iruutiocbek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 1 8 n.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek. ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 4. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet 1 wird. h 45 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3— für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. i verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird „ 4 ' Lady⸗Bird. Eine Erzählung von Lady Georgiana Fullerton, Verfaſſerin von„Ellen Middleton“ u. a. m. „Mit Vorſicht richtet über Möglichkeiten! Manch⸗ Ding ſcheint unwahrſcheinlich, ja unmöglich, Und doch— Erfahrung zeigt uns, es iſt wahr! Shakeſpeare. Aus dem Engliſchen von Heinrich Kern, Profeſſor und L Lehrer der engliſchen Sprache am Obergymnaſium zu Stuttgart. * Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1853. Vorwort des Ueberſetzers. Der Ueberſetzer der vorliegenden Erzählung befand ſich in Betreff des Titels derſelben, der auch im Verlauf der Erzählung ſelbſt fortwährend als Beiname der Haupt⸗ heldin des Werks gebraucht wird, in einer eigenthüm⸗ lichen Verlegenheit. Das engliſche„Lady⸗Bird“ heißt wörtlich„Frauen⸗Vogel;“ unter„Frau“ iſt aber hiebei, wie auch im Deutſchen bei ſo vielen damit zuſammen⸗ geſetzten Bezeichnungen, unſere liebe Frau, d. h. die Jungfrau Maria verſtanden. Indem nun mit dem be⸗ ſprochenen engliſchen Worte das wohlbekannte, beſonders bei Kindern beliebte, Käferchen mit den rothen, ſchwarz⸗ punktirten Flügeldecken benannt wird, wird daſſelbe da⸗ durch, ebenſo wie im Deutſchen, durch die Benennungen: „Herrgottskäferchen, Marienvögelchen, Liebfrauenkühchen,“ als Gegenſtand eines gewiſſen frommen Volksglaubens bezeichnet, und dieſer Umſtand ſcheint die Verfaſſerin geneigt gemacht zu haben, nicht nur ihrer Heldin als Kind dieſen Beinamen von ihren Geſpielen beilegen zu laſſen, ſondern ihr denſelben auch hernach durch alle Wechſelfälle eines größtentheils vom tiefſten Ernſt er⸗ füllten Lebens zu erhalten. Man vergegenwärtige ſich nun die Lage des Ueberſetzers! Konnte er mit einem der deutſchen Namen des Inſektes Etwas anfangen? Iſt nicht ſchon der Umſtand, daß ihnen allen die Ver⸗ kleinerungsform weſentlich iſt, ein entſcheidendes Hinderniß des Gebrauchs derſelben für eine würdevolle Perſon in ernſten Lebenslagen? Indem alſo der Ueberſetzer ſich genöthigt ſah, auf dem Titel und im Texte das engliſche Wort als Benennung der Heldin beizubehalten, mußte dieß auch in denjenigen Stellen geſchehen, wo die Ver⸗ faſſerin mit kunſtvollem Doppelfinn mit einer und der⸗ ſelben Benennung ſowohl die Perſon, als auch zugleich das Inſekt meint; und in dieſen Fällen alſo entſteht in der Ueberſetzung ein Schein von Undeutlichkeit oder von Willkühr, für welchen der Ueberſetzer, unter Darlegung dieſer Umſtände, um Nachſicht zu bitten ſich gedrungen fühlte. Erſtes Kapitel. Gibt nur der Sorge Flüſtern kund, Es laſtet langen Kummers Nacht Auf deiner jungen Blumen Pracht, Es brütet ſelbſt geheime Pein In deinem lichten Sonnenſchein. Miſtreß Hemans. Kommt hin zum Wald, in ſeinen mooſ'gen Gründen Ein dämmernd Licht, des Dichters Luſt, zu finden; Luſt, Jugend, ungehemmte Freude leben, Wo Quellen ſpringen, Waſſerlilien ſchweben. So frei und froh ſoll e Wandrung ſein Wie Vogelflug auf M s Wiederſchein. Herbei, des Frohſinns Kinder, all' herbei, Der Veilchen Heimath jetzt die eure ſei— Hinweg von enger Stube, düſtrem Herd! Der jungen Winde Tanz euch Beſſ'res lehrt, Die ſelbſt dem trotz'gen alten wilden Wald Mit ihren leichten Stößen thun Gewalt. 8 Bringt die Leier, den Kranz und den fröhlichen Reih'n, Kommt mit in der Sonne belebenden Schein! 4 Dieſelbe. Schloß Lifford, das alte Herrenhaus, war einer der Wohnſitze, die viele Jahrhunderte lang in derſelben Familie geblieben, die im Verlauf von tauſend Jahren Zwei oder dreimal umgebaut worden find, und immer ein Stück des urſprünglichen Baues beibehalten haben; das neue Schloß, wie man es nannte, verdiente zu der Zeit, wovon wir ſprechen, dieſe Benennung gerade ſo gut, wie der Pont⸗neuf zu Paris, der zufälliger Weiſe Lady⸗Bird. I. 1 S 2 die älteſte aller Brücken iſt, die ſich über die Seine ſpannen. Eine Allee von Taxusbäumen leitete zum Hauſe hinan; auf jeder Seite dieſer an das Grab er⸗ innernden Bäume ſtand eine Reihe ſchöner Buchen, deren lichtes Laub mit der düſtern Farbe der erſteren, mit ihrem feierlichen Immergrün,„dem Schmuck des Winters, der Trauer des Sommers,“ einen lindernden Kontraſt bildeten. Der nächſte Raum vor dem Hauſe war ein vier⸗ eckiger Hof, durch den Fahrweg in zwei gleiche Theile getheilt, mit zwei Grasſtücken auf ſeinen beiden Seiten, das eine geſchmückt mit einer Sonnenuhr, auf welche niemals die Sonne ſchien, das andere mit dem trockenen Baſſin eines Springbrunnens, in welches vier häßliche Tritonen hineinſtarrten, gleich als hegten ſie die Hoff⸗ nung, Waſſer in ſeinen Winkeln zu entdecken. Auf der andern Seite des Hauſes waren breite Kieswege und ein ausgedehnter Garten, wenn anders ein ſo blumenleerer Raum einen ſolchen Namen verdiente. Ein Bach, der einem Kanal ähnlich ſah, ſchied ihn von der Fläche, die ſich jenſeits ausdehnte. Tief und düſter floß er dahin, ohne den Reiz eines klaren Waſſers, ob⸗ gleich man das üppige Unkraut in ſeinem Bette leicht erkannte. Kein Leben war in ſeinem raſchen Lauf; düſter und ſchweigſam eilte er von dannen, als ver⸗ langte ihn, den offenen Raum, den er zu durchwandern hatte, gegen das dunkle Dickicht zu vertauſchen, das zwiſchen dem Park und dem Fluſſe lag, in welchen er ſich ergoß. Die wärmſten Bewunderer altväteriſcher Wohnſitze hätten geſtehen müſſen, daß etwas Melancholiſches in dem Anblick von Schloß Lifford lag, mit ſeinen maſſi⸗ ven Mauern, ſeinen wuchtvollen Portalen, ſeinen vor⸗ ſpringenden Fenſtern, ſo ganz ungeſchmückt auch nur vom geringſten Schößling Jasmin, dem leiſeſten Anflug von Epheu, der ſchwächſten Vertraulichkeit einer kecken Ranke oder einer dreiſten Schlingpflanze. Das Innere V — — 3 des Hauſes ſtimmte mit dem Aeußeren überein. Es hatte große Geſellſchaftszimmer, Geräthe, die vom Platze zu rücken eines Rieſen Stärke erfordert hätte, Licht aus⸗ ſchließende Fenſter und unannahbare Feuerſtellen. Schwere rothe wollene Vorhänge fielen in gewichtigen Falten auf den Boden herab. Ein Regiment in Front hätte die Treppe hinanmarſchiren, mäßige Häuſer hätten inner⸗ halb der Bettſtellen gebaut werden können. Eine ge⸗ wiſſe Art von Größe lag in dem alten Schloſſe, und keines der üblichen Erforderniſſe ſolch eines Platzes fehlte ihm ganz und gar, aber es mangelte durchaus an jeder Behaglichkeit in ſeinen Einrichtungen, an allem An⸗ muthigen in ſeinem Anblick von innen wie von außen. Der Charakter des Eigenthümers ſchien auf die Mauern geprägt und auf das Portal eingeſchrieben zu ſein. Lord Lifford's Familie war ſo alt als ſein Haus, und ſein Stolz ragte ſo hoch als die Räume ſeiner Zimmer. Er war der letzte Abkömmling eines Ge⸗ ſchlechtes, das der katholiſchen Kirche durch die Zeiten der Verfolgung mit einer Treue angehangen hatte, die nun dem Lord eine erbliche Anhänglichkeit an eine Re⸗ ligion einflößte, deren Vorſchriften er nicht beobachtete, deren Geiſt er gewiß nicht an ſich zur Darſtellung brachie. Er hatte keine Feinde, denn er hielt ſich zu fern von Anderen, als daß er ihnen, oder ſie ihm hätten in die Quere kommen können. Es war eine Art von Würde und glatter Kälte um ihn verbreitet, die zurückſtieß ohne Rohheit und lähmte ohne Beleidigung. Es würde eben ſo ſchwer geweſen ſein, ihn zu erbittern, als ihm zu ſchmeicheln. Sein Herz(wenn er eines hatte) war ein verſtegelt Buch, das ſeine wenigen Gefährten niemals geleſen hatten; keiner wußte, ob die Seiten deſſelben mit ſchönen oder häßlichen Schriftzügen beſchrieben, oder ob ſie ſo inhaltsleer ſeien, wie das artige unveränder⸗ liche Angeſicht, das gleichſam das Titelblatt davon bildete. Während einer Reiſe, die er bald nach erreichter Volljährigkeit nach Spanien gemacht hatte, hatte er ein b ſ 5 den Prieſter des nahen Dorfes Stonehouſeleigh unter⸗ ſtützte. Seine Gemuͤthsart mochte arſprünglich in der⸗ ſelben Form geprägt ſein, wie die ſeines Neffen; in der That war ſein Benehmen noch rauher und abgebroche⸗ ner; aber in dieſem Fall war der Fels zerſchlagen, die rauhe Rinde geſchmeidig, das Eis geſchmolzen worden durch das Licht, das niemals vergeblich in das menſch⸗ liche Herz ſcheint, durch das Feuer, wogegen kein Dia⸗ mant zu probefeſt iſt und keine natürliche Gewalt Stand hält. Daß er ein Herz habe, konnte Niemand bezwei⸗ feln, der Zeuge von ſeiner Sorgfalt, ſeiner faſt väter⸗ lichen Güte gegen die blaſſe Dulderin war, die ſelten mit jemand Anderem als ihm verkehrte und keinen andern Tröſter oder Freund hatte. Ihr Zimmer war das wenigſt düſtere im Hauſe, doch zu gleicher Zeit bot es einen Anblick der ernſteſten Art dar. Einige werthvolle ſpaniſche Gemälde hingen an ſeinen Wänden; ein großes Crucifix von geſchnitztem Elfenbein ſtand ihrer Lagerſtätte gegenüber, und einige Andachtsbucher mit ſchweren Silberklammern und reichen Einbänden lagen allezeit innerhalb des Bereiches ihrer Hände. Ein Nelkenbeet ſandte ſeinen lieblich ernſten Duft in dies Zimmer, wo ſie während der kurzen Stun⸗ den des Winterſonnenſcheins oder an den langen Som⸗ mernachmittagen, eingehüllt in indiſche Umſchlagetücher und von Kiſſen unterſtützt, am Fenſter zu ſitzen pflegte, ihre Blicke mit einem ernſten und ſeltſamen Ausdruck auf die einförmige Landſchaft, oder auf den blaſſen Himmel des Nordens geheftet. Die Kränklichkeit, durch die ſie frühzeitig gealtert hatte, hatte zugleich auch dem Ausdruck ihrer Rede Eintrag gethan und ihr Gedächtniß geſchwächt, woher es auch kam, daß ſie nicht geläufig Engliſch ſprechen gelernt hatte. Dieſer Umſtand und die immerwährenden Leiden, die ſie erduldete, hatten ſie mehr und mehr von ihren Kindern entfernt. Sie ſchickte dann und wann nach ihnen und drückte ſie ſchweigend an ihr Herz, oder ſie wie das Nichts und die Tiefe.“ Die glatte Oberfläche dieſer eintönigen Lebensweiſe hätte ebenſowohl einen Vulkan bedecken, als einen Abgrund verbergen können. Ddie Kinder dieſer Ehe waren einander auffallend unähnlich. Geboren unter demſelbem Dach und unter denſelben Einflüſſen emporwachfend, zeigten ſie frühe die überraſchendſte Ungleichheit der Denkweiſe und des Be⸗ nehmens. Edgar war ein ſchöner und ſanfter Knabe, deſſen heitere Fröhlichkeit keine ernſten Angeſichter nie⸗ derdrücken und keine trübe Form des Lebens beeinträch⸗ tigen konnten. Gelehrig und lenkſam, nahm er bereit⸗ willig jeden Eindruck auf, und eignete ſich alle die An⸗ ſichten an, die ſein Vater ausſprach. Wenn Lord Lifford für irgend etwas in der Welt Theilnahme fühlte, ſo war es für ſeinen Sohn. Er ſprach mit ihm von ſei⸗ nen Voreltern, von ſeinen Beſitzungen, von den manch⸗ faltigen Ehren, die ſeiner Familie in früheren Zeiten waren angethan worden, von den Verbindungen, die ſie eingegangen hatte, den geſchichtlichen Urkunden, worin ihr Name verbrieft war, von dem Range, den ſie in den Augen aller derer einnahm, die den ächten Adel einer alten Abkunft höher ſchätzten, als die armſelige Auszeichnung durch einen neugeſchaffenen Titel; und des Kindes große blaue Augen dehnten ſich weit aus vo⸗. Staunen und Bewunderung über die Größe aller der Lifford's, die gelebt hatten, die jetzt lebten, und die nach⸗ mals leben ſollten. Er fühlte eine unſchuldige Ueber⸗ raſchung dabei, daß er ſelbſt zu dieſem hochbegünſtigten Geſchlechte gehöre, und ein aufrichtiges Mitleid für alle die, deren Vorfahren keine Kreuzfahrer geweſen, deren Wappenſchilder mangelhaft, deren Stammbaum unvoll⸗ ſtändig war. Aufrichtigkeit und Güte lag in dieſes Kindes Natur! und wenn in ſeines Vaters Unterricht irgend etwas damit Verwandtes gelegen wäre— ein Zug von Gefühl oder ein Funke von Begeiſterung— ſo hätte ein ſolcher einen edlen Ehrgeiz anfachen und, wenn auch in manchem Betracht phantaſtiſch, dennoch Worte zu verſtehen, ein Vergnügen daran zu finden ſchien, mit Geringſchätzung von allen Rangesunterſchieden, von allem Ahnenſtolz, von dem ganzen Gedankenkreis zu ſprechen, wovon die lenkſame Seele ihres Bruders ſo leicht erfüllt worden war? Beinahe noch ehe ſie ganz deutlich ſprechen konnte, hatte ſie— wie zum Trotz den alten Familiengemälden, die mit Stirnrunzeln auf ſte herabzublicken ſchienen, im Haus herum den alten Reim geſungen, der ihre Einbildungskraft wunderſam ergriffen hatte: „Als Adam grub und Eva ſpann, 1„Wo war denn da der Edelmann?“ Als ſie älter wurde, machte ſie ſich luſtig über die Wappenkunde, lachte unehrerbietig über Waffenröcke, richtete an den Pater Lifford unbequeme Fragen in Be⸗ treff des wahren Werthes, den ſolche Unterſcheidungen aus dem religiöſen Geſichtspunkt haben könnten, drückte ihre Neugierde aus, ob wohl die Apoſtel hätten ſechszehn Ahnen aufweiſen können; und, wenn ſie Geſchichte las, ſo war es immer das Intereſſe des Volkes, die Sache der Freiheit,— ob nun mit richtiger Auffaſſung des Wortes, ever in dem verkehrten Sinne, in welchem es nur zu oft mißbraucht worden iſt— was ihr Mitgefühl erweckte und ihre Begeiſterung entflammte. Mißgeſchicke der Könige, heldenmuthige Aufopferung der Lehenstreue, der Zauber großer Namen hatten nicht dieſelbe Gewalt über ihr Herz, und ihr Bruder wiederholte oft, nicht aus Tücke, ſondern in aufrichtiger Entrüſtung, ſeinem Vater und deſſen Oheim, was ihm ihre Frevel in dieſen Be⸗ ziehungen zu ſein ſchienen; und die kalte Verachtung des Erſteren, die gebieteriſche Weiſe, womit der Letztere ſie verdammte, ohne eine Erläuterung zu geben oder eine Einrede zuzulaſſen, dienten nur dazu, Eindrücke zu ver⸗ ſtärken, die eine mehr ſich anbequemende Behandlung hätte verwiſchen können. Genothigt alſo, zu Hauſe ſich bei ſolchen Gegen⸗ ſtänden ſchweigſam zu verhalten, gab Gertrude oft ihren Gefühlen Raum, wenn ſie ſich in Geſellſchaft des ein⸗ zigen Geſpielen befand, den der Zufall in ihre Umge⸗ bung gebracht hatte. In früher Jugend bedrohte eine ſchwere Krankheit ihr Leben, und während ihrer Wieder⸗ erholung hatte der Arzt darauf gedrungen, daß ſie mehr in Geſellſchaft mit anderen Kindern gebracht würde, als auf das einzige Mittel, die allzufrühe Entwickelung ihres Geiſtes zurückzuhalten, und ſie von dem nnabläſſigen Leſen abzulenken, das ihre geiſtige und körperliche Kraft reißend erſchöpfte. Der Pater Lifford, dem die Frage vorgelegt wurde, äußerte die Anſicht, daß Marie Grey, ein kleines Mädchen von einem oder zwei Jahren mehr als Gertrude, die Tochter einer Wittwe, die in dem nahen Dorfe Stonehouſeleigh lebte, und mit der er vor mehreren Jahren bekannt geworden war, die paſſendſte Aushülfe für einen ſolchen Fall darbieten möchte. Er hatte bemerkt, wie ſorgſam ſie ihr Kind erzog, und ebenſo dasjenige, das ihr zweiter Mann ihrer Liebe vermacht hatte, als er nach einer Ehe von wenigen Monaten ſtarb, und ſie ärmer als zuvor, und mit der Obliegenheit, zwei Kinder ſtatt eines zu erhalten, hinterließ. In der That waren diejenigen, welche Frau Grey am beſten kannten, der Anſicht, daß ſie nicht aus Un⸗ wiſſenheit oder Sorgloſigkeit ſich entſchloſſen hatte, Moriz Redmond zu heirathen, einen armen Künſtler, deſſen Angeſicht das Gepräge der Auszehrung trug, deſſen Herz über den Verluſt eines ſchönen jungen Weibes, einer italieniſchen Sängerin, beinahe gebrochen war, und deſſen letzte Tage von der ängſtlichen Beſorgniß um ſeinen kleinen Sohn verbittert wurden, ſondern daß es mehr Mitleid, das mit der Liebe verwandt iſt, als irgend eine romantiſchere Triebfeder geweſen war, was ihr Herz ge⸗ rührt und ihr Gefühl in Anſpruch genommen hatte; daß ſie wohl wußte, wie wenige glückliche Tage ihrer warteten,— wenn überhaupt neben einem ſolchen Wiſſen ein Gedanke an Glück möglich iſt— aber daß ſie ſich 11 au bewußt war, auf dieſe Weiſe ſich das Recht zu erwerben, die wenigen Tage eines hinſchmachtenden Lebens zu verſüßen, und ein Lächeln auf den bleichen Lippen des Sterbenden zu erblicken, wenn er ſeinen kleinen Knaben ſie Mutter nennen hörte. Jedermann ſagte, daß es Frau Grey gleich ſah, eine ſolche Che einzugehen, und es war richtig. Es ſah ihr vollkommen gleich, ob nun diejenigen, die es ſagten, dabei die Achſeln zuckten, oder eine Thräne im Auge hatten. Sie brachte viele Opfer und arbeitete angeſtrengt auf verſchiedene Weiſe, um mit ihrer kleinen Einnahme auszureichen. Moriz nannte ſie immer ſeine Mutter, und ſo lange ſie Kinder waren, war es bei⸗ nahe unmöglich, ihm und Marie begreiflich zu machen, daß ſie nicht Bruder und Schweſter ſeien. Das große Dorf oder die kleine Stadt Stonehouſeleigh, wo ſie lebten, war etwa eine und eine halbe Meile vom Schloß Lif⸗ ford entfernt. Es beſtand aus einer langen Straße, an deren einer Seite daſſelbe Waſſer floß, das den Garten jenes Schloſſes beſpülte, und ſich jetzt zu einem Fluſſe erweitert hatte; an der andern Seite ſtiegen einige Hügel empor, nach deren luftigen Höhen und ſonnigen Plätzchen eine reiche Fülle von Ginſter und Haide⸗ Kraut, ſüß duftendem Thymian und glänzenden Brom⸗ beeren die Schritte kleiner Wanderer aus dem Städtchen hinanzogen.. Das Häuschen der Frau Redmond ſtand vor dem Dorfe draußen an der Landſtraße. Jeder Zoll des kleinen Gartens, der es von der Straße trennte, war mit Blumen bepflanzt, Flieder und Bohnenbaum, Gaisblatt und Schneeball, Georgine und Herbſtroſe folgten einander in endloſer Manchfaltigkeit. Winde und Jelängerjelieber kämpften miteinander, Aſter und Nelken drängten fich. Die Blumen verengten die Pfade des Gärtchens und klommen an den Fenſtern hinan. Auch Roſen in aller ihrer reichen und unend⸗ lichen Manchfaltigkeit, doch nicht die hektiſch bleiche * 1. 