“ ³ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ente egennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:* für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.= Ff. 1 Nk. 50 PFf. 2 Nk. pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Itt das zerriſſene, beſchmutzte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Baron Brandau und ſeine Junker. ——yy——— Zweiter Theil. —— Baron Brandau und ſeine Junker. Aus den Papieren eines Arztes von Philipp Galen, Verfaſſer von:„Andreas Burns“,„Walther Lund“,„Fritz Stilling“, „Irre von St. James“ u. ſ. w. Zweiter Theil. ——n—— Leipzig, 1858. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. ——:— Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten! Erſte Abtheilung. 4 Ein Ganner in der Keſidenz. Erstes Anpitel. Graf Zaretta. Inmitten einer von Hunderttauſenden bevölkerten Hauptſtadt, in der die verſchiedenartigſten Kräfte und Talente ſich ſammeln und aus allen Landestheilen Menſchen und Mittel zuſammenſtrömen, um Dinge möglich zu machen und zu erzeugen, die alle Welt in Erſtaunen ſetzen, tauchen von Zeit zu Zeit fabelhafte Perſonen auf, deren Erſcheinen einem Meteor gleicht, welches plötzlich vom Himmel ſtürzt, auf einen Augen⸗ blick einen glänzenden Schein verbreitet, der alle darauf fallende Blicke blendet, dann aber, ungeſehen und unbeachtet, eben ſo plötzlich im Dunkel der Nacht verſchwindet. Man weiß von dieſen ſeltſamen Per⸗ ſönlichkeiten eigentlich nie recht, woher ſie ſtammen, welches ihre Vergangenheit war und was ihre Zu⸗ kunft geworden ſein würde, wenn ſie mit ungebrochener 8 ihre ſchlaue Betriebſamkeit oder ihre verbrecheriſche 8 Kraft ihren Weg verfolgt und die Rolle zu Ende ge⸗ ſpielt hätten, in der ſie als vollkommene Meiſter vor die erſtaunten Augen des Publikums getreten ſind. Ihr Daſein, ſo lange ſie unter uns weilen, ſcheint nur auf eine kurze Dauer oder, ſagen wir rich⸗ tiger, Dauerhaftigkeit berechnet zu ſein, denn entweder verlieren ſie ſich kurz nach ihrem Erſcheinen in den ver⸗ hüllenden Staubwirbeln des alltäglichen Lebens, ohne daß man erfährt, wohin ſie ihre geheimnißvolle Lauf⸗ bahn gerichtet, oder ſie treten gezwungen aus dem uſurpirten Kreiſe, indem die öffentliche Gewalt ihrem geheimen Wirken ein unerwartetes Ziel ſetzt. Dieſe rſcheinungen ſind gar nicht ſo ſelten, wie man wohl denken und wünſchen ſollte; man braucht nur die öffentlichen Blätter der Zeit, die nach allen Orten der Welt fliegen, zu leſen, und man wird darin häufig genug das kurze Daſein von ſolchen Perſonen ange⸗ deutet finden, allein man achtet in entfernteren Krei⸗ ſen nicht allzuſehr darauf, oder ſie intereſſiren in der Regel nur kurze Zeit den aufmerkſamen Leſer, dem ſie eben ſo plötzlich ſpurlos verſchwinden, wie ſie ohne Ankündigung gekommen ſind. Man weiß eigentlich nicht, ob man an dieſen hier und da auftauchenden räthſelhaften Subjekten mehr 9 Vollendung anſtaunen ſoll. Mit den Fortſchritten der Zeit, in der ſich die Intelligenz in gleichem Schritt mit der Leiſtungsfähigkeit im Guten und Böſen ent⸗ wickelt, haben ſich auch dieſe Abenteurer zu einer Art von Rieſen moraliſcher und ſpeculativer Raffinerie emporgearbeitet. Früher begnügten ſie ſich, als Ta⸗ ſchenſpieler, Tanzlehrer, in höheren Cirkeln beliebter⸗ weiſe als Sprachmeiſter aufzutreten. Allmälig wur⸗ den ſie feiner und gebildeter, reicher und vornehmer, ſie führten ſich in die große Geſellſchaft ein und ver⸗ ſtanden es, ſich zu Liebhabern von ſchönen Wittwen, zu Anbetern gelangweilter Frauen oder leichtſinniger Töchter begüterter Eltern aufzuſchwingen. Heutigen Tages endlich ſind ſie zu ihrer vollen Größe aufge⸗ wachſen, und kein Unternehmen, kein Meiſterſtück, mag es ſo ſchwierig oder gefährlich auszuführen ſein, wie es will, ſchreckt dieſe erfindungsreichen Geiſter zu⸗ rück, ſie verſuchen mit wahrer Tollkühnheit ihr Glück, und dies Glück— die ſeltſamſte Gabe des launen⸗ haften Schickſals— ſteht ihnen oft genug lächelnd zur Seite. Ein ſolcher fabelhafter Menſch war ſeit dem letz⸗ ten Frühjahr plötzlich auch in der Reſidenz aufgetre⸗ ten, von welcher wir in dieſen Blättern ſchon öfter geſprochen haben. Eines Tages war er als fremder 10 Reiſender in einem der glänzendſten Gaſthöfe einge⸗ kehrt, und hatte ſogleich durch großen Aufwand— das ſchnellwirkendſte Mittel zu gewiſſen Zwecken— die Blicke der Menſchen auf ſich gezogen. Niemand wußte, wer er war, woher er kam, was er trieb, als höchſtens die Behörden, we ſeinen Paß geſehen, und der Gaſthofsbeſitzer, der ſeine glänzenden Goldſtücke in Empfang genommen hatte. Nach einigen Tagen indeß erfuhren ſchon einzelne Neugierige, die ſich um neue und auffallende Perſönlichkeiten lebhafter zu küm⸗ mern pflegen und in dieſem Falle einen dienſtferti⸗ gen Kellner gefragt hatten, daß er ein Graf aus Un⸗ garn, Dalmatien oder irgend woher aus dem Süden ſei, daß er viel Geld und Geldeswerthe Sachen be⸗ ſitze, daß er ſich längere Zeit am Orte aufzuhalten, aber bis jetzt noch nicht habe merken laſſen, was er zu treiben gedenke. Man zerbrach ſich übrigens wei⸗ ter nicht den Kopf über ihn, denn man war es ſchon gewohnt, vornehme und reiche Fremde in dieſem Gaſthofe einkehren zu ſehen, allein man erfuhr doch einige Tage ſpäter ſeinen Namen und Stand, wenig⸗ ſtens den, unter welchem er auf ſeinem Paſſe, den man für gut befunden, aufgeführt war. Er nannte ſich Graf Zaretta. Ein Graf Zaretta aber war für viele Menſchen, deren Ohr einen ſchön klingenden 11 Namen gern hört, und die alle Diejenigen hübſch und intereſſant finden, die Gold in Menge haben und aus der Fremde kommen, eine augenſcheinlich bedeu⸗ tende Perſönlichkeit. Man verbeugte ſich vor ihm, wenn er bei Tafel erſchien, man entdeckte immer mehr wahrhaft Vornehmes und Ausgezeichnetes an ihm, und endlich ward es als ausgemachte Sache ange⸗ nommen, daß er Das ſei, für was er ſich ausgab, wenigſtens hatte man keine Urſache, ihn für weniger zu halten, als für einen ganz reſpektablen Reiſenden und einen liebenswürdigen Cavalier. So waren einige Wochen verſtrichen, da nahm die Sache ſchon eine andere Wendung. Der Herr Graf hatte mit Hülfe eines bewanderten Lohnbedien⸗ ten eine prachtvolle Wohnung gefunden und den Gaſthof mit derſelben vertauſcht. Die alltäglichen Gäſte in jenem erfuhren auf Befragen, daß der Herr Graf ausgezogen ſei und eine beliebige Zeit als Pri⸗ vatmann in der großen Stadt zu verweilen gedenke. Wiederum war eine Woche vergangen, und in bedeutenderen Kreiſen der Geſellſchaft hatte ſich eine neugierige Schaar gefunden, welche auf das Treiben des aus dem Gaſthofe verſchollenen Grafen ander⸗ weitig aufmerkſam geworden war. Man hatte ihn in der Fremdenloge der Oper wahrgenommen, und ſein 12 fremdartiges Weſen, ſeine Kleidung, ſeine im Ganzen und Einzelnen glänzende Ausſtattung bewundern müſ⸗ ſen. Dann und wann hatte man an ſeiner weißen Hand einen koſtbaren Brillant blitzen geſehen, dem Thürſteher hatte er einen Dukaten Trinkgeld gegeben und verſchiedenen Bettlern auf offener Straße einen Thaler in den Hut geworfen. Namentlich war Letz⸗ teres auf öffentlichen Spaziergängen geſchehen, wo die dunkle Geſtalt des Unbekannten von Zeit zu Zeit auftauchte und ſtets von einem ausländiſchen Diener in auffallender Kleidung begleitet war. Acht Tage ſpäter war er ſchon in den luxuriöſe⸗ ſten Läden der Stadt erſchienen und hatte koſtbare Gegenſtände, Möbel, Juwelen, Schmuckſachen und jenes tauſendfältige Allerlei gekauft, womit man ſich ſelbſt und eine Haushaltung mehr zu überladen. als zu ſchmücken gelernt hat. Alle dieſe Bedürfniſſe hatte er ſtets mit klingendem Golde bezahlt. Nach einiger Zeit hatte er verſchiedenen Bankiers ſeine Aufwartung gemacht, vortreffliche Wechſel prä⸗ ſentirt und ein ſchönes Geld mit in ſeine Behauſung genommen. Dann und wann war auch einem oder dem anderen Geldmanne eine Empfehlung, ein Brief und dergleichen ⸗von einer vornehmen Perſon zu Ge⸗ ſicht gekommen, wodurch ſich allmälig das Dunkel zu lichten begann, welches Perſon und Herkunft der ſeltſamen Erſcheinung umgab. Man bezeichnete ihn bald als einen aus Oeſterreich vertriebenen Ungar, der ſich zu tief in die politiſchen Händel ſeines Va⸗ terlandes eingelaſſen, bald für einen in Unfrieden mit der ruſſiſchen Regierung lebenden Polen, oder einen jener freiheitstiebenden Italiener, die gezwungen ihre ſchöne Heimat mit dem kalten Norden haben vertau⸗ ſchen müſſen. So viel aber hatte man endlich als gewiß ausgewittert, daß er eine bedeutende Perſon, bedeutender vielleicht ſogar, als er erſcheine, inſonder⸗ heit aber ein reicher, unabhängiger Graf ſei, der in dieſer Reſidenz gerade lebe, weil es ihm daſelbſt ge⸗ falle, und ſo lange darin leben werde, wie es ſeiner gräflichen Laune belieben dürfte. Anfangs hatte der reiche Graf ſtill für ſich und faſt ganz ohne Umgang gelebt, allmälig aber war er aus ſeinem Stillleben herausgetreten und hatte ſich an die Luft des Weltlebens gewagt. Er hatte bei die⸗ ſem oder jenem großen Herrn einen Beſuch gemacht, war freundlich empfangen und bald zu größeren oder kleineren Geſellſchaften eingeladen worden. Viele, auf fremde Erſcheinungen wahrhaft verſeſſene, Neugierige hatten ihn da geſehen und ſprechen gehört, und muß⸗ ten ſich geſtehen, daß dieſer ausländiſche Graf eine 14 vorzügliche Eroberung für die höhere Geſellſchaft ſei. Denn er verſtand es vollkommen, ſich wie ein gebo⸗ rener Cavalier zu benehmen, ſprach wenig in ſeinem artig klingenden gebrochenen Deutſch, war mäßig im Eſſen und Trinken und ſpielte wie ein ächter Philo⸗ ſoph, der weder den Gewinn übermäßig liebt, noch den Verluſt ängſtlich fürchtet und der es erſteht, durch zeitig angebrachte Aufmerkſamkeiten die Herren, und durch reichlich geſpendete Gaben die Diener zu bezau⸗ bern. So war denn der Graf Zaretta allmälig ein geachteter, in manchen Kreiſen ſogar beliebter Mann geworden. Daß er ein politiſch etwas compromittir⸗ ter Ausländer war, hatte man ihm längſt verziehen, bei Vielen hatte dieſer Umſtand ſogar beigetragen, ihn in gewiſſem Sinne populär zu machen, denn in einer von Hunderttauſenden erfüllten Stadt giebt es Tauſende von Menſchen, die dergleichen gewiß unſchul⸗ dig Geprüfte und Verfolgte bemitleiden, lieben, ſu⸗ chen und auf alle Weiſe zu tragen ſich bemühen. Graf Zaretta hatte ſich alſo in kurzer Zeit ſchon ziem⸗ lich feſt in den Sattel der Geſellſchaft zu ſetzen ge⸗ wußt, was ſtets eine Staffel zu höherer und allge⸗ meinerer Geltung iſt. Dieſer alle Tage feſter wer⸗ dende Sitz ſchien für ihn etwas ungemein Behagli⸗ ches zu haben. Auch betrug er ſich demgemäß, wie 15 viele vornehme, reiche und unbekannte Menſchen ſich betragen; er war ſtets zuvorkommend, beſcheiden, nie⸗ mals prahleriſch und fern von aller Heuchelei; na⸗ mentlich aber war er aufrichtig im Bekennen ſeiner Sünden und Gebrechen, die, wie man weiß, einem jeden jungen Manne aus der gewählten Geſellſchaft der Welt ankleben. Was ſeine Perſönlichkeit anbelangt, von der wir dem Leſer doch eine Vorſtellung geben müſſen, ſo war ſie, zumal für den oberflächlichen Beobachter, eine ziemlich angenehme. A tiefer Blickenden oder Drin⸗ genden, das heißt mit Leuten, deren Augen nicht vorn am Kopfe, ſondern mitten im Kopfe zu ſitzen ſcheinen, war er noch nicht in Berührung gekommen, er pflegte ſogar Männer aus gewiſſen Klaſſen der höhern Bil⸗ dung gefliſſentlich zu vermeiden, und er war offenher⸗ zig genug, einzugeſtehen, daß ſeine Erziehung, ſeine Renntniſſe und Erfahrungen ihn wohl befähigten, mit dem jungen Adel und den Lebeleuten umzugehen, daß ſie aber leider nicht hinreichten, mit gleichem Glanze den Buchſtaben⸗ und Gedächtnißmenſchen, den ſtets zur Krittelei geneigten Gelehrten, gegenüberzuſtehen. Daß er nicht gern mit Ausländern verkehrte, war eine bei ihm ſehr natürliche und leicht erklärliche Antecedentien Thatſache, wenn man ſeine politiſchen 16 im Auge behielt. Mit Ungarn zum Beiſpiel mochte er nun gar nicht in Berührung gerathen, denn die wichen in ihren Anſichten und Geſinnungen allzuweit von ſeiner gemäßigten und blos für liberal ſich dar⸗ ſtellenden Anſchauungsweiſe ab. Den Geſandten ſei⸗ nes Vaterlandes— mochte dies nun Ungarn, Dal⸗ matien oder Italien ſein— konnte er nicht beſuchen, um ſich nicht bei den betreffenden Regierungen in mißliebige Erinnerung zu bringen; er hoffte aber mit ſeinen Mitteln und außerordentlichen Empfehlungen von vornehmen Leuten und Geldmännern auch ohne ſie fertig zu werden, zumal er nicht beabſichtige, ſich bei Hofe vorſtellen zu laſſen, vielmehr das Leben eines einfachen und unabhängigen Privatmannes dem glän⸗ zenderen Leben eines Höflings bei Weitem und aus natürlicher Neigung vorziehe. Dooch wir wollten von ſeiner Perſönlichkeit ſpre⸗ chen, und ſo ſchildern wir ihn denn hier, wie er ſich den bewundernden Augen des großen Haufens dar⸗ ſtellte. Er war ein Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren und mittlerer Größe, mehr fein und geſchmeidig als ſtark gebaut. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich eine gewiſſe nervöſe, ſogenannte ſüdliche Conſtitution aus, die dann und wann das vaterländiſche Feuer, die ſeiner Nation angeborene 17 Leidenſchaftlichkeit durchblicken ließ. Er hatte ein ſchönes, glänzendes, faſt bis auf die Schultern herabwallendes Haar, auf deſſen Pflege er eine außerordentliche Sorg⸗ falt verwandte, nicht minder auf ſeinen ſtarken Bart, der ſein ganzes Geſicht einrahmte und am Kinn mit einem in der vornehmen Geſellſchaft nicht allzu be⸗ liebten Ziegenbart ſchloß. Ihm ſtand dieſer Wald von Haar indeſſen ganz natürlich, und da er ein Aus⸗ länder war, konnte man ihm dieſe kleine Abweichung von der Sitte des Tages ſchon vergeben. Seine Au⸗ gen waren ziemlich klein, ſcharf geſchlitzt und hatten beinahe etwas Tartariſches in ihrer Form, denn die äußeren Winkel derſelben liefen, wenn er ruhig blickte, in eine leiſe nach oben geſchweifte Linie aus. Die Farbe dieſer kleinen Augen war, wie einige Damen ſagten, rabenſchwarz, gleich Bart und Haar, biswei⸗ len aber glühten ſie flammenartig, und dann war ſeinem Blicke ſtets etwas düſter Unheimliches beige⸗ ſellt, was das Intereſſante ſeiner Erſcheinung um ein Bedeutendes erhöhte. Seine Wangen, ſo viel von ihnen wegen des ſtarken Bartes zu ſehen war, hatten eine ächt ariſtokratiſche Farbe und Fülle, denn ſie ent⸗ behrten jeder Rundung und Friſche, die nur Zeichen eines philiſterhaften Lebens ſind, waren ſogar ſehr bleich und etwas eingefallen, wie bei einem Menſchen, Baron Brandau. II. 2 18 der durch geiſtige Arbeiten übermüdet oder durch über⸗ mäßigen Genuß des Lebens frühzeitig vertrocknet iſt. Seine Naſe hatte etwas ungemein Anziehendes, denn ſie war das vorzugsweiſe Fremdländiſche in ſeinem Geſichte, und das iſt für Leute aus der großen Ge⸗ ſellſchaft, wie man weiß, keine geringe Empfehlung. Sie war nämlich ziemlich groß und dabei in einem ſtark convexen Bogen geſchweift.„Er hat eine wahre kleine Judennaſe,“ hatte eines Tages eine kenneriſche Dame, die ihn wiederholt durch ihr Lorgnon im Opernhauſe betrachtet, geäußert,„aber das findet man ja oft bei dieſen ſüdländiſchen Herren,“ hatte ſie beſchönigend hinzugeſetzt. Hände und Füße ſtanden mit dieſer feinen Erſcheinung nicht ganz in vollkom⸗ menſter Eintracht. Was die erſteren anbelangt, ſo waren ſie allerdings von untadelhafter Weiße, mit glitzernden Ringen bedeckt, und entbehrten auch nicht jener gefährlichen Naturwaffen, die man Adlernägel nennt; indeſſen waren ſie etwas größer und fleiſchiger gerathen, als man ſie in der Regel unter den Be⸗ wohnern des Südens und namentlich unter der vor⸗ nehmeren Rangklaſſe findet. Seine Füße aber end⸗ lich waren ihm ſelbſt die unliebſamſten Theile ſeines ganzen Körpers; denn obwohl ſie in außerordentlich feinen lackirten Stiefeln ſteckten, ſo verriethen ſie doch 19 eine ſehr anſehnliche Breite und Fülle, was der Herr Graf auf die Ungeſchicklichkeit eines Pariſer Opera⸗ teurs ſchob, der an ihm, trotz ſeines bedeutenden Na⸗ mens, leider ſein Kunſtſtück nicht bewährt habe. Der arme Graf war nämlich, wie er ſagte, gleich dem gro⸗ ßen Britten Lord Byron, von dem Miſßgeſchick betrof⸗ fen, von der Mutter Natur mit ſogenannten Plattfü⸗ ßen begabt zu ſein; dieſe wären in ſeiner Kindheit nicht ſo unförmlich geweſen— worin er wohl Recht haben mochte— erſt durch beſagte Operation hätten ſie ein für alle Mal die angeborene Kleinheit ver⸗ loren und ihre jetzige Fülle und Breite angenommen, eine Erzählung, die ſeinen Gönnern und Freunden Gele⸗ genheit gab, ſämmtlichen Aerzten, die ſich was Rechtes dünkten, eine nicht allzu feurige Lobrede zu halten. Was ſchließlich ſeine Kleidung betrifft, ſo hatte man ſie ſtets und überall ungemein einfach, aber fein gefunden, denn ſie beſtand immer aus den modern⸗ ſten Stoffen von ſchwarzer Farbe, weißen Glacéhand⸗ ſchuhen und einer Wäſche, wie man ſie nur in Hol⸗ land oder Rußland zu ſehen bekommt. Dies mag ein vorläufiges Bild ſeiner äußeren Erſcheinung abgeben; daſſelbe durch einzelne, mehr geiſtige Züge zu vollenden, werden wir ſpäterhin Ge⸗ legenheit genug finden. — 20 Nur noch Eins müſſen wir erwähnen, was un⸗ ſeren Leſern vielleicht ungewöhnlich erſcheinen mag, was wir in dieſem Falle aber doch nicht umgehen „können, da es ein ſcharfes Licht auf unſern neuen Bekannten, den Grafen, wirft. Wir müſſen ein Wort von ſeinem Diener ſagen, das heißt von ſeinem Kam⸗ mer⸗ oder Leibdiener, denn er hatte deren bei Gele⸗ genheit ſehr viele. Dieſer Kammerdiener aber leuchtete allen Bewunderern des Fremdlings als ein ſeltenes Muſter von treuer Anhänglichkeit, geſchickter, beinahe dreſſirter Fingerfertigkeit und nie dageweſener Auf⸗ merkſamkeit vor. Er wich faſt nie von der Seite ſeines Herrn, und man fand ihn, wenn Beſuch kam, ſtets im Vorzimmer deſſelben mit Leſen oder Schrei⸗ ben beſchäftigt, denn Herr Starozza— dies war ſein Name— war ein ſehr gebildeter Kammerdiener. Er allein wartete ſeinem Herrn bei Tafel auf, er allein brachte ihn an alle Orte, die er beſuchte, und holte ihn von da ab; er allein wußte mit ſeinen Kleidern, in ſeinen Zimmern, ſeinen Schränken Beſcheid, ja er beſaß das Vertrauen ſeines Herrn in ſo hohem Grade, daß er ſogar an die Kaſſe deſſelben gehen und die Bedürfniſſe des Tages daraus beſtreiten durfte. Wie der Herr, ging auch der Kammerdiener ſtets in Gla⸗ céhandſchuhen und lackirten Stiefeln einher, nur trug 21 er einen reich mit Gold verbrämten Rock und bei feierlichen Gelegenheiten ſchwarze ſeidene Strümpfe, kurze Atlasbeinkleider und goldene Schnallen auf den Schuhen. An Alter, Größe, Geſichtsausdruck, Hal⸗ tung, überhaupt in der ganzen äußeren Erſcheinung bis auf das abweichend glatt geſchorene Geſicht, war er dem Herrn Grafen ſehr ähnlich, und das war nicht zu verwundern, da man ſehr bald erfuhr, daß Sta⸗ rozza nicht allein ein Landsmann ſeines Herrn und mit ihm in gleicher politiſcher Lage ſei, ſondern daß er auch ſeit ſeiner Kindheit bei ihm geweſen, Alles mit ihm durchgemacht und Freud' und Leid mit ihm getheilt, alſo von ſeinem Weſen, ſeinem Aeußern, ſei⸗ ner Phyſiognomie alles Annehmbare angenommen habe, wie man Solches unter ähnlichen Umſtänden ſehr häufig findet. Daher ſchrieb ſich denn auch, wie man leicht ſehen konnte, die große Vertraulichkeit, die zwiſchen Herrn und Diener herrſchte, eine Vertraulichkeit, die man ſelten erlebt und die hier oft einen ſo hohen Grad erreichte, daß man zweifelhaft ſein konnte, wer dem Einen mehr Artigkeit erwieſe, der Diener dem Herrn oder umgekehrt, denn ſie gränzte bei dem Grafen bis⸗ weilen an Herablaſſung, bei dem Kammerdiener nicht ſelten an Unverſchämtheit, wie wir das ſpäter viel⸗ —— 22 leicht auch noch zu beobachten Gelegenheit haben werden.— Nachdem nun Graf Zaretta den Bewohnern der 4 Reſidenz ein oder zwei Monate lang genug Stoff zur Beäugelung ſeiner Perſon und ſeines Lebens außer⸗ halb ſeiner Wohnung gegeben, faßte er plötzlich den Entſchluß, ſeine neuen Freunde auch in das Innere ſeines Hauſes ſchauen zu laſſen. Es wurden die angeſehenſten, reichſten und lie⸗ benswürdigſten Gönner, Anfangs in kleiner Zahl, zu dem Grafen eingeladen. Sie erſchienen Alle voll Neugierde, den allbekannten guten Geſchmack deſſelben auch in dieſer Richtung kennen zu lernen. Hatte der Geſellſchaftsgeber dieſen Neugierigen eine Ueberra⸗ ſchung zu bereiten gedacht, ſo war ihm ſeine Abſicht vollkommen gelungen. Denn wenn man den Ungar auch anſtändig wohnend, gut bedient und leckerhaft in ſeinen Genüſſen zu finden erwartet hatte, einen ſolchen Glanz und Luxus in allen und jeden Din⸗ gen, vom Größten bis zum Kleinſten heräb, hatte man keinesweges vermuthet. Man wußte nicht, ob man mehr den Geiſt der Anordnung und Aufſtellung oder den Geſchmack des reichen Auswählers aller die⸗ ſer Dinge bewundern ſollte. 7 Graf bewohnte die Bel⸗Etage eines neuen, 4 3 23 großen Hauſes in einer der belebteſten Straßen der Reſidenz. Das Erdgeſchoß deſſelben war an einen Gutsbeſitzer der Nachbarſchaft vermiethet, der nur im Winter die Stadt mit ſeiner Gegenwart beehrte. Die⸗ ſer Mitbewohner ſtörte daher den Herrn Grafen durch⸗ aus nicht. Um aber auch von den etwanigen Mie⸗ thern des zweiten Stockwerks nicht beläſtigt zu wer⸗ den, war er ſo klug, daſſelbe für ſich ſelbſt zu mie⸗ then, und obgleich es unter dieſen Verhältniſſen theil⸗ weiſe leer ſtand, ſo hatte der zeitige Beſitzer doch nun Raum genug, um bei Gelegenheit etwa Freunde aus der Fremde oder bei ihm zurückbleibende Gäſte zu be⸗ herbergen, was ihm ſtets ein großes Vergnügen ge⸗ währte. Dieſe beiden Stockwerke nun, für die, wie bekannt, ein ungeheurer Miethpreis gezahlt werden mußte, waren, ihrer äußeren Eleganz und Ausdehnung entſprechend, auch innerlich mit koſtbaren Möbeln und zierlichem Schmuckwerk ausgeſtattet, und keiner der geladenen Gäſte war im Stande, ſich zu ſagen, daß er beſſer, ſchöner und vornehmer wohne, als der un⸗ gariſche oder dalmatiſche Graf, denn zwiſchen dieſen beiden Völkerſchaften ſchwankte die Abkunft deſſelben ſelbſt in der Meinung ſeiner genaueſten Bekannten iſpäterer Zeit. 3 Auf breiten, mit Gas tageshell erleuchteten und 8 — ——— 24 mit herrlichen Teppichen belegten Treppen ſchritt man zum Herrn Grafen empor. Einige Diener in glän⸗ zender Livree empfingen auf dem oberen durch ſtarke Thüren wohlverwahrten Corridor die ankommenden Gäſte. Mam ward in einen reich verzierten und hell ſchimmernden Vorſaal geführt, wo der Kammerdiener Starozza die Herren empfing. Von dieſem Vorſaale aus wurden ſie in die Empfangszimmer des Feſtge⸗ bers geleitet, der ſie, auf der Schwelle eines mit ro⸗ then Sammettapeten, reichen Teppichen und Gemäl⸗ den geſchmückten Gemaches ſtehend, mit dem Hute in der Hand empfing. Anfangs ſchien Alles etwas cere⸗ moniel herzugehen; als ſich aber der Graf überzeugt, daß alle Eingeladenen verſammelt waren, befahl er, die Thüren zu ſchließen und bat ſeine Gäſte herzlich, alle Zurückhaltung abzulegen und ſich nach Neigung und Gewohnheit, ganz wie bei ſich zu Hauſe, zu ver⸗ gnügen. Dieſer mit aufrichtigſter Miene geſprochene Wunſch wurde allſeitig befolgt. Von dieſem Augen⸗ blicke an hörte aller Zwang auf. Man ſetzte ſich, wo es Einem gerade behagte, ſpielte in dieſem oder jenem Zimmer, was beliebte, und aß und trank vor allen Dingen von den köſtlichen Speiſen und Getränken, die in ungewohnter Fülle überall herumgereicht wur⸗ den. So hatte ſich die Geſellſchaft bald in viele klei⸗ 25 nere Zirkel getheilt; in dem einen Zimmer wurde Whiſt, im andern L'Hombre, im dritten Sechsund⸗ ſechszig oder Domino geſpielt. Dem Hazardſpiel war der Graf bekanntermaßen abgeneigt, daher fand man gar keine Gelegenheit, damit in ſeinem Hauſe her⸗ vorzutreten, ſelbſt wenn Dieſer oder Jener Luſt dazu bezeigt hätte. In einem beſonderen Gemache aber, welches außerordentlich bequem mit Polſtern, Tiſchen und vortrefflich brennenden Lampen verſehen war, fan⸗ den Diejenigen, die ſich keinem der Spiele widmeten, eine reichliche Auswahl der neueſten politiſchen und kaufmänniſchen Depeſchen, alle möglichen Zeitungen und Journale und einen großen Vorrath aller neuen belletriſtiſchen Erſcheinungen. In dieſes ſtille und und über alle Begriffe bequeme Gemach zog ſich ſehr bald ein Theil der Geladenen zurück, und wenn auch der Hausherr ſelber von Zimmer zu Zimmer und von Tiſch zu Tiſch eilte, um allen ſeinen Gäſten gleiche Ehre zu erweiſen, ſo ward er doch vorzugsweiſe von den Geſprächen, die hier geführt wurden, angezogen, denn hier ſaßen die vornehmeren Geldmänner, die na⸗ türlich ihr Fach ausbeuteten, um das auf den Com⸗ ptoiren verlaſſene Geſchäft an Ort und Stelle behag⸗ licher fortzuſetzen. In dieſen Geſprächen zeigte es ſich ſehr bald, daß der Herr Graf Zaretta ein durch 26 und durch erfahrener und gewiegter Geſchäfts⸗ und Geldmenſch ſei. Er brachte Dinge zur Sprache, leitete das Geſpräch auf Gegenſtände über, die Vielen der Anweſenden fremd, Einigen ſogar ganz unzugänglich waren, denn die Herren der Börſe lieben es, wie an⸗ dere Leute, einem alten Gewohnheitsſchlendrian zu folgen und das Neue nur dann ſich anzueignen, wenn es mit ſichtbarem Nutzen verknüpft iſt. Nachdem auf dieſe Weiſe einige Stunden ſchnell und angenehm vergangen waren, wurde die Tafel angekündigt und von zwei ſchweigſamen goldbetreß⸗ ten Dienern die Thür zum Speiſeſaale geöffnet. Die Verſammelten waren erſtaunt, ihre Erwartungen auch in dieſer Beziehung übertroffen zu finden, denn man ſpeiſte auch hier ſo zwanglos und glänzend, wie man behaglich geſpielt und geſprochen hatte. Der Champagner war vortrefflich, die andern Weine, vor⸗ züglich die Landsleute des Grafen, die Ungarweine, hochedel, und die Speiſekarte führte noch einige feine Gerichte mehr vor, als die leckerſten Herren einzuneh⸗ men gewohnt waren. So ſchloß das erſte dieſer Feſte zu allgemeiner Befriedigung, und die nächſte Folge war, daß Graf Zaretta eine hübſche Anzahl nobler Leute mehr auf die Liſte ſeiner ihm mit Leib und Seele ergebenen 27 Freunde ſetzen konnte. In der That, für ſo reich und liebenswürdig, wie er ſich an dieſem erſten Abende gezeigt, hatte man den Grafen nicht gehalten, ſo viel Gewandtheit, Bildung nnd Intereſſe an Allem, was die Welt bewegt, hatte man ihm nicht zugetraut. Es war alſo natürlich, einen ſolchen Mann mit Ver⸗ trauen und Zuvorkommenheit zu überhäufen, ihn in immer weitere und mächtigere Kreiſe zu bringen und die Zahl ſeiner Gönner und Freunde zu vermehren, was ſich denn auch dadurch am klarſten herausſtellte, daß das zweite noch glänzendere Feſt in ſeinem Hauſe von neuen und noch angeſeheneren Männern be⸗ ſucht war. Daß mit dieſen Freunden auch der Credit des Grafen zugenommen hatte, verſteht ſich von ſelbſt, denn der Eredit beruht ja auf Anerkennung des Lei⸗ ſtungsvermögens eines Menſchen, und wer viele, noch dazu reiche und vornehme Freunde hat, wird auch an ſolchen keinen Mangel leiden, die ihm den Glauben ſchenken, nach Art ſeiner Ausgaben laſſe ſich am rich⸗ tigſten ſeine Einnahme berechnen, und ſo hoch er ſich ſelbſt tapire, könne man auch an ihn den goldenen Maaßſtab legen. Allmälig aber nahmen des Grafen Abendgeſell⸗ ſchaften, die er regelmäßig in der Woche zweimal 28 gab, einen ganz beſonderen Charakter an, und das geſchah auf eine ſo fein berechnete und natürliche Weiſe, daß Niemand eine Abſicht dahinter vermuthen konnte. Er hatte ſich nämlich die beſtimmten Kreiſe gemerkt, die zuſammen hielten und paßten, und um es dieſen ſelbſt angenehmer zu machen, fing er an, dieſe Kreiſe, die indeſſen bald wuchſen, immer allein zu ſich einzuladen. So war es denn eine leicht er⸗ klärliche Thatſache, daß ſich die Börſenmänner zu den Börſenmännern, die Cavaliere zu den Cavalieren, die Schöngeiſter zu den Schöngeiſtern und die eigentlichen Schmarotzer zu den Schmarotzern gefunden hatten, und es däuchte dieſen beſonderen Cliquen eine ganz behag⸗ liche Einrichtung, ſich tageweiſe bei dem überaus liebenswürdigen Grafen allein zu treffen. Das Trau⸗ liche und Erſprießliche dieſer kleinen Verſammlungen war ſo in die Augen ſpringend, daß man ſich gegen⸗ ſeitig über dieſe neue Erfindung Glück wünſchte und dem Wirthe Complimente machte, die zu verdienen derſelbe gar nicht die Miene annahm, da es ſich ja von ſelbſt verſtehe, daß ſein beſcheidenes Haus dem Vergnügen ſeiner lieben Gäſte gewidmet ſei. Daß ſich in dieſen einzelnen von dem größeren und glänzenderen Verkehr getrennten Kreiſen nach und nach eine überaus gemüthliche Uebereinſtimmung der verſchiedenen Perſönlichkeiten, eine herzlichere Ver⸗ traulichkeit im Geſpräch und ein innerer Austauſch der Anſichten entwickelte, die ſich auch auf die hie und da vorgeſchlagenen Vergnügungen erſtreckte, bis ſie zuletzt in dem, ſich wie von ſelbſt ergebenden Spiele ihren Gipfelpunkt fand, war eine ganz naturgemäße Erſcheinung, wenn man das verführeriſche und allem künſtlichen Ceremoniel abgeneigte Weſen ſolcher klei⸗ nen Verbindungen vor Augen hat. Man fand es von Zeit zu Zeit ganz amüſant, ein Wenig zu haſar⸗ diren, eine Liebhaberei, an welcher der Graf perſönlich keinen Gefallen zu finden ſchien, denn er hielt ſich zuerſt nur als Zuſchauer an den Tiſchen auf. All⸗ mälig aber wirkte das Gift der Verführung auch auf den ſtarken Geiſt des Ungars, und er mußte die trau⸗ rige Erfahrung machen, daß der Neuling in dieſem Zweige der Cultur erſt ſchwierige Proben dlehden müſſe, bevor er reif genug ſei, zum Ritter geſchlag zu werden. Er verlor ganz hübſche Summen, ein Unglück, welches ſeine Popularität nur noch vermehrte da es hinreichend Gelegenheit bot, ihn in ſeinem philoſophiſchen Gleichmuthe zu bewundern. Man hätte nun meinen ſollen, daß der Herr Graf aus der großen Zahl ſeiner raſch gewonnenen Freunde ſich ganz beſondere Lieblinge erkoren hätte, .30 allein dem war nicht ſo, wenigſtens verging eine lange Zeit, bevor irgend Einer einen ſichtbaren Vorzug vor den Uebrigen zu genießen ſo glücklich war. Der Herr Graf ſchien in dieſem Punkte ſehr vorſichtig und wäh⸗ leriſch zu ſein, was abermals ſeine Lebenserfahrung in das hellſte Licht ſtellte und ſeine Menſchenkenntniß günſtig beurtheilen ließ. Er legte viel Gewicht auf ſeinen intimen Umgang, der weiſen Lehre eingedenk, daß man von dieſem auf den Charakter des Menſchen ſelbſt ſchließen könne. Am allerwenigſten aber warf er ſich an Geringere, auf einer niedrigeren Lebensſtufe Stehende weg, als er ſelber war. Er bewahrte ſeinen Adel, ſeine Sitten und Gewohnheiten rein von allen Flecken, denn er pflegte oft zu ſagen, daß der wahre Edelmann durch Nichts mehr entadelt und befleckt werden könne, als durch den Verkehr mit Menſchen, denen Gott die Einſicht verſagt habe, zu unterſcheiden, was Edelmann und Nichtedelmann ſei. Daß er übri⸗ gens die Flach⸗ und Schwachköpfe vermied, ließ ſich voon einem ſo fein gebildeten und klugen Mann nicht anders erwarten. Er hatte einen wahren Groll auf Menſchen geworfen, die Nichts gelernt hatten als ihre Mutterſprache und einige Manieren, die in der ober⸗ flächlichen Beurtheilung der Menſchen gewöhnlich über⸗ ſchätzt werden und eigentlich nur die äußeren Formen 1 31 des Lebens, nicht aber das Weſen der Bildung be⸗ treffen und berühren. Er ſelbſt ſprach faſt alle neueren Sprachen mehr oder minder richtig, namentlich aber war ihm das Franzöſiſche, Engliſche und Italieniſche ſehr geläufig. Mit ſeinem Kammerdiener jedoch unter⸗ hielt er ſich in einer Sprache, die Niemand verſtand, höchſt wahrſcheinlich war es Ungariſch oder Dalmatiſch. Schließlich verkehrte er nur mit ſolchen Leuten, deren finanzielle Verhältniſſe ſich in durchaus geordnetem Zuſtande befanden; Schuldenmacher, Leichtſinnige, verſchwenderiſche Habenichtſe zog er nie in ſeine be⸗ glückende Nähe. Dieſe Leute, bemerkte er einſt, ſeien das wahre Unkraut unter den Edelleuten. Sie mä⸗ ſteten ſich auf Koſten der ehrlich Strebenden, der red⸗ lich Vorwärtstrachtenden, ſie gäben in der Regel nur den Hemmſchuh für Diejenigen ab, die gutmüthig oder leichtſinnig genug wären, ſich mit ihnen zu ver⸗ binden. Daher ſuchte er am liebſten die Geſellſchaft von Söhnen ſolider Familien auf, deren Beſitz un⸗ zweifelhaft war, die von der Zukunft etwas Großes zu erwarten hatten, alſo mit Hoffnung in dieſelbe blicken konnten. Jene Leichtſinnige, Habenichtſe, Glücksritter und Abenteurer, erzählte er eines Abends, hätten ſich in allen Ländern der Welt ſchaarenweiſe um ihn gedrängt, denn dergleichen Gewächs ſei nur 32.. zu leicht geneigt, jeden reichen, jungen fremdzüngigen Mann für ſeines Gleichen zu halten; mit Solchen zu verkehren widerſtreite ſeiner Neigung, ſeiner ernſteren Geiſtesrichtung, ſeinem Charakter, wie denn auch ſeine Erzieher ihn frühzeitig vor denſelben gewarnt hätten. Er wolle durchaus und überall nur mit den Beſten der geſitteten Völker Bekanntſchaft machen, und das ſeien ihm immer die Söhne wirklich edler Väter, Mit⸗ glieder begüterter Familien geweſen; der an Grund⸗ beſitz reiche Edelmann ſei eigentlich allein Edelmann, weshalb es auch ſein eigenes höchſtes Beſtreben ſei⸗ ſeine Güter durch die Gnade ſeines Monarchen wieder auszuwirken, dann auf das Schloß ſeiner Väter zu ziehen und eine Art Hofſtaat Gleichgeſinnter um ſich zu verſammeln, um mit ihnen wahrhaft philoſophiſch, das heißt, weiſe und glücklich leben und wirken zu können. Mit ſolcherlei Phraſen und Ausſprüchen bezauberte Graf Zaretta ſeine Zuhörer, und da er ihnen dabei herrlichen Wein zu trinken und vortreff⸗ lich zubereitete Speiſen zu eſſen gab, ſo galt ſein Wort bald für das unantaſtbare Evangelium eines wahren und unvergleichlichen Edelmanns. Um aber zum Schluſſe der Schilderung ſeines außerlich zur Schau getragenen Charakters zu gelan⸗ gen, müſſen wir noch zwei beſonderer Antipathieen „ 33 gedenken, von denen er eine offen an den Tag legte, die andere aber faſt ängſtlich verbarg und nur aus der Praxis ſchließen ließ. Abgeſehen von ſeiner ſchon erwähnten Abneigung gegen Diplomaten, von denen er behauptete, daß ſie die Verhältniſſe der Staaten und Perſonen, anſtatt zu ordnen und zu befeſtigen, nur noch mehr verwickelten, liebte er ganz und gar nicht die Gelehrten vom reinſten Waſſer. Das ſeien Buchſtaben⸗ und ärmliche Gedächtnißmenſchen, ſagte er, die immer den Charakter, den Verſtand und den Standpunkt der Menſchen nach Sylben berechneten, Spürhunde, die ſtets auswitterten, wo und bei wem man in die Schule gegangen, trockene Geſchäftsleute mit verkümmerten Herzen, die der lebensvollen Jugend keine Rechnung trügen und das Leben nach einer ge⸗ druckten Schablone behandelten und beuttheilten. Dieſe Männer verdüſterten nur ihre Zeit, anſtatt ſie aufzuhellen; auch trügen ſie den Keim des Zwieſpalts in die Geſelligkeit, denn wer nur zu ihrer Fahne ſchwöre, nach ihrem Sinne denke, handle und haupt⸗ ſächlich ſpreche, ſei in ihren Augen ein praktiſcher Menſch, während doch gerade die Praxis dieſer Leute darin beſtehe, daß ſie die allervertrocknetſte, käl⸗ teſte und unbrauchbarſte Theorie ſei.— Dieſe Gelehrten alſo waren von dem Umgange Baron Brandau. II. 3 34 des Herrn Grafen Zaretta ausgeſchloſſen, er vermied ſie ſichtlich und aus Princip, wie er ſagte, ſie erregten ſeine Galle, wo er ſie ſähe, und er begreife einen lebensgewandten Menſchen nicht, der aus ihren geiſt⸗ loſen Belehrungen Geiſt und Leben ſaugen wolle. Daß alſo kein Menſch, der einem Gelehrten auch nur von ferne glich, in ſein Haus gelaſſen ward, verſteht ſich von ſelbſt, mochten dieſe Gelehrten nun Alter⸗ thumsforſcher, Sprachkenner, Naturforſcher oder reine Denker und Philoſophen ſein. 1 Die zweite Antipathie dagegen, die er nicht ſo offenbar zur Schau trug, wahrſcheinlich, weil man ihm nicht ſo allgemein beigeſtimmmt hätte, war ſeine Abneigung gegen Offiziere. Der Soldatenſtand über⸗ haupt hatte etwas Widerwärtiges für ſein feines ariſtokratiſches Gefühl. In ihm ſah er den Gipfel der verhaßten polizeilichen Gewalt, die Brutalität der Menſchheit, trügeriſch genug unter einem glänzenden Paradeanzug verſteckt. Dem rauhen Commandoruf eines militäriſchen Vorgeſetzten gehorchen zu müſſen, lag nicht in ſeiner weichen, hingebenden Natur, das pünktliche Unterordnen eines oft geweckteren Geiſtes unter den tyranniſchen Willen eines oft nur von der Weltbildung oberflächlich beleckten Haudegens war ihm ein Gräuel. Sein ganzes Weſen, ſeine Bildung, ſeine 35 Moralität ſträubten ſich inſtinktartig dagegen. Dieſe Leute, ewig mit der Fauſt am Degengriffe, waren durchaus widerwärtige Leute, der Geiſt der Duldſam⸗ keit und Bildung war noch nicht in ihre ſtählernen Reihen gedrungen, ſie ſtanden noch auf der Stufe des Anfangs des gegenwärtigen Jahrhunderts und hatten die Fortſchritte der Welt und des Zeitgeiſtes ſich noch nicht zu eigen gemacht. Ein Offtzier endlich, ſagte er einmal in vertraulichem Kreiſe, wo ſämmtliche Anweſende Gegner des beregten Standes waren, ſei eine in Stahl gekleidete Puppe, die irgend wo einen unſichtbaren Faden an ſich trage oder hinter ſich herſchleppe. Habe man das Unglück, zufällig einmal dieſen Faden zu berühren, auch nur ganz leiſe, ſo finde daſſelbe Manöver ſtatt, welches die Kinder an einem Gliedermann durch Anziehen des bekannten Fadens hervorriefen: Beine und Arme er⸗ höben, das Geſicht verzerre ſich und die gemüthliche Ruhe ſei geſtört, es gehe das Handtiren und Schla⸗ gen los. Das Schlagen aber ſei eine Inſtitution vergangener Zeiten, civiliſirte Nationen ſchafften ſogar unter Verbrechern das Prügeln ab; daß es in anderer und wenn auch veredelterer Form noch unter Män⸗ nern höherer Lebensſtellung ſtattfinde, ſei ein Beweis, daß dieſe Männer noch nicht den Culturgrad der Jetzt⸗ 36 zeit erreicht hätten. Einem Offizier alſo, einem mit ſolchem unſichtbaren Faden verſehenen Gliedermanne müſſe man wie einem wilden Thiere aus dem Wege gehen. Der geſcheidteſte ſei immer und jedenfalls Derjenige, der gar kein Auge, kein Ohr, kein Herz für ſie habe. Er für ſeine Perſon habe es noch immer glücklich vermieden, den verhängnißvollen Faden zu berühren, und um auch ferner das Leben in Ruhe und philoſophiſcher Behaglichkeit zu genießen, werde er ihn ſtets zu vermeiden trachten. Wenn nun trotz dieſer perſönlichen und ſo wohl⸗ begründeten Abneigung gegen den Stand und die Streitfertigkeit des Offiziers Graf Zaretta dennoch ſpäter mit einzelnen Männern dieſer Art in Berührung trat, ſo waren dieſe entweder Ausnahmen von der allgemeinen Regel, geſittete, in ihrem Lebenswandel geregelte, mit Geld hinreichend verſehene Cdelleute, oder es ging ihm, wie es allen warmblütigen, gut⸗ herzigen Menſchen bisweilen ergeht: er wich von ſei⸗ nen Grundſätzen ab, um den alten Ausſpruch zu recht⸗ fertigen, daß keine Regel ohne Ausnahme ſei und daß oft das Herz dahin reiße, wovor der Verſtand warne, daß er alſo mit einem Worte mehr ein Gefühls⸗ als ein Verſtandesmenſch ſei und auch einmal aus Ver⸗ ſehen unklug handele, wie alle jungen Menſchen. 