—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256é— — Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek.“ Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 3 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.* 4. Abonnement. 2 beträgt: 3 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. II 7. 9 u.—„ 77— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer uie Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Baron Brandau und ſeine Junker. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind ferner erſchienen: Auwald, Fr., Bauſteine zum Tempel des Menſchenth ums. (Die Johannismauerei in Logenreden dargeſtellt.) gr. 8. geh. 1856. 1 Thaler. Heuſinger, E., Sage und Geſchichte aus den Sachſenlän dern. In 4 Abtheilungen.„Mit allegoriſchem Titel und Umſchlag. kl. 4. geh. 1856. 1 Thlr. 20 Ngr. Romane: Binnewerk, F. Narrenalbum. Roman in ſechs Büchern. 8. 7 geh. 1857. 1 Thlr. 15 Ngr. Clausberg, Am. v. Ein dunkler Faden. Familiengeſchichte. 8. geh. 1857. 1 Thlr. Erneſti, Louiſ., Eine Parthie nach den Externſteinen. Lebens⸗ bild. 2 Bde. 8. geh. 1856. 2 Thlr. 20 Ngr. Falkner's, Dr. geſammelte Schriften, 1. u. 2. Bd. Schillerformat. 8. geh. 1857.„ à 15 Ngr. Galen, Philipp, Der Inſelkönig. 3. Aufl. 5 Bde. geh. 1857. 3 Thlr. 18 Ngr. —— Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 2. Aufl. 4. Bde. 8. geh. 1855. 4 Thlr. —— Walther Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers. 3 Bde. 8. geh. 1855. 4 Thlr. —— Andreas Burns und ſeine Familie. Geſchichtlich es Le⸗ bensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege 1848— 50. 4 Bde. 8. geh. 1856. 6 Thlr. Herrmann, C., Glanz und Flitter. Geſellſchaftsbilder aus der Gegenwart. 8. geh. 1856. 1 Thlr. 20 Ngr. Kahlert, Em., die Schweſtern oder das enthüllte Geheimniß. 2 Bde. 8. geh. 1857. 2 Thlr. Keſſel, Baron, 1813. Roman in 12 Kapiteln. Mit eigen⸗ mächtigen Interlocuten des Verfaſſers. 2 Bände. 8. geh. 1856.“ 2 Thlr. 20 Ngr. Köhler, Ludw., Vom Frühling zum Herbſt(1848!) 3 Bde. 8. geh. 1856. 4 Thlr. — Jürgen Wullenweber. 3 Bde. 8. geh. 1856. 4 Thlr. Maßomw, Clara von, Das Stiftsfräulein. Ein ſocialer Ro⸗ man. 2 Thle. 8. geh. 1856. 1 Thlr. 15 Ngr. Nachleſe in und außer mir. Aus den Papieren des Ver⸗ aaſſers der„Selbſtbekenntniſſe ꝛc.“ Herausgegeben und mit einem Vorworte begleitet vom Verleger. 4 Bde. 8. geh. 1856. 4 Thlr. 20 Ngr. Raulf, Em., Aus der Mappe eines Cosmopoliten. Erzählun⸗ gen, Novellen, Humoresken ꝛc. 8. geh. 1878. 1 Thlr. 20 Ngr. 2 . 4 2 — und ſeine Junker. Baron Brandau Aus den Papieren eines Arztes von Verfaſſer von:„Andreas Burns“,„Walther Lund“,„Fritz Stilling“, „Irre von St. James“ u. ſ. w. Philipp Galen, Erſter Theil. — rne— Leipzig, 1858. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten! Meinem theuren Freunde, dem Profeſſor und ordentlichen Mitgliede der Königlichen Akademie der Künſte, Hiſtorien⸗Maler Eduard Steinbrück in wahrer Verehrung und treuer Ergebenheit gewidmet. — —— Mein theurer und verehrter Freund! Nicht um dieſem Buche einen unverdienten Glanz zu verleihen— etwa wie ein Maler ein mittelmäßi⸗ ges Bild durch einen vortrefflichen Firniß zu verſchö⸗ nern ſtrebt— ſondern einzig und allein um dem 8 herzlichen Wohlwollen und der aufrichtigen Zuneigung, die Sie, der geprieſene Künſtler, mir, dem dilettanti⸗ ſchen Schriftſteller, in ſo unverdientem Maaße zuge⸗ wandt haben, ein kleines Denkmal hienieden zu er⸗ richten, habe ich mir erlaubt, Ihren Namen der folgenden Erzählung vorzuſetzen, die ich nicht als einen vollgerundeten Roman, ſondern nur als einen Bei⸗ trag zur Sittengeſchichte der Gegenwart betrachtet wiſſen möchte. Nehmen Sie daher das Folgende mit der freund⸗ lichen Nachſicht auf, die Sie auch meinen bisherigen Schilderungen haben zu Theil werden laſſen, und halten Sie bei Leſung derſelben die Ueberzeugung feſt, daß ich ſelbſt am tiefſten fühle, wie ſchwach und lücken⸗ haft meine Leiſtungen auf dieſem Felde ſind. Sie als Künſtler wiſſen ja aus eigener Erfahrung am — beſten, was ſo wenige Menſchen zu wiſſen ſcheinen, daß die ausführende Kraft des armen Sterblichen ſelten der erhabenen Idee entſpricht, welche der pro⸗ duktive Geiſt vor ſich zu haben pflegt, bevor er ſie Fleiſch und Blut werden läßt. Auch von mir gilt das ewig wahre Wort: der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach. Möge Ihr glänzender Name, auf dieſe Weiſe Handt in Hand mit dem meinigen von Mund zu Munde gehend, von guter Vorbedeutung für letzteren ſein, und möge Ihnen hierdurch die Bedeutung klar zum Bewußtſein kommen, welche ich ſtets auf Ihre Freund⸗ ſchaft, Ihre Aufmunterung und Ihre Nachſicht gelegt habe und ferner legen werde. Aus weiter Ferne Sie herzlich grüßend und doch im Geiſte Ihnen immer nahe Ihr ergebenſter Philipp Galen. Erſte Abtheilung. ☛ Familie Zrandan. Die Erſtes Wapitel. Gu.t Holzendorf. Verhältniſſe ganz beſonderer Art machen es uns wünſchenswerth, dem Leſer den Namen der Provinz unſeres norddeutſchen Vaterlandes zu verſchweigen, in welche wir diesmal den Hauptſchauplatz unſerer Er⸗ zählung verlegt haben; nur ſo viel wollen wir ihm mittheilen, daß ſie von der großen Reſidenz, welche in dieſen Blättern öfter erwähnt werden wird, einige zwanzig Meilen entfernt liegt, von denen wir, falls wir die kleine Reiſe unternehmen wollen, etwa vier Fünftel auf der Eiſenbahn durchfliegen, ein Fünftel aber im langſam kriechenden Poſtwagen zurücklegen müſſen, ein Transportmittel, an welches wir heut zu Tage ſo wenig gewöhnt ſind, daß wir es mit mürri⸗ ſcher Miene beſteigen, wenn es uns einmal irgendwo unerwartet in den Weg kommt, was in Anbetracht Baron Brandau. I. 1 ſeiner langen Dienſtzeit und des gemüthlicheren Reiſe⸗ lebens darin eigentlich ſehr undankbar iſt. Wegen dieſer unterbrochenen Verbindung iſt die Gegend, welche wir hier im Auge haben, auch weniger beſucht, als manche andere unſeres Vaterlandes, obwohl ſie es wegen ihrer natürlichen Reize kaum minder verdient, als die geprieſenſte und beliebteſte von allen. Ihre herrlichen Thäler, freilich nur ſelten von kleinen Flüſ⸗ ſen oder Bächen benetzt, und ihre ſchon aus weiter Ferne wahrnehmbaren Höhenzüge ſind reich begabt von der Natur, denn in erſteren ziehen ſich außerordentlich fruchtbare Saatfelder über leiſe auf⸗ und abſteigende Wellenlinien hin, und in letztere, deren Kamm ein ur⸗ alter Hochwald ſchmückt, gräbt ſich die raſtloſe Men⸗ ſchenhand immer tiefer ein, um die ehernen Schätze zu heben, welche der gabenreiche Schöpfer in uner⸗ ſchöpflicher Fülle in ihrem Schooße angehäuft hat. Das Dorf Holzendorf— ſo wollen wir den Ort nennen, wohin wir unſere Leſer zunächſt führen— liegt in einem dieſer fruchtbaren Thäler, und ſchon ſein Name deutet an, daß wir uns in einer Gegend befinden, wo-es noch ſchattige Wälder giebt, die je länger je mehr von der Oberfläche der Erde verſchwin⸗ den, um einem modernen Anbau Platz zu machen, der wohl ergiebiger an Ertrag, aber ſicher nicht freund⸗ —— 2 licher von Anblick iſt, als jene. Das grüne, fleißig angebaute Thal, in welchem dies Dörfchen liegt, ſtreckt ſich meilenweit zwiſchen nebelblauen Höhenzügen, den Ausläufern eines gewaltigeren Gebirges, hin, erhebt ſich bisweilen zu einem anſehnlichen Hügellande und ſenkt ſich dann wieder tiefer in muldenförmige Ab⸗ ſchüſſe ein; grüne Saatfelder wechſeln anmuthig mit ſaftigen Wieſengründen ab, friſch angepflanzte Laub⸗ gehölze weichen oft plötzlich einem gewaltiger aufſtei⸗ genden und kaum zu durchdringenden Kiefernwalde, und zwiſchen allem Dieſem ragen hie und da freund⸗ liche Ortſchaften, Rittergüter und Fabrikanlagen her⸗ vor, in denen ſich eine eben ſo gutmüthige wie reg⸗ ſame Bevölkerung geſammelt hat, um von dem Ertrage ihres Beſitzes behaglich ſich zu nähren und alle Tage ihren Wohlſtand erfreulich wachſen zu ſehen. Wir befinden uns in den erſten Tagen des Mo⸗ nats Juni. Eine ſommerliche Luft weht uns warm und ſtrahlend entgegen, die nachmittägliche Sonne blitzt an dem wolkenloſen Himmelsbogen, und won⸗ niglichen Frieden athmet rings die ganze Natur. Es iſt dies eine ſeltene Erſcheinung in dem Jahre, wel⸗ ches wir hier vor uns haben, denn das Frühjahr iſt ſpät einem harten Winter gefolgt, und anhaltende Re⸗ 1* gengüſſe und ſtürmiſche Winde, mit Nachtfröſten un⸗ 5 4 termiſcht, haben den verſtrichenen Wonnemonat in einen unbehaglichen Nachwinter verwandelt. Die Hoff⸗ nungen des Landmanns, heut zu Tage leider ſo häufig getrübt, ſcheinen auch diesmal nicht alle erfüllt wer⸗ den zu ſollen; er ſeufzt unter der Befürchtung, daß ſeine Mühe, ſein Fleiß abermals vergeblich geweſen und daß die ſpät eintretende Erndte den allgemeinen Erwartungen ſehr wenig entſprechen werde. Freilich können der guten und ſchönen Tage noch viele kom⸗ men, aber ſie ſind auch nothwendig zum Gedeihen der Frucht auf dem Felde, die ſich im Vergleich mit früheren Jahren um mehrere Wochen verſpätet hat. Doch, durchwandern wir das Dorf Holzendorf ſelbſt mit flüchtigem Fuße. Von kräftigem Laubge⸗ hölz umgeben, welches ſich beinahe dicht an die äußer⸗ ſten Gehöfte ſchließt, ruht es ſtill und friedlich unter dem blitzenden Sommerhimmel. Seine faſt ſtädtiſch gebauten Wohnhäuſer ſind alle von niedlichen Gär⸗ ten eingefaßt, die eine wohlhabende Bevölkerung ſorg⸗ ſam zu pflegen verſteht. Garten reiht ſich an Haus, und Haus an Garten an, und überall erblicken wir Blumen und Raſenſtücke, Obſtbäume und Zierpflan⸗ zen, welche die ſprechendſten Zeugen eben ſo prakti erfahrener wie friedlich geſinnter Menſchen ſind. iſt fünf Uhr Nachmittags vorbei— ſo eben hat 2 5 Dorfuhr die Stunde ringsum verkündet— die ar⸗ beitsfähigen Bewohner ſind alle auf den Feldern oder im Walde beſchäftigt, nur hie und da ſehen wir ein altes Mütterchen oder ein junges Mädchen vor einem Hauſe am Zaune ſtehen und den vorüberziehenden Wanderer neugierig betrachten, der grüßend ſeinen Weg fortſetzt, endlich vor dem letzten Hauſe, dem ſtatt⸗ lichſten des Dorfes, denn der Dorfarzt wohnt darin, vorübergeht und ſich dann rüſtig auf der ausgefahre⸗ nen Straße weiter bewegt, die von dem Dorfe⸗Holzen⸗ dorf nach dem großen Rittergute gleichen Namens führt. Dieſe Straße ſchlängelt ſich in mehrfachen Win⸗ dungen zuerſt durch ein friſches Birkengehölz, in wel⸗ chem von Zeit zu Zeit einige alte Rieſenſtämme, Eichen und Buchen, ragen; unter den ſchattigen Baumgruppen wuchert üppiges Farrnkraut auf und der ſchwarze Boden iſt weit und breit mit reichlichem Mooſe bedeckt. Muntere Vögel zwitſchern auf allen Zweigen, dann und wann ſpringt ein keckes Eichhörn⸗ chen von einem Baume zum andern und ein unver⸗ droſſen jagender Specht klopft laut an einen alten Stamm an, um die Inſekten, die ihm zur Nahrung dienen, aus ihrem Verſteck zu ſcheuchen. Das ſind die einzigen leiſen Geräuſche, die unſer lauſchendes 6 Ohr vernimmt, wenn nicht bisweilen aus weiterer Ferne das heiſere Gebell eines Dorfhundes durch die friedliche Landſchaft dringt. Endlich aber wird das Schweigen des Waldes durch zwei Perſonen unterbrochen, die langſam aus einem Seitenwege hervortreten und, in ein Geſpräch vertieft, vor uns her in der Richtung des Gutshofes wandeln. Mit ziemlicher Beſtimmtheit können wir annehmen, daß ſie ſich zufällig auf ihrem Wege ge⸗ troffen haben, denn ihre Geſtalten, ihre ganze Er⸗ ſcheinung mit der ſo verſchiedenartigen Ausrüſtung paßt augenſcheinlich nicht zuſammen. Der Eine von ihnen, eine große, derbe Geſtalt, iſt ohne Zweifel ein Jäger, denn er trägt einen grünen Waldrock, eine Mütze, mit einer Habichtsfeder geſchmückt, und F linte, Jagdtaſche nebſt Zubehör auf den Schultern. Zwei braune Hühnerhunde ſchreiten dicht hinter ihm her, mit ihren Naſen faſt die Ferſen ihres Herrn berüh⸗ rend. Der Mann neben ihm dagegen iſt von ſchlan⸗ ker und bedeutend kleinerer Geſtalt, aber i ſeinem Schritte, in den Bewegungen ſeiner Arme zeigt ſich eine große Gewandtheit und eine gewiſſe ſprungfer⸗ tige Regſamkeit, wie wir ſie in dem elaſtiſchen Gange wandernder Rattenfänger aus Ungarn zu ſehen ge⸗ wohnt ſind. Seine Kleidung aber weicht von der 12 6 eines ſolchen bedeutend ab, denn ſie beſteht aus leich⸗ ten Sommerſtoffen, wie ſie ein junger anſtändiger Mann auf Vergnügungsreiſen zu tragen pflegt. Un⸗ ter ſeinem grauen breitrandigen Filzhute quellen rings um ſeinen Hals dichte rabenſchwarze Haare hervor und wallen bei jedem Schritte um die bärtigen Wan⸗ gen, die wir von Zeit zu Zeit erblicken, wenn der Fremde ſeinen Kopf bald links, bald rechts wendet, um ringsum in die Tiefen des allmälig ſich verdich⸗ tenden Waldes ſein Späherauge dringen zu laſſen. Da dieſe beiden Männer etwa hundert Schritte vor uns her wandern, ſo können wir eben ſo wenig ihre Geſichter ſehen, wie ihre Worte verſtehen, wenn wir auch hören, daß ſie ſprechen und daß der Jäger die mancherlei Fragen des Fremden mit kurzen und bei⸗ nahe unwilligen Sätzen zu beantworten ſcheint. Je länger ſie aber vor uns her ſchreiten, um ſo aufmerk⸗ ſamer und anhaltender ſehen wir den Förſter— denn dieſen Poſten bekleidet der Jägersmann— ſeine Blicke auf Geſicht und Geſtalt ſeines Gefährten richten, bis dieſer plötzlich an einem zur Linken abführenden Wald⸗ pfade ſtehen bleibt, noch einige Abſchiedsworte hin⸗ wirft und, mit der Rechten ſeinen Hut leiſe berüh⸗ rend, den Förſter verläßt. Dieſer bleibt einen Augenblick ſtehen und blickt 8 dem ſo raſch Abgehenden verwundert nach, ſchüttelt den Kopf und pfeift ſeine Hunde heran, die den Fremden einige Schritte ſchnüffelnd verfolgen, als trauten ſie ihm nicht recht, und dann, gleichſam froh, wieder mit ihrem Herrn allein zu ſein, an dieſem in die Höhe ſpringen. Langſam ſetzt jetzt der Jäger ſeinen Weg nach dem Gute ſeines Herrn fort, bis er abermals ſtehen bleibt und ſich umwendet, denn hinter ihm her erſchallen die Huftritte eines Pferdes, die ſein Ohr ſchneller als das unſrige aufgefangen hat, obgleich der Reiter noch eine ziemliche Strecke wei⸗ ter von ihm als von uns entfernt iſt. An uns ſo⸗ dann vorüber trottend und ſeinen Hut zum Gruße lüftend, hält der Reiter ſtill, als er den Jäger erreicht hat und wir können die beiden Geſtalten jetzt ge⸗ nauer muſtern, obſchon das wettergebräunte und derbe Geſicht des Förſters uns weniger anzieht, als das ſeines neuen Gefährten. Es iſt der Arzt aus dem Dorfe, an deſſen Hauſe wir ſo eben vorübergekommen„1 ſind, ein mittelgroßer, im Leibe ziemlich ſtarker Mann von etwa funfzig Jahren, mit etwas bleichem und magerem Geſicht, aus deſſen Zügen aber Wohlwollen und Menſchenliebe unverkennbar uns entgegenleuchten. Betrachten wir hier den Doktor Millinger und na⸗ mentlich ſein Verhältniß zum Gutsherrn auf Holzen 9 dorf etwas umſtändlicher, denn er wird uns durch die ganze hier vorliegende Erzählung als eine bedeutende Perſon begleiten, und er iſt es ſogar ſelbſt, dem wir einen Theil des Materials derſelben verdanken. Doktor Millinger iſt ein unterrichteter und denkender Arzt, der ſeine Theorien vereinfacht und in eine vernünf⸗ tige, nicht zu viel und nicht zu wenig handelnde Praxis umgewandelt hat. Seinem Berufe mit Leib und Seele ergeben, weiß er von keiner Müdigkeit, wenn es irgend wo Hülfe zu bringen gilt, und ſo giebt es kein Kind, keinen Bettler in der Umgegend, die ihn nicht kennen und ohne einen freudigen Gruß an ihm vorübergehen, wenn ſie ihm zufällig auf ſeinen Be⸗ rufswegen begegnen. Seit langen Jahren ſchon wohnte er in dem Dorfe, welches er eben hinter uns verließ, und faſt eben ſo lange war er auf dem Edelhofe bekannt und beinahe der einzige Mann der Umgegend, der ſich in die Ei⸗ genheiten und Launen des Beſitzers deſſ ſelben, eines reichen Barons, den wir in einem der nächſten Kapitel kennen lernen werden, zu finden wußte. Er allein erlaubte es ſich, dem ſtolzen Gutsherrn bisweilen zu widerſprechen und ihm ſeine Meinung unverholen in's Geſicht zu ſagen; namentlich aber ſeitdem der Pfarrer des Dorfes, ein reizbarer und empfindlicher 10 Mann, den Baron nicht mehr beſuchte, war der Doktor Millinger der Mann des Vertrauens des alternden Edelmanns geworden, und wenn ſie ſich auch ge⸗ legentlich in ihren Anſichten etwas ſchroff gegenüber ſtanden, ſo konnte der Baron doch eben ſo wenig ohne den gutmüthigen, ehrlichen und zuverläſſigen Dorfarzt leben, wie dieſer es über ſein Herz zu brin⸗ gen vermochte, den Hof länger als drei Tage zu ver⸗ meiden, wenn ſie einmal derb an einander gerathen waren. So war er denn ſeit Jahren ein Mitwiſſer und Theilnehmer der verſchiedenen gutsherrlichen Freu⸗ den und Leiden geweſen, an welchen letzteren nament⸗ lich es in keiner größeren Familie zu mangeln pflegt. Was den Baron auch drücken und preſſen mochte, nicht ſowohl in ſeinem Körper— denn geſund und kräftig war er wie eine ſtämmige Eiche,— ſondern in ſeiner Seele, ſeinem Herzen: der Doktor wußte oder erfuhr es, und hatte auf dieſe Weiſe nicht ſelten Gelegenhet, nicht nur als Arzt, ſondern auch als juriſtiſcher Rathgeber und geiſtlicher Troſtſprecher ſein Geſchick an den Tag zu legen. Vorzüglich in dieſer letzteren Eigenſchaft mußte er oft bei der Hand ſein, denn das Familienweh war zu allen Zeiten etwas groß geweſen im Hauſe des Barons, und leider allzu häufig hatte ein wilder Sturm um die grauen Locken 11 des alten Herrn gebrauſt, den zu beſchwichtigen der Arzt in der Regel berufen ward, wie wir in Zuknuft noch oft genug erfahren werden. Als der Doktor ſeinen etwas fetten und leidlich alten Schimmel dicht an die Seite des Förſters ge⸗ lenkt hatte, mäßigte er ſeinen Trott zum Schritt und ließ ſich in ein Geſpräch mit dem alten Bekannten ein, der mit ihm denſelben Weg verfolgte, da er ſich nach dem Gutshofe ſeines Herrn begab, in deſſen Nähe ſeine Wohnung lag. „Guten Morgen, Tellkamp“, ſagte er freundlich. „Geht Ihr mit nach Hauſe? Gut. Nun, wer war denn das, der eben von Euch ging?“ „Ha, guten Abend, Herr Doktor. Ja, ich gehe mit. Wer das war? Ja, ſonderbar, höchſt ſonder⸗ bar! Dieſer Menſch da iſt mir ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen mehrmals auf verſchiedenen Wegen, die nach dem Gute führen, begegnet, und ich weiß icht, was ich aus ihm machen ſoll. Erkundigt ſich wie ein Spürhund nach Allem und Jedem, was unſern gnä⸗ digen Herrn, ſein Gut, ſein Vermögen und Gott weiß, was noch betrifft, und konnte, ſo viel ich ihm ſagte, nicht genug darüber erfahren.“ „Hm! Vielleicht ein Spekulant, der nach dem 2 ſchönen Gute lüſtern iſt— oder ſagte er Euch viel⸗ leicht, wer und was er wäre?“ „Ein Spekulant! Das kann wohl ſein; aber er hat ſich arg gehütet, mir etwas davon zu ſagen. Wie dem auch ſei— es ſcheint mir mit ihm nicht recht richtig zu ſein, und dieſen Hunden da auch nicht. Sehen Sie ſie nur an, es ſind kluge Thiere! Sie ſind ganz unruhig geworden, ſeitdem er an meiner Seite ſchritt, und noch viel unruhiger, ſeitdem er von mir gegangen iſt und mir nicht geſagt hat, wer er iſt, was er hier zu ſuchen hat und wohin er ſich wenden will.“— „Aber er ſchien ein anſtändiger Mann zu ſein, wenigſtens nach ſeinem Aeußern zu ſchließen. Meint Ihr nicht auch, Tellkamp?“ „Schien! Richtig bemerkt! Was kann unter einem ſo feinen Rocke, wie er ihn trug, nicht Alles ſtecken! bein Geſicht wenigſtens gefiel mir nicht be⸗ bnen e ſehr er ſich auch bemühte, freundlich zu ſein und aus ſeinem großen Barte heraus wie ein luſtiger Bruder zu ſchwatzen. Ich ſehe den Leuten — nehmen Sie mir es nicht übel— gerade wie den Hunden, immer nach den Augen, wenn ich wiſſen will, ob ſie es ehrlich mit mir meinen, und ſeine Augen gefielen mir ganz und gar nicht. Sie waren 13 immer auf der Lauer, und wenn eine Eichkatze im Mooſe rauſchte, fuhr er zuſammen wie Einer, der ſich zu fürchten hat. Nein, nein, es iſt nicht richtig, ſage ich. Wenn mir ein ſolcher Menſch in der Dämme⸗ rung, mit einer Flinte auf dem Rücken im Walde begegnete, dann wüßte ich, wer er wäre, oder wofür ich ihn zu halten hätte, denn er hatte ein Wilddiebs⸗ geſicht, ſo ächt, wie ich je eins geſehen.“ „Oho! Er wird doch nicht! Wohin iſt er denn gegangen, habt Ihr ihn nicht gefragt?“ „Ei gewiß hab' ich das. Ich traf ihn zuletzt vor einer Stunde bei dem ſchuftigen Branntweinsverkäu⸗ fer im Dorfe, wo er ein Glas Wein trank— Wein, Herr Doktor— und wo er ſchon ſeinem Herzen Luft gemacht und tauſend Fragen an den Mann gebracht hatte, wie ich wohl merkte, ſobald ich in die Stube trat. Als er nun hörte, daß ich der Förſter des Herrn Barons ſei, da bat er ſich die Erlaubniß aus, mich bis zum Richtwege dort unten begleiten zu dürfen, ging mit mir bis dahin und kundſchaftete, wie geſagt, nach allen möglichen Dingen. Er ginge nach Griesheim, ſagte er, wo er ſeinen Wagen ſtehen habe, er wolle in dieſen Tagen den Herrn Baron beſuchen, an den er eine Beſtellung auszurichten habe, und auch den Kupfer⸗ hammer beſichtigen, auf den er Aktien nehmen wolle.“ 1414 „Aha! Sagt' ich es Euch nicht? Ein Speku⸗ lant, ſicher und gewiß! Am Ende ſo eine Art Seelen⸗ verkäufer, wie ſie ſich jetzt auf dem Lande herumtrei⸗ ben, die Bäuern betrügen, ihnen ihr Hab' und Gut abſchwatzen und dann für hundert Procent an einen Juden verkaufen, der ſie für noch einmal hundert Procent an einen Edelmann verkauft!“ 4 „Na ja doch! Hier herum ſind die Leute nicht ſo dumm! Aber verdächtig kam er mir auf jeden Fall vor. Ich werde es dem gnädigen Herrn ſagen, damit er ſich in Acht nimmt, wenn er mit ihm ſis chern will.“ „Der Baron und ſchachern? Haha! Das wäre der Rechte! Er ſoll ihm nur kommen!— Ha! Es iſt warm heute, meint Ihr nicht auch, Tellkamp?“ „Prächtig, prächtig! Na, wir können es gebrau⸗ chen. Wollen Sie zum gnädigen Herrn, he?“ „Ja. Ob er zu Hauſe iſt?“ „Ich weiß es nicht, aber Sie werden es ſogleich beim Thorwärter erfahren. Da ſind wir ja ſchon zur Stelle.“ Unter ſolchem Geſpräch hatten ſich die beiden Män⸗ ner allmälig dem Gute des Barons genähert. Von ferne ſah man ſchon zwei Häuſerchen von rothen Backſteinen liegen, die durch ein hölzernes, etwas ver⸗ 15 wittertes Gatter mit einander verbunden waren; au⸗ genblicklich aber war daſſelbe geöffnet und ließ alſo den Zugang zum Gute frei, welches an dieſem Gat⸗ ter begann. Das eine Häuschen zur Linken bewohnte der Förſter Tellkamp ſelbſt und das andere der Thor⸗ wärter mit ſeiner Frau: ein altes Dienerpaar der freiherrlichen Familie, welches hier das Gnadenbrod aß. Als die beiden Männer ſich dem Gatter genähert hatten, ſagte der Förſter dem Doktor Lebewohl und begab ſich in ſeine Wohnung, wo ihn ſein Weib ſchon erwartete. Der Doktor dagegen lenkte ſeinen Schimmel vor das gegenüberſtehende Haus, worin der alte Fiſcher wohnte, deſſen Frau augenblicklich ſeine Patientin war, hielt ſein Pferd vor dem ge⸗ ſchloſſenen Fenſter an und klopfte an eine Scheibe. Eine bejahrte Frau, den Kopf trotz der Wärme mit einem wollenen Tuche umhüllt, öffnete das Fen⸗ ſter ſogleich, denn ſie hatte den Arzt ſchon bemerkt. „Guten Abend, Herr Doktor!“ rief ſie ihm munter entgegen,„Nun?“ „Nun, wie ſelber? Was macht der Rheumatis⸗ mus? Reißt es noch im Kopfe?“ „Gott bewahre! Heute iſt alles Ueble bei mir vorbei, lieber Herr Doktor. Das gute Wetter muß mir geholfen haben.“ 16 Der Doktor hob lächelnd den rechten Zeigeſinger in die Höhe und verſetzte, ſcherzhaft drohend:„Ja, ja, Frau Fiſcher, gewiß! Das gute Wetter iſt es gewe⸗ ſen. Meine Tropfen haben Euch nichts geholfen, gar nichts. Dann brauche ich heute wohl nichts zu ver⸗ ordnen, wie?“ 1 „Danke, danke für heute— ich habe noch Tropfen genug. Sie ſchmecken zwar bitter, aber ſie haben doch gut geholfen. O gewiß!— Darf ich heute Abend ein Stückchen von einer Rehkeule eſſen, die mir Frau Tellkamp auf Befehl des gnädigen Herrn geſchickt hat?“ 5 „Eine Rehkeule? Hm! Ein Stückchen— meinet⸗ wegen! Aber nur ſo groß! Adieu!“ „So groß!“ machte die alte Frau lachend hin⸗ ter dem Doktor her, indem ſie das von ihm ange⸗ deutete Maaß wenigſtens um das Zehnfache vergrößerte, und ſchloß dann raſch das Fenſter. Aber da drehte ſich der Doktor noch einmal auf ſeinem Pferde herum, hielt es an und rief zurück:„Wartet, wartet, ich habe es wohl geſehen— nun, es fällt allein auf Euren Kopf.— Noch Eins, Frau Fiſcher,— iſt nichts Neues paſſirt auf dem Hofe?“ 8 „Ei, ja, Herr Doktor— beinahe hätt ich's ver⸗ geſſen. Ein Wagen iſt gekommen mit zwei Damen, — 16 und die junge Perſon, von der man ſo viel ge⸗ ſprochen hat, höre ich, iſt eine von ihnen.“ Und ſie deutete bei der Erwähnung der armen jungen Perſon mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Stirn, als wollte ſie ſagen, daß es bei derſelben nicht recht richtig im Kopfe ſei. „Was“, rief der Arzt heftig,„ſie iſt da? Und das ſagt Ihr mir nicht ſogleich? Na, da bin ich neugierig— adieu!“ Und er gab ſeinem Schimmel die Sporen und trabte durch die breite, ſchattige Ka⸗ ſtanienallee, die, etwa vierhundert Schritte lang, von dem Pförtnerhauſe bis dicht an den Gutshof führte. Nach der Eile des Doktors zu ſchließen, mußte ihn die letzte Meldung der Pförtnerin außerordentlich intereſſiren, denn es geſchah ſelten, daß er ſeinen alten Schimmel der Gefahr eines ſtarken Trabes aus⸗ ſetzte; und in der That, wer während dieſes eiligen Rittes den gewöhnlich ruhigen Mann näher beobachtet hätte, würde einen ungewohnten Anflug lebhafter Röthe auf ſeinen Wangen und eine eigene Haſt im (piele ſeiner Mienen bemerkt haben. Denn es hatte ch Etwas auf dem Gutshofe begeben, was er lange nit Spannung erwartet hatte. Jemand war gekom⸗ nen, den die Frau am Thore„die arme junge Per⸗ Baron Brandau. I. on“ genannt und dabei einen bedeutungsvollen Finger⸗ 18 zeig auf die Stirn gethan hatte. Das alſo Et⸗ was, was ſowohl den Arzt, wie den 1eneeuns in dem mit den Bewohnern des Gutshofes ſo be⸗ freundeten Doktor Millinger gleich ſtark berührte und darum trieb ihn ein doppelter Grund zur Eile an. Als er die Kaſtanienallee durchritten hatte, ſah er den großen Hof vor ſich, der ſich unmittelbar vor dem Wohnhauſe des Barons befand, welches die Diener und Bauern der Umgegend mit einem gewiſſen Stolze „das Schloß“ zu nennen pflegten. Doch beſchreiben wir dies mit ſeinen Nebengebäuden und Höfen dem Leſer gleich hier etwas genauer, denn er wird ſich noch häufig mit den einzelnen Oertlichkeiten deſſelben zu beſchäftigen haben. Unmittelbar aus der erwähn⸗ ten Kaſtanienallee gelangte man auf einen weiten mit Steinen gepflaſterten Hof, der vor und zwiſchen den vorſpringenden Flügeln des ſogenannten Schlof ſes lag, auf der entgegengeſetzten Seite deſſelben aber von den Geflügelſtällen, dem Taubenhauſe und neuen Schuppen begränzt ward, in welchem die ver⸗ ſchiedenen Ackergeräthſchaften des Gutes aufbewah⸗ wurden. Das Schloß ſelbſt war ein einſtöckiges, alteß thümliches Gebäude mit einem hohen und etwa ſpitz zulaufenden Schieferdache, auf deſſen zwei vor⸗ ſpringenden Giebeln ſich zur Linken ein Blitzableite, 19 und zur Rechten eine im Winde ſtark knarrende Wetter⸗ fahne befalben. Dieſes alte Gehäude zeichnete ſich auf den erſten Blick durch nichts als ſeine bedeutende Tiefe und Breite aus; wenn man es aber näher be⸗ trachtete, leuchtete unzweifelhaft eine gewiſſe feudale Maſſenhaftigkeit der Mauern und eine auffallende Regelmäßigkeit in Anlage der Thüren und Fenſter daraus hervor, die auf eine bequeme Räumlichkeit im Innern ſchließen ließ. Im Hauptgebäude lagen in einer langen Reihe die Wohngemächer des Barons, doch da er allein lebte und für ſich ſelbſt keinen Anſpruch auf eine um⸗ fangreiche Wohnung machte, ſo waren nur wenige Zimmer bewohnt, was man leicht an den vielen ge⸗ ſchloſſenen Fenſtern erkennen konnte. Im rechten Seitenflügel wohnte der Verwalter und die Schaff⸗ nerin des Hauſes, die alte Hanne, eine wichtige Per⸗ ſon auf dem Gutshofe. Auch in dieſem Flügel ſtan⸗ den viele, in früheren Zeiten für Beſuchende beſtimmte, Zimmer leer und ihr etwas verwittertes Innere er⸗ blickte jetzt nur ſelten das goldene Tageslicht. Der linke Flügel dagegen war den bevorrechteten Dienern und Mägden eingeräumt und in ihm waren die Milch⸗ kammern, die Vorrathsſtuben und ſonſtige Räumlich⸗ keiten enthalten, in denen man die verſchiedenen, zu 2* einem weitläufigen Landwirthſchaftsbetriebe nothwendi⸗ gen, Dinge aufbewahrte. Die Hnierkan 20 Schloſ⸗ ſes, eigentlich die Hauptfront des Ganzen und dem auf dem Hofe Anlangenden abgewendet, ſah in den großen, in der Nähe des Hauſes wohlgepflegten, fern davon aber etwas verwilderten Garten, dem ſich ein rieſiger Park mit alten Bäumen anſchloß, der zur Linken allmälig in den Wald überging, indem die durch denſelben führenden Wege nach und nach auf⸗ hörten und dafür wucherndes Farrnkraut, Moos und undurchdringliches Unterholz ihre natürlichen Rechte beanſpruchten. In öſtlicher Richtung begränzte den Park ein etwa acht Fuß breiter Graben, durch den ſich ein leiſe rieſelnder Bach ergoß, über welchen eine einfache Holzbrücke in die Felder leitete, die ſich un⸗ mittelbar an den Park anſchloſſen und eine halbe Stunde weit in das große Thal erſtreckten, bis die Ländereien des nächſten Nachbars ſich mit denen des Barons berührten. Im Weſten von dieſen Feldern, alſo zur Rechten von der Hauptfront des Schloſſes aus geſehen, zog ſich in weitem und in der Ferne blau ſchimmerndem Bogen der ſchon früher erwähnte Höhenzug, der von dieſer Seite das große Thal zu⸗ gleich mit dem freiherrlichen Gute umſäumte. Bis zur halben Höhe etwa waren dieſe Berge, die Aus⸗ 21 läufer eines unfernen Gebirgsſtranges, abgeholzt und mit Getreidefeldern bedeckt, von da an aber begann ein ſtämmiger Baumwuchs, der um ſo dichter und gewaltiger wurde, je mehr er den Gipfel der Berg⸗ kette erſtrebte. Wir werden auf dieſe Bergkette noch häufig zurückkommen und dürfte dem Leſer ſomit dieſe oberflächliche Beſchreibung derſelben für jetzt ge⸗ nügen. An den linken Flügel des freiherrlichen Schloſſes lehnte ſich der eigentliche Gutshof, der Sammelplatz der trefflichen Pferde und Kühe, die den reichen Herren⸗ ſitz bevölkerten. Er war von einem leichten Stangen⸗ gerüſt umgeben und ſein Boden mit Stroh bedeckt; immitten deſſelben lagen die Brunnen des Gutes, und um dieſe herum, da hier die Tränkröhren ein⸗ gegraben waren, machte ſich zu verſchiedenen Tages⸗ zeiten das lebhafte Gebrüll und Gewieher jener Thiere bemerklich. Eingeſchloſſen war dieſer weite Raum von drei nahe an einander liegenden, aber durch fahrbare Zwiſchenräume getrennten Gebäuden, halb aus Holz, halb aus Stein erbaut und mit Stroh gedeckt, wie es noch Sitte in der Provinz war, in der wir uns gegenwärtig befinden. Dem Schloſſe gegenüber lag die große Scheune, ein mehrere hundert Fuß langes Gebäude, hoch und tief, und ſtets mit Getreide, Heu und Stroh gefüllt; nach dem Parke hin lag der Pferde⸗ und Kuhſtall, während an der entgegengeſetz⸗ ten Selte, alſo dem gepflaſterten Hofe zunächſt, der unabſehbar lange Schaafſtall ſich dehnte. Nachdem wir den Leſer mit dieſen Einrichtungen oberflächlich bekannt gemacht, Einzelnes aber noch ſpäter nachholen können, kehren wir zu Doktor Mil⸗ linger zurück, der raſch auf den Hof getrabt kam, was den Bewohnern deſſelben einen ſeltenen Anblick bot, da ſie gewohnt waren, ihn meiſt im gemächlichſten Schritt daherziehen zu ſehen. Die auf den Steinen des Hofes erſchallenden Huftritte zogen ſogleich einen Diener herbei, den einzigen, der augenblicklich im Schloſſe war, denn alle übrigen waren theils auf dem Felde, theils im Garten oder in den verſchiedenen Wirthſchaftsgebäuden beſchäftigt. Der alte Friedrich, der Leibdiener des Barons, ſchon ſeit dreißig Jahren in ſeinem Dienſte und, wie der Doktor und die Schaff⸗ nerin, mit allen Verhältniſſen der Familie ſeines⸗ Herrn vertraut, kam etwas ſchwerfällig und langſam aus dem Haupteingange des Schloſſes heraus und begrüßte den Doktor, indem er ihm ſchicklich den Steigbügel hielt und das Pferd abnahm. Es war ein grauköpfiger Alter mit runzeligem Geſicht und ——— 23— kleidet, Eigenſchaften, die ſich nicht allein auf ſeine Perſon, vielmehr auf faſt Alles erſtreckten, was inner⸗ und außerhalb des freiherrlichen Gutes dem Fremden vor Augen kam. „Guten Abend, Friedrich,“ ſagte der Doktor eilig und wie ein Jüngling aus dem Sattel ſpringend,— „iſt der Herr Baron zu Hauſe?“ „Ach nein, Herr Doktor, aber man iſt ſchon aus, ihn zu ſuchen, da er wahrſcheinlich auf dem Felde umhergeht.“ „Aha! Aber Frau Hanne iſt doch da?“ „Ja, Herr Doktor, ja; ſie hat aber Beſuch, und darum eben hat ſie den gnädigen Herrn rufen laſſen.“ „So, ſo. Na, ich will eher die Alte ſprechen, bevor ich ihren Beſuch ſehe. Wo ſteckt ſie mit den beiden Damen, he?“ „Alſo Sie wiſſen ſchon! Sie ſind alle in dem großen Beſuchzimmer hinten nach dem Garten hin⸗ aus— ich habe raſch die Läden geöffnet.“ „Gut, gut— aber warum machſt Du ein ſo ängſtliches Geſicht?“ „Ach, Herr Gott, geben Sie Acht, Herr Doktor, nun geht es im Hauſe wieder von Neuem los. Wir haben eine Zeitlang Ruhe gehabt, aber nun— ach, der arme Herr!“ 24 „Still, ſtill, Friedrich, keine Sorge ohne Noth! — Nun bringe raſch mein Pferd in den Stall und dann ſchleiche leiſe zu der alten Hanne und flüſtre ihr zu, daß ich da bin— verſtanden? Sie ſoll zu mir kommen, ich werde in ihr Zimmer gehen, da will ich ſie ſprechen.“ Friedrich, nicht eben mit reichlichen Worten, um ſo mehr aber mit ſprechenden Mienen, beſonders in ängſtlicher Weiſe, geſegnet, führte den Schimmel in den Stall. Unterdeſſen trat der Doktor in den ge⸗ räumigen Hausflur ein, horchte einen Augenblick an einer zur Linken im Hintergrunde deſſelben liegenden Thür, die in das erwähnte Beſuchzimmer führte, ließ ſie aber unberührt liegen und begab ſich in ein zur Rechten des Flures liegendes Gemach, welches die alte Hanne ſchon länger als zwanzig Jahre bewohnte. Sweites Anpitel. Das neue Familienglied. Es dauerte etwas lange, bis die durch den alten Friedrich herbeigerufene Schaffnerin dem Wunſche des Doktors Folge leiſtete; wahrſcheinlich wurde es ihr ſchwer, ſich ſofort von ihrem Beſuche loszumachen. Dem ungeduldigen Arzte ſchien es eine Emiat dauern, bis er die Schritte der Erwa ſo ſcharf er auch 26 ſeinem Herzen in einem ſchweren Kampfe begriffen war.„Da haben wirs,“ murmelte er endlich vor ſich hin.„Was wir ſo lange gewünſcht und erwartet haben, iſt nun da— Gott gebe ſeinen Segen dazu! O, was werden wir zu ſehen und zu hören bekom⸗ men! Ich bin ſo neugierig auf das junge Mädchen, als wäre es mein eigenes Kind, das ich Jahre lang nicht geſehen und in der fernen Penſion habe erziehen laſſen.— Penſion! Ja! Aber das iſt eine traurige Penſion, aus der dies arme Kind kommt. Ein Irren⸗ haus! Ha! Wo ſie geweſen, ſo lange ſie lebt, wo ſie geboren und groß geworden iſt— wie lange iſt das her? Ha— ja! Achtzehn Jahre! Eine Ewig⸗ keit auf dieſer Welt! Wenn ſie da mit heiler Haut kommen iſt, dann muß man von Glück a im Unglück! Wundern ſollt es mich trauxiait. Erbtheil, welches ein angen hätte A 27 ſchlägt mir das Herz, als thäte ich den erſten Blick in das ganze Elend. Armer Baron! Armes Mäd⸗ chen! Ja, allerdings, es wird für Beide, für uns Alle vielleicht bald etwas Neues geben. Es war ſo ruhig hier, ſo gemüthlich, ſo ſtill— nun tritt eine neue Perſon auf den Schauplatz, und was ſie brin⸗ gen wird, wiſſen wir nicht. O, das Neue iſt ſelten etwas Gutes, und die Menſchen haben wohl Recht, die, wie der Baron, nur am Alten feſthalten und alle Neuigkeiten der Welt in weite Ferne wünſchen.— Doch halt, alter Knabe! Dir geht es beinahe eben ſo wie dem kopfſchüttelnden Friebrich und Du mußt Dir wie ihm ſagen: keine Sorge ohne Noth! Ja, ſo wollen wir es machen; verzweifeln wir nicht vor der Zeit. Vielleicht geht es beſſer als man denkt. Es wohnt ein Gott über den Sternen, der die Schick⸗ ſale der Familien und Menſchen regiert, und dieſe hier haben des Unheils genug gehabt, er könnte ſie einmal mit Ruhe und Frieden begnadigen. Doch alt,— da geht die Thüre drüben auf— die Alte ommt.“ Wie er geſagt, ſo geſchah es. Ein etwas ſchlep⸗ ender Gang und ein rauſchendes Gewand machte ich vom Flur her bemerklich und eine nicht allzu be⸗ hende Hand legte ſich ſchwer auf das Thürſchloß. Gleich 28 darauf trat die erſte Leiterin des ganzen Hausweſens des Barons, die Schaffnerin, ein und ſtellte ſich als eine betagte, etwas ſteife, aber ſehr ſtattliche Dame von höchſt vollkommenen Verhältniſſen dar. In ein ſchwarzſeidenes Kleid, beinahe bis zum Kinn hinauf reichend, gekleidet und das graue geſcheitelte Haar mit einer Haube geſchmückt, die an Einfachheit mit der einer Nonne, aber an blendender Weiße mit der Farbe des Schnee's wetteifern konnte— ſo tritt ſie heute wie immer vor unſer Auge. Gewöhnlich war dieſe gute Frau, von Jedermann im Hauſe ſchlecht⸗ weg die alte Hanne genannt, ſehr ruhig und würde⸗ voll in ihrem Gange, in ihren Bewegungen, ihren Worten, heute aber ſchien ſie ungewöhnlich aufgeregt, ſie ging, ſprach und bewegte ſich ſchneller und ihr ſonſt beinahe aſchfarbiges und gefaltetes Geſicht heute einen auffallend roſigen Anſtrich, der ſich von ihren Wangen ſogar bis auf ihre Naſenſpitze fort⸗ ſetzte. N „Ah, da ſind Sie, Herr Doktor, lieber Doktor!l ſagte ſie raſch.„Gut, gut, daß Sie da ſind! 6 wiſſen es ſchon— das Kind iſt da?“ „Ja, ich weiß, daß das Fräulein gekomm Wohl, wohl!— Nun, wie ſteht es, wie ſi aus?“ 29 „Ach!“ fing die Alte zu ſchluchzen an.„Ach Gott, ja, ſie iſt da— das arme Kind!“ „Warum, warum ſagt Ihr: das arme Kind?“ „Wie, haben Sie das nicht auch ſchon oft geſagt, und habe ich jetzt nicht noch mehr Recht dazu, da ich ſie vor mir ſehe? Iſt das etwa ein Glück, wenn es Einem hier, im Kopfe, nicht richtig beſcheert iſt?“ „Was? Ihr meint? Es wäre möglich?“ „Nun, nicht eben ſchlimm, aber etwas ſcheint mir doch ihr Verſtand gelitten zu haben.“ „Wie ſo? Raſch, raſch! Aengſtigt mich nicht!“ „Nun, zum Aengſtigen iſt es gerade noch nicht. Sehen Sie, es iſt jetzt eine gute Stunde her, daß ſie hier ankam. Eine Frau, eine gute, wahrhaft edle Frau, hat die Reiſe mit ihr gemacht und ſie hierher begleitet. Aber die Dame hat keine Zeit, hier zu bleiben; ſie wartet nur ab, bis die Pferde gefüttert ſind, dann reiſt ſie ſogleich wieder fort.“ „Das finde ich Alles ſehr natürlich, Frau Hanne, aber was ſagt ſie, was thut ſie?“ „Wer, die Dame?“ „Nun ja, ſie und das Kind.“ „Die Dame tröſtet ſie und ſagt ihr alle mög⸗ lichen guten Worte, wie ich ihr auch ſchon geſagt— aber das Kind, unſer gutes gnädiges Fräulein, denn 30 ſo muß ich ſie doch wohl nennen, iſt beinahe außer ſich. Sie weint und jammert, daß ſich ein Stein er⸗ barmen möchte, fällt der Dame einmal über das An⸗ dere um den Hals und will ſich nicht von ihr tren⸗ nen. Sie ſoll nicht fort von mir! ruft ſie fortwäh⸗ rend aus. Und ſie muß doch! So war es ja ſchon zu Hauſe— da in dem Irrenhauſe— abgemacht. Und gegeſſen und getrunken hat ſie auch noch keinen Biſſen und ich habe ihr doch einen ſo vortrefflichen Kaffee machen laſſen.“ „Laßt den Kaffee bei Seite— das iſt nicht die Hauptſache jetzt.— Was meint Ihr, ſoll ich wohl zu ihr gehen und ihr einige Worte ſagen?“ „Ja— oder lieber nein! Laſſen Sie erſt die Dame fort. Wenn wir ſie allein vor uns haben, können wir mehr unſer Herz ſprechen laſſen und un⸗ ſern guten Willen zeigen. Daß auch der Baron nicht zu Hauſe ſein muß!“ „Wo iſt er denn?“ „Auf ſeinem alltäglichen Spaziergange, der bis in den tiefen Abend dauert. Der arme Mann! Er hat ſo ſchon genug in ſich zu verarbeiten, nun kommt? auch noch das hinzu!“ „Warum nicht gar! Armer Mann! Er iſt ein reicher Mann!“ „Ach, Doktor, ja, ja, ich weiß es, aber bei all' ſeinem Reichthum iſt und bleibt er doch immer ein armer Mann!“ „Warum denn?“ „Warum? Nun, bei Gott! Sie thun ja gerade, als ob Sie aus den Wolken fielen. Iſt hier nicht ge⸗ nug Kummer im Hauſe? Eine Schweſter im Irren⸗ hauſe, wo ſie mit ihrer Tochter lebt— und kein Kind um ſich her! Soll ich Sie an den älteſten Sohn des Barons erinnern, wie? Geht hier Alles mit rechten Dingen zu? Dobktor, wie Sie ſich ſtellen! Umſonſt ſchweift der gnädige Herr nicht ſo lange in der Einſamkeit herum, umſonſt ſitzt er nicht Nächte lang auf und trinkt die ſchweren Weine, die ihm das Blut verdicken, anſtatt ihm die Sorgen zu verſcheu⸗ chen, wie er ſich einbildet.“ Der Arzt ſeufzte.„Ihr habt Recht,“ ſagte er lang⸗ ſam.„Ja, ja, Ihr habt ſehr Recht. Aber der Ba⸗ ron hat noch zwei andere Söhne.“ „Freilich, zwei Söhne, aber wie können ſich die mit dem Verlorenen vergleichen.“ „Der zweite iſt ein ganz tüchtiger Junge“— „Tüchtiger Junge? Wie Sie das ſagen können und haben doch eine ganz andere Meinung. Hu! Ein Wütherich iſt er, vor dem ſich Jedermann fürchtet, 1 6. 32 den ſogar Sie vermeiden, denn wenn er einmal her⸗ kommt, habe ich Sie noch nie hier geſehen. Was hat er ſeinem Vater, der gegen ihn ſo gut iſt, nicht ſchon für Kummer gemacht! O, Sie wiſſen es wohl, Doktor, und loben ihn noch!“ „Nun, was hat er denn eigentlich gethan, wenn Ihr es ſo genau wißt?“ „So genau wie Sie, gerade ſo, und darum will ich mich hier nicht über ihn ereifern. Aber daß er in ſo jungen Jahren ſchon ſo viel Geld verſchwendet und Schulden gemacht—“ „Die hat der Alte alle bezahlt—“ „Ja, freilich, aber er wird neue machen.“ „Das geht uns nichts an, beſte Frau. Jetzt iſt er in der Reſidenz— iſt di Mann, auf den der Vater alle Hoffnung ſetzt— „Bis er ſie ganz und gar vernichtet ſieht— „Oho!— Und dann iſt noch der Jüngſte a— was habt Ihr gegen den auszuſetzen— er iſt ein feiner Cavalier—“ „Ah, nun verſtehe ich, wie Sie es meinen. Ja, a, ein Cavalier iſt er, durch und durch, ein ächter Junker. Und gut iſt er auch, wenn auch ein wenig zu vornehm, zu ſtolz. Aber das hat ja der Vater gewollt, darum hat er ihn Offizier werden laſſen.— A * 33 Und doch will er mir etwas zu hoch hinaus, braucht mir zu viel Geld—“ „Euch?“ Des Arztes Widerſpruch, der ihm gar nicht aus dem Herzen kam, wie ein unbefangener Beobachter ſehr bald bemerkt hätte, reizte die Alte immer mehr. „Mir nicht,“ ſagte ſie, ſich vollkommen erhitzend,„aber Sie wiſſen wohl Wem. Und ein Graf iſt er noch lange nicht, wie er dem gnädigen Herrn vorgeſchwatzt, daß er einer werden kann.“ Der Arzt lächelte bitter, worin mehr der Zuſtim⸗ mung zu der Anſicht der alten Hanne lag, als in ſeinen Worten. Er wollte eben etwas erwidern, als drüben die Thür geöffnet ward und ein lautes Wei⸗ nen und Schluchzen über den Flur her ſich verneh⸗ men ließ. Beide ſchwiegen und horchten. „Still,“ ſagte darauf die Alte.„Ich werde hin⸗ übergehen. Die Dame wird fortwollen und die Kleine wird ſich nicht von ihr trennen können. Wenn ſie davongefahren iſt, kommen Sie mir nach.“ Damit rauſchte ſie zur Thüre hinaus. Der Arzt war wieder allein.„Ja, ja,“ ſagte er in ſeiner ſtillen nachdenklichen Weiſe,„die Alte hat Recht. Es iſt nicht richtig hier im Hauſe und nun ſcheint ein neuer Wind heranzuwehen. Doch, warten Baron Brandau. I. 3 34 wir es mit Geduld ab. Aha, da fährt ſchon der Wagen vor.“ Noch einmal ſchallte jenes laute Weinen, mit eini⸗ gen flehenden Worten vermiſcht, über den Flur, dann huſchte eine ſchwarzgekleidete Dame, die vielleicht ſchon oft dergleichen Auftritte erlebt hatte und daran gewöhnt war, aus dem Hauſe, ſprang ohne jede Hülfe leicht in den bereits geöffneten Schlag und fuhr davon. Der Arzt ſchaute ihr mit Herzklopfen nach, bis der Wagen in der düſteren Kaſtanienallee verſchwunden war, dann nahm er ſich zuſammen und ſchritt ſicht⸗ bar zögernd in das Beſuchzimmer hinüber. Dieſes, ein ſehr großes, mit glänzenden, aber aus einer längſt verſchwundenen Zeit herſtammenden Mö⸗ beln geſchmücktes Gemach, deſſen Läden nur ſelten der Luft und dem Licht Eintritt geſtatteten, war heute, da der Beſuch ſo ſchnell und unerwartet gekommen war, nur durch zwei Fenſter erhellt, deren Läden man geöffnet hatte, während die drei übrigen Fenſter ge⸗ ſchloſſen geblieben waren, wodurch die größere Hälfte des langen Gemaches dunkel geblieben war, wozu außerdem noch der allmälig hereinbrechende Abend und die Bäume das Ihrige beitrugen, die vor den Fenſtern im Garten ſtanden und ihren Schatten in das düſtere Haus warfen. Mit geſpannteſter Erwar⸗ 35 tung, was ihm zu finden beſchieden ſein würde, trat der Arzt in das Zimmer, in welchem jetzt, im Ver⸗ gleich mit dem kurz vorher gehörten Lärm, eine ſelt⸗ ſame Stille herrſchte. Zuerſt nun ſteckte er den Kopf in die Thür hinein, dann nach und nach, als er ſah, was vorging, ließ er ſeinen übrigen Körper nachfolgen. Rechts in der Ecke, unmittelbar an einem der Fenſter, deren Läden geöffnet waren, ſaß die alte Hanne und weinte, aus Theilnahme und Mitleid, vielleicht auch aus Furcht und Beſorgniß. Links, im dunkelſten Hintergrunde des Zimmers, ſaß oder vielmehr hockte eine weibliche Geſtalt, deren Umriſſe in ihrer jetzigen Stellung, da ſie zuſammengekauert auf einem kleinen Schemel ruhete, nur ſehr wenig zu erkennen waren. Wir wollen hier nur bemerken, daß ſie, da ſie ſich in Trauer wegen ihrer verſtorbenen Mutter befand, in ein ſchwarzes Taffetkleid gehüllt war, aus dem ihr ſchöner Hals und ihre entblößten Schultern um ſo glänzender hervor⸗ leuchteten, je dunkler das reiche Haar auf dem überaus ſchön geformten Kopfe ſich erwies. Ihr Geſicht, von Thränen überſchwemmt, ſchien in roſige Gluth ge⸗ taucht zu ſein. Das Charakteriſtiſchſte in dieſem Geſicht aber war ein wunderbar geſchnittenes Augenpaar, das, von einem Thränenſchleier beſchattet, langſam die ſchwe⸗ 3 3*. 