von der Küche entfernt lag. Nicht wiſſend, wer dieſe eilfertig und verdächtig ſchleichenden Männer waren, die einen Blick in die menſchenleere Küche ge⸗ 225 worfen hatten, wandte ſie ſich von dieſer ab und trat durch der alten Hanne Zimmer in das Hauptgebäude ein, um von hinten her in ihr eigenes Gemach zu gelangen. Raſch vorwärts eilend kam ſie daſelbſt an, fand und trank ein großes Glas Waſſer und wollte ſich eben wieder hinausbegeben, als ſie ein knackendes Geräuſch in des Oheims Zimmer zu hören glaubte. Von einem ungewiſſen Verdachte in Bezug auf die beiden unbekannten Männer ergriffen, die ſie anfangs für einige zur Löſchmannſchaft gehörige Perſonen ge⸗ halten, blieb ſie dicht an der Tapetenthür ſtehen und horchte mit angehaltenem Athem den ſonderbaren hinter derſelben ſich hörbar machenden Lauten. Anfangs vernahm ſie Nichts, plötzlich aber hörte ſie das Krachen eines erbrochenen Schloſſes, worauf mehrere unverſtändliche Worte des Einen der leiſe Sprechenden folgten. Im Nu— von dem geſteigerten Verdachte durchzuckt, daß hier ein Diebſtahl beabſichtigt und ausgeführt werde,— faßte ſie einen raſchen und kühnen Entſchluß, öffnete leiſe die nur angelehnte Tapetenthür, ſteckte vorſichtig den Kopf hinein und er⸗ blickte zwei unbekannte Männer, die ihr den Rücken zudrehten, vor dem erbrochenen Schranke ſtanden und in den Papieren des Oheims ſuchten und wühlten. Nur ihr Herz zitterte bei dieſem unvermutheten An⸗ Baron Brandau. II. 2. 15 — 26 blick, ihr Kopf aber behielt ihre Gedanken und ihre Gliedmaßen ihre Beweglichkeit. Leiſe, aber blitzſchnell den an ihrer Seite befindlichen Riegel der Thür vor⸗ ſchiebend, flog ſie wie ein Pfeil nach der Eingangs⸗ thür des Zimmers ihres Oheims herum, drehte den Schlüſſel, der glücklicherweiſe außen im Schloſſe ſteckte, behutſam um und lief, bebend vor Schreck und doch aller ihrer Sinne mächtig, auf den von den Fackeln der Fabrikleute erhellten Hof hinaus. Sie kam eben daſelbſt an, als der Baron ſich Herrn Hübner genã⸗ hert hatte, demſelben die Hand reichen und einige Worte ſprechen wollte. „Mein Oheim!— Herr Hübner!“ lauteten ihre erſten, mehr hervorgeſtoßenen als geſprochenen Worte —„Diebe, Diebe!— In Deinem Zimmer!“— Mehr konnte ſie nicht ſagen; denn jetzt erſt, nachdem ſie dieſe Pflicht erfüllt, fühlte ſie die dem heftigen Schreck und der Aufregung folgende Erſchöpfung und lehnte ſich leicht an die alte Hanne an, die ſich dicht an ihren Herrn gedrängt hatte. Kaum aber waren dieſe wenigen Worte ihren er⸗ bleichenden Lippen entſchlüpft, ſo wandte ſich Herr Hübner von dem Gegenſtande ſeiner bisherigen Auf⸗ merkſamkeit ab und auf die Sprechende zu. Aber im 227 Nu hatte er den Sinn ihrer Worte aufgefangen und war ſchon wieder zum neuen Handeln entſchloſſen. „Mir nach!“ rief er den ihm zunächſt Stehenden zu und pfeilſchnell wandte ſich ein ganzer Haufe ent⸗ ſchloſſener Männer dem Schloſſe zu, während Herr Hübner und der Baron im haſtigſten Laufe voraneil⸗ ten. Als ſie aber vor der Außenthüre angelangt, be⸗ fahl Herr Hübner einigen ſeiner Leute, davor ſtehen zu bleiben und Niemand herauszulaſſen, einigen An⸗ deren dagegen, in größter Eile die Gartenſeite des Hauſes zu gewinnen und die Fenſter beſetzt zu hal⸗ ten. Auf dieſe Weiſe mußten die Diebe, wenn ſie noch im Zimmer waren, eingeſchloſſen und ihre Ent⸗ weichung nothwendiger Weiſe verhindert werden. Jetzt aber ſprang Herr Hübner, wie ein Löwe ſich aufraffend, der zum Sprunge auf einen Tiger ſich rüſtet, in den Vorſaal des Schloſſes. Ihn hatte ein dunkler Verdacht gleich bei der erſten Nachricht dieſes neuen Angriffes durchzuckt, der mit dem Brande in unmittelbarer Berührung zu ſtehen, denſelben ſogar zu erklären ſchien. Vor der Thür des Herrenzimmers angekommen, welches er wunderbarer Weiſe, ohne Jemanden zu fragen, ſogleich für das rechte erkannt, blieb er mit keuchender Bruſt ſtehen, bückte ſeinen dunkelen Kopf nieder und horchte. Plötzlich ſich zu 15* 228 ſeiner ganzen Höhe aufraffend und mit ſeinen gewal⸗ tigen Armen eine eigenthümliche Bewegung machend, als ob er verſuchen wolle, ob ſie zu einem bevorſte⸗ henden Kampfe geſchickt wären, ſchloß er die Thür auf, ſtieß ſie in das Zimmer hinein und ſtand gleich darauf hochaufragend in der Mitte deſſelben, deſſen Vordergrund ſich ſofort mit den ihm Nachdrängenden anfüllte, unter denen der alte Baron der Erſte und unmittelbar an ſeiner Seite war. Die Lampe, die jeden Abend in dieſem Zimmer mitten auf dem großen Tiſche brannte, erleuchtete auch jetzt noch daſſelbe, nur war ſie vor den erbrochenen Schrank geſtellt, den die Diebe durchwühlt und jetzt ſchon wieder verlaſſen hatten. Denn ſobald ſie die Schritte der nahenden Menſchen vernommen, vielleicht ſchon früher, hatten ſie ſich zur Flucht entſchloſſen und, da ſie merkwürdiger Weiſe die Thür, durch welche ſie eingetreten waren, hinter ſich verriegelt fanden, hatten ſie ſchon das Fenſter geöffnet und verſuchten ſo eben, auch den daſſelbe verſchließenden Laden zu durchbrechen. Hier aber war das Ende ihrer verbre⸗ cheriſchen Laufbahn gekommen. Der Eine von ihnen, eine mittelgroße Geſtalt, mit verworrenem Rabenhaar das düſtere Geſicht umſchattet, ſtand mitten im Zim⸗ mer, während der Andere, ihm auffallend ähnlich 9*. ſehend, ſchon auf das Fenſterbrett geſprungen war, an dem Laden arbeitete und ſich mit ängſtlicher Ge⸗ berde nach ſeinem Gefährten umblickte. Herr Hübner aber, mit vorgebeugtem Kopfe in's Zimmer ſtürzend, ſtand einen Augenblick vor ihnen— nur einen kurzen Augenblick— dann hatte er ſie er⸗ kannt. Mit einem einzigen Sprunge auf den Erſten zuſtürzend, der raſch ein dolchartiges Meſſer zog, aber davon keinen Gebrauch zu machen verſuchte, als er den eindringenden rieſigen Mann ebenfalls erkannte, ſtreckte er ſeinen linken Arm aus und faßte ihn mit ſeiner eiſernen Fauſt im Genick; darauf ihn zum Fen⸗ ſter hinſchleifend, that er ein Gleiches mit ſeiner Rechten an dem zweiten auf dem Fenſterbrette Ste⸗ henden, riß ſie dann mitten in’'s Zimmer, und ſie buchſtäblich mit ſeiner gewaltigen Kraft zu Boden drückend, donnerte er in Tönen, wie ſie noch niemals in dieſem Zimmer gehört waren, während ſeine fun⸗ kelnden Augen furchtbar rollend von einem Diebe zum andern ſprühten: „Schurken Ihr! Finde ich Euch endlich und noch dazu hier wieder? Kennt Ihr mich noch?— Ha, wie bedauere ich, daß mir die Geſetze der Menſchen, die Ihr ſeit Euerer Geburt mit Füßen getreten habt, verbieten, Gerechtigleit und Vergeltung an Ort ud 230 Re — Stelle zu üben! Ich würde dann Euere verruchten Köpfe, die ich hier in meinen Händen halte und die einſt ſo unſchuldig im Schooße einer Mutter ge⸗ ruht, an einander ſchmettern, daß ſie zerbrächen wie Glas. Ha! fühlt Ihr meine Kraft und Stärke, der Ihr endlich verfallen ſeid und nun nicht wieder ent⸗ ſchlüpfen ſollt?