deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en andenvmnnien. Cekannte Perſ zſſen, bei G. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben etirehrtegemmahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 1 Nk. Pf 1 Nk. 50 Pf. 2 NMk.— Pf. — Lady⸗Bird. Eine Erzählung von Lady Georgiana Fullerton, Verfaſſerin von„Ellen Middleton“ u. a. m. „Mit Vorſicht richtet über Möglichkeiten! Manch' Ding ſcheint unwahrſcheinlich, ja unmöglich, Und doch— Erfahrung geigt uns, es iſt wahr Shakeſpeare. Aus dem Eng liſchen von Heinrich Kern, Profeſſor am Obergymnaſium zu Stuttgart. Sechstes bis achtes Bändchen. — 5— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1853. ———QQ—— Erſtes Kapitel. „Wer zitternd ſchon vorher ſein Schickſal ahnt, Der liest, noch eh' ein Wörtchen er gehört, Schon in des Andern Blicken, daß das Leid, Das er gefürchtet, eingetreten iſt.« Shakespeare. 4⁵* * Oft macht die Liebe, die dich treu verfolgt, Mehr Leid' als Freude dir, doch fort und fort Mußt du als Liebe preiſen, was dich quält. Derſelbe. X*α * „Den Menſchen will ich preiſen fort und fort, Deß Worte wahr und offen ſind und frei, Deß Eid geglaubt wird wie Orakelwort, Deß Lieben ächt, aufrichtig und getreu. Selbſt ſeine Thräne iſt ein ächter Stern, Ein Bote, den das Herz heraufgeſchickt, Das Herz, das jeglichem Betrug ſo fern, So hoch der Himmel auf die Erbe blickt.“ Derſelbe. Im Laufe der nächſten Woche kehrte Gertrude nach Audley⸗Park zurück. Ihre Mutter hatte bereitwillig ihre Zuſtimmung zu der in Lady Clara's Brieſchen enthaltenen Bitte gegeben, und obgleich Pater Lifford ein wenig darüber gemurrt hatte, ſo ſetzte er ſich doch der Sache nicht geradezu entgegen. Er ſagte, er glaube, närriſche Leute müſſe man ihren eigenen Weg gehen Lady⸗Bird. II. 1 C——n—z — 4 2 laſſen, was, wie ſie wohl wußten, ſeine gewöhnliche Art war, einen unbedingten Widerſpruch zu umgehen. Mit leichtem Herzen und ſtrahlendem Geſichte machte ſich daher Gertrude auf den Weg nach Audley⸗Park, erblickte wieder ſeine glänzende Schönheit und betrat das Geſellſchaftszimmer, welches die Scene ſo vieler, Freuden geweſen war, und wo ſie nun auf's Herzlichſte empfangen wurde. Lady Clara küßte ſie, Lady Roslyn lächelte, und Herr Latimer rief mit den Worten von Moriz's Ge⸗ dicht aus: „Komm, Lady⸗Bird, komm, raſte hier, Und flieg nicht von uns fort.“ Lady Clara ſagte:„Das erſte Mal haſchten wir ſie; nun iſt ſie mit freiem Willen zurückgekehrt.“ „D'Arberg,“ ſagte Herr Latimer,„konnte uns nicht ſagen, ob Sie kommen würden oder nicht. Wir alle wuͤnſchten geſtern, in jener gelben Poſt⸗Chaiſe, die ihn in aller Frühe fortnahm, nach Schloß Lifford zu eilen. Sie können nicht glauben, wie ſehr wir Sie vermißt haben. Lady Clara war ganz niedergeſchlagen, Lady Roslyn verdrießlich, Frau Crofton melancholiſch, der arme Mark auf dem Punkte ſich zu hängen, und—“ „Sie, Herr Latimer?“ „O ich, ich ſchickte geſtern nach Arſenik, und wären Sie heute nicht zurückgekehrt, ſo wäre morgen eine ge⸗ richtliche Unterſuchung über einen Todesfall geweſen. Ich kann bei Tiſche nichts zu mir nehmen, die Fräuleins Apley ſprechen zu viel mit mir.“ „Das iſt ein Wink.“ „Nein, Lady⸗Bird, Ihre Unterhaltung befördert die Verdauung. Im Vorbeigehen geſagt, Lady Clara, ich hoffe, der Magnetiſeur wird wieder hierher kommen. Sie ſollte ihn kennen lernen.“ „Er ſagte, er wolle am Mittwoch hier ſpeiſen.“ „Wir hatten viel Spaß geſtern Abend. Er brachte ——O—— 3 Fräulein Apley in feſten Schlaf, Fanny dagegen in einen ſolchen Zuſtand von Aufgeregtheit, daß ſie den reizendſten Unſinn ſprach. Er ſoll, wenn er wieder kommt, uns recht viel vom Hellſehen ſagen.“ „Ich habe oft von Somnambulismus ſprechen hören,“ ſagte Gertrude,„aber ihn noch nie in der Wirllichkeit beobachtet.“ „O dann wird ſich Herr Edwards am Mittwoch Ihnen widmen.“ „Was d'Arberg für Unſinn darüber ſprach! Es ſei nicht ſicher, Etwas damit zu thun zu haben. Ich hätte ihn für vernünftiger gehalten. Ich glaube in der That, er glaubt an Zauberei.“ „O nein, das thut er nicht.“ „Entſchuldigen Sie, er ſagte, er könne nicht ein⸗ ſehen, wie Jemand das, was in der Bibel darüber ge⸗ ſagt ſei, wegerklären könne.“ „Und können Sie das?“ fragte Gertrude. „Das weiß ich nicht, ich habe es nie verſucht.“ „Dann läugnen Sie, ohne zu unterſuchen,“ ſagte Lady Clara,„das iſt ſchwerlich philoſophiſch. Herr Sunbers war durchaus nicht dogmatiſch in dieſer ache.“ „Sie erheben ſich immer für ihn, Lady Clara.“ „Aber ich werfe auch keinen Andern zu Boden, nicht einmal Sie, was, ich geſtehe es, eine ſchwierige Aufgabe wäre.“ Er lachte und ſagte:„Und ich geſtehe, daß Sie das gutmüthigſte Weſen auf der Welt ſind— ich habe en gehört, daß Sie Jemand kampfuntüchtig gemacht ätten.“ „„Das iſt auch eine große Anſtrengung,“ ſagte ſie mit einem hübſchen kleinen Gähnen(wenn ſo Etwas babſch ſein kann.)„Ich beſitze nicht Frau Crofton's nergie.“ „Boshafte Selbſterniedrigung!“ rief er aus,— „bewunderungswürdige Trägheit! Das Verdienſt der * —;—;—;—ÿ;;:;&— — — —— — — — — 4 Tugend und der Reiz des Laſters. Ich liebe Sie zu ſehen, wie Sie ſich träge in Ihren Armſtuhl zurücklehnen, die Maſchen an Ihrer Arbeit fallen laſſen mit derſel⸗ ben reizenden Verdroſſenheit, mit der Sie den Ruf Ihrer Nebenmenſchen ſchonen. Und haben Sie uns vermißt, Lady⸗Bird?“ fuhr er fort,„haben Sie in den, Schatten von Schloß Lifford einen Gedanken denen geſchenkt, die Sie zurückließen? Ich dachte daran, mich als Matroſe oder Landſtreicher zu verkleiden und in einem jener finſtern Dickichte in der Nähe des Leigh auf Sie zu lauern; aber es geht das Gerede in der Nachbar⸗ ſchaft, daß Ihr Vater Stiere in ſeinem Parke halte, und ich fürchtete in Ihrer Gegenwart nicht von ſtreiten⸗ den Gefühlen, ſondern durch die Hörner eines dieſer häuslichen Lieblinge herumgeworfen zu werden.“ Sie lachte und widerſprach dem Gerücht und ging bald nachher weg, um ſich anzukleiden. Beim Eſſen an jenem Tage fand ſie ſich zwiſchen Sir William Marlow und Herrn Egerton, Lady Clara's Bruder, ihren Platz angewieſen. Der Erſtere war ihr durchaus nicht zugethan. Erſtens hatte er einen beinahe inſtinktmäßigen Widerwillen gegen geiſtreiche Perſonen; obgleich ſelbſt in gewiſſem Sinn ſehr geiſt⸗ reich, faßte er doch nur langſam auf, ſo bald irgend ein Grad von Humor in das Spiel kam; und zweitens är⸗ Teite er ſich zu Tode daruͤber, daß Gertrudens platte emerkungen, wie er ſie anſah, die Leute zum Lachen brachten und ihre Aufmerkſamkeit von ihm ſelbſt ab⸗ lenkten. Ihr anderer Nachbar hatte noch nicht viel Bekanntſchaft mit ihr gemacht, aber dieſes Mal kamen ſie ganz gut mit einander fort. Es wäre ſchwer gewe⸗ ſen, keinen Gefallen an ihm zu finden, er war ſo artig, verſtändig und angenehm. An jenem Tage kamen ſie im Laufe der Unterhaltung zufällig auf die Auswande⸗ rung zu ſprechen, und er theilte ihr unter Anderem mit, daß Adrian bei dieſem Gegenſtande ſtark betheiligt ſei und den Plan einer Anſiedlung in Amerika gebildet 8. 8 5 habe, wohin er eine große Anzahl der armen Irländer in London geſandt habe, und welche ſehr gut zu ge⸗ deihen verſpreche. „Ich bewundere ihn ſo ſehr,“ ſagte er,„und ich könnte ihn mehr werthſchätzen, als beinahe irgend Jemand. Aber ich komme nie ganz befriedigend mit ihm fort und glaube, er hat manche ſehr überſpannte Begriffe. Ich wünſche, daß die Leute ſo glücklich ſein möchten, als möglich, und habe beinahe einen ebenſo großen Abſcheu davor, wenn ſie ſich ſelbſt, als wenn ſie Andere quälen.“ „Aber Sie halten ihn doch nicht für einen, der ſich ſihi. quält? Er ſcheint mir ein ſehr glücklicher Menſch u ſein.“ 3„Aber ſeine Art, glücklich zu ſein, gefällt mir nicht, vielleicht, weil ich ſelbſt kein Vergnügen daran ſinden könnte. Ich halte ihn für zu gleichgültig gegen manche Dinge und zu ſehr eingenommen für andere. Er iſt nicht praktiſch genug.“ „Das iſt ein Wort, welches ich nicht ganz ver⸗ ſtehe. Meinen Sie, daß er ſelbſt ſeinen Theorieen nicht nachlebe?“ „Nein; ſondern daß ſeine Theorieen nicht allgemein auf das praktiſche Leben anwendbar und daher für die Welt, in der wir leben, unpaſſend ſind.“ „Aber iſt nicht gerade die Einrichtung der Welt ein Kampf? Die Tugend wird nie ganz darin vor⸗ herrſchen, und deßhalb würden Sie doch nicht von dem Kampf gegen das Laſter ablaſſen, welcher dadurch her⸗ beigeführt wird.“ „Ich würde handeln, ſo gut ich ſelbſt könnte, aber nicht nach einer eingebildeten Vollkommenheit ſtreben.“ „Nein, nicht nach einer eingebildeten; aber würden oder wenigſtens können Sie nicht einſehen, daß der meuſch nach der höchſtmöglichen Vollkommenheit ſtreben ollte?“ „Ich glaube, daß man, indem man zu hoch hinauf 6 ſtrebt, oft tiefer hinabfällk, als es ſonſt der Fall gewe⸗ ſen wäre.“ „Glauben Sie, daß dieß ſein Fall ſei?“ „Nein; ich ſagte vorhin, daß ich ihn ſehr bewun⸗ dere, aber ich glaube, er würde ſeinem Zeitalter nützlicher ſein, wenn er mehr ſo, wie andere Leute wäre.“ 3 „Aber er ſtellt weder das Geſetz auf, noch dictirt er Anderen; auch deutet nichts darauf, daß er Ueberlegenheit in Anſpruch nähme. Ich glaube, ich hörte Sie neulich ſagen, ſein Benehmen ſei außerordentlich anſpruchslos.“ „So iſt es, und ich kenne Niemand, der im Verhält⸗ niß zu ſeinen Talenten eine ſo geringe Meinung von ſich ſelbſt hätte; aber was ich meine, iſt das, daß man ſich immer bewußt iſt, daß er Alles nach einem der Welt in ihrem gegenwärtigen Zuſtand nicht angemeſſenen Maßſtab mißt, und ſo ſchießen ſeine Beſtrebungen über das Ziel hinaus, und auf dieſe Art verfehlt er es.“ „Aber vielleicht wiſſen Sie nicht recht, was ſein Ziel iſt?“ Herr Egerton lächelte und Sir William Marlow ſagte:„Ich bedauere immer, einen hervorragenden Geiſt in ſo enge Gränzen eingeſchränkt zu ſehen.“ Sind Sie ſicher, daß, was Sie für Gränzen hal⸗ ten, nicht Wege find,“ ſagte ſie,„die zu Regionen führen, welche Sie nie erforſcht haben?“ Er blickte ſie auf eine Weiſe an, die zu ſagen ſchien, daß er Alles erforſcht habe. „Ueberdieß,“ fuhr ſie fort,„hat eine Feſtung Gränzen, ein fruchtbarer Garten hat eine Umzäunung; nur Wüſten und Sümpfe haben keine beſtimmten Gränzen.“ „Ich ziehe die Alpen einem franzöſtſchen Garten vor,“ rief er aus und wandte ſich dann mit ſtolzer Verachtung ab — ſelbſt eine kleine Alpe in ſeiner eigenen Meinung. „Ich glaube, d'Arberg hat Sie mit einigen ſeiner Anſichten angeſteckt,“ ſagte Herr Egerton ſcherzhaft. „Vielleicht,“ antwortete ſie und dachte an die Ant⸗ wort, die Wilberforce einer Dame gab, die ihm ſagte, Whitfield ſei toll.—„In dieſem Falle,“ ſagte er,„wunſche ich nur, er möge uns Alle beißen—“ und darüber nach, wie auf Perſonen, welche gewiſ ſtände aus verſchiedenen Geſichtspunkten betracht Handlungen und das Benehmen Anderer ganz verſt denartige Eindrücke machen. Dieſelbe Handlungsweiſe welche im einen Falle Bewunderung erregt, flößt in einem andern nur Erſtaunen, wenn nicht Abneigung, ein. Vielleicht würde ihr kurze Zeit vorher der Mangel an Sympathie zwiſchen ihr und ihren zwei Nachbarn nicht in gleichem Grade aufgefallen ſein, und die völlige Ab⸗ weſenheit weltlichen Sinnes, welche ſie bei d'Arberg ſo ſehr ſchätzte, wäre ihr bei Marie Grey zum Beiſpiel vielleicht abgeſchmackt vorgekommen; aber ſie zergliederte ihre Gefühle nicht genau und war zufrieden mit dem Bewußtſein, daß ſie allein unter jener zahlreichen Ge⸗ ſellſchaft Adrian d'Arberg's Grundſätze verſtand und jeine Gefühle theilte. An jenem und dem folgenden Tage hatte ſie nur wenig Gelegenheit, ſich mit ihm zu unterhalten, ſie glaubte aber von ihm beobachtet zu werden, und fragte ihn ein und das andere Mal um ſeinen Rath wegen unbedeutender Dinge, wo ſie im Zweifel war, ob ſie ſie thun ſollte oder nicht; es war nicht die geringſte Coquet⸗ terie darin. Sie zeigte ihm ſo deutlich, als die Würde des Weibes ihr erlaubte, daß ſie nur einen Wunſch habe, und dieſer war nicht ſowohl, ihn zu feſſeln, als vielmehr ſo zu werden, daß ſie ſich ſeines Beifalls zu erfreuen hätte. Es wäre keinem Manne möglich gewe⸗ ſen, von dieſer ſtillſchweigenden Huldigung nicht gerührt zu werden. Dieſe Einfachheit des Zweckes und dieſe Aufrichtigkeit der Handlungsweiſe gehörte nicht von Na⸗ tur zu ihrem Charakter, ſondern zu der Stärke der Lei⸗ denſchaft, die ihr Herz eingenommen hatte. Sie war wie Julie in ihrer Liebe, und der Widerſtreit zwiſchen ihrer außerordentlichen Kunſtloſigkeit in dieſer Hinſicht und ihrem im Allgemeinen ſcharfen Verſtand und zurück⸗ haltenden Charakter war auffallend und anziehend. Er ch zu fragen, ob er ſie liebe? ob er ſie heira⸗ ꝛ ob ſie in Wirklichkeit alles das ſei, was ſie ſein ſchien? und obgleich er weniger mit ihr ch, als während ihres erſten Aufenthalts in Audley⸗ Bark, ſo begann ſein Benehmen doch ein Intereſſe zu zeigen, welches er ſich bemühte, nicht allzu deutlich her⸗ vortreten zu laſſen. Gertrude fühlte es und ſchien mit einer Art von Inſtinkt beſorgt, nicht eine vorzeitige Ent⸗ wicklung zu übereilen, oder die Aufmerkſamkeit Anderer auf jene zarte Blume des Glücks zu lenken, welche ſie ſich von Tag zu Tag weiter entfalten ſah, und auf die ihr Herz— ich hätte beinahe geſagt, für ihre Seele, deren neuerſtandene Tugenden nur der Rückſtrahl der ſeinigen waren— gründete. Sie war nicht mit ihm zu der Quelle gegangen, aus der er trank, ſie hatte nur die Tropfen aufgefangen, welche aus ſeiner Schale herabfielen; er ſah dieß nicht und bemerkte in ſein er Bewunderung der Frucht nicht, daß die Wurzeln nicht ſtand und ihre edle Denkart entſprach ſeinem Streben, und er begann zu glauben, daß ihre Schönheit der ge⸗ ringſte ihrer Vorzüge ſei, und fing an, in ihrem Umgang einen neuen Antrieb zu allem Großen und Guten zu finden. Es war etwas Schönes um die Liebe dieſer zwei Weſen, beide ſo ſchön und ſo reichbegabt und von denen es ſchien, ſie ſeien geſchaffen: „Er nur für Gott und ſie für Gott in ihm.“ Andere fingen an, dieſe wachſende Zuneigung zu bemerken. Mark war verſtimmt; aber liebenswürdig, wie er immer war, wünſchte er ſich bloß Glück, Ger⸗ truden keinen Antrag gemacht zu haben, und tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß ſie vielleicht zu geiſtreich für den gewöhnlichen Zweck des Lebens ſei, und daß „es gäbe Mädchen in dem Land viel nettere noch allerhand,“ ſte mit Furchtſamkeit jede Hoffnung für ihr Leben, füur tief in den Boden eindrangen. Ihr ungewöhnlicher Ver⸗ 9 welche ſich gerne mit dem Erben ſo ausgedehnter Län⸗ dereien und dem künftigen Beſitzer von Woodlands⸗Hall verbinden würden. Moriz war nicht der Letzte, welcher das Intereſſe merkte, das Adrian ihr eingeflößt hatte, ihr, die er mit unabläſſiger, aber hoffnungsloſer Angſt beobachtete; aber die ruhige und geſammelte Art, womit er ſie anredete, die Vorſicht, womit er jeden Anſchein ausſchließlicher Hingebung für ſie, die er noch nicht ent⸗ ſchloſſen war zu heirathen, vermied, war ſo verſchieden von dem, was Morizen's Benehmen in dieſer Lage ge⸗ weſen wäre, daß dadurch die Hoffnung in ihm aufrecht erhalten wurde, d'Arberg habe keine ſolchen Abſichten, und ihre unverhüllte Bewunderung für ihn ſei mehr Begeiſterung für ſeinen Charakter und ſeine Talente, als Neigung zu ſeiner Perſon. Und doch, wenn er ihre Augen mit jenem bezaubernden Ausdruck, deſſen mäch⸗ tige Anziehungskraft für ihn er einſt beſchrieben hatte, auf ihn gerichtet ſah, ſo war der plötzliche Schmerz, der ſein Herz durchzuckte, beinahe größer, als er ertragen konnte. Er faßte oft den Entſchluß, am andern Tage abzureiſen, aber wenn der Morgen kam, fand er irgend eine Entſchuldigung für das Dableiben und fuhr fort, jenem unheilvollen Vergnügen, ſie zu ſehen, verbittert, dir es war, durch die Qualen der Eiferſucht, nachzu⸗ ängen. Eines Tages ſaß ſie in dem Gewächshaus, eifrig mit dem Zeichnen einer amerikaniſchen Blume beſchäf⸗ tigt, als er mit einem Brief in der Hand hereinkam und ſich in geringer Entfernung von ihr niederſetzte. Sie machte eine unbedeutende Bemerkung über das Wet⸗ ter, ohne den Kopf zu erheben, und nach kurzem Schwei⸗ gen begann er: „Ich wünſche Sie um Ihren Rath zu fragen, Lady⸗ Bird; ich habe einen Brief von Marie erhalten, der mich ſehr beunruhigt, und ich glaube, daß Sie beſſer als irgend Jemand meine Gefühle verſtehen und mir rathen können, was ich thun ſoll.“ — EEEEEEEEE Gertruden fiel der hohle nervöſe Ton ſeiner Stimme auf, und ſie ſagte freundlich: „Ich will mein Möglichſtes thun, lieber Moriz, aber wie ſoll ich Anderen rathen können, ich, die ich kaum weiſe genug bin, mich ſelbſt zu leiten?“ „Leſen Sie vor Allem dieſen Brief,“ ſagte er. Sie nahm ihn, und er enthielt Folgendes: „Lieber Moriz! Ich war oft Willens, zu ſagen, was ich nun ſchreibe, aber kürzlich fehlte mir der Muth, es zu thun, und während der kurzen Augenblicke, die wir gelegent⸗ lich zuſammen zubrachten, ſahſt Du ſo übel und unglück⸗ lich aus, daß ich nicht wußte, wie ich von Etwas ſpre⸗ chen ſollte, das Dich betrüben könnte. Aber nun iſt mein Entſchluß gefaßt, und das Schreiben wird mir leichter ſein, als das Sprechen. Ich glaube, Du wirſt errathen, was ich Dir ſagen will— Du mußt den Ge⸗ danken, mich zu heirathen, aufgeben. Es war Alles ein Irrthum gleich von Anfang an. Wir haben ein⸗ ander herzlich geliebt— wie herzlich, das weiß Gott allein, und ich liebe Dich wo möglich mehr als je. Aber ich fühle nun, daß es nicht geht, daß zwei Per⸗ ſonen, welche von Kindheit an mit einander auferzogen worden ſind und wie Bruder und Schweſter mit einan⸗ der gelebt haben, ſich noch auf eine andere Art lieben. Ich glaube, daß der Irrthum, den wir in dieſer Hin⸗ ſicht begangen haben, Dein Unglück verurſacht hat. Ich ſah dieß ſchon einige Zeit, aber ich hatte viele Gründe, es nicht zu ſagen; einige davon waren, ich geſtehe es, ſelbſtſüchtiger Art, aber andere auch zu Deinem Beſten. Ich hoffte, Dich von einer Leidenſchaft zu retten, die Dich, wenn Du ihr nachhängſt, unglücklich machen wird. Es iſt ſchlimm, wenn ein Mann ſeine Zeit mit Seufzen und Weinen zubringt; es iſt nicht ſo arg bei einem/ Weibe; und wenn Du mich hätteſt lieben konnen ich meine, wenn ich Dich hätte abhalten können, die zu 4 11 lieben, von der ich ſprach, ſo wäre es zu Deinem eige⸗ nen Wohle geweſen. Mit dieſer Hoffnung ſtand ich zwiſchen Dir und ihr, bis mein Herz nahe daran war, zu brechen, aber ich ſehe, daß Dein Leiden größer iſt als je, obgleich Du Dich bemühſt, es zu verbergen. Dieß iſt ſchlimmer, als alles Andere. Wenn das Ge⸗ wiſſen ruhig iſt, ſo kann das Herz ſeine Laſt tragen, ſo ſchwer ſie auch ſein mag. Aber iſt dieß nicht der Fall, ſo fehlen Stärke und Geduld. Darum will ich Dir Dein Gewiſſen leicht machen— ich entlaſſe Dich Deiner Verpflichtung gegen mich; Deine Liebe ſoll ſo frei ſein, wie die Luft, aber, wenn es noch möglich iſt, ent⸗ halte Dich, ſie zu lieben. Wenn das Deine Kraft über⸗ ſteigt, ſo liebe ſie im Stillen, hoffnungslos, aber ohne Gewiſſensbiſſe, d. h. bis ſie Jemand anders heirathet. Ich bin überzeugt, daß Du nach Empfang dieſes Briefs wenigſtens eine Zeit lang viel glücklicher ſein wirſt. Ich bin es, ich verſichere Dich, nun, da ich ihn geſchrieben habe. Ewig, lieber Moriz, Deine Dich liebende Marie.“ Gertrude fühlte ſich ſehr in Verlegenheit und Un⸗ ruhe, als ſie dieſen Brief las. Sie hatte bis jetzt bei⸗ nahe vergeſſen, daß ſie einſt in einem Augenblick Ver⸗ gnügen an dem Gedanken gefunden hatte, daß Moriz ſie bewundere, und ſelbſt jetzt— vielleicht, weil ſie es nicht wünſchte— gab ſie ſich nicht zu, daß Marie auf ſie anſpiele. Wenn dieß der Fall wäre, ſo würde es ſehr ſonderbar von ihm ſein, daß er ſie um Rath frug, und ſie beſchloß, ihm nicht zu geſtatten, vorauszuſetzen, daß ſie das für möglich halte. Ihr Benehmen war jedoch kalt, als ſie ihm den Brief zurückgab und ſagte: „Es iſt ein ſehr rührender Brief. Es iſt mir leid um Marie, noch mehr um Sie, Mortz, daß Sie Veran⸗ laſſung hatte, ihn zu ſchreiben.“ „Was kann ich thun?“ ſagte er mit auf den Boden gehefteten Augen.„Ich liebe Marie mit aller Kraft 12 meines Willens. Ich würde für ſie ſterben, aber ſollte ich ſie täuſchen— wenn ich es auch könnte— und nun, da ſie in meinem Herzen geleſen hat, ſie zu überzeugen ſtreben, daß ſie im Irrthum iſt?“ „Hat ſie denn alſo Recht?“ fragte Gertrude mit demſelben kalten Tone.’ „Es iſt eine Leidenſchaft in meinem Herzen.“ ſagte er zwiſchen den Zähnen,„die mich Zoll für Zoll ermor⸗ det, die mir weder bei Tag, noch bei Nacht Ruhe läßt, die unbarmherzig wie die Rache und hartnäckig wie das Leben iſt, die mir Marie raubt und mir nichts als Verzweiflung ſtatt ihrer gibt. Iſt Jemand ſchuldig, weil er leidet? War es ſeine freie Wahl, elend zu ſein? Soll er auf das Rad geflochten und ihm ſeine Qualen vorgeworfen werden?“ Seine Stimme zitterte und ſie blickte auf. Er konnte ihren Blick nicht aushalten und verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. Ihm war, als würde ſie nie wieder ein Wort mit ihm ſprechen, wenn er ihr einen zu deutlichen Blick in ſein Herz geſtatten würde. Mit dem Muth der Verzweiflung blickte er ſie an und murmelte: „In Italien liebte ich ſie!“ „In Italien!“ rief ſie aus, und dachte dann an die Verſe, die ſie einſt als an ſich gerichtet betrachtet hatte, und fühlte ſich nun ſehr erleichtert, daß es anders war.„Aber, Moriz, warum erneuerten Sie dann Ihr Verlöbniß mit Marie bei Ihrer Rückkehr nach Eng⸗ land, wenn Sie eine Andere liebten?“ „Ich kannte damals meine Gefühle nicht. Marie hat Recht; ich habe mit meinem Gewiſſen gekämpft, bis dieſer Kampf mich beinahe verzehrt hat, und ihr Brief hat meine Zweifel nur vergrößert, ſtatt ſie zu löſen. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll. Ihre Worte ſollen mein Geſchick lenken.“ „Aber, ich verſtehe die Lage der Sache nicht recht,“ ſagtee ſie.„Dieſe Italienerin, welche Sie lieben—“ —— — 13 „Keine Italienerin,“ unterbrach er ſie plötzlich. „Nun, aber die, welche Sie in Italien liebten, welche Stellung nimmt ſie im Leben ein?“ „Weit, weit über mir.“ „Zu weit für die Möglichkeit einer Verbindung?“ „Wer kann ſagen, was in dieſer Hinſicht möglich iſt oder nicht?“ „Wohl,“ antwortete ſie gedankenvoll,„aber haben Sie Grund, zu glauben, daß ſie Sie liebt?“ „Nein— nur den Glauben, daß es eine ſo heiße und ſo geduldige Liebe gibt, daß ſie zuletzt Gegenliebe hervorbringt.“ „Und wenn Sie bei Marie ſind, ſo erſcheint Ihnen das Bild dieſer Perſon und ſteht wie eine Wolke zwi⸗ ſchen Ihnen und ihr und verkehrt das, was Wonne ſein ſollte, in Kummer?“ „Wie die Geſtalt eines Engels ſteht es zwiſchen uns, aber wie der Engel, welcher am Thore des Paradieſes ſtand mit einem flammenden Schwert in der Hand.“ „Könnten Sie nicht durch einen feſten Entſchluß dieſe Leidenſchaft aus Ihrem Herzen reißen? Könnten Sie ſie nicht durch eine Handlung ihres Willens ver⸗ jagen? und iſt Ihre Neigung für Marie— Ihre ver⸗ lobte Braut— nicht ſtark genug, jene gefährliche Er⸗ ſcheinung zu verbannen, bis ſie Sie mit der Zeit, im Sonnenſcheine der Heimath und in der Atmoſphäre der Pflicht, nicht mehr beunruhigt, und nicht ein: Traum, ſondern der bloße Schatten eines Traumes wird? Er⸗ wägen Sie den Umfang eines ſolchen Opfers und legen Sie in die andere Wagſchale ſeine Belohnung. Haben Sie die Kraft dazu?“ „ Ich habe die Kraft, das Geheimniß meines Elends in mein Herz zu verſchließen, es vor Aller Augen, außer denen Marien's, die es bis auf die unterſte Tiefe durch⸗ ſchaut hat, zu verbergen, das Geſicht, das ‚das Gift meines Lebens, das Verderben meines Glückes⸗ war, an⸗ zuſchauen, und mit keinem Blicke, mit keinem Seufzer das, was ich leide, zu verrathen. Alles dieß kann ich thun, denn ich habe es bereits gethan; und ich kann am Altar an Marien's Seite ſtehen und mich mit ihr auf ewig verbinden, und nie, ſo wahr mir Gott helfe, ſie kränken oder verlaſſen, aber ich darf nicht ſagen, ich darf nicht hoffen, daß dieſe ſelbe Erſcheinung, nicht zu Hauſe und auswärts, an unſerem Bett und an unſerem Tiſche ſtehen werde, dann nicht mehr als ein düſterer Engel, der den Pfad zum Glücke verſperrt, ſondern als ein Feind, der zur Sünde und Verzweiflung verſucht. Können Sie eine ſolche Liebe oder einen ſol⸗ chen Wahnſinn, wie dieſen, begreifen? Nur um Eine Gunſt bitte ich, daß Sie meinen Lauf lenken mögen. Schlagen Sie es einem Menſchen nicht ab, deſſen Un⸗ glück ihr Mitleid verdient.“ „Es iſt etwas Schreckliches, Moriz, zu lieben, wie Sie lieben, und hoffnungslos zu lieben. Der Himmel helfe allen denen, welche ſo lieben! Ich glaube, Marie hat Recht, ſogar mehr als ſie weiß. Sie müſſen ſie nicht heirathen. Sie müſſen nicht die heilige Schranke der Pflicht zwiſchen ſich und die Leidenſchaft ſtellen, die, ſo ſchrecklich ſie iſt, doch noch nicht ſtrafbar iſt. Dieſe Schranke muß nicht unbedacht einem ſo mächtigen Strome ausgeſetzt werden. Es iſt beſſer, wenn er euch jetzt trennt, als wenn er euch nachher beide in einen Abgrund ſchleudert. Ich frage mich ſelbſt, was ich an Ihrer Stelle thun würde. Iſt der Gegenſtand Ihrer Liebe einer ſolchen Leidenſchaft werth? Achten Sie ſie, Moriz, ebenſo ſehr, als Sie ſie lirben „Ja!“ rief er feurig aus, nd legte die Hand an's Herz, wie um ſein Schlagen zu ſtillen. „Dann,“ fuhr ſie eifrig fort,„dann fahren Sie fort, ſie zu lieben, wie Marie Ihnen räth, ohne Gewiſ⸗ ſensbiſſe und ohne Furcht. Ueben Sie jede Tugend aus Liebe zu ihr, benützen Sie um ihretwillen jedes Talent, das Sie beſitzen, und warten Sie die Zukunft ab⸗ mit ſo viel Muth, als Sie in ſich ſinden können. Nichts 15 iſt hoffnungslos, Nichts iſt unmöglich, wie Sie eben ſagten. Es liegt eine ſeltſame Gewalt in einer edlen Zuneigung, es liegt eine mächtige Kraft in einer un⸗ eigennützigen Ergebenheit. Stellen Sie nie mit Vor⸗ bedacht ein Hinderniß zwiſchen ſich und die, welche Sie lieben, und, wie ich vorhin ſagte, der Himmel helfe allen denen, welche Hülfe und Stärke bedürfen!— und wer bedarf deren nicht, Moriz?“ Er ſtand einen Augenblick ſtill da, blaß und ange⸗ griffen, dann warf er ſich ihr plötzlich zu Füßen, küßte den Saum ihres Gewandes mit leidenſchaftlicher Gluth und ſtürzte aus dem Gewächshaus. Er, wie er allein unter einem Baume in dem Dickicht ſtand, wo er Schutz vor dem Uebermaß ſeiner inneren Bewegung geſucht hatte, ſte an dem Platze, wo er ſie verlaſſen hatte, ſtellten ſich beide dieſelbe Frage:— hatten ſie einander verſtanden oder nicht?„Hatte ſie ſeiner ausweichenden Angabe geglaubt?“ fragte er bei ſich,„und wirklich ge⸗ dacht, er liebe eine Andere?“ Las ſie nicht vielmehr auf einmal das Geheimniß ſeines Herzens, und waren nicht jene aufmunternden Worte, die ſie an ihn gerichtet hatte, die einzige Ermuthigung geweſen, welche ſie ſeinem bei⸗ nahe offenen Geſtändniß leidenſchaftlicher Zuneigung ſchenken konnte? Und Gertrude, welche, ſo ſeltſam es erſcheinen mag, zuerſt durch ſeine Ausflucht getäuſcht worden war, konnte ſie nach der unerwarteten Aufklärung dieſer Scene zweifeln, daß ſie ſelbſt der Gegenſtand jener wilden Anbetung war, mit der er ſo lange gekämpft und die er nie beſiegt hatte? Und wenn es ſo war, welche Ermuthigung mußten ihre Worte ihm zu geben ſcheinen? und doch, wie konnte ſie auf den Gegenſtand zurückkommen und ihren Rath zurückziehen? Dieß be⸗ unruhigte ſte ein wenig, aber im Grund ihres Herzens war ſie gerührt, ein ſolches Gefühl eingefloͤßt zu haben, und beurtheilte Moriz freundlich, wie einen, deſſen Liebe das, was ihr an Weisheit abgehe, durch Tiefe erſetze. Sie war auch beſorgt um Marie, aber es lag vielleicht nicht in ihrer Natur, mit den Prüfungen eines von dem ihrigen ſo verſchiedenen Charakters zu ſympathiſiren. Sie bedauerte ihn ſehr— ihn am meiſten von beiden.— Adrian, ſagte ſie bei ſich, würde ſie nie auf dieſe Art lieben, er würde ſie nie anbeten. Aber nur ein freund⸗ licher Blick ſeines Auges, eines jener ſeiner ernſten Worte, die ein Intereſſe an ihrem Schickſal verriethen, war ihr koſtbarer, als die Ehrerbietung und Ergebenheit der ganzen übrigen Welt. Und daß er ſie liebte, daran konnte ſie nicht mehr zweifeln, und daran zweifelten an jenem Abend auch nur wenige Perſonen in Audley⸗Park. Es wäre vielleicht beſſer für Moriz geweſen, wäre er auch dabei geweſen und hätte das geſehen, was ſeine Augen über die unglückſelige Täuſchung hätte öffnen müſſen, in der er, ſeit er ſich von Gertruden getrennt hatte, auf eine unſinnige Weiſe befangen war; aber er verließ Audley⸗Park ſogleich nachher und nahm eine gefährliche Hoffnung mit ſich, welche— durchkreuzt von manchem Zweifel, erſchüttert durch ſich immer erneuernde Be⸗ ſorgniſſe— in der Einſamkeit genährt und gepflegt wurde. Seine Unterredung mit Marie am Nachmittag jenes Tages war ganz ſcharakteriſtiſch für beide: er war ſehr angegriffen und unwohl vor Aufregung und Un⸗ ruhe; er ſprach von ſeiner Neigung zu ihr, von Allem, was ſie ihm geweſen ſei, wie unglücklich er ſei, von ſeinem Gewiſſen gezwungen zu ſein, ſich in den Entſchluß, den ſie gefaßt habe, zu fügen, bis es Anderen hätte ſcheinen mögen, und er in der That auch ſich ſelbſt überredete, er ſei derjenige von beiden, der bei der Trennung dieſes Tages am meiſten zu leiden habe. In der That mußte er ſich auch bewußt werden, was er alles aufgab um eines leidenſchaftlichen Traumes willen, der aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach nie erfüllt werden konnte; und als er auf dem Wege nach London, den brennenden Kopf in die Hand verſenkt, ſeine Ge⸗ fühle mit unwilligem Zorne über ſeine eigene Schwachheit 17 zergliederte, war er in der That mehr zu bedauern als ſie, auf die nun die Worte des Dichters paßten: „Verſchwunden jeder ſüße Traum! Und jede Hoffnung eitler Schaum! Und all ihr Glück dahin, Wie Regenbogen ſchnell von dannen zieh'n, Jetzt noch im Glanz des Lichts, Und jetzt— verſchwunden in das Nichts!“ danken zurückkehrte. Die Laſt, die ſie in jenen erſten Tagen des Kummers zu tragen hatte, war allerdings ſchwer, aber ſie hatte keine jener ſcharfen Schneiden, die in das Herz eindringen und dort eitern. Herr Edwards, der Magnetiſeur par amour, wel⸗ cher in der Woche vorher in Audley⸗Park geweſen war, kam am Abend nach Morizen's Abreiſe wieder dahin. Er wurde Gertruden vorgeſtellt und ſaß bei Tiſche neben ihr. Er war ein angenehmer Mann, und es intereſſirte ſte ſehr, was er ihr über den Somnambulismus ſagte — jenen geheimnißvollen Gegenſtand, der nicht mehr in's Lächerliche gezogen werden kann, ſondern immer noch ſo weit als je von jeder befriedigenden Löſung entfernt iſt; der ſo vieler Theorien ſpottet und gleichſam ein Thor zu einer andern Art von Exiſtenz öffnet; ſetze oder übernatuͤrlicher Wirkungen, die ganz darauf berechnet ſind, die Vernunft des Menſchen zu verwirren, ſeinen Stolz zu demüthigen, ſeine Zweifel aufzuregen und den Ausruf Hamlet's in den Mund zu legen: „Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Als unſ're Schulweisheit ſich träumen läßt.“ Herr Edwards fand, wie faſt Jedermann, großen Ge⸗ Lady⸗Bird. II. 2 8 18 fallen an Gertruden; und vielleicht fühlte Adrian an ſeinem unwillkürlichen Verdruß über das Intereſe, 4 womit ſte ihm zuhörte, zum erſten Male, wie ſehr er ſir liebte. Er hatte einen lebhaften inſtinctmäßigen Wider⸗ willen gegen Somnambulismus und vermied ſo ſehr aals möglich über den Gegenſtand zu ſprechen; aber er konnte ſeine Bangigkeit, ſeinen Widerwillen gegen den Gebrauch, ſeinen Abſcheu vor dem Mißbrauch der Sache nicht überwinden, und kämpfte mit ſich ſelbſt, um keine Abneigung gegen Herrn Edwards zu empfinden, der ſie 6 gewiß ohne einen Gedanken daran ausübte, daß etwas 4 Unrechtes daran ſei. Als die Herren aus dem Speiſeſaal herauskamen, wurde Herr Edwards von den Damen umringt, welche begierig auf einige ſeiner Erzählungen horchten und zu wiſſen wünſchten, welche von ihnen er als die Empfäng⸗ lichſte für magnetiſchen Einfluß halte. Er ſagte, er glaube, Gertrude ſei diejenige, die er am leichteſten magnetiſiren könne, und fragte ſie, ob ſie ihn den Ver⸗ ſuch machen laſſen wolle. Fanny und Henriette Aplen drangen in ſie, darauf einzugehen; beide ſagten, es ſei ſehr merkwürdig und angenehm, ſie hätten das Experi⸗ ment in der Woche vorher an ſich machen laſſen und ſeien bereit, es wieder zu thun, und Lady Clara rief aus:„Ich bin überzeugt, es wird Ihnen mißlingen. Gertrude wird jenen ihren feſten Willen, um den ich ſie oft beneide, Ihrem magnetiſchen Einfluß entgegenſetzen und aller Ihrer Bemühungen ſpotten.“„Bitte, ſetzen Sie ſich nieder in jenen Armſtuhl, Fräulein Lifford,“ ſagte Herr Edwards,„und laſſen Sie es mich verſuchen.“ Halb widerſtrebend und halb überredet, war ſie — — — —— eben im Begriff nachzugeben, als Adrian eintrat. Er ging ſogleich auf ſie zu und ſagte in befehlendem Tone: 8„Sie müſſen das nicht thun, Fräulein Lifford.“ Sie — ſtand ſogleich auf und ſtellte ſich hinter Lady Clara's Stuhl, welche durch Adrian's ungewöhnliches Ungeſtum uberraſcht war. Herr Edwards ſchien argerlich zu ſein 19 und wandte ſich an Frau Crofton mit der leiſen Frage, ob dieß Fräulein Lifford's Bruder ſei, der den Verſuch ſo diktatoriſch unterbrochen habe? Dieſe Frage machte Gertrude erröthen; und Adrian, der im Allgemeinen ſo ruhig war, war ein wenig aus der Faſſung gebracht, und trat zu einer Gruppe von Herren im nächſten Zim⸗, mer. Da in Folge dieſes plötzlichen kleinen Zwiſchen⸗ falls einige Verlegenheit herrſchte, ſo ſagte Lady Clara: „Kommen Sie, Herr Edwards, verſuchen Sie, ob Sie mich beſſer als letzte Woche in den Schlaf bringen kön⸗ nen. Sie wiſſen, ich halte mich für unempfindlich gegen Ihre Vorkehrungen. Er ſtellte ſich vor ſie hin und be⸗ gann die gewöhnlichen Bewegungen zu machen; nach einigen Minuten ſchloß ſie die Augen und ſtellte ſich, als ſei ſte eingeſchlafen; dann plötzlich fuhr ſie mit fröhlichem Lachen auf und ſchüttelte triumphirend den Kopf.„Ei, ei, Lady⸗Bird,“ rief ſie aus,„Sie wollten die Probe nicht beſtehen und verdienen nun auch nicht die nämlichen Ehren, wie ich. Laſſen Sie uns in das Muſikzimmer gehen.“ Sie kehrte ſich bei dieſen Worten um und ſah Gertrude unbeweglich in der Nähe des Kamins ſtehen — mit ſtarrem Geſicht und mit jenem leeren Ausdruck in den Augen, welcher einen Zuſtand von natürlichem oder künſtlichem Somnambulismus verräth.„Sie haben ſie magnetiſirt!“ rief ſie mit einer widrigen Empfin⸗ dung aus, denn ſie hatte eine Art inſtinctmäßiger Furcht vor Adrian's Mißvergnügen, und fühlte auf einmal, daß Gertrude ihm theurer war, als ſie noch wenige Augenblicke zuvor gedacht hatte.„Machen Sie das, was Sie gethan haben, wieder gut,“ ſagte ſie haſtig, ges greift mich an, ſie in dieſem Zuſtande zu ſehen.“ Herr Edwards verſuchte es, aber, wie es ſchien, verge⸗ bens, und wurde ſelbſt ängſtlich.„Ich richtete den mag⸗ netiſchen Einfluß nicht direet auf ſie,“ rief er haſtig aus, gund ich weiß nicht, wie ich ihren gegenwärtigen Zu⸗ ſtand behandeln ſoll. Vielleicht kann ich machen, daß 20 ſie mir folgt,“ und er ging einige Schritte rückwärtz, Sie beobachteten mit Angſt ſeine und ihre Bewegungen Sie ging mechaniſch vorwärts und folgte ihm mit jenet peinlichen und anſcheinend unwiderſtehlichen Art von Bewegung, wobei der Wille unbetheiligt und die Seele abweſend ſcheint. In dieſem Augenblick wandte ſich Adrian wieder nach der Thüre des Zimmers hin, da er, ſo lange er abweſend war, eine unerklärliche Unruht empfand. Er wurde bleich und ſeine Blicke flammten, als er ſah, was vorging. Lady Clara, welche bereitz ſehr angegriffen war, zitterte wirklich, als er mit eint Stimme voll unausſprechlichen Unwillens zu ihr ſagten „Was habt Ihr mit ihr gemacht?“ „Es geſchah gunz unwillkürlich, ſowohl auf ihren Seite, als auf der unſern.“ „In der That, war es ſo?“ rief er aus mit einer Miſchung von Angſt, Zorn und Unruhe, die er kaum bemeiſtern konnte.„Herr Edwards,“ ſagte er, indem er ſich ſelbſt mit heftiger Anſtrengung Gewalt anthat, um ruhig zu ſprechen,„was werden Sie jetzt thund Was können Sie thun?“. „Ich kann ſie mir nachziehen, wie Sie ſehen— in könnte ſie leiten, wohin ich wollte,“ und als er ſich ge⸗ ſchwinder bewegte, folgte ſie ſchnell. „Gertrude, Gertrude!“ rief Adrian mit ſolcher Hef⸗ tigkeit aus, daß die Geſellſchaft im nächſten Zimmer dadurch aufgeſchreckt wurde. Ob ſie nun dadurch theilweiſe aus der Betäubung erwachte, oder ob ſeine Stimme die Macht hatte, ſelbſt durch jenen Schlummer der Seele zu ihr zu dringen, genug, ſie wandte ſich bei ihrem Klang mit einem un⸗ gewiſſen, aber vom vorigen verſchiedenen Schritte nach ihm hin; er ging ihr entgegen und zog ihren Arm in den ſeinigen; ſie klammerte ſich inſtinctmäßig daran an und legte ihr Geſicht auf ſeine Schultern. Er fühlt eine unausſprechliche Miſchung von Rührung, Unruhe und Zärtlichkeit, ſah, wie ſie unbewußt ihre Gefühl 21 verrieth— und in dieſem Augenblick war ſein Entſchluß gefaßt. Er blickte ſie ſtolz und zärtlich an und gab Lady Clara ein Zeichen, mit ihnen zu gehen. Sie ver⸗ ließen das Zimmer mit einander, und er führte ſie auf ihr Zimmer, indem ſie ſich fortwährend auf ihn ſtützte; dort küßte er ihr, ehe er ſie verließ, in Lady Clara's Gegenwart ehrfurchtsvoll und zärtlich die Hand, und überließ ſie der Sorgfalt Anderer. Sie ſchlief einige Stunden und hatte am Morgen nur eine traumartige Erinnerung von der Scene. Lady Clara ging in der Frühe zu ihr, um zu ſehen, wie ſie ſich befinde, und erklärte ihr, was vorgefallen war. Gertrude fragte, ob ſie ſich geirrt habe, wenn ſie glaube, Adrian habe gegen dor Porhahen, ſie zu magnetiſiren, Widerſpruch ein⸗ gelegt? „Allerdings that er das, Lady⸗Bird, und Sie waren ſo folgſam als möglich,“ antwortete Lady Clara mit einem Lächeln,„und ich war ſo gut, ihn mitten in un⸗ z ſerer Beſtürzung zu verſichern, daß Sie nicht ungehorſam gegen ſeinen Befehl geweſen ſeien. Vielleicht war es aus Dankbarkeit für Ihre Unterwürfigkeit, daß er Ihre Hand ſo ehrfurchtsvoll küßte, als er Sie dieſe Nacht meiner Sorgfalt übergab.“ Gertrude erröthete und ſagte: „Deſſen erinnere ich mich auch noh, aber gerade wie wenn es ein Traum geweſen wäre, und ich glaubte bloß, ich hätte eine ſehr unruhige Nacht gehabt. Liebe Lady Clara, ich hoffe, ich that nichts Auffallendes, als ich in jenem ſeltſamen Zuſtand war?“ „Nein, liebes Kind, ich glaube nicht, daß Sie etwas Auffallendes thaten,“ antwortete ſie mit einer Art von Lächeln, das Gertrude nicht befriedigte, und die Thränen kamen ihr in die Augen. „Thränen, liebe Lady⸗Bird! Was quält Sie, liebe Gertrude?“ *„Sagte ich, oder that ich, oder—“ „Ei nun, Lady⸗Bird, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen. Sie zeigten vielleicht ein wenig, daß Adrian d⸗Arberg Ihnen nicht gleichgültig ſei, aber ich glaube, dieß braucht Sie nicht zu verdrießen, denn er zeigte ebenſo deutlich, wie theuer Sie ihm ſeien.“ Die Verlegenheit, Aufregung und Freude des Augen⸗ blicks überwältigte Gertrude ganz; ſie wandte ſich plotz⸗ lich ab und brach in Thränen aus. Lady Clara ſetzte ſich neben ſie und hielt ihre Hand, während ihr Kopf immer noch abgewandt war. „Es würde mich ſo freuen, zu glauben, daß Ihr einander liebet. Es würde Euch beiden ſo viel Glück bereiten.“ „Es iſt unmöglich!“ rief Gertrude aus.„Wie thö⸗ nihi war es von mir, Sie meine Schwäche ſehen zu aſſen. „Ich liebe Sie nur um ſo mehr, Lady⸗Bird. Ich ſagte Ihnen immer, Adrian d'Arberg ſei einer meiner Helden, und wenn Sie gegen das Intereſſe unempfindlich geblieben wären, das ein ſolcher Mann Ihnen bewieſen hat gſt glaube ich wirklich, ich hätte Sie nicht mehr geliebt.“ Sie küßte ſie zärtlich und kam nach einiger Zeit wieder, um ſie zum Frühſtück hinunter zu holen. Gertrude war ſehr verdrießlich über die neugierigen Blicke, welche auf ſie gerichtet waren oder die ſie auf ſich gerichtet glaubte; aber Herr Latimer erlöste ſie von ihrer Verlegenheit, indem er auf einmal über den Schrecken, den ſie alle über ihre Betäubung empfunden hätten, zu ſcherzen anfing und ſie fragte, ob der Bezau⸗ berer ſie noch nicht um Verzeihung gebeten habe? Auf dieſes hin naͤherte ſich Herr Edwards, ſetzte ſich auf ihre andere Seite und drückte ſein Bedauern über das, was vorgefallen war, aus, worauf ſie allmählig ihre Selbſt⸗ beherrſchung, wenn auch nicht ganz ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit, wieder erlangte. Nach dem Frühſtück ſprach Adrian eine Zeit lang mit ihr, und auch er bat ſie, ihm ſein Dazwiſchentreten am vorigen Abend zu verzeihen. α—— 23 „Es war mehr, als ich ertragen konnte,“ ſagte er, „Sie ſo mit ſcharfen Meſſern ſpielen zu ſehen. Wenn Sie ein Glas Gift in der Hand gehalten hätten, hätte ich mich kaum mehr angetrieben fühlen können, es Ihnen aus der Hand zu reißen.“ „Ich fühle mich zu aufgeregt, um viel davon zu ſprechen,“ ſagte ſie,„aber ich hoffe, Sie werden wiſſen, daß ich nicht aus freiem Willen Ihre Warnung miß⸗ achtete. Unſere Bekanntſchaft,“ fuͤgte ſie mit einem Lä⸗ cheln hinzu,„begann ja mit einer Warnung.“ „Es iſt vielleicht nicht die letzte, die ich Ihnen geben werde, Lady⸗Bird, wenn Sie ſie ſo gut auf⸗ nehmen.“ Sie fühlte, daß in dieſen Worten mehr lag, als das Ohr berührte. Sie hörte auf, ſich darum zu be⸗ kümmern, was Andere gedacht oder geſehen hatten— er war mit ihr nicht unzufrieden, das war genug. An jenem ganzen Tage und am nächſten war ſein Benehmen Pgen ſie zu ergeben, um irgend einen Zweifel in ihrer Seele zu laſſen, daß er ſie liebte; aber es lag zugleich darin eine Jurackhaltung, ein Mißtrauen, das jeden Gedanken verbannte, als habe er aus dem unfreiwilligen Ausdruck ihrer Gefühle, den er und Andere beobachtet hatten, Ermuthigung geſchöpft. Wenige Tage ſpäter wurde der Wagen geſandt, um ſie heim zu holen. Ein Brief von ihrem Vater war an jenem Morgen angekommen, welcher meldete, daß Edgar ein ernſtlicher, wenn auch nicht gefährlicher Un⸗ fall betroffen habe. Sein Pferd hatte geſtrauchelt und war mit ihm geſtürzt, als er einen Ausflug in der Umgebung von Sevilla machte. Obgleich es beſſer mit ihm ging, ſo war es doch wahrſcheinlich, daß ſeine Geneſung nur langſam fortſchreiten werde, und da Lord Lifford wegen unvermeidlicher Geſchäfte nach England zurückkehren mußte, ehe ſein Sohn reiſen konnte, ſo bat er Pater Lifford dringend, ſogleich nach Spanien abzureiſen, wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit Sorge für ihn zu tragen und zugleich den Fortgang der Angelegenheiten zu beaufſich⸗ tigen, die er eingeleitet hatte, und welche die Gegenwart eines Gliedes der Familie erforderten, um ſie fortzufüh⸗ ren. Dieſer Brief hatte Lady Lifford ſehr beunruhigt; ihre Angſt um ihren Sohn überſtieg noch ihren Schmerz über des Paters Abreiſe, aber freilich war auch die Abweſenheit eines ſolchen Freundes bei dem Zuſtander ihrer Geſundheit und unter allen dieſen Umſtänden ſehr zu bedauern, und der Gedanke erſchreckte ſie, daß ihr Gatte und ihre Tochter nun ganz auf ihre eigene Hand zuſammengeworfen werden ſollten, ohne die Vermittlung ſeiner ungeſchliffenen, aber unverfälſchten Güte. Sie fühlte ſich ſehr unglücklich, zweifelte jedoch keinen Augen⸗ blick, daß er gehen müſſe, und ſchickte nach Gertruden, damit ſie komme und von ihm Abſchied nehme. Noch vor kurzer Zeit hätte die Trennung von ihm ihr wenig Kummer verurſacht; aber während des letzten Jahres hatte ſie ſeine Seelengüte ſchätzen gelernt, und ihre Zu⸗ neigung zu ihm war nun eben ſo groß, als ihre Achtung. Wie ihre Mutter, zitterte ſie bei dem Gedanken, ſich allein mit ihrem Vater zu befinden, und war ſich kaum bewußt geworden, wie ſehr ſie für die Zukunft, welche ihrem Geiſte nur in unbeſtimmten Umriſſen vor⸗ ſchwebte, auf Pater Lifford's Leitung und Unterſtützung gerechnet hatte. Er hatte ihr ein kurzes Billet geſchrie⸗ ben, und ſie ſaß, dieſes in der Hand haltend, in ſolche Gedanken vertieft da, als Lady Roslyn, welche allein mit ihr im Beſuchzimmer war, ſie theilnehmend fragte, ob ſie ſchlechte Nachrichten erhalten habe? Sie erwachte aus ihrer Träumerei und antwortete, ihren Bruder habe in Spanien ein Unfall, obgleich nicht von gefährlicher Art, betroffen, und ihr Großonkel Lifford ſei in Folge davon im Begriff, England zu verlaſſen, um zu ihm zu reiſen, und ſie müſſe auf der Sielle nach Hauſe gehen, um ihm Lebewohl zu ſagen. „Aber Sie werden doch wieder kommen?“ 2⁵ „Nein,“ antwortete Gertrude entſchieden,„nein, jetzt nicht, und das wird ein langes Jetzt werden; ich kann meine Mutter während Pater Lifford's Abweſenheit nicht verlaſſen. Wiſſen Sie, wo Lady Clara iſt?“ 1 „Sehen Sie einmal im Morgenzimmer nach ihr. Sie war eben dort.“ Lady Roslyn wußte, daß Lady Clara im Garten ſpazieren ging und einige Roſen pflückte, und daß Adrian in dem Zimmer, von dem ſie ſprach, einen Brief ſchrieb, und es machte ihr Vergnügen, eine Unterredung herbei⸗ zuführen, welche, wie ſie glaubte, eine entſcheidende ſein könnte. Mehr als irgend Jemand ſonſt hatte ſie den Gang jener ächten Liebe beobachtet, und es wäre ihr angenehm geweſen, gerade jetzt für dieſe Liebe einen Stein aus dem Wege zu räumen. Als Adrian ſeinen Kopf von ſeiner Beſchäftigung erhob und Gertrude in das Zimmer blicken ſah, ſtand er auf und ging ihr entgegen. „Kommen Sie einen Augenblick hier herein, ich bitte Sie,“ ſagte er mit einiger Bewegung in der Stimme. Sie that es und gab ihm Pater Lifford's Brief. Er überlas ihn zweimal und ſagte dann: „Es freut mich ſehr, daß Ihr Vater ſo bald zurück⸗ kommt.“ „So, Sie freuen ſich?“ antwortete ſie mit nieder⸗ geſchlagenem Tone. 4 „Und Sie nicht?“ ſagte er mit fragendem Ausdruck. Sie gab zuerſt keine Antwort, ſondern heftete die Augen auf den Boden. Nach einem Augenblick mur⸗ melte ſie leiſe: „Es thut mir ſehr leid, mich von Pater Lifford trennen zu müſſen.“ 3„Scheiden thut weh,“ ſagte er und ſchien den Brief, den er in der Hand hielt, noch einmal zu leſen, wie um Zeit zu gewinnen und ihr Weggehen zu verhindern. „Gertrude!“ begann er zuletzt und ſetzte ſich neben 28G. ſie, während ſie ſichtbar zitterte,„Gertrude, ſobald als Ihr Vater zurückkehrt, werde ich ihn beſuchen und dann mith mein Schickſal in ſeiner Hand und in der Ihrigen iegen.“ Sie wurde ſo bleich wie der Tod. Freude und Furcht erfüllten auf einmal ihr Herz. Es machte ſie ſchaudern, zu hören, daß ihr Schickſal in ihres Vaters Hand liege— aber ſie wagte nicht, dieſes Gefühl aus⸗ zudrücken, und gab keine Antwort. Er wurde unruhig über ihre Bläſſe und ihr Schweigen. „Gertrude,“ rief er aus,„habe ich Unrecht gehabt, habe ich zu viel gehofft?“ Sie erhob die Augen langſam zu den ſeinigen, bns Augen, welche deutlicher ſprachen, als die beredteſte unge. „Wie konnten Sie Unrecht haben?“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme.„O, Adrian d'Arberg, iſt es wahr, lieben Sie mich?“ „Herzlich— innig— zärtlich,“ murmelte er und preßte ihre Hand an ſeine Lippen. „Dann,“ rief ſie aus mit einer Miſchung von Auf⸗ regung und Rührung,„dann hat das Leben kein größeres Glück zu verleihen. Adrian, ich verdiene nicht, Ihr Weib zu ſein. Ich wünſchte jetzt zu ſterben. Iſt es nicht genug für mich, das, was Sie eben ſagten, ge⸗ hört zu haben? Ich bin glücklich geweſen. Adrian— meine Wünſche ſind befriedigt— ich wage nicht, von der Zukunft viel zu hoffen.“ „ ſt dieſe Ahnung, Theuerſte, ein Gebilde überreiz⸗ ter Einbildungskraft, oder ſiehſt Du Hinderniſſe für meine Wünſche voraus?“ „Nein, nein, wie ſollten Hinderniſſe vorhanden ſein? Es dürfen keine vorhanden ſein.“ „Ich glaube, daß, von weltlichem Geſichtspunkte aus betrachtet, es nicht wahrſcheinlich iſt, daß welche entſtehen, daß in Bezug auf das, was weder Dir noch mir in den Sinn käme, um was wir uns niemals 27 kümmern würden, ich im Stande ſein werde, Deinen Vater zufrieden zu ſtellen. Gertrude, theuerſte Gertrude, Du ſiehſt nicht glücklich aus. Sage mir, was Du fuͤhlſt und was Du fürchteſt.“ „Ich weiß nicht, was ich fühle, ich weiß nicht, was ich fürchte, außer, daß ich fühle, daß ich Dich liebe, und daß ich fürchte, von Dir zu ſcheiden— mehr, als ich thun, oder wenigſtens als ich ſagen ſollte,“ fügte ſie hinzu mit einem Tone voll ſo unausſprechlicher Zärt⸗ lichkeit, gemiſcht mit jener nervöſen Angſt, welche ſie nicht ausdrücken konnte, daß Adrian tief ergriffen wurde. Sie ſah es und rief aus: „Du haſt Thränen in den Augen, Adrian! Betrübt es Dich, daß ich Dich ſo ſehr liebe? Bemitleideſt Du mich in Deinem Herzen? Nun ja, Du darfſt es thun, wenn dieß Glück nur ein ſchöner Traum zu bleiben be⸗ ſtimmt iſt. Wenn Du nicht der wäreſt, der Du biſt, ſo müßte ich mich beſchämt fühlen, ſo leicht gewonnen wor⸗ den zu ſein; aber ich ſchäme mich nicht, ich bin ſtolz darauf, Dich zu lieben, ſtolz darauf, daß Deine Augen mich freundlich anſehen, ſtolz darauf, Dir Etwas zu ſein, Dir, der Du mir Alles biſt. Der Himmel verzeihe mir, wenn ich Dich zu ſehr liebe!“ Adrian ergriff ihre Hände und druͤckte ſie inbrünſtig an ſeine Lippen. Sie zog ſie nicht hinweg, ſondern wandte ihre Augen gegen den Himmel und ſchien einen Augen⸗ blick lang kaum auf ihn zu hören, während er von ſei⸗ ner Liebe zu ihr ſprach in Worten, die deſſen ungeachtet in ihrem Herzen nachhallten, auf die ſie aber ſtillſchwei⸗ gend horchte, wie wenn„die Harfen des Himmels er⸗ klungen wären und himmliſche Weiſen um ſeine Zunge geſpielt hätten.“ Nie hatte er ſie für ſo ſchön gehalten, nie hatte er ein ſo ſtarkes, ſo verzehrendes, ſo ſchmerzliches Intereſſe an einem menſchlichen Weſen empfunden. Vielleicht durchkreuzte in dieſem Augenblick ein Zweifel, ſchwach wie der Schatten einer Wolke in einem See, ſeinen Geiſt — ein Zweifel, ob ſie das Weib ſei, das er ſich einſt als das Ideal ihres Geſchlechts, als das Muſter einer Gattin ausgemalt hatte; und vielleicht erhob ſich nun auf einen Augenblick vor ihm die Erinnerung an Idass ruhiges und heiteres Geſicht. Aber es war nicht Ent⸗ täuſchung oder Kälte oder Bedauern, was er fühlte; im Gegentheil, mit hinlänglicher Liebe zu ihr erfüllt, um die Verantwortlichkeit fuͤr ihr Geſchick auf ſich zu neh⸗ men, im Herzen gerührt von ihrer Zärtlichkeit, entzückt über ihre Schönheit, betrachtete er ſie von dieſer Stunde an als ſein eigen, als ſeinen Schatz, als ein koſtbares, anvertrautes Gut, das mit ängſtlicher Sorgfalt bewacht werden müſſe. 