36 ren dunklen Wimpern erhob und ſich mit augenſchein⸗ licher Ueberraſchung auf den Mann heftete, der ſo leiſe und vorſichtig in's Zimmer trat, wobei es ſich von Augenblick zu Augenblick zu vergrößern und glänzen⸗ der zu werden ſchien. Als die junge Dame den fremden Mann näher treten ſah, ſtieß ſie einen kla⸗ genden Laut aus, ſprang von ihrem Sitze auf und wollte zur Thür eilen, als wäre ſie noch im Stande, die befreundete Dame zu erreichen, die ſo eben ſie verlaſſen hatte. Dabei aber gerieth ſie mehr in den helleren Raum des Zimmers und der ſtaunende Arzt ſah nun, daß er kein Kind mehr vor ſich hatte, wie die alte Hanne geſagt, ſondern eine Jungfrau, deren auffallend ſchöne Perſönlichkeit das Intereſſe nur noch erhöhte, welches er an und für ſich ſchon an ihrem Schickſale nahm. Schon dachte er nicht mehr daran, was er kurz vorher noch gedacht, daß es in ihrem Kopfe nicht recht richtig ſei, vielmehr durchrieſelte ſein warmes Herz ein ſanfter Schauer inniger Theilnahme, und demzufolge trat er der Geängſtigten mit plötzlich gereiftem Ent⸗ ſchluſſe eines liebreichen und väterlichen Beiſtandes entgegen. „Mein liebes Fräulein,“ ſagte er mit ſeiner wei⸗ chen und wohlklingenden Stimme wobei ſein Geſicht 37 den Ausdruck ehrlichſter Hingebung annahm und ſeine Hand ſich nach der ihrigen ausſtreckte:„Mein liebes Fräulein, gehen Sie nicht von hier fort; Sie befin⸗ den ſich unter Freunden, die Sie herzlich willkommen heißen.“ Das Mädchen, oder vielmehr die junge Dame, denn als ſolche erſchien ſie dem beobachtenden Blicke des Arztes, blieb bei dieſer herzlichen Anrede, die ſie nicht erwartet zu haben ſchien, unbeweglich vor ihm ſtehen, ſchlug ihr blaues Taubenauge voll zu ihm auf und verſuchte zu lächeln.„Ach,“ ſagte ſie mit einer be⸗ zaubernd ſanften Stimme, wie ſie lange nicht in dieſen alten Räumen gehört worden war,„unter Freunden befinde ich mich hier? Darf ich das hoffen? Meine wirklichen Freunde ſind ſo weit von hier entfernt und ich ſtehe allein in einer mir ganz neuen und unbe⸗ kannten Welt!“ „Freilich, mein gnädiges Fräulein,“ entgegnete der Arzt, der ſich immer höher und verwunderter aufrich⸗ tete,„freilich, das iſt wahr. Aber Sie werden nicht lange hier unbekannt bleiben. Man wird ſich bemühen, Sie auf jede Weiſe von der Beklommenheit zu befreien, die ſich natürlich an Ihre erſten Schritte in dieſen Räumen heften muß. Ihr Oheim iſt ein vortrefflicher Mann, das werden Sie bald empfinden—“ 38 „Iſt er das, ja? Gott ſei Dank!“ „Ja, das iſt er. Und wir Alle, die ſein Haus betreten, werden ihm in allen guten Dingen nach⸗ zueifern ſtreben. Kann ich Ihnen augenblicklich etwe⸗s zu Gefallen thun, ſo ſagen Sie es, ich bin zu Allem bereit, was Ihnen nützt oder angenehm iſt.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr. Ach, mir iſt ſo unendlich beklommen zu Muthe, wie Sie ganz richtig errathen haben. Wenn Sie wüßten, was ich Theures und Liebes verlaſſen habe, Sie würden das fühlen wie ich. Gönnen Sie mir zuerſt nur Ruhe, Frieden und Stille. Schonen Sie meine Gefühle und ich werde mich allmälig ſammeln und in die Gegenwart finden.— Ach, iſt das nicht ein Garten hier draußen? 3 Läßt ſich dieſe Fenſterthür öffnen? O, laſſen Sie mich denſelben betreten— ich liebe ſo ſehr das Freie, und in Gottes reiner Natur wird mir bald wohler werden.“ Und raſch auf die bezeichnete Thür zutretend, die unmittelbar aus dem Beſuchzimmer in'’s Freie führte, ſchloß ſie dieſelbe auf und ſchritt, von Niemandem be⸗ hindert, in den Blumengarten hinaus, der, im glän⸗ zendſten Abendſtrahle ſchimmernd, ruhig und friedlich vor ihr lag. Doktor Millinger, von ihrer Rede, ihrer klangvollen, ergreifenden Stimme und ihren rührenden Geberden — und Mienen beim Sprechen nicht minder überraſcht, als vorher von ihrer ganzen äußeren Erſcheinung, ſtand, als ſie an ihm vorüberglitt, ſtarr und ſteif da und ohne irgend eine Bewegung zu verſuchen; er blickte ihr nur verwundert nach und wandte dann ſei⸗ nen Kopf langſam nach der alten Hanne herum, als wollte er ſie fragen, was ſie zu dieſer Sprache, dieſer Stimme, dieſer ganzen Erſcheinung ſage. Er traf auf einen eben ſo erſtaunten Blick, als der ſeinige war, und es vaueete eine Weile, bis die beiden Alten ihre Meinung in ſtummen Winken ausgetauſcht hatten. „Nun, Doktor,“ fing endlich die Schaffnerin zu ſprechen an,„was ſagen Sie nun?“ „Ich ſage gar Nichts. Sie iſt ganz anders, als ich ſie mir gedacht habe. Und wie ſieht ſie ihrer ar⸗ men, einſt ſo ſchönen Mutter ähnlich! Mir iſt zu Muthe, als lebte ich plötzlich zwanzig Jahre früher— o!“ Und er faßte mit ſeiner Rechten nach der Stirn und fuhr einige Male langſam mit der ganzen Hand⸗ fläche darüber hin, als wollte er die lange entſchwun⸗ dene Vergangenheit in die Gegenwart zurückrufen. „Ja, ja, ſo iſt es,“ ſagte die Alte und ſetzte dann flüſternd hinzu:„glauben Sie, daß ſie ſo verrückt iſt, wie ihre Mutter es war?“ Der Doktor ſchüttelte ſanft den Kopf, eine Thräne 40 kam in ſein Auge und er murmelte gleichſam in ſich hinein:„Nein, ach nein, ich glaube es nicht!“ Plötz⸗ lich aber ermannte er ſich und riß ſich von den nieder⸗ drückenden Gefühlen los, die die Erinnerung an vergangene Zeiten in ihm heraufbeſchworen hatte. Raſch holte er ſeinen Hut; dann der alten Hanne ein Lebewohl zurufend, ſagte er eilig:„Es wird gut ſein, Frau Hanne, wenn ich ſelbſt den Baron aufſuche und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetze. Ich möchte gern, daß er die Lage der Dinge mit meinen Augen anſähe. Adieu!“ Gleich darauf hatte er die Schaffnerin und das Schloß verlaſſen. Er ging haſtig nach dem Stalle, zäumte, ohne einen Diener zu erwarten, ſelbſt ſein Pferd auf, ſchwang ſich in den Sattel und ritt, in ſtille Grübelei verſunken, aus dem Hofe hinaus, um irgendwo auf den Feldern, wo er den Baron vermu⸗ thete, mit dieſem zuſammenzutreffen. Brittes Aapitel. Baron von Brandau. Wenden wir uns jetzt zu dem Beſitzer von Holzen⸗ dorf ſelbſt, welcher in unſerer Erzählung eine von denjenigen Perſonen iſt, mit der wir uns am häufig⸗ ſten und vertraulichſten zu beſchäftigen haben werden. Baron Hans von Brandau war ein Landedelmann von altem Schrot und Korn, in dem nicht ein Puls⸗ ſchlag Neuerung war, eine, um ſo zu ſagen, in die Gegenwart hinübergetragene unwandelbare Vergangen⸗ heit. Seine Familie war eine der älteſten des ganzen Landes und konnte ihre Ahnenreihe bis in das graueſte Mittelalter hinab verfolgen, ein Vorzug, der in der Familie ſelbſt als eine der höchſten Gaben Gottes geſchätzt wurde. Alle Verwandte, väterlicher oder müt⸗ terlicher Seite, die dieſe Ahnenzahl nicht aufſtellen konnten, galten in der Hauptlinie für Menſchen ge⸗ 42 ringerer Qualität, deren Erwähnung nur dann von⸗ nöthen ſei, wenn es ſich darum handelte, ihren kleineren Ruhm dem größeren Ruhme der Stammfamilie zur Unterlage dienen zu laſſen. Die vielen Millionen anderer Menſchen, die, gleichſam namen⸗ und ahnenlos, ohne ſogenannte Herkunft und ellenlange Stamm⸗ bäume neben und unter ihnen her durch die Welt liefen, waren für die ritterlichen Brandaus niemals vorhanden geweſen; ſie bekümmerten ſich daher um ſie nicht, ſie kannten ſie nicht, wie ſie überhaupt wenig in der Welt kannten, was ſich nicht unmittelbar auf ſie ſelbſt bezog. Bei Menſchen ſolcherlei Art findet ſich ſtets eine Menge von guten Eigenſchaften mit einer größeren Menge von Fehlern gemiſcht. Sie ſind tapfer in der Gefahr, muthig gegen einen ſichtbaren Feind, der mit dem Degen oder der Piſtole in der Hand vor ihnen ſteht; aber den ungleich erhabneren Muth, dem Elende und dem Unglücke, welches die Welt zerfleiſcht, mit geharniſchtem Herzen und Geiſte entgegenzutreten, be⸗ ſitzen ſie nicht; ſie ſind zu Zeiten edelmüthig im Ge⸗⸗ währen von ſolchen Dingen, die ſie nur allein vergeben zu können die Anſicht haben, aber ſie ſind auch ſtolz auf dieſes Gewähren, herriſch in ihrem Thun, eigen⸗ ſinnig in ihrem Wollen und haben die ſonderbare 43 Meinung, zu glauben, der Standpunkt, auf welchem ſie ſtehen, ſei überhaupt der einzige, auf dem ein acht: barer, rechtſchaffener Mann ſtehen könne. Aus dieſer trüben Quelle ſprudelt all der Irrthum, den ſie in Bezug auf ihr Verhältniß zu anderen Men⸗ ſchen und auf das dieſer Menſchen zu ihnen ſo ver⸗ ſchwenderiſch in's Leben tragen, aus ihr quillt die Ueberſchätzung ihrer eigenen und die Geringſchätzung der Geltung und Leiſtungsfähigkeit anderer Menſchen, die ſie tief unter ſich ſtehend denken, wie eine, Luft und Leben vergiftende Peſt⸗Atmoſphäre hervor. Sie haben ſich ſo unerſchütterlich feſt in die Ueberzeugung ihrer Unfehlbarkeit und Unantaſtbarkeit hineingelebt, daß ſie ihre Umgebung nur nach dem Nutzen beurthei⸗ len, den ſie ihnen durch ihre Dienſte leiſtet, ſie ſind alſo Egoiſten, daher ungerecht gegen die ganze ſie um⸗ gebende Außenwelt. Aus dieſem Grunde findet man ſehr häufig, daß dergleichen Leute mehr geachtet als geliebt ſind, zu welcher Achtung eben ſo viel der Glanz ihres irdiſchen Beſitzes beiträgt, wie die hergebrachte Meinung, ſie ſeien Edelleute, das heißt edler als andre Leute, die man nicht ſo nennt— aus feinerem Stoffe gewebt— zu höheren Dingen beſtimmt,— ein abermaliger Irrthum, der auf einer Art Verblendung beruht, die ein höherer 4½ 44 Stand auf die in Vorurtheilen Befangenen und Un⸗ erfahrenen ausübt, gleich wie der unfruchtbare Glanz einer mit tauſend Brillanten geſchmückten Monſtranz Diejenigen blendet, deren kindiſcher Sinn in dem fun⸗ kelnden Geſchmeide und nicht in der ſymboliſchen Bedeutung des Kernes derſelben das Göttliche und Angebetete ſieht. Was nun den Charakter und das Gemüth unſeres Barons betrifft, ſo beſaß er alle guten, aber auch faſt alle ſchlimmen Eigenſchaften ſeines Standes. Er war in ſeiner Jugend als Soldat tapfer, muthig, ehren⸗ haft geweſen, er hatte ſeinem Könige und Herrn mit Gut und Blut gedient, wie man zu ſagen pflegt, das heißt, er hatte den Sold genommen, den dieſer König ihm gab und mit ſeinem Degen dafür nicht mehr ausgerichtet, als alle übrigen Leute, die geringeren Sold davon getragen und eben ſo brav geweſen wa⸗ ren, wie er. Das Wort Majeſtät hatte für ihn einen poſaunenartigen Klang, er fühlte ſich ſogar ſtets etwas gedemüthigt, ſobald dieſes Wort mit ſeinen eigenen Verhältniſſen in Berührung trat und ihn belehrte, daß er für ſeine Perſon nur ein kleiner Landedelmann ſei. Nach dieſer höchſten Majeſtät aber kam ſeine eigene in allererſter Reihe, er bediente ſich jedoch eines anderen, ſanfter klingenden Wortes dafür, und dieſes — 44 Wort hieß: Familie. In dem Worte: meine Fa⸗ milie lag für ihn ein unbeſtimmtes Etwas von ganz unerhörter Bedeutung, von zauberhafter Machtvoll⸗ kommenheit. Wer mit dieſem Worte gegen ihn klug umzugehen wußte, konnte ihn unter Umſtänden vom heftigſten Zorne zum ſanfteſten Lächeln bewegen, aber auch, wenn es ungeſchickt eitirt wurde, die gemüthlichſte Ruhe zur leidenſchaftlichſten Aufregung verkehren. Seine Familie zu erhöhen, den Namen derſelben mit allen Ehren zu ſchmücken, war daher eine Hauptauf⸗ gabe ſeines Lebens geweſen; und wenn ihm das aus Mangel an Gelegenheit oder in Folge eines wider⸗ ſpenſtigen Geſchickes nicht beſonders gelungen war, ſo maß er weniger ſeinem eigenen Willen, ſeiner nicht ausreichenden Kraft, als vielmehr zufälligen äußeren Verhältniſſen die Schuld davon bei, weshalb er allen dieſen außer dem Bereiche ſeiner Oberherrlichkeit liegen⸗ den Verhältniſſen feindſeligſt abgeneigt war. Was er ſich in ſeinen Handlungen einmal als gerecht und ehrenhaft vorgeſtellt, was er in ſeiner beſchränkten Lebensanſicht für wahr und unumſtößlich erkannt, das konnte kein Menſch auf der Welt, keine Macht der Erde aus ſeiner Ueberzeugung reißen, ſelbſt wenn es ſo grundfalſch und ungerecht wie möglich war. Er war alſo auch eigenſinnig, und zwar in ſo hohem 46 Grade, daß er nicht mit Unrecht in vielen Dingen halsſtarrig genannt werden konnte. Wenn er einmal in ſeinem Leben in irgend einer Beziehung„Ja“ ge⸗ ſagt, vermochte Niemand ihn zu einem„Nein“ zu be⸗ wegen. Das wäre vortrefflich geweſen, wenn es blos im Guten ſich ſo verhalten hätte, allein es war auch eben ſo oft im Schlimmen der Fall. Wo er einmal ſeine Hülfe, ſeinen Beiſtand zugeſagt, da half er, da ſtand er bei, wo er aber einmal haßte, da haßte er ewig. Es war alſo ſchwer und gefährlich, mit ihm zu verkehren. Aber er wollte auch keinen Verkehr. Er war ſo abgeſchloſſen in ſich und mit ſeiner Vergangen⸗ heit, daß er auch für die Gegenwart Nichts mehr wollte und von der Zukunft nur Das erwartete, was er ſelbſt aus ihr erzeugen zu können die dünkelhafte Anmaßung beſaß. Die neuen und aufgeklärten Ideen, welche das religiöſe Gefühl des Menſchen, ſeine Sittenverfeine⸗ rung, den Aufſchwung des Handels, der Induſtrie, der Landwirthſchaft, die richtigere Würdigung des Bürgerthums dem Adel gegenüber betrafen, waren für ihn t da, er hatte ſie in ſeiner ſteifen und kalten Jugendzeit nicht kennen gelernt, und ſo wollte er ſie auch in ſeinem Alter nicht kennen lernen. Dieſe Unwiſſenheit hätte man ihm allenfalls ver⸗ zeihen können, ſo lange ſie ſeine eigene Perſon betraf⸗ 47 allein er beſaß auch den Eigenſinn, zu verlangen, daß Das, was für ihn nicht vorhanden war, eben ſo wenig für Andere vorhanden ſein ſollte, und das war aller⸗ dings ein arger Irrthum in der richtigen Beurtheilung aller beſtehenden Verhältniſſe der Welt. So zum Bei⸗ ſpiel begriff er auch nicht, wie ein Menſch ſich von neu aufgetauchten Ideen zu irgend einer, früher nicht gehandhabten Handlung konnte hinreißen laſſen; das nannte er unnütze Neuerung, Umſturz des Beſtehenden, Rebellion im Reiche der Gedanken und Thatſachen; und, ein Rebell zu ſein— mochte es ſein, gegen wen oder was es wollte— war in ſeinen Augen ein Gräuel. Daß er, mit ſolchen Anſichten ausgerüſtet, mit den materiellen Erforderniſſen und den geiſtigen Er⸗ rungenſchaften der Zeit nicht fortgeſchritten war, be⸗ darf keiner Beſtätigung. Er wollte auch nicht fort⸗ ſchreiten,— in Nichts, weder in ſeiner Eigenſchaft als Menſch, noch in der als Landwirth; er war ja„Edel⸗ mann“, das heißt, eine unantaſtbare, unwandelbare Potenz,— was konnte er alſo weiter noch erreichen noch werden— Kénig etwa? Nein, das war unmöglich, und etwas Höheres gab es für ihn nicht, eben ſo wenig wie etwas zwiſchen ſeiner und des Königs Würde Liegendes. Daher bemühte er ſich auch in keiner Weiſe, „ irgend etwas zu Dem hinzuzulernen, was er in ſeiner JIugend gelernt hatte, und Das war in der That ſehr wenig. Er las Nichts, als höchſtens die Hof⸗ und Militairnachrichten aus einer Zeitung, deren Tendenz nit ſeinem exkluſiven Standpunkte in Einklang ſtand und die daher ſeinen perſönlichen Intereſſen Rechnung rug; wiſſenſchaftliche Bücher waren nie oder ſelten durch ſeine Hände gegangen; ſchönwiſſenſchaftliche, aus der ſogenannten claſſiſchen Zeit wenigſtens, ſtan⸗ den zwar in ſeinem Beſuchzimmer in einem alten Schranke, aber der Schrank war verſchloſſen und der Schlüſſel dazu ſeit vielen Jahren verloren gegangen. Wenn ſein Auge einmal zufällig darauf fiel, wandte er ſich unwillig davon ab und brummte„dummes Zeug“ in ſeinen Bart. So war ihm der Fortſchritt der Zeit, die mit Rieſenſchritten voraneilende Aufklä⸗ rung der Menſchheit und die Wandelung der ſocialen Stellung derſelben unter den einzelnen Individuen ein verſchloſſenes Buch, und wenn er auch die Schlüſſel dazu beſeſſen hätte, er würde es nicht der Mühe werth gehalten haben, ſie zur Hand zu nehmen und in den ihm unbekannten Geheimniſſen zu blättern. Freunde hatte er nicht, nicht einmal aus der längſt abgelaufenen Zeit; er brauchte— alſo wollte er ſie nicht. Sein Umgang war daher ſehr beſchränkt. Nur ſelten, —— 49 bei leider nicht immer zu vermeidenden Gelegenheiten, ſah er Beſuch aus der Nachbarſchaft bei ſich. Für gewöhnliche Zeiten dagegen blieben ſeine Fremden⸗ zimmer verſchloſſen und ſein ſchönes Silberzeug ver⸗ gilbt in den verwitterten Kaſten liegen. Früher hatte er mit dem Prediger des benachbarten Dorfes, der ein ſanfter, nachgiebiger Mann geweſen, in einer Art ſtummen Verkehrs und in leidlicher Eintracht gelebt. Der gute Alte hatte ihn ebenſowohl an einem un⸗ ſichtbaren Faden zu leiten verſtanden, wie ſich in ſeine Anſichten zu ſchicken gewußt. Als dieſer geſtorben, hatte ein junger Mann, mit zeitgemäßen, Ideen aus⸗ gerüſtet, die Pfarre erhalten. Er war nur einmal im Hauſe des ſtarren Edelmanns geweſen und nie wieder hatte dieſer einen Fuß in die Kirche geſetzt. Der Pfarrer aber war auch nie wieder zu ihm gekommen. Es lag ſowohl ein äußerer als innerer Spaltungs⸗ grund zwiſchen Beiden: der Baron war ein Mann der Vergangenheit, der Prediger dagegen ein Mann der Gegenwart und Zukunft, und dieſer Unterſchied bildete eine unüberſteigbare Kluft für den ſtolzen Guts⸗ herrn. Dennoch aber ſorgte er dafür, daß ſeine Diener die Kirche beſuchten, nur für ſeine Perſon taugte der ſchwarze Mann nichts, wie er jeden Tag ſagte, um ſeine Meinung endlich zu der allgemeinen zu machen, Baron Brandau. I. 4 50 was ihm jedoch nie gelang; er war ihm zu gelehrt, zu rechthaberiſch, zu neugläubig, zu reformatoriſch— mit einem Worte, zu rebelliſch gegen Alles, was er früher als recht, billig und unumſtößlich erkannt hatte. So war ihm zuletzt nur ein Mann geblieben, den er wirklich ſchätzte und ohne den er in der That nicht mehr leben konnte. Es war dies der menſchen⸗ freundliche Arzt von Holzendorf, unſer Bekannter, der Doktor Millinger. Aber es war nicht allein die Ge⸗ wohnheit eines mehr als zwanzigjährigen Verkehrs, was ihn zu dieſem Manne zog, es war noch ein ſtär⸗ keres Bindemittel vorhanden, welches die ſo verſchie⸗ denen Naturen und Charaktere an einander knüpfte und wenigſtens von des Barons Seite den Mann immer feſter hielt, während den Arzt ein gewiſſes Mitleid, eine wirklich aus dem wohlwollendſten Her⸗ zen ſtammende Zuneigung mit dem alle übrigen Men⸗ ſchen verachtenden Ariſtokraten verband. Es war dies das ſchon angedeutete Mißgeſchick, wenn nicht Unglück, welches im Laufe der Jahre die Familie des Barons wiederholt heimgeſucht hatte, und zwar oft in Folge eigener Verſchuldung, was uns in mancher Hinſicht bei einem ſo ſtarrköpfigen, unbeugſamen und allem Fortſchritt der Welt widerſtrebenden Geiſte nicht wun⸗ dern kann. Der Arzt war mit dieſem Unglück ver⸗ 51 traut, er kannte ſo ziemlich alle Schmerzen, die in der Bruſt des Edelmanns gewühlt hatten, er war oft ſein Rathgeber und Tröſter geweſen, wo der Baron ſich allein nicht ſtark genug fühlte, nach eigenem Ermeſſen zu handeln oder den nagenden Kummer zu bewälti⸗ gen. Auch in die ſogenannten Familiengeheimniſſe war der Doktor eingeweiht, wie außer ihm nur noch eine Perſon, die alte Hanne, die Amme des älteſten Sohnes vom Hauſe, auf den wir ſpäter noch zurück⸗ kommen werden. Aber die Schaffnerin war blos eine paſſive Mitwiſſerin der geheimen Familiengeſchichte, ſie durfte es ſich nicht einfallen laſſen,“ ein hörbares Wort mit zu reden, ſo viel ſie auch in ihrem Zimmer für ſich murmeln und brummen mochte. Der Arzt allein war meiſt ein thätiger Mitwiſſer und Theilneh⸗ mer geweſen, er durfte es wagen, dem Baron ſeine Meinung ins Geſicht zu ſagen, und das that er bei Gelegenheit redlich, obwohl immer auf ſeine ſtille, be⸗ ſcheidene Weiſe, die dem rechthaberiſchen Baron ſchein⸗ bar das letzte Wort ließ. So alſo, nur von dieſem Manne von Zeit zu Zeit heimgeſucht, lebte der Baron wie ein in ſich und ſeinem Eigenthum von aller Welt abgeſchloſſener Pa⸗ triarch. Gegen ſeine Diener und Arbeiter hatte er einen etwas kurzen und meiſt herriſchen Ton ange⸗ 4* 52 nommen, er ſagte ihnen nie etwas, er befahl nur, worunter indeſſen Niemand mehr litt, denn alle ſeine Untergebenen hatten ſich längſt an dieſe barſcho 3 Art und Weiſe gewöhnt. Als alter Soldat liebte er das Stubenſitzen nicht; da er weder las noch ſchrieb, hatte er ſtets Langeweile im Zimmer, daher brachte er mehr denn Dreiviertel des Tages, mochte Jahreszeit und Witterung ſein wie ſie wollte, im Freien zu. Er liebte es, von Flur zu Flur, von Wald zu Wald zu wandeln und ſein Be⸗ ſitzthum immer von Neuem in allen Einzelnheiten zu betrachten, obgleich darauf Alles Jahr für Jahr nach einer althergebrachten Schablone ſeinen maſchi⸗ nenartig geregelten Weg ging und keine Art Aende⸗ rung— Neuerung—, von wem ſie auch vorgeſchla⸗ gen wurde und wozu ſie auch dienen mochte, von dem Gutsherrn beliebt wurde. Auf dieſen weiten und einſamen Spaziergängen hing er ſeinen Gedanken nach und dieſe Gedanken bewegten ſich faſt allein in dem engen Umkreiſe ſeiner Familie. Ueber ſie grübelte er unabläſſig; ſie zu ſtützen, zu heben, in Geltung zu bringen, war ſein einziges Dichten und Trachten. Aber ſo ſehr er auch zu ihren Gunſten grübeln und trachten mochte, das Geſchick hatte ihm noch ſtets irgend ein Hinderniß in den Weg geworfen, deſſen * MX 53 er nicht Herr werden konnte. Es wollte ihm nicht ge⸗ lingen, den Kummer zu beſiegen, der ſich von Zeit zu Zeit ſeiner bemächtigte und der um ſo feſter ſich in ſeine Seele niſtete und um ſo ſchmerzlicher brannte, je betagter er wurde. Der Grund dieſes vergeblichen Strebens, ſich frei zu ringen von den ihn umgebenden Bedrängniſſen, lag allein darin, daß er die Perſonen und Umſtände nicht beherrſchte, die ſeit Jahren auf ſeine Familie und deren Mitglieder ſo verderblich ein⸗ gewirkt hatten. Seine Junker— ſo nannte er ſelbſt und ſeine Diener ſeine Söhne— waren ihm allmä⸗ lig, ohne daß er es merkte, über den Kopf gewachſen und fanden es viel bequemer, ihn nach ihrem Willen zu leiten, als dem ſeinigen zu folgen. Ob das zu der Betheiligten Glück oder Unglück beitrug, ob der Baron nicht viel klüger gehandelt, wenn er auch hier den Herrn und Meiſter geſpielt hätte, wie in anderen und weniger wichtigen Dingen, wird die Folge hin⸗ reichend lehren. So haben wir im Allgemeinen einen Theil der Vergangenheit des Barons kennen gelernt und ſo ſehen wir die Tage der Gegenwart ohne Abwechſelung und ohne Reiz, einen nach dem andern bei ihm ver⸗ fließen. Er war mit dieſer Einförmigkeit ganz zu⸗ frieden, ſie ſtimmte mit ſeinen übrigen Lebensanſichten 8 X 54 überein, er brauchte und verlangte für ſich ſelbſt nichts mehr. Daß er aber dennoch von der Zukunft etwas erwartete, dürfen wir nicht ungeſagt laſſen. Er lebte nämlich der ſchönen Hoffnung, daß die Mißgeſchicke, die ihn früher betroffen, ausgetobt hätten, und daß die Stürme, die ſeinen Leib und ſeine Seele erſchüttert, beſchwichtigt wären, daß es alſo mit ſeiner Perſon ſo ziemlich bleiben würde, wie es jetzt war, bis— nun ja, bis das Leben auf dieſer Erde vorbei wäre, wie es ja ſelbſt mit Edelleuten einmal vorbei iſt. Mit ſeinen Söhnen war es freilich etwas Anderes. Von ihnen und für ſie hoffte er mehr. Von den Zweien wenigſtens, die ihm von Dreien geblieben, erwartete er große Dinge, und— es war merkwürdig— in dieſer ſeiner einzige und gerechteſten Hoffnung lag ſein größter und erfe Irrthum. Daß ſie ihm, ſeiner Familie, ſeinem Namen zur Ehre gereichen wür⸗ den, verſtand ſich bei ſeinem guten Glauben an die Vortrefflichkeit ſeiner Sprößlinge von ſelbſt, aber ſie würden nach ſeiner Meinung noch mehr thun und thun können in der Verherrlichung der Familie, als er. Sie würden ſich und ihn erheben— wie? dar⸗ über hatte er freilich noch nicht nachgedacht, aber das war bei der guten Unterlage, die er ihnen vererbt, bei ſeinem Vermögen und bei dem Umſtande, daß die 55 Herren Junker in der königlichen Reſidenz— alſo an der Quelle des Glücks— lebten, unausbleiblich. Schon die Laufbahn, die ſie eingeſchlagen oder einſchlagen würden, müßte ſie tragen, heben, ſeine Familie würde durch ſie eine noch berühmtere werden, als ſie ſchon war; an äußeren Mitteln, die etwaigen Schwierig⸗ keiten zu beſiegen, ſollte es ihnen nicht fehlen, die hatte er ja zu dieſem Zwecke erſpart,— für ſie allein, denn die Erhebung, der Ruhm, den ſeine Kinder, die er erzeugt, denen er ſeinen Namen gegeben, erwar⸗ ben, fielen ja auch auf ihn zurück, vermehrten auch ſeinen Ruhm, ſelbſt wenn er ſchon todt wäre, falls er ſo ſpät errungen werden ſollte, was jedoch beinahe undenkbar war. Der Leſer verzeihe dieſe ausführli e Zergliederung; da aber auf dem Charakter, den Lebensanſichten und der Handlungsweiſe des Barons die Ereigniſſe be⸗ ruhen, die wir zu berichten haben werden, ſo mußten wir ſo umſtändlich ſein. Begeben wir uns jetzt eben⸗ falls auf die Felder und ſuchen wir ſelbſt den Baron auf, um ſo auch ſeine perſönliche Bekanntſchaft zu machen, wie wir ſie bis jetzt nur mit ſeinen inneren Eigenſchaften gemacht. Das Stamm⸗ und Erbgut Holzendorf war ein herrliches Grundſtück von dreitauſend Morgen Acker⸗, * 56 Wald- und Wieſenland. Jeder Winkel darin war cultivirt, obwohl nicht auf die vortheilhafteſte Weiſe, denn die Neuerungen auch in dieſer Richtung waren daſelbſt nicht beliebt. Genügte dem reichen Beſitzer doch der Ertrag des Gutes, wie er jetzt war, warum alſo ſollte er einen noch größeren erzielen?„Dummes, albernes Zeug, gut genug für Proletarier, aber nicht für mich!“ nannte der Baron die ihm von manchen Seiten vorgeſchlagenen Verbeſſerungen— und ſo blieb es beim Alten, wie es ſchon vor fünfzig Jahren ge⸗ weſen war. Vom freien Felde in Augenſchein genommen, dehnte ſich das Gut rings in einer großen und ziemlich ebenen Fläche aus und man konnte in der ganzen Runde vom Mittelpunkte deſſelben aus kein fremdes Eigen⸗ thum erſpähen;* von den auf der ſüdöſtlichen Seite gelegenen Bergen gewann man die Ueberſicht über die benachbarten Grundſtücke, von denen die nächſte Niederlaſſung, Dorf Holzendorf abgerechnet, eine kleine halbe Stunde entfernt lag. Die nächſte Stadt, wo, wie geſagt, die Eiſenbahn begann, war vier Meilen vom Gute und die Reſidenz zwanzig Meilen von die⸗ ſer Stadt entfernt, was für den Baron ſo gut war 3 wie tauſend Meilen, denn das Reiſen liebte er ganz und gar nicht, weil ihm dabei die gewohnte Beguem⸗ 57 lichkeit abging, die freie Bewegung im Felde mangelte und ihn das Schauen fremder, von Neuerung über⸗ flutheter Zuſtände aus ſeiner ihm zum Bedürfniß gewor⸗ denen Weltanſchauungsweiſe riß. Auch haßte er die Eiſenbahnen über Alles und es hätte ſchon etwas Außerordentliches vorfallen müſſen, ehe er ſich ent⸗ ſchloſſen, den Aufenthalt auf ſeinem Gute auch nur auf kurze Zeit mit dem in der Reſidenz zu vertauſchen, wo er in der That ſeit der letzten Thronbeſteigung ſeines Königs, alſo etwa ſechszehn Jahre, nicht ge⸗ weſen war. Es war, wie geſagt, der zum Abend ſich neigende Nachmittag eines ſchönen, warmen Junitages. Die Felder, Wieſen und Wälder grünten in ihrem herr⸗ lichſten Frühlingsſchmucke. Die Halme der Kornfelder wren allerdings etwas zurück geblieben in der Ent⸗ wicklung, denn die Witterung des Jahres war bisher den Feldfrüchten nicht günſtig geweſen, aber dennoch konnte man eine mäßige Erndte erwarten, wenn das Wetter nur von jetzt an beſtändig gut blieb. Ein einſamer Mann ſchritt langſam durch dieſe grünenden Felder und betrachtete mit ſichtbarem Wohlgefallen Alles und Jedes in einer beſtimmten Reihenfolge. 58 Dieſer einſame Mann war der Baron von Brandau. Er trug ſeine ſtattliche, große und volle Geſtalt mit untadelhafter Würde; ſein graues Haupt ſaß etwas ſtolz auf dem ſteif gehaltenen Nacken, und man ſah es ſchon der Haltung dieſes Hauptes an, daß es an das Bücken und Sichdemüthigen nicht gewöhnt war. In ſeinem von der Sonne gebräunten, ſonſt aber blühen⸗ den und vollwangigen Geſicht, deſſen Oberlippe allein ein etwas ſtarrer Schnurrbart beſchattete, ſprach ſich deutlich der von uns ſchon geſchilderte Charakter aus. Es lag ein herriſcher Zug um den feinen, ariſtokrati⸗ ſchen Mund, eine Zurückhaltung gebietende, gefahr⸗ drohende Falte auf der hohen Stirn, etwas Kaltes und die ihn umgebende Welt Verachtendes in den weit geſchlitzten dunkelbraunen Augen, die namentlich gegen Fremde und Untergeordnete einen unbehagli⸗ chen ſpitzen Blick annahmen, der ihm jedoch im Um⸗ gange mit ſeinen Günſtlingen nicht eigenthümlich war. Uebrigens erkannte man in ihm auf den erſten Blick den ehemaligen Soldaten. Er trug eine ſteife und zu laſſen, und den kurzen grünen Rock bis dicht unter das Kinn zugeknöpft. Seine Hände waren mit reh⸗ 4 ledernen Handſchuhen bekleidet, in der Rechten hielt er einen bequemen Krückſtock, an deſſen unterem Ende hohe Halsbinde, ohne den Hemdkragen ſichtbar werden 59 ein kleiner eiſerner Spaten befeſtigt war, in ſeiner Linken den abgenommenen breitkrämpigen Strohhut und an den bis unter das Knie reichenden Stulpſtie⸗ feln maſſiv ſilberne und weithin klirrende Sporen, obwohl er nur ſelten ritt. So, wie wir ihn jetzt vor uns ſehen, ſah er alle Tage aus, vom frühſten Morgen bis zum ſpäten Abend, denn er kleidete ſich täglich nur einmal an und zwar, ſobald er aus dem Bette aufgeſtanden war. Der Beſitzer ſo ſchöner Ländereien empfand eine ſehr natürliche Freude, als er langſam durch die im leichten Abendwinde wogenden Felder ſchritt und an den Segen dachte, den der Herbſt ihm doch vielleicht noch bringen konnte, und gönnen wir ihm dieſe kurze Freude, denn er ſollte im Verlaufe dieſes Tages noch durch mancherlei Gefühle heimgeſucht werden, die ſei⸗ neenn jetzigen leider entgegengeſetzt waren. Welche Ge⸗ danken mochten es wohl ſein, die auf dieſem Gange in ſeinem Kopfe auf und abflutheten? O, wir ahnen es ſchon aus dem Vorhergeſagten, es waren Gedan⸗ ken menſchlicher Eitelkeit, vergänglichen Stolzes, Ge⸗ danken, wie ſie nur aus einem ſo entwickelten Selbſt⸗ gefühl und Selbſtgenügen entſpringen können, wie er es beſaß. „Das ſieht noch ziemlich gut hier aus,“ ſagte er 8 60 ſtill zu ſich,„wirklich ziemlich gut. Ich werde dieſen Herbſt doch noch ein paar Thaler mehr in der Taſche haben, als ich dachte. Vortreffliches Wetter heute, prächtiger Sonnenſchein! Ah, wie die Luft ſo warm und duftig iſt, das alte Herz dehnt ſich dabei noch ein⸗ mal ſo weit aus! Welch' ein Genuß, ſo durch ſein Eigenthum wandeln und ſich ſagen zu können: das Alles iſt mein, hier hat kein Menſch zu gebieten als ich! Das iſt ein königliches Gefühl, bei Gott! Denn hier bin ich König, ohne die Sorgen und die Laſt der Krone eines Königs. Fürwahr, ein Mann wie ich, ein Landedelmann, iſt glücklicher als ein König— ich tauſche nicht mit dem meinigen, ſo hoch er auch über mir ſteht. Um Vergebung, Majeſtät, aber nein, ich tauſche nicht mit Ihnen. Sie leben da freilich in Ihrer glänzenden Stadt, auf Ihren herrlichen Schlöſ⸗ ſern, eſſen und trinken vielleicht etwas beſſer als ich, haben etwas mehr Geld— aber auch etwas mehr Unruhe und Arbeit. Unruhe und Arbeit— pahl das iſt nach meinen Begriffen nicht gerade königlich. Ein König müßte weder Sorge und Unruhe haben, noch zu arbeiten brauchen. Ich— wenn ich auch dann und wann einige Unruhe habe— arbeite auch nicht. Dazu ſind genug andere Menſchen da, wozu hätte ſie Gott ſonſt geſchaffen!— Aber wie ruhig und heiter 61 iſt es hier um mich her! Hört man irgend wo einen Lärmen, ein Geſchrei, ein Getöſe? Nein, nirgends ringsum; nur die Vögel höre ich in den Lüften über meinem Haupte zwitſchern, nur der leiſe Wind rauſcht in den Blättern meiner Wälder. Wenn ich dagegen bedenke, wie die Menſchen in einer ſo vollgepfropften Stadt, wie die Reſidenz unſers Königs iſt, ſich ab⸗ quälen, ſtoßen und reiben, welch' ein Wuſt und Wirr⸗ warr da Alles untereinander wirft, wie die lieben Leute darin ſich anfeinden, überrumpeln, ſich haſ⸗ ſen und verachten, wie ſie ſich gegenſeitig Gruben graben, in die bald der Eine, bald der Andere kopf⸗ über ſtürzt— haha! das iſt ordentlich zum Lachen. Nein, dieſe Flittergeſellſchaften, dieſe heuchleriſchen Masken, die da umwandeln, dieſe Betrügereien und Täuſchungen, die ſie ſich gegenſeitig an den Hals wer⸗ fen, nur um nach dem lumpigen Erwerbe zu jagen— hierher kommen und reichen ſie nicht, ich bin darüber erhaben, wie ſelten ein Menſch, denn mir tritt Nie⸗ mand zu nahe. Aber was wollten ſie mir auch an⸗ haben? Ich bin für meine Perſon fertig mit der Welt. Mein Haus iſt beſtellt, mein Vermögen geſichert, meine Junker— hm!l ſind erwachſen und werden mir Freude machen, denn ſie haben meine Gedanken über die Welt und die Menſchen geerbt— das Uebirge iſt * 62 ihre Sache, mögen ſie ſich durchkämpfen, wie auch ich es gethan, ich wenigſtens kann mir ſagen, ich habe meine Schuldigkeit gegen ſie erfüllt, da ich ihnen meinen Namen und mein Vermögen hinterlaſſe.“ Er blieb einen Augenblick ſtehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und ließ das Haupt etwas ſinken. Es mußte ihm ein anderer Gedanke, eine Art Quergedanke, plötzlich durch den Kopf gefahren ſein, der ihm nicht ganz angenehm war. Er hatte eben an ſeine Söhne gedacht und ſich ihrer gerühmt. Er dachte noch ein⸗ mal an dieſe Söhne und— er ward ſtill, ganz ſtill, und ſchritt nachdenklich, träumeriſch weiter, ohne zu wiſſen, wohin er ging. So verfolgte er den Weg, welchen er betreten hatte, wie eine bewußtloſe Maſchine, ohne zu bemerken, daß er allmälig bergan zu ſteigen begann. Dies war ein Weg, den der Fuß des Barons nur ſelten freiwillig betrat. Er ſcheute dieſe Anhöhe und deren Gipfel aus verſchiedenen Gründen, die uns bald klar werden ſollen. So eben hatte er noch in ſeinem Innern über ſein Geſchick frohlockt, ſich mit einem Könige verglichen, und ſchon frohlockte er nicht mehr. Ja, er war ſogar weit von dieſem ſtolzen Siegesgefühle entfernt. Schon fing er an, in bitter Grübeleien zu verſinken. Dabei gewahrte er nicht wie ſein Fuß immer höher ſtieg, wie ſein Athem ſchnel 3 63 ler und kürzer wurde, was gewiß ganz allein von der Mühe des Steigens kam. So war das freie Feld hinter ihm geblieben und er ſchon unter den allmälig ſich erhebenden Baum⸗ wuchs der Bergkette gerathen. Unvermerkt war es Abend geworden, die Bäume warfen ſchon längere und breitere Schatten— der Baron ſah auch Das kaum, bis er endlich inne wurde, daß er auf einem Punkte ſtand, wo er heute zu ſtehen nicht beabſichtigt hatte. Hier oben unter den erſten Bäumen der mittleren Berghöhe nämlich lag der alte Friedhof der Familie Brandau auf Holzendorf. Es war ein ſchöner Ge⸗ danke des ehrwürdigen Vorfahren geweſen, der dieſen einzigen vollkommenen Ruheort der Welt hierher in dieſe Einſamkeit und Stille verlegt hatte. Einfachen und bedeutſamen Sinnes hatte er ſich und ſeinen Nachkommen gerade dieſe Friedensſtätte ausgewählt. Ban keiner vergänglichen kalten Steinmauer einge⸗ ſchloſſen, jedem Auge und Fuße erreichbar, allein von rauſchenden Bäumen des Waldes beſchattet und erwölbt, lagen die Gräber der geſtorbenen Vorfahren „ Barons, etwas abſeits auch die ſeiner Diener und usbewohner. So ſchauten die ruhigen Todten von Höhe in das Thal der unruhigen Lebenden hin⸗ Eine ſchönere Ruheſtätte hätte man ihnen unter 64 den dunklen Tannen, den anmuthigen Lerchenbäumen und den rieſiger hie und da ſich erhebenden Eichenſtäm⸗ men nicht geben können, denn ſie war eben ſo ſchat⸗ tig und traulich, wie ſtill und friedlich. Wie geſagt, der Baron ging nicht gern und nur ſelten hierher. Er liebte es nicht, ſo lebendig, ſo warm, ſo geſund wie er war, an die Kranken, geſchweige denn an die Todten erinnert zu werden. Nur in höchſt wichtigen und feierlichen Lebensmomenten, oder wenn irgend ein aus ſeinem Kreiſe Geſtorbener zu beſtatten war, begab er ſich wider Willen hierher. Dann aber beeilte er ſich ſo viel wie möglich, bald wieder aus dem Bereiche der Todten in den der Lebendigen zu⸗ rückzukehren. Als er nun heute ſo unbewußt und ſeinen Grü⸗ beleien nachhängend die Höhe erſtiegen hatte, hob er plötzlich ſein Auge empor und bemerkte, daß erhſich unter den Gräbern befand. Es wurde noch düſtrer. in ſeinem Geiſte und eine ſchwere, trübe Wolke lef ſich immer drückender auf ſein Herz. Einen Aug blick ſchaute er ſich rings um, um ſich in der Todb ſtadt zu orientiren und ſiehe da, er ſtand an de ſchönſten der Gräber, dem mit immergrünen Blig geſchmückten Friedenshügel ſeiner Frau, die ſchonhe vielen Jahren aus dieſem Leben geſchieden war. i 65 weelcher Lebende weiß nicht, welche geheimnißvolle Macht in dem düſteren Schweigen dieſer Hügel ruht! Iſt es nicht dem Menſchen, deſſen Herz noch von Hoff⸗ nung ſchwillt, deſſen Geiſt noch von Kraft ſtrotzt, als ob in dieſem Schweigen der Abgeſchiedenen Stimme hörbar ertönte und lauter und verſtändlicher zu uns redete, als die tobenden Trompeten und Poſaunen der lebendigen Welt? Auch die unter dieſem Hügel im freien Bergwalde Ruhende erhob heute ihre Stimme zu dem lebenden ſtolzen Manne. Er fühlte ſich in Wahrheit etwas ge⸗ demüthigt. Sein, kurz vorher noch ſo herriſches, glück⸗ liches S egesgefühl ſchmolz in eine weiche, unbeſtimmte Empfindung um; war er vorher Edelmann, Baron geweſen, jetzt wurde er Menſch; hatte er vorher allein in der Gegenwart gelebt, jetzt dachte er an die Ver⸗ gangenheit, und wer an dieſe denkt, ſpringt auch leicht auf die Zukunft über.„Wie wird es künftig ſein,“ h muß er denken— und dachte er jetzt wirklich,„wenn noch Anndere, jetzt Lebendige hier liegen werden? Wie wird dann die Welt beſchaffen ſein, was werden unſere Nachkommen von uns ſagen? Werden wir in ihrem Sinne die Aufgabe gelöſtt haben, die wir ungelöſit von unſeren Vorfahren übernahmen? Werden wir unſerm Stande und Herkommen würdig gelebt und ehundol Baron Brandau. I. 66 haben? Ha! Würdig! Das iſt die Hauptſache! Viel⸗ leicht ſtreng, kalt, ſtolz— ja, aber würdig! Und würdig will ich enden, wie ich begonnen habe, und wenn es mir auch oft verdacht wird, nur meiner Ehre, meinem Namen gemäß zu handeln, zu viel Werth auf ein mir vielleicht vom Zufall gegebenes Etwas zu legen— mein eigenes Herz ſoll allein den Richter⸗ ſpruch über meine Handlungen fällen, und mein Herz iſt rein. Ja, rein, bei Gott, wenn ich auch bisweilen gefehlt habe, wie alle Menſchen einmal fehlen. Alſo vorwärts, wie es auch kommen mag! Und damit genug für heute. Ich habe vollauf gewinſelt, nun will ich denken und— handeln.“— Nachdem er dieſes Selbſtgeſpräch geendigt, erhob er ſich von dem ſtillen grünen Hügel, auf den er ſich einige Minuten unwillkürlich niedergelaſſen, winkte mit der Hand wie zum Gruße darüber hin und ſchritt, immer noch in Gedanken bei den Gräbern weilend, die Höhe vollends hinauf, auf der ſich der Wald nach und nach immer voller und mächtiger ausbreitete. Aber der Menſch iſt nicht ganz und immer ſtark, wenn er auch oft ſtark iſt; das räthſelhafte Gefühls⸗ lebenein ſeiner Seele iſt oft gewaltiger als ſein Wille und beherrſcht ihn wider Vermuthen. So auch hier. 1 Die Gedanken an die Todten— wir werden uns mit 67 Einigen von ihnen noch öfter zu beſchäftigen haben — waren zu ergreifend geweſen, um ſich ſo ſchnell von ihnen loslöſen zu können; ſie umklammerten den ſtarken Mann und riſſen ihn noch eine Weile in ihren geheimnißvollen Strudel hinein. In dieſer geiſtigen Verſunkenheit merkte er wieder nicht auf den Weg, den ſein Fuß betrat und ſo war er plötzlich auf den Gipfel der Höhe gelangt, von dem man nicht allein nordwärts, wie vom Friedhofe aus, ſondern auch ſüd⸗ wärts in die weite Ebene blicken konnte, die jenſeits des freiherrlichen Gutes ſich meilenweit ausdehnte. Da ſtockte plötzlich ſein vorſchreitender Fuß, denn ſein Auge hatte ſich erhoben und ſchaute gleichſam ver⸗ wundert in dieſe Ebene hinab. Wie durch einen Zauberſchlag war der Baron aus der Vergangenheit in die Gegenwart verſetzt, die Lebenden hatten die Todten aus ſeinen Gedanken getrieben, er war wieder der Baron, der Edelmann, der Mann mit dem ſtarren, durch das Herkommen geſtählten Herzen geworden. Und was war es, was er vor ſich ſah und was eine ſo große Wirkung auf ſeinen Geiſt äußern konnte? Etwas, was ſeit Jahr und Tag ſeinen ganzen per⸗ ſönlichen Widerwillen erregte, ſeinen Haß, ſeinen Groll weckte, Etwas, was ihn eben mit zu dem ſeltſamen Manne machte, der er wirklich war. In der Tiefe Eiin Gebäude, eine Werkſtatt nach der andern erhob 68 dieſer Ebene, dicht unter ſeinen Augen, breitete ſich eine große, viele Morgen Landes umfaſſende Fabrik⸗ anlage aus. Es war der in der ganzen Gegend be⸗ rühmte Kupferhammer, ein Kohlen⸗ und Eiſenbergwerk nebſt Eiſengießerei, mit unzählichen Werkſtätten, Hoch⸗ öfen und Eſſen im großartigſten Maaßſtabe ausge⸗ rüſtet. Der in die Eingeweide der Erde dringende raſtloſe Menſchengeiſt hatte hier im tiefen Schooße dieſer Erde Reichthümer gewittert und nun waren werk⸗ thätige Hände gekommen, hatten den Boden aufgewühlt, und in der That mächtige Schätze zu Tage gefördert. Aber nicht der Geiſt, die Thätigkeit und die Mittel eines einzigen Menſchen waren hier denkend und handelnd auf⸗ getreten, es hatte ſich eine Geſellſchaft ſpeculativer Köpfe zuſammengefunden, die durch gemeinſchaftliche Kraft die Erzeugniſſe des ergiebigen Landes auszubeuten ſtrebten, und durch die Zuſammenwirkung vieler Mittel war es möglich geworden, einen Geſchäftsbetrieb ins Leben zu rufen, wie er in dieſen Theilen des Landes noch nicht beſtanden hatte und ſogar ſo groß und umfaſſend war, daß er ebenſowohl die Aufmerkſamkeit der Regierung, wie die Eiferſucht reicher Privatleute erregt hatte. Seit wenigen Jahren war das neue Werk erſt begonnen und ſchon ward es in's Große und Größte betrieben. Er verabſcheute die Menſchen, die ſich mit dieſem Cul⸗ * 69 ſich aus dem Boden, und ſchon war die grüne Mut⸗ tererde eine halbe Meile ringsum verſchwunden und glühende Oefen und rauchende Eſſen verbreiteten weit im Umkreiſe die Kunde von der Betriebſamkeit ohne Ende, die auf dieſem kleinen Erdraume waltete. Aber gerade dieſe rauchenden Eſſen, mit ihrer raſt⸗ loſen Geſchäftigkeit, dieſe Umwandlung eines frucht⸗ baren Ackerlandes in eine ſchwarze, von Menſchenhän⸗ den aufgewühlte Wüſte verabſcheute der Baron als eine namenlos unzeitige Neuerung auf das Entſchie⸗ denſte. Das friedliche Stillleben, welches hier ſeit Menſchengedenken gewaltet, war unterbrochen, verbannt — auf ewig; qualmende Oefen trieben ihren Dampf, ihren Schwefelgeruch weit und breit über die benach⸗ barten Gefilde. Wo früher ein prächtiger Hochwald zum Jagen geſtanden, erhoben ſich jetzt dumpfige Ar⸗ beiterhütten, wo das goldene Getreide gewachſen, hatte man die fruchtbare Gotteserde beſeitigt und war in den Boden gedrungen, um Kohlen und Erz zu ſuchen. Das war eine vollkommene Entweihung der lauterſten Gabe Gottes im Sinne des unwandelbaren Barons. Er verſtand von dieſer Neuerung nichts, ſie fand kei⸗ nen Anklang in ſeinen patriarchaliſchen Neigungen, alſo war ſie ihm verhaßt, bis ins tiefſte Herz hinein. * 70 turzweige befaßten, denn ſie hatten ihm nicht allein ſeinen Frieden zerſtört, ſeine Nachbarſchaft befleckt, ſein altes Erbgut verleidet, ſondern ſie preßten und dräng⸗ ten auch immer näher an ihn heran, ſie rückten ihm immer enger auf den Leib, ſie drohten nach und nach alles fruchtbare Land mit ihrer nimmerſatten Geldgier zu verſchlingen, was nur im Umkreiſe des Kupferham⸗ mers von irgend einem Beſitzer zu verkaufen war. Eine Regung des Unwillens durchzuckte ſeinen ganzen Körper bei dieſem Anblicke, der ihn diesmal um ſo tiefer ergriff, je unerwarteter er gekommen war. Selten, faſt nie kam er hierher, um ſich nicht zu ärgern, ſich nicht bedrückt zu fühlen, und nun war er plötzlich ſo ganz wider ſeinen Willen zu dieſer Stelle gelangt und mußte nun mit eigenen Augen ſehen, was er aus ganzer Seele verabſcheute. „Pfui!“ ſagte er brummend,„wie bin ich von meinen Gedanken an jene Begrabenen verlockt worden, ganz gegen meine Neigung auf dieſe verdammte Fabrik zu blicken. Ha, welche ſtinkende Maſſe verdunkelt da den wunderſchönen Abend, welcher qualmende, hölliſche Rauch wirbelt aus dieſen Teufelsöfen empor, um einem unſchuldigen Menſchen das Athmen zu erſchweren!— Und wie das Ungethüm wächſt und wächſt— da ſind wieder drei himmelſtürmende Schornſteine ent⸗ (1 ſtanden und da und da brodelt das unheimliche Feuer von Neuem in die ſüße Sommerluft hinauf. Daß mir Solches begegnen mußte,— nun iſt mir der ganze wonnige Tag verdorben! Mein ſchönes Gut, mein väterlicher Beſitz, das Erbtheil meiner Familie wird mir dadurch wie nie zuvor verleidet. Giebt es denn keine Gerechtigkeit auf Erden mehr, die derglei⸗ chen Ungebühr verhindern und verrotten könnte? Nein, es giebt keine, leider Gottes! Was habe ich nicht Alles gethan, um mir die wucheriſchen Unholde fern zu halten, ihnen das Wühlen in der Erde zu erſchweren, und Niemand, Niemand iſt in meinem ge⸗ rechten Widerſtande auf meine Seite getreten. Wohin ſoll man ſich noch verkriechen vor ſolchem Gewürm — beinahe möchte man in die Einöde ziehen, um Herr über das Seinige und frei zu bleiben von dieſen Neuerungen, die noch das ganze Angeſicht der Erde zerfleiſchen werden! Wo ſoll man bald noch jagen und fiſchen und ſäen nach Herzensluſt, wie unſere Vorfahren thaten— geſegnet ſeien ſie!— aber Ihr da, da unten, die Ihr mich auf allen Wegen verfolgt, mich auf alle Weiſe ärgert und ſtört— Ihr ſeied verdammt!