3 Hat der Leſer nun klar genug den Charakter, den Nimbus, das Weſen des Grafen im Allgemeinen er⸗ kannte Wohl, ſo werden wir jetzt Gelegenheit haben, ihn im Einzelnen, Beſonderen näher kennen zu lernen, denn dieſer Graf Zaretta war es ja, der aus unbe⸗ kannten Ländern vom Schickſal herbeigeführt zu ſein ſchien, um das Verhängniß, welches über der Familie Brandau ſchwebte, zu erfüllen und dem alten Vater ſo viel Sorge und Kummer zu bereiten, als ihm bis⸗ her keiner ſeiner Söhne bereitet hatte. —— 4 weites Anpitel. Eine verhängnißvolle Bekanntſchaft. Erſt zwei oder drei Monate waren nach Ankunft des Grafen Zaretta in der Reſidenz verfloſſen, als er auch ſchon anfing, ſeinem bisher nur dem Genuſſe und den Freuden der Welt gewidmeten Leben ein Ende zu machen, und dieſer Welt zu beweiſen, daß er auch zur Ausführung von wichtigeren und ſchwie⸗ 1 rigeren Dingen von Gott die Befähigung erhalten habe. Und in der That, die mit ihm verkehrenden Herren, von denen ſo Mancher ein Nichtsthuer war, hätten ein Beiſpiel an ſeiner Thätigkeit nehmen kön⸗ nen, denn er entwickelte einen Eifer, eine Umſicht und eine Geſchäftskenntniß, im Bereiche ſeiner verſchiedenen Unternehmungen, die wahrhaft erſtaunlich waren und Angeſichts welcher man eingeſtehen mußte, daß dieſer Graf die Fähigkeiten und Talente von wenigſtens zehn* 4 4 39 Kaufleuten in ſeiner Perſon vereinige. Jedoch ſing er ſehr langſam, aber mit ſchnell wachſender Intenſi⸗ tät zu operiren an, ſo daß Mancher, der von dem Beginne ſeiner Geſchäfte nichts wußte, bald in Er⸗ ſtaunen gerieth, wie ein auf dem gewählten Grund und Boden nicht einmal heimiſcher Mann eine ſo vollkommene Kenntniß der verſchiedenen Handelszweige und Perſonen an Ort und Stelle zu zeigen im Stande ſei. Der Graf ſchien nämlich eine große Liebhaberei an gewiſſen Privatſpekulationen zu finden. Er begann damit als Dilettant, wenigſtens ſagte er ſo, aber bald bewies er ſich als Meiſter in dieſer Gattung. Er kaufte und verkaufte, tauſchte und handelte alle und mit allen möglichen Dingen und Gegenſtänden. An⸗ fangs nur mit Pferden und Wagen, mit Juwelen (und Gemälden, dann mit Häuſern und Gärten, end⸗ lich mit Landgütern und Wäldern, und ſtets war der Gewinn ſeines Geſchäfts ſo gut wie geſichert, wenn er es zu unternehmen begann. Eine ungemein ſel⸗ tene Gewandtheit im Umgehen mit Zahlen und Prei⸗ ſen, vorzüglich aber ein ſcharfer Blick in die vorliegen⸗ den Verhältniſſe und eine richtige Beurtheilung der mit ihm handelnden Perſonen machten jeden ſeiner Schritte erfolgreich, niemals bot er auf einen Gegen⸗ 40 ſtand, der nicht das Doppelte von Dem werth war, was er bot, und da ſeine Zahlungen immer außer⸗ ordentlich pünktlich und niemals mit Mäkeln oder einem gewiſſen Schacher geleiſtet wurden, ſo war Je⸗ dermann mit ihm zufrieden, denn es iſt dem Menſchen in der Regel gleichgültig, aus weſſen Händen er Geld empfängt, wenn er es nur in klingender Münze und zur rechten Zeit erhält. Aber dabei blieb der kluge Graf nicht ſtehen, ſeine Thätigkeit erſtreckte ſich auf weitere Felder. Scheinbar auf Zureden ſeiner vielen Freunde— denn alle ſeine bisherigen Geſchäfte hatten einzig und allein unter ſeinen näheren Bekannten ſtattgefunden— entſchloß er ſich zu dem, ſeinem Ehrgefühl ungemein ſchwer erſcheinenden Schritt, die Börſe zu beſuchen, nicht als Kaufmann, denn das war er ja nicht, ſondern als Privatſpekulant. Er kaufte allerlei Gegenſtände auf,„ Getreide, Spiritus, Zucker, endlich Papiere, aber ſtts 1 zu ſo richtiger Zeit und in ſo angemeſſener Ausdeh⸗ nung, daß der Gewinn immer auf ſeiner Seite blieb. Jetzt gingen den ſpekulativſten Köpfen ſeiner Bekannt⸗ ſchaft über den ſichtbaren Wachsthum ſeines Verm⸗ gens die Augen auf. Denn dieſe Art Geſchäfte ver⸗ ſuchte er ſicher nicht zum erſten Male in ſeinem Leben, er hatte jedenfalls wo anders ſchon ſeine kaufmänniſche Laufbahn begonnen und eine tüchtige Schule durch⸗ gemacht. Er mußte brave Lehrer gehabt haben, denn von einem Schüler war er zu einem Meiſter aufge⸗ ſchoſſen, der ſeinen Erziehern Ehre machte. Dieſe gute Schule und das große Talent, mit welchem ſie ausgebeutet wurde, erregte bei Vielen den ſehnlichſten Wunſch, mit dem Grafen in Gemeinſchaft zu ope⸗ riren und Theilnehmer ſeiner Erfolge zu werden. Und in der That, die Leute dieſer Gattung hatten keinen üblen Gedanken gehabt, denn jedes Geſchäft, an welchem ſich Graf Zaretta betheiligte, war ein ge⸗ machtes Geſchäft, ſo daß ſein Vermögen alle Tage im Zunehmen begriffen war. Immer öffentlicher, dreiſter, kühner ward nun das bekannt gewordene Tagewerk betrieben, und je größer das Glück, um ſo ſolider der Ruf, den der ungariſche Herr ſich erwarb. Einen aufmerkſamen Beobachter hätte es dabei in Verwunderung ſetzen müſſen, wie genau die Kennt⸗ niß des öffentlichen Ganges der Geſchichte, der Po⸗ litik und des Handelsweſens war, die dieſem Manne zu Gebote ſtand. Keiner war früher als er von der Ankunft einer wichtigen Depeſche unterrichtet, Nie⸗ mand wußte ſo genau, was in Paris oder Peters⸗ burg, in London oder Wien in dieſem Augenblicke gedacht uünd bezweckt wurde. Dieſe Kenntniß, die 42 gleichſam als eine Art divinatoriſcher, magnetiſcher Kraft an ihm hervortrat, ſetzte in Erſtaunen, wenn man ſpäter erkannte, wie ſicher und feſt Graf Zaretta auf die Wahrheit dieſer oder jener ihm zu Ohren ge⸗ kommenen oder nur vermutheten Dinge gebaut hatte. Ohne allen Zweifel mußte er weitverzweigte unbe⸗ kannte Verbindungen an allen Höfen, in allen Staaten, allen großen Handlungshäuſern haben, denn ſonſt wäre ſeine Combinationspraxis nicht zu begreifen geweſen. Wenn man darüber mit ihm ſprach oder unter dem Deckmantel eines Glückwunſches eine unſchuldige Frage that, ſo lächelte er ganz beſcheiden, ohne weder das Gefragte zuzugeben noch ihm zu widerſprechen, ſo daß er unbewußt ſelbſt zu dem allgemein rege ge⸗ wordenen Glauben beitrug, daß ſeine Macht eine un⸗ begränzte, ſeine Kenntniß der Dinge dieſer Welt eine ganz ungewöhnliche ſei. Seine Verbindungen wurden daher immer umfangreicher, ſeine Freundſchaften wuchſen mit ſeinem Glücke, und zuletzt gab es ihrer Viele, die es ſich nicht allein zur Ehre ſchätzten, ſondern auch ihres eigenen Vortheils halber danach geizten, mit ledem räthſelhaften reichen Fremden auf irgend eine Weiſe in Berührung zu treten. Nur eine im Ganzen geringe Zahl vorſichtiger, gewiegter, klar und ruhig urtheilender Geſchäftsleute gab es, die über dies beiſpielloſe Gebahren die Köpfe ſchüttelte; ihnen kam das Ding nicht ganz geheuer vor. Denn daß ein ſo junger, höchſtens einige dreißig Jahre alter Menſch ſo viel wiſſen und kennen, ſolche unumſtößliche Erfahrungen beſitzen ſollte, wie hundert Andere zuſammengenommen kaum, das wollte weder ihrer Eitelkeit noch ihrem Verſtande einleuchten. Dieſe zuckten die Achſeln, wenn von dem reichen Manne die Rede war, wieſen alle Geſchäfte, die ihnen von Dieſem oder Jenem mit ihm angeboten wurden, von der Hand und begnügten ſich, dem wunderbaren Treiben ruhig abwartend aus der Ferne zuzuſchauen. Einige allzu Vorſichtige ließen ſich ſogar herbei, eine dunkele Warnung in Geſtalt einer Prophezeihung auszuſpre⸗ chen, daß das Glücksrad nicht lange ſo fortrollen werde und könne, denn das Glück des Kaufmannes, möge er nun mit Seife oder Gold handeln, ſei wan⸗ delbar, ein einziger Rechnungsfehler, im Kopfe oder Buche, ſei hinreichend, eine große Summe nicht ſtim⸗ men zu laſſen oder hundert Procent Gewinnſt in hundert Procent Schaden umzuwandeln— und was dergleichen verfängliche Redensarten mehr waren. In dieſe Zeit etwa, es war im Monat Mai, und der Lenz des Jahres war auch die Blüthezeit des Grafen Zaretta in der Reſidenz, fiel die Bekanntſchaft 3 deſſelben mit dem Baron Alfred von Brandau. Im Allgemeinen kennt der Leſer denſelben ſchon, ſogar manches Einzelne haben wir bereits über ihn berich⸗ tet, von ſeinem Leben in der Reſidenz aber dürfte noch Folgendes nachzutragen ſein. Alfred von Bran⸗ dau war ein junger Mann von achtundzwanzig Jah⸗ ren, der einem Manne von vierzig ähnlich ſah. Dieſe frühzeitige Reife verdankte er nicht allein ſeinem reich⸗ lich genoſſenen Leben, ſondern auch einer gewiſſen Düſterkeit, ſowohl in der äußeren Erſcheinung, wie im inneren Weſen, die ihm angeboren war. Er hatte eigentlich nie jugendlich ausgeſehen und war auch nie jung im wahren Sinne des Worts geweſen. Ein leidenſchaftlicher Hang nach Beſitz verkümmerte ihm ſchon frühzeitig jeden Tag ſeines Lebens und ließ ihn, wo er auch erſchien, als einen Unzufriedenen un⸗ ter ſeinen Mitmenſchen erſcheinen. Am liebſten hätte er es geſehen— in früheren Jahren wenigſtens— wenn ſein Vater ihn ſchon bei Lebzeiten auf das Schloß ſeiner Väter geſetzt, ihm alle ſeine Habe über⸗ geben und ſich ſelbſt in irgend einen Winkel der Erde zurückgezogen hätte. Da aber keine Ausſicht dazu vorhanden war, ſein Vater noch kräftig und willig genug erſchien, den Stürmen des Lebens eine mmoöglichſt lange Gegenwehr zu leiſten, ſo grollte er 45 mit ſich, mit ſeinem Vater, mit der Welt, und ward den leidenſchaftlichen Eingebungen ſeines Stolzes und unnatürlichen Hanges die ergiebigſte Beute. Denn ſtolz war dieſer junge Greis, wie ſelten ein Abkömm⸗ ling ſeines Geſchlechts. Stolz war er— nicht eitel wie ſein Bruder Georg— auf ſeinen Namen, ſeine Familie, aber nur, inſofern ſich daran die Hoffnung knüpfte, dereinſt in den Beſitz der Güter und Habſe⸗ ligkeiten zu gelangen, die dieſem Namen und dieſer Familie Jahrhunderte hindurch beigeſellt geweſen wa⸗ ren. Dieſer Stolz war von jener faſt beleidigenden Art, daß er ſich von allen ihm unbekannten Perſo⸗ nen abſchloß, daß er ſein Herz Niemandem eröffnete, der nicht zugleich die Gewähr leiſtete, ihm ein größe⸗ res Einkommen zu verſchaffen, als er ſchon jetzt in Folge ſeiner an Knauſerei gränzenden Sparſamkeit in vielen Dingen beſaß. Denn daß ſein gutwilliger Va⸗ ter nicht karg mit ſeinen Unterſtützungen gegen ihn war, wiſſen wir zur Genüge. Und um ſo unheimli⸗ cher trat dieſer Stolz mit ſeinem finſteren Gepräge hervor, als er ſich auf nichts Anderes als die Ein⸗ bildung ſtützte, er würde dereinſt mit zu Denen zäh⸗ len, die über einige Hunderttauſende zu gebieten ha⸗ ben, denn ſo hoch ſchätzte und überſchätzte er das Vermögen, welches ihm einſt zufallen müſſe. 43 Im Uebrigen beſaß er keine Eigenſchaften des Geiſtes oder Herzens, die ihn über Andere ſeines Standes und Lebensberufes, geſchweige denn über wahrhaft an Geiſt und Herz Gebildete, Thätige und Arbeitſame erhob. Er hatte niemals Etwas mit Ernſt betrieben, was ihm zur Erlangung irgend einer Auszeichnung hätte behülflich ſein können; er hatte in den Tag hinein gelebt, wie Einer, der da weiß, daß für den Abend dieſes Tages geſorgt iſt, wozu ſollte er ſich alſo noch weiter bemühen, Etwas zu er⸗ reichen, was ihm ſpäter von ſelbſt zufiel? Der Ehr⸗ geiz, nicht ſelten ein Fehler, wenn er überſchwänglich erhebt, wäre ihm von Vortheil geweſen, er hätte ihn vielleicht in irgend eine ernſte Laufbahn getrieben, eben beneidenswerthe Eigenſchaften gepaart, die mehr oder minder eine Folge deſſelben waren. Er war geneigt, wie ſein Vater, ohne aber deſſen Herzensgüte zu beſitzen; er hatte aus Hochmuth und Trägheit es ſich über das Niveau gerechten männlichen Strebens während er jetzt ohne denſelben ſeinem finſtern Grü⸗ beln, ſeiner Unzufriedenheit mit aller Welt und vor allen Dingen ſeiner Unthätigkeit überlaſſen blieb. Mit ſeinem Stolze waren überdies noch einige andere, nicht äußerſt reizbar und leicht zum leidenſchaftlichen Zorne unter ſeiner Würde gehalten, ſich mit wiſſenſchgftli⸗ 47 chen Dingen zu beſchäftigen, da nach ſeiner Meinung jeder Bürger⸗ oder Bauernſohn dergleichen erlernen könne, wenn er wolle; er hatte alſo nichts, gar nichts gelernt, ſein Dünkel würde ihn ſogar von jeder Ar⸗ beit abgehalten haben, ſelbſt wenn ſein Geiſt ihn da⸗ zu getrieben hätte; leider aber waren die Fähigkeiten deſſelben von ſehr untergeordneter Art. Mit dieſen Eigenſchaften verband ſich eine, wo⸗ möglich auf anderer Leute Koſten zehrende, Genuß⸗ ſucht, die nach Sättigung ſeiner Habſucht ſeine Haupt⸗ leidenſchaft war, und eben darum, weil er ſie mit ſeinen gegenwärtigen Mitteln ſeinem Wunſche gemäß nicht befriedigen konnte, wurde er von Tage zu Tage finſterer, düſterer und um ſo leidenſchaftlicher gegen Diejenigen aufgebracht, die ihren ſinnlichen Genüſſen und Begierden ſich ohne Rückhalt hinzugeben die Mit⸗ tel beſaßen. Dieſe Befriedigung ſeiner leiblichen Be⸗ dürfniſſe betrachtete er als ein Vorrecht ſeiner Geburt, ſeines Standes und Herkommens; wenn ſolche Men⸗ ſchen, wie er einer war, nicht einmal nach Gefallen leben und das Leben genießen könnten, wozu wäre man dann überhaupt in der Welt, meinte er. Dieſe Zufälligkeit einer vornehmen Geburt war in ſeinen Augen ein ihm gebührender Vorzug, eine ihn perſön⸗ lich auszeichnende und von Gott beſtimmte Fügung, 48 deren er ſich nach allen Richtungen bedienen wollte, um Alles, was das Leben Angenehmes und Genuß⸗ reiches bot, bis auf die Neige ausſchöpfen zu können. So war dieſer Alfred von Brandau beſchaffen, der zu ſeinem Vergnügen in der Reſidenz ein Herren⸗ leben führte, wovon ſein guter Vater keine Ahnung hatte, der allein der Meinung war, Jugend müſſe austoben; wenn ſein Alfred zu Verſtande gekommen wäre, die Welt kennen gelernt und ſich die Hörner abgeſtoßen hätte, würde er gleich ihm ein erfahrener Mann ſein und wie ein moderner Philoſoph, ohne Sehnſucht nach dem Scheinglanze der Welt, auf ſei⸗ nem Landſitze leben. Die Bekanntſchaft mit dem Grafen Zaretta fand durch einen von jenen Zufällen ſtatt, wie man ſie häufig in der großen Welt vor ſich gehen ſieht. Al⸗ fred war eines Abends der Gaſt eines reichen jungen Adeligen, der ſchon ſeit Jahresfriſt im Beſitze ſeiner väterlichen Güter war und von Oktober bis Juni all⸗ jährlich in der Reſidenz oder auf Reiſen lebte, wäh⸗ rend er die drei Sommermonate auf ſeinem Land⸗ gute zubrachte. Mit ihm zugleich waren ein Dutzeno ihm ähnlich geſinnter Nichtsthuer eingeladen, und un⸗ ter dieſen der vielbewunderte Graf Zaretta. Das dü⸗ ſter abgeſchloſſene und dabei ſichtlich ſich überhebende 3 e 49 Weſen des Barons fiel dem Grafen beim erſten An⸗ blick auf, und er erkundigte ſich im Stillen genau nach ihm. Da hörte er denn zu ſeiner nicht gerin⸗ gen Freude, daß dieſer junge Mann mit dem alten Geſicht der älteſte Sohn eines reichen Barons und Grundbeſitzers ſei, der in wenigen Wochen 20 bis 30,000 Thaler baares Geld in die Taſche ſtecken würde. Dieſer einzige Umſtand— im Uebrigen war er ihm ſehr gleichgültig, und wäre er der Sohn eines Herzogs geweſen— legte bei dem Grafen ein großes Gewicht in die Wagſchale zu Gunſten des eiskalt und gerade nicht ſehr geiſtreich erſcheinenden Barons. 20,000 Thaler baar in Händen zu haben— eine er⸗ kleckliche und hinreichende Summe, um ein glänzen⸗ des Geſchäft noch glänzender zu machen—, war der wirkſamſte Empfehlungsbrief, den derſelbe in den Au⸗ gen des ſpekulativen Grafen beſitzen konnte. Augen⸗ blicklich hatte der gewandte Ungar ſeinen Feldzugs⸗ plan entworfen und begann bereits ſeine Minen zu. legen, noch bevor ihm der Baron in’s Geſicht geblickt hatte. Denn Alfred war auch in Bezug auf das Eingehen neuer Bekanntſchaften zu ſtolz, um ſich leicht fangen zu laſſen, und der Ruf des Grafen war zu friſch begründet, um den Edelmann von altem Blute zu raſchem Bündniß mit ihm verlocken zu können. Baron Brandau. II. 4 50 Etwas Aehnliches hatte der dalmatiſche Menſchen⸗ kenner erwartet, denn er hatte ſeinen in der Einbil⸗ dung ſchon gewonnenen neuen Geſchäftsfreund raſch durchſchaut. Er ſchien ihn daher an dieſem Abend, wenigſtens in den erſten Stunden, kaum zu bemerken, er ſprach nur mit Anderen, vermied es, ſeinen Blick auf den Baron zu richten, wenn dieſer es wahrneh⸗ men konnte, und trug mit ſeiner gewöhnlich hinrei⸗ ßenden Unterhaltungsgabe einige Abenteuer in frem⸗ den Ländern vor, wie man ſie in gewiſſen Kreiſen gern hörte, weshalb man ihn auch ſtets aufforderte, dergleichen zu erzählen. Von dem Genuſſe des Reich⸗ thums, deſſen er diesmal abſichtlich Erwähnung that, ſprach er ſchlauer Weiſe nur als von einer Neben⸗ ſache, einer unbedeutenden Kleinigkeit, ſagte aber ge⸗ fliſſentlich, daß er lieber ein armer Graf, als ein rei⸗ cher Bauer ſein wollte, obgleich er nicht läugnen könne, daß ein reicher Edelmann für ihn der Inbe⸗ griff alles Vortrefflichen auf Erden ſei. Dieſe geſchickt hingeworfene Aeußerung war die erſte Maſche des ver⸗ 5 hängnißvollen Netzes, in welchem Alfred ſich allmälig fangen ließ, denn ſie war hinreichend, ihn zu veran⸗ laſſen, den Mann, der ſo edelmänniſch vom Adel ſprach und dabei zugleich dem Reichthum ſein Recht widerfahren ließ, mit einem neugierigen Blick zu be⸗ 4 51 trachten. Da fiel ihm denn ohne Zweifel das feine, geleckte Weſen des geſchulten Weltmannes auf, und er glaubte zu erkennen, daß der ausländiſche Gaſt wirklich zu ſein ſchien, was er zu ſein ſich brüſtete. Graf Zaretta gewahrte ſogleich den gewonnenen Fortſchritt, und ſein Verlangen wuchs, den ſtolzen Finſterling ganz zu erobern. Der Zufall begünſtigte ihn hierin außerordentlich. Die verſammelten Cava⸗ liere ließen ſich nach Tiſche, nachdem der Champag⸗ ner ſeine Wirkung gethan, von ihrer Lieblingsneigung hinreißen, und legten eine Bank auf. Alfred, der das Spiel nicht liebte, weil er zu geizig war, einen etwaigen Verluſt mit Gleichmuth zu ertragen, obwohl er den Gewinn ſehr gern gehabt hätte, nahm keinen Theil daran. Graf Zaretta, der ſich in ſeinen ihm jetzt überaus wichtigen Beobachtungen des Barons nicht ſtören laſſen wollte, ſpielte auch nicht. Beide waren die einzigen Anweſenden, die ſich als Zuſchauer verhielten. Anfangs ſtanden ſie ſich am Spieltiſche gegenüber. Allmälig aber, und ohne daß Jemand es merkte, rückte der Graf dem Baron näher, wiewohl man ihn keinen Schritt thun ſah. Er ſchien lang⸗ ſam zu ihm hinzugleiten, wie die Schlange auf ihren Raub gleitet. Plötzlich ſtand er an ſeiner Seite, ſeine Angen verſchlangen ihn ſchon, wie ihn bereits ſeine 4* 52 Begierde verſchlungen hatte. Zufällig erhob der Ba⸗ ron ſein von Gewinnesluſt zitterndes Auge zu ſeinem Nachbar und begegnete deſſen in dieſem wichtigen Momente unglaublich ruhigem Geſicht. „Warum ſpielen Sie nicht?“ flüſterte der Graf in ſeiner gebrochenen deutſchen Redeweiſe, denn Deutſch ſprach er, wunderbar genug, in Deutſchland am ſchlechteſten. „Es iſt nicht meine Paſſion!“ entgegnete der Ba⸗ ron kalt, ohne den Gluthblick zu bemerken, der ſich in die Tiefe ſeiner Seele bohrte. Weiter wurde an dieſem Abende Nichts zwiſchen den beiden Männern geſprochen. Graf Zaretta ent⸗ fernte ſich zuerſt, indem er vorgab, ermüdet zu ſein. Bald nach ihm ging auch Alfred nach Hauſe. Am andern Tage, Morgens um elf Uhr, ſaß Letz⸗ terer am Fenſter, trank ſeinen Kaffee und rauchte ſeine erſte Cigarre, denn er war eben erſt aufgeſtan⸗ den und langweilte ſich ſchon entſetzlich, weil er nicht wußte, was er heute unternehmen ſollte, da es reg⸗ nete. Da ſah er einen eleganten Wagen vor ſeine Thüre fahren, aus dem zu ſeiner Verwunderung Graf Zaretta ſtieg, ihm ſchon von der Straße aus einen begrüßenden Blick zuwerfend. Der Baron war alſo geſehen worden und konnte ſich nicht verläugnen u ſen, ſo große Luſt er auch dazu hatte, denn ſchon be⸗ neidete er den kaum geſehenen Grafen, weil er ge⸗ hört, daß er ein unabhängiger Cröſus ſei. Gleich darauf ließ ſich der Graf anmelden und trat, nachdem er angenommen war, in's Zimmer. Er war in eleganter Toilette und an ſeiner rechten Hand, als er den Handſchuh auszog, um dem Baron die⸗ ſelbe zu bieten, glänzte ein ungeheurer Solitair. Die⸗ ſer Solitair ſtach dem Baron beinahe mehr in's Auge, als ſein Beſitzer. Man begrüßte und ſetzte ſich. „Herr Baron,“ begann der Graf das Geſpräch, „ich komme, um Ihnen Genugthuung anzubieten.“ „Genugthuung? Sie— mir? Wie kommen Sie dazu, Herr Graf, und was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich habe Sie beleidigt— nicht mit meinem Munde, nicht in der That, verſtehen Sie mich recht — wohl aber in Gedanken, und Sie ſind ein Edel⸗ mann, der ſeloſt eine Beleidigung in Gedanken nicht ungeſtraft hinzunehmen ſcheint.“ „Das iſt ohne alle Frage ein Sonderling!“ dachte Baron Brandau.—„Womit haben Sie mich denn beleidigt?“ fragte er lächelnd. „Es war geſtern Abend beim Grafen W.... Am Spieltiſche, Herr Baron! Sie waren der einzige An⸗ weſende außer mir, der ſich am Tempelbau nicht be⸗ 54 theiligte. Ein reicher junger Mann, der alle ſeine Freunde ſpielen ſieht und nicht ſelbſt mitſpielt, iſt eine Seltenheit. Der muß wichtige Gründe dazu haben, ſagte ich mir. Entweder iſt er ein denkender Kopf, der die Kleinlichkeiten des Lebens belächelt oder ver⸗ achtet, und dann wäre er Etwas für dich, denn das biſt Du auch—⸗ Der Graf, eine augenblickliche Pauſe machend, verbeugte ſich verbindlich. Der Baron aber ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Darin irren Sie ſich; ich bin weder Denker, noch habe ich Kopf. Ein Edelmann in meiner Lage braucht nicht traurig zu ſein, wenn ihm Beides abgeht, und darum geſtehe ich es ein. Aber Das war doch nicht die Beleidigung, die Sie dachten?“ „Nein, Sie kommt erſt noch, Herr Baron. Das war erſt das Entweder.— Oder, ſagte ich mir, er hat einen andern wichtigen Grund— er iſt dieſen Au⸗ genblick ohne Mittel. In dieſem Falle— verzeihen Sie noch einmal, Herr Baron,— wäre er erſt recht Etwas für dich.“ 4 Der Baron hob ſein funkelndes Auge in die Höhe „Warum,“ fragte er den ſchlauen Dalmatier,„war⸗ um bin ich Etwas für Sie, wenn ich gerade jetzt kein Geld hätte?“ 4 „Weil ich mir dann erlauben würde,“ ſagte der Graf faſt demüthig,„Ihnen von meinem Ueberfluſſe anzubieten!“ Und er legte die Hand erſt auf die Bruſt, dann drückte er zwei Finger auf ſeine Lippen, eine ihm gewöhnliche Geberde, mit der er wahrſcheinlich andeuten wollte, daß, was in ſeiner Bruſt liege, nie⸗ mals über ſeine Lippen kommen werde. Der Baron war beinahe gerührt, nicht allein von dem Anerbieten ſelbſt, ſondern von der beſcheidenen Weiſe, in der es vorgebracht wurde. Er reichte dem Grafen die Hand, und ſagte mit dem wärmſten Tone, deſſen er fähig war: „Ich danke Ihnen, Herr Graf, ſogar für dieſe Ihre Beleidigung, die in ſich ſelbſt die Genugthuung dafür enthält. Aber Sie irrten ſich, Das war nicht der Grund, warum ich nicht ſpielte, denn ich befinde mich keineswegs in Geldverlegenheit.“ „Jetzt nicht, freilich, ich ſehe es, daß ich mich dies⸗ mal geirrt, lieber Baron, aber ich könnte mich ein andermal um ſo weniger irren. O ja! Sie ſind noch jung, ich weiß, was das heißt, und wenn ich auch nur wenige Jahre älter bin, als Sie, ſo habe ich doch einen bedeutenden Vorſprung in der Erfah⸗ rung. Alſo ein Wort ein Mann— gerathen Sie einſt in Ebbe, bei mir finden Sie immer Fluth.“— 56 Die ganze Scene, die der Graf hier ſpielte, wurde mit ſolcher Sicherheit und Feinheit und mit ſo edel⸗ männiſchem Anſtande durchgeführt, daß Alfred's Wi⸗ derwille, den er anfänglich unbewußt gegen den Gra⸗ fen gehegt, dadurch auf einen Schlag gebrochen wurde. Das Netz ward ihm vorgehalten. Er ſah es nicht. Es fiel über ſeinem Kopf zuſammen— und er ſteckte ihn ſelbſt noch tiefer hinein.„Sie wollen mich ſchon verlaſſen, Herr Graf?“ fragte er dieſen, der aufgeſtan⸗ den war. „Der Grund meines Beſuches iſt erſchöpft, Herr Baron, ich darf Sie nicht langweilen. Sodann aber rufen mich Geſchäfte nach Hauſe, und Geldgeſchäfte, wiſſen Sie, ſind unaufſchiebbare Geſchäfte.“ „Ich weiß es. So leben Sie wohl! Darf ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen morgen um dieſe Zeit meinen Gegenbeſuch zu machen?“ Der Graf beſann ſich.„Verzeihen Sie,“ erwi⸗ derte er mit tiefer Bewegung,„um dieſe Zeit würden Sie mich morgen nicht treffen. Ich werde beim Lom⸗ bardiſchen Geſandten ſein, um einen Landsmann und Freund, der in Schuldhaft ſitzt, durch meine Bürg⸗ ſchaft zu befreien. Aber— wiſſen Sie was— kom⸗ men Sie um drei Uhr. Um dieſe Zeit werde ich f allein ſein, ganz allein. Erweiſen Sie mir die Ehre, 57 mit mir zu Zweien zu ſpeiſen, wir werden alsdann beſſere Gelegenheit finden, uns kennen zu lernen, als hier oder in größerer Geſellſchaft.“ Baron Brandau verbeugte ſich zuſtimmend und der Graf verließ ihn. Alfred ſah ihn vom Fenſter aus in ſeinen reizenden Phaeton ſteigen, den zwei herrliche Füchſe zogen.„Das iſt ein fetter Biſſen!“ ſagte er zu ſich.„Er ſcheint ein Goldbergwerk zu be⸗ ſitzen, nach ſeinem Reichthum zu ſchließen. Dieſer So⸗ litair— o! Ach, wenn man ſo frei wäre, wie er! — Geduld! In drei Monaten habe ich wenigſtens ein Capital— dann wollen wir ſehen!“— Am nächſten Mittage pünktlich um drei Uhr er⸗ ſchien Baron Brandau beim Grafen Zaretta. Er fand ihn wirklich allein und war eben ſo von ſeiner Zuvorkommenheit, wie von ſeinem Reichthum bezau⸗ bert. Das ihm vorgeſetzte Diner war mehr als lecker, es war verſchwenderiſch; der Wein herrlich, und der alte Ungar, der Vaterländer, wie man glaubte, ſpielte wieder die Hauptrolle. Baron Brandau blieb aber nicht allein zu Tiſche, der Graf behielt ihn auch den Abend bei ſich und wußte ihn mit ſo intereſſanten Geſchichten zu unterhalten, ihm ſo wunderſchöne Sa⸗ chen zu zeigen und zu erzählen, durch welche Aben⸗ teuer er in ihren Beſitz gelangt, daß Alfred endlich mit wirren Sinnen nach Hauſe ging und ein König⸗ reich in der Taſche mit fortzutragen glaubte.„Wie man ſich doch in Menſchen irren kann!“ ſagte er ſich zehnmal, als er im Bette lag und der alte Ungar ihm in den Adern klopfte.„Ich hatte Anfangs einen unbegreiflichen Widerwillen gegen dieſen Mann, und nun ſehe ich, daß er ein vollkommener Cavalier und dabei ein Menſch von Herz und Geiſt iſt. Tauſend ja— das nenne ich eine Acquiſition!“ Daſſelbe ſagte ſich auf etwas andere Weiſe 30 in einem anderen Sinne der Graf von dem Baron; er hatte ſeine Abſicht vollſtändig erreicht, denn von dieſem Tage an begann die verhängnißvolle Freund⸗ ſchaft zwiſchen dieſen beiden Männern, deren Innig⸗ keit wir ſchon früher angedeutet haben. Baron Bran⸗ dau ward bald ein täglicher Beſucher des Grafen, aber auch dieſer kam bisweilen zu ihm, wenn er nothwendig mit ihm zu ſprechen hatte. Anfangs lud ihn der Graf mit ſeinem großen Haufen zu ſich ein, allmälig aber zog er ihn in ſeine vertrauteren Kreiſe, bis er endlich eine ſo große Zärtlichkeit für ihn hegte, daß er ihm dreiſt die Meinung ausſprechen konnte, 59 auch dieſer vertraute Kreis ſei noch zu groß; zwei Menſchen, die ſich ſo herzlich zugethan wären, wie ſie Beide einander, bedürften der anderen Menſchen nicht, um glücklich zu ſein. Von jetzt an wunderte ſich Al⸗ fred nicht mehr, wenn er, zum Grafen eingeladen, dieſen Mittags oder Abends allein bei Tafel fand, ja es war ihm ſogar lieb, denn er erhielt dadurch die erwünſchte Gelegenheit, dem Grafen näher zu rücken, indem er ſich einen tieferen Einblick in ſeine täglich beſſer werdenden finanziellen Verhältniſſe verſchaffte. Dahin hatte ihn der Graf nur bringen wollen. Denn nur zu bald hatte der menſchenkundige Dalmatier die Hauptleidenſchaft des Barons erkannt. Dieſe Leiden⸗ ſchaft ſtachelte er nach Kräften auf, an ihr hielt er den Ueberliſteten feſt. Er ließ ihn nach und nach ſehen, wie leicht es ihm werde, Geld zu verdienen. Von ſolchen Dingen hatte der Baron bisher keinen Begriff gehabt, obgleich er mit ganzer Seele danach geſchmachtet hatte. Jetzt fand er die Angel, womit man goldene Fiſche fing, und es gelüſtete ihn, ſie ſelbſt in die Hand zu nehmen. Die Gelegenheit dazu zeigte ſich eines Tages. Der Baron war, wie geſagt, ein täglicher Gaſt im Hauſe des Grafen geworden, allein nicht zu allen Tageszeiten durfte er, wie er ſehr bald erfuhr, erſcheinen. Der Graf hatte ſeine Arbeits⸗ 60 ſtunden, in welchen er ſich von Niemandem, als höch⸗ ſtens von ſeinem vertrauten Kammerdiener, ſtören ließ. Dieſe Arbeitsſtunden fielen auf den Morgen und dauerten etwa bis zehn Uhr, bisweilen aber ar⸗ beitete er auch Abends, wo er dann weder Geſell⸗ ſchaften, noch einzelne Beſucher, alſo auch Alfred nicht empfing. Es mußten ſehr wichtige Geſchäfte ſein, die in dieſen einſamen Stunden betrieben wurden. Nie⸗ mals durfte Jemand das Arbeitszimmer betreten, ſelbſt Alfred nicht. Kam dieſer zu früh, ſo mußte er in einem anderen Zimmer warten, und dann erſchien ſtets der Graf mit erhitztem Geſicht und ernſter Miene, und man merkte ihm leicht an, daß er ungern geſtört* worden war.„Was mögen dies nur für geheime und mit ſo großem Eifer betriebene Geſchäfte ſein!“ fragte ſich oft der Baron. Alle Anſpielungen darauf aber wurden von dem Grafen mit Stillſchweigen übergangen, oder als intereſſelos für den neuen Freund von der Hand gewieſen, bis dieſer endlich an dem erwähnten Tage geradezu fragte: was er denn eigent⸗ lich ſo mühſam zu arbeiten habe, er ſcheine ja ganz erhitzt und abgemattet. „Ja, mein Lieber,“ antwortete bitter lächelnd der Graf,„es ſind eben Geſchäfte, und Geſchäfte ſind oft nicht angenehm. Noch dazu erhitzt man ſich — 61 nicht ſelten vergeblich und ermattet Körper und Geiſt dabei.“ „Aber ſie bringen auch Gewinnſt ein—“ „Das freilich; ſie koſten aber bisweilen auch viel und man ſpekulirt nicht immer richtig.“ „Nicht immer, aber doch zumeiſt—“ „Ja, wenn man geſchickt iſt und Baares in Händen hat.“ „Sie ſind im Beſitz von Beidem, wie mir ſcheint. Ich wollte auch gern arbeiten, wenn mir der Gewinn ſo ſicher wäre wie Ihnen.“ „Hm!“ ſagte der Graf, ſcheinbar ſich beſinnend, obgleich dieſer Augenblick der von ſeiner Seite längſt erwartete war.„Sie kommen mir da entgegen und ſcheinen meine innerſten Gedanken, die ich ſchon lange im Kopfe trage, errathen zu haben. Ja, Sie können auch Geſchäfte machen, wenn—“ „Wenn?“ fragte der Baron mit gierigen Lippen und Augen. „Wenn Sie ein Capital haben. Haben Sie eins?“ „Für jetzt nur ein kleines, welches ich mir erſpart habe— in einigen Monaten aber ein größeres, das Erbtheil meiner Mutter—“ Der Graf ſchoß einen frohlockenden Blick auf ſein 62 Opfer. Alſo es war wahr, was man ihm von dem Baron erzählt hatte.. „Wie hoch beläuft ſich Ihr Capital?“ fragte er, äußerlich ſehr gleichgültig, innerlich lauernd. „Gegenwärtig beſitze ich 3 bis 4000 Thaler, in drei Monaten 20,000.“ „Das iſt nicht viel“, ſagte der Gauner beinahe ver⸗ ächtlich„obwohl man mit 20,000 Thalern, wenn man es geſchickt anfängt, in Jahresfriſt 100,000 gewinnen kann.“ 8 „Wie? Das wäre möglich; 2“ „Möglich? Blos möglich? Es iſt gewiß, ſage ich Ihnen, wenn Ihr Capital in die rechten Hände gelangt.“ „Es gelangt in die meinen.“ „Bah! Sie verſtehen ja Nichts von Geldgeſchäften.“ „Geben Sie mir Unterricht.“ „Das iſt mühſam. Dergleichen lernt man erſt gründlich durch die Erfahrung. Solche Erfahrungen ſind oft mit Opfern verbunden.“ „Die ſich aber doch wieder erſetzen laſſen?“ „Natürlich, wozu opferte man denn! Ich will Ihnen etwas ſagen. Doch bevor ich Ihnen ein Ge⸗ ſchäft anvertraue, ſtelle ich eine Bedingung. Ohne Ihr Gelöbniß, dieſelbe einzugehen, ſchweige ich.“ 63 „Reden Sie!“ ſagte Alfred mit funkelnden Augen, und beugte ſich auf ſeinem Stuhle vornüber, um beſſer zu hören, denn der Graf hatte die letzten Worte auf⸗ fallend leiſe und mit Bedeutung geſprochen. „Es betrifft das Bewahren des ſtrengſten Geheim⸗ niſſes dieſer Geſchäfte. Kein Menſch darf wiſſen, worin man ſpekulirt, ſonſt iſt die Spekulation im Entſtehen mißglückt. Geben Sie mir Bürgſchaft, daß Sie ſchweigen können—“. „Mein Wort als Edelmann!“ ſagte Alfred ſchnell, dem das eine leichte Bürgſchaft zu ſein ſchien. Der Graf beſann ſich einen Augenblick oder that wenigſtens ſo, indem er die rechte Hand an die Stirn legte.„Es genügt mir,“ ſagte er endlich.„Ich nehme Ihr Wort an. Jetzt alſo zum Geſchäft. Mir iſt ein Gut in Preußen zum Kauf angeboten. Zu⸗ gleich habe ich auch ſchon einen Käufer— verſtehen Sie, einen Käufer, der es von mir wieder kauft. Be⸗ theiligen Sie ſich bei dem Ankauf deſſelben „Des Gutes in Preußen? Ich kenne es ja nicht—“ „Ich auch nicht.“ „Sie auch nicht? Wie können Sie es dann kaufen?“ „Wie? Habe ich nicht meine Agenten? Sind ſie nicht meine Finger, die ich blos auszuſtrecken brauche, um ſie dann wieder mit vollen Händen ein⸗ zuziehen?“ „Der Art alſo ſind Ihre Geſchäfte?“ „Der Art und anderer Art. Mit einem Wort— machen wir einen Verſuch. Betheiligen Sie ſich mit 3000 Thalern bei dieſem Ankauf. In acht Tagen habe ich das Gut verkauft und zwanzig Procent ge⸗ wonnen. Auf Ihren Antheil fallen dabei 600 Thaler Gewinnſt und Ihr Capital wird zu ſechs Procent verzinſt. Jene 600 Thaler zahle ich Ihnen gleich aus, die Zinſen halbjährlich. Wollen Sie es auf dieſe Weiſe verſuchen?“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ „Mein völliger Ernſt.“ „Und wo habe ich Bürgſchaft?“ „Ich gebe Ihnen dieſelbe, die Sie mir gaben— mein Wort als Edelmann— ich bin Graf Zaretta.“ Alfred beſann ſich keinen Augenblick. Noch an demſelben Tage waren die 3000 Thaler in des Gra⸗ fen Verwahrſam. Dieſer hielt Wort; in acht Tagen war das angeblich gekaufte Gut wieder verkauft, zwanzig Procent gewonnen und Alfred ging mit 600 Thalern beſchwert, die der Graf ihm wie eine Lockſpeiſe aus ſeiner Kaſſe, wie er ſagte, zugeworfen, — 65 nach Hauſe. Das Capital aber, zu ſechs Procent Zinſen garantirt, blieb theilweiſe auf dem Gute ſtehen und die Papiere darüber befanden ſich, vortrefflich ge⸗ ſchrieben, von namhaften Perſonen unterzeichnet und unterſiegelt, in Alfred's Händen. Das war ein blü⸗ hender Anfang in ſeinem neuen Geſchäftsleben. Natürlich hatte die Freundſchaft und Zärtlichkeit des Barons zu dem vortrefflichen Grafen hierdurch bedeutend zugenommen. Der Tiger in ſeiner Bruſt hatte Blut gewittert und gekoſtet, und er lechzte nach mehr. Das war die Zeit, wo er jenen erſten Brief an ſeinen Vater ſchrieb, der ſo voll ſanguiniſcher Hoffnungen war, und, wir wiſſen es, ſein guter Vater brachte ihm ſelbſt oder gab ihm Anweiſungen auf größere Sum⸗ men, da er am Tage nach Empfang dieſes Briefes ſelbſt nach der Hauptſtadt reiſte. Mit verſchiedenen Summen dieſer eben ſo ſchnell wie reichlich fließenden Quelle wurden neue und mitunter ſehr glänzend er⸗ ſcheinende Geſchäfte gemacht, denn der Graf war ein unvergleichlicher Geldmacher im wahren Sinne des Worts. Alles, was in ſeine Hände kam, verwandelte ſich in Gold, Silber oder Werthpapiere. Täglich ſtröm⸗ ten ihm neue Quellen zu, aus denen er zu ſchöpfen Baron Brandau. II. ⁸ 66 wußte, und ohne daß man begriff, wie gerade ihm allein ſolcher Segen beſchieden ſei. Er kaufte und verkaufte, und beinahe ſtets zu ſeinem Vortheil, wie er ſagte, was gewiß auch der Fall war, während der Nachtheil, der⸗Anderen daraus erwuchs, nicht augen⸗ blicklich zu Tage kam, vielmehr auf die ſchlaueſte Weiſe von dem liſtigen Grafen und ſeinen unbekann⸗ ten Helfershelfern geheim gehalten wurde. In dieſe geheimnißvollen Betriebniſſe durch ſeinen täglichen Verkehr und ſeine ſtillſchweigende Mitwir⸗ eung hineingezogen, ahnte der Baron nicht, wie tief er ſich in die Netze des Abenteurers verſtricke, der ihn nur Das von ſeinen Unternehmungen erfahren ließ, was ihm zu wiſſen nothwendig war, und immer in⸗ niger geſtaltete ſich ſein Freundſchaftsverhältniß zu dem großmüthigen Grafen, bis dieſer endlich, um ſeine Beute ganz in den Händen zu haben und ihn von allem Verkehr mit der Welt ſo weit wie möglich ab⸗ zuſchließen, in ihn drang, als aufrichtiger und wahrer Freund ſein glückliches Leben ganz zu theilen und in ſein glänzendes Haus zu ziehen. Der verblendete Baron war glückſelig über dieſen ihm ſo ehrenvoll dünkenden Vorſchlag. Er verließ ſeine Wohnung eines Abends und bezog mit allen ſeinen Beſitz⸗ hümern einige ſchöne und beſonders für ihn bequem 4 67 eingerichtete Gemächer in dem großen Hauſe, welches der Graf zu dieſer Zeit ganz allein bewohnte. Von Dieſem dazu angeſtachelt, verſorgte er ſich auch äußer⸗ lich mit Gegenſtänden des Luxus, welchen zu treiben ihn ja ſein täglich zunehmender Gewinnſt ermächtigte. Er ließ ſich nach des Grafen Angabe einen Wagen bauen, ſchaffte ſich theure Pferde an und hielt ſich ſeine eigenen Bedienten. Alles das wurde von den laufenden Einnahmen beſtritten, die aus den einge⸗ gangenen Geſchäften abfloſſen. Allmälig auch, an⸗ geblich theils weil es ihn langweilte, theils um ſich ſeinem neuen Freunde mit ganzer Hingebung zu widmen, zog ſich der Graf von dem Umgange mit der großen Welt zurück; die Kreiſe, die er einlud, wurden immer kleiner, ſeine Bekanntſchaften immer ſparſamer fortgeſetzt. Endlich empfing er nur noch einen Abend in der Woche Geſellſchaft bei ſich und das war gerade diejenige, der er ſich zuerſt am mei⸗ ſten abhold gezeigt hatte, denn ſie beſtand aus jun⸗ gen lebensluſtigen, reichen und leichtſinnigen Cava⸗ lieren, denen es gleichgültig war, wo und wie ſie lebten, wenn ſie nur angenehm lebten, und ob ſie ihr Gold durch das Spiel, oder bei Frauen oder Trink⸗ gelagen vergeudeten. Das Spiel wurde nach dem Abendeſſen ihre gewöhnliche Unterhaltung; von klei⸗ 5* 68 nen ging man zu größeren, von dieſen zu ganz gro⸗ ßen über, bis ſich endlich das verpönte auf Ehren⸗ wort Spielen auch hier einbürgerte. Da der Baron Brandau ſeine Abneigung gegen das Spiel abgelegt, indem der Graf ihn auf die wohlthätigen Folgen eines ehrlichen Gewinnſtes aufmerkſam gemacht hatte, und da er ſich gewöhnlich beim Spiele ſeines Freun⸗ des betheiligte, ſo gewann er auch hier erkleckliche Summen, die wiederum dazu dienten, die kaufmän⸗ niſchen Geſchäfte, die man begonnen, mit um ſo grö⸗ ßerem Eifer fortzuſetzen. Wenn aber Alfred von Brandau geglaubt hatte, durch ſeine Ueberſiedelung in des Grafen Wohnung deſſen Zeit ganz in Anſpruch genommen zu haben und in das innere Triebwerk ſeiner Unternehmungen einen lernbetierigen Blick werfen zu können, ſo hatte er ſich bitter getäuſcht. Der Graf blieb unabänderlich ſeinen Gewohnheiten treu; des Morgens arbeitete er vor wie nach in ſeinem verſchloſſenen Zimmer, zu dem nur ſein vertrauter Kammerdiener den Zutritt hatte. Eine Zeitlang ertrug Alfred dies geheimnißvolle We⸗ ſen ſeines jetzt ganz intimen Freundes, indem er, während jener arbeitete, entweder im Bette liegen blieb, um den Rauſch des vorigen Abends auszu⸗ ſchlafen, oder ſich auf ſeine eigene Hand vergnügte, indem er that, wozu er gerade Neigung empfand. End⸗ lich aber, als er ſeinen Freund jeden Morgen mit er⸗ hitztem Kopfe an den Frühſtückstiſch kommen ſah, ward er aufmerkſamer und neugieriger, und zuletzt fragte er ihn geradezu, was er denn ſo eifrig zu arbeiten habe, daß ihm das Blut dabei in den Kopf ſteige und ſeine Augen glühend mache wie Leuchtkäfer. Der Graf hörte dieſe Frage offenbar mit Unwillen und Ueberraſchung an, dennoch gab er ſich Mühe zu lächeln und ſeinen Freund mit verſchiedenen Aus⸗ flüchten zu beruhigen.„Mein lieber Alfred,“ ſagte er, denn ihre Verbindung hatte, wie es unter den an⸗ gegebenen Verhältniſſen kaum anders ſein konnte, den brüderlichen Ton angenommen,„mein lieber Alfred, das wirſt Du künftig genau, jetzt aber nur theilweiſe erfahren. Sieh, Du wirſt bemerken, daß mich dieſe Frage genirt, denn ſie berührt meine perſönlichſten Verhältniſſe. Du weißt, daß ich aus den öſterreichi⸗ ſchen Staaten verbannt bin und daß dennoch mein Herz an den unglücklichen Ländern hängt, die ich meine Heimat nenne. Meine Heimat liegt eben in Oeſterreich. Wenn ich ſie weder Dir noch einem An⸗ deren genau bezeichne, ſo hat das ſeinen natürlichen Grund, den Du Dir wohl denken magſt, den ich aber 70 nicht ausplaudern will, denn meine Diener ſogar könnten uns einmal behorchen, wenn wir unvorſichtig oder zutraulich davon redeten, und vor Leuten dieſer Art muß man ſich am meiſten hüten. Damit Du aber nicht ganz in Ungewißheit ſchwebſt und vielleicht Aergeres denkſt als geſchieht, ſo will ich Dir ver⸗ trauen, daß ich mich in meinen Mußeſtunden damit beſchäftige, die politiſchen Verhältniſſe meines Landes und inſonderheit meiner Familie niederzuſchreiben und ſie für die Preſſe vorzubereiten. Eine ihrer Veröffent⸗ lichung günſtige Zeit wird kommen, das weiß ich zu⸗ folge meiner hohen Verbindungen, der Mittheilung meiner Verwandten und meiner Spione, die ich ins⸗ geheim am Hofe zu Wien unterhalte. Siehe da den Grund meiner einſamen Studien und meiner meine ganze Denkkraft in Anſpruch nehmenden Thätigkeit.