“ Und er ſchüttelte ſie bei dieſen Wor⸗ ten, daß es den Umſtehenden dünkte, es müßten ih⸗ nen alle Knochen am Leibe davon zerbrechen.—„Ja,“ fuhr er fort,„blickt Euch nur fragend an, Ihr ſla⸗ voniſchen Gauner, die Ihr ſonſt überall die Herren geſpielt, hier hilft Euch Eure Schlauheit Nichts mehr, hier ſtehe ich über Euch.— Hier, meine Herren,“ wandte er ſich dann zu den Anweſenden,„ſehen Sie den Herrn Grafen Zaretta und ſeinen vortrefflichen Kammerdiener Starozza. Von Geburt ſlavoniſche Juden, Namens Simony, durchſtreifen ſie unter hun⸗ dert verſchiedenen Benennungen und Geſtalten, mit falſchen ſelbſtgemachten Päſſen verſehen, die Welt, be⸗ trügen alle Menſchen, ſtehlen und fälſchen, und ſtreuen Gift und Unheil aller Orten aus, wohin ſie ihre Füße ſetzen. Aber Ihr habt Euch verrechnet, Ihr Böſewichte, wenn Ihr auf eine Vorſehung bautet, die die Verbrecher beſchützt, nein, für Euch giebt es keine, oder, wenn es eine für Euch giebt, ſo iſt ſie 231 nur dazu da, Euch Euerer Strafe und Euerem Rich⸗ ter zu überliefern. Und dieſe Stunde iſt jetzt für Euch gekommen. Ihr habt ſchon lange einen Löwen belei⸗ digt und der Löwe hatte ſich gelobt, Euch mit ſeinen Tatzen zu fangen und darin zu halten. Bei Gott, das hat er nun ausgeführt. Seht Ihr nun ein, wie dumm Ihr geweſen ſeid, daß Ihr aus niederträchti⸗ ger Habſucht auch noch das Letzte nehmen wolltet, was einer und derſelben Familie gehört? Das iſt eben ſo frech, wie dumm. Ihr wolltet ein ganzes Geſchlecht vertilgen und an den Bettelſtab bringen, nicht wahr? Es war Euch nicht genug, mich beſtohlen und hinter⸗ gangen zu haben; nein, Ihr habt Euch auch an meine Brüder gewagt und ſie in das Verderben geſtürzt. Aber auch Das war Euch noch nicht genug Schmach auf eine Familie geworfen, die ohne Eure Schur⸗ kerei vielleicht eine glückliche geweſen wäre. Wie? Kommt Ihr zuletzt nun noch hierher, um auch mei⸗ nen alten Vater zu berauben und ſeine Häuſer in Schutthaufen zu verwandeln?“ „Wie?“ riefen die Umſtehenden.„Seinen Vater?“— Ein wunderbarer Augenblick folgte dieſen letzten bis in die tiefſte Seele aller Anweſenden dringenden und mit donnernder Stimme geſprochenen Worten. Die beiden Verbrecher zuckten mit blauroth geſchwolle⸗ 232 nen Geſichtern unter der gewaltigen Fauſt ihres Sie⸗ gers, gegen deſſen Kräfte die ihrigen, wenn auch ver⸗ eint, Nichts auszurichten vermochten; nur ihre Augen glühten wie Leuchtwürmer in ihren Köpfen und ihre von dem ſteten Drucke der gewaltigen Hände, die ihre Hälſe zuſammenpreßten, gelähmten Finger ließen die Meſſer entſchlüpfen, die ſie nicht zu gebrauchen ver⸗ ſtanden hatten. Alle Anweſenden aber beobachteten nach jenem letzten Ausrufe eine Todtenſtille und hiel⸗ ten ihre Geſichter auf den alten Baron geheftet, an deſſen Seite Marie, wie ein flehender Engel, mit ge⸗ falteten und emporgehobenen Händen ſtand und mit bleichem und doch ſo lebensvollem Antlitz den wun⸗ derbar ſprechenden Ausdruck in den Zügen des alten Mannes betrachtete. Denn dieſer Ausdruck war von überwältigender Wirkung auf Alle, die ihn ſahen. Es ſprach ſich darin eine ganze Welt von Gedanken und Gefühlen aus, die mit dem höchſten Erſtaunen, dem jäheſten Schreck und der unerwartetſten Ueberra⸗ ſchung gepaart waren. Mit einer unbeſchreiblichen Geiſteserſchütterung, die aber mehr Wohlthätiges als Verderbliches zur Folge hatte, ſeinen ausdrucksvollen, jetzt ſo bleichen Kopf auf den Mann richtend, der in dieſer Nacht gleich einem Schutzengel über ſein Eigen⸗ thum waltete und gebot, ſtarrte er ihn an, als wollte V V 233 er durch die Wandung ſeiner Bruſt dringen und die Schläge ſeines Herzens fragen, wem ſie ihren Urſprung und ihre Kraft verdankten und ob ſie voll Sympathie den ſeinigen entgegenſchlügen, die ſich ſchon zu Gun⸗ ſten des kühnen und ſchönen Mannes erklärt hatten, ehe er noch wußte, daß dieſer Mann— Herr Hüb⸗ ner war. 4 1 wWer ſind Sie?“ rief er mit keuchender Stimme, ſeine Arme Dem, der ſich ſo nannte, entgegenſtreckend, ihm, der noch immer die beiden Böſewichter in halb knieender Stellung hielt—„wer ſind Sie, daß Sie ſagen, man wolle Ihren alten Vater beſtehlen?“ „Wer ich bin? Ich?— Gott im Himmel! Kennt Baron Brandau den Bauernjunker— kennt mein alter Vater— ſeinen Sohn Richard nicht mehr?“ Und die beiden Verbrecher ſeinen Arbeitern zu- ſchleudernd, die im Hintergrunde des Zimmers ſtan⸗ den und ſich ihrer ſogleich bemächtigten, ſtürzte er auf den alten Baron zu, umſchlang ihn mit beiden Ar⸗ men und drückte ihn lange und ſtürmiſch an ſein vor Entzücken faſt zerſpringendes Herz. Den nun folgenden Moment in allen Einzelnhei⸗ ten zu beſchreiben, verlange man nicht von uns. Nur ein einziger lauter, durchdringender Schrei ward allein gehört, und der kam aus einer weiblichen Bruſt. 234 Die beiden feſt an einander geſchloſſenen Männer mit ihren weichen Armen umfaſſend, wan Marie mit ih⸗ nen zu einer Gruppe verſchmolzen und weinte an Beider Bruſt einen Thränenſtrom aus, wie er noch nie ihrer Seele entquollen war und die wunderbar entgegengeſetzten, ſchrecklichen und ſüßen Regungen löſte, die ihre Bruſt bis zum Zerſpringen erfüllt hatten. Sollen wir hier noch von dem alten Baron, ſei⸗ nem Sohne Richard, dem Doktor Millinger und den alten Dienern des Hauſes, die ſich ſchluchzend um die feſtverſchlungene Gruppe der drei ſich ſo nahe ver⸗ wandten Menſchen drängten, ſollen wir von ihnen Allen berichten, was ſie thaten und ſagten, wie ſich ihre Freude in ſo mannigfachen Abſtufungen und Ausrufen kund gab?