7 Gerade die Ungewöhnlichkeit ihres Charakters machte ſie ihm theuer, und es lag etwas von Achtung ſowohl, als von Zärtlichkeit in der Art, womit er ſie anredete. Er fühlte wie durch Inſtinct, daß in einer ſolchen Natur große Tugenden und tiefe, unbekannte Gefahren verbor⸗ gen ſchlummern; ob er recht und weiſe für ſein eigenes Glück daran gethan hatte, dieſes Feuerherz zu gewinnen und eine ſolche Herrſchaft über dieſen unbezwungenen Geiſt zu erlangen, das fragte er ſich nicht. Sein eigenes Glück war immer der letzte ſeiner Gedanken; eine neue Pflicht war in ſein Leben, und ein neuer Gegenſtand in ſeine Hoffnungen eingetreten. „Ich muß gehen,“ ſagte ſie,„und dieſes thörichte Gefühl von Furcht für die Zukunft überwinden.“ „Das mußt Du in der That,“ ſagte er,„Du mußt vertrauen, meine Gertrude. Du mußt die volle Be⸗ deutung dieſes ſchoönen Wortes kennen lernen.“ „Ich vertraue Dir,“ ſagte ſte.„Wenn Du mich täuſchteſt, dann würde ich auf Nichts mehr vertrauen auf Erden oder in— ſie hielt inne und beendigte ihren Satz nicht. „Darf ich,“ fragte er,„noch einmal einen Sonntag in Schloß Lifford zubringen und Deine Mutter noch ein⸗ 29 mal ſehen? Dann würde ich nach Irland gehen und um die Zeit, wenn Dein Vater ankäme, zurückkeh⸗ ren.“ „Ja, o ja, noch einmal ſo einen Sonntag. Noch einmal ſo ein kleines Leben von acht Stunden. Jetzt muß ich gehen; wie ich ſehe, iſt Lady Clara im Garten.“ Als Lady Clara ſie ſah, war ſie erſtaunt über ihre Bläſſe und Angegriffenheit, welche jedoch durch den Brief, den ſie ihr zeigte, genügend erklärt wurde, und ſie hatte in dieſem Augenblick auch keine Ahnung von einer andern Urſache dieſer Aufregung; aber nach Ger⸗ truden's Abreiſe erzählte ihr Adrian, was zwiſchen ihnen vorgefallen war und daß er ſich um ihre Hand zu be⸗ werben gedenke, wenn Lord Lifford nach England zurück⸗ gekehrt ſein werde. Sie nahm großen Antheil an der Sache, und er mußte ihr verſprechen, ihr nach Paris wo ſie den Winter zubringen wollte, zu ſchreiben, und ſie mit dem Erfolge bekannt zu machen.„Nicht, als ob ich irgend einen Zweifel daran hegte,“ ſagte ſie;„ein Name und ein Vermögen, wie Sie beides beſitzen, wird wohl ſchwerlich ſelbſt von dem wähleriſchſten Vater der Welt ausgeſchlagen werden. Aber ich bin neugierig, wie Sie empfangen werden, wenn Sie dem Löwen in ſeiner Höhle, dem Lifford in ſeiner Burg in's Auge ſehen. Ich bin ganz eiferſüchtig darauf, daß Sie Lady⸗ Bird's Mutter geſehen haben, obgleich ich jetzt kein Recht mehr habe, es zu ſein. Iſt ſie ihr ähnlich?“. „Stellen Sie ſich Lady⸗Bird vor— wie ich von ganzem Herzen hoffe, daß Sie ſie nie ſehen werden— alle Farbe auf den Wangen verblichen, das Feuer in den Augen erloſchen, nicht aber die Lieblichkeit und Schönheit, als wäre ſie nur noch ihr eigener Schatten; wie eine Roſe, nicht nach einem Regenſchauer, ſondern nach einem Sturme, ihre Blüthe und ihr Leben faſt iſohen— Alles, nur ihr ſüßer Duft nicht: ſo ſchien e mir.“ 30 „Wie gerne möchte ich ſie ſehen! Ich ſprach mit Lady⸗Bird von ihr, aber ſie machte mir keinen Muth⸗ dazu.“ 1„Liebe Lady Clara, es gibt viele welkende Blumen in der Welt, die Sie durch Ihre Gegenwart wieder be⸗ leben können, aber dieſe hängt nur loſe an ihrem Stengel und ſelbſt ein Athemzug könnte ihr Verderben bringen.“ „Aber ich wuͤrde ſo leiſe athmen.“ 3 „Machen Sie keine Verſuche, beſonders, da Sie viiht wiſſen, wie wund das Gedächtniß noch ſein ann.“— „Ich glaube, ich könnte etwas Gutes ſtiften.“ Er lächelte und ſagte:„Das iſt's, worüber wit ſchon lange ſtreiten, es liegt Ihnen mehr daran, Gutes zu thun, als Schaden zu vermeiden.“ „Ja, ich bleibe bei meiner Meinung.— Nebenbei bemerkt, habe ich Lady⸗Bird verderbt, wie Sie voraus⸗ ſagten? Iſt ſie nicht reizender als je?“ „Vollkommen reizend genug, das weiß der Himmel! Was iſt es doch an dem Mädchen, das uns ſo ſehr be⸗ zaubert? Ich fühle es zu ſehr, um es ausdrücken zu können.“ „O, ſie iſt Lady⸗Bird, das iſt Alles, was ich weiß — ſie iſt das erhabenſte aller ungezähmten Geſchöpfe, das am ſanfteſten wilde, am weiblichſten kecke, am un⸗ ſchuldigſten boshafte aller Weſen. Welch' einen Vogel haben Sie gefangen, Herr d'Arberg! welche ein Stuͤck Beute unter einem Baum im Parke gefunden!“ In dieſem Augenblick kamen Frau Crofton und Herr Latimer herbei, und der Letztere rief in ſeinem ge⸗ wöhnlichen ſcheltenden Tone aus:„Warum haben Sie Lady⸗Bird gehen laſſen? Ich kann ſie nicht entbehren. Wie konnte es Ihnen einfallen, ſie gehen zu laſſen?“ „Es iſt wie mit der Geſchichte von dem Haus, das Hans baute,“ antwortete Lady Clara,„ſie muß zu ihrer Mutter gehen, deren Onkel nach Spanien geht, deſſen 31 Wuofeſe den Fuß gebrochen hat, deſſen Vater heim ommt—“ „Was, was iſt das? Wer hat den Fuß ge⸗ brochen?“ „Lady⸗Bird's Bruder, der Erbe aller Lifford's.“ „Der verdammte Junge! muß er immer den Fuß brechen!“ Lady Clara und Adrian lachten, aber Herr Latimer war wirklich erbost und ging hinweg, indem er vor ſich hinmurmelte:„Es iſt wahr— ſie geht alle Augen⸗ blicke fort; es bleibt nie eine angenehme Perſon mehr als zwei Tage hinter einander da. Dieſe Fräuleins Apley werden gewiß die Letzten von uns allen ſein, die fortgehen.“ Frau Crofton lächelte, während ſie ihm mit ihrer Lorgnette nachſah und rief: „Was iſt der köſtlichſte Gewinn? Ein immer gleicher, froher Sinn, Der dir ſo hell das Morgen macht, Als dir das Heute hat gelacht.“ 34 Kopf zurück, ſetzte ſich auf den Rand des Ruhebettes und ſagte:„O, weinen Sie doch nicht, Mutter, ſondern lächeln Sie und wünſchen Sie mir Glück.“ „Es freut mich, daß er Dich liebt— ich freue mich darüber, wie es nun auch gehen mag, und hoffe, ja, ich hoffe inbrünſtig, daß Dein Vater ihm Deine Hand gewähren wird.“ Gertruden's Geſicht zeigte einen entſchloſſenen und ungewöhnlichen Ausdruck, während ſie ſagte:„In die⸗ ſer Hinſicht iſt mein Entſchluß gefaßt. Ich bin beinahe volljährig und meines Vaters Wille ſoll nicht zwiſchen mir und der Tugend, dem Glücke und dem Seelenfrie⸗ den ſtehen. Adrian beſitzt alle weltlichen Vorzüge, die für meinen Vater von Wichtigkeit ſind, und die ich nut deßhalb anſchlage, weil ſie ſein ſind, weil ſie einem Manne angehören, der Alles veredelt, was nur von Ferne in Berührung mit ihm ſteht. Sollte mein Vater ohne den Schatten eines Grundes oder einer Entſchul⸗ digung ſeine Einwilligung verweigern, ſo wird mich Nichts auf der Welt je überzeugen, daß das Gewiſſen den moraliſchen Selbſtmord verlangt, der mir auf dieſe Weiſe auferlegt würde. Ich würde mich eben ſo gerne auf ſein Geheiß in das Waſſer ſtürzen, als ihn auf⸗ geben, an welchen meine Seele mit Banden gefeſſelt iſt, die nie, nie zerbrochen werden können. Aber es iſt un⸗ möglich, daß er ſeine Einwilligung verſagen kann, er müßte mich dann mit einem unnatürlichen Haſſe haſſen und das will und kann ich nicht glauben, bis ich es ſehe.“ „Sei ruhig, Gertrude. Sei ruhig, ich bitte Dich!!“ „Ich bin vollkommen ruhig, liebe Mutter, weil mein Entſchluß feſt ſteht. Ich bin meines Vaters Toch⸗ ter in einer Hinſicht und habe einen Willen, der bre⸗ chen kann, der ſich aber nicht beugen wird.“ „Aber er kann ihn brechen,“ murmelte Lady Lifford mit einem Tone voll Angſt.„Er kann ſowohl den Willen als das Herz brechen.“ 1 „Nein, Beides ſteht nicht in ſeiner Macht. Es 3⁵ gibt, Gott ſei Dank, keine lettres-de-cachet in unſerem Zeitalter und Lande mehr! Mutter, ſehen Sie doch nicht ſo erſchrocken aus. Ich bin ruhig und glücklich. Die Zukunft liegt hell, offen und klar vor mir, wie der Himmel in dieſem Augenblick. Sehen Sie, die Wolken ſind weggezogen und vor unſern Blicken liegt nur die reine, ſanfte blaue Wölbung, während die erſten Sterne hie und da in voller Schönheit funkeln,— „Die bleichen Sterne geben Acht, Zu ſchau'n der ird'ſchen Liebe Macht,“ wie es in einem meiner Lieblingsdichter heißt. „Haſt Du mit Pater Lifford davon geſprochen, Gertrude?“ „Ja, Mutter; wir ſprachen lange davon. Er wollte keine Verantwortlichkeit auf ſich laden, und ſeine Zu⸗ ſtimmung nicht ausſprechen, bis er wiſſe, ob der Vater ſeine Einwilligung gebe, aber ich konnte ſehen, daß er wünſchte, es möchte dieß geſchehen— ich bin feſt über⸗ zeugt, er wünſcht es. Wie könnte es anders ſein? Er iſt gut und liebt Alles, was gut iſt. Er iſt menſchen⸗ freundlich und hat mich leiden ſehen. Er kennt mich beſſer, als ſonſt Jemand in der Welt, und er muß fühlen, daß bei dieſem Wendepunkt meines Lebens für mich Alles auf dem Spiele ſteht, Glück und Tugend auf der einen Seite und auf der anderen die offenbare Ver⸗ zweiflung.“ „Gertrude, Gertrude, ſtellte er keine ernſten Betrach⸗ tungen mit Dir an?“ „Ja, und ich ging auch darauf ein. Er ſagte, es ſei meine Pflicht, meinem Vater zu gehorchen, was auch ſein Wille in dieſer Hinſicht ſein moͤge; und dann fragte ich ihn feierlich, nicht als meinen Großonkel— nicht als Herrn Lifford— ſondern als einen Prieſter und im Sinne der Beichte, ob es eine Sünde ſei in einem Falle wie dieſer, wo ſelbſt die weltliche Klugheit nicht ein Wort gegen den, welchen ich liebe, rinwenden könne, 32 Zweites Kapitel. „Was uns erfreut' als Liebe, Liebe war's, Ja, wirklich Liebe, nicht ein kind'ſcher Traum, Am hellen Tag geträumt; ein Leben war'’s In unſres Herzens tiefſter Tief' erlebt; Wir ſprachen nicht, doch ſtill empfanden wir's In langer, langer Blicke Seligkeit, Im Glück, das unſer ganzes Sein ergriff, Als wollten zu dem ſuͤßen Bund die Seelen Durch unſre Feuerblicke ſich vermählen.“ * * „So iſt er hin?— O ſchwermuthsvolle Fragel! Wie oft wirſt Du in einſam ſtillem Schmerz, Wie oft dich drängen an'’s gequälte Herz! Hier ſtand der Freund! Und jetzt— o bittre Klage! Sie eilt hinaus, und ihre Thränen fließen, Groß, glänzend, ſchnell, ihr ſelber unbewußt; Der Schmerz des Lebewohls füllt ihre Bruſt, Doch es zu ſprechen, kann ihr Mund ſich nicht 1 entſchließen. Entſetzlich tönt das Wort und grauſig hohl, Verzweiflung wohnt im letzten„Lebewohl!“ Byron. Gertrude kam zeitig genug an, um Abſchied von Pater Lifford nehmen zu koͤnnen, und hatte eine lange Unterredung mit ihm, ehe er abreiste. Am Abend nahm ſie ihre Arbeit und ſetzte ſich neben das Sopha, wo ihre Mutter ſchlummerte; es hatte dieſe ſehr ange⸗ griffen, von ihrem beſten und einzigen Freunde zu ſchei⸗ den, und während ſie ſchlief, konnte Gertrude an ihren geſchwollenen Augenlidern ſehen, daß ſie geweint hatte: Sie wartete begierig auf ihr Erwachen, denn ſie hatte ihr das zu erzählen, was ſie vielleicht noch einmal zum Weinen bringen konnte, aber in Folge einer ganz ande⸗ ren Empfindung. Ihr Herz hüpfte vor Gluͤckſeligkeit; die Art von nervöſer Angſt, welche im Augenblick der Erfüllung ihrer Hoffnungen ihre Freude getrübt hatte, war verſchwunden. Ihr Vertrauen auf die Zukunſt war nun ebenſo groß, als ihr Mißtrauen geweſen war⸗ 8 33 Sie dachte ſich als Adrian's Weib. Sie ſchrieb auf ein Papier in ihrem Arbeitskäſtchen die Unterſchrift, die einſt die ihrige ſein würde:„Gertrude d'Arberg,“ und zerriß dann ſchnell das Papier, wie wenn ſie etwas Unrechtes gethan hätte. Anſtatt an der Lilie fortzu⸗ machen, die ſie ſtickte, nähte ſie Adrian's Namen in den Stramin, und zog dann die Fäden wieder heraus Sie malte ſich in Gedanken ſein Schloß in Bretagne aus, ihre Ankunft im plaisant pays de France, den Antheil, den ſie an allen ſeinen Liebes⸗Werken und Geiſtes⸗Thaten nehmen würde. Es gab keine Höhen der Tugend, keine Erweiterung der Wiſſenſchaft, die ſie nicht im Geiſte ſchon voraus erſtrebte und errang. Ihre Mutter murmelte im Schlaf und erwachte dann plötzlich mit erſchrockenem Blicke.„Gertrude, biſt Du es, mein Kind? Ich habe einen qualvollen Traum gehabt und bin froh, erwacht zu ſein. Es war nur ein Traum, wie freut es mich, Dich hier an meiner Seite zu ſehen. Biſt Du ſchon lange hier?“ „Seit einer Stunde, liebe Mutter, aber ſie verſtrich mir wie eine Minute. Meine Träume im Wachen ſind angenehmer geweſen als die Ihrigen in Ihrem Schlum⸗ mer. Soll ich Ihnen ſagen, Mutter, um was ſie ſich gedreht haben?“ „Ja, ſetze Dich hierher, dicht an meine Seite, mit dem Geſicht mir zugewandt, damit ich Dich anſehen kann, während Du ſprichſt. Von was haſt Du ge⸗ träumt?“ „Von Seligkeit, unermeßlicher Seligkeit— ſo tief, ſo weit als der Geiſt es umfaſſen und das Herz es in ſich tragen kann. Er liebt mich, madre mia,— er liebt mich! Iſt das nicht der größte Segen, den die Erde gewähren kann?“ Lady Lifford faltete die Hände und drückte ſie an die Augen. Gertrude ſah, wie der Mund ihrer Mutter zitterte, und warf ſich ihr in die Arme. Sie fühlte ihr Herz an ihrem eigenen ſchlagen; und dann warf ſie den Lady⸗Bird. II. 3 36 wo Nichts als willkürliche Laune die Einwilligung verſagen könne,— ob es eine Sünde ſei, nachdem geduldige Bitten und unterwuͤrfige Vorſtellungen verſucht und vergebens verſucht worden wären, zu handeln, wie das Geſetz er⸗ lauben würde und ohne jene Einwilligung zu heirathen? Er ſagte, es würde pflichtvergeſſen ſein; aber dann drang ich nochmals in ihn, mir zu ſagen, ob keine Länge der Zeit, keine Rückſichten auf die Perſönlichkeiten, keine Eigenthümlichkeiten der Lage, je eine ſolche Handlungs⸗ weiſe rechtfertigen köͤnnten? Er ſagte, das wäre zu überlegen, wenn die Zeit gekommen wäre,— ich ſah, er konnte ſich nicht dagegen ausſprechen,— ich ſah, daß ſich ein Zweifel in ſeiner Seele regte, und das war mir genug. Ich fühle mich ſtark gegen die Zukunft,— ſtark in meinem Vertrauen,— ſtark in meinem Ent⸗ ſchluſſe. Die Wellen des Lebens mögen mich noch hin und her werfen, aber mein Anker iſt ausgeworfen und mein Steuer iſt gerichtet.“ „Gertrude, Liebe, ich will Dich nicht mit meinen ſchwachen Vorſtellungen quälen. In der That weiß ich nicht, was ich ſagen könnte, oder ſollte. Beten will ich für Dich, inbrünſtig, unabläſſig. Du haſt Dich mit einem Schiffe verglichen, liebes Kind. Soll ich Dir ſagen, was ich davon halte? Du ſegelſt zu ſchnell vor dem Wind. Die Segel Deiner Barke ſind zu kühn auf⸗ geſpannt.“ „Mein Anker liegt feſt, ich kann nicht weggetrieben werden.“ „O Gertrude, mein Kind, Ketten ſind ſchon zer⸗ riſſen! Vertraue auf Nichts als auf Gott!“ „Ich vertraue auf Adrian, wie ich auf Gott ver⸗ traue.“ „Das iſt's, was ich fürchte: Du haſt ihn zu Deinem Abgott gemacht.“ „Und eine edle Anbetung iſt es, die ich ihm weihe!“ „Zittere, Gertrude!— zittere über das, was Du 37 ſahſt, oder ich muß für Dich zittern und für den, welchen Du ſo ſehr liebſt.“ „Ja, liebe Mutter,“ rief Gertrude aus, indem ſie auf die Kniee niederfiel und ihre Arme um ihren Hals ſchlang.„Ja, ich zittere für mich, aber ich will mich an Deinem Buſen bergen, an dieſe Bruſt, die ſo viel gelitten, die ſo ſtandhaft geduldet hat, will ich meinen brennenden Kopf legen. Bitte für mich, Mutter, bei dem, den Du geliebt und dem Du gedient haſt, von Deiner Jugend auf. Rufe ſeinen Segen auf Dein trotziges Kind herab. Erflehe für ſte Alles das, was ſie nicht ſelbſt zu erflehen wagt. Ich las einſt von einem ſündigen Weibe, welches, in Angſt vor einem Gewitter, ein unſchuldiges Kind auf ſich hin legte, um ſich vor dem Blitze zu ſchützen.*) So, liebe Mutter, möchte ich Sie und Ihre Leiden und Ihre Ge⸗ duld zwiſchen mich und die Züchtigung ſtellen, die mein ungezügeltes Herz verdient. Nur Eins iſt es, was es fürchtet, Adrian zu verlieren; und dieſer Ver⸗ ne wäre in der That gröͤßer, als daß es ihn tragen önnte.“ Der folgende Sonntag war der glücklichſte Tag, den Gertrude bis jetzt erlebt hatte. Adrian's Gegen⸗ wart verlieh ihr ein Gefühl der Unbeſorgtheit in ihrem gegenwärtigen Glück und ruhiger Erwartung der Zu⸗ kunft, die ſie noch nicht kannte. Er hatte eine lange Unterredung mit ihrer Mutter, in welcher er ihr ſeine Gefühle, ſeine Hoffnungen und ſeine Entwürfe darlegte, So viel als möglich war, theilte er ihr die Vermögens⸗ und Familien⸗Verhältniſſe mit, die er ihrem Gatten vorzulegen hatte. Sie reichte ihm die Hand und ſagte ihm in wenigen Worten voll inniger Rührung, daß Gertrude ſeiner Liebe und Sorgfalt anzuvertrauen, ſie als ſein Weib zu ſehen, der höchſte ihrer Wünſche, und für die Zeit, die ſie noch zu leben habe, ſowie im Augen⸗ *) Madame de Montespan. — — blick bes Todes, die reichſte Quelle der Freude für ſie ſein würde. „Ja,“ ſagte ſie und hielt ihn fortwährend bei der Hand,„Sie müſſen an meine Worte denken, wenn ich ſterben ſollte, ohne Sie noch einmal zu ſehen. Sie müſſen bedenken, daß eine Mutter auf Sie vertraut hat, vielleicht mehr, als ſie ſollte, aber nicht mehr, als Sie verdienen. Ich habe Sie heute hierher kommen laſſen, Gott allein weiß, ob ich recht daran gethan habe: aber ich kenne Sie, und wenn ich unklug gehan⸗ delt habe, ſo werden Sie es mich nicht bereuen laſſen. Nie, zu keiner Zeit, unter keinen Umſtänden werden Sie das Lügen ſtrafen, was ich jetzt in Ihren Augen leſe, was der Druck Ihrer Hand beſtätigt; das Gluͤck, aber vor Allem die Tugend, die Ehre meines Kindes, wird unter Ihrer Hut ſicher ſein. Sie werden ſie niemals in Verſuchung führen, ihren Gott zu beleidigen, oder von ihrer Pflicht abzuweichen. Sie liebt Sit vielleicht zu ſehr fur ihren Seelenfrieden; aber es kann keine Gefahr dabei ſein, Sie zu lieben, eine ſolche Neigung wird ſie nicht auf Abwege leiten. Sie ver⸗ ſtehen Alles, was ich ſagen möchte, aber nicht ſagen kann. Meine Zunge ſtammelt, aber Ihre Thränen antworten.“ „Ich trug ſie einſt in meinen Armen,“ erwiedertt er,„bleich und leblos, wie der Tod, und ſah ſie mit Ehrfurcht und Bewunderung an. An jenem Tage fing ich an, ſie zu lieben und liebte ſie ſeitdem immer mehr und mehr. Sie zu ſchützen und auf den Händen zu tragen durch das Leben und bis zum Tod, iſt meine Hoffnung und mein Gebet. Wenn ihr Vater ſich wei⸗ ert, ſie mir zu geben, ſo will ich warten und von Ferue für ſie wachen und beten; und wenn ich ſie ft zu Etwas, was einer Sünde auch nur ähnlich iſt, ver⸗ leite, ſo möge der Segen, den Sie mir jetzt geben, ſich in den Fluch verwandeln, den ich verdienen werde.. Sie druͤckte ihm die Hand, zog einen kleinen Ring 3 4 39 vom Finger, der das Bild eines Kreuzes trug, ſteckte ihn an den ſeinigen und ſegnete ihn nochmals inbrünſtg. „Sie werden ſich meiner bei Lord Lifford annehmen, wenn ich wiederkomme?“ Die Thränen traten ihr, in die Augen.„Ich will zu Gott beten,“ antwortete ſie,„er wird mich hören.“ Adrian ſeufzte tief. Lord Lifford's Charakter ſtieg jeden Augenblick klarer vor ſeiner Seele empor. In der Willenloſigkeit ſeines Weibes, im Ungeſtüm ſeiner Tochter, im Stillſchweigen ſeines Onkels, offenbarte er ſich ihm. Niemand hatte geſagt, er ſei hartherzig, aber Alle bebten vor ſeinem Namen zurück. Adrian und Gertrude ſaßen an jenem October⸗ Nachmittag mit einander in dem feierlich ſtillen Gar⸗ ten, am Ufer des tiefen, geräuſchloſen Fluſſes, gegenüber der Kapelle, wo ſie mit einander gekniet hatten, und dem Zimmer, wo ihre Mutter ihn geſeguet hatte. Die Stille der Natur in ihrer herbſtlichen Schönheit, die welken Blätter, welche in ihrer Nähe herabfielen oder an den Zweigen zitterten, hätten eher für eine Scene des Kummers, als zu einer voll ſo überſchwängli⸗ chen Glückes gepaßt. Sie war ein ungewohnter Gaſt in dem alten ſtillen Garten, dieſe Freude, welche ihre Herzen erfüllte und in ihren Augen ſtrahlte. Die Steinbank, worauf ſie ſaßen, die ſchnurgerade Allee, durch welche ſie gingen, die lebloſen Bildſäulen, neben denen ſie ſtanden, ſchienen ſich über den Anblick zu wundern. Ein blaſſer, kränklich ausſehender Roſen⸗ baum ſtand neben der Bank, wo ſie ausruhten; er pflückte einige von den Blumen und ſagte: „Das iſt dieſelbe Gattung, die in prachtvollen Maſſen in dem Hof unſeres normänniſchen Schloſſes wächst.“ „Ja,“ ſagte ſie,„Blumen und Menſchen verändern ſich, wenn ſie verpflanzi werden.“ „Du würdeſt jenen alten Platz lieben, glaube ich, obgleich er ſehr verſchieden iſt von Audley⸗Park—“ 40 „Und von Schloß Lifford?“ „Und von Schloß Lifford auch. Denke Dir vier graue, mit Epheu bewachſene Thürmchen, ein mit Mauerkraut und blauem Ritterſporn bedecktes Portal, einen gepflaſterten Hof mit einem Brunnen und einer Bank, die das Moos überwuchert hat, die Roſenbäume, von denen ich ſprach, welche bis zu den Fenſtern hin⸗ auf wachſen, und eine ſteinerne Staffel am Hauſe auf der einen Seite. Aber Du mußt nicht voreilig darüber urtheilen.“ „Urtheile ich je ſo, Adrian? Ein raſches Urtheil fällte ich bei der Grotte in Woodlands, aber ich hatte keine Urſache, es zu bereuen.“ „Nun, ſei nur ſo nachſichtig gegen das alte Schloß, als gegen ſeinen Eigenthümer, und ich werde zufrieden ſein; lebe darin, und allmälig, glaube ich, wirſt Du es lieben. Sein maleriſches Aeußere, ſeine wilden Blumen in jeder Ritze, ſeine prachtvolle Ausſicht über Meere von Kornfeldern und Wälder von Obſtbäumen, ſeine ſonnige kleine Terraſſe, wo Eidechſen an der nie⸗ drigen grauen Mauer aus⸗ und einſchlüpfen, und die nor⸗ männiſche Kirche halbwegs zwiſchen ihr und dem Dorfe,— mein Bruder und ſeine Frau und der alte Pfarrer, der mich immer bei jedem Beſuche zu ermahnen pflegte, zu heirathen, wie glücklich werden ſie ſein, wenn ich meine engliſche Braut zu ihnen heimbringe, die Kinder auch; ich ſandte ihnen eine Botſchaft in meinem letzten Briefe an Heinrich. Ich erinnerte ſie an eine Jagd auf ihre Lieblinge, die Marienkäferchen, die wir voriges Jahr anſtellten, und ſagte, wenn ſie folgſam ſeien, werde ich ihnen einen engliſchen oiseau du bon Dieu bringen, noch ſchöner als das kleine lebendige Spielzeug, das ihnen damals ſo viel Freude machte. Gertrude, meine Gertrude, habe ich Unrecht, mit ſolcher Zuverſicht von der Zukunft zu ſprechen— ſolche Bilder des Glücks mir vorzumalen, ehe dieſes Glück wirklich mein iſt? Wen ligte es w ich e ſücht daß mal einen ich f oisea ernſt, es iſ willig iſt ni aus werde daß * ſeine wenig rather den e wegzu der H entgeg 41 benn Dein Vater in unſere Verbindung nicht einwil⸗ gte, welche Vorwürfe würde ich mir machen, daß ich wagte, ſo von meiner Liebe zu Dir zu ſprechen, wie hes gethan habe, und daß es mir zu einer ſo ſelbſt⸗ chtigen Freude gereicht, von Deinen Lippen zu hören, ß. Du mich liebſt. Gertrude, ich mache mir manch⸗ al heftige Vorwürfe—“ „Mich glücklich gemacht zu haben,“ ſagte ſie mit nem Lächeln, das ihr eigenthümlich war.„Adrian, fürchte, Du biſt allzu gut.“ „Wenn Du ſonſt Nichts fürchteſt als das, petit seau du bon Dieu—“ „Das iſt's, was ich ſehr fürchte,“ antwortete ſie, aſt,„aber es iſt nicht meine einzige Furcht. Ich glaube, iſt ſehr wahrſcheinlich, daß mein Vater ſeine Ein⸗ lligung verſagen wird.“ „Gertrude, Du ſprichſt mit auffallender Ruhe. Es nicht Dein Ernſt, daß Du dieß erwarteſt, nicht wahr? s welchem Grunde glaubſt Du, daß er dagegen ſein rde?— haſt Du irgend welchen Grund zu vermuthen, ß er andere Abſichten mit Dir hat?“ „Nein, nicht den geringſten; aber es iſt immer ne Gewohnheit geweſen, ſich bei jedem Anlaß meinen ünſchen entgegenzuſtellen und warum ſollte er es dieſer Gelegenheit anders machen? O Adrian, Du inſt meinen Vater nicht.“ Eine Wolke zog über d'Arberg's Geſicht und er fzte tief. Sie wartete ängſtlich auf die nächſten orte, die er ſprechen würde. „Wenn er Dich wirklich nicht liebt,“ rief er aus, as ich kaum begreifen kann, wird er nicht um ſo aiger dagegen haben, daß Du einen Ausländer hei⸗ heſt? Wenn er keinen Werth auf den Schatz legt, er beſitzt, wird er ſich dann weigern, ihn an mich zzugeben? Aber Du haſt Recht, wir können die Art Hinderniſſe, die er unſeren Wünſchen und Bitten gegenſetzen mag, nicht vorherſehen. Wir koͤnnen nicht 4² 4 auf die Zukunft rechnen,— ich bin allzu zuverſichtlich geweſen. O Gertrude, wie könnte ich es ertragen, Dich jetzt zu verlieren?“ „O, Du würdeſt es ertragen,“ rief ſie aus,„Du, biſt nicht ſchwach gegen die Trübſal. Du wandelſt über die Erde mit einem geweihten Leben, und die Verzweif⸗ lung zeigte nie ihr grauſes Geſicht auf Deinem Pfade.“ Es lag eine Miſchung von Zärtlichkeit und Bitter⸗ keit in ihrem Tone, die er kaum verſtand. Sie wagte es nicht, die Worte auszuſprechen, die auf ihren Lip⸗ pen zitterten, und die Schranke zu durchbrechen, die er als heilig zu betrachten ſchien. Wenn er ihre Gedan⸗ ken errathen hätte, hätte er wohl ihre Gefühle be⸗ ſchwichtigt, nicht durch die Aufforderung, ihres Vaters Willen zu trotzen, ſondern durch Verſicherungen ſeiner unerſchütterlichen Treue gegen ſie, ſo lange ſie nicht von anderen Banden gefeſſelt ſei; aber die Noth⸗ wendigkeit ſolcher Betheuerungen kam ihm nicht in den Sinn, und vielleicht fühlte er auch einige Bedenklich⸗ keiten, die ſeit ſeiner Unterredung mit ihrer Mutter nur um ſo ſtärker geworden waren, ſie noch feſter an ſich zu knüpfen, ehe der Wille ihres Vaters ſich zu erkennen gegeben hatte. Er wußte, daß ſie ihn liebte, aber nicht, wie furchtbar ſtark die Leidenſchaft war, die ihr Herz erfüllte, wenn auch für jetzt eingewiegt durch die Hoffnung und ſeine Gegenwart. Er liebte ſie nicht bloß ſchwach, er betrachtete die Wahrſcheinlichkeit, ſie zu ver⸗ lieren, nicht mit kaltem Blute. Sie war ihm unaus⸗ ſprechlich theuer geworden, und ſie aufgeben zu müſſen, das würde beinahe ſein Herz gebrochen haben, aber er dachte mehr an ſie, als an ſich ſelbſt; ſein eigenes Glück war nur ein untergeordneter Gegenſtand der Betrachtungz; aber eben jene Gleichgültigkeit gegen ſich ſelbſt, eben jene Unkenntniß der gränzenloſen Liebe, die er ihr ein⸗ geflößt hatte, war es, die ihn abhielt, die Worte aus⸗ zuſprechen, die ſie ſo leidenſchaftlich zu hören wünſchte; und ſo tief und feurig auch ſeine Liebe war, ſo war es 43 doch eben dieß in ihm, was die Heftigkeit der Flamme mit ſtarker Hand niederhielt. Sein Herz konnte brechen, aber der Zerbrecher war dann Jemand, den er mehr liebte, als den Gegenſtand einer irdiſchen Leidenſchaft, und aus deſſen Händen er den ſchwerſten Schlag, den das Leben ihm zufügen konnte, angenommen hätte. Es war jedoch nur eine vorübergehende Wolke, die über die Freude dieſes Tages hinzog. Nochmals kehrten ſie auf ihre Entwürfe zurück. Er konnte nicht an Ty⸗ rannei oder Lieblofigkeit glauben— ſie konnte jetzt nicht an ein Daſein ohne ihn glauben, und nochmals ſprachen ſie mit einander von der Zukunft. Die Normandie ſollte ihr Erholungsaufenthalt ſein; jedes Jahr wollten ſie dahin gehen; aber das große Gut in einem der unglück⸗ lichſten Theile Irlands, das er von ſeiner Mutter ge⸗ erbt hatte, ſollte ihr Poſten und ihr Tagewerk, der Gegenſtand ihrer Anſtrengungen und Pfiichten ſein. Mit einander wollten ſie ſich abmühen— mit einander einſt ernten auf Erden oder im Himmel. Dann wollte er ſie nach Paris führen— jener Stadt großer Ver⸗ brechen und großer Tugenden— jenem ſeltſamen Schlacht⸗ felde des Lebens mit ſeinen einander gegenüberſtehenden Heeren, den Verruchteſten aus der Rotte des Satans und Gottes auserwählten Kriegern. Sie ſprachen von verſchiedenen Gegenden der Welt, die ſie von da aus beſuchen wollten. Er ſprach auch von Italien, aber mit weniger Begeiſterung als Moriz. Rom liebte er innig, aber die wollüſtigen Reize der Küſten des mittel⸗ ländiſchen Meeres, die entnervende Wirkung jenes herr⸗ lichen Climas, der wandelbare Geiſt ſeiner Bevöͤlkerung waren für ihn nicht ſo feſſelnd als ſie für die einiger⸗ maßen verwandte Gemüthsart des jungen Künſtlers geweſen waren. Sie durchwandelten miteinander jede Allee des Gar⸗ tens und den Park bis ſpät am Nachmittag. Adrian liebte das alte Schloß. Er war erſt zweimal da gewe⸗ ſen und hatte ſich ſehr glücklich in ſeinen ruhigen, feier⸗ 44 lichen Zimmern, ſeinen ſtattlichen ſteifen Gärten ge⸗ fühlt. Er hatte hier die Blume gepflückt, die ſeine Seele entzückt, er hatte hier das weibliche Weſen ge⸗ funden, das ſein Herz gefeſſelt hatte. Es hatte auch einen Zauber in ſeinen Augen wegen der geſchichtlichen Erinnerungen, die ſich daran knuͤpften, und Gertrude hatte ihm nie geſagt, wie ſehr ſie es haßte; wirklich empfand ſie auch jetzt keinen Haß mehr dagegen; viel⸗ leicht hätte ſie es mit der Zeit noch lieben koͤnnen. Die Stunden verfloſſen und Adrian mußte gehen. Sie ſtan⸗ den miteinander an den ſteineren Stufen der Eingangs⸗ thüre.„In ungefähr ſechs Wochen werde ich von Ir⸗ land zurückkehren und dann wird Dein Vater zu Hauſe ſein. Dann, theuerſte Lady⸗Bird, werde ich wieder hier ſein. Ich werde Dich ſehen; denn, was auch ſeine Entſcheidung ſein mag, er kann mir die Erlaubniß nicht verweigern, Dich noch einmal zu ſehen. Es mag eint ſchmerzliche Stunde für uns beide ſein, aber wir müſ⸗ ſen uns wiederſehen; und darum iſt dieß kein Abſchied. Ich gehe mit einem Herzen voll Hoffnung auf die Zu⸗ kunft, voll Vertrauen auf Dich. Ich hätte heute an Deinen Vater geſchrieben und ſeine Antwort in der Ferne erwartet, wenn ich nicht glaubte, daß meine Worte meine Sache beſſer verfechten werden, als ein Brief. Die hauptſächlichſte Einwendung, die er gegen unſere Verbindung machen könnte, wäre wohl das Land meiner Geburt; und wenn er mich Eure Sprache ſpre⸗ chen hörte, würde wohl dieſes Vorurtheil verſchwinden; und ſollte er auch dann ſeine Einwilligung verweigern, ſo kann er mir wohl verbieten, wieder hieher zu kom⸗ men, aber er kann mir die Unterredung vor dem Schei⸗ den, die für meinen und Deinen Seelenfrieden noth⸗ wendig wäre, nicht abſchlagen.“ „Du haſt Recht, Du haſt ganz Recht,“ rief ſie eifrig aus;„bedenke, Adrian, dieß dürfen nicht die letzten Worte ſein, die wir mit einander ſprechen. In meinem Herzen iſt Etwas, womit nicht zu ſpaßen iſt.“— 45⁵ Sie legte ihre Hand an die Stirne und drückte ſie mit Macht an ihre Schläfe. Er blickte ſte ängſtlich an, küßte ihr die Hand und ging. Vierzehn Tage lang ſah Gertrude Niemand als ihre Mutter, deren Kräfte von Tag zu Tag abnahmen. Sie fing an, ſehr unruhig wegen ihrer zu werden und pflegte ſie nun mit hingebungsvoller Zärtlichkeit. Der Arzt und Herr Erving, der Pfarrer von Stonehouſe⸗ leigh, welche ſie oft beſuchten, beruhigten ſte nicht. Es ſei keine unmittelbare Gefahr vorhanden, ſagten fie, aber ihr Zuſtand erheiſche Vorſicht und jede Unruhe müſſe ſorgfältig vermieden werden. Marie Grey beſuchte ſie eines Tags um dieſe Zeit. Dieß erinnerte ſie ſchmerz⸗ lich an das, was ſie beinahe vergeſſen hatte— an die Unterredung, oder vielmehr die Scene mit Moriz in dem Gewächshaus in Audley⸗Park. Sie ſah Marie halb ängſtlich, halb neugierig an, um zu ſehen, ob ſie in ihrem Geſicht etwas leſen könne, was Kenntniß von dem, was vorgefallen war, verriethe, konnte ſich jedoch in dieſer Hinſicht keine Befriedigung verſchaffen. Marie ſah bleich und zart, aber nicht unglücklich aus. Ger⸗ trude erkundigte ſich nach Moriz, und ſie antwortete ru⸗ hig, es gehe beſſer mit ſeiner Geſundheit und er habe in London eine Anſtellung in ſeinem Fache erhalten, die ihn beinahe ganz dort feſthalte und ihm ſehr gut zuſage. „Er wünſcht ſehr, meine Mutter und ich möchten uns in London niederlaſſen, und in ſeinem Alter iſt es ſo wichtig für ihn, eine häusliche Unterkunft zu haben, mbahvir im Sinne haben, ſeinem Wunſche zu ent⸗ prechen.“ „Wie, die Hütte und Stonehouſeleigh verlaſſen!“ Marien's Lippen zitterten, aber ſie ſagte mit hei⸗ terem Tone:„Ja, es wird einen Kampf koſten; aber da meine Mutter Willens iſt, ihn um ihres Sohnes willen durchzumachen, ſo iſt es klar, daß ich Recht daran thue, mich nicht zu widerſetzen.“ 46 Sie nannte Moriz gewöhnlich nicht ihrer Mutter Sohn; und Gertrude verſtand, daß ſie dadurch beab⸗ ſichtigte ihr zu verſtehen geben, daß dieſe Aenderung der Einrichtungen Nichts mit einem Heirathsplan zu ſchaffen habe. Die Erinnerung an ihre letzte Unterredung mit ihm machte ſie ſchüchtern gegen Marie: ſie konnte nicht umhin, zu fühlen, daß, ſo gefällig und freundlich ihr Benehmen auch war, ſie ſich doch als eine Perſon be⸗ trachten mußte, die ihr Uebles zugefügt hatte, wie un freiwillig dieß auch geweſen ſein mochte; und ihr Ge⸗ wiſſen ſprach ſie in dieſer Hinſicht nicht ganz frei, wem ſie ſich an die vielen Gelegenheiten erinnerte, wo ſie die Art von romantiſcher Huldigung, welche er ſeit ſer ner Rückkehr von Italien ihr zu erweiſen pflegte, haͤtt zurückweiſen, ſtat ermuthigen ſollen. Dieſes Bewußtſei verlieh ihrem Weſen einen Anſchein, von Zwang un ſie war ernſter nnd ſtiller als gewöhnlich. „Wird Euer Wegzug bald erfolgen?“ fragte ſie. „Die Zeit iſt noch nicht feſtgeſetzt,“ erwiederte Mo⸗ rie,„aber es wird jedenfalls noch einige Wochen ar⸗ ſtehen, bis die Miethzeit der Hütte verfloſſen iſt.“ „Ich bin überzeugt, daß dieß eine ſchwere Prüfumg für mich ſein wird.“ „Eine ſchwere Prüfung, liebe Fräulein Lifford Nein, gewiß nicht; wenn je eine, nur eine ſehr kleim. Mehr würde es mich ſchmerzen, denken zu müſſen, Mo⸗ riz bedürfe unſer, und nicht bei ihm ſein zu konnen, Wenn er ſich verheirathet, werden wir vielleicht nach Stonehouſeleigh zurückkehren.“ Sie hatte die letzten Worte mit feſter Stimme ge ſagt, aber ſie konnte nicht verhindern, daß das Blu ihr ein wenig in die Wangen trat. Sie fürchtete, Ger⸗ trude möchte eine Erklärung verlangen. Aber dieſe küßt ſie nur und ſagte:„Marie, ich wünſchte, ich wäre ſt gut wie Sie. Sobald ich einmal an der Wunſchauell fitze, ſoll dieß mein Wunſch ſein.“ „Das wäre ein beſcheidener Wunſch, in der That⸗ 47 Aber ſagen Sie mir, liebe Fräulein Lifford, iſt es wahr, daß Ihre treue Hanne Sie verläßt? Es betrübte mich ſo, es zu hören, denn eine Freundin dieſer Art, die ſo viele Jahre ſchon bei Ihnen war, und ſo an⸗ hänglich an Sie iſt, muß wirklich ein Verluſt ſein.“ „Es iſt in der That ein ſchwerer Verluſt; aber ſie wird ſich verheirathen und muß ſich mit ihrem Manne in London niederlaſſen. Ihre Eltern werden auch bei ihnen wohnen und ich hoffe, ſie wird ſich wohl dabei befinden, aber ich werde ſie ſchmerzlich vermiſſen. Sie iſt eine der wenigen Perſonen in der Welt, die ſich für mich intereffiren, und ich glaube, Jedermann verläßt mich. Pater Lifford iſt fort und meine Mutter—“ ſie wandte ſich einen Augenblick ab und ſagte dann ſchnell: „Aber ich will keine trübſeligen Dinge ſprechen. Es kann noch viel Glück für uns Alle aufgeſpart ſein. Ich glaube, ich werde ſehr empfindſam, Marie. Ganz gewiß denken Sie, es ſei auch hohe Zeit dazu. Ich denke felbſt ſo.“ +— „Jetzt ſind Sie wieder Lady⸗Bird,“ ſagte Marie mit einem Lächeln,„ich kenne Sie kaum wieder, wenn Sie Ihre alten, finſtern Blicke und Ihr altes Lächeln nicht mehr haben.“ „Ich habe kürzlich viel gelernt und verlernt— zmais chassez le naturel, il revient au galop,“ und der Anblick Ihres lieben, ernſthaften Geſichtchens reizt mich, glaube ich, wieder Unſinn zu ſchwatzen.“ Sie unterhielten ſich einige Zeit auf dieſe Art, und trennten ſich dann als eben ſo gute Freundinnen, wie ſie es je in ihrem Leben geweſen waren. 48 Drittes Kapitel. „Dieß öde Haus iſt voll von allen Schauern, Die Thüre knarrt, die Fliege ſummt um's Ohr; Die Ratte pfeift aus den verfall'nen Mauern, Aus ihren Ritzen hüpft die Maus hervor. Geſpenſterhaft hört ſie es draußen ſtöhnen, Sieht ältliche Geſichter an der Wand, Hört oben altersſchwache Tritte tönen Und alte Stimmen, wie vom Grab geſandt. Sie gibt nicht Antwort, ſeufzt nur: Schrecklich Leben, Er kommt nicht, kommt nicht, o der bittern Noth! Jedwede Hoffnung hab' ich aufgegeben, Müd' bin ich, müd', und wär am liebſten todt!“ Tennyſon. Nach Verfluß von ungefähr drei Wochen kehrte Ger⸗ truden’s Vater zurück. Sie konnte ihn nicht ohne Ge⸗ müthsbewegung wiederſehen; leider, nicht als ob ſie die geringſte Liebe für ihn gefühlt hätte, aber ſie verband ſeine Ankunft mit ſo Vielem, was wichtig für ſie war, daß der erſte Anblick ſeines Geſichts eine Art von Vor⸗ zeichen der Ereigniſſe, die nachfolgen würden, für ſie war, und ihr Herz klopfte, als ſie ging, um ihn auf der Treppe zu empfangen. Er zeigte ſich ihr ſo freund⸗ lich, als er je gegen ſte geweſen war, und das iſt nicht viel geſagt. Es lag weder Vergnügen noch Mißvergni⸗ gen in ſeinem Geſicht.„Wie befindeſt Du Dich, Ger⸗ trude; geht es der Mutter heute ordentlich?“ war ſeine Begrüßung. Und als ſie ſich beim Eſſen ſahen, war die Unterhaltung zwiſchen ihnen ſo höflich und artig als möglich. Er ſah ſie einigemal aufmerkſamer, alt gewöhnlich, an. Es ſchien ihm nicht zu entgehen, daß ſte ſchöͤner als je war; daß ſie ſich, ſeit ſie in Audlez⸗ Park geweſen war, ſorgfältiger kleidete, als ſie zu thun pflegte, und daß ihr Weſen, während es ſeine gewöhn⸗ liche Anmuth beibehielt, mehr aplomb hatte. 4 Er 49 Einen oder zwei Tage nach ſeiner Ankunft machte er ihr zum erſten Mal ein Geſchenk. Es war ein dia⸗ mantenes Halsband in einem Gehäuſe, worauf das Wappen der Familie eingegraben war. Sie dankte ihm, aber weder ſeine Art, es zu geben, noch die Gattung des Geſchenks ſchien ihr beſonderes Vergnügen zu machen. Ihre Mutter war jetzt ſo ſchwach, daß ſie es nicht wagte, oft von dem ihrem Herzen am nächſten ſtehenden Gegen⸗ ſtand mit ihr zu ſprechen, denn ſie bemerkte, daß es immer eine Röthe in ihren Wangen und einen Blick voll zu großer Aufregung bei ihr hervorrief. Lady Lif⸗ ford wurde von dem Zweifel gequält, ob ſie den Gegen⸗ ſtand ihrer heißeſten Wünſche fördern, oder hindern würde, wenn ſie ihn gegen ihren Gatten erwähnte. Ihre natür⸗ liche Schüchternheit zog ſie zum Schweigen hin, aber ihre Angſt um Gertrude machte dieſes Hinhalten zu einem Zuſtande qualvoller Prüfung. Die Zeit der Rück⸗ kehr Adrian's nahte heran. Zweimal hatte ſie ſich über⸗ wunden, von ſeinen Beſuchen in Schloß Lifford zu⸗ſpre⸗ chen und zu ſagen, daß ſie ihn geſehen habe. Das erſte Mal, wo ſie dieß that, machte ihr Gatte keine Bemerkung darüber; bei der zweiten Gelegenheit bemerkte er in höh⸗ niſchem Tone: „Ich glaubte, Sie ſeien nie wohl genug, um Fremde zu empfangen. Es freut mich, daß Sie ſich ſo viel ſtärker fühlen, oder vielleicht war Ihre Neugierde, dieſen franzöſiſchen Schriftſteller zu ſehen, unwiderſtehlich!“ „Er iſt ein Mann von ſehr guter Familie ,“ mur⸗ melte die arme Lady Lifford ſchwach, die furchtſam glän⸗ zenden Augen auf den Ausdruck ſeiner Züge oder viel⸗ mehr auf ſein Geſicht geheftet, denn einen Ausdruck hatte es nicht, außer, wenn er ungewöhnlich aufge⸗ regt war. „Wirklich!“ rief er aus, und zog dabei die Augen⸗ brauen in die Höhe, auf eine. Art, die weder Beiſtim⸗ mung, noch abweichende Meinung ausdrückte. „Ja,“ fuhr ſie fort,„Ihr Onkel ſagt, die d'Arberg's Lady⸗Bird. II. 4 50 ſeien eine ſehr alte deutſche Familie. Sein Vater hat ſich in Frankreich eingebürgert.“.. Er ſtand auf und ging an's Fenſter. Sie fühlte, daß die Gelegenheit, zu ſprechen, verloren war, und doch, wie ſchwierig war es, wieder auf den Gegenſtand zurückzukommen! Dann fürchtete ſie auch, wenn er Adrian's Vorſchlägen abgeneigt wäre, möchte er ſich wei⸗ gern, ihn vor ſich zu laſſen, wenn er käme, und ſie konnte nicht glauben, daß ſelbſt Lord Lifford gänzlich unem⸗ pfindlich gegen den Einfluß ſeines Weſens und ſeiner Worte ſein würde. Einmal ſagte ſte etwas Unbeſtimm⸗ tes ier Gertruden's künftiges Schickſal. Er antwor⸗ tete kurz: „Wenn die Zeit zu einer Entſcheidung herankommt, werde ich Sie von meinen Abſichten in dieſer Sache un⸗ terrichten.“ Gertrude brachte unterdeſſen die Tage an ihrer Mut⸗ ter Bett zu, denn ſie verließ es jetzt ſelten, und während dieſer ſtillen Stunden des Wachens beſchäftigte ſie unauf⸗ hörlich ein einziger Gedanke. Sie blickte abwechslungs⸗ weiſe von dieſer ſterbenden Geſtalt auf das Bild des Herzogs von Gandia. Es war Adrian ſo auffallend ähnlich, daß ſie vergaß, daß es nicht wirklich ſein Bild⸗ niß war. Dieſe zwei Bilder erfüllten ihren Geiſt, ſie waren in ihrem Herzen mit einander verbunden, Furcht und Hoffnung, Vergangenheit und Zukunft vermiſchten ſich in dieſen langen Traͤumereien. Tag folgte auf Tag, Lady Lifford ſprach weniger, aber blickte mit immer in⸗ nigerer Liebe auf ihr Kind. Sechs Wochen waren ver⸗ floſſen, und jedes Mal, wenn Gertrude ihr Zimmer be⸗ trat, lag in ihrem Geſicht ein Ausdruck ſtummer Frage, worauf keine Antwort folgte, als ein erzwungenes, ſchmerz⸗ liches Lächeln, und Nichts änderte ſich um ſie her. 3 Es ging gegen das Ende Novembers; Niemand war in Schloß Lifford geweſen,— nicht ein einziger Brief war an Gertrude oder ihre Mutter angekommen, außer einer oder zwei von Pater Lifford und von Edgar. 51 Sie wurden immer noch durch ſich hinausziehende Ge⸗ ſchäfte in Spanien feſtgehalten, aber Edgar war ganz wieder hergeſtellt. Einmal hatte Gertrude den Schall von Rädern in der Einfahrt gehört. Ihre Mutter war nach einer Nacht und einem Tage voll Leiden und Unruhe ein⸗ geſchlummert, indem ihre Hand in der ihrer Tochter ruhte. Es war gegen die Dämmerung; ſie wagte es nicht, ſie zu ſtören, obgleich jeder Nery an ihr vor Aufregung zitterte, und ſie fürchtete, das Klopfen ihres Herzens möchte ihre Mutter aufwecken, ſo laut ſchien es ihr. Nach etwas weniger als einer Stunde, hörte ſie denſelben Schall, und Lady Lifford bewegte ſich und murmelte Etwas im Schlafe. Gertrude machte ihre Hand los und ging leiſe an's Fenſter. Sie zog den Vorhang hin⸗ weg und blickte hinaus. Es war eine kalte, helle Nacht. Der Mond ſchien zwiſchen den Bäumen hindurch, ſie ſah einen Wagen vorbeifahren. Ein Gefühl der Schwäche übermannte ſie, und doch hätte ſie beinahe über ihre Thorheit lächeln können. So einſam auch das Leben in Schloß Lifford war, war es doch kein ſo ungewöhn⸗ liches Ereigniß, daß ein Wagen an das Thor fuhr. Der Arzt, der Prieſter, der Rechtsanwalt, der Agent fuhren gelegentlich an. Beim Eſſen fragte ſie ihren Vater, ob Dr. Redington dieſen Nachmittag bei ihm geweſen ſei. „Wie ſo?“ fragte er,„iſt er nicht heute bei Deiner Mutter geweſen?“ „Ja, dieſen Morgen, aber weil ich vor zwei Stun⸗ den einen Wagen im Park hörte, glaubte ich, er ſei noch einmal gekommen.“ „Nicht daß ich wüßte,“ war die Antwort. „Hannchen war weggezogen und ſie hatte eine fremde Dienerin, welche erſt ſeit einigen Tagen bei ihr war; es konnte zu nichts dienen, dieſe zu fragen. Spät am Abend, als ſie zu Bette ging, traf ſie auf der Treppe einen alten Kellermeiſter, der ſchon lange in der Fa⸗ milie war. 4* 5² Mit zitternder Stimme fragte ſie, wer dieſen Nach⸗ mittag in einem Wagen an das Haus gefahren ſei. „Ich weiß es nicht, Fräulein,“ war die Antwort. „Ich brachte Lord Lifford eine Karte hinauf und führte den Herrn hinauf, aber den Namen ſah ich nicht.“ Gertrude wurde ſehr bleich und lehnte ſich an das Treppengeländer. „Blieb er lange, Marſton?“ fragte ſie mit ſchwacher Stimme. „Einige Zeit, Fräulein.“ Mit Wangen, die vor Scham und Stolz wie heiße Kohlen glühten, fragte ſie: „War der Herr groß und ſchwarz?“ Der alte Mann ſah ſie erſtaunt an. „Ich bemerkte es nicht genau, aber ich glaube, er war groß.“ Sie ſtürzte fort und ging in die Bibliothek— ihren alten Zufluchtsort. Sie ſtellte ihren Leuchter auf das Kaminſtück und ging mit eiligen Schritten im Zimmer auf und ab. Sie konnte nicht zur Ruhe gehen, ſie konnte ihrer Mutter Zimmer nicht betreten— ſie konnte in dieſem Zuſtande der Angſt nicht athmen. Es lag Etwas wie ein Alp auf ihr. Sie hörte ihres Vaters Stimme auf der Treppe, wie er den Dienern einige Befehle gab, und dann hörte ſie ihn die Thüre ſeines Studirzimmers zumachen. Mit fieberiſchem Muthe nahm ſie die Kerze und ging die Treppe hinab; ſie hielt eine Minute vor der Thüre inne und klopfte dann mit ver⸗ zweiflungsvoller Anſtrengung. Ihr Vater ſtand da, den Rücken gegen das Feuer gekehrt und die Augen auf den Boden geheftet. Er rief;„Herein!“ fuhr aber auf, als er ſeine Tochter vor ſich ſtehen ſah und ſah ſie mit Erſtaunen an. „Verzeihen Sie,“ ſagte ſie,„daß ich Sie ſtöre; und verzeihen Sie noch mehr, daß ich Sie etwas frage, was für meinen Seelenfrieden zu wiſſen nothwendig iſt. Es muß Ihnen ſehr ſonderbar vorkommen, aber an meiner 53 Mutter Krankenbett muß ich ruhig ſein, und darum ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich Sie frage, wer heute bei Ihnen war?“ Sie faltete die Hände und drückte ſie feſt zuſammen — ihre Augen waren auf den Boden geheftet. Sie ſah nicht, daß ihr Vater in dieſem Augenblick roth wurde. Er nahm eine Karte vom Kamin und warf ſie vor ihr auf den Tiſch. Sie ſah einen Namen, der nicht der Adrian's war, und all' ihr Muth verſchwand. Sie wußte nicht genau, was ſie hoffte oder fürchtete. Sie fühlte ſich zugleich erleichtert und getäuſcht, und unfähig, noch ein Wort zu ſprechen, murmelte ſie etwas Unver⸗ ſtändliches und verließ das Zimmer. Der nächſte Tag kam und der folgende, jeder wie der vorige, außer, daß ſowohl der Mutter wie der Tochter Wangen bläſſer wurden, obgleich mit verſchiedener Bläſſe, daß die ſtummen Fragen der Mutter von Niedergeſchla⸗ genheit begleitet und das Lächeln der Tochter— wenn ſie lächelte— peinlich für den Betrachter war. Noch ein Monat verfloß und Adrian war weder gekommen, noch hatte er geſchrieben. Daß er krank war, war mög⸗ lich, daß er todt war, war auch möglich, fühlte Ger⸗ trude mit ſchreckensvoller Qual,— denn wie ſollte die Nachricht in dem lebendigen Grabe, wo ſie ſchmachtete, zu ihr delangen⸗ Sie ſchickte nach Marie und fragte ſte im Laufe der Unterhaltung, ob ſie durch Moriz Etwas von Herrn d'Arberg gehört habe. Sie wußte nichts und damit war die Frage abgeſchnitten. „Moriz,“ ſagte ſie einen Augenblick nachher— „Moriz hätte es Ihnen gewiß geſagt, wenn Herrn d'Ar⸗ berg Etwas zugeſtoßen wäre.“— Marie fuhr auf. 4 t7bn zugeſtoßen? Haben Sie Etwas der Art ge⸗ ört?“ Gertrude erzwang ein Lächeln und ſagte: „Ich träumte kürzlich, er ſei todt. Wegen der Son⸗ 54 derbarkeit der Sache ſchreiben Sie doch und fragen Sie Moriz, ob er Etwas von ihm weiß.“ Marie that es. Die Antwort kam nicht ſchnell; mit ſolchen Antworten eilt man nie, aber mehrere Tage nachher zeigte ſie Gertruden den Brief, den ſie empfan⸗ gen hatte. Er enthielt folgende Worte: „Ich habe ſchon längere Zeit keine Nachricht von Herrn d'Arberg erhalten; aber er iſt ſicher nicht todt, denn ein Brief, den ich vor einer Woche aus Paris er⸗ hielt, ſpricht davon, daß er dort ſei, und in einer ſolchen Gemüthsſtimmung, daß ich kaum zweifle, daß meine alr Prophezeihung wahr und er zuletzt noch Prieſter wird.“ Gertruden's Herz war von dieſer Nachricht auf den Tod getroffen; aber bald brachte die Entrüſtung ihre Lebensgeiſter wieder zurück.„Gott wird die Hingebung eines Verräthers nicht annehmen,“ rief ſie bei ſich aus, „und die Kirche die Gelübde eines herzloſen Betrügers zurückweiſen.“ Aber mit dieſem leidenſchaftlichen Aus⸗ bruch war ihre Furcht geſtillt. Es konnte nicht ſein; ſie hatte ihm durch den Zweifel Unrecht gethan. Sie ohne ein Wort zu verlaſſen!— es war unmöglich!— es war gräßlich! Sie ging heim; und als ihre Mutter ihre Hand nahm und an die Lippen drückte, flüſterte ſie: „Er iſt in Paris; Geſchäfte werden ihn genöthigt haben, von Irland aus dahin zu gehen. Es iſt auf⸗ fallend; aber die Hoffnung iſt ſtark in meinem Herzen. Madre mia, ſagten Sie nicht, nachdem Sie ihn geſehen hatten: Auf ſeine Augen hin würde ich ihm nicht nur mein Leben, ſondern auch das Kind meiner Seele anver⸗ trauen?“ „Ja,“ murmelte die Mutter,„ich habe ihm ver⸗ traut, Gott weiß es! aber vielleicht zu ſehr. Gertrude, ich bin ſehr krank. Ich bin Dir nicht viel geweſen, mein Kind; aber doch, was willſt Du ohne mich be⸗ ginnen?“. 4 4½ 5⁵ „Fürchten Sie nichts für mich, Mutter! Es liegt eine ſeltene Unabhängigkeit in einer tiefen Liebe. Das Paradies auf Erden mit ihm, oder ohne ihn Tod,— der auf einen mehr oder minder langen Todeskampf, genannt Leben, folgt.“ Dieß waren keine aufheiternden Unterredungen für ein Krankenzimmer. Es war, um Gertruden Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, ſelten, daß ſolche heftigen Ausdrücke ihr in ihrer Mutter Gegenwart entſchlüpften. Gewöhnlich hielt ſte ihre Gefühle mit der eiſernen Starr⸗ heit eines feſten Willens nieder, aber die Gemüthsbe⸗ wegungen und dieſer fortdauernde Zwang rieben ſie auf. Wenn die Geſellſchaft in Audley⸗-Park ſie hätte ſehen können, wären ſie alle über die Veränderung erſtaunt; und Marie Grey war an Sonntagen, wo ſie ſie manch⸗ mal vorübergehen ſah, über ihr Ausſehen erſchrocken. Viertes Kapitel. „Die Freiheit ſelbſt läßt freudlos ſie, denn ach, Die Krone iſt hinweg aus ihrem Leben! Ein krankes Täubchen muß ſie, müd' und ſchwach, Fern von der Heimath hin und wieder ſchweben: In rauhen, fremden Himmelsſtrich hinaus Hat man die Unglückſelige verſtoßen, Dort ſeufzet ſie; ihr Tagewerk iſt aus; Verwelkt ſind ihres Herzens junge Roſen.“ Mrs. Hemans. * x* „Es ſteht ein finſtrer Geiſt in Eurer Halle, Fluch Eurer Thür'! Es haftet Blutſchuld d'rauf. Ihr habt ein reines Herz verkehrt in Galle, Gewiſſenlos verfolgt den Sündenlauf.« Tennyſon. Ein Tag kam, an welchem Lady Lifford ſich noch ſchwächer als gewöhnlich fühlte. Sie ſandte nach Herrn 56 Erving, dem Prieſter von Stonehouſeleigh, und er blieb einige Zeit bei ihr. Später wünſchte ſie ihren Gatten zu ſehen. Gertrude ſaß im Ankleidezimmer, als er hineinging. Sie konnte ihre Stimmen hören, obgleich die Thüre geſchloſſen war. Ein Wort erreichte hie und da ihr Ohr. Einmal hörte ſie ihre Mutter ausrufen: „Nein, es iſt nicht möglich,— ſagen Sie, daß Sie das nicht thaten.“ Ein anderes Mal:„Ich ſage Ihnen, Heinrich, daß Sie Unrecht, großes Unrecht gethan haben. Sie wiſſen nicht, was Sie gethan haben.“ Dann folgte ein leiſes Aechzen wie der Schrei phyſtſchen Schmerzes oder heftigen inneren Leidens. Einen Augenblick nach⸗ her wurde die Thüre aufgeriſſen und Lord Lifford mit todtenbleichem Geſicht ſagte:„Gertrude, gehe zu Deiner Mutter— ſie iſt am Sterben.