“ Alfred beruhigte dieſe vertrauliche Mittheilung un⸗ gemein, denn er glaubte ſie vollſtändig, wie er ſeinem Freunde Alles glaubte, zumal dieſer eine Art und Weiſe zu ſprechen hatte, die Jedermann bezauberte, und ſeine Ausſagen mit Beweisgründen zu unter⸗ ſtützen wußte, die weit über die Faſſungskraft des un⸗ erfahrenen Alfred gingen. Eine Zeitlang bekümmerte er ſich wenig oder gar nicht um dieſe politiſche und perſönliche Beſchäftigung ſeines Freundes; eines Tages 71 aber wurde er wieder aufmerkſamer, denn es geſchah zufällig, daß Alfred gerade im Toilettenzimmer des Grafen war, als dieſer eilig aus ſeinem Cabinet in dieſes trat und ſogleich an ſeine Waſchtoilette ging, um ſich zu reinigen. Sein Geſicht war, wie immer nach der Arbeit, dunkel geröthet, ſein Auge erhitzt, und der Schweiß ſtand in klaren Perlen auf ſeiner ge⸗ dunſenen Stirn. An ſeinen Fingern aber waren ver⸗ ſchiedene Farben zu bemerken, die er ſich raſch abzu⸗ waſchen bemühte. Augenſcheinlich war es ihm ſehr unangenehm, Alfred in dieſem Momente in ſeiner Nähe zu ſehen, dennoch ſagte er Nichts, nur ſchaute er unwillig und trotzig vor ſich nieder. „Was haſt Du denn da an Deinen alabaſternen Fingern?“ fragte Alfred ſcherzend.„Du ſiehſt ja aus, als ob Du eine Stube bemalt hätteſt.“ Der Graf, den bei dieſer Frage ihn anblickenden Baron im Spiegel gewahrend, zuckte zuſammen, gleich darauf aber lächelte er mit großer Mühe, was ſein Ausſehen eben nicht verſchönerte, und verſetzte:„Bei⸗ nahe hätteſt Du diesmal Recht mit Deiner Ver⸗ muthung..⸗ „Wie? Du hüätteſt wirkl ich Dein Schreibezimmer bemalt?“ „Ach, mein Zimmer, welcher Gedanke! Ja, ich 72 habe gemalt, gezeichnet wenigſtens, mit Farben ge⸗ zeichnet, und Du ſollſt ſehen, was ich damit zu Stande gebracht, wenn es fertig iſt.“— Als nach einigen Tagen das Geſpräch wieder auf ſeine Malerſtudien kam und Alfred um Beſichtigung jener Zeichnungen bat, ſtand der Graf unwillig auf, um ſich in ſein geheimes Cabinet zu begeben. Alfred wollte ihm folgen.„Bleib hier,“ ſagte der Graf, „ich will es Dir holen, oder—“ und er beſann ſich eine Weile—„ich kann auch Starozza danach ſenden.“ Beide kehrten zum Frühſtückstiſch zurück, wo dies Geſpräch begonnen hatte, und Starozza ward ſogleich beauftragt, das fertige Bild aus dem Arbeitscabinet zu holen. Der ſchlaue Kammerdiener entfernte ſich langſam, wie er gewöhnlich ging; ſeine Gangart hatte dabei etwas Katzenartiges, Schleichendes. Als er an ſeinem Herrn vorüberſchritt und ſich nach der Thür des Ca⸗ binets bewegte, traf ſein Blick Dieſen, da Alfred ge⸗ rade in einer anderen Richtung ſchaute. In dieſem dämoniſchen Blicke lag ein Vorwurf, den der Graf ſogleich verſtand. Aber er zuckte verächtlich mit der Schulter und nickte dem Diener ermuthigend zu. Dieſer ſchritt ruhig auf die feſt verſchloffene Thür zu, zog einen künſtlich gearbeiteten Schlüſſel aus der 73 Weſtentaſche und begab ſich, nachdem er die Thür leiſe geöffnet, in den geheimnißvollen Arbeitsſaal. Bald darauf kam er mit einem Blatte in der Hand daraus zurück, welches Alfred für einen Kupferſtich hielt, und reichte es ſeinem Herrn hin. Da haſt Du eine Probe meiner Kunſt und den Schlüſſel zu meiner Nebenbeſchäftigung,“ ſagte der Graf vertraulich lächelnd. „Wie? Biſt Du denn ein Kupferſtecher?“ „Ein Kupferſtecher? Was meinſt Du damit?“ „Nun, iſt denn das nicht ein Kupferſtich?“ „Seltſam!“ ſagte der Graf beinahe ſpöttiſch. „Wie Du doch unbekannt mit den ſchönen Künſten biſt! Oeffne Deine Augen und ſchaue Dir das Blatt genau an.“ „Nun bei meiner Ehre!“ rief Alfred betheuernd, „ich halte dies hübſche Bild für einen Kupferſtich.“ „Es iſt eine Federzeichnung!“ ſagte der Graf kalt. „So ſchön zeichnet man in Italien, wo ich dieſe Kunſt erlernt und getrieben habe.“— Entweder kam es daher, weil Alfred von dieſer Kunſt keinen Begriff hatte oder weil ihm die Neben⸗ beſchäftigung ſeines Freundes nicht der Rede werth zu ſein ſchien— genug, er betrachtete das Blatt nur oberflächlich und legte es dann auf den Tiſch. — ſ“ —O[.O— 74 „Nun, gefällt Dir meine Zeichnung nicht?“ „Ich verſtehe nicht viel davon. Aber ſie iſt ſehr hübſch. „Sehr hübſch? Wie Du Das ſagſt! Sie iſt ein Meiſterſtück. Ein kunſtſinniger Engländer würde mir zweihundert Pfund dafür bieten.“ „Nun ſo gieb ihm das Blatt dafür und freue Dich, daß Du mit ſo geringer Mühe ſo viel Geld verdienen kannſt.“ „Geringer Mühe? Geld verdienen?“ bemerkte der Graf empfindlich.„Glaubſt Du, daß das mit geringer Mühe gemacht iſt und um mit Geld be⸗ zahlt zu werden? Ich arbeite nicht für Geld in ſol⸗ chen Sachen, ich arbeite zu meiner Erheiterung— ich bin ein Edelmann!“ „Das iſt wahr. Verzeih' mir. Aber wenn ich mir ſo viel Mühe mit Dergleichen geben ſollte, wie Du mich glauben laſſen willſt, ſo würde ich mich bedanken, meine beſten Stunden darauf zu verwenden.“ Das iſt nun einmal mein Steckenpferd. Ich liebe 4 dieſe Beſchäftigung und bin daran gewöhnt.“ „Aber ſie ſcheint Dich über die Maaßen anzu⸗ ſtrengen?“ 1 3 —,— 75 „Nur die Augen und die Bruſt greift ſie etwas an.— Wollen wir ſpazieren fahren?“ Alfred ſtimmte bei; der Wagen ward beſtellt, die Freunde kleideten ſich zum Ausgehen an und man fuhr ab. 4 —-— 4 8 3 Drittes Mapitel. Die Federzeichnungen. Die obige Unterredung über die ſo meiſterhaft ausgeführte Federzeichnung ſchien eine leichte Miß⸗ ſtimmung in dem ſo künſtleriſch begabten Grafen zurückgelaſſen zu haben, wenigſtens war er einige Tage ſehr verdrießlich und ſprach mehrere Male davon, eine kleine Reiſe antreten zu müſſen, um verſchiedene Güter zu beſichtigen, mit deren gegenwärtigem Be⸗ ſitzer er wegen ihres Ankaufs in Unterhandlung ſtehe. Da ſie in der Nähe lägen, die Kaufſumme aber be⸗ trächtlich ſei, ſo halte er es diesmal für ſeine Schul⸗ digkeit, mit eigenen Augen ſich von der Ertragfähig keit derſelben zu überzeugen.— Solche kleine Reiſen hatte der Graf früher ſchon 4 mehrere Male unternommen, war aber ſtets in weni⸗ gen Tagen zurückgekehrt, ſcheinbar ſehr befriedigt vo 77 den Erfolgen derſelben. Alfred redete ihm zur Reiſe zu und fragte, ob er ihn etwa begleiten ſolle. Der Graf lehnte es ab und ſagte, er möge ungeſtört in der Reſidenz ſeinen Vergnügungen nachgehen. Alfred von Brandau aber kannte ſchon kein Ver⸗ gnügen mehr, als den erträumten Erwerb aus ſeinen dem Grafen anvertrauten Geldſummen. Wie ein Argus behütete er die ihm von dieſem überlieferten Papiere, die ſeinen Beſitz an dieſen und jenen Capi⸗ talien oder ſeinen Antheil an dieſen und jenen Gü⸗ tern ihm verſicherten. Jeden Abend, bevor er zu Bette ging, durchlas er ſie, und wenn er im Bette lag, rechnete er, bis er einſchlief, wie lange es noch dauern würde, bis die Zinſen ſeines Capitals ſo viel betragen würden, um als unabhängiger Edelmann auf irgend einem reizenden Gute in der Nähe der Reſidenz leben zu können, da die Zeit noch nicht ab⸗ zuſehen war, wo ſein Vater endlich ihm das große Erbgut der Brandaus überliefern würde. Seine Geld⸗ gier ſtieg tagtäglich in einem unerhörten Maaße und nahm beinahe einen krankhaften Charakter an. Wo er ging und ſtand, raffinirte, grübelte er, wie ſich ſein Hab und Gut am ſchnellſten vermehren laſſe, wie es nzufangen ſei, bald möglichſt ein großer Herr wie ſein Freund, der Graf Zaretta, zu werden. Aber ſo viel er ſich auch mit Nachdenken plagen mochte, er erdachte Nichts, denn ſeine Geſchäftskenntniß, wie überhaupt ſeine Kenntniſſe, war von ſo geringer Be⸗ deutung, daß ihn der kleinſte Krämer im Dorfe ſeines Vaters darin bei Weitem überſah. Da fiel ihm plötzlich etwas Neues und noch nicht 2 Dageweſenes ein. Sein Freund, der Graf, hatte ihn ſelbſt auf dieſe Idee gebracht. Wie wäre es, dachte eer, wenn ſich aus deſſen Geſchicklichkeit wirklich ſo viel Geld löſen ließe, als er ihm geſagt hatte? Wenn es ihm gelänge, demſelben einige ſeiner Zeichnen⸗ blätter abzuliſten und dann einen reichen Engländer zu finden, der ihm für ſolches Blatt zweihundert Pfund gäbe, was wäre das für ein vortheilhaftes Geſchäft! Zweihundert Pfund, das ſind über zwölfhundert Tha⸗— lerl! Das wäre ſchon der Mühe werth. Natürlich dürfte Niemand erfahren, daß er der Verkäufer wäre, denn das würde ſich nicht ſchicken, auch ſeinem Freunde, dem Grafen, nicht recht ſein, allein für ein Geſchäft⸗ chen unter der Hand wäre ein ſolcher Zuſchuß nicht übel. Wn Kaum war dieſer traurige Gedanke ihm in den Kopf geſtiegen— ein Gedanke, der, ſo wenig er ſeinem Stande und ſeinem Stolze entſprach, doch vielleicht von der Vorſehung ihm eingehaucht war, 79 um die Enthüllung eines Verbrechens und die Ent⸗ larvung eines Verbrechers zu erwirken, die er ſelber weder vermuthen noch erwarten konnte— ſo begab er ſich auch ſchon an die Ausführung deſſelben. Der Abend vor der Abreiſe des Grafen ward zur Einfä⸗ delung ſeines Planes feſtgeſetzt. Er befand ſich glück⸗ licher Weiſe mit dem Grafen allein. Dieſer beſprach nach Tiſche, während ſie noch bei einem Glaſe vater⸗ ländiſchen Weines ſaßen, verſchiedene Geſchäfte, legte offen mehrere ſeiner Spekulationen dem horchenden Baron dar und zeichnete ihm ſchon im Voraus den Verlauf auf, den dieſelben nach ſeiner Berechnung nehmen würden. Alfred ſtimmte in Allem bei, trank dem Freunde wacker zu und kam endlich mit ſeiner Bitte zum Vorſchein, ihm jene Zeichnung zur Erin⸗ nerung an ihre Freundſchaft zu ſchenken. „Zur Erinnerung?“ fragte der Graf trocken.„Du verläſſeſt mich ja noch nicht. Wir leben nock lange mitſammen, wie ich hoffe. Sage mir offen, was Du mit der Zeichnung beginnen willſt, und vielleicht gebe ich Dir nicht eine, ſondern mehrere, denn ich habe eine ganze Sammlung davon.“ Alfred ſpitzte die Ohren. Dieſe Sammlung ſchien ihm ſchon eine ganze Sammlung von zwölfhundert Thalern zu ſein. 80 „Nun, wenn Du es wiſſen wilſſt,“ ſagte er,„ich beabſichtige die eine wenigſtens meinem Vater zu ſchenken. Ich habe ihm von Dir geſchrieben und ihm unſere Freundſchaft gemeldet. Damit er nun ſieht, welch ein vortrefflicher Künſtler Du biſt, will ich ihm zum Beweiſe davon jenes Bild ſchicken.“ Jetzt ſpitzte der Graf die Ohren. Er hatte ſogleich einen kleinen Plan zuſammengeſetzt.„Gut,“ ſagte er, „wenn Das Deine Abſicht iſt, ſo will ich Dir ſogar noch ein werthvolleres Blatt geben. Jedoch knüpfe ich eine Bedingung daran.“ „Sie iſt ſchon zugeſtanden, ſprich.“ „Suche doch Deinen Vater zu bewegen, Dir einen Theil Deiner Erbſchaft ſchon vor dem Auguſt auszu⸗ zahlen. Ich habe einige bedeutende Geſchäfte vor, zu deren glücklicher Vollführung größere Summen gehö⸗ ren. Je höher Du Dich dabei betheiligſt, um ſo hö⸗ her beläuft ſich Dein Gewinn.“ 1 „Wenn es weiter nichts iſt, die Sache iſt ſchon eingeleitet, auch will ich mir alle Mühe geben, ſie ins Werk zu ſetzen. Er hat gewiß ſchon das Geld in Händen, wie er immer große Summen vorräthig hat, und es wird ihm ziemlich gleichgültig ſein, ob er die Erbſchaft einige Tage früher oder ſpäter aus⸗ zahlt.“ 4 — 81 „Welche Thorheit von einem ſo reichen Manne, große Summen todt liegen zu laſſen. Was könnte damit gemacht werden!“ flüſterte der Graf, als ob er zu ſich ſelbſt ſpräche. „Ja freilich, aber er hat darüber ſeine eigenen krähwinkleriſchen Gedanken. Er iſt ein Edelmann aus der alten Schule, und der Aufſchwung der neueren Induſtrie, das Geld auf den rechten Markt zu brin⸗ gen, iſt ihm ſo gut wie ein böhmiſches Dorf.“ „Hat er denn die Gelder nicht bei ſeinem Bankier ſtehen?“ fragte der Graf nachläſſig. „Gott bewahre, ſie liegen in der Regel in ſeinem Schranke in ſeinem Wohnzimmer.“ „Ha!“ ſagte der Graf, reckte ſeinen Kopf in die Höhe und lüftete ſich die Halsbinde.„Das nenne ich Thorheit! Er wird doch wenigſtens einen eiſernen Geld⸗ ſchrank haben?“ „Nein, ſo viel ich weiß, hat er den auch nicht einmal— ich will mich aber danach umſehen, wenn ich hinkomme.“ „Ja, thue das und gieb ihm eine gute Lehre, wie man mit ſo vielem Gelde vernünftig umgeht.“ „Das würde nicht viel fruchten; mein Vater iſt kein Mann, der von ſeinen Kindern weiſe Lehren an⸗ Baron Brandau. II. 6 82 nimmt, er geht in allen Dingen ſeinen eigenen Gang!“ 3 „Da hat er Euch Brüdern wohl auch nicht viel weiſe Lehren mit auf den Weg gegeben?“ „Nun, zum Ueberfluß gerade nicht. Wenn wir nur nicht vergeſſen, daß wir Brandaus ſind, ſo fragt er nicht viel nach unſerem Thun. Seine Familien⸗ ehre nur geht ihm über Alles.“ „So!“— Und der Graf Zaretta ſtrich ſich mit der Hand über die düſtere Stirne, als ſei er ſchon wieder einem neuen Geſchäfte anf der Spur.„Ich will Dir die Zeichnung geben,“ ſagte er nach einer Weile,„unter der Bedingung natürlich, die Du ſo eben eingegangen biſt.“ „Du haſt mir einige aus Deiner Sammlung verſprochen—“ „Auch das. Aber halt— noch Eins! Sage mei⸗ nem Kammerdiener Nichts davon,“ ſetzte er leiſe hinzu. „Der einfältige Menſch hängt mit einer wahren Lei⸗ denſchaft an dieſen Zeichnungen. Sein Vater war Kupferſtecher— Du verſtehſt!“— „Das ſollte mir einfallen! Was geht mich Dein Kammerdiener an! Der Kerl gefällt mir überhaupt nicht; er iſt grob gegen Dich und mich und nimmt ——˖—ę—C— 83 ſich viel zu viel heraus. Wenn er mir gehörte, jagte ich ihn noch heute davon.“ „Sachte, ſachte, mein Freund. Das geht ſo raſch nicht. Ich kenne ihn ſeit ſeiner Jugend; er iſt treu wie Gold und mein kundigſter Spion. Auf ihn kann ich mich in allen Stücken verlaſſen. So brauchbare Leute findet man nicht alle Tage. Wart— ich will Dir ſogleich einige von den Zeichnungen holen, er iſt gerade nicht da, er beſucht heute Abend, glaube ich, das Theater.“ „Wie? Und das duldeſt Du?“ „Dulden? Du ſcherzeſt. Ich nöthige ihn ſogar dazu. Solchen Dienern muß man bisweilen ein Vergnügen gewähren, denn ſie haben ſchweren Dienſt. Sie müſſen Tag und Nacht zu unſerem Befehle ſtehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, ging in ſein Ca⸗ binet und holte, ohne Licht dabei zu bedürfen, ein halbes Dutzend ähnlicher koſtbarer Federzeichnungen heraus, wie die, deren wir kürzlich Erwähnung ge⸗ than.„Da,“ ſagte er zu dem erſtaunten Freunde, mimm ſie und ſchenke ſie Deinem Vater. Grüße ihn von mir und vergiß die guten Lehren wegen der Gel⸗ der nicht. Jetzt aber laß mich allein, ich habe noch 6 84 einige Briefe zu ſchreiben, da ich morgen mit dem Früheſten fort will.“ Der Graf war mit ſeinem Kammerdiener abgereiſt und Alfred von Brandau hatte freien Spielraum, ſei⸗ nen Gelüſten in Bezug auf die koſtbaren Zeichnun⸗ gen nachzugehen. Am Mittage des nächſten Tages rollte er behutſam eine derſelben, die, auf chineſiſchem Papier ſauber ausgeführt, eine italieniſche Landſchaft darſtellte, zuſammen und begab ſich in eine Kunſt⸗ handlung, von der er wußte, daß ſie der Sam⸗ melplatz aller Kunſtfreunde der Reſidenz und die Nie⸗ derlage aller möglichen künſtleriſchen Erzeugniſſe war. Zufällig kannte ihn der Beſitzer dieſer Handlung, der ein großer Kenner aller in ſein Fach einſchlagen⸗ den Darſtellungen war, aber Alfred hatte davon keine Ahnung, da er ſelbſt dieſen Mann zum erſten Male in ſeinem Leben ſah. Der Baron trat in die neben dem eigentüchen Laden befindlichen Gemächer, betrachtete einige Oelge⸗ mälde, für die er keine beſondere Liebhaberei hatte, und fragte dann mit einiger Haſt, ob der Herr auch koſtbare Federzeichnungen beſitze? „Nur zwei oder drei Stücke,“ erwiderte der Kauf⸗ mann höflich,„denn dergleichen ſind ſelten. Nur wenige Leute kaufen ſie, da ſie nur für Kenner Werth haben.“ „Zeigen Sie ſie mir.“ Der Händler führte den jungen Edelmann vor einen Glasſchrank, öffnete ihn und nahm eine Zeich⸗ nung heraus, die gut war, aber nicht den halben Werth von derjenigen hatte, die der Baron in der— Hand trug, was er ſogar ſelbſt auf den erſten Blick 3* erkannte. 4 „Das iſt nichts Bedeutendes,“ ſagte er mit erheu⸗ chelter Kennermiene. „Um Entſchuldigung, mein Herr, ſie iſt vor⸗ 4 trefflich.“ „Bah! Ich habe etwas Beſſeres.“ „Da bin ich neugierig.“ „Hier, ſehen Sie da!“ Der Kaufmann entrollte mit Vorſicht das hinge⸗ reichte Blatt und warf nur einen Blick darauf, als er zurückfuhr und entzückt ſagte:„Sie haben Recht, das iſt ein Kunſtwerk. Es iſt italieniſche Arbeit. Die iſt die ſeltenſte von allen.“ „Gewiß iſt ſie es. Wie hoch taxiren Sie das?“ Der Kaufmann ſchwieg, aber er überlegte. Hin und her drehte er ſeinen fleiſchigen Kopf in der ſtei⸗ 86 fen Halscravatte und rechnete, indem er mit wah⸗ ren Luchsaugen wohl zehnmal über die Zeichnung fuhr. „Das kann ich Ihnen für den Augenblick nicht ſagen,“ hüſtelte er.„Ich muß erſt mit einigen Kunſt⸗ freunden darüber Rückſprache nehmen. Jedenfalls iſt der Werth nicht unbedeutend. Es hat ſie ein wahrer Künſtler gemacht.“. „Das iſt er freilich,“ ſagte der Baron hochmüthig. „Alſo Sie wiſſen ſeinen Namen?“ „Gewiß weiß ich ihn.“ „Wenn der Name bekannt iſt, ſo verdoppelt ſich der Werth des Stückes.“ 3 Alfred ſchwankte, ob er den Namen des Künſtlers nennen ſollte. Endlich beſchloß er, ihn zu verſchwei⸗ gen.„Ich werde ihn nicht nennen,“ ſagte er bedäch⸗ tig,„da mit dieſem Bilde ein gewiſſes Familienge⸗ heimniß verknüpft iſt.“ „Ich bin es zufrieden. Wollen Sie mir dieſe Zeichnung hier laſſen? In einigen Tagen werde ich Ihnen ſagen können, was ſie werth iſt, falls Sie ſie zu verkaufen gedenken.“ „So behalten Sie ſie zu dem Zwecke. Ja, ich will ſie verkaufen.— Kennen Sie mich etwa?“ „Von Anſehen— ja! Aber den Namen habe ich kaum die Ehre zu wiſſen. Doch ja— Sie ſind V V 87 der Herr Baron von Brandau, wenn ich nicht irre.. „Alſo Sie kennen mich. Ja, ich bin der Baron Brandau.“ „Aber Ihre Wohnung?“ „Ich wohne bei dem Grafen Zaretta in der... ſtraße.“ „Ah!“ ſagte der Kaufmann, dem ein Licht aufzu⸗ gehen ſchien über das Familiengeheimniß der Zeich⸗ nung.„Und Sie haben noch mehr davon?“ „Noch drei oder vier Blätter. Aber ich bitte Sie darum, meinen Namen geheim zu halten, ich mag es nicht wiſſen laſſen, daß ich—“ „Sie brauchen mir kein Wort weiter zu ſagen, Herr Baron. Ich verſtehe. Dergleichen kommt bei mir oft vor.“— Am nächſten Tage um dieſelbe Zeit erſchien der Baron Brandau abermals, diesmal aber mit vier Federzeichnungen. Eine einzige hatte er zurückbehal⸗ ten, die er bei Gelegenheit ſeinem Vater geben wollte, was er indeſſen in der Fluth der Ereigniſſe, die über . ihn hereinbrach, vergaß. Der Kunſthändler begrüßte ihn ſehr ehrerbietig. 1 „Ihre Zeichnung, mein Herr Baron, hat noch einen (größeren Werth, als ich dachte,“ ſagte er.„Ich habe 88 ſie einigen Kennern gezeigt und ſie ſind alle davon entzückt. Darf ich ſie verkaufen?“ „Ich verkaufe ſie nur alle auf einmal. Hier ſind noch einige.“ Der Kaufmann entrollte ſie haſtig nach einander und war über jede von Neuem entzückt. Er fand ſie alle gleich vortrefflich. Plötzlich blieb ſein Blick auf einem der Blätter haften. Er hatte darunter ein eigenthümlich geſchnörkeltes Z. bemerkt, was der Graf ſelber überſehen, da er ſie in der Geſchwindigkeit und noch dazu am Abend für ſeinen Freund auserleſen hatte. Es war eins von jenen Blättern, welche er in früherer Zeit zum Andenken für einen Freund an⸗ gefertigt hatte, der ihm aber zu ſchnell abgereiſt war, um das Zeichen der Erinnerung mitnehmen zu kön⸗ nen. Der Kaufmann verhehlte jedoch ſeine Ent⸗ deckung. Er verſprach die Stücke einzeln oder im Ganzen ſo vortheilhaft wie möglich zu verkaufen; der Baron dagegen verhieß bei Gelegenheit wiederzukom⸗ men und entfernte ſich, im Innern über ſeine Erfin⸗ dungsgabe, auf leichte Weiſe Geld zu verdienen, froh⸗ lockend. 3 * ——̈OQ·S⅓—::2:—— Viertes Anpitel. Die erſten Verluſte. Die kurze Freude über dieſe ſo ſchnelle Verwirkli⸗ chung ſeiner brennendſten Wünſche, Geld und immer wieder Geld zu erhalten, um, indem er ſein Vermö⸗ gen dadurch vermehrte, zugleich ſeine Habſucht zu be⸗ friedigen und ſich die Ausſicht auf einen erhöheten Lebensgenuß zu verſchaffen, war auch beinahe einer der letzten Triumphe, der dem Sohne des alten Ba⸗ rons auf Holzendorf in ſeinem gemeinſchaftlichen Le⸗ ben mit dem Grafen Zaretta zu Theil werden ſollte. Vier Tage hatte er Zeit, ſich über ſein Geſchick, auch einmal auf eigene Hand kaufmänniſche Geſchäfte zu betreiben, glücklich zu preiſen, da brach das Unheil, leiſe und langſam mit ſeinem ſchwarzen Fittich rau⸗ ſchend, allmälig über ſeinem Kopfe zuſammen. Vier 90 Tage war Graf Zaretta mit ſeinem Kammerdiener — auf Reiſen geweſen, da traf er eines Abends uner⸗ wartet in ſeinem glänzenden Hauſe wieder ein. Der Baron, der ihn freudig und theilnehmend empfing, wunderte ſich über ſein düſteres Ausſehen; er glaubte in der That, dem Grafen ſei irgend ein Geſchäft miß⸗ glückt, denn er kannte noch nicht die viel geübte Ver⸗ ſchmitztheit deſſelben, ſein Geſicht ſtets eine nach ſei⸗ nen Bedürfniſſen raſch gewandelte Maske ſein zu laſ⸗ ſen, um Andere nach Belieben zu ſeinem eigenen Vor⸗ theil um ſo leichter täuſchen zu können. Mit mürri⸗ ſcher Miene und kalten Geberden, die ſeine, wenn er wollte, ſo feinen ariſtokratiſchen Manieren mit einer auffallend gemeineren Farbe übertünchte, trat er die Treppe herauf und begab ſich ſogleich in Alfred's Zim⸗ mer. Dieſer glaubte kaum ſeinen Augen trauen zu dürfen, als er einen gänzlich umgswundehcg Men⸗ ſchen vor ſich ſah. Aber nicht allein der Graf, auch der Kammerdie⸗ ner gab ſich das Anſehen eines Maulenden. Kaum begrüßte er den Baron, als dieſer ihm in den Weg trat, und ſelbſt dann that er es mit einer gewiſſen verächtlichen Miene, die Alfred ſchon oft an ihm be⸗ merkt und die zu ſtrafen er ſich längſt vorgenommen hatte, ſobald ſich die Gelegenheit dazu bieten würde. 91 Von dem Diener daher für den Augenblick Abſtand nehmend, wandte er ſich an deſſen Herrn. „Was haſt Du, Zaretta?“ redete er ihn an.„Iſt Dir etwas Unangenehmes begegnet?“ „Ja, ja!“ war die mit barſchem Tone geſprochene Antwort.„Frage mich nicht, Du wirſt es noch zei⸗ tig genug erfahren.“— „Iſt Deine Spekulationsreiſe nicht günſtig abge⸗ laufen?“ „Das nicht, aber in meiner Abweſenheit haben ſich genug unangenehme Dinge zugetragen.“ Alfred erblaßte. Sein Gewiſſen ſchlug ihn. Sollte der Graf ſeinen Handel mit den Federzeichnungen meinen? Er mußte Gewißheit darüber haben. „Wie haſt Du das ſo ſchnell erfahren können,“ fragte er,„da Du eben erſt angekommen biſt?“ „Bah! Weißt Du nicht, daß ich mit dem Winde im Bunde ſtehe, der es mir flüſternd oder brauſend zuträgt, was ſich ereignet? Weißt Du nicht, daß ich Männer genug im Solde habe, die mir, wo ſie mich ſehen, durch ein Zeichen zu verſtehen geben, was mir bevorſteht, Freude oder Sorge?“ „Da biſt Du beſſer bedient, als viele Andere.“ „O ja. Aber höre zunächſt, was ich Dir ſagen muß. Nimm es nicht übel, aber es läßt ſich nicht 92 ändern. Du mußt mir meine Federzeichnungen wie⸗ dergeben.“ Der Baron prallte zurück, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte. Alſo hatte ſein Gewiſſen doch wahr geſprochen.„Wie,“ ſagte er,„fordert man Geſchenke zurück, die man einem Freunde in guter Stunde ge⸗ macht hat?“ „Unter Umſtänden— ja! Ich habe mich anders beſonnen. Sie können Dir nichts nützen, mir fehlen ſie aber in meiner Sammlung. Gieb ſie her.“ „Aber wenn ich ſie nun nicht mehr hätte?“ Der Graf fixirte ihn ſcharf, als ſchiene ihm ſein theurer Freund mit dieſer Frage aus den Wolken zu fallen. Aber ſein Geſicht entfärbte ſich dabei und ſeine Augen nahmen einen düſteren, beinahe roth⸗ glimmenden Schein an.„Sollteſt Du ſie ſchon Dei⸗ nem Vater geſandt und die Auszahlung der Erbſchaft erhalten haben, die ich als einzige Bedingung für das Geſchenk geſtellt?“ „Nein, ich habe ſie ihm noch nicht geſgndt 5 „Wo ſind ſie denn?“ „Ich habe ſie einem Freunde gegeben, der ſie be⸗ wundert und vielleicht Geirgenhot findet, ſie theuer zu verkaufen.“ n 93 Der Graf lächelte bitter. Er durchſchaute augen⸗ blicklich den Zuſammenhang der ihm abſichtlich ver⸗ borgenen Thatſache, was um ſo leichter war, da er die Triebfeder der Handlungsweiſe ſeines Freundes, die Habſucht, kannte, überdies genauer von dem Ver⸗ bleib der Zeichnungen unterrichtet war, als Alfred annehmen konnte.„Wer iſt dieſer Freund?“ fragte er kalt. „Das laß mein Geheimniß bleiben,“ entgegnete der Baron, die Augen niederſchlagend, denn des Gra⸗ fen düſtere Blicke wurden ihm läſtig. „Geheimniß?“ fragte er.„Alſo Du haſt Geheim⸗ niſſe vor mir? Das wußte ich nicht. Wenn ich nun welche vor Dir haben wollte, was würdeſt Du dann von mir ſagen?“ Jetzt lächelte der Baron bitter; er glaubte ein Stück eines Sieges vor ſich zu ſehen und doch war es nur der Anfang zu ſeiner vollkommenen Nie⸗ derlage. „Was ich von Dir ſagen würde?“ fragte er da⸗ gegen.„Nichts würde ich ſagen, denn ich bin es längſt gewohnt, daß Du welche vor mir haſt. Ich brauche nur einen Blick auf dieſe Thüre und das Zimmer dahinter zu richten, ſo habe ich der Ge⸗ heimniſſe genug, die Du vor mir verbirgſt.“ 94 Der Graf verſtand den Wink des Wortes und der Hand, der auf ſein geheimes Cabinet deutete, ſehr wohl. Da er wußte, daß ihm aus jenem Zimmer Nichts von Bedeutung entwandt oder erſpäht ſein konnte, weil er auch diesmal auf ſeiner kleinen Reiſe, wie er jedesmal that, alle ſeine wichtigſten Papiere und Beſitzthümer in ſeinem großen Koffer mitgenom⸗ men hatte, ſo konnte ſein Zorn, der ſich jetzt in ſei⸗ nem ganzen Weſen zeigte, nicht auf dem Verdachte, beſtohlen zu ſein, beruhen, vielmehr ärgerte er ſich nur, weil er dadurch klar erfuhr, daß ihn der Baron noch immer beargwöhnte.„Es iſt gut,“ ſagte er, „komm und folge mir in jenes Zimmer. Ich will Dir zeigen, wonach Du ſo lüſtern biſt.“ Bei dieſen Worten zog er raſch den Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die Thür und leuchtete mit einer von den Kerzen, die auf dem Tiſche ſtanden, hinein Aber Alfred trat unwillig zurück, ſo daß er keinen Blick in das geöffnete Zimmer werfen konnte. „Ich danke Dir für Dein mir auf dieſe Art be⸗ wieſenes Vertrauen,“ ſagte er mit edlem Anſtande, „aber ich bin durchaus nicht neugierig, Deine Ge⸗ heimniſſe kennen zu lernen.“ Der Graf ſchloß das Zimmer wieder und ant⸗ wortete etwas raſch, denn das hingeworfene Wort 95 ſchien ihm ein guter Ring zur längeren Kette:„Ich bin auch auf die Deinigen nicht neugierig, Alfred, aber ernſtlich geſprochen, die Zeichnungen muß ich wieder haben. Hole ſie alſo heute noch oder morgen in aller Frühe von Deinem Freunde ab und händige ſie mir ein. Dann ſoll alles Unangenehme zwiſchen uns vergeſſen ſein und wir wollen uns wieder wie ſonſt unſerem gewöhnlichen angenehmen Leben hin⸗ geben.“ 1 Der Baron verſprach es und ſie ſpeiſten dieſen Abend zuſammen in einem der erſten Gaſthöfe der Stadt, da die Köchin des Grafen nicht auf die ſchnelle Rückkehr ihres Herrn vorbereitet war.— Baron Alfred von Brandau ſtand, wie wir wiſ⸗ ſen, jeden Morgen gegen elf Uhr auf, denn er hatte ja Nichts zu thun, als den Tag auf die mindeſt lang⸗ weilige Weiſe verſtreichen zu laſſen. Dieſen Morgen aber war er ſchon um ſieben Uhr angekleidet, und als er von ſeinem Diener vernommen, daß der Graf mit Starozza in ſeinem Arbeitscabinet ſei, ging er leiſe die Treppe hinunter, ſchlüpfte aus dem Hauſe, lief die Straße hinab, trat bei einem Conditor ein, wo er haſtig eine Taſſe Kaffee trank, und begab ſich dann raſch nach der Stadtgegend, in welcher der Kunſthändler wohnte, dem er die Zeichnungen über⸗ 96 geben, die er ſo voreilig für ſein Eigenthum gehal⸗ ten hatte. 4 Wenn er aber der Meinung war, dieſen Morgen⸗ ſpaziergang unbemerkt unternommen zu haben, ſo war er in einer argen Täuſchung befangen, denn ſo⸗ wohl dieſer, wie jeder ſeiner früheren Ausgänge wurde von einem vom Kammerdiener des Grafen gedunge⸗ nen Aufpaſſer auf jedem Schritte verfolgt. Dieſer wartete, bis er die Conditorei verließ und blieb auch dann noch einige Augenblicke vor dem Kunſtladen ſtehen, die ſchönen Stiche betrachtend, die an ſeinem Schaufenſter hingen. Fünf Minuten aber, nachdem der Baron wieder nach Hauſe gekommen war, wußte auch Starozza, was er wiſſen wollte, und ein einzi⸗ ges Wort genügte, ſeinen Herrn von ſeiner neueſten Erfahrung in Kenntniß zu ſetzen. Alfred von Brandau trat alſo bei dem Kunſthänd⸗ ler ein. Der Herr befand ſich ſelber noch nicht im Geſchäft. Der Baron forderte daher den anweſenden Commis auf, ihm ſeine dem Herrn... überlieferten Federzeichnungen auszuhändigen, da er beabſichtige, ſie anderwärts zu verkaufen. AèAch, die ſchönen Federzeichnungen!“ ſagte der Commis, noch gähnend, denn er war eben erſt aus ſeiner Schlaffammer in den Laden getreten.„Ja — ¼ 97 — ich glaube, ich glaube— aber ich weiß es frei⸗ lich nicht beſtimmt, die ſind geſtern Abend ſpät ver⸗ kauft.“ Alfred wußte nicht, ob er erfreut oder betrübt über dieſen ſchnellen Verkauf ſein ſollte, daher machte er ein verwundertes Geſicht und ſchien die einfache Aeußerung des Commis nicht begreifen zu können. „Soll ich vielleicht den Herrn ſelber benachrichti⸗ gen?“ fragte dieſer. „Ja, thun Sie das, aber raſch.“ Während der Commis einen Diener in das obere Stockwerk ſandte, wo ſein Herr wohnte, und dieſer ſich zum Erſcheinen im Laden ankleidete, ging der Baron in letzterem unruhig auf und nieder. Endlich erſchien der Erwartete. Sobald er des Barons an⸗ ſichtig wurde, rief er freudig: „Ah, mein Herr Baron, unſer Geſchäft wäre glück⸗ lich gemacht!“ „Wie, es iſt gemacht? Ich wollte aber, es wäre nicht gemacht. Ich ſtand eben im Begriff, Sie zu bitten, mir meine Zeichnungen wiederzugeben.“ Der Kaufmann ließ ein ſehr verblüfftes Geſicht ſehen.„Das bedauere ich ſehr,“ ſagte er langſam und mit der Miene eines Delinquenten,„das iſt Baron Brandau. II. 7 98 nicht mehr möglich. Ihr Auftrag lautete zu beſtimmt auf den Verkauf.“ „Aber wer hat ſie gekauft?“ fragte der Baron unruhig. „Auch damit kann ich nicht dienen. Geſtern Mor⸗ gen kam ein Herr hierher, den ich nicht kannte, auch noch nie geſehen habe, und ſuchte ſich eins von den Blättern aus.“ „Nur Eins? Wo blieben die anderen?“ „Die holte noch geſtern Abend ſpät ebenfalls ein Unbekannter, der geradezu fragte, ob mir nicht gute Federzeichnungen zum Verkaufe angeboten ſeien?“ Der Baron ſtand wie gelähmt vor dem Kauf⸗ mann, der dies Alles mit unglaublicher Ruhe vor⸗ brachte.„Wie war denn dies Letztere möglich?“ dachte er.„Ach ja, ſo konnte es ſein. Der erſte Käufer vom Morgen hatte wahrſcheinlich einem zwei⸗ ten Liebhaber oder Kenner ſeinen Kauf und zugleich die Quelle, wo noch andere Zeichnungen zu finden, mitgetheilt. Der wollte ſich dieſelben nun nicht ent⸗ gehen laſſen und ſo kaufte er ſie noch ſchnell am Abend. Dies bedenkend, vergaß der Baron ſogar nach dem erhaltenen Preiſe zu fragen. Erſt der Händler erinnerte ihn daran, indem er beſcheiden fragte: V V —— 99 „Sie werden wahrſcheinlich wiſſen wollen, wie theuer ſie verkauft ſind?“ „Ja— das moöchte ich wohl wiſſen!“ rief Al⸗ fred aus ſeinen Träumen erwachend. „Der Herr geſtern Morgen hat mit mir arg ge⸗ handelt“, ſagte er,„ich habe nur zwanzig Louisd'or dafür erhalten.“ „Zwanzig Louisd'or!“ rief beinahe erſchrocken der Baron. Der Kaufmann zuckte die Achſeln.„Das ſcheint mir ein hoher Preis zu ſein.“ „Ich bitte Sie, das eine war wenigſtens zwei⸗ hundert Pfund Sterling werth.“ „Ja, freilich, mein Herr, für den Liebhaber, den Sammler, vielleicht eine fürſtliche Perſon oder einen engliſchen Lord— aber bei uns zahlt man ſo viel nicht.“ „Aber die anderen?“ fragte der Baron, in ſei⸗ nen Erwartungen bedeutend herabgeſtimmt. „Ja, das war merkwürdig. Der Herr am Abend ſchien es ſehr eilig zu haben; er fürchtete offenbar, daß ihm ein Anderer zuvorkäme. Er zahlte ohne Handel dreißig Louisd'or für das Stück.“ „Das macht alſo im Ganzen?“ fragte Nind. etwas aufgeheitert. „Das macht hundertundvierzig Louisd'or.— Und hier ſind ſie.“ Der Kunſthändler trat an einen eiſernen Geld⸗ ſchrank, öffnete ihn und zählte die klingenden Gold⸗ ſtücke auf einen Marmortiſch.„Eine ganz hübſche Summe für fünf Blätter Papier!“ dachte der hab⸗ ſüchtige Baron.„Schade, daß ich nicht die ganze Mappe des Grafen zu verkaufen habe.“ Der Händler war mit dem Aufzählen des Goldes fertig. Der Baron zählte vorſichtig nach, ſtrich dann das Geld zuſammen und ſteckte es in die Taſche. Der Händler ſah ihn groß an. Schon verbeugte ſich der Baron, um ſich ſchleunigſt zu entfernen. „Ja, aber— Sie entſchuldigen, Herr Baron,“ ſagte jener, einen Schritt näher tretend—„Sie ha⸗ ben die ganze Summe eingeſteckt—“ „Nun ja, freilich— warum denn nicht?“ „Ich habe ja noch nicht meine Gebühren für den Verkauf erhalten.“ „Gebühren? Ach ſo! Ich dachte, Sie hätten ſchon vorweg Ihren Gewinnſt in Sicherheit gebracht,“ ſagte der Baron grob und nahm innerhalb der Taſche mit zwei Fingern wieder ein Goldſtück auf.„Wie hoch belaufen ſich Ihre Gebühren?“ V 101 8 „Zehn Louisd'or, Herr Baron!“ 2 „Was! Sie ſcherzen! Das iſt ja ein halbes Bild—“ „Eine halbe Federzeichnung wenigſtens. Aber das iſt meine Taxe.“ Baron Alfred von Brandau, der ſich geſchämt hätte, wenn ihn in dieſem Augenblick ſein alter braver Vater, der tadelloſe Edelmann, geſehen, ſchämte ſich vor dem Kaufmann, den er für weiter Nichts als einen gemeinen Krämer hielt, nicht im Geringſten. Er nahm langſam zehn Goldſtücke, warf ſie auf den Tiſch und verließ den Laden, ohne ein Wort zu ſagen, nur ein unverſtändliches Brummen von ſich gebend. Der Händler aber lächelte auf eine gewiſſe feine Art hinter ihm her und ſtrich ſeine Gebühren ein. Ohne Zweifel hatte er ein beſſeres Geſchäft als der Herr Baron ſelber gemacht. Als Alfred nach Hauſe kam, etwas langſamer zurückkehrend, als er fortgegangen war, denn er hatte wohl zu überlegen, wie er ſeinem Freunde gegenüber den Verluſt der ſo eifrig zurückbegehrten Zeichnungen entſchuldigen ſollte— als er, ſagen wir, nach Hauſe kam und über den gemeinſchaftlichen Flur hinter der ſtets verſchloſſenen Treppenthür nach ſeinem Zimmer 1⁰² ging, begegnete ihm der Kammerdiener ſeines Freundes. Dieſer hatte den hochmüthigen Baron, der ihn wie einen gemeinen Lakaien behandelte, niemals leiden können, ſeit einiger Zeit aber hatte er offenbar einen grimmigen und leiſe im Stillen fortwuchernden Haß auf ihn geworfen. Auch heute verkniff er ſeinen Groll nicht im Geringſten, ſondern ſchleuderte ihm einen Seitenblick zu, der den Baron auf etwas Ernſtlicheres hätte aufmerkſam machen müſſen, wenn er ihn be⸗ merkt und richtig gewürdigt hätte. „Iſt der Herr Graf noch im Arbeitscabinet?“ fragte der Baron den Diener mit dem ſteifen und kalten Tone, in welchem er ſeine Untergebenen ge⸗ wöhnlich anzureden pflegte. „Ja!“ grollte der Kammerdiener und wollte an dem Baron vorbei in irgend ein Zimmer ſeines Herrn ſchlüpfen. Der Baron befand ſich in Aufregung, nicht über den Diener, ſondern über etwas Anderes, jener gab ihm nur Gelegenheit, dieſe Aufregung von Neuem zu fühlen und auszulaſſen, und bei ſeinem heftigen Temperament ſteigerte ſich ſein Zorn immer durch ſich ſelbſt am höchſten.„Seit wann ſtehſt Du nicht mehr ſtill, wenn ich mit Dir zu reden habe?“ fuhr er ihn grob und heftig an. ——-— 103 Der Kammerdiener blieb wie verblüfft auf ſeinem Wege ſtehen, ſchaute ſich nach dem Baron verwundert um und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen, auf eine ſo unverſchämte und kecke Art, daß dieſe Be⸗ dientenmanier, die an und für ſich eine Beleidigung war, ſelbſt ohne Worte dem ſtolzen Edelmanne tief in's Herz ſchneiden mußte. Aber eben, als er ſich emporrichtete, um mit aller ſeiner Heftigkeit den Kammerdiener niederzudonnern, öffnete dieſer ſeinen großen und in der That ſehr gemeinen Mund und ſagte mit ſchneidendem Hohne in jedem Zuge ſeines Geſichts: „Seit wann belieben Sie mich denn zu dutzen? Glauben Sie, daß ich, weil Sie meinen Herrn ſo familiär behandeln, Ihnen dieſelbe Vertraulichkeit ge⸗ ſtatte? Ich verbitte mir Das ſogar von Ihnen für jetzt und künftig.“ Der Baron fuhr wie von einer Schlange geſtochen zurück, blickte ſich rings um, als ſuche er einen Stock oder irgend einen anderen Gegenſtand, den er ergrei⸗ fen und damit auf den Unverſchämten losſtürzen könnte. Aber er fand Nichts in ſeiner Nähe und, wenn er es auch gefunden, der geſchmeidige Dalma⸗ tier hätte ihm nicht die Zeit dazu gelaſſen, es zu ge⸗ brauchen, denn er verſchwand wie ein Aal im Zimmer 104 ſeines Herrn, um dieſem ohne Zweifel die widerfahrene Beleidigung zuerſt zu hinterbringen. Der Baron betrat wuthſchnaubend ſein Zimmer. Dergleichen mußte arg geahndet werden und durfte nicht wieder vorkommen. Er wollte ſeinem Freunde eine Rede halten, die dieſer gewiß nicht unbenutzt der Vergeſſen⸗ heit übergeben würde. Allein der Graf ließ ihm hin⸗ reichend Zeit, ſeinen Grimm zu verkochen, er kam noch lange nicht, und als er endlich kam, hatte er eine Miene angenommen, die den Baron ſchnell ſeinen Vorſatz vergeſſen ließ. Der Graf ſah mehr betrübt und niedergeſchlagen als zornig aus. Sein Blick, ſeine Miene, ſeine ganze Haltung hatte etwas Geknicktes, als würde er von einem tiefen Seelenleiden geplagt. So hatte Alfred ſeinen Freund noch nie geſehen.„Wie, mein Freund,“ empfing er den Grafen, der eben jetzt eine ſeiner Matadorenrollen ſpielte, auf ſeinem Zimmer—„hat Dich der Menſch ſo tief verwundet?“ „Welcher Menſch?“ fragte der Graf, ohne die Augen aufzuſchlagen. „Dein Kammerdiener, der mich tödtlich belei⸗ digt hat.“ „Ach, laß doch dieſe Zänkereien mit Bedienten 105 und dergleichen, wir haben wichtigere Dinge vor uns, mein Freund.— Wo ſind die Federzeich⸗ nungen?“ Letztere, ſchon mit nachdrücklicherer Stimme ge⸗ ſprochene Frage ſchnitt dem Gefragten wie ein Dolch⸗ ſtoß durch's Herz— ſo etwas Eiſiges, Beſtimmtes, Herriſches lag in den kurzen Worten. „Hier iſt eins,“ ſagte er langſam und nahm das für ſeinen Vater zurückbehaltene Blatt aus einem Fache.„Die anderen ſind nicht mehr in meinem Beſitz.“ „Kannſt Du ſie denn nicht wiedererlangen?“ „Nein, ſie ſind von dem Tölpel, dem ich ſie zur Anſicht gegeben, in Folge eines Mißverſtändniſſes an Unbekangte verkauft und hier iſt das Geld dafür— es iſt natürlich Dein!“ „Menſch!“ wollte der Graf mit kaum unterdrück⸗ ter Wuth ausrufen, aber er mäßigte ſich mit Gewalt und ſagte:„Brandau! Wie kannſt Du mich ſo be⸗ trügen?“ „Betrügen?“ fuhr der Baron auf und ſein Ge⸗ ſicht wurde kirſchroth. Der Graf ſah ein Ungewitter vorher, das abge⸗ leitet werden mußte. Für ſo empfindlich hatte er den 106 Baron nicht gehalten. Er nahm ſich zuſammen, wurde aber ſehr blaß dabei.„Verſteh' mich recht,“ erläuterte er mit ſanfterer Stimme,„es war Unrecht, mich nicht Theilnehmer Deines Geſchäfts ſein zu laſſen, wie Du Theilnehmer des meinigen biſt.“ „Theilnehmer biſt Du nicht an dieſem Geſchäft,“ ſagte Alfred noch immer etwas in Hitze,„ich habe es ganz allein für Dich gemacht— für mich verzichte ich darauf. Künftig aber verbitte ich mir Worte, die meinen Stand und meine Ehre beleidigen.“ „Das war nicht meine Abſicht,“ ſagte der Graf matt lächelnd und nahm plötzlich wieder die ſchmerz⸗ erfüllte Miene an, mit der er vorher bei ſeinem Freunde eingetreten war.„Aber wieviel Geld haſt Du denn da?“ 5 8 „Du haſt mir ſechs Zeichnungen gegebea. Eine davon liegt hier. Fünf ſind alſo verkauft. Eins für zwanzig, vier für dreißig Louisd'or. Das macht hundertundvierzig, da ſind ſie, nach Abzug der zehn Louisd'or Gebühren für den Verkäufer.“ „Wieviel hat Dir denn dieſer Verkäufer für die vier letzten gegeben?“ fragte langſam und die Miene des Barons wie ein Spürhund belauernd, der Graf. „Ich ſage Dir es ja— dreißig für das Stück.