„—---= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 1 1„ 1 9„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Daron Drandau zund ſeine Junker. Aus den Papieren eines Arztes 4 kPhilipp Galen, Verfaſſer von:„Andreas Burns“, Walther Lund“,„Fritz Stilling“, „Irre von St. James“ u. ſ. w. — gig, 1858. iſtian Ernſt Kollmann. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehallten Zweite Abtheilung. Die Junher. —— Arhktes Anpitel. Junker Alfred. 3 Der nächſ ſe Motgen, ja ſelbſt die nächſtfolgenden Tage ſchienen in Bezug auf die im origen Kapitel abgehandelten V Verhältniſſe der zunächſt Betheiligten mit dem eben geſchil derten Tage in gar keiner Ver⸗ bindung zu ſtehen. Nicht nur die gewöhnlichen äußeren und geſchäftlichen Vorkommniſſe trennten die handeln⸗ den Perſonen⸗ von einander, ſondern auch eine gewiſſe innere⸗ Scheu hielt ſie ab, das kürzlich Beſprochene noch einmal zu berühren, und darin folgten Alle wohl 1 ſ ziem lich einem allgemeinen inſtinktartigen Triebe. Denn Nichts b emag einen wichtigen Gegenſtand, den 1 wir in der Stunde der Aufregung oder Begeiſterunge Wätme und Eifer ergriffen, ſo gleichgültig fürd uns zu machen, als wenn wir ihn im nüchternen Laufé des Alltagslet ns mit Gewalt in den Kreis 1 Baron Brandau. 1. 2. unſerer Betrachtung ziehen. Der Baron hielt ſich von Anbruch des Tages bis ſpät Abends außer dem Hauſe auf, nur ſein Mittagsbrod verzehrte er eilig in ſeinem Zimmer, ohne dabei einen Blick auf die Nichte zu werfen, die, ihn mit ihrem ſcharfen Auge beobach⸗ tend und jeden Zug ſeines Weſens erforſchend, ſchwei⸗ gend an ſeiner Seite ſaß. Wenn er den letzten Biſſen im Munde hatte, lief er ſchon wieder mit dem För⸗ ſter durch den Wald, oder mit dem Verwalter über die Felder und Triften, in denen der letzte Orkan einen erheblichen Schaden angerichtet, hier das frucht⸗ 8 bare Land mit den reifenden Früchten weggeſchwemmt, dort die Wieſen verſandet und die Wälder gelichtet hatte. Es war noch nicht abzuſehen, wie hoch ſich der Schaden belaufen würde, aber ſo viel war mit Gewißheit zu erkennen, daß die Erndte für dieſes Jahr ſo gut wie veloren und die Mühe de Arbeit mit der Hoffnung auf einen einigermaßen lohnenden Ertrag eine vergebliche geweſen ſei. Gegen den Ha⸗ gelſchlag war man auch nicht verſichert gew ſen, denn dergleichen ſegensreiche Anſtalten der Neuzeit waren dem Baron über die Maaßen verhaßt, und un hatte er nicht allein dieſen Verluſt, ſondern auch die ge⸗ rechten Vorwürfe zu ertragen, die ihm ſein Verwalter, u ſchlief, von wo ihn in ſein Bett zu bringen der alte Friedrich die größte Mühe hatte. So mußte wohl ſich die Letztere mit aller Sorgfalt, Alles und Jedes 3 9 Miene und Schweigen angedeihen ließ. Aus allen dieſen Gründen war der Baron ſehr übler Laune; 1 unzugänglich und zugleich ungenießbar für Jedermann, 1 zog er ſich von Allem zurück, was nicht unmittelbar die Sorge für ſeine Ländereien betraf. Abends, wenn er, ſpäter denn je, auf ſein gemüthliches Zimmer kam, war er ſo wortkarg und müde, daß er ſchon nach dem erſten Glaſe Wein auf ſeinem Seſſel ein⸗ aller innere Verkehr zwiſchen Oheim und Nichte eine Unterbrechung erleiden, und nur von ferne bemühte aus dem Wege zu räumen, was ihm im Hauſe oder 1 Hofe ſtörend in den Weg treten konnte. 6 „Auch Doktor Millinger hatte ſich ſeit jenem Abende 3 nicht wieder blicken laſſen. Das konnte allerdings auf Rechnung einer abſichtlichen Zurückhaltung geſetzt werden, allein es war nur ein vorübergehender Zufall, wie er bisweilen in Folge ſeiner überhäuften ärztlichen Berufspflicht ſich ereignete. Denn er hatte gerade jebt viel in in einer anderen üichiung zu hn und he⸗ . mand wußte von ihm, bis einmal der alte Friedrich, 4 ſie auf ihren einſamen Wanderungen über Felder und Wieſen ſchritt. Sie hätte ihm gern die Hand gedrückt und zugeflüſtert, daß Alles vergeben und ver⸗ geſſen und wieder in Ordnung ſei, aber ſie ſah ihn nirgends, und gerade jetzt ſeine Familie im Dorfe zu beſuchen, wo der Oheim mit ihm Streit gehabt, ſchien ihr nicht gerathen zu ſein. Der Baron ſelbſt dachte in den erſten Tagen der Aufregung und der ämſig⸗ ſten Thätigkeit nicht an ihn; als dieſe vorüber waren, ſcheute er ſich, unvermuthet mit ihm zuſammenzu⸗ treffen, denn obgleich ſein Zorn über den gehabten Zwiſt gänzlich detnht war und die nüchterne Be⸗ ſchäftigung des Tages ihn zur Ueberlegung und Be⸗ ſonnenheit zurückgeführt hatte, ſo glaubte er doch ſeinerſeits keinen Schritt thun zu dürfen, der ihn dem alten Freunde wieder näher brächte. Endlich aber fing er an, ihn zu vermiſſen, und er hätte viel. darum gegeben, wenn er urplötzlich ſeine freundliche Stimme hätte rufen hören: Guten Abend, Herr Baron!— Aber der Doktor ließ ſich, wie geſagt, nicht blicken. Endlich begann der Baron ſich darüber zu ärgern und er erkühnte ſich ſogar, hie und da einen von ſei⸗ nen Leuten zu fragen, wo wohl der Doktor wäre und ob ihn Keiner irgend wo geſehen habe? Aber Nie⸗ 5 5 als er zufällig jene Worte ausſprechen hörte, ſeinen Herrn geradezu fragte: ob man vielleicht den Herrn Doktor herbeirufen ſolle? Bei dieſer direkten Frage glaubte der Baron ſich am klügſten zu verhalten, wenn er ſie gar nicht be⸗ antwortete, denn was hätte er wohl dem Doktor ſagen ſollen, wenn er nun gekommen wäre und, nach der Urſache ſeiner Herbeiholung forſchend, ihn fragend an⸗ geblickt hätte? So waren etwa acht bis zehn Tage verſtrichen, als der Zufall ſich des allgemeinen Bedürfniſſes er⸗ barmen zu wollen ſchien, denn auch Freund Millinger hatte oft ſehnſüchtig und wehmüthig von fern nach dem Edelhofe ausgeſchaut, den er ſeit mehr als zwan⸗ zig Jahren wenigſtens einen um den andern Tag zu beſuchen gewohnt war. Es war einer der erſten Tage, an welchem der Baron, nachdem ſeine dringendſten Geſchäfte im Freien beendet waren, Marie aufforderte, mit ihm über die Felder zu wandern, um perſönlich die Thätigkeit ſeiner Bauern anzuſpornen, die überall beſchäftigt waren, die letzten Spuren jener Verwüſtung zu tilgen. Er war eben im vertraulichen Geſpräche über verſchiedene Gegenſtände mit ſeiner Nichte be⸗ griffen, die neben ihm her am Rande ei 8 Roggen⸗ feldes ging und einen Kranz aus Kornblumen flocht, als ihr ſchnelles Auge von ferne einen Reiter auf einem Schimmel erblickte und darin ſehr bald ihren Freund Millinger erkannte. Sie deutete auf ihn hin und ſagte ruhig, obwohl bedeutſam genug:„Da reitet der Doktor Millinger!“— Der Baron erhob haſtig ſeinen Kopf und ſchaute in die angegebene Richtung. Als er den Mann erkannte, den er ſo ſchwer beleidigt hatte und dem er dennoch ſo aufrichtig ergeben war, erröthete er ſichtlich, erhob aber unwill⸗ kürlich ſeinen Stock, wie zum Gruße und Winke: zu warten oder ein wenig näher zu kommen. Augenblicklich wandte der Doktor, der ſeinerſeits auch die Gruppe von ferne betrachtet, ſein Pferd und ritt langſam dem eigenthümlichen Paare zu. Lang⸗ ſam, ſagen wir mit Bedacht, denn in dieſer lang⸗ ſamen Bewegung ſprach ſich die letzte Spur ſeines verwundeten Selbſtgefühles aus, da er unter anderen Umſtänden ſeinen alten Schimmel gewiß in Trab ge⸗ ſetzt hätte. Als er dem Baron näher gekommen war, der ſtill ſtand und ihn erwartete, ſah er die Baroneß ihr weißes Tuch fröhlich in der Luft ſchwenken und als er, noch näher herangerückt, ſein Auge auf ihr Geſicht heftete, las er darauf unverkennbar den gei⸗ ſtigen Zuſpruch:„Kommt, kommt, mein Freund, und * — 4 ſeid nicht länger böſe, mein Oheim iſt es auch nicht mehr!“ Gleich darauf hielt der Schimmel an der Seite des Barons, der Doktor ſprang aus dem Sattel, und ehe Jemand wußte, wie es geſchah, hatten ſich die beiden alten Freunde die Hände geſchüttelt. Da war denn wie durch einen Zauberſchlag die trübe Ver⸗ gangenheit vergeſſen und die trautere Gegenwart trat wieder in ihre Rechte ein. Es dauerte nicht lange, ſo waren die beiden Männer in ein ernſtes Geſpräch ver⸗ tieft, welches zunächſt die Verwüſtung der Felder be⸗ traf, während Marie, ihren Kranz und ihre Blumen vergeſſend, neben ihnen herging und Beider Mienen ſtudirte, wie ſie es von jeher mit allen Menſchen zu thun pflegte, die in den Bereich ihrer Betrachtung kamen. „Ja, Doktor“, ſagte der Baron im Verlauf des Geſprächs,„der Schaden iſt groß; aber was hilft's, man muß ihn verſchmerzen. Der Hagel hat mir eigentlich am meiſten genommen— hm! Es wäre doch nicht ſo übel, wenn ich jetzt verſichert geweſen wäre! Ja, ja, erſt durch Erfahrung wird man klug, jetzt habe ich den Verluſt allein aus meiner Taſche zu decken. Aber wißt Ihr, was mich am meiſten dabei ärgert? Gerade die undſtrechen, die ich an die Eiſenbahngeſellſchaft abtreten muß, wo mein beſter Weizen ſteht, haben am wenigſten gelitten! Ha! Es. iſt zum Todtärgern!“ „Das ſcheint mir eher von Vortheil zu ſein,“ ſagte der Doktor heiter lächelnd.„Denn wenn die Ab⸗ ſchätzungscommiſſion das mit ſchöner Frucht bewach⸗ ſene Feld ſieht, ſo wird ſie es höher taxiren, als wenn es mit zerſchlagener und unbrauchbarer Streu bedeckt wäre.“ „Bah! Sie ſind ein Mann, der aus Allem Vor⸗ theil zu ziehen weiß. Wenn ich das doch auch ver⸗ ſtände!— Wie weit ſind die Herren da drüben mit ihrer Vermeſſ ſung der Aecker gekommen, wiſſen Sie es * vielleicht?“ 4 „Ich bin ſo eben dageweſen, Herr Baron,“ ent⸗ † gegnete der Arzt.„Morgen oder übermorgen kommt Ihr Gebiet an die Reihe und in wenigen Tagen wer⸗ den Sie wiſſen, wieviel baare Thaler mehr Sie in Staatspapiere verwandeln können.“ „Ich wünſchte, ſie blieben mir mit ihrem Gelde vom Halſe, dann wollte ich ihnen auch ihre Papiere& 3 ſchenken. Doch kein Wort mehr darüber, das Kapitel ſoll auf ewig zwiſchen uns heendigt ſein.— Ich habe eine Bitte an Sie, Doktor, und Sie werden ſie mir wohl gewähren, denke ich.“ „ 9 „Vom Herzen gern, wenn es mir möglich iſt.“ .„Das wird ſich machen laſſen, hm! Seht, Doktor, morgen über vierzehn Tage wird die Abſchätzungs⸗ commiſſion hier ihr Weſen getrieben und man wird mir einen Sack mit Geld oder die Anweiſungen auf einen. Bankier in das Haus gebracht haben. Das iſt ein trauriger Tag für mich— Andere würden ihn einen Feſttag nennen. Aber ich, ich ängſtige mich ſchon heute davor, als würde mir an dem Tage ein Unglück begegnen. Ich ärgere mich ſchon im Voraus, ſchaffen werden. Auch muß ich ein Eſſen geben— Das gehört ja nun einmal dazu. Die Herren da drüben haben damit den Anfang gemacht und wir hier müſſen nun die Fortſetzung liefern, ſonſt hält man uns am Ende für hergelaufene Emporkömmlinge, die ihr Gut im Kaſten verſchimmeln laſſen. Ich mag 4 mich nicht lumpen laſſen. Darum ſoll es einmal hoch hergehen bei mir. Ich lade Euch zu Gaſte. Haltet. Euch den Tag über, wenn es Eure Patienten erlauben, in meiner Nähe oder gar an meiner Seite auf, dann habe ich doch ein eſicht wenigſtens, das ich nach . meiner Art anbl n. Was meint Ihr dazu?“ Der Arzt lä ilde und lüftete ſeinen Stroh⸗ 10 1— hut ein wenig.„Ich danke für die Ehre, Herr Baron, und werde nicht auf mich warten laſſen,“ ſagte er.— So war denn der Friede wieder vollkommen her⸗ geſtellt und ſeit dieſem Tage kam der Doktor faſt täglich nach dem Gute, auch wenn ihn ſein Wegzich. daran vorüberführte.— Der Zahlungstag für die in Anſpruch genommenen Feldſtr ar gekommen. Von allen Seiten waren die Auieentane höheren und niederen Beamten, benachbarte Gutsbeſitzer und der größte Theil des um⸗ wohnenden Adels, eingetroffen, theils in Folge einer Einladung, theils aus freien Stücken und auf die Gaſtfreundſchaft des Barons bauend, denn ſie alle waren begierig, mit eigenen Augen das Benehmen eines Mannes zu ſchauen, der wie keiner in der Um⸗ gegend ſo lebhaft gegen die Neuerungen, welche die Dampfkraft und das Aſſociationsweſen in'’s Leben rief, geeifert hatte. Auf dem Gute des Barons waren große Vorbe⸗ reitungen getroffen, den Tag ſe zu feiern. In der Küche briete von Tagesanbruch an. Vier — *½ nierliche Bauerburſchen waren in paſſende Kleider ge⸗ ſteckt und ſollten die aufwartende Dienerſchaft des reichen Edelmanns darſtellen, denn auch in dieſer Be⸗ ziehung war der gute Baron etwas weit hinter den Erforderniſſen der Zeit zurückgeblieben. Der alte Friedrich, ſchon ziemlich gebrechlich und mit den Fort⸗ ſchritten ſeiner Collegen in großen Städten ſelbſt un⸗ bekannt, war der einzige Diener auf dem Gute, der leidlich mit der Bedienung eines Mannes von Stande umzugehen wußte. Ihm daher war die Aufwartung der eingeladenen Edelleute übertragen; jene coſtümir⸗ ten Bauerburſchen dagegen ſollten für die Wnten und den übrigen Theil der Gäſte bereit ſtehen. Der Baron war ſchon früh wach geworden; er konnte vor innerer Unruhe den gefürchteten Tag kaum erwarten. In Etwas hatte ſich ſein Zorn über die neue Eiſenbahn freilich gelegt, denn die Vermeſſungs⸗ commiſſion hatte ſich gerade auf ſeinem Terrain für einen größeren Bogen ausgeſprochen und ihm auf dieſe Weiſe einen ziemlichen Theil ſeiner Felder er⸗ halten, die er im Stillen ſchon verloren gegeben hatte. So büßte er nur die Hälfte von dem ein, was er er⸗ wartet hatte, unde Geretteten am End Der alte Herr glaubte er in Anbetracht des ſchmerzen zu können. ſich ſchon früh am Morgen . 12 9— ſorgfältig ankleiden laſſen und ſogar ſeinen Orden an⸗ gelegt, den ihm ſeine Tapferkeit im Befreiungskriege erworben. Das Frühſtück hatte er in Gemeinſchaft mit ſeiner Nichte verzehrt und dann für den Tag von ihr Abſchied genommen, da ſie ihn gebeten hatte, ihr die Pflicht zu erlaſſen, vor den fremden Gäſten und bei Tiſche zu erſcheinen. Um neun Uhr Morgens waren ſchon einige Herren angelangt und mit dem Baron auf das Feld ge⸗ gangen, wo ſich kurze Zeit nachher die Beamten ein⸗ fanden, um an das beſchloſſene Werk zu gehen. Manchetlei Auseinanderſetzungen, Hin⸗ und Herreden, wiederholtes Abſchätzen und Vergleichen, hatten den ganzen Vormi ag weggenommen und erſt kurz vor drei Uhr Nachmittags war man nach dem Gute zurück⸗ gekehrt, um die ſchriftlichen Contrakte zu unterzeichnen und die Geldgeſchäfte zu ordnen. Der Baron hatte verſchiedene Verſchreibungen auf ein großes Haus in der Reſidenz dem baaren Gelde vorgezogen, das er ja doch nicht auf dem Lande unterbringen konnte. Er hatte ſeine Papiere, ſeine Quittungen und Wechſel in ſeinen Geldſchrank geſchloſſen und ſich dann zur Ge⸗ ſellſchaft begeben, die ihn im Garten erwartete und ſich allmälig um ein Bedeute vermehrt zeigte. Die Geſchäfte des Tages, im Freien begonnen, waren nun e konnte, ſo unbequem und widerwärtig ihm dergleichen 13 der Form nach beendet, wurden aber der Gewohnheit nach während der Vergnügungen, die jetzt folgten, geſprächsweiſe fortgeſetzt. Erſt als die milden Klänge der Eßglocke durch den Garten ſchallten, begaben ſich die verſammelten Herren in das Schloß, deſſen Feſt⸗ ſäle im vollſten Schmucke prangten, der allerdings etwas alterthümlich, doch gediegen und bequem ge⸗ nug war. Da die Anweſenden ſich auf keinerlei Weiſe beengt fühlten, ihre Stimmung aber am wenigſten durch die Gegenwart einer die Naſe Prümpfenden Hausfrau be⸗ drückt wurde, ſo herrſchte eine ungezwungene Fröhlich⸗ keit vor, der ſich ſogar der Baron nicht ganz entziehen Spiegeleſſen waren, wie er ſie zu nennen beliebte. Wenigſtens ſo lange das Speiſen, das Trinken und nachher das Spiel der zurückbleibenden Edelleute dauerte, während die Beamten und ein Theil der entfernter wohnenden Gäſte ſich gleich nach der Mahl⸗ zeit entfernt hatten, befand ſich der Baron in leidlicher Gemüthsſtimmung. Die. Bedienung war zwar keine feine und ausgeſuchte, aber doch eine gemüthliche ge⸗ weſen, nur ein Dutzend Teller und ein halbes Dutzend Flaſchen— der heimlich ausgetrunkenen nicht zu ge⸗ denken— waren von den ungeſchickten Händen der 14 improviſirten Lakaien zerbrochen worden, und in An⸗ betracht der ungewohnten Haſtigkeit und Fülle war ſogar in der Küche Alles zur Zufriedenheit der Frau Hanne hergegangen. Allmälig, je weiter der Abend vorrückte, hatten ſich die Gäſte empfohlen und nur drei Edelleute waren geblieben, die beim Champagner um einen Spieltiſch ſaßen und dem Zauber der herr⸗ lichen Flüſſigkeit wie des königlichen Lhombre unter⸗ lagen. Das Spiel war hoch und wurde faſt ſtill⸗ ſchweigend fortgeſetzt. Der Baron war Anfangs im Gewinn geweſen, ſeit einer Stunde aber hatte ſich das Glück gewandt und kehrte ihm andauernd eigen⸗ ſinnig den Rücken. Als man endlich lange nach zehn Uhr aufſtand, hatte er eine erxkleckliche Summe verloren, die ihn, wie alles im Spiel verlorene Geld, über die Gebühr ſchmerzte. Der alte Herr theilte die Leidenſchaft vieler vornehmem Herrn, er liebte nicht den Verluſt im Spiel, weniger aus Liebhaberei für as Geld, als aus Mißvergnügen, von einem Ande⸗ un uberſtügelt und beſiegt zu ſein. Sein ſelbſtiſcher Trieb erſtreckte ſich ſogar auf dergleichen Kleinigkeiten und ſchon die Einbuße einer geringen Summe war hinreichend, ihm ſeine Nachtruhe und ſeine gute Laune auf mehrere Tage zu rauben. Heute aber war ſein Verluſt ein bedeutender geweſen und gerade die reich⸗ ſten und übermüthigſten Nachbarn hatten ihn ge⸗ plündert. Das machte ihn höchſt verdrießlich, und als endlich ſämmtliche Gäſte ihn verlaſſen hatten und er in dem noch hell erleuchteten Zimmer die unbehag⸗ lichen Ueberreſte. der beendeten Schwelgerei erblickte, fühlte er ſich ſo übelgelaunt wie nie. Die beinahe vergeſſene Veranlaſſung des heutigen Tages tauchte wieder friſch in ſeinem Gedächtniß auf und aller Un⸗ muth, den er längſt verbannt zu haben meinte, kehrte in ungeſtümer Aufeinanderfolge in ſein Herz zurück. Erhitzt vom Wein, übermüdet von des Tages An⸗ ſtrengung, aufgeregt von dem Gedanken an die ent⸗ flogenen Louisd'ors, ſpiegelte ihm ſeine Phantaſie die ſchrillende Locomotive und die raſſelnden Waggons vor, die nun bald über ſeine blühenden Gefilde hin⸗ ſtürzen würden, und nie, ſeitdem ihm die Kunde die⸗ ſer Neuerung geworden, hatte er ſich ſo zerknirſcht ge⸗ fühlt wie jetzt. Da er keinen Gegenſtand hatte, an dem er ſeinen Unmuth auslaſſen konnte, denn ſelbſt der Doktor Millinger hatte ſich ſeit einigen Stunden entfernt, blieb ihm Niemand übrig, als ſeine neu uniformirte Dienerſchaft. Er ließ ſie durch Friedrich hereinrufen und hielt ihnen eine donnernde Rede, die ſie männiglich niederſchmetterte, denn er ließ kein gutes Haar an ihrer Anſtelligkeit und Aufmerkſamkeit. Endlich befahl er die Lichter zu löſchen und die lange genug geöff⸗ neten Prachtzimmer zu ſchließen. Er ſelbſt, nur von Friedrich begleitet, zog ſich in ſein Wohnzimmer zu⸗ rück und ließ ſich die Nachttoilette anlegen. Schlafen wollte und konnte er nicht, denn dazu war er zuͦ auf⸗ geregt und zu ärgerlich, ſo wollte er denn in ruhiger Selbſtbetrachtung mit ſich zu Rathe gehen und ſeinen Groll in ungeſtörter Einſamkeit niederzukämpfen ſuchen. Beinahe hätte er ſich von ſeiner alten Laune verſucht gefühlt, ſich wieder für krank auszugeben und den Doktor zurückrufen zu laſſen, allein die zeitig gekom⸗* mene Einſicht, daß der Doktor ebenfalls von den Strapazen des Tages angegriffen ſein müſſe, ließ ihn von dem ſchon gefaßten Vorſatze wieder abſtehen. So war er ſich denn allein überlaſſen und Das hieß diesmal Kohlen in's Feuer tragen. Er wurde inner⸗ lich immer grollender, und zuletzt, da er ſeinen Groll an Niemandem auslaſſen konnte, wurde er betrübt, ein Gemüthszuſtand, deſſen Endreſultat bei ihm ſtets eine Art Melancholie war, von welcher er ſich in letzter+ Zeit nach großen Anſtrengungen und Aergerniſſen ſchon oft heimgeſucht gefühlt hatte. In dieſem unbehaglichen Zuſtande hatte er ſich eben mit geſenktem Haupte und gefalteten Händen —1 auf ſeinen Ruheſeſſel niedergelaſſen, als er plötzlich das Schmettern eines Poſthorns in der Kaſtanienallee zu vernehmen glaubte. Erſtaunt horchte er auf, und daß er ſich nicht geirrt, bewies ſogleich das nochmalige Blaſen des Poſtillons, welches aber diesmal dicht vor dem Hauſe erfolgte. „Was hat Das zu bedeuten?“ fragte er ſich und ſprang von ſeinem Stuhle auf. Da hörte er aber ſchon eine bekannte Stimme im Vorſaale ſprechen, eine ungewohnte Lebendigkeit ließ ſich ebendaſelbſt vernehmen und plötzlich ward ſeine Thür aufgeriſſen und herein trat— ſein Sohn Alfred. Als wäre ihm ein Geſpenſt erſchienen, ſ er dem unerwartet Anlangenden in's Geſicht, und wenn dieſer ein freundliches Willkommen von ſeinem alten Vater erwartet hatte, ſo ſah er ſich diesmal bitter darin getäuſcht. „Wie, Alfred, Du biſt es? Was führt Dich ſo ſpät hierher?“ Das waren die erſten und nicht mit dem väterlichſten Tone geſprochenen Worte, die dem „Ankömmling entgegentönten. Doch bevor wir den Leſer an dem folgenden Ge⸗ ſpräch Theil nehmen laſſen, halten wir es für ange⸗ meſſen, ihm erſt aus eigener Anſchauung ein Bild des Junkers Alfred zu liefern, denn bisher fanden wir Baron Brandau. I. 2. 2 o ſtarrte noch keine Gelegenheit, ihn perſönlich vorzuführen und nur des Vaters und des Arztes Erzählung hatten ungefähr auf ſein Aeußeres ſchließen laſſen. Sehen wir zunächſt, welche Wirkung die unerwar⸗ 3 tete Erſcheinung des ſpäten Beſuches auf die verſam⸗. melten Diener hervorbrachte; denn dieſe Leute haben einen ſeltenen Inſtinkt, die Eigenſchaften der Kinder ihrer Herren zu ſtudiren und nach ihnen den Cha⸗ rakter derſelben zu beurtheilen. Als das Poſthorn in ſo ſpäter nächtlicher Stunde in der Kaſtanienallee und dann dicht vorm Schloſſe erſcholl, ſtürzte Alles, was noch in Küche und Vorſaal war, dem Wagen ent⸗ gegen. Unter den Uebrigen fehlte natürlich die Schaffnerin und Friedrich nicht, die, wie müde ſie auch von den ungewohnten Anſtrengungen des Tages waren, zuerſt ihre Neugierde befriedigen und ſehen mmußten, wen der Poſtwagen bräs e. Als ſie aber ddeen ſo wohlbekannten und jetzt am wenigſten erwar⸗ teten Reiſenden erkannten, fuhren ſie ſichtbar erſchrocken zurück und blickten ſich mit eben ſo verlegenen wc— uunheimlichen Geſichtern an. Denn Junker Alfrer war eine von den ſtolzen und ungemüthlichen Natu⸗— en, die es nie verſtehen lernen oder gar erſtreben, die e und Anhänglichkeit eines alten Dieners ihres Vaters zu erringen. Für ihn waren die Diener nur —— 19 dazu da, ſeine Befehle auszuführen oder ſeine Wünſche zu erfüllen, ſie waren nur Handlanger ſeines α‿ Willens, Maſchinen ſeiner Laune, deren Thätigkeit er nach Gefallen in Bewegung ſetzte oder hemmte. Wer di das war ihm ziemlich gleich, einer die⸗ en mußte wie die andere gehen, einen per⸗ w ſönlichen Unterſchied hatten ſie für ihn nicht, denn ihre Perſon war ihm kaum dem Namen nach bekannt. noch Jun⸗ Daher war der Baron Alfred, ſchon als er ker genannt wurde, ſtets von allen Dienern ſeines Va⸗ ihm gehorcht, weil man ihm gehorchen mußte, aber Stücken, aus warmer Anhänglichkeit, aus liebender Fürſorge hätte Keiner auch nur die Hand für ihn ausgeſtreckt. Demgemäß war die Wirkung ſeines plötzlichen Eintretens eine Beſorgniß und Angſt erregende. Man wußte, daß dieſer junge Herr nur dann auf das ver⸗ haßte Gut ſeines Vaters kam, wenn die äußerſte Nothwendigkeit ihn dazu zwang. Wie er nun ſo mit langſamen und gemeſſenen Schritten, in denen eine mehr angenommene als natürliche vornehme Grandezza lag, aus dem Wagen ſtieg und in den Flur trat, höchſtens auf den erſten Treppenſtufen den Zunächſtſtehenden einen guten Abend zubrummend, 2* 20 dann, ohne irgend Jemand anzuſchauen, mit kalter Stimme die Worte ſprach:„Iſt mein Vater noch munter?“— da ſahen ſich Alle unter einander be⸗ troffen und fröſtelnd an. Am meiſten aber ſchienen die alte Hanne und Friedrich von dieſem überraſchen⸗ den Beſuch verſtört zu ſein, denn ſie kannten Junker Alfred genau und von ihnen erſt hatten die jüngeren Diener im Laufe der Jahre die nähere Schilderung der Söhne ihres Herrn erfahren. Kommen wir jetzt endlich auf ſeine äußere Er⸗ ſcheinung zurück. Baron Alfred war ein Mann von etwa neun und zwanzig Jahren, aber er ſah wegen ſeiner ſteifen Haltung und ſeines kalten und finſteren Weſens ungleich älter aus. Er war kleiner als ſein Vater, von dunklen Haaren und etwas gelblich blei⸗ chem Geſichte, welches alle Härten ſeines Erzeugers trug, ohne die Milde zu zeigen, die dieſem das Alter und manche kummervolle Erfahrung aufgedrückt hatte. Um Mund und Kinn trug er einen kurz geſchnittenen dunkelen Bart, der an ſeinen äußerſten Enden etwas in’s Röthliche ſpielte; ſeine mageren und gleichſam von einem unſichtbaren Fieber abgehärmten Wangen waren eingefallen und zeigten, namentlich um die Schläfe, jene Vertiefungen, die entweder die Wirkung eines ungebändigten Lebens, oder die Zeugen eines durch Nachtwachen angeſtrengten Geiſtes, oder aber die Verräther einer durch inneres Begehren heimlich entzündeten Natur ſind. Vor Allem aber ſprach ſein Auge ſein ganzes nur nach einer Richtung entwickel⸗ tes Weſen aus. Es brannte düſter wie von einer inneren Gluth verzehrt, ſchaute ſelten gerade aus und in die Höhe, ſondern liebte es, gewiſſermaßen in Bo⸗ genlinien und ſchiefen Winkeln, zu dem beabſichtigten Gegenſtande ſeiner Aufmerkſamkeit zu gelangen. Im Ganzen ſah man dieſem Geſichte an, daß es weder zum Lächeln noch überhaupt ſein Beſitzer zum behag⸗ lichen Genuſſe des Lebens und ſeiner Güter ge⸗ ſchaffen war. rieth es den zügelloſen Drang eines frühzeitig ver⸗ dorrten Herzens und die offenbare Verachtung, ja Verhöhnung alles Deſſen, was außer ſeiner Sphäre und ſeiner Kenntniß lag. Für dieſen, ſchon in ſeiner Jugend der Habgier verfallenen Menſchen gab es Nichts auf der Welt, als die Sucht, dieſe ſeine einzige Leidenſchaft zu befriedi⸗ gen; welche Bahnen zu durchlaufen, welche Schwie⸗ rigkeiten zu überwinden waren, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, das hatte ihm nie Kopfzerbrechen ver⸗ urſacht. Ohne Trieb zur ehrlichen Arbeit, ohne An⸗ lage zum ernſten Nachdenken, ohne Neigung, ſich mit 21 Kalt, ſtolz und feindſelig blickend, ver⸗ ſittlichen Intereſſen und höheren Sen aufgaben zu beſchäftigen, war es allein die Gier nach Geld gewe⸗ ſen, was dieſe gefühlloſe Seele mit Fähigkeiten, Schlauheit und nagenden Wünſchen erfüllt hatte. Die Geſtalt, auf der dieſes ſo eben geſchilderte Geſicht ſaß, entſprach dieſem Geſichte vollkommen. Sie war hager, trocken und bewegte ſich in ſchlangen⸗ artigen Windungen vorwärts. Gekleidet war der junge Baron ſauber, wie ein feiner Mann, der in der vornehmen Welt zu Hauſe iſt, aber nicht mit je⸗ ner geſuchten Eleganz, welche einem Stutzer oder auch nur dem von Natur ſich gern gefällig darſtellenden Menſchen eigen iſt. Eine gewiſſe Nachläſſigkeit, ein Sichgehenlaſſen oder vielmehr ein deutlich hervortre⸗ tendes Ignoriren aller äußeren Verhältniſſe ſprach ſich darin aus, man ſah dieſer Kleidung auf den erſten Blick an, daß ihrem Beſitzer weniger an der Untadel⸗ haftigkeit ſeiner äußeren Erſcheinung gelegen war, als vielmehr, daß die Seele dieſes Mannes mehr eine innere, auf einen einzigen Punkt gerichtete Thätig⸗ keit bewegte, daß ſie mehr an ſich, als an Andere dachte, und daß die ganze große, weite Welt nicht im Entfernteſten der kleinen gekünſtelten Welt glich, die ſich in ſeinem beſchränkten Kopfe und in ſeinem froſtigen Herzen gebildet hatte. 4 Alſo mit einem inneren Erſchrecken, wie vor einem neuen Unheil, mit zitternder Stimme und gleichſam abwehrend die Hände gegen ihn aufhebend, rief der Baron ſeinem Sohne zur „Wie, Alfred, Du biſt es? Was führt Dich ſo ſpät hierher?“ „Das iſt nicht meine Schuld,“ erwiderte kalt der vortreffliche Sohn.„Guten Abend, Vater! Wir ha⸗ ben ein kleines Unglück auf der Eiſenbahn gehabt und hätten leicht ein größeres haben können. Eine Achſe iſt gebrochen und Das hat uns um einige Stunden verſpätet.“ „Alſo wieder die Eiſenbahnen!“ dachte der Baron. „Ach, ich habe es ja gleich geſagt, daß der heutige Tag ein Unglückstag für mich iſt!“ Und nach dieſem Eingang gleichſam noch eine andere unglückliche Neuigkeit vorausſehend, ſcheute ſich der Vater weiter zu fragen, was ihn überhaupt nach Holzendorf führe, wo er ſtets, wie wir wiſſen, ein ſeltener Gaſt geweſen war. Aber Dieſer ſelbſt beeilte ſich, ſeinen Vater nicht lange in Ungewißheit zu laſſen. Denn das Er⸗ ſtaunen deſſelben weder beachtend noch errathend, fuhr er ſogleich in ſeiner Rede fort: „Ja, ohne dieſe Verzögerung wäre ich ſchon vor 24 4 vier Stunden hier geweſen. Sie kam mir ſelbſt ſehr ungelegen, da mein Geſchäft keinen Aufſchub duldet.“ „Alſo ein Geſchäft führt Dich hierher? Hm! Nun, das kann bis morgen warten; ich habe heute Geſchäfte genug abgemacht und ſehne mich nach Ruhe.“ „Dann thut es mir leid, daß ich Dich noch einige Minuten von Deiner Ruhe fern halten muß— mein Geſchäft duldet nicht den geringſten Auffchub, ich muß morgen mit dem Frühſten wieder abreiſen, um Nachmittags auf der Börſe zu ſein.“ „Auf der Börſe?“ fragte der Baron mit immer mehr wachſender Unruhe.„Und Das ſagſt Du mir, Deinem Vater? Biſt Du denn ein Kaufmann gewor⸗ den? Pfui!“ „Ereifere Dich nicht, mein Vater, die Sache iſt zu wichtig für mich, alſo auch für Dich, daher laß uns unſere vollkommene Ruhe bewahren.— Nein, ich bin kein Kaufmann geworden— in Deinem Sinne wai ſtens nicht— aber ich wer e dennoch auf die Bü 1h ich muß dahin gehen, verſtehſt Du?“ „Du mußte Ach ſo! Ja, ich verſtehe. Dein Freund n Dich mit den Spekulationen an dieſer Börſe be⸗ kannt gemacht.“ „Richtig bemerkt, mein vortrefflicher Freund hat 25 das wirklich gethan. Er läßt Dich übrigens beſtens grüßen und unterſtützt im Geiſte mit ſeiner ganzen Beredtſamkeit mein Anliegen bei Dir.“ „Was werde ich hören müſſen!“ dachte der Baron, aber er ſagte nichts, ſondern ſtieß nur einen Seufzer aus und ſetzte ſich mit einer Geberde, die den moraliſchen Zwang, der ihm widerfuhr, nur zu deutlich verrieth, auf ſeinen Stuhl nieder. „Ich danke!“ beantwortete der Sohn eine Hand⸗ bewegung des Vaters, der auch für ihn auf einen Stuhl gedeutet hatte.„Ich habe unterweges lange genug geſeſſen.“ „So bleib ſtehen,“ murrte der Alte.„Mir wirſt Du wohl erlauben ſitzen zu bleiben, ich bin müde und hrauche morgen nicht auf die Börſe zu gehen. Zur Sache— was willſt Du von mir?“ „Ich will Deinen Bankier verklagen, Deinen über⸗ klugen Agenten, den Herrn Scheitler, der ſich an⸗ maßt, ſich um Dinge zu bekümmern, die ihn nichts. angehen.“ „Ach, iſt es Das!“ dachte der Baron und fühlte ſich ſchon etwas erleichtert.—„Was hat er Dir ge⸗ than?“ ſagte er laut. 8 „Du haſt mir einen Credit bis auf 20,900 Thaler bei ihm eröffnet— mir Grafen Zaretta—“ „Halt;“ ſchrie beinahe der Baron. Irrthum. Deinem Grafen habe ich nichts bewilligt, nur Dir allein.“ und meinem Freunde, dem „Das iſt ein „Das bleibt ſich ja ganz gleich, mein Vater, ich bin er, und er iſt ich— wir handeln in Gemeinſchaft — die kaufmänniſche Welt nennt es in Compagnie.“ Der Baron riß die Augen weit auf. Das war ihm etwas zu ſtark. lähmungsartiger Druck hatté ſich auf ſein altes adel⸗ ſtolzes Herz gelegt, welches ſich gleichſam ſchüttelte vor Unwillen, daß ſein Sohn in ein Compagnie⸗ geſchäft getreten war, welches, nicht kaufmänniſch genannt, doch ſicher nichts anderes als ein kaufmän⸗ niſches war.„Fahre fort!“ ſagte er dumpf. „Wohl! Dieſer Credit war noch nicht zur Hälfte angegriffen, da machte der Herr Bankier ſchon eine knauſerige Miene und erlaubte ſich, mir zu verſtehen zu geben, mit der zweiten Hälfte nicht ſo verſchwen⸗ deriſch verfahren zu wollen, als mit der erſten.“ „Aber Das iſt ja ganz unbegreiflich, mein Sohn,“ ſagte der Vater, von einer plötzlichen, ihm unnatürli⸗ chen Weichheit übermannt, denn er mußte unwill⸗ kürlich an den Arzt denken, der ihn mit ſeiner für Er wollte aufbrauſen, aber ein überflüſſ ot auf dergleichen Ereig⸗ niſſe vorbereitet hatte. „Was iſt Dir unbegreifl ch?“ 2 haler ſchon vergriffen ſein können!“ „Wie? Was ſind denn ſo ein paar armſelige tauſend Thaler bei einem Weltgeſchäft, wie wir es betreihen wollen 2 Doch weiter. berief mich o Deine 2 Du ſchriftlich bei ihm nie⸗ dergele dund zwang ihn—“ 9 7 d 3 3 „Wozu zwangſt warf der Baron ein und bed wie um ſich vor Anan drohenden Anblick zu „Ich Ehrenmannes und ſicher ausgeſprochenen Willen zu befolgen und mir Deinen Credit zu eröffnen.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der Baron halblaut, als wenn ſpräche,—„das iſt richtig. Ich bin habe mein Wort ge⸗ 0 Dir die 10,000 Thaler ausgeliefert?“ vieler Mühe habe ich ſie erhalten, aber er würde Dich davon benachrichtigen, hat er mir geſagt.“ „Wann geſchah Das?“ So werde ich wohl morgen oder übermorgen 8 * * 28 /CC— dieſe angenehme Nachricht an erwarten haben. Hm! Es wird alle Tage beſſer. Ja, ja— freilich, freilich! — Und nun— nun wirſt Du doch zufrieden ſein?“ „Nein, mein Vater, noch nicht. Mit Deiner Hülfe werde ich aber hoffentlich zufrieden werden.“ „Was willſt Du noch?“ ſchnaubte der Baron plötzlich auf und erhob ſich wie ein vom Tode er⸗ ſtandener Rieſe von ſeinem Stuhle. „Gerade herausgeſagt— ich brauche noch mehr Geld!“ „Noch mehr Geld?“ ſtammelte der Baron und ſeine Augen traten funkelnd aus ihren Höhlen hervor. „Ja,“ ſagte der dreiſte Junker mit unbeſchreiblicher Ruhe, die mehr der Ausfluß ſeiner natürlichen Herzens⸗ kälte als eine künſtliche Selbſtbezwingung war.„Das große Unternehmen, welches ich, das heißt wir be⸗ gonnen haben, erheiſcht Das. Nur mit Großem iſt Größeres zu gewinnen. Knauſerei zu unrechter Zeit kann das ganze Unternehmen nicht allein ſprengen, ſondern ſogar verderblich machen. Die erſten 20,000 Thaler ſind mit Bedacht auf den Markt geworfen und werden zu ihrer Zeit Zinſen tragen— große, mein 3 Vater— Das verſteht ſich von ſelbſt. Um aber dieſe 20,000 ſicher zu ſtellen, muß ich noch mehr haben.“ „Wer giebt mir Bürgſchaft, daß dieſe neue Summe auf die rechte Weiſe angewandt wird?“ — 29 „Meine Ehre!“ ſagte der Sohn mit brutalem Stolze, indem er ſich hochmüthig in die Bruſt warf und die rechte Hand ſchauſpielermäßig auf ſein Herz legte. „Das Wort gab Dir Gott ein!“ rief der Baron. Das iſt die einzige Stelle, an der ich zugänglich bin. Wieviel brauchſt Du— ich ſage abſichtlich du— — denn mit einem Anderen, mag er ſein, wer er will, laſſe ich mich nicht ein.“ „Ich bürge für meinen Freund— Alfred, Baron Brandau bürgt für den Grafen Zarretta— iſt Dir Das nicht genug?“ Der auf dieſe Weiſe durch ein dem Sohne bekann⸗ tes Manöver, das ſeine ſchwache Seite traf, be⸗ wältigte und gewiſſermaßen in den geſchickt aus⸗ geworfenen Netzen eines unerſchrockenen Meiſters gefangene Baron beſann ſich eine Weile, dann ſagte er noch einmal:„Wieviel brauchſt Du, frage ich?“ „10,000 Thaler, mein Vater!“ Kaum war das Wort aus dem Munde des Sohnes, ſo fuhr der alte Vater wie von einer Natter geſtochem in die Höhe. Sein Auge blitzte von un⸗ heimlichen, ſchon zu lange zurückgehaltenem Zorne und ſeine Fäuſte ballten ſich krampfhaft. „Sage mir— als Ehrenmann frage ich den Ehrenmann—“ rief er keuchend,„wie kommſt Du gerade auf die Summe von 10,000 Thalern? Du ſcheinſt Dich immer nett und rund in Zahlen gegen mich ausdrücken zu wollen.“ „Wie ich darauf komme?“ fragte Alfred mit einer wunderbaren Kaltblütigkeit, indem er ſeine ſagai 4 Augen feſt auf dem bebenden Vater haften ließ.„Das iſt ein ſehr einfaches Exempel. Es iſt ja mein Erb⸗ theil der Mutter, welches ich in wenigen Tagen doch in meine Hand bekommen würde— Du ſiehſt, ich verlange nicht einmal mehr als mir gebührt.“ Der Baron hatte ſich gefaßt, ſo ſtark der Schlag geweſen und ſo unvermuthet er gekommen war. Es 3 lag ſogar eine Art Ruhe in ſeiner Frage, die, obwohl mit bebenden Lippen geſprochen, ſich ſogleich aus der Tiefe ſeines Herzens loszulöſen ſchien. „Wer hat Dir geſagt, daß Dein mütterliches Eib⸗ theil 30,000 Thaler beträgt?“ „O, Das iſt ja daſſelbe einfache Exempel, wie jenes, mein Vater. Unſere Mutter hat ihren Kindern das Doppelte hinterlaſſen und Du buſte a nur imei Söhne.“ „Wer ſagt Dir Das?“ donnerte der Vater den ſo ſicher auftretenden Sohn an. Ddieſe Frage war der erſte Triumph des Erſteren. . 31 Sie beugte die kecke Dreiſtigkeit des Sohnes um ein Bedeutendes herab. Schnell, blitzartig ſchnell, ging er verſchiedene Combinationen in ſeinem, in dieſem Punkte erfindungsreichen, Gehirne durch, und ſchließ⸗ lich konnte er ſich nicht verhehlen, daß, wenn im Hintergrunde dieſer Frage ein gewiſſes unerwartetes Etwas ſchlummere, er ſich in ſeinem blinden Ver⸗ trauen auf des Vaters ihn verzärtelnde Gun uſt in einem argen Irrthume befunden habe. 3 ſagt?“ fragte er langſam und ich nicht anders „Wer mir weiß es ja ber wie ich.“ „Was weißt Du, was ich darüber denke,“ fuhr der Alte auf.„Ich denke, meine Gedanken ſind eben unſicher.„Mein Gott, meine Gedanken, und kein Menſch auf Erden, als ich ſelber, darf ſich ihrer zu bedienen wagen.“ „Wie? Ich verſtehe Dich nicht, mein Vater.— Haft Du etwa Nachrichten, daß der Verſchollene noch am Leben iſt?“ „Und wenn ich ſie hätte?“ Der junge Baron ſtand verwirrt und erſchüttert vor ſeinem Erzeuger. Das war ihm lange nicht be⸗ gegnet. Er griff nach dem ihm zunächſt ſtehenden Stuhle und zog ihn an ſich heran, wie um ſich darauf zu ſtützen. Dieſer Ausfall des alten Kriegers hatte ſeine Berechnungen etwas hohl gemacht und ſeine ſtarre Angriffslinie durchbrochen.„Wenn Richard lebt — ja freilich“, ſagte er,„dann— dann—“ „Was dann, dann?“ ſchmetterte der Alte heraus, der ſeinen ganzen Muth durch dieſen augenſcheinlichen Sieg wiederkehren fühlte. „Dann iſt meine und vielleicht— vielleicht ſage ich— auch Deine Ehre verloren!“ „Unglücklicher!“ donnerte der Baron den Elenden an, der jetzt wie ein gepeitſchter Knabe vor ihm ſtand. „Unglücklicher, was ſagſt Du?“ „Was wahr iſt!“ „Und wie wäre Das möglich?“ „ Die Sache iſt einfach die. Ich habe verſprochen, die 10,000 Thaler zur Stelle zu ſchaffen. Sie ſind uns nöthig, ſehr nöthig. Wir haben uns verpflichtet, ſie zu zahlen, und wenn wir zurücktreten, das heißt, nicht leiſtungsfähig ſind— die kaufmänniſche Welt nennt es zahlungsunfähig— ſo ſind wir ruinirt.“ Der Vater ſprang vor, faßte ſeinen Sohn bei beiden Schultern undd ſchüttelte ihn, wie man einen jungen Baum ſchüttelt.„Mir— mir ſagſt Du Das — dem alten Manne, der ſeine grauen Haare mit Ehren trägt? Der denſelben Namen führt wie Du, ja, der Dir den Deinigen gegeben hat?“ — „ 33 „Ich muß Dir Das ſagen, um meinen und viel⸗ leicht auch Deinen ehrlichen Namen zu retten.“ „O Gott!“ ſagte der alte Mann und griff ſich mit beiden Händen in ſeine grauen Haare, während er mit wankenden Schritten durch das Zimmer lief. „In welche ſchreckliche Lage kann ein Menſch auf Erden gerathen! Ja, ja, ich ſehe es ein. Daß Das aber mir— mir begegnen konnte, iſt mir unerklärlich, unbegreiflich, denn das geht nicht mit rechten Dingen zu.— Aber wahr, wahr“, murmelte er vor ſich hin —„ihm muß geholfen werden— ſchon darum, darum— und ſo ſei es! Ha! Jetzt erkenne ich den Segen Gottes erſt, den er mir heute geſpendet hat. Ich hielt den heutigen Tag für einen Unglückstag, und er war ein Glückstag, denn er brachte mir die Rettung meiner Ehre und meines Namens in’s Haus. Erſt die Nacht iſt unglücklich— die Nacht, in der mir Solches geſchehen konnte.— Höre,“ rief er jetzt mit tönender Stimme ſeinen ziemlich gleichgültig da⸗ ſtehenden Sohn an.„Diesmal will ich Dich retten und ich habe augenblicklich die Mittel in Händen, daß ich es kann, obgleich mir nicht ganz klar iſt, ob Du es verdienſt. Denn ein anderer Sohn wäre, wenn er ſich in Deiner Lage befunden, mit Thränen im Auge und händeringend zu ſeinem Vater gekommen, Baron Brandau. I. 2. 3 34 hätte einen Fußfall vor ihm gethan oder wäre in ſeine Arme geſunken, ihn anflehend, noch einmal ſein Retter zu werden; Du aber biſt mit gleichgültigem Geſicht, als wenn Du nur ein Dir zuſtehendes Recht und alltägliche Dinge forderteſt, und mit kaltem Her⸗ zen vor Deinen Erzeuger getreten und haſt ihm ge⸗ ſagt: Gieb das Geld oder verliere Deinen ehrlichen Namen! Das iſt in meinen Augen noch ſchlimmer als das Wort des Banditen: Die Börſe oder das Leben! Sieh, ich will auch Das vergeſſen und ver⸗ geben, wie ich Dir ſchon Manches vergeben habe, denn ich glaubte Dich zu meinem Erben und Nachfolger auf dieſem Gute berufen; ich will Dir auch heute helfen und Dir, um Deine Ehre zu retten— denn die meinige iſt dabei weniger betheiligt— die 10,000 Thaler geben, die Du zu gebrauchen vorgiebſt. Aber ich will ſie Dir nicht, wie Du verlangſt, von Deines Bruders Vermögen geben, welches weder Dir noch mir gehört, ſondern von dem meinigen. Wohlan, ſo ſei es!“ 3 Und er ſchritt haſtig an ſeinen kleinen alten Schrank, ſchloß ihn auf und ergriff mit zitternden Händen einige von den Papieren, die ihm heute Mit⸗ tag die Beamten der projektirten Eiſenbahn für die Abtretung ſeines Herzblutes, ſeiner ſchönen Ländereien, 35 gegeben hatten.„Da,“ ſagte er und warf die neuen Scheine auf den Tiſch,„nimm ſie und Gott ſegne ſie in Deiner Hand. Mein Herzblut klebt nicht ſicht⸗ bar, wohl aber fühlbar für mich daran. Waſche Deinen Namen und Deine Ehre damit rein, dann werden ſie vielleicht nützlicher angewendet ſein, als hätte ich ſie auf Zinſen gelegt, wie ich wollte, um ſie meinen Kindern einſt als redlich erworbenes Er⸗ ſparniß zu hinterlaſſen. Nimm ſie— aber hier ſetze Dich her und ſchreibe eine Quittung darüber, daß Du ſie von mir empfangen haſt, denn ich habe wenigſtens noch einen lebendigen Sohn, den ich nicht berauben will und darf. Merke auf— es iſt mein Eigenthum, was Du hiermit empfängſt, nicht das Erbe Deiner Mutter, worüber ich heute noch nicht verfügen kann.“ Bei dieſen Worten nahm er ſchnell einen Bogen Pa⸗ pier aus ſeiner Schreibmappe und warf ihn auf den Tiſch, mit der Hand hinweiſend, daß Alfred die Quit⸗ tung ſchreibe. Dieſer aber, der nach dem Vorgefallenen kaum noch in den Beſitz des begehrten Geldes zu gelangen gehofft hatte, wußte kaum, wie ihm geſchah, als er ſeinen Vater noch im Beſitze ſo großer Geldſummen ſah, denn er hatte wohl bemerkt, daß der Baron noch mehrere dergleichen in Händen gehabt und dann raſch 36 wieder in den Schrank geſchloſſen hatte. Ein triumphi⸗ rendes Lächeln, ſeltener auf ſeinen Lippen, als die Novemberſonne um Abendzeit am Himmel, ſchwebte um ſeinen Mund, aber nur einen Augenblick, dann war es wieder verſchwunden, um der kalten Gefühl⸗ loſigkeit Platz zu machen, in die ſein ganzes Weſen ſtets gehüllt war. So ſchrieb er die Quittung, unter⸗ zeichnete ſie und ſteckte dann haſtig die zehn Scheine, jeden auf tauſend Thaler lautend, in ſeine Brieftaſche. Als er ſie aber ſicher auf ſeiner Bruſt verwahrt wußte, überkam ihn im Gefühle ſeines Sieges ſeine alte Zuverläſſigkeit und Sicherheit wieder und er bemühte ſich, eine Art kindlicher Zärtlichkeit zu zeigen, die ohne Zweifel erheuchelt war. Er ging auf ſeinen Vater zu, faßte ſeine Hand, die dieſer ihm nur zögernd über⸗ ließ, und ſagte:„ich danke Dir, mein Vater, für Deine Großmuth und Güte. Ich wußte ja, daß ich bei Dir nicht fehl gehen würde. Aber verzeih mir die Frage, die ich nicht unterdrücken kann: wie kommt es, daß Du ſo viel Geld oder Geldes werthe Papiere in dieſem alten wurmſtichigen Schranke aufbewahrſt? Wäre es nicht beſſer, Du ließeſt Dir, wie wir es ge⸗ than, einen eiſernen Schrank kommen, deſſen Inhalt gegen jeden Diebſtahl geſichert— ²“ „Halt ein, Knabe, denn Das biſt Du noch in 37 meinen Augen,“ unterbrach ihn der von Neuem un⸗ willige Vater, der nicht wußte, warum ihm das Be⸗ tragen ſeines Sohnes jetzt noch verdächtiger erſchien als früher,„halte mich nicht für einen Krämer, wie Du es ſammt Deinem Freunde zu ſein oder zu werden den Anſchein haſt, für einen Krämer, der um ſein armſeliges Geld und Gut ſchlafloſe Nächte hat, weil er jeden Unbekannten für einen Dieb und Betrüger hält. Habe vielmehr größere Ehrfurcht vor Deinem Vater, der, ein Edelmann von reinem Herzen, keinem Anderen Schlimmeres zumuthet, als er ſelbſt zu be⸗ gehen im Stande iſt.“ Die Scene zwiſchen Vater und Sohn war beendet. Letzterer hatte ſich nach einigen entſchuldigenden Wor⸗ ten entfernt und war von einem Diener auf ein Zimmer geführt worden, welches man ſchnell für ihn in Be⸗ reitſchaft geſetzt hatte. Als er hinter dem zaghaften Diener her, der mit einem Lichte voranging, durch den Vorſaal des alten Schloſſes ſeiner Väter ſchritt, in dem er einen Auftritt hervorgerufen, wie er noch niemals darin ſtattgefunden, war es todtenſtill rings⸗ um und Niemand ſchien des finſteren Gaſtes unheim⸗ liche Miene zu gewahren, die er in dieſem Augen⸗ 38 blicke zur Schau trug. Dennoch aber ſahen ihn zwei wachſame Augen, und dieſe gehörten der alten Hanne an, die vor Neugierde beinahe ſtarb, zu erfahren, was denn ſo laut und zu ſo ungewöhnlicher Zeit zwiſchen Vater und Sohn verhandelt ſei. Als ſie den ſchwarzgekleideten Mann, der feine weiche Stiefel trug, wie ſie in Holzendorf nicht Mode waren, gleich einem Schatten durch den Vorſaal gleiten ſah, ſchauerte ſie zuſammen, als hätte ſie ein Geſpenſt ge⸗ ſehen, und unwillkürlich ſagte ſie zu ſich, als ſie gleich darauf zu Bette ging:„Der arme Baron! Ich will wetten, daß der heutige Abend ihm das Sauerſte vom ganzen Tag geweſen iſt.— Wie Junker Alfred ſo unheimlich dahin ſchlich! Hu! Warum muß ich immer zittern, wenn ich dieſen Menſchen anſehe? Ja, mir läuft es eiskalt über den Rücken, wenn ich ſein blei⸗ ches Geſicht und ſein brennendes Auge erblicke. Na, ſieh Dich vor, Mann! Du biſt ein jüngerer Sohn des Hauſes und alle jüngeren Söhne hat noch der Teufel auf irgend eine Weiſe gepackt. Wenn mir Einer ſagen könnte, was Der für ein Ende nimmt, ich würde ordentlich ruhig ſein. Puh! Mich friert, und doch ſind wir im heißen Juli!