2 — 82 2 —— —,—. — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für alchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 2„—„ 4„=,„.—„ 23. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefayr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X—— Ellen Middleton. ——————— *I have read of a bird which hath a face like, and yet will prey upon, a man, who, coming to the water to drink, and finding there by rellexion that he had killed one like himself, pineth away by degrees, and never after enjoyeth itself. Such was in some sort the condition of——. This accident that he had killed one put a period to his earnal mirth, and was a covering to his eyes all the days of his life. Death was so sent to him as to allow him time to rise up on his knces and to cercle. Lord have mercy upon me.“ Fuller's Worthies vol. II. p. 17. Ellen Middleton. Eine Erzählung von Lady Georgiana Fullerton. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. J. N. Schuſter. Erſter Band. nG Frankfurt a. Ml. Verlag von Guſtav Oehl er. 1845. ——— Gegen das Ende eines Oktobertages des Jahres 18. trat ein ehrwürdiger Geiſtlicher in die Cathedrale der Stadt .., an welcher er Domherr war. Die Stunde des Abendgottesdienſtes nahte heran. Die Strahlen der unter⸗ ehenden Sonne verbreiteten durch die gemalten Kirchen⸗ fenſter jenes Licht, deſſen milder Schein ſo gut harmonirt mit dem Gefühle religiöſer Ehrfurcht, welches ein gothiſches Gebäude, des Menſchen edelſtes Werk, einzuflößen die Be⸗ ſtimmung zu haben ſcheint. Herr Lacy, ſo hieß der Geiſtliche, hatte ſein Leben im Schatten dieſer Cathedrale zugebracht, unter ihren erhabenen Wölbungen hatten ſich ſeine geiſtigen Kräfte entwickelt und die Neigungen ſeines Herzens entfal⸗ tet. Von Kindheit an hatte er die ſtillen Gänge, die majeſtätiſchen Bogen und die herrlichen Bildhauerwerke ſeiner Kirche lieben gelernt. Die in den reichen Malereien der Kirchenfenſter dargeſtellten Geſchichten der Heiligen und Märtyrer, die helltönenden Klänge der Orgel, die ein⸗ fachen und harmoniſchen Geſänge der Chöre, der mannig⸗ faltige Schmuck der Cathedrale hatten ſeine erſten Gedan⸗ ken erweckt und ſeine erſten Träume belebt. In den Kreuz⸗ gängen herumſchweifen, am hohen Feſttage ſo viel Stechpalm⸗ zweige ſammeln, als er mit ſeinen ſchwachen Händchen zu faſſen vermochte, um ſie zu dem, an der Kirchenthür bereits aufgehäuften, ſchimmernden Vorrath zu legen, mit ſchüchter⸗ nen Schritten jene einfachen Gaben ins innere Heiligthum baoleiten⸗ mit kindlicher Bewunderung und Freude den I. 1 Schmuck des Altars betrachten, vor dem er mit ſeiner Mut⸗ ter kniete: dies waren die erſten reinen Beſchäftigungen ſeines Lebens. Seine Kindheit fand nur Vergnügen in den frommen Geſprächen ſeiner Mutter, die ihn unterrich⸗ tete und ihm die Gebete und Lieder erklärte oder die Zei⸗ ten ſchilderte, wo der Glaube an den Erlöſer noch eine Quelle von Leiden für die verfolgten Gläubigen war. Sobald es ſein Alter erlaubt hatte, ward er Prieſter: ſpäter wurde er zur Würde eines Domherrn der Cathe⸗ drale von.... berufen. Die religiöſen Eindrücke, die hei⸗ ligen Freuden ſeines Jünglingsalters, welchen er in vor⸗ gerückterem Alter nicht entſagte, nachdem ſie ihm Schirm und Schutz beim Eintritt ins Leben gewährt hatten, gaben ihm Troſt und Frieden in ſeinen alten Tagen. Sein Leben war getheilt zwiſchen dem Gebete und der unverdroſſenſten Ausübung chriſtlicher Werke und alle ſeine Handlungen gingen aus Liebe zu Gott und ſeinem Näch⸗ ſten hervor. Die wenigen Stunden der Erholung, welche er ſich gönnte, widmete er entweder dem Studium der religiöſen Baukunſt oder der Geſchichte ſeiner biſchöflichen Kirche, die er mit jener heiligen Liebe verehrte, welche die Menſchen für die Stätte ihrer Geburt, für die Plätze ihrer Jugendfreuden empfinden, und auf welche er vor allem mit einem Gefühle gleich dem Hiob's blickte, als dieſer zu Bethel ſprach:„Siehe hier das Haus Gottes und die Pforte des Himmels!“ Herr Lacy, welcher ſeinen Platz im Chor eingenommen, überſah mit ernſtem Blicke die kleine Zahl der Gläubigen, welche ſich zu dem Abendgottesdienſte eingefunden; er ge⸗ wahrte mit Befremden ein Frauenzimmer auf den Bän⸗ ken, welche gewöhnlich nur von der ärmſten Klaſſe der Stadtbewohner eingenommen wurden. Sie war in tiefer Trauer und obſchon ſie höchſt einfach gekleidet, ſo lag doch in ihrer Haltung und ihrem ganzen Weſen etwas, was deutlich erkennen ließ, daß ſie den höchſten Ständen der Geſellſchaft angehören müſſe. Obgleich die Geſchmeidigkeit ihres Wuchſes und die ſanfte Schönheit ihrer Geſichtszüge ihr ein jugendliches Ausſehen verliehen, ſo wäre es doch nicht leicht geweſen, ihr Alter zu errathen, denn ihr Ant⸗ litz zeigte einen Ausdruck von Gemüthsunruhe und hef⸗ tiger Aufregung, welche man in der Regel ſelten bei Perſonen wahrnimmt, die ſich noch in den Jugendjahren der Pilger⸗ ſchaft des Lebens befinden. Ihr Arm ruhte auf einem der Pfeiler; ſie ſtützte ihren Kopf darauf in dem Augenblick, als der Gottesdienſt begann. Während der ganzen Dauer deſſelben blieb ſie unbeweglich mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen; ſie kniete weder, noch ſtand ſie auf nach dem Beiſpiele der Anweſenden. Nur einmal, als die Orgel die erſten Noten einer der ſchönſten Geſänge unſrer Kirche hören ließ, erhob ſie ſich, gleichwie durch eine maſchinenmäßige Bewegung, von ihrem Sitze, und nahm einen Augenblick darauf ihre frühere Stellung wieder ein. Als nach beendigtem Gottesdienſt alle Gläubigen den heiligen Ort verlaſſen hatten, kam Herr Lacy an dem Platze vorbei, wo die Fremde noch unbeweglich und gleich⸗ wie in tiefen Gedanken verſunken, ſaß. Beim Geräuſche ſeiner Schritte, als er ihr nahe kam, erbebte ſie; haſtig die Kirche verlaſſend, trat ſie in eine kleine, derſelben gegenüber liegende Straße. Zwei oder dreimal, während der darauf folgenden 14 Tage, bemerkte Herr Lacy dieſelbe Perſon an derſelben Stelle und auf dieſelbe Weiſe ſich be⸗ nehmend. Seine Neugierde wurde lebhaft aufgeregt, aber er wagte es nicht, die Unbekannte anzureden. Er hatte auch von dem Sakriſtan nicht erfahren können, wer ſie ſey, und eben ſo vergeblich waren ſeine Erkundigungen bei eini⸗ gen Perſonen, welche regelmäßig dem Gottesdienſte bei⸗ wohnten. Ein Zufall begünſtigte mit einemmale die Nach⸗ forſchungen des würdigen Geiſtlichen. Während Herr Lacy am Abende vor Allerheiligen, an welchein Tage er predigen ſollte, in ſeiner Wohnung eif⸗ rig mit der Ausarbeitung ſeiner Feſtrede beſchäftigt war, klopfte es plötzlich leiſe an ſeine Thür Er ſah gleich dar⸗ auf eine Frau von bereits vorgerücktem Alter eintreten, die er ſchon lange Zeit kannte, und welche ſich bei ihm Raths zu erholen gewohnt war, wenn ihr in ihrem Geſchäfte — ſie war Zimmervermietherin— ein Fall vorkam, der 1* ihr Gewiſſensſkrupel verurſachte. Herr Lacy kannte ſeine alte Freundin ſo genau, wie die Natur der Bedenklichkei⸗ ten, welche ſie ihm mitzutheilen pflegte, daß er, nachdem ſie auf dem Stuhle Platz genommen, den er ihr ans Ka⸗ min gerückt(der letzte Oktober verkündete ſchon ziemlich die Strenge des Winters) ſie folgendermaßen anredete. — Nun meine liebe Miſtreß Denley! Wieder einige Miethsleute, welche die üble Gewohnheit haben, ſich zu be⸗ trinken, und denen Sie nicht aufkündigen wollen, aus Furcht, daß Andere es ſich nicht ſo angelegen ſeyn laſſen, ihnen auf ihr Zimmer und ins warme Bett zu helfen? Oder nehmen Sie etwa noch immer Anſtand, jenem Herrn die Wohnung aufzuſagen, welcher Ihre Möbel ruinirt und nie die Miethe bezahlt, ſo daß es Ihnen immer noch nicht möglich geworden, Johnny zur Schule zu ſchicken, wie Sie es ſchon lange wünſchten? — Nein, nein, hochwürdigſter Herr, was mich gegen⸗ wärtig beunruhigt, hat nichts mit den Miethsleuten gemein, die ſich betrinken, noch mit meiner Abſicht, den armen guten Johnny zur Schule zu ſchicken, noch mit dem un⸗ bezahlten Hauszins; nein, nichts von allem dem! gerade das Gegentheil! Da es eben nicht leicht war, ohne eine ausführlichere Er⸗ klärung zu begreifen, wie das Gegentheil der drei Angele⸗ genheiten die Beſorgniß der Miſtreß Denley erwecken konnte, ſo warf Herr Lacy einen fragenden Blick auf ſie, worauf ſie fortfuhr: — Sehen Sie, hochwürdiger Herr, es iſt nicht gerade eine Sache, die mich angeht, und ich weiß recht gut, was in dem Briefe des heiligen Paulus an den Thimotheus geſagt iſt, daß Weiber keine Schwätzerinnen ſeyn und ſich nicht in Dinge miſchen ſollen, die ſie nichts angehen; aber demungeachtet glaube ich, daß es keine Sünde iſt, zu wün⸗ ſchen, daß ein junges Geſchöpf, das man unter ſeinem Dache hat und langſam dahin ſtirbt— Gott mag wiſſen, was ihr fehlt! denn der Doktor Reid weiß es nicht. Er ſah ſie dieſer Tage bei mir, hochwürdiger Herr, und ich erlaubte mir, ſie zu fragen, ob ſie ihn zu Rathe ziehen — 5— wollte; aber ſie weigerte ſich. Da meinte der Doktor, er könne nicht errathen, was ihr fehle, und wenn er das nicht kann, wer ſollt' es dann können?—— Wie ich nun ſagte, hochwürdiger Herr, ich hoffe, daß es keine Sünde iſt, zu wünſchen, daß das arme junge Mädchen nicht ohne Arznei für ihren Leib oder ohne den Troſt der Gnade für ihre Seele ſterbe. — Zuverläſſig! Ihr Wunſch iſt ganz gerecht und der Verſuch, ein ſo ſchreckliches Freigniß zu verhüten, iſt Chri⸗ ſtenpflicht. Aber wer iſt denn die Perſon, von der die Rede iſt? — Sie wohnt bei mir in der Miethe ſeit ſechs Wochen. — Wie heißt ſie? fragte Herr Lacy. — Miſtreß Rodney, hechwürdiger Herr. — Hat ſie keine Freunde, die Ihnen bekannt ſind? Und wie brachte ſie in Erfahrung, daß Sie Wohnungen zu ver⸗ miethen haben? Sie hielt ſich, ich glaube, es war an einem Montag, in dem Wirthshauſe zur Roſe auf; ſie fragte Herrn Chap⸗ man, ob er ihr nicht in der Stadt ein ruhiges und an⸗ ſtändiges Haus empfehlen wollte, wo ſie eine Wohnung miethen könnte. Herr Chapmann iſt jederzeit dienſtfertig, es iſt ein prächtiger Mann und ein guter Nachbar, der Herr Chapman; er erwiederte ihr, daß ihm grade eine Wohnung bekannt ſey, die ſich ganz und gar für ſie eigne So kam ſie denn am Morgen darauf, um meine Zimmer anzuſehen, die ſie alſogleich in Miethe nahm. Aber ſie gab ſich nicht eher zufrieden, als bis ſie auf einmal den Haus⸗ zins für ſechs Monate vorausbezahlt hatte, und als ich mir die Freiheit nahm, ihr zu ſagen, daß ſie das nicht thun ſollte, weil ſie leicht Reue bekommen könnte, da ward ſie bitterböſe auf mich. Und doch hat ſie das ſanfteſte Ge⸗ ſichtchen von der Welt! Ungeduldig ſprach ſie zu mir: Neh⸗ men Sie dies Geld, Sie müſſen es durchaus nehmen! Da dachte ich bei mir: vielleicht bildet ſie ſich ein, ich hätte keine Luſt, ſie zu mir ins Logis zu nehmen! Ich entgegnete ihr daher ganz unbefangen: Nun gut: ich hoffe, wann die ſechs Monate abgelaufen ſeyn werden, werden Sie die Wohnung für ein zweites Halbjahr miethen. Nein! ſagte ſie, ſechs Monate ſind genug. Was ſie da ſagte, war ſicherlich ganz natürlich; ich glaube aber, wenn Sie zugegen geweſen wären, hochwürdiger Herr, und es mit angehört hätten, ſo würd' es Ihnen vielleicht nicht ſo ganz natürlich erſchienen ſeyn. — Iſt das Frauenzimmer, von dem Sie reden, nicht in tiefer Trauer, und wohnt ſie nicht von Zeit zu Zeit dem Gottesdienſte in der Cathedrale bei? — Ja wohl!, hochwürdiger Herr, ganz recht, und ſie iſt immer ſchwarz gekleidet. Sie ſetzt ſich an den Pfeiler, wo Miſtreß Jones, Gott hab' ſie ſelig, die brave Frau! zu ſitzen pflegte, als ſie noch am Leben war. — Ich hab' es wohl bemerkt: ohne Zweifel iſt ſie krank und unglücklich. Iſt Ihnen vielleicht etwas von ihren Schickſalen bekannt? — Nicht das mindeſte, hochwürdiger Herr. Ich ſehe nur, daß ſie einen Trauring trägt, und daß ihr Geräthe mit einem E und einem M gezeichnet iſt. Und doch nennt ſie ſich Miſtreß Rodney. — Unterhält ſie ſich zuweilen mit Ihnen? — O ia, doch ſpricht ſie nicht viel mit mir. Vergan⸗ gene Woche brachte mir Joe Irving, der Gärtnerburſche von Clomley⸗Lodge, einen großen Blumenſtrauß— es waren Dahlien und chineſiſche Aſtern— zum Geſchenk. Ich trug die Blumen in das Zimmer der Miſtreß Rodney, während ſie in der Kirche war; ich ſetzte ſie in Krügen auf den Tiſch und das Kamin, wo ſie ſich gar hübſch aus⸗ nahmen. Als ſie nach Hauſe kam, ſchien ſie überraſcht, dankte und plauderte eine Zeitlang mit mir ganz munter. Während ſie ſo daſtand und ſprach, kroch ein Inſekt zwi⸗ ſchen den Blättern hervor; ich wollte es tödten, aber ſie hielt mich davon ab, indem ſie meine Hand ergriff. Und ſehen Sie, hochwürdiger Herr, ihre Hand war ſo glühend, wie eine der Kohlen da— und das Händchen iſt doch ſo weiß und ſo zart! Als ich ihr zu gleicher Zeit ins Geſicht ſchaute, be⸗ deckte Fieberröthe ihre Wangen und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie bleich ihre Lippen waren.— Sie ſind ſehr krank, ſprach ich zu ihr.„Ihre Hand glüht.“ Sie fuhr da⸗ mit an ihre Stirn und antwortete:„Ach nein, ich fühle keine Hitze.“ Sie ging hierauf ans Fenſter, obgleich das Wetter ſo kalt und unfreundlich war, wie dieſen Abend. Jetzt aber, und deshalb komme ich eben, hochwürdiger Herr, liegt ſie zu Bett und ich glaube wirklich, daß ſie ſehr krank iſt. — Wiel Iſt noch kein Arzt bei ihr geweſen — Nein! ſie will durchaus keinen annehmen. Als ſie ſich ſo ſchwach fühlte, daß ſie nicht mehr aufbleiben konnte, ſchickte ſie mich nach einer Krankenwärterin des Hoſpitals, und da Mary Evans grade unbeſchäftigt war— Mary Evans, das junge Mädchen, für die Sie voriges Jahr, als ſie den Arm gebrochen, mit ſo viel Güte ſorgten,— nahm ich ſie mit mir und ſie bedient Miſtreß Rodney ſeit zwei Tagen. — Verlangte ſie nie nach geiſtlichem Zuſpruch 2 — Ach, um es Ihnen nur zu geſtehen, hochwürdiger Herr, ich habe ihr den Vorſchlag gemacht. Geſtern war's, als Mary Evans und ich umſonſt in ſie gedrungen, uns den Arzt holen zu laſſen.„Nein, nein,“ ſagte ſie,„er kann mir nicht helfen.“ Und ſie fing zu weinen an, was ich früher noch nie bemerkt hatte.— Nun gut! antwor⸗ tete ich, wenn Ihnen der Arzt nicht helfen kann, ſo weiß ich doch Jemand, der es könnte.— Und wer denn? ſprach ſie, indem ſie ſich aufrichtete und mich mit betrübtem Blicke anſah.— Herr Lacy, Miſtreß, der Geiſtliche, der letzten Sonntag Nachmittag die Betſtunde hielt. Sie legte ſich wieder zurück, ohne mir zu antworten, als ob ſie etwas anderes erwartet hätte, und ich ſagte ihr weiter, daß Sie, hochwürdiger Herr, ein wahrer Heiliger, ein Martyrer, ein Licht der Kirche ſeyen, wie Johnny's Schulmeiſter ſagt. — Sachte! ſachte! meine gute Miſtreß Denley, ſeyn Sie vorſichtig in der Anwendung ſolcher Namen und Eigenſchaften. Weigert ſich denn Miſtreß Rodney, mich oder irgend einen anderen Geiſtlichen zu ſehen? — Ja hochwürdiger Herr, ſie bat mich, nicht mehr da⸗ von zu reden. — Das iſt wahrlich recht traurig! Ein junges Frauen⸗ zimmer, ohne Freunde, vielleicht gefährlich krank, wahr⸗ ſcheinlich mit irgend einem herben Seelenleiden kämpfend und welche dennoch den Troſt der Religion verſchmäht! ſprach Herr Lacy mehr zu ſich als zu Miſtreß Denley.— Haben Sie, fügte er hinzu, haben Sie nicht vielleicht Grund, zu vermuthen, daß die unglückliche Frau, obſchon ſie fleißig die Kirche beſucht, nicht unſerer Glaubensgemeinde angehöre? — Nein, hochwürdiger Herr, das glaub' ich nicht. Sie beſitzt ein Gebetbüchelchen, das ich zuweilen auf ihrem Tiſche liegen ſehe. — Nun, meine liebe Miſtreß Denley, ſagte Herr Lacy nach einem Augenblick der Ueberlegung, laſſen Sie uns zuſammen beten, daß Gott in ſeiner unendlichen Barmher⸗ zigkeit das Herz der jungen Frau lenke, damit ſie die Heilmittel nicht länger zurückweiſe, die Er ſelbſt uns vor⸗ geſchrieben. Morgen, wenn wir im Hauſe Gottes nie⸗ derſinken werden, um mit unausſprechlicher Wonne den Ruhm der trimphirenden Kirche zu feiern, wenn wir geden⸗ ken werden der Seligkeit Derer,„welche den ſteilen Weg zum Himmel erklommen unter Gefahren, Aengſten und Schmerz“ dann wollen wir mit inbrünſtigem Gebete uns zu Gott wenden, daß er dieſem leidenden Schafe der Heerde die Gnade verleihe, auf dem Wege zu wandeln, der ſeine Hei⸗ ligen zum Himmel geführt. — Ja, das wollen wir, hochwürdiger Herr, erwiederte die fromme alte Frau mit Thränen in den Augen. Wol⸗ len Sie es aber nicht einmal verſuchen, ſie zu ſprechen? — Ich kann ſie aber nicht wider ihren Willen beſuchen, antwortete Herr Lacy; aber ich will täglich vor Ihrem Hauſe vorübergehen, um mich nach ihrer Geſundheit zu erkundigen. Ich habe das feſte Vertrauen, daß die Stunde kommen wird, wo ſie ihre Thüre Denjenigen nicht mehr verſchließt, welchen der Herr die Vollmacht verliehen, den Unglücklichen Worte des Friedens und den Sündern Hoff⸗ nung auf Gnade und Vergebung zu bringen. Alles was Sie zu thun vermögen, um dieſen Augenblick zu beſchleu⸗ —— — — — ——.,— — — — — nigen werden Sie, ich weiß es, gewiß thun, meine brave Freundin. So leben Sie denn wohl, auf morgen! — Herzlichen Dank! hochwürdiger Herr. Der muß in der That eine ſchwere Laſt auf dem Herzen tragen, der dun Ihnen geht und ſich nicht erleichtert und getröſtet fühlt. Während ſie ſo ſprach, hüllte ſich Miſtreß Denley in ihren Wintermantel, nahm ihre Laterne und eilte durch die vuneln Straßen der alten Stadt nach ihrer Wohnung zurück. Am nächſten Morgen waren die Gedanken des Herrn Laey getheilt zwiſchen den ſanften Gefühlen, welche die heilige Feier des hohen Feſtages einzuflößen geeignet war, und der peinlichen Unruhe, welche die Unterredung vom vorigen Abend in ihm erweckt hatte. In der Kirche jedoch wich dieſe Unruhe und an ihre Stelle trat jene Samm⸗ lung, jene innige Andacht, worin ſich eine Zeitlang die Sorgen und Gemüthsbewegungen verlieren,„wie die Atome ſich verlieren im göttlichen Lichte“. Als von der Höhe der Kanzel der würdige Prieſter die immerwährende Gemeinſchaft der Heiligen im Himmel mit denen hienieden, das Band, welches die ſtreitende Kirche auf Erden mit der triumphirenden im Himmel verknüpft, in beredter Sprache ſchilderte, als er beſonders in Aus⸗ drücken der tiefſten Ehrfurcht und der heißeſten Liebe von unſerm Herrn Jeſus Chriſtus ſprach und betete, daß er ſelbſt und alle, die ſich an dieſem Tage im Gebete mit ihm vereinten, zu der von Gott beſtimmter Stunde in die Herr⸗ lichkeit Seiner Anſchauung eingehen, ihn immer eifriger verehren möchten in der Zeit wie in der Ewigkeit, da athmete jedes ſeiner Worte eine ſo innige, fromme Begei⸗ ſterung, daß die an heiliger Stätte verſammelten Gläubi⸗ Pn ihm mit einer Ehrfurcht zuhorten, in welche ſich die Empfindung eines frommen Schauers miſchte. Es ſchien ihnen, als ob der feurige Wagen des Elias den Redner ihren Augen entrückte, um ihn aus dem Schatten des irdi⸗ ſchen Heiligthums zur Herrlichkeit des neuen Jeruſalems, in die Gefilde des Himmels zu erheben. —ᷓ'ᷓᷓᷓ — — 10— Nach der Predigt blieb Herr Lacy ſo lange in brünſtigem Gebete, bis der letzte der Gläubigen ſich entfernt hatte. Als er langſam einen der Seitengänge der Kirche herabkam, verweilte er vor dem Platze, wo Miſtreß Rodney einige Tage zuvor geſeſſen hatte. Während er nachſann über das, was ihm Miſtreß Denley von der Fremden erzählt hatte, bemerkte er einige mit Bleiſtift auf den Pfeiler, auf den ſie ſich zu ſtützen pflegte, geſchriebenen Zeilen. Die Schriftzüge waren ſo undeutlich, daß er die größte Mühe hatte, ſie zu entziffern. Endlich gelang es ihm doch. Die Worte lauteten ungefähr: „Mein Herz blutet, mein Geiſt iſt verwirrt, meine Seele iſt von Schmerz niedergebeugt. Ich fühle mich hülf⸗ los und verlaſſen. Schreckbilder, ſchaurige Geſichter, Hohn⸗ gelächter umgeben mich. Tod, Finſterniß, Hölle treiben mich zum Abgrund des Wahnſinns.“ Es wäre ſchwer, die ſeltſame Gemüthsbewegung zu be⸗ ſchreiben, welche Herr Lacy empfand, als er die Ausdrücke einer Verzweiflung las, die ſo auffallend mit der Freude und dem Frieden im Widerſpruch ſtanden, von welchen ſein eignes Herz erfüllt war. Nach einigen Minuten der Ueberlegung zog Herr Lacy ein Bleiſtift und ein Stückchen Papier aus der Taſche und ſchrieb die Zeilen ab, die er ſo eben geleſen. Hierauf löſchte er ſie ſorgfältig von dem Pfeiler aus, und verließ die Kirche, indem er bei ſich über⸗ legte, auf welche Weiſe er wohl Zutritt bei Miſtreß Rod⸗ ney erhalten könne. Es ſchien ihm nicht unwahrſcheinlich, daß, wenn ſie erfahren könnte, daß er die Ausbrüche der Verzweiflung, womit ihn der Zufall bekannt machte, gele⸗ ſen hätte, ſie weniger abgeneigt ſein würde, ſeine Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Wie ſollte er ſie aber von die⸗ ſem Umſtand in Kenntniß ſetzen, ohne ihr Zartgefühl zu verletzen? Als er ſich vor dem Hauſe befand und an der Thüre geklopft hatte, war er noch unentſchloſſen, was er thun ſollte. Mary Evans, das junge Mädchen, welches Miſtreß Rodney bediente, erſchien auf der Schwelle und als Herr Lacy ſich nach der Geſundheit der Fremden er⸗ kundigte, antwortete ihm Mary: Nun hochwürdiger Herr, —— —— — 11=— ſie ſagt, ſie befinde ſich heute viel beſſer; ſie fühlt ſich ſo kräftig, daß ſie aufgeſtanden iſt und im Zimmer herum⸗ geht; aber ich glaube, dieſe Kraft iſt nur eine Fieberauf⸗ regung, denn ihre Wangen ſind roth wie Carmoiſin, und es ſcheint, als ſey ſie nicht im Stande, zwei Minuten auf derſelben Stelle zu bleiben.“ — Man hütte dieſe unbeſonnenen Kraftanſtrengungen heenern ſollen, bemerkte Herr Lacy; es kann ihr ſehr aden 4 — Wohl wahr, hochwürdiger Herr, aber da helfen keine Vorſtellungen, wenn ſie ſich einmal etwas in den Kopf ge⸗ ſetzt hat. Gewöhnlich iſt ſie ſo ſanft wie ein Lamm; ſie zankt niemals und beklagt ſich über nichts. Wandelt ſie aber irgend eine Laune an in Betreff eines Vorſchlags, den man ihr macht, oder eines Rathes, den man ihr ertheilt, ſo wird ſie bitterböſe. So eben noch ſagte ihr Miſtreß Denley, die Sie, hochwürdiger Herr, der Straße herab⸗ kommen ſah— Miſtreß Denley war hinaufgegangen, um nach dem Feuer zu ſehen,—„da kömmt Herr Lacy, Mi⸗ ſtreß Rodney; ich glaube, er wünſcht mit Ihnen zu ſpre⸗ chen.“ Da wandte ſie ſich unwillig um und ſagte:„Wenn man mich auf dieſe Art quält, ſo zieh' ich auf der Stelle aus.“ Und das ſagte ſie ſo ungeſtüm, daß Miſtreß Den⸗ ley vor Schreck den Kohlenkorb aus der Hand fallen ließ. Wollen Sie aber nicht hereinkommen, hochwürdiger Herr? — Nein, ich kam bloß, um mich nach der Geſundheit der Miſtreß Rodney zu erkundigen. Da ſie überdieß nach Allem, was Sie mir eben ſagten, durchaus nicht geneigt ſcheint, mich zu ſehen, ſo bin ich auch nicht Willens, deß⸗ halb bei ihr anfragen zu laſſen. Am nächſten Sonntage, einige Minuten nach dem Be⸗ ginne des Abendgottesdienſtes, bemerkte Herr Lacy, wie die arme, junge Frau, deren Schickſal ihm die ganze Woche über nicht aus dem Sinn gekommen war, leiſe an ihren gewöhnlichen Platz ſchlüpfte. Ihre abgemagerte Geſtalt und der Schimmer ihrer Wangen verriethen den raſchen Fortſchritt einer ſchlimmen Krankheit. Indem Herr Lacy die Stufen der Kanzel binanſtieg, bat er zu Gott, daß ſeine Worte die Kraft haben möchten, dem Herzen dieſer Frau ein Friedenszeichen und ihrem Geiſte einen Licht⸗ ſtrahl zu bringen. „Wenn das Herz des Menſchen blutet, ſprach Herr Lacy in ſeiner Predigt, auf die Worte anſpielend, die er auf dem Pfeiler geleſen hatte, und wenn ſein Geiſt ſich verwirrt, zu wem nimmt er dann beſſer ſeine Zuflucht, als zu dem, der geſagt:„Kommet alle zu mir, die ihr mühſelig und beladen ſeyd! Ich will euch erquicken.“— Wenn die Seele des Menſchen niedergebeugt iſt und er ſich hülflos und verlaſſen fühlt, an wen könnte er ſich wenden, als an den, welcher am Kreuze ausrief: „Mein Gott! mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen!“ Wenn Schreckbilder, wenn ſchaurige Geſichter den Menſchen verfolgen, an wen könnte er ſich zuverſichtlicher wenden, als an den, der in ſeiner Todesnoth ſeinen Schweiß in Blutstropfen zur Erde fallen ſah?— Wenn Hohn⸗ gelächter uns umtönt, zu wem ſollten wir fliehen, wenn nicht zu dem, der den bitterſten Spott und Hohn bis zum Kreuze erlitt, weil er, um Andere zu erlöſen, ſein Leben zum Opfer brachte? Wenn der Gedanke an den Tod, an die Hölle und an die Schrecken der Finſterniß des Menſchen Geiſt verwirren, bei wem wieder ſollte er Hülfe finden, wenn nicht bei dem, der dem Grabe ſeinen Sieg, dem Tode ſeinen Stachel, der Hölle ihre Beute ent⸗ riß? Bei dem, welcher ſtarb, aber nach drei Tagen wieder auferſtand, damit der Tod, die Hölle, die Finſterniß nie mehr des Menſchen Geiſt verwirren ſollten!“ Am Abende deſſelben Tages erhielt Herr Lacy folgendes Billet. Es ſchien nur mit Anſtrengung und in großer Eile geſchrieben; an einigen Stellen war es kaum lesbar. „Wenn Sie noch den Wunſch haben, mich zu ſprechen, hochwürdiger Herr; wenn Sie es nicht müde ſind, vergeb⸗ lich den Zutritt bei einer Perſon zu verlangen, welche nicht würdig iſt, den Staub von Ihren Füßen zu küſſen, ſo kommen Sie— ich bitte Sie jetzt ſelbſt darum. Sie haben heute mit mir geſprochen, obgleich Ihre Augen nicht auf mich ſahen. Ich ſah Ihnen ins Angeſicht und ich glaubte die Züge eines Engels zu ſehen. Als Ihr Mund die Worte ausſprach, die ich niedergeſchrieben hatte, glaubte ich eine Stimme vom Himmel zu hören; mein Herz ward gerührt; ich weinte, aber nicht, wie ich ſonſt weinte, Thrä⸗ nen, welche glühend heiß in den Augen brennen. Die Thränen, welche Sie mich weinen ließen, ſchienen das Eiſenband zu löſen, das meine Schläfen zuſammendrückte, und den Stein wegzuwälzen, der ſchwer auf meinem Her⸗ zen laſtete. Ich kam nach Hauſe und kniete vor meinem Bette nieder. Mein Gebetbuch war in meiner Hand, ich öffnete es und mein Blick fiel auf die Worte:„Das Gebot des Krankenbeſuches.“ Ich machte das Buch zu und hörte auf zu leſen. Herr Lacy, ich bin krank an Leib und an Seele. Wollen Sie zu mir kommen? Sie werden mich nicht fragen, warum mein Schmerz keinem andern Schmerze gleicht; aber Sie werden für mich und mit mir beten. Vielleicht ſagen Sie mir einige Worte wie die von heute Morgen, keine Worte des Troſtes, Worte der Hoffnung, aber Worte, daß ich wieder weinen kann, wie dieſen Morgen. Ellen.“ Am folgenden Tage gegen Mittag war Herr Lacy am Hauſe der Miſtreß Denley. Er trug ſein Gebetbuch und ſprach im Eintreten langſam die gewöhnlichen Segens⸗ worte:„Friede dieſem Hauſe, und Allen, die es bewohnen!“ Miſtreß Denley begleitete ihn die Stiege hinauf, öffnete das Zimmer, worin Ellen auf dem Sopha ruhte. Ihr Geſicht war bleicher als am Tage zuvor, aber eine plöͤtz⸗ liche Röthe überdeckte es, als Herr Lacy erſchien. — Seyn Sie mir willkommen, ſagte ſie, ihm ihre ab⸗ gezehrte, durchſichtige Hand entgegenhaltend. Sie ſind ſehr gütig, daß Sie mich beſuchen und auch Ihnen danke ich herzlich dafür(ſie wandte ſich zu Miſtreß Denley und Mary Cvans, welche neben ihr ſtanden), daß Sie mit uns behen wollen,— es ſind, glaub' ich, Antworten zu geben. Herr Lacy ſah wohl ein, daß ſie ängſtlich wünſchte, daß er ſogleich die heilige Handlung begänne, ohne zuvor eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen; und da er ſelbſt fühlte, — 14— daß keines ſeiner Worte einer vom Schmerz niedergebeug⸗ ten Seele einen ſo mächtigen Troſt bringen, oder ſo kräftig die Erkenntniß der Sünde in einem von Verbrechen und Gewiſſensbiſſen belaſteten Herzen erwecken könnte, als die Worte der Kirche, ſo kniete er neben Ellen nieder und las mit einer Rührung, wie er ſie vielleicht noch nie in der Ausübung ſeines Amtes empfunden, das feierliche Gebet, womit die göttliche Barmherzigkeit angerufen wird. Nach dem Gebet des Herrn, welchem Ellen ſich mit ſchwacher Stimme anſchloß, wiederholten Herr Lacy und die beiden Frauen, ihr gegenüber knieend, abwechſelnd, die ernſten und rührenden Worte der Litanei, welche unmittel⸗ bar auf das Gebet folgt. Es lag etwas in dieſen Anrufungen, das auf eine über⸗ raſchende Weiſe mit dem innern Seelenzuſtand Ellen's übereinzuſtimmen ſchien. Als der Prieſter ſagte: daß der Feind keine Macht über ſie haben möge, erbebte ſie unwillkürlich und ſchaute mit Blicken voll Angſt und Schrecken um ſich her, während die Frauen antworteten: und daß die Böſen ſich ihr nicht nahen, um ihr zu ſchaden. Als die Worte: fern vom Angeſichte ihres Feindes ausgeſprochen wurden, verbarg ſie ihr Geſicht iu ihren Händen und ein leichter Schauer durch⸗ fuhr ihre Gieder. Nach einer Pauſe las Herr Lacy die folgenden Gebete, hierauf erhob er ſich und richtete an Ellen die ſchöne und rührende Ermahnung, welche einen Theil dieſer Andacht bildet. Aber am Schluſſe derſelben, nach den Worten: In Betracht, daß wir nach die⸗ ſem Leben dem höchſten Richter Rechenſchaft geben müſſen, welcher alle richtetohne Anſehen der Perſon, forderte Herr Lacy Ellen auf, aufmerkſam ihren Seelenzuſtand, in Anſehung Gottes und in Anſehung der Menſchen, zu prüfen, damit ſie, ſich ihrer Sünden an⸗ klagend, bei dem himmliſchen Vater Erbarmen fände, um der Liebe Jeſu Chriſti willen. Ellen erzitterte. Der ehr⸗ würdige Prieſter ſprach hierauf das apoſtoliſche Glaubens⸗ bekenntniß, und als er ſie fragte, ob ſie feſt von der Wahr⸗ heit deſſelben überzeugt ſey, bejahte ſie dies, ſich verbeugend. Herr Lacy war endlich zu dem feierlichen Momente ge⸗ kommen, wo er kraft ſeines heiligen Amtes zu unterſuchen hatte, ob ſie ihre Sünden wahrhaft bereue und mit Jeder⸗ mann ausgeſöhnt ſey. Als er ſie ermahnte, von Grund ihres Herzens denen zu verzeihen, von welchen ſie beleidigt worden, ihrerſeits die um Verzeihung zu bitten, welche ſie ſelbſt gekränkt haben könnte und den zugefügten Schaden wie das Unrecht nach Kräften wieder gut zu machen, be⸗ diente ſich der Mann Gottes ernſter und ſtrenger Worte, die jedoch durch den Ton chriſtlicher Liebe, womit er ſie ſprach, gemildert wurden. Ellen's Lippen aber erwiederten nichts mehr; ſie kehrte ihr Geſicht nach der Wand und, mit den Worten der heiligen Schrift zu reden:„ſie ſchrie zum Herrn und weinte.“ Herr Lacy gebot nun der Miſtreß Denley und Mary Evans, ihn mit Ellen allein zu laſſen, ſich aber nicht weit zu entfernen, um im Falle ihre Gegenwart nöthig würde, gleich bei der Hand zu ſeyn. Als die Thüre geſchloſſen war, nahm Herr Lacy das Wort:„Ihr Gewiſſen iſt von irgend einer ſchweren Schuld belaſtet und“, fügte er hinzu,„Ihre Seele ſcheint der Ge⸗ walt eines heftigen Schmerzes zu erliegen“; denn der herz⸗ zerreißende Ausdruck ihres Geſichtes, welches ſie ihm plötz⸗ lich zukehrte, offenbarte die ganze Größe ihres Leidens. „Vielleicht auch hat man ſich mehr an Ihnen verſündiget, als Sie gegen Andere geſündiget haben; vielleicht ruht die Hand böſer Menſchen ſchwer auf Ihnen; vielleicht wollten Sie, ſo jung Sie auch ſind, ausfliegen wie die Taube, um dann auszuruhen: Sie irrten durch die Wüſte dieſer Welt, ohne eine Ruheſtätte zu finden.“ Ellen flüſterte mit ſchwacher Stimme: Es gibt keine Ruhe für den Sünder! — Doch Vergebung für die Reuigen und Ruhe für die, welchen Gott verziehen, erwiederte der Geiſttliche. — O! rief Ellen, indem ſie die Hand wider die Stirne drückte, ich kann nie auf die Verzeihung Gottes hoffen. Zuweilen, hochwürdiger Herr, öffnete ich die Bibel. Ich fand darin Worte der Gnade, Worte der Barmherzigkeit, =— 16— Worte der Hoffnung, und, einen Augenblick lang, ſchienen ſie meiner Seele Erleichterung zu bringen; aber der Geiſt der Finſterniß, der in mir iſt, ſprach leiſe zu mir:„Für dich ſind ſie nicht niedergeſchrieben! nein, nicht für dich!“ O allmächtiger Gott! wann darf ich glauben, daß Du mir verziehen haſt? — Alsdann, wenn Sie frei von Stolz, frei von Men⸗ ſchenfurcht, in tiefſter Demuth, Ihrer eigenen Einſicht miß⸗ trauend, ein aufrichtiges Bekenntniß Ihrer Sünden vor einem Diener des Herrn, einem Prieſter abgelegt, der, wenn Sie nur feſten Glauben und wahre Reue haben, Sie von all Ihren Vergehen losſprechen kann, kraft der Vollmacht, welche ihm von unſerm Heilande Jeſus Chriſtus verliehen worden. Ellen vernahm in tiefem Schweigen dieſe mit feierlicher Stimme ausgeſprochenen Worte; Herr Lacy unterbrach ſie nicht in ihrem Nachdenken, worin ſie lange verſunken blieb. Endlich reichte ſie ihm die Hand und ſagte:„Ich glaube, ich hoffe, daß eine Veränderung in mir vorgegangen iſt. Eine Menge Gedanken, die mir früher nie in den Sinn gekommen, drängen ſich in meinem Geiſte und Alles fängt an, mir in einem neuen Lichte zu erſcheinen. Vielleicht ſind dies Vorboten des Todes, deſſen Nahen ich ſeit geſtern mächtig empfinde. Für Solche, die wie ich gelitten, wäre der Tod nicht furchtbar, wenn er nicht im efolge ſeiner Schreckniſſe erſchiene! Ich habe oft gewünſcht: könnt' ich⸗ einſchlafen und nie wieder erwachen! aber jetzt, jetzt, wo ich den Tod in ſeiner furchtbaren Wirklichkeit vor mir ſehe, möchte ich ihm entfliehen und dennoch kann ja nur die kalte Hand des Todes mein ſtürmiſch klopfendes Herz be⸗ ruhigen und ihm lehren, weniger leidenſchaftlich zu lieben, weniger unverſöhnlich zu haſſen!.. Verzeihen Sie mir, hochwürdiger Herr. O wenden Sie ſich nicht ab von mir, ich beſchwöre Sie! Gott ſandte Sie mir als einen Engel des Erbarmens, nicht als einen Diener ſeines Zorns. Sie ermahnten mich, meine Fehler zu bekennen; nun, ich werde gehorchen, ich will mich auf den Knien vor Ihnen als Sünderin anklagen.“— Und Ellen, trotz der Bemühungen des Geiſtlichen, ſie davon abzuhalten, warf ſich nieder auf die Knie, einen Strom von Thränen vergießend. Er hob ſie wieder auf, führte ſie nach dem Sopha und ermahnte ſie mit einer Stimme voll Würde, ihren Schmerz zu mä⸗ ßigen und Herr ihrer ſelbſt zu werden. Sie gehorchte und nach einigen Minuten fuhr ſie ruhiger fort:„Ich kann meine Vergeyen nicht bekennen, ohne die ganze Geſchichte meines Lebens zu erzählen; mein Verbrechen und mein Unglück ſind ſo eng mit einander verbunden, daß ſie nicht getrennt werden können; aber ich werde nichts vor Ihnen verheimlichen. Sie ließen einen Engel des Friedens und der Hoffnung vor meinem Geiſte erſcheinen; vielleicht wer⸗ den Sie, wenn Sie die Qualen kennen, die ich erlitten, mich, ſo ſchuldig ich auch ſeyn mag, nicht gänzlich der Verzeihung unwürdig halten.“ — Niemand iſt in den Augen unſeres göttlichen Erlöſers der Verzeihung unwürdig, entgegnete Herr Lacy; keiner wenigſtens von denen, die von Grund des Herzens be⸗ reuen und um ſeine Gnade flehen; aber erinnern Sie ſich, daß wir verzeihen ſollen, wie wir hoffen, daß der Allmäch⸗ tige uns verzeihen wird. — Seitdem ich Sie geſehen und gehört habe, antwortete Ellen, kann ich beten, wag' ich zu beten und ich will Gott znrufen, daß er mein Her; ändere, daß er mich lehre, zu verzeihen, wie er mir, hoff' ich, verzeihen wird. Da ich mich aber heute zu ſchwach fühle, um viel zu ſprechen und ich mein Herz ohne Rückhalt vor Ihnen ausſchütten will, ſo übergebe ich Ihren Händen meine Lebensgeſchichte, die ich in langen Tagen der Einſamkeit, in langen ſchlaf⸗ loſen Nächten niedergeſchrieben habe. Sie wird alle Ge⸗ heimniſſe meines Herzens enthüllen: ſie enthält die voll⸗ ſtändigſte Beichte, die ich ablegen kann. Nachdem Sie ſie geleſen haben werden, hochwürdiger Herr, werden Sie wieder zu mir kommen. Währenddem wird vielleicht die göttliche Gnade den Sturm beſänftigt haben, der mein Inneres noch durchtobt und ich werde im Stande ſeyn, aus Ihrem Munde die heiligen Worte der Abſolution zu vernehmen.. 1 2 Das Manuſcript, welches Herr Lacy mit nach Hauſe nahm, enthielt folgende Geſchichte. I. Ich ward geboren und erzogen im Hauſe meines Onkels, des Herrn Middleton, eines der älteſten und reichſten Edel⸗ leute der Gräafſchaft D. Er hatte meine Mutter mit zärt⸗ licher Liebe aufgenommen, als ſie aus Indien zurückkehrte, wo ſie ihren Gatten und das älteſte ihrer Kinder verloren hatte; meine Mutter war die jüngſte ſeiner Schweſtern, und die, welche er am meiſten liebte. Nachdem ſie einer Tochter das Leben gegeben, nahm ihre Geſundheit ſchnell ab, und ſie ſtarb, indem ſie das hülfloſe Kind dem Schutze ihres Bruders hinterließ. Herr Middleton hatte ſich feſt vorgenommen, mich wie ſeine eigne Tochter zu erziehen, und, wie es bei den meiſten im Stillen gefaßten Vorſätzen der Fall iſt, hielt er mit einer religiöſen Gewiſſenhaftigkeit ſein Gelübde. Zur Zeit meiner Geburt war mein Onkel ungefähr vierzig Jahre alt. Er war ein Landedelmann im vollſten und im ſchönſten Sinne des Worts. Für das Wohl ſeiner Pächter beſorgt, auf Verbeſſerung ſeiner Ländereien bedacht, voll Eifer als Gerichtsherr, thä⸗ tig als Gutsbeſitzer, wohlthätig gegen Arme, gaſtfrei gegen Reiche, beſaß er mit vollem Rechte die Liebe ſeiner Nach⸗ barn und die Achtung der ganzen Grafſchaft. Als Jüng⸗ ling lernte er die Tochter eines Geiſtlichen kennen, deren ſeltene Vorzüge und edler Charakter ihm die zärtlichſte Neigung für ſie einflößten. Sie lebte in der Gegend von Elmsley. Ihr Vater widerſetzte ſich ſechs Jahre lang ſeiner Verbindung mit Miß Selby. Als nach Verlauf die⸗ ſer Zeit mein Onkel eine nur mit Widerwillen gegebene Einwilligung erhielt, war es zu ſpät zur Erfüllung ſeiner Wünſche. Das Mädchen, das der Gegenſtand derſelben war, unterlag einer unheilbaren Schwindſucht. Die weni⸗ gen Tage, welche ſie noch zu leben hatte, ſuchte er ihr durch Beweiſe der innigſten Zärtlichkeit zu verſüßen und 34 — 19— fall in Anſpruch nahm. 3 So jung ich auch war, ſo fühlte ich doch dieſen Mangel an Theilnahme von Seiten der einzigen Perſon, die ſich wahrhaft für mein Wohl intereſſirte, und ich hätte es weit lieber ertragen, von ihm, wenn ich gefehlt, einen weniger Pulinden Verweis zu erhalten, um nur ein ſchmeichelhaftes ob zu hören, wenn ich daſſelbe verdient hatte.. 