“ Ueber das ſchon hinreichend düſtere Geſicht des Grafen fuhr ein noch dunklerer Schatten. Er war in Zweifel, wer hier eigentlich der Betrüger ſei, der Ba⸗ ron oder der Kaufmann, denn er wußte beſtimmt, wieviel Louisd'or der letztere dem Fremden, der am Abend die vier Zeichnungen erſtanden, dafür abge⸗ nommen hatte.„Aber es thut Nichts,“ dachte er plötzlich.„Das kommt Alles auf eine Rechnung. Einer wird Alles bezahlen— vorwärts! Spielen wir das Stück zu Ende. Er hat mich nicht mit ſeinem Betruge verſchont, ſchonen wir ihn nun auch nicht mehr, wie Starozza ganz richtig bemerkt.“ „Es iſt gut,“ ſagte er laut und ſetzte ſich ge⸗ dankenvoll auf einen mit Sammt überzogenen Seſſe ſſel. —„Achg Alfred, ich habe Dir ebenfalls eine unan⸗ genehme Nachricht mitzutheilen.“ „Ebenfalls unangenehm? War Dir denn die meine ſo unangenehm?“ 8 „Sehr, mein Freund; der Verluſt dieſer fünf Zeich⸗ nungen iſt mir ſehr ſchmerzlich. Um ſo mehr, da er mich zwingt, Dir einen anderen Verluſt mitzutheilen, den ich Dir bisher aus einem gewiſſen Zartgefühl verborgen habe. Ja, ſieh mich nicht ſo erſtaunt an, es iſt wahr, wir haben einige kleine Verluſte erlitten.“ 108 „Verluſte!“ rief Alfred mit ſtierem Auge, in dem ſich ſein unerſättlicher Gelddurſt unverkennbar malte. „Was und wobei haben wir denn verloren?“ „Geld haben wir verloren, an 10,000 Tha⸗ ler; Dich trifft ein Drittel davon, mich ſogar zwei Drittel.“ „Aber wobei, wobei?“ rief Alfred mit zitternder Stimme. „Ein nichtswürdiger Menſch hat mir ein kleines Gut abgekauft und mich betrogen. Kaum hatte er es, ſo verkaufte er es an einen Dritten, ſteckte die Gelder ein und ging auf und davon, denn er iſt ſelbſt ein Bettler.“ „Bah! Giebt es denn keine Geſetze für ſolchen Be⸗ trug?“ fuhr Alfred aufbrauſend los. „Geſetze!“ ſagte der Graf achſelzuckend.„Woͤllen wir uns bei den Geſetzmachern beſchweren, daß wir ſo wenig ſchlau geweſen ſind, uns von einem Habe⸗ nichts betrügen zu laſſen. Unſere Schuld, mein Lie⸗ ber, unſere Schuld, warum erkundigten wir uns nicht genauer!“ „Erkundigten wir uns— was ſoll das heißen? Ich habe mich ja gar nicht erkundigt— das war Deine Sache, wie Du mir lange und oft genug ſagteſt.“ ——— ſchlechten Erndte. Die Sache iſt unzweifelhaft. So „Allerdings meine; aber die meinige iſt auch die Deinige; wir ſpekuliren gemeinſchaftlich, theilen Ge⸗ winn und Verluſt, und unſere gegenſeitige Ueberein⸗ kunft darin beruht auf Vertrauen, reinem perſönlichen Vertrauen.“ Der Baron riß die Augen weit auf und glotzte den Grafen an. Eine Art Viſion ging an ſeinem inneren Auge vorüber, aber leider zu raſch, um von Wirkung zu ſein.„Wenn Du nun Dein Vertrauen zu blindlings auf dieſen Dalmatier geſetzt?“ hatte ihm dieſe Viſion zugeraunt. Aber der Graf, der etwas dergleichen auf ſeinem Geſichte leſen mochte, denn ſein Auge hatte die Schärfe eines Habichts angenom⸗ men, womit er jede Miene des Barons belauerte, lächelte ſogleich wieder etwas heiterer. „Das thut uns jedoch nichts,“ ſagte er,„das thut uns gar nichts. Solche kleine Verluſte kommen nicht gar ſelten vor. Wir wollen künftig vorſichtiger zu Werke gehen. Wir wollen dafür einen tüchtigen Zug thun, einen wahren Spekulantenzug. Und gerade jetzt iſt die Gelegenheit dazu. Ich kann in drei Wochen an der Börſe an 20,000 Thaler verdienen, wenn ich von einem mir bekannten Engroshändler Getreide kaufe. Die Preiſe ſteigen in Vorausſicht der 110 bringen wir den Verluſt bald wieder doppelt ein. Aber dazu brauche ich Geld, baares Geld. Und Du, Du, mein Freund, mußt mir welches ver⸗ ſchaffen.“ „Ich?“ rief Alfred, innerlich frohlockend, denn er hatte ſchon wieder neue Hoffnung auf größeren Gewinn gefaßt. „Ja, Du. Du mußt Deinen Vater um Voraus⸗ zahlung Deines mütterlichen Erbes ernſtlich angehen. Er hat ja das Geld vorräthig, ſagſt Du, und noch viel mehr. Oder hörte ich neulich falſch, als Du mir erzählteſt, Dein verſchollener älteſter Bruder ſei in der That im Meere umgekommen und Du werdeſt auch ſein Erbe werden?“ Alfred war plötzlich in eine ganz neue Bahn ge⸗ worfen. Der ſchlaue Dalmatier hatte den Tiger in ihm zu feſſeln verſtanden. Er ſann einen Augenblick nach, dann ſagte er:„Das könnte allerdings gelingen. Wann brauchſt Du das Geld?“ „In zwei, ſpäteſtens drei Tagen. Ich muß baar zahlen, denn Getreidekäufe werden nur in Angeſicht des Geldes geſchloſſen.“ „Davon verſtehe ich Nichts. Aber ich will zu meinem Vater. Du haſt Recht.“ „Du mußt zu Deinem Vater. Es iſt dies der einzige Weg. Und ſo raſch wie möglich.“ Alfred glühte vor Eifer. Noch an demſelben Tage, Mittags, reiſte er ab. Wir wiſſen, wie und wann er ſo unerwartet zu ſeinem Vater nach Holzendorf kam, und auch, wie glücklich ſeine Abſicht erreicht wurde, wenn er ſich auch in der Eiſennatur des alten Barons verrechnet hatte, der die Erbſchaft der Mutter erſt an dem Tage an ſeine Söhne auszahlen wollte, an welchem ſie fällig war. Fünſtes Vnpitel. In und nach der Oper. Wie man ſich denken kann, erwartete Graf Zaretta mit großer Spannung die Rückkehr des Barons von ſeiner kurzen Reiſe, und daß Alfred ſich beeilte, ſein ſo 3 brutal errungenes Gut in Sicherheit zu bringen und dem Wolf in den Rachen zu jagen, iſt eben ſo klar. Während ſeiner Abweſenheit hatte ſein Freund wich⸗ tige Unterhaltungen mit ſeinem vertrauten Kammer⸗ diener gepflogen, der, wir ahnen es ſchon lange, in viel vertrauteren Verhältniſſen mit ihm ſtand, als es ſo⸗ gar den Anſchein hatte. Starozza, die Beweggründe ſeines Herrrn würdigend und ſeinen genialen Einge⸗ bungen zu folgen entſchloſſen, hatte gelobt, ſeinen ge⸗ gen den Baron innerlich kochenden Grimm, der ihn wie einen untergeordneten Lakaien behandelte, nicht ſo auffallend blicken zu laſſen wie bisher und dem Freunde 113 ſeines Herrn eine unterwürfigere Miene zu zeigen. Daß es ihm mit dieſem Gelöbniß Ernſt war, davon überzeugte ſich Alfred bei ſeinem erſten Schritt im Hauſe ſeines Freundes. Starozza empfing den Zu⸗ rückkehrenden mit ſüßlicher Miene, die ſogar einen Schein behaglicher Zufriedenheit annahm, als er das glückverheißende Ausſehen des jungen Barons ge⸗ wahrte. Jedenfalls hatte dieſer, wenn nicht die er⸗ warteten oder beabſichtigten, doch gute Erfolge bei ſei⸗ nem Vater erzielt. Er ſah heiter und zufriedenge⸗ ſtellt aus. „Iſt der Graf zu Hauſe?“ war ſein erſtes Wort an den unterthänig ſich verneigenden Kammerdiener. „Er wird ſich freuen, Sie wiederzuſehen, Herr⸗ Baron!“ lautete die ſchmunzelnde Antwort, und Sta rozza öffnete höflich die Thür, die in die Gemächer ſeines Herrn führte. Der Graf lag auf einem Sopha und las einige Zeitungen aufmerkſam und ſogar mit ſichtbarer Span⸗ nung durch. Es war dies in letzter Zeit eine ſeiner hauptſächlichſten Beſchäftigungen geweſen. Er hatte auf alle möglichen Tagesblätter abonnirt und dieſe wurden tagtäglich von einem beſonders damit beauf⸗ tragten Diener von der Poſt geholt. Auch Starozza theilte, beiläufig geſagt, dieſe Leidenſchaft ſeines Herrn, Baron Brandau. II. 8 5 114 wie er viele ſeiner Neigungen theilte, und während dieſer einen Theil der Blätter durchflog, ſpähte er ſelbſt einen anderen derſelben durch. Alſo der Graf lag auf dem Sopha, las eine fran⸗ zöſiſche Zeitung und rauchte eine feine Havannah. Da trat der Baron freudeſtrahlend ein und begrüßte ſeinen Freund ungewöhnlich laut. Dieſer warf die Zeitung ſogleich bei Seite und muſterte mit Kenner⸗ blick Geſicht und Benehmen des Rückkehrenden. Auch er hatte, wie ſein Diener, bald wahrgenommen, daß der Baron Ueberbringer einer frohen Botſchaft ſei. Sein großes Intereſſe daran jedoch meiſterhaft ver⸗ bergend, that er einige unbedeutende Fragen und fing dann plötzlich von der neuen Oper an zu reden, die dieſen Abend zum erſten Male gegeben werden ſollte. Es ſei gewiß, fügte er bei, daß die... ſinge, denn es ſtünde heute in der Zeitung. „Nun, auf meine Ehre!“ rief der Baron verwun⸗ dert aus,„mit ſolchen Albernheiten und Kleinigkei⸗ ten beſchäftigſt du Dich heute? Haſt Du nichts Wich⸗ tigeres zu denken?“ „Ich dächte, der Prophet wäre für uns lebens⸗ luſtige Leute Wichtiges genug. Ich werde die Oper beſuchen und Du hoffentlich auch.“ „Meinetwegen, ja, wenn es ſein muß. Aber wie, V V 115 Du fragſt nicht nach dem Erfolge meiner Reiſe?“ ſetzte er hinzu, beinahe betrübt über die Gleichgültigkeit ſei⸗ nes Freundes. „Nein,“ erwiderte der Graf mit großer Würde und augenblicklich ſich entwickelndem Ernſte.„Ich frage nicht; denn ich bin ein ſo vollkommener Men⸗ ſchenkenner und Geſchäftsmann, daß ich Dir ſchon den Erfolg Deiner Reiſe an der Stimme angehört habe, als Du noch auf der Treppe warſt.“ „Alſo Du vermutheſt—“ „Ich weiß, daß Du ein glückliches Reſultat er⸗ zielt haſt.“ 2* „Ja, aber die Erbſchaft wird nicht vor dem Au⸗ guſt ausgezahlt.“ Die Miene des Grafen verfinſterte ſich, wie die ſtrahlende Sonne ſogar durch ein kleines Wölkchen getrübt werden kann. Er ſagte freilich nichts, aber ſein Auge fragte deutlich genug:„Narr, worüber frohlockſt Du denn?“ „Ich habe jedoch eine hübſche Summe geſchenks⸗ weiſe von meinem Vater erhalten,“ fuhr Alfred fort. „Er hatte gerade geſtern 22,000 Thaler von der Ei⸗ ſenbahngeſellſchaft für Abtretung eines Stück Landes ausgezahlt erhalten, was ich ſchon unterwegs in der Nähe des Gutes erfuhr.“ 8* 116 Des Grafen Auge nahm wieder einen wahren Sonnenblick an, die kleine Wolke war vorübergezo⸗ gen.„Du haſt einen vortrefflichen Vater,“ ſagte er mit einem Tone, wie nur ein Prediger auf der Kan⸗ zel ihn haben kann. „Ja— und hier iſt das Geld, ſieh— ſind die Scheine gut?“ Der Graf nahm die auf den Tiſch geworfenen Scheine auf, überflog ſie mit prüfendem Auge und lächelte befriedigt.„Gewiß,“ ſagte er,„das iſt kö⸗ nigliches Papier.“ „Das meine ich auch.“ „Wollen wir gleich das bewußte Geſchäft ab⸗ ſchließen?“ „Sogleich? Ich denke, das geſchieht an der Börſe?“ „Allerdings, da iſt es wenigſtens contrahirt. Der Händler aber, mit dem ſch wegen der Lieferungen ab. geſchloſſen, wartet jeden Augenblick auf die Zah⸗ lung— das Geſchäft könnte ſonſt in andere Hände übergehen.“ „Dann laß uns eilen.“ „Wie hoch gehſt Du mit?“ Ertt muß ich doch wiſſen, wie hoch Du Dich ſel⸗ ber betheiligſt— 117 „Das iſt richtig. Ich zahle beim erſten Termine 10,000 Thaler. Ich brauche noch 5000.“ „5000!“ ſagte der Baron nachdenklich.„Gut— da ſind ſie. Gieb mir eine Beſcheinigung darüber.“ Der Graf klingelte. Der Kammerdiener trat ein. Anſtatt aber ſein Auge auf ſeinen Herrn und deſſen Begehren zu richten, funkelte es ſogleich die wahrge⸗ nommenen Papiere an, blickte befriedigt und wandte ſich dann erſt fragend auf ſeinen Herrn. „Gieb mir Stempelpapier, Starozza, Tinte und Feder!“ Der Kammerdiener, wie eine Katze über den Tep⸗ pich gleitend, ſchloß die Thür des Arbeitscabinets auf, ging in daſſelbe hinein und kam bald darauf wieder mit dem Verlangten heraus, worauf er ſich ſo⸗ gleich wieder entfernte. Der Graf nahm die Feder, tauchte ſie in das vorgeſetzte Tintenfaß und ſchien ſich zu beſinnen, was er ſchreiben ſolle. Aber er beſann ich nicht auf das Was, ſondern allein auf das Wie. Endlich ſchrieb er mit ſeiner immer ſchönen Handſchrift einige Reihen, welche beſagten, daß Graf Zaretta von dem Baron Alfred von Brandau 5000 Thaler behufs des und des Geſchäfts empfangen habe. Als er ſeinen Namen darunter geſetzt, reichte er Alfred das noch naſſe Papier hin. 118 „Gut,“ ſagte dieſer, die glänzenden Zeilen über⸗ fliegend,„das wäre abgemacht!“ „Willſt Du das Papier zu den übrigen in meinen eiſernen Schrank legen?“ fragte gleichgültig der Graf. „Das hat Zeit, nachher!“ warf der Baron hin, während er ſich eine von den vor ihm liegenden Ci⸗ garren anzündete.„Doch ja,“ ſagte er plötzlich,„wir wollen es thun. Sicherer iſt beſſer.“ „Du haſt auch noch andere Werthpapiere in Dei⸗ nem Zimmer,“ bemerkte der Graf.„Du ſollteſt ſie mir lieber alle geben— dort drinnen ſind ſie gegen Feuer und Diebſtahl geſichert.“ „Ich habe jetzt keine Luſt, auf mein Zimmer zu gehen— ich kann es nachher thun.“ Der Graf ſtand auf, nahm den Schein und das auf dem Tiſche liegende Geld, ſteckte letzteres in eine Brieftafel, die er ſtets in einer ledernen Taſche im Innern ſeiner Weſte trug, und begab ſich dann an ſeinen Geldſchrank, wo er den Schein in ein beſon⸗ deres, mit der Aufſchrift:„Alfred von Brandau's Eigenthum“ bezeichnetes Fach legte. Dann ließ er ſich zum Ausgehen ankleiden, forderte ſeinen Freund zum Mitgehen auf und begab ſich in eine ziemlich abgelegene Straße, wo der erwähnte Getreidehändler wohnen ſollte. Hier ward er anf ſeine Frage an 119 einen Mann gewieſen, der ihn in ein Gartenzimmer führte, wo man einen ältlichen Herrn fand, der be⸗ haglich ſeine Pfeife rauchte. Als er den Grafen mit ſeinem Begleiter eintreten ſah, verbeugte er ſich tief, ſtellte die Pfeife in eine Ecke und fragte, ob der gnä⸗ dige Herr noch entſchloſſen ſei, das verabredete Ge⸗ ſchäft abzuſchließen? Der Graf bejahte; der Fremde ſtellte ihm einen Schein aus und Jener zahlte 15,000 Thaler in großen Geldſcheinen auf den Tiſch, die er aus ſeiner Brieftaſche zog. „Wann können wir auf den Verkauf rechnen?“ fragte der Graf mit Bedeutung. „In vierzehn Tagen bis drei Wochen.“ „Und Sie halten feſt an der Ueberzeugung, daß die Preiſe ſteigen?“ „Unbezweifelt, Herr Graf.“ „So empfehle ich mich Ihnen!“— Deerr Graf ergriff Alfred's Arm, kehrte auf die Straße zurück und ſagte wie zu ſich ſelbſt lächelnd: „Nun erſt iſt das Geſchäft gemacht. Zehn Procent wären unſer!“ „Das macht für mich 500 Thaler. Eine verteu⸗ felt kleine Summe!“ „Du wagſt auch nicht viel dabei.“ „Teufel! Sind 5000 Thaler nicht viel?“ 120 „Ein wahres Sparbüchſengeld eines Knaben. Ich habe einen ganz anderen Coup vor.“ Der Baron horchte mit Spannung.„Was iſt das für einer?“ fragte er mit beinahe zitternder Stimme, denn ſeine Leidenſchaft flammte bei dieſen Worten lichterloh auf. „Heute ſprechen wir noch nicht davon; erſt müſſen die Getreidevorräthe, die ich auf Lager habe, verkauft ſein.— Wollen wir zur Abwechſelung im Café Royal ſpeiſen?“ „Ich bin es zufrieden.“ Und ſie ſpeiſten im Café Royal und blieben beim Champagner ſitzen, bis es Zeit war, ſich zur Oper anzukleiden. Sie mußten in einem Mietheabriolet nach Hauſe fahren, denn der Baron hatte vor Freude über das neue Geſchäft etwas ſtark getrunken. Hier ließ er ſich raſch umkleiden, trank eine Flaſche Soda⸗ waſſer und ſtieg dann in den bereitgehaltenen Wagen, um in die Oper zu fahren, der auch Herr Starozza beizuwohnen ſich beim Grafen in Gegenwart des Ba⸗ rons die Erlaubniß ausgebeten hatte.—. Meyerbeers Prophet ward zum erſten Male in der Reſidenz gegeben. Das große Opernhaus war von unten bis an die Decke mit Menſchen gefüllt; Kopf an Kopf gedrückt ſaßen ſie da, voller Spannung, 121 das Werk des modernen Tondichters, das von Paris aus die Runde durch die Welt machte, mit Auge und Ohr zu genießen. Graf Zaretta und Baron Bran⸗ dau ſaßen auf ihren gewöhnlichen Plätzen in der Fremdenloge. Man war an das Ende des zweiten Aktes gelangt, als ſich plötzlich ein kreiſchender Hülfe⸗ ruf oder Nothſchrei in dem dichtgedrängten Parterre hören ließ. Alles wandte entſetzt die Blicke dahin. Schon glaubte man, es ſei ein Unglück geſchehen, Feuer ausgebrochen oder ein Menſch erdrückt. Auch aus der Fremdenloge bückte ſich ein theilnehmendes Antlitz weit vor und ſchaute wiederholt hernieder; es war der Graf Zaretta, der lebhaft erſchrocken ſchien, um ſo mehr, da er, wie er ſogleich ſeinem Nachbar erzählte, ſchon einmal in einem Theater zu ⸗Neapel gegenwärtig geweſen ſei, als die eingeſtürzte Decke eine Menge Menſchen unter ihren Trümmern begra⸗ ben habe.— Als man ſich aber vergewiſſert, daß dem nur einmal ausgeſtoßenen Schrei kein weiterer folgte, überhaupt kein beſonderes Ereigniß damit ver⸗ knüpft war, beruhigte man ſich wieder, zumal man in Erfahrung brachte, daß die mit der öffentlichen Sicherheit betraute Polizeimannſchaft an Ort und Stelle merklich thätig war. Nur der Graf Zaretta, den die übermäßig ſtarke und keineswegs feinkünſtle⸗ 8 122 riſche Muſik nervös aufgeregt haben mochte, blieb den Abend über in einer auffallenden Zerſtreutheit, von der er ſich erſt erholte, als er beim Austritt aus dem Opernhauſe ſeinen Kammerdiener, der beiden Herren Mäntel über dem Arme, auf dem Corridor ſtehen ſah. Starozza ſelbſt ſah außerordentlich bleich und abgeſpannt aus, als hätte er ſich wie ſein Herr über irgend Etwas entſetzt; ſobald er aber des Grafen an⸗ ſichtig wurde, lächelte er und warf ihm dabei einen Blick zu, den nur dieſer allein richtig zu deuten verſtand. „Was war das für ein Schrei im Parterre?“ fragte der Graf beim Einſteigen in den Wagen ſeinen ſchweigenden Diener. „Ein Taſchendieb hatte an verſchiedenen Perſonen ſeine Kunſtfertigkeit entwickelt,“ erklärte dieſer raſch, die Wagenthür in der Hand haltend. „Hat man ihn erwiſcht?“ fügte der Baron hinzu. „Ja, ich glaube, man hat einen Verdächtigen ge⸗ faßt und fortgeführt,“ erwiderte abermals lächelnd der Gefragte. „Vorwärts!“ rief der Dalmatier mit dem Aus⸗ druck der Befriedigung, und alsbald rollte die Geſell⸗ ſchaftskutſche des Grafen nach ſeinem glänzenden Hauſe. 123 Als man die Treppe erſtiegen hatte, ließen ſich nicht, wie es hergebrachte Ordnung war, zwei oder drei Diener blicken, was allein dem Baron aufzufal⸗ len ſchien, dem in dieſer Beziehung nicht Ehre genug erwieſen werden konnte. Erſt als man ſich oben auf dem Flure hinter der von Starozza geöffneten Glas⸗ thüre befand, kamen ſie, unter ihnen auch der Diener des Barons, ihren Herren nachgeſtürzt, denn die lie⸗ ben Bedienten hatten die Abweſenheit derſelben be⸗ nutzt, um ſich ein wenig Freiheit zu gönnen, waren aber, in der Hoffnung, daß die Oper länger dauern würde, etwas zu ſpät zurückgekehrt. Das hätte nun weiter nichts zu ſagen gehabt, wenn damit nicht ein eigener Unfall verbunden geweſen wäre. Denn als der Graf und der Baron zugleich an ihre Thüre tra⸗ ten, um ſie mit ihren Schlüſſeln, die ſie ſtets in der Taſche trugen, aufzuſchließen, vermochten ſie mit den⸗ ſelben kein Schloß zu öffnen. Die Diener traten hel⸗ fend näher, aber auch das erzielte kein Reſultat. „Was iſt das?“ rief der Graf beſtürzt. „Es iſt offenbar ein Dieb an der Thür geweſen!“ ergänzte der Baron. So verhielt es ſich denn auch. Ein n herbeigeruener Schloſſer öffnete mit vieler Mühe die Thüren und da entdeckte man in den Zimmern, ſowohl des Grafen 124 wie des Barons, eine arge Verwüſtung. Alle Schränke waren erbrochen, der Inhalt auf dem Boden umher⸗ geſtreut und das etwa Werthvolle und Brauchbare entwendet. Am meiſten gefaßt bei dieſem Unheil zeigte ſicc noch der Graf, der Baron dagegen tobte bald, bald winſelte er wie ein Wahnſinniger auf und nie⸗ der, denn ihm war nicht allein ſein baares, theils ſo ſorgſam aufgeſpartes, theils vor wenigen Tagen erſt vom Vater geſchenktes Geld, ſondern auch ſeine koſt⸗ baren Papiere geſtohlen, die ihm als Theilnehmer an den glänzenden Geſchäften des Grafen bezeichneten und die Summe berechnet enthielten, die er ſeit Mo⸗ naten in dieſe Geſchäfte geſteckt hatte. Wie ein Wü⸗ thender durchlief er das ganze Haus und ſchrie nach der Polizei, die ihm ſeine Papiere und ſein Geld wiederſchaffen müſſe. Der Graf vergaß über den Schmerz des Freundes faſt den eigenen und ſuchte ihn mit den herzlichſten Worten zu beruhigen.„Wie hoch beläuft ſich im Ganzen die Summe, die Du ver⸗ loren haſt?“ fragte er. „Was weiß ich das jetzt!“ brüllte der beſtohlene Geizhalz.„Wenn man ſein ganzes Vermögen ver⸗ liert, rechnet man nicht die einzelnen Pfennige zu⸗ ſammen— ich habe Alles verloren und das iſt mehr als ich verſchmerzen kann!“ 125 „Du armer Schelm! Aber bis auf das Baare und meine Papiere iſt es mir nicht beſſer ergangen. Mir haben ſie alle meine Juwelen und Ringe ge⸗ ſtohlen, die nicht im Eiſenſchrank lagen.“ „Ha, der Eiſenſchrank!— Iſt der unverſehrt?“ Man lief ſogleich dahin und öffnete ihn. An ihn hatte ſich natürlich kein Dieb gewagt, wohl wiſſend, daß dieſe Schränke einem gewöhnlichen Spitzbuben unzugänglich ſind. 8: hätteſt Du doch meinen Rath befolgt!“ ſeuf fte der Graf. Der Baron ſchlug ſich vor die Stirn, daß ſie roth ward. Er hatte keine Worte mehr. Der Aerger, die Wuth über die nie erlebte Frechheit der Diebe und der Kummer über den unerhörten Verluſt erſtickten ihn beinahe. Aber es war nicht zu ändern. Der Diebſtahl war einmal geſchehen. Ein herbeige⸗ holter Polizeibeamter nahm Alles zu Protokoll und die Unterſuchung ward eingeleitee. Wie man aber auch päter forſchte und ſuchte, es fand ſich weder der Dieb, noch irgend eins der geſtohlenen Papiere⸗ und Kleinodien wieder. Der Baron war in Verzweiflung. Er lag im Bette, fiebernd und phantaſirend. Zwei berühmte Aerzte wurden erbeigehalh und erklärten ihn in Ge⸗ fahr. Acht Tage dauerte ſeine geiſtige Erſchütterung 126 da erſt trat die Wendung zur Geneſung ein. Mit ſeinen langſam zunehmenden Kräften war auch die Ruhe wieder in ſein Gemüth zurückgekehrt. Der Graf wich weder Tag noch Nacht von ſeinem Bette. Er hielt mit liebevoller Innigkeit ſein Auge ſtets auf den Kranken geheftet. Seine Sorgfalt kannte keine Gränzen. Er ſcheute keine Koſten, das Leben des Freundes zu erhalten und ihm für ſeinen Zuſtand heilſame Dinge anzuſchaffen. Alle Beſuchenden, die in dieſer Zeit ſehr zahlreich kamen, um ſich nach dem Befinden des Barons zu erkundigen, waren entzüͤckt, als ſie die Aufopferungen des liebenswürdigen Gra⸗ fen bemerkten. Nur in den Augen des Kammerdie⸗ ners brannte eine unheimliche Flamme, wenn er ſei⸗ nen Herrn am Betke des Barons wachen ſah, und mehr als einmal machte er ihn auf ſeine eigene koſt⸗ bare Geſundheit aufmerkſam. 8. Endlich, nach drei Wochen erſt, war Alfred voll⸗ kommen geneſen. Der Graf fuhr ihn ſelbſt alle Tage zweimal ſpazieren. Am dritten Tage rollte zufällig der Wagen an der Straße vorüber, in welcher der Graf und ſein Freund vor einigen Wochen den Han⸗ delsmann aufgeſucht, dem ſie das Getreide abgekauft hatten. Als der Baron dasgHaus deſſelben ſah, bat er ſeinen Freund, den Wage halten laſſen. Der * — 124 Sinn für Geſchäfte war mit neuer und ſtärkerer Ge⸗ walt in ihm erwacht, denn von nun an mußten große Gewinne gemacht werden, um die erlittenen Verluſte wieder zu decken. „Mein Freund,“ ſagte warm der Graf, während der Wagen ſchon hielt,„was fällt Dir ein, was be⸗ abſichtigſt Du?“ „Komm, laß uns ausſteigen und den Mann auf⸗ 8 g ſuchen, dem wir unſer Geld gegeben.“ „Halt ein,“ ſagte der Graf mit ergriffener Miene, „laß es heute ſein, ich muß Dich erſt vorbereiten auf den neuen Schlag, der uns betroffen und der mir ſchon während Deiner Krankheit zu Ohren gekommen iſt. Jetzt biſt Du noch zu ſchwach d dazu.“ 3 „Wie,“ rief der Baron, bleich wie eine Leiche wer⸗ dend,„ein neues Unglück? Was meinſt Du damit? Ich bin ſtark genug um Alles hören und ertragen zu können.“ „Es iſt alſo Dein Wille,“ ſagte der Graf reſignirt, —„Gott ſchütze Dich! Wohlan, ſo komm!“ Man ſtieg aus und eilte in das Haus, der Baron dem ihm langſamer folgenden Grafen immer um ſechs Schritte voraus. Man trat in den Hof, wo der Hausbeſitzer wohnte, der die Herren bei ihrem erſten Beſuche zu dem Handelsmanne geführt hatte. Er war 128 zu Hauſe.„Wo iſt der Mann, der—“ ſchrie ihm der Baron entgegen. „Wie, meine Herren, Sie wiſſen noch nicht?“ un⸗ terbrach ihn der Angeredete erſchrocken—„ich war ja bei Ihnen, Herr Graf, vor etwa drei Wochen“— „Ich weiß, ich weiß,“ beſchwichtigte dieſer— ich weiß allerdings Alles— aber dieſer Herr weiß es noch nicht.“ „Ach Gott, Herr,“ wandte ſich jetzt der wirklich ehrliche Hausbeſitzer an den Baron,„der Herr, der da hinten im Gartenhauſe wohnte, war ein Schwindler, ein Betrüger, ohne daß ich es wußte. Er iſt mir ſelbſt die Miethe ſchuldig geblieben und auf und da⸗ von gegangen, noch an demſelben Abend, als Sie ihm die Ehre Ihres Beſuches erzeigt.“ Der Baron ſtarrte regungslos bald den Grafen, bald den Vermiether des Gartenhäuschens an. Er hatte die Sprache verloren. Man begab ſich langſam in den Garten, fand den Saal leer, und erſt die nackten Wände belehrten den Baron, daß hier kein Menſch wohne, der ihm irgend eine Auskunft über den Vermißten geben könne. „Du haſt Dir dieſe übereilte Entdeckung ſelbſt zu⸗ zuſchreiben,“ ſagte der Graf ſalbungsvoll zu ſeinem Freunde.„Wiſſe alſo, auch jene 15,000, Thaler ſind 129 verloren, die wir hier ausgezahlt haben. Das, was er mir zeigte, gehörte einem Andern— es war ein reines Schwindelgeſchäft.“ Dem Baron ſchwindelte es ſelbſt vor den Augen. Man mußte ihn in den Wagen zurücktragen. Er ver⸗ fiel von Neuem in ſeine eben erſt überſtandene Krank⸗ heit. Vierzehn Tage ſchwebte er am Rande des Gra⸗ bes, dann erſt erwachte er wieder zum Bewußtſein ſeines unerhörten Mißgeſchicks. Acht Tage ſpäter aber war es den Bemühun⸗ gen des Grafen gelungen, den Baron wieder aufzu⸗ richten. Da es Letzterem an Geld fehlte, ſo half ihm der Graf brüderlich mit dem ſeinigen aus, indem er ihn vertröſtete, die bevorſtehende Erbſchaft werde Alles wieder in's Geleiſe bringen und die erlittenen Verluſte müßten durch um ſo größere Gewinnſte gedeckt werden. Dies war aber auch der einzige Troſt, die einzige Hoffnung, die den moraliſch wie phyſiſch vernichteten Baron aufrecht erhielt. Keines andern Beiſtandes ſich bewußt, als deſſen ſeines Freundes, des Grafen Za⸗ retta, Niemanden liebend, Niemandem vertrauend, ja Alles, was außerhalb ſeines Standes lag, als eiwas Gemeines, ihm nicht Ebenbürtiges verachtend, konnte es nicht anders ſein, als daß der mit ſo wenigen Naturgaben bedachte Mann, um ſo hülfloſer, weil er Baron Brand l. II. 130 ohne alle gründliche Kenntniß irgend einer Sache war, blindlings in das Verderben rannte, deſſen Thor und Thür ſein treuer Freund ihm weit geöffnet hatte. Und wie denn nie ein Unglück allein kommt, wenn der von Gott verlaſſene und allein ſeinen Leidenſchaften fröhnende Menſch allen höheren Halt verloren hat, ſo rüttelte ſich Alfred von Brandau aus ſeiner ſtillen Verzweiflung durch den Entſchluß auf, ſeine traurige Gemüthsſtimmung, ſeine phyſiſche Erſchlaffung durch den Genuß geiſtiger Getränke verſcheuchen zu wollen. Zu dieſem letzten Entſchluſſe wurde er namentlich durch ſeines Bruders Georg Beiſpiel angefeuert, deſſen Schickſal, wie wir bald ſehen werden, in dieſer Zeit ziemlich parallel mit dem ſeinigen den Abhang des Verderbens hinunterlief. Plötzlich ſchien eine bacchan⸗ tiſche Wuth in den körperlich und geiſtig Siechen ge⸗ fahren zu ſein; er trank, um ſich zu zerſtreuen, zu beleben, um die Zeit todt zu ſchlagen, die leider noch zwiſchen jetzt und dem köſtlichen Tage der Hoffnung lag, der letzten Hoffnung, durch eine gewiſſe, unan- taſtbare Erbſchaft ſein eigener Herr zu werden und, mit der Wiedererlangung der ſo ſehr begehrten äußeren Mittel, alle übrigen Güter des Lebens ſich von Neuem anzueignen. Denn ſo tief war der Unglück⸗ liche ſchon in den Abgrund ſeiner Leidenſchaft ge⸗ » 131 rathen, daß er die Ueberzeugung für unumſtößlich hielt: der alleinige, ohne Arbeit und Mühe erlangte Beſitz ſei hinreichend auf dieſer Welt, dem Menſchen nicht allein die Geſundheit, die Lebensfülle, das gei⸗ ſtige Wohlbefinden, ſondern auch die verlorene Ehre wiederzugeben, die ihm dadurch gekränkt erſchien, daß er ſo dumm geweſen war, ſich von einem Menſchen, der vielleicht nur ein kluger Bauer oder ein gaune⸗ riſcher Krämer war, haben überliſten zu laſſen. So wurden die Tage in ſchläfriger Ermattung, die Nächte in wahnſinniger Schwelgerei hingebracht, und zwiſchen beiden hindurch als einzig übriggeblie⸗ bener Troſt in dieſem Elend zog ſich wie ein goldener Faden die fieberhafte Erwartung des letzten Glücks⸗ tages. Immer unruhiger wurde der elende Menſch, immer aufgeregter, immer bleicher und reizbarer; die letzten acht Nächte ſchlief er faſt gar nicht mehr, er trank nur und freute ſich allein auf das Gefühl, das köſtliche Gefühl, welches er empfinden würde, wenn er ſo glücklich wäre, die ihm von ſeiner verſtorbenen Mutter ſeit ſo langer Zeit ausgeſetzte Summe nun end⸗ lich in Händen halten und die ſeine nennen zu können. Je unruhiger aber der Baron wurde, um ſo gleich⸗ gultiger, kälter zeigte ſich der Graf. Je größer ſeine innere Thätigkeit war— und dieſe wurde zu dieſer 9* 132 Zeit von verſchiedenen wichtigen Dingen in Anſpruch genommen, obgleich wir für jetzt des Zuſammen⸗ hanges wegen nur die eine Richtung derſelben ver⸗ folgen— um ſo ruhiger erſchien er den Blicken des freilich zu Beobachtungen gegenwärtig nicht beſonders geſchickten Barons. Mit einer Bedächtigkeit ohne Gleichen ging er an die Vollführung ſeiner lange vorher ſchlau überlegten Pläne; in ſein geheimes Cabinet kam nur ſein Kammerdiener, mit dem er end⸗ loſe und vertrauliche Geſpräche über alle ſein Leben in der Reſidenz betreffenden Verhältniſſe führte, nur 1 in gewiſſen Stunden trat er bei ſeinem Freunde Alfred ein, den er in der Regel bei der Flaſché fand, zu welcher derſelbe jetzt auch außer der gewöhnlichen Speiſezeit ſeine Zuflucht nahm. Geſellſchaften beſuchte A der Baron um dieſe Zeit gar nicht; er ſchämte ſich unter ſeine Standesgenoſſen und früheren Freunde zu treten, gegen die er einſt ſo hochfahrend und mit dem Gelde klingelnd aufgetreten war und denen er jetzt die Ebbe verbergen wollte, in der er ſich befand, denn ſein Hochmuth war von jener beſonderen und häuñg beobachteten Art, daß er, je ärmer er wirklich war, um ſo hartnäckiger für reich gehalten werden wollte. Nur an einzelnen Abenden in der Woche verſammelte ſich eine auserleſene Schaar unwiderruflich in die Netze des 1 —,— — 133 Grafen verſtrickter Freunde bei Letzterem, zu denen endlich auch Georg von Brandau gehörte, wie wir nachher vernehmen werden,— eine Schaar, die lecker zu ſoupiren liebte und ſich dann den Entzückungen des hohen Spieles überließ, woran der Graf ſchließlich ebenfalls Gefallen gefunden hatte. An dieſem Spiel nahm aber Alfred von Brandau, ſeiner alten Ab⸗ neigung getreu, keinen Antheil, er ſah nur krampf⸗ haft aufgeregt und leidenſchaftlich erhitzt zu, wenn Andere Summen verloren und gewannen, die ihm der Schlüſſel des Paradieſes auf Erden zu ſein ſchienen, indem er dabei nicht bedachte, daß er, wenn nicht größere, doch eben ſo große Summen auf einem an⸗ deren und nicht weniger der höheren Weihe ent⸗ behrenden Altare zum Opfer gebracht hatte. Er er⸗ kannte die Thorheit, den Leichtſinn dieſer wagehalſigen Spieler ſehr wohl, er machte ſich im Stillen Vor⸗ würfe in ihrer Seele, aber er ſelbſt wäre nicht abge⸗ neigt geweſen, wenn er nur Tauſende noch beſeſſen, ſie anderen Tages zur Börſe zu tragen, in der Hoff⸗ nung, damit Zehntauſende zu gewinnen, in Wahr⸗ heit aber ſie ſpurlos in den Taſchen eines durchtrie⸗ benen Gauners verſchwinden zu ſehen, denn daß der Herr Graf Zaretta zu der weitverbreiteten Klaſſe dieſer edlen Herren gehörte, wird der Leſer längſt be⸗ 134 griffen haben, ohne daß es ihm geradezu von uns bewieſen worden iſt. So kam endlich der von allen Seiten ſehnlichſt erwartete fünfundzwanzigſte Geburtstag des Junkers Georg heran, und die Erben ſowohl wie ihre Freunde wußten, daß am Tage darauf das vielbeſprochene Geld ausgezahlt werden ſollte. Alle dabei Be⸗ theiligten hatten lange gefürchtet, der alte Baron werde ſelbſt zur Stadt kommen, die Summen über⸗ geben und ſeinen Söhnen eine Moralpredigt halten, oder aber mit eigenen Augen ſich von ihrer Lebens⸗ weiſe unterrichten, denn ſo ſelbſtändig Beide auch zu leben gewohnt waren und ſo viel Spielraum ihnen der alte Vater darin gelaſſen hatte, ſie hatten doch einen großen Reſpekt vor ihm, denn ſie kannten ſeine Energie und Willensſtärke, wenn er ſich einmal die Ausführung irgend eines Planes in den Kopf geſetzt hatte. Indeſſen legte ſich die Beſorgniß vor ſeinem Erſcheinen wieder, als man durch Georg erfuhr, der es beim Bankier Scheitler erkundet, daß der Baron ſein Gut nicht verlaſſen, vielmehr der Bankier ſelber zu ihm reiſen werde, um ſich die bewußten Gelder und Anweiſungen zu holen. Der Tag nach dem Geburtstage war angebrochen. Graf Zaretta war wie immer früh aufgeſtanden, hatte 135 ſich aber diesmal nicht ſeiner gewohnten Arbeit hin⸗ gegeben, ſondern wandte ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem Baron Alfred zu, der heute ebenfalls mit Tages⸗ anbruch ſein Lager verlaſſen hatte, um ſich zu dem bedeutungsvollen Gange rechtzeitig zu rüſten. Der Graf ließ ihn nicht aus dem Auge, ſondern machte ſich ſogar während des Ankleidens in ſeiner Nähe etwas zu ſchaffen, um ſeine Beobachtung bis auf den letzten Moment fortzuſetzen und ſeinen ihm bekannten Einfluß auf den umſponnenen Mann keinen Augen⸗ blick aufhören zu laſſen. Wohl war ihm bewußt, wie leicht der habſüchtige Freund ihm entfremdet werden könne, wenn ein Anderer einen größeren Einfluß auf ihn gewönne; ihn daher mit ſeiner unausgeſetzten Gegen⸗ wart wie mit der Atmoſphäre eines berauſchenden Stoffes, der eine bewältigende Kraft auf Den aus⸗ übt, der ſie athmet, zu umgeben, war für den Augen⸗ blick ſein ganzes und alleiniges Beſtreben. Endlich war Alfred fertig.„Soll ich fahren?“ fragte der üppig gewordene Menſch ſeinen Freund. „Nein,“ erwiderte Dieſer,„ich rathe nicht dazu. Zeige dem Bankier keinen überflüſſigen Luxus in einem Momente, wo er Dir neue Mittel denſelben zu unter⸗ halten in die Hand giebt. Tritt ſogar beſcheiden auf, um ſo günſtiger wird der Eindruck ſein, den Du auf 4 136 den Geldmenſchen hervorbringſt, der zugleich der Ver⸗ traute Deines Vaters iſt.“ „Du bleibſt doch zu Hauſe und erwarteſt mich hier?“ fragte Alfred mit fieberhaft gerötheten Wangen, denn ſeine Ungeduld, ſich des lange erſehnten Schatzes zu bemächtigen, kannte beinahe keine Gränzen mehr. „Natürlich,“ ſagte der Graf mit gleichgültiger Miene,„wenn Du nicht etwa zu lange bleibſt und erſt irgend einen anderen Ort aufſuchſt, um Dein Glück kund zu thun.“ „Ich werde mich hüten! Das Geld wird mir in den Händen brennen, bis ich es in Deinem Schranke ſicher verwahrt ſehe.“ Der Graf lächelte im Herzen, aber ſeine fahle Wange verrieth nicht die geringſte Aufregung oder Freude; im Gegentheil hatte ſein irrendes Auge etwas Schwärmeriſches, Gefühlvolles angenommen.„Das war im Grunde doch ein ſehr geſcheidter Einfall Deiner verſtorbenen Mutter,“ ſagte er, in Verlegenheit, was er augenblicklich ſprechen ſolle, indem er ſich eine Cigarre anbrannte, die vor ihm auf dem Tiſche lag. „Sehr geſcheidt! Ich weiß es ihr noch im Grabe Dank! Ich hätte lange warten können, bis— bis ich auf andere Weiſe zu irgend einer Erbſchaft ge⸗ 137 kommen wäre.— Aber jetzt iſt es Zeit zu gehen, glaube ich. Lebe wohl! Auf Wiederſehen!“ „Lauf, lauf, Du Glücklicher!“ rief ihm der Graf freudig nach.„Aber vergiß Deinen kurzen Athem nicht!“ „Keine Sorge!“ rief Alfred zurück und befand ſich ſchon auf der Treppe. Kaum war er fort, ſo trat Starozza, ſich vor Vergnügen die Hände reibend, lachend in das Zimmer. „Er iſt fort,“ ſagte er,„und bald genug wird er wie⸗ der hier ſein, der Narr!“ „Lache nicht zu früh,“ entgegnete froſtig ſein Herr. „Man iſt bei ſolchen alten Eiſenfreſſern, wie der Herr von Holzendorf iſt, niemals ſicher in ſeinen Combi⸗ nationen. Ich fürchte irgend eine Clauſel, die das Vermögen feſt vor Anker legen wird.“ „Ich durchaus nicht. Und wenn eine exiſtirte, dagegen gäbe es auch noch Mittel.— Sind die Ab⸗ ſchriften und Dokumente fertig?“ „Ja, Alles iſt bereit— und Deine Siegel?“ „Alles, Alles. Soll ich ein gutes Frühſtück be⸗ ſtellen, für den Fall, daß er Appetit mit zurückbringt?“ „Gewiß— und guten alten Wein— vater⸗ ländiſchen— haha! Dieſe Dummköpfe von Brü⸗ dern, haha!“— 9n Serhſtes Bapitel. Das Schickſal des mütterlichen Erbtheils. Wenn der Graf ungeduldig war, den ſo haſtig und hoffnungsvoll enteilten Baron wieder zurückkehren zu ſehen, ſo wurde ſeine Geduld heute auf eine harte Probe geſtellt, denn er mußte beinahe drei Stunden harren, bis Alfred zurückkam. Der Bankier Scheitler war in Geldangelegenheiten, namentlich in ſo wichti⸗ gen, ein etwas umſtändlicher Mann und nahm ſich volle Muße, den ihm ertheilten Auftrag unbeſchadet aller Förmlichkeiten zu erfüllen. Er hatte ſich mit vollwichtigen Zeugen verſehen, unter denen der Ad⸗ vokat des alten Barons die Hauptrolle ſpielte. Als die Brüder erſchienen waren, von denen der jüngere in einem prächtigen, mit einem ruſſiſchen Pferde beſpannten Cabriolet vor das Haus gefahren kam, wunderte er ſich nicht wenig über ihr ſeltſam — 6* 1 ihrem Namen und Stande gemäß zu leben, das er⸗ 139 aufgeregtes und dabei körperlich leidendes Ausſehen; als er aber ihre faſt an Gier gränzende Haſt wahr⸗ nahm, ſich ſo bald wie möglich in den Beſitz des Geldes zu ſetzen, ahnte ihm noch viel weniger Gutes. Er konnte jedoch nicht anders, er mußte ſich ſeiner Pflicht entledigen, und ſo that er es wie ein Mann, der ſich in das Unvermeidliche fügt, mit ſchwerem Herzen zwar, denn ihm war es nicht gleichgültig, wie ſich das Schickſal der Familie ſeines alten Freundes, des Barons, geſtaltete, aber mit voller Ueberzeugung, daß das Unheil nothwendig hier ſeinen Gang neh⸗ men müſſe, da es, von ſeiner Seite wenigſtens, auf keine Weiſe aufgehalten werden konnte. Mit einem Worte, er zahlte die Summen, übergab den Brüdern die Schreiben ihres Vaters und fügte aus eigenem Herzen einige wohlmeinende Worte hinzu, die wenig⸗ ſtens Alfred zu hören ſchien. Die beiden Junker wollten ſich darauf mit ihrem Eigenthume entfernen, allein der Bankier bat ſie, die übergebenen Schreiben in ſeiner Gegenwart zu leſen, weil ſo der Befehl lau⸗ tete, der ihm vom Baron auf Holzendorf zugekommen war. Die Brüder öffneten die Schreiben und laſen, ein jeder für ſich, die ernſten, ermahnenden Worte des alten Vaters, mit denen er ſeine Kinder beſchwor, 140 haltene Geld vernünftig zu verwenden und fortan auf keine Unterſtützung von ſeiner Seite mehr zu rech⸗ nen, da er Alles, was er habe thun können, mit Ehren erfüllt habe. Auf den jungen Offizier, zu deſſen genauerer Schil⸗ derung wir ſehr bald übergehen werden, machte das flüchtig geleſene Schreiben gar keinen Eindruck, er be⸗ ſaß nicht mehr die geiſtige Fähigkeit und Spannkraft, küber ſeine Verhältniſſe klar und richtig zu urtheilen — im Gegenſatz zu ihm aber fühlte ſich Alfred, was der Bankier am wenigſten erwartet hatte, tief erſchüt⸗ tert. Scheitler bemerkte dieſen Eindruck und beſchloß ihn zum Beſten der jungen Edelleute zu benutzen. Er erbot ſich, die Summen in Staatspapiere umzu⸗ ſetzen und ſie den Brüdern aufzubewahren, um ihnen auf dieſe Weiſe mit den pünktlich ausgezahlten Zin⸗ ſen einen ſicheren Nutzen zu gewähren. „Ich danke,“ ſagte Georg kalt,„ich bin mein eige⸗ ner Herr von heute an und werde alſo auch mein eigener Bankier ſein. Verletzen Sie mich nicht mit Ihrem Mißtrauen, Herr Scheitler, was ſich deutlich in Ihren von mir unvorhergeſehenen Worten aus⸗ ſpricht. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfeh⸗ len.“— Und fort war er, ohne ſelbſt auf ſeinen Bruder zu warten, der noch bei dem Bankier zurückblieb. 141 „Wieviel Procent geben die Staatspapiere, die Sie mir da anrathen?“ fragte er. Es ſind die beſten, die wir haben. Sie ſichen der Bankier freundlich.„So haben Sie jährlich tau⸗ ſend Thaler ſicher, und außerdem können Sie ſie je⸗ den Augenblick bei mir umtauſchen, wenn Sie ſpäter vielleicht einen größeren Gewinn erzielen wollen, denn 3 ich verpflichte mich aus alter Freundſchaft zu Ihrem Herrn Vater, ſie jeden Tag, wann es auch ſei, zu demſelben Courſe anzunehmen, zu dem ich ſie Ihnen heute übergebe.