12 Theeroſe, oder der Triumph der Gartenbaukunſt und der Entartung der Natur, die ſchwarze Roſe, ſpendeten den Lüften ihren Wohlgeruch und verherrlichten mit ihren glänzenden Farben den Anblick des kleinen Gartens. Frau Redmond hatte zur Zeit ihrer erſten Ehe in der Normandie gelebt, und von dort eine große An⸗ zahl von Roſen⸗Ablegern und eine große Hochachtung für ſtärkende Brühen, jene einfachen Heilmittel des franzöſiſchen Landvolkes, mitgebracht. Unter ihren armen Nachbarn gab es nur wenige, die ſich nicht ſchon mit der Bitte um Hülfsmittel gegen ihre mancher⸗ lei Unpäßlichkeiten an ſie gewendet hatten; und wenn ihre Geſchicklichkeit nicht immer von glänzendem Erfolg begleitet war, ſo war doch ihre zarte Menſchenliebe und ihr Mitgefühl nur ſelten wirkungslos. Gertrude Lifford's Bekanntſchaft mit Marie Grey reifte bald, nachdem ſie begonnen hatte, zu inniger Freundſchaft. Einige Wochen lang ſpielten ſie jeden Tag zuſammen im Schloßgarten; und als ſie ganz hergeſtellt war, ging ſie oft zu dem kleinen Hauſe, und uberredete ihr Dienſt⸗ mädchen, ſie daſelbſt zu laſſen, während ſie ihre eigenen Freundinnen im Dorfe beſuchte. Moriz Redmond ſah ebenſo wie Marie Grey, dieſen Beſuchen mit dem Ver⸗ gnügen entgegen, das Kindern die Erſcheinung ſolcher Geſpielen bereitet, deren Geſellſchaft eine unerwartete Freude, ein unvorhergeſehenes Ereigniß iſt. Manchmal kam auch Edgar mit ſeiner Schweſter, und ſie trafen zuſammen bei ihren Spaziergängen auf den Hügeln und in den grünen Gängen des Jagdgeheges. Einige Kinder aus dem Dorfe wurden gelegentlich aufgefordert, ſich an ihre Spiele anzuſchließen, die zugleich eine muntere Bewegung und eine lebhafte Beſchäftigung der Einbildungskraft mit ſich brachten. Gertrude war der Mittelpunkt, die Heldin und Beherrſcherin dieſer kind⸗ lichen Unterhaltungen. Ihre Schönheit, ihr Verſtand und ihr Eigenſinn, nahmen eine Art von Huldigung in 13 Anſpruch, welche die Kinder insgeſammt ihr inſtinkt⸗ mäßig entrichteten. Der feurige Moriz, die ſanfte Marie, die ſchüchternen Töchter des Pächters im Dorfe, und die derben Jungen des Wildhüters im Waldhäuschen er⸗ kannten ihre Oberhoheit an und fügten ſich allen ihren Launen. Wenn ſich ein Streit erhob über die Ent⸗ fernung zwiſchen dem Weißdornſtrauch und dem Akazien⸗ Baum, welche den Auslaufepunkt und das Ziel einer Rennbahn vorſtellen mußten, ſo war es ihr Ausſpruch was die Frage in's Reine brachte. Stellten ſie im Spiel eine Hofhaltung dar, ſo war ſie jedesmal die Königin, und für ihre kindliche Majeſtät wurden Throne von Moos errichtet und Kronen von Feldblumen ge⸗ flochten. Sie nannten ſie Lady⸗Bird*), ein Name, den ihr Moriz eines Tages gegeben hatte, als er nach einem Streit ſie zu beſänftigen ſuchte. Sie hatte irgend eine raſche Unternehmung gebieteriſch vorgeſchlagen, und Marie hatte Einſprache dagegen gethan. Gereizt durch ihren Widerſpruch hatte die ungeduldige kleine Schön⸗ heit auf ein ſehr ernſthaft ausſehendes Inſekt auf einem Epheublatt mit dem Ausrufe hingedeutet:„Du biſt gerade wie dieſe langweilige Motte, Marie!“ In dieſem Augenblick hatte ſich ein prächtiger Schmetterling mit goldnen und purpurnen Flügeln in den Schooß einer rothen Roſe eingetaucht, und Marie verſetzte:„Und du biſt wie die⸗ ſer flatterhafte Schmetterling!“ aber Moriz rief laut: „Nein, Marie iſt eine Hummel, und du biſt eine ſtechende Weſpe.“ Hierauf brach die beleidigte Schönheit in Thränen aus, und um Frieden mit ihr zu ſchließen, nannte er ſie„Lady⸗Bird.“ Es lag etwas eigenthümlich Angemeſſenes in dieſer Benennung. „Sie war unter ihnen allen die einzige kleine Dame im wahren Sinn des Wortes. In ihren Blicken und *) D. i. Herrgottskäferchen, Marien⸗Kühchen, Lieb⸗ frauenkäferchen ꝛc. 14 ihrem Benehmen lag eine Miſchung von Zurückhaltung und Lebhaftigkeit, von Ungeſtüm und Schüchternheit, die eben dazu ganz beſonders paßte. Sie blickte ſo ſtolz und anſtandsvoll, wenn ein Fremder ſich an ſie wandte; ſie war ſo leidenſchaftlich und leicht aufgeregt, ſo reizend in ihrem Unmuth und beredt in ihrem Ver⸗ druß, wild in ihrer Luſtigkeit und raſtlos in ihren Be⸗ wegungen. Alle Kinder in der Nachbarſchaft kannten ſie bald unter dieſem Namen, auch wenn ſie nicht, wie Marie und Moriz, ihre Geſellſchafter und Geſpielen waren. Von den Thüren der Hütten aus, pflegten die kleinen Schelme, wenn ſie vorüberging, ihr nachzurufen: „da geht Lady⸗Bird!“ Mit der Zeit wurde der Ver⸗ kehr zwiſchen Gertrude Lifford und den Kindern der Frau Redmond ein regelmäßiger; er wurde es mehr, als irgend Jemand gewahr wurde, ausgenommen das Mädchen, das ſie auf ihren Gängen begleitete. Ihr Vater wußte nichts davon und ihr Großonkel hatte keine Ahnung von der Ausdehnuug dieſes Umganges, oder daß Moriz ebenſo oft ihr Spielgefährte war, als Marie. Dieſer war einer von den Knaben, welche frühzeitig die Gaben erkennen laſſen, womit die Natur ſie ausge⸗ rüſtet hat, deren Genius dem gewöhnlichſten Beobachter in die Augen fällt, denen Alles leicht und Nichts uner⸗ reichbar ſcheint. Bei wenigen Erziehungs⸗Mitteln hatte er ſich doch viele Kenntniſſe zu verſchaffen gewußt. Er hatte alle Bücher geleſen, die er zu erlangen vermochte, und in einem Alter von dreizehn Jahren ſich ſchon mit den meiſten guten engliſchen Schriftſtellern, beſonders mit den Dichtern, bekannt gemacht, etwas Latein und Franzöſiſch gelernt und in der Muſik, der Kunſt ſeines Vaters und ſeiner Mutter, ſolche Fortſchritte gemacht, daß Manche, die ihn die Orgel oder das Clavier ſpielen hörten, alle Auszeichnungen, Leiden und Freuden eines Künſtler⸗ Lebens für ihn vorherſagten. Man erwies ihm in der Nachbarſchaft viele Freundlichkeit, man borgte ihm 15 Bücher, man verſchaffte ihm Gelegenheit, gute Muſik zu hören; ein Organiſt in einer benachbarten Stadt er⸗ theilte ihm unentgeltlichen Unterricht. Aber von dem Augenblick an, da er mit dem klei⸗ nen Mädchen vom Schloſſe Lifford bekannt wurde, be⸗ kam ſeine Einbildungskraft ein neues Leben. Sie ging mit Freuden auf alle Arten kindlicher Unterhaltung ein, die ſein lebhafter Geiſt vorſchlagen mochte. Er unter⸗ hielt ſie, ihren kleinen Bruder und Marie mit Ge⸗ ſchichten von Königen und Prinzeſſinnen, von Feen und Zauberern, die er geleſen hatte oder erfand; mit Verſen, die, wenn auch rauh und fehlerhaft, doch nicht ohne eine Ader dichteriſcher Begabung waren. Er lehrte ſie alte Balladen ſingen, Gedichte herſagen und hiſtoriſche Scenen aufführen. All' dieß ſtimmte ganz genau zu Gertrudens lebhafter Einbildungskraft. Sie liebte es, Königin Margaretha zu ſpielen, wie ſie mit dem Räu⸗ ber im Walde zuſammentrifft, Emma Robſart, wie ſie durch die Fallthüre im Schloſſe verſchwindet, Scenen aus„dem Sommernachts⸗Traum,“ oder Auftritte aus dem Leben Robin Hoods aufzuführen. Aber die groß⸗ artigſte und die beliebteſte Darſtellung der kleinen Ge⸗ ſellſchaft, die man auf lange Sommer⸗Abende und auf eiertage aufſparte, an denen keine Unterbrechung zu befürchten war, war Campbell's Ballade„O'Connors Kind,“ welche Moriz dem Bedürfniß gemäß dramati⸗ ſirt hatte. Mit einem Büſchel Kleebläiter auf ſeiner Mütze und einem hölzernen Schwert in ſeinem Gürtel, kniete er auf dem Raſen, um von Edgar ſich die Hand ſeiner Schweſter zu erbitten, und der kleine Junge war ge⸗ lehrt worden, als Antwort hervorzuſtammeln: „Geh', ſuch ein niedrer Weib dir aus Als von O'Connor's ſtolzem Haus; Von unſrem Namen, Stamm und Rang, Ertönet Tara's Leier lang; 16 Eath's Heldenſchwert iſt ihr bekannt Und Cathal mit der blut'gen Hand. Ruhm, ſag' ich, Macht und Ehre thront Im Hauſe, wo O'Connor wohnt; Du aber trägſt in Feld und Hall' Auf deinem Schild ein ſchlechtes Mal.“ . In dem, was man den zweiten Akt nannte, trat Gertrude auf, einen Schleier um den Kopf gebunden, einen Mantel loſe um die Schultern geworfen, und ſtützte ihren Kopf auf ihre Hand, ihren Ellenbogen auf einen Zaunpfahl, während Moriz die Verſe ſang, in welchen Connocht Moran ſeine Geliebte beſtürmt, mit ihm zu fliehen: „Komm mit mir von O'Connor's Schloß, Komm mit mir in des Waldes Schooß! Ich jage dort am Schwanen⸗See Für dich den Dambock und das Reh, Bau' deine Hütt' und bring dir heim Geflügel, Wild und Honigſeim.“ Im dritten Akte dieſes Kinder⸗Dramas ſlohen ſie miteinander durch die grünen Gänge des Jagd⸗Parkes, und während Gertruden’s Füße im Rennen kaum das Gras berührten, wiederholte ſie die Worte; „Sei Finſterniß auch noch ſo dicht, Aus Moran's Augen ſtrahlt mein Licht.“⸗ Dann machten ſie Halt im. Haſelgeſträuch, und bauten ſich ein Hüttchen aus den Zweigen, er zog nach Wildbret aus, mit Schwert und Speer, und ſie„Bereitet ihm das Abendbrod Und ſingt hinweg ihm Sorg und Noth.“ 4 „Süß iſt für uns die Siedelei Im unbetretnen Waldrevier; Wie Vögel froh, vom Käſig frei, Was Niemand ſchätzt, das lieben wir.“ v* 8* — ͤſ 17 Dann kam der vierte Akt mit der Sterbe⸗Scene. Wie rührend fanden ſie ihn alle! In einem alten hohlen Baume ſaßen ſie, Gertrude mit dem Finger an den Lippen, ihre glänzenden Augen ängſtlich um ſich her blickend. Dann hielt ſie den Mund dicht an Morizen's Ohr und flüſterte: „Der Jagdhund bellt auf unſrer Spur,“ und er antwortet in demſelben Tone: „Des Adlers Krächzen iſt es nur!“ Dann gab man ſich große Mühe, einen alten Hund anzu⸗ reizen der zum Dienſte gepreßt worden war, um den „kauernden Hund“ zu ſpielen, welcher auffährt und horcht, — aber dieß ſchlug gemeiniglich fehl und Edgar und Marie, die mit Hüten auf den Köpfen und Stöcken in den Händen die mordgierigen Brüder machten, ſtürzten auf Moriz los, der immer zu lang fortfocht und ſich nicht umbringen laſſen wollte, obgleich ihm Marie bemerklich machte, daß dieß unvernünftig ſei, da es ja zum Stücke f Doch erſt der letzte Akt war Gertrudens Entzücken. Sie trug die feurigen Verſe wundervoll vor, womit O'Connors Tochter im Wahnſinn der Leidenſchaft und Zerzweiflung ihren Brüdern„die Fahne von O'Connors Nacht“ hinhält, und einen Fluch ausſpricht, der am Tage der Schlacht in ſchreckliche Erfüllung zu gehen eſtimmt iſt und ihren ganzen Stamm dem Untergange weiht. Ihre Augen flammten, ihre Wangen gluͤhten, ihre kleine Geſtalt zitterte, wenn ſie ausrief: „Hinweg, hinweg, nach Athunree! Hebt eures Stolzes Banner hoch, och wißt, wo immer ihr's entrollt, Ruht ſchwer auf euch des Mordes Sold. Lady⸗Bird. I. 2 18 Von eurer Mannen Blut ein See Soll fluthen bis zur Bergeshöh', Kein Mann mehr eure Stätte kennen, Auf eurem Herd die Neſſel brennen, Todt, gleich der grünen trägen Fluth, Drin euer wüſt Gemäuer ruht, Sei auch der Ruhm von eurem Blut. Hinweg, hinweg, nach Athunree!“ Manche berühmte Schauſpielerin hätte Beifall ein⸗ ernten können, mit dem Blick und Ton wilder Begeiſt⸗ rung, womit ſie ſchwur: „Wenn ohne Schaden beim Gericht, Die Schuld ergreift den Feuerbrand, Soll unter Schweſter⸗Fluchs Gewicht Den Sieg erringen eure Hand!“ Von dieſer Art waren die Unterhaltungen dieſer Kinder zwei Jahre lang, und für Gertrude waren dieß die glücklichſten Jahre, die ſie noch gekannt hatte. Dann wurde Edgar zur Schule gebracht und bald darauf kam auch Moriz in eine Schule in London, und kam nur ſelten nach Stonehouſeleigh. Alles änderte ſich; Ger⸗ trude und Marie waren immer noch Freundinnen, aber es war kein Reiz mehr wie früher in ihrem Umgang; die letztere nahm jetzt das Leben in ſehr ernſtem Sinn, fand bei ſich zu Hauſe ſehr viel zu thun und hatte manche Sorgen, Gedanken und Beſchäftigungen, wovon Lady⸗Bird nichts verſtand und wofur ſie nichts empfand. Und ob ſie gleich einander liebten, ſo herrſchte doch keine große Innigkeit zwiſchen ihnen, doch immer ſo viel, daß ſie jeden Augenblick ſtärker werden konnte, wie es der Fall war, als ein Gegenſtand ihres gemein⸗ ſchaftlichen Intereſſes hervortrat. Es war ein ſonderbares Band, das ſie verknüpfte Mancher könnte es unnatürlich finden, aber der Men⸗ ſchen Sinn iſt verſchieden, und junge Mädchen insbe⸗ w⸗ n⸗ de⸗ 19 ſondere haben ſeltſame Gründe zum Mitgefühl. Gewiß iſt es, daß die Umſtände, die im nächſten Capitel wer⸗ den dargeſtellt werden, dazu dienten, ſie einander näher zu bringen, und ihrem Umgange eine Vertraulichkeit wiederzugeben, den er die letzten Jahre her ſtufenweiſe verloren hatte. Vielleicht entſprang ſie aus der Fülle des einen Herzens und der Leere des andern, aus dem Bedürfniß einer Ergießung auf der einen, aus dem der Ausfüllung einer Lücke auf der andern Seite. Dieß wird man im Vorrücken unſerer Erzählung beſſer verſtehen. Zweites Kapitel. Ein heitrer Frohſinn wehrt die Folgen ab, Nur nicht bie ruheloſe, dumpfe Schwermuth, Die Schweſter troſtlos ſcheußlicher Verzweiflung; An ihren Ferſen hängt ein ungeheurer Giftſchwangrer Schwarm von ſchreckenblaſſen Seuchen Und Feindinnen des Lebens.— Shakespeare. Auf dem gefällten Stamme einer alten Buche ſaßen gegen Ende des Maimonds, ungefähr ſechs Jahre nachdem Moriz von Stonehouſeleigh nach London ge⸗ Augen ſtellte. Der erſte Anflug des Frühlings färbte mit zartem Grün Weißdorn, Epheu und Hagenbutt⸗ Strauch, die mit unzähligen natürlichen Laubgängen und maleriſchen Verſchlingungen ein Labyrinth bildeten, aus welchem trotzige Eichen mit wilder Majeſtät em⸗ porſtiegen, während ihre knorrigen, gekrümmten Aeſte „noch die ganze Nacktheit des Winters zeigten, außer wo hie und da das junge Moos und die Miſtel ſich 20 um ihre rauhen Arme ſchlangen und ihre Blätterloſig⸗ keit verhüllten. Maßliebchen, Kuhblumen und Schlüſſel⸗ blümchen, die blaue Glocke und die zarte Anemone waren im Ueberfluß umhergeſtreut, hier in reichen Büſcheln, dort in glänzenden Teppichen, überall in anmuthig ſchö⸗ ner Unordnung. Es war genau der Augenblick, wenn der Lenz einen ebenſo großen Farbenreichthum zeigt, als der Herbſt, wenn er beim Willkommſagen ebenſo pracht⸗ voll iſt, als der letztere beim Abſchiednehmen. Ebenſo kurz dauernd als ſchöͤn iſt dieſe Stunde der Verſprechun⸗ gen der Natur nicht ſobald angekommen, als ſie auch ſchon wieder verſchwindet und in die Eintönigkeit des Sommers verfinkt. Oft hatten die beiden Mädchen ſich in ihrer Kind⸗ heit an der Stelle zum Spiele zuſammengefunden, wo ſie jetzt zu einer Unterredung eintrafen. Ihre Hüte lagen auf dem Graſe und dienten als Behältniſſe für die Blu⸗ men, die ſie handvollweiſe pflückten, ohne ſich von der Stelle zu rühren. „Alſo Sie erwarten Moriz heute!