4 2 Ich entſinne mich nicht, vor meinem ſechſten Jahre für irgend Jemand eine beſondere Neigung gefühlt zu haben. Durch zufällige Umſtände wurde mit den Gouvernanten, deren Aufſicht ich anvertraut war, ſo oft gewechſelt, daß ich nicht Zeit fand, mich an eine unter ihnen mit beſonderer Vorliebe anzuſchließen. Was meinen Onkel betrifft, ſo hätte er ſich, glaub' ich, von Elmsley ganze Tage, ja Wochen und Monate entfernen können, ohne daß ich mich darum einſamer oder verlaſſener gefühlt hätte! Er ent⸗ fernte ſich in der Regel ſelten vom Hauſe, doch war er einſt drei Monate lang abweſend. Wenige Tage vor ſei⸗ ner Rückkehr eröffnete mir meine Gouvernante, daß er ver⸗ heirathet ſey, und daß ich bald meine neue Tante ſehen würde. Dieſe Nachricht machte mir weder Freude noch Kummer: Neugierde war das einzige Gefühl, mit der ich dem Tag entgegenſah, welchen alle Leute im Hauſe meines Onkels mit ſo lebhafter Ungeduld erwarteten. Sobald Miſtreß Middleton angekommen war, ward ich ſogleich zu ihr gerufen. Die gewinnende Anmuth ihres Benehmens, die liebkoſenden Worte, mit denen ſie mich empfing, die Rührung, welche ihre Züge verriethen, waren für mich eine ſo überraſchende, ungewöhnliche Erſcheinung, daß ich glaubte, es ſey ein Weſen aus einer andern Welt zu uns gekommen. Es lag etwas Himmliſches in dem Ausdruck ihres Angeſichtes, etwas ſo Originelles in ihrer Sprache, ſo Bezauberndes in ihrer Fröhlichkeit, die unwiderſtehlich anzog. Fühlte ſie Rührung oder Kummer, ſo entſtrömten unwillkürlich Thränen ihren Augen und benetzten ihre Wangen, ohne ihr Antlitz auf jene unangenehme Weiſe zu entſtellen, die ſich gewöhnlich beim Weinen kundgibt. Ich liebte ſie vom erſten Augenblicke an, wo ich ſie ſah, und mein jugendliches Herz ſchloß ſich mit der ganzen Gewalt des Gefühls an ſie an, welches während meiner erſten Lebensjahre in meinem Buſen ſchlummerte. Wie durch einen wunderbaren Zauber fühlten wir uns gleich beim erſten Anblick zu einander hingezogen. Meine Tante be⸗ durfte des Mitgefühls wie der Luft zum Athmen, und was ihr ſelbſt dringendes Bedürfniß war, gewährte ſie auch an⸗ — 221— dern in vollem Maße. Ich habe nie Jemanden in meinem Leben gekannt, der ſo in die Empfindungen derer einzu⸗ gehen vermochte, mit welchen er umging. Vielleicht war meine Tante im Grunde mehr geſchaffen, Glück um ſich her zu verbreiten, als es ſelbſt lebhaft mit⸗ zuempfinden, und Andern Gefühle einer Liebe einzuflößen, die exaltirter waren als die ihrigen. Wie dem auch ſeyn mag, mit ihrem Erſcheinen im Hauſe meine Onkels begann eine neue Epoche meiner Jugendgeſchichte, während den ſechs oder ſieben Jahren, die auf die Heirath des Herrn Middleton folgten, war ich ſo glücklich, wie es ein Sterblicher nur wünſchen kann. Ungefähr ein Jahr nach dieſem Ereigniß gebar Miſtreß Middleton eine Tochter; aber weit entfernt mein Glück zu beeinträchtigen, trug die⸗ ſer Umſtand nur zur Erhöhung deſſelben bei. Meine Tante war keine Frau, die im Stande war, ſich einzig und allein der Sorge für die Pflege eines Kindes zu widmen, und obgleich ſie entzückt war über die Geburt ihres Töch⸗ terchens, ſo that dieſe der Liebe zu mir doch nicht den mindeſten Eintrag! Ich kannte keine angenehmere Be⸗ ſchäftigung, als die kleine Julie zu überwachen, mit ihr zu ſpielen und für ihre Unterhaltung Sorge zu tragen. Ich entſinne mich nicht, jemals bis zur Zeit, wo ſie acht und ich fünfzehn Jahr zählte, ihretwegen die geringſte Anwand⸗ lung von Eiferſucht gefühlt oder wirklichen Grund dazu gehabt zu haben. Miſtreß Middleton wandte viele Sorgfalt auf meine Erziehung, beſonders was die Zweige des Wiſſens betraf, welche mit ihrem Geſchmack und dem meinigen im Einklang ſtanden, denn einer unwillkürlich in ihr erwachten Neigung oder dem Eindruck des Augenblicks ſich mit Heftigkeit hinzu⸗ geben, war zugleich die reizendſte und gefährlichſte Eigen⸗ thümlichkeit des Charakters meiner Tante. Sie konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, mich, vielleicht allzu früh⸗ zeitig, mit geiſtigen Beſchäftigungen vertraut zu machen, welche die Einbildungskraft feſſeln und das Gefühl anregen. Wir lernten zuſammen das Deutſche und JItalieniſche; die Geſchichte in ihren dramatiſchſten Theilen, die Pveſie in ihren anziehendſten und zauberiſchſten Werken, füllten die dem Leſen gewidmeten Stunden aus. Eine Unterhaltung mit meiner Tante aber hatte nicht minderen Reiz als eine in ihrer Geſellſchaft vorgenommene Lecture. Ihre Bemer⸗ kungen waren ſtets originell, ſie ſcheute ſich nicht, ihre Meinung, ſo ſeltſam ſie auch ſeyn mochte, unumwunden auszuſprechen. Bloß Conventionelles ließ ſie nie gelten. Wäre hu Shanade nicht einer der edelſten, ihre Seele eine der peinſten geweſen, welche je einem weiblichen Weſen zu Theil geworden, ſo würde vielleicht die Kühnheit ihrer Anſichten und die faſt verwegene Aufrichtigkeit, womit ſie alles für wahr erkannte und bekräftigte, was ihr wahr er⸗ ſchien, Schrecken eingeflößt haben. Wäre ſie von Perſonen umgeben geweſen, deren Anſichten und Gefühle mit den ihrigen übereingeſtimmt hätten, ſo würde ſie mich wahr⸗ ſcheinlich nur wie ihre Schülerin und Geſellſchafterin, und nicht wie ihre liebſte Freundin behandelt haben. Sie hätte mich dann nicht zur Vertrauten aller ihrer Gedanken mit einer unbegrenzten Hingebung gemacht und nicht daran gewöhnt, mich für unentbehrlich zu ihrem Glücke zu halten. Allein in Elmsley hatte ſie wohl Nachbarn und Bekannte, aber keine Freunde. Ich allein vertrat demnach deren Stelle und die unausſprechlichen Genüſſe, welche mir der fort⸗ währende Umgang mit einer Perſon gewährte, der ich mit der zärtlichſten Liebe ergeben war, erweckten in mir einen Trieb, der ganz geeignet war, die natürlichen Fehler des Alters, in dem ich damals ſtand, zu mildern und zu beſſern, aber auch auf meinen Charakter einen für mein künftiges Glück wenig günſtigen Einfluß auszuüben. Vollkommen von ihrer Vorliebe für mich überzeugt, und nicht im Stande zu verkennen, daß Julie ein wenig liebenswürdiges Kind war, und daß der Geſchmack und die natürliche Gemüths⸗ beſchaffenheit meiner Tante, mit dem kalten, trägen, egoi⸗ ſtiſchen Weſen, das ihre Tochter kundgab, durchaus im Widerſpruch ſtanden, zweifelte ich nie einen Augenblick, daß ihre Neigung zu mir bei weitem ſtärker und inniger wäre, als die, welche ſie für ihr eigenes Kind fühlte. Oft be⸗ klagte ſie ſich bei mir, daß Julia ſo wenig für die Zukunft — 23— hoffen ließe, daß ſie weder eine hervorragende Eigenſchaft des Geiſtes noch des Charakters offenbare. Sie könne, bemerkte ſie, nicht darauf rechnen, bei ihrer Tochter jene natürliche Sympathie, jene unbegrenzte Zärtlichkeit wieder⸗ zufinden, welche über die kleinſten Einzelnheiten unſres Zu⸗ ſammenlebens einen ſo wohlthätigen Reiz verbreiteten. Die dem Menſchen angeborene Eigenliebe, verbunden mit der unduldſamen Natur jedes leidenſchaftlichen Gefühls, ließ mich dieſe Beſorgniſſe der Mutter mit einer beimlichen Freude anhören, indem ich bei mir ſelbſt d ehäſſige derſelben zu beſchönigen ſuchte. Ich überredete mich, daß ich mich nur aus inniger Zärtlichkeit für meine Tante dar⸗ über freue, eine ſolche Stelle in ihrem Herzen einzunehmen, daß ſie weniger ſchmerzlich berührt würde, wenn ſie ſich durch das abſtoßende Weſen meiner Couſine in ihren Er⸗ wartungen getäuſcht finden müßte Die glücklichſten Jahre meines Lebens gingen ſchnell vor⸗ über. Ich war fünfzehn Jahre alt und, zur Jungfrau her⸗ angereift, ward ich zum erſtenmale der Geſellſchaft vorge⸗ ſtellt, die ſich zuweilen in Elmsley verſammelte. Sie be⸗ ſtand meiſt aus einigen Verwandten meines Onkels und der Miſtreß Middleton, welche von Zeit zu Zeit einige Wochen lang im alten Herrenhauſe meines Onkels verweilten. Das Leben in demſelben wurde bald lebendiger und unter⸗ haltender als gewöhnlich. Eduard Middleton, der Sohn eines zweiten Bruders meiner Mutter und Heinrich Lovell, ein jüngerer Bruder meiner Tante, beide Stu⸗ diengenoſſen und unzertrennliche Gefäbrten, gehörten zur Zahl derer, welche uns am häufigſten beſuchten. Der Letz⸗ tere hatte ſeine Mutter mehrere Jahre vor dem Zeitpunkte verloren, von welchem ich ſpreche, und ſein Vater, der ein Staatsamt bekleidete, das ihn nöthigte, faſt ununterbrochen in London zu bleiben, pflegte Heinrich alle Jahre nach Elmsley zu ſchicken, um daſelbſt die Ferienzeit zuzubringen. Zu Elmsley war es auch, wo er zuerſt mit Eduard Midd⸗ leton zuſammentraf und mit demſelben einen innigen Freund⸗ ſchaftsbund ſchloß, ſo daß man ſie auf der Hochſchule wie in Elmsley ſtets zuſammen ſah. Doch, was nicht ſelten — 24— bei den innigſten Freundſchaftsverhältniſſen der Fall iſt, harmonirten 8 ſo wenig in Anſichten und Neigungen, daß es ſchwer zu begreifen war, wie der wechſelſeitige Umgang ihnen Vergnügen gewähren konnte Der fernere Verlauf meiner Erzählung erheiſcht, daß ich in eine genauere Schilderung der beiden jungen Leute und der ſehr verſchiedenartigen Empfindungen eingehe, die ſie mir einflößten. Sie waren beide einige Jahre älter als ich; aber der Unterſchied war nicht ſo groß, daß ich ſie nicht als Freunde und Jugendgenoſſen hätte betrachten können. Sie hatten beide zwei oder drei Jahre vor der Zeit, von welcher die Rede iſt, die Univerſität Orford ver⸗ laſſen. Heinrich Lovell glich ſeiner Schweſter, der Miſtreß Midd⸗ leton, in vieler Hinſicht; in anderer Beziehung war er aber wieder ſehr verſchieden von derſelben. Man fühlte ſich zu ihm mit gleicher Gewalt hingezogen wie zu meiner Tante, und es lag ein unwiderſtehlicher Zauber in der Le⸗ bendigkeit und dem Feuer ſeines Geiſtes, in der überſpru⸗ delnden Fröhlichkeit, die aus ſeinen Augen ſtrahlte, die ſich in jeder ſeiner Bewegungen und allen ſeinen Worten aus⸗ ſprach. Er beſaß, wie ſeine Schweſter, die Gabe, Aller Herzen zu gewinnen und zu feſſeln, aber er war ſich dieſer Gabe bewußt und machte von derſelben ſtets zu beſtimmten Zwecken Gebrauch, während jene natürlich wirkte, wie das Murmeln der Quelle, der Geſang der Vögel, die Freuden der Kindheit. Beide erkannten mit dem feinſten Scharfſinn das Lächerliche. Doch war der Spott meiner Tante nie bösartig. Sie zeigte ſich eben ſo ſtreng gegen ſich wie ge⸗ gen Andere, und obſchon ſie die Beweggründe ihrer Hand⸗ lungen durchſchaute, ſo urtheilte ſie doch mit Wohlwollen und war nicht weniger bereit, das Schlimme in ihrem eigenen Herzen zu ſuchen, als ihr Bruder es in dem Her⸗ zen Anderer zu finden glaubte. Heinrich's Lächeln hatte einen ironiſchen Ausdruck und ſeine Aeußerungen waren ſtets bitter. Hätte man ihn nicht liebenswürdig gefunden, ſo würde er haſſenswerth erſchienen ſeyn. Man durfte ihn entweder gar nicht lieben, oder mußte ihn leidenſchaft⸗ —— — 25— lich lieben, denn nur die Leidenſchaft allein vermochte dem herzertödtenden Einfluß ſeines Egoismus zu widerſtehen. Er verſtand ſehr gut die Sprache des Gefühls, die Theorie des Enthuſiasmus; er wußte von Allem zu reden, was rein, was liebenswürdig iſt, was Bewunderung verdient. Wenn von einer Tugend geſprochen wurde, wenn Lobſprüche zu ertheilen waren, wußte er ſogleich mit Beredtſamkeit und Kunſt das Wort zu führen. Er war dann in ſeinem Element, zum wenigſten, was die Unterhaltung betraf, denn hinſichtlich der verſchiednnen Nuancen menſchlicher Ge⸗ fühle und Gemüthsbewegungen, ſo faßte ſein Verſtand auf, was ſein Herz unfähig zu fühlen war. Zu der Zeit, von der ich ſpreche, als er und Eduard Middleton die beiden Perſonen waren, welche meine Ge⸗ danken und meine Phantaſie am meiſten beſchäftigten, hätte ich kaum vermocht, mir genaue Rechenſchaft zu geben von dem, was ich von jedem insbeſondere dachte. Für Eduard empfand ich eine unwillkührliche, faſt ſcheue Achtung, welche es mich vermeiden ließ, in ſeiner Gegenwart eine Meinung oder ein Gefühl kundzugeben, das er hätte tadelnswürdig finden können. Er ſchien geneigt, ſich mit beſonderer Strenge über mich auszuſprechen, und oft fühlte ich mich verletzt von dem kalten Ernſte ſeines Benehmens, beſonders wenn ich ihn mit dem gleichgültigen Lächeln verglich, wo⸗ mit er die beißendſten Spöttereien Heinrich Lovell's an⸗ börte, welche, meiner Meinung nach, unendlich tadelnswür⸗ diger waren, als die unüberlegten, dem leichten Sinne meines Alters entſchlüpften Aeußerungen. Eine Art von bangem Gefühl beherrſchte mich endlich in Eduard's Nähe und ich konnte der unwiderſtehlichen Anziehungskraft nicht entrinnen, welche der Schwung ſeines Geiſtes und ſeiner Sprache auf alle die ausübten, welche in Berührung mit ihm kamen. Im Sommer des Jahres 18.. wurde meine Couſine Julie von einer langen und ſchweren Krankheit überfallen: einige Tage ſogar zweifelte man an ihrem Aufkommen. Damals hatte ich zum erſten Male in meinem Leben Ge⸗ legenheit, den Ausdruck herzzerreißender Angſt auf dem Ge⸗ — 26— ſichte derjſenigen wahrzunehmen, welche ich am innigſten liebte. Der Schmerz der Miſtreß Middleton ſchien mir ſogar außer allem Verhältniſſe mit dem Grade von Zu⸗ neigung zu ſtehen, welche ſie bis dahin für ihre Tochter offenbart hatte, denn ihre Verzweiflung äußerte ſich ſo aus⸗ ſchweifend, ſo überſpannt, daß ſie mich aufs höchſte über⸗ raſchte und tief verletzte. Lange Zeit nachher gerieth ich auf den Gedanken, es könnten Vorwürfe des Gewiſſens in ihr erwacht ſeyn, weil ſie mich ſo lange ihrer Tochter vor⸗ ezogen, und dieſe Vorliebe ſo offen an den Tag gelegt Basts, daß ihre Kälte und Gleichgültigkeit gegen dieſelbe Jedermann auffallen mußte. In den erſten Tagen der Krankheit Julia's kam ich freilich nicht auf dieſe Vermu⸗ thung; ich erſtaunte nur über die Stärke und Lebhaftigkeit eines Gefühls, wie es ſich nie zuvor in ſolchem Grade ge⸗ äußert hatte. Nach mehreren unruhvollen Tagen fing meine Couſine an, ſich etwas zu erholen; nach und nach genaß ſie wieder, doch erfreute ſie ſich nicht ganz der kräftigen Geſundheit, welche bis jetzt ihre Entwickelung begünſtigt hatte. Mit unermüdlicher Sorgfalt widmete ſich meine Tante der Pflege ihrer Tochter. Sie wachte geduldig bei ihrem Kinde, be⸗ friedigte jeden ſeiner Wünſche, gab jeder Laune deſſelben nach. Juliens Charakter, der nie liebenswürdig geweſen, wurde täglich unerträglicher. Die ganze Nachſicht einer Mutter gehörte dazu, um alle die ſeltſamen Launen und Unarten zu ertragen. Für mich hatte ſie nie eine beſondere Neigung kundgegeben, aber ſeit ihrer Krankheit trat eine entſchiedene Abneigung an die Stelle der Gleichgültigkeit. Nichts was ich ſagen oder zu ihrem Vergnügen erſinnen konnte, wurde mit Dank und Wohlgefallen aufgenommen. Wenn ſie meiner Aufſicht anvertraut war, ſo ſchien ſie nur darauf auszugehen, das zu thun, was ich ihr zu verbieten und zu wehren ſchuldig war und bei dem geringſten Wider⸗ ſtreben meiner Seits, brach ſie in ſolchen Zorn aus, fing dermaßen zu ſchreien und zu weinen an, daß ihre Mutter ſogleich herbeieilte, und ſie oft in einem ſolchen Zuſtande nervöſer Aufregung und, in Folge ihrer Heftigkeit, ſo bleich — 27— und erſchöpft fand, daß lange Zeit vorüber ging, bis ſich meine Tante von ihrem Schrecken erholt und ihre gewöhn⸗ liche Heiterkeit wiedergewonnen hatte. Ich kann mit gutem Gewiſſen behaupten, daß ich mir alle erdenkliche Mühe gab, die Liebe meiner jungen Couſine zu gewinnen, und daß ich ſelten eine Klage oder gar ein Zeichen des Unwillens ent⸗ ſchlüpfen ließ, obgleich meine Geduld täglich und ſtündlich auf die härteſten Proben geſtellt wurde. Ich bemerkte einige Mal einen Ausdruck von Unzufrie⸗ denheit auf dem Geſichte der Miſtreß Middleton, als ſie Juliens heftiges Schreien bei einer der Veranlaſſungen ge⸗ hört hatte, von welchen ich eben ſprach. Nicht ſelten mußte ich ſogar wahrnehmen, wie ſich ihre Stirne umwölkte, und ihr Benehmen ſich in dem Augenblick plötzlich änderte, da ſie im Begriff war, eines jener zärtlichen Worte an mich zu richten, womit ſie mich anzureden pflegte. Doch war ich von ihrer Liebe zu ſehr überzeugt, ſie hatte mir dieſelbe durch Worte, Blicke und Handlungen während vieler Jah⸗ ren ſo deutlich zu erkennen gegeben, daß ich eher an der Wärme und dem Glanz der Sonne, als an der innigen Liebe meiner Tante gezweifelt hätte. Ich komme nun zu einem Zeitpunkte meines Lebens, deſſen Begebenheiten, in ihren allerkleinſten Nebenumſtän⸗ den, meinem Gedächtniſſe gegenwärtig blieben, als wenn ſie mit einem glühenden Eiſen in mein Gehirn eingedrückt worden wären. Muthig will ich auch die geringſten Ein⸗ zelnheiten des verhängnißvollen Tages erzählen, welcher aus einem glücklichen Kinde, das ich war, das unglücklichſte Geſchöpf machte. Eine genaue Beſchreibung der Priorie Elmsley iſt zum Verſtändniß der folgenden Erzählung unumgänglich nöthig. Das Haus war vormals ein Kloſter und lag auf dem Gipfel einer ſehr ſteilen Anhöhe. Das Gebäude, von un⸗ regelmäßiger Form, ſchien nach und nach erweitert worden zu ſeyn, in dem Verhältniſſe, als ſich die Zahl der Mönche vermehrte. Eine Veranda, eine Art Balcon oder äußere Galerie in morgenländiſchem Styl, aber in neuerer Zeit — 28— errichtet, folgte den Krümmungen des alten Gebäudes; während ſie an dem einen äußerſten Ende in gleicher Linie mit dem Boden hinlief, beherrſchte ſie an dem andern einen tiefen Abgrund. Dieſer erſtreckte ſich bis an den Rand eines reißenden Stromes, deſſen Wellen ſich ſchäumend am Fuße des Berges brachen, auf welchem das Hgaus erbaut war. Auf dieſer Seite lief die Galerie bis zu einer ſteilen Treppe aus, deren ungleiche, ſteinerne Stuſen ganz von Moos überwachſen waren. Das Hinabſteigen war jeder⸗ zeit mühſam; gefährlich ward es nach einem Regen, wel⸗ cher den Weg ſchlüpfrig machte, der zum Ufer des Stro⸗ mes in der Tiefe führte. Ein breiterer Fußpfad, der vom andern äußerſten Ende der Veranda auslief, führte in zahl⸗ reichen Krümmungen bequemer nach derſelben Stelle. Die Ausſicht, welche man von dieſem Balcon aus hatte, war eine der bewundernswertheſten, die man ſich denken kann. In der erſten angenehmen Fruͤhlingsluft, wie bei der ſtillen Gluth eines Sommernachmittags, im. Glanze der untergehenden Herbſtſonne, wie inmitten des erhabenen Anblicks eines Winterſturmes gefielen wir uns in der An⸗ ſchauung der herrlichen Landſchaft, die ſich in ſtets neuem, wechſelndem Reize vor unſern Augen entfaltete. Es war ein anmuthiges Gemiſch von Gehölzen, Bächen, Hügeln, hier und da zerſtreuten Landhäuschen, als ob die Laune eines Malers ſie dahingeſetzt hätte! Das Ganze bildete eines jener Gemälde, woran man ſich nicht ſatt ſehen kann und welche nicht leicht aus der Erinnerung ſchwinden. An einem jener ſchönen, hellſtrahlenden Tage, wo man, jeder Sorge enthoben, ſich ſo gerne dem vollen Genuſſe ſeines Daſeyns hingibt, ſtand ich an einem Pfeiler der Galerie gelehnt, von der ich eben geſprochen. Die Nacht war ſtürmiſch geweſen, der Regen hatte ſich in Strömen ergoſſen; aber in dieſem Augenblicke war kein Wölkchen mehr am Himmel ſichtbar. Jener durchſichtige Duft, der in England den Glanz eines heißen Sommertages um⸗ ſchleiert, ohne ihn zu verdunkeln, erhob ſich leicht am fernen Horizonte. Nichts ſtörte die Stille der Natur, als das unermüdliche Geſumſe der Inſekten. Roſen und Jasmin, — 29— die ſich um den Pfeiler ſchlangen, woran ich gelehnt ſtand, verbreiteten verſchwenderiſch ihre ſüßeſten Düfte; ſie ſchienen fröhlich ihre anmuthigen Häupter wieder emporzurichten, die der Sturm niedergebeugt hatte. Ich hatte meinen Sommerhut hinter mich gelegt, um die erquickende, balſamiſche Luft freier einzuathmen und war ſo ganz verſunken im Anblicke des herrlichen Schauſpiels, das ſich vor meinen Augen entfaltete, daß ich erſt wieder aus meinen Träumen erwachte, als zum zweiten Male mein Name gerufen wurde. Ich wandte mich um, und erblickte Julie, die auf der Bruſtlehne ſtand und ſich nur mit einem, um eine Säule geſchlungenen, Arm fefſthielt. Schaudernd beim Anblick der Gefahr, in welcher ſie ſchwebte, gebot ich ihr, herabzuſteigen, und da ſie ſich weigerte, mir zu gehorchen, nahm ich ſie raſch in meine Arme und trug ſie herunter. Sie erhob ſogleich ein durchdringendes Ge⸗ ſchrei und klagte, daß ich ihr wehe gethan hätte. Zu glei⸗ cher Zeit entlief ſie mir in den kleinen Saal, in welchem eine der Vertiefungen einen Erker an der Außenſeite des Gebäudes bildete. Ein kleines Fenſter, das nach der Ve⸗ randa ging, ſtand in dieſem Augenblicke halbgeöffnet hinter der herabgelaſſenen Jalouſie, ſo daß ich, ohne horchen zu wollen, von dem Orte, wo ich mich befand, alles, was in der Vertiefung geſprochen wurde, deutlich hören konnte. Ich vernahm, wie ſich Julie mit einer vor Zorn bebenden und von Thränen erſtickten Stimme bei ihrer Mutter über meine harte Behandlung beklagte. Zugleich erzählte das Kind den Vorfall auf eine ganz und gar entſtellte Weiſe. Im erſten Augenblick war ich Willens hineinzugehen, um Julie Lügen zu ſtrafen; aber der mir angeborene Stolz, der mich ſtets jede Aufklärung zu meiner Rechtfertigung verſchmähen ließ, geſtattete mir nicht, dieſer erſten Regung zu folgen; überdieß vernahm ich zu gleicher Zeit die Stimme der Miſtreß Middleton, die leiſe aber lebhaft mit ihrem Mann ſprach. — Das kann nicht ſo fortdauern, ſagte ſie, dieſe Kinder müſſen getrennt werden und je früher, je beſſer.— Was —— — 39— ſollen wir aber thun? erwiederte mein Onkel; bei wem könnten wir Ellen unterbringen? Kaum athmend horchte ich jetzt, um die Antwort zu hö⸗ ren. Es dünkte mich, als hinge mein Leben davon ab. Ich hielt den Athem an und alle meine Glieder bebten. — Wir könnten ſie auf ein oder zwei Jahre in irgend eine gute Penſion ſchicken, entgegnete Miſtreß Middleton. Dieſer Ausweg iſt ohne Zweifel unangenehm; doch Juliens Geſundheit muß uns über Alles gehen. Mehr wollte ich nicht hören. Meinen Hut ergreifend, lief ich haſtig durch die Veranda, bis ich zum äußerſten Ende derſelben gekommen war. Hier fiel ich auf die Knie und ſtützte meinen Kopf wider das Geſtein der Bruſt⸗ lehne. Meine Stirnadern ſchwollen an, als ob ſie zer⸗ ſpringen wollten, und es dünkte mich, als wenn ich aus einem ſüßen Traume zu einer Wirklichkeit erwacht wäre, die mein empörtes Gefühl kaum für möglich hielt. War dies wirklich meine Tante, war dies Miſtreß Middleton, die von einer Trennung von ihr ſprach, die mich aus Elmsley verbannen wollte? War ſie es, die es ausſprach, daß ich nichts in ihren Augen wäre im Ver⸗ gleich mit dem egoiſtiſchen Weſen, über das ich mit ſo viel Sorgfalt gewacht, deſſen Laune ich aus Liebe für ſie mit ſo viel Geduld ertragen hatte? Ja, es war nur allzu wahr, ich galt nichts bei ihr! ich fühlte mich davon überzeugt, und bei dieſem Gedanken ſchien es mir, als ob eine tödtliche Kälte durch meine Adern liefe und mein Herz erſtarren machte. Ich habe mich oft gefragt, ob in jedem Menſchen das Gefühl geiſtigen Leidens eben ſo eng verbunden ſey mit dem phyſiſchen Schmerz, wie dies bei mir der Fall iſt. Der Ausdruck: Herzweh ſchien mir immer, ſowohl im buchſtäblichen als figürlichen Sinne Geltung zu haben; denn es gibt einen herben phyſiſchen Schmerz, welcher ge⸗ wiſſe Gemüthsbewegungen begleitet, und welcher ſich durch ſeine Eigenthümlichkeit von dem Gefühle eines noch ſo tie⸗ fen Kummers unterſcheidet. Wenn dem ſo iſt, dann iſt — 31— vielleicht getäuſchte Liebe unter allen ihren Formen die Art des Leidens, die am meiſten jene Wirkung erzeugt. Ich fühlte in dieſem Augenblicke dieſen Schmerz im hef⸗ tigſten Grade. Das Geräuſch meines ſchnelleren Athem⸗ holens war mir läſtig. Ich ſchloß die Augen, damit das, in vollem Glanze ſtrahlende Licht der Sonne nicht zu mir dringen konnte. Die Töne, die Düfte, die mich noch kurz zuvor entzückt hatten, wurden mir unerträglich. Keine Stimme wäre in einer ſolchen Aufregung mir willkommen geweſen; denn die Stimme, die ſtets Friede und Freude in mein Herz gebracht, hatte ja Worte ausgeſprochen, die mit einem einzigen Stoß das ganze Gebäude meines ſo lang erträumten Glückes zertrümmerten. Als ich nun aber plötz⸗ lich den gellenden, weinerlichen Ton der Stimme Juliens vernahm, da ergriff mich ein Gefühl, das Gott mir in ſeiner Barmherzigkeit verzeihen möge! Ich ſehe ſie noch vor mir oben auf dem Steingeländer— ſie rief mir zu, indem ſie den Fuß auf eine der ſchlüpfrigen Stufen ſetzte: Jetzt ſteig' ich hinunter! Du ſollſt mir's nicht wehren!— Ich ergriff ihre Hand, und ſie zu mir ziehend, rief ich: Thu's nicht, Julie!— Du thäteſt beſſer, mich in Frieden zu laſſen, erwiederte ſie, denn wenn Du mich nicht gehen läßt, ſo wirſt Du fortgeſchickt!— Dieſe Worte fuhren mir, gleich dem Stich einer Natter ins Herz; alles Blut ſtieg mir zu Kopf, ich ſtieß das Kind zurück. Julie wankte, glitt aus, ſtürzte zuerſt rückwärts die Treppe hinunter; zu gleicher Zeit hörte ich neben mir eine Stimme, welche aus⸗ rief: Sie hat ſie um's Leben gebracht! Das Ge⸗ räuſch eines ins Waſſer ſtürzenden Körpers antwortete dieſer Stimme. Einen Augenblick erſchien Juliens weißes Kleid auf der Oberfläche des Waſſers, ſank unter, erſchien noch einmal.... dann hatten die Wellen alles auf immer verſchlungen! Zwei Maͤnner liefen ſchleunigſt zum Ufer des Stromes; einer von ihnen erhob im Vorübereilen die Augen zu dem Orte, wo ich mich befand. Ein herzzer⸗ reißender Schrei machte mich erbeben— der Verzweiflungs⸗ ſchrei einer Mutter—— aber niemand wiederholte: Sie hat ſie um's Leben gebracht! Warum ſtarb ich damals nicht! Ich ward eben ſo wenig wahnſinnig, denn ich erkannte in ihrem ganzen Umfang die entſetzensvolle Wirklichkeit des Geſchehenen; aber die Worte: Sie hat ſie ums Leben gebracht! ſtanden in Flammenſchrift vor meinen Augen und tönten unaufhörlich vor meinen Ohren. Wer hatte ſie ausgeſprochen? Hierin lag das Geheimniß meines Schickſals! II. Ich weiß nicht, wie lange ich wie eingewurzelt auf der⸗ ſelben Stelle blieb. Die furchtbarſte Angſt ſchnürte mir das Herz zuſammen; kalter Schweiß bedeckte meine Stirn; ich vermochte kaum mich zu rühren, noch einen Laut her⸗ vorzubringen. Es ſchien mir, als wollten meine Augen aus ihren Höhlen treten: ich wollte ſie ſchließen und ver⸗ mochte es nicht. Ich ſah den Strom vor mir: er brauſ'te, er ſchäumte; der Schaum erſchien mir wie ein Leichentuch, das Brauſen des Waſſers erklang meinem Ohr wie ein Angſtgeſchrei. Auch ich ſtieß einen Schrei aus— einen Schrei des Entſetzens; dann ward ich plötzlich ſtill, denn ich vernahm raſche Schritte in der Galerie und der Schreck lähmte meine Glieder. Es war die Beſchließerin und der Arzt. Dieſen hörte ich ſagen:„Bringt ihr das andre Mädchen; vielleicht weint ſie, wenn ſie das Mädchen ſieht.“ Ich zitterte heftig. Da ich nicht zu hören ſchien, was ſie mir ſagten, obgleich mir kein Wort entging, nahm mich der Doktor in ſeine Arme und trug mich wie ein Kind in den Salon. Miſtreß Middleton befand ſich in demſelben, ihr Angeſicht war leichenblaß. Bei meinem Anblick erbebten ihre Lippen, aber ſie ſprach nicht und weinte nicht. Sie winkte mit der Hand, hielt dann ihren Kopf an die Thüre und ſchien mit einer unausſprechlichen Angſt zu lauſchen. Von dem Orte, wo ich ſtand, glaubt' ich zu hören, wie das Herz ihr klopfte. Fünf bis ſechs Minuten gingen — 33— vorüber. Herr Middleton trat haſtig ein; ſie ſah ihn an und ſtieß einen Schrei aus, denſelben Schrei des Entſetzens, welchen ich ſchon einmal gehört.— Er ergriff ihre Hände, die ſie in Verzweiflung rang, und ſeinen Arm um ſie ſchlingend, ſagte er ihr mit leiſer Stimme:„Nun, Marie, iſt Alles vorbei! Laß mich nun ſehen, daß Du an Gott glaubſt.“ Sie ſträubte ſich einen Augenblick, ihre Bruſt hob ſich krampfhaft, ein heftiger Nervenanfall erfolgte, den ein reichlicher Thränenſtrom beruhigend vorüber führte. Ihr Mann brachte ſie aus dem Zimmer. Als ſie ſich ent⸗ fernt hatten, näherte ſich die Beſchließerin dem Sopha, auf welchem ich unbeweglich lag. Eine meiner Hände er⸗ greifend, fragte ſie:„Wo waren Sie denn, als das arme Kind hinabſtürzte?“ Ich erhob mich mit einem Ungeſtüm, als ob ſie mich ge⸗ ſchlagen hätte; ich ſtürzte aus dem Zimmer, und eilte durch den Hausflur und mehrere Seitengänge nach meinem Schlaf⸗ gemach, worin ich mich einſchloß. Hier fiel ich auf die Knie nieder, lehnte meine Stirn wider eine Bettſäule und drückte meine Schläfe mit beiden Händen ſo feſt zuſammen, als wollt' ich den Pulsſchlag derſelben aufhalten. Wäh⸗ rend zwei oder drei Stunden, die hierauf vorübergingen, fuhr ich, ſo oft an meine Thüre geklopft wurde, ſo heftig zuſammen, als ob der unvermuthete Donner einer Kanone mein Ohr getroffen hätte. Jedesmal wenn ich öffnete, glaubte ich angeklagt zu werden, Juliens Tod verſchuldet zu haben und die Worte hören zu müſſen:„Du haſt ſie um's Leben gebracht!“ Einmal vernahm ich den Tritt meines Onkels; ich öffnete das Fenſter und war im Be⸗ griff, mich in die Tiefe hinabzuſtürzen. Doch ſeltſam! was mich davon abhielt, war die Beſorgniß, den Schmerz der Miſtreß Middleton noch zu vermehren. Ich bilde mir ein, daß das Uebermaß meiner Furcht, angeklagt zu werden oder mich ſelbſt zu verrathen, mich vor einer Hirnentzün⸗ dung gerettet hat; die Gewalt dieſer Furcht beherrſchte ſo⸗ gar die Ausbrüche meiner Verzweiflung, und, um ruhig zu ſcheinen, ward ich wirklich ruhig. Ich nahm einige Nah⸗ rüng zu mir, weil mir ein natürliches Gefühl ſagte, daß . 3 —— ich meine ganze Kraft nöthig hätte, um meinem Vorſatz treu bleiben zu können. Es kam mir nie in den Sinn zu offenbaren, was ich gethan; wenn irgend jemand mich an⸗ geklagt hätte, würde ich, das fühlte ich, es entweder nicht überlebt haben, oder entflohen ſeyn, oder mir das Leben genommen haben. Ich weiß nicht wie: doch herrſchte in meiner Seele ein unbeugſamer Entſchluß und ſo wie in den erſten Augenblicken nach Juliens Tode ich nicht reden konnte, ſo wollte ich es jetzt nicht Mit jeder Stunde befeſtigte ſich dieſer Entſchluß, denn jede Stunde, die mein Still⸗ ſchweigen verlängerte, jedes Wort, das ich ausſprach, oder das vor mir über dieſen Gegenſtand ausgeſprochen wurde, machte mir die Selbſtanklage moraliſch unmöglich. Als der Tag nach und nach der Dämmerung wich, ward mir die Einſamkeit meines Zimmers unerträglich; ich irrte im Hauſe umher, ſuchte mich irgend einem lebenden Weſen zu nähern, und entfloh demungeachtet nach einer andern Richtung, ſobald ich das mir entgegenkommende Geräuſch eines Trittes, oder den Ton einer Stimme vernahm. End⸗ lich gelangte ich unbemerkt in den Salon; hier ſetzte ich mich bald nieder, bald ging ich unruhig auf und ab, bis zuletzt die Thüre geöffnet ward und mein Ontkel hereintrat. Er kam zu mir, legte ſeine Hand auf meine Schulter und ſagte mir mit einer Rührung, die er zu bemeiſtern ſuchte: — Du biſt jetzt unſer einziges Kind, Ellen! Meine Geſichtszüge mußten ohne Zweifel in dieſem Au⸗ genblick einen ſeltſamen Ausdruck gehabt haben, denn er ſah mich mit Staunen an, und ſagte dann in noch lieb⸗ reicherem Tone:„Geh' zu Deiner Tante, ſie wird ſich nicht für kinderlos halten, da Du uns geblieben biſt.“ Ich empfand eine unausſprechliche Bangigkeit, und kal⸗ ter Schweiß bedeckte meine Stirn; doch, alle meine Kräfte zuſammennehmend, ſtand ich auf und eilte entſchloſſen nach dem Zimmer meiner Tante. Der tiefſte Kummer ſprach ſich in ihrem Angeſichte aus, ihre Hände brannten fieber⸗ haft, ihr Kopf glühte. Ich ſetzte mich neben ſie und ſuchte mit friſchem Waſſer ihre Schläfe zu kühlen. Von Zeit zu Zeit ſtützte ſie ihr müdes Haupt auf meine Schulter; — 35— Thränenſtröme ſchienen ihren Schmerz zu lindern. Sie fragte mich, wo mein Onkel ſey? Ich hätte es ihr ſagen können, denn als ich die Treppe hinaufging, hörte ich von den Bedienten, daß er nach dem Ufer des Stromes zurückgekehrt ſey, um neue Verſuche zum Auffinden ſeines Kindes anzuſtellen. Der Mond leuchtete in ſeinem vollen Glanze, als mehrere Männer beſchäftigt waren, den tiefen und reißenden Strom zu unterſuchen. Ich deutete mit dem Finger, daß Herr Middleton dort ſey; ſie verſtand mich, denn ein tiefer Seufzer war ihre Ant⸗ wort. Nach einer Pauſe ſagte ſie mir:„Bete für mich, Ellen!“ Damals war es, als zum erſten Male Gewiſſens⸗ biſſe ſich zu meiner Seelenangſt geſellten; ich fühlte, daß ich nicht beten konnte. Ich war mir zwar keines Ver⸗ brechens kiar und deutlich bewußt, und doch flüſterte mir eine Stimme unaufyörlich die Worte zu:„Sie hat ſie um's Leben gebracht!“ Und gleich wie, wenn man auf gewalti⸗ ger Höhe, vom Schwindel erfaßt, begierig einen Stützpunkt ergriffen hat und ſich leiſe frägt:„Wenn Du dieſe Stütze verlöreſt?“ ſo fürchtete ich jeden Augenblick laut zu beken⸗ nen:„Ich habe ſie umgebracht!“ Schon der Gedanke an ein Gebet erweckte mir Schau⸗ der. Einen Augenblick von meiner Unruhe überwältigt, rief ich unwillkürlich:„O mein Gott, verzeihe mir!“ Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als ich mich einer Ohnmacht nahe fühlte; mich dünkte, als ſey dies das Be⸗ kenntniß eines Mordes; ich wagte es nicht mehr, zu Gott zu beten, denn ich betrachtete mich als ein von ihm ver⸗ fluchtes Geſchöpf, unwürdig zu leben, unwürdig die Stimme zum Gebet zu erheben oder den Blick zum Himmel zu richten. In andern Augenblicken ſagte ich mir, Gott ver⸗ fahre mit allzu großer Strenge gegen mich; ich fühlte Mitleid mit mir ſelbſt und mein Herz empörte ſich in der Bitterkeit ſeines Schmerzes. Ich ſprach wie Cain:„Meine Strafe iſt größer, als ich ſie ertragen kann!“ Bald machte ich mir den Vorwurf, wider mich ſelbſt geläſtert zu haben, indem ich mich mit Cain verglich, denn ich hatte meine Couſine nicht ermordet, obgleich eine Stimme mir geſagt: 3*½ — 36— ich hätte ſie ums Leben gebracht. Von einem Zorn⸗ efühl überwältigt, aber willenlos, ohne ſtrafbare Abſicht, ſieeß ich ſie nur allzu heftig zurück— und nun welkte meine Jugend in Thränen dahin; der Friede meiner Seele war auf ewig entflohen! Die Quelle aller reinen Freu⸗ den, aller heiligen Gedanken verſiegte in mir! Ich konnte nicht mehr ohne Angſt weilen inmitten der feierlichen Stille der Nacht, noch wie ehemals glauben, im Rauſchen des Windes Stimmen aus einer beſſern Welt zu hören! Und an jenen Tagen einer unausſprechlichen Herrlichkeit, wo Ströme Lichtes die Aunen blenden, wo ſich die ganze Na⸗ tur in harmoniſche Klänge und ſüße Düfte aufzulöſen ſcheint, ſollte ich mich nicht mehr, wie ſonſt, mit dieſer Schöpfung voll Pracht vereiniget fühlen, nicht mehr mit trunkenem Herzen, in feuriger Andacht niederfallen dürfen vor ihm, der den Bächen und den Bewohnern der Luft eine Stimme gab, um ihn zu loben, dem funkelnden Ster⸗ nenhimmel gebot, ſeinen Ruhm zu verkünden, und der dem Menſchen endlich die Begeiſterung, die Liebe, die Poeſie, die Muſik— Alles verlieh, was die Seele über ſich ſelbſt und die ſie umgebende materielle Welt in die unendlichen Räume einer Geiſterwelt erhebt. Von nun an ſollte ein eiſernes Band ewig meine Seele umfangen; eine ſchwarze Erinnerung ſich ſtets zwiſchen mich und das Himmelslicht drängen; eine Klage, gleich der eines Sterbenden, eine Stimme, wie die des Todes ſich in die Klänge der Melodie, in die Stimme der Liebe, in die Töne der Freundſchaft miſchen! 4 Ich weinte über mich ſelbſt, über meine troſtloſe Jugend, über mein zerſtörtes Glück, über meine verlorene Unſchuld. Und ich zählte erſt ſechzehn Jahre! Ich brachte die lange Nacht auf derſelben Stelle zu. Der ſchwere Schlaf der Erſchöpfung hatte meine Tante überwältigt; ihre Hand lag in der meinigen, ihr Kopf ruhte auf meiner Schulter. Ich vermied die geringſte Be⸗ wegung und wagte kaum zu athmen. Als das Licht des Tages langſam anfing, in das Trauerzimmer zu dringen, ſchloß ich die Augen, um nicht die Sonne in ihrer maje⸗ — 327— ſtätiſchen Ruhe den erſten Tag meines zerſtörten Lebens beleuchten zu ſehen. Mein Onkel kehrte am Morgen zurück mit dem Leich⸗ nam ſeines Kindes, den man nach vieler Mühe aus dem Bette des Stromes gezogen, der ihn eine große Strecke unterhalb Elmsley fortgeführt hatte. Die Vorbereitungen zur Beerdigung, die in der Dorf⸗ kirche ſtattfinden ſollte ſchienen in den niedergebeugten El⸗ tern eine Thatkraft zu entwickeln, welche, obgleich ſie ſich an ihren herben Verluſt knüpfte, faſt wohlthätig der Er⸗ mattung entgegenwirkte, die den Ausbrüchen der Verzweif⸗ lung nachgefolgt war.— Ich hatte das Zimmer meiner Tante faſt den ganzen Tag nicht verlaſſen, und als ſie mir ſagte, daß mein Oheim uns erwarte, daß er mit uns zu ſpeiſen wünſche, fühlte ich, daß es mir unmöglich ſeyn würde, eine ſolche Prüfung zu ertragen; da ſie aber ſich zu bezwingen ſuchte, ſo konnte ich nicht umhin, ihr zu folgen. In dem Augenblick, wo wir zuſammen in das Speiſe⸗ zimmer traten, ſtanden Eduard Middleton und Heinrich Lovell beide vor dem Kamin. Gewiß war es ein Glück für mich, daß unſer erſtes Zuſammentreffen ſeit dem vori⸗ gen Tage jetzt ſtattfand, wo die traurige Kataſtrophe kaum vorüber war; ſo konnte die Unruhe, die ich nicht zu be⸗ meiſtern vermochte, dem Kummer und der Nervenaufregung zugeſchrieben werden. Ich zitterte und war kaum im Stande, mich aufrecht zu halten; die einer moraliſchen Gewißheit gleichkommende Ueberzeugung, daß einer von Beiden Zeuge der Schreckensſcene geweſen, laſtete ſchwer auf meinem Herzen Beide kamen mir entgegen und boten mir die Hand.— Hatte Sie Beide die Abſicht, die meinige zu nehmen? wußte nicht Einer von Beiden, was dieſe verbrecheriſche Hand gethan?— Es wurde mir dunkel vor den Augen und ich ſank ohnmächtig nieder. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in meinem Bette; meine Tante war bei mir, bemüht, mich mit ſtär⸗ kenden Mitteln wieder zum Bewußtſeyn zu bringen. Sie — 38— verließ mich nicht eher, als bis ich vollkommen meiner Sinne mächtig war. Als ich am folgenden Morgen, nach einigen Stunden unruhigen ſchweren Schlafes, erwachte, hörte ich ein Geräuſch in dem Hofe unter meinem Fenſter. Ich ſtand ſchnell auf. Ich ſah den Leichenzug ſich lang⸗ ſam über die Wieſe nach der Dorfkirche hin bewegen. Den leichten Sarg trugen vier alte Diener des Hauſes; mein Onkel und meine Tante gingen zur Seite, mein Couſin und Heinrich Lovell folgten ihnen. Den übrigen Zug bil⸗ dete die Dienerſchaft, worunter Juliens Amme und faſt ſämmtliche Dorfbewohner. Ich folgte dem Trauerzuge mit den Augen, bis er aus meinem Geſichtskreiſe war; zum erſten Male vergaß ich damals einige Augenblicke mich ſelbſt und den beklagenswerthen Antheil, den ich an dieſem Unglück hatte, um nur an meine Tante und ihre Troſt⸗ loſigkeit zu denken. Ich glaubte dann das Kind vor mir zu ſehen, das ſo oft in meinen Armen eingeſchlummert war, das ich ſo oft an mein Herz gedrückt hatte. Und als ich mir nun dieſen zarten Körper in ſeiner engen Wohnung vorſtellte, als ich dachte, wie das Leben in ihm noch kurz vorher in voller Kraft zu erblühen ſchien und mich erin⸗ nerte, daß meine Hand ihn in das feuchte Grab geſchleu⸗ dert, da ergriff mich die Verzweiflung ſo heftig, daß ich es kaum begreifen kann, daß ich ihr nicht unterlag oder daß ſie mich nicht zum Wahnſinn führte. Dies geſchah nicht, und das Mitleid mit mir ſelbſt ſtählte bald mein Herz wider das Leid Anderer. Ich beweinte Julien nicht mehr; ſie war todt, es iſt wahr, aber iſt der Tod nicht eine Wohlthat im Vergleich mit einem Leben, wie es mir bevorſtand? Meine Tante hatte ihre Tochter verloren; aber glich ihr Schmerz dem meinigen? konnte ſie eben ſo unglücklich ſeyn, als ich, ich, die ſie ihres Kin⸗ des beraubte? Da fuhr ein Gedanke plötzlich durch meinen Geiſt. Warum blieb ich zu Hauſe? warum war ich allein? hatte man Verdacht gegen mich? hatte der Herr meines Schickſals, der Zeuge meines Verbrechens, einen Vater und eine Mutter, vom Gram niedergebeugt, gewarnt, vom Grabe ihres Kindes die entfernt zu halten, die es dem — 39— Tode preisgegeben? war ich ein Ungeheuer in ihren Augen geworden? verabſcheuten ſie meinen Anblick? hatten ſie die Abſicht, mich ins Gefängniß zu ſchicken oder mich aus ihrer Nähe zu verbannen? war mir das Loos vorbehalten, auf ſtaubigen Wegen, durch dunkle Straßen zu fliehen, verfolgt von dem Volke gleich jenem Weibe, das, wie ich einmal geleſen, angeklagt war, ihr Kind ermordet zu haben? Wird man auch auf mich mit Fingern zeigen, mich ver⸗ höhnen, ausſpotten, mit Schande überhäufen? wird auch hinter mir die Menge ſchreien:„Seht das ſchlechte Ge⸗ ſchöpf! ſie hat das Kind umgebracht!“ Meine Knie wank⸗ ten. Ich glaubte, Schritte hinter mir zu hören und Ver⸗ wünſchungen wider mich ausſtoßen. Ein Alp laſtete auf mir und doch war ich wach. Irrſinn bemächtigte ſich mei⸗ ner, ich fühlte in dieſem Augenblick etwas, das mich be⸗ rührte und meine Schulter anhauchte. Ich fiel mit dem Geſicht auf die Erde und ſtieß einen durchdringenden Schrei aus. Ein leiſes Gewimmer ließ ſich hören, ich erhob den Kopf und ſah meinen großen Neufundländer, der ſtets in meinem Zimmer ſchlief; er be⸗ leckte mir die Hand und den Hals. Seine Augen blickten liebevoll durch das grobe Haar, das ſie umſchattete, auf mich und leiſe klagte er. Ich war faſt noch ein Kind, denn nur ein Kind, glaube ich, konnte Erleichterung in dem ſtummen Mitgefühl dieſes guten Thieres finden. Wie dem auch ſey, ſchluchzend ſchlang ich meinen Arm um ſeinen Hals. Der Hund ließ es ruhig geſchehen und geduldig rührte er ſich nicht, während reichliche Thränen auf ſeinen Kopf niederfielen.