— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 4 von Edulard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und beträgt: 3. für 1anhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3. 2 5. Auswärtige Abonnenten haben füur Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Leibbibliocbet Ellen Middleton. — ee „I have read of a bird which hath a face like, and yet will prey upon, a man, who, coming to the water to drink, and finding there by reflexion that he had killed one like himself, pineth away by degrees, and never after enjoyeth itself. Such was in some sort the condition of-——. This accident that he had killed one put a period to his earnal mirth, and was a covering to his eyes all the days of his life. Death was so sent to him as to allow him time to rise up on his knees and to cercle. Lord have mercy upon me.'— Fuller's Worthies vol. II. p. 17. Ellen Middleton. — ne * Eine Erzählung von Lady Georgiana Fullerton. Aus dem Engliſchen überſetzt „ von Dr. J. N. Schuſter. Zweiter Band. „ Frankfurt a. M. Verlag von Guſtav Oehler. 18 45. 7 8 Q◻ I. Zum Erſtenmale ſah ich Alice und Heinrich neben ein⸗ ander ſitzen. Sie war ſehr bleich und ſtützte den Kopf auf ihre Hand. Als ſie mich eintreten ſah, lächelte ſie und bat mich, neben ihr Platz zu nehmen; ſie klagte über heftiges Kopfweh, das übrigens nichts zu bedeuten hätte und bald vorübergehen würde. Ich rieth ihr, einen großen Blumenſtrauß von Flieder und Jasmin wegzuſtellen, der neben ihr ſtand und einen außerordentlich ſtarken Geruch verbreitete. — Ich glaube nicht, daß mir die Blumen etwas ſcha⸗ den, ſagte ſie und, Heinrich anſchauend, fügte ſie hinzu: ihr Anblick machte mir um ſo größeres Vergnügen, da er ſo gütig war, mir ſie dieſen Morgen zu bringen. Ein leichte Röthe überflog ſein Geſicht, als ſie die letz⸗ ten Worte ausſprach und indem er die Vaſe nahm, worin ſich die Blumen befanden, ſtellte er ſie an's offene Fenſter. — Ich dachte nicht daran, daß Dir dieſe Blumen ſcha⸗ den könnten, Alice, ſprach er; wenn dem ſo iſt, ſo mußt Du ſie aus Deiner Nähe ſtellen.— Sie iſt wirklich recht leidend, fuhr er fort, ſich zu mir wendend; ſie hat ſich zu ſehr abgemüdet. Sie müſſen ſie überreden, Ellen, daß ſie den abſcheulichen Krankenbeſuch aufgiebt; geſtern war ſie wieder ſtundenlang im Hoſpitale und holte ſich dieſen Fieberanfall. Der Arzt, der ſie dieſen Morgen beſuchte, behauptet, ſie habe ihre Nerven zu ſehr angegriffen. Du wirſt nicht wieder hingehen, Alice? nicht wahr? II. 1 — Ich werde Dir gehorchen, antwortete ſie in einem Tone, der ziemlich traurig klang. — Geſtern blieb ſie bis gegen Mitternacht dort, ſagte er ganz leiſe zu mir, in einem engen Zimmer bei einer Frau, die im Sterben lag. „Während wir auf dem Ball waren!“ ſprach ich zu mir ſelbſt. Ich ergriff Alicens Hand und küßte ſie mit einer Empfindung, die der Gewiſſensangſt glich, obſchon ich ihr, Gott iſt mein Zeuge! weder mit Worten noch in Gedan⸗ ken irgend ein Unrecht that. Alice machte einen ſchwachen Verſuch, an der Unterhal⸗ tung Theil zu nehmen, bald aber ſank ihr Kopf auf das Kiſſen ihres Lehnſeſſels zurück und ſie ſchlummerte ein. Ihre Hände waren zuſammengefaltet und dienten ihrem Kopfe zur Stütze. Bei der durchſichtigen Bläſſe ihrer Geſichtsfarbe erſchienen ihre feinen Züge wie ein Bild aus dem reinſten Marmor gehauen. Heinrich und ich blieben noch eine Zeitlang bei ihr. Ihr regelmäßiges Athmen überzeugte uns, daß ſie in tiefem Schlafe lag; Heinrich ſtand auf und ſchloß die Fenſter⸗ läden halb zu; hierauf öffnete er die Thüre einer Hinter⸗ ſtube und bat mich, ihm zu folgen. Ich entſprach ſeinem Wunſche, indem ich meinen Hut und meinen Shawl zur Hand nahm und mich zum Fortgehen anſchickte. Aber mit leiſer Stimme ſagte er mir:„Jetzt, Ellen, kann ich endlich einmal ohne Zeugen, ohne eine Unterbrechung fürch⸗ ten zu müſſen, mit Ihnen ſprechen, und Sie m üſſen mich anhören!“ Ich antwortete im ſchärfſten Tone: — Dieſe Tyrannei iſt unerträglich und ich will mich ihr nicht unterwerfen. Wenn, wie Sie mir oft zu ver⸗ ſtehen gaben, Sie die Macht und den Willen beſitzen, mich ins Verderben zu ſtürzen, das Bischen Glück zu zerſtören, das mir noch übrig bleiben könnte— ſo thun Sie's! ich bin in Ihrer Gewalt. — In meiner Gewalt! rief er aus; in meiner Gewalt! Ellen, die Zeit iſt gekommen, wo Ihnen alles klar werden muß, wo keine Geheimniſſe zwiſchen uns obwalten ſollen. Alles, was ich von Ihnen erbitte, iſt, daß Sie mich an⸗ hören wollen. Es iſt von der größten Wichtigkeit, mehr noch für Sie, wie für mich. Ihr Benehmen, wie das Benehmen Eduard Middleton's geſtern Abend, zeigte mir, daß Gegenſtände, bei welchen es ſich um Lebensfragen handelt, nicht in einer gewöhnlichen Unterredung abgemacht werden können, ohne auf andere Perſonen einen Eindruck hervorzubringen, der Ihrem Rufe nachtheilig werden dürfte, und Sie können ſich nicht einbilden, wie ſehr mich dieſer Gedanken quälte. Ihre Ruhe, Ihre Ehre, Ellen, ſind mir theurer, als ſelbſt mein Leben und eine Liebe wie die meinige iſt fern von Egoismus— — Heinrich, Heinrich! Ihre eigenen Worte ſtrafen Sie Lügen. Ich bin wahrlich tief in Ihrer Meinung geſunken, da Sie, der Gatte einer Andern, von Liebe mit mir zu ſprechen wagen. — Von keiner Liebe, die Sie beleidigen kann. Un⸗ möglich, Ellen, können Sie glauben, daß ich ſo nichtswür⸗ dig ſey, hier, in meinem eigenen Hauſe, in der Nähe mei⸗ nes kranken Weibes, in einer andern Abſicht von meiner Liebe mit Ihnen zu reden, als um Ihnen zu beweiſen, daß ich Alles, Alles aufbieten werde, um Sie vor dem Unglück zu ſchützen, das über Ihrem Haupte ſchwebt. Seyn Sie ruhig, Ellen, ſeyn Sie vernünftig, ich beſchwöre Sie!— fuhr er fort, als er wahrnahm, wie ich die Hände rang und ſie mit einer verzweiflungsvollen Gebärde zuſammenfaltete. Alice hat vergangene Nacht kein Auge zugethan; ſie iſt äußerſt ermüdet und wird nun gewiß einige Stunden lang ſchlafen. Unmöglich finden wir wie⸗ der eine ſo günſtige Gelegenheit, um ungehindert und ohne Unterbrechung mit einander reden zu können und es kann durchaus nicht auffallend erſcheinen, wenn Sie hier bleiben, um ſie nach ihrem Erwachen zu beruhigen und zu unterhalten. — Betrug! Lüge und nichts als Lüge! rief ich aus, auf einen Stuhl niederſinkend, welchen er für mich ans Fenſter geſtellt hatte. Wie verabſcheue ich ſie von Grund der Seele! wie haſſenswerth, wie verachtungswürdig erſchein“ ich mir ſelbſt! 1 — Wird es Ihnen aber nicht zum Troſte gereichen, Ellen, Ihr Herz vor mir auszuſchütten? Vertrauen Sie mir und ich werde Alles für Sie thun, was in meinen Kräften ſteht, alle Opfer bringen, die eine Frau von einem Manne fordern darf, deſſen Seele mit der ihrigen eng verbunden, deſſen ganzes Daſeyn nur ein langer Traum von ihr iſt.— Doch das iſt es ja nicht, was ich ſagen wollte! rief er plötzlich. Er ſtand auf, ſchritt unruhig im Zimmer auf und ab, fuhr mit der Hand über die Augen, ſetzte ſich wieder und fuhr dann fort: Es wird wohl am beſten ſeyn, wenn ich damit anfange, Ihnen die Umſtände meines Lebens zu erzählen, welche Ihnen alle Mißver⸗ hältniſſe erklären werden, worin ich verwickelt war und alle Leiden, die ich erduldete— Leiden, welche noch durch Gewiſſensvorwürfe und das Bewußtſeyn, ſie mir ſelbſt zugezogen zu haben, erſchwert wurden. — Solche Leiden ertrugen Sie, Heinrich? O dann reden Sie, ich werde Sie verſtehen und Ihren Schmerz mitfühlen, wie kein anderer Menſch in der Welt ihn mit⸗ zufühlen vermag! — Das weiß ich, Ellen, und bin davon überzeugt; Er⸗ eigniſſe haben eine Schranke zwiſchen uns geſtellt, die nie hätte vorhanden ſeyn ſollen; dennoch wird ein unzerreiß⸗ bares Band der Sympathie unſere Gefühle ſtets vereinen. Erinnern Sie ſich noch der Zeit, wo ich das Collegium verließ und in Elmsley drei bis vier Wochen zubrachte? — Ja, ich entſinne mich und damals war's, wo Sie und Eduard anfingen, mich nicht mehr als Kind zu be⸗ trachten, damals war es auch, wo wir jene weiten Aus⸗ flüge aufs Land zuſammen machten, welche mich noch in⸗ niger mit euch Beiden befreundeten. — Das iſt wahr, antwortete er, jene Tage waren die letzten, die ich ſorgenfrei und ohne Kummer verlebte. Gern gedenk' ich dieſer ſchönen Zeit! Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſchwieg er einige Au⸗ genblicke ſtill. Dann ſprach er weiter: — Ich verließ Elmsley und kam nach London. Hier lebte ich in beſtändiger Zerſtreuung, überließ mich den toll⸗ — 2— ſten Ausſchweifungen, in deren Einzelheiten einzugehen ich mich vor Ihnen ſchäme. Mit einem Einkommen, das kaum hinreichend war, um wie ein Gentleman zu leben, erlaubte ich mir die zügelloſeſten Verſchwendungen. Das Spiel war meine heftigſte Leidenſchaft: es ſchien mir damals, als ob das Leben ohne die Mittel zur Befriedigung derſelben, keinen Werth hätte. Wochenlang. lebte ich in einem Zu⸗ ſtande beſtändigen Fiebers; die Nacht verwandelte ſich in Tag; in den wenigen Stunden des Schlafs, nicht der Ruhe, welche mir die Kraft verliehen, zum Spieltiſche zurückzukehren, verfolgten mich im Traum das Raſſeln der Würfel, das Miſchen der Karten und wechſelsweiſe der Spieler Frohlocken und Verzweiflung ſo lebhaft, wenn auch nicht ſo deutlich, wie in den Stunden des Wachens. Anfänglich— die alte Geſchichte aller Spieler— gewann ich viel; das ermunterte mich denn, immer beträchtlichere Einſätze zu wagen und als das Glück umſchlug, gerieth ich, faſt unvermerkt, in Ehrenſchulden, deren Betrag alles über⸗ ſtieg, was ich jemals bezahlen zu können hoffen durfte. Und doch ſpielte ich fort! Der geringſte Glückswurf, der mir dann und wann gelang, ſteigerte in mir die Begierde bis zum höchſten Grade, das Letzte zu wagen, um zum wenigſten einen Theil meines Verluſtes wieder zu gewin⸗ nen. Ich gerieth endlich in eine ſo verzweiflungsvolle Lage, daß ich keinen Ausweg mehr vor mir ſah und ich lebte unter dem beſtändigen Einfluſſe eines ſo beängſtigen⸗ den Gefühles, als laſte ein ſchwerer Alp auf meiner Bruſt. So lange ich Geld beſaß, bezahlte ich, was ich verlor; nachher borgte ich bei den Vorſtehern der ver⸗ ſchiedenen Clubs oder bei Bekannten, die gutmüthig oder unbeſonnen genug waren, mir Geld zu leihen. Mit An⸗ dern ſpielte ich auf Kredit und verlor beträchtliche Sum⸗ men, die ich zu einer gewiſſen Zeit zu bezahlen verſprach. War die Friſt verſtrichen und ich außer Stande, meine Verbindlichkeiten zu erfüllen, ſo ſtellte ich Wechſel aus auf längere Verfallzeit! Auch dieſe blieb nicht aus und fand mich zahlungsunfähig wie zuvor. Ich will Ihnen weder die Verlegenheiten, von welchen ich mich umringt ſah, in ihren traurigen Einzelheiten ausmalen, noch die demü⸗ thigenden Entſchuldigungen, die ich vorbringen, und die noch demüthigenderen Vorwürfe und Drohungen, die ich mir gefallen laſſen mußte. Endlich verſprach ich, in einer Anwandlung verzweifelter Verwegenheit, meinen Gläubi⸗ gern auf das feierlichſte, ſie am erſten Tage des folgenden Monats befriedigen zu wollen; und von der Erfulung dieſes Verſprechens hing die Erhaltung oder der unwieder⸗ bringliche Verluſt meiner Ehre ab. Ich kann Ihnen un⸗ möglich beſchreiben, Ellen, was ich damals litt. Dieſer Kampf wider eine Unmöglichkeit, dieſes eitle Streben nach einem unerreichbaren Ziele, mein Widerwille, mich in das Unvermeidliche zu fügen, meine ohnmächtige Wuth, mein gekränkter Stolz, die bittern Selbſtvorwürfe: es war eine ſchreckliche Lage, und niemand, dem ich mich anvertrauen, niemand, an den ich mich wenden konnte, um—— — Und warum, um Gotteswillen! Warum wandten Sie ſich nicht an meinen Onkel? warum ſprachen Sie nicht mit Eduard Middleton? Ein Ausdruck plötzlichen Schmerzes und eine lebhafte Röthe verbreiteten ſich auf Heinrich's Angeſicht bei dieſer Frage. Nach einigem Nachſinnen ſagte er: — Ich muß Ihnen alles ſagen, obgleich ich eine Angſt dabei empfinde, die wahrlich zur Büßung eines Verbrechens hinreichen würde. So erfahren Sie denn, daß es in Orford war, wo die Neigung zum Spiel in mir erwachte, und daß ich dort gewiſſermaßen daſſelbe Leben führte, die⸗ ſelben Unbeſonnenheiten beging, dieſelben Qualen erlitt, wie ich ſie Ihnen eben beſchrieben habe; nur beliefen ſich die verlorenen Summen auf hunderte, ſtatt auf tauſende. Eduard merkte damals, daß mich ein ſchweres Leiden zu Boden drückte, und es gelang ihm bald, mir ein Bekenntniß meiner Thorheit zu entlocken. Nach einigen Strafpredig⸗ ten brachte er mir ein paar Tage darauf einen Wechſel, deſſen Betrag meine Schulden deckte; er hatte ihn von Mr. Middleton für mich empfangen, aber nur mit der Bedingung, daß ich ihnen beiden mein feierliches Ehren⸗ wort geben würde, nie mehr zu ſpielen. Der Brief des Herrn Middleton war nicht nur ſtrenge, er war auch verachtungsvoll: und wenn ich die geringſte Möglichkeit wahrgenommen hätte, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, ſo wuͤrde ich das Geld und das von mir verlangte Ver⸗ ſprechen verweigert haben. So gab ich es, weit mehr mit Groll im Herzen als mit dankbarem Gefühle. Wie ich es hielt, haben Sie geſehen, und Sie begreifen nun wohl, daß ich eher nach Amerika entflohen wäre, um nimmer⸗ mehr England wiederzuſehen, als daß ich mich zum zweitenmal an Herrn Middleton gewandt hätte, um ſeine Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Es wäre unnütz geweſen, mich meinem Vater anzuvertrauen; Sie wiſſen, er hat kein anderes Einkommen als die Beſoldung, welche ihm ſeine Stelle bei der Marine⸗Verwaltung einträgt. Heinrich hielt hier inne und ſeufzte tief auf, als wollte er ſeine Kräfte ſammeln und Muth gewinnen, um fortzu⸗ fahren. Er ging zuvor an die Thüre des Nebenzimmers, um ſich zu überzeugen, ob Alice noch ſchliefe; dann kam er wieder zu mir und erzählte weiter: Am Tage, an welchem ich meine Schulden zu zahlen mich verpflichtet hatte, ging ich ungefähr gegen ſechs Uhr ins Bureau zu meinem Vater. Zuvor war ich einige Stunden lang ohne Zweck durch die dunſtigen, ſtaubigen Straßen gelaufen und begegnete einigen Bekannten, welche den Kopf wegwandten, als ſie mich kommen ſahen. Mein Vater war eben im Begriff zum Mittagseſſen zu gehen; er hielt Hut und Handſchuhe in der Hand und ſagte zu mir, als ich eintrat mit einem lebhaften Ausdruck von Ungeduld in den Geſichtszügen: — Ah! Heinrich! wie geht's Dir! Weißt Du, lieber Junge, daß Du mir einen großen Gefallen erzeigen kannſt? Ich habe den erſten Bureaudiener um halb ſieben Uhr herbeſtellt wegen eines Geſchäftsauftrags; nun dachte ich aber nicht daran, daß ich zum Diner in Percy Croß eingeladen worden, und dort übernachten werde. Wenn Du nichts Beſonderes zu thun haſt und hier war⸗ ten kannſt, ſo würde ich noch zu rechter Zeit zum Diner kommen. — Was iſt's denn für ein Geſchäft? fragte ich, mich auf eine der Bureaubänke niederwerfend; bin ich im Stande, Ihre Stelle zu vertreten? — Du haſt nichts weiter zu thun, als dieſe Schublade zu öffnen, erwiederte er, und ihm für 5000 Pfund Bank⸗ noten zu übergeben, womit morgen früh einige Zahlungen geleiſtet werden ſollen. Es iſt augenblicklich niemand hier, dem ich dieſen Schlüſſel anvertrauen möchte; kannſt Du aber hier bleiben— — O iich kann ſchon hier bleiben, ich habe nichts zu thun. 6— nahm den Schlüſſel zu mir, wünſchte meinem Va⸗ ter guten Abend und überließ mich wieder meinen trau⸗ rigen Gedanken. Ich war ungefähr eine Viertelſtunde allein geblieben, als der Pedell hereinkam und, eine Karte überreichend, mir ſagte, daß ein Herr mich zu ſprechen wünſchte. Einen flüchtigen Blick auf die Karte werfend, gerieth ich in Beſtürzung, als ich den Namen darauf ge⸗ wahr wurde. Ich befahl dem Pedell, den Herrn ins Privatzimmer meines Vaters zu führen und folgte ihm, feſt entſchloſſen, einen Streit mit ihm anzufangen, um ihm Gelegenheit zu geben, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen: dies war, wie ich mir damals einbildete, das Beſte, was mir begegnen konnte. Mr. Escourt, der erwähnte Herr, war einer meiner vertrauteſten Bekannten während der erſten Zeit meines Aufenthalts in London; mehr wie jeder andere verleitete er mich zu Thorheiten aller Art und beſonders ſuchte er meine Spielſucht zu nähren. Oft, wenn ich ſchon im Be⸗ griff ſtand, auf dem gefährlichen Wege, den ich eingeſchla⸗ gen, wieder umzukehren, wußte er mich durch einige ſpöt⸗ tiſche Bemerkungen zu reizen und verlachte mich wegen meiner Angſt, welche der ſchlimme Zuſtand meiner Ange⸗ legenheiten mir einflößte Später gewann er mir bedeu⸗ tende Summen ab und nun war ich ihm zwiſchen drei und viertauſend Pfund ſchuldig. Er ſuchte ſtets ſich gut mit mir zu verhalten, ich fand aber bald die Ueberzeu⸗ gung, daß er einer von jenen war, die am meiſten zur —— Verbreitung der meine Ehre verletzenden Gerüchte bei⸗ trugen; ich wußte außerdem, daß er insgeheim, und auf die treuloſeſte Weiſe, ſeinen Einfluß auf meine andern Gläubiger angewandt hatte, um die Bewilligung eines längern Kredits zu hintertreiben. Von dieſem Gedanken ganz eingenommen, trat ich in das Zimmer, wo er mich erwartete. Ich kann Ihnen nicht genau erzählen, was zwiſchen uns vorging; alles, was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß er mich in jenem Augenblick faſt zum Wahnſinn brachte. Er ſprach kein Wort, das mich veranlaſſen konnte, Satisfaction von ihm zu verlangen; er ſpielte ſogar, während der ganzen Dauer unſerer Unterredung, die Rolle eines Freundes, aber zu gleicher Zeit machte er ſich ein Vergnügen daraus, mir wehe zu thun und mich dermaßen zu erbittern, daß ich dem Wahnſinne nahe war. Er ſagte mir, daß er, trotz allen ſeinen Bemühungen, den Entſchluß meiner Gläubiger, keinen Vertröſtungen mehr Gehör geben zu wollen, nicht zu erſchüttern vermocht hätte, und daß ſie, im Falle ich nicht heute noch ihren Anſprüchen Genüge leiſten würde, meine Handlung sweiſe aller Welt bekannt machen und Maßregeln eraweinen wollten, die meine Aus⸗ ſtoßung aus den Clubs, deren Mitglied ich war, zur Folge haben dürften. Zuletzt drückte er ſein Mitleid mit mir aus und gab mir die Verſicherung, daß er mich für ſeine Perſon von jeder Verpflichtung gegen ihn entbände. Un⸗ möglich kann ich Ihnen den tief verletzenden Hohn be⸗ ſchreiben, der durch die erheuchelte Sympathie ſeiner Sprache drang. Ich fände keine Worte und Sie würden es nicht faſſen, wenn ich Ihnen ſagen wollte, was damals in mir vorging! Ich ſah ihn ſtolz an, hieß ihn, ſein Mit⸗ leid ſparen, ſeine Schonung und Rückſicht für andere aufbewahren und einige Ninuten warten, damit ich ihm beweiſen könnte, daß ſeine Freunde viel zu vor⸗ eilig gehandelt hätten und er hoffentlich noch dieſen Abend die Gelegenheit finden würde, ſie aus ihrem Irrthume zu ziehen. Das Alles ſagte ich zu ihm weit ruhiger, als ich es Ihnen jetzt wiederhole, und feſten Schrittes verließ ich das Zimmer. Errathen Sie wohl, wohin ich ging? Ich — 10— ging in meines Vaters Bureau, nahm aus der Schublade des Schreibtiſches das Geld, das ich bedurfte, 3500 Pfund, und ſprach zu mir ſelbſt:„Heute um Mitternacht ſchieße ich mir eine Kugel vor den Kopf!“ Ich verſchloß den Schrank, ſteckte den Schlüſſel zu mir, ging wieder zu Es⸗ court und überreichte ihm die Banknoten. Er verbeugte ſich, wollte mir die Hand drücken, ſagte, daß er hoffe, ich würde ſeinen guten Abſichten volle Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, und daß er es für ſeine Pflicht halte, noch dieſen Abend im— Club zu berichten, was zwiſchen uns vorgegangen wäre; hierauf entfernte er ſich. Auch ich ging fort; aber im Augenblick, als ich die Bureauthüre öffnete, um meinen Hut und Stock zu holen, kam mir Har⸗ ding entgegen, der— ich muß es Ihnen ſagen, wenn Sie es noch nicht wiſſen ſollten— ein Halbbruder von Mi⸗ ſtreß Tracy, und alſo ihr Onkel iſt.— Heinrich zeigte bei dieſen Worten mit dem Finger auf das Zimmer, in welchem Alice ſchlief.— Harding ſagte mir, er wäre meinem Vater in Piccadilly begegnet; dieſer hätte ſeinen „Gig“ ſtillhalten laſſen, um ihm zu ſagen, daß ich ihn im Bureau erwartete, und ſo wäre er denn ſo ſchnell als möglich hergeeilt, um mich nicht lange aufzuhalten. Ich ſchaute ihn, wie ich glaube, ſehr ſeltſam an, denn er ſah unruhig aus und ſagte zu mir:„Sie ſcheinen unwohl zu ſeyn, Sir?“ — Ja, mir iſt nicht ganz wohl, ſtammelte ich und ging nach der Thür! Er folgte mir, und bemerkte: — Mr. Lovell ſagte mir, er hätte Ihnen den Schlüſſel zum— — Ah! den Schlüſſel— Ja, ich hab' ihn zu Hauſe; mein Vater brachte ihn mir und ließ ihn dort. Wollen Sie ihn nicht morgen früh bei mir abholen? — Aber, Sir, wenn es Ihnen nichts verſchlüge— — Ich gehe jetzt nicht nach Hauſe und es kömmt wohl auf eins heraus— entgegnete ich. — Dann müßt' ich ſehr frühe zu Ihnen kommen, Sir? — So früh, als es Ihnen beliebt, antwortete ich. Ich eilte auf die Straße, wo die Luft mir noch zehn⸗ — 11— mal drückender ſchien, als eine Stunde zuvor. Mich dünkte, als brenne das Pflaſter unter meinen Füßen; der Himmel hatte jenen bleifarbigen Anſtrich, der ein Gefühl unerträglicher Beklemmung in uns erweckt. Als ich nach Hauſe kam, fing es an zu regnen. Ich öffnete das Fen⸗ ſter meines Zimmers und warf mich auf das Bett. Der Gefangene in Newgate, dem ſein Urtheil vorgeleſen wird, ſieht dem unvermeidlichen Tod nicht ſicherer entgegen, als ich es in dieſem Augenblick in meinen Gedanken that. Wenn mich der nächſte Morgen noch am Leben traf, ſo war ich nichts, als ein gewöhnlicher Dieb. Ich wußte, daß der einzige Umſtand, der mein Verbrechen von andern derſelben Art unterſchied, darin lag, daß die Entdeckung ſo unvermeidlich war und der Beweis ſo handgreiflich und ſonnenklar gegen mich zeugte, daß dieſe Handlung nur ein Menſch begehen konnte, der mit dem Leben völlig abge⸗ ſchloſſen hat. So mußte ich denn ſterben, und von meiner eignen Hand. Ich bin nicht feige, Ellen, ich weiß es, ich bin es nicht, und doch erbebte ich, als der Tod in ſeiner ganzen Wirklichkeit, mit allen ſeinen Schrecken und in blutiger Geſtalt unabwendbar vor mir erſchien. Tödtliche Angſt ergriff mein Herz und ich fühlte eine ſolche Schwäche in allen meinen Gliedern, daß ſich eine noch entſetzlichere Furcht meiner bemächtigte, wenn ich an die Möglichkeit dachte, daß mich eine Ohnmacht überfallen könnte und ich meiner Sinne nicht wieder mächtig werden würde, bevor Harding käme, oder daß mir die Kräfte fehlen möchten, die Piſtole zu laden und abzufeuern. Grauſenhafte Er⸗ ſcheinungen ſchwebten dann vor meinen Augen; ein Ker⸗ ker, ein Kriminalprozeß, eine Hinrichtung! alle Qualen, die ich ſeit einigen Stunden empfand, waren Kinderſpiel im Vergleich mit dieſen Schreckbildern! Haſtig ſtürzte ich aus meinem Bette, ſtreckte meine Arme aus, um mich zu überzeugen, ob ich noch Leben und Kraft genug beſäße, um mir den Tod zu geben. Ich empfand einen brennenden Schmerz im Kopfe, ich biß die Zähne zuſammen und es überkam mich eine Luſt zu lachen und das Geſicht zu ver⸗ — 2— zerren, die nahe an Wahnſinn grenzte. Ich ſah ein Opium⸗ fläſchchen auf dem Kamin ſtehen und griff mit verzweif⸗ lungsvoller Haſt danach: wär' es voll geweſen, ich würd' es bis zum letzten Tropfen ausgetrunken haben; es befand ſich aber nur eine kleine Ouantität darin, welche mich etwas beruhigte. Vor Kälte zitternd, ſetzte ich mich ans Fenſter. Heftige Windſtöße trieben den Regen ins Zimmer. Ich blieb auf derſelben Stelle, bis die Nacht dunkler ward und das Laudanum zu wirken anfing. Ich ſank bald in eine Art dumpfer Betäubung. Als ich ſechs Uhr ſchlagen hörte, fuhr ich plötzlich auf; ich tappte im Zimmer herum und ſuchte nach dem Feuerzeug. Nachdem ich eine Wachskerze angezündet hatte, nahm ich meine Piſtolen aus dem Sekre⸗ tair, legte ſie auf den Tiſch und ſetzte mich hin, um einige Worte an meinen Vater zu ſchreiben. Ich erzählte ihm kurz, doch klar genug, was ich gethan hatte, und bat ihn, jede Unterſuchung zu verhindern, bis er die Mittel gefun⸗ den haben würde, das entwendete Geld zu erſetzen. Mr. Middleton, fügte ich hinzu, würde ſich gewiß um Mary's willen bereit zeigen, meinen Namen vor Schande zu retten. Als ich dieſe letzten Worte niederſchrieb, als ich meiner Schweſter Namen nannte, warf ich die Feder weit weg von mir, und überließ mich einige Augenblicke dem Aus⸗ bruche eines Schmerzes, deſſen Uebermaaß mich alles ver⸗ geſſen ließ, nur nicht den Kummer, den ich ihr verur⸗ ſachte. Ich war im Begriff, die Piſtolen zu laden; da klopfte jemand an meine Thür. Unwillkührlich legte ich ſie wieder in meinen Sekretair, ſchloß ihn zu und ging zur Thüre. Ich glaubte die Hausmagd oder meinen Bedien⸗ ten zu finden und erſchrak nicht wenig, als ich öffnend Miſtreß Traey, Alicens Großmutter, erblickte. Ich war dieſes Beſuches ſo wenig gewärtig, daß ich nicht einmal die Geiſtesgegenwart beſaß, ſie unter einem Vorwande fortzuſchicken, oder ihr die Aufregung zu verbergen, in wel⸗ cher ich mich befand. Ich ſetzte mich auf den erſten, beſten Stuhl und ſah ſie ſtarr und ſtillſchweigend an. Sie ſchloß die Thüre ab, ſetzte ſich mir gegenuͤber und ſagte mit ruhiger, feſter Stimme zu mir: — 13— — Mr. Heinrich, Sie haben ſich geſtern Abend ſchwer vergangen, und haben nun die Abſicht, noch Schlimmeres zu thun. Sie werden es nicht thun! Ich verſuchte, mich wieder zu faſſen. Ich ſtammelte einige Worte, daß ſie von Sinnen wäre, den Verſtand verloren hätte, daß ich beſchäftigt wäre und ſie mir unge⸗ legen käme; ich bat ſie dringend, mich in Ruhe zu laſſen und ſtellte mich zuletzt zornig. Sie ſtand auf, ſah mir ins Geſicht und ſagte unwillig zu mir: — Erſparen Sie ſich dieſe Lügen, Heinrich Ich kenne Sie, weiß, was Sie gethan haben, weiß, was Sie thun wollen. Aber Gott hat mich hergeſandt, um Sie zu retten! — Wozu dieſe Jeremiaden, Tracy, rief ich nun wirk⸗ lich aufgebracht aus; verlaſſen Sie mich, verlaſſen Sie mich augenblicklich! — Mr. Heinrich, fuhr ſie fort, erinnern Sie ſich daran? Welche ſeltſame Veränderung kann zuweilen ein einziger Augenblick in uns hervorbringen, Ellen! Es war ein klei⸗ nes Portrait meiner Mutter— meiner Mutter,— welche ſtarb, indem ſie mir das Leben gab, und deren Bild ſo oft zwiſchen mich und die Verſuchung trat und nicht ſelten das Unheil, wenn nicht verhütete, doch aufhielt. Ich hatte das Portrait der Tracy mit dem Verlangen übergeben, mir es aufzubewahren, bis ich unſer Haus verließe, um die Hochſchule zu beziehen. Es erweckte nun in meinem Geiſte eine Menge Rückerinnerungen aus meinen Kinder⸗ jahren und viele, wenn auch unbeſtimmte Bilder meiner Jugend traten vor meine Augen und bemächtigten ſich meiner vollkommen. Ich drückte das Portrait an meine Lippen, mein Stolz verſchwand, Thränen ſtrömten über meine Wangen. In dieſem Augenblick der Rührung ge⸗ ſtand ich ihr die ganze Wahrheit. Sie hatte alles zuvor errathen. Ihrem Bruder war es ſchon ſeit einiger Zeit bekannt, wie tief ich in Schulden ſtack; der ſchlimme Zuſtand meiner Verhältniſſe war ihm kein Geheimniß und er wußte nicht nur, daß ich nichts beſaß, ſondern auch nicht im Stande — 141— war, einen Schilling aufzutreiben. Escourt, der ihn ſeit langer Zeit kannte, begegnete ihm an der Thüre des Ad⸗ miniſtrationsgebäudes und erzählte ihm, daß er ſo eben die beträchtliche Summe von 3500 Pfund von mir erhal⸗ ten hätte. Das Zuſammentreffen dieſer Umſtände mit meinem verſtörten Ausſehen und der Bläſſe meines Ange⸗ ſichts, meine ſchlechte Entſchuldigung in Betreff des Schlüſſels, den ich nicht bei mir zu haben vorgab, während er recht gut wußte, daß mein Vater mir denſelben kurz zuvor eingehändigt hatte, insbeſondere aber der Vorwand, daß ich nicht nach Hauſe ginge und die Gewißheit, die er ſich vom Gegentheil verſchaffte, indem er mir von weitem nachfolgte— alles endlich vereinigte ſich, um ihm jeden Zweifel über das Vorgefallene zu benehmen. Da ſeine Schweſter gerade in London war und bei ihm wohnte, ſo hielt er es für rathſam, ſie von allem in Kenntniß zu ſetzen. Sie wiederholte mir dieſe Einzelheiten, und mit in einander geſchlagenen Armen vor mir ſtehend, fragte ſie mich:„Was ſoll nun geſchehen?“ Es würde Sie ermüden, wollt' ich Ihnen umſtändlich die Unterredung mittheilen, die nun erfolgte. Sie begann damit, mir die verſchiedenartigſten Vorſchläge zu machen, um mich meiner ſchrecklichen Lage zu entreißen; aber alle ihre Pläne waren illuſoriſch und unausführbar. Endlich machte ſie mir ein Anerbieten, das ſie ſchon ſeit langer Zeit beabſichtigte, und welches die Ereigniſſe dieſes Abends zur Reife brachten. Und nun, Ellen, bin ich zu einem Punkte in meiner Er⸗ zählung gekommen, wo es durchaus nöthig iſt, Ihnen ei⸗ nige Umſtände zu erörtern, welche Ihnen allein begreiflich machen können, was dieſen ſeltſamen Vorſchlag zu veran⸗ laſſen vermochte. Meine Schweſter hat Ihnen, wie ich glaube, ſchon geſagt, daß ich als Kind der unermüdlichen Sorgfalt und Liebe dieſer Frau mein Leben verdanke. Die wahrhaft leidenſchaftliche Anhänglichkeit, die ſie für mich hatte und der Einfluß eines energiſchen, wenn auch nicht cultivirten Geiſtes gewöhnten mich, ihr mit einer Rückſicht und einer Achtung zu begegnen, welche meine Kinderjahre überdauerte. Als ich in Eton in die Schule ging und ſelbſt ſpäter, als ich in Orford ſtudirte, ſchrieb ich ihr oft und ermangelte niemals, ſie zu beſuchen, wenn ich nach London kam. Bei dieſen Gelegenheiten ſah ich denn auch ihre Enkelin, deren Schönheit dereits auffallend war und die ſie in der größten Zurückgezogenheit mit der aufmerk⸗ ſamſten Sorgfalt erzog Schon damals nahm ich den Plan in ſeinem erſten Entſtehen wahr, mit dem ſie ſich offenbar beſchäftigte, den ſie mit Vorliebe nährte und ſo lange verfolgte, bis er zum leidenſchaftlichen Wunſche ge⸗ diehen war— den Plan, mich mit Alicen verheirathet zu ſehen. Sie gab mir nicht ſelten durch Winke und Anſpie⸗ lungen ihren Wunſch zu erkennen, den ich ſtets als Scherz aufnahm, und als ſie mir zwei Jahre vor der Zeit, von welcher ich rede, im Vertrauen erzählte, daß ihr Schwager, ein alter, geiziger Spezereikrämer in Salisbury, ihrer En⸗ kelin 1500 Pfund hinterlaſſen hätte, ſah ſie mich beſorgt an und ſchien ſich über die Gleichgültigkeit zu ärgern, wo⸗ mit ich ihre Mittheilung aufnahm, deren Geheimhaltung ſie mir anempfahl. Ihr zurückgezogenes Leben und die Eigenthümlichkeit ihres Charakters gaben den Ideen, welche ſich ihres Geiſtes bemächtigten, eine ſolche Gewalt, daß ſie für andere Gedanken keinen Sinn mehr hatte. So kam es denn zuletzt, daß ſie Alicens Glück nicht anders grün⸗ den zu können glaubte, als durch eine Verbindung mit mir. Sie hatte die abergläubiſche Ueberzeugung, daß ihre Enke⸗ lin zu dieſer Verbindung auserſehen wäre; ſie hatte davon geträumt, Erſcheinungen gehabt und wurde, glaub' ich, mit Freuden ihr Leben für die Erfüllung ihres Herzens⸗ wunſches hingegeben haben. Auf dieſe Weiſe fand ſie mich durch eine ſeltſame Verkettung von Umſtänden in einer troſtloſen Lage, von Verlegenheiten und Gefahren umringt; nichts konnte mich retten, als eine große Summe Geldes, in deren Beſitz ich unverzüglich gelangen mußte. Sie bot mir Alicens Vermögen und Hand, aber fügte dieſem Anerbieten folgende Bedingungen bei: — Geben Sie mir, ſagte ſie, ein ſchriftliches von Ihnen unterzeichnetes, und von zwei Zeugen, die ich mit herbringen — 16— werde, beglaubigtes Verſprechen, daß Sie meine Enkelin ſogleich heirathen werden, wenn ich Sie dazu auffordern ſollte. Außerdem geben Sie mir eine ſchriftliche Erklärung, worin alle Umſtände angeführt ſind, welche dieſe Ueberein⸗ kunft zwiſchen uns veranlaßt haben Sie muß auf gleiche Weiſe unterzeichnet und beglaubiget werden. Sie machen ein Teſtament, durch welches Sie, im Falle Sie vor dieſer beabſichtigten Heirath ſterben ſollten, Alicen Alles, was Sie beſitzen, vermachen und worin ſie mich bevollmächtigen, Ihre Familie mit allen Einzelheiten dieſes Vertrags bekannt zu machen. Sie geben mir Ihr Wort. daß Alice, ſo lange ſie lebt, keinen der Umſtände erfährt, welche dieſe Ueber⸗ einkunft herbeiführten,und nie weder vor, noch nach ihrer Verheirathung nur entfernt ahnen darf, daß ein ſolcher Vertrag zwiſchen uns beſteht. Sind Sie das alles zufrie⸗ den, Mr. Heinrich, ſo erhalten Sie morgen früh 10,000 Pfund in baarem Gelde, womit Sie Ihre Schulden bezah⸗ len und Ihre Stellung in der Welt wieder einnehmen können. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, Ellen, wie ſehr ſich mein Stolz, wie ſehr ſich alle meine Gefühle wider dieſen Selbſtverkauf empörten, den dieſer Handel auferlegte, und beſonders wie verhaßt mir es war, in der Gewalt dieſer Frau und ihres Bruders zu ſtehen; aber in der Lage, in welcher ich mich befand, blieb mir zwiſchen dem Tode und der Unehre einerſeits und einer blinden Annahme ihrer Bedingungen andrerſeits keine Wahl. Demungeachtet machte ich ihr lebhafte Vorſtellungen gegen den zweiten Punkt dieſes Vertrags, der keinen andern Zweck zu haben ſchien, als mich immerwährend in ihrer Gewalt zu halten; aber ſie beſtand hartnäckig darauf. Ich willigte zuletzt ein, ihr den Brief, den ich bereits an meinen Vater geſchrieben hatte, nebſt den andern Papieren zu überliefern, welche den nächſten Morgen in Ordnung gebracht werden ſollten und welche ihr Rechte über mich einräumten, die ihr die Gewalt verliehen, mich vor der Welt bloß zu ſtellen und meine Ehre nach Gefallen zu vernichten. Am folgenden Morgen kam ſie in Begleitung ihres Bruders und eines Notars wieder zu mir. Letzterer ent⸗ — 17— warf mein Teſtament, welches ich, ſo wie mein Heirathsver⸗ ſprechen in ſeiner Gegenwart unterzeichnete. John Har⸗ ding ſchaute finſter und mißvergnügt darein. Er mißbil⸗ ligte augenſcheinlich die ganze Verhandlung, und was ich aus einigen, ganz leiſe hingemurmelten Worten abnehmen konnte, bewies mir deutlich, daß ſeiner Meinung nach, ſeine Nichte bei dieſem Geſchäfte am ſchlimmſten weggekommen wäre. Indeſſen ſtand er von jeher unter der Bolmäßigkeit ſeiner Schweſter, und obgleich er ſeitdem mehrmals den Verſuch gemacht hatte, mich auf allerlei Weiſe zu quälen, ſo han⸗ delte er doch nie, mit Ausnahme des plumpen Unterneh⸗ mens in Brandon, aus eignem Antriebe. Der Anreizung ſeines Sohnes zu dem Verſuche, Ihnen Schrecken einzuja⸗ gen, folgend, glanbte er, daß derſelbe, im Falle des Ge⸗ lingens, ihm größern Nutzen gewähren würde, als die Ueber⸗ einkunft, wie ſie beſtand. Und nun, Ellen, werden Sie begreiflich finden, daß nach allem dem, trotz Alicens Schön⸗ heit und ihrer Vorzüge, die ich nicht in Abrede zu ſtellen ſuche, die Idee einer Verbindung mit ihr in meinem Geiſte ſtets ſo viele unangenehme und peinliche Erinnerungen er⸗ weckte, daß ich mit dem größten Widerwillen, den ich ver⸗ gebens zu überwinden ſtrebte, davor zurückbebte.— Nun, kllen, nun komme ich zu der Zeit, wo jeder Umſtand meiner Lebensgeſchichte die Ihrige ganz nahe berührt. Liebe Ellen! hören Sie mich mit Ruhe an, und wenn ich von Gefühlen rede, die ich Angeſichts der Welt nicht ausſprechen darf, wenn, den Boden berührend, den wir einſt zuſammen betraten, Worte der Liebe und des Schmerzes meinen Lippen entſchlüpfen, ſo verzeihen Sie mir; leiden Sie mit mir! vergeſſen Sie Alles, ausgenom⸗ men, daß ich Sie liebte, daß ich Sie verloren und An⸗ ſprüche auf Ihr Mitleid habe!— Nach einer Pauſe fuhr er fort: — Noch bat ich Sie nicht, mir Verſchwiegenheit zu ver⸗ ſprechen; ich fürchte mich nicht, in Ihrer Gewalt zu ſte⸗ hen; aber, liebe Ellen, es gibt Thatſachen, die ich Ihnen nun anzuvertrauen im Begriff bin, die Sie perſönlich an⸗ gehen und deren Geheimhaltung vor Jedermann Sie mir dennoch auf das feierlichſte geloben müſſen. II. 2 — 18— — Wenn ſie mich perſönlich angehen, anwortete ich ſchnell, ſo werd' ich mich ſchon von ſelbſt dazu bewogen finden. Ich will mich durch kein Verſprechen binden. Sie fürchten nicht in meiner Gewalt zu ſtehen und Sie haben recht; aber Sie wollen— verzeihen Sie mir, Heinrich, ich muß aufrichtig mit Ihnen reden— Sie wollen mich unter die Ihrige bringen, und das iſt nicht großmüthig. — Wenn Sie die Wahrheit erfahren werden, antwor⸗ tete er kalt, ſo werden Sie dieſe gehäſſige Beſchuldigung zurücknehmen. Wenn Sie, wie ich vermuthe, die Abſicht haben, Eduard Middleton zu heirathen, ſo wünſchen Sie ohne Zweifel auf das lebhafteſte, kein Geheimniß vor ihm zu haben, aber ich betheuere Ihnen, Ellen, daß wenn Sie ihn heirathen,— beſonders aber wenn Sie ihn, unbekannt mit der wahren Beſchaffenheit Ihrer Lage heirathen, Sie ſich, ich hab' es Ihnen ſchon einmal geſagt, unberechenbares Unglück zuziehen werden. Sie glauben mir nicht, ich merk es wohl! rief er ungeduldig aus. — Ich bin nicht Willens, Eduard Middleton zu hei⸗ rathen; ich werde ihm nie ein Weib aufbürden, deſſen Herz und Leben nie offen vor ihm liegen können. Ich wollte lieber ſterben, als ihm die Verſtellung bekennen, deren ich mich ſchon ſchuldig gemacht habe, oder die Dro⸗ hungen, deren Sie ſich gegen mich bedienten und die Liebes⸗ erklärungen, welche ich von Ihnen anhören mußte, von Ihnen, dem Gatten Alicens, deren Sie ſo unwürdig ſind. wie ich ſeiner unwürdig bin. Nein, ich werde niemals Eduard's Frau. Ich werde ihm niemals Kummer und Unehre bringen. Ich habe mich zur Verſtellung erniedriget, ich habe mich in Lügen verſtrickt: ſo muß ich denn den Giftbecher austrinken, den Sie mir darreichen; aber ge⸗ gen Sie zum wenigſten will ich wahr ſeyn. Da nun keine Geheimniſſe zwiſchen uns obwalten ſollen, Heinrich, ſo will ich Ihnen ſagen, was ich noch keinem ſterblichen We⸗ ſen geſagt habe: ja, ich liebe Eduard von Grund meiner Seele, liebe ihn mit aller Leidenſchaft und aller Zärtlich⸗ keit, welche die Hoffnung überleben und ſich von Verzweif⸗ lung nähren. = 160— Bei dieſem Ausbruche unterdrückter Gefühle, womit ich meinem Herzen Luft machte, erkannte ich wieder in Hein⸗ rich's Zügen den ſchreckenerrege den Ausdruck, der jene Scene am Seeufer in mein Gedächtniß zurückrief. — Ich überlaſſe Sie der zärtlichen Großmuth derer, die Ihre Liebe beſitzen, erwiederte er mit einem tückiſchen Lä⸗ cheln. Wenn Eduard, nicht von mir, ſondern von Jemand, der mit mir das Geheimniß von Juliens Tod theilt, die Umſtände dieſes Ereigniſſes erfahren wird, dann mögen Sie Troſt in ſeiner Liebe ſuchen. Eine plötzliche Aenderung in Heinrich's Geſichtsausdruck zeigte mir, wie meine Züge von Todtenbläſſe und entſetz⸗ licher Angſt entſtellt geweſen ſeyn mußten, denn faſt ein gleicher Schrecken ſchien ſich ſeiner bemächtigt zu haben; er warf einen flüchtigen Blick ins andere Zimmer, nahm Waſſer vom Tiſche und brachte es an meine Lippen. Ich ſchlürfte einige Tropfen und mit ſchwacher Stimme ſagte ich ſchnell:„Reden Sie! reden Sie!“ — Geloben Sie feierlich, rief er, nehmen Sie Gott zum Zeugen, daß Sie Eduard niemals entdecken wollen, weder was ich Ihnen nun ſagen werde, noch die Geſchichte von Juliens Tod! — Ich gelob' es; Gott möge mir gnädig und Richter zwiſchen Ihnen und mir ſeyn! Sprechen Sie, während ich noch Kraft beſitze, Sie anzuhören! — Wenige Monate nach den Ereigniſſen, die ich Ihnen erzählt habe, fuhr er nach einer Pauſe fort, ging ich nach Elmsley. Sie wiſſen ſo gut, wie ich, auf welche Weiſe wir den Sommer zubrachten. Eines Tages ſagte mir meine Schweſter zu meinem Erſtaunen, daß Miſtreß Tracy ſie beſucht habe, um ſie wegen ihres künftigen Wohnortes um Rath zu fragen, und zu meinem groͤßten Leidweſen erfuhr ich zugleich, daß ihr meine Schweſter das Landhäus⸗ chen zu Bridman angeboten und ſie es auch angenommen hatte. Von dieſer Zeit an lebte ich in beſtändiger Beſorg⸗ niß, daß unſere gegenſeitigen Verhältniſſe an den Tag kommen könnten, denn ich hegte noch immer die ſchwache Hoffnung, daß irgend ein günſtiger Zufall die Vollziehung 2 ³½ — — 20— des verhaßten Vertrags verhindern möchte. Ich ſchrieb an Miſtreß Traey und bat ſie auf das eindringlichſte, nicht nach Bridman zu ziehen, indem ich ſie zu überzeugen ſuchte, daß ein ſolcher Schritt unſerm beiderſeitigen Vor⸗ theile ganz entgegen wäre. Sie kam augenblicklich auf den Gedanken, daß ich mich in Sie verliebt hätte und ſchrieb mir Briefe voll der bitterſten und heftigſten Vor⸗ würfe. Kurze Zeit nachher begab ſie ſich allein nach Brid⸗ man, um ihre neue Wohnung einzurichten, ging bei dieſer Gelegenheit nach Elmsley und ſchlich ſich unbemerkt in mein Zimmer. Dieſer Tag— fuhr Heinrich mit der Haſt der heftigſten Gemüthsaufregung fort— war der fünf⸗ zehnte July. Die Lage meines Zimmers in Elmsley iſt Ihnen bekannt. Das Fenſter ſtand auf. Wir hörten Stimmen und Schritte auf der Veranda. Wir ſahen Sie. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, was wir ſahen: gräß⸗ liche Worte entſtrömten den Lippen der Tracy! — O mein Gott, mein Gott! rief ich aus, während Heinrich, überwältigt vom Uebermaß der Aufregung inne hielt; barmherziger Gott! meine Strafe iſt größer, als ich ſie ertragen kann! Heinrich ſprach weiter: — Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedanken kam, ſo zu handeln, wie ich es that. Ich verriegelte die Thüre von innen, ſprang aus meinem Fenſter auf die Veranda, ſtürzte nach dem Ufer des Stromes und ſah mit einem Blick den ſchrecklichen Erfolg des Geſchehenen. Mein Blut erſtarrte vor Schrecken Ihretwegen— — Wollte Gott! rief ich in ſo herzzerreißendem und lau⸗ tem Tone, daß Heinrich voll Angſt ſeine Hand auf mei⸗ nen Mund legte, wollte Gott! wiederholte ich leiſer, Sie hätten damals laut vor aller Welt verkündet, was ich ge⸗ than hatte! Wollte Gott, Sie hätten mich zu den Füßen meines Onkels geſchleppt und mich angeklagt, als— — Stille, ſtille, Ellen! beruhigen Sie ſich und hören Sie mich an. Schleunigſt kehrte ich nach meinem Zimmer zurück; dort fand ich die Tracy bleich vor Schrecken und als ich ihr ſagte, daß das Kind todt wäre, rang ſie die — 22— Hände und rief wiederholt aus, daß Sie es ums Leben ge⸗ bracht—ermordet hätten. Da äußerte ſich mein Zorn auf eine ſo furchtbare Weiſe, daß ſie ſich einſchüchtern ließ. Sie wiſſen, ach! Sie wiſſen, daß ich in meinem Jähzorn kein Maß und Ziel zu halten weiß, aber an dieſem Tage mußte er ſchrecklich geweſen ſeyn, denn jene unlenkſame, eiſennervige Frau zitterte wie Eſpenlaub vor mir. Ich zwang ihr da Verſprechen ab, niemals, im Falle Sie ſich nicht ſelbſt an— klagen würden, zu verrathen, was ſie geſehen hatte, noch auf irgend eine Weiſe zu offenbaren, daß ſie an dieſem Tage in Elmsley geweſen wäre. Sie mußte das Haus heimlich verlaſſen und meinem Bedienten unterſagte ich auf das ſtrengſte, Niemand zu ſagen, daß ſie bei mir ge⸗ weſen wäre; dieſem kam das ganz natürlich vor, da er offenbar der Meinung war, daß ich eine Liebſchaft mit Alicen hätte. Bis jetzt hat ſie mir ihr Verſprechen gehal⸗ ten; ich kann Ihnen aber nicht bergen, daß kein Bemühen meinerſeits im Stande war, ihrer Seele die feſt eingewur⸗ zelte Meinung zu entreißen, daß Juliens Tod kein Spiel des Zufalls geweſen war. In der dummen und bösartigen Hals⸗ ſtarrigkeit ihres Gemüths beharrte ſie im Glauben, daß Sie abſichtlich das Hinderniß beſeitiget hätten, welches zwi⸗ ſchen Ihnen und dem Vermögen des Herrn Middleton ſtand. Indeſſen, wie ich Ihnen bereits geſagt habe, ſie hielt mir Wort; aber, wie ich zuverſichtlich weiß, ſie wird es brechen, wenn, durch eine Heirath mit Eduard, ſie in Ihnen die künftige Beſitzerin der Vortheile erblicken würde, zu deren Erlangung Sie ſich, ihrer Meinung nach, eines ſo entſetzlichen Mittels bedient haben. Der Gedanke, daß Mr. Middleton Sie zur Erbin ſeines Vermögens beſtimmt habe, kömmt ihr nicht aus dem Sinn, und durch ein ſelt⸗ ſames Gemiſch von Gewiſſensſecrupel und Rachſucht fühlt ſie eine wahrhafte Qual in der Ueberzeugung, daß ſie eine ſchwere Sünde beginge, indem ſie Ihrem Oheim die Wahr⸗ heit verheimliche. So beſtand denn das einzige Mittel, welches mir übrig blieb, ihre Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, darin, daß ich ihr die Bedingungen mittheilte, unter wel⸗ chen, wie ich erfahren habe, Ihr Oheim geſonnen iſt, Ih⸗ — 22— nen ſein Vermögen zu vermachen, und indem ich ihr zu⸗ gleich die feierlichſte Verſicherung gab, daß Sie ſich dieſen Bedingungen nie unterwerfen würden. — Ich danke Ihnen, antwortete ich kalt, indem ich mich zum Weggehen anſchickte. Man hätte in dieſem Augen⸗ blicke glauben ſollen, daß mein Herz zu Stein geworden wäre. Ich war Heinrich außerordentlichen Dank für ſeine Mittheilungen ſchuldig; und doch war es mir rein un⸗ möglich, ihm auch nur das geringſte Zeichen von Dank⸗ barkeit zu erkennen zu geben oder ahnen zu laſſen: im Gegentheil, alles Böſe in meiner Natur gerieth in Gäh⸗ rung! Mehr als je glaubt' ich ihn zu haſſen. Vielleicht kam es daher, weil er mir bewieſen hatte, was ich bis jetzt nie in Wahrheit glaubte, obgleich ich mir es oft ſelbſt ſagte— daß zwiſchen mir und Eduard eine Schranke läge, die ich trotz aller Anſtrengung nie beſeitigen könnte. — Gehen Sie noch nicht fort, ſprach er, ich muß Ihnen noch mehr ſagen. Sie haben das Recht, mich zu fragen.— — Ich habe Sie nichts zu fragen, antwortete ich ſchnell; ſeit der Schreckensſtunde, wo ich durch eine unvorſetzliche Handlung mein ganzes Lebensglück zu Grunde richtete, wo durch ein unheilvolles Zuſammentreffen von Umſtän⸗ den Sie und Ihre Peinigerin Zeugen dieſer Handlung wurden, verlor ich die Macht, das Recht, Beleidigungen zurückzuweiſen, die jedes Weib zurückweiſen wird und ſoll. — Ellen! rief Heinrich mit Kälte aus, Ihre Ruhe macht mich noch unglücklicher, als Ihre Heftigkeit. Begreifen Sie noch nicht, warum ich mit Thränen, mit Drohungen, mit Bitten, mit der Gewalt der Verzweiflung in Sie drang, insgeheim meine Frau zu werden?— Ich glaubte, daß Sie mich liebten— und hatte ich nicht wirk⸗ lich ein Recht, es zu glauben? Ihre Worte, Ihre Hand⸗ lungen, gaben Sie mir nicht dieſes Recht? Einmal mit Ihnen verheirathet, würde Ihr Vermögen— es gibt nicht viele Frauen, welchen ich das ſagen könnte, aber Ihnen ſag' ich es— würde Ihr Vermögen an Alicen übertra⸗ gen, mich zum wenigſten von dieſem Theile meiner Ver⸗ pflichtungen gegen ſie befreit haben— und würde ich, als — 23— Ihr Gatte, nicht Tag und Nacht gearbeitet haben, um es wieder zu erſetzen? Würden wir Beide nicht alles, was Verläumder oder Feinde gegen uns aufgebracht hätten, mit Verachtung angeſehen haben? Wenn die Tracy in ihrer Wuth geſprochen hätte— was nicht wahrſcheinlich ge⸗ weſen wäre, wenn ſie ſah, daß nichts dabei zu gewinnen war— würde ich Sie nicht Allem entzogen haben, was Ihre Ruhe geſtört hätte? Würde ich Sie nicht mein ganzes Leben lang geliebt und angebetet haben? O— rief er plötzlich, als ich mich kalt von ihm wegwandte— haſſen Sie mich, ſo viel Sie wollen, aber trotzen Sie mir nicht! Eduard, Ihr trefflicher, Ihr gewiſſenhafter Liebſter iſt es nicht, der Sie in ſeine Arme nehmen, im Buſen tragen würde, Sie—— — Reden Sie nicht von ihm, Heinrich, rief ich aus; um Gotteswillen! reden Sie nicht von ihm! ich ſagte Ih⸗ nen ſchon, daß ich niemals ſeine Frau werde. Ich habe Ihnen alle Verſprechungen gegeben, die Sie von mir ver⸗ langten. Ich bin hier, wo ich nicht ſeyn würde, wollt' ich Ihnen trotzen. Aber, ich bitte Sie, beſchimpfen, quä⸗ len Sie mich nicht durch dieſe Anſpielungen— Ein ſtarkes Klopfen an die Thüre erſchreckte uns Beide und erweckte zugleich Alice. II. Nachdem das Klopfen an die Thüre dieſer langen und qualvollen Unterredung mit Heinrich auf einmal ein Ende gemacht hatte, erſchien ein Diener meines Onkels, der mir ſagen ließ, daß er an der Hausthüre auf mich wartete, um mich zu unſerer Nachmittagspromenade abzuholen. Ich küßte ſchnell Aliee, welche glücklicherweiſe im dunkeln Zim⸗ mer meine Aufregung nicht bemerkte, und eilte die Treppe hinab. Ich fand meinen Onkel in ſehr übler Laune. Er⸗ kannte er auf meinem Angeſichte die Spuren einer ihm mißfallenden Gemüthsbewegung? hatte er zuvor etwas — 24— gehört, was ihn ärgerte und verſtimmte?— ich konnte nicht⸗ klug daraus werden; aber ich merkte wohl, daß er damit umging, ſeiner üblen Laune Luft zu machen, was, beiläu⸗ fig geſagt, eine ſchwere Aufgabe für einen von Natur ru⸗ higen und gleichmüthigen Charakter iſt. Wir beobachteten beide eine Zeitlang ein Stillſchweigen, das nur meiner⸗ ſeits durch ein oder zwei vergebliche Verſuche, ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, unterbrochen wurde. Er antwortete mir auf meine Bemerkungen nur mit einem kurzen Ja oder Nein, und als der Wagen wieder den Rückweg nach London nahm, nachdem wir eine geraume Zeit auf der Pad⸗ dingtoner Chauſſee gefahren waren, ſagte er plötzlich: — Ich kann in der That nicht begreifen, wie ein jun⸗ ges Frauenzimmer von Deiner Erziehung ſich ſo benehmen kann, wie Du es thuſt. Es thut mir leid, Dir es ſagen zu müſſen, aber Du biſt wirklich eine ausgemachte Coquette, eine vollendete Comödiantin! — Wie? was meinen Sie? antwortete ich ſtotternd. Was hab' ich denn gethan? — Mir war's bis jetzt unbekannt, entgegnete er, daß Du Eduard ausgeſchlagen haſt. Es iſt auffallend genug, daß Du weder mir etwas davon ſagteſt, noch der Miſtreß Middleton, die doch wahrlich Dein Vertrauen verdiente. Ich glaube wohl, Du ſchämteſt Dich und da haſt Du recht gehabt. Nach allen Aufmunterungen, die Eduard von Dir erhielt, nach allen Deinen Reden, Blicken, Deinem ganzen Benehmen nach, wie es ſich während der Zeit ſeines Auf⸗ enthaltes in Elmsley zeigte, hätte ich nicht erwartet, daß Du wie ein leichtfertiges, herzloſes Mädchen ſeine Hand⸗ ausſchlagen würdeſt. Aufgeregt und entkräftet von Allem, was ich ſeit vier und zwanzig Stunden auszuſtehen hatte, brach ich bei die⸗ ſen harten Vorwürfen in Thränen aus. Meinem Onkel war es zuwider, Frauenzimmer weinen zu ſehen und mehr noch ſolches Weinen veranlaßt zu haben; da er aber entſchloſſen war, mir mit großer Strenge zu begegnen, ſo brachten ihn dieſe Thränen, die ihn ärgerten, nur noch mehr gegen mich auf. = 25— — Auch muß ich Dir ſagen, Ellen, fuhr er fort, daß es mich ſehr verdrießt und ich es ſehr anſtößig finde, daß Du Heinrich Lovell geſtatteſt, fortwährend mit Dir zu tanzen und mit Dir zu ſprechen, wo er Dich auch treffen mag. Du beſtärkſt dadurch die Vernachläſſigung, die er ſich gegen ſeine Frau erlaubt, und wenn ich ſo alle Folgen Deines Be⸗ tragens erwäge, muß ich es in dieſer Beziehung unver⸗ antwortlich finden. Sage mir doch, war er daheim, wäh⸗ rend der vier Stunden, die Du in ſeinem Hauſe zu⸗ brachteſt? Ich ward blutroth im Geſichte, und flüſterte, daß er zu Hauſe geweſen wäre, ſetzte aber hinzu: — Hat Ihnen denn meine Tante nicht geſagt, daß Alice mich erſuchen ließ, zu ihr zu kommen? — Sie ſagte mir, antwortete Mr. Middleton, Hein⸗ rich hätte gewünſcht, daß eine von euch beiden hinkäme. Sie hätte ſelbſt hingehen ſollen; und wenn ich bedenke, wie wenig Du im Ganzen den Umgang der Miſtreß Lovell ſucheſt, da Du Tage lang ohne ſie zubringſt, ſo dünkt mich, daß ein kürzerer Beſuch vollkommen genügt hätte. Dem ſey nun wie ihm wolle, ich erkläre Dir hiermit auf das beſtimmteſte, wenn Du nicht ſogleich Dein ganzes Be⸗ nehmen änderſt, ſo werde ich Heinrich mein Haus verbie⸗ ten und Dir auf das ſtrengſte unterſagen, einen Fuß in das ſeinige zu ſetzen. Das wird Miſtreß Lovell ſchmerz⸗ lich überraſchen, aber es iſt beſſer für ſie, ſo überraſcht zu werden, als dulden zu müſſen, daß eine Coquette wie Du ihr die Liebe ihres Gatten raubt. — Das iſt ungerecht! das iſt grauſam! rief ich aus. Alice ſelbſt iſt nicht unſchuldiger als ich; ich bin mir keines unrechten Gedankens, keiner ſchlimmen Abſicht be⸗ wußt; ich verdiene dieſe Sprache nicht und ſelbſt von Ihnen ertrag' ich ſie nicht. Verzeihen Sie mir, lieber On⸗ kel, verzeihen Sie mir, aber Sie thun mir wahrhaftig ſehr unrecht. Ich ergriff ſeine Hand und drückte ſie an meine Lippen. — Warum ſchlugſt Du Eduard's Hand aus? fragte mein Onkel etwas milder. — 26— — Weil ich mich nicht verheirathen will, weil ich über⸗ zeugt bin, daß ich ihn nicht glücklich machen werde. — Narrenspoſſen und Unſinn! unterbrach mich Mr. Middleton aufs neue entrüſtet; ich hoffe übrigens, daß er ſich endlich entſchließen wird, nicht mehr an Dich zu, den⸗ ken, daß er eine andere heirathen— — Wen? fragte ich mit athemloſer Angſt. — Ein Mädchen, antwortete mein Onkel, das geſunden Sinn und richtiges Gefühl genug beſitzt, um ihn zu wür⸗ digen, wie er's verdient. Als Mr. Middleton dies ſagte, zog er eine Zeitung aus ſeiner Taſche und fing mit jener deharrlichen Aufmerk⸗ ſamkeit zu leſen an, die alle Hoffnung zur Fortſetzung ei⸗ nes Geſpräches abſchneidet. Ich hätte viel darum gegeben, wenn es mir möglich ge⸗ weſen wäre, meinen Onkel zu fragen, ob er ſein Augenmerk auf Iegend ein Frauenzimmer insbeſondere gerichtet, oder im Allgemeinen geſprochen hätte; aber ich fühlte weder den Muth, ihn zu unterbrechen, noch eine neue Frage über dieſen Gegenſtand an ihn zu richten. Im Anfange unſe⸗ rer Promenade ſtellte ich viele Betrachtungen an und faßte viele Entſchlüſſe; unter andern nahm ich mir feſt vor, Eduard auf immer zu uifagen und mich mit den Aeuße⸗ rungen von Zuneigung und Achtung zu begnügen, die er mir trotz allem, was zwiſchen uns vorgegangen, nicht ent⸗ zogen hatte. Ich hoffte, daß dieſer mit Feſtigkeit verfolgte Entſchluß Heinrich zufrieden ſtellen und ihn bewegen würde, mir mit Achtung und Rückſicht zu begegnen. Ich hatte ſo⸗ gar den Vorſatz gefaßt, alles aufzubieten, um Mr. und Miſtreß Middleton dahin zu bringen, daß wir London möglichſt ſchnell verließen; und in dem Gedanken, mich ihnen und einem Leben widmen zu können, das— fern von den beiden Perſonen, die ich, freilich aus verſchiedenen Beweggründen, am meiſten in der Welt fürchtete zwiſchen häuslichen Beſchäftigungen und Werken der Liebe getheilt wäre, erſchloß ſich mir eine Ausſicht auf eine ruhigere Zu⸗ kunft. Aber unglücklicherweiſe erſchreckten mich die letzten Worte meines Onkels dermaßen, daß alle dieſe Träume — des Friedens und der Entſagung in einem einzigen Augen⸗ blick zerſtoben. Ich konnte mir wohl vornehmen, Eduard zu entſagen, aber bei dem Gedanken, daß er mir entſagen, daß er vielleicht eben im Begriff ſeyn könnte, ſich mit einer Andern zu verbinden, bewies mir die Angſt der Eiferſucht, die ich in meinem Herzen fühlte, daß es mir leichter ſeyn würde, alle erdenklichen Leiden zu ertragen, als ruhig meine Anſprüche auf ſeine Liebe aufzugeben. Dieſe neue Sorge überwältigte nun alle meine andern Bekümmerniſſe und Widerwärtigkeiten. Kaum waren wir nach Hauſe gekommen, als ich ſchnell in das Zimmer der Miſtreß Middleton eilte, wo ich von ihr zu erfahren hoffte— was ich meinen Onkel nicht zu fragen wagte— ob er bereits ein Mädchen auserſehen hätte, das er mit Eduard zu verheirathen gedächte. Sie gab mir die Ver⸗ ſicherung, daß von niemand die Rede geweſen ſey, aber ſie fügte hinzu, daß Mr. Middleton ſehnlich wünſchte, ihn verheirathet zu ſehen, und da ſie mit eben ſo großem Er⸗ ſtaunen als Bedauern heute morgen erfahren mußten, daß ich ſeine Hand ausgeſchlagen hätte, was die Lieblingsidee meines Onkels zerſtoͤrte, ſo wäre es nicht unwahrſcheinlich, daß er mit irgend einem andern Plane umginge. Hierauf bemerkte ſie mit eben ſoviel Sanftmuth als Mr. Midd⸗ leton Härte gezeigt hatte, daß ſie mein Benehmen tadelns⸗ werth und auffallend fände. Gleichwohl erwähnte ſie Heinrich's Namen nicht und widerlegte meine ſchwachen Entſchuldigungen nur mit einem tiefen Seufzer und einem ſchwermüthigen Koypfſchütteln. Wir waren auf den folgenden Abend zu einem Balle bei Miſtreß Miltown, einer Schwägerin der Miſtreß Brandon, eingeladen. Zu meinen guten Vorſätzen gehörte auch der, die Einladung unter irgend einem Vorwande abzulehnen, denn ich wußte nicht, auf welche Weiſe ich den Befehlen des Mr. Middleton in Betreff Heinrich's nach⸗ kommen ſollte, ohne dieſen dermaßen zu erzürnen, daß ich ſchlimme Folgen zu befürchten hätte. Am meiſten ſetzte mich der Umſtand in Verlegenheit, daß mein Onkel, ganz gegen ſeine Gewohnheit, die Abſicht zu erkennen gegeben hatte, den — 28— Ball mit uns zu beſuchen. Ich konnte nicht anders glau⸗ ben, als es geſchähe dies nur deswegen, um mich zu überwa⸗ chen; unter ſeiner ſtrengen und ſcharfen Aufſicht würde es mir unmöglich geworden ſeyn, Heinrich über die Verände⸗ rung meines Benehmens gegen ihn eine Erklärung zu ge⸗ ben. Jetzt aber, wo es nur mein Dichten und Trachten war, die Perſon ausfindig zu machen, mit welcher mein Onkel Eduard verheirathen wollte, verſchwand jede andere Rückſicht dieſem heißen Verlangen gegenüber. Nie zuvor hatte ich die Ahnung einer ſolchen Qual! Mich dünkte, als hätte die Zeit, welche noch zwiſchen dieſem und dem nächſten Abend lag, bleierne Flügel. Die Geſtalten Hein⸗ rich's, Alicens, der Miſtreß Traey zerfloſſen vor dem Phantome, welches meine Einbildungskraft heraufbeſchwo⸗ ren hatte; mit fieberhafter Ungeduld ſah ich der Stunde entgegen, die, wie ich glaubte, meine Befürchtungen beſtä⸗ tigen oder verſcheuchen würde. Sie erſchien endlich, wie alle Stunden erſcheinen, ob wir ſie nun mit heißer Sehn⸗ ſucht herbeiwünſchen oder ob wir ihrer Annäherung mit Schrecken und Herzensangſt entgegen ſehen. Wir gingen alſo hin und mein Onkel mit uns. Als wir in den Salon traten, war er bereits bis zum Er⸗ ſticken überfüllt und nur mit vieler Mühe gelang es uns, in der Nähe der Miſtreß Miltown und Miſtreß Brandon Platz zu finden. Heinrich unterhielt ſich mit Letzterer, als wir ihnen nahe kamen; er überließ mir ſeinen Stuhl und zog ſich in einen Winkel hinter uns zurück. Ich merkte, daß Mr. Middleton mich ſcharf beobachtete und knüpfte ein lebhaftes Geſpräch mit Miſtreß Brandon an, um mit ihm nicht ſprechen zu müſſen Er hielt es eine Zeitlang aus, klopfte dann ſanft auf meinen Arm und ſagte leiſe zu mir:„Tanzen Sie mit mir, ich muß mit Ihnen ſprechen.