“ rief Gertrude nach einem augenblicklichen Stillſtand des Geſpräches. Die Antwort beſtand in einem Lächeln und einem ſchwa⸗ chen Erröthen des Vergnügens, nicht der Verlegenheit. „Wie mir dieſe Stelle die alten Zeiten vor die Seele führt“(in dieſem Alter bildet das Entſchwinden weniger Jahre ſchon ein entferntes Alterthum),„die Zeiten unſerer Spiele und unſerer Deklamationen unter eben dieſem Baume, auf dem wir jetzt ſitzen. Hat ſich Moriz ſehr geändert, ſeit er zum letztenmal wegging? Sollte ich ihn wohl wieder erkennen?“ „Er iſt um Vieles größer geworden, aber ſeine Züge haben ſich nicht geändert, wenigſtens dünkt es mich ſo; doch freilich, da ich ihn jedes Jahr geſehen habe, wenn ich des Winters meine Tante beſuchte, ſo kann ich viel⸗ leicht kaum daruͤber urtheilen. Seine großen dunkeln Augen und ſeine blaſſe Farbe ſind noch genau, wie ſie immer waren.“ 21 „Und iſt er noch immer ein ſchwärmeriſcher Freund der Poeſte? Hat die Muſik ſte nicht bei ihm in den Hintergrund gedrückt?“ „O nein! er denkt gleich Shakespeare, daß Muſik und ſüße Poeſie* Zuſammenſtimmen, wie nur je Die Schweſter und der Bruder;“ je mehr er die eine ſtudirt, deſto mehr entzückt ihn die andere. Als ich in London war, brachte er mir faſt jeden Abend etwas von dieſer Gattung zum Leſen. Es war lieblich, dort von Feldern, Wäldern und Bächen zu ver⸗ nehmen. Nur hätte es mir die Sehnſucht eingeflößt, wieder nach Hauſe zu kommen, wenn er auch zugleich mitgekonnt hätte.“ „Dann wiſſen Sie alſo, was es heißf. eines Ortes ſo muͤde zu ſein, daß man ſogar ſeinen Anblick haßt?“ „Nein, das doch auch nicht ganz. Ich haßte London nicht, nur gefällt mir das Land viel beſſer.“ „Und ich würde geben, was man nur verlangte, um nach London zu kommen. Es iſt zu armſelig, in der That, es nie geſehen zu haben.“ „Sie können ſich kaum vorſtellen, wie ganz anders dort Alles iſt, als in Stonehouſeleigh, oder ſelbſt in Lancaſter, Cheſter oder jeder andern Stadt in unſerer Nachbarſchaft.“ „Je weniger es dieſem Theile der Welt gleich ſieht, deſto beſſer würde es mir gefallen. Der dickſte Londoner Nebel, wovon man ſo viel ſpricht, würde mir lieblicher erſcheinen, als der ſchönſte Tag in Schloß Lifford.“ „Es macht mich traurig, Sie auf dieſe Weiſe von Ihrer Heimath ſprechen zu hören.“ „Meine Heimath!“(Ol„Welche Welt voll tiefen Grams ſtieg auf in den ſchattigen Tiefen dieſer tief⸗ dunkeln Augen,“ als ſie das Wort im ernſteſten Tone wiederholte.)„Sie, die Sie Veränderung in Ihrem Leben gehabt haben, Marie, und zwar, bevor Sie nur ſich darum bekümmerten oder es wünſchten, können die 22 peinliche Sehuſucht, die ich darnach empfinde, kaum be⸗ greifen. Es iſt für mich zur wahren Leidenſchaft ge⸗ worden. Die Welt muß etwas ſo Schönes, ſo Bele⸗ bendes ſein!“ „Meinen Sie die Welt, die Gott geſchaffen hat, oder diejenige, die der Menſch erſchafft, nach Cowper's Unterſcheidung?“ „Ich meine die Welt, wie Gott ſie geſchaffen, wie der Menſch ſie geſchmückt hat, wie geiſtvolle Bücher ſie beſchreiben, und wie die Einbildungskraſt ſte ſich aus⸗ malt. Ich meine London, nicht wie Sie es ſahen, Marie, von einem kleinen Hauſe und in einer abgelegenen Straße und in ſeinem Werktags⸗ ⸗Kleid für Arbeit und Geſchäft, ſondern London mit ſeinem Luxus, ſeinem Reichthum, ſeinem Hof, ſeinem Parlament, und mit dem, was Karl Lamb— ein größerer Dichter vielleicht, als Ihr Lieb⸗ ling Cowper— ſeine Poeſie nennt. Und ich meine Paris mit all' ſeinem Glanz; Italien mit ſeinem ſtrah⸗ lenden Himmel, ſeinen Gemälden, ſeiner Muſik, ſeinen Ruinen, ſeinen Kirchen. Ich meine die Alpen mi ihrem ewigen Schnee. Ich meine das Meer mit ſeinen ruheloſen Wogen. Ich meine Politik, Literatur, Thea⸗ ter und Geſellſchaft und Alles, was Wechſel, Leben, Geiſt und Bewegung aufzuweiſen hat. Dieß iſt's, wor⸗ nach ich in Büchern ſuche, wornach ich verlange, wor⸗ nach ich mich abquäle; und was ich nimmermehr ge⸗ nießen werde.“ „Sie ſehen wie ein Kind aus, Lady⸗Bird, aber Sie reden nicht wie ein Kind; nein, gar nicht ſo wie das junge Mädchen, das Sie waren. Wie kommen Sie zur Kunde von allen dieſen Dingen, wie zu Ihren Wün⸗ ſchen darnach? Ich habe mehr von der Welt geſehen als Sie, aber die Dinge darin haben meine Gedanken kaum berührt. 4 3„Bücher, Marie, Bücher erzählen mir gar Vieles und geben mir ſeltſame äel⸗ voll Schmerz und Ver⸗ gnügen. Sie wiſen nnd wie viel ich leſe— manch⸗ 23 mal ganze Stunden hinter einander; und wenn ich nicht leſe, träume ich. Kennen Sie das Vergnügen, das hierin liegt?“ 1. „O ja! es behagt mir manchmal ganz wohl; doch dari ſehr geſund ſchlafe, ſo kommt es bei mir nur ſettengpr. — Gertrude lächelte und ſagte: 1„» „Ich meine nicht Träume im Schlafen, ſolldern im Wachen; man ſitzt mit gefalteten Händen, die en geheftet auf einen Gegenſtand, der ergötzt, ohns das Gemuth ganz in Anſpruch zu nehmen, und läßt ſich nun gleichſam auf gut Glück den Strom der empfangenen Eindrücke hinuntertragen; Ihre iken tragen Sie bald da, bald dort an's Land; regihigglos, als ob nichts in Ihrer Seele ſich bewegte weben Sie unterdeſſen den phantaſtiſchen Landſchaften zerſchmelzt, die der Froſt den Lächeln: „Ja, aber wenn meine Gedanken ſich auf die Reiſe machen, ſo bemühe ich mich, ſie einzufangen und zurück⸗ zubringen.“ „Vermuthlich ſtreifen ſie immer in derſelben Rich⸗ tung, und ſo wiſſen Sie dann jeder Zeit, wo ſie zu finden ſind.“ Marie wandte den Kopf ab und Gertrude fuhr fort: zDas letzte Buch, das ich geleſen habe, iſt„Corinna. Ich fand es in der Bibliothek unter einem Haufen Druckſchriften verſteckt, und habe die letzten drei Tage darin gelebt. Es verdoppelte meinen Wunſch, zu ſehen, zu hören, kurz zu leben, denn ein Leben ohne Intereſſe und Anregung iſt kein Leben, das iſt mir ge⸗ wiß. Sie leſen ja franzöſiſch, Marie; ol laſſen Sie mich ‚Corinna⸗ Ihnen borgen; ſie wird Ihnen das, was 24 ich meine, um Vieles beſſer deutlich machen, als ich es ausdrücken kann.“ 6„Ich möchte ſie lieber nicht leſen, liebe Lady⸗Bird; mag für Sie ganz gut ſein, ſolche Bücher zu leſen: * wich würde es nicht paſſen.“ 6,Ich glaube, Sie leſen gar keine andern, als reli⸗ gidſg Bf er,“ rief Gertrude verächtlich aus. 8, wenn Moriz zu Hanſe iſt, ſo liest er alles Mögliche vor, während ich arbeite— Romane, Schau⸗ ſpiele, Gedichte; aber außerdem habe ich nicht viele Muße dafür. Und dann wird ja auch, wie Sie wohl wiſſen, unſere Siellung im Leben eine ſo verſchiedene ſein, daß das, was fuͤr Sie gut ſein mag, für mich nutzlos, oder ſchlimmer als nutzlos, ſein möchte.“ „Meine Stellung im Leben? Wie ſtellen Sie ſich die vor?— Als alte Jungfer im Schloß Lifford leben und ſterben? Oder vielleicht mich in ein Nonnenkloſter zurückziehen? Manchmal hatte ich eine ſolche Sehnſucht nach irgend etwas Neuem, daß ich beinahe ſchon an den letzteren Ausweg dachte. Ich wünſchte von ganzem Her⸗ zen, man hätte mich in eine Kloſterſchule geſchickt; ich wollte Tag und Nacht gearbeitet haben, um mich aus⸗ zuzeichnen und Preiſe zu gewinnen. Ein Reizmittel iſt etwas werth, und die Nacheiferung würde für mich ein mächtiges geweſen ſein. Klopft Ihr Herz nicht, erglüht Ihre Wange nicht, wenn Sie etwas recht Beredtes leſen? — eine der Stellen, die uns bis zur Mitte zwiſchen Himmel und Erde emporheben? Sie lächeln, Marie, und ich weiß, was Sie ſagen möchten. Nicht durch ſolche außerordentliche Erregungen ſteigen wir zum Himmel empor. Aber beſſer, auf irgend eine Weiſe aufſteigen, als an der Erde kriechen; geben Sie mir die Flügel eines Schmetterlings, wenn ich die eines Engels nicht haben kann. Sie verſenken ſich nie in etwas Anderes, als in Ihre Gebete; Sie brüten niemals über einem Buch oder denken träumeriſch über ein Gedicht nach; nur einmal habe ich Sie mit der Seele in den 25 Augen leſen ſehen; aber es war das Leben des heiligen Franz Paver, und das—“ „O darin war genug deſſen enthalten, was ein weniger kaltes und hartes Herz, als das meinige, unter dem Leſen in einen inneren Brand verſetzen konnte und ſelbſt das meinige, ſtumpf wie es iſt, konnte nicht an⸗ ders, es mußte ſich an dieſen Flammen erwärmen.“ „Ich dacht' es doch, daß ich einen Funken von ver⸗ ſtecktem Enthuſiasmus durch dieſe Anſpielung hervor⸗ locken müßte. Doch, ſagen Sie mir, legt nicht Moriz einen Werth auf die Gegenſtände, wovon ich ſprach?“ Eine leichte Wolke zog über Marien's Geſicht und ſie antwortete: „Ach, nur zu viel!“ „Warum zu viel, wenn nichts Unrechtes daran iſt?“ „Ich kann mich kaum deutlich ausſprechen, aber es ſcheint mir ſehr ſchwer, ſich ſo viel um jede Art von Schönem zu kümmern, und doch zugleich mit dem Lebens⸗ loos zufrieden zu bleiben, das uns beſchieden iſt.“ „Aber Moriz iſt Künſtler, oder glaubt es doch zu ſein, und ich habe geleſen und glaube auch es einzuſehen, daß ein Künſtler von dem Schönen jeder Art lebt, und daß Manchfaltigkeit und Erregung allein das Feuer lebendig erhalten kann, das ihn beſeelt, daß der Genius in einer Atmoſphäre dumpfer Eintönigkeit hinweg ſtirbt.“ „Aber ein ruhiges Leben iſt nicht nothwendig ein dumpfes,“ behauptete Marie.„Ich hätte denken ſollen, daß ein Genius, und die Kunſt und alle die Dinge, wo⸗ von Sie ſprechen, einen Mann thätig und glücklich in ſich ſelbſt und im häuslichen Leben machen müſſen, be⸗ ſonders wenn—“ „Wenn was, Marie?“ 3 Marie ſenkte ihr Haupt und flocht die langen Gras⸗ halme zuſammen, die zu ihren Füßen wuchſen; dann blickte ſie auf, ſah Gertruden in's Geſicht und ſagte: „Beſonders, wenn er liebte und geliebt würde.“ „Liebe!“ wiederholte Gertrude,„Liebe muß etwas 26 ſehr Seltſames, etwas höchſt Machtvolles ſein. Sie mag die tiefſte aller Freuden oder der ſchneidendſte aller Schmer⸗ zen ſein, aber daß ſie ein ruhiges, ſanftes Gefühl wäre, kann ich mir nicht denken. Ich habe geleſen, daß ſie das Herz aufrührt und die innerſte Seele erzittern macht, wie ein Sturm das Meer oder ein Orkan den wilden Wald.“ „Wenn das iſt, ſo müſſen wir uns vor ihr fürchten, denn ich glaube nicht, daß das eine richtige Art von Liebe iſt, wovon Sie ſprechen. Was recht iſt, ſollte ruhig ſein.“ „Kann das ruhig ſein, woran man ſtirbt?“ „Stirbt man denn an Liebe?“ „Glauben Sie das nicht?“ „Ich weiß nicht, aber ſollte es nicht auch dann mög⸗ lich ſein, ruhig zu leiden und zu ſterben?“ Ruhig hoben ſich ihre Augen zu dem ſanften blauen Himmel uͤber ihrem Haupte empor, aber Gertruden’'s Augen waren auf einen reißenden Bach geheftet, der durch den Grund des Thales rauſchte, wo ſie ſaßen. „Dieſen Bach nun,“ rief ſie aus,„liebe ich mehr, als alle andern Naturſchönheiten zuſammengenommen. Er bleibt nie an derſelben Stelle, er rauſcht davon, er iſt erzürnt über die Steine, die ſeinen Lauf hemmen, und er gefällt mir in ſeinem Zorn; ich liebe es, ihn ſchäumen und kämpfen zu ſehen; mich verlangt, ihm von hinnen zu helfen, und ihn ſchneller und ſchneller dahin zu ſenden, wohin er geht—“ „Und wohin iſt das?“ fragte Marie. „Nun, zum weiten Meer doch wohl.“ „Und dann, wenn er da angekommen iſt?“ „Dann verliert er ſich unter den Wogen und das Auge ſieht ihn nicht mehr.“ „O, nöthigt Sie das nicht, an das Leben und die Ewigkeit zu denken, und möchten Sie nicht lieber dem ſtillen Fluſſe gleichen, der durch grüne Weiden ſchleicht, und dem Gefilde Friſche, den Blumen Schönheit gibt, als dieſem raſt⸗ und nutzloſen Bache ähnlich ſein, der 27 oftmals zum Waldſtrom anſchwillt, und Unfug in ſeinem Laufe anrichtet?“ 3„Ihre Gedanken, Marie, ſind alle nach einer Ton⸗ art geſtimmt.“ „Iſt das nicht das wahre Geheimniß der Harmonie 2“ „Eine Diſſonanz dann und wann thut auch gute Wirkung.“ „Aber Sie haben gar zu viele Freude daran, liebe Lady⸗Bird.“ „Harmonie kann ſehr ſchaal, und Schaalheit kann harmoniſch ſein. Seit Edgar's Abreiſe zankt Niemand mehr auf Schloß Lifford, und wir gehen Schritt vor Schritt dem Tod vor langer Weile entgegen, wenigſtens ich. Alles geht ſeinen Weg(comme un papier de mu- sique) und ich hätte beinahe ſchon gewünſcht, daß das Haus in Brand gerathen oder ich die Maſern bekom⸗ men möchte.“ „O, das iſt ſo unrecht, liebe Lady⸗Bird! Wider⸗ rufen Sie es gleich auf der Stelle!“ „Ich ſagte ja nicht, die Pocken. Ich möchte nicht gerne häßlich ſein.“ „Iſt das Ihre ganze Sorge? Ich kann es nicht ertragen, Sie ſo unbedacht reden zu hören.“ „Ach, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich fühle mich nicht glücklich, und es macht mir mehr Vergnü⸗ gen, daruͤber zu ſcherzen als zu klagen. Sir Thomas More ſcherzte auf dem Schaffot.“ „Er konnte wohl lächeln beim Gedanken an den Tod, aber Sie!—“ .„O, ich habe nicht den Wunſch zu ſterben, wenn ich auch manchmal dummes Zeug daruͤber ſchwatze. Ich kann zu Zeiten ernſthafter ſein, als Sie ſich vor⸗ ſtellen ſollten.“ MNarrie ergriff Gertrudens Hand und küßte dieſe liebevoll. Beide ſchwiegen einige Augenblicke, dann rief die letztere aus: „Man wird auf eine gar harte Probe geſtellt, wenn 28 — man wegen jeder Kleinigkeit ſich quälen und ſich durch den Sinn fahren laſſen muß. Sie wiſſen, wie lang ich den Wunſch gehegt hatte, ein Hündchen zu haben; nun, vor Kurzem gab mir der Kutſcher eines, einen kleinen Wachtelhund von der Race, die ſie in Woodlands haben. Er war meen beſtändiger Begleiter und meine beſte Unterhaltung. Ich verbarg ihn vor Jedermann. Hann⸗ chen ſorgte für ihn, wenn ich im Familienzimmer war, und er war ſo anhänglich an mich, daß ich ihn auch ganz närriſch liebte. Nun, letzten Montag entwiſchte er ihr, rannte in's Speiſezimmer und ſprang um meine Kniee herum. Mein Vater fragte, wem der Hund gehöre, und als ich ſagte, er gehöre mir, befahl er, daß er weggebracht würde. Ich bat ihn auf's Inſtändigſte, er möchte mir ihn doch laſſen; er ſchlug es mir auf's Ent⸗ ſchiedenſte ab. Ich ſagte ihm, der Hund liebte mich, und er lachte höhniſch. Das Blut ſtrömte mir in's Geſicht, und ich ſagte einige übereilte Worte. Er zog die Glocke, und verlangte, daß ein Reitknecht meinen Hund augenblicklich nach Woodlands zurückbrächte, und daß man ihn nur todtſchießen ſolle, wenn er wieder her⸗ laufe. O Marie! ich bin ſehr einfältig; ader ich kann kaum ſprechen ohne ein Gefühl in meiner Kehle, als ſollte ich erſticken, und meine Wange brennt wie eine glühende Kohle. Gott vergebe mir, was ich damals ſagte oder vielmehr empfand. Ich dachte an Peliſſon und ſeine Spinne.“ „War Pater Lifford dabei— was ſagte der?“ „Er ſah gar nicht von der Zeitung auf, aber mich dünkt, er runzelte die Stirn und biß ſich in die Lippen, als mein Vater ſagte, ſie ſollten das kleine Thier todt⸗ ſchießen.“ „Es iſt doch nicht todtgeſchoſſen worden?“ fragte Marie ängſtlich. „Nein, man gab ihn einer Dame, die gerade von Woodlands abreiste, und die nahm ihn mit. Ich ging auf mein Zimmer und ſchrie ein Paar Stunden lang 29 mehr aus Aerger als aus Kummer. In manchen Sachen behandelt mich mein Vater wie ein Kind, und in andern wie eine Dienſtmagd oder eine Selavin, und ich habe viel zu viel Aehnlichkeit mit ihm, um es geduldig zu ertragen.“ „Aber Sie haben viel perſönliche Freiheit; iſt das nicht einiger Erſatz?“ „Freiheit, in einem ausgedehnten Gefängniß allein umherzuwandern, das iſt Alles; und ſelbſt das iſt nur die Frucht der Gleichgiltigkeit, nicht der Güte.“ „Liebſte Gertrude, iſt nicht Ihre Mutter, iſt nicht Pater Lifford gütig gegen Sie?“ „Mama, das wiſſen Sie ja, iſt immer krank, im⸗ mer leidend. Sie kann ſelten den Laut einer Stimme ertragen, die mehr als ein Flüſtern iſt. Sie ſagt, ich ſolle mich nicht in ihr Krankenzimmer einſchließen: ſie hat kaum die Kraft, mit mir zu ſprechen. Manchmal wünſche ich, daß ich aufmerkſamer gegen ſie wäre, aber ich weiß nicht, wie ich es angreifen ſoll. Was Pater Lifford betrifft, ſo glaube ich nicht, daß er mich beſon⸗ ders lieb hat; Edgar iſt ſein Liebling, weil er ein ſo guter Junge iſt. Er findet immerwährend Fehler an mir, und ſein Schelten iſt mir lieber als Papa's Still⸗ ſchweigen. In der Beichte iſt er manchmal ſehr liebe⸗ voll, aber das iſt ganz etwas Anderes, das wiſſen Sie. Er wäre vielleicht auch ſonſt freundlich, wenn ich mich anders aufführen wollte und nicht Bücher leſen, die er mißbilligt, oder Spaniſch lernen, oder nicht lachen über das göttliche Recht der Könige, oder Napoleon nicht für einen großen Mann halten, oder nicht von Dingen ſprechen, wovon ich nach ſeiner Meinung nichts verſtehe, nach meiner Ueberzeugung aber mehr weiß als er.