“ Alfred von Brandau blickte den Bankier, den Ad⸗ vokaten und den dritten Zeugen fragend an, und da er auf ihren ehrlichen Mienen eine vollkommene Ueber⸗ einſtimmung fand, war er bei ſeinem leicht lenkbaren Gemüthe ſehr bald entſchloſſen, dem Rathe des red⸗ lichen Kaufmannes wenigſtens theilweiſe zu folgen. „Von tauſend Thalern aber,“ ſagte er plötzlich, „kann ich nicht leben, wie ich einmal lebe. Ich werde in kurzer Zeit darauf denken müſſen, einen größeren Erwerb zu erzielen und mit meinem Freunde, dem Herrn Grafen Zaretta, Rückſprache darüber nehmen — bis dahin aber bin ich nicht abgeneigt, auf Ihren atſölag einzugehen, inſoweit er die Umwechſelung gerade Pari. Fünf vom Hundert, Herr Baron!“ ſagte 142 des Geldes betrifft, da ich für die Aufbewahrung deſſelben ſelber zu ſorgen gedenke.“„ Der Bankier ſtimmte erfreut bei und das Geſchäft ward ſogleich abgemacht. Der Baron erhielt die be⸗ treffenden Staatspapiere und der Bankier ſchloß das dafür erhaltene Geld in ſeinen Kaſten. Gleich darauf entfernte ſich der Baron und ſchlug den Weg nach Hauſe ein, unterwegs über Alles nachdenkend, was er ſo eben vernommen hatte, Noch nie hatte er ſo viel Geld, wie er jetzt in ſeinen Händen hielt, ſein eigen. genannt, ſeine Freude ging daher mit ſeinem Stolz auf dieſen Beſitz Hand in Hand, und der Wunſch, nicht allein es zu vermehren, ſondern vor allen Din⸗ gen es auch zu erhalten, regte ſich mit ſelten entwickel⸗ ter Kraft und Lebendigkeit in ſeiner Seele. Er hätte aber jetzt unter keinen Umſtänden dieſes Vermögen, welches er in wenigen Papieren in ſeiner Taſche trug, irgend Jemandem, nicht einmal dem Bankier, wie dieſer es vorſchlug, anvertraut, denn ſchon das Be⸗ wußtſein, es zu halten, es jeden Augenblick betrachten zu können, war ein Hochgenuß für dieſen eben ſo habſüchtigen wie geizigen Menſchen. Er faßte daher in ſeiner jetzigen Stimmung einen Entſchluß, von dem er eben ſo wenig kurz vor dem Beſitze des Geldes eine Ahnung gehabt, wie ihn der Graf erwartet hatte, zerlegte. 143 er beſchloß nämlich, das Geld vorläufig nicht aus den Händen zu geben, ſondern es zu behalten und abzuwarten, was ſich damit Erſprießliches thun laſſe. Mit dieſem Vorſatze trat er zu Hauſe ein und be⸗ gab ſich, ſtatt zum Grafen zu gehen, wie dieſer ohne Zweifel erwartet hatte, zuerſt in ſein Zimmer, aus welchem Umſtande Letzterer auch ſogleich auf irgend eine umwandelung aus unbekannten Gründen ſchloß und ſein Benehmen vorläufig ebenfalls einer ſolchen unterwarf. Als daher der Baron etwas ſpäter bei ihm eintrat, fand er ihn ſchon beim Frühſtücke, eifrig zu⸗ langend, und über ſeine Rückkehr kaum ein Zeichen der Freude verrathend. Gleichgültig ſchaute ſein in ſolchen bedeutungsvollen Momenten viel ſchärfer mar⸗ kirtes Geſicht vor ſich nieder, nur bisweilen auf ſeinen, den Baron lauernd beobachtenden Kammerdiener einen Blick werfend, wenn derſelbe irgend eine der Speiſen dem Baron mit nie dageweſener und ſicher ironiſch gemeinter Unterwürfigkeit darreichte. 5 „Nun,“ ſagte der Baron endlich, nachdem auch er eine Weile ſeinen Appetit geſtillt,„Du fragſt mich ja nicht, wie das Ding abgelaufen iſt?“ „Welches Ding?“ fragte der Graf mit eiskaltem Tone, indem er langſam ein Stück kalten Geflügels wahrung überlaſſen?“ fragte der Graf mit einer Art 144 tnich zur Sparſamkeit ermahnt.“ 8 W „Das iſt ſehr vernünftig von ihm; er hote es aber bei Dir weniger nöthig gehabt, als bei Deinem Bruder.“ „Der hat auch einen erhalten, ſich aber in ſeiner ſonderbaren Art wenig darum gekümmert. Ich bin überzeugt, in wenigen Wochen hat er keinen Gro⸗ ſchen mehr davon.“ „Den hat er vielleicht ſchon jetzt nicht mehr, denn ſeine Schulden ſollen ungeheuer ſein.“ „Mag ers vertreten, wie er kann; ich will dies⸗ mal dem Alten folgen und habe deshalb auch gleich meine ganze Erbſchaft in Staatspapiere umgeſetzt.“ „Dem Grafen fiel eine Gabel zur Erde; ohne Zweifel vor Ueberraſchung, dieſen Akt der Vorſicht von ſeinem Zögling zu vernehmen, den er durchaus nicht vorausgeſetzt hatte. Der Kammerdiener bückte ſich danach und gab dabei ſeines Herrn Fuße einen klei⸗ nen Stoß, um ihn auf ſeine halb verlorene Faſſung aufmerkſam zu machen. „Du haſt ſie doch auch dem Bankier zur Aufbe⸗ ſtieren Aufblicks. 8 Die Erbſchaftsvertheilung meine ich. Der Alte. hat mir einen ſehr herzlichen Brief geſchrieben und 145 „Was, die Papiere? Nein, nur das Geld. Er hat mir Papiere gegeben, die Pari ſtehen und fünf Proeent eintragen; ich weiß nicht gleich, wie ſie heißen.“ „Das iſt brav. Wie viel Tauſende ziehſt Du da⸗ von alle Jahre?“ „Tauſende? Du ſcherzeſt. Es iſt nur ein Tauſend.“ „Das iſt auch ſchon genug für einen Mann, der eine Dachkammer bewohnen, ſich ſelbſt bedienen und Tag und Nacht zu Fur laufen will.“ „Dazu habe ich nur eben keine Luſt. Ich werde fürs Erſte ganz hübſch— mit Deiner Erlaubniß nämlich— hier wohnen bleiben, meinen Wagen und meine Diener behalten un.—“ „Und Schulden mache— nicht wahr?“— „Das fällt mir nich mehr ein. Ich bin curirt, ein für alle Mal. Was ich Dir ſchuldig bin, werde ich Dir geben—“ Der Graf erhob lebhaft ſeinen Kopf.„Du biſt mir Nichts ſchuldig,“ ſagte er ernſt und mit traurigem Tone, beleidige meine Freundſchaft nicht. Was ich für Dich gethan, habe ich aus wahrer Hingebung für Dich gethan und denke ich noch ferner jeden Tag zu thun. Daß Du Verluſte mit mir gemeinſchaftlich ertragen— iſt traurig, ich leide ſelbſt darunter.“ Er ſchwieg, legte Meſſer und Gabel weg und Baron Brandau. II. 10 146 hörte auf zu eſſen. Bald ahmte ihm der Baron nach, drückte ſeine Hand, ſtand dann auf, und begab ſich in ſein Zimmer. Drei Tage ging er faſt gar nicht aus, ſchmiedete verſchiedene Sparſamkeitspläne und kam mit ſeinem Freunde nur zur Eſſenszeit zuſammen. Der Graf lebte während dieſer Zeit ruhig fort; da er jetzt häufig des Abends allein ausging und Nachts ſpät wiederkam, lag er nur um ſo eifriger ſeinen Mor⸗ genarbeiten ob, die er bisweilen ſogar Nachts fort⸗ ſetzte, wenn er von irgend einem Gelage heimkehrte. Der Baron dagegen ſchwelgte in einem nie gehabten Genuſſe, in dem, welcher allein dem Geizhals zu Theil wird, wenn er ſtündlich in ſeinem Vermögen kramt, daſſelbe beliebäugelt und darauf hundert wagehalſige Pläne baut. Endlich aber trat eine unangenehme Störung ein. Es liefen von verſchiedenen Händlern Rechnungen ein, die bezahlt werden mußten, denn das Gerücht von der gemachten Erbſchaft hatte ſich wie auf Windesflügeln verbreitet. Der Baron legte ſie einſt⸗ weilen bei Seite, jeden Groſchen, den er außer den Papieren noch ſein nannte, mit Argusaugen bewa⸗ chend, damit er ihm nicht entſchlüpfe. Schon aber fing ihn das einſame und nüchterne Leben zu lang⸗ weilen an, er ſehnte ſich wieder nach der ungebunde⸗ nen Freiheit der früheren Tags, zuümal er allmälig 147 ſeine alte Kraft und Geſundheit zurückkehren fühlte. Allein er wagte nicht auszugehen, da er das Geld doch nicht ohne Aufſicht laſſen mochte; es konnte ihm ja wieder geſtohlen werden. Noch einen Tag hielt er es aus, dann ſah er ein, daß er wie ein Kind handele. Er nahm ſein Bündelchen Papiere zuſammen und begab ſich zu ſeinem Freunde, den er vor einem großen Actenſtücke ſitzend und eifrig leſend fand. „Guten Tag, Zaretta!“ ſagte er. „Guten Morgen, Brandau. Willſt Du ausgehen?“ „Nein, ich wollte Dich nur bitten, mir dieſe Pa⸗ piere in Deinem Geldſchranke aufzubewahren.“ „Ah! Haſt Du Deine Augen genug daran ge⸗ weidet?“ „Ja, es fängt mich ſchon an zu langweilen. Ich kann nicht aus dem Hauſe, ſo lange ich es in mei⸗ nem Zimmer habe. Daß der verfluchte Diebſtahl mich ſo furchtſam gemacht hat!“ „Danke ihm doch, er kam zu rechter Zeit. Wenn Du jetzt beſtohlen würdeſt, wäre es ſchlimmer.“ „Großer Gott, ja! Dann bliebe mir weiter nichts übrig, als mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Mein Vater würde unbarmherzig ſein.“ „Er hätte vielleicht auch ein Recht dazu.“ 10* es mir ein— ſogleich!“ „Gern!“— Und er ſtand auf, ging in ſein Ca⸗ binet und ſchloß es vor Alfred's Augen in den pracht⸗ vollen Eiſenſchrank. Alfred ſtieß einen Seufzer der Erleichterung aus.„Jetzt bin ich frei von dieſer ſchrecklichen Angſt!“ dachte er. O ja, er war es, aber er war auch frei von dem Gelde, was er nicht dachte.— Die Freunde kehrten in das andere Zimmer zurück und ſetzten ſich, Beide im nachdenklichen Schweigen verharrend. Plötzlich wandten ſich Alfred's Augen auf das Actenſtück, welches auf dem Tiſche lag und auf dem geöffneten Bogen die Zeichnung und den Plan eines großen Hauſes ſehen ließ. „Was ſtudirſt Du denn da?“ fragte der Baron, auf das umfangreiche Paket deutend. Der Graf bedeckte ſeine glimmernden Augen mit der Hand und rieb ſich, wie in Verlegenheit, die Stirn. „Ach, das iſt ein unfruchtbares Studium für mich. Ein alter Franzoſe, der noch aus den Zeiten der Fremdherrſchaft hier wohnt, hat mir ein Haus zum Kauf angeboten, welches er in der.. ſtraße beſitzt. Das find die gerichtlichen Acten darüber und der Plan davon liegt auch bei.“ Alfred nahm den Plan auf, der ſehr ſchön gezeichnet „Freilich. Damit das aber nicht vorkomme, ſchließe ——— war, und betrachtete ihn neugierig.„Das ſcheint ein ſchönes Haus zu ſein,“ ſagte er,„in der... ſtraße liegt es?“ „Ja, No. 118. Es iſt prächtig, etwas alt, aber vortrefflich eingerichtet. Parterre wohnen vier Kauf⸗ leute; ein Buchhändler, ein Juwelier, ein Cigarren⸗ verkäufer und ein Leinwandhändler; jeder giebt 500 Thaler Miethe. In der Bel⸗Etage wohnen zwei Rentiers, die dreiviertel Jahre auf Reiſen ſind; jeder von ihnen giebt 1500 Thaler Miethe. Im zweiten Stockwerk wohnen zwei Maler mit ihren Ateliers, ein Arzt und— ich glaube, ein Kaſſenbeamter, und jeder giebt 250 Thaler Miethe. Im dritten Stock⸗ werk aber hauſen kleine Leute, die zuſammen 400 Tha⸗ ler Miethe zahlen. In den Flügeln auf dem Hofe endlich und in dem ſchönen Garten hat ein Reſtaura⸗ teur ſein Eldorado aufgeſchlagen, der 1600 Thaler Miethe giebt, was im Ganzen alſo 8000 Thaler macht, von denen jedes Vierteljahr 2000 Thaler ein⸗ gehen. Ein ſchönes Beſitzthum, aus freier Hand und noch dazu ungeheuer billig zu verkaufen.“ „So kaufe es doch.“ „Ich glaube, Du biſt närriſch. Habe ich denn 18— 20,000 Thaler baares Draufgeld? Denn ſo viel und nicht weniger wird dafür gefordert.“ “ 150 „20,000 Thaler!“ rief der Baron, und alles Blut ſchoß ihm nach dem bleichen Geſicht.„Wieviel ſoll es denn im Ganzen koſten?“ 1 „Ach, es iſt ein Spottpreis, der Beſitzer will ſich von hier entfernen und es los ſein— 100,000 Thaler. Und es bringt ſichere acht Procent. Wenn man fünf Procent Zinſen mit den Koſten rechnet, ſo bleiben jährlich drei Procent Reinertrag übrig und das macht 3000 Thaler; rechnet man, um ſicher zu gehen, ſechs Procent Zinſen und Koſten, ſo macht es 2000 Thaler.“ „3000 Thaler jährlich!“ rief der Baron mit leuch⸗ tendem Auge.„Aber, mein Gott, warum ſagſt Du mir denn nichts davon? Das wäre ja gerade etwas für mein Capital. Die 80,000 Thaler bleiben doch darauf ſtehen, nicht wahr?“ „Natürlich.“ „Und welche Hypothek?“ „Die erſte, Alfred, die erſte. In den Acten hier ſteht es ja. Aber— ich verſtehe Dich nicht recht. Warum ich Dir das nicht ſagte? Es fällt mir gar nicht ein. Du haſt ja beſchloſſen, Dein Geld mit tauſend Thalern Zinſen in Staatspapieren zu behalten.“ „Nun ja, im Falle ich es nicht beſſer unterbringen kann. Aber hier iſt ja Etwas, was wie für mich ge⸗ ſchaffen iſt.“ 151 „Ach, ich mag mich nicht darum bekümmern. Ich rathe nicht zu, nicht ab. Du haſt Verluſte gehabt, ich auch, und daher bin ich vorſichtig geworden.“ „Aber, mein Gott, verhält ſich denn die Sache wirklich ſo, wie Du ſagſt?“ „Da ſind die Acten— in der.. ſtraße ſteht das Haus. Da muß man ſich erkundigen.“ „Haſt Du denn das noch nicht gethan?“ „Ich habe keine Luſt zu dem Handel, nicht die geringſte. Eben ſo wenig Geld. Ein Hausbeſitzer zu ſein, bringt viel Sorge mit ſich.“— „Aber auch einen ſicheren Gewinn.“ „Nimm die Acten mit auf Dein Zimmer und lieſ ſie Buchſtabe für Buchſtabe durch. Ich habe es ſatt. Ueberdies fühle ich große Luſt, meinen Aufent⸗ halt hier abzukürzen, ich ſehne mich nach dem Süden.“ „Im Gegentheil, mir behagt es hier ſehr. Das wäre ein Coup, Donnerwetter!“— Und ſchon hatte er den Actenſtoß ergriffen und ſich damit an ein Fen⸗ ſter geſetzt. Der Graf verließ das Zimmer und klei⸗ dete ſich an, um auszugehen. Als er wieder eintrat, fand er ſeinen Freund ſchon tief in die Acten ver⸗ graben.„Adieu, Alfred,“ ſagte er. „Adieu, adieu! Ich bleibe zu Hauſe. Das Ding behagt mir immer mehr. Es iſt ja Alles hier vor⸗ 152 geſehen, berechnet, erklärt— und die Unterſchriften ſind von dem Magiſtrat beglaubigt.“ „Ja, das ſind ſie. Auf Wiederſehen, Alfred.“ Darauf ging er hinaus, ſeinen Freund mit den Acten und dem bereits wirkenden Gifte in der Seele allein laſſend. Dieſer machte ſich mit einem Eifer über das Stu⸗ dium derſelben her, wie er bisher in ſeinem Leben noch nie etwas betrieben hatte. Einen ganzen Tag brachte er damit hin, jedes Blatt mehrere Male durch⸗ zuleſen und ſogar die aufgeſtellten Zinſen, die laufen⸗ den Koſten und Abgaben nachzurechnen. Am nächſten Morgen hatte er ſich von Allem unterrichtet und be⸗ gab ſich zu dem Grafen, um noch einmal mit ihm darüber zu reden. „Da ſind die Acten,“ ſagte er mit einer Spannung und Entſchloſſenheit im Tone, der dem beobachtenden Freunde verrieth, was kommen würde. „Ich kenne jetzt Alles und bin entſchloſſen zu han⸗ deln. Ich begreife nicht, wie Du das Geſchäft aus⸗ ſchlagen kannſt.“ „Ich habe es Dir ja ſchon geſagt, ich bin des Lebens in dieſen kalten Ländern überdrüſſig. Vielleicht reiſe ich noch in dieſer Woche ab.“ „So. Das thut mir leid.— Aber warum haſt Du mir nicht früher etwas von dieſem Hauſe ge⸗ ſagt?“ „Ich habe abſichtlich geſchwiegen— ich wollte Dir zu keinem Geſchäfte mehr rathen, ich bin un⸗ glücklich als Geſchäftsunternehmer und Rathgeber mit und bei Dir geweſen.“ „Du biſt bitter. Ich mache Dir ja keinen Vor⸗ wurf. Wer kann für Unglück? Wenn Dir, dem Geübten und Gewandten, dergleichen mißräth, ſo kann einem Neulinge wie mir leicht das Nämliche geſchehen.“ „Eben darum. Du wirſt mir nicht verdenken, daß ich in Deinem Sinne, zu Deinem Beſten vorſichtig geworden bin.“ „Nein, ich danke Dir ſogar dafür. Willſt Du ausgehen?“ „Ja, ich will meine Päſſe in Ordnung bringen laſſen.“ 5 „Alſo Du willſt wirklich fort? Nun, ich bleibe hier und will mir wenigſtens das Haus beſehen.“ „Das iſt recht. Sieh Dich aber vor. Im Allge⸗ meinen warne ich Dich, Du biſt unbekannt mit der Verwaltung eines ſo großen Grundſtücks.“ „O, das iſt ſehr einfach. Im Nothfalle wende ich mich, wenn Du fort biſt, an den Bankier Scheitler, er wird mir rathend zur Seite ſtehen.“ 154 „Das iſt vernünftig. Der Scheitler iſt ein ver⸗ ſtändiger und erfahrener Mann. Die Acten aber nimm wieder mit auf Dein Zimmer, damit Du ſie zur Hand haſt, wenn Du ſie gebrauchſt.“ Damit empfahl er ſich ſeinem Freunde; auch Al⸗ fred von Brandau ging mit den Papieren in ſeine Wohnung, kleidete ſich raſch an und ſchlug den Weg nach der.. ſtraße ein. Die No. 118 hatte er ſich wohl gemerkt. Sehr bald war das große, ſchöne Haus ausfindig gemacht. Der Baron betrachtete es ſich erſt gemächlich von Außen, zählte die Fenſter, die Stockwerke, las die Schilder der Geſchäftsleute— Alles ſtimmte auf ein Haar mit den Acten überein. „Es iſt prächtig!“ ſagte er und fühlte ſich ſchon im Stillen, mit einem Wonneſchauer im Herzen, als den Eigenthümer des Grundſtücks. Langſam, und in Ge⸗ danken ſich immer meyr in ſeinen neuen Beſitz ver⸗ tiefend, betrat er den breiten Eingang und Hausflur. Zur Rechten, in der Nähe der Hausthür, befand ſich ein kleines Gemach unter der Erde, worin ſich ein freundlicher Mann von ſehr winziger Geſtalt aufhielt. Er kam ſogleich hervor, um hf die Fragen des Herrn Antwort zu geben. „Sind Sie der Hauswart hier?“ „Ja, mein Herr. Wollen Sie nicht näher treten?“ 155 Alfred begab ſich in die unterirdiſche Wohnung und erkundigte ſich nach Allem, was er wiſſen wollte. Es verhielt ſich auch jedes Einzelne, wie er es aus⸗ wendig wußte. Der Hauswart begleitete ihn in den Hof, wo die elegante Reſtauration mitten in einem wohlgepflegten Garten lag. „Das iſt prächtig,“ ſagte der Baron, der ſchon Erkundigungen genug eingezogen zu haben glaubte, um ſicher ſein zu können.„Sie wiſſen wohl nicht, ob es wahr iſt, daß dies Haus zu verkaufen ſteht?“ „Gewiß weiß ich das. Es haben ſich auch ſchon viele Käufer gemeldet; morgen ſogar, glaube ich, wird der Zuſchlag erwartet. Der Beſitzer iſt aber nicht anweſend und hat das Geſchäft ſeinem Sach⸗ walter übertragen.“ „Wie heißt dieſer Sachwalter?“ „Es iſt der Juſtizrath...“ „So. Gut.“ „Es iſt aber auch eine baare Summe von 20,000 Thalern als Anzahlung gefordert— das iſt zwar wenig im Verhältniß zum Werth des Ganzen, aber es muß in baarem Gelde oder in inländiſchen Staats⸗ papieren geſchehen.“ „Ich weiß— leben Sie wohl. Doch halt— wo wohnt der Juſtizrath?“ 156 „In der.. ſtraße No. 16.“ Alfred ſtand ſchon wieder auf der Straße. Sein Entſchluß war gefaßt. Er wollte das Grundſtück kaufen und ſich ſogleich zu dem Juſtizrathe begeben. In der bezeichneten Straße angekommen, fragte er noch einmal einen Polizeibeamten nach der Wohnung des Rathes. Dieſer bezeichnete ihm das Haus. Es war wirklich No. 16. Alfred ging hinein und erkun⸗ digte ſich nach dem Sachwalter. Er ſei ausgegangen, ſagte man ihm. Brennend vor Verlangen, endlich einmal einen Haupttreffer zu ziehen, kehrte er ſchnell nach Hauſe zurück, um ſeinen Freund von ſeinem gefaßten Ent⸗ ſchluſſe zu benachrichtigen. Aber da trat ihm der Kammerdiener Starozza entgegen und meldete, ſein Herr ſei ſo eben hier geweſen und habe die Nachricht für den Herrn Baron hinterlaſſen, er ſei von einem Freunde zu Tiſch geladen und werde erſt ſpät Abends nach Hauſe kommen. Alfred ſpeiſte alſo allein. Er wußte nicht, was er aß und trank, der Kopf ſchwindelte ihm vor Ent⸗ zücken. Als er gegeſſen und reichlich getrunken, fühlte er ſich außerordentlich ermüdet, und das war kein Wunder, denn nach der eben erſt überſtandenen Krank⸗ heit war er noch innerlich ſchwach, und geiſtige Auf⸗ 150 regungen ſowohl, wie leibliche Anſtrengungen ermü⸗ deten ihn ſehr leicht. Er legte ſich auf ſein Sopha und ſchlief ein. Er ſchlief feſt. Es dunkelte ſchon, als ihn ſein Diener weckte und meldete, daß ein Herr ihn zu ſprechen verlange. Sich die Augen reibend und auf das Vorliegende beſinnend, erhob er ſich. Ein Mann trat ein und fragte, ob er die Ehre habe, den Herrn Baron von Brandau vor ſich zu ſehen?“ „Der bin ich, was wünſchen Sie?“ „Ich bin der Gerichtsactuar... und der Geſchäfts⸗ träger des Herrn Juſtizraths... Wir haben gehört, Sie ſeien heute Morgen in der... ſtraße No. 118 ge⸗ weſen, um ſich das Haus anzuſehen, welches zum Verkaufe ſteht. Der Herr Juſtizrath, der es ſich zur Ehre ſchätzt, mit Ihnen in Verbindung zu treten, ſchickt mich, Sie um Ihre Wünſche zu fragen. Der Kauf, wenn Sie darauf reflectiren, muß raſch abge⸗ ſchloſſen werden, da zu morgen zwei oder dedi die weitige Käufer angeſagt ſind.“ Der Baron rieb ſich die Hände vor Frende., Ge⸗ dulden Sie ſich einen Augenblick,“ ſagte er,„ich gehe gleich mit Ihnen.“ In wenigen Minuten befanden ſie ſich auf der Straße. Da fiel dem Baron plötzlich ein, daß er das Geld nicht habe und daß der Graf ausgegangen ſei. 158 Einigermaßen verlegen kehrte er in das Haus zurück, nachdem er den Fremden gebeten hatte, einige Augen⸗ blicke auf ihn zu warten. Unterdeſſen war die Däm⸗ merung eingetreten, denn es war ſchon acht Uhr Abends vorüber. Oben an der Treppe angekommen, ſchellte der Baron heftig. Sogleich erſchien der Kam⸗ merdiener des Grafen. „Weißt Du nicht,“ ſagte er,„wo der Graf zu fin⸗ den iſt? Ich muß ihn ſprechen.“ „Nein, ich weiß es nicht, gnädiger Herr. Aber mir fällt ſo eben ein, was ich vorher vergeſſen hatte, Ihnen zu ſagen, daß mir, während Sie ſchliefen, der Herr Graf einen Brief geſchickt hat, der an Sie adreſ⸗ ſirt iſt, und zugleich befohlen hat, Ihnen ſein Cabi⸗ net zu öffnen und zu thun, was in jenem Briefe ſteht.“ darin und die Worte:„Für den Fall, daß Du Dein Geld gebrauchſt, nimm es Dir aus dem Schranke. Stearozza weiß, wie er geöffnet wird. Ich werde erſt ſehr ſpät nach Hauſe kommen. Auf Wiederſehen! Dein Zaretta.“ Alfred las dieſe Zeilen laut vor und der Kam⸗ 4 merdiener begriff ſogleich. Ohne ein Wort zu ſagen, Alfred erbrach den Brief, fand einen Schlüſſel ſchloß er das Cabinet auf und leuchtete hinein. Al⸗ — 159 fred, obgleich er ſchon lange ſehr neugierig war, das Innere dieſes Zimmers zu erkunden, nahm ſich jetzt nicht die Zeit, ſich darin umzublicken. Seine Finger zitterten vor Verlangen, das Geld wieder zu halten; das war für jetzt der einzige Trieb, der ſeine Seele erfüllte. Der Kammerdiener öffnete den Schrank und Alfred ſah die Papiere ſogleich in ſeinem Fache lie⸗ gen. Er ergriff ſie, zählte die einzelnen Scheine raſch und fand ſie in Ordnung. Sie zuſammenfalten und in die Taſche ſtecken war das Werk eines Augenblicks. Dann knöpfte er ſeinen Rock bis unter das Kinn zu und ſuchte den Herrn auf der Straße wieder auf, der ruhig auf⸗ und abgehend wartete. Eiligen Schrit⸗ tes begaben ſich jetzt Beide nach dem Hauſe des Ju⸗ ſtizrathes. Alfred wollte an die Thüre pochen, wo er am Morgen nach demſelben gefragt hatte. „Um Entſchuldigung,“ ſagte der Gerichtsactuar— „hier wohnt die Gattin des Herrn Rathes. Er ſelbſt wohnt eine Treppe höher.“ „Wohlan denn, ſo führen Sie mich.“. Der Actuar ſprang die Treppe etwas eilfertig hin⸗ auf, Alfred folgte ihm auf dem Fuße. Bald ſtanden ſie vor einem Zimmer, in dem ſie einen alten Herrn huſten hörten.„Er iſt zu Hauſe,“ ſagte der Actuar, nachdem er einen Augenblick an der Thüre gehorcht 160 hatte. Man klopfte. Auf den Hereinruf traten ſie ins Zimmer und der Baron fand ſich in einem mit ſtaubigen Acten erfüllten Gemache einem bejahrten Herrn gegenüber, der einen großen Augenſchirm vor⸗ hatte und emſig arbeitete. Alfred ſtellte ſich eilig vor und ſprach ſofort den Grund ſeines Erſcheinens aus. „Ich habe die Ehre, Sie ſchon zu kennen,“ ſagte ſehr verbindlich der Juſtizrath.„Sie haben das Haus No. 118 in der... ſtraße beſichtigt?“ „Ja, und ich wünſche es zu kaufen.“ „Es ſind ſchon viele Liebhaber hier geweſen, die eifrig danach trachten.“ „Ich glaube es wohl, allein ich hoffe der Glück⸗ liche zu ſein, der es kauft.“ „Das ſollte mir lieb ſein. Auch ſteht dem Han⸗ del Nichts im Wege, wenn Sie ſich für genügend un⸗ terrichtet erklären.“ „Ich bin vollkommen davon unterrichtet.“. „Sehr wohl. Sie machen ein gutes Geſchäft. Die Anzahlung iſt gering, aber der Verkäufer iſt reich und wünſcht einen anſtändigen Nachfolger in ſeinem Beſitze zu haben. Das ſind Sie nun freilich.“ Der Baron brummte Etwas vor ſich hin, was wahrſcheinlich ſeine Uebereinſtimmung mit dieſem Ge⸗ danken ausdrücken ſollte. 161 „Sie haben die Acten darüber geleſen?“ „Ich kenne ſie auswendig.“ „Sind Sie zur Anzahlung entſchloſſen?“ „Auf der Stelle— hier iſt das Geld.“ „Sa ſetzen Sie ſich einen Augenblick. Ich will Ihren Namen und Stand in den ſchon geſchriebenen Kaufcontrakt eintrggen. Die Eintragung in das Hy⸗ pothekenbuch, welches auf dem Magiſtrats⸗Büreau liegt, geſchieht morgen Nachmittag drei Uhr. Verfeh⸗ len Sie nicht, ſich daſelbſt einzufinden.“ Der Juſtizrath nahm einen Stempelbogen, trug Namen und Stand des Barons und die Kaufſumme ein, ſchrieb ſeinen Namen darunter, drückte ſein Amts⸗ ſiegel nebenbei und bat den Baron, ein Gleiches zu thun. Dieſer ſchrieb mit einer wahren Gier ſeinen Ramen und ſiegelte dann ſein Wappen, welches in einen Ring gravirt war, darunter. So ſchnell war ihm noch nie etwas aus der Feder gefloſſen. Der Gerichtsactuar ward nun aufgefordert, als Zeuge ebenfalls ſeinen Namen darunter zu ſetzen. Auch das war bald geſchehen. Das Geld wanderte jetzt aus den Händen des Barons in die des Juſtizraths. Die⸗ ſer nahm die Scheine vor, zählte ſie, beſichtigte ſ genau und ſagte dann: Baron Brandau. II. 11 162 „Ah, Scheitler hat ſie zuletzt gehabt! Das iſt ein gutes Haus!—“ „Ja wohl.“ „Mein Herr Baron, Sie ſind jetzt Beſitzer des Hauſes No. 118 in der.. ſtraße. Ich gratulire Ihnen.“ „Mein Herr Juſtizrath, ich danke Ihnen ſehr und hoffe bald die Ehre zu haben, Sie in meinem neuen Hauſe zu bewirthen.“. „Sie ſind ſehr gütig; ich werde dieſer ehrenvollen Einladung von ganzem Herzen gern Folge leiſten.“ Der Herr Baron ließ ſich herab, dem alten halb⸗ blinden Juſtizrathe die Hand zu reichen. Dieſer er⸗ griff ſie nach Art formeller Menſchen ſehr zart. Al⸗ fred bemerkte deutlich, wie ſie ſtark zitterte, wahr⸗ ſcheinlich aus Altersſchwäche. „Eine Actenruine!“ dachte er bei ſich, als er die Treppe hinunterging, wiederholt ſeinen Stempelbogen in der Bruſttaſche befühlend.„Gott ſei Dank, daß ich kein Gelehrter geworden bin. Aber ach! wie herr⸗ lich iſt das Gefühl, ein gemachter Mann und Grund⸗ ſtücksbeſitzer zu ſein. Die ganze Welt lacht mich an, der Himmel wölbt ſich freundlicher über mir und da — da blickt ein neidiſcher Stern ſchon auf mich Glück⸗ lichen nieder. O, wie wird ſich der Alte freuen, daß 163 ich die Erbſchaft ſo bald und ſo gut untergebracht habe, und was für Augen wird Georg machen!“ Frohlockend verfolgte der unglückliche Mann in unſeliger Verblendung ſeinen Weg. Er wußte nicht, wohin und zu welchem Zwecke er vorwärts ſchritt. Wie ein Bewußtloſer ſchlenderte er durch die belebten Straßen der Reſidenz. Plötzlich fühlte er einen pein⸗ lichen Durſt. Er trat in ein Weinhaus und forderte eine Flaſche Champagner. Haſtig trank er ſie aus und lief dann nach Hauſe. Daſelbſt angekommen, fragte er lallend nach dem Grafen. Er war noch nicht zu Hauſe. Alfred begab ſich daher ſogleich in ſein Zimmer, wo er ſich zum Schlafen entkleiden ließ, denn er war zum Um allen müde. Die verſchiedenen Gemüthsbewegungen während des Tages, der raſch getrunkene Wein, das ungewohnte weite Gehen hat⸗ ten ihn erſchöpft. Seinen Stempelbogen, der ihh als Hausbeſitzer qualificirte, unter ſein Kopfkiſſen legend, warf er ſich auf das weiche Bett, in welches er die Acten mitgenommen hatte, die ihn zu dem Hauſe verholfen hatten. Während er noch darin blät⸗ terte, überfiel ihn der Schlaf. Die Lampe brannte ruhig fort, die Papiere glitten ihm aus den Händen und er ſchlief ein. 164 Als der in ſeinen Träumen ſo glückliche Hausbe⸗ ſitzer am nächſten Morgen erwachte, ſchien keine Sonne in ſein Fenſter. Es regnete in Strömen, und ein für die Jahreszeit beinahe eiſiger Wind fegte durch die Straßen. Auch der Baron fühlte ſich unwohl, hatte Kopfſchmerz und ſein Puls jagte fieberiſch. Durch ſeinen Diener ließ er den Grafen bitten, zu ihm zu kommen, vernahm aber von dieſem, daß der⸗ ſelbe bereits ausgegangen ſei, um ſeine Geſchäfte zu ordnen. Bei dieſer Nachricht fühlte ſich Alfred, er wußte nicht, warum, noch unbehaglicher. Gleichgül⸗ tig trank er eine Taſſe heißen Kaffee und ließ ſich da⸗ bei ankleiden. Der Regen hatte unterdeſſen aufge⸗ hört, nur der Wind wehte noch heftig. Der Patient glaubte, die friſche Luft werd ihm wohlthun und er beſchloß, eine Spazierfahrt nach No. 118 in der .. ſtraße zu unternehmen, um ſich an dem Anblick ſeines neuen Eigenthums zu erfriſchen. Er beauf⸗ tragte ſeinen Diener, den Wagen des Grafen anſpan⸗ nen zu laſſen, denn den ſeinigen hatte er bereits ſammt den Pferden nach ſeinen erſten harten Ein⸗ bußen ſchleunigſt verhandelt. Aber in außerordent⸗ liches Erſtaunen ward er verſetzt, als ihm der Diener meldete, daß der Herr Graf heute Morgen nach Tagesanbruch ſeine ganze Equipage verkauft * 165 habe, da er in den nächſten Tagen ſchon abzureiſen gedenke. „So hole mir einen Miethwagen!“ befahl er in ſeinem alten groben Tone. Zwei Minuten darauf ſtand der Wagen vor der Thür und der Baron, eilig die Treppe hinabſchrei⸗ tend, rief dem Kutſcher zu, ihn nach No. 118 in der . ſtraße zu fahren. Bald darauf hielt der Wagen. Alfred ſtieg langſam aus, ließ einen befriedigten Blick über die glänzende Fenſterreihe des Hauſes laufen, und trat bei dem Thorwart ein. Aber nicht der kleine Mann von geſtern, ſondern ein anderer ſtand an dem niedrigen Fenſter, ein großer, hagerer Mann, offen⸗ bar ein alter gedienter Militair. „Iſt der Portier nicht zu Hauſe?“ fragte der Baron. „Ich bin es ſelber, mein Herr.“ a. Der Baron ſtand wie verblüfft auf dem Haus⸗ flure.„Geſtern war ein anderer hier,“ ſtotterte er. „Ja, das iſt wahr. Ich war zur Kindtaufe bei meiner Tochter, und ein Lohnbedienter hat unterdeſ⸗ ſen meinen Poſten verſehen.“ „So!“ ſagte der Baron, dem der Schweiß, er wußte nicht warum, von der Stirn rieſelte.„Wiſſen Sie ſchon, daß dies Haus perkauft iſt?“ fragte er, ganz unbewußt ſich ſo weit herablaſſend. 166 „Ja, geſtern, ich habe es gehört.“ Der Baron athmete auf.„Sie ſehen ſeinen jetzi⸗ gen Beſitzer vor ſich,“ ſagte er freudig. Der alte Soldat riß die Augen weit auf und glaubte, der vornehm ausſehende Herr ſei ein aus einem Irrenhauſe entſprungener Kranker.„Sie?“ ſtammelte er.„Ei! Sind Sie vielleicht der Sohn des Reſtaurateurs auf dem Hofe— denn der hat es gekauft, ſo viel ich weiß.“ Alfred war wie vom Schlage gerührt. Kaum konnte er ſich auf den Füßen halten; er lehnte ſich an die Wand, denn ihm ging wie eine Art innerer Viſion eine ſchreckliche Ahnung auf. Der Portier kam aus ſeiner unterirdiſchen Kammer herauf und unter⸗ ſtützte den Kranken, für den er jetzt mehr denn je den Baron hielt. D eſer faßte ſich plötzlich, riß ſich von dem Manne los und ſprang in ſeinen Wagen zurück, den er hatte warten laſſen. Kaum beſaß er ſo viel Kraft, dem Kutſcher des Juſtizraths... Wohnung zu nennen, denn die Zunge klebte ihm am Gaumen. Keuchend fiel er in den Grund des Wagens zurück und zerdrückte ſeinen Hut, den er abgenommen hatte, in ſeinen ſich krampfhaft auf und zu bewegenden Händen. Zweimal mußte ihm der Kutſcher zurufen, daß er vor dem bezeichneten Hauſe ſei. Der Baron 167 kletterte mit Mühe aus dem Wagen, der wiederum halten blieb, weil er nicht bezahlt worden war. Der Baro eilte die Stufen hinauf. keuchend, athemlos, ſeine Schläfe laut klopfen fühlend. Er klingelte an der Thüre, wo das Schild des Juſtizrathes hing Ein unbekannter, noch ziemlich junger Mann öffnete die Thüre, trat aber erſtaunt zurück, als er den ſelt⸗ ſamen Beſuch ſah. Wohnt hier der Juſtizrath... 2“ lautete die kaum verſtändliche Frage dieſes Beſuches. „Ich bin es ſelber, mein Herr!“ „Sie?“ kreiſchte der Betrogene und fiel bewußtlos auf einen Stuhl. Mit wenigen Worten war der unerhörte Betrug aufgeklärt, nachdem der junge Herr ſich wieder ſo weit erholt hatte, um hören und verſtehen zu können, was ihm geſagt wurde. Man hatte den armen Baron zu einem erkauften Böſewicht geführt, der, wie es ſich 1 jetzt erwies, ſeit dem vorigen Abend aus dem Hauſe verſchwunden war. Der wirkliche Juſtizrath, die Sache ſogleich zu der ſeinigen machend, verſprach ohne Ver⸗ zug ſich zu dem Staatsanwalt zu begeben und den Behörden den Schelmenſtreich anzuzeigen. Er wollte 2 168 3 2 5 nem Namen ſo eben den ihm fremden Baron nach n 1b die Treppe und ſeiner Wohnung fragen, als derſelk hinunterſtürzte, in ſeinen Wagen ſprang ſeinem Hauſe fahren ließ— eine neue durch ſeine— Verzweiflung herbeigeführte Uebereilung, die dem Haupt⸗ verbrecher eine längere Friſt gab, ſeinen Raub in Sicher⸗ heit zu bringen und ſich mit aller Ruhe auf ſeine längſt berechnete Flucht vorzubereiten. Erſt drei Tage ſpäter gelang es den Behörden, dem eben ſo ſchlau ein⸗ gefädelten wie ausgeführten Betruge auf die richtige Spur zu kommen. In dieſen drei Tagen aber ſollte ſich noch viel ereignen, was wir dem Leſer in ruhiger Abwickelung vortragen werden. Alfred von Brandau kam an Leib und Seele zer⸗ ſchmettert nach Hauſe. Sein Diener mußte ihn in ſein Bett tragen. Der Graf war noch nicht wieder urückgekehrt und Niemand wußte, was dem Baron geeſchehen war. Doch holte man einen Arzt, der in ſein Leben eingeweiht war und ſeinen nervöſen Zu⸗ ſtand aus Erfahrung kannte. Dieſer Arzt war es auch, der einige Tage ſpäter, als er ſelbſt hinter das Be⸗ gebniß kam, die Behörden auf die richtige Spur leitete. Alfred blieb den Tag über im Bette. Als er ſo 4 ruhig dalag, tagte in ihm allmälig das Bewußtſein und klärte ſich die Einſicht in ſeine Lage auf. der 8 169 merkwürdig genug, er durchſchaute nicht, wie wir, die Quelle und den Urſprung dieſes letzten und größten Betruges, im Gegentheil, er klagte ſich ſelber, ſeine leidenſchaftliche Haſt, ſeine Geldgier und Unwiſſenheit als den einzigen Urheber ſeines Leidens an, denn ſein Freund, der Graf Zaretta, war es ja ſelbſt geweſen, der ihn von dem Kaufe abgerathen, er war es ja am Ende allein, den man hatte betrügen wollen. Daß dies ſo war, glaubte er ſogar noch mehrere Tage ſpäter, ſelbſt nachdem man ihm erklärt hatte, daß die Verkaufsacten des Hauſes ſämmtlich gefälſcht, die Siegelabdrücke des Magiſtrats ungemein künſtlich nach⸗ gemacht und die Unterſchriften der fingirten Zeugen von Leuten entnommen warene die wohl in der Reſidenz exiſtirten, aber von der ganzen Angelegenheit keine Ahnung hatten. Es war Abends zehn Uhr. Der von ſo unſäg⸗ lichem Unheil Betroffene lag halb ſchlummernd in ſeinem Bette und ſein Diener ſaß bei ihm, um die beruhigenden Pulver, die der Arzt verordnet, von Zeit zu Zeit ſeinem Herrn zu reichen, als plötzlich die Thür ves Krankenzimmers aufgeriſſen wurde und der Graf 1 3 mit Ungeſtüm, laut ſchreiend und wehklagend herein 170 ſtürzte. Er war ſo eben erſt nach Hauſe gekommen, hatte von ſeinem Kammerdiener die Vorfälle des Tages vernommen, die der Baron Starozza in ſeinem Schmerze mitgetheilt, und war nun troſtlos, ſeinen Freund, ſeinen innigſt geliebten Freund, in ſo be⸗ dauernswerther Lage zu finden. Und in der That, er ſpielte ſeine Rolle vortrefflich, ſo daß man ihn auch in der Schauſpielerkunſt für einen Meiſter halten mußte, denn er warf ſich weinend dem Baron in die Arme, kniete vor ſeinem Bette, küßte und herzte ihn, um endlich gegen ſich ſelbſt zu wüthen, indem er es ſich nicht verzeihen könne, wie er ſagte, an einem ſo wichtigen Tage von ſeiner Seite gegangen zu ſein, ihn nicht noch dridgender von dem Verkaufe ab⸗ gerathen und ihm überhaupt das niederträhtige falſche Actenſtück nur gezeigt zu haben. „Ich bitte Dich,“ rief der Baron, der durch alle dieſe wohlberechneten Selbſtanklagen beinahe gerührt wurde,„betrübe Dich nicht ſo ſehr, beſter Freund, be⸗ ruhige Dich vielmehr, wie ich es auch ſchon bin, denn was kann man gegen einen ſolchen Schlag des Schick⸗ ſals thun, als ruhig und ergeben dulden!“ „O mein Gott, Du armer Getäuſchter, wie ge⸗ faßt und muthig Du biſt! Das iſt ein neuer Beweis Deiner großen und edlen Seele. Mich packt nu 4 171 immer wieder der unſelige Gedanke, daß Du mich für den Urheber dieſes Unglücks halten könnteſt, da Du aus meinen Händen die ohne Zweifel gefälſchten Acten erhalten haſt.“ „O nein, mein Freund, nie wird das meine An⸗ ſicht ſein. Ich habe ſie Dir ja abgefordert, denn Du haſt ſie mir nicht ausliefern wollen und mißrietheſt mir ſogar das ganze Geſchäft— ja, ja, ſo iſt es, nein, ich, ich allein bin der Schuldige, der allzu raſch Entſchloſſene, warum erwartete ich nicht Deine Rück⸗ kehr, auf daß Du mit mir handelteſt und mich mit Deinem Rathe unterſtützteſt!“ „Ich hätte nicht mit Dir gemeinſchaftlich gehan⸗ delt, Gott bewahre! Ich hatte einen unüberwindlichen, faſt inſtinktartigen Widerwillen gegen dieſen Hauskauf, und der niederträchtige Menſch, der mich zuerſt auf den Gedanken dazu gebracht, gefiel mir gleich nicht beſonders. Daß Du die Sache aber von der Seite be⸗ trachteſt, gereicht mir zum größten Troſt auf lange Zeit.“ „Ach ja,“ ſagte der Baron nach einer Pauſe, die er allein mit Seufzern ausgefüllt.„So iſt es. Aber was fange ich nun an, wer hilft mir aus meiner jetzigen jammervollen Lage? Ich bin ein Bettler— habe Schulden, mehr, viel mehr als ich ſollte, denn 1 ſelbſt die verkauften Pferde und Wagen habe ich nicht 8 bezahlt, ſie waren auf Credit und um ſo theurer er⸗ kauft— wer bezahlt die und wovon lebe ich?“ „Wovon Du lebſt?“ fragte der Graf mit zärtlicher Hingebung, die erſten Fragen wohlweislich überhörend. „So lange ich bei Dir bin— freilich, lange iſt das nicht mehr— ſo lange haſt Du Alles, was Du be⸗ darfſt. Und wenn ich fort bin— ja dann—“ „Das iſt es eben— wer hilft mir dann?“ Der Graf that, als ob er ſich eine Weile ernſtlich auf einen klugen Gedanken beſinne.„Höre mal“, ſagte er dann,„in ſo bedeutenden Lebensmomenten, wie die ſind, in denen Du Dich jetzſt befindeſt, muß man ſich ſtets, wenn man Etwas erreichen will, was zum Leben unerläßlich iſt, an die rechte Quelle wenden. Und das iſt— gerade heraus geſagt— Dein Vater. Er muß helfen, denn er iſt reich. Erzähle ihm, ſchreibe ihm mit einigen rührenden Worten Dein Unglück—“ „Nicht ein Wort!“ unterbrach ihn auffahrend der Baron.„Du kennſt meinen Vater nicht, wie ich ihn kenne. Er würde mich mit Füßen von ſich ſtoßen, daß ich ſo dumm, ſo leichtgläubig, und vor allen Dingen, daß ich ſo habgierig war, nicht mit dem ſchönen Erbtheil zufrieden zu ſein, was er mir gab. O Gott! und er hätte ein Recht dazu.“ 3 „Nein, das hätte er nicht, wie ich die Sache an⸗ ſehe. Er iſt Dein Vater, Du biſt ſein Sohn; er iſt als ſolcher ſogar verpflichtet, Dir zu helfen. Wenn nun Dein Geld Dir von einem Diebe geſtohlen, wenn es in's Waſſer gefallen, verbrannt wäre— würde er Dir dann nicht beiſpringen?“ „Nein, er würde mir den Rath geben, die Folgen meines Leichtſinns, Dergleichen verlieren, ſtehlen oder verbrennen laſſen zu können, zu ertragen und mir nicht hundert Thaler ſchenken.“ „So! Das wäre mein Mann! Den ſollte ich zum Vater haben! Das iſt ja ein Tyrann! Den würde ich zwingen, mir zu helfen.“ „Bah! Womit kannſt Du einen ſolchen Mann zwingen, mir zu helfen?“ „Ach, lieber Gott, Nichts iſt leichter als Das. Stelle einen Wechſel auf ihn aus, und wenn die Summe für einmal zu hoch iſt, zwei, drei Wechſel, in verſchiedenen Friſten zahlbar. Die werden dem erſten beſten Bankier präſentirt, der Deinen Vater kennt, der giebt ſie dem Bankier Deines Vaters, und der berechnet das Geld nach Bequemlichkeit mit ihm zu ſeiner Zeit. Hülfe mußt Du haben, verhungern kannſt Du doch nicht— und das iſt die einzige Hülfe, die ich vor Augen ſehe.“ „wWechſel?“ lallte der Baron und ſchöpfte ſchon 7 wieder neue Hoffnung.„Wird er ſie denn zahlen, wenn ſie fällig ſind?“ „Das iſt gar keine Frage. Er muß! Er wird doch die Schmach nicht auf ſich nehmen, die Wechſel ſeines unglücklichen Sohnes— in der bitterſten Criſis ſeines Lebens ausgeſtellt— zurückzuweiſen? Ei, darin iſt gar kein Zweifel möglich. Schon um keinen Makel auf ſeinem Namen, ſeiner Familie haften zu laſſen, wird er zahlen. Und dann, überlege Dir's doch— der Wechſel kommt ja erſt nach Monaten in ſeine Hände, zu ſeiner Kenntniß, ſo lange läuft er, Du kennſt ja die Praxis, ich habe ſie Dir wenigſtens oft genug auseinander geſetzt. Bis dahin nun iſt er längſt von allen Vorfällen durch das Gerücht, durch Dich ſelbſt benachrichtigt, beſänftigt, und Du biſt mit ihm längſt verſöhnt, wohnſt bei ihm— dann greift er, wenn er nichts anderes Baares hat, das flüſſige Vermögen Deines verſchollenen Bruders an— denn das hat er ja noch aufbewahrt, wie Du mir erzählt haſt. Nicht wahr?“ „Ha! Du giebſt mir das Leben wieder. Es iſt ja⸗ wahr! O, welch' ein Troſt biſt Du mir, theurer Za⸗ retta! Mein einziger Freund! Ach, beklage, aber liebe mich, denn das iſt jetzt das einzige Bedürfniß meines Herzens!