“ Ich antwortete ihm in demſelben Tone:„Nein, es iſt unmöglich, laſſen Sie mich!“ — Schon gut; Sie werden mir ſpäter eine Erklärung darüber geben, antwortete er mit einem Ausdrucke, worin mein Gefühl und meine Einbildungskraft etwas Dietato⸗ 5 — 29— riſches wahrnahmen, das mir mißfiel und mich ärgerte. Wo ich mich auch befand, ſo oft ich tanzte, mit wem ich auch ſprechen mochte, mußte ich gewahr werden, wie mich ſein durchdringender, forſchender Blick mit einer Beharrlichkeit verfolgte, die mir faſt unerträglich ward. Ueberdies be⸗ merkte ich, daß Mr. Middleton, der niemand kannte, mit niemand ſprach, ſeine ganze Beobachtung nur uns beiden zuwandie, und daß er Heinrich ſo hartnäckig überwachte, wie dieſer mich überwachte. Zuletzt wurde mir dieſe Lage unerträglich, und da es mich tief ſchmerzte, daß Eduard ausgeblieben war, ſo bat ich Miſtreß Midd⸗ leton, den Ball mit mir zu verlaſſen. Sie war es zu⸗ frieden und wir gingen zuſammen durch den Speiſeſaal, um uns nach Hauſe zu begeben. Heinrich folgte uns, und während ſeine Schweſter einige Worte mit einer Be⸗ kannten ſprach, ſagte er ganz leiſe im bitterſten Tone zu mir:„Sagen Sie mir doch, ich bitte Sie, ob dieſer Kampf auf Leben und Tod das Reſultat unſerer geſtrigen Unter⸗ haltung iſt? — Wie befindet ſich Alice dieſen Abend? fragte ich mit bebender Stimme, denn Mr. Middleton war eben zu uns gekommen und wich nicht von meiner Seite. — Viel beſſer, ich danke Ihnen, und— fügte er, die letzten Worte betonend hinzu— ſie wünſcht ſehnlichſt, Sie morgen früh bei ſich zu ſehen. — Das wird nicht möglich ſeyn, bemerkte Mr. Midd⸗ leton kalt, denn wir gaben der Miſtreß Moore das Ver⸗ ſprechen, ſie morgen in Hampſtead zu beſuchen, wo wir einige Tage verweilen werden. Heinrich's Angeſicht verdüſterte ſich plötzlich; aber er ſagte in einem Tone, der gleichgültig ſcheinen ſollte: — Ich wünſche Ihnen viel Vergnügen, Ellen; es thut einem in dieſer Hitze wohl, aus der Stadt zu kommen. Auf dem Lande muß es herrlich ſeyn! Gewiß haben Sie die Idee zu dieſem Ausflug gehabt? — Nein, antwortete ich; ich wurde angenehm dadurch überraſcht. Erſt heute erfuhr ich, daß mein Oheim ein alter Bekannter von Miſtreß Moore iſt, daß dieſe eine — 30— Villa in Hampſtead beſitzt und ich Roſa ſo bald wie⸗ derſehen werde. Ja, mich freut's nicht wenig, ſie wieder⸗ zuſehen! — O ſie iſt in der That höchſt liebenswürdig, antwor⸗ tete Heinrich mit derſelben erkünſtelten Gleichgültigkeit. Ich weiß nicht, ob Sie vielen Beſuch dort treffen werden, auch Eduard wird, wie ich vermuthe, hinkommen; ich ſah ihn heute morgen einen Augenblick; er ſagte mir, er würde dieſen Abend mit den Moore's das Theater be⸗ ſuchen. Er wandte ſich hierauf zu Miſtreß Middleton, flüſterte dieſer einige Worte ins Ohr, worauf ſie lachend erwie⸗ derte:„Das würde ſich recht gut machen.“ Wenn es unter den verſchiedenen Abſtufungen der menſch⸗ lichen Gefühle ein ſchmerzliches gibt, das der Freude ähn⸗ lich ſieht, ſo iſt es das Gefühl, wenn man nach der Qual einer unbeſtimmten Eiferſucht endlich etwas— wenn man ſo ſagen darf— Handgreifliches entdeckt. Plötzlich fiel mir ein, daß Roſa, wie Heinrich geſagt hatte, liebens⸗ würdig ſey, daß ſie ein hübſches Vermögen beſitze, daß ſie mehr wie jede andere im Stande ſey, Eduard zu feſſeln und meines Onkels Zuſtimmung zu erhalten. Und gerade an dieſem Abende war er bei ihr, bei ihrer Mutter, und zog ihre Geſellſchaft der unſrigen vor!— So war's ge⸗ wiß— keine Hoffnung mehr— es war zuſpät! Zu ſpät! der Klageruf bitterer Reue oder verzweiflungsvollen Schmer⸗ zes, er entſteige nun der Bruſt Derer, die Alles verloren haben, was ſie an das Leben feſſelte, oder Derer, die ver⸗ gebens ſuchen, mit zitternder Hand daſſelbe Leben feſtzu⸗ halten, das ſich los von ihnen trennt! Es war zu ſpät, um zu kämpfen— zu früh, um ſich zu unterwerfen. O warum wagte ich nicht Älles! warum ließ ich es nicht darauf ankommen! trotzt' ich nicht allen Gefahren, außer der, ihn zu verlieren!— Wenn ich je von meiner Liebe mit ihm geſprochen, wenn ich ihm die tiefe, unverſiegbare Leidenſchaft offenbart hätte, die der nur zu fühlen ver⸗ mag, der trotz allen Schreckniſſen, ohne alle Hoffnung liebt! wenn ich es nur ein einziges Mal gewagt hätte— — 31— er würde mich vielleicht verlaſſen, mich verachtet, mich aber dewiß nicht vergeſſen haben! andere Augen hätten keinen lanz, ein anderes Lächeln hätte keinen Reiz für ihn ge⸗ habt! in ihrem ruhigen Ausdruck, in ihrem liebeleeren Blick würde er nicht wieder gefunden haben, was mein ſtolzes Herz, was meine feurige Seele ihm gewährt hätte — die alles überwindende Begeiſterung, die ſich hingebende Demuth— die unbegrenzteſte Ergebenheit; den Gehorſam des Sklaven, eines Schutzengels Wachſamkeit! —— Wie geht es Ihnen, liebe Ellen? Wie freut es mich Sie wiederzuſehen! Wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine Mutter vorzuſtellen? Roſa lachte laut auf, als ſie mich mit dieſen Worten anredete undich zugleich vor Ueberraſchung auffuhr; der Silber⸗ ton dieſes fröhlichen Gelächters drang wie ein Mißklang in mein Ohr. — Nun! ich jage Ihnen dieſelbe Furcht ein, welche mir die unſichtbaren Männer zu Brandon einjagten! rief ſie. Das war eine hübſche Geſchichte, Ellen! ich glaube, der⸗ gleichen Abenteuer werden wir in Hampſtead nicht erleben, aber ich bin ſeelenfroh, daß Sie morgen zu uns kommen. — Und als Heinrich ſich uns näherte, wandte ſie ſich zu ihm:„Guten Abend, Mr. Lovell! wir haben uns in hundert Jahren nücht geſehen!“ — Sie kommen ſo ſpät! ſagte Heinrich. Das Schau⸗ ſpiel muß ſehr unterhaltend geweſen ſeyn, da Sie ſich nicht früher losreißen konnten? — O wir würden ſchon lange hier ſeyn ohne Ihren Freund Middleton, denn als Papa und Mama, die eben keinen großen Geſchmack am Dramatiſchen finden, ſich zum Weggehen anſchickten, widerſetzte er ſich aus Leibeskräften und errang uns einen ſo glänzenden Sieg, daß wir bis zum letzten Wort blieben und den Vorhang fallen ſahen. — Sie amuſirten ſich alſo recht gut? — O gewiß, ganz außerordentlich! Wir weinten im Trauerſpiel, lachten im Luſtſpiel, ſo daß mir gar keine Kraft mehr übrig blieb für das ſchale Stückchen wirklichen Lebens, das uns die Leutchen hier vorführen. — Komm' Ellen, de Wagen wartet! rief Mr. Midd⸗ leton mir zu.— Einen Augenblick darauf befanden wir uns im Wagen. Unterwegs waren die erſten Worte mei⸗ ner Tante: — Roſa Moore iſt doch ein allerliebſtes Mädchen. Es liegt etwas ungemein Reizendes in ihrem Weſen! — Sie haben recht, antwortete ich. Aber die Art, wo⸗ mit ich dieſe wenigen Worte ausſprach, fielen meiner Tante ſo ſehr auf, daß ſie beim Schein der erſten Gas⸗ Leuchte, woran wir vorbeifuhren, den Verſuch machte. mir ins Geſicht zu ſehen. Unwillig warf ich den Kopf in die Ecke zurück und ſagte: — Wahrlich, man wird todtmüde von dieſen ewigen Abendgeſellſchaften! — Dann wird Dir unſer Beſuch in Hampſtead gewiß willkommen ſeyn? — O gewiß! Wen treffen wir wohl dort? — Niemand, Cduard und einige andere Herren ausge⸗ nommen— wie Miſtreß Moore mir dieſen Abend ſagte. Der Wagen hielt an. Ich ging zu Bett, aber der Schlaf floh meine Augen. Der folgende Morgen verkün⸗ dete einen jener drückend heißen Tage, welche alle That⸗ kraft lähmen und jede Luſt zu irgend einer Bewegung und Anſtrengung benehmen. Die Fenſterläden des Wohnzim⸗ mers waren nur halb geſchloſſen; die Sonnenſtrahlen drangen heiß herein, der Blumenduft der Jardiniere war faſt betäubend und ſelbſt der Lärm auf der Straße lautete matter wie gewöhnlich und ſchien des hell ertönenden Le⸗ bens zu entbehren. Nach dem Frühſtück ſetzte ich mich an meinen Zeichnentiſch und verſuchte eine angefangene Skizze des Innern der Weſtminſterabtey zu vollenden. Während ich die Farben ordnete und die Pinſel hervorſuchte, ging die Thüre auf und Heinrich trat herein.—„Ihre Schwe⸗ ſter befindet ſich in ihrem Zimmer,“ ſagte ich ſchnell zu ihm;„ich will ihr ſagen, daß Sie hier ſind,“ und ich ſtand auf, um wegzugehen. — Wahrlich, Ellen, ſagte er, ich hoffe, Sie werden mir jetzt nicht wieder ſo begegnen, wie Sie es geſtern Abend — 33 thaten. Ich betheure Ihnen, daß ich es nicht ertragen kann noch will. Ich kam abſichtlich her, um eine Erklärung von Ihnen zu verlangen. — Nun gut, ſo gehen Sie zu Mr. Middleton und ver⸗ langen Sie ſie von ihm. Nach allem, was ich geſtern in Ihrem Hauſe ausgeſtanden, nachdem ich es mit verſtörtem Sinn und gebpochenem Herzen verlaſſen hatte, mußte ich mich mit meinem Onkel in Erörterungen einlaſſen, die mein Gefühl verletzten und meinen Stolz aufs tiefſte de⸗ müthigten. Wohin ſoll das alles führen, Heinrich? Was hoffen Sie? was verlangen Sie? Man dichtet mir Ge⸗ danken, Abſichten, Handlungen an, die meinem Herzen ſo fremd wie meinem Zartgefühl verhaßt ſind. Iſt Ihnen aber das nicht genug, liegt Ihnen nichts daran, was ich leide oder was Andere von mir denken mögen, ſo muß ich Ihnen doch ſagen, daß wenn Mr. Middleton wüßte, daß Sie ſich hier befinden, wenn er mich geſtern mit Ihnen wie gewöhnlich ſprechen oder tanzen geſehen hätte, ſo würde an der Thüre der Befehl gegeben worden ſeyn, Ihnen den Eintritt nicht mehr zu geſtatten. — Dieſe Beſchimpfung wird er nicht wagen! rief Hein⸗ rich mit Erbitterung. Meine Schweſter würde das nim⸗ mer zugeben. — Er thut es, wiederholte ich ernſt. Er iſt ſo ſtreng und unbeugſam, wie ich ihn nie zuvor geſehen, und wenn von nun an— 3 — Er haßte und verfolgte mich ſeit meiner Kindheit: er iſt die urſprüngliche Urſache aller meiner Leiden. Er wird nicht ruhen, bis er mich zu einem Verbrechen, zu irgend einer Handlung des Wahnſinns getrieben hat! Aber beim Himmel! wenn ich mich nicht räche— — Stille, ſtille! Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen, noch was Sie thun, rief ich, während er im Zimmer in der heftigſten Bewegung auf und ab ging. Beruhigen Sie ſich, ich beſchwöre Sie. Wir verlaſſen London auf einige Tage. Bald kehren wir nach Elmsley zurück. Wir wer⸗ den auf lange Zeit getrennt ſeyn, Heinrich. Warum be⸗ mühen Sie ſich nicht, dieſe unglückſelige Neigung zu be⸗ 3 II. ſiegen. Daß ich gezwungen bin davon zu reden, ihr Da⸗ ſeyn anzuerkennen, iſt ſchmerzhaft genug für mich; geben Sie mir aber die Hoffnung, lieber Heinrich, daß Sie den Verſuch nicht unterlaſſen wollen, ſich zu beherrſchen, daß Sie danach ſtreben werden, Alice glücklich zu machen und ſelbſt ein Glück in Ihrem häuslichen Leben zu finden, damit wenn wir wieder zuſammenkommen, wir alle glück⸗ lich ſeyn können und die Seelenleiden dieſes Schreckens⸗ jahres uns nur noch wie ein Traum erſcheinen werden. Er antwortete nicht, aber er ſchien nicht ungerührt ge⸗ blieben zu ſeyn. Ich fuhr fort: — Ich verdanke Ihnen viel, ich fühl' es, ich geſteh' es. Vielleicht war ich geſtern kalt und unliebenswürdig, wäh⸗ rend Ihre Güte mich hätte milder ſtimmen ſollen. Wie kann ich mich aber ſo, wie ich es gerne möchte, gegen Sie benehmen, wenn Sie eine Sprache gegen mich führen, daß Sie mich ſelbſt verachten würden, wenn ſie mich unver⸗ letzt ließe? Er unterbrach mich ſchnell, um mich zu fragen, ob wir wirklich bald nach Elmsley zurückkehren würden. — Unverzüglich, wie mein Oheim dieſen Morgen äu⸗ erte. — Auf wie lange? — Auf unbeſtimmte Zeit. Er runzelte die Stirn und ſagte nach einer Pauſe: — Es liegt Wahrheit in dem, was Sie eben ſagten. Wir könnten alle zuſammen glücklich leben, und ich ergriff nicht die rechten Mittel, um dieſen Zweck zu erreichen. Ich war ein Thor, ein Unſinniger, nun ſind mir die Fol⸗ gen klar. Ellen, reden Sie oft mit mir, wie Sie es eben thaten; das beruhigt, das beſänftigt mich. Ich betrachte die Sachen aus einem andern Geſichtspunkte, als noch vor wenigen Augenblicken. O liebe, liebe Ellen! ſagen Sie doch zuweilen: lieber Heinrich! zu mir, wie Sie es eben thaten, und ich will alles aufbieten, Ihren Wünſchen zu entſprechen. Eröffnen Sie mir Ihr Herz ohne Rück⸗ halt, Ellen. Wenn neue Schwierigkeiten Ihnen entgegen treten ſollten, ſo wäre ich vielleicht im Stande, Ihnen in — 35— Fällen nützlich zu ſeyn, wo es Ihnen unklug erſcheinen dürfte, ſich an mich zu wenden, wo Sie ſogar argwöhnen könnten, als ob es meinen Wünſchen entgegen wäre, Ihnen nützlich zu ſeyn. Ich kann mich jetzt nicht weiter ausſpre⸗ chen. Es iſt beſſer, wenn Sie meine Schweſter rufen. Nach dem was geſtern, wie Sie mir ſagten, zwiſchen Ihnen und Mr. Middleton vorgefallen iſt, fühl' ich wohl, daß wir hier nicht allein beiſammen bleiben dürfen. Sie ſehen — ſagte er mit einem ſchwermüthigen Lächeln— wie ver⸗ nünftig ich geworden bin. Gehen Sie, liebe Ellen, aber vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen geſagt habe. Um Ihretwillen werde ich große Opfer bringen, und— fügte er mit leiſer, zitternder Stimme hinzu— das größte von Allen ſogar, wenn Ihr Glück es erforderte. Adieu, liebe, liebe Ellen. Gott nehme Sie in ſeinen Schutz! Ich verließ das Zimmer; und kann es auffallend er⸗ ſcheinen, daß ich nach dieſer Unterredung eine beſſere Mei⸗ nung von Heinrich mit auf den Weg nahm, als wir Lon⸗ don verließen, um nach Hampſtead zu gehen? Oder war es auffallend, daß eine ſchwache Hoffnung ſich in meinem Herzen erhob, als er die wenigen Worte ſprach, daß meine Zukunft hinſichtlich Eduard's nicht ganz verloren ſey, wenn nur das verhaßte Schreckbild ſeiner aufkeimen⸗ den Neigung für Roſa Moore verſchwinden würde? Ob nun auffallend oder nicht, es war ſo! und in dieſem Ge⸗ müthszuſtand verließ ich London gegen vier Uhr Nach⸗ mittags. Ungefähr zwei Stunden darauf hielten wir vor dem Thore der Villa der Miſtreß Moore. III. Mir iſt keine angenehmere Empfindung bewußt, als, nach einem längern Aufenthalt in London, der Anblick der Fluren, die ein Landhaus oder eine Villa umgeben. Die Veränderung wirkt überraſchend, wenn wir, der dumpfen, drückenden Atmoſphäre der Stadt entflohen, des belebenden Sonnenlichtes uns erfreuen, welches durch alle die Gegen⸗ ſtände, die es in einer großen Stadt beleuchtet, faſt an Klarheit verloren zu haben ſcheint. In der reinen Land⸗ luft die köſtlichſten Wohlgerüche einathmend, beim Geſange der Vögel, deren Stimme, einige Stunden von London entfernt, fröhlicher und melodiſcher ertönt, empfindet man erſt recht den Werth alles deſſen, was wir in dieſer Jah⸗ reszeit verlaſſen haben: die ſchönen Tage, wo, wie der Dichter ſingt, der Sommer an des Lenzes Stelle tritt und der lächelnde Juni die Roſen bewegt, daß ſie die flüchtigen Lüftchen durchduften, die liebkoſend der Bäume Wipfel umſpielen; wo ſüße Melodien zur reinen Himmelbläue dringen, Ströme Lichts die Augen blenden, wo von jedem Zweig, der in den Lüften ſchwebt, aus jedem grün um⸗ laubten Buſch Lieder ertönen und Blüthen entſprießen. Als wir aus dem Wagen ſtiegen und über den Raſen gingen, um Miſtreß Moore aufzuſuchen, fielen meine Blicke auf eine Gruppe, welche ich trotz des angenehmen Ein⸗ drucks der eben erwähnten Veränderungnicht ohne Unruhe zu betrachten vermochte. Auf einer zwiſchen zwei Kaſtanien⸗ bäumen an Seilen hängenden Schaukel ſtand Roſa, deren Wangen in heller Röthe erglühten. Sie trug einen Strohhut von blauen Bändern nur ſchwach gehalten; in reichen Locken, ein Spiel der Winde, fielen ihre Haare auf die Schulter herab. Drei Männer ſtanden bei ihr; zwei von dieſen— der eine war Eduard— zogen behutſam die Seile vor⸗ und rückwärts, während ſie ihnen mit jener Silberſtimme, die, obgleich erhöht, doch immer lieblich klang, zurief:„Höher! noch höher!“ Sobald ſie uns erblickte, ſprang ſie mit Leichtigkeit her⸗ ab, lief mir dann über den Raſen entgegen, ergriff meine beiden Hände und rief mit der Treuherzigkeit eines Kindes, das einem andern herbeikommenden ſein Lieblingsſpielzeug empfiehlt:„Wollen Sie ſich ſchaukeln?“ Ich lächelte und ſchüttelte den Kopf. Hierauf zog ſie mich auf eine Bank, ſetzte ſich auf den Raſen zu meinen Füßen und begann mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit zu plaudern, während — 37— ſie zu gleicher Zeit aus allen Maßliebchen, deren ſie hab⸗ haft werden konnte, Kränze flocht. Eduard und die beiden andern Herren traten uns näher; in dem einen der letztern erkannte ich Mr. Manby; der andere war mir fremd; aber Roſa ſagte nachläſſig, ohne den Kopf zu erheben, oder die Augen von ihrer Guirlande wegzuwenden:„Mr. Escourt— Miß Middleton—“ Mir fiel ſogleich ein, daß es dieſelbe Perſon ſeyn möchte, welche eine ſo wichtige Rolle in Heinrich's trauriger Ge⸗ ſchichte ſpielte. Ich erwiederte ſeinen Gruß kalt und ſteif. Jener Theil von Heinrich's Erzählung hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Die Mühe, welche die⸗ ſer Menſch ſich gab, Heinrich's Verderben zu beſchleunigen, nachdem er ſo viel dazu beigetragen hatte, es herbeizu⸗ führen, die Heuchelei, womit er ſeine Bösartigkeit zu ver⸗ ſchleiern ſuchte, erſchienen mir wie Verbrechen, welche, wenn ſie auch der Strafe des Geſetzes zu entſchlüpfen wiſſen, nichtsdeſtoweniger den Thäter haſſenswerth und verächtlich machen. Wäre ich auch von der Wahrheit der Erzählung Heinrich's noch nicht vollkommen überzeugt ge⸗ weſen, ſo würde ein Blick in Mr. Escourt's Phyſiognomie genügt haben, meine Zweifel zu beſeitigen; ſie flößte mir einen plötzlichen, unüberwindlichen Widerwillen ein. Es war eines jener ruhigen Geſichter, welche faſt nie die Abſichten einer teufliſchen Verworfenheit verrathen; in ſeiner Stimme lag eine widerwärtige Süßlichkeit und in ſeinem Benehmen eine unausſtehliche Gefügigkeit, welche mich bald Heinrich's peinliche Gefühle begreifen ließen, die er bei ſeiner Zuſammenkunft mit ihm empfunden hatte. Eduard's Benehmen gegen mich war vielleicht freund⸗ licher als gewöhnlich: derſelbe Geiſt ſchien ſich darin zu offenbaren, welcher ſich aus ſeinen Worten, die er im Speiſezimmer in Brook⸗Street an mich richtete, ausſprach. Er ahnte nicht, welche Gedanken mich ſeitdem beſchäftigten, welche Gefühle mein Herz bewegten. Faſt wußte ich ihm wenig Dank dafür, daß er ſo wohlwollend und heiter mit mir ſprach. Ich bildete mir ein, daß der neue Gegenſtand ſeiner Zuneigung die Urſache ſeiner milderen Stimmung — 38— gegen mich ſey, daß er nachſichtig ſey, weil er gleichgültig geworden und der Verdruß, welchen mir dieſe Voraus⸗ ſetzung einflößte, wirkte unwillkürlich, obgleich mir nicht unbewußt, auf mein Benehmen gegen ihn. In dieſer Gemüthsſtimmung antwortete ich etwas gereizt auf eine unbedeutende Frage, die er an mich richtete. Seiner Ge⸗ wohnheit nach bei ſolcher Veranlaſſung, brach er das Ge⸗ ſpräch ſchnell ab; aber diesmal ſetzte er ſich, ſtatt ſich zu entfernen, auf die andere Seite zu Roſa, und während Mr. Manby mir eine Menge Albernheiten vorſchwatzte, ergötzte ſie Eduard mit tauſend Späßen und Schwänken dermaßen, daß dieſer nicht aus dem Lachen kam. Ich ließ Mr. Manby ſo deutlich merken, wie ſehr mich ſein Ge⸗ ſchwätz langweilte, daß er es trotz ſeiner Zähigkeit end⸗ lich aufgab. Er wandte ſich zu Mr. Escourt, der neben ihm ſtand und bereits einige Minuten ſeine läſtigen Blicke feſt auf mich richtete. Er ſchlug ihm eine Parthie Billard vor, was mich glücklicherweiſe von beiden befreite. Roſa, welche ſich plötzlich umſah, bemerkte wahrſcheinlich, daß ich verdrießlich und verſtimmt war, denn ſie fragte mich, ob ich mir nicht mein Zimmer anſehen wollte. Ich ſtand auf und folgte ihr ins Haus; ſie führte mich in ein allerliebſtes Zimmer. Kaum ſchloß ſich die Thüre hinter ihr, als ich mich mit Gefühlen von Kummer und Nieder⸗ geſchlagenheit, wie ich ſie zuvor nie empfunden hatte, auf das Kanape warf. Das Fenſter war offen; grüne Bäume erhoben ſich anz in der Nähe, und ich konnte von meinem Lager aus ehen, wie ſich die Zweige bewegten. Auf dem Tiſche ſtanden große Blumenbouquets und von Zeit zu Zeit ſandte mir der Garten Ströme der köſtlichſten Düfte einer Re⸗ ſeden⸗Rabatte herauf. Zugleich vernahm ich das dumpfe Geſumme der Inſekten, jenen Sommergeſang, den wir lieben, nicht ſeiner Schönheit wegen, obgleich in ſeiner ge⸗ ſchäftigen, einſchläfernden Monotonie auch ein gewiſſer Reiz liegt, aber der Erinnerungen und Gedankenſpiele wegen, die er hervorruft. Ich war außerordentlich müde und blieb eine Zeitlang in einem ſchlafähnlichen Zuſtande. Nach einer halben Stunde un efähr, erweckte mich die Me⸗ lodie eines alten Liedes, die at dem Zwitſchern eines Vo⸗ gels glich, ſo wild, naiv und regellos klang ſie. Ich ſtand ſchnell auf und eilte ans Fenſter; es ging in ein Gärtchen, das ein kleines grünes Gitterwerk umſchloß. Ich ſah ei⸗ nen Blumenflor, der in ſeiner Ueppigkeit, Schönheit und ſeinem Farbenreichthum mein Auge blendete. In des Gärtchens Mitte ſtand ein großes Vogelhaus aus Eiſen⸗ draht, in welchem ſich Schlingpflanzen und weiße, mit Waſſer gefüllte Marmorvaſen befanden. Vögel, deren glänzendes Gefieder in den reichſten Farben prunkte, flat⸗ terten mit luſtigem Gezwitſcher herum. Verliebte Tauben⸗ pärchen ſaßen friedlich auf derſelben Stange bei einander; die kleine Turteltaube, der Hänfling, der Diſtelfink, der kleine Cardinal mit der feuerrothen Bruſt und andere Vögel befanden ſich alle in dem zierlichen Kerker und ba⸗ deten ſich und flogen, aßen und tranken, liebten und neck⸗ ten ſich ſo ungebunden und frei, als hätten ſie ihre ur⸗ ſprüngliche Heimath, die undurchdringlichen Tiefen der Wälder nicht verlaſſen. Nahe dabei ſtand die liebliche Sängerin der wilden Melodie, welche mich aus meinem Halbſchlummer erweckt hatte. Sie ſah aus wie eine kleine Königin inmitten ihres Feenreiches. Sie trug ein ſeidenes Kleid, deſſen Saum über den Sand der Allee ſtreifte, durch welche ſie langſam ging; eine koſtbare Chemiſette der feinſten Spitzenſtickerei war an der Bruſt mit einer einzigen Perlennadel befeſtiget. Einige natürliche Blumen zierten ihre Haare; in der Hand hielt ſie eine große Gartenſcheere, womit ſie im Vor⸗ übergehen die verwelkten Blumen von ihren Stielen ſchnitt, um ſie bei Seite zu werfen. Von Zeit zu Zeit entſchlüpf⸗ ten einige Töne irgend eines Liedchens ihren Lippen, die nur zum Lächeln geſchaffen zu ſeyn ſchienen. Sie kam dem Hauſe näher; als ſie eine Moosroſe vom Stengel ſchnitt, befand ſie ſich gerade auf einer Stelle, wo die ſchrägen Strahlen der Abendſonne einen glanzvollen Wiederſchein auf ihr kaſtanienbraunes Haar und ihre blühenden Wangen warfen. — 40— Ich konnte nun die Worte ihres Liedes verſtehen, und erkannte Montroſe's, des Helden und Barden, Verſe: „O Liedchen mein! beherrſchen laß; Dein kleines Reich Dir nie Von einer andern Macht, als von Der xeinſten Monarchie.“*) Die verwelkte Roſe, das Lied, dieſe Bilder der Schön⸗ heit und Freude, die Ideenverbindungen, welche alles dies in mir erweckte, erfüllten mich mit inniger Wehmuth. Ich ging in das Zimmer zurück und im Vorübergehen ſah ich zufällig in den Toilettenſpiegel; mein Geſicht war bleich, meine Augen waren trübe und matt, meine ſchwarzen Haare in Unordnung gerathen: alles ſchien mir meines Lebens Geſchichte wieder zu erzählen; meine Züge zeigten den Abdruck ihrer traurigen Geheimniſſe: ihre Lebe, ihre Gewiſſensbiſſe, ihre Angſt und ihre Verzweiflung. Ich bemerkte während des Diners, daß Mr. Escourt, ſich eifrig bemühte, meine Gunſt zu erwerben, vielleicht gerade deshalb, weil ich wenig geneigt ſchien, ihm entgegen⸗ zukommen. Da ich aber alle ſeine Bemühungen, ſich be⸗ liebt zu machen, entſchieden zurückwies, ſo wandte er ſeine Aufmerkſamkeiten der Miſtreß Middleton zu, welcher ſeine Unterhaltung zu gefallen ſchien und, trotz meiner Antipa⸗ thie, ward ich genöthiget, ſeinem Geiſte Gerechtigkeit wi⸗ derfahren zu laſſen. Es macht einen unangenehmen Eindruck, im Leben mit einem Menſchen zuſammenzutreffen, von dem wir geheime Gründe haben zu glauben, daß ſeine Geſellſchaft von allen denen, die Wahrheit und Ehre achten, gemieden würde, wenn gewiſſe Thatſachen enthüllt wären, wenn man den Schleier heben könnte, welcher der Welt die wirkliche Ge⸗ *) My dear and only love, J pray That little world of thee Be governed by no other sWay But purest monarchy. = 41— müthsart und Handlungsweiſe dieſes Menſchen verbirgt. Wenn aber Perſonen, die wir lieben und ehren, von ihrer Achtung für ihn ſprechen und ihn Freund nennen, ſo iſt es ſchwer die Worte der Anklage zu unterdrücken, die auf unſern Lippen ſchweben. Dies waren meine Ge⸗ danken, als ich während des Diners beobachtete, wie Mr. Escourt der Miſtreß Middleton ſeine ergötzlichen Anekdoten erzählte und dieſe ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ hörte. Noch empfindlicher war es mir, als ich nach auf⸗ gehobener Tafel vernehmen mußte, wie mein Onkel ihn auf die verbindlichſte Weiſe einlud, uns in Elmsley zu be⸗ ſuchen und Eduard ſogar mit ihm redete und ihn ſeinen „lieben Freund“ nannte. Eine Bewegung des Unwillens, die ich nicht bemeiſtern konnte, entging Eduard's Be⸗ obachtung nicht: ſie mußte ihm auffallend erſchienen ſeyn, denn er ſah mit augenſcheinlicher Verwunderung auf mich.— Nach der Tafel ſaßen wir alle zuſammen auf der Stein⸗ terraſſe vor dem Hauſe, und während ich mich vergebens abmühte, die Wolke der Traurigkeit zu verſcheuchen, die meinen Geiſt immer mehr verfinſterte, konnte ich mir nicht verbergen, daß Roſa nie ſchöner geweſen war, nie anziehen⸗ der ausgeſehen hatte. Mochte ſie nun, auf Eduard's Bitte, ganz ernſthaft in ihrem iriſchen Recente die wunderbare Geſchichte Daniel Ox s erzählen, der ſich an die Hörner des Mondes dte, oder einige Bemerkungen des Mr. Escourt ü Gegenſtand, der ſie vor allem begeiſterte, beantworte mit ſprudelnder Beredtſamkeit von den Leiden und Beſchwerden Irland's, von ſeiner verletzten Ehre, ſeinem verläumdeten Glauben ſprechen; mochte ſie endlich mit der naipen Freude eines Kindes am Ufer des Gartenteiches die Kunſtſtücke ihres Hündchens zeigen, oder, in einen eigens für ſie erbauten Nachen hüp⸗ fend, die Ruder ergreifen und uns hinüberfahren wie die „Lady von Loch Katrine“— in jeder Bewegung war Anmuth, in jedem Spiele die gutmüthigſte Fröhlichkeit, in jedem Worte entfaltete ſich die Schönheit ihrer Seele und ich ſah Eduard entweder herzlich lachen oder aufmerkſam — 42— lauſchen, während ſelbſt Mr. Middleton beluſtigt und be⸗ zaubert ſchien. Als wir in das Haus zurückgingen, bat Mr. Manby Roſa, uns etwas vorzuſingen; wir alle drangen gleich⸗ falls in ſie und Roſa ſetzte ſich ans Piano und ſang nach einander engliſche Balladen, irländiſche Melodien und Ja⸗ cobiten⸗Lieder, woran ſie beſonders Gefallen zu finden ſchien. Nach einer Pauſe fragte Mr. Escourt: — Ich bitte, Miß Moore, ſagen Sie mir doch, waren Sie die Sängerin, die vor Tiſche im Garten ſang? Das Lied war etwas wild, aber dennoch ſehr hübſch! — Ah, Sie belauſchten alſo meinen Lärm? fragte ſie lächelnd; denn mein Brüderchen nennt's einen dummen Lärm. Er ſcheute ſich, mir geradezu ſein Mißfallen zu erkennen zu geben, deshalb ſagte er zaghaft, indem er mit einem Reh ſpielte:„Roſa, das Reh da ſagte mir, daß Du einen dummen Lärm machſt.“ Aber Sie meinen doch wohl dies Lied? Und ſie ſang Montroſe's Liebeslied. — Das iſt wohl recht ſchön, ſprach Mr. Escourt, nach⸗ dem ſie geendet hatte, denn einem Manne, der Krieger iſt „und Verſe ſchreibt, der wie er ſagt, ein Schwert und eine Feder mit ſich führt, würde ohne Zweifel auch dieſes Schwert und dieſe Feder Troſt gewähren, wenn ſeine Ge⸗ liebte ihn verabſchieden ſollt laube aber, daß unter zehn Frauen neun ihn gewi n würden, wenn ſie eine ſo gebieteriſche Erklärtlt en müßten. Und er wiederholte die folgenden Verſe? „Ich will wie Alexander einſt Gebieten ganz allein! Auf meinem Throne muß ich frei Von Nebenbuhlern ſeyn. Der trauet ſeinem Glück nicht viel, Und ſein Verdienſt iſt klein, Der, trotz dem Glück! nicht nennen will Nichts oder Alles ſein! — Würden Sie eine ſolche Sprache dulden, Miß Moore? — — — 43— — Nun, ſagte ſie, indem ſie leichthin mit den Fingern über die Taſten fuhr, ich würde es gerade nicht angenehm finden, wenn Alexander ganz allein gebieten wollte; ich würde indeſſen keinen Streit deswegen mit ihm anfangen, weil er allein zu gebieten wünſcht. Und Sie, Ellen? — Auch ich nicht, antwortete ich, da ihm wohl, wie ich glaube, die Alleinherrſchaft endlich läſtig werden könnte. Unwillkürlich ſah ich Eduard an, indem ich das ſagte; meine Augen begegneten den ſeinigen und laſen darin ſolch einen Ausdruck von feuriger Zärtlichkeit, daß ein freudiger Schauer mich durchzuckte. Mr. Escourt lachte und bemerkte: — Sie würden Ihren Helden noch ſtrafwürdiger machen, 95 er wirklich iſt. Meiner Meinung nach liegt in den Worten: „Ich will Dich lieben nimmermehr“ die unverſchämteſte Sprache, die ein Liebhaber führen kann, unter welchen Umſtänden es auch ſeyn mag; und ſo etwas ſollte eine Frau nie verzeihen. — Oh, wahrhaftig! rief Mr Manby; ich halt' es ganz mit Montroſe. Mir läge gar nichts an einer Frau, die mich nicht über alles lieben würde. — Und Sie würden ſie weder durch Ihre Feder noch durch Ihr Schwert verheublichen, flüſterte Roſa, indem ſie ſich niederbückte, um ihre Muſikalien in Ordnung zu bringen. Eduard lächelte; diesmal aber waren es meine Augen, die er ſuchte und als wir das Zimmer verließen und in ein anderes gingen, ſetzte er ſich zu mir. Ich überhebe mich der umſtändlichen Erzählung des während den folgenden Tagen Vorgefallenen. Ich ſchwebte beſtändig zwiſchen Furcht und Hoffnung. Zuweilen, wenn Eduard mit mir ſprach, hatte ſeine Stimme einen Ton, ſein Auge einen Ausdruck, die mich Alles vergeſſen ließen, nur das nicht, was ich in dieſer Stimme hörte, was ich in dieſem Blicke las; die Seligkeit ſolcher Momente ließ mich den Contraſt um ſo ſtärker und bitterer empfinden, wenn unter dem Einfluſſe meiner Zweifel und eiferſüchtigen — 44 Qual das flüchtige Wonnegefühl vor dem ſchnell folgen⸗ den Kummer wich. Miſtreß Middleton hatte mich gelehrt, den Schleier, der ſo viel Wirkliches in unſern Gedanken und Gefühlen verdunkelt, zu zerreißen— wahr gegen mich ſelbſt, und unbarmherzig gegen Selbſttäuſchungen zu ſeyn. Obgleich ich daher zuweilen in Eduard's Augen Liebe las, obgleich ich wahrnahm, wenn mir der Ausdruck einer in⸗ nigen Empfindung entſchlüpfte, wie ſeine Seele in Bewe⸗ gung gerieth und ich eine Saite in ihm angeſchlagen hatte, die ſchnell vibrirte, ſo entging mir doch nicht ſein Kampf zur Beſiegung und Unterdrückung dieſer Gefühle. Ich ſah recht gut, welche hobe Achtung er der Aufrichtigkeit und Reinheit zollte, die Roſa's Charakter zierten. Wenn die Augen dieſes jungen Mädchens feſt auf ihn ſahen mit dem naiven Selbſtvertrauen und der unbefangenen Un⸗ ſchuld eines Herzens, welches „mit der Sünde unbekannt, Gefahr nicht fürchtet“ bemerkte ich wie er auf mich ſah mit einem ſchwermü⸗ thigen fragenden Blicke, auf welchen ich nur mit einer ſtummen Bitte um Verzeihung zu antworten wagte. Ich hörte ihn eines Abends, wo die Stürme meiner Eiferſucht und die Schwermuth meiner Gedanken meinen Geiſt nie⸗ derbeugten und meine Blicke verdüſterten ganz leiſe ſagen, als Roſa's fröhliches Gelächter zu uns drang: „O glückliches enbeſetge Deß unumwölktes Licht, Auch morgen einen Tag,⸗ So klar vie heut' verſpricht!“ Ich hörte das und dennoch haßte ich ſie nicht! Nein, Gott ſey Dank dafür! Weder meine Leiden noch der Eifer⸗ ſucht Quslen unterdrückten in mir jenes reine Gefühl, jenen natürlichen Sinn, der unwillkürlich für alles Schöne und Edle erglüht. Aber wie ſehr beneidete ich ſie um das Vorrecht, wahr und aufrichtig zu erſcheinen! und mit welcher Bitterkeit verglich ich ihr Loos mit dem meinigen, als eines Tages Mr. Escourt behauptete, daß ſich Nie⸗ mand freiwillig dazu verſtehen würde, ſeine Gedanken un⸗ — 45— verhohlen einem Andern zu offenbaren, und Roſa ibr Schweſterchen auf ihre Knie nahm und unter tauſend Lieb⸗ koſungen zu dem Kinde ſagte:„Nun, liebe Minny, Du weißt, daß ich Dir gern Alles ſagen würde, was ich denke.“ Ich mußte alle meine Kräfte zuſammennehmen, um dieſe Geſchichte meines Lebens und meiner Leiden zu be⸗ ginnen: die Erinnerung an einen Unglückstag erwachte mit allen ihren Schrecken und die Schilderung derſelben ließ mich wiederholt jene Stunden der Trauer und Angſt durchleben. Auch jetzt noch fühl' ich mich tief erſchüttert. Ich muß mir Ruhe gönnen, um mich zu ſammeln, denn ich komme nun zu dem Augenblicke, der mich noch näher zum Rande des Abgrunds zog den ich von weitem er⸗ blickte und dem ich vergebens auszuweichen ſuchte. Tage, Wochen lang, verſchloß ich dies Manuſcript, ich mied es, wie man den Anblick eines Feindes meidet; aber ſelbſt dieſe Furcht bezaubert und überwältigt mich, wie der An⸗ blick der Schlange den Vogel bezaubert und unfähig zur Flucht macht; und da ich die Schreckbilder des Gedächt⸗ niſſes nicht zu beſchwören vermag, ſo will ich ihnen Trotz bieten und ſie beſiegen. r. Wir befanden uns bereits einige Tage in Hampſtead, als ich eines Morgens ein lebhaftes Verlangen empfand, allein und ungeſehen auszugehen und einige Stunden her⸗ umzuſchweifen. Dieſe Gewohnheit nahm ich in Elmsley an, wo ich fand, daß nichts geeigneter ſey, den aufgeregten Geiſt zu beſänftigen. Nachdem ich die Wieſengründe durch⸗ ſtrichen, den Teich umgangen und mich in den Bosquets umgeſehen hatte, öffnete ich ein Pförtchen, das auf einen Weg ging, der ins Feld auslief. Dieſer Weg war nicht breiter als ein Fußpfad und war von den Ländereien der Villa nur durch einen Graben und ein dünnes Gitter getrennt. Ich betrachtete aufmerkſam einen Ameiſenhaufen und bewunderte das emſige Treiben der ſchwarzen In⸗ ſaſſen, als mich plötzlich das Geſchrei berbeieilender Leute aufſchreckte. Es lag etwas Unheilverkündendes in dieſem Lärm und mein Herz klopfte heftig, als ich mit einem Gemiſch von Furcht und Neugierde in die Ferne blickte. Der Lärm wurde immer ſtärker: plötzlich ſprang ein Hund aus dem Felde auf den Weg, welchem mehrere mit Heu⸗ gabeln bewaffnete Leute folgten. Der Schreckensruf: Ein toller Hund! ein toller Hund! traf deutlich mein Ohr und machte das Blut in meinen Adern erſtarren. Ich wollte fliehen, aber der Schreck ſchien meine Glieder gelähmt zu haben;“ ich wollte um Hülfe rufen, aber die Worte erſtarben auf meinen Lippen. Ich klammerte mich an das Gitter; das Geſchrei ward immer dringender:„Geh'n Sie aus dem Wege!— ein toller Hund! geh'n Sie aus dem Wege!“ Noch zwei Sekunden und das Thier mit der geſchwollenen Zunge, den feuerſprühenden Augen, dem ſchäumenden Mund hätte mich erfaßt, als Eduard mit Blitzesſchnelle über den Graben und das Gitter ſprang und mit todtenblaſſem, vor Schreck entſtelltem Geſichte mir zu Hülfe eilte. Der Hund hatte mich erreicht— er packte ihn, ſchleuderte ihn uͤber die Hecke in einen Weiher auf der andern Seite, zog mich dann in das eingezäunte Land zu einer Bank, auf die er mich ſetzte. Einigemlugenblicke verſchloß ich die Augen, nach ganz betäubt v asgeſtandenen Schrecken und erbebend bei dem Gedankellelin die Gefahr, der ich entronnen; als ich aber Eduard mit ängſtlicher Stimme flüſtern hörte:„Großer Gott! was ſoll ich thun!“ öffnete ich die Augen und ſah ihm in's Geſicht. Er war ſo lei⸗ chenblaß, daß ich ausrief:„Sie ſind krank! um Gottes⸗ willen! ſetzen Sie ſich!“ — Nein! antwortete er, nein. Jetzt, da Sie ſich beſſer be⸗ finden, iſt alles gut. Ich will zurück in's Haus gehen, und Jemand herſchicken. 4 — Ich kann nun ſelbſt gehen, ſagte ich, ich habe ſchon die Kraft.— Aber was ſah ich in dieſem Augenblick! Es waren Blutstropfen im Sande— Blut auf Eduard's Aermel! Die Wahrheit ward mir klar. Ich ſchrie nicht 47— auf, ſank nicht in Ohnmacht: das Uebermaß meiner Angſt machte mich ruhig. Auf Eduard's Hand erblickte ich den unglücklichen Biß. Ich ergriff ſeinen Arm ſo ſchnell, ſo unverſehens, daß er nicht im Stande war, mich daran zu hindern. Ich drückte die Wunde an meine Lippen und ſog das vergiftete Blut ein. Als er mir ſeine Hand zu entwinden ſuchte hielt ich ſie mit einer Kraft feſt, welche nur Liebe und Angſt geben können, und als es ihm end⸗ lich gelang, ſie mir zu entreißen, fiel ich vor ihm nieder auf die Knie und beſchwor ihn mit flehender Stimme, mit einer Leidenſchaftlichkeit, die ich nicht zu beſchreiben vermag, bei der Liebe, weiche die Qual und die Freude meines Lebens, deſſen Pein und Seligkeit geweſen war, mir ſeine Hand wiederzugeben, damit ich ihm das Leben retten könnte, wie er das meinige gerettet hatte. Und als er ſich fort⸗ während ſträubte und meine Anſtrengung, ihn zurück⸗ zuhalten, zu bekämpfen ſuchte, ergriff ich das blutbefleckte Schnupftuch, womit ich meinen Mund abgetrocknet hatte und rief, indem ich es krampfhaft an meine Bruſt drückte: „Wenn Sie von mir gehen, wird dieſes da mein Leben nicht weniger in Gefahr ſetzen, als Sie ſelbſt; wenn Gift in dieſem Blute iſt, ſo will ich es mit dem meinigen ver⸗ miſchen.“ Ein Ausdruck der innigſten Rührung ergoß ſich über Eduard's Geſicht; er an ite auf einmal ſeinen Entſchluß. Er ſetzte ſich auf die Bank und reichte mir ſeine Hand hin. — Thun Sie, was Sie wollen, ſagte er; nur der Tod kann uns von nun an trennen. Er ſprach dieſe wenigen Worte mit der ergreifendſten Zärtlichkeit, dem tiefſten Gefühle und vertrauungsvoller Hingebung. Als ich an ſeiner Seite, auf meine Kniee nie⸗ dergeſunken, wiederholt ſeine Hand, die er nicht mehr zu⸗ rückzog, an meine Lippen drückte, während ſeine andere Hand mich unterſtützte und ſeine Augen mit dem Ausdruck der innigſten Neigung auf mich herabſahen, vergaß meine Seele Alles, was meiner unbegrenzten, unausſprechlichen Liebe fremd war, und mit Freuden hätte ich in dieſem Zu⸗ ſtande der Wonne und ſeligſten Vergeſſenheit mein Leben 3 ———õõ—ü — 18— hingegeben. Das Blut floß nicht mehr, mein Liebeswerk war vollbracht und doch lag ich noch auf meinen Knien an ſeiner Seite; ſein Arm ſtützte noch meinen Kopf und er flüſterte füße Worte in mein Ohr. Da überraſchte uns Mr. Middleton, der, als er von der Verfolgung eines tollen Hundes in der Nähe des Gutes hörte, mich beſorgt aufſuchte. Ich erhob mich ſchnell, aber Eduard ließ mich nicht aus ſeinen Armen und erzählte meinem Onkel mit wenigen Worten alles Vorgefallene. Er ſchilderte ihm die Gefahr, in der ich ſchwebte, ſeinen Schrecken, als er aus dem Fiſcherhaus die Größe derſelben wahrnahm; er ver⸗ ſchwieg ihm nicht, wie er mir zu Hülfe kam, zeigte ihm die Wunde, die er davongetragen und theilte ihm endlich mit, auf welche Weiſe ich das Gift aus derſelben geſogen hatte.„Sie that für mich“, ſagte er mit einer vor Rüh⸗ rung zitternden Stimme,„ſie that für mich, was die Köni⸗ gin Eleonore für ihren Gatten that; und als ich es geſche⸗ hen ließ, gewährten mir ihr Geſtändniß an dieſem Schrek⸗ kenstage eine Seligkeit, wie ich ſie nie in meinem Leben empfunden babe. Wünſchen Sie mir Glück, Mr. Middle⸗ ton, wünſchen Sie mir Glück! ich habe die liebenswürdigſte, zärtlichſte, muthigſte Braut gefunden, welche je einem Menſchen zu Theil wurde.“ Als Eduard dieſe Worte geſygochen hatte, zog er mich noch näher zu ſich und küßte meine Wangen, die ſo bleich wurden, wie ſie wenige Augenblicke zuvor in hoher Röthe erglühten; aber nicht Liebe war es, die jetzt mein Ange⸗ ſicht entfärbte und mich dermaßen erſchütterte, daß Eduard's Arm mich aufrecht halten mußte; nicht die Empfindung des Glücks war es, die mich ſtumm machte wie das Grab, als Mr. Middleton mich gleichfalls küßte und mich lobte! Meine Unruhe war ſo augenſcheinlich, daß mein Onkel und Eduard plötzlich von gleicher Furcht überfallen wur⸗ den. Sie bildeten ſich Beide ein, daß der Schrecken und die Anſtrengung mich krank gemacht hätten. Sie führten mich mit der liebevollſten Sorgfalt in das Haus zurück. In Eduard's Angeſicht war auch eine Veränderung vor⸗ gegangen; er ſah außerordentlich leidend aus, und die — 49— krampfhafte Bewegung ſeiner gewöhnlich ſo ruhigen Züge war ängſtlich anzuſehen. Sie brachten mich in mein Zim⸗ mer und als ich mich auf das Bett gelegt, entlockten mei⸗ ner Tante Liebkoſungen und ihre ſanfte Stimme meinen Augen einen Thränenſtrom, der mein von Centnerlaſt ge⸗ drücktes Herz etwas erleichterte. Faſt mit Gewalt mußte mein Onkel Eduard aus dem Zimmer bringen, und Miſtreß Middleton folgte ihnen, nachdem ſie ihrer Kammerfrau den Befehl gegeben hatte, nicht von meinem Bette zu weichen. Bald darauf kam ſie wieder. Der Arzt, den man herbei⸗ gerufen hatte, verſchrieb mir ein Stärkungsmittel und em⸗ pfahl mir die größte Ruhe. Ich wurde gelaſſener, aber ich weinte in der Stille fort. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte. So plötzlich, unwillkürlich, faſt ohne Bewußt⸗ ſeyn hatte ich mich Eduard hingegeben— unſere Verbin⸗ dung konnte jeden Augenblick offenkundig werden und die entſetzlichen Folgen ſchwebten vor meiner Seele! Aber wie— konnte ich mein Wort zurücknehmen? was ſollte ich ſagen? was thun? Ich ſah unüberſteigliche Hinderniſſe vor mir; ich ſah wohl ein, daß Eduard, mein Onkel und meine Tante nicht mehr an unſrer Verbindung zweifelten und ſie für das natürliche Reſultat eines Geſtändniſſes hielten, welches mir in jener Schreckensſtunde entſchlüpft war und das ſie der feierlichſten Verlobung gleich achteten. Gegen Abend glaubte ich in Miſtreß Middleton's Zü⸗ gen einen Ausdruck von Unruhe wahrzunehmen, als ſie in mein Zimmer trat. Ich fragte ſie zitternd nach Eduard's Befinden. — Er iſt nicht ganz wohl; aber es iſt kein Grund zu Beſorgniſſen vorhanden, fügte ſie hinzu, als ſie den Schreck gewahr ward, der ſich in meinem Geſichte offenbarte.— Dein Muth, liebes Kind, und die Hülfsmittel, die als Vorſichtsmaßregeln angewandt wurden, haben jede Gefahr von dieſer Seite abgewendet; aber ſeine Anſtrengung, die Aufregung in Folge derſelben und endlich die chirurgiſche Operation, die wohl ſchmerzhaft war, erzeugten ein Fieber, welches nur etwas Sorge und Behutſamkeit erheiſcht. f Dieſer neue Kummer verſcheuchte eine Zeitlang die Ge⸗ II. 4 8— 50— danken, welche die Bedrängniß meines eignen Zuſtandes veranlaßten, und ich nahm mich ſo zuſammen, daß man mir geſtattete, mein Zimmer zu verlaſſen, deſſen Einſamkeit mir in meiner gegenwärtigen Gemüthsſtimmung Furcht einflößte. Aber die Geſellſchaft ſchien mir faſt noch uner⸗ träglicher, als ich alle die Gloſſen über das Tagesereigniß mit anhören mußte. Jedermann wußte, was ich gethan hatte; die Lobſprüche, welche man meinem Muthe, meiner Geiſtesgegenwart zollte, wurden von einem Lächeln und Anſpielungen begleitet, welche mir bewieſen, daß, wenn auch nicht alle Umſtände der Begebenheit bekannt waren, es zum wenigſten augenſcheinlich war, daß die Gefühle, die mein Benehmen geleitet hatten, ihrem wahren Urſprunge zugeſchrieben wurden. Roſa beſonders neckte und quälte mich, daß ich es kaum zu ertragen vermochte; ich äußerte zuletzt mein Mißfallen ſo entſchieden, daß ſie ſich jeder weitern Andeutung enthielt. Später am Abend fand der Arzt, daß das Fieber ſtär⸗ ker geworden ſey und als dieſe Nachricht im Geſellſchafts⸗ zimmer bekannt wurde, zeigte Roſa das wärmſte und auf⸗ richtigſte Mitgefühl für die Unruhe, die ich nicht länger zu verbergen vermochte. Nicht lange nachher gab mir Miſtreß Middleton einen Wink, dem zu Folge ich den Salon verließ. Sie ſagte mir, daß ſich Eduard in einem Zuſtande nervöſer Aufre⸗ gung befände, der um ſo auffallender erſcheine, da er mit ſeiner gewohnten Ruhe und Gelaſſenheit im vollſten Con⸗ traſt ſtände.„Er iſt ſich gar nicht mehr gleich,“ fuhr ſie fort;„er läßt ſich kaum überreden, den Verordnungen des Arztes Folge zu leiſten. Er will Dich durchaus dieſen Abend noch ſehen und ſprechen und wir konnten ihn kaum verhindern, aufzuſtehen und hinab in den Salon zu gehen. Endlich gewann ich's über ihn, daß er ſich auf das Sopha niederlegte, nachdem ich ihm das Verſprechen gegeben, Dich hinaufzubringen. Nach dem, was dieſen Morgen zwiſchen euch vorgefallen iſt, leidet dies keinen Anſtand. Nur vergiß nicht, liebes Kind, daß Alles, was Du mit ihm ſprichſt, beruhigender, tröſtender Art ſeyn muß, denn — — 51— der Doktor Nevis behauptet, daß er nicht für die Folgen ſtehen könnte, welche die geringſte Gemüthsaufregung, die geringſte Erſchütterung in dieſem Augenblicke nach ſich ziehen würde. Das beſtimmte mich denn auch, als ich ſah, mit welcher Ungeduld er nach Dir verlangte, Dich zu rufen, um ſo mehr, da ich nun überzeugt bin, daß Du ihm nichts zu ſagen haben kannſt, was nicht eine heilſame Wirkung auf ſeine Nerven machen und dazu beitragen wird, ihm eine ruhige Nacht zu bereiten.“ Dieſe Aeußerungen meiner Tante, während ſie mich in Eduard's Zimmer führte, benahmen mir allen Muth, dieſem Beſuche auszuweichen. Dennoch trat ich, als wir an die Thüre kamen, zurück und ſagte leiſe:„Ich glaube wirklich beſſer zu thun, wenn ich nicht hineingehe; alles wohl überlegt, möchte ihn mein Anblick nach dem, was die⸗ ſen Morgen vorfiel, auf's neue aufregen. Nein, nein! ich will nicht hineingehen!“— Miſtreß Middleton ſah mich mit Erſtaunen an.„Sagte ich Dir denn nicht, El⸗ len, daß ſein heftiges Verlangen nach Dir das Fieber ver⸗ ſchlimmert hat? Das einzige Mittel, ihn zu beruhigen, beſteht darin, daß wir dieſem Verlangen nachgeben und— fuhr ſie ernſthafter fort— es iſt nothwendiger, als Du zu glauben ſcheinſt, daß wir uns ſeinem Wunſche fügen; es könnten ſonſt ſchlimme Folgen daraus entſtehen.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie, ohne ſich in weitere Erörterungen einzulaſſen, die Thüre. Gleich darauf ſaß ich neben Eduard; ſeine glühende Hand lag in der meini⸗ gen und ſeine Augen ſahen auf mich mit einer außeror⸗ dentlichen, dem Fieberzuſtande eigenthümlichen Lebhaftigkeit. — Liebe Ellen, ſagte er, nachdem Miſtreß Middleton das Zimmer verlaſſen hatte, ich bin recht unvernünftig und ſchäme mich vor mir ſelbſt, aber ich konnte meine Unge⸗ duld nicht bemeiſtern, oder einen Augenblick Ruhe finden, bis ich noch einmal aus Ihrem Munde vernommen, daß das ſüße Geſtändniß, welches mich dieſen Morgen trotz aller Beſorgniß und Angſt ſo glücklich machte, kein Traum tweſen. war. Nicht wahr, liebe Ellen, es war kein raum? 4* — 52— — Es war kein Traum, antwortete ich mit leiſer Stimme; aber laſſen Sie uns dieſen Abend nicht von irgend etwas ſprechen, was einem Traume ähnlich ſieht. Wenn Sie wieder hergeſtellt ſeyn werden— — Ich befinde mich jetzt ganz wohl, unterbrach er mich; wenn Sie nur meine Seele von einem dunkeln Angſtgefühl befreien, das mich ſeitdem unaufhörlich verfolgt. Nicht wahr, liebe Ellen, unſrer Verbindung ſteht kein Hinderniß im Wege? Sie werden meine Frau! Sie antworten mir nicht? O reden Sie! Seine Hand, welche die meinige hielt, zitterte heftig, und er wurde noch bläſſer, als in dem Augenblick, wo ich ins Zimmer trat. Ich erſchrak dermaßen über ſeine Auf⸗ regung, daß ich die letzte Gelegenheit vorüber gehen ließ, mein Wort zu widerrufen; ich ſtammelte:„Ja ja, ich werde Ihre Frau!“— Gott im Himmel ſegne Dich und ver⸗ zeihe mir! ſprach ich zu mir ſelbſt.—„Und jetzt nachdem ich Ihre Seele beruhiget habe,“ ſetzte ich mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln hinzu,„muß ich Sie verlaſſen.“ — Mich verlaſſen! rief er aus, jetzt, wo Sie mich ſo unausſprechlich glücklich gemacht haben! Nein, Sie ver⸗ laſſen mich jetzt nicht, liebe, liebe Ellen! die ich von Kind⸗ heit an geliebt habe, über die ich mit einer ſo ängſtlichen, nie ermüdenden Sorgfalt wachte, daß ſie mich, ich geſteh' es nun— er küßte bei dieſen Worten meine Hand mit feueriger Zärtlichkeit— oft albern, oft ungerecht wer⸗ den ließ. — Nein, nein! rief ich aus; das waren Sie nie! — Ja, ja! ich war's, liebe Ellen! fuhr er lebhaft fort. Obgleich etwas in Ihrer Stimme, in Ihren Zügen, in Ihrem Benehmen lag, was mich fühlen ließ, daß ich Ih⸗ nen nicht gleichgültig war, ſo quälten mich dennoch Zweifel und Anwandlungen von Eiferſucht, die Ihrer und meiner unwürdig waren. Was nur, ich erkenn' es nun, aus Wohlwollen und Mitleiden für Andere entſprang, erzeugte ungerechten Argwohn in mir. Was ich jetzt als Nachſicht und Zartgefühl Ihrerſeits erkenne, nannte ich Verſtel⸗ lung; ich beſchuldigte Sie der Affectation, ich hielt Sie ₰ für falſch und doch widerſprach dem mein eignes Herz, Ellen, denn ich würde Sie nicht geliebt haben, Ihnen nie mit ſolcher Anhänglichkeit zugethan geweſen ſeyn, wären Sie nicht wahr geweſen in Ihrer ungleichen und verän⸗ derlichen Gemüthsſtimmung, in den Eindrücken des Augen⸗ blicks, denen Sie ſich unbefangen hingaben. Nein, nein, meine heißgeliebte Ellen, wenn Lüge oder Falſchheit jemals Ihre Lippen berührt, wenn ſie jemals die Reinheit Ihrer fleckenloſen Seele getrübt hätten, ſo wäre meine Liebe er⸗ ſtorben und mein Herz erkaltet; aber eben dieſe Liebe vertheidigte Sie mit aller ihrer Kraft, wenn der Schein oder meine Eiferſucht Sie anklagten. Liebe Ellen! werden Sie mir verzeihen? — Ihnen verzeihen? rief ich in Thränen zerfließend. Gott weiß— — Ich glaub' Ihnen, unterbrach er mich ſchnell. Ich verlange weder Erklärung noch Beruhigung von Ihnen. Habe ich Sie nicht ſchon freigeſprochen? Hab' ich mich nicht ſelbſt angeklagt? Ich müßte unſinnig ſeyn„ Ellen, wenn nach dem größten Beweiſe von Liebe, den ein Weib zu geben vermag, in meiner Seele noch der geringſte Zwei⸗ fel an der Reinheit, an der Stärke Ihrer Gefühle für mich walten könnte. Glauben Sie, meine angebetete Ellen, daß ich jenen Beweis einer beiſpielloſen Hingebung angenom⸗ men haben würde, wenn ich nicht geglaubt, nicht gefühlt hätte, daß Sie einer Angſt anheimgefallen ſeyen, die kurz zuvor mich ſelbſt ergriffen hatte, und daß, mit Einem Wort, Sie mich eben ſo liebten, wie ich Sie liebe? Denn ich fühle nun wohl, daß der Gedanke, Sie zu verlieren, mein Tod ſeyn würde! Ich legte meinen Kopf an ſeine Schulter und flüſterte einige Worte der Liebe. Das Herz ſchwoll mir und ich war wie betäubt. Dreimal war ich, während er ſprach, im Begriff, ihn durch heftiges Abläugnen zu unterbrechen und mich unbarmherzig ſelbſt anzuklagen; aber des Arztes Warnungen, welche Eduard's bebende Stimme und ſein haſtiges, ſeinem gewöhnlichen Benehmen ganz ungleiches Weſen, beſtätigten, hielten die Worte auf meinen Lippen — ᷣ—— — 54— zurück und brachten die Scham und Gewiſſensangſt in meinem Herzen zu neuem Aufruhr. Und doch, inmitten dieſer Leiden und dieſer Scham zuckte zuweilen wie ein Meteor am ſtürmiſchen Himmel, ein Freudenſtrahl durch die Finſterniß, die meine Seele in dieſem entſetzlichen Kampfe umhüllte, und um die Stimme meines Gewiſſens zu beſchwichtigen, ſagte ich mir, daß trotz der Verſtellung, welcher ich mich unter dem Einfluſſe eines, wie ich mir vorſtellte, unvermeidlichen Verhängniſſes ſchuldig machte, doch Wahr⸗ heit, Wirklichkeit in der glühenden Liebe wäre, welche ich für den fühlte, deſſen Hand in der meinigen lag, während meine brennende Stirn an ſeiner Bruſt ruhte, als ob ſie Schutz ſuchte wider die Welt, wider mich ſelbſt und wider die Vorwürfe meiner Erinnerungen. Nach einer Pauſe und mit einer Stimme voll zutrau⸗ licher Zärtlichkeit ſagte Eduard: — Warum ſchlugen Sie vor drei Monaten meine Hand aus? Glaubten Sie, ich hätte Sie nicht heiß genug ge⸗ liebt, oder liebten Sie mich noch nicht— — O! nein, unterbrach ich ihn. Eine Liebe, wie die meinige, iſt nicht die Frucht weniger Tage. Aber fordern Sie keine Erklärung über die Wunderlichkeiten und das launige Weſen eines Charakters, welchen Sie, ſo vernünf⸗ tig und gut, doch nicht ganz begreifen werden. Eine leichte Wolke überzog Eduard's Stirn, aber ſie ging ſchnell vorüber, und mit Sanftmuth ſagte er: — Vielleicht werde ich Sie niemals ganz verſtehen, Ellen, aber zum wenigſten kann ich mich Ihnen ſtets ohne Rückhalt anvertrauen. Ich weiß, Sie waren von jeher nicht wie Andere; beſonders ſtand mein unbeugſames, hart⸗ näckiges Weſen mit Ihrem Geiſte im Widerſpruch. Aber wohl gerade deswegen konnte ich wider meinen Willen und trotz aller meiner Vorſätze Ihrer Zauberkraft nicht widerſtehen.— Lächelnd fügte er dann hinzu: Ja, ich glaube, ich habe Sie nie ganz verſtanden; aber iſt's nicht eine der Eigenthümlichkeiten der menſchlichen Natur, das blind und innig zu bewundern, was wir am wenigſten be⸗ greifen? So müſſen Sie auch noch dieſe Entſchuldigung gelten laſſen! Und noch einmal küßte er meine Hand mit der innigſten Zärtlichkeit und geſtattete mir dann auf meine inſtändige Bitte, ihn zu verlaſſen. Bevor ich ging, gab ich ihm je⸗ doch meinen ſehnlichen Wunſch zu erkennen, daß unſre Verlobung, während unſeres Beſuches bei Miſtreß Moore, nicht öffentlich bekannt gemacht werde, weil es mir nicht lieb wäre, in ſo kleiner Geſellſchaft und mit Leuten, die mir nicht befreundet genug ſeyen, über dieſe Angelegenheit ſprechen zu müſſen. Er entſprach meinem Wunſche, ohne viel dagegen einzuwenden, und ich nahm Abſchied von ihm, um in der Einſamkeit meines Zimmers über die Mittel nachzudenken, wie ich mich aus dieſen Verlegenheiten, lie ſich mir drohender als je zuvor zeigten, befreien önnte. Erſt in der Stille der Nacht, als ich mich ganz allein und mir ſelbſt überlaſſen fand, gelang es mir, in meinem Geiſte alle Begebenheiten des Tages zu ſammeln und das, was ich gethan hatte, in ſeiner vollen Bedeutſamkeit zu überblicken. So war ich denn Eduard's Verlobte! und, ſobald die Nachricht einmal bekannt ſeyn würde, konnte mit jedem Augenblick die Frau, die mich haßte und ver⸗ folgte, vor Eduard oder Mr. Middleton erſcheinen, um ihnen zu entdecken, daß ohne mich Julie noch am Leben wäre! Und wenn ich alsdann herbeigerufen würde, um mich wider dieſe ſchwarze Anklage zu vertheidigen und die garſtige Verläumdung zu Schanden zu machen, müßte ich antworten: Ja, ich habe mich im Zorne wider ein verthei⸗ digungsloſes Kind vergangen, aber ich beabſichtigte nicht ſeinen Tod; ich verſchloß dies Geheimniß in mein Herz; ich empfing täglich den Segen ſeines Vaters und die Lieb⸗ koſungen ſeiner Mutter in heuchleriſchem, ſtrafwürdigem Schweigen; ich hörte Deine Liebesworte an, Eduard; ich verſprach Deine Frau zu werden mit der Lüge im Munde und Falſchheit im Herzen; jetzt aber, da ich entlarvt bin, flehe ich eure Gnade an und beſchwöre euch, mir zu glau⸗ ben, wenn ich euch ſage, daß mir nie der Gedanke in den —. 