“ Er läutete heftig an der Glocke und eilte die Treppe hinab. Als Gertrude ihrer Mutter Geſicht ſah, fühlte ſie gleich, daß es kein eitler Schrecken war. Er war nicht der Mann, der ſo leicht erſchreckt werden konnte. Lady Lifford rang nach Athem und konnte nur die Hände ihrem Kinde entgegenſtrecken. Sie ſprach nur zwei Worte während der wenigen Minuten, wo das Leben am Rande des Todes zitterte. Das eine Mal ſah ſie zum Himmel auf, während ſie Gertruden's Kopf feſter an ihre Bruſt druͤckte und murmelte das Wort„Vater“; und dann flüſterte ſie ihr in's Ohr:„Verſuche—“ Mehr konnte ſie nicht ſprechen, blickte ihr aber einen Augenblick lang mit einem unausſprechlichen Ausdruck der Zärtlichkeit, Furcht und Bitte in die Augen— und dann ſtarb ſie. Das Herz, welches ſo lange ängſtlich gepocht hatte, hörte auf zu ſchlagen, und der Geiſt kehrte zu dem Gott zurück, der ihn gegeben und in dem feuri⸗ gen Ofen der Trübſal geprüft und geläutert hatte. Als Lord Lifford in Begleitung Anderer wieder in das Zimmer trat, blieb er einen Augenblick an der Thüre ſtehen und ein kalter Schauder überlief ihn. Seine Tochter wandte das Geſicht eine Sekunde gegen 57 ihn hin, deutete auf die Leiche, die ſie immer noch in den Armen hielt, und ſprach mit einem Tone unnatür⸗ licher Ruhe das eine Wort:„Todt.“ Sie fügte Nichts hinzu, aber in dieſem ſchrecklichen Augenblick ſagten ihre Augen:„Du haſt ſie getödtet!“ Mit einem wilden und durchbohrenden Schrei wandte ſie ſich von ihm ab, und als er langſam näher trat, ſtreckte ſie den Arm hinter ſich aus, wie um ihn fern zu halten. Es iſt möglich, daß in einem ſolchen Augenblick ſelbſt ſein Herz hätte gerührt und erweicht werden können; aber ſo zurückgeſtoßen zu werden, und in Gegenwart Anderer, das erregte die bitterſten und rachſüchtigſten Gefühle in ſeiner Bruſt. Er ging hinweg und ſie blieb allein mit ihrem Elend— allein, obgleich Andere mit ihr ſprachen, allein für jetzt und für viele Tage nachher. Wenn ihr Kummer nur einfach in ſeiner Art geweſen wäre, wäre er weniger ſchrecklich geweſen; aber Furcht, Angſt, Un⸗ wille über den Vater, den ſie hätte lieben ſollen, und einen Andern, den ſie mit aller Macht ihrer Seele liebte, vermiſchten ſich mit ihrem Kummer und verbitterten jede Thräne, die in dieſem dunklen Zimmer ſiel. Sie wollte ſich nicht von dem Fuße des Bettes, von der Stelle, welche ihr Vater nie wieder betrat, rühren. Sie wollte nicht auf das Bild ihr gegenüber blicken, welches ſie ſo oft betrachtet hatte; ihre Augen waren auf den Boden geheftet und ſie vergoß ſelten Thränen. Der Prieſter kam und betete an der Seite des Bettes, und für ihrer Mutter Seele betete ſie mit heißer Inbrunſt, aber nicht für ſich ſelbſt. Es ſchien, als ob alle Gefühle in ihr ſo lange aufgehört hätten, bis ſie ihr Schickſal vernehmen konnte, und das ſtarre Ertragen dieſer Ungewißheit wurde als Opfer in dieſem Gemache der Trauer auf den Altar gelegt. Als der Prieſter Worte des Troſtes an ſie richtete, erhob ſie auf einen Augenblick die Augen und ſagte:„Ja, bald vielleicht werde ich dieß fühlen.“ Und er ſah, daß die Saat nicht unter die Oberfläche eindrang, und ſprach öfter mit 58 Gott von dieſem armen Kind und weniger für jetzt von Gott mit ihr. Dann kam der Tag des Leichenbegäng⸗ niſſes mit all ſeiner düſteren Pracht und ſeinem feier⸗ lichen Gepränge. So hatte der Stolz des Lebenden ie gewollt, die herrſchende Leidenſchaft, ſtark ſelbſt im An⸗ geſicht des Todes. Die Gebete und Opfer der Kirche — gleich für die Reichen und Armen— vurden fun jene arme Seele dargebracht, welche in der That arm geweſen war in der Mitte von Reichthümern, aber der Gatte, der ſie nicht geliebt hatte und kaum über ihren Leichname weinte, hatte ihn mit all der Pracht und Ceremonie irdiſchen Stolzes dem Grabe überantwortei Gertruden wurde es weh in der tiefſten Seele, als ſi die Banner und Wappenſchilder neben dem Sarge ſah, der die irdiſche Hülle ihrer Mutter in ſich ſchloß. Wäh⸗ rend der Todtenmeſſe(welcher ſie beide beiwohnten) blickte ſte einmal nach ihrem Vater hin, die Augen von Thränen beinahe geblendet. Die ſeinigen waren trocken, und es konnte Zufall ſein, aber ſie ſchienen ſelbſtge⸗ fällig auf dem Schilde zu ruhen, der ihr und ſein Wappen trug. Sie wandte ſich weg und verbarg iht Geſicht in den Händen. Vielleicht betete ſie, ſie mochte ihn nicht haſſen. Das Leichenbegängniß war vorüber mit all ſeinen ſchmerzlindernden religiöſen Pflichten, mi all ſeinem ſtolzen, weltlichen Gepränge. Während des⸗ ſelben kamen ihr einmal einige Zeilen in den Sinn, die ſie vor Zeiten zu wiederholen pflegte— nicht anwend⸗ bar auf das, was ſie an dem Tage fühlte, aber damit verwandt: „Mit Requiems und ritterlichen Fahnen, Trugt ihr hinweg des todten Königs Leib; Zuruͤck laßt ihr im Schloſſe ſeiner Ahnen Gebrochnen Herzens ein verzweifelnd Weib.“ Am nächſten Tage ging Gertrude zum erſten Mal in das Beſuchzimmer. Sie war in tiefer Trauer. Nicht die geringſte Farbe war in ihren Wangen; der 59 düſtere Ausdruck ihrer Züge war durch keinen der ſanften. * Schatten oder ſcherzhaften Lichter gemildert, welche ſonſt mit ſo unbeſchreiblichem Reiz über ihr Geſicht hinzu⸗ ziehen pflegten. Alles, was jetzt von Licht darin zu ſehen war, kam von dem außerordentlichen Glanze ihrer Augen her. Sie hatte nicht Thränen genug vergoſſen um ihren Strahl zu verdüſtern, und es lag ein Feuer in ihnen das durch den Kummer genährt, nicht gelöſcht worden war. Sie war entſchloſſen, eine Erklärung von ihrem Vater zu verlangen; ſie mußte wiſſen, ob Adrian ſie verlaſſen habe— mit oder ohne Grund. Sie mußte wiſſen, ob ihr irgend welche Hoffnung dieſſeits des Grabes noch übrig blieb. Sie fühlte die tiefſte Ueberzeugung, daß die Scene, welche ſo unheilvoll für ihre Mutter geweſen war, auf ihr Schickſal Bezug hatte. Auf eine oder die andere Weiſe hatte er ſeine kalte Hand darauf gelegt und es durch ſeine Berührung verpeſtet. Als man die Poſt hereinbrachte, empfing er einen Brief, der ihn ſehr in Anſpruch zu nehmen ſchien. Beim Weggehen aus dem Zimmer ſagte er:„Es wäre mir lieb, wenn Du etwa in einer Stunde in mein Studirzimmer kämeſt, ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen! Ein plötzlicher Andrang von Gefühlen überfiel Gertrude in dieſem Augenblick; er hatte viel⸗ leicht von Adrian gehört,— ihr Argwohn, ihre Be⸗ fürchtungen, ihr Elend konnte vielleicht grundlos geweſen ſein. Sie verſuchte ruhig zu bleiben; ſie ſetzte ſich der Uhr gegenüber und folgte dem Minutenzeiger, wie er herumrückte— zu ſchnell, wie ſie im einen Augenblick fühlte, zu langſam, als die Stunde beinahe verfloſſen war. Als die beſtimmte Stunde ſchlug, ging ſie lang⸗ ſam in das Studirzimmer. Lord Lifford ſaß an ſeinem Tiſche. Ein Anflug von Verlegenheit war in ſeiner Haltung nicht zu ver⸗ kennen, und er räuſperte ſich zwei⸗ bis dreimal, ehe er zu ſprechen anfing.„Ich habe dieſen Morgen einen Brief erhalten,“ ſagte er,„der mich etwas in Verlegen⸗ 60 heit gebracht hat, da es für Dich ſowohl, als für mic ſelbſt unangenehm ſein könnte, ſo bald nach Deine armen Mutter Tod eine Unruhe zu haben; allein, dar läßt ſich nun einmal nicht ändern, und da die Ange⸗ legenheit, die ich meine, von höchſter Wichtigkeit fü Dich iſt, ſo muß ich jetzt ſchon von einer Sache ſprechen, deren Erwähnung ich noch einige Zeit zu verſchieben gedachte. Du wirſt von der Familie Miraſole gehött haben, mit der wir viele Familien⸗Angelegenheiten i verhandeln gehabt haben. Ich ſah den Marquis von Miraſole in Spanien und traf mit ihm eine Ueberein kunft hinſichtlich verſchiedener Punkte, die für Deine Bruders Vermögen von großer Wichtigkeit ſind. Unte Anderem wurden wir darüber einig, daß eine Heiratt zwiſchen Dir und ſeinem Sohne ſehr zu wünſchen wäre, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß de junge Mann in jeder Hinſicht ein paſſender Gatte fü Dich ſein würde, ſo gab ich meine Einwilligung zu dem Vorſchlag, und die Verhältniſſe des Ranges und Vermögens, die damit zuſammenhängen, ſind auch wirk⸗ lich ſo befriedigend als man es ſich nur wünſchen kann, Außer den Vortheilen für Dich ſelbſt, hat er auch, wit geſagt, andere ſehr weit gehende Folgen für Deinn Bruder, und ich freue mich, daß das Intereſſe von eut Beiden ſo zuſammentrifft. Aber was mir nicht ganz angenehm iſt, iſt das, daß Herr von Miraſole, den ich hier erwartete, aber nicht ſchon ſo bald, in dieſem Brieft mir ſeine Ankunft in England anzeigt und mir meldet daß er morgen früh hier ſein werde. Da er jedoch von nun an von uns nicht als Frender betrachtet werden kann, ſo wird es nicht auffallen, wenn wir ihn ſelbi in dieſer frühen Periode unſerer Trauer empfangen, und ich hoffe, daß ſeine Aufmerkſamkeiten und die neuen Pflichten, in die Du in Kurzem eintreten wirſt, Dich abhalten werden, einer uͤbermäßigen Niedergeſchlagenheit Raum zu geben.“ 3 3 3 61 Lord Lifford hatte alles dieß geſagt, ohne nur ein einziges Mal ſeine Tochter anzuſehen, was ſeine ge⸗ wöhnliche Art war, beſonders wenn er mit ihr ſprach. Da er nun keine Antwort erhielt, ſo war er genöthigt, die Augen gegen ſie aufzuſchlagen. „Wollen Sie ſo gut ſein,“ ſagte ſie dann, indem ſie die ihrigen feſt auf ihn heftete,„mir eine Frage zu beantworten? Haben Sie keinen andern Vorſchlag dieſer Art als den, von welchem Sie ſprechen, er⸗ halten?“ Er ſchien einen Augenblick zu zögern und antwor⸗ tete dann:„Keinen, der Beachtung verdient hätte.“ „Haben Sie dann vielleicht,“ ſagte ſie mit dem⸗ ſelben kalten Tone,„von Adrian d'Arberg Vorſchläge empfangen?“ 3 „Ja, der Herr den Du nennſt, erwies mir dieſe Ehre,“ antwortete er höhniſch. „Und Sie wieſen ſeine Vorſchläge zurück, ohne meine Mutter oder mich zu befragen?“ „Ja, das that ich, Fräulein Lifford. Darf ich fragen wohin dieſe Fragen zielen?“ „Haben Sie einen Augenblick Geduld. Wie lange iſt es her, daß dieß geſchah?“ „Es mögen nun vier bis fünf Wochen ſein.“ „Herr d'Arberg war alſo damals hier?“ „Ja.“ „Und Sie läugneten es ab!“ rief ſie aus. Lord Lifford wurde blaß vor Zorn und ſagte: „Wenn ich Deinen Fragen darüber auswich, ſo geſchah es in dem Wunſche, Deiner Mutter eine unnöthige Ge⸗ müthsbewegung zu erſparen.“ „Und Sie wieſen ihn alſo ab, ohne ſie oder mich zu befragen? Was ſagten Sie zu ihm?“ Sie ſprach dieſe letzten Worte mit zu Boden geſchlagenen Augen und faſt zuſammengedrückten Lippen aus. „Er erwieſe mir viel Ehre, ich hätte aber andere Plane und Abſichten.“ 5 62 „Wünſchte er mich oder ſie zu ſehen?“ ſagte ſi und ergriff dabei ein kleines Bild ihrer Mutter, welchtn ſie um den Hals trug.. 3 „Dieſe Fragen ſind unnöthig. Ich wünſchte, das Du dieſen Gegenſtand ein für allemal aus Deinen Ge danken verbanneſt.“ „Ihn verbannen!“ wiederholte ſie langſam.„Ihn verbannen! Haben Sie je erfahren, daß es Gedankan gibt, die ſich nicht verbannen laſſen?“ „Ich habe nicht Geduld genug, auf Albernheiten dieſer Art zu hören. Von Deiner Geburt an haſt Di mich gereizt. Hüte Dich, es jetzt wieder zu thun Es gibt Punkte, in welchen ich mir nicht ungeſtraf widerſtreben laſſe.“ „Und Sie bilden ſich ein, ich werde einen Gatten aus Ihrer Hand annehmen. Sie glauben, ich werd mich Ihnen in einer Sache unterwerfen, wo es ſich nicht bloß um Leben oder Tod, ſondern um Ehre und Schande handelt, ich werde den Fremden anlächeln, den Sie hierher gebracht haben, um mich über meine Mutter Grab zu freien, und an den Altar mitch ſtellen mit einer Lüge auf den Lippen und Verzweiflung in Herzen? Sie haben meine Kindheit verbittert, Sit haben meine Jugend getrübt, Sie haben—“ Hiet ſtockte ſie; ſelbſt in der Leidenſchaft des Augenblick zitterte ſie vor den ſchrecklichen Worten, die ſie auszu⸗ ſprechen im Begriff war. Sie unterdrückte daher das, was ſie hatte ſagen wollen, und fuhr fort:„Sie haben das Glück, den Frieden, die Tugend Ihres Kindes auf Spiel geſetzt, aber ich ſage Ihnen, Vater, Sie haben nicht die Macht, mein Herz zu brechen. Ich werde den treu bleiben, auf welchem meiner ſterbenden Muttet Segen ruht, dem, deſſen Bild in dieſem Augenblick zwiſchen mir und der Verzweiflung ſteht. Wenn ich! ihn nie mehr ſehen ſollte— wenn nicht dieſe Hoffnung— mir Kraft verliehe, ſo würde ich für mich ſelbſt zittern—“— 63 ſ„Dann magſt Du zittern, denn es iſt wenig Wahr⸗ ſcheinlichkeit vorhanden, daß Du den anmaßenden Freiwer⸗ ber je wieder ſehen wirſt, welcher es wagte, ſich ſo in a meiner Abweſenheit in mein Haus und ſelbſt vor e Dihe Mutter zu drängen. Ihre beklagenswerthe Schwach⸗ ei—“ n„O um des Himmels willen, ſprechen Sie nicht a von ihr,“ rief Gertrude und rang dabei die Hände, beinahe überwältigt von Schmerz.„Ich darf nicht a an ſie denken, wenn ich jene Scene— jenen Schrei du vergeſſen will—“ 1.„Und wer anders als Du,“ rief er aus,„brachte j Deine Mutter in das Grab?— Du und dieſer Elende, den ich Dir verbiete, je wieder zu nennen.“ 21 Sie ſtand ihm gerade gegenüber, zu ihrer vollen — Höhe aufgerichtet, die Lippen ſo weiß wie Schnee und z jede Muskel ihres Körpers angeſpannt. d„Sie hatten Recht, zu ſagen, Sie laſſen ſich nicht e ungeſtraft widerſtreben. Die Worte, die Sie eben aus⸗ a geſprochen haben, werden mir beſtändig vorſchweben. u Sie ſind hinlänglich gerächt: aber hören Sie jetzt auf 1 mich. Ich will Herrn von Miraſole nicht heirathen. Ich will der Beförderung ihrer Plane für Edgar nicht zum Opfer gebracht werden. Ich will das Verſprechen, 3 das ich gegeben habe, nicht brechen.“ 3„So, der ehrenwerthe Herr hat ſich alſo zweizüngig benommen. Er ſagte mir, Du ſeieſt durch kein Ver⸗ u ſprechen gebunden.“ 3 3„So hat er mich alſo aufgegeben!“ rief ſie aus in n ſo angſtvollem Tone, daß ſelbſt Lord Lifford daruͤber Nerſchrack. Aber er hielt den Augenblick für günſtig und tzog eine franzöſiſche Zeitung aus einem Haufen Papiere f auf ſeinem Tiſche hervor, hielt ſie ihr unter die Augen h und deutete auf eine Stelle. Sie las folgende Worte: g„Nôus apprenons avec un vif intérêt que le comte 1 Adrien d'Arberg, auteur des„Essais Philosophiques. ur le Christianisme,“ après avoir cédé, par un acte b 64 formel, ses propriétés en Bretagne au comte Hemii d'Arberg, son frére, s'est rendu au séminaire d'Orléans décidé à suivre la vocation qui parait depuis long- temps lui être réservée et à entrer dans le sacerdom dont il formera, sans aucun doute, un des plus beam ornements.“* Nachdem Gertrude dieſe Worte geleſen hatte, ſprach ſie kein Wort; ihr Vater beobachtete ſie einen Augen⸗ blick und glaubte, er habe ſeinen Vorſatz erreicht, denn die Heftigkeit ihrer Aufregung ſchien zu Ende. Sit ſah beinahe ſo ruhig und finſter wie er ſelbſt aus, und verließ nach einem Augenblick das Zimmer. Wenn u ſich in dieſem Augenblick an das erinnert hätte, was ei ſelbſt fühlte an dem Tage, wo Lady Clara ihn abwie, und er wie gewöhnlich in die Oper ging und in eint Loge ihr gegenüber ſaß, ohne auszuweichen, oder durch irgend ein Zeichen zu verrathen, was in ihm vorging ſo hätte er errathen köͤnnen, was in dieſem Aagenat ſeine Tochter im Herzen trug. Ihr Zorn war ſtill und furchtbar. Die Schale war voll und an dieſem Tagt war ſie übergefloſſen. Pflicht, Grundſatz, Gewiſß wurden übertäubt durch eine innere Empörung, ſo tif und ſtark, wie die Natur ſelbſt, die ſich davon beherr⸗ ſchen ließ. Sie war ſein Opfer. Ihr Wille war ge⸗ genüber dem ſeinigen nichtig geweſen. Er hatte den Bau ihrer Gluͤckſeligkeit in Stuͤcke geſchlagen und das *) Wir erfahren mit lebhaftem Intereſſe, daß der Graf Adrian d'Arberg, Verfaſſer der„Philoſophie⸗ ſchen Verſuche über das Chriſtenthum,“ nach förm⸗ licher Abtretung ſeiner Güter in Bretagne an den Grafen Heinrich d'Arberg, ſeinen Bruder, in das Seminar zu Orleans eingetreten iſt mit dem Ent⸗ ſchluſſe, dem Berufe zu folgen, der ſchon lang⸗ für ihn beſtimmt zu ſein ſcheint, und ſich der Kirche zu weihen, für die er ohne allen Zweiſel eine der ſchönſten Zierden ſein wird. 6⁵ Licht ihres Daſeins hinweggeſtohlen. Und ſie war nur ſchwach geliebt worden von dem, den ſie jetzt noch mit abgöttiſcher Verehrung anbetete. Er hatte ſie verlaſſen und ſein Gewiſſen befand ſich ohne Zweifel in voll⸗ kommener Ruhe. Er wollte arbeiten für Andere, er wollte vielleicht andere Seelen retten, aber in der ihrigen hatte er eine furchtbare Verwüſtung angerichtet. Er hätte ſie entweder niemals lieben, oder niemals von ihr ſcheiden ſollen. Sie war allein, vollkommen allein in der Welt. Sie hatte ihm geſagt, in ihrem Herzen wohne etwas, womit ſich nicht ſpaſſen laſſe. Sie hatte kürzlich zu Zeiten eine ſeltſame Zuſammenhangloſigkeit t ihren Gedanken wahrgenommen. Ihr war, als wenn ih Vater ſie verfolgte, und dieß Gefühl wurde ein Alp im Wachen.— Er könnte ſie zum Altar ſchleppen, und ſte koͤnnte nicht die Kraft haben, ſich zu widerſetzen.— Er hatte Adrian weggeſchickt, und ſie hatte nicht die Macht gehabt, ihm zuvorzukommen. War ſie eine Selavin? Konnte ſie ihm nicht entrinnen? Sie be⸗ fand ſich eben unter dem Einfluß dieſer ſeltſamen Be⸗ klemmung, als der Schall eines Wagens ſie aufſchreckte. „Das iſt der Mann,“ rief ſie wild aus,„das muß der Mann ſein, den er ſich verſchrieben hat.“ 1 Sie raffte Hut und Shawl auf und ſtürmte die Hintertreppe hinab in den Garten, ohne irgend Jemand zu begegnen. Als ſie an der ſteinernen Bank, dicht bei dem Fenſter ihrer Mutter vorüberkam, wo ſie mit Adrian an dem Tage, da er Abſchied nahm, geſeſſen hatte, da wankten ihre Tritte; an der Thüre der Kapelle kniete ſte einen Augenblick nieder; aber als ſie zu beten ver⸗ ſuchte, da ſtieg Leidenſchaft und Unmuth wie ein Nebel zwiſchen ihr und dem Himmel empor. Einmal rief ſie aus:„Vater Lifford, Vater Lifford, wollte Gott, Sie wären hier! Warum haben Sie mich auch verlaſſen?“ Tritte ließen ſich auf dem Kiesweg vernehmen, und ſie glaubte noch einmal den Schall von Rädern zu hören; und ohne zu wiſſen, was ſie that, ſtürmte ſie Lady⸗Bird. II. 5 66 durch den Park dahin. Sie täuſchte ſich über die Ur⸗ ſache jener Laute, aber ſie hielt nicht an, um zu horchen. „Ich kann nicht in dieß Haus zurück,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ich kann dieſen Mann nicht ſehen. Ich kann nicht mehr mit meinem Vater zuſammentreffen. Ich will ſein Dach verlaſſen. Sein Geſicht, ſeine Stimme rauben mir den Frieden. Meiner Mutter Tod kann ich nicht vergeſſen. Ihr letzter Schrei tönt noch in meinen Ohren. Er haßte mich zuvor ſchon, und jetzt—— O, ein Abgrund liegt zwiſchen uns, der nimmer wieder ausgefüllt werden kann. Ich will zu Marie Grey und zu ihrer Mutter gehen. Sie werden mich ſchützen; ſit ſind die einzigen Freunde, die ich jemals hatte. Warun ſind ſie nicht zu mir gekommen in meinem Jammer Doch ich vergeſſe, ich wollte ja keinen Menſchen ſehen und keinen Brief leſen. Ich will jetzt zu ihnen gehen. Ich kann nicht für mich ſelbſt denken; ſie werden für mich denken. O, jetzt eine freundliche Hand, die die meinige faſſe, nur für einen Augenblick! O, einen rafen Waſſer, um dieſen brennenden Durſt zu lo⸗ en!“ Sie öffnete das Thor des Parks und eilte davon in der Richtung nach Stonehouſeleigh. Es war eim helle, froſtige Nacht, und in der Ferne ſah ſie das Dach der Hutte mit den Eiszapfen die vom Stroh herah⸗ hingen; ein Licht ſchien durch das Fenſter. Sie eilte darauf zu, denn ſie fühlte ſich ſchwach und krank. Mi zitternder Hand drückte ſie auf die Klinke, ging durch das Gartenpförtchen und klopfte an die Hausthüre⸗ Sie öffnete ſich.„Marie!“ ſagte ſie mit heiſeren Flüſtern. Es war nicht Mariens Stimme, die ſagte: „Guter Himmel, Fräulein Lifford!“„Moriz, wo iſt Marie? Rufen Sie ſchnell ihre Mutter, mir iſt ſchlimm.“ Sie ſchwankte, er ſtieß die Thüre des kleinen Wohnzimmers auf und ſchloß die Hausthüre. Sie ſank auf einen Stuhl.„Rufen Sie ſte, Moriz“, wiederholte ſie,„mich verlangt nach Marie.“ Er ſah ſie an mit ——————-— ——————— ———— 67 einer Empfindung, gemiſcht aus Angſt und Verlegenheit. Er wußte kaum, was er ſagen ſollte;— er ſcheute ſich, ihr zu ſagen, daß die Beiden nicht hier ſeien, daß ſie dieſen Morgen nach London gegangen ſeien. Er war zurückgeblieben, um alle Anordnungen abzuſchließen. Sein Herz klopfte heftig;— was konnte er thun? Sie ſah ſchrecklich blaß aus. Er verließ das Zimmer um etwas Waſſer zu holen, und hielt es ihr an die Lippen.„Wo ſind ſie, ſind ſie nicht hier?“„Nein, meine Lady⸗Bird, nein!“ Sie ſank in Ohnmacht; er trug ſie auf den Sopha und kniete an ihrer Seite nie⸗ der, rieb ihre Stirne mit kaltem Waſſer— er hatte nichts Anderes zur Hand— und ſah ſie mit Augen an, die Leben in einen Todten zurückgerufen haben würden, wenn irgend welche Augen das vermöchten. Es verging einige Zeit, bevor ſie die Augen auf⸗ ſchlug, und nun ruhte ihre Marmorwange auf einem Kiſſen, und ihre Haare waren auf ihre Schultern herab⸗ geglitten. Ihr Geſicht war naß von dem Waſſer, wo⸗ mit er ihre Schläfe befeuchtet und ihre Hände von den heißen Thränen, die er darauf vergoſſen hatte. Sie fuhr entſetzt empor. „Wo bin ich? was thu' ich hier, Moriz?“ „Sie ſind in der Hütte, Lady⸗Bird, wo ſie oft frohe Stunden verlebt haben, wo Sie von Ihrer Kindheit an von treuer Ergebenheit bewillkommt wurden. Sie wollten zu Marie,— Marie iſt nicht hier.“ „Und Ihre Mutter auch nicht? O wehe!“ „Nein, aber Sie ſind hier ſo ſicher, als ob die ganze Welt rings um ſie wäre.“ „Daran hab' ich noch nicht gezweifelt,“ verſetzte ſie kalt und ſtolz.„Ich muß gehen!“ „Wohin, wohin?“ fragte er angſtvoll.“ „Wohin, ja wohin!“ rief ſie aus und verſuchte aufzuſtehen, allein ſie ſiel erſchöpft zurück.„Ich bin verloren,“ murmelte ſie für ſich,„ich kann hier ſterben müſſen; aber wenn ich— O Scham! de Schrechen 68 Moriz, gehen Sie nach Herrn Erving gleich dieſe Mi⸗ nute; gehen Sie; er wird mir helfen und mich führen! „Aber ich kann Sie nicht allein laſſen— ich kann“s nicht, in der That.“ 1. „Sie müſſen, gehen Sie im Augenblick, Moriz; viel Werth Sie auf meinen Segen oder meinen Fluch egen.“ 8„Aber, Lady⸗Bird, um Gotteswillen, hören Sie mich an; ich warte hier auf einen Mann, der dieſe Geräthſchaften nach der Station ſchaffen ſoll. Findet er mich nicht an der Hausthüre, ſo kommt er hereinz ſchließe ich die Thüre, ſo ruft er die Nachbarn.“ Sie ſtrengte ſich gewaltſam an, aufzuſtehen; aber nach einem oder zwei Schritten ward ſie ſchwindlig und war genöthigt, ſich wieder niederzuſetzen. „Fräulein Lifford, Sie können mir vertrauen; ſeien Sie ruhig und höͤren Sie, was ich Ihnen ſage. Laſſen Sie mich einen Biſſen Brod und ein Glas Wein für Sie aus der Küche holen. Verſuchen Sie es, zu eſſen, und dann ruhen Sie eine Stunde auf dieſem Sopha Sie ſind von Gram erſchöpft, Sie können jetzt nicht gehen, das iſt klar.“ Jetzt ſtrömten zum erſtenmal überfluthende Thränen aus ihren Augen; ſie wandte ſich nach Moriz hin und ſagte mit dem Tone der rührendſten Hülfloſigkeit: „Ich will thun, was Sie mir rathen; ich kann nicht für mich ſelbſt denken.“ Er brachte ihr die angebotene Erquickung und ſie nahm etwas zu ſich. Er wachte über ſie, wie eine Mutter über ein krankes Kind, und ſagte dann mit ge⸗ dämpfter Stimme:„Sie leiden tief. Im Namen der Freundſchaft, die Sie und Marie verknüpft, wollen Sie nicht Mariens Bruder ſagen, was die Schaale Ihres Kummers zum Ueberfließen gebracht hat? Wir ſind Freunde geweſen ſeit den Tagen der Kindheit. O, Ladh⸗ Bird, wollen Sie Ihr Herz nicht Einem öffnen, der ſein Leben hingeben würde, um Ihnen eine Thräne zu 69 erſparen? Wenn Andere unfreundlich gegen Sie gewe⸗ ſen ſind, wollen Sie einer Zuneigung nicht vertrauen, die Ihnen niemals untreu werden kann?“ „Zuneigung!“ verſetzte ſie bitter.„Es gibt nichts dergleichen auf Erden. Wo ich hätte geliebt werden ſol⸗ len, wurde ich gehaßt; es gibt kein Glück für mich. Jetzt muß ich, denn ich bin jetzt wieder etwas ſtärker, zu jenem verabſcheuungswürdigen Hauſe zurückkehren, wo meine Mutter ihr Leben hinſchmachtete, wo meine Jugend verkümmerte und meine Seele für immer ver⸗ giftet wurde.“ Morizens Augen funkelten plötzlich von Aufregung, und eine hohe Röthe flammte in ſeinem Geſicht empor. „Ich verſtehe Alles,“ rief er aus;„Sie gehen hin, ſich mit dem Grafen von Miraſole zu vermählen. Ich habe ihn geſehen, Gertrude, ein armſeliges Geſchöpf, Ihrer im äußerſten Grade unwürdig. Ich erfuhr in London, daß er zum Gemahl für Sie beſtimmt ſei, und ſchau⸗ derte bei dem Gedanken. Aber er hat Rang und Reich⸗ thum und einen Stolz gleich dem Ihres Vaters.“ „So helfe mir der Himmel, man kann mich um⸗ bringen, aber ich werde ihn nicht zum Manne nehmen. Und doch, im Schloſſe Lifford zu weilen,— wo meine Mutter lebendig begraben war—“ Eine Pauſe trat ein; Keines von Beiden ſprach, aber ein wilder Sturm von Gefühlen zog in ſein Herz ein, als er ſie anſah, gebeugt von Kummer und ſchau⸗ dernd bei dem Gedanken an das Heimathhaus, das ſie verlaſſen hatte. Er kniete an ihrer Seite nieder und mit jenen Blicken, die noch vor einem Augenblick durch ihre leidenſchaftliche Zärtlichkeit ſie in's Leben zurück⸗ zurufen geſucht hatten, verſuchte er gleichſam den Ge⸗ danken auszuſprechen, der in ſeine Seele drang. Sie verſtand ihn zum Theil; denn ſie reichte ihm die Hand und murmelte:„Ich bin nicht undankbar für Ihr Mit⸗ gefühl,“ und brach in Thränen aus. Dann ſagte er, zitternd vor innerer Bewegung: 70 „Gertrude, hören Sie mich an. Wir ſind allein; aber noch nie waren meine Gefühle für Sie von ſo tiefer Ehrfurcht erfullt: um des Himmelswillen ſchrecken Sie nicht zurück vor dem, was ich zu ſagen im Bo⸗ griffe bin. Sie müſſen ſterben, wenn Sie in Schloß Lifford bleiben. Ihr Leben wird dahinſiechen in dieſer düſteren Einöde. Eine langſame Verfolgung wird ſich egen Sie bilden, wenn Sie ſich weigern, dem Mann von Ihres Vaters Wahl Ihre Hand zu geben. Mein Herz klopft ſo, daß ich kaum ſprechen kann. Gertrude, wie Sit mich einſt thun hießen, ich habe geliebt in der Stille,— ich habe Sie angebetet in Hoffnungsloſigkeit. Ich werde Sie lieben, ob Sie nun Gräfin von Miraſole werden, oder Ihr Leben in dem Kerker verſchmachten, den man Ihr väterliches Haus nennt. So rein als glühend,— ſo demüthig als leidenſchaftlich— darf ich von meiner Liebe ſprechen, ſelbſt hier, mit Ihnen allein! denn Sit könnten niemals ein Herz verkennen, das zu allen Zei⸗ ten Ihnen gehört hat. Wenn Jemand Sie gehaßt hat, ſo habe ich Sie mit Andacht verehrt; hat Jemand Sit nur ſchwach geliebt, ich habe Sie angebetet. Wenn Andere Sie verlaſſen konnten, ich habe mich feſt au Sie geklammert; und mit meiner Seele, meiner Feder, meiner Arbeit und mit ſo viel Talent, als mir der Himmel gegeben hat, will ich Ihnen dienen, und nichts zur Er⸗ wiederung verlangen, als daß Sie dieſe Hingebung an⸗ nehmen mögen,— daß Sie mir erlauben mögen, Sie zu meiner Mutter und Marie zu bringen, die Ihnen Mutter und Schweſter ſein werden; und dann fragen Sie ſich dort ſelbſt, ob Sie ohne Widerwillen mir das Recht verleihen können, für Sie zu leben. Sie fragen litten durch den Stolz und die Kälte Anderer. O, Ger⸗ trude, wollen Sie nicht die glühende Liebe eines Künſt⸗ lerherzens erproben,— eines Gemüthes, das nicht durch die Schranken gefangen genommen iſt, welche die Men⸗ ſchen, und nicht Gott, zwiſchen liebenden Herzen errich⸗ nichts nach Rang, Gott ſei Dank,— Sie haben ge⸗ 71 tet haben? Wollen Sie mein Weib werden,— und mit mir den Weg durch die Welt hindurch kämpfen, unter dem Stirnrunzeln ihrer Günſtlinge und dem Hohnge⸗ lächter ihrer Sklaven? Wollen Sie das Leben ſehen, wie es iſt, oder zurückkehren zu dem kalten Schatten des Daſeins, worin Ihre Jugend verging, oder das Werk⸗ zeug und Opfer von Ihres Vaters Stolz werden?“ „Stille, Moriz, ſtille!“ rief ſie wild aus;„Sie wiſ⸗ ſen nicht, was Sie ſagen.“ 1 „Ich weiß, daß ich Sie liebe, wie ein Weib ſelten geliebt worden iſt,— das iſt genug für mich. O, kann es nicht auch genug für Sie ſein? Meine Ger⸗ trude, meine Lady⸗Bird, kommen Sie mit mir in eine Häuslichkeit, wo keine anderen als liebende Augen Sie anblicken, keine anderen als liebevolle Worte werden an Sie gerichtet werden. Laſſen Sie mich Sie von der Tyrannei erlöſen, die Ihr ganzes Leben verbittert hat. Ich fordere nicht, daß Sie mich ſo lieben ſollen, wie ich Sie liebe; ſo lieben nur wenige Seelen; aber laſſen Sie mich Ihr Gatte ſein—“ 3 „Mein Gatte!“ rief ſte aus,„Sie! O, verlaſſen Sie mich! verlaſſen Sie mich! Was reden Sie da, Moriz? Wiſſen Sie nicht—“ Sie ſtand auf und ging nach der Thure; er wurde ſo todesblaß, daß ſie glaubte, er ſei im Begriff, in Ohnmacht zu fallen. Verzweiflung lag auf ſeinem Geſicht.„Gott helfe mir!“ ſagte ſie;„ich breche ſein Herz, wie meines bricht!“ Er hörte ſie, und der Ausdruck ſeiner Blicke änderte ſich, eine plötzliche Hoff⸗ nung ſtieg in ihnen auf; von Neuem bat, von Neuem flehte er, und ein ſeltſamer Streit erhob ſich in dem Gemüthe, dem ſeine Worte galten, indem Gertrude auf die fieberhaften Ausdrücke ſeiner Zärtlichkeit horchte,— einer Leidenſchaft, die ihrem zerdrückten, blutenden Her⸗ zen wohl that. Der Gedanke an Rache geſellte ſich in dieſem ſtolzen Geiſte noch zu ſeinen übrigen Empfin⸗ dungen. Eine Liebe zu belohnen, die ſo dauernd war als die Zeit ſelbſt und ſo geduldig als der Glaube; 74 Zimmer gebracht und da gelaſſen. Wer ſie in ihren Zimmern nicht ſah, folgerte daraus, daß ſie im Fa⸗ milienzimmer ſei, und wer ſie hier nicht vorfand, glaubte, ſie ſei im oberen Gelaß. Erſt am Morgen ging der entſetzten Dienerſchaft wie ein Blitzſtrahl die Wahr⸗ heit auf,— Fraulein Liſrd hatte die Nacht nicht in ihrem Bette geſchlafen. an benachrichtigte ihren Va⸗ ter davon in demſelben Augenblick, in welchem der Migfn des Grafen von Miraſole vor ſeiner Thüre anfuhr. Fünftes Kapitel. „Wohl ſelten iſt der wahre Böſewicht, Der Böſes will und keine andern Schranken Sich ſetzt, als menſchlich Recht und Strafgericht, Fremd aller Reu' und allen Angſtgedanken.“ „Schwach aber iſt der Menſchheit große Zahl, Und ſelten iſt auf ihre Treu zu bauen; Sobald die Selbſtſucht leitet ihre Wahl, Wirſt Du Dein Glück umſonſt ihr anvertrauen.« Burns. **⁵ *⁴ „Tollkühner Trotz des Manns iſt beſſer nicht, Als wollteſt Du pfadloſen Waſſern Dich Und unſichtbaren Küſten überliefern. Genug des Elends beut das Menſchenleben Und keine andre Hülfe ſieht der Blick, Als, wenn von einem Elend Du befreit, Sogleich ein andres auf Dein Haupt zu nehmen.“ Shakeſpeare. Es war acht Uhr des Morgens, als die Sonne eben begann, ſich durch das ſäumende Dunkel einer Londoner Atmoſphäre Bahn zu brechen; als die Luft ſich ſo rauh und froſtig anfühlte, als wäre ſeit Monaten — 75⁵ kein Sonnenſtrahl mehr auf ſie gefallen; als der Ge⸗ ruch und Geſchmack des Nebels jeden Sinn durchdrang, und der harte, ſchwere Theil der Geſchäfte des Lebens ſich in den Straßen zu rühren begann, daß eine Mieth⸗ droſchke vor einem Hauſe in einer der Straßen nahe bei Mancheſterſquare anhielt. Moriz, der auf dem Bock ſaß, ſprang herab und zog die Glocke. Als ein Mäd⸗ chen die Thüre öffnete, ſprang er die enge Treppe hin⸗ an, und traf Marie in ihrem Wohnzimmer. Sie hatte den Hut auf dem Kopfe und wollte eben ausgehen. Seine plötzliche Erſcheinung befremdete ſie nicht ſehr, denn ſie erwartete ihn dieſen Tag, aber ſie ſagte: „„So früh, Moriz? Ich wußte nicht, daß Du ſchon mit dieſem Zuge kommſt.“ Er ergriff ihre beiden Hände und blickte ſie ſo ſelt⸗ ſam an, daß ſie erſchrack.„Was iſt geſchehen? was kann geſchehen ſein?“ „Etwas ſo Außerordentliches, daß ich noch in die⸗ ſem Augenblick nicht ſicher bin, ob ich nicht träume. Aber nein, es iſt wahr— ſo wahr, als daß ich hier bin; Du wirſt es gar nicht glauben lönnen. Kaum begreif' ich ſelbſt, wie Alles gegangen iſt; aber Lady⸗ Bird iſt bei mir,— ſie iſt im Wagen. Sie hat ihr väterliches Haus verlaſſen für immer,— und mit mir!“ Marie wurde ſchreckensblaß und ſchlug die Hände zuſammen.„Seid Ihr verheirathet, Moriz?“ „Nein, aber wir müſſen es augenblicklich werden. Komm, theuerſte Marie, hilf ihr die Treppe herauf und trage Sorge für ſie, während ich ausgehe, um den Erlaubnißſchein zu bekommen und mit einem Prieſter zu reden.“ Marie ging hinab an den Wagenſchlag, aber Ent⸗ ſetzen durchdrang ſie. Der Gedanke durchflog ihren Kopf, Moriz ſei von Sinnen gekommen, und ſie werde Gertrude nicht in dem Wagen finden. Aber ſte war da— bleich und regungslos wie ein Marmorbild,— ähnlicher einem Leichnam als einer Braut.„Fräulein 72 Scenen zu entfliehen, die, wenn ſie einen Blick darauf warf, ihre Seele auszuſaugen ſchienen; den Vorurthei⸗ len Hohn zu ſprechen, die verhängnißvoll für ihren Frieden geweſen waren, und dem Vater, der ihr Glüͤck zu Trümmern geſchlagen hatte; Adrian mit ſeiner hei⸗ teren Unbekümmertheit— ſeiner tugendhaften Eniſa⸗ gung— zu zeigen, daß ſie wenigſtens eines entſchei⸗ denden Schrittes fähig ſei, anſtatt in der Einſamkeit über das Loos zu weinen, dem er ſie preisgegeben hatte; alle dieſe Vorſtellungen vereinigten ſich in dieſem Augenblick, um ſie zu verwirren und zu bethören. Sie fühlte ein pein⸗ liches Verlangen, geliebt und geſchützt zu ſein. Sie fühlte ſich im äußerſten Grade unfähig, dem Kampfe entgegen zu treten, der ſie in Schloß Lifford erwartete; und die Schwierigkeit, in dieſer Stunde der Nacht da⸗ hin zurückzukehren, oder Rechenſchaft uͤber ihre lange Abweſenheit abzulegen, die Möglichkeit, genöthigt zu wer⸗ den, ſie ihrem Vater aufzuklären, ihr Schauder vor dem Manne, den der letztere ihr aufzuzwingen gedachte; alle dieſe Umſtände warfen in dieſer Stunde der Schwäche, der Bezauberung oder der Verzweiflung ihr Gewicht in die Wagſchale. Moriz war nicht berechnend klug; er liebte ſie lei⸗ denſchaftlich, und dieß zu zeigen, das war die höchſte Kunſt, die eer anzuwenden vermochte; er führte ſeine Sache mit ſeiner ganzen Seele, mit ſeinen Blicken, mit ſeinen Worten; er bekämpfte die Einwürfe ihres Ge⸗ wiſſens, die bangen Ahnungen ihres Herzens mit allen Gründen, welche die Sophiſtik darbieten und die Be⸗ redtſamkeit geltend machen konnte, und der Wahnſinn der Leidenſchaft verblendete ihn dieſe ganze Zeit uͤber gegen die furchtbare Sünde, die er gegen den Himmel und gegen ſie zu begehen im Begriffe war. Er befahl insgeheim dem Manne, der das Gepäck abzuholen kam, früh um Vier mit einem Wagen bereit zu ſein, der ihn nach der Eiſenbahn abholen ſollte. Sie war ermattet, überreizt, von Aufregung zerquält; ſie ſah kaum klar, 73 was ſie vornahm. Sie fing an mit furchtbarer Angſt zu beſorgen, ſie möchte in Schloß Lifford vermißt und an ihrem jetzigen Zufluchtsort entdeckt werden. Einmal hatte ſie eine gute Eingebung; ſie drang einen Augen⸗ blick lang in Moriz, es ſollte ſie nach Herrn Erving's Haus hinbringen, oder ihr wenigſtens den Weg dahin zeigen. Aber der konnte abweſend ſein, und was ſollte dann ſeine Bedienung denken? Und wenn ſie ihn auch antreffen ſollte, was konnte er anders thun, als darauf dringen, daß ſie zu ihrem Vater zurückkehre? Und das ſchien nun einmal über ihre Kräfte zu gehen. Augenblicke lang zitterte ſte wie ein Blatt am Baume. Dann trat wieder eine wilde Erbitterung ein, die ſie ſtärkte. Sie war dem kalten, herzloſen Stolz aufgeopfert worden, der das Glück und das Elend ihres Lebens für nichts geachtet hatte; ſte war dem Manne, den ſie an⸗ betete, vorenthalten, und einem Fremden zugeſagt wor⸗ den, als wäre ſie eine Sklavin, eine Maſchine, oder ein Stück Handelswaare. Nun aber, wenn der ſtolze Spanier kam und ſeine Braut in Anſpruch nahm, was wollte ihr noch ſtolzerer Vater antworten? Sie war aus ſeinem Hauſe geflohen, wie ein Galeerenſklave von ſeiner Kette flieht. Er hatte Adrian mit ſeinem Rang, ſeinem edlen Blut und ſeinem Reichthum abgewieſen, und ſie wollte nun den Sohn eines armen Geigers und einer italieniſchen Sängerin heirathen! Das war ein Flecken auf ewig an jenem verhaßten Wappenſchild, der ihr Feind, ihre Peſt, geweſen war. Eine krankhafte Dank⸗ barkeit, ein fieberhafter Schrecken, eine ſchrankenloſe Nacheluſt verblendete ſie. Sie ſah kaum über den ge⸗ genwärtigen Augenblick hinaus, und während man ſie nach der Eiſenbahnſtation hinbrachte, hatte ſie keinen andern beſtimmten Gedanken, als die Furcht, eingeholt zu werden. Aber Niemand hatte ſie vermißt,— ihr Vater hatte nicht nach ihr gefragt. Ihr Mädchen war⸗ tete am Abend nicht auf ſie: der Thee, den ſie ſeit Kurzem ſtatt des Abendeſſens nahm, wurde auf ihr ———————— 76 Lifford! Fräulein Liſiord!“ war Alles, was ſie ausrufen konnte, als ſie ſie die Treppe hinanleitete. Sie bewog ſie, ſich auf den Sopha neben dem Feuer zu ſetzen, und ſah dann Moriz mit einem Ausdruck an, der eine Er⸗ klärung zu fordern ſchien. Er kniete neben Gertrude, und fluͤſterte leiſe:„Sie iſt krank und kalt,— ſie hat ſo viel gelitten!“ Gertrude öffnete ihre Arme und ſagte: „Marie!“ mit einem Tone ſo tiefen Elends, daß, ob⸗ gleich ſie keine Thräne vergoß, Mariens Thränen in Strömen über ihre Wangen ſtürzten, während ſie ſie an ihr Herz drückte. Dann ging Moriz hinweg und ließ die Beiden allein. Es war ein ſeltſames Wiederſehen. Keine von Beiden war geſtimmt, in Crörterungen einzugehen. Sie ſchienen beinahe beide gleich unglücklich zu ſein. Ger⸗ trude war von dem Augenblick an, da ſie in den Eiſen⸗ bahnwagen getreten und von der allernächſten Furcht vor Verfolgung befreit worden war, in eine Art von Betäubung verfallen, die ſie verhinderte nachzudenken über das, was ſie gethan hatte oder was ſie jetzt eben that. Sich zurückzuziehen, war unmöglich, und das machte ſie nach dem Augenblick verlangen, wenn Alles durchgemacht und ihr Loos unwiderruflich feſtgeſtellt ſein würde. Was konnte ſie Marien ſagen? Nichts. Er⸗ klärungen konnten nichts nützen. Was hatte ſie zu er⸗ klären? Beinahe zum Wahnſinn getrieben, und unter der Eingebung des Angenblicks eine Zufluchtsſtätte ſuchend da, wo ſie allein eine zu finden hoffen konnte, war ſie Schritt für Schritt bis zu dem Punkte gezogen worden, wo ſie jetzt ſtand, kaum wiſſend, ob ſte Moriz oder er ihr ein Unrecht zugefügt habe— ob er der Verräther er der Verrathene, ob ſie ſelbſt gerettet oder verloren e.. Zum Tode müde fiel ſie auf dem harten Lager in Schlaf, und Marie ſtand und ſah ſie an mit einem Ge⸗ fühl, gemiſcht aus Mitleiden und Gram.„Alſo liebte ſie ihn,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Die arme Lady⸗Bird! 77 ſie hat ihn immer geliebt! Aber, wie ſind ſie zuſammen⸗ getroffen? Wie iſt das zu Stande gebracht worden? So kurz nach ihrer Mutter Tod! Wie will er ſie erhal⸗ ten, gewöhnt, wie ſie iſt, an ſo viele Bequemlichkeiten? Aber, vielleicht wird ihr Vater ihr verzeihen— wiewohl ich freilich fürchte, er thut es nicht. Guter Himmel, wer ſollte ſich das jemals als möglich gedacht haben? Gertrude Lifford— Lady⸗Bird— Morizens Frau! Sie muß ihn ſehr geliebt haben, daß ſie ſo handeln konnte! Aber, wie mag ſie nur zu dem Entſchluſſe gekommen ſein? Ich hoffe doch, er hat ſie nicht überredet. Wird er wohl haben wollen, daß ich mit ihnen zur Kirche gehen ſoll? Vielleicht iſt er nicht gerade geneigt, mich darum zu bitten, aber ich will es thun, und meine Mut⸗ Per ſol auch mitgehen. Das wird eine traurige Hochzeit geben.“ Sie legte Holz an's Feuer und ſteckte ein Licht an, denn der Nebel wurde jeden Augenblick gelber und dich⸗ ter. Gertruden's Hut war auf den Boden gefallen. Sie hob ihn auf und hängte ihn an die Wand und legte ihren eigenen Shawl auf ihre Füße. Dann ſchlich ſie leiſe aus dem Zimmer, um ihre Mutter auf den ſeltſa⸗ men Gaſt vorzubereiten, der angekommen war. Frau Redmond kam ganz außer ſich uͤber die Neuigkeit und ſtarrte ihrer Tochter mit ſchweigendem Entſetzen in's Ge⸗ ſicht.„Gott ſteh' uns bei!“ rief ſie nach einer Weile aus.„Was für ſchreckliche Sachen gehen vor, Marie!“ Das war ihre Auskunft in allen Verwicklungen des Le⸗ bens, von einer gefallenen Maſche in ihrer Arbeit bis zum größten Ereigniß, das jemals ihren ruhigen Lebens⸗ pfad durchkreuzen mochte.—„Marie!“ ein Blick auf dieſes liebevolle, heitere Geſicht, eine Berufung auf dieſe unveränderliche Güte und dieſen ſich immer gleich blei⸗ benden klaxen Verſtand, worauf ſie beinahe abergläubig vertraute.„Marie ſagt, man müſſe das thun,“ oder: „Marie ſagt, es laſſe ſich da nichts machen,“ waren Orakelſprüche, gegen die ſie niemals widerſetzlich oder 78 ungläubig gefunden worden war.„Marie!“ Marie wußte, was das zu bedeuten hatte, und ſagte ſanft: „Wir fühlen wohl, beſte Mutter, daß es viel beſſer geweſen wäre, wenn das niemals geſchehen wäre,— daß Moriz unrecht und die arme Lady⸗Bird ſehr unrecht gethan haben muß, auf dieſe Weiſe zu handeln. Ich weiß nicht, wie ſie es in's Werk geſetzt haben mögen. Aber obgleich ſie einen großen Fehler begangen haben, ſo iſt es doch kein Verbrechen, Mutter, und Gott allein weiß, welche Entſchuldigungen ſie gehabt haben. Sie iſt zu Hauſe ſo ſehr unglücklich geweſen, und ihre Liehe zu ihm muß ſehr groß ſein, daß ſie ſie zu dieſem Schritte führen konnte; jetzt muß ſie ſogleich ſeine Frau werden.“ „Seine Frau, Marie! ich dachte einmal, Du wür⸗ deſt ſeine Frau?“ Für einen Augenblick zog ein peinlicher Ausdruck über ihrer Tochter Geſicht, aber er verſchwand ſchnell, und ſie ſagte: „Das war ein großes Mißverſtändniß, liebe Mutter. Hier kommt Moriz,“ fügte ſie einen Augenblick ſpäter hinzu,„mit dem Erlaubnißſchein zurück. Wir müſſen mit ihnen zur Kirche gehen, und Sie müſſen ihr Ihren Segen geben; die arme mutterloſe Lady⸗Bird— kein Vater wird ſie dem Bräutigam übergeben, keine Mutter wird neben ihr ſtehen. O, ſie hat ſehr Unrecht gethan; aber, wäre ich an ihrer Stelle geweſen, wer weiß, oh ich die Stärke gehabt hätte, anders zu handeln?“ Ihre Stimme zitterte, als ſie die letzten Worte ſagte, aber Frau Redmond war befriedigt. Marie hatte geſagt, daß es durchaus nur ein Mißverſtändniß geweſen ſei, wenn ſie gemeint habe, Moriz habe ſie je geliebt. Marie hatte geſagt, daß Moriz und Gertrude ſehr unrecht ge⸗ than hätten, mit einander davon zu gehen, daß aber ſehr wahrſcheinlich des circonstances atténuantes ſtatt⸗ fänden, wie franzöſtſche Gerichtshöfe es nennen würden, — und daß ſie, Frau Redmond, ihnen ihren Segen geben 79 und freundlich gegen ſie ſein müßte; und das war voll⸗ kommen genug für ſie— Marie mußte Recht haben. Die arme Marie fühlte ſich nicht ſo ſicher, ob ſie Recht habe. Sie fragte ſich ſelbſt, ob es nicht ihre Pflicht ſei, mehr zu fragen, mehr von dem, was vor⸗ gefallen, zu erkunden, Gertruden den Rath zu geben, ſie möchte ſich ruhig verhalten und nachdenken, ehe ſie ſich unwiderruflich an einen Mann bände, deſſen Stellung in der Welt der ihrigen ſo tief, untergeordnet ſei, und ihren Vater herausforderte, der, ſo kalt und herzlos er auch geweſen war, doch immer ihr Vater war. Sie dachte auch an ihren betagten Großonkel, und an den Kummer und Unwillen, den dieſer bei der Nachricht von dieſer ſonderbaren Heirath empfinden werde. Sie hatte ein inſtinktmäßiges Gefühl davon, daß es nach ſolch einer Flucht, ſolch einer Reiſe eine Unmöglichkeit ſei, daß Gertrude nach Hauſe zurückkehre; aber konnte ſie nicht einige Zeit ſich ruhig verhalten und Rath anneh⸗ men, bevor dieſer raſche Schritt vollzogen wurde? Aber auf der andern Seite, wie konnte ſie zwiſchen Moriz und die Glückſeligkeit treten, die er zu erreichen auf dem Punkte ſtand? Wenn ſie durch ihren Rath Gertrude veranlaßte, ihre Schritte zurückzunehmen und ihrem Vater Zeit zu verſchaffen, ſeine Anſprüche auf ſie gel⸗ tend zu machen,— wenn ſie und Moriz gewaltſam ge⸗ trennt und ganz unglücklich gemacht würden— würde ſie nicht eine ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich dolaben haben? Sie war mit Lord Lifford's Charakter bekannt genug, um zu wiſſen, daß er ſeiner Tochter niemals vergeben, ſondern Himmel und Erde in Bewegung ſetzen werde, um eine Heirath zu verhindern, die er als ent⸗ ehrend betrachten mußte. Welches Geſchick konnte ihr Dazwiſchentreten für Gertrude bereiten! welches Elend, welche Verzweiflung für Moriz! Und war ſie ihres eigenen Herzens ſicher genug, um deſſen Beweggründen in den Stunden der Prüͤfung nicht mißtrauen zu müſſen? Moriz betete Gertrude an und auch ſie liebte ihn auf's 80 Innigſte. Es war klar, daß ſte zu arbeiten und zu kämpfen haben würden, allein ihre gegenſeitige Hinge⸗ bung an einander mußte dieſe Arbeiten und Kämpfe verſüßen. Welches Recht hatte ſie, ſich darein zu men⸗ gen? Gertrude konnte, ſchwach, erſchöpft und aufgeregt, wie ſie war, durch ein Wort beherrſcht werden, und die Folgen konnten von einer Wichtigkeit ſein, die alle ihre Berechnung überſtieg. Nein, das war keine Zeit zum Rath⸗Ertheilen, es war eine Zeit für nichts Anderes, als für Geduld und Gebet. Sie wollte dieſer leidenden, blaſſen Braut zur Seite ſtehen und die Zukunft den Händen Gottes überlaſſen. Mit dieſem Entſchluß kehrte ſie in das Zimmer zurück, wo ſie ſie verlaſſen hatte. Gertrude erwachte und ein kleiner Schauer überfiel ſie. Dann ſtand ſie auf und ging im Zimmer auf und nieder, und als ſie zum Fenſter hinausſah, ſagte ſie, wie in Zerſtreuung: „Das iſt alſo London?“ Dann kehrte ſte wieder zu ihrem Platze auf dem Sopha zurück, ſaß ſtillſchweigend da und blickte in's Feuer. Es wurde Thee gebracht, wovon ſie etwas zu ſich nahm, und dann ſagte ſie zu Marie: „Haben Sie je von einer Tochter gehört, die ſich vierzehn Tage nach ihrer Mutter Tode verheirathete?“ Ein Erröthen überzog Marien's Geſicht; ſie wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. „Ihre Verheirathung iſt keine gewöhnliche,“ ſagte ſie zögernd. 4 Ihr Herz litt einen ſchrecklichen Schmerz; ſie em⸗ pfand viel, was ſie nicht zu äußern wagte. Es gab religiöſe Pflichten, die die Beiden häͤtten erfüllen ſollen, bevor ſie den prieſterlichen Segen über ihren Ehebund empfangen konnten. Wußten Sie das? Hatten ſte es vergeſſen? Sie war eben im Begriff, davon zu ſpre⸗ hei als ein Schlag an die Hausthüre Beide auffahren machte. „Denken Sie daran,“ rief Gertrude mit wildem 81 Ausdruck aus,„daß ich volljährig bin, und daß keiß Gewalt auf Erden mich dazu bringen ſoll, nach Schloͤß Lifford zurückzukehren.“ „Es iſt nur des Briefträgers Klopfen,“ ſagte Marie, und einen Augenblick darauf hörte ſie Morizens Stimme auf dem Gange. „Er iſt zurück! nicht wahr?“ rief Gertrude aus. Es währte einige Minuten, bis er die Treppe her⸗ aufkam. Er war in's untere Zimmer eingetreten. Als er in das Zimmer hereinkam, wo Gertrude und Marie ſaßen, war er blaß wie der Tod. Der Ausdruck ſeines Geſichts— ſeine ganze Haltung— war ganz anders, als dieſen Morgen bei ſeiner Ankunft. Damals lag Freude und Hoffnung mitten in ſeiner Unruhe und Auf⸗ regung; aber jetzt hatten ſeine Augen einen dunklen und verwirrten Ausdruck, und er ſchien eine Art Kampf der Unſchlüſſigkeit zu beſtehen. Leidenſchaft und Gewiſſen führten in dieſem Augenblick Krieg in ſeiner Seele. Die eine war ſtürmiſch, das andere ſchwach, und der Kampf war ungleich. Er näherte ſich Gertrude und verſuchte zweimal zu ſprechen, aber die Stimme verſagte ihni Sie bemerkte es nicht, und ſie war es, die zuletzt agte: „Iſt Alles bereit?“ vielleicht mit einem Gefühl, verwandt mit demjenigen, womit dieſe Frage ſchon am Fuße des Schaffots ausgeſprochen worden iſt. Eine inſtinktmäßige Einſicht ſagte ihm, daß in dieſem Augen⸗ blick die Worte der Leidenſchaft und der Zärtlichkeit, die in der verfloſſenen Nacht ſo gewaltig auf ihre Gefühle gewirkt hatten, ihr mißfallen würden. Auch konnte er ſie jetzt nicht aus der Fülle eines Herzens ausſtrömen laſſen, das bis auf dieſe Stunde zwar ſchwach und ſchul⸗ dig, aber doch redlich in ſeiner Ergebenheit gegen fie geweſen war. Er konnte nur ihre Hand ergreifen und die Worte hervorbringen: „Kommen Sie!“ Marie flüſterte ihm zu: Lady⸗Bird. II. 6 . 82 „Ich will meine Mutter rufen; wir gehen Bei⸗ mit Euch.“ Als ſie mit Frau Redmond wieder kam, wandte ſih Gertrude ab mit brennenden Wangen und zitternda Lippen. Die gute Alte ging auf ſie zu, nahm ihn Hand in ihre beiden Hände und murmelte: „Meine liebe junge Lady— mein liebes Kind!“ „Meine Mutter!“ rief Gertrude aus, als ob iß Herz bräche,„„meine Mutterl“ Dann wurde ſie plötzlich ruhig und ſagte: „Jetzt bin ich bereit; laßt uns gehen!“ Sie fuhren zuſammen in einem Wagen durch di nebelerfüllten Straßen nach der Kapelle. Marie ſagte zu ſich ſelbſt:„Alſo das iſt Morizens Hoch eitstag?“ Und was empfand er während dieſer Zeit? Ihn war wie dem Spieler, wenn die entſcheidende Karte aus⸗ geſpielt werden ſoll— wenn das gewinnende Rennpfen ſich dem Ziele nähert. Im nächſten Augenblick ſollt Gertrude die Seinige ſein, und keine Gewalt auf Erden mochte dann die Verbundenen ſcheiden. Als die Cer⸗⸗ monie vorüber und ſie nach dem Hauſe in der Königs⸗ ſtraße zurückgekehrt waren, wurde ſie von ſo heftigen Kopfweh befallen und ſah ſo übel aus, daß Frau Red⸗ mond darauf drang, ſie müſſe ſich Ruhe auf dem Sopha gönnen, und ihr einen Trank von ihrer eigenen Zuſam⸗ menſetzung zu trinken gab, indem ſie Moriz und Mari⸗ bat, ſie eine Weile nicht zu ſtören, denn ihr Puls gehe ſo raſch und ihre Hände glühen ſo, daß, wenn nicht große Sorge um ſie getragen würde, ſie ernſtlich krank werden moͤchte. Moriz kniete am Sopha nieder und küßte ihre beiden Hände und dann ihre Stirne. Er konnte ſich kaum denken, daß ſie nun wirklich ſeine Frau ſei. Es 1 glich einem Fiebertraum, woraus er jeden Augenblick glaubte, erwachen zu müſſen. Sie bewegte ſich weder, noch ſprach ſie ein Wort,— bis ſie, da ſie ihn tief ſeufzen hörte, als er ſich von ſeinen Knieen erhob, die 8³ à Augen aufſchlug und ihm die Hand hinhielt, die er lei⸗ 1 denſchaftlich wieder und wieder küßte. Sie ſagte: ü„Ich will verſuchen, Dir ein gutes Weib zu ſein, Moriz.“ 1„Abgott meines Herzens!“ rief er aus. „Nein, nein,“ murmelte ſie,„es iſt unrecht, Abgöt⸗ terei zu treiben.“ 4 ann ſiel ſie in Schlummer, überwältigt von Er⸗ müdung und dem Druck ſo vieler Leiden. Er ging in das kleine Zimmer unten, wo Marie ſaß mit der Arbeit in den Händen, in Händen, die niemals müßig gingen, 1 ſo beſchäftigt auch ihre Gedanken waren. „Auch Du mußt ſehr müde ſein, Bruder,“ ſagte ſie, als er hereintrat.. — Als ſie noch Kinder waren, war es ihre Gewohn⸗ ſ heit geweſen, ihn ſo zu nennen, und während der letzten ¹ Monate hatte ſie dieſe allmählig wieder angenommen. 