„Armer Hector! rief ich, dir ſagt man nie, was ich gethan! du wirſt dich nie mit Abſcheu von mir abwenden, wenn es auch die ganze Welt thun würde! Armer Hector! mein guter, treuer Hund 43 Dieſer unbedeutende Vorfall, der mir Thränen entlockte, hatte mir wirklich Erleichterung verſchafft. Ich kleidete mich an. Bald darauf trat meine Tante ins Zimmer; ſie kam aus der Kirche; als ſie mich küßte, als ſie mir ſagte, daß mein Onkel hoffe, ich hätte während dieſer letzten Prü⸗ fungsſtunde geſchlafen, als ſie mir zärtliche Vorwürfe dar⸗ — 40— über machte, daß ich nicht im Bette geblieben ſey, und mich zuletzt zu ſich zog, meine in Unordnung gerathenen Haare von der Stirne ſtrich, ihre kalte Hand darauf legte und mich an ihr Herz drückte, da fühlte ich einen Troſt, eine Beruhigung, welche in dieſem Augenblick faſt der Freude gleichkam. Unter dem Einfluſſe dieſer vorübergehenden Gemüthsſtimmung, folgte ich ihr in den Speiſeſaal, wo wir meinen Onkel trafen, der in düſteres Schweigen ver⸗ ſunken da ſaß. Er drückte meine Hand, als ich zu ihm kam und wir ſetzten uns zu Tiſche, aber kaum berührten wir das vor uns ſtehende Frühſtück. Bald darauf gingen wir in den Salon; ich zog mich in den entlegenſten Win⸗ kel deſſelben zurück, wo meine Stickrahme an einem offenen Fenſter ſtand, und fing mit anſcheinender Ruhe zu arbeiten an. Von dieſer Zeit ging Alles bei uns wieder ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang. Man würde kaum vermuthet haben, daß in unſerm häuslichen Kreiſe eine Veränderung vorge⸗ fallen wäre, wenn ſich nicht die meinem Onkel eigenthüm⸗ liche Gemüthsart noch düſterer und verſchloſſener gezeigt, als früher, und Miſtreß Middleton ſich nicht von Zeit zu Zeit den Ausbrüchen eines Schmerzes überlaſſen hätte, welchen ſie nicht überwältigen konnte. Mochte aber ihr elaſtiſcher Geiſt eine Zeitlang ſich beugen unter der Laſt des Kummers, ſo richtete er ſich ſchnell wieder auf; Glück⸗ ſeligkeit ſchien faſt eine Bedingung ihres Daſeyns zu ſeyn. Ein Schmerz, welcher dieſe Schwungkraft in ihr vernichtet hätte, würde ſie unfehlbar getödtet haben. Glücklicherweiſe widerſtand ſie demſelben; ihr Gemüth nahm wieder die ihm natürliche Richtung an und ſie ſchloß ſich mit einer Zärtlichkeit an mich, welche ſtündlich inniger wurde. Was mich betrifft, ſo machten in jener Zeit meines erſten Kum⸗ mers ihre Liebkoſungen und die liebreichen Worte, welche ſie zu mir ſprach, einen Eindruck auf mich, welcher wohl jenem Gefühle glich, das die heilige Franziska von Chan⸗ tal empfunden haben mag, als ſie auf ihr Herz das glü⸗ hende Kreuz, das Zeichen unſeres Heils*), drückte, Gegen⸗ * Frau von Chantal, Gründerin des Ordens der Heimſuchung, drückte mit einem glühenden Eiſen das heil. Zeichen des Kreuzes auf ihre Bruſt. 4 4 2 — 41— ſtand einer unendlichen Anbetung und zugleich Werkzeug eines ſtechenden Schmerzes. Mein Couſin und Heinrich Lovell verlängerten ihren Aufenthalt zu Elmsley; doch nichts in dem Benehmen des einen ſowohl wie des andern, vermochte mir Aufſchluß darüber zu verſchaffen, wem von Beiden mein unglückſeli⸗ ges Geheimniß bekannt ſey; ſie zeigten ſich Beide gleich herzlich gegen mich, ja ſie ſchienen ſogar ein lebhafteres Intereſſe an mir zu nehmen, als früher. Zuweilen jedoch bemerkte ich in Eduard's Blick einen Ausdruck ſtrengen Ernſtes, der mir alles Blut nach dem Herzen trieb. Manchmal aber war ſeine Stimme, wenn er mit mir ſprach, ſo melodiſch, in ſeinen Zügen lag ſo viel Sanftheit, wenn er mich anblickte, daß ich mich, obgleich ſehr unglücklich, doch beruhigter fühlte. In Heinrich's Geſellſchaft war es mir indeſſen leichter zu Muthe. Ich vermag es nicht zu ſagen, weshalb er, ſeit Juliens traurigem Todestage, der einzige Menſch war, mit dem ich mich auf dieſelbe Weiſe unterhalten konnte, wie früher. In der ſorgloſen Fröhlichkeit, die er bald wieder gewonnen hatte, lag etwas für mich, was die Hef⸗ tigkeit meines Grames milderte. Nach Verlauf einiger Wochen, erlangte ich faſt, wenn auch nicht vollkommen die Ueberzeugung, daß der Ausruf, der mein Ohr in jenem unſeligen Augenblicke traf, nur ein Gebilde meiner durch die Angſt geſteigerten Einbildungskraft geweſen war und ich fand endlich Beruhigung in dieſer ſcheinbaren Ueber⸗ zeugung. Es war eines jener Palliative, die einen Schmerz, den wir empfinden, eine Zeitlang beſchwichtigen und die Kraft verleihen, neue Ausbrüche zu ertragen. Der Beſuch der Kirche war für mich eine ſchwere Prü⸗ fung. Mehrere Sonntage ging ich nur des Nachmittags allein in dieſelbe, weil es mir umnöglich war, ohne Zittern die Vorleſung der„zehn Gebote“ zu hören. Ich ärgerte mich über meine Schwachheit, aber mir fehlte die Kraft, ſie zu überwinden. An einem Sonntag Morgen fragte mich Eduard, der beim Frühſtück mir gegenüberſaß:„ Sagen Sie mir doch, — 42— ich bitte Sie, Ellen, ob Sie ein Gelübde gethan haben, niemals des Morgens in die Kirche zu gehen?“ Ich fühlte, daß ich bleich wurde, aber ich antwortete ruhig, daß ich mir vorgenommen, dieſen Morgen hineinzugehen. Ich hielt mein Wort, und Gott allein weiß, was ich gelitten. Zu derſelben Zeit war mir das Reiten wahrhaft zum Bedürfniß geworden. Wie aufregend wirkt auch dieſe raſche Bewegung des feurigen Thieres, auf dem man da⸗ hinfliegt, dieſes Bewußtſeyn der Kraft, dieſes Gefühl des Lebens im Augenblicke, wo man über Zäune und Hecken ſetzt!— Ich ritt täglich aus. Je mehr es regnete, je ſtürmiſcher der Wind wehte, um ſo größeres Gefallen fand ich an dieſen Ausflügen, die ſtets mehrere Stunden dauer⸗ ten. Ich kam dann ermüdet und erſchöpft nach Hauſe und ſchlief die ganze Nacht ununterbrochen fort. Heinrich be⸗ gleitete mich regelmäßig: mit der zuvorkommendſten Ge⸗ fälligkeit fügte er ſich allen meinen Launen hinſichtlich der Richtung und Dauer unſerer Spazierritte. Er rühmte meinen Muth, wenn ich, von keinem Hinderniß zurückge⸗ ſchreckt, über alle Barrieren ſetzte, oder über einen reißen⸗ den Waldbach, um eine Viertelſtunde früher das beſtimmte Ziel zu erreichen. Der Zauber ſeiner Unterhaltung und ſeines Umgangs übte bald auf meinen Geiſt dieſelbe gün⸗ ſtige Wirkung aus, wie dieſe Spazierritte auf meinen Kör⸗ per, und beſeitigte die Gedanken, die meine Ruhe ſtörten. Heinrich, ich ſah es klar, bewunderte mich und zwar weit mehr ſeit der Veränderung, die in mir vorging; ich bildete mir es wenigſtens ein. Eines Tages blätterte ich in einem Buch Conceptpapier in der Bibliothek; ich fand darin fol⸗ gende Verſe: „Sie war ein Kind, nicht träumeriſch der Blick, Ein Weltkreis von Gedanken ſchlief in ihm— Ihr Lächeln und ihr Seufzen, ihre Stimm' Verriethen noch die Kraft des Geiſtes nicht Und ſeine Zauber waren noch verhüllt. Denn gleich dem Dufte, der verbirgt den Glanz Des Morgenhimmels, und dem Nebel gleich, 4 — 483— 4 Der ſeine Schleier breitet über's Meer Und gleich der Feierſtunde der Natur, Wenn ſich der Himmel zu der Erde ſenkt: War ihre Kindheit, die vorüber nun!— Gehoben iſt der Schleier, und zertheilt Die Nebel ſind. Doch gleichviel ob durch Sturms Gewalt! Wer fänd' im Streite der Natur, In Wogen, in der Windsbraut, und im Kampf Der ſtarken Leidenſchaften des Gemüths Kein tieferes und ſtolzeres Gefühl Des Daſeyns, als in ſtummer Apathie?— Mit heißem Mitgefühl belauſchen wir Der hell erwachten Leidenſchaften Fluth, Die ſtürmiſch durch die ſtille Seele zieht; Und eine Fülle von Gedanken drängt Auf dieſer Stirn ſich, und wir ſchau'n mit Luſt Ein jedes Pochen, jedes Ringen in dem Kampf, Der ſiegreich nährt die Flamm' des Genius! Mir vorbehalten ſey das Recht, die Luſt Zu deuten jeder Laun' und Regung Spiel Und Wechſel, von Gefühl und Zeit erzeugt. Und wie der Bergſtrom widerſtrahlt das Licht Des Blitzes, der den Himmelsraum durchzuckt: So ihrer Seele mächt'ge Regung, wie In einem Spiegel, der gebrochen, fand In meiner Seele einen Widerſtrahl!“ Ich las dieſe Verſe mit einer ſeltſamen Miſchung der widerſprechendſten Gefühle.„Kennt er die Wahrheit?“ Das war mein erſter Gedanke, bei dem mir alles Blut ins Geſicht ſtieg. Zunächſt dachte ich:„Er mag ſie ken⸗ nen oder nicht, ſo fühlt er jedenfalls Bewunderung für mich.“ Ich lächelte, mit Bitterkeit zwar, aber ich lächelte doch, und während ich jene Aeußerungen las und wieder las, gaben ſie nach und nach meinen Gedanken eine an⸗ dere Richtung. Zum erſtenmale ſagte ich mir:„Es gibt doch in dieſer Welt noch ſo Manches, was verdient, daß = 44— man dafür lebe, manches, verſchieden von dem, was ich verloren; es gibt noch Anderes als Seelenruhe und ein vorwurfsfreies Gewiſſen! Es gibt einen Genius, der— wie er ſagte— ſich emporſchwingt, wo der Schmerz waltet! Es gibt eine Macht, vom Genius verliehen, welche ſiegend über die Welt ſchwebt und ſie beherrſcht. Es gibt gewal⸗ tige Regungen für die Seele in dem Kampfe, welcher ſich die Macht erringt, in der Begeiſterung des Siegs, in der Wonne des Ruhms! Wenn durch Schmerz, durch Ver⸗ brechen, durch Verzweiflung meine Augen feuriger, meine Stimme volltönender wurde, wenn ſie den geheimnißvollen Geiſt in mir aus dem Schlummer lockten, ſo ſoll dies nicht vergebens geweſen ſeyn! Meinen Durſt will ich ſtillen an dieſer neuen Quelle der Luſt, wenn auch nicht des Glücks! Weit hinter mich werfen will ich die Laſt, die ich voll Herzensangſt getragen. Mit der Vergangenheit, der entſetzensvollen, will ich brechen, um ein neues Leben zu beginnen.“ Und das Blatt ergreifend, auf dem jene Verſe geſchrieben waren, verließ ich ſchnell das Bibliothek⸗ zimmer. Als ich um die Ecke am Ende des öſtlichen Thei⸗ les der Galerie bog, erblickte ich Eduard am Fenſter ſitzend, wo wir im Sommer oft zuſammen die Sonne un⸗ tergehen ſahen. Die letzten Strahlen des ſinkenden Lich⸗ tes fielen gerade auf ihn; er war in Gedanken verſunken und hatte in der Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt ein Buch aus ſeinen Händen fallen laſſen, das neben ihm auf dem Bo⸗ den lag. Die reizende Regelmäßigkeit ſeiner Züge, die antike Form ſeines ſchönen Mundes, die eigenthümliche Schattirung ſeiner Haare, und der Lichtſchein, der, wie eine Glorie, ſein Haupt umgab, verliehen ihm das An⸗ ſehen eines Heiligen der Gemälde Raphael's und Domi⸗ nichino's. Sein Anblick machte damals in meiner Geiſtesaufregung den Eindruck einer Viſion auf mich. Die Gedankenfluth in mir nahm ſogleich eine neue Richtung; Thränen be⸗ netzten meine Augen, während mein Herz ſich jenem Ge⸗ fühle voll Milde und Ruhe erſchloß, welches ſo lange aus demſelben verbannt geweſen. Ich entfernte mich langſam, 4* 42 — 415— aber in dem Augenblick, als ich über die Thürſchwelle treten wollte, weckte das Rauſchen meines Kleides Eduard aus ſeinen Träumen auf. Er rief mich zu ſich und lud mich ein, mit ihm die glänzenden Farben des Himmels und die Woltkenmaſſen zu bewundern, die prachtvoll in Roth und Violet ſchimmernd in der goldnen Lichtfluth der Abendſonne ſchwammen. Ich ging zu ihm; wir blieben einige Minuten beiſammen, bis die Sonne am Rande des Horizontes untergeſunken und in dem Gemache ein Halb⸗ dunkel eingetreten war. Ich ging nach meinem Zimmer zurück und bemerkte hier, daß ich die von Heinrich's Hand geſchriebenen Verſe verloren hatte. Beſtürzt kehrte ich zu⸗ rück, in der Hoffnung, ſie wiederzufinden. Ich hatte die Thüre zur Bibliothek noch nicht erreicht, als ich Eduard ſah, der das von mir geſuchte Papier in der Haud hielt. Ich zögerte, es ihm abzufordern; er überreichte es mir von ſelbſt, indem er kalt zu mir ſagte:„Dieſes Blatt ge⸗ hört wohl Ihnen?“ Ich ſchwieg verlegen, denn ich wagte nicht, die Wahrheit zu ſagen, und wollte ſie auch nicht verbergen. In meiner Verlegenheit ſtammelte ich einige verwirrte Worte über Verſe, die Heinrich für mich abge⸗ ſchrieben, hielt die Hand hin, nahm das Papier, und ent⸗ fernte mich haſtig, ohne irgend eine weitere Erklärung. Am Abende deſſelben Tages waren wir alle verſammelt um einen Tiſch, auf welchem weibliche Arbeiten und Bü⸗ cher lagen. Heinrich war noch munterer als gewöhnlich; er ſprach mit Anmuth und Beredtſamkeit über verſchiedene Gegenſtände. Miſtreß Middleton nahm den lebhafteſten Antheil an der Unterhaltung. Eduard hörte aufmerkſam zu, ſprach aber nur in ſeltenen Zwiſchenräumen. Ich ent⸗ ſinne mich noch ganz genau eines jeden der Worte, welche er dieſen Abend ſprach. Heinrich ſtellte im Laufe des Ge⸗ ſpräches die Fragene was uns am meiſten verhaßt, und was uns am liebſten wäre? Ich erinnere mich nicht mehr, was ich erwiederte, was er meinte, was meine Tante ſagte, aber ich weiß, daß Eduard auf die erſte jener Fra⸗ gen antwortete:„Die Falſchheit,“ und auf die zweite: „Die Wahrheit.“ Indem er das Wort Wahrheit — — 46— ausſprach, heftete er ſeine Blicke auf mich, vielleicht zu⸗ fällig, aber mit einem Ausdruck von Strenge, daß ich ſie kaum zu ertragen vermochte. Einige Minuten ſpäter nahm Heinrich ein kleines Buch, das vor ihm lag, und es auf's Gerathewohl aufſchlagend, las er mit lauter Stimme fol⸗ gende Fragen in franzöſiſcher Sprache:„Was iſt das Leben? Was iſt ſein Zweck? Was iſt ſein Ende?“ „Ich will meine Antwort auf den Rand ſchreibeu,“ ſagte er. Und er ſchrieb die wenigen Worte:„Genießen und dann ſterben.“ Er reichte mir hierauf das Buch, ich nahm das Bleiſtift und ſchrieb ſchnell dazu:„Leiden und dann ſterben.“ Eduard las ſie und ſah mich alsdann we⸗ niger ernſt als zuvor an, doch verriethen ſeine Blicke Un⸗ ruhe und Erwartung. Er durchſtrich hierauf mit dem Bleiſtift die zwei vorſtehenden Phraſen und ſetzte an deren Stelle:„Recht leben, um recht zu ſterben.. Und dann gab er mir das Buch zurück. Im Ganzen ſprach Eduard wenig, aber ſeine Worte waren bedeutungsvoll. Seine Zurückhaltung, ſeine Ein⸗ ſylbigkeit machten mich befangen und verlegen, wodurch ich mich damals faſt peinlich berührt fühlte. Seine Be⸗ merkungen nöthigten mich zum Nachdenken, ich aber zog es vor, mich meinen Träumen zu überlaſſen oder in der Unterhaltung mit Heinrich Zerſtreuung zu ſuchen. Das Freundſchaftsverhältniß zwiſchen dieſem und mir ward inniger als je. Wenn wir zuſammen laſen, ſo wählte er ſtets vorzugsweiſe ſolche Bücher, die meine Phantaſie am meiſten anſprachen und am meiſten auf mein Gemüth wirkten, ohne einen der Gegenſtände zu berühren, welche einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich machen könnten. Ich verſuchte mich auch in ſchriftſtelleriſchen Beſchäftigungen. Seit meiner erſten Kindheit hatte ich eine ungewöhnliche Leichtigkeit im Niederſchreiben meiner Gedanken kundgege⸗ ben; eine der Lieblingsbeſchäftigungen der Miſtreß Middle⸗ ton, zur Zeit als ſie meinen Unterricht leitete, war, meine Arbeiten zu prüfen und das Talent aufzumuntern, das ich, ihrer Meinung nach, verrieth. Wollte ich aber in ſolchen Arbeiten das Vergeſſen der Vergangenheit ſuchen: = 42— ſo mühte ich mich vergebens ab: mein Geiſt war anhal⸗ tender Anſtrengung unfähig geworden. Eben dieſe Gemüthserſchlaffung und die fieberhafte Auf⸗ regung meiner Gedanken machten mir leider Heinrich's Umgang und die Unterhaltung mit ihm zum unvermeidli⸗ chen Bedürfniß. Wenn er ſich nur einen Tag lang von Elmsley entfernte, fühlte ich auf eine ſo lebhafte Weiſe, wie nothwendig mir ſeine Geſellſchaft geworden war, daß ich ihn bei ſeiner Rückkehr mit einem Entzücken empfing, welches die andern, ihn und vielleicht mich ſelbſt täuſchen konnte! Ich weiß nicht, wie es kam, ich lebte nur ein erkünſteltes Leben, und wenn die Reizmittel fehlten, ver⸗ ſank ich wieder in eine Apathie, welcher er allein mich entreißen konnte. Wir ſangen manchmal zuſammen, und es ſchien ſeit einigen Monaten, als habe meine Stimme an Stärke und Umfang gewonnen; der geräumige, gothiſche Saal in Elmsley widerhallte von den Tönen, welche für das Be⸗ wußtſeyn zeugten, das ich von meiner Kraft beſaß, und für das Feuer der Geſühle, die mich damals beherrſchten. Oft ſetzte ich mich Abends an eine Orgel, die in dem weiten Saale ſtand, und die ſeltſamſten Uebergänge auf den volltönenden, melodiſchen Taſten bildend, verlor ich mich in phantaſtiſche Träume, die mich alles andere ver⸗ geſſen ließen. So ſaß ich hier am Abend eines kalten Decembertages wie gewöhnlich; ich war von einem langen Ausflug nach Hauſe gekommen. Ich verſuchte einige Accorde; aber nach und nach ſchlief ich, von einer außerordentlichen Er⸗ müdung überwältigt, einz meine Hand ruhte noch auf den Taſten, und mein Kopf lag wider dem eckigen Rand des hohen Lehnſtuhls, auf dem ich ſaß. Ob das Unbequeme dieſer Lage oder meine feuchten Haare, die unordentlich auf mein Geſicht herabfielen, mich ein Mißbehagen fühlen ließen, ob daſſelbe aus irgend einer andern Urſache ent⸗ ſtand, die wir im Schlafe wahrnehmen, ohne wach zu werden, wenn ſich irgend etwas in unſrer Nähe bewegt— mein Schlaf war ſeltſam, unruhig und ängſtlich. Ich fühlte meine Stirne leicht berührt von dem Hauche eines zurück⸗ gehaltenen Athems; aber wohin ich mich auch in meinem raume wandte, ich ſah nichts. Es ſchien mir hierauf, als ob ſich Jemand meiner bemächtigte, während ich mich vergebens anſtrengte, nach Hülfe zu rufen. Gleich nach⸗ her ſah ich mich auf den Stufen der unheilvollen Treppe. Nicht ſelten war es mir ſeit Juliens Tod begegnet, daß mir im Traum jene fürchterliche Scene wieder vorſchwebte, und der Eindruck, welchen die entſetzliche Wirklichkeit in meinem Geiſte zurückgelaſſen, war der Art, daß ich es ſeitdem nie wieder wagte, mich jener Gegend zu nähern. Diesmal aber träumte ich nicht von Julien. Ich ſtürzte ſelbſt in den Abgrund, und die Perſon, welche mich mit Gewalt in die grauſige Tiefe hinabzog, ſah wie Heinrich Lovell aus und hatte den Ton ſeiner Stimme Ich ſchrie ihm zu, einzuhalten, ich beſchwor ihn mit verzweiflungs⸗ voller Angſt, meiner zu ſchonen, aber im Augenblicke, wo wir den Rand des Aögrundes berührten, wandte er ſich plötzlich nach mir um, und ich erkannte die Züge Eduard Middleton's. Er ſah todtenbleich aus und ſtarrte mich — mit drohender Miene an. Ich fiel rücklings zu Boden, und die Erſchütterung in Folge dieſer Bewegung veran⸗ laßte wahrſcheinlich, daß ich erwachte. Ich erhob mich mit dem Gefühle von Beklemmung und Bangigkeit, wel⸗ ches ſchwere, ſchreckenvolle Träume zurücklaſſen, und ſah mich furchtſam um. Ich war allein. Das Muſikheft lag vor mir, die Wachslichter brannten fort. Neben dem einen Leuchter lag aber ein Stück Papier o mein Gott! mit welcher Inbrunſt betete ich in dem Augenblicke, daß es mir vergönnt wäre, noch einmal zu erwachen und überzeugt ſeyn zu können, nur geträumt zu haben— ein Papier, auf dem mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand: Hüten Sie ſich! ich kenne Ihr Geheimniß! Mein Leben iſt ſo reich an Momenten des Kummers und der Sorge, daß ich es nicht unternehmen will, die Qual jedes einzelnen zu ſchildern; aber der Augenblick, wo ich dieſe Worte ſah, war gewiß einer der ſchrecklichſten. Ich wußte nicht, wie ich mir ſie erklären, ich wußte nicht — 49— auf wen ich meinen Verdacht richten ſollte. War irgend eine andere Perſon Zeuge des Antheils geweſen, den ich an Juliens Tode gehabt? Nein, es war nicht möglich! Kein Diener des Hauſes befand ſich in der Nähe; eben ſo wenig konnte ein Fremder zugegen geweſen ſeyn, und jeder von den Bewohnern der Priorie wußte ſeine Abweſenheit in jenem Augenblicke durch irgend einen gültigen Grund zu erklären. Warum übrigens, warum ſollten ſie alle bis jetzt geſchwiegen haben? Und dies Papier, dieſe Worte ſprachen kein Begehren aus, verriethen nicht die Abſicht einer Abnöthigung: es war eine einfache Warnung. Meine Beſtürzung war ſo groß, daß ich nicht im Stande war, die Angſt zu überwältigen, welche mich bei dieſem neuen Schlag ergriff Ein heftiger Fieberanfall nöthigte mich, zwei Tage lang im Bette zu bleiben. Am dritten er⸗ klärte der Arzt, daß ich ſo weit hergeſtellt ſey, um wieder in das Wohnzimmer gehen zu können. Hier lag ich eine Zeitlang auf dem Sopha, als meine Tante, welche mich aufs zärtlichſte und liebevollſte pflegte, zu mir ſagte: „Eduard hat mir ſo eben einen Brief geſchrieben, der mich außerordentlich überraſchte. Du weißt, daß er uns am Morgen des Tages verließ, an dem Du krank geworden, um einige Wochen in London zu bleiben. Nun ſchreibt er mir, daß er die Abſicht habe, ein Jahr lang zu verreiſen, um fremde Länder zu beſuchen, und daß er nur nach Elms⸗ ley zurückkommen würde, um Abſchied von uns zu nehmen. Solche Unbedachtſamkeiten dürften wir eher von Ihnen, Heinrich, erwarten, von Eduard aber kann ich ſie kaum begreifen.“ Auf ein Jahr verreiſen! und am Morgen des Tages, an dem ich krank wurde! Wie ein Blitz fuhr ein Gedanke durch meine Seele. Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte mir, doch bezwang ich mich und ſagte:„Hatte er Ihnen dieſen Plan mitgetheilt, Heinrich?“ — Auch ich erhielt einen Brief von ihm, antwortete er. Und, fügte er hinzu, es dünkt mich, als habe er in der letzten Zeit noch ernſter ausgeſehen, als gewöhnlich. I. 4 Später blieben wir allein beiſammen; er ſetzte ſich zu mir, und, einen Brief aus ſeiner Taſche nehmend, ſprach er:„Ellen, ich bitte Sie, dieſen Brief zu leſen, und mir aufrichtig zu ſagen, was Sie davon halten. Ich geſtehe, ich begreife ihn nicht. Eduard macht darxin, wie mir ſcheint, eine Anſpielung auf irgend ein Geheimniß, auf irgend einen Kummer, deſſen Urſache er nicht entdecken mag, und welcher ihm den Aufenthalt in Elmsley verleidet. Ich habe zwar nur eine Vermuthung, da aber nichts in ſeinem Weſen und Benehmen dieſelbe zu beſtätigen ſcheint, ſo kann ich ihr auch nicht ernſtlich Raum geben: Er iſt vielleicht verliebt in Sie?— Doch urtheilen Sie ſelbſt.“ Eduard's Brief lautete: „Mein lieber Lovell!— Ein Umſtand, worüber ich mich nicht erklären, noch ausſprechen kann, und welchen ich auch beſſer der Vergeſſenheit anheimgeſtellt ſeyn laſſe, verleidet mir den längern Aufenthalt in Elmsley ſo ſehr, daß ich den Entſchluß gefaßt habe, auf der Stelle abzureiſen und we⸗ nigſtens ein Jahr lang im Auslande zu verweilen. Ich habe Ihrer Schweſter geſchrieben, um ihr meine Abſicht mitzutheilen, und ihr zugleich meine innigſte Dankbarkeit auszudrücken für die vielen Beweiſe von Güte, welche ſie und mein Onkel mir gegeben. Was Sie betrifft, ſo will ich es Ihnen durchaus nicht verhehlen, daß mein Entſchluß keineswegs das Erzeugniß einer Laune iſt, und daß mich eine höchſt wichtige Urſache zur Ausführung meines Vor⸗ habens beſtimmte, obgleich ich es nicht für nothwendig er⸗ achte, dieſe Urſache zu offenbaren. Unſre Freundſchaft macht es mir zur Pflicht, offen gegen Sie zu ſeyn, dieſen einzigen Punkt ausgenommen. Uebrigens bitte ich Sie, nie, weder mündlich noch ſchriftlich auf die Urſache mei⸗ ner Abweſenheit anzuſpielen. Ich ließ in meinem Zimmer ein Buch zurück, welches Sie Ellen in meinem Namen zu⸗ ſtellen wollen. Ich bin kein Freund vom Abſchiednehmen und deswegen gehe ich direkt von hier nach Dover, ohne noch einmal nach Elmsley zu kommen. Leben Sie wohl.“ So war es, wie ich mir gedacht hatte! Dies alſo das Räthſel, welches ich ſo eifrig zu enthüllen bemüht geweſen! — 51— Eduard Middleton alſo war im Beſitze meines Geheim⸗ niſſes! So hatte er mich ſeit dem Tage, an welchem Julie das Unglück zugeſtoßen, nie anders angeſehen, als die Ur⸗ heberin des Todes ſeiner jungen Couſine! als eine Un⸗ glückliche, welche nur ſeiner Großmuth verdankte, daß man ſie noch in dem Hauſe duldete, woraus man ſie ſonſt mit Abſcheu und Verwünſchung gejagt haben würde! Aber er ſchonte meiner, er wollte mein Verderben nicht, und dieſer Gedanke erweckte ein Gefühl von Zärtlichkeit in meinem Herzen. Doch jenes Blatt Papier, jenes verhaßte Blatt Papier, ſollte es wohl ſein letztes Lebewohl für mich ge⸗ weſen ſeyn? Hatte er die Abſicht, mir zu zeigen, daß ich in ſeiner Gewalt ſtände, daß er das rächende Schwert über meinem Haupte hielte, und daß ich, ſey er gegenwär⸗ tig oder abweſend, immer zittern müßte, wenn ſein Name ausgeſprochen würde? Dies lag nicht in Eduard Midd⸗ leton's Charakter, dieſer Gedanke war ſeiner unwürdig. Nein, er würde eher zu mir gekommen ſeyn, mir mein Verbrechen vorgehalten und, ſeinen gebietenden, ſtrengen Blick auf mich richtend, mein Urtheil ausgeſprochen haben; ich würde mich dann vor ihm auf die Knie geworfen und mich jeder Strafe, jeder Sühne unterzogen haben, die er mir auferlegt hätte. Aber eine Drohung ohne Unterſchrift! ein Schlag aus dunkelm Hinterhalte, das gemeine Mittel eines anonymen Briefes! Nein, nein! fern von mir ſey ein ſolcher Gedanke! Das wäre ein allzu verächtlicher Kunſtgriff geweſen, als daß er dazu ſeine Zuflucht genom⸗ men haben könnte, und meine Seele empörte ſich bei der bloßen Vorausſetzung; denn ſo viel ich auch gelitten, ſo würde ich mich noch unglücklicher gefühlt haben, ihn ſo in meiner Achtung herabſinken ſehen zu müſſen.. Ich war dermaßen in dieſe Gedanken vertieft, daß mich nur Heinrich's Stimme denſelben entreißen konnte, indem er in ungeduldigem Tone ſagte: — Nun? was halten Sie von dieſem Briefe, deſſen In⸗ halt Sie auswendig lernen zu wollen ſcheinen? — Nichts, entgegnete ich, als daß mir Eduard ganz und gar unbegreiflich vorkömmt. 4 9. — 32— Meine Antwort ſchien ihn zufrieden zu ſtellen; er nahm den Brief und ſprach nicht weiter davon. Er begnügte ſich damit, mir durch mein Kammermädchen das Buch zu ſchicken, welches Eduard für mich beſtimmt hatte. Es war „das chriſtliche Jahr“, dies bewundernswürdige Buch voll edler Begeiſterung. Ich öffnete es mit Rührung. Es hätte vielleicht einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, wäre es mir nicht aufgefallen, daß alle Stellen, welche auf Verbrechen und Gewiſſensvorwürfe hindeuteten, ſorg⸗ fältig mit Bleiſtift und mit der augenſcheinlichen Abſicht unterſtrichen waren, meine Aufmerkſamkeit darauf hinzu⸗ richten. Mich dünkte, als wäre dies eine Reihenfolge von Drohungen, die auf eine ſo grauſame Weiſe gegen mich gebraucht wurden, und mein ſtolzes Gemüth— dürfte ich auch ſagen, die natürliche Lauterkeit meines Charakters— empörte ſich wider dieſes myſteriöſe Einſchüchterungsſyſtem; mein Herz härtete ſich gegen den Geber ſowohl wie ge⸗ gen das Buch, und unwillig warf ich daſſelbe weit von mir weg.— Obgleich im Herzen verwundet, niedergebeugt und tief gedemüthigt durch dieſe Löſung des Geheimniſſes, das über mir ſchwebte, ſo verſchaffte ſie mir dennoch einige Be⸗ ruhigung, indem ich mich dadurch wider jede plötzliche, ge⸗ waltſame Umwandlung meines Schickſals geſchützt hielt. Nicht ſelten gelang es mir, ein Paar Stunden lang die drückende Laſt meines Kummers abzuſchütteln; ja, nach eini⸗ gen Tagen war ich ſogar im Stande, wenigſtens dem Aeußern nach, wieder zu werden, wie ich früher war. III. An einem jener ſchönen Tage, welche die Winterſonne manchmal mit ihren Strahlen erwärmt und über die ſte einen ſo eigenthümlichen Reiz verbreitet, war ich mit Mi⸗ ſtreß Middleton nach dem Frühſtück in den Garten gegan⸗ gen. Meine Tante band ſich einen Strauß aus den Blu⸗ — 53— men, welche dem Froſte widerſtanden und in der, an einem Januartage ſo ſeltenen milden Temperatur wider neu auf⸗ zuleben ſchienen. „Was meinſt Du, liebe Ellen? willſt Du nicht dieſen herrlichen Morgen genießen und einen kleinen Spazierritt machen?“ Mit dieſen Worten wandte ſich meine Tante an mich, während wir uns auf die Steinbaluſtrade an⸗ lehnten, auf welcher ſchon eine leichte Wärme bemerkbar wurde.„Laß Dir,“ fuhr ſie fort,„ein Pferd geben, mache einen tüchtigen Ritt und bringe mir friſch farbige Wangen zurück, die dieſer Blume gleichen, und nicht dieſer da“. Sie lächelte, indem ſie ſo ſprach und zeigte mir erſt eine chineſiſche Roſe und dann eine Camelia, welche ſie im Treibhauſe gepflückt hatte. — Ich thue alles, was Sie wünſchen, liebe Tante, das heißt, ich verſchaffe mir zugleich ein Vergnügen, indem ich mir das Verdienſt erwerbe, Ihnen gehorſam zu ſeyn. Doch nicht genug, geben Sie mir auch dieſe Blumen, ich will ſie dieſen Abend in mein Haar flechten. Aber welchen Weg ſoll ich nehmen? — Nun, wenn es Dir einerlei iſt, ſo will ich Dir einen Auftrag geben. Du kennſt Bridman⸗Manor? — Ja wohl, die Ruinen dieſes alten Schloſſes nennt mein Kammermädchen das Geſpenſterhaus. Und die Gär⸗ ten im alten Geſchmack mit den verſtümmelten Statuen und den langen immer grünen Baumgängen, die mich ſtets, wenn ich ſie ſehe, an Ihre Lieblingsverſe von Mary Ho⸗ witt erinnern: „In dem alten Kloſtergarten, Mit Fontainen und Alleen; Wo in ſtillen, grünen Büſchen Reich geſchmückt aus Marmorniſchen Heil'genbilder niederſehen.“ Dieſen Ausflug unternehm' ich heute lieber, als je⸗ den andern. Doch welchen Auftrag haben Sie mir zu geben? — 54— — Ich weiß nicht, ob ich Dir ſchon geſagt habe, daß Dein Ontkel ſo gütig war, mir das Häuschen öſtlich von der Teraſſenmauer von Bridman znu überlaſſen, das ihm gehört; die alte Tracy, meine und Heinrich's Amme, be⸗ wohnt es nun. Du ſahſt ſie zuweilen, nicht wahr, Ellen? — Nein, antwortete ich, aber ich habe Sie oft von ihr ſprechen hören. — Dieſe Frau ſpielte ehedem keine unwichtige Rolle in unſrer Familie. Du weißt, daß meine Mutter ſtarb, als ſie meinem Bruder das Leben gab, und daß Heinrich in den erſten Jahren nur durch die unermüdliche Sorgfalt jener Frau am Leben erhalten wurde. Sie liebte Heinrich leidenſchaftlich, und ihr ſeltſamer Charakter gab ihr eine Autorität über ihn, der er ſich nicht ganz zu entziehen ver⸗ mochte, als er andern Händen anvertraut ward. Sie hatte, glaub' ich, eine heftige Gemüthsart, doch brachte dieſe ihm keinen Schaden, als er noch Kind war, und er war ihr mit der herzlichſten Zuneigung ergeben. Sie be⸗ ſaß einen ſeltenen Scharfſinn, und weder ihr Benehmen, noch ihre Sprache verriethen ihren Stand. Ich bin be⸗ gierig, von Dir zu hören, was Du von ihr hältſt. — Weshalb haben Sie ihr die Wohnung zu Bridman eingeräumt? — Ihr Sohn und ſeine Frau ſind vor drei Jahren nach Indien gegangen und haben ihr Kind bei ihr zurück⸗ gelaſſen. In Madras wurden beide von einem Fieber überfallen, woran ſie ſtarben. Als ſie dieſe Nachricht er⸗ hielt, war ihr erſter Gedanke, die Nähe London's zu mei⸗ den, und ſich in dieſem Theil des Landes niederzulaſſen. Sie beſuchte mich vergangenen Sommer und fragte mich um Rath. Sie flößte mir die lebhafteſte Theilnahme ein, denn ſie hatte ihren einzigen Sohn verloren, und die Kin⸗ der, die dieſer hinterließ, ſind es, Heinrich ausgenommen, allein, woran ſie noch auf der Welt mit inniger Liebe hängt. Ihre Stimme zitterte vor Wehmuth, als ſie von ihnen mit mir ſprach, und obgleich ſie, wie ich glaube, ge⸗ rade keinen Mangel leidet, ſo konnte ich doch den Wunſch nicht unterdrücken, ihr in ihrer Trübſal ein friedliches und 5— ₰ℳ angenehmes Aſyl zu verſchaffen. Dein Onkel war es zu⸗ frieden, daß ſie von nun an in Bridman⸗Cottage wohne, wo ſie ſich ſeit einiger Zeit wirklich eingerichtet hat. Ich möchte ihr gern einen Beweis meines Wohlwollens geben, indem ich mich nach ihrem Befinden erkundigen laſſe. — Ich werde mich Ihres Auftrages mit dem größten Vergnügen entledigen und will mich ſogleich zu meinem Ausritte ankleiden. Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie Heinrich im Wohnzimmer finden, ihm zu ſagen, daß ich auf ſeine Begleitung rechne? Gegen Mittag führte man die Pferde vor und wir ga⸗ loppirten fröhlich durch den Park. Im Augenblicke, als ich den Weg nach Bridman⸗Manor einſchlug, fragte mich Heinrich, wohin ich zu reiten beabſichtigte. — Ich will einen Beſuch machen. — Wem? — Einer Perſon Ibrer Bekanntſchaft. — Wen meinen Sie? — Eine Ihrer älteſten Freundinnen. — Liebe Ellen, Sie irren ſich ganz und gar im Wege. Dieſer Fußpfad führt nach keiner uns bekannten Wohnung. — Entſchuldigen Sie, er führt nach Bridman⸗Manor und gerade dahin will ich. — Mit wem ſind Sie dort bekannt? — Mit Niemand; aber ich will mit Ihrer alten Amme, Miſtreß Tracy, Bekanntſchaft machen. Er murmelte etwas, das wie ein Fluch lautete, und als ich mich nach ihm umſah, erſtaunte ich über den ſeltſamen Ausdruck ſeines Geſichts. Er lächelte indeß und ſagte: — Sie werden in dieſem Fall eine der unausſtehlichſten Frauen kennen lernen, die jemals gelebt haben, und ich rathe Ihnen ernſtlich, ihr aus dem Wege zu gehen. Sie verbittert mir das Leben mit ihrer zänkiſchen Laune und ihren ewigen Klagen. Und da ich nicht das geringſte Ver⸗ langen darnach trage, mit ihr zuſammen zu kommen, ſo werden Sie mich ſehr verbinden, Ellen, wenn Sie Ihr Vorhaben aufgeben. 1 1 — 56— — Ich gehe im Auftrage der Miſtreß Middleton; aber es iſt durchaus nicht nöthig, daß Sie mit mir hingehen. Bleiben Sie im Gehölze in der Nähe des Schloſſes, wenn Sie es nicht wagen, Ihrer Amme die Stirn zu bieten; er⸗ warten Sie mich; dann werden wir zuſammen nach Elms⸗ ley zurückkehren. Heinrich war unruhig und zugleich ärgerlich; aber er antwortete nichts. Indeſſen faßte er ſich bald wieder und ſchwatzte munter und fröhlich nach ſeiner gewöhnlichen Weiſe. Als wir langſam einen Hügel hinaufritten, that ſein Pferd plötzlich einen Fehltritt; er ſprang ſchnell herab und bat mich ſtill zu halten. Er unterſuchte den Fuß des Pferdes und fand oder behauptete einen Stein gefunden zu haben, der ſich im Hufe eingedrückt und den er herauszu⸗ bringen vergeblich ſich bemühte. — Ich kann nicht weiter reiten, Ellen, ſagte er; höch⸗ ſtens kann ich wieder nach Hauſe gelangen, ohne daß das Pferd lahm wird. Laſſen Sie uns alſo zurückkehren, ich bitte Sie darum. Sie können Ihren Auftrag ein ander Mal ausrichten — Setzen Sie ſich auf dieſe Bank,„auf dieſe Bank von Moos, wo Veilchen wachſen,“ mein lieber Heinrich, und überlaſſen Sie ſich einſtweilen den Gebilden Ihrer ſchwermüthigen Phantaſie, während ich den Drachen in ſeiner Höhle aufſuchen will. Mit dieſen Worten ſetzte ich mein Pferd in Galopp, ohne weiter etwas zu ſagen; aber ich war noch nicht weit gekommen, als Heinrich mich wieder einholte und die Worte von Andrew Fairſervice in„Rob Roy“ ſprach, den wir kurze Zeit zuvor zuſammen geleſen hatten: —„Wohlan! ein hartnäckiger Mann beſteht auf ſeinem Kopfe. Er, der nach Curragh gehen will, muß nach Cur⸗ ragh gehen“ Und wir ſetzten unſern Weg fort. Als wir durch das Gitterthor von Bridman⸗Manor ka⸗ men, ritten wir längs dem Gehölze hin bis zu einer Te⸗ raſſe, wo der Boden in ſeltſamen Formen zierlich ausge⸗ legt war, und Vaſen, theils zerbrochen, theils ziemlich gut erhalten, noch mit einer gewiſſen Symetrie aufgeſtellt — 57— waren. Meine Aufmerkſamkeit wurde bald durch die pit⸗ toreske Wirkung gefeſſelt, welche eine Gruppe an einer Springbrunnen⸗Ruine hervorbrachte. Auf dem Rücken eines jener unbeſchreibbaren, halbmenſchlichen Ungeheuer, aus deren gähnendem Munde ſonſt das Waſſer ſchoß, ſaß ein junges Mädchen, deſſen Züge von der höchſten Anmuth und Lieblichkeit mich lebhaft überraſchten. Ihre Schönheit übertraf allen Reiz, den meine Einbildungskraft jemals einem lebenden Geſchöpf verliehen: es war das Ideal der Bildnerkunſt. Ihre kleine Hand ruhte auf dem moos⸗be⸗ deckten Marmor, und obgleich ſie nicht ſehr weiß war, ſo war die Form doch von ſolcher Vollkommenheit, daß man bei ihrem Anſchauen ein Vergnügen genoß, wie es ein ſchönes ſeltnes Kunſtwerk gewährt. Bei ihr befand ſich ein Kind, von ungefähr drei Jahren; auf den Fußzehen ſte⸗ hend, legte es lächelnd ſein Lockenköpfchen in die Höhlung des Sphinx⸗Mundes. Ein anderer kleiner Knabe, der zehn bis zwölf Jahre alt zu ſeyn ſchien, hatte den gewölbten Gipfel der Fontaine erklimmt, und ſah von ſeiner Höhe auf einen dünn rieſelnden Waſſerfaden, der ſich unten durch das Moos und die Schlingpflanzen einen Weg zum Baſ⸗ ſin bahnte. Als wir vorübergingen und das junge Mädchen uns erblickte, erhob ſie ſich ſogleich, grüßte uns, nahm das Kind bei der Hand und ſagte zu ihm:„Herr Heinrich!“ Heinrich hielt ſein Pferd an und erwiederte ihren Gruß auf eine Weiſe, die mich ein wenig überraſchte, indem er ſie mit einer Stimme, die mir nicht wie ſeine gewöhnliche vorkam, fragte, ob ihre Großmutter zu Hauſe ſey. „Ja, Sir, ſie iſt zu Hauſe,“ antwortete ſie. Er wandte ſich zu mir und ſagte:„Das iſt Alice Tracy, Ellen. Während Sie mit ihr Bekanntſchaft machen, will ich mit dieſem Kleinen dort reden, der mir auf dem beſten Weg zu ſeyn ſcheint, den Hals zu brechen.“ Er ſtieg ſogleich vom Pferde, warf die Zügel deſſelben über eine der Eiſenſtangen des Gitters und ſchwang ſich auf die Stelle, wo der Knabe nicht ohne Gefahr ſchwebte. — 58— — Iſt dieſes hübſche Kind Ihr Bruder? fragte ich das ſchöne Mädchen, das vor mir ſtand. — Ja wohl, antwortete ſie, es iſt mein Bruder; ſie hob das ſchüchterne, hinter ihrem Rücken niedergekauerte Kind in die Höhe und hielt mir das unwillig erröthende Geſichtchen des Knaben entgegen, trotz den Anſtrengungen, die er machte, es in den Schooß ſeiner Schweſter zu drücken. Dieſe neigte ſich liebkoſend über ihn, obſchon ſie ihm zurief:„Böſer Johnny!“ — Willſt Du mit mir gehen, Johnny? ſprach ich zu ihm, einen neuen Verſuch zum Bekanntwerden unter⸗ nehmend. — Nein, nein, ich will nicht! war die Antwort. — Was? willſt Du nicht einmal auf dieſem ſchönen, ſchwarzen Pferde reiten? — Ja, das will ich, erwiederte der Knabe mit eben ſo viel Entſchloſſenheit, als er zuvor bei ſeiner Weigerung kundgegeben hatte. Bald war er auf meine Knie geho⸗ ben, wo der kleine Spitzbube ſogleich damit ſich zu amu⸗ ſiren anfing, daß er aus Leibeskräften die ſchwarze Mähne meines Selim's an ſich zu ziehen ſuchte. — Miſtreß Middleton ſchickt mich zu Ihrer Großmut⸗ ter, und läßt ſie fragen, wie es ihr zu Bridman gefällt? — Ich glaube, es gefällt der Großmutter ſehr gut; Miſtreß Middleton iſt ſehr gütig. — Gefällt es Ihnen hier? — O gewiß. — Beſſer als in Ihrer vorigen Wohnung? — Es war dort recht hübſch, doch hier iſt's ſchöner. — Was finden Sie ſchöner? — Gar manches. In dieſem Augenblick ſah ich den Knaben, mit dem Heinrich geſprochen hatte, pfeilſchnell nach dem Dorfe zu⸗ laufen, während Heinrich zu uns kam — Ah! rief er aus, Sie ſuchen dieſen unlenkſamen klei⸗ nen Wilden zu zähmen, der immer aufſchreit, wenn er mich gewahr wird. Sie könnten ihn auf dem Pferde laſſen, bis wir an das Dorf kommen. Alice wird mit — 59— uns nach ihrem Hauſe gehen, und Sie dort ihrer Groß⸗ mutter vorſtellen. Alice machte einige Schwierigkeiten und war nicht Wil⸗ lens, den kleinen Johnny länger auf dem Pferde zu laſ⸗ ſen; das Kind ſträubte ſich aber gewaltig dagegen und ſtieß ſie unſanft zurück, als ſie den Verſuch machte, ihn von ſeinem Poſten zu vertreiben. Dann erhob er ein Siegesgeſchrei über die Niederlage des Feindes, und ſchüt⸗ telte die Zügel triumphirend, während wir¶b unſern Weg nach dem Dorfe forſetzten. Als wir Bridman Cottage vor uns ſahen, kam das andere Kind, das vorausgeeilt war, uns entgegengelaufen, näherte ſich Heinrich, dem es, wie ich hörte, zuflüſterte: — Großmutter iſt zu Hauſe, und ich habe gethan, was Sie mich geheißen. Heinrich erſuchte mich, vom Pferde zu ſteigen, hob zu⸗ erſt den Knaben herab, reichte mir dann die Hand und wir traten in das kleine Haus. Bridman Cottage war eine der freundlichen, einfachen Wohnungen, wie man ſie faſt nur in England antrifft, und in welchen man— der Himmel gebe, daß es immer ſo bliebe!