56— Sinn kam, meiner Couſine den Tod zu geben— Und vielleicht, unterbrach ich mich ſelbſt, vielleicht fände ich doch keinen Glauben! Eduard berückſichtiget keine Umſtände, keine Milderungsgründe in ſeinem Urtheile, wenn von Wahrheit die Rede iſt; unbegrenztes Vertrauen auf der einen Seite, unbarmherziges Verdammen auf der andern! O wie mich dieſer Blick niederſchmettern würde, in dem ich vergebens die erſtorbene Liebe ſuchte! welch ſchreckli⸗ ches Gefühl, jeder Hoffnung entſagen zu müſſen, durch Rechtfertigungen und Betheuerungen ein Herz zu rühren, das erkaltet für die Falſche, die ſeine Liebe an ſich geriſſen und ſein Vertrauen hintergangen hatte! Nach einer Stunde ermüdender Unentſchloſſenheit, faßte ich den Vorſatz, Heinrich zu Rathe zu ziehen. Ich ſetzte mich an einen Tiſch am offnen Fenſter und ſchrieb ihm folgenden Brief: „Als ich Sie zum Letztenmale ſah, lieber Heinrich, be⸗ rechtigten Sie mich zu der Hoffnung, daß ich Sie in Zu⸗ kunft als Freund betrachten darf. Sie forderten mich auf, Ihnen mein Herz zu eröffnen und Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen, wenn mir neue Hinderniſſe in den Weg kom⸗ men ſollten. Der Augenblick iſt da, wo ich es thun muß; wenn Sie mich nicht retten wollen, retten können, ſo kann es Niemand auf der Welt. Ich ſagte Ihnen einmal, daß es mein Vorſatz ſey, Eduard niemals meine Hand zu rei⸗ chen; und glauben Sie mir— Sie wiſſen ja, Heinrich, Pegen Sie war ich immer offen und wahr, ſelbſt auf die efahr hin, Ihren heftigſten Zorn zu erwecken— glau⸗ ben Sie mir, wenn ich Ihnen ſage, daß damals und noch bis zu dieſem Morgen mein Vorſatz nicht die geringſte Erſchütterung erlitten hatte. Ein unwillkürliches, übereil⸗ tes Geſtändniß meiner Liebe, welches mir in dem Augen⸗ blick einer ſchrecklichen, ihm drohenden Gefahr entſchlüpfte, welcher er ſich ausſetzte, um mich ſelbſt daraus zu befreien, genügte ihm zur Ueberzeugung, daß unſere Verbindung die natürliche Folge eines ſolchen Geſtändniſſes ſeyn müßte. Mein Onkel betrachtete es aus demſelben Geſichtspunkte, und ſo ging ich eine Verpflichtung ein, zu welcher ich mich — 57— bei kaltem Blute gewiß nicht verſtanden haben würde. Eine bedenkliche Krankheit, der Erfolg des Vorgefallenen, brachte Eduard in einen Zuſtand, welcher durch jede leb⸗ hafte Gemüthsbewegung höchſt gefährlich geworden wäre. Wider meinen Willen führte mich meine Tante, der War⸗ nung des Arztes eingedenk, zu Eduard, und in der Beſorg⸗ niß für ſeine Geſundheit gab ich mit anſcheinender Ruhe, aber mit innerer Scham und Angſt, das Verſprechen, das mich lus Verderben ſtürzen wird, wenn Sie mich nicht retten önnen. „Ich verlange nicht Ihre Hülfe, Heinrich, wie ein jun⸗ ges Mädchen, deſſen liebſter Wunſch iſt, ſich mit dem Ge⸗ liebten zu verbinden und das ſich die erdenklichſte Mühe gibt, alle Hinderniſſe zu dieſem Zwecke zu überwinden; nein, wenn ich in dieſem Augenblicke alle Ereigniſſe dieſes Ta⸗ ges aus meinem Leben tilgen und mich wieder in die Lage zurückverſetzen könnte, in der ich mich geſtern befand, ich würde es gewiß thun; aber wie die Sachen jetzt ſtehen, ſehe ich nur Schande und Verzweiflung vor mir. Retten Sie mich aus dieſer entſetzlichen Lage, ich beſchwöre Sie darum; ich weiß nicht, in wie weit dies in Ihrer Macht ſteht. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß Ihr Ein⸗ fluß auf jene furchtbare Frau groß ſeyn muß. Ich zwei⸗ felte bisher an Ihrem Willen, dieſen Einfluß zu meinen Gunſten anzuwenden, aber nunmehr hoffe ich mit Zuver⸗ ſicht, daß Sie für mich thun werden, was Sie zu thun im Stande ſind. Ich erlangte von Eduard, daß unſer Ver⸗ löbniß einige Tage lang geheim bleibe, was Ihnen Zeit gibt, für mich zu handeln. Genöthiget, die verzehrende Angſt meines Herzens vor Jedermann zu verbergen, un⸗ glücklich durch das, was mich glücklich machen ſollte, fühle ich einige Erleichterung, indem ich offen mit Ihnen rede und mich an Sie wende, um Hülfe, Troſt und Mitleid zu finden. Sie kennen meine Qual, Sie kennen mein Ver⸗ gehen und meine Unſchuld, die Falſchheit meines Betragens und die Argloſigkeit meines Herzens. Sie werden mich beklagen, mir helfen; und in dieſer Hoffnung baue ich auf Sie. E. M.“ 8— -— 58— Ich überlegte eine Zeitlang, auf welche Weiſe ich dieſen Brief heimlich und ohne Entdeckung befürchten zu müſſen, abſenden ſollte. Endlich erinnerte ich mich, daß Miſtreß Hatton— meine Reiſegefährtin nach Dorſetſhire im ver⸗ gangenen Jahre— ſich bei ihrer Schweſter, der Frau ei⸗ nes Wundarztes in London befand und ich glaubte, wenn ich den Brief an ſie mit der Bitte adreſſirte, ihn ſelbſt an Heinrich zu übergeben, ſo würde ich meinen Zweck ohne Gefahr erreichen; denn ich durfte auf ihre Verſchwiegen⸗ heit rechnen und war überzeugt, daß ſie meine Bitte auf die wohlwollendſte Art auslegen würde. Demzufolge ſchrieb ich ihr die wenigen Worte: „Liebe Miſtreß Hatton! Da Sie die beſte Frau von der Welt ſind, ſo bin ich überzeugt, daß Sie ſich mir zu Gefallen einer kleinen Mühe unterziehen werden. Haben Sie die Güte und ſtel⸗ len Sie ſelbſt beiliegenden Brief zu Händen Heinrich Lo⸗ vell's. Sagen Sie Niemand, daß ich Ihnen dieſen Auf⸗ trag gegeben, weil ich meinen Zweck verfehlen würde, wenn man erführe, daß ich ihm geſchrieben und er mir geantwortet habe. Er wird Ihnen wahrſcheinlich ſeine Antwort zuſtellen: ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr Sie mich durch die Uebernahme dieſes kleinen Auftrags zu Dank verpflichten. Ihre aufrichtig ergebene 35 Nachdem ich beide Briefe verſiegelt und ſie unter Cou⸗ vert an Miſtreß Hatton adreſſirt hatte, fühlte ich recht wohl, daß ich zum erſtenmale mich zu einem gemeinen Kunſtgriff herabwürdigte und zwar in demſelben Augenblicke, in welchem Eduard's Worte noch in meinem Ohre tönten. Im Aerger über mich ſelbſt warf ich die Feder weit weg; in der Nachtluft, die ſanft durch die Blätter der Catalpa's ſäuſelte, ſuchte ich am Fenſter Kühlung für meine glühen⸗ den Wangen und mein müdes Haupt. Als ich ſpäter einſchlief, las ich im Traume ſtets von neuem Heinrich's Antwort auf meinen Brief; zuweilen erſchien ſie mir ſo, daß ich der Verzweiflung anheimfiel; dann wieder übertraf ſie meine kühnſten Hoffnungen und erfüllte mich mit Ent⸗ zücken. So oft ich erwachte, warf ich einen Blick auf den — 59— Tiſch, wo mein Brief lag, um mich zu überzeugen, ob noch nichts Wirkliches dem Wechſel von Angſt und Hoffnung entſprochen habe, und am Morgen bedünkte es mich, als hätt' ich ein viel bewegtes Leben durchlebt und nicht einige Stunden in unruhigem Schlafe hingebracht. Ich gab mei⸗ nem Kammermädchen den Auftrag, meinen Brief zur Poſt zu geben und ließ mich nach Eduard's Befinden erkundigen. Die Antwort, die ſie mir brachte, lautete, daß das Fieber in unverminderter Heftigkeit fortdauere, daß ſich aber Mr. Middleton ruhiger und— wie ſie ſich ausdrückte— „behaglicher“ als am Abend zuvor befände. Ich kleidete mich ſchnell an, und da ich vernahm, daß meine Tante noch nicht aufgeſtanden ſey, ſo ging ich in den Garten. Ich eilte geraden Weges nach dem Orte, wo ſich mein Schickſal entſchieden hatte, ob zu meinem Glücke oder zu meinem Verderben? ich wußte es nicht! Als ich die Bank erblickte, wohin er mich aus dem Bereiche einer ſo erſchreckenden Gefahr gebracht hatte, als ich mich dem Orte näherte, wo mir der Boden die Spuren ſeines Blutes zeigte und ich vor der Bank, auf der wir beiſam⸗ men ſaßen, niederfiel und ſchnell eine Gebetsformel her⸗ ſagte, die ich mehr wie eine Art Zauberſpruch, als wie ein direkt an Gott gerichtetes Gebet auszuſprechen gewohnt war— da fühlte ich, daß eine Trennung von Eduard das größte Unglück für mich ſeyn würde, das mich treffen önnte, und ich faßte den unverbrüchlichen Vorſatz, den Kampf zu vollenden und ihm trotz allen Gefahren anzuge⸗ hören. Ich weiß nicht, welcher Dämon mir in dieſem Augenblicke zuflüſterte, daß ich jede Beſchuldigung, jede Anklage Lügen ſtrafen, alles ableugnen, ja meine Anklä⸗ erinn ſelbſt anklagen und behaupten könnte, daß ſie eine erläumdung erſonnen hätte, um ſo alsdann mit Heinrich's Hülfe— den ein zärtlicher Blick, ein gutes Wort meiner⸗ ſeits zufrieden ſtellen würde— allem trotzend den Sieg davon zu tragen! Kaum durchflog dieſer Gedanke meinen Geiſt, als ich mit Schaudern die reißenden Fortſchritte wahrnahm, die ich auf dem Wege der Lüge machte und ich fühlte einen Abſcheu vor mir ſelbſt, den nichts zu beſchrei⸗ ben vermag. Ich ſah mich knieend vor Gott in verhöhnen⸗ dem Gebet— vor Gott, der Eduard und mich ſelbſt aus einer Gefahr gerettet hatte, die ſchrecklicher als der Tod— während ein böſer Gedanke meinen Geiſt beherrſchte. Die betende Stellung, die maſchinenmäßig geſprochenen Worte bewirkten in mir einen jener plöͤtzlichen, gewaltſa⸗ men Gefühlswechſel, die zuweilen die heftigſten Anfechtungen der Verſuchung verdrängen, als ob unſer Schutzengel im Kampfe mit dem Geiſt des Böſen für eine Zeitlang den Sieg errungen hätte. Ich dachte an ſie, welcher viel ver⸗ ziehen ward, weil ſie viel geliebt hatte, ich dachte an den Erlöſer, den mit Leiden vertrauten Jeſus, der den Tod auf Golgatha ſtarb, vor dem ſie niedergeſunken war, als ſieben unreine Geiſter um ihre Seele ſtritten; auch ich wollte mit heißer Sehnſucht demuthsvoll vor ihm niederſinken, alle meine Schmerzen, alle meine Vergehen, alle meine Kümmerniſſe zu ſeinen heiligen Füßen niederlegen, und ſie, wie die Büßerin mit Thränen benetzen und mit den Haaren des Hauptes trocknen. O hätte ich doch in dieſem Augen⸗ blicke der tiefſten Rührung, in dieſer Stunde der Buße einen jener Diener Gottes gefunden, einen jener Prieſter, welchen das Amt und die Gewalt verliehen, in Seinem Namen Worte der Vergebung auszuſprechen! o wäre doch die unſelige Schranke ſur mich nicht da geweſen, welche Gewohnheit und Vorurtheil ſo oft zwiſchen den Diener des Herrn und die ſeiner Sorge anvertrauten bekümmerten Gewiſſen und verwirrten Gemüther erheben! hätte ich aus ſeinem Munde den Befehl empfangen: alles zu verlaſſen, um Jeſus nachzufolgen und die Worte vernommen:„Thue ſo und dir iſt verziehen!“— mein Geſchick wäre anders geworden! Aber dem war nicht ſo. Meine Reue hauchte ſich in unnütze Thränen aus und meine Sehnſucht nach dem Guten und Rechten endete mit der entmuthigenden, ſo oft wiederkehrenden Frage:„Wo find' ich den Pfad der Pflicht in den tauſend Irrgängen der Labyrinths, in welches mich Unglück, Verbrechen und Schwäche geſtürzt hat?“ Und wieder erhob ich mich ohne einen Vorſatz ge⸗ faßt, ohne ein Ziel im Auge zu haben! —; — 61— „ Auf dem Wege nach Hauſe begegnete ich Mr. Escourt, der ſich mir zu meinem großen Mißvergnügen anſchloß. Nach einigen unbedeutenden Bemerkungen nannte er, wie zufällig, Heinrich Lovell. Ich antwortete kalt, fühlte aber, daß ich roth ward— mehr jedoch in Folge der Erinne⸗ rung an die Rolle, die er hinſichtlich ſeiner geſpielt, als wegen einer andern Urſache. Er heftete ſeinen prüfenden Blick auf mich, und offenbar bemerkte er, daß irgend eine Bewegung in mir vorgegangen war. — Er iſt verheirathet, nicht wahr? und mit einer ſehr ſchönen Frau? — Ja, Miſtreß Lovell iſt ſehr ſchön. — Ich hörte von dieſer Heirath, fuhr er fort, aber ich glaubte nicht an dies Gerücht, da ich ihn fortwährend ohne ſeine Frau in der Geſellſchaft erblickte. Er ſah mich an, als erwartete er meine Antwort; da ich aber ſtill ſchwieg, ſprach er weiter: — Ich begegnete ihnen einmal auf der Promenade und beim Jupiter! wenn er eiferſüchtiger Natur iſt, thut er wohl daran, ſie eingeſchloſſen zu halten! Ich ſah nie ein reizenderes Geſchöpf!— Beſitzt ſie Geiſt? Dies war eine jener alltäglichen Fragen, deren Beant⸗ wortung nicht angenehm iſt, beſonders wenn ſie von Je⸗ manden ausgehen, mit dem man ſich nicht gern in eine Unterredung einlaſſen will. Alliice war nicht geiſtreich im gewöhnlichen Sinne des Worts, und einem ſo fühlloſen Weltmanne begreiflich zu machen, worin die Seelenhoheit dieſer jungen Frau beſtand, hieß, meiner Meinung nach, Perlen in eine Pfütze werfen; doch ich täuſchte mich hierin, denn als ich ihm antwortete: „Ich weiß wirklich nicht recht, ob ſie Geiſt beſitzt oder nicht“— erwiederte er ſchnell: — Ich glaube, errathen zu haben, was Sie ſagen wollen: ſie hat ohne Zweifel einen Geiſt ſo rein wie ihr Geſicht, aber nichts von dem Flittergold, das wir ſo oft für ächtes Gold halten; nicht wahr? Ich neigte den Kopf zum Zeichen der Beiſtimmung und er fuhr fort: —. 62— — Iſt's denn eine Heilige, die dem Prunk und den Eitelkeiten der Welt entſagt hat? — Sie iſt, erwiederte ich, jedenfalls eine jener Frauen, welche die Welt gewöhnlich Heilige zu nennen pflegt, was für einen Sinn auch Gottloſigkeit oder Leichtſinn mit die⸗ ſem Namen verknüpfen mögen. — In dieſem Fall, entgegnete Mr. Escourt, will ich ſie zu meiner Schutzpatronin machen, ihr Bildniß, wenn ich mir's verſchaffen kann, in mein Zimmer hängen und wie Romeo ſagen:„Holde Heilige, ich bete dich als meine Göttin an!“ Bei dieſen Worten warf ich auf den verhaßten Menſchen einen Blick, worin ſich Verachtung und Widerwillen miſch⸗ ten; er erwiederte ihn, indem er mich mit der beleidigendſten Unverſchämtheit keck anſah: — Vernichten Sie mich nicht mit dieſem Blick, ſchöne Ellen; denn obgleich der Blitz aus ſchwarzem Frauenauge lieblich iſt, ſo hat er auch eine wunderbare Gewalt, die Wunden ſchlägt, welche die Zeit nicht zu heilen vermag. — Er ſagt, antwortete ich, was die Zeit nicht ändern, noch die Schmeichelei abwenden kann. — Wirklich, ſagte er, ſind ſeine Beſchlüſſe ſo unwider⸗ ruflich? Nach einer Pauſe fuhr er fort: — Mr. Lovell iſt ein trefflicher Ehemann, nicht wahr? und liebenswürdig in allen Lebensverhältniſſen? Er iſt Ihr Onkel durch Heirath glaub' ich? es iſt wahrlich rüh⸗ rend zu ſehen, wie ſehr er in dieſer Eigenſchaft Ihnen zu⸗ gethan iſt. Die kalte Unverſchämtheit, mit welcher dieſe Worte ausgeſprochen wurden, verletzten mich aufs tiefſte und ich antwortete mit Heftigkeit: — Er iſt wenigſtens weder ein Lügner noch ein Heuch⸗ ler, und es wäre ihm zu wünſchen geweſen, daß er weder mit dem einen noch dem andern je zuſammengekommen wäre. 5 Keine Geſichtsmuskel des Mr. Escourt verrieth die ge⸗ ringſte Bewegung und er antwortete mit mildem Lächeln * X½ — 63— — JIhre Bemerkung iſt gerecht, ſchöne Betraute der Ge⸗ heimniſſe Ihres Adoptiv⸗Onkels; Ihre Charakterſchilde⸗ rungen ſind bewunderungswürdig, zeugen von der feinſten Auffaſſungsgabe und verrathen Kühnheit in der Ausfüh⸗ rung— große Kühnheit in der That. Dieſes letzte Probe⸗ ſtück wird meinem Gedächtniſſe unvergeßlich bleiben; es verdient dies vollkommen. Wir hatten das Haus erreicht, und ich trat mit dem Bewußtſeyn in daſſelbe, mir zur Vermehrung der mich umringenden Widerwärtigkeiten und Gefahren noch einen Todfeind mehr gemacht zu haben. IV. Die gewöhnlichen Spaziergänge, die geringfügigen Be⸗ ſchäftigungen und unerbaulichen Unterhaltungen füllten die langen Stunden der beiden folgenden Tage aus. Alles riff meine Nerven an und reizte mich während dieſer eit der traurigſten Ungewißheit. Eduard's Fieber dauerte fort und obgleich es nichts Beunruhigendes zeigte, ſo er⸗ hielt es uns dennoch in ſteter Beſorgniß. Man geſtattete Am zweiten Tage, gegen Abend, wo ich Heinrich's Ant⸗ wort entgegenſah, erreichte meine peinliche Ungeduld einen ſo hohen Grad, daß ich es kaum ertragen konnte, wenn Jemand mit mir ſprach oder ſich auf irgend eine Weiſe um mich bekümmerte. So oft ich die Hausſchelle hörte, erbebte ich und ſah nach der Thüre, und jedesmal wenn —. — 65— Tiſchchen legte, worauf ſich meine Arbeit befand. Meine Augen, alle meine Gedanken waren auf dieſen Brief ge⸗ richtet und im Uebermaß meiner Ungeduld befürchtete ich, daß ich mich ſelbſt unterbrechen würde, um ihn zu verlangen. Ich fuhr indeſſen fort und ſo oft ich den Verſuch machte, eine Stanze zu überſpringen, um zum Schluß zu kommen, verfehlte auch Mr. Mandy nicht, mich mit einer Sorgfalt und Höflichkeit, die mich zur Verzweiflung brachte, an die Auslaſſung zu erinnern. Endlich war ich zum vierzehnten Couplet gekommen und überließ, nun mich entſchieden weigernd, weiter zu ſingen, Roſa meinen Platz. In die⸗ ſem Augenblick näherte ſich Mr. Middleton, der mittler⸗ weile im Zimmer auf und ab gegangen war, dem Tiſche, worauf mein Brief lag, nahm ihn, unterſuchte das Siegel, die Handſchrift, betrachtete ihn von allen Seiten, während ich mir die erdenklichſte Mühe gab, gleichgültig zu ſcheinen, und überreichte ihn mir mit den Worten:„Von wem kann dieſer Brief wohl ſeyn, Ellen?“ Ich nahm ihn, warf einen Blick auf die Adreſſe, ant⸗ wortete:„Von Miſtreß Hatton“ und ſteckte ihn mit an⸗ ſcheinender Gelaſſenheit in meine Taſche. Hierauf nahm ich Platz, fing ruhig zu arbeiten an und hörte auf Roſa's Geſang, bis ich eine Gelegeuheit fand, unbemerkt aus dem Salon zu kommen. Ich flog mehr als ich ging, um mein Zimmer zu erreichen. Hier verſchloß ich die Thüre, brach haſtig das Siegel auf und verſchlang den Inhalt mit jener athemloſen Ungeduld, welche uns fühlen läßt, daß unſre Augen zu langſam ſind, um unſerm Geiſte den Sinn ein⸗ zuprägen.. Heinrich's Brief. „Ich verſuche nicht, Ihnen die Gemüthsſtimmung zu ſchildern, in welche mich Ihr Brief verſetzte. Er iſt wirklich mit Beſonnenheit geſchrieben und ich laſſe der Mühe, die Sie ſich unverkennbar gegeben, um meine Gefühle nicht zu verletzen, volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie haben end⸗ ich die Sinnesart deſſen erkannt, mit dem Sie es zu thun Haten, und Sie erkauften vielleicht dieſe Erkenntniß nicht . 5 — 66— zu theuer mit dem, was Sie durch mich zu erleiden hatten. Ihre Gewalt über mich iſt in der That wunderbar: unter⸗ werf' ich mich ihr, dann verachte ich mich ſelbſt, widerſteh' ich ihr, dann haſſ' ich mich! Ich kann nun nicht mehr glücklich werden, weder durch Sie, noch ohne Sie, und im Verluſte alles deſſen was ſonſt mein Glück war, haſche ich nach irgend einem körperloſen Fantom, das, wenn ich es erfaßt zu haben glaube, mir, meiner Troſtloſigkeit ſpottend, entſchlüpft. Solch ein Fantom zeigen mir die letzten Zei⸗ len Ihres Briefes. Sie ſchrieben nie wahrhaftere oder kunſtvollere Worte: wahr, wie der Pfeil, der ins Herz⸗ dringt, kunſtvoll, wie der Schütz, der ſein Ziel nicht ver⸗ fehlt. Sie haben recht, ich allein kenne Sie, ich allein kann in Ihren Zügen die Bewegungen Ihrer Seele leſen. Ich erkenne den ſchnellen Blitz Ihres Blickes durch den Schleier, der ihn umhüllt; ich ſehe den Schatten, der durch Ihren Geiſt ſchwebt, die Wolken, die Ihre Seele trüben, jenen aufwallenden Zorn, der ſich in Zärtlichkeit auflöſ't. Ich allein nur kenne das Geheimnißvolle dieſer wilden Schönheit, dieſer ſtolzen Demuth, Ihre vorübereilenden Freuden und Ihren bleibenden Gram. Dieſe Kenntniß, dieſe Macht gehören mir an und werden mir angehören bis zum letzten Tage unſeres Lebens, und ſo lange Ihre Augen den meinigen begegnen werden, ſo lange Ihre Hand die meinige mit dem Gefühle drücken wird, welches jene Zeilen Ihres Briefes dictirte: ſo lange werde ich nicht ganz unglücklich, nicht jedes Troſtes beraubt ſeyn; ich werde in Ihrer Seele eine Stelle einnehmen, die ſelbſt Eduard mir nicht frreitia machen kann. Und nun, was ſoll ich Ihnen ſagen? Sie ahnen es, nicht wahr? Ihr Angeſicht ſtrahlt vor Freude und ſiegestrunken klopft Ihr Herz. Wohlan denn, verkünden Sie Ihre Heirath! Wer⸗ den Sie Eduard's Frau und wenn der Prieſter vor dem Altare fragen wird:„Wer gibt dieſe Frau dieſem Manne zum Weibe?“, ſo denken Sie an den, der, Sie mit glühen⸗ der, wahnſinniger aber nie verſiegender Leidenſchaft liebend, Ihnen den Weg, trotz allen Qualen ſeiner Eiferſucht, ſei⸗ nes Stolzes und ſeines Gewiſſens, bahnte. Ja, auf Ko⸗ — 62— ſten meines Gewiſſens that ich's— und nun hören Sie mich an, Ellen. Nachdem ich Ihren Brief erhalten und ſo lange über den Inhalt deſſelben nachgedacht hatte, bis meine Beſorgniſſe Ihretwegen und der Wunſch, Ihr Glück zu befördern, über alle perſönlichen Rückſichten, über alle egoiſtiſchen Gedanken, welche Leidenſchaft und Eiferſucht er⸗ weckten, den Sieg davon trugen, ging ich nach Bromley, wo Miſtreß Tracy ſeit einigen Monaten wohnte. Ich ſtand ſeit meiner Heirath faſt in keiner Verbindung mehr mit ihr, und unſere Zuſammenkunft, wie Sie ſich leicht einbilden können, war nichts weniger als herzlich. Als ich ihr den Zweck meines Beſuches erklärt hatte, überließ ſie ſich dem Ausbruche eines Zornes, in welchem ſie mit aller Heftigkeit ihrer Eiferſucht ihrem lang verhaltenen Haſſe Luft machte. Ich ſchauderte bei dem Gedanken an die Gefahr, die wir ſo ſehr fürchteten, und welcher Sie täglich ausgeſetzt waren! zweimal hatte ſie ſchon an Mr. Middleton geſchrieben und ihre Briefe erſt in dem Augen⸗ blicke zurückbehalten, als ſie im Begriffe ſtand, ſie zur Poſt zu geben. Vermittelſt ihrer Anverwandten und deren Freunde war ich fortwährend von Spionen um eben, deren Kundſchaft ſie durch übertriebene Berichte über meinen Kaltſinn gegen Alice und meine Liebe für Sie in höchſtem Grade erzürnte. Weit entfernt, mich anzuhören oder mir die mindeſte Hoffnung zu geben, daß ſie jemals meinen Bitten entſprechen würde, brach ſie in die härteſten Be⸗ ſchuldigungen wider Sie aus und ſchwur, daß ſie nichts von nun an abhalten ſollte, die Mörderin Juliens, die ver⸗ haßte Nebenbuhlerin Alicens anzuklagen. Verzeihen Sie mir, liebe Ellen, daß meine Hand ſolche entſetzliche Worte niederſchreiben muß, aber es iſt nothwendig, damit Sie er⸗ fahren, was dieſe furchtbare Frau, wie Sie ſie mit Recht nennen, zu ſagen und zu thun im Stande iſt und damit ich Ihnen mein Benehmen, welches ich danach einrichtete, erklären kann. Ich änderte mit einemmale den Ton und ſagte ihr auf die kälteſte, entſchloſſenſte Weiſe:„Gut denn, ſo ſchreiben Sie Ihren Brief, vernichten Sie das ganze lück einer Perſon, die, ich erklär' es Ihnen, eben ſo un⸗ 5 — — 69— und in beſtändiger Verbindung mit: Ihnen muß ich lernen, Alice ſo zu behandeln, wie ich mich jetzt verpflichtet fühle, ſie zu behandeln. Eine der von ihrer Großmutter geführ⸗ ten Hauptbeſchwerden war die Einſamkeit, in welcher Alice lebte und in dieſem Punkte mußte ich nachgeben, obgleich ich, wie ich Ihnen ſchon einmal ſagte, die Folgen fürchte, welche daraus entſtehen können; aber Sie müſſen in unſe⸗ rer Nähe— bei uns bleiben. Kaum älter als Alice, kennen Sie doch die Gefahren der Welt und Sie werden wachen über ſie, die in ihrer kindlichen Unwiſſenheit und Einfachheit wie ein Schutzengel zwiſchen Ihnen und Ihrer Feindin ſteht. Es iſt etwas Heiliges in der Ergebenheit und in der Achtung, womit wir beide ihr zugethan ſeyn müſſen. Ich ſchaue nun mit Rührung auf ſie, die Mutter meines Kindes, mein Herz ſegnet ſie dafür, daß durch ſie Verderben und Schmach von Ihnen abgewendet wurde. Wenn Sie keinen nichtigen Vorurtheilen, keinen gemeinen Bedenklichkeiten Raum geben und nur das Gute berück⸗ ſichtigen, das Sie bewirken können, dann, Ellen, hoff' ich, wird uns Allen die Zukunft beſſere Tage bringen. Ver⸗ geſſen Sie nicht, uns Ihre Verbindung förmlich anzuzeigen, ſobald ſie erklärt ſeyn wird, und denken Sie auch daran, daß ich mit Bedachtſamkeit und Vorſicht mich benehmen werde, ſo lange Sie mir ein unbedingtes Zutrauen zeigen; aber ich kann nicht für mich ſtehen, wenn Laune oder un⸗ gerechter Argwohn Sie mir entfremden. Noch einmal, leben Sie wohl und Gott nehme Sie in ſeinen Schutz. Ihr ergebener Freund, Heinrich Lovell.“ Dieſer Brief entfiel meinen Händen, als ich die letzten Worte geleſen hatte und tauſend verwirrte Gefühle durch⸗ tobten mein Herz. Meine fanguiniſchen Hoffnungen ließen mich keine ſo günſtige Antwort erwarten, noch konnte ich mir denken, daß Heinrich mit ſolchem Eifer zu meinen Gunſten handeln würde, und doch graute mir mehr als je vor ihm und ſeiner Macht über mich, als ich ſeinen Vorſatz wahrnahm, auf eine oder die andere Weiſe ſein Geſchick an das meinige knüpfen und ſein Benehmen gegen mich nur nach dem meinigen gegen ihn einrichten zu wol⸗ — 7⁰0— len. Es war etwas Schreckliches in den Bedingungen, auf deren ſchwankenden Grundlage ich allein der drohen⸗ den Rache der Miſtreß Tracy entgehen konnte; es war— obgleich in verblümter Sprache— etwas entſetzlich De⸗ muͤthigendes in den Verbindlichkeiten, die mir Heinrich offenbar als Preis ſeines Schutzes auferlegte. Ich ver⸗ mied jederzeit Selbſttäuſchung und erkannte klar in der eiteln Vertröſtung auf eine beſſere Zukunft, in der Hinwei⸗ ſung auf die ſchuldigen Rückſichten gegen Alice, ſeinen be⸗ harrlichen Vorſatz, niemals ſeiner gewohnten Vertraulichkeit zu entſagen, die ihm in der vollen Ausübung ſeiner Ge⸗ walt über mich hinreichenden Spielraum zu laſſen ver⸗ ſprach. Ich beſchuldigte ihn weder der Heuchelei noch der Bosheit; nein, er war nur Egoiſt, Egoiſt von Grund der Seele. Ich las den Brief noch einmal, und bei der Stelle, wo er mich aufforderte, ſeiner zu gedenken, ſelbſt vor dem Altare, ſelbſt in dem Augenblicke, wo ich Eduard Treue gelobte, ſprach ich zu mir ſelbſt:— Stets zwiſchen ihm und mir, in der Idee, wenn nicht in der Thatz ſtets mit deinem Honig auf den Lippen, deinem Willen, hart wie Eiſen, und deinem Charakter, biegſam wie Stahl; ſtets deinen Antheil an meinem Herzen und deine Stelle in meiner Erinnerung fordernd; ſtets für deine eigenen Zwecke wirkend und mit deiner Rache drohend, ſelbſt dann, wenn du dich deiner Liebe und deiner Opfer rühmteſt! Während ſich meine Gedanken mit dieſer innern Anklage beſchäftigten, fühlte ich die Undankbarkeit und Härte der⸗ ſelben und wie gewöhnlich verdammte ich ihn anfangs, um zuletzt mich ſelbſt zu haſſen. Ich mußte geſtehen, daß Alles, was er von Alicen ſagte wahr und rührend war und ſo beſchloß ich, gewiſſenhaft, ja, mit bußfertigem Ge⸗ müthe, den Weg zu verfolgen, den er mir vorſchrieb und, wäh⸗ rend ich ihr meinerſeits eine ſchwache und ihrer wenig würdige Unterſtützung gewährte, wollte ich mich zugleich feſt an ſie ſchmiegen, damit ſie mir Schutz und Schirm ſey wider eine Liebe und wider einen Haß, die mir gleich furchtbar waren. Die Vorwürfe, die ich mir machte, nach⸗ dem ich Heinrich's Benehmen— und zwar in demſelben Augenblicke, wo er, ſo unvollſtändig ſeine Großmuth ſich auch zeigte, mir ein ſo großes Opfer brachte— einem ſo ſtrengen Tadel unterworfen hatte, erzeugten wie gewöhn⸗ lich eine Gegenwirkung zu ſeinen Gunſten und etwas, das einem Gefühle von Zärtlichkeit glich, ſchlich ſich bei dem Gedanken an ſeine ſo innige, unüberwindliche Zuneigung in mein Herz. Es kam mir immer vor, daß in Heinrich zwei verſchiedene Naturen walteten: die eine ſtörriſch, egoi⸗ ſtiſch, ironiſch und herzlos, die andere zärtlich, faſt weibiſch zärtlich und weich, ja weich bis zur Empfindelei, und trotz allem dem, was ich von der einen dieſer Naturen zu dulden hatte, ließ ich mich zuweilen von der andern rühren und hinreißen. Auch ſein Brief ſchien, wie er ſelbſt, einen doppelten Charakter zu tragen, der mich wechſelsweiſe rührte und entrüſtete. Bald empfand ich einen jener Wechſel der Gemüths⸗ ſtimmung, einen jener plötzlichen Gefühlsübergänge, die uns für den Augenblick in ein anderes, von unſerm ge⸗ wöhnlichen ganz verſchiedenes Weſen umzuwandeln ſcheinen. Ich faßte den trotzigen Vorſatz, glücklich werden zu wollen, mich beherrſchte eine ſorgloſe Verachtung der Zukunft, eine Art leidenſchaftlichen Leichtſinns, kindhafter Unbekümmert⸗ heit. Es zog mich jetzt nach London zurück, ich ſehnte mich danach, meine Verbindung mit Eduard erklärt, mich be⸗ grüßt zu ſehen, die Glückwünſche der Freunde zu empfan⸗ gen, in ein neues Leben zu treten und aus meinem Ge⸗ dächtniſſe ſo viel als möglich die Spuren der Vergangen⸗ heit zu tilgen Als ich am darauf folgenden Morgen aufgeſtanden war, mich angekleidet, mein Fenſter geöffnet, den ſchönen Som⸗ merhimmel betrachtet hatte und dann Eduard bemerkte, der in der Allee vor dem Hauſe ſtand, klopfte mein Herz mit jenen raſchen Schlägen der Freude und ſtürmiſchen Bewe⸗ hung welche alle düſtern Gedanken und Beſorgniſſe ver⸗ ſcheuchen, gleich wie der Wirbelwind das dürre Laub um⸗ fängt und fortträgt, das ihm im Wege liegt. Eduard winkte mir, zu ihm zu kommen. Er empfing mich mit einem liebevollen Lächeln und die Haarlocken aus meinem Geſicht ſtreichend, ſprach er ganz leiſe:„Meine ſchwarzäugige Ellen!“ Dieſe Liebesworte ſanken in mein Herz, wie der Himmelsthau auf den heißen Sand der Wüſte, während ich mich der ſo lang unterdrückten, ſo tief empfun⸗ denen Leidenſchaft, die meine Seele erfüllte, hingab, und, im Geiſte vor ihm niedergeſunken, im Licht ſeiner Augen lebte und faſt ſehnſuchtsvoll wünſchte, in ſeiner Gegenwart und von ſeiner Hand zu ſterben, bevor irgend etwas im Himmel oder auf Erden uns trennen könnte. Der gewal⸗ tige, ängſtliche Trieb, jeden Gedanken an die Zukunft zu erſticken und nur mit aller Kraft des Geiſtes und des Willens mich meinem Glücke hinzugeben, verlieh meinen Gefühlsäußerungen einen unbeſchreiblichen Ausdruck, und Eduard fragte mich zuweilen ſelbſt im höchſten Entzücken ſeiner Liebe, ob denn keine Ruhe in meinem Glück, keine Ruhe in meiner Zärtlichkeit ſey, und weshalb ich manchmal, wenn meine Hand in der ſeinen ruhte, wenn mein Kopf an ſeiner Bruſt lag, mit erſchütternd leidenſchaftlicher Be⸗ wegung flüſterte:„Hier laß mich ſterben!“ — Fragen Sie mich nicht, erwiederte ich alsdann, fragen Sie mich nicht, warum einige Blumen ihren Kelch im vollen Glanze des Sonnenlichtes ſchließen; fragen Sie mich nicht, warum die Mauern der Abtei⸗Kirche erbeben, wenn der volle Klang der Orgel durch die Chorgänge erzittert; fragen Sie mich nicht, warum die Majeſtät einer Sternen⸗ nacht mich zu Thränen rührt, oder warum meines Glückes Größe mir einen Schauer einflößt. — Aber ich liebe Sie, Ellen, antwortete Eduard, auch ich liebe Sie von ganzer Seele, ganzem Herzen. Mein Glück iſt ſo groß, wie das Ihre und doch iſt auch im Uebermaß beider Vertrauen und Friede. — Weilp, entgegnete ich, niemals zwei Charaktere einan⸗ der unähnlicher waren. Ein ruhiger. tiefer Fluß gleicht eher dem Strom, deſſen Gewäſſer vom Regen anſchwellen und den andern Tag wieder abnehmen, als Ihre Gemüths⸗ art der meinigen. Verſuchen Sie nicht, mich zu begreifen, Eduard. Ich ſage das mit der tiefſten Demuth; Sie können die Thorheit und Schwachheit meiner Seele nicht ergrün⸗ — 33— den, aber das dürfen Sie glauben, daß wie der Bergſtrom, wie er auch ſchäumen und brauſen mag, nur einen Ge⸗ Penſtand, nur ein Ziel hat, eben ſo ſtreben die verſchiedenen riebe und das unaufhörliche Schwanken meines unruhigen Geiſtes nur nach einem Vereinigungspunkte— unbeſchränkte Liebe, unbegrenzte Ergebenheit für Sie, Eduard. Eduard ſchien ſtets gerührt von dem Ausdruck meiner heißen Liebe, und erwiederte ihn auf die zärtlichſte, gü⸗ tigſte Weiſe, aber doch verdrängte derſelbe nicht aus ſeinem Angeſichte etwas Unruhiges und Betrübtes, das die Un⸗ gleichheit meiner Laune und meiner Gemüthsſtimmung in ſeinem Geiſte erweckte. Bevor wir Hampſtead verließen, machte Miſtreß Midd⸗ leton den Moore's unſere Verlobung bekannt und Roſa, die ſeit einigen Tagen errathen hatte, was vorging, wünſchte mir mit der größten Wärme und Treuherzigkeit Glück; aber unbewußt warf ſie einen Wermuthstropfen in ihre Glückwünſche, indem ſie lächelnd hinzufügte:„Iſt es nicht ſonderbar, daß Sie den unſichtbaren Männern von Brandon ungehorſam zu ſeyn wagen? ich hoffe, Sie rech⸗ nen nicht darauf, gleichwie bedroht, auch beſtraft zu wer⸗ den— durch eine Stellvertreterin?“ V. Auf dem Rückwege nach London fragte Eduard Mr. Middleton, wie lange er noch dort zu bleiben gedenke und wo er wünſche, daß unſre Hochzeit gefeiert werde. — Das hängt ganz von Euch beiden ab. Wollt Ihr Euch nicht in Elmsley trauen laſſen? Dieſer Vorſchlag ergriff mich ſo ſchmerzlich, daß ich Eduard ängſtlich anſah und lebhaft wünſchte, daß er irgend eine Einwendung dagegen vorbringen möchte, obgleich ich ſehr daran zweifelte. Wie ich befürchtete, wandte er ſich bloß zu mir, und fragte mich, was ich vorzöge. Bevor ich Zeit zu antworten fand, ſagte Miſtreß Middleton, daß in Betracht alles deſſen, was hinſichtlich der Vorbereitungen zur Hochzeit noch zu thun ſey, ſie es für angemeſſener halte in London zu bleiben. Eduard fügte hinzu, daß es auch für ihn vortheilhafter wäre, wenn wir unſern Aufent⸗ halt in der Stadt verlängerten, da mannichfaltige Einrich⸗ tungen, die er zu machen habe, öfters ſeine Anweſenheit erheiſchten; wir könnten aber ſpäter nach Elmsley gehen, um uns dort zu verheirathen, wenn mein Onkel es wünſchte. Zu meiner größten Beruhigung erhob Miſtreß Middleton noch einen andern Einwand. Da mein Onkel gleich nach unſrer Hochzeit mit ihr nach dem Continent verreiſen würde, ſo, meinte ſie, wär' es unnütz, zuvor auch noch Elmsley zu beſuchen. Ich ſah meine Tante ganz erſtaunt an, aber ſie gab mir einen Wink, nichts weiter über dieſen Gegen⸗ ſtand zu ſprechen; ich gehorchte ihr gerne; indeſſen lag mir der Gedanke an dieſe Reiſe ins Ausland ſchwer auf dem Herzen und beſchäftigte mich ſo ſehr, daß ich mich auf dem übrigen Rückweg ſtillſchweigend verhielt. Als wir nach London kamen und Brook⸗Street erreich⸗ ten, ſchien es mir, als wären Monate und nicht Tage ſeit dem Augenblicke vorüber gegangen, wo wir die Stadt verlaſſen hatten. Im Beſuchzimmer ſetzte ich mich auf ei⸗ nen Stuhl nächſt dem Fenſter und, den Kopf auf die Hand geſtützt, uͤberdachte ich mir alles noch einmal, was ſich in der letzten, ſo ereignißvollen Woche zugetragen hatte. Auf der Straße war alles in vollem Leben; das Gewühl hatte den höchſten Grad erreicht, die Luft war drückend, der Lärm betäubend. Niemand war mir in das Beſuchzimmer ge⸗ folgt; ich blieb daſelbſt eine Stunde lang in tiefes Nach⸗ ſinnen verſunken. Vor meinem Geiſte ſchwebten alle Er⸗ eigniſſe meines Lebens vorüber: meiner Tante erſtes Er⸗ ſcheinen in Elmsley, Juliens Geburtstag und der Augen⸗ blick, wo man mich, während der Zeichenſtunde herbeirief, um meine kleine Couſine in der Wiege zu küſſen, das Glück meiner Kindheit und meiner erſten Jugendjahre, die ſchönen Stunden, welche ich mit meiner Tante den Studien oblag, meine Wanderungen zu Fuß und zu Pferd durch die herrlichen Landſchaften, welche Elmsley umgeben, mein „ — 75— liebes Kaſtanienwäldchen, wo ich meinen Selim ſich ſelbſt überließ, um mich nach Laune und Gefallen durch die Krümmungen der Fußpfade und ſchattigen Thäler zu füh⸗ ren Aber auch die Erinnerungen blieben nicht aus an die Begebenheiten, die meines Lebens Glück verfinſterten: Ju⸗ liens Krankheit, ihre Wiedergeneſung, ihr Tod— und mit Schaudern gedachte ich aller Qualen der Angſt und Ver⸗ zweiflung, die mich während der Beerdigung faſt zum Wahnſinn trieben! Auch an den Tag erinnerte ich mich, wo Eduard abreiſ'te; meine Einbildungskraft zeigte mir den Weg nach Bridman Cottage und die Höhle am Meeres⸗ ufer in Dorſetſhire; ich gedachte des Tages, an welchem Eduard nach Elmsley zurückkehrte, an den Aſchermittwochs⸗ ottesdienſt in der Dorfkirche, in derſelben Kirche, wo Iulie beigeſetzt ward und wo Eduard's Lippen Amen! ausſprachen, an den Fluch, der mein geſenktes Haupt zu treffen ſchien— und dort war es, wo ſie mich mit Edu⸗ ard vermählen wollten! dort, im Angeſicht der Gruft, wo ſie ruhte, inmitten der Mauern, in denen jener Fluch wi⸗ derhallte! „O! nein, nein! rief ich aus; nicht in Elmsley! nicht in Elmsley!“ Eine Hand legte ſich ſanft auf meine Schulter und Eduard ſagte: — Warum nicht in Elmsley? Ich wandte mich ſchnell nach ihm um und nicht minder ſchnell zurück, um die Thränen vor ihm zu verbergen, die meinen Wangen herabfloſſen. Er ſagte kalt: — Weinen Sie auch dieſe Thränen in der Ueberſchwäng⸗ lichkeit Iyres Glücks? Ich antwortete nicht gleich— ich war's nicht im Stande. Eduard nahm ein Buch zur Hand und ſetzte ſich ans Ka⸗ min. Andere Perſonen traten ins Zimmer: ich mußte mich ankleiden und erſt ſpät am Abend gelang es mir— indem ich ſchlau, obgleich nicht ganz der Wahrheit zuwider, auf den Kummer anſpielte, womit mich die beabſichtigte Reiſe meiner Tante nach dem Continente erfüllte— Eduard's ſtillen Mißmuth, der ſein Angeſicht umwölkte, zu verſcheuchen. In — 76— der That gab dieſe Reiſe den erſten Anlaß zu meiner tiefen Niedergeſchlagenheit. Ich glaubte, Heinrich würde noch dieſen Abend zu uns kommen; aber er ließ ſich nicht ſehen. Am nächſten Morgen hatte ich eine lange Unterredung mit meiner Tante; ſie ſagte mir, die Aerzte hielten es für äußerſt nothwendig, daß mein Onkel den kommenden Winter in einem wärmeren Klima zubringe; derſelbe ſey jedoch mit dieſem Plane nichts weniger als einverſtanden, weil er ſich nur mit dem größten Widerwillen entſchließen könnte, ſo lange Zeit Elmsley zu verlaſſen, und ſie befürchte deshalb, wenn er dies Jahr noch hinginge, daß ſie nicht im Stande ſeyn würde, ihn zur Wiederabreiſe zu überre⸗ den. Sie ſchien ſehr bekümmert zu ſeyn, und nach ver⸗ geblichen Verſuchen, ſich zu bezwingen, ſchlang ſie ihren Arm um mich und verbarg ihr Angeſicht an meinem Hals. — Liebes Kind, ſprach ſie zu mir, mache mir ja nie⸗ mals Kummer, alles andere kann ich ertragen. Ich rede nicht oft mit Dir, Ellen, von mir ſelbſt, wenigſtens unter⸗ ließ ich es ſeit der Zeit, wo wir beide ſo vertraut nur für einander lebten, und ich würde es auch jetzt unterlaſſen, wenn mich nicht ein unwiderſtehlicher Drang einigermaßen dazu zwänge Nur noch wenige Tage und Du wirſt ver⸗ heirathet ſeyn, und dann wird eine Trennung erfolgen, die ich mit Muth ertragen werde, aber Muth erfordert ſie, theure Ellen, denn ich liebte Dich zu leidenſchaftlich, zu ſehr wie ein Kleinod, das nichts mir entreißen ſollte und dem ich mich mit aller Kraft eines niedergedrückten, aber feurigen Geiſtes hingab. Mein ganzes Leben lang traf ich nur auf Gleichgültigkeit und mußte wider Täuſchun⸗ gen aller Art ankämpfen. Liebende Hingebung war meiner Jugend Traum, ich begriff keine andere Glückſeligkeit und wünſchte nur für dieſen Zweck zu leben. Mein Vater war einer jener Menſchen, die ſo wenig dieſes Gefühl in Andern begreifen, daß wenn ſeine Tochter für ihn gethan hätte, was das ruſſiſche Mädchen Eliſabeth für ihren Vater that, er gewiß mit aller Treuherzigkeit und Ruhe geſagt haben würde:„Ich glaube, Sibirien war ihr überdrüſſig, und die Reiſe machte ihr Vergnügen.“ Als ich mich verheira⸗ thete, fand ich in Deinem Onkel einen Charakter, der dem meines Vaters ſchnurſtracks zuwider war, der aber eben ſo wenig zu dem meinigen paßte. Meines Vaters Welt⸗ ſinn und Mangel an Wärme des Gefühls entfrem⸗ dete mich demſelben; aber die unerſchütterliche Verſchloſ⸗ ſenheit, der kleinliche Despotismus, oder vielmehr Ab⸗ ſolutisnus der Gemüthsart Deines Onkels ſtellten zwiſchen dieſen und mich dieſelbe Schranke. Dir, Ellen, entging nicht dieſer Umſtand, der unſer Glück beeinträch⸗ tigte, ſonſt würde ich nicht das einzige Gebrechen an einem ſo liebenswürdigen, trefflichen Charakter erwähnt haben. Deines Onkels Lieblingsmarxime iſt:„Thaten, keine Worte;“ er ſelbſt richtete ſich immer genau danach; aber ſein Irr⸗ thum beſteht darin, daß er nicht wahrnimmt, daß es Cha⸗ raktere gibt, die ohne Worte kaum zu handeln vermögen, die der Sympathie und Aufmunterung ſo ſehr bedürfen, wie das Leben Luft, wie die Pflanze der Sonne bedarf. In der erſten Zeit unſrer Ehe ſuchte ich dieſe Zurückhal⸗ tung in ſeinem Weſen durch die Wärme der Begeiſterung zu erſetzen, die mir eigenthümlich iſt. Endlich aber eines Kampfes des Herzens und des Geiſtes müde, deſſen Frucht⸗ loſigkeit ich inne ward, erſchöpft, ja erzürnt dieſer unüber⸗ windlichen Schroffheit gegenüber, gab ich entmuthiget jeden neuen Verſuch auf, ſie, wenn nicht zu beſiegen, doch zu mildern. Ich that meine Pflicht und handelte, wie man es von mir verlangte; aber das Wort, das wun⸗ derbare Vermögen, das uns des Schöpfers Weisheit und Huld verliehen, das Geiſtige zu verkörpern, den Gedanken gleichſam in einen tönenden Hauch zu kleiden, um ihn an⸗ dern verwandten Weſen mitzutheilen, das Wort, in dem ſich auf Erden die Geiſter einander offenbaren und grüßen, in welchem ſie die Gleichheit ihrer Naturen und Beſtim⸗ mung gegenſeitig einander beurkunden— dieſe Hälfte mei⸗ nes Seyns blieb dem verſchloſſen, welchen ich liebte und ehrte, zwiſchen deſſen Seele und der meinigen aber der Berührungspunkt fehlte. Was Heinrich betrifft, ſo will ich aus tauſend Gründen nicht von ihm mit Dir ſprechen. — 78— Du weißt, daß ich mich nie bedacht habe, mir ſelbſt die Wahrheit einzugeſtehen oder eine Täuſchung zu zerſtören, welche ich im Innerſten meines Herzens als ſolche erkannte. Es gehört aber eine Kraft und ein Muth dazu, woran es mir beſonders jetzt gebricht, um die Fortſchritte der Er⸗ kaltung einer Zuneigung auseinanderzuſetzen, die einſt ſo innig war, wie die einer Mutter und die noch immer ihr Daſeyn durch den Schmerz verräth, welchen ſie einflößt. Sieh mich nicht ſo fragend an, Ellen; ich habe nichts zu ſagen, nichts zu erörtern, über nichts zu klagen. Ich weiß nur, daß es eine Zeit gab, wo meine ganze Seele in Liebe für Heinrich aufging, wie ich ſie dann für Dich empfand, eine Zeit, wo ſeine Augen die meinigen ſuchten in Stunden der Freude und in Stunden des Kummers, wo ſeine Ge⸗ danken die meinen und meine Gedanken die ſeinen waren; bis, ich weiß nicht, wodurch, irgend ein geheimnißvoller Einfluß, eine namenloſe Wolke zwiſchen uns trat und einen eiſigen Schatten auf den Geiſt unſrer Liebe warf. Und jedes Jahr erweiterte die Wunde und lockerte das Band, das uns an einander feſſelte, ohne es zu zerreißen. Ver⸗ ſuche nicht, liebe Ellen, über dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Es beſtand in der letzten Zeit zwiſchen uns beiden, eine geheime Sympathie, die jenen Gedankenaustauſch, jenes ſich mittheilende Entgegenkommen erſetzte, woran wir einſt gewöhnt, worin wir glücklich waren. Redeten wir auch nicht mit einander, ſo verſtanden wir uns doch einander, und ohne ein einziges Wort auszuſprechen, theilten wir unſere Sorgen und unſern Kummer einander mit. Und nun, geliebtes Kind meines Herzens, werde glücklich, wenn Du es werden kannſt. Nichts Trauriges, Bitteres, Schmerzliches miſche ſich in meine Gedanken an Dich und Deine Zukunft. Keine Wolke verdunkle Deinen makelloſen Ruf; Dein Name werde nur unter Segnungen genannt; Deine Gegenwart verbreite Freude überall. Wenn ich mir dann während meiner Abweſenheit Deine theuern Züge, Dein ſtolzes Lä⸗ cheln und Deiner dunkeln Augen Glanz im Geiſte vor⸗ ſtelle, ſo werd' ich mir keinen andern Traum für meine Nächte wünſchen. Meine Tante entließ mich hierauf mit den heißeſten Wünſchen für mein Wohl; ich aber kleidete mich zu einem Spazierritt mit Eduard an. Zuvor ſchrieb ich noch ein Briefchen an Alice, worin ich ihr meine bevorſtehende Hochzeit anzeigte und ſie, im Namen der Miſtreß Middle⸗ ton einlud, uns den Abend zu beſuchen. Auf dem Wege war Cduard ſehr ſtille und wenn er ſprach, geſchah es nur, um irgend einen leichten Fehler in der Art meiner Haltung zu Pferde oder in der Führung des Zügels zu tadeln. Die wehmüthigen Gefühle, welche die Unterredung mit meiner Tante in mir erweckt hatte, durchdrangen noch mein Herz; die Ausdrücke ihrer ſchwär⸗ meriſchen Zärtlichkeit tönten noch in mein Ohr und die Worte des Tadels, ſo milde ſie auch waren, welche Edu⸗ ard's Lippen entſchlüpften, harmonirten ſo wenig damit, daß ſie mich verletzend berührten. Obgleich in ſo vielen Beziehungen einander unähnlich, glichen ſich meine Tante und Heinrich Lovell doch in einer Hinſicht, die nie ihren Eindruck auf mich verfehlte. Ohne Uebertreibung und Ueberſpannung, durch die natürlichen Eigenſchaften ihres Geiſtes, durch den Verein einer mächtigen Verſtandes⸗ und lebhaften Einbildungskraft, durch eine Gabe der Beredt⸗ ſamkeit und eine bewundernswerthe Sprachgewandtheit poetiſirten ſie das Leben, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, und wußten alle Gegenſtände, worüber ſie ſprachen, mehr oder weniger anziehend und maleriſch zu geſtalten. Ich dachte in dieſem Augenblicke daran, was Heinrich mir ein⸗ mal ſagte: daß ſeine Schweſter mir geſchadet habe, und ich zitterte faſt, indem ich mich ſelbſt fragte, ob ich nicht— trotz meiner innigen Zuneigung für Eduard— ſchmerzlich jene treue Sympathie vermiſſen würde, woran ich mich ſo lange gewöhnt hatte, nach der ſich meine Natur ſehnte, welche die ſeinige aber nicht gewährte. Wir ritten gerade über ein Feld bei Fulham und kamen an einen tiefen Graben mit einem Zaun jenſeits. Eduard ſetzte hinüber und empfahl mir ausdrücklich, ihm ja nicht zu folgen, während er im nächſten Felde nach einem andern Ausweg ſuchen wollte; aber empfindlich über ſeine Bemer⸗ — 80— kungen über meine Art zu reiten, trieb ich Selim an und mit einen leichten Satz ſprang er hinüber. Eduard kam zu mir und als ich ihn triumphirend anſah, bedeckte eine Todtenbläſſe ſein Angeſicht. Wir ritten einige Minuten ſtillſchweigend weiter, und als ich endlich zu ihm ſagte:„Ich hoffe, daß Sie meinen Muth bewundern?“ antwortete er trocken:„Mir ſind die unnützen Gemüthsbewegungen ſo ſehr zuwider, als Sie daran Gefallen zu finden ſcheinen.“ Nach einer Pauſe fügte er hinzu: — Ein ſolches Beiſpiel von Unfolgſamkeit von Seiten, einer Ehefrau wäre unverzeihlich, und obgleich der Gehor⸗ ſam erſt in der Ehe eine Pflicht ſeyn mag, ſo würde er mir doch vor derſelben einen außerordentlichen Reiz ge⸗ währen. Ich reichte Eduard die Hand mit einer flehenden Miene. Er nahm ſie, küßte ſie zärtlich und ſagte lächelnd: — Mir geht's, liebe Ellen, wie den Müttern, die ihre Kinder ausſchelten, wenn dieſe ſie in Angſt geſetzt haben; aber vergeſſen Sie nicht, gute Ellen, daß ich Sie lieber beſorgt ſehen würde, mir zu mißfallen, als einen Muth beweiſen, der mir an einer Frau nie gefallen hat. Da vor der Mittagstafel nicht von Alicen geſprochen wurde, ſo vermuthete ich, daß ſie den Abend mit ihrem Manne kommen würde; und während Eduard mit mir von einigen Einrichtungen für die Zukunft ſprach, konnte ich mir eine Menge Vermuthungen in Betreff des Tones und Benehmens nicht aus dem Sinne ſchlagen, welche Hein⸗ rich in dieſen neuen Verhältniſſen annehmen würde. Meine Blicke waren unbeweglich auf einen Plan der Behauſung zu Hillscombe gerichtet, wo Eduard einige Aenderungen vorzunehmen beabſichtigte, als plötzlich an die Hausthüre geklopft ward. Ich erbebte. Meine Hände waren eiskalt, mein Angeſicht glühte. Gleich darauf traten Heinrich und Alice ins Zimmer. Sie kam mir ruhig entgegen, küßte mich und ſagte mit innigem Ausdruck:„Wie ſehr erfreut mich Ihr Glück!“ Ich reichte Heinrich meine kalte, zitternde Hand. Er drückte ſie ſchnell an ſeine Lippen und ſagte — — 81— raſch und faſt ſo unvernehmlich, daß ich allein den Sinn ſeiner Worte zu faſſen vermochte:„Ich wünſche Ihnen Glück und mögen Sie nie fühlen, was ich jetzt fühle.“ Er ging zu Eduard, drückte ihm herzlich die Hand, gratu⸗ lirte ihm mit inniger Theilnahme und ſtellte ihn dann Ali⸗ cen vor. Dann wandte er ſich zu meinem Onkel mit den Worten: — Ich erfuhr im Club eine Nachricht, die Sie über⸗ raſchen wird. M.—— das Parlamentsmitglied für Ihre Grafſchaft, iſt geſtorben. — Iſt es möglich! Was ſagen Sie da? rief mein Oheim aus. Ich ſah ihn geſtern noch in St. James⸗Street. Wiſſen Sie's auch gewiß? — Ganz gewiß! und wenn Eduard beabſichtigt, ſich um Stimmen zu bewerben, ſo muß er ſich fertig halten. — Eduard, Du darfſt nicht zögern! rief mein Onkel mit allem Eifer eines Politikers. Du wünſchteſt längſt ins Parlament zu kommen und nun haſt Du die ſchönſte Gelegenheit dazu. — Das iſt nun gerade nicht die Zeit, die ich gewählt haben würde, erwiederte Eduard, mich mit einem Lächeln anſchauend. — Dummes Zeugl rief Heinrich mit einer, dem An⸗ ſchein nach ganz ungezwungenen Fröhlichkeit. Das iſt ge⸗ rade die rechte Zeit. Sie werden, den Wählern gegenüber, beredt ſeyn in der Hoffnung, daß Ellen Ihre Reden in den Zeitungen leſen wird. Sie haben ſich ſo ſchön daran gewöhnt, den Hof zu machen, daß Sie ohne Mühe und auf die natürlichſte Weiſe von der Welt die Frauen und Töchter der Stimmgeber für ſich gewinnen werden. Was wird das nicht für eine wundervolle Wirkung machen, wenn Sie ſich auf die Stärke Ihres Patriotismus berufen, der Sie den Armen Ihrer Braut entriß, um Sie den ſchweren Pflichten eines Kämpfers für das Gemeinwohl oder eines beharrlichen Gegners des neuen Armengeſetzes zuzuführen! Aber Scherz bei Seite, mein Lieber! Sie haben keine Zeit zu verlieren! der Feind wird ſchon morgen den Kampfplatz einnehmen und wenn Sie nicht bei der Hand ſind— II. 6 —— Ich ſtand unwillig auf und, mich hinter meines Onkels Seſſel ſtellend, warf ich auf Heinrich einen zornigen, fra⸗ genden Blick. Seine Augen begegneten den meinigen und er erröthete; aber demungeachtet hörte er nicht auf, mit Eindringlichkeit Eduard und meinen Onkel zu überreden, dieſe Gelegenheit ja nicht zu verſäumen, um Erſterm einen Sitz im Parlament zu ſichern, wodurch Letzterer einen fortdauernden Einfluß in der Grafſchaft und die Regierung eine Stimme mehr gewinnen würde. Eduard ſchaute auf mich und fragte mich halb ernſthaft, halb ſcherzhaft um meine Meinung. Bevor ich jedoch antworten konnte, äußerte ſich mein Onkel: — Ich bitte Dich, Ellen, Dich nicht hineinzumiſchen und durch Kindereien einer Angetegenheit nicht in den Weg zu treten, die von ſo hoher Wichtigkeit für mich und Eduard iſt. Seit mehreren Jahren gehe ich mit dieſem Plane um, und wenn wir ihn jetzt nicht zur Ausführung bringen, ſo wird er ganz und gar ſcheitern. Ich wußte in der That meinem Onkel keinen Einwand entgegenzuſetzen; was mir aber durch die Seele ging, war der Umſtand, daß von Heinrich die Idee kam und er ſich ſo eifrig bemühte, ſie geltend zu machen. Als mich Edu⸗ ard wiederholt und noch dringender um meine Meinung fragte, ſuchte ich mich zu bezwingen und antwortete, daß er nichts beſſeres thun könnte. — Eduard, Du mußt morgen früh nach Elmsley gehen und dort Deine Einrichtungen treffen, ſagte mein Oheim. Ich zweifle keinen Augenblick an einem guten Erfolg; wir dürfen aber nichts vernachläſſigen, um ihn zu ſichern. Ein Bedienter erſchien und meldete Mr. Middleton, daß Mr.*s und Sir* vorgefahren ſeyen und eines wichtigen Gegenſtandes wegen ihn zu ſprechen wünſchten. Der eine war ein Miniſter und der Andere einer der einflußreich⸗ ſten Gutsbeſitzer unſrer Grafſchaft. — Sie kommen gerade dieſer Angelegenheit wegen, ſagte mein Onkel, und zu rechter Zeit. Führe ſie in mein Zimmer. Du, Eduard wirſt ſogleich nach Lawſon ſchicken; er kennt perſönlich jeden Stimmgeber auf meinen und — — 83— Deinen Gütern und es wird gut ſeyn, wenn er Dich mor⸗ gen nach Elmsley begleitet. Dann aber ſey ſo gut, und komm zu uns in mein Cabinet. Eduard näherte ſich Heinrich und flüſterte ihm etwas zu, worauf Letzterer ſogleich mit ihm das Zimmer verließ. Miſtreß Middleton, Alice und ich blieben allein. Ich hatte nun Muße, Alice zu betrachten und zu bemerken, daß ihr Zuſtand ſehr ſichtbar geworden war: ihr Geſicht, obgleich ſo ſchön als je, war bläſſer und eingefallener als gewöhn⸗ lich. Miſtreß Middleton bemerkte daſſelbe. Alice ſagte ihr, daß ſie in vier bis fünf Monaten Mutter zu ſeyn hoffe. Dieſe Nachricht ſchien Miſtreß Middleton ſehr zu erfreuen; ſie richtete einige Fragen an ſie und gab ihr manchen Rath in Betreff ihrer Geſundheit. Meine Augen ruhten unbeweglich auf beiden Frauen und eine Reihe von Gedanken zog durch meine Seele während ſie mit leiſer Stimme ihr Geſpräch fortſetzten. So ſaßen wir denn ruhig beiſammen, mit lächelnden Lippen, ſcheinbar umgeben von Frieden, Eintracht und Glück. Alicens kleine Hand, die ſie mir in dem Augenblicke ge⸗ reicht hatte, wo ich mich dem Sopha näherte, auf welchem ſie ſaß, ruhte in der meinigen; Miſtreß Middleton, welche ihre Niedergeſchlagenheit, die ſich am Morgen ihrer bemei⸗ ſtert hatte, zu beſiegen wußte, ſprach fröhlich von meiner Heirath, von ihren vermehrten Beſchäftigungen, welche dieſe veranlaßte, von ihrer bevorſtehenden Reiſe und von ihrer Freude, wenn ſie im Frühjahr wieder zu uns kommen würde. Wenn, gleich dem Engel, der Parnell's Klausner geleitete, irgend ein himmliſcher Führer einem unſichtbaren Zeugen dieſer ſtillen Scene häuslichen Glückes die unter der freundlichen Außenſeite verborgenen Geheimniſſe ent⸗ deckt hätte: welches Grauſen, welches Entſetzen würden ihm des Engels Worte eingeflößt haben:„Betrachte dieſe drei Frauen] ſieh dies junge reizende Weſen, aus deſſen reinen Blicken heilige Gedankentiefe und Seelenruhe leuchten, wie ſie dieſe Welt nicht zu geben noch zu nehmen vermag: ſo ſchön ſie auch iſt, ſo koſtbar auch ihres Herzens, ihres Geiſtes Schätze ſind, ſo ward ſie doch einem Manne hin⸗ 4 6* — 84— gegeben, der dieſe Schätze nicht zu würdigen verſteht, deſſen verderbter Geſchmack größern Reiz findet in des Stromes Brauſen, als in der Klarheit des friedlichen Sees, in dem funkelnden Blick und der düſtern Stirn, als im ruhigen Sinnen einer Liebe voll Innigkeit. Sie ſteht allein in der Kraft ihres Glaubens, in der Macht ihrer Unſchuld; doch um ihr Herz ſchlingt ſich ein neues Band, und iſt ihr Tritt auch feſt, ihre Seele ſtark, ſie müſſen feſter noch und ſtärker werden um ihres Kindes willen, das ſie unter dem Herzen trägt. Nun hält die Erde ſie an ſich gefeſſelt; nun kann ſie nicht mehr mit St. Paul ſagen:„Sterben iſt, Gewinn“; nun kann ſie nicht länger durch die Welt gehen, als gehöre ſie dieſer nicht an. Sie muß ſich an ihn hängen, deſſen Namen ſie trägt, ſeinen Fußſtapfen muß ſie nachfol⸗ gen, ſeine Blicke belauſchen, denn er iſt ihres Kindes Vater und was Gott zuſammengefüget hat, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Wer aber ſtellt ſich zwiſchen ſie und ihren Gatten? welche Augen lenken die Blicke von ihr ab, die nur auf ſie gerichtet ſeyn ſollten? welches Ohr vernimmt und duldet die Liebesworte, worauf ſie nur Anſpruch zu machen hat? Siehſt Du das junge Mädchen, die ihre Hand in der ihrigen hält und ſich an das Ruhebett lehnt, worauf jene ſitzt? ein Haar ihres ſchuldigen Hauptes iſt ihrem verblendeten Manne lieber, als die fleckenloſe Schönheit, die heilige Reinheit, die naturkindliche Zärtlichkeit ſeiner jungen Gattin! Betrachte jene andre Frau, deren Augen mit ſo lebhafter, inniger Zuneigung auf demſelben jungen Mädchen ruhen, deren Kindheit ſie gepflegt, deren Jugend ſie bewacht, die ſie mit unendlichen Wohlthaten überhäuft hat und in deſſen Leben ſich alle ihre Hoffnungen auf Glückſeligkeit vereinigen. Mit derſelben Hand, die ſo oft den zärtlichen Druck einer Mutter fühlte, die ihr Kind un⸗ wiederbringlich verloren, ſtürzte dieſes junge Mädchen das einzige Kind ihrer Herzensfreundin, die fuͤr ſie mehr als Mutter war, in ein feuchtes Grab und ſitzt nun zur Seite der⸗ jenigen, deren Tochter ſie getödtet hat und hält die Hand der jungen Frau, deren Gatte ſie anbetet und deſſen Liebe ſie nicht zuruͤckzuweiſen den Muth hat; da ſitzt ſie, als ob — 85— nicht mit jedem Augenblicke eine Mine unter ihren Füßen ſpringen könnte und lächelt dann und wann, wenn man ein fröhliches Wort an ſie richtet; und, wie die Indiſche Wittwe auf dem Holzſtoße, muß ſie ſterben, ohne daß eine Muskel des Angeſichtes ihren Schmerz verräth, und die Thaten, die ſie verübt, und die Qualen, die ſie erduldet, laſten auf ihr und ſie muß ſie ertragen, als ob ſie Nerven von Eiſen, ein Herz von Stein hätte.“ Ein Diener erſchien, um Alicen zu melden, daß ihr Mann im Wagen auf ſie warte; gleich darauf zeigte uns Eduard an, daß Alles in Betreff ſeiner Bewerbung um die Parlamentsſtelle vorbereitet ſey und er ſich den folgen⸗ den Morgen um ſechs Uhr nach Elmsley begeben würde. „Lovell wird mich begleiten,“ fügte er hinzu;„er befindet ſich ſeit einiger Zeit nicht recht wohl, und er glaubt, daß eine Luftveränderung ihm gut bekommen werde.“ Sich zu Miſtreß Middleton wendend, fuhr er fort:„Heinrich hat mir verſprochen, mich in meiner Unternehmung zu un⸗ terſtützen, und da weder Sie noch Ellen bei mir ſeyn werden, ſo wird mir ſeine Beredtſamkeit großen Nutzen gewähren Sie glauben doch nicht, daß Miſtreß Lovell ſich ſeine Abweſenheit allzu ſehr zu Herzen nehmen werde?