— Nein, wir vermögen es nicht. Werfen wir vielmehr einen Schleier über das Ende dieſer Schreckensnacht. Sie hat lange genug gedauert, und das Morgenroth, welches bald über alle noch immer Verſammelten hereinbrach, ſollte, wenn auch von einem tiefen Schmerze umwölkt, doch von dem glänzenden Lichte einer endlich aufgegangenen Freu⸗ denſonne ſtrahlend beſchienen ſein. Sehluss-Bupitel. Woraus ſich die Tendenz unſerer Erzählung von ſelbſt ergiebt. Kehren wir erſt am nächſten Weihnachtstage nach dem Gutshofe des Barons von Brandau zurück, der, wie wir wiſſen, Marie's von Steinach Geburtstag war. In den zwiſchen jener Schreckensnacht und die⸗ ſem Feſte liegenden Tagen war viel, viel Trauriges, aber auch viel Erfreuliches, Segensreiches über die Häupter der Bewohner von Holzendorf dahinge⸗ gangen. Um zuerſt mit den äußeren Baulichkeiten zu be⸗ ginnen, die in jener Nacht gänzlich zerſtört waren oder mehr oder minder gelitten hatten, ſo war die große Scheune noch nicht wieder aufgerichtet, denn ſie wurde ja im Winter nicht gebraucht, zumal der für ſie be⸗ ſtimmte Inhalt mit ein Raub der Flammen gewor⸗ 236 den war; erſt im Frühjahre ſollte der Aufbau im er⸗ weiterten Maaßſtabe beginnen. Dagegen waren die Ställe wieder vollkommen hergeſtellt, und die in jener Nacht nach dem benachbarten Dorfe getriebenen Heer⸗ den befanden ſich ſeit einigen Wochen ſchon wieder in ihrer alten Heimat. Die übrigen Brandſpuren waren ſämmtlich getilgt, denn der Baron liebte die ſchwarz verkohlten Trümmer nicht, die ihn jeden Au⸗ genblick an die Stunde erinnerten, in der ihm ſo Trauriges widerfahren war. Was nun die handelnden Perſonen betrifft, denen wir unſer Intereſſe geſchenkt, ſo wollen wir zunächſt das Geſchick des jüngſten Sohnes des Barons in's Auge faſſen. Georg von Brandau weilte nicht mehr im Hauſe ſeines Vaters. Schon nach wenigen Ta⸗ gaeen ſeines Aufenthaltes daſelbſt hatte Jedermann ein⸗ geſehen, daß er trotz aller Aufopferung Maries nicht ſo wohl verpflegt und ärztlich behandelt werden könne, wie es für ihn nothwendig war, weshalb man ſich denn zu dem ſchweren Schritte entſchloß, den Kran⸗ ken nach derſelben Anſtalt zu ſenden, in welcher Ma⸗ rie's Mutter eine ſo vortreffliche Pflege gefunden hatte. Der Tag, an welchem Richard von Brandau und Dobktor Millinger den Unglücklichen dahin brachten, war ein düſterer Tag in dem Leben des alten Ba⸗ 237 rons, aber er ſah ein, daß er, wie alle ſeine früheren 3 Vorgänger, ſtandhaft durchlebt und geduldig ertragen werden müſſe. Da wir ſpäterhin noch einmal auf Georg von Brandau zurückkommen werden, ſo können wir ihn hier verlaſſen und uns zu ſeinem älteren Bruder Alfred wenden, deſſen Schickſal erſt entſchieden wurde, nachdem der Prozeß mit den Gebrüdern Si⸗ mony beendigt war. Dies geſchah indeß lange vor Weihnachten, denn die Beweiſe waren ſo klar und die Zeugen ſo reich⸗ lich vorhanden, daß kein Zweifel über das Verbrechen und die Verbrecher ſelbſt ſtattfinden konnte. Die ge⸗ fangenen Diebe und Mordbrenner wurden am Mor⸗ gen nach der von ihnen hervorgerufenen Schreckens⸗ nacht von denſelben Gensd'armen, die Georg nach ſeinem Vaterhauſe gebracht, nach der nächſten Stadt geſchafft und von da nach dem Orte ihrer Hauptver⸗ brechen, der Reſidenz, unter ſicherer Bedeckung abge⸗ führt. Hier wollten ſie Anfangs ihre früheren Un⸗ * thaten, ihr Herkommen, ihre wirklichen Namen läug⸗ nen, aber Richard von Brandau, der ſich mit dem Vater und ſeiner Braut ſelbſt nach der Hauptſtadt be⸗ geben hatte, brachte ſo ſchlagende Beweiſe ihrer gan⸗ zen Verbrecherlaufbahn und ſo umfaſſende corpora de-. licti zum Vorſchein, daß die entlarvten Gauner ihr 238 Läugnungsſyſtem aufgaben und ein reumüthiges Be⸗ kenntniß ablegten. Am Tage der öffentlichen Gerichtsſitzung, die eine ungeheure Menge ſchau⸗ und hörluſtigen Publikums herbeigelockt hatte, ließ nämlich Richard von Brandau den ſchweren Koffer herbeibringen, den die Zwillings⸗ brüder kurz vor ihrer Flucht vermeintlich dem Spediteur zur Beſorgung nach England überliefert hatten. Herr Hübner, der das Manöver beobachtet, hatte Beſchlag auf dieſen Koffer gelegt, in der Ueberzeugung, daß darin die kräftigſten Beweismittel für die Begründung ſeiner Anklage enthalten ſeien, und er und ſein Ad⸗ vokat hatten ſich darin auch nicht getäuſcht. So fanden denn die beiden Verbrecher in dem Sitzungslokale alle ihre Werkzeuge und Papiere, kurz den ganzen Inhalt ihres geheimen Arbeitscabinets vor Aller Augen aus⸗ gebreitet, und da ſich unter denſelben auch noch viele in letzterer Zeit geſtohlene Koſtbarkeiten befanden, deren rechtmäßige Eigenthümer ſich ſogleich gemeldet hatten, ſo war die Sache bald aufgeklärt und das Gericht ſprach einſtimmig ſein„Schuldig“ aus. Das vornehme Anſehen, welches die Gauner zu gehöriger Zeit ſo wohl anzunehmen gewußt hatten, war in dieſer Gerichts⸗ ſitzung aus ihrer Miene und Haltung verſchwunden; bleich, erdrückt von dem Bewußtſein ihrer Schuld, und 239 aus dem Angeſicht des höhnenden Publikums ſich fort⸗ ſehnend, geſtanden ſie ihre Uebelthaten ſämmtlich ein und hörten mit beinahe ſtumpfer Gleichgültigkeit ihre Verurtheilung zur Einſperrung an, bis ihre vater⸗ ländiſchen Behörden, von ihren Umtrieben in Kennt⸗ niß geſetzt, ſie reclamiren würden, was ſpäterhin eben nicht zum Vortheil der Brüder geſchah, da ſie, von jenen an der Gränze in Empfang genommen, ſehr bald zur lebenslänglichen Einſchließung in ein von allem Verkehr abgelegenes Zuchthaus abgeführt wur⸗ den. Auch die Brandſtiftung auf Holzendorf geſtanden ſie ein, ſo wie, daß ſie dieſelbe allein zur Ausführung ihres großen Diebſtahls unternommen hätten, indem ſie noch das ganze mütterliche Erbtheil Richard's von Brandau in ſeines Vaters Händen vermutheten, ein Plan, gegen den ſich freilich Starozza, der klügere, vorſichtigere und weniger habſüchtige der beiden Brü⸗ der vergebens aufgelehnt, aber dennoch ſeinen Bruder nicht verlaſſen und ſich mit ihm ſo lange in der Um⸗ gegend des Gutes herumgetrieben hatte, bis der Ein⸗ bruch ein lohnender zu werden verſprach. Durch die in ihren Koffern vorhandenen Papiere, die falſchen Stempel und Dokumente, hauptſächlich aber durch ihr Eingeſtändniß ergab ſich die vollkom⸗ mene Schuldloſigkeit Alfreys von Brandau; ſogar * 1 240 ein großer Theil der ihm abgeſchwindelten Summen waren bei den Brüdern vorgefunden und ihm wieder zuerkannt worden. Gleich nach ſeiner Freiſprechung reiſte er nach England ab, ohne ſeinen Vater noch einmal geſehen zu haben, denn er ſchämte ſich zu ſehr, vor ſein Angeſicht zu treten und wollte es erſt dann wieder begrüßen, wenn er ein anderer Menſch gewor⸗ den wäre, wie er es ſeinem Bruder gelobt, der ſich ihm gleich nach der glücklich ausgeführten Flucht Za⸗ retta's zu erkennen gegeben hatte. Der alte Baron erklärte ſich mit dieſem Entſchluſſe ſeines auf eine beſſere Bahn gerathenen Sohnes zu⸗ frieden, ohne zu ahnen, daß die Ausführung deſſelben ihn des Anblicks ſeines zweiten Sohnes auf ewig be⸗ rauben würde. Denn kaum hatte Alfred die Küſten ſeines Vaterlandes verlaſſen und das Schiff betreten, welches ihn nach England führen ſollte, ſo ereilte ihn das Verhängniß, welches in der That über den Häup⸗ tern der jüngeren Söhne ſeiner Familie zu ſchweben ſchien, indem das Schiff an den Küſten England's ſcheiterte und nur wenige Paſſagiere gerettet wurden, unter denen Alfred von Brandau ſich leider nicht befand. 