“— 39 Unterdeß aber war der Baron ſelber noch in ſeinem Zimmer geblieben. Der ſo mühſelig verbrachte Tag und dieſe letzte nächtliche Scene hatte ſein Nervenſy⸗ ſtem erſchüttert und ſeine eiſerne Widerſtandskraft ge⸗ brochen. Er ſaß zuſammengeſunken auf ſeinem Seſſel und ſtierte mit gläſernem Auge vor ſich hin, als ſuche er in dem trüben leeren Nichts einer geſpenſti⸗ ſchen Schattenwelt umher. Was er eigentlich dachte, er wußte es ſelber nicht, und er wollte es auch nicht wiſſen. Wie dämoniſche Luftbilder tanzten die Ereig⸗ niſſe des Tages vor ihm auf und nieder, und das Benehmen ſeines ſo ſehr geliebten Sohnes, des der⸗ einſtigen Erben von Holzendorf, ſtellte ſich Zug für Zug und Wort für Wort noch einmal vor ihm dar. Wie er ſo da ſaß, die Kerzen auf den Leuchtern immer tiefer brannten, die Dochte immer länger glühten und die ſchwachen Flammen düſtere Streiflichter durch das große, hohe Zimmer warfen, hätte man ihn im Schooße des weiten Lehnſtuhls für den alten Ahnherrn des freiherrlichen Hauſes halten können, der die Sünden ſeiner Väter und die Gebrechen ſeiner Kinder vor ſeiner Seele vorüberflattern läßt. Und in der That, er ſchaute zugleich in die düſtere Vergangenheit und in die dunkle Zukunft hinein und ein unerklärlicher Schauer durchrieſelte ſein ganzes Gebein. Plötzlich 40 fuhr er zuſammen, als hätte ihn ein Schreck erfaßt, aber es war nur ein freudiger Lichtblitz, den ihm ein guter Geiſt zugeworfen, während er in Hoffnungsloſig⸗ keit zu verſinken ſchien. Raſch erhob er ſich, ſchüttelte das Grauen ab, welches ſeine Seele umfangen hielt, ſtreckte die bebende Hand nach einem Leuchter aus und ſchritt auf die Tapetenthür zu, die in das Neben⸗ gemach führte. Schon ſtand er mitten darin und ſchaute ſich ſuchend nach allen Seiten um, als hoffte er aus irgend einer Ecke einen Engel der Rettung auftauchen zu ſehen. Auch hatte er ſich nicht verge⸗ gebens umgeſchaut, denn kaum hatte er ſein Auge auf die Vorhänge des Bettes gerichtet, hinter denen er jenen Engel vermuthet, ſo theilten ſie ſich von ſelber und, in ein leuchtendes Nachtgewand gehüllt, trat ein liebendes Weſen hervor, ſchlang zwei ſchnee⸗ weiße Arme um ſeinen Nacken und drückte ihn liebevoll und lebenswarm an eine von Mitgefühl wogende Bruſt. „Marie!“ rief er ſchluchzend—„Haſt Du gehört?“ „Still, ſtill, mein guter, theurer, armer Oheim; komm und ſetze Dich zu mir, ich will Dir die Sor⸗ gen wegküſſen, welche Deine Kinder auf Dein graues Haupt wälzen.“ „O Gott, o Gott, wie glücklich bin ich, daß ich Dich hier habe— habe ich recht gehandelt, Marie?“ -y— 41 „Das haſt Du. Du mußteſt ihm helfen, ſonſt wäre vielleicht noch etwas Schlimmeres geſchehen.“ Der Baron hatte ſich auf einen Stuhl geſetzt. Ohne hörbare Bewegung ſank Marie dicht an ſeine Seite nieder, ſtützte die glänzenden Ellbogen auf ſein Knie, ſah ihm liebevoll in die Augen, und indem ſie mit ihren zarten Händen ſeine bärtige Wange lieb⸗ koſte, flüſterte ſie ihm beſänftigende Worte zu, wobei ſeine Bruſt ſich allmälig immer leichter hob, immer leiſere Seufzer ausſtieß, bis er endlich den wohlthuen⸗ den Seelenfrieden ganz in ſein Herz eingezogen fühlte, den das ſanfte Weſen an ſeiner Seite gleich einer Erſcheinung des Himmels herbeizuzaubern verſtand. Am nächſten Morgen herrſchte in dem gutsherr⸗ lichen Schloſſe eine ungewöhnliche Stille. Alles ſchien von den Anſtrengungen des vergangenen Tages län⸗ ger als gewöhnlich ſich erholen zu müſſen. Die Die⸗ ner und Mägde, welche die alltäglichen Geſchäfte zu beſorgen hatten, traten leiſer als gewöhnlich auf; ſie ſagten ſich, daß ihre Herrſchaft der Ruhe bedürfe, da. ſie nach einem ſo ermüdenden Tage eine noch aufre⸗ gendere Nacht zugebracht hatte. Denn die Ereigniſſe 4 42 zwiſchen den einzelnen Gliedern einer Familie, ſo leiſe und insgeheim ſie auch betrieben werden mögen, blei⸗ ben den Dienern in der Regel nie lange verborgen⸗ Außer daß ſie ſcharfe Augen und Ohren haben, beſitzen ſie auch ein inſtinktartiges Ahnungsvermögen, womit ſie die Glücks⸗ oder Unglücksereigniſſe errathen, die ſich innerhalb des Familienkreiſes zutragen. Gleich nach fünf Uhr erhob ſich zuerſt der Sohn des Hauſes. Er hatte eben ſo wenig des erquicken⸗ den Schlafes genoſſen, wie ſein Vater und ſeine Couſine. Die raſtloſe Wühlerin in ſeiner Bruſt hatte ſeine Augen offen und ſeine Leidenſchaften thätig er⸗ halten, er ſah ſich von Neuem mit Mitteln verſehen, um ſeine Laufbahn, zu welchem Ende ſie nun be⸗ ſtimmt ſein mochte, weiter zu verfolgen, eine Lauf⸗ bahn, die auch wir ſpäter aus eigener Anſchauung kennen lernen werden. Er kleidete ſich raſch an; für den blühenden Garten ſeines väterlichen Hauſes, der vor ſeinem Fenſter ausgebreitet lag, in welchem die Vögel munter ihr Morgenlied ſangen und der friſche Luftzug des neuen Sommertages Blätter und Blüthen bewegte, hatte er kein Ange. Er ſah nichts, er hörte nichts als die fieberhaften Eingebungen ſeiner einzigen, dämoniſch ihn beherrſchenden Leidenſchaft; denn ihm war, wie allen Leuten ſeiner Art, die offen daliegende 43 Welt verſchloſſen, als wäre ſie ein Geheimniß mit tauſend unlösbaren Siegeln. Die heiteren Dinge des Lebens, den Scherz und die Luſt der Jugend, den durch ſtrebſame Anſtrengung eines geregelten Fleißes wohl verdienten Genuß des Daſeins kennen ſie nicht; ſie wiſſen nichts von der Luunde des lohnenden Bewußtſeins, mit Sorge und Mühe einen edelen Vorſatz ausgeführt zu haben. Fieberhaft auf⸗ geregt taumeln ſie beſtändig unter den phantaſtiſchen Geſtaltungen ihrer exaltirten Leidenſchaft dahin und drängen in Ueberſtürzung dem Ende aller Dinge ent⸗ gegen, als gälte es nicht, ein würdiges Ziel zu er⸗ reichen, ſondern einzig und allein alle Hinderniſſe ihres zielloſen Beſtrebens gewaltſam niederzureißen. Faſt zugleich mit ihm erhob ſich ſein ruheloſer Va⸗ ter. Wenige Stunden nur hatte er auf ſeinem Lager gelegen, aber kein Schlaf war in ſeine müden, von brennenden Thränen gerötheten Augen gekommen. Als die goldene Sonne über dem Horizont emporſtieg und die Fenſtervorhänge ſeines Zimmers roſig ſchim⸗ mern ließ, verließ er heute wie an jedem anderen Tage ſein Bett, denn er gehörte zu jenen von der Natur begabten Organiſationen, die keines zwölfſtün⸗ digen Schlafes bedürfen, um ſich uüith und zu neuen Thaten aufgelegt zu fühlen Aber langſamer denn gewöhnlich erhob er ſich heute. Das eben erſt überwundene Drangſal der letzten Racht lag centnerſchwer in allen ſeinen Gliedern und drückte lähmend ſein ſonſt ſo energiſches Herz zuſammen. Geheimnißvoll wie das Spiel eines wü⸗ ſten Traumes lagerte ein Nebel vor ſeinen Augen, der ihm die Ausſicht in die Vergangenheit trübte und leider auch die in die Zukunft verſchleierte. Ohne, wie ſonſt, Friedrich durch ſeine Glocke herbeizurufen, kleidete er ſich langſam an und erſt als er fertig war, öffnete er ein Fenſter und ſog mit lechzender Bruſt den friſchbelebenden Athem der Morgenluft ein. So ſtand er längere Zeit, ſchaute den blauen Himmel, das ſanfte Grün der Bäume und die vom Thau be⸗ netzten Blumen an, aber er ſah in der That von allen dieſen Dingen nichts.„Wenn nur der Doktor heute nicht kommt,“ flüſterte er in ſich hinein—„ich kann ihm diesmal nicht mit gutem Gewiſſen entge⸗ gentreten. Er gewinnt immer mehr Recht, als ich —o wie ſehr!“— Endlich wandte er ſich, um ſeinen Diener herbeizurufen. Als dieſer noch halb ſchlaf⸗ trunken bei ihm eintrat, wunderte er ſich, ſeinen Herrn ſchon angekleidet zu finden. Er ward beauftragt, das Frühſtück zu bringen— nach ſeinem Sohne je⸗ doch wagte der Vater nicht zu fragen. CEhe der Diener 45 aber wieder hinausging, blieb er an der Thür ſtehen. „Der junge Herr Baron,“ ſagte er leiſe,„wünſcht von Ihnen Abſchied zu nehmen, gnädiger Herr.“ „Hat er ſchon gefrühſtückt?“ fragte der Baron mit nach dem Fenſter gekehrtem Geſichte. „Ja, ſchon vor einer halben Stunde und die Pferde ſind auf ſeinen Befehl ſchon vor den Wagen gelegt.“ Der Baron winkte mit der Hand und Friedrich verließ ihn. Nach einigen Minuten trat Alfred ein. Er war bleicher noch als am vorigen Tage, oder viel⸗ mehr gelber, ſeine Augen geröthet wie bei einem Menſchen, der die Nacht durchwacht oder vertrunken hat. Dennoch lag in ſeinem heutigen Weſen und Benehmen der Ausdruck einer inneren Zufriedenheit, wie bei Jemandem, der ſeine ſchwierigſten Pläne glücklich vollführt vor ſich ſieht. „Guten Morgen, Vater,“ ſagte er mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen kalten Stimme.„Darf ich mir Deinen Wagen bis zur Eiſenbahnſtation ausbitten?“ „Die Pferde ſtehen ja ſchon davor,“ entgegnete der Vater, ohne von der Erde aufzublicken, als hätte er einen Fehler begangen, den ſein Sohn zu rügen gekommen wäre, 46 „So will ich mich Dir empfehlen!“ ſagte er und trat einen Schritt näher heran. „Lebe wohl und vergiß nicht, was Du verſpro⸗ chen haſt.“ Alfred erhob die Augen, als wollte er fragen, was er denn verſprochen habe. „Denke an Deine und meine Ehre!“ ſagte der Vater mit wehmüthigem Tone. „Gewiß werde ich das. „Es iſt ſchade, daß Du nicht länger hier bleibſt — Deine Couſine Marie iſt gekommen.“ „Marie? Meine Couſine?“ fragte Junker Alfred erſtaunt und wußte wirklich nicht, wer dieſe Couſine ſei. „Meiner unglücklichen Schweſter, Clotilden's von Steinach, einzige Tochter,“ erläuterte der Vater. „Ah! Die kleine Verrückte? Aus dem Irrenhauſe?“ „Schweig, oder mäßige wenigſtens Deine Aus⸗ drücke über dieſe liebenswürdige Dame. Sie iſt we⸗ niger verrückt als Du denkſt, obſchon ſie aus einem Irrenhauſe gekommen iſt.“ „Ah— ſo! Dann wird ſie ja wohl auch die Beſitzerin ihres nicht unbedeutenden Vermögens? Wieviel hat ſie doch?“ Der Vater warf auf den geldgierigen Sohn nur — einen Blick, aber dieſer Blick ſchloß eine ganze phi⸗ lippiſche Rede in ſich. Er drang dem kalten Egoiſten bis in's innerſte Herz, und alle Blutwellen, die die⸗ ſes trockene Herz übrig hatte, wälzten ſich nach ſeinen Wangen und brachten wenigſtens einen Schimmer von röthlicher Farbe hervor. „Lebe wohl!“ ſagte darauf der Vater und wandte ſich von dem Unwürdigen ab, den er gegen den Arzt vor wenigen Tagen ſo übermäßig gelobt hatte. „Willſt Du mir nicht Deine Hand reichen?“ fragte er, indem er dieſelbe ſchwebend nach dem Vater aus⸗ geſtreckt hielt, aber ſich nicht von der Stelle bewegte. „Da iſt ſie!“ ſagte dieſer ernſt und trat nun ſelbſt ſeinem Sohne um zwei Schritte näher. Kalt war der Gruß des Vaters, aber viel käl⸗ ter noch der des Sohnes. Einen Augenblick ſpäter hatte der Letztere das Zimmer verlaſſen, war raſchen Fußes durch den Vorſaal geeilt, hatte keinem der Diener ein freundliches Wort gegönnt, ſondern war ſpornſtreichs in den Wagen geſprungen, der ihn ſchon vor der Thür erwartete und durch das Rollen ſeiner Räder auf den Quaderſteinen des Hofes dem ganzen Hauſe die Abreiſe des unheimlichen Gaſtes verkündete. 48 „Keinen Dank hat ſeine Lippe geſprochen!“ mur⸗ melte der Vater, als er dieſes Rollen der Räder ver⸗ nahm.„Keinen Dank! Ach, wann dankt ein Sohn wohl ſeinem Vater ſo, wie er es nach Gottes Gebo⸗ ten und ſeinem eigenen Gewiſſen ſollte! Und Dieſer hätte doch Grund genug dazu gehabt!“— Neuntes Anpitel. Junker Georg. Die ſobald wieder erfolgte Abreiſe des jungen Barons hatte die Gemüther der Bewohner des Guts⸗ hofes von einem unheimlichen Drucke befreit, der auf Allen gleichmäßig gelaſtet hatte, obwohl die meiſten von ihnen nur in geringe Berührung mit ihm gekom⸗ men waren. Denn ſehr bald hatte ſich das Gerücht unter der Dienerſchaft verbreitet, der junge Herr habe ein großes Vermögen durchgebracht und der Vater habe die Schulden mit Aufopferung beträchtlicher Summen bezahlen müſſen, was einen heftigen Auf⸗ tritt zwiſchen Beiden hervorgerufen. Da wir wiſſen, was Wahres an dieſem Gerüchte war, welches ſeit der letzten Nacht in allen Scheunen und Kammern beſprochen wurde und bereits ſeinen Eingang in die Häuſer des Vorwerks, des Förſters und Pförtners, Baron Brandau. I. 2. 4 50 gefunden hatte, ſo brauchen wir uns nicht länger da⸗ bei aufzuhalten, nur müſſen wir als eine natürliche Folge deſſelben berichten, daß alle Leute vom Geſinde, die an dieſem Tage mit dem alten Baron in Be⸗ rührung kamen oder ihm zufällig begegneten, ihn mit größerer Wärme grüßten und mit ergebenerer Ehrer⸗ bietung die Mütze zogen, denn je. Sie Alle dauerte der alte Herr, ſo ſtreng er auch ſonſt gegen ſeine Un⸗ tergebenen war und ſo ſchmerzlich ſein willkürliches Eingreifen in alle Verhältniſſe oft empfunden wurde. Wenn ein Herr aber ſonſt gut und bisweilen nur freundlich iſt, ſo wird man finden, daß ſein Geſinde ſich mit Begeiſterung um ihn ſchaart, falls ihm etwas Widerwärtiges begegnet. So leicht die Dienerſchaft auf einem großen Gute, welches eine reiche und vor⸗ nehme Familie bewohnt, für dieſes oder jenes Mitglied derſelben Partei ergreift und darin beſonders das jün⸗ gere Geſchlecht mit ſeiner Vorliebe begünſtigt, ſo fand doch hier gerade das Gegentheil ſtatt. Alle ſtanden auf Seite des Vaters, denn Junker Alfred war ihnen von jeher mißliebig geweſen, zumal er zu keiner Zeit einen Antheil an irgend einer Perſönlichkeit im Hauſe verrathen und ſogar die Schaffnerin und den alten Friedrich niemals eines freundlich dankenden oder be⸗ grüßenden Wortes gewürdigt hatte. Der alte Baron ſelber athmete aus tiefer Bruſt⸗ auf, als er ſich überzeugt hatte, daß er wieder allein und Herr in ſeinem Hauſe ſei; auch ſein augenblick⸗ lich dringendſter Wunſch, den Doktor an dieſem Mor⸗ gen nicht zu ſehen, ſollte erfüllt werden, denn derſelbe war dieſen ganzen Tag in einer entfernt liegenden Ge⸗ gend in ſeinem Berufe thätig. Als er daher ſein Früh⸗ ſtück eingenommen, einige Notizen in ſeinen Papieren gemacht und verſchiedene unangenehme Bemerkungen ſeinem Kaſſenbuche einverleibt hatte, ging er in den Garten, um ſich in den warmen Strahlen der Sonne zu erlaben und die Sorgen, die er im engen Hauſe erfahren, im weiten Schooß der Natur den Winden und Lüften Gottes zu übergeben. Und in der That, als er die Lerchen wirbeln ſah und ihren ſüßen Geſang über ſeinem Haupte ſchwirren, als er den Wind durch die Blätter ſeines Parkes rauſchen hörte und den Frie⸗ den gewahrte, der auf Flur und Landſchaft lag, wurde er, wenn nicht heiter, doch wieder ruhig geſtimmt. Dennoch aber kam ihm Garten und Park nochzu eng vor, er ſehnte ſich weiter hinaus in das freiere Land und hoffte im Stillen, ſeine Nichte werde ſeinem Wunſche beiſtimmen und ihn zu den Arbeitern begleiten, die an dieſem Tage den erſten Spatenſtich zum Baue der neuen Eiſenbahn auf ſeinem Grund und Boden thun ſollten. 52 Während er aber den Entſchluß faßte, Marie zu dieſem etwas weiten Spaziergange aufzufordern, wurde die Luft plötzlich bewegter, der Wind drehte ſih nach Weſten herum und jagte erſt eine kleine Schaar blei⸗ grauer Wolken, dann aber einen ganzen nebelverhan⸗ genen Horizont herauf. Etwas eingeſchüchtert durch die unerwartete Störung, kehrte er in's Haus zurück und ſuchte Marie auf, die in ihrem Zimmer ſaß und mit der alten Hanne einige Dinge beſprach, die nur für Frauen von Werth ſind, denn die gute Alte hatte ſich erlaubt, die junge Baroneß darauf aufmerkſam zu machen, daß es nöthig ſein werde, einige Aende⸗ rungen und Vermehrungen in ihrem Kleidervorrathe eintreten zu laſſen, der, noch ſeinen Urſprung aus dem entlegenen Irrenhauſe verrathend, den Anforderungen, die man in dieſer Gegend des Landes an eine Dame ihres Standes und Alters machte, nicht mehr zu entſpre⸗ chen vermochte. Kaum aber hatte ſie den Wunſch ihres Oheims vernommen, ſo warf ſie, was ſie in der Hand hielt, bei Seite und erklärte ſich bereit, ihn zu be⸗ gleiten, wohin er nur wollte und wenn es eine Meile weit wäre. Da ſing es erſt leiſe an zu tröpfeln und gleich darauf ergoß ſich ein feiner Sprühregen vom Himmel, der, ſo erquickend er auch für die dürſtende Flur war, 8 53 doch dem Wunſche des Barons diesmal ſehr unge⸗ legen kam. „Das iſt ärgerlich,“ ſagte er, an ein Fenſter in Maries Zimmer tretend und in den Garten hinaus ſchauend;„das iſt ſehr ärgerlich; ich wäre ſo gern zu den Arbeitern gegangen und hätte dem Anfang ihres Werkes mit beigewohnt.“ Die alte Hanne, die gegenwärtig war und vor einem Vorrath von neuen Kleiderſtoffen ſtand, die mit der Poſt aus der Reſidenz gekommen waren, um am nächſten Tage den Händen einer geſchickten Nähterin übergeben zu werden, wunderte ſich, daß der Herr Baron plötzlich ſo begierig auf die Arbeiten an der Eiſenbahn war, die er doch früher oft und laut genug verwünſcht hatte. Aber die gute Frau wußte nicht, daß dieſe Eiſenbahn ihrem Herrn in einem ganz an⸗ deren Lichte vor Augen getreten war, ſeitdem ſie ihm Gelegenheit gegeben, ſeiner Familie einen Dienſt zu erweiſen, der, je länger er ihn im Stillen überlegte, ihm immer nothwendiger und zuletzt wie die Erfüllung einer natürlichen Pflicht erſchien. Ihre Verwunderung indeß für ſich behaltend, glaubte ſie nur die Meinung äußern zu dürfen, daß der Herr Baron mit dem gnä⸗ digen Fräulein ja zu den Arbeitern fahren könne, wenn er wegen des Regens nicht gehen wolle. 54 „Fahren?“ ſagte der Baron mit gerunzelter Stirn, den lauten Gedankengang der Alten auffaſſend,„Wo⸗ mit denn? Etwa in der großen Kutſche? Ich danke!“ „Ja ſo!“ dachte die Schaffnexin, hütete ſich aber wohl, dieſen Gedanken laut zu äußern,„die offene Chaiſe bringt ja den jungen Herrn nach der Eiſen⸗ bahnſtation!“ „Warum wollten wir denn fahren“, ergriff endlich Marie das Wort und trat ſchmeichelnd ihrem Oheim näher, in deſſen Arm ſie den ihrigen legte.„Laß uns doch gehen, mein Oheim, ich begleite Dich gern.“ „Es regnet, mein Kind“, erwiderte dieſer und zeigte auf den trüben Himmel, der ſich immer finſte⸗ rer zu färben begann. „O, der Regen thut mir Nichts. Ich gehe ſogar gern im Regen, wenn er nicht zu ſtark iſt. Als ich noch in M... war, kehrte ich mich nie an das Wet⸗ ter und ich bin gewöhnt, mich bei jeder Witterung im Freien aufzuhalten.“ „Aber Du wirſt naß werden, der Weg iſt weit und der Erdboden weicht ſich allmälig auf.“. „Das ſchadet Nichts. Ich nehme feſtes Schuh⸗ werk, meinen Regenmantel und meine Capuze— zum Nothfall nimmſt Du den Schirm und wir ſind fertig.“ „Ich liebe nicht die Spaziergänge mit Schirmen,“ ſagte der Baron, obgleich ſchon im Gedanken erheitert, da ihm die Möglichkeit des gewünſchten Spazierganges näher vor Augen rückte. „So laſſen wir ihn zu Hauſe, mein Oheim, oder ich nehme ihn ſelbſt.“ „Ich weiß auch da Rath,“ meinte die Alte.„Frie⸗ drich geht mit und trägt den Schirm für den Fall, daß er nothwendig werden ſollte.“ „Das iſt ein vernünftiges Wort,“ rief der Baron frohlockend.„Auf denn und machen wir uns fertig, Marie.— In wenigen Minuten waren denn alle Drei ge⸗ rüſtet und bald ſah man das ſeltſame Paar durch den Garten ſchreiten, der alte Baron in ſeinen Regen⸗ rock gehüllt, Marie die Capuze über den ſchönen Kopf geſtülpt und die feinen Knöchel vorſichtig über die naſſe Erde bewegend, während Friedrich, zwei Schirme unter dem Arme tragend, in gemeſſener Entfernung hinterher trottete.— Es liegt nicht in unſerem Intereſſe, die Spazier⸗ gänger auf ihrem weiten und ſchlüpfrigen Wege zu begleiten; wir wollen nur berichten, daß der Baron ſeine Abſicht erreichte, daß er durch den Gang und 2 56 das Geſpräch der Nichte aufgeheitert gegen Mittag zurückkehrte und, nachdem ſich Alle mit trockenen Kleidern verſehen, wohlgemuth an den Tiſch ſetzte, um, wie es bei ihm in guten Tagen der Fall gewe⸗ ſen, mit heiterer Unbefangenheit ſeine Mahlzeit zu halten. 3 Aber es ſchien ihm nicht vom Schickſal beſtimmt, den ſo ſchwermüthig begonnenen und ſo heiter ge⸗ wendeten Tag in vollkommener Behaglichkeit zu be⸗ ſchließen. Ein neues und eben ſo wenig vorherge⸗ ſehenes Unwetter, als das frühere, war ſchon im An⸗ zuge, wenn gleich es für den Augenblick nicht ganz 4 den traurigen Ausgang verſprach, den jenes ge⸗ nommen hatte. Der Baron ſaß mit der jungen Dame des Hauſes bei Tiſch. Letztere bemühte ſich mit ihrem ſo reichen Vorrathe von Mittheilungen und Erzählungen, die allerdings gewöhnlich einen traurigen Gegenſtand be⸗ trafen— was ſie ſelbſt zu bemerken indeß nicht in der Lage war, da ſie in dieſer Hinſicht nicht das Vorurtheil der Menſchen theilte— die Zeit zu ver⸗ G kürzen und den von ſchweren Gedanken ſichtbar gepei⸗ 57 nigten Oheim aufzuheitern. Ihrem munteren Ge⸗ plauder,— ihr ſonſt nicht eigenthümlich, aber jetzt ein nothwendig gewordenes Mittel, ihren wohlwollenden Zweck zu erreichen— war dies während der Mahl⸗ zeit beinahe vollſtändig gelungen. Der Baron ſpeiſte mit Appetit und ſchlürfte mit ſichtbarem Wohlbehagen ſeinen Burgunder, von dem mitunter zu nippen Marie weislich nicht unterließ, weil es ihm ſtets ein beſonderes Vergnügen gewährte; denn wie alle Kenner und Liebhaber jenes Labſals der Menſchheit, ſah er es gern und fühlte er ſich geſchmeichelt, wenn ſeinem Keller Ehre erwieſen wurde. So war man denn an den Nachtiſch gelangt, den der Baron in glücklichen Tagen ſtets ſehr liebte, weshalb er auch niemals an ſeiner Tafel fehlen durfte, wenn er zum Plaudern und Genuß der Gegenwart aufgelegt war. Die alte Hanne hatte für gewürzige Walderdbeeren geſorgt und ſchon der Duft der erſten Himbeeren machte ſich im Zimmer bemerkbar. Marie legte dem Hausherrn die ausgeſuchteſten Früchte vor und wußte ſie ihm noch mehr mit freundlichen Worten zu verſüßen, was der Baron dankbar ſich gefallen ließ. Er wurde immer geſprächiger, vergaß mehr und mehr die Vor⸗ fälle des letzten Tages und wandte ſich mit erneuerter Hoffnung einer lichteren Zukunft zu. 7 8 58 „Marie,“ ſagte er mit bewegter Stimme, nachdem er das geliebte Mädchen eine Weile wohlgefällig be⸗ trachtet hatte, und ſtreckte ſeine Hand über den Tiſch fort, um die ihrige ſanft zu faſſen,„ich muß es Dir ſagen: Du biſt mir zum wahren Troſte hierhergekommen. Ich fühle eine Dankbarkeit gegen die Vorſehung und auch gegen Dich darüber, wie ich ſie nie gefühlt habe. Weiß es Gott! Früher habe ich nie die Einſamkeit 3 my un den, die auf dieſem Hauſe ruht, aber ſeitdem Du bei mir biſt, kann ich nicht begreifen, wie ich es 1 an n habe allein aushalten können. Der Um⸗ mit dem Verwalter betraf nur das Gut, die alte Hanne und Friedrich waren gar nicht in An⸗ ſchlag zu bringen, ich war alſo faſt immer allein und um ſo feſter von den Sorgen meiner Familie umſtrickt.“ „Du vergiſſeſt den guten Doktor, mein lieber Oheim!“ „Ja, da haſt Du Recht. Aber der Doktor wohnte ja nicht bei mir, er kam nur beſuchsweiſe dann und wann auf eine halbe Stunde, Du aber biſt immer bei mir und zu jeder Zeit des Tages kann ich Dich finden, falls Du nicht auf dem Berge bei den Grä⸗ bern biſt. Dahin gehe ich nicht gern, wie Du weißt, und ſelbſt Dich macht der Beſuch daſelbſt jedesmal traurig.“ 6 „Nein, mein guter Oheim, er macht mich nicht 4 59 traurig, vielmehr erhebt er mein Herz zu Gott, der die Lebendigen beſchützt, wie er die Todten in ſeinen Schooß aufgenommen hat. Ich muß oft bei ihnen ſein; glaube mir, daß das gut für mich iſt. Ich er⸗ innere mich da nur zu lebhaft an die heiligen Pflich⸗ ten, die ich auf Erden zu erfüllen habe, und wenn ich in dieſen einſamen Augenblicken der Dahingegangenen, der Unglücklichen und Verlaſſenen gedenke, die hinter mir in meiner erſten Heimat geblieben, ſo gedenke ich doch auch mit Hoffnung der Lebenden, und gerade an Dich denke ich dabei am meiſten.“ Ihr Blick bei dieſen einfachen Worten drang dem bewegten Manne tief in das Herz; er fühlte den Ge⸗ danken, den Marie verſchwiegen, und er las zwiſchen ihren Worten mehr, als ſie geſprochen hatte. „Ich glaube es, mein Kind, ja, ja! Ich habe es auch recht nöthig, daß Du liebevoll an mich denkſt, denn Du haſt ja ſelbſt geſehen, wie Andere an mich denken.“ Dahin wollte Marie das Geſpräch nicht gelenkt haben. Sie rückte ihren Stuhl an die Seite des Barons, legte ihre Hand auf die ſeinige und ließ ihren ſchönen Kopf gegen ſeine Schulter ſinken. So ſaß ſie eine Weile ſchweigend und ſinnend, wiaes 60 den Sturm beſchwören ſolle, der wider ihren Willen daher gebrauſt kam. Plötzlich ergriff ſie wie durch innere Eingebung das Glas des Oheims und führte es langſam an ihre roſigen Lippen, in ihrer bisherigen Lage ver⸗ harrend.„Oheim,“ ſagte ſie innig und drückte ſich feſter an die Schulter deſſelben,„ich trinke auf Dein Wohl! Mag nie ein Tag wie der geſtrige in Deinem Leben wiederkehren— ſieh, ich trinke das Glas aus bis auf den letzten Tropfen— nun aber ſei er auch vergeſſen und niemals belaſte er unſer Herz mehr!“ „Kind, mein Kleinod,“ rief der Baron in freudiger Wehmuth—„Du biſt ein Engel!“ Und er küßte ſie herzlich und wiederholt.„Höre,“ ſagte er dann,„Du haſt da ein köſtliches Wort geſprochen. Ich fühle ordentlich, wie es mir in das Herz hinabſteigt und wie ſich dies alte Herz vor Freude und Stolz darüber dehnt. Aber Du trinkſt da den herben Wein, als wäre er mit Zucker verſüßt. Warte einmal, ich habe da noch eine alte Sorte im Keller— hundertjährigen Tokayer— ach Gott, er ſtammt noch von meinem guten Vater her— den will ich uns bringen laſſen und dann wollen wir Deinen Wunſch noch einmal wiederholen. Willſt Du?“ Ich will Alles, was Du willſt— ja!“ Und 61 ſchon hatte ſie zur Glocke gegriffen und laut geſchellt, wie es der Oheim that, wenn er ſchnell Jemand verlangte. Aber Niemand erſchien, dem Wunſche von Oheim und Nichte zu entſprechen. Friedrich, der zu allen Tageszeiten aufmerkſame und beſonders zur Tafel⸗ ſtunde unermüdliche Friedrich, ließ diesmal ſo gut auf ſich warten, wie die Anderen. Der Baron harrte eine Weile geduldig, dann griff er noch einmal zur Glocke und ſchellte in einer Art, daß Niemand, der im Hauſe war, auf dieſen Ruf einen Augenblick gezögert hätte, ſogleich vor dem Gutsherrn zu erſcheinen. Aber auch diesmal regte ſich kein Fuß vor der Thür, dem überlauten Geklingel zu folgen. Marie wollte ſelbſt aufſpringen und hinauseilen, um die Zögerung aufzuklären, aber der Baron hielt ſie bei der Hand feſt und ſagte in ſeinem gewöhn⸗ lichen haſtigen und beinahe ſtrengen Tone:„Bleib' ſitzen; wir wollen doch ſehen, was Das zu be⸗ deuten hat!“ 2 In dieſem Augenblicke ließen ſich eilige Schritte im Vorſaal hören, die Thür des Herrenzimmers ward ungewöhnlich heftig aufgeriſſen und über die Schwelle ſchritt, erſchrockenen Angeſichts, der alte Friedrich. Augenſcheinlich war er übermäßig ſchnell gelaufen, 62 denn ſein Athem keuchte hörbar und kaum vermochte er die abgeriſſenen Worte vorzubringen:„Ach, Herr Baron— es kommt— ſchon wieder ein neuer Beſuch!“ „Wer iſt es?“ rief der Baron mit ebenfalls ſtockender Stimme, indem er erſchrocken in die Höhe fuhr und dem Luft ſchöpfenden Diener entgegen trat. „Ach, mein Gott, es iſt— glaube ich— der Junker Georg. Er ritt ein Miethspferd— aber das alte Thier konnte nur— bis zum Förſterhauſe laufen— da iſt es zuſammengeſtürzt und der Junker mit ihm—“ „Was!“ ſchrie der Baron, dem unwillkürlich ſein Familiengeſchick in's Gedächtniß kam—„Iſt er ver⸗ unglückt?“ „Nein, gnädiger Herr, er kommt ganz geſund die Kaſtanienallee heraufgegangen— und ich bin nur ſo raſch gelaufen, um es Ihnen ſo ſchnell wie müͤglich anzuzeigen.“ Kaum hatte ſich nach Empfang dieſer günſtiger lautenden Nachricht der Baron von ſeinem erſten Schrecken erholt, als ihn ſchon ein zweiter erfaſſen zu wollen ſchien. Denn was ſollte dieſer abermalige, unter gewöhnlichen Umſtänden ſo ſeltene Beſuch ſeines Sohnes, den ſein Dienſt in der Reſidenz feſthielt, be⸗ 63 deuten? Früher war er immer nur mit einer größeren Geſellſchaft ſeiner jungen lebensluſtigen Freunde er⸗ ſchienen und heute kam er, ſo ganz unangemeldet, allein? Den ſchon ſo hart geprüften Vater graute es, ein neues Unheil oder wenigſtens einen unerwar⸗ teten tollen Streich ſeines jüngſten Sohnes zu ver⸗ nehmen. Da es ſein Lieblingsſohn war, ſo that er ein Uebriges und wollte ihm in Perſon entgegen⸗ gehen, um ihn willkommen zu heißen, als er eine auffallend laute Stimme mit einem herben, aber doch freundlich klingenden Tone die im Vorſaale zuſammen⸗ gelaufenen Diener begrüßen hörte. Das war die Stimme des Junkers Georg, ja, und ſie klang heiter und zeugte von beſter Geſundheit. Während der Ba⸗ ron Solches flüchtig bedachte, hatte ſich Marie plötz⸗ lich aufgerafft und war wie im Fluge, ohne daß der Baron ſie zurückzuhalten verſucht, hinter der Tapeten⸗ thür des Nebenzimmers verſchwunden. Kaum aber war dieſe Thür geſchloſſen, ſo öffnete ſich die vom Vorſaal herein führende und Junker Georg warf ſich ſeinem ihm entgegentretenden Vater mit überlauter Begrüßung in die Arme.— Lieutenant Georg von Brandau, früher und zum Theil noch jetzt von den alten Dienern des Hauſes Junker Georg genannt, war allgemein als der Lieb⸗ 64 4 ling des Vaters bekannt, mit dem er in Betreff der Geſichtszüge die meiſte Aehnlichkeit vor ſeinen Brü⸗ dern hatte, dem er aber an adliger Haltung, an ruhiger Würde und achtunggebietendem Weſen bei Weitem nachſtand, denn er war um einen halben Kopf kleiner, von geſchmeidiger, wenn nicht zarter Geſtalt, und von einer ſeltſamen Beweglichkeit, die hart an Unruhe ſtreifte. Obgleich der alte ariſtokra⸗ tiſche Stolz der ahnenreichen Familie auch in ihm ſtark ausgeprägt war, ſo hatte derſelbe doch eine viel gefälligere Außenſeite angenommen, als bei ſeinem um vier Jahre älteren Bruder Alfred. Er ſprach doch wenigſtens mit den Dienern, begrüßte ſie, wenn er kam, und ſagte ihnen Lebewohl, wenn er ging. Seine Anforderungen an ihre Kräfte und an ihren guten Willen waren freilich bisweilen etwas ſtark, aber man gehorchte ihm eben als dem Liebling des Barons ziemlich willig. Eine wahrhafte Zuneigung, wie man ſie oft bei den Dienern eines altadeligen Hauſes gegen die Sprößlinge ihrer Herrſchaft findet, fand allerdings auch hier nicht ſtatt, keiner der alten Diener, nicht einmal Friedrich und die Schaffnerin, liebte ihn auf⸗ richtig, dazu war ihnen Junker Georg, namentlich mit dem ſo überaus freundlichen Bauernjunker ver⸗ glichen, ſtets zu hochfahrend, zu leichtfertig, zu feſt be⸗ . 4 65 ſtehend auf ſeinen privilegirten Vorrechten geweſen. Da man aus alter Erfahrung ſeine Vorliebe für abenteuerliche und tolle Streiche kannte, auch wußte, daß er dem Vater viele Sorgen bereitet, ſo fürchtete man im Hauſe auch ſeinen Beſuch, denn abgeſehen von dem Umſtande, daß er ſtets eine eben ſo luſtige und wilde Zechgeſellſchaft mitbrachte, wurde das Schloß, das ganze Gut beinahe umgekehrt, wenn er da war. Nicht allein den ihm zugewieſenen Diener wußte er vollauf zu beſchäftigen und außer Athem zu ſetzen, nein, Jedermann, der ihm in den Weg kam, wurde mit allen Kräften und zu allerlei Dienſten in Anſpruch genommen, die ſonſt Niemand auf dem Gute zu leiſten gewohnt war. Daher gab es viel Brummen während ſeiner Anweſenheit in den Winkeln und Ecken des Hauſes, und wenn, ſo lange ſein älterer Bruder da war, Alles in unheimlicher und gedrückter Stille ver⸗ harrte, ſo war der Lärm, das Rufen, das Rennen, wenn er gegenwärtig war, nicht weniger unangenehm. Die Geſtalt des Lieutenants haben wir ſchon oben bezeichnet, eben ſo das allgemeine Gepräge ſeines Ge⸗ ſichts und ſeine unbehagliche Beweglichkeit. Jedoch werden wir auf dieſes Geſicht ſogleich noch genauer zurückkommen, da es uns noch oft zum Anhaltspunkte unſerer Beobachtung dienen wird. Was ſeine Kleidung 5 Baron Brandau. 1. 2. 66 betrifft, ſo war dieſelbe von jeher ein Gegenſtand ſeiner vollkommenſten Aufmerkſamkeit geweſen, denn er kleidete ſich übermäßig ſauber, liebte den ſogar über die neueſte Mode hinausgehenden Schnitt, ſelbſt in der Uniform, und konnte in Wuth gerathen, wenn ſein Diener den geringſten Flecken daran überſehen hatte. So trug er ſtets etwas Stutzerhaftes zur Schau, wie er ſich denn überhaupt in vielen Dingen im Uebertriebenen bewegte. Er duftete immer von den modernſten Riechwaſſern, trug die Haare friſirt wie die neueſte Wachspuppe am Schaufenſter eines Haar⸗ künſtlers, hatte zolllange, ſtachelförmig zugeſpitzte Finger⸗ nägel und liebte es, täglich mehrmals die Wäſche zu wechſeln, was ſich namentlich auch auf den Gebrauch ſeiner Handſchuhe erſtreckte, die er ſelten mehr als einmal ungewaſchen anzog. Zweimal ließ er ſich täglich raſiren, ſtundenlang ſtand er vor'm Spiegel, ſeinen Anzug, ſeinen Bart, ſein Haar zu betrachten und zu ordnen, und auf alles Dies verwandte er ſo viel Zeit, daß, wie Doktor Millinger behauptete, ihm kaum ſo viel übrig bleiben konnte, um mit Muße zu eſſen und zu trinken, geſchweige denn an Geſchäfte oder wenigſtens Beſchäftigungen zu denken. Bei alle⸗ dem aber hatte er etwas Ritterliches, Gefälliges in ſeinem ganzen Weſen, was bisweilen an Koketterie 67 ſtreifte; er ritt wie ein Kunſtreiter, tanzte wie eine männliche Grazie und beſaß eine außerordentliche Virtuoſität, dem weiblichen Geſchlechte zu huldigen, was allerdings auf eine Art geſchah, die nicht jeder Dame angenehm geweſen wäre, denn man behauptete, er ſei im Umgange mit dieſen irdiſchen Engeln etwas keck und unverſchämt, erlaube ſich gern mißliebige Zu⸗ vorkommenheiten, indem er ſich ſelbſt für einen Adonis halte, dem nur Diejenige zu widerſtehen im Stande ſei, die keinen Begriff von wahrhaft männlicher Schön⸗ heit, von cavaliermäßigem Tone und von feiner ariſto⸗ kratiſcher Bildung habe. Darum nannte ihn auch Doktor Millinger, der ihn häufig beobachtet hatte und eben ſo geringe Stücke auf ihn hielt, wie auf ſeinen Bruder Alfred, kurzweg den Cavalier und er gab ſeine Neigung zu ihm dadurch am deutlichſten zu erkennen, daß er, wenn er ihn im Hauſe des Va⸗ ters wußte, ſtets das Gut vermied. Betrachten wir jetzt das Geſicht des jungen Huſa⸗ renoffiziers, denn als ſolcher erſchien er diesmal vor ſeinem Vater in einer Tracht, die ihm, die ſchon er⸗ wähnten Uebertreibungen in ihrer Form abgerechnet, wirklich gut ſtand, etwas genauer. Es wird leicht oder ſchwer zu beſchreiben ſein, je nachdem man den leiblichen oder geiſtigen Ausdruck ſeiner Züge zu ent⸗ 5* 68 ziffern Willens iſt; dem gewöhnlichen Beobachter wird es gewöhnlich, wenigſtens nicht viel anders erſcheinen, als man täglich Hunderte ſeiner Art auf den Straßen einer großen Reſidenz ſtolziren ſieht; dem ſchärferen Auge aber, dem Menſchenkenner, vor Allen aber dem erfahrenen Pſychologen wird es von tiefer, ſeltener, aber leider auch gefährlicher Bedeutung erſcheinen. 1 Im Ganzen war ſein Geſicht ziemlich hübſch, doch in den Augenblicken der Abſpannung— die bei ihm ſehr häufig vorkam— weniger als in denen der Auf⸗ regung, und nur zwiſchen Abſpannung und Aufregung bewegte ſich ſein Leben und Sein, eine Mittelſtufe, Ruhe, kannte er nicht, die lag nicht in ſeiner Natur. In der Abſpannung ſah es langweilig, ermüdet, etwas krankhaft, bleich und fahl aus ſein Auge blickte träumeriſch, mitunter finſter, obwohl man ihm das innere Beſtreben anmerkte, einen ſcharfen oder geiſtreichen Blick annehmen zu wollen, der durchaus nicht in ſeiner Begabung lag. Daher bemühte er ſich, dies arme Auge in ſteter rollender Bewegung zu er⸗ halten, ihm dadurch ein Feuer mitzutheilen, welches, wenn es überhaupt je darin gebrannt hatte, längſt er⸗ loſchen war. In der Aufregung dagegen lag etwas dämoniſch Leidenſchaftliches auf dieſem Geſichte; die Wangen glühten fieberhaft, das Auge funkelte un⸗ 69 heimlich, um den Mund zuckten die Muskeln unwill⸗ kürlich in blitzartigen Schwingungen. Das ſchwarze Haar, der fein nach beiden Seiten geſteifte und in nadelartige Spitzen auslaufende Schnurrbart, die dunk⸗ len ſcharf markirten Augenbrauen ſtimmten eben ſo mit dieſem Geſichte überein, wie die milchweißen, un⸗ gemein rein gehaltenen Zähne, die ein beneidenswerthes Gebiß von untadelhafter Kraft und Schönheit zeigten. Wenn aber dieſer Bart nicht über dieſem Munde geſeſſen hätte, das Geſicht würde dem gewöhnlichen Beobachter ſchon, wieviel mehr nicht dem gereifteren Menſchenkenner einen ganz anderen Ausdruck darge⸗ boten haben. Denn um dieſen etwas großen Mund mit den aufgeworfenen fleiſchigen Lippen lag eine große, faſt, möchte man ſagen, thieriſche Sinnlichkeit und Neigung zu allen leiblichen und materiellen Ge⸗ nüſſen. Dieſer Mund ſprach deutlicher, wenn er ſchwieg, als wenn er Worte hören ließ. Die Stimme aber, wenn er ſprach, war in der Regel lauter als ſie zu ſein brauchte. Sie klang dabei nicht, wie die Stimme eines gebildeten Menſchen klingen ſoll, denn ſie hatte etwas Eintöniges, Rauhes, Kreiſchendes. Auch in dieſem Organe allein ſchon ſprach ſich der ganze Charakter des Menſchen aus, den wir hier zu zergliedern bemüht ſind Von ſeiner unaufhörlichen Beweglichkeit und Un⸗ ihn Kunde erhalten wollte. 70 ruhe haben wir ſchon geſprochen. Namentlich wenn er redete, erſchien er außerordentlich unſtät, zerſtreut, ja verworren, denn ſeine Bewegungen ſtimmten nicht mit Dem überein, was er ſprach, was er zu erklä⸗ ren und dem Zuhörer deutlich zu machen verſuchte. Seine feinen mit blauem Adernetz ſtark durchzogenen weißen Hände fuhren unaufhörlich bald hier bald da an ſeiner Kleidung, ſeinem Barte, ſeinen Haaren herum, ſeine Geſtikulationen zeigten, wir möchten faſt ſagen, einen Mangel an richtiger Geſtikulation, denn ſie ſprachen aller Erwartung, aller Regelrechtigkeit, allem Gebrauche Hohn. Er fuhr mit ſeinen Geſten noch um ſich zu werfen fort,„enn er ſchon längſt aufgehört hatte zu ſprechen und half mit Handbewegungen nach, wo ihm die Fähigkeit fehlte, ſich mit Worten deutlich zu machen. Dieſer Unfähigkeit, ſeine Gedanken in Worte zu kleiden, müſſen wir hauptſächlich gedenken; ſie bekundete aber etwa keinen Mangel an Gedanken, vielmehr nur eine eunſtnaufmaſanden auf ſeine mit ihm redenden Zuhörer, ſo wie confuſe Verwirrung der Vorſtellungen, die Gott weiß in welchen Regionen zugleich herumſchweiften, ſich mit Allem beſchäftigen wollten und darüber vergaßen, ſich mit Dem zu be⸗ ſchäftigen, was gerade vorlag und wovon man durch 71 Noch eine Eigenthümlichkeit müſſen wir hier ein⸗ ſchalten, die charakteriſtiſch bei ihm war. Er lachte viel und immer unmäßig laut, meiſt über Dinge⸗ die gar nichts Lächerliches darboten. In demſelben Mo⸗ mente aber, wo eer lachte, konnte er auch finſter, auf⸗ fahrend, ſelbſt grob werden. So war ſein ganzes Weſen in ewigem Ebben und Fluthen begriffen, die Wogen ſeiner Leidenſchaft riſſen ihn auf und nieder, der Wind ſeiner Laune wehte jeden Augenblick aus einer anderen Richtung, und wenn man ihn ruhig oder wenigſtens ſtill glaubte, grollte er bitter auf wie das ſchäumende Meer. Um das Bild feſtzuhalten, welches uns das Meer geboten, müſſen wir ſagen, daß er ſeine Untiefen, aber nicht ſeine Tiefe, ſeine Wogen, aber nicht ſeine Klarheit, ſein Schäumen und Brauſen, aber nicht ſeine leiſe murmelnde Schönheit beſaß, mit einem Wort, es lag etwas Dämoniſches in ſeinem ganzen Weſen, welches ſtets herrſchen aber nie zugeben wollte, daß es ſelbſt beherrſcht werde. Sind wir mit dieſer Schilderung zu weitläufig ge⸗ weſen, ſo iſt es nicht unſere Schuld; Einigen mag es allerdings ſo ſcheinen, Andere aber, wenn vielleicht auch nur Wenige, werden aus unſerer Schilderung ſicherlich die Richtung erkannt haben, in welcher dieſer 72 Charakter wie ein wildſtürmendes Roß ſeine düſtere Bahn durchlief. Wir kehren jetzt zu dem Augenblick zurück, wo Junker Georg mit vor Erregung zitternder Stimme, glühend in Folge eines verzweifelten Rittes, beſchmutzt bis zur Bruſt hinauf, denn der abenteuerliche Menſch hatte ſich auf dieſe Reiſe begeben, ohne einen Mantel oder überhaupt irgend ein anderes Kleidungsſtück oder Reiſegepäck mit ſich zu nehmen, in das Zimmer trat und ſeinem vor Schreck und Erſtaunen ſprachloſen Vater an den Hals flog, eine Zärtlichkeitsäußerung, die nur dann bei ihm gebräuchlich war, wenn er ſich in gewiſſer Bedrängniß befand. Schon an dieſem einzigen Zeichen erkannte der Vater eine ſchlimme Ur⸗ ſache dieſes ſeltenen Beſuches, und ſeine Freude, den Liebling ſeines Herzens einmal bewirthen zu können, ward gleich von vornherein durch eine unbeſtimmte Beſorgniß verkümmert. „Georg, mein guter Georg,“ begann der Vater ſeine Anrede,„was führt Dich ſo unerwartet hierher und wie kommſt Du in einem ſo wenig Deiner Ge⸗ 4 wohnheit entſprechenden Zuſtande vor meine Augen?“ Georg warf einen Blick in den Spiegel des Zim⸗ mers, zog eine Haarbürſte aus der Taſche und begann ſich das Haar und den Bart zu ordnen.„Es iſt wahr,“ ſagte er, mehr zu ſeinem Spiegelbilde als zu ſeinem Vater gewandt,„ich ſehe etwas wild aus. Ja, aber ſieh, Vater, ich wollte nur einen Tag hier bleiben, und da ich wußte, daß ich Alles bei Dir finden würde, was ich gebrauchen könnte, ſo habe ich mich ſo wenig belaſtet wie möglich.— Ah, ſieh mal dieſe Uniform — nun, was meinſt Du, wie ſteht ſie mir?“ „Gut, gut, mein Sohn,“ ſagte der Alte kopf⸗ ſchüttelnd,„aber ſie iſt vollſtändig verdorben durch den Regen mit Staub und Koth gemiſcht— Du hätteſt Dir einen Paletot mitnehmen ſollen.“ „Pah! Es iſt nur eine Jacke, ſorge um Nichts!“ „Aber wie kommſt Du nur auf den Gedanken, zu Pferde den Weg von... bis hierher zurückzulegen?“ „Weil ich mir eine tüchtige Bewegung machen wollte, eine Art Luftbad nehmen— ich habe das bisweilen nöthig— ſodann, weil ich raſcher hierher kommen wollte, denn ich hatte es ein wenig eilig, und vor allen Dingen, weil ein alter Pferdejude ge⸗ rade auf dem Bahnhofe mit dem Thiere ſtand, als ich daſelbſt eintraf.“ „Du haſt es ihm aber todt geritten?“ „Pah! Es wird ja wohl nicht ſterben! Es iſt freilich gefallen und ich hatte Mühe, mich zur rechten Zeit aus den Bügeln zu heben. Aber das iſt ja nur eine Lumperei, mein Vater, laß mich nur machen — ſieh, Du haſt eben von dieſen Erdbeeren geſpeiſt — ich werde den Reſt verzehren.“ Und ſchon hatte er ſich an den Tiſch geſetzt und begann mit einer Haſtigkeit die vorhandenen Ueber⸗ bleibſel von Kuchen, Früchten, Brod und Käſe zu ver⸗ ſpeiſen, die an Gier gränzte und den Vater eben ſo ſehr in Verwunderung ſetzte, als ſeine ganze übrige Erſcheinung. Es lag eine eigenthümliche, faſt leiden⸗ ſchaftliche Speiſeluſt in jeder Geberde, jeder Miene des Eſſenden. Er verſchlang immer erſt mit den Augen das zu Genießende, als wollte er einen dop⸗ pelten Genuß ſich verſchaffen, oder als ob er eine ge⸗ heime Meſſung über das Verhältniß des Vorhandenen zu ſeinem Appetite anſtellen wollte. Dann aber, nachdem dieſe Meſſung raſch vorgenommen, verſchlang er das Vorliegende mit einer Eilfertigkeit, daß man gar nicht ſah, wie oder ob er überhaupt kaute. Der Vater, ein unfreiwilliger Zuſchauer dieſes un⸗ behaglichen Schauſpiels, hatte in dieſem Augenblick ſeine ſtete ſtolze Würde abgelegt, er, der ſich in allen Dingen aufmerkſam bedienen ließ, bediente jetzt ſelber ſeinen Sohn, indem er nach einem Schranke ging, ein reines Kelchglas auf den Tiſch ſetzte und das⸗ ſelbe aus einer noch voll danebenſtehenden Flaſche 75 Burgunder füllte.— Ach! wie raſch war der alte Tokayer und der glückliche Gedanke vergeſſen, der an ihn erinnert hatte!— Kaum war das große Glas, welches beinahe eine halbe Flaſche faßte, mit dem feurigen Wein gefüllt, ſo hatte es der junge Offizier ſchon ergriffen und mit einem Zug bis auf den Grund geleert. Der Vater ſah auf dieſe Art, ſeinen Durſt zu ſtillen, mit ſtaunendem Mißbehagen hin, doch ſagte er Nichts, nur ſein Geſicht wurde immer länger und ſpitzer und ſein Auge umwölkte ſich mit einem Schleier, der dem Doktor Millinger, wenn er gegenwärtig ge⸗ weſen wäre, verrathen hätte, daß der anſcheinenden Ruhe im Benehmen des Barons bald der Ausbruch eines Orkans folgen würde. Und wahrlich, hätte das Eſſen und Trinken noch fünf Minuten in der be⸗ ſchriebenen Art fortgedauert, der Orkan wäre wirklich ausgebrochen, denn er war ſchon ſtark im Anzuge, aber die Mahlzeit wurde zu ſchnell beendet und von dem Eſſenden zu raſch eine andere Scene aufgeführt, als daß der Baron über die erſtere hätte zu Worten kommen können. „So“, ſagte Junker Georg,„nun bin ich fertig. Das heiße ich epikuräiſch geſpeiſt!“ 76 „Wie, Du haſt ſe nur ein ſehr einfaches Deſſert zu Dir genommen „Einfach? Das ſenmnſt Du einfach? Ich bitte Dich, ich habe ja köſtlich geſpeiſt. Und wie ge⸗ trunken— pah!“— „Ja, das iſt wahr!“ dachte der Baron ſcufzend indem er die leere Burgunderflaſche betrachtete und dann mit ſeinen Augen auf das Geſicht des Sohnes. überging, über welches ſich allmälig ein glühender Schein doppelter Aufregung verbreitete. „Aber nun, mein Vater, habe ich mir Muth ge⸗ geſſen und getrunken, nun ſchenke mir eine Viertelſtunde Gehör, denn ſo viel Zeit werde ich ungefähr ge⸗ brauchen, um Dir meine Lage auseinander zu ſetzen.“ „Deine Lage? O, die kenne ich ja.“ „Nicht ſo ganz, mein Vater.— Haſt Du noch von den guten Cigarren, die wir neulich in dem Havannahladen kauften?“ 5 Der Vater holte die Cigarren hervor und gleich darauf füllte ſich das Zimmer mit dem Dufte der⸗ ſelben an. Aber nur der Sohn rauchte und war ſo in ſeinen Genuß vertieft, daß er gar nicht bemerkte, wie des Vaters Miene immer erſtaunter ſich auf ſein unbekümmertes Antlitz heftete. „So, nun, denke ich, ſind alle Vorbereitungen zu 77 einem Familienrathe getroffen,“ rief er laut lachend, indem er ſich mit ſichtbarer Schwerfälligkeit auf den bequemſten Seſſel niederließ, der im Zimmer ſtand, während der alte Vater mit auf dem Rücken gekreuzten Haänden fragend und abwartend vor ihm ſtehen blieb. „Höre mich an, Vater— aber willſt Du Dich nicht auch ſetzen?“ 4 „Ich danke; ich liebe es zu ſtehen, wenn ich etwas Wichtiges zu hören erwarte.“ „Wichtiges! Wie Du das mit einer ſo bedeutenden Miene ſagſt! O, es iſt ſo etwas arg Wichtiges gar nicht, wenigſtens für Dich nicht, wenn auch für mich. Ich wollte Dich nur bitten, den Tag der Auszahlung meines mütterlichen Vermögens etwas näher zu rücken, als es anfänglich beſtimmt war.“ „Und warum Das?