“ — Gewiß nicht, antwortete Miſtreß Middleton. Wir werden ſie bitten, bis zu eurer Rückkehr bei uns zu bleiben. Wenn glauben Sie wiederzukommen? — In drei oder vier Tagen, denke ich. Nun will ich mir aber Ihren Rath in Betreff eines Planes erbitten, den mein Onkel und ich gemacht haben, und der nur Ihrer Zuſtimmung und Ellen's Einwilligung bedarf. Die Wahl wird in vierzehn Tagen, gerade zur Jeit ſtattfinden, wo wir unſre Hochzeit feiern wollen Lawſon meldet uns ſo eben, daß die Voreinrichtungen leicht in Zeit von acht Tagen zu Ende kommen könnten und wenn wir an dem⸗ ſelben Tage verheirathet wären, ſo könnten wir eine Woche in Hillscombe zubringen, um nachher in Elmsley wieder mit Ihnen zuſammenzutreffen, wohin mein Onkel, der Wahl wegen, feſt entſchloſſen iſt zu gehen. Meine Tante war ſchon im Begriff, einige Einwürfe — 86— dagegen vorzubringen, als Mr. Middleton ins Zimmer trat und uns bemerkte, daß Alles bereits angeordnet und jede weitere Hin⸗ und Herrede über dieſen Gegenſtand nutzlos ſey. Dieſer Machtſpruch endete die Unterredung. Eduard zog mich in das anſtoßende Zimmer und fragte mich, ob dieſe Anordnung meinen Beifall habe. Ich nahm aus ſeinen Zügen wahr, daß es ihm höchſt unangenehm ſeyn würde, wenn ich Schwierigkeiten machte und ſo gab ich ihm bereitwillig meine Einwilligung zu erkennen. Dies ſtimmte ihn denn ſo zufrieden und heiter, daß ich mir in meiner thörichten Neigung, mich immer ſelbſt zu quälen, einbildete, daß die Politik ihn mehr als alles Andere in Anſpruch nähme, und er ſich ſeit unſerm Verlobungstage nie ſo glücklich und vergnügt gezeigt habe. Ich war zu⸗ gleich unvernünftig genug, mich über ſeine vollſtändige Verſöhnung mit Heinrich zu ärgern. Ich empfand eine Art Entrüſtung, weil Heinrich ihn nach Elmsley beglei⸗ tete, und je mehr er ſich ſeinen fröhlichen Gefühlen hingab, deſto größer ward meine Niedergeſchlagenheit. Da ich keinen beſondern Antheil an ſeiner Wahlangelegenheit zu nehmen ſchien, ſo ließ er dieſen Gegenſtand fallen und be⸗ gann von Alicen zu ſprechen, deren Schönheit und anzie⸗ hendes Weſen er höchlich lobte. Glauben Sie, ſagte er, daß Heinrich ſie nach Verdienſt ſchätzt?“ — Wer kann entſcheiden, rief ich aus, ob eine Frau nach Verdienſt geſchätzt wird? Sobald ein Mann von der Neigung, die er eingeflößt hat, überzeugt iſt, ſo fängt auch ſchon ſeine Liebe zu erkalten an. — Bei dieſen Worten hatte ich, wie die Franzoſen ſa⸗ gen,„des larmes dans la voix.“ Eduard ſah ſtarr auf den Boden und runzelte die Stirn. Bald darauf ſchaute er mir feſt ins Geſicht und ſagte: — Wie kennt Sie Heinrich Lovell doch ſo gut! Ich erröthete und fragte ihn, was er damit ſagen wollte. — Er äußerte ſich einſt, es ſey ſchwer zu entſcheiden, ob Sie fühlen, was Sie zu erkennen geben, oder ob Sie zu erkennen geben, was Sie zu fühlen ſcheinen. — 87— Dieſe bittre Bemerkung that mir in der Seele weh, und von Eduard hören zu müſſen, was Heinrich über mich ſagte, war mehr als ich zu ertragen vermochte. Stolz und Zorn kämpften einen Augenblick wider den Kummer in meinem Herzen, der endlich den Sieg davon trug. Ich mußte äußerſt betrübt ausgeſehen haben, denn Eduard er⸗ griff meine Hand und ſagte, mich ſanft zu ſich ziehend: — Meine heiſßgeliebte Ellen, ich wollte Sie nicht kränken. — Wenn Sie die Abſicht gehabt hätten, Sie würden ſie erreicht haben, antwortete ich mit Bitterkeit.— Nein, Eduard, fuhr ich tief ergriffen fort, von Ihnen kann ich alles ertragen. Tadeln Sie mich ſo oft und ſo ſtrenge Sie nur immer wollen; behandeln Sie mich ſo hart, als ich's verdiene— Ihre Vorwürfe ſollen mir nie läſtig werden, ich werde mich nie über Ibre Strenge beklagen. Daß Sie aber Heinrich geſtatten, Sie gegen mich einzu⸗ nehmen, daß Sie ſeine Spitzfindigkeiten gleich Wahrheiten anführen, ſelbſt wenn ſie bezwecken, die Aufrichtigkeit mei⸗ ner Gefühle, meiner Liebe für Sie zu verdächtigen—— Eduard ſtand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Miene war mißmuthiger, als je. Endlich blieb er vor mir ſtehen, und nachdem er mich einige Mi⸗ nuten lang ſtillſchweigend angeſehen hatte, ſagte er:„Sie ſind, Ellen, ein verwöhntes Kind in der vollſten Bedeutung des Wortes. Ihr Leben war zu glücklich.(O, mein Gott! zu dieſer Anſicht war er gekommen!) Die wahren Prüfungen des Lebens blieben Ihnen unbekannt, ſonſt würden Sie nicht Vergnügen daran finden, ſich ſelbſt Qualen zu bereiten. Glauben Sie mir, Ellen, pflanzen Sie nicht unnöthigerweiſe Dornen auf einen Pfad, wo ſie nur allzu natürlich hervorſproſſen werden. Was fehlt denn jetzt Ihrem Glücke? Iſt unſre Liebe nicht ſtärker, als ſie es jemals war? Bin ich Ihnen nicht von ganzer Seele ergeben? Noch wenige Tage und Sie ſind mein Weib und wenn Sie das Gelübde meiner Liebe und Treue empfan⸗ gen werden, ſo wird das keine leere Formel ſeyn, die über meine Lippen geht, ſondern die feierlichſte Verpflichtung, — 88— die nur der Tod zu löſen vermag. Erwarten Sie von mir keine Romanenſprache oder das zierliche Geſchwätz der Sentimentalität. Ich halte Sie für den theuerſten, koſt⸗ barſten Schatz, welcher je der Sorgfalt eines Mannes an⸗ vertraut wurde, aber nicht für ein Idol, vor dem ich mich in den Staub werfen ſoll. Ich muß Sie kräftigen durch meine Kraft, ſtatt mich in Ihre Schwäche zu fügen. Selbſt inmitten meiner Härte, Ellen, liegt eine Zärtlichkeit, auf welche Sie ſich feſt verlaſſen dürfen, wenn Sie ſich auch manchmal verletzt fühlen ſollten. Reuig und demüthig lauſchte ich ſtillſchweigend auf Edu⸗ ard's Worte. Ich drückte raſch und voll Innigkeit ſeine Hand an mein Herz und als wir an dieſem Abende von einander ſchieden, fühlte ich, obgleich er mir noch mehr Furcht einflößte, daß ich ihn auch mehr als je mit einer wahrhaſt frommen Zärtlichkeit und tiefen Hochachtung liebte. VI. Am folgenden Morgen hatte Miſtreß Middleton eine lange Unterredung mit Heinrich, der zu Eduard gekommen war, um vor der Abreiſe mit demſelben zu frühſtücken; Heinrich hatte durchaus nichts dagegen, daß Alice, während ſeiner Abweſenheit bei uns wohne und er ſchrieb ſogleich ſeiner Frau, um ſie davon zu benachrichtigen. Eduard verließ mich in einer Gemüthsſtimmung, in welcher mir Alicens Geſellſchaft große Erleichterung ge⸗ währte; mein Herz ward ruhiger und Heinrich's Abweſen⸗ heit befreite mich von dem bangen Gefühle, das ich in ſeiner Gegenwart empfand. Den größten Theil meiner Zeit nahm eine Menge kleiner Beſchäftigungen in Anſpruch, die meine bevorſtehende Heirath veranlaßte. Geſchenke von Anverwandten und Freunden ſtrömten von allen Sei⸗ ten herbei; ich mußte viele Glückwünſchungsbriefe beant⸗ worten und alle jene, einer ſo wichtigen Lebensverände⸗ — 89— rung vorausgehenden Angelegenheiten erheiſchten meine ganze Thätigkeit. Am zweiten Tage nach Eduard's Abreiſe, bat ich Alice, mich früh morgens in einen Laden in St. James⸗Street zu begleiten, wo ich ein Geſchenk für Miſtreß Hatton kau⸗ fen wollte. Wir gingen zuſammen; da es aber ſehr ſchö⸗ nes Wetter und nicht zu heiß zum Gehen war, ſo beſchloſ⸗ ſen wir, zuvor Hyde Park zu beſuchen. Alice ſprach weit lebhafter als gewöhnlich, und als ſie Heinrich's Namen nannte, bemerkte ich auf ihrem reizenden Geſicht einen Ausdruck, den ich noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Während wir uns von Eduard's bevorſtehender Rückkehr unterhielten zog ſie das Brieſchen hervor, welches ſie den Morgen von Heinrich erhalten hatte; ſie gab es mir mit den Worten:„Sie ſehen daraus, daß er Freitag zurückzu⸗ kommen verſpricht.“ Das Brieſchen war liebreich und in der Art, womit ſie es wiederholt las, nachdem ich es ihr zurückgeſtellt hatte, und der Sorgfalt, womit ſie es wieder zuſammenlegte und in ihren Buſen ſteckte, erkannte ich das Vergnügen, das ſie dabei empfand. Als wir durch das Cumberland⸗Gitter gingen und in Green⸗Park traten, be⸗ merkte ich einen Menſchen, der uns zu beobachten ſchien, und den ich ſchon irgendwo geſehen zu haben glaubte. Ich ſah ihn aber nicht lange genug an, um mich davon zu überzeugen und ich ging nur etwas ſchneller, weil, wie ich fürchtete, er uns nachzufolgen beabſichtigte. Als wir aus dem Park⸗Thore gingen und nach Piecadilly kamen, ſah ich mich noch einmal um, und erblickte den Mann am Baſſin ſtehend und ins Waſſer ſchauend. In der Nähe der St. James⸗Street ſah ich ihn wieder: in paralleler Linie folgte er uns auf der andern Seite der Straße. Nicht lange nachher verſchwand er und ich glaubte nun, daß Alles ein bloßer Zufall geweſen ſey. Wir traten in den Laden des Goldarbeiters und die Prüfung einiger Broches, unter welchen ich eine für mein Geſchenk wählen ſollte, nahm unſre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Als ich mich umwandte, um Alicen, die den Rücken der Thüre zukehrte, eine hübſche Broche zu zeigen, ſah ich durch — 90— eine der Glasſcheiben des Ladenerkers das Geſicht des Mannes, der uns nachgegangen war. Nun erkannte ich in ihm jenen Vetter Alicens, den ich in Salisbury und dann wieder in Brandon geſehen hatte; und doch war mir von Heinrich geſagt worden, daß er mehrere Monate zuvor England verlaſſen hätte und nach Amerika gegangen ſey. Ich erſchrak und wandte den Kopf weg, denn dieſes Menſchen Geſicht hatte etwas ungemein Zurückſtoßendes und Finſteres. Alice bemerkte nichts und ſagte mir ihre Meinung über die Broche; ich kaufte ſie und wir waren im Begriff fortzugehen. Ich warf noch einen Blick auf das Fenſter: der Mann war nicht mehr da— ich athmete leichter. Wir verließen den Laden. Ich ging mit mir zu Rathe, ob ich recht thäte, mit Alicen von dieſem Menſchen zu ſprechen und ihr zu ſagen, auf welche ſeltſame Weiſe er uns heimlich nachgeſchlichen ſey. Während ich darüber nachdachte, kamen wir an die Ecke der Berkeley⸗Street. Plötzlich zog Alice ihren Arm aus dem meinigen und wandte ſich ſchnell um. Einige Minuten lang ſchaute ſie aufmerkſam Piccadilly hinunter, dann nahm ſie wieder meinen Arm mit den Worten: — Ich glaubte meinen Vetter, Robert Harding, geſehen zu haben. Wie konnte ich doch ſo thöricht ſeyn! fügte ſie lächelnd hinzu; denn er iſt ja in New York. Seltſame Ideen kommen einem doch zuweilen in den Sinn! — Wer iſt Robert Harding? Ihr Vetter, ſagen Sie? — Ja, meines Oheims, James Harding, Sohn. — Was iſt das für ein Mann? — Ich kenne ihn nur ſehr wenig. Ich habe kaum wie⸗ der mit ihm geſprochen ſeit unſern Kinderjahren; er hatte mich aber ſehr lieb, als ich ein kleines Mädchen war und ich bin ihm immer gut geblieben. — Sie wurden zuſammen auferzogen? — O nein! ich war ungefähr acht Jahre alt, als ſich das Scharlachfieber in unſerm Hauſe zeigte. Ich ward auf zwei oder drei Wochen zu meinem Ontkel geſchickt. Robert war damals zwölf Jahre alt: jedermann meinte, er ſey bösartig, unverträglich und niemand konnte ihn lei⸗ — — — — 1— den oder ſagte ihm ein gutes Wort. Am erſten Tage, welchen ich bei ſeinen Aeltern zubrachte, bat er mich, mit ihm zu ſpielen und ich wollte eben ja ſagen, als meine Tante laut aufſchrie:„Spiele nicht mit ihm, Alice— ſprich nicht mit ihm; er muß gezüchtigt werden und nie⸗ mand ſoll ſich mit ihm abgeben.“ Mit einer grimmig drohenden Geberde verließ er die Stube. Abends war ich in einem Zimmer im obern Stock, wo ich mit Anna Har⸗ ding ſchlafen ſollte, beſchäftiget, meine Puppe anzukleiden, als ich im Nebenzimmer Jemanden ſeufzen hörte. Auf den Zehen ſchlich ich zur Thüre und öffnete ſie leiſe; da ſaß Robert auf einem Bette und weinte bitterlich. Anna hatte mir geſagt, daß er niemals weinte, ſelbſt dann nicht, wenn ihn ſein Vater ſchlüge; aber nun weinte er und ich ſah ihn an, bis auch ich zu weinen anfing. Endlich ſtand er auf, ſtieg auf das Bett, zog ſein Schnupftuch aus der Taſche und band es an die Bettſäule. Ich wußte nicht, was er vor hatte, aber ſein Geſicht war ſo roth und ſo wunderlich, daß mir bange ward und ich aufſchrie:„Ro⸗ bert!“ Er ſah ſich um und fragte:„Was machſt Du hier! geh fort! Du ſollſt nicht ſehen, was ich thun will!“ — Dann muß es etwas Böſes ſeyn, antwortete ich; aber Du wirſt es hoffentlich nicht thun? — Warum nicht? murrte er. Was liegt Dir daran? Ich will mich erhenken; Du mußt es aber nicht ausſagen, ſie ſchneiden mich ſonſt ab und ich bekomme Prügel. — Das iſt möglich! erwiederte ich; aber Gott wird Dich noch ärger ſtrafen, wenn Du eine ſolche Gräuelthat begehſt. e Eine Gräuelthat? O nein! Niemand liebt mich, nie⸗ mand bekümmert ſich um mich, man will Dich nicht mit mir ſpielen laſſen und wenn ich todt ſeyn werde, wird es euch vielleicht leid thun! — Es iſt mir jetzt ſchon leid um Dich! rief ich aus, und wenn ich auch nicht mit Dir ſpielen darf, ſo lang Du unartig biſt, ſo werd' ich doch mit Dir ſpielen und Dich recht lieb haben, wenn Du gut biſt. — Iſt das gewiß? — Ganz gewiß, Robert! — Nun dann! dann iſt's mir ganz einerlei, ob mich die Andern lieb haben, oder nicht! Aber nimm Dich in Acht! wenn Du mich nicht lieb haſt, ſo erhenk' ich mich. So lange ich bei meinem Onkel blieb, führte ſich Robert ſehr gut auf und wir ſpielten täglich zuſammen. Als ich nach Hauſe zurückkehrte, ſah ich ihn nicht mehr oft; und wenn er zu uns kam, ſo brachte er mir immer ein kleines Geſchenk von ſeiner Handarbeit mit. Vor ungefähr drei Jahren ward, ich weiß nicht warum, meine Großmutter ſehr böſe auf ihn und ſie erlaubte ihm nicht mehr, uns zu⸗ beſuchen. — Und jetzt iſt er in Amerika? fragte ich. — Ja, erwiederte Alice. Meine Großmutter ſagte mir, daß er einige Tage vor meiner Verheirathung nach New York gegangen ſey. Ich hätte ihm gern Lebewohl geſagt. Wie ähnlich war ihm doch der Mann, den ich in Pieca⸗ dilly ſah! Wir waren gerade nach Hauſe gekommen, als Alice dieſe Worte ſprach: ich war ſehr froh, ihr nicht geſagt zu haben, daß der Mann, den ſie geſehen, derſelbe war, der uns nachgegangen, und daß es kein Anderer als dieſer Robert Harding geweſen ſeyn konnte, deſſen Züge ſich un⸗ auslöſchlich meiner Erinnerung eingeprägt hatten. Ich nahm mir aber vor, Heinrich bei der erſten Gelegenheit dieſen Umſtand mitzutheilen, denn mir graute vor dieſem Menſchen und ich war begierig zu erfahren, ob ſeine Rück⸗ kehr nach England für ſeine übrigen Verwandten, gleich wie für Alice, ein Geheimniß geblieben war. Den Morgen darauf erhielten wir Nachrichten aus Elms⸗ ley. Eduard's Brief an mich war zärtlich und liebreich, aber kurz und in der Eile geſchrieben. Mein Onkel erhielt da⸗ gegen einen ſehr ausführlichen Brief von ihm, der ſich über alle Einzelnheiten binſichtlich ſeiner, einen guten Erfolg verſprechenden Unternehmung ausließ. Eine Stelle dieſes Briefes nahm beſonders meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch: „Heinrich's thätige Beſtrebungen und das Intereſſe, wel⸗ ches er für das Gelingen meiner Zwecke an den Tag legt, — 93— übertreffen alles, was ich ſelbſt in der ſchönen Zeit unſeres beginnenden Freundſchaftsverhältniſſes von ihm erwarten durfte. Er benimmt ſich äußerſt liebenswürdig und wenn ich ſein Loos mit dem meinigen vergleiche— obſchon ſeine eigne Unbeſonnenheit viel dazu beigetragen haben mag, ſeine Ausſichten in die Zukunft zu Grunde zu richten— ſo erkenne ich viel Großmüthiges in der Anhänglichkeit, welche er kund gibt. Wir werden Samſtag wieder nach London kommen, und ich hoffe, daß unſrer Trauung am Montage nichts im Wege ſtehen wird, denn wir müſſen Anfangs der darauf folgenden Woche wieder hier ſeyn, und eine Woche wenigſtens muß mir für Ellen und für Hillscombe bleiben, bevor ich mich wieder in das Wahl⸗ gewühl ſtürze.“ Folgenden Brief ſchrieb Heinrich an ſeine Schweſter: (Ich konnte nie begreifen, noch ergründen, wie Miſtreß Middleton dazu kam, mich dieſen Brief leſen zu laſſen. Sie übergab ihn mir mit verſchiedenen andern, die ſich auf meine Heirath bezogen; und ich glaube, er gerieth darunter, ohne daß ſie's gewahr ward. Ich ſtellte ihr das ganze Paket ohne irgend eine Bemerkung zurück und ſie ſchwieg ebenfalls.) „Liebe Mary! Wirſt Du mich begreifen, wenn ich Dir ſage, daß ich für den Reiz ſolcher Scenen, woran ſich Erinnerungen herben Grames knüpfen— wofern ſich nur Poeſie darin kund gibt— ein empfänglicheres Gefühl beſitze, als für ſolche, die mir bloß Vergnügen gewährt haben? Oder ſcheint Dir dies ungereimt? Ich kenne einen Ort in der Welt, wo ich einſt eine Viertelſtunde allein weilte und ei⸗ nen ſo tiefen Schmerz empfand, daß ich noch jetzt, wenn ich daran denke, erſtaunt bin, wie ich nach Verlauf dieſer Zeit die Blicke Anderer, wie ich's that, ertragen konnte, ohne durch irgend ein äußeres Zeichen die Angſt zu ver⸗ rathen, die in mir tobte. Nun, Mary! ſo ſeltſam Dir dies auch vorkommen mag; ich kenne keinen andern Ort in der Welt, deſſen natürliche Schönheiten ſich ſo unaus⸗ löſchlich meinem Gedächtniß eingeprägt haben oder ſo tief — 94— in meine Seele gedrungen ſind. Nie fühl' ich ſo lebhaft die unveränderliche Schönheit und die vollkommene Har⸗ monie der materiellen Welt, als wenn die geiſtige in mir zerſtört und mir auch kein ſchwaches Rohr zur Stütze übrig geblieben iſt. Daſſelbe gilt auch von der Muſik. Nie fühl' ich ſo lebhaft den Reiz der Kriegsmuſik, des dumpfen Rollens der umflorten Trommel, als wenn jene zum Schlachtfelde, dieſes zu einer Richtſtätte führt. Viel⸗ leicht liegt's nicht in meiner Natur⸗ da leidenſchaftlich zu lieben, wobei ich keinen Schmerz empfand. Vielleicht, wenn ich mir von Jugend auf ein Ideal geſchaffen hätte, an dem meine Seele hing, und das Loos wäre mir gefallen, daß dieſer Traum meiner Phantaſie ſich zur Wirklichkeit ge⸗ ſtaltet hätte— zur Wirklichkeit, die ihn an Schönheit und Zauber übertraf, wie das Leben in ſeiner vollendetſten Form den höchſten Geiſtesſchwung des Malers übertrifft; wenn ich ſie ein Jahr hindurch, das mir wie eine Stunde vorüberflog, geſehen und geliebt, für ſie gelebt und geath⸗ met hätte, und das Loos wäre mir gefallen, ſie beſitzen, mein nennen zu dürfen: vielleicht würde ſie nach einiger Zeit mir nicht theurer geweſen ſeyn, als den meiſten Männern ihre Frauen, wenn ſie heimkommen, ſeelenver⸗ gnügt, dieſe zu Hauſe zu finden, nachdem ſie den Tag über im Unterhaus oder auf der Jagd zugebracht hatten. Ich würde vielleicht nur einen Antrieb mehr zur Thätig⸗ keit in ihr gefunden haben. Darf ich behaupten: das Idol, welches mein Herz in Hoffnung, Furcht und Schmerz um⸗ faßt, könnte ſeine Herrſchaft in der ſchwülen Atmoſphäre des ſichern Beſitzes aufrecht erhalten?—— An einem ſchönen Abende kamen wir nach Elmsley; kein Zimmer des Hauſes, kein Fleckchen Erde ließ ich unbeſucht. Wäh⸗ rend Eduard und Lawſon in Regiſtern und Akten in Be⸗ zug auf die Grafſchaft wühlten, als ob ihre ganze Seele daran hinge, weilte ich auf der Veranda und ſchaute auf jedes wohlbekannte Plätzchen dieſer herrlichen L ndſchaft, bis ſie ſic ganz in Finſterniß verlor. Die ſtufenweiſe Verdunkelung aller Gegenſtände, die zuerſt im Licht der Abendſonne glühten, erinnerte mich an meine letzte Unter⸗ — 95— redung mit Dir, als Du nach dem Geſtändniß, welches Du mir entriſſen, ein Buch von Deinem Tiſche nahmſt und mir die Verſe zeigteſt, die ich nur einmal las, aber nicht vergeſſen habe: „O ſtähle doch Dein wundes Herz; Und Deines Märterthumes Schmerz Trag' ſtandhaft in den herbſten Stunden, Wo jeder Lieblingstraum verſchwunden, Wie Hoffnungslicht und Tagesfarben Im Grau der Dämmerungen ſtarben. Doch genug davon! unſre Bemühungen krönte der voll⸗ ſtändigſte Erfolg. Eduard entfaltete eine merkwürdige Thätigkeit; er ſprach am Tage ſeiner Ernennung auf eine wahrhaft bewundernswerthe Weiſe. Man mußte der Schärfe ſeines Urtheils, ſeiner unbeugſamen Geradheit und ſeiner entſchiedenen Characterfeſtigkeit volle Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen; dieſe Angelegenheiten ſcheinen ihm auch ſehr zuzuſagen. Mit der ihm eigenthümlichen Art von Begeiſterung nimmt er ſich der Intereſſen des Volks an und bewegt ſich mit unermüdlicher Thätigkeit in dem Wir⸗ kungskreiſe, der ſich vor ihm eröffnet hat. Sein Genie neigt ſich offenbar mehr zum thätigen, als zum contempla⸗ tiven Leben hin;— deſto beſſer für ihn; das iſt die wünſchenswertheſte Neigung für einen Mann. Er wird glücklich werden, denn in ſeinem Charakter liegt nichts, was mit ruhigem Genuſſe unverträglich wäre: keine heftige Leidenſchaften, keine überſpannten Gefühle, keine krankhafte Empfindſamkeit; alles in ihm iſt mäßig, praktiſch, beſonnen und vernünftig. Lebe wohl, geliebte Mary. Mich freut's ungemein, daß Alice bei euch iſt. Vergiß nicht, was Du mir verſprochen haſt. Wache über ſie, wie über eine Blume, die ein Hauch entblättern, ein Lüftchen brechen kann. Gott ſey Dank! Dein und mein Herz, Deine und meine Ge⸗ danken ſind ſich nicht mehr einander fremd.— Dein treu ergebener Bruder, H. Lovell.“ — 96— Konnte Miſtreß Middleton die Abſicht gehabt haben, mir dieſen Brief mitzutheilen? hatte ſie vielleicht Heinrich verſprochen, ihn mir zu zeigen? Nein, das war ganz und gar unmöglich! Das mußte aus Verſehen geſchehen ſeyn und ich wollte ihr nichts davon ſagen, aus Furcht ſie zu beunruhigen und zu betrüben. Heinrich, das war klar am Tage, entdeckte ihr ſeine undezwingliche Leidenſchaft. Handelte er klug, zu ſeinem eignen Vortheile? Entſprach dies Verfahren ſeiner gewohnten Vorſicht und insbeſondere ſeinem ſpätern Benehmen? Mir kam es auffallend vor; aber Miſtreß Middleton ließ leicht auf ſich wirken: ſie kannte Heinrich nicht, wie ich ihn kannte; ſie glaubte, er gleiche ihr und weil ihre Gedanken übereinſtimmten, bildete ſie ſich ein, ihre Herzen ſtimmten eben ſo zuſammen Er übte über ſie, die ihn liebte, eine ſo große Macht aus, daß es mich nun bedünkte, als ob er eine neue Stellung eingenommen hätte und durch ſeine Frau und ſeine Schwe⸗ ſter die Kette, die uns umſchlang, noch feſter zuſammen⸗ ziehen wolle. Nie kannten ſich zwei Perſonen einander ſo gut, als Heinrich und ich. Stets durchſchaute ich ſeine Abſichten, trotz des Schleiers, womit er ſie umhüllte und der ſie vielleicht zuweilen vor ihm ſelbſt verbarg. Dieſer Brief, ſo geſchickt und wohlberechnet er auch war, denn er traf gerade die Wunde, die ſich in den letzten Tagen in meinem Herzen entzündete, verfehlte ſeinen Zweck, wenn er wirklich gehofft hatte, daß ich ihn zu Geſichte bekommen würde, denn als ich das, was er von Eduard ſchrieb, las, als ich den Unmuth empfand, den er mir einflößen wollte, als ich mir ſelbſt die Wahrheit einiger ſeiner Bemerkungen ein⸗ geſtehen und andere mit Unwillen zurückweiſen mußte, warf ich den Brief weit von mir weg, und der Schmerz meines Herzens ergoß ſich in die Worte: Nieber ſeine Sklavin, als dein Idol!“ Am folgenden Samſtag kamen Beide nach London zurück und ich vergaß alles Andere in der Freude, Edugrd wie⸗ derzuſehen. Als man mir aber ſagte, daß unſere Trauung kommenden Montag beſtimmt ſtatt finden würde, kam es mir vor, als ob ich erſt jetzt an die wirkliche Vollziehung — 92— derſelben glaubte. Ich dachte an meine eigenthümliche Lage. Ein unauflösliches Band ſollte mich mit dem Manne vereinen, den ich ſeit langer Zeit innig liebte, der ſich aber, unbekannt mit allen Umſtänden meines unglück⸗ ſeligen Geſchicks, über jede Unbeſtändigkeit der Gemüths⸗ ſtimmung, die ich verrathen würde, wundern, der jede Thräne, die ich vergießen würde, verdammen, jeden Brief, den ich empfangen würde, leſen, und der bei dem gering⸗ ſten Anſchein einer Zweideutigkeit oder Heimlichkeit mir ſein Herz verſchließen, mich ſeinen gerechten Zorn fühlen laſſen würde. Doch es war zu ſpät, ſagte ich zu mir ſelbſt, zu ſpät, um zu widerrufen, zu ſpät, um nur daran zu denken. Wie in einem bewußtloſen Traumleben brachte ich die nächſten vier und zwanzig Stunden zu, einer Som⸗ nambulen gleich, die im Schlafe wandelt. Am andern Tage(Sonntag) ſah ich Heinrich einen Augenblick, als wir aus der Kirche kamen. Ich erzählte ihm insgeheim, daß ich am Mittwoch zuvor Robert Har⸗ ding in den Parks geſehen hätte und entdeckte ihm, wie uns derſelbe unermüdlich verfolgt hatte.„Sie ſahen ihn!“ rief er aus.„Alſo hatte Alice doch recht und es war keine leere Einbildung!“ — Nein, nein, ich kann's beſchwören, daß er es war. Er ging uns nach und ſah durch die Fenſterſcheiben des Ladens lange zuvor, ehe Alice ihn bemerkte. Heinrich ward ſehr unruhig und murmelte einige Worte vor ſich hin; dann ſagte er zu mir: — Dieſer Burſche iſt ſeit vielen Jahren ſterblich in Alice verliebt— ſie war noch ein Kind. Vor drei Jahren jagte ihn ihre Großmutter deshalb aus dem Hauſe Einige Zeit vor unſrer Verheirathung geberdete er ſich wie toll. Ich ließ ihm durch Miſtreß Tracy bedeuten, daß ich ihn ins Gefängniß ſtecken laſſen würde. Bald darauf ſagte ſie mir, er ſey nach Amerika abgereiſ't und ſeitdem hörte ich nichts mehr von ihm. Ich will mich nun erkundigen, ob ihr ſeine Rückkehr bekannt iſt. Vielleicht gebraucht ſie ihn als Spion. Ich werde Ihnen mittheilen, was ich in Erfahrung gebracht habe. 7 — 98— Nach einer Pauſe nahm ich allen meinen Muth zuſam⸗ men und ſagte zu ihm: — Sie dürfen unter keinem Vorwande an mich ſchreiben, Heinrich— vergeſſen Sie das nicht. Eduard wird alle meine Briefe leſen; er hat ſich ſchon jetzt daran gewöhnt. — Sie handelten ſehr thöricht, daß Sie ſich das ge⸗ fallen ließen. Sagen Sie mir doch, ich bitte Sie, auf welche Weiſe Sie Nachrichten von mir empfangen wollen, wenn ſich irgend etwas ereignet, wovon ich Sie in Kennt⸗ niß ſetzen muß? Kann man ſich Ihrem Kammermädchen anvertrauen? Ich erröthete vor Zorn und Scham und ſchaute ihn mit einem Blicke des Vorwurfs und der Entrüſtung an. — Ich bitte Sie aufrichtig um Verzeihung, wenn ich Sie beleidigt haben ſollte; aber nicht um meinetwillen richtete ich dieſe Frage an Sie. Sie haben ſich ja ſelbſt einer dritten Perſon bedient, als Sie meinen Beiſtand in Anſpruch nahmen! — Damals war ich noch nicht verheirathet, Heinrich, und die Täuſchung, die Hintergehung, ſo verächtlich ſie auch immer ſeyn mag, war damals noch nicht ſo ſtrafbar, als ſie es von nun an ſeyn würde. Erſparen Sie mir um Gotteswillen die Schmach eines heimlichen Briefwech⸗ ſels. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich zu glücklich ſein oder vergeſſen werde, daß Sie mein Schickſal in Ihren Händen haben! — Machen Sie es mir nicht zum Verbrechen, Ellen, daß durch eine unglückſelige Verkettung von Umſtänden Ihre Sicherheit von meinem Benehmen abhängt. Ich habe gewiß in der letzten Zeit die größte Selbſtbeherrſchung an den Tag gelegt und ich hoffte, daß Sie meinen Abſich⸗ ten Gerechtigkeit widerfahren laſſen würden. In dieſem Augenblicke hatten wir unſre Wohnung er⸗ reicht und da ich ſehnlichſt wünſchte, nicht in Unfrieden von ihm zu ſcheiden, ſagte ich ganz leiſe zu ihm, indem ich ihm die Hand reichte: — Ich laſſe Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, Heinrich. Verzeihen Sie mir und ſchonen Sie meiner. -— — O— — 99— Mit einem Händedruck, der mir faſt wehe that, entfernte er ſich, ohne auf ſeine Frau zu warten, die mit Miſtreß Middleton ins Haus gegangen war. Mr. Lovell, der gerade von meinem Onkel kam, brachte Alice in ſeinem Wagen nach Hauſe. Als ich hörte, wie meine Tante ihnen die Stunde bezeichnete, zu welcher ſie ſich am nächſten Tag in der Kirche einfinden ſollten, über⸗ fiel es mich wie ein Schwindel, und ich glaubte, zu Boden ſinken zu müſſen. Ich begab mich in das Kabinet neben dem Geſellſchaftszimmer und ſchrieb an Miſtreß Hatton ein Billet, um ſie zu meiner Hochzeit einzuladen. Gerade als ich damit fertig geworden war, trat meine Tante ins Zimmer, um mir den Orangenblüthenkranz und den Schleier, den ſie für mich gewählt hatte, anzuprobiren. Unruhig ging ich im Zimmer auf und ab— ich trat ans Fenſter; ich ſehnte mich nach Eduard. Meine Nerven⸗ aufregung ängſtigte mich. Ich ſetzte mich ans Klavier und ſang Miſtreß Heman's:„Zwei timmen, dieſen weh⸗ muthsvollen Wechſelgeſang der tiefſten Trauer und der höchſten Be eiſterung, worin Worte und Muſik einem und demſelben Gelanken entſtrömt zu ſeyn ſcheinen. Meine Stimme klang voll und ſtark: ſie entfaltete einen Ton, den ich kaum zu ertragen vermochte. Bald darauf ſchickte mein Onkel zu mir und erſuchte mich, zu ihm ins Leſe⸗ zimmer zu kommen. Eduard war bei ihm und Lawſon, der Geſchäftsträger. Man ließ mich einige Papiere unter⸗ zeichnen; ich gehorchte und Lawſon verließ das Zimmer. ann ſprach mein Onkel zu mir: — Ellen, Dir und Eduard, hab' ich mein ganzes Ver⸗ moͤgen vermacht. Von dem Tage an, wo ich mein ein⸗ ziges Kind verlor, faßte ich dieſen feſten Vorſatz. Es war mein innigſter Wunſch, die Ausführung deſſelben erleben zu dürfen, und ich danke Gott dafür, daß er ihn erhört hat. Ich habe eine Bitte an euch beide: gebt eurer erſten Tochter den Namen Julie und laßt ſie dieſe Kette tragen; ſie befand ſich am Halſe meines unglücklichen Kindes, als es den Tod fand und wenn ich am Leben bleibe, möcht' 7* — 100— ich ſie recht oft ſehen. So geht denn hin und möge Gott euch beide in ſeinen Schutz nehmen! Ich weiß nicht, was ich antwortete, noch was ich that. Dieſe Worte fielen wie glühendes Blei auf mein Herz. Eduard führte mich aus dem Zimmer, und die einzige Stunde dieſes Tages, in der meinem Schmerze einige Erleichterung vergönnt war, brachte ich, von ſeinem Arm umſchlungen, mein Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, ſtill weinend zu. Sanft, aber doch nicht ohne Kraft, hob er endlich meinen Kopf in die Höhe und mit ſeinem milden Lächeln und ſei⸗ ner wohltönenden Stimme flüſterte er mir zu, daß ſein Glück unausſprechlich, ſeine Liebe unendlich ſey und daß ſein Herz mir immer angehören werde Dieſe Worte der Leidenſchaft aus dem Munde des Heißgeliebten, an deſſen Seite zu leben ich nicht würdig war, zu deſſen Füßen ich gern geſtorben wäre— dieſe Worte, dieſe Blicke durch⸗ drangen mein ganzes Weſen und wirkten auf meinen Geiſt, die Gewiſſensvorwürfe der Vergangenheit und die Drohungen der Zukunft in einen Taumel der Wonne umwandelnd, gleichwie das Opium ſelbſt den Schmerz in Entzücken umgeſtaltet. Dieſe Nacht träumte mir, daß ich mich in der Kirche befände, wo alles zur Trauung vorbereitet war. Wir ſtanden vor dem Altare und der Prieſter öffnete das Buch, um die heilige Handlung zu vollziehen. Er begann, aber ſtatt des Eheſegens las er Gebete für Verſtorbene. Man unterbrach ihn und er wandte die Seiten um, aber ſo oft er auch wieder begann, kamen dieſelben Worte von ſeinen Lippen und das Buch in ſeiner Hand wurde größer und immer größer, und in blutiger Schrift ragten die Worte: „Für die Beſtattung der Todten“ empor und ſchienen aus dem Buche zu ſteigen. Ich ſchaute dem Prieſter ins Ge⸗ ſicht und ſeine Züge änderten ſich; ich ſah ſie ſchon ehedem, aber ich erkannte ſie erſt, als die ſchmalen Lippen ſich be⸗ wegten und die Worte ſprachen:„Juliens Mörderin! Juliens Mörderin!“ Buch und Altar verſchwanden ſogleich. An ihrer Stelle erhob ſich ein Sarg und dieſelbe Stimme — ſagte:„Oeffnet ihn!“ Und der Deckel ſchlug um und eine Leiche im Sterbekleid lag in dem Sarg. Sie erhob ſich langſam: ich konnte das Geſicht nicht ſehen, aber ich rief ſchaudernd:„Wer iſt das?“ Das Leichentuch fiel— es war Alice! Ich ſchloß die Augen und ſchrie laut auf. Die Stimme begann wieder:„Schau hin! ſchau hin!“ Und ich ſchaute hin und es war Eduard. In namenloſer Angſt erwachte ich— ſo oft ich aber wieder einſchlummerte, verfolgten mich dieſelben Schreckbilder. Als ich gegen Morgen erwachte, ſaß Miſtreß Middleton neben meinem Bette; ſie drückte mich an ihr Herz; ich klammerte mich krampfhaft an ſie an und wiederholte in wilder Verwir⸗ rung:„Schütze mich! ſchütze mich!“ — Was fehlt Dir, mein Kind? flüſterte ſie ganz leiſe; ſprich! vor wem ſoll ich Dich ſchützen? Nur ein Wor und ich thue Alles für Dich, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht! Wär' es möglich, daß Du Eduard nicht liebſt? — O nur allzu ſehr! nur allzu ſehr! rief ich aus und ein Thränenſtrom quoll aus meinen Augen. Miſtreß Middleton ſchien ſich erleichtert zu fühlen, ver⸗ ſicherte mir, daß dies nur eine Nervenaufregung geweſen ſey, ließ mich etwas trinken, was mich beruhigte und blieb bei mir, während ich mich ankleidete. Wir ſetzten uns zum Frühſtück und nicht lange darauf, erſchien Eduard. Er bemerkte meine. Bläſſe und ſprach ſo zärtlich mit mir, daß meine Augen ſich von Neuem mit Thränen füllten. Die Stunde war herangekommen und man führte mich in mein Zimmer, um mir das Brautkleid anzulegen. Mittlerweile verſammelte ſich die ganze Familie, um mich in meinem Schmucke zu ſehen; ich empfing die Segnungen meiner Pflegeältern, die Glückwünſche der Ver⸗ wandten und fiel aus einer Umarmung in die andere. Ich beruhigte mich in gewiſſer Hinſicht. Ich mußte ſo harte Prüfungen ertragen, daß mich nichts mehr zu rühren ſchien, und es bedünkte mich, als ob ich unempfindlich für Alles geworden ſey. Wir begaben uns in die Kirche und ich ſah ruhig durch das Wagenfenſter, während Miſtreß Middleton meine Hand in der ihrigen hielt. Längs der — 102— Straße bemerkte ich zwei oder drei Perſonen unſrer Be⸗ kanntſchaft und ich las die Namen auf den Aushängeſchil⸗ dern der Läden, vor welchen wir vorüberkamen mit einer Art maſchinenmäßiger Aufmerkſamkeit, die das Auge lenkt, ohne die Gedanken zu beſchäftigen. Als wir in die Sakriſtei der— Kirche traten, fanden wir daſelbſt eine Menge Menſchen verſammelt: alle meine Verwandte und viele Freunde. Meine Blicke ſuchten Heinrich. Er ſprach mit Miſtreß Brandon und ſein Ge⸗ ſicht zeigte nichts Ungewöhnliches, nur war es lebhafter geröthet. Alice ſtand neben ihm. Mr. Middleton nahm mich bei der Hand, die Pforten der Sakriſtei öffneten ſich und wir näherten uns dem Altar. Der Prieſter war be⸗ reits da und das Buch lag offen vor ihm Ich glaubte noch zu träumen. Ich zitterte heftig, meine Zähne ſchlugen aneinander. Meine Tante, Alice und Heinrich ſtellten ſich zur Seite des Altars, alle Uebrigen nahmen in den um⸗ ſtehenden Stühlen Platz. Der Geiſtliche neigte ſich vor und winkte meinem Onkel, der zu ihm ging und mit ihm ſprach. In dieſem Augenblicke vernahm ich Schritte hinter uns und Jemand ging neben Eduard vorüber. Ich ſah hin und erblickte eine große Frau in tiefer Trauer; ein Schleier verhüllte ihr Geſicht. Sie ſetzte ſich auf eine Bank, faſt mir gegenüber. Ein ängſtliches Gefühl be⸗ mächtigte ſich meiner. Ich konnte meine Augen nicht mehr von dieſer Erſcheinung abwenden. Als ſich Jeder bei den erſten Ermahnungsworten erhob, blieb ſie ſitzen, bis der Prieſter ſagte: „Wenn Jemand einen gerechten Einſpruch gegen dieſe Verbindung thun kann, der trete vor und rede, ſo lange es noch Zeit iſt“ Sie ſtand langſam auf, warf ihren Schleier zurück und ſah mich ſtarr an; ihre ſchmalen, blaſſen Lippen bewegten ſich, wie ſie ſich in meinem Traum bewegten und es ſchien, als wollte ſie ſprechen. Mit einem Blick der Verzweiflung ſah ich ſchnell auf Heinrich. Unſre Augen begegneten ſich, die meinen ſenkten ſich zum Boden, worauf ſie wie feſt gebannt geheftet blieben; meine Glieder und mein Herz — 103— waren wie zu Stein geworden. Ich fühlte den Blick jenes Weibes. Am Schluß der Rede ſetzte ſie ſich wieder und erhob ſich noch einmal, als der Prieſter die Worte ſprach: „Wer giebt dieſe Jungfrau dieſem Manne zur Gattin?“ Mr. Middleton ergriff meine Hand und als er ſie in die Eduard's legte, traf ein dumpfer Seufzer mein Ohr. Noch einmal erhob ich die Augen, und heftete ſie, wie durch Zaubergewalt, auf die bösartigen Züge und ſtarren Augen dieſes Weibes, das mich mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ druck verbiſſenen Ingrimms angrinſ'te. Die kirchliche Handlung nahm ihren Fortgang; wir knieten nieder, um zu beten und während ich mein Angeſicht in beide Händen verbarg, vernahm ich ein Geräuſch ſich entfernender Schritte. Ich erhob den Kopf: ſie war fortgegangen, aber ich fühlte den Fluch, den ſie mir im Weggehen zuwarf. Die Ceremonie war zu Ende: ich war Eduard's Frau. Ich ſtand auf und ſah mich um. Heinrich war verſchwun⸗ den. Alice war bleich und aus ihren Augen quollen Thränen. Auch ſie war ſo, wie ich ſie im Traume ſah. Wir gingen in die Sakriſtei zurück, um einige Papiere zu unterzeichnen. In demſelben Augenblicke, wo ich in Eduard's Wagen ſtieg, ward ein Zettel in meine Hand geſchoben. Ich nahm ihn maſchinenmäßig und hielt ihn bewußtlos in der zuſammengekrümmten Hand. Eduard ſprach mit mir; ich lächelte und ſchaute ihn mit unausſprechlicher Liebe an, als er mich zu ſich zog und mich ſein Weib— ſein heißgeliebtes Weib nannte! Wir erreichten Brook⸗Street und ich kleidete mich zur Reiſe an. Man brachte mir etwas Biscuit, Wein und Waſſer. Ich trank ſchnell ein wenig, aber eſſen konnte ich nicht. Meine Tante umarmte mich zum letztenmale; mein Onkel geleitete mich zum Wagen: ich ſtieg ein, Eduard nach mir. Der Schlag verſchloß ſich. Unwillkürlich ſchaute ich in das Papier in meiner Hand, es enthielt die Worte: „Ihr Verbrechen wird an den Tag kommen!“ Ich knitterte es zuſammen und warf es aus dem Wagen. Mit Eduard ſprach ich haſtig und lebhaft. Nach einigen Stunden fiel ich in einen tiefen Schlaf. Als wir nach Daſhminſter — 104— kamen, erwachte ich im heftigſten Fieber. Eduard brachte mich in ein Zimmer des Gaſthauſes und legte mich auf ein Bett. Die ganze Nacht über redete ich irre. Man ſchlug mir eine Ader, wie ich glaube, und zwei Tage nach⸗ her befand ich mich beſſer und war im Stande, die Reiſe nach Hillscombe fortzuſetzen. VII. Eduard, ich werfe mich im Geiſte Dir zu Füßen, indem ich dieſe Erinnerungen niederſchreibe. Inmitten meiner Seelenangſt fühl' ich, daß ein Tag, nicht des Erbarmens, aber der Gerechtigkeit kommen wird, ein Tag, wo Du mir, wenn auch nicht verzeihen, doch glauben wirſt, wo Du, wenn auch Deine Arme mir verſchloſſen bleiben, doch zu⸗ verläſſig ſagen wirſt:„Sie war falſch, aber nicht gegen mich“ Dieſe Hoffnung verleiht mir Kraft zu ſchreiben. Und doch, indem ich durch mein enges Zimmer ſchreite und meinen Kopf auf den Marmor lege, die einzige kühle Stelle, die er finden kann, wage ich kaum an das zu den⸗ ken, was war und nicht mehr iſt. Werd' ich nicht wahn⸗ ſinnig werden, und Dich in meinem Wahnſinn anklagen, Eduard? Werd' ich nicht Gott und den Menſchen ſagen, daß Du mir Dein Herz verſchloſſen und das meine ge⸗ brochen haſt? und am Tage des jüngſten Gerichts wird Gott Dich nicht fragen: was haſt Du ihr gethan, die, ſchuldig zwar, doch nicht ſchuldig gegen Dich geweſen war? O Du, Herr meiner Seele, den ich ſo innig liebe, ſo tief beweine, den meine Augen vergebens ſuchen, der aber meinem Geiſte immer gegenwärtig iſt, Du, den mein Herz vergöttert! ich klage Dich nicht an Wenn ein aus dem Him⸗ mel verbannter, gefallener Engel ſtets ſeinen Fall beweint, ohne über die Vergangenheit zu klagen, ohne auf die Zu⸗ kunft zu hoffen, ſo fühlet er wie ich, gedenke ich in meiner Einſamkeit der Zeit, wo Du mich liebteſt, Deine Ellen nannteſt. — 105— Iſt es möglich, daß Etwas dieſer Art beſtehen und ver⸗ ſchwinden kann und keine andre Spuren zurückläßt, als ge⸗ brochene Herzen und Seelenleid? Freut ſich die Natur mit dem Fröhlichen und weint ſie nimmer mit dem Weinenden? Scheint die Sonne eben ſo hell über die waldigen Pfade von Hillscombe, wie damals, als ich mit Eduard ſie durch⸗ ſchritt? Windet ſich der Strom eben ſo ſorglos fröhlich hindurch, wie damals, als er mich über ſein bemooſ'tes Geſtein leitete? Iſt der Thymian ſo mild, die Beere ſo purpurn, wie damals, als ich mich an ſeiner Seite durch den wilden Moorgrund wand? Und Du, Eduard, Du ſelbſt, biſt Du noch immer ſo ſchön und ſtark und ernſt? wieſeſt Du mich aus Deiner Nähe, und ſagteſt Du, als ſich kaum der erſte Schmerz jener Stunde verloren:„Die Bitterkeit des Todes iſt vorüber gegangen“ und erhobſt dann wieder Dein ſtattliches Haupt in ſeiner Schönheit und ſeinem Stolze?— Hat die Freude heiligere Rechte als der Schmerz, oder kehrt ſie ſo ſelten ein in das menſch⸗ liche Herz, daß wir die Spuren ihrer flüchtigen Erſcheinung nicht zählen, noch ihr entſchwundenes Bild zurückrufen dür⸗ fen? Ein kurzer Traum des Glücks war mir vergönnt; er ſteht allein da in einem Leben, das arm an Jahren, reich an Trübſal war. Einmal nur ward die Schale an meine Lippen gebracht, ein Zug nur ward dem heißen, unaus⸗ löſchlichen Durſt meiner Seele gewährt.— Seligkeit!— ja, eine Stunde der Seligkeit offenbart uns, was eine Ewigkeit ihres Wonnegefühls ſeyn kann; denn Zeit und Raum, Anfang und Ende— was ſind ſie der unendlichen Lebenskraft der Seele?— Sieben Tage lang erhob ſich die Sonne in majeſtätiſcher Pracht; ſieben Tage lang ſank ſie nieder in ihrem blen⸗ denden Strahlengewande. Der Glanz des großen Tags⸗ Peſtltns leuchtete über die Fluren und vergoldete die Gipfel der erge; Verklärung umfloß die Haine und Höhen und das Lichtmeer erfüllte der Menſchen Herz mit freudigem Ent⸗ zücken. Auch ich war einen Augenblick glücklich; in der verzehrenden Fiebergluth einiger Stunden, die mich meiner Sinne beraubte, entſchlummerte die Angſt meiner Seele. — 106— Mein Geſchick war unverändert, aber ich war ſchwach und in der Schwäche liegt etwas der Ruhe Aehnliches. Wir waren allein. Kein bekanntes Geſicht, kein ver⸗ trauter Gegenſtand erinnerte mich an mich ſelbſt, an meinen Kampf, an meine Sünden, an meine Leiden. In tiefer Rührung betrachtete ich die bewundernswerthen Werke des Schöpfers. Von dem grünen Wieſengrund, auf dem wir wandelten, ſah ich hinauf zur milden Himmelbläue und mein Herz verging in Wehmuth. Ich lauſchte auf Eduard's Worte und nichts ſtörte in dieſer ſüßen Einſamkeit das Echo ſeiner melodiſchen Stimme, das mein Ohr traf., Wenn ich die Augen ſchloß, rief ich den Segen des Him⸗ mels auf ihn herab; wenn ich ſie wieder öffnete, erblickte ich ihn; und wenn er im Gebete niederkniete, kniete auch ich nieder und ſagte:„Gott ſey mir Sünderin gnädig!“ — Liebe Ellen! morgen früh um neun Uhr reiſen wir. Biſt Du bereit? Wir müſſen bei Zeiten in Elmsley ſeyn. Du weinſt Ellen? Was fehlt Dir, mein Leben? Geh! das iſt unvernünftig! — Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dieſen Ort verlaſſen zu müſſen. Ich werd' ihn niemals wiederſehen, wenn ich mich jetzt von hier entferne. Im Gemurmel der Quelle, im Geſange der Vögel, im Rauſchen der Blätter vernehm' ich einen Klageton, dem ich nicht entrinnen kann, der wie ein ewiges Lebewohl in mein Ohr klingt. Ich verſuche, dieſe düſtern Gedanken zu verſcheuchen, aber ſie kehren immer wieder und als Du von unſrer Abreiſe ſpracheſt, durchdrangen Deine Worte—— — Geliebte Ellen, ich kann wahrlich dieſe Thorheiten nicht anhören! Du weißt, wie ſehr ich Deine Begeiſterung für die Schönheiten der Natur, wie ſehr ich Deine Be⸗ redtſamkeit, womit Du ſie ſchilderſt, bewundere— ſobald dies aber in Sentimentalität ausartet, iſt es mir, ich geſteh' es, unerträglich. — Lieber Eduard, Alles in der Natur lächelt Dich an und ich danke Gott dafür. Du hatteſt nie einen Grund, mit zeriſſenem Herzen und belaſteter Seele vor dem Reinen, Schönen, Strahlenden zu erzittern. — 107— Als ich die Augen zu ihm erhob, erſchrak ich über den Ausdruck ſeiner Geſichtszüge: ſie waren ſo ernſt und ſtrenge, daß ich erbebte. — Ellen, ſprach er, hör' mich an und merke Dir jedes meiner Worte. Eine krankhafte Empfindelei, die mich an⸗ widert, oder eine Affektation, die ich verabſcheue, verſtimmt den reinen Ton Deines Geiſtes und die Wahrheit Deines Charakters. Laß mich, ich bitte Dich, nichts mehr hören von zeriſſenem Herzen, Gewiſſensangſt und erdich⸗ teten Leiden. Als Du noch ein junges Mädchen wareſt, ſchreckteſt Du faſt meine Liebe zurück durch dieſe geheimniß⸗ vollen Klagen, deren Klang mein Ohr tief verletzt. Laß mich nicht glauben, daß meine Frau nicht im Stand ſey, die Natur mit ruhigem, hoffnungsvollem Blick zu betrach⸗ ten oder auf ihr vergangenes Leben mit vorwurfsfreiem Gewiſſen zurückzublicken. Ich weiß gewiß, in dieſer Sprache liegt nichts Reelles. Gott weiß, ich würde nicht ſo ruhig ſprechen, wenn ich Dir glauben könnte. Wenn Du aber wirk⸗ lich einen Werth in meine Liebe ſetzeſt, oder wenn Du mich nicht böſe machen willſt, ſo meide, ich bitte Dich inſtändigſt, Ausdrücke, die keinen Sinn in Deinem Munde haben. — Du biſt ſehr ſtrenge, ſagte ich mit einem erzwungenen Lächeln, wobei meine Lippen bebten. Deine Frau ſollte wirklich vollkommen ſeyn; denn es ſcheint, daß ihre Fehler keine Nachſicht von Dir erwarten dürfen. — Du hältſt mich für hart, Ellen? Vielleicht bin ich's; aber ſieh her! in dieſem Buche— und er nahm einen Band von Metaſtaſio's Tragödien, der auf dem Tiſche lag— ſtehen einige Verſe, die, meiner Meinung nach, alle ſentimentale Albernheiten, die es enthält, wieder gut machen: La nostra gloria è geloso cristal, e debil canna, Ogni aura l'inchina, ogni respiro l'appanna. (Unſer Ruf gleicht dem eiferſüchtigen Kryſtall oder dem zerbrechlichen Rohr; jedes Lüftchen beugt ihn nieder, jeder Hauch trübt ihn) — Meine Anſichten ſind vielleicht etwas übertrieben; aber — 108— ich geſteh' es Dir ganz offen, ſo wie der Ruf eines Wei⸗ bes ſchon durch die ſo zarte Einwirkung der Luft, gefähr⸗ det werden kann, eben ſo kann eines Mannes Liebe ge⸗ ringer Urſachen wegen erkalten. Du willſt reden, Ellen, und drängſt die Worte zurück, die auf Deinen Lippen ſchweben, aber ich leſe ſie in Deinen Augen, und will dar⸗ auf antworten. Nicht weil meine Liebe für Dich ſchwach iſt, würde ein von Dir begangener Fehler mir ſo groß er⸗ ſcheinen, wie eines Andern Verbrechen, ſondern weil die Entdeckung, daß Du nicht ſo rein, gut und treu wie irgend ein Weib in der Welt biſt, ein ſo ſchrecklicher Schlag für mich ſeyn würde, daß ich bezweifle, ob meine Liebe eine ſolche Verletzung meines Stolzes, eine ſolche Erſchütterung meines Glückes überleben könnte. Ich ſage mein Stolz und mein Glück; denn ich bin ſtolz auf Dich, meine heiß⸗ eliebte Ellen, wenn ich in Deine dunkeln Augen, auf eine edle Stirn ſchaue und der Gedanke mich beſeelt, daß kein Wort aus dieſem Munde ging, welches nicht ein Engel hätte ausſprechen können, und daß jeder Blick ſich ſtets nur mit Achtung und Zuneigung zu Dir erhoben hat. Ellen, hüte Dich vor der Angewohnheit, des Effektes we⸗ gen, von Gewiſſensangſt und Vorwürfen zu ſprechen, die Du Dir ſelbſt zu machen habeſt— das ſind allzu trübe und peinliche Dinge, um Scherz damit zu treiben. — Du haſt recht, antwortete ich, ſie ſind zu trübe und peinlich, als daß wir davon ſprechen ſollten. Du haſt recht! Verzeihe mir meine Thorheit. Ich werde mir dieſen Fehler nicht wieder zu Schulden kommen laſſen. Und Leid, Angſt und Hoffnung verbargen ſich wieder im tiefſten Winkel eines blutenden Herzens. Der Traum war vorüber; in ihrem Glücke war meine Seele ſchwach ge⸗ worden, ſie ſchüttete ihre Liebe aus und im Erguß derſelben, entſchlüpfte ihr das Geheimniß ihrer Qual. Zwiſchen mir und Eduard erhob ſich eine neue Schranke und entfremdete unſre Geiſter. Als wir am folgenden Morgen Hillscombe längſt aus dem Geſichte verloren hatten, und ich an Eduard mit jener Selbſtbeherrſchung, die wir uns aneignen müſſen, um mit gleichgültiger Stimme von unbedeutenden Dingen —y — 109— zu reden, während das Herz zerſpringen will, einige Fra⸗ gen richtete, ſagte ich ihm im Innerſten meiner Seele ein trauriges Lebewohl. Eines der eigentbümlichſten Gefühle im Leben iſt das Ge⸗ fühl, wenn wir uns, dem natürlichen Lauf der Dinge fol⸗ gend, mit einer gewiſſen Leichtigkeit, die wir zuvor kaum für möglich gehalten haben, in neue, uns peinlich erſchei⸗ nende Verhältniſſe fügen. Ich empfand dies am Tage unſrer Ankunft in Elmsley. Ich ſah mich aufs neue in jenem mir wohlbekannten Speiſeſaale, worin ich mit jedem Stückchen Möbel, vom Bildniß eines gewiſſen Admirals Middleton an, welcher mit einem Haufen blauer Kanonen⸗ kugeln zur Seite über dem Kamin hing, bis zu dem ſchweren, rothen Schleppvorhange, hinter welchem ich mich ſo oft beim Verſteckenſpiel verborgen hielt, ſo vertraut war, wie mit dem Geſicht eines Freundes. Hier, in dem Hauſe, wo ich einſt in Verzweiflung Eduard's Hand ausgeſchlagen hatte, ſaß ich neben ihm als ſeine Frau, erwiederte alle Toaſte, die uns zu Ehren ausgebracht wurden, und Hein⸗ rich— Heinrich, deſſen Drohungen, Schmähungen, ja Verwünſchungen ich ſo oft ertragen mußte, begrüßte mich nun mit freundlichem Lächeln, und der Jasmin⸗ und Camellien⸗ Strauß, den ich in der Hand hielt, war von ihm gebun⸗ den, von ihm dargereicht worden. Auch Alice, das Kind von Bridman Cottage, des Krämers Tochter, ſaß neben Mr. Middleton in der ganzen ihr eigenthümlichen ruhigen Würde. Zum Erſtenmale trug ſie ein Abendkleid von weißem Mouſſeline und ein ſchimmernder Stechpalmzweig ſchmückte ihr Haar. Mr. Middleton ſchien ſich ungemein glücklich zu fühlen; alle ſeine Wünſche waren in Erfüllung gegangen: ich war Eduard's Frau und deſſen Ernennung für die Grafſchaft faſt keinem Zweifel mehr unterworfen; ja, ſo verſöhnend war der Einfluß dieſes Standpunkts der Dinge, daß mein Onkel Heinrich aufforderte, mit ihm zu trinken und ihm dabei in fröhlichſter Laune zunickte. Miſtreß Midd⸗ leton dagegen ſchien unruhig und tief bekümmert: mehre⸗ mal ward ich gewahr, wie ſich ihre Augen mit Thränen füllten, wenn ſie bald Alice, bald mich anſah. — 110— Während des Abends ſprach Heinrich nur wenig mit mir, aber nichts glich der Sanftheit und Liebenswürdigkeit ſeines Benehmens. Er vermied alle Gegenſtände, die mich ſchmerzlich berühren konnten; er war wohl aufgeregt, aber es war keine Bitterkeit in der Art und Weiſe, die er ſei⸗ nem Benehmen verlieh. Durch tauſend Kleinigkeiten, durch einige kaum merkbare Tonübergänge, durch eine zur ſchicklichen Zeit gegebene Antwort oder durch einen ein⸗ fachen beifälligen Blick gewährte er mir, was mir in die⸗ ſem Augenblicke am nothwendigſten war— Sympathie! Am folgenden Tage herrſchte im Hauſe und in der Nachbarſchaft ein lärmendes Untereinander Die Wahlen ſollten am Mittag ihren Anfang nehmen. Wir begaben uns frühzeitig in die Stadt, um den Tag über in dem Gaſthauſe zu verweilen, das meinem Onkel angehörte, und deſſen Wirth einer der wärmſten Anhänger Eduard's war. Das lärmende Geſchrei:„Es lebe Middleton! Middle⸗ ton für immer!“ der Jubel der Begeiſterung, der bei unſe⸗ rer Ankunft zum Ausbruch kam, das Murren und Pfeifen, das ſich zuweilen dazwiſchen vernehmen ließ, aber zu ſchwach war, um uns zu beunruhigen, die Fahnen, die Muſik, der Lärm, Eduard's in hoher Röthe ſtrahlendes Angeſicht, das Intereſſe, welches unſre ganze Umgebung kund gab, der Eifer der Wortführer, der Streit der erhitz⸗ ten Partheien, die geſpannten Erwartungen hinſichtlich der bevorſtehenden Entſcheidung— alle dieſe vereinten Urſachen regten mich in ſo hohem Grade auf, daß es mir kaum möglich war, ruhig im Wagen oder am Fenſter zu bleiben und theilnahmlos dem Treiben der Menge zuzuſchauen. Heinrich ſchien ſich nicht weniger als wir ſelbſt für die Wahlangelegenheit zu intereſſiren; er lief fortwährend hin und her, vom Wahlſaal ins Gaſthaus, vom Gaſthaus wie⸗ der in den Wahlſaal; er wußte ſogar meines Onkels Herz ganz für ſich einzunehmen, als er uns einmal mit nieder⸗ geſchlagener Miene die Nachricht überbrachte, daß unſer Gegner wider alles Erwarten einen Vortheil errungen habe, und am Tage darauf mit freudeſtrahlendem Geſichte — 111— ins Zimmer ſtürzte, um uns Eduard's durch eine beträcht⸗ liche Stimmenmehrheit errungenen Sieg zu verkünden. Ich hatte mir vorgenommen, Eduard's Rede im Ge⸗ meindehaus anzuhören und ich beſtand darauf, mit Heinrich und Alicen hinzugehen. Miſtreß Middleton machte einige Einwendungen, aber ich widerlegte ſie ſämmtlich und bald befand ich mich auf einer Gallerie, die in der Eile mit Fahnen und Bändern, welche unſre politiſchen und Fami⸗ lien-Farben trugen, verziert worden war. Der Anblick einer ſolchen Volksbewegung war mir bis jetzt fremd ge⸗ blieben, und ich war ganz außer mir, als ich den jubeln⸗ den Empfang, welcher der Gattin des glücklichen Candi⸗ daten galt, grüßend erwiederte, und auf die gedrängte Menſchenmaſſe niederſchaute, welche wiederholt den Namen des Mannes ausrief, den ich liebte, und den Gegenſtand meiner innigſten Zärtlichkeit unter ſtürmiſchen Glückwünſchen hochleben ließ. Ein Gemurmel bewundernden Beifalls er⸗ hob ſich unter der Menge; die Luft ertönte vom Rufe: „Lang lebe Middleton's Frau! lang lebe die Braut von Elmsley!“ und im Augenblicke, als Eduard in den Saal trat und zu mir hinauf ſchaute, überzeugten mich das Lächeln, das ſein Geſicht verklärte, und der feurige Blick, den er mir zuwarf, bevor er ſeine Rede begann, mehr als Worte es vermocht hätten, daß die Schönheit, welche den Enthuſiasmus der Menge erregte, ſein Herz beherrſchte und ſeinen Geiſt erhob. Er hielt ſeine Rede. Unwillkürlich ergriff ich Heinrich's Hand, lauſchte und wagte kaum zu athmen. Die erſten Worte ſprach er ruhig, aber ſie waren gut gewählt und geſchickt angewandt. Bald begeiſterte ihn ſein Gegenſtand; er entwickelte ſeine politiſchen Grundſätze mit einer Folge⸗ richtigkeit und einer Kraft des Ausdrucks, welche hinreißende Beredtſamkeit offenbarten. Aus ſeinen Zügen, aus ſeinen Worten ſprach ſich das Bewußtſeyn eignen Werthes und einer über jeden Zweifel erhabenen Reinheit der Geſinnung aus, deren moraliſcher Einfluß weder durch den Aufſchwung des Genies, noch durch den Eifer des Parteigeiſtes erſetzt werden kann. Als er von ſeiner Verantwortlichkeit und — 112— ſeinen Pflichten ſprach, ſo geſchah dies nicht in Hinſicht auf Menſchen allein, ſondern auch auf Gott; und der Wohlfahrt des Volkes und des Landes gedachte er auf eine ſo eindringliche Weiſe, daß Freunde und Widerſacher— Feinde hatte er keine— ſein redliches Streben, jeden Tag ſeines Lebens dem Wohle Anderer zu weihen, tief gerührt erkannten. Und deshalb ſtand ihm das Recht zu, von Gott zu ſprechen, denn er diente Ihm; von Seiner Kirche, denn er ehrte ſie, von ſeinem Lande, denn er liebte es; von der Tugend, denn er übte ſie aus, von Geſinnung, denn ſeine Geſinnung war rein, von Ehre, denn ſeine Ehre war unbefleckt, und in dieſer ganzen Verſammlung von Men⸗ ſchen, war auch nicht einer, der nicht Worte oder Thaten von ihm anzuführen wußte, die ihm der Menſchen Be⸗ wunderung und Verehrung erweckten und ſeinen Vater im Himmel verherrlichten. „Ahl das iſt eine ſchöne Rede für den Mann des Wei⸗ bes, die das Kind tödtete und deſſen Erbe antrat.“ War das eine Stimme aus dem tiefſten Grund der Hölle? Vernahm ich dieſe Worte— und ſank ich nicht nieder auf mein Angeſicht, den Bergen zurufend, über mich zuſammen zu ſtürzen und der Erde, mich zu verſchlingen! Nein, ich blieb ſitzen, ergriff krampfhaft Heinrich's Hand und ſah auf ſein leichenblaſſes Geſicht, das zur Gallerie über uns hinaufſchaute. Und von dort her erſchallte ein Lärm, ein Zank, ein Getöſe von verwirrten Stimmen. Eduard hielt inne; betäubender Beifallsjubel erfüllte den ganzen Saal und Heinrich zog mich durch die Menge. Mitten unter dieſem Volke, mitten in dieſem Lärmen, dieſer Verwirrung ergriff mich ein Gefühl, als müßte ich ewig umherirren und immer und ewig die Worte anhören, die mein Blut zu Eis erſtarrten. — O nein! rief ich aus, während Heinrich mich zum Wagen führte und neben Alice ſetzte; o nein! wiederholte ich, ohne auf ihre Gegenwart zu achten und faſt in wahn⸗ ſinniger Verzweiflung— meine Strafe iſt größer als ich ſie ertragen kann! Ich muß von ihm gehen, fliehen, mich — 113— auf ewig verbergen! Sehen Sie nicht, Heinrich, daß ich wahnwitzig bin? Verſuchen Sie nicht, mich zurückzuhalten! Er muß Alles wiſſen, alle Welt ſoll es erfahren.— Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich! Ich ſank ohnmächtig zurück und das letzte Wort, das ich vernahm, bevor ich die Beſinnung verlor, war Heinrich's Bemerkung:„Die Aufregung, liebe Alice, war zu ſtark fi ſie; ich befürchte, dieſer Paroxismus wird ſich wieder⸗ olen!