6 Die Trauerbotſchaft dieſes Vorfalles kam Ende Novembers nach Holzendorf und ſo war denn über das —1— 241 Schickſal der beiden jüngſten Söhne des Barons un⸗ abänderlich entſchieden. Unter dieſen wiederholten und ſich ſo ſchnell auf einander folgenden Schlägen hatte ſich des alten Va⸗ ters Herz tief gebeugt, aber er hatte ſich ſchon ſeit zu langer Zeit an traurige Ereigniſſe, die ſeine Familie betrafen, gewöhnt, als daß ſeine Kraft dadurch ge⸗ brochen und ſeine Mannheit untergraben worden wäre. Immer wieder richtete ſich der alte Eichenſtamm ſeines Herzens auf, von Neuem dem Lebensſturme kühn und unverzagt die Stirn bietend. Was ihn aber am ſchnellſten wieder erhob, ihn mit neuer Hoffnung er⸗ füllte und ſogar ihm ein Glück bereitete, welches er bisher noch nicht gekannt, das war die unverkennbare Liebe und Zärtlichkeit, die ihm ſein älteſter, einſt ſo ſchwer verkannter und ungerecht beſtrafter Sohn in jederlei Weiſe entgegentrug. Er war ja jetzt der Einzige, auf den ſich alle ſeine Familienhoffnungen ſtützten, er war der alleinige ſtark und unentweiht Gebliebene, wo die anderen im Strudel der Welt Schiffbruch gelitten und ſich ſelbſt und ihn, ihren Vater, mit in die bitteren Wogen des tückiſchen Meeres hinabgezogen hatten. Beſeitigt war längſt zwiſchen ihnen jeder auf irrthümlichen Anſichten beruhende Zwieſpalt, gelöſt jeder Zweifel an einer aufrichtigen Baron Brandau. II. 2. 16 242 gegenſeitigen Hingebung, ausgeglichen alle früheren Meinungsverſchiedenheiten; der Sohn hatte ſeinen Va⸗ ter um Verzeihung gebeten, daß er einſt in jugendlich überſprudelndem Kraftgefühle ſeinem ihm inwohnenden Genius mehr vertraut, als die Gebote des am Her⸗ kömmlichen klebenden und in ſeinen Standesvorur⸗ theilen befangenen Vaters befolgt hatte; aber auch der Vater hatte dem Sohne ſeine vollſtändige Wande⸗ lung bewieſen, indem er ſich ſelbſt des Jähzorns an⸗ geklagt und den Irrthum, den er früher dem Leichtſinn und Ungehorſam des Knaben zur Laſt gelegt, ſich allein aufgebürdet. So war, durch die Erfahrung und eine beſſere gegenſeitige Erkenntniß geläutert, ein ganz neues Verhältniß zwiſchen ihnen entſtanden, ein Verhältniß, welches vielleicht reiner, ſchöner und ſeltener war, als es geweſen und geblieben wäre, wenn ſie von Anfang an in Einigkeit und Uebereinſtimmung gelebt und mit einander gewirkt hätten. Täglich kamen ſie jetzt zuſammen; entweder wanderte der Vater mit Marien nach dem Kupferhammer, der ihm längſt keine Bitterkeit mehr erregte, wenn er ihn von Weitem ſah, und ſuchte den Sohn in ſeinen Arbeitsſtätten heim, oder noch häufiger, und am häufigſten des Abends kam Richard nach Holzendorf, um mit ihnen, oft in Geſellſchaft des wackeren Millinger, der ja immer die . —Q— 243 Partei des Verſchollenen vertreten hatte, nach über⸗ ſtandener Arbeit die glücklichſten Stunden zu verleben. In dem erſten Direktor des Kupferhammers Ernſt Baumann hatte der Baron ſehr bald den ehemaligen Lehrer ſeines Sohnes wiedererkannt, der dieſen mit ſeltener Ausdauer und Hingebung zum Jüngling und Mann, zum redlichen Arbeiter und ſtrebſamen Welt⸗ bürger gebildet hatte. Der eigentliche Name dieſes durch ſeine Heirath und ſeinen Erwerb ſehr reich ge⸗ wordenen Mannes war Waldorf; er hatte den Baron, ſeinen alten Herrn, mit aufrichtiger Freude und Herz⸗ lichkeit empfangen, eine kurze Erklärung hatte zwiſchen ihnen ſtattgefunden und, von der gegenſeitigen Um⸗ wandelung ihrer Gefühle und Anſichten überzeugt, waren ſie Freunde geworden, wie ſie es Beide nach ihrem verſchiedenen Werthe ſo wohl verdienten. Durch dieſen ununterbrochenen Verkehr war ihnen der Winter raſcher als gewöhnlich vergangen und ſo war das Weihnachtsfeſt herangekommen, zu dem auch wir uns jetzt wenden wollen, um noch einmal einen fröhlichen Tag in Holzendorf zu verleben. Der Schmerz des verfloſſenen Lebens war bis zu dieſer Zeit in dem Herzen des Barons, wenn nicht vergeſſen, doch in den Hintergrund der Exinnerung getreten, und das freudige Bewußtſein der glücklichen Gegenwart und die Hoff⸗ 16 244 nung auf eine ungetrübte Zukunft war allein in ſei⸗ nem Geiſte wach geblieben. Es war Morgens acht Uhr. Der Baron hatte mit der glückſelig lächelnden Marie ſein Frühſtück ein⸗ genommen, aber noch immer nicht den längſt von ihr erwarteten Glückwunſch zu dem doppelten Feſttage geſprochen. Endlich ſtand der alte Herr auf, ſah nach dem Wetterglaſe und ſagte: „Wir haben vier Grad Kälte, die angenehmſte Temperatur im Winter, die ich mir denken kann; ſie iſt weder zu kalt, um läſtig, noch zu warm, um nicht erfriſchend zu ſein— ich liebe das. Sieh, wie ſchön der Schnee in dem jungen Sonnenſtrahle glitzert— wir werden einen herrlichen Tag bekommen. Beeile Dich aber, mein Kind, daß Du fertig wirſt; ich habe Richard verſprochen, früh bei ihm einzutreffen und die Mittagstafel bei ihm zu halten; Nachmittags kommt er dann mit Waldorfs hierher, um den Abend feſtlich zu beſchließen, wie es geziemend iſt. Ich habe auch Millinger mit ſeiner Familie einladen laſſen und er hat zugeſagt, der gute Mann.“ „Ich weiß es ſchon,“ erwiderte Marie, ihn zärt⸗ lich liebkoſend, denn der Oheim hatte ihr ſchon acht Tage lang jeden Morgen beim Frühſtück von der Art und Weiſe erzählt, wie er ihren erſten Geburtstag in ſeinem Hauſe feierlich begehen wolle.„Ich weiß es ſchon, mein lieber Oheim, und werde nicht auf mich warten laſſen; aber wir haben ja keine ſo große Eile, Richard kommt erſt um zehn Uhr, um uns abzuholen, denn er will uns über den Bergrücken auf dem neuen Wege führen, den er von ſeinen Arbeitern hat herſtel⸗ len laſſen.“ „Um zehn Uhr kommt er erſt? Das iſt ja noch ſehr lange hin!“ Das war ſeine gewöhnliche Rede, er konnte nie die Zeit erwarten, bis er ſeinen Sohn ſah, den er ſo viele Jahre entbehrt hatte. „Es ſind noch zwei Stunden, mein Oheim,“ ſagte Marie lächelnd,„und die werden bald verſtrichen ſein.“ „So? Und haſt Du denn gar keine Sehnſucht nach dieſem— dieſem Herrn Hübner, ſeitdem er ſich in meinen Sohn Richard verwandelt hat? Ehemals biſt Du doch ſchon ſtundenlang vor der Zeit nach dem Friedhofe gelaufen, um ihn nur von Weitem kom⸗ men zu ſehen.“ Marie ſenkte erröthend den reizenden Kopf.„Ja, es iſt wahr,“ ſagte ſie,„früher hatte ich ſo große Eile, weil ich nie recht beſtimmt wußte, ob Herr Hüb⸗ ner kam, heute aber und jetzt, ſeitdem er ſich in Dei⸗ nen Richard verwandelt hat, weiß ich recht gut, daß 246 er nicht eine Minute länger ausbleibt, als verabredet iſt, und das hat meine Sehnſucht nach ihm beruhigt.