“ „O Gertrude! wie können Sie ſo denken? Er muß viel einſichtsvoller ſein als Sie, bei ſeinem Alter— und Prieſter dazu.“ „Ich ſpreche nicht von Theologie, Moral, Geſchichte und Geographie, ſondern von andern Dingen, worüber 30 ich geleſen, nachgedacht und mir Grundſätze gebildet habe, und die er nicht einmal eroͤrtern will, oder nur zugeben, daß ſie eine Erörterung zulaſſen. Vor meinem Vater wage ich nicht davon zu ſprechen. In ſeinem Stillſchweigen liegt etwas, das mir Schrecken einflößt. Aber Pater Lifford zu reizen, daraus mache ich mir nichts, denn ich weiß, was das Schlimmſte iſt, was er ſagen kann.“ „Das iſt nicht edel.“ „O doch, es iſt es, denn er ſagt mir Dinge aller Art und kann mir befehlen zu ſchweigen, wenn er es für gut findet. Dann tröſte ich mich mit dem Gedan⸗ ken, daß ich die ſtärkeren Gründe für mich gehabt habe.“ „Kommen Sie, kommen Sie, Gertrude! Ich will nicht weiter auf Ihre unbilligen Aeußerungen hören. Die Sonne iſt eben am Untergehen und wir müſſen nach Hauſe.“ „Wieder ein Tag vorüber! Wieder ein Sonnen⸗ Untergang! Wieder ein künftiger Morgen!“ murmelte Gertrude vor ſich hin, als ſie, den Hut in der Hand, den Rücken an einen Baumſtamm gelehnt, ihre Blicke auf die goldenen und purpurrothen Wolken heftete, die im Weſten flammten.„Wie ſchön ſind ſie, dieſe Wol⸗ ken, bei Sonnenuntergang! Wie ähnlich einer andern Welt, und zwar einer ſchöneren als dieſe. Manchmal meine ich, das Land meiner Geburt müſſe etwas von dieſer blendenden Schönheit haben, die am Weſthimmel ſtrahlt. Mich quält eine verſchwommene Erinnerung an jenes Land, wo ich geboren wurde und die erſten Jahre meines Lebens zubrachte. Vielleicht hat die Luft des Südens meinen Adern ein Feuer eingehaucht, das mich in dieſer langweiligen Ecke der Welt nicht ſo zufrieden bleiben läßt, wie Ihr andern alle ſeid. Kommen Sie, laſſen Sie uns heim gehen!“ „Heim gehen!“ Worte, die in manchen Fällen dem Ohre wie liebliche Muſik, und dem Herzen die innigſte Freude ſind. Für Andere ſind ſie ein Klang voll trüber 31 Bedeutung, ein Gedanke, der ſchwer auf die Seele drückt und die Stirne mit der Erinnerung des Leidens und dem Vorgefühle der Prüfungen umwölkt. Heim! heim! ſchönes Wort; Obdach, Zufluchts⸗Stätte— Glück oder Troſt. Wärſt du nur immer der Himmel, der du zuweilen biſt, ein Verband für ein wundes Herz, oder eine Freudenquelle für einen jungen Geiſt!— nicht die Freiſtätte der Tyrannei und die Verhöhnung des häus⸗ lichen Glückes! „Ich muß heim,“ ſagte Gertrude Lifford, und Marie Grey wiederholte:„Ja, wir müſſen heim!“ Aber ein verſchiedener Ton lag in den Stimmen, ein ver⸗ ſchiedenes Bild ſchwebte vor den Seelen der beiden jungen Mädchen. „Ich weiß,“ begann die eine, indem ſie die Haſel⸗ ſtauden⸗Allee entlang gingen, die auf die Gemeinde⸗ Weide führte,„ich weiß, Sie finden es nicht in der Ordnung, daß ich nicht mehr Aufmerkſamkeit, wie man es nennt, für meine Mutter habe; aber was kann man für Jemand thun, der keine Aufmerkſamkeiten wünſcht, der einen bittet, daß man ſich nicht um ſeinetwillen in die Einſamkeit verſchließen möchte?“ „Vielleicht kann man ihm zeigen, daß man von Liebe und nicht bloß von einem gewiſſen Pflichtgefühl geleitet wird. Aufmerkſamkeiten, die nicht als Ausfluß der Zuneigung erſcheinen, werden nur ſelten gut aufge⸗ nommen.“ „Liebe und Zuneigung ſind für mich ſonderbare Worte. Ich meinte, die Pflicht, nicht das Gefühl, müßte die Richtſchnur unſerer Handlungen ſein. Ich würde weit ſchlechter ſein, als ich bin, wenn ich einmal anfinge, nach freiem Antrieb zu handeln. Zuweilen ſteigt in mir ein Geiſt des Mißtrauens auf, der Beſitz von meinem ganzen Weſen nimmt, und mein Herz gegen alle zarten Gefuhle ſtählt. Ich empöre mich gegen die Gemeinplätze, die die Leute über die Nächſten⸗Liebe zum Vorſchein bringen, als ob man Liebe nach Belieben annehmen 32 und bei Seite legen könnte! Es iſt möglich, ein Selave zu ſein, und es mag Fälle geben, wo es Pflicht iſt, ein Sclave zu bleiben(dieß iſt, im Vorbeigehen geſagt, einer der Punkte, worüber ich mit Pater Lifford ſtreite); aber ſich ſelbſt zur Liebe zu Jemand zu beſtimmen, einfach darum, weil es ſo recht iſt, iſt Unmöglichkeit, iſt Widerſinn. Sie ſehen verſtimmt aus, Marie; glauben Sie nicht, daß ich meine Mutter nicht liebe! Gott ver⸗ huͤte es! die arme, leidende Mutter! Ich liebe ſie, und wenn es nicht ſo wäre, ſo würde ich es nicht ſagen, denn ich haſſe jede Art Lüge, und heuchleriſche Lügen am ärg⸗ ſten von allen. Aber ich möchte Ihnen nur deutlich machen, daß Ihre Anſchauung von der Sache in einer Natur, wie die meinige, keine Sicherheit gegen Pflicht⸗ verletzung gewähren würde.“ „Aber, wenn ich von Liebe ſpreche, ſo verſtehe ich darunter nicht ein blos menſchliches Gefuhl, obgleich auch dieſes ſchon“(Marien's Stimme zitterte ein wenig, als ſie dieß ſagte)„uns etwas von dem Weſen wahrer Hin⸗ gebung lehren könnte, ſondern ich meine jenen Urquell wahrer Menſchenliebe, der alle Kraft der Pflicht, alle Lebhaftigkeit freien Triebes und alle Zartheit warmer Zuneigung in ſich ſchließt.“ „War es Nächſtenliebe, was Sie immer ſo auf⸗ merkſam gegen Moriz machte?“ Ein tiefes Erröthen überzog des blaſſen kleinen Mäd⸗ chens Geſicht, aber ſie antwortete ſtolz: „Er hatte immer eine etwas ſchwache Natur; es lag mir ſehr nahe, Sorge für ihn zu tragen und über ihm zu wachen, und das machte mich zu glücklich, als daß ich es als Pflicht betrachtet hätte.“ „Er war ſehr einnehmend, in der That, und ſehr hübſch, ſo viel ich mich erinnere; aber in dieſem Fall geht es uns wie Miranda auf ihrer Inſel; wir haben keine Gelegenheit, Vergleichungen anzuſtellen. Seien Sie nicht empfindlich; ich bin überzeugt, er war liebenswürdig; 3⁵ blicke auf die ferne Landſchaft und auf Maſſen von Waldbäumen dar.— „Sie haben Flügel an den Füßen,“ rief Gertrude aus, wie ihre Gefährtin vor ihr herging, während ſie ſelbſt anhielt, um die gefiederten Bälle eines verblühten Löwenzahns abzupflücken. „Was treiben Sie, Lady⸗Bird? Welchen ſeltſamen Blumenſtrauß machen Sie!“ Sie blies auf die flaumige Kugel, und die leichten Staubfäden flogen nach allen Richtungen davon. „Ich weiſſage mir mein Schickſal. Warten Sie einen Augenblick; ich ſehe ſie immer noch.“ „Was ſehen Sie?“ „Meine luftigen Boten.“ „O Kindskopf von ſechszehn Jahren! noch ſolch' Poſſenzeug zu treiben!“ „Haben Sie nie von den indiſchen Weibern an den Ufern des Ganges geleſen?“ „Was? von den Wittwen, die ſich ſelbſt verbrennen?“ „Nein, von den Kindsköpfen von ſechszehn Jahren, die an dem breiten Fluſſe niederknieen und ihre Lampen aus Blättern den Strom hinabſchwimmen laſſen; und wenn das Licht, das ſie tragen, noch brennt, wenn ſie es aus den Augen verlieren, dann glauben ſie, daß ihres Herzens Wünſche in Erfüllung gehen werden. Können Sie ſich das nicht vorſtellen, wie ſie ſich über den Rand dieſer tiefen Gewäſſer hinbeugen müſſen, mit klopfendem Herzen und mit Blicken, die ſich anſtrengen, die kleine Feuer⸗ barke zu verfolgen, die mit der Strömung dahinfährt? — wie ſie zittern müſſen, wenn ſie ſich in den Lotus⸗ blättern verfängt? wie ſie vor Freude jauchzen, wenn ſie um die Krümmung des Stromes biegt?“ „Es iſt ein ſchwärmeriſcher Gedanke, aber ein lieb⸗ licher; doch was brachte Sie eben jetzt darauf?“ „Auch ich habe meinen Aberglauben, aber ich bin eine Anbeterin der Luft, nicht des Waſſers. Ich ſende meine Boten nach oben. Sie tragen meine Gedanken 3 36 mit ſich auf den Fittichen des Windes; ſie ſagen meine Geheimniſſe den Wolken, und meine Hoffnungen den Lüftchen. Da, fliegt hin, wohin ich euch ſende.“ Damit wurde ein neuer Ball entſendet und die Winde trugen die leichten Atome davon. Einmal trieb ein plöͤtz⸗ licher Windſtoß ſie zurück in ihr Geſicht; ſie ſtreifte ſie weg und ſagte:„Das bedeutet getäuſchte Hoffnung.“ 4 Eine leichte Wolke überzog ihre Augbrauen und ſie ging ſchweigend weiter bis an's Thor ihres heimathlichen Wohnhauſes, des alten Herrenhauſes Schloß Lifford. Hier nahm ſie Abſchied von Marie und ſchlenderte die Allee hinan.— Drittes Kapitel. 5 Trennung! welche Pein doch wäreſt du, Gäb⸗ deine herne Muße nicht die ſüße Freiheit, Die Zeit zu füllen mit der Liebe Sehnen. Shakespeare. Marie ging mit ſchnellerem Schritte als gewöhnlich nach Hauſe, und indem ſie eilig die enge Treppe der Hütte binanſtieg, blickte ſie in das Zimmer, wo Moriz dieſe Nacht ſchlafen ſollte. Sie roch die Veilchen, die ſie eine Stunde zuvor dahin geſetzt hatte, und meinte, ſie hätten etwas von ihrem lieblichen Dufte verloren. Die Bücher, die er unter ihrer Obhut gelaſſen hatte, waren auf den Geſtellen niedlich geordnet. Ein kleines Gemälde des heiligen Moriz und ein Schattenriß von ihr ſelbſt, ein Geburtstagsgeſchenk, das ſie ihm vor einigen Jahren gemacht hatte, hingen auf beiden Seiten des Kamins. Sie wiſchte etwas Staub von dem tannenen Tiſche ab, woran er als Knabe zu ſchreiben gepflegt hatte, und in ihrem Herzen lebte eine Freude, die es etwas unruhig machte; in ihren Augen lag ein Zug von ungewohnter Aufregung. 37 Einige Minuten ſtand ſie am offenen Fenſter und blickte auf die Londoner Straße hinaus, ſoweit als ihr Auge reichte. Dann ruhte es auf einem der Bäume ihres Gartens, dem alten Weißdorn, der eben mit Grün anflog, dem ſchmalen Kiesweg und der Thüre am Ende deſſelben, auf jedem vertrauten Gegenſtand, und dann auf dem Himmel über ihnen allen, ebenſo vertraut, mit ſeinen Flockenwolken und der Farbe des Sonnenunter⸗ ganges, und doch voll von Neuem, mit ſeinen immer wieder anders zuſammengeſtellten ſchönen Bildern. Jetzt erblaßten die glänzenden Farben und die Dämmerſtunde war eingetreten, dieſer Zauber der nördlichen Breiten, dieſer zögernde Abſchied des dahinſchwindenden Tages, der, je nach der Stimmung unſerer Gemüther, ſo düſter oder ſo beruhigend iſt. Jedes Geräuſch verſank allmählig in Schweigen: das ſchwache Rauſchen des Laubes, wenn der Nachtwind es bewegt, das leiſe Gezwitſcher der Vögel unter den Zweigen, die ſie verbergen, ein entferntes Gebell eines Hundes, der Schall eines Fußtrittes, oder das Raſſeln eines Wagens in weiter Ferne auf der Landſtraße; Alles iſt in Harmonie, Alles gedämpft, wie in den ruhigen Landſchaften von Paul Potter oder in der Dichtung von Cowper. Das Gemüth, das die Schönheiten einer eng⸗ liſchen Dämmerſtunde zu würdigen verſteht, muß zugleich reich an Ruhe und an Einbildungskraft ſein. Sie iſt weder lebhaft genug, um aufzuregen, noch mächtig genug, um zu feſſeln, wenn die geiſtigen Verrichtungen ſtocken, oder die Thätigkeit der Seele ſich überſtürzt. Sie drang in Marien’'s Gefühle mit ganz beſonderer Stärke ein, und hätte ſie jemals die Augenblicke des Lebens ver⸗ träumt, ſo hätte ſie es jetzt gethan; aber ſie hatte einen wahrhaft krankhaften Abſcheu vor Müßiggang, und wandte ſich von dieſer Hingebung an einige wenige träu⸗ meriſche Minuten ebenſo ab, wie andere weniger gewiſſen⸗ hafte Menſchen es von einer Sünde thäten. Als ſie in 38 das Wohnzimmer hinunterkam, traf ſie ihre Mutter am Theetiſch. „Ich habe mich beſonnen und beſonnen, liebe Marie, was das Beſte ſein möchte wegen eines Feuers. Er möchte vielleicht gerne nach der Reiſe eines haben, wie⸗ wohl es gewiß heute nicht kalt iſt.“ „O ja, Mutter! ein Holzfeuer nach Ihrer franzöſi⸗ ſchen Weiſe. Wir wollen es mit den Tannäpfeln an⸗ ſtecken, die wir im Jagdpark aufgeleſen haben. Wir können es gleich den Augenblick thun.“ Im Augenblick war ſie auf den Knieen vor dem Kaminroſt, und eine glänzende Flamme goß Gluth über ihre Wangen aus, die die Nachtluft gebleicht hatte. Dann wandte ſie ſich, noch immer auf den Knieen, nach ihrer Mutter um, die ihren Kopf zwiſchen ihre Hände nahm und ihr liebevoll in die Augen blickte. „O Mutter, wie einfältig ſind doch Manche, die ihre Freunde überraſchen! Das raubt einem ja ſo manche glückliche Stunde der Erwartung.“ Dann ſprang ſie auf und rief:„Jetzt hört man Hufſchläge! Horch, es iſt der Wagen!“ Einen Augenblick trat Stillſchweigen ein; der Schall wurde deutlicher, und dann hielt der Wagen ſelbſt an der Thüre; das Dienſtmädchen öffnete, und Marie flog auf den Gang hinaus und hielt den Athem an, um nicht den erſten Schall eines Trittes zu verlieren, den erſten Ton einer Stimme, die, ſeit ſie zurück denken konnte, Muſik für ihr Ohr geweſen war. „Es iſt ein Brief, Fräulein Marie, nicht Herr Moriz.“ 4 Eine Menge Gedanken hatten Zeit, ſich in ihrer Seele zu kreuzen, während der Sekunden, die zwiſchen der Aeußerung dieſer Worte durch das Mädchen und Marien's Rückkehr zum Kamin verfloſſen. Sie hatte Friſt, ſich an Gertruden's Ausruf zu erinnern:„Das bedeutet getäuſchte Hoffnung!“ Ihr Herz hallte innerlich dieſe Worte wieder, fügte aber, als wollte es ſich wieder 5 39 beruhigen, hinzu:„Morgen muß er kommen!“ Dann ſetzte ſie ſich an die Seite ihrer Mutter, öffnete den Brief und gab ihr ein Zeichen, mit ihr zugleich zu le⸗ ſen, aber ſie war zu Ende, ehe noch Frau Redmond ihre Brille gefunden hatte.„Nehmen Sie ihn, Mut⸗ ter,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme;„ich glaube, wir dürfen recht froh ſein.“ Dann trat ſie an's Fenſter, lehnte ihre Stirne an die Scheiben, preßte ihre Hände zuſammen, und gab ſich große Mühe, ſich heiter zu fühlen. Als ihre Mutter den Brief zu Ende geleſen hatte, und ſie rief, um ihr dieß zu ſagen, war der Kampf vorüber, und zur Antwort auf die ängſtlichen Blicke womit Frau Redmond ihre Aeußerungen erwartete, um, je nachdem ſie den Ton angeben würde, ſich zu betrü⸗ ben oder zu freuen, war ſie fähig zu ſagen:„Es iſt ganz gut ſo, liebſte Mutter. Wir müſſen uns freuen üͤber ſein Glück, wir müſſen es höher anſchlagen, als das ſelbſtſüchtige Vergnügen, ihn hier zu ſehen; doch vielleicht verſtehe ich jetzt, warum man Ueberraſchungen hochſchätzt.“ Sie bemuͤhte ſich, zu lächeln, aber der Verſuch ſchlug fehl; ein kleiner Seufzer entſchlüpfte ihr, aber dann ging ſie an ihr Geſchäft, als wenn nichts geſchehen wäre. Auf dem Gang nach ihrem Zimmer trat ſie leiſe ein in das, das ſie dieſen Mor⸗ gen mit ſo viel Sorgfalt zurecht gemacht hatte, und trug die Bücher und die Bildniſſe hinweg auf das ihrige; da las ſte den Brief zum zweitenmal, den ſie zuerſt ſo eilig durchflogen hatte. Er lautete ſo: „Meine theuerſte Marie! Ich hatte gehofft, Du weißt es wohl, zu Nacht bei Dir zu ſein, dieſen Abend zwiſchen Dir und der lieben Mutter zu ſitzen, Eure theuren Stimmen zu hören, und in Eure geliebten Ge⸗ ſichter zu ſchauen, und kann nun kaum glauben, daß es nicht ſo ſein ſoll, daß dieſe Sommermonate, die wir mit einander zu verleben uns ſo ſichere Rechnung ge⸗ macht hatten, uns weiter von einander getrennt ſehen 7 40 follen, als wir jemals geweſen ſind, und zwar in Folge eines freien Entſchluſſes von mir. Aber wenn ich dir erzähle, was ſich zugetragen, ſo bin ich überzeugt, Du gibſt mir Recht, daß ich ein Anerbieten annahm, das zugleich ſo unerwartet und ſo vortheilhaft für meine künftige Laufbahn und für das Geſchick iſt, das Du mit mir theilen ſollſt.