“ VIII. Als ich die Augen wieder öffnete, ruhte mein Kopf an Alicens Schulter und meine Tante benetzte meine Schläfe mit friſchem Waſſer. Ich erinnerte mich nicht ſogleich des Vorgefallenen, aber nach und nach kam mir Alles wieder ins Gedächtniß zu⸗ rück. Schrecklich iſt ein ſolches Wiederfinden der Beſin⸗ nung, nachdem die Natur das Gefühl der Angſt eine Zeit⸗ lang unterdrückt hatte. Faſt mit Widerwillen wandte ich mich von meiner Tante und Alicen hinweg, die mir Stirn und Hände mit kölniſchem Waſſer rieben und alles Mög⸗ liche thaten, um mich zu beruhigen. Es kam mir vor, als ob dieſer Aufwand an Güte des Mitgefühls entbehre, und ihre Unbekanntſchaft mit den Qualen, die ich empfand, flößte mir faſt einen Abſcheu wider ſie ein. — Ich moͤchte gern allein ſeyn; vielleicht gelingt es mir, ein wenig zu ſchlafen. — Meinſt Du, liebes Kind? Nun, dann wollen wir Dii verlaſſen; Dein Kammermädchen mag im Nebenzimmer eiben. Einige Minuten der Einſamkeit und Ruhe waren mir vergönnt. Das ſchwache Echo entfernter Stimmen drang zu mir und ich konnte die Worte unterſcheiden:„Es lebe Middleton! Middleton für immer!“ Ich ſchauderte zuſam⸗ men und verbarg meinen Kopf in das Kiſſen. Die Stim⸗ II. 8 — 114— men ließen ſich deutlicher vernehmen. Mein Kammermäd⸗ chen trat auf den Zehen ins Zimmer und als ich mich um⸗ ſah und ſie anblickte, ſagte ſie:„Ich glaubte, ſie hätten Sie aufgeweckt, Madam, ſie jubeln ſo, weil Mr. Midd⸗ leton zurückkehrt; den ganzen Weg hierher begleitete ihn ihr Freudengeſchrei. — Er kömmt zurück! Eduard! Zu mir! Der Mann des Weibes, die— O mein Gott! hörte er die Worte? fielen ſie ihm auf?— Was war das? ich muß es wiſſen! Neues Geſchrei! neuer Jubel! — Nr. Middleton iſt zurückgekommen, Madam. — Schließe die Thüre zu und laß mich ſchlafen. — Was befehlen Sie, was ich ſagen ſoll, Madam? — Nichts! nichts! ſeh' ich recht leidend aus? — Nein, Madam.. Eduard trat ins Zimmer und ſagte gütig: Theuerſte Ellen, wie leid thut es mir, Dich unwohl zu finden! Du hätteſt nicht mitgehen ſollen. Nun, wie geht's Dir jetzt? — Beſſer, lieber Eduard. — Deine Tante meint, Du ſollteſt nicht viel ſprechen. Verhalte Dich ruhig, verſuche zu ſchlafen. Ich muß zu Tiſche, wo ich noch einmal reden muß. Gefiel Dir meine Rede dieſen Morgen? Ich ergriff ſeine Hand, küßte ſie wieder und wieder und drückte ſie an meine Augen, indem ich ihm antwortete: — Außerordentlich, außerordentlich, mein Eduard! Er drückte mich zärtlich an ſein Herz und ich flüſterte ihm leiſe ins Ohr: — Laß uns nun nach Elmsley zurückkehren. Verlaß mich nicht; ich bin ſo ſchwach, ſo krank. Entſage dieſem Mahle, ich fühle mich unglücklich, wenn Du hingehſt. Bringe mich nach Elmsley zurück— gleich!— — Was fällt Dir ein, liebe Ellen? Du weißt wohl, daß das unmöglich iſt. Wenn Du willſt, ſo kehre mit Deiner Tante zurück; ich werde dieſen Abend nachkommen. — Das geht nicht, Eduard, ich bitte, ich beſchwöre Dich, verlaß mich nicht! Vermag ich denn gar nichts über Dich? Beſchäftigt Dich dieſe leidige Politik denn ſchon ſo ſehr, — 115— daß meine Wünſche, meine Bitten kein Gehör bei Dir finden? — Um Gotteswillen, ſey nicht ſo kindiſch! Schon wieder Thränen? Ein neuer Auftritt! Das iſt nicht zum Aushalten! Er ging im Zimmer auf und ab, während ich am Kamine mit gefalteten Händen und thränenſchweren Augen ſtehen blieb. Ich wiederholte: — Schmäle, mache mir Vorwürfe, aber verlaß mich nicht! geh' mit mir nach Elmsley zurück! ich bitte Dich inſtändig! In dieſem Augenblick trat mein Kammermädchen ins Zimmer und übergab Eduard einen Brief. Die Adreſſe trug die runden, eigenthümlichen Züge derſelben Hand, welche bereits zweimal jene Schreckensworte an mich ge⸗ ſchrieben. Ich ward leichenblaß und dann überzog eine glühende Röthe mein Angeſicht. Ich fiel über den Brief her und in demſelben Augenblick hatte ich ihn auch ſchon Eduard's Händen entriſſen und ins Feuer geworfen. Er ſah mich mit ſtummem Erſtaunen an. Eines Theils, um ſeine Verzeihung zu erflehen, andern Theils, weil ich der⸗ maßen zitterte, daß ich mich nicht aufrecht zu halten ver⸗ mochte, ſank ich auf die Knie nieder und bedeckte das Ge⸗ ſicht mit meinen Händen. 3 — Was ſoll das bedeuten, Ellen? Erkläre mir ohne Umſtände dies auffallende Betragen. Rede, wenn Du nicht haben willſt, daß ich, erzürnt auf Dich, fortgehe. Mit dieſen Worten legte er ſeine Hand auf die Thuͤrklinke. — Um Gotteswillen! ſey barmherzig! geh nicht von mir! verlaß mich nicht in dieſer Stimmung! — So redel antwortete er nicht ohne Entrüſtung. Was bewog Dich zu dieſem Benehmen, das ich nicht begreifen noch entſchuldigen kann? Ich glaubte— ich bildete mir ein, daß dieſer Brief von einer Frau herkäme— von einer Frau, die Dir nachſpäht, Dich verfolgt. Verzeihe mir, Eduard; ich war eiferſüchtig, wahnwitzig. O habe Mitleid mit mir; bringe mich nicht um den Verſtand! Mit dieſen Worten fuhr ich mit der Hand nach dem 8* — 116— Kopfe und ſchleppte mich nach meinem Bette hin. Eduard hob mich hinauf, drückte einen Kuß auf meine Stirn und ſagte: 3 Gott ſchütze Dich, armes Kind! Ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals und klammerte mich feſt an ihn an. Nachdem Eduard ſich losgemacht und mich verlaſſen hatte, ſchien es mir, als ob ich ihn nicht mehr wiederſehen ſollte. Andere Stimmen, andere Briefe konnten zu ihm gelangen und alsdann mußte mein Benehmen wider mich zeugen. Was er als das Gekritzel eines Verrückten bei Seite geworfen haben würde, mußte ihm nun als eine Enthüllung der Wahrheit erſcheinen. Raſch ergriff ich die Schelle und klingelte heftig; als mein Kammermädchen herbeikam, gab ich ihr den Auftrag, ſich nach Heinrich um⸗ zuſehen, um ihn auf der Stelle herbeizubringen. — Soll ich in den Saal gehen, um es ihm zu ſagen, Madam? — Nein! ich will ſelbſt hingehen. Ich nahm meinen Shawl und meinen Hut und ant⸗ wortete auf alle an mich gerichtete Fragen, daß ich mich wieder wohl befände und daß ich bereit ſey, nach Elmsley zurückzukehren. Man befahl anzuſpannen. Mittlerweile rief ich Heinrich zu mir ans Fenſter und fragte ihn leiſe, ob er mir etwas mitzutheilen, ob er nichts Neues erfahren habe. Er legte den Finger auf den Mund und entfernte ſich. Gleich darauf fragte er mich, ob ich nicht meinen Platz im verſchloſſenen Wagen Alicen, die ſich etwas er⸗ kältet habe, überlaſſen und mit ihm fahren wollte. Ich willigte ein und als mein Onkel, etwas ungehalten, wie mir ſchien, bemerkte:„Das iſt thöricht, Ellen, es wäre beſſer, Du führeſt mit uns,“ antwortete ich, ohne mich lange zu beſinnen, daß die Luft mir wohl thun würde, und ſprang in den Wagen, neben Heinrich Platz nehmend. Wir fuhren nach Elmsley zurück. — Was haben Sie gehört? was haben Sie erforſcht? fragte ich ihn. — Sagen Sie mir zuvor, ob zwiſchen Ihnen und — 117— Eduard, ſeitdem Sie zurückkamen, etwas vorgefallen iſt? Fragte er Sie nichts? — Was wollen Sie damit ſagen? was meinen Sie? — Vielleicht bekümmert er ſich nicht darum; aber Sie müſſen auf eine Antwort gefaßt ſeyn, wenn er Sie fragen ſollte, und wir thun auf jeden Fall wohl daran, uns darüber zu beſprechen. Es ſchmerzt mich unendlich, Sie betrüben zu müſſen, aber Sie dürfen nicht unvorbereitet ſeyn. Man hat ihm einen Brief geſchrieben, der ſich jetzt in ſeinen Händen befinden muß. Wer weiß, ob er ihn geleſen hat! 4 Wer hat ihn geſchickt? Wer ſprach auf der Gal⸗ erie — Ich glaube, es war Robert Harding. Gleich nachdem ich Sie nach Hauſe gebracht hatte, forſchte ich ſeiner Spur nach. Alles, was ich indeſſen in Erfahrung bringen konnte, war, daß einer von den Bedienten dem Ruheſtörer, wer es auch geweſen ſeyn mochte, einen Schlag verſetzte; dieſer gab den Schlag zurück und hierauf entſpann ſich ein Hand⸗ gemenge, die Polizei ſchlug ſich ins Mittel und der Mann entwiſchte. Ich kehrte nach dem Gaſthauſe zurück, und als ich eine halbe Stunde nachher am Fenſter ſtand, er⸗ blickte ich Harding auf der Straße. Ich eilte ſchnell hin⸗ unter, fragte Ihren Bedienten, der am Thore ſtand, ob dieſer Mann ihm bekannt ſey und ob er ihn ſchon irgendwo geſehen hätte. Er antwortete mir, daß er ihm ſo eben einen Brief für Eduard mit der Bitte eingehändigt habe, denſelben auf der Stelle zu übergeben. Zuverläſſig war es Harding, der auf der Gallerie geſprochen hat, und den ich auf der Straße ſah. Miſtreß Tracy läugnete zwar, irgend etwas von ſeiner Anweſenheit in England zu wiſſen, aber ich kann's beſchwören, daß er wieder hier iſt. Ich forderte den Brief Ihrem Bedienten ab, was dieſem wohl auffallend erſchienen ſeyn mag, und ich weiß nicht, was ich gethan haben würde, wenn er ihn mir gegeben hätte; kurz zuvor nahm ihn aber Ihr Kammermädchen in Empfang, um ihn hinaufzutragen. Ich ſtand ſeitdem Todesangſt aus. —— Der Brief iſt vernichtet. — Wie? Was ſagen Sie? — 118— — Ich entriß ihn Eduard's Händen und warf ihn ins Feuer. Wenn ich an die Gefahr denke, der ich entging, fühl' ich mich faſt erleichtert, obgleich es ein gewagter Schritt war, der mir Eduard's ganzen Zorn zuzog. Aber, um Gotteswillen! ſagen Sie mir, was ſoll ich nun an⸗ fangen, Heinrich? Harding wird noch einmal ſchreiben! Ich ſehe keinen Ausweg, keine Hoffnung! — Es kommt auf einen Verſuch an, und ich muß mit dieſem Harding ſprechen. Die alte Tracy ſoll der Teufel holen!— ſie hat ihm alles entdeckt!— Vielleicht könnten wir durch Geld—— Wären Sie im Stande, Ellen, über eine Summe Geldes zu verfügen? — Gott im Himmel! mußt' es dahin kommen? Muß ich wie eine Verbrecherin das Stillſchweigen dieſer verächt⸗ lichen Menſchen erkaufen— und was hab' ich denn am Ende verbrochen? großer Gott! was that ich denn? nichts, was ich nicht vor aller Welt laut bekennen dürfte, zwar mit Kummer und Bedauern, aber wahrlich ohne Scheu und ohne Gewiſſensangſt. — Dann hätten Sie es früher thun ſollen; jetzt iſt es zu pät. — So ſprechen Sie und ich folgte doch nur Ihren Rathſchlägen. Ohne Sie, und hätte ich Sie nie geſehen, nie gekannt, hätten Sie ſich nicht überall in meinen Weg geworfen, würd' ich nie ſo unglücklich geworden ſeyn, als ich es jetzt bin. Ich kann weder Eduard, noch Ihnen, noch irgend Jemanden in der Welt frei und offen ins Angeſicht ſehen, bis Sie mich des unglückſeligen Eides ent⸗ bunden haben, den Sie mir in einem Augenblick der Schwäche und der Verzweiflung abnöthigten. — Vor Ihrer eignen Schwäche, vor Ihrer thörichten, unbeſonnenen Verzweiflung will ich Sie wider Ihren Willen ſchützen. — O mein Gott! befreie mich von einem ſolchen Be⸗ ſchützer— der Himmel bewahre mich vor Ihren Rath⸗ ſchlägen und entziehe mich Ihrer Gewalt! 1 — Nun, ſo gehen Sie denn hin und erzählen Sie Ihrem Mann, daß Sie aus Unbedachtſamkeit Ihre Couſine — 4119— ums Leben gebracht haben; ſagen Sie ihm, daß Sie aus Unbedachtſamkeit im Begriff waren, mich zu heirathen, daß Sie aus Unbedachtſamkeit ihn geheirathet und ihn und mich und alle Perſonen, die Ihnen nahe ſtanden, hin⸗ tergangen haben, und zwar immer aus Unbedachtſamkeit. Gehen Sie hin und brechen Sie das feierlichſte Gelübde, wobei Sie Gott zum Zeugen nahmen; laden Sie neue Verbrechen und neue Gewiſſensvorwürfe auf Ihr Haupt— ſollte aber Eduard Ihrer Erzählung keinen Glauben bei⸗ meſſen und von Trennung ſprechen, ſo erinnern Sie ſich, daß ein Mann in der Welt lebt, der Sie trotz Ihres Zorns und Ihrer Verachtung liebt und ſelbſt dann zu Ihren Füßen niederſinken würde, wenn Sie die ganze Welt verdammen und verlaſſen ſollte. — Noch ein Wort wie dieſes, Heinrich, und ich ſpreche nie mehr mit Ihnen. — Sie wiſſen nicht, was Sie reden, Ellen! Arme, ſchwache Frau, was wollten Sie ohne mich anfangen? Be⸗ trachten Sie doch dieſen Brief, den Sie einſt in Ihrer Herzensangſt an mich ſchrieben, als Sie Eduard ohne meine Einwilligung nicht zu heirathen wagten. Ich werd' ihn nie von mir legen; an meinem Herzen will ich ihn bewahren als einen Talisman, der mich zu milderen Ge⸗ fühlen, beſſeren Gedanken ſtimmen ſoll, wenn ſich ein böſer Geiſt meiner bemächtiget, um Sie zur Verzweiflung zu bringen. Haben Sie Mitleid mit mir und mit ſich ſelbſt, Ellen; Ihre gegenwärtige Lage iſt gefährlicher, als ſie es jemals war; wenn Sie ſich aber zufrieden geben und mir vertrauen wollen, ſo kann alles noch gut werden Dieſen Harding werd' ich ſchon zu finden wiſſen und ich werde auf Mittel bedacht ſeyn, ihm das Maul zu ſtopfen. Ueber⸗ legen Sie doch nur, was Sie alles auszuſtehen gehabt haben würden, wenn ich in einem Augenblick jähzorniger Aufwallung Ihnen geſtattet hätte, Eduard Alles zu entdecken. Ich ſchwöre Ihnen auf das feierlichſte, die Wahrheit zu ſagen, wenn ich Ihnen betheure, feſt davon überzeugt zu ſeyn, daß er ſich, wie ich ihn, ſeinen Charak⸗ ter und ſeine Handlungsweiſe kenne, von Ihnen trennen — — 120— wird, wenn jene Umſtände ihm bekannt werden ſollten. Und wiſſen Sie, Ellen, wovor ich Sie geſchützt habe? Nein, Sie wiſſen nicht, was Trennung iſt. Sie wiſſen nicht, was es heißt, der Liebe, der Hoffnung, dem Glück entſagen zu müſſen, das Antlitz nicht mehr zu ſchauen, deſſen Anblick beſeligt, die Stimme nicht mehr zu hören, deren Klang bezaubert und durch ein Leben zu gehen ohne ſchützenden Führer und Freund, ohne Harmonie der Seele, ohne Hoffnungen, ja, ohne Kummer! Und ach! wie elend iſt nicht der Zuſtand, wo ſelbſt der Kummer ein Glück gewäh⸗ ren kann! Nein, nein! die Qual, welche ich ertragen, bleibe fern von Ihnen, und erinnern Sie ſich zuweilen, daß Sie es mir verdanken, ihr entgangen zu ſeyn. Halten Sie dieſen Gedanken feſt: möge er von nun an von Ihren Lippen die herzdurchbohrenden Worte und Vorwürfe wider einen Mann fernhalten, der Sie den Schmerzen zu ent⸗ heben trachtet, die ihn ſelbſt zu Boden drücken. Ich erwiederte Heinrich's Händedruck und wir fuhren eine Zeitlang ſtillſchweigend weiter. Wie immer hatte er den Sieg über mich davon getragen und unſre gegenſeitigen Verhältniſſe zu ihrem gewöhnlichen Standpunkte zurück⸗ geführt. Er rieth mir mit unermüdlicher Beharrlichkeit und ſcheinbar richtige Gründe anführend, mich einer baldigen Rückkehr nach London nicht zu widerſetzen und Eduard's politiſche Neigungen zu fördern, ſtatt ihn davon abwendig zu machen.„Ihre Gemüthsart, ſagte er, ſtimmt mit der ſeinigen nicht überein und Sie haben oft Gründe, unruhig und ängſtlich zu ſeyn. Man kann ſich leicht den Tag über eine oder zwei Stunden lang ſelbſt beherrſchen, und das Vergnügen, welches Sie in Eduard's Geſellſchaft während der kurzen Zeit, die er Ihnen widmen kann, empfinden werden, wird Sie vor dem Gefühlswechſel be⸗ wahren, der ihn ſo unangenehm berührt. Wer weiß, welche Geſchichten dieſer Harding in der Nachbarſchaft herumgetragen hat! Bis dieſelben vergeſſen ſind, werden Sie ſich wohler in London befinden, wo Eduard beſtändig beſchäftiget ſeyn wird, und Sie ſelbſt Vergnügungen und Zerſtreuungen aller Art finden werden. Ein ſogenanntes —jj — 121— ruhiges Leben mag recht wohlthätig für Leute ſeyn, die keine Sorgen und Bekümmerniſſe kennen; wenn aber Je⸗ mand,wie man zu ſagen pflegt, etwas auf dem Herzen hat, dann iſt es die ſchlimmſte Lebensweiſe, die man ſich denken kann: es iſt nicht minder ſchwer, ohne die äußerſte An⸗ ſtrengung ſein Herzeleid abzuſchütteln, als es vor Andern zu verbergen. In dieſer Weiſe ſprach Heinrich fort, bis wir nach Elms⸗ ley kamen Eduard kam Abends ſpät zurück. Er hatte noch einmal und zwar nicht minder trefflich als das erſtemal geſpro⸗ chen, und um jeder Bemerkung über mein Betragen am Morgen zuvorzukommen, ſprach ich mit ihm von politiſchen Gegenſtänden und hörte mit anſcheinend großem Intereſſe auf ſeine Auseinanderſetzungen und umſtändlichen Mitthei⸗ lungen in Betreff der während der bevorſtehenden Seſſion zu nehmenden Maßregeln. Aber bald darauf ſagte er mit leiſer Stimme zu mir: — Ich habe wegen des Briefes, welchen Du dieſen Morgen ſo unbeſonnen vernichteteſt, Erkundigungen einge⸗ zogen. Deine unbegründete Eiferſucht führte Dich ganz und gar irre. Er kam von einem Mann, den Niemand kennen will; wahrſcheinlich enthielt er irgend eine Petition. Ich war viel zu nachſichtig gegen Dich, denn es war un⸗ verzeihlich, auf einen ſo abſurden Verdacht hin, dieſen Brief zu vernichten. Du bekannteſt aber Deinen Fehler ſo aufrichtig, daß ich Dir nicht lange grollen konnte. Ich ſeufzte tief auf und antwortete nichts. Tags darauf, während des Frühſtücks, fragte Eduard Heinrich, ob ihm nicht die Urſache des Streites bekannt ſey, der ſich auf der Gallerie während des Schluſſes ſeiner Rede entſponnen hätte. — Es hat ſich irgend Jemand eine Beleidigung wider Sie erlaubt, glaube ich, antwortete Heinrich unbeſangen; und einer der Unſrigen übernahm Ihre Vertheidigung. Das iſt alles. — Wiſſen Sie nicht, wer ſich meiner auf dieſe Weiſe an⸗ genommen hat? ſagte Eduard. — 122— Hein James, der alte Kutſcher, glaub' ich, erwiederte einrich. Der alte James kannte mich von Kindheit an; er gab mir Unterricht im Reiten, er war mir immer ſehr ergeben, und ich konnte mir ſeinen Aerger über die wider mich ge⸗ ſchleuderte Beſchuldigung leicht erklären. Aber ich ſchauderte⸗ vor dem Gedanken, daß er in ſeinem Unwillen das Ge⸗ rücht ausbreiten und Eduard es von ihm erfahren könnte, wenn dieſer ſich bei ihm erkundigen würde. Ich hatte nicht den Muth, ſelbſt mit ihm über dieſen Gegenſtand zu ſpre⸗ chen; wie gewöhnlich nahm ich zu Heinrich meine Zuflucht: ich flüſterte ihm einige Worte ins Ohr und er verließ auf der Stelle den Saal. — Wo haſt Du Heinrich hingeſchickt? fragte mein Onkel. Dieſe Frage war ſehr einfach, aber in dieſem Augenblick vermochte ich nicht darauf zu antworten, und als Alice mich mit ihren großen ſanften Augen anſah, erröthete ich und ſtammelte einige Worte von gegebenen Aufträgen, die Pferde betreffend. Sie ſah mich einen Augenblick ruhig an und nahm ihr Strickzeug, ohne ein Wort zu ſagen. Ich copirte Noten und eine Viertelſtunde lang vernahm man im Saale kein anderes Geräuſch, als das Kritzeln meiner Feder und das Rauſchen der Zeitungen, welche Mr. Middleton und Eduard laſen. Als Heinrich wieder ins Zimmer trat, fühlt' ich mich von neuem erröthen; aber ich athmete leichter, als auch er eine Zeitung zur Hand nahm und ſich damit an das Kaminfeuer ſetzte. Einige Minuten darauf trat ich ans Klavier und fing zu ſpielen an. Heinrich ſtand auf und kam zu mir. — Alles iſt in Ordnung, ſagte er, was James betrifft, aber je eher Sie von hier weggehen, deſto beſſer wird es ſeyn. Die Leute erzählen ſich einander Geſchichten aller Art; ſie werden bald von ſelbſt in ihr Nichts zurückfallen, aber Ihre Abweſenheit wäre ſehr wünſchenswerth. — Gott weiß, daß ich kein Verlangen trage, hier zu bleiben. Aber bin ich im Stande, Eduard und meinen Onkel zum Weggehen zu beſtimmen? — Ich will meine Schweſter zu überreden ſuchen— und — 123— ich kann's mit gutem Gewiſſen!— daß, inſofern ſie mit ihrem Manne dieſen Winter eine Reiſe machen will, es rathſam ſeyn würde, dieſe jetzt anzutreten. Sie werden ſie natürlich nach London begleiten; es wird Ihnen nicht ſchwer fallen, Eduard zu dieſem Zweck zu ſtimmen und be⸗ finden Sie ſich einmal in London, können Sie es leicht ſo einrichten, dort zu bleiben. Das Parlament wird Anfangs November eröffnet werden und dann wird wahrſcheinlich von einer Rückreiſe hierher nicht mehr die Rede ſeyn. — Haben Sie jenen Menſchen geſehen? — Noch nicht; ich will dieſen Nachmittag nach Bridman reiten, ich find' ihn gewiß! — Was macht er dort? — Ich weiß es nicht, aber James ſagte mir, daß er ſich ſchon drei Wochen dort im Wirthshauſe aufhält. Alice ſtand auf und kam zu uns. Sie hielt einen Brief in der Hand und reichte denſelben ihrem Manne hin, in⸗ dem ſie deutlich und langſam ſagte: — Dieſer Brief ward im Hintergrunde unſres Wagens Pefunden; man überbrachte ihn mir und ich ſtelle ihn ir zu. Der zarte Teint ihres Geſichtes war leicht geröthet, aber der Ausdruck ihrer Stimme war vollkommen ruhig. Mit langſamen Schritten verließ ſie das Zimmer. Es war mein Brief an Heinrich, der einzige, welchen ich ihm je geſchrie⸗ ben hatte. Er zeigte mir denſelben Tags zuvor, und nun hatte ſie ihn geſehen oder zum wenigſten die Handſchrift erkannt. Heinrich biß ſich in die Lippen, zerriß das Papier in Stücke und warf ſie ins Feuer. Er kam zu mir zurück und ſagte leiſe: — Wollte Gott, meine Liebe, meine ſündige Liebe für Sie zerſchmölze in der Flamme wie dies Papier! Aber es iſt zu ſpät, Ellen; wir haben die Wetterwolke heraufbe⸗ ſchworen und müſſen nun wider den Sturm kämpfen. Während des Gabelfrühſtücks wagte ich kaum, Alice an⸗ zuſehen. Ich fürchtete nie etwas ſo ſehr, als dieſen reinen Augen zu begegnen. Sie näherte ſich mir, als ich im Be⸗ griff war, den Speiſeſaal zu verlaſſen und fragte mich mit —— — 124— ihrer ſüßklingenden Stimme, ob ich nicht mit ihr ausfahren wollte. Ich willigte ſogleich ein, obſchon mich der Gedanke, unter vier Augen mit ihr zu ſeyn, mit unbeſchreiblicher Angſt erfüllte. Eine Zentnerlaſt fiel daher von meinem Herzen, als ſich uns mein Onkel zur Begleitung anbot. Es war ein ſchöner Herbſtmorgen. In der Nähe des Parkthores fragte Mr. Middleton Alice, ob ihr nicht der Weg nach dem Dorfe Shirley und dann durch das Brid⸗ man⸗Gehölz nach Hauſe zurück bekannt ſey. — Nein, erwiederte ſie; ich ging oft im Bridman⸗Wald ſpazieren, aber der Weg, von dem Sie ſprechen, iſt mir nicht bekannt. — Nun, ſo wollen wir ihn heute einſchlagen. Wahrlich, ein eignes Mißgeſchick ſchien mich zu ver⸗ folgen! nicht der kleinſte Spaziergang war mir vergönnt, ohne auf irgend eine Weiſe aufs neue in Schrecken geſetzt zu werden! Als wir den bezeichneten Weg einſchlugen, er⸗ innerte ich mich des Tages, an welchem Heinrich mir nur mit dem größten Widerwillen nach Bridman Cottage folgte, wo ich Miſtreß Tracy und ihre Enkelin, in Auf⸗ trag meiner Tante, beſuchte. An der Terraſſe, wo ich Alice zum Erſtenmale geſehen hatte, bemerkte ich, wie dieſe ihre Augen auf die verfallene Fontaine heftete und ihre Lippen ſich bewegten, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt. Plötz⸗ lich aber wandte ſie ſich zu meinem Onkel und bat ihn, ſie am Ecke der Terraſſe ausſteigen zu laſſen und einige Minuten auf ſie zu warten, damit ſie einen Blick auf das Haus werfen könne, welches ſie früher bewohnte. — Ich ſelbſt, antwortete mein Onkel, möchte mir Brid⸗ man Cottage ein wenig anſehen; man hat mir einen Pächter empfohlen und ich will die Gelegenheit benutzen, die Localitäten in Augenſchein zu nehmen. Er befahl dem Kutſcher uns hinzufahren Als wir am Wirthshauſe vorbei kamen, erkannte ich Heinrich's Pferd, welches im Hofe ſtand. Schnell lenkte ich die Aufmerkſam⸗ keit meines Onkels auf eine alte Eiche an der andern Seite des Weges und ſo entging ihm jener Umſtand. Eine alte Frau, deren Obhut Miſtreß Tracy während — 125— ihrer Abweſenheit Bridman Cottage anvertraute, empfing uns an der Thüre; ſie öffnete die Läden und die ſchrägen Strahlen der Abendſonne fielen durch die Fenſter⸗ flügel auf die ſtaubigen Backſteine des Eſtrichs hellleuchtend nieder. Im Hinterſtübchen öffnete ſie die Thüre, welche aauf das Gärtchen ging, deſſen zierliches und freundliches Ausſehen mit der Unordnung und Unreinlichkeit im Innern der Hütte in gewaltigem Contraſt ſtand. Ein Spaten und ein Rechen lagen auf dem Grasplatz vor dem Häuschen. Mr. Middleton fragte die alte Frau über Verſchiedenes aus. Sie erzählte uns unter anderm, daß das Gärtchen ſeit einem Monate von einem Manne kultivirt werde, der von London hergekommen ſey. Dieſer Mann habe mit Blumen einen Namen in einen Winkel des Gärtchens geſchrieben.„Ich ſelbſt aber, fuhr ſie fort, kann ihn nicht leſen— es iſt eine gar ſeltſame Schrift!“ Wir gingen hin und ſahen zu gleicher Zeit unten an der Mauer Alicens Namen aus zarten Levkoienblüthen hübſch gebildet. Stumm vor Erſtaunen ſah dieſe einige Miinuten lang auf dieſelbe Stelle hin; dann wandte ſie ſich zu der Frau mit der Frage nach dem Namen des Mannes, von welchem ſie ſprach. — Robert Harding, Madam! — Armer Jungel ſprach Alice vor ſich hin; nun be⸗ greif' ich alles! Sie wandte ſich um und ging in das Haus zurück. An die Mauer gelehnt, blieb ich in Gedanken verſunken, bis mein Onkel wiederkam. Er war im Begriff, zurückzu⸗ kehren und bat mich, Alice zu rufen. Da ich ſie in den untern Zimmern vergebens ſuchte, ſtieg ich die ſchmale Treppe hinauf, öffnete die Thüre ihres ehemaligen Schlaf⸗ „ gemaches und ſah in das Stübchen nebenan. Und durch das Fenſter erblickte ich die Kirche wieder, welche ſie mir einſt gezeigt hatte: Alice ſelbſt lag auf den Knien und ihr Haupt ruhte in ihren Händen; ein tiefer Seufzer traf mein Ohr. Ich ſchaute auf die Kniende in dieſem kahlen, leeren Stübchen nieder, wo ich ſie einſt mit ihren Blumen und ihren Büchern, mit ihrem kindlich frommen Sinn, und ihrem — 126— milden, lieblichen Lächeln geſehen hatte. Ich gedachte jenes Bildes und des Anblicks vor mir und eine Stimme flüſterte in meine Seele:„Wer hat das gethan?“ und mein Ge⸗ wiſſen antwortete:„Du, immer Du.“ Meines Onkels ungeduldige Schritte drangen zu mir herauf und ich ſagte: „Alice, kommen Sie!“ Sie erhob ſich von ihren Knien und in ihrem Antlitz ſtrahlte jener Friede, der„über den Verſtand der Verſtändigen ragt“. Sie ſah mich an und gewiß entging ihr nicht die Wolke, die meine Seele ver⸗ finſterte, denn ihr holder Blick lächelte mir mit wehmüthi⸗ ger Güte entgegen. Aus ihrem Buſen zog ſie ein kleines hölzernes Kreuz, welches an einem ſchwarzen Band um ihren Hals hing, drückte es an ihre Lippen und dann an die meinigen und ſagte:„Für uns geboren und geſtorben.“ —— Erſt nach aufgehobener Tafel kam Heinrich nach Hauſe; ſein Geſicht war ganz erhitzt und ſein Blick finſter. Kurz und barſch beantwortete er ſeiner Schweſter Erkun⸗ digungen nach der Urſache ſeiner Verſpätung; er trank viel Wein und beobachtete ein düſtres Schweigen. Muthlos und zugleich beſorgt, Alice zu betrüben, ließ ich nicht nur die Gelegenheit vorübergehen, ihn nach dem Erfolge ſeiner Unterredung mit Harding zu fragen, ſondern ich mied ſo⸗ gar ſeine Nähe und entfernte mich aus dem Saale. In dem Thürmchen, das mein Boudoir umſchloß, ſaß ich einſam am Kamin und ſchürte in ſchwermüthiges Nachſinnen ver⸗ tieft, das Feuer zuſammen, als nach Verlauf einer halben Stunde Heinrich plötzlich hereintrat. Mit einem Blicke des Erſtaunens ſah ich ihn an; er bemerkte ihn und rief mit Bitterkeit aus: — Haben Sie die Güte, ich bitte Sie, und erlaſſen Sie mir ein für allemal die abgeſchmackten Förmlichkeiten; empfangen Sie mich, wenn Sie es im Stande ſind, mit Wohlwollen, denn meine Geduld iſt erſchöpft und ich möchte Ihnen rathen, nicht weiter Ihren Scherz mit mir zu treiben. Bilden Sie ſich ein— fuhr er mit zunehmender Erbitte⸗ rung fort— daß ich mich den peinlichſten und demüthigend⸗ ſten Vermittlungen unterziehen werde, um mich nach ge⸗ thaner Arbeit wie ein Lackei behandelt zu ſehen, der ſich — 127— ſeines Auftrags entledigt hat? Wenn Sie mich haſſen, ſo verbergen Sie es zum wenigſten. Spielen Sie doch die Rolle der Heuchlerin weiter, es könnte nichts ſchaden, denn die Rolle, welche Sie jetzt ſpielen und mich ſpielen laſſen, fängt an mir unerträglich zu werden. — Verlaſſen Sie mich, verlaſſen Sie mich augenblicklich, und möchte ich Sie niemals wiederſehen! — Das haben Sie mir ſchon einmal geſagt, aber ver⸗ geſſen Sie nicht, ich verſicherte Ihnen damals, daß zwiſchen uns noch lange nicht Alles zu Ende gebracht ſey. Das Band, welches Sie an mich feſſelt, iſt unzerreißbar. Er⸗ weichte ſich nicht Ihr Herz für mich, trotz allen meinen Worten und Handlungen, welche Ihren Haß entflammen mußten? und geſchah dies nicht, weil Sie wiſſen und fühlen, daß, was ich auch in unbezähmbarem Zorn thun oder ſagen mag, ich Sie ſo heiß, leidenſchaftlich, unausſprechlich liebe— — Um Gotteswillen! haben Sie Barmherzigkeit! ver⸗ laſſen Sie mich! Ich höre Eduard's Stimme im Saale— er kömmt! Heinrich eilte an die Thüre und verſchloß dieſe in dem⸗ ſelben Augenblick, wo die Klinke von außen angefaßt und herabgedrückt wurde. Ich erblaßte, ſprang aber ſchnell vorwärts, um ſie wieder zu öffnen. Bevor ich die Thüre erreichen konnte, hatte ſich Heinrich meiner Hände bemäch⸗ tiget und raunte mir zu: — Wenn Ihre künftige Ruhe Ihnen lieb iſt, ſo öffnen Sie nicht! — Lieber wollte ich zu ſeinen Füßen ſterben, als ihn nicht hereinlaſſen! Ich entwand mich Heinrich's Händen und öffnete raſch die Thüre— aber es war niemand mehr da; ich hörte nur, wie die Thüre, welche in den Saal führte, mit Ge⸗ walt zugeſchlagen wurde. Schamerfüllt und entrüſtet ging ich ins Zimmer zurück, warf mich auf meinen Stuhl am Kamine, verbarg mein Geſicht in meine Hände und wei⸗ gerte mich, Heinrich weiter anzuhören. — Beruhigen Sie ſich, ich beſchwöre Sie, ſagte er; man darf Ihre rothgeweinten Augen jetzt nicht ſehen. Ueberdies — 128— muß ich mit Ihnen ſprechen— ich muß von Harding mit Ihnen reden! Ich erhob mich mit dem Muthe der Verzweiflung und der Entſchloſſenheit eines durch Schickſalsſchläge gehärteten Gemüthes und mit ſtummer Aufmerkſamkeit vernahm ich ſeine Erzählung des Auftritts, welchen er mit jenem rohen Menſchen hatte, der ſich um keine Verhältniſſe und Rück⸗ ſichten zu bekümmern und deſſen Bruſt nur ein einziges Ge⸗ fühl zu beherbergen ſchien— ſeine unbezwingbare, hoff⸗ nungsloſe Neigung für Alice. — Ich habe heute um Ihretwillen viel ertragen müſſen, Ellen; es iſt für uns Beide gut, daß ich mehr Selbſtbe⸗ herrſchung beſitze, als Sie. Dieſer freche, ungehobelte Ben⸗ gel kennt meine Geheimniſſe eben ſo gut, wie die Ihrigen. Es fehlte nicht viel, und er hätte mir das Geld, welches ich ihm bot, ins Geſicht geworfen; es fehlte nicht viel, ſo hätte er mich einen Schurken genannt und ich mußte ge⸗ zwungener Weiſe alles ertragen. Ja, ich ſah mich genö⸗ thigt, ihn ruhig fortgehen zu laſſen und durfte ihm nur in meinem Herzen einen Fluch nachſchicken, als er ſich mit den Worten entfernte:„Machen Sie Alice glücklich und ich werde das Maul halten und Gott danken; denn bin ich auch ein Lumpenkerl, ſo bin ich doch kein Dieb und habe ich auch ſo manchen Mann zu Boden geſchlagen, ſo hab' ich doch in meinem Leben noch kein Kind umgebracht. Hüten Sie ſich aber, ſie unglücklich zu machen und ihr das Herz zu brechen— oder ich will nicht Robert Harding heißen, oder es müßte keinen Knüttel, kein Meſſer mehr in der Welt geben, wenn Sie nicht ein Pröbchen meines Handwerks zu ſchmecken bekämen!“— Nun wiſſen Sie, weshalb ich mit der Wuth eines Dämons in der Bruſt nach Hauſe kam, und die Qual, die ich empfand, über Sie ausſchüttete. O Ellen! dieſes Leben können wir nicht länger ertragen; könnten Sie nur—— —— Ellen! Ellen! wo biſt Du? Die Brandons ſind zum Beſuch gekommen und haben ſchon einigemal nach Dir gefragt! Mr. Middleton und Eduard laſſen Dich bitten, gleich herabzukommen! = 129= Schnell eilte ich die Treppe des Thürmchens hinab; meine Tante ſtand unten und ich ging mit ihr in das Leſezimmer, wo ich reden, lächeln und anhören mußte, daß ich etwas abgemattet und bleich ausſähe, wo mich Eduard fragte, ob ich Heinrich nicht geſehen hätte, was ich ganz und gar verneinte, wo ich endlich mit zerriſſenem Herzen und fieberiſchen Wangen eine erbärmliche Rolle durchſpielen und mich ſelbſt und die horchende Umgebung vergeſſen mußte, um nicht aus der Rolle zu fallen. IX. Heinrich's Benehmen wurde von dieſem Tage an immer ſchroffer. Die Güte und die wohlwollende Rückſicht, wo⸗ mit er mich ſeit jenem Augenblicke behandelte, der mich, zur Zeit meines übereilten Verlöbniſſes mit Eduard, ganz in ſeine Hände gab, verſchwanden immer mehr, und wenn ich mich allein mit ihm befand, ſprach er von ſeiner Liebe wie von einer abgemachten Sache und begegnete jedem Verſuche meinerſeits, ihn in den Schranken zu halten, mit wechſelnden Ausbrüchen ſeines Zornes oder ſeiner Zärt⸗ lichkeit. Mit bitterm Hohn ſpielte er nicht ſelten darauf an, daß ich jedes Rechts zu ſolchem Widerſtande verluſtig geworden ſey, und verächtlich lächelnd fragte er mich, ob ich ihn behandeln zu können glaubte wie irgend einen dün⸗ kelhaften Anbeter, der ſich zufällig in den Kopf geſetzt habe, mir den Hof zu machen. Hundert Kleinigkeiten gaben ihm Veranlaſſung, mich ſeine Macht fühlen zu laſſen; er verleitete mich zu tauſend Täuſchungen und kleinlichen Kunſtgriffen, demüthigte mich vor mir ſelber und ließ mich auf eine handgreifliche Weiſe das Erniedrigende meiner Lage und die Verſchlechterung meiner Gemüthsart em⸗ pfinden. Er hatte mich nun vollkommen unter ſeine Ge⸗ walt gebracht, und machte ich auch nur den leiſeſten Verſuch, ſeiner Tyrannei zu widerſtreben, ſo drohte er mir, Alice zu verlaſſen und in weiter Ferne und andrer Umgebung II. 9 — 130— Schutz vor den Leiden zu ſuchen, welche ihm ſeine hoff⸗ nungsloſe Leidenſchaft verurſachten. Er wußte recht gut, daß ein ſolches Vorhaben mich zur Verzweiflung treiben mußte, und zwar um ihretwillen, wie meiner ſelbſt willen, und eines Abends, ungefähr vierzehn Tage nach der vor⸗ erwähnten Unterredung, als ich mich unwillig von ihm wegwandte, und, nach einem äußerſt heftigen Auftritt, nichts von ſeinen gewohnten Verſöhnungsvorſchlägen wiſſen wollte, empfing ich einen Brief von ihm, worin er mir ſeinen Entſchluß, jenes Vorhaben ins Werk zu ſetzen, mit⸗ theilte. Dieſer Brief lautete: „Klagen Sie mich nicht an— klagen Sie ſich vielmehr ſelbſt an, denn Sie haben mich zu dieſem Schritt getrie⸗ ben! Sie ahnen wohl, was ich meine, und wahrſcheinlich erfüllt, Sie die Ausſicht mit Freude, von einer Neigung befreit zu werden, welche ſich gleichwohl ſo oft zwiſchen Sie und das drohende Unglück ſtellte, welche Sie mit Ver⸗ achtung behandelten, ſo lange Sie nicht gezwungen waren, Ihre Zuflucht zu ihr zu nehmen. Meine Selbſtbeherrſchung hat ihr Ziel erreicht, meine Kraft iſt erſchöpft: ich kann dieſe Pein nicht länger ertragen, und ich verlaſſe meine Frau in einem Augenblick, wo ſie meiner Hülfe und des Troſtes meiner Gegenwart am meiſten bedarf, weil die Entdeckung alles deſſen, was ich ihr bis jetzt mühſam zu verbergen ſuchte, ein härterer Schlag als ſelbſt meine Ab⸗ weſenheit für ſie ſeyn würde. Ich werde alles Mögliche aufbieten, um ſie unter einem ſcheinbaren Vorwand von der Nothwendigkeit meiner Entfernung zu überzeugen. Es iſt ein unſinniges Unternehmen, aber Sie haben mich zum Wahnſinn gebracht! Ich kann es nicht über mich gewin⸗ nen, Abſchied von Ihnen zu nehmen: morgen früh, wenn Sie erwachen, werde ich Elmsley verlaſſen haben, Sie müßten mir denn durch irgend ein Zeichen des Wohlwol⸗ lens, durch irgend einen Ausdruck des Bedauerns die Zu⸗ ſicherung geben, daß Sie inskünftig Geduld mit mir haben wollen. Verlange ich denn zu viel, wenn ich Sie bitte, meine Liebe geduldig zu ertragen? Würden nicht Andere an meiner Stelle mehr verlangen? Mein, Ihr und Alicens — 131— Schickſal liegen zum zweitenmale in Ihrer Hand. Noch bin ich bei Ihnen, bei ihr; ſie ruht ſanft, nicht ahnend, daß mein und ihr Lebensglück von der Entſcheidung dieſes Augenblicks abhängt. Schreiben Sie mir nur ein einziges gütiges Wort und ich bin noch immer bereit, meine ſtůr⸗ miſchen Gefühle zu bezähmen, alle ſelbſtſüchtigen Regungen zu unterdrücken, Alicen ein wohlwollender, ſtandhafter Beſchützer und Ihnen ein Freund zu ſeyn Ich erwarte hier Ihre Antwort, ich zähle die Minuten, bis ich ſie er⸗ halte und jede Minute wird mir ein Jahrhundert zu ſeyn ſcheinen. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich dieſe Zeilen nur deswegen ſchreibe, um Sie zu einer Verſöhnung zu zwingen. Wenn Sie mich nicht auffordern, hier zu blei⸗ ben und ſich nicht zu ausdauernder Geduld, zu großmüthi⸗ ger Schonung eines Gefühls verpflichten, welches, indem es für Andere ein Geheimniß bleibt, von Ihnen gewür⸗ digt und geachtet werden ſollte, wenn Sie mir nicht in die⸗ ſem Sinne eine Antwort ſchreiben, ſo ſchwöre ich Ihnen hiermit auf das feierlichſte, daß ich Sie und Alice zum Letztenmale geſehen habe, und alles Unglück, welches da⸗ durch über Sie und Alice, über meine Schweſter und ſelbſt über Eduard hereinbrechen kann, wird Ihr Werk, nicht das meinige ſeyn! Entſcheiden Sie, Ellen! Ich las dieſen Brief in meinem Ankleidezimmer ,mein Kammermädchen wartete auf dem Corridor; Eduard konnte jeden Augenblick herauf kommen. In höchſter Verlegen⸗ heit, in tiefſter Demüthigung, mit verwirrtem Sinn hielt ich den Brief in meiner Hand, unfähig zu denken oder einen Entſchluß zu faſſen. Fünf Minuten darauf ward an die Thüre geklopft und mein Kammermädchen ſagte: „Mr. Lovell erwartet Ihre Antwort, Madam!“ Die Pendule ſchlug Mitternacht. Die Thüre des Bil⸗ lardzimmers öffnete ſich und zu gleicher Zeit vernahm ich Stimmen von Weggehenden. Ich ergriff ein Stückchen Papier, das auf dem Tiſche lag und ſchrieb in größter Eile mit einer Bleifeder die Worte:„Bleiben Sie hier, ich beſchwöre Sie, ich verzeihe Ihnen und will Geduld mit Ihnen haben.“ . 9* — 132— Ich verſiegelte das Billet und ſchickte es fort. Einen Augenblick darauf würde ich vieles darum gegeben haben, wenn ich es wieder bekommen hätte— aber es war zu ſpät! Am Morgen ging Alles ſeinen gewöhnlichen Gang. Meh⸗ rere Tage lang ſchien Heinrich keinen Vortheil aus mei⸗ ner feigen Nachgiebigkeit ziehen zu wollen. Alicens Benehmen ließ mich in Ungewißheit, wie weit ihr Argwohn rege geworden war, oder wie ſchwer die Ent⸗ deckung meines Briefes an ihren Gatten ihre Seele ver⸗ wundet hatte. Auf jeden Fall erſchien ihr Weſen ſeit ihrer Verheirathung ganz und gar verändert. Jene kind⸗ liche Unbefangenheit und Offenherzigkeit, womit ſie gewohnt 2 war, ihre Gedanken mitzutheilen oder die kleinen Bege⸗ benheiten ihres Lebens und ihre unſchuldigen Brſchäft⸗ gungen zu ſchildern, waren verſchwunden; dagegen waren ihr Gegenſtände der Unterhaltung oder Bücher, welche uns über den gegenwärtigen Standpunkt der Geſellſchaft beleh⸗ ren oder die Geſchichte des menſchlichen Herzens beſchrei⸗ ben, nicht mehr gleichgültig. Sie las viel. Die innige 4 2 Theilnahme, womit ich ſie beobachtete, ohne es zu wagen, ſie auszuforſchen, veranlaßte mich, der Wahl ihrer Lectüre die geſpannteſte Aufmerkſamkeit zu widmen. Aber während ihr Geiſt Nahrung fand und ſie ihre Kenntniſſe erweiterte, fingen ihre Wangen an zu bleichen und der Ausdruck ihrer Züge, aus welchen ſonſt ihrer Seele Ruhe und Frieden ſtrahlten, zeigte nun etwas Erkünſteltes. Ihr Charakter) ſonſt die Grrgachheit ſelbſt, war verſchloſſener geworden. Nicht ſelten heftete ſie ihre Augen auf Heinrich mit einem Ausdruck, welcher weder Liebe noch Haß, aber eine tiefe, wehmüthige Theilnahme offenbarte. Gegen das Ende der dritten Oktoberwoche reiſtten wir nach Lonbon und bezogen dort unſere neue Wohnung. Alicens baldige Niederkunft wurde erwartet, und mein Onkel und meine Tante waren im Begriff, ihre Reiſe an⸗ zutreten. Noch kurze Zeit zuvor würde dieſer Umſtand höchſt ſchmerzvoll für mich geweſen ſeyn— nun aber war es mehr die Erinnerung an die glücklichen Stunden, welche ich mit meiner Tante durchlebte, und an die Schickſals⸗ — 133— ſchläge, welche dies Glück zertrümmerten, was meinen Kummer erweckte, als die Trennung ſelbſt. Seit meiner Verheirathung zeigte ihr Benehmen gegen mich, wenn auch nicht Kälte, doch etwas Gezwungenes, und ſie ſtand nicht ſelten auf dem Punkte, den Gefühlen, welche ſie bewegten und betrübten, Worte zu geben, die jedoch nie über ihre Lippen kamen. Aus Furcht, daß ſie von einem Gegenſtande mit mir ſprechen würde, worüber ich ihr keine Erklärung zu geben im Stande war, vermied ich, ſtatt mich ihr während der letzten Stunden ihres Aufenthaltes in London zu nä⸗ hern, jedes Zuſammentreffen unter vier Augen. Sie reiſ'ten ab. Beim Scheiden umarmte ſie mich und flüſterte mir ins Ohr:„Gott leite Dich, Gott ſegne Dich, mein viel geliebtes Kind!“ Ich verbarg mein Geſicht an ihrer Bruſt, und die hei⸗ ßen Thränen, welche ich vergoß, waren die einzige Ant⸗ wort auf einen Segen, welcher feurige Kohlen auf mein Haupt ſammelte. Nachdem ich mich vom Fenſter ent⸗ fernt hatte, an welchem ich dem Wagen, ſo lang ich konnte, nachgeſehen, ergriff mich eine Verzweiflung, die mir faſt die Beſinnung raubte. Nie hatte ich meiner Tante mein Herz vertrauungsvoll geöffnet, ihr nie geſagt, daß ich unglücklich ſey; aber wenn eines Tages der Leidenskelch zu voll und mein Herz dem Zerſpringen nahe geweſen wäre, hätt' ich zu ihr eilen und ihr ſagen können:„Meine Seele iſt traurig“; nimmer würde ſie geantwortet haben: „Warum iſt es ſo mit Dir?“ Sie ſagte nie zu mir, das Leben ſey ſchön und es müßte mich glücklich machen. Sie wußte nicht, daß ich unglücklich war, aber ſie fühlte es; und zu mir, jung, kräftig und blühend, wie ich damals war, zu mir, dem Abgotte des Mannes, den ich verehrte, dem verwöhnten Schooskinde des Glücks, ſagte ſie in ſol⸗ chen Augenblicken, wie von der Ahnung ihres Herzens hin⸗ geriſſen:„Die Erde, mein Kind, hat ein Grab, und Friede iſt im Himmel.“ Nach der Abreiſe des Mr. und der Miſtreß Middleton brachten wir die wenigen Tage, welche noch der Eröffnung des Parlaments vorangingen, bei den Moore's in Hamp⸗ — 134— ſtead zu, und ich fand daſelbſt mehr Ruhe, als mir ſeit unſrer Abreiſe von Hillscombe vergönnt geweſen war. Eduard war ſehr munter; ſeine Rührung, als er ſich wie⸗ der an einem Orte befand, wo ſich unſre Geſchicke anein⸗ ander ſchloſſen, gab mir einen Beweis ſeiner treuen Liebe. Ach, mit welcher innigen Zärtlichkeit, mit welcher herzlichen Ergebenheit ſah ich auf ihn! aber wie ſehr fürchtete ich ihn auch, wie ſehr überſtieg es meine geiſtige Kraft, den äußern Schein eines Charakters zu retten, welchen er lieb gewann, indem er ihn mir zutraute! Streng rügte er jeden Fehler, jedes Wort, welches den Typus der Vollkommenheit, der⸗ ſeiner Seele vorſchwebte, beeinträchtigte. Er traute mir Verdienſte und Eigenſchaften zu, die ich nicht beſaß; und andrerſeits hielt er mich für ein verwöhntes launenhaftes Kind, das noch viel in der Schule des Lebens zu lernen hätte, um jedes Tages Pflichten, die es uns auferlegt, aus⸗ zuüben. Seine Lobſprüche wie ſein Tadel demuthigten und entmuthigten mich. Ich war träge, denn die Ruhe war für meinen müden Geiſt unentbehrliches Bedürfniß; aber Eduard gab mir Bücher zu leſen, Zeichnungen zu kopiren, Thema's zu be⸗ gutachten und wies mich ſtrenge zu meiner Arbeit zurück, wenn mein Blick zerfreut und ich verdroſſen war. So lang er von ſeiner Liebe mit mir ſprach, ſo lang er ent⸗ zückt auf die Worte meiner Zärtlichkeit lauſchte, vergaß ich in des Augenblickes Wonne jeden peinlichen Gedanken, meine Furcht und mein Leid; ſobald ſich aber mein Geiſt davon ablenken und auf abſtracte Gegenſtände richten mußte, ſchweifte er aufs neue in den endloſen Kreis meiner Qua⸗ len und Bekümmerniſſe hinüber. 4 Eduard machte mir den Vorſchlag, in unſerm Hauſe einen Familiengottesdienſt einzuführen. Aengſtlich ſträubte ich mich dawider. Ich ging ſo oft wie er in die Kirche, aber ich ließ ihn ſtets allein zum Altare treten, denn ich wagte nicht, mich im Bewußtſeyn meiner Sünden, unver⸗ ſöhnt mit Gott, dem heiligen Tiſch zu nahen. An dem Sonntage, den wir in Hampſtead zubrachten und an welchem ſich dies ereignete, irrte ich einſam und ver⸗ — 135— zweiflungsvoll, als ob ein böſer Geiſt ſich meiner bemäch⸗ tiget hätte, im Kirchhof herum und hielt mich fern „Vom heil'gſten Schrein der Gnade“. Als Eduard wieder zu mir kam, war er traurig und niedergeſchlagen. Seine Züge verriethen den Kampf in ſeiner Bruſt. Stillſchweigend gingen wir nach Hauſe. Am Abende— ich ſaß ſchreibend in meinem Zimmer— ſetzte er ſich zu mir; eine trübe Wolke umſchattete ſein Antlitz. Ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals, er wand ſich los, ſtützte ſein Haupt auf ſeine Hand und ſagte mit wehmüthiger Stimme:„Das ahnte ich nicht, als wir uns verheiratheten, daß wir über die heiligſten Gegenſtände ſo verſchieden fühlten.“ Ich zog aus meinem Buſen ein Papier, auf welches ich folgende Zeilen geſchrieben hatte: In Selbſtverbannung und im Angſtgefühl Der Schuld ſtand ich allein; da öffnet ſich Die eng verſchloſſ'ne Pforte zwiſchen uns Und ihres Richters harrt die Sünderin. Auf meiner Bruſt lag eine ſchwere Laſt Und eine Wolke trübte meinen Blick. Ich kniete nieder; doch umſonſt hob ich Die Händ' empor zum brünſtigen Gebet; Sie ſanken nieder, von der Zaubermacht Der Rückerinnerung herabgedrückt. Verſtummet iſt mein Herz. Kein heil'ger Ton Erklingt aus den zerriſſ'nen Saiten mehr, Umſonſt nach Worten die Zerknirſchung ringt: Gebroch'ne Seufzer nur ſind mein Gebet!— Doch ſteigt in jedem ſtummen Seufzer nicht Geheimnißvoll ein Klageruf empor? Sind denn nicht auch Gebet die ſtillen Zähren, Das Gott doch hört, wenn Menſchen es nicht hören?*) *) Self-banished, self-condemned, I stand alone, Aud the closed doors between us seem to rise In judgment and in wrath: a dull hard stone Eduard gab mir das Papier, nachdem er es geleſen, zu⸗ zück und ſagte kalt:„Poeſie iſt nicht Religion, und Gefühl iſt nicht Fröͤmmigkeit“ — Aber ſie können uns zu ihnen hinleiten, Eduard. — Ich fürchte, ſie mißleiten Dich. Er wandte ſich weg und nahm ein Buch zur Hand. Ich that dasſelbe. Es war die Bibel; ich öffnete ſie und meine Augen fielen auf dieſe Stelle:—„Wie lange ſoll ich ſorgen in meiner Seele, und mich ängſten in meinem Herzen täglich?“— Wie lange, mein Gott, wie lange? Als wir nach London zurückgekehrt waren, ſah ich ein, wie recht Heinrich hatte, indem er behauptete, daß kein Aufenthalt geeigneter für meinen gegenwärtigen Gemüths⸗ zuſtand ſey. Er hatte vorausgeſehen, was geſchehen würde. Ich fand eine unverhoffte Erleichterung in der Art und Weiſe, wie Eduard ſeine Zeit zubrachte. Die mannichfal⸗ tigen Geſchäfte, welche die Verwaltung ſeiner Güter ver⸗ anlaßte, ſo wie die Sitzungen des Unterhauſes nahmen ſeine Aufmerkſamkeit faſt ganz in Anſpruch. Wenn er zum ſpä⸗ ten Mittagsmahl nach Hauſe kam, oder einen kleinen Spa⸗ zierritt mit mir in den Park machte, dann hatten wir in dieſen wenigen Augenblicken eines vergnügten Zuſammen⸗ ſeyns ſo vieles und verſchiedenes, was uns beide intereſ⸗ ſirte, mit einander zu reden, daß Eduard keine Gelegenheit fand, irgend etwas an mir zu tadeln, da ich auch meiner⸗ Is in my breast; a cloud before my eyes. I kneel; but my clasped hauds are raised in vain; They sink, weighed down by mem'ry's spell again. My soul is mute, no melodies arise; No sacred accents, from her shattered chords; And speechless prayers alone, in broken sighs, Struggle for utterance, and find no words. But is there not a strange mysterious cry, A mute appeal in each unconscious sigh— A silent prayer in ev'ry secret tear, Which man discerns not, but which God will hear? — 137— ſeits nichts von jenem wunderlichen, düſtern Weſen mer⸗ ken ließ, welches ihm ſo zuwider war. Das Echo ſeiner Schritte, der Ton ſeiner Stimme klang wie Muſik in mein Ohr, und wenn ich mit freudeſtrahlendem Geſichte ihm ent⸗ gegenflog, begrüßte er mich mit einer Zärtlichkeit, die nur allzu oft in Strenge überging, ſobald er die tauſend Feh⸗ ler bemerkte, welche meine tägliche Lebensweiſe offenbarte. Es giebt kein einſameres Leben, als das einer jungen Ehefrau, deren Gatte beſtändig mit politiſchen und andern Angelegenheiten beſchäftigt iſt und die weder Verwandte noch vertrautere Freunde um ſich ſieht. In dieſem Falle befand ich mich. Der geſellſchaftliche Umgang und die Be⸗ kanntſchaften, welche einer Frau ſo viele Zeit koſten, zo⸗ gen mich nicht an, und für die Lieblingsbeſchäftigungen meiner erſten Jugendjahren, für Literatur und ſchöne Wiſ⸗ ſenſchaften, hatte ich zuletzt, von Kummer und Sorge nie⸗ dergebeugt, keinen Sinn mehr. Leider fand ich Erſatz in Heinrich's Geſellſchaft. So oft er auch zu mir kam, wurde er vorgelaſſen; er wußte nicht anders, als daß mein Befehl oder meine Bitte, die ihn abhielt, uns zu verlaſſen, ihm das unbeſtreitbare Recht verlieh, den vertraulichen Umgang mit mir, welchen unſre nahe Verwandtſchaft und die Bande, die uns an einander feſſelten, herbeiführten, fortzuſetzen. Zu oft ſtrebte ich vergebens darnach, meine Unabhängigkeit zu behaupten, daß ich nun aus Scham und Furcht ver⸗ mied, in neuen Streit mit ihm zu gerathen; ich hielt es für würdiger, mich bis zu einem gewiſſen Punkt ſeinen An⸗ ſprüchen zu unterwerfen, um nicht Auftritte zu erneuern, an welche ich nur mit Schrecken denken konnte. Ich geſtat⸗ tete ihm nach und nach, Stunden lang bei mir zu bleiben, mir Bücher vorzuleſen, welche den Geiſt und die Phan⸗ taſie in hohem Grade aufregten, Gegenſtände von der größten Wichtigkeit mit mir zu beſprechen und von ſeiner Neigung für mich auf eine Weiſe zu reden, welcher ich nicht mehr zu widerſtreben ſuchte. Nichts konnte einen verderblicheren Einfluß auf meinen Charakter ausüben, als Verhältniſſe dieſer Art. Das fort⸗ währende Streben, in Eduard's Augen beſſer zu ſcheinen, — 138— als ich in der That war, unterdrückte nach und nach je⸗ den Gewiſſensvorwurf, welchen dies gleißneriſche Beneh⸗ men in mir hervorrief. Andrerſeits fand ich es, Hein⸗ rich gegenüber, nicht für nöthig, mich zu verſtellen, und je mehr ich mich der Launenhaftigkeit und Reizbarkeit meines ungebundenen Charakters überließ, deſto mehr tränkte er mich mit dem ſchleichenden Gifte ſeiner blinden leidenſchaft⸗ lichen Bewunderung. Der Anfang dieſes Winters in London war für mich eine Zeit trügeriſchen Friedens. Mein abgeſtumpftes Ge⸗ wiſſen, wie vor Alters das jenes falſchen Propheten, weiſſagte Friede, wo kein Friede war und ſprach Honigworte, wäh⸗ rend ich am Rande eines Abgrunds wandelte. Mehre Mal nahm ich mir vor. Alice öfter zu beſuchen und die Vertraulichkeit wieder berzuſtellen, welche früher zwiſchen uns herrſchte, aber gefährliche, ſchwer zu beſiegende Hin⸗ derniſſe ſtellten ſich der Ausführung dieſes Vorhabens in den Weg. Da die Zeit ihrer Niederkunft nahe war, ſo konnte ſie ſelten ausgehen, und ihre Großmutter beſuchte ſie zuweilen, was ſie im vorangegangenen Jahre unterlaſ⸗ ſen hatte. Auch ging ich nie zu ihr hin, ohne zuvor durch Heinrich die Ueberzeugung erhalten zu haben, daß ich nicht Gefahr liefe, mit jener Frau zuſammenzutreffen, die ich über alle Beſchreibung fürchtete. Ich konnte in Alicens Nähe eine ängſtliche Unruhe, die ſie offenbar andern Urſachen zuſchrieb, nicht unterdrücken. Ihr Benehmen gegen mich war weder unfreundlich noch zurückſtoßend, aber etwas Kaltes, Verſchloſſenes in demſelben lehrte mich, daß ihr die Augen bis zu einem gewiſſen Punkte aufgegangen waren. Was Eduard betraf, ſo beobachtete Heinrich eine Vorſicht, die ich nicht zu tadeln wagte, obgleich ſie mir widerwär⸗ tig war. Seine Verſtellungskunſt war außerordentlich; niemals in Eduard's Gegenwart verrieth er ſeine Leiden⸗ ſchaft durch einen Blick, durch ein einziges Wort. Seine Beſuche waren ſo geſchickt berechnet, daß Eduard weder von der Anzahl noch von der Dauer derſelben eine Ahnung hatte. Mich bei einem Täuſchungsſyſtem dieſer Art, beſon⸗ ders wenn es gegen Eduard ins Werk geſetzt wurde, ruhig — 139— zu verhalten, dies überſtieg zuweilen meine Kräfte, und es ereignete ſich manchmal, daß ich in einem Augenblicke der Entrüſtung, ſeiner Hinterliſt einen Streich ſpielte oder ſeine Anſchläge auf eine Weiſe vereitelte, welche ſeine ganze Geiſtesgegenwart, den höchſten Aufwand ſeiner Verſtellungs⸗ kunſt in Anſpruch nahm, um nicht aus der Rolle zu fallen. Gewöhnlich verließ er mich bei ſolchen Anläſſen mit Zorn im Herzen, und die Angſt, welche mir eine Trennung die⸗ ſer Art einflößte— die Mittel zur Rache lagen ja immer in ſeinen Händen— die troſtloſe Ungewißheit, in der ich zurückblieb, und— ich muß es bekennen— die Entbeh⸗ rung ſeiner Geſellſchaft, deren Reiz mir Bedürfniß gewor⸗ den war: alles vereinigte ſich, daß ich die Erneuerung ſei⸗ ner Beſuche freudig begrüßte, ja ſogar beförderte. Eines Tages, als mich Heinrich zur gewöhnlichen Stunde beſuchte und Eduard ſich zu Hauſe befand, bemerkte ich, daß es ihm unangenehm war, mich nicht allein angetrof⸗ fen zu haben. Er gab mir mehremal zu verſtehen, daß er mir etwas Wichtiges mitzutheilen habe und zuletzt ſtellte er ſich hinter Eduard's Stuhl und ſchrieb mir auf ein Stückchen Papier, welches er mir in die Hand zu ſchieben wußte, folgende Worte:„Alice wünſcht ihre Großmutter während ihres Wochenbettes bei ſich zu behalten; was ſoll ich thun?“ Ich hatte ſchon oft daran gedacht, daß es ſo kommen würde, und obſchon dieſer Umſtand meine Ver⸗ legenheiten vermehrte, ſo war ich doch nicht ſo hartherzig, ihn zu überreden, ihr eine ſolche Bitte unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen abzuſchlagen. Ich ſtellte ihm eine kurze Antwort zu. Bald darauf entfernte er ſich. Erſt zwei Tage nachher ſah ich ihn im Theater wieder. Mr. Escourt war in unſrer Loge, als Heinrich zu uns kam. Eduard hatte jenen im Foyer getroffen und einge⸗ laden, ſeine Bekanntſchaft mit mir zu erneuern. Ich em⸗ pfing ihn kalt, aber höflich. So oft die Logenthüre geöff⸗ net ward, klopfte mir das Herz bei dem Gedanken an ein Zuſammentreffen Beider. Ich wußte nicht, auf welchem Fuß ſie mit einander ſtanden, und indem ich mich der un⸗ verſchämten Art erinnerte, womit er im vergangenen Jahre — — 140— von Heinrich's Ergebenheit für mich ſprach, erglühten meine Wangen vor Scham: denn was ſollte er davon denken, wenn er ſehen würde, wie Heinrich ſich neben mich ſetzte? Als dieſer jedoch in die Loge trat, reichten ſie ſich zu meiner größten Verwunderung die Hände und wechſel⸗ ten einige Worte auf die freundlichſte Weiſe mit einander. Mit Befremden ſieht mancher mit den Erſcheinungen des Lebens wenig vertraute Neuling, indem er die Dinge um ſich her nicht richtig zu würdigen weiß, wie die Zeit Wunden vernarbte, welche unheilbar ſchienen, Wunden, die, allem Erwarten nach, bei dem Anblicke deſſen, der ſie ſchlug, von neuem bluten würden, gleichwie, der Sage nach, die Wunden des Ermordeten beim Nahen des Mörders. Wir fühlen oft, daß wir hienieden unter Täuſchungen wandeln. Wir wiſſen in dieſem Leben nicht, was die Men⸗ ſchen ſind, ſondern nur, was ſie ſcheinen. Wie die Schau⸗ ſpieler, welche nach einer grauenvollen Tragödie hinter der Scene lachen und ſchwatzen ſehen wir uns von Menſchen umgeben, welche das Vermögen Anderer an ſich riſſen, das Gluͤck Anderer untergruben; wir ſehen Frauen, welche be⸗ trogen haben und Frauen, die betrogen wurden, unglück⸗ liche Weſen, der Schande, den ſchmerzlichſten Gewiſſens⸗ biſſen preisgegeben, nachdem ſie der erſte Schritt auf dem Wege der Sunde ins Verderben geſtürzt; wir ſehen Ver⸗ räther und Verrathene, den Liebenden und den Haſſenden, den Beleidiger und den Beleidigten in buntem Gemiſch auf der Heerſtraße des Lebens, das wir emphatiſch und dünkelhaft die Welt nennen, vertraulich ſich einander die Hände reichen und anlächeln, nicht, weil„die Sanftmuü⸗ thigen ſelig ſind“, nicht weil„denen viel vergeben wird, welche vergeben“, ſondern weil das Aechte und Wahrhaf⸗ tige, das Ernſte und Gediegene nicht auf dem ausgetre— tenen Boden fußt, wo man ſich um leeres eitles Schatten⸗ werk quält, der Irrthum für Wahrheit, das Uebel für ein Gut, das Nichtige für eine Hauptſache gehalten wird, wo ſich erklärte Gegner mit ſüßlicher Höflichkeit begrüßen und ſich in ſchlangenhafter Geſchmeidigkeit und heuchleriſchem Schönthun einander umſchleichen. — 141— Ich zitterte als Eduard ſich mit den Worten zu mir wandte: — Du ſiehſt ja ſo ernſt aus, Ellen? Deiner Miene nach zu urtheilen, ſollte man glauben, es werde ein Trauer⸗ ſpiel und keine Poſſe aufgeführt. Ich lächelte und ſchüttelte den Kopf. — Miſtreß Middleton ſieht aus wie die Muſe der Tra⸗ gödie, bemerkte Mr. Escourt. Haben Sie dieſe niemals ge⸗ ſpielt, Miſtreß Middleton? — Niemals. — Wahrlich, Sie würden ſie unübertrefflich, unvergleich⸗ lich ſpielen! Welch ein Antlitz! welches Mienenſpiel! Ihre Gedanken alle ſprechen ſich darin aus. Nicht wahr, Mr. Lovell, Miſtreß Middleton würde eine bewundernswerthe Schauſpielerin abgeben? — Wenn ihr die Rolle zuſagt. — Das wäre kein Beweis von Talent. Ich wollte mein Leben verwetten, daß Miſtreß Middleton die ver⸗ ſchiedenartigſten Charaktere mit gleicher Vollkommenheit darſtellen und uns in allen bezaubern würde. Welche Lei⸗ denſchaft, Miſtreß Middleton, iſt wohl ſchwerer darzuſtel⸗ len, Liebe oder Haß? — Verachtung wäre leichter als jede von beiden. — Meines Bedünkens erzeugt ein plötzlicher Uebergang am meiſten Effekt. Eine augenblickliche Ausdrucksverän⸗ derung, zum Beiſpiel die von Verachtung zur Angſt, iſt eines der effektreichſten Scenenſpiele und äußerſt inte⸗ reſſant anzuſehen. Er ſchwieg und heftete ſeinen Blick feſt auf mich. Ich ſah auf die Bühne. Bald darauf hörte ich ihn in einem ganz andern Tone Heinrich fragen: — Sagen Sie mir doch, Mr. Lovell, kennen Sie nicht zufällig meinen neuen Wildhäger, Robert Harding? Ich rührte mich nicht, meine Augenlieder blieben unbe⸗ weglich. Ich hörte Heinrich zaghaft und verlegen antwor⸗ ten:„Nur wenig.