“ fragte der Baron mit hoch⸗ gezogenen Brauen, denn nun ging ihm, wie man zu ſagen pflegt, ein Licht auf. „Ich befinde mich in einer Art Klemme oder Criſis, wie man es nennt,“ fuhr der junge Baron gleichgültig fort, als handele es ſich um ein Butter⸗ brod—„mit einem Wort, das Geld iſt mir aus⸗ gegangen.“ „Wie iſt das möglich, ich hatte Dir ja einen großen Credit bei Scheitler gegeben?“ . 78 „Ja, eben das iſt es, was ich ſagen will. Der dumme Menſch hält dieſen Credit für erſchöpft und da es unter meiner Würde war, mit ihm zu mäkeln und zu feilſchen, ſo komme ich lieber ſelbſt zu Dir und bringe Dir die Hiobspoſt.“. „Aber Du wirſt doch nicht ſchon die 6000 Thaler verbraucht haben, die Scheitler Dir zu geben be⸗ fugt war?“ „Verbraucht? O nein! Das eben nicht. Sie haben ſich nur allmälig zerſplittert, ſind mir durch die Finger gelaufen— meine Kameraden waren in Noth— wir haben gewettet— mein Schneider hat eine große Rechnung gemacht, und ſo iſt es mir treulos entſchlüpft.“ „Haſt Du vielleicht geſpielt?“ fragte der Vater, der immer bleicher deworden war, mit ſichtbarer Be⸗ klemmung. „Geſpielt? O das li micht die Hauptſache. Wir ſpielen im Jagdelub nur auf Ehrenwort und tragen ab, wenn wir gerade abzutragen haben.“ „Auf Ehrenwort? Das liebe ich nicht, das will ich nicht— das habe ich mir ſelbſt nicht zu wagen erlaubt.“ äAber ich, mein Vater. Sieh, die Zeiten, in denen Du Pfiöie warſt, und die jetzigen ſind ganz ver⸗ 4 **☛ ſchieden. Man iſt fortgeſchritten. Eine höhere Cultur beleuchtet alle Verhältniſſe, erfordert größere Anſtren⸗ gungen—“ „Um Geld auszugeben—“ „Auch das— Alles iſt theurer, koſtſpieliger ge⸗ worden, die Bedürfniſſe der Menſchen haben ſich ver⸗ mehrt und anders, koſtbarer geſtaltet—“ „Meine ſind dieſelben geblieben—“ „Ja, aber Du lebſt auch wie ein Einſiedler auf dem Lande und ich habe Dich oft ſchon bedauert, wenn—“ „Bedauert? Du bedauerſt Deinen Vater? Georg! Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß Du keine Gelegenheit haſt, Deinem Ver⸗ mögen und Deinem Stande gemäß zu leben, meine ich— und weil Du ſo entfernt von den rau⸗ ſchenden Vergnügungen der großen Welt, in dieſer Einöde Dein herrliches Alter hinbringſt, darum be⸗ daure ich Dich— o das wäre für mich ſehr traurig!“ „Aber für mich iſt es das nicht— ich fühle mich glücklich hier.“ „Das begreife ich nicht und werde ich nie begrei⸗ fen können. Eine Woche auf dem Lande iſt für mich eine verlorene Ewigkeit.“ „Du ſprichſt ſehr unehrerbietig von den Gewohn⸗ 80 heiten und der Lebensweiſe Deines Vaters. Du ſcheinſt mir zu faſeln— eine Woche Landleben mit einer verlorenen Ewigkeit zu vergleichen, ſcheint mir ein etwas zu übermäßig kecker Vergleich zu ſein. Aber wir kommen von der Hauptangelegenheit ab. Alſo Du haſt auf Ehrenwort geſpielt?“ „Ja, mein Vater, das habe ich gethan. Die Fürſten und Grafen, die zu unſerm Club gehören, geben den Ton an— ich kann mich nicht davon ausſchließen. Das würde meine Ehre, meinen Na⸗ men, meine Familie verletzen. Siehſt Du das nicht ein?“ „Ach ja! Aber ich ſollte meinen, man müſſe dabei die Ehre, den Namen und die Familie zu ſchonen wiſſen und ſie nicht in Gefahr bringen, ihr Koſtbar⸗ ſtes einzubüßen. Spiele nicht, mäßige Deine Beiden⸗ ſchaft, betheilige Dich nicht über Deine Kräfte.— „Das iſt bald geſagt, aber das läßt ſich nicht durchführen.“ „Wenn ich Dir nun das Geld nicht gäbe, welches Du verlangſt, nicht geben könnte— was dann?“? „Dann, dann bliebe mir nichts weiter übrig. als—“ „Als was— ſprich es aus!“ „Mir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen!“ Der Vater ſchauderte. Er hatte dies Wort er⸗ war efürchtet. Das fehlte nur noch, daß ein naas an he Rahte mun nag, un “ 81 Mitglied ſeiner Familie, ein jüngerer Sohn, ſich eine Kugel durch den Kopf jagte. Eine Weigerung hier eintreten, eine Hartherzigkeit blicken zu laſſen, wäre daher eine unverantwortliche Handlung von ſeiner Seite geweſen, das hätte ja geradezu dem Familienver⸗ hängniſſe wieder eine neue Gelegenheit, ſein finſteres Werk zu üben, bieten geheißen. Nein, nein, das konnte, durfte nicht ſein. Und ſchon war er an ſeinem Schranke, hatte ein Papier herausgenommen und in ſeine Bruſttaſche geſteckt. „Gut,“ ſagte er mit zitternder Lippe und beben⸗ den Händen.„Höre mich an, mein Sohn, ich habe ein ernſtes Wort mit Dir zu ſprechen. Du befindeſt Dich in Verlegenheit— Du biſt zu mir gekommen und haſt offenherzig dieſe Verlegenheit eingeſtanden. Das iſt recht, das iſt kindlich von Dir. Wenn mich nun aber Deine Forderung auch in Verlegenheit ſetzte, wie dann?“ „O, das kann nicht ſein, das weiß ich ſehr wohl.“ „Du möchteſt mich überſchätzen, mein Sohn. Zu⸗ fällig bin ich heute im Stande, Dich von Deiner Verlegenheit zu befreien— aber hüte Dich, uns Beide in eine neue zu verſetzen, ich könnte einmal zahlungs⸗ unfähig ſein, wie Du.“ „O, das iſt ja gar nicht zu befürchten. Ueberdies Baron Brandau. I. 2. 6 82 werde ich in wenigen Wochen Deine Güte gar nicht mehr in Anſpruch zu nehmen haben— ich trete ja meine Erbſchaft an.“ „Ach, die Erbſchaft! Was werden Dir 20,000 Tha⸗ ler ſein!“ „20,000 Thaler, was die mir ſein werden? Ein Berg, der nie abgetragen werden kann, eine Quelle, die ſich nie verſchüttet, eine Fundgrube, die ſich nie entleert.“ „Wollte Gott, es wäre ſo!— Nun höre mich aber weiter an. Ich werde Dir heute eine Summe geben, die Deine Bedürfniſſe befriedigt und Deine eingegangenen Verbindlichkeiten löſt; aber ich bitte mir aus, daß Du vernünftig wirſt. Du biſt kein Kind mehr. Ich ſage nicht: ſpiele nicht, handle nicht mit Pferden, wette, iß und trink nicht, aber ich ſage: thue das Alles mit Vorſicht, mit Ueberlegung, wie ein Sohn Deines Vaters, ein Abkömmling Deiner Familie es thun muß.— Und nun— wie viel Schulden auf Ehrenwort haſt Du?“ „O, armſelige tauſend Thaler etwa.“ „Was— das nennſt Du armſelig?“: „Ja, in Anbetracht Wem ich ſie ſchuldig bin. Es iſt ein vornehmer Herr—“ „Wie heißt er? Wer iſt er?“ 738 iſt der 4 Giaf Zaretta— ein Ungar⸗ , —83 „Ha! Alfred's Freund?“ „Ja, mein Vater.“ Der Baron ſtemmte beide Hände in die Seiten und ſtarrte mit aufgeriſſenem Munde zum Fenſter hinaus. Aber er ſah nichts da draußen, nicht den wie⸗ der hell gewordenen Himmel, die Bäume, die Blumen, er ſah nur Eins— daß eine verderbenſchwangere, geheimnißvolle Hand ſich über ſeine Kinder ausge⸗ ſtreckt, die ſich vielleicht bis zu ihm ſelber ausſtrecken würde. „Gehört Dein Bruder auch zu dem Jagdelub?“ fragte er plötzlich, nachdem er eine Weile nachgedacht. „Nein, er gehört nicht dazu. Er iſt viel zu geizig, um ſich ihm anzuſchließen. Er lebt auch in ganz anderen Kreiſen und Verhältniſſen—“ „Aber ich denke, er iſt unzertrennlich von ſeinem Freunde, dem Grafen Zaretta?“ „So ziemlich wenigſtens. Der Graf war auch neulich zum erſten Male im Club, er beſucht ihn nur gelegentlich; gewöhnlich iſt er zu Hauſe, wo er ſeine Verſammlungen hält, und Alfred mit ihm.“ „Sage mir doch, was hältſt Du denn eigentlich von dieſem Grafen?“ „O— er iſt ein Cavalier erſten Ranges, uner⸗ 6* ——— 84 meßlich reich, ungeheuer klug, übermäßig geſchickt in allen Dingen— „Ja, das ſcheint mir auch,“ murmelte der Baron. „Und was mich beſonders anſpricht, er ſtammt aus einer mächtigen Familie, einer ungariſchen Mag⸗ natenfamilie. Er kennt die Wappenbücher von ganz Europa, die Heraldik, wie kein Anderer, mit den Ver⸗ hältniſſen jedes großen Hauſes iſt er vertraut. Er hat mir auch die Eröffnung gemacht, daß wir wirklich mit der Familie des Fürſten Brandovar verwandt ſind, daß es nur einer geringen Bemühung bedürfe, die Anerkennung dazu vom öſterreichiſchen Kaiſer zu erlangen, und daß er ſelbſt die Dokumente herbei⸗ ſchaffen werde, die unwiderleglich darthun, daß wir das Recht haben, uns wenigſtens Grafen von Brandau auf Holzendorf zu nennen.“ Der Baron hatte das Haupt geſenkt und ſchritt, immer noch die Hände auf dem Rücken gekreuzt, im Zimmer auf und ab. Er hatte einen inneren Kampf zwiſchen ſeinem Ahnenſtolz und ſeiner Ungläubigkeit zu beſtehen. Unglücklicherweiſe verſtand es der Sohn, dem erſteren auf Koſten der Wahrheit den Sieg zu verleihen.„Neulich iſt davon bei Hofe geſprochen worden,“ fuhr er mit deklamatoriſchen Geberden fort, wobei er ſein ſtrahlendes Auge auf den Vater heftete, 2 V 85 wohl wiſſend, wie er ihm mit dieſen Worten die Hände band und ihn auf ſeine Seite hinüberführte. „Woher weißt Du Das?“ „Mir hat es der Prinz... geſagt, der ein Mitglied unſeres Clubs iſt. Der König ſoll darüber gelächelt haben.“ „Gelächelt? Wie ſo?“ „Nun, er freute ſich über unſer Glück und ſagte: ich kenne die Familie Brandau ſehr genau.“ „Das hat er wirklich geſagt?“ „Auf Ehre, mein Vater!“ Der Baron rieb ſich die Hände. Es war ihm ſchon wieder etwas leichter ums Herz geworden, ob⸗ ſchon er ſich immer noch bedrückt genug fühlte. Der 8 ſchlaue Sohn merkte das ſehr bald und fuhr darum ſchnell in ſeiner Rede fort:„Ich habe noch eine Bitte, mein Vater, und da Du mich ſchon aus einer Ver⸗ legenheit gerettet haſt, ſo hoffe ich, Du werdeſt mich auch aus der zweiten reißen.“ „Was? Noch eine Verlegenheit? Was willſt Du?“ „Ich brauche ein Pferd, das heißt ein untadel⸗ haftes Thier von reiner und edler Abkunft Meine Kameraden haben alle nur Vollblutpferde. Ich muß mich ſchämen, daß ich keins habe.“ 8 3 86 „Du haſt ja zwei brauchbare und gute Pferde— das Geld wenigſtens habe ich dazu bewilligt—“ „Ja, es iſt aber nur Halbblut— das paßt nicht für meine, für unſere Verhältniſſe. Siehſt Du, in der Stadt ſind die Racepferde zu theuer, man wird ſo leicht damit betrogen und ein Pferdekäufer wird immer nur ausgelacht, während man zum Verkäufer Bravo! ſagt. Das iſt Ton in der großen Welt. Warum hat man keinen beſſeren Pferdeverſtand und läßt ſich betrügen!“ „Das iſt wahr; ſo war es ſchon zu meiner Zeit. Aber was willſt Du, frage ich?“ „Gieb mir eins von Deinen Zuchtpferden—“ Der Vater hob ſeinen Kopf energiſch gegen den Sohn in die Höhe, mit einem Ausdrucke, der ſich kaum beſchreiben läßt.„Wie,“ ſagte er,„Du willſt auch meinen Stall plündern, wie Du meine Börſe plünderſt?“ „Ein Vater wird nicht geplündert, wenn er ſeinen Söhnen aus freien Stücken giebt.“ „Aus freien Stücken— haha! Ich danke für dieſe freien Stücke. Aber ein Pferd will ich Dir ge⸗ ben. Ein Huſar muß Parade machen mit ſeinen Pferden. Welches willſt Du?“ „Die braune engliſche Stute—“ 4* 87 „Nimmermehr— die behalte ich, ſie iſt mein eigenes Reitpferd. Aber nimm den ſchwarzen jungen Hengſt—“ „Wie, Dein beſtes Pferd?“ „Ja, mein allerbeſtes. Ich will Dir damit den Beweis geben, daß ich kein hartherziger Vater bin.“ „O, mein Vater, wie gütig biſt u! Ich danke Dir. Und kann ich mein Erbtheil ſchon in den näch⸗ ſten Tagen antreten?“ Der Baron runzelte die Stirn.„Nein,“ ſagte er barſch,„das iſt zu viel. Hier haſt Du Geld— es wird genug ſein, bis Du der Erbe wirſt. Der Tag bleibt beſtimmt, wie er es einmal iſt. Ich habe meine Bücher darauf abgeſchloſſen und meinen Bankier von dem Termine bereits in Kenntniß geſetzt. Es geht nicht anders.— Noch Eins, Georg. Wenn Du Deiner Mutter Erbtheil in Händen haſt, hören meine regelmäßigen Zuſchüſſe auf.—“ „Gewiß, mein Vater, das verſteht ſich von ſelbſt. Du ſchenkſt mir ja doch bisweilen etwas.“ „Und ſage Deinem Bruder nichts von dieſen Ge⸗ ſchenken— hörſt Du?“— Der Baron ſeufzte laut, indem er dieſe Worte beinahe flüſternd ſprach. „O ich weiß!“ ſagte Georg mit lächelnder Miene, worin ſich nicht allein das triumphirende Bewußtſein ausſprach, daß er der Liebling des Vaters ſei, ſondern auch das übertriebene Selbſtgefühl, daß er ſich dieſer Gunſt für würdig erachte, was noch dadurch verſtärkt wurde, daß der Vater ſo deutlich verrieth, er wünſche nicht, daß ſein älterer Sohn von der großen Unter⸗ ſtützung erfahre, die er dem jüngeren heute hatte zu Theil werden laſſen. „Jetzt laß mich allein, Georg, ich bedarf einiger Ruhe. Aber halt, da fällt mir ein— ich kann Dir eine Freude bereiten—“ Junker Georg ſpitzte die Ohren. Er dachte, der Vater wolle ihm auch noch einen Wagen ſchenken. „Deine Couſine Marie iſt im Hauſe— laß Dich zu ihr führen und mache ihre Bekanntſchaft.“ „Marie? Die kleine Verrückte?“ „Still! Sie iſt ſo wenig verrückt wie Du und ich— ſie iſt ein ſchönes und liebenswürdiges Mäd⸗ chen—“. „Das iſt vortrefflich. Ich werde mich aber erſt umkleiden müſſen— ja ſo, ich habe ja nichts bei mir— „Meine Vorräthe ſishen Dir zu Gebote— nun geh und laß mich allein.— 89 ——YI Der Wunſch, ſeine Couſine zu ſehen, von der er früher nur vorübergehend gehört hatte, und deren Vergangenheit ihm in einem viel zu tiefen Dunkel lag, als daß es der Mühe verlohne, ſie ſogleich zu ergründen, ſchien in dem dünkelhaften Junker nicht ſehr lebhaft zu ſein. Wenigſtens zeigte er kein her⸗ vorſtechendes Verlangen, ſie aufzuſuchen oder ſich zu ihr führen zu laſſen. Vielmehr begab er ſich ſogleich in den Stall, ſah ſich den ſchönen Vollbluthengſt an, den ihm der freigebige Vater geſchenkt, ließ ihn ſich auf dem Hofe vorführen und bezeichnete dann den Sattel und die Zaumſtücke, die ihm am nächſten Morgen mitgegeben werden ſollten, denn der junge Herr hatte beſchloſſen, die Reiſe bis zur Eiſenbahn⸗ ſtation abermals zu Pferde und von da mit dieſem gemeinſchaftlich auf der Eiſenbahn zurückzulegen. Nach⸗ dem er hiermit zu Stande gekommen, begab er ſich daran, ſich mit reiner Wäſche zu verſehen, die ihm Friedrich gebracht hatte, und ſich gründlich von den Spuren ſeines Morgenrittes zu reinigen. Als dieſes wichtige und zeitraubende Geſchäft beendet war, dachte er endlich an ſeine Couſine und begab ſich zu Frau Hanne, die gerade in der Küche ſtand und einige Anordnungen an eine junge Magd erließ, die erſt vor wenigen Wochen auf das Gut gekommen war. 90 Mehr als Frau Hanne zog dieſe junge Magd den Junker Georg an; er betrachtete ſie aufmerkſam, taxirte ſie, wie man ein Pferd oder einen Hund tarxirt, und fragte dann gemächlich nach der Baroneß von Steinach. Frau Hanne, auf welche auch dieſer Be⸗ ſuch diesmal keinen beſonders guten Eindruck gemacht hatte und die als treue Dienerin den Intereſſen des alten Barons mit natürlicher Wärme ergeben war, entgegnete ihm nicht mit der alten gewohnten Freund⸗ lichkeit. Ihr ehemaliger kleiner Junker hatte ihr, als ſie ihn ſo unerwartet wiedergeſehen, eine Art Schrecken erregt, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte, er war anders geworden, als ſie ſich vorgeſtellt, daß er werden würde, und der verletzende Stolz, der ſich in allen ſeinen Geberden und Ausdrücken kund gab, hatte ihrem alten demüthigen Herzen eben nicht wohlgethan. Als er nun gar nach ihrem jetzigen Herzblatte, nach Fräulein Marie fragte und dabei die blühende Magd mit lüſternem Auge verfolgte, da empfand ſie beinahe einen Stich in der Seele, denn es kam ihr vor, als forſche der Habicht nach einer⸗ Taube, und nur mit Widerſtreben antwortete ſie dem vor ihr ſtehenden Offizier, daß das gädige Fräulein ſpazieren gegangen ſei.* „Welchen Weg hat ſie genommen?“ 91 „Sie iſt durch den Park über das Feld, wahr⸗ ſcheinlich nach dem Friedhofe gegangen.“ „Nach dem Friedhofe? Das iſt ein ſeltſame Spaziergang.“ 2. „Das gnädige Fräulein iſt auch eine ſeltſame Erſcheinung!“ ſagte Frau Hanne mit einem Nach⸗ drucke, der der Begeiſterung gleichkam. „So!“ rief der Huſar.„Dann will ich ſie mir doch auch betrachten!“ Und er trat ſogleich den Weg an, den ihm die Schaffnerin bezeichnet hatte. Der junge Mann brauchte nicht ſo weit zu gehen, als er vermuthet hatte; anſtatt Marie unter den Todten zu finden, wie er gefürchtet, ſah er ſie bei einigen Arbeitern ſtehen, die mit irgend einer Ver⸗ richtung auf dem Felde dicht hinter dem Gutspark beſchäftigt waren. Obgleich er vorbereitet war, eine ſeltſame Erſcheinung in der nie geſehenen Couſine zu finden, ſo wurde ſeine Erwartung doch um ein Be⸗ deutendes übertroffen. Er fand eine ſo Froße Schön⸗ heit in ihr, wie er ſobald geſehen zu haben ſich nicht erinnern konnte. Aber mit dieſer Schönheit war ein 92 - 4* ganz eigenthümliches Etwas verbunden. Denn wie kam es, daß der ungeſtüme, kecke, ſiegesgewiſſe Huſarenoffizier, ſobald er nur in der Nähe dieſer ruhigen, ihn aufmerkſam betrachtenden Geſtalt gekommen war, deren edle Ge⸗ ſichtszüge, deren ſanftes Auge und deren unnachahm⸗ liche Haltung ihm wie die nie empfundenen Eigen⸗ ſchaften einer höheren Macht imponirten, auffallend aus ſeinem gewöhnlichen leichtfertigen Weſen heraus⸗ teat, ſeine ſiegestrunkene Miene verlor, ſich merkbar 3 gerader richtete und gleichſam verdutzt vor den klaren Augen ſtand, die ſeine ganze Erſcheinung, wie ſie nun einmal war, mit einem gewiſſen innerlichen durch⸗ dringenden Forſchen zu entziffern verſuchten. Wie kam es, daß er bald darauf, nachdenkend, grübelnd, wie ſelten in ſeinem Leben, ihr zur Seite die Anhöhe hinaufſchritt, dann plötzlich ſein ſtilles Weſen bei Seite warf und in eine lebhafte Mittheilung über Gott weiß was für Dinge ſich ergoß, die Marie noch niemals aus dem Munde eines Mannes, der in der großen Welt lebte, vernommen hatte. Und nicht lange dauerte es, ſo ſchien dieſe lebhafte Mittheilung in den leidenſchaftlichen Erguß eines zügelloſen Her⸗ zens, eines kopflos durch die Welt ſtürmenden Geiſtes 18 —95 keine Sylbe erwiderte und ihn nur immer aufmerk⸗ ſamer, nachdenklicher betrachtete, gleichſam durchforſchte — cehitzte und berauſchte ſich allmälig in den Be⸗ kenntniſſen aus den bunten Kreiſen ſeines Lebens. Er ſchilderte der Couſine ſein ganzes vergangenes und gegenwärtiges Glück, ließ ſie in die Freuden ſeines geräuſchvollen Treibens blicken, erſchloß ihr das offenkundige Geheimniß der Genußmenſchen des Tages, wie er einer war, ſprach mit glänzenden Farben von der köſtlichen Zukunft, die ihm bevor⸗ ſtände, und verbreitete ſich mit einer ſeltſamen Selbſt⸗ täuſchung über die bedeutenden Mittel, die ihm zu Gebote ſtänden, um dieſe Zukunft auf eine ſo roſige Weiſe zu geſtalten, wie ſie ſich nur ein phantaſtiſcher Menſch vorſtellen kann, der keinen Begriff von dem Ernſte und der Wirklichkeit des irdiſchen Da⸗ ſeins hat. Der Strom ſeiner Rede wollte gar kein Ende nehmen. Er ließ faſt keine Pauſe eintreten. Un⸗ aufhörlich jagte ſein ruheloſer Geiſt vorwärts und ſeine Phantaſie ſchien unerſchöpflich in der trügeriſchen Vorſpiegelung wunderbarer Zuſtände zu ſein. Endlich aber mußte er wenigſtens eine leibliche Erſchöpfung fühlen, das lange laute Sprechen hatte ihn ſichtbar ermattet. Seine Wangen flammten zwar noch, aber 8 94 ſeine Hände zitterten und er ſaß mit träumeriſch umherſchweifenden Augen, in denen nur bisweilen eine verrätheriſche Gluth aufblitzte, der Couſine gegen⸗ über auf einem Grabhügel, wobei er, von Zeit zu Zeit unwillkürliche Seufzer ausſtoßend, in die weite Ebene vor ſich hinabſtarrte. Es war das erſte Mal, daß er ſeine brennenden Augen von Maries immer erſtaunter gewordenem Antlitze abwandte. Sie ließ noch einen fragenden Blick über ſeine Geſtalt, ſein ſeitwärts gerichtetes er⸗ hitztes Geſicht laufen— und dann ſchauderte ſie un⸗ willkürlich zuſammen. Was dachte ſie wohl? Ach, ſie dachte noch nichts Gewiſſes, Beſtimmtes— ſie wurde nur von einem inſtinktartigen, noch unaufge⸗ klärten Gefühle, beinahe nur einer dunkelen Empfin⸗ dung von Etwas beherrſcht, was ſie hier, an dieſem Orte, unter dieſen Verhältniſſen zu finden am wenig⸗ ſten erwartet hatte. Tief in ſich verſunken, ſchien ſie die Fähigkeit der Sinne verloren zu haben, zu be⸗— merken, was äußerlich um ſie vorging. Dann und wann einen forſchenden, gleichſam Beſtätigung ſuchenden Blick raſch wie der Blitz über die vor ihr ſitzende, immer mehr zuſammenſinkende Geſtalt des jungen Mannes werfend, ſchaute ſie wie nach Hülfe ſuchend ſich in Nähe und Ferne um, ob nicht eine ſanfte, ſie 8 95 beruhigende Erſcheinung vor ihren Blicken auftauchen wollte, etwa der alte Baron oder, was ihr in dieſem Augenblicke viel lieber geweſen wäre, der Doktor Mil⸗ linger— aber Niemand außer einigen hie und da arbeitenden Landleuten war ringsum zu ſehen. Endlich ermannte ſie ſic. Mit Gewalt brach ſie die ſtarre Empfindung, welche ſie je länger je mehr überfluthete, und erhob ſich.„Wir wollen gehen,“ ſagte ſie, jede Anrede des jungen Mannes ver⸗ meidend,„es wird Abend und der Oheim wird uns erwarten.“ „Ja,“ ſeufzte Junker Georg und erhob ſich beinahe mühſam von ſeinem Sitze, denn die Erſchöpfung, die ſich ſeiner bemächtigt, hatte von Augenblick zu Augen⸗ blick zugenommen. Es war jener Zuſtand geiſtiger und leiblicher Abſpannung bei ihm eingetreten, den wir bei der Schilderung ſeiner Perſon und ſeines Lebens angedeutet haben und den heute zunächſt der meilenlange eilfertige Ritt, die aufregende Unterhal⸗ tung mit ſeinem Vater und das leidenſchaftliche, ſeinen Geiſt anſtrengende Geſpräch, was er ſo eben geführt, mochte veranlaßt haben. In ſich verſunken, träumeriſch und zugleich mühſam bewegte er ſich neben der lautlos an ſeiner Seite hingleitenden Couſine fort, die mit beſorgter Miene, aber ebenfalls ihre Gedanken 4 96 verſchließend und nur ihre halbverſchleierten Augen von Zeit zu Zeit mit innerſter Spannung auf ihn richtend, ihren Weg verfolgte. So kamen ſie nach Hauſe, nicht wie ein junges, lebensfrohes, munteres Paar, welches die flüchtige Stunde heiter und ſcherzend genießt, ſondern wie zwei eingeſchüchterte, durch ge⸗ heimnißvolle Vorgänge in ihrem Innern erſchütterte Menſchen, die, noch nicht vollſtändig über einander aufgeklärt, ſich ſelbſt, und theilweiſe auch uns, noch ein Räthſel ſind. Marie begab ſich ſogleich auf ihr Zimmer, wo ſie ſich ſtill niederſetzte, den Kopf an die Lehne ihres Stuhles legte und die Vergangenheit im Geiſte heraufbeſchwor, die längſt hinter ihr zu liegen ſchien, aber jetzt wieder mit friſcher Lebendigkeit in ihrem Innern erwacht war. Georg ſuchte ebenfalls ſein Zimmer, aber nur um ſich auf ein Sopha zu werfen, wo er ſogleich einſchlief, bis er von einem Diener zum Abendeſſen bei ſeinem Vater ge⸗ weckt wurde. Dies Abendeſſen ſelbſt ging eben ſo einſylbig her, wie die Rückkehr vom Spaziergange am Nachmittage. Jede der drei anweſenden Perſonen ſchien ſich über die Schweigſamkeit der Anderen zu wundern, und doch gab ſich keiner von ihnen die Mühe, den düſteren⸗ Bann zu brechen, der ſichtbar auf ihren Gemüthernn lag. Zumeiſt aber befand ſich der alte Baron über Marie im Unklaren, die ohne Unterlaß herzliche, tief theilnehmende Blicke bald auf ihn ſelbſt, bald auf ſeinen Sohn warf; denn, als er ſah, daß Georg, nur von Zeit zu Zeit wie aus innerem Bedürfniß ein Glas feurigen Weines hinunterſtürzend, ſich ebenfalls ſchweigſam verhielt, glaubte er, es habe irgend eine unangenehme Erörterung, wie ſie unter jungen Leuten wohl vorkommt, zwiſchen Beiden ſtattgefunden, deren Nachklang ſich noch nicht ganz aus ihrer Erinnerung verloren habe. Unter ſchleppenden, mühſam bald von Dieſem, bald von Jenem vorgebrachten Geſprächen verſtrich endlich der Abend und der Baron mußte ſich geſtehen, daß er ein anderes Vergnügen von dem Be⸗ ſuche ſeines Lieblings erwartet hatte, ſeitdem die liebenswürdige Nichte ſein Haus bewohnte. Als ſie ſich ſchließlich getrennt hatten, warf ſich allein der junge Baron auf ſein Lager, um ſich ſogleich dem erſehnten Schlafe zu überlaſſen, der alte Baron dagegen und Marie blieben noch lange auf,; Letztere ohne Zweifel, wie ſchon früher nach einem ähnlichen Beſuche, den Oheim erwartend und bei ſich überlegend, was ſie ihm ſagen ſollte, wenn der gegen ſeine Söhne ſo überſchwänglich gütige Vater nach dem Eindrucke fragen würde, den ſein jüngſter Sohn auf ſie Baron Brandau. I. 2. 7 bervor⸗ E 3 98 gebracht. Sie hatte indeſſen diesmal vergeblich ge⸗ wartet. Der Baron ließ ſich nicht blicken. Er ſaß auf ſeinem Seſſel, neben ſich den Wein und das Glas, wie gewöhnlich, aber beides nicht berührend; er be⸗ dachte bei ſich wohl, ob es nicht gerathen wäre, auch diesmal zu der liebevollen Nichte ſeine Zuflucht zu nehmen, aber er hatte heute keinen Muth dazu, er fühlte ein Gewicht auf ſeinem Herzen laſten, das ihn an die Stelle feſſelte, auf welcher er ſaß, und dabei hatte eine Wehmuth ſein ganzes Innere er⸗ griffen, derer er ſich ſo wenig klar bewußt wurde, wie Marie der ihrigen, obgleich ſie ſich vielleicht auf richtigerer Spur ihrer Beklemmung befand 4 als der alte Mann.— Am anderen Morgen aber machte ſich der junge Offizier ſchon früh im Hauſe ſeines Vaters bemerklich. Er hatte gut geſchlafen und ſeine Ermüdung oder Erſchöpfung war vollſtändig von ihm gewichen. Er ſetzt das ganze Haus mit ſeinen mannigfaltigen Wünſchen in lärmende Bewegung, ſchnauzte alle Diener und ſogar den alten Friedrich an, lief in den Stall und ſah ſelber nach, daß Alles, was er mit dem ge⸗ ſchenkten Pferde hinwegnehmen wollte, ihm unverkürzt verabfolgt würde. Endlich trat er bei ſeinem Vater ein, der ſein Geſchrei längſt gehört hatte und mehr ——— 99 betrübt als unwillig über den Störenfried ſeiner Morgenruhe war. Er hatte ſich vorgenommen, ihm noch einige gute Lehren mit auf den Weg nach der Reſidenz zu geben, ihn namentlich in Betreff der Verwendung des eingehändigten Geldes zu ermahnen; als er aber die neuerdings ſiegestrunkene Miene des leichtfertigen jungen Mannes gewahrte, erſtarb ihm auch hierzu der Muth und er ſagte ihm mit gebrochener Stimme ein karges Lebewohl, was indeſſen der Ab⸗ reiſende gar nicht zu bemerken ſchien. Eines aber wunderte den Vater wirklich und verdroß ihn zugleich. Er hatte ſich gedacht, Maries Erſcheinung würde in dem Lebemenſchen einen tiefen Eindruck hinterlaſſen und er würde tauſend Fragen über ſie an ihn ſelbſt zu richten haben, aber Nichts von Dem allen geſchah; Georg dachte an etwas ganz Anderes und hatte ſie in der That ſchon völlig aus dem Gedächtniß verloren. So war er endlich zum Aufbruch gerüſtet und ſchien es gern zu hören, als Friedrich mit der Meldung in's Zimmer trat, daß der Rappe geſattelt vor der Thür ſtehe. Der Vater begleitete ihn dahin, eben ſo wohl, um noch einmal ſein ſchönes Pferd zu ſehen, als um dem Sohne das Geleit zu geben. Als Georg das Haus ſeines Vaters hinter ſich hatte und das Thier vor 7* ——— ͤͤͤͤͤͤſͤſ 100 Augen ſah, welches ihm jetzt allein gehörte und wo⸗ mit er unter ſeinen Gefährten Aufſehen zu erregen ge⸗ dachte, hatte er dies Haus und alles Glück, was ihm darin widerfahren war, vergeſſen. Noch einmal drückte er dem Vater die Hand, rief den umſtehenden Dienern ein Lebewohl zu und warf ſich mit Leidenſchaft auf den ſtolzen Rücken des wiehernden Pferdes. Der Vater ſah den Sohn abreiten; als er aber kaum hundert Schritte ſich entfernt hatte, kehrte er eiligen Fußes in ſein Zimmer zurück, um ſich hier einer Fluth von Gedanken zu überlaſſen, wie er ſie noch nie über ſein graues Haupt hatte hereinſtrömen gefühlt. Nicht ſo die verſammelte Hausdienerſchaft. Faſt alle Guts⸗ bewohner ſchauten dem abziehenden Reiter nach und betrachteten mit Wehmuth das ſchöne Pferd, welches ſo lange unter ihrer Pflege geſtanden, wie es lebte, nun aber einem wilderen Herrn zu eigen geworden war,— es bisher gehabt hatte. “ ſagte der Kutſcher, als er das Pferd in der . amnanade ſeinen nachſchauenden Augen entſchwin⸗ den ſah,„das iſt auch fort und kommt nicht wieder, denn was der luſtige Junker unter den Fäuſten hat — iſt geliefert. Der arme Rappe!“ Frau Hanne aber, wenn ſie mit unter den Nach⸗ ſchauenden geweſen wäre, hätte, wie neulich, auch 101 heute die ſeltſame Frage ausſprechen können:„Was für ein Ende wird Der nehmen? Er gehört auch zu den jüngeren Söhnen der Familie, von denen noch keiner das dreißigſte Jahr wohlbehalten überſchritten hat!“ Lehntes Aapitel. Ein belauſchtes Geſpräch und das Erbtheil d 3 Mutter.* *— Der kurze Beſuch des jüngſten Sohnes auf Holzene dorf hatte Folgen hinterlaſſen, die kein einziger Be⸗⸗ V wohner des Gutes erwartet hatte. Er hatte in keiner Weiſe günſtig auf die beſtehenden Verhältniſſe einge⸗ wirkt. Wie das Gewitter des vorigen Monats die Felder verwüſtet, die Bäume geknickt und mit ſeinen 2 Waſſerwogen die Wieſen überſchwemmt— ſo hatte das Erſcheinen des Junkers Georg die Herzen mit Trübſal erfüllt und die leiſe ſchlummernde Sorge in allen Ge⸗ müthern wach gerufen. Seit ſeiner eiligen Abreſe ſchien ein innerer Zwieſpalt die verſchiedenen Bewohne des Gutes von einander entfernt, wenigſtens entfremdet zu haben. Wir ſagen, es ſchien ſo, denn in Wahr⸗ aren ſie ſich Alle ſo kren und anhänglich ge⸗ — 19. blieben wie zuvor. Dem Grunde dieſer ſeltſamen Er⸗ ſcheinung wollen wir hier nicht nächzuforſchen trachten, der Verlauf unſerer Erzählung wird das Räthſel löſen und die Quelle aufdecken, aus der dieſe trüben Gewäſſer entſprangen. Wir wollen zunächſt nur die Spuren verfolgen, die der Beſuch hinterlaſſen und Thatſachen berichten, die ſich allmälig von ſelbſt auf⸗ klären werden. Der Baron ſchien nicht mehr wie ſonſt den Ge⸗ nuß der freien Luft zu lieben; ſeine Felder und Wälder zu betrachten, mit ſeinen Leuten darüber zu reden, Vorkehrungen für den Herbſt und Winter zu treffen, hatte ſeinen alten Reiz für ihn verloren. Er ſaß jetzt häufiger als ſonſt in ſeinem ſtillen Zimmer, verließ Stundenlang ſeinen Seſſel nicht und gab ſich ohne Zweifel trüben Betrachtungen und Grübeleien hin. Früher hatte er ſich täglich in die Ställe und Scheu⸗ nen begeben, ſein ſchönes Vieh und ſeine Vorräthe ge⸗ muſtert und ſich über das Gedeihen jedes Einzelnen gefreut. Von allem Dem war jetzt faſt keine Rede mehr. Er hörte wohl, was ihm der Verwalter, der Förſter und die Knechte ſagten, aber er dachte darüber nicht nach und antwortete nur kurz oder gar nicht darauf. Dantk der vortrefflichen Geſchäftsführung ging der Mechanismus des vielverzweigten Hausweſens eine . Zeitlang wie von ſelbſt. Es geſchah, was nothwendig geſchehen mußte, aber auch kaum mehr, denn es fehlte die treibende, alle einzelnen Kräfte zum gemeinſamen Wohle bewegende Kraft. Die Mahlzeiten wurden in ungewöhnlichem Stillſchweigen und mit einer Haſt beendigt, als ob alle daran Theilnehmenden froh wären, wenn der leibliche Genuß vorüber war und ſie ſich wieder ungeſtört ihrem geheimen Nachdenken überliefern konnten. Abends blieben die Zeitungen unangerührt auf dem dazu beſtimmten Tiſche liegen. Die Neuigkeiten des Tages, ſelbſt die Fragen der Partei, zu welcher der Baron ſich zählte, waren ihm kein Leckerbiſſen mehr, ja ſie erregten in ihm ſogar eine Art nie empfundenen widerwärtigen Gefühls. Es ſchien ſich in ſeinem Innerſten eine von Niemandem vermuthete, früher ſogar nicht für möglich gehaltene Um⸗ wandlung althergebrachter Anſchauungen vorzubereiten und das perſönliche Intereſſe— von jeher in ihm vorherrſchend— überflügelte jetzt weit das allgemeine. Dabei ſchloß ein geheimnißvolles Siegel ſeine Lippen gegen Jedermann, er wünſchte ſogar nicht einmal, von irgend Wem in ſeinem träumeriſchen Gebahren beobachtet oder wohl gar befragt zu werden. Doktor Millinger kam ſeltener als ſonſt, denn er vor Allen merkte ſehr bald, daß nicht Alles richtig in Holzendorf 104 105 war. Der wohlwollende Mann drang keineswegs in den alten Herrn, ſein Herz vor ihm zu erſchließen, er wußte aus alter Erfahrung, daß eines Tages doch die Stunde kommen würde, wo man ihm das in der Luft ſchwebende Räthſel vorlegen und von ihm einen Theil der Löſung verlangen würde. 1 Wie nun der Herr ſich von Allem im Hauſe zu⸗ rückzog, ſo vermieden die Diener ſorgfältig jedes laute Geſpräch in den Küchen und Stuben; nur leiſes Ge⸗ flüſter zwiſchen der alten Hanne und Friedrich ließ ſich oftmals vernehmen und Beide tauſchten Winke mit einander aus, die Niemand verſtand, aber auch Nie⸗ mand verſtehen ſollte. So, da ſie wie alle Uebrigen ihr gewohntes Geſchäft im Stillen verrichteten, la⸗ gerte ſich allmälig über das ſonſt ſo regſame Gehöft eine nie vorher wahrgenommene Oede und Stille, die um ſo unheimlicher zu Tage trat, da die eigentliche Urſache derſelben eine verborgene, alſo um ſo beſorgniß⸗ erregender war. Am Bedeutſamſten von Allen aber zeigte ſich die Umwandlung im Weſen und Benehmen der Baroneß von Steinach. Die junge Dame hatte ſich ſichtbar in ihrem Aeußern und auch in ihren Aeußerungen ver⸗ ändert. Sie ſah bleicher aus, ihr Schritt war noch langſamer, bedächtiger, unhörbarer geworden; ihre 106 Sprache hatte etwas ungemein Weiches, Rührendes angenommen, ſie flüſterte beinahe nur, und wenn ſie zu Jemandem ſprach, beſchränkte ſie ſich auf die noth⸗ wendigſten Worte, die jedoch Jedermann verſtand und, ſobald ſie einen Wunſch oder eine Anordnung betra⸗ fen, augenblicklich befolgte. Beſonders auffallend hatte ſich ihr Blick verändert; ihr ſchönes Auge war ſinnen⸗ der geworden, ſelten oder nie ſchlug ſie es gegen Die⸗ jenigen auf, mit denen ſie ſprach, wie ſie zuweilen in früheren lebhaften Unterhaltungen gethan. Mehr denn je beeilte ſie ſich zu allen Tageszeiten, das gaſtliche Dach des Oheims zu verlaſſen und im Freien umher zu ſchweifen, um an einem ſelten beſuchten Orte ihren Gedanken nachzuhängen und, wie es ſchien, mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen. Ihren Oheim, der zu ihr ſo ſchnell Zutrauen gewonnen, wie noch nie zu einem anderen Menſchen, und dem ſie ſo bald mit ganzer Hingebung ſich zugeneigt, vermied ſie, wo es irgend ging, als trüge ſie etwas Geheimnißvolles auf dem Gewiſſen, was ſie gerade ihm am ſorglichſten zu ver⸗ bergen trachtete; ſie ſchien ſogar beängſtigt zu ſein, wenn er ihr unverhofft begegnete, und glücklicher Weiſe ging er ihr ſelbſt aus dem Wege, als erfülle ihn ein ähnliches Gefühl. So ſehen wir ſie denn häufig, beſonders gegen * —— 107 Abend, wenn die Sonne ſich tiefer neigte und die Spitzen der Wälder mit ihren letzten Strahlen ver⸗ goldete, auf dem Friedhofe der waldigen Anhöhe weilen. Aber ſie ſah weder dieſe roſigen Strahlen, noch die Schatten, welche die alten Bäume warfen, ſie erlabte ihre Augen nicht wie ſonſt an der blauen Fernſicht, den im Nebel verſchwimmenden Bergketten und den im Abendwinde wogenden Saatfeldern. Eben ſo wenig achtete ſie auf das Rauſchen der Blätter, die über ihrem Haupte hingen und deren Lispeln ſie früher ſo gern wie einer geheimnißvollen Naturſprache gelauſcht hatte. Auf einem der grünen Hügel ſitzend, um den herum mehrere Steintafeln ſtanden, welche die Namen der unter dem Raſen Schlummernden trugen, hatte ſie die Ellbogen auf die Kniee geſtützt und den zierlichen Kopf in die vor der Stirn ge⸗ falteten Hände gelegt. So hätte man ſie ſelbſt für eine jener Schlafenden halten können, die der Meißel des Menſchen aus Stein geformt und zur Hüterin der Gräber aufgeſtellt hatte. Ruhig, unbeweglich ſaß ſie da und nur in ihrem Kopfe gährte es, in ihrer Bruſt hämmerte es mit gewaltigen Schlägen, die ſie allein durch ihre ſtarke Willenskraft zu bemeiſtern und zu ſänftigen verſuchte. Und wohin ſchweiften ihre Ge⸗ danken, die, wenn nicht trübe, doch ohne Zweifel von 108 einem Ernſte, einer Tiefe und Bedeutſamkeit waren, wie man ſie ſonſt nicht ſo leicht bei einem ſo jungen Weſen ihrer Art findet? Weit— weit ab ſchweiften ſie in unſichtbare Ferne. In den Räumen ihrer Kind⸗ heit tummelten ſie ſich, wo ſie achtzehn Jahre lang unter Sorgen und Entbehrungen gelebt, die für ſie keine Sorgen und Entbehrungen geweſen waren, weil ſie kein anderes Daſein und keine anderen Freuden und Genüſſe gekannt hatte, als daſelbſt in Gebrauch waren. Sie durchwanderte im Geiſte, wie ſie ſo oft in Wirklichkeit gethan, die Säle ihrer Kranken, wie ſie ſie nannte, ſie ſprach mit jedem Einzelnen, ſie ver⸗ gaß Niemanden. Am lebhafteſten aber vergegen⸗ wärtigte ſie ſich das Geſicht eines Mannes, der ihr ſo viel Gutes erwieſen hatte und deſſem Wohlwollen ſie unendlich viel verdankte, eines Mannes, dem ſie faſt mit kindlicher Anhänglichkeit und Liebe ergeben war und aus deſſen Munde ſie unzählige Male weiſe Lehren und gute Rathſchläge vernommen hatte. Mit ihm unterhielt ſie ſich jetzt faſt immer; an ſeinen Mienen, die ihr ihre Phantaſie zum Sprechen deutlich vor die ſtürmiſche Seele führte, hing ſie mit ihrem ganzen Herzen, wie ſie mit ihrem inneren Auge jede ſeiner Bewegungen verfolgte und mit innerem Ohre ſeine Aeußerungen verſchlang. Dies war der Direktor —— ——— jener bedeutungsvollen Anſtalt, ihr erſter Arzt, der leutſeligſte, warmfühlendſte der Menſchen, mit einem Worte ein Mann, der ihr achtzehn Jahre lang ein zärtlicher Vater, Führer und Freund geweſen war. War es vielleicht eine Art Heimweh, was ihr Herz mit Kümmerniß, mit ungewohnter Sehnſucht erfüllte? Theilweiſe wohl möglich, daß es ſo war. Aber es war Das nicht allein. Eine Sorge, eine Kümmerniß, die die Gegenwart betraf, miſchte ſich ganz gewiß da⸗ mit. O, wenn ſie nur auf eine Stunde ſich in die alten, ihr liebgewordenen Räume hätte zurückverſetzen dür⸗ fen, ſie würde glücklich geweſen ſein, oder noch lieber wäre es ihr geweſen, wenn ſie den genannten Arzt hätte zu ſich entbieten und befragen können, er hätte gewiß mit ſeiner weiſen Unterſcheidung, mit ſeiner tiefdringenden Menſchenkenntniß, mit ſeinem das Innerſte eines Menſchen durchforſchenden Geiſtesblick das Dunkel gelichtet, welches auf ihrer Seele, vor ihren Augen, auf der ganzen Welt lag, in der ſie ſich jetzt bewegte, die rings um ſie ausgebreitet lag. Aber das war nicht möglich, er war weit entfernt von ihr, ſeinen ernſten Beſchäftigungen, ſeiner raſt⸗ loſen Bemühung, die ſo recht eigentlich das innerſte Menſchenwohl betrafen, mit unſäglichem Fleiße ob⸗ liegend. Dieſe Unmöglichkeit erkennend ſaß ſie nun eines Abends auf dem ſtillen, von uns geſchilderten Platze. Schon eine Stunde hatte ſie träumend, wün⸗ ſchend, Aufſchluß begehrend daſelbſt zugebracht und auf keine Weiſe gefunden, was ſie ſuchte. Immer dunkler wurden um ſie die Schatten der Gräber, im⸗ mer blauer, verſchwommener die nebelartige Ferne, immer grauer und düſterer färbte ſich das Gewölk des abendlichen Himmels. Plötzlich ſiel ihr der Dok⸗ tor Millinger ein, den ſie mehrere Tage nicht geſehen hatte. Wie von einer inneren Gewalt in die Höhe geſchnellt, hob ſie den Kopf empor und ſtarrte in die vor ihr liegende Ebene hinab. Da ſah oder glaubte ſie einen ſich bewegenden Schatten am Fuße des Ber⸗ ges zu ſehen. Und wie es uns oft begegnet, daß wir— ohne zu wiſſen wie es kommt— an einen Menſchen denken und dieſer Menſch faſt augenblicklich, gleichſam durch unſere Gedanken herbeigerufen, die ſich mit ihm beſchäftigt haben, nicht allein vor unſerer Seele, ſondern auch vor unſeren leiblichen Augen auf⸗ taucht, ſo erkannte ſie faſt augenblicklich, daß der wahr⸗ genommene Schatten der Arzt wirklich war, der ziem⸗ lich eilig den Hügel heraufgeſtiegen kam. Eine heftige, lange nicht gefühlte freudige Regung ergriff ſie bei dieſem Anblicke; denn Denjenigen mit den Augen unſeres Leibes zu ſehen, an den unſere * 111 Seele herzlich und innig gedacht hat, gewährt uns ſtets eine große, triumphähnliche Freude. Sie erhob ſich raſch, trat einige Schritte vor und winkte mit ihrem Tuche dem Wandelnden zu, gleichſam ihn da⸗ mit auffordernd, ſo raſch wie möglich näher zu treten. Ach, ſie brauchte ihn nicht dazu aufzufordern, er wäre von ſelbſt gekommen, denn er ſuchte ſie dieſen Abend, er wußte, daß ſie auf dem Friedhofe war, wohin ſie ſo oft ging, in dem Glauben, kein Menſch wiſſe, wo ſie ſich aufhalte. Allerdings, Viele hatten es nicht gewußt, Doktor Millinger aber war der Einzige, der es beſtimmt wußte und der diesmal abſichtlich, nach⸗ dem er lange mit ſich zu Rathe gegangen, die ein⸗ ſame Grübelei ſeiner jungen Freundin zu unterbrechen gekommen war. Als er noch zwanzig Schritte von ihrem Sitze entfernt war, ſprang ihm Marie, wie durch eine Feder emporgeſchnellt, entgegen; beinahe wäre ſie an ſeinen Hals geflogen, denn dieſer Mann ſchien ihr von Gott geſandt zu ſein, um ſie ihrer trübſeligen Lage, ihrem Schmerze, ihrer inneren Verzweiflung zu entreißen. Das Geſicht des menſchenfreundlichen Arztes trug heute den Ausdruck der Sorge in hohem Grade zur Schau. Dennoch ſchien er erfreut zu ſein, die Ge⸗ 112 ſuchte gefunden zu haben. Im erſten Augenblicke ſprach er gar Nichts, denn ſein Athem keuchte, da er den Berg ungewöhnlich raſch erſtiegen hatte, aber er ſetzte ſich dicht neben Marien auf den Hügel, der ihr zur Ruheſtätte diente und drückte ihre Rechte innig in ſeine beiden Hände. „O, wie freue ich mich,“ begann Marie das Ge⸗ ſpräch,„Sie bei mir zu ſehen. Gewiß hat Gott Sie auf meinen Wunſch den Weg hierher finden laſſen, denn ich hatte großes Verlangen nach Ihnen und dachte ſeit einer Viertelſtunde unaufhörlich an Sie.“ „Ja, ja,“ ſagte der Arzt mit Ueberlegung,„ich glaube es. Das begegnet uns oft. Aber wenn Sie ſo großes Verlangen hatten, mich zu ſehen, warum ließen Sie mich es nicht ſchon längſt wiſſen? Ich komme ja ſo gern zu Ihnen.“ „Mein Verlangen wurde erſt hier auf dieſem Platze heute Abend rege, es kam mir erſt vor Kurzem zum klaren Bewußtſein. Ach, es ging ſo viel Trü⸗ bes durch meine Seele und Ihnen allein könnte ich — möchte ich die Laſt aufbürden, die mich beinahe erdrückt. 1 „Aber welche Laſt könnte Sie ſo ſchwer bedrücken?“ „Das eben iſt es, was ſie noch unleidlicher macht — ich kenne ſie noch nicht in ihrem ganzen Umfange 2 ————————᷑—ę————————— 2.—ͤ— 113 und doch weiß ich, daß ſie vorhanden iſt.— Haben Sie meinen Oheim heute oder geſtern geſprochen?“ „Heute erſt, ich komme ſogar ſo eben von ihm her; denn da ich hörte, daß Sie ausgegangen wären und auch ich Sie wegen des Oheims ſprechen wollte ſo ſuchte ich Sie auf.“ „Sie wollten mit mir wegen des Oheims ſprechen?⸗ fragte Marie erſtaunt. „Ja, das wollte ich. Wundert Sie das? Der alte Herr iſt nicht mehr Derſelbe wie früher.“ „Wie, das wiſſen Sie?“ „Wohl weiß ich Das, denn ich kenne ihn ſeit vie⸗ len Jahren und ſchließe ſtets aus ſeinem äußeren Be⸗ nehmen auf ſein inneres Leid. Und Leid hat er, muß er haben; er lärmt und tobt nicht mehr, hat ſein zor⸗ niges Weſen ganz abgelegt und ſitzt brütend auf einer und derſelben Stelle— das iſt bei ihm ſtets ein ſchlimmes Zeichen.“ „Freilich. Ach ja, Leid hat er in der That, und das eben iſt es, was mein Herz zuſammenſchnürt; ich kann dieſen alten Mann nicht leiden ſehen und darum denke ich ſchon lange auf Abhülfe.“ „Sie, mein Fräulein, denken auf Abhülfe? Könn⸗ ten Sie ihm denn helfen?“ Das Mädchen ſchaute verwirrt zu Boden und eine I. 2. 8* Baron Brandau. — ihr ungewöhnliche Röthe färbte ihre heute ſo bleichen Wangen.„Ach ich!“ ſeufzte ſie.„Freilich kann ich es nicht, wie ich wohl möchte, und doch fühle ich den Trieb dazu. Ein ſolcher Trieb aber, wenn man nicht die Fähigkeit beſitzt, ihn auszuführen, ver⸗ zehrt uns, und das iſt die Laſt, die auf meinem Herzen liegt.“ Der Arzt dachte bei dieſen Worten, die er nicht recht begriff, ſtill für ſich nach und ſchaute das junge Mädchen dabei von der Seite an, welches ohne Zwei⸗ fel mehr hinter ihren Worten verbarg, als ſie ihn hören ließ. „Wir wollen uns klar zu machen verſuchen, was vor uns liegt,“ fuhr er bedächtig fort.„Nur ſo können wir zum Ziele gelangen. Welche Laſt drückt denn Ihrer Meinung nach Ihren Oheim zumeiſt?“ „Das iſt ſehr bald geſagt, und wenn Sie ihn kennen, müſſen Sie das eben ſo gut wiſſen wie ich. Er ſelbſt wirſt den Grund ſeiner Mißſtimmung auf das ſchlechte Jahr, die traurige Witterung, die wahr⸗ ſcheinlich ganz mißrathende Erndte. Das iſt es aber nicht, was einen ſo feſten und wohlhabenden Mann ſo tief beugen könnte. Vielmehr iſt es etwas ganz Anderes und viel Trübſeligeres. Ach, wenn ich ihn anblicke, wie er ſo ſinnend, geängſtigt und ſchweigſam „ da ſitzt, faßt mich das tiefſte Weh, und in meinem Herzen kommt es mir vor, als ob die Wogen des bitteren Lebens, die ihn von jeher finſter und drohend umrauſcht, allmälig gänzlich über ſeinen alten Kopf zuſammenſtürzten.“ Der Arzt fuhr erſchrocken zurück. So ernſt hatte er ſich die Lage des Barons nicht vorgeſtellt.„Sie täuſcht ſich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Ihre Phantaſie iſt zu lebhaft, dieſe Angſt iſt in ihrer beſchränkten Erziehung begründet.— Und welche Wogen ſollten das ſein?“ fragte er laut. „Die ſeine Söhne über ihn ausſchütten!“ ſagte Marie feſt und mit lauterer Stimme, als ſie gewöhn⸗ lich ertönen ließ. 4 „Ja, ſeine Söhne!“ ſeufzte der Arzt. „Ach, Herr Doktor, mein lieber Freund“, fuhr Marie fort,„ich fürchte etwas Schreckliches. Die Prophezeihung jenes verſchollenen älteſten Sohnes, die er gegen ſeinen Vater ausſprach, als er ihn un⸗ gerecht und unbarmherzig ſchlug, ſcheint jetzt endlich in Erfüllung gehen zu wollen. Wenigſtens zeigt ſich ſchon der Anfang davon. Die jüngeren Söhne züch⸗ tigen ihn allmälig für Das, was er dem älteſten gethan—“ 1 116 „Still!“ ſagte der Arzt leiſe und wandte den Kopf zur Seite.„Seufzte da nicht Jemand hinter uns?“ „Ich habe nichts gehört,“ erwiderte Marie eben ſo leiſe.„Aber man ſagt, die Todten ſeufzen, wenn den Lebendigen, ihren Lieblingen, etwas Schmerzliches widerfährt. Wir ſitzen hier auf dem Hügel ſeiner entſchlafenen Gattin. Vielleicht war ſie es, die einen Seufzer über das traurige Geſchick ihres Hauſes ausſtieß.“ Der Arzt ſchauderte unwillkürlich bei dieſen mit einem tief ernſten Ausdruck geſprochenen Worten des jungen Mädchens. Er hielt immer noch ihre Hand in der ſeinigen und fühlte ſie darin kalt und kälter werden. Das unheimliche Weſen, welches er ſchon lange am Baron und ſeinen Hausgenoſſen bemerkt, fing an, ſich auch an Marie zu zeigen. Ein alter Argwohn ſtieg wieder in ſeinem Geiſte auf. Sollte das Mädchen vielleicht doch durch ihre Geburt, ihre Erziehung an irgend einem verborgenen Fehler ihrer innerſten Organiſation leiden? Seine Haare ſträubten ſich bei dieſem ſchrecklichen Gedanken zu Berge. Zehn⸗ mal verwarf er ihn und zehnmal kam er ihm wieder friſch inss Bewußtſein zurück.„Warum ſeufzen Sie ſo ſchwer?