— ein Aſyl des Friedens und des Glückes zu erblicken glaubt. Ein Stroh⸗ dach, kleine Fenſter mit glänzenden Scheiben, die Haus⸗ thüre von Waldreben, Jasmin und Geißblatt umgeben, ein Garten, wo Johannis⸗ und Stachelbeerſträuche ne⸗ ben der ſtattlichen Roſenpappel wachſen: ſo war Bridman⸗ Cottage, eines der lieblichſten ländlichen Wohnhäuschen, die ich jemals geſehen. Als wir eintraten, kam uns eine bejahrte Frau entge⸗ gen, und bewillkommnete mich etwas gezwungen und förm⸗ lich.„Sie erweiſen mir eine Ehre,“ ſagte ſie,„deren ich mich nicht verſah, Miß Middleton; doch ich weiß, ich bin zu Dank dafür verpflichtet. Herr Heinrich, Sie befinden ſich doch wohl?“ „Wie immer, ich danke Ihnen,“ entgegnete er.„Miß Middleton kömmt in Auftrag ihrer Tante und— — Ja, nahm ich ſogleich das Wort, Miſtreß Middle⸗ ton wunſcht ſebnlichſt zu erfahren, ob Sie ſich hier wohl — 60— und glücklich fühlen, und ob Ihnen Ihre Wohnung ge⸗ fällt. Sie würde ſelbſt zu Ihnen gekommen ſeyn, aber ſie konnte meinen Onkel nicht ſo lange allein laſſen, da er vor Kurzem krank geweſen und ſie ſich ſeitdem nie zu weit von Hauſe entfernt. — Sagen Sie der Miſtreß Middleton, daß das Haus bequem iſt, daß die Kinder geſund ſind, und daß ich ihr für ihre Güte dankbar bin. Es lag etwas ſehr Trocknes und Kaltes in der Art, wo⸗ mit ſie mir dieſe wenigen Worte ſagte. Die glaſigen Augen und dünnen Lippen der Miſtreß Tracy ſprachen eben nicht zu ihren Gunſten. Ich bezwang mich indeſſen und fuhr fort: — Wenn Sie bald einmal nach Elmsley kommen könn⸗ ten, ſo würden Sie meiner Tante gewiß ein großes Ver⸗ gnügen machen. — Ich war ihre Amme, ſie lag an meiner Bruſt, ich trug ſie auf meinem Arm, und ich liebe ſie jetzt nicht min⸗ der als damals. Aber wenn ich ihr auch das Leben ret⸗ ten könnte, würd' ich nicht nach Elmsley gehen und ſehen—— — Und mich ſehen! rief Heinrich. Ich ſagte Ihnen ſchon, Ellen, daß mir ein ſchlimmer Auftritt bevorſtehen würde, und nun ſehe ich, daß ich ihm nicht mehr aus dem Wege gehen kann. Gehen Sie mit Alicen ins Zimmer hinauf; ich will unterdeſſen verſuchen, Frieden zu ſchließen. Mit dieſen Worten drängte er mich faſt aus dem Zim⸗ mer und ſchloß die Thüre zu Während ich an der Treppe ſtand, und, etwas verlegen, nicht wußte, was ich thun ſollte, ſagte Alice, die mir gefolgt war, mit ihrer ſanften Stimme:„Wenn Sie mit mir in mein Zimmer kommen wollen, Miß Middleton, ſo könnte ich Ihnen einige der Urſachen entdecken, welche mir Bridman ſo lieb machen.“ Ich willigte gern ein; ſie ging voraus, um mir den Weg zu zeigen und öffnete die Thüre eines Zimmerchens, in welchem kein anderes Möbel ſtand, als ein kleines Bett mit ſchneeweißen, barchentnen Vorhängen, ein Ar⸗ beitstiſch und zwei Strohſtühle.„Iſt das nicht ein hüb⸗ — 61— ſches Zimmerchen?“ ſagte ſie.„Aber kommen Sie ans Fenſter und ich zeige Ihnen eine der Urſachen, die mir dieſe Wohnung ſo angenehm machen.“ Sie zog die Vorhänge zurück und zeigte mir mit ihren Händchen die Dorfkirche, die ſich in ländlicher, ruhiger Schönheit inmitten der entblätterten Bäume erhob. — Nicht wahr, das iſt ſchön? ſagte ſie lächelnd. — Wirklich, ſehr ſchön. Haben Sie, fuhr ich fort, keine Bücher, Alice? ich ſehe hier keine. — Ich beſitze einige. Wollen Sie ſie ſehen? — Ja wohl, ich möchte gern wiſſen, welche Bücher Sie lieben. — Dann muß ich Ihnen noch eine meiner Urſachen zeigen, ſagte ſie mir mit ihrem lieblichen, ruhigen Lächeln. Hierauf öffnete ſie die Thüre eines andern ſehr kleinen Zimmers, in welches man nur durch das erſte kommen konnte. Hier ſtand ein Tiſchchen und ein hölzernes Ta⸗ bouret nächſt dem Fenſter. Auf dem Tiſche lagen zwei Bücher— das eine war die Bibel, das andere ein großes Gebetbuch in rothem Maroquin gebunden und mit Bil⸗ dern verziert. Einige andere in einem Büchergeſtell hübſch geordnete Bände bildeten die ganze beſcheidene Bibliothek. Ich beſah mir die Titel der Bücher: Jeremias Taylor's „Leben und Tod der Heiligen“,„des Pilgrims Reiſe“, Biſchof Heber's„Hymnen“ und einige andere Werke. Meine Aufmerkſamkeit wurde aber vorzugsweiſe von ei⸗ nem Büchelchen in Anſpruch genommen, das mir wohl bekannt war, und welches den Titel trug:„Vögel und Blumen.“ Ich fragte Alice, ob ſie es ganz geleſen hätte. „Ja,“ erwiederte ſie,„ich habe es geleſen. Herr Hein⸗ rich gab es mir vor einigen Monaten.“ Ich ward unwillkürlich betroffen. Ich ſah ſie feſt an, während ſie ſprach, aber keine Spur von Verlegenheit zeigte ſich auf ihrem Geſichte oder in ihrem Benehmen. „Er gab es mir,“ fuhr ſie fort,„dieſer armen Blume wegen, die mir ſo lieb war!“ Und ſie zeigte mir eine verwelkte Schlingpflanze, die in einem Blumentopfe auf dem Fenſtergeſimſe ſtand.„Sie würden ſie,“ fuhr ſie fort, — 62— „nicht wieder erkennen, wenn Sie die Blume geſehen hät⸗ ten, wie ſie ſo ſchön nächſt der Mauer in dem Stückchen Garten blühte, das wir in Bromley beſaßen.“ — Was hat ſie aber mit dieſem Buche mehr gemein, als eine andere Blume, Alice? — Das iſt eine kleine Geſchichte; ich will ſie Ihnen erzählen, wenn Sie wollen. Vergangnen Sommer ver⸗ ſtauchte ich mir den Fuß und konnte einige Wochen lang nicht gehen. Großmutter oder mein Bruder Walter zo⸗ en mich jeden Tag auf meinem Stuhl nach dem offnen Fenſter hin, um friſche Luft ſchöpfen und die Blumen in unſerm Gärtchen betrachten zu können. Dort war nichts anderes zu ſehen, als die Dächer der Häuſer und die ſchwarzen Schornſteine, aber längs der Mauer und bis zu meinem Fenſter hinauf wuchs dieſe Pflanze, die nun faſt ganz verwelkt ausſieht. Jeden Tag ergötzte ich mich an ihrer Blüthe, obgleich mir ihr Name unbekannt war, bis ich Dinge daran entdeckte, die, wie ich glaubte, noch Niemand außer mir wahrgenommen hatte. — Was war es denn, Alice? — Ein Kreuz, eine Dornenkrone, Nägel und ein Hammer. — Die Paſſionsblume! — So ſagte mir Herr Heinrich, als er mich eines Ta⸗ ges in dieſem neuen Buche da leſen ſah, denn die ſchöne Blume war für mich wie ein Buch; ſie erinnerte mich an heilige Dinge, mehr als eine Predigt es hätte thun können. — Und Heinrich brachte Ihnen nachher dieſes Buch megen des Gedichtes, das darin auf die Paſſionsblume ſteht? 2 Ja wohl, und er las es mir laut vor. Es dünkte mich ſehr ſeltſam, aber zugleich recht hübſch, in ſolchen Worten ſeine eigenen Gedanken ausgeſprochen zu ſehen. 3— Und Sie haben Ihre Paſſionsblume mit hierher ge⸗ racht? — Ja, aber nun iſt ſie ganz verwelkt, und das erweckt nun auch Gedanken in mir, welche ich aufgeſchrieben ſe⸗ — 63— hen möchte. Es würde mir Freude machen, ſie vorleſen zu hören.— Ich nahm ihr Buch zur Hand und ein Bleiſtift aus meiner Taſche. Dann ſchrieb ich ſchnell folgende Zeilen nieder: Wenn Deine Blume welkt und ſtirbt, Warum denn weineſt du? Iſt beſſer doch des Todes Ruh' Als Leben ohne Ruh'. Wenn durch den eingeſchrumpften Stiel Träg die Zerſtörung ſchleicht, Wein' nicht, wenn auch Dein Pflegling ſtirbt, Eh' noch der Tag erbleicht. Der Froſt traf ſcharf, des Winters Schnee Liegt kalt auf ihrem Kranz; Die Blum' erſtarrt, und ſcheint auch noch Die Sonn' in hellem Glanz. Das war ihr Loos. Das Mark entwich Der welkenden Geſtalt; Ihr wundes Haupt trotzt nimmermehr Noch eines Sturms Gewalt. Sanft geb' der Tod die kranke Blum' Der Mutter Erd' zurück, Ihr ruheloſes Leben end' Ein ruh'ger Augenblick.*) 4) O wish her not to live again, Thy dying passion flower, For better is the calm of death Than life's uneasy hour. Weep not if through her wither'd stem Is creeping dull decay; Alice las dieſe Zeilen, als ich ſie niederſchrieb. Nach⸗ dem ich fertig war, ſchüttelte ſie das Köpfchen nnd ſagte: — Das ſind recht ſchöne Worte, auch recht hübſche Gedanken, aber nicht meine Gedanken. — Theilen Sie mir doch Ihre Gedanken mit, Alice. — Ich denke, wenn ich dieſe Blumen ſo friedlich ſter⸗ ben ſehe, daß ſie uns lehren ſollten, wie ſie zu ſterben. Ich denke; wenn ich ſehe, wie meine arme Pflanze ihr freundliches Leben aushaucht ohne zu klagen, daß dies ſo iſt, weil ſie gethan hat, was ſie hienieden thun ſollte, und ihrer Beſtimmung nach lebte. Ich pflanzte ſie in mein Gärtchen, und ſie erhob ſich bis zu meinem Fenſter. Erſt brachte ſie mir Knospen und dann Blumen, herrliche Blu⸗ men. Als ich ſpäter krank wurde, gab ſie mir Gedan⸗ ken, fromme, herzerhebende Gedanken an Gott und den Heiland. So möcht' auch ich handeln: meine Pflicht thun in dem Lebenskreiſe, welchen mir Gott angewieſen, und dann ruhig ſterben, wenn es ſein Wille iſt, wie meine Paſſionsblume.— Weep not, if ere the sun has set, Thy nursling dies away. The blast was keen, the winter snow Was cold upon her breast; And though the sun is shining now Still let thy flower rest. Her tale is told; her slender strength Has left her drooping form. She cannot raise her bruised head To face another storm. Then gently lay her down to die, Thy broken passion flower; And let her close her troubled life With one untroubled hour. —j,.— Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich laute Stimmen vernehmen ließen, wie es ſchien in Folge eines heftigen Wortwechſels zwiſchen Heinrich und Miſtreß Tracy. Ich hörte nur, wie Heinrich mit zorniger Stimme rief: „Ich ſage Ihnen, wenn Sie ſich nicht mäßigen und ſich benehmen, wie ich es wünſche, ſo werde ich keinen Fuß mehr in Ihr Haus ſetzen und Sie in meinem Leben nicht wiederſehen.“ Ein furchterlicher Schwur folgte dieſer Drohung und zu gleicher Zeit wurden die Stimmen ruhiger. Ich ſah Alice an; ſie ſchien unangenehm berührt zu ſeyn, doch ſprach ſich in ihrem Benehmen weder Erſtaunen noch Un⸗ ruhe aus; alles, was ſie that, war, daß ſie die Thüre, welche offen gelaſſen war, zuſchloß. In dieſem Augen⸗ blick aber kam Heinrich die halbe Treppe herauf, um mich zu erinnern, daß es ſchon ſpät und Zeit ſey, heimzukeh⸗ ren. Ich war es zufrieden, und als ich in das Zimmer hinabkam, wo ſich Miſtreß Tracy befand, grüßte mich die⸗ ſelbe höflich, dankte für meinen Beſuch und ſtammelte ei⸗ nige Worte, die den Wunſch ausſprechen ſollten, daß wir bald wiederkommen möchten. Wäre Alice nicht geweſen, die mich ganz bezaubert hatte, ſo würde ich gerade das Gegentheil gewünſcht haben, denn ich war von ganzem Herzen mit dem einverſtanden, was mir Heinrich in Be⸗ treff ſeiner alten Amme geſagt hatte, deren Höflichkeit, meiner Meinung nach, noch unangenehmer war, als ihr Uebelwollen. Ich nahm ziemlich kalt von ihr Abſchied, aber als ich auf das Pferd ſtieg, drückte ich die Hand des jungen Mädchens aufs herzlichſte und flüſterte ihr ins Ohr:„Alice, Ihr Gedicht gefällt mir beſſer, als das meinige.“ Wir ſchlugen einen kürzern Weg ein, als den, welchen wir gekommen waren, denn das Wetter hatte ſich geän⸗ dert; dunkle Wolken zogen ſich am Himmel zuſammen und ein kalter Wind wehte durch die entlaubten Zweige. Wir ritten längs dem Rande eines kleinen Sees, der an der öſtlichen Seite des Bridman Waldes liegt. Heinrich, ge⸗ gen ſeine Gewohnheit, war ſtill und verſtimmt. Ich mei⸗ 1. 5 5 nerſeits war traurig und niedergeſchlagen. So ritten wir eine Zeitlang ſtillſchweigend fort. Ich vermochte mir durchaus die Urſache nicht zu erklären, welche einen Mann von Heinrich's Stellung und Gewohnheiten bewegen konnte, ſich mit einer Perſon in einen ſo heftigen Streit einzu⸗ laſſen, die ſich durch Alter und Stand ſo ſehr von ihm unterſchied. Heinrich hatte im Ganzen einen verträglichen Charakter und ſeine Manieren waren eines Gentleman würdig. Unbegreiflich war mir daher ſein Benehmen, ſo ſehr ihn auch Miſtreß Tracy gereizt haben mochte. Nicht minder erſtaunte ich über das vertrauliche Verhältniß, das offenbar zwiſchen ihm und der lieblichen Alice beſtand, ob⸗ gleich er noch niemals in unſerer Gegenwart ihren Na⸗ men ausgeſprochen hatte. Indeſſen überraſchte mich kein Wort und kein Blick, der mich zu der Vermuthung berech⸗ tiget hätte, daß in ihren Beziehungen zu einander das geringſte Geheimniß obwaltete, welches ſie zu verbergen wünſchten. Was Alice betrifft, ſo hätte ich eher an der Reinheit der Perltropfen gezweifelt, die an den Hagedorn⸗ büſchen hingen, an welchen wir vorbeikamen, als ihre ſchuldloſe Jugend einer unrechten Handlung, oder ihren kindlichen Sinn eines unrechten Gedankens fähig gehalten. Das dunkelblaue Waſſer des kleinen Sees, der zu unſe⸗ ren Füßen lag, war nicht ruhiger, nicht reiner als ihre Augen, und in der Marmorweiße ihrer ſchönen Stirn, in der himmliſchen Reinheit ihres Mundes, in der ruhigen Treuherzigkeit ihres ganzen Weſens erkannte man ohne Mühe die jungfräuliche Lauterkeit eines kindlich frommen Gemüths. Wir ritten in ziemlich ſcharfem Trab, und die ſchnelle Bewegung begünſtigte unſer Stillſchweigen. Als wir in- deſſen vom See ablenkten, mußten wir eine ſehr ſteile An⸗ höhe hinaufreiten, um zur Haide zu gelangen, die uns noch von Elmsley trennte. Wir hielten unſre Pferde im Schritt. Ich fragte Heinrich halb im Scherz:„Nun iſt Ihr gewal⸗ tiger Zorn verraucht? Ihre Ahnungen ſcheinen ſich voll⸗ kommen verwirklicht zu haben.“ — Dank Ihrer Sorgfalt! antwortete er kurz und trocken. — 62— — Kommen Sie, kommen Sie, erwiederte ich, ſchieben Sie nicht die üble Laune der Miſtreß Tracy auf mich. Ich glaube übrigens, daß Sie nicht ſo viel Geduld mit ihr haben, als Sie ſollten, wenn Sie bedenken, daß ſie eine alte Frau iſt und Ihre Amme war. Sie ſprachen in der That mit einer unbegreiflichen Heftigkeit mit ihr. — Hörten Sie, was ich mit ihr ſprach? — Nur einige Worte und einen fürchterlichen Schwur. — Ich wußte nicht, daß Sie an der Thüre horchten. Wenn ich mir hätte denken können, daß Sie ſich dahin poſtirt hätten, ſo würde ich gewiß vorſichtiger in meinen Ausdrücken geweſen ſeyn. Ich fühlte mein Angeſicht erröthen, denn der Ton ſeiner Stimme war noch beleidigender, als ſeine Worte. Ich wollte mir dennoch nichts merken laſſen und ſagte gleich⸗ gültig:— — Es iſt ſchlimm, daß Sie es nicht für nöthig erachte⸗ ten, ſich als Gentleman zu benehmen, man mochte Sie nun ſprechen gehört haben oder nicht. Er erröthete nun ſeinerſeits und biß ſich in die Lippen; plötzlich aber auf etwas anderes überſpringend, fragte er: — Wie gefällt Ihnen Alice? — Wie alles, was Gott erſchaffen hat und die Men⸗ ſchen noch nicht verdorben haben. — Sie iſt ſehr ſchön, und iſt auch gewiſſermaßen nicht ohne Geiſt; demungeachtet liegt in ihrem Weſen etwas Mattes, Schales. Wahrlich, ich begreife ſie nicht. — Wie ſollte die Schlange die Taube begreifen, ſprach ich leiſe zu mir ſelbſt. Aber in demſelben Augenblick warf mir mein Herz die liebloſen Gedanken in Betreff Heinrich's vor; ich klagte mich der Undankbarkeit, ja der Heuchelei an, indem ich ſo ſchlimm von einem Manne dachte, deſſen Umgang ſo viel Reiz für mich hatte und der mir ſtets mit der unverdroſſenſten Freundlichkeit zugethan geweſen war. Ich konnte mir nie genaue Rechenſchaft von den Gefühlen beben, die ich damals für ihn empfand. Wie ich ſchon emerkt habe, ſo würde ich ſeine Abweſenheit von Elms⸗ 5* 68— ley, von ſo kurzer Dauer dieſelbe auch geweſen wäre, als eine harte Prüfung für mich betrachtet haben. Stundenlang konnte ich mich mit ihm unterhalten, und wurde kaum gewahr, wie ſchnell die Zeit vorüberflog, ſo mächtig war der Zauber, welchen ſein gewaltiger, origi⸗ neller und vor allem hoch gebildeter Geiſt auf mich aus⸗ übte. Durch welchen ſeltſamen Widerſpruch überkam mich nun ein unwillkührliches Gefühl von Mißtrauen, eine un⸗ erklärbare Abneigung, als ich den Ton ſeiner Stimme vernahm und meine Augen den ſeinigen begegneten? War⸗ um konnte ich mich eines Schauders nicht erwehren? Und doch waren ſie bewundernswerth ſchön, ſeine Augen, mit ihrer dunkelgrauen Farbe, welche, von langen ſchwarzen Augenwimpern beſchattet, im Glanz des Lichtes ſchwarz er⸗ ſchienen. Es lag etwas ungemein Edles in der Form ſeiner kleinen, gebogenen Naſe und in dem Schnitt ſeines, etwas großen aber ſchön gebildeten Mundes, und beide zeigten in der Aufregung einen Ausdruck, den ich nur mit dem vergleichen möchte, wenn ein feuriges Pferd die Mähne ſchüttelt und die Luft der Ebene einathmet, die es zu durch⸗ fliegen vor Begierde brennt. Wie kam es denn, daß im⸗ merdar beim Anblick ſeiner Schönheit, mir ſeine Zuneigung Vergnügen, ja Glückſeligkeit gewährte— wie kam es, daß dann und wann, wenn ich an ihn dachte, ein Argwohn mich beſchlich, der ihn falſch und herzlos nannte? der augenblicklich aber dem ſtechenden Gewiſſensvorwurf wich, daß ich falſch gegen ihn ſey, er nicht gegen mich; falſch, weil mein äußeres Weſen nicht übereinſtimmte mit den ge⸗ heimen, unwillkührlichen Regungen in meiner Bruſt. Ich alſo war herzlos, indem ich keine wahrhafte Neigung für ihn fühlte, deſſen Leben eine unveränderliche Hingebung für mich kund gab. Falſch! herzlos! War ich's wirklich? Groll wider Eduard Middleton hatte mein Herz verhärtet und jedes wohlwollende Gefühl für ihn in Bitterkeit ver⸗ wandelt. Quälende Erinnerungen warfen einen dunkeln Schatten auf meine reine, heilige Jugendliebe, die mich für meine Tante begeiſterte;— und was Heinrich Lovell be⸗ traf, deſſen Umgang ich ſo begierig aufſuchte, deſſen Nei⸗ — 69— gung ich zu erwiedern ſchien, ſo mußte ich oft mir ſelbſt geſtehen, daß nicht ein Körnchen Zärtlichkeit in meiner krankhaften Vorliebe für ihn lag. Die Todeskälte meines Herzens machte mich mir ſelbſt verhaßt; ich verachtete mich wegen der Wandelbarkeit meiner Gemüthsſtimmung. In meinen eignen Augen herabgewürdigt, durch mein eignes Bewußtſeyn verurtheilt, wandte ich oft die Worte der hei⸗ ligen Schrift auf mich an und rief im Unmuthe meines Geiſtes aus:—„Unbeſtändig wie Waſſer, kann ich nicht gedeihen; verzehrt von Elend; trunken, aber nicht von Wein, iſt mein Herz gebrochen und verdorrt wie Gras. Ich war in den Himmel gehoben: ich ſank zur Finſter⸗ niß.“ Solche Gedanken beſchäftigten mich auf unſerm Heimweg. In dem Augenblick, als Heinrich die Bemerkung machte, welche dieſe Betrachtungen in mir hervorriefen, erreichten wir den Gipfel der Anhöhe. Auf der Haide angelangt, die uns noch von Elmsley trennte, ſetzten wir unſere Pferde in ſchnellen Galopp und befanden uns vor dem Thore der Priorie, als ſich der Tag zu neigen begann. IV. Während der folgenden drei oder vier Monaten ereig⸗ nete ſich keine bemerkenswerthe Veränderung in unſrer täg⸗ lichen Lebensart. Ich ſprach mit meiner Tante von Alice Tracy auf eine Weiſe, welche ihre Neugierde lebhaft er⸗ regen und ihr vor allem großes Intereſſe für das junge Mädchen einflößen mußte. Abgeſehen von dieſen Beweg⸗ gründen, reichte der bloße Gedanke, mir etwas angenehmes erweiſen zu können, hin, ſie zu vermögen, an Alicens Großmuttter zu ſchreiben und ihr den Vorſchlag zu machen, wenn ſie ſich nicht ſelbſt zu einem Beſuche in Elmsley ent⸗ ſchließen könnte, ihrer Enkelin zu erlauben, einen Ta lang bei uns zuzubringen. Miſtreß Tracy antwortete mit we⸗ nig Worten, daß Alice der ihr zugedachten Ehre entſagen — 70— müßte, da ſie Bridman⸗Cottage verlaſſen habe, um einige Zeit bei Verwandten ihres Vaters zu verweilen. Mein Onkel erhielt von Zeit zu Zeit Nachrichten von Eduard Middleton, aber er ſprach nie von dem Inhalte der Briefe und begnügte ſich bloß, uns mitzutheilen, daß er geſund ſey, und uns die Stadt des Continents zu nen⸗ nen, wo er ſich gerade befand. Nichts verrieth indeſſen, daß Heinrich daran dachte, uns ſo bald zu verlaſſen und unſre gegenſeitigen Beziehungen hatten ſich in nichts verändert. Der einzige neue Umſtand, den man in unſern häuslichen Verhältniſſen wahrnehmen konnte, war die ſtets zunehmende Abneigung, welche mein Onkel für ſeinen Schwager zu erkennen gab. Mr. Midd⸗ leton hatte niemals große Neigung für Heinrich offenbart; aber nun ſah man, daß er nur mit Widerwillen die unbe⸗ ſtimmte Verlängerung ſeines Aufenthalts in Elmsley er⸗ trug. Oft ſogar erkundigte er ſich bei meiner Tante oder bei mir, ob Heinrich denn nicht geſonnen ſey ſeine juriſti⸗ ſchen Studien wieder zu beginnen. Was Heinrich Lovell betraf, ſo deutete nichts in ſeinem Benehmen darauf hin, daß er bald wieder ſeinem Berufe zu folgen die Abſicht habe; im Gegentheile ſchien er Elmsley als ſeinen beſtän⸗ digen Aufenthaltsort zu betrachten. Mein Onkel war übri⸗ gens ſeiner Frau viel zu ergeben und beſaß zugleich zu viel Herzensgüte, als daß er anders wie durch gelegent⸗ liche Winke ſein Mißvergnügen über dieſe Handlungsweiſe zu erkennen gab. Er konnte aber kaum ſeine Freude ver⸗ bergen, als Heinrich von ſeinem Vater einen Brief erhielt, der ihn beſtimmte, an ſeine Zukunft zu denken. Man kam überein, daß Heinrich nach Verlauf von drei Wochen Elmsley verlaſſen ſollte. Dieſer Entſchluß über⸗ raſchte und verletzte mich zugleich, als ich bemerkte, daß ihm dieſe faſt unerwartete Trennung gar nicht zum Her⸗ zen zu gehen ſchien. Die Gleichgültigkeit, womit er bei ſeiner Abreiſe Abſchied von mir nahm, kränkte mich auf das tiefſte. Wenige Tage nachber brachte man einen Brief von Miſtreß Brandon, der Schweſter meiner Mutter und des — 71— Herrn Middleton. Sie ſprach den Wunſch aus, daß mir erlaubt werde, einige Wochen bei ihr in Dorſetſhire zuzu⸗ bringen. Ich hatte dieſe Tante kaum zwei oder dreimal als Kind geſehen, und erinnerte mich nur, daß es eine kleine, recht hübſche ſchwarzäugige Frau war, die eine Stimme von ungemeiner Sanftheit beſaß. Ich fürchtete die Leere, welche Heinrich's Abweſenheit in meinem Leben zurücklaſſen würde, ſo ſehr, daß mir der Gedanke an einen veränderten Aufenthalt und neue Umgebungen höchſt an⸗ genehm war. Ich hatte auch ein Vorgefühl, daß fern von Elmsley, fern von den Gegenſtänden, die mich unaufhör⸗ lich an mein unglückſeliges Geheimniß mahnten, ich mich einigermaßen des drückenden Gefühls entledigen könnte, das ſchwer auf mir laſtete. Ich war erſt ſiebzehn Jahre alt, und trotz dem Unglücke, das mein Gemüth ſo früh⸗ zeitig verſtimmte, war noch etwas von dem Jugendgeiſte in mir geblieben, der ſich nach neuen Gegenſtänden, neuer Geſellſchaft, neuen Eindrücken ſehnt. Ich äußerte daher das lebhafte Verlangen, die Einladung der Miſtreß Bran⸗ don anzunehmen. Dies war, wie gewöhnlich, hinreichend, die Einwilligung meiner Tante zu erhalten, und mein Onkel machte nicht die geringſte Einwendung, die meinem Wunſche entgegen war. Anfangs Juni verließ ich alſo Elmsley in einem kleinen, halb offenen Wagen in Begleitung der Miſtreß Hatton, meiner vormaligen Gouvernante, die ſich gern dem Auf⸗ trag unterzog, mich nach Brandon⸗Park zu bringen. Mit Thränen in den Augen nahm ich von meiner Tante Ab⸗ ſchied; ſie drückte mich an ihr Herz und ich erwiederte ihre Umarmung mit der innigſten Rührung, welche die Ge⸗ ſchichte meines vergangenen Lebens in ſich zu ſchließen ſchien, aber zugleich mit der ruheloſen Ungeduld des ge⸗ fangenen Vogels, der in unbeſonnenem Flug das Haus verläßt, das ihn einſchloß, und im gewaltigen Ungeſtüm, womit er ſich aufſchwingt, hofft, das drückende Band zu zerreißen, das ihn noch an der Erde feſthält. Der Tag war ſchön: weiße flockige Wolken ſegelten am Him⸗ mel, und die ſanften Lüftchen, die meine Wangen umfächel⸗ — 22— ten, verbreiteten den ſüßen Duft der Kleefelder, durch welche uns meiſt der Weg im Anfange unſrer Reiſe führte. Der Himmel, die Luft, die Wohlgerüche, der Geſang der Vögel, die ſchnelle Bewegung des Wagens, dies Alles er⸗ füllte mich mit hoher Luſt. Glücklicherweiſe beſaß Miſtreß Hatton, meine Reiſegefährtin, in einem hohen Grade die Fähigkeit, in ſich ſelbſt und durch ſich ſelbſt Vergnügen zu finden. Ich kannte niemals eine ſo durchaus wohlgelaunte Perſon. Stets gefiel ihr das, was andern gefiel, und nie gefiel ihr etwas, was andern mißfiel. Welche Speiſe auch für die Mittagstafel beſtimmt worden, ſo war dieſelbe ſtets ihr Lieblingsgericht; wenn aber durch irgend ein Mißge⸗ ſchick daſſelbe nicht und dafür etwas Anderes erſchien, ſo beſann ſie ſich ſchnell, daß ſie das neue Gericht noch weit lieber hätte, als das zuerſt beſtimmte. Selbſt das Wetter that ihr Alles zu Dank. Heftige Kälte hielt ſie für ge⸗ ſund und kräftigend, ſchneidenden Oſtwind nannte ſie friſche Luft; Schnee, Regen, Hagel hatten alle beſondere Ver⸗ dienſte in ihren Augen. Wenn die Sonne ſchien, ſo war's ein Glück; wenn es regnete, ſo konnte ſich's nicht beſſer treffen, denn ſie hatte ſtets ſo viele Briefe zu ſchreiben und nichts ging über einen regneriſchen Tag, um Arbeiten zu beſeitigen. Und wenn das Wetter gar keinen andern Lob⸗ ſpruch mehr fand,„ſo war es“, wie ich ſie einmal ſagen hörte,„immer noch beſſer, als gar kein Wetter.“ Sie räumte nie ein, daß irgend etwas beſchwerlich ſey, daß irgend jemand beſchwerlich falle. Ihrer Freunde Miß⸗ geſchick nahm ſie ſich zwar ſehr zu Herzen, aber ſie fand in Betracht deſſelben Troſt in dem Umſtand, daß ſie, im Verhältniß ſeiner Größe, einen höhern Grad von Theil⸗ nahme, ein reicheres Maaß von Güte, als ſonſt, aus der nie verſiegenden Quelle ihres zärtlichen Gemüths gewäh⸗ ren konnte. Die arme Miſtreß Hatton! ſie war eine treff⸗ liche Frau, wenn auch keine gute Gouvernante. Während der Jahre, in welchen ſie meine Erziebung überwachte, war ſie nimmer im Stande mir zu widerſprechen, wenn ich behauptete daß Rechnen⸗ und Sprach⸗Unterricht höchſt unnütze und langweilige Dinge ſeyen. Eben ſo wenig — 73— war ſie andrer Meinung, wenn ich dafür hielt, daß Sir Walter Scott's Romane unendlich mehr zur Entwicklung des Geiſtes beitrügen, als Goldſmith's Geſchichte von Eng⸗ land. Ich las ihr Novellen vor und ſie hörte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit zu; meine Poeſien, die ſie laut vorlas, hielt ſie für das Beſte, was je geſchrieben worden. Ich warf alle Bücher, die mich langweilten, bei Seite, vernachläſſigte alle Uebungen, die mich zu viel Anſtrengung koſteten, und ſie ſtimmte von Herzen mit mir überein, daß ſie ganz und gar ohne Vortheil und Zweck wären. Gute Miſtreß Hatton! ſie war kein großer Geiſt, aber ihr arg⸗ loſes, warmfühlendes Gemüth erſetzte den Mangel der Verſtandeskräfte, die ſo ſelten mit Gutherzigkeit und Ge⸗ radheit des Charakters vereint ſind. Sie war in der That eine treffliche Reiſegefährtin! Als wir durch das Thor von Elmsley fuhren, ſagte ich zu ihr:„Wiſſen Sie, liebe Mi⸗ ſtreß Hatton, daß ich im Wagen ſehr wenig zu ſprechen pflege; ſollten Sie's wohl glauben?“ „Es gibt nichts Angenehmeres, liebe Miß, als ſo hin⸗ zufahren und ſich umſchauen zu können, ohne viel reden zu müſſen; wahrlich, es gibt nichts Angenehmeres! Vieles Reden im Wagen iſt gar zu beſchwerlich.“ Und indem ſie ſich in die Ecke drückte, überließ ſie ſich ihren Betrachtun⸗ gen. Und ſie hatte recht! Eine deutſche Schriftſtellerin, Gräfin Hahn⸗Hahn, ſagt in ihrem Buche:„Aus der Ge⸗ ſellſchaft“:„O, es iſt ſehr lieblich, am ſchönen Sommer⸗ morgen durch eine anmuthige Gegend raſch zu fliegen wie ein Vogel, der auch nichts von der Welt will, als über ihr ſchweben. Das Fahren iſt wirklich die höchſte An⸗ nehmlichkeit des Reiſens. Das Gaſthofleben iſt unruhig; das Durchſtreifen der Städte iſt ermüdend; das Bewun⸗ dern der Kunſtſchätze und Merkwürdigkeiten iſt eine Sache, von der man ſich gern durch einen Tag Holzſägen oder Waſſertragen loskaufen würde. Aber ſich unbeweglich in den Wagen zurückzulehnen, indeſſen er leicht und bequem auf einer guten Cbauſſee rollt; vor den Augen bunte Bil⸗ der zu haben, die wechſelnd, wie Träume, nie lang genug hängen bleiben, um uns zu langweilen; durch den Sinn — 74— Gedanken fliegen zu laſſen, die ſich bald an jene Bilder knüpfen, bald durch die wunderlichſten Ideenverbindungen erzeugt werden; von keiner irdiſchen Bedürftigkeit gebunden zu ſeyn, weil man weiß, daß man überall einen gedeckten Tiſch findet, und— ſollte man einmal kein Bett finden— recht gern à la belle étoile, vom Wagen, wie von einer Wiege, geſchaukelt, ſchläft; immer das Rollen der Räder zu hoͤren, das, gleich dem Rauſchen eines Bachs, und dem Klappern einer Mühle, und dem Plätſchern des Ruder⸗ ſchlags, durch ſeine Einförmigkeit ein beruhigendes Aecom⸗ pagnement für die ins Unendliche ſchweifenden Gedanken wird; das iſt eine Wonne, an die, wie der Liebende an die Liebe, nur der ächte Reiſende glaubt. Und außer ächten Liebenden iſt gewiß nichts ſeltener auf der Welt zu finden, als ächte Reiſende. Denn wer da reiſ't aus Neugier, oder aus Langerweile, oder der Geſundheit und Mode wegen, oder um Bücher darüber zu ſchreiben— der ge⸗ hört nicht zu ihnen und weiß nichts von jenem ſeligen Quietismus.“ In ſolchem Genuß, hoffte ich, fand Miſtreß Hatton volle Entſchädigung für meine Schweigſamkeit. Sie war ohne Zweifel eine ächte Reiſende, ſo wie denn nichts Unächtes in ihr war, welcher Gemüthsſtimmung ſie ſich auch anſchmiegte; doch fürchte ich, daß ihre Begriffe von den Freuden des Nichtſprechens und Umſichſchauens fern von dem Ideale blieben, das ſich die deutſche Gräfin von der Wonne eines Reiſenden machte.. Nach einer Reiſe von ungefähr zwanzig Meilen erreich⸗ ten wir um fünf Abends die Stadt Salisbury, wo wir übernachten wollten. Wir beſtellten das Mittageſſen im Gaſthofe, und dann beſuchte ich die Kathedrale. Ich hatte nie zuvor eine geſehen, und als ich des Thurmes und des ganzen herrlichen Bauwerks anſichtig ward, traten Thränen in meine Augen und in ſtummer Bewunderung betrachtete ich die prachtvolle Schöpfung. Meine Hände falteten ſich unwillkürlich zum Gebete und es trieb mich, niederzuſinken auf die Knie und Gott anzubeten, der dem Herzen der Menſchen den Wunſch, ihrem Geiſte den Gedanken und ihrer Hand die Macht verkieh, ſolche Tempel zu ſeiner Anbetung und Verherrlichung zu er⸗ richten. Die Kathedrale von Salisbury ſteht in der Mitte eines Bezirks, wo immer grüne Bäume und Sträuche aller Art ſich über den friſchen Raſen erheben, der faſt bis zum Fuße ihrer Mauern hinläuft. Die Thüre war verſchloſ⸗ ſen. Während ich den Sakriſtan mit dem Schlüſſel er⸗ wartete, ging ich langſam rund um die Kathedrale herum und blieb einige Minuten auf einer Stelle ſtehen, wo ich in einer der, dem Bauwerke eigenthümlichen Niſchen ne⸗ ben mir nur die prächtigen gothiſchen Mauern, und über mir den blauen Himmel erblickte. Dieſe Stelle ſchien zur Andacht geſchaffen. Der Sakriſtan kam mit den Schlüſ⸗ ſeln. Ich ging durch das Portal und brachte faſt eine Stunde in den Kreuzgängen, im Chore und in der Ca⸗ pelle zu, obgleich darin kaum ſo viel Licht war, um die Umriſſe der Säulenmaſſe, die in ſtrenger Einfachheit zur Decke emporſteigt und der wundervollen ſchlanken Pfei⸗ ler zu unterſcheiden, die ſich zu einer Anhöhe erheben, wo ſie das Zwielicht den Augen entzog. Es war ziemlich ſpät, als ich wieder in den Gaſthof kam. Das Eſſen wartete längſt auf mich. Ich hatte kaum Zeit, Miſtreß Hatton zu küſſen, um auf dieſe Weiſe ihre Antworten auf meine Entſchuldigungen zu unterbrechen, indem ſie mir die Verſicherung gab, daß ihr nichts angenehmer ſey, als auf das Eſſen zu warten. Das Wetter war ungemein ſchwül geworden. Nachdem wir unſere Mahlzeit eingenommen, ließen wir ſchnell ab⸗ tragen und rückten unſere Stühle zum Fenſter, um etwas friſche Luft zu ſchöpfen. Von hier aus konnten wir die ganze Straße überſchauen, die in dieſem Augenblick voll⸗ kommen das düſtere und ſtaubige Ausſehen hatte, welches gewöhnlich die meiſten Provinzialſtädte an einem Som⸗ merabende darbieten. Einige Kinder ſpielten Klicker vor einer Thüre und begleiteten ihr Spiel mit jenem gellenden Geſchrei, das nie dabei zu fehlen pflegt. Von Zeit zu Zeit fuhr ein kleiner Karren vor unſrer Wohnung vorbei und nur wenige Leute gingen vorüber. Indeſſen zogen ſich die Wolken am Himmel immer mehr zuſammen und die Luft wurde immer ſchwüler und drückender. Einzelne ſtarke Regentropfen fielen bald auf das ſtaubige Straßen⸗ pflaſter herab und ließen breite runde Flecken darauf zu⸗ rück. Rothe und dunkelgrüne Regenſchirme wurden überall ſichtbar; die Karren fahren ſchneller und lärmender über die Straße, die Klickerſpieler folgten dem Zurufe aus den benachbarten Fenſtern und eilten nach Hauſe, und die ganze Scene hatte das melancholiſche Gepräge eines regne⸗ riſchen Sommerabends. Mittlerweile hatten zwei Männer unter dem vorſprin⸗ genden Balcon unſeres Gaſthofes Schutz gegen den Regen geſucht und knüpften hier eine Unterredung an, von wel⸗ cher zuweilen einige Worte zu mir hinaufdrangen. Der Eine der Sprechenden ſchien ungefähr fünfzig Jahr alt zu ſeyn; ſein Aeußeres war plump und ſchwerfällig, ſeine Kleidung verrieth einen Handelsmann der gemeinſten Sorte. Der Andere war ein junger Mann, der für hübſch gelten konnte, wenn nicht der tückiſche Ausdruck ſeiner Züge das ſonſt wohlgebildete Angeſicht entſtellt hätte. Der ältere von Beiden ſagte, wahrſcheinlich eine Frage beantwor⸗ tend, zum andern:„Nicht eher als der Alte ſtirbt, was bald geſchehen wird.“ „Geht's ihm denn ſo ſchlecht, daß dies zu erwarten ſteht?“ erwiederte Jener. Ein Karren rollte in dieſem Augenblick lärmend vorüber und ich hörte nichts weiter. Ich würde wahrſcheinlich das Fenſter verlaſſen haben, wenn nicht die nächſten Worte, die geſprochen wurden, meine Aufmerkſamkeit gefeſſelt hätten — So, Alice iſt hier? bemerkte der Jüngere. — Und Du gibſt noch immer den Gedanken nicht auf? war die Antwort. Der Name Alice erinnerte mich augenblicklich an Alice Tracy, und ich konnte nicht umhin, dem Geſpräche ein noch aufmerkſameres Ohr zu leihen. — Sie wird Dich nimmer mögen, glaub' mir, fuhr derſelbe Mann fort. — Wohl möglich, ſo lang ihr der Stutzer den Hof macht; aber der läuft nach anderm Wild; ich weiß es nun gewiß. — Ei was! ich ſah ihn hier vor noch nicht vier Ta⸗ gen mit dieſen meinen beiden Augen, ſagte der erſte Spre⸗ cher. Die alte Mutter Tracy hält ihn in ihren Klauen, ich ſteh' Dir dafür, und um nichts und wieder nichts kam ſie nicht mit ihrem Schein angerückt. — Er hat den Teufel im Leibe; wär' er aber der Teu⸗ fel ſelbſt, würd' ich ihm die Augen auskratzen, ehe ſie ſein wird, rief der junge Mann, Flüche und Verwüſchun⸗ gen ausſtoßend. — Pah! er ſchlägt ein Schnippchen und empfieht Dich der Polizei. Das taugt nichts, guter Junge. — Aber wenn der Alte ſtirbt, wie Ihr ſagt, und das Mädchen kömmt und frägt nach der Erbſchaft, wird er kein ſo verfluchter Dummkopf ſeyn und—— — Gut! gut! aber Mutter Tracy mit dem bewußten Stück Papier würde ein ſchlimmer Kunde für das ſüße Herrchen abgeben! Doch wie geſagt, lieber Junge, Dir bleibt noch ein Ausweg. Des Sprechenden Stimme ging nun in ein Flüſtern über, ſo daß ich kein Wörtchen mehr zu erlauſchen im Stande war. Die beiden Männer ſchauten ſich hierauf nach dem Wetter um, richteten die Blicke nach allen Sei⸗ ten hin und betrachteten den Himmel, wo nichts als eine graue Wolkenmaſſe ſichtbar war; ſie ſchienen einzuſehen, daß ihre Hoffnung eitel war, und entfernten ſich, das Wetter verwünſchend. Ich blieb am Fenſter ſtehen, in Gedanken verſunken, bis Miſtreß Hatton mir anzeigte, daß der Thee ſervirt ſey. Es lag allerdings viel Stoff zum Nachdenken in den Worten, welche die beiden Männer geſprochen hatten, und die Gedanken, die ſie in mir hervorriefen, waren höchſt beunruhigend. Sie hatten ohne Zweifel von Alice Tracy geſprochen, ich hörte ſie zweimal ganz deutlich den Namen ihrer Großmutter ausſprechen. Sie war, wie es ſchien, gerade jetzt in Salisbury; dieſe beiden ungehobelten und — 7ZS— ſogar verdächtig ausſehenden Männer kannten ſie. Ein Stutzer, um mich ihres Ausdrucks zu bedienen, ſtellte ihr nach; aber der Jüngere von Beiden ſprach die Hoffnung aus, daß ſein Nebenbuhler jetzt auf eine andere Perſon ein Auge hätte. Konnte nicht Heinrich Lovell dieſer Stutzer ſeyn? war er niederträchtig und ſchlecht genug, das lieb⸗ liche Mädchen ins Verderben ſtürzen zu wollen, deſſen Schönheit und Unſchuld einer höhern Sphäre, als unſrer Erde, anzugehören ſchien? War es die anſcheinende oder wirkliche Ergebenheit, die er für mich kund gab, worauf in der mit angehörten Unterredung hingedeutet wurde? Wer war die Perſon, deren Tod man entgegenzuſehen ſchien? Ich verlor mich in einem Labyrinthe von Zwei⸗ feln und Vermuthungen; der traurigſte Gedanke aber, der mir vorſchwebte, zeigte mir Alice als das Opfer der ſchänd⸗ lichen Nachſtellungen Heinrich Lovell's! Und wieder, was meinten ſie damit, daß der Stutzer— wer es auch immer war— in den Klauen der Miſtreß Tracy ſey? Ich zer⸗ brach mir vergebens den Kopf, um irgend eine Möglich⸗ keit zu erſinnen, welche mir die Räthſel jenes kurzen Ge⸗ ſprächs löſen könnte. Als der Kellner mit dem Thee er⸗ ſchien, fragte ich ihn, ob ihm nicht in Salisbury Jemand bekannt ſey, der den Namen Tracy führe. Er antwortete mir, daß er Niemand dieſes Namens kenne, aber daß er Erkundigungen einzuziehen bereit ſey, wenn ich es wünſchte. Im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, kehrte er wieder um und mit der einen Hand die Thürklinke haltend und mit der andern durch ſein dichtes Haupthaar fahrend, fügte er hinzu:„Es iſt wohl eine Perſon von Stand, wonach Sie fragen?