“ Ich fühlte, daß er die Geiſtesgegenwart verloren hatte und durch eine außerordentliche Anſtrengung gelang es mir, — 142— die meinige zu behaupten. In gleichgültigem Tone machte ich einige Bemerkungen und bat Eduard unter dem Vor⸗ 6 wande, daß mir das Licht in die Augen fiel, unſere Plätze 3 zu vertauſchen. Mr. Escourt verließ uns und ſetzte ſich einige Minuten nachher in eine Loge, der unſrigen gerade gegenüber. Einige Freunde Eduard's traten herein und während er mit ihnen ſprach, ſagte ich ganz leiſe zu Hein⸗ rich:„Er weiß es? So iſt Alles für mich verloren? Wenn er es erfahren hat, ſo überleb' ich's nicht; ich habe genug gelitten, aber in dieſes Menſchen Gewalt—— Nein! nein!“ 3 — Stille! ſeyn Sie doch vorſichtig, beruhigen Sie ſich doch. Ich bin überzeugt, er weiß nichts. Harding ließ vielleicht einige dunkle Worte fallen, und aus ſeinem Be⸗ nehmen ward mir ganz klar, was er vermuthet: er glaubt, Harding ſey unſer Unterhändler oder ſonſt was der Art; beſſer er glaubt das. Aber ich muß ſuchen, ihm Harding abſpänſtig zu machen. Ellen! mein Haus iſt mir unerträg⸗ lich geworden; die alte Frau iſt angekommen und durch⸗ ſpäht mich mit Luchsaugen. Alice ſcheint ſich unglücklich zu fühlen und ihrer Großmutter entgeht dies nicht. — Aber um Gotteswillen, warum thun Sie nicht dazu? machen Sie ſie glücklich! vernachläſſigen Sie ſie nicht mehr! O Heinrich, wenn ſie unglücklich iſt, das wäre ſchrecklicher als alles Andere! Wollte Gott, ich wäre todt— ihr wür⸗ det Alle glücklich und zufrieden werden! — Ich bitte, ſchweigen Sie! Ihre Heftigkeit fällt auf. Ich will alles aufbieten, was in meinen Kräften ſteht, wenn Sie mir verſprechen, mich nicht mehr ſo ſtreng und kalt zu behandeln. Wenden Sie ſich nicht weg. Ich verlange ja nicht, daß Sie mich lieben. Weiß ich denn nicht, daß Sie ihn anbeten? leſ' ich es nicht in Ihren Augen, ſagt mir es nicht der Ton Ihrer Stimme, zwan⸗ zigmal des Tags? Würden Sie nicht längſt mein gewor⸗ den ſeyn, ohne dieſe verdammte Liebe für Eduard? V— Der Vorhang iſt gefallen, Ellen, wollen wir nicht 5 ehen? Ich erhob mich ſchnell, hing meinen Mantel um, nahm — 143— Eduard's Arm und ging mit ihm die Treppe hinab. Im Wagen merkte ich aus ſeinem entſchloſſenen Schweigen, daß er ungehalten über mich war. Während wir zu Hauſe auf den Thee warteten, ſagte er in unfreundlichem Tone: — Sage mir doch einmal, warum behandelteſt Du die⸗ ſen Abend Mr. Escourt mit ſolcher Geringſchätzung? — Ich habe eine ſchlechte Meinung von ihm und kann ihn nicht leiden. — Worauf gründet ſich dieſe ſchlechte Meinung? — Ich hörte, er ſey ein bösartiger Menſch — Wer ſagte Dir das? Ich hatte nicht den Muth, Heinrich zu nennen. Eduard ſah, daß ich verwirrt war und fuhr fort: — Wenn Du meinſt, daß dies ein genügender Grund ſey, Jemanden nicht mit herkömmlicher Höflichkeit zu be⸗ handeln, ſo muß ich bekennen, daß ich Deine vertrauliche Freundſchaft für Heinrich nicht begreife. Meine Freund⸗ ſchaft für ihn findet ihren Urſprung in früheren Verhält⸗ niſſen und gründet ſich auf ſeine mannigfaltigen Vorzüge. Aus demſelben Grunde und als Miſtreß Middleton's Bruder flößt er Dir natürlicherweiſe dieſelben Gefühle ein. Aber es iſt ein außerordentlicher Unterſchied zwiſchen einer ſolchen Ergebenheit und dem Tone inniger Zutraulichkeit, welchen Du im Umgange mit ihm angenommen haſt; es verräth zum wenigſten, gelinde geſagt, ſehr wenig Tact, wenn Du zu Hauſe und öffentlich meine Freunde und Be⸗ kannten vernachläſſigeſt, um ſtundenlang leiſe mit Heinrich zu ſchwatzen. Mir iſt es im höchſten Grade auffallend, daß er ſo lange Zeit außerhalb ſeines Hauſes zubringt, während Alice leidend und ihrer Niederkunft nahe iſt. Sahſt Du ſie heute? — Nein, heute nicht, ihre Großmutter iſt bei ihr. Ich gab dieſe Antwort in der Meinung, daß ihm dieſer Grund genügend ſcheinen werde, da niemand von unſrer Familie ſeit Heinrich's Verheirathung mit Miſtreß Tracy in Berührung kam. — Du willſt doch damit nicht ſagen, daß Du Alice — 144— während ſich ihre Großmutter bei ihr befindet, nicht be⸗ ſuchen willſt? — Weder meine Tante oder ſonſt Jemand unſrer Fa⸗ milie kam noch mit dieſer Frau zuſammen— — Jeder mag thun, was ihm gutdünkt; ich aber kann nicht zugeben, daß ein ſo lächerlicher Stolz Dich abhält, durch die herzliche Theilnahme, die Du Alicen zu bezeugen ſchuldig biſt, Deine Achtung und Liebe für ſie an den Tag zu legen, und ihr den Troſt und die Hülfe zu gewähren, die ſie jetzt mehr als jemals von Dir erwarten darf. Sie iſt nur zu gut für Heinrich und er ſollte den Tag ſegnen, wo ſie ſeine Frau geworden iſt. Gehe morgen hin, Ellen, und benehme Dich höflich gegen Miſtreß Tracy. — Es wäre mir ſehr lieb, Eduard, wenn Du mich in Betreff dieſes Gegenſtandes nach meinem eignen Dafür⸗ halten handeln laſſen wollteſt. Ich liebe Alice zärtlich, aber ich kann morgen nicht zu ihr gehen. Heinrich ſelbſt wünſcht es nicht. — Soll Heinrich's Wunſch den meinigen überwiegen? — Aieber Eduard, nimm das nicht ſo; aber ich bitte Dich beſteh' nicht darauf! — Ich beſtehe darauf und bitte Dich, nichts weiter über dieſe Sache zu ſprechen. Ich wünſche, daß Du mor⸗ gen früh hingeheſt und es thut mir ſehr leid, daß Du es nicht aus eignem Antrieb thueſt. Dem ſey nun wie ihm wolle, Du wirſt mir gehorchen. Ich wollte neue Einwendungen vorbringen, aber Eduard's Meene war ſo ernſt und ſtrenge geworden, daß ich es nicht wagte, noch ein Wort weiter zu ſprechen. Die ganze Nacht über zerbrach ich mir den Kopf, ein Auskunftmittel, einen Vorwand, eine Entſchuldigung zu erſinnen, um ſei⸗ nen Befehl zu umgehen, denn Gehorſam und Widerſtand ſchienen mir gleich gefährlich. X. Am folgenden Morgen ſtand ich mit jenem Gefühle ner⸗ vöſer Abſpannung auf, welches eine kummervolle, ſchlafloſe Nacht nach ſich zu ziehen pflegt. Als ich in mein Ankleide⸗ zimmer trat, bemerkte ich rein auf dem Kamine liegendes Billet, auf welchem ich ſogleich Heinrich's Handſchrift er⸗ kannte. Ich öffnete es ſchnell; die wenigen Worte ſeines Inhalts gewährten mir eine herzliche Freude und verdräng⸗ ten für den Augenblick die pein ichen Gedanken, mit wel⸗ chen ich kämpfte. Heinrich ſchreeb mir:„Vor einigen Stun⸗ den iſt Alice von einem kleinen, ſchwächlichen, aber hof⸗ fentlich geſunden Knaben entbunden worden. Mutter und Kind befinden ſich Gottlob! ſo wohl als möglich. Fragen Sie Eduard, ob ich heute Mittag bei Ihnen ſpeiſen kann.“ Auf einem abgeſonderten Papier in demſelben Umſchlag ſtanden folgende Worte:„Sie können ganz ruhig ſeyn hin⸗ ſichtlich deſſen, was ſich geſtern Abend ereignete. Es iſt ſo, wie ich mir dachte; aber Sie ſollten Escourt nicht vor den Kopf ſtoßen; er iſt ein gefährlicher Feind.“ Ich warf dies Billet ins Feuer und brachte Eduard das andere. Er las es und legte es dann, ohne ſich weiter darüber auszulaſſen, bei Seite. — Soll ieb die Antwort gleich hinſchicken, oder nach dem Frühſtück ſelbſt hinfahren? — Wie Du willſt. 2* — Wird Heinrich dieſen Mittag bei uns ſpeiſen? — Gewiß! er wünſcht es ja. Ib ſchrieb einige Zeilen an Heinrich, um ihm Glück zu wünſchen und ihm anzuzeigen, daß wir ihn dieſen Mittag erwarteten. Meiner Gewohnheit nach fuhr ich vor Tiſche aus und erkundigte mich im Vorbeifahren nach Alicen; Heinrich kam an die Thüre und gab mir erfreuliche Nachrichten über ihr Befinden; aber er ſah düſter und bekümmert aus. „— Wie lange wird ſie noch da ble ben? fragte ich, einen ſchüchternen Blick zum Fenſter hinauf werfend. 1I. 10 — 146— — Zehn Tage, glaub' ich, zehn entſetzliche Tage! Das iſt die Hölle auf Erden, vom Morgen bis zum Abend den Heuchler ſpielen zu müſſen! — Ich meine doch, Sie ſollten ſich heute recht glücklich fühlen— — Kamen Sie auch, um mir eine Predigt zu halten? Wollen Sie mich die Pflicht lehren, glücklich zu ſeyn? Doch kommen Sie, ich will glücklich werden, wenn es mög⸗ lich iſt. Nehmen Sie mich mit in Ihrem Wagen. Ich ſchmachte nach Luft und Bewegung; ich habe ſchreckliches Kopfweh. Bevor ich antworten konnte, hatte er dem Bedienten einen Wink gegeben, den Kutſchentritt herabzuſchlagen; eine Sekunde darauf ſaß er mir zur Seite. Wir fuhren ſchon oft mit einander ſpazieren und obſchon ich, nach dem, was Eduard mir Tags zuvor geſagt hatte, dieſem augenſchein⸗ lichen Beweis von Vertraulichkeit gern ausgewichen wäre, ſo fühlte ich doch andrerſeits, daß eine Weigerung den Anſchein einer Caprice bekommen hätte, und Heinrich eben nicht in der Stimmung war, derſelben nachzugeben. Zag⸗ haft bemerkte ich ihm jedoch, einen Blick durch's Fenſter werfend:„Aber iſt das auch klug?“ — Sie iſt ausgegangen, antwortete er, und auf dem Rückweg können Sie mich an der Straßenecke ausſteigen laſſen. Ich konnte einen Seufzer nicht unterdrücken; dem Kut⸗ ſcher befahl ich, nach dem King's⸗Road hinzufahren. — Wenn ich gewußt hätte, daß ſie nicht zu Hauſe iſt, ſo wär' ich hinaufgegangen, Ihr Kind zu ſehen. — Armes Kind) erwiederte Heinrich; es macht mir mehr Freude, als ich mir gedacht hatte; es iſt ſo ſchön weiß wie Wachs und hat Alicens feine, regelmäßige Züge. Reizend war's, ſie lächeln zu ſehen, wie ſie ſonſt wohl lächelte, in⸗ dem ſie dieſen Morgen das Kind küßte und ans Herz drückte. Glauben Sie, Ellen, daß dies Kind ein großes Glück für ſie und für mich ſeyn wird? Es wird alle ihre Gedanken beſchäftigen, ihre Zeit ganz in Anſpruch nehmen und ihren Geiſt neu beleben und erquicken. — 147— — Es wird euch inniger an einander feſſeln. Unmög⸗ lich iſt's, daß Sie im Beſitze eines herrlichen Weibes wie Alice und im heiligſten Geſchäfte des Lebens, in der Sorge für Ihr Kind, nicht endlich auch Ihr häusliches Glück fin⸗ den ſollten. Läugnen Sie es nicht, Heinrich, ſagen Sie mir nicht, daß ich unrecht habe. — Das ſind nichts als ſchöne Worte! Sie wiſſen recht gut, daß das Glück, in dem Sinne, welchen Sie damit verbinden, mir nie zu Theil werden wird. 1 — Gut denn! je weniger wir alſo von dieſem Gegen⸗ ſtande ſprechen, deſto beſſer wird es ſeyn, antwortete ich unwillig. Und nun, darf ich wohl wiſſen, warum ich nichts von Mr. Escourt zu befürchten habe, es ſey denn von ſei⸗ ner angeborenen Bösartigkeit? — Es kam dieſen Morgen zu einer Erklärung zwiſchen mir und Miſtreß Tracy; ſie war ziemlich freundlich gegen mich, wahrſcheinlich, weil ich ihr nicht ganz ſo unartig vor⸗ kam, als ſie ſich vorſtellte. Die natürliche Beſorgniß, die ich um Alicens willen an den Tag legte und die aufrich⸗ tige Freude, welche mir ihre glückliche Entbindung einflößte, wirkten wohlthätig auf ihre Gemüthsſtimmung. Wenn die Tracy nicht aufgebracht iſt, ſo beſitze ich ziemlich große Gewalt über ſie und es gelang mir daher, ſie zu bewegen, mir alles zu erzählen, was Harding betrifft. Sie geſtand mir, daß er vieles wüßte, was uns anginge; manches er⸗ fuhr er von ſeinem Vater, anderes von ihr ſelbſt. Als er ihr eines Tages irgend eine meine Handlungsweiſe betref⸗ fende Neuigkeit hinterbrachte, welche ſie im höchſten Grade gegen mich erbitterte, vertraute ſie ihm in ihrer Wuth das unglückſelige Geheimniß von Juliens Tode. Vor einiger Zeit traf ihn, wahrſcheinlich durch Zufall, Mr. Escourt auf der Straße und fragte ihn, ob er nicht James Har⸗ ding's Sohn und Miſtreß Lovell's Vetter ſey. Sein Va⸗ ter war ihm ſeit mehreren Jahren bekannt und nach zwei oder drei darauf folgenden Zuſammenkünften, bot ihm Es⸗ court die Wildhägerſtelle an. Harding, der ohne Beſchäf⸗ tigung war und ſein Zimmerhandwerk aufgegeben hatte, nahm das Anerbieten freudig an. Kurz zuvor als Mi⸗ 10* — 148— ſtreß Tracy Bromley verließ, unterrichtete er ſie davon. Sie empfahl ihm, alles zu verſchweigen, was er wußte; denn, theils aus Furcht vor mir, theils, wie ich glaube, in der Hoffnung, welcher ſie in ihrem Herzen Raum gab, daß ich mich liebevoller gegen Alice benehmen würde, ſchien ſie ſich vorgenommen zu haben, das mir gegebene Verſprechen in ſeinem ganzen Umfange zu halten; zum wenigſten iſt es ihr nun klar geworden, daß ſie Ihnen nicht ſchaden kann, ohne zugleich Alicen wehe zu thun und ſie gab ſich alle Mühe, dieſe Idee dem ſchwachköpfigen Harding einzutrich⸗ tern. Dieſer verſchwieg auch ſeiner Tante nicht, daß Es⸗ court ihn zum öftern in Betreff Alicens auszuforſchen ge⸗ ſucht und einmal bei einer ſolchen Gelegenheit die plump⸗ ſten Stichelreden über unſer vertrauliches Verhältniß ge⸗ führt habe, worauf Harding prahlend ausgerufen hätte, es binge nur von ihm ab, und Sie würden eines Tages aus dem Hauſe Ihres Mannes gejagt werden. Escourt's Be⸗ nehmen geſtern Abend läßt ſich hiernach genügend erklären; aber er wird gewiß nichts mehr aus Harding herausbrin⸗ gen oder ich müßte mich ſehr täuſchen. — Ich kann Ihr Vertrauen weder begreifen, noch theilen. — Die Sache iſt die: Harding glaubt wahrgenommen zu haben, daß Escourt einen ganz abſonderlichen Geſchmack an Alicen gefunden habe— er gehört grade zu der Gat⸗ tung von Männern, welche eine ſo fromme, ruhige Schön⸗ heit bezaubernd finden! Nun hege ich keinen Zweifel mehr, daß er den Plan hat, mich aus dem Wege zu räumen und zu dieſem Ende alles daran zu ſetzen, Eduard, Sie und mich vermittelſt Harding's Bekanntſchaft mit unſrer Intrigue, wie er ſich ausdrückt, aneinander zu hetzen. — Guter Gott! rief ich tief bekümmert aus, wenn Eduard wüßte, was ich alles von Ihnen anhören muß! wenn er erführe, was Menſchen, wie dieſer Escourt, die⸗ ſer Harding, dieſe Traey von mir reden!— Noch nie ward eine Frau ſo tief erniedriget, ſo hart beſchimpft! Ich warf meinen Schleier zurück und ſtrich das Haar aus meinem Geſichte, das vor Scham und Aerger glühte. — Was nützt es, daran zu denken, was Eduard füh⸗ 4 —- 149— len oder ſagen würde, wenn ihm alle dieſe Dinge bekannt wären? wichtig für uns iſt es nur, daß er nichts davon erfährt. Wenn Sie ſich nur ein Bischen ſelbſt beherrſchen, ein wenig Vernunft annehmen wollten—— — Vernunft annehmen! Heinrich!—— Ich konnte nicht weiter reden; Wehmuth erſtickte meine Stimme. Ich ſank in den Wagen zurück und weinte bit⸗ terlich. Iih Ellen! was thun Sie? Bedecken Sie ſich mit Ihrem Schleier und ſetzen Sie ſich gerade. Dort kömmt eben der Mann, von dem wir reden. Ich erſchrak heftig, that aber, was er verlangte und ſah in demſelben Augenblick Mr. Escourt, der mit einigen an⸗ dern Herren vorüberritt und ſich ſo tief er nur konnte vor— mir verbeugte. Ich erwiederte ſeinen Gruß mit einer Miene des ſtolzeſten Selbſtgefühls und ſagte dann zu Hein⸗ rich höchſt erbittert: — Da haben Sie nun den Erfolg Ihres ſelbſtſüchtigen Vorſatzes, mir überall und jederzeit Ihre Geſellſchaft auf⸗ zudringen. Eduard fängt bereits an Argwohn gegen mich zu ſchöpfen. Ich zweifle nicht, noch ehe der Tag vergeht, wird ganz London erfahren haben, daß ich allein mit Ih⸗ nen ſpazieren gefahren bin.— In Thränen zerfließend, fügte ich hinzu: Das haben Sie gethan! das iſt Ihr Werk! und Sie meinen noch, daß ich Sie nicht haſſe, daß ich den Tag nicht verfluche, wo— Nein, nein! ich weiß nicht, was ich ſpreche, ich haſſe Sie nicht, Heinrich, aber es iſt ſchwer, das Alles zu ertragen, ohne von Sinnen zu kom⸗ men. Laſſen Sie halten, ich beſchwöre Sie, und gehen Sie zu Fuße nach Hauſe. — Das, liebſte Ellen, würde die Sache nur verſchlim⸗ mern; das ſähe gerade aus, als ſchämten Sieſich, allein mit mir geſehen worden zu ſeyn. Da unſer vertrauter Umgang, unſre alten freundſchaftlichen Verhältniſſe für Niemanden ein Geheimniß ſind, ſo würde eine ſolche ängſtliche Vor⸗ ſicht ſchlimmer als alles Uebrige wirken. Laſſen Sie uns gerades Weges nach Ihrer Wohnung fahren und von da werde ich zu Fuße nach Hauſe gehen; Eduard mag ſelbſt — 150— urtheilen, wie wenig Sie ſolches Gerede fürchten; das wird beſſer ſeyn! Ich willigte ſchweigend ein. In der Nähe unſres Hau⸗ ſes aber ſab ich ängſtlich nach den Fenſtern, denn ich fühlte, daß meine Spazierfahrt, nach Eduard's Bemerkungen am Tage zuvor, den Anſchein gewann, als wollte ich ihm Trotz bieten. Ich athmete freier, als ich ihn nicht bemerkte. Durch das Vorzimmer gehend, erkundigte ich mich, ob er zu Hauſe ſey. — Nein, Madam; Mr. Middleton war vor einer Stunde hier und beauftragte uns, Ihnen, wenn Sie zurückkämen, zu ſagen, daß außer Mr. Lovell noch zwei andere Herren zu Tiſche kommen würden. Ich ging in das Beſuchzimmer hinauf und ſetzte mich ans Piano, um mir bis zu Eduard's Zurückkunft, ſo gut wie möglich, die Zeit zu vertreiben. Ich war entſchloſſen, ihm meine Promenade in Heinrich's Geſellſchaft nicht zu verheimlichen, da ich deſſen Anſicht theilte, daß jeder An⸗ ſchein einer Heimlichkeit mich kompromittiren würde und ich mir übrigens feſt vorgenommen hatte, jeden unnöthigen Schritt zu vermeiden, der Eduard berechtigen könnte, mich eines Mißbrauchs ſeines Vertrauens zu zeihen. Es war Zeit zum Ankleiden und noch war Eduard nicht nach Hauſe gekommen. Ungeduldig ſchritt ich im Zimmer auf und abz endlich ward es ſo ſpät, daß ich mein Kammermädchen herbeirufen mußte, um meine Toilette zu beginnen. Sie war beſchäftiget, mir die Haarflechten zu löſen, als Eduard eilig in das Zimmer trat: — Liebe Ellen, kleide Dich ſo ſchnell als möglich an und komme dann in den Geſellſchaftsſaal. Sir Edmund Ardern und Escourt ſind gekommen.— Auf Franzöſiſch fügte er hinzu: Ich würde Escourt nicht eingeladen haben, da ich weiß, daß Du ihn nicht leiden kannſt, wenn ich nicht dazu gezwungen geweſen wäre; Ardern ſchlug nämlich meine Einladung unter dem Vorwande aus, er habe bereits mit Escourt die Verabredung getroffen, im Club zu ſpeiſen— ſo mußt' ich ſie denn Beide einladen! Dieſe Nachricht verwirrte mich um ſo mehr, da ich nicht — 151— einmal Zeit fand, Eduard zuvor von meiner Promenade mit Heinrich in Kenntniß zu ſetzen. Kaum war meine Toi⸗ lette beendigt, ſo eilte ich zu ihm; allein er bat mich ſo dringend, nicht länger zu zögern und ins Geſellſchaftszim⸗ mer zu gehen, daß mir der Muth ſchwand, ihm zu ſagen, was ich ihm mitzutheilen beabſichtigte. Mein Stolz ge⸗ wann die Oberhand und ich that was in meinen Kräften ſtand, um unbefangen vor Escourt zu erſcheinen; ich wandte mich dann gleich von ihm weg und begann ein Geſpräch mit Sir Edmund. Er nahm eine Zeitung und las emſig fort, bis zuerſt Heinrich und nach dieſem Eduard eingetre⸗ ten war. Wir gingen zu Tiſche. Gegenſtände verſchiedener Art gaben eine Zeitlang den Stoff zur Unterhaltung; ich konnte indeſſen meine Unruhe nicht bemeiſtern. So oft ich Mr. Escourt's Stimme hörte oder ſeine Blicke auf mich fielen, ergriff mich ein eiskalter Schauer. Seine Fragen beant⸗ wortete ich in froſtigem Tone und mocht' es mich auch gleich darauf gereuen, es war mir nicht möglich, mich zu bezwingen. Ich fühlte recht gut, daß ich unklug handelte und zugleich Eduard's Unmuth rege machte, aber ſo oft ich auch in meinem Leben die Wahrheit verheimlichen mußte, ſo war ich doch nie im Stande, mich zu verſtellen und jede Anſtrengung zu dieſem Zwecke ging über meine Kräfte. Eine knappe Antwort, welche ich auf eine Frage des Mr. Escourt gab, führte eine jener Unterhaltungspauſen herbei, während welchen Jedermann begierig iſt, wer das Geſpräch zuerſt wieder anknüpfen werde. Plötzlich wandte ſich Mr. Escourt mit den Worten zu mir: — Apropos, Miſtreß Middleton, Sie könnten eine Wette entſcheiden, welche Ardern und ich dieſen Morgen eingingen. Haben Sie nicht Miſtreß Ernsley geſehen, welche kurze Zeit nachdem wir einander heute morgen auf dem King's⸗Road begegneten, an uns vorüberkam? — Ich weiß nicht, ich habe nicht Acht gegeben. — Und Sie, Mr. Lovell? — Ich glaube Miſtreß Ernsley bemerkt zu haben. — Dann befürcht' ich meine Wette verloren zu haben, — 152— wenn nicht Miſtreß Middleton ſo gütig ſeyn wird, ſich anders zu beſinnen. Ich bitte, ich bitte, Miſtreß Middle⸗ ton, geben Sie ſich mir zu Liebe doch ein Bischen Mühe. Wandte ſich Mr. Lovell mit der Frage an Sie:„Iſt das nicht Miſtreß Ernsley?“ oder ſagte er genau und beſtimmt zu Ihnen:„Dort iſt Miſtreß Ernsley!“ Von Ihrer Ent⸗ ſcheidung hängt das meiſte ab. Meine Lippen zitterten, als ich in einem Tone, der eine Anwandlung übler Laune verrathen ſollte, antwortete, daß ich mich nicht entſänne. Vergebens bemühte ich mich, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben; mit uner⸗ ſchütterlicher Beharrlichkeit ſprach er wechſelweiſe mit mir und Heinrich ſo lange von der ſchönen Anſicht der Pflan⸗ zenſchule, an welcher wir vorüberkamen, von der Bauart der neuen Kirche in Chelſea, bis es ihm vollkommen ge⸗ lungen war, die Thatſache feſtzuſtellen, daß wir an dieſem Tage eine lange Spazierfahrt mit einander gemacht hat⸗ ten. Bis dahin hatte ich nicht den Muth, Eduard anzu⸗ ſehen; als endlich aber von andern Gegenſtänden geſpro⸗ chen wurde und er im gewöhnlichen Tone ſeiner Stimme einige wenig bedeutende Bemerkungen machte, hob ich meine Augen zu ihm empor. Er ſah bleich aus, ſeine Lippen waren feſt zuſammengedrückt, aber er bezwang ſich und ſprach viel. Ich beobachtete ihn mit ſo tiefer Aufmerkſam⸗ keit, daß ich, als Heinrich ſich vorbeugte und zu mir ſagte: „Sir Edmund erſucht Sie, mit ihm zu trinken“, ſo heftig erſchrak und meine Hand dermaßen zitterte, daß ich kaum im Stande war, das Glas zu halten. Bald darauf entfernte ich mich und ging in den Geſell⸗ ſchaftsſaal, deſſen Pracht und Glanz mir in der Seele wehe thaten. Was hätte ich nicht darum gegeben, mich ausweinen zu können, aber ich wagte nicht, eine Thräne zu vergießen.— Das darf nicht ſeyn!— die Phraſe, welche mir Heinrich beſtändig wiederholte— man durfte mich nicht in Thränen finden!— Ich wollte nicht den⸗ ken und ſetzte mich ans Klavier; aber die Melodie mochte ernſt oder heiter ſeyn, ſie ergriff mich auf gleiche Weiſe. Ich nahm ein Buch nach dem andern vom Tiſche, aber welches ich auch durchblättern mochte, Macauley's Reviews oder Southey's Gedichte, eine Tragödie von Shakespeare oder eine Sammlung von Predigten, in jedem fand ich ir⸗ gend eine Stelle, irgend eine Aeußerung, welche durch den Schwung oder die Einfachheit des Ausdrucks, durch ihren Humor oder ihre Wehmuth eine Saite meiner ſchmerzer⸗ füllten Seele gewaltſam anſchlug. Der Inhalt eines Almanachs feſſelte meine Aufmerfſam⸗ keit. Ich überblickte die kleinen Novellen und die Gloſſen zu Finden's„Schönheiten“ und fand endlich folgende Verſe der Miß Landon: An dunkler Wolk' des Mondes Glanz ſich bricht, Und finſtrer Schreck dämpft meines Geiſtes Licht. Surrey! welch Loos mir auch beſtimmt mag ſeyn, Nicht acht' ich's, trifft das Leid nur mich allein. (l see the clouds pass o'er the moon, and my spirit Grows dark with the terrors that round it are thrown; 0 Surrey, whatever my lot may inherit. I care not, so suffering but reach me alone.) Ich weiß nicht, ob dieſe Verſe ſchön ſind; wahrſchein⸗ lich ſind ſie's nicht; aber ſie ſprangen aus dem Herzen und von den Lippen wie ein Seuf er, wie eine Klage der angſt⸗ gepreßten Seele. Sie gaben Wort dem Gefühle, welches mich ergriff, as ich in Eduard's Antlitz ſah und zum er⸗ ſtenmale ſeit un'rer Verheiratgung einen Ausdruck, nicht des Zornes, nicht der Strenge, aber des Leidens darin wahrnagm. Ich ſchlug das Buch ſchyell zu, als die Saalthüre ge⸗ öffnet wurde und ergriff ein Zei ungsblatt. He nrich brachte mir Blumen, welche ich im Speiſe⸗ ſaal zurückgelaſſen hatte und flüſterte mir zu: Um Got⸗ teswillen, ſehen Sie nicht ſo wehmütyig aus; faſſen Sie ſich! das kann nicht gut thun!“ Es giebt Bemerkungen, welche unſern Unwillen erregen, indem ſie wie ein Mißton in die Seele dringen. Solchen Eindruck machten Heinrich's Worte auf mich Ich warf — 154— ihm einen Blick zornigen Vorwurfs entgegen und ſagte in heftigem Tone:„Nein, das kann nicht gut thunl! dieſer Folter widerſtey' ich nicht länger. Sie treiben mich aufs Aeußerſte, wenn Sie hier bleiben. Ihre Gegenwart, Ihre Rathſchläge beſchimpfen mich, führen mich zum Wahnſinn und wenn Sie nicht von hinnen gehen, verlier' ich den Verſtand!⸗“ Ich zerpflückte und zerriß die Blumen in meiner Hand, während ich dieſe Worte ſprach, und warf eine nach der andern ins Feuer. — Was haben Ihnen dieſe armen Blumen gethan, Miſtreß Middleton! Sie behandeln ja dieſe prachtvollen Camelias auf die unbarmherzigſte Weiſe! rief Sir Ed⸗ mund aus. — Das Organ der Zerſtörung ſcheint große Gewalt über Sie zu haben, ſchöne Dame, bemerkte Mr Escourt mit ſüßem Lächeln. Eiſeskälte durchſchauerte mich; ich verabſcheute aber die⸗ ſen Menſchen ſo tief, daß ſelbſt das Entſetzen mich nicht unterjochte, und auf Sir Edmund's Frage, ob ich den Muth hätte, ein Inſekt zu tödten, antwortete ich:„es giebt ſo widriges und läſtiges Gewürm, daß es Vergnügen ge⸗ währt, es zu zertreten.“ Ich ſah wohl ein, daß ich Worte des tödtlichſten Haſ⸗ ſes geſprochen hatte und in Eduard's Antlitz ſprach ſich der Verdruß aus, welchen er darüber empfand. Ich fühlte, wie ich mit jedem Augenblick tiefer in ſeiner Meinung ſanf, immer mehr von ſeiner Liebe einbüßte; ich fühlte, daß dieß das Werk jener Menſchen war, welche, der eine unter der Maske einer ſich ſelbſt opfernden Ergebenheit, der andere unter der Larve humoriſtiſcher Galanterie, mich ins Verderben lockten, mich der Schande preisgaben. Ein finſterer Geiſt maßloſen Trotzes bemächtigte ſich meiner und raubte mir den Reſt meiner Beſonnenheit; die Worte ſtrömten aus meinem Munde und ich wußte ſelbſt nicht, was ich that oder ſprach. Ich redete von Verbre⸗ chen, die ſchlimmer ſeyen als Mord, von Peinigungen, die grauſamer als Todtſchlag. Ich zeigte auf ein Inſekt, das auf dem Tiſche kroch, und fragte, ob's nicht Barmherzigkeit ſey, es mit einem Schlag zu tödten und Grauſamkeit, verdam⸗ menswerthe Grauſamkeit, ihm heute einen Flügel und mor⸗ gen ein Glied auszurupfen und ſo fort und fort, bis nichts mehr übrig bliebe von dem verſtümmelten Körper als die zuckenden Pulie. Ich ſprach von Menſchen, die auf dem Schaffot verbluten, von andern, die in Kerkern und auf Galeeren ihr trauriges Daſeyn hinſchleppen, deren Herz nicht ſo verhärtet, deren Geiſt nicht ſo boshaft ſey, als das Herz und der Geiſt gewiſſer Menſchen, die ſich in unſern Häuſern zeigen, an unſerm Tiſche ſitzen und„Küſſe auf den Lippen, Schwerter im Buſen“ tragen!— Selt⸗ ſame, furchtbare Worte ſprach ich in jener Stunde! Sie waren gewaltig und beredt, denn was iſt gewaltiger, was beredter, als Jahre lang unterdrückte, plötzlich auflodernde, alle Schranken niederſtürzende Seelenangſt?— Meine flammenden Blicke ſchmetterten ſie zu Boden jene Menſchen, deren Opfer ich war. Escourt's fahle Wangen wurden purpurroth und Heinrich ward leichenblaß. Er zitterte für mich, für ſich ſelbſt. Sein Gebäude, das Trug errichtete, Lügenkünſte hielten und ſtützten wankte in ſeiner Grundfeſte: wie Samſon im Tempel der Philiſter fand ich meine Kraft wieder in der Stunde der Erniedrigung und die Ruinen, die ſo lange über meinem Haupte hingen, ſtürzten nieder auf ihn und auf mich ſelbſt. — Ich rathe Dir zur Veranſchaulichung Deiner Redekunſt ein anderes Thema zu wählen, als eine Apologie des Mordes. Krampfhaft zuckten meine Glieder, als Eduard dieſe furchtbaren Worte an mich richtete. Hätte er mich des Mordes angeklagt, ich würde nicht heftiger erſchrocken ſeyn. — Sie ſind krank, Miſtreß Middleton! Sie ſind gewiß krank! rief Sir Edmund Ardern mir beiſpringend. Ich war einer Ohnmacht nahe. Eduard's Hand ergrei⸗ fend, fühlte ich, daß ſie eiskalt war. Er brachte mich aus dem Saale und nachdem er mich auf das Sopha in mei⸗ nem Zimmer niedergelegt hatte, ſchellte er meinem Kam⸗ mermädchen und verließ mich, ohne mich eines Blickes, ei⸗ nes Wortes zu würdigen. — 156— Ich hatte nicht den Muth, ihm nachzurufen; ich war er⸗ ſchöpft, betäubt. Ich fühlte ein unausſprechliches Verlan⸗ gen, mich meiner verzehrenden Qualen zu entledigen: mein Kammermädchen hatte ſich einen Augenblick aus dem Zim⸗ mer entfernt— ich nahm in aller Eile eine ſtarke Doſis Laudanum und ſank bald darauf in tiefen Schlaf. Als ich erwachte, befand ich mich in einem Zuſtande der Betäubung, den ein Schlaf ſolcher Art zur Folge hat. Die Läden waren verſchloſſen, die Vorhänge zugezogen, die brennenden Wachskerzen ſtanden auf meinem Toiletten⸗ tiſche und mein Kammermädchen ſaß neben dem Kamine. Ich rief und fragte ſie mit matter Stimme, wie viel Uhr es ſey. — Es iſt neun Uhr, Madam. — Warum iſt es ſo dunkel? Weshalb ſind die Läden zugeſchloſſen? War ich krank? — Sie haben lange geſchlafen, Madam; der Doctor meint, Sie hätten etwas zu viel Laudanum genommen. — Laudanum? wie? wann? Nach und nach erinnerte ich mich wieder der Vorfälle vom vorigen Abend. Ich nahm meinen Kopf in beide Hände und fragte nach Eduard. — Mr. Middleton hat befohlen, ihn gleich davon zu benachrichtigen, wenn Sie erwacht ſeyn würden; der Arzt ſoll ſich nach Ihrem Befinden erkundigen, Madam. Sie entfernte ſich und dunkle Ahnungen neuen Unglücks ergriffen mich mit unwiderſtehlicher Gewalt Weshalb will Eduard von meinem Erwachen benachrichtiget ſeyn und es nicht ſelbſt in meiner Nähe abwarten? Wenn mein lan⸗ ger Schlaf ihm Be orgniſſe eingeflößt hatte, warum erwachte ich nicht in ſeinen Armen?— Die Thüre ging auf, aber, ſtatt Eduard, trat der Arzt ins Zimmer. Nachdem er die Hoffnung zu erkennen gegeben hatte, daß ich mich beſſer befände, fühlte er mir den Puls und ſtellte mir einige Fra⸗ gen über die Quantität der eingenommenen Tropfen. Aufs Gerathewohl nannte ich eine Anzahl, denn ich hatte ſie kaum gezählt. Bald darauf hörte ich den Doctor im Ne⸗ — 157— benzimmer mit Eduard ſprechen; ich ſprang aus dem Bette, ſchlich ur Thüre und lauſchte. — Ich kann Sie wirklich verſichern, ſagte der Arzt, daß Sie ihretwegen nicht beſorgt zu ſeyn brauchen. Die Quan⸗ tität des von ihr eingenommenen Schlafmittels kann nur ein vorübergehendes Unbehagen erzeugen; wenn ſie ſich ru⸗ hig verhält, haben Sie nichts zu befürchten. Ich würde Ihnen das nicht ſagen, wenn es nicht meine Ueberzeugung wäre und die Nachricht, welche Sie ihr mitzutheilen haben, wird ſie zuverläſſig in ihrem gegenwärtigen Zuſtande weni⸗ ger angreifen, als zu jeder andern Zeit. — Gut, in dieſem Falle geh' ich gleich zu ihr. Schnell warf ich mich wieder ins Bett; mein Herz klovfte ſo gewaltig, als wollte es zerſpringen. Ich hoͤrte Eduard's Schritte, er erſchien und trat an mein Bett Er ſah lei⸗ chenblaß aus und trux ſeinen Reiſepelz. Ich ſchrie auf und ſchlug die Hände zuſammen. — Sey ruhig, Ellen. Ich zerfloß in Thränen, denn obſchon er kein gütiges Wort zu mir geſprochen, ſo hatte er mich doch Ellen ge⸗ nannt. In kaltem, raſchen Tone fuhr er fort: Ich habe Dir in der That ſchlimme Nachrichten mitzu⸗ theilen, doch ich hoffe und flehe zu Gott, daß der Zufall weniger gefährlich als beunruhigend iſt. Dein Onkel hat mir einen Expreſſen geſchickt; er glaubt ſich dem Tode nahe und fordert mich auf, keinen Augenblick zu ver ieren und zu ihm zu eilen. Der Wagen ſteht vor der Thüre und ich muß Abſchied von Dr neymen. Da iſt der Brief Dei⸗ ner Tante und ein anderer vom Arzte in Hyéres. Die⸗ ſer gewährt viele Hoffnung, daß Dein Onkel uns noch er⸗ halten bleibt— — O! darf ich nicht— kann ich nicht mitgehen? — Der Zuſtand, in dem Du Dich durch Deine eigne Unklugheit befindeſt, macht Dir dieſe Reiſe unmöglich. — Um Gotteswillen! laß mich mit Dir reiſen, Eduard! Ich ergriff ſeine Hand, er zog ſie ungeſtüm zurück— ich verfluchte im Innerſten meines Herzens den Tag, an dem ich zur Welt kam. — 158— — Sey ruhig! ſagte Eduard ſtreng; ich kann jetzt nicht mit Dir reden; ich werde Dir ſchreiben. Eine neue Le⸗ bensordnung muß zwiſchen uns eintreten; aber das iſt nicht der Augenblick zu umſtändlichen Erklärungen. — Nein, nein! Du kannſt, Du wirſt mich nicht in ſo tödtlicher Ungewißheit,in ſo entſetzlicher Angſt zurücklaſſen—— — Vergaßeſt Du, daß Dein Onkel am Tode liegt? Iſt es jetzt Zeit zu Komöͤdienſpiel, zu Bezeigungen einer er⸗ heuchelten Zärtlichkeit? — CErheuchelt! großer Gott! iſt es dahin mit uns ge⸗ kommen! — Haſt Du ihm nichts ſagen zu laſſen, keine Verzei⸗ hung zu erflehen von ihm, ſo wie von mir? — Eduard! was ſagſt Du da? Weißt Du?— erfuh⸗ reſt Du? Verzeihſt Du mir? Ich bin unſchuldig! auf mei⸗ nen Knieen ſchwör' ich Dir zu, ich bin unſchuldig! — Unſchuldig! Ja, ich glaube, Du biſt, was Du lern⸗ teſt unſchuldig nennen— und Gott erhalte Dich ſo! Ich wag' es nicht, noch ein Wort zu ſagen. Ich kämpfte mit mir, um ruhig zu bleiben; ich bat Gott inbrünſtig, daß er mir Muth, daß er mir Kraft verleihe, Dich nicht von mir zu ſtoßen, und er hat mich erhört! Gott ſchütze Dich, Gott verzeihe Dir; Ich werde Dir bald und oft ſchreiben. Hof⸗ fentlich kann ich Dir beſſere Nachrichten von Mr. Midd⸗ leton geben. Schreibe mir und Deiner Tante. Kalt und gelaſſen reichte er mir ſeine Hand zum Ab⸗ ſchied; ich glaubte ſterben zu müſſen. Ich breitete die Arme aus und in wilder Verzweiflung rief ich:„Tödte mich, aber geh' nicht ſo von mir! Eine krampfhafte Bewegung durchzuckte ſein Antlitz; er beugte ſich zu mir herab und küßte mich. Ich ſchlang meine Arme um ſeinen Hals und kettete mich feſt an ihn an. Ach! ergoß ſich nicht in dieſer letzten Umarmung alle Liebe meiner Seele in die ſeine? Verrieth nicht jeder Schlag meines bebenden Herzens ſeine glühende Leidenſchaft? Ei⸗ nen Augenblick lang ſchien er ſie zu fühlen, denn er drückte mich feſter und feſter an ſich; aber plötzlich riß er ſich aus meinen Armen los, wich zurück, als ob ihm graute vor 159— meiner Berührung, und, ſeine Hand der meinen entwin⸗ dend, verließ er mich raſch. Ich hörte ſeine Schritte die Treppe hinunter, ſeine Stimme in der Hausflur— ein Augenblick war alles ſtille; dann hörte ich das Geräuſch der Wagenräder, das Zu⸗ ſchlagen des Hausthors— und alles war vorüber. Ich rang die Hände, drückte die Bettdecke an den Mund, um meine Seufzer zu erſticken. Ich glaubte, der Kopf wollte mir zerſpringen; der Arzt trat mit meinem Kammermäd⸗ chen zu mir ans Bett; ſie reichten mir wechſelweiſe Ge⸗ tränke, die ich begierig hinunter ſchluckte, denn mein Mund war trocken und meine Lippen glühten.—— Erſt gegen Morgen ſchlief ich wieder ein. XI. Tags darauf wagte ich's nicht, das Bett zu verlaſſen. Eduard's Abweſenheit und ſeine letzten Worte ſchienen mir alle Energie, alle Denk⸗ und Thatkraft genommen zu ha⸗ ben. Wie von einem ſchweren Traum umfangen, war ich nicht im Stande ſeine Feſſeln abzuſtreifen, während ich mir der furchtbaren Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange be⸗ wußt war. Ich wagt' es nicht, ein Glied meines Körpers zu rühren, noch einen forſchenden Blick in meine Seele zu werfen; die Ruhe eines Krankenzimmers, die ringsum herrſchende Stille, die Entfernung von Licht und Geräuſch, alles ſtimmte mit meinem ſeltſamen Zuſtande überein. Er⸗ ſcheinungen in bizarrer Miſchung umgaukelten mich; nächt⸗ liche Geſtalten ſah ich vor meinem Bette hin und herſchwe⸗ ben und wenn ich Eduard unter ihnen erkannte, hielt ich den Athem zurück und bat ihn, nicht wie die andern zu verſchwinden. Aber auch ſchreckhafte Geſtalten und Stim⸗ men brachten mein ganzes Weſen in fieberiſche Bewe⸗ gung!—— Ich kann nicht ohne Grauen daran denken, denn die Nacht bricht herein— in meinem Zimmer iſt's — 160— dunkel, mein Geſicht iſt ſchwach und ein brennender Schmerz durchzuckt meinen Kopf. Drei Tage nach Eduard's Abreiſe empfing ich einen Brief. Die Adreſſe war von ſeiner Hand geſchrieben und eine dunkle Wolke trat vor mein Geſicht. Ich drückte ihn ans Herz und verſchloß einen Augenblick meine Augen. Nun ollte ich alles— mein Urtheil erfahren! Bebend brach ich das Siegel. Eduard's Brief. „Calais, Samſtag. Zum Erſtenmale ſoreibe ich Dir ſeit unſrer Verheira⸗ thung. Es fällt mir weniger ſchwer, Dir auf dieſe Weiſe die Richtung anzugeben, welcher fort n unſer beiderſeitiges Verhalten folgen muß. Ich werde Dir keine Vorwürfe machen. Gott durchſchauet die Sünden meines Herzens und ich fleye zu Ihm, Er möge Dich behüten, daß Du in den Deinigen nicht untergeheſt. Mein einziges Streben geht nur dayin Dich vom Rande des Verderbens zurück⸗ zuhalten, von dem Dich nur noch ein Schritt trennt. Ich werde wieder zu Dir kommen, ſobald ich mich der mir auf⸗ erlegten, heiligen Pfl cht entlediget haben werde, denn ich will die Eyre Deines Namens retten. Nur das Ei e ver⸗ lang' ich von Dir: entſage der falſchen Rolle, wel⸗e Du bisher ſo geſchickt zu ſpielen verſtandeſt! Ich muß Ach⸗ tung und Geyorſam von Dir erwarten, denn ohne ſie, wie kann ich Dich retten? Aber einer jener Blicke, eines jener Worte, die mich einſt beſeligten, wurden mich nun auf immer von Dir wegtreiben. S che nicht Dich zu verthei⸗ digen oder irgendwas zu bemänteln; wenn Du aber Reue fühlſt, ſo wein' in der Stille über die Vergangenheit und in der Stille füge Dich, wie ich es thue, mit Ergebung in das Leben, das vor uns liegt. Schreibe mir, aber ant⸗ warte mir nicht auf dieſen Brief. Damit Du aber nicht in Verſuchung geräthſt, es zu thun, ſo will ich mich der peinlichen Aufgabe unterziehen, Dir zu erklären, wie mir die Augen aufgingen und ich erkannte, was ſie längſt ge⸗ ſehen haben würden, hätte ich die tiefe Heuchelei Deines — 161— Lebens, die Zweizüngigkeit Deines Charakters ahnen kön⸗ nen. Ich ſagte, ich wollte Dir keine Vorwürfe machen; aber die einfache Erwähnung der Thatſachen iſt der ſchnei⸗ dendſte Vorwurf. Wenn ich, auf die zwei letzten Jahre zurückblickend, der mannichfaltigen Beweiſe Deiner heim⸗ lichen, gewaltigen Theilnahme an Heinrich's Geſchick und der Beharrlichkeit gedenke, womit Du Dich an ihn an⸗ ſchloſſeſt, ſo frag' ich mich ſelbſt, wie es Dir gelingen konnte, mich ſo zu hintergehen. Doch wenn ich mich Dei⸗ ner Betheuerungen, Deines Benehmens, aller Deiner glat⸗ ten Worte erinnere, ſo möcht' ich faſt meinen eignen Sin⸗ nen mißtrauen. Ein ſchwankender, peinlicher Argwohn er⸗ griff mich letzthin und hätt' ich es der menſchlichen Natur oder einem weiblichen Herzen zugetraut, eine ſolche Liebe, wie Du ſie für mich zu empfinden ſchienſt, zu erheucheln, ſo würd' ich gefürchtet haben, was ich nun weiß. Von dem Augenblicke an, wo ich in zufälligem Geſpräche ver⸗ nahm, daß Du, trotz meiner Warnung, den Tag allein mit Heinrich zugebracht, bis zu dem, in welchem ich von un⸗ bekannter Hand die Briefchen empfing, die ich Dir hiermit ſende, enthüllte ſich die Wahrheit nach und nach in meinem Geiſte. Ich ſah den Wechſel Deiner Geſichtsfarbe, das Zucken Deiner Lippen, ich hörte das Zittern Deiner Stimme, hörte, wie Du im auflodernden, zügelloſen Zorne den Mann mit Vorwürfen überſchütteteſt, von dem Du Dich verrathen wähnteſt und ſah Dich endlich, vom Uebermaß Deiner Leidenſchaft überwältigt, ohnmächtig zu meinen Füßen ſinken. Als ich mich Deinem Bette näherte und in Dein bleiches Antlitz mit der ſchwachen Hoffnung ſchaute, daß ich mich getäuſcht, Deine unbezwingbare Gemüthsbewegung falſch begriffen hätte,— ſelbſt da noch ſtammelten Deine Lippen eine leidenſchaftliche Bitte an Heinrich, nicht von Dir zu gehen, Dich nicht zu verlaſſen; da floh ich vor Dir mit Gedanken und Gefühlen, die nur Zeit und Gebet zu beſänftigen vermögen. Tags darauf empfing ich in einem Umſchlage von unbekannter Hand die Beſtätigung deſſen, wovon ich nur allzu ſehr überzeugt war: in der erſten Aufwallung meines Schmerzes und Zorns wollte ich mich II. 11 — 162— auf immer von Dir trennen und nur nach dem heißeſten Kampfe mit mir ſelbſt, faßte ich den Vorſatz, anders zu verfahren. Der wenige Stunden nachher erhaltene Ruf zum Sterbebette Deines Onkels befeſtigte ihn. Ich wollte nicht die letzten Augenblicke ſeines Lebens durch den Schmerz vergällen, welchen ihm die Kenntniß Deiner Schuld und ihrer Folgen einflößen würde; eben ſo wenig wollt' ich mein Gewiſſen durch Verſprechungen beflecken, die, hätt' ich Dich verſtoßen, nie erfüllt worden wären. Du ſündigteſt nur in Gedanken und im Herzen: Du beſchworeſt es und ich glaube Dir. Gott möge Barmherzigkeit mit Dir ha⸗ ben, wenn Du mich auch durch dieſen Schwur täuſch⸗ teſt! ſchworſt Du aber keinen Meineid, riefeſt Du nicht den Allmächtigen zum Zeugen einer Lüge— dann ſinke nieder vor Ihm jeden Tag Deines Lebens und preiſe ihn, daß Er Dich gerettet hat. Und nun vernehme die Befehle, die ich Dir gebe und richte Dich genau danach, ſo lieb Dir was ſag' ich? Was war Dir jemals lieb? was haſt Du jemals geachtet? Du mißbrauchteſt die heiligſten Gefühle, triebſt ein Gaukelſpiel mit den höchſten Empfindungen des Herzens und ich weiß nicht, bei welcher Liebe, bei welcher Hoffnung, bei welcher Furcht ich Dich beſchwören ſoll!— Wenn Du nicht mit gebrochnem Herzen ſterben oder mit verſtocktem leben willſt, wenn Du vor des Laſters Pfuhl zurückſchauderſt und nicht zur Zielſcheibe des Spottes wer⸗ den willſt, ſo erwäge reiflich die Wichtigkeit dieſes Augen⸗ blickes Deines Lebens und ergreife das letzte Rettungsmit⸗ tel! Ich ſchrieb an Miſtreß Moore und bat ſie, Dich ſo⸗ bald es Dein Geſundheitszuſtand geſtattet, in ihr Haus aufzunehmen. Du wirſt alſo nach Hampſtead gehen und bis zu meiner Zurückkunft daſelbſt bleiben. Ich verbiete Dir auf das ausdrücklichſte, auch nur einen Beſuch von Heinrich anzunehmen oder einen Brief von ihm zu eröff⸗ nen. Ich verlange nicht nur von Dir, ſondern befehle Dir, weder ſchriftlich noch mündlich auf dieſen Brief zu antworten, noch auf deſſen Inhalt anzuſpielen. Dein un⸗ bedingter Gehorſam hinſichtlich dieſer Einſchärfungen wird mich erkennen laſſen, ob es Dir Ernſt iſt, einen neuen Le⸗ ——— — 163— benslauf zu beginnen und nur in ſchweigender Reue der Vergangenheit zu gedenken. E. Middleton.“ Folgende Billete waren dieſem Briefe beigeſchloſſen: „Bleiben Sie hier, ich beſchwöre Sie, ich verzeihe Ihnen und will Geduld mit Ihnen haben— Donnerſtag.“ „Vor drei Tagen ſchieden Sie in Unmuth von mir; was ſoll daraus werden? Ich kann dieſe Ungewißheit nicht ertragen; ſchreiben Sie mir, oder kommen Sie.— Sonntag.“ „Ich finde keine Ruhe, bis ich Sie geſehen habe; ſeit⸗ dem dieſe Frau gekommen iſt, dünkt es mich, als würde alles entdeckt werden.— Freitag“ Die Reihenfolge augenſcheinlicher Beweiſe wider mich war vernichtend, und ich ſchlug die Hände in ſtummer Verzweiflung zuſammen. Auf meine Knie niedergeſunken las ich Eduard's Brief; aber im überwältigenden Schmerz⸗ gefühle erſtarben meines Herzens Segensworte auf den Lippen. Der Gedanke, mich ſo von ihm verkannt, ſo un⸗ gerecht angeklagt und verurtheilt zu ſehen, ſchmetterte mich nieder. Meine Liebe nannte er Heuchelei!— Ich wollte eher ſterben, als auf dem Wege, den er mir vorgeſchrieben, wieder mit ihm zuſammenkommen, denn noch härteres Elend konnte mir das Leben nicht aufbewahren. Nach und nach aber kam mir die Laſt auf meiner Bruſt weniger drückend, das Gefühl der Angſt weniger zermalmend vor, als in jenen Stunden, in welchen ich, Folterqualen erdul⸗ dend, lächeln mußte und mich, in meinen eigenen Augen erniedriget, von meinem eigenen Herzen verdammt, auf eine Höhe von ihm geſtellt ſah, von der ich jeden Augen⸗ blick herabgeſtürzt zu werden fürchtete. Seine Lobſprüche drangen oft wie Dolchſtiche in mein Herz, während ich jetzt ſeinen Anklagen, ſeinen Vorwürfen das ſtumme Bewußt⸗ ſeyn einer Liebe entgegenſetzte, die inmitten der Schuld, des Unglücks und der bitterſten Demüthigung rein, heilig und unverletzt geblieben war. Plötzlich drang wie ein Strahl des Lichts ein Gedanke durch meine Seele— der Gedanke an ein Bekenntniß, an ein offenes, ungefärb⸗ 11*½ — 164— tes und unbeſchränktes Bekenntniß! Welche helle Leuchte in der Finſterniß! welches Pfand des Troſtes! welche Hoff⸗ nung auf Vergebung und Seelenfrieden!— Raſch erhob ich mich und riß das Fenſter auf und als die kühle Luft meine Wangen fächelte, war es mir, als ob ich noch glück⸗ lich werden könnte. Und noch einmal ergriff ich ſeinen Brief und öffnete ihn.— Da ſielen meine Augen auf die Stelle:„ſchworeſt Du aber keinen Meineid, riefeſt Du nicht den Allmächtigen zum Zeugen einer Lüge“— und gehemmt war die Quelle der Hoffnung, die kaum entſprun⸗ gen war in meiner Bruſt! Ich erinnerte mich des Eides, der mich verpflichtete, Eduard niemals die Wahrheit zu enthüllen. Das warme Blut, das freier zum Herzen zu ſtrömen begann, erſtarrte, wie von einer eiſigen Hand be⸗ rührt, in meinen Adern. Ich biß die Zähne zuſammen und, murrend mit mir ſelbſt, beſchloß ich, dieſen unglückſe⸗ ligen Eid zu brechen. Aber in demſelben Augenblicke fühlte ich auch ſchon, wie unmöglich dies war. Ich be⸗ durfte aller meiner Kräfte, all meines Muthes, ich be⸗ durfte Gottes Beiſtand und Gottes Gnade, um Eduard das ſchreckliche Geheimniß meines Lebens, die bittre Drang⸗ ſal, die tiefen Demüthigungen, die ich erdulden mußte, zu enthüllen, und konnte ich mit dem Bewußtſeyn eines Eid⸗ bruches auf Vergebung und Verſöhnung hoffen? Ich kämpfte mit meinem Gewiſſen: ich wollte es beſchwichtigen— ver⸗ gebens! Sollt' ich ein neues Verbrechen auf meine Seele laden? traf mich das Strafſchwert der Gottheit noch nicht ſchwer genug? ſollt' ich neue Geſpenſter heraufbeſchwören, um mich in bangen Schreckensträumen zu umſchweben? Ich blickte auf die Streifen Papier, die vor mir lagen, auf dieſe Zeugniſſe der Schwäche und des Unglücks, nicht des Verbrechens, und die Adern meiner Schläfen ſchwollen, und meine Hände ballten ſich in ohnmächtiger Wuth, als ich des Antheils gedachte, den Heinrich an meinen Handlun⸗ gen hatte, deren traurige Folgen mein Unglück vollendeten. Entweder verrieth er mich ſelbſt, oder er verſäumte in unverzeihlicher Unbeſorgtheit, in herzloſer Nachläſſigkeit, die Beweiſe unſres unſeligen Einverſtändniſſes zu ver⸗ nichten, wodurch ſie meiner unverſöhnlichen Feindin in die Hände fielen. Ein Bedienter trat ins Zimmer und, einen Brief auf den Tiſch legend, ſagte er: — Mr. Lovell war mehrere Male hier, um ſich nach Ih⸗ rem Befinden zu erkundigen, Madam; er wünſcht zu wiſ⸗ ſen, ob Sie ihn jetzt expfangen können, oder ob er dieſen Nachmittag wiederkom aen ſoll? Ich hätte die Welt darum gegeben, mit Heinrich ſpre⸗ chen zu dürfen, um meinem zornentbrannten, ſchmerzerfüll⸗ ten Herzen durch Worte Luft zu machen oder ihn zu be⸗ ſchwören, mich meines Eides zu entbinden; aber Eduard's Befehle lagen vor meinen Augen, ſein Brief war in mei⸗ ner Hand und ich antwortete mit der möglichſten Ruhe: „Saget dem Mr. Lovell, daß ich in dieſem Augenblicke be⸗ ſchäftiget bin und heute Nachmittag nicht zu Hauſe ſeyn werde.“ Einen Blick auf den Brief werfend, der auf dem Tiſche lag, ſah ich, daß er nicht von Heinrich, ſondern von Miſtreß Moore kam; ſie zeigte mir unter tauſend Entſchul⸗ digungen und Aeußerungen des Bedauerns an, daß ſie ge⸗ nöthiget geweſen wäre, ohne Aufſchub eine Reiſe nach der Meeresküſte zu machen und ſtellte mir ihre Villa zu mei⸗ ner Verfügung, um daſelbſt ſo lange zu weilen, als es mir gefallen würde. Dieſer Brief war für mich eine neue Quelle von Verlegenheiten. Ich konnte nicht mit mir ei⸗ nig werden, ob ich dies Anerbieten annehmen oder aus⸗ ſchlagen ſollte. Wenn ſich Heinrich vorgeſetzt hatte, ſeine Beſuche bei mir zu erzwingen, ſo entging mir nicht, daß Hampſtend kein Zufluchtsort ſeyn würde, mich vor ihm zu ſchützen, der Aufenthalt in London aber zu dieſem Zwecke weit geeigneter wäre, und doch befürchtete ich, Eduard könnte glauben, daß ich Anſtand genommen hätte, ſeinen Vorſchrif⸗ ten Folge zu leiſten. Ich beſchloß zuletzt, Eduard zu ſchrei⸗ ben, daß Miſtreß Moore Hampſtead verlaſſen habe und ich daher ſo lange in der Stadt bleiben wollte, bis ich wieder Nachricht von ihm empfangen haben oder er zurückgekehrt ſeyn würde. Am Schluſſe meines Briefes ſagte ich:„Wenn mein Onkel auf ſeinem Sterbebette meinen Namen nennt, —— — 166— ſo bitte ihn nicht, Gott ſegne ſie! zu ſagen, ſondern: Gott verzeihe ihr!“. An Miſtreß Middleton ſchrieb ich gleichfalls und nach⸗ dem beide Briefe abgeſendet waren, athmete ich freier. Die nächſt folgenden Tage führte ich eine ſeltſame Le⸗ bensweiſe. Mitten in London lebte ich in der tiefſten Einſamkeit. Um meinen Bedienten nicht den Befehl er⸗ theilen zu müſſen, Heinrich abzuweiſen, ließ ich mich vor Jedermann ohne Ausnahme verläugnen. Morgens fuhr ich einige Stunden aufs Land ſpazieren und den Reſt des Tages zog ich mich in meine entlegenſten Zimmer zurück, um, in Gedanken verſunken, mich abwechſelnd den düſter⸗ ſten Beſorgniſſen oder den bunteſten Hoffnungsträumen zu überlaſſen. Jeden Tag ließ ich mich nach Alicens Befin⸗ den erkundigen; die Nachrichten lauteten fortwährend günſtig. Am dritten Tage nach Eduard's Abreiſe und nach ver⸗ ſchiedenen vergeblichen Verſuchen von Seiten Heinrich's, mich zu ſehen und zu ſprechen, überbrachte man mir einen Brief. Ich erkannte ſogleich, daß er von ihm kam. Dem erſten Antriebe nachgebend, war ich ſchon im Begriffe, ihm denſel⸗ ben unter einem Umſchlage und ohne ein einziges eröoͤrtern⸗ des Wort hinzuzufügen zurückzuſchicken; nach kälterer Ueberlegung beſchloß ich jedoch, ihm zu ſchreiben. Eduard hatte mir das nicht verboten und eine Erklärung meines gegenwärtigen Benehmens war das einzige Mittel, eine Gewalt über Heinrich zu behaupten, von der ſo viel ab⸗ hing. Ich ſchrieb ihm daber folgendes: „Mein Schickſal iſt entſchieden. Wenn ich von nun an nur einen Schritt noch weiter auf dem Wege gebe, wohin ich gewaltſam gezogen wurde, ſo bin ich auf immer ver⸗ loren. Wenn Sie nur noch ein Fünkchen jener Ergeben⸗ heit fühlen, die Sie ſo lange für mich an den Tag gelegt haben, ſo brauche ich der Mittheilung, welche ich Ihnen hiermit mache, keine weitere Erklärung hinzuzufügen. Die Briefchen, die ich Ihnen bei verſchiedenen Anläſſen geſchrie⸗ ben habe, und welche, übel ausgelegt, unſre Verhältniſſe in ein falſches Licht ſtellen, wurden Eduard in die Hände geſpielt, und der Brief, wovon Sie anliegend eine Ab⸗ — 167— ſchrift erhalten, iſt das Reſultat. Ich entſage dem Ver⸗ ſuche, Ihnen begreiflich zu machen, was ich gelitten habe— was ich leide. Ich wag' es nicht, Sie zu ſehen; ich wag' es nicht, einen Brief von Ihnen anzunehmen; und dennoch bin ich, bevor Eduard zurückkehrt, dazu gezwungen, denn Sie haben mir einen Eid abgenöthiget, von dem Sie mich entbinden müſſen, wenn Sie mich nicht zur Verzweiflung oder zum Eidbruch treiben wollen! Heinrich! Sie waren mein beſter Freund und mein gefährlichſter Feind— ha⸗ ben Sie Mitleid mit mir! Erſparen Sie mir neue Gewiſ⸗ ſensangſt und Beſchämungen, neue Kämpfe— zwingen Sie mich nicht zu ewiger Heuchelei! Täuſchen und blen⸗ den Sie mich nicht länger durch Sophismen, ſtür⸗ zen Sie mich nicht in den Abgrund des Verderbens! Soll⸗ ten Sie aber ſo grauſam ſeyn, meinen dringenden Bitten meinen flehendlichen Vorſtellungen kein Gehör zu geben, dann überlaſſen Sie mich mir ſelbſt und nehmen Sie die Ueber⸗ zeugung mit ſich, daß Sie das Maß Ihres Unrechts bis zum Rande vollgefüllt haben; häufen Sie über mein Haupt alles Elend zuſammen, das nur der wildeſte Haß zu erſinnen vermag. Gott gebe, daß ich Worte finden kann, Sie zu rühren! Gott gebe, daß ich Ihr Herz er⸗ weiche und Sie zu überzeugen im Stande bin, daß Sie ſelbſt glücklicher ſeyn werden, wenn Sie meine Bitten er⸗ hören, als wenn Sie darauf beſtehen, eine nicht minder verbrecheriſche als grauſame Tyrannei auszuüben. Bei allem was Ihnen heilig iſt, beſchwöre ich Sie, Heinrich! hören Sie mich! Im Namen Ihrer Schweſter— im Na⸗ men Ihres Kindes— hören Sie mich! Es iſt ein Rich⸗ ter über den Sternen! hören Sie mich! Dieſe Bitte um⸗ ſchließt meine ganze Seele— von ihrer Gewährung hängt das Schickſal meines Lebens ab— erbarmen Sie ſich mei⸗ ner, wie Sie ſelbſt einſt auf Erbarmen hoffen! Ihre Ellen Middleton.“ Dies war der Inhalt meines Briefes an Heinrich. Und Tag für Tag lauſchte ich und ſo oft ich das Geräuſch der Schelle oder des Thürklopfers hörte, ſah ich mit Zittern einer Antwort entgegen. Während dieſer Zeit erhielt ich — 168— zwei kurze Briefe von Eduard, die er unterwegs in der I Eile an mich geſchrieben hatte. Mein einſames Leben ward mir zuletzt unerträglich. Ich fühlte eine wahre Sehnſucht nach irgend einer Veränderung in meiner Le⸗ V G bensweiſe; es verlangte mich, Menſchen ſehen und ſprechen zu können und dennoch mied ich den Anblick meiner Be⸗ kannten und entſagte allem Umgange mit Befreundeten. Eines Morgens empfing ich endlich ein Billet, deſſen Ad⸗ 6 reſſe mir aber nicht Heinrich's, ſondern Alicens Handſchrift zeigte. Es enthielt nur folgende Zeilen: „Meine liebe Ellen! Ich wünſche Sie zu ſehen, und bitte Sie, mich zu beſu⸗ chen. Ihre Alice Lovell.“ Ich wußte nicht, ob Miſtreß Tracy wieder abgereiſ't war, ich wußte nicht, ob ich Heinrich antreffen würde und die Folgen dieſes Beſuches konnte ich nicht im mindeſten abſehen; aber ich fühlte das Bedürfniß, irgend etwas zu unternehmen, irgend einen Wechſel meiner Lebensweiſe herbeizuführen, und da Eduard mir nicht unterſagt hatte, Alice zu ſehen, ſo glaubte ich berechtigt zu ſeyn, ihrem Wunſche zu entſprechen. An der Thüre ihrer Wohnung und als ich die Treppe hinaufſtieg, nahm ich zum Erſten⸗ male das Gefühl einer Körperſchwäche wahr, welche die traurige Ahnung in mir erregte, daß der Gram, der an meinem Herzen nagte, meine Geſundheit tief erſchüttert hatte. Die Thüre ſtand offen, ich fand Alice allein. Bei ihrem Anblick ergriff mich ein Schmerzgefühl, wie ich es kaum zuvor in meinem Leben empfunden hatte. Welche Veränderung war mit ihr vorgegangen! ihre Wangen wa⸗ ren bleich, ſie zeigten nicht die geringſte Spur einer Farbe, ihre Augen waren faſt übernatürlich groß und von dun⸗ keln Ringeln umgeben. Sie kam mir entgegen, umarmte mich aber nicht; ſie reichte mir ihre abgezehrte Hand, drückte die meinige kaum fühlbar und erſuchte mich, Platz zu neh⸗ men. Sie erkundigte ſich nach Mr. Middleton. Nachdem ich ihre Fragen beantwortet hatte, trat eine Pauſe ein, bis ich mit bebender Stimme das Wort nahm: 3 — 169— Wie geht's Ihrem Kinde, Alice? Darf ich es nicht ſehen? hen öffnete das Nebenzimmer und zeigte mir die Wiege. Das Kind ſchlief. Indem ich es anſchaute, ſuchte ich ver⸗ gebens meine Thränen zurückzudrängen: gewaltſam ſtürz⸗ ten ſie aus meinen Augen. — Ein ſchönes Kind! ſagte ich. — Ja, es iſt ſchön, flüſterte ſie, indem ſie neben der Wiege niederkniete.