“ fragte er ängſtlich. „Ach, ich will es Ihnensgeſtehen. Ich habe eine V V 117 außerordentliche Sehnſucht nach M... Nur einen Tag möchte ich daſelbſt zubringen, und glauben Sie mir, ich würde aufgeklärter über mich ſelbſt und An⸗ dere wieder zurückkehren.“ „Aufgeklärter? Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich kann mich nicht genauer ausdrücken, denn ich bin mir ſelbſt noch nicht darüber klar.“ „Sie hat das Heimweh!“ dachte der Arzt.„Das iſt gewiß. Sollte es dafür nicht ein Mittel geben? Ich werde mit dem Baron darüber ſprechen.— Sie ſprachen von den Söhnen des Barons,“ fuhr er ablenkend in ſeiner Rede fort. Wiſſen Sie vielleicht genauer, was ſie dem Vater neuerdings aufgebürdet haben?“ „Gewiß. Sie ſind Beide Verſchwender, jeder in ſeiner beſonderen Art. Sie vergeuden Summen, die der Vater jetzt noch bezahlen kann, aber dabei werden ſie nicht ſtehen bleiben; ſie werden größere vergeuden und vom Vater fordern und er, der ſchwache— in dieſer Beziehung ſeinen Söhnen gegenüber ſchwache— Mann wird Alles opfern, um nur die Ehre ſeiner Familie zu retten, die ihm über Alles geht.“ „Aha, ſo iſt es! Ich dachte es beinahe. Alſo der Kleine auch?“ „Ach! Er macht mir den größten Kummer.“ „Ihnen? Das iſt wunderbar— wie ſo denn? Hat er Sie gekränkt?“ „Gewiß nicht, aber ſein Weſen und Benehmen be⸗ unruhigt mich. Doch laſſen Sie mich hiervon ſchwei⸗ gen, ich muß noch reiflicher darüber nachdenken.“ Der Arzt dachte auch nach, aber ohne es laut werden zu laſſen, was er dachte. Er ſtellte ſich Etwas vor, was hier nahe zu liegen ſchien und was ihn eben deshalb auf eine ganz falſche Spur führte. „So,“ ſagte er laut,„alſo Junker Georg iſt auch ein Verſchwender?“ „Gewiß iſt er das. Das ſcheint mir aber noch nicht das Schlimmſte zu ſein. Er wie ſein Bruder werden von einem und demſelben geheimnißvollen Manne geleitet, der wie ein unheilvoller Dämon über dieſen beiden jungen Menſchen zu ſchweben und ſie zu beherrſchen ſcheint.“ „Wen meinen Sie?“ „Einen Mann, der ſich Beider Freund nennt und aus dem mein Oheim ſelbſt nicht klug werden kann. Er iſt zwar ein vornehmer Mann— ſo ſagt man— ein Graf Zaretta, der aus Ungarn ſtammen ſoll, der in der Reſidenz ſich ſchnell einen Namen gemacht hat, weil er mit großen Geldſummen umſpringt wie kein Anderer. Wenn das nun ein Abenteurer wäre, der den Leichtſinn der beiden Brüder ausbeutete, den Vater dadurch ruinirte und die Familie in’s Unglück ſtürzte—“ „O!“ ſagte der Arzt,„das wäre ſehr ſchlimm, aber wie wollte man da einſchreiten?“ „Das iſt mir auch noch nicht klar. Laſſen Sie uns aber Beide darüber nachdenken.“ Das wollen wir.— Aber ſehen Sie, mein liebes Kind es iſt während unſers Plauderns beinahe Nacht geworden. Der Himmel hat ſich wie jeden Abend mit Wolken umſäumt und kein Stern iſt ſichtbar am ganzen Horizonte. Laſſen Sie uns aufbrechen; ich will heute Abend noch mit dem Baron ſprechen, viel⸗ leicht findet ſich ein Mittel, der finſteren Strömung ſeines Geſchickes entgegen zu arbeiten.“ „Gott gebe es! So gehen wir denn.—“ Beide erhoben ſich und ſchritten Arm in Arm den Abhang hinunter, dem Gutshofe entgegen. Als ſie aber etwa hundert Schritte von dem Grabe, auf welchem ſie geſeſſen, entfernt waren, be⸗ wegte ſich Etwas hinter dem aufrecht ſtehenden Grab⸗ ſteine, der zunächſt an dem kleinen Hügel lehnte. Und ſiehe, ein Mann trat langſam hervor, der un⸗ bemerkt von Beiden dahinter gekauert und ohne Zwei⸗ fel ihre Worte belauſcht hatte. Der Seufzer, den ſie vernommen, war alſo doch nicht dem Grabe der Todten entſtiegen. Das Dunkel des ſpäten Abends war zu tief, um die Geſichtszüge dieſes Mannes erkennen zu laſſen, nur die allgemeinen Umriſſe ſeiner Geſtalt machten ſich bemerkbar. Dieſe Geſtalt aber war groß, kräftig und von gediegener Feſtigkeit. Er trat vor den Hügel, auf dem der Arzt und Marie geſeſſen und ſchaute Beiden nach, ſo lange er ihre Geſtalten in der zu⸗ nehmenden Dunkelheit erkennen konnte. Als er ſen aus dem Auge verloren, ſeufzte er noch einmal hörbar 5 auf und ließ ſich dann ſelbſt auf dem Hügel nieder, der ſo eben erſt verlaſſen worden war. Wie Marie vorher, ſo ſtützte auch er ſein Haupt auf beide Hände, und wie ſie dachte er über Vergangenheit und Gegen⸗ wart nach. Nach einer geraumen Zeit aber erhob er ſich langſam, beinahe feierlich. Dann noch einen Blick in die Richtung werfend, wo das Gut Holzendorf lag, wandte er ſich und ſchritt langſam in entgegen⸗ geſetzter Richtung dem Kupferhammer zu. „— Als Doktor Millinger mit der jungen Dame den Park von Holzendorf erreicht hatte, begegneten ſie dem 121 Baron, der im bereits ziemlich dunklen Garten auf und ab wandelte. Nachdem Marie ihm einen flüch⸗ tigen Abendgruß geboten, ſchlüpfte ſie an den Männern vorbei und eilte auf ihr Zimmer. Der Doktor aber ſchloß ſich dem Baron an und ſetzte mit ihm den Spaziergang fort. „Es giebt wieder Regen, Doktor,“ begann der Baron das Geſpräch.„Regen und alle Tage Regen, kurz vor der Erndte, das iſt die Loſung des Tages. Wie Das noch werden ſoll, weiß ich nicht. So lange ich hier wohne, habe ich ſolch' ſchlechtes Frühjahr und ſolchen böſen Sommer nicht erlebt, wie dieſes Jahr. Nun, meinetwegen, ſo geht denn Alles auf einmal bergab!“ „Wie ſo, bergab, Herr Baron?“ „Das fragt Ihr noch? Seht Ihr Das nicht mit eigenen Augen?“ Der Arzt glaubte das Eis gebrochen, der Baron baute ihm ſelbſt eine Brücke zu dem Ziele, wohin er das Geſpräch gelenkt haben wollte.„Ja,“ ſagte er, etwas leiſer ſprechend,„ich habe es eben mit eigenen Augen geſehen, das arme Fräulein iſt ſehr zu beklagen.“ Der Baron blieb ſtehen und ſchaute den Arzt ſragend an.„Was iſt es denn mit ihr? Ich weiß ja Nichts davon.“ „Sie hat das Heimweh nach ihrem früheren Aufenthaltsorte Herr Baron, dergleichen kommt häufig vor. Sie werden ſie eine Reiſe dahin müſſen an⸗ treten laſſen—“ .„Nach dem Irrenhauſe? Gott ſoll mich davor be⸗ wahren! Mit dem habe ich ein für alle Mal ge⸗ brochen. Davon will ich Nichts hören. Das Heim⸗ weh wird überwunden werden— der Menſch über⸗ windet Viel.“ „Ja— aber—“ „Nichts von aber, Doktor, ſchweigt mir davon. Ich habe in den letzten Tagen nicht viel Zeit gehabt, mich mit ihr zu beſchäftigen— mir gehen viele Dinge anderer Art im Kopf herum— bald aber werde ich mit Allem im Reinen ſein. Die Teſtaments⸗ vollſtreckung meiner Frau findet nächſte Woche ſtatt, dann bin ich auf Jahre hin fertig und mein eigener Herr. Bis dahin müßt Ihr mir aber beiſtehen, Doktor, meine Nichte zu zerſtreuen. Ladet ſie Nachmittags zu Euch ein, ſie iſt gern bei Euch und Eurex Familie. Eure Töchter üben einen wohlthätigen Einfluß auf ſie aus; ſie ſpricht viel Gutes von ihnen. Auch könnt Ihr mit ihr ſpazieren fahren, wohin Ihr wollt, um ſie aufzuheitern, zu unterhalten. Wollt Ihr Das?“ 2— 123 „Von Herzen gern, wenn damit geholfen werden kann! Aber ich glaube es nicht.“ „Aber ich.— Glaubt Ihr— ja, was wollt ich ſagen— glaubt Ihr, daß das böſe Wetter anhaltend ſein wird?“ 1 „Ach ich!“ ſeufzte der Doktor, der ſah, wie der Baron einen Ableiter von dem vorliegenden Gegen⸗ ſtande ſuchte und ihn im Wetter zu finden hoffte, „ach ich— ich glaube es und glaube es nicht.“ „Was iſt das für eine Antwort! Ja und Nein in einem Athem! Woran denkt Ihr, Mann?“ „Wenn das arme Kind— ich meine das gnädige Fräulein— nur nicht doch zu viel von der Kranken⸗ luft in M... eingeſogen hat?“ ſagte der Doktor dreiſt, nachdem er in einer minutenlangen Pauſe dazu ein Herz gefaßt. „Warum nicht gar! Was kommt Euch an? Ihr ſpielt zu ſehr den Doktor. Das Mädchen iſt ganz geſund— ich ſage es Euch.“ „Ja— geſund— aber—“ „Meint Ihr, daß ſie— daß ſie—“ und der Baron blieb wieder ſtehen und faßte den Arzt nach⸗ drücklich am Arme. „Ich weiß es nicht. Aber ſie iſt mir zu traurig, zu wehmüthig geſtimmt. Das war ihre Frau 124 das nicht.“ „Ha! Iſt es Das? Das bin ich auch. Das ſind wir Alle jetzt. O, Doktor! Wenn ich nur erſt das Geld los wäre! Ich fühle mich mehr bedrückt, daß ich es habe, als mancher Andere, der es haben möchte und es nicht hat.“ „Sie denken es alſo wirklich auszuzahlen?“ „Ihr fragt noch? Kann ich denn anders? Bei Heller und Pfennig, ſelbſt wenn ich wüßte, daß es am Tage darauf aus dem Fenſter geworfen würde. Das Teſtament ſpricht ſich klar und deutlich darüber aus. In der nächſten Woche wird Georg fünfundzwanzig Jahre alt, dann erhalten meine Kinder das Erbtheil ihrer Mutter.“ „Wenn aber mit Sicherheit vorauszuſehen iſt—“ „Was iſt mit Sicherheit vorauszuſehen? Der Menſch ſieht nie mit Sicherheit voraus.“ „Doch ſo ziemlich— bisweilen wenigſtens. Ihre Söhne geben viel Geld aus—“ „Ja, was weiter?“ „Wenn nun vorauszuſehen, daß ſie dies cha 20,000 Thaler ſind es, wie ich weiß, verſchwenden—“ und er legte einen verſtändlichen Nachdruck auf das letzte Wort. Mutter auch, ehe ſie krank wurde. Mir gefällt * 127 „Halt! Das geht Euch nichts an!“ zürnte der Baron wie in früheren Tagen.„Bekümmert Euch um Eure Sache. Selbſt wenn meine Söhne noto⸗ riſche Verſchwender wären, wie ſie nur lebensluſtige junge Leute ſind, ſo würdet Ihr mir doch nicht rathen wollen, das der Welt kund zu thun? Man gehört einer Familie an, Doktor, man hat einen Namen, der noch ſeinen Klang hat— meiner ſoll ihn, ſo lange ich lebe und auf dieſem Gute webe und ſchaffe, immer behalten.“ „Gott gebe es, daß Sie nicht gerade Das durch Ihre Rechtlichkeih herbeiführen, was Sie vermeiden wollen,“ ſagte der Doktor laut und beinahe ſtreng. „Dummes Zeug! Ja, er gebe es, und er wird es geben. Mein eigenes Vermögen reicht noch eine Weile aus, wenigſtens ſo lange ich auf der Welt bin— mein Haupt wird alle Tage weißer, Doktor.“ „Ja, gewiß, Herr Baron. Da würde ich aber an Ihrer Stelle wünſchen, daß dieſes mein weißes Hauhi auch in der Erde ruhig und getroſt ſchliefe—“ *„Ha! Meint Ihr, daß ich das nicht wünſche? Bei Gott, Doktor! Ihr kennt mich ſehr ſchlecht. Wenn mein Name nach meinem Tode noch einen Schimpf erlitte, glaubt mir, ich würde mich im Sarge um⸗ duchen. Aber das iſt nicht zu befürchten, nicht im Geringſten. Denn ſeht, ich habe auch ein wenig Menſchenkenntniß, und beſonders, was meine Söhne 5 betrifft, ſehe ich klar vor Augen. Sie haben luſtig gelebt und leben noch luſtig. Das habe ich auch gethan, und mein Vater auch. Aber als wir in un⸗ ſere Pflicht eintraten, als wir dies immer noch un⸗ verſchuldete Gut übernahmen, war es mit der Luſtig⸗ keit auf immer vorbei. Wir wurden geſetzte Leute, nahmen ein reiches Weib— und damit war das Vermögen geſichert. So wird es auch künftig ſein. Laßt Alfred nur erſt hier ſitzen— er wird ein Knau⸗ ſer wie Einer. Das findet man oft. Jetzt hat er nur noch den Trieb, Etwas zu erwerben, und wenn er einen Theil dabei aus dem Fenſter wirft, ſo wird er ſich die Hörner ſchon abſtoßen; nachher ſammelt er ſchon um ſo mehr. Und Georg? Nun, der erhält einſt ſeinen Antheil von meiner Hinterlaſſenſchaft. Sein Bruder kann und wird ihm nicht aufhelfen, wie ich, ſein Vater. Dann kommt die Einſicht mit den Jahren und der Umſchlag iſt da. Das iſt meine Philoſophie, mein Troſt, ſo weit bin ich mit meinem* Nachdenken gekommen. Denkt Ihr anders?“ „Der Menſch denkt und Gott lenkt! Niemand 5 kann in die Zukunft ſchauen. Aber ich wünſche von gan⸗ zem Herzen, daß Ihre Philoſophie eine richtige ſei.. den ſchlechten Nahrungsmitteln nicht hinreichend er⸗ „Das wird ſie. Gebt Acht.— Aha! da haben wirs— es fängt an zu regnen. Nun geh' ich hin⸗ ein, ich habe noch zu ſchreiben. Macht, daß Ihr fortkommt, ſonſt werdet Ihr tüchtig naß.“ Beide ſchritten eilig in's Haus. Der Doktor empfahl ſich, ließ ſich ſein Pferd vorführen und trabte nach Hauſe. Die Zeit der Erndte war gekommen, und wie man befürchtet hatte, war ſie ſchlecht ausgefallen, ſo⸗ gar hinter aller Erwartung zurück geblieben. Der Roggen, der Hafer und die Gerſte, theilweiſe durch Hagelſchlag, wiederholte und anhaltende Regengüſſe verdorben, lieferten faſt gar keinen Ertrag, der Weizen einen zwar etwas größeren, aber doch nur ſehr ge⸗ ringen; die Kartoffeln waren frühzeitig von der all⸗ jährlichen Fäulniß ergriffen und die Futterkräuter zum Theil ganz ausgefallen. Die Stimmung der Landleute war eine höchſt betrübte, und ſogar Dieje⸗ nigen, die auf Koſten ihrer Herrſchaften lebten, ließen die Köpfe ſinken und gaben ſich einer nie dageweſe⸗ nen Muthloſigkeit hin. Holzendorf vor Allen war ſchwer heimgeſucht, und da zugleich das Vieh, von 128 nährt, zu kränkeln anfing, beſonders viele Schaafe fielen, ſo entſtand eine Angſt und Beſorgniß unter den Bewohnern, die ſich nur Derjenige vorſtellen kann, der Aehnliches erlebt hat. Der Baron, von ſo harten äußeren Schlägen be⸗ troffen, erhob ſich dabei in ſeinem ganzen alten Stolze, um ſeinen Leuten Muth und Vertrauen einzuflößen, aber das war nur ein für die ihm entfernter Stehen⸗ den berechneter Flitterglanz; ſeine Gutsbewohner, ſeine treuen Diener merkten ihm an, daß ſein altersgraues Haupt ſich unter den neuen Prüfungen beuge und daß ſeine zur Schau getragene Faſſung nur eine angenommene und erkünſtelte ſei. Wohl wußten ſie, daß er im Stillen den bitterſten Gedanken ſich hin⸗ gäbe, und wer ihn nur einigermaßen ergründen und beurtheilen konnte, ſah das ſchon ſeiner zuſammenge⸗ ſunkenen Geſtalt, ſeinem blaſſen abgehärmten Geſicht an, welches ſich, kurz zuvor noch ſo friſch, und rund, ſichtbar mit Runzeln zu bedecken anfing. Aber nicht allein die Mißerndte, die lange vorher geſehen worden war, bevor ſie wirklich eintrat, konnte * den Alters in ihm hervorrufen, obgleich man im All⸗ gemeinen dies anzunehmen ſchien; die wenigen Ein⸗ dieſe ſo raſch ſich entwickelnden Züge des vorſchreiten⸗ geweihten dagegen wußten ſehr wohl, daß noch ein 129 anderer und gewichtigerer Grund zum Kummer vor⸗ handen war, obgleich nur ſehr Wenige, faſt nur Doktor Millinger und Marie allein, den vollen Umfang, ſo wie die urſprüngliche Quelle deſſelben kannten. Um dem Leſer aber von dem Zuſtande ſeiner Seele ein vollkommen treffendes Bild zu liefern, müſſen wir noch einmal auf die Theilung des Ver⸗ mögens ſeiner Frau zurückgehen, denn von dem Tage an, wo das Teſtament derſelben den Augen der Be⸗ theiligten eröffnet wurde, ſchrieb ſich der augenſchein⸗ liche Verfall der ritterlichen Geſtalt und der ganze Kummer der Seele des Barons her. Seine Gattin war, wie wir wiſſen, eine mit Mit⸗ teln begabte, ſogar ſehr reiche Frau geweſen, hatte ſich aber noch vor dem Vollzug ihrer Ehe die alleinige Selbſtbeſtimmung über ihr zugebrachtes Vermögen vor⸗ behalten. Hierzu hatte ſie wohl einigen Grund gehabt. Sie liebte den Baron zärtlich, aber dieſe Liebe ver⸗ dunkelte nicht ihre Einſicht, daß derſelbe bisher mit ſeinem perſönlichen Vermögen etwas arg gewirth⸗ ſchaftet habe. Um nun ihrer etwanigen Nachkommen⸗ ſchaft wenigſtens einen Theil ihres zugebrachten Gutes ſicher zu ſtellen und zugleich auch dem Anſehen des Barons ſelber aufzuhelfen, hatte ſie die Einrichtung getroffen, daß die Hälfte des Vermögens, 60,000 Thaler Baron Brandau. I. 2. 9 130 betragend, ihrem Gatten für immer verbleiben, dage⸗ gen die andere Hälfte ihren Kindern überliefert wer⸗ den ſollte, ſobald das jüngſte ſein fünf und zwanzigſtes Jahr erreicht habe. Bis dahin ſollte der Vater den Nießbrauch des Ganzen behalten, die den Kindern beſtimmte Hälfte aber nur in den Zinſen, nicht im Capital angreifen können. Wie nun die Berechnun⸗ gen der Menſchen, ſelbſt der allerklügſten, häufig auf Irrthümern beruhen, ſo war es auch hier der Fall, denn die gute Frau, der ein frühes Ende zu Theil ward, konnte wohl nicht annehmen, daß gerade dieſe, mehr auf zärtliche Mutterliebe, als auf Vertrauen zu ihrem Gatten gegründete Fürſorge ein Unheil in ſich ſchließen würde, welches, auf beide Theile zu fallen dereinſt beſtimmt ſein ſollte. Denn gerade der Baron wurde, ſobald er Beſitzer von Holzendorf und Fami⸗ lienvater geworden war, ein ſparſamer, vorſichtig mit dem Gelde umgehender Mann, während die ſo vor⸗ ſorglich bedachten Kinder, auf ihr dereinſtiges Erbe pochend, in eine Bahn geriethen, die den Erwartun⸗ gen der Erblaſſerin ſehr wenig entſprach. Wir ken⸗ nen dies ſchon zum Theil aus der vorliegenden Er⸗ zählung. Der Baron nun, ſtolz zwar auf ſeinen alt⸗ adeligen Namen und die Privilegien ſeines Standes, aber ein Ehrenmann in Geſchäftsſachen, treu in der 1 „ — — — einen Familienrath zu halten, den beiden Söhnen 3 9* 131 Erfüllung der von ihm beſchworenen Pflichten und den Wünſchen der Erblaſſerin unabweichlich folgend, hatte vom Todestage derſelben an ſein Augenmerk darauf gerichtet, ſowohl den ihm ſelber zugefallenen Vermögensantheil, wie auch den ſeiner Kinder nach beſter Einſicht zu verwalten; bald aber hatte er die traurige Erfahrung gemacht, daß ſeine Kinder ihm mehr koſten würden, als die Zinſen des ihnen aus⸗ geſetzten Antheils betrugen, daß er alſo allein der Uebervortheilte bei jenem Abkommen ſein und bleiben werde. Das verſchlug ihm aber nicht viel. Er legte, als er die verſchwenderiſchen Eigenſchaften ſeiner Söhne erkannt hatte, von dem Seinigen reichlich zu, ver⸗ werthete das Ganze möglichſt und war, wie wir ge⸗ V ſehen haben, feſt entſchloſſen, den Erwartungen der Mutter ſeiner Kinder nachzukommen. So rückten die Jahre unaufhaltſam vorwärts und der Tag war an⸗ gebrochen, an welchem ſein jüngſter Sohn Georg das vorgeſchriebene Alter erreichte. 1 Schon lange vor dieſer Zeit hatte der Baron im Stillen Vorkehrungen getroffen, daß die Summe, die ſeinen Kindern gehörte, zur rechten Zeit ſich in ſeinen Händen befinde, und es hatte zugleich in ſeiner Ab⸗ ſicht gelegen, an dem beſtimmten Tage auf dem Gute 132 dabei das Geld zu übergeben und vertrauensvoll ſie zu ermahnen, das empfangene Gut zu ihrem Beſten zu verwenden. Von dieſem vorläufig gefaßten Beſchluſſe war er aus einem Grunde abgewichen, den wir hier erwähnen müſſen, obgleich die Andeutungen dazu ſchon in dem Geſpräche enthalten ſind, welches wir ihn mit Alfred, woährend deſſen letzter Anweſenheit auf dem Gute, haben führen hören. Der Vater fürchtete von dieſem ſeinem Sohne in Betreff des zweifelhaften Daſeins ſeines älteſten Sohnes überſtimmt und zu einer Hand⸗ lung hingeriſſen zu werden, die er vor ſeinem Ge⸗ wiſſen nicht verantworten zu können glaubte, wie er denn auch ſich ſelbſt und Marien das Verſprechen ge⸗ geben hatte, das dem Verſchollenen zuſtehende Ver⸗ mögen noch nicht unter ſeine beiden Brüder zu ver⸗ theilen, da ja noch immer die Möglichkeit vorhanden war, daß derſelbe zurückkehren und ſein Erbtheil in Anſpruch nehmen könne. Zu dieſem Behufe hatte er eine andere Anordnung betreffs der Ueberlieferung der Summen getroffen. Er hatte im Sinne gehabt, ſelbſt nach der Reſidenz zu reiſen und bei ſeinem Bankier, unter Zuziehung ſeines Advokaten, der ein redlicher Mann war und ſein volles Vertrauen beſaß, die Summe von 40,000 Thalern niederzulegen, wo ſie ſeine Söhne nach Belieben in Empfang nehmen und damit nach Gutdünken ſchalten und walten könn⸗ ten. Allein ſein letzter Aufenthalt in der Reſidenz hatte ihn mit einem unbeſiegbaren Widerwillen gegen dieſe Reiſe erfüllt, er wollte ſich nicht noch einmal in die Wirren und Neuerungen der großen Welt ſtürzen, denen er erſt vor Kurzem ſo glücklich entron⸗ nen war. Daher hatte er die beiden Vertrauensmän⸗ ner zu ſich nach Holzendorf beſchieden, ein Entſchluß, der auch dadurch um ſo gerechtfertigter erſchien, daß die Teſtamentsvollſtreckung gerade in die Zeit der Erndte fiel, während welcher der Baron Haus und Hof nicht gut verlaſſen konnte. So waren denn an dem beſtimmten Tage die beiden Männer aus der Reſidenz angelangt. Es war ein regnichter, unfreundlicher Auguſttag, der das Gut in einen grauen Nebelſchleier hüllte, wie man ihn um dieſe Zeit nur ſelten ſieht. Das ernſte Geſchäft im Innern des düſteren Hauſes nahm dadurch einen noch unerfreulicheren äußeren Anſtrich an, als es an ſich ſchon hatte. Die beiden Herren waren um Mit⸗ tagszeit auf dem Gute eingetroffen. Bevor man an das Geſchäft ging, wollte man jedoch mit möglichſter Gemüthlichkeit ſpeiſen, denn man hatte Zeit genug vor ſich, da die Herren, mit den Geldern und Auf⸗ 4 134 4 trägen des Barons beladen, erſt am nächſten Morgen wieder nach der Reſidenz zurückzukehren beabſichtigten. Wäre das Wetter günſtiger geweſen, ſo hätte man ſich einige Stunden im Freien bewegt und die Auf⸗ merkſamkeit wäre vielleicht durch mancherlei äußere Dinge von der eigentlichen Hauptſache abgezogen worden; ſo aber war das nicht der Fall und man ſaß trotz der Sommerszeit im Hauſe beiſammen, hatte höchſtens Gelegenheit von dem traurigen Ausfall der Erndte zu ſprechen und behielt mehr Zeit übrig, als nöthig war, um das Vorliegende nach allen Seiten zu erörtern. Das Mittagseſſen war vorüber; die drei Herren ſaßen bei den Flaſchen hinter dem Tiſche im Zimmer des Barons und dieſer glaubte endlich die Zeit ge⸗ kommen zu ſehen, das läſtige und ſparſame Geſpräch zu wenden und auf das Erforderniß des Tages zu richten. Er eröffnete daher das Geſchäft, indem er einige paſſende Worte über den Grund ſeines heutigen Beſuches ſprach, ſchloß dabei ſeinen Geldſchrank auf und nahm die betreffenden Papiere, das Teſtament ſelbſt und die ſich daran anknüpfenden Dokumente heraus, die er geordnet auf den Tiſch legte. Als die beiden fremden Herren aus dieſer Einleitung entnahmen, daß das ernſte Ziel des Tages nahe ge⸗ 1 135 rückt ſei, erhoben ſie ſich zu gleicher Zeit von ihren Stühlen und machten ihrem Wirthe eine ſteife Ver⸗ beugung, zum Zeichen, daß ſie bereit und willig ſeien, an die Arbeit zu gehen. Keiner aber von ihnen ſprach eine Sylbe; ſie ließen dem Baron allein das Wort, der ihnen das Teſtament vorlas und ſchließlich hinzufügte, daß er daſſelbe in ihrer Gegenwart voll⸗ ſtrecken wolle. Die Herren verbeugten ſich abermals, nahmen das Teſtament Einer nach dem Andern in die Hand, durchlaſen es aufmerkſam und legten es, als ſie da⸗ mit fertig waren, wieder ſchweigend auf den Tiſch. „Morgen früh, meine Herren,“ ſagte der Baron, „bevor Sie abreiſen, werde ich Ihnen die Geldpapiere ausliefern; zugleich aber werde ich Sie bitten, meinen Söhnen dieſe beiden Schreiben einzuhändigen, die ich je eins für einen Jeden von ihnen aufgeſetzt habe.“ Die beiden Männer erhoben langſam die Augen und blickten ſich, wie um ſich gegenſeitig zu irgend etwas noch Verborgenem zu ermuntern, bedeutungs⸗ voll an. „Dürfen wir ſo unbeſcheiden ſein, Sie zu fragen, Herr Baron,“ ſagte endlich der Advokat, der den meiſten Muth von Beiden zu beſitzen ſchien,„welcher Art die Meinung iſt— ich meine nur ganz im All⸗ 136 gemeinen— die Sie in dieſen Schreiben auszuſpre⸗ chen die Güte gehabt haben?“ „Ganz gewiß, meine Herren; vor Ihnen habe ich kein Geheimniß in dieſer Angelegenheit. Hm! Die Art und Weiſe, wie meine Söhne leben, iſt mir leider bekannt. Ich mache ſie daher in dieſen Schrei⸗ ben aufmerkſam, mit den ihnen anvertrauten Geldern vorſichtig umzugehen, wenngleich wie junge Leute ihres Standes, doch vernünftig und ſparſam zu leben und nicht darauf zu rechnen, fernerhin noch weitere Unterſtützungen zu empfangen.“ „Das iſt ein vortrefflicher Rath,“ bemerkte der Advokat, ſeinem Freunde, dem Bankier, noch einmal einen bedeutſamen Wink gebend. „O ja,“ erwiderte dieſer etwas zaghaft,„er ſcheint mir nur etwas zu ſpät zu kommen—“ „Wie ſo?“ ſprühte der Baron auf— Aio mei⸗ nen Sie das?“ 6 „Ich meine das ſo, Herr Baron. Wenn Sie nicht die Güte gehabt hätten, uns mitzutheilen, was in dieſen ſehr natürlichen Schreiben enthalten iſt, ſo würden wir es für einen unumgänglichen Akt unſeres Gewiſſens gehalten haben, Sie zu fragen, ob Sie in der That entſchloſſen ſind, dieſe großen Summen Gel⸗ des Ihren Herren Söhnen auf einmal zu übergeben?“ „Was iſt da noch zu entſchließen?“ fragte der Baron etwas eingeſchüchtert.„Das Teſtament iſt da, alſo muß es vollſtreckt werden. Wir vollſtrecken es hiermit.“ „Ja, aber— „Umſtände verändern die Sache!“ bemerkte tief⸗ ſinnig der Advokat, indem er ſeinen rechten Zeigefin⸗ ger geheimnißvoll an die Naſe legte. „Erklären Sie ſich deutlicher, meine Herren,“ ſagte der Baron, ſich mit einem Tuch ſeine Stirn abtrock⸗ nend.„Reden Sie aber deutlich. Sie haben einen Mann vor ſich, der von Jedermann erwartet, daß er ſeine Schuldigkeit thue. So wie ich Ihnen und meinen Söhnen gegenüber handele, ſo handeln Sie auch gegen mich, das heißt nach Ihrem Gewiſſen. Ich heiße Brandau!“ „Gut!“ nahm der Bankier das Wort,„Sie ver⸗ langen es— und ich gehorche, obwohl es mir ſchwer wird, Ihnen vielleicht etwas Unerwartetes— Unan⸗ nehmes, meine ich— zu ſagen.“ Der Baron huſtete, um ſeine, von Augenblick zu Augenblick wachſende Verlegenheit zu bemänteln. Das Licht, welches vor ihm auf dem Tiſche brannte — denn die alten Bäume vor dem Fenſter warfen einen tiefen Schatten in das Zimmer und hatten in — 138 Gemeinſchaft mit dem trüben Wetter das frühzeitige Anzünden von Kerzen nothwendig gemacht, um die Schriftſtücke leſen zu können— das Licht, welches auf dem Tiſche brannte, ſagen wir, ſchien ſich plötz⸗ lich zu verdunkeln und über die Geſichter der vor ihm ſitzenden Männer glaubte er eine düſtere Wolke lau⸗ fen zu ſehen, ſo daß er ihre Züge kaum noch von einander zu unterſcheiden vermochte.„Sagen Sie mir, was Sie mir zu ſagen haben!“ brachte er endlich mit einem Seufzer hervor, der hinreichend kund that, daß er eben keine fröhliche Botſchaft erwartete. „Ihre Söhne ſind notoriſche Verſchwender— Sie wiſſen das vielleicht nicht—“ „O, wohl weiß ich es. Aber ich ſetze hinzu, daß ſie es geweſen ſind und mit Gottes Beiſtand es fernerhin nicht mehr ſein werden.“ „Nein!“ rief der hartnäckige Bankier.„So iſt es nicht, es iſt eben anders. Wenn Sie in der Reſidenz lebten oder häufiger dahin kämen, würden Sie es eben ſo gut wiſſen wie wir.“ „Martern Sie mich nicht, meine Herren!“ rief der zitternde Vater.„Sagen Sie mir Alles und mit einem Worte. Ich fürchte keine Bombe, wenn ich weiß, daß ſie kommt, aber ich habe keinen Augenblick Ruhe, wenn ich ſie ungewiß jede Minute erwarten muß.“ Der Bankier empfing vom Advokaten noch einen ermuthigenden Wink, nahm ſich zuſammen und ſagte dann mit etwas bebender Stimme:„Wenn das Geld, welches hier liegt und welches wir Ihren Herren Söh⸗ nen überbringen ſollen, nun ſchon ausgegeben wäre, ehe es in die Hände der eigentlichen Beſitzer gelangt, wie dann, Herr Baron?“ 3 Dieſer ſchüttelte ſich wie vor innerem Froſte— die Bombe hatte doch unerwartet eingeſchlagen oder war vielleicht ſchwerer geweſen, als vorausgeſetzt war. „Wie meinen Sie Das?“ fragte er mit bleichem Geſichte. „Wie ich es ſage. Wenn jeder dieſer beiden Herren Söhne nun ſchon lange bevor der Tag der Teſtaments⸗ vollſtreckung kam, über dieſe Summe verfügt hätte und dieſelbe mehr einem Anderen als ihm ſelbſt gehörte?“ 2 „Das iſt nicht möglich, meine Herrn!“ „Es iſt ſehr wohl möglich!“ „Die Beweiſe, meine Herrn!“ „Ja, Beweiſe! Wenn wir die Schwarz auf Weiß hätten, würden wir mit unſeren Mittheilungen nicht ſo lange gezögert haben.“ — 140. — „Aber Sie müſſen doch irgend einen Anhalt ha⸗ ben, ſo mit mir zu ſprechen, denn Sie müſſen wiſſen, daß Sie mir mit Ihren kalten Worten glühendes Eiſen in den Leib bohren.“ 1 „Anhalt haben wir genug. Es iſt ein ziemlich öffentliches Gerücht, welches erſt geſtern kurz vor der Abreiſe zu unſeren Ohren kam, daß Ihre Herren Söhne nicht gewartet hätten, über die Erbſchaft zu verfügen, bis ſie in ihre Hände gelangte.“ 4 „Haben Sie Mitleiden mit einem Vater, meinen Herrn— ſagen Sie mir Alles, was Sie wiſſen oder vielmehr was Sie gehört haben.“ „Nun denn, wir haben gehört— verbürgen läßt ſich das nicht— daß Ihr älteſter Her Sohn, Alfred 4 mit Namen, in Erwartung dieſer ſicheren Erbſchaft Verbindungen und Geſchäfte eingegangen ſei, die grö⸗ . ßere Summen in Anſpruch nahmen, als dieſe Erb⸗ ſchaft bietet, und daß dieſe Geſchäfte— ein ungün⸗ ſtiges Reſultat gehabt haben.“ „Geſchäfte? Mein Sohn?— Sie irren n ſich⸗ Der Baron ſtieß dieſe Worte nur in der Angſt aus, um irgend Etwas zu ſagen, denn im Geheimen hatte er das dunkele ſchreckliche Vorgefühl, daß dieſe Geſchäfte in der That könnten abgeſchloſſen ſein. „Gott gebe es, daß ich mich irre. Aber der Theil⸗ ,— 141 nehmer dieſer Geſchäfte, oder vielmehr der Leiter der⸗ ſelben— denn der Graf Zaretta beherrſcht Ihren Sohn vollſtändig— hat, wie er ſelbſt eingeſtanden, falſch ſpekulirt und da Ihr Herr Sohn zu gleichen Theilen mit ihm ſpekulirt hat, ſo hat er ebenfalls falſch ſpekulirt!“ Der Baron fiel in ſeinen Stuhl zurück und ver⸗ barg ſein Geſicht in den Händen. Es entſtand eine peinliche Stille in dem großen Gemach, die nur der Pendelſchlag der Uhr und die beklommenen Seufzer unterbrachen, die der Bruſt des gequälten Vaters ent⸗ ſchlüpften. Endlich erhob er das Haupt, blickte dem Bankier wehmüthig in das Geſicht und fragte:„Iſt das die Wahrheit, Scheitler?“ „Der Graf Zaretta hat es geſtern ſelbſt einem meiner Collegen geſtanden und ſogar Ihren Herrn Sohn bedauert, daß er zur Hälfte mit ihm gegangen ſei. Die Höhe der verlorenen Summe kann ich aller⸗ dings nichk genau angeben.“ „So!“ ſagte plötzlich der Baron ſteif und feſt und ſetzte ſich gebieteriſch auf ſeinem Stuhle zurecht.„Ich waſche meine Hände. Gethan iſt gethan. Mag er ſehen, wie er durchkommt. Von mir, ſo lange ich lebe, hat er Nichts mehr zu erwarten— wenn ich todt bin, ja, todt, ach, meine Herrn!“ Und er wurde — ͦ——yj 142 wieder weich und eine Rührung, wie er ſie lange nicht empfunden, bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens. Dann aber ſich wieder faſſend, erhob er ſtolz ſeinen Kopf mit mühſamer Anſtrengung.„Das betrifft meinen Sohn Alfred!“ ſagte er ſchaudernd.„Von meinem Sohne Georg werden Sie mir doch nichts Aehnliches zu berichten haben?“ „Beſſeres nicht, vielleicht ſogar noch Schlimmeres,“ entgegnete der Bankier mit mitleidigem Tone.„Ba⸗ ron Alfred's Verluſte ſind nicht den Zahlen nach be⸗ kannt, der Herr Lieutenant aber verbirgt Niemandem ſein Unglück. Er iſt offenherziger darin. Er hat ge⸗ wettet, geſpielt— auf Ehrenwort, welches er morgen auslöſen wird— gekauft, gelebt, und wie mir der⸗ ſelbe Berichterſtatter ſagte, mit vollkommen unglück⸗ lichem Erfolge.“ 4 „Er wird doch nicht 20,000 Thaler in einigen Wochen verſpielt und verwettet haben?“ „Die Herren ſpielen und wetten hoch, mit denen er in Kameradſchaft lebt.“ 3 „Das iſt ja aber unſinnig, meine Herren! Wie kann ein Ehrenmann die Leidenſchaften eines jungen Menſchen ſo arg mißbrauchen?“ 4* „Das zu entſcheiden iſt nicht unſere Sache, Herr 143 Baron. Die Geſetze, nach denen dieſe Herren leben, ſind nicht unſere Geſetze.“ „Aber giebt es denn keine Macht im Staate dieſem Unfuge zu ſteuern? Das heißt ja der Berau⸗ bung der Eltern und Vormünder Thor und Thür öffnen!“ „Möglich! Wir haben darüber kein Urtheil.“ „Bah! Ich glaube Das nicht!“ ſagte der Baron mit plötzlich auflodernder Hoffnung.„Sie machen mir unnöthige Sorge. Nein, nein, ich glaube Das nicht. Reiſen Sie mit Gott, meine Herren, und wenn Sie nach der Reſidenz kommen, erkundigen Sie ſich genauer. Gewinnen Sie aber die Ueberzeugung, daß Sie wahr geſprochen, dann ſchreiben Sie mir— augenblicklich— aber nur in dem Falle, ſage ich Ihnen, daß Sie mir etwas Beſtimmtes, mit den ge⸗ hörigen Beweiſen unterſtützt, melden können.“ „Das wird ſchwer halten,“ bemerkte der Bankier, „und Sie könnten vielleicht etwas länger auf eine Antwort warten müſſen, als Ihnen lieb iſt.“ „Dann werde ich ſchon halb getröſtet ſein; dann i*ſt die Sache nicht ſo ſchlimm. So etwas ſpricht ſich raſch herum, verlautbart, beſtätigt ſich.“ Die beiden Herren verbeugten ſich wie zum Ab⸗ ſchiede.„Wir erlauben uns noch eine Bitte auszu⸗ 7 144 ſprechen,“ ſagte der Advokat;„wir haben es etwas eilig, Herr Baron. Wenn Sie die Güte hätten, uns einen Wagen zu leihen, ſo könnten wir noch heute abreiſen und in... den Nachtzug benutzen.“ Der Baron ſah ein, daß unter dieſen Umſtänden die Verlängerung des Beſuches für beide Theile nichts Angenehmes haben würde. Er beſann ſich daher keinen Augenblick, dem Wunſche der Herren zu willfahren. „Wohl,“ ſagte er,„wenn Sie abzureiſen wünſchen, ſo ſoll Ihr Wille geſchehen. Aber dann müßten Sie mir gleich jetzt die Beſcheinigung ausſtellen, daß ich Ihnen die Summe von 40,000 Thalern für meine Söhne überliefert habe.“ „Gern. Geben Sie uns Papier, Feder, Tinte und Siegellack.“ In zwei Minuten war das Nothwendige bereit. Die beiden Herren unterſchrieben das ſofort ausgefer⸗ tigte Dokument, ſiegelten es, empfahlen ſich dem Ba⸗ ron und eine Viertelſtunde ſpäter ſtiegen ſie in den Wagen, um ſich zur nächſten Eiſenbahnſtation zu begeben.— Der Baron war wieder allein— mit ſich und Gott allein, und er bedurfte dieſes letzten Beiſtandes ſehr. Gehen wir aber über den nun folgenden Abend und — 145 die hereinbrechende Nacht hinweg nnd erwarten wir geduldig, was in den nächſten Tagen die Meldung der beiden Vertrauensmänner bringen wird, um uns jetzt zu einer anderen Scene zu begeben, die unſere Leſer hoffentlich behaglicher ſtimmen wird, als die eben erzählte. Baron Brandau. 1. E. 100 Elftes Anpitel. Der Kupferhamme Das Wetter hatte ſich wieder aufgeklärt; der Morgen, der dem beſchriebenen Abende folgte, war ſo heiter und warm, wie ein ſchöner Auguſttag ihn nur hervorzaubern kann. Auf dem Gutshofe in Holzen⸗ dorf regte es ſich wie gewöhnlich ſchon kurz nach Tagesanbruch; die Heerden wurden den Weiden zu⸗ getrieben, die Arbeiter erſtrebten Wald und Feld und auf dem Hofe ward es allmälig ſtiller und ſtiller, wenn man nicht das Klappern eines Storches oder das Kollern eines Truthahns, die von Zeit zu Zeit ihre Stimmen erſchallen ließen, für lebhafte Kund⸗ gebungen der zurückgebliebenen Bewohnerſchaft hal⸗ ten will. Der Baron war früh aufgeſtanden und mit auf das Feld gegangen. Die in Folge der traurigen Er⸗ fahrungen des vorigen Tages in ihm zurückgebliebene innerliche Zerknirſchung war noch nicht ganz über⸗ wunden, aber die dieſem Unglückstage folgende Nacht hatte ihn wunderbar geſtärkt, indem er den männlichen Entſchluß gefaßt, daß ihn das Schickſal, wenn es ein⸗ mal den Kampf mit ihm beginnen wolle, gehärtet und gerüſtet finden ſolle. So zu allem neuen Drang des Lebens vorbereitet, fühlte er vor allen Dingen das Bedürfniß einer ſeinen Geiſt ableitenden Thätig⸗ keit und darum hatte er ſich zeitig auf das Feld zu ſeinen Arbeitern begeben, nachdem er Frau Hanne noch den Befehl ertheilt, dem gnädigen Fräulein ſeinen Gruß zu ſagen und ſie wiſſen zu laſſen, daß der Doktor Millinger ſie um neun Uhr in ſeinem Wagen abholen würde, um mit ihr eine Zerſtreuungsfahrt für den ganzen Tag zu unternehmen. Dieſe Botſchaft war noch am ſpäten Abende zuvor nach Holzendorf gelangt und der Baron, dem es lieb war, wenn er Marie nicht zu oft begegnete, um nicht wiederholt mit ihr über ſeine Söhne ſprechen zu müſſen, hatte dem Wunſche des Arztes ſogleich beigeſtimmt, trotzdem derſelbe ihm mitgetheilt, daß er für die junge Dame eine Einladung nach dem Kupferhammer erhalten habe, wo man ihr das großartige Werk, welches ſie längſt zu ſehen gewünſcht, in allen ſeinen Einzelnheiten zeigen wolle. 10 54 148 55 zur Abfahrt gerüſtet. Unter einem beſcheidenen grau⸗ „ſeidenen Kleide die ſchwellenden Formen ihres elaſti⸗ ſchen Körpers verbergend, den runden Strohhut mit den einfachen grünen Schleifen und Bändern über den Arm gehängt, trat ſie aus dem Hauſe hervor und ſuchte den Schatten der Kaſtanienallee auf, um dem Doktor entgegen zu gehen. Er ließ auch nicht lange auf ſich warten. In ſeiner leichten Kaleſche behaglich ſitzend, von zwei munteren Pferdchen gezogen, kam er luſtig daher gerollt und bald ſaß Marie neben ihm, worauf der Kutſcher dicht vor dem Pförtnerhauſe in einen Seitenweg lenkte und eine Richtung einſchlug, in welcher das Fräulein, ſo lange es in Holzendorf lebte, noch niemals weit vorgeſchritten war. Es war ein herrlicher Morgen. Der leichte Wind, der noch vor Tagesanbruch geweht, hatte die zu reich⸗ liche Feuchtigkeit aufgeſogen und jetzt wärmte der heitere Sonnenſtrahl die Felder und Wälder, die ſich in dieſem Sommer ſo ſelten des gaſtlichen Beſuches des Himmelsgeſtirns erfreut hatten. Der Kutſcher des Arztes fuhr durch einen uralten Tannenwald; die ſtämmigen Kiefern, das darunter emporſtrebende Farrn⸗ kraut, das üppige Moos, welches den ganzen Boden bedeckte, ſtrömte jenen würzigen Duft aus, den man 149 nur in einem ſolchen Walde finden kann und der, für unſere Sinne wenigſtens, ſtets etwas Berauſchen⸗ des gehabt, Etwas, was uns mit geheimnißvollen Macht und unerklärlicher Liebe an den Buſen der ſproſſenden Natur gezogen hat. Die friedliche Stille, welche die Fahrenden umgab, die balſamiſche Luft, die ſie umfächelte, das fröhliche Gezwitſcher der von Zweig zu Zweig flatternden Vögelchen, übten bald ihre Wirkung auf die Gemüther derſelben aus. Nachdem Marie dem aufhorchenden Freunde ſchnell und mit leiſer Stimme einen kurzen Ueberblick über die am geſtrigen Tage verhandelten Dinge gegeben, dieſer gedankenvoll den Kopf geſchüt⸗ telt und ſeine Augen zu den Wolken erhoben hatte, als wollte er die verborgenen Rathſchlüſſe Gottes, die diiſn über des Barons Familie verhängt, daraus en, ehe ſie ſich auf die Erde herabſenkten, drückten fe ſich, wie im Einverſtändniß ihre embls herz⸗ lich die Hand, wandten dann abet ih e Herzen der Außenwelt zu und bewegten ſich auf ahmere Straße dem Ziele des Tages entgegen. So rollten ſie langſam eine Anhöhe hinauf, welche der breite Fahrweg, der nach dem Kupferhammer führte, durchſchnitt. Zur Rechten auf dem Gipfel der Anhöhe erhob ſich eine Windmühle, die im friſchen 8. 150 Morgenwinde ihre Flügel luſtig und klappernd be⸗ wegte, zur Linken ſtand das Müllerhaus. Als ſie mitten zwiſchen beide gekommen waren, ließ Doktor. Millinger das Gefährt anhalten und die Pferde ver⸗ ſchnaufen, denn von hier oben aus hatte man einen vollſtändigen Ueberblick des unten liegenden Thales, in welchem, wie eine kleine Stadt ſich ſchon weit, aͤus⸗ dehnend, das gewaltige Hütten⸗ und Eiſenwerk mit ſeinen rieſenhaften Hochöfen, Werkſtätten und Arbeiter⸗ wohnungen lag, aus unzähligen thurmartig empor⸗ ſtrebenden Eſſen und Schlotten eine Wolke ſchwarzen Rauches entſendend, der langſam ſeinen ſchweren Flug mit dem Winde nahm, um erſt am fernen Horizonte allmälig in den Lüften zu verſchwinden. Marien hob ſich das Herz, denn ſie hatte in ihroun⸗ ganzen Leben noch keinen ſolchen Anblick genoſſen. Zwar hatte ſie in ihrer früheren Heimat bisweilen auch ein ähnliches Werk mit rauchenden Eſſen beſucht, aber das jetzt vor ihr liegende war augenſcheinlich ein Rieſe dagegen und ſie ſprach dem lächelnden Arzte laut ihre Freude aus, den berühmten Ort zu ſehen, wo ſo viele fleißige Menſchenhände ſich regten, eine ſo be⸗ deutſame Arbeit vollbrachten und dem Schooße der Erde ihre ſo lange unbekannt gebliebenen Schätze ent⸗ rangen. — 151 Der techniſche Direktor dieſer großen Niederlaſſung — eigentlich waren es ihrer zwei— der, durch das Vertrauen der reichen Actionäre aus fernem Lande herbeigerufen, erſt ſeit einigen Monaten ſeine verant⸗ wortliche Stellung übernommen, hatte den Doktor Millinger, ſeinen Arzt, wiederholt gebeten, den Herrn Baron zu vermögen, ſich die neuen Maſchinen und Werkſtätten mit eigenen Augen anzuſchauen. Wie wir aber wiſſen, wäre es ein ſchwieriges Unternehmen geweſen, den Baron nach dem Kupferhammer zu brin⸗ gen, obwohl er ſeit dem Baue der neuen Eiſenbahn, ſeit welcher Zeit überhaupt ſeine Anſichten über der⸗ gleichen Neuerungen einen gewaltigen Stoß erlitten hatten, nicht mehr mit ſo feindlichen Blicken auf das große Nachbarwerk ſah. Als nun aber der Doktor endlich die Einladung an den Baron für deſſen Nichte annahm, war man erfreut, die junge Dame auch ein⸗ mal aus der Nähe zu ſehen, von deren Schönheit und Liebenswürdigkeit der gute Doktor oft genug mit Enthuſiasmus geſprochen hatte. Vor Allen ſchien ſich die junge Frau des Direktors darauf zu freuen, die, eine Engländerin, ihrem Manne mit ihrem Vermögen in das fremde Land gern gefolgt war, um hier Ein⸗ richtungen und Verbeſſerungen in’s Leben zu rufen, die er in ihrem Vaterlande ſchon Jahre lang als vor⸗ 152 4 theilhaft kennen gelernt und praktiſch ausgeführt hatte.— Dieſer Direktor, Baumann mit Namen, ein deut ſcher, aber früher lange in England anſäſſig, war ein Mann von außerordentlich rührigem Geiſte, reich an Erfahrung in ſeinem Geſchäft, hochgebildet durch Rei⸗ ſen und Studien. Er hatte die Dirigentenſtelle, wie geſagt, erſt vor einigen Monaten angenommen und zwar unter der Bedingung, noch einen zweiten Diri⸗ genten zur Seite zu haben, der ihn in ſeinem Wirken mit ſeiner großen geiſtigen Kraft unterſtützen und na⸗ mentlich die vielen Reiſen ausführen könne, die mit dieſem täglich durch Erfindungen wachſenden Zweige der Technik nothwendig verbunden waren. Dieſe Be⸗ dingung hatten die Actionäre angenommen und ſo war denn auch dieſer zweite Dirigent vor Kurzem an⸗ gelangt, der, ein langjähriger jüngerer Freund des erſten, im Monat Juli erſt von Amerika angekommen war, wo er lange der Oberleitung großartiger Unter⸗ nehmungen ähnlicher Art vorgeſtanden hatte. Dies jedoch nur im Allgemeinen. Wir werden beide Herren bald näher kennen lernen und fügen nur noch hinzu, daß Doktor Millinger verſprochen hatte, die junge Baroneß dem befreundeten Direktor und ſeiner Gattin auf einen ganzen Tag zuzuführen, 12 — 4 wozu, wie wir wiſſen, der Baron bereitwillig ſeine Zuſtimmung gegeben hatte. Als der Wagen den Abhang hinunter rollte und allmälig dem Kupferhammer näher kam, nahm man bald den verſchiedenen Einrichtungen der Häuſer und Hütten den Zweck des großen Ganzen wahr. Auf dem bald muldenförmig vertieften, bald ſich wie⸗ der erhebenden Boden, der in ſeinem Schooße wahre Wunder von Schätzen verbarg, waren eine Menge von Häuſern entſtanden, in denen die Hüttenarbeiter oder nur ſolche Leute wohnten, die in naher Beziehung zu dem Werke ſelbſt ſtanden. Die Wege, die durch dieſe Colonie führten, waren feſt chauſſirt, denn große Laſten wurden ſtündlich auf denſelben hin und her be⸗ wegt. Dabei zeigte der Boden durchweg die ſchwarze Farbe, ſchon dadurch die Kohle und den Eiſenſtein verrathend, die aus der Tiefe der Erde hier an das Tageslicht befördert wurden. Allmälig rückten die Häuſer und Häuſerchen näher an einander und es zeigte ſich faſt eine ſtädtiſche Verbindung unter ihnen, denn immer kleiner wurden die Strecken dazwiſchen, immer mehr ſchwanden Gärten und Gärtchen. Zur Rechten dann erhoben ſich, den Pyramiden Egypten's, nur in kleinerem Maaßſtabe, ähnlich, drei Hochöfen, in denen das rohe Erz geſchmolzen und das Metall —— r eeriee?, 154 von den beigemiſchten fremden Stoffen gereinigt wird. Dieſe Hochöfen waren alle mit ſehr kunſtfertigen Eiſenverzierungen, Gittern, Treppen und Balkonen um⸗ geben und dadurch verbunden, und das Mauerwerk, aus dem ſie beſtanden, war ſo mächtig und feſt er⸗ baut, daß es, wie jene Denkmäler des Alterthums, dem Laufe von Jahrhunderten zu trotzen beſtimmt ſchien. In der Nähe dieſer Hochöfen, aus deren oberen Oeffnungen Tag und Nacht helle Flammen gen Himmel emporloderten, bewegte und drängte ſich eine unzähl⸗ bare Menge fleißiger Arbeiter. Alle waren geſchwärzt an Geſicht und Händen und Kleidern, Alle aber legten eine Rührigkeit und Emſigkeit an den Tag, die ſie mit jenen betriebſamen Thierchen vergleichen ließ, die auch kunſtfertige Werke, obwohl aus vergänglicherem Stoff, unter den Bäumen der Wälder aufzubauen verſtehen. An dieſen Hochöfen vorbei lenkte der Kutſcher in die Hauptſtraße der ganzen Niederlaſſung ein. Denn plötzlich waren die Häuſer der Arbeiter zu palaſtartigen Gebäuden emporgeſtiegen, in denen die großen Werk⸗ ſtätten ſich befanden, worin das gewonnene Metall ſeine ferneren Umwandlungen erfuhr. War ſchon an den Hochöfen Bewegung genug bemerklich geweſen, ſo ſchien es hier Tumult zu geben. Denn ein un⸗ — H⸗ 155 möglich zu beſchreibendes Gelärm blaſender Bälge, pfeifender Röhren, klopfender Hämmer und ziſchender Gluthſtröme wogte und tobte hier durch einander. Menſchen, rieſig von Geſtalt, leicht bekleidet, mit Ruß und Kohlenſtaub bedeckt, tummelten ſich wie die Bie⸗ nen haufenweiſe hin und her und man hätte ſich in eine unbekannte Welt verſetzt geglaubt, wenn man nicht gewußt, was hier geſchah. Aber auch an der größten der Werkſtätten rollte der Wagen des Arztes vorüber und näherte ſich den Dampfmaſchinengebäuden, wo Arbeiten verrichtet wur⸗ den, denen die Kraft vieler tauſend Menſchen nicht 3 gewachſen war. Der ſauſende Umſchwung der Räder, das dröhnende Rollen der Walzen, das Klopfen der „Hämmer und alle jene unbeſchreibbaren Geräuſche innerhalb einer ſo rieſigen Werkſtatt erfüllten weithin die Luft mit gewaltigem Geſtöhne, die Feuer praſſelten, das Eiſen glühte, und alle dieſe gigantiſchen Kräfte, dieſe Feuer⸗ und Waſſermaſſen beherrſchte, lenkte und gegelte der menſchliche Geiſt— der gewaltigſte Rieſe — der in dem kleinen Kopfe des winzigen Menſchen Keingeſchloſſen lebt und wirkt. Marie empfand eine faſt kindlich zu nennende Freude, als ſie ſich ſo inmitten einer niegeahnten Thätigkeit verſetzt ſah. Die Menſchen ſchienen ihr 156 überirdiſche Weſen zu ſein, wie ſie ſo ſchwere Laſten ſchleppten, und beinahe hätte ſie geglaubt, die Fabel der Werkſtätten Vulkans verwirklicht vor ſich zu ſehen. Wiederholt ſchaute ſie den neben ihr ſitzenden Freund an, der an dieſe Betriebſamkeit ſchon mehr gewöhnt war, und das großartigſte Gefallen ſprach ſich in ihren lächelnden Mienen und in ihnen gerötheten Wangen aus. „Ja, ja,“ ſagte der Arzt, der ihr Schweigen und ihre Freude richtig deutete,„wenn das Ihr guter Oheim ſähe, ich glaube doch, daß er es für etwas Großes! hielte, an der Spitze eines ſolchen Unternehmens zu ſtehen.