“ „Oho! Du biſt nie um eine Ausrede verlegen, wenn es ſich um ihn handelt, das wußte ich vorher. Nun, ſo beeile Dich denn meinetwegen und laß mich nicht warten zur feſtgeſetzten Stunde— ich liebe das nicht.“ Marie war mit einem anmuthigen Sprunge ent⸗ ſchlüpft und kleidete ſich mit Mike's Hülfe zu ihrem doppelten Feſttage an, denn daß dieſer Geburtstag noch ein beſonderes Feſt in ſich ſchließen würde, hatte ſie lange aus den anſpielenden Reden des guten Oheims entnehmen können. In einer halben Stunde war der Baron ſelbſt vollſtändig zum Ausgange und zum Beſuche auf dem Kupferhammer gerüſtet. Er ging, eine Cigarre rau⸗ chend, im Zimmer auf und nieder und horchte bis⸗ weilen an der Tapetenthür, um ſich an dem aſilber⸗ nen Lachen des lieben Mädchens zu erfreuen, das mit Mike ſcherzte, während es mit dem Ankleiden beſchäf⸗ tigt war. „Lauter Luſt und Freude!“ ſagte dann der alte Baron zu ſich ſelber, wenn er ein ſcherzhaftes Wort aufgef fangen hatte—„Ach, wer verdenkt es ihr, wer könnte es anders erwarten! Aber halt— was iſt 247 denn die Uhr? Erſt neun. Und um Zehn will er 3 erſt kommen! Das iſt noch eine ganze Stunde. Ich wünſchte, dieſer Menſch, der Hübner— weiß der Teufel, der Name will noch gar nicht aus meinem Herzen— wäre heute etwas eilig! Ich kann die Zeit nicht erwarten, bis ich— ihm gegeben, was er lange beſitzt, und bis— ich ihm geſagt, daß er das nicht zu erwarten hat, was er zu verlangen eigentlich ein Recht beſitzt.— Wie iſt mir denn! Wenn ich es ſo recht bedenke, ſo iſt mir der Junge etwas über den Kopf gewachſen, denn ich habe eine kleine Angſt vor ihm; ſein ſchwarzes Auge feiert Triumphe, wenn er mich anſieht, die mich über mich ſelbſt erröthen laſ⸗ ſen. O, es liegt eine Kraft, ein Adel, ein Geiſt in dieſem Auge, dem ich nicht widerſtehen kann und der mich leitet, wie man ein Kind am Gängelbande leitet. Je nun, was iſt es denn weiter? Er iſt ein Mann geworden und ich habe immer Reſpekt vor wirklichen Männern gehabt. Ach, ich will ihm entgegengehen; vielleicht wird es mir leichter, ihm in Gottes freier Natur zu ſagen, was ich auf dem Herzen habe.“ 4 Seinen letzten Gedanken zur That machend, ging er eilig hinaus in den Garten, in dem der Schnee von den Wegen weggeſchaufelt war und einen brei⸗ ten Pfad erkennen ließ, der über die Brücke use 248 freie Feld führte, wo ebenfalls ein bequemer Fuß⸗ weg angelegt war, der bis auf die Höhe des Berges ſich fortſetzte. Als er aber eine Strecke auf demſel⸗ ben fortgeſchritten war, ging ihm das Feuer ſeiner Cigarre aus, er kehrte alſo wieder zurück, um ſie noch einmal anzuzünden. Eben war er damit beſchäftigt, da hörte er einen raſchen Schritt im Vorhauſe. Die Thür ward geöffnet und in derſelben erſchien, in einen ſchönen Pelz gehüllt, die ſtattliche Geſtalt des lange erwarteten Sohnes. Im gleichen Augenblicke that ſich die Tapetenthür auf und herein trat Marie, in einem rauſchenden ſchwarzen Atlaskleide, das ihre vollen Glieder anmuthig umſchloß und die weiße Haut ihres Halſes und das roſige Geſicht nur um ſo ſchimmernder hervortreten ließ. 4 * „Mein Vater und meine theure Marie!“ ſagte der edle Sohn,„da bin ich und ich ſehe Euch ſchon be⸗ reit, mich zu emn angen. Ich grüße Euch Beide, und Dir, meine theure Geliebte, ſtatte ich den innigſten Glückwunſch zu Deinem Wiegenfeſte. 1197 —— „Halt,“ rief der Baron, dem Scehe herzlich die Rechte entgegenreichend.„Bevor Du Deinen Glück⸗ wunſch abſtatteſt, was Du nachher thun kannſt, wenn ich Euch allein gelaſſen habe, höre mich an, denn ich habe an dieſem Tage erſt noch von wichtigen Din⸗ gen mit Dir zu reden.“ „Was könnte das ſein?“ fragte michard mit Aue und Mund. „O, mein Sohn, es iſt wenigſtens wichtig für mich, wenn auch weniger angenehm für Dich, obwohl ich glücklicher Weiſe zum Schluſſe Dir Etwas geben will und kann, was hoffentlich eben ſo wichtig wie angenehm für Dich ſein wird. Zur Sache. Noch iſt zwar die Trauerzeit— die auch zugleich eine trau⸗ rige Zeit für mich war— in meinem Hauſe nicht vorüber und die Tage für glückliche Feſte ſcheinen mir noch nicht gekommen zu ſein. Allein hier in dem ſtillen abgelegenen Hauſe behorcht uns die geſchwätzige Welt nicht und ſo wollen wir denn den heutigen dop⸗ pelten Feſttag zu einem dreifach gekrönten machen. Zuvor aber muß ich mich meiner Pflicht gegen Dich entledigen— „Welcher Pflicht, mein theurer Vater?“ „Gönne mir Friſt, Du wirſt es ſogleich hören. So nimm denn alſo zuerſt noch einmal meinen vä⸗ terlichen Dank für Deine Bemühungen, die Ehre meines Namens und meiner Familit gerettet zu haben—“ „Halt ein, mein Vater— vergieb, daß ich Dich 1 250 unterbreche. Von den Bemühungen, die ich für die Ehre Deiner Familie gehabt, darfſt Du vor allen Dingen nicht reden, denn Deine Familie, dein Name, Deine Ehre— ſind zugleich auch die meinigen ge⸗ weſen, und ich habe, wenn ich ſie rein zu erhalten mich bemühte, weiter nichts als meine Schuldigkeit, meine Pflicht gethan.“ „Ich weiß es, ach, ich weiß es, mein Sohn. Aber dennoch muß ich es ſagen, damit Du ſiehſt, daß ich ein Gefühl für Dergleichen habe. Aber Du kannſt anich jetzt fragen, Richard, wo die Beweiſe ſind, daß Du nicht allein mein Sohn, ſondern auch Deiner Mutter Sohn biſt—“ „O, mein Vater, laß ab davon— daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ „Aber ich deſto mehr. Ach, Richard, wie gern thäte ich jetzt meinen Schrank dort auf, ſtreckte meine Hand hinein und holte Dir Deiner Mutter Erbtheil heraus— aber ach! ich beſitze es nicht mehr. Ich habe es benutzt, um die Schulden Deiner Brüder zu bezahlen, die weit über ihr ganzes Erbtheil hinaus⸗ gegangen ſind, wie Du weißt.“ „Und auch Du haſt Deine Pflicht und Schuldig⸗ keit damit erfüllt. Ich würde ein Gleiches gethan und noch mehr gegeben haben, wenn ich geſchehen Dinge damit ungeſchehen hätte machen können.“— „Ich glaube es Dir; was ich Dir aber nicht augenblicklich geben kann, das leidige Geld, will ich mit etwas Anderem, Beſſerem erſtatten. Sieh, mit meinem Segen, der mir allein geblieben iſt, und mit meiner ganzen Hinterlaſſenſchaft, wenn ich einmal nicht mehr ſein werde, will ich Dir die Hand dieſer meiner Nichte, jetzt meiner Tochter, geben. Ich habe den heutigen Tag dazu gewählt, um dies längſt em⸗ pfundene, aber noch immer verſchwiegene Wort aus⸗ zuſprechen, weil ich ihn für doppelt geeignet dazu halte. Marie von Steinach's Vermögen wird bei Weitem dasjenige überſteigen, was Deine gute Mut⸗ ter hinterlaſſen hat—“ „Laß es jetzt genug ſein,“ unterbrach ihn der Sohn,„ſprich kein Wort weiter davon. Wie, Du giebſt mir die Hand meiner Marie und glaubſt diſe Habe noch nicht groß genug, daß Du noch eine andere hinzu zu fügen gedenkſt? O, wie wenig kennſt Du Deinen Richard! Gieb ſie mir her, lege ihre Hand hier in die meinige, und Du wirſt mir Alles, das Beſte, Schönſte und Herrlichſte gegeben haben, was eine Mutter, ein Vater, ein Schöpfer im Himmel mir ſchenken kann.