“ 8 néLLéqv qéCIZJ9mmnmnmRgg 175 „Ich habe es Dir ſchon oft bewieſen, daß ich Dich liebe, und werde es Dir noch ferner beweiſen. Sieh, hier iſt ein koſtbarer Stein, den verkaufe, wenn ich abgereiſt bin. Er iſt leicht ſeine 6— 800 Thaler werth. Davon kannſt Du eine Zeitlang leben. So⸗ dann aber will ich Dir gleich ein paar Wechſelformulare holen— wieviel willſt Du, zwei oder drei?“ „Hole drei, man kann nicht wiſſen, wieviel man — gebraucht.—“ Der Graf ſprang behende aus dem Zimmer. In einigen Augenblicken war er wieder da, hatte eine Feder in die Tinte getaucht und reichte die Wechſel⸗ formulare dem im Bette Liegenden auf einer Unter⸗ lage dar. „Wie hoch ſoll ich jeden Wechſel ausſtellen?“ „So hoch Du willſt— das kommt ja allein auf Dein Bedürfniß an,“ ſagte der Graf, mit hochklopfendem Herzen lauſchend. „So werde ich jeden auf 500 Thaler ausſtellen?“ „Das iſt freilich etwas wenig in Anbetracht Deiner Lage— allein für den Augenblick genügt es. Bis das Geld ausgegeben, biſt Du ja mit ihm verſöhnt—“ „Und welche Friſten ſoll ich beſtimmen?“ O,— vier, acht und zwölf Wochen, das iſt Zeit genug.“ Der Baron hatte die Wechſel geſchrieben. Der Graf nahm ſie, überlas jeden einzelnen genau und ſagte dann:„Willſt Du ſie mir anvertrauen? Morgen Abend, ſpäteſtens übermorgen früh vor meiner Abreiſe hoffe ich ſie für Dich umgeſetzt zu haben.“ „Ja, ja, ſetze ſie um, ſo bald wie möglich— Dir vertraue ich jetzt mein Leben an— Du haſt mich vom Untergang gerettet.“— Der Graf drückte ihm gerührt die Hand, ſagte ihm gute Nacht und ging leiſe davon, die Wechſel des abermals geprellten Barons mit ſich fortnehmend, wie er ſchon ſo Vieles von ihm fortgenommen hatte. —— —— Siebentes Papitel. Ein moderner Lebemann. Von dem älteren Sohne des Barons von Brandau müſſen wir uns jetzt zu dem jüngeren wenden, um auch deſſen Schickſal bis zu dem Punkte zu verfolgen, zu welchem wir am Ende des vorigen Kapitels ge⸗ langt ſind; denn die, Zeit und Umſtände genau be⸗ rechnende Schlauheit in dem teufliſchen Plane des Grafen Zaretta, die Verhältniſſe beider Edelleute zu untergraben, ſie zu Grunde zu richten und aus den Splittern ihres Vermögens ſich ein eigenes zuſammen⸗ zufügen, hatte Alles ſo geſchickt eingefädelt und ſo glücklich zu Ende gebracht, daß der Ruin des Einen zugleich mit dem des Anderen zuſammenfiel. Georg von Brandau hatte, wie wir ſchon aus einem früheren Briefe an ſeinen Vater erſahen, nicht viel Umgang mit ſeinem Bruder; ihre Lebensanſichten Baron Brandau. II. 12 178 wichen weſentlich von einander ab, ihre Neigungen führten ſie nur ſelten zuſammen und ihre Vergnügungen mit anderen ihnen gleichgeſinnten Menſchen ſuchten und fanden ſie in ganz von einander geſonderten Kreiſen. Nur zufällig trafen ſie ſich bisweilen hie und da, oder höchſtens in wichtigen Momenten, wie wir bei jener Erbſchaftsangelegenheit geſehen haben, wurden ſie durch den Willen ihres Vaters vorübergehend zu⸗ ſammengeführt. Wie im Aeußeren ganz und gar von einander verſchieden, zeigten ſie auch, wie geſagt, in ihrer Lebensweiſe, ihren Geiſtesrichtungen, ihrem inneren Bedürfniß keine Uebereinſtimmung. Alfred war ein habſüchtiger, geiziger, allein nach zunehmendem Beſitze ſtrebender Menſch, der nur dann einem übermäßigen Lebensgenuſſe ſich ergab, wenn er künſtlich dazu an⸗ geregt wurde oder eines beſonderen Stachels, ſeiner innerlich gährenden Leidenſchaft das Gegengewicht zu halten, bedurfte. Dabei war er düſter, ſchwer, zum einſamen Grübeln geneigt, ein Feind alles leichten Verkehrs. Georg dagegen war ein lebensluſtiger, warmblütiger, leichtſinniger Menſch, deſſen Ziel und Zweck allein ſeine Unterhaltung, der Genuß des Lebens nach allen Richtungen und in allen Graden war, und ein ſolcher Menſch lebt nicht gern für ſich, er bedarf 1o eines lebhaften geſeltigen Umgangs. Außerdem war er Offizier und aus dieſem Grunde allein ſchon in einen abgeſonderten, aber dadurch nicht ſolideren Kreis verſetzt. Leichtſinnig war er von jeher geweſen, ſchon als Knabe, als Fähnrich, als Offizier bei der Infanterie. Auf einen bei Weitem höheren Grad aber ſtieg dieſer Leichtſinn, als er, von ſeiner Eitelkeit und ſeinem Stolze getrieben, ein Huſar wurde, denn nun gerieth er mit reicheren, ſich vornehmer geberdenden und lebens⸗ luſtigeren Kameraden in Verbindung. Sein Umgangs⸗ kreis erweiterte ſich, ſein nach äußerem Prunk und Glanz dürſtendes Herz bekam eine ſtoffreichere Nahrung, ſeine abenteuerlichen Pläne wurden durch die Sucht der Nacheiferung bis auf eine ſchwindelnde Höhe geſchraubt. Wie er in dieſem Verhältniſſe bis zu dem Augenblicke lebte, wo er ſeines Vaters Gut beſuchte, ſich Geld und ein Pferd holte, um ſeiner neuen Stellung Ehre zu machen, wiſſen wir im Allgemeinen; daß er ſchon da⸗ mals Mitglied jenes neugeſchaffenen Adelsbundes, des ſogenannten Jagdelubs war, iſt uns ebenfalls bekannt. Von dieſem Zeitpunkte an aber müſſen wir ihn näher in’'s Auge faſſen, denn allmälig begann er jetzt der Kataſtrophe entgegenzuſchreiten, deren Entwickelung uns gegenwärtig beſchäftigen wird. Der eitele, ahnenſtolze junge Mann glaubte, mit — 12* dem Eintritt in jenen ſchon im Allgemeinen bezeich⸗ neten Kreis junger abenteuerlicher, dem Nichtsthun und den Lebensfreuden ausſchließlich ergebener Leute die glänzendſte Stufe ſeines Lebens erſtiegen, den Culminationspunkt ſeines Erdendaſeins erreicht zu haben. Von nun an gab er ſich ſchrankenlos den Eingebungen ſeiner Leidenſchaften, ſeines Stolzes und ſeiner Ehrſucht hin. Ob er genügend mit äußeren Mitteln und Kräften begabt war, dieſen Glanzpunkt ehrenvoll zu behaupten,— das zu überlegen war ſeine Sache nicht, denn Ueberlegung, Nachdenken, vernünf⸗ tige Beſonnenheit waren keine Gaben, welche die Natur dem verhätſchelten Junker des Barons Brandau ver⸗ liehen hatte. Wie weit dieſe Mittel reichten, wie lange das luſtige Leben dauern könne, das bedachte der junge Cavalier nicht, das lag nicht in ſeiner Sorge; Sorge überhaupt kannte und machte er ſich nicht, die überließ er ſeinem Vater und anderen Leuten, die Zeit und Neigung dazu hatten, über das menſch⸗ liche Leben nachzudenken, was er eine ſpießbürgerliche, hypochondriſche, philiſtröſe Laune und Geſinnung nannte. Mit flüchtigſter Eilfertigkeit ſeinen leichten und angenehmen Dienſt zu verrichten, dann dem vollen Gebraus des Lebens ſich hinzugeben, ohne weder den Wind zu beobachten, wohin er trieb, noch die Wellen, — 181 woher ſie kamen, das war ſeine alleinige Aufgabe, das ſein alltäglicher Lebenszweck. Ob dieſer Wind nun bald ſehr heftig blies, dieſe Wogen bald ſehr hoch gingen— das verſchlug ihm Nichts, im Gegen⸗ theil, das unterhielt ihn, das gewährte Abwechſelung, das gebar nie dageweſene Scenen, und ein Menſch der täglichen, wo möglich ſtündlichen Abwechſelung und Neuheit im Genießen war Georg von Brandau durch und durch. In allen dieſen Nichtigkeiten beſtärkte ihn die himmelſchreiende Gewohnheit des Tages, die Sitte ſeiner Gefährten, das Lebensziel aller Derer, die mit ihm in gleichen Verhältniſſen ſich befanden. Diniren, ſoupiren auf das Leckerſte, trinken, bis man nicht mehr ſtehen konnte, reiten, bis die koſtbarſten Pferde zu Schanden geritten waren, wetten, bis kein Menſch mehr einen Groſchen Geld in der Taſche hatte, ſpielen, ſo lange irgend ein Credit vorhielt, und zuletzt auf Ehrenwort ſpielen und Wechſel ausſtellen— ſo war das herrliche gentile Leben beſchaffen, welches damals die jungen Leute führten, mit denen Georg ein Herz und eine Seele war. Verfolgen wir dieſes ungebun⸗ dene und freche Leben nicht bis in's Einzelne. Der⸗ gleichen Scenen ſind— ſogar in öffentlichen Blättern — zu oft geſchildert, um ſie dem geſitteten Leſer in 182 ihren widerwärtigen Details noch einmal vor Augen führen zu wollen. Die Pariſer Sitten, durch ſchlüpfrige Lectüre, einzelne Reiſende und das tauſendzüngige Gerücht ſich wie eine epidemiſche Krankheit verbreitend, waren auf deutſchen Boden verpflanzt, aber dadurch eben keine Pariſer Sitten mehr geblieben, ſie waren in eine barbariſche Vergeudung aller phyſiſchen und geiſtigen Kräfte ausgeartet, denen die Zähigkeit des franzöſiſchen Charakters und Körpers, die elaſtiſche Fügbarkeit in alle äußeren Verhältniſſe und endlich auch die überſchwenglichen Mittel der dort ſo reich be⸗ güterten Familien fehlten. Das Reſultat dieſer Lebens⸗ art war allerdings dort wie hier daſſelbe, nämlich der Ruin der jungen Leute, die aller ehrbaren Leitung entbehrten, nur dem eigenen leidenſchaftlichen Triebe nach Beluſtigung, Lebensgenuß in allen Formen und Geſtalten und der Befriedigung ihrer zum Unnatür⸗ lichen geſteigerten Genußſucht fröhnten. In Paris mag Dergleichen geſchehen, Paris iſt eine Welt für ſich, der Einzelne verſchwindet im großen Ganzen, die Welle verſchlingt ihn und unbeweint modern ſeine Gebeine auf dem Grunde des unermeßlichen und alle Tage ſich neu gebärenden Lebensmeeres. Hier aber in der gutmüthigen kleineren deutſchen Stadt war das nicht ſo, war das etwas ganz Anderes. Ein im 188 allgemeinen Ganzen theilnehmendes und mannigfach dabei betheiligtes Publikum nahm ſehr bald Act von dem übertriebenen Luxus der Abenteurer; man fand es ganz natürlich zu fragen: wohin wird dieſer Ueber⸗ muth führen, zu welchem Ende werden dieſe jungen Leute gelangen? Daher war ein Treiben, welches die allgemeine Sitte beleidigte, bald Stadtgeſpräch— die höchſten Perſonen wurden darauf aufmerkſam, und da es ihnen nicht gleichgültig war, was man von den Söhnen ihres Adels ſprach, ſo mußte dem blind⸗ lings fortſtürzenden Unheil Einhalt geſchehen, was auch plötzlich geſchah, wie ſchon in jenem Briefe des Bankiers angedeutet worden iſt. Wie viele Familien ſind durch das, nicht ver⸗ brecheriſche, wohl aber namenlos leichtſinnige Leben dieſer jungen Thoren an Namen und Ehre, an Geld und Gut ſchon beſchädigt worden, wie viele Thränen im Stillen gefloſſen, wie viele Seufzer ungehört aus⸗ geſtoßen. Ohne alle regelmäßige, Körper und Geiſt gleichmäßig anſtrengende Thätigkeit, ohne Raſt von einem Vergnügen, einer Ausſchweifung zur anderen taumelnd, ohne innere Befriedigung nur äußeren, zu⸗ fälligen und nach allen Richtungen ſchweifenden An⸗ reizen folgend, vergeſſen ſie alles Erhabene, Edle, Hei⸗ lige auf der Welt und fallen allein den dämoniſch verlockenden Leidenſchaften des ſündigen Menſchen an⸗ heim. Kein Nachdenken, keine Arbeit, keine Anſtren⸗ gung ſetzt ihre Seele in das verlorene Gleichgewicht zurück, nur Luſt, Vergnügen, Genuß ſuchend zerrütten ſie vor der Zeit ihre moraliſchen Fähigkeiten mit ihren leiblichen Kräften, und allein die ſinnlichen Triebe feiern ihren diaboliſchen Triumph, indem ſie jubelnd und lachend dem dunkelen Ende zuſtürzen, wo nur das Elend mit grinſender Lippe und das Trübſal in traurigſter Geſtalt ſie erwartet. Iſt es denn wunderbar, wenn bei einem ſolchen, in ununterbrochenem Rauſche fortſchwelgenden Leben das plötzliche Erwachen, wenn es einmal erfolgt, ein ſchreckliches iſte Wenn die Reue, ſo viel an Kraft, Zeit und Mitteln verloren und nichts, gar nichts da⸗ für gewonnen, Alles zerſtört und Nichts gerettet zu haben, das harmoniſche Gleichgewicht des Organis⸗ mus, der aus Seele und Leib beſteht, vor der Zeit zerreißt? Aber dies Erwachen, dies Bereuen findet bei Vielen gar nicht einmal ſtatt. In kopfloſem Taumel von Niederlage zu Niederlage ſinkend, den eklen Rauſch des überſättigten Genuſſes nur von einem Tage zum anderen verſchlafend, ſtürzen ſie wie ein blindes, wüthend gewordenes Roß dahin, dem Schöpfer und ihren phyſiſchen Kräften es überlaſſend, wann 185 und wo ſie zuſammenbrechen, erliegen und ruhmlos verenden werden. Eiin ſolches Leben iſt mit der Wirtung einer La⸗ wine zu vergleichen, die vom himmelhohen Felſen zur Erde herabrollt, immer größer anſchwillt, immer verderbenvoller an Umfang und Gewalt wird und am Ende Alles zertrümmert und zerbricht, was ihr in den Weg tritt. Wie es Lawinen in der äußeren Welt, in den Regionen der felſigen Bergrieſen giebt, ſo giebt es auch in den Windungen und Schluchten des Men⸗ ſchenlebens und Herzens vom Himmel zur Erde herab⸗ rollende Lawinen. Granweiſe beginnt der abſtürzende Verfall der erlahmten Seele, aber mehr und mehr ſchwillt er an, bis er, centnerſchwer und rieſengroß geworden, das Herz erdrückt und das darin wohnende Gefühl erſtickt, den Geiſt aber, der über Allem waltet, ſchwächt und zerſtört, bis er anfangs in theilweiſer, endlich aber in allgemeiner Lähmung dahinſinkt. Im Kleinen wie im Großen ſehen wir Dergleichen in der heutigen ſocialen Welt vorgehen. Glücklich noch Derjenige, der, vom inneren Wurme durchfreſſen, nur an ſeinem Leibe Schaden leidet und langſam verdorrt, deſſen phyſiſche Kräfte eher erbleichen als ſeine geiſtigen Fähigkeiten durch ihre ſtufenweiſe Ab⸗ nahme ihn noch bei lebendigem Leibe dem morali⸗ 186 ſchen Tode überliefern. Wehe Dem aber, deſſen Geiſt nicht ſo dehnbar und dauerhaft iſt, den Rückwirkun⸗ gen jener dämoniſchen Kräfte, die irgend einmal gewiß fühlbar werden, zu widerſtehen. Auf ihn fällt haufenweis die Sünde der Welt, ſeines Stammes, ſeines Zeitalters— er iſt das Opfer des heutigen Strudelgeiſtes— er, der Gold, Luſt und Freude ſucht und nur die Sorge, das Elend und den Untergang in der Jugend findet, während ihm ein glückliches Alter wie allen ſeinen Brüdern aufbewahrt war. Wenn der Spiegel, den wir hiermit der jungen Welt vorhalten, kein blitzender iſt, in dem ſich ihr trunkenes Auge mit Wohlbehagen beſchaut— wir tragen nicht die Schuld davon, denn wir können nichts dafür, daß dieſes Glas trübe iſt und ein frühzeitig verblichenes Zerrbild widerſtrahlt, welches nichts Gött⸗ liches, kaum noch etwas Menſchliches an ſich hat. Dieſes Glas, dieſen Spiegel hat ſich die junge Welt. ſelbſt geſchliffen, und mag ſie ihn noch ſo überladen mit glänzenden und goldfunkelnden Rahmen ſchmücken, das ſich darin beſchauende Bild wird nie ein anderes, reineres, ſchöneres werden. Wohl mag der Genuß der Wolluſt und die Wolluſt des Genuſſes— eben eine Wolluſt ſein. Sich auf ſammtenen Seſſeln zu ſtrecken, von ſilbernen Tellern 187 Auserleſenes zu ſpeiſen, aus kryſtallenen Pokalen herrliche Weine zu ſchlürfen, auf edlen Roſſen zu reiten, ſich von betreßten Dienern bedienen zu laſſen, überhaupt einen von Allen und in Allem angeſtaun⸗ ten, glänzenden, jungen, ſchönen Cavalier zu ſpielen, mag immerhin etwas Angenehmes und vielfach Be⸗ gehrtes ſein— ſeine Weihe aber erhält dieſer Luxus, wenn der Luxus überhaupt eine Weihe erhalten kann — erſt dadurch und allein dadurch, wenn er durch redliche Arbeit erworben, mit Mühe und Anſtrengung errungen, alſo auf wahrem Verdienſt gegründet iſt, wenn er, mit einem Wort geſagt, den Gipfel des Le⸗ bens, nicht aber den Zweck deſſelben bildet. Der Leſer verzeihe die weite Ausführung eines Gedankens, der uns ſchon ſeit vielen Jahren vorge⸗ ſchwebt hat, allein er iſt es vor allen werth gründlich bedacht und beherzigt zu werden. Das menſchliche Leben iſt zu kurz, um blos genoſſen, zu ernſt, um blos vergeudet, und zu feſt mit unſerem künftigen Daſein verſchmolzen, um blos gering geſchätzt zu werden, es bedarf der Beleuchtung aller ſeiner moraliſchen Tiefen und Untiefen, die in nächtiger Dunkelheit begraben liegen und für einen großen Theil der Menſchen Klip⸗ pen genug bieten, um ihr prachtvoll gerüſtetes Lebens⸗ ſchiff, das darin nach Perlen und Cdelſteinen ſucht, 8 — ‧uu——ͤͤſ 188 zum Scheitern zu bringen. Ach, dieſe Perlen, dieſe Edelſteine, liegen nicht in den Tiefen des Lebens, wie auf dem Grunde der See oder in den Schachten der Erde— nur der wahnſinnigen Täuſchung Verblen⸗ deter ſcheinen ſie dort aufgehäuft— nein, ſie liegen allein in dem weiſen Gebrauch der Gaben, die uns die fürſorgende Natur verliehen, in dem würdigen Genuß nach vollbrachter Arbeit, in dem Trachten nach Höherem, Edlerem und Geiſtigerem, als wohin allein der Kitzel unſerer vergänglichen Sinne ſtrebt.— Kurze Zeit nach der erſten Bekanntſchaft Alfred's von Brandau mit dem Grafen Zaretta fügte es der Zufall, daß Georg ſeinen Bruder beſuchte und von dieſem außerordentlich viel Vortreffliches von ſeinem neuen Freunde vernahm. Georg, deſſen Sinn auf ganz andere Dinge gerichtet, deſſen Umgangskreis groß genug war, hörte kaum auf das, was der Bru⸗ der ſagte, wie er denn überhaupt ſelten anderer Leute Meinung hörte oder Gedanken verfolgte, vielmehr nur ſeinen eigenen Grübeleien und Träumen ſich hingab. Nach einiger Zeit, nachdem der Freundſchaftsbund mit dem Grafen ein feſterer geworden war, ſuchte Alfred die Aufmerkſamkeit deſſelben auf ſeinen Bru⸗ der zu lenken, nicht etwa, um denſelben an ſeiner 189 neuen Glückſeligkeit Theil nehmen zu laſſen, denn ſo groß war die Zärtlichkeit der beiden Brüder für ein⸗ ander nicht, ſondern nur um ſein beſonders günſtiges Geſchick von Georg bewundern und beneiden zu laſ⸗ ſen. Der Graf ſchien nicht ſehr geneigt, auf dieſen Wunſch einzugehen, denn ſeine Pläne waren damals nur auf den einen Bruder beſchränkt, und er ſträubte ſich, ſeine Kreiſe, mehr als nothwendig war, auszu⸗ dehnen. Er liebte es, ein einmal begonnenes Ge⸗ ſchäft allein zu betreiben und ganz zu ſeinem Vor⸗ theil auszubeuten, weshalb er ſich ja auch zuletzt faſt allein auf Alfred's und einiger Wenigen Umgang be⸗ ſchränkt hatte. Allmälig aber, als ſeine Macht über Alfred geſichert war, und er denſelben ganz unter ſei⸗ ner Botmäßigkeit ſah, erweiterten ſich ſeine Hoffnun⸗ gen und er fing an, ſeine Pläne über mehrere ihm zu Opfern tauglich erſcheinende Perſönlichkeiten aus⸗ zudehnen. Denn das Gelingen des einen Unterneh⸗ mens ſteigerte die Begierde des ſchlauen Verführers in’s Unendliche. Aber auch jetzt noch ſchienen ihm andere fremde junge Leute lieber und ſeinen Zwecken entſprechender zu ſein, als gerade der Bruder ſeines Freundes. Einmal war derſelbe Offizier, und wir kennen ja ſeine Antipathie gegen dieſelben. Dieſe nie ganz zu ergründenden Herren mit ihrem ungeheu⸗ 190 ren Anhang, gleich einer unzertrennbaren Kette durch Herkommen und Sitte zuſammengeſchmolzen, für de⸗ ren einzelnes Glied ſtets eine ganze wohl bewaffnete Reihe mit Gut und Blut einzuſtehen bereit war, wenn irgend ein Conflikt ſtattfand, waren nicht ganz nach ſeinem Geſchmack. Auch Georg von Brandau, der glänzende, eitle Huſarenoffizier, konnte irgendwo jenen viel gefürchteten Faden hängen haben, den zu berühren ſo überaus große Gefahr drohte. Außer⸗ dem aber hatte der Graf, als leidlicher Menſchenken⸗ ner, wenigſtens der Menſchen, die für ihn von irgend einer Bedeutung waren, ſehr bald erkannt, daß der jüngere Baron ein namenlos leichtſinniger und ver⸗ ſchwenderiſcher Menſch und dabei allen Ausſchweifun⸗ gen zu ſehr ergeben war, die ſchon an und für ſich ein anſehnliches Capital verſchlangen, um noch einen Gewinnabfall hoffen zu laſſen, der erklecklich genug wäre, um jener weislich gemiedenen Gefährlichkeit die Waage zu halten. Endlich aber, und das gab den Ausſchlag in ſeiner perſönlichen Abneigung gegen den jüngeren Bruder, lag Etwas in dem Weſen deſ⸗ ſelben, vor dem der Graf inſtinktartig zurückbebte, etwas Zerriſſenes, Wildes, Ungebändigtes, was ihm in der vorliegenden Geſtalt und Größe noch niemals in ſeiner Praxis vor Augen gekommen war. Es 191 däuchte ihm oft, wenn er den jungen Offizier auf⸗ merkſam beobachtete, als ob ein unbezwungener und ihm unbekannter Dämon unter der Oberfläche dieſes leichtſinnigen Weſens ſchlummere, und als ob es be⸗ denklich, ja geradezu gefährlich ſei, dieſen Dämon zu ſtacheln und gegen ſich wach zu rufen. Es war dies dieſelbe geheimnißvolle, faſt geſpenſtiſche Macht, die auch die ſanfte Marie ſtutzig gemacht, vor der ſie furchtſam in die Einſamkeit geflohen war, und wegen derer ſie ſich den traurigſten Gedanken über das Schickſal des Sohnes ihres Oheims hingegeben hatte. Oft blitzte es dem Grafen, wenn er Georg von Bran⸗ dau im Stillen betrachtete, wie eine heimliche Ah⸗ nung auf, als ob in deſſen Innern eine mit Pulver gefüllte Mine verborgen läge, die, durch irgend einen zufällig herbeigetragenen Funken in Brand geſetzt, explodiren und Alles, was ihn umgebe, mit Vernich⸗ tung bedrohen müſſe. Vor einer ſolchen Vernichtung aber, auch wenn ſie nur in der Zukunft ſchlummere, bebte der moraliſch und phyſiſch feige Fremdling zu⸗ rück, es war ihm gar nicht ſo undenkbar, daß jener verborgene Faden, von dem wir ſchon zweimal ge⸗ ſprochen, mit dieſer Mine in Verbindung ſtände, und wehe ihm dann, wenn er ſo unglücklich wäre, dieſe Exploſion ſelbſt zu veranlaſſen, indem er dieſen 192 Faden aus Unvorſichtigkeit oder Zufall in Bewe⸗ gung ſetzte. Dieſe eigenthümliche Furcht des Grafen,— wir müſſen das hier gleich vorweg erwähnen— zeigte ſich in der Folge unbegründet, und ihm war es von der Vorſehung nicht beſchieden, jenen Faden zu berühren und die Mine explodiren zu laſſen, ſo ſehr er ſeiner⸗ ſeits auch dazu beitragen ſollte, das Pulver dieſer wirklich, wenigſtens moraliſch, vorhandenen Mine an⸗ zuhäufen und die Gefahr der Exploſion für Den, der ſie in ſich trug, größer zu machen. Lange Zeit hielt ſich daher der vorſichtige Dal⸗ matier, wie er nach und nach allgemein genannt wurde, von Georg fern, erſt allmälig, Schritt vor Schritt, näherte er ſich ihm, als er ſeine Pläne in Betreff Alfred's bereits gereift und der Vollendung nahe ſah. Die in Folge des gehabten Verluſtes eines Theiles ſeines Vermögens herbeigeführte Krankheit Alfred'ss knüpfte das lange in der Luft ſchwebende Verhältniß zwiſchen Beiden noch feſter zuſammen, Georg wurde der Gaſt ſeines Bruders, wie dieſer der Gaſt ſeines Freundes war, und ſo war die engere Verbindung leicht hergeſtellt. Der Graf bemühte ſich mit allen ſeinen reichen Mitteln, des Geldes und der Verführung, den jungen Baron zu ködern, der ihm 193 wie ein vom Winde des Zufalls in die Schlinge ge⸗ triebener Vogel erſchien. Georg, leicht zu gewinnen und durch Kleinigkeiten zu feſſeln, denn er war in manchen Dingen noch nicht dem Knabenalter ent⸗ wachſen, wurde geblendet von den glänzenden Ver⸗ hältniſſen des Grafen, er kam einige Tage raſch nach einander, und die geſchickt ausgeworfene Schlinge des Vogelfängers zog ſich immer enger um ſeinen Hals zuſammen. Was die äußere Erſcheinung Georg's damals an⸗ belangt, ſo war die, ſtill in ſeinem Innern vor ſich gehende Entwicklung zu einem allmälig ſich vorberei⸗ tenden krankhaften Zuſtande ſichtbar vorgeſchritten. Er war, in ſo jugendlichem Alter, wo der Mann noch lange nicht die höchſte und blühendſte Stufe ſei⸗ ner Vollendung erreicht hat, ſchon im Rückſchreiten ſeines Gedeihens begriffen, ſelbſt in leiblicher Verfaſ⸗ ſung. Sein Geſicht hatte etwas Gedunſenes, Schlaf⸗ fes, Weibiſches angenommen, in ſeinen Augen lo⸗ derte eine unheimliche Flamme; unſtät, gleich allen ſeinen Bewegungen, konnten ſie nie lange anß einem Punkte haften und ſchienen in unbeſtimmter Ferne wie in einem leeren Raume umherzuſchweifen. Seine Zunge folgte nicht mehr ganz ſeinen Gedanken, oder vielmehr die Gedanken beherrſchten nicht mehr ſeine Baron Brandau. II. 13 194 Zunge, er ſtieß oft beim Sprechen an, als wäre ein materielles Hinderniß in ſeinem Munde vorhanden, das ihn zum Lallen zwänge. Sein Gang hatte etwas Schleppendes, Schwerfälliges angenommen, ſeine Be⸗ wegungen entbehrten der ihm früher natürlichen An⸗ muth, die in ſeiner Familie erblich war, namentlich aber trug er ſeine Schultern— ein häufiges und un⸗ verkennbares Merkmal eines ſich überhebenden Men⸗ ſchen— auffallend in die Höhe gerückt. Aus dem Zuſtande der Erſchlaffung ging er nicht mehr ſo häu⸗ fig in den der Aufregung über; war letztere aber vor⸗ handen, ſo nahm ſie nicht ſelten einen Anſtrich von thieriſcher Wildheit, von bacchantiſcher Luſt an, die dann alle Gränzen des Anſtandes und der Sitte über⸗ ſprang und Jedermann in Schrecken verſetzte, der ſeine Ueberſpanntheit nicht kannte und daher nicht wußte, daß dieſer augenblicklichen Aufregung allzubald eine um ſo tiefere Niedergeſchlagenheit und Abſpannung folgte. Seine Kameraden waren alle an dieſe wie Ebbe und Fluth wechſelnde Strömung in ſeinem Le⸗ ben gewöhnt, Niemand achtete mehr recht darauf, Keiner aber fürchtete ſie, nur ſuchte man ihn mehr und mehr abzuhalten, in fremde Kreiſe zu gerathen, wo ſein Benehmen leicht ein auffälliges werden und bedenkliche Folgen nach ſich ziehen konnte. Daher 195 war es Vielen nicht recht, daß der junge Baron an dem Grafen eine neue Eroberung gemacht, indeſſen, in Erwägung, daß ſein Bruder ſtets bei dem Grafen und alſo auch in ſeiner Geſellſchaft ſei, beruhigten ſich die Befürchtungen derſelben, und bald hatten auch Mehrere von ihnen die Ueberzeugung erlangt, daß der Graf ein ſo durchaus feiner, liebenswürdiger, ſanfter und nachgiebiger Cavalier ſei, dem es ganz allein um das Vergnügen ſeiner Freunde zu thun wäre, daß man von jeder Beſorgniß Abſtand nahm, da nicht vorauszuſetzen war, daß der Graf Georg's wilde Natur reizen und zu beiderſeitigem Schaden ausbeu⸗ ten werde. Die nähere Befreundung Georg's mit dem Gra⸗ fen aber wurde eines Abends im Hauſe des Letzteren geſchloſſen, als er mit einigen vertrauten Freunden deſſelben bei ihm eingeladen war und der beliebte „Tempel,“ gehörig mit Champagner befeuchtet, die Herzen erbaut hatte, wenigſtens die Herzen Derer, die gewonnen hatten, und zu dieſen gehörte diesmal Georg. Zunächſt nun wurde er das Opfer des Gra⸗ fen durch ſeine maaßloſe Eitelkeit, ſeinen Ahnenſtolz und ſein unnatürliches Beſtreben, ein größerer Edel⸗ mann zu werden, als zu welchem ihn die Natur auf dieſer Erde beſtimmt hatte. Daß der leichtſinnige 13* 196 Offizier bei dieſen Schwachheiten am leichteſten zu faſſen war, hatte Zaretta ſehr bald erkannt. Er be⸗ gann daher damit, ſeinem Geſchmacke, ſeiner Eleganz, ſeiner gewählten Toilette und ähnlichen äußerlichen Kleinigkeiten ein lautſtimmiges Loblied zu ſingen. Das allein reichte ſchon hin, das Ohr, wenn auch nicht das Herz des jungen eitlen Mannes zu gewin⸗ nen. Allmälig ſchritt der Graf mit ſeinen Schmeiche⸗ leien weiter vor, bis Georg endlich auf den traurigen Gedanken gerieth, Graf Zaretta ſei der einzige Menſch, den er kenne, der im Stande ſei, ſeine Vollkommen⸗ heiten zu ergründen, ſeinen Geiſt zu erfaſſen und Beides weiter auszubilden. Denn nach dieſer phan⸗ taſtiſch ihm vorſchwebenden Ausbildung ſtrebte er mit einer maßloſen Gier, in Allem wollte er Meiſter, un⸗ erreichbar, unübertrefflich ſein. Außerdem aber hatte der Graf einmal in früherer Zeit ein Wort fallen laſſen, welches lange in dem Ohre des Offiziers nach⸗ geſummt und zuletzt ſeine ganze Seele entzündet hatte; er hatte ihn nämlich gefragt, ob ſeine Familie mit der der ungariſchen Fürſten Brandovar verwandt ſei, wenigſtens habe er einmal gehört, daß eine Seiten⸗ linie dieſer Fürſtenfamilie ſich in die deutſche Frei⸗ herrnfamilie der Brandau's fortgeſetzt habe. Als der Graf dieſe verhängnißvollen Worte geſpro⸗ 197 chen, war ſchon ein Theil der in Georg vermutheten Pulvermine explodirt. Er hatte keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht, er ſtrebte mit vollen Segeln dahin, ſeine Verwandtſchaft mit jener Fürſtenfamilie aufzu⸗ klären, wo möglich aufzufriſchen, und er lag den ge⸗ fälligen Grafen mit unabläſſigen Bitten an, ihm aus dem reichen Schatze ſeiner Wappen⸗ und Familien⸗ kenntniß die dazu nöthigen Materialien zu liefern. Dieſer entſchloß ſich natürlich dazu, ihm zu willfah⸗ ren; er ſchrieb raſch einige Briefe an gekrönte Häup⸗ ter, die er dem Baron zu leſen gab, und verſprach, ſie mittelſt ſeiner hohen Bekanntſchaften in Wien und Peſth ſelbſt überreichen zu laſſen. Georg taumelte beinahe vor Entzücken. Er umarmte ſtürmiſch den Grafen, nannte ihn ſeinen Wohlthäter und gelobte ihm ewige Freundſchaft, indem er ihm ſeine Brüder⸗ ſchaft anbot. Wohl drei⸗ bis viermal kam er zu al⸗ len Tageszeiten in die Wohnung des Grafen gelau⸗ fen, um ſich nach den Erfolgen ſeiner Bemühungen zu erkundigen, und in der That erhielt er eines Ta⸗ ges die ſichtbarſten Zeichen des erfüllten Verſprechens Seitens des Grafen. Denn dieſer zeigte ihm einen angeblich von Wien gekommenen Brief vor, worin die Beſtätigung der Familienverbindung der Brandau's mit den Brandovars enthalten war, indeſſen ſei der * 198 Zuſammenhang mit einigen Zwiſchengliedern noch nicht hinreichend aufgeklärt, müſſe alſo ſpäteren Er⸗ kundigungen vorbehalten bleiben. Einſtweilen war ein ſchön gemalter Stammbaum beigefügt, der augen⸗ ſcheinlich die Verwandtſchaft beider Familien ergab, indem ſogar ſchon der drei Söhne des alten Barons auf Holzendorf darin Erwähnung gethan war. Bei⸗ läufig geſagt, eine Malerei, die dem Grafen durch den vertrauten Umgang mit Alfred ſehr leicht gewor⸗ den war, der zwar über die hochtrabenden Pläne ſei⸗ nes Bruders lächelte, indeſſen den Grafen gewähren ließ, die Ehre und den Glanz ſeiner Familie mit ſo wenigen Koſten und Opfern zu erhöhen. Seitdem dieſer Stammbaum vom Himmel auf die Erde gefallen war, ſchwebte Georg in höheren Regionen. Er ließ ſich ein neues Wappen ſtechen, nahm neue Familienfarben an und unterzeichnete ſeine Briefe an vertraute Freunde mit beiden Namen, vor aller Welt ſich auf den Stammbaum berufend, den Viele ſo leichtgläubig waren, für ein wirklich aus Wien geſchicktes Zeugniß der Wahrheit der Verwandt⸗ ſchaft zu halten. Oeffentlich trat der junge Baron natürlich noch nicht mit ſeiner neuen Entdeckung an's Tageslicht, nur insgeheim machte er ſeine höhere Stellung geltend, was ſich ſehr bald in ſeinem Be⸗ — 19 nehmen gegen ſeine Diener und ſonſtigen Untergebe⸗ nen kundgab.— Mit dieſer ſo plötzlich aufgetauchten Hoffnung auf einſtige höhere Stellung— auf einen Fürſtenhut, mit den gebührenden Ehren und Auszeichnungen ver⸗ bunden— ging bald eine andere Ueberzeugung Hand in Hand, die der Baron ebenfalls dem Grafen ver⸗ dankte und auf ſeine maaßloſe Eitelkeit gegründet war. Als nämlich der Graf eines Tages ſeinen Freund beſuchte, traf er ihn allein und ſingend an.„Was haſt Du für eine köſtliche Stimme?“ rief der Dalma⸗ tier entzückt. „Wie, meinſt Du? Auf Ehre?“ Der Graf legte die Hand auf's Herz und be⸗ theuerte, daß ihm ſelten ein Menſch mit ſo vielen und nach den verſchiedenſten Richtungen verbreiteten Talenten vorgekommen wäre, wie er. Georg loderte vor Freude beinahe in Flammen auf.„Zaretta,“ ſagte er ſprühend,„Du biſt ein ein⸗ ziger Mann! Ich kann es meinem Bruder nicht mehr verdenken, daß er in Dein Haus gezogen iſt. Du beſitzeſt einen Talisman, der Dir alle Geheimniſſe des menſchlichen Herzens offenbart. Weißt Du, daß ich ſchon längſt mit dem Gedanken umgehe, meine Stimme von einem bedeutenden Künſtler ausbilden zu laſſen, 200 denn, auf Ehre! ſie iſt über alle Begriffe ſchön. Ich allein kenne ihre Kraft und ihren Umfang. Höre mal!“— Und er riß Mund und Augen weit auf und ſang mit ganz gewöhnlicher Stimme ein paar Cadenzen, die dem durchaus unmuſikaliſchen Grafen gellend in die Ohren ſchallten, ſo daß er ſogar wider Willen lachen mußte.„Warum lachſt Du?“ fragte der Baron plötzlich mit beleidigter Miene. „Ich— lachen? Du irrſt Dich wohl, mein lieb⸗ ſter Freund. Ich bewundere Deine Stimme, Dein muſikaliſches Talent, Dein Gehör, denn Du ſangſt ja da gerade die ſchönſte Arie aus den Hugenotten.“ „Alſo wirklich, Du haſt ſie erkannt? Ja, das iſt wahr, ich habe Talent, großes Talent, und Du al⸗— lein haſt es entdeckt, Niemand ſonſt will es mir zu⸗ geſtehen. Aber das macht der Neid, der ſie überhaupt gegen meine Leiſtungen aufreizt. Jetzt aber werde ich mich vervollkommnen, trotz ihnen! Gieb Acht, es kommt. Heute noch will ich zu dem berühmten Sän⸗ ger... gehen, er muß mir Unterricht geben. Meinſt Du nicht?“ „Das verſteht ſich von ſelber. Der Menſch hat die Verpflichtung, die Talente auszubilden, die ihm die verſchwenderiſche Natur für ſein Erdendaſein ver⸗ liehen hat.“ 3 — 201 „O Du Herrlicher! Wie ſprichſt Du ſtets aus mei⸗ ner Seele. Komm an mein Herz!“— Und er um⸗ armte ſtürmiſch den bewegt ſcheinenden Grafen.— In der That, als dieſer am nächſten Tage ſeinen Freund beſuchte, fand er einen koſtbaren Flügel vor und auch der berühmte Sänger war ſchon einmal bei ſeinem neuen Schüler geweſen. Da ihm die Stun⸗ den nach Begehren bezahlt wurden, ſo hielt er ſich für verpflichtet, der kleinen Laune des offenbar ſehr wunderlichen Barons zu genügen. Von jetzt an bildete Dieſer zu jeder Stunde, die er übrig hatte, ſein Talent aus. Namentlich des Nachts, wenn er lange nach Mitternacht nach Hauſe kam und doch nicht ſchlafen konnte, ſchrie er die ganze Nachbarſchaft wach. Man wußte gar nicht, was denn eigentlich geſchehen ſei, daß dieſe ſchreckli⸗ chen, kreiſchenden Töne ſich in ſo methodiſcher Reihen⸗ folge Nacht um Nacht hören ließen. Gar bald auch glaubte der eifrige Sänger die Stufe der Meiſterſchaft erreicht zu haben, denn bei ihm ging Alles im Fluge, wie wenn die Furien der Hölle mit geflügelter Eile ihn vorwärts und dem Abgrunde, der vor ihm gähnte, entgegenpeitſchten. Sobald ſeine Kameraden ſich bei ihm blicken ließen, ſang er ihnen ſeine neueſte Arie vor, bis dieſe endlich die Köpfe ſchüttelten und den tollen Baron, wie ſie ihn nannten, nicht mehr beſuch⸗ ten, aus Angſt, eine ganze Stunde bei ihm ſitzen und ſeine Schreiereien mit anhören zu müſſen. Aber dieſe Ausbildung eines ſo lange in ihm ver⸗ borgen gelegenen Talentes ſollte nicht gar lange dauern. Dem Grafen war es ſelbſt bald zuwider ge⸗ worden, den jungen Mann in dieſe Richtung getrie⸗ ben zu haben, denn er mußte am meiſten von ſeinen künſtleriſchen Leiſtungen ausſtehen. Daher war er ſchlau genug, eiligſt eine gründliche Abhülfe zu erſin⸗ nen. Eines Tages brachte er ihm eine Zeichnenſchule mit und erzählte, daß dies die neueſte Erfindung ſei, einen Menſchen, der Talent dazu beſitze, in vier Wo⸗ chen zum Maler zu bilden. „Malen?“ rief der Baron.„Glaubſt Du, daß ich vier Wochen dazu gebrauche? Ich will es Dir be⸗ weiſen. Ich habe ſchon als Knabe vortrefflich ge⸗ tuſcht. Meine Lehrer bewunderten unaufhörlich mein Talent.“ „Aber warum haſt Du es denn nicht ausgebildet?“ „Mein Gott, warum? Weil ich keine Zeit dazu hatte. Wie viel Zeit würde der Menſch gebrauchen, der alle ſeine Talente entwickeln wollte, namentlich wenn er ſo reich damit geſegnet iſt, wie ich!— Aber da ſehe ich wieder, was ich an Dir habe, Du haſt 203 mich zu meinem eigenen Beſten auch darauf auf⸗ merkſam gemacht.“ So begannen denn von jetzt an die Studien, um ein großer Maler zu werden. Die Zeichnungen wa⸗ ren ihm bald zuwider geworden, mit dem todten Bleiſtift über das Papier zu fahren, war langweili⸗ ges und überdies kindiſches Zeug. Es mußte ſogleich gemalt werden— in Oel. Flugs wurden nun alle Geräthſchaften dazu angeſchafft, die theuerſten Farben gekauft, Leinwand auf wenigſtens ein Dutzend Blend⸗ rahmen verſchiedenſter Größe geſpannt, denn der Ba⸗ ron wollte ſein neues Talent gleich in bedeutendem Maaßſtabe zeigen. Mit einer ſeltenen Dreiſtigkeit und Keckheit warf er ſeine ſchrecklichen Skizzen gleich in Oelfarbe auf die Leinwand, bis er plötzlich ein neues Geheimniß der Farbenmiſchung gefunden zu haben glaubte, ſich chemiſche Bücher kommen ließ, darin ſtudirte und nun auf die Alchemie gerieth, die ihn zum Erſtaunen ſeiner Freunde wieder eine Zeitlang beſchäftigte. Aber dieſe Freunde waren des Erſtau⸗ nens über ihren Kameraden ſchon gewohnt geworden. Sie dachten nicht weiter über ſeine eigenthümlichen Liebhabereien nach. Er ſingt, er malt, er ſtudirt jetzt, ſagten ſie ſich gegenſeitig, und damit war das Ge⸗ ſpräch über ihn zu Ende gebracht. .“ — 204 Auf dieſe Weiſe machte der Baron alle möglichen Liebhabereien durch; mit den verſchiedenartigſten Din⸗ gen, die der Graf eigens für ihn erfand und zu denen er in dem leichtgläubigen Thoren ein ungeheures Talent zu entdecken vorgab, beſchäftigte er ſich der Reihe nach, bis endlich das Letzte zum Vorſchein kam und die Zeit bis zu ſeiner Volljährigkeit ganz in An⸗ ſpruch nahm. Eines Tages nämlich— es war gerade in der Zeit, als Alfred zum erſtenmale krank darnieder lag — kam der Baron zum Grafen und hörte ihn mit Entzücken vom Reiſen, von der Völker⸗ und Länder⸗ kunde der alten und neuen Welt, von den Abwechſe⸗ lungen, die eine ſolche Reiſe gewährt, und von tau⸗ ſend anderen darauf bezüglichen Dingen ſprechen. Augenblicklich erwachte eine nie ſo ſtark empfundene Reiſeluſt in ihm und er fragte den Grafen, welches Land er für das ſehenswürdigſte halte und welche Reiſe überhaupt die lohnendſte ſei. Der Graf bemerkte ſehr bald die neue Leidenſchaft des Unglücklichen und beutete ſie nach ſeinem Ge⸗ lüſten aus. Er ſprach mit Begeiſterung von Egypten, den Quellen des Nils, von China und dem goldreichen Auſtralien. Der Baron fing Feuer, er wollte bald⸗ möglichſt die Reiſe nach allen dieſen Ländern antreten. 205 „Dazu gehören aber Sprachkenntniſſe!“ ſagte der Graf mit Bedeutung. „Weiter Nichts? O mein Freund, das iſt eine Kleinigkeit. Ich lerne Nichts ſo leicht wie Sprachen. Ich ſpreche Deutſch, einige franzöſiſche und engliſche Worte verſtehe ich auch ſchon, alſo das wird ſich ver⸗ vollkommnen laſſen.“ „Vor allen Dingen würde ich Ungariſch lernen und meine erſte Richtung auf Peſth nehmen, um da⸗ ſelbſt den Fürſten Brandovar und ſeine Familie zu beſuchen.