“ „Er muß es ſehen!“ erwiderte Marie muthig, „ich werde Alles aufbieten, ihn einmal hierher zu fuhren.“ 1 „Das wird Ihnen ſchwer werden. Zwei Jahre ſchon iſt das Werk in Betrieb und noch nicht einmal hat er ſeinen Fuß in ſeine Nähe geſetzt.“ Da fuhr der Kutſcher raſcher vorwärts und gleich darauf hielt er vor einem ſchönen, palaſtartigen Hauſe, der Wohnung des Dirigenten und des mit der Ober⸗ leitung beauftragten Perſonals. Als man den Wagen mit den erwarteten Gäſten vorfahren ſah, öffneten ſich alle Thüren und ein Theil der Bewohner des ſchönen —, 157 Hauſes trat ihnen bis auf die Straße entgegen. Vor Allen zeigte ſich die junge Gattin des augenblicklich abweſenden Direktors außerordentlich liebenswürdig bei der Begrüßung der Baroneß von Steinach, ſie führte ſie durch eine prachtvolle Zimmerreihe, gegen welche die Behauſung des reichen Landedelmanns auf Holzen⸗ dorf ein beſcheidenes Landhäuschen war, in einen großen Salon, der mit den koſtbarſten Möbeln, mit bunten Sammetteppichen und den herrlichſten Kupfer⸗ ſtichen geſchmückt war, lauter Gegenſtände des moder⸗ nen Hausluxus, den man in Holzendorf eben ſo wenig ſah, wie ihn Marie bisher kennen gelernt hatte, denn in M.. waren die von den Beamten bewohnten Zimmer ebenfalls ſehr einfach eingerichtet geweſen. Die Gattin des Direktors Baumann war eine etwas große und hagere, aber dabei recht hübſche Frau mit hellblonden Haaren und lichtblauen Augen, die etwas ungemein Kindliches bewahrt hatten und unbefangen und fröhlich in die Welt ſchauten, obgleich ihre Haltung einen gewiſſen natürlichen Stolz und ihr Benehmen eine gemeſſene Zurückhaltung wahr⸗ nehmen ließ. Gegen die junge Baroneß indeß bewies ſie ſich von liebevollſter Zuvorkommenheit, jedoch hätte man, wenn man recht aufmerkſam auf ihr Geſicht geweſen wäre, etwas mehr als Neugierde auf dem⸗ 158 ſelben entziffern können. Es lag eine Art Spannung und aufgeregter Erwartung in allen ihren Mienen, als ſie die weiche Geſtalt Mariens umfing, ihr in das holde roſige Geſicht ſah und endlich dem tiefen Auge begegnete, welches ſich in ſeiner ganzen Strah⸗ lengluth gegen ſie erhob. Man hatte ſich eben zu einem kleinen Frühſtück auf den grünen Sammetpol⸗ ſtern niedergelaſſen, als der Direktor eintrat und ſeine V Gäſte freundlich begrüßte. Er ſtellte ſich als ein kleiner behender Mann mit beweglichen, aber höchſt geiſtreichen Geſichtszügen dar; ſein Haar war Atwas ſwarſam und wurde nur mit Mühe über dem Scheitel zuſammengehalten. Er mochte etwa vierzig bis fünf und vierzig Jahre alt ſein. Auch er beobachtete mit ggroßer Aufmerkſamkeit die junge Dame, die jetzt in ſeinem Hauſe war, wohin ſie zu bringen Doktor Millinger ſchon lange verſprochen hatte; aber in dieſer Aufmerkſamkeit lag eine mehr Antheil als Neugierde verrathende Ergebenheit. Namentlich, wenn Marie ihr Geſicht ſeiner Gattin zugekehrt hatte, hielt er. ſeine Augen ſtets auf daſſelbe gerichtet, gleichſam als 3 ſuche er Gelegenheit, dieſes ſchöne, rührende und intelli⸗ gente Geſicht ſo recht mit Muße zu betrachten und aus ihren leiblichen Zügen auf die Regungen ihter Seele zu läii ließen. „— 159 In ſeinem Tone gegen die junge Dame lag eine weiche und ergebene Herzlichkeit, es klang etwas Rührendes oder Gerührtes hindurch, der Redende ſchien, während er Worte hören ließ, die ſeine Anweſenheit verkündeten, doch mit ſeinen Gedanken wo anders zu weilen, und ſo nahm ſeine Rede etwas Sinniges, Verſchleiertes an, was einen nicht unangenehmen Eindruck hervorbrachte und den Arzt, der freudig die guten Wechſelwirkungen bemerkte, die Meinung faſſen ließ, der Direktor, den er doch ſchon kannte, ſo lange er am Orte war, ſei von dem ehrenvollen Beſuche der jungen Dame tiefer ergriffen, als er ſelber er⸗ wartet hatte. Im Allgemeinen waren Herrn Baumann die Verhältniſſe des benachbarten Edelmanns bekannt, denn im Kupferhammer lebte man nicht ſo einſam und zurückgezogen wie auf Holzendorf; in dieſe reg⸗ ſame Colonie drangen die Ereigniſſe der großen Welt und das Leben und Weben der benachbarten Familien ſchneller ein, als in das Gut des Barons; man nahm innigeren Antheil an dem Schickſale der Menſchen, auch wenn man ſie nicht von Angeſicht geſehen hatte oder mit ihnen verwandt war, denn man fühlte ſich aus einer höheren Sympathie mit allen Lebendigen verbunden, man ſchloß ſich hier nicht wie in dem Edelhofe in ein ſtreng von aller Welt geſchiedenes 5 160 Myſterium eines eximirten Standes ein, man war mit einem Worte Menſch in weiteſter Bedeutung, empfänglich für alle Bildung, zugänglich für alles Geſchehende und die ganze Welt mit den Augen des A Geiſtes wie mit dem Herzen zugleich umfaſſend. So kannte der Direktor wohl die Abneigung, die ſein edler Nachbar gegen ſein Eiſenwerk hegte, er wußte, daß daſſelbe ihm ein Dorn im Auge war, aber da er als gebildeter Mann einſah, daß dieſe Abneigung nur aus Unkunde mit der Leiſtungsfähigkeit des Kupfer⸗ hammers und aus unbeſiegbarem Stolze entſtanden war, ſo bemühte er ſich unabläſſig im Stillen um ſo mehr, die Vorurtheile des Barons zu bekämpfen und ihn allmälig in die Kreiſe ſeiner Lebensanſchauung hinüber zu ziehen, wozu der durch den Doktor Millinger herbeigeführte Beſuch der Nichte des Herrn von Holzer ddoorf wahrſcheinlich den erſten Schritt gethan hatte. Nachdem das Frühſtück unter heiterem Geſpräche beendet war, erhob ſich Doktor Millinger und empfahl die Baroneß dem Schutze der Dame des Hauſes. Er ſelbſt beabſichtigte ſeine Fahrt fortzuſetzen und in der Umgegend mehrere ſeiner Patienten zu beſuchen, ver⸗ 3 ſprach aber zum Mittageſſen zurück zu ſein, ſeine Kranken in der Fabrik ſelbſt am Nachmittag zu ſehen und dann bis zum Abend mit Marie bei der befreun⸗ deten Familie zu verweilen. Er nahm Abſchied und fuhr davon. So war Marie allein geblieben unter den ihr bisher ſo fremden Perſonen, aber ſie fühlte ſich kaum fremd bei ihnen, denn in ihrer einfachen Na⸗ tur lag es nicht, freundlichen Begegnungen kalt ge⸗ genüber zu ſtehen und die wohlthuenden Empfindun⸗ gen zu verbergen, derer ihr Herz gegen Menſchen fähig war, die ſich ihr von einer theilnehmenden Seite zeigten. Ein aufmerkſamer Beobachter jedoch hätte gleich nach der Abfahrt des Arztes eine bedeutſame Verän⸗ derung der Wirthe gegen ihren weiblichen Gaſt wahr⸗ nehmen können. Kaum hatte der Doktor das Zimmer verlaſſen, ſo verdoppelte ſich die Aufmerkſamkeit, man hätte ſagen können, die Zärtlichkeit des Direktors und ſeiner Frau gegen die junge Dame. Ihr Geſpräch nahm eine noch zutraulichere Färbung an, man ſprach mit herzlicher Theilnahme von dem abgeſchloſſenen Leben der jungen Dame auf dem einſamen Gute ihres Oheims und erkundigte ſich mit ungemeiner Liebenswürdigkeit nach ihren Neigungen, ihren Ver⸗ gnügungen, ſo wie endlich nach verſchiedenen Verhält⸗ niſſen des von aller Welt abgeſchieden lebenden Guts⸗ herrn. Marie, wohlthätig angehaucht von ſo unge⸗ wohnter Güte, überließ ſich ganz ihrem anſchmiegſamen Baron Brandau. I. 2. 14 Naturell, ſie gab ſich wie ſie war, aufrichtig, einfach und liebevoll, ſo daß man ſich in der nächſten Vier⸗ telſtunde ſchon um ein Bedeutendes innerlich näher gerückt war. Namentlich Marie fühlte ſich bald durch⸗ aus heimiſch unter den ihr bisher ſo unbekannten Menſchen, ſie vergaß ihren ſtillen Kummer und gab ſich mit Wärme den freundlichen Eindrücken eines neuen Lebens hin. Allmälig und unvermerkt jedoch wurde das Ge⸗ ſpräch abgeriſſener, und vielleicht auch abſichtlicher; der Direktor ſowohl wie ſeine Frau ſchienen etwas zu erwarten, was nicht ſtattfand, ſie warfen ſich dann und wann einen forſchenden Blick zu und richteten ihr Auge nach der Thür, als hofften ſie, dieſelbe werde ſich öffnen und irgend Jemand eintreten. Auch dem gebildetſten Menſchen, der ſich mit vollkommener Geiſtesgegenwart in jederlei Lage zu finden weiß, kann ein ſolcher Zuſtand, wie wir ihn hier erwähnen, ein Hinderniß der in Gang gebrachten Unterhaltung wer⸗ den; man ſühlt ſich gepeinigt durch das Ausbleiben einer Perſon, durch das vergebliche Erharren eines Gegenſtandes, deſſen man innerlich bedürftig iſt. End⸗ lich ſchien Herr Baumann etwas ungeduldig zu wer⸗ den. Er erhob ſich von ſeinem Seſſel, ging nach der Thür, öffnete ſie und blickte hinaus. Gleich darauf⸗ 163 trat er wieder in Marie'’s Rähe, behielt jedoch die Thür fortwährend im Auge. „Erwarten Sie noch Jemand?“ fragte Marie auf die einfachſte Weiſe, da ihr ſeit einiger Zeit jener peinvolle Zuſtand des liebenswürdigen Ehepaars nicht entgangen war. „Ja, eigentlich doch,“ äußerte der Direktor etwas verlegen, wie Jemand, der ſich nicht gern errathen ſieht und doch keinen rechten Grund hat, ſein Be⸗ nehmen zu verhüllen— ich erwarte meinen Freund und Collegen, den Geſchäftsführer Hübner, und ich wundere mich, daß er nicht ſchon bei uns iſt, wie er verſprochen hat. Allein es giebt ſo viel bei uns zu thun und wir finden ſo ſelten eine freie Minute, um uns den Genüſſen des Lebens hinzugeben, daß auch wohl diesmal Herr Hübner eine Abhaltung gefunden haben mag.“ „Dann ſtöre ich Sie doch wohl nicht?“ fragte Marie, indem ſie in offenherzigſter Weiſe ihr Auge ganz gegen den vor ihr ſtehenden Mann aufſchlug. „Ich bitte ſehr um Verzeihung, mein gnädiges Fräulein. Mich ſelbſt drängt die Arbeit nicht ſo ſehr, wenigſtens heute nicht, denn ich habe für dieſen Tag gerade eine Pauſe in meinen Geſchäften eintreten reen 164 laſſen;— die große Maſchinerie unſeres Werkes geht nichtsdeſtoweniger ihren regelmäßigen Gang fort.“ „Sie werden einen ſehr liebenswürdigen Mann kennen lernen,“ nahm die Engländerin das Wort auf, „und dabei einen ſehr brauchbaren Arbeiter. Herr Hübner iſt die Seele des ganzen Kupferhammers.“ „O ja,“ ſagte der Direktor, wie zu ſich ſelbſt. Marie verbeugte ſich nur ein Wenig gegen die Dame des Hauſes, als ſtimme ſie ihrer Anſicht über den erwähnten Unbekannten bei.„Iſt das der Herr,“ fragte ſie,„von dem mir Doktor Millinger geſagt hat, daß er auf den Rath und Wunſch Ihres Herrn Gemahls hierherberufen ſei?“ „Nicht allein auf meinen Rath und Wunſch, mein gnädiges Fräulein, ſondern ich ſelbſt habe nur unter der Bedingung meine hieſige Stelle angetreten, daß Hübner die zweite Dirigentenſtelle übernähme. Wir haben ſeit Jahren unſere Studien gemeinſchaftlich ge⸗ trieben, haben gleiche Erfahrungen geſammelt, haben zuſammen Europa und Amerika bereiſt— und alles Das knüpft feſt an einander, mein Fräulein.“ „Das glaube ich wohl. Herr Hübner iſt ein Deutſcher, ſeinem Namen nach zu ſchließen, nicht wahr?“ 165 „Ja wohl, er iſt ein Deutſcher, wie ich, er hat aber eben ſo lange außerhalb wie in ſeinem Vater⸗ lande gelebt.“ „Nun bleibt er aber wohl für immer hier?“ fragte Marie weiter, um das Geſpräch nicht in's Stocken gerathen zu laſſen. „Ich denke es. Ja. Er iſt nur noch bisweilen auf Reiſen, bald aber wird er ſeine Verhältniſſe in der Reſidenz geordnet haben und dann bleibt er Ihr Nachbar, mein gnädiges Fräulein.“ „Alſo ſtammt er aus der Reſidenz?“ „Nein, doch nicht. Ex hat nur Familienangelegen⸗ heiten daſelbſt zu ordnen— was giebt's?“ Die letzte Frage galt einem Diener, der gerade zu rechter Zeit für den zuletzt Redenden in das Zimmer getreten war und die Worte an die Frau vom Hauſe richtete, ob Herr Hübner nicht ſtöre, wenn er ſeinen Beſuch abzuſtatten ſich erlaube? Der Diener erhielt den Beſcheid, daß Herr Hübner willkommen ſein werde, und trat ab. Einen Augen⸗ blick darauf öffnete ſich die Thür und eine Geſtalt ward in derſelben ſichtbar, bei deren Anblick ſich Marie unwillkürlich von ihrem Sitze erhob. Herr Hübner war ein etwa zweiunddreißig Jahre alter Mann von der ſchönſten Mannesgröße. Er war 166 von ſtarker, breiter Bruſt und man ſah ihm auf den erſten Blick die große Muskelkraft an, die er ſich wahr⸗ ſcheinlich bei Ausübung ſeiner ſchweren Arbeit er⸗ worben hatte. Er war ſchwarz gekleidet, vom Kopf bis zu den Füßen, eine Farbe, von der die blendende Weiße ſeiner feinen Wäſche und Handſchuhe um ſo mehr abſtach. Dieſe große Geſtalt wurde gerade und mit einer Würde aufrecht getragen, die ihr angeboren zu ſein ſchien, ſo natürlich war ſie ihr. Zu dieſer roßen kräftigen Geſtalt paßte auch ganz der aus⸗ Pnchavolle Kopf, der die Schultern dieſes Mannes zierte. Denn er war von ovaler Form, eher klein als groß, und drückte in ſeiner Haltung ſchon eine un⸗ läugbar geiſtige Uebergewalt aus. Sein Geſicht, zum Blaſſen geneigt, war nichtsdeſtoweniger lebensfriſch und warm; von einem ſtarken ſchwarzen, ſehr wohl gepflegten Barte eingefaßt, der ſich oberhalb der Wangen an das glänzende Lockenhaar anſchloß, ſah es wie ein ſchönes, klares Bild aus ſeinem dunkelen Rahmen hervor. Das große braune Auge leuchtete hell und feſt den vor ihm Stehenden entgegen; ſeine, Entſchloſſenheit und Muth verrathenden, kräftigen Lip⸗ pen verſchwanden faſt unter dem dichten Schnurrbarte, ließen aber beim Sprechen oder Lächeln um ſo mehr die ſchönſten Zähne erkennen, die ein ſolches Geſicht 1 —1 zu zieren vermögen. Etwas aber, was dem eintre⸗ tenden Mann vor allen Dingen eigenthümlich war, was wir aber im erſten Augenblicke nicht wahrnehmen können, da er ſich erſt ſchweigend nach allen Seiten verbeugte, war ſeine Stimme. Dieſe Stimme hatte einen mächtigen, tiefen und doch weichen, bis in die Seele des Hörenden vibrirenden Klang. Und in der That, die menſchliche Stimme, zumal der Ausdruck, mit welchem ein Menſch ſpricht, der Accent, welchen er auf jedes Wort legt, giebt dem Menſchenkenner viel Aufſchluß über Den, welcher redet. Seine Geiſtes⸗ und Herzensbildung, ſein Charakter, ſeine innerſte Seele verräth ſich dadurch. Will man wiſſen, wieviel Werth auf das Organ der Sprache zu legen ſei, ſo frage man einen Blinden, der ſelber Bildung beſitzt, und man wird erſtaunen, wie genau dieſer einen Menſchen nach ſeiner Art und Weiſe zu reden taxirt. Ein ſolcher Blinder hätte gewiß nach dieſer Stimme, wenn er ſie gehört, Gutes geurtheilt. Einen ähnlichen Eindruck brachte ſie auf die junge Baroneß hervor, die ſich ſagen mußte, daß ſie noch nie in ihrem Leben einen Mann geſehen, der mit einer ſo ſchönen äuße⸗ ren Erſcheinung eine zugleich ſo bedeutende männliche e gediegene Perſönlichkeit verband, deſſen Bewe⸗ ungen, mochten ſie noch ſo geringfügig ſein, die 168 Kraft verriethen, die in ſeinem Geiſte wie in ſeinem Leibe lebte, deſſen ganzes Weſen das nicht abſichtlich zur Schau getragene, aber innerlich empfundene Be⸗ wußtſein ausſprach, welches das Gefühl der eigenen Würde und des wahrhaften Werthes einem Menſchen allein verleihen kann.— Dieſer Mann— fügen wir es gleich hier hinzu — hatte auch gelebt, aber ſein Leben war dem Wohle der Menſchheit, dem Segen der Arbeit und dem eigenen Fortſchritt geweiht geweſen. Er hatte die Welt durch⸗ ſtreift, nicht um ihre Genüſſe und Freuden auszu⸗ beuten, ſondern um die Quellen des allgemeinen Ge⸗ deihens zu durchforſchen, um den großen Zwecken der — MNenſchheit nachzuſtreben und das Leben ſelbſt zu einer eben ſo edlen wie bedeutungsvollen Aufgabe zu machen. Mit einer ſolchen Perſönlichkeit begabt zeigte ſich Herr Hübner, und nur Eins vielleicht hätte ein ſtreng ariſtokratiſches Auge an ihm tadeln können— denn im Uebrigen gab er keiner vornehmen Erſcheinung etwas nach— und das waren ſeine Hände. Dieſe ziemlich großen Hände, obwohl von untadelhafter Weiße und Weichheit, ſagten, nachdem er ſeine Hand-⸗ ſchuhe ausgezogen hatte und von dem angebotenen Frühſtücke zulangte, dem kundigen Beobachter augen⸗ blicklich, daß ſie ihre Größe und Kraft ihrer Arbeit verdankten, daß ſie fleißig geweſen waren, daß ſie tüchtig angefaßt hatten, daß mit ihrer Hülfe allein der Mann Das geworden war, als was wir ihn gegenwärtig vor uns ſtehen ſehen. Als Marie Herrn Hübner in ihre Nähe kommen und ſich ehrerbietig gegen ſie verbeugen ſah, vergaß ſie beinahe die Erwiderung dieſer Verbeugung,— ſo groß war der Eindruck, den er auf ſie machte. Augen⸗ blicklich hatte ſie mit ihrer angeborenen Faſſungsgabe erkannt, daß er ein ſtolzer, ein mit vollem Bewußt⸗ ſein ſeiner ſchweren Pflichterfüllung auftretender Mann war— und dieſe Männer ſind immer ſtolz, obgleich ſie niemals mit dieſem Stolze Jemanden verletzen, der— ihn zu würdigen verſteht. Anfangs, nachdem die erſten begrüßenden Worte geſprochen waren, glaubte ſie ſein Auge mit einer gewiſſen Strenge auf ihr Geſicht gerichtet; je länger er ſie aber betrachtete, und er that dies mit einer faſt auffallenden, obwohl edlen Dreiſtigkeit und Ausdauer, um ſo mehr ſchmolz dieſe Strenge in eine freundliche, beinahe wehmüthige Milde um, und nur der Ernſt, der über ſein ganzes Weſen gebreitet war, blieb an ihm haften, jetzt wie auch immer. S9 entwickelte ſich denn allmälig ein allgemeines ¹ 170 Geſpräch über verſchiedene naheliegende Dinge, und es war natürlich, daß der Kupferhammer den haupt⸗ ſächlichſten Gegenſtand deſſelben bildete. Marie, wun⸗ derbar ſcheu geworden, was im gewöhnlichen Leben gar nicht in ihrer Natur lag, that einige unbeſtimmte Fragen, aus denen Herr Hübner die Neigung entnahm; daß ſie das Innere der großartigen Fabrikwelt be⸗ trachten möchte, weshalb er unumwunden die Frage ausſprach, ob das gnädige Fräulein wünſche, noch vor Tiſche umhergeführt zu werden. Marie, froh, aus der gegenwärtigen Beſchränkung heraus zu kommen, ſtimmte ſogleich bei und man erhob ſich. Der Direktor ſelbſt verließ bald die Geſellſchaft, um verſchiedene Geſchäfte zu beſorgen, und ſo blieb Herrn Hübner allein die Sorge überlaſſen, die Damen umherzuführen. Der Frau des Direktors ſchloß ſich im Vorzimmer eine ältliche Dame an, die ihre Geſellſchafterin war, und ſo bot Herr Hübner der Beſuchenden ſeinen Arm an, nachdem er einen dichten wollenen Plaid von einem Stuhle des Corridors genommen und über ſeinen freien Arm gelegt hatte. Marie nahm das Gebotene dankbar an und ſo ſchritt man durch den kleinen Blumengarten, der hinter dem Wohngebäude lag, der Fabrik zu. Herr Hübner erwies ſich auf dieſem ſtundenſangen 1 11 Rundgange als ein eben ſo gefälliger und unterrich⸗ teter wie lehrreicher Führer. Er begann ſeine Unter⸗ weiſung mit dem Uranfang des ganzen Eiſenwerks, mit der Gewinnung des Metalls und der Kohlen aus den verborgenen Schachten der Erde. Schon der Weg zu dieſen dunklen und geheimnißvollen Oertern war intereſſant genug. Zuerſt trat man durch ein eiſenvergittertes Thor in den ungeheuren Hof der Anſtalt eein. Auf dieſem weiten, offenen Raume, der merklich A wärmer war, als die äußere freie Luft, weil die Gluth ddeer geöffneten Fabrikgebäude unaufhaltſam in den⸗ ſelben einſtrömte, herrſchte ein reges Leben. Noch beinahe glühende Eiſenplatten lagen lang ausgerollt auf dem Erdboden oder wurden eben ausgerollt, um ſich in der kälteren atmoſphäriſchen Luft abzukühlen. Viele Menſchen, namentlich Knaben, waren mit dieſer vergleichsweiſe leichten Arbeit beſchäftigt. Vorſichtig die junge Dame an den heißen Eiſenſtücken vorüber⸗ führend, gelangte man an eine kleine hölzerne Hütte, welche die Oeffnung bedeckte, die in das Innere der Erde führte. Herr Hübner erklärte mit wenigen Wor⸗ ten die Art und Weiſe, wie die Kohlen und das Ei⸗ ſenerz, welches an Ort und Stelle Rotheiſenſtein war, gewonnen und an die Oberfläche der Erde geſchafft wurde. Nachdem er der Baroneß die Erzſtücke vorge⸗ 172 zeigt und ihren Gehalt an Metall beſtimmt, führte er ſie nach den zunächſt ſtehenden Hochöfen, wo, wie ſchon erwähnt, das rohe Erz in ſeine einzelnen Stoffe zerlegt und das darin befindliche Metall gereinigt und geſchmolzen wird. Er erklärte ihr alle dabei vorgehenden Prozeſſe, ließ vor ihren Augen dasige⸗ ſchmolzene Eiſen in glühenden Strömen in die be⸗ ſtimmten Formen laufen und begab ſich dann weiter in die geſchloſſenen Werkſtätten, um ſie die Vorkeh⸗„ rungen ſehen zu laſſen, denen das nun zur Verar⸗ beitung geſchickt gemachte Metall in ſeinen ferneren Umwandlungen unterworfen wird. So gelangte man zu dem Hauptgebäude des ganzen Kupferhammers, einem unermeßlichen, weiten und hohen Raume, in dem das ſchwarze Reich Vulkan's erſt recht zu Hauſe war, denn ſobald man in daſſelbe eingetreten, befand man ſich in einer neuen, gewiß nicht ſchönen, aber wahr⸗ haft bewunderswerthen Welt. Eine zahlloſer Menge glühender Oefen, Puddelöfen genannt, ſtrömten eine wahre Gluthhitze aus; Hunderte von Menſchen, nur leicht bekleidet und von Ruß geſchwärzt, mühten ſich im Schweiße ihres Angeſichts, eine nie geſehene und hier kaum zu beſchreibende Arbeit zu fördern. Das Schlagen ihrer Hämmer, das ziſchende Getön des erhitzten Eiſens, wenn es aus einer Gluth in die A andere geräth und noch roth glühend zuletzt an's Ta⸗ geslicht gelangt, das blaſende Geräuſch der Windzüge, das ſchwirrende Gelärm der durch Dampf in volle Schwungkraft geſetzten Räder tönte durch das ganze Haus. Keines einzelnen Menſchen Stimme ward da⸗ bei vernommen, jeder arbeitete ſtumm, emſig, mit ge⸗ ſpannteſter Aufmerkſamkeit. Kaum wandte hier und da ein triefender Arbeiter das funkelnde Auge auf den hier ſelten geſehenen Beſuch, denn ein einziger Fehlblick, eine einzige unachtſam verſtrichene Sekunde konnte das Leben Vieler gefährden. Nachdem Herr Hübner den Damen das aus den Hochöfen gekommene und entkohlte Eiſen gezeigt, wie es durch Rieſenhämmer in Ballen verarbeitet, ſchweiß⸗ bar und zu weiterer Wandelung geſchickt gemacht wird, führte er ſie zu den Walzen von vielfach ver⸗ ſchiedener Form. Er ließ einen dicken länglichen Stab, in welchen ein unter dem Hammer befindlicher Eiſen⸗ klumpen verwandelt war, zwiſchen ein Walzenpaar bringen und daraus in unglaublich kurzer Zeit eine Eiſenbahnſchiene formen, in welche ein mit der größten Ruhe auf und nieder gehender Stempel die Löcher bohrte, als wäre das harte Eiſen nur weiches Wachs. Nachdem ſie dann noch die ſogenannten Krokodils⸗ zähne bewundert, eine Art rieſiger Scheeren von dreißig 174 Centnern Schwere, die zolldicke Eiſenplatten wie ein Blatt Papier durchſchneiden, zeigte er ihr das Ziehen des Drahtes, das Schmieden von Eiſenſtäben mit der Hand und dem Hammer und mehrere andere Verrich⸗ tungen, die wir hier nicht genauer beſchreiben wollen, um den Leſer, der gewiß dergleichen geſehen, nicht zu ermüden. Herr Hübner blieb an jedem Orte ſtehen, wo es etwas Neues zu ſehen und zu erklären gab, und das war beinahe bei jedem Schritte der Fall. Mit kurzen und kräftigen, die Hammerſchläge übertönenden Wor⸗ ten ſetzte er dem jungen Mädchen Zweck und Gegen⸗ ſtand des ſichtbaren Schaffens auseiander, und immer war er bemüht, ſie fern von aller Gefahr auf dieje⸗ nigen Punkte zu ſtellen, wo ſie ſicher und genau das Hauptſächlichſte überſchauen konnte. Marie, ſtumm, — ob vor Erſtaunen über Das, was ſie zum erſten Male in ſo großartigem Maaßſtabe ſah, oder aus einem anderen Grunde, wollen wir hier nicht zu ent⸗ räthſeln verſuchen.— trat wie in einer Traumwelt an der Seite ihres Führers einher, und wer ein Auge dafür gehabt, hätte bemerken können, wie ſchön und wunderbar ſich neben der kräftigen Geſtalt des den⸗ kenden Mannes die holdſelige, zarte und fühlende Jungfrau ausnahm. 16 175 So hatte ſie in einer Stunde Viel geſehen und ſtets war Herr Hübner vorzüglich bedacht geweſen, die unerfahrene Schülerin auf die Kräfte aufmerkſam zu machen, welche der Menſch zu wecken verſtand, um mittelſt ſeines hervorragenden Geiſtes das Gewonnene wieder zu höheren Zwecken zu verwenden. Nie in ihrem Leben war ihr dieſer Geiſt des Menſchen ſo ſchöpfe⸗ riſch, nie die Kraft des Arms ſo bedeutungsvoll und ſiegreich erſchienen; in einer ſolchen Welt zu leben und zu wirken, zu ſo wichtigen Zwecken zu arbeiten, trat ihr jetzt zum erſten Male als ein würdiges Be⸗ ſtreben einer männlichen Seele vor das ſtaunende Auge. Denn aus dieſer Werkſtatt ſtrömten in die weite, weite Welt jene herrlichen Werke der Induſtrie und Technik, welche die Menſchheit in zehn Jahren um ein Jahrhundert vorwärts gebracht haben, die Arme der tauſend hier gegenwärtigen Menſchen und der Geiſt der Wenigen, der ſie befeuerte und lenkte, arbeiteten für Millionen, indem ſie ihnen Bequemlich⸗ keiten, nothwendig gewordene Bedürfniſſe und Mittel zum genußreichen Leben boten. „Was iſt Das?“ flüſterte Marie, indem ſie auf einen rieſigen Amboß zeigte, auf dem ein Hammer, der mehr wie eine gigantiſche Streitart ausſah, lag. „Wozu dient dieſer Hammer, und giebt es einen ſo 176 ſtarken Menſchen, der ihn heben und damit irgend ein Werk verrichten könnte?“ Und ſie zitterte dabei, indem ſie dies fragte, kaum wagend, zu dem belebt ernſten Geſicht ihres Führers aufzuſchauen. Herr Hübner lächelte. Er löſſte ſanft ſeinen Arm von dem ihrigen los, gab einem Jungen ſeinen Plaid zu halten und ſtellte ſich mit ausgebreiteten Schenkeln vor dem Amboß auf. Dann den koloſſalen Hammer mit beiden Händen ergreifend, hob er ihn, erſt ver⸗ ſuchsweiſe, dann mit einem Male mächtig und blitz⸗ ſchnell in die Höhe und ließ ihn dröhnend auf eine Eiſenſtange niederfallen, welche ſogleich zwei Rieſen, beinahe ſo gewaltig wie er und ſeine Abſicht erra⸗ thend, mit großen Eiſenzangen an beiden Enden ge⸗ packt hatten. Der Hammer hatte ſein Ziel erreicht, das Eiſen war in zwei Theile mitten durch geſpalten und matt lächelnd machte der ſtarke Mann der beweg⸗ ten Dame ſeine Verbeugung.. Marie ſprach nicht mehr, ſie wagte keine weitere Frage vorzubringen; die Kräfte der Maſchinen und Menſchen, derer Wirkung ſie hier geſehen, gingen über ihre Vorſtellung des Möglichen. Unwillkürlich ergriff ſie wieder den Arm ihres Führers, der ſie nun durch die anderen Räume leitete, bis ſie endlich in das letzte Arbeitshaus traten, wo die roheren Stücke ge⸗ feilt, geglättet und zu ihrer näheren Beſtimmung zu⸗ gerichtet wurden. So war man an das Ende des Ganzen gelangt. Ehe man aber wieder in's Freie trat, legte Herr Hüb⸗ ner der jungen Dame den Plaid um die Schultern und hüllte ſie vorſichtig in die Fallten deſſelben ein, denn die warme Auguſtluft war kühl gegen die Gluth in den inneren Räumen der Werkſtätten. Marie ließ ſich ſchweigſam dieſe zarte Aufmerkſamkeit gefallen; ſie war immer ſtiller und nachdenklicher geworden und erſt hier bemerkte ſie, daß ſie mit ihrem Führer allein war, denn die beiden anderen Damen hatten die Hitze nicht ertragen können und waren ſchon früher aus den oft geſehenen Arbeitsräumen getreten. Als man im Wohnhauſe angelangt war, überließ Herr Hübner die Baroneß den Damen des Hauſes, während er ſelbſt ſich aus dem Zimmer entfernte. Als Marie ſich von ihrem Begleiter verlaſſen ſah, dünkte ſie ſich plötzlich aller menſchlichen Hülfe beraubt und als ſei die Kraft, die ſie ſo eben in Geſtalt des ſchönen Mannes beſchützt, auch aus ihrer eigenen Bruſt gewichen. Von einer nie empfundenen Mattigkeit und Beklommenheit befallen, ſank ſie in einen ſchwellen⸗ den Seſſel und blieb längere Zeit, nur mit ihren innerſten Gedanken beſchäftigt und kaum hörend, daß Baron Brandau. I. 2. 12 178 neben ihr geſprochen wurde, unbeweglich darauf ſitzen. 1 Da rollte ein Wagen vor das Haus. Die beiden Damen, die außer der Baroneß im Zimmer weilten, traten an's Fenſter.„Doktor Millinger!“ hörte Marie rufen. Als dieſer Name in ihr Ohr drang, der ſie an die Außenwelt, an Holzendorf, an ihre perſönlichen Verhältniſſe erinnerte, ſeufzte ſie beinahe, erhob ſich jedoch maſchinenmäßig und ging dem Freunde ent⸗ gegen, der ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Munter⸗ keit die Zurückgebliebenen begrüßte und tauſend Fra⸗ gen an das Fräulein richtete, von denen faſt keine einzige vollſtändig beantwortet wurde. Gleich darauf traten der Direktor und Herr Hübner wieder ein. Eine große Flügelthür ward geöffnet und man ſah im Nebenſaal die Mittagstafel bereitet. Die Herren führten die Damen ein; Marie ward, ohne zu wiſſen, wie es geſchah, abermals die Nachbarin ihres vorigen Begleiters. Während des Mahles drehte ſich das Geſpräch faſt gänzlich um die geſchäft⸗ liche und kaufmänniſche Seite des Kupferhammer⸗ werkes, wohin es namentlich der Arzt zu bringen ſtrebte, um ſich von den beſtehenden Verhältniſſen zu unterrichten. Zwar verſuchte Herr Hübner verſchie⸗ dene Male, es auf etwas Anderes zu lenken, auf die . — benachbarten Güter, den Bau der neuen Eiſenbahn und andere den Damen zugänglichere Dinge, aber der hartnäckige Doktor hielt ſein Geldgeſpräch feſt und ſchloß endlich damit, geradezu auszuſprechen: ſein Vertrauen in die Rentabilität des Eiſenwerks ſei ſo groß, daß er den bedeutendſten Theil ſeines kleinen Vermögens auch hineinſtecken werde. „Sie können nichts Geſcheidteres thun, mein lieber Doktor,“ ſagte der Direktor,„denn wir, das heißt Hübner und ich, die mit die erſten Actionäre des Unternehmens waren, obgleich wir weit entfernt von hier lebten, haben jetzt ſchon zehn Procent gezogen, und wenn die Eiſenbahn erſt hier vorbei läuft, kön⸗ nen wir in einigen Jahren ſicher auf das Doppelte rechnen.“ „Zwanzig Procent!“ ſagte der Doktor nachdenklich. „Tauſend Element! Das wäre was für unſern Herrn Baron! Denken Sie, gnädiges Fräulein, zwanzig Procent!“ Aber kein Menſch erwiderte ein Wort auf dieſen Ausruf; mochte es nun ſein, daß Alle den Wider⸗ willen des benachbarten Edelmanns gegen dergleichen Geſchäfte und beſonders gegen den Kupferhammer kannten und achteten, oder mochte ihr eigener Gedanken⸗ gang ſie von dem angeregten Gegenſtande fernhalten. 12* So verging das Mittagsmahl ziemlich ſtill und gleich darauf begab man ſich in den Garten, um den Kaffee zu trinken. Wenn Doktor Millinger die junge Baroneß mit nach dem Kupferhammer genommen hatte, um ihre Gedanken von ihren traurigen häus⸗ lichen Angelegenheiten abzuleiten und ihr eine lebens⸗ friſche Zerſtreuung zu bereiten, ſo war ihm das voll⸗ kommen gelungen— ſogar beinahe noch mehr als das, denn Marie hatte ſich nicht allein zerſtreut, ſondern ſie war auch zerſtreut geworden. Das bemerkte der gute Doktor jetzt ſchon im Garten, wo ſie am Arme der Engländerin auf⸗ und niederging, eine Blume an die Lippen drückte und, ohne viel⸗ leicht zu wiſſen was ſie that, mit ihren weißen Zäh⸗ nen ihr nach und nach alle Blätter abpflückte. Sin⸗ nend ſchaute ſie dabei vor ſich nieder und doch merkte man ihr an, daß ſie Nichts von Allem ſah, was vor ihren Augen lag. Allein man konnte ſich darüber kaum wundern. Hatte ſie doch ſo viel, ſo ſehr viel an einem Tage, in wenigen Stunden geſehen, was von ihrer bisherigen Lebensweiſe ſo weit abwich, und alles Das drehte ſich nun in ihrem Köpfchen herum, und ſie konnte es unmöglich ſo raſch ordnen, wie es 5 ihr von allen Seiten reichlich von Neuem zuſtrömte. Was man auch hier im Garten, auf und ab⸗ 181 gehend oder um den Kaffeetiſch ſitzend, ſprach— vom Baron auf Holzendorf ward kein Wort mehr ge⸗ ſprochen und der Arzt war der Einzige geweſen, der, wie wir ſo eben gehört, ſeiner vorübergehend Erwäh⸗ nung gethan hatte. So geſprächig Herr Hübner auch vorher geweſen war, jetzt ſah man auch ihn in tiefes Schweigen verſunken. Ernſt, mit nachdenklicher Miene, ſaß er, langſam und faſt mechaniſch ſeine Cigarre rauchend, da; er wußte in dieſem Augenblick vielleicht ſelbſt nicht, was er that. Bisweilen ſchien er ſich zu⸗ ſammenraffen und eine Frage ausſprechen zu wollen, aber kein hörbares Wort kam über ſeine Lippen. Je weiter der Nachmittag vorſchritt, und je näher alſo die Scheideſtunde des Beſuches aus Holzendorf heran⸗ rückte, um ſo aufmerkſamer betrachtete er die herrliche Geſtalt, das reine, edelgeformte Geſicht der ihm gegen⸗ überſitzenden Baroneß. Jeden Zug ſchien er an ihr durchforſchen, jede Miene entziffern zu wollen, und das wurde ihm um ſo leichter gemacht, da Marie ihre Augen, wie gewöhnlich in ſinnenden Momenten, niedergeſchlagen hielt und mehr in ſich ſelbſt als in die Welt hinaus ſchaute. Da das Mittagseſſen zu ſpäter Stunde einge⸗ nommen war und etwas lange gedauert hatte, ſo war der Nachmittag ſchneller als man dachte vergangen. Die Sonne ſank ſchon ſichtbar tiefer im Weſten und eine kühlere Luft fächelte durch den eingeſchloſſenen Garten. Der Doktor mahnte zum Aufbruch und in Anbetracht der etwa ſtundenlangen Rückfahrt über die Berge— während der Fußweg um die Hälfte kürzer war 2³ bat Niemand, die Abreiſe noch länger hinaus⸗ ſchieben zu wollen. Bald war Marie in ihre warmen Tücher gehüllt und hatte den freundlichſten Abſchied von Allen genommen. Bitten und Verſprechungen auf baldige Wiederholung des Beſuchs waren aus⸗ getauſcht und Marie hatte ſogar den Wunſch laut werden laſſen, die Gattin des Direktors nächſtens in Holzendorf zu ſehen. „Das wird ein frommer Wunſch bleiben!“ dachte Doktor Millinger, als er ihn ausſprechen hörte,„denn es müßte wohl etwas Bedeutendes geſchehen, ehe der Baron nach dem Kupferhammer käme oder einen Be⸗ wohner deſſelben auf ſeinem Gute willkommen hieße.“ Der Wagen fuhr vor und die Beſuchenden ſtiegen ein, von herzlichen Worten und Wünſchen begleitet. Marie hörte oder verſtand faſt keine Sylbe, denn ihre Augen waren wie gebannt auf alle vor ihr liegenden Einzelnheiten des Ortes gerichtet, den ſie ſo früh ſchon verlaſſen mußte. Sie ſchien ſich nicht von ihm tren⸗ nen zu können. Endlich entriß ſie ſich mit Gewalt —— 183 ihren geheimen Betrachtungen, wandte das wehmüthig lächelnde Geſicht auf die den Wagen Umſtehenden und blickte ſie auf eine Weiſe an, daß Niemand ſo⸗ bald dieſen Blick vergaß. Da zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon. Der Direktor und ſeine Frau blieben vor der Thür ſtehen, ſo lange ſ ihn ſehen konnten; als er aber ihren Augen entſchwunden war, wandten ſie dieſe Augen auf ſich ſelber und tauſchten einen nur ihnen allein verſtändlichen Blick aus. Als ſie ſich aber gleich darauf umdrehten, um nach ihrem Gefährten, Herrn Hübner, zu ſehen, fan⸗ den ſie ihn nicht mehr vor, denn er war unmittelbar nach der Abfahrt des Wagens in eine der Werkſtätten getreten, wo ihn ſogleich das Rauſchen und Brauſen der ſchwirrenden Räder umgab und eine Thätigkeit herrſchte, die mit den Gefühlen des menſchlichen Her⸗ zens nichts gemein zu haben ſchien. „Ein wichtiger Tag für Hübner, ohne Zweifel!“ ſagte der Direktor, als er ſeine Gattin in das Haus zurückführte.„Wer hätte ſich auch von dem Engel eine richtige Vorſtellung machen können, den uns der Doktor da in'’s Haus geführt hat!“ „Nun,“ erwiderte die Frau,„er hatte uns ja gleich geſagt, daß er uns etwas Seltenes und Schönes zeigen würde.“ — —— — eeeeeeee 184 „Ja, das hat er freilich geſagt, aber dergleichen hört man ſo oft, daß man ſelten an den Buchſtaben glaubt. Was werden wir nun erleben, Katy, was meinſt Du?“— „Gott allein weiß es!— Aber warum iſt Hübner ſo ſchnell weggegangen?“ „Mein Kind, es wird ihm nicht viel anders er⸗ gehen als uns. Er fragt ſich vielleicht auch in die⸗ ſem Augenblick:„Was nun?“ und beantwortet ſich die Frage mit Deinem:„Gott allein weiß es!“ Ja, Er allein weiß es; und Das muß uns Menſchen fürs Erſte genug ſein.— Will er morgen ſchon wieder nach der Reſidenz?“ „Er hat nicht wieder davon geſprochen; möglich, daß er, nachdem dieſer Beſuch dageweſen, ſeinen Ent⸗ ſchluß geändert oder aufgeſchoben hat.“ „Nun, wir werden es bald hören. Gott. gebe ſei⸗ nen Segen zu allen dieſen Unternehmungen! Er ſpielt ein gewagtes aber auch ein ſchönes Spiel. Gott helfe ihm!“ Mit dieſen Worten ging der oberſte Leiter der Anſtalt in ſein Bureau und ließ ſeine Gattin, ſinnig vor ſich hin lächelnd, wie Frauen zu thun pflegen, wenn ſie einen geheimen Gedanken verfolgen, der Angenehmes verſpricht, in ihrem Zimmer zurück. —— 185 Als der Wagen des Doktors durch die Arbeiter⸗ colonie heimwärts rollte, herrſchte in derſelben ein ſo 4 3 reges Leben, wie es ſich nur zweimal des Tages, Mor⸗ gens und Abends, darin zeigte. Die Tagesarbeiter hatten ihre Pflicht erfüllt und die Nachtarbeiter löſten ſie ab. Die Erſteren, denen ihre Frauen und Kinder bis an das große Thor entgegengekommen waren, zogen langſam und ermüdet in ſtillen Gruppen nach ihren Häuſerchen; die Letzteren, auch bisweilen von den Ihrigen begleitet, traten in behenderem Schritte einher, denn ſie hatten ſich ausgeruht und der fleißige und denkende Arbeiter freut ſich ſeiner Arbeit und ſchreitet mit Luſt auch der ſchwierigſten Aufgabe ent⸗ gegen. Doktor Millinger machte ſeine junge Freun⸗ din auf dieſe verſchiedenen Züge aufmerkſam und ſprach mit innerer Wärme von den glücklichen Zu⸗ ſtänden dieſer Leute. Marie aber, an deren Seelen⸗ augen die ganze eben verlebte Vergangenheit in allen ihren Einzelnheiten vorüber tanzte, hörte ihn kaum. In die Ecke ihres Sitzes gedrückt, ſchweiften ihre Blicke weit über die vor ihr liegende abendliche Landſchaft hinaus. Es war eine Art unſichtbarer Revolution in ihrem Innern ausgebrochen, deren Wirkungen ſich weniger beſchreiben als fühlen laſſen. Was war nur geſchehen, daß ihr alle Gegenſtände, die vor ihr lagen und die ſie ſchon öfter betrachtet, ganz anders erſchie⸗ nen als früher, daß ſie eine heftigere, tiefere Einwir⸗ kung auf ſie hervorbrachten, daß ſie ihr heute Abend viel bedeutender, größer, wichtiger däuchten, als heute Morgen? War es eine Täuſchung ihrer Sinne oder hatten ſich dieſe Sinne, früher verſchloſſen, jetzt plötz⸗ lich geöffnet— genug, die Welt, die vor ihr lag, ſchien ihr viel weiter, unermeßlicher, ſchöner und reicher geworden zu ſein. Selbſt die Blätter der Bäume, an denen ſie vorüberfuhr, prangten in eine lebhafteren, glänzenderen Farbe, in den Lüften ds Abends ſchlummerte eine ſüße, verführeriſche Gewalt, die ſie berauſchte, als wäre ſie aus ätheriſcheren Beſtandtheilen zuſammengeſetzt. Aber der Grund die⸗ ſer allgemeinen Verſchönerung, dieſes perſönlichen Rauſches war ihr nicht klar, ſo ſehr ſie ſich mühte, ihn zu entdecken. Woher mochte dies Gefühl einer nie empfundenen Glückſeligkeit wohl ſtammen? Kam es vielleicht daher, daß ſie, die bisher nur in einer kleinen und abgeſchloſſenen Welt gelebt, plötzlich in eine andere größere, reichhaltigere geblickt hatte, ſchlummerte in ihrem Herzen vielleicht eine innige, ſich ganz, hingebende Theilnahme für größere Verhältniſſe, und war dieſe jetzt durch die Ereigniſſe dieſes einen Tages zum Leben erweckt? — Wie Dem auch ſein mochte, ſie konnte ſich ihre unbeſtimmten Empfindungen nicht ſelbſt erklären, nur wußte und erkannte ſie, daß dieſelben nicht trauriger, vielmehr ſehr belebender und beglückender Art waren. Die ſo lange um die leidende Menſchheit und ihre nähere Umgebung getragenen Sorgen, die aus ihrem innigſten Mitgefühl entſprangen, waren in den Hinter⸗ grund ihrer Seele getreten und der Wirrwarr, in dem ſie im Hauſe ihres Oheims befangen war, ſchien ihr plötzlich an Bedeutung verloren zu haben; das in der Luft ſchwebende Räthſel der Familie vor Allen dünkte ihr nicht mehr ſo ſchwer zu löſen, denn es kam ihr vor, als müſſe es eine Macht in der Welt geben, die das über ihre Familie verhängte Schickſal bewältigen und die Stürme, die über ihres Oheims Haupt brau⸗ ßten, beſchwichtigen könne. Wer dieſe Macht beſaß, woher ſie kam, wohin ſie neigte— das wußte ſie eben ſo wenig, wie ſie wußte, ob dieſe Macht in ſichtbarer Geſtalt exiſtirte, ob ſie in der Hand, dem Willen eines Menſchen oder in dem überwachenden Auge der Vorſehung läge, die unſichtbar und doch allgewaltig in den Wolken thront, das Weltall regiert und die Menſchengeſchicke ſchon auf Erden nach ihrem Verdienſte und Werthe abwägt. Dieſe unbeſtimmten und nebelhaften Gedanken⸗ — ——— ——· 188 bilder kamen ſo raſch und fluthweiſe an ſie heran, daß ſie wider Willen von ihnen mit fortgeriſſen wurde und ferner weder auf ihren Nachbar noch auf die Gegend achtete, durch die er ſie fahren ließ. Sie hatte gewiß eine halbe Stunde mit Grübeln und Phantaſiren zugebracht und dabei nicht bemerkt, daß die Zeit verſtrichen und der Ort gewechſelt war. Schon bewegte ſich der Wagen langſam die letzte An⸗ höhe hinauf, die das Gut des Oheims von dem Ge⸗ biete des Kupferhammers trennte; plötzlich ſtieß das eine Rad an einen im Wege liegenden Stein und die im Wagen Sitzenden wurden ſtark zuſammengerüttelt. Dieſer Zufall weckte Marien aus ihren Träumereien auf; ſie erhob ihr Auge und begegnete dem forſchend auf ſie gerichteten milden Auge des Arztes. Er lächelte ſanft bei dieſer ihm vielleicht nicht unwill⸗ kommenen Begegnung und that, als ob er das Er⸗ röthen nicht wahrnähme, welches ihr holdes Geſicht in dieſem Augenblicke überzog. „Nun,“ ſagte er mit ſeiner ruhigen Stimme,„Sie ſcheinen ja ganz in die Erinnerung des durchlebten Tages verloren zu ſein. Gefielen Ihnen die Leute, deren Bekanntſchaft Sie heute gemacht haben?“ Die ſo freundlich Angeredete wachte bei dieſen, ihren eigenen Gedankengang berührenden Worten ganz 1 189 aus ihrem geiſtigen Traume auf. Sie lächelte eben⸗ falls auf eine unbeſchreiblich ſanfte Weiſe und ſagte ſchnell:„Ja, ja, lieber Doktor, ſie gefielen mir ganz außerordentlich. O, was für Menſchen! Welch' ein glückliches Leben! Welcher Segen entſpringt aus ihrer unermüdlichen Arbeit!“ „O-ja. Aber ſie haben auch ihre Leiden, wie Sie — wie Ihr Oheim, der Herr Baron, wollt' ich ſagen.“ „Nun freilich, die Leiden und Freuden ſind immer gemeinſchaftlich bei den Menſchen zu finden.“ „Aber Sie ſprachen eben nur von ihrem Glück. Allerdings haben Sie darin in einer Beziehung Recht. Dieſe der Arbeit geweihten Menſchen machen ſich ——— 4 weniger Sorge, als die Menſchen vornehmeren Stan⸗ des, ſo ſchwer ihnen auch oft das Werk ihrer Hände wird.“ „Gewiß; die ſogenannten Vornehmen ſchaffen ſich ſelbſt mehr Leid durch ihre Leidenſchaften, ihren Ehr⸗ geiz, ihren Stolz, ihr Beſtreben, ſich immer noch höher über ihre Verhältniſſe zu erheben, während dieſe Menſchen an nichts Anderes denken als an ihre Arbeit.“ „Zum Theil mag Das wohl ſo ſein. Es könnten wenigſtens Viele ein Beiſpiel daran nehmen. IUh 190 gäbe was darum, wenn wir den Herrn Baron be⸗ wegen könnten, ſich das Leben dieſer Leute aus der Nähe zu betrachten!“ Marie ſeufzte, als ſie durch dieſe Worte wieder an ihren Oheim erinnert wurde und ſich nun in na⸗ türlicher Gedankenfolge das Unheil vorſtellte, welches ſich durch ſeine Söhne über ſein altes Haupt ergoſſen hatte. Sie wollte eben etwas auf den Ausſpruch des Doktors erwidern, als das Fuhrwerk den Gipfel des Berges erreicht hatte und die Fahrenden nun das ſtille weite Thal, mit den großen Stoppelfeldern darin, jenſeits die ragenden Berge im Abendnebel, und rechts und links die ſchweigenden Wälder überblickten, in deren Gründen ſich ſchon das Dunkel der Nacht zu lagern begann. Als Marie aber dies bekannte Thal, dieſe nebli⸗ gen Berge, dieſe ruhenden Wälder ſah und die Stille auf ihr Herz fiel, die über Allem ſchlief, wurde ihr wunderbar heimlich zu Muthe; ſie reichte dem Arzte die Hand und ſagte leiſe, indem ſie ihren Kopf zu⸗ traulich ſeiner Schulter zuneigte:„Da iſt unſere Hei⸗ mat, lieber Doktor, in ihr leben und fühlen wir, in ihr müſſen wir auch handeln und wirken. La⸗ ſſen Sie uns Das, was wir heute gelernt, nicht vergeſſen, vielmehr in das Leben hineintragen, welches vor uns 191 liegt. Jedem Menſchen iſt der Raum, die Stätte, die ihm zum Aufenthalt zugewieſen, eine Werkſtätte der Arbeit, der Hülfe, wie wir ſie heute geſehen haben. Regen auch wir, wie Jene, unſere Hände und ſchmie⸗ den und hämmern wir darauf los, vielleicht ſind unſere ſchwachen Glieder gleichfalls auserſehen, wenn nicht Großes, doch ſicher Gutes zu, leiſten. Nicht wahr?“ „Ja wohl, ja wohl, mein liebes ſüßes Kind!“ rief der Doktor entzückt, denn Mariens flammende Augen hatten ihn bei dieſen Worten ſo himm⸗ liſch gütig und vertrauensvoll angeblickt, daß er weit mehr darin geleſen, als ſie vielleicht mit ihren weni⸗ gen Worten ausgedrückt haben wollte. — Bald darauf rollte der Wagen in den Gutshof ein und der Arzt hob ſeine Pflegebefohlene von dem Tritt herunter. Während er ſelbſt nun wieder einſtieg und nach Hauſe fuhr, wo ihn möglicher Weiſe neue Geſchäfte erwarteten, huſchte Marie ſchnell in ihr Zimmer, und nachdem ſie Hut und Tücher abgelegt, trat ſie bei dem Oheim ein, der ſtill auf ſeinem Seſſel ſaß und ſich wie gewöhnlich bei einbrechender Abenddämmerung ſeinen Gedanken überließ. Marie flog auf ihn zu, umſchlang ihn herzlich und bedeckte ſeine Wangen mit Küſſen. Der Baron, dem dieſe Unterbrechung ſeiner wenig behaglichen Einſamkeit ſehr gerathen kam, drückte ihr die Hand und fragte ſie, ob ſie ſich gut unterhalten und zerſtreut habe. Da ergoß ſich deng die Gefragte in einen ſo endloſen Strom allgemcad und einzelner Mittheilungen, daß der Baron ebenfalls einem Traume anheim gegeben zu ſein wähnte. Er wollte und konnte nicht glauben, daß Alles ſo ſei, wie Marie ihm berichtete. Er zwei⸗ felte, wenn nicht an Allem, doch an Vielem. Denn daß es eine ſo vollkommen orzaniſirte neue Welt geben könne, ſo liebenswürdige Menſchen, wie Marie ſie ſchilderte, die von dem Herrn Baron auf Holzen⸗ dorf nur Gutes ſprachen und dachten— Das anzuneh⸗ men, war ihm nie in den Sinn gekommen. Er ſelbſt hatte ſich ja nie um den Kupferhammer und ſeine Bewohner bekümmert, wie konnten denn dieſe irgend einen Antheil an ihm nehmen? Endlich glaubie er den Schlüſſel zu dem Räthſel gefunden zu haben. Er ſagte ſich, daß Marie noch nie etwas Anderes geſehen, als ihre Krankenanſtalt und ſein einſames Gut. Daher ſei es denn erklärlich, wie ſie von dem zum erſten Male wahrgenommenen Treiben in einer großen Werkſtatt, wo nur ruſſige Handarbeiter wirth⸗ 193 ſchafteten, in Erſtaunen gerathen ſei. Im Ganzen 3 genommen, obwohl er der Pflegetochter den gehabten Genuß nicht mißgönnte, ſich ſogar freute, daß ſeine Abſicht, ihr eine Zerſtreuung zu gewähren, gelungen ſei, war es ihm doch etwas unbehaglich, daß ſie von der Nachbarniederlaſſung, die ihm von jeher für eine unbequeme Störung ſeiner gutsherrlichen Ruhe ge⸗ golten hatte, ſo überaus entzückt war. Als Marie daher mit ihrer Erzählung zu Ende war und noch Fragen beantwortet hatte, die ihr der Oheim vorge⸗ legt, blieb er ruhig, den Kopf hintenüber gelegt, auf ſeinem Seſſel ſitzen und überließ ſich ſeinem eigenen Gedankengange. Dieſe Ruhe ſtimmte ganz mit Ma⸗ ries Wünſchen überein, denn auch ſie hatte ihre Gedanken und ſah ſich durch die zweifelnden Worte eines Ungläubigen und Unkundigen nur ungern aus den Träumen geriſſen, in denen ſ ſie ſich ſeit kurzer Zeit zu wiegen begonnen hatte. Sie ließ ſich daher auf eine kleine Bank zu den Füßen des Oheims nie⸗ der, faßte eine ſeiner Hände und beugte ihr ſchönes Haupt auf ſein Knie nieder. In dieſer Lage blieben Beide lange Zeit, bis völlige Dunkelheit den Zimmer⸗. raum erfüllte, der Baron, von der Stille des Abends eingelullt, in ſanften Schlummer ſank und dadurch allen Sorgen dieſer Welt entrückt wurde. Baron Brandau. 