“ 1“ 252 Und mit einem Arme ſeinen Vater, mit dem an⸗ dern Marie umfangend, ſchloß er ſie zuſammen an ſeine Bruſt und küßte die Thränen fort, die vor Freude und Wehmuth über Beider Wangen herab⸗ rieſelten. Eine halbe Stunde ſpäter traten die drei Perſo⸗ nen, weislich in treffliche Pelze gehüllt, ihre Wande⸗ rung durch die mit Schnee bedeckten Felder an. Der blaßgoldene Schein der Winterſonne flimmerte in Millionen Diamanttropfen auf dem ſchweigenden Ge⸗ filde und die bereiften Zweige der Wälder blitzten unter ihrer köſtlichen Laſt. Muntere Geſpräche kürz⸗ V ten den unter ſo verſchiedenen Gemüthsbewegungen ſo oft zurückgelegten Weg und bald erſtieg man die Höhe, die Richard's fleißige Arbeiter gangbar gemacht hatten. Keiner von ihnen aber achtete auf das heu⸗ tige Ziel dieſes Weges, denn alle bisher verſchwiege⸗ nen Gedanken brachen aus ihren Herzen hervor, wie ſie unter Gottes blauem Himmel jetzt ſo fröhlich da⸗ hinſchritten. Schon hatte man den Fahrweg erreicht, der die Anhöhe in eine obere und untere Hälfte theilte, und noch nicht ein einziges Mal hatte Ma⸗ ries Auge das Weite geſucht, da ihr die Nähe genug 253 des Erwünſchten und Unterhaltenden bot. Plötzlich aber, nicht hundert Schritte weit von dem Hügel ent⸗ fernt, auf dem ſie ſo oft, erſt voll trauriger, dann voll glücklicher Gedanken geſeſſen, bebte ſie erſchro⸗ cken zurück, indem ſie den Oheim und Richard zugleich vom Vorwärtsſchreiten zurückhielt. „Was iſt das?“ fragte ſie freudig bewegt—„wer hat meine Lieblingsſtelle ſo freundlich bezeichnet?“ „Tretet nur näher,“ erwiderte Richard ruhig,„dort drinnen werde ich es Euch ſagen.“ Alle Drei ſchritten raſch vorwärts und waren nun bald vor einem Glashauſe angelangt, welches ſich über dem Hügel erhob, von wo man die ſchönſte Fern⸗ ſicht über die in der Ebene liegenden Gefilde hatte. Ja, ein Haus, aus Eiſenſtäben und Glas zierlich zuſammengefügt, nicht zu groß, nicht zu klein, um bequem ſechs Menſchen zu faſſen, erhob ſich über der grünen Hülle des Grabes. Ueber dem letzteren war eine eiſerne Sitzbank aufgeſtellt, mit Polſtern belegt, und ein kleiner blinkender Ofen ſandte darin ſeine behaglichen Wärmeſtrahlen aus. Schon ſaßen ſie auf dieſer Bank und hatten die Thür hinter ſich geſchloſſen. Richard faß in der Mitte, an jeder Hand eines ſeiner theuerſten Lieben haltend. „Sieh,“ ſagte er zu Marie,„ſieh, mein gelubts 254 Kleinod, ich glaubte Dir heute zu Deinem Wiegen⸗ feſte dieſe kleine Ueberraſchung bieten zu dürfen. Du haſt hier ſtets ſo gern, mit mir und ohne mich, ge⸗ ſeſſen, und ich wollte Dir auch im herben Winter einen angenehmen Aufenthalt hier oben auf Deinem Lieblingsplatze bereiten. Jetzt kannſt Du mit mir und ohne mich hierhergehen und ſtets wirſt Du ein Obdach finden, welches Dich vor dem rauhen Winde oder den kühlen Regentropfen ſchützt. So viel für Dich, meine Geliebte.— Jetzt wende ich mich zu Dir, mein guter Vater. Auch für Dich und mich hat die⸗ ſer Ort ſeine Weihe und Würde. Nicht allein ſchläft meine gute Mutter hier unter uns und iſt gegen⸗ wärtig, wenn wir hier oben in Eintracht weilen, ſon⸗ dern der Ort hat noch eine andere Bedeutung für mich. Als ich nach langer Irrfahrt aus fremdem Lande in meine Heimat zurückgekehrt war, nach der ich mich oft ſo unendlich geſehnt, war es mein erſter Gang, dieſen für mich ſo heiligen Ort aufzuſuchen. Von hier aus weidete ich mein Auge an den lachen⸗ den Gefilden, die unter mir lagen, meinem Vater ge⸗ hörten und auf die ich ſchon ſo oft als Knabe voll Freuden niedergeſchaut; aber von hier aus lenkte ich auch meinen umflorten Blick auf jene Wipfel und Daächer hinab, die jetzt im glänzenden Sonnenſchein 255 vor uns blinken, und grüßte im Stillen Dich, meinen Vater, der da unten wohnte und keine Ahnung hatte, daß ſein Richard hier um ihn trauerte. Hier faßte ich den heiligen Entſchluß, Dir Deine Söhne zu ret⸗ ten, hier aber auch fand ich Diejenige, die mir der Geber alles Guten zur Gefährtin des Lebens beſtimmt und zur Belohnung für alles überſtandene Leid hierher geführt hatte. O, laßt uns alle Drei hier dankbar zu Gott beten, daß er wenigſtens einen Theil unſerer Wünſche und Hoffnungen erfüllt hat. An das Böſe, was wir er⸗ fahren, ſo wie an die Verluſte, die wir erlitten, laßt uns nicht zurückdenken. Wir wollen unſere Herzen allein auf das richten, was wir gerettet und gewon⸗ nen haben. Und hier, mein Vater, in dieſem Dank⸗ gefühle gegen meinen Schöpfer, kniee ich vor Dir nie⸗ der und bitte um Deinen Segen auf der Mutter Grabe; Hand in Hand mit der geprüften Unſchuld, zum Beſten der Menſchheit uns rüſtend und vervoll⸗ kommnend, wird Gott dieſen Segen erhören und den Fluch von uns nehmen, der bisher auf den Hänpkern unſerer Familie gelegen hat.“ Und er kniete nieder vor ſeinem, Thränen der Freude und Dankbarkeit vergießenden, Vater und zog 3 Marien mit zu ſich hinab. Der Vater aber legte ſeit Hände auf Beider Haupt und ſprach aus innerſte * 256 Seele den Segen aus, den hoffentlich der allgütige Himmel erhören wird. Eine Stunde ſpäter wandelte der beglückte Vater mit ſeinen beiden Kindern die Anhöhe ſüdwärts hin⸗ unter, dem Kupferhammer zu. Am Arme Richard’s durchſchritten Vater und Tochter die weiten Räume, in denen die unermüdeten Arbeiter auch an dieſem Tage ihr ſchweres aber geſegnetes Werk vollführten. In Ernſt Waldorf's Hauſe feierten ſie den Mittag dieſes unvergeßlichen Tages und fuhren dann ſpäter mit ihren Wirthen nach Holzendorf hinüber, wo ſich unterdeß Doktor Millinger mit ſeiner Familie einge⸗ funden hatte, um hier in ſtiller Heiterkeit den ſo glücklich begonnenen Tag zu beſchließen. Während der Baron und ſeine Gäſte aber in dem großen Speiſeſaale ſaßen, feierten auch alle Diener des Hausherrn das allgemeine und beſondere Feſt, und ſelten war eine beglückendere Feier im Ganzen und Einzelnen in dieſen Räumen begangen worden. Die alte Hanne, die ehemalige Amme Richard's, Fried⸗ rich, der Förſter und der Thorwärter mit ihren Frauen und Kindern, Alle waren verſammelt, um ihren Theil an der allgemeinen Freude mit zu genießen, und 2* 257 * † 8 4 reichlich waren die Gaben, die der begüterte Baron und der nun ſo reich gewordene Sohn den Verſam⸗ melten austheilte. A * X Fünf Monate ſpäter aber, nach vollem Ablauf der Trauerzeit, wurde noch ein größeres glänzenderes Feſt auf Holzendorf gefeiert. Richard