“. — Nein; der Stand kömmt nicht in Betracht, wenn Sie irgend eine Perſon dieſes Namens kennen, welche hier wohnt. — Es gibt eine alte Miſtreß Tracy; ſie wohnt in der nächſten Straße von hier. Sie war die Schweſter des Spezereikrämers, der vor zwei Jahren ſtarb. — Wiſſen Sie vielleicht, ob ſich kürzlich eine Verwandte bei ihr befand? — 79— — Ich glaube wohl, Miſtreß, denn ſie wandte ſich vor ungefähr drei Monaten an meinen Bruder, der Möbelver⸗ miether iſt, und miethete von demſelben ein Bett, einen Seſſel und einen Tiſch; und ſie iſt eben nicht die Frau, die unnütze Ausgaben macht. Ihres Bruders Geld iſt ſicher in ihren Händen verwahrt. Da ich mich offenbar für die Ausgaben der Miſtreß Tracy intereſſirte, ſo machte der Kellner, der redſeliger Natur zu ſeyn ſchien, die Thüre wieder zu und näherte ſich dem Tiſch, um noch einige, kaum ſichtbare Krumen wegzuwiſchen, die auf dem glatten, glänzenden Mahagoni⸗ holze liegen geblieben waren. — Das war eine ſeltſame Geſchichte, fuhr er fort; nie⸗ mand in der weiten Welt hatte die Ahnung, daß der Ge⸗ würzkrämer in der Straße...., der alte Tracy, wie man ihn nannte, nach und nach dreißig tauſend Pfund zuſam⸗ mengekratzt hätte! man ſah's ihm wenigſtens bei ſeinen Lebzeiten nicht an. Ich fragte den Kellner, ob er ſein ganzes Vermögen jener Perſon hinterlaſſen habe, die allen unnützen Ausga⸗ ben ſo feind ſey. — Nein. Miſtreß, nur die Hälfte des Geldes, war die Antwort; fünfzehn tauſend Pfund blank und baar. Aber es gibt nicht viel Leute in Salisbury, welche die Farbe ihres Geldes geſehen haben. Sie wird noch zuſammen⸗ ſcharren, ſo lange ſie lebt. — Und wem fielen die andern fünfzehntauſend Pfund zu? fragte ich. — Sie waren bei irgend einem Londoner Banquier un⸗ tergebracht, wie ich glaube Man ſagt, er habe die andre Hälfte ſeines Geldes einigen Verwandten vermacht, die in der Gegend wohnen, doch weiß ich das nicht gewiß. Ich hatte große Luſt, ihn zu fragen, ob er wüßte, was es für eine Perſon geweſan wäre, die bei Miſtreß Tracy gewohnt hätte, um dadurch vielleicht zu erfahren, ob es Alice wäre, und ob dieſe ſich noch in Salisbury aufhalte; aber ein Schamgefühl hielt mich zurück, weiter zu fragen; mein geſchwätziger Berichterſtatter rieb mittlerweile noch — ꝗ — 80— einmal das ganze Tiſchblatt ab, ſtellte zum Ueberfluß ein Paar Stühle weg, ſchürte das Feuer, was nicht geſchürt zu werden brauchte, und verließ endlich das Zimmer mit einer höflichen Verbeugung. Meine Neugierde war ſo lebhaft aufgeregt, daß ich nicht umhin konnte, Miſtreß Hatton zu fragen, ob Sie mir etwas über die alte Tracy mittheilen könnte, welche früher die Kammerfrau meiner Tante geweſen ſey; ſie hatte ſie aber nie geſehen und konnte mir durchaus keine Auskunft geben. Da wir Willens waren, den nächſten Morgen um neun Uhr weiter zu rei⸗ ſen, ſo nahm ich mir vor, noch einen Verſuch zu wagen, um mir, wo möglich, Aufklärung zu verſchaffen. Durch meinen Freund, den Kellner, erfuhr ich den Namen der Straße und die Nummer des Hauſes, wo Miſtreß Tracy wohnte. Ich hatte die Abſicht, vor meiner Abreiſe hinzu⸗ gehen, und machte mich demzufolge um acht Uhr auf den Weg. Je näher ich dem Hauſe kam, deſto mehr klopfte mir das Herz vor Verlegenheit, Ungeduld und Neugierde. Ich zog die Schelle mit zitternder Hand und kam faſt in Verſuchung, mich ſchnell wieder zu entfernen, als ich ſchwere Tritte vernahm, die ſich der Thüre näherten; bevor ich indeſſen Zeit gewann, einen Entſchluß zu faſſen, ward die Thüre geöffnet und vor mir ſtand eine ſtarke, rothwangige Dirne mit niedergetretenen Schuhen, an welche ich die Frage richtete, ob Miſtreß Tracy hier wohne? — Ja, ſie wohnt hier, antwortete das Mädchen. Was wollen Sie von ihr, Miß? — Wohnt Miß Alice Tracy bei ihr? — Ja woh., ſie wohnt bei ihr. — Iſt ſie zu Hauſe? — Nein, ſie iſt nicht zu Hauſe; ſie iſt in die Kirche ge⸗ gangen; aber ihre Großmutter iſt zu Hauſe. Ich fühlte nicht genug Muth in mir, meine Bekanntſchaft mit Miſtreß Tracy zu erneuern, deren Aufnahme in Brid⸗ man⸗Cottage mir noch wohl erinnerlich war, und deren abſtoßendes Weſen mir unvergeßlich blieb. Ich begnügte mich daher, aus meiner Brieftaſche ein Bleiſtift und ein Stückchen Papier zu nehmen, eine Paſſionsblume darauf — 81— zu zeichnen und die verwunderte Bäuerin zu erſuchen, das Papier der Miß Tracy zu übergeben, ſobald dieſe wieder nach Hauſe gekommen ſey. — Wie heißen Sie aber? fragte ſie. — Mein Name thut nichts zur Sache, erwiederte ich. Aber Alice Tracy wird ihn ſogleich errathen, wenn ſie ſie wirklich die Miß iſt, die ich ſuche.. Ich entfernte mich und das junge Mädchen ſah mir ganz verdutzt mit offnem Munde nach; ſie hielt meinen Zettel in der Hand und ihr Verſtand ſchien ſich offenbar mit der Frage zu beſchäftigen, ob ich den meinigen nicht verloren habe. Die Briska ſtand bereits vor dem Thore, als ich nach dem Gaſthofe zurück kam und Miſtreß Hatton, mit herab⸗ fallendem Schleier und der Boa um den Hals, in der kleinen Gaſtſtube auf mich wartete. Wir ſtiegen ohne wei⸗ teren Aufenthalt in den Wagen, und befanden uns bald außerhalb der Stadt. Um vier Uhr kamen wir nach Bran⸗ don. Dieſer Wohnort liegt in einem Bezirk, welcher ehe⸗ dem ein ſehr ausgedehntes Jagdgebiet umſchloß, und ge⸗ genwärtig einen Park von außerordentlichem Umfang und ungewöhnlicher Schönheit bildet; Menſchenhände ſcheinen nur wenig zur Vervollkommnung dieſer Schönheit beige⸗ tragen zu haben. Das Haus umgeben fruchtbare Hügel, hellgrüne Wieſen, Weißdorn⸗Gehölze, unangebauter Boden, Ueberreſte großer Waldungen und meilenweit ſich erſtrecken⸗ des Unterholz. Der neue Anblick nahm mich dermaßen in Anſpruch, daß meine Gedanken nur damit beſchäftiget wa⸗ ren; als wir uns dem Hauſe näherten, an die Eingangs⸗ thüre kamen und die Dienerſchaft ſich beeilte, den Wagen⸗ tritt herabzuſchlagen und das Gepäcke wegzubringen, er⸗ ſchien mir Alles ſo unverhofft, daß ich meinte, aus einem Schlaf erwacht zu ſeyn. Ich nahm herzlichen Abſchied von Miſtreß Hatton, die nach ihrem Wohnorte, ungefähr zehn Meilen jenſeits Brandon, weiterreiſ'te. Ich verſprach ihr, ſie möglich zu beſuchen, bevor ich Dorſetſhire verlaſſen würde. I. 6 Meine Tante war nicht zu Hauſe. Ich ließ mich gleich in das für mich beſtimmte Gemach führen, ſtatt in das Leſezimmer zu gehen, wo ſich, wie man mir ſagte, einige Gäſte befänden. Die Haushälterin geleitete mich in ein ſehr geräumiges und bequemes Zimmer, wo ſie mich be⸗ ſcheiden mir ſelbſt überließ. Ich ſetzte mich in einen Lehn⸗ ſeſſel und mit Ausnahme der Beſchäftigung, wenn man es ſo nennen kann, meinem Kammermädchen, welches das Auspacken meiner Kleidungsſtücke beſorgte, zuzuſehen, ver⸗ brachte ich die nächſte Stunde in vollſtändigem Nichtsthun. Nach Verlauf dieſer Zeit lockte mich das Rollen von Wagen und das Geräuſch von Hufſchlägen an das Fenſter; es war mir lieb, auf dieſe Weiſe Gelegenheit zu finden, mir zum Voraus einen Theil der Geſellſchaft zu veran⸗- ſchaulichen, welcher ich nun bald vorgeſtellt werden ſollte. Zuerſt ſah ich am Thore einen Pony⸗Wagen halten, aus welchem Miſtreß Brandon und eine andere Frau ſtiegen. Hinter ihnen ſaß ein ältlicher Mann von hoher Statur und dunkler Geſichtsfarbe; Herr Brandon war es nicht, obgleich er dieſem, ſo viel ich mich erinnerte, ähnlich war. Eine Geſellſchaft zu Pferde kam hierauf galoppirend auf das Haus zu; ſie beſtand aus zwei Frauen und drei oder vier Herren, unter welchen ich Heinrich Lovell erblickte, ge⸗ wiß die letzte Perſon, die ich hier anzutreffen erwartete. Er ſah ſehr aufgeregt aus und ich hörte ihn mit lauter Stimme einen Diener fragen:„Iſt ſie gekommen?“ Gleich darauf trat er in Begleitung der Miſtreß Brandon in mein Zimmer. Letztere umarmte mich auf das liebreichſte, und meine Hände in den ihrigen haltend und ihre ſchönen Augen mit ſcharfem und zugleich honigſüßem Ausdruck halbverſchloſſen auf die meinigen heftend, ſagte ſie:„Wie vielen Dank bin ich Ihnen ſchuldig, Heinrich, und Ihnen, liebe Ellen, daß Sie gekommen ſind! Aber ihm mußte ich zuerſt meine Dankbarkeit bezeigen, denn durch ihn lerne ich Sie kennen und liebgewinnen; das war übrigens,“ — 83— fügte ſie mit dem allerſüßeſten Ton der Stimme hinzu, „keine ſchwere Aufgabe.“ Ich verſuchte zu lächeln und von dem überzärtlichen Empfang entzückt zu ſcheinen, aber ich war verlegen und befangen, obgleich ich mir nicht genaue Rechenſchaft zu ge⸗ ben wußte, warum? Wenn ich in Elmsley geahnt hätte, daß ich mit Heinrich in Brandon zuſammentreffen ſollte, ſo würde ich mich gewiß darüber gefreut haben; die kleine Reiſe hatte aber meine Gemüthsſtimmung ganz und gar verändert. Die quälenden Gedanken, die mich ſeit dem Todestage Juliens ſo ſehr beunruhigten, waren, wenigſtens inſofern ſie unmittelbar mich ſelbſt angingen, größtentheils verſchwunden; ich fühlte mich erleichtert, indem ich fremde Menſchen ſah, andere Stimmen hörte; ich fand eine Art von Beruhigung in dem Gedanken, nicht mehr bewacht, nicht mehr bemerkt zu werden. Später machte die Unter⸗ redung der beiden Männer in Salisbury einen unange⸗ nehmen Eindruck auf mich. Wenn endlich Miſtreß Bran⸗ don's Wunſch mich zu ſehen, und ihre Einladung das Re⸗ ſultat der Lobſprüche Heinrich's waren, warum ſprach er von derſelben kein Wort mit mir? warum ſagte er mir nicht, daß wir uns in dieſem Hauſe treffen würden? Ob⸗ leich leider ſelbſt zu beſtändiger Verſtellung genöthiget, onnte ich ſie doch nicht an Andern ertragen, und ſo fühlte ich recht wohl, daß ich die Artigkeiten der Miſtreß Bran⸗ don ſteif erwiederte und Heinrich mit Kälte behandelte. Wie gewöhnlich zeigte dieſer die vollkommenſte Selbſtbe⸗ herrſchung und entfernte ſich bald. Ich befand mich mit Miſtreß Brandon allein. — Wir wollen uns ein wenig zuſammenſetzen, liebe Ellen, ſprach ſie, indem ſie mich zu ſich auf das Sopha zog. Ich ſehne mich wahrhaft darnach, näher mit Ihnen bekannt zu werden; mir iſt übrigens alles, was Sie an⸗ geht, was Sie intereſſirt, ſo wenig fremd, daß wir bald, ich bin davon überzeugt, die beſten Freunde ſeyn wer⸗ den. Und wieder ergriff ſie meine Haͤnde und ſah mir 5 ihrem hübſchen, aber allzu vertraulichen Blick in die Augen. 5 6 ½ — 84— Wir ſprachen von meinem Onkel und von meiner Tante und ſie fragte mich, als von ihnen die Rede war:„War Miſtreß Middleton nicht ein wenig böſe, daß ich Sie ſo weit von Elmsley weggelockt habe? Aber ich denke, ſie weiß um das Geheimniß, nicht wahr? — Ihre Güte, welcher ich Ihre freundliche Einladung verdanke, hat ſie ſehr erfreut, antwortete ich ziemlich ver⸗ legen, indem ich nicht begreifen konnte, auf welches Ge⸗ heimniß ſie hindeutete. — Sie müſſen mich von nun an, liebe Ellen, wie eine Schweſter behandeln, wie eine Freundin, nicht wie eine alte Tante; ſonſt beleidigen Sie mich und machen mich ganz und gar eiferſüchtig auf Miſtreß Middleton. Sprechen Sie offen mit mir. — Ich kann Ihnen nur meine herzliche Dankbarkeit ausdrücken, antwortete ich, während ich bei mir dachte: „Wo will das noch hinaus?“ Die Aeußerung, daß ſie wegen meiner Liebe für Miſtreß Middleton auf dieſe eifer⸗ ſüchtig werden könnte, kam mir ungemein lächerlich vor, und die Anſprüche, die ſie auf mein Vertrauen machte, be⸗ wirkten gerade, daß ich eine noch größere Zurückhaltung für nöthig erachtete. Ich bemühte mich indeß, freundlich und herzlich zu erſcheinen. Unſere Unterhaltung ſpann ſich auf dieſe Weiſe fort, bis endlich Miſtreß Brandon mich verließ, um ſich zur Mittagstafel anzukleiden. Bald darauf wurde die Glocke geläutet; ich ging ins Leſezimmer hinab und fand daſelbſt faſt die ganze Geſell⸗ ſchaft verſammelt. Hier mußte ich mir noch die Förmlich⸗ keit ſämmtlicher Vorſtellungen gefallen laſſen. Die Frauen, deren Bekanntſchaft ich machte, waren Lady Wyndham, Miſtreß Ernsley, Miß Moore und zwei Miß Farnleys. Die Herren ſtanden mitten im Zimmer; aber mit Aus⸗ nahme des Herrn Brandon, der zu mir kam und mir eine Menge Höflichkeiten ſagte, näherte ſich uns keiner von ihnen bis zum Augenblicke, wo man zur Tafel rief. Gerade als wir im Begriff waren Platz zu nehmen, rief Miſtreß Brandon Herrn Ernsley zu ſich, der ſich ne⸗ ben mich ſetzen wollte.„Lieber Herr Ernsley,“ ſagte ſie zu ihm, wollen Sie ſich nicht zu mir ſetzen? Ich möchte gar zu gern von Ihnen hören, wie Ihnen Meldon⸗Hall gefällt, wo Sie, wie ich erfahren, heute waren.“ Herr Ernsley entſprach ihrer Einladung und in demſelben Au⸗ genblick hatte auch ſchon Heinrich Lovell den Stuhl in Beſitz genommen, der neben mir ſtand, wodurch mir der Wink verſtändlich wurde, den Miſtreß Brandon nach der Seite der Tafel hin richtete, wo ich mich befand, und wel⸗ chen Heinrich vielleicht erwiederte, was ich aber nicht be⸗ merken wollte. Uebrigens war es mir nicht unangenehm, Gelegenheit zu haben, mit ihm reden zu können, denn ich war neugierig zu erfahren, welche Gründe er für die plötz⸗ liche Aenderung ſeines Vorhabens angeben würde und zu⸗ gleich hoffte ich zu entdecken, ob er einige Tage zuvor in Salisbury geweſen wäre. Er ſagte mir ſogleich: Nicht wahr, es befremdet Sie, mich hier zu ſehen? — Cben ſo ſehr, erwiederte ich, als es mich befremdet, daß ich nur Ihnen die Freundlichkeit verdanke, mich hier eingeladen zu ſehen. — Und wenn dem ſo wäre, würden Sie eine Beleidi⸗ gung darin finden? — Sehr ſchmeichelhaft wär' es eben nicht für mich. — Alſo erſcheint Ihnen der Wunſch, Sie wiederzuſehen, welchen eine Frau, die Sie nur einmal und zwar vor ſie⸗ ben Jahren ſah, äußerte, ſchmeichelhafter, als alle meine Bemühungen, Sie— hier ſprach er ſo leiſe als möglich — nach ſolchen Tagen, ſolchen Monaten, wie ich ſie in Elmsley mit Ihnen zubrachte, nicht aus den Augen zu verlieren? — Das war demnach ein förmlich von Ihnen zum Bäehus erdachter Anſchlag? ich haſſe dergleichen An⸗ äge. — Ich war in London; mir war der Aufenthalt daſelbſt zuwider und ich kam hierher; aber wollte Gott, ich wäre nicht gekommen, fügte er in einem Tone, der mehr Un⸗ muth als Zuneigung ausdrückte, hinzu; denn meine Ge⸗ genwart iſt Ihnen offenbar unangenehm, und ich kann Ihr — 86— kaltes Benehmen gegen mich nicht ertragen.— Mit zu⸗ nehmender Aufregung fuhr er fort:„Dies raubt mir die Beſonnenheit und macht mich in Ihren Augen zum Nar⸗ ren, eine Rolle, die mir am meiſten verhaßt iſt.“ — Was iſt Ihnen am meiſten verhaßt, Herr Lovell? fragte Sir Charles Wyndham, der mit Ungeduld auf eine Gelegenheit gewartet hatte, die ihm den Vorwand gab, ſich in unſer Geſpräch zu miſchen. — Den Narren zu ſpielen, Sir Charles, antwortete Heinrich mit einer Miene, welche in keiner Hinſicht kund gab, daß er ſich der eignen Narrheit bewußt ſey. — Die Frauen machen uns alle zu Narren, entgegnete Sir Charles, indem er ſich vor mir verbeugte. — Außer wenn ſie den Narren ſchon fertig finden, flü⸗ ſterte Heinrich, während ich genöthigt war, mich zu meinem Nachbarn zur Rechten zu wenden, um eine lange Reihe von Komplimenten und einen nichtsſagenden Wortſchwall anzuhören, den nichts hemmen zu können ſchien, als etwa irgend ein plötzlicher Einwurf, welcher die ſelbſtgefällige unaufhaltſame Redſeligkeit gewaltſam unterbrochen hätte. Sein Blick liebäugelte auf eine unausſtehliche Weiſe und ſein Lächeln hatte eine widerwärtige Süßlichkeit. Als ich ihn anſah, wünſchte ich, was mir noch nie bei Jemand be⸗ gegnete, er wäre recht häßlich geweſen, denn kein Geſicht von der entſchiedenſten Häßlichkeit würde ſo entſetzlich fade geweſen ſeyn. Wenn er nur einen Augenblick mürriſch und übellaunig ausgeſehen hätte, würde er ohne Zweifel etwas dabei gewonnen haben; wenigſtens hätte ich den Vortheil gehabt, den Muth finden zu können, die Unter⸗ haltung kurz abzuſchneiden und mich wegzuwenden; da mir aber ein ſolcher Vorwand fehlte, ſo war das Diner faſt zu Ende, als ich eine Gelegenheit finden konnte, wieder mit Heinrich zu ſprechen, der das von mir erſehnte Er⸗ eigniß herbeiführte, indem er eine Pyramide von Kirſchen umwarf, die nach allen Richtungen hin auf den Tiſch roll⸗ ten und einen Augenblick alle Dienſtfertigkeit Sir Charles in Anſpruch nahmen. Heinrich nahm dieſen günſtigen —„y Augenblick wahr, und knüpfte unſere Unterredung, obgleich in ruhigerem Tone, wieder an. — Die Wahrheit, liebe Ellen, iſt, daß bei meiner An⸗ kunft in London, mein Kommiſſionär aufs Land gereiſ't und mein Vater zum Beſuch bei einem Freunde in Hert⸗ fordſhire war; ſehr gern folgte ich daher der Einladung, hierher zu kommen und glaubte,— vielleicht täuſchte ich mich— indem ich mir ſelbſt ein Vergnügen nicht ver⸗ ſagte, es würde Ihnen zugleich angenehm ſeyn, inmitten einer Ihnen ganz fremden Geſellſchaft einen Freund zu finden: ich ſetze voraus, daß ich mich ſo nennen darf. Er ſagte dieſe letzten Worte auf eine ſo herzliche, über⸗ zeugende Weiſe und überdies ſchien die Abſicht ſo zu Dank verpflichtend, daß ich faſt unzufrieden mit mir ſelbſt wurde. In der Gegenwirkung des Augenblicks, wandte ich mich nicht ohne Rührung zu ihm, und ſagte:„Sie erzeigen mir ſehr viel Güte, Heinrich, und es thut mir ſehr leid, wenn ich Ihnen mürriſch— ja undankbar erſcheinen mußte.“ — Nein, nur ein wenig übellaunig, antwortete er. Und könnte ich dieſes reizende Lächeln hinlänglich würdigen, Ellen, wenn nicht eine vorübergehende Wolke die Macht ſeines Zaubers erhöhte? In dieſem Augenblicke wurde die Tafel aufgehoben. Während ich meine Handſchuhe ſuchte, die unter den Tiſch gefallen waren, ſagte Heinrich zu mir: — Da ich Ibnen nun meine Anweſenheit auf Koſten der ſchönen Kirſchen⸗Pyramide der Miſtreß Brandon erklärt habe, ſo könnte ich Ihnen, wenn wir in den Salon kom⸗ men, mit Muße meine Meinung über die hier verſammelte Geſellſchaft mittheilen. Ich bitte Sie, keinem Vorurtheile gegen Jemanden Raum zu geben, bevor Sie mich nicht gehört haben. Ich verließ den Speiſeſaal in beſſerer Laune, als ich in denſelben gekommen, und ſetzte mich mit den beiden Miß Farnley an einen runden Tiſch, welcher mit Keepſakes und Albums bedeckt war. Eine Unterhaltung entſpann ſich. Die beiden Mädchen hatten viel Angenehmes; die ältere insbeſondere war ſehr ſchön. Uebrigens fand ich es nicht — 88— ſchwer, Heinrich's Verlangen, vorläufig keiner vorgefaßten Meinung Raum zu geben, Genüge zu leiſten, denn kaum war eine Viertelſtunde verfloſſen, als er im Salon er⸗ ſchien und neben mir auf dem Kanape Platz nahm. Lady Wyndham bat zugleich die ältere der beiden Schweſtern um ihren Rath wegen eines Stickmuſters zum Behufe einer Arbeit, womit ſie ſich beſchäftigte, und die jüngere ging ans offene Fenſter, um mit Miſtreß Brandon und Herrn Ernsley zu ſprechen, die in der Sandallee vor dem Hauſe auf⸗ und abgingen. — Wie gefällt Ihnen Ihre Tante? fragte mich Heinrich. — Nennen Sie ſie nicht meine Tante. Das iſt ein hei⸗ liger Name für mich; nur Ihre Schweſter kann ich ſo nennen. — Nun denn, Miſtreß Brandon! aber wie gefällt ſie Ihnen? — Ich ſoll ja über Niemand ein Urtheil fällen, bevor ich nicht das Ihrige vernommen habe? — Sie haben recht; aber ſie war nicht mit inbegriffen. Ich zähle ſie ſeit langer Zeit zu meinen Freunden, und könnte parteiiſch erſcheinen. — Es könnte nicht ſchaden, mir eine gute Meinung von ihr beizubringen. Ich möchte gern Gefallen an ihr finden, aber ich fürchte, daß dies nicht der Fall ſeyn wird. — Wiel ſie gefällt Ihnen wirklich nicht! ſagte Heinrich mit einem Tone, der das ganze Mißvergnügen einer ge⸗ täuſchten Erwartung ausdrückte. Ich ſah ihn mit Befrem⸗ den an und er fügte hinzu: Sie werden ſie liebgewinnen, wenn Sie ſie näher kennen lernen. — Aber wann ſahen Sie Miſtreß Brandon ſo oft? und wenn Sie ſo befreundet mit ihr ſind, wie kömmt es denn, daß Sie nie von ihr mit mir ſprachen?— Da er nicht gleich antwortete, fuhr ich fort: Doch Sie thun ja ſehr geheimnißvoll in Betreff Ihrer Bekannten; Sie wiſſen, zum Beiſpiel, wie außerordentlich gut mir Alice Traey⸗ gefiel? Ich mußte allen meinen Muth zuſammennehmen, um dieſen Namen auszuſprechen. — 89— Nicht ſelten wird man gewahr, daß es Gegenſtände gibt, von denen Leute, die gewöhnlich nicht zurückhaltend gegen einander ſind, zu ſprechen vermeiden, und welche ein ſelt⸗ ſam unwillkührliches Gefühl nicht erlaubt, ohne Gemüths⸗ bewegung zu berühren, obgleich nichts Vernünftiges zur Erklärung derſelben angegeben werden kann. Er erſchrack; ſeine Stirn umwölkte ſich, aber ich fuhr mit einer Art zag⸗ haften Muthes fort: — Und doch darf ich glauben, daß Sie ſie geſehen, oder wenigſtens etwas hinſichtlich ihrer gehört haben ſeit unſerm Beſuche in Bridman⸗Manor. Warum verſchwiegen Sie mir's? — Ich habe ſie nicht geſehen. — Wco iſt ſie jetzt? fragte ich, denn ich ſah wohl ein, daß, wenn ich den Gegenſtand fallen ließe, ich ihn nicht ſo leicht wieder aufzunehmen im Stande ſeyn würde. — Ich weiß es nicht. — Befindet ſie ſich vielleicht in Salisbury? — In Salisbury? — Ja, es wohnen dort Leute dieſes Namens. Ich ging heute früh in das Haus derſelben und fragte nach Alicen. Sie war ausgegangen; wenn ich aber gewiß wüßte, daß ſie ſich noch dort befände, ſo wäre nichts leichter, als an einem Morgen von hier wegzugehen, um ſie zu beſuchen; ich möchte ſie gern einmal wiederſehen. — Ellen, ſagte Heinrich, Sie dürfen Alice nicht be⸗ ſuchen, noch in irgend eine Berührung mit ihrer Familie kommen. Sie ſind ein Kind und haben, ich weiß es, eine kindiſche Halsſtarrigkeit; aber ich muß wirklich darauf beſtehen. — Ich kann nicht recht begreifen, welches Recht Sie haben, mir vorzuſchreiben, was ich zu thun oder zu laſſen habe; zum wenigſten aber erwarte ich, daß Sie mir einen Grund angeben, der Ihren Machtſpruch rechtfertigt. — Es gibt Leute, mit welchen Sie ſchicklicherweiſe nicht verkehren dürfen; Sie ſind noch zu jung, um über der⸗ gleichen Dinge urtheilen zu können. — 99— — Als ich ſie zum erſtenmale in Bridman⸗Cottage ſah, war es meine Tante, die mich zu ihnen geſchickt hatte. Sie konnte alſo unmöglich etwas Schlimmes von Miſtreß Tracy wiſſen; und was Alice betrifft, ſo können Sie doch nicht glauben, daß ſie— wenn nicht— Ich hielt plötzlich inne; mein Herz ſchlug heftig. Ich fühlte, daß Beſcheidenheit, Schicklichkeit, Würde, mir die geringſte Andeutung meines Argwohns verboten; aber er ergriff mich mit neuer Gewalt, und als ich Heinrich an⸗ ſah, fühlte ich, wie meine Wangen glühten und meine Augen funkelten. — Nein, ſagte er, als ob er meine Aufregung nicht be⸗ merkt, oder als ob dieſelbe die ſeinige beruhiget hätte; nein, Alicens Benehmen iſt tadellos; wenn Sie ſie aber beſuchen, ſo müſſen Sie gewärtig ſeyn, mit Leuten zuſam⸗ menzutreffen, mit welchen man nicht gern in Berührung kömmt. Ich dachte hier an die beiden Männer in Salisbury und fühlte wohl, daß dieſe Bemerkung nicht unwahr ſchien. Es lag zugleich etwas ſo Einfaches und Gleichgültiges in der Art, womit Heinrich Alicen Gerechtigkeit widerfahren ließ, daß mein Argwohn ſchwand. Und als er ſagte: „Laſſen Sie uns nun, um Gotteswillen, nicht mehr von einem Gegenſtande ſprechen, der zu fortwährendem Zanke zwiſchen uns beſtimmt zu ſeyn ſcheint, da lächelte ich und ſuchte nicht, die Sache weiter zu treiben; ruhig hörte ich an, was er mir von der Geſellſchaft zu Brandon erzählte. — Lady Wyndham, ſagte er, wie Sie auf den erſten Blick ſehen werden, iſt das vollkommene Gegentheil ihres Mannes, und ganz und gar frei von ſeiner faden Höflich⸗ keit: ſie iſt ſo ſteif und ſchweigſam, als er zuvorkommend und redſelig, vielleicht in Folge eines Compenſations⸗Sy⸗ ſtems und eines löblichen Gerechtigkeitsgefühls für die Ge⸗ ſellſchaft. — Ich lernte ſo eben, ſagte ich, die beiden Miß Farn⸗ ley kennen, und ich bin gleich geneigt, Gefallen oder Miß⸗ fallen an ihnen zu finden, je nachdem Ihr Bericht aus⸗ fallen wird. — 91— — Dieſe beiden jungen Mädchen, erwiederte er, wurden von frühſter Jugend an außerhalb England erzogen, und obgleich man nicht behaupten kann, daß ſie verdorben wor⸗ den ſind, ſo iſt doch nicht zu verkennen, daß ihre Erziehung dadurch benachtheiligt ward. Die Aeltere ſpricht und be⸗ nimmt ſich ganz natürlich ,aber man iſt oft verſucht, die Albernheiten, die man von einer ſonſt verſtändigen Perſon vernimmt, der Affectation zuzuſchreiben. — Aber, welche Albernheiten? — Sie ſagt Ihnen zum Beiſpiel, daß ſie eine leiden⸗ liche Blumenliebhaberin ſey und nicht ohne Blumen leben könne, und daß ſie deswegen ihr Schlafzimmer damit an⸗ gefüllt habe, obgleich ſie ihr entſetzliches Kopfweh verur⸗ ſachten. Halten Sie ſie deshalb ja nicht für dumm, ob⸗ gleich dies, ich geſteh' es, ſchwer fällt; denn daſſelbe Mäd⸗ chen unterwarf ſich, als ſie voriges Jahr den Arm ge⸗ brochen hatte, der ſchmerzlichſten Operation, ohne nur einen Seufzer auszuſtoßen, damit ihr Vater, der damals krank war, nicht aufgeregt und beunruhigt würde, obgleich, als er das Zimmer verließ, ſie vom Schmerz überwältigt, in Ohnmacht fiel. Eben ſo wenig müſſen Sie ſie für bös und leichtfertig halten, wenn ſie Ihnen ſagt, daß ſie vor Begierde brenne, mit dem Wagen umzuſtürzen, oder auf dem Meer Schiffbruch zu leiden, wenn ſie ſich rühmt, daß ſie die Arzneien aus dem Fenſter werfe, die ihr vorge⸗ ſchrieben ſind, oder daß ſie Gift verſchlucke, um zu erfahren, wie es ihr bekommen würde: denn vor einigen Monaten wagte ſie ihr Leben, um ein Kind zu retten, das dem Er⸗ trinken nahe war, und als in einem Dorfe, in der Nähe des Wohnorts ihrer Eltern Feuer ausbrach, erſchien ſie wie ein Schutzengel inmitten der troſtloſen Einwohner. Halten Sie ſie daher ja nicht für dumm, böſe oder gar verrückt, wie ſie ſich auch äußern mag, aber befremden mag es Sie wohl, wie ſie Vergnügen an dergleichen Dingen zu finden lernen konnte. — Und ihre Schweſter, das Mädchen mit dem griechi⸗ ſchen Profil und den geradlinigen Augenbrauen? — 92— — Dies Mädchen, welches zuweilen kaum hübſch und wieder zu anderer Zeit vollkommen ſchön erſcheint, beſitzt viel Geiſt, obgleich ſie auch manchmal nichtsbedeutendes Zeug, nur auf eine ganz verſchiedene Weiſe, ſpricht. Ihr fehlt weder Originalität noch Anmuth, obſchon ſie lispelt und die Worte dehnt, bis ſich der Geiſt in ihr in Bewe⸗ gung ſetzt; ſie iſt ſehr ſpitz und kauſtiſch, wenn man Ab⸗ neigung gegen ſie zeigt, und vielleicht noch mehr, wenn man ſie liebt. Wahrlich, ich wüßte kaum, wozu von bei⸗ den ich rathen ſollte. Nur das weiß ich gewiß, wenn Sie ſie liebgewinnen, ſo werden Sie ſie recht liebgewinnen. — Und die kleine Miß Moore, die dort über ihrem Buche ſitzt und der das innerliche Vergnügen aus den großen Augen leuchtet? — O! Jedermann iſt in die kleine Irländerin vernarrt und Niemand kann genau ſagen, weshalb. Dies kömmt daher, vermuth' ich, weil ihre Augen mit Ihnen ſprechen, ihr Mund mag mitſprechen oder nicht, weil ſie die entge⸗ gengeſetzteſten Extreme vereinigt und Sie in der Ungewiß⸗ heit läßt, was Sie von ihr halten ſollen, weil ſie mit einem gewiſſen Vornehmthun ins Zimmer ſchreitet, Sie mit einer ceremoniellen Höflichkeit grüßt, und Sie dann unter dieſer Miene von Würde das frohlichſte und harm⸗ loſeſte Mädchenherz von der Welt entdecken Sie müſſen bezaubert von ihr werden. Mit der Lauterkeit des Geiſtes und der Anmuth des Benehmens, welche auch den ſtrengen Anforderungen entſprechen, vereint ſie zugleich den Humor, die angeborene Scherzhaftigkeit ihres Landes: ſie funkelt aus ihren Augen, ſie ſtrahlt aus ihrem Lächeln. Sie iſt auch ein wenig Patriotin. Wenn von Irland geſprochen wird, röthet ſich ihr Angeſicht und ihr Geiſt geräth in Auf⸗ regung. Die Vaterlandsliebe iſt das einzige tiefere Ge⸗ fühl, das ſie zu beſitzen ſcheint; denn ſie bekümmert ſich, wie die luſtige Müllerin von Dee, um Niemand, und wenn ſich Andere um ſie bekümmern, ſo ſcheint ſie ihnen nicht den mindeſten Dank dafür zu wiſſen. Ich hörte ſchon manche Männer ſagen, ſie würden ſich ſterblich in Roſa Moore verliebt haben, wenn ſie nicht dieſe eiskalte Gleichgültigkeit — 93— zurückgeſchreckt hätte. Dieſe ſind aber im Irrthum, wie ich glaube, denn ihr größter Reiz liegt, meiner Ueberzeu⸗ gung nach, in dieſer Unbekümmertheit in Betreff deſſen, was Andere von ihr denken oder für ſie fühlen, in dem heftigen, kindiſch muthwilligen Eifer, womit ſie nach Ver⸗ gnügen haſcht und in der außerordentlichen Beſonnenheit, die ſie gegen Jedermann zeigt, und womit ſie Alles be⸗ handelt. — Und Miſtreß Ernsley! was ſagen Sie von dieſer, Heinrich? — Miſtreß Ernsley? es iſt weit ſchwerer zu ſagen, was ſie iſt, als was ſie nicht iſt. Geſtatten Sie mir deß⸗ halb, ſie in negativer Weiſe zu ſchildern. Sie iſt nicht ſchön, denn ihre Züge ſind unregelmäßig und ihre Ge⸗ ſichtsfarbe iſt krankhaft; ſie iſt nicht ganz reizlos, denn ſie hat hübſche Augen, ſchöne Haare, ein angenehmes Lächeln, und eine gefällige Tournure; ſie iſt nicht natürlich, denn ihre Rolle, die ſie in der Geſellſchaft ſpielt, iſt ſtets zum Voraus überdacht und ſorgfältig einſtudirt; ſie zeigt nichts Affectirtes, denn Niemand ſpricht mit Ihnen mit mehr Wärme oder natürlicherer Anregung und Selbſtſtändigkeit, aber ſie ſcheint immer nur ſich ſelbſt zuzuhören. Mit ei⸗ nem Wort, ſie iſt keine ſchlimme Frau, ſie achtet ihren Mann, erzieht ihre kleinen Mädchen mit großer Sorgfalt, aber ſie bewegt ſich auf einer und derſelben Grenzlinie, ſtets bange, ſie zu uͤberſchreiten. Man kann ihr keine Par⸗ teilichkeit zu Gunſten anderer Frauen zum Vorwurf ma⸗ chen, dieſe mögen auf einer höheren, oder auf derſelben Stufe der Geſellſchaft ſtehen. Sie wird Sie haſſen, Ellen, verlaſſen Sie ſich darauf, aber ihr Haß iſt unſchädlicher Art; Sie haben nichts Arges von ihr zu befürchten, denn, ich wiederhol' es, ſie iſt im Grunde keine böſe Frau: ſie würde ſich nur freuen, wenn zum Beiſpiel Jemand ſagte, daß Miß Middleton lange nicht ſo hübſch ſey, als man erwartet, und ſie wird ſich bemühen, Sie aus der Faſſung zu bringen, ſo oft Sie den Mund öffnen. Laſſen Sie ſich zuer nicht irre machen, und Sie werden das Feld be⸗ alten. — Ich habe nicht im mindeſten Luſt, mich in einen Kampf mit ihr einzulaſſen. Aber jetzt erzählen Sie mir auch etwas von den Männern, die ſich hier befinden. — Das wird bald abgethan ſeyn. Sir Chaxles iſt ein Narr, Herr Ernsley iſt ein Geck und Herr Farnley be⸗ ſitzt eine etwas plumpe Laune und ein gewiſſes Nachah⸗ mungstalent: er iſt gemein und ungeſchliffen, was bei⸗ läufig bemerkt, vielleicht die Urſache iſt, daß ſeine Tochter es für nöthig bält, mit ſo viel Anſtrengung das Gegen⸗ theil zu zeigen. Herr Brandon, der Schwager Ihrer Tante, iſt ein liebenswürdiger Mann, Herr Manby iſt ein Tölpel. — Und Sir Edmund ürdern? fragte ich. — O was Sir Edmund Ardern betrifft, ſo befolge ich das Princip der Zuckerbäcker, die ihre Lehrlinge während den erſten Tagen ſo viel naſchen laſſen, als ſie nur im⸗ mer wollen, und beſchwöre Sie, ohne Unterlaß mit ihm zu ſchwatzen. Erlauben Sie ihm, beim Frühſtück, beim Mittag⸗ und Abendeſſen neben Ihnen zu ſitzen, gehen Sie mit ihm ſpazieren, reiten Sie mit ihm aus, ich werde Ihr Zuſammenſeyn gewiß keinen Augenblick unterbrechen, damit er in voller Freiheit ſeine Zauberkraft ausüben kann, und er wird Sie dermaßen bezaubern, daß Sie zu⸗ letzt um Gnade flehen werden. Ich mußte lachen, konnte aber den Gedanken nicht un⸗ terdrücken, daß der Schärfe dieſer Satire der Umſtand zu Grund lag, daß Sir Edmund der einzige Mann der Ge⸗ ſellſchaft war, deſſen Geſtalt, Geiſt und Manieren Gefal⸗ len erregen konnten, und ich fühlte mich durchaus nicht überzeugt, daß Heinrich's Urtheil gerecht wäre. Unſere Unterhaltung wurde durch das Erſcheinen der Miſtreß Ernsley und das Serviren des Thees unterbro⸗ chen. Miſtreß Ernsley nahm nachläſſig auf einem großen Lehnſtuhl Platz, warf ihren Hut und Shawl auf den ne⸗ benſtehenden Stuhl und begann dann ihr Haar in Ord⸗ nung zu bringen. — Sie ſcheinen müde zu ſeyn, Miſtreß Ernsley, ſagte Heinrich. — 95— — Todtmüde, antwortete ſie. Die gute Miſtreß Bran⸗ don wollte durchaus wiſſen, ob die Sterne bewohnt ſind oder nicht. Iſt es nicht unbarmherzig, die Leute nöthigen zu wollen, ihren Geiſt ſo hoch ſteigen zu laſſen? — Und welche Anſicht hatte Sir Edmund über dieſen Gegenſtand? fragte Heinrich. — Daß ſich viel dafür und viel dagegen ſagen ließe. Als ſie zu dieſem Punkte gekommen waren, entfernte ich mich. — Sie lieben Sir Edmund nicht? — Ich wünſchte, Sie hätten dieſe Frage unterdrückt. — Warum? — Weil er mich haßt und ich eine unglückliche Lei⸗ denſchaft nicht billigen mochte. Er hat den guten Herrn Farnley heute an der Mittagstafel faſt über den Haufen gerannt, um ihn zu hindern, ſich zu mir zu ſetzen. — O nein! dies geſchah, indem er ſich des Platzes ne⸗ ben Miß Middleton verſichern wollte, bemerkte Roſa Moore mit ganz unſchuldiger Miene. Miſtreß Ernsley fuhr fort, dieſe Unterbrechung nur durch ein leichtes Herabziehen der Mundwinkel erwiedernd: — Ich möchte tauſendmal lieber von ihm gehaßt ſeyn, als auf die Weiſe geliebt werden, wie er jede erſte beſte, die ihm in die Hände fällt, zu lieben ſcheint. — Es unterliegt keinem Zweifel, ſagte Heinrich, nichts gleicht dem Vergnügen, geliebt zu werden, als das Ver⸗ gnügen, gehaßt zu werden. — Das iſt alſo auch Ihre Meinung? erwiederte Miſtreß Ernsley. — Gewiß, antwortete er. Nichts ſchmeichelt mehr ei⸗ ner der ſtärkſten Neigungen oder vielmehr Leidenſchaften unſerer Natur: die Regung, die wir ſelbſt empfinden, in andern zu erwecken. Wenn ich von der Frau, die ich liebe, mich nicht wieder geliebt ſehen könnte, ſo wünſchte ich eher, daß ſie bei meinem Anblicke erbebte, ja ſchauderte, nur nicht gleichgültig ſoll ſie bleiben, als ob ſie Herrn Manby erblicke. 6 3 — 96.— — Sie würden einen entſetzlichen Liebhaber abgeben! rief Miſtreß Ernsley. Stets, Ihrem eigenen Geſtändniß nach, auf dem Punkt zu haſſen! Er antwortete lachend: Sie kennen ja das alte Sprich⸗ wort: Liebe und Haß berühren ſich. — Nicht ſo ſehr, als Haß und Verachtung, ſagte ich; und indem man ſich den einen zuzieht, kann man die an⸗ dere verdienen. Beide ſahen mit Verwunderung auf mich, denn ich hatte bis jetzt ihrem Geſpräche ſtillſchweigend zugehört und eine innere Bewegung gab meiner Stimme einen Ausdruck von Bitterkeit, welchen ich ſelbſt gewahr ward. Miſtreß Ernsley ſchien die Bemerkung auf ſich zu be⸗ ziehen. Dennoch ſagte ſie ganz heiter, doch etwas ſpöt⸗ tiſch: Da Miß Middleton eine ſo entſchiedene Meinung ausgeſprochen hat, ſo wär' es wohl gerathen, von etwas Ader zu ſprechen. Wie geht's Eduard Middleton, Herr ovell? — Er befindet ſich ſeit einigen Monaten auf Reiſen, erwiederte Heinrich.— Und Sir Edmund Ardern, der in dieſem Augenblick zu uns kam, fügte hinzu: Ich ſah ihn zum letztenmale vergangenen Februar in Neapel; wir machten zuſammen einen Ausflug in die Calabreſiſchen Gebirge. — Gewiß einen nicht ſehr romantiſchen? ſagte Miſtreß Ernsley, wie alles in unſerer anti⸗poetiſchen Zeit Nicht der Schatten eines Räubers und kein Abenteuer, nicht wahr? — Keines wenigſtens, was uns betraf. Aber wir ſa⸗ hen einen Erb⸗Banditen, der uns ſeine Abenteuer erzählte. — Wirklich? rief Miſtreß Ernsley. Er war gewiß recht liebenswürdig! — Nicht ſo ſehr, ſagte Sir Edmund lächelnd; aber ei⸗ nige ſeiner Mittheilungen waren intereſſant. — Sah er wild und grimmig aus?. — Nicht im geringſten. Ich glaube, daß er in ſeiner Jugend Räuber wurde, weil ſein Vater und ſein Bruder Räuber waxen, und nicht aus eigenem Antrieb. Eine der — 97— Geſchichten, die er uns erzählte, ergriff Middleton und mich in hohem Grade, nur auf verſchiedene Weiſe. — Was war es denn? fragte ich, nicht im Stande, meine Neugierde zu unterdrücken. — Ich fürchte nur, daß Sie meine Erzählung etwas zu lang finden könnten, ſagte Sir Edmund. Wenn Sie aber die Frage, um welche es ſich handelt, entſcheiden wollen, ſo müſſen Sie ſchon die Geduld haben, die Ge⸗ ſchichte anzuhören. Lorenzo, ſo hieß unſer Freund, hatte an mehreren Schar⸗ mützeln mit der Gensd'armerie Theil genommen, die ins Gebirge geſchickt worden war, um ſich der Bande zu be⸗ mächtigen, zu welcher er gehörte. Man kannte ihn von Anſehen, und er entrann ein oder zweimal mit vieler Mühe der Gefahr, gefangen zu werden. Er hatte einen Feind unter den Gensd'armen mit Namen Giacomo, deſſen Eifer⸗ ſucht er einige Jahre zuvor bei Gelegenheit einer Dorf⸗ kirchweibe erregt hatte. Sie entzweiten ſich wegen eines jungen Mädchens, das ſie beide liebten. Lorenzo ſchlug ihn, aber ehe Giacomo den Schlag erwiedern konnte, wurden ſie ge⸗ trennt und ſein Nebenbuhler fand in den Bergen Sicher⸗ heit vor ſeiner Verfolgung. Giacomo brütete mehrere Jahre über Racheanſchlägen, und als ihn endlich ſein Dienſt ſeinem Feinde entgegenſchickte, ſpürte er ihm nach, wie ein hungriges Thier, welches auf Beute ausgeht. Eines Abends hatte er ihn mit zwei oder drei ſeiner Leute meh⸗ rere Stunden lang gehetzt. Lorenzo lief mit einer unglaub⸗ lichen Schnelligkeit nach einer Stelle, wo zwiſchen Felſen⸗ ſpalten ihm ein geheimer Weg bekannt war, auf dem er den Verfolgungen entgehen und in Sicherheit kommen konnte. Er nahm alle ſeine Kräfte zuſammen, um im Stande zu ſeyn, um eine Ecke zu biegen, bevor ſeine Feinde ihn einholen und den Ort entdecken konnten, wo er ihnen aus den Augen zu kommen gedachte. Zwiſchen ihm und dieſer Ecke befand ſich nur eine morſche, hölzerne, über einem Abgrund ſchwebende Brücke. Im Augenblicke, wo er im Begriff war, hinüberzueilen, ſchwang ſich Giacomo, getrieben von der bangen Ahnung, daß ſein Feind ihm ent⸗ I. 7 7 — 98— rinnen würde, mit einem verzweifelten Sprung auf die Felſenſpitze und erreichte zu gleicher Zeit mit ihm die Brücke. Aber das mürbe Brett zerbrach unter der Er⸗ ſchütterung; nur das Geländer gab nicht nach und die bei⸗ den Männer klammerten ſich mit den Händen feſt daran. So befanden ſie ſich ganz nahe bei einander und ſchauten ſich ins Angeſicht, ohne daß einer von Beiden eine Be⸗ wegung zu machen im Stande war. Lorenzo's Augen waren ſtarr vor Entſetzen, die Giacomo's funkelten vor Wuth. Er befand ſich der Felſenwand am nächſten, er hatte ſeine Leute im Geſicht und rief ihnen mit heiſerer Stimme zu. Lorenzo hielt ſich für verloren. In dieſem Augenblick hörten ſie wie ſich etwas über ihren Köpfen, nahe der Felſenwand, bewegte; beide ſahen hinauf. Ein Schlag, ein entſetzlicher Schlag, traf Giacomo's Haupt. Sein Angeſicht verzerrte ſich, Todesſchrecken entſtellte furcht⸗ bar ſeine Züge und ein gräßliches Angſtgeſchrei entſtieg ſeiner Bruſt.— Noch ein Schlag und ſein Gehirn beſpritzte das Geſicht und die Hände ſeines Feindes. Eine Wolke ſchien Lorenzo's Augen zu bedecken; aber er fühlte, daß ihm etwas wie eine Stange hingereicht wurde— unwill⸗ kührlich klammerte er ſich daran, erkletterte die Felſenklippe, ſtürzte in die Höhle und ſiel ohnmächtig zu Boden; aber er war gerettet. — Und wer rettete ihn? riefen wir alle. — Amina, ein junges Mädchen, mit dem er eine Lieb⸗ ſchaft hatte. Sie brachte einen ſchweren Schmiedehammer aus dem Hauſe ihres Vaters, welcher denſelben von einem Nachbarn geliehen batte. Sie kam gerade an dem un⸗ wirthbaren Ort vorüber, um Zeuge der ſchrecklichen Lage der beiden Männer zu werden; ſie ſah ihren Geliebten im Kampfe mit dem Gensd'armen, hörte, wie dieſer ſeinen Kameraden zurief und lief hin nach dem Orte. — Muthiges Mädchen! rief Heinrich aus. — Und wie endete der Roman? fragte Miſtreß Ernsley. — Ah! nun kommen wir zur Sache! ſagte Sir Ed⸗ mund. Ich fragte Lorenzo, ob er nun das Mädchen wegen ihres tapfern Benehmens nicht zehnmal lieber habe? Er — 99— antwortete, daß er ihr ſehr dankbar ſey, daß er aber von jenem Augenblicke an keine Liebe mehr für ſie empfinden konnte. Hoch erſtaunt fuhr ich auf, allein er nahm ſein Wort nicht zurück. Das war gewiß höchſt ſonderbar: ſie hatte ihm das Leben gerettet und er würde alles für ſie gethan haben, was in ſeinen Kräften ſtand.„Aber Sie wiſſen, meine Herren,“ fügte er hinzu,„daß man nicht nach ſeinem Gefallen Liebe empfinden oder nicht empfinden kann. Wenn ich in Amina's ſchwarze Augen ſah, konnte ich mich eines Schauers nicht erwehren, denn ich vermochte nicht ihren Blick zu vergeſſen, als ſie Giacomo den letzten Schlag ver⸗ ſetzte, und dieſer Blick hatte nichts Gutes. Kurz, mit meiner Liebe war's vorbei, ich kann's nicht ändern!“ — Iſt es möglich! rief Miſtreß Ernsley; er war ſo undankbar, ſie zu verlaſſen? — Nein, er ſagte mir, er würde ſie geheirathet haben, wenn ſie den Wunſch geäußert hätte, aber ſie that es nicht. „WVielleicht,“ bemerkte er,„ſah ſie ein, daß ich ſie nicht mehr liebte; ſie ſchien ſich nicht ſehr darüber zu grämen und,“ wiederholte er,„es war vorbei!