1. 2. 13 —ℳO⸗ℳ-a-UC-— 194 Als Marie den wohlthuenden Zuſtand des ge⸗ liebten Mannes bemerkte, rührte ſie ſich nicht, und ſo blieb ſie wohl eine Stunde liegen, bis der alte Friedrich, ſich verwundernd, daß heute kein Befehl zum Lichtanzünden ertheilt werde, den Kopf ins Zim⸗ mer ſteckte und damit die beiden Ruhenden aus ihren Träumen aufſchreckte. „Was giebt'’s?“ fragte der Baron mit ſeiner kal⸗ ten, gebieteriſchen Stimme, während er dabei in ein behagliches Gähnen ausbrach. „Befehlen der Herr Baron heute kein Licht?“ „Ja, zum Teufel! Warum iſt es nicht ſchon lanae da?“ Gleich darauf wurde das Licht gebracht und die Abendtafel beſtellt, wozu die gewöhnliche Zeit ſchon längſt vorüber war. 4 Swölftes Aapitel. Das Buch der Natur. Die nächſte Nacht war für Marie eine der unrü⸗ higſten und ſeltſamſten, die ſie noch in ihrem kurzen Leben überſtanden hatte. Der Schlaf, der die jungen und ſorgloſen Weſen ſo gern beſucht und ſo ſchwer ſich von ihnen trennt, wollte diesmal nicht herbei⸗ eilen und ihre klopfenden Schläfe beruhigen. Die Ereigniſſe des Tages waren zu aufregend, zu neu für ſie geweſen, als daß ſie nicht in ihrem Geiſte noch lange hätten nachklingen und die gewohnte Ruhe verſcheuchen ſollen. Es war ihr unmöglich, ihre Ge⸗ danken zu zwingen, ſich von den allzu feſt gehaltenen Bildern loszuſagen. Beſtändig kreiſten vor ihr die rieſigen Schwungräder mit ihrem beängſtigenden Ge⸗ ſtöhne, immer glühten die Oefen vor ihren Augen und die feurige Lohe fuhr ziſchend auf und nieder. Das 43* — ÿÿ— * 196 Hämmern auf den Amboſſen, das Knattern der Sä⸗ gen, das dumpfe Gelärm der durch die Walzen ge⸗ zogenen Eiſenſtäbe zitterte und ſummte in ihren Ohren, und Hunderte von dunklen menſchlichen Geſtalten be⸗ wegten ſich unabläſſig hin und her, die Feuer glühen⸗ der zu machen, die Räder in haſtigere Bewegung zu ſetzen und das widerſtrebende Metall zu gefügigen Formen und Geräthen zu zwingen. Unter allen die⸗ ſen Geſtalten ſtand aber ſtets eine am klarſten vor ihrer Seele und hatte ihre Fürſorge auf jede ihrer Bewegungen, auf jeden ihrer Blicke gerichtet. Größer, kräftiger, gewaltiger noch im Halbtraume als in der Wirklichkeit, erhob ſich dieſe Geſtalt überall vor ihren Augen, und ihr mächtiger Wille, der allen den arbei⸗ tenden Händen und Geiſtern gebot, mäßigte oder ſteigerte, je nach Erfordern, alle Kräfte, ſowohl die der Elemente wie die der Menſchen. Dieſer Mann — wir ahnen ſchon, daß es der oberſte Werkmeiſter, SHerr Hübner, war— hielt ſein flammendes Auge uunverwandt und feſt auf ſie gerichtet, ſein ruhig edles, ſinnig lauſchendes Geſicht zeigte in allen ſeinen Mienen die innigſte Theilnahme, die geſpannteſte Aufmerkſamkeit für ſie, die ſtill bewundernde Zuſchauerin. Aber er ſchien ihr in dieſem Spiegelbilde ihrer Phantaſie noch mehr ſagen zu wollen, als er ihr in der Wirklichkeit 119, geſagt hatte. In letzterer war er eigentlich ſtill ge⸗ weſen, denn wenn man die Erklärungen der ver⸗ ſchiedenen Arbeiten abrechnete, die er ihr angedeihen laſſen, ſo hatte er von anderen Dingen gar nicht mit ihr geſprochen, kaum nur dies oder jenes Einzelne gelegentlich gefragt. Jetzt im Traume aber trug ſeine Miene etwas Geheimnißvolles, innerlich Gährendes zur Schau, es lag in ihr ein ſeltſamer, ſchwer zu er⸗ klärender Ausdruck, gleichſam als wolle er ihr ein Räthſel aufgeben, welches Marie, trotz aller Mühe, die ſie ſich gab, nicht zu löſen vermochte.„Was er mir nur ſagen will!“ ſagte oder vielmehr dachte ſie in ihrem innerſten Herzen.„Immer öffnet er ſeine Lippe zum Reden und immer wieder ſchließt er ſie, ehe er ein Wort hat hören laſſen.“ Endlich aber, von dem ungelöſten geheimnißvollen Räthſel gepeinigt und von Grübeln und Denken über ihr noch Verborgenes ab⸗ geſpannt, ward ſie von einer unbewghen Müdig⸗ keit ergriffen und entſchlief, im vollen Traume nun noch einmal den Halbtraum durchlebend, wie ſie in dieſem die Wirklichkeit zum zweiten Male durch⸗ lebt hatte. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, ſchien die Sonne luſtig in ihr Gemach. Raſch erhob ſie ſich und klei⸗ dete ſich an. Es war ein lieblicher Auguſttag, dem ℳ 1198 von jetzt an noch viele ähnliche ſchöne Tage folgen ſollten, denn der Spätſommer und Herbſt ſchienen— leider zu ſpät— nachholen zu wollen, was der Lenz und Frühſommer verſäumt hatten. Unter kleinen häuslichen Verrichtungen, Handarbeiten, Leſen und Schreiben verſtrich ihr der Morgen. Sie ging nicht in den Garten, wie ſonſt, es zog ſie heute nichts dahin, denn der Oheim war auf die Felder gegangen und beſuchte die Arbeiter, die am Damme der neuen Eiſenbahn eifrig beſchäftigt waren. So kam der Mittag heran. Das Eſſen ward in ungewöhnlicher Stille abgehalten, denn der Baron war wieder ſchweigſamer denn je; offenbar wartete er auf Nach⸗ richten von ſeinem Bankier, und da dieſe nicht kamen, wurde ſein Herz bald von Hoffnung erhoben, bald von drückender Sorge bewegt; um aber keins von beiden zu verrathen, legte er ſich ſelbſt ein nicht min⸗ der peinliches Schweigen auf. Marie war auch ſtill, viel ſtiller noch als am vorigen Abend, unſtreitig dachte ſie an etwas Beſtimmtes, und nicht umſonſt blickte ſie ſo oft nach der Uhr, deren Zeiger ihr heute langſamer als ſonſt zu laufen däuchten. Der Baron beſchleunigte an dieſem Tage mehr als gewöhnlich ſeinen Nachtiſch. Auch er blickte bis⸗ weilen nach der Uhr, aber wahrſcheinlich aus anderen 199 Gründen als ſeine Nichte. Endlich klärte ſich ſeine Haſt auf. Friedrich trat ein und meldete, daß der Förſter Tellkamp vor der Thür ſei. „Aha!“ rief der Baron.„Das iſt gut. Ich bin gleich fertig.“— Darauf ſich zu Marie wendend, ſagte er eilig:„Mein Kind, ich gehe mit Tellkamp in den Wald. Wir wollen ſehen, was wir an Holz ſchlagfertig haben. Es kann etwas lange dauern, bis ich wiederkehre. Vertreibe Dir die Zeit, ſo gut Du kannſt— oder beſuche des Doktors Familie in Holzendorf— wie?“ „Ich werde zu Hauſe bleiben, mein guter Oheim, und ſpäter meinen Lieblingsſpaziergang antreten.“ „Aha, nach dem Berge alſo. Ach! Geh', geh', mein Kind und grüße meine Frau— Du weißt ja. Nun aber lebe wohl!“ Bei dieſen Worten ſie auf die Stirn küſſend, ging er hinaus und verließ mit dem Förſter den Hof, um ſeinen Geſchäfksgang aus⸗ zuführen. 1 Marie war allein. Sie wollte die einſame Stunde benutzen, um mit ſich und ihrem Gott zu Rathe zu gehen. Von dem Prediger in der Krankenanſtalt hatte ſie ein ſchönes Erbauungsbuch erhalten, was ihr der⸗ ſelbe mit dem Beiſatze geſchenkt: in dieſam Buche zu leſen, wenn es ihr einmal trüb und wirr im Herzen * „ 200 ſei. Heute nun war es ihr trüb und wirr, und von dieſem Zuſtande wollte ſie ſich befreien. Sie nahm das Buch und ſetzte ſich in eine ſtille Laube des Gar⸗ tens. Da ſchlug ſie es auf und fing an zu leſen. Anfangs hatte ſie Aufmerkſamkeit genug, die goldenen Worte, die ſie las, zu begreifen, zu fühlen und zu deuten— allmälig aber ſchwand dieſelbe.„Ach, mein Gott,“ ſagte ſie, einen fragenden Blick ihres blauen Auges dem blaueren Himmel zuwendend,„ich kann in den Büchern der Menſchen nicht leſen, ich bin zu zerſtreut— verzeihe mir! So will ich denn in dem Buche der Natur leſen, welches Du ſelbſt ge⸗ ſchrieben haſt, dafür wird meine Seele Empfänglich⸗ keit genug beſitzen.“ Als ſie dies mit warmem Herzen geſprochen, holte ſie ihren Strohhut, nahm ihr Tuch über den Arm und ſchlug den Weg durch den Park nach den Fel⸗ dern ein, * nach der Anhöhe hinauf führten, wo der Gottesacker des Edelhofs lag. Es war, wie geſagt, ein lieblicher, warmer Tag, der, je mehr er ſich zum Abend neigte, um ſo lieb⸗ licher wurde. Blätter der ₰ erzittern, und die kleinen weißen Nicht der geringſte Luftzug ließ die 201 Wölkchen, die am blauen Himmel hingen, hatten ſchon lange unverändert ihre Stellung beibehalten. Ruhe und Frieden lag über die ganze Natur ausgebreitet, man ſah, man hörte keinen Menſchen, alle Thätigkeit war von den leeren Feldern verſchwunden und nur das Zwitſchern der ſpielenden Schwalben unterbrach bisweilen das faſt eintönige, aber immer melodiſche Schweigen des Sommerabends. Marie war auf ihrer Lieblingsſtelle angekommen. Eine Weile ſetzte ſie ſich auf ihren gewöhnlichen Platz, den grünen Grabhü⸗ gel, hinter dem ſich die hohe Steintafel erhob, welche die darunter Schlafende nannte. Aber nur kurze Zeit blieb ſie hier ſitzen; es war, als ob ſie der ſtillen Bewohnerin da unten nur einige Worte zur Be⸗ grüßung habe ſagen wollen, um ſich dann ſogleich wieder zu entfernen. Langſam erhob ſie ſich, warf noch einen flüchtigen Blick auf die unter und vor ihr liegende Landſchaft und wandte ſich dann dem Süden zu, den Gipfel der Anhöhe erſteigend, wo ſie bald, unter den Kiefern angekommen, die rauchenden Eſſen des Kupferhammers gewahrte, der ihr nun nichts Fremdes, Unbekanntes mehr war. Eine Weile blieb ſie ſtehen und ſchaute unverwandt nach den lärm⸗ vollen Werkſtätten hinunter, deren Getöſe bei günſti⸗ gem Winde ſogar bis zu dieſer entfernten Höhe drang. 20²2 Das Herrenhaus ſah man von hier oben nicht, denn es ward von einem der größeren Arbeitshäuſer voll⸗ ſtändig verdeckt. Was Marie beim Anſchauen dieſer Gebäude dachte, wiſſen wir nicht, wollen es auch nicht vorzeitig verrathen, denn aus dieſen Gedanken ſollte ſich, wie wir ſogleich hören werden, eine neue Epoche ihres Lebens herſchreiben, hier, jetzt, ſollte ſie einen Blick in ihre Seele thun und, mit neuen Schwingen zu einem neuen Daſein begabt, in ein Leben treten, welches mit dem ihrer Erinnerung nur in ſehr geringer Ver⸗ bindung ſtand. Als ſie aber eine Weile hinab und hinüberſchaute, ſuchte ſie ſich ein grünes Plätzchen unter einer alten Föhre aus, wo ſie ſich niederlaſſen und mit voller Muße den Gedanken nachhängen konnte, die ihre Seele ſeit dem letzten Tage in Auf⸗ ruhr geſetzt hatten. So ſaß ſie denn da, faltete die Hände in ihrem Schooße und ſenkte die Augen in die vor ihr liegende Tiefe. Aber nicht die Häuſer, die Felder, die Wege der Gegenwart ſah ſie— ihre Au⸗ gen reichten weiter⸗ viel weiter hinaus, denn ſie be⸗ trachtete nicht Das, was mit leiblichen Augen geſehen werden konnte, ſondern die Augen ihres Geiſtes, ihrer Seele waren allein geöffnet. War es etwas Schmerz⸗ liches, was ſie hier dachte und empfand? Nein, es war etwas Glückliches, und ſogar ſo Glückliches, wie ſie noch nie in ihrem Leben etwas Aehnliches empfun⸗ den hatte. Denn eine wunderbare und gar plötzliche Wandelung war in ihrem Innerſten vorgegangen. All ihr Sehnen nach und ihr Träumen von dem ſtillen Krankenhauſe, wo ſie geboren war und acht⸗ zehn Jahre gelebt hatte, war wie durch einen Zau⸗ berſchlag verſchwunden. Sie liebte noch alle Die, die es bewohnten und die ihr früher liebend zur Seite geſtanden, aber das heiße Verlangen, ſie wiederzu⸗ ſehen, war entwichen, ſie dachte nur noch mit warmer Innigkeit an ſie, der aber das ſchmerzliche Schmach⸗ ten fehlte, womit das Heimweh verbunden zu ſein pflegt. Vor wenigen Stunden noch war ihr jenes Krankenhaus mit ſeinem ganzen Inhalte der Inbe⸗ griff der Welt und ihres Lebens geweſen, und jetzt— jetzt war es nur ein kleiner Theil, ein iſolirter Punkt in dieſer Welt— denn ihre Welt war ſeit Kurzem bedeutend gewachſen, ſie hatte eine große Erfahrung gemacht, nämlich die, daß der Menſch, der ſich ein⸗ bildet, die Welt zu kennen, und der die Kühnheit be⸗ ſitzt, ſich ſelbſt darin eine Stelle anzuweiſen, ſie noch lange nicht kennt, ſo wie die Stelle, die er ſich ſelbſt angewieſen, noch lange nicht die iſt, die ihm die Vor⸗ ſehung oder das Schickſal der Welt beſchieden hat. Daß auch ihr etwas Anderes beſchieden ſein könne, 24 als immer nur mit den Kranken zu verkehren, das war ihr ſeit dem geſtrigen Tage klar geworden, und ſo hatte ſie auch ihr Verhältniß zu ihrem Oheim von einer neuen Seite aufgefaßt. Mit einem Worte, die Welt von geſtern, ihre Welt, war heute dieſelbe nicht mehr, ſie war eine andere Welt geworden und Marie erkannte mit ihrem inſtinktiven Ahnungsgefühl, daß es wohl der Wille der Vorſehung ſein könne, daß ſie in dieſer Welt eine ganz andere Stelle einnehme, als ſie geſtern noch gedacht und gewünſcht habe. Dieſes innere Bewußtſein von einer Umwandlung ihrer all⸗ gemeinen Neigungen und Wünſche— denn zu einer bevorzugten Neigung zu einem Einzelnen war ihre Seele noch nicht gekommen— hatte eine merkwürdige Aenderung ihrer Stimmung hervorgebracht. Vor we⸗ nigen Tagen noch war ſie trübe, wehmüthig, ſehn⸗ ſuchtsvoll geſtimmt geweſen, und heute— war es nicht, als ob ſie einen unbekannten, wolkenloſen Him⸗ mel in ihrer Bruſt trage, war es ihr nicht, als ob ſie von ferne, wie man in einer unterirdiſchen Höhle den Ausgang derſelben zur Oberfläche der Erde wie ei⸗ nen roſigen Schimmer vor ſich ſieht, ein goldenes Licht ſchimmern ſähe, das ihre belebenden und er⸗ wärmenden Strahlen bis zu ihrem Herzen heran⸗ ſendete? p 205 Wie aber, wodurch war dieſe ſo ſchnelle Wande⸗ lung möglich geweſen? O, das wäre nicht ſchwer zu erklären, meinen wir. Marie hatte einen Schritt vor⸗ wärts in's wirkliche Leben gethan; bis zum geſtrigen Tage hatte ſie nur an zwei verſchiedenen Orten ge⸗ lebt, und dieſe Orte waren ein Irrenhaus— für Viele nicht mit Unrecht ein Ort des Jammers— und dann die öde Einſamkeit eines abgelegenen Ortes, wo ſie ſtets in der Nähe eines mürriſchen, in ſeinen irrthümlichen Sonderanſichten befangenen alten Mannes ſich befand; geſtern aber hatte ſie zum erſten Male in ihrem Leben einen fröhlichen, heiteren Abſchnitt dieſes Lebens, den Segen der Arbeit, den Genuß des Fleißes kennen gelernt, und das war ein großer und bedeutungsvoller Fortſchritt in ihrem Daſein. Sie konnte ja vor wie nach ihre Freunde und Freundinnen im Krankenhauſe lieben, oft und freundlich an ſie denken, aber ſollte ſie alle Stunden des Tages und der Nacht nur mit den Gedanken an ſie allein zu⸗ bringen? Nein, das konnte ja nicht der Wille der Vorſehung ſein. Auch für ſie waren die geiſtesgeſun⸗ den Menſchen geſchaffen, auch für ſie exiſtirten die Freuden der Welt, und unter Freuden der Welt ver⸗ ſtand ſie jetzt den Verkehr mit ſolchen Menſchen, wie ſie ſie auf dem Kupferhammer inmitten einer unge⸗ 206 ahnten Wirkſamkeit und Thätigkeit vor ſich geſehen hatte. Das Bewußtſein nun, ſo gewiſſermaßen neu geboren, zu einem neuen Daſein auserkoren zu ſein, erfüllte ſie mit einer unermeßlichen Freude. Ihr Herz klopfte, ihre Nerven bebten vor wonniger Aufregung, wie ſie noch nie ein ähnliches Gefühl empfunden hatte. Wo war der Schmerz der vergangenen Tage geblieben? Ach, er war den Weg aller Schmerzen der Menſchen gegangen. Kaum hat er aufgehört, ſo wiſſen wir nichts mehr von ihm, als daß er da war, daß er der Schmerzloſigkeit Platz gemacht, und dieſes Bewußtſein iſt für das ſo leicht befriedigte Menſchen⸗ herz ſchon hinreichend, ſich glücklich zu fühlen. In dieſem Glücke alſo— geſtehen wir, daß es ein ſehr beſcheidenes war— ſchwelgte Marie, als ſie ſich heute den Gräbern der Vergangenheit abgewandt und dem belebten Kreiſe der Gegenwart zugekehrt hatte. Dieſen ungeheuren Fortſchritt im Leben, dies Aufhören des Schmerzes und dies Beginnen der Freude verdankte ſie dem guten Arzte, der, von ſeiner Sorgfalt für ihr Wohl geleitet, ihr dieſes Mittel dargeboten und die Wirkung damit hervorgebracht hatte, die er voraus⸗ geſehen. An den Arzt dachte ſie jetzt mit dankbarem Herzen, ihm wollte ſie ihre Gefühle bekennen, ihm den Eindruck beſchreiben, den der geſtrige Beſuch auf ihr ſteige dahertrat, erblickte ſie ihn. 207 ganzes Weſen hervorgebracht hatte, ſobald ſich die Ge⸗ legenheit dazu bieten würde.* Mit dieſen Gefühlen der Dankbarkeit beſchäftigt und nur innerlich lebend, hatte ſie ganz die Außen⸗ welt vergeſſen, als ſie plötzlich auf eine ſehr uner⸗ wartete Weiſe daran erinnert wurde. Vom Kupferhammer her war zu derſelben Zeit, als ſie ſo gedankenvoll unter der alten Föhre geſeſſen, auf einem quer über die angränzenden Felder führenden Wege ein Mann daher geſchritten, der durch die ein⸗ geſchlagene Richtung bewies, daß er ebenfalls die An⸗ höhe beſteigen wolle, auf der die junge Dame ſaß. Denn es führte nur ein einziger ſchmaler Fußſteig in geſchlängelter Linie daher. Als dieſer Mann, an deſſen kräftiger Geſtalt wir auf den erſten Blick Herrn Hübner erkennen, an dieſen Fußſteig gekommen war, blieb er einen Augenblick ſtehen und ſchaute ſich nach allen Richtungen um. Von unten aus, obwohl wir, als ſtille Beobachter auf der Spitze der Anhöhe ſtehend, ihn mit unſeren Augen zu erreichen und zu erkennen vermögen, konnte er Marie, die auf dem Moosboden unter einem Baume ſaß, nicht ſehen, eben ſo wenig ſie ihn, und erſt als er etwa hundert Schritte von ihr entfernt durch ein kleines Gehölz auf dem Fuß⸗ Aber nicht im Ge⸗ 208 ringſten zeigte ſie ſich darüber erſchrocken, obwohl man es leicht hätte erwarten können; nicht einmal hob ſie erſtaunt den Kopf in die Höhe; in ihrem jetzigen Gedankengange kam es ihr ganz natürlich vor, daß der Mann, dem ſie geſtern ſo unvermuthet begegnet war, ihr heute eben ſo unvermuthet wieder begegnete. Langſam erhob ſie ſich von ihrem Sitze, trat ihm mit ruhig verklärtem Geſicht und einem Freudengefühl entgegen, welches ihrem vorigen Denken durchaus entſprach. Herr Hübner zog ſeinen breit⸗ randigen Hut und begrüßte ſie mit einigen freundlichen Worten, wobei man ſehr leicht aus ſeinen feſten, aber warm belebten Zügen entnehmen konnte, daß er durch dieſes Zuſammentreffen innerlich befriedigt ſei. „Sie ſitzen heute nicht auf Ihrem Lieblingsplatze?“ fuhr er ſogleich nach ſeiner Begrüßung fort, indem er mehr in den Worten als im Tone eine Frage hören ließ und dabei freundlich lächelte.„Gewöhnlich kehren Sie dem Kupferhammer den Rücken zu, während Sie ihm heute Ihr Antlitz zeigen.“ „Woher wiſſen Sie Das?“ fragte Marie erröthend. „Ich will es Ihnen ganz aufrichtig ſagen, mein Fräulein, denn ich liebe es nicht, mich von den Schritten der Menſchen und namentlich einer jungen Dame, wie Sie ſind, insgeheim zu unterrichten und dann öffentlich 209 Unkenntniß zu heucheln— vielmehr bin ich, offenherzig wie je ein Mann, immer ein Freund der Wahrheit. Ja, ich habe Sie ſchon öfters auf jenem Grabhügel da drüben ſitzen ſehen, denn auch ich liebe es, die jenſeitige Gegend von jenem Punkte aus zu beſchauen; ſogar habe ich neulich auf einem ähnlichen Hügel dicht hinter dem Ihrigen geſeſſen, als Sie mit unſerm Freunde, dem Doktor Millinger, über das Wohl und Wehe Ihrer Familie ſprachen.“ Die Unterhaltung ſtockte einen Augenblick, denn Marie ſenkte unwillkürlich den Kopf und beſann ſich, was das für ein Geſpräch geweſen ſein mochte.„Aha!“ ſagte ſie dann, wehmüthig aufblickend,„jetzt weiß ich es. Sie ſind alſo ein Lauſcher geweſen.— Aber warum haben Sie ſich nicht gezeigt, da Sie doch den Doktor Millinger kannten?“ „Es würde mir auch diesmal leicht ſein, mein Fräulein, Ihnen die Wahrheit zu verhehlen, allein ich beabſichtige das durchaus nicht. Das Geſpräch, wel⸗ ches Sie führten, intereſſirte mich, da ich durch das Gerücht ſchon von den Verhältniſſen des Herrn Barons unterrichtet war. Auch wollte ich Sie nicht ſtören, weeil ich glaubte, daß Ihre Mittheilung Ihr Herz er⸗ leichtern würde, welches mir bedrückt ſchien, obwohl ich ſchon damals wünſchte, die Ehre Ihrer Bekannt⸗ Baron Brandau. I. 2. 14 M210 ſchaft zu genießen, die uns Doktor Millinger längſt verſprochen hatte.“ Marie verbeugte ſich, ohne der letzten Wendung ein Wort der Erwiderung folgen zu laſſen. „Wenn es Ihnen genehm iſt,“ fuhr Herr Hübner fort,„ſo verlaſſen wir heute, falls Sie meine Be⸗ gleitung geſtatten, dieſen Höhenrücken und ſteigen zu den Stätten hinab, die wir Beide da drüben lieben.“ Marie wandte ſich augenblicklich und ſchritt an der Seite ihres Begleiters durch die üppigen Farrn⸗ kräuter und das Haidekraut dem Friedhofe zu, wo ſie ſich alsbald auf demſelben Grabhügel niederließ, auf dem ſie gewöhnlich zu ſitzen pflegte. Herr Hübner, in voller Uebereinſtimmung und ohne ein Wort da⸗ 3 bei zu ſprechen, nahm ohne Zögern dicht an ihrer Seite Platz. „So ſitzen wir denn,“ begann Marie das Geſpräch, „auf Grund und Boden meines Oheims und wenden diesmal dem Kupferhammer den Rücken.“ „Ja, Sie haben Recht. Ach, es thut Einem recht wohl, bisweilen das geſchäftige Treiben des Tages zu verlaſſen und in ruhiger Selbſtbetrachtung nach einer anderen Seite unſers Daſeins zu ſchauen. Ich liebe von ganzem Herzen dieſen Platz und die ſtille, fried⸗ liche Gegend, die vor uns liegt.“ 211 „Der Frieden liegt hier in, vor und unter uns; denn wir ſitzen auf dem Grabe der Gattin meines Oheims.“ „Ich weiß es,“ ſagte Herr Hübner dumpf und mehr in ſich hinein als zu Marie ſprechend.„Die Tafel hinter uns verkündet es ja deutlich genug.— Sie haben Ihre Tante nicht gekannt, mein Fräulein?“ „Nein— ich habe nie Jemand aus meiner Fa⸗ milie vor dem Juni dieſes Jahres geſehen— mit Ausnahme meiner Mutter. Erſt um dieſe Zeit habe ich meinen Oheim und etwas ſpäter ſeine Söhne kennen gelernt.“ „Warum ſeufzen Sie, da Sie von den Söhnenz Ihres Oheims ſprechen?“ Marie ſchaute etwas verwundert auf, ſie wußte gar nicht, daß ſie geſeufzt hatte, und doch war es geſchehen.„Da Sie gehört haben, was ich mit Dok⸗ tor Millinger darüber geſprochen,“ ſagte ſie leiſer,„ſo kennen Sie ja die Verhältniſſe meines Oheims.“ „So ungefähr— ja! Der alte Mann thut mir leid, wenn es wahr iſt, was das Gerücht über ſeine Söhne ſagt.“ „Und was hat Ihnen das Gerücht geſagt, Herr Hübner?“ „Daß ſie bodenloſe Verſchwender ſind⸗ 8 14* 242 Marie ſchwieg wieder und dennoch hatte ſie kei⸗ nen inneren Grund, vor ihrem Nachbar die Gefühle zu verbergen, die über dieſen Gegenſtand an ihrem Herzen fraßen; im Gegentheil, ſie fühlte ſich von einem Vertrauen zu dieſem Manne erfüllt, deſſen Grund ſie ſich nicht erklären konnte, und ſie hätte ihm Alles über des Oheims Verhältniſſe mittheilen können, wie ſie es bei Doktor Millinger gethan. Allein an dieſem Tage kam es noch nicht zu einer ſolchen Er⸗ klärung. Herr Hübner ſchien ſie auch nicht zu ſuchen; er ſprach vielmehr nach und nach von allgemeineren Dingen, deutete auf die vor ihnen liegende Landſchaft, machte Marien auf jede ſchöne Färbung der Ferne, des Himmels und der Erde aufmerkſam und bewies dadurch, daß er ein warmer Bewunderer des äußeren Naturlebens und mit der hieſigen Gegend bekannter ſei, als Marie vorausgeſetzt hatte. So drehte ſich das Geſpräch um die Eiſenbahn, die erbaut wurde, um den Ertrag der Felder von Holzendorf, um das einſame Leben des Barons, und von Allem hatte Herr Hübner Kunde, wie wenn er Jahre lang zwiſchen allen dieſen Dingen gelebt hätte. Marie wollte ihn eben fragen, ob er ſchon öfter in dieſer Gegend ge⸗ weſen, da er ihre Verhältniſſe ſo genau kenne, als ſich plötzlich die kreiſchend antreibende Stimme eines 2u. Menſchen, vermiſcht mit den Schlägen einer Peitſche hören ließen, die ohne Zweifel einem Pferde galten, welches man eine ſchwerere Aufgabe zu leiſten zwang, als ſeine Kräfte zuließen. Sowohl Marie wie Herr Hübner horchten auf dieſe widerwärtigen Töne, denn Beide waren, ohne daß ſie es von einander wußten, Freunde der Thiere, und aller Quälerei derſelben, ſie mochte einen Namen haben, welchen ſie wollte, über die Maaßen abhold. Während ſie noch in die Richtung ſchauten, woher jene mißliebigen Töne kamen, zeigte ſich ein kleines Gefährt auf dem Wege, welcher auf der halben Höhe des Berges in der Richtung von Weſten nach Oſten führte. Dieſer Weg wurde nur von ſchwerbeladenen Holz⸗ oder Getreidewagen benutzt, war daher tief aus⸗ gefahren und ausnehmend ſandig. Da der Friedhof etwa hundert Schritte entfernt oberhalb deſſelben lag, ſo mußte das Gefährt dicht vor den Augen unſerer einſamen Plaudernden vorüberkommen. Es war ein mit Leinwand überſpannter Planwagen, wie ihn die Hauſirer zu benutzen pflegen. Als er aus dem Ge⸗ büſche, welches ihn bisher verbarg, herausgekommen war, hielt er ſtill, trotz der auf das Pferd herab⸗ regnenden Peitſchenhiebe des unbarmherzigen Fuhr⸗ manns. Das Pferd ſelbſt war ein kleines, ſchlecht⸗ 214 genährtes Thier, dem man die Laſt der Jahre und die Schwäche ſeines Leibes auf den erſten Blick anſah. „Halt!“ rief Herr Hübner mit einer Donnerſtimme, als der Fremde immerfort auf das Pferd losſchlug, das, zitternd und beängſtigt, ſich bald rechts, bald links wandte, und zugleich erhob er ſich von ſeinem Sitze und ſprang mit einigen gewaltigen Sätzen den Abhang hinunter, dem Orte des Schauſpiels zu. „Wer ſeid Ihr?“ fragte er den Mann, der erſtaunt war, auf eine ſo unerwartete Weiſe in ſeinem Vor⸗ haben unterbrochen zu werden. „Ich bin ein Handelsmann, Herr!“ „Was habt Ihr geladen?“ 4 „Nahrungsmittel für die Arbeiter der Eiſenbahn dort unten, wo ich meine Hütte habe.“ „Warum überlaſtet Ihr Euer kleines Pferd ſo?“ „Weil ich keine Mittel beſitze, mir ein ſtärkeres anzuſchaffen und weil ich heute vor Arbeitsſchluß noch an Ort und Stelle muß.“ „Seht Ihr nicht ein, daß Ihr dem armen Thiere zu viel thut?“ „Ach ja, Herr; aber was hilft's— ich ſtrenge mich auch oft über meine Kräfte an und ſo muß es das Thier ebenfalls.“ 215 „Wollt Ihr mir ein Verſprechen geben, wenn ich Euch ein anderes Pferd ſchenke, um Eure Lebensmittel nach der Eiſenbahn zu ſchaffen?“ „Ein Verſprechen— für ein Pferd? Und ſchen⸗ ken? Wie meinen Sie das, Herr?“ „Wollt Ihr nie wieder ein Pferd quälen, wie Ihr dies gequält habt? Seht Ihr nicht ein, daß dies kleine Thier dem ſchwerbeladenen Wagen nicht ge⸗ wachſen iſt?“ „Gewiß ſehe ich das ein, aber es ging diesmal nicht anders.“ „So hört mich an. Seht, da unten kommt ein Bauer mit einem ſtarken Gaul über das Feld geritten. Gehet ihn an mit Bitten, daß er ihn vor Euern Karren lege und dem Eurigen helfe. Den Lohn da⸗ für werde ich bezahlen. Morgen aber kommt damit nach dem Kupferhammer und fragt nach Herrn Hübner, ich werde Euch ein beſſeres Pferd für dieſes geben.“ Der wandernde Handelsmann ſtand verwirrt vor dem ſo gütigen Fremden und wußte nicht, was er zu dieſem gewiß unerhörten Anerbieten ſagen ſollte. Während er ſich noch beſann, ob er ihm glauben oder ſein Pferd wieder peitſchen ſolle, rief Herr Hübner ſelbſt den näher gekommenen Bauer an und bat ihn, ſein Pferd zu dem beabſichtigten Zweck zu leihen. 216 „Mit Vergnügen, Herr,“ ſagte der Bauer.„Mein Gaul iſt noch nicht müd' und ich bin es auch nicht.“ Gleich darauf ſpannte er ſeinen kräftigen Brau⸗ nen mit vor das kleine Gefährt und ſo ging die Reiſe leicht und ſchnell nach der Eiſenbahn von Statten. „Ich bitte um Verzeihung wegen der Unarrbraihunge ſagte Herr Hübner zu ſeiner jungen Gefährtin, als er mit edel geröthetem Geſicht ſich wieder an ihrer Seite niederließ.„Aber ich habe es nie in meinem Leben geduldig mit anſehen können, wenn man ein von Gott geſchaffenes Weſen zwang, etwas zu thun, was es zu thun nicht geboren war. Wie man den Men⸗ ſchen nicht zwingen muß, in eine Laufbahn zu treten, die gegen ſeine Natur iſt, und wie man ihn zu keiner Arbeit treiben muß, der ſeine Fähigkeiten nicht ge⸗ wachſen ſind, ſo ſoll man auch kein Thier über ſeine Kräfte anſtrengen.— Da, ſehen Sie nur, wie beide „Pferde ſich mühen, den belaſteten Wagen durch den Sand an ſein Ziel zu ſchleppen, und dieſer Mann wollte, daß ſein kleines abgetriebenes Pferd es allein thue. Und bei Gott! es hätte ihn wirklich an ſein Ziel gebracht, und wenn es dabei zu Grunde ge⸗ gangen wäre. Wunderbar, wunderbar! Dieſer Menſch 4 läßt das arme Thier halb verhungern und ſchlägt es — 1 214 noch über alle Begriffe— dennoch arbeitet es für ihn, ſo lange ein Hauch in ihm lebt und ſeine Kräfte nicht ohnmächtig zuſammenbrechen. Welch' ein Beiſpiel für den undankbaren Menſchen, der ſo viele Wohlthaten empfängt und doch ſo wenig erwidert! In der That, der ſtolze und übermüthige Gebieter aller geſchaffenen Weſen auf Erden könnte oft von den Thieren lernen, wie er ſeine Pflicht erfüllen muß!“ Der Redende ſchwieg und ſchaute dem langſam verſchwindenden Wagen nach; er bemerkte dabei nicht, wie während dieſer Zeit das glänzende Auge des jungen Mädchens prüfend und bewundernd auf ſein edles Geſicht gerichtet war. Sie ſchien mit dieſem Blicke in ſeiner Seele leſen zu wollen, und in Wahr⸗ heit, was ſie las, befriedigte ſie ſehr. Sie durch⸗ ſchaute ſeinen Charakter und ſein Herz, indem ſie die wohlthuende Ueberzeugung gewann, daß der ſtarke Mann, der an ihrer Seite ſaß, nicht im Stande ſei, einen Schwachen leiden zu ſehen, und ſollte dieſe Schwäche ſich ſelbſt an einem Thiere zeigen. Als darauf Herr Hübner ſein Geſicht von dem in der Ferne verſchwundenen Wagen auf ſeine Gefährtin zurückwandte, begegnete er einem freundlicheren Lächeln, als er bisher noch darauf wahrgenommen hatte. „Ich danke Ihnen im Namen der Menſchlichkeit,“ 218 ſagte Marie herzlich,„Sie haben mit dieſer guten That auch für mich aus innerſter Seele gehandelt. Ich ſehe dergleichen ebenfalls nur mit wahrem Schmerz, aber ich beſitze nicht immer die Mittel, dem Schwachen zu helfen wie Sie.“ „O!“ entgegnete der ſo gütig Angeredete,„was iſt das weiter, mein Fräulein? Ich bin aus Erfahrung im Stande, mich in die Lage des Schwachen und über ſeine Kräfte Angeſtrengten zu verſetzen. Ich bin ſelbſt einſt ſchwach geweſen, und ſtarke Arme haben mich aufgerichtet und getragen.— Aber ſehen Sie da, wie der Abend ſich über jene Berge da drüben düſter herabſenkt. Wie maleriſch ſchwebt der violette Vor⸗ hang vom Himmel hernieder und wie ſanft hüllt er Fluren und Wälder in ſeinen ſchattigen Mantel ein.“ Er ſchwieg, indem er mit der Hand nach der Ferne deutete, in der das ſo eben Geſchilderte ſich zuzutragen begann. Marie folgte ebenfalls ſchweigend ſeinem Winke und Beide gaben ſich eine Weile ganz den Be⸗ trachtungen eines allmälig in den Abend verſinkenden Tages hin. Und ſchön war dieſer leiſ ſich entwickelnde Uebergang in Wahrheit zu nennen. Die hell und hoch gefärbten Töne des Tages verloſchen und nebel⸗ artig breitete ſich in den ſchweigenden Lüften der abendliche Duft aus, als ſtiege er aus den Feldern 219 — empor und miſchte ſich mit den Dünſten, die aus den Wolken ſich herniederſenkten. Das ſaftige Grün der nahen Wälder ging in ein fahles Grau über und die Schatten der nahenden Nacht hüllten, langſam und allmälig ſich aus ſich ſelbſt erzeugend, das Land und den Wald in ihren ſüßen Dämmerſchein ein. Von Oſten her, nach Weſten ſtrebend, flogen zwei Reiher, dem Auge deutlich ſichtbar, mit langſam ſchläfrigem Flügelſchlag dahin, und der hintere ſtieß von Zeit zu Zeit ein heiſeres Geſchrei aus, als wolle er dem voranfliegenden ein Zeichen geben, nicht ſo raſch vor⸗ wärts zu eilen. Das war aber auch das einzige Ge⸗ räuſch in der wie ausgeſtorben daliegenden Natur, ſonſt war Alles ſtill, feierlich, in ein Schweigen ver⸗ ſunken, das nur von dem tieferen Schweigen der öden Nacht überboten wird. Plötzlich, als die beiden einſamen Menſchen das Räthſel des Tages ſich löſen ſahen, ertönte von Neuem ein Geräuſch, und bald darauf machten ſich Menſchen⸗ ſtimmen vernehmbar, die auf demſelben Wege, nur in entgegengeſetzter Richtung daherkamen, auf dem ſo eben der Wagen des Hauſirers verſchwunden war. Eine Minute ſpäter traten zwei Männer aus dem niederen Gebüſch, welches den Weg von beiden Seiten einſchloß, und ſchritten unter ziemlich lautem Geſpräch 220 dem Gutshofe zu. Eines einzigen Blickes des raſchen Auges Maries bedurfte es nur, um trotz der zuneh⸗ menden Dunkelheit ihren Oheim und den Förſter Tellkamp zu erkennen. „Es iſt mein Oheim!“ ſagte Marie zu ſich ſelber, doch ſo laut, daß ihr Nachbar es hören konnte. „Wer? Der Baron?“ fragte Herr Hübner mit leiſem Tone, aber ſchnell, indem er ſeinen dunklen Kopf emporſtreckte, um deutlicher in die Ferne zu ſchauen. „Ja, er iſt es. Da können Sie gleich ſeine Be⸗ kanntſchaft machen. Soll ich ihn rufen?“ Herr Hübner antwortete nicht. Dagegen drückte er mit ſeiner Linken, die Marien zunächſt war, deren Arm beinahe mit Heftigkeit nieder. Marie ſchien dieſe Bewegung zu verſtehen; ſie blieb ſo ſtill wie das Grab, auf dem ſie ſaß, aber ſie konnte nicht unter⸗ laſſen, mit Verwunderung auf ihren Nachbar zu blicken, der, mit faſt hörbarem Athmen und unver⸗ wandten Augen die Dahinwandelnden betrachtete. Da blieben die beiden Männer unten auf dem Wege gerade vor den Sitzenden ſtehen, kehrten aber ihre Geſichter der nebeligen Ferne zu, wobei ſie weiter ſprachen und ſich wahrſcheinlich über die ſchöne Aus⸗ ſicht unterhielten, welche ſich ihren Blicken darbot. 221 4 Nicht lange jedoch danf dieß Unterhaltung; gleich darauf wandten ſie ſich wieder ihrem erſten Ziele zu und ſchritten langſam vorwärts. „Kommt er hierher?“ fragte Herr Hübner faſt laut, während er doch gewiß nur ſich ſelber fragen wollte, denn ſein Auge war wenigſtens eben ſo ſcharf, wie das der jungen Dame, um die Richtung, welche die Männer nahmen, erkennen zu können. „Nein!“ erwiderte Marie leiſe.„Sie gehen nach Hauſe.“ Der Geſchäftsführer des Kupferhammers athmete laut auf bei dieſer Bemerkung. Langſam ſtrich er ſich mit der Hand über die bleich gewordene Stirn, als beſänne er ſich, was er ſagen wolle. Aber er ſagte Nichts, wenigſtens hörte Marie es nicht. „Der gute alte Mann!“ bemerkte ſie ſanft.„Wenn er gewußt hätte, daß er mir ſo nahe war, er würde traurig werden, daß ich ihn ohne Gruß habe vorüber⸗ ziehen laſſen.“ „Vielleicht!“ ſagte Herr Hübner mit auffallend weichem Tone.„Da er aber nicht weiß,“ ſetzte er leiſe hinzu,„daß Sie hier ſaßen, ſo iſt er dieſer Traurigkeit überhoben. Der Menſch empfindet nur das Leid, welches er kennt.““ 222 Nach einer Weile waren die wandelnden Männer den Augen der Nachſchauenden entſchwunden. Herr Hübner athmete offenbar leichter, ſeine breite Bruſt ſog mit gewaltigen Zügen die milde Abendluft ein und er wandte ſeinen dunklen Kopf wieder lächelnd dem Antlitz der Baroneß entgegen. „Es wird Abend, mein Fräulein,“ ſagte er freund⸗ lich.„Ihr Oheim wird bald ſeinen Park erreicht ha⸗ ben und Sie werden ihm die wenigen Stunden bis zur Nacht durch Ihre Gegenwart verſüßen müſſen. Die Zeit unſers Plauderns iſt ſomit verſtrichen. Wenn Sie es mir geſtatten, ſo geleite ich Sie eine Strecke.“ „ Sie ſind ſehr gütig; doch fürchte ich mich auch nicht, allein zu gehen. Ich habe den Weg oft in ſpä⸗ terer Stunde zurückgelegt.“ Dabei erhob ſie ſich und zog ihr Tuch etwas feſter um die ſchönen Schultern, denn ſchon begann ein feiner kühler Thau zu fallen und die Gräſer zu ihren Füßen zu netzen. Herr Hübner bot ihr den Arm und ſie nahm ihn dankbar an. So ſchritten ſie langſam, Dies und Jenes redend, den Abhang hinunter, denſelben Weg entlang, den kurz vorher der Baron mit ſeinem Begleiter gewandelt war. In wenigen Minuten, während welcher Herr Hübner immer langſamer zu ſchreiten begann, gleich⸗ ſam als wolle er die Gegenwart des holdſeligen Weſens 223 an ſeiner Seite ſo an möglich genießen, waren ſie in die Nähe des freiherrlichen Parkes gelangt. Hier blieb der Bewohner des Kupferhammers ſtehen. „Dort liegt Ihr Haus,“ ſagte er mit ſcharfer Be⸗ tonung,„und das meinige eine halbe Stunde hinter unſerem Rücken. Leben Sie wohl, mein Fräulein, und ſeien Sie recht glücklich!“ Marie wußte nicht, was ſie auf dieſe eigenthüm⸗ liche Abſchiedsrede erwidern ſollte; ſie brachte mit Mühe einige alltägliche Worte hervor und dann ent⸗ fernte ſie ſich mit dem ihr angeborenen ſchwebenden Schritte, ſich dem Hauſe des Oheims zuwendend. Ihr Begleiter aber blieb auf derſelben Stelle ſtehen, wo er von ihr Abſchied genommen hatte und blickte der reizenden Geſtalt ſo lange nach, als er ſie unter den zunehmenden Schatten der Bäume unterſcheiden konnte. Sogar noch eine Weile, nachdem ſie ſeinen Augen entſchwunden war, blieb er ſtehen und ſtarrte mit übermäßig angeſtrengter Sehkraft der ſylphenhaften Erſcheinung nach. Dann aber plötzlich aus voller Seele tief aufathmend, ſtieß er einen Seufzer aus und kehrte dem Parke des Barons den Rücken. Langſam, den Kopf auf die Bruſt geneigt und die Arme davor in einander geſchlungen, als habe er Schweres zu be⸗ denken, ſchritt er denſelben Weg zurück, den er gekommen 224 war und abermals ſtieg er d Anhöhe hinauf, die er ſo eben erſt verlaſſen hatte. So erreichte er bald die⸗ ſelbe Stelle, wo er vor Kurzem geſeſſen, und nochmals ließ er ſich auf den Grabhügel nieder, der der Sammel⸗ platz der fühlenden Menſchen in der Umgegend zu ſein ſchien, wo ſie das herrliche und geheimnißvolle Buch der Natur zu leſen liebten. Was er hier ſitzend dachte— wir wiſſen es nicht, und wenn wir es wüßten, wir würden es jetzt doch nicht verrathen. Daß es aber Ernſtes, ja wohl Trauriges war, daß mehr niederdrückende als erhebende Gefühle den ſtarken Mann bewegten, dürfen wir aus ſeiner Stellung ent⸗ nehmen, denn er legte den Kopf in beide Hände und beugte ihn tief zur Erde hinab. In dieſer Stellung blieb er lange Zeit ſitzen. Plötzlich aber erhob er ſein Haupt, ſchaute nach dem Gutshof hinüber und ſtand als ein ganz veränderter Menſch wieder auf, nachdem er noch einen Blick in den blauen Himmel gethan hatte, der ſeine Myriaden Sterne weit über das Erden⸗ rund blitzen ließ. Eine ſo raſche innere und geiſtige Wandelung darf uns nicht räthſelhaft erſcheinen, denn ſie zeigt ſich, namentlich bei ſtark fühlenden Menſchen, ſehr häufig. Die Stimmungen des Menſchen überhaupt wechſeln wie die Wolken am Himmel. Man ſieht den 225 Wind nicht, der ſie buingt und verjagt, und doch kom⸗ men und gehen ſie. Eben iſt es noch trübe, drohend über uns, und plötzlich wie durch einen Zauber iſt das Gewölk verſchwunden, heiter ſtrahlt die Sonne und ſchwimmt goldig in dem reinſten Blau.— Warum legen wir uns oft ſo betrübt zu Bette und wachen ſo beglückt wieder auf? Warum möchten wir in dem einen Augenblick weinen— und lachen ſo fröhlich in dem anderen? Was⸗ iſt es für eine unbegreifliche, wunder⸗ bare Macht, die dieſen ſcheinbaren Widerſpruch erzeugt? Ach, wir kennen ſie nicht, wir wiſſen nur, daß ſie exiſtiit und daß wir ihren, Himmel und Hölle weckenden Einflüſſen unterworfen ſind, ſo lange wir leben— das heißt, ſo lange wir denken und fühlen. So erging es dieſen Abend Herrn Hübner. Er fühlte mit einem Male eine Laſt von ſeinen Schultern genommen, die ihn bisher beinahe erdrückt hatte. Er ſtand auf wie ein Mann, dem ein unwiderruflich ge⸗ faßter Entſchluß die Seele erhebt und das Herz wie⸗ der hoffnungsvoll ſchlagen läßt. Ob Marie Antheil an dieſem Entſchluſſe hatte, wiſſen wir ebenfalls nicht, daß er aber mit ihr in einiger Verbindung ſtand dürfen wir wohl annehmen.„Wie Gott will,“ ſagte er jetzt halblaut zu ſich ſelber, als er langſam den Weg nach ſeinem Wohnorte einſchlug,„ja, wie Gott Baron Brandau. I. 2. 15 A8 226 will! Ich habe ſchon Schwereres überſtanden und werde auch Dies ſiegreich überſtehen. Auf andere Weiſe freilich, als ich mir vorgeſtellt, ſehe ich mein Schickſal ſich erfüllen, aber das geſchieht uns Sterb⸗ lichen ja immer ſo. O, wie oft habe ich ſchon ge⸗ dacht: wäre ich doch erſt über dieſen Berg!— Habe Geduld, Seele, Du kommſt darüber hinweg!— Wenn es auch lange dauert und manche Klippe mühſam zu überſteigen oder zu umgehen iſt, einſt wirſt Du auf dem Gipfel ſtehen und in das Land der Verhei⸗ ßung und des Friedens hinabblicken, Dein Fuß wird dann nicht mehr müde ſein und Du wirſt den Weg den Hügel hinab mit Leichtigkeit wandeln.“— Der nächſte Tag ſchien auf dem Gutshofe eben ſo verlaufen zu wollen, wie der eben geſchilderte. Der Baron hatte ſich ſchon früh Morgens in Geſchäfte vertieft und mit dem Verwalter ſich in ſein Zimmer zurückgezogen. So blieb Marien auch diesmal nichts anderes übrig, als ſich mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen, womit ſie auch ganz zufrieden war. Sie hatte ſogar heute noch mehr zu denken als am verfloſſenen Tage, denn zu ihren jüngſten Erlebniſſen, die ſich ſeit ihrer Ankunft auf Holzendorf raſch verdoppeln und das in 227 M... Verſäumte nachholen zu wollen ſchienen, hatten ſich neue geſellt, die nicht minder wichtig und intereſſant für ſie waren als die früheren. Der Kreis ihrer Anſchauungen erweiterte ſich immer mehr, ihre unbeſtimmten Empfindungen wurden zu klarer bewuß⸗ ten Gefühlen, und ein innerer unwiderſtehlicher Drang nach Mittheilung, nach Verſtändigung mit anderen Menſchen wuchs wie eine Lawine, die als Schneeflocke ihr kleines Daſein beginnt und als Städte⸗ und Wälderverwüſterin endigt. Aber keinen ſo verderblichen Lauf ſollte Marie's Empfinden und Wünſchen nehmen; in ihrer Taubenſeele lagen nicht die Keime zu ſolchen entſetzlichen Wirkungen. In ihrem kindlichen und wohlwollenden Herzen dachte ſie hierbei zunächſt wie⸗ der nicht an ſich und ihr eigenes Wohlbefinden, denn das kam erſt in zweiter Reihe, zunächſt nur gab ſie ſich dem Wunſche hin, des Oheims einſames Leben durch den Umgang mit anderen edlen und guten Menſchen angenehmer und weniger einſam zu geſtalten. Auch Er ſollte des Genuſſes theilhaftig werden, Herrn Baumann und ſeine Familie, vor Allen aber Herrn Hübner kennen zu lernen, denn in ihrem unſchuldigen Geiſte dachte ſie, was ſie ſelbſt freudig bewege, werde auch des alten Oheims Herzen wohlthun. Daher ging ſie ſchon jetzt mit dem Gedanken um, Mittel und 15* 228 Wege zu ergründen, durch welche und auf welchen er mit jenen Menſchen in Berührung zu bringen ſei. Daß Schwierigkeiten auf dieſem Wege lagen, die viel⸗ leicht nur mit Mühe zu überwinden waren, verhehlte ſie ſich nicht, denn wohlbekannt war ihr ja des ſtarr⸗ köpfigen Barons uralter Widerwille gegen alle Die⸗ jenigen, die ſich durch ihrer Hände Arbeit ernährten, auch wenn dieſe Arbeit eine zeitgemäße und bedeu⸗ tungsvolle war. Dieſen eingewurzelten und daher ſchwer auszurottenden Widerwillen beſchloß ſie nun allmälig anzugreifen, zu untergraben, und ſo, wenn nicht mit Gewalt, doch mit Güte und Liebe, vielleicht auch mit kleiner Liſt im Bunde, zu ihren Zwecken zu gelangen. Wenn ihr das Schickſal hierin in den Weg trat und ihr die Erfüllung ihres jetzt ſo lebhaften Wunſches verſagte, ſo war das nicht ihre Schuld, denn die Begegniſſe der nächſten Zukunft konnte ſie nicht vorausſehen, alſo auch nicht mit in Anſchlag bringen bei ihrem liebreichen Unternehmen. Für's Erſte gewährte ihr wenigſtens der Gedanke daran und die Hoffnung auf die Erfüllung deſſelben einige Ab⸗ wechſelung in ihrem ſtillen Leben; ſie hatte ein neues Mittel der Unterhaltung entdeckt, womit ſie ſich be⸗ ſchäftigen— ein neues Ziel ſich vorgeſetzt, nach dem ſie mit jugendlicher Spannkraft ſtreben konnte. 