“ Das war genug geſagt, um den Baron in eine faſt an Wuth gränzende Sprachleidenſchaft zu ver⸗ ſetzen. Der Graf mußte ihm ſogleich alle dazu nöthigen Bücher beſorgen, ganze Schätze von engliſchen, franzöſiſchen, ungariſchen Werken wurden vor dem Unerſättlichen aufgehäuft und er ſaß jede freie Stunde davor, machte ſich Auszüge, lernte und arbeitete da⸗ bei Pläne zu ſeiner nächſten die halbe Welt umfaſſenden Reiſe aus.. Auf dieſe Weiſe beſchäftigte der Graf den in manchen Dingen unbequemen Bruder ſeines Freundes und lenkte dadurch deſſen Aufmerkſamkeit von ſeinen eigenen Plänen ab, die er rückſichtslos auf das Wohl 206 oder Weh ſeiner Opfer mit der kaltblütigſten Umſicht und der durchdachteſten Raffinerie ausführte. Alle jene neuen Leidenſchaften, Uebungen und Studien des Barons koſteten aber neben ſeinen fort⸗ laufenden Ausgaben für Schwelgereien und Wetten, für das Spiel und was ſonſt noch ſeine Zeit und Kräfte verſchlang, ungeheuere Summen. Da ſie nicht baar vorhanden waren und der übermüthige Menſch ſich keinen Zügel anzulegen verſtand, ſo mußten ſie irgend woher beſchafft werden. Der Credit bei den früheren Leihern war erſchöpft, er war noch überall mit der Bezahlung nicht unbedeutender Summen im Rückſtande, daher übernahm es Graf Zaretta, Anfangs mit ſcheinbarem Widerwillen und Sträuben, endlich aber der innigen Freundſchaft zu dem Baron nach⸗ gebend, die nöthigen Gelder zu beſchaffen, indem er ſich mit Georg darüber einigte, daß die bald zu er⸗ hebende Erbſchaft alle Schulden bezahlen ſollte. Durch ſeine Vermittelung fanden ſich Leute ein, die dem Herrn Baron Capitalien zu bedeutenden Zinſen ver⸗ ſchafften, bis endlich deſſen Stolz ſich auch darin offenbarte, daß er mit keinem Zwiſchenhändler mehr zu thun haben wollte, die er alle für gemeines, wuche⸗ riſches Geſindel erklärte, worin er allerdings nicht Unrecht haben mochte, denn der Herr Graf Zaretta I 207 hatte ſchon für blindlings ihm gehorchende Schelme geſorgt, die überall, wo es Etwas zu gewinnen gilt, für gute Bezahlung zu haben ſind, und daran ließ es der ſelber ſchelmiſche Dalmatier nicht fehlen. Ihm ſtand eine Auswahl ſolcher brodloſer Subjekte zu Ge⸗ bote, wovon er uns ja ſchon bei der allmäligen Plün⸗ derung des älteren Bruders die ſattſamſten Proben abgelegt hat. Da nun der junge Offizier ernſtlich auf ſeinem Widerwillen gegen dergleichen Zwiſchen⸗ perſonen beharrte, ſo mußte ſich natürlich die Freund⸗ ſchaft des Grafen ſo weit erſtrecken, aus eigenen Mitteln die nach und nach immer höher anwachſenden Summen vorzuſchießen, wofür er ſich denn die gül⸗ tigſten Scheine geben ließ, die er ſofort an ſeine Unter⸗ händler mit einigem Verluſte verwerthete, ihnen vor⸗ ſpiegelnd, daß der Bankier Scheitler, zwei Tage nach gezahlter Erbſchaft, ſämmtliche Schulden des jungen Verſchwenders tilgen werde. Er ſelbſt ließ ſich indeſſen die bündigſten ſchriftlichen und mündlichen Erklärungen geben, daß er nach Auszahlung des mütterlichen Ver⸗ mögens der Erſte ſein würde, der ſeine Bezahlung empfinge, womit der hoffnungsvolle Erbe von ganzem Herzen einverſtanden war. Denn mit der Zeit war derſelbe ſo gleichgültig gegen ſeine Geldangelegen⸗ heiten geworden, hatte in Erwartung einer viel 208 größeren Auszahlung von Seiten der vorgeſpiegelten Fürſtenfamilie in Ungarn ſo ganz und gar die Be⸗ urtheilung ſeiner Verhältniſſe verloren, daß dem kühnen Abenteurer, dem er alle dieſe Hoffnungen verdankte, ſein Werk täglich leichter wurde. In jenem allmälig zur Ueberzeugung angewachſenen Glauben an die bedeutenden, bei der fürſtlichen Fa⸗ milie Brandovar für die freiherrliche Seitenlinie Bran⸗ dau zurückgelegten Summen beſtärkte den Unglück⸗ lichen der Graf immer mehr. Er beſuchte ihn täglich, wenn er nicht Abends mit ihm in Geſellſchaft war und ſprach mit leiſer Stimme und wichtiger Miene von den glücklich ſich löſenden Schwierigkeiten, die der öffentlichen Anerkennung von Seiten des Kaiſers im Wege ſtanden, brachte auch heimlich Briefe, die ſtets aus derſelben Quelle in Wien gefloſſen waren und endlich mit Gewißheit die Hoffnung ausſprachen, die großen Summen, welche die Familie Brandau bean⸗ ſpruchen könnte, würden gleich nach der kaiſerlichen Anerkennung in klingenden Dukaten ausgezahlt werden. Die Leichtgläubigkeit Georg's— eine immer oder wenigſtens ſehr häufig vorgefundene Eigenſchaft aller geiſtesſchwachen Menſchen— war ſchon zur fixen Idee von der Wahrheit aller Ausſagen des Grafen gediehen. Er glaubte nicht mehr an ſeinen baldigen 209 Reichthum, ſondern er hatte ihn ſchon beinahe ſichtbar und fühlbar in Händen. Er ſchwamm in einem Meere von Wonne, lebte faſt in immerwährendem geiſtigen Rauſche und zweifelte in keinerlei Hinſicht, daß er bald ein großer, reicher und vornehmer Herr ſein werde. Ja, das Herz floß ihm ſogar oft über von ſeinen überaus glücklichen Verhältniſſen, er prahlte, erſt gegen Einzelne, dann beinahe gegen Jedermann, mit verborgenen Schätzen, die bald an's Tageslicht kommen und Allen die Augen verblenden würden. Sie könnten dann Alle auf ihn rechnen, ſeine Kaſſe ſei ihre Kaſſe, denn auf etwas mehr oder weniger käme es bei einer ſo ungeheueren Erbſchaft nicht an. Da dieſe Prahlereien mit dem denſelben entſprechenden ſchwelgeriſchen Leben verbunden waren, der Baron auch ſtets auf eine Jedermann unbekannte Weiſe in den Beſitz neuer Summen gerieth, ſo glaubten wenigſtens Einige an gewiſſe vorhandene Quellen, zu⸗ mal der junge Offizier in letzterer Zeit einen un⸗ gewöhnlichen Luxus mit Pferden, Hunden, Waffen und dergleichen trieb, was ihm Alles der gefällige Graf unter der Hand anzuſchaffen bemüht war. So brach denn endlich auch ihm der Tag der Erb⸗ ſchaftsvertheilung an. Der Graf ließ in den letzten Tagen weder den einen noch den anderen Bruder Baron Brandau. II. 14 210 aus den Augen. So oft er ſich von dem Aelteren und ſeinen eigenen, in dieſer Zeit höchſt wichtigen Be⸗ ſchäftigungen losmachen konnte, begab er ſich zu dem Jüngeren, jenen der Obhut und Beobachtung ſeines vortrefflichen Kammerdieners überlaſſend. Um wenig⸗ ſtens über die Abende frei verfügen zu können und der vielen gedungenen, Schritt und Tritt des Offiziers auskundſchaftenden Spione nicht zu bedürfen, lud er denſelben mit einigen Glücksrittern und ausſchweifenden Kameraden in ſein Haus, wo ſie, bei der Flaſche und an der grünen Tafel beſchäftigt, die kurzen Stunden verſtreichen ließen, die für den entſchloſſenen Gauner ſo wichtig waren. Wir wiſſen, daß die beiden Brüder zugleich bei dem Bankier Scheitler ſich einfanden, um ſich ihr Geld zu holen; ebenſo daß der Graf den Baron Alfred mit klopfendem Herzen zurückerwartete. Denn um dieſen war er mehr als um jenen beſorgt, deſſen Geld er durch ſichere Verſchreibungen ſo gut wie ge⸗ wiß in Händen hielt. Daß Georg ſogleich nach Hauſe gefahren ſei, nachdem er den Bankier verlaſſen, erfuhr er durch einen eigens dazu aufgeſtellten Spion. Während er nun Alfred, der ſich, wie wir wiſſen, einige Tage gar nicht von ſeinem Mammon trennen konnte, unter Beobachtung Starozza's ließ, begab er 211 ſich zu dem Offizier und gratulirte demſelben, nicht etwa, weil er ein Vermögen in ſeine Hände bekommen, ſondern weil er nun im Stande ſei, endlich die läſtigen Gläubiger zu bezahlen, die, wie er ihm jetzt eröffnen könne, ohne ihm Sorge zu bereiten, ſchon ſeit einigen Tagen Miene gemacht hätten, ihn bei ſeinem Oberſten zu verklagen. Der ſo ſonderbar Beglückwünſchte lachte in ſich hinein und rieb ſich die Hände.„Die werde ich bald los ſein,“ ſagte er,„denn nun wollen wir reine Bahn machen, mein lieber Zaretta. Mich ſoll hier Nichts feſſeln, wenn ich nach Oeſterreich gehe, kein Hand⸗ werker ſoll um einen Gulden zu kurz kommen, ſie ſollen ſehen, daß ein Edelmann, aus einem Blute wie ich, ſeine Schulden zu bezahlen verſteht.— Wie hoch beläuft ſich denn die ganze Summe— haſt Du die Scheine zuſammengerechnet, wie ich Dich bat?“ „Ja,“ ſagte der Graf mit beinahe weinerlicher Stimme.„Das, was ich überſehen kann und wovon ich Kenntniß beſitze, beläuft ſich— ſieh her, hier iſt die Rechnung— auf 18,993 Thaler.“ Der Graf erhob ſeinen Blick gegen den im Zimmer auf⸗ und ablaufenden Offizier und fürchtete ſchon, mit der Nennung dieſer Summe auf einen gewiſſen unſichtbaren Faden getreten zu haben. Allein er 212 irrte ſich. Georg von Brandau war nicht mehr in der Verfaſſung, ſich über verſchwendetes Geld zu grämen— Dergleichen lag ſchon weit hinter ihm. Vielmehr lachte er laut, ſah den betroffenen Grafen mit ſpöttiſchem Auge an und erwiderte: „Kleinigkeit, Zaretta, erbärmliche Kleinigkeit, darum betrübe Dich gar nicht! Das ſollen meine Bauern in Ungarn, ich meine die auf den Gütern, welche ich erben werde, bald wieder eingebracht haben. Wieviel behalte ich von dem ganzen Lumpengelde? Rechne Du, mir wird das Umgehen mit Zahlen alle Tage ſchwerer.“— Bei dieſen Worten klingelte er ſeinem Diener und ließ ſich eine Flaſche Jamaica Rum bringen, der jetzt ſein Lieblingsgetränk im Hauſe war, wenn er ſich müde und abgeſpannt fühlte. Der Graf erholte ſich ſichtbar bei dieſen rückſichts⸗ loſen Worten von ſeiner vorherigen Beſorgniß. Er ſetzte ſich an einen Tiſch und that, als ob er eine ſchwere Rechnung zu ordnen habe.„Es bleiben Dir 1007 Thaler übrig,“ ſagte er endlich,„nachdem Du alle Deine Schulden bezahlt haſt, das heißt die, von denen ich weiß.“ „Verſteht ſich, verſteht ſich— nur von dieſen kannſt Du ſprechen. Nun, da bin ich noch ſehr zu⸗ frieden. Die anderen Gläubiger können warten und 213 ſich künftig melden. Ich werde jetzt bald mein Urlaubs⸗ geſuch einreichen. Wann denkſt Du, daß der Aus⸗ ſpruch des Kaiſers eintreffen kann?“ „Späteſtens in fünf bis ſechs Tagen,“ meinte der Graf, nachdem er ſich ein wenig auf ſeine Ausſage beſonnen hatte. „Wohl! Da kann man ja noch bis dahin leben von tauſend Thalern. Waren es nicht ſo viel?“ „Tauſend und ſieben!“ „Tauſend und ſieben! Noch mehr! Haha!“ „Und wer weiß, ob Du nicht Glück haſt, heute und in den nächſten Tagen, denn Du erinnerſt Dich doch, daß wir Beide unſern lieben Freunden ver⸗ ſprochen haben, drei Abende hintereinander ein kleines Spiel zu machen?“ „Verſteht ſich.— Trinkſt Du gar keinen Jamaica?“ „O ja, bisweilen; auf der Reiſe und wenn es kalt iſt— aber jetzt haben wir ja Auguſt!“ „Weiß der Teufel!“ ſagte der Baron und goß ſich ein neues Glas Rum ein,„ich friere bald, bald ſchwitze ich. Dergleichen Unbehaglichkeiten habe ich früher nicht gekannt. Wenn ich nur nicht einmal krank werde, das käme mir jetzt ſehr ungelegen.— Apropos, haſt Du Alfred ſchon geſehen? Was hat der mit ſeinem Gelde angefangen? Haha, der Geiz⸗ hals! Er hat es gewiß ſogleich in einen feuerfeſten Kaſten geſteckt!“ „Beinahe,“ erwiderte mit dem Kopfe ſchüttelnd der Graf.„Er ſitzt davor und zählt ſeine Scheine. Dieſe Nacht wird er ſie wohl unter ſeinem Kopfkiſſen bewahren.“ „Höre mal,“ ſagte Georg und lehnte ſich vertrau⸗ lich an den Grafen,„mein Bruder kommt mir bis⸗ weilen vor wie ein Narr. Wenn der mit ſeinem Geiz und ſeinem Hochmuth nicht noch einmal in ein Irrenhaus ſpaziert, will ich nicht das Leben haben. Meinſt Du nicht auch?“ Der Graf ſchauderte unwillkürlich zuſammen. Er wagte nicht, ſeinen gewöhnlich ſo frechen Blick zu dem ſo vertraulich Sprechenden und ihn Fragenden zu erheben. „Das glaube ich kaum,“ ſagte er dann kalt, aber mit bebender Stimme,„vielmehr glaube ich, daß er ſich noch einmal eine Kugel durch den Kopf ſchieße wird, wenn er ſein Geld verlieren ſollte.“ .„Bewahre, das glaube ich nicht. Dazu hat er keinen Muth, er iſt nicht Cavalier genug dazu. Ehe der ſo ein Ding wie eine Piſtole in die Hand nimmt und gegen ſeinen Kopf richtet, habe ich mich zehnmal auf Tod und Leben geſchlagen. Denn ich bin ein 215 Cavalier, wie er im Buche ſteht. Nicht wahr,⸗ Za⸗ retta?“ „Ja, Du biſt vortrefflich in allen Dingen—“ „Nein, nicht in allen Dingen, aber— ſage mir, Bruder Zaretta, ein Cavalier bin ich, nicht wahr, und ein vollkommener?“ „Das biſt Du!“ ſagte der Graf mit der ehrlich⸗ ſten Miene, deren er Herr werden konnte. „Nun ja, das wollt' ich blos hören. Da da ſind die erbärmlichen 20,000 Thaler von meiner Mutter— zähle Dir davon ab, was Du bekommſt, gieb mir die Scheine und lege das, was noch übrig bleibt, in jenen Schrank. Oder halt,— die Scheine kannſt Du auch vernichten— es braucht kein Menſch zu erfahren, was und von Wem ich meine Gelder be⸗ zogen habe— verbrenne ſie alſo in jenem Ofen.“ Sobald er dies geſagt hatte, ſetzte er ſich auf ſein Sopha, ſtreckte ſich ganz darauf aus und ſchlief ſofort ein, wie ſeine abgeſpannte Natur es verlangte, indem er in dieſem Augenblicke thatſächlich den Beweis lie⸗ ferte, daß er ein ächter Cavalier ſei, da er den Gau⸗ ner Zaretta mit ſeinem ganzen Vermögen allein ließ. Der Graf war durch die letzte Rede des edelmü⸗ thigen Offiziers, wie er ſeit langer Zeit keine von ihm in ſolchem Zuſammenhange und auf ſo ernſtem Hin⸗ 216 terrgrunde gehört, ſichtbar erſchüttert worden. Er be⸗ obachtete eine Weile den ſchlummernden Baron und erſt, als er ihn feſt eingeſchlafen wußte, ſchlich er auf den Zehen nach der Thür, ſchloß ſie ab und fing an, die auf den Tiſch geworfenen Geldpapiere zu zählen. Als er damit zu Stande gekommen, öffnete er ſeine Weſte, unter der er auf bloßem Leibe einen koſtbaren ledernen Geldgürtel trug. Auch dieſen öffnete er mit⸗ telſt einer nur ihm bekannten Vorrichtung, ſteckte 19,000 Thaler Papiergeld hinein und verſchloß ſie wieder. Dann brachte er ſeine Kleider in Ordnung und nahm aus ſeiner Börſe ſieben Thaler, die er auf den Tauſendthalerſchein legte, der dem beraubten Edel⸗ manne von ſeinem miütterlichen Erbtheil übrig ge⸗ blieben war. Sodann aber nahm er die einzelnen Schuldſcheine zur Hand, die alle von ihm ſelbſt, ob⸗ wohl mit verſchiedenen Schriftzügen und Tinten ge⸗ ſchrieben waren, las ſie ſorgſam noch einmal durch und verbrannte ſie endlich im Ofen, wie der ſorgloſe Baron geheißen, der keine Ahnung davon hatte, in weſſen Hände er das Vermächtniß ſeiner liebenden Mutter gelegt habe. Wohl eine Stunde blieb der Graf ſerr vor dem Schlafenden ſitzen, betrachtete ihn mit gemiſchten Ge⸗ fühlen und Gedanken und brütete dann im Stillen 217 ſeine weiteren Pläne aus. Endlich ſchien ihm der 4 Schlaf des Barons lange genug gedauert zu haben. Er ließ einen harten Gegenſtand auf den Boden fallen, wovon der Schläfer ſogleich erwachte. „Biſt Du munter?“ fragte der Graf theilnehmend, indem er ſeine Hand auf die brennende Stirn ſeines Opfers legte „Ja, ws. iſt die Uhr?“ „Es wird Zeit, daß Du zum Eſſen gehſt.“ Der Offizier erhob ſich, ſchnallte ſeinen Säbel um, nahm Mütze und Handſchuh und blickte ſich rings im Zimmer um. „Dein Geld habe ich in den Schrank gelegt. Da, ſieh!“ ſagte der Graf.„Und die Scheine habe ich im Ofen verbrannt, wie Du gewollt— da liegt die Aſche— bemerkſt Du ſie?“ „Es iſt gut, laß uns gehen.“ Beide begaben ſich auf die Straße und trenn⸗ ten ſich erſt vor dem Hauſe, in welchem Georg zu ſpeiſen pflegte, nachdem Letzterer noch einmal das Verſprechen gegeben, ſich heute Abend um die be⸗ ſtimmte Zeit in einem bekannten Lokale einzufinden, um das beabſichtigte Spiel abzuhalten. Der Graf aber begab ſich nach Hauſe, um zu hören und zu 218 ſehen, wie Alfred ſeinen neuen Reichthum anzulegen beſchloſſen habe. Während nun in den nächſten Tagen die Komö⸗ die mit dieſem ſeinen uns ſchon bekannten Verlauf nahm, wie es zwiſchen dem Grafen und ſeinem Kam⸗ merdiener genau verabredet war, brachte Erſterer ſeine Zeit faſt ganz in der Geſellſchaft einiger auserwähler Edelleute zu, die mit zu dem Jagdelub gehörten, alſo ſämmtlich reiche junge Männer waren und dem Gra⸗ fen bedeutend genug erſchienen, um ihnen die Ehre zu erweiſen, kurz vor ſeiner längſt vorbereiteten Reiſe ſeine Taſchen von ihrem Ueberfluß zu füllen. Dieſe von Leidenſchaft erhitzten jungen Leute hatten ſich, wie man zu ſagen pflegt, in das Spiel verbiſſen, ſie konnten kaum die Zeit erwarten, wo das Tageslicht ſchwand und die Kerzen angezündet wurden, die ihrem übermüthigen Thun leuchten ſollten. Sie hatten in der letzten Zeit zu große Summen an den immer glücklichen Dalmatier verloren, um nicht zu wünſchen, endlich einmal die Lichtſeite des Glückes zu ſehen. Sie wußten ſo ziemlich alle, daß derſelbe bald ab⸗ reiſen werde, daher mußten ſie eilen, wenn ſie Genug⸗ thuung haben wollten. Mit einem wahren Fieber⸗ 219 ſchauer verzweifelnder Ungeduld eilten ſie ihrem Un⸗ heil entgegen. Drei Abende waren ihnen nur noch geſtattet, um die Laune des Glückes zu ködern, und es ſchien ihnen wirklich gelungen, endlich einmal den Grafen bluten zu ſehen, wie ſie ſich ausdrückten. Denn war es ſeine Zerſtreutheit oder hatte ſich ſein altes Glück ganz von ihm gewandt— an den erſten beiden Abenden verlor er ganz erkleckliche Summen und die Taſchen der ſo lange ausgeplünderten Herren füllten ſich wieder mit ſchwerwiegenden Goldſtücken. Am letzten Abende aber, an welchem der Graf dem Spiele zu huldigen verſprochen hatte,— es war dies derſelbe Tag, an welchem Alfred von Brandau ſein Vermögen verloren hatte— kehrte das Glück in faſt überſchwänglichem Maaße an ſeine Seite zurück. Seine Gegner verloren Alles an ſeiner Bank, was ſie hatten, und da ſich ihr Eifer verdoppelte, je größer ihr Verluſt war, ſo fingen ſie an, auf Ehrenwort zu ſpielen, wobei ſie indeſſen in gleichem Verluſte blie⸗ ben. Ueber das düſtere Geſicht des glücklichen Bank⸗ halters hatte ſich ein Schein faſt wilden inneren Frohlockens gelagert; mit ſicherer Gewalt und unum⸗ ſtößlicher Ruhe behielt er ſeine Opfer im Auge und verlor keinen Augenblick ſeine äußere Gleichgültig⸗ keit, ſo ſtürmiſch auch ſein Herz vor Freude pochen 8 220 mochte, da er alle ſeine teufliſchen Entwürfe gelin⸗ gen ſah. Plötzlich wurde die Stille in dem kleinen verſchloſ⸗ ſenen Raume, in welchem die Hölle ihr Weſen trieb, unterbrochen. Eine leichte Hand pochte draußen an und eine beſcheidene Stimme bat, die Thür zu öff⸗ nen. Die Spieler zuckten zuſammen und Graf Za⸗ retta, an dergleichen Ueberfälle vielleicht gewöhnt, er⸗ griff ſogleich die Karten und was ſonſt an das Spiel erinnern konnte, um es nöthigen Falles irgendwo verſchwinden zu laſſen. Niemand von der Geſellſchaft, da Alle ihre Au⸗ gen voller Spannung auf die Thüre gerichtet hatten und mit betroffenen Geſichtern der unvermutheten Ueberraſchung entgegenſahen, bemerkte, wo der vor⸗ ſorgliche Graf blieb. Wie ein Aal, der den Händen des ihn ergreifenden Fiſchers entſchlüpft, ſchlich er durch die halb geöffnete Nebenthür in ein Seiten⸗ gemach, von hier aus für's Erſte den kommenden Er⸗ eigniſſen aus geſicherter Ferne entgegenzuſehen. Bald aber wurde ſtärker geklopft und eine ernſte und militairiſch accentuirende Stimme ließ draußen die Worte vernehmen:„Im Namen des Königs, meine Herren, bitte ich die Thür zu öffnen!“ Dieſe Worte verfehlten nicht, auf die Gemüther 221 der Anweſenden einen zauberhaften Eindruck hervor⸗ zubringen. Während Einige von ihnen nach ihren Säbeln ſprangen, die ruhig in der Ecke lehnten, öff⸗ nete irgend eine Hand die verſchloſſene Thür. Ein höherer Polizeibeamter, mit Offiziersrang bekleidet, trat, artig ſeine Kopfbedeckung abnehmend, in's Zim⸗ mer, ſchloß die Thür wieder hinter ſich, vor welcher draußen noch zwei ſeiner Unterbeamten ſichtbar wur⸗ den, und verbeugte ſich dann höflich vor den Anwe⸗ ſenden, ſie ſämmtlich der Reihe nach betrachtend und wie nach einer beſtimmt hier erwarteten Phyſiognomie ſuchend. Dieſe Phyſiognomie aber war ſchon lange nicht mehr anweſend. Graf Zaretta, als er den Ernſt der Lage erkannt, hatte ſich im Nebenzimmer, raſch die mitgenommenen verrätheriſchen Spielgegen⸗ ſtände in irgend einen Winkel werfend, einem Fenſter genähert, daſſelbe leiſe geöffnet und war daraus in den Hof des Hauſes geſprungen, der keine ſechs Fuß tief unter dem Fenſter lag. Von hier aus war es ihm leicht geweſen, über einen zweiten Hof ein ande⸗ res Haus zu gewinnen, durch deſſen zufällig offenen Thorweg, aus welchem eben ein Wagen fuhr, er auf die Straße entſchlüpfte. Da man von Seiten der Polizei, die noch nicht von dem verbrecheriſchen Trei⸗ ben des Grafen benachrichtigt war, keine Verhaftung, 222 nur eine Beſtätigung der Thatſache beabſichtigte, ſo hatte man es außer Acht gelaſſen, die zu dem be⸗ wußten Hotel führenden Ein⸗ und Ausgänge zu be⸗ ſetzen; das Erſcheinen des Beamten war eine Demon⸗ ſtration, Nichts weiter, am wenigſten aber, wie Ban⸗ kier Scheitler irrthümlicher Weiſe dem Baron auf Holzendorf geſchrieben, auf Befehl des Königs erfolgt, ſie geſchah einzig und allein im Auftrage der Polizei, die den Ort des Spiels und die Spieler kennen ler⸗ nen wollte, da ſie zufällig Kunde erhalten, daß eine aus Perſonen des vornehmeren Standes zuſammenge⸗ ſetzte Geſellſchaft in jenem Hauſe ein allzuhohes Spiel treibe und die Söhne reicher Familien an den Bet⸗ telſtab zu bringen verſuche. Erſt das Gerücht am nächſten Morgen, wo das Schreiben des Bankiers abgeſchickt wurde, verbreitete jene Unwahrheit, die um ſo glaubhafter erſchien, da ein Theil der aufge⸗ ſuchten Spieler zum Militairſtande gehörte. „Meine Herren,“ begann der Polizeibeamte ſeine herbe Pflichterfüllung,„verzeihen Sie mir, daß ich Sie ſtöre. Aber ich bin beauftragt, mich zu erkundigen, ob hier von dem Geſetz verbotene Spiele geſpielt wer⸗ den. In dieſem Augenblick ſehe ich allerdings Nichts davon. Sie geſtatten mir daher die ergebenſte Frage, zu welchem Zwecke Sie hier ſtehend um dieſen Tiſch 223 verſammelt ſind, und was Sie bis zu meinem Ein⸗ tritte getrieben haben.“ Die langen Geſichter der jungen Herren beruhig⸗ ten ſich etwas bei dieſer höflichen Anrede.„Wie Sie ſehen, trinken wir Champagner,“ ſagte Einer der An⸗ weſenden. „Und wir haben ſogar geſpielt,“ rief Georg von Brandau trotzig, der durch das Spiel ſchon erregt ge⸗ nug war, und durch dieſen Auftritt noch mehr in Flammen verſetzt wurde. „Aber Sie haben doch nur erlaubte Spiele ge⸗ ſpielt?“ fuhr der Beamte zu fragen fort. „Das geht Sie Nichts an!“ „Doch, Herr Baron, das geht mich wohl an, denn deswegen bin ich eben hier.“ „Ich ſehe Sie wohl, Sie machen ſich breit ge⸗ nug!“ erwiderte der aufgeregte junge Degen. 1 „Ich mache mich nicht breiter, als mich Gott ge⸗ ſchaffen hat; da Sie mir aber nicht Rede ſtehen, ſo werden Sie mir erlauben, das Zimmer zu durchſu⸗ chen, und mir dann Ihre Namen ſagen.“ „Mein Herr, wir ſind Edelleute, Offiziere Sr. Ma⸗ jeſtät des Königs, wie Sie ſehen!“ ſagte ſtolz Einer der Anweſenden, zugleich den aufbrauſen wollenden Brandau zurückhaltend. 224 „Ja, das ſehe ich.— Hier in dieſem Zimmer iſt, wie ich bemerke, Nichts von verbotenem Spiele zu ſehen. Ich bin befriedigt. Aber wie iſt mir denn — Sie ſind jetzt nur zu Sechſen— vorher waren Sie Sieben, das weiß ich beſtimmt. Sie kenne ich Alle, meine Herren, und Sie brauchen mir daher Ihre Namen nicht zu ſagen. Aber wer war der Siebente, der ſich wahrſcheinlich durch dieſe Thür da ent⸗ fernt hat?“ Kein einziger Mund öffnete ſich, um den Namen des Abweſenden zu nennen. Starr und ſteif ſtanden ſie da und betrachteten den Beamten, der in das Ne⸗ benzimmer getreten war und ſogleich das offene Fen⸗ ſter bemerkt hatte.„Aha!“ ſagte er zurückkehrend, „er iſt durch das Fenſter geſchlüpft. Ich ſchließe dar⸗ aus, daß es keiner Ihrer Herren Kameraden und wahrſcheinlich der Bankhalter war. Irre ich mich, mein Herr, oder habe ich Recht?“ Vn d „Sie irren ſich!“ polterte der junge Brandau heraus. „So habe ich die Ehre, mich zu empfehlen, meine Herren. Entſchuldigen Sie die unwillkommene Stö⸗ rung, allein mich ſandte das Geſetz. Gute Nacht!“ Der Beamte verbeugte ſich tief und entfernte ſich, von Keinem der Anweſenden mit einer Erwiderung ſeines Grußes beehrt. Als er fort war, ſahen ſich chen Einige in ein zweideutiges Gelächter aus, wäh⸗ rend Andere ihren Unmuth durch laute Ausrufe kund⸗ gaben und Junker Georg ſich ſogar bei Sr. Maje⸗ ſtät beklagen wollte. „Das wirſt Du hübſch bleiben laſſen,“ ſagte Einer der Anweſenden zu dem aufgeregten Brandau.„Ich rathe, daß wir uns in aller Stille auf⸗ und davon machen. Die Partie iſt doch einmal geſtört. Wohlan⸗ denn, gehen wir an den für ſolche Ereigniſſe vorher⸗ beſtimmten Ort. Wir müſſen den Grafen bezahlen oder ihm Wechſel ausſtellen, da er ſehr bald abreiſt.“ Dieſer Vorſchlag ward einſtimmig gut geheißen und in wenigen Minuten ſtand das Zimmer leer. Die ſechs anweſenden Herren verloren ſich auf ver⸗ ſchiedenen Straßen und Wegen aus den Augen. Nach etwa einer Stunde aber trafen ſie ſich ſämmtlich in der Wohnung des Einen von ihnen wieder, wo ſie nicht lange auf den Grafen Zaretta zu warten brauch⸗ ten, denn auch ihm war der Ort der Verſammlung im Falle einer Unterbrechung, ſogar auf ſeinen Rath, einen Vorwurf, daß er ſich ſo heimlich und raſch aus ihrer Mitte zurhägezogen, aber auch Niemand bezeigte Baron Brandau. II.. 15 .„. 4 die Unterbrochenen eine Weile ſtumm an, dann bra⸗ im Voraus beſtimmt worden. Niemand machte ihm 226 für heute die geringſte Luſt, das unterbrochene Spiel von Neuem zu beginnen. Dagegen unterzeichneten Alle verſchiedene Schuldſcheine mit ihren Namen, ga⸗ ben dem Grafen die Orte an, wo er ſein Geld dar⸗ auf erhalten würde, und verabſchiedeten ſich dann von ihm, ohne zu ahnen, daß dieſe Trennung auf Nim⸗ merwiederſehen ſtattfinde. Jetzt erſt zerſtreueten ſie ſich in ihre verſchiedenen Wohnungen. Der Graf Zaretta aber begab ſich ſchmunzelnd und lächelnd, daß ihm auch dieſer letzte Schlag geglückt, in ſein Haus, um hier die ſchon früher berichtete Komödie mit dem troſtloſen Alfred aufzuführen, der an die⸗ ſem Tage ſein mütterliches Erbtheil verloren hatte. Achtes Anpitel. . Herr Hübner. Wenn der Graf Zaretta dem ſeltſamen Gefühle der Beklemmung gefolgt wäre, welches ihn nach die⸗ ſem letzten Geſellſchaftsabende in der Reſidenz erfaßte, ſo wie den Eingebungen ſeiner ſonſt ſo umſichtigen Klugheit, er wäre ſobald wie möglich abgereiſt, hätte alles noch zu Beſorgende zurückgelaſſen, und ſich mit ſeinem, ohnehin großen Gewinnſte für diesmal be⸗ gnügt. Aber ſeiner Meinung nach war ſeine Reiſe, obgleich für die nächſte Zeit feſtgeſetzt, nicht ſo unmit⸗ telbar noch dieſen Abend ausführbar. Daß ihm keine Gefahr von Seiten der Behörden in Folge der Auf⸗ hebung der Spielergeſellſchaft drohte, glaubte er mit ziemlicher Sicherheit vorausſetzen zu dürfen, denn ihn hatte Niemand in und aus dem bewußten Hauſe ge⸗ hen ſehen, und daß die königlichen Offiziere ſeinen 158I 228 Namen, wenn danach gefragt werden ſollte, ver⸗ ſchweigen würden, unterlag keinem Zweifel. Die Begierde daher, ſeine Pläne bis auf den äußerſten Punkt ausgeführt zu ſehen, das begonnene Werk der Plünderung bis auf den letzten Groſchen fortzuſetzen, und erſt dann zu weichen, wenn alle Möglichkeiten einer weiteren Erbeutung erſchöpft ſeien, hielt ihn län⸗ ger, als nothwendig, feſt und ſchmiedete gegen ihn eine Waffe, deren Schärfe und Schwere ihm gegen⸗ wärtig oder zukünftig gefährlich werden mußte. Der nächſte Tag nun nach dem erwähnten Abende wurde mit gänzlicher Abſchließung aller eingegange⸗ nen Geſchäfte hingebracht, von denen mehrere einige ſeiner Vertrauten beſorgten, die ſich namentlich mit der Einkaſſirung der bei verſchiedenen Bankiers nie⸗ dergelegten und gewonnenen Summen zu beſchäftigen hatten. Sodann wurden einige nothwendige Reiſe⸗ effekten beſchafft und die Händler empfangen, die Al⸗ les, was der Graf zurückließ, Möbel, Hausgeräth, ſchwer bewegliche Luxusgegenſtände und dergleichen mehr, gegen baare Zahlung abkauften, und die Sa⸗ chen erſt nach der Abreiſe des Grafen abzuholen ver⸗ ſprachen. Auch die fremden, in der Reſidenz ſelbſt an⸗ genommenen Diener, mit Ausnahme der Köchin, wur⸗ den ſchon an dieſem Tage entlaſſen, und außer dem 229 3 Grafen Zaretta und ſeinem treuen Kammerdiener, ſo⸗ mwie dem Baron von Brandau, der krank im Bette lag, und deſſen Diener, der nicht von ſeiner Seite wich, blieb Niemand zurück, ohne daß jedoch die Letz⸗ teren von der allmäligen Leerung und Verödung ih⸗ res Hauſes eine Ahnung hatten. Bei allen dieſen Obliegenheiten, die faſt den gan⸗ zen Tag in Anſpruch nahmen, fühlte ſich Starozza am lebhafteſten von einer fieberhaften Unruhe gequält; gegen ſeine Gewohnheit trieb er von Stunde zu Stunde mehr zur größten Eile, und doch wußte er ſo gut wie der Graf ſelber, daß außer den Geldgeſchäften außer⸗ halb des Hauſes noch mancherlei Verrichtungen in⸗ nerhalb deſſelben am Schreibtiſche zu vollführen wa⸗ 2 ren, die, nach der Zeit zu urtheilen, die man auf ſie verwandte, wichtig genug ſein mußten. Endlich, am Abende dieſes Tages, kurz vor zehn Uhr, lief durch einen Unterhändler die letzte erwartete Geldſumme ein, und nun war Alles außer dem Hauſe abgemacht und der Abreiſe ſtand Nichts mehr im Wege. Das wichtigſte und letzte Geſchäft im Hauſe ſelbſt: das Einpacken der im geheimen Cabinet ver⸗ wahrten Gegenſtände, war nun allein noch zu beſor⸗ gen. Der Graf hatte den Baron Alfred mehrere Male im Laufe des Tages flüchtig beſucht, ihm ge⸗ 230 ſagt, daß er erſt am nächſten Abende abreiſen und daß bis dahin ſeine Köchin ſeine Verpflegung nach gewohnter Weiſe fortſetzen würde. Als er endlich dem beſtändig um ſeinen Verluſt jammernden Kranken eine gute Nacht wünſchte, ahnte dieſer nicht, daß er ſeinen innigſtgeliebten Freund zum letzten Male geſehen habe, und doch war der Graf entſchloſſen, ſeinen Fuß nicht mehr über die Schwelle des ſo ſchmählich Betrogenen und nun auch elend Verlaſſenen zu ſetzen. Er konnte ihm Nichts mehr nützen, er konnte Nichts mehr von ihm gewinnen, denn er beſaß Nichts mehr, was der Rede werth war. Die folgende Nacht hindurch brachte der Graf und ſein Diener in dem geheimen Cabinet zu, worin wir ſie am nächſten Morgen ſelber beſuchen werden, um zu erforſchen, was ſo Wichtiges denn im letzten 9 Moment ſollte eingepackt werden. Während der Kam⸗ merdiener allein noch emſig und unermüdet fortar⸗ beitete, verließ der Graf kurz vor Tagesanbruch den Schreibtiſch, um wenigſtens noch einige Stunden dem Schlafe zu weihen. Schon um ſieben Uhr Morgens aber trat Starozza vor das Bett des Grafen, und ſah trotzdem, daß er die ganze Nacht thätig geweſen, we⸗ nig ermüdet, wenngleich etwas erbittert und verdroſ⸗ ſen aus. In ſeiner Hand hielt er einige Papiere, — 231 deren Ausfertigung ohne Zweifel ſehr ſchwierig gewe⸗ ſen war, da ſie die Geſchicklichkeit eines ſo gewandten Menſchen ungewöhnlich lange in Anſpruch genom⸗ men hatte. Der Graf, der einen ungemein leiſen Schlaf hatte, wie jedes auf Angriff oder Widerſtand angewieſene Raubthier, erwachte ſogleich und begriff den Grund des Erſcheinens ſeines Dieners.„Biſt Du fertig?“ fragte er gähnend. „Mit Allem. Es bleibt uns jetzt nur noch das Einpacken der verſchiedenen Geräthſchaften übrig, was leicht von acht bis zehn Uhr geſchehen kann, zu wel⸗ cher Zeit der Spediteur beſtellt iſt, um die Kiſten ab⸗ zuholen. Dieſe Eine Stunde von jetzt bis Acht muß ich ſchlafen, ich bin müde wie ein Hund. Wohin werden wir aber zunächſt reiſen? Haſt Du es Dir noch einmal überlegt?“ „Am liebſten ginge ich ſogleich nach England; da ſind wir am ſicherſten und können uns auch jeden Augenblick nach Amerika einſchiffen, wohin wir lange wollten.“ „Damit bin ich einverſtanden— aber welchen Weg willſt Du wählen?“ „Ja, das iſt die Frage! Ich kann nicht direkt nach 232 London gehen. Ich muß erſt einen kleinen Abſtecher im Inlande machen.“ „Wie? Du willſt Dich noch länger hier aufhal⸗ ten? Haſt Du an Deinem ungeheuern Gewinne noch nicht genug?“ „Nein, ich habe noch nicht und nicht eher genug, als bis ich dieſes vortreffliche mütterliche Vermögen, von dem ich erſt Zweidrittel beſitze, ganz in Händen habe.“ „Alſo Du biſt feſt entſchloſſen, Deinen früheren Plan auszuführen?“ 8 „Feſt und unwiderruflich. Ich will mich nicht vergebens bemüht und Alles ſo genau wie möglich ausgekundſchaftet haben.“ Der Kammerdiener runzelte die Stirn und ſein ſo ſchon düſteres Geſicht nahm Form und Ausdruck eines Unzufriedenen an.„Ich bin mit dieſem Plane nicht einverſtanden,“ ſagte er trotzig, wir haben vor allen Dingen Eile nöthig und in zwei Tagen können wir ſchon auf dem Meere ſein. Denke an die Tele⸗ graphen!“ „Als ob ich nicht an Alles dächte! Thor, der Du biſt! Werden wir die Straßen wählen, an deren Seite zu unſern überflüſſigſten Begleitern die Tele⸗ graphendrähte laufen? Will ich überhaupt auf der 233 Eiſenbahn reiſen? Das wäre wirklich heut zu Tage eine Narrheit. Sieh' da, wie gut jener Abſtecher zu Lande zu unſerm Unternehmen paßt. Man wird uns ſchon außerhalb des Landes ſuchen, während wir ganz gemächlich in einem ſichern Dorfe ſitzen.“ Starozza ſchüttelte ſich vor Unwillen.„Das iſt nicht nach meinem Geſchmack,“ maulte er.„Ich ſage Dir zum letzten Male: mach, daß wir fortkommen — ich wittere Unheil. Mir liegt es wie Blei in den Gliedern und wir haben ſchon viel zu viel Zeit ver⸗ loren.“ „Das kommt von der Nachtwache her. Nein, ge⸗ horche mir nur. Diesmal will ich meinen Willen haben. Noch bin ich der Herr und Du der Diener. Erſt wenn wir auf engliſchem Boden ſind, wechſeln wir die Röcke mit den Rollen und dann haſt Du die erſte Stimme.“ Der Kammerdiener, der, wie wir jetzt ſehen, nur ein künſtlicher Kammerdiener, vielmehr der innigſt Verbündete und ſchlaueſte Helfershelfer des Grafen, gleichſam ſein zweites Ich und die Ergänzung zu einer einzigen verbrecheriſchen Größe war, murmelte etwas Unverſtändliches zwiſchen den Zähnen und entfernte ſich, um ſich eine Stunde aufs Ohr zu legen, denn mehr bedurfte dieſe abgehärtete Natur 234 nicht, um ſich zu neuen Unthaten hinreichend geſtärkt zu fühlen. Auch der Graf legte ſich auf die andere Seite in ſeinem üppigen Lager und Beide ſchliefen ſo ruhig ein, als hätten ſie das lohnendſte Tagewerk vollbracht und als wiegte ſie das reinſte Gewiſſen in den unſchuldigen Schlaf. Punkt acht Uhr aber ertönte der geſtellte Wecker über dem Haupte Starozza's und er fuhr ſchnell empor. Sein erſter Blick richtete ſich auf ſeine Uhr, der zweite auf eine Flaſche ſtarken Weines, die auf ſeinem Nachttiſche ſtand. Er goß ſich ein großes Glas davon ein und aß haſtig dazu ein Stück Brod, welches daneben lag. Das war ſein Frühſtück, und ein ähn⸗ liches nahm in dieſem Augenblick auch ſchon der Graf zu ſich, um ſich zu dem neuen und letzten Tagewerke in der deutſchen Reſidenz zu ſtärken. Bald darauf fanden ſich Herr und Diener in dem geheimen Gemache ein. Sie begrüßten ſich nicht, ſondern gingen ſchweigend, ein jeder für ſich, an ihre Arbeit. Zunächſt wurde der eiſerne Geldſchrank, der auch ſchon verkauft war, geöffnet und einige Bündel Papiere in den Grund eines ſtark mit Eiſen beſchla⸗ genen Koffers gelegÄt. Sodann wurde das große in der Mitte des Zimmers ſtehende Schreibpult geöffnet und die darin enthaltenen tauſenderlei Gegenſtände 235 vorſichtig eingewickelt und ebenfalls in den rieſigen Koffer gepackt. Es waren dies Papiere, Schreib⸗ und Zeichnenpapier von allen möglichen Sorten, Farben und Altern; ſodann kam ein Vorrath von Fläſchchen an die Reihe, in denen Tinten von allerlei Farben enthalten waren, je nachdem man eine ſcheinbar alte oder neue Schrift herſtellen wollte. Darauf verſchie⸗ dene Sorten Zeichnenmaterials, Stempel und Petſchafte, ſehr zierlich in Holz oder Metall geſchnitten, ein Kunſt⸗ zweig, in welchem Starozza eine hohe Meiſterſchaft erreicht hatte. Nachdem auch dieſe geheimen Dinge wohl verpackt waren, folgte das ſehr koſtbare und fein gearbeitete Werkzeug, womit alle dieſe Dinge her⸗ geſtellt wurden, eine kleine Drehbank, in einzelne Theile zu zerlegen, optiſche, phyſikaliſche und ſolche In⸗ ſtrumente, welche die beiden Abenteurer zur Verfertigung ihrer falſchen Dokumente gebrauchten. Endlich kam eine kleine Kiſte, mit Pretioſen angefüllt, Uhren, Ge⸗ ſchmeide und Ringen, die Gott weiß woher ihren Urſprung ableiteten und in der Fremde nach und nach, wie das Bedürfniß es forderte oder die Gelegen⸗ heit es geſtattete, verhandelt werden ſollten. Alle dieſe und noch verſchiedene andere ſeltſame Gegen⸗ ſtände füllten den Koffer noch lange nicht aus. Oben auf wurde ein feſt verſchließbarer Einſatz eingefügt 236 und darin feine Wäſche und Kleider gelegt, deren man augenblicklich bedurfte, wenn man Gelegenheit fand, das in der einen Stadt verlaſſene trügeriſche Spiel von Neuem in der anderen zu beginnen. Als dann endlich der Koffer vollgepackt war, wurde er mit drei ſehr ſchönen Schlöſſern verſchloſſen, von denen doppelte Schlüſſel vorhanden waren, deren je drei die beiden Männer zu ſich ſteckten. Nachdem dieſe Schlöſſer vorgelegt, wurden an gewiſſen Stellen des Koffers geheime Federn in Bewegung geſetzt, welche die beiden Abenteurer in Zukunft ſollten er⸗ kennen laſſen, ob etwa ein Unberufener Hand an die inneren Geheimniſſe deſſelben gelegt hätte. Als auch das geſchehen, wurde eine Meſſingplatte auf dem Deckel eingeſchraubt, die einen unbekannten und ſehr gewöhnlichen Namen enthielt, unter welchem der Koffer nach England an ein ebenfalls auf dieſer Platte be⸗ zeichnetes Kaufmannshaus geſandt werden ſollte. Als die beiden Abenteurer endlich mit dieſem Werke zu Stande gekommen waren, ruhten ſie ſich eine Weile aus, denn ſie hatten ſich, um den Spediteur nicht warten zu laſſen, ſehr beeilt und fühlten ſich etwas ermüdet. Jener kam Punkt zehn Uhr, nahm die Bezahlung und einen Frachtbrief in Empfang und ließ von ſeinen Leuten den außerordentlich ſchwe⸗ 237 ren Koffer auf einen vor der Thür haltenden Wagen ſchaffen. Beide Männer ſtanden am Fenſter und ſahen dem Aufladen des Koffers zu. Als der Wagen damit ab⸗ fuhr, lächelten ſie ſich ſchelmiſch an und wuſchen ſich dann die Hände rein, die von Staub und Farben beſchmutzt waren. Als ſie damit fertig, warf der Graf ſeine Hauskleidung in einen kleinen Handkoffer und begann ſich zur bevorſtehenden Reiſe in Stand zu ſetzen. Er hatte die Kleidung eines gewöhnlichen Reiſenden gewählt, anſtändig, aber nicht übertrieben elegant, von guten Stoffen, aber keine auffallenden Farben oder hervorſtechende Kennzeichen zur Schau tragend. Auch Starozza packte ſeine glänzende Kammer⸗ dienerlivrée ein und zog ſich den beſcheidneren Rock eines auf der Reiſe begriffenen Dieners an, deſſen Abzeichen am Hute aber jeden Augenblick abgenommen werden konnte, wenn es etwa nothwendig werden ſollte, die Rolle eines Dieners mit der eines auf eigene Hand reiſenden Fremden zu vertauſchen. Als ſie auch damit zu Stande gekommen waren, ſchloß der Graf ein Fach des Eiſenſchrankes auf und nahm einige Rollen Gold⸗ und Papiergeld heraus, die er redlich mit Starozza theilte. Eine mit verſchiedenen Päſſen und größeren Geldſcheinen verſehene Brieftaſche 238 ward in den feſtgenähten Falten der Weſte verſenkt, und eine zweite mit den vor der Hand nöthigen Päſſen verſehen, die auf den Namen Baron Breiſach lauteten, der zu ſeinem Vergnügen mit einem Diener, Namens Heinrich Winter, auf einer Reiſe nach Eng⸗ land begriffen ſei. „Was meinſt Du,“ fragte der Graf ſeinen Diener, „ob es nicht rathſam wäre, hier meinen Bart zu ſchee⸗ ren und die Haare anders zu ordnen, da es unter⸗ weges vielleicht zu auffallend erſcheint, wenn ich dieſe Umgeſtaltung vornehme?“ „Nein,“ erwiderte trotzig der Gefragte, der ſeine ſcheinbar untergeordnete Stellung ſchon ſatt zu haben ſchien und ſich nach einer herrlicheren ſehnte,„der Meinung bin ich nicht. Das wird ſich in jedem Gaſt⸗ hofe oder, wenn es nöthig werden ſollte, in jedem abgelegenen Gebüſch an der Landſtraße eben ſo gut verrichten laſſen. Hier könnte uns irgend ein Be⸗ kannter aus dem Hauſe gehen ſehen oder auf der Straße begegnen, und dann würde Deine Veränderung, wenn ſie bemerkt würde, nur unnützes Aufſehen erregen.“ „Du haſt Recht. Alſo wir bleiben, bis es dunkel wird, hier im Hauſe, dann gehen wir nach der...⸗ ſtraße, wo unſer guter Freund, der Fuhrmann wohnt und dann ſchlagen wir langſam bei Nacht den Weg nach... ein. Du biſt alſo damit zufrieden?“ „Nicht ganz. Am liebſten ginge ich gleich jetzt. 8 Wer weiß, wer zu dem dummen Baron kommt und wen er uns auf den Hals ſchickt.“ „Da fällt mir ein guter Gedanke ein. Schreiben wir auf einen Zettel: Graf Zaretta und Baron Brandau ſind auf zwei Tage verreiſt. Sonnabend Mittag werden ſie für ihre Freunde wieder zu ſprechen ſein.— Meinſt Du nicht, daß Das klug ausge⸗ dacht iſt?“ Der vermeintliche Kammerdiener antwortete nicht mit Worten, aber um ſo raſcher durch die That. Er nahm ſogleich ein weißes Blatt Papier und ſchrieb mit überaus deutlicher und ſchöner Handſchrift die von Zaretta angegebenen Worte auf. Dann ging er ſogleich auf den Flur, nahm einige Oblaten und klebte den Zettel an die äußere Seite der Treppenthür. Er war ſogar noch ſchlauer als ſein Herr. Er hob auch die Klingelſchnur aus ihrem Haken und brachte ſie mit in's Zimmer, damit nicht etwa durch einen zufälligen Beſucher des Barons Diener herbeigerufen und nach der Wahrheit der auf dem Zettel ſehenden Aiaei gefragt würde. Gleich nachdem er ins Zimmer utsahten war, vorausgeſehene Wirkung ihres letzten Streiches zu er⸗ proben. Der Wagen des Arztes fuhr vor das Haus und der dicke Doktor keuchte etwas ſchwerfällig die Treppe herauf, um den kranken Baron zu beſuchen. Kaum aber war er auf der oberſten Stufe angelangt, ſo las er das eben befeſtigte Blatt. Sich verwun⸗ dernd, warum und wohin ſein Patient ſo urplötzlich gereiſ't, aber ſchon gewöhnt an die ſonderbaren Ge⸗ wohnheiten dieſes Herrn, ſtieg er brummend wieder die Treppe hinunter und kletterte in ſeinen Wagen. Die beiden Erfinder dieſes gelungenen Scherzes aber, die, hinter einer Gardine verborgen, ihn einſteigen ſahen, lachten laut auf und gingen nun daran, ihr Frühſtück zu verzehren, welches Starozza in einem hinteren Zimmer auftrug und das letzte war, das die vortreffliche Köchin des Grafen ihrem Herrn bereitet hatte. 