“ Was mich be⸗ trifft, fuhr Sir Edmund fort, ſo ſind mir die Gefühle die⸗ ſes Menſchen ein Räthſel. Wenn mir ein Weib das Le⸗ ben gerettet hätte, wie Amina das ſeinige rettete, ſo glaube ich wahrlich, ich würde mich in ſie verliebt haben, ſelbſt wenn ſie alt und häßlich geweſen wäre; wie aber ein hüb⸗ ſches Mädchen, welche er zuvor geliebt, in Folge einer muthigen Handlung ſein Herz verlor, derentwegen er ſie hätte anbeten ſollen, davon, ich geſteh' es, habe ich keinen Begriff. Eduard Middleton hingegen war anderer Mei⸗ nung; er behauptete, das ſey ganz natürlich. Ohne Zwei⸗ fel, ſagte er, war es hart fuͤr ſie und konnte mit Gründen der Vernunft nicht gerechtfertigt werden, aber es gibt Triebe und Neigungen, die der Herrſchaft der Vernunft widerſtreben, und ſo ungerecht, ſo grauſam dies auch ſchei⸗ nen mag, ihn befremdete die Veränderung in den Gefüh⸗ len Lorenzo'’s durchaus nicht. — Das iſt ſehr wunderlich! ſagte Heinrich Lovell, und ſieht Eduard ganz ähnlich, obgleich Recht und Ge⸗ — 100— rechtigkeit, worauf er ſo ſtolz zu ſeyn pflegt, dabei zu kurz kommen. — Aber, fuhr Sir Edmund fort, ich muß ihm die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, auch das noch mitzutheilen, was er hinzufügte. Wäre ich Lorenzo geweſen, ſagte Eduard, ſo würde ich mich für verpflichtet gehalten haben, Aminen mein Leben zu widmen und ſie glücklich zu machen, ſelbſt auf Koſten meines eignen Glückes; aber es liegt für mich etwas ſo Entſetzliches in dem Bilde eines zerſtörten Lebens, in dem Tode, den eines Weibes Hand herbeige⸗ führt, unter welchen Umſtänden es auch ſeyn mag—— In dem Augenblick, in welchem Sir Edmund dieſe letz⸗ ten Worte ausſprach, nahm das Uebelbefinden und die Schwäche, welche ich ſchon zuvor gefühlt hatte, dermaßen überhand, daß Miſtreß Ernsley Sir Edmund's Rede unter⸗ brach und ausrief:„Guter Gott! wie ſehen Sie ſo blaß aus, Miß Middleton. Befinden Sie ſich unwohl?“ Miſtreß Brandon eilte herbei. Gewaltſam nahm ich mich zuſammen, ſtürzte ein Glas kaltes Waſſer, das ſie mir brachte, raſch hinunter, und näherte mich dem Piano, wo Roſa Moore zu ſingen anfing. Ich ſtützte meinen Kopf auf den Rand des Klaviers und die Thränen, die meinen Augen entſtrömten, erleichter⸗ ten meine Bruſt. Später, als Sir Edmund ſich bei mir entſchuldigte, daß er durch ſeine grauenvolle Erzählung mein Unwohlſeyn veranlaßt habe und Heinrich mit leiſer Stimme zu mir ſagte:„So eben hat Miſtreß Ernsley er⸗ klärt, daß Sie der Miß Farnley vollkommen glichen, welche auch nicht von Tod und Wunden ſprechen hören könne, ohne in Ohnmacht zu fallen; nur ſeyen Sie eine beſſere Schauſpielerin“— da konnte ich lächeln und frohlich plau⸗ dern. Bald darauf ging ich zu Bett und beim Auskleiden gedachte ich der Worte Walter Scott's: So mancher Pfeil, vom Bogen Auf's⸗G'rathewohl geſendet, Ein Ziel traf, worauf nimmer Der Schütz den Sinn gewendet. — 101— Und manches Wort, vom Munde Auf's G'rathewohl geſprochen, Kann kränken oder heilen Ein Herz, das faſt gebrochen. Ich ſchlief die Nacht ſehr wenig, und als ich am Mor⸗ gen erwachte, war mein Kopffiſſen noch thränenfeucht. VI. Einige Tage nachher waren wir alle im Geſellſchafts⸗ zimmer verſammelt: der Himmel war umwölkt, das Wet⸗ ter nicht einladend. Wir beſchloſſen, zu Hauſe zu bleiben und ſetzten uns um einen Arbeitstiſch, während Sir Ed⸗ mund und Heinrich abwechſelnd uns eine Tragödie vor⸗ laſen. Roſa Moore, welche ſich mit ſpöttiſcher Miene ge⸗ gen dieſen Zeitvertreib ausgeſprochen, hatte ſich aus dem Zimmer geſchlichen, wie ein Kind, das der Lehrſtunde ent⸗ läuft. Zwei Stunden nachher kam ſie zurück und ſetzte ſich mir gegenüber. Sie war erhitzt und außer Athem, aber eine heimliche Freude glänzte in ihren Augen. Ruhig hörte ſie das Ende des Trauerſpieles mit an, welches Sir Edmund ſehr gut, oöbgleich etwas zu theatraliſch vorlas. Nachdem die Bemerkungen, welche das Werk veranlaßte, erſchöpft waren, wandte ſie ſich zu Heinrich anit ganz ernſthaftem Geſicht und ſagte zu ihm:„Herr Lovell, es thut mir leid, Ihnen die Erklärung machen zu müſſen, aber ich kann es nicht ändern: bei Todesſtrafe, Sie müſſen mich unverzüglich heirathen.“ — Ich träumte nie von einer ſolchen Ehre, erwiederte Heinrich lachend. Indeſſen, wenn mir keine Wahl bleibt, ſo muß ich mich in mein Schickſal ergeben. Wer hat aber dies Gebot erlaſſen? — Eine Perſon, die meine Morgenpromenade verkürzte, denn ich war nicht Willens, vor dem Schluß der Tragö⸗ die heimzukehren. — 102— — Von wem ſprechen Sie? — Von Einem, der entweder Ihr beſter Freund oder Ihr größter Feind ſeyn muß, der Theilnahme nach zu urtheilen, die er für Sie kund gibt. — Was wollen Sie eigentlich damit ſagen? fragte Miſtreß Brandon. — Daß, als ich das Gehölz bei Eaſt Common durch⸗ ſtreifte, ein Rauſchen im Gebüſch meine Aufmerkſamkeit rege machte und ich mich plötzlich einem Menſchen gegen⸗ über ſah, deſſen Ausſehen eden nicht ſehr einnehmend war. — Was für ein Menſch? liebes Kind! Sie jagen mir einen Todesſchrecken ein! — Doch... er ſah nicht aus wie ein Gentleman, wie ein Landmann eben ſo wenig, mit einem Wort, er gefiel mir nicht. Er eröffnete unſere Unterredung, indem er meinen Arm ergriff— — Entſetzlich!— Was ſagte er?— Was thaten Sie? — Welche Abſcheulichkeit!— Wie entkamen Sie?— Ich wär' auf der Stelle des Todes geweſen!— Solche Aus⸗ rufungen durchkreuzten ſich von allen Seiten. — Nun, ich ſagte ihm, daß ich fünf und einen halben Shilling in meiner Börſe hätte, die ihm zu Dienſten ſtün⸗ den, wenn er Anſpruch darauf mache. — Nahm er ſie? — Nein! da ſind ſie wohlbehalten. Er wolle mein Geld nicht, ſagte er, mir aber einen guten Rath geben. Und hier brach Roſa in das herzliche Gelächter aus, welches ihr ſo wohl ſtand. — Was ſagte er Ihnen nun? Seyn Sie doch ernſt⸗ haft Roſa! rief Miſtreß Brandon ungeduldig. — So hören Sie denn!„Schönes Kind, begann er, hei⸗ rathen Sie ſo bald als möglich das ſüße Herrchen, den Herrn Lovell, der Ihnen den Hof macht, ſo bald als möglich, hören Sie? Thun Sie's nicht, ſo iſt's um ſo ſchlimmer für Sie, für ihn und für noch Jemand— ich verſchweige den Namen! Aber Sie retten ihm das Leben, wenn Sie Acht geben, auf das, was ich Ihnen ſage, ſchö⸗ — 103— nes Mamſellchen.“ Ich ſuchte meinen Arm loszumachen, um Reißaus zu nehmen, aber— — Er ließ Sie nicht gehen? — Nein! er verlangte eine Antwort. Aus Furcht, glaub' ich, hätte ich ihm verſprochen, Herrn Lovell zu hei⸗ rathen oder ihn zu tödten, oder ſonſt etwas zu thun, was er mich geheißen, um nur entrinnen zu können; aber glück⸗ licherweiſe kam ein anderer Mann dazu und ſagte ihm: „Dummkopf! ſiehſt Du nicht, daß Du den Brentfor⸗ der Zettel an das Hammerſmither Thor ſchlägſt?“ Hier⸗ auf zog mein unbekannter Freund den Mund gar ſeltſam zuſammen, ließ einen Ton hören, der wie ein Pfiff lau⸗ tete, verſchwand mit ſeinem Gefährten hinter dem Ge⸗ ſträuche— und da bin ich!. Ich ſah mich um, um den Eindruck zu bemerken, wel⸗ chen dieſe Erzählung auf Heinrich machte, aber er befand ſich nicht mehr im Zimmer. Miſtreß Brandon, die ſein Verſchwinden gleichfalls wahrgenommen, entfernte ſich, und während Miſtreß Ernsley, Sir Edmund und die ältere Miß Farnley Roſa umringten, um ihr Abentheuer noch⸗ mals aus ihrem Munde zu vernehmen, ſagte die andere Miß Farnley leiſe zu mir:„Her Lovell muß in Miß Moore verliebt ſeyn, denn in meinem Leben ſah ich keinen Menſchen ſo auffallend bewegt, als er es eben war. Das iſt aber eine ſonderbare Geſchichte! Was meinen Sie, was ſoll das wohl bedeuten?“ — Vielleicht iſt's ein Scherz, erwiederte ich, denn, ohne recht zu wiſſen, warum? wünſchte ich die Unterhaltung über dieſen Vorfall abgebrochen zu ſehen. Ich zitterte aus Angſt, denn es war augenſcheinlich, daß ſie Roſa für mich gehalten, und ich konnte den Gedanken nicht unter⸗ drücken, daß die beiden Männer, welche ihr in den Weg traten, dieſelben wären, die ich in Salisbury getroffen. Heinrich's Beſtürzung, ſein plötzliches Verſchwinden, be⸗ ſtätigten meinen Argwohn, und ich fühlte um ſo größere OQual, da ich mich Niemanden entdecken konnte. Als wir uns in das Speiſezimmer zum zweiten Frühſtück begaben, ſah Miſtreß Brandon böchſt aufgeregt und unruhig aus. — 104— Sie ſagte zu Roſa, Heinrich hätte den Weg nach Eaſt Common eingeſchlagen, um nachzuforſchen, ob die beiden Männer, die ſie erſchreckt und ſich zu dieſem Zwecke ſeines Namens bedient hatten, in jener Gegend herumſtrichen. Sie bemerkte zugleich, daß Herr Brandon die Hegereuter und einige ſeiner Leute mit dem Befehl ausgeſchickt hätte, in der Nachbarſchaft nach den beiden Vagabunden zu ſpä⸗ hen, und ſie vor ihn, als obrigkeitliche Perſon, zu führen, wenn man ihrer habhaft geworden wäre. Roſa machte mir den Vorſchlag, mit ihr und den ſämmtlichen Herren der Geſellſchaft auszureiten, und während des Nachmit⸗ tags den Park und die Gehölze und Ebenen der Umge⸗ gend zu durchſtreifen, um gleichfalls an der Aufſuchung der Unbekannten Theil zu nehmen. Neugierde und das ſehnliche Verlangen, mich zu über⸗ zeugen, ob meine Vermuthungen gegründet wären, ließen mich bereitwillig Roſa's Vorſchlag annehmen. Wir bega⸗ ben uns bald auf den Weg und durchritten den Park im Galopp. Roſa war von der heiterſten Laune beſeelt, ob⸗ gleich ſie am Morgen einen kleinen Schrecken ausgeſan⸗ den hatte; aber das Pikante eines Quiproquos, der Reiz des uns beſchäftigenden Räthſels, und der Spaß, ihren kecken Angreifer zu verfolgen, deſſen Offenſive übrigens keine ſo ernſthaften Folgen für ihn haben konnten, um ſich deß⸗ halb zu betrüben, regten ihre Einbildungskraft in hohem Grade auf, und ihre ausgelaſſene Laune theilte ſich der ganzen Geſellſchaft mit. Wir durchſtreiften faſt zwei Stunden lang die Gegend nach allen Richtungen; aber mit Ausnahme einiger Ackersleute, begegneten wir Niemanden. Als wir unſere Pferde langſam durch einen Hohlweg führ⸗ ten, welcher zwiſchen der Anhöhe von Eaſt Common und einem prächtigen Eichenwäldchen lag, rief Herr Manby plötzlich aus:„Dort ſteigen zwei Männer über eine Hecke nach Aſh Grove zu. Nun, Miß Moore! gilt's noch einen muthigen Verſuch!“ Wir ſahen alle nach der Richtung, die er mit ſeiner Reitpeitſche bezeichnete, und ſprengten mit der ganzen Schnelligkeit unſerer Pferde hin. Ein kleiner Graben lag uns im Wege. Alle Pferde ſetzten mit einem — 105— Sprung hinüber, mit Ausnahme des meinigen, das mir hartnäckig den Gehorſam verſagte. Vergebens ſchlug ich es und trieb es an, es bäumte ſich, wollte aber nicht hin⸗ überſetzen, noch überhaupt von der Stelle weichen. Der Groom bat mich abzuſteigen, weil er das Pferd hinüber⸗ ziehen wollte. Ich folgte ihm und ging einige Schritte weit, um eine Stelle aufzuſuchen, wo ich ſelbſt über den Graben kommen könnte. Ich blieb einen Augenblick ſtehen, um eine Eſchendaumgruppe zu betrachten, die eine kleine verfallene Bauernhütte umgab und ſich, wie ich dachte, zum Entwurf einer hübſchen Zeichnung eignete. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre des Häuschens, ein Mann trat heraus und ſah ſich vorſichtig um. Es war Heinrich. Zwei andere folgten ihm: dieſelben Männer, die ich in Salisbury geſehen hatte. Letztere ſchlugen einen Fußpfad ein, der auf die Landſtraße nach Blandfort führte, und ich verlor ſie bald aus dem Geſichte. Heinrich blieb einen Augenblick ruhig ſtehen, und ging alsdann den Weg nach Brandon zurück. Ich war nicht erſtaunt, aber das Herz that mir weh. Ein gewiſſes Mitleiden, das ich mit Hein⸗ rich hatte, vereinigte ſich mit einer nervöſen Angſt, die mich ergriff. Es kam mir nicht in den Sinn, den beiden Män⸗ nern nachſetzen zu laſſen oder die Aufmerkſamkeit nach dem Orte hinzulenken, wo ich ſie verſchwinden ſah. Der Groom brachte mir ein Brett, auf welchem ich über den Graben kommen konnte; ich ſtieg wieder aufs Pferd und ritt lang⸗ ſam der Geſellſchaft entgegen, welche jubelnd zurückgalop⸗ pirte. Roſa Moore und ihre Begleiter ſchütteten ſich vor Lachen darüher aus, daß ſie den Pfarrer des Kirchſpiels und ſeinen Gehülfen, die gemächlich eine Einzäunung über⸗ ſtiegen, um auf kürzerem Wege die Hütte einer alten Frau zu erreichen, für die verdächtigen Männer gehalten hatten, zu deren Verfolgung ſie ausgeritten waren. Wir trafen Heinrich in der Nähe des Hauſes; er ſah müde und nie⸗ dergeſchlagen aus. Herr Brandon rief ihm von weitem zu, um zu hören, ob er etwas in Betreff der Landſtreicher geſehen oder gehört hätte. — Und Sie? antwortete Heinrich. — 106— — Nichts! rief Herr Brandon. — Nun denn, Miß Mooreo, ſagte Heinrich mit erzwun⸗ genem Lachen, ſo müſſen wir morgen zur Heirath ſchreiten, oder auf unſere Gefahr hin ledig bleiben. Und er entfernte ſich, das Liedchen ſummend: Gai, gai, mariez vous. Roſa's Abentener wurde von Zeit zu Zeit beſprochen; es ward der Gegenſtand fortdauernden Spottes auf Koſten Heinrich's, der ſich dadurch offenbar unangenehm berührt fühlte, obgleich er gute Miene zum böſen Spiele machte. Eines Tages fragte er Roſa, ob ſie ſich nicht über uns alle luſtig mache, und ob die ganze Geſchichte nicht bloß ein Scherz wäre. Er neckte ſie wegen ihrer Viſionen und erbot ſich, eine Ballade von„den zwei unſichtbaren Männern des Brandon⸗Waldes“ zu ſchreiben, wor⸗ auf ich ſogleich hinzufügte:„Und ich werde eine nachfol⸗ gende ſchreiben, die da heißt: Die verfallene Hütte von Aſh Grove.“ Miſtreß Ernsley ſah auf Sir Ed⸗ mund, als wollte ſie ihn fragen:„Soll das vielleicht eine geiſtreiche Erwiederung geweſen ſeyn?“ Hierauf bemerkte ſie etwas zögernd:„Die Pointe iſt mir nicht ganz klar.“ Heinrich ſah aus, als wenn ſich der Boden unter ihm öffnete. VII. Zwei oder drei Wochen gingen vorüber, ohne daß etwas Bemerkenswerthes vorfiel. Nur Heinrich's Trübſinn und Reizbarkeit, zwei für mich durchaus neue Züge ſeines Cha⸗ rakters, fielen mir auf. Zuweilen erſchien er mir ſo lie⸗ benswürdig, wie jemals, aber das geringſte Zeichen von Kälte meinerſeits oder die gewöhnlichſte Aufmerkſamkeit, die mir von Andern bewieſen wurde, erbitterte ihn der⸗ maßen, daß er ſich kaum zu beherrſchen vermochte. Ein⸗ mal ſtand er auf dem Punkte, Sir Edmund Ardern zu be⸗ leidigen, weil ich eine Stunde ununterbrochen mit ihm ge⸗ ſprochen hatte. Die unbändige Eiferſucht, welche er bei — 107— ſolchen Gelegenheiten zeigte, hatte nichts anziehendes. Un⸗ ter ihrem Einfluſſe ſah er aus, als haſſe er mich, und nicht ſelten ſetzte mich ſein Ungeſtüm in Schrecken; Scenen die⸗ ſer Art dauerten glücklicherweiſe nicht lange, er bemühte ſich Herr über ſeine Leidenſchaft zu werden, und mit den feurigſten Aeußerungen der innigſten Zuneigung ſuchte er ſich zu rechtfertigen. Sein Kummer, ſeine Reue, die An⸗ muth ſeiner Rede, ſein zärtliches Bitten, das aus der Tiefe des Herzens zu kommen ſchien, rührten und überzeugten mich zuletzt; und theils Schwäche, theils Täuſchung, viel⸗ leicht auch Furcht, der eitlen Luſt entſagen zu müſſen, von einem Manne geliebt zu werden, der meinen Geiſt beſtach, ohne mein Herz gewonnen zu haben, verleitete mich, ſtill zu ſchweigen und ihn ſo in ſeiner Meinung zu beſtärken, als ob ich ſeine Liebe erwiederte. Am 7. Juli— ich befand mich bereits einen Monat in Brandon— erhielt ich von Miſtreß Middleton einen Brief, womit ſie mir das Verlangen meines Onkels an⸗ zeigte, daß ich unverzüglich nach Elmsley zurückkommen ſolle; ſie ſchrieb mir zugleich, daß es ihr leid thäte, ihn ſo feſt darauf beſtehen zu ſehen, da ſie aus meinen Brie⸗ fen wohl bemerkt hätte, wie ſehr es mir in Brandon ge⸗ fiele, und daß ſie gern ihren ganzen Einfluß aufgeboten haben würde, um eine Verlängerung meines Beſuches zu erwirken, wenn der Entſchluß ihres Gatten nicht durch Gründe herbeigeführt worden wäre, welche ihr jede wei⸗ tere Einrede unterſagten.„Du wirſt leicht begreifen, liebe Ellen,“ fügte ſie binzu,„daß der unerwartete Beſuch mei⸗ nes Bruders in Brandon den Befehl Deines Onkels zur Folge hatte; als er hörte, daß Heinrich, ohne ein Wort davon verlauten zu laſſen, ebenfalls nach Brandon ge⸗ gangen wäre, wurde er ſo aufgebracht, wie ich ihn noch nie geſehen habe und nur mit vieler Mühe konnte ich ihm ſeinen Vorſatz ausreden, Dir ſchon mit umgehender Poſt zu ſchreiben, daß Du wieder zu uns zurückkommen ſollteſt. Er ſah zutetzt ſelbſt ein, daß dies ein unangenehmes Auf⸗ ſehen machen würde. Nun aber, da Du bereits einen Monat lang abweſend biſt, will er von keinem weiteren Heinrich zu demſelben Zweck zu ſchreiben. Du weißt, wie in ſeinem Vorſatze. Was nich betrifft, ſo kann ich nicht — 108— Aufſchub mehr etwas hören. Nach Empfang dieſes Brie⸗ fes halte Dich zur Abreiſe bereit, denn mein Kammermäd⸗ chen wird den Tag darauf in Brandon eintreffen, um Dich abzuholen. Ich kann Dir zugleich nicht verſchwei⸗ gen, liebes Kind, daß Herr Middleton mir ſeinen feſten Willen zu erkennen gegeben hat, Heinrich von nun an weder zu geſtatten, ſich Dir zu nähern, noch ihm die ge⸗ ringſte Hoffnung zu laſſen, daß er jemals ſeine Einwilli⸗ dun zu einer Verbindung mit Dir geben könnte. Er efahl mir, Dir ſeinen Willen anzuzeigen und zugleich an wir ſo oft zuſammen bemerkt haben, daß Dein Onkel Heinrich nicht leiden kann; dieſe Abneigung beſtärkt ihn umhin, zu geſtehen, daß, da mein Bruder kein Vermögen beſitzt und ſich auch nie ernſtlich zu irgend einem Berufe beſtimmte, eine Heirath mit ihm weder wünſchenswerth für Dich, noch überhaupt möglich ſeyn würde. Du wirſt wahrſcheinlich erſtaunt ſeyn, mein gutes Kind, mich ſo von einer Angelegenheit ſprechen zu hören, an welche Du ſelbſt vielleicht niemals gedacht haſt. Ich wünſche ſehn⸗ lichſt, daß Heinrich nie einen ſolchen Eindruck auf Dich gemacht habe, daß dieſe Warnung nothwendig ſey; aber, nach dem, was ich hier, vielleicht zu ſpät, wahrnahm und nach allem, was mir von dem in Brandon Vorgefallenen bekannt wurde, wag' ich es kaum mehr zu hoffen. Ich ſage Dir nichts, meine vielgeliebte Ellen, von dem Glücke, das mir Deine Rückkehr bereiten wird. Du biſt die Freude meines Lebens, der Stern in meiner dunkeln Nacht, Du mein einziges Kind, meine einzige Freundin. Wenn Du weinen mußt, wenn das Herz Dir ſchwer iſt, ſo komm zu mir, lege Dein Haupt auf meine Bruſt und finde in mei⸗ ner Liebe, die nie erkalten wird, einen Schutz gegen den Sturm, einen Troſt im Leiden.“ Ich drückte den Brief der Miſteß Middleton an meine Lippen. Tauſend widerſtreitende Gefühle wechſelten in meiner Bruſt. Meine Tante ſchien ſich unglücklich zu füh⸗ len, und ich konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß ——-—————.———,0— —— 9 4 -8....ͤ8.G.(Gʒ8⁊-ö-⁊—., · — ——=—————,—6——*————— XXN außer der Unruhe, die ſie über den Zuſtand meines Her⸗ zens äußerte, ſie auch mit Kummer den ſtrengen Aus⸗ ſpruch des Herrn Middleton hinſichtlich ihres Bruders aufnahm. Ich ſelbſt fühlte mich gekränkt durch den Be⸗ fehl nach Elmsley zurückzukehren. Durch eine unbegrenzte Nachſicht und eine ſich nie verleugnende Zärtlichkeit war ich verwöhnt worden, und obgleich bitterer Kummer die Ruhe meines Lebens geſtört, und herbe Leiden mich nie⸗ dergebeugt hatten, ſo waren ſie doch nicht auf eine Weiſe erſchienen, die Gehorſam gebot und waren nicht die Folge Heiner heilſamen Unterwürfigkeit. Zugleich gedachte ich mit Bangigkeit der Umgebungen und der Einförmigkeit Elms⸗ ley's, wo Heinrich nicht mehr weilen durfte, und als ich in das Zimmer der Miſtreß Brandon trat, um ihr meine bevorſtehende Abreiſe anzuzeigen, vermochte ich meine Thränen nicht zurückzuhalten. Sie ſprach viel von ihrem Bedauern, wollte ſogleich an Herrn Middleton ſchreiben, um ihn zu bitten, mich noch länger bei ihr zu laſſen, und bat mich dringend, ſeine Ant⸗ wort abzuwarten, aber ich konnte dieſen Schritt nicht wa⸗ gen. Mein Ontkel gab ſelten einen Befehl, wenn er ihn aber gab, ſo durfte man nicht daran denken, ſich ihm zu entziehen. Ich wollte der Miſtreß Brandon die wahre Urſache meiner Zurückberufung nicht entdecken; ſie gab mir aber zu verſtehen, daß ſie ihr nicht unbekannt wäre und ich wies die Zeichen ihrer Theilnahme, die ſie mir zu er⸗ kennen gab, nicht wie ich ſonſt zu thun pflegte, mit Gleich⸗ gültigkeit zurück. Wir gingen zuſammen in das Geſellſchaftszimmer. Als Heinrich erſchien, ſah ich ihn ſcharf an, um auf ſeinem Angeſichte zu leſen, ob er den Brief empfangen hatte, wel⸗ chen ihm ſeine Schweſter ſchreiben mußte; aber er ließ mich in voller Ungewißheit. Er war zerſtreut, befangen, aber durchaus nicht niedergeſchlagen. Als Miſtreß Bran⸗ don von meiner Rückkehr nach Elmsley ſprach und ſämmt⸗ liche Anweſenden, jeder nach ſeiner Weiſe mehr oder we⸗ niger artige Worte an mich richteten, ſagte Heinrich nichts zu mir; aber er beobachtete mich nun ſeinerſeits mit Auf⸗ — — 110— merkſamkeit. Er ſetzte ſich beim Diner nicht zu mir, was er, wie mir ſchien, mit ein wenig Gewandtheit leicht hätte einrichten können; auch während der erſten Zeit der Abend⸗ geſellſchaft kam er nicht in meine Nähe, aber ich ſah ihn in langem und lebhaften Geſpräche ſich leiſe mit Miſtreß Brandon unterhalten. Beim Thee fragte Miſtreß Brandon Lady Wyndham und Miſtreß Ernsley, ob ihnen für den folgenden Tag eine Partie nach der Secetüſte nicht unangenehm wäre Dort, ſagte ſie, wäre eine herrliche kleine Bucht, ein Aus⸗ flug dahin böte großen Reiz, und es wärde ihr viel Ver⸗ gnügen gewähren, mir, bevor ich Dorſetſhire verließe, die⸗ ſen Genuß zu verſchaffen. Da ich das Mcer noch nie⸗ mals in der Nähe geſehen hatte, ſo war mir das Aner⸗ bieten ſehr willkommen. Jedermann nahm den Vorſchlag der Miſtreß Brandon mit Beifall auf, und es ward ver⸗ abredet, am folgenden Morgen um acht Uhr den Ausflug vorzunehmen. Heinrich ſprach dieſen Abend, außer im Lauf der allge⸗ meinen Unterhaltung, nicht mit mir; nur in dem Augen⸗ blick, wo er ein, neben der Speiſetafel ſtehendes Wachs⸗ licht für mich anzündete, ſagte er ganz leiſe zu mir:„Hat Sie jemals das Leſen eines Buches ſo intereſſirt, daß Sie fich gedrungen fühlten, es zuzumachen und eine Zeitlang zu warten, bevor Sie es wieder öffneten?“ — Nein, antwwortete ich, ich ſehe ſtets auf die letzte Seite. — Ich wag' es nicht, auf meine letzte Seite zu ſehen, erwiederte er. Seine Stimme zitterte. Es ſchien mir in dieſem Augenblick, als liebte ich ihn. Am folgenden Morgen um ſechs Uhr ſtand ich im Haus⸗ kleide am Fenſter meines Zimmers und ſah beſorgt aen — dem Wetter. Vergebens ſtreckte ich meinen Kopf über die Ecke des Hauſes hinaus, um hinter einer grauen Wolken⸗ maſſe von übler Vorbedeutung ein Stückchen blauen Him⸗ mels zu entdecken: entweder konnte ich nicht weit genug hinausſehen oder es war kein Stückchen blauen Himmels vorhanden, genug, meine Beobachtungen entmuthigten mich — 111— ſo ſehr, daß ich mich wieder niederlegte und noch ein we⸗ nig zu ſchlafen verſuchte. Um ſieben Uhr trat mein Kam⸗ mermädchen ins Zimmer und ſagte mir, daß das Wetter trübe und der Himmel ganz umwölkt ſey, daß die Wagen aber vor dem Hauſe bereit ſtünden und die Damen ſich zur Spazierfahrt anſchickten. Wir verſammelten uns zum Frühſtück mit dem verdrießlichen Ausſehen, welches frühes Aufſtehen, beſonders an einem trüben Tage gewöhnlich zur Folge hat. Lady Wyndham, Miſtreß Brandon, die Her⸗ ren Ernsley und Moore nahmen den erſten Wagen cin; im zweiten nahmen Miſtreß Ernsley, die beiden Miß Farnley und Sir Edmund Ardern Platz Roſa Moore und ich hatten einen Pyaeton mit zwei Ponies für uns allein und die Herren, welche in den Wagen nicht unter⸗ kommen konnten, ſchloſſen ſich zu Pferde der Geſell⸗ ſchaft an. In dem Augenblick, wo wir das Gitterthor des Parks erreicht hatten, zertheilten ſich die Wolken und zogen flockenartig über den Himmel; die Sonne ſelbſt ſchien bald durch die zerſtreuten Wolken. Aus den Hecken er⸗ tönte der Sang der Vögel und die Blätter erglänzten im Sonnenſchein. Roſa, die bisher umbarmherzig ge⸗ gähnt hatte, und dann und wann ihr Sacktuch wider den Mund preßte, um ſich vor dem Nebel zu ſchützen, lebte neu auf, begann zu lachen undzu ſcherzen, als ob ſie nicht ge⸗ nöthiget geweſen wäre, ihr Bett früher als gewöhnlich zu verlaſſen. Wir kamen durch reizende, überſchattete Wege, Wege, wie ſie Miß Mitford liebt und beſchreibt, durch Dorfſchaften, von welchen jede ihr Lieblingsdörfchen hätte ſeyn können, wo die Gärten voll Kohl und Sonnenblu⸗ men prangten, wo die Raſenplätze mit Gänſen und Hüh⸗ nern und rothwangigen Kindern bevölkert waren; wo die kleinen Mädchen mit ihren Strohhütchen und blaucarirten Schürzchen auf dem Wege zur Schule ſtehen blieben, um die vornehmen Leute, die vorüber fuhren, zu betrachten und ſie ehrfurchtsvoll zu grüßen; wo kleine Jungen am Git⸗ ter hängend ſich ſchaukelten und Bübchen mit den Enten im Waſſer plätſcherten und, nicht minder wie dieſe, Am⸗ — 112— phibien zu ſeyn ſchienen. Wir kamen dann durch Wälder und Fluren, durch abſchüſſige, dichte, wilde Gehölze, über blumige Wieſen, wo Geranium und hochrothe Nelken mit blendendem Farvenglanz die ſanft grüne Ebene ſchmückten. Wie herrlich waren ſie, an dieſem Julitage, die„angeſtamm⸗ —ten Wohnſitze England's“, wie Miſtreß Homans ſie nennt! We Lichtſtröme der Sonne vergoldeten ihre ſtattlichen Ul⸗ men, ihre uralten Eichen, ihre prächtigen Erlen; und der Strahlenglanz funkelte durch das Laub und ſchimmerte auf den Pflanzen und Kräutern, welche die durch das Erdreich gebrochenen Wurzeln der Bäume umwuchſen. Wie er⸗ glühten im Lichte die Beeren des Vogelbeerbaumes, dieſes Kindes des Nordens, das mit ſeiner kräftigen Geſtalt, ſei⸗ ner Korallenfrucht und dem grauen Geſtein, dem es ent⸗ ſpringt, faſt wie ein Fremder ausſieht inmitten der üppi⸗ geren Pflanzenwelt des Südens. Zwei Stunden waren kaum vorüber, als wir um eine Ecke des Weges bogen und ich zum erſtenmale das Meer erblickte, das ſich vor mir ausbreitete; es war unruhig, weißer Schaum überdeckte die Wellen und ſchon vernahm ich, wie ſie ſich an der Küſte brachen mit jenem dumpfen Gebrauſe, mit jener Stimme des Oceans, in der, wie in dem Donner des Himmels, wir unwillkührlich die Stimme Gottes erkennen. Wir erreichten die kleine Herberge, wo unſre Pferde ausruhen ſollten. Ich konnte es kaum er⸗ warten, bis man den Wagentritt herabgeſchlagen, und eilte allein nach dem Strand. Das Meer war nicht ſo, wie ich es ſeitdem geſehen hatte, blau und ruhig, ſchimmernd in tauſend Lichtfunken; es glich nicht einem friedlichen See, welcher ſein Ufer beſpült und ſanft murmelnd in ſeinem klaren Waſſer den blinkenden Kieſel badet. Nein, es war ſo, wie ich ſelbſt gewünſcht haben würde, es zum erſten⸗ male zu ſehen: ſtürmiſch, wild, ohne haltbare Farbe in dem beſtändigen Wechſel der Farben: braun, violett, weiß, gelb und grün. Wogen ſchleuderten Wogen nach dem Strand, jede Welle, ſich ruhig zuſammenziehend, ſchwoll, thürmte ſich und zerbarſt dann mit jenem Siegesgebrauſe, mit jenen Schaumſtrömen, jenen feuchten Staubwolken, und mit dem — 113— Gemiſch von Wuth und Wonne, wovon die Natur nur im erzürnten Meere eine Anſchauung gewährt. O mein Gott! ich habe ſchon viel gelitten! Angſt, Gewiſſensbiſſe, Ver⸗ zweiflung folterten mein Herz, erſchütterten meine Nerven; ich war ſchuldig, ich war unglücklich. Ich darf Dir nicht danken für die ſtürmiſchen Freuden der Leidenſchaft, für die berauſchende Schale der Luſt, die ſo ſchnell von meinen Lippen geriſſen, ſo plötzlich, auf den Boden geworfen, zer⸗ ſchmettert ward; aber ich danke Dir für die heiligen Wal⸗ lungen meines Herzens, für die Erhebung meiner Seele zu Dir, für die Thränen, die ich vergoſſen, für die Entzückung, die ich am Meeresſtrande, in Wäldern und auf Bergen kennen lernte. Wir ſchweiften eine Zeitlang am Ufer umher und ſuchten die Klippen zu erklettern, um die Felſenſpitze zu erreichen, von wo aus man weiter die kleine Bucht und das ſie krö⸗ nende, waldige Geſtade überſchauen konnte. Während die⸗ ſer ziemlich ermüdenden Bewegung theilte ſich unſre Ge⸗ ſellſchaft unverſehens in verſchiedene Gruppen. Miſtreß Brandon, Roſa, Heinrich und ich beſuchten eine kleine Höhle, worin ſich einige, durch ihre verſchiedenen Farben merkwürdige Sandarten befanden, die uns Herr Brandon am Tage zuvor beſchrieben hatte. Roſa kniete auf den Boden nieder, um von jeder Art etwas zu ſammeln, während ich das Meer durch eine von der Natur im Felſen gebildete Oeffnung betrachtete. Mi⸗ ſtreß Brandon fragte Roſa, ob ſie ihr Geſchäft vollendet, und bat ſie alsdann, mit ihr nach der Herberge zurückzu⸗ kehren, wo ſie Erfriſchungen beſtellen und mit Herrn Bran⸗ don wegen der Vorbereitungen zur Rückkehr ſprechen wolle. Ich war im Begriff, ihnen zu folgen, als Heinrich ſeine Hand auf meinen Arm legte, und mit einer Stimme, die ſo ernſt war, daß ich erbebte, zu mir ſagte: — Um meiner Schweſter Willen, Ellen, bleiben Sie ei⸗ nige Augenblicke hier bei mir, wir gehen dann über die Dünen zurück. Ich habe Ihnen viel zu ſagen und das iſt die letzte, mir gebotene Gelegenheit, mit Ihnen zu ſprechen. I. 8 — 114— Ich blieb ſogleich und lehnte mich an den Eingang zur Höhle. Heinrich war todtenblaß, ſeine Lippen bebten und ſeine Hand zitterte, als er die meinige ergriff. — Ellen, ſagte er zu mir mit ſchroffem Tone, wiſſen Sie, daß ich⸗Sie liebe, ſo ſehr als nur ein Mann lieben kann, mehr als Worte auszudrücken vermögen? Wiſſen Sie's? fühlen Sie's, Ellen?— Und er drückte meine Hand mit einer krampfhaften Heftigkeit. — Haben Sie einen Brief von Ihrer Schweſter erhal⸗ ten? fragte ich bang erzitternd. — Ja, ſie hat mir geſchrieben. Was werden Sie thun? — Was kann ich thun? — Bin ich Ihnen gleichgültig? — Es thut mir leid, daß wir uns trennen müſſen, ſagte ich, mein Geſicht in meinen Händen verbergend und in Thränen zerfließend. — Nun denn, wir werden uns niemals trennen! rief er aus; morgen, zu dieſer Stunde, werden Sie mein ſeyn — mein auf ewig. Keine menſchliche Macht ſoll Sie mir entreißen. Mein Leben ſey von nun an nur Ihnen ge⸗ widmet. Ich werde Sie lieben, verehren, anbeten, für Sie ſterben, wenn es ſeyn muß! Haben Sie es gehört? Ellen! reden Sie, antworten Sie mir! Soll es nicht ſo ſeyn? Warum ſind Sie ſo bleich und ſo kalt? — Sie reden im Wahnſinn, Heinrich; Sie erſchrecken mich, Sie thun mir wehe! laſſen Sie mich gehen! Ich ſtürzte aus der Höhle und ſetzte mich auf einen Stein am Meeresufer. Thränen entſtrömten meinen Augen. Als ich aufſchaute, ſah ich Heinrich vor mir ſtehen, mit er⸗ zwungener Ruhe erwartend, was ich ſagen würde; da ich aber ſtill ſchwieg, that er ſich Gewalt an und ſagte ruhig zu mir: Ich will Ihnen erklären, was ich meine. Nicht von meiner Liebe will ich mit Ihnen reden; mir fehlt die Zeit, Ihnen zu ſagen, was ich fühle, und was Sie ſo gut als ich wiſſen; aber das muß ich Ihnen ſagen, daß meine Schweſter recht hat, wenn ſie verſichert, daß Ihr Onkel niemals in unſre Heirath einwilligen wird— nein, er wird nie einwilligen, Ellen, und wenn wir uns jetzt tren⸗ nen, trennen wir uns auf ewig. Gott allein aber weiß, welch ein Unglück uns beiden bevorſteht, wenn wir uns trennen. Bei dieſen Worten ſchaute ich auf und ſah ihn mit Er⸗ ſtaunen an; mit welchem Rechte durfte er ſich einbilden, daß dieſe Trennung mich unglücklich machen würde? Mein verletzter Stolz ſprach aus meinen Augen: er verſtand dieſe Sprache und fuhr fort: — Zu unrechter Zeit geben Sie mädchenhafter Empfind⸗ lichkeit Raum; verzeihen Sie, Ellen, ich mache Sie böſe, wenn aber das Glück eines ganzen Lebens, ja mehr als eines Lebens von der Entſcheidung eines Augenblickes abhängt, dann hat man keine Zeit, die Worte abzuwägen und ich muß mich kurz faſſen. Miſtreß Brandon weiß, daß ich Sie liebe und wie ich Sie liebe. Sie glaubt auch, daß Sie mich wieder lieben. Sie kennt die unbeug⸗ ſamen Vorurtheile ihres Bruders und ſeinen eigenſinnigen Charakter. Sie verſprach Ihrer ſterbenden Mutter, ſich Ihrer anzunehmen, Sie zu ſchützen, wenn er Sie jemals unglücklich machen würde durch ſeine eiſerne Sinnesart; ſie wird ihr Verſprechen halten; ſie wird Sie morgen nach Henley begleiten, und dort in der Kirche zugegen ſeyn, wenn wir uns— — Halten Sie ein! Heinrich! ich kann, ich darf Sie nicht weiter anhören! Sie verlangen von mir, daß ich mich verheirathe, daß ich gegen den Willen meines Onkels, ohne die Zuſtimmung meiner Tante über mein Schickſal verfüge! Und mich, mich halten Sie einer ſolchen Handlung fähig? o mein Gott! Sie können ſo etwas von mir verlangen, und ich bleibe hier und höre Sie an! Heinrich, ich möchte Sie haſſen, daß Sie auf einen ſolchen Gedanken gerathen konnten! — Und glauben Sie, erwiederte er, ſie würde Sie nicht ſegnen für dieſe Handlung? Und glauben Sie, wenn ſie hört, daß das Kind, welches ſie adoptirt, das Kind, dem ſie ihre ganze Liebe zugewandt hat, den Bruder, deſſen Mutter ſie war, wie ſie Ihnen Mutter war, aus der Ge⸗ fahr der Verzweiflung, vom Verderben gerettet, ja vor 8 ⁵* — 116— Verbrechen bewahrt hat, glauben Sie, daß ſie nicht, zwar insgeheim aber inbrünſtig den Segen des Himmels auf Sie herabrufen werde? Sie gehorcht den ſtrengen Be⸗ fehlen ihres Mannes, aber ihr Herz ſchlägt für uns. O um ihretwillen, im Namen Ihrer ſterbenden Mutter, deren Brief Miſtreß Brandon Ihnen zeigen wird, um meiner Liebe willen, ſelbſt um Ihretwillen! beſchwöre ich Sie, treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung; denn ich wieder⸗ hole Ihnen noch einmal, ſchreckliches, unausſprechliches Unglück, das Sie jetzt nicht ahnen, noch vorausſehen kön⸗ nen, erwartet Sie, wenn Sie mein heißes Flehen unerhört laſſen! ſ Heinrich, Sie ſprechen eine ſeltſame Sprache, und ich muß die Wahrheit kennen lernen. Ich bin meiner Zweifel müde, ich bin meiner Angſt müde. Mit welchem unbekann⸗ ten Unglück drohen Sie mir? Was ſollen all dieſe Ge⸗ heimniſſe? Ich muß ſie ergründen!— Und meinerſeits er⸗ griff ich ſeinen Arm und das Haar aus meinem Geſichte ſtreichend, ſah ich ihn ſcharf an.— Warum ſoll ich die Tracy's meiden? Warum bedienen ſich gemeine, rohe Men⸗ ſchen Ihres Namens, um mich durch Schrecken zu einer Verbindung mit Ihnen zu zwingen? Warum ſoll ich mich zu einer heimlichen Heirath nöthigen laſſen, von der man erſt am Abend zuvor mit mir geſprochen? Warum, wenn Ihre unbezähmbare Leidenſchaft nicht auf der Stelle Be⸗ friedigung findet, müſſen Sie zum Verbrecher werden und in Verzweiflung gerathen? Meine eigene Heftigkeit ſetzte mich in Schrecken und ich ſank zitternd und athemlos nieder. Er, im Gegentheil, war ruhig geworden und ein bitteres, faſt ſpöttiſches Lä⸗ cheln ſchwebte auf ſeinen Lippen, als er mir antwortete: Jene gemeinen, rohen Menſchen ſind Verwandte der Tracy, und aus Rückſicht für dieſe wollte ich ein Aufſehen ver⸗ meiden, das Niemanden von Nutzen geweſen ſeyn würde. Ich glaube, ſie beabſichtigten nur einen dummen, plumpen Scherz, welchen Roſa Moore übertrieben darſtellte; Sie aber müſſen leicht einſehen, daß eine Bekanntſchaft mit Leuten dieſer Art nichts angenehmes hat, und aus dieſem v — 117— Grunde rieth ich Ihnen, aus einem Hauſe zu bleiben, wo Sie mit ihnen zuſammentreffen könnten. Was das Unglück betrifft, Ellen, das Sie ſich ſelbſt zuziehen würden, wenn Sie nach Elmsley zurückkehren, ſo iſt mir vielleicht nicht geſtattet, Ihnen ſolches in ſeinem ganzen Umfang zu zei⸗ gen; wenn ich Ihnen aber ſagen werde, daß Ihr Onkel, der ſich entſchieden unſrer Verbindung widerſetzt, eben ſo entſchieden Willens iſt, Sie mit Eduard Middleton zu ver⸗ heirathen, ſo können Sie ſich ungefähr eine Idee davon machen. 4 Mich mit Eduard verheirathen! rief ich, als ſpräche ich mit mir ſelbſt. Und ſchaudernd erinnerte ich mich der Worte, welche Sir Edmund Ardern uns mitgetheilt hatte, und ſagte: Nein, nein! das wird nie geſchehen! — Nein, niel ſagte Heinrich mit feierlicher Stimme. Nichts kann die Kluft ausfüllen, die Sie von ihm trennt! — Was? wie? rief ich mit Entſetzen. — Sagten Sie nicht ſelbſt ſo eben, Ellen, daß dieſe Verbindung nie ſtattfinden könne? Aber Sie wiſſen nicht, welche Verfolgungen ins Werk geſetzt würden, um Sie da⸗ hin zu bringen. Der Tod der armen Julie war, wie die Welt meint, von großem Vortheil für Sie: er hat Sie auf einmal zur reichen Erbin gemacht.— Ich konnte hier einen Seufzer der Angſt nicht unterdrücken, aber Heinrich fuhr fort, als hätte er ihn nicht gehört.— Ich weiß zu⸗ fällig, daß Ihr Onkel Ihnen ſein ganzes Vermögen ver⸗ macht hat, im Falle Sie Eduard heirathen würden, aber ich weiß auch, daß er euch beide enterben wird, wenn ihr euch dieſer Bedingung nicht unterziehen ſolltet. — Ich werde nie und nimmer einwilligen. Möge er das Vermögen meines Onkels hinnehmen! Mög; ich ver⸗ bannt werden aus Elmsley— nichts kann mich jemals beſtimmen, eine Bedingung einzugehen, welche ihn und mich herabwürdigt. — Nun, Ellen! rief Heinrich lebhaft aus, wenn Sie dieſen Entſchluß gefaßt haben, ſo bedenken Sie ſich keinen Augenblick länger. Sind Sie einmal meine Frau gewor⸗ den, ſo werden Sie in meinen Armen vor allen Gefahren — 118— Sicherheit finden, wovon Sie keinen Begriff haben und worüber ich Ihnen keine Erklärung zu geben wage. Ellen, ich zittre für Sie und für mich, wenn Sie ſich weigern, mein zu ſeyn. Vereint, mögen uns Prüfungen bevorſte⸗ hen, getrennt aber würden ſie fürchterlich werden. Wir dürfen uns nicht trennen! Ein geheimnißvolles Band knüpft unſer beiderſeitiges Geſchick an einander, und auf⸗ fallend iſt die Gleichartigkeit unſrer Schickſale. Wenn Sie mich jetzt verlaſſen— Er hielt inne; die Stimme verſagte ihm in der Heftig⸗ keit ſeiner Gemüthsbewegung. Er! dieſer ſorgloſe, trotzige Heinrich Lovell weinte wie ein Kind! O, damais glaubte ich noch, daß ich ihn liebte; denn ich näherte mich ihm, nahm ſeine Hand in die meinige, benetzte ſie mit meinen Thränen und flüſterte ihm zu, daß ich alles thun wollte, was er verlangte, daß ich zu allem bereit wäre, nur nicht zu der heimlichen Heirath, die er beabſichtigte. Mit immer zunehmender Leidenſchaftlichkeit begann er von neuem zu bitten und zu beſchwören.— Einmal, Ellen, ſagte er, zerſtören Sie mein Glück und das Ihrige, dann aber nicht das unſrige allein— Sie wiſſen nicht, was Sie thun. Das Schickſal eines reinen, unſchuldigen Lebens liegt in dieſem Augenblick in Ihren Händen; verurtheilen Sie es nicht zu heimlichem Kummer, zu hoffnungsloſem Schmerz; haben Sie Mitleid mit ſich ſelbſt, mit ihr und mir! Vergebens drang ich in ihn, ſich zu erklären; mit ſtets größerem Ungeſtüm beſtand er nur immer wieder darauf, ja er ſchwur ſogar, daß ich jetzt oder nie ſeine Frau wer⸗ den würde, und daß es nutzlos wäre, von der Zukunft zu ſprechen. Er wies jede Alternative, jedes Verſprechen, zu dem ich mich erbot, zurück, bis ich zuletzt, empört und erzürnt, ausrief, indem ich aufſtand und mich nach der Stadt zu wandte:„Gut, ſo ſey es denn, trennen wir uns für immer, alles iſt zwiſchen uns zu Ende!“ Er warf ſich mir in den Weg, hielt mich zurück, faßte meine beiden Hände mit eiſerner Gewalt und mit einem Ausdruck von Wuth, die ſein Angeſicht furchtbar entſtellte, — 119— ſagte er:„Nein, Alles iſt nicht zu Ende zwiſchen uns, nein, wir trennen uns nicht für immer. Schon jetzt, in dieſem Augenblick, könnte ich Sie zu meinen Füßen auf die Knie fallen ſehen, könnte Sie zwingen, mich um Scho⸗ nung, um Mitleid zu bitten, unglückliches Mädchen! die ich mit jener wilden, raſenden Leidenſchaft liebe, in der Anbetung und Haß mit einander wechſeln, auf einander folgen. Nein, es iſt nicht wahr, daß wir uns für im⸗ mer trennen! Ich werde Dir nie im Leben von der Seite gehen, ſey es, um Dich zu lieben und anzubeten, um Dir Alles in Allem zu ſeyn, trotz Menſchen und Geſetze, trotz Pflichten und Verhältniſſe, oder ſey es, um Dir in den Weg zu treten, Dir jede Freude zu verbittern, Dein Herz zu quälen und zu martern. Ellen, ich kann nur der Se⸗ gen oder der Fluch Deines Lebens ſeyn! Nie kann ich Dir gleichgültig werden. Du weigerſt Dich in Deiner Verblendung, in Deinem Wahnſinn, mein Weib zu wer⸗ den,— ſo ſollſt Du mein Opfer werden! Du liebſt mich entweder mit der glühenden Leidenſchaft, mit dem wilden Feuer, womit ich Dich liebe, oder Du beweinſt mit blu⸗ tigen Thränen, mich heute verworfen zu haben; und liebſt Du einen andern als mich, ſo trete ich zwiſchen Dich und ihn, und jedes Liebeszeichen, das Du ihm gewährſt, be⸗ zahlſt Du mit einem Qualgefühl der Angſt, mit einem Schauer des Schreckens, mit einem Gedanken an mich. Siehſt Du? ſo werden wir uns trennen. Du haſt es gewollt! Lebe wohl!