1„Aber ich vermuthe, Du biſt zu aufgeregt, zu glück⸗ mlich, um ſchlafen zu können. Setze Dich in dieſen Arm⸗ ſtuhl, und erzähle mir die Geſchichte dieſer wunderbaren Ereigniſſe. Ich verlange, zu erfahren, Moriz, wovon ich mich ſchon zum Voraus überzeugt halte,— daß Ihr Beide ſo wenig als möglich tadelnswerth gehandelt habt. . e Marie, ſie kam zu der Hütte letzte Nacht in ihrer ganzen Schönheit und im bitterſten Kummer. Ihrer MNutter Grab war kaum geſchloſſen, ihre Thränen noch nicht getrocknet, als ihr Vater Anſtalten machte, ihr die Hand eines völlig fremden Mannes aufzuzwingen, der eben an dieſem Tage ankommen ſollte. Sie hatte einen furchtbaren Auftritt mit ihm überſtanden und, das Herz zerriſſen durch ſeine Liebloſigkeit, floh ſie gleich einem verwundeten Vogel zu den einzigen Freunden, die ſie jeder Zeit geliebt hatten. Sie hoffte, Dich und Mutter anzutreffen und ſiel in Ohnmacht vor Erſchöpfung und dem Schmerz der getäuſchten Erwartung, als ich ge⸗ nöthigt war, ihr zu ſagen, daß Ihr abgerzſst ſeiet. 84 Was konnte ich nun thun? Ich wagte nicht, ſie zu verlaſſen, noch auch irgend Jemand zu ihrer Unter⸗ ſtützung aufzubieten. Wir blieben ſo beiſammen um die Zeit verſtrich. Als ſie wieder zu ſich kam, floſſa ihre Thränen bitterlich, und ich flehte ſie an, mir zi vertrauen. Sie zitterte und ſprach von ihren Leiden aund ihrer Verlaſſenheit, und ich ſah ſie ſchaudern, al ſie an die Rückkehr nach Schloß Lifford dachte, und nu wäre es wider die menſchliche Natur geweſen, ihr nich eine Zufluchtsſtätte anzubieten, ihr nicht eine Liebe 3 bekennen, die—“ er ſtockte; er konnte nicht umhin, ſih zu erinnern, wie oft er Marien geſagt hatte, daß er ſil liebe, daß er nie eine Andere als ſte lieben werde; um das Gefühl ſeiner Undankbarkeit und der Engelsgedul womit ſie dieſe aufgenommen hatte, überfiel ihn in die ſem Augenblick mit Gewalt. Aber ſie ſah ihn ruht an, nahm ſeine Worte auf und ſagte: „Und Du vergaßeſt alles Andere, außer dieſer Lieh die Du ſo lange bekämpft hatteſt. Du vergaßeſt, daß Du ſie in einem ſolchen Augenblick nicht offenbaren ſol teſt. Du wurdeſt verſucht. Moriz, und Du fielſt in da Verſuchung. Es ſchien Dir vielleicht in dieſem aufge regten Augenblick, daß es recht ſei, ihr Dein Herz al Zufluchtsſtätte und dieſe arme Wohnung als Obdat anzubieten; und als Du fandeſt, daß ſie Dich liebe, d thateſt Du in der Freude über dieſe Entdeckung— Blaß wie Aſche wurde Morizen's Geſicht, als Mari dieſe Worte ausſprach, und in abgebrochenen Laute murmelte er:. „Ich hoffe, ſie liebt mich!“ 4 Gleich einem Blitzſtrahl flog da der Gedanke durch ihre Seele, daß er deſſen vielleicht nicht gewiß ſei, und zu bereitwillig Vortheil gezogen habe von ihrem erſchüt⸗ terten Seelenzuſtand, ihrer Angſt vor der Rückkehr nach Hauſe,— kurz von ihrem Leiden,— um ſie zu einem Schritte zu bereden, den Nichts als eine heftige, leiden⸗ ſchaftliche Liebe auf beiden Seiten beſchönigen oder 8⁵ entſchuldigen konnte. Das war ein furchtbarer Augen⸗ blick für Marie. Sie entſetzte ſich vor der Anſchauung begangener Sünde und zukünftigen Elends, die ſich ihrem Geiſte aufdrängte, und rief aus: „Aber Du überwältigteſt ſie doch nicht mit Ueber⸗ reden, Moriz? Du gabſt ihr Zeit zum Nachdenken, zum Ueberlegen? O, um des Himmelswillen ſage mir, daß Du es thateſt!“ 4 „Da war keine Zeit zum Ueberlegen,“ verſetzte er mit ſteigender Heftigkeit, als er ihre Bewegung wahr⸗ nahm.„Meinſt Du denn, in ſolch einem Augenblick ſei ein Mann im vollen Beſitz ſeiner Sinne? Ich ſchil⸗ derte meine Liebe und meine Verzweiflung, bis ſie mir erlaubte, auch von ihrem zukünftigen Loſe zu ſprechen— ich ſagte ihr, wie es gehen würde, wenn ſie in Schloß Lifford bliebe. Ich räumte ihre Bedenklichkeiten aus dem Wege— der Himmel weiß, daß in dieſem Augen⸗ blick meine Beweisführung mir richtig ſchien. Sie hatte mich einſt geheißen, in meiner Liebe zu beharren und meine Zeit abzuwarten— und die Zeit ſchien mir nun Pionmer. Ich glaube, ſie liebt mich. Ich bin ſicher, es iſt ſo.“ Er ſtand auf und ging mit Ungeſtüm im Zimmer auf und ab. Marie blieb ſtille; ihre bangen Ahnungen waren nicht zerſtreut; aber ſie fühlte, es war gethan, es war vorüber, es war unwiderruflich,— und Nichts blieb übrig, als die Hoffnung, daß Gott in ſeiner un⸗ endlichen Varmherzigkeit Gutes aus dem Böſen hervor⸗ bringen werde, wenn ihre ſchlimmſten Beſorgniſſe ſich als gegründet erweiſen ſollten; aber ſie wußte auch, daß es Etwas gebe, das Vergeltung heißt, und das Herz im Buſen ſank ihr. Sie hielt ihre Blicke auf den Boden geheftet und wagte kaum, ihm in's Geſicht zu ſehen. „Wenn ich gefehlt habe,“— hob er an. „Wenn! O, Mori;z,“ verſetzte ſie mit einem Tone, der ihm die Seele durchſchnitt; denn, wenn ſie ihn jetzt 86 ſchon verurtheilte, was würde ſie erſt gefühlt und geſagt— haben, wenn ſie gewußt hätte, was kein lebendes Weſen außer ihm ſelbſt wußte,— ein Geheimniß, das in ſeine Bruſt ruhte, und weder ihr, noch irgend Jemand ſonſt jemals enthüllt werden ſollte; das aber wie ein Dorn darin ſtack, den alle ſeine Verſuche, ihn herauszudrehen, nur immer noch tiefer hineindrückten. Beide fürchteten ſich, noch mehr über das Vergangen zu ſagen. Jedes hatte mehr verſtanden, als das Ander, in Worten ausgedrückt hatte, und ein peinliches Stil, ſchweigen folgte. Sie pflog Rath mit ſich ſelbſt, um da ſie ſeinen Charakter kannte, ſo fühlte ſie die Noll wendigkeit, ihn zu einem entſchloſſenen Blick auf di Zukunft zu ermuthigen.„Rede mit ihnen, daß ſt vorwärts gehen.“ Dieſer Spruch der Bibel hatte ſih in Mariens Gemüthe feſtgeſetzt, da ſie noch ſehr jung war, als eine Art von Zauberſegen, der ſie durch Ent⸗ muthigung und Prüfung hindurchführte, als würde ſi auf Engelsfittigen getragen. Er erſtickte den Mißmuln das Mitleid mit ſich ſelbſt, die Nachſicht gegen ſich ſelbſ⸗ und ſpannte jeden Nerv an für die Pflicht oder der Kampf der Stunde; und jetzt empfand ſie es als ein größere Pflicht, ihm zukuͤnftige Anſtrengungen um ſühnende Tugenden zuzumuthen, als ihm uͤber daß Vergangene Vorwürfe zu machen. „Du biſt nun,“ ſagte ſte,„Gertrudens Mann, in Beſchützer, ihre einzige Stütze; denn die Welt win gegen ſie ſein, und Keinem von Euch beiden wird f viel Schonung beweiſen. Ich ſage das nicht, um Dit zu entmuthigen, Gott weiß es, ſondern um Dich auf zumuntern, daß Du ihr alles das ſein mögeſt, was ein Mann einem Weibe ſein kann, das um ſeinetwilllen Alles dahingegeben hat. Ihre Anſprüche an Deine Liebe ſind keine gewöhnlichen. O Moriz, liebſter Bruden fange dieß Dein neues Leben gut an. Du wirſt Gottet Segen dazu nöthig haben— ſuche ihn Tag für Tag zu ſeinen Füßen, und dann arbeite angeſtrengt für Ger —ͤ————. 87 trude; die liebe Lady⸗Bird darf keine einzige Bequem⸗ lichkeit entbehren, die unſere Bemühungen ihr verſchaffen können.“ Er drückte ihr die Hand, und beide waren einige Minuten lang wieder in Gedanken verſunken. Dann(denn es gibt tauſend nothwendige Kleinigkeiten im Leben, die ihre Anſprüche ſelbſt in den bewegteſten Augenblicken geltend machen) ſagte ſie zu ihm:„Wo nerbeihr wohnen, Moriz? Hier, hoffe ich; wenigſtens für jetzt.“ 2 „Wird das möglich ſein?“ „Ganz gut möglich. Eine Treppe hoch ſind zwei Zimmer, die ihr haben könnt; und ich ſollte denken, gerade für den Anfang muß es, da Du wenig, und Lady⸗Bird Nichts von Haushaltung verſteht, vortheilhaft für ſie ſein, Jemand zu haben, der kleine Anordnungen für ſie beſorgt und die Stelle ihrer Dienerin ausfüllt; ich kann ihr etwas Kleider borgen, auch bis—“ „O Marie, hier iſt meine Börſe; um des Himmels willen kaufe Alles, was ſie bedürfen kann.“ 4 „Nein, in der That, lieber Moriz, Du haſt die letzten zwei Jahre als einzelner Mann Dein erträgliches Auskommen gehabt, aber als Chemann mußt Du er⸗ ſtaunlich vorſichtig ſein. Es iſt wahrſcheinlich, daß Lord Lifford, ſelbſt wenn er ſeine Tochter verſtoßen ſollte, ihr doch ſchicken wird, was bisher ihr Eigenthum war. Dann iſt da wieder ein Punkt, den Du, wie mich dünkt, ſorgfältig vermeiden ſollteſt, nämlich, Deiner Frau irgend eine Veränderung in ihren Lebensgewohnheiten vorzu⸗ ſchlagen. Jeder derartige Wechſel ſollte ganz von ihr allein ausgehen, und ihr nicht von Dir oder von uns eingegeben werden. Höchſt wahrſcheinlich wird ſie wünſchen, ſich weniger koſtſpielig zu kleiden— und das wird auch in der That unvermeidlich ſein, wenn ihr Vater nicht zu Eurem Unterhalt beiträgt— aber es wäre nicht wünſchenswerth, daß Du es wäreſt, der weniger koſtbare Sachen für ſie beſorgt, als woran ſie b bisher gewöhnt war. Wenn ihr das Ihrige nicht zu⸗ 88 geſandt wird, dann wird es noch Zeit genug für Dit ſein, ihr den Betrag Deiner Hülfsquellen aufrichte darzulegen und ſie über die Linie, die ſie in dieſen B⸗ ziehungen einhalten will, entſcheiden zu laſſen.“ „Marie, Du biſt ein kleiner Salomo,“ ſagte Morz lächelnd, aber es war ein Lächeln, auf welches alsbal ein tiefer Seufzer folgte. Denn was würde er nicht darum gegeben haben, im Stande zu ſein, ſeine Frau mit allen Annehmlichkeiten, Vergnüͤgungen und Ge⸗ nüſſen des Lebens zu umgeben! und er blickte mi Widerwillen auf die engen dumpfen Stübchen, die un⸗ reinen Wände, das anmuthloſe Geräthe dieſer armen Mieth⸗ wohnung hin. Wenn er in der That überzeugt geweſe wäre, daß ſie ihn liebte, ſo wäre Alles gut geweſen. An dieſem Tage wenigſtens würde er die Sorge den Winden dahingegeben und dem Stirnrunzeln des Glücku Trotz geboten haben; aber eine Liebe wie die ſeinige war zu hellſichtig, um ſich lange ſelbſt zu betrügen; obgleich er ſich bemühte,— trotz eines früheren eifer⸗ ſüchtigen Argwohns und einer entſetzlichen Beſtätigung die dieſer eben im Laufe dieſes Tages erfahren hatte, — ſich einzureden, daß ſie ihn liebe, und daß ihr Hen es ſei, was ihr den raſchen Schritt eingegeben, den fi gethan: ſo konnte er doch, wenn er in ſeiner Seele die Scenen dieſes ereignißvollen Tages muſterte, ſich nicht einen Blick wahrer Liebe, nicht ein Wort vergegenwät⸗ tigen, das die ſchrecklichen Ahnungen eines erwachenden Gewiſſens und einer quälenden Eiferſucht beruhigt hätte Mittterweile war Marie ſo geſchäftig wie eine Biene. Sie ſchloß mit der Hausbeſitzerin den Vertrag über die Miethe der oberen Zimmer ab, und ging dem Dienſtmädchen bei einer vollſtändigen Reinigung derſelben an die Hand. Die blaſſe Sonne fing an, den Nebel zu überwinden, und ſie öffnete das Fenſter, um dieſen vorübergehenden Strahl hereinzulaſſen. Jede Kleinigkeit von Hausrath, die als Verzierung betrachtet werden konnte, wurde aus ihrem und ihrer Mutter Zim⸗ 89 mer in das Zimmer Gertrudens herübergeſchafft. Jedes Bild, jeder Kupferſtich, den ſie beſaß, wurde an den Wänden aufgehängt. Manche darunter hatte Moriz von Italien mitgebracht, und ſie waren ihre höchſten Schätze, eines insbeſondere, ein niedlicher Stich von der Madonna di Foligno, vor welchem ſie ſeither immer ihr Gebet verrichtet hatte. Sie bedachte ſich einen Augenblick, glaubte aber dann doch, daß dieſe Gebete mit wenig Erfolg geſprochen worden wären, wenn ſie ſie nicht in Stand geſetzt hätten, von Allem Abſchied zu nehmen, was ſich auf eine Zeit bezog, an die ſie jetzt nicht mehr denken durfte. Ein andächtiger Kuß wurde auf die geheiligten Füße des Kindes der Jungfrau gedrückt, und dann wurde das Bild an der Stelle angebracht, wo das Licht am vortheilhafteſten darauf fallen mußte. Ihre am hübſcheſten ausſehenden Bücher wurden auf den Bü⸗ cherbrettchen aufgeſtellt, einige kleine Spielereien auf den Tiſch gelegt. Als das Feuer angezündet war und die Flamme freudig brannte, ſo meinte ſie, das Zimmer ſehe ganz freundlich aus; und freundlich in der That hatte ſie daran gearbeitet, den Schmerzen ihres Herzens zum Trotz— denn ihr Herz ſchmerzte, aller Anſtrengungen ungeachtet — es ſchmerzte mehr, als irgend Jemand ſich vorſtellen konnte. Manches Mädchen mit einem ſolchen leidenden Herzen wäre in Thränen zerfloſſen. Manche Andere, die geliebt hatte, und noch liebte, wie ſie, würde ſich von Moriz mit bitterem Groll, von Gertrude mit kalter Strenge abgewandt haben: aber die Menſchen ſind ſehr verſchieden, und verſchiedene Wege gibt es, Gefühl zu zeigen. Mariens Weiſe darin war die, daß ſie dieſen ganzen Tag für das fluͤchtige Paar recht fleißig arbeitete, und nach Mittag wenige Minuten andächtig für ſie betete, und zwar vor eben dem Altar, an welchem ſie verheirathet worden waren. „Zehn Minuten allein gelaſſen zu werden,“ dieß war, wie man ſagt, die erſte Bitte einer jungen Köni⸗ gin, als ſie zum Throne gelangt war. In den ver⸗ 90 ſchiedenſten Lagen, unter den verſchiedenſten Gemüths⸗ bewegungen, iſt dieſer Wunſch empfunden worden. Es war Gertrudens leidenſchaftliches Verlangen, am Tage nach ihrer Verheirathung allein gelaſſen zu werden, und über alles das nachzuſinnen, woran ſie noch nicht zu denken gewagt hatte, ſo lange ihr Schickſal noch nicht unwider⸗ ruflich feſtgeſtellt war. Sie war ihr ganzes Leben lang an die weiten, hohen Zimmer von Schloß Lifford, an den Park und die Gärten dabei gewöhnt geweſen; und ſo oft entweder ein Kummer oder ein Sturm im Ge⸗ müthe ſie überſiel, ſo ſchien ſte Erleichterung zu finden in den Räumen, worin ſie herumſtreifen konnte, und in der Gelegenheit zu raſcher Bewegung, die ſie darboten. Sie fühlte ſich faſt erſtickt von der Atmoſphäre Lon⸗ dons und von der Enge des kleinen Hauſes, worin ſie ſich befand. Selbſt wenn die Thüre ihres eigenen Zimmers geſchloſſen war, konnte ſie Stimmen und Tritte unter und über ſich hören. Und wenn ein lan⸗ terer Seufzer als gewöhnlich ihr entſchlüpfte, wenn nach einem Augenblick ſtillen Weinens ein Schluchzen aus ihrer Bruſt hervorbrach, ſo ſtürzte Moriz ängſtlich an ihre Seite und fragte, ob ſie darüber traure, daß ſie ihn glücklich gemacht habe? und ſie war genöthigt, ihm die Hand zu reichen, und mußte ihn durch ein Lächeln zu beruhigen verſuchen. Sie fühlte, daß der Späher⸗ blick ſeines Auges unabläſſig auf ihr ruhte, und fragte ſich ſelbſt, ob man wohl ſchon Jemand durch Ueberwa⸗ chen toll gemacht habe? Am Nachmittag dieſes Tages ſagte ſie ihm, ſte habe eine Aufgabe zu erfüllen, die ihr viel Schmerz verurſachen werde, und zu deren Ausführung ſte allein zu ſein wünſche. Sie beſtand in einem Brief an ihren Vater, den ſie von ihrer Verheirathung be⸗ nachrichtigen wollte. Sie ſagte nicht, ſte wolle ihn ihren Brief leſen laſſen. Er hatte gedacht, ſie könnten ihn zuſammen ſchreiben; aber dieſer Gedanke ſchien ihr gar nie eingefallen zu ſein. Er ging aus, um ein wenig mit Marien ſpazieren zu gehen. Gertrude blickte aus 91 dem Fenſter, und ſah ſie um die Ecke der Straße bie⸗ gen. Jetzt zum erſtenmal ſeit ihrer Mutter Tod über⸗ ließ ſie ſich einem unbeaufſichtigten und heftigen Aus⸗ bruch von Jammergeſchrei und murmelte mit erſtickter Stimme:„Was hab' ich gethan?— was hab' ich ge⸗ than? O mein Gott! was hab' ich gethan?“ Einige Minuten ſpäter fühlte ſie ſich etwas ruhiger und ſetzte ſich nieder, um zu ſchreiben. So lautete ihr Brief: „Königsſtraße, Mancheſter⸗Square. „Ich ſchreibe nicht, um Sie um Vergebung zu bitten, denn ich weiß recht gut, daß Sie mir niemals vergeben werden, auch nicht, um Sie von Beſorgniſſen um mein Leben zu befreien, denn ich weiß, Sie würden lieber von meinem Tode hören als von der Heirath, die ich geſchloſſen habe, ſondern nur, um Ihnen die Mühe zu erſparen, Nachforſchungen anzuſtellen, die Ihnen nur überflüſſige Unruhe verurſachen würden. Daß ich zum Fluch für Sie geboren wurde, iſt ein Gefühl, das ſich mir unabweisbar aufdringt. Daß Sie mir das Leben zu einem Fluch für mich gemacht haben, mag nicht mehr ſein, als ich verdiene. Ich mache Ihnen jetzt keine Vorwürfe, Vor zwei Tagen hatte ich vielleicht ein Recht, mich zu beklagen. Jetzt hab' ich keines mehr. Es würde von meiner Seite Ungebühr ſein, zu ſagen, daß ich Ihnen vergebe, und doch, da ich nicht erwarte, daß Sie noch jemals Etwas von mir zu ſehen oder zu hören wünſchen ſollten, ſo möchte ich es gerne ſagen, als geſchähe es von meinem Todtenbette aus. Ich ver⸗ gebe Ihnen, daß Sie mich niemals geliebt, niemals in meiner Jugend freundlich angeblickt haben. Ich vergebe Ihnen, daß Sie mich ſo weit getrieben haben, daß ich Sie über alle Möglichkeit der Vergebung hinaus belei⸗ digen imußte, daß Sie mich angereizt haben, mein Schickſal in meine eigenen Hände zu nehmen, und die Suͤnde und das Elend des Ungehorſams ohne die Ent⸗ ſchuldigung der Leidenſchaft auf mich zu laden. Ihr Zorn wird groß ſein; ich ſage nicht, daß er nicht ge⸗ 92 recht ſein werde. Um meiner Mutter willen, ihrer lan⸗ gen Leiden, ihres noch ſo friſchen Todes willen, bitte ich Sie nur um eine einzige Gunſt: Verfluchen Sie mich nicht, mein Vater, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Motit Medmonde Ehefrau bin.“ ie unterzeichnete dieſen Brief nicht, ſondern ſie⸗ gelte ihn eilig und gab ihn auf. Einige Tage darauf ka⸗ men, wie Marie erwartet hatte, mehrere Koffer an, die Alles enthielten, was in Schloß Li fford Gertrude gehört hatte. Dieß war das einzige Zeichen, daß ihr Brief an ſeine Adreſſe gelangt war. Als Marie ihre Kleider auspackte und in Schubladen ordnete, während ſie ſelbſt dabei ſaß und mit einer Art von mechaniſcher Aufmerkſamkeit ihr zuſah, hielt jene ihr eine Lage Papier hin, die man auf den Boden der Kiſte gelegt hatte; als ſie das that, fielen einige Zeichnungen, die darin enthalten waren, zur Erde nieder. Sie ſah ihre Copie von dem Gemälde des Herzogs von Gandia vor ſich, mit den Worten, die darunter geſchrieben waren, und ſtieß einen Schrei aus, der Marien erſchreckte, welche, als ſie ſich um⸗ wandte, ſie am Feuer ſtehen ſah, während die Flamme jene Zeichnung verzehrte und ſie vor ſich ſelbſt die la⸗ teiniſchen Worte hermurmelte: „Dies iræ, dies illa, Solvet sæclum in favilla.“ Als der letzte ſchwarze Ueberreſt des Bogens Papier in Aſche zerſiel, ſagte ſie mit lauter Stimme:„Das erin⸗ nert mich immer an den Geſang vom jüngſten Gericht, „Wenn ſchrumpfend ein, wie dürres Pergament, Der flammende Himmel zuſammenbrennt.“. Marie nahm ihre Arbeit wieder auf und ſetzte ein prächtiges Kiſtchen auf den Tiſch, worauf ein Wappen⸗ ſchild in erhabener Arbeit angebracht war, und das die Halsſchnur enthielt, die Gertrude von ihrem Vater er⸗ 93 halten hatte. Sie ſtarrte ſie eine Weile ſchweigend an, dann fragte ſie: „Haben Sie den Roman geleſen, Marie, betitelt: „Stolz und Liebe?““ „Nein; was bringt Sie auf den Gedanken daran?“ ih„Ich weiß nicht— vielleicht dieſe diamantene Hals⸗ nur.“ „Sie hatten zwiſchen beiden zu wählen,“ ſagte Marie freundlich,„und Sie wählen Liebe, nicht Stolz.“ Gertrude wandte ſich nach dem Fenſter und gab keine Antwort. Sechstes Kapitel. „O, wenn Du ahnen könnteſt, wie mein Herz, Im tiefſten Gram verſunken und verloren, Den fernen Mann beweinte, bis der Schmerz In dem gequälten Buſen feſtgefroren! O, wenn Du ahnen könnteſt, was ich litt, Wie Furcht und Hoffnung wechſelvoll mich hohnte, Wie die geliebte Stimme, wie ſein Tritt Mir Tag und Nacht an meine Ohren tönte! O, kann's Dich wundern, daß, als endlich, ach! Erloſchen war der Hoffnung letzter Funken, Als auch der letzte Anker mir zerbrach, In trüben Wahn mein arm Gehirn verſunken? Moore. X* * „Der Herr, der allgerechte Gott und Richter, . Er wahrt ſich ſelbſt ſein königliches Recht, 4 Er zücltigt ſelbſt die ſchuldbeladne Seele, Läßt ſelbſt die Feuerprob' ergeh'n und ſchwingt Die reinigende Geißel: ſtell's ihm heim⸗¹* Mrs. Hemans. Als Gertrude zum erſten Mal mit ihrem Manne ausging, war die traumartige Empfindung, die ſeit 94 ihrer Verheirathung über ſie gekommen war, ſtärker als je. Es ſchien, als ſei mit einem Schwamm über ihr ganzes voriges Leben hingefahren worden. Schloß Lifford, ihre Eltern, Audley⸗Park und Woodlands, Lady Clara, Mark Apley, Herr Latimer, und ſogar Adrian ſelbſt erſchienen wie Erinnerungen aus einer andern Form des Daſeins, durchaus unverknüpft mit dem, was ſie jetzt umgab. Erſchöpft durch die nur eben er⸗ littene Aufregung ſchien die Fähigkeit, zu leiden, in ihr abgeſtumpft zu ſein. Sie empfand in dieſem Augen⸗ blick keinen ſtechenden Schmerz— Adrian war für ſie verloren; das war nicht ſowohl ein Schmerz, als die Zerſtörung eines Theils ihres Weſens. Die Springfeder war gebrochen, ſo glaubte ſie wenigſtens, und vielleicht litt ſte da, wo ſie war, weniger, als ſie zu Hauſe oder irgend wo anders gelitten haben würde. London er⸗ ſchien ihr wie ein großer Bienenkorb, worin Millionen Geſchöpfe herumſumsten, ohne ſie zu beläſtigen. Es war beſſer, die Leute zu beobachten, die ſich die Straße entlang bewegten, als gar nichts zu ſehen zu haben. Sie ſaß viel am Fenſter, und Marie meinte, daß, wenn Moriz ausgegangen war, ſie ſeiner Rückkehr mit Verlangen entgegenſehe. Dann und wann ſagte ſie etwas in ihrer alten Weiſe— etwas Komiſches, das Alle lachen machte; aber der Klang ihres Gelächters ſchien ſie jedesmal wie⸗ der ernſt zu machen. Moriz befand ſich ebenſo wie ſie in einem ſonder⸗ baren Gemüthszuſtand. Es gab Augenblicke, da er ſte mit Entzücken anſah, und bei dem Bewußtſein, daß ſie ſein Weib war, vor Freuden faſt von Sinnen kam. Aber ſein Glück war von Vollkommenheit weit entfernt. Sie war nicht gerade kalt gegen ihn, aber doch war Etwas in ihr, was ihm unmöglich machte, ſich voll⸗ kommen froh zu fühlen, und das war für einen Ehe⸗ mann ein Bewußtſein der quälendſten Art. Sie zog ihn nie über Etwas zu Rathe, verlangte ebenſo wenig ſeine Meinung über irgend einen Punkt zu hören, als ——————Aͤ— 95 ſte die ihrige ausſprach. Sie hatte zu keiner Zeit ein Gefühl von Rangesunterſchied zwiſchen ihnen merken laſſen, aber doch meinte er, ihr früheres Benehmen ſei von ihrem jetzigen ſehr verſchieden. Wäre ſie ſtolz, an⸗ ſpruchsvoll, unfreundlich gegen ihn geweſen, er hätte darin faſt eine Erleichterung gefunden. Für einen Mann, der ſie anbetete, gab es faſt keine härtere Prüfung als ihre ruhige Selbſtbeherrſchung. Er wagte nie, mit ihr von Geſchäften oder ökonomiſchen Gegenſtänden zu ſpre⸗ chen. Sie machte nie eine einzige Bemerkung, ſtellte nie eine Frage über ihre gemeinſchaftlichen Plane für die Zukunft oder über den Umfang ſeiner Huülsquellen. Marie ſagte ihm ein⸗ oder zweimal, daß er es aufge⸗ ben müſſe, Entſchuldigungen an ſeine Schüler zu ſchicken, und von Neuem beginnen, Stunden zu geben, daß ſeine Abhaltungen als Organiſt und Komponiſt nicht hin⸗ reichen, um ſich damit zu beruhigen,— daß er Heu machen müſſe, derweil die Sonne ſcheine, und nicht erſt unter ſeinen Füßen das Gras dürfe wachſen laſſen wollen. Die kleine Marie hatte eine heimliche, Sancho⸗ Panſa⸗mäßige, Liebe zu ſprüchwörtlichen Redensarten, und dieſe bildeten oft einen Beſtandtheil ihrer Ermah⸗ nungen an Moriz. „Du mußt auch an Deiner Oper fortarbeiten,“ ſagte ſie.„Du mußt Dir durch Dein Talent einen Namen in der Welt machen. Lady⸗Bird gab, als ſie Dich zum Manne nahm, alle Rückſichten auf die Welt auf; aber es kann ein Tag kommen, wo ſie ſich ſelbſt in dieſer Hinſicht ſtolz auf ihren Mann fühlen mag. Verlaß Dich darauf, Moriz, das thut es nicht, daß Du Stun⸗ den lang die Hände zuſammenlegſt und ihr ſchönes Ge⸗ ſa anſehr Deine Liebe muß ein Sporn, kein Schlaf⸗ runk ſein.“ „Warum ſpricht ſie nicht auch ſo zu mir, wie Du, Marie? Ich könnte Wunder thun, wenn ſie ein In⸗ tereſſe an dem nähme, was ich thue.“ 96 „Sie kennt Dich noch nicht ſo gut wie ich, und weiß noch nicht, wie nöthig es iſt, daß man Dir Dein Au⸗ genmerk unverrückt vorhält, und wie geneigt Du biſt, auf Deinen Rudern einzuſchlafen.“ „Marie, meinſt Du, ſie liebe mich?“ „Ich meine, daß das eine häßliche Frage ſei, Moriz. Wenn ein Mädchen für Dich Alles auſaegeben und je⸗ des Hinderniß durchbrochen hat, um Deine Frau zu werder, ſo iſt es unverzeihlich, zu zweifeln, ob ſie Dich iebe.“ „Alles aufgegeben für mich— für mich! O, daß ich ſo denken könnte!“ „Moriz!“ rief Marie beinahe bitter aus,„wenn Du anfängſt, auf dieſe Weiſe Dich ſelbſt zu quälen, und noch dazu ſo frühe, ſo wirſt Du Dich ſelbſt elend machen, und Deine Frau dazu!“ „Sahſt Du, wie ſie geſtern erblaßte, als Jemand ſie Frau Redmond nannte?“ „Das war vollkommen natürlich. Es kann ihr nicht in jedem Augenblick Vergnügen machen, an die Art zu denken, wie ſie ſich verheirathet hat, ſo ſehr ſie Dich lieben mag.“ „Findeſt Du denn, daß ſie ſo ausſieht, als ob ſit mich liebte? Haſt Du je eine Frau, die verheirathet war an einen Mann, den ſie liebte, ſo bleich und ſo ſchweigſam geſehen?“ 1 „Aber, Moriz, denke an ihren tiefen Kummer, ih⸗ rer Mutter Tod, ihres Vaters Groll, die Gedanken, die ſie ſich wegen der Rückkehr ihres Bruders und des Pa⸗ ters Lifford machen muß. Findeſt Du in allen dieſen Umſtänden Stoff zur Fröhlichkeit für ſie?“ „Wenn ſie mich liebte, wie ich ſie anbete, ſo möchte die ganze Welt mich haſſen und mißhandeln, jedes menſchliche Weſen rund um uns zu Grunde gehen:— ich wollte mich an ihr Herz anklammern und der Glück⸗ lichſte aller Menſchen ſein.“ 1 97 „Nein,“ ſagte Marie mit einem Tone, worin etwas Unwille lag,„nein, in dieſem Sinne glaube ich nicht, daß ſie Dich liebt.“ „Ich glaube, ſie könnte in dieſem Sinne lieben,“ murmelte er für ſich; und dann flüſterte er noch unver⸗ ſtändlicher;„Le vent qui vient à travers la montagne, me rendra fou.“ Ungefähr zehn Tage nach Gertrudens Verheirathung war Moriz ausgegangen, um Stunden zu geben. Er hatte ihr den Tag zuvor mit Stocken geſagt, daß er dieſe Abſicht habe, indem er meinte, es möchte ihr pein⸗ lich ſein, daran erinnert zu werden, daß er auf dieſe Weiſe ſeinen Unterhalt gewinnen müſſe. Die Art, wie ſie es aufnahm, als eine Sache von der äußerſten Gleichgültigkeit für e. Nat ihm eine halbe Erleichte⸗ rung, zugleich aber den Verdruß getäuſchter Erwartung. Bei Tiſche kam ſie auf den Gegenſtand zurück und rich⸗ tete einige ſcherzhafte Fragen in Betreff ſeiner Zöglinge an ihn. Es lag nicht ein Korn irgend einer Art von Stolz in ihrer Gemüthsart. Hätte er ihr geſagt, er wolle ein Schuhmacher werden, ſie würde nicht viel darnach gefragt haben. An dem Morgen, wovon wir ſprachen, ging ſie mit Marie lange in Hyde⸗Park ſpa⸗ zieren. Ihre Stimmung war ein wenig beſſer als ge⸗ wöhnlich, und raſches Gehen ſchien ſte zu erheitern. Mittlerweile war Frau Redmond zu Hauſe, arbeitete an einem wollenen Teppich und dachte an ihre Blumen um die Hütte herum, an ihre Brühen, ihre Roſen und ihren Hollunder⸗Wein, und wünſchte zu wiſſen, ob wohl der gegenwärtige Inhaber des Gartens denſelben eben ſo ſehr lieben möge, als ſie immer gethan, und dann wunderte ſie ſich, warum doch Jedermann in London ſo blaß werde. Marie, Moriz und Gertrude ſahen alle bleich und hager aus, ſeitdem ſie in der Stadt waren; es war doch recht ſchade, daß ſie nicht auf dem Lande leben konnten. Es konnte nichts helfen, daran jetzt zu denken, und dennoch baute ſie gewiſſe Deräumige Luft⸗ Lady⸗Bird. II. 98 Schlöſſer, oder richtiger Luft⸗Hütten, die ſie ergötzten und ihr die Zeit ſchnell verfließen machten. Ungefähr eine Stunde, nachdem Gertrude und Marie das Haus verlaſſen hatten, als ſie eben anfing, ihre Rückkehr zu erwarten, ging die Thüre auf, und zu ihrem Schrecken traten Pater Lifford und Edgar in das Zimmer. Ein Paar Geiſter hätten Frau Redmond keine größere Beſtürzung einjagen können. Ihre Arbeit und ihre Brille fielen auf ihre Kniee, und ſie ſah aus, wie das wahre Bild des Entſetzens. Da ſie einen ſol⸗ chen Zufall nicht vorher geſehen hatte, ſo war es ihr nie eingefallen, zu fragen, ob Gertrudens Verheirathung ein Geheimniß ſei; ſie empfand wohl, daß ein großer Fehler begangen worden ſei, und daß eine erſchütternde Entdeckung vor der Thüre ſei, und ihr zartfühlendes Herz und ihr unlogiſcher Verſtand leiteten ſie auf den Gedanken hin, daß ſie ſelbſt auf eine oder die andere Weiſe in das geſchehene Unrecht verwickelt ſei, und ſie wäre im Stande geweſen, ſich ſelbſt deſſelben anzukla⸗ gen und Pater Lifford um Vergebung anzuflehen, ge⸗ rade als wäre ſie nicht ebenſo ſchuldlos wie ein Kind im Mutterleibe, ein Individuum, das ſte in ihren Re⸗ densarten häufig anzubringen liebte. Sie blieb im Anſtarren ihres Beſuches verloren, als wenn der Fuß⸗ boden und nicht die Thüre ſich aufgethan hätte, denſel⸗ ben einzulaſſen. Pater Lifford ſtellte ſich einen Stuhl dicht neben den ihrigen, während Edgar, der immer ein ſteifes Ausſehen beibehielt, ihr gegenüber Platz nahm. Sie waren eben dieſen Morgen von Spanien angekommen, auf einem andern Schiff, als mit welchem ſie zu fahren beabſichtigt hatten, und da ſie in der Stadt keine Briefe vorfanden, ſo hatte Pater Lifford vorgeſchlagen, Morizens Wohnung aufzuſuchen, in der Hoffnung, von ihm die neueſten Nachrichten über Schloß Lifford zu vernehmen. 34 „Ei, Frau Redmond,“ fing er an,„ich erwartete 1 kaum, Sie in London anzutreffen, obwohl wir von 99 Ihrem Vorhaben Kenntniß hatten, von draußen weg⸗ zuziehen. Wie geht es Ihnen?— und was macht Marie?— und Moriz, kommt er gut fort?“ „So gut, als ſich erwarten läßt, werther Herr,“ antwortete ſie, indem ſie nicht darüber klar werden konnte, ob ihm das neueſte Ereigniß noch unbekannt ſei, und ſich dieſer gewöhnlichen Redensart als einer für je⸗ den Fall ſicheren bediente. „Sie haben eine nette Wohnung,“ bemerkte Edgar, wie manche Perſonen ſich oft über Wohnungen aus⸗ drücken, worin ſie für ihr Leben nicht ſelbſt wohnen nmöchten. „Es iſt nicht ganz Raum genug für uns,“ begann ſie, und zitterte dann, als ob Jene ganz genau wüß⸗ ten, wie viel Zimmer denn eigentlich da ſeien, und daß der Raum ganz gut gereicht haben würde, wenn Moriz nicht geheirathet hätte. „Wo iſt Marie?“ fragte Pater Lifford;„ich habe ihr eine Kleinigkeit aus Spanien zum Geſchenke mit⸗ gebracht.“ „O, Sie ſind allzugütig,“ rief Frau Redmond aus, und wollte eben hinzuſetzen:„Sie verdient es nicht,“ ſo ſtark beherrſchte ſie die Vorſtellung, daß ſie alle in Morizens Verſchuldung verflochten ſeien. ie fing nun an, in ihrem Herzen zu beten, daß die Fremden wieder gehen möchten, bevor Gertrude und Marie nach Hauſe kämen; und in Betracht dieſer ſtillen Gebete und ihres ſchweren Gehörs ging die Unterhal⸗ tung nicht gerade munter vorwärts. Pater Lifford ſagte:„Wir haben nur eben gelan⸗ det, und waren froh genug, daß wir endlich ankamen nach unſerer ſchlechten Ueberfahrt. Wir reiſten einige Tage vor der feſtgeſetzten Zeit ab, und müſſen unſere Briefe verfehlt haben. Ich hoffe, wir ſollen Edgars arme Mutter erträglich wohl antreffen; aber die letzten 3 Nachrichten über ſie gefielen mir nicht ganz.“ Jetzt nahm die Unruhe der armen Frau Redmond 100 zu. Sie wußten alſo noch Nichts vom Tode der Lad Lifford. Nun dann wußten ſie alſo noch gar Nichte! Dann mußte alſo Jedermann ſich nur geradezu verloren! geben. Dieß war ihr einziger Eindruck, und ſie ſat ſo verwirrt aus, daß Pater Lifford es bemerkte, unji eine plötzliche Angſt zuckte durch ſein Herz. Ein Von⸗ gefühl von Trauer hatte ihn während der Reiſe befallen: es war ihm offenbar aus Gnade zugeſandt worden, uni ihn für das Unheil vorzubereiten, das dieſer Tag ihn bringen ſollte, und das in der That überflüſſig hin! reichte, um jene Ahnungen zu rechtfertigen.* Er ſah Edgar— und wieder Frau Redmond an und fürchtete ſich, ſie auszufragen, und eine Antwort zi bekommen, die für den gutmüthigen jungen Mann eit! zu Pläßlicher Schlag ſein möchte, der gar keine Furch oder Bangigkeit in dieſer Hinſicht hatte. Er nahm ein! Priſe Taback; er ſtand auf und betrachtete einen Kupfen, ſtich über dem Kamine; dann ſagte er:„Edgar, iſ unſere Droſchke da? Mach' doch einmal das Fenſte auf und ſieh nach!“ Der junge Mann ſtand auf, und das 5 thun, aber ehe er das Fenſter erreichte, gin de hüre auf, und Gertrude trat in tiefer Traue erein. 3 Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, die kein Feder beſchreiben kann, wie es Licht⸗Effecte am Himme: gibt, die kein Pinſel wiederzugeben vermag. Si trat ein; ihre Blicke begegneten denen des Greiſes, der! der einzige Freund ihrer Mutter geweſen war. Sie ſit! weder in Ohnmacht, noch ſchrie ſie auf, aber eine An von Krampf zog über ihr Geſicht, und indem ſie di; Thüre zum Hinterzimmer öffnete, rief ſie aus:„Hie herein, hier herein, und mit Ihnen allein!“ Er folgte ihl! mechaniſch, und ſetzte ſich, denn ſeine Glieder konnten ihln kaum aufrecht halten. Sie verbarg ihr Geſicht hinten ſ der Seite des Armſtuhls, worein er geſunken war, und murmelte:„Um derjenigen willen, die in meine Armen ſtarb und mit ihrem letzten Athemzug für mic i 101 d ¹ tbetete, ſtoßen Sie mich jetzt nicht von ſich!“ Der Greis verſuchte mit ſeiner zitternden Hand, ihren Kopf empor⸗ a zurichten, doch da es ihm nicht gelang, legte er ſie auf mihre Stirne und ſagte:„Gottes Wille geſchehe, mein o Kind. So iſt ſie alſo todt, Deine arme Mutter!“ Ueber⸗ nraſcht hob ſie den Kopf einen Augenblick, und ſah mit ihrer Bläſſe und ihrem leidenden Ausdruck derjenigen, von der ſie ſprachen, ſo ähnlich, daß ſein feſtes Herz übermannt wurde; er wandte ſich von ihr ab und weinte, reichte ihr aber die Hand, die ſie ergriff und mit Küſſen bedeckte. n„Vielleicht zum letztenmal,“ murmelte ſie wieder, edenn ſie erkannte nun, daß er noch Nichts wiſſe; dann iließ ſie ſie plötzlich los, trat vor ihn hin, bleich, ent⸗ hſchloſſen und ernſt, und ſagte:„Sie weinen, aber nein groößerer Kummer wartet noch auf Sie, als den Sie jetzt empfinden.“ „Was meinſt Du, Gertrude? Iſt Deinem Vater Eiwas zugeſtoßen? Guter Himmel! warum biſt Du mdenn hier?— Habt Ihr ihn auch verloren? Um Gottes willen, ſprich!“. „Er lebt,“ ſagte ſie eilig;„er lebt: Nichts iſt ihm zugeſtoßen, als—“ chals was, als was, Gertrude? Du marterſt mi 6* „ Ich habe ihn verlaſſen für immer, und habe Moriz Redmond geheirathet,— nicht aus Liebe, ſondern aus Verzweiflung.“ 4 3 Sie fügte die letzten Worte mit einem Flüſtern hin⸗ zu, das für die Ohren des Hörers fürchterlich deutlich klang. Dann ſtand ſie wieder ſchweigend und regungs⸗ los da, als erwarte ſie ihr Urtheil. Auch er ſchwieg, aber die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen an zum Zer⸗ ſpringen, und ſeine Augen funkelten unter ſeinen buſchigen rauen; ſeine Hände zitterten; er verſuchte, ſich zu er⸗ heben, aber unfähig zu ſtehen, ſiel er in den Stuhl rück und ſtöhnte tief. 1 „Gertrude,“ ſtieß er heiſer heraus,“ haſt Du Deine . 10² Mauier verlaſſen? Haſt Du ſie getödtet, ungluͤckliches ind?“ „Sie verlaſſen? Ich habe Ihnen geſagt, daß ſie in meinen Armen ſtarb. Ihre letzten Worte warm ein Segen: ihre letzte Umarmung, ihr letzter Blick waren mein. Mir iſt Nichts geblieben, als dieſe Erinnerung, Nichts als das Andenken an jene Stunde. Sie blieh mir überlaſſen, meiner Liebe, meinen Thränen, meinen einſamen Wachen, bis ſie zu ihrem Grabe getragen wurde: und dann war ich allein; und Kummer, Leiden⸗ ſchaft und Verzweiflung arbeiteten wie Wahnſinn in meinem Gehirn. Er raubte mir alle Hoffnung auf Erden; er wollte mir einen Gemahl aufzwingen gerade an dem Morgen, da meine Mutter beerdigt wurde; er trieb mich bis zum Wahnfſinn, und zufällig— ja, ich ſchwöre es, zufällig— traf ich auf einen Mann, der mich immer geliebt hat. Es würde zu lange währen, Ihnen zu erzählen, wie ich in Verſuchung gefühlt wurde,— hingeriſſen von der Gewalt dieſer Liebe, die treu und beſtändig geblieben war, als jede andere mich getäuſcht hatte, und die in dieſem Augenblick mir eine Zufluchts⸗Stätte darbot. Ich floh mit ihm, ich nahm ihn zum Mann, und nun bin ich verſtoßen, ſelbſt von Ihnen!“ rief ſie aus, denn Pater Lifford war aufge⸗ ſtanden und ſchien im Begriff zu ſein, das Zimmer zu verlaſſen, ohne einen Blick oder ein Wort. Ein furchtbarer Kampf ging in ſeinem Herzen vot ſich. Sein von Natur ſtolzer und heftiger Charaktet machte ſich in dieſem Augenblick geltend. Sie hatte ihre Familie und ihren Namen entwürdigt, ihrer Mutter Andenken entehrt, ihres Vaters Charakter ein Brand⸗ mal aufgedrückt, und war gegen Niemanden wahr und gerecht geweſen; denn er wußte, daß ſie einen Mann genommen hatte, während ſie einen andern liebte; und doch blieb es ihm ſelbſt in dieſem Augenblicke wohl be⸗ kannt, daß ſie das aufrichtigſte und edelſte Herz auf Erden hatte; er beſaß die Beweiſe von jener hinge⸗ 103 bungsvollen Liebe; und gerade ſein Mitleid mit ihrem jammervollen Geſchick erhöhte Anfangs die Bitterkeit ſeines Zornes. Er hätte ſie verfluchen können, für die mraſche Selbſtvernichtung, die an ſie ſich vollbracht hatte, und für einen Augenblick hielt er es für unmöglich, ſie Vanzuſehen, oder ein Wort mit ihr zu ſprechen. Aber Wher war Prieſter; und was waren für ihn, als ſolchen, Familienbande, Familienehre, Familiengeltung? Was war ihr oder irgend Jemandes irdiſches Glück, daß mes ihn ſo ſehr erregen ſollte? Welchen Kummer durfte mer über irgend etwas Anderes empfinden, verglichen mit dem über ihre Seele— ihre unſterbliche Seele? Würde Heftigkeit von ſeiner Seite Bußfertigkeit wegen des Vergangenen hervorrufen? Konnte Verachtung ein ver⸗ ſhärtetes Herz erweichen, oder einen zertretenen Muth von tder Verzweiflung emporrichten? Er betete um Ruhe, Geduld, Sanftmuth. Er be⸗ fahl ſich ſelbſt, zu vergeſſen, daß es Gertrude Lifford ſei, die vor ihm ſtehe. Er zwang ſich, ſie anzuſehen, wie er irgend ein leidendes und reuiges Weib angeſehen haben würde, das zu ermahnen, zu berathen und zu ttöͤſten ſeine Pflicht geweſen wäre. Ernſt und ruhig wandte er ſich zu ihr und ſagte: „Gertrude, mein Kind, Du bereuſt Deine Sünde, Deinem väterlichen Haus entlaufen zu ſein, Deinen Vater verlaſſen zu haben?“ „Nein, Vater Lifford,— nein. Ich will die Wahr⸗ heit ſprechen. Ich kann Sie nicht täuſchen,— ſelbſt nicht um die freundlichen Blicke oder Worte zu erlangen, wvornach ich mich ſehne, mehr als ich ausſprechen kann. Ich bereue, den armen Moriz geheirathet zu haben,“ — hier dämpfte ſie wieder ihre Stimme und ſprach in jenem erſchütternd flüſternden Tone,—„ihn geheirathet zu haben, ohne irgend eine andere Empfindung als Dankbarkeit. Und nicht einmal dieſe fühle ich in jedem Augenblicke. Er hätte ſehen können, in welcher Ver⸗ wirrung ich war; er hätte mich nicht zu ſeiner Frau 7 m 104 machen ſollen, ohne mich zu fragen, ob ich ihn liebte. Aber es iſt unrecht und unedel, ſo zu ſprechen. Mein war der Fehler; laſſen Sie mich allein die Buße treffen, wenn es möglich iſt. Ich bereue, ihm ein Unrecht zu⸗ gefügt zu haben, ich bereue, Sie betrübt und beleidigt zu haben, aber was meinen Vater betrifft, ſo bedarf er meiner Vergebung mehr, als ich der ſeinigen; er hat mein Herz gebrochen,— ich habe nur ſeinen Stolz verwundet.“ Er blickte ſie ſtarr an, und ſie zitterte unter dieſem ſtillen Vorwurf.„Armes Kind!“ ſagte er zuletzt,„Goſt führt Dich auf ſeinen geheimnißvollen Wegen; durch viel Trübſal will er Dich zu ſeinen Füßen bringen. Du wirſt nicht eher einen Augenblick des Friedens ken⸗ nen lernen, als bis Du in den Tiefen der Selbſternied⸗ rigung vergeſſen haſt, daß Andere gegen Dich geſündigt haben. Der Tag, an welchem Du Deinen Vater um Vergebung anflehen wirſt, die Du vielleicht niemals empfängſt, kann der Wendepunkt in Deinem Geſchicke werden,— nicht für die Zeit, aber für die Ewigkeit.“ „Vergeben Sie mir?“ fragte ſie. „Hier handelt es ſich nicht um meine Vergebung, mein Kind: als Oheim Deines Vaters darf ich nicht ſagen, ich vergebe Dir, und Dein Bruder ſoll dieß Haus verlaſſen, ohne mit derjenigen zu ſprechen, die Schande und Kummer über ſein Vaterhaus gebracht hat. Er muß erſt ſeines Vaters Erlaubniß erhalten, ehe er Dich ſieht, Gertrude. Aber, o mein Kind, was kann ich Anderes thun, als Dich, nicht an meine Füße, ſondern in meine Arme zu rufen, Dich für einen Augen⸗ blick an mein Herz zu ſchließen, während ich den barm⸗ herzigen Gott, dem ich gedient habe von Jugend auf, um ſeinen Segen für Dich anrufe. Mein Leben wird nicht lange mehr währen—“ „Sterben Sie nicht, Vater Lifford, ſterben Sie nicht,“ ſtieß ſie krampfhaft heraus, während ſie ihr Ge⸗ ſicht an ſeinem Arme verbarg. „Ich ſehe Dich nicht wieder, mein Kind—“ —— 5, 10⁵ „O ja, Sie werden mich wiederſehen. Sie ſagten, Sie wollten mich nicht wegwerfen. Ich laſſe Sie nicht Fehen, bevor Sie mir verſprechen, mich wieder zu eehen.“ „Sofern ein Menſch das verſprechen kann, Gertrude, will ich es thun; ſei ruhig und höre mir zu. Ich fürchte für Dich andere achtloſe Augenblicke, Augenblicke deſſen, was Du Verzweiflung nennen magſt, was aber eher ein ſchwaches Zuſammenſinken wäre unter der Laſt, die Du zu tragen erwählt haſt. Es iſt ein ſchweres Kreuz, das Du Dir aufgeladen haſt, mein Kind, aber es kann eine Schnle der höchſten Tugenden werden: Du warſt reich, und haſt die Armuth ergriffen; Du wareſt ſtolz, und haſt Dich für immer herabgeſetzt; Du liebteſt, und haſt eine ewige Schranke aufgerichtet zwiſchen Dir ſelbſt und—“ „Er that es, er,“ murmelte ſie;„daran kann ich jetzt noch nicht denken. Da, da ſaß das Gefühl, das mich raſend machte. Er that es, nicht ich.“ Pater Lifford ſah, daß ſie ſich ſelbſt von Adrian aufgegeben geglaubt hatte, und fühlte, daß er ſie in die⸗ ſem Augenblick nicht enttäuſchen dürfe.„Du haſt,“ fuhr er fort,„den dornenvollſten und ſchwierigſten Pfad be⸗ treten, den ein Weib irgend gehen kann, aber im Ver⸗ hältniß zu Deinen Pruͤfungen laß Deinen Muth an⸗ ſteigen. Aus heroiſcher Tugend hätte ja auch ein ſol⸗ ches Leben der Entbehrung und der Dunkelheit ergriffen werden können. Handle ſo, wie wenn Du es aus ſol⸗ cher Tugend aufgeſucht hätteſt. Nimm die Beſtimmung, die Du Dir gewählt haſt, willig an, und widme Dich Deinem Manne gerade ſo, wie wenn Du ihn liebteſt, und vergib ihm, Gertrude, Alles, was ich ihm kaum vergeben kann. Erinnere Dich, daß ſeine Entſchul⸗ digung— und in Deinen Augen wenigſtens ſollte es jetzt eine ſein— die Liebe iſt, die ihn verblendete ge⸗ gen die furchtbare Sünde, die er beging. Hinfort, mein Kind, erfülle jede Pflicht mit geduldiger Demuth; arbeite —n —õ:è 106„ mit Deinen Händen und mit Deinem ganzen Herzen, und wenn es ſein muß, erdulde Hunger und Ermat⸗ tung. Büße das Vergangene ab, und bei jeder Prüfung, die Dich treffen mag, blicke abwärts und fühle, daß die Schuld Dein iſt, aber blicke auch aufwärts, und glaube, daß die Leidensſchule von Gott kommt.“ In dieſem ernſten Rathe lag etwas, das für Ger⸗ trudens augenblickliche Seelenlage paßte. Dieſe bedurfte Beruhigung auf der einen, und Kräftigung auf der andern Seite. Dieſes Zwiegeſpräch that wirklich auf einige Zeit dieſe doppelte Wirkung auf ſie. Pater Lifford ſegnete ſie noch einmal, und erlaubte ihr dießmal, zu knien, um ſeinen Segen zu empfangen: ann verließ er ſie und rief Edgar ab, indem er durch das andere Zimmer ging. Er ergriff ſeinen Arm, als ſte die Treppe hinabſtiegen, und erlaubte ihm nicht zu ſprechen. Frau Redmond hatte ihn plötzlich allein ge⸗ laſſen, als Gertrude den Pater hinwegzog, und der arme Junge hatte ſich die Augen roth geweint; denn er hatte aus ihrer Trauer den Tod ſeiner Mutter er⸗ rathen. Er konnte nicht begreifen, warum er auf dieſe Weiſe hinweggeriſſen werde. Als ſie in den Wagen ge⸗ ſtiegen waren, wurden ſeine Ahnungen beſtätigt und der Grund dieſer raſchen Abreiſe ihm aufgeklärt. Der Kummer, der Abſcheu, das Entſetzen, die auf ſeinem gewöhnlich ſo ruhigen Geſicht einander ablösten, waren merkwürdig. Er ſprach mit ſolcher Strenge von ſeiner Schweſter Aufführung, daß ſein Großonkel ſich genöthigt ſah, zu ſagen:. „Ei nun, Edgar, Du könnteſt ja nicht mehr ſagen, wenn ſie ein Verbrechen begangen hätte.“ Und als er über ſeines Vaters Schickſal und den furchtbaren Schlag weinte, der auf ihn gefallen ſei, und von ihm ſo ſprach, als wäre er der zärtlichſte der Väter, in den härteſten Ausdrücken aber von dem Undank ſeiner Schweſter, da huſtete Pater Lifford wie⸗ der und rückte unbehaglich auf ſeinem Sitze. 3 107 „Er iſt ſehr zu beklagen, und Du mußt Alles thun, was in Deinen Kräften ſteht, um ihn zu tröſten, und um ihn gegen Gertrude zu beſänftigen. Und merke es Dir, Edgar, wenn Du verheirathet biſt und Kinder haſt, ſei immer freundlich und liebevoll gegen ſie, und meine nicht, daß alle Fehler nur auf einer Seite ſeien, wenn ſolche traurige Ereigniſſe in Familien vorkom⸗ men. Edgar, mein Sohn, als ich Dich den Katechis⸗ mus lehrte, habe ich Dir, glaub' ich, nicht genug ge⸗ ſagt von der ſchrecklichen Suͤnde des Stolzes. Wären wir alle weniger ſtolz geweſen, ſo wäre das nicht ge⸗ ſchehen. Ach! wenn wir uns dem Grabe nähern, ſo ſehen wir die Dinge in einem andern Licht an, ſelbſt wenn wir uns bemüht haben, unſer Leben lang recht⸗ ſchaffen zu handeln. Laß uns darauf ſehen, daß wir niemals unſere Laſter für Tugenden anſehen.“ Als ſie zu Hauſe ankamen, trat ihnen Lord Lifford mit ſeinem gewöhnlichen Weſen entgegen. Er umarmte ſeinen Sohn und ſchüttelte ſeinem Onkel die Hände; und indem er über den Tod ſeiner Gemahlin einige Worte ſagte, die Edgar Thränen in die Augen brachten, gab er jedem von ihnen einige Dinge, die ſie ihnen ver⸗ macht hatte. Nicht ein Wort kam über ſeine Lippen, das ſich auf Gertrude bezogen hätte. Ihr Bild war aus dem Geſellſchafts⸗Zimmer entfernt worden, und der alte Kellermeiſter hatte Beſitz davon ergriffen. Er zeigte es eines Tages ſtillſchweigend dem Pater Lifford, der tief ſeufzte und ſagte:„Wollt Ihr es mir wohl für eine kleine Weile borgen?“ und es dann in ſeinem Zimmer aufhängte. Dieſes verließ er jetzt nur ſelten, denn er fühlte ſich nicht wohl. Edgar kam oft und ſetzte ſich zu ihm und bewies ihm viel Anhänglichkeit; aber des alten Mannes Herz war kummervoll und be⸗ laſtet. Die geduldige, leidende Mutter, wo war ſie? Im Himmel, glaubte er, und fühlte ſich dadurch ge⸗ tröſtet. Das kecke, ſchöne Kind, wo war es? Herum⸗ geſchleudert von den rauheſten Wogen des Lebens, allein 108 auf dem wilden Meere der Welt. Aber ſie trotzte den Wogen und konnte den Himmel noch erreichen, und die⸗ ſer Gedanke gab ihm Troſt. Aber wo war der Mann, den er in ſeiner Jugend geliebt hatte,— der Sohn ſeines Bruders, den er großgezogen hatte auf ſeinen Knieen? Er war ihm nahe, aber auf was für einem Pfade? Ein Verräther war er an ſeinem Gott, denn er nannte ſich einen Katholiken, und war es nur dem Namen nach,— zu Grunde gerichtet hatte er ſein Weib, denn ihr Leben war verdorrt unter ſeiner Hand, ihr Herz durch ihn unter den bitterſten Schmerzen gebrochen, — verſchuldet hatte er das Elend ſeiner Tochter, denn er hatte ſie zur Verzweiflung getrieben und angeſtachelt zur Sünde. Auf welchem Wege war er alſo? Auf dem Weg des Verderbens. Der Greis betete für ihn; denn der Glaube, der ſchläft, kann wieder aufleben, und die erkaltete Liebe kann wieder erwarmen, und ein verhär⸗ tetes Herz kann ſich erweichen oder es kann brechen. Er betete viel in der Kapelle und auch an anderen Orten. Manchmal ſetzte er ſich allein in das vormalige Zimmer der Lady Lifford. Einſt erhob er ſeine Blicke zu einem Gemälde, das ihn an etwas Vergangenes erinnerte, und aus tiefſtem Herzen ſeufzend, rief er aus:„O Kind, Kind, hätteſt Du gewußt—“ und brach dann plöͤtzlich ab. Er vermißte ſie bei Tiſche, er vermißte ſie im Unterhaltungszimmer, in der Kapelle, in den Gärten. Ihre Stimme, ihr Lächeln, ihre Fehler, ihre Thorheiten,— er vermißte ſie alle. Er wurde ſehr krank und wußte, daß es mit ihm dem Ende zugehe. Da ſandte er nach ſeine Neffen und redete lange mit ihm; und als Lord Lifford das Zimmer verließ, war er bläſſer, als da ſeine Gemahlin verſchied, bläſſer, als da ſeine Tochter entfloh. Der alte Prieſter ſtarb und ſein Grab wurde neben dem der Lady Lifford gegraben. Er vermachte Gertruden das Wenige, was er beſaß, und ſandte ihr ſeinen Segen durch Herrn Erving, der ihn in ſeinen letzten Augenblicken verpflegt hatte. Bald 109 nach ſeinem Tode wurde die Haushaltung auf Schloß Lifford abgebrochen und der Lord und ſein Sohn gingen auf Reiſen in's Ausland. Als Gertrude die Nachricht von ihres Großonkels Tod empfing, beſiel ſie ein Gefühl ſolcher tiefen Troſt⸗ loſigkeit, daß es auf einige Zeit ihr alle Kräfte zur Thätigkeit raubte. Aber der Entſchluß, den ſie nach ihrem letzten Zuſammenſein mit ihm gefaßt hatte, wurde dadurch befeſtigt; und als ſie ſich von der Unpäßlichkeit erholte, die auf dieſe ſchwere Erſchütterung gefolgt war, war alles das gleichgültige Weſen verſchwunden, wovon zuvor ihr Benehmen beherrſcht war, und ein Ausdruck ernſter Ausdauer und kraftvollen Selbſtvertrauens hatte deſſen Stelle eingenommen. der und der frühes Grün auf den Raſenplätzen und in den Gärten von London. An einem warmen Apriltag— etwas Seltenes und ebenſo Schönes— als einige ſanfte Re⸗ genſchauer einen Theil des angehäuften Märzſtaubes von Häuſern und Bäumen abgewaſchen hatten, kam Moriz langſam von dem Bahnhof zurück, wohin er ſeine Stiefmutter und Marie begleitet hatte, die auf das Land zurückkehrten. Der Frau Redmond Geſundheit hatte durch den in London verlebten Winter ſo viel ge⸗ 1¹⁰ Siebentes Kapitel. „Michts ſchmerzt uns mehr, als ſolche Wunden, Für ſolche wird kein Rath, Als nur bei Gott dem Herrn gefunden, Der ſie geſchlagen hat. Und Du, dem von den heißen Qualen Troſtlos das Herz faſt bricht, Dem Mondenſchein und Mittagsſtrahlen Und golbnes Morgenlicht Zum Aerger und zum Widerwillen Am Himmel ſteigt herauf, Weil, Deine Wolken ſie verhüllen, Such' Ihn, ſuch' Ihn nur auf! Er ſchafft als Deine Gnabenſonne, Daß aus der trübſten Nacht Dir ſchnell in lautrer Luſt und Wonne Das Leben neu erwacht.« Cowper. * 8 * „Dein Blick erglänzte ſtets von Zärtlichkeit, Dein Mund ſprach Nichts, als ſtets Muſtg der iebe, Dein Herz war freundlich Obdach nur dem meinen.