von Brandau ſchloß ſeine Verbindung mit Marie von Steinach lim Schloſſe ſeines Vaters. Am Abende dieſes glücklichen Tages ſiedelte das junge Paar nach dem Kupferham⸗ mer über, um hier von der Sorge des vergangenen Lebens auszuruhen und die Gaben des neu gewonne⸗ nen in reichlichſter Fülle zu genießen. Wenn es dem alten Baron zu einſam wurde auf dem Sitze ſeiner Väter, dann nahm er den Wanderſtab zur Hand und ſpazierte gemächlich über die Berge zu ſeinen Kindern, oder, was ihm eben ſo lieb war, ſeine Kinder kamen zu ihm, und jedesmal, wenn er den glücklichen Aus⸗ druck ihrer Geſichter ſah, heiterte ſich ſein gefurchtes Antlitz auf und er gedachte, mit Schmerz nicht mehr, wohl aber mit leiſe nachklingender Wehmuth der v 5 gangenen Schreckenstage, die am Ende ja doch ch zum Guten geführt hatten. Baron Brandau. II. 2. — ddieſen Frieden, aber ſie verſüßten ihn nur, anſtatt 258 Am lebhafteſten gedachte er dieſer Tage am Mor⸗ gen nach der Hochzeit der Kinder. In den weiten und ſo plötzlich einſam gewordenen Räumen ſeines alten Schloſſes ſich unheimlich und allein fühlend, verließ er ſchweigend ſein Zimmer und begab ſich über die wieder im jungen Frühlingsſchmucke blühen⸗ den Felder die Anhöhe hinauf. Noch ſtand das kleine Glashaus über dem Grabe ſeiner Frau, aber der 8 künſtlichen Wärme bedurfte es nicht mehr, den Aufent⸗ halt darin zu einem behaglichen zu machen. Gottes erwärmender und belebender Hauch zog auf den Strah⸗ 3 len der Maiſonne zu der geöffneten Thüre herein und der Baron genoß mit Wonnegefühl den balſamiſchen Athem der neu erwachten Natur. Still und nachdenkend ließ er ſich auf dem Hügel ſeiner Frau nieder und ſchaute wehmüthig hinab in die grünenden Auen bis zu den ſie in blauer Ferne begränzenden Bergen. Ein ſanfter, warmer Duft ſchwebte über den ſchweigenden Gefilden, hoch über denen ſich ein durch kein Wölkchen getrübter Himmel wölbte. Nur die wirbelnden Lerchen in den durchſich⸗ tigen Lüften und die ſchlagenden Nachtigallen in den Gebüſchen des Friedhofes unterbrachen dieſe Stille, ihn zu ſtören. 2. Nachdem der Baron eine geraume Zeit Augen, Ohr und Herz dieſem köſtlichen Morgen geweiht, wurde allmälig ſein Geiſt thätig und er verſenkte ſich noch einmal in die nun hinter ihm liegende Vergan⸗ genheit und verglich ſie mit der lieblichen Gegenwart. Da fand er denn einen Unterſchied heraus, den er in ſeinem Alter kaum noch zu erleben erwartet hatte. Er war in der That ein anderer Menſch geworden; die Verhältniſſe ſeines Lebens, die traurigen Erfah⸗ rungen des letzten Jahres hatten ſeinen Geiſt geläu⸗ tert, ſeine Einſicht geöffnet und ſeinen Anſichten vom b Leben eine von ſeinen früheren bedeutend abweichende Richtung gegeben. Eine Weile dachte er ſtill für ſich über alles Dies nach, dann aber überließ er ſich ſei⸗ ner alten Gewohnheit und ſprach ſeine Hauptgedan⸗ ken hörbar aus. „O, wie ſind meine Felder alle wieder reich ge⸗ ſegnet,“ ſagte er,„wie iſt die Liebesfülle Gottes überall ausgeſtreut, und Niemand wird mehr auf dieſer Welt ſein, der mir den Frieden vergiftet, nach dem ich von jeher getrachtet und den ich nun endlich, meines Glückes wirklich bewußt, jetzt genieße. Aber es hat lange gedauert, bis mir die große Lehre meines Lebens gepredigt, und es iſt mir ſchwer geworden, bis ich ſie 4 endlich verſtanden habe. Den Leidenskelch, f 17 .———„v— 28 — die Vorſehung eingeſchenkt, habe ich nun ausgetrun⸗ ken. Er hat bitter geſchmeckt, ſehr bitter, und mein Herz iſt tief gedemüthigt worden, aber ich danke Dir dennoch, mein Gott, daß Du mir ſo gnädig geweſen, denn was Du mir auch genommen, es iſt mir doch Viel, o ſo unendlich Viel übrig geblieben. O, wäre ich in jüngeren Jahren ſo weiſe geweſen, wie ich es heute bin, dann hätte ich auch das Verlorene vielleicht noch retten können. Dann wäre ich nicht übermäßig ſtolz geweſen auf meine Geburt, mein Herkommen, mein Eigenthum. Nur der über alle natürlichen Grän⸗ zen hinausgehende Stolz und Hochmuth hat meine Familie beinahe zu Grunde gerichtet. Jetzt ſehe ich endlich ein: es giebt eine höhere Berechtigung in der Welt, als die Abſtammung, das Herkommen von einer Familie, die nichts beſitzt, als den im Winde der Zei⸗ ten verſchwindenden Schall eines werthloſen Namens. Der Geiſt der Bildung, der aus dem Füllhorn des Himmels ſich über die Völker ergoſſen und alle Tage mehr ergießt, die Aufklärung und Verſittigung des Herzens, endlich aber die erfolgreiche Arbeit der menſch⸗ lichen Hände hat den Sieg gewonnen über die blinde Zuverſicht, das unthätige Zuſchauen und die dünkel⸗ hafte Ueberhebung ſich bevorrechtet glaubender, nur dem Genuſſe lebender Stände. Man kann glücklich, groß und weiſe ein, auch ohne ſich Baron oder Graf zu nennen, man kann redlich Geld erwerben, ohne ſich wegzuwerfen und ohne ſeinen Nächſten auszuſaugen, man kann von ſeinen Nachbarn und Untergebenen geachtet und geliebt werden, ohne ein großer Herr zu ſein, oder ſich einen Kopf höher und von feinerem Metall zu dünken als alle ſeines Gleichen. Denn es giebt Edelleute auch unter den niedrig geborenen Menſchen, wie es unter dem Adel niedrige und ge⸗ meine Menſchen giebt. Das habe ich gelernt und das werde ich nie vergeſſen. Wie der unge⸗ mäßigte fieberhafte Durſt nach Geld zum Verbrechen, ſo führt der raſtloſe ungeſät⸗ tigte Trieb nach Ehre und Auszeichnung ohne Arbeit und Mühe zum Wahnſinn, und allein der wohlgerathenen Arbeit des den⸗ kenden Kopfes und der fleißigen Hand folgt der Segen des Herrn. Darum ſegne meinen Sohn, o Herr, der ſchaffet und webet mit Kopf 4 und Herz und Händen, ſegne ihn in ſeinem neuen Bunde, den er geſtern geſchloſſen, und wenn er einſt neben dieſem Grabe das meinige aufgeſchüttet hat, dann laß ihn von mir ſagen: Hier liegt Baron Hans von Brandau. In ſeiner Jugend war er eir harter, ein kalter, ein liebloſer Mann, denn er the die unſinnigen Vorurtheile ſeines Standes und baute Luftſchlöſſer darauf, die alle zuſammenſtürzten, weil ſie eines vernünftigen, dauerhaften Grundes entbehr⸗ ten; in ſeinem Alter aber ward er ein liebender und geliebter Mann, Menſch und Vater, denn er hatte ſeine Vorurtheile als Irrthümer erkannt und ſich ge⸗ beſſert, trotzdem er ein weißes Haupt und ein vom Schmerze der Welt verroſtetes Herz hatte.— O Gott, ja, das laß ihn von mir ſagen und ich werde mit meiner Grabſchrift zufrieden ſein. Amen!