“ 3 „Du weißt, meine Marie, daß Du ſchon längſt mit Dir ſelbſt darüber in's Reine gekommen biſt, eines Künſtlers treues Weib werden zu wollen und mir zu erlauben, daß ich meine Kunſt mit einer Leidenſchaft liebe, auf die Du niemals eiferſüchtig zu werden ver⸗ ſprachſt. Wäre mir eine bloß nützliche Stelle, bloß eine Gelegenheit, Geld zu verdienen, angeboten worden, die mich auf einige Jahre von Dir getrennt hätte, ſo hätte ich ſie entweder ausgeſchlagen, oder doch nicht ohne vorläufige Berathung mit Dir angenommen; aber der vorliegende Fall iſt von der Art, daß das, was man mir vorſchlägt, einen ganz außerordentlichen Vor⸗ theil für die Ausbildung eines Talents gewährt, das mir dereinſt Auszeichnung verſchaffen kann; für die Entfaltung einer Gabe, wofür ich, wenn ſie vorhanden iſt, dem Geber verantwortlich bin, und die ich nicht unter der ausſchließlichen Uebung einer beinahe mecha⸗ niſchen Beſchäftigung begraben liegen laſſen darf.. „Ich glaube, ich beſitze ſie, dieſe köſtliche Gabe des Genius, weil meine Leiden und Freuden von beſonde⸗ rer Art ſind, und eben ſo mit einem hochbewegten En⸗ thuſiasmus, wie mit einer unerklärbaren Niedergeſchla⸗ genheit verkunden ſind, von welchen beiden diejenigen nichts wiſſen, in welchen dieſer elektriſche Funke nie⸗ mals gezittert hat.“ „Einſt dünkte mich, theuerſte Marie, der Gedanke, nach Italien zu gehen, in das Land der Kunſt, der Muſik und der Begeiſterung, ſei ein Traum, der ſich für mich niemals verwirklichen könne. Ich hörte An⸗ dere davon reden, was die Natur in jenem ſüdlichen 1 3 k ) 1 41 Klima ſei, von der Harmonie, die ſie in die Seele hauche, von dem Einfluß ihres Himmels auf die Ein⸗ bildungskraft, und wie ſchon die Luft dort die Lebens⸗ geiſter erhebe, und ich ſehnte mich mit vergeblichem und glühendem Verlangen darnach, dorthin meine träu⸗ meriſchen Entwürfe, meine unvollkommenen, aber, wie ich von Herzen hoffe, nicht werthloſen Gedanken zu tragen. Jetzt wird mir das alles angeboten: Sonnen⸗ ſchein und Muße, Wechſel und Anreiz, anregende Er⸗ lebniſſe und Freiheit, ſie zu genießen. Nehm' ich es an, ſo fühle ich, daß Du mich im Geiſte nach den glänzenden Scenen hin begleiten wirſt, die ich zu be⸗ ſuchen im Begriff bin, daß das Bild Deines holden Angeſichts, der Klang Deiner lieblichen Stimme, die mich unter den Plagen mancher Jahre ſo oft beglückt haben, mich von hier hinweg mitten unter alle Wunder der Natur und der Kunſt begleiten werden.“ „Wie gewöhnlich habe ich meine Gedanken und meine Feder mit mir auf und davon gehen laſſen, und habe Dir die einfache Lage der Sache noch nicht aufgeklärt, Es iſt dieſe: Vor wenigen Wochen ſtellte mich der junge Dee, der Maler, in deſſen Atelier ich vor einem ſchönen Gemälde, das er copirte, in Bewun⸗ derung verloren ſtand, dem Eigenthümer deſſelben vor, der gerade in dieſem Augenblick in's Zimmer trat. Dieſer iſt ein Herr d'Arberg. Er iſt von Herkunft halb Franzoſe und halb Deutſcher, obgleich ſeine Mutter eine Engländerin war. Er ſpricht vollkommen wie ein Engländer. Mein Enthuſtasmus für ſein Gemälde ſchien ihm Vergnügen zu machen; er ließ ſich in's Geſpräch mit mir ein, und ich ſah ihn dann öfters bei Dee. Er iſt einer der ſeltſamſten Menſchen, die Du Dir vorſtellen kannſt, und doch kannſt Du zugleich keine Seltſamkeit an ihm nachweiſen. Er iſt ſchöner als irgend Jemand, den ich noch ſah, und doch, wenn Du mich fragſt, was das Bedeutendſte an ſeiner Erſchei⸗ nung ſei, ſo müßte ich ſagen, es ſei der Blick der Ruhe, 42 — und der mächtigſte Zauber in ſeiner Art und Weiſe zu ſein ſei der, daß er gar keine gewiſſe Art und Weiſe habe. Ich ſah nie eine ſo vollendete Einfachheit. Er begeht liebevolle und außerordentliche Handlungen jeder Art ſo, wie wenn ſie die allergewöhnlichſten von der Welt wären, und auf eine ſo anſpruchsloſe Weiſe, daß man vergißt, etwas Beſonderes daran zu finden, bis man nachher darüber nachdenkt.“ „Er ſprach geſtern mit Dee von mir und von dem, was ihnen beiden meinen Genius zu nennen beliebte; da kam Dee darauf zu reden, wie ſehnlich ich verlangte, nach Italien zu kommen, und wie groß der Vortheil davon für mich ſein würde, daß ich aber zu arm ſei, um es beſtreiten zu können. Er zog ſein Notizenbuch aus der Taſche, ſtellte mit Bleiſtift eine kleine Berech⸗ nung an, und ſagte ihm dann, daß er jetzt auf zwei Jahre nach Rom gehe, und daß, wenn ich mich ſo ein⸗ richten könne, zugleich mit ihm abzureiſen, er mich da⸗ hin mitnehmen wolle, um ihn in Verfolgung gewiſſer literariſcher Zwecke, woran er betheiligt ſei, zu unter⸗ ſtützen, und, daß er mir daneben Muße laſſen und Ge⸗ legenheit verſchaffen wolle, meinen muſikaliſchen Studien obzuliegen. Dee ſagte, er habe davon ſo ein fach ge⸗ ſprochen, als ob er mir vorſchlüge, mich auf einen Tag nach Richmond oder Brighton mitzunehmen. Du kannſt Dir leicht meine Aufregung vorſtellen, als mir das Anerbieten gemacht wurde und welche Miſchung von Schmerz und Vergnügen darin enthalten war. Ich fühlte, daß ich nicht zaudern könne und doch, weg⸗ zugehen, ohne Dich zu ſehen, ohne von Dir zu hören! Aber ich wußte, was Du ſagen würdeſt, was Du und unſere theuerſte Mutter empfinden würdet; ich nahm es an— und vollendete raſch die nothwendigen Vorbe⸗ reitungen.“ „In der Capelle war man ſehr freundlich gegen mich in Betreff meiner ſo plötzlichen Verzichtleiſtung auf meine Stelle. Es iſt mir etwas bange bei dem 43 Gedanken, daß ich nun ſo viele Stunden lang mit Herrn d'Arberg allein ſein ſoll. Ich hoffe doch, er ſoll meiner Geſellſchaft nicht überdrüſſig werden. Ich weiß ſo wenig für mich ſelbſt zu ſagen, ausgenommen bei denen, in deren Geſellſchaft ich laut denke, wie Du und Dee. Heute Abend, wenn Du mich am grünen Pfört⸗ chen erwarten wirſt, bin ich auf dem Wege nach Italien. O, Marie, dieſer Gedanke macht mich unglücklich! ich hoffe doch, Du hältſt mich nicht für lieblos? Du wür⸗ deſt mich nicht für gleichgültig halten, wenn Du die Küſſe ſehen könnteſt, die ich auf dieſes Papier drücke, und die Thränen die darauf fallen. Ich werde das, was Du mir bei unſrem letzten Abſchiede gabſt, unab⸗ läſſig um meinen Hals tragen. Gib der Mutter einen Deiner lieben Küſſe für mich. O daß ich Euch beide an mein Herz drücken könnte! „Iſt Lady⸗Bird Dir immer noch gut? Sie war nicht ſtolz, wenn wir manchmal mit einander Schau⸗ ſpiele aufführten. Aber wenn wir jetzt zuſammen⸗ träfen, ſo müßte ich ſie Fräulein Lifford nennen, und ſchon ihre Hand zu küſſen, würde zu viel Kühnheit ſein. Sei ſo gütig, dem Pater Lifford zu ſagen, wie tief ich es beklage, daß ich vor meiner Abreiſe nicht mehr ſeinen Segen bekommen konnte. Schreibe oft an mich, bete für mich, denke an mich, liebe mich und glaube an mich, an den, der immer mit der treueſten Hingebung ſein wird Dein liebevoller Moriz.“ War es nun eigentlich nicht unbillig von Marie, ſich durch dieſen Brief nicht ganz befriedigt zu fühlen? zu wünſchen, daß nicht ſo viele ſchöne Worte darin ge⸗ ſtanden hätten? auf Italien ſo eiferſüchtig zu ſein, als wäre es eine Nebenbuhlerin? ſich zur Ruhe zu legen, mit einem Schmerz im Herzen, tiefer als das Leid der Trennung, der ſich in einer Manchfaltigkeit von Träu⸗ men ausdrückte, die ſich alle auf Moriz bezogen? Sie ging immer nach ihm hin und kam ihm näher, ohne doch im Stande zu ſein, ihn einzuholen, oder ihm ihren Ruf hörbar zu machen. Zuweilen umſchwebte ihn eine weibliche Geſtalt, deren Züge ſie nicht unterſcheiden konnte und hielt ſie in der Entfernung. Als dieſe ver⸗ ſchwand, nahm eine andere ihre Stelle ein und ſang ein liebliches Lied, worein Moriz einſiel, während ſie es nicht vermochte, und der Punkt, worauf ſie ſtand, und worauf ſie ſich wie eingewurzelt fühlte, wurde immer dunkler und dunkler, während er und die glänzende Er⸗ ſcheinung, auf einer Straße von Licht verſchwanden, wie die Sonnenſtrahlen auf dem blitzenden Schaum der Wogen eine bilden. Sie ſtrengte ſich gewaltſam an, ihnen zu folgen, und erwachte, und fand ihr Kopf⸗ Kiſſen naß von Thränen und ſeinen Brief in ihrer Hand. Unterdeſſen durchſegelte er das Meer mit gutem Winde und einem ſorgloſen Herzen, über welches Ge⸗ danken der Zärtlichkeit und Sehnſucht ſchnell und leicht dahin flogen, wie die flockigen Wolken, die vor dem Winde dahinrennen und keinen Schatten auf die mun⸗ teren Wellen des Oceans werfen. „Nun kommen Sie, Marie, ſagen Sie mir die Wahrheit;— Moriz iſt Ihr Geliebter— ich weiß es ewiß.“ 3„Er liebt mich ſehr, und ich liebe ihn herzlich.“ „Aber ich meine, Sie haben ſich verpflichtet, ihn zu heirathen.“ „O nein!“ „Nicht? Aber in dieſem Briefe ſpricht er doch ganz ſo?“ „Wir ſind beide vollkommen frei.“ „Er ſcheint nicht den geringſten Zweifel an Ihrer Liebe zu haben.“ „Nein, daran konnte er auch nie zweifeln.“ „Ich ſpreche nicht von Schweſterliebe. Was ich meine, iſt das, daß er darauf rechnet, Sie werden ſein Lebensloos theilen, welches es auch immer ſein mag.“ 45 „Wir waren immer gewohnt, in dieſem Sinne zu reden und zu denken. Aber das iſt noch nicht ganz daſſelbe, was Sie vorausſetzen. Wir haben uns nie irgend welche Verſprechungen gegeben.“ Die Theilnahme, die Gertrude für Mariens ge⸗ täuſchte Hoffnung an den Tag gelegt, die zahlreichen Fragen, die ſie in Betreff des Gegenſtandes an ſie ge⸗ richtet hatte, ihr ausgeſprochener Wunſch, den Brief zu leſen, den er ihr geſchrieben, den Marie bereitwillig ge⸗ nug erfüllt hatte, hatten die vorſtehende Unterredung veranlaßt. Vielleicht war ſie gleichgültig darüber, was für einen Eindruck er auf Jemand machen würde, der bei ſeinem Inhalt nicht ſo dringend betheiligt war, wie ſie ſelbſt. Gertruden's Neugier wurde rege durch den kleinen Roman, den ihr der Brief enthüllte, und Morizens Art zu ſchreiben, ſeine Schilderung des Herrn d'Arberg, ſeine Sehnſucht nach Neuem und nach Wechſel, die ſie vollkommen mitfühlen konnte, warfen einen Lichtſtrahl auf dieſe Welt, die ihre Einbildungskraft feſſelte. Sie ging auf die Sache ein mit einer Theil⸗ nahme und einer Einſicht, die für Marie unwiderſteh⸗ lich angenehm wurden. So wohlgeordnet auch eine Seele, ſo geregelt auch ihre Gefühle ſein mögen, es iſt doch kaum möglich, daß ein Mädchen von ihrem Alter den einzigen Gedanken, der ihr Daſein ausfüllt, in ihrer Bruſt verſchloſſen halten ſollte; und je mehr die Gewohnheiten ihres Lebens und ihres Herzens prakti⸗ ſcher Art ſind, je weniger ſie mit Romanen, Gedichten und den romantiſchen Erfahrungen Anderer vertraut iſt, deſto mehr vielleicht empfindet ſie das Bedürfniß eines ſolchen Mitgefühls. Nicht als ob Marie ihre gewohnte Zurückhaltung gänzlich aufgegeben und eine Vertraute, wie man es nennt, aus Gertrude gemacht hätte. Im Gegentheil, ſie ließ es niemals gelten, daß ſie mit Moriz verlobt ſei, oder daß ſie irgend einen ſeiner zärt⸗ lichen Ausdrücke als ein Unterpfand dafür betrachte, daß er ſie jetzt mehr liebe, als er ſeit der früheſten 46 Kindheit zu jeder Zeit gethan hatte,— oder als ſie ihn bis zum letzten Tage ihres Lebens lieben könne und werde, wenn ſie auch einander niemals mehr werden ſollten, als ſie in der Vergangenheit und Gegenwart einander geweſen. Es war ein ſeltſamer Inſtinkt, der ſie zugleich ſo zurückhaltend und ſo mittheilſam machte. Sie hatte ihr Geheimniß, worein Niemand ſich mengen ſollte, aber von ihm zu ſprechen auch noch mit Je⸗ mand mehr, als ihrer Mutter, die ihr eine Art von zweitem Selbſt war, war ihr ein unausſprechliches Ver⸗ gnügen. Vertrauen mehr zu erzwingen, als zu gewinnen. Sie fragte mit einer Scharfſichtigkeit— forſchte einem Ge⸗ genſtand nach mit einer Beharrlichkeit, der zu entgehen 9 Und Gertrude hatte auch eine ganz eigene Gewalt, beinahe unmöglich war. Sie war unbewußt ſchlau bei all' ihrem ſcherzhaften Ungeſtüm, und immer auf der Lauer, wo einmal ihr Intereſſe gereizt war. Morizen’s Erwähnung ihrer, und die Art von Huldigung, die ſie in ſich ſchloß, hatten ihrer Einbildungskraft wohlge⸗ than. Es gemahnte ſie an ihre vormaligen Vertrau⸗ lichkeit, und der Gedanke mißfiel ihr nicht, daß er eine Art von ehrfurchtsvollem Andenken daran bewahre, mit einer gewiſſen romantiſchen Färbung, die doch ſei⸗ ner offen hervortretenden Anhänglichkeit an die Gefäͤhr⸗ tin ſeiner Kindheit nicht den mindeſten Eintrag that. Es wurde zur abgemachten Sache, daß ſie ſeine Briefe leſen dürfe— und auf dieſe Weiſe mit Jemand bekannt zu werden, das hatte etwas Beſonderes, was ihre Phan⸗ taſte ergötzte. Ihre Bemerkungen über dieſe Briefe verſahen Marien mit„pikanterem“ Material für ihre Antworten, als ſie ſonſt aufgefunden haben würde. Aber gewiſſenhaft wie ſie war, leitete ſie dergleichen Aeußerungen pünktlich mit der Formel ein:„Lady⸗Bird meint“ oder„Lady⸗Bird ſagt.“ Es dünkte ſie, als könne ſie ſich auf dieſe Weiſe leichter auf gleicher Höhe mit ſeiner gegenwärtigen Gemüths⸗Verfaſſung erhalten, 49 gangenheit:— Dich, meine Marie, ſah ich in der reinen, weißen kleinen Blume, die Du immer ſo lieb hatteſt, und unſere Lady⸗Bird in dem ſüßen Duft und der prächtigen Farbe der Hyacinthe. Das war allemal der Scepter den ſie wählte, wenn ſie Titania ſpielte. Das italieniſche Mädchen hatte in der That einen Zau⸗ ber über meine Träume hingegoſſen, und ich verweilte lange an dem Orte, indem ich in Gedanken die Laub⸗ Gänge des Jagd⸗Geheges durchwandelte, oder die glück⸗ lichen Tage unſerer Kindheit in der Einbildungskraft durchlebte.“ Nach einem langen Zwiſchenraum ſchrieb er ſo aus Rom:„Biſt Du je von dem Bewußtſein erfüllt ge⸗ weſen, daß gewiſſe Gegenſtände, gewiſſe Geſichter, ge⸗ wiſſe Erſcheinungen eine Beziehung auf Dein Schick⸗ ſal haben, eine tiefere Bedeutung, einen anderen Sinn für Dich, als für die übrige Welt— einen Einfluß auf Dich, den Du fühlſt, ohne ihn ergründen zu kön⸗ nen? Gewiſſe Augen haben dieſe Wirkung auf mich gethan. Wann ich immer den beſonderen Ausdruck ſah, den ich meine, ſo verurſachte er bei mir immer eine unerklärbare Erregung, und ich habe die innige Ueber⸗ zeugung, daß ſolche Augen, wie dieſe, zu irgend einer Zeit meines Lebens ſich auf eine ſeltſame Weiſe mit meinem Geſchick verflechten müſſen— ob zum Heil oder Unheil, das weiß ich nicht. Nicht oft fand ich die Augen, die ich meine, und wenn ich ſie fand, ſo fand ich ſie in Geſichtern, die in jeder anderen Beziehung ſo verſchieden als möglich waren, in alten und jungen, in männlichen und weiblichen. Andere Augen blicken Dich an, dieſe blicken in Dich hinein. Ich kann den Blick, den ich meine, mit Nichts vergleichen, als mit einem Lichtſtrahl, der durch das dunkelſte Blatt einer purpurrothen Jelängerjelieber⸗Blume hindurchſcheint. Bevor ich England verließ, traf ich ihn nur bei einer Perſon an. Sieh' einmal Lady⸗Bird genau an, wenn Du ſie das nächſtemal triffſt, und ſage mir dann, ob Lady⸗Bird. I.. 4 50 Du verſtehſt, was ich meine. Seit ich auf der Reiſe bin, habe ich ihn einmal wahrgenommen an einem alten Mönch, der in einer Seitenkapelle des Doms von Padua betete; ein andermal bei einer Schauſpielerin, die ich in Neapel die Rolle der Francesca von Rimini ſpielen ſah, und ganz neuerlich wieder einmal an einem der ſchönen Knaben, die auf den Treppenſtufen des Pincio bettelten. Lag nun eine Aehnlichkeit in den Seelen, die durch dieſe Augen ſprach— oder woher ſonſt dieſes überraſchende Zuſammentreffen wenn alles Andere unähnlich war? Ich habe hierüber Stunden lang nachgeſonnen und mich beinahe in Gedanken ver⸗ loren. Aber was ich nicht verlieren kann, iſt die Ge⸗ wohnheit, laut mit Dir zu reden, geliebte Marie, ob ich mir gleich vorſtellen kann, daß Deine Augen, die nie etwas Anderes, als Frieden in meine Seele hinein⸗ geblickt haben, jetzt freundlich lächeln über meine phan⸗ taſtiſche Thorheit.“ Wieder einige Monate ſpäter ſchrieb er Folgendes aus Rom: „Gegenden haben, wie Namen, Blumen, Töone, eine Aehnlichkeit mit gewiſſen Menſchen, ganz abgeſehen, wie mich dünkt, von aller äußerlichen Verknuͤpfung. Daß die ſanfte Schönheit einer engliſchen Landſchaft mich immer an Dich erinnert, iſt nichts Außerordent⸗ liches, denn wir find unter den ruhigen Geſtalten eines ſolchen Schauplatzes mit einander aufgewachſen; aber warum bringt dieſe Gegend hier ſo oft das Bild von Lady⸗Bird vor meine Seele, wie ich mir ſie vorſtelle aus den Tagen unſerer Spiele im Walde und unſe⸗ res Geſchichten⸗Erzählens am Kamine? Vor eini⸗ en Tagen wiederholte mir einer meiner italieniſchen Freunde, wie wir ſo an der Seeküſte bei Sorrent ſaßen, beinahe berauſcht von den Düften der Orange⸗Blü⸗ then, Filicaja's wohlbekannte Anrede an Italien, Als er die Worte ausſprach:„Verhängnißvoll Geſchenk der Schönheit,“ ſah ich im Augenblick ihr Geſicht 51 vor mir, mit jenem eifrigen, nachdenklichen, kummer⸗ voll entrüſteten Ausdruck, den es immer hatte, wenn ſie auf ein Elend oder Verbrechen horchte. O, Gott verhüte, daß für ſie die Gabe der Schönheit verhäng⸗ nißvoll ſein ſollte! Möge ſie Italien gleichen in ſeiner Lieblichkeit, aber nicht in ſeinem Weh!