“ Mrs. Hemans. Die Saiſon, wie man es nennt, begann jetzt wie⸗ Frühling zeigte ſein ſchwächliches, allzu litten, daß die Veränderung als unumgänglich noth⸗ 111 wendig für ſie erſchien, und jetzt, da Moriz verheirathet war, ſchien kein Grund mehr vorhanden, warum ſie in der Stadt bleiben ſollten. Gertrude hatte ſich mit uner⸗ müdlicher Geduld befliſſen, die einzelnen Erforderniſſe für die Führung ihrer einfachen Haushaltung zu er⸗ lernen. Sie arbeitete unermüdet vom Morgen bis in die Nacht. Nie mehr, ſeit ihrem letzten Geſpräch mit Pater Lifford, hatte ſie ſich über irgend Etwas beklagt, oder irgend eine Pflicht einer thätigen und hingebungs⸗ vollen Hausfrau verſäumt; ſie ging in die Küche, und mit dem trefflichen Verſtande, der ihr eigen war, wurde ſie aller der kleinen Fertigkeiten und Geſchicklichkeiten des häuslichen Lebens mächtig, und brauchte weniger Geld und verſorgte doch ihren Mann ebenſo behaglich, als die erfahrenſte Hausfrau hätte thun können. Sie hatte nie hart oder unfreundlich mit ihm geſprochen, ihre Unterwerfung war unbedingt. Sie gehorchte ihm, wie eine Nonne ihrer Aebtiſſin gehorcht, oder ein Sol⸗ dat ſeinem Hauptmann. Ohne ihn ging ſie nie aus, ausgenommen früh Morgens zur Kirche oder in Ge⸗ ſchäften. Mit ihm ging ſie überall hin, wohin er es wünſchte, in Hyde⸗Park zur Serpentine, wenn die volle Fluth der Geſellſchaft ihr Ufer entlang ſchwärmte,— immer in Trauer, mit ihrer majeſtätiſchen Schönheit— denn ſie war majeſtätiſch durch die Vereinigung von Anmuth und Würde— ſo fein auch ihre Geſtalt, ſo zart auch ihre Züge waren. Manche Frauen ſind über heiße Pflugeiſen gegangen, wenn ihre Ehre auf dem Spiele ſtand, und zuckten nicht, ob ſie gleich nur ſchwache Weiber waren. Vielleicht litten ſie nicht mehr, als Gertrude auf dieſen Sommer⸗Spaziergängen am kühlen Fluß unter den alten Bäumen, die ſo viel Kummer und ſo viel Freude beſchattet haben. Zahlloſe Augen richteten ihre neugierigen und bewundernden Blicke auf ſie, aber nie erlangten ſie einen Blick von dieſen dunk⸗ len Kreiſen, welche, von ihren dichten Wimpern ver⸗ ſchleiert, gleichſam nach Innen zu ſtrahlen ſchienen, ſo 112 wenig Aufmerkſamkeit ſchenkten ſie irgend einem äußeren Gegenſtand. Sie arbeitete den ganzen Tag hindurch. Sie ſchrieb Noten für ihn ab, bis ihr der Kopf pochte, und er ihr die Feder aus den ſchmerzenden Fingern zog; aber nie bat ſie ihn, zu ſpielen. Einmal ſchlug er die erſten Töne des Lady⸗Bird⸗ Liedes an. Sie erblaßte und er ſah es. Dann ſang er den„Narren von Toledo“, und ihre Lippen entfärbten ſich. Er raffte ſeinen Hut auf und ſtürmte aus dem Zimmer mit Wuthgefül im Herzen. Was konnte er thun? Und was konnte ſie mehr thun? Sie erfüllte ihre Pflicht bis zum äußerſten Grade, zeigte nicht ein⸗ mal Niedergeſchlagenheit, gab keiner kläglichen Stim⸗ mung Raum. Worüber hatte er zu klagen?— Daß ſte ihn nicht liebte. Widmet ſich denn aber das Weib ſo geduldig und unermüdlich einem Mann, den es nicht liebt? Marie, immer noch die einzige Perſon, der er ſein Herz öffnete, hatte ihm beinahe ſtrenge Vorwürfe über ſeine Unzufriedenheit gemacht. Sie war ganz von Be⸗ geiſterung für Gertrude erfüllt worden. Sie nannte ſie einen Engel,— fand ihr Benehmen höchſt rührend und bewunderungswürdig. Kein Menſch hatte Mitleid mit ihm, und doch brach ſein Herz. Zu dieſer Zeit litt er wahrſcheinlich mehr als ſie. Ihr ſtarker Wille und ihr unabhängiges Urtheil hatte eine Linie ergriffen, auf welche nun jede Kraft ihrer Seele hingerichtet war. Sie hielt ſich an jene Worte des Paters Lifford in ihrer letzten Unterredung:„Widme Dich Deinem Manne ge⸗ rade ſo, wie wenn Du ihn liebteſt,“ und befolgte ſie nach dem Buchſtaben, aber nicht nach dem Geiſte— denn dieſe Hingebung machte ihr Herz hart, anſtatt es zu erweichen. Sie verband mit dieſer Erinnerung einen ihrer eingewurzelten Irrthümer,— daß der Wille zwar auf die Handlungen Einfluß üben könne, aber nicht auf die Gefühle. Sie fand eine Art ernſten Ver nügens darin, jedes Opfer, und auch das ihres eigenen Willens, bei tauſend Gelegenheiten zu bringen, weil es ihr Wille 113 vwar, Alles hinzugeben, ausgenommen das ſtolze Gefühl, die Schuld ihrer Pflicht bis auf den letzten Heller bezahlt zu haben in einer Münze, gegen welche der Gläubiger Nichts einwenden konnte, die aber werthlos war für ſein wundes Herz. Sie verletzte ihn ſelbſt in Gedanken nicht— ſie richtete ihre Gedanken niemals mit Willen auf Adrian. Keinen der kleinen Gegenſtände, die mit der Erinnerung an ihre glücklicheren Tage in Berührung ſtanden, behielt ſie bei. Sie öffnete niemals ſeine Bücher oder verweilte bei der Vergangenheit, aber das Herz, aus welchem ſie ihn ausſchloß, ſollte hinfort eine Wüſte bleiben. Moriz hatte nicht in dieſem Herzen zu leſen gewagt, bevor er ſich des Vortheils ihres zerrütteten Zuſtandes bediente, um ſie zur Ehe mit ihm zu drängen, und er hatte kein Recht zu verlangen, daß er jetzt ſollte darin leſen dürfen. Es war ein höchſt trügeriſcher Irrthum, unter deſſen Einfluß ſie handelte. Sie machte gar keinen Verſuch, ihren Mann zu lieben, und betete auch nicht um die Kraft dazu; und wer hätte vorausſetzen können, daß dieß der Fall ſei, wenn er ſah, wie ſie ſeinem leiſeſten Wunſche zuvorkam— wie ſie ſeine Reizbarkeit(denn er wurde ſehr reizbar) mit einer Geduld ertrug, die er zuweilen in bitteren Augenblicken zu verfluchen verſucht war, während ſie allen Anderen, und ſogar ihr ſelbſt als die höchſte Tugend erſcheinen mußte. Wenn er krank war, wachte ſte die ganze Nacht bei ihm; ſie ſchrieb ſeine Entſchuldigungsbillets an ſeine Schüler. Sie ging ſelbſt zu ſeinen Beſchützern, um ihn wegen ſeines Weg⸗ bleibens von ihren Conzerten zu entſchuldigen. Sie ſchien ihren Stolz vernichtet, ihre Gemüthsart bemeiſtert, ihre Gleichgültigkeit abgeſchüttelt zu haben. Aber ihn anzublicken auf eine Weiſe, die er hätte für Liebe neh⸗ men koͤnnen, ein einziges liebevolles Wort zu gebrauchen, das mehr Zärtlichkeit in ſich geſchloſſen hätte, als ſie empfand, das war ſie feſt entſchloſſen, niemals zu thun; und gemaͤß jenem weſentlichen Zuge ihres ganzen Stam⸗ Lady⸗Bird. II. 8 114 mes, nahm ſie, wie Pater Lifford geſagt hatte, immer⸗ während ein Laſter für eine Tugend. Er war in ſeinen Prüfungen weder von dem ſtolzen Bewußtſein noch von der Eindildicen der Tugend unterſtützt. Er wußte wohl, daß er nicht den Muth gehabt, oder die Gerechtigkeit geubt hatte, im Augenblick vor der entſcheidenden Stunde ihre Gefühle zu erproben, indem er eine heilige Pflicht erfüllt, einem frommen Vertrauen entſprochen hätte; die Sünde war groß geweſen, aber ſie war nicht mit Vor⸗ bedacht begangen. Die Buße war lang und ſtreng. Durch die ernſte Ruhe ihres Geſichtes hindurch rang er unabläſſig zu erkennen, was die Heiterkeit deſſelben ver⸗ hehlte. Es war damit, wie mit dem Schleier auf dem Geſichte des Propheten von Khoraſſan; er fürchtete und wünſchte zugleich dieſe glatte, undurchdringliche Schranke zuiſchen ihm und dem Gegenſtand ſeiner beſtändigen angen Sorgen, ſeiner noch immer leidenſchaftlichen Liebe und ſeines immerwährenden Ausforſchens, hin⸗ wegzureißen. Er verſuchte jedes Mittel, um dieſelbe zu durchdringen. Er bot ihr an, ihr vorzuleſen und ſie war damit einverſtanden, wie mit Allem, was er angab. Dieß war vielleicht die härteſte Prüfung für ihren Gleichmuth. Er wählte aus, was immer am wahr⸗ ſcheinlichſten dazu dienen mochte, ihr Gefühl in Bewe⸗ ung zu ſetzen und gerade durch dieſe Erweckung ihrer impfindungen die geheimen Leiden ihrer Seele an das Licht zu bringen. Er war ſinnreich in der Kunſt, ſich und ſie zu quälen. Er wußte das Gedicht, das Trauer⸗ ſpiel, den Roman, ſo zu wählen, daß die Wundo, die ſte mit ſo ſtoiſchem Muthe verbarg, dadurch auf das Tiefſte ergründet würde. Er pflegte plötzlich die Augen vom Buche aufzuſchlagen, wenn ergreifende, oder erſchütternde Stellen in dieſen Prüfungsvorleſungen vorkamen, und ſah mit einer Empfindung, gemiſcht aus Mitleid und Wuth, wie die Thräne ſich am Augenlied anſammelte, wie ihr aber verboten wurde zu fließen; das tiefe Erröͤthen der Wange, das augenblickliche Ver⸗ 115⁵ ſinken in Gedanken, den Blick nach oben, oder das Zit⸗ tern der Hand, während jede Muskel des Geſichtes ge⸗ zwungen wurde, ſich ruhig zu verhalten. Wer, der an ſolchen Abenden, wie dieſe, einen flüch⸗ tigen Blick auf dieß kleine Zimmer geworfen hätte, hätte das Elend errathen können, das in dieſen zwei jungen Herzen wohnte? Das ſchöne Weib in ihrer würdevollen Lieblichkeit, ſitzend an dem runden Tiſch mit ihrer Arbeit vor ſich, emſig beſchäftigt, Kleidungsſtücke auszubeſſern, oder das Leinenzeug zu nähen, das man im Hauſe be⸗ durfte, keinen Augenblick an ihrem Geſchäfte verſaͤumend, und horchend auf die Töne der Liebe oder des Kum⸗ mers, der Leidenſchaft oder der Sehnſucht, von den ge⸗ ſchickteſten Meiſtern in der Kunſt, im menſchlichen Herzen zu leſen oder zu ihm zu reden; und er, der Künſtler, der Gatte, der Liebende, der Gewinner des Schatzes, der ſich in ſeiner Hand in Stein verwandelt hatte, bleich vor Anſpannung des Gemüthes, mit Augen, die Feuer flammten, durch zuckende Thränen hindurch, und einer Stimme, die zitterte vor Bewegung, Gegenſtände vorle⸗ ſend, die vielleicht die Flamme nährten, welche unter jenem Eiſe brannte, ohne die Oberfläche aufzuthauen, die ſich nur verhärtete, wenn er auf ſie blickte,— wie aͤhnlich dem Glück war der äußere Anblick dieſes häus⸗ lichen Lebens, welch' tiefer Strom von Leiden floß unter dem Boden! Während ſie jeden Tag auf eine ſtolzere und här⸗ tere Weiſe tugendhaft wurde, wurde er in ſeinem Elend immer launiſcher, und ſein Unglück dadurch um ſo tie⸗ fer. Anfälle krankhafter Stimmung folgten auf einan⸗ der, Ausbrüche von Zorn, die er alsbald wieder bereute, die ſich aber in gedrängten Zwiſchenräͤumen wiederholten, Tage der Niedergedrücktheit, in denen alle Arbeit zum Verdruß und jeder Zwang unerträglich wurde. Seine Talente wurden durch dieſe Geiſteskämpfe gelähmt. Er verlor alle Thatkraft für das Studium und die Compo⸗ ſition, und allmählig hörten die meiſten ſeiner Schüler 8 116 auf, Stunden zu nehmen. Da empfand er den lebhaf⸗ teſten Wunſch nach irgend einem Wechſel, und er drang in ſie, Geſellſchaften zu beſuchen, die ihnen offen ſtan⸗ den, und Einladungen anzunehmen, die ihr zugeſandt wurden. Anfangs waren es deren wenige und nur von Perſonen von untergeordneter Stellung. Sie ſchien we⸗ nig darauf zu achten, wohin ſie ging, kleidete ſich, ſprach und blieb, wie er es wünſchte, horchte denen, die mit ihr ſprachen, zu, als wäre ſie an keinem Orte mehr oder minder unglücklich, als an einem andern. Es konnte kaum ausbleiben, daß ſie gefiel, wenn ſie ſich nur im Mindeſten darum bemuhte; ihre Unterhaltung war un⸗ widerſtehlich anziehend für Diejenigen, die ſie umringten, angezogen durch ihre ſeltene Schönheit und die Umſtände ihrer Verheirathung. Sie trug nie etwas Anderes, als ein ſchwarzes Sammtkleid; eines Tages fragte er ſie, warum ſie ihre diamantene Halsſchnur nicht anlege, als ſie zu einem Concerte gingen, wo er ſpielen ſollte. Sie that es auf der Stelle; und kein härenes Hemd iſt je⸗ mals ſeinem Träger peinlicher geworden, aber ſie ertrug dieſe kleinen Prüfungen, wie die großen, mit einer vor nichts zurückweichenden Tapferkeit.. Eines Tages traf ſie bei einer Geſellſchaft im Hauſe eines ausgezeichneten Malers, der ſchon viele Jahre lang ein Freund von Moriz war, mit Herrn Eger⸗ ton zuſammen. Er erkannte ſie Anfangs nicht wieder; — aber nach einem Augenblick der Ungewißheit gewann er die Ueberzeugung, daß er ſich nicht täuſche, und machte ſeine Anſprüche auf ihre Bekanntſchaft geltend. Mit der außerordentlichen Selbſtbeherrſchung, die ſie beſaß, verrieth ſie nicht die mindeſte Erſchütterung, ſondern unterhielt ſich mit ihm lange Zeit— nicht auf ſcherzhafte Weiſe, wie vormals, aber mit noch mehr Geiſt, als in früheren Tagen— ſprach von Politik, von Literatur und den manchfaltigſten Gegenſtänden, als hätte ſie nicht ihr Herz in einem Grade geſchmerzt, der ſie in ein lautes Stöhnen hätte ausbrechen laſſen, wenn ſie ſich nur einen 7 117 Augenblick nachgegeben hätte. Er erzählte ihr, daß Lady Clara Audley immer noch auf Reiſen ſei, und daß ſie, wie er wiſſe, ein großes Verlangen trage, ihre Adreſſe zu erfahren, um ihr ſchreiben zu können. In ihrem letzten Briefe habe ſie geſagt:„Ich wünſchte, Sie mach⸗ ten Etwas von meiner Lady⸗Bird ausfindig; ich will ſie nicht aus dem Geſicht verlieren.“ Ein Name, eine Re⸗ densart, der Ton der Stimme, womit ein Wort ausge⸗ ſprochen wird, wie bitter iſt die Qual, die ſie Einem verurſachen können! aber nach einer langen, dumpfen Pein iſt es manchmal ein Gefühl von Erleichterung, was aus einer Veränderung des Leidens hervorgeht, und ſo fuhr ſie denn fort, von Lady Clara zu ſprechen und Fragen über ſie zu ſtellen. 1 „ Wie gefällt es ihr in Paris? Und wie gefällt ſie ſelbſt in Paris?“ „Das Wohlgefallen iſt gegenſeitig. Sie wird über alles Maß bewundert, und ſie unterhält ſich vom Mor⸗ gen bis in die Nacht mit allem Ernſten und Heiteren, was ihr in den Weg kommt. Sie hat Freunde von allen Sorten und Arten, die ſie an den verſchiedenſten Orten einführen. Sie ſieht Perſonen von den entgegen⸗ geſetzteſten politiſchen Standpunkten, und in ihrem Ge⸗ ſellſchaftssimmer ereignen ſich die wunderbarſten Verei⸗ nigungen. Während der kurzen Zeit, die ich mit ihr dort verlebte, gab ſie mir eine Schilderung der manch⸗ faltigen Intereſſen, die auf dieſem neuen Blatte ihres Lebens zu finden ſeien. Es ſei hohe Zeit für ſie gewe⸗ ſen, auf Reiſen zu gehen, denn ſie habe alles Neue in England erſchöpft gehabt, und nun eine neue Leinwand bedurft, um darauf zu arbeiten. Es würde Sie beluſti⸗ gen, alle die verſchiedenen Dinge zu erfahren, die ſie der Reihe nach betreibt: wie ſie von einer Krippe oder einem Armenhaus zur Morgenprobe einer Oper geht, von einer Predigt in St. Rochus zu einer Mahlzeit in einem Kaffeehaus, wie ſie den Tag beginnt mit einer muſika⸗ liſchen Meſſe in der Madeleine⸗Kirche, und ihn mit dem 118 Theater im Palais⸗Royal beſchließt. Ihre Pariſer Sonn⸗ tage ſind merkwürdig: ſte huſcht von einer Kirche zur andern, von den Reden eines unitariſchen Predigers zu den Vereinen des Paters Lacordaire, von dem Ver⸗ ſammlungshaus der Swedenborgianer, oder vielleicht von der Synagoge, zu Notre⸗Dame des Victoires, wo ſie der Hitze trotzt und ſich durch die Menge drängt, um der tauſend Stimmen willen, die auf einmal ihre begeiſterten Geſänge anſtimmen. Ich war beinahe todt, als ich ihr letzten Sonntag durch ihre verſchiedenen religiöſen Unter⸗ haltungen hindurch Geſellſchaft geleiſtet hatte.“ „Sie muß ſehr gut ſein, daß ſie ſich nicht fürchtet, mit den furchtbarſten Dingen auf Erden und jenſeits der Erde ein ſolches Spiel zu treiben.“ „Nun ja, ſie hat nie in ihrem Leben einer Fliege Etwas zu Leide gethan oder ein unfreundliches Wort geſprochen— wenn ſie gleich manche edankenloſe ge⸗ äußert haben mag— und ſo vermuthe ich, ihr Gewiſſen braucht ihr gerade keine Unruhe zu machen. Die Zeit hat ebenſo wenig ihre Seele in Unordnung gebracht, als ihr Geſicht gerunzelt iſt; ſie iſt nahezu ſo ſchön, als ſie jemals war.“ 1 In dieſem Augenblick fand ſich Herr Egerton über⸗ raſcht durch den Ausdruck von Gertruden's Geſicht, wor⸗ auf zwei und zwanzig Lebensjahre Spuren zuruͤckgelaſſen hatten, welche die beinahe vierzig ſeiner Schweſter noch nicht hatten auf ihrem Geſichte hervorbringen können. Es war nicht das Alter, es war ſelbſt nicht der Kum⸗ mer, der es ſo gezeichnet hatte. Es war Etwas, das er nicht verſtehen konnte, Etwas, das ihn veranlaßte, den andern Tag an Lady Clara zu ſchreiben:„Deine Lady⸗ Bird iſt, wo möglich, noch ſchöner als je; aber, wenn ich nicht ſehr irre, iſt ihr das Schwert in die Seele ge⸗ drungen. Ich verſtand dieſen Ausdruck früher nicht ganz, aber er kam mir ganz unwillkürlich in den Sinn, als ich ſie die letzte Nacht ſah.“ Sei es nun aus Neugierde, um die Wirkung zu — 119 beobachten, die die Erwähnung eines Mannes auf ſie hervorbringen würde, von dem man zu einer gewiſſen Zeit vorausgeſetzt hatte, daß er ihr gefalle, oder aus Gedankenloſigkeit:— genug, er fuhr fort, und erzählte ihr, daß er in Paris Adrian geſehen habe, und erläu⸗ terte ihr auch, bei welcher Gelegenheit. Er war einſt mit ſeiner Schweſter zu der unterirdiſchen Kapelle von St. Sulpicius gegangen, wo der ſogenannte Verein der hei⸗ ligen Familie ſeine Verſammlungen hält. Sechs⸗ bis achthundert Arbeiter mit ihren Weibern und Kindern wohnen hier Zuſammenkünften an, die ein ganz eigen⸗ thümliches Verknüpfungsband zwiſchen ihnen und Den⸗ jenigen hervorbringen, die ſich ihrer Belehrung widmen; die veredelnde Wirkung dieſes Verkehrs und das ſeltſam Anziehende, was mit einer großen Schule für Männer verbunden iſt, macht dieß zu einer der ergreifendſten und rührendſten Scenen, die man ſich denken kann. Laien in großer Zahl, und manche darunter ausgezeichnet auf mancherlei Weiſe, unterſtützen die Geiſtlichkeit und rich⸗ ten oft vertrauliche Anſprachen an dieſe rauhen Kinder von Franz Faver; denn unter dieſem Wunder wirkenden Namen ſchaaren ſich dieſe Männer in Blouſen zuſammen. Herr Egerton hatte dieſe merkwürdige Scene Gertruden in der Kürze geſchildert und ſagte dann: „Wir waren von Erſtaunen ergriffen, als, nach einigen Worten voll Lebhaftigkeit und guter Laune von Pater Milleriot, eine andere Perſon den Tiſch in der Mitte beſtieg, und zu dieſer eigenthümlichen Zuhörer⸗ ſchaft zu reden begann. Rathen Sie, wer es war? Clara fuhr ſo zurück, daß unſere Nachbarn ſich verwun⸗ derungsvoll anſahen.“ „Vermuthlich war es Herr d'Arberg,“ ſagte Ger⸗ trude ruhig.. Das war das erſte Mal, daß ſie dieſen Namen wieder ausſprach, ſeit ſie es ein Jahr zuvor auf ihres Vaters Zimmer gethan hatte. „Sahen Sie ihn nur jenes eine Mal?“ „Nur das eine Mal,“ erwiderte er.„Clara be⸗ kam nachher einen langen Beſuch von ihm. Er geht, glaub' ich, niemals an irgend einen öffentlichen Ort. Niemand kann begreifen, warum er kein Prieſter wird; denn er lebt für einen Mann, der noch der Welt ange⸗ hört, auf eine höchſt ſeltſame Weiſe, und ſcheint alles Intereſſe für Politik und Literatur verloren zu haben, oder fuͤr irgend etwas Anderes, als harte Arbeit in der Mitte des ärmſten Volkes.“ „Alſo er wird nicht Prieſter?“ fragte ſie, indem ſie auf dieſer Vorſtellung verweilte, aber als ob ſie fürch⸗ tete, ſie feſt zu ergreifen. „Es ſcheint nicht, als ob jemals die Rede davon geweſen wäre, ſagte mir Clara. Ich habe nie Jemand ſo verändert geſehen. Er iſt ſchöner als je— ſieht aber ſehr übel aus. Sie gehen doch noch nicht weg, Frau Redmond? Die Malibran fängt eben an, zu ſingen.“— Sie ſetzte ſich wieder, aus dem einfachen Grunde, weil ihre Füße ſie nicht mehr trugen. Die Gedanken und Gefühle ſtürmten zu gewaltſam auf ſie ein. Mit all ihrer Macht ſchloß ſie dieſes entſetzliche Gewühle von ihrer Seele aus. Vieles muß der Menſch zu Zeiten überſtehen; und in dieſem Augenblick ſtellte die Sän⸗ gerin und der Geſang die Vergangenheit in bitterem Kontraſt mit der Gegenwart vor ihre Blicke.„Bis zur Hefe,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„bis zur Hefe,“ und ſaß fuiſchlaſſe ſtill, den Leidenskelch dieſer Stunde auszu⸗ ürfen. Als ſie nach Hauſe kam, ſchien ſich in der Rolle, die ſie ſich ſelbſt zutheilte, etwas geändert zu haben. Sie war nicht ſo ruhig oder ſo ernſt, als zuvor. Moriz erſchrack über den Ausdruck ihrer Züge. Er empfand ein gebieteriſches Verlangen, ſie auszufragen, ihre Ge⸗ fühle auf geraderem Wege zu ergründen, als er bisher noch je gethan. Ihm war, als würde er einige Zeit weniger zu leiden haben, wenn er einen beſtimmten Ge⸗ 121 genſtand hätte, über den er klagen könnte. Er wünſchte in den Stand geſetzt zu ſein, entweder ihr oder ſich ſelbſt Vorwürfe zu machen. Eine furchtbare Verſuchung beſiel ihn dieſe Nacht. Er war allein im Wohnzimmer ge⸗ blieben, als ſeine Frau es verlaſſen hatte; nun ging er an ſeinen Pult und zog aus demſelben einen geſiegelten Brief hervor, den er eine Zeit lang ſtillſchweigend an⸗ ſtarrte, als wollte er mit den Augen das gefaltete Pa⸗ pier durchbohren,— als wäre das Siegel eine Schranke zwiſchen ihm und Etwas, das er zugleich fürchtete und zu durchſchauen wünſchte. Der Brief war nicht an ihn gerichtet.„Könnte ich ihn irgendwo ſo liegen laſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „daß ſie ihn finden müßte, und könnte ſie dann beob⸗ achten, während ſie ihn läſe, ſo könnte ich an ihren Augen, an ihrer Farbe, an ihrer Haltung ſehen, welches Intereſſe es hervorriefe, welche Bewegung es in ihrem Gemüthe erweckte. Aber ihn ihr zu geben, ohne den Inhalt zu kennen— nein, das bin ich nicht im Stande. O, daß dieſer verruchte Brief mir niemals übergeben worden wäre! Eine Viertelſtunde ſpäter, und mein Ge⸗ wiſſen wäre frei geblieben von der ſchauderhaften Selbſt⸗ anklage, die jeden Augenblick des Tages meinen Frieden vergiftet. Nur dieſes Siegel brauchte ich zu brechen und ich wuͤrde Alles erfahren. Hat ein Ehemann nicht das Recht, ſeiner Frau Geheimniſſe zu kennen? Aber auf dieſem Wege, meiner Redlichkeit anvertraut, und noch dazu von Demjenigen, der niemals gewußt hat, weder was Argwohn, noch was Verrath iſt!„Ich kenne Sie als einen Ehrenmann! Warum ſagte er das in ſeinem verfluchten Billet? Ich hätte dieſen Brief an meinem Hochzeitstag entweder vernichten oder zurückſchicken ſollen. Er quält mich, als wenn er ein lebendes Weſen wäre. An ihn denke ich mit meinem letzten Gedanken bei Nacht und mit meinem erſten am Morgen. Wenn ich durch die Straßen der Stadt gehe, ſo ſehe ich ihn hier an ſeinem Platz in meinem Pult, als forderte er mich her⸗ 122 aus, ihn entweder zu leſen oder zu vernichten. Ich will ihn vernichten.“ Er fuhr vom Stuhle empor, trat an das Feuer und hielt den Brief darüber, aber er konnte die Finger nicht auseinander bringen, um ihn fallen zu laſſen.„Nimmermehr zu erfahren, was dieſer Mann ihr zu ſagen hatte, nie Gewißheit zu erlangen, ob das Phantom, das mich verfolgt und zwiſchen mich und ſie tritt, ein Traumbild oder etwas Wirkliches iſt! Welche unſinnige Schwäche, dieſes Siegel nicht zu er⸗ brechen! Der Ehre eines Mannes, der keine Anſprüche auf ſie hätte, traute er,— nicht der meinigen, der ich Kepuchit bin, und dem von Rechtswegen ihre Liebe gebührt.“. Er legte den Brief, der ihm einen ſo ſchrecklichen Kampf verurſachte, auf den Kamin nieder. Es war vielleicht ein ſeltſamer Widerſpruch, daß ein Mann, der zu der Zeit, da es ſeine Schuldigkeit war, durch die Uebergabe dieſes Briefes an ſeine Adreſſe ein auf ihn geſetztes Vertrauen zu erfüllen, dieß nicht gethan hatte; — daß dieſer Mann jetzt ſo großen Anſtand nehmen ſollte, ſich des Inhalts deſſelben zu bemächtigen, daß er vor dieſer Sünde zittern ſollte, nachdem er eine größere begangen hatte. Er vergrub ſeinen Kopf in ſeine Hände und verſank in tiefe Gedanken. In einem Augenblick fühlte er mehr, als er bemerkte, daß Jemand an ſeiner Seite ſtand, und er wurde ſo blaß wie der Tod, als er ſah, daß es Gertrude war. Mechaniſch ſtreckte er die Hand aus, um den Brief aufzuraffen, aber ſie hatte ihn geſehen und ſagte in ihrer ruhig ernſten Weiſe:„Dieſer rief iſt an mich— mein Name ſteht darauf.“ Seine Hand zitterte; eine Sekunde lang dachte er wieder daran, ihn zu zerſtören, aber ein Schwindel beſiel ihn und er that es nicht. Sie nahm ihn ihm ab und er leiſtete keinen Widerſtand; ſie ſah ihn noch einmal an und er⸗ kannte die Handſchrift. Ein leichtes Zittern beſiel ſie, und ſie wandte ſich nach der Thüre.. „Nein, lies ihn hier,“ ſtieß er barſch heraus. Sie 123 hatte ſich angewöhnt, ihm zu gehorchen, und ſetzte ſich an den Tiſch. Er blieb an das Kamin gelehnt. Tiefe Stille herrſchte im Zimmer. Er hörte den Laut vom Bruch des Siegels und von der Entfaltung des Papiers. Sie las ihn durch und er beobachtete ſie. Er hatte ſie ſchon oft beobachtet, aber noch nie ſo wie jetzt. Der hektiſche Fleck ſtieg auf ihrer Marmorwange empor und verſtärkte ſich, bis er zur brennenden Flamme wurde; die blauen Adern ihrer Stirne ſchwollen und ſchwollen, bis ſie ganz unnatürlich ausgedehnt ſchienen; ihr Mund zuckte und ſie begann wieder zu zitern. Es war furcht⸗ bar, ſie ſo regungslos zu ſehen, dieſes Zittern ausge⸗ nommen; es war wie die Stille der Natur vor einem Gewitter— das Flüſtern des Laubes vor dem Krachen des Donners. Dann kam der Schrei der Verzweiflung, der Ausbruch des Jammers, den Nichts zurückdrängen konnte. Lange niedergehalten, durchbrach er in dieſer Stunde ſeine Dämme. Alles war für einen Augenblick vergeſſen; und mit den Händen an den Schläfen, Thrä⸗ nenbäche von ihren Wangen niederſtrömend, murmelte ſie Adrian's Namen und ſtöhnte aus tiefſter Seele. Das feurige Element, das von ſeiner italieniſchen Mutter in Morizen's Adern übergegangen war, entzuͤn⸗ dete ſeine Seele in dieſem Augenblick, und er ſprang von der Stelle, wo er ſtand, mit einem wilden Ungeſtüm vorwärts, das jeden Andern entſetzt haben würde, nur nicht ein im tiefſten Elend aufgelbstes Weib. Für ſie war es in dieſem Augenblick von keiner Bedeutung, daß er ausſah, als könnte er ſie ermorden; für ihn war es furchtbar, dieß ſelbſt zu fühlen. Der Rückſchlag war ſo ſtark, daß er ſtrauchelte und gefallen wäre, hätte er nicht den Thürgriff gefaßt. Sie ſah ſeine Todesbläſſe und ihr Herz ſtrafte ſie.„Moriz! armer Moriz!“ ſagte ſie, und ſtreckte beide Hände nach ihm aus. Er hatte ſich niedergeſetzt und ſagte:„Gib ihn mir!“ Sie ge⸗ horchte und legte ihn ihm in die Hände; und jetzt kam an ſie die Reihe, kummervoll, ſchweigſam, mit einem 124 mittleren Gefühl zwiſchen Mitleid und Vorwurf, ihn zu beobachten, wie er dieſen Brief las, der ſo lange unge⸗ leſen geblieben war, und der, früher geſehen, das Schick⸗ ſal von drei Menſchen geändert haben würde. Er war eigeſchloſſen geweſen in einen Brief an Moriz, und war ihm gerade erſt am Morgen ſeines Hochzeitstages zuge⸗ kommen, als er auf dem Punkte ſtand, das Ziel endlich zu gewinnen, das er ſo unbekümmert um alles Andere verfolgt hatte. Adrian hatte ihn einfach erſucht, eine günſtige Gelegenheit auszufinden, um ihn Gertruden zu⸗ zuſtellen, entweder ſelbſt oder durch Marie, oder auf irgend eine andere Weiſe, welche Sicherheit dafür gewährte, daß ſie ihn empfinge. Er hatte hinzugefügt, er könne ihm trauen, da er wiſſe, daß er es mit einem Ehren⸗ mann zu thun habe, und mit einem ſolchen, der ihn (Adrian) genau genug kenne, um ſich auf die Reinheit ſeiner Beweggründe bei der Bitte um Bewahrung dieſes Geheimniſſes verlaſſen zu können. Hätte Moriz gewußt, daß ſchon ein vorläufiges Ver⸗ löbniß zwiſchen Adrian und Gertrude ſtattgefunden habe, ſo würde er nach aller Wahrſcheinlichkeit den Brief, ſelbſt in dieſem Augenblick des leidenſchaftlichſten Ver⸗ langens, nicht zuruͤckgehalten haben; ſo aber ſetzte er voraus, er enthalte ſeine erſte Liebeserklärung und einen Heirathsantrag, wovon ſeine bangen Ahnungen ihm einflüſterten, daß er ihren Frieden gefährden möchte, wenn ſie ihn heirathete, oder gar das ganze Gebäude ſeiner SGlückſeligkeit zertrümmern, wenn er ſie veranlaßte, ihren Entſchluß zu ändern. Dann würde ſie Berufung an ſeinen Edelmuth eingelegt haben, und keine Wahl wäre ihm geblieben, als das faſt unüberſehbare Elend, ſie zu verlieren. Sein Gewiſſen ſtahlhart zu machen gegen die Stimme der Pflicht, den Sinn für das Recht durch raſche und ſcheinbare Trugſchlüſſe niederzudrücken, ſich ſelbſt zu verſichern, daß, was auch immer der Brief ent⸗ halten möchte, er zu ſpät komme, um ihn ihr zu geben, daß es nicht einmal ſchön gegen Adrian gehandelt wäre, 125⁵ der Nichts von den eigenthümlichen Umſtänden wiſſe, unter welchen der Brief empfangen werden würde, und von der Lage, worin ſie ſich in Beziehung auf ihn ſelbſt befinde:— dieß Alles war das Werk eines Augenblicks. Dieſe armſelige Sophiſtik war wie Opium, das man in raſenden Schmerzen nimmt, und das das Gefühl des Leidens lindert, aber nicht erſtickt; und der verhängniß⸗ volle Brief wurde in ſeine Bruſttaſche geſchoben und lag zunächſt an ſeinem Herzen, während er das eheliche Gelöbniß ausſprach. Groß war ſeine Sünde, aber groß war auch die Buße, die darauf folgte; denn ſo lautete der Brief, den er ſie hatte leſen ſehen, und den ſie jetzt in ſeine Hände legte: „Theuerſte Gertrude! „Wir wollten einander wieder ſehen— wir hatten darauf gerechnet in jener Stunde der Sorge und der Freude, als wir uns auf einige Zeit trennten mit Hoff⸗ nung in den Herzen und mit ſtarkem, gegenſeitigem Ver⸗ trauen. Du weißt, oder, ach! vielleicht weißt Du nicht, daß ich von Deinem Vater abgewieſen worden bin. Man ſchlug mir die kurze Unterredung mit Dir ab, um die ich mit einer Dringlichkeit bat, wogegen ſchwerlich ein Widerſtand gelungen wäre, hätte man mich nicht mit Gründen bekämpft, die mich in dieſem Augenblick des Leidens und der Aufregung wehrlos niederſchlugen. Ich wurde verbindlich gemacht, die Ruhe Deiner Mutter nicht zu ſtören und mich nicht in Deine Gegenwart einzu⸗ drängen, während Du an ihrem Sterbebette wacheſt. Ich bat um die Erlaubniß, Dir zu ſchreiben, ſelbſt wenn Dein Vater meinen Brief ſollte leſen wollen; ich bot meine Ehre zum Pfande an, daß ich dann nicht wieder ſchreiben würde, wenn meiner Bitte ſo weit Statt gegeben würde. Er ſchlug mir auch dieß ab; er ſagte mir, daß Du einem andern Mann zur Ehe verſprochen ſeieſt, und daß alle Verſuche, mit Dir zu korreſpondiren, nutzlos ſein würden, da er Maßregeln ergreifen werde, 126 um zu verhuͤten, daß irgend ein Brief an Dich gelange, und ſo trieb er mich buchſtäblich aus dem Hauſe. Ger⸗ trude, ich wußte, daß Du leiden, aber ich wußte auch, daß Du mir trauen würdeſt,— daß kein falſcher Schein, keine Verläumdungen, keine Behauptungen von Freunden oder Feinden, wenn wir welche haben, Dir einen Zwei⸗ fel an mir beibringen könnten, und dieß allein ſetzte mich Anfangs in den Stand, ruhig zu bleiben. „Ich habe an Pater Lifford geſchrieben und ihn an⸗ gefleht, Dir die Verſicherung mitzutheilen— nicht von Etwas, was Deinen Vater beleidigen könnte, ſondern nur, was zu wiſſen für Deine Ruhe wichtig ſein möchte, — daß der, dem Du vertraut hatteſt, Dich nicht getäuſcht habe; aber durch eine unklare und ſteigende Aengſtlich⸗ keit fühle ich mich angetrieben, einen geraderen Weg aufzuſuchen, um Dir eine Ueberzeugung zu verſchaffen, ohne welche ich ſelbſt es täglich ſchwerer finde, die Buürde der Stunde ohne Wanken zu ertragen. „Ich verlange Nichts von Dir, Gertrude. Du biſt frei: kein Verſprechen, keine Verpflichtung bindet Dich. Aber, o denke daran, nicht ſchwach zu ſein; was recht iſt, das thue! Gott verhüte, daß ich je zwiſchen Dich und Deinen Vater treten ſollte; aber es kann nicht recht ſein, einen Mann zu lieben und einem andern die Hand für das Leben zu reichen, und Du haſt mich ge⸗ liebt, Du liebſt mich noch; tief in meines Herzens In⸗ nerſtem fühl' ich es, und niemals in den Tagen, die wir zuſammen verlebten, niemals während des kurzen Sonnenſcheins unſerer Liebe, habe ich für Dich gefühlt, was ich jetzt fühle. Dieß iſt Alles, was ich ſagen kann — ſagen will. Ich bin an Dich geknüpft durch ein Band, ſo ſtark, als wäreſt Du bereits mit mir vereint; um Nichts weniger ſtark, weil ich Dich als frei betrachte, und kein Recht habe, Dich zu ſchelten, wenn Du Deinem Vater gehorchſt. „ Ich gehe nun auf's Neue an das Werk des Lebens. Die gefährliche Krankheit eines meiner älteſten und 127 beſten Freunde im Seminar zu Orleans ruft mich an ſeine Seite, und hernach Geſchäftsangelegenheiten zu meinem Bruder in Bretagne; aber hier und da und überall werde ich immer nur eine Bemühung, nur ein Gebet kennen, nämlich des Glückes immer würdiger zu werden, Dich mit der Zeit zu beſitzen, oder, wenn es ſein muß, die Kraft zu gewinnen, um Dir zu entſagen, und eben damit jeder Hoffnung auf irdiſches Glück, wenn es alſo Gottes Wille ſein ſollte. „Ich werde Dir nicht wieder ſchreiben, geliebte Ger⸗ trude! Aber wenn ich einmal erfahre, daß Du dieſen Brief erhalten haſt, ſo werde ich ohne weitere Sorgen um Dich, wie um mich ſelbſt ſein. „Mit innigſter Liebe Dein Adrian.“ Der Brief ſiel Moriz aus den Händen, und er ver⸗ barg ſein Geſicht in denſelben. Sie kniete neben ſeinem Stuhle nieder und fühlte große Sorge um ihn, mehr als je zuvor. 3 „Vergib mir,“ ſagte ſie ſanft,„vergib mir, daß ich iich zum Manne genommen habe.“ 1 Er wandte ſich plötzlich um und ſeine Augen flamm⸗ ten Feuer durch ihre Thränen. „Dir vergeben, während Du dieſen Mann noch liebſt! Nein, bei Allem, was ich gelitten habe, nein! ich vergebe Dir nicht. Verbrenne dieſen Brief vor mei⸗ nen Augen, ich kann ihn nicht wieder anrühren! Ver⸗ brenne ihn dieſen Augenblick!“ Sie bückte ſich, um ihn aufzuheben, und ſah ſo bleich, ſo unausſprechlich elend aus, als ſie ihn in's Feuer fallen ließ und zuſah, wie die Flammen ihn ver⸗ zehrten, daß ein plöͤtzlicher Umſchlag in ſeinen Gefühlen eintrat; er warf ſich zu ihren Füßen und rief mit er⸗ ſchreckender Heftigkeit aus: „Ich empfing dieſen Brief, Gertrude, am Morgen unſeres Hochzeitstages, und mir war er andertraih. Ich 128 hätte Dir ihn geben können, bevor Du Dein Elend be⸗ ſiegelt hätteſt. O, iſt es Dir möglich, mich nicht zu haſſen und zu verachten?“ „Du hatteſt ihn?“ ſagte ſie.„Dieſer Brief war in Deinen Händen? Er würde mich gerettet haben, und Du gabſt mir ihn nicht! Haſt Du das wirklich ge⸗ than, Moriz? O, dann verdienſt Du das Schickſal, das Du gefunden haſt. Gott helfe uns Beiden; wir ſind zu einem Leben voll Jammers verurtheilt.“ „Du ſagteſt mir niemals, daß Du dieſen Mann geliebt habeſt; Du ſagteſt mir nie, daß Du eine Ver⸗ pflichtung gegen ihn eingegangen habeſt.“ „Du ſaheſt mein Herz brechen. Fragteſt Du mich je, ob ich Dich liebe?“ „O, kannſt Du mich nicht lieben? Am Altare ſchwureſt Du, mich zu lieben. Haſt Du kein Erbarmen, kein Gewiſſen?“ „Was fragſt Du nach meinem Erbarmen? Was haſt Du mit meinem Gewiſſen zu ſchaffen? Ich bin Dein Weib; Du haſt es ſo gewollt. Adrian traute Dir. O Thor, der er war, Dir oder mir zu trauen!“ „Eine hohe Röthe des Zorns überzog in dieſem Augen⸗ blick die Aſchenbläſſe auf Morizen's Wange, und er ver⸗ ließ das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Zum zweiten Mal in ihrem Leben ſchien es Gertrude, als ob das ſchöne Gebäude der Tugend, das ſie ſo ernſt und ſo ſorglich aufgeführt hatte, in Staub zerfallen ſei. Abermals war es auf den Sand gebaut geweſen; ob es gleich feſter ausgeſehen hatte, als das erſte, war es doch unter dieſem neuen Stoß eines heftigen Grames zuſam⸗ mengeſunken. Sie war tief in ihrem Innerſten zerrüttet durch dieſe Scene mit ihrem Mann. Ihr war, als könnte ſie ihm jetzt noch nicht vergeben, oder dieſes Leben thätiger Hingebung für ihn wieder aufnehmen, welche im letzten Jahr ihre Stütze geweſen war. Als Moriz nach Hauſe zurückkam, hatte ſich ein Zug dauernder Düſterheit auf ſeinem Geſichte feſtgeſetzt⸗ 12²9 Es war etwas Gleichgültiges und Wildes in ſeinem Be⸗ nehmen. Er bat ſie nicht mehr, mit ihm ſpazieren zu gehen oder Geſellſchaften zu beſuchen. Er las ihr nie mehr vor und ſprach nur wenig mit ihr. Sie war ſtundenlang allein, und nun war die Schranke, die ſie Tugend genannt hatte, die aber zum Theil aus Stolz und Racheluſt aufgeführt war, zu ſchwach, um für alle Zukunft den Strom von Reue, von ungebändigter Lei⸗ denſchaft und tiefen Gefühlen zurückzuhalten, der nun ihre Seele wie eine verheerende Fluth überſpülte. Sie hörte auf, ſich ſelbſt die verderbliche Nachſicht gegen ihre alte Gewohnheit der Träumerei zu unterſagen, und ver⸗ bannte Adrian's Bild nicht länger aus ihrem Herzen. Es verfolgte ſie überall hin. Zur Beichte wagte ſie nicht zu gehen, denn ſie wollte der Sünde dieſes Gedankens nicht entſagen; zur Meſſe ging ſie noch immer, aber ſie verhärtete ihr Herz, denn ſie wollte es nicht gemildert haben, ſondern wagte nur nicht, wegzubleiben. Sie hatte ein wildes, ſeltſames Gefühl von Groll darüber, daß ſie nicht einmal im Gebet Adrian im Geiſte ſehen konnte; ſie war außerhalb jenes Gebietes, wo ſeine Seele ohne Zweifel Frieden fand; und doch wollte ſie die Kette nicht zerbrechen, womit die Leidenſchaft die ihrige feſſelte. Wieder las ſie ſeine Werke; heimlich, wie man eine ſchuldvolle Handlung vollzieht; ſeine Stimme klang wie⸗ der in ihren Ohren; ſein Geiſt ſprach wieder zu dem ihrigen; ihre Wange glühte, ihr Herz klopfte, aber nicht von dem ſchönen Enthuſiasmus früherer Tage, nicht von dem Geiſte, der ſie damals zur Kenntniß und zur Liebe der Tugend emporgehoben hatte. Je hinreißender ſeine Beredtſamkeit, je edler ſeine Gefinnungen waren, deſto mehr wand ſie ſich im Schmerz über ihre unwiderruf⸗ liche Trennung. Seine ernſten Worte riefen ihrem An⸗ denken die Stimme zurück, die ſie niemals wieder hören ſollte; und wenn er von Gott, vom Himmel und vom Gutſein ſprach, ſo ſchien ihr das nur der Wiederhall einer Muſik, die ihr einſt vertraut geweſen war, auf die Lady⸗Bird. II. 9 13⁰ aber jetzt ihr verdorrtes, aber nicht bezwungenes Herz nicht mehr antwortete. Es war ihr jetzt eine große Erleichterung, daß Moriz ſo viel von Hauſe wegblieb, daß er ihre Geſellſchaft nicht länger zu ſuchen ſchien, und ſie bemerkte nicht, wie graß der Ausdruck ſeines Geſichtes zu gewiſſen Zeiten war, oder wie trübſinnig ſeine langen Anfälle von Zer⸗ ſtreuung zu anderen Zeiten. Er erduldete zu gleicher Zeit die doppelten Qualen der Eiferſucht und der Gewiſſensbiſſe. Er hatte Augenblicke, wo der Zorn und die Rachbegierde überwogen, aber auch wieder andere, wo er Gertrude bemitleidete und ſehnlich gewünſcht hätte, ſie in ihre Freiheit und ihren Frieden zurückverſetzen zu können, unberührt von dem Elend, worein er ſie ſo ruckſichtslos gezogen hatte. Prüfungen jeder Art ſtarrten ihn an; die Armuth trat immer näher herzu, ſeine Ausſichten wurden immer beunruhigender. Seine Unmacht, ſein inneres Leiden zu bekämpfen, beraubte ihn nach und nach aller Hülfsquellen, woraus er eine Einnahme be⸗ zogen hatte. Sie ſahen ſich in Kurzem genöthigt, von den Zinſen des kleinen Vermögens zu leben, das Pater Lifford Gertruden vermacht hatte. Es war eine beſtän⸗ dige Pein für ihn, auf dieſe Weiſe ihr ſeinen Unterhalt zu verdanken, und er machte unkluge und verzweiflungs⸗ volle Verſuche, den Stand ſeiner Angelegenheiten zu verbeſſern. Marie hatte Recht gehabt; er konnte ſeine Barke nicht allein durch das wilde Meer ſteuern; die Laſt auf ſeinem Herzen und die auf ſeinem Gewiſſen, das war zu viel für ſeine Kräfte. Gertrudens Kälte, die ſich nun bis zur Unfreundlichkeit geſteigert hatte, lähmte jeden Nerv und vereitelte jede Anſtrengung. Vor dem ſchrecklichen Tag, an welchem ſie beide Adrian's Brief geleſen hatten, hatte er noch den Antrieb der Furcht und der Hoffnung; jetzt hoffte und fürchtete er nicht mehr, und ſeine geiſtigen Kräfte ſchienen in ſeinem Innern abzuſterben. Er pflegte ſich ſo viel als möglich 13¹ von Hauſe ferne zu halten; und, unfähig, ſeine früheren Beſchäftigungen zu verfolgen, beſtand ſeine ganze Sorge darin, Nichts auf ſich ſelbſt zu verwenden, das er mög⸗ licher Weiſe entbehren konnte, und Entwürfe zur Ver⸗ beſſerung ſeiner Stellung in der Welt auszuſinnen. Ihre einſamen Mahlzeiten waren in der Regel von Stillſchweigen begleitet. Sie war von Beiden der am wenigſten gedrückte Theil; aber ein düſterer Abgrund lag zwiſchen ihnen und ein Bild, das dem geiſtigen Auge Beider unabläſſig gegenwärtig war. Ein oder zweimal während dieſer Zeit machten alte Freunde ſie ausfindig— er ging aus dem Wege, um ſie zu ver⸗ meiden. Er verkroch ſich vor den Augen Anderer mit einer krankhaften Empfindlichkeit. Ihm war, als ob Gertrude ihn haßte, und der Haß derjenigen, die er leidenſchaftlich liebte, ſchien ihm ein Brandmal aufzu⸗ drücken, das ihm die ganze Welt verhaßt machte. Und er hatte ſie niemals mehr geliebt als jetzt. Manchmal, wenn er ſpät am Abend nach Hauſe kam, nachdem er Stunden lang in den Straßen herumge⸗ wandert war, fand er ſie wohl im Seſſeel eingeſchlafen, erſchöpft von einer langen Tagesarbeit(denn zu arbei⸗ ten pflegte ſie mit einer fieberhaften Beharrlichkeit); und er konnte ſie anſehen mit einer Zärtlichkeit, die auf einige Zeit Beides, die Eiferſucht und den Groll, ver⸗ edelte; und allmälig brach die bittere Prüfung, die er durchmachte, den Boden um, in welchen einſt eine gute Saat geſäet worden war. Es war, als fielen ihm die Schuppen von den Augen, als begriffe er beinahe zum erſtenmal die Ausdehnung ſeiner Schuld, die gleichgül⸗ tige Selbſtſucht ſeines Verhaltens,— die jammervolle Größe ſeiner Uebelthat vor den Augen Gottes,— das furchtbare Unrecht, das er dem Weibe zugefügt, das er ſo leidenſchaftlich liebte, und dem Manne, den ſeine ſchlechtere Natur haßte, während ſein beſſeres Selbſt ihm die Tugenden deſſelben und den hohen Belauf des Dankes, den er ihm ſchuldig war, in die Seei⸗ zurück⸗ 13²2 rief. Frühere wiederholte Aeßerungen von Marie ka⸗ men ihm jetzt oft wieder in den Sinn. Er begann auf eine andere Weiſe als bisher in die Zukunft zu blicken, zu fühlen, daß er nie mehr glücklich ſein könne, auch es nicht mehr verdiene. In gewiſſen Augenblicken kämpfte er gegen dieſe Ueberzeugung— es war ihm, als müßte er„du bonheur à tout prix“ haben. Er verſuchte, ſich zu überreden, daß ſeine Strafe größer ſei, als ſeine Suͤnde; aber, einmal erwacht, iſt das Gewiſſen eines nicht ganz verderbten Menſchen allzu⸗ ſtark, deſſen Logik allzugewaltig für ihn. Wie ein Tag nach dem andern dahinging, machte er immer ſich ſelbſt mehr Vorwürfe, und Anderen weniger, und ſah in hel⸗ lerem Lichte ſeinen Verrath an Marie, ſeinen Undank gegen Adrian, ſeine Grauſamkeit gegen Gertrude. Eine tiefe Entmuthigung ergriff ihn, und ſeine nutzloſen lei⸗ denſchaftlichen Beſtrebungen, das Vergangene wieder gut zu machen, ihr irgend eine Art von Glückſeligkeit zu verſchaffen, irgend einen Wechſel in ein Loos zu bringen, das ihm mehr und mehr hoffnungslos erſchien, ſteigerten nur das Elend ſeines Lebens. Er verſuchte vergebens zu componiren, wie er zu thun gepflegt hatte. Sein Genius ſchien ihn verlaſſen zu haben. Nur einmal kehrte ein ſchwacher Strahl davon zurück. Er ging eines Tages auf einer Wieſe in der Umgegend Londons ſpazieren, und wie er ſo achtlos dahin ſchlenderte, ſah er einen Schwarm Kin⸗ der mit lebhaftem Vergnügen einen reich gemalten Schmetterling verfolgen. Immer entſchlüpfte er ihren Griffen und flog von Blume zu Blume, während ſeine purpurnen und goldenen Flügel im Sonnenſchein glänz⸗ ten; aber eine kräftige Hand packte ihn zuletzt und die neugierigen Kinder drängten ſich um den glücklichen Eroberer. Er öffnete die Hand, und da lag das zer⸗ guetſchte Inſect, ſein glänzender Farbenſtaub von ſeinen leichten Schwingen abgerieben, ſein Leben beinahe er⸗ loſchen, ſeine Geſtalt beinahe bewegungslos. Moriz 13³3 wandte ſich ab und murmelte im Weitergehen:„O meine Lady⸗Bird— meine Lady⸗Bird— ſo habe ich mit Dir verfahren!“ Als er an dieſem Abend nach Hauſe kam, erzählte er ihr den Vorfall, aber ohne irgend eine Anmerkung. Sie ſah von der Arbeit auf und ſagte:„Armer Schmetterling.“ Er ſchrieb dieſe Nacht ein Lied und betitelte es:„Das Kind und der Schmetterling.“ Das war das einzige gute Stück, das er ſeit ſeiner Verheirathung componirt hatte. Wäre er eeder Zeit, ſo wie an dieſem Tage, fähig geweſen, ſein⸗ Leiden in Muſik zu verwandeln, ſo hätte er raſch zum Ruhme fortſchreiten konnen, denn er hatte einen reichen Vorrath, wovon er zehren konnte. Es kam ein Tag, da Gertrude über den zerrütteten Ausdruck ſeiner Züge in Beſtürzung gerieth,— und es hätte ſonderbar gehen müſſen, wenn das nicht ge⸗ ſchehen wäre, denn außer dem gewohnten kummerbela⸗ ſteten Anblick, den ſein Geſicht neuerdings dargeboten hatte, lag jetzt noch etwas ganz Neues in ſeiner Er⸗ ſcheinung. Er empfand die peinlichſte Angſt in Geld⸗ angelegenheiten. Die Manie der Spekulation ſtand da⸗ mals auf ihrem Gipfel, und in Verſuchung geführt durch den ſehnlichen Wunſch, nicht ſo wohl ſein eigenes, als Gertrudens Loos zu verbeſſern, hatte er ſich in ein Unternehmen eingelaſſen, das einen ſchönen Ertrag ver⸗ ſprach, und deſſen Gefahren er nicht hinlänglich in Er⸗ wägung gezogen hatte. Der Ausgang war unglücklich, und ſeine Verbindlichkeiten überſtiegen bei Weitem ſeine ſchwachen Mittel, ihnen zu genügen. Er hatte nur einen vertrauten Freund, den jungen Maler Dee, der ihn in früheren Jahren mit Adrian d'Arberg be⸗ kannt gemacht hatte. Er war einer von den wenigen Menſchen, die oft mit ihm und Gertrude zuſammen waren; für Letztere hatte er eine lebhafte Bewunderung; er be⸗ wunderte ihre Schönheit, aber noch mehr ihr Beneh⸗ men. Er ſah, ſie waren nicht glücklich, und konnte nicht begreifen, warum ſie es nicht ſeien; aber ihre Ge⸗ 134 duld und ihr unermüdeter Fleiß ſetzten ihn in Erſtaunen und entzückten ihn. Eines Tages, gerade damals, als Gertrude über das außerordentliche Unglück erſchrocken war, das ſie in ſeinem Geſichte ſah, ging Moriz zu Wilhelm Dee, und eröffnete ihm die verzweiflungsvolle Lage, worin er ſich befand. Er wußte, daß der junge Maler ihm nicht helfen konnte, und doch fühlte dieſer ihm bei all ſeinem Kummer eine gewiſſe Ruhe an, die ihn in Erſtaunen ſetzte. Er bot ihm an, Andere zur Bürgſchaftsleiſtung für ihn zu beſtimmen,— er ver⸗ ſuchte es, ein Auskunftsmittel für dieſe ſchlimmen Um⸗ änhe zu finden, aber Moriz fiel ihm in's Wort und agte: 5 „Ich habe keine Mittel, mir wieder aufzuhelfen; ich bin unklug geweſen, und muß die Strafe tragen. Meine Thorheit iſt unermeßlich geweſen; ich habe mehr gewagt, als ich jemals zu zahlen im Stande ſein werde. Wäre ich nicht getäuſcht worden, ſo würde mein Ver⸗ fahren unehrenhaft ſein. Aber ich hatte keinen Begriff davon, daß ich in ſolchem Umfang in die Sache hin⸗ eingezogen würde. Für Eines bin ich innig dankbar; Gertrude hat eine kleine ihr perſönlich geſicherte Rente, die ſie gegen wirkliche Noth ſchützen kann. Mir ſteht bevor, nächſter Tage verhaftet zu werden, und ich frage jetzt nichts darnach, wie bald das der Fall ſein mag. Alles Andere iſt beſſer, als dieſer Zuſtand elender Span⸗ nung, worin ich lebe. Ich würde Dir mit dieſen Sachen keine Laſt gemacht haben, beſter Wilhelm, hätte ich nicht einen beſonderen Grund dazu:— Du wirſt, ich weiß es, meiner Frau Deine Theilnahme ſchenken, wenn der Schlag auf mich fällt. Sie wird vielleicht Rath bedürfen—“ „Und Troſt,“ rief der Andere mit leuchtenden Blicken. „Keinen, den Du oder irgend Jemand auf dieſer weiten Welt ihr jemals geben kann,“ rief Moriz aus, — 135 indem er plötzlich nicht mehr im Stande war, ſeine Ge⸗ fühle zu beherrſchen. Haſtig ging er nach der andern Seite des Zimmers hin und kämpfte einen Augenblick mit ſich ſelbſt; dann druͤckte er ſeinem Freunde die Hand und verließ ihn. Wenige Tage hierauf ſaß Gertrude am Kamin zur gewöhnlichen Eſſenszeit, und wunderte ſich, daß Moriz nicht nach Hauſe kam. Die Stunden verfloſſen, und er kehrte nicht zurück. Alle möglichen Gedanken, und von der widerſprechendſten Art, ſtiegen in ihrer Seele auf; ein nervöſes, ängſtliches Verlangen, ihn zurückkehren zu ſehen— vielleicht nicht gerade ſehr in Uebereinſtim⸗ mung mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, und dann eine unbeſtimmte Vorſtellung, daß er vielleicht nicht wieder heimkehren könnte, zogen durch ihren Sinn. Die Nacht brach an, und er kam nicht; ſie ging nicht zu Bette und ſchloß die Augen nicht, ſondern ſaß am Feuer, blickte gleichſam in ſich ſelbſt hinein und erwog ihre ſeltſamen Empfindungen. Sie ſehnte ſich, ſeine Tritte auf der Treppe zu hören, aber mehr, weil ihre Unruhe ſie quälte, als weil ihr Herz liebevoller gegen ihn geſtimmt geweſen wäre. Wenn er ſie ganz verlaſſen wurde, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, ſo würde ſie das nicht erſchrecken; und dann dachte ſie an ihr vollkommenes Alleinſtehen, und an ſeine melancholiſchen, von Leiden⸗ ſchaft erfüllten Augen, und wußte ſelbſt nicht recht, ob es ſie betrüben würde, ihn gar nicht wieder zu ſehen. Das Tageslicht kam, und ihre Unruhe nahm zu. Gegen neun Uhr trat Wilhelm Dee ein, und als er ihr ſagte, daß er ſie zu ſprechen wünſche, wurde es ihr ſchwach um's Herz.„Es iſt Etwas vorgefallen,“ dieſer unbeſtimmte Ausſpruch, der ſo viele unbeſtimmte Be⸗ fürchtungen in ſich ſchließt! Er eröffnete ihr mit mehr Vorſicht als nöthig war, die Thatſache, daß Moriz ver⸗ haftet war; von dem Augenblick an, da ſie die Natur des Ereigniſſes vernahm, das ihn zurückgehalten hatte, war ſie vollkommen ruhig und ganz kalt. Er war ge⸗ 136 reizt durch ihre anſcheinende Unempfindlichkeit, und ge⸗ ſtand ſeine Beſorgniſſe, daß Moriz in unauflösliche Schwierigkeiten verwickelt ſein möchte; ſagte aber, daß er ſie mit Ergebung ertrage, beruhigt durch den Ge⸗ danken, daß ſie nicht durch ſeine Unklugheit in Armuth geſtürzt ſei; daß er lebhaft wünſche, zu erfahren, ob ſie ihn wohl im Gefängniß beſuchen werde; und dann, daß er hoffe, ſie werde nach ſeiner Mutter und Marie ſchik⸗ ken, und eine Einrichtung zu treffen ſuchen, um mit dieſen Beiden einige Zeit irgendwo zu leben. Er ſetzte enans, ſie werde nicht gerne nach Stonehouſeleigh ehen. 3„O nein!“ ſagte ſie ſchaudernd;„dahin kann ich nie wieder gehen. Aber was meint Moriz mit dieſen Planen? Bis zu welchem Betrag iſt er denn ver⸗ wickelt?— was find ſeine Verbindlichkeiten?“ „Es würde nutzlos ſein, ſie Ihnen zu erläutern, Frau Redmond. Sie ſind größer, als daß er ihnen ge⸗ nügen könnte.“ 4 „Aber nicht größer, als daß ich es könnte.“ „Davon wollite er nichts hören. Sein einziger Troſt iſt, daß Ihr kleines Vermögen vor ſeinen Gläubigern geſichert iſt.“ „Nicht eine Stunde länger iſt es vor ihnen ſicher, als bis ich in den Stand geſetzt bin, hier auszuhelfen. Herr Dee, wenn Sie mir darin nicht beiſtehen wollen, ſo werde ich mich ſogleich an Jemand wenden, der das um Geld thut, was Sie aus Freundſchaft thun könnten.“ 4 „Ich muß Sie um Morizens willen flehentlich bit⸗ ten, nicht hieran zu denken“—(ihre Lippe zuckte)— „es würde ihn unglücklich machen.“ „Das iſt keine Gefühlsſache,“ ſagte ſte ernſt.„Mehr oder weniger Unglück für Eins von uns Beiden hat nur wenig zu bedeuten. Seine Schulden müſſen auf der Stelle bezahlt werden. Noch dieſe Nacht muß er frei 137 ſein. Ich würde ihn lieber nicht aufſuchen, da wo er ſſ, aber ich will es thun, wenn Sie glauben, er wün⸗ ſche es, ſelbſt unter der Vorausſetzung, daß er zu Nacht wieder hier iſt.