“— Bei dieſen, laut und leidenſchaftlich geſprochenen Worten mit dem Fuße wüthend auf die Erde ſtam⸗ 2— pfend, die von Gott dem Menſchen gegeben ward, um ſich aller ihrer reichen Gaben zu bedienen, welcher Art dieſelben auch ſein mögen, wandte er ſich un⸗ willig von der ſchwarzen dampfenden Stätte ab und ſchritt haſtigen und heftigen Weſens die Anhöhe wie⸗ der hinab, diesmal jedoch mit Vorſicht die Ruheſtätte der Geſtorbenen vermeidend, die ihn ſo ganz wider Wunſch und Willen hierher verlockt hatten. Viel raſcher als er hinaufgegangen war, kam er ſo die Anhöhe hernieder, und noch mit ſeinen Gedanken bei dem eben Geſehenen weilend, hörte er kaum, was in ſeiner unmittelbaren Nähe vorging. Plötzlich aber, als er eben aus den Bäumen auf den freieren Abhang hin⸗ austrat, ſchaute er auf und ward von einem neuen unerwarteten Anblick betroffen. Ein armes Weib aus einer der Hütten ſeines Dorfes hockte nicht weit von ihm entfernt auf der Erde und weinte und ſchrie laut, während ſie ein paar Jungen von etwa acht und zwölf Jahren mit ihren Fäuſten bearbeitete, die ſich dieſe ſelte ſame Liebkoſung nur mit entſetzlichem Sträuben und Gebrüll gefallen ließen. In der Aufgeregtheit ſeines Innern, in der ſich der Baron noch in dieſem Augen⸗ blicke befand, nahm er ſogleich Partei für die ſtrafende Alte und zollte ihrer Handlung und ihrem Zorne Bei⸗ fall, obgleich er den Grund derſelben nicht kannte. g8 73 „Haut zu, hautt zu!“ rief er ihr ſchon von Weitem entgegen,„die Rangen verdienen es nicht beſſer!“ Allein er bewirkte hierdurch gerade das Gegentheil von Dem, was er bewirken wollte. Denn die Frau, als ſie die nur zu wohl bekannte Stimme hörte, ſprang von der Erde auf und ließ die Jungen, die ſie bei den Haaren gehalten, fahren, die ſich ihrerſeits ſogleich, wie gepeitſchte Füllen auseinander ſtiebend, in der Tiefe des benachbarten Waldes verloren. Noch auf⸗ gebracht von dem gehabten Aerger und mit von der Anſtrengung des Prügelns geröthetem Geſichte ſtand ſie da, ſchluchzte und jammerte noch lauter und ſtreckte dem nahenden Herrn, den ſie alsbald erkannt, gleich⸗ ſam um Hülfe flehend die Hände entgegen. „Nun, warum laßt Ihr die Schlingel laufen, Trude?“ ſagte der Baron, als er ganz nahe gekom⸗ men war.„Ich wollte Euch eben helfen. Aber was giebt es— was haben die Buben verbrochen?“ „ ch, gnädiger Herr,“ ſchluchzte die Frau,„ich habe ein ſchreckliches Elend mit meinen Kindern. Die Brut wird alle Tage fauler und frecher, und leider nehmen die Kräfte der Alten eben ſo ſchnell ab, wie die der Jungen wachſen.“ „Seht Ihr wohl, das dachte ich mir eben, darum aauch wollte ich Euch beiſtehen. Aber was hatten ſie 74 denn verbrochen? Laßt mich nicht zu lange auf eine vernünftige Antwort warten.“ „Verbrochen, gnädiger Herr? Ei, ſie verbrechen immer Etwas und haben noch nichts Gutes in ihrem Leben gethan. Ich habe ein wahres Unglück mit meinen drei Jungen, ſage ich Ihnen.“ Der Baron war plötzlich ſtill geworden und fühlte ſich weniger zum Beiſtande aufgelegt als kurz vorher; auch wurde er ſichtbar etwas bleicher als gewöhnlich. „Drei Jungen habt Ihr?“ fragte er kleinlaut. „Ja, drei, Herr Baron, juſt ſo viel, wie Sie ſelber.“ Bei dieſen einfachen Worten wurde der Baron noch bleicher und es wandelte ihn eine Art unwillkürlicher, unbeſtimmter Furcht an, Etwas hören zu müſſen, was ihm nicht angenehm zu hören war. Er ſchaute die Frau fragend an, aber er fand kein Wort, dieſe Frage laut werden zu laſſen. Die Alte indeſſen verſtand den Blick und fuhr in ihren Klagen ſogleich fort. „Ja, drei Rangen, gnädiger Herr,“ ſagte ſie,„juſt ſo viel wie Sie, und alle Drei ärgern und quälen mich zu Tode.“ „Aber ich ſehe ja nur zwei hier, die heute etwas Böſes begangen haben können, erwiderte der Baron etwas verlegen. „Auch darin geht es mir wie Ihnen, denn mein 75 Aelteſter iſt auf und davon gegangen, und ich weiß ſo wenig, wo er iſt, wie Sie wiſſen, wo Ihr älteſter Junker ſich umtreibt.“ Dem Baron fing die Haut an zu ſchaudern. Er hätte gern das Geſpräch abgebrochen, noch lieber gar nicht begonnen, und es reuete ihn ſchon, ſeine Hülfe da angetragen zu haben, wo ſie nicht verlangt wor⸗ den war.„Was geht Euch Das an?“ ſchnaubte er endlich mit ſeinem härteſten Tone auf das arme Weib los. „Halten zu Gnaden, was mich Das angeht? Frag⸗ ten Sie mich nicht danach, was meine Jungen ver⸗ brochen— und da wollt' ich es Ihnen eben ſagen.“ „Macht die Sache kurz, Ihr langweilt mich mit Eurem Gebelfer— was haben dieſe beiden Jungen verbrochen, frage ich?“ Ei, ſie ahmen ihrem älteſten Bruder nach, der auch ein ſo durchtriebener Schelm war, ehe er fort⸗ lief. Er bekümmerte ſich um Dinge, die ihn nichts angingen, ſteckte ſeine Naſe in aller Leute Brei, ſtatt mir zu helfen, ſagte mir harte Worte, bis ich ihn eines Tages durchbläuete und er auf und davon lief — das war vor vier Jahren— und ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen.“ 5 Der Zorn des Edelmanns war plötzlich vecſogen; 76 er ſenkte etwas das ſtolze Haupt und murmelte un⸗ verſtändliche Worte in ſeinen grauen Bart. „Ja, er lief davon,“ fuhr das Weib fort, die ihren Sieg merkte,„und ließ mir die Sorge zurück, nicht zu wiſſen, was aus ihm geworden iſt— ach!l und nun treten dieſe Rangen in ſeine Fußtapfen und är⸗ gern mich eben ſo, wo nicht noch mehr”⸗ „Was machen ſie?“ fragte der Baron hüſtelnd. „Sie mauſen mir das Brod aus dem Korbe da, während ich trocknes Holz ſuche, und zehren mir den kargen Biſſen für einen ganzen Tag in einer Stunde auf— iſt das nicht zum Todtärgern?“ „Es iſt wenigſtens zum Aergern— allerdings— da, da habt Ihr eine Kleinigkeit— kauft Euch neues Brod und erzieht die Jungen ſorgſam.“ 3„Erziehen? Sorgſam? O, wie Sie das ſo leicht ſagen, gnädiger Herr; das iſt in Wahrheit ſchneller geſprochen als gethan. Ich will Ihnen wünſchen, daß Sie nicht ſo ſchlimme Erfahrungen darin machen wie ich— es hat ſich was zu erziehen bei der Brut heu⸗ tigen Tages! Die erzieht ſich ſelber, und wir Alten haben das Zuſehen und müſſen Gott danken, wenn ſie nicht ganz aus der Art ſchlagen und an den Gal⸗ gen kommen. Guten Abend, Herr Baron, ich danke Ihnen.“ 77 Und ſo raſch, wie ſie dieſe letzten Sätze geſprochen, ging ſie auf und davon und war bald hinter den Gebüſchen der Anhöhe verſchwunden, den Baron in einer Fülle tobender Gedanken zurücklaſſend, die ihn eben ſo unvermuthet beſtürmt hatten, wie ſie nicht gerade tröſtlich in ihrer Art waren. „Man muß Gott danken, wenn ſie nicht ganz aus der Art ſchlagen,“ murmelte er in ſich hinein, aber das„an den Galgen kommen“ verſchluckte er, denn das war ihm doch gar zu gemein.„Ja, ja, das iſt wahr,“ ſagte er dann,„darin hat ſie Recht. Wie merkwürdig iſt dieſes Zuſammentreffen unſeres Unglücks! Nichts in der Welt iſt nur einmal dage⸗ 5 weſen. Kein Menſch hat Anſpruch darauf, daß ihm etwas Beſonderes geſchehen iſt, nicht einmal ich, der ich ein Edelmann, und reich und begütert bin. Ja, ja, ja, gemeinſam ſind die Freuden und Leiden auf dieſer Welt. Dieſe armſelige Creatur, dieſes Tage⸗ löhnerweib leidet an demſelben Kummer wie ich, an demſelben Grame. Sie hat drei Söhne— wie ich— und doch nur zwei Söhne, gerade wie ich. Aber⸗ halt— Eins ſtimmt nicht. Dieſe, ihre zwei Söhne — ſind Rangen, meine beiden mir gebliebenen Söhne — ſind Kinder von mir— ſie wenigſtens werden nicht aus der Art ſchlagen, das wäre unmöglich; da⸗ für zu ſorgen, daß Das nicht geſchieht, habe ich die Kraft, den Willen und— „Hollah, end lich!“ rief plötzlich eine laute Stimme aus dem Walde hervor, und der Arzt, dem die be⸗ ſchenkte Frau den Aufenthalt des Barons angedeutet hatte, ward auf ſeinem keuchenden Schimmel im Zwie⸗ licht des Abends ſichtbar. Auf den erſten Blick ſah man ihm an, daß es nicht der Zufall war, der ihn auf dieſem Wege dem Gutsherrn entgegen führe, ſon⸗ dern daß eine beſtimmte Abſicht die Urſache ſeines haſtigen Rittes in den Bergen ſei. Sobald er des Doktors anſichtig wurde, wußte dies der Baron.„Sind denn heute alle Hunde der Hölle gegen mich losgelaſſen?“ dachte er.„Soll ich noch mehr erleben?— Was iſt im Hauſe geſchehen?“ fragte er heftig—„Hat ſich die alte Hanne etwa den Hals gebrochen?“ Und mehr erſchüttert, als er ſehen laſſen wollte, was ihm jedoch bei dem ſcharf⸗ ſichtigen Arzte nicht im Geringſten gelang, trat er dieſem gleich darauf gegenüber, der von ſeinem Pferde zgeſtiegen war und ſich zu ihm geſellt hatte. „Was bringen Sie, Doktor?“ fragte der Baron ernſt und beinahe feierlich. „Etwas Neues, Herr Baron, was Sie heute nici erwartet haben.“ 79 „Mir iſt heute ſehr viel Neues begegnet, was ich— nicht erwartet habe— ſprechen Sie!“— „Ihre Nichte aus dem Irrenhauſe iſt angelangt und es wird gut ſein, wenn Sie nach Hauſe kommen, um ihrem Wehklagen ein Ende zu machen.“ Der Baron riß die Augen weit auf und ſtarrte den Arzt wie ein Geſpenſt an. Eine ganze Reihen⸗ folge neuer ſchrecklicher Gedanken drang wie eine Springfluth auf ihn ein und er ward wider Willen noch einmal in die Vergangenheit verſetzt, die ihm heute ſchon mehrmals ihre dunklen Pforten geöffnet hatte.„Ihrem Wehklagen?“ fragte er mit zerknirſch⸗ ter Miene.„Iſt ſie denn auch verrückt wie ihre Mut⸗ ter? Haben uns die Herren aus dem vermaledeiten Hauſe nicht die Wahrheit geſchrieben?“ „Nein, nein,“ verſetzte der Arzt, milde lächelnd, „ſie iſt ſo vernünftig wie wir Beide, und nur um Ihnen dieſe frohe Botſchaft zu bringen, bin ich ſchnell aus dem Hauſe geeilt.“ „Mann, Ihr habt Euch doch nicht gefürchtet? Ihr ſehet ein wenig zu blaß für den Ueberbringer einere frohen Botſchaft aus.“ „Wovor denn fürchten? Das junge Mädchen iſt wahrlich nicht der Art, einem Manne Furcht einzu⸗ flößen.“ 80 „Wie ſo? Von welcher Art iſt ſie denn? Sieht ſie noch wie ein Kind aus?“ „Bewahre, der Ausdruck paßt für ſie lange nicht mehr. So viel ich aber aus ihrem von Thränen ver⸗ ſchwollenen Geſichte geſehen habe, hat ſie ein ſchönes Geſicht, und was ihre übrige Perſon betrifft, ſo iſt die auch weit über die Kinderjahre hinaus.“ „Aber warum wehklagte und weinte ſie denn?“ „Das war ein natürlicher Schmerzensausbruch, weil ſie ſich von einer Dame trennen ſollte, die ſie nach Holzendorf gebracht hatte.“ „So, ſo, Das iſt die ganze Geſchichte! Nun, Das iſt fwilih nicht zum Erſchrecken, aber ich bin neugierig, das arme Ding zu ſehen. Kommt, laßt uns gehen. — Ja, ja,“ ſagte er dann halb zu ſich, halb zu dem auf dem ſchmalen Fußpfade hinter ihm her reitenden Doktor, während er mit etwas haſtigem Schritte den nächſten Weg nach dem Schloſ ſſe einſchlug,„ja, ja, ich freue mich ſehr, wenn es ſo iſt, wie Ihr ſagt, obgleich ich mich auch etwas ängſtige, zum erſten Mal ihr An⸗ geſicht zu ſehen. Doktor, erinnert Ihr Euch noch mei⸗ ner verſtorbenen Halbſchweſter, ihrer Mutter?“ „Noch ganz deutlich— es ſind ja erſt neunzehn Jahre her, daß ſie hier auf dem Gute lebte und ich habe ſie ja damals ſelbſt nach dem Irrenhauſe gebracht, 81 „Nun denn, ſieht ihr das Mädchen ähnlich?“ „Ganz gewiß, die alte Hanne und ich haben es auf den erſten Blick bemerkt, nur iſt ihre Figur noch ſchöner und voller. Ach ja, ſo ſchön die Mutter war, darin iſt ihr die Tochter wenigſtens gleichgekommen.“ Der Baron lächelte ſtill vor ſich hin; er ſah ſo gern ſchöne Geſichter in ſeiner Umgebung. Sich freuend, daß ſeine Nichte wenigſtens nicht„aus der Art ge⸗ ſchlagen,“ ſchritt er allmälig dem Gutshofe näher und erreichte ihn, immer mehr von den Lobreden erbaut, die der Doktor dem jungen Fräulein zu ſpenden fortfuhr. Unterdeſſen war es allmälig dunkel, das heißt ſo dunkel geworden, wie es an einem Juniabend über⸗ haupt werden kann. Von den verſchiedenen Gemüths⸗ bewegungen, die ihn im Laufe des Nachmittags heimgeſucht hatten, erſchüttert, trat der Baron von der Parkſeite her in ſein Schloß ein. Er ſchritt unge⸗ wöhnlich heftig einher, auf ſeiner Stirn thronte trotz aller erlebten Demüthigung wieder der alte herriſche Zug, den er ſelten oder nie abzulegen pflegte, wenn er unter ſeinen Dienern inmitten der ſichtbaren Zeu⸗ gen ſeiner Herrſchaft wandelte. Sein alter Diener Friedrich aber, der aus alter Gewohnheit die Miene 3 Baron Brandau. I. 6 82 ſeines Herrn ſtudirte und, ein lebendiges Wetterglas, zu entziffern verſtand, ob ſie auf Sturm oder Sonnen⸗ ſchein deute, merkte ihm ſogleich ſeine erregte Stimmung an und hielt ſich etwas entfernt, zumal er gewahrte, daß der Doktor Millinger die Anmeldung des jungen Fräu⸗ leins ſchon übernommen hatte. Im Hauſe ſelbſt war Alles ſtill, wie gewöhnlich, faſt noch ſtiller, denn die Mägde hatten ſich in die Küche zurückgezogen und flüſterten ſich hier geheimniß⸗ voll ihre Befürchtungen über die neue Erſcheinung im Hauſe zu, nachdem die älteren Perſonen den jüngeren die Vorgänge innerhalb der herrſchaftlichen Familie aus früheren Jahren, welche eben dieſe junge Dame betrafen, mitgetheilt hatten. Frau Hanne dagegen hielt ſich mit derſelben in ihrem Zimmer auf und be⸗ mühte ſich, ſo viel in ihren Kräften ſtand, ſie zu trö⸗ ſten und ſie ſchon im Voraus mit ihrem neuen Aufent⸗ haltsorte in jederlei Richtung bekannt zu machen. Der Baron ſaß in ſeinem Zimmer, einem einfachen, ohne allen neueren Luxus ausgeſtatteten, aber ſehr geräumigen und für einen alten Herrn außerordentlich bequemen Gemache, welches Friedrich ſogleich nach ſeiner Ankunft erleuchtet hatte, indem er eine große Lampe auf ihren gewöhnlichen Platz, den runden Mitteltiſch ſtellte; wider Gewohnheit ließ ſich der Guts⸗ 7 83 herr von ihm die Stiefel ausziehen, da ihn die Füße vom langen Gehen ſchmerzten, ſeinen Rock aber legte er niemals vor Schlafengehen, alſo auch heute nicht ab. Während Friedrich dieſen Dienſt verrichtete, wech⸗ ſelte der Baron mit dem Arzte einige Worte, der ſich ſodann verabſchiedete, nachdem er verſprochen, am nächſten Morgen wieder vorüber zu kommen, um ſich ſeine neue Patientin— ſo nannte er lächelnd die junge Dame des Hauſes— bei Tage anzuſehen. Als der Arzt gegangen war und Friedrich ſeine Dienſte in gewöhnlichem Schweigen beendigt hatte, erhob der Baron den Kopf und blickte ſeinen Diener forſchend an.„Nun,“ ſagte er in ſeinem altherge⸗ brachten lauten und etwas derben Tone—„wo bleibt die Alte?“ „Soll ſie denn kommen, Herr Baron?“ fragte der Diener beſcheiden und glotte erſtaunt ſeinen Herrn an, denn es war etwas Seltenes, daß dieſer eine von den im Hauſe anweſenden Frauen, die er alle nicht leiden mochte, auf ſein Zimmer beſchied. „Verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie kommen ſoll— habe ich Dir das nicht ſchon einmal geſagt?“ „Sie haben mir noch Nichts geſagt, Herr Baron.“ „Dummkopf! So habe ich mirs gedacht— kennſt 6* 84 Du mich noch nicht genug, um Das nicht zu wiſſen? Schnell, mach Dich fort!“ Der Diener entfernte ſich eiligſt. Nach einigen Minuten pochte es leiſe an die Thür und bald darauf trat die alte Hanne ein, ein ziemlich naſſes Taſchen⸗ tuch in der Hand haltend und die Augen von mit⸗ leidsvollen Thränen ſtark geröthet. „Nun,“ ſagte der Baron, ſeine gewöhnliche Anrede gebrauchend,„ich habe es ſchon gehört, Hanne, ſie iſt da— ja, ja, ſie iſt da— aber warum ſprecht Ihr nicht?“. „Ach Gott, gnädiger Herr, mein Herz iſt ſo be⸗ wegt— das arme Kind—“ „Euer Herz bewegt? Das arme Kind? Was ſoll Das heißen?“ Und der Baron ward wieder betroffen ob der neuen Mähre, die auf den Lippen der Alten zu ſchweben ſchien. „Ach lieber Gott, ja, ſie iſt da, wie Sie ſagen, aber ich kann mich noch immer nicht von meiner Be⸗ ſorgniß losmachen—“ „Von welcher Beſorgniß?“ „Daß ſie— von ihrer ſeligen Mutter— einen Theil ihrer Krankheit geerbt hat.“ „Weib!“ preßte der Baron hervor, als ob die Allte ſchuld daran ſei—„Erſchreckt mich nicht. Warum hätten wir ſie denn herkommen laſſen? Woraus ſchließt Ihr Das, woher ſtammt Eure Beſorgniß?“ „Sie ſitzt immer noch in einer Ecke in meinem Zimmer, von dem ſie ſich gar nicht trennen mag, ſeit⸗ dem ſie aus dem Garten herein gekommen iſt, und weint und ſchluchzt, als ob ihr das Leben genommen werden ſollte.“ „Ach ſo! Darum alſo ängſtigt Ihr mich? Nach Eurer Meinung ſeid Ihr alſo auch verrückt, denn Ihr macht es nicht beſſer als ſie. Hört jetzt mit dem Seuf⸗ zen auf— ich bitte es mir aus— und ſagt mir lieber, was ſie ſpricht und thut.“ „Nichts ſpricht ſie, nichts thut ſie. Sie ſeufzt und ſtöhnt, daß es einen Stein erbarmen könnte.“ „So. Und wie ſieht ſie aus?“ „Gott ſteh' mir bei, das iſt es gerade,was mich am meiſten beſorgt macht. Sie ſieht genau ſo aus, wie ihre gute Mutter, die Frau Baronin, vor zwan⸗ zig Jahren ausſah, eben ſo ſchön, eben ſo traurig, und ſie ſeufzt auch eben ſo ſchwermüthig.“ Der Baron ſenkte den Kopf.„So zeigt ſie mir doch,“ ſagte er endlich. „Soll ich ſie holen?“ „Ja, bringt ſie her und laßt mich mit ihr allein.“ Während der kurzen Pauſe, die nach der Entfer⸗ 86 nung der Alten eintrat und in der man nichts hörte, als den eintönigen Schlag der Pendeluhr, die auf einer Conſole über dem Schreibpult des Barons ſtand, ging dieſer mit geſenktem Kopfe und gekreuzten Armen auf ſeinem Teppich hin und her. Sein Herz klopfte ſtärker, als er ſelber wußte, und ſeine Beſorgniß, etwas Schreckliches zu erfahren, war nicht gering, wenn er ſich auch vor dem Arzte und der alten Hanne dagegen gewaffnet und gepanzert gezeigt hatte; ein alter Fa⸗ milienkummer, der vor langen Jahren in ſeinem Herzen gewühlt und nur von Zeit zu Zeit halb wach gewor⸗ den war, trat jetzt zum zweiten Male lebendig aus ſeinem Grabe hervor und erſchütterte gewaltig das Herz des ſtrengen Mannes, der noch vor Kurzem in ſeinem Uebermuth ausgerufen hatte: Wie bin ich ſo glücklich, wie bin ich zu beneiden! Bin ich nicht viel glücklicher, als ſelbſt der König, mein Herr, der ſo viele Sorgen hat?— Endlich wurde ſeiner bangen Erwartung ein Ende gemacht; er hörte verſchiedene leiſe Schritte auf dem Vorſaale und rauſchende Kleider; ein Finger klopfte beſcheiden an ſeine Thür und auf ſeinen Ruf trat die Schaffnerin wieder herein, an ihrer Hand die jun Dame führend, deren Ankunft ſo allgemeine Beſtürzun auf Holzendorf hervorgerufen halte 87 Die Augen des Barons ſchienen aus ihren Höh⸗ len hervortreten zu wollen, ſo ſtrebten ſie der bänglich Erwarteten entgegen. Kaum aber war dieſelbe in den Bereich der helleren Strahlen der Lampe gekommen, ſo fuhr er einen Schritt zurück und ſtarrte ſie halb erſchrocken, halb freudig an, denn er las auf den ſo ſchön und anmuthig ausgeprägten Geſichtszügen des jungen Mädchens: daß ſie in der That das Kind ſei⸗ ner Schweſter, der unglücklichen Baronin Clotilde von Steinach ſei. „Treten Sie näher, mein liebes Früllein,⸗ ſagte die Alte zutraulich—„da, ſehen Sie, das iſt Ihr Oheim, der Herr Baron von Brandau, der Bruder Ihrer armen Mutter, die Sie ſo ſehr beklagen.“ „Mein Oheim!“ rief die Angeredete laut und warf ſich ſchluchzend in die Arme des Verwandten, an deſſen Herz ſie einen neuen Zufluchtsort zu finden hierherge⸗ ſchickt war. Der Baron hatte ſeit dem Tode ſeiner Frau, alſo ſeit mehr als zwanzig Jahren, kein weibliches Weſen in ſeine Arme geſchloſſen, das ſah man ihm auf den erſten Blick an. Wie Jemand, der nicht gewohnt iſt, mit Kindern umzugehen, ein kleines Kind ungeſchickt auf ſeinen Armen trägt, auf ähnliche Weiſe hielt auch er das ſchöne Mädchen umfangen. Aber nur kutze Zeit ließ er dieſe Ungeſchicklichkeit blicken. Allmälig ward er ſich ſeiner Stellung, ſeines Verhältniſſes zu der Schutzbefohlenen bewußt, die ihm ſo zutrauensvoll und kindlich hingebend in die Arme geſunken war. Er fühlte die weiche, warme Geſtalt an ſeinem Herzen und ſie erweichte und erwärmte daſſelbe von Augen⸗ blick zu Augenblick mehr. Allmälig ſchloß er ſie inni⸗ ger an ſich, küßte ihr wiederholt Stirn und Wangen und ſagte einmal über das Andere:„Mein Kind, mein armes, liebes Kind, ſei mir willkommen!“ Dann ließ er ſie aus ſeinen Armen los, nöthigte ſie, ſich auf einen Stuhl zu ſetzen und ließ ſich ſelbſt in ſeinen bequemen Seſſel ihr gegenüber nieder, worauf er der verwundert zuſchauenden Alten einen Wink gab, daß ſie ſich entfernen könne. Als dieſe erſte Scene zwiſchen Oheim und Nichte vorüber war, trat eine ſeltſame Pauſe zwiſchen Beiden ein, die von Seiten der Letzteren mit leiſem Weinen, von Seiten des Erſteren dadurch ausgefüllt wurde, daß er von ſeinem Stuhle aus einen ſcharf beobach⸗ tenden Blick auf die vor ihm ſitzende Geſtalt heftete, ſie wiederholt vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete unnd ſich dabei immer mehr bewußt wurde, daß er von dieſem Augenblick an eine Pflicht übernommen habe, von deren Nothwendigkeit er kurz vorher noch keine — 89 — 8 Ahnung gehabt, ſo wie, daß ihm dieſe kleine Perſon, die ihm an und für ſich ſo lieb und werth war, in Zukunft neue Sorgen bereiten könne, die er ſich nicht habe träumen laſſen, und Sorge— wir wiſſen es ja ſchon— hatte der Baron nicht gern, er wollte ſie nicht mehr haben, denn er hatte ihrer, ſeiner Meinung nach, genug gehabt; von nun an ſollte das Leben nur noch ein Genuß für ihn ſein, da zufolge ſeiner Berechnung alles Dunkele und Trübe hinter ihm lag. „Du heißeſt Marie?“ fragte er ſie am Ende ſeiner langen und aufmerkſamen Prüfung. „Ja, mein Oheim, ſo heiße ich.“ „Warum weinſt Du ſo unaufhörlich?“ „Ich bitte um Verzeihung, daß ich mit dieſer Schwäche vor Ihre Augen trete; vergebens bemühe ich mich, dieſe Thränen zu ſtillen, aber ſie fließen von ſelbſt und wider meinen Willen aus meinen Augen. Ach, es iſt ſchwer, ſich in eine ſo ganz neue Lage zu finden, wenn man alle ſeine Freunde und ſeine Hei⸗ mat verlaſſen hat.“ Dem Baron ſchauderte unwillkürlich die Haut. Von dieſer Heimat wollte er nicht ſprechen und nicht ſpre⸗ chen hören— es war ja das Irrenhaus— aber wer ſollten denn dieſe Freunde ſein, dachte er, und bald ſprach er dieſe Frage laut, obwohl etwas zaghaft aus 2* 90 „Die Bewohner des Irrenhauſes,“ erwiderte ſie ganz unbefangen,„die Herrn Aerzte, der Geiſtliche, die Beamten, vor allen Dingen aber die Wahn⸗ ſinnigen.“ „Die Wahnſinnigen? Die nennſt Du Deine Freunde?“ „Gewiß, ſie waren es vorzüglich, die mich liebten und die ich wieder liebte—“ „Aber Das iſt ja gar nicht zu begreifen— Hier hob Marie zum erſten Mal ihren Kopf empor und ſchlug mit der ihr eigenthümlichen bezaubernden Innigkeit langſam die Augen auf. Ihre Lider hoben ſich allmälig ganz und ein großes, volles blaues Auge ſchaute den Fragenden eben ſo verwundert wie ſee⸗ lenvoll an. „Wie kann man Wahnſinnige lieben?“ fragte der Baron, nicht wiſſend, daß er dieſe Worte laut ſprach. „Wie man ſie lieben kann? Warum nicht! Sind es nicht gute, arme, hülfsbedürftige Menſchen, denen die Barmherzigkeit und das Mitleid anderer, glückli⸗ cherer Menſchen wohl thut? O, ich habe ſie ſehr ge⸗ liebt und werde ſie ewig lieben.“ Dieſe mit feſter und nachdrücklicher Betonung ausgeſprochenen einfachen Worte verdutzten den Ba⸗ ron völlig. der alten Uhr noch allein vernahm. 91 „So!“ ſagte er leiſe und rieb ſich vor Verlegenheit die Hände.„Wenn doch der Doktor hier geblieben wäre!“ dachte er gleich darauf.„Es ſcheint wirklich mit ihr auch nicht recht richtig zu ſein.— Nun gut,“ ſagte er laut, um doch etwas zu ſagen,„liebe ſie, meinetwegen. Aber nun erzähle mir Etwas—“ „Was ſoll ich Ihnen erzählen?“ „Vor allen Dingen dutze mich, wie ich Dich dutze — darum bitte ich, denn ich bin Dein nächſter Ver⸗ wandter. Dann erzähle mir, was— was Du willſſt, von Deinen Freunden zum Beiſpiel.“ Marie ſchlug vor Freuden die Hände zuſammen, da ſie von Dem ſprechen ſollte, was ihr ganzes Herz erfüllte. Anfangs hörte der Baron aufmerkſam zu, bald aber, da immer nur von Wahnſinnigen, Melan⸗ choliſchen, Tobſüchtigen die Rede war, vergaß er zuzu⸗ hören, gab ſich vielmehr ganz und gar den bängſten Ideen hin, die ihn noch in ſeinem Leben gepeinigt hatten, wobei ihm endlich der Angſtſchweiß von der Stirn perlte. So hatte das junge Mädchen beinahe eine halbe Stunde geſprochen, ohne daß der Baron mehr als den Anfang ihrer Erzählung vernommen hätte. Endlich hörte ſie zu ſprechen auf. Es ward ſo ſtill im Zimmer, daß man nur den Pendelſchlag 92 Plötzlich gewahrte der Baron dieſe unheimliche Stille.„Hm! hm!“ machte er, ſich räuſpernd,„es iſt gut. Wir wollen es uns überlegen—“ „Was wollen Sie, öder, was willſt Du Dir über⸗ legen, mein Oheim?“ Aber er hatte wieder nicht gehört. Er ergriff eine neben ihm ſtehende Handglocke und ſchellte. Gleich darauf trat Frau Hanne wieder ein und fragte, was der gnädige Herr befehle. „Bringt meine Nichte— die Baroneß— hört Ihr— fürs Erſte auf Euer Zimmer. Ihr werdet dieſe Nacht mit ihr ſchlafen— warum glotzt Ihr mich ſo verwundert an?“ Die Alte huſtete, warf bald einen Blick auf die Baroneß, bald einen auf den Baron, aber Beide ver⸗ ſtanden ſie nicht. Endlich faßte ſie ſich ein Herz, trat ganz nahe an den Baron heran und, einen Finger leiſe an ihre Stirn legend, fragte ſie ihn flüſternd: „Sie ſoll bei mir ſchlafen?“ „Ja!“ donnerte der Gefragte in einem Tone, den ſeine Diener nur zu gut an il kannten, um nicht ſogleich auf ſeinen Wunſch einzugehen.„Ihr werdet bei ihr ſchlafen dieſe Nacht. Morgen wird ihr das Zimmer hier neben dem meinigen eingerichtet werden.“ 93 „Neben dem Ihrigen? Das da, worin die ſelige gnädige Frau gewohnt?“ „Ja l „Was ſeit ihrem Tode nicht mehr bewohnt gewe⸗ ſen iſt?“ „Ja, zum Teufel, ja— beliebt Euch etwa, noch mehr zu fragen?“ „Nein, durchaus nicht, Herr Baron. So kommen Sie, mein gnädiges Fräulein, Sie können zu Bett gehen und ich— und ich—“ „Ihr könnt meinetwegen auf dem Heuboden ſchla⸗ fen, wenn es Euch beliebt,“ brummte der Baron ihr nach, während ſie mit der jungen Dame, die von ihrem Oheim ſchweigend Abſchied genommen, aus dem Zim⸗ mer verſchwand. Viertes Aupitel. Die drei Briefe. Nie, oder wenigſtens ſehr lange nicht, war dem Baron ein Tag und zumal ein Abend ſo raſch ver⸗ gangen wie dieſer, die verſchiedenen unerwarteten Be⸗ gegniſſe im Laufe deſſelben hatten ihn auf eine merk⸗ würdige Weiſe verkürzt, indem ſie den alten Herrn dem Grübeln und Nachdenken überlieferten, dem er ſonſt eben nicht ſehr zugethan war. Der regelrechte Gang des Lebens auf dem Gute war dadurch weſent⸗ lich unterbrochen worden, die Zeit des Abendeſſens war vorübergegangen, ohne daß der Hausherr das Verlangen kundgegeben hätte, man möge ihm zu eſſen und zu trinken vorſetzen. Jetzt war es zehn Uhr vor⸗ über und ſchon glaubte man, es ſei das Außerordent⸗ liche geſchehen, der Baron habe außerhalb geſpeiſt, als ſich plötzlich ſeine Glocke hören ließ, die den alten 95 Friedrich in ſein Zimmer rief. Gleich darauf kam die⸗ ſer wieder in die Küche gelaufen und meldete der ſchläfrigen Köchin, der gnädige Herr wolle etwas kaltes Fleiſch, Butter und Brod und eine Flaſche Burgunder haben. In fünf Minuten war das Verlangte beſchafft und der kleine Speiſetiſch im Wohnzimmer, mit allem Zu⸗ behör bedeckt, ſtand vor des Hungrigen Augen. Der Anordnung des Barons gemäß herrſchten in ſeinem Hauſe ganz beſondere Gewohnheiten in Bezug auf die Tafel. Da er faſt täglich allein aß, ſo hielt er es nicht der Mühe werth, im Speiſeſaale anrichten zu laſſen, er aß daher in ſeinem gewöhnlichen Wohn⸗ zimmer an einem kleinen Tiſche, wobei Niemand, nicht einmal Friedrich, zugegen ſein durfte, um ſeine Augen oder Ohren an dem Vorfallenden zu ergötzen. Jedoch mußte er im Vorzimmer harren, bis ihn die Glocke in'’s Zimmer rief, um die Tafel durch neue Speiſen zu verlängern oder das Geräth wegzunehmen. So war es in Holzendorf geweſen, ſeitdem die gnädige Frau geſtorben war und nur, wenn Beſuch kam, was äußerſt ſelten geſchah, wurde der alte Speiſeſaal ſeinem Berufe auf kurze Zeit zurückgegeben. Für heute alſo war der Tiſch des Barons bald beſtellt. Aber immer noch nicht ſaß er auf ſeinem * 2 gewöhnlichen Platze, dem mit verblichenem Glanzleder überzogenen Polſterſtuhl. Der heutige Tag war ſo überaus reich an Neuerungen geweſen, daß der alte Herr, der denſelben in jeder Richtung ſo abhold war, ſich gar nicht in das gewöhnliche Geleiſe zurück finden konnte. Er ging noch immer mit geſenktem Kopfe auf und nieder und wiederholte ſich Zug für Zug, was ihm heute ſo Verſchiedenes begegnet war, was er geſehen, gehört hatte, wobei er ſorgenvoll bedachte, was ſich daraus in Zukunft entwickeln könnte. Und doch ſollten bei Weitem noch nicht alle Ueberraſchun⸗ gen, die ihn an dieſem unheilvollen Tage verfolgten, vorüber ſein, wie wir ſogleich hören werden. Endlich bemerkte er den gedeckten Tiſch und ſetzte ſich daran. Haſtig aß er einige Biſſen und trank dazu ein paar Gläſer des feurigen Weines, der vor ihm ſtand. Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke in den Sinn. Er griff nach der ſtets vor ihm ſehenden Glocke und ſchellte heftig. Gleich darauf ſprang Friedrich ins Zimmer.„Was befehlen der Herr Baron?“ „Hat Wilhelm die Zeitung zu holen vergeſſen?“ „Um Vergebung, gnädiger Herr, er hat ſie ſchon gebracht, als Sie noch im Freien waren, und drei Briefe waren auch auf der Poſt.“— * ——— 97 Der Baron hob ſteif den Kopf in die Höhe, als hätte er etwas Unglaubliches vernommen. Und in der That, drei auf einmal auf dem Poſtamte in Hol⸗ zendorf für ihn eintreffende Briefe waren eine ſeltene Erſcheinung auf dem ſtillen Gute; denn wie der ein⸗ ſam lebende Herr wenig in Perſon mit den Nachbarn verkehrte, ſo hatte er auch längſt alle briefliche Verbin⸗ dung mit ſeinen Verwandten abgebrochen, und ſeine Söhne ſchrieben ihm nur zu ſeinem Geburtstage oder wenn ſie neue Wechſel bei ſeinem Bankier in der Reſidenz angewieſen haben wollten. „Drei Briefe!“ rief der Baron mit erhobener Stimme. „Iſt denn heute hier Alles verdreht? Bin ich be⸗ hext?— Wo ſind ſie?“ „Hier liegen ſie mit der Zeitung auf der gewöhn⸗ lichen Stelle unter dem Spiegel.“ Während der alte Diener dieſe Worte mit phlegmatiſchem Tone ſprach, ging er hin, nahm ſie von dem Platze fort und legte ſie vor ſeinem Herrn auf den Tiſch. Dieſem war plötzlich aller Appetit vergangen. „Drei Briefe!“ ſummte es in ihm nach— Und heute!— Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn alle drei etwas Unerhörtes enthielten. Ha! Beinahe möchte ich ſie unerbrochen bis morgen liegen laſſen, ſie ver⸗ derben mir gewiß die Nachtruhe, und das liebe ich nicht. Baron Brandau. I. 98 Aber nein— es muß heute Alles abgemacht werden, was eingefädelt ward, und morgen wollen wir wieder ruhig und gemächlich wie alle Tage vorher leben.— Geh hinaus, Friedrich— oder halt, nimm das Eß⸗ geräth mit, nur den Wein laß ſtehen.“ In zwei Minuten war der Baron allein. Vor ihm ſtand links die brennende Lampe, rechts die Wein⸗ flaſche, halb geleert, und das Glas; dazwiſchen lag die Zeitung und oben darauf die drei erwähnten Briefe. Sie lagen auf der Adreſſe, ſo daß der Baron ihre Aufſchriften nicht ſehen konnte, und die Siegel konnte er, da er etwas weitſichtig war, nicht ſogleich erkennen. Er nahm die Briefe auf und zählte ſie.„Richtig,“ ſagte er,„es ſind drei, und zwei noch dazu dicker als gewöhnlich. Was hat Das zu bedeuten? Wohlan denn, das Unheil iſt heute in vollem Lauf begriffen, wollen wir es tapfer bis zu Ende verfolgen.“ Bei dieſen Worten griff er raſch in die Bruſttaſche, holte ſeine Brille hervor und ſetzte ſie auf. Dann nahm er den erſten Brief auf und las die Adreſſe.„Ah,“ ſagte er,„er iſt von meinem Bankier. Nun, Das kann nichts Beſonderes ſein; mein Vermögen iſt geſichert und Gläubiger habe ich nicht.“ Und doch zitterte er, als er das Couvert öffnete, den Bogen auseinander ſchlug unnd ihn zu leſen ſich anſchickte. Aber wie erſchrak er, als er die erſten Zeilen raſch überflogen, deren In⸗ halt er noch weniger erwartet hatte als Alles, was ihm an dieſem ſonderbaren Tage begegnet war. Die wenigen Worte aber, die das Schreiben enthielt, lau⸗ teten folgendermaßen: „Mein Herr Baron! So eben komme ich von „der Börſe, wo ich eine Neuigkeit vernommen habe, 3„die Sie vorzugsweiſe intereſſiren wird. Geſtern, „als am 2. Juni, hat das Miniſterium eine Plenar⸗ „ſitzung gehalten und einſtimmig beſchloſſen, die „Eiſenbahn, die jetzt nur bis... führt, bis... zu „verlängern und dabei die Richtung über Holzendorf „zu nehmen. Da die Schienen unmittelbar das „große Hüttenwerk in Ihrer Nähe, den Kupferham⸗ „mer, berühren ſollen, welches ſich der ganz beſon⸗ „deren Protektion der Regierung erfreut, ſo iſt es „natürlich, daß ſie durch die Berge bei Ihrem Gute „und alſo wahrſcheinlich mitten durch Ihr Gut laufen „werden. Da Sie nun bei dieſem Beſchluß ſtark „betheiligt ſind, ſo benachrichtige ich Sie zeitig „davon, damit Sie reiflich überlegen können, wel⸗ „chen Kaufpreis Sie für die abzutretenden Grund⸗ „ſtücke verlangen wollen. Im Uebrigen habe ich „die Ehre u. ſ. w. Scheitler, Bankier.“ ³ 7* 100 „Was!“ ſchrie der Baron und ſprang wüthend vom Stuhle auf, den er mitten in's Zimmer ſchleu⸗ derte—„eine Eiſenbahn mitten durch mein Gut? Warum nicht gar durch mein Haus, meine Stube, mein Bett— ja, durch mein Herz! Hat der Teufel heute mit mir ſein Spiel oder bin ich wie alle die Anderen verdreht geworden?“ Und er durchmaß im Sturmſchritte das Zimmer, wobei eine Zornesröthe ſein Geſicht entflammte, wie es an dieſem Tage noch nicht vorgekommen war. Nach einer Weile ging er noch einmal an den Tiſch, beugte ſich vornüber unter das Licht der Lampe und las noch einmal Wort für Wort den verhäng⸗ nißvollen Brief. Als er zu Ende war, mußte er ſich geſtehen, daß er auch jetzt Daſſelbe geleſen wie das erſte Mal.„Bei meiner Ehre!“ rief er und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn, daß es laut dröhnte, „das geht zu weit! Eine Eiſenbahn— hier— durch mein Gut? Nein, das überbietet Alles, was mir heute begegnet iſt. Habe ich nicht ſchon von dem dämoni⸗ ſchen Spektakel und Gequalme des Kupferhammers genug, wenn ich friſche Luft auf meinem Berge ſchöp⸗ fen will— ſoll ich auch noch die nichtswürdige Pfeife der Locomotive und das betäubende Geraſſel der rol⸗ lenden Wagen hören? Und mitten durch mein Gut, 101 das Erb⸗ und Stammgut meiner Familie, ſollen ſie laufen? Nein, bei meinem Leben! Das gutwillig zu dulden, ſoll mich Niemand bereit finden. Wer will mir das Unheil anthun— mir, dem Baron von Brandau auf Holzendorf? Oho! Und dieſes Teufels⸗ werk hier nebenan erfreut ſich der Protektion der Re⸗ 3 ggierung? Sollten ſie dergleichen mehr protegiren als ihre reichen Grundeigenthümer, ihre alten Krieger, ihre CEdelleute? Das wollen wir einmal ſehen! Da fahre ich ſchon morgen nach der Reſidenz zum Miniſter, zu allen Miniſtern, und wenn Das nichts hilft, ſogar zum König. Er wird ein Einſehen haben, wird mich nicht unglücklich machen, wird mir mein Hab und Gut nicht zerſtückeln wollen. Ja, ja, das wird das Beſte ſein und ſogleich wollen wir die Vorkehrungen dazu treffen.“ Abermals ergriff er die Glocke und ſchellte, daß es durch das ganze ſtille Haus ſchallte, in welchem au⸗ ßer Friedrich ſchon Alles in den Betten lag. Der alte Diener trat, ſo ſchläfrig er war, doch heftig erſchrocken in's Zimmer.„Was befehlen Eure Gnaden?“ fragten mehr ſeine weit aufgeriſſenen Augen aals ſein Mund. 1 „Friedrich, alter Graukopf, höre mich an. Packe ſogleich meinen Koffer— lege die beſten Sachen — hinein— und beſtelle um ſieben Uhr meinen Som⸗ merwagen nach... Ich muß ſo ſchnell wie möglich ſeines Herrn Folge leiſten ſolle oder nicht, denn es klang doch zu ſonderbar, was er vernommen, da, wie 102 nach der Reſidenz.“ 3 „Nach der Reſidenz?“ lallte der Diener, dem das faſt noch wunderbarer vorkam, als ſeinem Herrn die eben geleſene Nachricht. „Ja, nach der Reſidenz. Rede ich nicht mehr ver⸗ ſtändlich oder haſt Du Deine Ohren verloren?“— „O ja doch— 15 habe ſ ſie wohl noch— aber nach der Reſidenz? „Dummkopf! Ja, nach der Reſidenz— und um Punkt ſieben Uhr— marſch hinaus, Tölpel, wecke den Kutſcher und beſtelle Alles zur rechten Zeit. Dann kannſt Du ſchlafen gehen, ich werde mich heute allein bedienen, da ich noch Viel zu thun habe 5 „Werden Sie denn allein fahren— nach der— Reſidenz— ohne mich, gnädiger Herr? „Ich werde allein fahren— fort!“ Friedrich ſchlich, der befehlenden Armbewegung ſeines Herrn gehorchend, aus dem Zimmer, wie Einer, der nicht recht weiß, ob er wacht oder träumt, und überlegte in Wahrheit, ob er diesmal den Befehlen 4 3 ſie vorwärts rauſcht? O Menſchen, was haben die Alten geſündigt, daß Ihr ſie ſchon bei Seite ſtoßet, nooch ehe ſie todt ſind! Ach— und was will dieſer 103 er beſtimmt wußte, der Baron ſechszehn Jahre nicht in der Reſidenz geweſen war. Endlich aber, blindlings wie immer den ihm gegebenen Befehlen gehorſam, führte er dieſelben aus, indem er den Koffer packte und den Kutſcher beſtellte, den zu überreden er Mühe hatte, daß ſein Auftrag ein ernſtlich gemeinter ſei. Kehren wir indeſſen zu dem Baron zurück, der ſich wieder auf ſeinen Seſſel niedergelaſſen hatte und ſchon den zweiten Brief in der Hand hielt, aber nicht wagte, ihn zu öffnen, da er eine neue Ueberraſchung fürchtete. Auch hielt er noch eine Weile inne, wie um den Nachhall des erſten Briefes ausſchwirren zu laſſen.„Neuerung, nichts als Neuerung in der Welt,“ ſagte er traurig.„Ja, ja, die Welt! Sie geht mir etwas zu raſch vorwärts, ich kann ihr nicht mehr recht folgen. Wie kommt Das? Bin ich zu alt und lahm geworden, oder hat ſie Flügel bekommen, mit denen Wiſch ſagen?— Er iſt von meinem Junker Alfred!“ murmelte er.„Hm! Was will Der? Wehe ihm, wenn er mir etwas Neues meldet!“ Dabei riß er das Couvert in zwanzig Stücke, die er wüthend us ten in die Stube warf. 104 Der Brief ſeines zweiten Sohnes Alfred aber lau⸗ tete folgendermaßen: „Mein Vater! Es iſt heute zwar nicht der „zwiſchen uns feſtgeſetzte Zeitpunkt, Dir meine ge⸗ „wöhnlichen Mittheilungen über mein jetziges Leben „hier in der Reſidenz zukommen zu laſſen, es ſind „aber auch nicht gewöhnliche Dinge, über die ich „heute zu berichten habe, daher möge Dich dieſer „Brief nicht befremden. Ich habe ſchon längſt beab⸗ „ſichtigt, Dir den Wechſel, die Wandelung anzu⸗ „zeigen, die mit mir und meinen Lebensanſichten „vorgegangen, ich habe aber damit gewartet, bis „ich Dir ſprechende Erfolge von meinem neuen Le⸗ „bensprincipe vorlegen könnte, und Das ſoll jetzt „geſchehen.“ „Nun,“ unterbrach der Baron ſein Leſen,„was ſoll denn Das heißen? Wechſel, Wandelung, ſprechende Erfolge von ſeinem neuen Lebensprincipe? Da bin— ich doch neugierig.“ „Du weißt,“ las er weiter,„ich habe in meiner „Jugend vielfache Studien betrieben und den Mili⸗ „tairſtand verſucht, obgleich ich nicht den geringſten „Beruf dazu in mir ſpürte, weder ein ſteifer Ge⸗ „lehrter, noch eine dreſſirte Maſchine zu werden; noch dazu war es ein ziemlich unnützes Studium und 105 „eine zweckloſe Bemühung, da Du mir ſchon ſeit „Jahren mitgetheilt hatteſt, daß Du mich auser⸗ „ſehen habeſt, Dein Nachfolger in der Verwaltung „unſerer Güter zu werden. Allein auch dazu fühlte „ich wenig Neigung, denn ich liebe es nicht, mich „wie ein alter Maulwurf in einem von allem Ver⸗ „kehr abgeſchloſſenen Erdhügel zu vergraben, mein „Brod ſelbſt zu backen, Wieſen zu entwäſſern und „Kohl zu pflanzen, nein, dazu habe ich nie Neigung „gehabt und werde ich nie welche haben.“ „Maulwurf?“ unterbrach ſich wieder der Baron. „Er hält mich alſo für einen alten Maulwurf oder für einen armſeligen Schlucker, der auf ſeinem Grund⸗ ſtück blos deshalb lebt, um Kartoffeln und Kohl zu bauen? Das wird immer beſſer, mein Herr Junker; aber leſen wir weiter, das Ding iſt noch lang— ach! welche Sorge hat ein armer Mann wie ich!“ „Endlich vor kurzer Zeit aber iſt mir eine Art „Stern aufgegangen und ich weiß jetzt, was ich „will, was ich ergreifen muß und wozu ich gebo⸗ „ren bin.“ „Da weiß er mehr als ich,“ warf der Baron ein. „Du haſt mir in früherer Zeit oft vorgewor⸗ „fen, mein Geiſt ſei zu flatterhaft, zu unſtät, von „einem blendenden Scheine zum andern ſpringend, ¹06 „nicht genug auf das Reelle gerichtet. Jetzt ſeh' .„ich ein, daß Du eigentlich darin Recht gehabt haſt.“ „Aha! Endlich! Nun ſcheint er mir zur Beſin⸗ nung zu kommen.“ „Jetzt kann ich Dich eines Beſſeren belehren, „was meinen einzigen Lebenszweck betrifft, denn „mir iſt, wie man zu ſagen pflegt, die Einſicht über „Nacht gekommen. Was iſt, frage ich Dich, das „Reellſte auf der Welt? Das iſt der Beſitz— und „der Genuß, der aus dem Beſitze entſpringt, mit „einem Worte: das Geld!“— „Ah, dachte ich mir es doch— Geld will er ha⸗ ben! Und darum die Umſchweife? Ach, welch' ein Narr! Doch, leſen wir weiter.“ „Und Geld, Mittel zum Beſitz, den Beſitz ſelber „mir zu verſchaffen, das iſt jetzt mein Hauptbeſtre⸗ „ben, denn nur wer Geld und Beſitz hat, hat „Macht, und mit Macht allein bezwingt man Alles. „Selbſt ein Edelmann, wenn er arm iſt, iſt Nichts „als eine lebendige Art Vogelſcheuche—“ „Was iſt Das?“ rief der Baron.„Was will er denn nur? Iſt er denn arm? Donnerwetter! Hat er mich zum Beſten? Bin ich nicht noch da, von dem er Geld genug erhalten wird? Bin ich nicht reich und braucht er noch mehr als ich— bah!“ 107 „ein reicher Edelmann aber iſt einer der höchſten „der Menſchen, und reich will ich werden, muß ich „werden, und Gottlob! ich habe endlich die Mittel „dazu kennen gelernt.“ „Nun, will er mich etwa beſtehl en?“ fragte der Baron mit verdutzter Miene.„Will er mich ſchon beerben, ehe ich noch todt bin? Der Menſch wird mir immer unbegreiflicher. Aber leſen wir weiter; was nun kommt, hat er mit einer dicken Feder ge⸗ ſchrieben, es ſcheint alſo die Hauptſache, die Aufklärung ſo vieler Dunkelheiten zu ſein. Na, ich warte ſchon lange darauf.“ 4 „Du wirſt Dich über dieſen Ausſpruch wun⸗ „dern, mein Vater, aber höre nur, wie es mir er⸗ „gangen iſt. Ich habe vor einem Vierteljahre etwa „— oder kaum iſt es ſo lange her— die Bekannt⸗ „ſchaft eines ungariſchen Grafen gemacht, der ſeit „einigen Monaten in dieſer Reſidenz lebt und ein „wahres Wunder von menſchlichem Geſchöpf iſt. Er „iſt ein vollkommener Edelmann, von ſehr hohem „Stande, denn ſein Stammbaum, den ich geſehen „und ſtudirt habe, iſt mit mehreren fürſtlichen Fa⸗ „milien verzweigt. Dieſer Graf wurde glücklicher „Weiſe mein Freund, und ihm verdanke ich die „Aufklärung über unſere jetzigen Zeitverhältniſſe. m 108 3 „Es würde mir unmöglich ſein, Dir von der Ein⸗ „ſicht, der Klugheit, dem umfaſſenden Geiſte, womit „dieſer ſeltſame Menſch ſeine Geſchäfte betreibt, einen „klaren Begriff geben zu wollen, denn ich ſelbſt „habe ihn erſt nach längerer perſönlicher Bekannt⸗ „ſchaft begriffen und geſtehe ein, daß er mir in „manchen Punkten noch immer ein Räthſel iſt. Daß „dieſer Mann reich iſt, brauche ich kaum zu ſagen, „nur ſo viel bemerke ich, daß er hier eins der größ⸗ „ten Häuſer macht. Alles, was Geiſt und Em⸗ „pfänglichkeit für einen großen Geiſt hat, ſchwärmt „für ihn, iſt begeiſtert von ihm. Aber ſeine jetzigen „Reichthümer betrachtet er nur als einen Schemel, „worauf er ſich ſeinen künftigen Thron erbauen „will, er bedient ſich ihrer nur als Handhabe, um „einen größeren Schatz bequem damit heben zu „können. Mit einem Wort, er verwendet ſeinen „ganzen Reichthum nur dazu, um ſich einen größe⸗ „ ren zu erwerben.“ „Das verſtehe ich wieder nicht. Wenn man eon reich genug iſt, was braucht man ſich dann noch Reich⸗ thümer erwerben zu wollen? Alfred ſcheint auf dem beſten Wege zu ſein, ein Geld ſammelnder Geizhals zu werden— pfui!“ „Hier in der höheren Welt, in und mit der 109 „wir nur verkehren, giebt es mehrere kluge Leute, „die eine ähnliche Anſicht vom Leben und ſich eine „ähnliche Aufgabe darin geſtellt haben, wie mein „Freund, keiner aber treibt— verzeihe den gemei⸗ „nen Ausdruck— das Geſchäft ſo in's Große, „Kühne, Bewunderungswürdige. Was dieſer erha⸗ „bene Menſch mit ſeinen Händen anfaßt, wird in „Wahrheit zu Gold, denn er kennt den großen „Markt des Lebens in allen ſeinen Einzelnheiten „und weiß, wie man klein kaufen muß, um durch „den Verkauf groß zu werden. Wie ein Krämer „mit Hunderten handelt, ſo geht ſein Erwerb in „die Tauſende und Alles geſchieht auf eine ſo „feine Weiſe, mit einer ſo großartigen Kühnheit „und einer ſo überraſchenden Sicherheit, daß Je⸗ „dermann erſtaunt, der ihn ſeine großen Beſitzthü⸗ „mer vermehren ſieht. Doch genug von ihm für „heute. Nur ſo viel will ich Dir ſagen, daß ich 8„ſein Freund auf Leben und Tod geworden bin, „daß er mir aufrichtig das Glück gönnt, an ſeiner „Seite, durch ſeine Hülfe ein eben ſo reicher Mann „zu werden, wie er es iſt.“ Der Baron hielt inne, lehnte ſich in ſeinem Seſſel zurück und ſann nach, ohne ein einziges Wort zu ſprechen. Er war ſehr ernſt geworden. Plötlich 110 beugte er ſich wieder zum Briefe auf dem Tiſche hin und las weiter. „Indeſſen gehört zum Beginne eines großar⸗ „tigen Geſchäfts, wie Du leicht einſehen wirſt, eine „Art Capital. Mein Freund hat mir daſſelbe „vorſchießen wollen, ohne Zinſen dafür zu verlan⸗ „gen, allein ich habe es abgelehnt und als eines „Edelmannes Sohn, als Dein Sohn, ablehnen „müſſen, denn wir ſind ja keine Krämer, die mit „Groſchen und Pfennigen anfangen, nicht wahr, „wir beſitzen ja ſelbſt Vermögen zu einem großen „Beginnen.“ „Ja,“ ſagte der Alte, hierdurch etwas geſchmeichelt, „das beſitzen wir. Der Junge hat Chrgefühl, er iſt mein Sohn. Aber weiter!