— Es iſt ſchön, aber nicht ſtark. Sie nahm das magere Händchen ihres Kindes und drückte es an ihre bleichen Lippen. Dann erhob ſie ſich und wir gingen ins Beſuchzimmer zurück. — Wie lieb müſſen Sie es haben, Alice! ſagte ich ſeuf⸗ zend zu ihr.. — Ja, ich hab' es lieb, antwortete ſie und legte ihre Hand auf die Stirn, indem eine plötzliche Röthe ſich über ihr Angeſicht und ihren Hals ergoß. Sie athmete raſcher und ſagte im Tone tiefſter Rührung:— Wenn Sie aber glauben, daß ich ſeinen Vater nicht liebe, ſo ſind Sie im Irrthum. — Alice, ich ſagte— dachte niemals— — Ja, ja, und Sie hatten recht, wenn Sie's glaubten; denn als ich ihn heirathete, liebte ich ihn wie ein Kind, nicht wie eine Frau liebt; aber die wahre Liebe und der wahre Kummer blieben nicht aus; ſie kamen zu gleicher Zeit und mit ihnen die Kraft und der Muth. Ellen, ich liebe ihn und bitte Sie, nicht zwiſchen uns zu treten. Ich glaube, es ſieht ſeltſam aus, was ich jetzt ſage, aber ich halt' es für recht und billig. Ich habe niemanden, der mir beiſteht, und folge nur den Eingebungen meines Herzens und des Grames, den es längſt heimlich in ſich trägt. Ich verheirathete mich und die Welt vor mir war wie ein leerer Raum, auf dem aber der Geiſt Gottes zu ſchweben ſchien, gleichwie er auf dem Waſſer ſchwebte am Tage der Schöpfung. Mein Herz kannte nur Friede und Freude. Aber die Vucher, die Heinrich mir gab, lehrten mich Leben und Liebe kennen, und ich fühlte das Leben, fühlte die Liebe, als ich ihn zum erſtenmale bei Ihnen er⸗ — 170— blickte. Ich ſchloß meine Bücher, ſchloß meine Augen zu. Ich verlor den Muth, ich erſchrak vor meinem eignen Her⸗ zen, erſchrak vor dem Leben, das vor mir lag, bis mir die Kraft verliehen ward, mit ihm zu kämpfen. Mir war das Loos der Lea, nicht der Rachel beſchieden, das ſah ich wohl ein! und ich bat Gott um Geduld und Herzhaftig⸗ keit, vor dem Kelch der Leiden nicht zurückzubeben, ihn nicht zu fürchten. Nun fürcht' ich ihn nicht; aber um Heinrich's willen, um meines Kindes willen, muß ich wider Sie, wi⸗ der die wunderſame Gewalt ankämpfen, die Sie geltend machen. Und Gott wird mit mir ſeyn, Ellen, denn Sie ſuchen zu trennen, was Er auf immer zuſammengefü⸗ get hat. — Alice, Alice, ſchonen Sie meiner, denn ich bin un⸗ glücklich, ſchonen Sie meiner, denn Ihr Kummer gleicht dem meinen nicht mehr, als eines Märtirers Leiden den Leiden eines mit dem Tode ringenden Verbrechers. Laſſen Sie mich mein Angeſicht an Ihren Knien verbergen— bedecken Sie mich mit dem Saume Ihres Kleides, und laſſen Sie die Thränen, die auf mich niederfallen, vor Gott, den Sie anbeten, für mich ſprechen, denn Ihre Thrä⸗ nen ſind wie die, welche Engel im Himmel über reuige Sünder vergießen. Flehen Sie zu Gott, daß ſein Herz gerührt werde, beten Sie für ihn, für mich, für ſich; ru⸗ fen Sie Ihn an, daß ich ihn erweiche oder ſterbe. Gott verzeihe mir, mir grauet vor dem Tode, aber ich kann nicht leben, wie ich lebte— — Ellen, welche heftige, überſpannte Sprache! ich wage nicht, Ihnen ein Wort des Troſtes und der Hoffnung zu ſagen, wenn Sie nicht dieſe Schwäche überwinden, wenn Sie nicht eine Leidenſchaft zu bändigen ſuchen, die in der Sünde begann und im Verderben enden wird. — Alice, ich ſchwöre bei allem, was heilig iſt, ich ſchwöre, wie ich's auf meinem Sterbebette thun würde, daß ich Ihren Gatten nicht liebe, und nun—— — Dann haben Sie ſchlecht gehandelt. Sie liebten ihn nie und ſuchten doch ſeine Liebe; gefallſüchtig ſpielten Sie mit ſeinen Gefühlen, bis ſein Gemüth, das von Natur àA — 171— gut war, ſich verhärtete und ſeine bleichen Wangen noch bleicher wurden. Sie haben ihn nie geliebt? und doch brachten Sie ihn dahin, daß er jede Pflicht vergaß, jedes Band zerriß! Sie haben mir ſein Herz geraubt, Sie ha⸗ ben ihn mir, ſeinem Kinde, ſeinem Hauſe entfremdet und lieben ihn nicht? Leichtfertig entriſſen Sie mir ſeine Liebe und mein Glück— ſpielten damit und zernichteten ſie. O Ellen! Gott möge Barmherzigkeit mit Ihnen haben, denn Sie ſind recht böſe! — Ich habe geſündigt, ich war böſe, Alice, aber nicht in dem Sinne, wie Sie glauben. Ich betheuere Ihnen, in allem dem iſt ein Geheimniß, das ich nicht zu enthüllen wage. — Ja, ja, ein Geheimniß ſchwebt in der Luft, die wir einathmen, in den Worten, die wir mit einander reden, über unſer Leben, in unſern Herzen. Meine Großmutter zittert und entfärbt ſich, wenn ſie Ihren Namen ausſpre⸗ chen hört oder wenn Ihr Wagen vorbei fährt, und eben jetzt ſehen Sie aus, als ob ein Donnerſchlag auf Sie he⸗ rabgefallen wäre, indem ich von ihr rede. Heinrich nahm mich zur Frau, als ich noch ein unwiſſendes Kind war; ſeitdem erfuhr ich, daß die Männer um reiche vornehme Fräulein, ihres Ranges und ihrer Reichthümer wegen freien, ohne ſie zu lieben oder danach zu ſtreben, von ih⸗ nen geliebt zu werden. Er haßt Robert Harding und ver⸗ wünſcht ihn verſtohlener Weiſe, wenn wir ihm begegnen; und dennoch behandelt er ihn höflich und bietet ihm Geld an, das er verächtlich zurückweiſ't, und Geſchenke, die er nicht annimmt. Sie ſagen, Sie liebten Heinrich nicht, Sie ſchwören darauf, und doch ſind Sie Tag für Tag ſtundenlang mit ihm zuſammen, und wenn er ſich von Ih⸗ nen entfernte, ſo riefen Sie ihn zurück, ſchrieben ihm heim⸗ lich Briefe und entfärbten ſich, als dieſe entdeckt wurden. O ein tiefes, furchtbares Geheimniß liegt in allem dem verborgen, und wir wandelten ſo lange in der Finſterniß, daß wir faſt vergaßen, was Licht iſt. Alicens Worte zerriſſen mir das Herz: ich war kaum im Stande ihren Blick auszuhalten. Ein langes, tiefes — 122— Schweigen folgte dieſer peinlichen Unterredung; dann er⸗ hob ich mich zum Weggehen und ſagte ihr mit niederge⸗ ſchlagenen Augen: — Sie beten für Ihre Feinde, beten Sie für mich! Sie beten für die, welche krank ſind am Körper und an der Seele, beten Sie für mich! Vielleicht erfahren Sie niemals, wie gerecht und wie ungerecht Sie heute geweſen ſind; aber Sie werden nicht ungerecht handeln, wenn Sie für mich beten, denn Gott hat mich mit ſchwerer Bedrängniß heimgeſucht und mit der Strafruthe Seines Zornes geſchla⸗ gen, daß ich zu unterliegen meine. Ich verließ ſie und ſeitdem ſah ich ſie nie wieder, dieſe Engelsgeſtalt mit dem blaſſen, leidenden Antlitz, hörte nie wieder den Ton ihrer zarten, feierlichen Stimme. Wenn aber auf Erden eine Heilige für mich bittet oder im Him⸗ mel ein Engel mein Fürſprecher iſt, ſo iſt ſie es, deren Le⸗ ben ich zerſtört, deren Herz ich gebrochen habe. XII. Zu Hauſe fand ich einen Brief von Heinrich. Ich nahm ihn, ſchloß die Thüre meines Zimmers zu, erbrach das Siegel mit zitternder Hand und las Folgendes: „Sie halten es nicht für gut, meine Briefe zu beant⸗ worten, und von Ihrer Thüre werd' ich abgewieſen wie ein zudringlicher Bettler. Meine Schyweſter iſt tief be⸗ kümmert, und ich frage Sie vergebens, welche Nachrichten Sie von ihr haben!— Sie ſpielen ein gewagtes Spiel, wenn Sie durch ſolchen tief verletzenden Hohn meine Liebe abzuwehren beabſichtigen; er kann ſich in Haß verkehren, das geb' ich zu! Ich bin es müde, allein zu leiden, und das Leden iſt nicht lange genug, um es in ſtetem Affekten⸗ wechſel, in vergeblichem Kampfe mit einer glühenden, ver⸗ zehrenden Leidenſchaft zu vergeuden. Alles hat ſein Ende, und wenn Sie noch einen Tag länger Ihr Geſpötte mit mir treiben, ſo dürfte es Sie gereuen bis zur Stunde Ih⸗ 4 — — 173— res Todes. Einſt ſagte ich Ihnen ja, wofern Sie mich nicht lieben lernten, würd' ich Sie mich haſſen lehren.“ Mein letzter Brief an Heinrich ward unterſchlagen! das ſah ich klar und Verzweiflung bemächtigte ſich meiner; denn mit der ganzen Gewalt einer angſterfüllten Seele ſuchte ich ihn zu rühren und zu bewegen und meine Flehensworte hätten ſein Herz ergreifen müſſen. Meine ganze Hoffnung baute ich auf dieſen Brief und nun brachte ihn die ſchein⸗ bare Gefühlloſigkeit meines Benehmens zu dieſem heftigen, ſchonungsloſen Ausbruch ſeines Zornes, der mir ſo furcht⸗ bar war. Ich ſah wohl ein, daß ich ihn um jeden Preis begütigen müßte und die Erklärung, welche ich ihm gab, war vielmehr eine Selbſtvertheidigung, als eine Anklage, vielmehr eine Bitte, als ein Vorwurf; ich wandte mich an ihn wie an einen beleidigten Freund und nicht wie an ei⸗ nen grauſamen Feind. Es koſtete mich viel Zeit, bis ich mich überzeugt hatte, daß der Ton meines Briefes geeig⸗ net wäre, ihn zu beſänftigen und zu beruhigen und dann wagte ich's nicht, die richtige Ablieferung deſſelben dem Zu⸗ fall zu überlaſſen. Mit unſicherer Hand gab ich ihn dem Bedienten und hieß ihn, den Brief dem Mr. Lovell ſelbſt einzuhändigen. Als des andern Morgens die Luft drückend und der Himmel trübe war, wie kam es, daß mich kein Vorge⸗ fühl der Schreckniſſe beſchlich, welche der Tag bringen ſollte? wie kam es, als ich in Eduard's Zimmer jeden Gegenſtand betrachtete, der mir ſein Bild vor die Seele führte, daß ich mich nicht unglücklicher als gewöhnlich fühlte?— Ich empfand weder größere Sehnſucht noch größere Angſt bei dem Gedanken an ſeine Zurückkunft, als Tags zuvor, und indem ich ſein Bildniß an meine Lippen drückte, floſſen die Thränen, welche meine Augen füllten, nicht bitterer als ſonſt. Die Poſt war angekommen. Sie brachte mir Briefe, Briefe vom Continentc; einer derſel⸗ ben war ſchwarz geſiegelt— ich ſah's und fühlte ſogleich, daß mein Onkel todt war. Nie in meinem Leben ent⸗ ſtrömten ſo reine, fromme Thränen meinen Augen und ſie beruhigten eine Zeitlang meine eigenſüchtigen Leiden und — 174— Bekümmerniſſe. Aber ſelbſt in den Schmerz, den mir der Tod meines Onkels, des beſten, wenn auch ſtrengſten, Freun⸗ des, einflößte, miſchten ſich finſtere, unheimliche Gedanken. Eine ſeltſame Angſt ergriff mich. Der Gram hatte mich ſchwach gemacht und ein abergläubiger Schreck bewältigte mich. Er war nun bei Gott! er war geſchieden aus die⸗ ſem Leben, aber bis an ſein Ende ward er getäuſcht! Lange und tief hatte er ſein einziges Kind beweint und er ſtarb in Unwiſſenheit— meinen Antheil an ſeinem frühen Tode nicht ahnend. Und nun ſchien ſein Geiſt mich heim⸗ zuſuchen und anzuklagen, und der erſte Ring der Kette, die uns mit jener unbekannten Welt verbindet, wenn ein geliebtes Weſen aus unſrer Mitte hinweggenommen wird, war für mich ein eben ſo ſchauriger als feierlicher Ge⸗ danke.„Seine letzten Worte“, ſchrieb mir meine Tante, „ſeine letzten Worte galten Dir; er erhob ſich mühſam auf ſeinem Bette und ſprach mit Anſtrengung Deinen Na⸗ men aus; dann, im Todeskampfe, fügte er hinzu:„Sag' ihr, daß ſie Eduard glücklich mache.“ Hierauf reichte er mir ſeine Hand, hielt ſie einige Augenblicke in der ſeini⸗ gen und, nach einem ſchwachen letzten Druck, änderten ſich ſeine Züge und er ſtarb einen ſanften Tod im Bewußt⸗ ſeyn der Seligkeit. O meine Ellen! die Todesſtunde muß ſchrecklich und bitter für die ſeyn, welche nicht in der Furcht Gottes lebten; aber ſterben wie er ſtarb, hat nichts Er⸗ ſchreckendes, denn ſein Leben war ſo ſchuldlos und ſo fromm, als es nur eines Menſchen Leben ſeyn kann. Er ſtarb den Tod der Gerechten.“— Eduard, eine Stimme aus dem Grabe mahnet mich, Dich glücklich zu machen! Wo biſt Du, daß ich zu Deinen Füßen niederſinke, um das Gebot eines Sterbenden zu vollziehen! Wo biſt Du? daß auch ich in Frieden ſcheiden kann und meine Augen nicht auf ewig ſchließen muß, ohne ein Wort des Erbarmens und der Vergebung aus Deinem Munde gehört zu haben! Zwei Mal las ich meiner Tante Schreiben und dann öffnete ich Eduard's Brief. Mein Onkel ſtarb, bevor Eduard Hyéres erreichen konnte. Dieſer traf unterwegs mit Miſtreß Middleton zuſammen, als ſie ſich bereits wie⸗ der auf der Rückreiſe befand. Auch er kehrte in der Ab⸗ ſicht um, den drei und zwanzigſten des Monats in Lon⸗ don einzutreffen. Der erlittene Verluſt— fügte Eduard hinzu— betrübte meine Tante auf das tiefſte, aber ſie war ruhig und gefaßt und fühlte nur heißes Verlangen, mich wiederzuſehen. Eduard ſchloß ſeinen Brief, mich ernſt mahnend, meiner Geſundheit zu pflegen. So durft' ich alſo ſeine Zurückkunft in zwei Tagen er⸗ warten!— ich ſollte ihn wiederſehen, dem ich mit der ganzen Gewalt der Leidenſchaft, mit glühender, unerſchöpf⸗ licher Liebe anhing— und dennoch ſah kein treuloſes, vom Gefühle ihrer Schuld niedergedrücktes Weib der Rückkunft ihres betrogenen Gatten mit ſo klopfendem, ängſtlich be⸗ bendem Herzen, mit tieferer Zerknirſchung entgegen, als ich, indem ich die Stunden zählte, die mich noch von Eduard trennten! Sein Brief lag in meiner Hand und in tiefem Sinnen hefteten ſich meine Blicke darauf, als die Thüre aufging, und Heinrich hereintrat. Meine Wangen erblaßten, meine Lippen zitterten fieberhaft, der Athem ward mir ſchwer. Mr. Middleton's Tod, ſeiner Schweſter Schmerz, ſein bleiches Antlitz, ſeine verzerrten Züge, die Hoffnungsträume, daß er mir endlich und auf immer entſagen, mich freiſpre⸗ chen würde, benahmen mir die Sprache und raubten mir alle Willenskraft. Er ſetzte ſich mir gegenüber und ſagte: — Ich habe mir den Eintritt erzwungen und überbringe Ihnen dieſen Brief. Einen Blick auf den Tiſch werfend, fügte er hinzu: — Sie haben Nachricht erhalten, wie ich ſehe. Hat Ihnen meine Schweſter geſchrieben? Ich konnte nicht antworten, nahm aber den Brief und reichte ihm denſelben hin. Er las ihn und legte ihn dann, tief ſeufzend, wieder auf den Tiſch. — Er behandelte mich immer mit Härte und mein An⸗ blick war ihm zuwider, aber ich achtete ihn und um Ma⸗ ry's willen hätte ich gewünſcht, daß er länger am Leben geblieben wäre. ——,— 176— Eine lange Pauſe folgte dieſen Worten. Wir waren beide vor einander erſchrocken und jeder erwartete ängſt⸗ lich, was der andere ſagen würde. Seit drei Wochen hatten wir uns nicht geſprochen; eine Trennung auf im⸗ mer ſollte erfolgen: ſeiner Entſcheidung war es anheim⸗ geſtellt, wie wir uns trennen wollten. Was war ſeine Abſicht? wollte er die Kette zerreißen, die mich an ihn feſſelte oder ſollte ich länger unter dem unerträglichen Joch ſeiner Tyrannei ſeufzen?— Vor ihm ſtehend ſah ich ihn feſt an: — Heinrich, der Augenblick iſt gekommen und wir müſ⸗ ſen uns trennen. — Trennen! rief er aus. Glauben Sie wirklich, ich ſey gekommen, um Sie aufzugeben? Sie bilden ſich ein, daß ich Sie verlaſſe, Sie und Eduard, den ich nun eben ſo ſehr haſſe, wie ich ihn einſt liebte, damit Ihr frohlockt über meine Verzweiflung, nachdem ich, aus Euerem Hauſe geſtoßen, eine Hölle in dem meinigen finde!—— — Welches Wort ſprechen Sie aus! Läſtern Sie nicht! 5— Haus iſt geheiliget durch die Anweſenheit eines ngels! 15 Ein Geiſt der Hölle hat es heimgeſucht, Ellen— jenes Weib, das uns verrathen, jenes Weib, das in einem ſeiner blinden Wuthanfälle meinen Pult erbrochen und die unſe⸗ ligen Briefe herausgenommen hat, um ſie Eduard in der tollen Hoffnung zu überſenden, uns dadurch auf immer zu trennen. Sie war es auch, die den Brief unterſchlug und vernichtete, den Sie mir vor vierzehn Tagen geſchrieben haben; ſie war frech genug, ihre Schandthat ungeſcheut zu bekennen, als ich ſie geſtern Abend derſelben bezichtigte. Sie rühmte ſich ihrer Handlung und ſchleuderte mir die Vorwürfe, die ich ihr machte, ins Geſicht zurück. Da goß ſich eine glühende Wuth in meine Adern und ich ſchüttete mein Herz aus. Ich zerriß den Schleier vor Alicens Au⸗ gen; ich brach meinen Schwur! Ich erzählte der Mutter meines Kindes, warum und wie ich ſie geheirathet habe. Ich ſah ſie erbeben vor Entſetzen, ſah, wie ſie ſich mit ſchaudervollem Abſcheu von mir wegwandte, als ich die⸗ 1 — 177— ſem reinen Weſen meine ſündhafte Leidenſchaft für Sie be⸗ kannte und meinen unumſtößlichen Entſchluß verkündete, Ihnen nie zu entſagen. Ich habe jedes Band zerriſſen, mich jeder Pflicht entledigt; nun müſſen Sie mein ſeyn und werden mein ſeyn! Ich war lange genug Ihr Sclave, aber ich wußte, daß es endlich dahin kommen würde. Sie ſträubten ſich vergebens! Sie können ſich nicht mehr von mir losreißen— meine Liebe ſoll Ihr Leben vergif⸗ ten oder beglücken— ſoll ihm zur Schmach oder zum Ruhme gereichen; und unerwiedert, wie ſie bis jetzt geblie⸗ ben, wird ſie ſich zwiſchen euch werfen und bis zur Stunde des Todes die Freuden, die Seligkeit eures Lebens zer⸗ ſtören! — Ihre Macht hat aufgehört— Ihre Drohungen ſind vergeblich! Ich trotze Ihrer Rache, verachte Ihren Haß. Verrathen Sie mich nur! ſagen Sie Eduard, ſagen Sie der ganzen Welt, daß ich nicht aus Liebe, ſondern aus Angſt vor Ihnen zitterte; ſagen Sie ihnen, wie Sie mich marterten und quälten, wie ich mich unter dem Drucke Ihrer heimlich herrſchenden Gewalt in Todesnoth krümmte; ſagen Sie ihnen, wie mein Herz gerungen hat und wie Sie es zermalmt haben; ſagen Sie ihnen, daß Sie mein Gemüth verkehrt und verwirrt und was Sie aus mir gemacht haben— und dann mag Eduard, die Welt, der Himmel ſelbſt zwiſchen uns richten! — Sie trotzen meiner Rache? verachten meinen Haß? Bin ich nicht hier? ſchwaches, unkluges Weib? ſchrieben Sie mir nicht Briefe voll der wahnſinnigſten Bitten? ver⸗ letzten Sie nicht den Befehl Ihres despotiſchen, eiferſüch⸗ tigen Mannes? Seyn Sie doch mäßiger in Ihrem Schmerz und beſonnener in Ihrem Zorne! — Sie haben keine Gewalt mehr über mich, ſobald ich Eduard die ganze Wahrheit unumwunden bekenne, wenn ich mich zu ſeinen Füßen werfe—— — Und Ihren Schwur brechen!. — Meinen Schwur brechen? O ſprechen Sie doch nicht davon! ſprechen Sie doch nicht von Verbrechen und ſchnö⸗ dem Unrecht! Jedwede Sünde haben Sie in jedem Grade II. 12 12 — 178— geübt, und was ich auch verbrochen haben mag, meine Schuld wird auf Ihr Haupt zurückfallen, wenn Sie mich zur Verzweiflung treiben, ſich weigern, mich meines Ver⸗ ſprechens zu entbinden—— Ein ſchreckliches Lächeln entſtellte Heinrich's Lippen und höhniſch antwortete er mir: — Was Sie da für ein wunderſames Geſchichtchen Ihrem Manne erzählen werden! Es iſt Jammer und Schade, daß Sie nicht früher daran dachten! es würde wahrſchein⸗ licher geklungen haben, als jetzt. Eine Tödtung aus rei⸗ nem Zufalle, vier lange Jahre ängſtlich verheimlichet und zuletzt eingeſtanden und bekannt, um unſre Vertraulichkei⸗ ten zu entſchuldigen! Beim Himmel, Ihr Gatte wird die Fruchtbarkeit Ihres Gehirns bewundern und Ihre Erfin⸗ dungskraft unvergleichlich finden! Schon der Inhalt ſei⸗ nes Briefes läßt ſo ziemlich wahrnehmen, was er Ihnen alles zutraut! — Heinrich, Ihre Tücke, Ihre Bosheit kann ſich nicht ſo weit vergehen! Ein Teufel ſind Sie nicht und teufliſch würd' es ſeyn, wollten Sie meinem Bekenntniß Ihr Zeug⸗ niß verſagen—— — Ei, erwiederte Heinrich mit hämiſchem Blick, ich ſoll doch wohl nicht einräumen, daß ich Eduard eine Frau heirathen ließ, die vor meinen eignen Augen ihre Couſine umgebracht hat? — Umgebracht! meine Couſine umgebracht! Und Sie können das ſagen? Von Ihnen muß ich das hören? Hei⸗ liger Gott! darf die Verruchtheit dieſes Menſchen alle Grenzen überſchreiten? — Verzweiflung kennt keine Grenzen. Ich kämpfe auf Tod und Leben. Sie denken immer nur an Ihren eignen Schmerz; Sie haben kein Mitgefühl für die Qualen, die Sie Andern bereiten— Wenn ich Sie jetzt losgebe, ver⸗ lier' ich Sie auf immer, und— Er unterbrach ſich und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen; ſeine Bruſt hob ſich im heftigſten Kampfe. Ich fühlte, daß ſein Herz gerührt war und ſchnell ſtürzte ich zu ſeinen Füßen. — 179— — Sie verlieren Ihr Opfer, gewinnen aber eine Freun⸗ din, die Sie, auch ohne Sie jemals wiederzuſehen, jeden Tag ihres Lebens ſegnen, die, im inbrünſtigen, reumüthi⸗ gen Gebete nie Ihren Namen vergeſſen wird, wenn ſie Gottes Barmherzigkeit anruft! Flehend faltete ich meine Hände und ſuchte in ſeiner Seele zu leſen. — Sie niemals wiederſehen? dieſe Stimme niemals wiederhören?— Nein, nein! Sie müſſen mich lieben, Sie werden mich lieben! und ſelbſt wenn Sie mich haſ⸗ ſen, ſollen Sie mir angehören! Ihrer Schönheit hohe Ge⸗ ſtalt, Ihr Stolz, Ihre Verachtung konnten mich nicht ent⸗ waffnen, Ihren thränenfeuchten Augen, Ihrer bebenden Stimme ſoll es jetzt eben ſo wenig gelingen. Ich liehe Sie leidenſchaftlicher in Ihrem Schmerz als in Ihrem Stolze, und demüthig vor mir niedergeſunken, bete ich Sie mehr als jemals an, und ich könnte Sie tödten, wenn Sie Eduard's Namen in dieſem Augenblicke ausſprechen wür⸗ den; und der Fluch eines gebrochenen Schwures, die finſtre Schuld des Meineids laſte auf Ihrer Seele, wenn Sie falſch⸗ herzig die letzte Scheidewand zwiſchen uns ſtellen.“ — O gehen Sie nicht mit dieſen Worten von mir, laſ⸗ ſen Sie mir nicht ſolchen Fluch zurück: er fällt auf Ihr eignes Haupt, er wird Ihnen auf den Ferſen bis zum Sterbebette nachſchleichen. Heinrich! ich umfaſſe Ihre Knie! Haben Sie Erbarmen——————— War das der Engel des Todes? war das die Verkün⸗ digung des Gerichtes? War das Eduard's Geſtalt, die ich ſah?— Und ich überlebte dieſe Stunde? Ich muß ihn geſehen haben, denn ſeit dieſem Tage, in Gedanken und in Träumen, ſchwebte er immer wieder in jener furchtba⸗ ren Geſtalt vor meiner Seele, meine Sinne verwirrend und mir tauſendfachen Tod bereitend. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in meinem Schlafzimmer; in ängſtlichem, neugierigem Geflüſter um⸗ gaben mich ſämmtliche Frauen des Hauſes. — Wer iſt im Hauſe? wer iſt hier? fragte ich mit bebender Stimme. — Es iſt niemand hier, Madam; Mr. Middleton iſt ausgegangen und der Wagen, der ihn herbrachte, fuhr nach dem Clarendon⸗Hötel zurück. Gaht n mir meinen Hut und meinen Shayl; eilt Euch! Ich verſuchte aufzuſtehen, aber die Kräfte verſagten mir. — Bringt mir ein wenig Wein! ſogleich! Ich trank ein volles Glas und ſtand auf. Im Begriffe meinen Hut aufzuſetzen, klopfte ein Bedienter an die Thüre und überreichte meinem Kammermädchen einen Brief. Ich war beim Anblick der Schriftzüge einer Ohnmacht nahe, aber ich nahm ihr den Brief aus der Hand und ließ ſie hinausgehen. Ich las folgende Worte und leſe ſie jeden Tag von neuem: 4 „Dieſe Mittheilung iſt die letzte, welche Du von mir empfängſt. Ich betrete mein Haus nicht eher wieder, bis Du daſſelbe verlaſſen haben wirſt. Ich will Dich nie mehr wiederſehen, noch, ſo lange ich lebe, Deinen Namen ausſprechen hören. Dein Vermögen und, wenn Du willſt, ein Theil des meinigen ſoll Dir durch meinen Anwalt auf eine Dir beliebige Weiſe ausgeliefert werden. Sollteſt Du Briefe an mich ſchreiben, ſo wirſt Du ſie uneröffnet zurück empfangen.“ Ich ſank nicht ohnmächtig nieder, vergoß auch nicht eine Thräne. Ein kalter Schauer rieſelte durch meine Adern und in allen Gliedern zerſchlagen, vermocht' ich kaum zu athmen; die Quelle der Thränen war in mir verſiegt; ich ſeufzte tief im Herzen, erwartete nichts mehr, hoffte nichts mehr. Ich wagte nicht, mich von der Stelle zu rühren und ſtarrte auf die Worte hin:„Verlaſſe mein Haus, ich will Dich nie wiederſehen——“; denn ging' ich, ſo ging ich auf ewig! und das konnte nicht ſeyn, durfte nicht ſeyn! ich ſah ihn nicht zum letztenmale, hatte noch nicht aufgehört zu leben, war nicht verdammt zu jenem Seelentode, zu ewiger Trennung, nicht verurtheilt, mit ei⸗ — 181— nem Herzen vom Feuer der innigſten Liebe durchglüht, in ein Grab hinabzuſteigen! Und ſollte mir niemand helfen können? niemand Erbarmen mit mir haben? Gab es denn keine Stimme, auf die er hören würde, keines Freundes Fürſprache, die zu ihm dringen könnte?— Es gab ein Weſen, dem ich wehe gethan, deſſen Bild mich aber in die⸗ ſer Schreckensſtunde umſchwebte; zu ihr wollt' ich flüchten, zu ihr, die auf Erden bei Eduard, im Himmel bei Gott meine Fürſprecherin ſeyn würde; zu ihr wollte ich eilen und wenn ihre kalte, bleiche Hand meine brennende Schläfe berührte, wenn ihre Stimme, wie ein Hauch feuchter er⸗ friſchender Luft durch meines Trübſals Gluth dränge— dann würde ich nicht ſterben, würde leben, zu ihren Füßen wei⸗ nen und nicht verlaſſen im Todeskampfe ringen. Ich erhob mich von meinen Knien, ſtrich meine Haare glatt und warf meinen Shwal über. Ich hatte meine Handſchuhe verloren und öffnete eine Schublade, um ſie zu ſuchen; ich fand nur ein Paar, das ich bei Seite ge⸗ legt hatte, weil Eduard die Farbe derſelben nicht leiden mochte. Was ſein Brief nicht bewirkte, was die grauſen Schrecken der letzten Stunde nicht vollbrachten, veranlaßte dieſer geringfügige Umſtand. Ich weinte bitterlich und meine Thränen minderten den heftigen Druck meines Kopf⸗ wehs. Mit raſchen Schritten ging ich durch die Haus⸗ flur, und als der Portier mir die Thüre öffnete, redete er mich mit den Worten an:„Soll John nicht mit Ih⸗ nen gehen, Madam?“ Ich ſchüttelte den Kopf und eilte hinaus; doch bevor er die Thüre wieder zugeſchloſſen hatte, kam ich zurück und ſagte:„In einer Stunde komme ich wieder!“— Warum that ich das? Ach! weil das Herz ſchwach in ſeiner Angſt iſt, und ich mir ſelbſt zu ſagen für nöthig hielt, daß ich nicht auf immer ging. Mit wildem Gram im Buſen und betäubendem Schmerz im Kopfe ſich inmitten glücklicher, gleichgültiger, geſchäfti⸗ ger Menſchen durch das Getümmel der Straßen drängen, während ſchaurige Gedanken an Ewigkeit— Unendlichkeit den Geiſt durchzucken; den Blicken müßiger Gaffer begeg⸗ nen, die Grüße üon Bekannten erwiedern müſſen, während — 182— der Kopf zerſpringen, das Herz brechen will— kein Traum kann angſtvolleres ausmalen, und meine Träume waren doch ſchrecklich genug! Ich ging raſch, aber der Weg ſchien ſich unter meinen Füßen auszudehnen und jeder Wagen, der vorbei rollte, konnte Eduard fortführen. Einmal fuhr ein eleganter Reiſewagen nahe an mir vorüber; ich ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und ſtürzte ihm entgegen. Die Umſtehenden ſahen mich erſtaunt an. Als der Wagen um die Ecke bog, erblickte ich Mr. Escourt's Geſicht; lachelnd grüßte er mich.. Endlich erreichte ich das Haus und zog die Glocke. Ich wartete lang. Die Magd, welche die Thüre öffnete, ſtarrte mich ſchweigend an. Schnell ſtieg ich die ſchmale Treppe hinauf; ſie folgte mir und hielt mich am Arme zurück. — Sie können ſie nicht ſehen; das Kind iſt todt. Ein Schwindel ergriff mich; ich mußte mich an die Mauer lehnen.— Was ſah ich! Todtenbleich, aber mit feuerſprühenden Augen, wie ein Geſpenſt, ſtand Miſtreß Tracy vor mir. Ihre verwitterten Geſichtszüge waren verzerrt und ihre Stimme klang fürchterlich. — Beſudle nicht dieſes Haus mit Deiner Gegenwart; der Fluch Cain's liegt auf Dir; Du trägſt ſein Zeichen auf Deiner Stirn und Gottes Rache wird Dich erreichen; die Stimme der gemordeten Unſchuld wird ſie aus ihrem feuchten Grabe auf Dich herabrufen. Das Todesröcheln des Kindes, das heute Morgen ſtarb, ſchreit wider Dich! Ja, zittre, erbleiche und fall' auf Deine Knie, denn Du wirſt endlich Deinen Lohn empfangen. Du wirſt weinen, wie Du Andern Thränen ausgepreßt haſt! Du wirſt zer⸗ treten werden, wie Du Andere zertrateſt! Dein Mann wird Dich fortjagen, Dein ſchändlicher Liebhaber Dich ver⸗ laſſen! und wenn mein liebes Kind, wenn meine Alice todt ſeyn wird—— — Todt! Alice! Barmherziger Gott! Iſt Alice in Gefahr? — In Gefahr! Glaubteſt Du denn, daß— verathen, beſchimpft, verlaſſen, mit einem Kind an der Bruſt und einem Dolch im Herzen, meine Tochter, mein Schatz, mein — 183— Alles leben könnte? Du haſt ſie gemordet! geh, geh zu Heinrich Lovell, ſag' ihm, daß ſein Kind geſtorben ſey, daß ſein Weib am Sterben liegt! Und der Fluch einer Mut⸗ ter, der man ihr Theuerſtes genommen, und Gewiſſens⸗ angſt und der Verzweiflung wilde Qualen folgen Euch Beiden nach! Und möge Gott der Allmächtige, der die Rache in ſeiner Hand hält, die volle Schale Seines Zorns auf euer ſündiges Haupt herabſchütten! Ich ſchloß die Augen zu und ſeufzte: Gott ſchirme mich! Ais ich ſie wieder öffnete, war ſie verſchwunden. Die Magd hielt die Thüre weit auf und ich verließ das Haus. Auf der Straße fühlt' ich mich einer Ohnmacht nahe und mußte mich an einem Pfoſten halten. Da reichte mir Je⸗ mand hülfreich die Hand, und ſtand mir einen Augenblick bei in meiner Noth. Mich erholend erblickte ich Robert Har⸗ ding, auf den ich mich ſtützte. Ich wich zurück und ſah ihm ſchaudernd ins Geſicht.„Soll ich Ihnen einen Wa⸗ gen holen?“ fragte er gütig. Ich nickte bejahend mit dem Kopfe und er entfernte ſich zu dieſem Zwecke. Nachdem er zurückgekommen war, ſchug er den Fußtritt ſelbſt her⸗ ab und half mir in den Wageu. Im Begriffe fortzufah⸗ ren, zeigte ich mit dem Finger zum Fenſter hinauf und fragte ihn: — Wird ſie ſterben? — Das weiß Gott allein! antwortete er barſch. Aber Sie ſelbſt ſehen ja aus, als ob Sie ſterben wollten! Nun, meinethalben! Ich befahl dem Kutſcher mich nach Hauſe zu fahren und unterwegs wiederholte ich: nach Hauſe! nach Hauſe! Ich wagte kaum, noch einmal das Haus zu betreten, aus dem Eduard mich gewieſen hatte. Der Portier händigte mir einige Karten und Briefe ein. Ich nahm ſie und be⸗ ab mich zum letzenmale in mein Zimmer. Es war dun⸗ kel geworden und ich klingelte nach Lichter. Ich ſah auf die Briefe in meiner Hand mit einer Art ungegründeter Hoffnung, irgend etwas darin zu finden, was die ſchreck⸗ liche Gewißheit meines Schickſals ändern würde. Ein Be⸗ — 184— dienter ſäuberte den Kaminherd, ſchüttete friſche Kohlen auf und fragte dann: — Erwarten Sie Mr. Middleton zur Tafel, Madam? Ich konnte nicht nein ſagen, konnte nicht reden. Ver⸗ neinend ſchüttelte ich den Kopf und gab ihm ein Zeichen, ſich zu entfernen. Nachdem er die Thüre zugemacht hatte, warf ich mich mit dem Angeſicht auf den Boden und weinte in der Angſt meiner Seele. Dann, zum Erſtenmale, fragte ich mich, was ich thun, wohin ich gehen ſollte? Mit irgend einem Bekannten ſpre⸗ chen, mich gegen irgend einen andern Menſchen als Eduard rechtfertigen, ſein Haus verlaſſen, um es mit der Woh⸗ nung einer Freundin oder Bekannten zu vertauſchen?— unmöglich!— Von ihm verworfen und verſtoßen, blieb mir keine andere Ausſicht, als wie ein verwundetes Thier in irgend einen Winkel der Erde zu kriechen, um dort in Ruhe zu ſterben. Ich warf einen Blick auf die Briefe vor mirv; einer der⸗ ſelben enthielt eine Einladung auf den Mittwoch der fol⸗ genden Woche. Mein und Eduard's Name waren verei⸗ nigt, wie ſie es nie mehr werden ſollten. Jene alltägli⸗ chen auf immer zerſtörten Lebensfreuden ſchwebten mir in allen ihren Einzelnheiten vor, und mein Herz empörte ſich wider mein Geſchick und haderte mit Gott. Ich öffnete den zweiten Brief; er war von Heinrich. Das Bild ſei⸗ nes ſterhenden, kinderloſen Weibes ſtand vor meiner Seele. Schaudernd las ich folgende Zeilen: „Ihre Ehre iſt vernichtet, Ihr Ruf iſt dahin, Sie ſind auf immer von Eduard getrennt! Nichts bleibt Ihnen mehr übrig, als die dargebotene Liebe meines ganzen Le-⸗ bens. Seit dem letzten Auftritt, der mich vertrieb, kehrte ich nicht wieder in mein verwünſchtes Haus zurück und werd' es auch nicht mehr betreten. So lang ich lebe, werde ich Ihnen zur Seite ſeyn; wohin Sie auch gehen mögen: ich folge Ihnen! In meinem Herzen tobt eine wilde, ſtürmiſche Freude, denn unſer Schickſal iſt in Erfül⸗ lung gegangen und von nun an müſſen wir uns einan⸗ der alles in allem ſeyn. Ellen, Abgott meiner Seele! Du — 185— wirſt mein werden: meine überſchwängliche Liebe muß endlich die Deinige erringen! Schreibe mir nur eine Zeile; ſage mir, wo Du hingehſt, was Du thueſt. Das Leben hat keine Kraft, die Sprache keine Worte, um die ſtür⸗ miſche Fiebergluth in dieſer Stunde der Liebe und der Pein, der Angſt und des Entzückens auszudrücken.“ Ich öffnete einen andern Brief und las folgendes: „Mein viel geliebtes Kind! ich werde Dich morgen wiederſehen und dieſe Erwartung macht mich faſt glücklich. In den letzten Augenblicken ſeines Lebens waren Deines Onkels Gedanken nur mit Dir und Eduard beſchäftigt und ſein letzter Segen gehört Euch Beiden an. Der Anblick eures wechſelſeitigen Glückes und eurer Liebe wird mir wie eine ſeinem Andenken bezahlte Schuld erſcheinen und mich in meinem Kummer tröſten. Eduard benahm ſich in meiner Betrübniß wie ein Sohn gegen mich und der Gedanke, daß er in Dir den größten Schatz beſitzt, wel⸗ chen ihm nur meine dankbare Zärtlichkeit wünſchen kann, gewährt mir innige Freude. Leider gönnen mir Alicens und Heinrich's Verhältniſſe nicht dieſelbe Beruhigung; ich hoffte, die Geburt ihres Kindes würde ihn zu größerer Häuslichkeit ſtimmen und ein feſteres Band um ſie ſchlin⸗ gen; aber mit Ausnahme einiger in der Eile geſchriebenen Zeilen, worin er mir dies Ereigniß mittheilt und eines andern ſeit dieſer Zeit von ihm empfangenen kurzen Brie⸗ fes, hörte ich nichts weiter von ihm. Dagegen erhielt ich ein ſeltſames Schreiben von Alicens Großmutter. Sie verlangt, mich gleich nach meiner Zurückkunft nach Eng⸗ land zu ſprechen, um mir, wie ſie ſagt, ein ſchreckliches Geheimniß mitzutheilen. Wenn ich ſie nicht für verrückt hielte, ſo könnte mich das ängſtigen; aber ihre Reden und ihr Benehmen ſeit der Heirath ſind ſo wunderlich, daß es, wie ich vermuthe, nicht richtig mit ihr iſt. Morgen früh nach meiner Ankunft werde ich Heinrich beſuchen und ge⸗ gen Mittag hoff' ich wieder bei Dir zu ſeyn, mein theuer⸗ ſtes Kind. Die Vergangenheit iſt traurig, die Zukunft düſter. Von Zeit zu Zeit überfällt mich eine bange Unruhe und ich hege Beſorgniſſe aller Art. Aber Du biſt meine — 186— Leuchte in der Finſterniß, meine Friedenstaube inmitten der Lebensſtürme und in Deinem Glück werd' ich meinen eignen Kummer vergeſſen. Tauſend Grüße an Deinen lieben Eduard von Deiner Dir herzlich ergebenen Mary Middleton.“ Der Kelch war endlich voll; ich leerte ihn bis auf die Hefen. Kein Wunder, wenn ich wahnſinnig geworden wäre! Von Eduard verſtoßen, von Heinrich's unglückſeli⸗ ger Leidenſchaft verfolgt, von dem Herz meiner Tante ge⸗ waltſam geriſſen, des Mordes beſchuldigt— was blieb mir übrig?— Konnt' ich nicht gehen und in der finſtern, kalten Tiefe des Stromes unſtörbare Ruhe ſuchen für dies aufgeregte, lang gequälte Herz? Konnt' ich nicht Gift neh⸗ men und im Todeskampfe Eduard zu mir rufen laſſen? Sterben? Nein! ich hatte nicht den Muth zu ſterben! ich zitterte vor dem Tode; aber ich wollte mir ein leben⸗ diges Grab ſuchen, weit aus dem Angeſichte derer fliehen, die mich liebten, und jener, die mich haßten. Eduard verbot, daß mein Name vor ihm genannt werde; er ſollte nie wieder als der Name eines lebenden Weſens ausgeſprochen werden! Ich wollte einen andern annehmen und in irgend eine Einöde fliehen, um verborgen des To⸗ des zu harren, deſſen Annäherung die zunehmenden Symp⸗ tome einer Krankheit verkündeten, welche ich in den letz⸗ ten Tagen entdeckte und an der hektiſchen Farbe meiner Wangen, an einem qualvollen Huſten, an meinem fieber⸗ haften Körperzuſtande erkannte. Da wollte ich allein le⸗ ben, allein leiden, allein ſterben!— Zufällig fielen meine Augen auf eine Abbildung der Kathedrale von***, welche über dem Kamine meines Zimmers hing. Ein wunderſames, ahnungsvolles Gefühl bemächtigte ſich meiner. Es dünkte mich, als ob mein Ge⸗ ſchick mich dahin zoge. Ich wandte meine Blicke ab und ver⸗ ſuchte zu denken, aber ich vermocht' es nicht. Eine ſelt⸗ ſame Angſt verfolgte mich und ſo oft meine Augen wieder auf das Gemälde fielen, ſagte mir eine innere Stimme: unter dieſen heiligen Gewölben, in dieſen düſtern Chor⸗ gängen würde ich Rettung, Ruhe finden, Dort würde — 187— mich Heinrich nicht mehr verfolgen, dort würde ich nicht mehr hören müſſen, daß Alice todt ſey und ich ſie getöd⸗ tet hätte; dort würde ich nicht mehr die Worte vernehmen, daß meine Tante mich verabſcheuen müſſe; dort würde ſie mich nie ihres Kindes wegen zur Rechenſchaft ziehen, und dort würde ich meilenweit von ihm entfernt ſeyn, den ich über alles liebte, über alles fürchtete. Die Stunden verfloſſen und ſo oft die Glocke ertönte, fuhr ich ſchaudernd zuſammen; aber als die Nacht herein⸗ brach ward ich ruhiger. Ich hatte manches in Ordnung zu bringen, denn meine ſcheuen, ängſtlichen Einbildungen waren einer ſtarren Entſchloſſenheit gewichen. Ich ſuchte einen kleinen Mantelſack hervor und legte etwas Geld, Weißzeug, Eduard's Miniaturbild und ein kleines Gebet⸗ buch, das er mir einſt zum Geſchenk machte, hinein. Mein Huſten war ſchrecklich; er überfiel mich, als wollte er mir die Bruſt zerſprengen; aber ich lauſchte mit wilder Luſt auf den hohlen Schall und indem ich die Banknoten zählte, welche ich in meine Brieftaſche legte, ſchrieb ich auf die letzte derſelben:„Für meine Beerdigung.“ Es ſchlug fünf Uhr; ich warf meinen Mantel um; ſchwach ſchimmerte der Tag herein; mit zitternder Hand öffnete ich das Nebenzimmer und ſchloß die Läden auf, um noch einmal Eduard's Bruſtbild zu betrachten. Das Licht war noch immer ſo ſchwach und ſchwebend, meine ange⸗ ſchwollenen, brennend heißen Augen ſchmerzten mich ſo hef⸗ tig, daß ich kaum ſeine Züge erkennen konnte und ich ſah nur die Erſcheinung jenes entſetzlichen Augenblicks vor mir, wo ich ihn zum Letztenmale erblickte. Ich kniete nieder in heißem Gebete für ihn; es wird hinauf zum Throne des Ewigen gedrungen ſeyn, wenn Gebete aus dem Munde derjenigen Gehör finden, die für ſich ſelbſt nicht beten kön⸗ nen, nicht zu beten wagen. Ein Geräuſch im Zimmer über mir, erſchreckte mich und trieb mich zur Eile an. Ich nahm meinen Mantelſack und ſchleppte ihn mühſam die Treppe hinab; ich öffnete die Hausthüre, ging hinaus und ſchloß ſie dann hinter mir zu. Gab es jemals eine Pein, wofür die Sprache keine Worte — 38— hat, jemals ein dem Selbſtmord vorangehender Seelenkampf, ſo war es mein hoffnungsloſer, verzweiflungsvoller Zuſtand, als ich die Thüre hinter mir zuſchloß. Mit geſchwächtem Körper, ſchmerzendem Kopfe und gebrochnem Herzen keuchte ich mühſam längs der Straße hin und wartete, Froſt und Gluth zugleich empfindend, auf die erſte Miethkutſche, die ſich ihrem Standort nähern würde. Ich, ließ mich dann nach der Stelle fahren, von der die Poſtwagen abfahren; auf einem derſelben ſah ich den Namen**̈* und ver⸗ ſchaffte mir einen Platz. Eine Stunde darauf verließ ich, London. Der Schnee ſiel in dichten, dicken Flocken herab. Unterwegs ließ die Fiebergluth, die mich aufrecht gehal⸗ ten hatte, nach, und das Gefühl meiner Verlaſſenheit er⸗ griff mich mit neuer Gewalt. Jeder Hoffnungsſchein war für mich verſchwunden— der Verzweiflung kalter Schauer im Herzen— rings umher nur fremde Stimmen, fremde Geſichter!— Ein düſtrer, ſtummer, ſchwerer Gram lag wie ein Alp auf meiner Seele, und tobte wie Feuer in meinem Gehirn——— Spät in der Nacht kam ich nach———— Seit dieſem Augenblick umringten mich finſtere Geſtal⸗ ten. Keine Nachrichten gelangten zu mir, kein Feind ver⸗ folgte mich, kein Freund entdeckte mich. Ich bin allein und dem Tode nahe. Tag für Tag beobachte ich die Fort⸗ ſchritte des Uebels, das mich verzehrt. In wilder Ver⸗ zweiflung befördere ich mein Ende, und doch zittre, ſchaudre ich vor dem Nahen des Todes. Ich ſchleppe mich in die Kirche und in der hehren Stille, in den frommen Geſän⸗ gen der Andächtigen, empfinde ich eine Erquickung, die zu⸗ weilen mit zauberiſcher Gewalt den Gram verſcheucht, der mein Herz zerreißt. Aber ich kann nicht mit beten, wenn Andere beten. Mein Sinn iſt verwirrt, mein Geiſt ge⸗ ſchwächt. Ich kann nicht in höhnendem Gebete vor Gott knien, während meine Scele mit Ihm hadert. Die Stim⸗ men der Todten und Sterbenden vermiſchen ſich mit den Tönen der Orgel. Wie Todesröcheln, wie Rauſchen des / — 189— Waſſers keucht und ſauſ't es vor meinen Ohren, mich ver⸗ folgt ein Fluch und wie Cain klag' ich fort und fort: „Meine Sünde iſt größer, denn daß ſie mir vergeben wer⸗ den möge.“ Giebt es kein Balſam für ſolche Schmerzen? keine Zu⸗ flucht in ſolcher Verzweiflung? Iſt Niemand da, mir aus der Noth zu helfen? niemand, der mich tröſten will? Ich gehe ein in das Thal der Todesſchatten, und der Herr iſt nicht mit mir! XII. Une vie à bien faire uniquement passée D'innocence, d'amour, d'espoir, de pureté, Tant d'aspirations vers son Dieu répétées, Tant de foi dans la mort, tant de vertus jetées En gage à l'immortalité. Tant de nuits sans sommeil pour veiller la souffrance, Tant de pain retranché pour nourrir Pindigence; Tant de pleurs toujours prêts à s'unir à des pleurs, Tant de soupirs brülants vers une autre patrie, Et tant de patience à porter une vie Dont la couronne était ailleurs. —— Lamartine. Love her, Angels. I have confessed her, and I know her virtue. Shakspeare. An einem kalten Februarabende ſaß Miſtreß Middleton allein in der Bibliothek der Elmsley⸗Priorie. Draußen ſtürmte der Wind und in der Luft erſchollen jene wim⸗ mernden Töne, welche ſo ſchwermüthige, ahnungsvolle Ge⸗ fühle in der Seele erwecken. Wechſelsweiſe hörte man das Brauſen des angeſchwollenen Stromes und das dumpfe Bellen und Heulen des Wachthundes. Miſtreß Middle⸗ ton trug das ſchwarze Kleid tiefer Wittwentrauer. Kaum vierzig Jahre alt waren ihre Haare frühzeitig ergraut; die träge Läſſigkeit, womit die eine Hand an ihrer Seite herabhing, während ſie mit der andern faſt ununterbrochen und gedankenlos auf den Tiſch trommelte, bewies genug⸗ ſam, daß Leiden, nicht din Zeit, ihre Lebensblüthe gebro⸗ chen hatten. 4 Ein Stickrahmen befand ſich neben ihr; ſie zog ihn nä⸗ her zu ſich heran und begann zu arbeiten. Nach einigen Stichen ließ ſie die Nadel wieder fallen, ſtützte den Kopf auf das Geſtell des Rahmens und blieb in Gedanken ver⸗ ſunken, bis die hintere Thüre der Bibliothek ſachte geöff⸗ net wurde. Sie ſah in die Höhe und betrachtete ſchwei⸗ gend das reizende Weſen, das ſich ihr näherte, nach einem Kuſſe auf ihre Stirn Platz neben ihr nahm und an der Stickerei fortarbeitete, welche Miſtreß Middleton liegen ge⸗ laſſen hatte.. Was glich wohl dieſer lieblichen Erſcheinung? was die⸗ ſer reinen, zarten Stirn, dieſen ernſten Augen, dieſen blaſ⸗ ſen Wangen, dieſer bezaubernden Geſtalt?— Eine vom Sturm gebrochene Lilie? Eine Taube, die, aus ihrem Neſte geſcheucht, treu blieb trotz ihrer Furchtſamkeit?— Wie ängſtigend iſt der Ausdruck eines Angeſichts, wenn Blick und Geberde den Zügen völlig widerſprechen! Thränen in einem ſtarren, rauhen Greiſenantlitz; ein Lächeln der Freude auf bleichen, ſterbenden Lippen; Sorge und tiefer Gram auf friſchen, runden Wangen der Jugend: das iſt ein An⸗ blick, der uns überraſcht und mit Wehmuth erfüllt! Und ängſtigender noch war Alicens Erſcheinung. Eine unru⸗ hige Gemüthsſpannung hatte nach und nach zerſtörend auf die natürliche Beſchaffenheit ihrer Geſichtsbildung gewirkt; krampfhaft bebte ihre Hand, als ſie den Faden durch den Canevas zog, und obgleich ihr Benehmen gefaßt war, ihre großen Augen ruhig ſchienen, ſo erſchrak ſie doch bei dem geringſten Geräuſch. — Was macht er nun? flüſterte Miſtreß Middleton mit kaum hörbarer Stimme. — Er ſchläft, Gott ſey Dank! und er ſchläft ruhig. — — 191— O Miſtreß Middleton, ich habe noch feſten Hoffnungsmuth in mir und Kraft wird uns gegeben werden, ihn niemals zu verlaſſen.. — Hoffnung! Kraft! Alice, woffinden wir ſie? Alice wies auf den Himmel, legte dann die Hand auf ihr Herz und ſagte: — Dort und hier. In Ergebung und im Vertrauen werden wir die Kraft finden. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: — Sie waren heute eine Zeitlang bei ihm; ſprach er mit Ihnen? Miſtreß Middleton ward noch bläſſer, als Alice dieſe Frage an ſie richtete und neigte den Kopf bejahend. — Was ſagte er Ihnen? wiederholte Alice. O ſcho⸗ nen Sie meiner nicht! denken Sie nicht an mich! Was ſagte er? Miſtreß Middleton faltete die Hände und rief: —„Wo iſt ſie? wo iſt ſie?“ das war alles, was er ſagte. Und wieder und wieder wiederholte er dieſe Worte in einem Tone unſäglicher Angſt, und ich war faſt froh, als ſein Geiſt wieder zu ſchwärmen anfing, damit ich auf die ſchreckliche Frage keine Antwort zu geben brauchte. „Alice, mein Kind, ich bin ſo ſchwach und Du biſt ſo ſtark in Deinem Glauben, in Deiner Hoffnung, in Deiner Got⸗ tesfurcht und heiligen Liebe, daß ich mich vor Dir demü⸗ thige und Dich flehentlich bitte, mich nur einmal von ihr ſprechen zu laſſen. Ich möchte niederknien auf ihrem Grabe, um Ergebung von Gott zu erflehen; aber, wie es nun iſt, ergreift mich wilde Verzweiflung——“ — O, ſo laſſen Sie uns von ihr reden, für ſie beten! Wir wollen uns einander unſern geheimſten Gram ver⸗ trauen, uns einander unſre Furcht mittheilen, Herz in Herz ausſchütten. Wir wollen beten, daß ſie in dieſer Welt noch glücklich werden oder in der andern Gnade finden möge. — Sie verſtehen mich nicht, Alice! Heinrich ſprach ſo —— Das Entſetzen, welches ſeinen kranken, zerrütteten Geiſt erfaßte—— ihre That, ihre eigne Hand——— — 192— Ach, Alice, Sie ergründen nie den Umfang ſeines und mei⸗ nes Elends! — Es nie ergründen, Miſtreß Middleton? Ich war bei ihm in den Stunden ſeiner entſetzlichſten Geiſtesverwirrung; ich war bei ihm, als er mich mit ihr verwechſelte und Worte an mich richtete, die mein Blut in Eis verwandel⸗ ten; Worte ſündiger Liebe und fürchterlicher Gewiſſens⸗ angſt. In jenen Schreckenstagen weilte ich zwiſchen Ihnen und ihm. Ich ſah Ihre Hoffnung ſchwinden und Ihre Angſt wachſen. Und weiß ich denn nicht, was Sie fürch⸗ ten?— Selbſtmord! Ja, laſſen Sie mich das Wort auf einmal ausſprechen, laſſen Sie mich in Ihre innerſten Ge⸗ danken dringen und ſelbſt dem Uebermaß des Schmerzes Tröſtung bringen. Wer kann den Wendepunkt beſtimmen, wo Verzweiflung Wahnſinn wird? Wer darf richten? wer verdammen? wer kann die geheimen, dunkeln Tiefen der menſchlichen Seele erforſchen und aufhellen, außer Gott, der ſie geſchaffen hat? Er hat unſerm Gebete keine Gren⸗ zen geſetzt und wir ſollten Seiner Allbarmherzigkeit zuru⸗ fen: ſo weit gehe und nicht weiter? Und beide Frauen knieten nieder, ergoſſen und vereinig⸗ ten ihre Seelen im Gebete voll inbrünſtiger Andacht und als ſie ſich wieder erhoben, lehnte die Aeltere ihr Haupt an den Buſen der jüngern und ſegnete ſie, ſtille Thränen weinend, in ihrem Herzen. Und ſie ſegnete ſie mit Recht, denn edelherzig, zärtlich und mit Dulderkraft hatte ſie die ihr auferlegten Prüfungen ertragen. Wir verließen ſie auf ih⸗ rem Siechbette, wo der Engel des Todes ſie umſchwebte. Jugend, Körperkraft und Gottesvertrauen halfen ihr durch; doch ſie erhob ſich nur von dem Lager ihrer Schmerzen, um an das Bett ihres Mannes zu eilen, der ſie verlaſſen hatte und, nach einigen Tagen angſtvollen Suchens nach dem Opfer ſeiner wilden Leidenſchaft, in der Ueberzeugung, ihren Tod verſchuldet zu haben, in Wahnſinn fiel. Meh⸗ rere Tage lang ſchwebte er zwiſchen Leben und Tod. Während ſein bleiches Weib an ſeiner Seite ſtand und ſeine heiße Hand in der ihrigen hielt, wüthete er in gräß⸗ licher Geiſtesverwirrung, die ihm nur das Bewußtſeyn ſei⸗ — 193— ner Qual und ſeiner ſpäten Reue gelaſſen hatte. Wie ein Schutzengel waltete ſie in dieſem Hauſe der Trauer, wo Miſtreß Tracy, ein anderer wild empörter, nun gebeugter Geiſt, nicht wagend dem Schmerzenlager zu nahen, alle Pein des Streichs empfand, der, beſtimmt das Haupt der Feindin zu treffen, auf ihre eigne Scheitel zerſchmetternd zurückfiel. Es war ein ſchrecklicher Anblick, dieſe alte Frau wie ein Kind über das Unheil, welches ſie angeſtiftet hatte, jammern zu ſehen. Sie rang ihre Hände in Verzweiflung und mit thränenſchweren Augen und fahlen Wangen, lauſchte ſie an der Thüre des Zimmers, wo der Unglück⸗ liche, den ſie als Kind gepflegt, als Mann mit wachſamer, mütterlicher Zärtlichkeit geliebt, deſſen Leidenſchaften ſie ge⸗ fröhnt, deſſen Leben ſie gerettet und vergällt, dem ſie ihr Kind anvertraut und den ſie endlich in ihrer blinden, tol⸗ len Rachſucht ins Verderben geſtürzt hatte, im Todeskampfe raſ'te und fluchte. Zwiſchen ihnen ſtand das Kind, das ihm geopfert, von ihm betrogen ward. Mit Worten des Friedens und heiliger Zuverſicht von einem zu der andern eilend, ſprach Alice von Hoffnung und Vergebung und es gelang ihr, die Seelenangſt der greiſen Unglücklichen in bittre Reue umzuſtimmen. Nach und nach wurde Alice in die Geheimniſſe ihrer Seele eingeweiht; ſie lernte die dunkle Wolke kennen, die Ellen's Leben umſchattete, und indem ſie ſchauderte und weinte, keimte in ihrem Herzen ein Gefühl des innigſten Mitleids, des gottſeligſten unbe⸗ ſchränkteſten Erbarmens. Tag für Tag wachte und be⸗ tete ſie an Heinrich's Seite und endlich drang ein Hoffnungs⸗ ſtrahl durch die Finſterniß. Das Fieber verließ ihn und eines Tages, nachdem mehrere Stunden lang ſein Kopf an ihrer Bruſt geruht hatte, öffnete er die matten Augen mit den Worten:„Biſt Du es Alice?“ Alice drückte einen Kuß auf ſeine Wange, wie eine Mut⸗ ter ihr gerettetes Kind geküßt haben würde; als er aber die ſchreckliche Frage in ihr Ohr flüſterte, von der ſein Le⸗ ben, ſeine Vernunft abhing, da ward ſie ſo bleich wie er, und ihre Thränen fielen gleich Regentropfen auf ſeine Stirn herab. Nach und nach gewann er ſeine Kräfte wie⸗ II. 13 — 194— der, obgleich von Zeit zu Zeit die Wahnſinnsanfälle zu⸗ rückkehrten. Stundenlang ſtarrten ſeine Augen in die Leere und ſeine Lippen in unbewußter Bewegung ſtammelten jene unglückſelige Frage, die nie eine Antwort empfing. Zuweilen hielt er Alice für Ellen; dann kniete er zu ih⸗ ren Füßen nieder, bat ſie in herzzerreißendem Tone um Vergebung und verfluchte ſich als ihren Mörder, als den böſen Feind, deſſen Berfſgungewwnih ſie in den Tod ge⸗ jagt. Mit heldenmüthiger Geduld, wenn auch mit bluten⸗ dem Herzen und zitternden Gliedern vernahm ſie dieſes Raſen und ſeinen wilden, unfreiwilligen Bekenntniſſen ſetzte, ſie ein ſtummes Gebet zum Himmel um Gnade für ihn und Kraft für ſich ſelbſt entgegen. Nach Verlauf einiger Zeit begab ſie ſich mit ihm nach Elmsley, wo ſie das Werk ihrer Liebe und Geduld unver⸗ droſſen fortſetzte. Ihre Kraft ſchien mit den Anſprüchen auf dieſelbe zu wachſen. Miſtreß Middleton's niederge⸗ beugter Geiſt und troſtloſe Kleinmuth erheiſchten faſt in demſelben Grade ihre Hülfe als Heinrich's krankes Gemüth. Ihre Großmutter war nach Bridman Cottage zurückgekehrt und nichts erheiterte die Einſamkeit dieſes traurigen Auf⸗ enthaltes, als die gelegentlichen Beſuche jenes beſeligenden Engels. Alice hatte eine ſchwere Aufgabe zu löſen und mancher Märtyrer mag ſeine Krone leichteren Kaufes er⸗ rungen haben. Sie litt vielleicht mehr als irgend einer ihrer unglücklichen Verwandten, denn ſie wußte mehr von jenem ſchrecklichen Ereigniß, das Heinrich zum Wahnſinn und Ellen— wie ſie wähnte— zur Selbſtvernichtung trieb. Durch ihrer Großmutter zaudernde und fruchtloſe Reue lernte ſie den ſtarren Wahn derſelben kennen, in welchem ſie die unglückliche Ellen für eine Verbrecherin hielt und mit erbitterter Feindſchaft verfolgte. Aus ihrem Munde vernahm Alice, wie dieſer Haß ihre Rachſucht ent⸗ flammte und wie ſie eines Abends in der Dämmerung in die Elmsley Priorie mit dem Vorſatze gegangen wäre, Hein⸗ rich mit Vorwürfen zu beſtürmen und Ellen als Verbrecherin anzuklagen. Sie fand dieſe allein und eingeſchlafen vor dem Klavier ſitzend. Ein wilder Ingrimm erfaßte ihre Seele und ſie beugte ſich über die Schlafende um, einem unwiderſtehlich gewaltigen Triebe folgend, Juliens Tod und Heinrich's Verſchmähung ihres eignen Kindes zu glei⸗ cher Zeit an ihr zu rächen; aber des Gewiſſens Stimme und Schreck lähmten ihre Willenskraft; ſie ſchlich ſich ſachte fort, ließ jedoch die erſte jener geheimnißvollen Dro⸗ hungen zurück, mit welchen ſie den Seelenfrieden der ar⸗ men, ſchwer heimgeſuchten Ellen zerſtörte. Sie bekannte Alicen, wie ſie Robert Harding aufgereizt und überredet hatte, die Rolle des Spions zu übernehmen und allen Schritten und Handlungen des treuloſen Gatten und des Gegenſtandes ſeiner unſeligen Leidenſchaft nachzuſpähen. Die abergläubige Einbildung, daß eine geheimnißvolle Be⸗ ſtimmung ſie verpflichte, das Verbrechen, deſſen Zeuge ſie war, zu enthüllen und zu ahnden, das beſtändige Entge⸗ genwirken der Gewalt, welche Heinrich über ſie ausübte, und die Angſt, die ihr das Schickſal des unſchuldigen Ge⸗ ſchöpfes einflößte, das ſie Heinrich in die Arme geworfen hatte, verſetzte ſie in einen Gemüthszuſtand, welcher an Wahnſinn grenzte. Harding war einer jener Menſchen, die einerſeits griesgramig und hartnäckig, andrerſeits ſchwach und lenkſam ſind. Blindlings folgte er ihren Vorſchriften, ſo lange ſie ihn zu überzeugen wußte, daß ſie die Abſicht hätte, Alice, die er, von einem dunkeln Trieb beherrſcht, mit einer treuen und unterwürfigen Anhänglichkeit liebte, zu ſchützen oder zu rächen. Er haßte Ellen nicht minder als Miſtreß Tracy und an ihrem Trauungstage miſchte er ſich unter die Leute an der Kirchthüre und ſchob ihr jenen Drohzettel in die Hand, deſſen Inhalt ſich ſo furcht⸗ bar verwirklichte. Am Tage, wo die Wahl in*** ſtatt fand, beobachtete Harding von der Gallerie herab, auf welcher er ſtand, mit einem ſeltſamen Gemiſch von Kummer und Wuth, Ali⸗ cens leidende Miene und ihres Mannes Zuneigung, die dieſer offen und ungeſcheut für ihre Nebenbuhlerin kund gab. Er war im Beſitz eines jener Briefe geblieben, welche Miſtreß Tracy ſo oft geſchrieben und immer wieder zu⸗ rückgefordert hatte; er faßte den Vorſatz, dieſen Brief ab⸗ 13 ½ — 196— zuſenden, um auf ſolche Weiſe mit einem Schlage ſeine Feinde zu vernichten. Nach geſchehener That zog er ſich wieder in ſeinen einſamen Aufenthalt in Bridman zurück; aber bei dem Gedanken an die Folgen ſeines Wageſtücks, wenn Miſtreß Tracy dahinter kommen würde, zitterte er wie ein Kind vor Angſt. Er athmete daher freier, als Heinrich ihn aufſuchte und, ſich erniedrigend, begütigende Worte zu ihm ſprach. Er ſah ſich einer ſchweren Verant⸗ wortlichkeit entbunden und begab ſich auf ſeinen Poſten zurück, um, von der Mildthätigkeit ſeiner Tante unterſtützt, und ihren Vorſchriften gehorſam, je nachdem es ihm von ihr geboten wurde, entweder mit unterwürfiger Treue zu Alicens Füßen zu ſterben und ihren Mann zu tödten, oder deſſen Leben auf Koſten ſeines eignen zu ſchirmen und zu retten. Während er in Mr. Escourt's Dienſten ſtand, hätte er ſich vielleicht zu größerer Selbſtthätigkeit verfüh⸗ ren laſſen, wären ihm nicht vermittelſt des Spürſinns und Mißtrauens ſeiner Eiferſucht die Beweggründe jener ſchar⸗ fen Ausforſchungen ſeines Herrn und der Zweck, welchen dieſer dabei im Auge hatte, klar geworden Mit einer ſeltſamen Miſchung von Verſchlagenheit und Ehrlichkeit ver⸗ eitelte er daher Escourt's Anſchläge. Miſtreß Tracy ſchilderte Alicen in Tönen und mit Blicken, welche das Herz der jungen Frau mit Entſetzen erfüllten, wie der Geiſt ſie angetrieben hatte, ſogar vor dem Altare, wo Ellen's unglückweiſſagendes Ehebündniß geſchloſſen wurde, die bleiche, ernſte Braut des Mordes anzuklagen und laut zu verkünden, daß die zitternde Hand, welche Eduard mit ſo liebendem Vertrauen in die ſeinige ſchloß, mit Blut befleckt wäre. Schon hatte ſie ſich erho⸗ ben, ſchon wollte ſie ſprechen— „Wahnſinn ſollt' ihr Herz entzünden, Des Himmels Fluch laut anzukünden“ als Heinrich's zornentbrannte wetterleuchtende Blicke auf ſie niederfielen. Ihr Athem ſtockte und ſie verſtummte. Alice, ihr hülfloſes Kind, ſtand neben ihr und ſie ſank überwältigt auf ihren Stuhl zurück. Am Tage der Nie⸗ — 197— derkunft ihrer Enkelin drang ein Hoffnungsſtrahl erwär⸗ mend in ihr Herz, als ſie die Zeichen des Zartgefühls wahrnahm, welches Heinrich bei dieſer Gelegenheit kund gab. Aber die Gegenwirkung war um ſo heftiger, als er, nach einer Abweſenheit von mehreren Stunden, die er, wie ihr kund ward, bei Ellen zubrachte, endlich wieder nach Hauſe kam. Sie beſtürmte ihn mit Vorwürfen; er beantwortete ſie mit einer rückſichtsloſen, brutalen Offen⸗ barung der Beſchaffenheit ſeiner Gefühle und entfernte ſich aus dem Hauſe, ohne nur einmal ſein Weib geſehen zu haben. Das Blut kochte in ihren Adern und ſie beſchloß, alles aufs Spiel zu ſetzen, um ihn von Ellen zu trennen. Sie erbrach ſeinen Sekretair, worin ſie die Billete fand, welche ihren Haß und ihre Wuth auf eine Höhe trieben, daß ſie dieſe Beweiſe eines verbrecheriſchen Verhältniſſes Eduard Middleton in die Hände ſpielte, um auf dieſe Weiſe eine ewige Scheidewand zwiſchen das ſchuldige Paar zu ſtellen. Die Folgen dieſes verhängnißvollen Schrittes bejammerte ſie nun in wildem Schmerze und Tag für Tag flehte ſie unter Thränen und Seufzern ihr tiefgebeugtes Kind um Vergebung an. Geduldig und mitleidsvoll ver⸗ nahm Alice die Bekenntniſſe des verblendeten, alten Wei⸗ bes; aber ſie hütete ſich, durch einen Blick des Vorwurfs oder ein ſtrenges Wort neues Elend auf das greiſe, ſor⸗ genſchwere Haupt der Großmutter zu laden. Tiefe Weh⸗ muth goß ſich in ihr Herz, wenn ſie über den Gemüths⸗ zuſtand ihrer leidenden Lieben nachdachte und in den wil⸗ den unſtäten Blicken Heinrich's die furchtbare Vergeltung erkannte, welche nicht ſelten jene trifft, die ihre eignen Wege wandelten und übermüthig der Gerechtigkeit eines Allmächtigen Richters Hohn ſprachen, bis das Licht in ih⸗ nen erloſch und die Donnerſchläge göttlicher Strafe ſie zu Boden ſchmetterten. Und wahrlich! groß war die Finſter⸗ niß, die Heinrich Lovell's Geiſt umfing, um ſo größer durch das Licht, das einſt in ihm war, und noch von Zeit zu Zeit durch die Nacht ſeiner Seele blitzte. Wehe, daß wir es uns geſtehen müſſen! Geiſt und Ver⸗ nunft, welche Welten beherrſchen und beſeligen und der — 198— Wahrheit heiliges Himmelslicht über beide Hemiſphären verbreiten ſollten— wozu fruchten ſie? wozu dienen ſie ſo oft? Auf dem Altare einer gierigen Selbſtſucht vergeu⸗ det, eingeengt und entwürdiget von den Feſſeln eines eng⸗ herzigen Skepticismus, ſchändet ſie der Menſch, freventlich Gefühl und Gewiſſen betäubend, im Wahnſinn ſeiner wil⸗ den Begierden. Er mißbraucht ſie zu Sklaven ſeiner Lei⸗ denſchaften, zu Werkzeugen der Sünde, und wo Gott ſprach: „Es werde Licht“ wird nur allzu oft geantwortet:„Es werde Finſterniß.