— Während wir an vorſtehender Erzählung arbeiteten, ſind wir verſchiedene Male zu unſerer Belehrung in der Irrenanſtalt geweſen, in welcher Georg von Bran⸗ ₰ L g dau ſeine letzten Tage verlebt, und haben uns mit eeiiggenen Augen von ſeinem Zuſtande und ſeiner all⸗ mälig nahenden Auflöſung überzeugt. In den Händen und unter der ſorgfältigen Leitung eben ſo menſchen⸗ freundlicher wie tief denkender und aufgeklärter Aerzte, geht es ihm leiblich ſcheinbar wohl, aber in geiſtiger Beziehung iſt keine Ausſicht auf ſeine Heilung vor⸗ handen. Nach wie vor bildet er ſich ein, ein Fürſt verſchenken kann, da ſie ſich nach Belieben wieder er⸗ zeugen, und ein allſeitig gebildeter Künſtler, der heute mit dem Pinſel, morgen mit der Stimme Meiſterwerke zu ſchaffen vermag, wie er will, und der der ganzen Welt die große Aufklärung ihres Daſeins zu geben im Stande iſt, wenn er ſeine Memoiren, an denen er V zu arbeiten vorgiebt, während er doch nur ungewa⸗ 1 zu ſein, Millionen zu beſitzen, die er nach Belieben 8 1 ſchenes Zeug ſchreibt, veröffentlichen wird. Stunden⸗ lang haben wir ihn in Gemeinſchaft mit ſeinen Aerzten 1 beobachtet, uns mit ihm unterhalten und die unum⸗ ſtößliche Ueberzeugung gewonnen, daß ſeine phyſiſche Kraft allmälig erliſcht, wie eine Kerze, wenn ihr der materielle Leuchtſtoff ausgeht. Graf Zaretta iſt noch immer ſein Freund geblieben: er erwartet ihn alle Tage wiederzuſehen und ſteht in unausgeſetztem Brief⸗ 1 wechſel mit ihm. In dem letzten Briefe, den wir, 4 Dank der Freundlichkeit ſeiner Aerzte, in Händen! ha⸗ ¹ ben, ſagt er ihm folgende merkwürdige und ſeinen Wahnſinn genügend charakteriſirende Worte, die wir unſeren Leſern nicht vorenthalten Wollen:“ S „ *„— Du, mein theurer Jurkin biſt der einzigt „und alleinige Menſch geweſen, den ich von ganzem „eaßen geliebt habe. Du haſt mir die „Gegentheil von mir, er möchte alles Gold der e 264 „Schlüſſel des Lebens in die Hand gegeben und ich „habe das Buch mit ſieben Siegeln damit geöffnet. „O, was habe ich Herrliches in dieſem Buche ge⸗ „funden, welches gemeinen Sterblichen auf ewig „verſchloſſen bleiben wird, welche himmelſtürmende „Kraft daraus geſchöpft, welche geheime Offenbarung „mir daraus zu eigen gemacht! Von den anderen „Menſchen, mit denen zu verkehren ich mich herab⸗ „ließ, iſt im Vergleich mit Dir gar nicht zu reden. „Es verlohnt ſich der Mühe des Federhaltens kaum. „Mein Vater war ein Tyrann gegen Hunde und „Menſchen ſein Leben lang— Du weißt doch, daß „er meinen älteſten Bruder zu Tode geprügelt?— „und das einzige Gute, was ich von ihm ſagen „kann, iſt, daß er der anſtändigſte kleine Baron, den „ich kennen gelernt, und der geſcheidteſte Kopf unter „ſeinen Schöpſen und ſeinem Rindvieh war. Mein „Bruder Alfred iſt ein Tropf und Geizhals zugleich „und wird es immer bleiben. Er iſt gerade das „Erde verſchlingen, um es nur für ſich behalten „und, wenn er es einmal von ſich geben muß, von „Neuem verſpeiſen zu können. „Meine übrigen Freunde und Genoſſen waren 12— „theils Gänſeriche, die auf der hohen Schule des „Lebens ſchnattern gelernt haben, theils Schmarotzer, „die ſich am Tiſche des Herrn auf allgemeine Un⸗ „koſten vollſtopften, theils Glücksritter, die ihren „Stern in ihrem eigenen Kopfe zu tragen glaubten. „Welche Armſeligkeit! Fürwahr, ich ſchäme mich „jetzt ordentlich, meine fürſtlichen Neigungen an „dieſes Gewürm verſchleudert zu haben. Neine Braut, die ſchöne Marie, deren bal⸗ 8„dige Verbindung mit mir hoffentlich von großem „Einfluß in Bezug auf die Entfaltung ihrer Schön⸗ „heit, ihres Charakters und ihrer Geiſtesanlagen „ſein wird, iſt allerdings ein vortreffliches Mädchen, „nur hat ſie keine vornehme Erziehung genoſſen, „denn ſie iſt— verſchließe dies Geheimniß „Deiner edelen Bruſt— unter Wahnſinnigen auf⸗ „gewachſen, die ihr frühzeitig falſche Ideen von der „werdenden Menſchheit beigebracht haben, die uns „einſt ihre Wiedergeburt verdanken wird. Ich denke „aber, der Umgang mit mir wird auf ſie von gro⸗ „ßem Einfluß ſein, mein erhabenes Beiſpiel wird „ſie läutern und mein Geiſt die Anlagen zur Reif „bringen, welche die gutd Natur in ſie gelegt hat Baron Brandau. II. 2. 17 1 „O komm, geliebter Freund, und wandle mit „mir in jenem ſchönen Leben einher, welches Du „mir erſchloſſen haſt. Es iſt ſo ſchön, ſo wonniglich „heiter, ſo glänzend vornehm bei mir, daß ich voll⸗ „kommen glücklich bin, ſo daß es mir bisweilen „vorkommt, als lächle die gütige Sonne nicht allein „über meinem Haupte, ſondern als hafte ſie als „unwandelbarer Fixſtern in meiner hochadligen Bruſt. „Welcher Gedanke, mein Freund! O, ich habe „mitunter köſtliche, wahrhaft himmliſche Gedan⸗ „ken! Staunſt Du nicht über das Talent, wel⸗ „ches Du in mir geweckt, und welches zum „Erſtaunen Aller, denen die Ehre meines Um⸗ „gangs zu Theil wird, ſich alle Tage wunder⸗ „barer entfaltet, mich alle Tage glücklicher, voll⸗ „kommener macht und mir einſt einen Platz unter „Denen anweiſen wird, die an der ſtrahlenden „Seite des Fürſten der Himmel ſitzen und mit „Lorbeern und Sternen geſchmückt ſind auf ihrem fürſtlichen Haupte und auf ihrem gottfühlenden „Buſen. Lebe wohl, mein Freund, und beſuche „bald Deinen Bruder in Ehren, den die dumme „Welt einſt Georg von Brandau nannte, deſſen „Name aber ſo weit über dieſem ſteht, wie der „Himmel ſich über 89 8a. Lebe wohl „— ich küſſe Dich! Prandocer. ehemaliger Gardeofftzier, jetzt Fürſt. r Die geihihe und der jetzige beklagenswerthe Zu⸗ ſtand dieſes Wahnſinnigen hat uns eine große Be⸗ lehrung verſchafft, und bleibt uns nur noch der fromme Wunſch übrig, daß die jungen Leute ſeines Standes, ſeiner Mittel und Anlagen, die mit ähnlichen Neigungen auf ähnlichen Wegen wandeln, jene Belehrung mit uns theilen mögen; dann wird der Aufwand von Kraft und Zeit, den wir an die Vollendung dieſes Buches gewandt, nicht ganz vergebens geweſen ſein und wir werden auch unſererſeits einer ſo reich aus⸗ geſtatteten jüngeren Generation genützt haben, wie es uns eine redliche und nur ſchwer zu verkennende Ab⸗ ſicht an die Hand gegeben hat. Möge der Himmel, der allem Erſchaffenen ſo überaus gütig lächelt, auch ihnen lächeln und ihnen zugleich die Einſicht gewähren, dieſes Lächeln zu begreifen und zu würdigen, denn der Erde Güter mit Vernunft und Mäßigung zu genießen 8 .X 26 4„* 3 iſ gewiß der Wue Nd die Abſicht des Schöpfers geweſen, der dieſe Erde, dieſe Menſchen und dieſe Güter geſchaffen hat; aber mögen ſie nicht vergeudet werden, dieſe Güter, mögen ſie mit Weisheit benutzt, mit Sorgfalt bewahrt und mit dankbarem Herzen zum Beſten der ganzen lebenden Menſchheit ver⸗ wendet werden! Das iſt unſer Wunſch und damit empfehlen wir uns der Nachſicht des freundlichen 8 Philipp Reclam jun. in Leipzig. ff fffffffffffffff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16