“ „Aber, Frau Redmond, Sie werden das doch nicht ohne ſeine Einwilligung thun?“ „Ich werde es, und wenn Sie mir nicht helfen, ſo geſchieht es auf eine Weiſe, die mich ruinirt und ihm doch nicht hilft. Kommen Sie ſogleich mit mir zu einem Advocaten. Ich habe einen Willen, Herr Dee, der ſich oftmals geltend gemacht hat, wo er hätte nachgeben ſollen. Ich will jetzt nicht nachgeben, ſeien Sie davon uberzeugt. Moriz hat nichts Ünehrenhaftes gethan, nicht wahr?“ „Nicht im Mindeſten— er iſt unklug geweſen, aber man hat ſich mehr an ihm verſündigt, als er ſich an Anderen.“ „Ach ja, das iſt wahr,“ rief ſie aus, und, ge⸗ ſchwächt durch die lange, ſchlafloſe Nacht und die Auf⸗ regung, die ſie erfahren hatte, brach ſie in Thränen aus, wußte aber im Augenblick wieder ihre Erſchütterung zu bemeiſtern.. Sie handelte dieſen ganzen Tag mit einer Einſicht und Kraft, die ihren Begleiter in Erſtaunen ſetzten. Ohne Rückſicht auf ſeine Einwendungen, welche immer ſchwächer wurden, je mehr er ſich überzeugte von ihrem feſten Entſchluß, ihrer vollkommenen Klarheit über die Opfer, die ſie brachte, und ihrer gleichzeitigen ruhigen Gleichgültigkeit gegen dieſelben, vollendete ſie alle noth⸗ wendigen Anordnungen: und indem ſie auf alles Uebrige verzichtete, außer kauſend Pfund von Pater Lifford's Vermächtniß, machte ſie Moriz von allen Verwicklungen los, und brachte ihn in den Augen der Welt wieder zu Ehren. Sein Freund ging hin; um ihm mitzutheilen, was gethan worden ſei, und gerieth ganz in Beſtürzung über ſeinen Kummer und Unwillen, als er davon höorte. Wilhelm Dee war gutherzig und arglos. Er legte nicht 138 ſehr viel Werth auf das Geld. Es kam in ſeine Hände, und ging wieder weg auf eine Weiſe, die ihn nicht geeignet machte, Gertrudens Aufopferung ihres Vermd⸗ gens ſo hoch anzuſchlagen, als manche Andere gethan haben würden; und da er mit dem Geheimniß unbekannt war, das auf ſeines Freundes Herzen und Schickſal ruhte, ſo ſchien es ihm natürlich genug, daß ſeine junge Gattin, die ſchon ſo Vieles für ihn hingegeben hatte, auf dieſe Weiſe handelte. Er war nicht darauf vor⸗ bereitet, Zeuge zu ſein von dem Ausbruche bitteren Kummers, gemiſcht mit Verdruß gegen ihn ſelbſt, womit Moriz die Nachricht aufnahm, und er drang anhaltend in ihn, doch nach Hauſe zu gehen, als ob da eine Aus⸗ ſicht auf Troſt und Ruhe für ihn wäre. In der Art, wie Gertrude Moriz bei ſeiner Rück⸗ kehr empfing, lag mehr von ihrer alten Weiſe, als ſie jemals ſeit ihrer Verheirathung gezeigt hatte. Sir lächelte ſo, wie er es ſeit manchen langen Tagen nicht mehr geſehen hatte. Das ging ihm durch's Herz wit ein Dolch. Sie machte eine ſcherzhafte Bemerkung über ſein Ausbleiben. Seine Lippe zuckte, indem er ſagte: „Ich kann Dir nicht danken, Gertrude, für das, was Du gethan haſt. Es war nicht freundlich gegen mich gehandelt.“ „Nein, und ſo meinte ich es auch nicht,“ ant⸗ wortete ſie.„Ich habe mir ſelbſt damit ein Vergnügen gemacht, und unſere gegenwärtigen Ausſichten gefallen mir beſſer, als mir ſeit langer Zeit Etwas gefallen hat.“ „Was meinſt Du?“ ſagte er.. „Ich meine, daß es ſich von ſelbſt verſteht, daß wir jetzt auswandern müſſen. J'ai brülé mes vaisscaux. Die Welt iſt weit, und eine neue Welt wird für Dich und für mich paſſen, Moriz. Laß uns gehen,— laß uns Alles dahinten laſſen, und ſehen, ob die NYankees Dir keine Arbeit in Deinem Berufe geben; wo nicht, ſo wollen wir in die Hinterwälder, und leben wie die 139 Wilden. Ich verlange nach den Forſten und den Waſſer⸗ fällen der neuen Welt. Was meinſt Du zu einem Block⸗ hauſe? Werden wir dort nicht freier athmen als hier?“ Sein Herz klopfte, indem ſie ſo ſprach, und er be⸗ mühte ſich, ihren Blicken zu begegnen, um in dem Aus⸗ druck derſelben zu leſen; aber dieſe waren auf das Feuer geheftet, in welchem ſie wühlte, während ſie ſprach. „Gott ſei Dank,“ rief er aus,„daß Du einen Wunſch haſt. Mehr kann ich nicht ſagen.“ „Sage Nichts, und ſieh Dich morgen nach einer Ueberfahrtsgelegenheit um,“ antwortete ſie. Er dachte an Marie und ihre Mutter, ſprach aber nicht von ihnen. Am nächſten Tag, und wieder am nächſten, war Gertrude freundlicher gegen ihn, als ge⸗ wöhnlich, und ſprach mit Vergnügen von ihrem Aus⸗ wanderungsplan. Aber als dieſer wirklich eingeleitet war, konnte ſie nicht mehr ganz in demſelben Tone davon ſprechen. Die Vergangenheit ſtieg wieder vor ihr empor. Das hieß in der That das Ankertau kappen und ſich Wind und Wellen überlaſſen. Nichts mehr von Adrian zu hören,— nie wieder, wäre es auch nur durch Zufall im Lauf langer Jahre, ſein Angeſicht zu ſehen! Denn ſie hatte an dieſe Möglichkeit gedacht, bis der Gedanke zur Erwartung wurde; und das Herz ſank ihr jetzt eben bei dem Gedanken an die neuen Lebens⸗ bilder, von denen ſie ſich auf einen Augenblick vorge⸗ ſpiegelt hatte, ſie würden die ruheloſe Pein erleichtern, womit ſie unabläſſig nach der Vergangenheit ohne Frieden zurück, und nach der Zukunft ohne Hoffnung vorwärts blickte. Ihre Anfälle von Verſunkenheit in Gedanken wurden immer länger und tiefer, bis die vorbereitenden Anſtalten begannen. Dann arbeitete ſie, als wenn ein Sklavenaufſeher neben ihr ſtünde. Er verkaufte das Verlagsrecht üͤber ſeine Oper für eine Kleinigkeit, und kaufte ein Kiſtchen mit Reiſebedürfniſſen für ſie. Er ließ ſie darauf ſtoßen, übergab es ihr aber nicht als Ge⸗ ſchenk. Er begehrte keinen Dank— nicht einmal ein Lächeln. 140 Er ging auf das Land, um von Marie und Frau Redmond Abſchied zu nehmen. Wieder ſaß er unter dem Weißdorn im Gärtchen und überſchaute die ver⸗ trauten Umgebun gen, zwiſchen denen ſeine Kindheit ver⸗ floſſen war, und hatte eine umſtändliche Unterredung mit Marie. Er bekannte ihr ſein Vergehen, ſeinen Kummer und ſeine Reue. Sie ſchlenderten mit einander nach der Brücke über den Leigh, und ſetzten ſich unter den Schatten der dunklen Erlen; ſie beſuchten die Gräber der Lady Lifford und des alten Prieſters, den ſie ſo lieb gehabt hatten, und die Kirche, wo Moriz früher ſo oft die Orgel geſpielt hatte. Er brachte eine Stunde mit Herrn Erving in Stonehouſeleigh zu, und Marie wartete auf ihn, indem ſie vor dem Altar kniete, das Geſicht in den Händen vergraben, und ging dann mit ihm nach dem Bahnhof. Auf der Plateform gingen ſie einige Minuten mit einander auf und ab, dann wurde der Zug ſichtbar und ſie ſtanden ſtill.„Nun, lebe wohl, Marie; ich werde nie vergeſſen, was Du heute für mich gethan haſt. Der Weg kann noch lang und ſchwierig ſein, aber die zerſchmetternde Laſt iſt abgewälzt.“ Sie konnte nicht ſprechen, ſondern drückte nur ſeine Hand und er beugte ſich nieder, um ſie zu küſſen. Bald war der Zug aus dem Geſichte. Sie blieb ſtehen, wo er ſie verlaſſen hatte, bis der Zug verſchwand, und dann ging ſie nach Hauſe. Ihre Mutter fand ſie ſehr blaß aus⸗ ſehend, aber in ihrem Herzen lebte ein tiefes Dankgefühl mitten in ihrem Kummer, das ihrem Geſichte einen himmliſchen Ausdruck gab. Mortz hatte ſich in dem Gärtchen der Hütte einen Blumenſtrauß gepflückt. Als er in London ankam, legte er ihn in eine Ecke des Zimmers, ohne zu ſprechen. Gertrude ſah die Blumen, als ſie hereinkam, und fing an ſie zu ordnen und aufzubinden. Alles im Zimmer war ſchon gepackt; es gab dieſen Abend ſonſt Nichts mehr zu thun. Dieſe Blumen ſchienen ihr wohl zu ge⸗ 141 fallen,— ſie betrachtete jede derſelben aufmerkſam und roch wiederholt daran, aber ſie getrauten ſich nicht, von dem Beſuche zu reden, den er gemacht hatte. Es war ihr letzter Abend in England. Wilhelm Dee beſuchte ſie, und ſie bemühten ſich alle, heiter zu ſprechen. Am andern Tage ſchifften ſie ſich ein. Achtes Kapitel. „DCjà ma barque fugitive S'eloigne à regret de la rive. J'affronte de nouveaux orages; Sans doute à de nouveaux naufrages Mon fréle esquif est dévoué; Et pourtant à la fleur de l'ge Sur quels écueils, sur quel rivage, Déejà n'ai je pas échoné?“ La Martine. * N * „Oh vista inaspettata! oh vista Gara non men che dolorosa.“ Alfieri. Eines jener ungeheuren Behältniſſe menſchlicher Weſen, eine jener ſchwimmenden Welten, jener zeit⸗ weiligen Heimathſtätten, die von unſerm alten, abge⸗ nützten Lande— unſerem alten England— das wir alle mit einer Liebe lieben, die Einige von uns kaum begreifen, die ſich aber zuweilen auf eine Weiſe und in Herzen geltend macht, wo man es am wenigſten erwar⸗ ten ſollte, indem ſie ſie zwingt,„England, theures Eng⸗ land!“ zu rufen, ungefähr in demſelben Sinne, wie Jacob II., als er von der Küſte aus ſeine franzöſiſchen 142 Verbündeten durch die britiſche Flotte zerſtreut ſah, aus⸗ rufen mußte:„Ha, meine wackern Engländer!“ ein Ausruf des Patrioten und nicht des Politikers:— eines dieſer großen Zufluchtshäuſer für Arme und Heimat⸗ loſe,— eine von dieſen oceaniſchen Carawanen, die ſo manche jugendliche Kräfte, ſo viel Leben, Geiſt, Hoff⸗ nung und Sorge von unſern Geſtaden an die der neuen Welt tragen, lag in Blackwall vor Anker. Der Theil des Schiffes, der den Zwiſchendecksvaſſagieren angewie⸗ ſen war, hatte ſich allmälig mit Perſonen gefüllt, die beinahe zahlreicher ſchienen, als daß das rieſige Schiff ſie faſſen köͤnnte: aber immer kamen ihrer noch mehr und fanden ihre Plätze, und ſahen um ſich mit Aufre⸗ gung oder mit Gleichgültigkeit, mit Vergnügen oder Schmerz, mit Hoffnung oder Furcht, je nach ihren Al tersſtufen, ihren Gemüthsarten, ihren Ausſichten. Manche ließen die Kleinodien ihrer Herzen hinter ſich; Manche gingen, um ſie auf der andern Seite des atlantiſchen Meeres wieder zu finden; einige Wenige vielleicht hatten die ihrigen im Himmel angelegt, und deßhalb aufgehört, für etwas Anderes zu ſorgen, als für die Intereſſen des Reiches, das nicht von dieſer Welt iſt; wieder für Andere war die Vergangenheit ein Traum und die Zukunft ein weißes Blatt. Manche kamen heran, wohl ausgeſtattet mit Erforderniſſen der Behaglichkeit auf der Reiſe; Andere hatten Nichts als die knappe Ausrüſtung eines Auswanderers. Manche weinten, weil ein Menſch, den ſie liebten, an dieſem Tage noch an ihrem Halſe ge⸗ hangen und ihnen den letzten Kuß gegeben hatte; An⸗ dere weinten, weil keine Hand die ihrige gedrückt, und keine freundliche Stimme geſagt hatte:„Lebe wohl!“ oder„Gott ſegne Dich!“ Was fuͤr ein Auszug aus dem Leben mit ſeinen mannichfaltigen Bekümmerniſſen, ſeinen Abſtufungen äußerlichen Glückes, ſeinen inneren und ungeahnten Prüfungen! Ein armes irländiſches Weib heulte, weil ſich ſechs kleine Kinder rund um ſie drängten. 143 „Und was ſoll ich mit euch Creaturen anfangen?“ rief ſie, als ſie zu klagen und vor Froſt zu zittern begannen. „Und was ſoll ich ohne mein Herzchen anfangen?“ murmelte ein anderes, jüngeres Weib, das ſein einziges Kind den Tag zuvor begraben hatte.„Niemand ſoll mich jetzt tröſten, und ich will ſelbſt vor Kummer ſter⸗ ben.“ Aber es gab doch Einen, der ſie tröſtete, und ſie ſtarb nicht vor Kummer, denn Er gab ihrem Herzen ein, das Jüngſte der andern Frau zu verpflegen, die zu viele Kleine hatte, um für ſie ſorgen zu konnen, und ſie lernte auf dieſer Reiſe, daß„Geben ſeliger iſt denn Nehmen.“— Es war ein ſeltſamer Gegenſtand für Beobachtung und Nachdenken— dieſes gedrängt volle Verdeck. Die wohlbe⸗ ſellte, anſtändige, gutgekleidete Gruppe,— die ſchmutzigen, kerlumpten, mit Armuth geſchlagenen Familien,— Seite an Seite; die durch Laſter entwürdigten Geſichter einiger armen Unglücklichen, die vielleicht vor Entdeckung und Strafe entrannen; die kecke Unverſchämtheit des Einen, die ſtumpfſinnige Unempfindlichkeit des Andern; die läſtige Geſchwindigkeit eines Dritten; der Contraſt zwi⸗ ſchen den wenigen engliſchen und den zahlreichen irlän⸗ diſchen Paſſagieren,— unter den erſteren keiner ſo gering geachtet in menſchlichen Augen, aber vielleicht auch keiner dem Himmel ſo nahe, wie Manche unter den letzteren — von Hunger abgezehrte Geſchöpfe, die einen unglaub⸗ lichen Grad von Leiden geduldig ertragen hatten und unbefleckt durch London hindurchgegangen waren, dieſe Unſchuldsprobe, dieſen furchtbaren Abgrund, worin ſo manche Reinheit und Tugend verſinkt, um ſich nie wieder zu erheben. Es iſt ein überraſchender und er⸗ greifender Anblick, eine ſolche große Verſammlung menſchlicher Weſen, im Begriffe, ſich ein neues Daſein in jenem fremden Lande zu verſchaffen, das von allen Hoffnungen, aller Friſche, allen Fehlern der Kindheit * 144 umgeben iſt, das dem Erdenpilger ſeine weiten Arme öffnet, ſeinen gränzenloſen Boden jeder Hand, die ihn pflügen, ſeine tiefe Lebenskraft jedem Geiſte, der ſie in Bewegung verſetzen will. Jetzt waren auch die Kajütenpaſſagiere angekommen. Sie ſuchten ihre Lagerſtätten auf und räumten ihr Ge⸗ päcke ein. Gertrude ſaß da, und fühlte ſich in dieſem Augenblick mehr verwirrt als unglücklich. Sie war ſeit einigen Stunden an Bord, und nach zwei oder drei faſt ſchlafloſen Nächten hatte ſie dieſen Morgen ein wenig geſchlummert, trotz der Fremdartigkeit der Scene. Moriz kam und fragte ſie, ob ſie Etwas wünſche.„Ja,“ ſagte ſte,„eine Weile auf's Verdeck zu gehen, und den letzten Eindruck des Landes, das wir verlaſſen, mir feſt einzu⸗ prägen.“ Wie ſehr ſie ſich einſt geſehnt hatte, dieß Land zu verlaſſen, daran dachte ſie jetzt im Stillen, als ſie die engen Treppen zum Verdeck emporſtiegen; wie ſie als Mädchen ſich oft die Zeilen hergeſagt hatte, die anfangen: 1 „Wohl über die fröhlichen Wellen Der tiefen blauen See;“ und wie ſehnlich verlangt, hinwegzufliehen, nicht um zur Ruhe, ſondern um mitten in den Kampf und das Ge⸗ wühl des Lebens hinein zu kommen. 1 Es iſt etwas ſo Eigenthümliches, wenn man ruhig und kalt Zeiten und Scenen durchlebt, worüber vormals unſere Herzen vor Freude gehüpft, unſere Augen vor Vergnügen gefunkelt hätten. Sie ſtand auf dem Ver⸗ deck und blickte mehr neugierig als traurig nach der Küſte, nach dem Wald von Maſten, nach den ab⸗ und zugehenden Booten, auf die Maſſe menſchlicher Weſen auf der andern Seite des Verdecks, und auf die zahl⸗ reichen Reiſenden an der ihrigen. Moriz ſtand an ihrer Seite und war überraſcht und erfreut, daß ſie, als der Augenblick der Abreiſe herannahte, nicht tiefer erſchuͤttert * 145 ſchien. Er fühlte ihn ſehr tief— weit tiefer als ſie, in einem gewiſſen Sinne; aber er ſchien ſich jetzt kaum um irgend etwas Anderes zu bekümmern, als um den wech⸗ ſelnden Ausdruck ihres Geſichtes. Sie ſagte leiſe:„Da liegt die große Stadt, die wir vielleicht nie wieder ſehen, das Land, das wir wahrſcheinlich für immer verlaſſen. Für manche Menſchen, meine ich, muß der Tod ſehr viel Aehnlichkeit mit einem ſolchen Abſchied haben.“ Ob ſie nun untergingen, oder in Amerika landeten, die Ver⸗ anderung konnte kaum bedeutender ſein. „Fürchteſt Du Dich vor der See, Gertrude?“ „Fürchten? O nein. Ich fürchte mich vor Nichts.“ Er ſeufzte. „Es iſt ſehr kalt,“ ſagte ſie, und zog ihren Shawl dichter um ſich. „Willſt Du wieder hinuntergehen? Es währt noch lange, bis wir abgehen.“ „Nein, ich möchte lieber hier bleiben. Es ergötzt mich, die ab⸗ und zugehenden Boote zu ſchauen, auf dieſe rührige Scene hinzublicken, und mir vorzuſtellen, es ſei ein großer menſchlicher Ameiſenhaufe, und mir auszumalen, was die Engel von uns denken, wenn unſer Herz in Unruhe kommt über das Sandkorn, das uns auf den Kopf fällt, und wir es für einen Berg anſehen und kämpfen und ringen, um uns frei zu ma⸗ chhen. Wie merkwürdig iſt es doch, dieſes unermeßliche Wettrennen menſchlicher Weſen anzuſehen, und zu be⸗ denken, daß unter ihnen allen wahrſcheinlich nicht eines iſt, das wir je zuvor geſehen haben, oder jemals wieder ſehen werden. Ich kann noch nicht hinunter in die Kajüte, aber es iſt wirklich kalt. Willſt Du wohl ſo gut ſein, mir meinen Mantel zu holen?“ Moriz ging, um darnach zu ſehen, und ſie blieb und blickte in das Waſſer mit einer Art von unbe⸗ ſtimmtem, unklarem Intereſſe. Ein Boot hatte vom ufer abgeſtoßen und näherte ſich dem Dampfſchiff. Es war voll von Damen, mit zwei bis drei Männern, die Lady⸗Bird. II. 10 146 Nuderer abgerechnet. Gertrude war kurzſichtig und konnte ihre Geſichter nicht unterſcheiden. Sie legten am Schiffe an auf der andern Seite, als wo ſie ſaß. Nach eini⸗ gen Minuten hörte ſie Jemand, der neben ihr ſtand, zu jemand Anderem ſagen:„Es iſt eine Geſellſchaft ge⸗ putzten Volks angekommen, um das Schiff zu ſehen, bevor es aufbricht, und die Auswanderer anzugaffen. Sie gehen mit dem Capitän herum. Ich bin überzeugt, jeetzt kommen wir wieder eine Stunde lang nicht weg, wenn es noch gut geht.“ 3 Wieder einen Augenblick darauf kam Moriz mit dem Mantel, und ſagte haſtig zu ihr: „Möchteſt Du jetzt nicht lieber wieder die Treppe herabkommen, Gertrude?“ „Warum?“ ſagte ſte.„Laß mich das Land anſehen, ſo lang ich kann. Ich werde bald genug von der engen Kajüte haben.“ „Es ſind Perſonen an Bord, die Du ſonſt gut kannteſt.“ „Wer?— wen meinſt Du?“ „Die Audleys und mehrere andere.“ „Lady Clara! O, iſt die hier?“ rief Gertrude aus und preßte die Hand auf die Stirne. Einen Augenblick blieb ſie ſtill, und ſchien mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen und entgegengeſetzte Antriebe ſchienen in ihr mit einander im Streite zu liegen.. „ Ich will in die Kajüte hinuntergehen,“ ſagte ſte eilig„und dort möchte ich, wenn es möglich wäre, Lady Clara einen Augenblick ſprechen. Möchteſt Du ihr dieß Billet zuſtellen?“ Damit ſchrieb ſie haſtig einige Zeilen mit Bleiſtift; dann zog ſie den Schleier uͤber das Geſicht, eilte über das Verdeck hin und durch das Labyrinth hinab zu dem Verſteck, den ſie ſuchte.„Sterbende,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie ſich auf eine Ecke der ſchmalen Bank niederſetzte, Sterbende dürfen oft thun, was für Andere Unrecht wäre; und iſt eine immerwährende Abweſenheit 147 nicht eine Art von Tod? Wenn ich ſie ſprechen kann, wird vielleicht dieſes vochende Herz in den Jahren, die ihm noch beſchieden ſind, ruhiger ſchlagen. O wie ſelt⸗ ſam, daß aus der großen Stadt, auf die ich hinſah, gerade jetzt eine der wenigen Perſonen herauskommen muß, die ich kenne, und eine ſolche, die immer nur Licht auf meinen Pfad ausgegoſſen, und mich nie anders als gütig angeblickt hat! Vielleicht kommt ſie nicht; ſſe könnte ſich vor einer Scene fürchten. O, wenn ſie wüßte, wie ruhig das Elend ſein kann!, wenn es ſeinen Höhepunkt erreicht hat!“ Sie wartete eine Weile, dann öffnete ſich die Kajütenthüre.„Wie befinden Sie ſich, Lady Clara?“ ſagte ſie mit der Kälte, die eine unterdrückte Gemüthsbewegung gibt.„Wie geht es? 13 dufe gut. Ich bedaure, Ihnen dieſe Mühe gemacht zu haben.“ Lady Clara ſah ängſtlich und verſtört aus. Sie drückte Gertrude an's Herz und kämpfte mit ſich, um nicht Thränen zu vergießen. Sie ſetzten ſich neben tinander, jede kaum wagend, die andere anzublicken; aber Gertrude war die unendlich Gefaßtere von beiden, und im Stande, ihre Bewegung niederzuhalten und mit dem gewöhnlichen Ton ihrer Stimme zu ſprechen, wäh⸗ tend die Andere kaum ſich ſelbſt bezwingen konnte. „Wie wenig konnte ich daran denken, Sie hier vieder zu ſehen,“ ſagte ſie bebend;„ich darf Sie nicht nach Allem fragen, was ich zu wiſſen wünſchte. Was ind Ihre Plane— Ihre Abſtchten? Wenn es ſo gut nit Ihnen ſteht, als ich es von ganzem Herzen wünſche, o hoffe ich, theure Gertrude, daß Sie England nur auf kurze Zeit verlaſſen.“ „Ich verlaſſe es auf immer, und darum habe ich gewünſcht, Sie zu ſehen und Ihnen für die liebevolle heilnahme zu danken, die Sie mir immer bewieſen aben.“ „Weiß Ihr Vater? hat er zugegeben, daß Sie—“ „Es liegt ein tieferer Abgrund ziviſchen uns als der . 0 5 148 Ocean. Ich klage nicht über ihn. O nein! Es iſt beſſer, ich gehe weit von ihm— von Ihnen— von ZJeder⸗ mann. Ich wünſchte zu gehen. Es iſt mein eigener Wille, meine eigene Veranſtaltung. Aber ich habe ge⸗ beten, Sie ſprechen zu dürfen, nicht nur, um noch ein⸗ mal in ein Geſicht zu blicken, das ich in früheren Tagen liebte—“ Sie heftete ihre Blicke feſt auf Lady Clara, und ſah, daß ſie kämpfte, um ihre Rührung zu beherrſchen, und fuhr auf dieſelbe ruhige Weiſe fort—„ſondern auch das muß ich Sie bitten für mich zu thun, was Sie allein thun können. Ginge ich nicht fort für immer, ſo könnte ich das nicht thun; aber da ich Herrn d'Ar⸗ berg nie wieder ſehen werde, ſo glaube ich, ich darf Sie bitten, ihm zu ſagen oder zu ſchreiben, daß ich vor meiner Heirath nie Etwas von ihm gehört habe; daß ich un⸗ klug, raſch und ſehr tadelnswerth, aber nicht falſch ge⸗ weſen bin; daß man mir betrügeriſcher Weiſe den Glauben beigebracht hat, er habe mich aufgegeben, und daß ich erſt vor kurzer Zeit erfahren habe, daß dieß nicht der Fall ſei. Ich wünſchte, daß er dieß erführe, und ich hoffe, er wird in ſeinem Gebete meiner geden⸗ ken. Wollen Sie ihm das ſagen, Lady Clara? Gütige Freundin meiner glücklichen Tage, wiſſen Sie allein, was ich gewonnen hatte, und was ich verloren habe Wollen Sie thun, um was ich Sie gebeten habe?“ Lady Clara ſah peinlich beſtürzt aus; ſie wurde bald blaß, bald roth.„Wann ich das thun kann, beſte Gertrude, weiß ich nicht ſo recht; denn Herr d'Arberg geht— ich glaube, es iſt beſſer, ich ſag' es Ihnen nur— es iſt ſo ſeltſam, ſo außerordentlich— erwar⸗ teten Sie wirklich, ihn nie wieder zu ſehen?“ Gertrudens Blicke waren auf die ihrigen geheftet, aber ſie ſprach nicht.„Er geht auch nach Amerika— ich— ich habe ihn ſo eben geſehen.“ Sie erblaßte und ſtammelte: „Wo?“„Ach freilich, ich hätte Sie darauf vorbereiten ſollen; ich weiß nicht, wie viel oder wenig Ihnen daran liegt, ihn wieder zu treffen, doch auf alle Fälle müſſen 149 Sie wiſſen, daß jeden Augenblick— kurz, die Sache iſt die: er iſt an Bord hier auf dem Schiffe ſelbſt.“ Gertrude ſtand auf und legte die Hand auf Lady Clara's Arm.„Dann,“ ſagte ſie,„nehmen Sie mich mit ſich. Führen Sie mich hin, ihn noch einmal zu ſehen, und dann wird Alles vorbei ſein. Er wird mit Ihnen weggehen, aber noch einmal vor meinem Tode werde ich ſein Angeſicht wieder geſehen haben. Ich habe mich darnach geſehnt, bis ich es dieſe letzten Wo⸗ chen her beinahe erwartete. Dieſer Augenblick iſt jetzt gekommen. Führen Sie mich hin, wo ich ihn ſehen kann, Lady Clara. Wenn ich noch länger warte, ſo habe ich die Kraft nicht mehr, es zu überſtehen. Jetzt habe ich ſie noch. Fürchten Sie Nichts. Laſſen Sie uns gehen.“ Lady Clära war in größter Unruhe; ſie wußte nicht, was ſie thun ſollte— es war ihr nie im Leben eine Schwierigkeit vorgekemmen— ſie war nie zuvor einer erſchütternden Scene gegenübergeſtanden; ſie fühlte ihre Nerven angegriffen und fürchtete ſich, zu ſprechen oder zu erläutern. Aber ſie erkannte, daß es nothwen⸗ dig ſei, und indem ſie Gertrudens beide Hände in die ihrigen nahm, ſagte ſie:„Theures, unglückliches Kind, Sie werden, fürchte ich, nur zu viel Gelegenheit haben, ihn zu ſehen. Es iſt eine traurige Lage für Sie und für ihn; wenigſtens fürchte ich nach ihren Blicken, nach Ihren Worten, daß es eine Prüfung für Sie ſein wird, wie es auch für ihn eine große ſein muß, aber er fährt auf eben dieſem Dampfſchiff,— er begleitet eine Ge⸗ ſellſchaft Auswanderer. Um von ihm Abſchied zu neh⸗ men, ſind wir hergekommen.“ Gertrude lehnte ſich einen Augenblick an die Kajü⸗ tenthüre und verbarg das Geſicht in den Händen. Als ſie es wieder erhob, würde es Jeder ſchwer gefunden haben, darin zu leſen. Eine ſturmvolle Empfindung zog durch ihr Gehirn und ihr Herz. Sie fonnte nicht ſprechen. In dieſem Augenblick klopfte Jemand, und ſie 150 hörte Herrn Audley's Stimme, der Lady Clara abrief. „Wir müſſen gehen, meine Liebe. Man will uns fort⸗ haben,— das Boot iſt bereit.“ Einen langen Kuß gab Lady Clara Gertruden und brach in Thränen aus. „Komm, eile!“ ſagte ihr Mann, als ſie heraustrat. Sie blickte ihn durch Thränen an und ſagte:„Sag' ihr Lebewohl!“ Er blickte in das Zimmer, aber Gertrude hatte ſich abgewandt, und er folgte ſeiner Gattin die Treppe hinauf. Es war ein falſcher Lärm geweſen, daß das Schiff im Begriff ſei abzugehen. Es gab noch einen weiteren Verzug.„Ich habe ihren Mann geſehen,“ flüſterte er, als ſie wieder auf dem Verdeck ſtanden.„Wir ſahen uns von Angeſicht zu Angeſicht und ſchüttelten uns die Hände. Weiß d'Arberg, daß ſie an Bord ſind?“ „Nein, gewiß, er weiß es nicht; wo iſt er?“ „Er ſieht nach ſeinen Leuten, glaube ich, bringt ſie in Ordnung und unter gehörige Obhut, und tröſtet die⸗ jenigen, die es angreift, wie ſie es nennen, dieſem al⸗ ten Lande der Arbeitshäuſer und des Armengeldes Lebe⸗ wohl zu ſagen. Ach ja, dieſer ‚Amor patriae“ iſt ein ſonderbares Ding, und lauert in ſeltſamen Winkeln des menſchlichen Herzens. Laß uns ihn unter den Zwi⸗ ſchendeck⸗Paſſagieren aufſuchen. Haſt Du im Sinn, 8 zu ſagen, daß Lady⸗Bird, wie Du ſie nennſt, hier i 2“ „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Ja, es wird beſſer für ihn ſein, dünkt mich. In ſolchen Fällen iſt Nichts ſo ſchlimm, als unvorbereitet zuſammenzutreffen.“ Sie geſellten ſich zu einigen anderen der Perſonen, die gekommen waren, um die Auswanderer zum letzten Mal zu ſehen, und ſahen ſich in jeder Richtung nach Adrian um. Sie konnten ihn nicht finden, bis ſie ihn eben, als die letzte Glocke erklang und ſie in ihr Boot eilten, noch einen Augenblick trafen; aber da war es nur eben noch Zeit, ihm die Hände zu ſchütteln, und ſie blickte dieſes Schiff, als ſie davon wegruderten, mit 151 ſeltſamer Theilnahme an. Sie dachte an Alles das, was es enthielt, ſtaunte über dieſes außerordentliche Zuſam⸗ mentreffen von Zufällen, das zwei Perſonen zuſammen⸗ geführt hatte, die einander einſt Alles geweſen, die ſo blotzlich, und, wie es bis auf dieſen Tag geſchienen hatte, ſo unwiderruflich getrennt worden waren, und nun war er ihr nahe und wußte es nicht, und ſie war ihm nahe und wußte es. Wie bald mochte nun der Zufall ſie zuſammenbringen? Was für ein Zuſammen⸗ treffen mochte es werden? Auf welche Weiſe mochten ſie ſcheiden? Welchen ſonderbaren Zwiſchenraum im Le⸗ ben mochte dieſe Ueberfahrt über das atlantiſche Meer für Beide bilden? Sollte ſie das Ende der Poeſie ihres Daſeins oder der Anfang von Sünde und Kummer werden? Lady Clara war gedankenvoll; ſie fühlte ſich glücklich, daß ihr Pfad niemals durch Dorngeſträuch und Abgründe geführt hatte,— daß er ſo eben und gerade geweſen war. Vielleicht dankte ſie Gott nicht genug; denn es iſt ein großer Segen, der Verſuchung nicht ausgeſetzt geweſen, aber es iſt doch ein noch grö⸗ ßerer, unbeſchädigt durch den Läuterungsofen gekommen zu ſein. ſein Reſſe hat begonnen. Das Schiff gleitet durch die jetzt noch glatten Gewäſſer, aber der Wind pfeift und der Regen beginnt zu fallen. Gertrude liegt auf ihrer ſchmalen Ruhebank und horcht mit geſchloſſenen Augen auf das Klopfen ihres eigenen Herzens; er iſt ihr nahe,— er, den ſie geliebt hat, wie nur wenige Weiber lieben; er iſt ihr nahe, hier, wo für einige Zeit Nichts ſie trennen kann. Sie können einander ver⸗ meiden, aber weit von einander können ſie nicht ſein. Daſſelbe Schiff umfaßt Beide,— dieſelben Wellen tra⸗ gen ſie,— derſelbe Wind treibt ſie vorwärts, und ſie athmen dieſelbe Luft. Sie öffnete das kleine Fenſter ihrer Kajüte, und blickte auf das Waſſer, das ihrem Haupte ſo nahe war. Es gab ihr eine ſchwindelnde, unklare Empfindung von Vertrauen und Furcht. Sie 15² wurden getragen— ſie wußte nicht wohin. Sie wat ſicher und doch ſo nahe dem Untergang. Eine Plank⸗ war zwiſchen ihr und der Tiefe des Meeres. Was aber war zwiſchen ihr und der Sünde? Nicht einmal in dieſer Stunde ein guter Entſchluß. Sie war tief er⸗ ſchöpft vom Leiden, das war Alles, was ſie wußte. O wie geſchäftig war in dieſer Stunde der Verſucher an dieſem ſchwachen Geiſte, wie flüſterte er in dieſes wache Ohr, wie hing er herein über dieſe ſchweigende Geſtalt! Nicht einen Gedanken an Schuld ließ er an dieſen ge⸗ ſchloſſenen Augen vorüberziehen. Er ſagte bloß:„Nule ein wenig. Kämpfe nicht ſo unabläſſig gegen Etwaz, das keine menſchliche Macht bezwingen kann,— gegen die Gewalt einer Liebe, die ein Theil Deiner ſelbſt it. Schaue dieſes Geſicht noch einmal an, das Du nie wieder zu ſehen gedachteſt. Es wird dich beruhigen, nicht in Unruhe bringen,— es wird dich ſtärken, nicht ſchwächen. War er es nicht, von dem Du einſt lernteſt, was Du ſeit dem wieder vergeſſen haſt? Geh' und lerne noch einmal von ihm gut und ſtark ſein.“ So ſprach der Verſucher, und ſie lauſchte; aber er ſäete bloß ſeinen Samen; ſie handelte nicht auf dieſe Gedanken;— nicht einen Schritt hätte ſie gethan, um den Augenblick zu beſchleunigen, auf den ihre ganze Seele geſpannt war, bei deſſen Annäherung aber, ja bei deſſen bloßem Gedanken, ſie zitterte wie ein Blatt am Baum. Moriz kam und ſaß einige Zeit neben ihr. Er glaubte, ſie ſchlafe. Eine Glocke läutete, und er— wie er meinte— weckte ſie und fragte ſie, ob ſie zu Tiſche kommen wollte? Sie verneinte es, und bat ihn, ohne ſie zu gehen. Sie konnte es nicht ertragen, daß ſie mit einander Adrian zum erſten Mal ſehen ſollten. Sie fühlte, daß ſie einander jetzt treffen wuͤrden, und die Stunde, die er wegblieb, ſchien ihr ein ganzer Tag. Als er zuruͤckkam, ſah ſie ihn an, und ſtieß einen tiefen, ſchnellen Seufzer aus, aber keine Erſchütterung, kein Unterſchied war in ihrem Benehmen. Er begann von 153 unbedeutenden Dingen zu ſprechen und ihr einige Aus⸗ kunft über ihre Reiſegeſellſchafter zu geben. Verſtellte er ſich? war es möglich, daß er nicht Alles fühlen ſollte, was es für ſie wäre, Adrian wieder zu ſehen? Hatte er den Brief und die darauf erfolgte Scene ver⸗ geſſen? Es war unmöglich, daß er ihn geſehen hätte, ſonſt wäre er nicht ſo unergriffen geweſen. War es ein Irrthum oder ein Traum?— War Adrian nicht an Bord? Dann, meinte ſie nach dem kalten, ſchweren Gefühl ihres Herzens bei dieſem Gedanken, wäre ſie ie den wenigen letzten Stunden beinahe glücklich ge⸗ weſen. Gegen Abend fühlte ſie heftige Kopfſchmerzen, und verlangte friſche Luft zu ſchöpfen. Sie ging auf das Verdeck und ſaß da einige Zeit, indem ſie die Wellen und die Wolken des Sonnenuntergangs beobachtete, oder die Perſonen muſterte, die vor ihr hin⸗ und wieder⸗ gingen. Er befand ſich nicht unter ihnen. Sie fing an zu denken, es habe ihr nur geträumt, daß Lady Clara ihr geſagt habe, er ſei an Bord. Sie ging in die Hauptkajüte, und auch da war er nicht; ſie hielt ſich beinahe für überzeugt, daß ihre Ohren, ihre Ein⸗ bildungskraft, ihre Sinne getäuſcht hätten. So ver⸗ ging auch der nächſte Tag, und der folgende ebenfalls — bis ſie gegen die Nacht zwei Perſonen zuhörte, die neben ihr ſaßen und über Etwas ſprachen, was ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. „Sagten Sie, er ſei ein Franzoſe?“ ſagte der Eine zum Andern. „ So ſagte man mir; es iſt ſonderbar, nicht wahr? Lebt gänzlich mit ihnen; ißt, ſchläft und ſitzt, wo ſie eſſen, ſchlafen, ſitzen;— unterredet ſich auch mit ihnen bei Nacht, und zwar in engliſcher Sprache, was doch ſehr merkwürdig iſt. Dieſe Irländer drängen ſich um ihn, als ob er St. Patrik ſelbſt wäre. Ich ging geſtern Abend auf das Zwiſchendeck, um ihn zu hören. Es iſt ergötzlich genug; er erzählt ihnen Geſchichten, und ſie 4⁵⁴ ſtöhnen und lachen und ſtoßen Ausrufungen aus und widerſprechen einander, Alles zu gleicher Zeit. Das iſt ein närriſcher Schlag Leute, dieſe Irländer.“ „Aber wofür thut das dieſer franzöſiſche Graf?“ „Er iſt ein halber Engländer, ſagt man, und hat Beſitzungen in Irland, und Einige von dem Trupp ſind ſeine eigenen Leute, und er iſt mit ihnen ausgezo⸗ gen, um ſie glücklich hinüberzuſchaffen, und lebt in ihrer Geſellſchaft, um ſich zu überzeugen, wie ſie behan⸗ delt werden, und um der Regierung Mittheilungen über ibre Leiden zu machen, die, fürcht' ich, zahlreich genug ſein mögen,— die armen Schelme. Es iſt eine Art von Don⸗Quixroterie. Das hätt' er Alles erfahren kön⸗ nen, ſag' ich, ohne ſo viel Umſtände damit zu machen.“ „Der Wind erhebt ſich; wir werden eine rauhe Nacht bekommen, denk' ich.“ „Es ſitzt ſich hier kalt. Laſſen Sie uns auf⸗ und abgehen.“ Dieſe Nacht legte Gertrude ihr Haupt auf das Kiſſen, und das Rauſchen von Wind und Wellen ſchien wieder, wie am erſten Tag, von Einem zu ſprechen, der nicht ferne von da auf einer harten, ſchmalen Bank liege, deſſen gedankenvolle Augen im Gebet zum Him⸗ mel erhoben ſeien, während das Schiff dahin eile, und der wenig ahne, daß diejenige, deren Bild ihn immer umſchwebe mitten in ſeinen langen Tagewerken und ſei⸗ ner kurzen nächtlichen Ruhe, ebenfalls wache und auf dieſelben Melodien lauſche, und zu denſelben Sturm⸗ wolken emporblicke. „Frau Redmond, haben Sie nicht iödtliche Lange⸗ weile?“ ſagte zu Gertrude ein kleines, nettes Frauchen, neben der ſie bei Liſche geſeſſen hatte, und die die letz⸗ ten drei Tage artig und freundlich gegen ſie geweſen war. 3 „Nein,“ antwortete ſie raſch;„das iſt eines von den Leiden, die ich aufgehört habe zu kennen. Ich habe 15⁵ nie Langeweile. Ich beneide diejenigen, die welche haben,“ fügte ſie leiſe hinzu. „Nun, da denk' ich, Sie fſind eine recht glückliche Perſon. Wenn ich zu Hauſe bin und tauſenderlei zu beſorgen habe, dann geht es ganz gut; aber hier— ich bin zu angegriffen, um zu arbeiten oder zu leſen, und mein Mann will den ganzen Tag auf dem Verdeck ſein, und ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit mir anfangen ſoll. Wenn es dieſen Abend nicht zu rauh iſt, hatten Sie wohl Luſt mit mir nach den Leuten im Zwiſchendeck zu ſehen, und zu hören, was der fremde Herr, der immer bei ihnen iſt, ihnen vorliest und vor⸗ ſpricht? Es hat mir Jemand geſagt, daß es ſehr merk⸗ würdig ſei.“ „Mir iſt es ſchon recht,“ antwortete Gertrude mit hnndfſer Stimme,„wenn wir nicht zu nahe hin⸗ gehen.“ „O, das fällt Ihnen nicht ein, unter dieſe gerin⸗ gen Leute hineinzugehen, nein, und mir wahrhaftig auch nicht; aber wir haben gar nicht nöthig, uns ihnen ſo dicht anzunähern.“ Das war wenig nach Gertrudens Sinn. Sollte ſie ſich ſcheuen vor den ärmſten und rauheſten dieſer Ge⸗ ſchöpfe, unter denen Adrian ſaß?— über die er ſo ſorg⸗ fältig wachte? Beneidete ſie nicht das Kind, das zu ſeinen Füßen ſaß,— das arme Waiſenmädchen, das ihm ſeine Leidensgeſchichte erzählte und Troſtworte von ſeinen Lippen vernahm?— Den alten Mann, den er die enge Treppe hinaufleitete und an ſeiner Seite ſitzen ließ, wenn ſie alle nach ihrem Abendeſſen ſich zuſammenſchaarten, um auf eine Weile die gemeinſa⸗ men Beſchwerden ihres Looſes zu vergeſſen? Und die Leiden auf dem Zwiſchendeck waren für Reiſende auf einem Auswandererſchiff damals größer als jetzt. Die gewöhnlichen Bequemlichkeiten des Lebens waren ſelten; Greiſenalter und Kindheit hatten viel zu erdulden; und ſelbſt diejenigen, die an die wilde Rauhheit ihrer irlän⸗ 1⁵⁶6 diſchen Heimath, oder an die unglückſeligen Höhlen ihrer Londoner Schlupfwinkel gewöhnt geweſen waren, hatten Mühe, den mannigfaltigen Widerwärtigkeiten dieſer Uebergangsſtelle in ihrem armen Leben Trotz zu bieten, die für ſie in einem doppelten Sinn den Ueber⸗ gang zu einer neuen Welt bildete. Die zwei Frauen, die der Zufall an jenem Tage zuſammengeführt hatte, ſetzten ſich in einen Winkel des Schiffes, von einigen Waarenballen gedeckt, die Mäntel um ſich geworfen, die Schleier herabgezogen. Sie ka⸗ men an dieſe Stelle, die eine, um Unterhaltung zu ſu⸗ chen, die andere— was! O, weßhalb biſt Du hieher gekommen, Gertrude? Welches Berufsgeſchäft heißt Dich dieſes Geſicht wieder ſehen? Welches Recht haſt Du, auf dieſe Stimme zu horchen, die durch das Innerſte Dei⸗ nes Herzens dringt?— Ja, verbirg Dich vor ſeinem Blick, ziehe den Schleier dichter um Deinen Kopf! Der Wind umweht Dich, aber wilder als der Wind iſt das, was ſich in Deinem Herzen und in Deinem Ge⸗ hirn bewegt. Er ſpricht, und Du zitterſt. Biſt Dus gewiß, daß er es iſt? Einen Augenblick ſchau' auf— da ſteht er Dir gegenüber— nicht ſehr weit von Dir; er ſieht bleich und abgemagert aus, aber das Licht in ſeinen Augen iſt noch nicht gedämpft. Die Seele leuch⸗ tet aus ihnen hervor ſo glänzend als je, und das Lä⸗ cheln, das dieſes Geſicht erhellt, war nie ſchöner als jetzt. Alle dieſe ausdrucksvollen Geſichter ſind nach ihm hingewandt; ſie drängen ſich um ihn, ſeine armen Aus⸗ wanderer; die Meiſten derſelben kennt er perſönlich, und wenn ſie ſeine Kinder wären, ſo könnte die Art, wie er mit ihnen ſpricht, nicht liebevoller ſein. Wie, wenn in dieſem Augenblick ſein Blick ſich auf Dich heften ſollte, Gertrude,— würde er ſanft oder ſtreng ſein? Du weißt es nicht, aber Eines fühlſt Du: einmal ehe Du dieß Schiff verläßt, mußt Du mit ihm ſprechen; Du mußt das Andenken an ein freundliches Wort von ſeinen Lippen mit von hinnen nehmen. 1 1 157 Jetzt bringt ein allgemeines St! die Gruppe der Zuhörer zum Stillſchweigen; denn er liest ihnen vor. Es war die Erzählung von dem Schiffbruch des heili⸗ gen Apoſtels Paulus. Als er an den Vers kam:„denn dieſe Nacht iſt bei mir geſtanden der Engel Gottes, deß ich bin, und dem ich diene,“ da war eine Seele unter der Zuhörerſchaft, die vergaß, daß er nicht von ſich ſelbſt ſprach. Ihr war, als ob der Engel Gottes wirk⸗ lich bei ihm ſtehe; als ob die Rechte Gottes auf ihn zu mächtig geweſen wären, als daß eine irdiſche Liebe ſie hätte anfechten köͤnnen, und ſie hing an jedem Worte, das von ſeinen Lippen fiel, wie wenn es eine Botſchaft vom Himmel enthielte. Dann ſprach er zu dieſen iri⸗ ſchen Herzen wie ein Mann, der ſie genau kannte— ihre Stärke und ihre Schwäche,— ihrem kindlichen Glauben, mächtig im Leben und im Tode, und ſo glü⸗ hend wie ihre Leidenſchaften. Er entfaltete vor ihnen lebhafte Gemälde von Tugend und von Laſter, von Himmel und Hölle, eingekleidet in vertraüte Worte und erläutert durch anſchauliche Gleichniſſe. Es war merk⸗ würdig, zu beobachten, wie ſein Genius und ſeine Be⸗ redtſamkeit, die oft, über den Beifall lauſchender Ver⸗ ſammlungen zu gebieten gehabt hatten, eine Form an⸗ zunehmen verſtanden, die die Aufmerkſamkeit dieſer unruhigen Gruppe gefangen nahm. Wie funkelten und flammten ihre Augen, wenn er ſie hieß mit dem Teufel fechten und ihm ſeine Opfer abjagen; wie lachten ſie mit wildem Vergnügen, wenn er ihnen ſagte, wie man ihn um die Seelen betrügen müſſe, auf die er ſich ſichere Rechnung gemacht habe; ſie müßten ihm nur den Rücken kehren, gerade wenn er es am wenigſten erwarte, und noch dieſe Nacht ſollten ſie anfangen, Gott zu dienen, ſelbſt die ärgſten unter ihnen. Er zeichnete Gemälde von guten und ſchlimmen Irländern, aber alle ſeien gute Diener, alle eifrig an ihrer Arbeit und ge⸗ ſchickt in ihrem Geſchäft, ſicher eines hohen Lohnes am Ende und eines hohen Platzes irgendwo; ſie thun Nichts 158 halb. Wenn ſie dem allmächtigen Gott dienen, ſo thun ſie es von ganzem Herzen; wenn ſie ſich dem Satan verpflichten, ſo ſeien ſie klug in ſeinen Werken und ihm ſehr ähnlich in ſeinen Wegen, denn ſie hören nie auf zu glauben, während ſie läſtern, und zu zit⸗ lich ſehe? und gleichzeitig erhob ſich von der ganzen Gruppe das„Ave maris stella!“ jener Lobgeſang, der ſo manche Seeleute froh gemacht hat in der Brandung des Lebens, ebenſowohl als auf den Wellen des Oceans. Als der Geſang zu Ende war, erzählte er ihnen Ge⸗ ſchichten aus alten Zeiten, oder gab ihnen Beſchreibun⸗ verſchiedene Rechnung über Schuld und Verſuchung vor Gott ablegt. So war es in dieſem Fall, und tief in ihrem Innerſten empfand es Gertrude. Es ſchien ihr, als müßte Adrian hier die Sünde leſen, gegen die ſie 159 heimen Liebe Raum verſtatte, wenn gleich er ſelbſt der Gegenſtand davon wäre. Als die Gebete geendigt waren, und ihre Beglei⸗ ſerin, die etwas müde war, ſich erhob, um zu gehen, folgte ſte ihr und fand Moriz, der ſie in ihrer Kajüte erwartete. Er ſaß an dem kleinen Tiſch an der Wand, den Kopf auf die Hände geſtützt. Sie legte die ihrigen auf ſeine Schulter, und fragte ihn, ob er ſchlafe! „Wo biſt Du geweſen?“ ſagte er, ohne ſich nach ihr umzuwenden. „Auf dem Verdeck,“ antwortete ſie, während ein glötzliches Erröthen ihre Wangen überlief. Er ſah ſie aufmerkſam an, als wollte er den Ausdruck ihres Ge⸗ ſühes erforſchen. Sie wandte ſich ab, und er mur⸗ melte: „Nun ja, jedes Ding muß doch einmal zu ſeinem Ende kommen, ſollt' ich meinen.“ „Biſt Du der Reiſe ſchon müde?“ ſagte ſie. „Ich bin müde meines Lebens.“ Er ging hinweg und kam wieder zurück. Er be⸗ wegte ſich unruhig auf dem engen Streifen Raumes umher, dann hielt er ihr gegenüber ſtille und ſagte mit Bitterkeit:„Es iſt ja recht Schade, daß wir nicht Zwi⸗ ſchendeckpaſſagiere ſind. Das würde Dich glücklicher ge⸗ macht haben, muß ich denken.“ Ihre Wange verlor die Farbe und ſie biß ihre blaſſen Lippen faſt durch. „Ich will nicht unfreundlich gegen Dich ſein, Gertrude, aber Du weißt, o, Du mußt wiſſen, daß eines Man⸗ nes Herz auch bis über alle Schranken der Geduld hin⸗ aus geprüft werden kann.“ Keines von Beiden er⸗ wähnte den Namen Adrian's, und die nächſten paar Tage vergingen wie die vorhergehenden. Herr d'Arberg verließ niemals den Theil des Schif⸗ fes, wohin er ſein Loos geworfen hatte. Manche mein⸗ ten, er müſſe ein wenig heruntergekommen ſein; Manche bewunderten ſein Benehmen und ſtaunten über ſeine Selbſtverläugnung; Manche kamen auf einen Abend, 160 um zuzuhören, wenn er las oder ſich mit ſeinen Leu⸗ ten unterhielt. Gertrude ſuchte jedesmal wieder dieſelbe Stelle auf, wo ſie die erſte Nacht geſeſſen hatte. Hier blieb ſie bei jeder Witterung, das Geſicht mit dem Schleier verhüllt. Ihre kleine Geſellſchafterin wurde es müde, neben ihr zu ſitzen. Für's erſtemal unterhielt es ſie gut genng, aber ſie nahm es übel, daß Gertrude ſich nicht mehr um ſie bekümmerte, die viel zu tief in die Scene verſunken war, um ſich mit ihr zu unter⸗ halten. Sie ſchien es nicht zu hören, wenn ſie ihr Be⸗ merkungen über die albernen Geſichter zuflüſterte, die ſie unter den Zuhörern wahrnahm. Frau Darton, ſo hieß ſie, kam am Ende zu dem Schluß, daß Frau Redmond doch im Grunde eine recht einfältige Perſon ſein müſſe, und ſie ließ davon ab, zu dieſen Sitzungen zu kommen, und Niemand ſonſt fand den Weg dahin. Dieſe eine Geſtalt in Schwarz war immer da. Adrian's Auge ruhte dann und wann auf ihr. Es war in ihrer Er⸗ ſcheinung Etwas, was ihm bekannt vorkam, obgleich er nicht zur Klarheit bringen konnte, was es eigentlich ſei, was ſie in ſeiner Seele hervorrufe. Eines Abends, als er wie gewöhnlich auf ſeinen Poſten kam, ſah er ermattet und erſchöpft aus. Siech⸗ thum fing allmälig an, ſich über das Zwiſchendeck zu verbreiten. Die Räume zum Schlafen waren furchtbar enge— die Nahrung war ſchlecht— das Wetter war die letzten Tage her ungeſtüm und unangenehm, der Wind widrig geweſen. Die Reiſe ſchien lang und er⸗ ſchöpfend werden zu wollen; Murren und Klagen war in der Kajüte der Paſſagiere an dieſem Tage darüber laut geworden. Moriz hatte Nichts geſagt; aber das Herz war ihm geſunken, als er es hörte. Er verab⸗ ſcheute dieß Schiff mit einem unausſprechlichen Wider⸗ willen. Er blickte manchmal in die Wellen mit einem Ausdruck, der Mariens Seele durchbohrt haben würde, wenn ſie es hätte ſehen können. Aber was empfand Gertrude? Sie fühlte ſich wie ein gefriſteter Verbrecher, 161 wie ein Menſch, den man vom Rande des Grabes zu⸗ rückzieht. An dem Abend, wovon wir ſprechen, hatte Adrian viel Kummer und Leiden unter den Auswan⸗ derern geſehen, beſonders unter denen, die nicht ſeine eigenen Leute waren. Für dieſe hatte er vor der Ab⸗ fahrt einen gewiſſen Grad von Verpflegung ſicher zu ſtellen gewußt. Aber er war nicht mehr der reiche Mann, der er geweſen war. Er hatte vor einiger Zeit den Rath des Wortes Gottes, den Vorſchlag des Evan⸗ geliums befolgt, und Alles, oder faſt Alles verkauft und es den Armen gegeben, und folgte nun den Fußſtapfen ſeines Herrn, aber mit einem Dorn im Herzen, den er erduldete, ohne ſich dagegen zu ſträuben, der aber ſchär⸗ Phna als Arbeit oder Enthaltſamkeit, oder körperlicher merz. Er fühlte an dieſem Tage, daß es ihm ſchwer falle, die gewöhnlichen Leiſtungen dieſer Stunde zu vollziehen. Er war beſorgt um ein armes Kind, das am Fieber erkrankt war. Er war nicht beruhigt durch die Sorg⸗ falt, die der Wundarzt an Bord auf das Kind ver⸗ wandte— er hatte der Mutter gedrücktes Geſicht geſe⸗ hen, und das ging ihm nach. Aber er raffte ſich auf und traf die Herzen ſeiner Zuhörer vielleicht mehr als je, als er, nachdem er ihnen eine Weile vorgeleſen hatte, anfing, mit ihnen aus der Tiefe ſeines Innern zu ſprechen. Er verglich die Reiſe, die ſie machten, mit der großen Lebensreiſe, und die Erleuchtung kehrte mit wunderbarer Gewalt bei ihnen ein. Er ſprach von Kum⸗ mer, von Prüfungen, von denen, die Gott uns gleich⸗ ſam gerade von ſeinem Willen aus zuſendet; von denen, an welchen die Menſchen und ihre Miſſethaten Schuld ſind; von handgreiflichem und von namenloſem Leiden; von getäuſchter Erwartung und von Hoffnungsloſigkeit; von Gewiſſensbiſſen und von Beichte, von Licht in der Finſterniß und von unverhoffter Hoffnung. Einmal ſpielte er auf ſich ſelbſt an; er ſagte, es ſei nicht bloß eine Theorie von ihm, dieſes tiefe Verſtändniß von Lady⸗Bird. II. 11 —— 4 16²2 dem Werthe des Leidens, das er ihnen mitzutheilen wünſche. Nein, Diejenigen, die niemals eine ſchwere Trübſal überſtanden hätten, wüßten es zwar als Glau⸗ bens⸗Gegenſtand, daß die Trübſal köſtlich ſei zur Buße und gewogen werde in der Wage der ewigen Gerechtig⸗ keit, aber ſie können nicht wiſſen, was ſie für die Seele ſei, bis ſie ſelbſt mit ihr vertraut geworden ſeien und ſte wie eine Buſenfreundin bei ſich aufgenommen hätten. Wenn alle Hoffnung auf irdiſches Glück Abſchied ge⸗ nommen habe, wenn der Menſch allein mit ſeinem Gott und ſeinem Leiden ſtehe, dann könne er ihnen aus Er⸗ fahrung ſagen(dabei zitterte ſeine Stimme), wie die⸗ ſer Gott ſich offenbare, wie dieſer Kummer, gleich dem glühenden Roſte, auf welchem manche Märtyrer gelä⸗ chelt haben, ſeiner Seele theuer und heilig werde, und ür ihn gewinne Friede zum Anfang und Freude zum nde. „Ich weiß,“ fuhr er fort,„daß Manche von euch mit finſtern Gedanken zu kämpfen haben; ich kenne manche eurer Bekümmerniſſe; ich wollte nur, ich könnte euch erzählen, wie ich ſelbſt noch vor einem kurzen Jahre glaubte, daß mein Kreuz ſchwerer ſei, als ich zu tragen vermöchte; wie die plötzliche Zerſtörung der liebſten Hoffnung, woran ich mein Herz gehängt hatte“ — Er ſtockte und wurde ſo weiß, wie ein Blatt Papier. Was hatte er gerade jetzt geſehen? Dieſes Geſicht— dieſe Augen mit ihrem tiefen, ſchattigen, Herz zerrei⸗ ßenden Ausdruck. Dieſe Augen, die den ſeinigen be⸗ gegnet waren, und in die Tiefe ſeiner Seele hinein, nicht die Erinnerung, ſondern die wahre, lebendige Ge⸗ Leumwart einer niemals vergeſſenen Wirklichkeit ſtrahlten. war es eine Erſcheinung— die Täuſchung eines Augenblicks? Schon war dieſe regungsloſe Geſtalt, dieſes geſenkte Haupt, dieſe ſchattenhafte Erſcheinung wieder verhüllt wie zuvor, wie er ſie Nacht für Nacht eſhen hatte. War es ein Traum, der ihn auf einen ugenblick geneckt, ein Wahnbild, das ſich erhoben und 163 ihn mit den Augen angeblickt hatte, die er ſich immer zu vergeſſen bemuͤhte? Er ſprach wieder vom Frieden, aber er that's mit ſtärker zitternder Stimme. Sein Friede hatte zwar einen ſichern Grund, aber ſeine Ober⸗ fläche war getrübt. Der Fels war unerſchüttert, aber die Wellen hatten ihn überſpült. Und ſie, die Zuhörerin, die ihn dieſe Nacht ange⸗ blickt hatte,— welcher ſeltſame Antrieb hatte ſie be⸗ wogen, in dieſem Augenblick ihren Schleier zu luͤften? Welche Furcht hatte ſie veranlaßt, das Geſicht mit den Händen zu bedecken, als ſeine Blicke den ihrigen be⸗ gegneten? Noch lange blieb ſie da, nachdem er auf⸗ gehört hatte zu ſprechen. Sie hatte ſich nicht gerührt, noch ſich umgeſehen. Einmal war ein ſchwerer Seuf⸗ zer dicht an ihrem Ohr ausgeſtoßen worden. Aber ihre Seele war in ſich verſunken, und ſie dachte nicht wieder daran. Adrian's Worte hatten manches Herz dieſe Nacht getroffen, waren aber in eines tiefer eingedrungen, als in alle anderen. „Ich war immer der Meinung, daß zwiſchen ihm und Marie einige Aehnlichkeit Statt finde,“ ſagte Mo⸗ riz zu ſich ſelbſt, und ihm war beinahe, als hätte ſie durch den Mund des Mannes geſprochen, den er einſt ſo ſehr geliebt, und eine Zeit lang ſo ſehr gehaßt hatte. „Nun gut, wir ſind Alle elend genug,“ ſtieß er hervor, als er das Deck verließ und langſam ſeine Kajüte auf⸗ ſuchte; und in dieſem Augenblick kamen ihm die Worte der Bibel in den Sinn:„Und zwar wir ſind billig darinnen, denn wir empfahen, was unſere Thaten werth fnd, dieſer aber hat nichts Ungeſchicktes gehandelt.“ uUnd von dieſer Stunde an änderte ſich ſein Herzens⸗ zuſtand, und er hörte auf, Adrian zu haſſen. 3 41* 164 Neuntes Kapitel. „O höchſt gefährlich wird Verſuchung dann, Wenn ſie uns reizt, zu fündigen in Liebe.“ . Shakeſpeare. 4* x „Ein andres Ding iſt der Verſuchung Reiz, Ein andres, der Verſuchung unterliegen.“ Derſelbe. Am folgenden Tag lagen mehrere von den Aus⸗ wanderern am Fieber krank, und jetzt fand Adrian, daß die Aufgabe, die er übernommen hatte, keine leichte ſei. Schon in dem bloßen thatſächlichen Umſtand, daß er unter ihnen lebte, lag mehr Unangenehmes und Trau⸗ riges, als die meiſten Menſchen auf ſich genommen haben würden; aber als Krankheit noch zu Entbehrung und Unzufriedenheit hinzu kam, da wurden die Beſchwer⸗ den beinahe unerträglich, aber verhältnißmäßig ver⸗ mehrten ſich nun auch die Gelegenheiten, dieſen Leiden⸗ den körperlich wie geiſtig nützlich zu werden. So weit nur ſeine Kräfte reichten, diente er ihnen unabläſſig. Er hatte eine ruheloſe Nacht zugebracht, denn nachdem er ſich am Abend noch aus der Paſſagier⸗Liſte die Gewißheit verſchafft hatte, daß Moriz und Gertrude ſich wirklich unter der Schiffsgeſellſchaft befanden, blieb er wach und dachte über das ſeltſame Zuſammentreffen nach, das der Zufall bewirkt hatte; oder, wenn er eine Weile ſchlummerte, beſuchten ihn dieſe Augen, die einen Augen⸗ blick auf ihn gefeſſelt geweſen waren, Träume beun⸗ ruhigten ihn, in denen das Geſicht immer gegenwärtig war, und er mußte auffahren unter dem Eindruck der Vorſtellung, daß ſie ihm nahe ſei, ſie, die er nie wieder zu ſehen erwartet hatte. 