“ „Und nun komme ich zum eigentlichen Zweck „meines heutigen Schreibens. Wieviel haſt Du „ungefähr für mich übrig, was ich in die Waag⸗ „ſchale unſerer Verbindung legen könnte? Wie ich „weiß, haſt Du den Tag von Georg's Volljährigkeit im „Auguſt d. J. feſtgeſetzt, um uns unſer mütterliches „Erbtheil einzuhändigen— dürfte ich daſſelbe vielleicht „ſchon jetzt beanſpruchen? Es wird ja ziemlich „einerlei ſein, ob ich es einige Wochen früher oder Apäter eihal te, nicht wahr?“ 111 „Aha! Das iſt des Pudels Kern! Nur weiter!“ brummte der Baron. „Wie Du mir ſelbſt einmal geſagt haſt, belief „ſich der Mutter Vermögen für uns Kinder auf „60,000 Thaler. Ich nehme an, daß Richard noch „lebt, obwohl er ſeit ſo vielen Jahren verſchollen „iſt, und falls Du bei Deiner früheren Meinung „beharrſt und ihm ſein Erbtheil ſichern willſt, würde „auf jeden von uns, alſo auch auf mich, die Summe „von 20,000 Thalern fallen. Wann kann ich die „bekommen?“ Der Baron lehnte ſich wieder in ſeinen Stuhl zurück und bedeckte ſich die Augen mit der Hand, vielleicht um einen Blick in ſein Inneres zu thun. So ſaß er mehrere Minuten ohne die geringſte Be⸗ wegung da. Endlich hatte er ſich genug geſammelt, um mit Ruhe weiter leſen zu können. „Mit dieſen 20,000 Thalern, ſagt mir mein „Freund, könnte ich in einem Jahre, ja in einem 3„halben, 200,000 gewinnen. Lache nicht, es iſt „eine Wahrheit, was ich Dir ſage, denn mein „Freund, der Graf, hat eine erſtaunliche Geldver⸗ „mehrungsmethode erfunden. Es iſt eine neue Art 9„Lotterie, wobei der Einſetzer immer gewinnt. Glück⸗ „licherweiſe beſitzen nicht alle Menſchen 20,000 Thaler —— 112 „und die Einſicht und Klugheit meines Freundes, „ſonſt würde die Weln bald von Millionairen wim⸗ „meln. Er hat mir bewieſen, daß das jetzt ſo viel „gebrauchte Wort: Das Geld liege im eigentlichen „Sinne auf der Straße, eine Wahrheit iſt, das „heißt für Den, der Augen hat, es zu ſehen, und „die Kühnheit, es zu ergreifen. Ueberlege es Dir „alſo und theile mir Deine Meinung mit; aber „ſäume nicht lange, mir zu antworten, denn die „Zeit verrinnt, und eine Minute verlieren, ſagt „mein Freund, heißt ein Capital verloren haben. „ So weit für heute. Von Georg weiß ich Nichts; „ich habe ihn lange nicht geſehen, höre aber, daß „er wie ein ächter Junker und Cavalier unter Jun⸗ „kern und Cavalieren lebt. Lebe wohl!“ Der Baron faltete den Brief langſam zuſammen und legte ihn auf den Tiſch. Das Blut, war ihm in den Kopf geſtiegen, er athmete laut und ſchwer. „Es iſt viel Wahres in dem Briefe,“ ſagte er endlich, „das kann ich nicht läugnen, aber auch Vieles, was ich nicht verſtehe, und Manches, waͤs mir völlig zu⸗ wider iſt. Aber ach, mir iſt ſo Vieles heutigen Tages zuwider und ich verſtehe auch Vieles nicht. Es kommt mir bisweilen vor, als wäre ich dem neuen Zeitgeiſte entfremdet, ja, ja, ſo iſt es, das ſehe ich ſo recht — 113 wieder aus dieſem Briefe. Es hat ſich etwas Roſt um meine Seele gelegt, mein Haar iſt grau geworden und meine Augen blicken ſchon etwas trübe. Ich habe wohl davon gehört, daß es Menſchen giebt, die heut' zu Tage mit Hunderten Tauſende und mit Tau⸗ ſenden Millionen gewinnen, aber ich habe es nicht recht glauben wollen. Es muß jedoch etwas daran ſein, ſonſt läge dieſer Brief von meinem ernſten, wäh⸗ leriſchen Alfred nicht vor mir. Hm! Am Ende, was will er? Sein mütterliches Erbtheil. Nun ja, Das kann ich ihm nicht vorenthalten. Er ſoll es haben. Seine Sache iſt es, daſſelbe ſicher unterzubringen und Alfred— um den bin ich nicht beſorgt. Mir ver⸗ ſchlägt Das nichts, ich werde dadurch nicht ärmer. Ich reiſe ja morgen nach der Reſidenz, da werde ich mit meinem Bankier über dieſe Angelegenheit ſprechen. Ich werde ihm dieſen Brief zeigen; wenn er mir beiſtimmt,— — woohl— ſo ſoll er das Geld haben. Ich in zwa kein Freund von den Neuerungen dieſer Weltzeaber der junge Nachwuchs, meine Söhne vor Allen, haben ein Anrecht, mitten in dieſen Neuerungen eine Rolle zu ſpielen. Alfred ſoll eine ſpielen, ich wäre ja ſonſt ſſein Vater nicht. Abgemacht!— Und nun, ich ſehe— es, ich erkenne ſeine allerliebſte Handſchrift— das iſt ein Brief meines Georg's, des Junkers meiner Junker, Baron Brandau. I. 3 4 — 4 meines Lieblings; ſehen wir, was er mir diesmal ſchreibt.“ „Mein theurer, edelmüthiger Vater!“ begann das Schreiben.„CEs iſt wichtig, was ich Dir heute „ſage, höchſt wichtig, für Dich, für mich und für „Alles, was ſich Edelmann nennt. Denn es bricht „eine neue Aera für uns an, jeder Aufgang der „Sonne beleuchtet eine neue Hoffnung. Der Adel, „ſeit der letzten Revolution unterdrückt, zurückge⸗ „drängt vom Schauplatz des Handelns, fängt wie⸗ „der an, ſtolz ſein ehrwürdiges Haupt zu heben „und in ſeine alten verbrieften und ererbten Rechte „mit Würde und Nachdruck einzutreten. Jauchzen „wir, die wir zu dieſen Auserleſenen gehören, ſtim⸗ „men wir ein Loblied an, daß es bis zu den Wolken „ſchalle und die Engel im Himmel es hören.“ „Was iſt denn Das?“ unterbrach ſich der Baron im Leſen.„Das iſt ja wieder ganz was Neues. Wo zu frohlockt der Junge denn ſo, was iſt denn für ein 18 erſtritten? Iſt denn der Adel, trotz aller Revolutionen der Welt, nicht immer geweſen und ge⸗ blieben, was er heute noch iſt und nie aufhören wird zu ſein, das Auserleſenſte vom Auserleſenen? Hat er je ohne Würde gehandelt und iſt er irgend wo ohne Nachdruck aufgetreten? Doch— leſen wir weiter.“ 114 115 „Laß Dir ſagen, mein vielgeliebter edelmüthi⸗ „ger Vater, daß ich nie ſo ſtolz geweſen bin wie „jetzt, zu den bevorzugten Menſchen zu gehören, die „von Gott berufen ſind, die Stützen der Throne „zu ſein. Es lebe der König und Alle, die ihn „tragen und heben! „Darin ſtimme ich ihm bei,“ agte der Baron. „Sehr gut bemerkt! Vortrefflicher Junge! Er iſt nur etwas phantaſtiſch und man muß ſeine Weiſe kennen, um ihn zu lieben— im Rechte iſt er. Nun, wie konnte das auch anders ſein, ich wußte es ja.“ „Du weißt, mein theurer Vater,“ las er auf⸗ merkſam weiter,„wie ich von jeher bemüht gewe⸗ „ſen bin, unſerem Namen, unſerer Familie Ehre zu „machen und ihr ſoviel Glanz zu verleihen, wie es „nur möglich iſt. Das iſt auch jetzt mein Beſtre⸗ „ben, nur in noch erhöhetem Maaße. Denn je „leuchtender der Glanz, je fleckenloſer die Ehre, um nſo erhabener der Standpunkt, auf dem unſer Ge⸗ „ſchlecht ſteht, ein weithin ſichtbarer Gipfel unter „ſo vielen kleineren Hügeln und Auswüchſen der „Zeit. Alles kann ein Menſch erreichen, der ſo hoch „begnadigt iſt, auf ſolchem Gipfelpunkte zu ſtehen „und die große weite Welt wie ein vor ihm liegen⸗ „des Eigenthum zu beſchauen. Mit den Chren, 3 8* 4 à „die ihn umkränzen, mit dem Ruhme, der ihn ver⸗ „goldet, fließen ihm alle Quellen des Lebens, der „Reichthum und der Beſitz von ſelbſt zu, daher „ſteht er über dem Reichthum und über dem Beſitze. „Dieſe beiden letzteren zu erwerben, wird mir ein „Leichtes ſein, wenn ich erſt Ehre und Ruhm ge⸗ „nug erworben habe.— „Ha! braver Junge, ganz meine Anſicht!“ rief der Baron frohlockend.— „Vor Kurzem nun habe ich den erſten und be⸗ „deutendſten Schritt dazu gethan. Vor einigen Ta⸗ „gen nämlich hatten wir Parade vor Sr. Majeſtät. „Als der König die Front hinunterging, geruhte er „vor mehreren Offizieren ſtehen zu bleiben und ſie „mit einigen Worten anzureden. Auch mir wurde „dieſe Ehre und dieſes Glück zu Theil. Sie ſind „ein Brandau von der Linie Holzendorf? fragte „der erhabene Monarch. Ich ſtotterte mein Ja mit „Mühe hervor, denn die Freude zerſprengte mir „beinahe die Bruſt. Zeigen Sie ſich, fuhr der Kö⸗ „nig fort, Ihres alten biederen Vaters würdig, ich „kenne ihn, ich liebe ihn. Ja, das ſagte er, mein „Vater, und alles Blut meines Herzens ſchoß mir „dabei in's Geſicht, ich fühlte es ſelbſt.— An dem⸗ — 3 „ſelben Tage Nachmittags beſuchten mich einige 117 „Kameraden von der Garde auf einige Flaſchen „Sekt und ſagten mir Schmeicheleien über die Aus⸗ „zeichnung, die mir ſo offenkundig zu Theil gewor⸗ „den war. Ich benutzte die günſtige Gelegenheit, „um ſie zu bitten, für mich ein gutes Wort bei „dem Vorſtande des Jagdelubs einzulegen, um mich „in denſelben aufzunehmen. Denn Du mußt wiſ⸗ „ſen, daß die jungen Adligen der erſten Häuſer des „Staates, die reichſten, ſchönſten und ausgezeichnet⸗ „ſten Cavaliere der Reſidenz einen Verein unter „jenem Namen gebildet haben, in welchen aufge⸗ „nommen zu werden, für eine beſondere Ehre gilt, „da ſie nur Auserleſenen zu Theil wird.— Wie „ſteht es mit Ihren Finanzen? fragte mich ein „Vorſtandsmitglied des Vereins. Gut, ſagte ich, „mein Vater giebt mir eine bedeutende Zulage und „wird ſie erhöhen, ſo viel er kann, wenn Sie mich „der Aufnahme würdig halten, denn ich kenne ihn „darin— habe ich Recht gehabt, mein Vater?“ „Ha, der wackere Junge! Wie er mich kennt!“ unterbrach ſich der Baron.„Das freut mich, das freut mich— der ſchlägt nicht aus der Art, haha!“ „So melden Sie ſich ſchriftlich, ſagte man „mir, vor allen Dingen aber bemühen Sie ſich, in „die Garde Sr. Majeſtät zu kommen, womöglich 118 „zur Cavallerie, wenn Sie Geld genug dazu haben, „denn reines Blut, ritterlicher Geiſt und eine volle „Börſe ſind die Erforderniſſe, die wir an unſere „Auserwählten ſtellen. Darauf verließen ſie mich, „nachdem ſie ein Dutzend Flaſchen Sekt geleert. „Aber der Gedanke, den ſie in meine Seele ge⸗ „ſchleudert, blieb ſitzen, feſt und immer feſter. Ich „grübelte den ganzen Tag darüber nach, wie es „wohl am ſchnellſten gelingen könne, den erforder⸗ „lichen Standpunkt einzunehmen und endlich glaubte „ich das Mittel gefunden zu haben. Ich ging zu „Deinem alten Jugendfreunde..., der ein Ver⸗ „wandter des Kriegsminiſters iſt und trug ihm „mein Begehren vor, ein Cavalleriſt in der Garde „Sr. Majeſtät zu werden. Er nahm meinen war⸗ „men Vortrag gütig auf und verſprach mir ſeine „ganze Verwendung. Das war vor vierzehn Ta⸗ „gen; ich hätte Dir ſchon früher geſchrieben, aber „meine Freunde ließen mir keine Zeit dazu, indem „ſie, vor Freude, mich bald zu den Ihrigen zu zäh⸗ „len, mich den ganzen Tag in Anſpruch nahmen. „So weit bin ich nun— iſt das nicht ein großer „Schritt zur ſpäteren Verherrlichung und Vollendung? „O, mein theurer Vater, wie glücklich bin ich ſchon „jetzt! Denn ich bin feſt überzeugt, daß Du mei⸗ 119 „nem Wunſche nicht im Wege ſtehen wirſt. Du „wirſt mir ohne Zweifel die Mittel gewähren, die „erforderlich ſind, mein Vorhaben auszuführen. „Wenn es glückt, wirſt Du einen muſterhaften Sohn „an mir haben, denn die Mitglieder des Jagdelubs „ſind ſämmtlich vollendete Cavaliere, unter den „Stützen des Thrones die feſteſten, mächtigſten, ich „möchte ſagen, die granitnen Pfeiler, auf denen „das ganze Gebäude der Monarchie thront. „Alfred habe ich Dies noch nicht mittheilen „können, obgleich ich ſchon zweimal zu dem Zwecke „bei ihm geweſen bin. Er iſt nie zu Hauſe, ſon⸗ „dern hält ſich faſt ausſchließlich in der prachtvollen „Wohnung ſeines neuen Freundes, eines ungari⸗ „ſchen Grafen auf, der ein Millionär zu ſein ſcheint, „indem er hier allen Geldmännern und Spekulan⸗ „ten die Köpfe ſchwindeln macht, denn er iſt der „unbeſiegbare Löwe der Spekulanten. „Schicke mir doch, ich bitte Dich, einen neuen „Wechſel; je größer er iſt, um ſo lieber wird er „mir ſein, um ſo lebhafter werde ich mir die Theil⸗ „nahme vorzuſtellen Gelegenheit haben, die Du an „meinem Aufſchwunge nimmſt. Es wird und ſoll „dies die letzte Unterſtützung ſein, die Du mir an⸗ „gedeihen läſſeſt, bis ich mein Erbtheil antrete, wie 120 „Du mir verſprochen haſt. Die paar Monate bis „dahin werden ſehr raſch vergehen, denn die Zeit „hat Flügel, wie ich alle Tage mehr einſehe, und „um ſo verſtändiger muß man ſie benutzen. Wenn „ich erſt das Erbtheil meiner Mutter, die ſchönen „20,000 Thaler in Händen haben werde, bin ich ein „gemachter Mann und Du wirſt Deine Freude an „mir haben. Man wird mich ehren und ſchätzen, „man wird mich erheben und ſagen, daß ich mit „Fug und Recht der Abkömmling der Brandaus „bin. Lebe wohl und ſende mir bald den Wechſel.“ „Haha!“ ſagte der Baron lächelnd und faltete fröhlich den Brief zuſammen.„Eigentlich verlangt er nicht zu viel, obwohl ich ihm neulich erſt einen anſtändigen Zuſchuß geſchickt habe. In ſeinen Ver⸗ hältniſſen braucht er Geld, und ich würde es auch brauchen. Dieſer Brief gefällt mir noch am beſten von allen denen, die ich heute erhalten habe, obwohl ich mir geſtehen muß, daß Etwas darin iſt, gleichſam zwiſchen den Zeilen ſchwimmend, was mich ſtutzig macht. Aber was iſt Das? Ich kann es nicht gleich finden. Doch— wir wollen uns damit den Kopf nicht zerbrechen. Die Nacht iſt ſchon weit vorgerückt, Mitternacht iſt lange vorüber. O Gott, was war das für ein Tag! Haufenweis iſt Alles über mich 121 hereingebrochen, ſo daß ich es kaum mit beiden Hän⸗ 1 den faſſen kann. Gut, daß es ſolcher Tage nicht viele giebt!— Aber daß ich aus meiner Ruhe aufgeſchreckt werde, daß ich nach der Reſidenz, zu den Miniſtern, vielleicht dem Könige gehen muß, das verſcheucht mir alle Behaglichkeit, das iſt das Aergſte vom Argen. Teufel! Das iſt unbequem. Aber es muß ſein— es muß, wie eine Batterie geſtürmt werden muß, wenn man ſie zum Schweigen bringen will. Alſo vor⸗ wärts, alter Knabe, darauf los. Jetzt aber für's Erſte wollen wir ſchlafen!“ Schon wollte er nach alter Gewohnheit zur Glocke greifen, um ſeinen alten Diener zu rufen, damit er ihm beim Entkleiden helfe, als er ſich erinnerte, daß er ihm geheißen habe, zu Bette zu gehen.„Ja ſo,“ ſagte er,„der iſt in den Federn. Kleiden wir uns alſo allein aus.“ So begab er ſich denn in ſein Schlafgemach, ent⸗ kleidete ſich und legte ſich zu Bett. Aber er konnte kein Auge ſchließen, es tanzte in ſeinem Kopfe Alles bunt durch einander— Eiſenbahn, Kupferhammer, Miniſter und König, Millionen und Gardeofftziere. Gegen Morgen endlich ſchlief er ein; als er aber er⸗ wachte, fand er ſich außerordentlich verſtimmt. Alles Uebrige hatte er vergeſſen oder war in den Hinter⸗ 122 grund ſeiner Gedanken getreten, nur die Eiſenbahn, die durch ſein Gut laufen und daſſelbe in zwei Theile trennen ſollte, lag ihm ſchwer auf dem Herzen. Dieſe geiſtige Verſtimmung ſprach ſich am deutlichſten in ſeinem Benehmen gegen ſeine Diener aus. Er brummte ſie alle an und ſprach ſeine Befehle in jenem kalten, kurzen und ſtolzen Tone aus, an den man im Hauſe leider ſchon ſo lange gewöhnt war. Das neue Mit⸗ glied ſeiner Familie, das junge verlaſſene Mädchen, hatte er faſt ganz vergeſſen, und da die Schaffnerin mit ihm maulte, weil er ihr zugemuthet hatte, auf dem Heuboden zu ſchlafen, alſo ihm nicht vor Augen kam, ſo ward er auch nicht daran erinnert. Um ſieben Uhr meldete Friedrich, daß die Reiſevorkehrungen zu Ende gediehen und daß der Wagen angeſpannt vor der Thür ſtehe. Brummend und grollend ließ er ſich ſeinen Paletot anziehen und begab ſich vor die Thür. Als er eben einſteigen wollte, kam der Förſter Tell⸗ kamp heran, zog ehrerbietig ſeine Mütze und verſuchte in ſeiner etwas weitläuftigen Weiſe, dem gnädigen Herrn von dem verdächtig ausſehenden Manne Mel⸗ dung zu machen, der ihm ſeit einigen Tagen an ver⸗ ſchiedenen Stellen des Waldes begegnet war. Der Baron, der ſchon im Wagen ſaß, hörte kaum auf Das, was der ehrliche Mann ſagte. Als dieſer aber fragte, 123 wie er ſich weiter gegen den Herumſtreicher benehmen ſolle, wenn er ihm wieder vor Augen komme, ſchnaubte der Baron ihn wild an und rief, während die Pferde ſchon vorwärts gingen:„Zum Teufel, laßt mich in Ruhe! Ich habe mehr zu thun, als mich um ſolche Tagediebe zu bekümmern. Fuchtelt ihm mit der Hunde⸗ peitſche um die Ohren oder ſchießt ihm eine Handvoll Schrot in die Beine— mir iſt es einerlei!“ Damit fuhr er von dannen, im ſchärfſten Trabe, um noch zu rechter Zeit an die nächſte, verhaßte Eiſen⸗ bahnſtation zu gelangen, da er nun einmal nicht an⸗ ders nach der Hauptſtadt reiſen konnte, wenn er nicht viel Zeit verlieren und ſeine häusliche Ruhe noch länger einbüßen wollte. Auf dem Wege zum Dorfe aber begegnete ihm der Doktor Millinger zu Pferde, der zu einem Patien⸗ ten in der Nachbarſchaft gerufen war. Bei ſeinem Anblick erſt fiel ihm das junge Mädchen ein, das er in ſeinem Hauſe zurückgelaſſen hatte, und er ließ den Wagen einen Augenblick anhalten, um dem erſtaun⸗ ten Doktor, der nicht begreifen konnte, warum der Baron ſich ſo früh ſchon unterwegs befinde, einige Worte zu ſagen. „Guten Morgen, Doktor,“ rief er dem Staunenden 2 124 ſchon von Weitem entgegen,„ich gehe in Geſchaften nach der Reſidenz!“ „Nach der Reſidenz? In Geſchäften? So eilig und ſo plötzlich? Sind dieſe Geſchäfte ſo wichtig?“ „Sehr eilig und wichtig, Doktor; wenn ich zu⸗ rückkomme, ſollt Ihr Euch davon überzeugen. Aber hört mal— reitet doch nach meinem Hauſe und ſagt meiner Nichte von mir einen guten Morgen. Ich b habe ſie heute noch nicht geſprochen, das arme Ding wird müde geweſen ſein. Thut mir aber den Ge⸗ fallen, unterſucht ſie noch einmal recht genau, und wenn Ihr Euch überzeugt habt, wie es mit ihr hier im Kopfe ſteht, ſo theilt mir Eure Meinung mit. Verſtanden? Nun adieu— auf Wiederſehen!“ Und fort gingen die Pferde im ſchärfſten Trabe, während der Arzt nachdenklich und langſam ſeinen Weg fortſetzte, um zuerſt ſeine Patienten, dann aber das Schloß des Gutsherrn zu beſuchen. ₰ Fünſtes Aapitel. 8 Das Kind der Wahnſinnigen. Laſſen wir den Baron ſeinen Weg nach der Reſi⸗ denz fortſetzen, um daſelbſt die verſchiedenen Angele⸗ genheiten zu verhandeln, die ihm das Verhängniß ſo unerwartet in den Weg geworfen hatte; beſchäftigen wir uns unterdeſſen mit dem jungen Mädchen, ſeiner Nichte, die er zu Hauſe zurückgelaſſen hatte, deren bis⸗ heriges Schickſal es wohl verdient, daß wir uns ge⸗ nauer damit bekannt machen. Zu dieſem Behufe aber kehren mir einige zwanzig Jahre in die Vergangenheit⸗ 8 zurück, wobei wir zugleich Gelegenheit haben, einen tieferen Blick in die düſteren Familienverhältniſſe des Gutsherrn von Holzendorf zu werfen. Das Gut Holzendorf, auf welchem das Oberhaupt der Familie Brandau dem Herkommen gemäß wohnte, war ſchon ſeit zwei Jahrhunderten das Erb⸗ und 22 126 3 Stammgut dieſer Familie geweſen, deren älteſter Sohn, dem Gebrauche gemäß, nach Abſterben des Vorfahren daſſelbe jedesmal als ſein Eigenthum bezog, jedoch von ſeinen Einkünften jedem Familienmitgliede einen jährlichen Zins auszahlen mußte. Da das Gut be⸗ deutend war und einen ſehr reichlichen Ertrag bot, ſo konnte der jedesmalige Beſitzer dieſen Zins mit Leichtigkeit zahlen, falls ſich die Familie nicht über⸗ aus ſtark vermehrte, was indeſſen niemals der Fall geweſen war, denn ſchon ſeit langen Zeiten war eine ungewöhnlich große Anzahl der Kinder der Familie in der frühſten Jugend ſowohl wie im blühendſten Jünglingsalter geſtorben. Die Urſache dieſer häufigen Sterbefälle lag nicht, wie man wohl glauben könnte, in einer beſonderen erblichen Familienkrankheitsanlage, nein, der Zufall oder vielmehr ein unheilvolles Ver⸗ hängniß ſchien über die einzelnen Familienglieder zu walten, indem die jüngeren Sprößlinge nicht allein an den gewöhnlichen Kinderkrankheiten ſtarben, die in den verſchiedenen Generationen verſchiedener Art waren, ſondern hauptſächlich andere und entfernter liegende Todesurſachen ſich häufig bemerkbar gemacht hatten, die man im Leben kurzweg Unglücksfälle zu nennen pflegt. So war es bald ein Duell oder ein unglücklicher Sturz von einem Felſen während einer 1272 Reiſe, oder auch ein Fall mit dem Pferde geweſen, was dieſen oder jenen hoffnungsvollen Sproß der Familie hinweggerafft hatte, nur war dabei von jeher der auffallende Umſtand zu Tage getreten, daß das älteſte Mitglied der Familie, der ſogenannte Erbherr, ſtets von dieſen Unglücksfällen verſchont geblieben war, ſo daß alſo die rechtmäßige Erbfolge des Stamm⸗ gutes niemals eine Abänderung oder Unterbrechung erlitten hatte, bis jetzt alſo auch niemals an einen jüngeren Sohn gefallen war. Es waren dieſe häufi⸗ gen Unfälle im Munde der Angehörigen der freiherr⸗ lichen Familie zu einer Art Familientradition geworden, an deren unvermeidliches Eintreten beinahe Jedermann glaubte; und man pflegte oft, namentlich unter dem dienenden Perſonal, davon wie von einem unum⸗ ſtößlich nothwendigen Schickſale, einer Art modernen Fatums zu ſprechen, eben ſo, wie man ſich insgeheim wohl fragte, welche neue Todesart nun dieſes oder jenes Glied der Familie hinwegraffen würde, denn es war allerdings ſeltſam geweſen, daß niemals dieſelbe Todesurſache bei verſchiedenen Söhnen oder Töchtern der aufeinander folgenden Generationen ſich öfters wiederholt hätte. 5 So war es geweſen, bis Baron Hans von Bran⸗ dau, von dem dieſe Erzählung handelt, von ſeinem 8 7 128 Erb⸗ und Stammgute Beſitz ergriffen hatte. Er war, wie alle ſeine Vorfahren in dieſem Beſitz, der älteſte Sohn geweſen, ſeine jüngeren Brüder waren frühzeitig geſtorben und er beſaß nur noch aus einer zweiten Ehe ſeines Vaters eine Halbſchweſter, deren Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit einen Grad erreichte, den man in dem Geſchlechte der Brandaus ſelten zu be⸗ wundern Gelegenheit gehabt hatte, denn die Fami⸗ lienzüge derſelben hatten im Allgemeinen ſtets einen ernſten, beinahe düſteren Ausdruck gezeigt und von Charakter waren alle Abkömmlinge derſähen ziemlich dem jetzigen Stammherrn ähnlich geweſen. Die Baro⸗ neß Clotilde aber, jene Halbſchweſter des Barons, war die Erſte geweſen, die jener erblichen Geſichtsbil⸗ dung einen fremden und angenehmeren Ausdruck bei⸗ miſchte, deſſen Urſache man ihrer Mutter zuſchrieb, welche aus einer ihrer Schönheit wegen berühmten Familie ſtammte. Buaron Hans war bei Weitem älter als ſeine Halbſchweſter und hatte ſich, da er ſchon frühzeitig in den Beſitz ſeines Erbes trat, in ziemlich jugendlichem Alter verheirathet. Er war ſchon Vater von drei Söhnen, noch bevor ſeine Schweſter einen benachbar⸗ ten Edelmann ehelichte, der ſowohl durch ſeine geiſti⸗ gen Eigenſchaften wie durch ſeine angenehme Per 129 ſönlichkeit und ſeinen reichen Beſitz der Brandau ſchen Familie zur größten Zierde gereichte. Daß dieſe Schweſter ſo lange am Leben geblieben war, bis ſie ſich ſogar verheirathete, ſchien allen in die Familiengeheimniſſe Eingeweihten ein halbes Wun⸗ der zu ſein, denn nur höchſt ſelten hatten die jüngeren Kinder der Brandaus, ob ſie nun männlichen oder weiblichen Geſchlechts waren, das heirathsfähige Alter erreicht. Als ſich daher der vorhererwähnte Schwager des Barons, ein Freiherr von Steinach, um die Hand ſeiner Schweſter bewarb, prophezeihte man ihm den baldigen Verluſt ſeiner Frau, indem man ſich nur zu lebhaft der früheren traurigen Familienereigniſſe er⸗ innerte. Indeſſen ſollte dieſe Prophezeihung diesmal nicht ganz in Erfüllung gehen und ſtatt der Baronin den Baron das Unheil erreichen, denn der junge Ehe⸗ mann fand ſeinen Tod vier Wochen nach ſeiner Ver⸗ mählung auf der Jagd, wo ſich ſein Gewehr durch Zufall gegen ihn ſelbſt entlud. Dieſer ſchnelle und unerwartete Todesfall ſchien vom Schickſal beſtimmt, eine andere Reihenfolge trau⸗ riger Ereigniſſe herbeizuführen. Die junge Gattin, die ihrem vortrefflichen Manne auf das Innigſte zu⸗ gethan war, verfiel bei der Nachricht, daß derſelbe ein Opfer ſeiner Jagdluſt geworden, in einen krampfhaf⸗ Baron Brandau. I. 9 130 ten Zuſtand, der ihrem Leben ebenfalls ſchnell ein Ende machen zu wollen ſchien, und dies wäre aller⸗ dings wieder eine noch nicht dageweſene Todesurſache eines jüngeren Gliedes der ſo ſeltſam heimgeſuchten Familie geweſen. Man erwartete daher ihren Tod allgemein, allein man täuſchte ſich auch diesmal. Dennoch aber ſollte ſich, wenn auch viel ſpäter, die Beſorgniß vor der Familientradition in Bezug auf eine noch nicht dageweſene Todesurſache erfüllen, wie wir bald hören werden, die Kranke erholte ſich jedoch fürs Erſte wieder von ihrem krampfhaften Leiden, welches die Aerzte Katalepſie nennen und welches, wie man weiß, in jener wunderbaren Hemmung der intellektuellen Verrichtungen beſteht, wobei die Mus⸗ keln ſteif oder wachsartig beweglich in derſelben Lage verharren, in welcher ſie beim Ausbruche der Krank⸗ heit ſich befanden oder in welche ſie der Znfall während des Anfalles ſelbſt brachte. Es iſt dies jene bedenk⸗ liche Krankheit, die ſchon ſo oft zu voreiligen Beer⸗ digungen Veranlaſſung gegeben hat, während das Leben ſelbſt noch nicht aus dem gelähmten und er⸗ ſtarrten Körper entflohen iſt. Was nun die Baronin Clotilde von Steinach betrifft, ſo war der erſte Anfall dieſer Krankheit zwar beſiegt, allein es war eine Gemüthsverſtimmung zuütziiüeler 8 131 der man den Namen Melancholie gegeben hat. Dabei wiederholten ſich ſogar von Zeit zu Zeit jene krampf⸗ haften Erſcheinungen und es geſellte ſich ſpäter eine leider noch traurigere hinzu, indem die Neigung zur Selbſtvernichtung in ihr vorherrſchend wurde und die ungetheilteſte Aufmerkſamkeit ihres Verwandten, des Barons Hans von Brandau, behufs ihrer perſönlit 52 Sicherſtellung in Anſpruch nahm. Denn der Baron hatte die geliebte Schweſter, da der Todesfall ſeines Schwagers leider während eines Beſuches auf ſeinem Gute vorgefallen war, auf ſeinem Schloſſe behalten und war auch nicht geneigt, ſie jemals wieder von ſich zu laſſen, da ſie außer ihm keinen Verwandten hatte und die vereinzelten Familienglieder ihres Man⸗ nes ihr fremd und nicht in der Lage waren, ſie bei ſich aufzunehmen. Damals ſchon war der Doktor Millinger ein treuer und werkthätiger Hausfreund des Barons geweſen und von dieſer Zeit her ſchien ſich vorzugsweiſe die Neigung des Barons gegen den bra⸗ ven Mann herzuſchreiben, eine Gemüthsäußerung, die dem Gutsherrn bei ſeinem ſonſt ſo kalten und ſtarren Weſen gegen Untergebene oder dienſtbare Geiſter eben nicht eigenthümlich war. Da die Gemüthskrankheit der jungen Baronin aber immer tiefere Wunzekn zu ſchlagen drohte und 9 X 132 immer größere Sorgfalt in der Behandlung erheiſchte, wobei allmälig die ganze Hausordnung auf Holzen⸗ dorf in’s Stocken gerieth, indem ſie nicht ſelten und namentlich Nachts ſämmtliche Bewohner des Gutes in Angſt und Schrecken verſetzte, ſo mußte endlich zu einem Entſchluſſe geſchritten werden, der die Kranke oh ſicher ſtellte, wie ihre Pfleger beruhigte. Ein a der Reſidenz herbeigerufener berühmter Arzt trug am meiſten dazu bei, daß dieſer Entſchluß ſchnell ge⸗ faßt und ſofort ausgeführt wurde. Er war nämlich der Meinung, daß, wenn die Heilung der jungen Wittwe überhaupt noch im Bereiche der Möglichkeit liege, dieſelbe nur in einer Heilanſtalt erfolgen könne, die zu dieſem Behufe mit reichlichen Mitteln verſehen ſei, und er bezeichnete eine dieſer Anſtalten als vor⸗ zugsweiſe dazu geeignet, die kranke Dame aufzunehmen, zu verpflegen und zu ihrer Heilung beizutragen. Dieſer von den Umſtänden gebotene Ausſpruch rief einen harten Kampf in der Bruſt des familienſtolzen Barons hervor, der ſich mit dem Gedanken nicht vertraut ma⸗ hen konnte, ein Glied ſeiner Familie, und noch dazu ſeine zärtlichſt geliebte Schweſter, einer Irrenanſtalt zu überliefern. Als die Krankheit aber von Tage zu Tage ſichtbar zunahm und die Mittel auf dem Gute dem Verlangen der Aerzte je länger je weniger ſich * 133 gewachſen zeigten, ſo ſtimmte er endlich nothgedrungen ein, und Doktor Millinger ward dazu auserleſen, die willig folgende Kranke nach der bezeichneten und ziem⸗ lich entfernten Anſtalt zu ſchaffen. Die Irrenheilanſtalt M. in der Provinz... ward auf dieſe Weiſe der unfreiwillige Aufenthaltsort eines Gliedes der freiherrlichen Familie von Brandau. Mit dieſer vortrefflichen Anſtalt werden wir uns in dieſem Kapitel alſo vorzüglich zu beſchäftigen haben. Sie iſt ſeitdem in mannigfacher Hinſicht hochberühmt ge⸗ worden und hat mehr des Guten und Segensreichen gewirkt, als man im gewöhnlichen Leben, wo Gleich⸗ gültigkeit und Theilnahmloſigkeit an dem Schickſal Anderer eben ſo tief eingewurzelt ſind als Vorurtheile und falſche Vorſtellungen, anzunehmen geneigt iſt. Mit dieſem vielleicht hart erſcheinenden und dennoch ſehr zutreffenden Urtheile wollen wir jedoch nicht Die⸗ jenigen verletzt haben, die von einem gewiſſen Gefühl der Abneigung oder des Widerwillens heimgeſucht werden, wenn ſie von Irrenhäuſern reden hören oder nur an ſolche denken, einem Gefühl, dem ſelbſt Men⸗ ſchen von Geiſt und Herz unterworfen ſind, die jene im Stillen und ohne alle Affektation ausgeführten Handlungen menſchlicher Fürſorge und Wohlthätigkeit innerhalb der Mauern eines ſogenannten Irrenhauſes 134 als ein ſich von ſelbſt verſtehendes Märtyrerthum mit Stillſchweigen zu übergehen pflegen. Die Irrenheilanſtalten heut zu Tage und nament⸗ lich die in Deutſchland ſind nicht mehr, was die ver⸗ rufenen Irrenhäuſer vor zwanzig und mehr Jahren waren. Die zweckdienlichen Einrichtungen derſelben, die phyſiſche und moraliſche Behandlung der ihnen anvertrauten Kranken ſind mit den Errungenſchaften der Bildung und des aus dem Schlummer des Phi⸗ liſterthums erwachten Zeitgeiſtes zugleich fortgeſchritten, ebenſo wie man auf die Auswahl der mit dieſem be⸗ deutungsvollen Amte betrauten Perſonen die außer⸗ ordentlichſte Sorgfalt zu verwenden ſich gedrungen gefühlt hat. Nicht allein die chriſtliche Liebe, nein, auch die allgemein menſchliche, in vielen Fällen jener weit vorzuziehen, die ja auch nur ein Bruchtheil von ihr iſt, hat ihren eben ſo ſiegreichen wie milden Thron darin aufgeſchlagen. Ein wirklich an Herz und Geiſt Gebildeter erſchrickt nicht mehr vor dem Wort Irren⸗ heilanſtalt. Wer davor erſchrickt, hat noch keine geſehen, und wer erſt eine von ihnen geſehen hat, wird ge⸗ tröſtet und beruhigt wieder von dannen gehen, gern geneigt, die wüſten Vorurtheile ausrotten zu helfen, 3 die das befangene größere Publikum noch hie und da gegen dieſelben zu hegen ohne allen Grund fortfährt. 135 Aerzte von anerkannter und bewährter Geſinnung. Thatkraft und Menſchenliebe, von den rieſigen Fort⸗ 8 ſchritten der Wiſſenſchaft auf ſtarken Armen getragen, lenken die Schickſale jener Unglücklichen; Tag und Nacht widmen ſie ſich freudig dem Beſten ihrer armen Mitmenſchen, und wie die oberſten Leiter dieſer An⸗ ſtalten ſelbſt ihr ganzes Leben dem Wohle derſelben mit ſeltener Opferfreudigkeit geweiht haben, ſo wirken ſie auch täglich mehr dahin, den ihnen untergeordneten Heildienern Liebe zu ihrem Beruf und Hingebung an eine der edelſten Menſchenpflichten einzuflößen. Die Irrenheilanſtalt zu M. war nun vorzugsweiſe auf den Principien der reinſten Menſchenliebe gegrün⸗ det. Wiſſenſchaftliche Männer, mit dem edelſten Her⸗ zen begabt, ſtanden ihr vor und ſelten mag eine ähnliche Anſtalt eine gleiche Vereinigung von heilſamen Kräften und gutem Willen dargeboten haben, die den erha⸗ benen Zweck vor Augen hatte, Hunderten von Men⸗ ſchen das verlorene Glück der geſunden Vernunft wiederzugeben oder ſie vor größerem Schaden in ihrem Irrſinne zu bewahren. Die Einrichtungen daſelbſt, Geiſteskranke aufzunehmen und zweckgemäß zu behan⸗ deln, waren vollendet, das Perſonal vom höchſten bis zum niedrigſten Mitarbeiter ein ausgewähltes, geprüftes, bewährtes, im Allgemeinen und Einzelnen 136 allen Anforderungen entſprechend, welche ein wohl organiſirter Staat, eine vom Unglück betroffene Fa⸗ milie oder das Herz des Leidenden ſelbſt an ſie zu machen hat. Die Baronin von Steinach wurde mit der lebhaf⸗ teſten Theilnahme von Seiten der Beamten aufge⸗ nommen. Die Aerzte verhießen die eifrigſte Pflichter⸗ füllung und hielten ihr Verſprechen auf die hingebendſte Weiſe. Die Kranke wurde in eine Wohnung gebracht, wie ſie einer Dame ihres Standes und Reichthums entſprach. Sie hatte zwei ſchöne Zimmer mit der Ausſicht auf einen reizenden Blumengarten; zwei Die⸗ nerinnen und jede Bequemlichkeit, an die ſie von Jugend auf gewöhnt war, wurden ihr zu Gebote ge⸗ ſtellt. So war denn von Seiten der Beamten der Anſtalt Alles geſcheh en, um ihre Bedürfniſſe und die Anſprüche ihrer Verwandten zu befriedigen. Ein et⸗ was minder warmer Empfang aber wurde der armen Kranken Anfangs von den Mitbewohnerinnen der Anſtalt, ihren Leidensgefährtinnen, zu Theil, was wir, als charakteriſtiſch für den neuen Aufenthalt, hier zu erwähnen nicht unterlaſſen wollen. Es iſt vielleicht weniger bekannt, daß die Irren in einem Irrenhauſe, namentlich aber die Frauen aus einer höheren Geſellſchaftsklaſſe, eine Art Excluſivität / 137 nicht allein in ihrem Benehmen zu beanſpruchen, ſon⸗ dern auch in ihrem Verhalten durchzuführen verſuchen. Sie ſchließen ſich gern unter einander ab, nehmen nur ungern ein neues Mitglied in ihrer Mitte auf, deſſen Weſen ſie noch nicht geprüft haben, und geben nicht undeutlich zu verſtehen, daß ſie gegen die Außen⸗ welt mit ihren Vorzügen gleichgültig ſind, während ſie das Irrenhaus ſelbſt nicht für ein ſolches, viel⸗ mehr als ein beſonders privilegirtes Ausnahmeverhält⸗ niß betrachten, welches nur für Auserwählte beſtimmt und gerade ihnen aus einer Art bevorzugter Schick⸗ ſalsfügung zu Gute gekommen iſt. Eigenthümlicher Dünkel der ſchwachen Menſchennatur, der ſeine Opfer nicht allein bis in die Mauern eines Kerkers, ſondern ſogar bis in die Zellen eines Irrenhauſes verfolgt! Aber der Menſch iſt immer nur Menſch, wo und in welchen Verhältniſſen er ſich auch befinden möge, und der Geiſteskranke hat außer der beſonderen Abweichung ſeines Geiſteszuſtandes auch noch alle übrigen Gebre⸗ chen ſeiner Gattung beibehalten. So war es auch in dieſem von aller Welt ge⸗ trennten, aber in einer paradieſiſch ſchönen Gegend gelegenen Hauſe, das, in einem Thale zwiſchen male⸗ riſchen Felſen erbaut, durch welches kleine Sturzbäche rieſelten, ein Wallfahrtsort für glückliche Reiſende NX 138 geweſen wäre, wenn nicht Jedermann den Ort gleich⸗ 9 ſam aus innerem Inſtinkte gemieden hätte, der nach: allgemeiner Meinung ſo viel Jammer und Elend in ſeine ragenden Mauern ſchloß. Als aber die Be⸗ wohnerinnen deſſelben ſich an die Anweſenheit einer neuen Gefährtin gewöhnt und ihr Familienunglück kennen gelernt hatten— denn dergleichen ſpricht ſich eben ſo in einem Irrenhauſe wie in der großen All⸗ tagswelt durch das tauſendzüngige Gerücht aus— als ſie die ſchöne Leidende erſt von Angeſicht geſehen, ihre Sanftmuth und Liebenswürdigkeit erfahren hatten, da ſchlug ihre erſte Zurückhaltung in das Gegentheil um, ſie wurden ſehr bald, wie es auch früher öfters geſchehen, lebhaft von dem neuen Gegenſtande ihrer Neugier angezogen und die Freude, den großen Kreis der verſammelten Schweſtern erweitert zu ſehen, war eben ſo groß, wie vorher ihre Abneigung gegen die junge Wittwe geweſen war. Mit einer ſeltſamen und dieſen Kranken eigenthümlichen Aufdringlichkeit ſogar bemühten ſich viele geiſteskranke Frauen, in den nähe⸗ ren Kreis derſelben zu gelangen, ja ſie beeiferten ſich, von Tage zu Tage, ihr ihre Freundſchaft und Theil⸗ nahme auf verſtändliche Weiſe zukommen zu laſſen. So ſandten ſie ihr des Morgens Blumen, kleine Reſte farbiger Bänder, ein Stück Zucker oder dergleichen Dinge mehr, über die ſie verfügen konnten, und ließen 139 ſich durch ihre Dienerinnen nach dem Befinden der Frau Baronin erkundigen. Längere Zeit verging, ehe ſich die arme Kranke von dieſem liebevollen Gebahren angezogen fühlte. Sie blieb einſam auf ihrem Zim⸗ mer, wenn die anderen Frauen und Mädchen im Freien ſich ergingen, und begab ſich nur dann in den Garten, wenn ihre Aerzte es ihr als eine Pflicht vor⸗ ſchrieben. Nach und nach aber wurde ſie mit ver⸗ ſchiedenen Frauen aus gleich vornehmen Häuſern, wie das ihrige war, bekannt, die man ihr zu ihren näch⸗ ſten Nachbarinnen gegeben hatte, weil ihr Gemüths⸗ zuſtand ſie fähig machte, mit einer ſolchen Dame zu verkehren. Sehr bald hatte man ſich auf den Be⸗ ſuchsfuß geſetzt, und nachdem m erſt ſoweit gekom⸗ men, war es nur noch ein kurzer Schritt zu jener Art wunderbarer und faſt überncktürlich zärtlicher Freund⸗ ſchaft, die man ſo häufig in Irrenhäuſern unter dem weiblichen wie männlichen Geſchlecht entſtehen ſieht und die nicht ſelten länger dauern und auf edlerem Grunde beruhen, als die Freundſchaften in der großen äußeren und geiſtesgeſunden Welt. Solche zärtliche Verhältniſſe zwiſchen Perſonen gleichen Geſchlechts ſind den Irrenärzten in ihren An⸗ ſtalten oft ſehr angenehm. Sie zerſtreuen die Kranken, 140 indem ſie ſie erheitern und nöthigen, an den Verhält⸗ niſſen Anderer Antheil zu nehmen. Daher befördert man ſie gern, giebt Gelegenheit ſich zu nähern, ſich feſter an einander zu ſchließen und heilſam auf ein⸗ ander zu wirken. Darum hat man auch jene kleinen Feſte innerhalb ſolcher Häuſer veranſtaltet, die eine merkwürdige Nachahmung der Gebräuche der Außen⸗ welt ſind. Man giebt den Frauen Kaffee⸗ und Thee⸗ Geſellſchaften, kleine Bälle und Concerte, die allerdings, wenn man ſie mit den Augen des Alltagslebens be⸗ trachtet, eine ſeltſame und nicht oft geſehene Geſtaltung haben. Wir wollen hier nicht näher auf dergleichen Vorgänge innerhalb des Irrenhauſes eingehen, weni⸗ ger aus Beſorgniß, zu weit von unſerer Erzählung abzuſchweifen, als aus Furcht, auf das Gemüth des Leſers, dem wir gern eine Erheiterung bieten möchten, einen traurigen Eindruck hervorzubringen. Daher be⸗ halten wir hir nur das Allgemeine im Auge und kommen nur auf Dasjenige zurück, was unerläßlich zur Erklärung des Ferneren iſt. An ſol chen unſchuldigen Geſelligkeiten nahm die junge Wittwe auch endlich Theil, das heißt, ſie war wenigſtens mit ihrer Perſon anweſend, wenn man ſie dazu nöthigte. In der Regel ſaß ſie auf einem Sopha, ihr zur Seite zwei ihrer beſten Freundinnen, und ſchaute gleichgültig auf die Vorgänge hin, die ſich vor ihren Augen entwickelten. Zum zuſammen⸗ hängenden Geſpräche war ſie ſelten, zur Theilnahme am Tanze nie zu bewegen, nur die Muſik ſchien ihr einiges Vergnügen zu gewähren und ſie gab ſich ſogar dazu her, dann und wann den Tanzluſtigen auf dem Flügel zum Tanze aufzuſpielen. Allein dieſe Hinge⸗ bung an die ſie umſchließende Welt war nur eine rein äußerliche, ihr Inneres nahm nicht den geringſten Antheil daran. Schweigſam, mit geſchloſſenen Lippen und ſtarr in's Blaue blickenden— ach! einſt ſo ſchö⸗ nen, jetzt aber ſo geiſtesleeren Augen ſaß ſie da, ein Bild der tiefſten Betrübniß und ein Gegenſtand des aufrichtigſten Mitgefühls für Alle, die ihren Zuſtand zu begreifen im Stande waren. Vergebens waren bisher die liebevollen Einwikugen der Aerzte gewe⸗ ſen, ſie aus der dumpfen Verſunkenheit, in der ſie ſich immer befand, herauszuziehen, vergebens hatte man ihr die Mittel gereicht und die Zerſtreuungen geboten, die man für dergleichen Fälle in Bereitſchaft zu ha⸗ ben pflegt. 8 Da ſollte ſich in ihr ein Vorgang entwicſ, an den kein Menſch, weder ihre Verwandten, noch ihre Aerzte gedacht, ein Vorgang, der eben ſo ſehr ihr gan⸗ zes Verhältniß im Irrenhauſe umzugeſtalten beſtimmt 142 war, wie er den Aerzten die Hoffnung einflößte, die Störung ihres Gemüths dadurch in dauernde Geſund⸗ heit übergehen zu ſehen. Es zeigten ſich nämlich plötzlich die unzweideutig⸗ ſten Zeichen, daß ſie eine Frucht ihrer ehelichen, ſo kurzen Zärtlichkeit unter ihrem Herzen trage. Sie ſelbſt hatte keine Ahnung davon gehabt, wenigſtens nie eine Sylbe darüber geäußert. Die Aerzte froh⸗ lockten, denn ſie glaubten in dem zu erwartenden Kinde ein Heilmittel zu entdecken, wie nur die Na⸗ tur allein es hervorzubringen vermag. Man theilte ihr mit, was man entdeckt, und faſt augenblicklich zeigte ſich die Wirkung dieſer Nachricht auf ihren Ge⸗ müthszuſtand. Zum erſten Mal, ſo lange ſie in der Anſtalt war, brach ſie das ſtarre Schweigen, ein hei⸗ ßer Thränenſtrom entfloß ihren Augen und ſie richtete einige Fragen an die Aerzte, die dieſe mit noch leb⸗ hafterer Hoffnung auf Beſſerung erfüllten. Aber einen ungleich größeren Eindruck brachte dieſer Iin einem Irrenhauſe nicht häufig vorkommende Zufall aauf die anderen Bewohnerinnen deſſelben hervor. Wie ein Cheneſcher Funke zuckte die ſchnell ſich verbreitende Nachricht durch die Gemüther der an und für ſich ſchon für die ſchöne Baronin eingenommenen Frauen. Sie erregte einen allgemeinen, beinahe an Trunken⸗ — u u 1 143 heit gränzenden Freudenrauſch. Auf den Spazier⸗ gängen, in allen Zimmern war von weiter nichts die Rede, als von der Hoffnung der ſchönen Baronin und von dem Glücke, welches hierdurch der Anſtalt ſelbſt zu Theil werden würde. Man veranſtaltete Verſamm⸗ lungen, in denen man ſich berieth, wie man der jungen Mutter ſeine Theilnahme zu erkennen geben wolle, man bemühte ſich, Geſchenke zu erſinnen, die t auf das zu erwartende frohe Ereigniß Bezug haben 3 ſollten, man hatte die eigenen Verhältniſſe, den eige⸗ nen Kummer über das Mutterglück einer Anderen vergeſſen, und Freude, die reinſte, herzlichſte Freude s war auf allen Geſichtern zu leſen und ſprach ſich in aallen Unterhaltungen aus. Aber wie überſpannte Ge⸗ müther nie bei einer ruhigen Ueberlegung ſtehen zu bleiben pflegen, wie ſie in ihren Erwartungen aus⸗ ſchweifen, in ihren Hoffnungen das Ueberſchwängliche erſtreben, ſo ſtieg die Zuneigung der Frauen zu der unglücklichen Mutter zu einer wahren Begeiſterung, man zollte ihr eine Verehrung, wie man ſie nur einer Königin erweiſen kann, man ſchüttete über ſie alle erſinnbaren Ausbrüche überſpannteſter Zärtlichkeit aus. Nie war man ſo ſorgfältig in der Behandlung der Kranken zu Werke gegangen, nie hatte man ſich ſo in Acht genommen, ihr die geringſten Beſchwerden zuzu⸗ 144 muthen. Vor der Thür ihres Zimmers ſchritt man von jetzt an nur leiſen Fußes einher, um ſie nur nicht aus dem möglichen Schlummer zu ſtören; wo ſie ſich blicken ließ, umgab ſie eine undurchdringliche Mauer fragender, beſorgter, theilnehmender Frauen. Ja, von Seiten der Aerzte, die ihr früher Zerſtreuung und Unterhaltung zu verſchaffen geſucht, mußte jetzt dafür geſorgt werden, daß die liebevolle Zudringlich⸗ keit ihrer Freundinnen in gewiſſen Schranken gehalten würde, damit ſie die Kranke nicht allzuſehr aufregten und ihr mit ihrer Zuneigung und Theilnahme nicht mehr ſchadeten als nützten.