“ Er ſtürzte vom Meeresufer fort. Ich ging nach der Stadt, außer Stand, meine Gedanken zu ſammeln. In der Herberge fand ich die ganze Geſellſchaft an der Ta⸗ fel. Die Unterhaltung war ſehr belebt: man ſtritt ſich über Zeit und Einrichtung unſerer Abreiſe. Ich befand mich in einem Zuſtande von Betäubung, daß ich kaum verſtehen konnte, was geſprochen wurde. Miſtreß Brandon, ich glaube aus Mitleid mit mir, nahm Roſa's Platz im Phaeton ein. Sie ſprach wenig mit mir, aber ſie geſtattete mir mit vielem Zartgefühl, mich in die Ecke des Wagens zu legen und in der Stille zu weinen. — 120— Sie mußte wohl glauben, daß noch niemals ein Mädchen mit ſolcher Leidenſchaftlichkeit geliebt hätte, oder ſo troſtlos und in Schmerz aufgelöſ't geweſen wäre. Sie war ſehr gutmüthig, aber demungeachtet äußerte ſich in ihrem We⸗ ſen ein gewiſſer Verdruß, den wahrſcheinlich meine Wei⸗ gerung veranlaßt hatte, ihre Vermittlung zur beabſichtig⸗ tigten heimlichen Heirath zu benutzen. Wir kamen ſpät nach Brandon zurück. Heftiges Kopf⸗ weh zwang mich zu Bett zu gehen. Die Kammerfrau meiner Tante, Miſtreß Swift, war bereits eingetroffen. Ich nahm von Miſtreß Brandon und den andern Frauen, die ſich bei ihr befanden, Abſchied. Heinrich ſah ich nicht mehr, und am folgenden Morgen, um ſieben Uhr, befand ich mich bereits auf dem Wege nach Elmsley, ziemlich weit von Brandon entfernt. VIII. Meine Rückreiſe nach Elmsley war ſehr verſchieden von der Reiſe nach Brandon einen Monat zuvor: das Wetter war trübe und windig, und unter dem mit Wolken über⸗ deckten Himmel verloren die Gegenſtände, an welchen wir vorbeifuhren, das freundliche Ausſehen, deſſen Eindruck meinem Gedächtniſſe noch gegenwärtig war. Gedanken aller Art umlagerten meine Seele, aber ich vermochte kaum ſie zu ſammeln oder ſeſtzuhalten. Hein⸗ rich und ich waren getrennt: faſt mit einem Fluche auf den Lippen hatte er mich verlaſſen. Auch er kannte mein Geheimniß, auch er benutzte daſſelbe, um mir zu drohen, um durch Schrecken über mich zu herrſchen. Hatte Eduard, ſeitdem er England verlaſſen, es ihm im Vertrauen ent⸗ deckt? oder war es vielmehr Heinrich, der mich an Eduard verrathen? Ach! was lag daran, ob es der Eine oder der Andere gethan! Angſt ergriff mich; es kam mir vor, als ob nach und nach Alle, die ich liebte, mich mit Vorwürfen überhäufen und verlaſſen würden. Mit Schrecken dachte — — 121— ich auch an eine Aeußerung Heinrichs während unſerer letzten Unterredung: gab er mir nicht zu verſtehen, daß Juliens Tod in den Augen der Welt ein großer Vortheil für mich geweſen wäre, und daß mein Ontkel mir ſein ganzes Vermögen vermacht hätte unter der Bedingung, daß eine Verbindung zwiſchen Eduard und mir geſchloſſen würde? Mein Blut erſtarrte bei dem Gedanken. Des Verbannten Traum, der ihm das Vaterland zeigt, wohin er nie mehr zurückkehren darf, des Wanderers Trusbild, das ihn in der Wüſte eine Quelle entdecken läßt, die ihm keine Labung gewähren wird, ſind für dieſe, was für mich jene Worte waren: eine Heirath mit Eduard! etwas, was aus den Träumen der Jungfrau hinüberſchwebte in meine Einbildungskraft, was von den Prüfungen und Schrecken des vergangenen Jahres, von den fieberhaften Gemüthsbe⸗ wegungen der letzten Monate in den Schatten geſtellt, aber nicht zerſtört wurde, etwas, was die Hoffnung überlebte! Es war unmöglich! Durfte ich jemals die Stelle jenes unglücklichen Kindes einnehmen, deſſen Bild ſich zwiſchen mir und dem Altare erheben würde, wenn ich es wagte, mich ihm als Erbin meines Onkels und als Braut Eduard's zu nahen? Seine Braut! Mein Anblick allein hatte ihm Elmsley unerträglich gemacht. Die Kenntniß meiner Schuld — denn ich war ſchuldig, obgleich ohne Schuld hinſicht⸗ lich der entſetzlichen Folgen einer mich überwältigenden Aufwallung— hatte ihn aus England getrieben. War er nicht Julien nah verwandt? War Juliens Tod nicht das Werk meiner Hand? Und ſagte Heinrich nicht, daß dieſer Tod ein Vortheil für mich wäre? Ja, das ſagte er, und dann, daß es in ſeinem Willen ſtünde, mich vor ihm niederknien zu ſehen, um ſein Mitleid zu erflehen. Er vergiftete die Waffe, dann ſchlug er damit; aber in dem Kampfe, den er begann, fühlte ich mich die Stärkere, denn ich liebte ihn nicht. Jener letzte Auftritt enthüllte mir, wie ihm, die Wahrheit. Die ſchwachen Bande, die mich an ihn knüpften, zerriſſen in einem Augenblick. Aber er liebte mich, mit einer egoiſtiſchen, wilden Liebe zwar, aber er liebte mich doch, und wenn eine verſchmähte Liebe un⸗ — 122— erträgliche Qual bereitet, wenn man nicht ohne ſchmerz⸗ liche Angſt die kalte Sprache der Gleichgültigkeit in den Augen des Weſens zu leſen vermag, in das man ſein ganzes Lebensglück geſetzt hat, ſo mußte dieſe Qual, dieſe Angſt ſein Antheil geworden ſeyn. Dieſe Gedanken wa⸗ ren ſchrecklich. Ich ſchaudre, indem ich ſie niederſchreibe; aber alle meine Gefühle waren in höchſter Aufregung, mein Stolz war gereizt bis zum Wahnſinn. Ich erinnere mich, daß ich meinen Flacon mit einer ſolchen Gewalt zuſammendrückte, daß er in meiner Hand zerbrach, und daß der Lauf meiner Gedanken plötzlich durch den Zuruf der Miſtreß Swift unterbrochen wurde:„Nun, Miß, Sie haben Ihren Flacon zerbrochen, und das Eau de Cologne verſchüttet! Woran dachten Sie?“ Am Abende des zweiten Tages erreichten wir das wohl⸗ bekannte Gitterthor von Elmsley; einen Augenblick darauf lag ich in den Armen meiner Tante; ich küßte ſie unter Thränen, und ſie ſchien dieſe Thränen als etwas ganz natürliches zu betrachten. Ihr Benehmen gegen mich war ſanft und liebevoll. Mit Ungeduld erwartete ich die Gele⸗ genheit, um Miſtreß Middleton zu ſagen, daß mir Hein⸗ rich gleichgültig und meines Onkels Wille hinſichtlich ſeiner nicht die Urſache der tiefen Niedergeſchlagenheit wäre, die ich weder zu beſiegen noch zu verbergen vermochte. Wie konnte ich aber dieſe Urſache in Abrede ſtellen ohne ihr eine andere zu nennen? Auf dieſe Weiſe wurde das innige Vertrauen, das ſonſt zwiſchen ihr und mir herrſchte, beein⸗ trächtigt; mein Herz ward für ſie ein verſchloſſenes Buch, welches ich nicht wieder zu öffnen wagte, ſeitdem eine dunkle Seite dem Gedankenaustauſche vorübergegangener Tage eine unüberſteigliche Schranke geſetzt hatte. Ungefähr drei Monate nach meiner Rückkehr von Bran⸗ don ſaß ich eines Nachmittags an jenem Fenſter des Bi⸗ bliothekenzimmers, wo ich oft, wie ſchon erwähnt, mit Eduard den Sonnenuntergang betrachtet hatte. Die herbſt⸗ liche Farbenmiſchung glänzte roth und golden im Laub⸗ werk der Bäume des Parks, und der duftige Himmel ver⸗ lieh der ruhigen Landſchaft etwas Sanftes und zugleich — 123— Schwermüthiges. Das Fenſter ſtand offen. In einen dicken Shawl eingehüllt, athmete ich die feuchte Luft ein und hörte dem Rauſchen der dürren Blätter zu, die unten in der Allee zuſammengekehrt wurden. Das ſchwache Zwit⸗ ſchern eines Rothkehlchens ſtimmte mit dieſem Herbſtge⸗ mälde vollkommen überein, das mich auf eine unbeſchreib⸗ liche Weiſe ergriff. Meine Thränen fielen auf das Buch herab, das ich in der Hand hielt. Dies Buch war das „Chriſtliche Jahr“, jenes Geſchenk, welches Eduard mir zurückließ und das ich ungefähr ein Jahr zuvor in ge⸗ reizter Stimmung weggeworfen hatte. Dieſen Morgen öffnete ich es wieder; einestheils, um gewiſſermaßen Buße zu thun, anderntheils in der unbeſtimmten Hoffnung, an⸗ dere Gefühle in mir zu erwecken und mich der ſteten Ge⸗ danken an die Vergangenheit zu entſchlagen, zwang ich mich, einige mit Bleiſtift bezeichneten Stellen zu leſen. Und ſo las ich denn nach einander dieſe Stanzen wieder, die von Schuld, Leiden und Gewiſſensbiſſen ſprachen; aber, nicht wie früher, warf ich das Buch unwillig hinweg. Wahr iſt's, die Stellen waren ſorgfältig gewählt und auf's genaueſte bezeichnet; doch was war dies nach allem? War ich nicht ſchuldig? Und war ich unglücklich, verdient' ich es nicht zu ſeyn? Verdiente ich nicht von Seiten Eduard's eine noch härtere Strafe? Durfte ich denn auf Schonung, auf die Barmherzigkeit Anſpruch machen, die er mir zu erkennen gab? Mußte ich ihn nicht ſegnen dafür? Ich legte mein Buch bei Seite, und während ich die Baumgruppen betrachtete, die ſich immer mehr vor meinen Augen in Finſterniß hüllten, bemerkte ich den Poſtboten, welcher mit ſeiner, am Sattel ſeines Pferdes befeſtigten Brieftaſche nach unſerm Hauſe zuritt. Eine Stunde nach⸗ her ließ meine Tante mir durch Miſtreß Swift ſagen, daß ſie mich in ihrem Ankleidezimmer erwarte. In banger Ahnung, daß ſich etwas Ungewöhnliches ereignet habe oder ereignen würde, ging ich hinauf, und als ich die Thüre öffnete, bemerkte ich augenblicklich, daß meine Tante ſehr aufgeregt war und weinte. Ich konnte mich des Schreckens nicht erwebren. — 124— — Was iſt geſchehen? rief ich. Was fehlt Ihnen? Wer iſt krank? — Niemand— nichts von der Art geht vor, erwiederte ſie; aber es iſt traurig—; ſie hielt inne, bezwang ſich und fuhr fort— ja es iſt traurig. Du mußt gefaßt ſeyn, mein liebes Kind, eine Nachricht zu hören, die Dich ver⸗ letzen und betrüben wird. Heinrich— ſie ſah mich ſcharf und ängſtlich an— Heinrich hat uns Alle recht unglück⸗ lich gemacht; aber Dich, mein Kind, Dich— ſie ergriff meine beiden Hände und drückte ſie wider ihre Augen, als wollte ſie ſich Muth zum Sprechen geben— wird es nie⸗ derdrücken. Was ſoll ich Dir ſagen? vielgeliebte Ellen, Heinrich iſt Deiner ganz und gar unwürdig; er hat Dich vergeſſen, er hat Dir vollkommen entſagt, er iſt— — Im Begriff ſich zu verheirathen! rief ich lebhaft aus. Reden Sie, liebe Tante, reden Sie! Iſt dem ſo? — Er iſt verheirathet, erwiederte ſie in einem Tone der tiefſten Niedergeſchlagenheit, und ſchimpflich verheirathet! Sie ſah mir ins Angeſicht und ſchien höchſt erſtaunt über den Ausdruck deſſelben. Ich erwartete voller Angſt und kaum athmend, was ſie weiter ſprechen würde, und konnte nur die Worte wiederholen:— mit wem, mit wem? — Du würdeſt Dir es nie eingebildet haben, antwortete ſie; Du würdeſt es nie für möglich gehalten haben Er hat jenes Mädchen geheirathet, welches Du zu Bridman ſahſt, Alice Tracy. Verheirathet mit Alice Tracy! Iſt es möglich? Welch eine Menge von Gedanken, Erinnerungen und Muthma⸗ Bunßen durchkreuzten ſich in dieſem Augenblicke in meiner Seele! — Was ſagt er darüber? Was ſchreibt er? Wann iſt das geſchehen? Darf ich den Brief leſen?— Dies waren die Fragen, die ich ſchnell hintereinander, ohne Athem zu holen, an Miſtreß Middleton richtete, die, gänzlich verwirrt, ſich die auffallende Weiſe nicht erklären zu können ſchien, womit ich die Schreckensnachricht aufnahm. — Da iſt ein ſeltſamer Brief von Heinrich ſelbſt, ſagte ſie, ein anderer von meinem Vater, der, wie Du Dir den⸗ ken kannſt, höchſt aufgebracht iſt, und endlich ein dritter von Miſtreß Tracy, ein Muſter von Unverſchämtheit und Heuchelei. Ich weiß nicht, ob ich recht thue, wenn ich Dir Heinrich's Brief zeige; er iſt in der That höchſt wunder⸗ lich! aber Du ſollſt mir mehreres erklären, worüber ich Dich niemals gefragt habe und vielleicht wird uns dann zuſammen das Geheimnißvolle dieſer beklagenswerthen Hei⸗ rath klar werden. Ich wagte es nicht, den ſeltſamen Brief Deinem Onkel zu zeigen: er glaubt, daß mir nur durch meinen Vater Heinrich's Verheirathung bekannt geworden ſey; ich fürchte unrecht zu thun, wenn ich Dich ihn leſen laſſe, aber ich bin ſo beſtürzt—— Ich unterbrach ſie, indem ich mich faſt mit Gewalt der Briefe bemächtigte, die ſie in der Hand hielt; ſie ließ es geſchehen und beobachtete mich während ich ſie las. Das Intereſſe aber, welches ſie mir einflößten, nahm mich der⸗ maßen in Anſpruch, daß ich bald ihre Gegenwart und alles andere, ausgenommen die Briefe ſelbſt, vergaß. Ich las Heinrich's Brief zuerſt: er lautete folgendermaßen: „Liebe Schweſter! Du kennſt mich lange genug, um Dich noch über irgend einen tollen Streich, den ich mache, zu wundern. Du weißt auch, daß ich ein wenig Fataliſt bin; ich behaupte, daß unſer Schickſal in dieſem Leben auf eine Weiſe be⸗ ſtimmt iſt, daß wir nicht dawider ankämpfen, noch ihm entgehen können. Ich beging, wie man’'s gewöhnlich zu nennen pflegt, eine Thorheit— und ſehr wahrſcheinlich iſt es auch eine. Alles was ich ſagen kann, iſt, daß ich nicht anders handeln konnte. Es iſt geſchehen: Je weniger Vorwürfe und Klagen ich deßhalb darüber hören muß, deſto beſſer iſt's! Ich bin verheirathet. Letzten Donnerſtag ließ ich mich in der Kirche zu Bromley mit Miſtreß Tra⸗ cy's Enkelin trauen. Sie heißt Alice; ſie iſt ſehr hübſch und wohlerzogen. Sie beſitzt 5000 Pfund eigenes Ver⸗ mögen, welches ihr ein kürzlich verſtorbener Onkel ver⸗ machte. Ich habe, wie Du weißt, ungefähr eben ſo viel. Mein Vater, wie ſich's denken läßt, will ſie nicht ſehen, — 126— und Mr. Middleton, glaub' ich, iſt nicht anders geſtimmt. Denkſt Du der Zeit, Mary, wo Du neben meinem Bette ſaßeſt, Deine Lippen auf meine Stirne drückteſt und mir erzählteſt, wie lieb Du mein Weib haben wollteſt? Wir ſprachen oft von ihr und machten uns gern eine Vorſtel⸗ lung von ihr. Sie ſollte groß, ihre Augen ſollten ſchwarz ſeyn und lange Wimpern ſie überſchatten. Ihr Hals ſollte weiß ſeyn und anmuthig wie ein Schwanenhals. Geiſt ſollte aus ihrem Blicke leuchten und Beredtſamkeit aus ihrer Sprache. Und Du Schweſter, Du wollteſt an mei⸗ nem Hochzeittage den Orangenblüthenkranz aufs dunkle Haar der Braut ſetzen. Du denkſt daran, nicht wahr? Nun, meine Frau iſt ſchön, ſehr ſchön, aber nicht ſo, wie die, welche wir uns vorſtellten, oder vielmehr die, an welche wir dachten, denn, Schweſter, wir ſahen ſie, nicht wahr?— ſahen wir ſie nicht uns zur Seite im Glanze ihrer Schönheit? Schauten wir nicht ſo lange auf ſie, bis wir meinten, ſie wäre zu ſchön, zu edel für die Erde un⸗ ter ihren Füßen? Meine Braut küßteſt Du aber nicht. Sie ſtand neben mir und Du warſt nicht da, um ihr zu ſagen:„Gott ſegne Dich!“ Sie legte ihre kalte Hand in die meinige und ſah mir feſt ins Angeſicht. Ihren Wan⸗ gen fehlte die Farbe, ihrer Stimme der Ausdruck. Es war Alles ſo ruhig, wie das Leben, das vor mir liegt. Mary, Du würdeſt wohl daran thun, mir zu ſchreiben und mir Glück zu wünſchen; und ſage Ellen, ſie möchte Gleiches thun. Aber zeige meinen Brief nicht Deinem Manne; der Brief iſt nicht ernſt genug, um Gnade vor ſeinen Au⸗ gen zu finden. Dein treuer Bruder, liebe Mary. Heinrich Lovell.“ Es lag etwas unausſprechlich Schmerzliches für mich in dem Tone dieſes Briefes; er ſchien ſich zum Theil auf meine letzte Unterredung mit Heinrich zu beziehen. Ein reines, unſchuldiges Leben, ſagte er, würde geopfert wer⸗ den und hoffnungsloſem Unglück anheim fallen, wenn ich auf meiner Weigerung beſtünde. Ich beſtand darauf, und Alice wurde geopfert, obgleich ich nicht wußte, welcher ge⸗ a- — 127— heimnißvollen Nothwendigkeit, welcher heimlichen Verpflich⸗ tung. Eine Ehe ohne Liebe, ein traurig einſamer Weg durch's Leben— und Gott allein weiß, welche ſtillen Lei⸗ den, welche Herzenspein, welche Leere der Seele, welcher Schmerz vereitelter Hoffnungen jenem jungen Geſchöpfe vorbehalten waren, die gleich der Roſe in der Wüſte wuchs und blühte und der vielleicht wie ihrer armen, mit rauher Hand verpflanzten Paſſionsblume das Loos be⸗ ſchieden war, zu welken und zu ſterben! Heinrich's letzte Worte tönten noch in meinem Ohre, als ich ſeine kaum lesbare, krampfhaft hingeworfene Unterſchrift ſah, und das Herz wollte mir brechen, denn ich fühlte,„daß noch nicht alles zwiſchen uns zu Ende war.“ Der folgende Brief, welchen ich las, war von Herrn Lovell. Er ſchrieb: „Liebe Mary! Du liebteſt Deinen Bruder immer ſo ſehr, daß ich die Wirkung fürchte, welche meine gegenwärtige Mittheilung auf Dich machen muß. Du wirſt nicht weniger erſtaunt ſeyn, als ich. Daß Heinrich uns Urſache zu Unzufrieden⸗ heit und Aerger geben würde, konnte nichts Unerwartetes ſeyn; daß er aber bei ſeinem Verſtande, deſſen Schärfe nie in Abrede geſtellt werden konnte, ſo leichtſinnig und toll handeln würde, dazu waren wir nicht vorbereitet. Sein Gefühl für Anſtand und Schicklichkeit hätte ihn al⸗ lein ſchon von einer unwürdigen Mißheirath zurück⸗ halten ſollen. Doch es iſt beſſer, daß ich Dir ohne Umſchweife die Thatſache berichte, deren Möglichkeit Dir gewiß nie in den Sinn gekommen iſt. Dein Bruder hat ſich, ohne zuvor weder mir, noch ſonſt ir⸗ gend Jemanden etwas davon zu ſagen, vergangenen Donnerſtag in der Bromley⸗Kirche mit der Enkelin der Frau trauen laſſen, die Deine Amme und ſpäter auch die ſeinige war. Er iſt ſehr leidend und unglücklich, und ſucht ſeine Handlungsweiſe weder zu beſchönigen, noch zu entſchuldigen; er wiederholt bloß, daß er überzeugt gewe⸗ ſen ſey, ich würde nie meine Einwilligung zu ſeiner Hei⸗ 128 rath geben— und hierin täuſchte er ſich nicht— wes⸗ halb er es für gut gehalten hätte, jede Hin⸗ und Herrede über dieſen Gegenſtand mit einemmale abzuſchneiden. So beklagenswerth dieſer Schritt in vieler Hinſicht iſt, ſo hätte er doch noch ſchlimmere Folgen nach ſich ziehen können. Ich höre, daß das Mädchen erſt ſiebenzehn Jahre alt und ſehr hübſch iſt, von einer Perſon ihres Standes eine gute Erziehung erhalten hat und ein Vermögen von 5000 Pfund beſitzt. Ich wollte ſie nicht ſehen, um Hein⸗ rich meinen Unwillen auf die ſtrengſte Weiſe zu erkennen zu geben, und niemals, unter keinen Umſtänden werde ich meinem Entſchluſſe untreu werden, keinen von ihrer Fa⸗ mile zu ſehen, die nach meiner Meinung ſich in ungeſtü⸗ mer Betreibung dieſer Heirath ſo ſchlecht als möglich be⸗ nommen hat. Und nun, liebe Mary, möge Gott Dich ſegnen! Ich fühle für Dich, was, wie ich überzeugt bin, Du für mich bei dieſer traurigen Angelegenheit fühlen wirſt. Ich hoffe, daß ſich Deine ſchöne Ellen dieſe ver⸗ wünſchte Heirath nicht allzuſehr zu Herzen nehmen wird. Herr Middleton hat vollkommen recht gehabt, daß er ſie hinderte, ſich mit Deinem unwürdigen Bruder einzulaſſen; aber, unter uns, eine Verbindung zwiſchen beiden war mein ſehnlichſter Wunſch. Dein Dich liebender Vater. William Lovell.“ Miſtreß Tracy ſchrieb: „Madam! Die Nachricht von der Verheirathung des Mr. Lovell mit meiner Enkelin Alice hat Sie ohne Zweifel unange⸗ nehm überraſcht. Da ich erfahren habe, daß er Ihnen mit heutiger Poſt geſchrieben hat, um Ihnen Anzeige da⸗ von zu machen, ſo nehme ich mir die Freiheit, über den⸗ ſelben Gegenſtand einige Zeilen an Sie zu richten. Ich bedaure, daß ich oder ſonſt Jemand von den Meinigen dafür angeſehen werde, ein Ereigniß herbeigeführt zu ha⸗ ben, welches Ihnen mißfällt und ſie betrübt; aber denken Sie, Madame, an den, der da ſagte:„Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet.“ Gehorchen Sie dieſem Gebot — 129— und rechnen Sie nicht die Sünden Anderer einem Engel an Güte und Reinheit an, welchem den Staub von den Füßen zu küſſen Andere, die Sie im Herzen tragen, nicht werth ſind. Ich liebe Sie, Miſtreß Middleton, und möchte Ihnen wiſſentlich nicht wehe thun, aber ſtellen Sie mich nicht auf allzu harte Proben, indem Sie das Kind ſchlecht behandeln, welches mein ſterbender Sohn mir hinterließ und das jetzt die Frau Ihres Bruders iſt. Im Namen Gottes, der Sie und mich einſt richten wird, beſchwöre ich Sie, ſeyn Sie gut gegen ſie; ihre Anweſenheit und ihr Gedet können Ihr Haus heiligen und Segen vom Him⸗ mel auf Sie herabrufen. Sagen Sie nicht:„Warum hat dieſer Engel an Güte und Reinheit in eine heimliche Hei⸗ rath eingewilligt? Warum iſt dieſe Heilige, deren Gebet Segen auf unſer Haus herabzurufen vermag, ohne unſere Einwilligung in unſere Familie getreten?“ Alice lebte einſam mit ihren Blumen und ihrer Bibel. Sie las nie einen Roman; ſie hatte nie andern Umgang als den mei⸗ nigen und nur ſelten ſah ſie Ihren Bruder, der jetzt ihr Mann iſt. Die Welt und ihre Gebräuche ſind ihr unbe⸗ kannt. Man fragte ſie, wie Rebecca gefragt wurde: „Willſt Du mit dieſem Manne ziehen?“ Und ſie antwor⸗ tete:„Ja, ich will mit ihm.“ Ich ſagte ihr, daß es ihre Pflicht ſey, Mr. Lovell zu heirathen, und ſie hat ihn ge⸗ heirathet. Wenn ſie ſagen, daß es ihre Pflicht nicht ge⸗ weſen wäre, ihn zu heirathen, und daß ich Alice, wie Sie, Madam hintergangen habe, ſo wiederhole ich:„Rich⸗ ten Sie nicht, verdammen Sie nicht, und Sie werden ſo einem furchtbaren Gericht, einer ſchrecklichen Verdammung entgehen.“ — Iſt jemals ein ſcheinheiligerer, unverſchämterer Brief geſchrieben worden? ſagte meine Tante, als ich ihn auf den Tiſch legte. — Das iſt ein wunderlicher Brief, antwortete ich; was ſie aber von Alicen ſagt, muß wahr ſeyn, ich glaub' es feſt. Das ſtimmt vollkommen mit dem Eindruck überein, den ſie auf mich gemacht hat und mit dem Antheil, den I. 9 — 130— ſie meiner Vermuthung nach, an der ganzen Sache ge⸗ nommen hat. — Aber auf welche Weiſe kann ihre Großmutter, wenn dem ſo iſt, ihr Benehmen gegen ſie rechtfertigen? — Gott weiß es, antwortete ich; wenn Sie mich aber lieben, gute Tante, wenn Sie mich glücklich ſehen wollen, wenn meine Bitten einiges Gewicht für Sie haben— — Wenn ſie haben, Ellen? — Nein, nein! rief ich aus; nicht wenn, denn ich weiß, Sie lieben mich und meine Bitten haben Gewicht für Sie; ich weiß, Sie werden Alles aufbieten, daß Hein⸗ rich mit Alicen glücklich werde. Ich würde keinen ruhi⸗ gen Augenblick haben, wenn ich ſie nicht glücklich wüßte. — Engel! ſagte meine Tante, indem ſie ihre Lippen auf meine Wange drückte. — Nennen Sie mich nie mit dieſem Namen, ſprechen Sie das Wort nicht mehr aus, ich kann's nicht ertragen! Nicht falſche Beſcheidenheit, nicht Demuth iſt es— ich kann Ihnen nicht alles erklären, und wahrlich, ich weiß nicht, ob ich mich ſelbſt begreife, oder Heinrich, oder ſonſt etwas. Aber alles, was ich weiß, iſt, daß, wenn Alice Tracy ſeine Achtung gewonnen, ſeine Liebe erhalten hat, ſo werd' ich ſie mein ganzes Leben lang dafür ſegnen— ſie wird mich vor unendlichem Elend bewahrt haben. O meine liebe Tante, ſchreiben Sie an Heinrich, ſchreiben Sie an Alice, heute noch, gleich, warten Sie die Erlaub⸗ niß meines Onkels nicht erſt ab. Schreiben Sie auf der Stelle! Ich nahm das Schreibzeug, und Papier und Federn zurechtlegend, blieh ich in banger Erwartung vor ihr ſte⸗ hen. Sie ſeufzte ſchwer und ſagte: — Ellen, wirſt Du nie offen gegen mich ſeyn? Wenn Heinrich Dir gleichgültig war, was quälte Dich denn kürz⸗ lich ſo ſehr? Warum ſind Deine Wangen bleich und Dein Gang unſicher? Du betrügſt Dich ſelbſt, mein Kind, Du liebſt Heinrich, und nur Aufregung iſt es, die Dir in die⸗ ſem Augenblicke eine erkünſtelte Kraft verleiht. — 131— — Ob ich Heinrich jemals geliebt habe, entgegnete ich, iſt mir ſelbſt ein Geheimniß Ich darf, glaub' ich, mit Wahrheit ſagen, daß ich ihn nie geliebt habe, obgleich es einen Augenblick gab, wo ich ihn zu lieben glaubte. Und wenn Sie geſtern zu mir gekommen wären und mir ge⸗ ſagt hätten, daß mein Onkel in eine Heiratb mit ihm ein⸗ willige, ja daß er ſie wünſche, wenn Sie, Sie ſelbſt von mir verlangt hätten, daß ich die Frau Ihres Bruders werden ſollte, ſo würde ich mich geweigert haben— ge⸗ ſtern, heute, immer! — Dann haſt Du Dich mit ihm gezankt, erwiederte ſchnell Miſtreß Middleton, und ſeine unglückſelige Heirath iſt die Folge eines verletzten Gefühls, vielleicht eines Miß⸗ verſtändniſſes zwiſchen Euch. Armer Heinrich! Der Ton, womit meine Tante dieſe Worte ſprach, war etwas gereizt, und ich war ſchon im Begriff, ihr zu ent⸗ decken, was Heinrich in unſerer letzten Unterredung ſo dringend von mir begehrte, als ich in demſelben Augenblick das Ungroßmüthige einer ſolchen Rechtfertigung fühlte. War ich übrigens nicht in ſeiner Gewalt? und durft, ich wagen, denjenigen anzuklagen, der das Geheimniß meines Schickſals in ſeiner Hand hielt? Ich verſchloß daher mein Herz und meine Lippen blieben ſtumm. Meine Beſorgniſſe für das Glück ihres Bruders und ſeiner jungen Frau kam ihr nun weniger räthſelhaft vor. Sie war allem Anſchein nach der Meinung, daß ich mir auf irgend eine Weiſe bewußt ſey, unrecht gegen Heinrich gehandelt und ihn zu ſeiner Heirath getrieben zu haben, und daß ich deßhalb alles, was in meinen Kräften ſtand, aufbot, mein Unrecht wieder gut zu machen. Kaum hatte ſie aber das Papier zur Hand genommen und die erſten Worte hingeſchrieben, als ſie die Feder niederlegte und aus⸗ rief:„Aber, wenn er ſie nicht liebt, was konnte ihn bewe⸗ gen, ſie zu wählen? uns Alle unglücklich zu machen! eine ſolche Verbindung freiwillig einzugehen! Ich kann's nicht verſtehen!“ Sie beſtürmte mich noch mit Fragen in Betreff Alicens, über meinen Beſuch in Bridman, über Heinrich's Beneh⸗ 98 — 132— men gegen ſie und ihr Benehmen gegen ihn. Ich ant⸗ wortete ihr, indem ich ihre Vorurtheile zu beſeitigen, ihre Beſorgniſſe zu beſchwichtigen und ſie in der Hoffnung zu beſtärken ſuchte, daß ſich Heinrich zuletzt doch noch glück⸗ lich in Alicens Beſitz fühlen würde. Mein Groll gegen ihn war in dieſem Augenblicke ganz verſchwunden. Ich beklagte ihn von Grund meines Herzens und gedachte deſ⸗ ſen, was er mir über die Uebereinſtimmung unſrer Ge⸗ ſchicke ſagte. Mich dünkte, daß auch ihn der Einfluß eines böſen Geſtirns zwänge, ſich und andere unglücklich zu ma⸗ chen. Mit haſtigem Eifer verſiegelte ich daher den liebe⸗ vollen, troſtreichen Brief, welchen Miſtreß Middleton ihm geſchrieben und worin ſie ihn hoffen ließ, daß ſie in drei Monaten mit mir nach London kommen und Alice dort ſehen und als Schweſter empfangen und umarmen würde. IX. Ungefähr drei Wochen vor dem erſten März, dem zu unſerer Reiſe nach London feſtgeſetzten Tage, kam ich von einem langen Spazierritt gegen vier Uhr nach Hauſe. Meine Kleider waren vom Regen ganz durchnäßt und ſchwer geworden, und der Weg durch die Halle, die Treppe hinauf und über den langen Gang, der zu meinem Zim⸗ mer führte, kam mir ſauer an. Als ich an der Thür des Zimmers vorüberging, welches von den Hausbewohnern mit dem Namen:„das ſüdliche“ bezeichnet wurde, erblickte ich zufällig zwei mit Staub bedeckte Felleiſen; die darauf befindlichen Kupferplättchen trugen den Namen: Eduard Middleton, Esquire. In demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre und Eduard ſtand vor mir. Ich fühlte, daß ich vor Schrecken bleich ward und mußte mich an der Mauer halten, um nicht umzuſinken. Er nahm mich bei der Hand und ſagte mit unverkennbarer Herzlichkeit:„Wie geht es Ihnen, Ellen?“ Ich weiß nicht, was ich antwortete; mir war's, als läge eine Wolke vor meinen Augen; es ſauſ'te mir in — 183— den Ohren, und in der Tiefe meines Herzens empfand ich ein ſeltſames Gefühl von Wonne und Weh. Bald darauf befand ich mich allein in meinem Zimmer; meine Füße ruhten auf der Kaminplatte, meine Augen ſtarrten auf die Nühende Aſche; ich wiederholte hundert Mal die einfachen orte:„Wie geht es Ihnen, Ellen?“ Dann dachte ich daran, daß er alles wußte, daß er alles geſehen, daß er Elmsley verlaſſen hatte, weil ihm der Aufenthalt un⸗ erträglich geworden war. Ich erbebte, verbarg mein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen und ſeufzte, als wollte mir das Herz zerſpringen. Da kam mir ein neuer Gedanke in den Sinn, der mich ungemein beruhigte. Ich wollte ihm alles geſtehen, ſeiner Entſcheidung anheim ſtellen, was ich thun ſollte, ihr wollte ich mich unbedingt unterwerfen und ver⸗ langte ſie auch von mir, daß ich Niemand mehr von al⸗ len, die ich liebte, wiederſehen und von nun an mein gan⸗ zes Leben in Einſamkeit und Buße zubringen ſollte. Die Glocke läutete; es war Zeit zum Ankleiden; mein Kammermädchen trat ins Zimmer mit einem Muslinkleid auf dem Arm und einigen Camelias in der Hand; mein Herz ward ſo unruhig bewegt, als ob ſich ankleiden, hin⸗ abgehen und ſich zu Tiſche ſetzen, geſtern ſo verſchiedene Dinge geweſen wären von dem, was ſie heute waren, wie die nüchternſte Proſa von der erhabenſten Poeſie. Ich öffnete die Thüre des Leſezimmers; Eduard ſaß darin, mir den Rücken zukehrend, und befand ſich in leb⸗ haftem Geſpräche mit Herrn Middleton. Als ich näher trat, hörte ich, wie er ſagte:„Wenn ich mich davon über⸗ zeugen könnte, ſo würde nichts auf Erden mich ſo glück⸗ lich machen. Als mein Onkel in dieſem Augenblicke den Kopf um⸗ wandte, machte er dieſelbe Bewegung und eine Feuerröthe übergoß ſein Geſicht, als er mich ſah. Ich ſetzte mich auf das Sopha neben dem Kamin; alles in dieſer alten Bi⸗ bliothek erſchien mir neu. Ich verlangte nicht darnach, daß Eduard mit mir ſpräche; im Gegentheil, ich fühlte, daß er da war, daß ich jeden Augenblick die Augen er⸗ heben und den ſeinigen begegnen konnte, das war mir ge⸗ — 134— nug! Aber ach! lag nicht, wie Heinrich ſagte, ein Ab⸗ grund zwiſchen uns, der uns auf ewig trennte? Meme Augen füllten ſich bei dieſer Erinnerung mit Thränen; ich trocknete ſie ſchnell, als ich mit meinem Onkel in den Speiſeſaal ging. Eduard erzählte von ſeinen Reiſen, von mehreren Perſonen, mit denen er in Frankreich und Ita⸗ lien bekannt geworden, von der engliſchen Politik und von der bevorſtehenden Parlamentseröffnung. Dieſe Gegen⸗ ſtände intereſſirten mich im Ganzen nicht ſehr, aber demungeachtet lauſchte ich auf jedes Wort aus ſeinem Munde mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Am Abend bat er mich zu ſingen. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſaß er neben mir und hörte ruhig auf die aus früheren Tagen ihm wohlbekannten Lieder und Ge⸗ ſänge. Mein Herz ward mir ſo voll daß mir die Stimme zuletzt verſagte und ich kaum im Stande war, vor Thrä⸗ nen aus den Augen zu ſehen. Da erhob er raſch den Kopf und ſah mich ernſt und ſtrenge an.„Meine Nerven ſind nur etwas gereizt,“ ſprach ich zu ihm;„ich habe ei⸗ nen langen Spazierritt gemacht, der mich ſehr ermüdete.“ — O ich bitte, erſparen Sie ſich dieſe Erklärungen, antwortete er.„Entſchuldigungen ſind durchaus unnöthig.“ Und er ging ſogleich von dem Pianoforte weg Eduard ſprach dieſen Abend nicht wieder mit mir; aber am Tag darauf benahm er ſich ganz ſo wie früher, ja, er war vielleicht herzlicher als jemals. Bis jetzt unterließ ich es, Eduard zu ſchildern, und ich befürchte, daß mir der Verſuch mißlingen wird. Er glich Niemanden und doch war es ſchwer, etwas Beſonderes an ihm zu bemerken. Was ſeinen Charakter auszeichnete, war nicht nur Wahrheit, es war Wirklichkeit Er war nie, konnte nie etwas anderes ſeyn, als er ſelbſt, und wie alle vollkommen wahrhafte Charaktere, vermochte er die nicht zu begreifen, die nicht ſo waren. So beurtheilte er andere entweder zu ſtreng, oder zu milde, in der Un⸗ möglichkeit, ſich an ihren Platz zu ſtellen. Sein Beneh⸗ men war ſtets ruhig, und ſo tief er auch fühlte, ſo er⸗ ſchien er doch nie heftig aufgeregt. Wenn andere zornig — 135— waren, war er nur ernſt; einige einfache Worte aus ſei⸗ nem Munde trafen mit einer Gewalt der Verurtheilung, die jeden Widerſtandsverſuch niederſchmetterte. Als Kind empfand ich Furcht vor Eduard, und er hatte meinen Cha⸗ rakter nie vollkommen begriffen; jetzt, wo ich ſo ſehr Ur⸗ ſache hatte, ihn zu fürchten, fühlte ich mich einigermaßen leichter in ſeiner Nähe; ich gab nicht mehr in ſeiner Ge⸗ genwart allen meinen Gefühlen Worte, hielt den Erguß meiner Gedanken vor ihm zurück und fürchtete ſonach we⸗ niger die Strenge ſeines Urtheils. Während der folgenden zwei oder drei Wochen, die er in Elmsley zubrachte, fühlte ich mich in ſeiner Nähe, wie ein Verbrecher vor ſeinem Richter. Seine Strenge war Gerechtigkeit, ſeine Milde Großmuth und im Ton ſeiner Stimme, im zärtlichen Ausdruck ſeiner Augen las ich die ſtumme Gewährung einer ſtillſchweigend erflehten Gnade. Dies Verhältniß verlieh damals meinem Aeußeren, ich möchte ſagen, mein em Charakter, eine Demuth, eine Un⸗ terwürfigkeit, die in keiner Hinſicht erkünſtelt, und mir dennoch nicht eigenthümlich waren. Eduard's Charakter war despotiſch und unbeugſam. Stets ſeinem Gewiſſen folgend, immer genau und ſtreng in der Ausübung aller ſeiner Pflichten, verlangte er von andern, was er ſich ſelbſt auferlegte; er ließ keinen Vorwand zu, geſtattete keine Ausflucht und ſtellte die Schwäche, die in der Aus⸗ übung deſſen, was gut und recht iſt, vor Leiden zurück⸗ weicht, der Schwäche gleich, die ſich den Verführungen der Luſt und den Verſuchungen des Laſters hingibt. In vieler Hinſicht war er meinem Onkel nicht unähnlich, aber doch war der Unterſchied zwiſchen beiden unverkennbar. Eduard's Gefühle waren viel kräftiger. Es war unmög⸗ lich, die Gedankentiefe, die ſich in ſeinen Augen und auf ſeiner bleichen, hohen Stirne kund gab, wahrzunehmen, ſeiner Stimme Ton zu hören, wenn er mit denen ſprach, die er liebte, die Röthe zu ſehen, die langſam die Wangen übergoß, wenn er von irgend einer Handlug der Tugend, des Heldenmuths oder der Selbſtbeherrſchung ſprach, ohne uͤberzeugt zu werden, daß alle Kräfte des Herzens — 136— und Geiſtes thätig in ihm wirkten, obgleich ſie nicht das geringſte von eitelm Wortgepränge und phantaſtiſchem Bilderkram zur Schau trugen. Einſt ſprach er von Heinrich's Heirath und ſagte mir, daß er ihn in London geſehen hätte. Sie begegneten ſich zufällig auf der Straße; Eduard erbot ſich, ihn zu beglei⸗ ten, um ſeiner Frau einen Beſuch zu machen; Heinrich aber brachte allerhand Entſchuldigungen vor, und ſo un⸗ terblieb der Beſuch. Er bemerkte dabei nicht das mindeſte über Heinrich's Benehmen, noch über den Eindruck, wel⸗ chen daſſelbe auf ihn gemacht hätte, aber er ſah mich ruhig und ernſt an, als erwartete er von mir, daß ich zuerſt über dieſen Gegenſtand das Wort nehmen würde. Als er ſah, daß ich ſtillſchwieg, ſagte er endlich:„Ellen, täuſchte Sie dieſe Heirath nicht in Ihren Erwartungen?“ — Sie gewährte mir vielmehr eine Erleichterung. — Wie ſo? — Weil ich Heinrich und mich beinahe ſelbſt getäuſcht hatte, indem ich ihn glauben ließ, daß ich ihn liebte und weil ſeine Heirath mir den Beweis gibt, wie ſehr ich im Irrthum war. Eduard ergriff meine Hand und drückte ſie an ſeine Lippen, aber ich zog ſie heftig bewegt zurück und rief: „O mein Gott! wiſſen Sie wohl, was Sie thun?“ Er erwiederte kein Wort und entfernte ſich ſchnell. Zwei oder drei Tage lang ſprach er nur wenig mit mir und wenn es geſchah, war er kalt und zurückhaltend. Eines Tages ergingen wir uns im Park. Nach eini⸗ gen unbedeutenden Bemerkungen, fragte mich Eduard, ob ich das Buch erhalten, welches er voriges Jahr für mich zurückgelaſſen hätte. Ich trug es, wie gewöhnlich bei mir; ich nahm es aus der Taſche und reichte es ihm, ohne weitere Antwort hin. Er öffnete es, und wandte im Gehen die Seiten um. „Das iſt der Augenblick,“ ſagte ich zu mir ſelbſt. Das Blut erſtarrte in meinen Adern; ich konnte mich kaum aufrecht halten. In krankhafter Stimmung ſchrieb ich einmal auf des — 137— Buches weiße Seite die Worte, welche ich mir bei dieſem Geſchenke Eduard's nicht mehr aus dem Sinne ſchlagen konnte:„Hüten Sie ſich! ich kenne Ihr Geheimniß!“ und nun ſtanden ſie vor ſeinen Augen, er las ſie; nun mußte es zu einer Erklärung kommen, und alles, was ich zuvor gelitten hatte, war nichts im Vergleich mit dem, was ich mir nun freiwillig aufzuerlegen im Begriff ſtand. Er wandte ſich zu mir und ſagte lächelnd:„Was be⸗ deuten dieſe geheimnißvollen Worte?“ Ich glaubte zu träumen, aber in dieſem Traume ſchien ſich eine Centnerlaſt von meiner Bruſt zu löſen. Ich lachte krampfhaft und antwortete:„ſie bedeuten nichts!“ Dies war zum erſten Male, daß ich Eduard eine Lüge ſagte. Er bemerkte, daß ich das Buch ſehr aufmerkſam geleſen haben müßte, da er ſo viele Stellen darin bezeichnet fände. Nie hätte er, fügte er hinzu, etwas in einem Buche an⸗ geſtrichen: ſo Etwas wäre ihm nie eingefallen. Und er gab es mir zurück. Mich dünkte, die Luft wäre leichter, der Himmel blauer geworden, und meine Füße berührten die Erde wie durch Zauberkraft. Am Abende ſah ich Eduard wieder. Ich ſchaute ihm ins Angeſicht und ſprach mit ihm, wie ich ſeit beinahe zwei Jahren nicht mit ihm geſprochen hatte. Ich war ſo fröhlich und heiter geſtimmt, wie ehemals; mit Freude nahm ich wahr, daß auch ihn die beſte Laune beſeelte, daß er Miſtreß Middleton erſuchte, ſtatt ſeiner mit dem Onkel Schach zu ſpielen und ſich nicht mehr von meiner Seite entfernte, bis ich das Geſellſchaftszimmer verließ. Ich fühlte mich überglücklich bis zu dem Augenblicke, wo ich mich allein in meinem Zimmer befand und den Kopf auf das Bettkiſſen legte. Nun aber kam die Erinnerung in ihrer ganzen Bitterkeit wieder. Kannte er mein Geheim⸗ niß nicht, ſo kannte es ein anderer; liebte er mich, wie ich es nun glaubte— denn ich gedachte des Briefes an Heinrich, den ich ſo lange mißverſtanden hatte, und deſſen wahren Sinn ich nun begriff— liebte er mich wirklich, ſo durfte ich ihm nicht länger die Wahrheit verbergen; und dann, dann würde er mich verachten, mich haſſen, — 138— nicht nur wegen meines Vergehens, ſondern wegen mei⸗ nes langen Schweigens meiner feigen Verſtellung we⸗ gen. Nein, ich hatte allzuviel gelitten in den wenigen Augenblicken, wo mir das Geſtändniß ſchon auf den Lip⸗ pen ſchwebte! Was auch kommen mochte, ich wollte, ich konnte ihm die Wahrheit nicht entdecken! aber durfte ich dann mein Geſchick an das ſeinige knüpfen? durfte ich Erbin von meines Onkels Vermögen werden? durfte ich jemals Elmsley in Beſitz nehmen und, wie Belſazar, der eine Hand Worte an die Mauer ſchreiben ſah, inmitten aller Freuden, welche die Welt zu geben vermag, den Strom ſehen, in welchen meine Hand das Kind meiner Tante, die Couſine Eduard's ſtürzte? Und mußte ich nicht fürchten, angeklagt, verrathen zu werden von Heinrich, deſſen Drohungen während dieſer langen Nacht ſich zu verwirklichen begannen:„Jedes Liebeszeichen, das du ei⸗ nem andern gewährſt, bezahlſt du mit einem Qualgefühl der Angſt, mit einem Schauer des Schreckens, mit einem Gedanken an mich!