8 Der Schlaf floh ſeine Augenlider; er ſann nach über ihr Schickſal,— er fragte ſich verwunderungsvoll, 165 ob ſte Moriz ihm vorgezogen, oder, wo nicht, was ſie veranlaßt habe, ihn zu heirathen? Wider ſeinen Willen kehrten ſeine Gedanken zu der Zeit ihrer Liebe und ihres Scheidens zurück. Erſchütterungen, die er be⸗ zwungen, Schmerzen, die er gleichſam niedergetreten hatte, ſchienen ſich wieder zu erheben; und nur durch angeſtrengte Arbeit am andern Tage, durch thätige Hingebung an die Gegenſtände ſeiner Fürſorge, erlangte er jene innere ſowohl als äußere Selbſtbeherrſchung wieder, um die er ſo lange gerungen, und die er in den letzten Zeiten erlangt hatte. Als die Stunde des abend⸗ lichen Verkehrs mit ſeinem Volke herannahte, hatte er einige Mühe, dieſe Faſſung zu bewahren; und während er ſeine Stoffe zum Vorleſen und Reden anordnete, war es ihm, als hätte jedes Wort für dieſe Nacht eine doppelte Bedeutung, und möchte Gertruden einen Vor⸗ wurf, eine Anſprache, oder eine Klage vorhalten. Er nahm ſich vor, ſte und Moriz dieſen Abend aufzuſuchen. Er hatte ihnen Nichts zu Leide gethan, wohl aber ſie ihm, und Beide mochten durch ſeine Verzeihung glück⸗ licher werden. Es lag nicht in ſeiner Natur, kalt in der Ferne zu ſtehen. Er konnte wohl einſehen, warum ſie vor ſeiner Gegenwart ſich ſcheuten, aber warum ſollte er ſich von ihnen abwenden? Vielleicht war es Armuth, was ſie aus England trieb. Eine Welt von Elend lag in dem einzigen Blick, der einzigen blitz⸗ ſchnellen Erſcheinung ihres Geſichtes, die ihm letzte Nacht begegnet war. Er ſehnte ſich, es noch einmal zu ſehen, und das Andenken an jenen Blick zu vertilgen, der eine ſtumme, aber nur zu ausdrucksvolle Antwort auf die Anſpielung gegeben hatte, die er auf ſeine eigenen überwundenen Leiden, ſeinen eigenen bemeiſterten Gram gemacht hatte. Er ſprach mit ſeinen Leuten über die geduldige Ertragung körperlicher Schmerzen; er getraute ſich nicht, von den Prüfungen der Seele zu ſprechen. Er erzählte ihnen Geſchichten von der erſten Entdeckung von Amerika, dem Lande, wohin ſie beſtimmt waren. 166 Manche hätten meinen können, die Stimmung ſeines Gemüthes ſei heiterer als den Tag zuvor. Manches, was er ſagte, nahm eine faſt fröhliche Wendung, und ſeine Zuhörer lachten mehr als gewöhnlich. Er ſteuerte ſeitwärts von allen den Gegenſtänden, die die Menſchen ſehr tief ergreifen. Als die Verſammlung aufbrach, ſtand er einen Augenblick unentſchloſſen da. Einer nach dem Andern verſchwand, und er war allein, oder nahezu allein ge⸗ laſſen. Aber er fühlte, er mußte zu ihr ſprechen; ſie war haſtig von ihrem gewohnten Sitze aufgeſtanden und in einer anderen Richtung hinweggegangen. Er holte ſie ein und ſagte leiſe:„Werden Sie mir keinen Händedruck geſtatten?“ Sie hielt ſtille; der ſo erſehnte, ſo gefürchtete Augenblick war gekommen, und ſie mußte ihn nun ſo gut verwenden als ſie konnte. Mit abge⸗ wandten Augen legte ſie ihre zitternde Hand in die ſei⸗ nige und ſtand dann ſtill, wie unfähig, ſich zu bewe⸗ gen oder zu ſprechen. „Wollen Sie ſich nicht einen Augenblick ſetzen?“ ſagte er,„und mir Etwas von Ihnen ſelbſt und von Moriz erzählen? Glauben Sie mir, Ihr Glück liegt mir am Herzen, ſo ſehr als irgend jemals. Ich habe dafür gebetet jeden Tag meines Lebens.“ „Dann waren Ihre Gebete vergeblich,“ rief ſie leidenſchaftlich aus. Hören Sie auf, den Himmel mit ſolchen Gebeten zu ermüden,— ſie ſind Spott.“ Er ſchwieg ſtille. Dieſe Antwort goß einen kalten Schauer über ſein Herz aus, und eine Art von Wolke zog vor ſeinen Augen vorüber.„Es wäre beſſer gewe⸗ ſen, wir hätten uns nicht mehr getroffen,“ ſagte ſie leiſe, wie wenn ſie mehr mit ſich ſelbſt, als mit ihm ſpräche;„beſſer für Sie wenigſtens, wenn Sie in der That vorausgeſetzt hatten, daß ich glücklich ſei; denn ich glaube, Sie wünſchen mich ſo, und ich kann Sie nicht täuſchen. Es wäre recht geweſen, das weiß ich, Ihnen freundlich die Hand zu drücken und dann von 167 unſern beiderſeitigen Entwürfen und Abſichten zu ſpre⸗ chen, und zu ſprechen, zu blicken und den Anſchein anzu⸗ nehmen, als hätten wir nie anders geſprochen, geblickt oder gefühlt. Dieß wäre vielleicht recht geweſen, aber es gibt Dinge, die manche Menſchen können und andere nicht können.“ Es lag etwas Vorwurfartiges in ihrer Weiſe, dieß zu ſagen; und tief bewegt rief er aus:„Gott helfe mir! Gertrude, glauben Sie, ich habe nicht auch ge⸗ litten?“ 4 Sie blickte ihn an und fand in ſeinem bleichen, ruhigen Angeſicht einen Ausdruck ſolch einer tiefen, peinvollen Angſt, während er ſie anſah, daß ſie mit einem Male erkannte, daß er für ſie ſogar mehr fühle, als ſie für ſich ſelbſt. „Es führt zu Nichts,“ fuhr ſie haſtig fort.„Warum ſollten wir mit einander reden? Warum haben wir uns wieder getroffen? Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen, und von Ihnen weiß ich, Sie wollen mir keinen machen, obgleich Sie es könnten und vielleicht ſogar ſollten..“ „Sie haben ſchon zu viel geſagt, Gertrude, um mich nun auf dieſe Weiſe zu verlaſſen. Es wird jetzt für uns beide beſſer ſein, das Geheimniß der Vergangen⸗ heit aufzukären und einander deutlich zu machen, wie es zuging, daß wir, nachdem wir ſo geſchieden, wie wir ſchieden, uns jetzt ſo wieder treffen konnten. Haben Sie einen Brief von mir erhalten, bevor Sie ſich ver⸗ heiratheten?“. „Nein,“ antwortete ſie mit zu Boden geſchlagenen Augen;„aber ich habe ihn ſeitdem zu ſehen bekommen.“ „Alſo kam er zu ſpät an!“ rief er aus. „Zu ſpät für mich,“ war ſie im Begriffe zu ſagen, aber die Worte erſtarben ihr auf den Lippen, und ſie ließ ihn in ſeinem Irrthum; aber als er mit Bewegung ſagte:„Ich würde Ihnen während ganzer Jahre des Stillſchweigens und der Erwartung vertraut haben,“ 168 da rief ſie aus:„O ſprechen Sie nicht auf dieſe Weiſe zu mir, Adrian! Denken Sie daran, es gibt Leiden, die betäubt liegen, es gibt Gedanken, die ſchlafen und nicht erweckt werden durfen. Es gibt eine Ruhe, die nur ſo lange währt, als die Erinnerung niedergehalten werden kann. O, daß ich ſo mit Ihnen reden ſoll!“ „Gertrude, es kann kein Friede ſein bei—“ „Wer ſprach von Frieden? Sagte ich nicht Ruhe? Meinen Sie, daß ich je von Frieden träume?“ „O mein Gott!“ rief Adrian im Tone der tiefſten Erſchütterung aus.„Das iſt ſchlimmer, als ich fürch⸗ tete. Gertrude, jetzt müſſen wir einander die ganze Wahrheit ſagen; ich muß erfahren, wie Sie dazu ka⸗ men, ſich unter ſolchen Umſtänden zu verheirathen.“ Mit gedämpfter, aber feſter Stimme ſagte ſie:„Ver⸗ zweifelnd, Sie je wieder zu ſehen, im Glauben, Sie hätten mich verlaſſen, von Sinnen gebracht durch die Furcht vor einer Verbindung, die ich verabſcheute, dank⸗ bar für eine Liebe, die ſich mir gerade an dieſem Tage enthuͤllte,— als mein Geiſt ſo ganz zerrüttet war,— ließ ich mich beſturmen— überreden“— Adrian er⸗ blaßte; er ballte die Hand und ſprach ein Wort, das ihre Ohren nicht erreichte, und ſie fuhr fort:„Ich habe vielleicht nicht mehr gelitten, als ich verdiene, aber mehr als Sie verſtehen können. Ich hälte es nicht wagen ſollen, die Wahrheit zu ſagen, ich hätte Ihnen den wirklichen Zuſtand meines Geiſtes und meines Herzens nicht enthüllen ſollen, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß in Ihnen und in mir ſelbſt,— in unſerer vergangenen Geſchichte— in unſerem gegenwärtigen ſeltſamen Zu⸗ ſammentreffen Etwas liege, das uns verbiete, in die⸗ ſem kurzen Zuſammentreffen etwas Anderes zu ſuchen, als den Troſt, zu wiſſen, daß wir nicht mit Vorbedacht einander untreu geweſen ſind. Daß ich falſch gegen mich ſelbſt und ungerecht gegen denjenigen geweſen bin, deſſen große Sünde darin beſtand, mich zu ſehr zu lie⸗ ben, das bekenne ich, Gott weiß es; aber gegen Sie 169 habe ich nicht Unrecht gethan. O nein! Jeden Tag, den ich lebe, fühle ich vielleicht tiefer, daß Der, deſſen Sie ſind und dem Sie dienen,— ja, ich hörte Sie dieſe Worte noch kürzlich ſagen, Barmherzigkeit an Ih⸗ nen gethan, und um Ihretwillen den werthloſen Gegen⸗ ſtand Ihrer übel angebrachten Liebe zu Stücken gebro⸗ chen hat.“„ „Gertrude, Sie dürfen ſo nicht reden, ſo nicht füh⸗ len. Mit uns beiden iſt er verfahren mit der ſtrengen Güte eines Vaters. Unſere Herzen mögen brechen, aber wir müſſen uns beugen und anbeten.“ „So lehren Sie es mich, mich zu beugen; lehren Sie mich, anzubeten: Sie ſind der Engel mit dem ge⸗ zuͤckten Schwert auf meinem Pfade geweſen; ſtecken Sie es in die Scheide, wenn Sie können, und zeigen Sie mir den Weg. Einmal in früherer Zeit bezeichneten Sie ihn mir; damals führte er über eine ebene, blu⸗ mige Straße; jetzt muß er durch eine enge, dornenvolle Strecke gehen; aber vielleicht mag ein Lichtſtrahl darauf fallen. Sie arbeiten genug unter dieſen armen Aus⸗ geſtoßenen von dieſer Welt, und mögen jetzt eine noch ſchwierigere Aufgabe zu erfüllen haben.“ Adrian's Augen flammten vom glänzenden Ausdruck der Liebe und Hoffnung. „Gertrude, ich habe, ſeit ich Sie zum erſten Mal ſah— o fürchten Sie nicht, rückwärts zu ſchauen, Ge⸗ liebteſte; ſchaudern Sie nicht bei dem Gedanken an das, was hätte ſein können, was aber jetzt nicht mehr ſein kann. Dort, in unſerm erſten Zuſammentreffen, in un⸗ ſerer Liebe, in unſerm Scheiden mit Beſorgniß, aber mit Hoffnung, in unſerer unwiderruflichen Trennung— ja, ich kann davon reden, ohne daß mir die Stimme ver⸗ ſagt, obgleich Gott allein weiß, welch harten Kampf es gekoſtet hat, mich zu unterwerfen,— in dieſem unſerm ſeltſamen Wiederſehen ſehe, fühle, ſegne ich ſeine lei⸗ tende Hand. O, Gertrude, nicht vergeblich werden wir uns gefunden, nicht vergeblich uns geliebt, nicht vergeb⸗ 170 lich gelitten haben, nicht vergeblich dieſe prüfende Stunde überſtanden haben, wenn er mich würdigt, mich zum Tereu zu gebrauchen, das in Ihnen, in Ihrem ſtar⸗ ken Willen und feurigen Geiſte wieder erwecken ſoll die tiefe Begeiſterung für eine wirkliche Berufung, den ein⸗ zigen Entſchluß, der jede Leidenſchaft bezwingt und jeden Kummer, jede Pein, jedes Verzagen unter ſeine Füße tritt. Er hat einen Plan mit uns beiden; ich weiß es, ich fühle es. Nimmermehr laſſen Sie uns, ſelbſt wenn wir die ſchärfſten Schmerzen erdulden, ſagen:„O hätten bir uns nie geſehen!“ Ich habe das nie gethan, Ger⸗ rude.“ „Auch ich nicht,“ murmelte ſie leiſe.. „Meine Theuerſte— ich darf Sie ſo nennen, denn Nichts auf Erden iſt mir ſo theuer als Sie— meine Theuerſte, laſſen Sie uns ſo leben und ſo ſterben, daß wir in alle Ewigkeit ſagen können:„Gott ſei Dank, daß wir uns gefunden haben!e Gedankt ſei ihm, daß wir den Sinn unſerer Liebe, den Sinn unſeres Leidens verſtehen gelernt, und darin die Quelle edlerer Früchte der Tugend und der Liebe erkannt haben, als Glück und Freude uns je hätten gewähren können. Vom erſten Tage an, an dem ich Sie ſah, hat mich Etwas genö⸗ thigt, über Ihnen zu wachen, für Sie zu beten und zu empfinden, daß ich dazu beſtimmt ſei, Einfluß auf Ihr Schickſal zu üben. Einmal, für eine kurze Zeit—“ er ſtockte, denn ſein Herz ſchwoll ſo, daß er es kaum be⸗ zwingen konnte; aber er bemeiſterte ſeine Erſchüterun und fuhr fort:„Jener Traum verflog; ich ſah, daß i nicht Gottes Abſicht mißverſtanden hatte, ſondern nur den Weg, auf welchem ſie wirken ſollte, und ich hoffte, daß wir uns am Ende nicht vergebens gefunden haben ſollten. Jetzt bin ich deſſen gewiß. Jetzt hat ein Licht durch das Dunkel geflammtv; jetzt werden auch Sie aus dem vergangenen wie aus dem gegenwärtigen Kummer Muth und Stärke ſchöpfen. O, Gertrude, unſere beiden Herzen werden zerſchlagen in der harten Prüfung, durch 171 die wir gewandelt haben und noch wandeln. Laſſen Sie jeden Schmerz, den wir überſtehen, eine Quelle von Segen für Andere werden. Laſſen Sie unzählige gute Thaten und ernſte Anſtrengungen die Frucht unſerer Leiden ſein; und dann, an dem Tage, wo jede Thräne, jeder Seufzer, jede Schale kalten Waſſers gezählt wird, werden wir dann nicht ſagen, wenn durch ſeine unend⸗ liche Barmherzigkeit wir Beide zu ſeiner Rechten ſtehen: „Gott ſei Dank, daß wir uns gefunden haben?““ Beide ſchwiegen— Beide waren von ihren Gefüh⸗ len überwältigt. Ihre Hände vereinigten ſich ſtillſchwei⸗ gend, und dann trennten ſie ſich. Ein Dritter hatte in ihrer Nähe geſtanden und jedes Wort dieſer Unterredung mit angehört.„Für ſie beide iſt es leicht, zu ent⸗ ſagen,“ ſagte Moriz zu ſich ſelbſt, als er dieſe Nacht ſich auf ſeinem engen Lager hin⸗ und herwälzte;„aber für mich, der ich zwiſchen ihnen und ihrem Lebensglück ſtehe, iſt es eine zu harte Aufgabe— ein allzu furcht⸗ bares Schickſal. Nun gut, es kann dieſer Tage einfach erledigt werden— mit mir kann es ja ſchnell gehen.“ Die Qual ſeines Kopfes und ſeines Herzens ver⸗ ließ ihn jetzt ſelten mehr; aber immer bleibt es wun⸗ derbar, wie die Menſchen leiden und fortleben. Er ſah Adrian den andern Tag, und ſte ſprachen freundlich mit einander. Jeder bezwang die Gefühle, die ihn von dem Andern hätten hinwegziehen können; denn Moriz konnte den Mann nicht ruhig anblicken, den Gertrude nicht nur geliebt hatte, ſondern noch immer liebte, noch Adrian den, der ſein Vertrauen betrogen und ſie in eine ſün⸗ den⸗ und jammervolle Ehe hineingedrängt hatte. Es war von ſeiner Seite eine Handlung heroiſcher Tugend geweſen, daß er ſich enthielt, Gertruden ſeinen Unwillen üͤber das Verfahren ihres Mannes auszudrücken, und die offene, wenn auch ernſte Art, wie er mit ihm ſprach, war eine der größten Eroberungen, die er je an ſich ſelbſt vollbracht hatte. 172 Zur Stunde, da die Auswanderer ſich auf dem Verdeck verſammelten, ſagte Moriz zu Gertrude: „Du würdeſt beſſer thun, nicht in dieſer engen Ka⸗ jüte zu bleiben, Lady⸗Bird. Es iſt ein ſchöner Tag, glaube ich. Die See iſt ganz ruhig; es kommen nicht mehr viele Abende, bevor wir New⸗York erreichen. Geh) unnd genieße die friſche Seeluft.“ „Willſt Du nicht auch mitgehen?“ ſagte ſie bange. „Nein; ich fühle mich nicht zur Bewegung ge⸗ fimnt Laß mir das Buch, worin Du dieſen Morgen laſeſt.“ Sie that es und ordnete die Kiſſen ſeines Lagers. Er ergriff ihre Hand und küßte ſie. Sie zögerte einen Augenblick an der Thüre; er öffnete das Buch und las; ſie ging hinweg und er machte das Buch zu. Tief und traurig war ſein Nachſinnen dieſe Nacht, und ein oder zwei Mal murmelte er Mariens Namen; die Ruhe der See war ihm zuwider; er fürchtete jetzt ebenſo ſehr, als er es früher gewünſcht hatte, daß dieſe verhaßte Fahrt zu Ende ginge. Sein Benehmen gegen Gertrude war jetzt ſehr ſanft; jene Ausbrüche von Reizbarkeit, worein er ſo häufig zurückzufallen pflegte, waren allzu⸗ mal verſchwunden. Er hüllte ſie zartfühlend in ſeinen eigenen Mantel, wenn der Wind kalt wehte; er borgte Bücher für ſie; und wenn ſie nicht wohl war, erſann er eine Menge kleiner Mittel, um ihr Erleichterung zu verſchaffen; aber er konnte jetzt kein Lächeln mehr von ihr gewinnen. In der That war ihr Lächeln jetzt etwas ganz Anderes, als es geweſen war. Vielleicht fühlte er das. Er hatte aufgehört, eiferſüchtig zu ſein; er wußte jetzt Alles und fürchtete Nichts mehr. Haß und Groll hatten der Selbſtanklage und tiefen Niedergeſchlagenheit vollſtändig die Stelle geräumt. Um dieſe Zeit dichtete er einſt bei Nacht folgende wild träumende Verſe und ſang ſie gleichſam im Geiſte zum Gemurmel der Wellen: 173 Einſt kannt' ich einen Baum— mit holdem Schatten Hat er die Jugend lieblich mir erquickt; Und welchen Lohn wußt' ich ihm zu erſtatten? Mit Teufelskunſt hab' ich ihn abgeknickt. Auch kannt' ich einſtens eine Epheu⸗Ranke, Die mich umſchlang mit trautem Liebespfand; Ich aber ließ das treue Reis zum Danke Treulos zurück in einſam ödem Land. Auch eine Roſe kannt' ich, deren Blüthe Entzücken gab; zu lang ſchaut' ich ſie an; Ich riß ſie roh vom Stengel, d'ran ſte glühte, Und hab' ihr bitter, bitter weh gethan. Sie alle liebt' ich, hab ſie all' verdorben, D'rum drückt mich ſchwere Schuld der Miſſethat; Jedweder Freude Glanz, iſt mir erſtorben, Kein Licht erhellt mir meinen düſtern Pfad. Ach! heilte mir der Tod die ſchwere Wunde! Vergebens ruft ihm lebensmüder Gram. Ach! glücklich war ich eine kleine Stunde, Und ahnte nicht, wie theuer ſie mich kam. Die Wellen flüſtern mir Mariens Namen: Die Liebliche! einſt liebt' ich ſie ſo ſehr! O Roſe, Lady⸗Bird, zerpflückt———“ Hier ſiel der Bleiſtift aus ſeiner Hand und die un⸗ beendigten Verſe auf den Boden neben ſeinem Lager. Dieſe Nacht und einige folgende redete Adrian zu ſeinem armen Volke und Gertrude horchte zu, und nach⸗ her unterredeten ſie ſich eine Weile mit einander. Wie ſchon einmal zuvor, entzündete das Feuer, das in ſeiner glühenden Seele brannte, einen Funken in der ihrigen. Wenn er von einem Leben voll Anſtrengung und Tu⸗ gend ſprach, fühlte ſie ſich fähig zu Allem; ſo lange er an ihrer Seite ſtand, verſtand ſie, wie kurz dieſes Leben, wie werthlos alles Uebrige iſt, außer dem Blick auf ein 124 anderes Leben. Sie lernte mehr und mehr den Sinn jener hohen geiſtlichen Wahrheiten kennen, die er ihr mitzutheilen ſuchte; aber lernen iſt noch nicht empfinden, und Erkenntniß und Gnade ſind ſo weit verſchieden, als der Schatten und der Körper, als der Traum und die Handlung. Sie konnte ſich bei dem Opfer einer Tren⸗ nung für immer nicht beruhigen. Sie kämpfte gegen die Anerkennung ihrer Nothwendigkeit. Ihre Zunge äußerte nie ein Wort dagegen, aber die tiefe leidenſchaft⸗ liche Sprache ihrer Augen legte Beſchwerde dagegen ein, wenn er mit zitternder Stimme davon ſprach. Ja, mit zitternder Stimme, denn auch in ſeinem Herzen hatte ein furchtbarer Kampf ſich erhoben.. Keine Höhe der Tugend, keine Kraft des Glaubens, keine noch ſo lange unter immerwährenden Fortſchritten in Güte und Heiligung zugebrachte Zeit ſtellt den Men⸗ ſchen gegen Verſuchung ſicher, oder hebt ihn über den Bereich plötzlicher Anreizungen zum Böſen empor.— Adrian war in Gefahr während dieſer Tage, in wel⸗ chen Alles ſich gegen ihn zu vereinigen ſchien, in Gefahr vor Selbſtbetrug, in Gefahr, den Grund jener tiefen Theilnahme zu mißverſtehen, die ihn bewogen haben würde, mit Freuden ſein Leben für ihre Tugend und ihr Glück dahin zu geben:— er ſah, er fuͤhlte ſeinen Einfluß auf ſie; eine lange, wenn nicht immerwährende Trennung ſtand ihnen bevor. Er fürchtete, Zeit zu ver⸗ lieren— er kehrte zu oft an ihre Seite zurück. Jeden Augenblick, der von den Pflichten der Religion und der Menſchenliebe, die er nie verſäumte, erübrigt werden konnte, widmete er ihr; aber machte es ihn weniger beredt, daß die Gegenſtände, von denen er ſprach, die⸗ jenigen waren, die allen denen, welche jemals ihre Wir⸗ kung gefühlt und ihren Endzweck verſtanden haben, die erhabenſte Stimmung verleihen und die glühendſte Be⸗ geiſterung einflößen? Machte es ſein blaſſes Geſicht weniger ſchön in ihren Augen, daß es dieſe Bläſſe in langen Nachtwachen am Bette der leidenden Armuth 175 bekommen hatte? die Segnungen, die alle Tage und Stunden von den armen Geſchöpfen über ihn ausge⸗ goſſen wurden, die ihn umringten, konnten ſie bewirken, daß ſie ihn weniger bewunderte oder liebte? Sie ſtanden am Rande eines Abgrunds und wuß⸗ ten es nicht; während er ihr ſeine Huͤlfe lieh, um die Felſen zu erklimmen und zu den Höhen hinan zu ſteigen, zu denen er ſie zu leiten begehrte, verlor er vielleicht ſelbſt den ſichern Boden unter den Füßen. Vielleicht wußte ſie mehr von den geheimen Gefahren ihres Her⸗ zens— ſie hatte mehr Grund, ihm zu mißtrauen—, aber vielleicht fürchtete ſie auch die erſten Annäherungen des Feindes weniger. Sie hatte nur einen Gedanken, eine Sorge, nur einen Gegenſtand, und ſie wußte, was es war. Es war keine Selbſttäuſchung in ihr; ſie gab dem Einfluß von Gefühlen Raum, die ihr zu gewaltig für jeden Widerſtand ſchienen, und die ſie an⸗ trieben, ſich an ſeine Gegenwart anzuklammern, wie an eine Schutzwache gegen die lange Qual, die ſie erduldet holte, und vor deren künftiger neuer Erduldung ſie erbebte. An derſelben Stelle, wo ſie ſich zuerſt wieder ge⸗ troffen hatten, hatten ſie an einem ruhigen, lieblichen Abend geſeſſen, der auf einen ſtürmiſchen Tag gefolgt war; der Wind war ihnen bis dahin heftig entgegen geweſen; jetzt ſchien er des Menſchen wundervolle Kraft zu unterſtüͤtzen und ſie mit einer Schnelligkeit über den Ocean dahin zu treiben, die in die Herzen mancher ermatteten und erſchöpften Reiſenden Freude goß. Frohe Stimmen hatten an dieſem Tage geſagt:„Jetzt kommen wir bald hin; nur wenige Tage noch, und wir ſind am Ende dieſer widrigen Reiſe.“„Dieſe widrige Reiſe!“ hatte Gertrude zu ſich ſelbſt geſagt, und es war ihr wie die Ankündigung des Todesurtheils an den verurtheilten Verbrecher. Sie hatten lange zuſammengeſeſſen; der Himmel war glänzend rein mit ſeinen tauſend Sternen, und der Mond zog ſeinen Lichtpfad über die Wellen hin, 176 die nach ihrer erſt kurz vorhergegangenen ungeſtümen Bewegung ſich nun ſanft hoben und ſenkten, wie das Schluchzen eines Kindes, deſſen Aufregung ſich wieder beruhigt. Sie hatten von ihrer Landung geſprochen; ſie hatte ihn gefragt, ob ſie ihn wieder ſehen werde, wenn er von der Anſtiedlung zurückkomme, die er auf⸗ ſuchen wollte. Sie fragte es mit einem Blick, der ſein Herz durchdrang; ſie war erblaßt, als er mit der Ant⸗ wort zögerte; als er Ja ſagte, flammte eine Freude in ihren Augen auf, die ihn nach jenem Tage zurücktrug, an dem er ihr zuerſt verſprach, nach Schloß Lifford zu kommen. Die ganze Vergangenheit ſtürmte in dieſem Augenblick mit einer erſchreckenden Gewalt auf ihn ein. Er fühlte, ſte liebe ihn noch wie damals, mehr als da⸗ mals; eine wilde, unwillkürliche Freude, gemiſcht mit einer Empfindung von Schrecken und Gewiſſensangſt, ſchoß durch ſein Herz. Er hatte die Abſicht gehabt, ſie nach dieſen Tagen eines unvermeidlichen Verkehrs nicht wieder zu ſehen— nun hatte er doch ſeine Einwilli⸗ gung dazu gegeben. Er hatte ein Unrecht begangen. Wenige Menſchen wiſſen, was das Erwachen dieſes Bewußtſeins in denen iſt, die im Ernſt ihr Leben lang ſich ſelbſt in fortwährender Zucht gehalten, die vor dem Auge des Allmächtigen gewandelt haben, bis ſie lernten, vor der erſten Annäherung der Sünde zu ſchaudern. In dieſem Augenblick wurde er an das Bett eines der Aus⸗ wanderer gerufen, der im Sterben lag, und zu dieſer Scene trug er nun ſein verwundetes Gewiſſen und ſein aufgeregtes Gefühl hin; aber dieß iſt der große Segen, der an eine Laufbahn geknüpft iſt, wie die ſeinige ge⸗ weſen war, daß erſtens keine Aufregung die Erfüllung einer praktiſchen Pflicht beeinträchtigt, ſo regelmäßig iſt die Selbſtbeaufſichtigung geworden; und zweitens, daß keine Störung der Gemüthsruhe lange währen kann, ſelbſt nicht, wenn Kummer, Furcht oder Selbſtanklage überwiegen. Er beſchwichtigte die Geiſteskämpfe ſeines armen Patienten, wie wenn er nicht ſelbſt gelitten hätte. 177 Er leitete ihm jeden Gedanken zu, der Buße erwecken und diejenigen geiſtigen Stützen erſetzen konnte, die weit außerhalb ſeines Bereiches lagen. Er ſah ihn ruhig werden und allmählig in einen ſchlafähnlichen Zuſtand verſinken, und blieb an ſeiner Seite, verſunken in in⸗ brünſtiges Gebet. Wie ſeltſam iſt es, wie wunderſam ſcheint es manchmal, daß es menſchliche Weſen gibt, die niemals beten, die nicht wiſſen, was es iſt, emporzuſenden dieſe Schreie um Kräf⸗ tigung, um Leitung, um Erlöſung, die von andern Her⸗ zen mit ſolcher Heftigkeit losbrechen,— daß ſie niemals ein Werkzeug handhaben, das ſo viel in dieſer Welt und, darüber hinaus vermöchte! das, gleich den Po⸗ ſaunen, die die Mauern von Jericho umſtürzten, mit ſeiner ſchwachen Kraft die Macht jedes Hinderniſſes, die Waffen jedes Feindes zerbrechen kann. Er wußte, er ſah jetzt die Weite des Abgrunds, dem er ſich genähert hatte; das Gebet war es, worauf er ſich ſtuͤtzen— das war der Stab, den er feſt ergreifen konnte, und der unter der ſchwerſten Bürde, die man ihm anvertraute, niemals ſeine Dienſte verſagt hat. Stark in dem, der mächtig iſt, zu retten, ging alle ſeine Beſorgniß nur auf ſie—, der er einſt ein Fuͤhrer und ein Segen zu wer⸗ den gehofft hatte. Sie, in der er zuerſt die Kraft eines bis dahin ſchlafenden Glaubens erweckt hatte; ſie, die er geliebt, und für die er ſo lange, ſo unabläſſig ge⸗ betet hatte, ſollte ſie einer düſtern Verzweiflung, einem zielloſen Leben und einem hoffnungsloſen Herzen hin⸗ gegeben werden? Er betete, daß es nicht ſo ſein möchte. Er nahm Alles auf ſich, er bot das Opfer von Allem an, aber er bat, daß, wenn es möglich wäre, obgleich er keinen Weg dazu ſah, ſie ſo ſcheiden möchten, nicht wie ſie an jenem Tag geſchieden hatten—, nicht wie ſie ſcheiden würden, wenn ſie nicht lernen ſollte, was er nicht und Niemand als Gott ſie lehren konnte. Es ſchien in dieſem Augenblick nicht, als würde dieſes Gebet erhört. Sie träumte nach über die letzte Lady⸗Bird. II. 12 178 Stunde, die ſte mit einander zugebracht hatten, für jetzt noch ohne Beſorgniß oder einen Vorwurf gegen ſich ſelbſt. Sie fühlte, daß ſie nicht länger kämpfen könne, daß es vergebens ſei, gegen das Schickſal ſich aufzu⸗ lehnen. Sie murmelte frevelhaft:„O, wenn ich ihn nicht lieben ſoll, warum brachte uns der Himmel auf dieſe Weiſe zuſammen?“ Und dann ſtuͤrmte ein plötz⸗ licher ſehnlicher Wunſch nach Freiheit wie ein Orkan über ihre Seele hin. Er ſchien ihr Gedanken einzu⸗ geben, die ſie nicht wagte in Worte einzukleiden. Warum war ſie durch eine unauflösliche Kette gebunden? Warum mußte ſie elend ſein? Warum hatte ein ra⸗ ſcher Schritt, ein verhängnißvoller Anſtoß ihr Urtheil für immer beſtegelt?„Bis der Tod uns einſt ſcheiden wird,“ ertönte es in ihren Ohren. Der Tod— der Tod allein konnte dieſe Kette brechen. Dann zog für einen Augenblick, wie ſchon einmal zuvor, ein Geſicht der Freiheit vor ihrer Seele vorüber, nicht als ein über⸗ legter Gedanke—, noch weit, weit weniger als eine Hoffnung. Aber ſie konnte dem Bewußtſein nicht ent⸗ fliehen, daß dieſes furchtbare Bild wie ein Geſpenſt durch ihre Seele gezogen ſei.—„Wenn er ſtürbe, ſo wäre ich frei.“ Er fand keine Laute, dieſer Gedanke, aber der blitzſchnell vom Geiſte dagegen eingelegte Wider⸗ ſpruch bewies ſein Vorhandenſein. Sie blieb dieſe Nacht auf dem Verdeck und ſuchte dann langſam die Kajüte auf, wo ihr Mann im Schlafe lag. Sie ſetzte ſich nieder mit einem Buche in der Hand, demſelben Buche, in welchem auch er geleſen hatte bei der Lampe, die er hatte brennen laſſen. Sein Schlaf war unruhig; er ſprach unzuſammenhängende Worte und warf ſich ruhelos hin und her. Es wurde ſpät, bevor ſie ſich niederlegte. Oft und viel erwachte ſie, wenn er ſtohnte und murmelte, und einmal fragte ſie ihn, ob er Schmerzen leide? Er ſchlief noch; ſie ſchloß ihre Augen wieder; das Schiff ging ſeinen Weg; die Stunden verrannen; der Morgen daͤmmerte und Alles 179 regte ſich innerhalb dieſer hölzernen Mauern. Wer weiß, was ein Tag Neues bringen kann? Die Sonne ſcheint auf Gute und Böſe, und der Morgen eines Tages iſt gleich dem Morgen eines andern; aber die Tage ſelbſt! O, ſie ſind manchmal ſo verſchieden von denen, die ihnen vorangehen und nachfolgen, wie die Erde vom Fegefeuer und das Fegefeuer vom Himmel. Zehntes Kapitel. „Vergib! Du konnteſt mich nicht lieben. Einſt dringt vielleicht, wenn ich dahin, Von meines Herzens heißen Trieben Ein Strahl in Deinen kalten Sinn. Die nie ein Lächeln hold mir bot, Sie weint vielleicht um meinen Tod.“« Mrs. Hemans. * * „Gereinigt und verklärt iſt ihre Seele, Verblaßt ſind nun die vor'gen Lebensbilder, Von wilder Leidenſchaften Glut gefärbt, Die Bilder, die oft plötzlich ſie erſchreckt Und brennend heiße Thränen ihr entlockt.“ Dieſelbe. * * „Doch war ich feſt!— Wohl kenn' ich eine Zeit, Da zitterte bei Deinem Blick mein Herz; Doch jetzt wär' Frevel jede Bangigkeit, Wir ſah'n uns— und kein Nerv bekannte Schmerz.“ Byron. Als Moriz am folgenden Tag von einem uner⸗ quicklichen Schlaf erwachte, waren die Kopfſchmerzen, die ihn ſeit der Einſchiffung mehr oder weniger gequält hatten, heftiger als je; auch ſeine Gleher ſchmerzten 180 ihn und ein ſieberhafter Durſt trocknete ſeine Lippen aus. Er rief Gertruden und bat ſie um etwas Waſſer. Indem ſie ihm das Glas wieder abnahm, fühlte ſie, daß ſeine Hand glühte; und als ſie ihre kühle Hand auf ſeine Stirne legte, fuhr ſie faſt zurück vor der ſen⸗ genden Hitze, die ſie da fand.„Moriz,“ ſagte ſie ſanft, „fehlt Dir Etwas? Wahrhaftig, ich glaube, Du biſt nicht wohl.“ Er ſchlug die Augen langſam nach den ihrigen auf und ſchüttelte den Kopf. Sie machte einige kleine Anordnungen für ſeine Bequemlichkeit, und ging, um ihm Thee zu verſchaffen. Als ſie dieſen zuruck⸗ brachte, verſuchte er, ein Stückchen Zwieback zu eſſen, aber er vermochte es nicht. „Moriz,“ ſagte ſie wieder mit einer Art von ner⸗ vöſer Angſt,„gewiß, Du biſt krank. Du mußt den Doctor zu Dir kommen laſſen.“ „Den Doctor! Nein, der thut mir nicht gut; ſein rauhes, unangenehmes Weſen ärgert mich. Ich will ihn nicht ſehen; öffne das Fenſter und laß mich die friſche Luft einathmen, und dann komm und ſetze Dich zu mir.“ Sie that ſo. Es lag etwas Beſonderes in ſeinem Benehmen; er hatte ſie ſeit langer Zeit nicht auf dieſe Art angeſehen, vielleicht noch nie zuvor, mit einer Art von ruhiger Zärtlichkeit.„Möchteſt Du mir wohl et⸗ was aus dieſem Buche vorleſen, Gertrude?“ Er zog ein kleines Buch von Gedichten aus dem Buſen, die Marie für ihn abgeſchrieben hatte.„Ich möchte Dich gar gerne etwas leſen hören, was ſie geſchrieben hat.“ Das Buch begann mit einer Stelle aus Longfellow's„Lebens⸗ pfalm.“ Ihre Stimme zitterte, als ſie die Worte her⸗ vorbrachte: „So ſtolz und tapfer ſchlagen unſre Herzen, Doch künftighin gedämpften Trommeln gleich Nur Trauermarſch, verkündend unſre Schmerzen, Und führen uns den Weg zum Todtenreich.“ 181 Sie ſah auf und bemerkte, daß er ſeine Hand auf das Herz drückte, als wollte er deſſen Schläge zählen. „Warum heißeſt Du mich Dir dieſe Sachen vorle⸗ ſen?“ rief ſie haſtig aus und überblätterte raſch die Seiten des Manuſeripts. „Deine Stimme thut mir wohl; lies weiter, Ger⸗ trude, lies weiter; es iſt die einzige Muſik, die ich jetzt hören kann. Sie klingt wie ein Echo der Töne, die ich vormals hörte. Letzte Nacht träumte mir, ich werde gerädert und Du fingeſt mir während der ganzen Zeit in tiefen, ſanften Tönen Etwas vor, was mein Aechzen beſchwichtigte. Lies weiter; Du weißt nicht, was es für mich iſt, daß Du mir dieſe Verſe lieſt. ‚Deß Ta⸗ ſten auf der Laute Saiten ſo oft ſein Herz geſtillt.“ Kamen nicht dieſe Zeilen in einem Gedichte vor, das Du vor Jahren oft im Jagdpark herſagteſt— ſo Etwas von der Macht irdiſcher Liebe? Haſt Du es vergeſſen?“ „Nein, aber ich will es jetzt nicht wiederholen; es iſt zu aufregend, und Du mußt verſuchen, zu ſchlafen, Du haſt etwas Fieber.“„Etwas Fieber!“ wiederholte er, und ein ſeltſames Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen. Es tobte ein brennendes Fieber in ſeinen Adern. Sie las einige Zeit mit ſchwacher Stimme fort und hielt dann inne, indem ſie dachte, er ſchlafe. In dieſem Augenblick wurde ſie von der Erinnerung ergriffen, wie er ſie ſchon als Knabe geliebt habe. Sie dachte darüber nach, welche Veränderung mit ihm vorgegangen ſei, ſeit der Zeit, da er mit wolkenloſer Stirne, mit glü⸗ henden Wangen, mit funkelnden Augen Plane für die Zukunft entworfen und mit ſo viel Gefühl und Feuer von der Kunſt und dem Ruhme geſprochen habe. Sie blickte auf ſeine eingeſunkene Wange, ſeine magere Hand, die grauen Haare, die hie und da zwiſchen ſeinen dunkeln Locken zum Vorſchein kamen, und doch war er kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Was hatte ſeine Jugend verſengt? Was hatte ſeiner vielverſprechenden Laufbahn Einhalt gethan? Was hatte ihn jener zarten und für⸗ A * 182 ſorgenden Liebe aus den Armen geriſſen, die ihm in der Kindheit geſchenkt und in der Jugend beſtätigt worden war?— Was anders, als die verhängnißvolle Leiden⸗ ſchaft, die ſogar Gewiſſen und Pflicht überwogen und ſogar Eiferſucht und Verzweiflung überlebt hatte? Er öffnete ſeine Augen und ſah unruhig um ſich. „Lady⸗Bird,“ flüſterte er,„Du willſt mich nicht haſſen, wenn ich todt bin?“ Sie fuhr entſetzt auf, legte ihm die Hand auf den Mund und antwortete mit banger Haſt:„O, um Gottes willen, ſprich nicht ſo, Moriz!“ „Warum nicht? Wenn Du wüßteſt, welch ein Troſt es fuͤr mich iſt, zu denken, daß ich nicht auf immer Wwiſchen Dir und Deinem Lebensglück ſtehen werde.“ ahre Wangen entfärbten ſich. Was köͤnnte ſie ſagen? Verdiente ſie nicht, daß er ſo ſprach? Und doch war es fürchterlich. Es gibt Vorſtellungen, die ruhig durch die Seele ziehen, die aber allzu erſchütternd erſcheinen, wenn ein Anderer ſie ausſpricht. „Du machſt mich ſehr unglücklich, Moriz, wenn Du ſo redeſt. Er richtete ſich im Bette auf, ſtützte ſich auf den Arm, ergriff mit der andern Hand die ihrige und blickte ihr in die Augen mit jenen Blicken, die ihr einſt die Frage abgenöthigt hatten, ob ſie wohl wün⸗ ſchen könne, ſie niemals wieder zu ſehen. „Mache ich Dich unglücklich, Lady⸗Bird? Ja, ich weiß, ich thue es,— ich weiß, ich habe es gethan. Das Bewußtſein davon hat meinen langen Seelen⸗ kampf gebildet. Ich wünſchte, Du könnteſt noch ein⸗ mal Mitgefühl mit mir haben, bevor ich ſterbe— Du könnteſt einmal, ohne Dich abzuwenden, die Ergüſſe meines Herzens hören. Das iſt's, weßhalb ich eben vorhin von dem ſprach, was mir Troſt gibt.“ „Nicht mir, nicht mir!— Das iſt ſchrecklich. O Moriz, Moriz!“ Sie verbarg ihr Haupt in die Kiſſen und er ſiel erſchöpft zurück. Einen Augenblick ſpäter ſagte er:„Ich hatte nicht die Abſicht, auf Deine Ge⸗ fuͤhle einzuſtürmen, Gertrude. Ich glaube, was ich ſage, 183 ſonſt würde ich es nicht geſagt haben. Ich kenne zu gut all Deine Güte, Dein Mitleid, und worein Du Deine—“ Er konnte, die Worte nicht vollenden:—„Hoffnung ſetzen mußt,“ wollte er ſagen, aber er fühlte, daß das einen zu grauſamen Vorwurf gegen ihn ſelbſt in ſich ſchließe; doch er fuhr mit Lebhaftigkeit fort:„Deine Güte, ich nehme ſie an. Ich danke Dir für dieſe Thränen; aber— o behalte Dein Mitleid,— Du hät⸗ teſt mich früher bemitleiden ſollen und nicht jetzt.“ „Moriz!“ rief ſie heftig aus, indem ſie den Kopf erhob, Du darfſt nicht, Du ſollſt nicht ſo denken. Ich bin überzeugt, Du biſt nicht ſo krank, als Du glaubſt; wäreſt Du es, ſo hätteſt Du den Arzt ſchon lange rufen laſſen. Aber jetzt muß er auf der Stelle herbeigeſchafft werden.“ Eine unglückliche Erinnerung ſchwebte in dieſem Augenblick vor ihrer Seele, daß ſie von Adrian gehört habe, der Mann ſei ungeſchickt und nachläſſig; aber da war nun nichts Anderes zu machen, und ſie ſchickte nach ihm. Es ſtand lange an, bis er kam. Es gab jetzt ſehr viele Kranke auf dem Schiff, und Adrian be⸗ gleitete ihn eben durch die Krankenſtube des Zwiſchen⸗ decks, nahm ſeine Aufmerkſamkeit für einen jeden Fall nach dem andern in Anſpruch, und weigerte ſich, ihn von den unglücklichſten Leidenden zu entlaſſen, um die kranken Paſſagiere zu bedienen, die nach ihm geſchickt hatten. Er ließ ſich wenig träumen, wer es war, der die Minuten zählte und auf den Schall jedes Trit⸗ tes lauſchte. Als er kam, ſo gewährte ſeine Gegenwart wenig Troſt. Er war eines von den ſchlechteſten Exem⸗ plaren dieſer Claſſe von Menſchen, die man in Aus⸗ wandererſchiffen mitzuſchicken pflegte, und noch immer manchmal mitſchickt,— Leute, die die armſelige Ein⸗ nahme mitnehmen, die ſich ihnen auf dieſe Weiſe bietet, weil ſie weder die Geſchicklichkeit, noch den Charakter haben, womit ſie anderwärts ihr Glück machen könnten. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte, Moriz ſei ernſtlich 184 krank, doch nicht gerade gefährlich, ſo viel er ſehen könne. Er habe ein heftiges Fieber, und augenſchein⸗ lich ſei eine Niederdrückung des Nervenſyſtems vorher⸗ gegangen, die den Fall erſchwere. Es ſeien acute Schmerzen in den Gliedern und er werde fortwährend Durſt haben. Er ſandte Mediein und verſprach, dieſen Abend wo möglich noch einmal nach ihm zu ſehen. Seine kurz abgebrochene und vertrauliche Manier war ihnen beiden zur Laſt gefallen. Er machte Späſſe am Krankenbett. Wenn ein Krankenzimmer je zuweilen ein geeigneter Ort für Scherze iſt, ſo war dieß doch offen⸗ bar bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht der Fall. Als er die Thüre hinter ſich zugemacht hatte, ſo beugte ſich Gertrude über das Bett und ſagte:„Du ſiehſt, lie⸗ ber Moriz, Du biſt nicht ſo ſehr krank.“ Seit ihrer Verheirathung hatte ſie ihn noch nie„lieber Moriz“ genannt. Er wußte das, und das Blut ſtieg ihm mit Heftigkeit bis zu den Schläfen empor. Um die Zeit, da ſie gewöhnlich auf das Verdeck ging, hielt er ihr die Uhr hin und deutete auf die Stunde.„Nein, nein,“ ſagte ſie,„heute Abend nicht; auf keinen Fall verlaſſe ich Dich, Moriz. Ich thu' es nicht,“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu, wie er es vor alten Zeiten gekannt hatte, als er murmelte, daß er wünſche, ſie mochte gehen.„Nun, ſo will ich Dich hier bleiben laſſen— Du thuſt Recht, dünkt mich, mich nicht allein zu laſſen. Es wird mir manchmal ſo ſonderbar zu Muthe, und ich glaube, das Fieber nimmt noch zu. Hier, ſetze Dich mir gegenüber und ſtelle die Lampe auf jene Seite, ſo daß das Licht auf Dich fallen kann. Iſt die See dieſe Nacht ſehr unruhig?“ „Nein, ſie iſt ganz ruhig. Ich ſehe von hier aus den Mond in die Wellen ſcheinen.“ „Gar manchen Faden tief.“ „Was ſagteſt Du eben?“ „Ich weiß nicht; ich dachte an ein Begräbniß zur See, das ich vor langer Zeit einmal ſah. Aber es 185 war dabei ein Prieſter an Bord. Ich bin froh, daß ich Marie noch einmal geſehen habe, eh' ich wegging. Du wirſt immer liebevoll gegen Marie ſein, nicht wahr, Gertrude?“ Seine Augen fielen zu und ſie ſah ſich in großer Noth, daß ſie noch länger ſo ruhig da ſitzen und auf die gebrochenen Reden hören ſollte, die über ſeine Lip⸗ pen kamen. Er war in dem Zuſtand zwiſchen Traum und Wa⸗ chen, worin ſich die Gedanken mehr mit der Vergan⸗ genheit als mit der Gegenwart beſchäftigen. Es iſt immer etwas Furchtbares um dieſes Irregehen des Gei⸗ ſtes, wenn auch keine geheime Leiden dadurch enthüllt werden; aber wenn ſolche vorhanden ſind und wenn der Lauſcher der Urheber oder der Theilnehmer ſolchen Grames iſt und geweſen iſt, ſo iſt ein ſolches langes ſchweigſames Wachen ſchwer zu ertragen. Gertrude ver⸗ ſuchte zu leſen, verſuchte, nicht zu denken. Sie ſuchte das Gedächtniß zu lähmen. weder vorwärts, noch rück⸗ wärts zu blicken, alle anderen Gedanken, als den des gegenwärtigen Augenblicks aus ihrer Seele zu verbannen, ſich nur damit zu beſchäftigen, welche Erleichterung dem Kranken verſchafft werden, welches freundliche Wort ſie zu ihm ſprechen könne. Aber es wollte Alles nicht die ge⸗ wünſchte Wirkung thun. Wiederum ſtellten ſich bei ihr die Erinnerungen ein an den Tod ihrer Mutter und an Alles, was ihn begleitet hatte und ihm nachgefolgt war. Ihr war, als wenn jene erſterbende Geſtalt hier auf dem Bette, worauf Moriz lag, vor ihr ausgeſtreckt wäre, und ſie ſah ſein bleiches Geſicht an mit einer aus Kummer und Furcht gemiſchten Empfindung. Die Stunden gingen dahin, und immer kam der Arzt noch nicht wieder. Es wurde ſehr ſpät, und es wurde immer ſchlimmer. Er war nicht bei ſich, aber ſeine Schmerzen nahmen zu, das ſah man wohl, und ſein Athem war gedrückt. Sie fühlte die heftigſte Un⸗ ruhe, und doch fürchtete ſie ſich, ihn zu verlaſſen, um nach Hülfe zu rufen. Auf einen Augenblick eilte ſie 186 hinaus und bekam einen von den Proviantaufſehern zu Geſicht und bat ihn, er möchte den Doctor auf⸗ ſuchen und ihn dringend erſuchen, ſogleich daher zu kommen. Als ſie wieder zurück kam, rief ſie Moriz mit ſchwacher Stimme und bat ſie, ſich dicht neben ſeinem Kopfkiſſen niederzuſetzen.„Jetzt höre mir zu, Lady⸗ Bird, denn ich kann jetzt ſprechen, und werde Dich vielleicht zum letzten Mal mit dieſem Namen nennen. Vergib mir, daß ich Dir ſo viele Leiden verurſacht habe. Es wäre für Dich beſſer geweſen, wenn ich nie wäre geboren worden; aber, wenn ich jetzt ſterbe, dann wird ja mein Leben Dir nicht viel Schaden zugefügt haben, nicht wahr, Gertrude? Du biſt noch ſehr jung und kannſt noch lange Zeit glücklich ſein. Du wirſt mir vergeben, wenn Du glücklich biſt, daß ich Dich während meines kurzen Lebens zu ſehr geliebt habe,— und daß meine Liebe mich ſelbſtſüchtig, böſe und wahnſinnig gemacht hat. Weine nicht, Lady⸗Bird— verbirg mir Dein Antlitz nicht. Möchteſt Du mir wohl einen Kuß ge⸗ ben?“ Sie ſchlang den Arm um ſeinen Nacken und drückte auf ſeine fiebernden Lippen einen Kuß, wie er nur im Traume, aber ſonſt nie zuvor einen gefühlt hatte. Eine plötzliche Schwäche kam über ihn, er rang nach Athem—„Etwas Arznei— ich erſticke.“ Ihre Augen waren blind vor Thränen, ein Nebel lag vor ihrem Geſicht, ſte goß die Medicin in ein Glas und gab es ihm. Er leerte es und rief aus:„Wie ſonder⸗ bar es ſchmeckt!“ Welche ſchauderhafte Sinnentäuſchung war ihr widerfahren? Welcher plötzliche Schrecken färbte ihre Wangen leichenfahl, als ſie bei der Lampe niederkniet und auf dem Schildchen des leeren Fläſchchens geſchrie⸗ ben liest:„Laudanum. Gift.“ Eine wunderbare Stärke verleiht Schrecken und Angſt; denn ſie wankte weder, noch fiel ſie in Ohnmacht, ſondern ſtürzte wild an die Thüre und rief hinaus nach dem Arzt mit einem Tone ſolcher Todesangſt, daß zwei oder drei Perſonen zugleich 3 187 aus ihren Betten fuhren und nach ihm rannten. Es herrſchte die Todtenſtille der Nacht, und Einige, die in ihren Kajüten erwachten und dieſe Angſtlaute vernah⸗ men, meinten, es ſei der Schrei eines unglücklichen Ertrinkenden. Sie ſaß an dem ſchmalen Bett und legte ſeinen Kopf auf ihre Bruſt, und ſah ihn an, als wä⸗ ren ihre Augen in Stein und ihr Gehirn in Feuer ver⸗ wandelt.„Wenn er ſterben ſollte, ſo wäre ich frei.“ Gibt es einen Feind in der Hölle, der grauſam genug iſt, um ſie in dieſer Stunde an dieſe Worte zu erinnern, bei denen ſie geſtern gezittert hatte, und die jetzt dem Verzweiflungsgeſchrei der Verdammten glichen, wenn ihr Urtheil geſprochen wird. Es war ein erſchreckender Anblick, dieſes ihr Geſicht, über das ſeinige herunter⸗ gebeugt, aber ſo geſtellt, daß er es nicht ſehen konnte. Err klagt über ſeltſame Empfindungen und ihr erſtirbt das Herz im Buſen, aber ſie ſpricht ruhig, denn ſie beſitzt eine Kraft des Ertragens, die bis jetzt noch nie zur Thätigkeit gerufen worden iſt. Sie fühlt, daß, wenn er ſterben ſollte, zum wenigſten die unaufhörliche Angſt des böſen Gewiſſens ihr Loos ſein würde; aber ſo lange Leben da iſt, ſo iſt auch Hoffnung da, und Gottes Barmherzigkeit iſt unermeßlich, ſo ſchrankenlos als ihre Verzweiflung. Der Doctor kam, aufgeregt und verdrießlich; es liegen gar manche in dieſem elenden Schiff krank und in den letzten Zügen, und ſie haben die ganze Nacht nach ihm gerufen. Herr Redmond könne nicht viel ſchlimmer ſein, als da er ihn zum letzten Mal geſehen habe. Sie hat das Fläſchchen ergriffen, ſich zwiſchen ihn und das Bett geſtellt, und flüſtert ihm in's Ohr: „Ich gab ihm dieſes.“ Er fahrt zurück und murmelt einen Fluch hervor: „Dann, bei— iſt es ganz vorbei mit ihm.“ Sie wird nicht ſchwach, ſondern ringt die Hände und ſagt: „Verſuchen Sie, verſuchen Sie ihn zu retten, thun 188 Sie, was Sie können!“ und dann ſteht ſie an ſeiner Seite, während er alle in ſolchen Fällen gewöhnlichen Mittel anwendet, alles das, wozu man in einem ſolchen Fall ſeine Zuflucht nehmen kann, und beobachtet ihn jeden Augenblick in Todesangſt und in athemloſem Schweigen. „Ich kann nicht mehr thun,“ ſagte er zuletzt,„und kann auch nicht länger bleiben; man hat mich anderswo nöthig. Sie müſſen ihn wach erhalten, wenn Sie kön⸗ nen; davon hängt Alles ab; auf jede Art, wie Sie können, unterhalten Sie ihn, richten Sie ihn auf; ich muß gehen.“ Sie ergriff ſeinen Arm, und mit einem Blick, der ſab ſeine ſtumpfſinnige Seele entſetzte, ſagte ſie zu ihm: „Sagen Sie zu Adrian d'Arberg, er möchte doch ſogleich hieher kommen. Sagen Sie ihm, Moriz liege interber, und ſeine Frau ſei es, die ihn umgebracht abe. Sie kniete vor ihrem Manne nieder, ſie verbarg jetzt ihr Geſicht nicht mehr vor ihm, ſie ſprach zu ihm mit einer Stimme, ſie blickte ihn an mit Augen, die ihn aus der zunehmenden Betäubung euporzuteihen ſchienen, welche ſeiner Sinne ſich bemächtigte. ie rief ihm laut zu und hob ſeine Hände in den ihrigen empor und drückte ſie krampfhaft. Die Thür ging auf und Adrian ſtand an ihrer Seite, blaß, feſt und gefaßt. Sie murmelte, ohne ihn anzuſehen: „Was wird aus mir werden, wenn er ſtirbt!“ Morizens Augen ſchloſſen ſich und er ſchien nicht länger zu hören oder zu fühlen. Jetzt wandte ſie ſich um und zeigte Adrian einen Blick ſo furchtbarer Ver⸗ ſweifhung, daß er noch bläſſer wurde als zuvor. Er egte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte: „Gertrude, beten Sie, beten Sie mit aller Kraft der Verzweiflung und laſſen Sie mich an ſeiner Seite G& 189 wachen. Dieſe Nacht wollen wir zuſammen zubringen, und dann, was Gott verfügt. Was auch geſchehen —“ „Wir ſcheiden für immer,“ ſagte ſie langſam, und „Dieß iſt ein Gelübde,“ fügte ſie hinzu. „So feierlich, als dieſe Stunde,“ verſetzte er.„Jetzt gehen Sie und bete Sie, daß Gott Erbarmen haben mag mit Ihnen und mit mir.“ Jetzt kämpfte Adrian mit all ſeiner Kraft, all ſei⸗ ner Geſchicklichkeit, mit allen Hülfsmitteln der Einſicht und Erfahrung. Er füllte des Arztes Stelle aus, und mit der ganzen Energie ſeiner ruhigen, aber unendlich tiefen Willenskraft ſuchte er die Lebensregungen in dieſe hinſinkende Geſtalt zurückzurufen, mit dem verhängniß⸗ vollen Schlafe zu kämpfen, der ſie überſiel. Er fühlte ſich ſtark in einer faſt übernatürlichen Stärke; er fühlte, daß das Heil einer unſterblichen Seele auf dem Spiele ſtehen könne, daß Friede oder unausſprechliches Elend fuͤr die Zukunft einer andern wirklich auf dem Spiele ſtehe; und er rang da mit dem tödtlichen Feinde, wie Jakob mit dem Engel rang in der geheimnißvollen flehte. Leben für ihn, Gnade für ſie, war der Ruf ſeiner tiefen Seele, für ſich ſelbſt das Kreuz, die ſen⸗ gende Luft der Wüſte, den Pfad des Miſſionärs oder das Grab des Märtyrers. Menſchliche Anſtrengungen werden zuweilen in außerordentlichem Maaße geſegnet. Es liegt eine Kraft im Gebet— eine Stärke im Opfer— Geheimniſſe in der Gnade— unerforſchliche Rathſchlüſſe über menſch⸗ liche Seelen— erſtaunliche Wechſel der Geſchicke und wundervolle Triumphe des Glaubens. Morizens Leben hing dieſe Nacht an einem Faden, und die ganze Zeit uͤber betete Gertrude Gebete ohne Worte—, Schreie 190 des Herzens, die Niemand hören kann als Gott; beich⸗ tete ihre Sünden in Todeszerknirſchung, und als ihr Gehirn vor Schrecken krank und ihre Seele in ihrem Innern immer ſchwächer wurde, rief ſie krampfhaft hin⸗ auf zu derjenigen, die für uns zu Jeſus betet, wenn wir ſelbſt nicht mehr für uns beten können. Er, der immer in ſeines Vaters Hauſe geweſen war, und ſie, die in dieſer Stunde in daſſelbe Paruckehrte, knieten beide an der Seite dieſes Bettes. Jedes von Beiden legte ein Verſprechen ab, wiederholte ein Gelübde, und in der feurigen Prüfung dieſer Stunde wurde ihr ein neues Herz gegeben. O, wenn Gott in ſeiner Gnade das Todesurtheil aufheben wollte, das auf dieſes Ange⸗ ſicht jetzt eben ſeine unmißdeutbaren Züge ſchrieb— wenn er dieſes liebende Herz, das nahezu aufgehört hatte, zu ſchlagen, ihrer Fürſorge zurückgeben und dieſe Augen wieder aufthun wollte, die außerdem ſie bis zum Grabe geſpenſtiſch verfolgen würden— würde dann das Leben nicht zu kurz für ihre Dankbarkeit, die Erde nicht zu eng für ihren Pflichteifer ſein? Was waren jetzt die vergangenen Leiden in ihren Augen? Nichts im Vergleich mit den Qualen, die ſie jetzt erduldete— wie die Thränen der Kindheit im Vergleich mit dem Schmerz des Mannesalters! Sie gelobte, ihren Mann zu lieben. O, ſie liebte ihn ſchon jetzt. Jedes Haar ſeines Hauptes war nun ihrem Herzen theuer geworden, und ihre bren⸗ nenden Lippen drückten ſich auf ſeine kalten Hände mit Gefühlen, die Hoffnung und Freude ihr niemals ein⸗ geben konnten. In der That, wie Adrian dieſe Nacht hindurch, die ſo lang war wie ein Leben, an ihrer Seite kämpfte und wachte, die Schrecken und Schmerzen derſelben theilend und bemeiſternd, fühlte ſie, daß ein Engel ihr zu Hülfe gekommen ſei; aber die irdiſche Leidenſchaft zog gerade eben jetzt von ihrer Seele hin⸗ weg, und niemals mehr von dieſem Tage an dachte ſie anders an ihn, als an einen von jenen dienenden Gei⸗ ſtern, die zum Himmel leiten, aber nicht dazu beſtimmt 191 ſind, die gewöhnlichen Pfade des Lebens an unſerer Seite zu wandeln. Moriz ſchlug die Augen auf und ſah ſie beide neben ſich knien. Sein Kopf ſchwindelte, und er ſtarrte ſie ſeltſam an. Nichts vielleicht hätte ihn aus dieſer tödtlichen Betäubung ſo mächtig aufreißen können, als ihre vereinte Gegenwart, und ſie ſprachen zu ihm mit Wor die ſeine Seele von den Grenz⸗ marken des Tode ückriefen. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, rückte ihn an ihr Herz, ſie nannte ihn ihren Mann und ſagte ihm, daß ſie ihn liebe. Er ſetzte ſich im Bette auf und deutete auf Adrian.„Einſt, aber nicht jetzt,“ ſagte ſie leiſe.„Glaube mir, lieber Moriz, bei Allem, was ich dieſe Nacht erduldet habe— bei Allem, was wir ſeit unſerer Verbindung gelitten haben, Du darfſt mir jetzt glauben. Meine Liebe iſt Dein von nun an— Dein allein. Ich gab ſie Dir, Moriz, in einer furchtbaren Stunde, und eine der ſchreck⸗ lichſten Prüfungen, die jemals geſandt worden ſind, um ein ſtarres Herz zu brechen, iſt nicht vergebens über mich gekommen.