“ Ein andermal erinnerte er ſie an einige unbehülflich ausgeführte Verſe, die er als Knabe an Gertrude gerichtet hatte, und die ſo lauteten: „Komm, Lady⸗Bird, komm, raſte hier und flieg' nicht von uns fort! Wir bauten einen Thron für Dich, komm, weile hier am Ort! Wir lieben die Libelle nicht, die ſchwärmt ſo wild und frei, Auch nicht den luſt'gen Schmetterling, ſo prächtig er auch ſei; Wir fragen nach den Vögeln nicht, die ſteigen hoch empor Und ſingen in des Himmels Raum ihr Morgenlied im Chor; Wir lieben nicht die wilde Noſ in Morgenthaues anz, Wir lieben Dich, o Lady⸗Bird, und flechten Dir den — Kranz. Wir leſen von dem Kolibri, der wie Juwelen ſtrahlt, Das Auge doch von Lady⸗Bird noh glänzender ſich 4 malt; Wir ſeh'n von fern in dunkler Nacht des Feuer⸗ würmchens Schein, Wir fragen nichts nach ſeinem Licht, willſt Du nur 1 bei uns ſein.“ „Err ſagte, er habe dieſe Verſe in's Franzöſiſche überſetzt, oder vielmehr in dieſer Sprache nachgebildet und ſie in Muſik geſetzt, ſie machen Glück und werden den ganzen Winter hindurch in allen Hdeerten geſun⸗ 5² en.„C'est la fille des cieux, c'est l'oiseau du bon Hieu“ ſei die Lieblings⸗Romanze der Saiſon. Ein⸗ mal hatte er an der Küſte bei Amalſi ein Landmädchen einige Töne trillern hören mit einer Stimme, die ihn an die ihrige erinnerte; oder er hatte in einer Gemälde⸗ Gallerie ein Geſicht geſehen, das ihr glich, oder eine berühmte Schauſpielerin hatte durch einen Blick oder eine Geberde ihn an„O'Connors Kind“ in den grünen Lauben des Eichenforſtes zu denken veranlaßt. Während des Zeitraums, den er in Italien zubrachte, war Marie einmal ſehr krank, und Frau Redmond, die mit ihrer Pflege ganz beſchäftigt war, bat Gertrude, an ihn zu ſchreiben und ihm den Grund ihres Still⸗ ſchweigens aufzuklären. Dieſe Aufgabe war ihr nicht unlieb, und ſie nannte ihn„lieber Moriz,“ wie ſie gethan hatte, als ſie noch Kinder waren. Und als Marie ſich erholte, diktirte ſie Gertruden, was ſie an Moriz geſchrieben haben wollte, und die Letztere mengte ſcherzhafte Bemerkungen von ihrer Erfindung unter die ernſteren Mittheilungen, die ſie ihm zu machen beauf⸗ tragt war, und auf dieſe Art war eine Art von Brief⸗ wechſel begründet, die alle Betheiligten erheiterte. Im Schloſſe wußte Niemand etwas davon, und in der Hütte fand kein Menſch etwas Auffallendes daran. Die Zeit verfloß, und Nichts geſchah, das ihren Lauf bemerkens⸗ werth gemacht hätte. Durch Wolken und Sonnenſchein, durch Winter und Sommer beſchleunigte ſie ihren Weg gerade vorwärts, unbelebt durch irgend einen Wechſel, unbezeichnet durch irgend welche Veränderungen, ausge⸗ nommen diejenigen, die ſie im Charakter eines Mädchens hervorbrachte, das in beſtändigen Kämpfen mit ſich ſelbſt, im Kriege mit ſeinen eigenen Gedanken und Ge⸗ fühlen, aber unter kaum irgend einer Berührung mit der Außenwelt, vom Kinde zur Jungfrau überging. 53 — Viertes Kapitel. Nun prangt in Grün ja Berg und Thal, Die Primeln ſprießen allzumal, Die muntern Vögel ſingen. Dahin mit Marie laßt mich flieh'n, Aus ihren Augen will ich zieh'n Der Liebesblicke Schlingen. Burns. Mit einer Göttin Gang ſchritt ſie dahin, Nicht ungeleitet, denn als Königin War ihr zu Dienſten ſtets der holde Zug Der Grazien; aus ihrer Nähe flog Der Sehnſucht Pfeil in jedes Auge, daß Der Wunſch entbrannte, länger ſie zu ſeh'n. Spencer. Drei Jahre waren verſchwunden ſeit der Zeit, da dieſe Erzählung begann, und Moriz Redmond war aus Italien zurückgekehrt mit einer kräftigern Geſundheit, mit kühnen Anſprüchen auf Erfolg und Auszeichnungen, mit einer Seele, geſchwellt von Bildern von Schönheit und Träumen von Harmonie, und einem Herzen, das allem Anſchein nach in ſeiner warmen Liebe für die Mutter und die Geſpielin ſeiner Kindheit ganz anver⸗ ändert geblieben war. An einem ſchwülen Auguſt⸗Abend, noch nicht viele Tage nach ſeiner Ankunft, ſchlenderte er mit Marie Grey einer alten ſteinernen Brücke über den Leigh zu, ungefähr eine Meile vom Dorfe entfernt. Der Fluß war an dieſer Stelle glänzend hell; die Erlen mit ihrem dunklen Laube ſpiegelten ſich in ſeinem Ge⸗ wäſſer; Brunnenkreſſe und Vergißmeinnicht nickten am Ufer, wo die ſtattliche Wollblume wuchs; der Königs⸗ fiſcher tauchte ſeinen Schnabel in den Strom und die Waſ⸗ ſerjungfer ſchwärmte auf ſeiner Oberfläche hin und her. Auf die mooſigen Steine der Brücke ſetzten ſie ſich mit ein⸗ ander nieder— Moriz mit ſeinem nach dem Ausland deu⸗ tenden Strohhut in der Hand, ein Band anſtatt eines Tuches loſe um den Hals gebunden, mit ſeinen dunkeln 54 Augen, die für ſein ſchmales, blaſſes Geſicht beinahe zu groß ſchienen; und Marie in ihrem anmuthigen braunen Kleide, mit ihrem weißen, ſorgfältig gefalteten Umſchlagtuch, und dem Hute, der unter ihrem Kinn mit der größten engliſchen Pünktlichkeit gebunden war, und über ein Geſicht vorſprang, das durch die Freude beinahe zu einem ſchönen Geſichte wurde. So ſchien er zu denken; denn er knüpfte die Bän⸗ der los, ſchob den dicht ſchließenden Hut zurück und blickte ſie mit einem Lächeln an, das ihr eine Röthe auf die Wangen trieb, die, obgleich nicht mehr gelblich blaß, wie in ihrer Kindheit, doch kaum mehr Farbe hatten, als ein weißer Karneol. Dieſe anmuthige Marie Grey hatte ein höchſt liebevolles Gemüth, aber zugleich ein höchſt ſchüchternes, das heißt in allem dem, was ihre Neigungen betraf, denn ſonſt lag in ihr auch ein Schatz „Beherzter Tugenden, die, Geiſtern gleich Aufſteigen aus des Herzens ſtillem Reich.“ Aber ſie hatte keine Zuverſicht zu ihrem Vermö⸗ gen zu gefallen; ihre Eigenſchaften waren von der Art, daß jeder Andere ſie eher zu würdigen vermochte, als ihre Beſitzerin. Morizens Liebe, oder richtiger, ihre Liebe zu ihm, war ein Theil und Stück ihres Weſens. Er war aus Italien zurückgekehrt mit weſentlich er⸗ ſtarkter Geſundheit, und weit ſchöner— wenigſtens in ihren Augen— als ſie erwartet hatte. Seine Erſchei⸗ nung war gewiß nicht das Ideal männlicher Schön⸗ heit, aber es lag etwas Idealiſches in ihr. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war gewiſſermaßen wie durchſichtig; ein ge⸗ dankenvoller Ausdruck lag in ſeinem Geſicht, wenn er ernſt war, und wenn er heiter war, eine Frohlichkeit, die ſehr viel Anziehendes hatte. Seine Stirne war marmorgleich, ausgenommen wenn eine plötzliche Auf⸗ wallung ſeine Schläfe mit Röthe umzog. Seine Ge⸗ ſtalt war ſchlank, ſeine Stimme tief und ſchön; aber 5⁵ dann und wann konnte eine plötzliche Anwandlung von Unwillen oder Aufregung die beinahe weibliche Schön⸗ heit ſeiner Züge erſchüttern. Er war wie ein Sturm auf dem Mittelmeer, der in einem Augenblick losbricht und mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit ſich wieder be⸗ ruhigt. haphariens Gegenwart war ganz beſonders beruhi⸗ gend für ſeine nervöſe Reizbarkeit, die die Wirkung ſeiner Leidenſchaft für die Muſik, oder wahrſcheinlicher die Urſache davon ſein mochte. In ihrer Geſellſchaft empfand er eine Ruhe, ein Wohlſein, das er mit Ent⸗ zücken willkommen hieß und, wie Alles, was er fühlte, mit Begeiſterung ausſprach. Sie bereitete ihr eine Art von Ueberraſchung, dieſe augenſcheinlich unveränderte Liebe von ihm, denn während der Jahre ſeiner Abwe⸗ ſenheit hatte ſie ſich ſelbſt gelehrt, dieß nicht zu erwar⸗ ten, hatte nie an die Möglichkeit gedacht, daß ſie ihn weniger lieben ſollte, aber immer an die Wahrſchein⸗ lichkeit, daß er ſich geändert haben könnte, und ſich in dem Glauben eingeübt, daß, wenn dieſer Fall einträte, ſie dadurch zwar viel zu leiden, aber keinen Grund zur Klage haben würde. Als ſie ihn zum erſtenmal wie⸗ der ſah, ſank ihr unwillkührlich das Herz; er war zu ſchoön,— wie ſie meinte, zu liebenswürdig und zu glück⸗ lich, als daß ſie einen Einfluß auf ſein Geſchick aus⸗ üben oder irgend einen Anſpruch auf ſeine Liebe erhe⸗ ben dürfte. Sie rief in Gedanken aus: „Schön wie Du, ach, bin ich nicht, Aus dieſem klaren Aug' ein Strahl Gießt ringsumher der Freude Licht!“) Aber als ſie die Keime ſeines Leidens in ſeiner überfluthenden Einbildungskraft, in ſeiner ſieberhaften Organiſation entdeckte und wahrnahm, daß er oft von Bangigkeit und nervöſer Niedergeſchlagenheit der Le⸗ bensgeiſter gequält wurde, da ſah ſie in ſeinem Leben ihre Stelle, in ſeinem Schickſal ihre Aufgabe, legte die 56 Hand an den Pflug, überrechnete die Koſten am erſten Tag, und blickte nicht wieder rückwärts. Die Abendſtunde! Wie erquickend war ſie für die Beiden! Wie voll von ſüßen Erinnerungen und von frohen Gedanken an die Zukunft! Moriz war ſchon ſeit einigen Tagen zu Hauſe, aber ſie hatten noch kei⸗ nen Spaziergang allein zuſammen gemacht. Marie, die fleißigſte aller Bienen, hatte nicht viel Zeit zum Herumſchwärmen; ſie hatte es bei ſeiner Rückkehr ſich zur erſten Pflicht gemacht, nach ſeiner Garderobe zu ſehen, wie ſte zuvor gewohnt war zu thun, und Alles auszubeſſern, was daran mangelte. Er verſuchte es, ſie aus ihrer hausmütterlichen Weiſe herauszulachen oder zu plagen, aber ohne Erfolg; ſie war eine viel zu ſorgſame kleine Perſon, als daß ſeine ſorgenloſen Bemerkungen über die Sache bei ihr verfangen hätten, und verſicherte ihn oſt, daß er, obgleich um Vieles be⸗ rühmter, doch um Nichts reicher ſei, als da er ausge⸗ zogen, und daß er immer daran denken müſſe, daß ein Stich zur rechten Zeit neun andere erſpare, nebſt man⸗ cherlei anderen ſprüchwörtlichen Lehrſätzen und paſſen⸗ den Redensarten; ſo mußte er ſich denn begnügen in dem kleinen Garten herumzuſpazieren und jetzt eine Blume, dann eine andere zu pflücken, während ſte un⸗ ter dem Weißdorn ſaß und zu ihrer Arbeit ſang, und dann und wann gewiſſen kleinen entrüſteten Bemerkun⸗ gen über die Gewiſſenloſigkeit der Wäſcherinnen und Nähterinnen des Auslands Raum gab. Aber nun war der Sonntag gekommen und nach dem Nachmittags⸗Gottesdienſt ſpazierten ſie nach ihrer alten Gewohnheit nach der Bruͤcke uber den Leigh. Sie pflückte eine gelbe Levkoje, die in den Ritzen eines Brückenbogens wuchs, und ſteckte ſie auf ſeinem Hute feſt. Er lächelte und ſagte:„Wie lieblich ſte riecht! Eine italieniſche Dame wuͤrde von ihrem Duft in Ohn⸗ macht fallen. Welcher Erſatz für uns in unſern kuͤh⸗ len Gegenden, obgleich nicht blumenleeren Feldern, wie 57 Cowper ſie ungerechter Weiſe nennt, daß wir nicht er⸗ ſchrecken dürfen vor dem Athem dieſer „Lieblichen Kinder des Frühlings⸗Himmels, Von den erquickenden Lüften gebadet, Und von dem ſilbernen Thaue genährt.“ Und welch ein Segen iſt es, daß die Heimath trotz aller Mängel in ihr und trotz aller Reize des Aus⸗ lands uns doch immer alles das bleibt, was ſie uns iſt; daß jene kunſtloſen Stimmen, die ſo eben die Li⸗ tanei geſungen haben, die wir als Kinder ſo ſehr lieb⸗ ten, einen Zauber für mich haben, den die erhabenſten Weiſen der Sirtiniſchen Kapelle nicht erreichen; daß dieſe Erlen mehr zu meinem Herzen ſprechen als die Kaſtanien⸗Haine von Subiaco oder die Pinien von Vallombroſa; und daß meine engliſche Marie in mei⸗ nen Augen ſchöner iſt, als die ſtolzeſte römiſche Dame oder das niedlichſte Mädchen von Albano. Aber Du mußt jene ſonnigen Länder ſehen, meine Marie; Du mußt einmal mit mir dort ſtehen und von den veröde⸗ ten Gärten der Villa Mattei hinausſchauen auf die dum iſche Campagna— Du mußt mit mir knieen in St. Peters Dom und fühlen, wie das Miſerere mit überirdiſchen Melodien Deine Seele zermalmt— Du mußt auf dieſes Dein liebes kleines Haupt den wun⸗ dervollen Segen empfangen, der am Tage der Aufer⸗ ſtehung auf Rom und auf die Welt herniederfällt. O, Du mußt mit mir in jenes Land der Poeſie und der Religion kommen und es lieben lernen mit der zwie⸗ fachen Liebe des Chriſten und des Künſtlers.“ „Moriz, ich habe nie, ſelbſt als Kind ſchon, den Namen Rom ohne Bewegung nennen hören und aller⸗ dings iſt es ein glücklicher Traum für mich, mit Dir dorthin zu gehen, die Gräber der Apoſtel und die Re⸗ liquien der Märtyrer zu beſuchen, den Segen, von dem Du ſprichſt, an Deiner Seite zu empfangen, zu knieen in einem Winkel der großen in Demuth niedergeworfe⸗ 58 nen Stadt, zu ſehen, was Du bewunderſt, zu fühlen, was Du gefuhlt haſt; aber wäre es nicht ebenſoviel, als grübeſt Du dieſes Maßliebchen hier aus und pflanz⸗ teſt es mitten unter die Camellien und Cactus des Ge⸗ wächshauſes von Woodlands, wenn Du mich mitten unter die Menſchen und Orte bringen wollteſt, wo Du kürzlich gelebt haſt?“ „Ich kenne Jemand, der Dich zu ſchätzen wüßte. Rathe, wen?“ „Jemand, dem ich wohl gefallen könnte? Iſt es nicht Emilia Orlandini?“ „O Dutückiſche Kleine! Ich hätte nicht gedacht, daß Du ſo viel Bosheit in Deiner Seele trügeſt— ſolche Vortheile aus meinen Bekenntniſſen zu ziehen. Ich hoffe doch nicht, daß Du jenen Brief Lady⸗Bird gezeigt haſt?“ „Nein, ich wußte es zu machen, daß es nicht ge⸗ ſchah, aber es koſtete Mühe. Es war immer ſchwer, nicht zu thun, was ſie wünſcht.“ „Ja, das erinnere ich mich von alten Zeiten her — wie ſie uns durch ihr Lächeln und ihre Thränen zu beherrſchen wußte; aber ich wenigſtens bin jetzt aus härterm Stoffe gemacht.“ „Prahle nicht,“ ſagte Marie heiter. 1 „Aber, um zurückzukommen auf das, was ich ſagen wollte,“ fuhr er fort,„Herr d'Arberg iſt es, der an Dir Wohlgefallen hätte.“ „Wirklich? Ich dachte, er wäre ein ſo hochgeſtelltes Weſen— ſo klug und gelehrt, und was weiß ich.“ „Ja, das iſt er; aber was ſeine Haupteigenſchaft iſt, er iſt ein Mann, von einer Idee erfüllt, und Ein⸗ falt und Ernſt gefällt ihm beſſer als alles Andere auf der Welt. Ich kann es nicht vollkommen verdeutlichen, aber es findet eine Aehnlichkeit zwiſchen Euch ſtatt: ich glaube, Ihr ſeid beide wahrhaft religibs. Doch ich habe andere Menſchen geſehen, die es auch waren, aber nicht in demſelben Sinne.“ „Moriz, das hat mir ſo gut gefallen, was Du vor⸗ 59 hin über die Liebe zu Rom ſagteſt:„Als Chriſt und als Künſtler.“ Er erröthete tief, wandte ſeine Augen von denen Mariens ab, heftete ſte auf ein Blatt, das den Fluß hinunterſchwamm, und rief haſtig aus: „Du mußt mich nicht für beſſer halten, als ich bin, Marie; mein Glaube iſt, Gott ſei dafür gedankt, nie⸗ mals erſchüttert worden; ich liebe Güte, Wahrheit und Frömmigkeit ſo ſehr als je, und meine Seele erkennt mit allen ihren Vermögen der Vernunft, des Verſtan⸗ des und der Einbildungskraft in unſerer göttlichen Re⸗ ligion den Verein alles deſſen, was ſchön für das Auge und für den Geiſt erhebend iſt; und in Overbecks Atelier iſt heut zu Tage— wie vor Alters in den Schätzen des Vaticans— die enge Vereinigung der katholiſchen Re⸗ ligion mit der höchſten Entfaltung des Genius im Men⸗ ſchen ſo klar, daß Jeder, der Augen hat, ſie leſen kann. Aber wenn man all' dieß fühlt—“ Er ſtockte, und ſie fügte hinzu: „So iſt das wohl etwas, aber nicht Alles.“ „Die Forderungen unſerer Religion,“ fuhr er fort, „ſind eben ſo ſtreng, als ihre Form anziehend. O! wenn Begeiſterung anſtatt der Opfer angenommen würde— wenn Ehrfurcht und Gefühl hinreichte— wenn das ge⸗ bogene Knie und das entzückte Herz genug wäre— wer würde dann mit einer Künſtlerſeele nicht zugleich der religiöſeſte Menſch ſein? Aber das Knie zu beugen, nicht in Entzückung, ſondern in Selbſterniedrigung— in Buße, nicht in Ekſtaſe— ſich abzuwenden von dem Becher der Luſt— doch ich werde Dir vollends eigent⸗ lich beichten, Marie, wenn ich ſo fortfahre.“ Er ergriff ihre Hand und zog ſie an ſich; dann ſagte er ernſt, indem er auf den Fluß deutete: „Unſtät, wie das Waſſer, kann ich es nicht zur Auszeichnung bringen. Es iſt daſſelbe in jeder Hinſicht. Wünſche, Hoffnungen, Entſchlüſſe, Entwürfe genug mit ſchönen Zügen in den Sand geſchrieben; aber die erſte Weie ſpült ſie hinweg und kein Zeichen bleibt am Strande urück.