229 Bei Tiſche, zu dem heute der Verwalter geladen war, was immer geſchah, wenn er am Morgen mit dem Baron wichtige Geſchäfte verhandelt, wurde nur vom Wetter, von der vorausſichtlichen Arbeit des Herb⸗ ſtes und Winters, von den verfehlten Erwartungen geſprochen, denen man ſich in Betreff der vorüberge⸗ gangenen Erndte hingegeben hatte, und als man beim Nachtiſch ſaß, trat wie am vorigen Tage Friedrich mit der Meldung ein, daß der Förſter Tellkamp draußen ſei, um mit dem gnädigen Herrn ſeine Wanderung anzutreten. Der Baron erhob ſich ſo⸗ gleich, wünſchte den Anweſenden eine geſegnete Mahl⸗ zeit und rüſtete ſich zum Ausgange. Bald darauf verließ er das Haus und den Hof, um vor ein⸗ brechendem Abend nicht wiederzukehren. Marie war ſich alſo abermals allein überlaſſen. Doktor Millinger, den ſie Nachmittags erwartete, um mit ihm ein Stündchen zu plaudern, ließ ſich nicht blicken, und ſo mußte ſie denn wieder zu einem einſamen Spazier⸗ gange und dem Buche der Natur ihre Zuflucht nehmen. Wohin aber ſollte ſie ſich wenden, wenn nicht zu ihrem Lieblingsplatze, der ihr je länger je mehr ein Bedürfniß wurde, das ſie tagtäglich befriedigen mußte. Immer theurer wurde ihr der einſame Ort, denn er verwuchs immer mehr mit ihren innerſten Empfin⸗ 2230 dungen, und wie er ihr, ſo lange ſie noch in der Vergangenheit lebte, ein ſtiller Sammelplatz ihrer Gedanken geweſen war, ſo wurde er ihr jetzt, da ihr der weite Horizont der Gegenwart aufgegangen war, der Tummelplatz aller ihrer noch dunkel in ihr ſchlum⸗ mernden, doch allmälig ſich zum Bewußtſein ent⸗ wickelnden Empfindungen, Wünſche und Beſtrebungen. Schon war ſie ſo weit in dieſe Gegenwart einge⸗ drungen, daß ſie ſich gewiſſe Fragen zu thun vornahm, wenn ſich gewiſſe Gelegenheiten wieder bieten ſollten, und man weiß ja, daß, wo ein Ring jener gewal⸗ tigen, die Menſchenbruſt umſpannenden Kette erſt angelegt iſt, einer nach dem andern aus ſich ſelbſt ſich entwickelt und, wie die Ringe ſelbſt immer ſtärker werden, auch die Kette immer mächtiger, unzerreiß⸗ barer, feſſelnder wird. Aber erſt gegen ſechs Uhr Abends trat ſie ihren Spaziergang an. Es war am Tage ſehr heiß ge⸗ weſen und die Gluth der Sonne hatte unbarmherzig Alles geſengt, was in den Bereich ihrer Strahlen gerieth. Als nun aber die Sonne zu ſinken begann, die Luft kühler wurde und ſich ſogar ein leichter Abend⸗ wind erhob, nahm ſie ihren Hut und verließ ſtill, wie ſie immer ging, und ohne Jemandem etwas davon zu ſagen, das Haus. * Nach einer Viertelſtunde langſamen Wandelns hatte ſie ihr bekanntes ſtilles Plätzchen erreicht, welches ſie diesmal nicht zu verlaſſen Willens war, denn wieder nach dem Kupferhammer zu ſchauen, fühlte ſie heute unbewußt keine Neigung. Die Gegend, in die ſie von der Friedhofſeite des Hügels hinabſehen konnte, war ihr wieder lieber denn je geworden, ſeitdem ſie von einem Andern gehört, daß auch er dieſe Stelle und dieſe Ausſicht liebe. Und merkwürdig, es war als gingen ihr heute zum erſten Mal die Augen völlig über die wirklich vor ihr liegenden Schönheiten auf. Nie vorher war ihr die Ebene ſo weit und breit, die fernen Berge ſo blau, der im Abendſonnenſtrahle leuchtende Park des Gutes ſo maleriſch, die da und dort zerſteuten Häuſer und Höfe der umwohnenden Landleute ſo lauſchig, heimlich und lieblich vorgekom⸗ men. Eine Zeitlang ſtand ſie ſtill und blickte ſich gleichſam ſuchend in der lautloſen Ferne um. Da und dort hatte geſtern ein anderes Auge geweilt, auf Dies und Das hatte ſeine Hand gedeutet und heute war es wieder da, was er als ſchön bezeichnet, und eben ſo ſchön, beinahe noch ſchöner ſchien es nun im zauberiſchen Scheine der milden Abendſonne zu lächeln. Endlich hatte ſie genug geſehen; ſie wollte ſich ſetzen, um ſich von dem bei der Hitze mühſam zurückgelegten Wege auszuruhen. Zu dieſem Behufe blickte ſie ſich nach dem grünen Hügel um, von dem ſie einige Schritte entfernt ſtand, um ſich ſogleich darauf nieder⸗ zulaſſen. Da wurde ihr Auge durch einen Gegenſtand gefeſſelt, den ſie geſtern nicht auf dem Raſen bemerkt hatte. Ein Stäbchen ſteckte mitten auf dem Grab⸗ hügel und in dem darin eingeſchnittenen Spalt haf⸗ tete ein Blatt Papier, das in dem leichten Wehen des Abendwindes zitterte. Sonderbar aber nicht gerade unangenehm erregt, ſtreckte ſie die Hand nach dem Stäbchen aus und zog es aus dem Boden, auf dem es wurzelte. Auch das Papier entwickelte ſie und ſah nun einige Zeilen, die ohne Zweifel an ſie ſelbſt ge⸗ richtet waren, obwohl ſie weder Anrede noch Unter⸗ ſchrift trugen. Freudig erröthend las ſie folgende Zeilen: „Ich bitte um Verzeihung, daß ich dieſe eigen⸗ „thümliche Art der Mittheilung wähle, aber ich „wußte keine andere. Haben Sie die Güte, ſich „nicht ſogleich wieder von dieſem Orte zu ent⸗ „fernen, ich werde ebenfalls wieder zu meinem „Lieblingsplatze eilen, wenn Sie mir wie geſtern „die Erlaubniß dazu ertheilen. Meine Geſchäfte „aber halten mich dieſen Abend länger auf, als „mir lieb iſt. Ich habe Ihnen heute eine Bitte —— 233 „vorzutragen, die mir Ihre Güte, hoffe ich, ge⸗ „währen wird.“ Jeder Menſch, der ein fühlendes Herz und nur einige Erfahrung im Leben hat, weiß, wie ſolche, gleichſam vom Winde des Zufalls herbeigewehte Mit⸗ theilungen, die von einer Perſon herrühren, welche uns nicht gleichgültig iſt, uns überraſchen, ja bezau⸗ bern können. Marie war in der That überraſcht, bezaubert, denn es war dies der erſte Brief der Art, der in ihrem Leben, für ſie allein beſtimmt, in ihre Hände gerieth. Zweimal, dreimal, endlich wohl zehn⸗ mal durchlas ſie die feſt und kräftig geſchriebenen Zeilen und dann ſetzte ſie ſich nieder, um ſie unzählige Male zu überdenken. Herr Hübner, ihr neuer Bekannter, der auf dem beſten Wege war, ihr Freund zu werden, hatte ihr geſtern beim Abſchiede nicht geſagt, daß er heute wiederkommen werde, und auch ſie hatte Nichts davon verlauten laſſen, und doch ſchien es ihr ganz natürlich zu ſein, daß er kam, daß ſie ſelbſt wieder dahin ging. Alſo eine Bitte hatte er ihr vorzutragen? Was mochte das für eine Bitte ſein? Sie zerbrach ſich den Kopf darüber und konnte es doch nicht er⸗ denken. Gewährt aber war ſie ſchon im Stillen, denn was ſollte ſie für einen Grund haben, Jemandem, 234 der ſo liebenswürdig, ſo gut, ſo brav wie Herr Hüb⸗ ner war, eine Bitte abzuſchlagen? So ſetzte ſie ſich denn ſtill auf den grünen Hügel nieder und ſchaute geradeaus, in die Ferne, in die Wolken, als ob von da aus ihr Freund kommen ſollte, und doch kam er nicht daher, ſondern er kam hinter ihrem Rücken den Abhang herunter. Schon aber war ſie ſo weit in ihren Empfindungen gekom⸗ men, daß ſie dieſen Freund mit der unermeßlichen Ferne, den unbegränzten Wolken in Verbindung brachte und als ein Geſchenk betrachtete, welches ihr der Himmel ſelbſt gegeben zu haben ſchien, um ihr die trübe Einöde, in der ſie bisher gelebt, minder öde und trüb zu machen. Sie mochte wohl eine halbe Stunde, faſt ohne jede körperliche Bewegung geſeſſen haben, als ſie hinter ſich die Blätter am Boden rauſchen und gleich darauf einen Fußtritt hörte, der nur einem Menſchen auf der Welt angehören konnte. Freudig ſich umwendend, ſprang ſie dann gleich empor, als ſie Denjenigen erkannte, den ſie in dem Nahenden vermuthet hatte. Beide begrüßten ſich, als wäre ihr Zuſammentreffen hier oben ein ganz natürliches und durch die Umſtände gebotenes geweſen. Herr Hübner nahm ohne Zaudern an Marie's Seite Platz. Er 235 dankte ihr mit einigen herzlichen Worten, daß ſie ſei⸗ nen Wunſch erfüllt und ihn erwartet habe. Marie fand das durchaus nicht dankenswerth, vielmehr ſich ganz von ſelbſt verſtehend. „Aber was haben Sie mir für eine Bitte vorzu⸗ tragen?“ fragte ſie in ihrer kindlichen Weiſe, denn ſie glaubte, es handele ſich um eine alltägliche Kleinig⸗ keit, die ſie mit einem Kopfnicken gewähren könne. Der ernſte Mann an ihrer Seite, der ſie lächelnd dabei betrachtete, zögerte zu ſprechen, als er ſah, welch' friedlichen Zuſtand er vielleicht mit ſeiner Bitte zu zerſtören gekommen ſei. Dennoch aber mußte wohl ſein Entſchluß, die Gewährung der Bitte zu erlangen, feſt ſtehen, und ſo bezwang er ſich ſelber und ſagte, indem er ſich ganz zu der jungen Dame herumwandte, als wollte er mit ſeinen großen braunen Augen in ihrer Seele leſen:„Ach, mein Fräulein, Verzeihung, daß ich überhaupt nur von dieſer Bitte ſprach, denn ſie möchte ſchwieriger zu erfüllen ſein, als Sie denken. Da meine ſchriftlichen Worte indeſſen meinen münd⸗ lichen ſchon vorgearbeitet haben, ſo will ich es wagen, voll der ſüßen Erwartung, Ihr Herz werde eben ſo ſanft in der Beurtheilung meiner dreiſten Bitte ſein, wie Ihr Auge mir ermuthigend zu blicken und mich ſelbſt zur Erfüllung dieſer Bitte aufzufordern ſcheint.“ 236 „Sprechen Sie— ich höre.“ „Mein Benehmen kommt Ihnen vielleicht wun⸗ derbar vor, wenn ich die Hoffnung ausſpreche, Sie werden mir jetzt ſchon Ihr Vertrauen in hohem Maaße ſchenken, da ich erſt ſo kurze Zeit die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu ſein. Aber es giebt Menſchen und Zuſtände, mit denen man ſchneller vertraut wird, als mit anderen. Sie ſind für mich ein ſolches menſch⸗ liches Weſen und ich vertraue mir ſelbſt ſo viel, daß ich hoffe, Sie werden vielleicht in mir etwas Aehn⸗ liches entdeckt haben. So hören Sie mich denn an. habe einen Grund, dieſe ſeltſame Bitte auszu⸗ ſprechen, den ich Ihnen vielleicht ſpäter mittheilen kann, denken Sie alſo nicht von mir, es ſei bloße Neugierde, die mich dazu veranlaßt, oder eine unbe⸗ rufene Einmiſchung in das Schickſal anderer Menſchen. Sagen Sie mir alſo, mein Fräulein, hätten Sie wohl ſchon das Vertrauen zu mir, mir jetzt, in dieſem Augenblicke ſogar, Ihre Geſchichte mitzutheilen, das heißt, ſo weit ſie, Ihnen ſelbſt bekannt iſt?“ Er ſchwieg und heftete ſein Auge beinahe bren⸗ nend auf das Geſicht des jungen Mädchens, welches zur Erde geneigt war, indem ihr ſchönes Auge ſich mit ſeinem natürlichen Schleier bedeckte und dabei einen ſo ſanften Ausdruck annahm, daß der Mann 237 an ihrer Seite, überraſcht von dieſer vollendeten Schönheit, ſein Auge wie gebannt darauf gefeſſelt hielt. Plötzlich hoben ſich dieſe weißen ſchweren Lider langſam empor und entſchleierten allmälig, wie der Vorhang einer Bühne bisweilen eine entzückend ge⸗ malte Landſchaft enthüllt, ein ſo traurig ſanft und doch ſo herzlich wohlwollend blickendes Augenpaar, daß Herr Hübner ſchon die Erfüllung ſeines Wunſches darin las, ehe die Lippen der Gewährenden ſich noch dazu geöffnet hatten. Leiſe mit dem Kopfe nickend, verſtändlicher aber mit dem Auge winkend, ſagte ſie: „Ich habe das Vertrauen zu Ihnen, Herr Hübner, ja, ich habe es. Aber Sie werden nichts Beſonderes zu hören bekommen, denn meine Geſchichte iſt ſehr einfach und ſchließt ſich wie ein kleines Bild in einen ganz unſcheinbaren Rahmen ein.“ „Wie ſie auch ſei, erzählen Sie nur und denken Sie ſich dabei, es ſäße ein Menſch neben Ihnen, der einen recht innigen Antheil an Ihrem Schickſale nimmt.“ „Das denke ich freilich, denn ſonſt würden Si mich nicht danach fragen. Aber ach— ich muß mich einen Augenblick beſinnen— denn ich weiß nicht, wie es kommt, aber ſeit einiger Zeit ſind mir meine 2ss Erinnerungen an meine Heimat wie in den Hinter⸗ grund meiner Gedanken getreten.“ Bei dieſen Worten ſeufzte ſie laut auf; gleich dar⸗ auf aber begann ſie, anfangs mit geſenktem Haupte und mit gefalteten Händen, als verrichte ſie ein hei⸗ liges Geſchäft, indem ſie an die Vergangenheit dachte, ihre einfache Geſchichte zu erzählen. Allmälig aber, als ſich ihre Erinnerungen freier aus der Seele löſten und die Theilnahme des Hörenden ſichtbarer werden ließen, hob ſich ihr Muth und ſie berichtete flüſſig und ohne weiteren Rückhalt Alles, was ſie von ihrer Ge⸗ burt an zu berichten wußte. Merkwürdig war dabei, daß, je weiter ſie in der Erzählung fortſchritt und je mehr ihr Muth dabei wuchs, der ihres Zuhörers zu ſchwinden ſchien. Anfangs hatte ſie das Haupt ge⸗ beugt und die Hände gefaltet, jetzt that er es, und nur bisweilen, wenn Marie eine Pauſe eintreten ließ, um ſich auf irgend Etwas zu beſinnen, wagte er es, einen ſcheuen Blick auf das warm geröthete Geſicht des ſprechenden Mädchens zu richten. So war ſie endlich bis zu dem Augenblicke ge⸗ langt, wo ſie in das Haus ihres Oheims verſetzt wurde. Hier ſtockte ſie. „Nun?“ fragte Herr Hübner mild und ſanft, wie er noch nie zu ihr geſprochen.„Warum hören Sie auf zu reden?“ „Weil mir einfällt, daß jetzt eigentlich meine Ge⸗ ſchichte zu Ende iſt und die anderer Menſchen beginnt, mit denen ich nur in entfernter Verbindung ſtehe.“ Herr Hübner ſann eine Weile nach. Dann aber ſagte er, ſich Mühe gebend, ſo unbefangen wie mög⸗ lich zu reden:„Ja, Sie meinen die Geſchichte der Familie Ihres Oheims. Aber die kenne ich ſchon ſo ziemlich. Herr Baumann, dem ſie durch das Gerücht bekannt ward, hat ſie mir obenhin mitgetheilt, und Doktor Millinger, den wir danach gefragt, hat ſie weder beſtätigt noch geläugnet, woraus wir ſchließen konnten, daß das Gerücht wohl nicht gelogen haben wird. Aber wiſſen Sie was— erzählen Sie mir die Geſchichte des Hauſes Brandau auf Holzendorf, wie Sie ſie gehört haben; ich ſetze nämlich voraus, daß Sie wiſſen, was im Schooße der Familie, der Sie ſelbſt angehören, vorgegangen iſt. So werde ich am beſten die Wahrheit von der Lüge unterſcheiden können.“ Marie athmete ſchon leichter auf. Es war ihr etwas ſchwer geworden, von ihrer Mutter und ſich ſelber zu reden; ihres Oheims Begegniſſe zu ſchildern, ſchien ihr viel weniger ſchwierig zu ſein, da ſie ſich 240 nur an Das zu halten brauchte, was ſie von Doktor Millinger und der alten Hanne darüber gehört hatte. Daher erwähnte ſie, was ſie wußte und was wir ſelber ſchon wiſſen, indem es einen Theil des Inhalts dieſer Erzählung ausmacht. Mit großer Spannung hatte Herr Hübner dieſer im Ganzen kurzen Mit⸗ theilung zugehört und nicht ein einziges Mal die Er⸗ zählerin unterbrochen, nur ſein Auge hatte zu dem ihrigen geredet. Als Marie zu dem Beſuche Alfred's im Hauſe ſeines Vaters gelangt war, ſtockte ſie wieder und end⸗ lich ſchwieg ſie ganz. „Wollen Sie mir nicht anvertrauen, was Alfred im Hauſe ſeines Vaters that? Oder iſt Ihr Ver⸗ trauen erloſchen?“ „Ich weiß nicht, Herr Hübner, ob ich es darf. Es betrifft das die Familienangelegenheiten meines Oheims und er mag vielleicht anders darüber denken, als Sie und ich.“ Herr Hübner ſchwieg und ſchien zu überlegen. Endlich erhob er ſanft ſeinen ausdrucksvollen Kopf und ſah Marien bittend an. Dieſe widerſtand dieſem Blicke ſchon nicht mehr und ſofort berichtete ſie, was Alfred in Holzendorf gewollt und gethan. Als ſie erſt ſo weit gekommen, konnte ſie nicht mehr mitten 241 auf dem Wege inne halten; nur ſtockte ſie nochmals, als ſie auf ihren Couſin Georg zu ſprechen kam und deſſen Bild ſich vor ihrer Seele in ſeiner unerklärlichen Zerriſſenheit malte. Aber nichts von ihren Gefühlen über dieſen Gegenſtand erwähnend, hielt ſie ſich nur an die äußeren Thatſachen— und dieſe nur allein wollte ja Herr Hübner hören. Marie's Erzählung war zu Ende. Ihr vom ei⸗ frigen Sprechen warm gewordenes Geſicht ſtrahlte die Fülle ihres ganzen inneren Lebens aus, und ihr Auge glänzte ſo feurig, wie es Herr Hübner noch nicht hatte glänzen geſehen. Er wandte ſeinen dunklen Kopf zu ihr herum und dankte ihr mit Worten und Blicken für die Erfüllung ſeines Wunſches.„Aber Eines,“ ſagte er lächelnd,„haben Sie vergeſſen.“ „Was wäre Das?“ „Sie haben mir ja Nichts von dem verſchollenen Sohne des Barons geſagt—“ „Wie kann ich von Dem etwas wiſſen? Er iſt eben verſchollen.“ „Wohl wahr! Aber wie kam es denn eigentlich, daß er das Haus ſeines Vaters verließ?“ fragte Herr Hübner mit langſam feierlichem Tone, jede Sylbe betonend, ſo daß ſie Marien in's Herz drangen. „Ja, das iſt wahr, das habe ich vergeſſen. Die Baron Brandau. I. 2. 16 242 alte Hanne hat mir den Vorgang genau erzählt, bei⸗ nahe eben ſo wie Doktor Millinger. Es iſt aber ſehr einfach, obwohl ſehr traurig.“ Und ſie fügte hinzu, was wir bereits wiſſen. Als ſie auch mit dieſer Erzählung zu Ende war, erhob ſie das Haupt gegen ihren Zuhörer. Er ſaß gleichſam noch immer horchend neben ihr, ſtarrte aber mit nach Innen gewandtem Blicke in's Blaue vor ſich hin und ſchien Alles vergeſſen zu haben, was außer ihm lag. Plötzlich aber, als er merkte, daß Marie nicht mehr ſprach, erhob er das Geſicht zu dem ihrigen und verſuchte zu lächeln. Dies Lächeln aber war mit einem tief ſchmerzlichen Ausdrucke gepaart. „Das iſt freilich ein trauriger Vorfall,“ ſagte er leiſe.„Am meiſten bedaure ich den armen Vater, da der längſt verſtorbene Knabe wohl nicht mehr zu be⸗ dauern iſt. Der Baron iſt kein ſchlechter Mann, wie ich die Sache anſehe, ſondern nur arg und ſtarr in den ihm angeborenen Vorurtheilen befangen, wie ſo viele ſeines Geſchlechts. Die jüngeren Söhne hat er aller⸗ dings auf Koſten des älteſten groß gezogen, er hat ſie verhätſchelt und nun ſind ſie ihm über den Kopf gewachſen. Das kommt oft vor, nur nicht auf eine ſo auffallende und beklagenswerthe Weiſe. Das Le⸗ ben der Söhne in der Reſidenz kann dem Baron ver⸗ 243 hängnißyoll werden und er ſcheint der Kraft und des Nachdrucks zu entbehren, mittelſt deren allein ein ſolcher überfluthender Strom in die richtigen Schranken zu⸗ rückgeleitet werden muß. Ja, ja, ſo iſt es. Hm!— Aber Sie haben mir da ein wahres Vertrauen be⸗ wieſen, mein Fräulein, glauben Sie mir das. Ich bin Ihnen dankbar dafür. Ich werde Ihnen wieder einmal gefällig ſein.“ „Das können Sie ſogleich,“ ſagte Marie, indem ſie wieder erröthete, aber dabei lächelte.„Erzählen Sie mir doch auch von Ihrer Vergangenheit, dann haben wir uns gegenſeitig Vertrauen bewieſen.“ „Wenn es nur darauf ankäme, Ihnen mein Ver⸗ trauen zu beweiſen, ſo wollte ich Ihnen bald Alles ſagen, was Sie wiſſen möchten. Aber die Sache ver⸗ lohnt ſich der Mühe kaum. Ich bin nicht unter ſo eigenthümlichen Verhältniſſen groß geworden wie Sie, und habe keinen ſo nachſichtigen Vater gehabt, wie Ihre Vettern. Der meinige hat mich nicht verzärtelt, aber hoffentlich auch dadurch nicht verdorben. Die harte Schule der Nothwendigkeit, alle meine Kräfte und Fähigkeiten auf der Goldwage prüfend, hat mich frühzeitig zwiſchen ihre eiſernen Arme genommen und dieſe Arme haben mich tüchtig gedrückt, geſchüt⸗ telt und zerzauſt. Ich bin weiter nichts als ein roher 16* 244 Handarbeiter geweſen, und ſo bin ich auch nichts weiter geworden und immer Derſelbe geblieben.“ „Aber Sie haben doch eine achtungswerthe Stellung im Leben erworben,“ warf Marie mit einem gewiſſen unbewußten Stolze hin,„Sie ſind doch glücklich in Ihrem Berufe, glücklicher als dieſe vornehmen Leute, die nicht einmal in ihrem Alter Ruhe gewinnen, wie Sie ſie zu erreichen gewiß ſind.“ „Wer weiß das! Man kann weder auf den Grund des Meeres noch ſeine ſicheren Küſten und Häfen ſehen, wenn man mitten darauf ſchwimmt, und das Leben des Menſchen iſt ein unerforſchliches, grund⸗ und endloſes Meer. Eine achtbare Stellung freilich, ſo denke ich, habe ich mir mit dieſen Händen erworben, ſogar die Ausſicht, es noch weiter zu brin⸗ gen, denn meine Arbeiten werden von Fürſten und Privatleuten gleich gut bezahlt.“ „Sie haben aber auch nicht mit den Händen allein, Sie haben auch mit dem Kopfe erworben, ſollt ich meinen— „Auch das, redlich ſogar! Denn oft habe ich meinen Kopf angeſtrengt, um etwas Neues, Brauch⸗ bares, Nützliches zu erdenken, bis er mir vor Schmer⸗ zen zu zerſpringen drohte. Aber das iſt die Pflicht des Menſchen auf Erden; er iſt nicht allein in die Welt geſetzt, um zu genießen und zu ſchmarotzen, wie jene jungen Herren es thun, ſondern er ſoll aus eige⸗ nem Triebe, mit eigener Kraft ſich aus dem Staube erheben, Anderen, ſich ſelbſt und der Welt nützen— ſo verſtand ich von jeher die Aufgabe des Lebens, und ſo verſtehe ich ſie noch.“ Hier ſtockte das Geſpräch, denn wieder war der Abend dem Nachmittage gefolgt und bereits lagerten ſich die Schatten deſſelben über die Ferne, und der Nebel ſtieg in bleichen Wolkenſchichten hier und dort aus der feuchten Erde hervor. Marie bemerkte es und erſchrak beinahe darüber, denn die Stunden waren ihr wie im Fluge verrauſcht und ſie hätte gern die einzelne Minute feſtgehalten, um ſie wieder in Stunden auszudehnen. Denn ſchon war es ihr ein Bedürfniß geworden, mit dieſem Manne, den ſie jetzt im Stillen dreiſt ihren Freund nannte, vertraulich zu verkehren, ſeinen ernſten, gewichtigen Worten zu lauſchen und aus einer unſichtbaren, aber deutlich fühlbaren Kraftausſtrömung ſeines ganzen Weſens auch für ihr Leben Kraft und Stärkung zu ſaugen. Allein er ſelbſt führte den Aufbruch für heute her⸗ bei, indem er ſagte:„Es iſt Abend geworden, mein Fräulein, unſere Trennungſtunde hat alſo geſchlagen. Geſtern wagte ich es noch nicht, Sie zu bitten, heute wiederzukommen, heute aber iſt mein Muth Ihnen gegenüber gewachſen, denn Sie haben mir Ihr Ver⸗ trauen in hohem Maaße bewieſen. Heute alſo frage, bitte ich Sie, werden Sie mir morgen wieder eine Stunde hier oben ſchenken? Den Grund, warum ich gerade auf morgen beſtehe, werden Sie morgen ſelbſt erfahren.“ Marie bebte vor Freude zuſammen. Dieſe Frage, dieſe Bitte knüpfte ſichtbar die Fäden feſter, die ſie mit dem edlen Manne verbanden, denn daß er edel war, das ſagte ſie ſich tauſendmal in jedem Augen⸗ blicke. Das las ſie in ſeiner Stimme, auf ſeiner Stirn, in ſeinen Augen, ſeinem ganzen Weſen, auf welches die Hand des Höchſten den Stempel der Würde, des Adels, des rein menſchlichen Adels gedrückt hatte. „Ja, erwiderte ſie leiſe,„ich werde kommen, denn ich gehe alle Tage hierher.“/ Herr Hübner lächelte über dieſes, vie lſagende Ein⸗ verſtändniß.„Wenn Sie aber eine unerwartete Ab⸗ haltung finden ſollten?“ pragi vſa um ganz ſicher zu ſein. Marie bedachte ſich nur einen Augenblick.„Was ſollte mich abhalten?“ ſagte ſie.„Selbſt wenn mein Oheim mich anders wohin führen wollte, ſo würde 247 ich ihm diesmal nicht folgen, denn ich habe Ihnen ja das Verſprechen gegeben, zu kommen.“ Herr Hübner war befriedigt durch dieſen Aus⸗ ſpruch. Er las als Menſchen⸗ und Seelenkenner die Gluth der Wahrheit und mit dieſer die Kraft der Vollführung auf dem Geſichte des ſchönen Weſens, welchem Gott außer dieſer Schönheit noch ſo viele Gaben verliehen hatte, die dem Manne das Weib als den köſtlichſten Edelſtein der Schöpfung erſcheinen laſſen.— So erhoben ſie ſich denn Beide von ihrem Sitze, Marie nahm wieder den Arm des neuen Freun⸗ des und nun ſchritten ſie wie am vorhergehenden Tage langſam durch die Lichtung der Anhöhe dem Gute zu. Je mehr ſie ſich dem Orte ihrer Trennung näher⸗ ten, um ſo langſamer wandelten ſie auch diesmal dahin und Keines von Beiden ſprach etwas Beſonde⸗ res, vielmehr hatte es den Anſchein, als hätten ſie, Jeder für ſich, über das Vernommene und Erlebte im Stillen nachzudenken. Während einer ſolchen Pauſe fragte Marie, ob der Hauſirer, der am vorigen Tage ſein Pferd ſo unbarmherzig geſchlagen, nach dem Kupferhammer gekommen ſei. „Ja, freilich, heute Morgen in aller Frühe iſt er dageweſen. Ich habe mich nach ſeinen Verhältniſſen 248 erkundigt und er hat mir vortheilhafte Papiere vorge⸗ wieſen. Er iſt früher Soldat geweſen, in Schleswig ſchwer verwundet und dadurch brodlos geworden. Nun hat er ſich auf den Handel geworfen und will ſich ſo viel Geld verdienen, bis er ein Weib ernähren kann, das er liebt.“ „Schade, daß er ſo harter Natur iſt und geſtern das arme Thier ſo unmenſchlich behandelte, Das hat ihn mir verleidet.“ „Das ſollten Sie nicht ſagen. Anfangs freilich hat es auch mich gegen ihn aufgebracht; bei ruhiger Ueberlegung indeß fand ich, daß er nicht anders iſt, als alle Leute ſeines Schlages und Standes. Die Armuth verhärtet leider die Menſchen, wenigſtens viele, und nur um ein Weib zu erringen, ſchlug er 6 das Pferd.“ „Das iſt ein ſehr weitab liegender Grund. Aber da Sie ihn in Schutz nehmen, wird er deſſen wohl würdig ſein. Haben Sie ihm Ihr Verſprechen ge⸗ halten?“ Herr Hübner ſchwieg eine Weile, dann ſagte er mit leiſer aber bewegter Stimme, die aus der tiefſten Tiefe ſeines Herzens hervordrang:„Wenn Sie mich ſo mit Ihrer weichen Stimme fragen, kann ich meine 249 Antwort nie zurückhalten. Ich habe ſogar noch mehr gethan, als mein Verſprechen verhieß.“ „Wie? Sie hätten ihm ſonſt noch Gutes erwieſen?“ „Ich habe ihm eine Anſtellung gegeben in unſe⸗ rer Fabrik; einer unſerer Aufſeher iſt geſtorben und ich faßte Vertrauen zu dem Manne.“ „Aber wie konnten Sie Vertrauen zu ihm faſſen, da er in unſerer Gegenwart ſich ſo unbarmherzig er⸗ wies? Sie ſcheinen ſehr leicht Vertrauen zu faſſen!“ „Nicht immer; wenn ich aber vertraue, vertraue ich ſtets ganz.— Dieſem Manne zu helfen, hatte ich zwei wichtige Gründe.“ „„Und welche wären das geweſen?“ „Zuerſt antwortete er mir in mitleidigem Tone, als ich ihn auf ſeine Thierquälerei aufmerkſam machte. Sein Gefühl war alſo nicht erſtorben, nur die Noth— der Trieb zur Selbſterhaltung, zwang ihn zu jener Härte, die er ſelbſt beklagte. Sodann aber—“ „Warum halten Sie inne— der andere Grund?“ „Wie Sie mich drängen!“ flüſterte Herr Hübner faſt, aber in jenem energiſchen deutlichen Geflüſter, welches in das Ohr des mit dem Herzen Hörenden wie eine Trompete bläſt:„Er war der erſte Hülfsbe⸗ dürftige, der mir in den Weg kam, als ich das Glück hatte, mit Ihnen zuſammen zu ſein— und Das 250 mußte ihm zu Statten kommen. Nun kann er ſeine Geliebte heirathen.“ Er ſchwieg, als hätte er ſchon zu viel geſagt. Marie zuckte unbewußt zuſammen. Gleich darauf waren ſie an die Stelle gelangt, an der ſie ſich zu trennen pflegten. Beide blieben ſtehen und richteten die Augen auf einander, als erwartete Jedes noch vom Andern, er werde Etwas ſagen. Aber Keiner ſprach ein Wort. „Gute Nacht!“ ba eüc Herrn Hübner’ tiefe Stimme „Gute Nacht!“ llan⸗ der Fl ötenton Marie s da⸗ gegen. „Wollen Sie mir nicht zum Abſchiede die Hand reichen und damit das Vertrauen beſiegeln, welches Sie mir heute geſchenkt haben?“ Marie antwortete nicht, aber ſchon lag ihre Hand, dieſe kleine weiche Hand, in ſeiner großen. Langſam, leiſe zog er ſeine Finger zuſammen und umſchloß ſo faſt ganz die Hand des Mädchens damit.„Ich könnte ſie jetzt küſſen,“ ſagte er,„wie das die Leute von Stande thun, wenn ſie glauben, ſich eine Ehre zu erweiſen, die eine ſonderbare Sitte ihnen aufbür⸗ det; aber ich thue es nicht, denn ich bin nicht von Stande, nicht von ſo feiner Sitte, ich bin nur ein einfacher Arbeiter, und deſſen Lippen verdienen es nicht, die Sammethaut einer Baroneſſe zu berühren.“ „Herr Hübner!“— Weiter ſagte ſie nichts, und doch lag ſo viel in dieſen zwei Worten und in dem Tone, womit ſie geſprochen wurden, daß der damit Angeredete eine köſtliche Rede zu hören glaubte. „Leben Sie wohl!“ ſagte er und nahm tief ſeinen Hut ab, ſich ehrerbietig verbeugend. „Auf morgen!“ flüſterte Marie, und gleich darauf war ſie in den Park geſchlüpft, vor deſſem Graben, über den eine hölzerne Brücke führte, ſie geſtanden hatten. Als Marie in das Schloß eintrat, erfuhr ſie ſo⸗ gleich durch die ihr begegnende Schaffnerin, daß der Herr Baron noch nicht wieder von ſeinem Ausfluge zurückgekehrt ſei.„Aber, mein Gott, gnädiges Fräu⸗ lein, warum bleiben Sie denn immer ſo lange aus?“ rief die Alte mit liebenswürdigem Schmollen.„Es iſt ſchon wieder beinahe ganz dunkel. Wenn ich ge⸗ wußt hätte, wo Sie zu finden geweſen, ich hätte Sie ſelbſt aufgeſucht. Hängen Sie denn immer noch ſo ſehr an dem einſamen Herumſchwärmen?“ 252 „Gewiß, gute Hanne,“ erwiderte die Baroneß lächelnd, die zu glücklich war, um den eben gehörten Vorwurf in ſeinem ganzen Umfange zu würdigen, „ich liebe es immer noch ſo ſehr, wie ich es damals liebte, als ich unter den Wahnſinnigen lebte!“ Mit dieſen Worten eilte ſie in ihr Zimmer, um die vom Thau des Abends durchnäßten Schuhe zu wechſeln. „Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte die alte Hanne vor ſich hin, indem ſie nach der Küche ging, um nach dem Abendeſſen auszuſchauen,„es klebt ihr doch im⸗ mer noch Etwas von dem unglücklichen Irrenhauſe an. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ſie uns Alle angeſteckt, denn ſo ſonderbar, wie es jetzt hier im Hauſe hergeht, iſt es noch niemals hergegangen.“ In dieſem Augenblick fuhr ein Wagen raſſelnd in den Hof und ſogleich ſprangen einige Leute herbei, denn es war möglich, daß der Baron vorgefahren kam, obgleich er zu Fuße weggegangen war. Auch hatte man ſich nicht geirrt. Er war dem Doktor Millinger, der zu Wagen vom Kupferhamnier her⸗ kam, begegnet und hatte deſſen Einladung, zu ihm einzuſteigen, Folge geleiſtet. Auch den Förſter hatte der gute Doktor mitgenommen, aber ſchon vor ſeinem Hauſe am Eingang des Gutes abgeſetzt. 253 Als der Baron mit Hülfe Friedrichs aus dem Wagen ſtieg, war es ſein Erſtes, ein gutes Abend⸗ eſſen ſo raſch wie möglich zu beſtellen, denn der weite Fußweg hatte ihm Appetit gemacht und der ſeltene Beſuch des Arztes, der ihm für den Abend ſeine Gegenwart zugeſagt, hatte ihn heiter geſtimmt, zum erſten Male ſeit jenem Unglückstage, wo ihn der Bankier und der Advokat heimgeſucht. Lärmend und dem ganzen Hauſe vernehmbar trat er in ſein Zim⸗ mer, bot dem Doktor eine Cigarre und zündete ſich ſelbſt eine an, was ebenfalls ſeit jenem Tage nicht geſchehen war, denn der Herr Baron gehörte zu jenen ſeltenen Exemplaren von Männern heutiger Zeit, die nur dann eine Cigarre rauchen, wenn ſie beſonders fröhlich geſtimmt ſind. „Nun kommt her, Millinger und ſetzt Euch. So!“ ſagte der alte Herr in trefflichſter Laune.„Ihr glaubt nicht, wie lieb es mir iſt, daß ich Euch endlich ein⸗ mal aufgerafft habe. Euretwegen hätte ich ſterben können, ſo wenig habt Ihr Euch um mich be⸗ kümmert.“ Der Doktor lächelte auf ſeine Art, denn er wußte aus alter Erfahrung, daß des Barons hauptſächlichſte und faſt einzige Krankheit die üble Laune war. „Was wollen wir trinken?“ fragte der Baron 254 weiter, ohne auf eine Erwiderung des Arztes zu warten. „Etwas Gutes, Herr Baron, denke ich, da Sie ſo munter und zugleich bei gutem Appetite ſind.“ „Das war eine vernünftige Antwort, wie ich ſie lange nicht gehört. Den Wunſch wollen wir verwirk⸗ lichen.“ Dabei griff er nach ſeiner Glocke, die ſogleich den aufmerkſamen Friedrich herbeirief.„Bringe Cham⸗ pagner, Friedrich!“ gebot er.„Halt! Iſt das gnä⸗ dige Fräulein zu Hauſe?“ „Gewiß, gnädiger Herr! Sie befindet ſich in ihrem Zimmer.“ „Lade ſie zu uns ein— es iſt Euch doch recht, Doktor?“ 3 Ich bitte, Herr Baron; es kann mir keine Geſell⸗ ſchaft angenehmer ſein.“ Bald darauf trat Marie ein und bot dem Oheim die Wange und dem Doktor die Hand dar. Letzterer merkte ſogleich an dem flammenden Blicke, den ſeine junge Freundin nur ſelten zeigte, daß ihr etwas Angenehmes begegnet ſei. Er beobachtete ſie aber nur ſcharf mit den Augen, ohne ſeine Bemerkung in Worte zu kleiden, denn der gute Doktor Millinger ge⸗ hörte zu den wenigen geſcheidten Menſchen, die An⸗ dern ihre eigenen Empfindungen gönnen, ohne die 255 Aufdringlichkeit zu beſitzen, danach zu fragen. In demſelben Augenblicke aber hatte auch ſchon der we⸗ niger ſcharf fſichtige Baron eine auffallende Belebtheit an der Nichte bemerkt, wie er ſie faſt noch nie an ihr wahrgenommen, denn bisher hatte er ſie häufiger wehmüthig, traurig und ſchweigend als mittheilſam und fröhlich geſehen. Er wollte eben deshalb eine Frage thun, als Friedrich den verlangten Champagner und die Gläſer brachte. Das lenkte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit wieder ab und er begab ſich daran, die Glä⸗ ſer zu füllen.„Da, mein Kind,“ ſagte er herzlich, „nimm Du das erſte Glas. Es iſt ein heiterer Tag heute, wie wir ihn hier lange nicht genoſſen haben.“ . Marie ſtimmte ihm ſtillſchweigend bei und leerte das kleine Glas auf ſeine Geſundheit. Bald darauf wurde die Flügelthür geöffnet und man trug einen völlig gedeckten Tiſch in das Zimmer, denn ſo liebte es der Baron. Das Geſpräch während der Mahlzeit drehte ſich Anfangs um die verſchiedenen Beſichtigungen, die der Gutsherr heute vorgenommen, und da er auch damit zufrieden war, ſo vermehrte es nur ſeine Heiterkeit. Er ſprach mehr als gewöhnlich und bemerkte dabei nicht, wie der Arzt immer noch unausgeſetzt die glück⸗ liche Miene des gnädigen Fräuleins ſtudirte. End⸗ lich ward er es gewahr und betrachtete ſich nun ebenfalls ſeine Nichte, deren Munterkeit nicht durch Worte, doch durch jede Bewegung, jede Miene ſich kund gab. Friedrich hatte eben auf Geheiß ſeines Herrn die zweite Flaſche gebracht, als Letzterer Marien feſt an⸗ ſah und geradezu ſagte:„Wohl, mein Kind, ſo ge⸗ fällſt Du mir noch beſſer, als wenn Du ernſt und ſtill biſt. Du ſprichſt zwar auch heute nicht viel, aber wenigſtens denkſt Du nichts Unangenehmes. Sage mir denn, da auch wir gerade heiter ſind, was ſtimmt Dich denn ſo überaus glücklich? Was haſt Du ge⸗ macht, während ich fort war? Biſt Du außerhalb des Hauſes geweſen? Laß uns auch Dein Tagewerk hören, nachdem Du das unſrige kennen gelernt.“ Marie erröthete, war aber ohne Zögern zur auf⸗ richtigen Mittheilung des Erlebten entſchloſſen.„Ich bin auf dem Friedhof geweſen, mein lieber Oheim!“ ſagte ſie raſch. „Tauſend und noch einmal! Auf dem Friedhof! Das iſt ein ſchöner Grund zum Luſtigſein!— Seit wann, ſage mir, kehrt man denn ſo heiter vom Friedhof zurück?“ „Ich bin nicht luſtig, mein Oheim, obwohl heiter; 257 eigentlich aber bin ich glücklich— ja, ich nenne es geradezu ſo!“ „Glücklich? Hm! Ein bedeutungsvolles Wort! Ich wünſchte, ich könnte das auch einmal wieder von mir ſagen.— Und warum biſt Du glücklich?“ „Ich habe eine angenehme Unterredung gehabt, mein Oheim!“ „Mit den Todten etwa?“ „Nein, mit einem recht Lebendigen. Herr Hübner war mit mir auf dem Friedhofe.“ Der Doktor ſtutzte und der Baron hob ſtaunend den Kopf in die Höhe.„Hert Hübner?“ fragte er. „Wer iſt das?“ „Das iſt der zweite Direktor des Kupferhammers, mein Oheim— ich habe Dir ja ſchon neulich ſeinen Namen genannt.“ Der Baron runzelte die Stirn, ſobald das Wort „Kupferhammer“ genannt wurde. Der Doktor aber glaubte ſich in's Mittel legen zu müſſen und ſagte: „Ach ja, das iſt wahr, Herr Hübner iſt ein ſehr an⸗ genehmer und unterrichteter Mann.“ „Auch ein ſehr guter Mann!“ fügte Marie dreiſt hinzu.„Ich will nur eine Geſchichte erzählen, die ich mit ihm erlebt habe.“ „Aber wie kommt er auf den Friedhof?“ fragte BAaron Brandau. I. 2. 17 8 258 der Baron ernſt.„Der gehört nicht zum Grund und Boden des Kupferhammers. Ich liebe es nicht, wenn die Leute von da drüben mein Eigenthum betreten, ohne mich um Erlaubniß zu fragen— ich belioke das ihrige auch nicht.“ „Herr Hübner iſt ein Freund der ſcoönen Natur, namentlich liebt er weite Fernſichten,“ erläuterte der Arzt.„Er hat es mir ſelbſt geſagt, daß er keinen Spaziergang lieber unternimmt, als nach Ihrem Fried⸗ hof, Herr Baron, von wo man vier Meilen weit die Gegend überſchauen kann. Er meinte auch, mit einiger Nachhülfe könnte man den Friedhof zum artigſten Parke umgeſtalten.“ „Damit ſoll er mir vom Halſe bleiben— das bitte ich mir aus!“ fuhr der Baron heftig heraus. „Mag er ſeinen Kupferhammer in einen Park ver⸗ wandeln, ſo viel er will, wir werden für das Unſrige ſorgen.“ „Es war ja auch nur ein Ausſpruch ſeiner Mei⸗ nung von ihm,“ ſagte der Arzt begütigend.„Er denkt nicht daran, ſich Eingriffe in Ihre Rechte zu erlauben, dazu iſt er viel zu vernünftig. Auch kennt er Ihre Abneigung gegen—“ „Gegen was?“ fragte übelgelaunt der Baron. „Gegen den Kupferhammer.“ 259 „So— kennt er die! Das iſt mir lieb. Und dabei mag es ſein Bewenden haben.— Was war das für eine Geſchichte, die Du von ihm erzählen wollteſt, Marie?“ Die Gefragte, die bei dieſem Geſpräche zwiſchen ihrem Oheim und dem Doktor etwas ſchneller Athem geholt hatte als vorher, beſann ſich eine Weile, dann erzählte ſie kurz den Vorfall mit dem wandernden Handelsmanne und ſeinem Pferde. „Ja, die Geſchichte iſt wahr,“ fuhr der Doktor fort, als Marie geendigt hatte und ſich dann ſchwei⸗ gend verhielt.„Ich war heute auf dem Kupferhammer und hörte davon. Der Mann hat ein angemeſſenes Gehalt und eine Wohnung bekommen, damit er hei⸗ rathen kann; ſogar ſein Pferd iſt gut untergebracht, denn Herr Hübner hat es in ſeinen eigenen Stall ge⸗ ſtellt und heute Nachmittag habe ich das arme Thier ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben auf der fetten Wieſe da drüben ſatt freſſen geſehen.“ Maries Augen leuchteten wie Diamanten, auf die der Schein eines hellen Lichtes oder ein Sonnenſtrahl V fällt, doch ſagte ſie kein Wort. Ihr Herz allein ſprach durch lauteres Klopfen ihre Gefühle aus. Auch der An ſchwieg eine Weile, dann ſagte er mit beruhig⸗ m Tone:„Hm! Das gefällt mir, das muß ein 17* 260 braver Mann ſein. Ich hätte nicht gedacht, daß der⸗ gleichen Leute ſo edelmüthig ſein können, noch viel weniger, daß Jemand mit ſolchen Geſinnungen auf dem Kupferhammer wohnt.“ „Man ſollte ſie nur beſſer kennen,“ bemerkte der Arzt beiläufig,„und man würde ſtaunen, viel mehr an ihnen zu finden als—“ „Nun was?“ fragte der Baron, da der Doktor eine Pauſe eintreten ließ. „Als ſogar Leute von höherem Stande ihr Eigen⸗ thum nennen.“ „Iſt der Mann wohlhabend?“ fragte der Baron weiter. „Man kann ihn dreiſt reich nennen, denn wie ich auf dem Kupferhammer habe erzählen hören, hat er allein 50,000 Thaler in Actien in dem Werke ſtecken.“ „So!“ brummte der Baron.„Wo hat er denn das Geld her?“ „Er hat es ſich erworben, Herr Baron. Er iſt ein Talent, ein Maſchinenbauer und großer Werkmei⸗ ſter und hat in England ſeine Studien gemacht.“ Bei dieſen Worten überlief das Geſich 261 ſetzen wollte, ſinken und ſtierte gedankenvoll vor ſich hin. „In England iſt er geweſen?“ fragte er faſt un⸗ willkürlich nach einer langen Pauſe. „Ja, mein Oheim, und auch in Amerika, hat er mir neulich ſelber erzählt.“ Der Baron ſchob das Glas noch weiter von ſich. Die Luſt zum Trinken war ihm vergangen. Ohne Zweifel dachte er an Etwas, was mit Herrn Hübner in gar keiner Verbindung ſtand. Als Marie dieſe nachdenkliche, beinahe traurige Miene des Oheims ſah, deren Bedeutung ſie ſo gut kannte, erhob ſie ſich wie ein Zephyr von ihrem Sitze, trat zu ihm heran, legte ihren Arm um ſeinen Nacken und küßte ihn herzlich. „Tiinkt, trinkt, Kinder,“ rief der Baron, der durch dieſe liebevolle nnd ſchweigſame Ueberredung beſänftigt war,„trinkt! Dieſer Hübner ſcheint mir ein wackerer Mann zu ſein. Nun, vielleicht habe ich auch einmal Gelegenheit, ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ „Die hätteſt Du ſchon geſtern machen können,“ ſagte Marie herzhaft.„Denn als Du mit dem För⸗ ſter auf dem Bergwege nach Hauſe gingſt, ſaß er mit mir auf dem Grabe meiner guten Tante und wir ſahen Dich wohl, wollten aber nicht ſtören, da Du auf einem Geſchäftsgange begriffen warſt.“ „Ha! War mirs doch wie eine Ahnung geſtern auf der Stelle,“ ſagte der Baron mit bebender Lippe. „Als ich mit Tellkamp vor den Gräbern vorüberging, wollte ich hinauf blicken, wo ſie liegen. Aber eine innere Gewalt hielt mich davon zurück, denn ich liebe es nicht an Geſpenſter zu denken, und die wohnen für mich dort oben.“ Das Geſpräch, bisher vom perlenden Weine be⸗ feuert, gerieth durch dieſe Bemerkung etwas ins Stocken. Eine kalte unbehagliche Wolke hatte ſich über die Trinkenden und Sprechenden herabgelaſſen. Bald darauf ſtand der Doktor Millinger auf und, nachdem er ſich empfohlen hatte, ſtieg er in ſeinen Wagen und fuhr nach Hauſe, bat jedoch vorher den Baron um Erlaubniß, am nächſten Tage das gnädige Fräulein zu einem Beſuche bei ſeiner Familie abholen zu dürfen, was auch genehmigt und von Marie ſelbſt zugeſagt wurde. Dreisehntes Anpitel. Auf dem Berge und im Hauſe. Der nächſte Tag war gekommen und hatte für die we⸗ niger oder gar nicht an den vorliegenden Ereigniſſen Be⸗ theiligten im Gutshofe begonnen, wie alle Tage daſelbſt begannen, mit frühzeitiger Arbeit. Nicht ſo bei Ma⸗ rien. Für ſie war es ein durchaus ungewöhnlicher Tag, der erſte in ihrem Leben, für welchen ſie einem Manne, den ſie bereits hoch achtete, das Verſprechen gegeben hatte, mit ihm einige Stunden allein zu ſein. Doktor Millinger war ſeinem Worte getreu geblieben. Er war am Morgen dieſes Tages nach dem Gute gekommen, um die Nichte des Barons in ſein Haus zu führen, wo ſie den Tag über verleben ſollte, mlt Geſprächen und Dingen beſchäftigt, die ſie von den Vorfällen ihres Hauſes einigermaßen ableiteten. In früheren Tagen war ihr dieſer Beſuch immer ein hoher 264 Genuß geweſen, dem ſie ſich mit Freuden hingegeben, jetzt, heute, war er ihr ſchon eine Pflicht geworden, die ſie nicht mehr mit ganzer Seele erfüllte. Denn dieſe Seele bewegte ſich an einem ganz anderen Orte, erfüllte eine von der gegenwärtigen weit ab⸗ weichende Pflicht, ſie eilte der Zeit und dem Orte voraus, in der und an dem ſie war, und horchte ſchon in Gedanken auf die Mittheilungen, die ihr die Ur⸗ ſache erklären ſollten, warum Herr Hübner darauf ge⸗ drungen hatte, ſie heute wiederum zu ſprechen. Der Tag verſtrich ihr daher äußerſt langſam, ſie bemühte ſich mit Aufwendung aller ihrer Kräfte, den inneren Drang nach der Beendigung dieſes Beſuches zu ver⸗ bergen und ſich den freundlichen Ergüſſen der Familie des Doktors hinzugeben. Endlich war der Mittag vorüber und die Stunden des Nachmittags hatten zu ſchlagen begonnen. Als es aber vier Uhr ſchlug, ließ es ihr keine Ruhe mehr. Ohne irgend einen Vorwand zu ſuchen, der ihr Vorhaben verſchleierte, ſagte ſie dem guten Doktor ganz offen, daß ſie Herrn Hübner das Verſprechen gegeben, ihn um fünf Uhr an dem be⸗ wußten Orte zu treffen, und da ſie vom Dorfe aus, wo ſie war, beinahe Dreiviertelſtunden bis zu demſel⸗ ben zu gehen habe, ſo müſſe ſie ſich rüſten. „So, ſo,“ ſagte der wackere Mann,„alſo Sie ha⸗ — 265 ben es ihm verſprochen? Nun, dann freilich iſt es etwas Anderes. Aber ich muß ſelbſt nach dem Kupfer⸗ hammer, und ſo werde ich Sie begleiten.“ „Sie gehen doch nicht zu Fuße, lieber Doktor? Sie reiten oder fahren ja immer?“ „In der Regel— ja! Aber heute mache ich ein⸗ mal eine Ausnahme. Was ſoll ich darüber viele Worte machen— mit Ihnen gehe ich. Ich bin ſchon fertig, mein liebes Fräulein.“ Marie beeilte ſich, ſich ebenfalls fertig zu machen, und bald war ſie es. Sie empfahl ſich der liebens⸗ würdigen Familie und ſchlug mit dem Doktor den Fußſteig neben dem Fahrwege ein, der etwas näher und wegen des Schattens, den die jungen Buchen und Eichen warfen, angenehmer zu gehen war. Am Gutshofe angelangt umſchritten ſie denſelben und ge⸗ wannen, den Park zur Linken laſſend, auf einem Ver⸗ bindungswege das offene Feld, welches ſie durch⸗ ſchneiden mußten, um zur Anhöhe zu gelangen. Der Doktor war einſt ein guter Fußgänger geweſen, aber, ſeit langer Zeit aus der Uebung gekommen, ward es ihm heute ſauer, mit der beflügelten Eile der jungen Dame gleichen Schritt zu halten. Und um ſo be⸗ ſchwerlicher wurde ihm das raſche Gehen, als er es für ſeine Pflicht hielt, dieſelbe zu unterhalten. Marie 266 bemerkte es nicht, eben ſo wenig wie ſeine Worte ihr zu Herzen drangen, nur ihr Ohr wurde von Zeit zu Zeit dadurch berührt. So hatten ſie endlich den Fuß der Höhe erreicht. Hier aber blieb der Doktor ſtehen, um Luft zu ſchöpfen. „Mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er keuchend, „Sie ſind vortrefflich in allen Dingen, ſogar als Fuß⸗ gängerin ſuchen Sie Ihres Gleichen. Sehen Sie— ich ſchnappe nach Luft wie ein Fiſch. Gönnen Sie mir nur zwei Minuten Zeit— ſo eilig wird es Herr Hübner doch nicht haben.— Der Glückliche!“ Das letzte Wort ſagte er nur ſich allein, denn er hatte Muße genug gehabt, Marie's Zuſtand zu errathen. Dieſe ſtand ſtill und trocknete ſich ſelbſt den Schweiß aus dem lieblichen Geſicht. „Das iſt Ihre eigene Schuld,“ ſagte ſie neckiſch, „warum ſind Sie nicht zu⸗Pferde oder zu Wagen nach dem Kupferhammer gegangen. Eine kleine Strafe für Ihre übel angebrachte Galanterie kann nicht ſcha⸗ den. Uebrigens haben wir Zeit, Herr Hübner iſt noch nicht oben.“ „Wie? Haben Sie das ſchon ausgekundſchuftet?⸗ „Gewiß. Wenn er oben wäre, würde er uns längſt geſehen haben und entgegengekommen ſein.“ „Ein richtiger, logiſcher Schluß⸗ bei meiner Seele!“ 267 dachte der Doktor.„Sogar in einem Irrenhauſe ſcheint die Logik zu Hauſe zu ſein— welch ein be⸗ ruhigender Gedanke! Oder bringen vielleicht die Wei⸗ ber die Philoſophie mit auf die Welt? O, wie weit ſind wir Alltagsmenſchen hinter ihnen zurück!“ Gleich darauf fingen ſie an, die Anhöhe zu erſtei⸗ gen und nach wenigen Minuten befanden ſie ſich un⸗ ter den ſchattigen Tannen und Lärchen, wo ſie ſich überzeugten, daß Marie Recht gehabt und Herr Hüb⸗ ner noch nicht zur Stelle ſei. Eine kurze Zeit blieb der athemloſe Doktor bei der Nichte des Barons ſtehen, dann ſagte er ihr Lebewohl und ſtieg die Höhe ganz hinan, um auf der andern Seite nach dem Kupferhammer wieder hinabzuſteigen. Kaum aber hatte er einige Schritte vorwärts ge⸗ than, ſo wandte er ſich noch einmal mit lächelndem Antlitz herum.„Soll ich Sie vielleicht in einer Stunde wieder hier abholen?“ fragte er ſchelmiſch. „Nein, guter Doktor, nein!“ erwiderte ſie ehrlich. „Ich bleibe bis zum Abend hier und Herr Hübner pflegt mich bis zur Parkbrücke zu geleiten.“ Der Doktor machte große Augen, grüßte mit der Hand und ſchritt den Berg hinauf.„Pflegt!“ wie⸗ derholte er bei ſich.„Ei, ſieh doch! Der Spaziergang ward alſo ſchon öfter gemacht! — * Wie viel Tage ſind r. 268 es denn eigentlich her, daß wir auf dem Kupferham⸗ mer waren?— Wahrhaftig, drei Tage! Hm! Nun, das iſt eine raſche Bekanntſchaft. Und wer iſt daran ſchuld? O, Millinger, ſchweig, ſchweig, Du allein! Nun vorwärts, Ihr Leutchen, vorwärts— ich kann mir denken, was—“ „Was können Sie ſich denken?“ fragte hier eine tiefe Stimme den wider Wiſſen und Willen laut re⸗ denden Doktor. Und ſiehe da, Herr Hübner, der un⸗ geſehen von ihm zwiſchen den Bäumen heraufgekom⸗ men war, ſtand dicht vor ihm. „Aha!“ rief der Doktor.„Richtig! Daß Sie mir begegnen würden, konnte ich mir denken.“ „Wie ſo das?“ „Weil unſer gnädiges Fräulein Sie ſchon lange da unten erwartet. Auf Wiederſehen, Herr Hübner, auf Wiederſehen!“ Und fort ſchritt er, den Berg hinab, während Herr Hübner noch einige Schritte zu ſteigen hatte, um den Kamm zu erreichen und dann wieder, aber in der Richtung des Friedhofes, hinabzuſteigen. Herr Hübner hatte die Nichte des Barons von Brandau begrüßt und Beide hatten ſich darauf wie 269 gewöhnlich auf ihren Ruheſitz niedergelaſſen. Marie hatte ſich, wie wir wiſſen, außerordentlich auf dieſe Zuſammenkunft gefreut; als ſie aber das Geſicht Herrn Hübner's ſah, war der Barometer ihrer Freude um ein Bedeutendes geſunken. Denn er ſah ganz anders aus, als am geſtrigen Tage und an den vor⸗ hergehenden. Sein immer ernſtes Geſicht war gleich⸗ ſam mit einem Schleier der Wehmuth bedeckt und viel bleicher als gewöhnlich, er ſah mit einem Worte aus wie Jemand, der ſich körperlich übermäßig an⸗ geſtrengt oder einen heftigen Schmerz zu überwinden hat. Außerdem war er ſchweigſam, und zwar ſo auf⸗ fallend, daß auch Marie nicht zu ſprechen wagte, ſon⸗ dern mit beinahe wehmüthigem Erſtaunen an ſeinem Auge hing. Dieſes Auge aber war umflort und ſchaute ſie kaum ſo herzlich an, wie man nach den Vorfällen der vergangenen Tage hätte erwarten ſol⸗ len, es war vielmehr gedankenvoll auf die vor ihm liegende Landſchaft gerichtet, als beobachte oder er⸗ warte er von da unten her irgend eine Erſcheinung auftauchen zu ſehen. Und doch war dem nicht ſo; er arbeitete nur im Stillen an einem verborgenen Weh, das war nur zu klar. Endlich, da er noch immer 4 ſchwieg; glaubte Marie das Geſpräch beginnen zu müſſen. 1 270 „Sie verſprachen mir geſtern,“ ſagte ſie,„mir zu ſagen, warum Sie ſo eifrig wünſchten, mich heute hier oben wiederzuſehen.