“ Heinrich's düſtre Geiſteskrankheit nahm mit jedem Tage überhand. Sein Verſtand war nicht gänzlich von ihm ge⸗ wichen; aber in den Augenblicken, wo er wiederkehrte, ſchien er noch mehr zu leiden. Die Anfälle der Tobſucht waren nicht mehr ſo heftig und die Flüche und Verwünſchungen, die mit ſo grauenvoller Bitterkeit ſeinem Munde entſtroͤm⸗ ten, hatten aufgehört. Selbſt die Frage, womit er ſeine Frau und ſeine Schweſter quälte, kam nicht mehr von ſei⸗ nen Lippen; er hörte ſtillſchweigend zu, wenn dieſe ſpra⸗ chen und verſuchte ſogar einmal Alicen zuzulächeln, als ſie in munterm Ton einige liebreiche Worte an ihn richtete. Oft ſchaute er ſie ruhig an und beobachtete aufmerkſam alle ihre Bewegungen. Eines Tages ſaß ſie an ihrer Ar⸗ beit ihm gegenüber und hörte auf einmal, wie er die Worte murmelte:„Nôtre Dame de Bon Secours.“ Mit Thränen in den Augen ſchaute ſie auf. Er erhob ſich un⸗ geſtüm und rief:„Deine Thränen frommen Dir nichts!“ Hierauf wandte er ſich weg und ſprach einige Stunden lang kein Wort mehr. Eines Morgens— die Frühlingsſonnenſtrahlen drangen freundlich ins Zimmer und milde Lüfte erquickten die Bruſt — öffnete Alice das Fenſter, das nach dem Blumengar⸗ ten ging. Ein Vögelchen, munter zwitſchernd, ſetzte ſich vor das Fenſter und umhüpfte dann einige halbentfaltete Frühlingsblumen. Alice ſchlug ein Buch auf, das auf dem Tiſche lag, und las laut folgende Verſe: — 199— O ſagt, wie nenn' ich euch, ihr Kinder Flora's, nur, Um würdig euern Reiz zu ſingen? Ihr gießt ein Meer von Wolluſt auf die Flur; Duͤrch euch verherrlicht ſich die herrliche Natur. Euch ſtreut die Zärtlichkeit auf der Geliebten Grüfte. Selbſt den Altar, wohin ſich durch die Lüfte Die Majeſtät des Ew'gen nieder ſchwingt, Umwallen eure ſüßen Düfte, Wenn liebend ſich der Lenz verjüngt; Ein Blumenkranz, das Opfer eines Frommen, Wird von der Gottheit ſelbſt mit Lächeln aufgenommen. Heinrich ließ ſich das Buch geben und durchblätterte es ſchweigend; dann ſah er auf das Titelblatt, fuhr ſchau⸗ dernd zuſammen und warf es von ſich. Alice hob das Buch wieder auf und ſah ihn ängſtlich an. — Ward Dr. Dodd nicht gehenkt, weil er ein Betrü⸗ ger war, ein Ränkeſchmied? rief Heinrich aus. Alice ward leichenblaß. Er ſah es und ſagte:„Du brauchſt jetzt nicht zu erſchrecken. Ich bin nicht toll. In dieſem Buch da ſchmiedete ich den erſten Ring jener Höllenkette, wo⸗ mit ich ſie feſſelte und ins Verderben ſtürzte. Alice kniete vor ihm nieder und flüſterte: 4 — Wenn Deine Sünde gleich blutroth iſt, ſoll ſie doch ſchneeweiß werden—— Er fuhr wild zurück und rief: — Gnade mögen Andre finden; für mich giebt es keine. Schau' in Deine Bibel und Du findeſt darin, was ich ge⸗ than habe. Ihren Körper und ihre Seele in die Hölle geſchleudert? Das kömmt nur Gott zu. Ich that's Alice! glaubſt Du, ſo mußt Du zittern. Ja, Teufel thun das auch. Armer Engel! Gott gab Dir eine Hölle auf Er⸗ den. Armer Geiſt! an einen Teufel gekettet—— Er ſank in ſeinen Stuhl zurück und murmelte:„Der Wurm, der nimmer ſtirbt. Ja, nun begreif ich's!“ Als Alice eines Tages vor dem Frühſtücke einen kleinen Spaziergang gemacht hatte und mit ſchwerfälligem Gange und jener Geiſtesabſpannung, welche alle Theilnahme für die — 200— Außenwelt unterdrückt, wieder nach Hauſe gekommen war, erfuhr ſie von der Frau des Portiers, ungefähr eine halbe Stunde zuvor wäre ein Herr in einer Poſtchaiſe vor dem Gitterthore angefahren und hätte den dringenden Wunſch zu erkennen gegeben, mit ihr zu ſprechen; nachdem er aber erfahren, daß ſe ausgegangen wäre, hätte er ſich nach ei⸗ nigem Beſinnen in das Portierſtübchen begeben und da⸗ ſelbſt einen Brief geſchrieben, welcher, wie er ausdrücklich verlangte, der Miſtreß Lovell gleich nach ihrer Zurückkunft eingehändigt werden ſollte. Mit einer Miſchung von Ban⸗ gigkeit und Neugierde nahm Alice den Brief; das einzige, was ſie vermuthen konnte, war, daß er von Eduard Midd⸗ leton käme. Die ununterbrochene Einſamkeit, worin die⸗ ſer lebte, das hartnäckige Stillſchweigen, worauf er beharrte, als Miſtreß Middleton ihm einmal einige Zeilen zu ſchrei⸗ ben Lrineg hatte, um ihn zu bitten, ihr ſeine Unterſtützung zur Entdeckung ſeiner ſchuldigen, aber unglücklichen Frau zu gewähren— dieſe Erxinnerungen ängſtigten Alice der⸗ maßen, daß ſie mit zitternder Hand das Siegel des Brie⸗ fes erbrach. Sie ſah auf die Unterſchrift und bemerkte, zwar leichter athmend, aber dennoch betreten, ſich getäuſcht zu haben, daß der Brief nicht von Eduard war. Sie las folgende ilen: „Madam, Ein Mann, der, kraft ſeines Amtes, aus ſterbendem Munde ein feierliches Bekenntniß empfing, und Zeuge ei⸗ ner tiefgefühlten Reue, eines ſchweren Kummers war, wen⸗ det ſich an Sie. Eine Frau, die eine Zeitlang für Sie und die Ihrigen todt zu ſeyn ſchien, lebt noch, obgleich ihr Leben wie ein Morgengewölk dahinſchwindet. Im Namen Desjenigen, Der nie das zerſtoßene Rohr zerbrechen wird, bitte ich Sie, ihr die letzten Lebensſtunden zu erleichtern, und Friede und Vergebung ihrem müden Herzen zu brin⸗ gen. Sie hat ſich mit ihrem Gotte verſöhnt und Ihm ih⸗ ren Haß und ihre Liebe geopfert; ſie wünſcht weiter nichts mehr, als die Vergebung derer zu erhalten, wider die ſie geſündigt hat und denen zu verzeihen, welche gegen ſie ge⸗ — 201— fündiget haben. Ich wag' es nicht, mehr zu ſagen; ich baue auf Ihre chriſtliche Liebe. Miſtreß Eduard Middle⸗ ton befindet ſich in*** Eine verzehrende Krankheit führte ſie ſchnell an die Pforten der Ewigkeit und binnen weni⸗ gen Tagen wird dieſe im Schmelzofen der Trübſal geläu⸗ terte Seele bei Gott ſeyn. Sie hat mir die Sünden und Leiden ihrer kurzen und dornenvollen Laufbahn gebeichtet. Ein Herzenstroſt gewährte ihr die Nachricht, daß⸗Ihr Le⸗ ben, Madam, gerettet ſey; und wenn ſie von Ihnen, ihrer Tante und insbeſondere von dem Manne, den ſie beleidigte, ein Zeichen der Vergebung empfinge, ſo würde ſie doch— ich gebrauche ihre eignen Worte— in ihrer Todesſtunde „die einzige ruhige Stunde ihres Lebens“ finden. Ich hörte ihren Mund dieſe Worte flüſtern, indem ſie aus ei⸗ nem Blumenſtrauß, den ſie zum Geſchenk empfing, eine Paſſionsblume zog, deren Anblick einen ganz eignen Ein⸗ druck auf ſie zu machen ſchien. Ich unternahm dieſe Reiſe aus dem einzigen Grunde, Ihnen den gegenwärtigen Auf⸗ enthalt der Miſtreß Middleton anzuzeigen. Im Gaſthauſe in Elmsley erwarte ich Ihre Antwort. Die Urſache, welche mich bewog, dieſen Brief an Sie zu ſchreiben, war die Beſorgniß, daß eine allzu plötzliche Erſchütterung dem gegenwärtigen Geſundheitszuſtande der Miſtreß Wil⸗ liam Middleton nachtheilig ſeyn könnte. In Ihre Hände lege ich dies Werk der Liebe und bitte Gott, daß Er Sie leiten und ſegnen möge in der Ausführung deſſelben. William Lacy.“ Alice hatte dieſen Brief zu leſen angefangen, während ſie nach dem Hauſe zuging; gleich nachdem ſie aber die erſten Zeilen durchgegangen und der Inhalt desſelben ſie aufs gewaltigſte ergriffen hatte, ſank ſie nieder auf eine Bank und fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Dennoch las ſie weiter und als ſie am Schluſſe des Briefes die Bitte fand, welche ihr ſo warm ans Herz gelegt ward, ſchloß ſie einen Augenblick ihre Augen zu und antwortete aus dem Innerſten ihrer Seele: Amen. Der Brief war ihren Händen entfallen; als ſie ſich bückte, ihn wieder aufzuheben, ſtand plötzlich Heinrich vor — 202— ihr. Er griff nach dem Briefe und fragte, woher er täme. Sie erbleichte und zitterte heftig. Er errieth alles. Ali⸗ Bracnd ergreifend, ſah er ihr mit wirrem Blicke ins eſicht. — Lebt ſie noch? — Ja, Heinrich, ſie lebt. Bei dieſen Worten warf er ſich auf den Boden und kun erſtenmale in ſeinem Leben erhob ſich ſeine Seele zu Gott. Als er wieder aufſtand, ſah er leichenblaß aus; er nahm aber den Brief und las ihn ſchweigend bis zu Ende. „Nicht todt, aber ſterbend!“ Er bedeckte ſein Angeſicht mit ſeinen Händen und weinte bitterlich. — Alice! rief er endlich, als dieſe in ſprachloſer Weh⸗ muth ſich über ihn neigte; Alice! mein Schutzengel! geh' nicht von mir! verlaſſe mich nie! Lehre mich leben, lehre mich ſterben! gewähre mir Deinen Beiſtand, damit ich, wenn ich ſie ſterben ſehe, nicht läſtre, mich nicht ſelbſt ver⸗ fluche. Lege Deine Hand auf meine Stirn, verſcheuche die ſinnverwirrenden, grauenvollen Gedanken, die ſich meiner bemächtigen!— Sie ſtirbt! ſie iſt verlaſſen! was thun wir hier? Alice, ich muß dieſen Mann, dieſen Prieſter ſprechen; ſchnell, ſchnell— ſchick' ihn mir; es iſt keine Zeit zu verlieren. Heinrich's Benehmen und Geberden waren ſo heftig und wild, daß Alicens Beſorgniſſe neu erwachten. Sie eilte ſchnell mit ihm nach Hauſe und ſchickte dann ſogleich einen Diener in den Gaſthof mit der dringenden Bitte an Mr. Lacy, ohne Verweilen zu ihnen zu kommen. Alice begab ſich hierauf zu Miſtreß Middleton und ſetzte ſie liebreich und mit der möglichſten Schonung von der glücklichen und traurigen Nachricht, welche die größte Sorge von ih⸗ rer Bruſt wälzte, in Kenntniß. Miſtreß Middleton ſchien aus einem tiefen Traum zu erwachen und ſchickte ſich an, Ellen aufzuſuchen; aber es war keine Freudigkeit in dieſer Erhebung ihrer gebeugten Seele und keine Hoffnung in der Wallfahrt, die ſie vorhatte. Eine Stunde darauf empfing Heinrich Lovell Mr. Lacy — 203— in ſeinem Zimmer. Er verſchloß die Thüre und bat den geiſtlichen Herrn Platz zu nehmen. Nachdem er dieſen einige Minuten aufmerkſam angeſehen hatte, ſagte er zu ihm: — Sie kennen meine Geſchichte? 6— Einige Umſtände derſelben kenne ich, antwortete Mr. Lacy. — Dann wiſſen Sie auch, daß Sie mit einem Manne reden, der durch ein künſtliches Gewebe argliſtiger Verfol⸗ gungen eine Frau ums Leben brachte, die er ſo leiden⸗ ſchaftlich liebte, daß noch jetzt—— — Mr. Lovell, ich kam nicht bierher, um das Geſtänd⸗ niß einer profanen Leidenſchaft anzubören; ich kam, um Worte der Vergebung zu überbringen, deren Sie ſo ſehr bedürfen, und—— — Halten Sie ein, Mr. Lacy; Sie müſſen mich anhö⸗ ren, wenn Sie mich nicht toll machen wollen, ſagte Hein⸗ rich, ein ſchreckliches Gelächter aufſchlagend; hören Sie mich an! Ich liebe Ellen Middleton ſo gewaltig und glü⸗ hend, daß ich, räng' ich nicht ſelbſt mit dem Tode, ihr auch jetzt nicht Gerechtigkeit angedeihen laſſen könnte. Noch vor zwei Stunden würde ich die Nachricht von ihrem Le⸗ ben und ihrer Ausſöhnung mit Eduard gern mit meinem Leben bezahlt haben, ſelbſt wenn ich ſie nie mehr hätte wiederſehen dürfen— doch nun— nun, da ich weiß, daß ſie lebt, daß Sie ſie geſehen, ihre Stimme gehört ha⸗ ben, verleiht mir nur der furchtbare Kampf zwiſchen Seyn und Vergehen, Kraft und Beſinnung, Ihnen zu beweiſen, daß ich meines Verſtandes vollkommen mächtig war, als ich dieſes ſchrieb. Er überreichte Mr. Lacy einen Brief, welchen dieſer ſchweigend in die Hand nahm. — Ueberbringen Sie dieſen Brief an Eduard Middle⸗ ton, Mr. Lacy; Sie mögen ihn zuvor ſelbſt leſen. Wenn Eduard, nachdem er ihn geprüft, ſeinem Weibe verzeiht und mich verflucht, werde ich zufrieden ſeyn. Dann ſagen Sie ihm nur, daß ich wahnſinnig oder todt bin, denn eines von beiden werde ich gewiß ſeyn. Und ſollten Sie wieder zu ihr kommen, ſo legen Sie ihr meine Bitte ans Herz, — 204— daß ſie nicht ſo bleich ausſehen und mir nicht ſo ſchrecklich in meinen Träumen erſcheinen möge; bitten Sie ſie, daß ſie ſich nicht mehr über mich neige und mit ſo herzzermal⸗ menden Seufzern mein Lager umſchleiche. Sagten Sie nicht, ſie ſey todt? — Nein; aber ſie liegt im Sterben und hat ſich zum Tode vorbereitet; ſie betet, hofft und hat ſich in den gött⸗ lichen Willen ergeben, und Gott wird ihr gnädig ſeyn, denn ſeine Barmherzigkeit iſt unendlich! — Dann wird ſie ein Engel werden, während ich in der Verdammniß winſele. Ein Abgrund zwiſchen uns! Woran denk' ich? Wo las ich denn das? Etwas Unge⸗ rechtes liegt hierin. Verzeihen Sie mir, Mr. Lacy, ich will Sie keinen Augenblick länger aufhalten. Sie werden vielleicht die Güte haben, mich von dem Erfolg Ihrer Unterredung mit Eduard Middleton zu unterrichten? Und grüßen Sie mir Ellen viel tauſend Mal! morgen werd' ich wieder zu ihr kommen! Es lag etwas ſo entſetzlich Troſtloſes in dem vertrau⸗ lichen Ton, womit Heinrich dieſe letzten Worte ſprach, daß den Geiſtlichen ein Schauder überfiel, und er im Inner⸗ ſten ſeiner Seele für den Unglücklichen betete, der in die Finſterniß ſeines Wahnſinns zurückfiel, nachdem es ihm durch eine gewaltige Selbſtbezwingung gelungen war, ſeine Gedanken über einen ſo wichtigen Gegenſtand zu ſammeln. Mit wenigen Worten unterrichtete er Alicen, nachdem er Heinrich verlaſſen hatte, von der plötzlich wieder auflodern⸗ den Geiſtesverwirrung, welche ihre Unterredung unterbro⸗ chen hatte und empfahl ihr, nach einem Arzt zu ſchicken. Sie folgte ſeinem Rathe und als er Abſchied nahm, ſagte ſie leiſe zu ihm:„Beten Sie für uns!“ Tief entmuthiget begab ſich Alice in ihr Zimmer zurück. Sie verſchwieg der Miſtreß Middleton die Symptome, de⸗ ren Wiederkehr ihr eine ſo ſchmerzliche Angſt einflößte; ſie wollte keinen neuen Aufruhr in ihrer Bruſt erwecken und dadurch ihren Entſchluß erſchüttern, zu dem Siechbette hinzueilen, wo Heinrich's Opfer mit dem Tode rang; dort, fern von den drohenden Schreckniſſen, vor welchen Alice — 2⁰95— zitterte, ſollte Miſtreß Middleton einen traurigen Zufluchts⸗ ort finden. Niach Miſtreß Middleton's Abreiſe begab ſich Alice einige Minuten in ihr Zimmer, kniete vor einem Cruzifix nieder und bat Gott in einem kurzen, aber heißen Gebete, daß Er ihr Kraft verleihen möge, mit Muth, Ausdauer und Geduld die neuen Prüfungen zu ertragen, welchen ſie ent⸗ gegen ſah. Hierauf ging ſie feſten Schrittes und mit from⸗ mer Faſſung zu Heinrich und ſetzte ſich in einer kleinen Entfernung von ihm, ruhig an ihre Arbeit. Ihn beobach⸗ tend, erkannte ſie ſogleich in ſeinen Blicken und Geberden, daß er mit dem Fieber des Wahnſinns kämpfte. Mit der Hand auf der Schelle, um augenblicklich nöthige Hülfe zu finden und der Ankunft des Arztes unruhig und ängſtlich entgegenharrend, ſprach ſie von Zeit zu Zeit mit ihrem un⸗ glücklichen Mann und antwortete liebreich und mit bewun⸗ dernswerther Faſſung auf die tollen Fragen, die er in wechſelndem Gedankenſtrudel an ſie richtete. In grauen⸗ voller Wuth wollte er plötzlich Muſik hören; er ſprach von David und ſeiner Harfe; er beſchwor ſie, den böſen Feind von ihm wegzuſcheuchen und mit einer erſtaunlichen Zungenfertigkeit floß die unzuſammenhängende Rede aus ſeinem Munde. Alice war nicht muſikaliſch; nie ſang ſie in ſeiner Gegenwart— nun verſuchte ſie's zum Erſten⸗ male. Ihre Stimme war ſanft und rein, und inmitten der Stille, in der Dämmerung der einbrechenden Nacht, erhoben ſich ihre Töne in wunderſam feierlicher Harmonie. Sie ſang jene heiligen Lieder, die das Herz wie Ahnungen der Ewigkeit berühren. Einige alte Diener des Hauſes, die im Nebenzimmer weilten, ſanken nieder auf die Knie, und lauſchten auf dieſen wehmuthsvollen, frommen Erguß eines liebenden, leidenden Gemüths. Sie endete erſt ihren Geſang, als der Arzt erſchien. In einem Augenblick dü⸗ ſterer Unempfindlichkeit ließ ſich Heinrich in ſein Bett bringen; aber weder Arzneien, noch die ſorgfältigſte Pflege waren im Stande das Fieber zu beſiegen, das mit jedem Augenblicke mehr überhand nahm und von den furchtbar⸗ ſten Ausbrüchen der Tobſucht begleitet war. — 206— Gegen Morgen zerſprang ihm in einem der ſtärkſten Anfälle ein Blutgefäß und Alice, die ſich nicht einen Au⸗ genblick von dem Bette entfernte, ward mit Blut über⸗ goſſen: dennoch wich ſie nicht von der Stelle. In den Zügen des Arztes las ſie die Gefahr, in welcher der Kranke ſchwebte; ſie befahl einem Bedienten, einen Geiſtlichen zu holen, kniete dann neben dem Bette nieder und in beben⸗ der Angſt ſah ſie auf das todtenfarbne Angeſicht ihres Mannes. Seine Augen waren ſchon halb gebrochen, und ſein Athem trübte kaum den Spiegel, den man vor ſeine Lippen hielt. Nach einigen Minuten dieſer gräßlichen Seelenangſt, bemerkte Alice, wie Heinrich die Augen öff⸗ nete und ſich mit dem Ausdruck jener innern Unruhe um⸗ ſah, die das Nahen der Stunde verräth, wo die Schnur des Lebensfadens zerreißt und die Pforten der Ewigkeit ſich öffnen; die lang verzögerte, zu ſpät erhobene Frage ſchien auf des Sterbenden Lippen zu ſchweben:„Was ſoll ich thun, um zum Heil zu gelangen?“— Sie neigte ſich über ihn in ſprachloſer Wehmuth, ſeine brechenden Augen fielen auf das Kreuz, das an ihrem Halſe hing; ſie ſah's und brachte das Bild des gekreuzigten Heilandes ſanft er⸗ mahnend an ſeine Lippen:„In Seine Hände empfehle Deine Seele und Du wirſt Gnade finden!“ Heinrich vernahm es und ſeine Lippen bewegten ſich; ſeine Hand zuckte nach der ihrigen; noch einmal fiel ſein Blick auf das Antlitz des treuen Weibes, dann hob er die Augen zum Himmel und— ſtarb. Auf dieſes kurze, aber inbrünſtige Gebet, auf dieſen im Aufſchauen zum Himmel erlöſchenden Blick baute Alice Hoffnungen, worüber wir nicht grübeln, worüber wir uns kein Urtheil anmaßen mögen. Das zerſtoßene, aber nicht zerbrochene Rohr, worauf ſie ſich ſtützte, dürfen wir nicht zerbrechen, noch das glimmende Licht auslöſchen, das ihre Erinnerung auf die folgenden Jahre ihrer Pilgrimſchaft auf Erden warf. Als der Geiſtliche wiederkam, kniete ſie noch am Todtenbette ihres Gatten, von ſeinem Blute über und über bedeckt. — 207— Mr. Lacy erzählte ſpäter oft, daß er damals nur mit einem Gefühle tiefer Ehrfurcht ihre Hand nahm, als ſie ihm die⸗ ſelbe, ſich erhebend, hinreichte. Er fühlte— dies war ſein Ausdruck—, daß ſie ſich Gott genahet hatte in dieſer hei⸗ ligen ſtillen Einſamkeit, denn wie auf Moſes Angeſicht, ſo oft er vom Herrn kam, ein Schimmer zurückgeblieben, ſo ſchien ihre Seele einen Schimmer Seines Angeſichtes mit⸗ genommen zu haben. Es war eine ſchwere, ängſtliche Aufgabe, welche Mr. Lacy im Gefühle der Pflichten ſeines heiligen Berufes und des innigſten Mitleids über ſich genommen hatte; und ſei⸗ nes Liebeswerkes wichtigſter Theil, vor dem er ſich am mei⸗ ſten ſcheute, war noch unvollendet. Für Alice empfand er die höchſte Bewunderung; ihre Angehörigen flößten ihm das tiefgefühlteſte Mitleiden ein. Schon ehe er nach Elmsley gekommen war, hatte er ſich eine ziemlich richtige Vorſtel⸗ lung von der Lage und dem Gemüthszuſtande der Ein⸗ wohner gemacht. Er erwartete eine von Kummer nieder⸗ gebeugte Frau und eine andere an ihrer Seite zu finden, die mehr einem Engel, als einem menſchlichen Weſen glich, und er ſah ſich nicht getäuſcht. Er erwartete einen Mann zu finden, der mit gelähmtem, von Selbſtvorwürfen gequäl⸗ tem Geiſte noch immer mit einer unbezwingbaren Leiden⸗ ſchaft rang; und er hörte mit eignen Ohren die Beſtäti⸗ gung ſeiner trüben Ahnungen. Nun aber, Elmsley ver⸗ laſſend, um nach Hillscombe zu eilen, konnte er hinſichtlich des Charakters und der Gemüthsbeſchaffenheit des Man⸗ naes, den er dort aufſuchte, mit ſich ſelbſt nicht einig wer⸗ den. Ellen's Tagebuch hatte ihm eine genaue Kenntniß aller mit ihrer Geſchichte in Verbindung ſtehenden Perſo⸗ nen verſchafft; nur über den Gatten, den ſie ſo liebte und fürchtete, gegen den ſie ſo ſehr fehlte, hatte ſie ſich weniger klar ausgeſprochen. Ob er nach Grundſätzen ſtrenger Tu⸗ gend handelte, ob ein unbeugſamer Groll ihn leitete, wußte Mr. Lacy nicht zu beurtheilen, und er ſah die Schwierig⸗ keit ein, ſich, unberufen und fremd, in Sorgen zu drängen, welche Würde oder Stolz, gekränkte Liebe oder ſtarre Un⸗ verſöhnlichkeit vor jedem Auge ängſtlich verbarg und in — 208— eine tiefe Einſamkeit begrub, die er nun zu ſtören im Be⸗ griffe war. Mit bangem Herzen und Neugierde öffnete der Geiſtliche den Brief, welchen Heinrich Lovell ihm eingehändigt hatte und den er, ſeiner Erlaubniß zufolge, leſen durfte. „Dieſe Zeilen werden Ihnen von einem geiſtlichen Herrn eingehändiget werden, welcher Ihnen zugleich ſagen wird, daß ich dem Tode nahe und Sie, bevor ich aus dieſem Leben ſcheide, auf das feierlichſte auffordere, dieſen Brief vollſtändig zu leſen. Ihre Frau iſt nicht todt, und auf meinem Todbette bitte ich Sie, ihr das Recht widerfah⸗ ren zu laſſen, das ich ihr ſo lange vorenthielt, ſo oft ſie es auch vergeblich ſelbſt zu meinen Füßen ſuchte. Ich liebte ſie leidenſchaftlich und ſchon Jahre lang; und wenn ſie meine Neigung erwiedert hätte, würde ſie nun nicht am gebrochenen Herzen ſterben und mich nicht die Nattern der Reue zum Wahnſinn gebracht haben. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich eben jetzt wahnſinnig ſey. Ich bin im vollſtändigen Beſitze meiner Sinne, und wenn ich Gott für irgend etwas danken könnte oder zu danken wagte, ſo würde es für dieſen lichten Augenblick ungeſtörter Erkenntnißkraft ſeyn, der mir vergönnt, mit der ganzen Gewalt einer auf dem Todtenbette ausgeſprochenen Betheuerung zu erklären, daß die Frau, die Sie als Ehebrecherin aus Ihrem Hauſe ſtießen, ſo rein und unbeſcholten iſt, als ſie es an jenem unglückſeligen Tage war, wo wir beide ſie zum erſtenmale ſahen. Sie liebt Sie mit einer Leidenſchaft, welche mein ganzes Lebensglück zerſtörte und alle meine Anſchläge, ihre Tugend zu erſchüttern, vereitelte. Vor ungefähr drei Jah⸗ ren brachte ſie ein entſetzliches Ereigniß, eine außerordent⸗ liche Verkettung von Umſtänden in meine Gewalt. Ich ſah, wie ſie in einer Aufwallung faſt kindiſchen Zornes ihrer Couſine Julie einen Stoß verſetzte; das Mädchen ſtand auf einer gefährlichen Stelle, ſie ſtrauchelte und fiel in die Tiefe hinab. Das Uebrige iſt Ihnen bekannt. Hätten Sie das früher erfahren, ſo würden Sie nun der glückliche Gatte des Weibes ſeyn, das ich anbete. Auch Sie wer⸗ den den Sinn der ſchrecklichen Worte: zu ſpät begreifen, welche ich ihr aus Bosheit, mir ſelbſt aus Verzweiflung ſo lange wiederholte, daß ſie mir nun eine Ewigkeit des Elends bindurch gräßlich ins Ohr gellen werden. Ihr fehlte der Muth, ihr fehlte die Gelegenheit, ſich der unvorſätzlichen That anzuklagen, welche in ihren Folgen einer Tödtung glich und die im ſtillen Brüten ihres unruhigen Gemüths und in ihrer aufgeregten Phantaſie die Geſtalt eines Ver⸗ brechens annahm, das wie ein ewiger Skorpion an ihrem Gewiſſen nagte. Ich bewahrte ihr Geheimniß! Ich zwang Miſtreß Tracy, Alicens Großmutter, die gerade eines Ge⸗ ſchäftes wegen in meinem Zimmer war, es gleichfalls zu bewahren. Ich gab mich von nun an meinem Opfer ganz hin; ich bewachte ſie beſtändig; ich las jede Bewegung ihrer Seele; ich beſänftigte ihre Angſt; ich ſchmeichelte ihr; durch eine Reihenfolge von Gaukelkünſten brachte ich ihr den Glauben bei, daß Sie Mitwiſſer ihres Geheimniſſes ſeyen und ſuchte auf ſolche Weiſe durch Furcht, durch Miß⸗ trauen, durch jede Qual, welche dieſer Glauben erzeugte, in ihrem Herzen jene Leidenſchaft zu unterdrücken, deren Entſtehen ich mit Wuth und hirnverrückender Verzweiflung wahrnahm. Unter dieſen Eindrücken ſah ſie Ihrer Abreiſe mit finſtrer Ergebung entgegen, und einige Monate lang, glaubte ich mich, wenn nicht geliebt, doch ſo gern geſehen, daß meine Hoffnungen neu erwachten. Sie wurden ſchreck⸗ lich vernichtet— eine traurige Verpflichtung, Verhältniſſe, worin mich Verbrechen und Thorheit verſtrickten, verhin⸗ derten mich, ihr auf irgend eine andre Weiſe meine Hand anzubieten, als indem ich in ſie drang, in eine heimliche Heeirath einzuwilligen ein Vorſchlag, welchen ich mit dem unbeugſamen Widerſtand ihres mir abgeneigten On⸗ kels zu bemänteln ſuchte. Standhaft weigerte ſie ſich, mei⸗ ner grauſamen Zärtlichkeit Gehör zu geben und wir trenn⸗ ten uns unter Drohungen und Vorwürfen von meiner Seite, und mit Verachtung und trotzigem Muthe von der ihrigen. Unterdeſſen ward ich aus Elmsley verbannt und bald nachher ſah ich mich gezwungen, um einer drohenden Bloßſtellung meiner Ehre zu entgehen, worüber ich mich hier nicht näher auszuſprechen brauche, mich mit Alicen zu II.. 14 4 — 210— verbinden, die nicht weniger als ſelbſt Ellen Urſache hat, den Tag zu verfluchen, an dem ich mich ihr in den Weg warf. Als ich Ellen einige Zeit nach meiner Verheira⸗ thung in London wiederſah, fing ich an von der Gewalt Gebrauch zu machen, welche ein Zufall mir in die Hände gab. Sie hatte erfahren, daß Sie nicht, wie ſie ſich ein⸗ bildete, mit dem Ereigniß vertraut wären, das die Ruhe ihres Lebens ſo furchtbar zernichtete und ſo gab ich mich ſelbſt als Mitwiſſer ihres Geheimniſſes zu erkennen. Wech⸗ ſelsweiſe als Freund und als Feind, bald liebeglühend, — bald drohend, nöthigte ich ihr meine Geſellſchaft auf, zwang ſie, die Aeußerungen einer wilden Gluth zu ertragen, wider die ſich ihr Herz empörte, die ſie aber nicht mit Nachdruck zurückzu⸗ weiſen wagte. Ich verſchmähte keinen Kunſtgriff, der ſich meiner Argliſt bot, ſie immer mehr zu verſtricken und feſter zu feſſeln. Miſtreß Tracy's Bekanntſchaft mit ihrem Ge⸗ heimniſſe und des alten Weibes feindſeligen Haß miß⸗ brauchte ich zu meinen Zwecken. Ellen mußte mir ſchwö⸗ ren, die Geſchichte von Juliens Tod ſtets vor Ihnen ge⸗ heim zu halten; aber trotz ihrer Betheuerung, niemals Ihre Frau zu werden, erklärte ſie mir in Ausdrücken der leben⸗ digſten, innerlichſten Leidenſchaft, daß, obgleich ſie Ihnen entſagte, Sie demungeachtet der Gegenſtand ihrer brennen⸗ den Sehnſucht ſeyen, den ſie mit einem Buſen voll glü⸗ hender, unerſchöpflicher Liebe verehre, und daß ſie eher zu Ihren Füßen ſterben, als an meiner Seite leben wollte. Nachdem ſie in einem Augenblicke außerordentlicher Aufre⸗ gung die Gefühle ihres überraſchten Herzens verrathen und ſich Ihnen faſt unwillkürlich hingegeben hatte, ſchrieb ſie an mich, um Hülfe, um Erbarmen flehend. Meine Ge⸗ fühle, mein Benehmen zu jener Zeit ſcheinen mir ſelbſt räthſelhaft. Aus ihres Onkels Haus war ich verwieſen, der Umgang mit ihr, der mir lieber als mein Leben war, war unterbrochen und mir auf alle Weiſe erſchwert. Durch eine Selbſtüberwindung, durch ein großes Opfer, gewann ich ihr Vertrauen und die eingebüßte Gewalt wieder, und band ſie mit neuen, ſtrafferen Banden der Furcht und Dankbarkeit. Vielleicht auch folgt' ich einem Triebe der — 211— Rührung, den ihre ſchreckliche Lage in meinem Herzen her⸗ vorrief. Dem ſey nun, wie ihm wolle— ich erlaubte ihr, Sie zu heirathen, und vermittelſt einer Verſtändigung mit jener alten Frau, deren wuthſchnaubende Bosheit uns alle ins Verderbrn ſtürzte, erkaufte ich das Stillſchweigen derſelben und bewahrte Ellen noch einmal vor Unglück und Entehrung. Ich habe nicht nöthig, mich in weitere Zer⸗ gliederungen einzulaſſen; Sie werden nun ſelbſt im Stande ſeyn, das ganze Syſtem meiner Verfolgungen zu durch⸗ ſchauen und die langen, bittern Kämpfe Ihrer Frau zu begreifen. Vom Anfang bis ans Ende, von der Stunde an, wo ihr am Altare zum ewigen Bunde eure Hände zuſammenlegtet, bis zu dem Augenblicke, wo Sie Ellen zu meinen Füßen überraſchten, iſt ſie Ihnen treu geblieben. Ich bekenn' es, ſelbſt jetzt noch, mit der Raſerei der Eifer⸗ ſucht im Herzen; denn die unermeßliche, wilde Liebe, wo⸗ mit ich ſie liebte, durchzuckt noch immer meine Bruſt und wird nur mit meinem Leben enden. Sie war Ihnen treu; ſie liebte ihren Mann, wie ich ſie liebte, und als ſie ſich an meine Füße klammerte und mein Crbarmen vergebens anflehte, wollte ſie mir das Verſprechen abringen, Ihnen alles entdecken zu dürfen;— meine Willfährigkeit würde ſie gerettet haben!— Nun kämpft ſie mit dem Tode und ich werde nicht lange mehr leben. Sie hat mich nie ge⸗ liebt; ich habe ſie angebetet und bin zuweilen— jetzt nicht— wahnſinnig. Wenn Sie mir nicht glauben wol⸗ len, ſo ſchicken Sie zu der Frau, welche es geſehen, wie Ellen das Kind zurückſtieß; ſprechen Sie mit Robert Harding. Verfluchen Sie mich und verzeihen Sie ihr. Alice hat mir verziehen. Sollten Sie ihr nicht verzeihen? 1 Heinrich Lovell.“ Tief aufſeufzend und mit einem Blick des Vertrauens auf den ruhigen, reinen Himmel, legte Mr. Laey den Brief zuſammen und ſteckte ihn in die Taſche. In Einſamkeit ſann er in den wenigen Stunden des ſich zu Ende neigen⸗ den Tages über die Sündlichkeiten nach, die ſein frommes Gemüth mit tiefer Trauer erfüllten und unwillkürlich wie⸗ derholten ſeine Lippen die erhabenen Worte des Prophe⸗ 14* — 212— ten Jeſaia's:„Meine Gedanken ſind nicht eure Gedanken, und eure Wege ſind nicht meine Wege, ſpricht der Herr; ſondern ſo viel der Himmel höher iſt denn die Erde; ſo ſind auch meine Wege höher, denn eure Wege, und meine Gedanken, denn eure Gedanken.“ Bei ſeiner Ankunft am Parkthore von Hillscombe, fragte der Geiſtliche nach Mr. Middleton; er erhielt vom Por⸗ tier keine andre Antwort, als die beſtimmte Verſicherung, daß er nicht zu Hauſe ſey. Erſt nachdem Mr. Laey die feierlichſte Zuſage gegeben hatte, wie nur eine Angelegen⸗ heit von der höchſten Wichtigkeit ihn hierher führte, ließ ſich der Portier bewegen, dem Mr. Middleton ein Billet zuzuſtellen, worin der Geiſtliche ihn um eine unverzügliche Unterredung bat, indem er Eduard einige ſich auf ſeinen verſtorbenen Onkel beziehende Umſtände in Erinnerung brachte, welche ihm das Recht verliehen, auf Rückſicht und Achtung Anſpruch machen zu dürfen. Nach einer Weile kam der Bediente zurück und erſuchte Mr. Lacy in das Haus zu gehen. Ueber die Raſenplätze ſchreitend und die Wohnung betretend, wo die wonnigen Glücksträume der armen Ellen ſo bald verſchwanden, ward es dem braven Diener Gottes faſt bange und unheimlich ums Herz bei dem Gedanken an den Erfolg der wichtigen Zuſammenkunft, welcher er entgegen ging. Mr. Laey ward in das Leſezimmer geführt und nach einigen Augenblicken erſchien Eduard Middleton. Er bat den Geiſtlichen Platz zu nehmen, deutete mit wenigen Wor⸗ ten auf die Umſtände hin, welche Mr. Lacy in ſeinem Bil⸗ lete berührt hatte und fragte ihn nach der Veranlaſſung ſeines Beſuches. Eduard's ernſtes, bleiches Antlitz, der felſenharte Ausdruck ſeiner Züge und die tiefen Falten ſei⸗ ner Stirn weiſſagten dem Geiſtlichen nichts Gutes und er⸗ ſchütterten faſt allen ſeinen Muth. — Ich kam hierher, Mr. Middleton, um eine große Pflicht zu erfüllen und ein großes Geheimniß aufzuklären. Als Diener Gottes bitte ich Sie, mich geduldig anzuhören, einen Brief zu leſen, welchen ich Ihnen von einem Tod⸗ — 213— bette überbringe, und die Botſchaft einer Sterbenden ver⸗ nehmen zu wollen. — Ich achte Ihre Würde, verehre Ihr Amt; wenn aber der Gegenſtand, von dem Sie mit mir reden wollen, mich und nicht Sie ſelbſt betrifft, ſo muß ich Sie bitten, dieſe Unterredung ſofort abzubrechen. Es giebt Dinge, es giebt Namen, von welchen Niemand in meiner Gegenwart reden ſoll und ſelbſt das heilige Amt, das Sie bekleiden, giebt Ihnen kein Recht, mich dazu nöthigen zu wollen. — Es gab mir das Recht, aus dem Munde Ihrer ſter⸗ benden Frau ein Bekenntniß zu empfangen— Mr. Laey hielt inne und beſann ſich; Eduard's Züge zuckten krampfhaft zuſammen und der Geiſtliche ſah in ein Todtengeſicht. Gleich darauf aber nahmen ſeine Züge ih⸗ ren ſtarren, ernſten Ausdruck wieder an; ein unwilliges Achſelzucken verrieth Eduard's Ungeduld. — Und es giebt mir das Recht, fuhr Mr. Lacy fort, Ihnen zu ſagen, daß Sie eine furchtbare Ungerechtigkeit begehen, daß Sie in einem unglückſeligen Wahn befan⸗ gen ſind! — So ſtirbt ſie denn, wie ſie gelebt hat! rief Eduard zornig aus. So belog ſie Gott, wie ſie mich belogen hat! — Hüten Sie ſich ja, erwiederte Mr. Laey, auf ſolche Weiſe von Jemand zu ſprechen, dem ſeine Sünden verge⸗ ben ſind, der der Gnade Gottes theilhaftig werden wird, denn der Herr gewährt Erbarmen, wo der Menſch kein Erbarmen hat. — Es giebt Verbrechen, entgegnete Eduard wild, es giebt Verbrechen, welche Gott verzeihen kann, aber nicht der Menſch. Er warf einen Blick auf den Brief, den Mr. Lacy in der Hand hielt und erkannte die Schriftzüge. — Iſt er todt? fragte er mit matter Stimme auf das Papier zeigend. — Leben und Verſtand verlaſſen ihn; die Verwirrung ſchlug betäubend die Flügel um ſeinen Geiſt und der Wahn bemächtigte ſich ſeiner Beute; aber eine letzte gewaltige Anſtrengung errang ihm die Kraft, das zu ſchreiben, was — 214— Sie leſen müſſen. Sie müſſen es leſen, denn eine Stimme aus dem Grabe fordert Sie dazu auf. Sie müſſen es leſen, denn Ihre Frau ringt mit dem Tode, und es iſt nothwendig, daß ſie in Ihren Augen gerechtfertigt werde und daß Sie ihr verzeihen, bevor ihre Seele zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Hören Sie mich, Mr. Middleton, hören Sie mich! ſo wahr Sie Gott fürchten und hoffen, in Seinen Himmel einzugehen— nicht die Vertheidigung eines treulofen, nein! ſondern eines tief gekränkten, ſchwer verläumdeten Weibes nahm ich über mich; allerdings ſün⸗ digte ſie, aber nicht wider Sie. Gott vergab ihr durch meinen Mund; Er hat ſie an Seinem Altare empfangen, und Sie, den ſie ſo zärtlich, ja mit ſo leidenſchaftlicher Angſt geliebt, dem ſie ihre ganze Seele hingegeben hat, wie man ſie nur Gott hingeben ſoll— Sie wollten nicht ge⸗ währen, was ſie mit ſterbendem Munde von Ihnen for⸗ dert— Gerechtigkeit, die ich in ihrem Namen von Ihnen erflehe! — Gott verzeihe mir! rief Eduard mit Entrüſtung aus, Gott verzeihe mir! denn ich kann ihr nicht ver⸗ zeihen! Sie ſagen, ſie hätte ſich mit ihrem Schöpfer ver⸗ ſöhnt. Ich glaub' es und ſie ſterbe in Frieden. Sie ſagte Ihnen, daß ſie mich liebte? Sagte ſie Ihnen aber auch, wie innig, wie glühend ich ſie geliebt habe? Welche Strafe verdient ein unerhörter Betrug, wenn der Betrogene leidet, wie ich leide? Sie ſagte Ihnen, daß ſie unſchuldig ſey, verleumdet worden wäre? Sagte ſie Ihnen denn auch, daß ich ſie zu den Füßen jenes Mannes antraf, der nun wahnſinnig iſt und vor deſſen Thüren der Tod ſteht— der mich ſelbſt faſt zum Wahnſinn trieb in der wilden Auf⸗ regung, die mich zur Rache anſpornte—— Gehen Sie, gehen Sie, Mr. Lacy! Beten Sie für ihr Heil, beten Sie mit ihr, aber von mir verlangen Sie keine Verzeihung! — Haben Sie denn nicht gehört, Mr. Middleton? ha⸗ ben Sie mich nicht verſtanden? Ich wiederhole Ihnen auf das feierlichſte und mit der vollſten Ueberzeugung, welche die allergenauſte Belanntſchaft mit der traurigen Lebensge⸗ ſchichte Ihrer Frau zu gewähren vermag, ſie ließ ſich nie — 215— das Verbrechen zu Schulden kommen, deſſen Sie ſie zei⸗ hen— ſie hat Sie nur zu leidenſchaftlich geliebt, nur allzu ſehr gefürchtet. Der Stolz und die Strenge Ihres Cha⸗ rakters mußten ſchlimm auf ein Gemüth, wie das ihrige, wirken. Nehmen Sie ſich in Acht, daß nicht, ſelbſt in die⸗ ſem Augenblicke, Gott auf euch beide herabſchaut und in Ihnen den Betrüger, in ihr die Betrogene erkennt. Eine Stunde der Nachſicht, ein Augenblick des Vertrauens hätte ſie vielleicht zu Ihren Füßen geführt, um Ihnen— kein Verbrechen, nein! ſondern ein Ereigniß zu bekennen, das eine finſtere Wolke auf ihr ganzes Leben warf, ein Unfall, den ſie in einer Anwandlung unglückſeliger Schwäche ver⸗ heimlichte, der ſie in die Gewalt eines Weibes und eines Mannes gab, welche, die eine aus Haß, der andere von ſündhafter Leidenſchaft angetrieben, den Frieden ihrer Seele zu ſtören und über ihre Tugend zu ſiegen ſuchten. Dieſe Liebe, woran Sie zweifeln, hat ſie, mehr als eine höhere heiligere Liebe, vor einem Verbrechen bewahrt und ſie nur der entſetzlichſten, unausſprechlichſten Seelenangſt preisge⸗ geben. Leſen Sie dieſen Brief; jener Mann ſchrieb ihn, der vergeblich ihre Liebe zu erringen ſuchte, indem er ihr Herz marterte; leſen Sie das Tagebuch eines wirrenvollen Lebens, leſen Sie dieſe Bekenntniſſe vieler Sünden, vieler Drangſale, vieler Peinigungen; aber geſtehen Sie zugleich, daß ihre Liebe für Sie außerordentlich, unendlich war und jede gewöhnliche Liebe eines Weibes übertraf. Dann eilen Sie, gewähren und empfangen Sie Vergebung, bevor Gott das Weib zu ſich ruft, der Sie einſt am Altare das Ge⸗ lübde der treuſten, dienendſten Liebe ablegten, die Sie aus der Hand Gottes bekommen haben, um ſie zu tröſten und zu ehren und ſie auch in aller Gefährde dieſes Lebens nie⸗ mals zu verlaſſen, ſondern treu bei ihr zu verbleiben— bis Euch der TDod ſcheidet! Eduard Middleton antwortete nicht auf dieſe feierliche Mahnung; aber, erſtaunt und verwirrt, reichte er ſchwei⸗ gend die Hand hin, die Papiere in Empfang zu nehmen, welche Mr. Lacy ihm anbot. Dieſer nahm Abſchied. Eduard's Blicke folgten dem Wagen, ſo lange er ihm nach⸗ — 216— ſehen konnte, dann verſchloß er ſeine Thüre und blieb meh⸗ rere Stunden allein. Tags darauf, Morgens um ſieben Uhr, überbrachte ein Bote aus Elmsley die Nachricht von Heinrich Lovell's Tode. Eine Stunde nachher befand ſich Eduard Middleton auf dem Wege nach der Kathedrale*s. An einem milden Tage, an dem die Sonne in heiterm Glanze über die laubloſen Gehölze von Hillscombe ſchien und mit ihren blendenden Strahlen die Eingänge zum Schloſſe vergoldete, bewegte ſich ein Wagen langſam durch die Allee. An der Thüre hielt er, der Wagentritt ward herabgeſchlagen, Eduard Middleton ſtieg heraus, ſeine Frau in den Armen haltend. Er führte ſie in das Leſezimmer. Schon einmal, nur wenige Monate zuvor, hatte er ſie lie⸗ beſelig in dieſes Zimmer geleitet. Damals war ſie ſeine Braut, der Abgott ſeiner Seele, das Licht ſeiner Augen, ſein Herzblatt, ſein Stolz, ſein Alles! Heute brachte er ſie her, um hier zu ſterben; denn der Tod hatte ſein Siegel auf dieſe Alabaſterſtirn gedrückt; der Tod ſchimmerte aus dieſer durchſichtigen Hand, die Eduard in der ſeinen hielt; er tönte aus dieſer heiſern Stimme, welche, als der Gatte ihr mattes, krankes Haupt auf das Sopha legte, die Worte lispelte:„Hier, noch einmal hier, bei ihm!“——— Eduard hatte ſie aufgeſucht— er fand ſie ſterbend— er hatte ſie in ſeine Arme geſchloſſen, und Küſſe auf ihre Wangen gedrückt, Küſſe, die ſelbſt in den Stunden ihrer wonnigſten Freuden, ihrer ſüßeſten Hoffnungen nicht glü⸗ hender waren. Als ſie ihre mageren, kraftloſen Arme um ſeinen Nacken ſchlang und mit erſterbender, matter Stimme ihm zuflüſterte:„Bringe mich nach Hauſe, Eduard, damit ich dort ſterbe“, antwortete er ihr mit den Worten der heiligen Schrift:„Du wirſt nicht ſterben, ſondern leben!“ Und wirklich! in der unendlichen Seligkeit ihrer Liebe flammte ihr Leben vor ſeinem Erlöſchen noch einmal auf. Sie fand die Kraft, von der Lagerſtätte ihrer Leiden auf⸗ zuſtehen und, während ihr Haupt an der Bruſt des Heiß⸗ geliebten, ihre Hand in der ſeinigen lag, athmete ſie noch einmal die reine Luft des Himmels ein und ſchaute mit —, — — ſehnſüchtigem Auge auf die Reize der Natur, die ſich mit der ganzen Fülle ihrer Wunder in ſo geheimnißvoller, ahnungs⸗ reicher Weiſe vor den Blicken eines Sterbenden entfalten. Sie ging dem Tode entgegen— ſie wußte das, ſie fühlte es— aber nicht mehr wie ſonſt erfüllte ſie der Ge⸗ danke mit bebender Angſt, daß ſie unverſöhnt mit Gott, in Unfrieden mit den Menſchen, aus dieſem Leben ſcheiden würde. Ihre mühevolle Pilgrimſchaft war bald vollendet, aber eine neue Lebensſonne leuchtete ihr entgegen. Sie hatte noch eine große Pflicht zu erfüllen und ſie wollte ſich ihrer nicht entziehen; denn ſie wußte, daß wir das Kreuz auf Erden tragen müſſen, um durch daſſelbe in das ewige Leben einzugehen, und daß ohne Opfer keine Fröhlichkeit des Geiſtes, kein Heil der Seele gefunden werden kann. Sie bat Eduard mit feierlichem Ernſte, ſie einige Stunden allein zu laſſen und dann wiederzukommen und ihr die we⸗ nigen Tage ihres hinſchwindenden Lebens ſegnend zu ver⸗ ſüßen. Im heißen, andächtigen Gebete erwartete Ellen die Ankunft derer, welche ſie zu ſich rufen ließ, um in jener ernſten Stunde ihr zur Seite zu ſtehen. Selbſt in den Tagen ihrer Blüthe und in der Geſundheit Fülle und Kraft ſah ſie nicht ſchöner aus, als jetzt in dieſer Stunde der Krankheit, der Buße und des Friedens— ja, des Frie⸗ dens, denn ſie wandte ſich nicht ab von dem Kelch der Lei⸗ den und der Demüthigung, und bereitete ſich willig und gefaßt vor, ihn bis auf die Hefen zu leeren. Als ſie Miſtreß Middleton wiederſah, die Mutter ihrer Kindheit, die Freundin ihrer Jugend, ſie, die wie ein En⸗ gel des Friedens zu ihr kam, als ſie von aller Welt ver⸗ geſſen und verlaſſen war, da wollte ſich ihre Seele auflö⸗ ſen im Schmerz, indem ſie an alles dachte, was ſie ihr zu ſagen hatte; aber ſie hob ſchweigend die Hand empor und betete, andächtiger, inbrünſtiger. Als Alice, die kinderloſe Wittwe, in das Zimmer trat, und ihre Augen ſich begeg⸗ neten,empfing ſie Ellen mit ausgeſtreckten, offnen Armen. O welche Wogen geheimer Gefühle, unauslöſchlicher Erin⸗ nerungen, unausgeſprochner Seufzer drängten ſich in dieſe Umarmung! Aber noch immer ſind nicht alle beiſammen, und Ellen's — 218— Auge heftet ſich mit ernſter Erwartung auf die Thüre und als ſie aufging und ſie Mr. Lacy erblickte, ihren Führer, ihren Freund, ihn, der ihr durch ſein heiliges Amt Stärke des Gemüths und Hoffnung des ewigen Lebens verlieh: da ward ſie noch bleicher, als zuvor, denn er kam nicht al⸗ lein— eine alte Frau kam mit ihm und ſchaute auf ſie mit einem ſeltſamen Ausdruck von Scheu und Verwirrung. Tiefe Stille herrſchte einen Augenblick. Ellen wandte ſich dann nach der Reihe an jeden von ihnen und ſagte: — An Sie, verehrte Tante, die mir die liebevollſte Mut⸗ ter und zärtlichſte Freundin geweſen war, und an Sie, Mr. Lacy, der ſich mir gerecht und barmherzig bewieſen, wie man es kaum von Menſchen erwarten kann, den ſich der Allmächtige zu ſeinem Werkzeug bediente, um mich durch viele Drangſale zur Buße zu führen, an Sie beide wende ich mich mit der Bitte, aufmerkſam auf die Worte einer Sterbenden zu hören. Miſtreß Middleton, Sie hat⸗ ten eine Tochter und verloren ſie; meine Hand, unabſicht⸗ lich und unwiſſentlich— ſo wahr Gott mir helfe! ich ſpreche die Wahrheit— meine Hand ward das Werkzeug ihres Todes; ich erhob ſie in einer Aufwallung des Unmuthes, nicht der Bosheit, und für dieſe Handlung ward ich mit Wermuth getränket, gezüchtiget durch eine fürchterliche Strafe, welche, wie das Zeichen auf Cain's Stirn, mich ſeitdem verfolgte und mir einen frühen Tod bereitete. Kön⸗ nen Sie mir verzeihen? Ja, ja! dieſe Hand, welche ich drücke, dieſe Thränen, die auf meine Stirn herabfallen und das Brandmal auf derſelben auslöſchen, verheißen mir Verzeihung— Sie ſagen von mir, was der Heiland von ſeinen Peinigern ſagte:„Gott vergieb ihr, ſie wußte nicht, was ſie that“. Und nun, fuhr ſie nach einem Augenblicke des Schweigens fort, während dem man im Zimmer nichts als die Seufzer der Anweſenden vernahm— nun laſſen Sie mich Abſchied, feierlichen Abſchied von Ihnen allen nehmen und Sie bitten, für mich zu beten, denn mein Ende iſt nahe. Miſtreß Tracy ſank vor Ellen's Bett auf die Knie, und ſtammelte mit faſt erloſchener Stimme: — Bitten Sie für mich, wenn Sie im Himmel ſind! — 219— — Gott ſegne Sie! ſagte Ellen ſchwach und ſchloß dann die Augen. Sie öffnete ſie bald darauf wieder, und ſprach zu Mr. Lacy in einem Tone der tiefſten Rührung: — Ach, Mr. Lacy, iſt es nicht ein reiches Glück, daß mir der Tod nicht eher geſendet wurde, als bis ich Zeit gefunden hatte, auf die Knie zu ſinken und zu beten:„Gott hab' Erbarmen mit mir?“— Eine plötzliche Schwäche überfiel ſie und erſchöpft ſank ſie auf ihr Bett zurück. Alle entfernten ſich in ſprachloſer Rührung. Nur Mi⸗ ſtreß Middleton blieb. Mit gefalteten Händen und überſtrö⸗ menden Augen bewachte ſie den Schlaf der blaſſen Dul⸗ derin. Das Bekenntniß, welches ſie aus Ellen's Munde vernommen hatte, beſchäftigte kaum ihre Gedanken;— nur eine Idee, eine Ueberzeugung erfüllte ihre Seele: der Ver⸗ luſt dieſes theuern, angebeteten Weſens! Der Tod hatte ihr ihre Lieben einen um den andern geraubt. Bis dahin hatte ſie mit ihrem Kummer gehadert; nun aber, zum er⸗ ſtenmale, trug ſie ihn mit Ergebung. In der ſie umge⸗ benden Stille nahm ſie ihre Zuflucht zu Gott und in ihrem Jammer, ihrem Grame, in ihrer unbeſiegbaren Zärtlichkeit richtete ſie ſich empor und, ſich der zeitlichen Sorge ent⸗ ſchlagend, ſetzte ſie von nun an alle ihre Hoffnungen, ſtatt auf Menſchen und Geſchöpfe, nur auf Gott allein. Sie wagte nicht zu denken; deßhalb betete ſie nur. Als Eduard zurückkam fand er ſeine Frau zwar viel ſchwächer, aber ruhiger als je zuvor. Sie empfing ihn mit einem Lächeln, das ihm die Seele durchſchnitt. Die entſetzensvolle Wahrheit ward ihm immer klarer: er ſah ein, daß er ſeine Ellen verlieren mußte, daß die Furcht und Hoffnung, zwiſchen welchen er ſchwebte ſeitdem ſie wie⸗ der in ſeinem Herzen herrſchte, der troſtloſen, unbezwingli⸗ chen Gewißheit weichen mußten, gegen welche das Gefühl ſich noch ſträubt, wenn der Verſtand ſich bereits unterworfen hat. Die Worte, welche Mr. Lacy am Tage der erſten Zu⸗ ſammenkunft mit Eduard an ihn richtete, hatten Wurzel in ſeinem Herzen geſchlagen und peinliche Selbſtvorwürfe in ihm hervorgerufen. Hätte Ellen's Antlitz nicht eine ſo himmliſche Heiterkeit offenbart, wäre ihre Geiſt nicht ſo reich an Hoffnung und Frieden geweſen, die beſänftigend auf ſein wundgedrücktes Gemüth wirkten— er würde ſich noch unglücklicher gefühlt haben. Das Leben, das für ſie ſo kurz war, ſchien ihm ſo lang, der Pfad, den er wandeln ſollte, ſo einſam, die Hoffnung, die er werth hielt, ſo ent⸗ fernt, dieſe Welt ſo traurig und die andre, beſſere, ſo ge⸗ heimnißvoll!—— Eines Tages, als ſie ſich etwas woh⸗ ler, etwas ſtärker fühlte als gewöhnlich, küßte er ihre bleiche Wange mit leidenſchaftlicher Glut und ſagte: — Du wirſt mich nicht verlaſſen, Ellen, Du wirſt nicht ſterben? — Ich kann nicht leben, antwortete ſie; Eduard, mein innig geliebter Freund, ich ſoll nicht leben; ich habe zu viel, zu peinlich gelitten, um mein Haupt wieder aufrichten und noch einmal alles ertragen zu können, was dieſe Welt der Sünde und der Sorge auferlegt. Glaube mir, Eduard, mein Schickſal war weiſe geordnet. Ich ſegne Gott, der mich in ſeiner unbegränzten Güte auf dieſes Lager legte, um an Deiner Seite zu ſterben, Deine Hand in der mei⸗ nigen halten und Deine Worte der Liebe hören zu dürfen; ihre ſüßen Töne werden bis zum letzten Augenblicke in mein Ohr dringen, und wenn mein Auge dunkel, meine Zunge matt wird, wenn Gedanke und Erinnerung ſchwinden und die Sinne den Dienſt verſagen, ſo wird mich doch das Bewußtſeyn nicht verlaſſen, daß Du bei mir biſt und ich werde ſterben wie ich gelebt habe—— nein, nein! nicht wie ich gelebt habe— mein Leben war qualvoll und mein Tod iſt es nicht. Mit den welken abgezehrten Händen bedeckte ſie ihre Augen und ein leichter Krampf zuckte einen Augenblick über ihr Angeſicht. Der Gedanke an die vorübergegangnen Lei⸗ den ſchwebte vor ihrer Seele und erpreßte ihr einen tiefen Seufzer. Als ſie aber Eduard wieder anſah und die ſtumme Angſt auf ſeinem Antlitz wahrnahm, ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals und ſprach zu ihm: — Ich würde bei Dir bleiben, Eduard, wenn ich könnte, aber es iſt zu ſpät! Die Quelle iſt verſiegt, das Licht ver⸗ glommen; wir müſſen uns auf eine Zeitlang trennen! — O Gott! Gott! murmelte Eduard, die Hände in ſchmerzlichem Gebete faltend; Du hatteſt mir ſie gegeben — — und ich ſtieß ſie von mir; ich war blind und ohne Erbar⸗ men; nun ſehe ich und mein Elend iſt vollendet. Deine Wege ſind gerecht, aber Deine Strafen ſchrecklich. — Aber in ihren Leiden tröſtet, ſtärkt und erquickt Gott ſeine frommen Dulder durch Seine Gnade, Seinen Bei⸗ ſtand. So werden wir auch die dunkle Dornenbahn die⸗ ſes Lebens glücklich vollenden, ſo erreichen wir endlich ſicher das herrliche Ziel, an welchem uns Erlöſung und ewiger Frieden winket. Meine Laufbahn war kurz, denn Er ſah meine Schwäche; die Deinige kann länger, beſchwerlicher ſeyn, mein lieber Eduard, denn Er weiß Dich ſtark. Aber dereinſt werden wir uns wiederfinden. Ja, wir werden uns wiederfinden, wiederſchauen! Es giebt eine heilige Ge⸗ meinſchaft, in der wir beide leben, zwiſchen denen, die im Himmel ſind, und denen, die auf Erden kämpfen. Du wirſt für mich beten, wenn ich ausgerungen habe, ich bete dort für Dich, wohin ich gehe. Am Altare gedenke mei⸗ ner, als kniete ich unſichtbar an Deiner Seite. Räume mir eine ſtille Stelle in Deiner Seele ein, wo mein Geiſt dem Deinigen begegnen kann, wenn Du aus der Welt ſcheiden wirſt, um zu Gott zu gehen und den Frieden in Seinem ewigen Reiche zu finden. Und wenn Dich zuletzt, ſo wie mich in dieſer Stunde, die Flügel des Todes um⸗ ſchatten, ſo denke an mich, an Deine Ellen, die, ſo ſünd⸗ haft und ſo ſchwach, mit einer Kraft, die nicht ihr eigen iſt, in Frieden durch die dunkle Pforte geht— und Gott ſey dann mit Dir, mein heiß geliebter Freund, wie Er jetzt mit mir it-———————— Ihr Gebet ward erhört in dieſer ſchweren Prüfungs⸗ ſtunde; als Eduard jedes irdiſchen Troſtes entbehrte und ſich für den unglücklichſten aller Menſchen hielt, war Gott mit ihm. Als zwei Tage ſpäter Ellen's Haupt mit der feierlichen Ruhe der Verklärung an ſeiner Bruſt lag und ſie ihm zulispelte:„Lies die Gebete für Sterbende“, las er ſie mit blutendem Herzen; am Ende jeder Bitte antwor⸗ tete ſie mit ſchwacher Stimme: Amen. Nach den Wor⸗ ten der letzten Bitte:„Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geiſt“ ward auf Erden kein Amen mehr aus⸗ — — 222— geſprochen. Ihre Seele war hinübergegangen; er war al⸗ lein; und wäre Gott nicht mit ihm geweſen, ſo würde er ſich wirklich troſtlos und unausſprechlich elend gefühlt haben, denn er hatte wenig Bekannte, wenig Freunde; ſein Herz blieb ſtets für Jeden verſchloſſen, und in ſeinem Gram entzog er ſich den Augen der Menſchen und verkehrte nur mit ſeiner eignen Seele. Gott war mit ihm in den er⸗ ſten Stunden verzweiflungsvollen Schmerzes, in den lan⸗ gen Tagen düſtrer, ſtiller Zurückgezogenheit, in den Jah⸗ ren ſchwermüthigen Kummers und frommer Bußwerke und er lernte immer mehr, wie nur in Gottes Willen und Sei⸗ ner gerechten Prüfung der höchſte Troſt zu finden ſey. Eduard brachte einige Jahre auf Reiſen zu. Dann kehrte er nach Hillscombe zurück, wo er faſt ganz einſam lebte. Ungefähr fünf Jahre nach Ellen's Tode, traf er zu⸗ fällig, als er einmal Miſtreß Moore in Hampſtead be⸗ ſuchte, mit Mr. Escourt zuſammen, der nach einem ober⸗ flächlichen Gruße das Zimmer verließ. Eduard ward tod⸗ tenbleich; und dieſen Abend hatte er einen langen, ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt zu beſtehen, bevor er im Stande war, mit bebender Stimme die erhabenen Worte des Hei⸗ landes zu wiederholen:„Und vergib uns unſere Schulden, wie auch wir unſern Schuldnern vergeben!“ Miſtreß Middleton kehrte nie wieder nach Elmsley zu⸗ rück und verlebte ihre übrigen Tage in einem reizenden Wohnſitze an der Küſte in Devonſhire. Der Anblick und das Rauſchen des Meeres beruhigten die nervöſe Reizbarkeit, woran ſie litt. Stundenlang verweilte ſie am Strande, ſinnend auf die Ebbe und Fluth ſchauend oder ſich an dem Spielen der Fiſcherkinder ergötzend, die ſich im Sande zu ihren Füßen herumtrieben. „Dieſe Frau muß viel Drangſal erlebt haben!“— Dieſe Bemerkung ward nicht ſelten von Fremden gemacht, die an ihr vorübergingen und den Ausdruck ihrer leidenden Züge wahrnahmen. Ein kleiner Vorfall nahm eines Tages die Theilnahme der gerade anweſenden Zuſchauer in Anſpruch. Ein hübſches, kleines Mädchen, welches Miſtreß Middle⸗ ton's Zuneigung vorzugsweiſe beſaß, ſpielte mit einem an⸗ dern Kinde in ihrer Nähe. Sie geriethen in Streit und — 223— im Zorne ſchlug das kleine Mädchen ihre Geſpielin, welche zu Boden fiel. Mit einem lauten, angſtvollen Schrei ſtürzte Miſtreß Middleton hinzu und ſtammelte mit beben⸗ der Stimme:„Du weißt nicht, was Du thuſt, Du weißt nicht, was Du thueſt!“ Beſchämt und verwirrt ſah das Kind ſie an und weinte. Das Mädchen vergaß nie in ih⸗ rem Leben dieſen Vorfall und die Worte der bleichen Frau im Trauerkleide, welche die See und ihr dumpfes Brau⸗ ſen ſo gern hörte und die ein ſo wildes Entſetzen erfaßte, als ſie ihre Geſpielin im Zorne ſchlug. Und Alice! was ſoll ich von Alicen ſagen?— Was ſagte ſie einſt von ihrer Lieblingsblume, dem Sinnbild ih⸗ res Lebens mit dem Kreuze und der Dornenkrone in den Blüthentheilen? Dieſe Pflanze, ſagte ſie, that, was ihr von Gott geboten war, in dieſer Welt zu thun; im Frühlinge brachte ſie Knospen, im Sommer Blumen; Gedanken der Freude in Tagen der Geſundheit, Gedanken der Ergebung in Tagen der Krankheit und Gedanken an Gott und den Erlöſer allezeit. So wirkte, ſo lebte Alice. Der Segen ſproßte empor, wo ſie weilte. Sie that Gutes, ſo viel ſie vermochte; ſie weinte mit den Weinenden, freute ſich mit den Fröhlichen, ſie ſpeiſ'te die Hungrigen, kleidete die Nack⸗ ten, ſie beſuchte die Kranken, die Gefangenen, unterrichtete die Unwiſſenden und betete für die Sunder. Und willig trug ſie das Kreuz des Herrn, denn„im Kreuze iſt Heil, im Kreuze das Leben und es iſt kein Heil der Seele, keine Hoffnung des ewigen Lebens, außer im Kreuze.“ Ihr ganzes Leben war ein religiöſer Dienſt. 3 Iſt ſie glücklich?— ich habe in ihren Zügen geleſen; ich habe ihr Leben beobachtet; ich ſah ſie am Bette eines Ster⸗ benden beten; ich lauſchte auf ihre Lieder bei ihrer Arbeit; ich ſah ſie mit fröhlichen Kindern ſpielen; ich ſah ſie Blu⸗ menkränze winden, aber als ſie dieſe auf ein Grab nieder⸗ legte, da wagt' ich nicht zu ſagen: ſie iſt glücklich! Ein Mann geht täglich in die Kirche und führt zuwei⸗ len eine alte ſchwache Frau mit ſich, die er vorſichtig zu der Bank hinbringt, wo Alice ſitzt; er ſelbſt kniet etwas entfernt von ihnen nieder und lauſcht auf den Ton ihrer Stimme, wenn ſie Antwort gibt auf die Gebete. Es iſt — 224— Robert Harding; er beſucht die Armen, die ſie beſucht, er hört die Segnungen, die ſie empfängt; er ſpricht von ihr mit Miſtreß Tracy und hofft, daß die Zeit kommen werde, wo er ſeine Liebe für Alice ſo gut verbergen könnte, daß ſie wieder ſo vertraulich mit ihm reden würde, wie in den Tagen ihrer Kindheit. Und die alles mildernde Zeit beſänftigte auch den Schmerz dieſer Bekümmerten. Das gemeinſame Leid führte ſie end⸗ lich wieder zuſammen, denn jene ſtumme Sympathie, welche das Herz in der erſten Bitterkeit des Grams kaum zu würdigen vermag, ward für jeden von ihnen eine Quelle des Troſtes. Miſtreß Middleton war für Eduard und Alice ein Gegenſtand der zärtlichſten Sorgfalt. Wenn dieſe zuſammen von gleichgültigen Dingen ſprachen, auf die Töne 1 der Muſik horchten oder die Schönheiten der Natur be⸗ trachteten, dann ſchwebte oft ein und derſelbe Gedanke vor ihren Seelen, ein und daſſelbe Bild vor ihren Augen; dann drückten ſie ſich zuweilen ſchweigend die Hände und beide fühlten. ohne ſich auszuſprechen, daß ihr Kleinod im Him⸗ mel ſey. In Miſtreß Middleton's Zügen, in dem Ton ihrer Stimme, in dem Ausdrucke ihres Antlitzes, fand Alice eine Aehnlichkeit mit dem Gatten ihrer Jugend, welche ihr ei⸗ b nen wahren Herzenstroſt gewährte, den kein anderes We⸗ ſen auf Erden ihr geben konnte, und in der zärtlichen und ernſten Zuneigung, welche ſie an einander feſſelte, fanden beide ihre ſchönſte Freude hienieden. Sie hatten gelernt.— die eine, nach langem vergeblichen Ringen, die andere, auf der Schwelle des Lebens,— daß Glückſeligkeit und voller Friede in dieſer Welt nicht beſtehen können; ſie wandten ihre Blicke jenſeits und fanden inzwiſchen, daß je⸗ der wiederkehrende Tag, auch dem trauerndſten Dulder, neue Tröſtungen bringt in der Erinnerung an durchrungene Kämpfe und vergebene Sünden, in der Erkenntniß Gottes und in der Hoffnung auf das ewige Leben im Vaterlande immerwährender Glückſeligkeit und Klarheit. —.ꝛ— —— 5 ————QOQO——ͤ ——— —ʒ,6u——— lüſf ſiſfffffffffſſſ pauunuuuxwsuruunwwunxwmnunn 10 11 12 13 14 15 16 17 18