“ 3„O! doch iſt ein Zeichen übrig, obgleich Du ſelbſt es nicht kennſt. Verſuchen und verfehlen, fallen und wieder aufſtehen iſt nicht wie die ſumpfige Tiefe einer unbeweglichen Gleichgultigkeit. Moriz, von Etwas bin ich feſt überzeugt, und ich preiſe Gott dafür: Du mußt entweder gut ſein oder Du biſt elend.“ „Dann mußt in der That Du, meine ſtrenge kleine Prophetin, die Sorge für meine Glückſeligkeit überneh⸗ men, oder ich möchte Dir kaum für Deine Weiſſagung danken.“ In dieſem Augenblick hörte man das Geplätſcher von Rudern in der Ferne, und nach kurzer Zeit kam ein kleines Boot in Sicht, deſſen Gertrude und ihr Bruder, wenn er zu Hauſe war, ſich oft miteinander bedienten, worin ſie aber jetzt zum erſtenmal ſich allein herausgewagt hatte. Ihr Strohhut war auf ihren Nacken zurückgefallen und die dunkelblauen Bänder, die ihn hielten, hingen loſe um ihren Nacken. Die Bewegung hatte ihre Wangen mit dem glänzendſten Roth gefärbt, und als ſie nach der Brücke emporſah, leuchtete ein Lächeln aus ihrem Ge⸗ ſicht, wie ein Sonnenſtrahl auf einer Damascenerroſe. Sie hörte auf zu rudern und ließ das Boot nach Ge⸗ fallen treiben, und bald verſtrickte es ſich zwiſchen Brun⸗ nenkreſſe und andern Waſſerpflanzen. Sie winkte Moriz anmuthsvoll und heiter zu, und indem ſie Marie eine Handvoll Vergißmeinnicht zuwarf, rief ſie aus: „Da, Sie ſollen ſie alle haben, ausgenommen dieſe weiße Waſſerlilie, die ich behalten muß, um Pater Lif⸗ ford heute Abend damit in Erſtaunen zu verſetzen. Aber wie komm' ich jemals aus dieſem Boot heraus? Ich komme mir vor, wie der Mann in Moliere's Luſtſpiel: „Que diable suis-je venue faire dans cette galère?“ Im Augenblick war Moriz am Rande des Ufers, ſchwang ſich mit Hülfe eines Aſtes vorwärts und trat 61 * in das Boot, ergriff das Ruder, und hatte es bald aus den Kräutern los und wieder flott gemacht. Dann ſagte er lächelnd: 2 „Wo wünſcht die Dame von dem See, oder richtiger von dem 3 ungetct zu werden?“ „ Jedenfaͤlls nach dem ufer; ich habe für heute Schätze genu ammelt, und will mein Schickſal nicht länger herausfor ern. 6. Er ſtieß nach dem Ufer hin und warf das Tau Marien zu, die herabgekommen war, um mit ihnen zuſammenzutreffen; dann ſprang er aus dem Boot und hielt Gertruden die Hand hin, die, indem ſie ſie leicht berührte, mit einem Sprung an das ufer hüpfte. Hier ſtand ſie im Schatten der dunkeln Erlen, ihr roth indiſches Tuch ſorglos um die Schultern geworfen, der Hand die breiten Blätter der Waſſeerlilie, die ſie ls Fächer gebrauchte. Ihre Haltung und Geſtalt war o anmuthsvoll als möglich. Es lag etwas ſo Freies und doch ſo Zurückhaltendes in jeder Geberde und jedem Blicke. Sie hatte eine nur ihr eigene Art, den Kopf zurückzuziehen, während ſie die Augen aufſchlug, und gleichſam unter ihren langen Wimpern hervorzublicken; und der Tonfall ihrer Stimme, ihr klarer und muſika⸗ liſcher Klang waren in gleichem Grade ungewöhnlich. „Ich wuͤnſche Ihnen Glück zur Heimkehr, Moritz, und hoffe, Sie fühlen ſich ebenſo glücklich, wieder in dieſem Land zu ſein, als ich mich fuͤhlen würde, wenn ich es verlaſſen dürfte. Marie und ich haben oft von Ihnen geſprochen.“ „Und Sie hatten einmal die Güte, mir zu ſchrei⸗ benz ich werde es nie vergeſſen.“ 1„Werden Sie einige Zeit hier blelben?“ „Ja, ich hoffe es.“ „»Nun, dann werden wir uns oft wieder ſehen. Adieu, liebe Marie! guten Abend, Moriz!“ Sdie zog ihr Tuch über der Bruſt zuſammen, band eilig ihre Hutbänder feſt, und verſchwand in einem der grünen Gänge, die gerade nach dem Schloſſe führte Moriz nahm Marien's Arm in den ſeinigen und ſi wandten ſich dem Dorfe zu. „Nun, jetzt haſt Du Lady⸗Bird wieder geſehen; wie gefällt ſie Dir?“ 1 8 „Ich weiß es eigentlich noch nicht genau; ſie ſcheint nicht ſtolz zu ſeig.„ „O, nein! in gewiſſer Hinſicht gar nicht.“ „Sie gleicht einem Gemälde, das ich einſt ſah.“ „In Italien?“ 1 „Ja, in Venedig. Es hatte denſelben lebhaften und ernſten Blick wie ſie. Iſt ſie glücklich, Marie?“ 4„Ich glaube nicht; ihr häusliches Leben iſt gar zu Wi für ein junges Mädchen, und ſie ſehnt ſich ſchmerz⸗ lich hinweg.“. Mich dünkt, ſie iſt recht angenehm? „„Sie iſt recht unterhaltend, wirklich drollig zu Zei⸗ ten, und ein andermal erſtaunlich beredt. Sie liest unendlich viel, wie ich glaube.“ „Hat ſie Intereſſe für Muſik?“ „Sie hat eine ſehr ſchöne Stimme, in der That, eine wundervolle Stimme; doch, da ſie nie Unterricht genoſſen hat, ſo glaube ich nicht, daß ſie gut ſingt— was Du gut ſingen nennen würdeſt.“ „Sie muß ſich in dieſem alten Hauſe ſchrecklich ein⸗ ſam fühlen. Ich erinnere mich noch, wie ſteif ihr Vater immer ausſah, ihre Mutter immer krank, und der gute alte Prieſter ſo zerſtreut und manchmal ein wenig wun⸗ derlich dazu.“ 4 „Nicht gerade wunderlich, aber Lady⸗Bird plagt ihn mit dem vielen Sonderbaren, was ſie ſpricht und thut; und er verſteht vielleicht nicht ganz, wie gedruͤckt ſie ſich fühlt, und daß eben dieß eine Art von Erleichterung für ihr trübes Daſein iſt, daß ſie Jedermann ärgert.“ „Beſucht ſie Dich oft?“ „Ja, ziemlich oft, wie es Zufall und Laune fügt. 63 Manchmal kommt ſie jeden Tag, und dann ſehen wir ſie vielleicht wieder Wochen lang nicht.“ „Sie geht wohl nie in Geſellſchaft?“ „Nein; ich glaube nicht, daß ſie eine einzige Be⸗ kanntſchaft in der Nachbarſchaft gemacht hat. Niemals iſt Jemand mit zu Tiſche auf dem Schloß, wie ich höre, ausgenommen der Geſchäftsträger und der Arzt, und das nur ſelten.“ „Dann ſollt' ich denken, daß ſie keine Bewunde⸗ rer hat.“ 16„Wahrhaftig nein, ich glaube auch nicht, wenn nicht—“ „Wenn nicht was?“ „Wenn nicht etwa Herr Mark Apley einer iſt, der reitet oft nach ihr aus, und ſpaziert hin und her auf dem Wege zwiſchen Stonehouſeleigh und dem Schloſſe, das heißt, wenn er zu Hauſe iſt, was nur zu einer gewiſſen Zeit im Jahre der Fall iſt. Wenn wir ihm begegnen, ſo ſieht er ſie an, als fände er ſie ſehr ſchön, aber er iſt ihr niemals vorgeſtellt worden.“ „Und wie benimmt ſie ſich bei ſolchen Gelegen⸗ heiten?“ „Halb ſtolz und halb verlegen, als fragte ſie nichts darnach, bewundert, hätte aber doch großes Verlangen, bemerkt zu werden.“ „Hier ſind ihre Blumen,“ ſagte Moriz, als ſie in das Wohnzimmer des kleinen Hauſes eintraten.„Soll iih ſie in dieſes Gefäß ſetzen?“ 4 Und ohne eine Antwort abzuwarten, ordnete er ſie ſo niedlich, daß Marie verwunderungsvoll ſtehen blieb. „Hier iſt endlich Dein Piano⸗Forte angekommen,“ ſagte ſie;„nun werde ich etwas von den ſchönen Sachen zu hören bekommen, die von ſchönen Damen und großen Muſikern bewundert worden ſind.“ „Ich fürchte, von den ſchönen Damen mehr, als von den großen Muſikern. Ich war Mode unter ihnen und ſie machten viel aus mir und meinen Liedern; aber ſelbſt 64 in meiner Kunſt, die ich doch ſo leidenſchaftlich liebe, bin ich zu unſtät, um etwas Vorzügliches zu leiſten.“ Er ließ ſeine Hand über die Taſten gleiten und ſtimmte eine Weiſe an, die etwas von der wilden Leb⸗ haftigkeit einer neapolitaniſchen Arie und zugleich von dem Gefühlvollen einer deutſchen Melodie hatte. „Wie lieblich iſt das!“ rief Marie aus. „Es iſt meine Lady⸗Bird,“ ſagte er„das Lied, wo⸗ von ich Dir ſchrieb, das ich voriges Jahr in Neapel componirte. Man verlangte es jeden Abend da Capo.“ „Kein Wunder, denn es iſt munter, und ſchließt doch etwas ernſt Rührendes in ſich, was, wie mich dünkt, das Höchſte in der Muſik ſein muß.“ „Marie,“ ſagte er einen Augenblick darauf, indeß ſie noch immer mit einander am Klavier ſaßen,„ich habe über einen Plan nachgedacht, der, wenn ich ihn zur Ausführung bringen kann, mich in den Stand ſetzent wird, einige Monate hier zu bleiben, ohne der lieben Mutter zur Laſt zu fallen, und der mir auch von Nutzen werden kann, wenn ich mich in London anſiedle. Ich meine, ich ſollte Unterrichtsſtunden in der Nachbarſchaft geben. Meinſt Du nicht, es könnte zweckmäßig ſein? Ich that es auch in Florenz ein Jahr lang.“ Marie lächelte ihm Beifall zu, und Frau Redmond wurde um Rath gefragt. Sie zog ein Stückchen Papier hervor, und hatte bald mit Bleiſtift die Namen verſchie⸗ dener junger Damen und Herren aufgeſchrieben, von denen ſie ſanguiniſcher Weiſe vorausſetzte, daß ſie ganz dn Stunden nehmen würden. In der That war kein Muſt lehrer in der Gegend, und dieſer Mangel war von Fräu⸗ lein Apley beklagt worden, die in allen Fällen das Ora⸗ kel der Frau Redmond war. 2 „Meinen Sie nicht, Mutter, Sie könnten morgen Fräulein Apley Ihre Aufwartung machen und ihr ſagen, daß Moriz Luſt hätte, Lectionen zu geben? Ich weiß, ſie wünſchte ausdrücklich, Sie zu ſprechen wegen der 65 Arbeit an der Schule, und Sie wiſſen ja ſelbſt, wie gerne Sie ſie beſuchen.“ „Ja freilich, liebes Kind; ich bin nur ein wenig albern, wenn ich Jemand um eine Gunſt anſprechen ſoll.“ Moriz erröthete und Marie mit ihrer raſchen Auf⸗ faſſungsgabe fühlte deutlich, daß ihn der Ausdruck ver⸗ letzte, den ihre Mutter gebraucht hatte, und rief augen⸗ blicklich aus: „Aber, liebſte Mutter, wiſſen Sie wohl, daß ich das kaum als eine Gunſt betrachten kann? Moriz hat ein ungewöhnliches Talent, und wer in dieſer abgelegenen Gegend Gelegenheit findet, Stunden bei ihm zu nehmen, der empfängt eher eine Wohlthat, als daß er eine Gunſt erzeigte.“ „Aber, vielleicht weiß ſie nicht, daß er ſo viel Talent hat, Liebe, und wenn ich es ihr ſage, ſo kann ſie denken, „ daß das nur Parteilichkeit von mir iſt.“ „O, um des Himmels Willen, Mutter,“ rief Moriz ungeduldig aus,„ſagen Sie gar nichts von mir. Ich will ſelbſt mit Pater Lifford ſprechen. Aber, was Sie immer thun mögen, preiſen Sie mich nicht an, das kann ich nicht ertragen.“ Er ſpielte eine lärmende Bravour⸗Arie, die der weitern Unterhaltung Einhalt that: und Gedanken an Italien, an die Frauen, die ihm geſchmeichelt, die Freunde, die ihm Beifall gezollt hatten, an die Art, wie dort der künſtleriſche Genius als allen andern Vor⸗ ügen überlegen betrachtet werde, an den vertraulichen Fuß, worauf er mit Perſonen vom höchſten Range ge⸗ ſtanden hatte, ſtiegen in ſeiner Seele auf und machten ihn für den ganzen Reſt des Abends ſchweigſam und verſchloſſen. Er verglich dieſe Erinnerungen mit dem Anblick des kleinen Zimmers, worin ſie ſaßen, und zum erſten⸗ mal zum Nachtheil des letzteren; denn, kam es nun von der Liebe zum Wechſel und zum Contraſt her, die für Menſchen ſeiner Gemuthsart ſo großen Reiz haben, Ladh⸗Birb. I. 5 66 oder von ſeiner Liebe zu Marie, gerade die Einfachheit und der durchaus engliſche Charakter der Heimathſtätte ſeiner Kindheit war ihm angenehm geweſen. Aber jetzt dachte er wieder an die Paläſte, die Villen, die Eichen⸗ Alleen, die Orange⸗Gärten Italiens; und wie er Marie ſo am Tiſche beim Lichte einer einzigen Talg⸗Kerze ruhig arbeiten ſah, ſchien ſie ihm zwar nicht weniger anmuthig als zuvor, aber er ſagte zu ſich ſelbſt:„Ja, ich will dich, mein engliſches Maßliebchen, in jenes ſchone Land verpflanzen. Sein glühender Sonnenſchein wird dieſen etwas zu ruhigen Ausdruck beleben. Seine Einflüſſe werden all das Gefühl und Verſtändniß an das Licht rufen, das dieſes leidenſchaftsloſe Daſein am .Ende noch erſticken würde. Wenn ich meine erſte Oper auf dem Scala⸗ oder Fenice⸗Theater zur Aufführung bringe, wie wird dieſes blaſſe Geſicht ſich von der innern Bewegung röthen, wie wird dieſe Bruſt,— die jetzt ſo g ruhig athmet— von Aufregung klopfen, wenn ſie ent⸗ weder ein kummervoller Zeuge vom ſchlechten, oder ein entzückter vom guten Erfolge deſſen ſein ſoll, was mich beinahe mehr als mein Lebensblut koſtet!— Und dieſe Augen, die ſich immer ſchneller nach dem Himmel als nach der Erde zu wenden ſcheinen, werden ſie nicht auf⸗ flammen von Triumph und ſtrahlen von Freude, wenn die begeiſterten Zurufe und der wilde Beifall einer italie⸗ niſchen Zuhörerſchaft den glücklichen Maeſtro hervorru⸗ fen, um den Lohn des Preiſes zu empfangen, den man dort ſo trefflich zu ertheilen verſteht? O meine ſtille, liebliche Marie, du mußt mit mir aus dieſem berau⸗ ſchenden Becher trinken— ſollteſt du gleich auch an meinen Leiden deinen Antheil zu tragen haben.“ 3 Es ſchlug zehn Uhr und Frau Redmond und Marie nahmen ihre Arbeit Pſamen und ſchickten ſich an, zur Ruhe zu gehen. Als Moriz ihnen auf die Flur folgte, rief er Marie an die Gartenthüre, legte feine Hand auf ihren Arm und ſagte flüſternd:„Was mochteſt Du lieber, zu Zeiten unendlich glücklich und zu andern Zeiten tief elend ſein, oder die beiden Aeußer⸗ ſten von menſchlicher Seligkeit und menſchlichem Weh niemals kennen lernen?“ Sie ſah üͤberraſcht und bei⸗ nahe geängſtigt von dieſer Frage aus, aber nach einem augenblicklichen Zögern ſagte ſie, indem ſie ihre Augen ſchuchtern nach ihm aufſchlug:„Ich glaube, daß ich be⸗ reits zu gluͤcklich geweſen bin, als daß ich nicht auch verhält⸗ nißmäßig zu leiden haben ſollte; aber komme, was kommen mag—, eine höhere Freude oder ein tieferer Kummer, ich frage nichts nach dem letzteren, wenn er mich allein trifft, und wenn ich dagegen die erſtere mit Dir theilen darf.“ „Engel von Güte!“ rief er entzückt aus;„und ich dagegen wünſchte eben jetzt Dich zu zwingen, die Qua⸗ len meines fieberhaften Daſeins zu theilen. Bewahre den himmliſchen Frieden Deines Herzens, meine Marie, und Gott verhüte, daß ich jemals wieder in meiner Laune Narrheit ihn zu ſtören ſuche!“„Warum ſollteſt Du das in der That?“ rief ſie mit ungekünſteltem Er⸗ ſtaunen aus. Er lächelte, aber er fühlte ſich in einer gewiſſen Erwartung getäuſcht. Warum, das konnte er kaum ſagen. Sie errieth ſeine Gedanken nicht; wie konnte ſie es auch? Aber Andere hatten es gethan, und das Leben wird flach und ſchal, wenn jedes Ding ver⸗ deutlicht werden ſoll, und er konnte ſich ſogar ſich ſelbſt nicht immer deutlich machen. Eine Wolke lag auf ſei⸗ nen Augbrauen, als er ſich in ſein Zimmer einſchloß. Er ſtieß das Fenſter auf, warf ſich auf ſein Bett, raffte Bleiſtift und Papier auf, und begann zu entwerfen, aber nicht Muſik. Seine Seele war in dieſem Augen⸗ blicke nicht harmoniſch geſtimmt, aber er ſchrieb wild ſchwärmende Verſe und ſank in Schlaf, einige unbeen⸗ digte Zeilen in der Hand. 68 Fünftes Kapitel. Noble et 16g?re elle foldtre, Et''herbe que foulent ses pas, Sous le poids de son pied d'albätre Se courbe et ne se brise pas. Sur ses traits, dont le doux ovale Borne l'ensemble gracieux, Les couleurs que ia nue étale Se fondent pour charmer les yeux. A la pourpre qui teint sa joue, On dirait que l'aube s'y joue; Son front 1éger s'élève et plane Sur un cou ffexible, élancé, Comme sur le flot diaphane Un cygne mollement bercé.“ Lamartine * .„* „Muſik iſt die Nahrung der Liebe.