“ 3 Gegen Morgen fiel ich in einen kurzen, ſchweren Schlum⸗ mer, worin ich Eduard zwanzigmal mein Geheimniß ent⸗ hüllte und vor dem Altare mit ihm ſtand, von welchem mich bald Heinrich's, bald meines Onkels Hand hinweg⸗ riß. Dieſe Träume und meine Gedanken während der ſchlafloſen Stunden der Nacht durchkreuzten ſich ſeltſam in meinem Geiſte, als ich erwachte. Müde und abgeſpannt ging ich hinab in das Wohnzimmer. Hier fand ich Eduard, der mich verwundert fragte, warum ich ſo ſpät käme, und ob ich nicht Willens wäre, in die Kirche zu gehen? — Heute? warum heute in die Kirche? fragte ich. — Es iſt Aſchermittwoch, antwortete er, der hehrſte Faſttag im Jahre. — O, dann geh' ich ſogleich, und zwar ohne zuvor zu frühſtücken; dieſe Entſagung kömmt mir nicht hart an, denn ich habe nicht den geringſten Appetit. Ich nahm meinen Hut und meinen Shawl zur Hand, und wir gingen zuſammen zu Fuße fort, da mein Onkel und meine Tante ſchon vor uns weggefahren waren. Ich — 139— hatte etwas Fieber. So oft Eduard mit mir ſprach, em⸗ pfand ich einen Schauer, und wenn ich ſelbſt redete, geſchah es in krankhaft nervöſer Aufregung. Zuletzt ward er ver⸗ ſtimmt, und als er ſtehen blieb und mir die Hand reichte, um mich über den Steg am Eingang des Kirchhofes zu führen, las ich auf ſeinem Angeſichte jenen Ausdruck von ſtrengem Ernſte, den ich zu kennen und zu fürchten gelernt hatte. Wir traten in die Kirche, der Gottesdienſt hatte bereits begonnen. Es war, wie es der Tag verlangte, ein feierlicher, ernſter Gottesdienſt Die Epiſtel dieſes Ta⸗ ges, die Erinnerung, daß die Chriſten durch den Sieg über die Sünde Begnadigung vor Gott zu erlangen ſu⸗ chen ſollten, die Bußpſalmen, die den Angſtruf eines wunden, niedergebeugten Herzens ſo rührend verkün⸗ den, ergriffen meine gleichgeſtimmte Seele mit wunderbarer Gewalt. Es ſchien mir, als ob jedes Wort, das geſpro⸗ chen wurde, an mich allein gerichtet wäre. Mein Geiſt ward immer verwirrter. Endlich, als ich es am wenig⸗ ſten erwartete— denn ich hatte niemals dem Aſchermitt⸗ wochsgottesdienſte die geringſte Aufmerkſamkeit gewidmet — hörte ich auf einmal eine Stimme, welche mich meine erſchütterten Nerven für eine übernatürliche halten ließen, folgende Worte ſprechen: „Brüder in der erſten chriſtlichen Kirche beſtimmte ein heiliges Geſetz, daß beim Beginn der Faſten alle der Sünde überführten Perſonen ſich einer öffentlichen Buße unterwerfen mußten, damit durch die Strafe in dieſer Welt, ihre Seelen erlöſ't werden möchten am Tage des Gerichts, und damit andere, gewarnt durch ihr Beiſpiel, immer gottesfürchtiger würden.“ Ich glaube, daß ich in dieſem Augennlicke in die Knie ſank; nichts war mehr deutlich bewußt, als daß bald nach⸗ her die feierliche Verdammniß Gottes über die unbußfer⸗ tigen Sünder ausgeſprochen ward. Und eine Stimme, die des Prieſters auf der Kanzel, rief:„Verflucht ſey der, welcher ſeinen Nächſten heimlich ſchlägt!“ Ich hörte die Antwort der Gemeinde nicht mehr, aber mir zur Seite vernahm ich ein brünſtiges Amen, und dieſes Amen er⸗ — 140— ſchien mir wie ein Urtheil ewiger Verdammniß. Ich ſank ohnmächtig nieder Als ich wieder zu mir kam, befand ich mih mit meiner Tante und dem Dorfarzte in der Sacriſtei. Doch bald darauf war ich im Stande, mit Miſtreß Middleton nach Hauſe zu fahren. Als ich Eduard wieder ſah, benahm er ſich ſanft und liebevoll gegen mich; ich ſelbſt fühlte mich ſo angegriffen durch dieſen fortwährenden Wechſel von Furcht und Hoff⸗ nung, daß ich nur Ruhe fand in der übermäßigen Er⸗ ſchöpfung. Ich war entſchloſſener als jemals, nie in eine Verbindung mit Eduard zu willigen, und dieſer Entſchluß verlieh mir eine gewiſſe ſchwermüthige Ruhe, welche mir vergönnte, beſonnener mit ihm zu ſprechen. Dabei dachte ich, daß ich mir durch dies eine große Opfer das Recht e werben würde, die Tröſtungen der Religion zu ſuchen, nach welchen meine Seele, beſonders nach den Schrecken, welche ihr der Gottesdienſt dieſes Tages eingeflößt, ſo heiß verlangte. Ich ſcheute mich aber vor dem einen Schritt, der mir wahren Frieden wieder gegeben haben würde. So oft ich darüber nachdachte, in welche Worte ich die Erzählung von Juliens Tod einkleiden ſollte, ſchwebten mir Eduard's Züge vor, in welchen ich ein ſtrenges Verdammungsurtheil und den Ausdruck des Ab⸗ ſcheues und Entſetzens zu erkennen glaubte; oder, was noch ſchlimmer war, ich befürchtete ihn vielleicht ungläubig zu finden, ich befürchtete, ihn nicht zu überzeugen, daß man bei einer Handlung, worin kein Verbrechen lag, ſo beſorgt eyn könnte, ſie zu verbergen. Wenn ich mir dies alles vorſtellte, und die namenloſen Leiden eines ſolchen Augenblicks vorausſah, rief ich in meiner Herzensangſt immer wieder:„Nein, nie, nie werd' ich ſein Weib! und auch nie enthülle ich ihm das Geheimniß, damit er ſich nicht mit Grauſen und Abſcheu von mir wegwende.“ Den folgenden Morgen wollten wir nach London rei⸗ ſen. Am Abend, bevor wir uns trennten, folgte mir Eduard ins Muſikzimmer, wo ich einige Bücher ausſuchte und bei Seite legte, um ſie mit mir auf die Reiſe zu neh⸗ — 141— men Einige Augenblicke ſtand er ſtillſchweigend neben mir und ſagte dann: — Ellen, ich glaube, bevor wir uns, wenn auch nur auf kurze Zeit trennen, wird es gut ſeyn, wenn wir uns über ſo Manches verſtändigten. Schon lange liebe ich Sie; ich entſagte Ihnen und verließ England, weil ich glaubte, daß Heinrich Ihr Herz beſäße. Vergebens be⸗ mühte ich mich, Sie zu vergeſſen. Darf ich jetzt hoffen, Ellen? Wollen Sie für mich ſeyn, was Sie mir allein ſeyn können— das Glück welches ich höher ſchätzen würde, als alle Güter der Welt? Wollen Sie mein Weib werden? Ich ſah ihn an; er war bleich und ſeine Augen waren voll Thränen. Als ich die meinigen zu ihm erhob, wußte ich, fühlte ich, daß ſie eine ſo leidenſchaftliche, innige Liebe ausſprachen, daß, als ich ihm mit einer kaum vernehmba⸗ ren Stimme in gebrochenem Tone der Verzweiflung ſagte: „Nein, ich kann Ihre Frau nicht werden!“ es mir vor⸗ kam, als müßte er in meinem Herzen geleſen haben. Er nahm mich bei der Hand und fragte mit leiſer Stimme:„Warum?“ — Weil, rief ich, in Thränen ausbrechend, weil ich durchaus Ihrer unwürdig bin. Er ließ meine Hand fallen, und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen; endlich ſagte er: — Ellen, wenn Sie mir dadurch zu verſtehen geben wollen, daß Sie nun fühlen, daß Heinrich Ihnen nicht ſo gleichgültig war, als Sie zu einer andern Zeit glaubten, wenn Ihr Herz noch einige Liebe für ihn empfindet, ſo iſt's gewiß eine ſchmerzliche Prüfung für mich dies zu hören. Wenn Sie mir es aber frei und offenherzig ge⸗ ſtehen, ſo werde ich nicht aufhören, Sie zu achten, Sie zu lieben.— Seine Stimme zitterte, indem er die letzten Worte ſprach.— Ich will Sie auf einige Zeit verlaſſen. Sie müſſen bald, Sie werden bald dies Gefühl beſiegen, und dann— vielleicht— nur ſagen Sie mir die Wahr⸗ heit, Ellen— das einzige, was meine Liebe zerſtören könnte, würde die Ueberzeugung ſeyn, daß Sie mich ge⸗ täuſcht hätten, daß Sie mich täuſchen konnten. — 12— — Sie dürfen mich nicht lieben; Sie reden vergeblich von Liebe mit mir! rief ich aus; ich ſagt' es Ihnen, ich kann nicht Ihre Frau werden! Fragen Sie mich nicht weiter! ich bitte Sie um Gotteswillen, dringen Sie nicht in mich! Ich bin ſchon unglücklich genug! — Ellen! Ellen! mit dieſen Gefühlen konnten Sie von Heinrich und ſeiner Heirath ſo mit mir ſprechen, wie Sie es gethan haben? — Heinrich! ich denke nicht an Heinrich, ich ſpreche nicht von Heinrich, ich mache mir nichts aus ihm, ich liebe ihn nicht, liebte ihn nie; ich würde vielleicht nicht ſo unglücklich ſeyn, wenn ich ihn geliebt hätte. Eduard ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er mit: 2 8) einem tiefen Seufzer: — Gott gebe, Ellen, daß Sie wahr geſprochen! Es iſt gleich ſchwer, Ihnen zu glauben und Ihnen nicht zu glauben! 1 — Denken Sie nicht mehr an mich, laſſen Sie mich, Eduard, laſſen Sie mich! Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt. Ich liebe Heinrich nicht, ich betheure es Ihnen feierlich, daß ich ihn nicht lie e aber ich kann Ihre Frau nicht werden: auch das iſt Wahrheit! — Weshalb denn dieſe Thränen? ſagte Eduard ſtreng. Wozu denn dies Comödienſpiel? Warum ſagen Sie mir nicht ruhig und rund heraus, daß ich Ihnen gleichgültig bin, ſtatt mich zu täuſchen und mich in demſelben Augen⸗ blick in dem Glauben zu laſſen, daß Sie mich lieben, wo Sie ſich weigern, mir anzugehören. Schmerzerfüllt barg ich mein Angeſicht in meine Hände, während er mir dieſe bittern Worte ſagte. Comödienſpiel nennt er es, ſprach ich zu mir Und mich hält er für eine Comödiantin! er meint, es ſey nichts Wahres in mir! Was würde er erſt von der Erzählung meiner Schuld und meines Grames denken? Wie ſollte er die Wahrheit im bebenden Tone meiner Stimme erkennen? Und wie deer hah de eines ſtolzen, tief verletzten Gemüths be⸗ greifen?— Langſam erhob ich den Kopf. Eduard war verſchwun⸗ e =e — 143— den. Ich wollte ihn zurückrufen, aber mein Onkel und meine Tante traten ins Zimmer und ich zog mich nach dem meinigen zurück, um wieder eine faſt ſchlafloſe, un⸗ heimliche Nacht in peinlichen Gedanken zuzubringen. Um ſechs Uhr in der Frühe ſchreckte mich das Geräuſch der Wagenräder aus einem ängſtlichen Schlummer auf, in welchen ich gegen Morgen aus Erſchöpfung gefallen war. Ich verließ ſchnell das Bett, eilte ans Fenſter, öff⸗ nete die Läden und bemerkte Eduard's Wagen, welcher die Allee herabgefahren kam und den unſrigen, der reiſe⸗ fertig im Hofe ſtand. Ich war froh, daß auch wir reiſ'ten, froh, daß wir nach London reiſ'ten, froh, daß ich ohne Bangen an etwas denken, von etwas ſprechen, etwas thun konnte! Froh! Welcher Mißbrauch eines Wortes! Gott weiß! daß an dieſem Morgen nichts Fröhliches in mei⸗ nem Herzen war, aber ich empfand etwas, was wir in⸗ mitten des Geräuſches und der Bewegung um mich herum, vergönnte, mich ſelbſt zu vergeſſen. Mein Onkel und meine Tante wurden nicht gewahr, daß zwiſchen Eduard und mir etwas vorgefallen war. Sie gedachten ſeiner mehrere Mal im Laufe des Tages und ſprachen davon, daß wir ihn in London binnen drei Wochen wiederſehen würden. Abends um ſieben Uhr kamen wir nach London, wo ich ſeit mehreren Jahren nicht geweſen war. Die Rieſenſtadt, der ununterbrochene Lärm der Wagen, die drückende At⸗ moſphäre ließen mich glauben, als lebte ich in ein ande⸗ res Leben, und als ich mich, betäubt von der Reiſe, in das kleine Speiſezimmer eines Hauſes in Brook⸗Street niederſetzte, überzeugte mich nur das Mißbehagen, welches mir der Gedanke einflößte, wie jeder Augenblick Heinrich in meine Nähe führen könnte, daß in mir und in meinem Schickſale keine Veränderung vorgegangen wäre. Ermü⸗ det, bat ich gleich, nachdem wir geſpeiſ't hatten, um die Erlaubniß, zu Bette gehen zu dürfen und in tiefem Schlafe vergaß ich einige Stunden Alles, was ich gelitten, Alles, was ich zu fürchten hatte. ——— — 144— X. Am folgenden Tage, nach dem Frühſtück, ſagte mir Miſtreß Middleton, daß ſie ein Billet von Heinrich em⸗ pfangen habe; er fragte ſie, wann und wo ſie ihn em⸗ pfangen wollte. Meine Tante antwortete ihm, daß ſie ihn gegen zwei Uhr erwarte. Was mich betraf, ſo hielt ſie es für rathſam, daß ich bei dieſer erſten Zuſammen⸗ kunft nicht zugegen wäre. Ich bat ſie ſogleich, mich Alice beſuchen zu laſſen, während Heinrich nicht zu Hauſe wäre, um jene auf den Beſuch vorzubereiten, welchen ihr, wie ich wußte, meine Tante dieſen Nachmittag machen wollte; eigentlich beabſichtigte ich, ſie mit nach Brook Street zu bringen. Ich fühlte, daß es beſſer wäre, wenn ich Hein⸗ rich in Gegenwart ſeiner Frau wiederſähe. Miſtreß Midd⸗ leton ſtimmte mir bei. Nach Verlauf einer Stunde hörte ich an die Thüre des Hauſes klopfen, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß Heinrich ſich bei ſeiner Schwe⸗ ſter befand, ſtieg ich in den Wagen und fuhr in die— Straße. Alice war nicht zu Hauſe, aber Heinrich's Bedienter ſagte mir, daß, wenn ich eintreten wollte, ſo würde er ſie von meinem Beſuche benachrichtigen. Ich folgte ihm. Wir ſtiegen eine enge, mit einem Teppich belegte Treppe hin⸗ auf; er öffnete die Thüre eines kleinen Salons und ließ mich allein. Ich ſetzte mich auf den nächſten Stuhl, um den ſchnellen Schlag meines Herzens zu beſänftigen; dann ſah ich mich um und betrachtete Alicens Zimmer. Es war, wie die meiſten Zimmer in London, möblirt, wenn nicht eine beſondere Sorgfalt auf die Ausſtattung verwendet worden war; da ſtanden blaugeſtreifte Sopha's und Stühle, ein großer Tiſch und ein kleiner Tiſch, blaue und Mus⸗ linvorhänge und das war alles. Aber die ſchönſte Ord⸗ nung herrſchte überall. Auf dem Tiſchchen am Fenſter lagen dieſelbe Bibel und daſſelbe Gebetbuch, welche ich in dem kleinen Cabinet in Bridman geſehen hatte; auf dem runden Tiſch ſtanden Blumen in einem Glaſe und ein Körbchen mit Näharbeit. Es war kein Feuer im Kamin und das Zimmer ziemlich kalt. — 1145— Bald nachher ging die Thüre auf, Alice trat ein. Ihre oollkommen ruhige Haltung gab mir mit einem Male die Selbſtbeherrſchung wieder, welche ich zuvor vergebens zu erringen ſuchte. Ich küßte ſie und ſetzte mich zu ihr mit einem Gefühle, dem ähnlich, welches man empfindet, wenn man an einem ſchwülen, ſtaubigen Sommertage in eine Kirche tritt und das blendende Tageslicht und das Welt⸗ gewühl hinter ſich zurückläßt. Sie trug ein einfaches, braunſeidenes Kleid. Ihren Strohhut legte ſie auf den Tiſch mit einem Sträußchen Maßliebchen, welches ſie in der Hand hielt; ſie wandte ſich dann mit jenem ernſten Lächeln zu mir, das ihr ſo eigenthümlich war und ſagte: — Ich ſehnte mich darnach, Sie wieder zu ſehen. Wie freut es mich, daß Sie gekommen ſind. Es ſchien mir, als ob die Bäume in London niemals Blätter bekämen, endlich fangen ſie an ſichtbar zu werden, und Sie ſind hier. Aber Sie ſehen bleich aus? Sie ſind doch nicht un⸗ wohl, hoff ich? — Nein, nur ſehr müde, Alice. Ich bin London nicht gewöhnt, und der Lärm iſt mir unangenehm und betäubt mich. Aber Sie? Sie ſehen gerade aus, wie Sie vor ei⸗ nem Jahre in Bridman ausſahen! Eine leichte Röthe überflog ihr Geſicht, als ich den Na⸗ men Bridman ausſprach. — Ich war damals ein Kind, obgleich ein großes Kind, und nun— Als ſie inne hielt, fügte ich hinzu:„Und nun eine Frau, und eine glückliche Frau, wie ich hoffe, Alice.“ Sie ſah mich mit ihren großen, blauen Augen an; es ſchien mir, als entſchlüpfte ein ſchwacher Seufzer ihrer Bruſt und ſie antwortete mit einer Stimme, die ſo leiſe klang, daß ich kaum die Worte vernehmen konnte:„Gott iſt überall!“ Nach dieſer Antwort fand ich nicht den Muth, von Heinrich, von ihrer eigenen Familie und von den Umſtän⸗ den mit ihr zu ſprechen, die ihre Verheirathung begleite⸗ ten. Ich meinte, alles vermeiden zu müſſen, was ſie be⸗ I. 3 10 — 146— unruhigen und betrüben konnte, und ſo begnügte ich mich, ſie zu fragen, womit ſie in London ihre Jeit zuzubringen pflege. Sie erzählte mir von ihren täglichen Beſchäfti⸗ gungen. Einen Theil des Morgens brachte ſie in der Kirche zu. Nach dem Frühſtück erging ſie ſich auf dem Square; das junge Grün der Bäume und Bosquets, der Geſang der Vögel, die Spiele der Kinder erinnerten ſie an ihre eigenen Jugendfreuden und an ihre ländlichen Spiele. Der Beſuch und die Pflege armer und kranker Leute beſchäftigte ſie mehrere Stunden lang. Heinrich be⸗ gleitete ſie zuweilen. Ihre Antworten zeigten mir hin⸗ länglich, daß Heinrich keinen Theil nahm an dieſem ein⸗ fachen, unſchuldigen Leben.. — Alice, ſagte ich zu ihr, Miſtreß Middleton wünſcht recht ſehr, Sie heute bei ſich zu ſehen. — Wirklich? es würde mir große Freude gewähren, ſie zu ſehen. Wann könnte ich hingehen? Gleicht ſie Mr. Heinrich? — Sie gleicht ihm einigermaßen, aber Sie werden ſehen, daß ſie, wie Sie, Vögel und Blumen liebt.— Ich wollte hinzuſetzen: auch Kinder, aber in meinem Herzen fühlt' ich etwas, was mich zurückhielt.— Kommen Sie, liebe Alice, ſetzen Sie Ihren Hut auf, wir wollen ſogleich zu ihr gehen, wenn Sie mich begleiten wollen. Als wir Brook⸗Street erreicht hatten, ſagte ich zu Ali⸗ cen, daß wir dem Hauſe der Miſtreß Middleton nahe wären; aber ich bemerkte, bei dem Gedanken an die ſo nah bevorſtehende Zuſammenkunft, nicht das geringſte Zei⸗ chen einer Gemüthsbewegung an ihr. Kaum hätte ich erwartet, mich ſelbſt ſo ruhig zu fühlen, denn ich glaubte, daß Heinrich in ihrer Gegenwart das Vergangene vergeſ⸗ ſen müßte, und daß der Gatte dieſes ſanften Weſens un⸗ möglich mehr jener Heinrich ſeyn konnte, den ich wieder zu ſehen ſo ſehr fürchtete. Wir traten ins Beſuchzimmer. Heinrich war bei ſeiner Schweſter. Miſtreß Middleton erhob ſich ſchnell, eilte Alicen entgegen, küßte ſie mit Herzlichkeit und führte ſie nach einem Ruhebette am Ende des Zimmers. Dann — 147— knüpfte ſie ſogleich die Unterredung auf jene leichte, an⸗ muthige und Vertrauen einfloͤßende Weiſe an, die ihr ſo eigenthümlich war. Heinrich näherte ſich ihnen ein we⸗ nig, dann wandte er ſich um, und mir die Hand reichend, ſagte er mit leiſer Stimme: — Sie benehmen ſich ſehr gütig gegen ſie, und wahr⸗ lich Sie thun recht daran. Ich erwiederte ſeinen Händedruck und antwortete in demſelben Ton. — Wer in der Welt könnte ſich anders als gütig ge⸗ gen ſie benehmen? — Arme Alice! ſagte er. Und er fuhr mit der Hand nach der Stirne, als empfände er einen plötzlichen Schmerz. Er ſah bleich aus und ſein Aeußeres hatte ſehr abge⸗ nommen, ſeitdem ich ihn nicht geſehen hatte. Er wußte durch eine unbedeutende Frage mich an das entfernteſte Fenſter zu ziehen. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſagte er zu mir, einen Blick auf Alice werfend: — Nehmen Sie ſich in Acht mit ihr, denn ſie lebt in einem Traum, und wenn Sie ihr nur einmal das Leben zeigen, wie es in der Wirklichkeit iſt— wie es für ſie hätte werden ſollen— dann wird ſie erwachen und ihr Herz wird brechen, wenn ſie eines hat, oder wenn ſie kei⸗ nes hat, wird ſie ein anderes Herz brechen. Ich hatte kaum ſo viel Gewalt über mich, um zu ant⸗ worten. Meinen Kopf wider die Fenſterſcheibe lehnend, ſagte ich ihm, ohne ihn anzuſehen, mit leiſer Stimme: — Sie werden gewiß Alles aufbieten, Heinrich, um ſie glücklich zu machen— Sie müſſen ſie lieben! — So ſehr, um von ganzer Seele zu wünſchen, daß ſich meine Augen niemals zu ihr— zu Ihnen erhoben hätten.— Gehen Sie nicht weg von mir— nicht von der Stelle ſag' ich! Einmal für allemal: Sie müſſen al⸗ les anhören, was mir gefällt Ihnen zu ſagen. Sie woll⸗ ten mir nicht glauben, als ich Ihnen ſagte, daß ſie durch Ihre Hartnäckigkeit das Lebensglück von drei Perſonen aufopfern würden. Sie thaten es, denn das meinige(er 10 ⁸⁴ — 148— ſagte dies mit einem bittern Lachen), das Ihrige und Ali⸗ cens Lebensglück hängt an einem Faden. Wollen Sie mir trotzen, thun Sie's. Nun gehen Sie weg von mir, ſpre⸗ 1 chen Sie nie wieder mit mir, aber dann beim Himmel! wird der Faden reißen— diesmal, hoffentlich, glauben Sie mir. Ich blieb. Dieſe ſtumme Anerkennung ſeiner geheimen Gewalt, gegen welche ſich meine Seele empörte, ohne daß ich es wagte, mich dawider aufzulehnen, demüthigte mich tiefer, als irgend etwas, was ich bisher erdulden mußte. Nach einer bedeutungsvollen Pauſe— denn ach! wie viel Beſorgniſſe enthüllte die Willfährigkeit dieſes Augen⸗ blicks! entfernte er ſich ſelbſt, ſetzte ſich zu ſeiner Frau und ſeiner Schweſter, nahm einigen Theil an ihrem Ge⸗ ſpräche und verließ uns dann mit Alicen. Es war, bevor man ſich trennte, verabredet worden, daß ſie den folgenden Tag in Brook⸗Street zu Mittag ſpeiſen ſollten. Miſtreß Middleton ſagte mir nachher, daß ſie Heinrich verſprochen habe, alles aufzubieten, um ſeinen Vater zu bewegen, mit ihnen zuſammen zu kommen. Hein⸗ rich bat ſie, in Alicens Gegenwart nichts davon zu er⸗ wähnen, daß es Mühe koſten würde, dies zu erlangen, da ſie nicht im geringſten ahnte, daß ihre Heirath von ſeiner Familie mißbilligt worden wäre. — Nichts ſcheint mir nutzloſer, bemerkte meine Tante, als ſolche Vorwürfe, Vorſtellungen oder gar Aeußerungen des Erſtaunens über eine Handlung, die einmal geſchehen und nicht mehr zu ändern iſt; aber unmöglich iſt's, Hein⸗ rich mit ſeinem leidenden Angeſichte zu ſehen, ihn ſo kalt von dieſem jungen, reizenden Weſen ſprechen zu hören und zugleich wahrzunehmen, wie er mit krankhafter Angſt ihr zu verbergen ſucht, daß nur eine heftige Leidenſchaft allein einen ſolchen Schritt rechtfertigen könnte, ohne mit Be⸗ ſtürzung auf die Seltſamkeit dieſes ganzen Verhältniſſes zu blicken.— Was ſprach er mit Dir, Ellen? und wel⸗ chen Eindruck machte Dein Beſuch bei ihr auf Dein Gemüth? — Ich denke, antwortete ich, was ich ſtets von ihr dachte: daß ſie an Geiſt und Körper mehr einem Engel — 149— gleicht, als irgend ein anderes Weſen, das ich jemals in meinem Leben ſah; ſie ſcheint glücklich zu ſeyn, aber das Glück, welches ſie genießt, möchte man nicht für ein Glück dieſer Welt halten; ob es das eines Heiligen iſt, der auf einen Felſen baute oder eines Kindes Glück, welches ein Hauch zerſtören kann, vermag ich nicht zu entſcheiden. — Ich zweifelte beinahe, während ich mit ihr ſprach, ſagte Miſtreß Middleton, ob ſie dieſer Welt angehöre. Weißt Du, Ellen, fuhr ſie lächelnd fort, daß es mir nicht möglich geweſen wäre, ſie zu fragen, ob ſie für Heinrich Liebe fühle? Ich würde gefürchtet haben, ſie vor unſern Augen verſchwinden zu ſehen, wie jenes ſchöne Frauenbild in der deutſchen Legende, die in Luft zerfloß, wenn ein Wort von irdiſcher Liebe an ihr Ohr tönte. Doch ſchwei⸗ gen wir von dieſen Thorheiten, ſagte ſie ſeufzend,— ich hoffe, ſie ſind glücklich; dennoch kann ich, nachdem ich mit ſo viel Ungeduld den Augenblick erwartet, wo ich ſie ſehen würde, ein unheimliches Gefühl nicht unterdrücken. Meine Beſorgniſſe für ihr Glück haben ſich wahrlich nicht ver⸗ mindert!. Mein Onkel trat ins Zimmer. Ich nahm die Gelegen⸗ heit wahr und entſchlüpfte, indem ich ſo einer Wiederho⸗ lung der Frage auswich, die ich in Betreff deſſen, was ich mit Heinrich geſprochen hatte, unbeantwortet ließ. XI. Was ſollte ich thun? Sollte ich die erſte Gelegenheit wahrnehmen und Heinrich auf das inſtändigſte bitten, ihn beſchwören, mir ohne Winkelzüge den Sinn und die Be⸗ deutung aller ſeiner Anſpielungen und Drohungen zu er⸗ klären und mich der qualvollen Ungewißheit zu entreißen, die mir das Leben verbitterte, oder ihm irgend ein Ver⸗ ſprechen abnöthigen, welches mich einigermaßen beruhigen könnte? Dieſe Fragen ſtellte ich mir im Laufe des Tages, in der folgenden Nacht immer wieder von neuem, und dennoch erwachte ich am Morgen, ohne zu einem Ent⸗ ſchluſſe gekommen zu ſeyn. So ging ein Tag nach dem 5 andern herum, ohne daß es zu einer Erklärung zwiſchen uns gekommen wäre. Das beabſichtigte Diner ging beſſer vorüber, als zu erwarten ſtand. Mr. Middleton und Mr. Lovell wurden beide von Alicens Schönheit, Natürlichkeit und von der Armuth ihres ganzen Weſens bezaubert. Augenſcheinlich fühlten ſie ſich unwiderſtehlich zu ihr hinge⸗ zogen, und je mächtiger dieſer Eindruck war, der ſeden Zweifel, jedes Mißtrauen fern hielt, deſto unbegreiflicher war ihnen die Kälte und Gleichgültigkeit, womit Heinrich ſie zu behandeln ſchien. Die Entrüſtung der beiden Her⸗ ren war daher faſt größer, als ſie bei der Nachricht von ſeiner Heirath geweſen war. Ich bewunderte Alice von Grund meines Herzens; für mich war ſie das Sinnbild. der Reinheit, das Ideal der Vollkommenheit, und doch ſuchte ich ſie nur ſelten auf. Da ich es nicht vermeiden konnte, mit Heinrich in ſeinem Hauſe zuſammenzutreffen, ſo ſcheute ich mich hinzugehen. Dieſer hingegen kam oft nach Brook⸗Street; Alice begleitete ihn nur ſelten: ent⸗ weder wollte er kein innigeres Verhältniß zwiſchen uns begünſtigen und ſuchte ihr Hinderniſſe in den Weg zu le⸗ gen, oder Alice ſelbſt mochte nicht gern den gleichfoͤrmigen Lauf ihrer täglichen Beſchäftigungen und Freuden unter⸗ brechen, um ſich in unſere, von der ihrigen ſo durchaus verſchiedene Lebensweiſe zu fügen. Wir gingen von nun an oft in Geſellſchaft, und Miſtreß Middleton machte ihrem Bruder den Vorſchlag, Alice mit⸗ zunehmen. Heinrich weigerte ſich auf das entſchiedenſte. Als ſeine Schweſter, faſt beleidigt, in ihn drang, ihr die Be⸗ weggründe ſeiner abſchlägigen Antwort mitzutheilen, er⸗ wiederte er, daß Alice in Betreff dieſes Gegenſtandes ei⸗ gene Ideen hätte, welchen er nicht entgegenwirken wollte. — Aber woher bekam ſie dieſe Ideen? fragte Miſtreß Middleton, auf ihrem Verlangen beſtehend. Es iſt doch wahrlich Schade für Dich und für ſie ſelbſt, daß ſie Dei⸗ nen Freunden fremd bleibt, während Du mit ihnen um⸗ geheſt wie vor Deiner Verheirathung. — Möglich, daß es Schade iſt, Mary, antwortete er ungeduldig, aber ich kann's nicht ändern, und Du quälſt — 151— mich ganz unnöthig, wenn Du nicht abläſſeſt in mich zu dringen. Miſtreß Middleton begnügte ſich keineswegs damit, ih⸗ rem Bruder über dieſe Wunderlichkeit Vorſtellung zu ma⸗ chen; ſie nahm den Gegenſtand wieder auf, als wir uns eines Morgens bei Alicen befanden. Sie ſuchte ihr begreif⸗ lich zu machen, daß ſie ihrem Manne zu Liebe der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Freunde nicht entſagen ſollte, aber Alice ant⸗ wortete ihr ganz verwundert, daß ſie durchaus nicht ab⸗ geneigt wäre, mit Heinrich's Freunden bekannt zu wer⸗ den und daß ſie ſich in alle ſeine Wünſche gerne fügen würde. Miſtreß Middleton ſah nun recht wohl ein, daß ihre Zurückgezogenheit nicht in ihrem Willen und in ihrer Neigung lag. Auf dem Heimweg ſchien meine Tante in Gedanken verſunken. Zu Hauſe trafen wir Heinrich; ſie begrüßte ihn ungewöhnlich kalt. So oft wir in Geſellſchaft gingen, trafen wir Heinrich; er ſuchte mich ſtets im Auge zu behalten, und vermittelſt ſeiner Blicke, einiger ſchnell hingeworfenen Worte oder plötzlicher Veränderung des Tons und Benehmens, ver⸗ fehlte er zugleich niemals, mir ſeine geheimen Gefühle kund zu geben. Dieſe Gefühle und die Art ſeiner Sprache wechſelten von Tag zu Tag. Zuweilen phantaſtiſch, faſt wild in ſeinen Benehmen, glich jedes ſeiner Worte einer Drohung. Ein ander Mal ſchien er ſich nur zu bemühen, Vertraulichkeit und Innigkeit zwiſchen uns herzuſtellen. Bei einer dieſer Gelegenheiten traf ich ihn auf einem Ball bei Lady Wyndham, die ich in Dorſetſhire kennen gelernt hatte. Ich tanzte mit ihm, und wir gingen nachher in ein Zim⸗ mer, wo es weniger heiß war. Mehrere Perſonen ſtanden an einem Tiſch, der mit Kupferſtichen, Albums und Carri⸗ caturen bedeckt war Wir ſetzten uns auf ein Sopha am Fenſter, ſprachen über unbedeutende Dinge und zufällig kam die Rede auf ſeine Frau. Ich ſagte ihm, daß ich ſein Benehmen gegen ſie nicht begreifen könnte.„Ich rede jetzt nicht von Ihren Gefühlen und Ihren Neigungen,“ ſetzte ich ſchnell hinzu,„obgleich, Gott weiß es! dieſe allein ſchon genug in Staunen ſetzen könnten, aber ich rede von — 152— Ihrer Handlungsweiſe als Ehemann. Es gibt Entſchul⸗ digungen für unwillkürliche Gefühle in uns, aber gewiß keine für eine vorgefaßte, ſyſtematiſche Vernachläſſigung.“ — Vernachläſſigung! erwiederte er, das Wort iſt leicht geſagt. Würden Sie mir wohl eben ſo leicht eine Me⸗ thode ſagen können, nach welcher ich mein Benehmen ein⸗ zurichten hätte? — Ihr Gewiſſen, wenn Sie eines haben, muß Ihnen hier den rechten Weg zeigen, antwortete ich ungeduldig. — Und verlangen Sie wohl von mir, entgegnete er mit einem Ausdruck bitterer Ironie, daß ich mich während der einen Hälfte des Tages damit beſchäftige, die Vögel im Square zu füttern und während der andern Hälfte, Krankenwärter zu ſeyn? Soll ich vielleicht Charpie zup⸗ fen und Kinderkleidchen auswählen lernen? — O meinl rief ich. Ich dachte nie daran, daß Sie Alicen nachahmen könnten oder jemals in Ihrem Leben das Gute zu thun im Stande wären, was ſie an einem Tage thut. Wenn Sie ihr aber mit Vertrauen und Güte entgegenkommen, wenn Sie ſie behandeln würden, wie ſie behandelt zu werden verdient— hut Dann würde ſie mich lieben— was ſie jetzt nicht thut! — Ich bin überzeugt, daß Alice Sie liebt. — Nein, ſie liebt mich nicht, antwortete er nicht ohne Wehmuth. Das nenne ich nicht Liebe, was nie die Stimme erbeben, nie das Herz ſchlagen läßt. Gibt es eine Liebe, die ſich durch keine Regung verräth, Ellen? Gibt es eine Liebe, welche die Ruhe der Seele, die Hei⸗ terkeit des Gemüths nimmer ſtört? — Ihnen iſt eine ſolche Liebe fremd, vielleicht auch mir, Heinrich. Aber laſſen Sie uns nicht reinere und edlere Naturen nach den Verirrungen unſerer überſpannten, un⸗ gezähmten Gefühle beurtheilen. Ja, ja, Alice liebt Sie! — Sie liebt mich, wie ſie ihre Großmutter liebt, ihren Bruder Johnmy und faſt alle Kinder und Bettler im Square. Entſchuldigen Sie mich, wenn ich einen andern Begriff von Liebe habe. Sehen Sie mich nicht ſo un⸗ willig an, Ellen, meine Worte ſind bitter, aber ich bin nicht bitter gegen ſie. Ich würde in dieſem Augenblick alles, was ich beſitze, darum geben, wenn ich ſie frei ma⸗ chen und ſie, entfeſſelt von verhaßten Banden, einem Da⸗ ſeyn zurückgeben könnte, das ihr ein beſſeres Loos ver⸗ heißen würde. Aber der Wurf iſt gethan! nun müſſen wir uns ſchon zuſammen durch das traurige Leben ſchleppen! — Aber Heinrich— lieber Heinrich! rief ich aus; warum verſuchen Sie's nicht, ihre Liebe zu gewinnen? Wenn Sie glauben, jetzt nicht von ihr geliebt zu wer⸗ den, ſo würde ſie— — Und wenn ſie mich liebt? unterbrach er mich; wenn ſich in dieſem ruhigen Gemüth etwas bewegte, was einem Gefühl ähnlich ſieht, wenn ein Funke von Leidenſchaft auf dieſe Eisfläche fiele und ſie in lebendiges Feuer verwan⸗ delte, wenn ich blindlings meiner Schweſter Rath folgend, dieſes Kind voll Einfalt in die Welt und in eure Geſell⸗ ſchaft brächte, damit ſie lernte, was es heißt: lieben und geliebt werden, damit ſie hörte, wie ſchön ſie ſey und ſich einreden ließe, daß ihr Mann ſie wie ſeinen Augapfel lie⸗ ben, ſie ſtets im Herzen tragen und jedes Haar ihres Hauptes ein unſchätzbares Gut für ihn ſeyn müßte!— wenn ſie das alles anhörte und dann zu Hauſe ihres Mannes Blick abgewendet, den Ton ſeiner Stimme kalt, ſeinen Geiſt abweſend fände und endlich einſehen lernte, daß ihrer Schönheit Reiz für ihn ſo ganz und gar ver⸗ loren ſey, als ob er blindgeboren wäre, Ellen, glauben Sie, daß ſie das ertragen könnte? Würde ſie nicht den Tag ihrer Geburt verfluchen, wie den Tag ihrer Verhei⸗ rathung? Würde ſie nicht vielleicht auf einen Irrweg ge⸗ rathen, der in Schande und Elend endet? Oder wenn ihre Religion ſie eine ſolche Klippe vermeiden ließe, würde ſie nicht wieder zu ihren Armen, zu ihren Blumen, zu ih⸗ ren Vögeln, aber mit gebrochenem Herzen und tief ver⸗ wundeter Seele zurückkehren? Sie weinen, Ellen? weinen Sie nicht über ſie. Jetzt iſt ſie ruhig und gkücklich, und ich bete zu Gott, daß ſie lange ſo bleibe: wenn ſie ſich aber um mich betrüben, wenn ich Ihnen nicht ganz gleich⸗ gültig bin, dann weinen Sie! Gott allein weiß, wie un⸗ glücklich ich bin! Und wirklich ſtrömten reichliche Thränen aus meinen Augen und mit faſt erſtorbener Stimme richtete ich an Heinrich die Frage, welche ſo viele Tage auf meinen Lip⸗ pen ſchwebte und die ich nicht auszuſprechen wagte: — Warum haben Sie ſie geheirathet? Er ſah mich einige Minuten feſt an, dann ſagte er: — Ellen, der Tag wird kommen, wo ich dieſe Frage beantworten werde und eine andere noch, welche Sie an mich thun möchten, wozu Ihnen aber die Worte und der Muth fehlen. Wir haben uns viel einander zu ſagen; es gibt vielleicht etwas, was wir für einander thun können, aber dann darf ſich keine Zurückhaltung, keine Kälte, kein falſcher Stolz, keine übertriebene Sprödigkeit in unſer Verhältniß miſchen. Sie müſſen ſich mir dann unbedingt vertrauen, wie ich mich Ihnen vertrauen werde. Wir ha⸗ ben beide Geheimniſſe, die ſchwer auf uns laſteten und uns das Schweigen und die Einſamkeit unerträglich mach⸗ ten. Dann werden Sie ermeſſen können, was ich gelit⸗ ten habe! Ellen, Sie ſollen mein Geheimniß erfahren— ich kenne das Ihrige. — Stille, ſtilley! rief ich heftig und voll Beſtürzung um mich blickend. Aber ich bemerkte, daß wir allein waren. Alle, welche ſich im Zimmer befanden, als wir in daſſelbe traten, hatten ſich nach und nach zurückgezogen und die Tönc der Muſik und das Geräuſch der Stimmen drangen nur ſchwach zu dem Orte, wo wir waren. Ich bedeckte mein Geſicht mit den Händen und ſtammelte: Reden Sie! — Ellen, fuhr Heinrich fort, Ellen, ich ſchreckte Sie mit Drohungen, ich quälte, ich marterte Sie; aber ſo oft ich es that, ward ich von der Gewalt des Gefühls, das mich beherrſcht, dazu getrieben, und wenn Sie alles er⸗ fahren werden, wenn Sie erfahren werden, unter welchem Einfluſſe, mit welchen Hoffnungen, mit welcher Seelen⸗ angſt ich handelte— Er hielt plötzlich inne; ich ſah auf, und vor uns unter — 155— der Thüre ſtanden Sir Charles Wyndham und Eduard Middleton. Nie in meinem Leben folgte ich einem ſo plötzlichen An⸗ triebe, als in dieſem Augenblicke. Ich ſtürzte Eduard ent⸗ gegen. Mein Angeſicht glühte, meine Augen waren von Thränen geſchwollen. Ich ſtieß Sir Charles zurück, und Eduard's Arm ergreifend, flüſterte ich ihm zu: — Führen Sie mich irgendwo hin, wo ich mit Ihnen reden kann— verurtheilen, verdammen Sie mich nicht! Er ſprach kein Wort, aber er reichte mir den Arm, führte mich durch die von Gäſten überfüllten Räume bis zu dem Zimmer, wo Miſtreß Middleton ſaß, warf mich faſt auf einen Stuhl, der neben ihr ſtand, und verſchwand dann, ohne mir ein Wort oder einen Blick zu gönnen. Nachdem ich, wie von einer mechaniſchen Gewalt getrieben, eine Stunde lang getanzt und geſprochen hatte, gelang es mir, Miſtreß Middleton zum Nachhauſegehen zu bewegen. Während nach unſern Mänteln im Vorzimmer geſucht wurde, kam Heinrich wieder zu uns. Er hielt meinen Mantel in der Hand, als plöͤtzlich Eduard ſich näherte, ihm ruhig, aber faſt gebieteriſch denſelden wegnahm und ihn mir ſelbſt umhing.„Das iſt ganz recht,“ bemerkte Sir Charles Wyndham,„einem verheiratheten Manne muß man nie geſtatten, den Galanten bei jungen Damen zu ſpielen.“ Ich weiß nicht, ob einer von uns über dieſe Bemerkung lächelte, aber war es der Fall, ſo mußt' es ein ſeltſames Lächeln geweſen ſeyn. Auf dem Heimweg fragte ich Miſtreß Middleton, nach einigen Augenblicken des Schweigens, ob ſie von Eduard's Ankunft in London unterrichtet geweſen ſey? — Wir erwarteten ihn in zwei oder drei Tagen, antwor⸗ tete ſie; ich glaube, daß er heute nur nach London kam, um morgen wieder aufs Land zu gehen. Hat er mit meinem Onkel geſprochen? fragte ich. — Nein, aber er wird morgen mit uns frühſtücken. Am folgenden Tag um eilf Uhr fand ich Eduard im Speiſezimmer. Sein Händedruck war herzlich, aber er ſah noch ernſter, wie gewöhnlich aus. — 156— — Wie gefiel es Ihnen geſtern auf dem Ball, Ellen, fragte Mr. Middleton. — Gar nicht, antwortete ich und ich fühlte, wie meine Wangen erglühten. — Eduard, ſagte Miſtreß Middleton, Sie erneuerten geſtern Abend Ihre Bekanntſchaft mit Miſtreß Ernsley, nicht wahr? — Ja, ich ſah ſie ſeit meiner Rückkehr nicht. Er ſeufzte tief, als er dieſe unbedeutenden Worte ſprach, und ich konnte den Gedanken, der mir augzenblicklich in den Sinn kam, nicht unterdrücken, daß dieſer Seufzer mit irgend einer Hinterbringung der Miſtreß Ernsley in Be⸗ treff meines Aufenthalts in Brandon im Zuſammenhang ſtünde. Ich ſagte in gereiztem Tone: — Ich kenne Niemand, mit dem ich nicht lieber ſpre⸗ chen möchte, als mit Miſtreß Ernsley; ſie iſt gewöhnt, über Leute und Dinge ſchief zu urtheilen. Eduard ſah mich ſcharf an, und wieder fühlte ich, wie ich erröthete. In meiner Verlegenheit bemerkte ich, daß es zu heiß im Zimmer wäre und ſtand auf, um einen Schirm vor das Kamin zu ſtellen. Er erhob ſich gleich⸗ falls, um mir zu helfen und flüſterte mir dabei zu: „Warum ſchämen Sie ſich zu erröthen? Hierin zum wenigſten iſt Wahrheit.“ Ich öffnete den Mund nicht wieder, ſo lange das Frühſtück dauerte. Als meine Tante das Zimmer verlaſſen hatte und mein Onkel ganz und gar im Leſen der Zeitungen vertieft war, näherte ſich Eduard dem Kamin, ſtützte den Rücken wider den Marmor, drehte meine Handſchuhe, die er vom Tiſche genommen, mit den Händen zuſammen und ſagte dann, als folgte er einem ſchnell gefaßten Entſchluſſe, plötzlich zu mir:„Kommen Sie zu mir, Ellen, ich bitte Sie!“ Ich ging ſogleich zu ihm, und mit einer Stimme, deren Demuthy ich wohl fühlte, obgleich ich ihr einen Ausdruck von Gleichgültigkeit und Heiterkeit zu geben verſuchte, ſagte ich zu ihm:„Geben Sie mir meine Handſchuhe, Eduard, Sie zerreißen ſie ja.“ Er behielt ſie noch einen Augenblick, als ich darnach — 157— griff, und fragte mich halb ſtrenge, halb zärtlich:„Ellen, haben Sie mir nichts zu ſagen? Ich glaubte doch— ge⸗ ſtern Abend—?“ — O! geſtern Abend war ich faſt außer mir, unter⸗ brach ich ihn, mich zum Lachen zwingend. Ich ſprach Un⸗ ſinn mit Jedermann, und Sie müſſen mich nicht zur Re⸗ chenſchaft ziehen über das, was ich geſagt oder gethan haben mochte. Er ſah mich kalt an, nahm eine Zeitung und ſetzte ſich wieder an den Tiſch. Ich blieb auf der Stelle zurück, wo er mich ſtehen ließ, heftete die Blicke auf ihn und ſann vergebens auf ein Mittel, ihn zu beſänftigen. Nur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit konnten mir ſeine Achtung wieder gewinnen. Aber wie konute ich aufrichtig und of⸗ fenherzig ſeyn? Was ſollte ich ihm ſagen, das meine Ver⸗ traulichkeit mit Heinrich zu entſchuldigen geeignet war und die Aufregung zu erklären vermochte, in welche mich ſeine Worte gebracht hatten? Nichts, nichts, als die Wahrheit allein, und dieſe Wahrheit!— O wie überdrüſſig war ich dieſes ewigen Kampfes mit mir ſelbſt! dieſer immer wiederkehrenden Frage, mit deren Beantwortung ſich mein Geiſt umſonſt abquälte! Ich faßte endlich den Entſchluß, nicht mehr mit mir darüber zu Rath zu gehen. Ungedul⸗ dig ging ich im Zimmer auf und ab, und als Miſtreß Middleton eintrat und ein Billet in der Hand hielt, wel⸗ ches ſie mir zu leſen gab, war ich in der Stimmung, al⸗ les mit Begierde zu ergreifen, was dieſen qualvollen Ideen⸗ gang unterbrechen konnte. Das Billet kam von Heinrich: er ſchrieb ſeiner Schweſter, daß Alice unpäßlich wäre und daß es ihr Freude machen würde, wenn meine Tante oder ich ſie beſuchen wollte. — Werden Sie hingehen? fragte ich. — Willſt Du nicht ſelbſt hingehen, liebe Ellen? ant⸗ wortete ſie. Ich erwarte meinen Vater dieſen Mittag; Dein Beſuch wird ihr ohne Zweifel noch angenehmer ſeyn, als der meinige. — Iſt der Wagen unten? erwiederte ich. Nachdem ich mich davon überzeugt, ging ich die Treppe hinauf, um — 158— meinen Hut zu holen. Als ich wieder herabkam, öffnete ich die Thüre des Speiſezimmers, um zu ſehen, ob Eduard noch da wäre. Er war allein, und fragte mich: — Gehen Sie zu Miſtreß Lovell? — Ja, ich höre, daß ſie ſich nicht wohl befindet und mich bei ſich zu ſehen wünſcht. — Lieben Sie ſie immer noch ſo ſehr? — Ich liebe und bewundere ſie, wie Sie es nicht min⸗ der würden, wenn Sie Alice genauer kennten. O wie ſehr würde ſie in jeder Hinſicht Ihren Beifall gewinnen! Sie iſt mir ſo unähnlich— ſetzte ich tief ſeufzend hinzu. Eduard erröthete und ſagte:„Iſt ſie glücklich mit Heinrich?“ — Ich weiß nicht genau, ob ſie glücklich mit ihm iſt, glücklich wenigſtens in dem Sinn, welchen ich mit dieſem Wort verknüpfe; aber das weiß ich, daß es mein heiße⸗ ⸗ ſter Wunſch iſt, ſie glücklich zu ſ Wahrheit, Eduard! — Ich glaube Ihnen, antwortete er, indem er mir die Hand reichte. Ich glaube Ihnen mir ſelbſt zum Trotz. Er beſann ſich und ſchien die Abſicht zu haben, mehr zu ſagen, aber in demſelben Augenblick rief ihn mein Onkel aus dem anſtoßenden Zimmer. Er drückte wiederbolt meine Hand, ſagte mir Lebewohl und ich ſtieg in den Wa⸗ gen, um nach der— Straße zu fahren. ehen und das iſt die , ie ——y— aanauaumuu 16 17