“ Er las in ihren Augen die Wahrheit die⸗ ſer Worte, und der Sturm ſtreitender Gefühle, den ſie hervorriefen, war beinahe zu ſtark für ſeinen geſchwäch⸗ ten Körper. Immer wechſelten noch Furcht und Hoff⸗ nung in Anſehung ſeiner Geſundheit, aber von dieſer Stunde an erholte er ſich. Das Fieber war gebrochen worden gerade durch das Mittel, das ihn an die Pforten des Todes gebracht, von dem er aber auf ſo wundervolle Weiſe ſich wieder erholt hatte. Als er wieder Kräfte genug zu einer Unterredung hatte, ſandte er nach Adrian und wünſchte ihn allein zu ſehen. Er erzählte ihm Alles, was dieſer bis jetzt nur vermuthet hatte. Er ſprach mit Abſcheu von ſeiner Handlung, und flehte ihn um Vergebung wegen des Treubruchs an, deſſen er ſich gegen ihn ſchuldig gemacht hatte; und er, dem er ein ſo ſchweres Leid angethan, hörte dieſe demüthige Beichte an und verſußte die Bit⸗ terkeit der Selbſtanklage mit der ganzen zarten Chriſten⸗ 2 19²2 liebe eines Gemüthes, das aufgehört hat, etwas Anderes ſo ſcharf zu empfinden, als die Beleidigung, die durch dieſe Suͤnde gegen die Majeſtät des Höchſten begangen worden war. Moriz war bald im Stande, von dem Bette des Leidens, des Todes, der Rettung aufzuſtehen. Den Tag zuvor, ehe das Schiff New⸗York erreichte, bat er dringend, auf das Verdeck gebrßcht zu werden, und deutete auf die Stelle, wo er einſt iel gelitten hatte, und bat Gertrude, ſich da mit ihm niederzuſetzen. Sie kam; ſie ſah bleich und angegriffen aus, aber heiter, wie ein Sommerabend nach heftigem Gewitter. Der Glanz ihrer Augen war nicht erloſchen; aber es war ein anderes Licht, das jetzt ſie durchleuchtete, als je zu⸗ vor in ihnen geſtrahlt hatte. Ein unausſprechlicher Friede herrſchte in ihrer Seele und ſchwebte jeden Augen⸗ blick über ihr. Sie ſah aus, wie ein Menſch,„der entzückt ward in den dritten Himmel und hörete unaus⸗ ſprechliche Dinge.“ Sie hatte wirklich in den Abgrund hineingeſehen und am Rande einer fürchterlichen Kluft geſtanden, und nun waren ihre Füße wieder auf dem Felſen. Sie ſchaute zum Himmel auf mit unausſprech⸗ lichem Danke, und die Blicke, die mit anbetender Dank⸗ barkeit ſich emporhoben, fielen zärtlich auf den, der ge⸗ radezu aus den Kinnladen des Todes heraus durch die Kraft des Gebetes wieder gewonnen worden war. Sie hatte nicht viel zu lernen für den Weg, den ſie jetzt zu wandeln begann. Sie hatte ihn geſehen, dieſen Weg, von ihrer Kindheit an. Die Saat war ſchon lange geſät, aber ſte war gewelkt aus Mangel an Feuchtigkeit. Keine ſanften Schauer hatten die harte Oberfläche durchdringen, kein leichter Wind dieſen un⸗ bändigen Willen niederbeugen können; darum hatte der Gott, der ſie ſich zum Eigenthum auserſehen hatte, alle ſeine Wellen über ſie hingehen laſſen; und nicht ver⸗ geblich hatte dieſer letzte und fürchterliche Sturm ſie beinahe überwältigt. Sie wußte es— ſie fühlte es, ihr vergangenes Leben ſtieg jetzt vor ihr auf wie ein . 193 Wunderwerk der Gnade und Liebe. Sie erinnerte ſich an die Worte ihres gütigen und ernſten alten Lehrers: „Wenn leichte Leiden nicht hinreichen, um Dich zu ſei⸗ nen Füßen zu bringen, ſo wird Gott in ſeiner Barm⸗ herzigkeit Dir einige von jenen ſeltſamen Prüfungen zuſenden, die brechen, was nicht biegen, und zermalmen, was nicht weichen ase⸗ Aber er hatte ſie nicht zer⸗ malmt— nein; er hatte ſie gebeugt unter ſeine allmäch⸗ tige Hand, und zeigte ihr in einer ſchauerlichen Stunde, was ſein Zorn vermag; und dann hatte er ſeine ret⸗ tende Hand ausgeſtreckt, und ſie ſtand am Ufer, ſtark und aufgerichtet durch die Stärke, die er ihr gegeben, durch die Kraft, die er ihr eingepflanzt hatte. Als die Stunde der letzten Verſammlung der Aus⸗ wanderer auf dem Verdeck herannahte, der letzten Worte, die Adrian an ſie richten wollte, wandte ſich Moriz nach ihr hin und ſagte mit Rührung: „Willſt Du bleiben oder gehen?“ „Bleiben, wenn es Dir ſo recht iſt,“ antwortete ſie mit vollkommener Heiterkeit. „Er hat mir dieſe Nacht das Leben gerettet, nicht wahr, Gertrude?“ „Und mir mehr, weit mehr als das Leben,“ ant⸗ wortete ſie, und zog ſich dichter an ſeine Seite; aber indem ſie dieß that, murmelte er: „Wollte Gott, ich wäre geſtorben.“ Feſt blickte Gertrude Adrian an, als er an ſeinen gewohnten Platz vortrat. Sie hauchte ein inwendiges Dankgebet dafür aus, daß ihr Herz bei ſeiner Annähe⸗ rung nicht ſtürmiſch klopfte, wie es zu thun gepflegt hatte. Sie erſtaunte, wie viel doch denen bewilligt wird, die ſich ganz und gar in deſſen Obſorge ergeben, der die Wellen bändigen und den Sturm bezwingen kann. Sie drückte ihres Mannes Hand in der ihrigen und ſagte:„Möge Gott ihn ſegnen und belohnen, Moriz!“ und er antwortete feurig:„Amen!“ Dieſes Amen rief ihr das feierliche Amen in die Seele zurück, das vor Lady⸗Bird. II. 13 4 194 Kurzem noch jene Lippen ausgeſprochen hatten, an denen ſie einſt mit beinahe abgöttiſcher Verehrung gehangen hatte. Er ſprach, und ſie horchte ruhig zu. Er gab ſeinen armen Reiſegefährten einige einfache praktiſche Belehrungen, einige freundlich ners Worte,— vornehmlich denen, die er den ſten Tag aus dem Geſichte verlieren ſollte, um ſie vielleicht auf Erden nie wieder zu treffen. Aber ſeine Stimme bebte nicht, und Gertrudens Wange erbleichte nicht. Als die Worte aus⸗ geſprochen wurden:. 4 „Lebet wohl, und Gott der Allmächtige ſei mit euch und ſegne euch, und führe euch, wohin ihr immer wandelt, und ſende ſeine Engel, um euch auf den rechten Weg zu bringen,“ da ſenkte ſie das Haupt, wie um ſeinen Segen zu empfangen. Als er ſagte:„Betet für mich, meine Freunde; betet für Einen, dem große Barm⸗ herzigkeit erzeigt worden iſt; betet, daß ſein langes Zö⸗ gern auf dem Wege nach oben möge vergeben werden, und daß er, während daß er für Anderer Seelen kämpft, ſeine eigene hinausbringen möge,“ ſo faltete ſie die Hände und betete, daß ſie einander im Himmel wieder antreffen möchten, und die wenigen Thränen, die fie vergoß, und die auf Morizens Hand fielen, waren ſo rein, als die Quelle, woraus ſie floſſen. Keine Leiden⸗ ſchaft lag in dieſem Kummer, keine Bitterkeit in dieſem Scheiden. Als die Menge ſich zerſtreute, kam Adrian zu ihnen heran und reichte Jedem von Beiden eine Hand. Moriz war furchtbar überwältigt. Sie weinte ſanft und ſtille. „Ich fahre morgen früh in einem Boote ab,“ ſagte er.„Somit ſcheiden wir jetzt, und ich weiß, daß ich Eure liebevollen Wünſche mit mir trage; ich rechne auf Eure Gebete.“ „O Adrian! Adrian!“ rief Moriz aus.„Hätten Sie mir nur auch irgend einen Vorwurf gemacht!“ „Stille, ſtille, lieber Moriz,“ verſetzte er;„wir haben alle Drei eine gründliche Lection gelernt— die einzige 195 Lection des Lebens; von nun an haben wir ſie auszu⸗ üben. Durch des Himmels unermeßliche und unver⸗ diente Gnade haben wir einander kein verderbliches Leid zugefügt, obwohl wir alle mehr oder weniger geſündigt haben und großen Gefahren nahe geweſen ſind; Keines von uns hat eine menſchliche Seele verderbt oder zu Grunde gerichtet, und das iſt ein unbezahlbarer Segen— wir fühlen es in dieſer Abſchiedsſtunde: wir haben Alle ge⸗ litten, und es hat in uns Allen Gutes gewirkt; nicht wahr, theurer Freund? Sie, die Sie am Rande des Grabes geweſen ſind, und Sie—“ ſeine Stimme zitterte ein wenig, als er Gertrude anredete—„die Sie ſein Leben durch Ihre Gebete wieder gewonnen haben, ſind durch ein doppeltes Band verbunden; und Gottes Rechte auf Euch Beide ſind zweifach von jenem Tage an.“ „Nehmen Sie nicht ſo Abſchied von uns, theurer, theurer Adrian!“ rief Moriz aus.„Reden Sie nicht ſo, als ſollten wir uns Jahre lang nicht wieder ſehen!“ „Gott ſegne Euch beide für immer!“ antwortete er und entfernte ſich raſch. Gertrude verbarg ihr Geſicht an ihres Mannes Schulter, und Beide weinten einige Minuten lang zu⸗ ſammen. Sie war es, die zuerſt ihre Thränen wieder trocknete; und als er ſeine Augen nach den ihrigen auf⸗ ſchlug, lag keine Wolke auf ihrer Stirne. 13* 196 Eilftes Kapitel. „Sei es genug, mein einſam armes Leben Zu heiligen und zu erfreu'n zugleich, Wenn ich ein blutend Herz mit ſcheuem Beben, Ein Herz an Reue und an Liebe reich, Dir hier an Deinem furchtbaren Altar Mit Freuden bring' als willig Opfer dar.“ Mrs. Hemans. *—* „So ſchau' ich wieder meiner Väter Hallen, Auf ihrer Schwelle ſteht mein müder Fuß; Ich ſeh die Nacht auf meine Wälder fallen, Laut rauſchend klagt mein heimathlicher Fuß. Ich ſchau' umher im nächtlich ſtillen Thale, Das einſt die Spiele meiner Kindheit ſah, Da bringt der Abendwind mit einem Male Ein ſeltſam Klaglied meinem Ohre nah; Von ſchönern Tagen hör' ich Töne klingen,— Doch ſtill! ich muß mein ſchwellend Herz bezwingen.“ Dieſelbe. Die Schatten des Abends waren herabgefallen und Stille herrſchte auf dem Schiff. Moriz und Gertrude hatten ſich in ihre Kajüte zurückgezogen. Adrian lag zum letztenmal im Schlafe neben denen, gegen die ſeine Werke der Liebe nunmehr erfüͤllt waren. Eben ſtieg der Mond am wolkenleeren Himmel auf, und ſtolz und raſch rückte das Schiff in ſeinem Laufe vor. Die meiſten Reiſenden freuten ſich, daß ſie den nächſten Morgen am Lande ſein, und in der neuen Welt, die ſie geſucht hat⸗ ten, ein neues Daſein beginnen ſollten. Es hatte viel Heiterkeit am Abendeſſen geherrſcht, bei welchem ſich zum letztenmal dieſelbe Geſellſchaft zuſammengefunden hatte. Sie ſahen der Zukunft mit Verlangen entgegen, aber einigen Wenigen that es leid, dieß Bild einer Heimath zu verlaſſen, das ihnen das große Schiff dar⸗ geboten hatte. Manche freundliche Worte waren ge⸗ ſprochen, Scheidegrüße ausgetauſcht worden. Das Land 197 mußte demnächſt zu Geſichte kommen, mit Sonnenauf⸗ gang ſollten ihre Augen es erblicken. Dieß war wahr⸗ ſcheinlich der letzte Gedanke derjenigen, die ſich dieſe Nacht an Bord des ſtattlichen Schiffes zur Ruhe legten. Es glitt dahin unter günſtigem Winde. Die Wachen ſahen die Küſte entlang die Lichter ſchimmern. Die Schläfer träumten von der Vergangenheit, die Schlaf⸗ loſen von der Zukunft. Keine ungewohnten Laute be⸗ wegten die ſtille Luft, keine Unheilsvorboten ſtörten dieſe Ruhe. Aber plötzlich lief durch das weite Schiff ein Wort, wovor die Wachenden wie Ein Mann entſetzt auffuhren, die Schläfer erwachten, die Beherzteſten zitterten und die Gleichgültigen ſchauderten.„Um Mitternacht aber erhob ſich ein Geſchrei—“„Das Schiff brennt!“ und von einem Jeden, der es hörte, kam ein Schrei, ein Stöhnen oder ein Seufzer, wie die Herzen der Men⸗ ſchen ſie ausſtoßen, wenn der Tod an ihrer Thüre pocht. Jetzt ließen ſie erkennen, aus welcherlei Stoff ſie gemacht waren. Es war da keine Zeit zum Nach⸗ — denken, noch zum Beten, ausgenommen ein kurzes Stoßgebet um Barmherzigkeit und Hülfe. Das Befehl⸗ wort wurde gegeben, die Boote hinabgelaſſen, die Paſ⸗ ſagiere in Ordnung geſtellt; die See war ruhig und der Himmel heiter. Die Seeleute waren brav und der Capitän feſt, aber vom oberen und untern Deck erhob ſich ein Getöſe, furchtbarer als das Brüllen der Wogen, entſetzlicher als das Krachen des Donners— die Ver⸗ wirrung, der Kampf, das Hin⸗ und Widerrennen, die Angſtrufe und die Gebete, das Fluchen und Stöhnen, dies alles wuchs mit den fortſchreitenden Flammen und ſtieg an mit den Wolken des verhüllenden Rauches. Einer war in dieſem Augenblicke unter der Menge, deſſen einziger Gedanke ſeine Gattin war, die bleich und bewegungslos an ſeiner Seite ſtand und ſchweigend ihre Seele vorbereitete, vor ihren Richter zu treten. Aber dieſe Stunde war noch nicht gekommen; denn die Reihe kommt an ſie, und ſie wird in's erſte Boot 198 geſett, und auch ihr Gatte findet da ſeine Stelle. Das and iſt nahe und wird bald erreicht ſein. Ein Nebel liegt vor ihrem Angeſicht, aber ihre Blicke ſind feſt nach einer Seite hin gerichtet, ihre Hände ſind gefaltet und ihre Lippen bewegen ſich in Gebet. Sie ſtehen am Ufer und ein Menſchenknäul drängt ſich um ſie her. Die Boote ſtoßen wieder ab; Weiber und Kinder weinen und wehklagen; Manche ſind außer Athem vor heftigem Gebet und lautem Geſchrei; Andere verſinken in ein Stillſchweigen, tiefer als der Tod, während ſie das lo⸗ dernde Schiff beobachten, und bei dem düſtern Lichte, das die Flammen auf das Waſſer werfen, ſich anſtrengen, die Geſtalten zu unterſcheiden, die die Boote davon⸗ ühren. Gertrude lehnt ſich an die Kante eines ſchmalen Pfeilers an, und Moriz iſt ihr zur Seite. Sie ſprechen nicht mit einander, aber ihre Augen, ihre Gedanken, ihre Beſorgniſſe ſind in Uebereinſtimmung; denn ſie wiſſen, daß Adrian der Letzte ſein wird, der dieß brennende Wrack verläßt, ſo lang noch ein Menſchenleben in Ge⸗ fahr iſt, darauf verloren zu gehen. Noch einmal gehen die Boote zurück nach denjenigen, die noch dahinten ver⸗ weilen, und ein Gemurmel läuft durch die Menge, während ſie auf der Spitze der Wellen vorwärts ſtür⸗ men:„Das iſt das letzte Mal, daß ſie anlegen können; ſie können ſie nicht alle retten.“ Gertrude ſchauderte und konnte nicht länger hinſehen. Sie lehnte den Kopf auf die Mauer, wogegen ſie lehnte, und Zittern überfiel ſie; denn es waren der Hände wenige und das Schi brannte nun mit unbezwingbarer Gewalt; die Flammen ſchlugen zum Himmel empor, und ein ſchwacher ent⸗ fernter Laut der Verzweiflung— der Todesſchrei der hinſterbenden Hoffnung— wurde durch den Wind her⸗ übergeweht zu jenen angeſtrengt horchenden Ohren. Sie wandte ſich um und blickte wild um ſich her, als wie um Hülfe zu erflehen, wo keine Hülfe möglich war. Moriz war von ihrer Seite verſchwunden. Er konnte 199— es nicht länger ertragen. Adrian durfte nicht ſterben, und er leben, um es zu ſehen.— Es war da ein kleines beſchädigtes Boot, das man bis jetzt hatte bei Seite liegen laſſen, als zu unſicher für den Gebrauch. Er hat ſich Gott empfohlen und Maria angerufen; und in dieſem kleinen Fahrzeug macht er ſich auf den Weg nach dem Schauplatz der Gefahr und des Todes. Er rudert für das Leben ſeines Freun⸗ des; er nähert ſich dem Schiff; er erreicht es zuletzt. Er legt an an die Seite des letzten Bootes, das das Schiff verläßt, und mit aller ſeiner Kraft ruft er hier nach Adrian. Er iſt da; ſeine hohe Geſtalt iſt zu er⸗ kennen in dem Licht, das die furchtbare Scene beleuch⸗ tet,— ein Kind auf ſeinen Armen, ein anderes an ſeiner Hand. Die Mutter war in das abfahrende Boot geſtoßen worden, und flehte nun mit wilden Geberden ihn, den ſie in ihrer Verwirrung für einen Engel hielt, an, ſie ihren Armen zurückzugeben. Im Augenblick bemerkte er die kleine Barke unter ſich, ſprang plötzlich mit den Kindern hinein, die er aus den Flammen gerettet hatte, und nahm das Ruder aus Morizens Hand, der erſchöpft zurückſank. Das Boot war leck, die Brandung war gefährlich, die Kinder in Todes⸗ angſt; kein Wort wurde geſprochen; kein Laut wurde gehört als der Schlag des Ruders, das nun von einer ſtarken Hand gehandhabt wurde. 3 Eben ging die Sonne auf über dieſem Schauſpiel des Entſetzens und der Barmherzigkeit. Als Gertrude am Rande des Waſſers mit der Barke, wie ſie landete, zuſammentraf, ſtieg Moriz aus, ging auf ſie zu und flüſterte:„Er iſt gerettet!“ dann lehnte er ſich auf ihren Arm und ſank in Ohnmacht. Sie ſtieß einen abge⸗ brochenen Schrei aus, und in einem Augenblick war Adrian an ihrer Seite, und beide ſahen zugleich, was geſchehen war. Moriz hatte ſich ein Blutgefäß zer⸗ ſprengt. 4 In der kleinen Herberge eines amerikaniſchen Dorfes 200 ſaß Gertrude am Bette eines Mannes, der ſchwer ge⸗ ſündigt und tief gelitten hatte,— ihres ſterbenden und reuevollen Gatten. Ein Prieſter von einer benachbar⸗ ten Miſſion hat ihm beigeſtanden, ſeine Beichte em⸗ pfangen und ihm die letzten Sacramente der Kirche ge⸗ reicht. Adrian wachte im anſtoßenden Zimmer. Es lag ein ruhig ſchöner Ausdruck auf Morizens Geſicht; er war nicht nur ergeben, ſondern wünſchte zu ſterben. Daß Gott ihm eine ſolche Gnade zugewandt habe, ſein Leben hingeben zu dürfen für den Freund, den er ge⸗ kränkt und zu einer gewiſſen Zeit ſogar gehaßt hatte, erfüllte ihn mit einem Gefühl dankbarſter Verwunde⸗ rung. Gertrudens Güte, die Zartheit ihrer Stimme und ihrer Blicke, die ihm jetzt ſo unausſprechlich wohl thaten, würden unter andern Umſtänden nicht hingereicht haben, die Qualen der Selbſtanklage zu lindern. Sie hätten ſie vielleicht ſogar peinlicher erweckt als ein gleich⸗ gültiges Betragen. Während der letzten Tage hatte er das Vergangene mit der innerlichſten Zerknirſchung durchmuſtert, und, obgleich er ſich darein ergab, das Leben als gerechte Buße und als Gelegenheit zu im⸗ merwährender Vergütung anzunehmen, ſo war doch der Tod die höchſte Gabe, die ſeiner müden und reuevollen Seele verwilligt werden konnte. Er mißtraute ſeiner eigenen Kraft für das lange Tagewerk des Lebens, und ſegnete den gnädigen Gott, der ihn aus den Fallſtricken und Gefahren deſſelben hinwegziehe. Er war einer großen Handlung fähig, und es war ibm vergönnt worden, ſie zu vollbringen. In tiefer Demuth betete er:„Herr, nun laß Deinen Diener im Frieden fahren;“ denn der Friede des Losgeſprochenen, des Begnadigten, war ihm geworden. Der Glaube, der in ſeiner Seele nie erloſchen war, leuchtete jetzt wieder ſo rein und glühend als je. Sein Geiſt,— ſo lange Zeit mit den Bildern der Schönheit und den Träumen von Harmonie erfüllt, wandte ſich jetzt bereitwillig den Geſichten des Himmels zu. Er ſandte nach Adrian 201 und ſah ihn mit einem unausſprechlichen Ausdruck an, worauf ihm dieſe Worte zur Erwiederung wurden: „Wäre ich an Ihrer Stelle, theurer Freund, ſo wäre meine irdiſche Aufgabe jetzt vorüber; Sie laſſen mich an der Arbeit und gehen frühzeitig in die Heimath.“ Da veränderte ſich der Ausdruck ſeines Geſichtes; er hielt ihn bei der Hand feſt und rief nach Gertrude, die ſich entfernt hatte, als Adrian eingetreten war. Sie blieben nie beide zugleich bei ihm, ſondern während das Eine ſeiner wartete, kniete das Andere im anſtoßenden Zimmer. Aber jetzt wünſchte er, daß ſie beide dableiben möchten. Er ließ ſie auf die eine, ihn auf die andere Seite des Bettes treten, und gab Jedem eine Hand. Dann heftete er ſeine Blicke auf Gertrude und ſagte: „Sage es mir noch einmal, Gertrude, daß Du mir vergibſt.“ Sie bückte ſich über ihn und ſagte: „Vielmehr vergib Du mir, lieber Mann. O Mo⸗ riz, Gott hat Dich ſchon einmal meinen Gebeten zurück⸗ gegeben—“— „Ja,“ rief er aus,„und unſchätzbar war die Gabe, daß er mir damals das Leben wieder ſchenkte und auf einige Tage lieh. Damals, Geliebteſte, wäre der Tod für mich ein zwar verdientes, aber trauriges Loos ge⸗ weſen, aber jetzt, hier, unter dieſen Umſtänden, liebe Frau, lieber Freund, iſt er ein Segen, ſo groß, wie ſeine Gnade ſelbſt.— Stille! unterbrich mich jetzt nicht. Die Zeit iſt kurz, und ich habe Euch beiden Et⸗ was zu ſagen. Fürs Erſte, geliebte Gertrude, ſage derjenigen, die ich zuvor liebte, und die in meiner Liebe nur Dir allein nachſtand, daß ich ſie in meiner Sterbe⸗ ſtunde geſegnet habe; daß ich hier um meinen Hals allezeit die kleine Denkmünze getragen habe, die ſie mir bei unſerm erſten Scheiden umhängte. Sage ihr, daß unter allen meinen Sünden und Leiden ich nie unter⸗ laſſen habe, jeden Tag das kurze Gebet zu ſprechen, das ſie mir damals gab. Nimm die Münze, Gertrude, und 202 laß ſie Marien zukommen. Und jetzt höret Beide auf meine letzten Worte, meinen letzten Wunſch, meine letzte Bitte. Ein Gedanke würde mir in dieſen meinen letzten Augenblicken unausſprechlichen Troſt geben. Adrian! Gertrude! Ich bin im Leben zwiſchen Euch und Eurer Wohlfahrt geſtanden. O, laßt es nach meinem Tod nicht ſo ſein! Gebt mir Eure Hände— laßt mich ſie vereinigen— laßt mich fühlen, daß Ihr beide glücklich ſein werdet, wenn ich todt bin, daß das Andenken an alle die Leiden, die ich Euch verurſachte, Euch nur um ſo inniger mit einander vereinigen wird, und daß Ge⸗ danken der Freundſchaft und des Mitleids gegen Einen, der ſich ſo ſchwer an Euch verſündigt hat, mit jeder Grinerünſg an die Vergangenheit verknüpft ſein wer⸗ en.“ „Meinſt Du, ich könne je etwas Anderes für Dich fühlen, Moriz, als Liebe und Dankbarkeit?“ murmelte ſie auf faſt unhörbare Weiſe, und Adrian druͤckte die Hand feſter, die er in der ſeinigen hielt. Moriz machte einen ſchwachen Verſuch, ihre Hände zu vereinigen, und ſprach mit Anſtrengung, aber mit flehentlichem Ausdruck, die Worte aus: „Verſprecht mir, daß Ihr Euch vermählen wollt!“ Sie ſchüttelte den Kopf und ſchlang den Arm um ſeinen Hals. „Um meinetwillen, um meines Friedens willen;“ ſtammelte er, und zugleich vereinigten ſie und Adrian ihre Hände für einen Augenblick und beugten ſich dann über ihn in ſprachloſer Rührung, denn jetzt ebbte das Leben raſch, und der Tod rückte heran. Ein Aus⸗ druck von Ruhe verbreitete ſich über ſein Geſicht; ein ſchwaches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, und ſein Geiſt entfloh. Adrian und Gertrude ſprachen das:„De Pro- fundis“, bevor ſie ſich von ihren Knieen erhoben, und trennten ſich dann, um ſich nur noch einmal wieder zu treffen, auf dem Gottesacker zu New⸗York an Morizens Grabe. Hier ſchieden ſie, mit ſtillen Segenswünſchen 203 und einem ſtummen Lebewohl, und ihre Thränen ſloſſen weniger aus Trauer über den Verſtorbenen oder über ihren eigenen Abſchied, als im Andenken an die Ver⸗ gangenheit mit ihrer begrabenen Liebe und ihrem gehei⸗ ligten Schmerz. Von dieſem Punkt aus, wo ſie zum letztenmal zuſammen knieten, ging Jedes ſeinen Weg, „das Herz gebeugt, doch hoch den Muth.“ Bei ihrer Ankunft in New⸗York hatte Gertrude eine Unterkunft in einem Kloſter geſucht, wo ſie einige Zeit verweilte, und von hier ſchrieb ſie an Marie Grey, ſandte ihr Morizens Denkmünze, und ſetzte ſie in der Kürze in Kenntniß von den Umſtänden ſeines Todes und ihrem eigenen Vorhaben, den Reſt ihres Lebens dem Dienſte Gottes zu weihen, auf welchem Wege— das wolle ſie den Winken überlaſſen, wodurch er ihr ſeinen Willen anzeigen würde. In den erſten Tagen ihres Wittwenſtandes hatte ſie die Hoffnung genährt, das Ordensleben möchte das Loos ſein, das er ihr angewieſen hätte; aber eine andere Pflicht, ein anderer Troſt, ein großer und unerwarteter Segen ward ihr zu Theil, ihr, die ſich in der Welt ſo allein fühlte, und der das als ein Zeichen der Vergebung und als eine ausdrückliche Gabe vom Himmel erſchien. Einige Monate verfloſſen, und Gertrude wurde Mutter. Sie liebte ihr Kind mit all der Zärtlichkeit, die ſie dem Vater deſſelben ſo lange verſagt hatte; und als ſie in ſeinem Geſichte die Augen wieder ſah, die ſo oft mit unerwiederter Liebe an ihr gehangen hatten, ſo fielen ihre Thränen dicht auf die kleine Wange nieder, die ſie feſt an ihre eigene drückte. Sie ſchrieb nicht an ihre eigene Familie; aber Edgar Lifford ſandte, ſobald die Kunde von ihres Man⸗ nes Tod, und nachmals von der Geburt ihres Sohnes, ihm zukam, Briefe an ſie, die, obgleich in ſeinem ge⸗ wohnten formellen Stil abgefaßt, doch voll von freund⸗ licher Gutmüthigkeit waren. Er erkundigte ſich nach ihren zeitlichen Umſtänden und bot ihr Unterſtützung 204 an; ſie bedurfte nur wenig, und das bloß für ihr Kind. Armuth war ihre Wahl, und Arbeit ihre Freude. Unter den armen Irländern, die unabläſſig in Amerika landen, fand ſie jede Art Leiden zu erleichtern, jede Art Kummer zu tröſten. Es war ihr Vergnügen, auf die Ankunft der Auswandererſchiffe Achtung zu geben, und dem ver⸗ einſamten Herzen ein Willkommen, dem Hulfloſen eine hülfreiche Hand zu bieten. Kinder, die während der Ueberfahrt ihre Eltern verloren hatten, Wittwen, die ihre Männer in ihren Armen hatten ſterben ſehen, das Mädchen, das geſündigt hatte und ſich nach thätiger Reue ſehnte, der Vater, der kleine Kinder hatte, aber kein Weib, um ſie zu verpflegen,— fanden eine Freun⸗ din an der blaſſen Frau in tiefer Trauer, die ſich nie⸗ mals abwandte von ihrer Leidensgeſchichte, und die mit ihrem Kinde auf den Armen, und ſpäter an der Hand, den Weg zu ihren armen Wohnſtätten und den Pfad zu ihren warmen Herzen kannte. Sie war in dieſem fremden Lande unter ihrem alten Beinamen bekannt, und er wurde eine Benennung der Liebe im Munde der Armen. Der kleine Moriz war es, der ihnen dieſen Namen verrathen hatte. Eines Tages, als er in kindlicher Freude eine„Lady⸗Bird“ nach Hauſe gebracht hatte, wunderte er ſich über die Thränen, die ihr aus den Au⸗ gen quollen, während ſie doch zugleich lächelte. Aber ſie fluſterte:„So hat Mutter einſt geheißen,“ und er lispelte es oftmals nach, und Andere lernten es von ihm. Die Leidenden in den Hoſpitälern verlangten nach ihr. Die Armen in ihren Hutten riefen ihr Willkommen zu. Die Kinder hingen am Saume ihres ſchwarzen abgetragenen Gewandes, und Alle, die ihr ſchönes Geſicht, ihre me⸗ lodiſche Stimme und ihr holdſeliges Lächeln kannten, murmelten, wenn ſie auf ihren Pilgerfahrten der Barm⸗ herzigkeit durch die dichtgedrängten Straßen wandelte: „Gott ſegne die ſchöne Lady⸗Bird, die umhergeht und Gutes thut!“.. 8 Einige Jahre verfloſſen, und dann erhielt einſt 20⁰⁵ Gertrude von ihrem Bruder einen Brief, der alſo lau⸗ tete: „Meine geliebte Gertrude! „Endlich ſind wir nach unſeren langen Reiſen nach Schloß Lifford zurückgekehrt, und mit Schmerz muß ich Dir anzeigen, daß es mit unſers Vaters Geſundheit gar nicht befriedigend ſteht. Er iſt ſehr verändert in jeder Beziehung, an Geiſt ſo wie an Körper. Sein Gedächtniß hat ſehr abgenommen, wenigſtens in Be⸗ ziehung auf ſehr viele Gegenſtände, obleich er in einem Punkte lebhafter zu ſein ſcheint, als er war. Ich hatte mir vorgeſtellt, liebe Schweſter, daß er Dich ganz und gar vergeſſen habe; denn bis vor ganz kurzer Zeit that er Deiner nie die geringſte Erwähnung, ſchien ſich nie⸗ mals Deines Daſeins zu erinnern. Aber ſeit wir hie⸗ her an Ort und Stelle zurückgelangt ſind, hat er oft von Dir geſprochen. Er weiß nicht, daß ich ſchreibe, aber ich habe mich mit Herrn Erving berathen, und wir ſind beide der Anſicht, daß, wenn Du nach Eng⸗ land kommen könnteſt, er Dich gerne ſehen, und daß dieß eine vortheilhafte Veränderung in ihm hervorbrin⸗ gen würde. „In der That, geliebte Schweſter, ſein Zuſtand iſt ſehr traurig. Das Außerordentliche dabei iſt, daß er ſich ſelbſt in irgend einem Sinne wegen des Todes un⸗ ſerer armen Mutter anzuklagen ſcheint. Es iſt eine ner⸗ vöſe Einbildung, aber es drückt ſchwer auf ſeinen Geiſt. Er hat ſich jetzt das Zimmer, worin ſie lebte, zu dem ſeinigen gewählt, und kann nur ſelten dazu gebracht werden, es zu verlaſſen; und wenn er dieß thut, ſo überſchreitet er die Gränzen des Parkes nicht. Ich höre von Marie Grey, daß Du nicht die Abſicht habeſt, Nonne zu werden, ob Du gleich das Leben einer barmherzigen Schweſter führeſt. Man kann überall gute Werke thun, und ein ſehr gutes hier, davon bin ich überzeugt. Ich wünſchte nur, ich könnte Dir einen Brief recht voll von Ueberredungskraft ſchreiben, aber 206 das liegt nicht in meiner Natur. Du würdeſt Deinen Vater kaum wieder erkennen,— ſein Haar iſt ganz weiß,— Niemand ſollte denken, daß er erſt fünfzig Jahre alt iſt.. „Ich bin in Sorge, Du möchteſt es aus dieſem Briefe nicht genug abnehmen können, wie ſehr ich wünſche, daß Du kämeſt. Ich kann nicht gerade mit Sicherheit dafür bürgen, daß mein Vater Dich empfan⸗ gen, oder daß er geneigt ſein wird, Deinen Kleinen zu ſehen, aber Frau Redmond kann Dir ein Zimmer in der Hütte geben, wenn er Dich nicht einlädt, hier zu bleiben. Ich denke jetzt über viele Dinge ganz anders als ich früher gewohnt war. Vielleicht geht es Dir ebenſo, und vielleicht werden wir überraſcht ſein, zu finden, wie viel beſſer wir zuſammenſtimmen, als vor⸗ mals. Ich gehe oft zu Frau Redmond's Hütte und ſpreche mit Marie’ Grey von Dir. Ich bitte Dich, ſchrrien auf alle Fälle bald, und glaube mir, daß in „Dein liebevoller Bruder Edgar.“ Gertrude ſaß einen Augenblick in Gedanken ver⸗ ſunken. Eine große Bewegung erſchütterte ihr Herz. Alle Gedanken, alle Orte, die ſchwachen Schatten lang⸗ verſchwundener Träume, die Namen ihres Vaters, ihres Bruders, Marie, Schloß Lifford und Stonehouſeleigh, die Lebenden und die Todten ſtanden alle vor ihr auf, und für einen Augenblick ſchwoll ihr der Buſen und der alte verſtörte Blick zog durch die Tiefen ihrer Augen. Sie konnte ſich nicht freuen, nach Hauſe zu gehen. Für ſie hatten die Familienſcenen, wonach Verbannte geſeufzt haben, wie ein Durſtiger nach einem Becher kühlen Waſſers lechzt, keinen wohlthuenden Zauber. Ihr Gram war kein ſolcher, der auf ein Gefühl von Zärtlichkeit„pour ce bon vieux temps ou j'étais si malheureuse“ eingehen konnte. Vieles Alte war da⸗ 207 hingegangen, vieles, und ſegensreiches Neue war in's Leben getreten, und ſie liebte die neue Welt, wo ihr Kind geboren war, wo ſie ein Leben voll Frieden und Tugend begonnen hatte; dagegen hingen zu tiefe Schat⸗ ten über den Pfaden, die ſie gewandelt war— es lag etwas zu Schreckliches in ihren Erinnerungen an das, was ſie einſt gefühlt hatte und geweſen war,— um die liebevollen, wohlthuenden Genüuſſe gemüthlichen Zu⸗ ſammenſeins möglich zu machen. Aber ſie war deßhalb ihrem Bruder um nichts weniger dankbar für den Ruf, den er an ſie hatte ergehen laſſen; ſie traf um nichts weniger bereitwillig ihre Anſtalten, um zu jenem Vater zu gehen, deſſen Charakter ſie jetzt beſſer verſtand als vormals, vielleicht in Folge der anhaltenden und tiefen Prüfung, die ſie mit ihrem eigenen vorgenommen hatte. ** * Lord Lifford bewohnte jetzt das Zimmer, das ſeine Gemahlin ſo viele Jahre lang inne gehabt hatte. Seit ihrem Todestage war kein einziges Ding daraus ent⸗ fernt, noch irgend Etwas darin verändert worden. Er war ein Greis dem Anſchein nach, wenn gleich nicht in der Wirklichkeit,— nicht liebenswerther von Beneh⸗ men, aber doch ganz anders, als wie er früher geweſen war. In den Worten eines Sterbenden liegt eine mächtige Kraft; ein Herz muß hoffnungslos verhärtet ſein, wenn es einer zu ſolcher Zeit ausgeſprochenen Wahrheit widerſtehen kann. Lord Lifford hatte von Jugend auf in Selbſttäu⸗ ſchung gelebt. Er hatte die Stimme des Gewiſſens mit derſelben Willensſtärke von ſich ausgeſchloſſen, womit er jedem Willen außer ſeinem eigenen Widerſtand ge⸗ leiſtet hatte. Pater Lifford hatte auf ſeinem Todbette einige derjenigen Worte zu ihm geſprochen, die ſich nicht ausſchließen laſſen. Er hielt ſie eine lange Weile am Boden, aber in einer gefährlichen Krankheit, die ihn auf Reiſen befallen hatte, und in der ſich lange 208 hinziehenden Schwäche, die die Folge davon war, ver⸗ folgten ſie ihn unabläſſig und zwangen ihn, zu horchen. Aber es war Schrecken, nicht Reue, Gewiſſensangſt, nicht Buße, was ihn überwältigte; ſeiner Gattin letzter ächzender Seufzer— ſeiner Tochter Blick, als er an jenem Tage ſich ihr näherte, ſchwebten ihm immerdar vor der Seele. Dachte wohl Gertrude, er habe durch jene Scene, die für ſie ſo verhängnißvoll war, ihre Mutter getödtet? Dieß war die Frage, die er ſich im⸗ merwährend ſelbſt vorlegte, und ſeine Erinnerung ward verwirrt, und ihm war, als ob jenes ernſte, ſchöne Geſicht, das er nie mit Freude angeblickt hatte, und das er jetzt wieder zu erblicken ſich ſehnte, ihn mit ſei⸗ nen ſchweigenden Vorwürfen unaufhörlich verfolge und in alle Ewigkeit verfolgen werde. Als er nach Schloß Lifford zurückkam, wurde die⸗ ſer Eindruck ſtärker als je zuvor. Er ſchloß ſich ſelbſt im ehemaligen Zimmer ſeiner Gemahlin ein, und weigerte ſich, irgend Jemand zu ſehen. Einmal wurde Herr Erving zu ihm eingelaſſen und ſondirte die Wunden, die ſo lange unter einer eiſigen Oberfläche verborgen worden waren. Er maß ihre Tiefe nicht, aber er errieth, daß ſie ſehr tief ſeien. Lord Lifford hatte lange Zeit alle religiöſen Pflichten verabſäumt, und allem Anſchein nach überließ er ſich jetzt einer vollſtändigen Verzweiflung. Nichts hob ihn aus dieſer düſteren Niedergeſchlagenheit, dieſem ſchweigenden Stumpfſinn empor, ausgenommen gelegentlich erwachende Erinnerungen an das Sterbe⸗ bette ſeiner Gattin. Es ſchien, er habe Alles vergeſſen, was ſich auf Gertrudens Verheirathung, ihren Wittwen⸗ ſtand, die Geburt ihres Kindes, bezog; oder wenigſtens erwähnte er niemals dieſer Thatſachen; aber, wie Ed⸗ gar geſchrieben hatte, er nannte ſie manchmal, jedoch faſt, wie wenn von einer Verſtorbenen die Rede wäre. Warum er das Zimmer ſeiner Gemahlin für ſich ge⸗ wählt hatte, konnte Niemand begreifen, ausgenommen die, die wiſſen, daß Gewiſſensunruhe zuweilen dieſelben 209 Antriebe liefert wie Liebe. Um dieſe Zeit ſchrieb ſein Sohn an Gertrude, und zählte die Tage, bis er ihre Antwort erhielt. Sie kam an einem Sommerabend nach jahrelanger Abweſenheit zurück zur Stätte ihrer Jugend. Sie kam dahin, wie man im Traum an wohlbekannte Orte kommt und mit Erſtaunen alle Dinge verändert findet, und doch noch als dieſelben erkennt. Edgar hatte ſie am nächſten Bahnhof abgeholt, und in ſeinen ernſten, ruhigen Zügen war ein Anſchein von Rührung bemerk⸗ bar. Er nahm ihr Kind in ſeine Arme und küßte es. Noch eine Perſon wartete ebenfalls auf dieſer Sta⸗ tion, deren wohlgezogenes Herz weniger ruhig als ge⸗ wohnlich ſchlug, als ſie Gertrude und ihr Kind zu Ge⸗ ſicht bekam; ſie ſtürzte auf ihre Kniee und umſchlang den Knaben mit ihren Armen.„O Moriz!“ war Alles, was ſie ſagte; aber als der Knabe mit kindlicher Ueber⸗ raſchung fragte:„Biſt Du auch meine Mutter?“ ſo flüͤſterte ſie:„Nein, ich bin bloß Marie;“ allein ſie fühlte, und auch er ſchien es zu fühlen, daß ſeine Mut⸗ ter ihn nicht mehr liebe, als Marie. Ihrer Fürſorge wurde er übergeben, während die ſo lang getrennt ge⸗ weſenen Geſchwiſter mit einander die wohlbekannten eingehegten Wege entlang nach dem Hauſe zu fuhren, das Gertrude gehaßt und geflohen hatte. Sie ſprachen nur wenig, bis ſie das Thor erreichten. Die Frau im Pförtnerhäuschen machte ihr ihre Vernei⸗ gung, und die Krähen machten ihren gewohnten Lärm in den Aeſten über ihrem Kopfe, als ſie durch die Allee fuhren.„Gertrude,“ ſagte er plötzlich,„ſein Geiſt iſt nicht ganz klar; er ſpricht manchmal ganz ſonderbar von Dir und der Mutter. Wir meinen, das Beſte wäre, Du gingeſt gerades Weges zu ihm. Haſt Du den Muth, es zu thun?— Er könnte böſe werden.“ „Ich habe,“ verſetzte ſie,„ſeinem Zorn in meinem Eigenſinn zu oft getrotzt, um jetzt davor zurückzuſchrecken, Lady⸗Bird. II. 14 210 — jetzt, da ich mein Leben geben würde, um ihn auf⸗ zuheitern.“ Im erſten Augenblick ſah ſie mit gereizter Stim⸗ mung um ſich her, als ſie das Haus betrat. Es hatte Alles daſſelbe Ausſehen; derſelbe Klang der großen Glocke; derſelbe unbeſchreibliche Geruch; derſelbe Ge⸗ fühlston, den ſie ſo gut kannte. Träumte ihr, ſie ſei Gertrude Lifford, die nach Schloß Lifford zurückkehre? oder waren die letzten Jahre ein langer Traum gewe⸗ ſen, zuſammengedrängt in die Secunde von Zeit zwi⸗ ſchen Schlafen und Wachen? Der alte Kellermeiſter trat auf ſie zu; ſie ergriff ſeine Hand, und jetzt waren auf einen Augenblick alle Schleußen der Thränen ge⸗ öffnet. Sie ſtieß einen Schrei aus, doch bald gewann ſie ihre Ruhe wieder.„Jetzt,“ ſagte ſie zu Edgar, gjetzt raſch; laß mich zu ihm gehen, aber bleibe in der Nähe für den Fall, daß er zu heftig aufgeregt würde.“ Sie ging durch den engen Gang aus der Halle hinaus und ſchritt auf die Thüre des Zimmers zu, worin er weilte,— jenes Zimmer mit den Gemälden, dem Cruciſir und dem Ruhebette! Sie klopfte, dann trat ſie ein. Er blickte auf— was ſie gethan hätte, wenn er nicht die Arme ausgebreitet und gerufen hätte: „Gertrude!“ das wußte ſie nicht; aber ſo that er; ſo, und zum erſten Mal in ihrem Leben begegneten einan⸗ der die Lippen des Vaters und der Tochter in einer langen Umarmung.„Gertrude,“ flüſterte er zitternd, ohne ſie loszulaſſen,—„Gertrude, ich verlangte nach Dir.“ Er ſtellte keine einzige Frage; er ſprach nicht von der Vergangenheit; vielleicht fühlte er ſich durch dieſe Umarmung hinlänglich erleichtert von ſeinen ſchlimmſten Befürchtungen. Er bewies ihr keine Zärt⸗ lichkeit; das lag nicht in ſeiner Natur; aber beide fühl⸗ ten, daß von nun an ſie der einzige mögliche Troſt für dieſen kalten, ſchweigenden Mann ſei, der ſeufzte, wenn ſie von ihm ging, ſie aber doch nicht bat, ſie möchte bleiben. Er haßte den Gedanken an die Ehe, die ſte 211 eingegangen, noch immer ſo ſehr, als je, und konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, von ihrem Kinde zu ſpre⸗ chen; aber er war den andern Tag unruhig, bis ſie wiederkam und ihre alltäglichen Beſuche wurden für ihn das, was die Muſik iſt für den Blinden, oder die Ruhe für den Müden. Sie nahm ihre Wohnung in der Frau Redmond Hütte, und zwar in Morizens vormaligem Zimmer. Jeden Tag verließ ſie dieſe kleine heitere Heimathſtätte, die noch immer ſo voll als je von Blumen und Son⸗ nenſchein war, und wo ihr Knabe mit ihr unter dem alten Weißdorn ſpielte, oder auf Mariens Knieen ſaß und auf Ammenmährchen lauſchte; und auf demſelben Pfade, den ſie einſt in Elend und Verzweiflung getre⸗ ten hatte, ging ſie zum Thor des Schloſſes und die lange Taxusallee hinan zu dem wohlbekannten Zimmer, wo ihr Vater immer ſaß, und brachte einige Stunden mit ihm zu. Sie pflegte ihre Arbeit mitzubringen und ſaß ihm gegenüber, während er ſchrieb; manchmal las ſie ihm vor, oder ging mit ihm auf der Terraſſe ſpa⸗ zieren. Er ſchien nie ſo ruhig, als wenn ſie zugegen war. Dieſe ſeltſame Lebensweiſe war eine Pruͤfung für ein Weib, deſſen Charakter, obwohl gehoben durch die Schule, die er durchlaufen, doch immer noch lebhaft und enthuſiaſtiſch war, und ſich angewöhnt hatte, ſein Feuer in Arbeiten und Beſtrebungen zu verſtrömen, die ihm weniger Beſchwerde als Genuß bereiteten; aber ſie hatte jetzt nur einen Zweck, einen leitenden Grund⸗ ſatz, und die Pflicht war die Leidenſchaft ihrer Seele geworden. Die Geſtalten, die ihr Gedächtniß ſich zu⸗ rückrief, die Bilder der Verſtorbenen und der vergan⸗ genen Zeiten, die ſich in dieſe Scenen eindrängten, kräftigten nur ihre Entſchlüſſe und ſtärkten ihre Geduld. Dieſe Geduld fand ihren Lohn, ob er gleich lange hin⸗ ausgeſchoben zu werden ſchien. Eines Tages, als ſie ihm die franzöſiſche Zeitung vorlas, die er ſchon vor Jahren gehalten Patie und deren Anblick ſie erbleichen machte, als ſie ſie zum erſtenmal zu Geſichte bekam, ſtieß ſie auf den Bericht, wie einige Jeſuitenmiſſionäre in China das Märtyr⸗ thum erlitten hätten, Andere nur mit genauer Noth dem Tode entronnen ſeien und jetzt fortfahren, in den⸗ ſelben Gegenden zu wirken. Ihr Auge überflog die Seite bis herunter und verſagte ihr einen Augenblick ſeine Dienſte.„Warum hältſt Du inne?“ fragte ihr Vater; und indem ſie ihre Erſchütterung bezwang, fuhr ſte fort und las ihm folgende Stelle vor: „L'un de ces généreux apôtres, qui ont échappé presque par un miracle à une mort effroyable, portait autre-fois dans le monde un nom assez célèbre. Le comte, maintenant le pèêre d'Arberg, dont les écrits ont si puissamment contribué au réveil religieux de la France, brave le trépas dans les contrées on son zele l'a conduit, et la voix que jadis nous avons connue et admirée, annonce Evangile aux enfants de L'Asie.“* Lord Lifford ſah ſeine Tochter an und ihre Blicke begegneten den ſeinigen. Ein anderer Vater und eine andere Tochter hätten vielleicht jetzt geſprochen, und eine gegenſeitige Verzeihung geſucht und gefunden; aber das lag nicht in dieſen beiden Charakteren. Sie warf einen Blick auf das Gemälde, das dem Ruhebette nahe hing, dann auf das Crueifix, das unter demſelben ſtand, und *) Einer dieſer edelmüthigen Apoſtel, die beinahe nur durch ein Wunder einem entſetzlichen Tode ent⸗ ronnen find, trug einſt in der Welt einen nicht unberühmten Namen. Der Graf, jetzt der Pater, d'Arberg, deſſen Schriften zum religiöſen Wieder⸗ erwachen Frankreichs ſo mächtig beigetragen haben, trotzt dem Tode in den Gegenden, wohin ſein Geiſtesdrang ihn geführt hat, und die Stimme, die wir früher gekannt und bewundert haben, ver⸗ kündigt den Kindern Aſtens das Evangelium. — — 213 fuhr fort, die„Nachrichten vom Ausland“, eine litera⸗ riſche Ueberſicht, und was immer ſonſt noch die Zeitung enthielt, vorzuleſen. Aber in dieſem kurzen Augenblick war in den Seelen Beider Vieles vorgegangen, und ſie waren zu einem ſtillſchweigenden Einverſtändniß gelangt. Sie wußten von dieſem Tage an für alle weiteren ge⸗ wiß, daß kein Schatten von nachtragendem Grolle mehr in ihnen vorhanden, und daß das Stillſchweigen, das ſte beobachteten, nicht das der Gleichgültigkeit ſei. Kurze Zeit darauf verlangte Lord Lifford ſeinen Enkel zu ſehen, und bald zog Gertrude zu ihm in's Haus, um es nicht wieder zu verlaſſen. Der Anblick dieſes Kindes war ohne allen Zweifel etwas Hartes für dieſen zwar von Reue ergriffenen, aber darum doch nicht veränderten Mann. Die Vorurtheile der Menſchen können bis auf einen gewiſſen Grad unterdrückt, aber, beſonders in ſolchem Alter, nicht ganz ausgetrieben werden. Der Knabe hatte freien Lauf durch das große Haus und die weiten, feierlich ernſten Gärten, und er⸗ füllte ſie mit kindlichem Jauchzen und Lachen. Er war ein großer Liebling ſeines Onkels, der ihn in Spra⸗ chen und Naturgeſchichte unterrichtete, und die Abſicht hegte, ihm mit der Zeit eine Namensänderung zu ver⸗ ſchaffen, eine Ehre, zu welcher ſeine Mutter niemals ihre Zuſtimmung geben wollte; aber in die Terraſſenzimmer, wie man ſie nannte, kam er ſelten, ſondern pflegte nur dann und wann einmal von einem Winkel des Ganges aus auf ſeines Großvaters ſtattliche Geſtalt und melan⸗ choliſches Geſicht hinzublicken,— indem er in ſeinen kindlichen Gedanken ſich neugierig fragte, ob der wohl in dieſem Zimmer Bußübungen anſtelle? und er rieth⸗ richtig. i Es war eine lange und bittere Bußübung, und ſie trug am Ende ihre Frucht. Dieſes Zimmer und ſeine Tochter,— der Anblick von jenem und die Gegenwart von dieſer— bewirkten eine entſcheidende Veränderung in ihm, und die Gnade fand ihren Weg zu ſeiner Seele. 214 Die Quellen vergangener und neuer Leiden wurden gleichſam Sacramente der Verſöhnung, Symbole der Vergebung. Er machte ſeinen Frieden mit Gott, und kehrte zu ſeinen religiöſen Pflichten zurück. Er büßte für die frühere Verſaͤumniß durch viele Handlungen der Güte und Nächſtenliebe, und der Fluch eines verhärteten Herzens und unverſöhnlichen Sinnes zog ſich für im⸗ mer von ihm weg. In den Pflichten, die auf ihren Pfad niederregne⸗ ten, in der Tröſtung ihres Vaters, der Zärtlichkeit ge⸗ gen ihr Kind, der Liebe zu ihrem Bruder, im Dienſte der Armen(dieſer unerſchöpflichen Mine von Segen für alle die, die ſie einmal bebaut haben), fühlte ſich Ger⸗ trude glücklich, mit einem gebundenen, ruhigen Glück. In Reue, in Liebe, in Bewunderung verſammelten ſie ſich alle um ſie und ſegneten ſie. Solche Perſonen, die, wie Lady Clara Audley, die Geſchichte ihres Lebens kannten, wunderten ſich über ihre Heiterkeit, und An⸗ dere, bei denen dieß nicht der Fall war, meinten manch⸗ mal, ſie ſehen „in ihrem Angeſicht ein Stück Geſchichte“, beſonders an dem Tage, an welchem Marie Grey der Sehnſucht ihres Herzens Genüge that und eine barm⸗ herzige Schweſter wurde, und von nun an Jeſu, in ſeinen leidenden Brüdern, den reichen Vorrath von Liebe widmete, der einſt nur an eines ſeiner Geſchöpfe ver⸗ ſchwendet worden war. Wie der amerikaniſche Dichter ſagt: „Nichts ſonſt hatte ſie mehe, zu hoffen, zu wünſchen auf Erden, Als demüthigen Schritts dem Erlöſer gehorſam zu olgen. Liebende Hingebung und ſelbſtverläugnendes Opfer Und ein geduldiger Sinn,— das war die geſegnete Lehre, Die ihr ein Leben voll Schmerz und ſchwerer Prü⸗ fung gegeben.“ ——' 215 Sie in ihrem heiligen Beruf, und Adrian d'Arberg — zuerſt in fremdem Lande, und dann in ſeiner Hei⸗ math— arbeitend für einen gemeinſchaftlichen Zweck, bloß lebend für einen einzigen Gegenſtand, indem ſie alle die hohen Gaben des Geiſtes, all den reichen Schatz des Herzens, womit Gott ſie ausgeſtattet hatte, zur För⸗ derung des Reiches Gottes auf Erden verwandten, waren beide in der That glücklich, mit der Glückſeligkeit der Engel— glücklicher als die glücklichſten Kinder der Welt. Wer konnte daran zweifeln? Wer wollte ſie bemitleiden? Er hätte dann auch Elias in der Ver⸗ bannung bemitleiden müſſen, und Johannes den Täufer in der Wüſte, und die„Wittwe bei vier und achtzig Jahren, die kam nimmer vom Tempel Tag und Nacht.* „Wohl ſind die Wege durch's Pilgerland Gar mancherlei, rauhe und ſüße; Auf allen führt Gottes Vaterhand Der Kinder wandernde Füße. Die Einen ſeh'n und empfinden kaum Der Dornen Stechen und Wüthen, Im Vorübergeh'n regnet's von Buſch und Baum Auf ſie nur mit Blumen und Blüthen. Doch blutende Füße, erſtarrender Krampf, Eiskalter Sturmwind vom Norden, Die Noth der Verſuchung, des Herzens Kampf, Sind Anderer Erbtheil geworden. Wer iſt nun beglückter? Was frag' ich viel! Bei Gott, dem wir alle entſtammen, Bei Gott, dem einzigen Zweck und Ziel, Da laufen die Wege zuſammen.“ Lady Clara Audley und Lord Lifford ſahen ſich wieder. Die Wunde, die ſo lange offen geblieben war, 216 ſchloß ſich zuletzt, und daß er ihr vergab— der erſten und einzigen Perſon, die er wirklich geliebt hatte,— war eine der Früchte der Veränderung, welche Kummer, Gewiſſensbangigkeit und der Einfluß ſeiner Kinder nach und nach in ihm hervorgebracht hatten. Doch nicht ohne ſtürmiſche Bewegung erblickte er ſie wieder, als ſie zum erſtenmal an dem Hauſe anfuhr, worein er ſie einſt als Braut einzuführen gedacht hatte; und mit einem aus Pein und Rührung ſeltſam gemiſchten Ge⸗ fühl ſah er ſie an, als ſie auf der Terraſſe neben ſeiner Tochter ſtand, und hörte er den Klang dieſes Gelächters wieder, das einſt in ſeiner Bruſt jenen Wechſel von Entzücken und Verzweiflung hervorgebracht hatte. Indem ſeine Blicke auf ihrer immer noch ſtrahlen⸗ den Schönheit ruhten, konnte er kaum glauben, daß ſie wirklich zuſammen jung geweſen, daß uͤber ſein Haupt nicht viel mehr Jahre hingezogen ſein ſollten, als über das ihrige. Die Zeit, die ihre Hand ſo ſchwer auf ihn gelegt hatte, war mit ihr äußerſt ſchonend verfahren; und er konnte jetzt ohne Bitterkeit denken, und ſogar mit Dank anerkennen, daß es für ſie beide beſſer gewe⸗ ſen ſei, ſich zu trennen, wie ſie gethan hatten, als zu leben, ſie, um zu leiden unter ſeinen Händen, und er, um ihr ſchönes Geſicht von Kummer beſchattet oder zur Gleichgültigkeit erſtarrt zu ſehen. Er kannte ſich jetzt gut genug, um ſich darüber zu freuen, daß wenigſtens ſie dem verſengenden Einfluß ſeiner gewiſſenloſen Ty⸗ rannei entgangen, daß wenigſtens dieſer ſchönen Blume bis eedotrende Berührung ſeiner Hand erſpart wor⸗ en ſei. Lady Clara dachte nicht ſo ernſthaft, verſenkte ſich nicht ſo tief in die Vergangenheit, als ſie ihren erſten Beſuch in Schloß Lifford machte; aber, wie ſie denn nun doch allmälig der immer gleichen Runde von Ver⸗ gnügungen, der, wenn auch angenehmen, doch immer ſich gleich bleibenden Geſellſchaft, und der endloſen Quelle manchfaltiger und doch eintöniger Unterhaltung, 2 4⸗ 217 worin ihre Tage dahinfloſſen, überdrüſſig wurde, fand ſie es angenehm, ein neues Intereſſe denen beizugeſellen, die für ſie ſchal zu werden anfingen, und gewann bald Lady⸗Bird wieder ebenſo lieb, als zur Zeit ihrer erſten Bekanntſchaft. Sie lernte von ihr manche ſchätzbaren Geheimniſſe, wie man die Zeit auf beſſere Weiſe tödte, als wie ſie es bisher geübt hatte, wie ſie ihr Verlangen, Vergnügen um ſich zu verbreiten, in das andere, Men⸗ ſchenwohl zu befördern, verwandeln, und ihren Geſchmack für das Schöne zu einer höheren Entwickelung deſſelben Vermögens in erhabeneren Richtungen ausdehnen könne. Ihr Verkehr ſchuf beiderſeitige Vortheile. Auf Lady Clara's Angaben hin zierten neue Blumenbeete die Schloßgärten; klares Waſſer floß aus den zuſammen⸗ gefallenen Springbrunnen; Clematis zierte die Hallen der Schulhäuſer; China⸗Roſen drängten ſich an den Wänden der Armenhäuſer; aber auf der andern Seite wurden bei ihr zu Hauſe und in ihrer Nachbarſchaft mitten unter der üppigen Verſchwendung verfeinerter Verzierungen des Lebens auch Saaten des Nützlichen ausgeſtreut, die ihre Blüthen brachten zu ſeiner Zeit, und am Ende ihre Frucht. Zwei Jahre nach Gertrudens Ankunft in Schloß Lifford lernte Edgar in Audley⸗Park ein junges Mäd⸗ chen kennen, von welchem er ſich angezogen fühlte, und das ſeine Neigung erwiederte. Sie war von guter, doch nicht alter Familie; er hatte nicht den Muth, ſich ſeines Va⸗ ters Zuſtimmung zu dieſer Verbindung zu erbitten, und Gertrude fühlte, daß dieß ein Boden ſei, den ſie nicht wagen dürfe zu betreten. Aber Lady Clara bat ſich von dem Manne, der ſie einſt ſo ſehr geliebt hatte, eine Unter⸗ redung aus und verfocht die Sache der jungen Leute. Sie verſuchte zu lächeln, während ſie es that, aber auf ſeinem Geſicht und in ſeinem Benehmen lag Etwas, was dieſes Lächeln erſtickte. Sie glaubte, er ſei nun eben im Begriff, auf eine barſche Weiſe ſeine Zuſtim⸗ mung zu verſagen, aber er ſah ſie feſt an, deutete auf — 218 das Bild ſeiner Gattin und auf das ſeiner Tochter, das an ſeine alte Stelle zurückverſetzt worden war, und ſagte auf langſame, nachdrucksvolle Weiſe: „Sie ſprechen mit einem Manne, deſſen Stolz das Elend dieſer Beiden war. Schicken Sie Edgar ſogleich zu mir; meint er denn, daß ich noch immer den Götzen anbete, der jene vernichtet hat?“ Als Gertrude ſeinen Hals umſchlang und ihm dankte für ſeine Zuſtimmung zu ihres Bruders Ver⸗ mählung, hielt er ſie einen Augenblick lang von ſich ab, und ſah ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck an.„Meinen Sie, ich ſei nicht glücklich?“ fragte ſie mit einem Lächeln jener Art, wobei kein Zweifel über die Quelle bleibt, aus welcher es entſpringt:— ein Herz, voll von dem Frieden und der Freude, die die Welt nicht geben und die Welt auch nicht hinwegnehmen kann. Dann drückte er ſie an ſein Herz und ſprach einen jener Segen über ſie aus, welche, wenn gleich von menſchlichen Lippen ausgeſprochen, gerade vom Himmel herabzukommen ſcheinen; und ſeit dieſer Zeit hat es dem Schloß Lifford nicht an Blumen gefehlt in ſeinen Gärten, und nicht an Glückſeligkeit innerhalb ſeiner alten Mauern. 4 Ende. 4.