— Aber nicht allein auf ihre Perſon allein erſtreckte ſich die Fürſorge und die Zärtlichkeit der wahnſinnigen Frauen, dieſe gingen noch weiter hinaus und beſchäf⸗ tigten ſich in der Gegenwart ſchon mit den Erforder⸗ niſſen der Zukunft, dem erwarteten Kinde. In allen ihren Mußeſtunden, und deren hatten ſie genug, wurde ihre ganze Thätigkeit von den Arbeiten für das in ihrer Mitte zu Gebärende in Anſpruch genommen. Welche Hand irgend ein Kunſtwerk der Art ſchaffen konnte, ſie bemühte ſich ohne Unterlaß, ihre Liebe dadurch darzuthun. Zuletzt war es eine Ehrenſache geworden, irgend einen Beitrag zu der Ausſtattung des Neugeborenen zu liefern, und ſchon lange vor der 145 Geburt des Zöglings der Wahnſinnigen hatte ſich der Vorrath von Dingen des erſten Bedarfs zu einer er⸗ ſtaunlichen Mannigfaltigkeit und Fülle angehäuft. Da waren alle Arten von Hemdchen, Jäckchen, Mützchen und Höschen vertreten, da waren alle möglichen Arten von Stickereien zu ſehen, die die kunſtfertigen Hände der Wahnſinnigen angefertigt hatten. Der Direktor der Anſtalt, um ſeinen Pfleglingen auch darin ſeine Fürſorge zu beweiſen, hatte einen Schrank in das Zimmer der Baronin ſchaffen laſſen und einige am eifrigſten beſorgte Hände hatten den Vorrath in die Kaſten deſſelben zu packen begonnen, der ſich nun noch täglich um dieſes oder jenes Erforderniß vermehrte. Endlich aber, als ſich der Rauſch dieſer Thätigkeit ver⸗ flogen hatte und die gewichtige Stunde immer näher rückte, gab ſich eine Spannung unter den Irren kund, wie ſie in der Anſtalt noch nie vorher dageweſen war. Wann wird das Kind geboren werden, an einem Frei⸗ tage oder Sonntage? Wird es ein Knabe? oder ein Mädchen ſein? Das waren Fragen, die mit einer Wichtigkeit in allen Ecken und Winkeln erörtert wur⸗ den, als wenn die Erhaltung und das Wohl der Anſtalt ſelbſt davon abgehangen hätte. Zuletzt ſogar, als der ereignißvolle Tag ſichtbar immer näher rückte, fing man Wetten abzuſchließen an, gab ſich Ahnun⸗ Baron Brandau. I. 10 8 146 gen hin und erzählte von Träumen, die Dieſe oder Jene von dem inde gehabt, ſo daß das eigene Leid ganz vergeſſen und das allgemeine Wohlbefinden in dem ſpeciellen des kleinen unbekannten Weſens gänz⸗ lich aufgegangen zu ſein ſchien. Einige am heftigſten aufgeregte Weiber, deren Theilnahme in einen exaltir⸗ ten Zuſtand übergegangen war und eine Art Fana⸗ tismus angenommen hatte, ſo daß ſie mit keinem Fuße den Corridor der Baronin mehr verlaſſen und nicht einmal zu Bette gehen wollten, bis das große Ereigniß eingetreten ſei, mußten ſogar von Seiten der Aerzte zur Ruhe ermahnt und mit Anwendung von Zwangsmitteln bedroht werden, um nur den ordnungs⸗ mäßigen Gang des Hausweſens nicht zu ſtören und auf Koſten ihrer eigenen Geſundheit nicht auch das Wohl der jungen Mutter zu gefährden. Der Zufall wollte es, daß die allgemeine Erwar⸗ tung und Freude über ein in der Anſtalt noch nie erlebtes Geſchick einer Pflegebefohlenen noch bedeutend vermehrt und letzteres auf eine beſondere Art zu einem feſtlichen Ereigniß geſtaltet werden ſollte, denn das Kind der Baronin ward gerade am Morgen des Weihnachtstages geboren. Es herrſchte um dieſe Stunde eine allgemeine und weithin vernehmbare Be⸗ wegung in dem geräumigen Innern des Weiberflügels * 147 — der Anſtalt. Alle Zimmer entleerten ſich ihrer Be⸗ wohner, die haufenweis nach dem Corridor ſtrömten, in deſſen Nähe das Ereigniß des Tages ſo eben ſtatt⸗ gefunden hatte. Ja, der Andrang nach dieſem Corridor war ſo groß, daß man die Thüren deſſelben ſchließen und einige dienſtbare Geiſter als Wache davor ſtellen mußte. Da Niemand in das Zimmer der Kranken gelaſſen und nur die Meldung ausgeſprochen wurde, daß das Geborene ein Mädchen ſei, ſo erhob ſich überall, wo man ging und ſtand, ein lautes Freuden⸗ geſchrei, und es hatte den Anſchein, als ob allen Bewohnerinnen der Anſtalt perſönlich ein Glück wi⸗ derfahren wäre, welches doch nur einer Einzigen zu Theil geworden war. Als die Aerzte in den erſten Tagen nach dieſem Ereigniß in den verſchiedenen Krankenſälen ihre Viſiten abſtatteten, wurde ihnen keine andere Frage als die nach dem Befinden der jungen Mutter und ihres Kin⸗ des vorgelegt. Jede Einzelne wollte wiſſen, wie letz⸗ teres beſchaffen ſei, ob es der ſchönen Mutter gleiche, ob es blaue oder ſchwarze Augen habe, ob es geſchrieen, als es zur Welt gekommen, und endlich, ob man eine allgemeine Kindtauffeier zu erwarten habe. Die lächeln⸗ den Aerzte mußten mancherlei Ausreden erſinnen, um nur die Neugierde ihrer Pflegebefohlenen zu befriedigen 10* 1 148 —. und bald ließen ſich, aus den Mittheilungen bevor⸗ zugter Unterrichteter geſchöpft, fabelhafte Darſtellungen von der wunderbaren Schönheit der Neugebornen vernehmen, die völlig dem Urſprunge entſprachen, dem ſie ihr Daſein verdankten. Es mußte unter den dazu geeigneten Perſönlichkeiten eine förmliche Auswahl ge⸗ troffen werden, welche die Wache bei der Wöchnerin und dem Kinde haben ſollten, denn man begnügte ſich keineswegs damit, daß dieſelben von den Bedien⸗ ſteten der Anſtalt verſorgt wurden, man hielt es ſogar für eine unerläßliche Pflicht, eine Art Ehrenwache in einem der Vorzimmer abzuhalten, was denn auch von den Aerzten nach reiflicher Ueberlegung endlich, und um nur Ruhe zu gewinnen, gebilligt und in's Werk geſetzt wurde. In den erſten Wochen kam das Neugeborene na⸗ türlich nicht aus ſeinem Zimmer, die unfreundliche Winterwitterung unterſagte dies. Das erſte Mal daher, wo das Kind allgemein ſichtbar wurde, war der Tauf⸗ tag. Sämmtliche Irre, die ihr Zimmer verlaſſen konnten, hatten ſich an dieſem Tage frühzeitig in den zunächſt liegenden Corridoren eingefunden, um ſich den feierlichen Akt des Hintragens zur Kirche nicht entſchlüpfen zu laſſen. Nie war man ſo fromm ge⸗ weſen als an dieſem Tage; Alles was ſich bewegen * 149 konnte und durfte, ſtrömte nach der Kirche der Anſtalt, um Zeuge der noch nie daſelbſt ſtattgefundenen feier⸗ lichen Handlung zu ſein. Am Nachmittage dieſes Tages wurde im großen Verſammlungsſaale ein feſtlicher Kaffee und nachher ein Ball abgehalten, wobei die vornehmſten und ge⸗ bildetſten Kranken es ſich nicht nehmen ließen, wun⸗ derbare Reden über die Wichtigkeit und Bedeutung der vorgehenden Feier zu halten und darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß ein unter ihnen geborenes Kind eine wahre Gottesgabe ſei, die von Allen dankbar anerkannt werden müſſe. Als nun der Winter in den Frühling überging, die Tage länger und die Witterung freundlicher wurden, fing man allmälig an, die Aerzte darauf vorzubereiten, daß das Kind friſche Luft ſchöpfen müſſe. Als dieſer Anſicht endlich beigeſtimmt wurde, wollte eine Jede die Erſte ſein, die den allgemeinen Liebling den Wol⸗ ken und den Bäumen zeigen dürfte. Es fand wieder ein komiſcher Wetteifer ſtatt und es mußte eine Reihen⸗ folge beſtimmt werden, nach welcher Eine um die Andere dieſe ſüße Pflicht übernahm. Aber bald ſah man ſich genöthigt, die junge Baroneß auf dieſen ihren erſten Spaziergängen in Schutz zu nehmen, denn es drängten ſich alle weiblichen Bewohner der Anſtalt — 150 heran, das Kind zu liebkoſen und zu herzen. Es wanderte von einem Arme zum andern und bald zeigten ſich unter den minder Bevorzugten oder we⸗ niger Glücklichen die unzweideutigſten Symptome einer leidenſchaftlichen Eiferſucht. Einen eigenthümlichen und bei Weitem mehr ſchmerzlichen als wohlthuenden Anblick gewährte es, bei allen dieſen Bethätigungen der Theilnahme und Liebe für das Kind, die junge Mutter zu beobachten, wie ſie mit argwöhniſcher Wachſamkeit jeden Schritt und Tritt, jede Hand, jedes Auge Derjenigen verfolgte, welche ihrem Kinde nahe kamen, denn ſie hegte eine wahrhaft abgöttiſche Verehrung für das kleine Weſen, welches ihr die Vorſehung unter ſo traurigen Um⸗ ſtänden als Erſatz für den zu frühzeitig verlorenen Gatten geſchenkt hatte. Keinen Augenblick hatte ſie Ruhe, wenn ſie nicht in unmittelbarer Nähe deſſelben war, jeder ihrer Gedanken war auf ſein Gedeihen und ſein Wohl gerichtet. Dieſe überaus mütterliche, aber in ihrer Aeußerung jedenfalls krankhaft geſtei⸗ gerte Zärtlichkeit erfüllte die Aerzte mit Sorge, denn wenn irgend ein Unfall dem Neugeborenen gedroht, irgend eine Krankheit es befallen hätte, ſo würde das ſchwerſte Leid darüber die unglückliche Mutter betroffen haben. Daher wandte man alle zu Gebote ſtehenden 4 81 151 Mittel an, das Kind zu bewahren und zu ſchützen, und wunderbar genug, die Vorſehung ſtand hierin den ſorgſamen Männern bei, denn das Kind blieb von der erſten Stunde ſeines Daſeins an vollkommen ge⸗ ſund und wohl. Es entwickelte ſich zuſehends und die Zeichen ungetrübter leiblicher Geſundheit zeigten ſich in jeder ſeiner Funktionen und in der blühenden Friſche ſeiner Wangen. So war denn auch die Freude der jungen Mutter über ihr einziges Eigenthum in jedem ihrer Züge ſichtbar, ſie blühte zum zweiten Male auf, und die Hoffnung der Aerzte, daß ſie ihre Geſundheit durch ihr Kind wieder erhalten würde, ſchien eine gerechtfertigte zu ſein. Um ihr auch nicht den geringſten Kummer zu bereiten, hatte man ſich entſchließen müſſen, ſo viele Gründe auch dagegen zu ſprechen ſchienen, die Ernährung des Kindes ihr ſelbſt zu überlaſſen, da alle Verſuche, die Mutter gütlich zu bewegen, einer anderen Frau ihr Kleinod anzuver⸗ trauen, an ihrem energiſchen Widerſtand geſcheitert waren. So erfüllte ſie denn ihre ſüßeſte Pflicht ſo treulich und mit ſo großer Sorgfalt, wie es nur je eine geiſtesgeſunde Mutter hätte thun können. Als die Kunde von den unvorhergeſehenen Hoff⸗ nungen der kranken Baronin zu ihrem Bruder nach Holzendorf gelangt war, fühlte man ſich daſelbſt in 152 einer eigenthümlichen Beklemmung. Nicht allein war wieder ein unerwarteter Sproß geboren, der neuen Stoff zur Entwicklung des traurigen Familienverhäng⸗ niſſes bot, ſondern man konnte ſich auch nicht ver⸗ hehlen, daß dadurch ganz neue und bisher unbekannte Sorgen ſich einfinden würden. Denn es war ja unmöglich, das Kind fernerhin in der Irrenanſtalt zu laſſen, man mußte für ſeine Exiſtenz, ſeine Erziehung in der Familie ſelbſt ſorgen, wenn das Unglück es wollte, daß die arme Mutter in ihrem traurigen Wahn⸗ ſinne verblieb. Indeſſen da dieſer Zeitpunkt noch länger hinausgeſchoben bleiben konnte und die Aerzte überhaupt Hoffnung blicken ließen, die Gemüthsver⸗ ſtimmung der ihnen anvertrauten Dame zu heben, ſo gab man ſich einſtweilen keiner beſonderen Sorge hin, baute vielmehr auf die Zukunft und ſtellte das Uebrige der Vorſehung anheim. In dieſem Sinne wirkte am eifrigſten und einſichtsvollſten der Doktor Millinger; ſeinen Rathſchlägen hatte der Baron ſich vollſtändig überlaſſen, da er einmal ſelbſt nicht viel von den vorliegenden Zuſtänden verſtand, andererſeits aber auch mit ſeinen eigenen Kindern zu dieſer Zeit genug zu ſchaffen hatte, deren Unheil drohende Ent⸗ wicklung alle Aufmerkſamkeit erforderte, die der ſtrenge Mann darauf zu verwenden die Fähigkeit beſaß. 153 Als aber im Laufe der Zeit die Nachricht aus dem Krankenhauſe eintraf, die Hoffnung der Aerzte in Bezug auf die verheißene Beſſerung der Mutter habe ſich nicht bewährt, begann man auf dem Gute doch allmälig ſich vorzubereiten, das Kind der Mutter zu entziehen und in Holzendorf ſelbſt der Pflege einer dazu beſtimmten Perſon zu übergeben. Als dieſer Entſchluß dem Vorſtande des Irren⸗ hauſes bekannt gemacht wurde, erregte derſelbe großes Bedenken, denn es war leicht vorherzuſehen, daß die ſo zärtliche Mutter, die, ſo zu ſagen, nur von dem Anblicke ihres Kindes lebte, ſich nicht gutwillig von demſelben würde trennen laſſen. Man erlaubte ſich daher einige beſcheidene Gegenvorſtellungen, aber dieſe fruchteten bei dem unlenkbaren Barone nichts, der ſeinen Entſchluß ohne Widerſpruch durchgeſetzt ſehen wollte. Als nun die gemeſſenſten Anordnungen ſeiner⸗ ſeits in der Anſtalt eintrafen, verſuchte man hier vor⸗ ſichtig, die Baronin auf das ihr bevorſtehende Ereigniß vorzubereiten. Wie man erwartet, brachte ſchon dieſer Verſuch eine gewaltige Wirkung auf die unglückliche Mutter hervor; die heftigſten Krämpfe, wie man ſie nie zuvor bei ihr geſehen und wie ſie ſie ſeit der Geburt des Kindes nicht wieder gehabt, ſtellten ſich ein, ihrem Leben und dem übriggebliebenen Reſte ihrer 154 geſunden Vernunft zugleich Gefahr drohend, und nur den liebevollſten Bemühungen der Aerzte gelang es, die Geängſtigte wieder zu beruhigen. Von dieſer Zeit an aber hütete die wahnſinnige Mutter ihren einzigen Schatz nur noch mehr. Sie wich keinen Augenblick von ſeiner Seite, ließ ihn nie aus dem Auge und umgab ihn Tag und Nacht mit der kleinlichſten Sorgfalt. Ihr Gemüthsleiden jedoch beſſerte ſich dabei durchaus nicht, vielmehr ſank ſie immer tiefer und tiefer in das freudenleere Grab der Melancholie und ſaß tagelang weinend und trauernd an der Wiege ihres Kindes, dem ſie die ſüßeſten Na⸗ men beilegte und dabei laut Gott bat, er möge ihr wenigſtens, nachdem er ihr den theuren Gatten ge⸗ nommen, doch deſſen Kind bewahren. Hatte nun bisher der Baron ernſthaft und wieder⸗ holt das Kind ſeiner Schweſter in ſeine Obhut zurück⸗ gefordert, ſo ergingen jetzt an ihn von Seiten der Aerzte der Anſtalt die lebhafteſten Vorſtellungen, daß das Kind der Mutter in keinem Falle genommen werden dürfe. Dieſem Ausſpruche ſtimmte nach reif⸗ licher Ueberlegung auch der Doktor Millinger bei und ſo erfolgte endlich die Zuſtimmung des Barons, das Kind vor der Hand in der Anſtalt zu behalten und 4 155 nur den Zeitpunkt zu melden, wann ſein früherer Wunſch erfüllt werden könne. Aber dieſer Zeitpunkt wurde etwas lange hinaus⸗ gerückt, denn ſo viel Mühe man ſich um die Wieder⸗ herſtellung der kranken Mutter gab, man ſah endlich ein, daß ihre Heilung in dieſem Leben nicht mehr erfolgen würde, zumal ſich ein organiſches Bruſtübel dem Gemüthsleiden beigeſellt hatte, welches den zarten Körper der ſchönen Frau allmälig aufreiben mußte. Indeſſen vergingen Jahre auf Jahre. Die Baro⸗ nin blieb eine Wahnſinnige, aber ihr körperliches Leiden nahm nur ſehr langſam zu, ſo daß ihre Auf⸗ löſung bei Weitem nicht ſo raſch eintrat, als man erwartet hatte. Auf wiederholte Anfragen des Ba⸗ rons wurde der Zeitpunkt der Auslieferung des Kindes immer weiter hinausgerückt, ſo daß ſich dieſer endlich befriedigt erklärte, jedoch zur genaueren Unterweiſung der Beamten der Anſtalt behufs der Erziehung ſeiner Nichte den Doktor Millinger dahin ſandte, damit die⸗ ſer ſich ſelbſt von der Lage der Sache überzeuge. Unſer Freund ward herzlich und liebevoll, wie jeder theilnehmende Gaſt, in der Anſtalt aufgenommen, und er war Menſch und Arzt in gleich ausgezeichnetem Grade, um ſehr bald die Forderungen der Irrenärzte 156 als vollkommen gerechtfertigt zu erkennen. Von dem Baron dazu beauftragt, redete er mit dem Direktor der Anſtalt die Bedingungen ab, unter denen man auch das Kind daſelbſt behalten und erziehen laſſen wollte, wozu der befähigten Elemente genug vorhan⸗ den waren. Als er das Krankenhaus wieder verließ, um in ſein Dorf und zu dem Baron zurückzukehren, nahm er die Ueberzeugung mit hinweg, daß die arme Schweſter ſeines Herrn und Freundes ihr jetziges Aſyl nicht wieder verlaſſen und daß das Kind derſelben nicht eher in die Hände ſeines Oheims gelangen werde, als bis der Tod die Mutter von ihren Leiden erlöſt habe. So wenden wir uns denn jetzt, da wir die Letztere doch nicht mehr von ihrem bevorſtehenden Untergange retten können, zu ihrem Kinde und ſagen einige Worte über deſſen Erziehung. Man könnte glauben, daß die Verhältniſſe in einem Irrenhauſe nicht beſon⸗ ders dazu geeignet geweſen wären, ein für das Leben in der freien Welt beſtimmtes menſchliches Weſen zweckgemäß zu erziehen und auf ſeine Zukunft vor⸗ zubereiten, aber man würde ſich in dieſem höchſt na⸗ türlich erſcheinenden Glauben diesmal ſehr geirrt haben. 157 Eine eigenthümliche Geiſtesrichtung, frühzeitiger Hang hale 4 zum Nachdenken, eine beſondere Neigung zur ernſteren Auffaſſung des Lebens mußte ſich allerdings an eine Erziehung in einer ſolchen Umgebung knüpfen; indeſſen iſt noch nicht geſagt, daß die geiſtige Entwickelung unter dem Einfluß von Geiſtes⸗ und Gemüthskranken und der tägliche Umgang mit ſolchen das Herz eines jungen Weſens mit verkehrten Gefühlen und ſeinen Geiſt mit krankhaften Ideen unumgänglich erfüllen. müſſe. Ach nein, das iſt durchaus nicht der Fall, wie Jeder wahrnehmen kann, der in einem Irrenhauſe Beobachtungen der Art mit Aufmerkſamkeit und Hin⸗ gebung anſtellt. Gerade der Umgang mit jenen, der Welt entrückten und theilweiſe abgeſtorbenen Geiſtern erhebt die Seele des geiſtig und gemüthlich geſunden Menſchen; er ſchöpft eine unglaubliche Kraft und Ueberzeugungsfeſtigkeit aus der Einſicht, die er täglich, ſtündlich in wachſender Fülle über das Gebrechliche der Menſchennatur gewinnt, er, gerade er bekommt eine tiefere Frömmigkeit— wir verſtehen hierunter die Frömmigkeit der Seele, die wahre Religioſität des Herzens, nicht die kirchliche Scheinfrömmigkeit— einen feſteren Glauben an eine vergeltende Vorſehung, und er zieht Vortheil für ſeine Gegenwart und Zu⸗ kunft aus dem ſchauerlichen Ernſt des Lebens, der 158 hier jeden Augenblick in unverkennbaren Bildern vor ſeine Seele geführt wird. Es mag wunderlich klingen, aber es iſt nur zu wahr, wir täuſchen uns ohne Zweifel eben ſo ſehr in der Beurtheilung der Zuſtände in einem Irren⸗ hauſe, wie wir uns oft in der Beurtheilung der Zu⸗ ſtände unter den in der Welt lebenden Menſchen täu⸗ ſchen. Wie wir die Geiſtesſtufe, auf der die im Leben uns Umgebenden ſtehen, oder vielmehr nur zu ſtehen ſcheinen, uns oft viel höher denken, als ſie iſt, ſo ſtellen wir uns die Vernunftloſigkeit der Irren im Allgemeinen in ſehr übertriebenem Maaße vor. Wer einen ſcharfen Blick und die Gabe beſitzt, ſeine Um⸗ gebung näher zu prüfen, ſie ihres äußeren Flitters zu entkleiden, der wird ſich nicht über die allzu ge⸗ ſunde Geiſtesbeſchaffenheit Derjenigen zu verwundern haben, die wir hier und dort glänzen, überall den Ausſchlag geben, den Ton anſtimmen und nicht ſelten ſogar die Meinung der Welt beherrſchen ſehen. Man glaube uns und unſerer Erfahrung, der alle Irren⸗ ärzte, die wir geſprochen haben, vollkommen beiſtim⸗ men, wenn wir ſagen: es giebt mehr Wahnſinn in der großen Welt zerſtreut, als man ſich gewöhnlich denkt, und in Irrenhäuſern mehr Verſtand, als man in der Regel anzunehmen pflegt. Wir kennen ein 159 paar Dutzend Menſchen, die mit gleichem Rechte in einem Irrenhauſe untergebracht würden, wie ſie in der Welt leben, ja, man würde ſogar weniger Ver⸗ antwortung auf ſich laden, wenn man ſie einſperrte, als indem man ſie frei herumlaufen läßt. Aber wir wollen hier nicht allein von den Kran⸗ ken als einwirkenden Einflüſſen in der bewußten An⸗ ſtalt reden, nein, wir müſſen hier der Beamten und Lehrer, ſo wie ihrer Familien gedenken, die zur Auf⸗ ſicht und Leitung jener Kranken ihren beſtändigen Wohnſitz im Irrenhauſe ſelbſt hatten. Oft hört man in der Welt dieſe Leute bedauern und die Klage aus⸗ ſprechen: mein Gott, was muß es doch für ein troſt⸗ loſes Geſchick ſein, in einem Irrenhauſe zu wohnen, ewig unter Wahnſinnigen ſich aufzuhalten, und einzig und allein damit beſchäftigt zu ſein, ihre unverſtän⸗ digen Irrthümer und geiſtigen Abweichungen berichtigen und ausrotten zu wollen. Ach! der ſo Klagende und mithin Urtheilende irrt ſich gar ſehr. Nie habe ich eine größere innere Zufriedenheit in Familien kennen gelernt, als gerade in Irrenhäuſern. Sie Alle, die die Vorſehung dahin geſtellt, ſind durchdrungen von der heiligen Aufgabe ihres Lebens, ſind getragen von der Kraft ihres Willens, Licht zu verbreiten, wo Fin⸗ ſterniß iſt, den Glauben an Gott zu erwecken und zu 160 ſtärken, wo die phantaſtiſche Teufels⸗ und Geſpenſter⸗ furcht ihre Wurzeln geſchlagen hat. In der That, dieſe wenigen Menſchen, die ſämmtlich eine gewiſſe Neigung und Vorliebe auf dieſen Vorpoſten der menſch⸗ lichen Geſellſchaft geſtellt hat, haben den Vorzug vor allen übrigen Beamten der Welt, daß ſie mit ganzer Hingebung eine eben ſo edle wie ſchwere Pflicht er⸗ füllen, und das Bewußtſein dieſer Pflichterfüllung er⸗ hebt, beſſert, adelt das menſchliche Herz ohne allen Zweifel. So viel hiervon im Allgemeinen; im Ein⸗ zelnen wird ſich noch ſo Manches anknüpfen laſſen, wenn wir von den glücklichen Erfolgen der Erziehung des Kindes der Wahnſinnigen ſprechen. Die Irrenheilanſtalt zu M. hatte das Glück, nicht allein vortreffliche, hochgebildete, von ihrer Aufgabe völlig durchdrungene und ihrem Poſten gewachſene Beamten zu beſitzen, ſondern ſie hatte das noch viel größere Glück, daß dieſe Beamten, in einer ſeltenen Uebereinſtimmung der Anſichten und mit gleich red⸗ lichem Willen begabt, gemeinſchaftlich einem und dem⸗ ſelben Ziele zuſtrebten. Alle in einem Flügel des großen Hauſes wohnenden Familien, vom dirigirenden Arzte an bis zum jüngſten Lehrer und Organiſten, fühlten ſich in ihrer abgeſchloſſenen Welt völlig zu Hauſe, waren glücklich darin und ſuchten ſich gegen⸗ 161 ſeitig die Stunden in dieſer Welt ſo angenehm wie möglich zu machen. Dies galt eben ſo von den Frauen wie von den Männern. Von dem vortrefflichen Geiſt⸗ lichen der Anſtalt ſtrahlte unter Alle eine herzliche Frömmigkeit aus, er lehrte nicht allein von der Kanzel herab, ſondern auch im Hauſe, in der Familie, durch alle ſeine Handlungen, daß alle geiſtig geſunden Be— wohner des Hauſes ein großes Werk der Barmherzig⸗ keit zu vollbringen hätten, auf welches das Auge Gottes ſegnend herabblicke, und dieſes ernſte, heilige Bewußt⸗ ſein füllte jede Seele aus und Alle griffen mit rüſtiger Hand zum ſchweren Werke. Daß ſo begabte, liebens⸗ würdige und thatkräftige Menſchen gegen ein zufällig von einer ihnen anvertrauten Wahnſinnigen in der Anſtalt geborenes Kind nicht weniger liebevoll und barmherzig ſein würden, verſteht ſich von ſelbſt, ja in dieſem Falle vereinte ſich ſogar Alles, das Kind jedem Einzelnen beſonders an's Herz zu legen und Jeder ſtimmte in den unausgeſprochenen Gedanken ein, es wie ſein eigenes erziehen, unterrichten und belehren zu wollen. Unter ſolcher Leitung wuchs denn das Kind bald, nicht zu dem Liebling der Wahnſinnigen allein, ſondern auch der geiſtig Geſunden heran und kein einziges feindliches Element trat ſtörend in ſeine ſtille Bahn. Und ſichtbar ruhte der Segen Gottes Baron Brandau. I... 11 162 auf dieſem unter ſo ſeltſamen Umſtänden aufgewach⸗ ſenen Kinde. Ausgeſtattet war es mit allen Gaben des Geiſtes und Herzens, hervorragend in Bezug auf die vergänglicheren Gaben des Leibes. Die von der Mutter möglicher Weiſe vererbte Gemüthskrankheit fand keinen Anhalt in ihr, nur die Schönheit ihres Körpers, die Vollkommenheit ihrer Geſtalt und die Lieblichkeit ihres Geſichts ging unverkennbar auf ſie über. Daß zu dieſen von der Natur verliehenen Ga⸗ ben allerdings noch ein eigenthümliches Etwas hinzu⸗ kam, was in Folge des Verkehrs und des beſtändigen Umganges mit jenen ſeltſamen Weſen ſich in dem Kinde entwickelte, werden wir ſogleich zu berichten haben. Jenes ſtörende und bittere Element, welches in der äußeren Welt der heiteren Entwicklung junger Zög⸗ linge oft ſo herbe und verletzend entgegentritt, wir meinen die Unbeſtändigkeit der Neigungen und Ge⸗ fühle, mit welcher der veränderliche Menſch im Leben uns oft genug peinigt und demüthigt, war hier in der Irrenanſtalt nicht zu bemerken und zu bekämpfen. In der That, die Zuneigung und faſt übergroße Zärt⸗ lichkeit der Wahnſinnigen, die dieſe von frühſter Jugend für jenes Kind an den Tag legten, blieb ſich unver⸗ ändert im Laufe der Jahre gleich; auch als es an Leib und Seele wuchs und ſeiner blühendſten Reife 163 entgegenging, blieb ſie ſch gleich treu und rein. Dieſe Zärtlichkeit pflanzte ſich von den die Anſtalt Ver⸗ laſſenden auf die Neuankommenden fort, es ward als eine Art Schutzgeiſt, als ein der Anſtalt gehöriges allgemeines Kleinod betrachtet und in dieſem Sinne gehegt und gepflegt. Selten mag einem ſo kleinen Weſen von der Wiege an bis in ſein reiferes Alter eine ſo unwandelbare, ſich ſtets gleich bleibende Liebe und Verehrung gewidmet worden ſein als dieſem Kinde, ſelten freilich auch, fügen wir hinzu, von ſolchen Liebenden in einer ſolchen Anſtalt. Kann es uns daher Wunder nehmen, wenn die Gegenliebe des Kindes zu den Wahnſinnigen, ihre Theilnahme an Allem, was dieſe betraf, eine eben ſo große und innige war? Nein, denn das Herz des Kindes iſt, gleich dem durchſichtig klaren Fluſſe, der das Bild der ihn umkränzenden Landſchaft lieblich zurückſtrahlt, ein von der Natur geſchaffener Spiegel, in dem ſich die Gedanken und Gefühle der Erwach⸗ ſenen, die es erziehen und belehren, in ſeltener Treue dem Auge des Beobachtenden darſtellen. Von der Natur mit einer wunderbaren Erfaſſungs⸗ gabe alles Gebotenen ausgeſtattet, entwickelte ſich unter ſo ernſter Umgebung früh ihr geiſtiger Kern; ihr Auge öffnete ſich weit und nahm mit ſeltenem . 11* 164 Scharfblick die verſchiedenen Gegenſtände auf, die ſich ihrer Beobachtung ſchon in den erſten Lebensjahren boten. Mit einem inſtinktartigen Gefühle des Rech⸗ ten, Nützlichen und Wohlthätigen begabt, verſtand ſie es meiſterhaft, mit den Geiſteskranken jederlei Gattung umzugehen und zu verkehren, und dieſelben, der Art ihrer Krankheit gemäß, bald feſt und ernſt, bald milde und tröſtend, bald ermuthigend und anregend zu be⸗ handeln.— Als ſie größer geworden war, geſtattete ihr ihre Mutter, nachdem ſie die Furcht überwunden, daß man ihrem Kinde Schaden zufügen oder es ihr entziehen wolle, die Kranken auf ihren Spaziergängen und wei⸗ teren Ausflügen in das nahe Gebirge zu begleiten, und hier war Marie ſtets von einem großen Kreiſe ihr Zuhörender und Lernbegieriger umgeben, denn die Geiſteskranken gewiſſer Art zeichnen ſich vor vielen geſunden Menſchen dadurch aus, daß ſie aufmerkſam auf die Lehren Derer achten, die ihnen zur Richt⸗ ſchnur ihrer Handlungen gegeben ſind, ſie fühlen leicht heraus, wer ihnen wohl will, was ſie belehrt und erhebt, was ihnen nützlich und erſprießlich werden kann. Auf dieſen näheren oder entfernteren Gängen ward Marie die Lehrerin und Erzählerin der Irren, ſie lernte alle ihre Verkehrtheiten und Abweichungen 165 kennen und, von ihrem Beobachtungstriebe angeſtachelt, hatte ſie bald die Mittel begriffen, welche die Aerzte für die ſchicklichſten und heilbringendſten in einzelnen Fällen erkannt hatten. So wirkte ſie im Geiſte der Aerzte als eine Art Naturheilprincip aus ſich ſelbſt heraus, und Niemanden gab es im Innern der An⸗ ſtalt, der eine mächtigere, vielleicht weil ſie ſo ſanft wie innig war, und eine nachhaltigere Einwirkung auf die Kranken gehabt hätte, als dieſes junge Mädchen. Die am heftigſten Tobenden beruhigte ſie durch ihre einſchmeichelnde Sanftmuth und den ergreifenden Blick ihres geiſtig bezwingenden Auges, die am ſchmerzlich⸗ ſten von Melancholie Ergriffenen tröſtete ſie mit ihren anregenden und aus vollem Herzen ſtrömenden Worten. Zu dieſer frühen Ausbildung und Vervollkomm⸗ nung ihres Weſens trug ſehr viel das wachſende, leibliche Uebel ihrer Mutter bei, die allmälig an der bei Wahnſinnigen ſo häufigen Krankheit, der allge⸗ meinen Abzehrung zu leiden begann. Sie hätte Tag und Nacht an dem Bette dieſer ihr ſo theuren Perſon geſeſſen und ſie gepflegt, wenn die Aerzte, die alle Rückſicht auf ihre eigene Geſundheit nahmen, es ge⸗ ſtattet hätten. Dennoch aber beobachtete ſie jeden Athemzug, jeden Pulsſchlag, jeden Blick der täglich hinfälliger werdenden Unglücklichen. Jeden Augen⸗ . 166 blick war ſie bereit, ihre Hülfe anzubieten, irgend einen Dienſt zu leiſten, und keine Bequemlichkeit gab es für ſie, die ſie nicht gern geopfert hätte, um die Mutter einer Unbequemlichkeit überheben zu können. Dadurch entwickelte ſich in dieſem ſeltenen Weſen allmälig eine ganz beſondere Art und Weiſe, den Kranken gegen⸗ über aufzutreten, ihr ganzes Weſen ging in dem Weſen Anderer, Leidender auf, ſie war mit einem Wort auf dem beſten Wege, die vollkommenſte barmherzige Schwe⸗ ſter zu werden. Kaum hörte man ihren ſanften Tritt, wenn ſie durch ihr Zimmer glitt; die Bewegung ihrer weichen Hand, wenn ſie ſie auf die Stirn eines Lei⸗ denden legte, hatte ſchon in der graziöſen Art dieſes Auflegens ſelbſt etwas ungemein Gewinnendes, ihre Berührung aber electriſirte die Schwachen und be⸗ ruhigte die Aufgeregten. So, indem ſie ſich ſelbſt ihre tägliche Aufgabe ſtellte, von Bett zu Bett, von Saal zu Saal zu wandeln, entwickelte ſich ihr ganzes geiſtiges Vermögen zu einer unglaublichen Innigkeit und Herzensgüte; empfänglich für alles Schöne, Gute, Erhabene, ward ſie ſich ihres Berufes bewußt, die belebende und ſegenſpendende Prieſterin im Tempel des Schmerzes zu ſein, und wo ein Unglücklicher ſich zeigte, glaubte ſie ſich eben ſo befähigt wie auserleſen, Theil an ſeinen Leiden zu nehmen. 167 So war ſie alſo ſchon früh der allbekannte und geliebte Schutzengel der Anſtalt geworden; man hatte ihr eine große Freiheit im Schalten und Walten ein⸗ geräumt. Von Krankenbett zu Krankenbett war es ihr erlaubt zu wandern und überall ſpendete ſie Se⸗ gen und eine Befriedigung aus, wie ſie kein Anderer von der Hand Gottes empfangen zu haben ſchien. Sämmtlichen Bewohnern der Anſtalt war ſie auf dieſe Art ein gewiſſes Bedürfniß geworden und von allen Familien wurde ſie wie ein eigenes Kind geliebt. Keiner konnte den Gedanken faſſen, daß ſie einſt dies Haus, wo ſie geboren und groß geworden, wo ſie ſo ſegensreich gewirkt und ſich ſelbſt ſo glücklich gefühlt, jemals verlaſſen könne, und ſie ſelbſt dachte am we⸗ nigſten daran, daß ihr einſt und ſogar in nicht gar langer Zeit ein anderes Lebensloos aufbewahrt ſein könne. Hätte ſie davon eine Ahnung gehabt, wahrlich, das wäre ihr erſter Schmerz, ihr erſter Zwang ge⸗ weſen, denn ſie kannte keine andere Welt als das Irrenhaus, das war ihre einzige Heimat, da allein hatte ſie Verwandte, Freunde, da hatte ſie Gott, die Menſchen und ſich kennen gelernt, und nur in dieſen ſtillen Mauern lebte und wirkte ihre ganze Seele. Es gab für ſie auch nichts Schöneres, Vollkommeneres als dieſes Haus, nichts Beſſeres, als die darin wohnenden 168 Menſchen. Sie kannte nichts und wollte nichts An⸗ deres kennen lernen; denn der Schauplatz, den ſie bis jetzt betreten, enthielt die Erfüllung aller ihrer Wünſche: lieben und geliebt werden— dieſe heilige Wechſel⸗ wirkung zwiſchen ihren Freunden, ihren Wahnſinnigen und ſich— Das war die Aufgabe, die ſie ſelbſt ihrem Leben geſtellt zu haben ſchien. So war ſie in die Jahre ihrer vollen Entwicklung getreten, denn die Vollendung ihres achtzehnten Le⸗ bensjahres ſtand nahe bevor. Es wäre eine zu ſchwie⸗ rige Aufgabe, ihre Schönheit in ihrer ſeltſamen Entfaltung beſchreiben zu wollen, da dieſelbe eben ſo wohl geiſtiger wie körperlicher Art war. Daß die Formen ihres mäßig großen Körpers vollendet waren, haben wir ſchon erwähnt; ihr Geſicht, obgleich in der Regel etwas blaß, ſtrahlte die Fülle und Regſamkeit eines inneren Lebens wieder, wie wir nie etwas Aehn⸗ liches unter dem weiblichen Geſchlechte geſehen. Jede. Regung ihrer Seele ſprach ſich aus im Lächeln ihres Mundes, in einem leiſen Erröthen ihrer Stirn und Wangen, zumeiſt aber verrieth ſich jede ihrer Empfin⸗ dungen in ihrem ſanft und doch ſo klar blickenden Auge, deſſen Verſtändniß, auch wenn ſie ſchwieg, bei⸗ nahe ſo leicht war, als wenn ſie mit Worten geredet hätte. Gegen wen ſie die ſtets etwas tief herabhän⸗ 169 genden Augenlider langſam und voll aufſchlug und auf weſſen Geſicht ſie ihren Blick haften ließ, dem drang dieſer Blick bis in's innerſte Herz, ihr Wille überwog den ſeinigen, als wäre ſie von einer inneren ſiegreichen Macht erfüllt, die gleich einem magnetiſchen Fluidum um ſo wunderbarere Wirkung äußerte, als man keine große Kraftanſtrengung von ihrer Seite anwenden ſah. So glich ſie jener geheimnißvollen orientaliſchen Sinnpflanze, die nicht allein ſelbſt bei jeder äußeren Berührung erzittert und Empfindung und Leben zu erkennen giebt, ſondern deren Berührung dem Berührenden ſelbſt eine unbeſchreibliche, aber immer nur angenehme Empfindung erregt. Ihr Gang hatte vor allen Dingen nichts Irdiſches; man ſah kein Glied ſich an ihrem geſchmeidigen Körper bewe⸗ gen, ſie glitt dahin wie ein Fiſch im Waſſer oder wie ein ſchönes Schiff, deſſen Segel alle vom Winde ge⸗ füllt ſind, bei dem man die treibende Kraft aber nur an der Bewegung nach vorwärts erkennt. Im Gan⸗ zen war über ihr Geſicht, ihren Gang, über die Hal⸗ tung ihres ganzen Körpers ſtets eine ſinnende, nach⸗ denkliche Grazie ausgegoſſen; ſo bewegte ſie ſich auch immer langſam, bedächtig, und niemals verrieth ſich etwas Heftiges, Leidenſchaftliches in ihrem ganzen Weſen, denn ihre einzige Leidenſchaft war ihre Liebe 170 und Neigung zu den Menſchen, die ſie umgaben, und dieſe Liebe war in den reinen keuſchen Behälter ihres jungfräulichen Buſens eingeſchloſſen. Gern ſprach ſie mit den Aerzten bei Tiſche, an dem ſie früher oft mit ihrer Mutter geſeſſen, jetzt aber allein ſaß, oder auf Spaziergängen, über die verſchiedenen Arten der Geiſtes⸗ und Gemüthskrank⸗ heiten der Menſchen, und die Aerzte ſprachen auch gern mit ihr darüber, denn im ſteten Umgange mit denſelben hatte ſie ſich ihre eigenen Gedanken darüber gebildet und dieſe Gedanken waren oft wunderbar treffend und naturgemäß. Wie die geiſtige Entwicklung in dieſem ſeltſamen Geſchöpfe unter den gegebenen Verhältniſſen eine ſo hohe Vollkommenheit erreichen konnte, darüber laſſen ſich nur Vermuthungen und Hypotheſen aufſtellen, eine Gewißheit kann kein Menſch ausſprechen. Von einer ſchönen, edlen aber gemüthskranken Mutter ge⸗ boren, unter Wahnſinnigen aufgewachſen und unter ihrem Einfluſſe erzogen, hatte ſie jenes unbeſchreibliche Gemüthvolle, Einſchmeichelnde, innig Bewegende in ihr Weſen aufgenommen, was dem aufmerkſamen und ſinnigen Beobachter ſo ſehr zu Herzen ſpricht, was den menſchlichen Geiſt in ſeiner ganzen Tiefe erfaßt und zugleich befähigt, nachzudenken über die geiſtige 471 Wandelung, die die Natur in den zur Geſundheit ge⸗ ſchaffenen Organen allein herbeizuführen die Macht hat. Es war ihr mit einem Wort jene große geiſtige Potenz verliehen, die wir an bedeutenden Irrenärzten ſo ſehr bewundern und nicht begreifen können, daß ſie, unbeſchadet ihrer moraliſchen und intellektuellen Fähigkeit, mit Bewußtſein in die Lage eines Wahn⸗ ſinnigen ſich verſetzen und von innen heraus über ein ihnen Fremdes geiſtig, friſch und zugleich wohl⸗ thätig wirken können. Man verzeihe uns, wenn wir uns bei der Schil⸗ derung dieſer weiblichen Perſönlichkeit ſo lange auf⸗ gehalten haben, aber es reizte uns zu gewaltig, das Portrait dieſes Mädchens nicht wie ein Maler, viel⸗ mehr wie ein Seelenforſcher zu entwerfen; und wenn uns dieſer Verſuch bei Weitem nicht vollſtändig ge⸗ lungen iſt, ſo lag die Schuld davon ſowohl an un⸗ ſerer eigenen Schwäche, wie an der unerreichbaren Tiefe und Hoheit der vor unſerer Seele ſtehenden Ge⸗ ſtalt, des Weſens jenes Kindes der Wahnſinnigen, das, aus dem Schooße einer ſolchen ſelbſt hervorge⸗ gangen, allein von der Natur gegen denſelben geſchützt und ſogar mit gewaltigen Waffen, denſelben in An⸗ deren zu bekämpfen, ausgerüſtet zu ſein ſchien.— Kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstage trat 6 172 endlich die längſt erwartete Auflöſung der Mutter der jungen Waiſe ein. Es war im lieblichen Monat Mai. Draußen in den Gebüſchen dicht vor dem Sterbezimmer ſang die Nachtigall ihr wonniges Lied, als die Arme ihren letzten Seufzer aushauchte. Auf die Seele des verlaſſenen Mädchens fiel es wie ein eiskalter Nebel— einige Stunden lang ſah und hörte ſie nicht, was um ſie her vorging, die Natur ſelbſt hatte für ſie ihr Angeſicht verſchleiert, die von ihr ſo heiß geliebten Menſchen hatten ihre Stimmen, ihre Geſtalt verloren, ſie gewahrte und vernahm nichts von ihnen. Tief, gewaltig fraß der Schmerz in ihrer Seele, aber dieſe erhabene Seele war von ſo wunder⸗ bar lebensvoller Elaſtizität, daß er ſie wohl ſchmerzlich berühren, aber nicht zerſtören konnte. Als ſie nach einigen Stunden einſamer Zerknirſchung zum Bewußt⸗ ſein zurückgekehrt war und zum letzten Male ihre. weichen, warmen Lippen auf die kalten ihrer Erzeu⸗ gerin gedrückt hatte, war die Beklommenheit ihres Herzens gewichen, ihr Geiſt erhob ſich in ſeiner ganzen Größe und verbannte die lautloſe Klage in das In⸗ nerſte ihres Weſens. Mit ihren leiſen unhörbaren Schritten folgte ſie den Trägern, welche die entſeelte Hülle in die dazu beſtimmte Kammer trugen, hüllte mit eigenen Händen das bleiche Geſicht der Entſchla⸗ fenen in ſchneeige Tücher und folgte dann willfährig dem oberſten Arzte, der ſie liebevoll in ſeine Familie einführte. Ihr einziger Wunſch war nur der, dieſe Familie, dies Irrenhaus nie verlaſſen zu dürfen, ach! und das war leider oder vielmehr glücklicherweiſe das Einzige, was ihr der vortreffliche Mann nicht gewäh⸗ ren konnte. Denn ſeine Pflicht erheiſchte, den Ver⸗ wandten ſeiner Pflegebefohlenen ſogleich von dem Vorgefallenen Kenntniß zu geben. Und was der Arzt und ſeine Familie, was die Beamten der Anſtalt und Jeder, der darüber nachdenken konnte, erwartet hatte, geſchah: nach wenigen Tagen ſchon kam der Befehl an, die Tochter der Verblichenen ihrem Oheime, der zugleich ihr Vormund war, zuzuführen. Der Schmerz, die Ueberraſchung, das Erſtaunen über dieſe Nachricht war für die davon zumeiſt Betroffene faſt noch größer, als der Schmerz, den der Tod ihrer Mutter ihr ver⸗ urſacht hatte. Sie konnte den Willen des Oheims nicht begreifen und klagte zum erſten Mal laut das Schickſal an, welches ihr einen ſo ſchwer zu erfüllenden Befehl zukommen ließ. Vergebens waren die Tröſtun⸗ gen der Aerzte, des Geiſtlichen, ihrer früheren Lehrer, ſie konnte den Gedanken nicht ertragen, ſich von Allem, was ſie ſo ſehr liebte, was ſie ſeit ihrer Kindheit, ihr ganzes Leben hindurch geliebt, trennen zu müſſen. 174 Dennoch mußte die Trennung erfolgen und ſie erfolgte wirklich. Mit welchen Schmerzen dieſelbe aber vor ſich ging, wollen wir hier nicht auszumalen verſuchen. Tauſendmal lag ſie in den Armen aller ihr ſo un⸗ ausſprechlich Geliebten, raſtlos durchlief ſie die Säle, die Zimmer, die Corridore, tauſendmal küßte ſie die Bäume, den Boden der Berge, wo ſie ſo oft und ſo namenlos glücklich geweſen war. Endlich aber war die Stunde des Abſchieds gekommen und widerſtands⸗ los fügte ſie ſich in das Unvermeidliche, ſtieg, nachdem ſie noch einmal eine halbe Stunde auf dem Grabe ihrer Mutter geſeſſen, in den Wagen mit ihrer Be⸗ gleiterin, einer der Aufſeherinnen der Anſtalt, und fuhr einer Welt entgegen, in der ihr Alles fremd war, die Menſchen, die Gewohnheiten, die Sitten, wo ihr alles bisher Liebgewonnene fehlte, alle Liebe, alle Freundſchaft, die ſie achtzehn Jahre lang ſtündlich ge⸗ noſſen, und wo allein die ſchöne Natur, wie man ſie hoffen ließ, ſie zu tröſten verſprach, der ſie ſich mit ganzem Herzen von Kindheit an in die Arme gewor⸗ fen hatte. Wie ſie in das Haus des Oheims gekommen, wiſſen wir; aber wir kennen noch nicht die Gedanken, die ſich ihr aufdrängten, als ſie zum erſten Mal den einzigen Verwandten ſah, den ihr das Schickſal g⸗ 175 laſſen und der ihr von nun an Vater und Mutter in einer Perſon vertreten ſollte. Mit dieſen Gedanken uns jetzt aber zu beſchäftigen, wird es endlich an der Zeit ſein. Die erſte Nacht, die Marie in dem einſamen und ſtillen Hauſe ihres Oheims verlebte, war eine im höchſten Grade kummervolle für ſie. Von den neuen Erlebniſſen in Anſpruch genommen, nachdem ſie noch nicht die alten bezwungen, war es ihr nicht möglich, den Schlaf herbeizurufen, der ſie ſonſt immer ſo willig auf ihrem ſtillen Lager heimgeſucht hatte. Hin und her wälzte ſie ſich in ihrem Bette und ging mit ſich und ihrem Schöpfer zu Rathe, indem ſie ihn bat, ihr eine Gelegenheit zu geben, ihr Herz zu beruhigen und den Kummer zu zerſtreuen, der ihre Seele faſt erdrückte. Und in der That, ſchneller als ſie vermu⸗ thet, ſchickte ihr Gott das Begehrte, indem er ihr das Bild ihres Oheims vor die Erinnerung führte, der, ohne es zu ahnen, einen großen Eindruck auf ihr empfängliches Gemüth gemacht hatte. Sie hatte ihn ſich nach ſeinen Briefen ganz anders vorgeſtellt, denn er hatte ſtets liebevoll und freundlich an den erſten Arzt der Anſtalt ihretwegen geſchrieben. Nun war 176 ſie gekommen und hatte ihn ſelbſt geſehen, und da war er ihr nicht gleich liebevoll und freundlich ent⸗ gegengetreten. Freilich, ſeine Stimmung am erſten Abend war für ſie auch nicht günſtig geweſen, was ſie indeſſen nicht wiſſen konnte. Aber demungeachtet hatte er, wie geſagt, einen ſehr bedeutenden Eindruck auf ſie gemacht und, merkwürdig genug! einen ſehr guten, das heißt gut in Beziehung auf die eigen⸗ thümliche Herzensrichtung und Denkweiſe des jungen Mädchens. Es war nicht der Gedanke, der ſich ihr mehr als einmal aufgedrängt hatte, daß dieſer ſtrenge Mann mit der grollenden Miene und dem befehls⸗ haberiſchen Tone ihr einziger älterer Verwandter, der Bruder ihrer ſo innig geliebten verſtorbenen Mutter ſei, es war nicht dieſer troſtreiche und wohlthuende Gedanke, der ſie zur Theilnahme, ſogar zur wärmeren Neigung bewogen hatte, nein, es war ein ganz an⸗ deres Gefühl, die vorahnende Erkenntniß ihrer ſo fein begabten Seele, die ſie ſchnell dem Oheim zugeführt. Sie hatte auf ſeinem Geſichte Etwas geleſen, was ihr nahe ging: Kummer und Sorge— um Was? um Wen?— das wußte ſie freilich nicht, aber das war ihr für den Augenblick auch noch gleichgültig; ſie hatte jedoch in ſeinen Mienen einen bitteren Zu 177 hülfs⸗ oder liebebedürftig ſei, und das war etwas für ihr liebebringendes Herz, das ſich unbewußt und in⸗ ſtinktartig den Leiden der Menſchheit gewidmet hatte. Daher faßte ſie in dieſer Nacht Entſchlüſſe, die, hätte ſie der Oheim geahnt, ſein Herz gewiß ſchneller ſchla⸗ gen gemacht und ſeine ganze Neigung der liebevollen Nichte zugewandt haben würden. Mit einem Wort, ſie faßte den bewunderungswürdigen Entſchluß, dieſen Mann von ganzem Herzen zu lieben, Alles zu thun, was ihm angenehm ſein könnte, und ihm ſo das Le⸗ ben verſüßen und ſeine Schmerzen, welcher Art ſie auch ſein mochten, auf jede Weiſe erleichtern zu helfen Mit dieſem Entſchluſſe und nachdem ſie Gott ihr ganzes Herz dargelegt und ſeinen Segen zu dem neuen Werke herabgefleht, ſchlief ſie gegen Morgen ein und wachte erſt wieder auf, als die Strahlen eines won⸗ niglichen Tages längſt die Fluren vergoldeten und die alte Hanne ſchon zum dritten Mal neugierig in's Zimmer geblickt hatte, um zu ſehen, wie ſich die kleine Wahnſinnige am erſten Tage ihres Erwachens im heimatlichen Hauſe benehmen würde. Denn für et⸗ was wahnſinnig hielt ſie nun einmal Frau Hanne, und ſagen wir es gleich hier, auch viele andere, ja wohl alle Diener im Schloſſe des Barons noch längere Zeit. Denn einmal war ſie nach der Meinung der⸗ Baron Brandau. I. 4 12 178 ſelben von einer wahnſinnigen Mutter geboren, in einem Irrenhauſe unter Wahnſinnigen erzogen und dann— ja dann war ihre Erſcheinung in der That weit abweichend von der Erſcheinung anderer junger Damen in ihrem Alter und in ihren Verhältniſſen. Freilich war ſie von einer wunderbaren Schönheit, einer engelsgleichen Sanftmuth, aber— und Das war die Hauptſache— ſie hatte eine ſo ganz eigene Art zu ſprechen, zu fragen, zu beobachten und dabei die Perſon, mit der ſie ſprach, ſo eigenthümlich for⸗ ſchend anzublicken, daß den ungebildeten und einfachen Leuten ſehr bedenklich zu Muthe wurde. Nur Einen nehmen wir von Allen, die ſolcher Anſicht waren, aus, den Doktor Millinger, der, wenn auch nicht zu⸗ folge ſeiner Erfahrung, denn er war kein beſonders praktiſch erfahrener Irrenarzt, doch zufolge ſeines zar⸗ teren Naturells, ſeiner Menſchenkenntniß und beſonders ſeiner unbefangenen Beobachtungsgabe bald heraus⸗ finden ſollte, daß dies eigenthümliche Weſen des jungen Mädchens nicht in einer geiſtigen oder gemüthlichen Störung begründet, vielmehr ein Symptom einer vorzugsweiſe begabten Organiſation ſei, ein Weſen, welches dadurch ſeine vollkommene und frühzeitige Ent⸗ wickelung erlangt, weil ſie ein bei Weitem mehr pſychiſches als phyſiſches Leben geführt habe und nur — 179 zu führen geſchaffen ſei, und daß in dieſem ſeltſamen kleinen Kopfe, der ſo unſchuldig und demüthig auf den ſchwellenden Schultern getragen wurde, eine ganz beſondere Welt von Gedanken und Erfahrungen ſich rege, die weit über ihre Jahre hinaus zu liegen ſchien. Schon am erſten Tage machte er eine Bemerkung, die er noch nie bei ſo jungen Perſonen gemacht, daß im Junern dieſer Perſon ſich mehr der Frage und Antwort bewege, als über ihre Lippen kam. Der wunderbare Blick, den ſie während des Geſprächs bisweilen in die Augen der mit ihr Redenden tauchte, ſchien gleichſam die Ergaͤnzung ihrer kurzen geſprochenen Fragen zu ſein, oft auch die Erklärung, die ſie verſchwieg, und da man ihr anſah, daß ſie nicht der Heuchelei und Ver⸗ ſtellung fähig ſei, ſo gab gerade dieſer wunderbare Zlick Aufſchluß über die arbeitende Gährung in ihrem übervollen Innern. In Folge dieſer Beobachtungen war der Arzt gleich am erſten Tage von ihr gewonnen, beinahe bezaubert, ſie war ihm eine unbegreifliche Er⸗ ſcheinung, deren Exiſtenz er ſich bei ihrem bisherigen Leben eben ſo wenig erklären konnte, wie die Vollendung ihres äußeren und inneren Weſens, der er aber eben darum ſich ſchneller und inniger hinzugeben begann, als es im gewöhnlichen Laufe der Dinge und bei einer weniger begabten Perſon möglich geweſen wäre. 2* * 180 Frau Hanne hatte ſich in der That aus Furcht, mit einer Wahnſinnigen in einem Zimmer zu ſchla⸗ fen, in ein Nebengemach gebettet und die Nacht über vorſichtig die Thür geſchloſſen gehalten, was, wie wir ſelbſt am beſten wiſſen, eine ganz unnöthige Sorgfalt war. Als nun der Baron abgereiſt war und die junge Dame endlich die Augen aufſchlug, was zu⸗ fällig die alte Hanne belauſchte, bot ſie ihr einen guten Morgen und zugleich ihre oder einer Magd Hülfe beim Ankleiden an. Marie, an eigene Bedie⸗ nung gewöhnt, da ſie ſich in allen Stunden der Nacht vaſch anzukleiden oft genöthigt geweſen war, dankte und lehnte die Bedienung ab, verſprach aber in kurzer Zeit im Garten das Frühſtück einnehmen zu wollen, was die Schaffnerin vorgeſchlagen hatte. Eine halbe Stunde nach dieſem Geſpräch trat die junge Dame, ſtrahlendogvon Anmuth und Jugendfriſche, nur die Augenanoch etwas vom langen Weinen am vorigen Tage getrübt) in den Garten. Ihr kaſtanienbraunes Haar war breit über der klaren Stirn geſcheitelt und ihr ſchwarzer bis an den Hals zugeknöpfter Taffetrock ſchwolh won den herrlichen Formen auf, die lebens⸗ warm unter der leichten Hülle athmeten. m Als Marie eben ihr Frühſtück unter einer alten Linde beendigt hatten wieherte ein Pferd auf dem ½ „ Wohlwollen ausgeprägt lag, lächelnd entgegen. dem ſie erfahren wer er war, mit einer ſo natürlichen Weſens, daß der Doktor Millinger ſich über die Hofe und der Doktor Millinger ſtieg aus dem Sattel, denn er hatte den Krankenbeſuch, der ihn ſo früh aus dem Hauſe gerufen, bereits hinter ſich und war jetzt gekommen, dem Wunſche des Barons in Bezug auf die junge Dame Folge zu leiſten. Als Frau Hanne das Pferd wiehern hörte, deſſen Stimme ſie kannte, ſprang ſie in das Haus und lief dem Doktor entgegen, um ihm insgeheim das bereits Erlebte mit⸗ zutheilen. Nach einigen Minuten trat er in den Garten und ſtellte ſich als Hausfreund und Arzt des Barons vor. Bei dem Worte„Arzt“ färbte ſich des Mädchens Wange höher, denn ihr fiel ſogleich ihr treuer Freund im Irrenhauſe und folglich auch dieſes ſelbſt ein. Aber raſch ſammelte ſie ſich und trat dem wackeren Manne, auf deſſen Geſicht das mildeſte Wenn ſich dem Wunſche des Barons, in ſeiner Abweſenheit den geiſtigen Zuſtand der Nichte zu er⸗ forſchen, von Seiten des Arztes eine leicht erklärliche perſönliche Neugierde beigeſellt hatte, ſo ſollte dieſelbe ſehr bald zu Gunſten der jungen Dame befriedigt werden. Denn ſie begrüßte den fremden Mann, nach⸗ Freundlichkeit, einer ſo entgegenkommenden Milde des 182 wenigen Worte, die ſie hören ließ, bald getröſtet fühlte. Das darauf folgende Geſpräch nahm ſehr bald eine ſowohl für den forſchenden Arzt wie für das lauſchende Mädchen ſehr intereſſante, ja bedeu⸗ tungsvolle Wendung. „Kommen Sie oft hierher?