“ „Ja, das verſprach ich. Ich werde mein Ver⸗ ſprechen auch halten. Aber es hat noch Zeit. Nach⸗ her. Laſſen Sie uns einmal recht ruhig hier ſitzen und gemeinſchaftlich den nahenden Abend beobachten. Das iſt ein großer Genuß für mich. Ich ſagte es Ihnen ſchon.— Sehen Sie, wie köſtlich da an den jenſeitigen Bergen die Farben der Wolken ſich mit den Farben der aufſteigenden Erddünſte vermiſchen, beide ſtreben zuſammen und beide bilden ein Ganzes. Die Nacht iſt auch hier die Zeit ihrer Verbindung. — Sagen Sie mir,“ brach er plötzlich ab,„thun Sie nicht Unrecht, mit mir hier allein zuſammenzu⸗ kommen?“ Marie ſchaute verwundert auf. Dieſe Frage hatte ſie heute am wenigſten erwartet. Aber ſie war ſchnell zu einer Antwort bereit.„Nein, Herr Hübner,“ lau⸗ tete ſie,„ich thue kein Unrecht. Ich habe geſtern Abend noch meinem Oheim geſagt, daß ich Sie hier geſprochen und öfter ſpreche.“ „Wie? Das haben Sie ihm geſagt?“ „Warum nicht? Ich ſehe keinen Grund, ihm das * 271 zu verſchweigen. Oder hätten Sie in dieſem Falle mein Schweigen gewünſcht?“ „Ich, ach nein! Meinetwegen kümmere ich mich ſchon lange nicht mehr um das Geklätſch der Welt. Nut Ihretwegen war ich beſorgt.“ „So beruhigen Sie ſich. Mein Oheim iſt über⸗ zeugt, daß ich Nichts thue, was ihm zuwider iſt, und ſo verhält es ſich auch mit Dem, was ich hier thue.“ Herr Hübner lächelte ſchmerzlich, jedoch fragte er ſogleich weiter:„Was erwiderte er denn, als Sie ihm ſagten, daß Sie mich hier getroffen hätten?“ „Doktor Millinger war gegenwärtig und in deſ⸗ ſen Gegenwart nannte er Sie einen braven Mann.“ „Was? Der Doktor?“ „Nein, der Baron, mein Oheim.“ „Woher kennt er mich denn?“ „Er kennt Sie nicht und hat nur von Ihnen gehört.“ „Wer hat ihm denn von mir geſprochen?“ „Doktor Millinger und ich.“ „Und was, wenn ich fragen darf?“ „Ich habe ihm die Geſchichte mit dem Hauſirer erzählt.“ „Ach ſo, ich verſtehe. Nun gut— ſo viel von Ihrem Oheim. Jetzt muß ich aber von Ihnen ſpre⸗ 272 chen. Sie ſind das Kind einer alten Baronenfamilie, alſo eine Dame von Stand und Rang. Ich dagegen bin nur ein Handarbeiter. Fühlen Sie denn gar keine Abneigung, mit einem Manne öfter zuſammen⸗ zukommen, der von dem Fleiße ſeiner Hände lebt?“ „Abneigung? O, wie könnte ich! Im Gegentheil, ich fühle Neigung zu Denen, die leben, um zu ar⸗ beiten. In dieſem Punkte gehöre ich zu meiner Fa⸗ milie gar nicht, denn ich theile nicht die Vorurtheile derſelben. Mein Oheim iſt ſtolz— Sie wiſſen es vielleicht.“ „Ich denke es mir wenigſtens nach Dem, was ich von ihm gehört habe. Alle dieſe Herren, die Nichts thun als leben, um zu genießen, ſind ſtolz, und wenn es auch nur auf ihre Trägheit und Unwiſſenheit wäre. Ich gehe ſogar noch weiter mit meinen Schlußfolge⸗ rungen, die zugleich meine Ueberzeugungen ſind. Dieſe Herren haben ſehr großes Unrecht mit ihrem auf Nichts baſirten Stolze. Zum Leben, ſei es nun ein Leben der Arbeit oder des Genuſſes, gehören Mittel. Ich ſehe nicht ein, wie die Mittel, die man ſich durch ſeiner Hände Arbeit erwirbt, weniger edel erworben ſind, als diejenigen, die mir ein Fürſt als ein Ge⸗ ſchenk oder Gehalt für geleiſtete Dienſte giebt. Auch ſehe ich nicht ein, warum ein Adliger nicht arbeiten ſollte, um dieſe Mittel zu erwerben, da man es doch ſehr häufig findet, daß ſeines Gleichen das Geld einer Frau ſehr gern nehmen, mag daſſelbe nun durch Ar⸗ beit oder ſonſt wie erworben ſein. Sind Sie vielleicht ähnlicher Anſicht?“ „Ganz derſelben ſogar. Ein ruhig Denkender kann nicht anders urtheilen, er müßte denn ungerecht ſein wollen oder das Rechte vom Ungerechten nicht unterſcheiden können.“ „Ach, wollten doch Alle, oder nur Viele ſo denken, wie Sie eben geſprochen haben! Glauben Sie mir, ich habe oft und lange darüber nachgedacht, warum dieſe vornehmen Menſchen die ſogenannten Bürgerlichen verachten oder auch nur gering ſchätzen, und ich habe durchaus keinen ſtichhaltigen Grund dafür gefunden, als ein verderbliches Vorurtheil. Das Vorurtheil iſt der Sumpfboden, auf dem die Paraſitenpflanze des heutigen Adelſtandes wurzelt. Schauen Sie zum Beiſpiel da unten hin, wie das Landgut jenes Ba⸗ rons, Ihres Oheims, gleich einem grünen Edelſtein in der goldenen Einfaſſung des herrlichſten Ackerlandes glänzt und funkelt. Wie glücklich, wie beneidenswerth glücklich könnten dieſe Menſchen ſein und leben, wenn ſie ſich ihres Beſitzes bewußt würden und, damit zu⸗ frieden, ſich nicht über die andere Welt, wie ein Fürſt Baron Brandau. I. 2. 18 3 274 über die Bauern, hinaus erhüben. Aber ein innerer, gährender, nur ihnen allein angeborener und von ihnen künſtlich gepflegter Drang bemächtigt ſich früh⸗ zeitig ihrer Herzen und erhebt ſie auf Koſten alles menſchlichen Empfindens zu einer Art von irdiſchen Halbgöttern oder Rieſen— in ihrer eigenen Meinung natürlich. Schon dem Kinde raunt die Amme zu, daß es der Sohn eines Barons, das heißt, eines reichen, mächtigen Herrn ſei. Schon mit der Mutter⸗ milch ſaugen ſie das Gift ein, welches ihr eigenes Leben und das vieler Anderer durch Hochmuth und Geringſchätzung vergällt und verbittert. Kaum in die Welt getreten, beugt ſich Alles vor ihnen, und da ſie ſich Alles beugen ſehen, verlangen ſie, daß ſich Alles beuge. Welch' thörichtes Verlangen von einem Men⸗ ſchen an ſeinen Mitmenſchen geſtellt! In die Schule des Lebens verſetzt, halten ſie zuſammen wie die Jungen einer Wölfin, die nur ſo lange bei der Mut⸗ ter bleiben, bis ſie ſelbſt auf Raub ausgehen können. Täglich wächſt ihre Kraft und mit ihrer Kraft wächſt ihr Stolz, ihr Dünkel, ihre Einbildung. Was kann man denn nun von einem ſolchen jungen Wolfe er⸗ warten, wenn er groß geſäugt iſt und ſeine Zähne und Klauen gewachſen ſind? Er muß ein Wolf wer⸗ den, der die ſtillen Heerden beunruhigt, wo er ſie 275 findet.— Und wie, wenn ich das Leben dieſer jungen Wölfe mit dem Leben anderer Menſchen vergleiche, wie werden ſie vom Leben ſelbſt gepflegt und ver⸗ hätſchelt! Alle Glücksquellen, die ein Menſch dem anderen eröffnen kann,— ich meine nicht die, die er ſich ſelbſt zu eröffnen im Stande iſt— werden ihnen wie von Gottes und Rechts wegen eröffnet, Jeder ſteuert bei, ihnen einen Schemel für ihre Füße und ein Polſter für ihren Kopf zu unterbreiten. Sie wachſen und gedeihen— zu eigenem und Anderer Verderben— auf den Schultern der Anderen ſtehend, zu einer ganz eigenthümlichen Größe empor. Und warum ſollten ſie nicht! Glauben ſie doch, ein Vor⸗ recht— Privilegium nennen ſie es ſelber— dazu zu haben, Herren zu ſein und über Knechte zu gebieten zu haben. Leiſten denn aber, frage ich weiter, dieſe zu Herren geborenen Kinder mehr, als die von ihren Knechten Geborenen? Fragen Sie die Welt, nehmen Sie die Erfahrung zu Hülfe und Alles ſagt Ihnen: Nein, ſie leiſten nicht mehr. Nur gelten ſie mehr und dieſe Geltung halten ſie eingebildeter Maaßen für Werth, für eine Leiſtung, in der es ihnen kein Anderer gleich thut. O, ſchauen Sie die Entwicke⸗ lung der Künſte, der Wiſſenſchaften, der Induſtrie an — wer hat darin das Höchſte und Herrlichſte ge⸗ 18* 276 leiſtet? Waren es dieſe vornehmen Herrn, die das Gold und den Flitter der Welt als ihr Eigenthum betrachten? Ich will es nicht beantworten, die Ge⸗ ſchichte der Cultur aller Völker ſpricht es tönend ge⸗ nug aus. Und dennoch, dennoch verachten ſie uns, die mit ihrer Hände Fleiß die Güter der Erde ver⸗ mehren, die ſich dem Segen der Arbeit geweiht haben, um nur ihrem inneren Drange nach allſeitiger Vollendung genug zu thun und zugleich auch Anderen dadurch ſich nützlich zu erweiſen. O, wie ſind dieſe ſogenannten Großen ſo klein geblieben in der eigenen Geiſtes⸗ und Herzensentwickelung! Wie ſind ſie zurück⸗ geblieben hinter den Anforderungen der Zeit und des zum Rieſen ausgewachſenen menſchlichen Geiſtes! Am ſtarren, ſteifen Eis des Mittelalters— ihrer goldenen Wiege, ihrem Grundpfeiler— halten ſie unverrückbar feſt. Wie jene düſteren Fauſtkämpfer es thaten, möch⸗ ten ſie noch heute das Schwerdt ſchwingen, um dem ſtillen Wanderer, der ihnen in den Weg tritt, ein ge⸗ bieteriſches Halt zuzurufen. Das edlere Schwerdt der Arbeit mißachten ſie, ſie kennen es nicht einmal. Ja, ſie verachten ſogar Die, die es zu ſchwingen ver⸗ ſtehen. Nein, nein und abermals nein, nicht mehr die rohe Gewalt der bewaffneten Fauſt, nicht mehr das ſcharfe Eiſen regiert die Welt, ſondern die ge⸗ 277 ſchickte Hand, der denkende, vollbringende Geiſt, die Künſte und Wiſſenſchaften üben, die Handel und Wandel über die Erde verbreiten, dieſe allein ſind die wirklichen Herren der Welt. Jenen aber, mein Fräulein, die das Gut des Lebens vergeuden, als wäre es ein zufällig ihnen in die Hände gefallenes Spiel, die Nichts thun als nach Genüſſen jagen und dennoch mit herriſchem Dünkel auf unſere Arbeit herabſehen, als hätten ſie ein Recht dazu, unſere Schultern als Schemel zu benutzen, denen habe ich den Krieg er⸗ klärt. Ich kann niemals ihr Bruder— ich werde immer ihr Gegner ſein und ſie mit offenem Viſir und redlichen Waffen bekämpfen. Ob ich ſie beſiege — das weiß ich nicht, das glaube ich ſogar nicht, denn es ſind ihrer zu Viele und ich bin kein Herkules, der eine ganze Welt beſiegt, ich bin nur ein einfacher Menſch. Wer mir aber von ihnen auf meinem Wege entgegentritt, wer mich angreift— den werde ich beſiegen. Dazu habe ich den Muth, dazu den Willen, dazu die Kraft von Gott empfangen!—“ „Hier haben Sie mein ganzes und letztes Bekennt⸗ niß! Das wollte und mußte ich Ihnen ſagen, ehe ich Sie auffordern darf, mir noch ferner Ihr Ohr zu leihen, mir Ihre ſüße Gegenwart zu ſchenken. Den⸗ ken Sie anders als ich— ſo kann ich Ihnen Nichts 278 nützen, denn Ihre Wege ſind dann fortan nicht meine Wege. Haben Sie aber gleiche oder nur ähnliche An⸗ ſichten wie ich, ſo kann das Vertrauen, welches Sie mir von der erſten Stunde unſerer Bekanntſchaft an erwieſen, wachſen zum wahren Menſchen⸗ und Bruder⸗ bunde. Jetzt habe ich geredet, nun antworten Sie mir.“ Er wandte ſich glühenden Angeſichts und mit funkelnden Augen zu dem jungen Mädchen um, welches in holder Verſchämtheit die Augen zu Bo⸗ den geſchlagen hatte und ihn nicht anzublicken wagte. Denn ſie fühlte ſich im Innerſten von der Wahrheit, die er geſprochen, ergriffen. Was Herr Hübner ihr geſagt, war zum Theil oft genug der Gegenſtand des Geſpräches der aufgeklärten und den⸗ kenden Männer des Irrenhauſes geweſen, und an die Betrachtungen, die Herr Hübner geſprochen, hatte ſie ſogar noch viel weiter gehende und traurigere Schluß⸗ folgerungen knüpfen gehört. Dies Alles im Fluge bedenkend erhob ſie plötzlich ihr Haupt, und ihr blitzen⸗ des Auge, in dem ſchon allein ihre volle Zuſtimmung lag, traf voll das ſeine. „War Das,“ fragte ſie ſanft,„was ich ſo eben „hörte, Dasjenige, was Sie mir geſtern zu ſagen ver⸗ ſprachen?“ 279 Herr Hübner ſchüttelte leiſe verneinend den Kopf. „Nein, mein Fräulein,“ ſagte er weich, beinahe wehmüthig,„Das war es eigentlich nicht, es war etwas ganz Anderes. Nur der Zufall und der Hin⸗ blick auf jenes Gut allein hat es mir abgezwungen, denn ich bin einmal von der Natur ſo organiſirt, daß, was in meinem Blute gährt, hinaus muß, ehe es mir die Seele abdrängt. „Alſo es war es nicht?“ ſagte Marie traurig.„Ich dachte es mir beinahe, denn Sie ſagen das ſo betrübt. So werde ich denn geduldig warten, bis Sie mir es ſagen. Darf ich Ihnen aber noch Etwas auf Ihre vorige Rede erwidern, was einſt im Irrenhauſe, wo ich ſo lange wohnte, ein kluger Mann gegen die Män⸗ ner ſprach, die daſſelbe Thema und auf dieſelbe Weiſe behandelten, was Sie ſo eben behandelt haben?“ „Ja, ja, ſprechen Sie; ich höre gern, was kluge Männer reden und fühlende Frauen im Herzen be⸗ wahren.“ „Jener Mann warf Denen ein, die Ihrer Anſicht waren, daß es auch viele Vornehme gäbe, die auf dem Gipfel der Zeit ſtänden und mit dem Geiſte der Gegenwart fortgeſchritten wären.“ „Herrlich, herrlich, das iſt wahr und das iſt der einzige Troſt, den wir dabei haben. Dieſe auf dem Gipfel der Zeit ſtehenden vornehmen Männer, dieſe mit dem Geiſte der Gegenwart fortgeſchrittenen, wahr⸗ haften Edelleute ſind aber auch Ausnahmen ihrer Gattung und haben niemals den arbeitenden, ſtreben⸗ den Mann, die wohlthätige, nützliche Arbeit verachtet oder gering geſchätzt. Sie ſind nie hochmüthig und ſtolz auf den Häuptern der Menſchheit ſpazieren ge⸗ gangen, um ſich ein Vergnügen zu bereiten, was zu⸗ gleich ihre Macht vor Augen ſtellt, ſondern ſie reichen dem Braven, Edlen, Guten ſtets die Hand, wo ſie ihn finden. Der große zahlloſe Haufe Derer aber, die nicht zu dieſen Ausnahmen gehören, wiegt ſchwer in der Wagſchaale der Menſchheit. Mit dem Muthe, welchen die rohe phyſiſche Kraft verleiht, ausgeſtattet— das iſt ein Kennzeichen ihrer Gattung— verläugnen ſie die göttliche, dem Menſchengeiſte vom Urquelle alles Erſchaffenen eingeflößte Kraft— ſie ſelbſt ſind Alles, die Anderen Nichts, und ſie ſind Alles ohne Frage, ohne Schwanken, ohne Zaudern, ſie ſind Alles, weil ſie es ſind— und das nennen ſie von Gottes Gnaden! Verſtehen Sie mich nicht falſch, mein Fräu⸗ lein. Wohl weiß und fühle und glaube ich, was von Gottes Gnaden iſt— zum Beiſpiel der von Gottes Gnaden ſeinem Volke gegebene Herrſcher— aber dieſe von des Menſchen Gnaden erwachſenen 281 Treibhauspflanzen des Glücks, des Vorzugs, der Ver⸗ zärtelung— die ſind es nicht.“ „So ſprach auch jener Mann— ich erinnere mich ſeiner Worte ſehr genau.“ „Jetzt aber, mein Fräulein, laſſen Sie uns dies Zufallsgeſpräch abbrechen. Gebe nur Gott, daß Sie nicht in Ihrer Familie erleben, was ich in vielen Familien habe geſchehen ſehen; lieber möchte ich Ihnen den Beweis meiner Lebensanſichten ſchuldig bleiben, als ſie auf Koſten Ihrer Familie Ihnen zu Füßen legen.“ „Haben Sie hierbei die Söhne meines Oheims in Gedanken?“ „Ganz gewiß; gerade der Gedanke an ſie, den Sie geſtern mit Ihrer vertrauensvollen Erzählung herauf⸗ beſchworen, hat mich auf das vorige Geſpräch gebracht, denn eben jene Söhne Ihres Oheims ſind der Typus einer ganzen Klaſſe gegenwärtig lebender Menſchen.— Seufzten Sie?“ 1 „Nein, ich ſeufzte nicht,“ erwiderte Marie leiſe. „Es war mir doch ſo, als ob ich einen Menſchen neben mir tief ſeufzen hörte—“ „Es war der Wind, der mit den Blättern der Bäume ſpielt—“ „Wahrſcheinlich. Nun aber zu Dem, was ich 282 Ihnen geſtern zu ſagen verſprach. Zunächſt aber ſpreche ich hiermit meinen aufrichtigſten Dank für das Vertrauen aus, welches Sie mir dadurch erwieſen ha⸗ ben, daß Sie mir die Geſchichte Ihres Lebens und theilweiſe auch die Ihrer Familie mitgetheilt haben. Ich werde davon keinen unredlichen Gebrauch machen, verlaſſen Sie ſich darauf. Mir aber haben Sie da⸗ durch wohlgethan, wie lange kein Menſch, und viele Feindſeligkeiten haben Sie damit ausgelöſcht, viele Bitterkeit in meinem Herzen verſüßt, die mir die Men⸗ ſchen im Leben zugefügt. Ich bat Sie nun, heute hierherzukommen, um Ihnen dieſen Dank ſo bald wie möglich auszuſprechen, denn morgen oder einen an⸗ deren Tag hätte ich Ihnen denſelben nicht mehr aus⸗ ſprechen können.“ „Warum nicht?“ fragte Marie mit einem leichten unwillkürlichen Schauer. „Weil ich dieſe Gegend auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ laſſe und unterdeß dieſe Gräber nicht beſuchen kann, die eine Freiſtätte auch für die Lebendigen waren.“ „Wie? Sie wollten von hier fort? Und das ſagen Sie mir erſt am letzten Tage?“ „Die Nothwendigkeit meiner Reiſe machte ſich ſchon früher geltend, allerdings; allein— ich weiß 283 eigentlich nicht, wie es kam— ich ſchob ſie bis heute Abend auf—“ „Heute wollen Sie noch fort? „Sobald ich Sie nach Hauſe geleitet haben werde, ſetze ich mich in den Wagen, der mich ſchon auf dem Kupferhammer erwartet.“ „Und wohin werden Sie ſich begeben?“ „Ich gehe nach der Reſidenz. Dorthin rufen mich wichtige, ſogar dringende Geſchäfte, die ich nur Ihret⸗ wegen ſo lange hinausgeſchoben.“ „Wie? Meinetwegen thaten Sie Das?“ „Ja, denn ich hatte auch hier und mit Ihnen Geſchäfte,“ fügte er lächelnd hinzu,„die man gern vollführt und die eigentlich einen anderen Namen ver⸗ dienen als dieſen.“ Marie hörte nur noch wie eine Leidende, alſo halb zu. Ein unbekannter Schmerz durchzuckte ihre Seele, denn auch ſie war, wie viele ihrer Schweſtern, zu dieſem Schmerze, der zugleich eine Wonne in ſich ſchließt, auserſehen.„Dieſe Reiſe,“ ſagte ſie endlich mit traurigem und weichem Tone, während ihr taſten⸗ der Blick beinahe ſchwärmeriſch das Antlitz ihres Nachbars durchforſchte,„dieſe Reiſe kommt mir ſehr unerwartet, Herr Hübner, ich muß es Ihnen ſagen— ich war nicht darauf vorbereitet. Ach, ich fand eine 284 ſo große Befriedigung in unſerer Unterhaltung! Meine nur in kleinen Kreiſen ſich tummelnden Gedanken fingen ſchon an einen höheren Flug zu nehmen und ſich über einen weiteren Horizont zu verbreiten.— Wie lange werden Sie fortbleiben?“ „Das kann ich leider nicht beſtimmen, denn es hängt nicht von mir allein ab. Vielleicht bin ich glücklich in Vollbringung meiner Geſchäfte, und dann kehre ich bald zurück; wo nicht, ſo können Wochen, ſelbſt Monate vergehen, bis ich wiederkehre.“ „O, welch' eine lange, lange Zeit! Gott gebe Ihnen glückliche Geſchäfte und baldige Rückkehr!— Wie werde ich aber erfahren, daß Sie wieder hier ſind, wenn Sie nicht etwa gleich zu meinem Fheim kämen?“ „Nein, zu Ihrem Oheim käme ich noch nicht ſo⸗ gleich. Später, freilich— o gewiß! Doch, wie ſoll ich Sie unterrichten, daß ich wieder da bin?“ Und er beſann ſich, indem er ſeine Rechte an die bleich ge⸗ wordene Stirn legte.„Liegt Ihnen denn ſo viel daran, es zu wiſſen?“ „Ja!“ preßte ſie ſtandhaft hervor.„Mir liegt viel daran. Ich habe nur wenige Freunde auf der Welt, und dieſe wenigen ſind mir lieb.“ älteſten Sohn wider Fug und Recht mißhandelt und wat, als er von ihm wich, nachdem er ihn ſo unver⸗ 287 Mann genug, auch dieſe Regung zu überwinden und den Augen ſeiner Nachbarin zu entziehen.„Sie ha⸗ ben wohl viel Gewalt über Ihren Oheim?“ fragte er ſanft. „Bisweilen, o ja! Namentlich Nachts, wenn er allein iſt und vor Unruhe und Kummer über ſeine Söhne nicht ſchlafen kann. Dann tröſte und be⸗ ruhige ich ihn. Dann iſt er wie ein Kind zu leiten, denn dann ſcheint das Gewiſſen in ihm zu erwachen und er hört in der Erinnerung ein Wort aus der Vergangenheit herauf tönen, welches einſt ein Knabe zu ihm geſprochen hat, der aber in ſeiner Einbildung ein Rieſe geworden iſt.“ Herr Hübner horchte mit athemloſer Spannung dieſen Worten.„Was iſt das für ein Wort?“ fragte er mit kaum hörbarer Stimme. „Daſſelbe, welches ihm ſein Sohn Richard geſagt dient gezüchtigt hatte: Vater, Vater, Du haſt Deinen blutig geſchlagen; Das wirſt Du einſt bereuen, denn Deine jüngeren Söhne werden Dich für das Unrecht züchtigen, welches Du mir, Deinem Erben, gethan.“ Herr Hübner ſchauerte noch einmal zuſammen, aber diesmal nicht vor Wonne. Er hatte ſeine Hände zu⸗ 288 ſammengelegt und rang ſie feſt in einander, als wollte er damit ſeine innere Aufregung erdrücken.„Kommen Sie, kommen Sie,“ ſagte er ſich erhebend,„die Nebel fallen dicht auf uns herab, mein Herz wird kalt!—“ Und beinahe mit Haſt ergriff er Marie's Arm, legte ihn in den ſeinigen und ſchritt mit ihr raſcher als an den vorigen Tagen auf dem bekannten Wege dahin.— Noch nicht volle hundert Schritte weit waren ſie von dem Grabhügel entfernt, als ſich hinter dem Denkſtein des Grabes, auf dem ſie geſeſſen, etwas Menſchliches bewegte.„Leiſe ſchleichend ſchlüpfte ein Mann hervor, um von den Fortgehenden nicht be⸗ merkt zu werden. Dieſer Mann war bleich vor Schreck, vor Aufregung oder von ſonſtigen leidenſchaftichen Empfindungen. Er hatte trotz der Abendkühle ſeinen Hut abgenommen und fuhr ſich mit der Rechten durch das graue Haar. Es war Doktor Millinger, der ein unbemerkter Zeuge des ganzen letzten Geſpräches geweſen war, welches die beiden neuen Freunde mit einander ge⸗ führt hatten. Wie„Herr Hübner einſt ihn und das Fräulein belauſcht, ſo hatte er es jetzt mit ihm ge⸗ than, aber eine ungleich andere Wirkung hatte dies letzte Geſpräch auf ihn hervorgebracht, als jenes frühere auf den erſten Horchenden. Der gute Mann 289 war ſichtbar von einer tiefgreifenden Erſchütterung be⸗ wältigt. Er ſetzte ſich auf den Raſen, der noch nieder⸗ gedrückt war von der Laſt ſeiner früheren Beſucher, faltete ſeine Hände und dachte lange, bangend und hoffend, über das menſchliche Schickſal und die wunder⸗ baren Fügungen der Vorſehung nach. „Gott im Himmel,“ ſagte er endlich mit einer Stimme, die von innerer Muſtaiins heiſer klang, und ſank anf ſeine Kniee vor dem Hügel, auf dem er ſaß, nieder,—„hätteſt Du es wirklich zugelaſſen in Dei⸗ nem unerforſchlichen Rathſchluſſe, Deiner Gnade! Ich kniee hier vor dem Grabe D Derjenigen, die ihrem Gatten, meinem armen, ſeit Jahren gequälten Herrn und Freunde drei Knaben gebar. Wäre es möglich — ſteigen die Todten aus ihren Gräbern hervor? Haſt Du ein Wunder gethan oder hat mich ein Zu⸗ fall geblendet? Iſt mein Geſicht, mein Ohr, alle meine Sinne— ſind ſie von Täuſchung befangen? Nein, nein, nein, ich täuſche mich nicht! Allmäli lig, wie die Wolken vor dem Monde ſchwinden und ſein leuchtendes Antlitz entſchleiern, ſo ſchwinden die Zwei⸗ fel und entſchleiern mir auch dieſes Antlitz immer mehr und mehr. O, Gott im Himmel, gieb uns ganz das helle Licht, damit wir nicht mehr in Finſterniß irren— dann aber laß das Ende ſein, 5 Baron Brandau. I. 2. 290 beſchloſſen— denn wir Menſchen können es ja doch nicht ändern!“ Nach dieſem aus ſeinem innerſten Herzen hervor⸗ ſtrömenden Gebete ſtand er auf und ſetzte ſich wieder denkend und überlegend nieder.„Ja, ja,“ ſagte er bald wieder halblaut zu ſich,„ich bin ziemlich gewiß; ſo wird es ſein. Nun, ich— ich werde mich wohl hüten, es irgend einem Menſchen zu verrathen— ich werde wohl ſchweigen— aber Augen und Ohren offen halten werde ich— wie ein Luchs will ich ſie Alle beobachten, um zu rechter Zeit mit der Hülfe bei der Hand zu ſein, wenn ſie nöthig werden ſollte.— „Und dieſes Mädchen,— dieſes herrliche, herrliche Weib— ſollte es vielleicht von der Vorſehung be⸗ ſtimmt ſein— dies große Werk, was ich hier im Kopfe habe, zu vollführen? Ja, ja, nicht umſonſt iſt ſie aus ihrer Verborgenheit gerade jetzt hierhergeführt — in ihren Blicken ſchon liegt Gottes Auge— in ihren Worten ſeine Stimme— dies Weſen hat allein die allbarmherzige Güte da Oben zur Löſung dieſes Räthſels erzogen.— Wohlan denn, jetzt muß ich ih⸗ nen nachgehen, wie zufällig ſie wieder treffen— o Gott, o Gott, wie wunderbar ſind Deine Wege, die Du die Menſchen mit und neben einander gehen 291 heißeſt, ſie auseinander und dann wieder zuſammen⸗ führſt!—“ Unterdeſſen waren Marie und Herr Hübner wie⸗ der langſamer ihren Weg fortgeſchritten und hat⸗ ten, in ihr Geſpräch vertieft, zu einem Wege, den man, bergabgehend, in zehn Minuten zurücklegen konnte, wenigſtens das Doppelte an Zeit gebraucht. Ihr heutiges Geſpräch wurde meiſt durch F Fragen von Marie' Seite eingeleitet, indem ſie ſich näher nach den wichtigen Geſchäften erkundigte, welche ihren Freund ſo raſch von ihrer Seite riefen. Allein Herr Hübner war in dieſem Punkte unergründlich; hartnäckig ver⸗ ſchwieg er dieſelben und nur ſoviel konnte das junge Mädchen aus ſeiner ganzen Art und Weiſe entnehmen, daß dieſe Geſchäfte in der That ſehr dringend und von großem Einfluſſe auf ſein ferneres Leben wären. Als ſie zu dieſer Ueberzeugung gelangt war, hielt ſie mit weiteren Fragen zurück und zuletzt, je näher ſie dem Orte kam, wo die Trennung ſtattfinden mußte, wurde ſie ſogar ſchweigſamer als ihr Begleiter, der ſich ſchon vor Ankunft auf dem Berge zu der bevor⸗ ſtehenden Trennung geſtählt zu haben ſchien. Endlich waren ſie an die kleine Brücke gelangt, 8 198 “ die über den Graben führte, welcher den Park des Barons umſchloß. Hier blieben ſie ſtehen. Herr Hüb⸗ ner nahm mit der Linken ſeinen Hut ab und reichte die Rechte der ſtillgewordenen Baroneß hin.„Leben Sie wohl,“ ſagte er mit künſtlich erheuchelter Ruhe, während die Gährung ſeines Innern ſich doch deutlich in ſeinem tiefen und bebenden Tone und in dem flammenden Feuer ſeines dunklen Auges ausſprach; „ich gehe ungern von hier fort und doch kann ich es nicht ändern. Wenn ich aber wiederkehre, wer⸗ den meine Schritte beflügelt und mein erſter Gang wird— dahin gerichtet ſein.“ Dabei deutete er mit dem abgenommenen Hute auf die eben verlaſſene Höhe. „Leben Sie wohl, Herr Hübner!“ hauchte Marie leiſe hervor. Dieſe wenigen Worte waren ſchon lange ge⸗ ſprochen, aber die einander hingereichten Hände lagen noch immer feſt in einander. Er ſo wenig, wie ſie, wollte der Erſte ſein, der das einmal in Beſitz Ge⸗ nommene fahren ließ. Nur was der Menſch in Hän⸗ den hat, hält er ſicher. Dieſen Gedanken ſprach zwar keiner von ihnen in dieſem Augenblick aus, vielleicht ſogar hatten ſie ihn Beide niemals gedacht; unbewußt aber lag er gewiß in ihrer Seele, wenigſtens gab er X 2 293 ſich in der ſtummen Innigkeit und der Uebereinſtim⸗ mung ihrer Gefühle kund. „Auf Wiederſehen— auf glückliches Wiederſehen!“ ſagte Herr Hübner, von Herzen betrübt. Marie konnte Nichts mehr ſagen, ein ſilberner Schleier fing an, ſich über ihre Augen zu legen und eine noch nie empfundene Macht hielt ihre Zunge ge⸗ feſſelt. Da löſten ſich denn die Hände los, deren Druck mit der Länge der Zeit immer fühlbarer ge⸗ worden war, und nach einem trotz der Dunkelheit des Abends gegebenen und verſtandenen Blicke aus beiden Augenpaaren wandte der ſtärkere Mann zuerſt ſich ſeiner Richtung zu. Raſch, wie es ſonſt nicht ſeine Gewohn⸗ heit war, lief er über das Feld, und nicht lange dauerte es, ſo war er den Augen der Nachſchauenden entſchwunden. Aber nur ihren Augen, denn ihre Seele hielt ihn feſt umſchloſſen, wie nur die Seele eines Weibes die Erinnerung an einen Mann feſt⸗ halten kann. Unbeweglich, als wäre ſie an den Bo⸗ den gewutzelt, wie die ſie umgebenden Platanen und Buchen, blieb ſie auf der Stelle ſtehen, wo ſie den Abſchiedsgruß empfangen hatte. Plötzlich regte es ſich wie ein wollüſtiger Schauer in ihr, ſie empfand, was ſie in ihrem Leben nicht empfunden, und als ob alle Schleuſen ihres Innern mit einem Male geöffnet 294 würden, brach ſie in einen unaufhaltſamen heißen Thränenſtrom aus. Da ging eine große Veränderung in ihr vor. Es fiel ihr wie Schuppen von den Au⸗ gen. Der Schleier, der ihr ſelbſt ihre Gefühle ver⸗ borgen, zerriß in tauſend Stücke, und ſie blickte nun frei und ungehindert in ihr eigenes Herz hinein. So hatte denn ihre Sehnſucht eine Geſtalt, ihre Empfin⸗ dung ein Bewußtſein angenommen. Weit, weit dehnte ſich vor ihr die Welt aus und ſie erkannte, wie die Wünſche des auf der Erde weilenden Menſchen keine einzelnen flüchtigen Erſcheinungen ſind, ſondern ſich an das Allgemeine knüpfen. Lange ſtand ſie an der Brücke unter den Bäumen und ſchaute noch immer in die Richtung, wo ſie den Geſchiedenen aus den Au⸗ gen verloren hatte. Sie konnte ihn nicht mehr ſehen und doch ſah ſie, dachte ſie nur ihn. O, wie war ihr ſo wunderbar, ſo ſeltſam zu Muthe! Wo war die kleine Welt geblieben, in der ſie bisher gelebt? Alles was in und vor ihr lag, war gewachſen, war groß wie das weite Meer, weit wie der unermeßliche Him⸗ mel geworden, und nirgends, nirgends war ein faß⸗ barer, mit den Sinnen erreichbarer Horizont. Alles, was ihr bisher unwichtig, kleinlich, bedeutungslos er⸗ ſchienen, nahm mit einem Male eine bedeutſame Ge⸗ ſtalt an. Ach, was war ihr jetzt jenes düſtere, 295 melancholiſche Irrenhaus, in dem ſie ſo lange gelebt und das ſie ſo innig bisher als ihre Heimat geliebt? Es war in einen trüben kleinen Schatten zuſammen⸗ geſchwunden, über dem ihre frühere Sehnſucht dahin nur wie ein kleiner Nebel dunkeler Erinnerung ſchwebte. Alle dieſe inneren Vorgänge, die wir hier mit ſo vielen Worten anseinanderſetzen mußten, um ſie klar und anſchaulich zu machen, bedurften zu ihrer Ent⸗ ſtehung und Vollendung in dem Buſen der zum Be⸗ wußtſein ihrer Stellung, ihres Berufes und ihrer Ge⸗ fühle erwachten Jungfrau nur eines Augenblickes. Und dieſer Augenblick ging noch dazu blitzſchnell vor⸗ über. Dennoch aber hatte er Raum genug gehabt, ſowohl für einen unnennbaren Schmerz, wie für ein unſägliches Glück. Beides war in ein einziges ſüß⸗ ſchmerzliches Gefühl verſchmolzen, für welches die ſo zwiefach Betroffene keinen Namen wußte. Um ſo mehr aber davon durch und durch aufgeregt, ließ ſie unaufhaltſam ihre Thränen fließen, dieſe Dollmetſcher der entgegengeſetzteſten menſchlichen Gefühle, mit de⸗ nen man Wonne und Seligkeit, Wehmuth und Schmerz in das Meer der Empfindung ergießt, und dann, ſchon halb dadurch getröſtet und erleichtert, wandte ſie ſich langſam zur Rückkehr in das Haus ihres Verwandten. 296 Als ſie aber erſt wenige Schritte unter den Bäumen gethan hatte, hörte ſie einen anderen Schritt hinter ſich. An allen Gliedern bebend und ſchon an die Rückkehr eines Einzigen denkend, wandte ſie ſich um, als ſie zu rechter Zeit den befreundeten Arzt erkannte, der ſeine Zeit, zu ihr gelangen zu können, in ange⸗ meſſener Ferne ruhig abgewartet hatte. „Marie!“ rief er ſchon von Weitem,„mein Kind, mein liebes Kind! Erſchrecken Sie nicht, ich bin es, Ihr Freund; ich bin nur gekommen, um Sie, wie ich Sie aus dem Hauſe des Oheims abgeholt, auch wie⸗ der dahin zurückzuführen.“ *„Millinger!“ ſchluchzte die Glückliche.„Sie ſind es! O, Sie hat mir Gott geſandt!“ Und ſie klam⸗ I 4 merte ſich an ſeinen Arm, als wollte ſie ihm bewei⸗ ſen, wie werth ihr die Stütze ſei, die ſie ohne Zweifel an ihm gefunden hatte.„Er iſt fort!“ rief ſie dann, laut weinend, indem ſie ihren Kopf an ſeine Schul⸗ ter legte. „Ja, er iſt fort, aber er kommt wieder.“ „Haben Sie es gehört?“ „Ich habe Alles gehört.“ „Alles? Was denn?“ „Was er oben auf dem Berge zu Ihnen ge⸗ ſprochen.“ ü 297 „O das! Sie konnten auch Alles hören! Er hat nichts geſagt, was ich nicht ſelbſt hören durfte.“ „Sie haben es auch gern gehört?“ „Ueber alle Beſchreibung gern!“ „Ihnen iſt Herr Hübner theuer?“ „Ueber alle Begriffe theuer!“ „Bravo! Ich liebe ihn auch!“ „Sie auch? Und Das haben Sie mir nicht früher geſagt?“ „Es iſt mir heute erſt klar geworden.“ „Ach, ſo iſt es mir auch ergangen. Doktor, lieber Doktor, er iſt mein Freund geworden, wie Sie—“ „Wie ich?“ „Ja— wenigſtens in ähnlicher Weiſe. Ach! laſſen Sie uns recht oft von ihm ſprechen, denn meine ganze Seele iſt von ihm erfüllt.“ Beinahe hätte der alte Mann vor Rührung Thrä⸗ nen vergoſſen, als er dieſes reine, natürliche Bekennt⸗ niß vernahm. Er drückte das junge Mädchen, ver⸗ geſſend, daß ſie die Baroneß von Steinach und die Nichte des Barons von Brandau war, feſt an ſich, wie er ſeine Tochter an ſich gedrückt haben* wenn ſie in gleicher Lage geweſen wäre, und fluͤſterte ihr Troſt und Muth zu, als ob ihr Herz deren noch bedurft hätte. Ach, ein Herz, das ſich ſeiner Liebe —os bewußt geworden iſt, bedarf keines Troſtes, keiner Er⸗ muthigung von fremder Seite— es iſt an und für ſich ſelbſt rieſengroß und ſtark, obgleich es nur in die ſchwachen Fugen eines weiblichen Buſens einge⸗ ſchloſſen iſt. „Verrathen Sie mich aber noch nicht dem Oheim,“ flüſterte ſie ihm zu, als ſie ſich ſchon nahe am Hauſe befanden—„Sie wiſſen ja, was für ein Mann er iſt. Erſt muß er Herrn Hübner, unſeren Freund, ken⸗ nen lernen.“ „Ja wohl, ja wohl, mein Kind!“— Ach, und er ſeufzte, als er dieſe Worte ſprach, weil er ſich noch etwas ganz Anderes dabei dachte, als Marie ver⸗ muthen konnte. „Und holen Sie mich morgen wieder ab von hier — mir mind es jetzt ſo eng, ſo öde in dem alten Hauſe— „Auch Das will ich thun.“ „Und auf den Friedhof begleiten Sie mig auch, nicht wahr?“ „Ja, ſogar nach dem Kupferhammer, mein Herz.“ ein, nein, da will ich nicht hin, ſo lange er fe avon iſt. Ich würde meine Bewegung nicht verbergen können und jedes Stück Eiſen würde mich erinnern, was ich mit ihm verloren habe.“ 299 „Auch Das, auch Das. Alles will ich thun, was Sie wollen— jetzt aber laſſen Sie uns hin⸗ eingehen.“ Raſch ſchritten ſie dem Hauſe zu. Marie eilte ſogleich in ihr Zimmer, um ſich zu faſſen, ehe ſie vor das prüfende Auge des Oheims trat; der Arzt aber begab ſich ſofort zu dieſem, begrüßte ihn und theilte ihm mit, daß er das gnädige Fräulein wieder nach Hauſe gebracht habe. Der Baron hörte kaum, was man ihm ſagte. Nit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, ging er im Zimmer auf und nieder— er hatte nicht an Herrn Hübner, wohl aber an ſeine Söhne in der Reſidenz gedacht. „Doktor,“ ſagte er mit mürriſcher Miene,„der Bankier und der Advokat laſſen mich lange warten.“ „Was erwarten Sie denn von ihnen?“ „Was ich erwarte? Menſch, wie können Sie ſo fragen! Himmel oder Hölle erwarte ich von und Sie fragen noch?“ „Diesmal, giaulbe ich, iſt Ihnen der Punu nihe als die Hölle— “ war, ſchritt der Baron dem kleinen Tiſche zu, 300 „Wie meinen Sie das?? „Ich weiß es ſelbſt nicht, aber ich habe 1 eine wunderbare Ahnung.“ „Gott gebe, daß Sie Recht haben; ich könnte den Himmel gebrauchen, denn zwiſchen beiden zu ſchwe⸗ ben, wie es mir ſeit der Abreiſe jener Männer ge⸗ ſchieht, iſt ſchon die halbe Hölle ſelbſt.— Was giebt's?“ Die letzte Frage war an Friedrich gerichtet, der, um ſeinen Herrn in der Unterhaltung nicht zu ſtören, leiſe ſchleichend in die Thür getreten war. „Die Zeitungen, gnädiger Herr, und auch ein Brief!“ Und ſchon hatte er ſie auf den kleinen Tiſch gelegt, der für dergleichen Sendboten beſtimmt war. Der Baron blieb mitten auf ſeinem Wege ſtehen und warf einen ſonderbaren Blick auf den ſchweigenden Arzt. Dieſer verſtand denſelben, als hätte er ihn mit Buchſtaben geſchrieben auf einem Blatte Papier ge⸗ leſen, denn er ſagte deutlich genug:„Da haben wirs! Eben ſprechen wir von der Hölle und da kommt der ſchon!—“* ngſam, als fürchte er ſich vor dem bedeutungs⸗ vollen Inhalt des Briefes, der ihm noch verborgen ergriff den papiernen Sendboten und hielt ihn mit ſtarrem Auge dem Doktor hin. 1 „Sehen Sie wohl, er iſt von Scheitler, ich kenne ſeine diaboliſche Handſchrift zu gut.“ „Leſen Sie, leſen Sie, Herr Baron!“ ermuthigte der Arzt.„Eine Batterie muß im Sturmſchritt ge⸗ nommen werden.“ „Ihr habt gut reden!“ brummte der Baron, in⸗ dem er den Brief erbrach und unter die brennende Lampe hielt, um ihn zu leſen.„Eure Haut bleibt un⸗ gefährdet. Wohlan denn— vorwärts!“ Darauf las er langſam und mit nur bisweilen ſtockender Stimme folgendes Schreiben ſeines Bankiers dem Arzte laut vor. „Geehrter Herr Baron! Meine letzten mündlichen „Mittheilungen über Ihren Herrn Sohn Alfred ha⸗ „ben ſich nicht als ganz richtig erwieſen; die Ihnen „geſchilderten Verluſte ſcheinen damals noch nicht „eingetreten geweſen zu ſein.“ „Der Narr!“ rief der Baron.„Warum hat er mich denn ohne Noth geängſtigt? Teufel! Was bin ich für ein Thor geweſen, dem dummen Menſchen zu glauben!“ „Leſen Sie nur weiter, Herr Baron,“ ſagte der 30² Arzt mit einer auf den Brief deutenden Bewegung der Hand. „Allein weit ab von der Wahrheit waren ſie „denn doch nicht und ſo kann ich heute mit ziem⸗ „licher Sicherheit beſtätigen, was ich Ihnen neu⸗ „lich mitgetheilt, obgleich das Wie, Wodurch, „Wie hoch noch nicht hinreichend aufgeklärt iſt. „Doch erlauben Sie mir, von dem Tage an „zu beginnen, wo ich mit den bewußten Geldern „hier eintraf. Ihre Herren Söhne ſtellten ſich zu „der feſtgeſetzten Stunde pünktlich bei mir ein. Von „ihrem eigenthümlichen Benehmen bei dieſer Ge⸗ „legenheit will ich Nichts ſagen, das geht mich Nichts an. Ihren Anweiſungen gemäß überlieferte „ich ihnen das bewußte Geld nebſt den mir von „Ihnen eingehändigten Schreiben. Meine perſön⸗ „lichen Anerbietungen in Betreff der günſtigſten An⸗ „legung des Capitals wieſen ſie feſt zurück. Sie „nahmen alſo Alles, theils baar, theils in Schuld⸗ „ſcheinen, in Empfang, quittirten und fuhren dann nein ihrer Equipage davon.„ „Cquipage?“ unterbrach ſich der Baron, im Stil⸗ len nachſinnend.„Haben ſie denn Equipage? Na, das fehlte noch!“ 303 „Weiter!“ drängte des Arztes Blick. „Es vergingen ſodann mehrere Tage, in denen „ich Nichts von den beiden Herren vernahm, ſo ge⸗ „nau ich mich auch, Ihren Anweiſungen gemäß, „nach ihrer Lebensweiſe, den Reſultaten ihrer etwa⸗ „nigen Geſchäfte und den Ereigniſſen in den Kreiſen, „in welchen ſie lebten, erkundigte. Schon glaubte „ich Ihnen heute Abend einige beruhigende Zeilen „ſenden zu können, da trifft ſo eben die Nachricht „ein, daß der Graf Zaretta einen kleinen Unfall er⸗ „lebt hat, wie man ihn heut zu Tage unter Spe⸗ „kulanten ſeiner Art nicht ſelten vorkommen ſieht. „So erzählt man ſich wenigſtens und er ſelbſt ſoll „es eingeſtanden haben. In wieweit nun Ihr Herr „Sohn dabei betheiligt iſt, dürfte für jetzt unmög⸗ „lich zu ergründen ſein, nur ſo viel ſteht feſt, daß, „wenn der Graf jenen Unfall wirklich gehabt hat, „Ihrem Herrn Sohn desgleichen geſchehen iſt, da „Beide, wie Jedermann weiß, gemeinſchaftlich agir⸗ „ten. Eine andere noch viel traurigere Kunde läuft „zugleich mit dieſer erſten herum. Man ſpricht „nämlich davon, daß Ihr Herr Sohn auf eigene „Hand etwas Großes verſucht habe und damit „gänzlich verunglückt ſei. Ob Dies oder Jenes, „dder vielleicht auch Beides wahr, weiß ich, wie ge⸗ 304 „ſagt, nicht, Etwas iſt gewiß daran wahr und „haben wahrſcheinlich Beide verloren. Man nennt „ſogar eine große Summe und ſoll man durch den „Grafen ſelbſt die erſte Kunde davon erhalten ha⸗ „ben, was ihm ähnlich ſieht, da er ſich den— „für mich ohne Zweifel falſchen— Anſchein giebt, „als wären 100,000 Thaler für ihn eine Kleinigkeit. „Meinetwegen!“ rief der Baron dazwiſchen.„Mag er ein Millionär ſein, aber mein Sohn! der hat nur 20,000 zu verlieren und das iſt keine Kleinigkeit.“ „Leſen Sie weiter, Herr Baron!“ „Ich bin ſchon dabei.“—„Auch eine dritte „Geſchichte kreiſ't in der Reſidenz, die freilich die „ärgſte wäre, wenn ſie ſich beſtätigte. Mir ſcheint „ſie indeſſen, ſo fabelhaft ſie klingt, nicht ganz aus „der Luft gegriffen zu ſein, denn ich habe dem „Grafen nie recht getraut. Verbürgen kann ich ſie— „natürlich nicht. Man flüſtert ſich nämlich zu, dem „Grafen und Ihrem Herrn Sohne ſeien wichtige „Papiere abhänden gekommen. Allein man fügt „hinzu, daß dieſe Papiere eigentlich nur Ihrem „Herrn Sohne abhänden gekommen ſeien und daß „der Herr Graf ſein Schäfchen bei Zeiten in's „Trockene gebracht habe. Doch ich bitte Sie, nicht „mich für den Urheber dieſer Geſchichte zu halten 4- 30 305 8 „oder ſie auf Grund dieſer vertraulichen Mitthei⸗ alung anderweitig zu benutzen. Ich glaubte mi „nur verpflichtet, Ihnen Alles zu ſagen, was man „ſich auf der Bö ſe eben— flüſtert. Es kanßt hier „alſo nur von inem Diebſtahl oder einer Unter⸗ 4 „ſchlagung die Rede ſein und wird der Thatbeſtand, „hoffentlich auch der Thäter, wohl offenbar werden, „wenn Ihr Herr Sohn klagbar werden ſollte. „Klagbar?“ ſchrie der Baron.„Klagbar? Das iſt eine ſchöne Geſchichte, Doktor! Am Ende würde ich noch als Zeuge vorgefordert! Haha! Ja, ſie ſoll⸗ ten mir nur kommen! Mag er ſehen, wie er durch⸗ 174 kommt— ich waſche meine Hände! „Ruhig, ruhig, Herr Baron!“ ermahnte der Dok⸗ tor.„Mir ſcheint dieſer Bericht Ihres ſonſt ſo treff⸗ lichen Bankiers etwas verworren zu ſein und er hätte meiner Meinung nach klüger gethan, ſich erſt genau zu unterrichten und das Ende abzuwarten, bis er bei Ihnen an die große Glofke f ſchlägt. Allein er meint — es gut und will Sie vorl äufig ſelbſt von den um⸗ laufenden Gerüchten in Kenntniß ſetzen. Daß etwas Unheil mit dem unbekannten Grafen in der Luft ſchwebe, habe ich mir ſchon lange gedacht und ich habe es Ihnen auch geſagt.“ Baron Brandau. I. 2. 20 * — helfen!— Da, nun iſt er mit dem Einen zu Ende, er ſpricht von meinem Georg!“ 4„Was nun Ihren Herrn Sohn Georg betrifft, *„Herr Baron, ſo ſcheint das Unheil auch diesmal „wieder doppelt zu erſcheinen, denn auch er iſt von „mannigfachen Unfällen betroffen worden. Heute „Morgen war es in der Stadt ein ziemlich bekann⸗ „tes Geheimniß, daß eine gewiſſe Geſellſchaft, zu der „auch der Herr Lieutenant gehörte, auf Befehl Sr. „Majeſtät des Königs wegen verbotenen Spieles „aufgehoben worden ſei.— „Gott ſegne den König!“ rief frohlockend der Ba⸗ ron.„Alſo endlich hat man ein Einſehen gehabt!“ —„Allein der Zweck ſoll dennoch verfehlt „ſein,“ las er mit ſtockender Stimme weiter,— „denn die tollkühnen und übermüthigen jungen „Herren, die an dem Spiel des letzten Abends .„Theil genommen, hatten es leider ſchon beendet und der Schlag war geſchehen. Es ſoll dabei, 4„ſagt man, nicht um zwanzig, ſondern um hun⸗ „dert Tauſende gegangen ſein. Einige der Herren „ſollen gänzlich ruinirt ſein— ſo ſagt man, wie⸗ „Ja, ja, Ihr habt es geſagt, aber was kann das jetzt kommt er zu dem Anderen— Gott ſteh' mir bei, 8 307 „derhole ich— drei oder vier ſollen die Flucht er⸗ „griffen und nur einige Wenige ſich ihren Behör⸗ „den zur Verfügung geſtellt haben. Ob Ihr Herr „Sohn unter den Letzteren iſt, weiß ich nicht und „kann ich auf keine Weiſe erfahren, denn die ganze „Angelegenheit wird ſehr heimlich betrieben, um dem ohnehin ſchon genug herausgeforderten Ur⸗ „theil des verſtändigen Publikums keine neue Ge⸗ „legenheit zu mißliebigen Aeußerungen zu geben. „Nur ſoviel weiß ich beſtimmt, daß der Herr Lieute⸗ „nant ſich in großer Aufregung befindet, und daß „man von ihm behauptet, er habe ſeine ganze Erb⸗ „ſchaft an einem Tage verzehrt. Vielleicht ſind „auch das Worte ohne Sinn, allein ſo viel läßt „ſich nicht läugnen, Schulden hat er genug, mehr „als er bezahlen kann, und Sie werden eine be⸗ „deutende Summe nachſchießen müſſen. „Hiermit habe ich meine Pflicht erfüllt, Herr 77 Baron, und füge mein Bedauern hinzu, Ihnen L zu, J „nichts Angenehmeres mittheilen zu können. Soll⸗ „ten Sie mir nun Aufträge zu ertheilen haben, ſo „verſpreche ich, dieſelben buchſtäblich zu erfüllen, und ‚„zeichne wie ſonſt Ew. Hochwohlgeboren ergebenſter Scheitler.“ 20* 308 Der Baron hatte mit theils erzwungener, theils erkünſtelter Ruhe den Brief zu Ende geleſen. Er war dabei immer bläſſer und bläſſer geworden. Als er fertig war, faltete er das verhängnißvolle Blatt zuſammen und ſteckte es in die Bruſttaſche. Dann hob er langſam den Kopf in die Höhe und ſuchte, wie ein Schüler, der ſich vor den Ermahnungen ſei⸗ nes Lehrers fürchtet, die Augen des Arztes auf. Die⸗ ſer ſtand mit hochathmender Bruſt vor ihm, auch er war bleich und ſtarr geworden. Er las den Gram, den Schreck, die Ueberraſchung in den eiſernen Ge⸗ ſichtszügen des gemarterten Vaters, darum zwang er, ſo viel er konnte, ſeine eigene Beſtürzung nieder und ſagte, mit Mühe ein Lächeln erheuchelnd: „Es iſt ja noch nichts Gewiſſes, Herr Baron!“ „Ha!“ ſchrie dieſer wild auf,„nun wollt Ihr mich am Ende noch tröſten, Ihr, der mir zuerſt die ſchreckliche Frage entgegengehalten: Und wenn dieſe 20,000 Thaler nun verloren ſind?— Laßt Eure Lröſtung bei Seite, guter Doktor. Heute ſage ich Euch, ſie ſind verloren, nicht 20,000, ſondern 40,000 und vielleicht noch mehr! Denn ein ſo lange mit Fü⸗ ßen getretenes Vaterherz, wie das meine, wenn es endlich aus dem Staube ſich erhebt und ſich die ſchrecklichſte Wahrheit, die es auf Erden giebt, einge⸗ 309 ſteht, daß— daß ſeine mit Wohlthaten und Zärt⸗ lichkeiten überhäuften Kinder aller dieſer Wohltha⸗ ten und Zättlichkeiten unwürdig ſind, das— das macht ſich keine Illuſionen mehr— das ſieht Alles, wie es iſt, wie es gekommen iſt, wie es kommen mußte. O!“ „Und dann— wenn das Geld verloren iſt?“ fragte leiſe der Arzt, als legte er ſich allein die Frage vor. „Dann, dann ſind wir auch noch Mann genug, den Verluſt zu verſchmerzen!“ rief der Baron mit ſei⸗ ner alten Kraft und Würde.„Aber ich danke Euch,“ fügte er ironiſch lächelnd hinzu—„Ihr habt mir einen guten Himmel prophezeiht!“ „Ich wünſchte Ihnen denſelben, darum ſagte ich ihn voraus.“ Und er blieb ſtehen vor dem Baron, der ſich in ſeinen Seſſel niederließ, das Haupt auf die Bruſt ſenkte und mit ſeiner Hand das Geſicht bedeckte, als ſchäme er ſich, die Thränen ſehen zu laſſen, die durch ſeine Finger rieſelten und vielleicht die erſten und einzigen waren, die er ſeit ſeinen Kinderjahren ge⸗ weint hatte. Aber der mitleidige Arzt, ohne Macht, hier helfen zu können, fühlte den Vaterſchmerz mit wie den eige⸗ nen. Langſam, Schritt vor Schritt, trat er ihm nä⸗ her, legte ſeine Rechte auf das graue Haupt des Ba⸗ rons und beugte ſich ſchweigend zu ihm nieder, um auf dieſe Weiſe wenigſtens den Antheil zu verrathen, 4 den er als wahrer Freund an dem Kummer nehme, der den ſo ſtarken Mann zu Boden geſchlagen hatte. Ende des erſten Theiles zweiter Abtheilung. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. —— Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind ferner folgende Romane von demſelben Verfaſſer erſchienen: Andreas Burns und 3 ſeine Familie. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege 1848— 1850. 4 Bde. 8. eleg. geh. 1856. 6 Thlr. — 1—yy— Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 4 Bände. 8 geh. IV. Auflage. 1858. 4 Thaler. —— Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. 4 Bde. 8. geh. II. Aufl. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Ferner: Walther Fund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers. 3 Bde. 8. geh. 1855. 4 Thlr. Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden. 8. geh. III. Auflage. 1858. 3 Thaler 18 Ngr.. Ferner erſcheinen ſeit März dieſes Jahres die vorſtehenden 5 Romane in billiger Ausgabe, unter dem Titel: Philipp Gulen’ s Geſammelte Schriften. Elegante Taſchen⸗Ausgabe in 30 Lieferungen à 10 Neugroſchen. (Mit dem Portrait und Faeſimile des Autors als Gratis⸗Zugabe.) Einzelne Romane werden jedoch in dief er Ausgabe nicht abgegeben! —— — —— — 1 1 u 8 t 3 8 — —