5 Da ſie bei verſchloſſenen Thüren ſpeiſten, konnte der Kammerdiener ſich ſchon erlauben, ſich zu ſeinem bisherigen Herrn zu ſetzen. Beide aßen und tranken wacker, ohne faſt ein einziges Wort zu ſprechen oder ſich anzublicken. Was ſollten dieſe Menſchen auch noch ſprechen, da ſie genug gehandelt und Alles durch die That vollbracht hatten, was ſie zu vollbringen ſollten die beiden Gauner die Freude erleben, die ₰ 241 beabſichtigt hatten? Als das Frühſtück beendet war, ließ Starozza alle benutzten Geräthſchaften bunt durch einander auf dem Tiſche ſtehen. Es war ihm gleich⸗ gültig, in welchem Zuſtande Derjenige, der den gan⸗ zen Haushalt gekauft hatte, das Einzelne vorfände. Er begnügte ſich damit, ſeinen Appetit befriedigt und ſich hinreichend geſtärkt zu haben, um zunächſt einer mehrtägigen langweiligen Reiſe zu Wagen und auf den unbefahrenſten Wegen entgegen zu gehen, eine Apnordnung, die ihm ſo wenig behagte, wie der ganze ſchon angedeutete Plan Zaretta's, worüber er aber kein einziges Wort zu verlieren ſich die Mühe gab, da er aus Erfahrung wußte, daß ſein Gefährte, ſo lange er noch Graf Zaretta war, nicht ſo leicht von einem einmal ge⸗ faßten Entſchluſſe abzubringen ſei, wenn die Ausführung deſſelben ihm einen Haufen Gold vorſpiegelte. Als er daher ſo viel gegeſſen und getrunken hatte, daß er genug zu haben glaubte, um es bis zum anderen Tage aushalten zu können, begab er ſich, müde wie er war, in ſein Zimmer, um bis zum Anbruch der Dunkelheit zu ſchlafen. Daſſelbe beabſichtigte auch der Graf zu thun, bevor er aber einſchlief, wollte er ſich dem Hochgenuß einer dampfenden Havannah hin⸗ geben. Er brannte ſich daher eine feine Cigarre an und ſetzte ſich auf ſeinen weichſten Divan, ſo den Baron Brandau. II. 222 Schlaf herausfordernd, ob er nicht kommen und ihn erquicken wolle. Aber diesmal wenigſtens war die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn die beſchloſſene patriarcha⸗ liſche Ruhe ſollte durch eine Störung unterbrochen werden, die weder der Herr noch der Diener erwartet hatte. Jedoch, betrachten wir, bevor wir dieſe Störung näher erörtern, noch einmal den Grafen Zaretta, wie er jetzt auf ſeinem Divan ſitzt, die Cigarre nicht zierlich zwiſchen den Fingern haltend, wie ein feiner Cavalier, ſondern ſie zwiſchen den Zähnen im Munde hin und ſer wälzend, wie etwa ein Fuhrmann, der auf ſeinem Bocke ſitzt, beide Hände mit Zügel und Peitſche be⸗ ſchäftigt hat und ſich doch nicht den Genuß ſeines Tabaksſtengels verſagen will— betrachten wir ihn etwas genauer, ob wir jetzt nicht auch in anderen Dingen eine bedeutende Abweichung von ſeiner früheren feinen Erſcheinung wahrnehmen, die wir bei ſeiner erſten Schilderung. dem aufmerkſamen Leſer ſchon durch dieſen und jenen charakteriſtiſchen Zug angedeutet zu haben vermeinen. Der Herr Graf ſitzt alſo mit der Cigarre zwiſchen den Zähnen in der Ecke des Divans, ſtützt den dü⸗ ſteren Kopf auf ſeine Rechte und ſpielt mit der Linken unbewußt an ſeiner ſchwergoldenen Uhrkette. Seine Augen ſind nach dem Fenſter gewandt und ſcheinen den Zug der Wolken zu verfolgen, die, von einem leichten Weſtwinde getrieben, in mäßiger Eile am matt⸗ blauen Himmel vorüber ziehen. Aber er ſieht dieſe Wolken und dieſen Himmel ſo wenig, wie er über⸗ haupt etwas ſieht, denn er iſt in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken und läßt ſeine in den letzten fünf Monaten verübten Thaten vor ſeiner Seele die Revue paſſiren. Des ſüßen, eben genoſſenen Weines voll, ergeht er ſich mit einem gewiſſen Wohlbehagen in den verfloſ⸗ ſenen Tagen und rechnet die Sümmchen zuſammen, die er ſeinem Talente in der Verſtellungskunſt, ſeiner betrügeriſchen Geſchmeidigkeit und ſeiner rückſichtsloſen Tollkühnheit verdankt. Vergebens würde es ſein, wollten wir in dieſem Augenblick noch den feinen Cavalier, den ungariſchen Grafen in ihm erkennen, als welcher er ſo oft vor unſere Augen getreten iſt. Er hat das ariſtokratiſche Weſen und Gebahren, welchem er wider Willen ſo lange gehuldigt, wie ein überflüſſig gewordenes Gewand von ſich abgeſtreift, er bedarf nicht mehr des glänzenden Ueberwurfs, den er ſich ſo geſchickt umzulegen gewußt,— im Gegentheil, es liegt ein ganz anderer Ausdruck auf ſeinem abgefeimten, düſteren, ſchelmiſch zufriedenen Geſicht, etwas unver⸗ kennbar Gaunerhaftes iſt in ſeiner Miene und in der 16* 244 Haltung ſeines Körpers ausgeprägt, was ihm ungleich natürlicher ſteht, als jene erſte angenommene und oft genug erzwungene Form. Seine funkelnden Augen verſuchen nicht mehr, den rührenden Schein einer be⸗ ſcheidenen Seele auszuſtrahlen, ſie dürſten jetzt allein nach Befriedigung eines habſüchtigen Herzens, nach Aufhäufung der noch nicht in ſeinem Beſitz befindlichen Reichthümer eines in der Ferne ihm vorſchwebenden Opfers. Um ſeine breiten und ſinnlichen Lippen, die jetzt klaffend von einander ſtehen, während er die Cigarre käuend von einem Mundwinkel in den anderen wälzt, ſchwebt ein gemeines, ſatyriſches Lächeln, wo⸗ mit er der beiden Hauptperſonen gedenkt, die er, den Vorwürfen ihres Gewiſſens zum Raube, bald hinter ſich gelaſſen haben wird, um ſie in dieſem Leben nicht wiederzuſehen, ja er lächelt nicht allein, er lacht mit frecher Miene über die ganze adlige Welt, die ſich ſeiner Meinung nach über der anderen Welt zu ſtehen brüſtet, wie etwa eine lichte Wolke herriſch über der dunkelen Erde ſchwebt,— welche die wunderbare Einbildung nährt, Alles und Jedes auf dieſer Welt ſei für ſie allein geſchaffen und zu ihrem Nutzen und Vergnügen beſtimmt,— die endlich die unerhört prahleriſche An⸗ maßung zur Schau trägt, ſie dürfe alles Beliebige Anderen thun, ſei aber Nichts von ihnen zu dulden —— verpflichtet und geſonnen. Er hat dieſer verhaßten feinen ariſtokratiſchen Welt ſo eben einen Fußtritt verſetzt und er freut ſich dieſes ſeines plebejiſchen Fuß⸗ tritts; er hat dieſe vornehmen jungen Herrn in ihrer Nüchternheit und Geiſtesarmuth geſehen und er hat ſich ſeine eigene geriebene Lebenserfahrung zu Nutze gemacht, indem er ſie öͤffentlich beraubt und geplündert hat und ſie außerdem noch jetzt im Stillen verhöhnt und verſpottet. O, welche kochende Wuth hat ſich in ſeinem Herzen gegen dieſe vornehme Welt angehäuft, wie möchte er ſie noch ganz anders unter ſeine Füße treten, wenn er die Macht, die Mittel und vor allen Dingen den Muth dazu hätte. Aber— und Das iſt ſeine höchſte Rache gegen das ganze Geſchmeiß, wie er ſie nennt,— was werden ſie künftig für Augen machen, wenn ihnen die Gewißheit kommt, daß ſie ausgebeutelt ſind, ausgebeutelt ſo ganz und gar, und zwar von Einem, der an Klugheit, Schlauheit, Er⸗ fahrung ſo weit über ihnen Allen ſteht, wie an Stand, Rang und Herkommen tief unter dem Geringſten von ihnen. Ach, wenn es ihm nicht ſelbſt am meiſten ſchadete, wie ſo ſehr gern würde er einen Schmähbrief an ſie Alle richten und ihnen ſelbſt ſagen, wer der hohe Graf Zaretta geweſen, dem ſie ſo ganz und ſo lange gehuldigt, was er für niedrige Kunſtgriffe an⸗ 4 246 ggewendet, um ihren Stolz zu beugen, ihren Hochmuth u demüthigen, und in weſſen gemeinen ziegenleder⸗ nen Geldbeutel ſie Alle zuſammen ihr hochadliges Gold ausgeſchüttet, wen ſie Bruder, Freund und Ge⸗ fährten genannt haben. Haha! Wenn das möglich wäre, wenn er dabei ihre Mienen belauſchen, ihre Demüthigung betrachten könnte, was müßte das für ein nie erlebter Triumph des alten Meiſters in allen betrügeriſchen Künſten, des ungariſchen Grafen Zaretta ſein, der ſich das Anſehen zu geben wußte, als ob er das Schooßkind des launenhaftes Glückes, der Liebling gekrönter Häupter, der Sprößling eines fürſtlichen Geſchlechtes ſei. Solches bedenkend, in ſolchen Träumen ſich wie⸗ gend und mit ſeiner Unverletzbarkeit ſich brüſtend, ſaß der Graf eine Weile da, während eine Minute nach der anderen verflog und allmälig die Stunde näher rückte, wo er der ſtolzen Königsſtadt den Rücken kehren wollte, voll der triumphirenden Empfindung, auch in ihren Mauern, wie in denen vieler anderen, ſein Siegesdenkmal aufgerichtet und darunter die Seufzer armſeliger Betrogener, die ſich ſelbſt kleine Könige dünkten, verſcharrt zu haben. Da wurde er plötzlich aus ſeinem tiefen Sinnen, ſeinen wollüſtigen Gedanken durch Etwas aufgeſchreckt, 32 — was er in dieſem Augenblicke zu vernehmen am we⸗ nigſten beſorgt geweſen war. Er hörte nämlich vor ſeinem Zimmer eine fremde und kräftige Stimme ſprechen und mit Starozza einige raſche Worte wechſeln. Wie kam dieſer Fremde in ſeinen Vorſaal, deſſen Thür doch, wie alle Thüren ſeiner Zimmer, vorſichtig geſchloſſen war? Sicher nur durch einen jener wun⸗ derbaren Zufälle, die außerhalb der Berechnung auch des Schlaueſten liegen, durch ein unvorhergeſehenes Mißgeſchick, welches eben ſo unverhofft wie ſtörend in die Gegenwart tritt, in der man ſich ſchon der Vergangenheit überhoben denkt und bereits den gol⸗ denen Träumen der Zukunft überläßt. Der Graf ließ ſeine Cigarre vor Erſtaunen, wenn nicht vor Schreck, ſeinen Lippen entſchlüpfen; ſie fiel auf die Erde und verſtreute die glühende Aſche auf den ſchönen Teppich, der ſeine geſtickten Blumen ver⸗ ſchwenderiſch unter ſeinen Füßen ausbreitete. Gleich darauf aber trat Starozza mit eben ſo erſtauntem Geſichte eilig in's Zimmer, warf einen verſtändlichen Blick, in dem ſich eine gewiſſe Verwunderung mit einem übel verhehlten Vorwurfe zum Sprechen deut⸗ lich vermiſchte, auf den Grafen und ſagte mit faſt dihen oſer Haſt, wobei er ſich der fremden Sprache 218 bediente, welche die beiden Gauner gewöhnlich zu reden pflegten, wenn ſie allein waren: „Da haben wir's! Siehſt Du, warum haben wir uns nicht früher aus dem Staube gemacht. Die verfluchte Köchin iſt ſo eben davon gelaufen und ſtatt ſich der Treppe des Hinterhauſes zu bedienen, iſt ſie vorne hinuntergegangen und hat wahrſcheinlich die Thür zum Vorflur offen gelaſſen.“ „Nun, was giebt's denn?“ rief der Graf auffah⸗ rend, indem er ſich bemühte, ſeine gewöhnliche Kalt⸗ blütigkeit anzunehmen. „Was ſoll es geben! Ein Fremder iſt gekommen, der Dich ſprechen will; er hat den Zettel an der Thür zwar geleſen, iſt aber nicht ſo leichtgläubig ge⸗ weſen, wie der dumme Doktor, denn er hat die Thür offen gefunden und iſt in den Flur getreten. Jetzt ſteht er draußen und fragt nach Dir, indem er vor⸗ giebt, er wiſſe, daß Du noch hier ſeieſt, und er müſſe Dich nothwendig in wichtigen Angelegenheiten ſprechen.“ „Das iſt ja merkwürdig. Was iſt es für ein Mann?“ „Ein großer, ſtattlicher, ſchöner Mann— „Nun, was ſonſt noch? Du machſt ja ein bedenk⸗ liches Geſicht— kennſt Du ihn?“ 249 „Ich kenne ihn nicht und doch— iſt mir, als ob ich ihn ſchon irgend wo unter anderen Verhältniſſen geſehen hätte.“ „Das klingt nicht erbaulich. Was mag er denn wollen?“ „Das will er Dir ſelbſt ſagen; gegen mich war er eben nicht verſchwenderiſch mit Worten.“ „Wie heißt er?“ „Danach habe ich ihn nicht gefragt, weil ich vorausſetzte, Du würdeſt ihn auf keinen Fall an⸗ nehmen.“ „So hole das nach und forſche ihn aus— mit Worten und Blicken— zuletzt ſage ihm, ich ſei nicht zu ſprechen.“ „Das habe ich ihm ſchon geſagt, aber er ſcheint nicht ſehr darauf zu achten.“ Letzteres in ſeiner trotzigen Weiſe ſprechend kehrte Starozza in den Vorſaal zurück, um mit Worten und Blicken, wie ihm der Auftrag geworden, den Fremden auszuforſchen. Nach einer Weile kam er wieder her⸗ ein. Seine Miene hatte etwas Erregtes und Beſorg⸗ nißvolles angenommen, das ſah Zaretta augenblick⸗ lich, denn er kannte ſeinen Verbündeten, wie man ſeinen Hut kennt, den man täglich zur Hand nimmt. 250 „Er heißt Hübner,“ ſagte er kurz,„und will durchaus mit Dir ſelber ſprechen.“ „Hübner! Hübner!— Den Namen kenne ich nicht. Ich ſpreche mit keinem Unbekannten.“ „Das habe ich ihm ſchon zehnmal geſagt, aber der Herr ſcheint keine Ohren zu haben. Seine Augen ſind dafür deſto redſeliger. Ich habe ihn ſcharf an⸗ geſehen und bin gewiß, daß es Dir ergehen wird, wie mir, denn ſein Geſicht taucht immer deutlicher aus dem Nebel einer unbeſtimmten Erinnerung vor mir auf. Jedenfalls— das iſt gewiß— bringt er nichts Gutes.“ „Scheint er Dir gefährlich?“ „Er iſt ein gewaltiger Mann, mit einer Bruſt wie Aeolus, und Armen, gegen die die unſrigen Spinneweben ſind.“ „Teufel! Was will er nur!“ Die rathloſen und mit flüſternder Stimme raſch Worte wechſelnden Verbündeten, obgleich gewiß Nie⸗ mand zugegen oder in der Nähe war, der ihre Sprache verſtand, blickten ſich gegenſeitig an wie zwei Spür⸗ hunde, die eine Wildſpur verloren haben oder nicht finden können, und wußten in der That nicht, was augenblicklich zu thun ſei. Schon glaubte der Graf, es ſei unter dieſen Umſtänden am gerathenſten, ſich —— 251 in das Arbeitscabinet zurückzuziehen, von da durch eine verborgene Thüre nach der hinteren Treppe zu gelangen und ſo den Hof und die Straße zu errei⸗ chen, als ſich plötzlich die Thür des Vorſaales auf⸗ that und der ſchöne und ausdrucksvolle Kopf des Herrn Hübner in der Spalte ſichtbar wurde. Als er den anweſenden Herrn bemerkte, der nicht zu ſprechen war oder der ihn nicht empfangen wollte, trat er un⸗ aufgefordert ganz in's Zimmer, welches der Kam⸗ merdiener augenblicklich verließ,— wir wiſſen nicht, ob aus dem Grunde, wenigſtens ſeine eigene Perſon ſicher zu ſtellen, oder von einem geheimen Orte aus die fol⸗ gende Unterredung zu belauſchen und eine möglicher Weiſe nothwendig werdende Flucht klüglich vorzubereiten. Alſo Herr Hübner trat in das Zimmer, blickte ſich ruhig darin um, und da er ſich mit dem Grafen al⸗ lein ſah, den er nach der Beſchreibung, die man von ihm gemacht, augenblicklich erkannte, ſo trat er dem⸗ ſelben näher, verbeugte ſich und lächelte mit einer ſo ruhigen Höflichkeit, daß ſich der Graf augenſcheinlich von ſeiner lebhaften Beſorgniß befreit fühlte. Allein dies beruhigende Gefühl berührte ihn nur im erſten Augenblicke, denn ſehr bald wechſelte der Geſichtsaus⸗ druck des Fremden und nahm einen ganz anderen Charakter an. 252 Es war im erſten Moment offenbar nichts Feind⸗ ſeliges, was ſich auf den Mienen des Herrn Hübner gegen den Grafen ausſprach, bewahre! Dazu war Herr Hübner ein viel zu beſonnener und vorſichtiger Mann; im Gegentheil, er behielt ſogar eine Weile eine gewiſſe Höflichkeit bei, aber dieſelbe wurde von Minute zu Minute kälter, ſein Geſicht ſtrenger, ſein Auge funkelnder, und in jeder ſeiner Bewegungen fing ſich eine ſelbſtbewußte geiſtige und phyſiſche Kraft an zu entfalten, die jedem Unbefangenen hätte impo⸗ niren müſſen, wie viel mehr nicht dem Schuldbewuß⸗ ten, der ſeine eigene Keckheit, der wachſenden Kühn⸗ heit des Fremden gegenüber, von Sekunde zu Se⸗ kunde ſchwinden fühlte. Nachdem Herr Hübner ſeine Verbeugung einfach wiederholt und der Graf ſie nur durch Aufſtehen von ſeinem Divan erwidert hatte, erhob ſich die mächtige Geſtalt des Kupferhammerbewohners zu ihrer ganzen Höhe und mit ſolchem Nachdruck, daß der Graf glaubte, ſie werde jeden Augenblick rieſenhafter und dehne ſich in eine Länge, Breite und Mächtigkeit, wie er ſie noch nie an einem Menſchen geſehen zu haben ſich erinnerte. 1 „Ich habe alſo die Ehre, den Herrn Grafen Za⸗ retta vor mir zu ſehen?“ begann der Fremde das un⸗ ſer Stadt geführt hatte. „Ja, ich bin der Graf Zaretta!“ entgegnete dieſet erbaulichſte Geſpräch, welches der Graf noch in des mit geſuchtem Hochmuthe und reckte ſeine kleine Ge⸗ ſtalt in ihre möglichſt ariſtokratiſche Form zurecht. „Was wünſchen Sie und warum zeigen Sie ſo viel Beharrlichkeit, einen Mann zu ſprechen, deſſen Zeit koſtbar und von wichtigen Dingen übermäßig in An⸗ ſpruch genommen iſt?“ „Herr Graf,“ erwiderte Herr Hübner ruhig, aber mit ſtark betonendem Nachdrucke,„Sie mögen mir dieſe, wie ich ſehe, ſeltſam erſcheinende Beharrlichkeit verzeihen, aber die wichtigen Dinge, die Ihre koſtbare Zeit in Anſpruch nehmen, werden durch meinen Be⸗ ſuch noch um ein paar ſehr wichtige vermehrt wer⸗ den, und da ich vorausſetzte, daß Sie, ehe Sie die⸗ ſen Ort verließen, gern das Allerwichtigſte erfüllen würden, ſo nahm ich mir die Freiheit, einige Augen⸗ blicke von Ihrer koſtbaren Zeit für mich in Anſpruch zu nehmen.“ „Zur Sache!“ ſagte ruhig der Dalmatier, der ſich allmälig zu faſſen ſchien, denn mit der ſichtbar wach⸗ ſenden Bedeutung des gegenwärtigen Auftrittes war auch ſeine Kaltblütigkeit wieder in ihn zurückgekehrt. Er wollte zeigen, daß er ein Mann ſei, ſelbſt dem 254 handfeſteſten Manne gegenüber, und deshalb raffte er alle ſeine Schlauheit, alle ſeine Keckheit und Lebens⸗ erfahrung zuſammen. Dabei aber bemühte er ſich, den Fremden immer ſchärfer zu durchdringen, denn bekannt kam er ihm allerdings auch vor, obwohl er eben ſo wenig wie Starozza wußte, wo und in wel⸗ chen Verhältniſſen er dieſem Herrn Hübner gegenüber geſtanden hatte. Dieſer dagegen, deſſen Erkennungs⸗ vermögen wir ſogleich vollſtändig würdigen wollen, hatte ohne Zweifel ein beſſeres Gedächtniß, denn er wußte nicht allein, wo er den Herrn Grafen ſchon einmal im Leben geſehen, ſondern er wußte ſogar viel mehr von ihm, als dem Grafen lieb ſein konnte. „Zur Sache, mein Herr!“ wiederholte der Graf. „Da Sie ſich anmaaßen, willkürlich über meine Zeit zu verfügen, ſo verfügen Sie nach Belieben darüber— was iſt der Zweck Ihres Beſuchs?“ 3 „Ich habe zwei Zwecke vor Augen,“ ſagte Herr Hübner und ſetzte ſich ohne alle Ceremonie dem Gra⸗ fen gegenüber auf einen Seſſel, zwiſchen Divan und Thür, auf welchen erſteren der Graf jetzt ſich ſelber mit Grandezza niederließ.„Zwei Zwecke, die ich beide nach einander Ihnen mitzutheilen mir erlauben werde. Der erſte iſt ein Kunſtzweck. Ja, ein Kunſt⸗ 255 zweck!“ Und er lächelte heiter, als er den Grafen eben falls lächeln ſah. „Ein Kunſtzweck?“ wiederholte Dieſer.„So! Welche Kunſt betrifft dieſer Zweck?“ „Die Kunſt, mit einer Feder meiſterhaft umzuge⸗ hen und vortreffliche Zeichnungen anzufertigen.“ Der Graf riß die Augen weit auf, ſogar ſein Nund öffnete ſich unwillkürlich und er ſah beinahe aus wie ein unverſehens überraſchter und ertappter 4 Dieb. Der Fremde ſchien dieſes unwillkürliche Mie⸗ 6 nenſpiel nicht zu beachten, obgleich er es ſehr wohl bemerkte, ſondern fuhr mit Bedeutung fort: 8 „Die Kunſt, mit der Feder ſchöne und koſtbare Zeichnungen hervorzubringen, iſt eine leider ſehr ſel⸗ ten geübte und verſtandene Kunſt. Ich habe ſie auf meinen Reiſen in Italien kennen gelernt und bin ein Liebhaber und Sammler von dergleichen geworden.“ Der Graf fing an zu hüſteln; ohne Zweifel ſah er den unerwarteten Ausgang dieſes Geſprächs gleich⸗ ſam wie ein trübes Irrlicht ſchon von Weitem vor ſeinen Augen flimmern. Er blickte bisweilen verſtoh⸗ len nach der Thür, die ſeitwärts von ihm lag, als I ſchiene er bei Zeiten auf Mittel zu ſinnen, wie er ſich derſelben nothwendigen Falles nähern könne, ohne damit ſeine Abſicht, ſich derſelben zur Flucht bedienen zu wollen, errathen zu laſſen. Einſtweilen indeſſen beſchloß er, nur Zeit zu gewinnen. Mit etwas vor⸗ geneigtem Kopfe, als höre er nicht ganz gut, fing er plötzlich an zu lächeln und ſagte dann verbindlich: „O, mein Herr, wenn Sie in Italien geweſen ſind, ſo ſprechen Sie auch gewiß die italieniſche Sprache. Sie hören, ich radebreche die deutſche nur und ver⸗ ſtehe außerdem Ihren Dialekt nicht gut. Es entgeht mir viel von Dem, was Sie mir vorzutragen die Güte haben.“ 4 „O!“ ſagte der Fremde ſogleich mit lauterer Stimme, indem er langſamer aber immer noch Deutſch ſprach.„Warum ſagten Sie mir das nicht früher? Ich ſpreche die italieniſche Sprache vollkommen, ſo auch die franzöſiſche und engliſche, wie überhaupt alle gangbaren Sprachen Europa's. Nur das Hebräiſche verſtehe und ſpreche ich nicht.“ 1 Dieſer letzte, deutlich und lauernd geſprochene Satz brachte eine ſchlagende Wirkung auf den Grafen her⸗ vor, worauf es vielleicht auch abgeſehen war. Denn er zuckte zuſammen, als ob ihn der Stich eines un⸗ ſichtbaren Dolches verletzt hätte. Aber nur einen Augenblick dauerte dieſe Ueberraſchung, er faßte ſich ſogleich wieder und, mit unglaublicher Keckheit ſich wappnend, ſagte er mit brüskem Tone:„Hebräiſch 257 verſtehe ich auch nicht. Hoffentlich halten Sie mie für keinen Juden!“ Herr Hübner lächelte. Jetzt war er ſeiner Anſicht über das wahre Weſen und die Perſon des angebli⸗ chen Grafen vollkommen ſicher, bisher hatte er noch ein klein Wenig geſchwankt. Alle Umſchweife der Höflichkeit daher von der Hand weiſend, fuhr er mit kühner Sicherheit fort:„Alſo— wie ſoll ich reden? In welcher Zunge?“ 3 4 „Italieniſch, wenn es Ihnen beliebt.“ „Ich bin es zufrieden. Sehen Sie— ich rede ſo gut Italieniſch wie Deutſch. Jetzt aber wollen wir das begonnene Geſpräch ohne Zögerung zu Ende füh⸗ ren, und ich will ſogleich zur Hauptſache übergehen.* 4 Sehen Sie hier, ich habe da vor einigen Wochen, als ich mich Geſchäfte halber in dieſer Stadt auf⸗ hielt, zufällig einen vortrefflichen Fund gemacht. Bei 5 einem Kunſthändler erſtand ich dieſe ſchöne Zeich⸗ nung. Sie iſt vollendet in ihrer Art. Dergleichen kann nur ein großer Künſtler hervorbringen, und ſolche Künſtler liebe ich.““ Mit dieſen Worten reichte er dem von Neuem und diesmal ſchauerlich betroffenen Grafen Federzeichnung hin, welche er Alfred von geſchenkt, der ſie wider Wiſſen des Grafen de Buaron Brandau. I. 7 II 1 474 — händler zum Verkauf angeboten hatte, von dem ſie end⸗ lich an einen Fremden, eben Herrn Hübner, verkauft worden war. Beiläufig geſagt, war es dieſelbe Zeichnung, die Zaretta einſt für einen Freund angefertigt hatte und welche unten in der rechten Ecke des weißen Randes den ſo wunderbar geſchnörkelten Buchſtaben Z. trug. Der Graf warf nur einen Blick darauf und er hatte begriffen, um was es ſich handele. Aber das 3. war ihm auch jetzt noch entgangen, ſo gut wie er nicht daran gedacht und es bemerkt hatte, als er die Zeichnung dem habſüchtigen Alfred eingehändigt. Bleich und in der That ſeine Keckheit von Augenblick zu Augenblick mehr verlierend, ſtammelte er beinahe: „Nun? Und dieſe Zeichnung— warum bringen Sie ſie denn zu mir?“ „Wie,“ rief Herr Hübner erſtaunt—„warum, fragen Sie? Sind Sie denn nicht der Künſtler, der dieſe in mehr als einer Beziehung intereſſante Zeich⸗ nung angefertigt hat?“ „Wie kommen Sie auf dieſe ſeltſame Idee?“ „Dieſe Idee iſt ſo ſelkſam nicht. Denn einmal hat mich der Kaufmann, bei dem ich dieſe Zeichnung gefunden, ziemlich deutlich vermuthen laſſen, daß wahrſcheinlich Sie und kein Anderer dieſer große Künſtler ſind, und dann hat mich der ſo ſeltſam verſchlungene 48 Denn ich glaubte diesmal ganz ſicher gegangen zu Buchſtabe Z. hier unten in der Ecke— ſehen da— auf die unzweifelhaft richtige Spur gebras „Ah!“ rief der Graf, wider Willen erbleichen „Beides iſt ein Irrthum! Denn einmal kenne icht keinen ſolchen Kaufmann, der von mir mit Beſtimmt⸗ heit ſagen könnte, daß ich dieſe Zeichnung angefertigt habe, ſodann aber pflege ich nie ein ſo ſchnörkelhaftes Z3. zu machen, ſelbſt wenn dieſer Buchſtabe meinen NKamen andeuten ſollte.“ „Wäre es möglich!“ rief Herr Hübner mit offen⸗ bar ironiſcher Biunderung„Sollte ich mich wirk⸗ lich getäuſcht haben?“ „Sie haben ſich ohne Zweifel getäuſcht, verlaſſen Sie ſich darauf!“ „Das iſt merkwürdig! Wie man ſich irren kann! ſein. Ich habe heute nämlich zufällig einen Wechſel in Beſitz erhalten— ſehen Sie hier— den Sie, wahrſcheinl lich zu Gunſten ſeines Sohnes, auf den Baron Brandau auf Hol zendorf ausgeſtellt haben. Sie haben den Wechſel mit Ihrem vollen Namen unterzeichnet— bitte— beſorgen Sie Nichts, er iſt ganz in Ordnung, wenn nämlich der alte Baron ihn in Ordnung ſindet— aber ſehen Sie— und das iſt die Merkwürdigkeit, dies Z. in dem Namen Zaretta, — 17* 260 rem Namen, iſt ganz daſſelbe ſchnörkelhafte Z., was fall, meine ich, denn wie können zwei ſo verſchiedene enſchen— jener Zeichner und dieſer Wechſelausſteller 8 wohl einen ſolchen von Uebung und Gewandtheit ſtrotzenden ſchnörkelhaften Zug hervorbringen? Hahaha!“ Der Graf nahm, weil er nichts Anderes zu ſagen oder zu thun wußte, dem Herrn Hübner die Zeichnung und den Wechſel aus der Hand, die dieſer ihm über den Tiſch, der zwiſchen Beiden ſtand, hinhielt, aber — er ſah Nichts, weder den einen noch den anderen Buchſtaben; vor ſeinen Augen ſchwindelte es; wie ein wüſtes Nebelmeer wogte die Luft in ſeiner Stube vor ihm auf und ab. Alle ſeine Nerven bebten von 34 der gewaltſam unterdrückten Aufregung und dennoch konnte er ſie nicht ſoweit bemeiſtern, daß ſeine Hände nicht vor unheimlicher Beſorgniß ſichtbar gezittert hätten, als ſie die Papiere ſeinen Augen nahe brach⸗ ten. Aber auch dieſe vorübergehende Anwandlung von Schwäche dauerte nur kurze Zeit, dann rief er ſeine beiſpielloſe Frechheit zu Hülfe, und als er ſich ihres Beiſtandes verſichert, ſagte er mit glatter Zuver⸗ ſicht in Miene und Stimme: „In der That, Sie irren dennoch. Die zwei ähn⸗ lichen Z. hat wirklich ein Zufall hervorgebracht. Die⸗ inter jener Zeichnung ſteht. Es iſt das ein großer Zu⸗ 261 ſen Namen unter dem Wechſel habe ich natürlich ſchrieben, aber dieſes Z. unter der Zeichnung nicht von meiner Hand her.“ „So! Wenn Sie das mit ſo ſicherem Tond. gen, Herr Graf, dann muß es wohl wahr ſein. Ja, ja, möglich iſt es. Auch traue ich dem Worte eines Edelmannes mehr, als dem trügeriſchen Anſchein eines unaufgeklärten Zufalls. Ja, ja, wie man ſich irren kann!“ Und er betrachtete, indem er ſich dem Gra⸗ fen ſo nahe wie möglich ſtellte, bald die beiden Buch⸗ ſtaben, bald das Geſicht des anſcheinend Leſenden mit großer Feſtigkeit, als wollte er bald in dem einen bald auf dem anderen die Wahrheit oder die Lüge leſen.—„Sehen Sie,“ fuhr er zurücktretend fort,„ich hatte mich ſchon auf Ihre Bekanntſchaft gefreut, denn, wie geſagt, ich liebe die Künſtler. Ich dachte ſchon daran, Ihnen, dem ſo bedeutenden Künſtler, Aufträge zu geben, denn ich bin reich, Sammler und Liebhaber von dergleichen Gegenſtänden. Hm! Ich kann mich von dem Gedanken gar nicht los machen, in dieſem Punkte ſo fehl gegangen zu ſein. Sie ſind alſo wirklich nicht der Verfertiger dieſer Zeichnung?“ „Nein, ich bin es nicht, ich wiederhole es Ihnen jetzt zum letzten Male.“ „So iſt es gut und die erſte Angelegenheit zwiſchen 262 s iſt abgemacht. Ich habe mich überzeugt, daß Der nicht ſind, für den Andere Sie hielten und für den ich ſelbſt Sie zu halten beinahe voreilig ge⸗ aug geweſen wäre.“ Der Graf, immer mehr in Staunen geſetzt, hielt es für'’ Geſcheidteſte, auf dieſen zweideutigen Aus⸗ ſpruch nichts zu erwidern; nur durchbohrte er faſt mit ſeinen Glühaugen den Fremden, und hätte er ein zu⸗ verläſſiges Meſſer zur Hand gehabt und wäre ihm ſein Spießgeſelle dabei zu Hülfe gekommen, er würde keinen Augenblick gezögert haben, Herrn Hübner, die⸗ ſo ſelbſtbewußten Mann zu einer Leiche zu machen. Da dies indeſſen ſo leicht nicht ging, ſo war er auf andere Aushülfen hingewieſen und ſchon dämmerte in ihm die Hoffnung auf, vielleicht eine Gelegenheit zu erſpähen, ſich in ſein Cabinet zurückzuziehen, deſſen Thür dann mittelſt einer nur ihm bekannten Vor⸗ richtung von innen feſt verſchloſſen werden konnte. „So kommen wir denn alſo zur zweiten Angele⸗ genheit, die mich zu Ihnen führt,“ ſagte Herr Hüb⸗ ner, die Zeichnung vorſichtig zuſammen rollend und ruhig in die Taſche ſteckend.—„In Wahrheit, ein in meiner Sammlung gehabt.— Doch, Sie ſagten, ſen drohend ſtolzen, in ſeiner großen phyſiſchen Kraft ſchönes Bild! Schade, ich hätte gern mehrere davon Sie hätten jenen Wechſel auf den Baron Branda Holzendorf gezogen und natürlich auch ſelbſt untes ſchrieben. Kennen Sie denn den Baron und wiſſen Sie, ob er Ihren Wechſel acceptiren wird?“ „Nein, ich kenne ihn nicht, hoffe aber mit Zu⸗ verſicht, daß er ihn acceptiren wird, denn ich habe denſelben auf Verlangen ſeines älteſten Sohnes ausge⸗ ſtellt, der damals krank war, nicht ſelbſt ſchreiben konnte und doch Geld gebrauchte, weshalb mir auch der Bankier, dem ich dies mittheilte, den Betrag discontirt hat.“ „So! Wer weiß, was das für ein Bankier ge⸗ weſen iſt, denn des Barons Bankier Scheitler hätte einen von Ihnen auf den Baron gezogenen Wechſel nie discontirt. Doch, das geht mich hier nichts an; Sie ſagten aber, Sie hätten auf Verlangen ſeines älteſten Sohnes dieſen Wechſel ausgeſtellt?“ „Ja, des Herrn Barons Alfred von Brandau.“ „O, das iſt abermals ein Irrthum. Baron Al⸗ fred iſt nicht der älteſte Sohn ſeines Vaters. Er iſt nur der ältere. Der Baron hat noch einen älteren als Alfred.“ „Den kenne ich nicht und der geht mich nichts an.“ „Das glaube ich wohl. Um ſo beſſer aber kennen Sie den Baron Alfred, nicht wahr?“ 3 „Ganz gewiß, mein Herr, hierin kann ich Ihnen — 264 dlich einmal beiſtimmen, und ich thue es mit Freu⸗ Baron Alfred von Brandau iſt mein beſter und theuerſter Freund.“ „So ſagen wenigſtens Sie. Die Welt ſagt etwas unz Anderes... Und was ſagt darüber die Welt?“ rief der Graf mit flammender Stirn und bohrenden Augen. „Die Welt ſagt,“ erwiderte der Gefragte mit eiſiger Stimme,„daß Sie ihn ſo lieb hätten, daß Sie ihn ganz in Ihren Händen hielten, ihn nicht entſchlüpfen ließen, ihn—“ „Wie, in meinen Händen? Wie meinen Sie das?“ „Werden Sie doch nicht ſo heftig, Herr Graf. Sie ſehen ja, wie ruhig ich dabei bleibe. Ich meine das ſo, wie die Welt es meint: daß Sie ihn mit Ihren Plänen umſtricken, wie die Spinne eine Fliege mit ihrein Netze umſtrickt—“* „Wie, mein Herr,“ rief der Graf aufſpringend und ſich dabei weislich um einen Schritt der Cabinets⸗ thüre nähernd,„Sie häufen eine Beleidigung auf die andere. Ich bin Edelmann, Graf— bedenken Sie das — ich habe ſüdliches Blut in meinen Adern— dieſe Ihre letzte Beleidigung fordert Genugthuung und ich be⸗ ſtehe darauf, daß Sie mir dieſelbe ſehr bald gewähren.“ „Halt!“ Gs Herr Hübner ſehr kalt.„Ereifern — — 265 Sie ſich nicht. Bedenken auch Sie— ich habe ni liches Blut in meinen Adern und bin kein Graf, 1 ein einfacher Bürgerlicher, mit dem ein ſo vorn Herr, wie Sie, ſich nicht ſo leicht ſchlägt. Ueberdieß — dieſe ganze Scene, die Sie da aufführen, iſt nichts. als eitle Prahlerei! Sie ſchlagen ſich nie mit mir, denn Sie wiſſen vorher, daß das Ihr Verderben wäre.“ „Wie meinen Sie das? Glauben Sie, daß ich meinen Degen oder die Piſtole nicht zu führen weiß?“ „Die Piſtole, o ja, oder noch beſſer vielleicht den Dolch! Aber den Degen, nein, Herr Graf, den führen Sie gegen mich nicht. Sehen Sie hier meinen Arm — ich ſtrecke ihn aus und meine natürliche mir von Gott gegebene Waffe ſchlägt alle Ihre Ihnen vom Teufel verliehenen Finten und Paraden ſammt Ihrem Schädel durch. Denn ich bin ein Herkules gegen Sie und Sie ſind eine Maus gegen mich. Wenn ich wollte, ſo ſtreckte ich meinen Arm aus, ergriffe Sie, erhöbe Sie und würfe Sie wie einen Ball gegen die Decke dieſes Zimmers, obgleich es etwas hoch iſt, wie Sie ſehen. Ueberdieß iſt nach meiner Meinung das Duell nur für Leute auf der Welt, die wohl ein bischen polternden phyſiſchen Muth, aber nicht den größeren moraliſchen haben, ein Unrecht zu vergeben, ein Lei⸗ den zu wiragen und die Irrthümer der Welt mit Er 966 gebung zu bekämpfen. Was mich betrifft, ſo beſitze beide Arten von Muth, und das habe ich mein ganzes Leben hindurch bewieſen; Sie aber, obgleich Sie ein Graf und Edelmann ſind oder vielmehr ſein wollen, 5 beſitzen keinen davon, denn ich ſehe Sie ſchon jetzt, äͤhesiuh wir nur davon ſprechen, bleicher und bleicher werden und auf eine Hinterthür denken, denn daß Sie mir zu entwiſchen verſuchen, leſe ich in jedem Zuge „Mein Herr! ſage auch ich,“ rief Herr Hübner mit leiſer, aber ſich tief in das Herz des Betrügers bohrender Stimme,„die Zeit, die ich an die Ueber⸗ zeugung ſetzen wollte, zu ſehen, wer Sie und ob Sie mir vielleicht bekannt wären, iſt verſtrichen. Ich habe meine Abſicht vollſtändig erreicht. Ich weiß, wer Sie ſind. Nun blicken Sie mich einmal auch genau an, ob Sie mich vielleicht ebenfalls erkennen.“ „Ich habe Sie noch nirgends und niemals geſehen!“ ſagte, wie eine Leiche erbleichend, der entkappte Graf. „Wie? Nirgends und niemals? Sie haben ein ſchlechtes Gedächtniß. Ihr Gewiſſen ſcheint etwas Ihres abgefeimten Bravogeſichts.“ „Mein Herr!“ polterte der Graf ohnmächtig auf, b denn der Fremde fing an eine dämoniſche Obergewalt über ihn zu gewinnen, weiter aber konnte er nichts hervorbringen. beſſer zu ſein, denn es ſpricht ſich wider Ihren Willen auf Ihrem todesblaſſen Geſichte aus. Doch ich will auch jenem zu Hülfe kommen. Wohlan denn, denken Sie einmal an England und ſchauen Sie zehn Jahre in die Vergangenheit zurück. Wir waren damals Beide noch ziemlich junge Leute. Und nun verſetzen Sie ſich nach London— in die italieniſche Oper— he? Dämmert Ihnen noch immer kein Licht auf?— Damals erlaubte ſich ein Gauner in meine Rocktaſche — in dieſe hier— zu greifen, worin ich unvorſichtiger Weiſe meine Börſe trug. Wie, erinnern Sie ſich nicht?— Ich ergriff den Gauner mit ſtählerner Fauſt, während er ſeine Hand noch in meiner Taſche hatte — mit dieſer Fauſt hier— ſehen Sie ſich ihre Kraft an— und hatte dabei das Unglück, dem Gauner, der ſeine Hand drehte und wendete wie ein Aal, dieſe Hand zu verrenken. Immer noch in meiner Taſche. Und ich glaube, es war dieſe Hand da.“ Dabei zeigte er lächelnd auf die rechte Hand des Grafen, die die⸗ ſer, ſie gleichſam ihrem Henker entziehend, eilig in den Rock geſteckt hatte.—„Wiſſen Sie noch nicht, wo wir uns kennen lernten? Nicht— alſo weiter! Ich übergab den Gauner einem Conſtabler— er ward eingeſperrt, aber auf ſeine demüthige Bitte, ihm ſeinen erſten jugendlichen Fehltritt zu vergeben— und 268 in Betracht, daß ich ihm die Hand ſehr gefährlich ver⸗ renkt und er viele Schmerzen dadurch auszuſtehen hatte, machte ich ihn aus unzeitiger Großmuth wieder frei. Damals nannte ſich dieſer junge Gauner Zara und war ein ſlavoniſcher Jude, der ſehr gut Hebräiſch ſprach— ich beſitze noch ſeinen Brief aus Newgate, worin er mich um Befreiung bat, und dieſer Brief trägt ſeine Unterſchrift, die mit einem eben ſo ſchönen Z. beginnt, wie die Unterſchrift jenes Wechſels und der Buchſtabe unter dieſem Blatte zeigt. Seitdem mag dieſer Gauner, der mich freilich nicht unter mei⸗ nem jetzigen Namen kennen lernte,— denn verſtän⸗ dige Menſchen haben bisweilen auch Gründe, ihre ehrlichen Namen zu wechſeln,— ſchon viele andere Na⸗ men geführt haben. Heute nun nennt er ſich Zaretta, er iſt alſo an Namen kleiner geworden, obwohl größer an Schlauheit, niederträchtiger Hinterliſt und tückiſcher Gaunerei. Er iſt Fälſcher, Betrüger, falſcher Spieler, Verführer der Jugend und Gott weiß was noch ge⸗ worden. Sie trugen damals noch keinen ſo großen Bart, und ich auch nicht, und darum haben Sie mich wahrſcheinlich nicht wieder erkannt. Aber ich Sie. Denn jedes Geſicht, welches ich einmal in meinem Leben geſehen und welches mir angenehme oder un⸗ angenehme Eindrücke hinterlaſſen hat, kenne ich immer 269 und überall wieder. Nun, kennen Sie mich jetzt, Herr Graf Zaretta?“ 1 Der angebliche Graf, unter dieſen furchtbaren 8 Anklagen nur innerlich zuſammenbrechend und vor dem entſetzlichen Fremden wie vor ſeinem unentrinn⸗ baren Schickſale ſich beugend, richtete ſich äußerlich bei jedem neuen Abſatz des Redenden, bei jedem neuen Kennzeichen ſeiner eigenen Perſon, die allmälig in ihrer wahren Geſtalt an's Tageslicht kam, höher, frecher, verrätheriſcher auf, und ſein blitzendes Auge ſuchte vergebens in allen Ecken und auf allen Tiſchen eine meuchleriſche Waffe, die er ohne Zweifel jetzt ohne jede Hülfe gegen den Fremden angewandt haben würde, aber er fand nirgends, was er ſuchte. „Nein, mein Herr,“ ſagte er, als endlich Herr Hübner mit ſeiner Rede zu Ende war,„ich läugne Alles, was Sie da ſagen, denn ich kenne Sie nicht und habe Sie niemals geſehen. Ich war gar nicht vor zehn Jahren in England. Für Ihre unerhörten Beleidigungen aber und Ihre ehrenſchänderiſchen Be⸗ ſchimpfungen werde ich Ihnen anderwärts Rede ſtehen — weiter mit Ihnen jetzt zu reden, halte ich unter meiner Würde.“ Und er wandte ſich wie eine getretene und einen Ausweg ſuchende Schlange etwas ſeitwärts, wobei er 2nd wiederum einen hal ben Schritt nach der Thür des Cabinets gewann. „Anderwärts?“ fragte Herr Hübner, eiſig lächelnd. „Ja, o warum nicht? Vtelleicht treffen wir noch ein⸗ mal zuſammen, dann können Sie auch einen Degen mitbringen; ich aber werde nur einen Stock nehmen, oder eine Peitſche, denn das iſt die beſte Waffe gegen und das wirkſamſte Mittel für Sie.“ „Mein Herr!“ braußte Zaretta mit geballten Fäuſten und ſchäumendem Munde auf. 1„Still, ſchreien Sie nicht ſo! Die Polizeimann⸗ 1 ſchaft, die ich unten vor die Thür geſtellt habe, wird 3 ſchnell genug hier ſein. Einſtweilen leben Sie wohl — auf Wiederſehen!“ Und rückwärts zur Thür nach dem Vorzimmer ſchreitend, trat er ruhig in daſſelbe hinaus, den Schlüſſel im Schloſſe umdrehend und langſam ab⸗ ziehend, ſo daß es der Eingeſchloſſene hören konnte. Kaum war der ſchreckliche Fremde auf dieſe Weiſe verſchwunden, ſo änderte ſich das ganze künſtlich zu⸗ ſammengehaltene Ausſehen des überliſteten Gauners. All' ſein heuchleriſcher Muth, ſeine Verſtellung, ſeine vornehme Maske verſchwand aus ſeinem Geſicht, ſeiner Haltung, er brach zuſammen wie ein Haus oder ein Baum, die eine Lawine zertrümmert. Mit empor⸗ 07 271 geſträubten Haaren und krampfhaft verzeriten Geſichts⸗ zügen blieb er ſtehen, athmete keuchend und wußte in Todesangſt nicht, was er nun beginnen ſollte. Da kam ihm ein rettender Dämon zu Hülfe. Denn von dem Cabinette aus, faſt eben ſo aufgeregt wie Zaretta, ſtürzte Starozza in’'s Zimmer.„Fort, fort,“ rief er,„es iſt die höchſte Zeit! O, warum biſt Du mir nicht früher gefolgt! Dieſer Menſch iſt ein Rieſe, ein Koloß gegen uns, er hat uns ganz in ſeiner Gewalt. Aber noch nicht. Er holt jetzt ſeine Wache herauf, die er auf der Straße aufgeſtellt hat. Der Narr!— Komm! Hinten in der Küche iſt Nie⸗ mand, die Treppe iſt frei nach dem Hofe und ich habe den Schlüſſel zur Gartenpforte des Nachbars in Händen. Hier iſt er. Laß Alles liegen und folge mir. Ich habe ſchon einen Wagen in der nächſten Straße ſtehen.“. Hier galt kein Beſinnen; Alles im Stiche laſſend,— den Koffer mit Kleidern und verſchiedenen Kleinig⸗ keiten, die ſie noch in die Taſche ſtecken wollten,— war⸗ fen ſie ſich raſch einen Ueberrock um die Schultern, ſprangen in das Cabinet, riegelten deſſen Thür mit allen vorhandenen Schlöſſern und Niggell. Hintnitct zu, öffneten eine in der Eck kleine Tapetenthür, die ug N Hauſes führte, und glitten dieſelbe ſo leiſe hinab, daß kein Menſch, wenn er auch in der Nähe geweſen wäre, ihre Flucht vernommen hätte. Auf dem Hofe angelangt, deſſen Thür zum Hausflur glücklicherweiſe für ſie geſchloſſen war, und während Herr Hübner mit einigen Beamten ſchon wieder die Vordertreppe hinauf ſtieg, hatten ſie bald den Garten erreicht, ſeine Thür mit dem gemauſten Schlüſſel geöffnet, und durch dieſen ſchreitend, waren ſie in eine ganz andere Straße gelangt, wo ein Fiaker ſie erwartete, den Starozza dahin beſtellt hatter. Mit der kaltblütigſten Miene nannte Letzterer dem Kutſcher einen entfernten Platz. Hier angekommen, ſtiegen ſie aus, bogen um eine Ecke und ſetzten ſich in einen neuen Fiaker. Die⸗ ſer mußte ſie abermals in eine andere Stadtgegend fahren, wo ſie den Wagen wieder verließen und endlich in ein ſicheres Haus gelangten, wo ſie bis zum Abend oder noch länger geborgen blieben, denn daß ſie ſich hierher geflüchtet, wo einer ihrer Spießgeſellen wohnte, konnte kein Menſch, nicht einmal der furchtbare Herr Hübner, errathen. Inde. des zw —