“ fragte Marie, indem ſie das ſeelenvolle Auge voll und groß gegen den Befragten aufſchlug. „Ich bin der Arzt und zugleich auch der Freund des Herrn Barons, mein gnädiges Fräulein, und komme ſowohl auf ſeinen Wunſch wie oft aus eige⸗ nem Antriebe auf das Gut.“ „Iſt mein Oheim häufig krank?“ „Gott ſei Dank, nein! Faſt nie. Aber von dem zahlreichen Geſinde leidet bald Dieſer bald Jener, was bei der ſchweren und mannigfaltigen Arbeit nicht zu verwundern iſt.“ „Sind Sie meinem Oheim wahrhaſt zugethan?“ „Wie fener der gute Doktor, der nicht recht gehört zu haben glaubte. „Ich meine, ob Sie ſein wahrer Freund oder nur ein ſogenannter guter Freund ſind?“ „Ei, ich denke, ich bin ſein wahrer Freund, ſo viel ich wenigſei neinen Gedanken und Gefühlen nach 183 weiß— ich verkehre ſchon über zwanzig Jahre mit ihm und ſeiner Familie.“ Hier hob Marie ihre Augenlider ſo plötzlich und faſt erſchrocken in die Höhe, daß es dem Doktor vor⸗ kam, als blickten zwei große feurige Strahlen ihn ſengend an, und doch waren die Augen Mariens von reinſter blauer Farbe. „Wieviel Jahre?“ fragte ſie mit bebender Stimme —„Nennen Sie die Zahl noch einmal!“ „Es ſind mehr als zwanzig Jahre— ja!“ „So!“ ſagte ſie und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Beunruhigt Sie Das?“ fragte der Arzt verwun⸗ dert. „Nein— ich freue mich— ach, ich ſage, ich freue mich, und doch empfinde ich dabei einen tiefen, un⸗ nennbaren Schmerz. Denn wenn Sie ſo lange in dieſem Hauſe Arzt und Freund ſind, ſo müſſen Sie auch vor etwa neunzehn Jahren—“ Sie vollendete nicht, ſondern ſtarrte mit halb geöffne⸗ tem Munde den mit angehaltenem Athem Lauſchen⸗ den an. „Vor neunzehn Jahren— ja, hm! Gs iſt wabr ſo lange iſt es etwa her—“* 184 „Alſo Sie haben mich verſtanden. Sie haben meine gute arme Mutter gekannt?“ Gekannt? O mein Gott, mein Fräulein— ich habe ſie ja ſelbſt nach M... gebracht.“ Marie erhob ſich plötzlich von der Gartenbank, auf der ſie ſaß. Sie hielt beide Hände vor' Geſicht und wandte ſich dann von dem Arzte ab. Dieſer blieb verlegen ſitzen und wußte nicht, was er thun, ob er ſprechen oder ſchweigen ſollte. Plötzlich aber trat die Baroneß auf ihn zu, trocknete raſch ihre Au⸗ gen mit einem Tuche und ergriff dann beide Hände des immer mehr erſtaunten Freundes ihres Oheims. „Herr Doktor,“ ſagte ſie mit gepreßter Stimme,„ich danke Ihnen, Sie haben meine Mutter an einen vortrefflichen Ort gebracht. Verſtehen Sie mich— ich, das Kind jener unglücklichen Frau, danke Ihnen, daß Sie ſie in das Haus gebracht, in welchem ich geboren bin. Wohl, Herr Doktor, auch wir müſſen Freunde ſein. Wollen Sie Das? Ich liebe die Aerzte und habe Grund genug dazu.“ Der alte Mann wußte nicht, was er erwidern ſollte. Dieſer Freundſchaftsantrag war ſo raſch ge⸗ kommen, aber ſo natürlich ausgeſprochen und von ſo unbeſchreiblich liebevollen Mienen und Blicken unter⸗ ſtützt, daß 8— Augen feucht werden fühlte. Er 4 185 drückte feſt und immer feſter die kleinen Händchen, die in den ſeinigen ruhten, und ſagte mit bedeutſa⸗ mem Ausdrucke:„Ja, meine junge Dame, wir wollen Freunde ſein, wie und was auch kommen möge. Ach, das iſt ein ſo unſäglich wohlthuendes Gefühl für mich, daß gerade Sie, Sie mir Ihre Freund⸗ ſchaft ſchenken, daß ich Ihnen nicht genug meinen Dank dafür ausdrücken kann.“ „Haben Sie eine Stunde Zeit für mich?“ „Zwei bis drei, wenn Sie befehlen.“ „Ach, ich befehle nicht, nie— einen Freund bittet man nur.“ „So lehinen Sie dieſen danzen Vormittag für ſich.“ 2 „Gut, kommen Sie; führen Sie mich auf dem Gute meines Oheims umher und zeigen Sie mir meine neue Heimat. Die Gegend ſoll ſchön ſein, ſagte man mir. Aber um Eins bitte ich noch— ja ich fordere es— nennen Sie mich Marie, denn ſo haben alle meine Freunde mich ſtets genannt—“ „O! Marie? Ich? Aber bedenken Sie doch den Herrn Baron— er iſt ein ſo ſlalztt. ſo ſtreng Auf ſeinen Stand haltender Mann—, „So, iſt er Das? Aber was ſchadet Das uns?“ „Er wird es nicht geſtatten und mir zürnen, wenn 186 er hört, daß ich mir ſolche Freiheiten herausnehme — ich kenne ihn darin.“ „O nein, erzürnen wollen wir ihn nicht, den ar⸗ men Mann—“ „Armen Mann— wie ſo? Wie meinen Sie Das?“ „Ich meine es ſo, wie es iſt. Mein Oheim hat Kummer—“ „Woher wiſſen Sie Das?“ „Ich habe es geſehen.“ „Wo denn?“ 3 „Auf ſeiner Stirn, in ſeinen Augen, um ſeinen Mund, kurz, in ſeinem ganzen Geſichte.“ Der Arzt ſtand immer verwunderter vor ſeiner neuen Freundin, der Zauber ihres Weſens fing auch auf ihn an zu wirken. Er ſenkte den Kopf und murmelte einige unverſtändliche Worte. „Und damit wir ihm nicht noch mehr Kummer bereiten,“ fuhr Marie fort,„auch nicht den geringſten, ſo nennen Sie mich wenigſtens bei meinem Namen, wenn wir allein ſind; Sie glauben nicht, wie al⸗ bern mir das Wort gnädiges Fräulein im Munde eines verſtändigen Mannes klingt; wenn er aber zu⸗ gegen iſt, nennen Sie mich, wie Sie wollen.“ Mit dieſen Worin glitt ſie in das Zimmer, holte ihren — Strohhut hervor und folgte dann dem langſam ſchrei⸗ tenden Doktor, der ſie durch den Park auf das Feld und über dies hinaus auf die Anhöhe führte, wo die Gräber der Familie des Barons lagen, um ihr von hier aus den Ueberblick über das ganze große Gut zu verſchaffen. Serhstes Anpitel. Die Familientradition und die drei Junker. Dem ſinnigen und die Natur liebenden Menſchen iſt es ein Hochgenuß, einen ſchönen Junimorgen auf freiem Felde, unter heiterem Himmel und in Betrach⸗ tung der wunderbaren Gaben des beginnenden Som⸗ mers zu verleben. Wir haben nicht Sinne genug, den Reichthum und die Fülle der äußeren Natur in uns aufzunehmen. Der ſüße Duft, der aus den grünen Gefilden, den Bäumen und Blumen des Wal⸗ des emporſteigt, der Geſang der Lerchen, die über unſerem Haupte ſchwirren, das üppige Saatfeld, das ſich im leichten Winde wogend meilenweit vor gunſern Augen ausdehnt und mit dem ſchwellenden Gefühl in unſerer frohlockenden Bruſt harmonirt— Alles, Alles erfüllt unſer ganzes Weſen mit jenem unaus⸗ ſprechlichen Zauber, den nur das reine Herz eines 189 Menſchen genießen und die ſpendende Natur dieſem gewähren kann. Die beiden Spaziergänger, die jetzt durch dieſe blühenden Fluren ſchritten, der gereifte Mann und das junge Mädchen, genoſſen in Fülle die oben an⸗ gedeuteten Gaben der Natur, und die wenigen Worte, die ſie auf dem Wege nach der Höhe wechſelten, gaben Kunde davon, daß ihre Gedanken anderweitig beſchäftigt und ihre Zungen von dem Zauber, der ihre Sinne umſchloß, gefeſſelt waren. Langſam wan⸗ delten ſie durch das wogende Aehrenmeer, von dem ſich ein balſamiſcher Duft des blühenden Roggens rings verbreitete, und endlich erreichten ſie den Fuß der Anhöhe, deren Gipfel ſie erſtrebten. Als ſie auf demſelben angekommen waren und der Schatten der gewaltigen Bäume ſie umfing, die man hier vielleicht ſchon vor hundert Jahren ange⸗ pflanzt hatte, war Marie nicht wenig erſtaunt, ſich plötzlich unter Gräbern zu ſehen, die ſie in Gottes freier Natur und ohne die gewöhnliche Schutzmauer nicht vermuthet hatte. Doktor Millinger erzählte, was er von der Entſtehung dieſes Friedhofs wußte und nannte die Glieder der Familie des Barons, die unter dem grünen Raſen ſchlummerten, ſoweit er ihre Na⸗ men und Schickſale kannte. Marie war ſtill geworden, —— 190 ſo ſtill, daß ein weniger feinfühlender Mann als un⸗ ſer Doktor geglaubt haben würde, ſie habe nicht ge⸗ hört, was er ihr eben geſagt, aber ſie hatte ſehr wohl gehört, nur waren ihre Gedanken von dieſen Gräbern hinweg zu anderen geflogen, und die vor ſo kurzer Zeit von ihr genommene Mutter, die auch zu dem Geſchlechte gehörte, deren Glieder ſie hier begraben ſah, trat in den Vordergrund ihrer Gedanken. Bleich wie ein ermüdeter Engel, aber voll innerer Lebens⸗ wärme und voll Hoffnung auf ein beſſeres Sein, wo es keine Trennung der Geiſter und keine ſichtbaren Gräber mehr geben wird, ſetzte ſie ſich auf einen der friſch grünenden Hügel, ſtützte den rechten Arm auf ihr Knie, legte leicht ihren Kopf in die rechte Hand und ſchaute weit, weit in die wogenden Auen hinab, die zu ihren Füßen ausgebreitet lagen. Friede hier oben und Friede dort unten— das war Alles, was man hier ſah und was man fühlte. Plötzlich regte es ſich wunderbar in der Bruſt der ſchweigenden Jung⸗ frau und ein Bedürfniß der Mittheilung, wie ſie es nie ſo drängend empfunden, ſchloß ihre ſelten geöff⸗ neten Lippen auf. Zu dem ebenfalls ſchweigenden Manne, der an ihrer Seite auf demſelben Hügel ſaß⸗ ſich wendend, fing ſie zu reden an, ſie wußte anfangs elbſt nicht, was ſie eigentlich redete, ſondern wie ein 194 willkürlicher Strom herzlichen Erguſſes löſte ſich ihre Vergangenheit aus ihrer Seele los und die Ohren des Hörenden lauſchten ſcharf, das Unerwartete und Unvermuthete ſo offenherzig dargeſtellt und ſo liebreich mitgetheilt zu vernehmen. Sie knüpfte an den Um⸗ ſtand, den ſie erſt heute vernommen, daß der Doktor Millinger ihre Mutter nach M... gebracht, die weitere Erzählung ihrer Leiden und Freuden an, die ſie ſelbſt erlebt, nachdem ſich ihr Bewußtſein einge⸗ ſtellt, und gab ihm ſo einen Umriß der ganzen acht⸗ zehn Jahre, die ſie ſo einfach wie ſegensreich im Innern des Irrenhauſes verbracht hatte. Von Augenblick zu Augenblick mehr erſtaunt, nicht ſowohl über Das, was er hörte, als wie es ihm vor⸗ getragen wurde, hatte der Arzt ſeine Augen weit ge⸗ öffnet und ſtarr auf die Erzählerin gerichtet, die den⸗ ſelben nur dann und wann zu begegnen trachtete, denn ſie ſprach mehr in ſich und die Natur hinein als zu dem Manne, der an ihrer Seite ſaß und in dem ſie ſo ſchnell einen Freund gefunden zu haben, ſich wider Erwarten beglückt fühlte. Immer wunderbarer kam ihm das ſüße Geſchöpf vor, immer inniger fand er ſich zu ihr hingezogen, und als ſie endlich mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen, war ihm zu Muthe, als hätte er den Ausflüſſen eines weiſen 192 Kopfes, den Erfahrungen eines aufgeklärten Denkers, nicht aber dem natürlichen Erguſſe eines jugendlichen Mädchenherzens gelauſcht. Er ſchwieg noch immer und dachte über die wunderbare Einwirkung der Um⸗ gebung nach, in welcher Marie von Steinach gelebt und unter deren Einflüſſen ſie Das geworden war, was er hier zu bewundern jetzt volle Gelegenheit fand. „Nun, mein lieber Freund,“ begann Marie das Geſpräch von Neuem wieder,„nun habe ich Ihnen mein und meiner Mutter Leben in M... erzählt, jetzt erzählen Sie mir, was Sie mir über den Kum⸗ mer meines Oheims mitzutheilen wiſſen.“ Der Arzt athmete tief auf und wandte ſeine Gedanken in das dunkle Chaos früherer Jahre zurück. „Ach,“ ſagte er endlich,„wohl wird es der Kummer ſein, der oft eine große Rolle ſpielen wird in Dem, was ich Ihnen von dem Schickſal Ihrer Familie zu berichten habe, obwohl die Gegenſtände ganz anderer Art ſind, als Sie ſie bisher in Ihrem, an Erfahrung ſo reichen Leben kennen gelernt haben.“ Darauf be⸗ gann er von der Brandau'ſchen Familie zu erzählen, was er ſelber wußte, ohne noch der Perſon des Ba⸗ rons zu gedenken, von dem Marie am meiſten zu hören gehofft hatte.. „So,“ ſagte ſie, als der Arzt ihr die allgemeinen 193 uUmriſſe der Familiengeſchichte entworfen und auch der räthſelhaften Tradition in derſelben Erwähnung ge⸗ than hatte,„ſo, alſo immer nur die jüngeren Kinder und die der Seitenlinien ſtarben frühzeitig dahin? Und Jeder fand auf eine andere Weiſe ſein Ende? Das iſt merkwürdig. In der That, hierin liegt auch das traurige Geſchick meiner Mutter aufgedeckt, denn ſie ſtarb ebenfalls eines Todes, wie ihn noch kein Mitglied der Familie bis dahin erlitten hatte.“ „Ja,“ erwiderte leiſe der Arzt, indem ihn ein in⸗ nerer Schauer überlief, vor dem er ſich keine Rechen⸗ ſchaft zu geben wußte,„das iſt wahr!“ „Betraf denn dies ſonderbare Schickſal auch die Kinder der jüngeren Geſchwiſter?“ fragte das junge Mädchen mit ſeltener Energie des Herzens und ohne eine Miene zu verziehen. „Der Fall iſt meines Wiſſens in der Familie noch nicht vorgekommen,“ antwortete der Arzt,„denn ſtets ſtarben die jüngeren Söhne und Töchter, ehe ſie einem Kinde das Leben gegeben hatten.“ „So bin ich alſo die Erſte, die das Schickſal auf dieſe Weiſe auf die Probe ſtellen wird—“ Doktor Millinger bebte zuſammen und richtete einen ſchmerzlichen Blick auf das offene, ruhige und durchaus nicht ängſtliche Geſichtderhol dſeligen Piage in. Baron Brandau. I. 13 194 „O, ſeien Sie nicht um mich beſorgt,“ fuhr ſie cort, als ſie die Erſchütterung des Mannes bemerkte, „ich fürchte mich durchaus nicht. Was einmal dem Menſchen zu ertragen aufgegeben iſt, das muß er er⸗ tragen, alſo auch ich— und das Schickſal, welches, mir von Gottes Vaterhand auferlegt wird, kann nie für mich etwas Schreckliches haben. Aber Sie haben mir ja noch Nichts von dem beſonderen Kummer meines Oheims geſagt, oder iſt derſelbe an das allgemeine Schickſal ſeiner Familie geknüpft?“ „Zum Theil gewiß, mein liebes Kind, obwohl man nicht ſagen kann, daß der Baron ſeine Gedanken darüber ausſpricht. Dennoch aber bin ich überzeugt, daß er im Stillen oft daran denken mag, wenn er ſich der eigenthümlichen Ereigniſſe erinnert, die ſeine Söhne betrafen. Ob er aber dem Glauben zugethan iſt, dem ſeine Freunde und Diener in Bezug auf jene Familientradition ſich blindlings hingeben, kann ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen.“ „Was waren denn das für eigenthümliche Ereig⸗ niſſe, die ſeine Söhne betrafen?“ Der Arzt ſchwieg eine Weile, als beſänne er ſich, ob er reden ſolle oder nicht. Als er aber plötzlich aufſchaute und den prüfenden, bis in ſeine Seele dringenden Blick des offenen Auges gewahrte, das 195 klar und feſt auf ihm haftete, faßte er einen Ent⸗ ſchluß und ſagte raſch:„Der Baron war ſtets ein ſtolzer, bisweilen ſogar etwas rauher und auf ſeine Standesvorrechte ſehr eingebildeter Mann. Dennoch hat er ein weiches Herz, und nur der unabläſſige Kampf in ſeinem Innern gegen das auf ihm laſtende Geſchick läßt ihn härter und unbeugſamer erſcheinen, als er wirklich iſt. Manchen Menſchen macht die Betrübniß um Dinge, die er nicht ändern kann, weich, manchen aber erkältet und verhärtet ſie ſcheinbar— das iſt in dem Charakter der widerſpruchsvollen Menſchennatur begründet. So ſehe ich wenigſtens das Weſen Ihres Oheims an. Er verheirathete ſich ſehr früh mit einer ſchönen und reichen Dame, die ihn im Laufe der Jahre mit drei Söhnen beſchenkte. Seine Gattin ſtarb kurze Zeit nach der Geburt des jüngſten dieſer Kinder. Durch dieſen unerwarteten Todesfall ward das Gemüth des Barons tief erſchüttert, und die Milde, die ſeine Gattin ſeinem Weſen einzuflößen verſtanden hatte, verſchwand wieder vor dem grollenden Schmerze, den ihr früher Verluſt in ihm hervorrief. Er ward ſtolzer, kälter, unzugänglicher als er früher geweſen war und zog ſich immer mehr von der Welt und ihrem Treiben zurück, indem er ſich in die Einſam⸗ keit ſeines Gutes verbarg und tiefer über das Schickſal 13* 196 ſeiner Familie nachzudenken begann, als man nach oberflächlicher Beobachtung ſeines Weſens hätte ver⸗ muthen ſollen. In Folge eines bei ſeinem ſtörriſchen Charakter leicht erklärlichen Widerſpruchsgeiſtes begann er einen fruchtloſen Kampf gegen die vielbeſprochene Familientradition; er wollte dem Geſchicke trotzen und der Welt beweiſen, daß der Glaube, die jüngeren Kin⸗ der ſeines Stammes ſeien ſchon von der Natur über⸗ vortheilt und hintangeſetzt, ein irrthümlicher ſei und daß er für ſeine Perſon dieſem Glauben keine Rech⸗ nung tragen wolle. Dieſen Kampf ſchien ihm das Schickſal ſelbſt erleichtern zu wollen, indem es ihm in ſeinem älteſten Sohn einen Charakter zur Seite ſtellte, der ihn in ſeinen widerſtrebenden Anſichten nicht allein unterſtützte, ſondern zu herberem Wider⸗ ſtande noch mehr anzureizen das Unglück hatte. Alle Zärtlichkeit, die verborgen in ſeiner Natur ſchlummerte, trug der ſeltſame Vater daher nicht auf jenen älteſten, ſondern auf ſeine beiden jüngeren Söhne über, in⸗ dem er wahrſcheinlich der Meinung war, dadurch den Stachel des Schickſals gegen ſeine Familie abzu⸗ ſtumpfen und den jüngeren Söhnen zu geben, was ihnen die Natur nach hergebrachter Ordnung entzogen hatte und ferner entziehen zu wollen ſchien. Ob mit Fug und Recht oder nicht— ich weiß es ſo genau 197 nicht, denn ich habe nie ganz in die damaligen Ver⸗ hältniſſe geſchaut— wandte ſich endlich ſeine ganze Liebe den jüngeren Söhnen zu und es trat eine all⸗ mälig wachſende Abneigung gegen den älteſten her⸗ vor, die zu einem ſchlimmen Ende führte. Genug, dieſer älteſte Junker verließ eines Tages ſeines Vaters Haus, ging in die weite Welt und man hat ſeitdem Nichts wieder von ihm gehört.“ Hier richtete ſich der eigenthümlich forſchende und zugleich Verſtändniß verrathende Blick der Zuhörerin ſo eindringlich auf den Erzähler, daß er ſelbſt einſah, wie ſie auf dieſe nur oberflächlich vorgetragene Er⸗ zählung ein größeres Gewicht legte, als er in ſeiner Vorſicht vielleicht beabſichtigt oder gewünſcht hatte. „Von dieſem Sohne,“ fuhr der Arzt langſam fort, „darf man dem Barone nie reden. Er geräth ſofort in leidenſchaftliche Aufregung, wenn man nur ſeinen Namen nennt, denn er will auf keine Weiſe weder an ihn noch an die Familientradition erinnert ſein.“ „Er glaubt alſo doch daran, oder vielmehr, er fürchtet ſich vielleicht insgeheim davor?“ unterbrach ihn Marie, wie um ſich ſelbſt eine Aufklärung über das noch halb dunkel Vorliegende zu verſchaffen. „Wohl möglich, wenigſtens ganz heimlich, und das zehrt an ihm.“ 198 „Aber mir ſcheint hier ein Widerſpruch in Bezug auf die Familientradition obzuwalten. Der Aelteſte iſt, ſagen Sie, verſchollen, und doch ſollte er nach derſelben immer auf Koſten der jüngeren Söhne er⸗ halten bleiben?“ „Das iſt es ja eben, darum glaubt Mancher auch nicht an ſeinen Untergang, trotzdem der eigene Vater ſich wenigſtens das Anſehen giebt, als halte er jene Familientradition mit dem Verſchollenſein des älteſten Sohnes erloſchen und als hätten nun ſeine jüngeren Söhne das Anrecht erworben, auch einmal die Erben ſeines Beſitzes zu werden. Es mag allerdings thöricht ſein, an Etwas unumſtößlich zu glauben, was nur der blinde Zufall vielleicht wiederholt herbeigeführt hat und was das dumme Volk zu einem ſogenann⸗ ten Naturgeſetze ſtempelt, welches nur in der Einbil⸗ dung der kurzſichtigen Menſchen beſteht. Allein Das iſt es gerade, was den Vater betrübt und immer den Kummer von Neuem anfacht, der ihn verzehrt.“ „Sehen Sie, daß ich mich nicht getäuſcht, als ich den Kummer auf ſeinem Geſichte las, wo ſo viele Andere nur Stolz, Eigenſinn und Dünkel wahr⸗ nehmen?“ „Ja wohl, ja wohl, ich habe es ſchon längſt gedacht.“ 3 199 „Aber die jüngeren Söhne meines Oheims— was ſind das für Menſchen? Sind ſie edel und gut und laſſen ſie hoffen, daß ihr Vater durch ſie für den Kummer, den ihm ſein Aelteſter bereitet, ent⸗ ſchädigt werde?“ Der Arzt beſann ſich wieder und ſtrich mit der Hand mehrmals ſeinen Kopf, als ob er mit ſich ſelbſt in Zwieſpalt ſei, was er hierauf entgegnen ſolle. Endlich ſagte er leiſe: „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen dieſe Frage der Wahrheit und Sachlage gemäß beantworten ſoll. Ich bin vielleicht parteiiſch und vielleicht auch nicht hinreichend unterrichtet von den einzelnen Vorgängen in der Familie Ihres Oheims. Auch kamen die beiden jüngeren Söhne frühzeitig aus dem Hauſe und nur ſelten beſuchten ſie ihr väterliches Dach, für welches ſie keine große Vorliebe zu haben ſchienen, zumal ſie als jüngere Söhne kein Anrecht auf den einſtigen Beſitz deſſelben hatten. Indeſſen was ich darüber weiß oder mir vielmehr denke, will ich Ihnen offen und ehrlich mittheilen. Der zweite Sohn, Junker Alfred, artet meiner Meinung nach am weiteſten von der Familie aus, obgleich er viele Züge derſelben be⸗ tolz wie ſein Vater auf ſein Her⸗ auf die Vorrechte ſeiner Familie, 200 ohne jedoch von dem regen Streben beſeelt zu ſein, das Recht auf dieſe Vorrechte ſich durch irgend ein Verdienſt erringen zu wollen, wie ſein Vater früher von ihm gehofft hat. Schon als Knabe war er ver⸗ ſchloſſen und kalt gegen Gleichſtehende, bitter und hochmüthig gegen Untergebene, ſein ſchlimmſter Fehler aber war eine früh ſich entwickelnde, ſogar in kleinen Dingen ſich offenbarende Habſucht. Dabei war es ihm ziemlich gleichgültig, woher er ſeine Bedürfniſſe nahm, wenn ſie nur zur rechten Zeit zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtanden. Er beſaß niemals den Trieb, durch Fleiß und ruhiges Streben irgend eine nennenswerthe Stellung im Leben zu erreichen, er liebte es vielmehr, ſeinen Stand als Freiherr im wahren Sinne des Worts im Treiben der Welt hervortreten zu laſſen, in der Meinung, daß ihm als ſolchem alles Uebrige von ſelbſt zufallen müſſe. Schon in ſeinem zwölften Jahre verließ er das väterliche Haus, um in eine Erziehungsanſtalt in der Reſidenz einzutreten, wo er nie die Zufriedenheit ſeiner Lehrer erwerben konnte, wie das die Zuſchriften derſelben an den Vater nur zu deutlich bekundeten. Anſtatt aber dem Sohne darüber zu zürnen, zürnte der in ſeinem Stolze ver⸗ letzte Vater ſeinen Erziehern und brachte den Junker in eine andere Anſtalt. Da ging es aber nicht beſſer, 201 und nachdem man eine Zeitlang vergebens auf Beſ⸗ ſerung des Zöglings gewartet, ſchickte man ihn fort und er kam hier in einem ziemlich verwilderten Zu⸗ ſtande an. Anfangs gab ſich der Vater den Anſchein, zornig auf ihn zu ſein, war es aber im Grunde nicht, liebkoſtte vielmehr das verzogene Söhnchen und gab ſehr bald zu verſtehen, daß es ihm angenehm ſein würde, wenn Alfred bei ihm bliebe, um die Land⸗ wirthſchaft zu erlernen. Kaum aber war dieſer Wunſch an's Tageslicht getreten, ſo empörte ſich der Sohn dagegen und maulte und grollte ſo lange mit dem Vater, bis dieſer ihm den Willen that und ihn in eine dritte Anſtalt ſchickte, von deren angemeſſenerem Erziehungsprincip man ſich einen günſtigeren Erfolg verſprach. Anfangs ſchien das wirklich der Fall zu ſein; plötzlich aber langte die Nachricht an, daß der Herr Junker nicht für das Studium einer beſonderen Wiſſen⸗ ſchaft tauge, daß der Vater nicht Zeit und Geld zu⸗ gleich verſchwenden und, ſo lange es noch Zeit ſei, ihn auf ein Inſtitut bringen ſolle, wo junge Adlige, die ſich dem landwirthſchaftlichen Berufe ergeben wollten, ihre Ausbildung erhielten. Da Alfred endlich Luſt zu dieſem Berufe zu haben vorgab, ſo wurde er dahin geſandt und blieb daſelbſt bis zu ſeinem zwanzigſten Jahre. Als er damals auf einige Zeit hierher zurück⸗ 202 kehrte, hatte ſich ſein Charakter bereits feſter ausge⸗ prägt und zwar nicht zum Beſſeren— mir wenigſtens gefiel er ganz und gar nicht. Nach einiger Zeit trat er auf des Vaters Wunſch in's Militär, da derſelbe ſchließlich von dieſer Schule das Beſte erwartete. Allein auch dieſe Hoffnung ſchlug fehl. Die ſtrenge Disciplin, die ſoldatiſche Unterordnung, das zwiſchen Dienſt und Pflicht zuſammengedrängte Leben dieſes Standes behagte dem ſtolzen Junker ſehr wenig und kaum hatte er ſeine Zeit ausgedient, ſo wurde dem Vater wiederum die Aufgabe, für ſeinen Sohn ein neues Unterkommen ſuchen zu müſſen. Da faßte er den Entſchluß, ihn reiſen zu laſſen. Das nöthige Geld dazu gab er mit Freuden her, ein Begleiter wurde auch gefunden und ſo ſchwärmte der junge Herr abwechſelnd in halb Europa herum. Als die zweijährige Reiſe beendigt war, kam er abermals hier⸗ her, aber nur um dem Vater mitzutheilen, daß er durchaus keine Luſt zur Landwirthſchaft habe, daß das Leben auf dem Lande ihm vielmehr Widerwillen und Ekel errege, und daß er geſonnen ſei, einige Zeit in der Reſidenz zu leben, wenn der Vater ihm die nöthigen Gelder dazu bewillige. Auch darin gab der in dieſen Stücken ſo ſchwache Vater nach. Von der Zeit an iſt er nie wieder hier geweſen und ich habe 203 ihn auch nicht wiedergeſehen. Die„einige Zeit“ dauert noch bis auf den heutigen Tag fort, der Junker iſt ein Weltmann geworden, und verzehrt in der Reſidenz die Gelder, die ſein ſonſt ſo ſparſamer Vater ihm verſchwenderiſch bewilligt.“ „Das war der zweite Sohn, Alfred,“ ſagte Marie ohne alle ſcheinbare innere Bewegung, als der Arzt ſchwieg— aber der dritte?“ „O, der iſt von ganz anderem Schlage. Er war von jeher der Liebling, der Stolz und daher der Ver⸗ zug des Vaters.“ „Wie, kann man denn einen Sohn noch mehr verziehen, als es mit Alfred geſchehen iſt?“ „Ja, das kann man,“ verſetzte der Doktor bei⸗ nahe bitter,„und man that es auf jede Weiſe. Junker Georg verließ das väterliche Haus im elften Lebens⸗ jahre, um die Cadettenſchule zu... zu beziehen. Er war leichten Blutes, vergnügungsſüchtig, verſchwen⸗ deriſch, ſchon als Knabe; er zeigte ebenfalls frühzeitig einen unmäßigen Stolz auf ſeine vornehme Geburt, wie er ſie ſelbſt nannte, wobei er ſich ſeiner Stellung bei Weitem überhob und den Baron im Großen ſpielen zu lernen verſprach, wie der Vater ihn hier im Kleinen ſpielte. Ob er irgend etwas Geſcheidtes auf jener Militairſchule lernte, weiß ich nicht, aber ich 204 . glaube es kaum, denn als ich ihn einmal hier zum Weihnachtsfeſte ſah, ſchien er mir„für ſein Alter zwar ſchon weit im Genuß des Lebens vorgeſchritten zu ſein und viel mehr Erfahrungen gemacht zu haben, als ein Menſch von ſechszehn Jahren machen ſollte, von ſeinen erlangten Kenntniſſen jedoch kam nichts zu Tage. Genug, Junker Georg ward Offizier und trat in ein Regiment ein, welches in der Reſidenz ſteht. Dort ſoll er ſehr beliebt ſein, aber auf Koſten ſeines Vaters, dem ſeine Stellung eine ungeheure Summe koſtet; er lebt wie ein großer Herr, iſt der Freund und Gefährte aller luſtigen Brüder von Stand und Vermögen, hat einen überaus leichten Sinn, der lie⸗ ber an Heute als an Morgen denkt und verſpricht den Namen ſeiner Familie auf eine Weiſe berühmt zu machen, wie es bisher noch nicht geſchehen iſt.“ „Aber er iſt nicht bös?“ „Gott bewahre, im Gegentheil, er hat viele gute Seiten, obwohl auch viele Schwächen. Er iſt ehrlich, freigebig, umgänglich, aber er iſt auch über die Maßen eingebildet, eitel auf ſein Aeußeres, leichtfertig und leichtgläubig, und wird daher oft ausgebeutet, denn es giebt in großen Städten Menſchen, die auf Rech⸗ nung ſo junger begüterter und unerfahrener Leute zu leben verſtehen.“ 205 Der Doktor ſchwieg, etwas erhitzt vom Reden, zumal die Temperatur der Luft heißer geworden war, denn man hatte einige Stunden verplaudert und der Mittag war nicht mehr allzufern. Auch Marie ſprach nichts und ſchien über irgend Etwas nachzudenken. Endlich aber ſagte der wackere Millinger:„Mein lie⸗ bes Fräulein— oder, wenn Sie es lieber hören, meine liebe Marie— wir müſſen uns wohl auf den Rückweg begeben?“ „Noch nicht,“ erwiderte Dieſe kurz und ernſt.„Ich muß noch Etwas wiſſen, was Sie mir mit bedächtiger Miene verſchwiegen haben. Sie ſprachen bisher nur von den jüngeren Söhnen meines Oheims— was hatte denn der Aelteſte verbrochen und warum war ihm der Vater ſo abgeneigt, daß er das Haus deſ⸗ ſelben verlaſſen mußte?“ „Ach!“ ſeufzte der Arzt,„das iſt eine traurige Geſchichte, an die ich nicht gern zurückdenke. Sie hat hier Alle genug in Kummer verſetzt, die an dem Schickſale der Gutsfamilie Theil nahmen. Ich ſehe aber keinen Grund, warum ich Ihnen dieſe Geſchichte vorenthalten ſoll, da die alte Hanne oder irgend ein Anderer Sie bald genug damit bekannt machen würde. — Richard, der älteſte Sohn Ihres Oheims, war ein ſchöner, warmblütiger und vorurtheilsfreier Knabe, der 206 Alles, nur Das nicht begreifen konnte, daß das Kind eines Edelmanns etwas vor den Kindern eines Bauern voraus haben ſollte. Das war allerdings ein grobes Vergehen in den Augen des von ſeinen Standes⸗ vorrechten bezauberten Vaters. Alle kindlichen Unter⸗ nehmungen des Knaben erfüllten daher ſchon früh⸗ zeitig ſein väterliches Herz mit Unwillen und einem gewiſſen Groll, was ich für das größte und folgen⸗ reichſte dem Knaben zugefügte Unrecht halte, denn Kindern muß man nicht grollen, man muß vielmehr bei ihnen durch Beiſpiel wirken, um, wenn ſie irre gehen, ihre Ueberzeugung vom Guten, Wahren und Rechten zu beſſern und zu befeſtigen zu ſuchen. Junker Richard nun liebte es ſehr, von Haus zu Haus und von Hof zu Hof zu ſchweifen und überall mit Hand anzulegen, wo es Arbeit und Mühe gab. Er war der Fleißigſte beim Säen und Erndten, mochte es nun auf dem Edelhof ſelbſt oder im Hauſe eines Käthners geſchehen. Ueberall wo etwas mit den Hän⸗ den oder mit dem Kopfe zu ſchaffen war, ſah man Junker Richard. War ein Kind in’s Waſſer gefallen, ging ein Pferd durch, brach eine Feuersbrunſt aus, immer war Junker Richard der Erſte, der ſeine Hülfe zur rechten Zeit und an den rechten Mann brachte. Daß er ſich hierdurch in dieſer Gegend alle Welt zum 207 Freunde machte, können Sie ſich denken und er wurde auch deshalb der Bauernjunker genannt, ein Name, der ſeinen Vater zum Jähzorn gegen den Knaben hinriß, als er ihn zum erſten Male hörte. Denn Richard, der Erbe des Namens und Beſitzes des Herrn Barons, ſollte nach ſeines Vaters Willen von Kindheit an ſeinen Stand in allen ſeinen Handlungen zur Schau tragen und ein kleiner und junger Baron ſein, wie ſein Vater ein alter und großer war.“ „Das war in der That ſehr thöricht von meinem Oheim. Aber fahren Sie fort.“ „Das Einzige, wozu der Knabe, für den ein Hofmei⸗ ſter angenommen war, keine Luſt, ſogar eine allmälig zunehmende Abneigung zeigte, war die Jagd, denn er mochte es nicht leiden, daß der ſtarke und mit todes⸗ bringenden Waffen verſehene Menſch die kleinen un⸗ ſchuldigen Thiere des Waldes verfolgte. Wenn es Bären oder Wölfe wären, ſagte er öfters, würde es einen Mann ehren, ſie zu beſiegen und zu tödten, aber einen Haſen oder ein Reh vor Angſt halb zu Tode zu hetzen und dann mit einer Kugel niederzuſtrecken, ſei ein Vergnügen für Metzger.“ Mariens Wangen rötheten ſich leicht bei dieſer Erzählung und ſie nickte lächelnd mit dem Kopfe, als wollte ſie der Meinung Deſſen, von dem die Rede 208 war, beiſtimmen; keine Sylbe aber kam über ihre Lippen. „Zu den verſchiedenen Lehrgegenſtänden,“ fuhr der Doktor in ſeiner Erzählung fort,„worin der ſehr kun⸗ dige und verſtändige Hauslehrer ſeinen Zögling un⸗ terrichtete, gehörte auch die Mathematik und Phyſik. Da der Vater hiervon nichts verſtand, zu ſeiner Zeit es auch nicht Gebrauch geweſen war, jüngere Knaben darin zu unterweiſen, ſo faßte er Mißtrauen gegen den Lehrer und verwies ihm dieſe Art Unterricht. Der junge Mann aber wollte ſich keine Vorſchriften zu ſeiner Erziehungsmethode machen laſſen und ſagte dem Baron den Dienſt auf. Von dem Tage ſeines Aus⸗ tritts aus dieſem Dienſte brach das Unheil im Hauſe zwiſchen Vater und Sohn los, denn der Schüler liebte und verehrte ſeinen Lehrer, der ihn in die Ge⸗ heimniſſe ſeiner Lieblingsfächer, die Phyſik, Chemie, Technik und Mechanik einen Blick hatte werfen laſſen, über die Maaßen. „Auf einem benachbarten Gute in jener weſtlichen Richtung jenſeits dieſer Berge wohnte der Graf...; er nahm den entlaſſenen Lehrer in ſein Haus, was dieſer um ſo lieber ſah, da ſich auf dem Gute des Grafen, der Kupferhammer genannt, ein bedeutender Eiſen⸗ und Kohlenſchacht befand, den man vor Kur⸗ 209 zem zu graben angefangen hatte. Der junge Mann liebte die Naturwiſſenſchaften und hatte ſich für die Zukunft dem Hütten⸗ und Bergweſen geweiht. Auf dem Gute des Grafen nun fand er volle Befriedigung für ſeinen Eifer, ſo wie auch Gelegenheit, mit ſeinem früheren Schüler in Holzendorf in zeitweiliger Be⸗ rührung zu bleiben. Eines Sonntages, als der Baron mit ſeinen Söhnen, die damals zufällig alle im väterlichen Hauſe verſammelt waren, ſpazieren gehen wollte, fand es ſich, daß Richard fehlte. Man ſuchte ihn überall, aber man konnte ihn nicht finden. Gegen Abend, als der Baron dem tiefſten Grimme über die unerlaubte Entfernung des Bauernjunkers verfallen war, kam er nach Hauſe und erzählte in ſeiner offenen Weiſe, daß er auf dem Kupferhammer bei ſeinem ehemaligen Lehrer geweſen ſei. Der Baron verwies ihm ſtreng dieſen Beſuch, verbot ein für alle Mal, den verhaßten Jugendverführer, wie er ihn nannte, wiederzuſehen und zürnte ſeinem Sohne vor aller Welt, indem er ihn nicht bei Tiſche erſcheinen ließ, überhaupt nie an ihn das Wort richtete. Jetzt begann eine offene Fehde zwiſchen Vater und Sohn auszubrechen. Richard war bisher ſtets ein gehor⸗ ſamer, fleißiger und ſittſamer Knabe geweſen, jetzt wurde er ſtörriſch, widerſetzlich und unſtät. Er ſchweifte Buaron Brandau. 14 210 mehr wie je durch Berg und Thal, kehrte bei Leuten jederlei Standes ein und ſetzte ſeine Hülfsleiſtungen, mochten ſie betreffen, was ſie wollten, eifrigſt fort. Am nächſten Sonntage war er trotz des Verbotes wieder auf das gräfliche Gut gegangen. Als er ſpät Abends nach Hauſe kam, erwartete ihn der Vater ſchon auf dem Flure, um ihm ſeine Tracht Hiebe mit der Reitpeitſche zuzutheilen, worauf er ihn tage⸗ lang hungern ließ und außer allen Verkehr mit ſeinen Brüdern und den Hausbewohnern ſetzte. Wir Alle, der damalige Pfarrer und ich insbeſondere, als wir von dieſen Vorgängen Kunde erhielten, riethen dem Baron, den Bauernjunker in eine Erziehungsanſtalt zu bringen, denn wir ſahen ein, daß bei ſolchem Verfahren zwiſchen Vater und Sohn ferner kein Friede ſtattfinden könne. Aber es war in Bezug auf dieſen Sohn ein Widerſpruchsgeiſt und eine ſich immer ſchärfer ausprägende Abneigung in ihn gefahren, deren pſychologiſche Entzifferung eine eben ſo ſchwierige wie intereſſante Aufgabe wäre. Mit einem Worte, er ließ ihn nicht von ſich, fuhr aber fort, ihn bei jeder Gelegenheit auf das Strengſte und oft Ungerechteſte zu behandeln. Junker Richard, der frühzeitig groß und ſtark ge⸗ worden war, wurde um dieſe Zeit, obwohl von Natur offen und ziemlich gefügig, verſchloſſen, wild und bändig; er zog ſich ſichtbar mehr und mehr von ſer nem Vater und ſeinen Brüdern zurück und ſann offenbar auf einen verzweifelten Entſchluß, denn er hatte die Dreiſtigkeit, mit dem damaligen Verwalter des Gutes, einem dem Barone ſehr ergebenen Manne, über ſeine freiwillige Entfernung vom väterlichen Hauſe⸗ gelegentlich zu ſprechen. Als der Baron von dieſem Gedanken des Junkers Kenntniß erhielt, wurde er noch erbitterter und ſtrenger gegen ihn und ſoll ihn öfters geſchlagen haben. Eines Sonntags nun war Richard abermals ent⸗ wichen und nach dem Gute des Grafen gelaufen, denn er hatte Kunde erhalten, daß ſein ehemaliger Lehrer eine Reiſe nach England antreten wolle, um ſich dort im Berg⸗, Maſchinen⸗ und Bauweſen umzu⸗ ſehen. Als der Baron die Gewißheit erhielt, ſein Sohn habe nochmals ſein Gebot übertreten, faßte er einen ſtrengen und harten Entſchluß. Er verließ den ganzen Tag ſein Zimmer nicht und brütete über das große Familienleid, welches ihm, ſeiner Meinung nach der abtrünnige Bauernjunker zu bereiten fort⸗ fuhr. Als Richard gegen Abend ruhig nach Hauſe kommend ein Liedchen pfiff, wie er gewöhnlich that, wenn er fröhlich war, wurde es dem Baron gemeldet. 14* Dieſer wartete, bis er in's Haus getreten, und rief ihn dann auf ſein Zimmer. Richard war mit einer neuen Kleidung aus dem väterlichen Hauſe gegangen, jetzt, da er wiederkam, war dieſelbe geſchwärzt von Kohlenſtaub und an verſchiedenen Stellen zerriſſen. Gefragt wo er geweſen ſei und auf welche Weiſe er ſeine Kleidung ſo arg beſchädigt, geſtand er offen, bei ſeinem ehemaligen Lehrer geweſen zu ſein und mit ihm verſchiedene Kohlen⸗ und Eiſenſchachten befahren zu haben. „Ich habe Dir Das zweimal verboten,“ grollte der Vater,„und Du haſt es zum dritten Male gethan.“ „Ich werde es auch noch öfter wieder thun,“ lautete die Antwort,„denn Du verbieteſt mir alles Vernünf⸗ tige und behandelſt mich unnatürlich.“ „Damit dies letzte Wort eine Wahrheit ſei,“ rief der Baron grimmig,„ſo ſieh hier den Beweis.“ Und er ergriff eine ſchwere, ſchon zur Hand gelegte Reit⸗ peitſche und begann den Junker auf eine gröbliche Weiſe zu fuchteln. Dieſer aber, ſechszehn Jahre alt und, wie geſagt, ziemlich groß und ſtark, ſetzte ſich ernſtlich zur Wehre und es begann ſich im Zimmer des Barons eine Scene zu entwickeln, deren ſpäter Niemand Erwähnung thun durfte, wenn es auch Lauſcher gab, die ungeſehene Zeugen des Vorganges geweſen waren. Man erzählte ſich nur im Stillen, daß der Junker zu dem Baron die demſelben durch das Herz ſchneidenden und weithin ſchallenden Worte geſprochen:„Vater, Vater, Du haſt Deinen älteſten Sohn wider Fug und Recht mißhandelt und blutig geſchlagen; Du wirſt das einſt bereuen, denn Deine jüngeren Söhne werden Dich für das Unrecht züchti⸗ gen, welches Du mir, Deinem Erben, gethan.“— Am nächſten Morgen, als dem Bauernjunker das Früh⸗ ſtück auf die Kammer gebracht wurde, in welche man ihn eingeſchloſſen hatte, war er verſchwunden. Man erwartete ihn den ganzen Tag und die Nacht hindurch vergeblich. Als er aber auch in zwei und drei Tagen nicht wiederkam, wurde der Baron unruhig, ritt und fuhr ſelbſt in der Nachbarſchaft umher und ſuchte den Entwichenen. Aber er fand ihn nicht. Endlich erfuhr er beim Grafen, deſſen ihm mißliebiges Haus er nur bei dieſer Gelegenheit betrat, daß der ehemalige Lehrer ſeiner Knaben vor einigen Tagen nach England abgereiſt ſei, um ſich in ſeinen Studien zu vervoll⸗ kommnen. Sogleich vermuthete der Baron, daß mit dieſer Reiſe das Entweichen ſeines Junkers in Ver⸗ bindung ſtehe, und der vertraute Verwalter wurde nach England geſandt, um den Spuren des Entflohe⸗ nen nachzuforſchen. Allein er erhielt keine Kunde von 214 ihm und kehrte unverrichteter Sache wieder zurück. Jetzt wurde an verſchiedene Häuſer und Agenten geſchrie⸗ ben, an die geleſenſten Blätter Einſendungen geſchickt und der Junker Richard von Brandau als Durch⸗ gänger bezeichnet. Sie können ſich denken, wie hart und ſchmerzlich den familienſtolzen Beſitzer von Holzen⸗ dorf dieſe Veröffentlichung ſeines Mißgeſchicks berührte, aber er konnte ſich derſelben leider nicht entziehen. Auf alle dieſe Verſuche, des Junkers wieder habhaft zu werden, erfolgte keine befriedigende Nachricht, bis endlich in Liverpool eine Behörde ausfindig gemacht haben wollte, daß ein deutſcher Knabe, deſſen Be⸗ ſchreibung ſo ziemlich mit der des Entwichenen über⸗ einſtimmte, auf einem Schiffe geſehen worden ſei, welches nach Newyork unter Segel gegangen war. VIVier Wochen ſpäter jedoch langte von derſelben Be⸗ hörde die traurige Meldung hier an, daß das bewußte Schiff, Ariadne mit Namen, mit Mann und Maus an der iriſchen Küſte zu Grunde gegangen ſei.— Das, mein liebes Kind, iſt die Geſchichte Ihres ver⸗ ſchollenen Vetters Richard von Brandau, des Bauern⸗ junkers.“ Marie hatte ſchon lange ſchweigend den Kopf ge⸗ ſenkt, eine ſtille Thräne rann über ihre Wangen, aber ſie ſprach kein Wort. Da auch Doktor Millinger meines Oheims jede Stunde meines Lebens erinne 8 215 ſchwieg, ſo ſaßen ſie eine Weile ohne ſich anzublickon da und bedachten das Geſprochene und Gehörte im innerſten Herzen. Als nach einiger Zeit der Arzt eine Bewegung wie zum Aufſtehen machte, ergriff Marie ſeine Hand, drückte ſie ſanft und ſagte mit kaum hörbarer Stimme: „Ich danke Ihnen. Sehen Sie, durch dieſe traurige Erzählung ſind Sie nun wirklich mein Freund und Vertrauter geworden, ſchneller als ich es erwarten konnte. Ich bedaure meinen unglücklichen Oheim von ganzem Herzen, denn nicht allein ſein Sohn, auch er muß über dieſen traurigen Vorfall unausſprechlich unglücklich ſein. Wir aber können das Unheil nicht ändern, es iſt einmal geſchehen und das Schickſal muß ſeinen Lauf nehmen, wie es da Oben beſchloſſen iſt. Ich für meine Perſon werde mich des Ung. und ihn um ſo inniger lieben.“ N Darauf erhob ſie ſich und mit ihr der Arzt. Noch einmal blickten ſie über die unter und vor ihnen liegenden Gefilde und dann wandten ſie ſich, um den Gipfel der Höhe, an deſſen Abhange der Gottesacker lag, vollends zu erſteigen. Als ſie unter die auf dem Gebirgskamme ragen⸗ den Bäume gelangt waren, blieb Marie überraſcht 216— ſtehen, denn ſie hatte dicht unter ſich in der weſtwärts liegenden Ebene die rauchenden Eſſen und flammen⸗ den Hochöfen eines großen Hüttenwerks wahrgenom⸗ men.„Was iſt Das?“ fragte ſie mit überraſchender Lebhaftigkeit. Ihr Begleiter erklärte es ihr und fügte bei, daß dieſes jetzige große Berg⸗ und Hüttenwerk, der Kupfer⸗ hammer genannt, aus dem kleinen Schachte des Grafen... entſtanden ſei, von welchem er ſo eben geſprochen habe. Jetzt aber habe es eine Geſellſchaft von Kaufleuten erworben und beute die ungeheuren Schätze der Erde aus, welche ſich alle Tage ergiebiger erwieſen. „ Das muß ein herrliches Werk ſein,“ entgegnete Marie und ſchaute anhaltend und ſehnſüchtig nach reichlich angebauten Niederlaſſung hinunter.„Ich dergleichen ſehr. In der Nähe unſers Kranken⸗— hauſes war ein ähnliches, obgleich viel kleineres Eiſen werk. Dahin bin ich oft gegangen, wenn ich mich an der Arbeit fleißiger Menſchen und an den wun⸗ derbaren Erzeugniſſen ihres Geiſtes und ihrer Hände erlaben wollte. Ach ja, ich liebe das ſehr. Wir wollen nächſtens den Berg hinabſteigen und den Kupferham⸗ mer beſehen.“. „Wie?— Sie?“ fragte der Doktor erſtaunt. 217 „Warum denn nicht? Iſt es nicht erlaubt, jene Werkſtätten zu betreten?“ „O gewiß. Aber Ihr Oheim, mein liebes Fräulein?“ „Was geht Das den Oheim an? Sollte er uns daran verhindern oder mir nur gewiſſe Spaziergänge erlauben wollen?“ „Ach, Das iſt es ja gerade! Er iſt ein unzu⸗ gänglicher Feind und Gegner aller ſolcher nothwen⸗ digen und fruchtbringenden Anſtalten. Wenn es von ihm abhinge, triebe die ganze Welt nur Ackerbau und Viehzucht, und weiter nichts. Gerade jener Niederlaſſung hat er ſo zu ſagen den Tod, wenig⸗ ſtens ewige Feindſchaft geſchworen, denn ſie verleidet ihm, ſagt er, ſein ſtilles Gut, verqualmt ihm die friſche Luft, hämmert und pocht Tag und Nacht, iſt ihm alſo immer und überall im Wege. Auch ſchreibt ſich von jenem Orte, das bedenken Sie wohl, das Unglück mit Junker Richard her, er iſt ihm alſo dop⸗ pelt verhaßt.“ Marie blickte in ihrer eigenthümlichen ſinnenden Art, wie mit ſich zu Rathe gehend, zu Boden. End⸗ lich erhob ſie lächelnd den Kopf und ſagte mit einer unnachahmlichen Lieblichkeit und Milde im Ton der Stimme und im Ausdruck der Miene: 218 „Das thut Nichts; ich fürchte mich nicht vor ihm — mich wird er nicht ſchlagen.“ „Ach, mein liebes Fräulein—“ „Nicht wahr, meinen Sie nicht auch? Auch wird er mir ja wohl erlauben, die Umgegend zu Fuße zu durchwandern, wie ich es ſeit meiner Kindheit gewohnt bin— ich liebe auch, wie der arme Bauernjunker, das freie Umherſchweifen— und dann werde ich von Zeit zu Zeit einen Beſuch dort abſtatten. Jetzt iſt er überdies nicht anweſend und ſo wollen wir gleich heute Nachmittag oder morgen dahingehen.“ Der Arzt ſchüttelte nur ſanft den Kopf, denn es war ihm unmöglich, einem ſo liebenswürdigen Weſen mit Worten etwas abzuſchlagen.„Heute Nachmittag,“ ſagte er endlich ablenkend,„wollte ich Sie bitten, mit mir nach dem Dorfe Holzendorf zu fahren, wo ich wohne und wo meine Familie lebt.“ X „Ah, Sie haben alſo eine Familie?“* „Gewiß, eine brave, gute Frau und zwei Töchter von Ihrem Alter. Darf ich hoffen, daß Sie mir die Ehre erweiſen werden?“ „Ja, wenn Sie verſprechen, morgen oder in den nächſten Tagen mich nach jenem Hüttenwerke zu führen.“ „Ich werde es mir überlegen und Ihnen meine Antwort bei Gelegenheit mittheilen.“ 219 „So iſt es abgemacht. Gehen wir jetzt nach Hauſe— ich habe Sie lange von Ihren Geſchäften abgehalten.“ „O, ich hatte heut' Nichts mehr zu thun.“— So ſchritten ſie denn langſam, bei ihren mannig⸗ fachen ernſten Gedanken und Geſprächen nicht der Hitze des Mittags gedenkend, nach dem Edelhofe zu⸗ rück, wo die Schaffnerin die beiden Spaziergänger ſchon lange mit Herzklopfen erwartet hatte. „Nun,“ flüſterte die alte beſorgte Frau dem Arzte zu, als Marie in ihr neu hergerichtetes Zimmer ge⸗ gangen war—„was ſagen Sie, Herr Doktor, von unſerer neuen jungen Dame? Wie ſteht es mit ihr hier oben?“ „Hier oben ſteht es mit ihr Aeadt ſo vortrefflch, mie hier unten im Herzen. Alles iſt geſund und — friſch, wie es nur immer bei einer ſo ſchönen und liebenswürdigen Dame ſein kann.“ „Wie? Meinen Sie wirklich? Verſteh' ich Sie recht? Sie iſt alſo nicht— nicht verrückt?“ Der alte Doktor lachte laut auf, was ihm ſelten begegnete.„Nein,“ ſagte er dann plötlich ſehr ernſt, „ſie iſt die geſundeſte Perſon der ganzen Familie Brandau, die bis auf den heutigen Tag in dieſem Schloſſe geathmet hat. 220 Die Alte hob Hände und Augen in die Höhe, als wollte ſie Gott im Himmel ihren Dank für das Vernommene damit ausdrücken. Der Doktor aber ging nach dem Stalle, um ſein Pferd zu beſteigen, in's Dorf heimzukehren und ſeine Familie auf den Beſuch der jungen Dame vorzubereiten. Doktor Millinger hielt Wort mit ſeinem Ver⸗ ſprechen. Nachmittags kam er mit ſeinem kleinen Wagen gefahren und holte die Baroneß Steinach nach dem Dorfe, wo dieſelbe mit großer Herzlichkeit von Seiten der Familie ihres neuen Freundes em⸗ pfangen wurde. Mutter und Töchter beeiferten ſich, der Nichte des Herrn Barons den Aufenthalt bei ihnen ſo angenehm wie möglich zu machen, und Marie fühlte ſich ſo wohl aufgenommen, daß ſie bald wiederzukommen verſprach. Von dem Beſuch des Kupferhammers aber war für's Erſte keine Rede mehr. Der Doktor hütete ſich daran zu erinnern und Marie dachte entweder nicht mehr daran oder hatte ſich das peinliche Gefühl deſ⸗ ſelben zu Herzen genommen, welches er empfinden mußte, wenn er wider Willen und ohne Wiſſen des Ba⸗ rons und noch dazu in ſeiner Abweſenheit ſeine Nichte noch gefälligen Glanz wahrnehmen. Alte buntfarbige Boden und die Tiſche, weich gepolſterte Lehnſeſſel ſtorbene Baronin darſtellend. Die Farben deſſelben 221 nach dem Hüttenwerke führte. Auch fand ſie in den nächſten Tagen ſo manche andere Zerſtreuung vor, daß ihre Gedanken beinahe ganz davon abgeleitet wurden. In Folge des Befehls des Gutsherrn hatte die Schaffnerin der jungen Baroneß das ehemalige Wohn⸗ zimmer der verſtorbenen gnädigen Frau einrichten und mit allen erforderlichen Bequemlichkeiten verſehen laſſen. Die Möbel, die darin ſtanden, waren zwar nicht nach der neueſten Mode, denn wie wir wiſſen, war dieſes Gemach ſeit dem Tode der Gutsfrau, welcher vor etwa drei und zwanzig Jahren erfolgt war, nicht in Gebrauch gezogen worden und unangetaſtet geblieben; was aber darin ſtand, war von⸗ tadelloſer Dauer⸗ haftigkeit und ließ einen zwar verblichenen aber immer Teppiche von unvergänglichen Stoffen bedeckten den ſtanden in allen Ecken. Schränke und ſonſtige Be⸗ hältniſſe waren von gediegenem, mit Silber ausgelegtem Nußbaumholz, der Spiegel, zwar etwas rooſtfleckig oben und unten, war doch in der Mitte klar und von herrlichem altem Glaſe. An der breiteſten Wand, über dem Sopha, hing ein lebensgroßes Oelbild, die ver⸗ waren ſtark nachgedunkelt, aber immer noch war es ein ſchönes Bild mit ſanften und klaren Zügen, keine Ahnung von dem düſteren Geſchick verrathend, welches ſeit ihrem Tode ſich auf die Familie herabgeſenkt, der ſie jene drei Söhne geboren hatte. Die Fenſter dieſes großen Zimmers gingen nach dem Garten hinaus, der gerade an dieſer Stelle am beſten erhalten war, jedoch nur zu deutlich jene zweifelhafte Sorgfalt er⸗ kennen ließ, wie man ſie oft auf Landgütern findet, deren Beſitzer nicht vorzugsweiſe Liebhaber von ſchö⸗ nen Gärten, neueren Blumenanlagen und koſtbaren Treibhäuſern ſind. 3 Das Bett des jungen Fräuleins ſtand in einem iienich geräumigen Alkoven, der etwas in das neben⸗ anliegende Zimmer des Barons vorſprang und von ihm nur durch eine dünne Tapetenwand, in welcher ſich eine kleine Thür befand, getrennt war. Endlich hatte Frau Hanne den künftigen Aufent⸗ haltsort ihrer neuen jungen Herrin nach ihrer Weiſe und ihren allerdings ſehr ſchwachen Mitteln geſchmückt. Auf dem Tiſch vor dem Sopha und auf der Marmor⸗ Conſole unter dem Spiegel ſtanden große und friſch⸗ geſchnittene Blumenſträuße, an den Fenſtern einige Roſentöpfe, deren Blüthen einen ſüßen Duft durch das ganze Zimmer verbreiteten; zu beiden Seiten des Spie⸗ gels aber waren zwei mannshohe Epheuwände auf⸗ geſtellt, deren ſich der Verwalter beraubt hatte, um ſeinerſeits auch zur Verſchönerung des Wohnorts der neuen Dame des Hauſes beizutragen. So ſah ſich Marie in ihrer zweiten Heimat ganz behaglich gebettet und ſie zeigte durch Blick und Ge⸗ berde, daß es ihr darin gefiel, obwohl ſie nicht viele Worte darüber hören ließ, denn es war eine ihrer Eigenthümlichkeiten, wenig zu ſprechen, wenn ſie nicht durch innere Theilnahme beſonders dazu ange⸗ regt war. Wenn aber Frau Hanne darauf gerechnet hatte, die Nichte ihres Herrn werde viel in dem ſo blank aufgeputzten Zimmer ſitzen, ſo hatte ſie ſich ſehr getäuſcht, denn es lag nicht in Mariens Natur, ſitzend zu brüten und zu grübeln; ihr ganzer Sinn war auf eine beſtimmte Thätigkeit gerichtet und Das ſtellte ſich ſehr bald auch hier heraus. Gleich nach Tagesan⸗ bruch kaum ihrem Bette entſchlüpft, trat ſie in den Garten, wo ſie ihr Frühſtück genoß, die Blumen be⸗ grüßte, nach den Wolken ſchaute und mit unendlichem Behagen den würzigen Morgenduft einathmete, der von den blühenden Feldern herüberwehte. Sodann begab ſie ſich in den Hof, durchforſchte alle noch nicht geſehenen Räume, betrachtete das Vieh, die Ställe, die Scheunen, und nickte allen ihr begegnenden Die⸗ 224 nern einen freundlichen Morgengruß zu. Dieſe be⸗ trachteten ſie anfangs mit Mißtrauen, zumal ſie faſt niemals zu irgend Jemandem ſprach, denn ſie hatten ſehr bald gehört, woher das gnädige Fräulein ge⸗ kommen war, und in ihrem einfältigen Sinne glaub⸗ ten ſie nicht anders, als daß die Bewohnerin eines Irrenhauſes nothwendig ſelbſt etwas wahnſinnig ſein müßte. Mit der Zeit indeß fingen ſie an, ſich zu überzeugen, daß die Baroneß bei vollkommen geſundem Verſtande ſei, nur daß ſie ſo wenig ſprach, wollte ihnen nicht recht behagen und aus dieſem Grunde allein, meinten ſie, ſei ſie doch nicht ſo ganz zu d den ver⸗ nünitgn Menſchen zu zählen. Waren ihr daher die Menſchen in der erſten Zeit ihres Aufenthalts in Holzendorf nur in gewiſſem Grade zugethan, ſo hingen ihr dagegen die Thiere um ſo mehr an. Sobald ſie auf den Hof trat, kam das Geflügel von allen Seiten auf ihren Ruf herbei und nahm gackernd und krähend den Tribut in Empfang, den ſie ihm reichlich aus einer Taſche oder einem Korbe ſpendete. Hunde und Pferde kannten ſie eben⸗ falls bald und erſtere liebten es ſehr, ſie, ſo lange ſie innerhalb der Höfe blieb, von einer Räumlichkeit in die andere zu begleiten. So hatte Marie ſehr bald den ganzen Hausgang 225 in allen ſeinen Theilen kennen gelernt; die ihr von der Natur verliehene klare Anſchauungsweiſe aller vorliegenden Dinge half ihr leicht über das noch Un⸗ verſtändliche hinweg, und wollte ſie noch etwas mehr davon erfahren, ſo brauchte ſie ſich blos mit ihrem fragenden Blick an den Verwalter zu wenden, der ihr mit einer Art feierlicher Verehrung zugethan war und ſich glücklich ſchätzte, endlich einmal ein heiteres ſchönes Geſicht auf dem Gute zu haben, wo Alles ſo düſter, kalt und farblos war. Wie aber war der jungen Dame ſelbſt zu M die ſo plötzlich aus ihrer gewohnten Welt geriſſ dim ſo durchaus neue, den früheren ganz er geſetzte Verhältniſſe gerathen war? In der That, wir freuen uns, mittheilen zu können, daß es ihr beſſer, weit beſſer auf dem ſtillen Gutshofe behagte, als ſie ſelbſt vorausgeſetzt und am erſten Tage ihres Ein⸗ treffens durch ihren endloſen Schmerz hatte vermuthen laſſen. Gerade was andere Menſchen von dem Gute verſcheucht oder mit Trübſal erfüllt haben würde, wenn ſie gezwungener Weiſe daſelbſt ihren Aufenthalt hätten nehmen müſſen: die tiefe, ſelten durch irgend einen Lärm unterbrochene Stille, das faſt melancholiſche Einerlei der an beſtimmte Stunden gebundenen, ſtets ſich hiedeoenden a Arbeit— Das war es, was ihr auf Baron Brandan. I. 15 226 demſelben am meiſten zuſagte. Dieſe beſcheidene Ge⸗ nügſamkeit, dieſe nur Ruhe und Frieden ſuchende, ſich ſelbſt den ſchwierigſten Verhältniſſen anſchmiegende Seeleneinfalt verdankte ſie allein ihrer Erziehung, ihrem bisherigen abgeſchloſſenen Leben im Irrenhauſe, wo ihr nur der Ernſt und die Schattenſeite des menſch⸗ lichen Daſeins entgegengetreten war. Ueberdies war es ihr Element, die Rolle der Helfenden, Tröſtenden und Ermuthigenden zu übernehmen, wo ſie ſich auch aufhielt, und hier— Das hatte ſie ſehr bald mit ihrem Falkenblick entdeckt— gab es genug zu helfen, * . jſten, zu ermuthigen. Hier im Hauſe gab es übſal und Sorge in hinreichendem Maaße, henn ſie auch nicht offen zu Tage lagen, in den verſchloſſenen Herzen ſchlief eine Fülle von Kummer und Schmerz, die ihr bisheriges Leben hindurch ihre innigen Vertrauten geweſen waren. So fing ſie denn auch hier gleich auf ihr Hauptziel loszugehen an; um den bitterſten Kummer im Keime anzugreifen und ſtatt ſeiner eine ſanfte beruhigende Freude einziehen zu laſſen, hatte ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit und Hingebung auf die unmittelbare Umgebung ihres Oheims gerichtet. Wenn es galt, von den Dienern zu erfahren, was er gern hatte, womit man ihm einen Gefallen erweiſen konnte, was zu ſeiner Be⸗ 227 quemlichkeit beitrug, dann hatte ſie Fragen genug, nicht allein im Herzen und im Blicke, ſondern auch auf den Lippen. So hatte ſie denn bald Alles in Erfahrung gebracht, was dem Oheim gefällig und angenehm war, und ſie fing an, ihn allmälig mit dem ſtillen Wohlwollen, der ſchweigſamen Fürſorge und der unausgeſprochenen aber bald fühlbaren Theil⸗ nahme zu umgeben, die ein ſo tief eingreifendes Be⸗ hagen erweckt und das Herz Deſſen, der ſich ſo ſorg⸗ ſam behandelt ſieht, mit ſanfter, verſöhnlicher Regung erfüllt. 8 Die Zeit bis zur Rückkehr des Barons brachte ſie 1 theilweiſe auch in Geſellſchaft des Arztes und ſeiner Familie, meiſt aber allein in der freien Natur zu. Sie fühlte das Bedürfniß, oft und lange allein zu ſein, denn ſie hatte Vieles in ihrem eigenen Innern zu bekämpfen, zu beruhigen, aber auch Vieles neu zu geſtalten, vorzubereiten. Oft ging ſie leiſe, leiſe, ſo daß es Niemand gewahrte, zur hinteren Garten⸗ pforte durch den Park auf die Felder hinaus, erſtieg die Anhöhe und bewegte ſich langſam dem Friedhofe zu, wo ſie gewöhnlich auf dem Grabe der Gattin des Oheims Platz nahm. Auf dieſem alljährlich mit friſchem Raſen geſchmückten Grabhügel ſitzend, die Augen in die bläuliche Ferne und zum Hi 15* emporgerichtet, dachte ſie reiflich über das ſeltſame Geſchick der Familie nach, der ſie ja auch angehörte. Hier bat ſie inbrünſtig Gott, den Fluch zu löſen, der auf den einzelnen Gliedern derſelben laſtete, Ruhe und Frieden wieder einkehren zu laſſen in das Haus, welches ſo lange der Aufenthalt troſtloſer Qual ge⸗ weſen war, und durch eine günſtigere Fügung der Verhältniſſe Alles endlich zum Beſten zu wenden. So wirkte ſie ſchon im Stillen, mit dem größten Beiſtande auf Erden, dem göttlichen, ausgerüſtet, zum Heile der ganzen Familie, wie ſie früher im Irrenhauſe zum Heile eines einzelnen Mitgliedes derſelben gewirkt hatte.* Siebentes Papitel. Neuerungen in der Reſidenz und gewohnter Zwie⸗ ſpalt im Hauſe. Die Abweſenheit des Barons vom Gute hatte nun ſchon beinahe ſechs Tage gedauert, eine bei Weitem längere Friſt, als man in Anbetracht ſeiner bekanntlich geringen Reiſeluſt auf Holzendorf erwartet hatte. Die Geſchäfte, die ihn nach der Reſidenz ge⸗ rufen, mußten alſo wohl ſehr umfaſſend und von Wichtigkeit ſein. So dachten und ſprachen nämlich— die Bewohner des Edelhofs, die ſich die lange Ab⸗ weſenheit ihres Herrn füglich nicht erklären konnten. Selbſt der Doktor Millinger wurde mit der Zeit etwas unruhig, denn er vor Allen war, zufolge ſeiner ge⸗ naueren Bekanntſchaft mit den Familienangelegen⸗ heiten, zumeiſt im Stande, aus der langen Dauer der Abweſenheit des Barons auf die Wichtigkeit und 8 2 230 Dringlichkeit ſeiner Geſchäfte zu ſchließen. Der gute Doktor, von Natur nicht gerade beſonders neugierig, aber doch, wie jeder Landbewohner, mit einem reſpek⸗ tablen Theil derſelben ausgeſtattet, fing von Tage zu Tage an, nachdenklicher zu werden und endlich das lange Ausbleiben des Barons mit den perſönlichen Angelegenheiten ſeiner Söhne in Verbindung zu brin⸗ gen. Daß er erfahren würde, was den Baron ſo lange fern vom Hauſe gehalten, ſo bald er nur wieder zurückgekehrt wäre, davon hielt er ſich feſt überzeugt, denn ſo war es noch immer und er war ſtets der Erſte geweſen, der nach einem bedeutungsvollen Vor⸗ falle zum Baron gerufen wurde, um den Anfall von Krankheit— ſo nannte der Baron ſeine geſchäftlichen und perſönlichen Verlegenheiten— zu erfahren und nach Kräften beſchwichtigen zu helfen. — Der Baron konnte nur zweimal des Tages von der Reſidenz her eintreffen, Mittags oder Abends, denn volle acht Stunden gebrauchte er zu der ganzen Reiſe, wovon die eine Hälfte, wie wir wiſſen, die Eiſenbahn, die andere die Fahrt vom letzten Stations⸗ orte derſelben bis zum Gute in Anſpruch nahm. Es war ein Sonnabend und ein überaus heißer Tag. Schon am frühen Morgen hatten ſich Gewitterwolken von Südweſten herangewälzt und zum erſten Mal in auf dem Kupferhammer ſein, wo in des Betriebs⸗ den Böden zuſammen, die von den Weiden raſch 231 8 8 — 8 8 dieſem Monat den immer ſo klaren Horizont ver⸗ düſtert. Der Doktor war um die Mittagszeit auf dem Gute geweſen, hatte ſich nach Marie's Befinden er⸗ kundigt und war wieder weggeritten, als die Stunde verfloſſen, in welcher man den Baron erwarten konnte. Er hatte hinterlaſſen, er würde am Abend direktors Familie ein Feſt gefeiert wurde— Doktor Millinger war Arzt in dem Hüttenwerk— und wenn der Baron nach ihm verlange, falls er ankäme, ſo ſolle ein Bote ihn von dorther, nicht aber aus ſeiner Wohnung abrufen. Marie hatte trotz der großen Hitze ihren gewöhn⸗ lichen Spaziergang nach den Bergen angetreten, wurde aber unterwegs vom Gewitter überraſcht und flüchtete eilig nach Hauſe. Nun brach ein ſeit Jahren nicht ſo gewaltig erlebtes Unwetter los; ein furchtbarer Orkan, von entſetzlichem Regen und Hagelſchlag be⸗ gleitet, fuhr über die Felder und durch die Wälder, hundert Jahre alte Bäume knickend und die mit reich⸗ lichen Früchten geſegneten Aecker verwüſtend. Auf dem Gute ſchwebte man in großer Beſorgniß, zumal der Gutsherr nicht anweſend und Zeuge dieſer Verwüſtung war. Die Menſchen ſaßen in den Zimmern und auf 232 hereingetriebenen Heerden brüllten und blökten in den Ställen, die Hunde heulten und das Federvieh in ſeinen Behältern ſtieß jenes beängſtigende Geſchrei aus, welches es nur bei Feuersbrünſten oder gewalti⸗ gen Naturereigniſſen hören läßt. Der Verwalter des Gutes, ein ziemlich junger, aber energiſcher Mann, ſaß bei den Knechten auf dem Boden einer Scheune und ſah von hier aus den traurigen Verwüſtungen zu, die der Sturm, der Hagel und der in Strömen vom Himmel herabfließende Regen in Garten und Park anrichtete. Die Schaff⸗ nerin lief ab und zu bei den in der Küche verſammelten Mägden, deren Aberglauben geweckt war, indem ſie in dem ſelten erlebten Donnerwetter ein Vorzeichen erblicken wollten, daß ſich in ihrer herrſchaftlichen Familie ſehr bald ein trauxiges Ereigniß zutragen werde. Marie dagegen ſaß allein, ruhig und gefaßt, in ihrem Zimmer am Fenſter und blickte gedankenvoll in den Garten hinaus, der in einer halben Stunde faſt alle ſeine Blüthen und Blätter verloren hatte und gleich den entfernteren Gefilden vom Hagelſchlag in ein wüſtes, trauriges Chaos verwandelt war. So ging der Nachmittag in den Abend über, der bei dem finſteren Gewölk des Himmels frühzeitig herein⸗ brach. 8 jetzt, da es dunkel wird, erfaßt mich eine namenloſe— ſprochen, daß ſchon dadurch allein ihre Faſſung und 233 Endlich trat die Schaffnerin bei der Baroneß ein, um ihrem Herzen Luft zu machen und ſich wo mög⸗ lich ihre Angſt benehmen zu laſſen, denn ſchon längſt hatte ſie erkannt, daß in dem ſtillen, feſten Weſen der jungen Dame ein ſtarker Geiſt und ein ruhiges Herz wohne.„Ach mein Gott, gnädiges Fräulein,“ ſagte die Alte,„was iſt das für ein Tag! So lange es noch hell war, habe ich mich nicht gefürchtet, aber Angſt.“ „Warum denn und was befürchten Sie, Frau Hanne?“ „Wie— und Das fragen Sie ſo ruhig? Wenn das Gewitter nun in der Nacht wiederkehrt und der Blitz einſchlägt?“ „Das liegt in Gottes Hand, wir können es nicht ändern.“ Die Frau ſchaute verwundert und ſchon etwas erleichtert das alſo ſprechende Fräulein an, denn die wenigen Worte, die daſſelbe hatte hören laſſen, wur⸗ den mit einer ſo unerſchütterlichen Gemüthsruhe ge⸗ ihr Gottvertrauen genügend zu Tage trat. „Sie haben Recht,“ fuhr die Schaffnerin fort— „es liegt in Gottes Hand. Ach! Er ſchütze uns! Wenn 234 nun der Herr Baron in dieſem ſchrecklichen Wetter unterwegs wäre?“ „Das wäre wohl möglich. Aber was thäte es, er iſt nicht ſo ängſtlich wie Sie und die thörichten Mägde.“ „Nein, das iſt er freilich nicht; aber wenn ihm nur kein Unglück begegnet, wie die alte Elsbeth ſagt.“ „Hört doch nicht auf das eitle Geſchwätz ſo klein⸗ gläubiger Leute. Die Ereigniſſe in der Natur ſtehen nur in der Einbildung der Menſchen in Verbindung mit ihren perſönlichen Angelegenheiten.— Um welche Zeit müßte aber mein Oheim eintreffen, wenn er die⸗ ſen Mittag von der Reſidenz abgereiſt wäre?“ „O, dann müßte er eigentlich längſt hier ſein, denn es geht auf neun Uhr. Der Regen aber hat die Wege ausgeſpült und unfahrbar gemacht.“ „Vielleicht übernachtet er dann in... 2“ „O ganz gewiß nicht. Wenn er unterwegs iſt, fährt er auch bis hierher und wenn er ſchwimmen ſollte. Das liegt in ſeiner Art.“ Marie wollte eben etwas erwidern, als der ſchmet⸗ ternde Ton eines Poſthorns bis in das Innere des ſtillen Zimmers drang. Marie ſowohl wie die Schaff⸗ nerin ſprangen empor. Ohne ein Wort weiter zu ſprechen, eilten ſie nach der großen Schloßthür, an 235 der ſich ſogleich, trotz des Regens, der noch immer in Strömen vom Himmel rauſchte, alle auf dem Guts⸗ hofe wohnenden Menſchen einfanden. Es war in der That der Baron, der mit vier Extrapoſtpferden durch Regen und Sturm daherge⸗ brauſt kam. Der Wagen war über und über mit Koth beſpritzt, denn er war zweimal umgeworfen worden, und die triefenden Pferde zitterten vor An⸗ ſtrengung und Aufregung, als ſie vor der Thür des Hauſes hielten. Der Poſtillon, die Vorwürfe des Reiſenden erwar⸗ tend, ſprang verlegen vom Bocke und wollte ſich ent⸗ ſchuldigen, als er die Wagenthür öffnete. Der Baron aber gebot ihm mit einem Wink der Hand zu ſchwei⸗ gen, warf ihm ſein Trinkgeld hin und trat raſch in den Flur. Er ſah bleich und ingrimmig aus. In ſeinen Augen brannte ein düſteres Feuer. Ganz und gar mit der in ihm wogenden Gedankenwelt be⸗ ſchäftigt, hatte er keinen Blick für die verſammelte Dienerſchaft, die ihn freudig willkommen heißen wollte. Auch ſeine Nichte gewahrte er nicht, obgleich ſie unter den Vorderſten ſtand und ihn mit einigen herzlichen Worten begrüßte. Raſch ſchritt er mitten durch die Verſammelten, mit mürriſchem Geſicht einen„guten Abend“ brummend. Als ihm aber Marie, die Schaffnerin und Friedrich in ſein Zimmer folgen wollten, wehrte er ihre Theil⸗ nahme mit verſtändlicher Geberde ab und ſagte kalt: „Laßt mich allein. Schickt zum Doktor Millinger— ich fühle mich krank.“ Einer der anweſenden Knechte fing den ſo kurz ertheilten Befehl auf, ſprang in den Stall, riß ein Pferd heraus, warf ſich darauf und ſprengte trotz Regen und Unwetter dem Kupferhammer zu, wo er den Arzt zu finden gewiß war. Marie, da ſie mit eigenen Ohren gehört, daß ihr Oheim ſich krank fühle, wollte ungeachtet ſeines Ge⸗ bots, ihn allein zu laſſen, in ſein Zimmer treten. Die Schaffnerin aber, die ihren Herrn beſſer kannte, hielt ſie auf und flüſterte:„Gehen Sie bei Leibe nicht zu ihm hinein, er iſt böſe.“ „Nein, er iſt krank;“ erwiderte Marie und legte die Hand ſchon auf das Thürſchloß. „Glauben Sie es nicht, gnädiges Fräulein; ſo ſagt er jedesmal, wenn er von einem unangenehmen Beſuche oder gar einer Reiſe nach Hauſe kommt. Er will nur den Herrn Doktor ſprechen, um ihm irgend ein Ereigniß anzuvertrauen.“* Marie beſann ſich ſchnell.„Gut,“ ſagte ſie,„ſo 237 werde ich in mein Zimmer gehen. Wenn mein Oheim aber Verlangen nach mir trägt, und ſei es mitten in der Nacht, ſo laſſen Sie mich ſchnell rufen.“ Mit ihrem ſchwebenden Schritt, in dem eben ſo viel ruhi⸗ ges Selbſtbewußtſein, wie Nachdenken und Milde lag, begab ſie ſich darauf in ihr Zimmer. Wenn ſie aber wirklich erwartet hatte, daß ihr Oheim heute Abend Verlangen nach ihr tragen würde, ſo hatte ſie ſich geirrt. Sein Kopf war von ganz anderen Dingen erfüllt als ſolchen, die ſich auf eine Nichte bezogen, die er erſt fünf Minuten in ſeinem Leben geſehen und geſprochen hatte. Noch waren nicht ganz drei Minuten verfloſſen, ſeitdem der Baron ſein Zimmer betreten hatte, als er ſeine Glocke ſo heftig in Bewegung ſetzte, daß der allbekannte Klang derſelben durch das ganze Haus ſchallte. Dadurch wurde der alte Friedrich benach⸗ richtigt, daß er der Erſte ſein würde, der mit dem Herrn Baron einige Worte zu wechſeln die Ehre ha⸗ ben ſollte. Mit einer ungeſtümen Neugier, was er Seltſames ſogleich erfahren würde, ſprang er mit einem ſo unberechnet jähen Satze gegen die Thür, daß dieſelbe weit aufſchlug und an einen Stuhl ſtieß, der unmittelbar dahinter im Zimmer ſtand. „Eſel!“ war das erſte Wort, welches der Ein 238 tende vernahm.„Haſt Du den Verſtand verloren, daß Du ſo ungeſchickt bei mir in's Zimmer trittſt?“ „Ach, gnädiger Herr, ich bin ſo erfreut, Sie bei lebendigem Leibe wieder zu ſehen, daß ich— daß ich—⸗ 4 ¾ „Eben ungeſchickt bin!“ ſchloß der Baron den Satz. „Ich bitte um Verzeihung, Ew. Gnaden, ja, ich war ungeſchickt, aber der ſtarke Wind, der draußen die Bäume knickt und durch das ganze Haus fegt, riß mir die Thür aus der Hand.“ „Still!— Iſt der Doktor noch nicht da?“ „Es iſt eben erſt nach ihm geſchickt!“ ſtotterte langſam und mit verlegener Miene der Diener, denn es hätte ein Wunder oder Zauberei dazu gehört, den Doktor im Handumdrehen herbeizurufen. „Zieh mir die Stiefel und den Rock aus— ſo — und dann geh in den Keller und hole mir eine Flaſche Burgunder und zwei Gläſer— Du kannſt auch gleich zwei Flaſchen bringen.“ Der Alte ſperrte Augen und Mund auf. Ohne Zweifel fühlte ſich der gnädige Herr ſehr krank, denn er ließ ſich vor dem Schlafengehen entkleiden, hatte nach dem Arzte geſchickt und Burgunder, ſogar zwei Flaſchen auf einmal, beſtellt. Das war ihm nicht recht begreiflich. Dennoch aber entfernte er ſich ſo⸗ 239 gleich, um das Begehrte herbeizuſchaffen. Als die zwei Flaſchen mit den Gläſern auf dem Tiſche ſtan⸗ den, wollte ſich Friedrich wieder entfernen, als ihn ein Ausruf ſeines Herrn im Zimmer zurückhielt. „Wart, Graukopf,“ ſagte er, immer noch ſchmollend, aber ſchon weniger erregt—„ſoll ich im Dunkeln ſitzen? Siehſt Du nicht, daß es beinahe finſter iſt und gleich volle Nacht ſein wird? Bringe Lichi. aber keine Lampe— Kerzen!“ Wenige Minuten darauf wurden auch die Kerzen gebracht und ſofort angezündet. Es waren ihrer aber nur zwei und ſie erleuchteten nur ſehr ſchwach den großen Zimmerraum. „Noch zwei!“ herrſchte der Baron den Diener an und fügte einen gebieteriſchen Wink mit der Hand bei. Als Friedrich ſich entfernt hatte, lief er grollend auf und nieder.„Licht, Licht will ich haben,“ rief er vor ſich hin.„Es iſt dunkel in mir und um mich. Meine Sonne geht unter. Ich will dem Menſchen, wenn er kommt— ohne Zweifel meinte er mit die⸗ ſem Menſchen den Doktor— in's Geſicht blicken und ſeine Gedanken leſen können. Ja!“ Als Friedrich darauf die zwei weiteren Kerzen ge⸗ bracht, angezündet und auf einen Wink des Barons vor den Spiegel geſtellt hatte, erlaubte er ſich mit — lispelnder Stimme zu fragen, ob der gnädige Herr nichts zu eſſen verlange. Denn zu dieſer vorlauten Frage hatte ihn die fürſorgende Frau Hanne draußen ermuthigt. u „Ja, Brod und Käſe— geſchwind!“ Nach wenigen Augenblicken ſah ſich der Baron auch mit dieſen Erforderniſſen bedient und aß haſtig einige Stücke Brod, vergaß aber von der Butter und dem Käſe zuzulangen, die daneben auf dem Tiſche ſtanden. Wiederum vergingen auf dieſe Weiſe fünf bis zehn Minuten, als abermals die Glocke ſich hören ließ. Friedrich, der ſtets auf dem Sprunge ſtand, trat ſogleich in's Zimmer, hielt aber diesmal die Thür feſt, trotz des Windes,„der draußen die Bäume knickte I und durch das ganze Haus fegte.“ „Abtragen!“ befahl der Baron.„Hat man nach dem Dobktor geſchickt?“ „Ja, gnädiger Herr!“ „Wer iſt damit beauftragt?“ „Heinrich Kleber, gnädiger Herr!“ Der gnädige Herrr brummte etwas in den Bart, von dem man nicht enträthſeln konnte, ob es ſeine Zufriedenheit oder ſein Mißfallen ausdrücken ſollte. „Du kannſt in die Küche gehen,“ ſagte er dann ruhig; 241 „für den Fall aber, daß ich Dich noch gebrauche, halte Dich bereit. Du bleibſt alſo wach, ſo lange der Doktor hier iſt. Verſtanden? In die Küche, ſage ich!“ wiederholte er und legte einen ſtarken Nachdruck auf dieſe Worte, deſſen Bedeutung dem alten Friedrich, der ſeinen Herrn kannte, nicht entging. „ Ich ſoll nicht hören, was ermit dem Doktor ſpricht,“ ſagte er ſtill zu ſich, als er langſam nach der Küche ſchlich, wo alle Mägde mit der Schaffnerin ſtanden— und angſtvoll fragend in ſein Geſicht ſtarrten, denn Fälle, wie der vorliegende, ſo ſelten ſie vorkamen, waren bekannt und ſpannten die allgemeine Neu⸗ gierde auf das Höchſte an. Friedrich aber war, ſo zu ſagen, der Eisbock, an dem ſich, wie Alle wußten, der Zorn des gnädigen Herrn zuerſt brach, und darum harrte man ſeiner ſehnſüchtig in dem großen Küchenraume, um etwas Neues zu erfahren. „Heute iſt es nun gar nicht mit ihm richtig,“ brummte der Alte laut, ohne von Jemandem hörbar befragt zu ſein.„Krank iſt er gewiß nicht, denn er hat wie ein ausgehungerter Wolf zwei große Stücke Schwarzbrod verſchluckt. Aber es iſt etwas Ernſtes los— Das könnt Ihr mir glauben.“— Baron Brandau. I. 242 Eine Viertelſtunde ſpäter kehrte der nach dem Kupferhammer geſandte Bote in Geſellſchaft des Dok⸗ tors Millinger zurück. Pferde und Menſchen trieften, denn noch immer ſtrömte der Regen gleich heftig herab. Als der Doktor ſein Pferd abgegeben hatte, trat er leiſe in den Vorſaal des Schloſſes, legte ſtill ſeinen Mantel ab, putzte ſich die kothbeſpritzten Stie⸗ fel rein und ſtrich endlich mit beiden Händen ſeine ggrrauen Haare glatt. So war er gerüſtet und geſchmückt genug, um vor dem geſtrengen Gutsherrn erſcheinen zu können. Sein Geſicht war ruhig und klar, wie man es in der Regel bei ihm ſah, obwohl er ahnte, daß er ſogleich unangenehme Neuigkeiten zu hören bekommen würde. Dieſe Ahnung wurde zur feſten Ueberzeugung, als er in's Zimmer trat, die vier brennenden Kerzen, zwei Flaſchen Burgunder und zwei Gläſer bemerkte. Es war alſo auf eine lange und ernſte Sitzung abge⸗ ſehen. Als er die Thür leiſe hinter ſich geſchloſſen, was der alte Baron überaus liebte, fand er ihn auf ſeinem großen Seſſel ſitzen, mit den Fingern beider Hände ungeduldig auf deſſen Armlehnen trommelnd. „Endlich!“ rief der Baron und ſprang haſtig von ſeinem Sitze auf. „Nun?“ ſagte der Arzt in ſeiner gewöhn! lichen 243 ruhigen und beobachtenden Weiſe, indem er einen ra⸗ ſchen Blick über das Geſicht des Barons laufen ließ und ſogleich die Aufregung bemerkte, in der ſich der alte Herr befand.„Nun, ſind Sie wieder da, Herr Baron?“ „Hahaha!“ lachte Dieſer in einem Anfalle erheu⸗ chelten Humors und ſich ſelbſt beſpöttelnder Laune auf, die aber etwas Galliges und Ohrzerreißendes an ſich hatte,„hahaha! Ja, ich bin wieder da. Guten Abend Doktor! Nun, ſage auch ich, Ihr ſteht da und ſtarrt mich ja ganz verzweifelt erſtaunt an— iſt an mir denn etwas Beſonderes zu ſehen? Warum fragt Ihr mich nicht, ob und wie es mir gelungen iſt, meine Geſchäfte abzuwickeln? Hahaha!“ „Ich weiß ja nicht,“ antwortete ſanft und ruhig der Arzt,„in welchen Geſchäften Sie in der Reſidenz geweſen ſind. Sie hatten es ja ſo eilig bei Ihrer Abreiſe, daß— daß Sie mir nicht einmal den Grund derſelben angaben.“ „Ihr habt Recht, Doktor, ja, Ihr habt ſehr Recht, ich hatte es allerdings eilig. Jetzt aber habe ich es nicht mehr eilig, ſage ich Euch, die Geſchäfte ſind ge⸗ macht— haha! und wie ſind ſie gemacht! Donner⸗ wetter, warum lacht Ihr nicht wie ich?“ 5 Der Arzt wurde bleicher als gewöhnlich. In 16* 244 4 dieſer verzweifelten Laune hatte er den Baron ſelten oder nie geſehen. Schon wollte er an ein wirkliches Unwohlſein denken, als ihm der Baron zutraulich näher trat, ſeine rechte Hand auf ſeine Schulter legte, ihn zum Tiſche hinleitete und ſagte:„Ja, ja, Doktor, was ſich einmal nicht ändern läßt, das muß man ſo hinnehmen, wie es iſt. Eine vernünftigere Philoſophie, glaube ich, giebt es nicht auf dieſer Welt.— Kommt aber erſt her und trinkt mit mir ein Glas Wein. Auf meine Ehre! Seit ſechs Tagen fühle ich mich jetzt zum erſten Male wieder behaglich, da ich in meiner ſtillen Stube ſitze, Euer nüchternes Geſicht vor mir ſehe und mit Euch ein gutes Glas Wein trinken kann. Da— ſtoßen wir an— wohl bekomm's — Ihnen und uns!“ Und er hob ſein Glas und deutete auf das zweite, da er ſie unterdeß beide ge⸗ füllt hatte. Der Doktor ergriff ruhig das Glas, hob es auch in die Höhe, ſtieß mit dem Glaſe des Barons zuſammen und trank einige Tropfen, während der Baron ſchon ſein zweites Glas mit einem Zuge ge⸗ leert hatte. „Nun aber ſollt Ihr hören,“ begann der Letztere ſeine Erzählung,„wie es mir ergangen iſt. Setzt Euch, ſo, dahin, ich werde mich hierher ſetzen. Nun 245 gebt Acht! Was denkt Ihr wohl, was mir mein Bankier neulich ſchrieb, kurz bevor ich abreiſte? Nein, gebt Euch keine Mühe, Mann, Ihr rathet es doch nicht. Seht, das Breite und das Lange an der Sache iſt, er ſchrieb mir: man habe es vor, die Eiſen⸗ bahn von... um zwanzig Meilen bis... zu ver⸗ längern, ſie an dem verfluchten Kupferhammer da drüben— Gott verzeih' mir die Sünde!— aus höheren Rückſichten vorüberzuführen und mitten durch mein Gut zu legen. Nun, was ſagt Ihr dazu?“ Der Arzt ſtieß einen unartikulirten Laut des Er⸗ ſtaunens aus, denn dieſe Nachricht mußte allerdings, ſo viel er den Baron kannte, dieſem mitten durch's Herz gehen, denn ſein Gut war ja ſein Herz. „Seht,“ fuhr er fort,„da galt es kein Säumen, kein Aufſchieben. Was von meiner Seite geſchehen konnte, um das Unheil abzuwenden, mußte raſch ge⸗ ſchehen. So beſchloß ich denn ohne Zaudern nach der Reſidenz zu fahren, mich nach der Wahrheit dieſes teufliſchen Entſchluſſes zu erkundigen und, falls es ſich ſo verhielte, bei den Miniſtern, ja ſelbſt bei Sr. Ma⸗ jeſtät dem Könige meinen feierlichen Proteſt gegen dieſe Theilung und Verkürzung meines Eigenthums einzulegen.“ Der Arzt rückte hin und her auf ſeinem Stuhle, denn er war außerordentlich geſpannt, den Ausgang dieſer unerwarteten Mittheilung zu erfahren.„War es denn wahr?“ fragte er mit weit aufgeriſſenen Augen. „Wartet es ab, wartet es nur ab— o, ich habe Euch viel zu erzählen— und Das iſt erſt der An⸗ fang davon.— Ihr wißt, wie ſchwer es mir wird, mich von meinen vier Pfählen loszureißen, und wie viel ſchwerer noch, nach der Reſidenz zu reiſen, für die ich keine Sympathie, gar keine, hegte, wenn nicht mein König ſeine Wohnung darin aufgeſchlagen hätte, denn ich kann einmal die großen, marktſchreieriſchen Städte, wo es einen ſo verfluchten dummdreiſten Pöbel giebt, nicht leiden. Aber ich ging, trotz meiner Abneigung, ſogleich dahin, den halben Tod im Her⸗ zen. Ach, Doktor, mein Widerwille gegen eine ſolche große Stadt hat ſich auch diesmal wieder als voll⸗ kommen begründet bewährt, denn ich habe Abſcheu⸗ liches genug geſehen, gehört und erlebt.“. „Was denn?“ fragte der Doktor etwas kleinlaut, da der Baron eine kurze Pauſe eintreten ließ, um ſein leeres Glas wieder zu füllen. „Hört mich ruhig an. Ich bin, wie Ihr wißt, ſechszehn Jahre nicht in dem Höllenbreul geweſen. — 247 Dieſe ſechszehn Jahre, Doktor, ſcheinen mir, nachdem ich mich jetzt fünf Tage darin aufgehalten, eine Ewig⸗ keit zu ſein, ſo raſch ſie mir hier auf dem Lande auch hingeſchwunden ſind. Denn was ſich während dieſer ſechzehn Jahre in jener Stadt verändert hat, be⸗ ſchreiben keine Worte. Wir müſſen hier geſchlafen, nichts geſehen, nichts gehört, nichts gethan haben, ſonſt kann ich mir's nicht erklären. Von dem Thore, durch welches ich damals in die Reſidenz einzog, war diesmal keine Rede mehr, Thor und Stadtmauer, Alles insgeſammt, war ſpurlos verſchwunden. Von aus fuhr ich wie ein Vogel durch die Luft in vier Stunden nach der Königsſtadt. Auf der Stelle, wo ich anlangte, Bahnhof nennen ſie Das, fand ich ein neues Stadtviertel. Nicht Häuſer allein— ganze Straßen waren erſtanden, und alle Häuſer darin ſahen wie Paläſte aus. Als ich aus dem Wagen ſtieg, trat ein Polizeibeamter auf mich los und fragte nach mei⸗ nem Paß. Mich, Doktor, den Baron Brandau auf Holzendorf!— Ich bin der Baron Brandau auf Holzendorf, ſagte ich dem dummen Menſchen.— Das kann ich Ihnen nicht anſehen, erwiderte der Eſel.— Darum ſage ich es Ihnen, ſagte ich und wollte an ihm vorbeigehen.— Halt! rief der Grobian. Ver⸗ ſtehen Sie mich nicht, ich bitte um Ihren Paß!— 248 Donner und Wetter! Mich fragt man nach meinem Paß, wenn ich zu meinem Herrn und König reiſe? rief ich entrüſtet.— Dann erſt recht müſſen Sie ihn vorweiſen, wenn Sie zum König gehen, ſagte er.— Ich war ganz verblüfft, als ich ſo daſtand, gleichſam zum Spott der vielen Juden, die mit mir gereiſt waren und alle ihren Wiſch ſchon aus der Taſche ge⸗ holt hatten.— Was ſagt Ihr nun, Doktor, ſind das nicht Neuerungen ganz ungeheuerlicher Art?“ „Aber wie gelangten Sie durch,“ fragte der Arzt, „denn Sie hatten ja keinen Paß?“ „Durch ein Wunder, glaube ich, oder vielmehr dadurch, daß ich grob wurde, was oft eine wunder⸗ bare Wirkung hat. Denn ich ſchrie aus voller Kehle meinen Namen und Stand aus da ließ man mich endlich ziehen. So, in der Art, Doktor, fand ich nun Alles verändert, Menſchen, Kleider, Wagen und Pferde, ſelbſt die Hunde hatten verbundene Mäuler und durften nicht bellen. Gott ſtrafe mich, wenn das nicht ein herrlicher Anfang war!— Es war Mit⸗ tag und ich fuhr in ein Gaſthaus. Man ging gerade zu Tiſche. Vor ſechszehn Jahren hatte ich in dem⸗ ſelben Hauſe den Ehrenplatz erhalten, jetzt ſetzte man mich mitten zwiſchen einen Haufen Schacherer, die von nichts als Wolle, Oel und Spiritus ſprachen. 249 Alles wollten ſie zu Gelde machen— Geld, Geld, Geld, das war Alles was ich hörte. Dabei redeten ſie eine Sprache, die ich beinahe nicht verſtand. Ich mußte nachdenken, ob das Deutſch ſei, denn ſie hatten eine Menge Wörter im Munde, die ich in meinem Leben nicht gehört. Das wurde mir denn bald zu arg, ich hatte genug, ſchon ehe ich mein Rindfleiſch verzehrt, wiſchte mir den Mund und ſtand auf. Mir war aller Appetit vergangen. Darauf fuhr ich zu meinem Bankier, dem alten ehrlichen Scheitler.“— Der Erzähler ſeufzte aus tiefer Bruſt dabei auf.— „Da hörte ich denn die ganze Geſchichte brühwarm. Die Eiſenbahn war beſchloſſen, die Miniſter hatten ſie für nothwendig erklärt, nur über die Richtung war man noch nicht ganz einig. Das war Waſſer auf meine Mühle. Ich fuhr ſogleich zu dem Handels⸗ miniſter— auch eine neue Charge! Der Herr war zu Hauſe und ich ließ mich melden. Ich ward in ein Zimmer geführt, wo drei bis vier Männer ſaßen und ſtanden und Zeitungen laſen. Das iſt auch eine Neuerung, Doktor, daß man im Audienzzimmer eine Zeitung lieſt. Aber bald ſollte ich begreifen, warum ſie ſich die Zeit vertrieben. Eine halbe Stunde verging, ehe der Eine vorgelaſſen wurde; eine neue Blanliunde bis er wieder heranskamn Nun, 250 kurz zu ſein, ich mußte gute anderthalb Stunden warten, bis mich die Reihe traf. Das wagt man einem Baron von Brandau zu bieten! Iſt es nicht entſetzlich, Doktor?— Raſend vor Wuth trete ich bei Sr. Excellenz ein. Guten Morgen! ſag' ich.— Es iſt Abend, bemerkte er lächelnd.— Das iſt wohl möglich, ſagte ich; als ich aber in Ihr Zimmer trat, war es beinahe erſt Morgen, Sie haben mich warten laſſen, bis es dunkelt.— Was wünſchen Sie? fragte mich der Herr.— Iſt es wahr, ſagte ich, daß Sie mir die Eiſenbahn durch mein Gut legen wollen? Wer ſind Sie und was wollen Sie von mir? fragte mich der Herr erſtaunt. Ich bin der Baron von Brandau auf Holzendorf, Herr Handelsminiſter! erwiderte ich. Hat Ihr Lakai Ihnen Das nicht geſagt? Ach ſo! ſagte er mit ſeinem verteufelten Lächeln, das er einer Furie abgehandelt zu haben ſchien. Ja, die Eiſenbahn wird durch Holzendorf gelegt werden. Auch wenn ich es nicht erlaube? Es ſind Geſetze erlaſſen, welche geſtatten, die an⸗ liegenden und zum Bau nothwendigen Strecken zu expropriiren. Expropriiren? So! Die Geſetze hat der Teufel erlaſſen! 251 Wohl möglich; aber Seine Majeſtät hat ſie unter⸗ zeichnet. Iſt Das wahr, Excellenz? Mein Herr, ſagte der Miniſter des Handels, glauben Sie, daß ich Ihnen eine Unwahrheit ſagen werde? Mein Herr, ſagte ich, glauben Sie, daß ich mich von Ihnen mit dieſen Worten abſpeiſen laſſen werde? — Ich werde zu Sr. Majeſtät dem Könige ſelbſt gehen. 2 Ich hindere Sie nicht daran.— Darauf machten wir uns einen Kratzfuß und ich ging zur Thür hin⸗ aus. Das war der erſte Schritt, den ich in der herrlichen Reſidenz that.— Ach, ſchenken Sie mal die Gläſer voll, Doktor, Sie ſitzen da am nächſten bei der Flaſche. Wohlauf— trinken wir uns Muth, die Schlacht wird heißer. Ha, Das wärmt! Alſo — wo war ich— ja, auf der Straße in meinem Wagen. Ich fuhr zum Hofmarſchall des Königs, meinem alten Bekannten, und traf ihn glücklicherweiſe zu Hauſe. Wann kann ich den König ſprechen? fragte ich ihn.— Heute nicht, Seine Majeſtät iſt un- päßlich.— Das bin ich auch, ſagte ich und merkte ſchon, daß es hier ebenfalls ſchief gehen würde. 8 Aber 8 252 wie lange wird er unpäßlich ſein? Ich habe nicht viel Zeit, meine Angelegenheit iſt eilig, ſetzte ich hinzu. Miein alter Bekannter vertröſtete mich auf den folgenden Tag und beſtellte mich in das Schloß Punkt zehn Uhr. Natürlich war ich um halb zehn Uhr ſchon auf dem Platze. Ich warte bis Elf, bis Zwölf, bis halb Eins— es kommen einige Herrn durch das Vorzimmer gegangen und begeben ſich zum König. Um ein Uhr endlich ſagt mir ein Offizier, Seine Ma⸗ jeſtät empfange heut' nicht mehr, er ſei nach... gefahren. 3 Auf der Eiſenbahn? frage ich. Ja, auf der Eiſenbahn. Und mich beſtellt man hierher? ſage ich. Ich bin der Baron Brandau auf Holzendorf— Ich freue mich der Ehre, Ihre Bekanntſchaft zu machen— ich bin der Graf Sparr! Und damit ging er fort, indem er hinzufügte, er habe Dienſt. Was ſagen Sie dazu, Doktor? Nun gut, ich ſchluckte die Pille nieder, ging nach Hauſe, vertrieb mir die Zeit mit Fluchen und am andern Morgen war ich wieder auf dem Schloß. Ein Kammerdiener tritt mir entgegen und als ich nach Sr. Majeſtät frage, ſagt er mir, er ſei in... geblieben. Die Nacht? frage ich. * 253. Ja, die Nacht über; er wird auch erſt morgen wiederkommen. Die Sache wird immer ernſter, Doktor, Ihr wer⸗ det es bald merken.— Am dritten Tage fand mich wieder ein. Seine Majeſtät war zurückge und— zu ſprechen. Nur mußte ich zwei Stunden warten, bis ich vorgelaſſen wurde.“ „Alſo Sie wurden vorgelaſſen?“ „Wie? Warum denn nicht?“ „Und der König?“ „Der König war gütig, leutſelig, freundlich wie immer. Er fragte zuerſt nach meinem Sohne, dem Lieutenant. Er kenne ihn, ſagte er, er ſei ein hüb⸗ ſcher, ſchmucker Soldat, nur gebe er etwas viel Geld aus und verkehre viel mit Leuten, die ein hohes Spiel ſpielten. Das Geld hat er von mir, Majeſtät, ſagte ich. Ich bin reich. Das freut mich. Wenn Sie damit zufrieden ſind, bin ich es auch. Aber was führt Sie in die Stadt— Sie kommen ſelten hierher? Wenn ich ſelten komme, ſo hoffe ich diesmal nicht vergeblich gekommen zu ſein, Majeſtät, ſagte ich. Es ſoll mich freuen, antwortete Seine Majeſtät, wenn ich Ihnen dienen kann. Dienen, ſagte er, 24 hört Ihr wohl, Doktor, der weiß, was ein Edelmann iſt!— So brachte ich denn mein Anliegen vor. Schon während ich aber noch ſprach, ſah ich ein, A dennoch umſonſt gekommen war. Denn Seine Mizjeſtät lächelte ſehr verbindlich und geruhte mir folgende Worte zu ſagen. Das thut mir leid, lieber Baron, die Angelegenheit iſt ſchon entſchieden. Die Bahn muß über das große Hüttenwerk, den Kupfer⸗ hammer, gehen, und wenn Ihr Gut daneben liegt, ſo müſſen Sie es ſich gefallen laſſen. Ich habe mir es auch müſſen gefallen laſſen, daß ſie eine Eiſenbahn durch meinen Wildpark gelegt haben. Was will man machen? Man muß mit dem Strome ſchwimmen. Sie können dafür künftig in fünf Stunden in der Reſidenz ſein. Ich will aber nicht in fünf Stunden in der Reſidenz ſein, ſagte ich. Ich liebe es, in meinem eigenen Wa⸗ gen und mit Pferden zu fahren, wie meine Eltern und Voreltern es thaten. Die Lokomotive pfeift die ganze Nacht, daß ich nicht ſchlafen kann, der Dampf ver⸗ dunkelt mir die Sonne und Gott läßt ſie doch für Jeden ſcheinen. Hoffentlich auch für mich! ſagte der König. Es thut mir leid, daß Sie Nachtheil und Unbequemlich⸗ keit davon haben; Tauſende, ja Millionen haben 255 Vortheil davon und der Einzelne muß ſich unterord⸗ nen, das thue ich auch. Grüßen Sie Ihren Sohn und leben Sie wohl.— So war ich denn entlaſſen. Was ſagt Ihr nun? Die Eiſenbahn wird wirklich durch mein Gut gelegt— hol' ſie der Teufel!“ Der Arzt ſchwieg, kaum merklich lächelnd, denn die Erzählung des Gutsherrn von Holzendorf mochte ihm wohl Manches zu bedenken geben. Der Baron aber fuhr mit ſteigender Erregung fort: „Und Das nennen ſie Fortſchritt! Fortſchritt auf Koſten eines Edelmannes, deſſen Ländereien man verwüſtet, deſſen Einkommen man ſchmälert, deſſen Vergnügen man ſtört! Was ich verliere, glauben ſie mit Geld bezahlen zu können, als wenn das Geld den Wald aufwöge, den ſie niederhauen, oder die Felder, die ſie verſchütten, und die Wieſen, die ſie austrocknen. Das nennen ſie Cultur? Das nenne ich Neuerung, Teufelei! Das iſt abſcheulich, das iſt laſterhaft!“ „Es iſt wenigſtens unangenehm,“ ſagte der Arzt begütigend. „Gewiß iſt es das. Meine Reiſe war alſo um⸗ ſonſt geweſen.“ „Aber warum blieben Gie noch länger in der Reſidenz?“ „O!“ ſagte der Baron langſam,„ich hatte noch mehr zu thun. Ihr ſollt es gleich hören. Zuerſt ging ich nun wieder zu Scheitler. Es waren drei Tage verſtrichen, ſeitdem ich bei ihm geweſen war; in dieſen drei Tagen hatte man wieder Fortſchritte im Fortſchreiten gemacht. Der Termin zur Abſchätzung der zu der Eiſenbahn nothwendigen Grundſtücke war feſtgeſetzt. Heute über vier Wochen wird der große Akt an Ort und Stelle ſtattfinden. Der Bankier rieth mir, das zu empfangende Geld in die Taſche zu ſtecken oder damit zu ſpekuliren. Spekulation, Doktor, das wäre etwas für mich! Er ſprach ein Langes und Breites darüber, wovon ich kein Wort verſtand. Auch dieſer Mann fängt an, Fortſchritte in der Cul⸗ tur der Sprache zu machen. Ich empfahl mich und — und ſuchte meinen Sohn Alfred auf.“— Hier ſchöpfte der Erzählende Athem und trank, gleichſam zur Stärkung, ein ganzes Glas Wein aus. Der Doktor rückte auf ſeinem Stuhl hin und her und ſtreckte ſeinen Oberkörper dem Baron entgegen, zum Beweiſe, wie ſehr ihn das Kommende intereſſire. Der Zorn des Barons ſchien ſich unterdeſſen et⸗ was beſänftigt zu haben, wenigſtens nahm die Art und Weiſe, wie er von jetzt an erzählte, einen viel milderen Ausdruck an. So lange er von ſeiner per⸗ 257 ſönlichen Abneigung gegen die Errungenſchaften der fortſchreitenden Cultur geſprochen, hatte ſein Zorn einen leidenſchaftlichen, wenngleich naiv⸗komiſchen Beigeſchmack gehabt, jetzt, da er Dinge erwähnte, die ſein väterliches Herz betrafen, ſprach ſich ſchon in ſei⸗ nem Tone eine feierliche, beinahe wehmüthige Stim⸗ mung aus, die das Mitgefühl des Zuhörenden un⸗ gleich mehr in Anſpruch nahm. „Ja,“ ſagte er,„ich ſuchte alſo meinen Alfred auf. Ich muß Ihnen noch ſagen, Doktor, daß ich an dem Abende, an welchem ich jenen Brief des Bankiers erhielt, auch von meinen beiden Söhnen einen empfing. Alfred ſchrieb mir, er habe die Be⸗ kanntſchaft eines reichen ungariſchen Grafen gemacht, der große Geldgeſchäfte betreibe. Er ſei ſogar ſein Freund geworden, um ihm durch die rhut zu bewei⸗ ſen, wie man in kurzer Zeit ein Millionär werden könne. Wie das zugeht, begreife ich freilich nicht, aber es muß das ebenfalls ein Fortſchritt in der Cultur der Menſchheit ſein. Seitdem die Welt mit Dampf arbeitet, ſeitdem ſie den elektriſchen Funken aus der Hölle geholt, und ſeitdem das Aſſociationsweſen ſein wucheriſches Spiel zu treiben begann, ſeitdem rückt die Welt alle Tage mit Siebenmeilenſtiefeln vorwärts. Was wir früher in Jahren vollbrachten, ja in einem Varon Brandan. J.. 17 3 2s Lebensalter kaum erwarben, das vollbringen und er⸗ werben die Leute heutigen Tages in einem Monate, einer Woche, und das nennen ſie die Frucht ihres Spekulationsgeiſtes. Begreife es der Himmel— ich nicht! Wir waren froh, wenn wir nach Hunderten, höchſtens nach Tauſenden rechnen konnten, jetzt hört man überall von Millionen reden— ſie müſſen alſo wohl da ſein. Ach, man nehme ſich heut zu Tage in Acht, den Verſtand oben und ſeine Gemüthsruhe ungeſtört zu erhalten, denn mit rechten Dingen geht Das nicht zu.— Doch zur Sache. Ich ging alſo zu meinem Sohne. Er war nicht zu Hauſe, ſondern bei ſeinem neuen Freunde, zu dem er ſogar in's Haus ziehen will, wie ich ſpäter hörte. Da ich aber nicht wußte, wo der wohnte, und der Diener meines Soh⸗ nes ausgegangen war, ſo mußte ich mich auch hier zu warten entſchließen, oder wiederkommen, wie bei Sr. Majeſtät dem Könige. Endlich ſah ich denn meinen Sohn. Dobktor, der Junge ſcheint mir plötzlich ſehr weiſe und dabei zugleich ſehr alt geworden zu ſein. Er hat nichts Jugendliches mehr; alle Schnellkraft, alle Lebensluſt, alle Leichtigkeit iſt aus ſeinen Glie⸗ dern und aus ſeinem Herzen gewichen. Der Teufel des Gelderwerbs hat ihn mit ſeinen Klauen gepackt, wie es ſcheint, denn er ſchwatzte mir in fünf Minuten 259 ſo viel von Aktien, Verſchreibungen, Wechſeln und dergleichen Zeug vor, daß ich auf vier Wochen genug davon habe. Da ich nur ſelten zu ihm komme,f— wollte ich ihm nicht gleich meine Unzufriedenheit über ſeine jetzige Lebens⸗ und Anſchauungsweiſe zu erken⸗ nen geben und ſo legte ich mich auf's Zuwarten und Horchen. Von dem Grafen ſprach er mit einer wah⸗ ren Begeiſterung; das muß ein vollkommener Cavalier⸗ ſein, obgleich er ſich mit kaufmänniſchen Spekulationen aabgiebt, was mir im Grunde nicht an ihm gefällt.“ „Mir nuch nicht!“ ſchaltete der Arzt ein. „Na, und da bat ich ihn denn, mich ſeinem Freunde zuzuführen, denn ich wollte doch auch den berühmten Cröſus kennen lernen. Aber da kam ich wieder nicht zur rechten Zeit, der Herr war ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen verreiſt und Alfred hatte nur in ſeiner Abweſen⸗ heit ſein Haus gehütet. Alfred wohnt überaus prächtig. Seine Wohnung kam mir wie ein fürſtliches Palais vor. Dies Zimmer hier und mein ganzes Schloß iſt dagegen ein Reitſtall. Als ich mich verwundert nach all dem Glanz und Luxus umſchaute, lächelte mein Juunge und ſagte: Ja, Vater, Das gehört dazu, wenn man bei den Leuten etwas gelten will; man muß vor allen Dingen ein Haus haben, um eins zu machen. M 17 8 260 Aber das koſtet Geld, ſagte ich. Freilich. Jetzt bezahlſt Du es noch, erwiderte er, aber in kurzer Zeit werde ich Dir alle Deine Aus⸗ gaben für mich mit Wucher zurückgeben können. Wucher? ſagt' ich. Den laß bei Seite, denn Du weißt wohl, ich habe nicht viel Hebräiſches an mir — behalte Deine Zinſen für Dich und denke ſtets daran, daß Dein Vater der Baron Brandau auf Holzendorf iſt.“— Dieſe von dem Erzähler mit auffallender Milde geſprochenen Worte hatten etwas ungemein Rühren⸗ 2 des an ſich, wenn man bedachte, wie ſtolz und ſtreng der Mann, der ſeine beiden jüngſten Söhne mit ſol⸗ cher Zartheit behandelte, in allen übrigen Dingen war. Einen ſolchen Eindruck brachten ſie wenigſtens auf den immer aufmerkſamer zuhörenden Doktor Millinger hervor. „So erzählte er mir denn,“ fuhr der Baron fort, „wenigſtens eine halbe Stunde lang von ſeinen durch den neuen Freund erlangten Kenntniſſen, vom Markt der Welt— ja, ſo nannte er es, und das iſt auch eins von den neuen Wörtern— von ſeinen erwei⸗ terten Ideen in Bezug auf die Beglückung der Menſch⸗ heit und von dem erhebenden Selbſtbewußtſein, welches aus einem ſo großartigen und wohlangewandten — 261 Leben entſpringe.— Darauf führte er mich in eine glänzende Reſtauration, wo nur Millionäre, Grafen und Herren ſpeiſten. Das muß ich ſagen, Doktor, ſo gut hab' ich noch nie gegeſſen, obwohl ich mir nicht eben viel daraus mache und der Kohl, den ich mir ſelbſt baue, beſſer ſchmeckt, als all' der Krims⸗ krams, den ſie mir da auf vergoldeten Tellern vor⸗ ſetzten. Na, wir ſpeiſten alſo vortrefflich und tranken auch nicht übel. Dabei eröffnete mir denn Alfred etwas von ſeinem nächſten Geſchäft. Er brauche dazu 20,000 Thaler, ſagte er, blank und baar auf den Tiſch gezählt; dieſe 20,000 Thaler aber könnten in Jahresfriſt mindeſtens um eine Null gewachſen ſein.“ Der Doktor ſpitzte die Ohren und bohrte ſeine Augen faſt in den Mund des Erzählenden. „Nun, und das Ende vom Liede war— ich ver⸗ frräch ſie ihme „Was? Sie verſprachen ſie ihm?“ „Gewiß. Iſt das nicht meine Schuldigkeit? Ueber⸗ dieß, wenn ich Das auch nicht gethan, bekäme er ſie ja doch hald, da ich in einigen Monaten das Erbe ihrer Mutter unter meine Kinder zu vertheilen haben werde. Ich verſprach ſie ihm indeß nicht ohne jede Bedingung, denn ich wollte erſt mit meinem Bankier 1 einige Rückſprache nehmen.“ 262 Der jedes Wort erhaſchende Arzt athmete laut auf. „So ging ich denn gleich nach Tiſche noch einmal zu Scheitler. Kennen Sie den Grafen Zaretta? fragte ich ihn.— Ja, ſagte er, ich kenne ihn, wie ihn alle Welt kennt, das heißt vom Hörenſagen.— Er iſt ein reicher und ſehr vornehmer Mann?— So ſcheint es.— Er macht große Geldgeſchäfte?— Scheitler lächelte. Warum lächeln Sie, Mann? fragte ich ihn.— O, ich lächle gerade nicht, aber ich be⸗ daure, daß Ihr Herr Sohn ſich nicht an bekannte und bewährte Männer von Fach angeſchloſſen hat. — Was nennen Sie Männer von Fach?— Solche Leute, wie ich einer bin, Herr Baron, den ſogar Sie mit Ihrem Vertrauen beehren.— Wie, Sie wollten, daß mein Sohn mit Kaufleuten von Profeſſion Ge⸗ ſchäfte macht? Sie ſcherzen!— Iſt der Graf Zaretta kein Kaufmann, wenn er von Geldgeſchäften lebt?— Der Graf Zaretta iſt ein Edelmann.— Ja, das iſt er, ſagt man; aber ich halte ihn nicht einmal für einen Kaufman, ſagte der Tropf und nahm eine Priſe. — Sagen Sie mir Alles, was Sie von ihm wiſſen, fuhr ich fort.— Da kann ich Ihnen ſehr wenig ſa⸗ gen, ich weiß eben Nichts von ihm.— Und doch tadeln Sie ihn?— Ich, ich erinnere mich keines tadelnden Wortes.— Halten Sie ihn nicht für ſicher in Geldgeſchäften?— Das kann man von Niemandem ſagen, in deſſen Bücher man nicht geſchaut hat, und⸗ in des Herrn Grafen Bücher, wenn er welche hat, habe ich wenigſtens nicht geſchaut.— Das, Doktor war mein letztes Geſpräch mit Scheitler über dieſen Punkt. Ich gab meinem Sohn Credit bis auf 20,000 Thaler—“ „Das thaten Sie?“ „Nun ja, warum nicht? Ich ſagte es Ihnen ja ſchon.“ „Wenn aber die 20,000 Thaler verloren gehen, Herr Baron?“ „O, ſo leicht verflüchtigen ſich 20,000 Thaler nicht, das iſt eine ganz hübſche Summe.“ „Um ſo ſchrecklicher, wenn ſie verloren geht.“ „Bleiben Sie mir doch mit Ihren Wenns vom Halſe. Wenn ſie verloren gehen, ſo gehen ſie ver⸗ loren und dann hat Alfred ſeiner Mutter Erbtheil verloren— das iſt ſeine, nicht meine Sache.“ „O!“ ſeufzte der Arzt laut und lehnte ſich ge⸗ dankenvoll in ſeinen Stuhl zurück.„Das hätten Sie nicht thun ſollen, Herr Baron.“ „Das hätten Sie mir ſagen ſollen, ehe ich es that. Jetzt iſt es geſchehen und nun iſt die Sache abgemacht.“ „Gott wende ſie zum Beſten!“ „Ja, tauſendmal ja, das ſage ich auch.“ Es trat eine Pauſe ein, die der Baron damit ausfüllte, daß er einige Male im Zimmer auf⸗ und abſchritt und aus dem Fenſter ſah. Der Regen hatte aufgehört, Gottes leuchtende Sterne flammten wieder am blauen Himmel und ein milder Südwind fuhr trocknend über die überſchwemmten Felder und Wälder. War dieſe Beruhigung in der vorher ſo wild aufgeregten Natur der Grund, daß der Baron ſich plötzlich erleichtert fühlte, oder war es ein Einfall, der ihn überkam und ſeine Gedanken in eine andere Richtung lenkte, genug, er drehte ſich mit erheitertem Geſichte nach dem Doktor um, der ſchweigend und nach⸗ denkend auf ſeinem Stuhle ſitzen geblieben war, und rief:„Doktor— es iſt gut Wetter draußen; jetzt wollen wir mit Behaglichkeit eine Cigarre rauchen, jetzt fühle ich mich wieder wohl und zu Hauſe.“ Da⸗ bei holte er ein paar Cigarren hervor und reichte eine davon ſeinem Gaſte hin. Bald darauf waren ſie in Gang geſetzt und das Zimmer fing an, ſich mit jenem gewürzigen Dufte zu füllen, welcher allein in der Welt einer ächten Havannah entſtrömt. 265 „Sie riechen gut,“ ſagte der Baron ſchmunzelnd, „nicht wahr? Aber ich habe ſie auch von meinem Georg. Der Junge hat einen feinen Geſchmack darin, das muß man ihm laſſen.“ „Ja ſo,“ erwiderte der Arzt trocken,„Sie haben doch gewiß auch den Junker Georg beſucht?“ „Verſteht ſich— und Das iſt eigentlich die ein⸗ zige Freude geweſen, die ich auf meiner Reiſe ge⸗ noſſen habe. Georg iſt ein prächtiger Junge gewor⸗ den, Doktor, Sie werden Ihre Freude daran haben. Wie er ſich entwickelt hat, wie ſchön, wie edel, wie vornehm— durch und durch ein vollkommener Ca⸗ valier!“— „Ja, er raucht ſehr feine Cigarren, Das iſt wahr, das Ding ſchmeckt vortrefflich,“ lächelte der Arzt. „O,“ fuhr der entzückte Vater fort— und man ſah ihm an, welche Freude ihn erfüllte, während er von dem Lieblingsſohne ſprach—„er hatte mir auch ge⸗ ſchrieben und einen Wunſch vorgetragen.“ „Wollte er auch 20,000 Thaler haben?“ „Nein, nicht ganz ſo viel, aber etwas wird es allerdings koſten. Er wollte zur Cavallerie übergehen, Gardehuſar werden. Und Das wird er, Doktor, denn ich bin ſeinetwegen beim Kriegsminiſter geweſen.“— 266 Der Doktor nickte ſeinen Beifall und Glückwunſch ſtumm zu.—„Seine Excellenz empfing mich ſehr gnädig. Er hatte ſchon für Georg geſorgt, der ihm ſeinen Wunſch mündlich und ſchriftlich zu wiſſen ge⸗ than. Nur Eins, ſagte er, hat mich an dem jungen Manne verwundert. Was denn? fragte ich.— Er hat mir eeinen etwas überſchwänglichen Brief ge⸗ ſchrieben, worin er von ſeiner Verwandtſchaft mit einer Fürſtenfamilie ſpricht. Exiſtirt denn dieſe Ver⸗ wandtſchaft, lieber Baron?— Ja, ſagte ich, mein Sohn ſagt mir, er habe die Familienverbindung auf⸗ gefunden und ich erinnere mich ſelbſt, in meiner Ju⸗ gend meinen Vater von etwas Aehnlichem ſprechen gehört zu haben.— Aber die Cavallerie wird Geld koſten, fuhr er fort.— Das gebe ich gern, Exeellenz. — So betrachten Sie die Sache als abgemacht. Nur noch Eins wollte ich mir erlauben zu bemerken. — Und Das wäre?— Ihr Sohn, der Lieutenant, giebt ſehr viel Geld aus. Er iſt dem Jagdelub beigetreten. Geſchah das mit Ihrer Genehmigung? — Ich habe Nichts davon gewußt, bis es geſchehen war, denn ich kenne den Jagdelub nicht, ſagte ich. Nachher aber habe ich es genehmigt.— Da lächelte Se. Egrcellenz. Sie geben alſo Ihre Einwilligung, ohne zu wiſſen, was Sie bewilligen? ſagte er. Wiſſen 267 Sie, der Jagdelub iſt eine Geſellſchaft unter den Söh⸗ nen des höchſten Landesadels.— Dann freue ich mich um ſo mehr, daß mein Sohn auch dazu gehört, ſagte ich.— Gut, gut, die jungen Leute jagen, reiten, wetten, ſpielen— iſt Ihnen das auch recht?— Ge⸗ wiß, das haben wir ja auch früher gethan, Excellenz! — Seine Excellenz lächelte wieder. Wieviel haben Sie Ihrem Sohn jährlich ausgeſetzt? fragte er.— — Das kommt auf den Verbrauch an.— Alſo un⸗ beſchränkten Credit?— Wenn es ſein muß— ja! — Ah, ich wußte nicht, daß Sie ſo reich wären!— Eigentlich, Doktor, war das eine verletzende Antwort; aber da es der Kriegsminiſter war, der meinen Sohn ſo eben zur Garde verſetzt hatte, ſo nahm ich es nicht ſo genau.“ „Wenn Sie nur nicht zu viel verſprochen haben!“ ſchaltete der Arzt ein. 8 „Dummes Zeug! Was kann der Jagdelub koſten? 1 Zwei bis dreitauſend Thaler jährlich, und die will ich ihm geben.— Nun alſo, vom Kriegsminiſter ging ich mit Georg, der in einer Art ſeligen Rauſches ſchwamm, in den Jagdelub. Das iſt eine ſaure Nacht geweſen, Doktor, aber hübſch war es doch.. 1 Tauſend und Eins! Iſt Das ein verwegenes Junker⸗ thum! Das nenn ich Jugend! Zu meiner 268 ben wir es auch ein Bischen wild und unbändig, zuweilen ſogar etwas toll— aber ſo ſtark wir waren, wir wagten uns doch an keine Herkulesarbeit, mit der dieſe jungen Herrn ſpielen.“ „Und Sie haben mitgeſpielt?“ „Verſteht ſich, ein Bischen. Aber Das ſchadet nicht. So will ich das Junkerthum haben. Wenn es einmal eine wirkliche Schlacht giebt, dann ſind ſie Centauren. Denken Sie ſich, was mir die Naſeweiſe zumutheten! Als wir beim Champagner ſaßen— ſie trinken weiter Nichts als Champagner, aber ſie nennen es Sekt— wetteten ſie gegen mich, daß ich nicht wagen würde, meinem jungen Huſarenoffizier einen offenen Credit bei Scheitler zu geben.“ „Und Sie gaben ihn?“ „Na, was denkt Ihr denn, ich werde doch nicht vergeblich auf meine Großmuth wetten laſſen!“ „Dann hat man Ihnen aber auch nicht zu viel zugemuthet—“ „Eigentlich habt Ihr Recht, es war etwas ſtark, einen alten Vater ſo liſtig zu überfallen, der bei ſei⸗ nem Sohne zu Gaſte war.“ „Wie iſt denn das aber mit der fürſtlichen Ver⸗ wandtſchaft? Davon habe ich ja noch nie etwas ge⸗ Höort,“ ſagte der Arzt forſchend. 269 „O, an der Sache iſt nicht gar viel. Es mag wohl ſo etwas fürſtliches Blut mit untergelaufen ſein, aber ich ſelbſt habe nie Werth darauf gelegt.“ „Ach, ſo iſt es! Dann kann ſich aber Ihr Herr Sohn doch nicht damit brüſten, meine ich.“ „O, womit brüſtet ſich die junge Welt nicht gern! Das iſt Eitelkeit, allerdings, allein das iſt ein Uebel, welches mit jedem ablaufendem Jahre ſchwächer wird, und ſo kann man es ſich ſchon gefallen laſſen.“ Der Arzt ſtand auf und ſchritt nachdenklich durch's Zimmer. Offenbar ſann er über die beſte Art nach, eine Brücke nach einer Frage zu ſchlagen, die ihm ſchon lange auf dem Herzen lag. Aber der Baron kam ihm mit etwas Anderem zuvor.„Nun habe ich Euch meine ganze Reiſe erzählt,“ ſagte er,„nun er⸗ zählt Ihr mir, was in meiner Abweſenheit hier vor⸗ gefallen iſt. Da fällt mir vor allen Dingen das arme Kind, meine Nichte, ein; ich habe unterwegs oft an ſie gedacht. Ach, das iſt eine neue Sorge für mein Haus, Doktor, auf die ich nicht vorbereitet war.“ „Eine Sorge?“ rief der alte Millinger mit ſelten bei ihm geſehener Erregung,„eine Sorge, Herr Ba⸗ ron? Wie meinen Sie Das?“ „Sachte, ſachte, Doktor, Ihr ſtrengt Euch zu ſehr an— ich höre noch vortrefflich. Glaubt Ihr, daß es 270 mir gleichgültig iſt, daß meiner wahnſinnigen Schweſter Kind in meinem Hauſe lebt und hier Gott weiß was für Neuerungen und unerlebte Vorkehrungen nöthig macht oder einführt? Iſt es jetzt nicht meine Pflicht, eben ſo gut für ſie wie für meine eigenen Kinder zu ſorgen, zumal ich ihr Vormund bin und ihr Ver⸗ mögen wie das meiner Söhne in Verwahrung und Verwaltung habe?— So lange ſie nicht hier war, ſo lange ich ſie nicht kannte, war das etwas Anderes, ſeitdem ſie aber mit an meinem Tiſche ſitzt, unter meinem Dache ſchläft, ſeitdem muß ich nicht allein für ihr Vermögen, ſondern auch für ihre Perſon Sorge tragen, und ich fürchte, ich fürchte, Doktor, ſie wird mir und Euch wie weiland ihre Mutter viele Mühe machen.“ Der Artzt hatte dieſer überflüſſigen Ergießung ſcheinbar ruhig zugehört, aber ſein Herz klopfte, und das vor innerer Bewegung ſtarke Athmen ſeiner Lun⸗ gen ließ ſeine Schultern ſichtbar ſich heben und ſenken. Als der Baron ſeine Meinung völlig über das arme Maädchen ausgeſprochen hatte, faßte er ſich und ſprach ruhig genug, obgleich mit mühſam verhaltener Rührung: „Aengſtigen Sie ſich nicht ohne Noth, Herr Baron; wenigſtens was dieſe Ihre Nichte betrifft, ſo ſeien * 271 Sie viel mehr um die gute Verwaltung ihres Ver⸗ mögens als um das Wohlbefinden ihrer Perſon be⸗ ſorgt. Sie wird Ihnen keine Sorge machen, im Gegentheil, nur Freude, denn was ich an ihr während Ihrer Abweſenheit entdeckt habe, macht ſie der höchſten Liebe und Verehrung auch von Ihrer Seite würdig, die man nur für eine ſo junge und ſchwer geprüfte Dame hegen kann.“ „Was ſagt Ihr da, Doktor, Ihr irrt Euch doch nicht?“ „Ich irre mich nicht, nein, nicht im Geringſten. Sie haben Fräulein von Steinach nur unter dem Ein⸗ druck der erſten Einwirkung eines fremden Aufenthalts geſehen, weinend und klagend, daß ſie ihre Heimat, das Krankenhaus, ihre Freunde und Lehrer, und das Grab ihrer Mutter hat verlaſſen müſſen. Ihr Geſicht war von Thränen geſchwollen und ihr Herz von Weh⸗ muth und Kummer bewegt. Wenn Sie ſie aber jetzt ſehen, werden Sie von ihrer Schönheit und Lieblich⸗ keit eben ſo überraſcht werden wie von ihrer geiſtigen Geſundheit und Bildung. Denn man hat ſie in dem Irrenhauſe erzogen und unterrichtet, wie es einer Tochter aus edler Familie geziemt, und die guten Lehren wohlwollender Menſchenfreunde ſind auf einen fruchtbaren Boden gefallen. Wenn die junge Baro⸗ 272 neß aus einer der erſten Penſionen des Landes ge⸗ kommen wäre, ſie könnte nicht mehr gelernt haben und beſſer unterwieſen ſein, als ſie es jetzt iſt.“ „Ja, ja, Doktor, Das mag Alles ſein,“ unterbrach der Baron ungeduldig den Sprecher, der zu voll von ſeinem Gegenſtande war, um mit ſeinem Lobe ſchnell zu Ende kommen zu können,„aber es klebt ihr doch immer etwas von ihrem Umgange mit dieſen Ver⸗ rückten und Kranken an, meint Ihr nicht auch?“ „Ja, Das wollt' ich eben bemerken, es klebt ihr ſehr viel davon an. Sie lebt und webt in dem koſt⸗ baren Gefühl, einem Unglücklichen zu helfen, einen Kranken zu heilen, einen Leidenden zu tröſten, denn ſie, in Unglück geboren, erzogen und groß geworden, hat das Unglück lieb gewonnen. Alles was Schmerz und Kummer auf Erden hat,“— und der Doktor betonte dieſe Worte ſtark—„hat Anſpruch auf ihre Liebe und Zuneigung, und ſie hat von der Natur einen ſo merkwürdigen Scharfblick empfangen, den jahrelange Uebung und Anwendung noch mehr ge⸗ ſchärft haben, daß ſie im Stande iſt, den verborgenen Kummer, den die Menſchen nur im Herzen, nicht auf den Lippen tragen, zu erkennen und daraus auf die Hülfsbedürftigkeit dieſer Menſchen zu ſchließen, ſie alſo zu lieben und zu tröſten, denn lieben und tröſten 273 iſt ihr nur ein einziger und vervollkommneter Lebens⸗ begriff.“ 8 „Was Ihr da ſagt, Doktor! Dann wäre alſo meine Angſt vor neuer Sorge unbegründet geweſen?“ „Ganz gewiß. Anſtatt Sorge, werden Sie Freude durch ſie haben, denn mit ihr, glauben Sie mir, iſt ein Heilmittel für manchen Schmerz und ein Schutz⸗ engel gegen manches Herzeleid in Ihr Haus einge⸗ zogen.“ „Nun, nun, Ihr übertreibt etwas, Doktor; die kleine Hexe hat es Euch angethan. Wer mit Euch von Euren Patienten ſpricht, der iſt Euer Freund— ich kenne Das— aber ſagt mir mal— auf Euer Gewiſſen frage ich Euch— wird die Krankheit ihrer Mutter, die ſich an ihr zum erſten Mal in meiner Familie gezeigt hat, nicht auch auf ſie übergehen, wird ſie nicht von dieſer unglücklichen Erbſchaft zu leiden haben?“. Der Doktor lächelte faſt mitleidig.„Herr Baron,“ ſagte er energiſch,„die Krankheit der Mutter des gnädigen Fräuleins iſt eine Krankheit geweſen, die ſich aus einem großen perſönlichen Mißgeſchick entwickelt hat, es war keine Geiſtes⸗, ſondern nur eine Gemüths⸗ krankheit.“ „Gut, gut; mir ſind das böhmiſche Dörfer. Ich Baron Brandau. I. 18 274 denke, man begreift das Alles unter dem Namen Wahn⸗ ſinn, und ich habe immer gehört, daß Kinder, von wahnſinnig gewordenen Eltern geboren, ebenfalls leicht wahnſinnig werden.. „Ach ja, leider,“ ſagte der Arzt wehmüthig,„kann Jeder wahnſinnig werden, der ſich ſeinen ungezügelten Leidenſchaften überläßt, Jeder, der, durch übermäßigen Genuß des Lebens ſein Nervenſyſtem zerrüttend, den goldenen Faden der Moralität und Selbſtachtung ver⸗ liert; Dieſe aber, Marie von Steinach, Ihre Nichte, nein, nein, Herr Baron, die wird nicht wahnſinnig werden, ſo wenig ſie es jetzt iſt, obgleich ſie ſehr gut weiß, was Wahnſinn iſt, denn ſie hat ihr ganzes Leben hindurch unter ſolchen Menſchen gelebt und iſt in Familien von Aerzten groß geworden, die den Wahnſinn zu behandeln haben, alſo auch viel darüber zu ſprechen pflegen.“ „Ihr nehmt mir einen Stein vom Herzen, Doktor; o, daß man endlich einmal leicht athmen kann! Wie wohl thut es einem Familienvater, ſich überzeugt zu halten, daß ein Glied dieſer Familie wird bewahrt bleiben können; welches er ſchon dem Unheile— ſchrecklicher als zehn Tode— verfallen geglaubt hat.“ Der Doktor horchte hoch auf bei dieſen Worten. Er meinte darin die Uebergangsbrücke gefunden zu 275 haben, die er vorher ſo eifrig wie vergeblich hatte. Er ſtand von ſeinem Stuhle auf, richtete ſteif in die Höhe und trat dicht vor den Baron hin, der bei dieſen Vorbereitungen, die ihm etwas Wich⸗ tiges zu verkündigen ſchienen, auch aufgeſtanden war. „Was giebt es, Mann?“ fragte er in ſeinem ge⸗ wöhnlichen ſtrengen Tone.„Warum nehmt Ihr eine ſo bedeutungsvolle Miene an? Habt Ihr mir etwas Ernſtliches zu ſagen?“ „Ja, Herr Baron, ich habe noch etwas zu ſagen, 4 und zwar etwas, wovon ich lange nicht geſprochen habe, was mir aber, je länger ich davon ſchweige, ſchwerer und ſchwerer auf's Herz fällt. Sie ſagten ſo 3 eben: wie wohl einem Familienvater zu Muthe ſei, der überzeugt ſein könne, daß ein Glied ſeiner Familie, welches er ſchon dem Unheil, ja dem Tode verfallen geglaubt, ihm wohl erhalten bleibe. Das nehme ich auf, ja, ja, das nehme ich auf, Herr Baron, und ich bitte Sie, meinen Worten ein aufmerkſames Ohr zu ſchenken, wenn ſie auch Ihr Herz ein Wenig ver⸗ wunden ſollten. Wir haben aber heute Abend ſo * Vieles und Wichtiges über Ihre Familie abgehandelt und Sie haben mir ein ſo großes Vertrauen dabei bewieſen, daß ich hoffe, Sie werden auch noch einen Schritt weiter gehen und mir den Schleier von einer . 18* 3 276 Perſon lüften, die ich nur ungern in dem Dunkel der Vergeſſenheit verſchwinden ſehe.“ „Was wollt Ihr ſagen, wovon wollt Ihr ſprechen, Doktor?“ fragte der Baron unerwartet weich, wobei man ihm deutlich anmerkte, daß die Worte des Arztes einen wunden Fleck in ihm berührt hatten und er innerlich zuſammen zuckte, wie Jemand, dem man eine Sonde in eine Wunde führt, die noch nicht voll⸗ ſtändig geheilt iſt. „Ich will von Ihrem älteſten Sohne reden, Herr Baron, deſſen Sie weder heute, noch ſeit Jahren Er⸗ wähnung gethan haben, ja, von ihm, den Sie, Ihre Diener und Alle, die ihn einſt kannten, den Verſchol⸗ lenen nennen und von dem wir Alle nicht wiſſen, ob er wirklich verſchollen iſt oder ob er nur ſo genannt wird.“ Der Baron beugte ſein Haupt; dieſer Schlag kam ihm zu unvermuthet und war für ſein durch die jüngſten Ereigniſſe mürbe gewordenes Herz etwas zu ſtark.„Was wollt Ihr mir von ihm ſagen?“ fragte er mit gepreßter Stimme, in der ſich ſchon allein die lange verhaltene Qual ſeines übervollen Inneren verrieth. Beide Männer hatten ihre Cigarren weggelegt und ſtanden ſich jetzt gegenüber; aber ſie ſchienen die N 277 Rollen vertauſcht zu haben, denn der ſtolze Baron, von jenem unerwarteten Schlage überraſcht, fühlte eine unwillkürliche Demuth in ſein Herz einziehen, die ſich deutlich genug in ſeiner gebeugten Haltung ausſprach, während der Arzt, im Bewußtſein des hochedlen Berufs, zu vermitteln und zu verſöhnen, ſtolz ſein Haupt erhoben hatte und den gebeugten Edelmann mit kühnem Auge betrachtete. „Sie haben mir vor Jahr und Tag geſagt,“ hob er mit ernſter Stimme an,„daß Sie durch Ihren Bankier in der Reſidenz, von dem Sie vorher ſprachen, die Nachforſchung nach Ihrem verſchollenen älteſten Sohne wieder aufgenommen haben.“ „Das iſt wahr!“ flüſterte der Baron mehr als er ſprach. „Nun, Sie haben ihn jetzt perſönlich geſprochen — hat ſeine Nachforſchung irgend eine Frucht ge⸗ tragen?“ „Ja!“ ſtöhnte der Baron.„Scheitler's Sohn wohnt in Liverpool, von wo das unglückliche Schiff abging; und durch ſeine unabläſſigen Nachfragen hat ſich herausgeſtellt, daß der, nach dem Sie fragen, mit an Bord des untergegangenen Schiffes war.“ „Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben!“ rief laut der Arzt.„Warum hätte der Knabe nach 2 278 Amerika gehen ſollen? Ich finde keinen vernünftigen Grund dafür auf.“ 8 „Keinen vernünftigen Grund?“ rief der Baron laut, dem der Muth wieder zu wachſen anfing, je lebhafter die Erinnerung an die Schmerzen in ihm auftauchte, die dieſer in ſeiner Meinung ſo wider⸗ ſpenſtige Knabe ihm bereitet hatte.„Wie wollen Sie bei ſolchen von Gott verlaſſenen Menſchen einen ver⸗ nünftigen Grund ihres Handelns ſuchen? Es iſt der böſe Trieb zum Umſturz des Beſtehenden, die Leiden⸗ ſchaft des Widerſpruchs, der unverwüſtliche Hang zum Leichtſinn, der allein in ihnen waltet und ſie über die Schranken des Schicklichen und Hergebrachten jagt.“ „Ihr Sohn hatte alle dieſe Untugenden gar nicht oder nur in ſehr geringem Grade,“ erwiderte der Arzt vorwurfsvoll,„am wenigſten aber war er von Gott verlaſſen, denn Gott verläßt keinen Menſchen; die Felhler aber, die Richard hatte, und die Streiche, die er verübte, waren die Fehler und Streiche eines Knaben.“ „Nehmt Ihr ihn wieder in Schutz, Doktor, fängt das alte Lied von Neuem an?“ „Es iſt noch nicht zu Ende geweſen, Herr Baron; ich halte es für meine Pflicht, es immer wieder von vorne anzuſtimmen.“ 279 „Ja, bis mir die Melodie ſo zuwider wird, daß ich ſie ſammt dem Muſikanten aus meinem Hauſe jage!“ Der Arzt wurde bei dieſen heftig geſprochenen Worten von einem leichten Schauder befallen und ſeine Miene nahm einen beinahe kalten Ausdruck an; aber obgleich ſeine Geſichtsmuskeln und Hände ein leiſes Beben nicht bemeiſtern konnten, ſo wurde der Blick ſeines aufleuchtenden Auges nur um ſo feſter und bohrender.„Das haben Sie mir ſchon ſo oft geſagt,“ erwiderte er,„als von dem Gegenſtande die Rede war, den wir jetzt verhandeln, daß meine Haut gegen Ihre Hiebe abgeſtumpft iſt, ich empfinde ſie nicht mehr.“ „Aber ich empfinde Ihre Beleidigungen, mein Herr. Wie können Sie, der nie der Vater von Kna⸗. ben war, die Unthaten eines ſolchen beurtheilen? Was wiſſen Sie von dem Gefühle eines Mannes, der, wie ich, die gebieteriſche Pflicht auf ſich hat, ſeinen Namen und ſeinen Stand mit Ehren fortzupflanzen! Ja, mein Herr, das iſt der Unterſchied zwiſchen Ihnen und mir, daß von Ihren Nachkommen und Vorfahren kein Menſch ſpricht, daß von mir aber die Bewahrung der Lauterkeit und des Edelſinns meines Geſchlechts 8 gefordert wird.“ ““ 280 Der durch dieſe hochmüthigen, ungerechten und unverdienten Worte ſo ſchwer beleidigte Mann ſchnappte tief nach Luft, wie ein verwundeter Fiſch, der zum letzten Male an die Oberfläche des Waſſers kommt, ehe er verſinkt, aber er war nicht ſo tief gedemüthigt, daß er dieſe Demuth den ſtolzen Mann blicken ließ, der im Gefühl ſeines adligen Standes ſich ſo hoch über andere Menſchen erhob, die Gott— nach ober⸗ flächlichen Menſes enbegriffen— eine Stufe niedriger aus dem ts hatte hervorgehen laſſen. Er beugte ſein Haupt, welches er im Bewußtſein ſeiner perſön⸗ lichen Würde erhoben, um keinen Zoll tiefer, trat dem Baron ſogar noch einen Schritt näher und ſagte mit eindringlichem, warmem Tone:„Sie ſind allerdings ein Baron, das heißt, ein angeſehener, reicher Mann, der ſeine Ahnen bis zum zwölften Jahrhundert an den Fingern herzählen kann; Das kann ich freilich nicht, obgleich ich wahrſcheinlich auch von Menſchen und nicht von Affen ſtamme, wie Sie und Ihres⸗ gleichen oft anzunehmen belieben, aber ſo tief er⸗ niedrige ich mich vor mir ſelber nicht, daß ich mir die unfruchtbare Mühe geben ſollte, meine allgemei⸗ nen Menſchenrechte gegen Ihre beſonderen Standes⸗ rechte in Schutz zu nehmen. Denken Sie von mir was Sie wollen; ich greife Ihre Anſichten nicht an, 281 ſelbſt dann nicht, wenn Sie mich zu beleidigen be⸗ müht ſind, was Ihnen noch niemals bei mir ge⸗ lungen iſt, denn ich kenne Ihre Art zu denken und zu ſprechen, wie kein Anderer ſie kennt, und weiß, wie in der Aufwallung Ihres Zornes Nichts auf der Welt Ihnen heilig iſt, alſo wie ſollte ich armer Mann Anſpruch auf eine Ausnahme von Ihrer Regel machen wollen.“ Dieſe würdige und mit großer Ruhe geſprochene Erwiderung entwaffnete den durch Ernſt und Nach⸗ druck leicht zu bezwingenden Baron. Er ſchwieg, ſenkte ſein Haupt und ſchritt gedankenvoll auf und nieder. Im Stillen bat er ſchon jetzt den beleidigten Freund um Verzeihung, das wußte dieſer, und darum, und weil er ein guter und verſöhnlicher Menſch war, ver⸗ zieh' er ihm ebenfalls im Stillen. Das Geſpräch nahm daher einen etwas ruhigeren Fortgang, als es bisher gehabt hatte. „Sie nehmen alſo an, daß Ihr älteſter Sohn todt iſt?“ fragte der Arzt nach geraumer Zeit, nach⸗ dem er ſich ſein ferneres Benehmen überlegt hatte. „Ja, ich nehme es unumſtößlich an und werde danach handeln.“ „Es giebt aber Leute, die nicht an dieſen van Ihnen unumſtößlich vorausgeſetzten Tod glauben.“ 2 282 „Ja, das ſind Sie— ich weiß es— die dumme Hanne und einige andere alte Weiber.“ „Gut, nehmen wir an, daß es dumme und alte Weiber ſind, die nicht daran glauben. Alte Weiber können aber auch etwas Richtigeres glauben als junge Männer—“ 2 „Wie? Sie meinen meine Söhne? Wollen Sie die etwa auch beleidigen?“ „Ich beleidige Niemand, am wenigſten Ihre Herren Söhne, die Sie nur zu ſehr in Schutz zu nehmen geneigt ſfind. Da aber Ihr älteſter Sohn von Niemandem in Schutz genommen wird, ſo gebe ich mich dazu her⸗ Wenn das eine Beleidigung Ihrer jüngeren Söhne iſt— ſo mag ſie es ſein!“ „Mein älteſter Sohn war ein Unwürdiger!“ „Dann machte er eine Ausnahme von den älte⸗ ſten Söhnen Ihrer ganzen Familie.“ „Doktor, Sie wollen auf das alberne Mährchen anſpielen, was dieſe alte Hanne den Knechten und Mägden in der Küche erzählt. Ach, ich weiß es.“ 3 8ch kenne kein ſolches Mährchen, ich weiß nur Das, daß die älteſten Söhne Ihres Geſchlechts ehrenwerthe, edelherzige und geachtete Männer ge⸗ weſen ſind.“ „Bis auf dieſen Einen— ja, Gottlob!“ 283 „Er machte alſo doch die einzige Ausnahme, Herr Baron?“ „Ja, wenn Sie es durchaus wollen, die erſte und einzige!“ „Wenn es nun aber anders wäre, wenn er lebte und wiederkäme und ſich ſeines Geſchlechts würdig zeigte—?“ Der Baron fing an zu zittern.„Schweigen Sie!“ rief er.„Wenn Das möglich, wenn Das wahr wäre — dann— dann—“ —„ Dann müßten Ihre geliebten jüngeren Söhne ihren Untergang finden, falls jenes alberne Mährchen, welches man ſich in der Küche erzählt, ſich nicht als Fabel erwieſe.“ „Nein, nein, Das kann, Das ſoll nicht ſein— meine jüngeren Söhne kenne ich— den älteſten kenne ich nicht— er hat vielleicht meinen ehrlichen Namen aan den Pranger geſchlagen.“ „O, wie kann man ſo blind gegen die ei il⸗ deten Vorzüge zweier Söhne und ſo ungeran iunn die Verirrungen des dritten ſein!“ ſagte herzlich be⸗ trübt der Arzt.„Wie iſt doch ch der Menſch oft ſo ſtolz auf Das, worauf er am wenigſten ein Recht hat, ſtolz zu ſein! So geht es Ihnen mit Ibren Söhnen.“ „Davon verſtehen Sie nichts, Doktor, gar nichts. Laſſen Sie uns von dem Gegenſtande abbrechen. Ich habe keinen Beweis, daß Richard lebt, wohl aber Beweiſe, daß er todt iſt. Ich glaube alſo an ſeinen Tod.“ „Sie glauben nicht daran.“— „Ich werde es Euch beweiſen. Seht, noch in dieſem Jahre, am 28. Auguſt, erreicht mein Georg ſeine Volljährigkeit. An dieſem Tage vertheile ich das Vermögen meiner Frau an meine zwei lebenden Söhne und des Verſchollenen Antheil wird, da er eben verſchollen iſt, mit an ſeine Brüder fallen.“ „Wenn der Verſchollene nun aber wiederkäme und ſein Erbtheil in Anſpruch nähme?“ Der Baron, in geheimer Aufregung befangen, die er dennoch ſo gut wie möglich zu verbergen ſuchte, lachte laut auf.„Sie Thor Sie,“ ſagte er,„als wenn mich das außer Faſſung bringen könnte! Bin ich ſo arm, daß ich aus meinem eigenen Vermögen ihm nicht den Verluſt erſetzen könnte, welchen er an dem ſei Mutter erlitten hat? Ich bin ein reicher Mann!“ „Das weiß ich. Aber Ihr eigenes Vermögen ge⸗ hört Ihrem älteſten Sohne eben ſo gut, wie das ſeiner Mutter— er würde in dieſem Falle an ſeinem väterlichen Erbtheile geſchmälert ſein.“ 285 „Nein, das würde er nicht, Sie,— Sie Ungläu⸗ biger, Unwiſſender— man kann ein Vermögen in verſchiedene große und kleine Theile theilen—“ „Ach ſo, ich verſtehe! Damit bin ich zufrieden. Aber es iſt ſpät geworden, Herr Baron. Ich ſehe, daß Ihre Entſchlüſſe in dieſer Angelegenheit feſt ſtehen, ich wenigſtens werde nie wieder verſuchen, ſie wan⸗ kend zu machen.— Leben Sie wohl, Herr Baron!“ „Gute Nacht, Herr Doktor!“ Mit langſamen, aber um ſo feſteren Schritten verließ der ärztliche Hausfreund das Zimmer des ſtol⸗ zen, ungerechten und hartherzigen Edelmannes, um ſich, da kein Diener für ihn zur Hand war, ſelbſt in den Stall zu begeben und ſeinen Schimmel zu holen. Als er in den Sattel geſtiegen war und im Schritt durch die ſchöne Kaſtanienallee ritt, die vom Gutshofe bis zu dem Pförtner⸗ und Förſterhauſe führte, ſchüttelte er ſich vor Unwillen und Schmerz, ſich im Kampfe mit einem ihm geiſtig nicht gewachſenen Manne, den nur ſein eingebildeter Stolz die Gränzen des Her⸗ kömmlichen und Anſtändigen überſchreiten ließ, zu einer ihm ſeltenen Heftigkeit haben hinreißen zu laſtn Aehnliche Auftritte, ſogar noch beſtigem 286 er in demſelben Zimmer ſchon öfters erlebt, aber noch niemals hatte er ein ſo hartes Gefühl des Wider⸗ willens gegen ſo hartnäckiges Feſthalten an vorge⸗ faßten Meinungen und eingewurzelte Parteilichkeit empfunden. Dennoch bedauerte er den Gutsherrn mehr als er ihm böſe war, denn ſein Mitleid mit anderen vom Unglück heimgeſuchten Perſonen war ungleich größer als ſeine Eigenliebe, er war ein mehr guter als eiteler Mann, eine Seltenheit unter den Menſchen heut zu Tage. Daß er ſich in Beziehung auf das Leben oder den Tod des verſchollenen Bauernjunkers irren könne, wußte er ſehr wohl, denn wenn Richard wirklich auf das bewußte Schiff gegangen war, ſo war er nicht mehr am Leben, da kein Menſch an Bord deſſelben gerettet ward; allein gerade daran zweifelte er, daß der Knabe das Schiff betreten hatte, wozu er keinen Grund auffinden konnte. Daß aber der Vater blind⸗ lings von den Eigenſchaften von Kindern eingenom⸗ men war, die nach ſeiner Meinung einer ſo großen Aufopferung viel weniger werth waren, als der ver⸗ ſchollene Bauernjunker, konnte er noch viel weniger begreifen. Was nun aber in Bezug auf die Familie 4* des Barons ſich ereignen mochte, Gutes oder Schlim⸗ mes, er faßte den Entſchluß, dem Schickſal ſeinen 287 Lauf zu laſſen und nie wieder dem Baron ſeine Mei⸗ nung darüber aufdringen zu wollen, wenn dieſer ſie nicht von ſelbſt verlangen würde. So ritt er, ohne Groll, und doch von den Er⸗ eigniſſen des Abends erſchüttert, im blendenden Mon⸗ 1 denlichte durch die heiter gewordene Nacht. Die Waſſer hatten ſich verlaufen und die Wege waren wieder gangbar geworden. Als er aber dicht vor ſeinem Dorfe angekommen war, zogen von Neuem Wetterwolken heran und verhüllten, neidiſch auf das ſanfte Licht der Nacht, die glänzende Mondſcheibe, ſo daß die Gegend, durch welche der ſpäte Wanderer ritt, urplötzlich dunkel, trübe und unfreundlich ward. Der Arzt, der auf alle Naturerſcheinungen zu achten ge⸗ wohnt war, da er ſo oft und zu jeder Zeit im Freien war, erhob ſein wohlwollendes Auge gegen den dro⸗ henden Himmel, deſſen Sterne im Umkreis verblichen waren.„Gott im Himmel,“ ſagte er fromm,„Du haſt das Licht erſchaffen, welches die Erde erleuchtet, aber Du ſchickſt auch die Wolken, die dieſes Licht von Zeit zu Zeit verhüllen. Wie es an Deinem Firma⸗ 1. mente da oben iſt, ſo iſt es auch hier unten auf un⸗ ſerer Erde in den Geſchicken der Menſchen, die in ihren Thälern und auf ihren Bergen wohnen. ken, Wolken, tief ſchwarze drohende Wolken, über⸗ N.. S 8 8 8 S. K .. 288 ſchatten auch jetzt das Schickſal des reichen, hochfah⸗ renden Mannes, aus deſſem Hauſe ich komme— nimm ihm dieſe Wolken wieder und laß Deine Sonne freund⸗ lich über ihn ſcheinen— ich gönne es ihm von gan⸗ zem Herzen. Daß Du mich aber vor ähnlichen Schlägen bewahrt haſt, wie ſie ſein Haupt jetzt nie⸗ derbeugen, dafür danke ich Dir aus voller Seele, und ſo nimm auch meinen Dank dafür an, daß Du aus mir keinen an Beſitz und Ehren mächtigen Mann, ſondern einen Diener gemacht haſt, der, wo er nur kann, auf Erden zu helfen und zu rathen jederzeit bereit iſt.“ Damit hatte er ſein Haus erreicht, welches, wie wir wiſſen, das erſte des Dorfes war, wenn man vom Gute kam. Er öffnete ſich ſelbſt den Thorweg, führte ſein Pferd in den Stall, ſattelte es ab und ſorgte für ſein Wohlbefinden während der Nacht. Dann erſt ging er leiſe, um Niemanden zu ſtören, in ſein Haus hinauf, ebenfalls der Ruhe zu pflegen, wie ſeine Familie vor ihm ſchon längſt die ihrige gefun⸗ den hatte. Aehnliche Gefühle, wenn auch nicht ſo ganz mäch⸗ tiger und ſelbſtzufriedener Art, hatten den Baron er⸗ griffen, als der Arzt von ihm gegangen war. Eine Weile ging er herriſchen Schrittes im Zimmer auf 1 — nein, es kann nicht ſein. Es waren nur die im Zome meine Gebote umgan und ab und dachte über das eben gehaltene Geſpräch nach. Allmälig wurde ſein Schritt langſamer und ruhiger, ſein Zorn legte ſich und die Reue ſtieg in ſeiner Bruſt auf, einen ſo bewährten und in allem Guten geprüften Freund ſo hart behandelt zu haben. Plötzlich erhob ſich das Bild ſeiner verſtorbenen Frau vor ſeinem Geiſte, und ſeine Söhne folgten dieſem, der Reihe nach, wie ſie geboren worden waren. Wie 4 im Fluge entwickelten ſich vor ſeinem inneren Auge die Scenen, die ſie in ihrer Jugend vor ihm aufge⸗ führt hatten. Da blieb er ſtehen, legte die rechte Hand an die brennende Stirn und gab ſich einige Minuten lang ſeinen trüben Erinnerungen hin. „Ja,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ja, das hat er mir damals geſagt, als ich ihn in blinder Wuth züchtigte: Vater, Vater! Du haſt Deinen älteſten Sohn wider Fug und Recht mißhandelt und blutig geſchlagen— Das wirſt Du einſt bereuen, denn Deine jüngeren Söhne werden Dich für das Unrecht züchtigen, wel⸗ ches Du mir, Deinem Erben, gethan.— Sollte Das wirklich eine Prophezeihung geweſen ſein? Nein, nein, geſprochenen Worte eines unbändigen Knaben, gen und gegen meinen gehandelt hatte. Wenn ich damals im Baron Brandan. I. 8 299 er im Rechte war, ſo bin ich ſchon jetzt durch die Er⸗ innerung an jenen traurigen Tag hart beſtraft; Du wirſt nicht wollen, mein Gott, daß ein Vater, der ein Recht und die Pflicht hatte, den Eigenſinn ſeines Sohnes zu brechen, ſein ganzes Leben lang mit die⸗ ſem kindiſchen Eigenſinn zu kämpfen habe. Ach, was ſind das für Zeiten, für Neuerungen, für Erfahrun⸗ gen, die ich in letzter Zeit geſammelt habe! Ja, ja, wir Alten ſind den Zeiten, die da kommen, nicht mehr gewachſen, und das jüngere Geſchlecht über⸗ flügelt und beſiegt uns. Aber was können wir„* dafür, daß wir graue Haare bekommen haben und der Zeitgeiſt ein anderer geworden iſt! Wir thun unſere Schuldigkeit, und ich glaube die meine gethan zu haben. Irrte oder irre ich, ſo lag und liegt die Schuld nicht an mir, ſondern— o, an wem lag ſie denn, wenn nicht an uns: warum ſind wir geworden, was wir ſind, konnten wir nicht anders handeln?“— Plötzlich ſtand er ſtill und horchte— es war ihm, als ob ein Seufzer aus dem nebenan liegenden Ge⸗ 8 mach durch die dünne Tapetenwand an ſein Ohr ſchluͤge.„Ha!“ ſagte er leiſe,„leben die Begrabenen wieder auf? Gerade ſo ſeufzte meine Frau, wenn ſie, über die Erziehung unſerer Kinder mit mir ſchmollend, weinend und betrübt ihr Bette geſucht hatie Halt —— — ich habe mich geirrt— die Todten ſeufzen uicht mehr über die Lebendigen— das arme Kind wohnt ja jetzt in dem Zimmer. Auch gegen die bin ich heute Abend hart geweſen, als ich ſie nicht ſehen wollte, da ſie mich zu begrüßen kam. Mit ihr we⸗ nigſtens muß ich Freundſchaft ſchließen und Verſöhnung feiern, und das will ich thun, ehe ich mein Haupt zur Ruhe lege, damit ich wenigſtens einen Freund im Hauſe habe, der mein Herz verſteht und mich nicht verkennt, wie dieſer Doktor da.“ Und er ergriff eins von den brennenden Lichtern, öffnete die ſeit Jahren verſchloſſene Tapetenthür und trat leiſe, damit Niemand ſein Thun höre, in das nahebei liegende Gemach. Wenn der Baron erwartet hatte, ſeine neue Pflege⸗ befohlene noch wach in ihrem Zimmer und außer dem Bette zu finden, ſo hatte er ſich geirrt. Das Zimmer war leer und nichts darin verrieth die Anweſenheit eines lebenden Bewohners, wenn man nicht den Duft der in verſchiedenen Vaſen prangenden friſchen Blu⸗ men dahin rechnen will. Den Baron durchrieſelte ein kalter Schauer, als er dieſes Gemach betrat, in welchem er ſeit ſo vielen Jahren nicht wieder geweſen war. Er zögerte, einen Schritt vorwärts zu thun, denn er dachte an ſeine dahingeſchiedene Gattin, die 3 vor langer Zeit hier geathmet und gelitten hatte. Ja, ſie hatte gelitten unter dem Drucke des eiſernen, immer kalten, nur ſtandesgemäß lebenden Gatten, der früher ſogar noch ſtolzer und härter geweſen warals jetzt, woihn mannigfache Erfahrungen und Leidengezügelt und gemäßigt hatten. „Alles ſtill wie das Grab,“ ſagte er leiſe, als er die herabgelaſſenen Vorhänge vor den Fenſtern und dem Al⸗ koven ſah, der nach ſeinem Zimmer hinein vorſprang und in welchem von jeher das Lager der darin Wohnenden geſtanden hatte.„Ob ſie wohl darin iſt?“ fragte er wei⸗ ter und trat einen Schritt näher an den Alkoven heran. Gleich darauf hatte er den ſchleierartigen Vorhang der einen Seite zurückgeſchlagen und einen Blick in das Heiligthum einer jungfräulichen Seele geworfen. In der That, ſie lag darin, und als der Baron dieſe Einſicht gewann, bebte er ſcheu zurück, wie vor einer Entweihung. Aber ſogleich fühlte er ſich beruhigt, denn ſein Auge begegnete einem Antlitz, einem Augenpaar, ſo ruhig, ſo mild und ſo wehmüthig ernſt ihn betrachtend, daß ſeine Angſt ihm ſofort benommen ward. Raſch ſtellte er den Leuchter mit der brennenden Kerze auf einen Tiſch, und ehe er ſich ſelbſt Rechenſchaft davon gegeben hatte, was er thun oder laſſen wollte, ſaß er auf einem Stuhle vor dem weißen Lager und hatte die Hände der darin liegenden Nichte gefaßt. „Mein theurer Oheim,“ flüſterte ſie ihm entgegen „Du kommſt ſpät zu mir, aber Du kommſt; verzeihe, daß ich nicht außerhalb des Bettes geblieben bin,* allein ich hatte die Hoffnung aufgegeben, Dich hini⸗ noch zu ſehen.“ Der weiche Ton dieſer ſüßen, alle Leidenſchaft des harten Mannes beſänftigenden Stimme ergriff den Baron gewaltig, und noch lebhafter bereute er, was er an dieſem Abend geſprochen.„Mein Kind, meine liebe Tochter,“ ſagte er,„verlange keine Verzeihung von mir für Etwas, was Du nicht verbrochen haſt; im Gegentheil, ich komme ſelbſt zu Dir, um Dich zu bitten, mir zu verzeihen, daß ich ſo rauh gegen Dich war und Deine freundliche Begrüßung zurückwies, wo ſie mir ſo unverdienter Weiſe geboten wurde.“ „Mein Oheim, o, laß Das! Begrüße mich jetzt, wenn Du mich überhaupt begrüßen willſt und ich werde denken, Du ſeieſt ſo eben erſt von der Reiſe zurückgekommen.“ Ddeer Baron hatte die weiche ſeidenartige Hand des lieblichen Weſens ergriffen, beugte ſich über ſie und drückte einen väterlichen Kuß auf ihre reine Stirn. „Laß mich Deine Lippen küſſen, mein Oheim! Ach, mich hat außer meiner Mutter noch keiner mei⸗ ner Verwandten geküßt!“ Des Barons Mund!l lag ſchon auf dem ſüßen Mund 3 224 der alſo Bittenden. Nach einer Weile ſaß er wieder neben ihr, hatte ihre beiden Hände gefaßt und blickte ſie 2 miit unverwandtem Auge an.„Ach, mein Kind,“ ſagte 1 er,„wie ähnlich ſiehſt Du Deiner Mutter, meiner ar⸗ 1 men Schweſter! Ich kann Dich nicht genug betrachten.“ „Ja, das haben mir alle Menſchen geſagt, die 3 uns Beide kannten. Auch der gute Doktor, der vor⸗ her bei Dir geweſen iſt.“ „So!— Haſt Du vielleicht gehört, was wir ge⸗ ſprochen haben?“ „Jedes Wort, mein Oheim, ſeitdem ich im Bette 1 liege. Ich wußte nicht, daß die beiden Zimmer ſich 4 ſo nahe ſind, ſonſt hätte ich es nicht gethan.“ 8 „Es thut nichts, es thut nichts. Nur haſt Du Deinen alten Oheim gleich von einer finſteren Seite kennen gelernt.“ „Wenigſtens biſt Du ſehr hart gegen den armen Mann geweſen— und er meint es ſo gut mit Dir und allen den Deinigen!“ 8** .„Ach ja, ich weiß es wohl. Ja, ich bin ſehr hart ggeeweſen, ich ſehe es ein und bereue es ſchon, ſeitdem er fortgegangen iſt. Aber warum ſprach er von Dingen, die ihn nichts angingen!“ „Er hat aber Recht gehabt, mein Oheim, ſehr Recht.“ „Und ich Unrecht, nicht wahr? 295 „So glaube ich.“ „Alſo auch Du! Ja, es muß wahr ſein, ich bin ein alter Bär.“ 4 „Du kannſt Dich aber beſſern, wenn Du nur willſt.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte der Baron, indem er das junge Mädchen verwundert anſchaute. Sie aber ſchlug voll ihr großes Auge auf und ihn feſten Blickes betrachtend, ſagte ſie mit einem Tone, in deſſen Sanftheit gerade ſeine Stärke lag:„Gieb das Geld, welches Deinem Sohne Richard gehört, nicht an An⸗ dere, wer es auch ſei. Ihm gehört es allein.“ „Wenn er aber todt iſt?“ .„Dann liegt es ſicherer in Deinem Schranke, als auf dem Markte der Welt.“ Hal Du biſt mit dem Doktor im Bunde!“ „Ich denke wie er.“ Der Alte ſenkte das Haupt, wie um ungeſtört nachzudenken. Endlich erhob er es wieder und ſagte: „Gut, ich will handeln wie Ihr mir rathet. Aber ſage ihm nicht, daß ich ſo handeln will. Er ſoll nicht glauben, daß ſeine Meinung einen Einfluß auf meinen Entſchluß gehabt habe.“ „Du biſt ſehr ſtolz, mein Oheim, das iſt nicht gut.“ „Mein Kind, kann es denn anders ſein? eh bin unter Ueberzeugungen aufgewachſen und alt ge ** 296 worden, die vielleicht Vorurtheile ſind, aber ſie ge⸗ hören nicht allein mir an.“ „Wenn Du aber Handlungen vollführſt, die auf dieſen Vorurtheilen beruhen, ſo gehören ſie Dir allein an. Sei demüthig, dann hat Gott Erbarmen mit Dir.“ „Dem Baron wurde immer beklommener zu Muthe. Er fand keine Worte mehr. So ſanft und doch ſo überzeugend, ſo tief in ſeine innerſte Seele einſchnei⸗ dend, hatte noch kein Menſch mit ihm geſprochen. Er fühlte ſchon den Engel an ſeiner Seite, den ihm der Arzt angekündigt, und er beſchloß, ihn ſo feſt wie möglich an ſich zu ketten, in dem Glauben, an ſeiner Hand werde er vor den Klippen bewahrt bleiben, die ihm ſeine düſtere Phantaſie, vielleicht auch ſein weich gewordenes Gewi ſſen, in Zukunft drohend gezeigt hatte. Er erhob ſich und, Marien noch einmal die Stirn küſſend und ihre Hand drückend, ſagte er:„Schlaf' wohl, mein Kind, auch ich werde zur Ruhe gehen. Nächſtens ſprechen wir mehr davon. Gute Nacht!“ „Gute Nacht, mein Oheim und Gottes Furſorge behüte Dich!“ Ende des erſten Theiles erſter Abtheilung. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig * — 2 8—