« 4 Shakespeare. Wie ſeltſam iſt es doch, daß es Menſchen gibt, die es für der Mühe werth halten, ſich ſelbſt zu ubervor⸗ theilen, mit ihrem eigenen Gewiſſen eine doppelſinnige Sprache zu führen und ihr eigenes Herz zu belügen, während ſie dabei immer recht wohl wiſſen, daß ſie das nichts nützt, daß es die abgeſchmackteſte aller Täuſchun⸗ gen iſt, daß nicht einmal eine Thronrede oder ein mi⸗ niſterieller Vortrag ſo ſehr je des Anſpruchs auf die Eigenſchaft der Aufrichtigkeit ledig iſt, als ihre Pro⸗ zeßführung vor der Gerichtsſchranke ihres Bewußtſeins. Aber die geheime innere Lüge wird ununterbrochen fort⸗ geführt, und es iſt kein Zweifel, daß der Dieb und der Mörder einen innerlichen Rechtsfreund haben, der auf ein freiſprechendes Urtheil dringt in demſelben Augen⸗ blicke, da der Dolch gewetzt und die Beute in Sicher⸗ heit gebracht wird. Indeſſen gibt es allerdings auch Leute, die niemals mit ſich ſelbſt zu verkehren ſcheinen, deren Seelen wie eine Eiſenbahnreiſe ſind, bei der man 69 nie anhält, außer an feſtbeſtimmten Punkten, und nie⸗ mals über einen feſtbegränzten Umkreis hinausblickt. Lord Lifford mochte zu der Zahl der Letzteren ge⸗ hören, und war es ſo, dann mußte die Bahnlinie ſeiner Seele durch die ödeſten und furchtbarſten Landſchaften des Geiſtes gelegt ſein. Sie war ihres Weges fortge⸗ gangen, zerquetſchend und erſtickend in ſich und Anderen Alles, was dem Daſein Licht und Freude gibt. Ob, in der Sprache des Apoſtels Paulus zu reden, ſeine Ge⸗ danken jemals einandrr verklagten und entſchuldigten, war zweifelhaft. Vielleicht war ſein innerſtes Weſen zu deſpotiſch, um einen Widerſpruch ſelbſt nur in ſeinem Innern zuzugeben, und die Empörnng ſeines Gewiſſens wenn ſie jemals ausbrach, wurde durch die eiſerne Starr⸗ heit ſeines Willens niedergeſchlagen. Aber in dem Cha⸗ rakter ſeiner Tochter waren neben dieſem ſelben Willen, den ſie von ihm geerbt hatte, auch noch andere Ele⸗ mente in Thätigkeit. Etwas von der Zartheit des Cha⸗ rakters ihrer Mutter war dazu geſellt. Dieß war ſel⸗ ten an's Licht gerufen worden, aber doch war dann und wann ein Schimmer davon ſichtbar, der diejenigen überraſchte, die an ihre rückſichtsloſen Launen und ihre unbiegſame Entſchloſſenheit gewohnt waren. Sie hatte eine von den Naturen, die nicht durch die gewöhnlichen Mittel gelenkt werden können, und— ähnlich dem ſpar⸗ taniſchen Knaben— würde ſie tauſend Qualen erdul⸗ det haben, ehe ſie Drohungen nachgegeben oder ſich der Gewalt unterworfen hätte. Zwei⸗ oder dreimal war ſie von der Zeit ihrer Kindheit an bis zu dem Alter, zu dem ſie jetzt gelangt war, in offenen Zuſammenſtoß mit ihrem Vater gerathen. Einmal entfuhr in einem Paroxrismus der Leidenſchaft ein Fluch ihren Lippen, der in demſelben Augenblick, da er ausgeſprochen war, ihre Seele mit ſolchem Schauder erfüllte, daß ſie einen Schrei des Entſetzens ausſtieß und zu ihres Vaters Füßen niederſtürzte. Hätte er ſeine Arme geöffnet, ſo würde ſie ihn wahrſcheinlich von dieſem Augenblick an 70 mit aller Kraft ihres wunderſamen Charakters geliebt haben. Wäre er von Zorn und Entrüſtung ergriffen worden, ſo würde ſie fortgefahren haben, um Verzeihung und Verſöhnung zu flehen; aber er verließ ſie mit Hohnlachen und ſie blieb allein mit ihren Gewiſſens⸗ biſſen und ihrem Zorn, und konnte ſelbſt dieſen nicht bemeiſtern, bis einige Tage darauf in der Beichte— dem geheimen Kampfplatze, wo ſo manche wilde Schlach⸗ ten mit dem eigenen Ich ausgefochten werden, der ſtolze Geiſt ſich beugte; und nachdem ſie Ströme von Thrä⸗ nen vergoſſen hatte, gieng ſie, blaß vor Erſchütterung, gerades Weges von der Kapelle nach ihres Vaters Zimmer, flehte um eine Verzeihung, die ihr auf eine kühle Weiſe bewilligt wurde, und kehrte dann zu den Füßen des Mannes zurück, der, als Vertreter ſeines Herrn, wenn auch zu Zeiten ſtreng, doch immer gütig war, und ſie, nachdem er ihr Abſolution und Segen ertheilt, in Frieden ziehen ließ. Es war heilſam für Gertrude, erfahren zu haben, welche Wirkung eine ſolche Selbſtüberwindung thut, was ein ſolcher Augenblick iſt. Sie vergaß es niemals. Manchmal werden Samenkörner ausgeſtreut, die lange Jahre unter einer harten Oberfläche liegen, aber eines Tages kann der Regen fallen, kann die Sonne ſcheinen, und die Ernte wird reifen. Ein Zug lag in Gertrudens Gemüthsart, womit ſie weder Vater noch Mutter glich: das war eine wilde Luſtigkeit— beſonders anziehend an einem Mädchen von ſo viel Schönheit, ſo viel natürlichem Verſtand und ſo viel Originalität, als ſie beſaß. Es war faſt unmöglich für Jedermann, ihrem Zauber zu widerſtehen. Selbſt Pater Lifford,— der doch dachte, daß eine ſolche Eigenſchaft an Leichtſinn gränze, und es ſich eher als einen Punkt ſeiner Pflicht vorhielt, ſie darin zu be⸗ ſchränken— konnte ſich nicht erwehren, zu Zeiten den Einfluß davon zu empfinden, und wenn es ihr gelang, ihm ein Lächeln abzugewinnen, ſo gab ihr das eine 71 frohe Laune für den Reſt des Tages, wie ſie Marie Grey öfters erzählte. Bei einem ſo einförmigen Daſein und einer ſolchen Sehnſucht nach Wechſel und Unterhaltung irgend einer Art wäre es eine Unmöglichkeit geweſen, daß die Rück⸗ kehr eines alten Spielgefährten, der in früheren Zeiten ſo viel beigetragen hatte, ſie zu erfreuen, hätte ein gleichgültiges Ereigniß für ſte, oder daß ſie nicht hätte bereit ſein ſollen, eine Bekanntſchaft wieder zu erneuern, die ihr einſt ſo viel Vergnügen gewährt hatte. Seine Briefe an Marie hatten ihre Einbildungskraft lebhaft angeſprochen; ſie empfand Neugierde, zu beobachten, in welchem Grade er in ihre ruhige Freundin verliebt ſei, und ob ihre Gefühle für ihn eine romantiſche Fär⸗ bung hätten, oder auch von derſelben Art ſeien, wie die nach ihrer Anſicht gewöhnliche Natur ihres ganzen Weſens: denn das war die Weiſe, wie Gertrude eine der ungewöhnlichſten Perſonen in der Welt würdigte, eine von jenen ſeltenen, ſich ſelbſt vergeſſenden Naturen von mehr Gefühl als Leidenſchaft, mehr Begeiſterung als kühnem Muthe, und mehr Zartheit der Empfin⸗ dung als Reizbarkeit der Stimmung. Einen Tag oder zwei nach dem Zuſammentreffen an der Brücke ſchickte ſie ihr Mädchen ab und ließ Marie ſagen, ſie gedenke dieſen Nachmittag im Eichen⸗ parke zu zeichnen, und wenn ſie nichts Anderes zu thun habe, ſo würde es recht freundlich von ihr ſein, dort mit ihr zuſammenzutreffen, da es doch ziemlich lange her ſei, ſeit ſie ſich nicht mehr mit Behagen geſprochen hätten. Die Botſchaft wurde beſtellt, die erwartete Zu⸗ ſage wurde gegeben, und an demſelben Punkte, wo eiwa drei Jahre früher dieſe Erzählung ſich eröffnete, ſaßen wiederum Gertrude und Marie— die erſtere mit einer ohne Unterricht erlangten Geſchicklichkeit die alten Bäume zeichnend, die die Lieblingsſtellen ihrer Kindheit gebil⸗ det hatten, und die andere emſig mit einer Näharbeit beſchäftigt, die ſie mit ſich gebracht hatte. Der Sommer war ſchon weit vorgerückt,— keine Blumen ſtanden im Graſe um ſie her und die Vögel. hatten ihre Geſänge eingeſtellt, aber das reiche Laubge⸗ wölbe und der tiefe Schatten des Forſtes ſtand in der vollen Pracht der Reife. Gertrude hatte vorausgeſetzt, daß Moriz ſich an ſie anſchließen werde, aber er that es nicht und ſie fühlte etwas von getäuſchter Erwartung. Mariens Unterhaltung ſchien ihr lebloſer als gewöhn⸗ lich, und zuletzt fragte ſie abgebrochener Weiſe: „Wo iſt Moriz? Was ſängt er in dieſen langen Sommertagen mit ſich ſelbſt an?“ „Er liest draußen am Park⸗Zaun,“ ſagte Marie. „Er ging ſo weit mit mir, und dann ſagte er, er würde uns ſtören, und er wolle ſich mit ſeinem Buche unter⸗⸗ halten, bis ich zurückkomme.“ „Aber was war das für einfältig Zeug, zu denken, er würde uns ſtören. Ich hoffe doch nicht, daß er die Abſtcht hat, mich zu vermeiden, Marie? Denkt er nicht daran zurück, was wir für gute Freunde zu ſein pflegten? „Ich glaube, liebe Lady⸗Bird, das iſt einer der Gründe, aus denen er ſich jetzt in Ihrer Geſellſchaft verlegen fühlt. Er ſagt, er könne nicht erwarten, daß ie ihn als einen alten Freund betrachten ſollten.“ „Und warum nicht— das möchte ich doch wiſſen? Habe ich ſo viele Freunde, daß man von mir voraus⸗ ſetzen darf, ich werde unfreundlich ſein gegen die einzi⸗ gen, die ich in meiner Kindheit gekannt habe? Ich habe bemerkt, Marie, daß Sie manchmal eine Neigung ver⸗ ſpüren, formell und ceremoniös gegen mich zu ſein, und das verdrießt mich auf den Tod. Ja, auf den Tod,“ wiederholte ſie, den Bleiſtift an den Lippen, und Marien unter den Hut guckend, die lächelnd den Kopf ſchüttelte. „Was iſt es Schade,“ rief ſie aus, daß wir nicht tau⸗ ſchen können!“ „Was tauſchen, Lady⸗Bird?“ „Die Stätten unſerer Geburt, meine ich— ich 73 würde mich in Ihrer Hütte ganz glücklich gefühlt, und Sie würden in Schloß Lifford eine Art von Modell einer jungen Lady abgegeben haben. Sie hätten nie etwas Thörichtes geſagt oder gethan und ſo ſtolz und ernſt ausgeſehen wie eines von den Familien⸗Gemäl⸗ den. In der That, mein Großonkel ſagt, Sie ſeien ein Muſter von Vollkommenheit, und dann ſeufzt er und zuckt die Achſeln und ſieht mich an. Wünſchten Sie nicht, Miß Lifford zu ſein? Iſt es nicht eine wahr⸗ haft beneidenswerthe Beſtimmung, das Leben auf Schloß Lifford zuzubringen— einer Art von weltlichem Kloſter Vuin Karthäuſer⸗Orden, denn wir ſprechen nie ohne oth.“ „In dieſem Augenblick jedoch befolgen Sie die Re⸗ gel nicht, wie mich dünkt,“ ſagte Marie.„Aber, liebe Lady⸗Bird, ich bin nicht ſicher, daß Sie mein Leben ſehr heiter finden würden, obwohl ich mich darin glück⸗ lich fühle.“ „Ei, es muß doch wenigſtens einige Unterhaltung gewähren, einen Liebhaber zu beſitzen, was mir niemals zu Theil werden wird. Sie wuürden niemals daran gedacht haben, wenn Ihnen nicht einer in den Weg ge⸗ laufen wäre; aber ſeien Sie aufrichtig— iſt es nicht unterhaltend?“ Marie erröthete und ſchüttelte wieder den Kopf. „Nun, denken Sie an Ihre Zeichnung, Lady⸗Bird, und reden ſie nicht auf dieſe Weiſe!“ „Nun gut, ich will es nicht mehr thun, wenn Sie hingehen und Moriz ſagen wollen, daß er mir nicht aus dem Wege gehen und ſich nicht einbilden ſoll, daß wir nicht mehr ſo gute Freunde wie vormals ſein könnten.“ „Ich will gehen, wenn Sie mir verſprechen, nicht mehr ſo zu reden, wie Sie eben jetzt thaten, beſonders in ſeiner Gegenwart.“ „Nun, nun, ich will es ja nicht mehr thun, aber machen Sie ſich auf den Weg, Marie Grey! Iſt es 74 nicht eine ‚douce violence“, Sie auf einen ſolchen Bo⸗ tengang auszuſenden. Mittlerweile werde ich mit dieſer alhn Eiche fertig, und Sie ſollen Sie zur Belohnung aben.“ Marie ging ruhig eine der Alleen des Parkes hin⸗ unter, und Gertrude, indem ſie ihr nachſah, bis ſie zwi⸗ ſchen den Bäumen verſchwand, ſagte zu ſich ſelbſt: „Sie iſt ſo rein, als man ſich etwas Reines nur denken kann. Es gibt keine ſo gute Seele, wie Marie, glaube ich. Sie ſcheint ſich nicht gerade viel aus Moriz zu machen, doch davon verſteh' ich mehr, ſeh; ich beide erſt zuſammen.“ Das letzte Wort erinnerte ſie an ein an⸗ muthiges Lied, das ſie einſt gelernt hatte, und das ſo begann:„Wir ſtanden gut zuſammen, im Schatten wie im Licht.“ Dieſe Liedchen trillerte ſie in Zwiſchenräu⸗ men vor ſich hin, wenn ihre Zeichnung ſie nicht zu ſehr in Anſpruch nahm. Als Marie zurückkam, und Moriz mit ihr, grüßte ſie ihn mit einer heitern Freundlichkeit, die ihn mit einem Male in eine behagliche Stimmung verſetzte; er ſetzte ſich auf einen Baumſtumpf gegenuͤber von dem, den ſie inne hatte; ſein ſtarkes Erröthen verlor ſich, und ſein Benehmen, das anfangs etwas ſteif geweſen war, wurde natürlich und belebt. Sie richtete Fragen an ihn, die ihm einige lebhafte Beſchreibungen von Per⸗ ſonen und Oertlichkeiten im Ausland entlockten, und das ſtrahlende Lächeln, womit ſie Alles beantworteie, was ihr Vergnügen machte, verſetzte ihn in die Tage zurück, da es der Gipfel ſeines Ehrgeizes war, eine Geſchichte zu erzählen, durch welche Lady⸗Bird zum Lachen oder zum lauten Aufſchrei bewogen wurde. Er war erſtaunt zu finden, wie viel ſie wußte von Gemäl⸗ den und Statuen, von Dichtern und Muſikern,— wie wohl bewandert ſie in der Geſchichte und Literatur Italiens war, und mit welchem raſchen Wechſel, des Benehmens ſie in einem Augenblick aus einem eigen⸗ ſinnigen Kind in ein beredtes Weib verwandelt ſchien, 77 Du wirſt morgen überwacht ausſehen, wie ein Geiſt; wie der Geiſt in der letzten Scene der Oper.“ Die Oper war nun ein beſonders merkwürdiger Gegenſtand für ſie geworden. Er ſelbſt wiederholte ſie nicht öfter in Gedanken als ſie. Da ſie nie in ihrem Leben in einem Theater geweſen war, ſo hatte ſie nur eine ſehr unbeſtimmte Vorſtellung von einer dramati⸗ ſchen Darſtellung; aber es war genug für ſie, daß es ſein Traum, ſein Werk, der Gegenſtand ſeiner Ge⸗ danken war; die Fabel war begründet auf ihre Lieb⸗ lings⸗Ballade von„O'Connors Kind“, und ſie konnte ſich vorſtellen, ſagte ſie, wie ſchön es ſein müſſe, das alles aufgeführt zu ſehen, wie ſie es ſo oft aufgeführt hätten und zugleich ſeine Muſik zu hören, die in einer anderen Sprache alles das ausſpräche, was ſie immer dabei ge⸗ fühlt hätten. Wie ſie nun in der Nacht wach in ihrem Zimmer lag und auf ſein Spiel unter ihr horchte und auf die leichten Wolken Acht gab, die fluͤchtig am Himmel vorüberzogen, empfand ſie Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt darüber, daß die Worte:„Du biſt mehr werth, als hundert Lady⸗Birds,“ ihr in ſeine Muſik eingemengt und an den Himmel angeſchrieben zu ſein ſchienen. Binnen ungefähr vierzehn Tagen hatte Moriz zwei oder drei Schüler in der Nachbarſchaft bekommen, und allmälig wurde er bekannt; ſein Ruf begründete ſich und er wurde nach und nach eine Art Löwe in Lanca⸗ ſhire. Manchmal wurde er in dieß und jenes Land⸗ haus, wo er Stunden gab, eingeladen. Sein vollkom⸗ men gentlemanmäßiges Benehmen, ſein angenehmes Aeußere, ſeine Bekanntſchaft mit der franzöſiſchen und italieniſchen Sprache, und ſein wahrhaft ſchönes Spiel, machten ihn zum allgemeinen Günſtling, wohin er immer kam. Sonntags ſpielte er immer die Orgel in der katholiſchen Kapelle zu Stonehouſeleigh, und oft kamen Fremde dahin, um die treffliche Muſik zu hören, womit er die verſchiedenen Theile des Gottesdienſtes be⸗ gleitete und ſeine Pauſen ausfüllte. Für Marie lautete ſie gleich den Weiſen des Himmels ſelbſt, und ihr Herz und ihre Liebe waren beide ſo rein, daß nichts der Stelle oder der Stunde Unwürdiges in der Freude lag, die dieß Herz überfluthete, wenn ſie, das Geſicht in den Händen vergraben, ein Gefühl hatte, als wenn er die ſprachloſe Anbetung, die aus ihrer eigenen Seele empor⸗ ſtieg, in Melodie verwandelte. Gertrude kam immer zum Nachmittags⸗Gottesdienſt, — zuweilen mit Pater Lifford, oder ſonſt mit ihrem Mädchen; und am Schluß der heiligen Handlung, wenn die Verſammlung ſich zerſtreute, wartete ſie gewöhnlich auf dem Kirchhof, während er in der Sakriſtei war, oder Hanna mit ihren Freundinnen aus dem Dorfe herumſchlenderte. Ihr Sitz war ein Grabſtein nahe an der Thüre, und die einfache Aufſchrift darauf:„Requies- cat in pace“ bildete einen Kontraſt mit dem Aus⸗ druck ihres Geſichtes. Die Gewalt, die die Religion über ſie üben mochte, war immer von der Art, daß ſie einen Kampf anfachte, und innerer Streit war die Frucht heilſamer Eindrücke. Beſſer für ſie, daß es ſo war; das Beſte an ſolchen Charakteren und Geiſtern iſt die Schwierigkeit, die es fuͤr ſie hat, ſich ſelbſt zu täuſchen. Sie irren, ſie verletzen, der Wille iſt hartnäckig, das Herz unbezwungen— aber ſie ſind ſchon zu tief in ſich ſelbſt eingedrungen und zu weit üͤber ſich ſelbſt hinausgegangen, um noch die Rolle des falſchen Pro⸗ pheten gegenuͤber ihren eigenen Seelen ſpielen und aus⸗ rufen zu können„Friede, wo kein Friede iſt.“ Als ſie einmal von der Kapelle zurückgingen, frag. Gertrude Marien mit einem Blick der ein lebhaftes Intereſſe für die Sache ausſprach, ob es wahr ſei, daß Moriz ſchon Stunden in der Nachbarſchaft gegeben habe, und auf Mariens bejahende Antwort rief ſie aus: „Dann nehme ich auch welche, das heißt,“— damit wandte ſie ſich nach ihm um, denn er holte gerade in dem Augenblick die Beiden ein—„das heißt, wenn Sie — — t 1 3 79 freundlich genug ſein wollen, ſich mit einer Anfängerin abzugeben, die niemals regelmäßigen Unterricht gehabt hat, und deren Finger ſo ſteif ſind, als ihre Stimme un⸗ bildſam. Ich werde Ihre Geduld auf ſchreckliche Pro⸗ ben ſtellen, aber— wollen Sie ²“ Er erröthete und verbeugte ſich, ſah aber nicht er⸗ freut aus. Sie bemerkte es, wandte ſich mit ihrer ge⸗ wohnten Heftigkeit nach Marie um und ſagte: „Warum iſt er ſo wunderlich in dem Punkte? Macht es Ihnen kein Vergnügen, Moriz, mich zu unterrichten?“ „O ja,“ antwortete er und erröthete noch tiefer, „aber ich kann nicht dafür ſtehen“— er brach plötzlich ab und fügte dann hinzu:„Ich meine, ich weiß nicht, ob ich noch uber eine Stunde zu verfügen habe, die Ihnen ge⸗ nehm wäre. Wann wünſchen Sie, daß ich kommen ſoll?“ „Wann können Sie?“ „Um fünf Uhr.“ „Gut, um fünf Uhr— dreimal in der Woche— das wird köſtlich ſein! Dieſe Stunde iſt gerade die einzige, die auch Mama angenehm ſein wird. Wiſſen Sie wohl, Marie, daß die Muſtk, wie ich finde, eines von den wenigen Dingen iſt, um die Mama ſich küm⸗ mert? Als ich ſie um Erlaubniß fragte, Stunden zu nehmen, und als ich ihr ſagte, daß Moriz welche gebe, da ſchien ſie ganz vergnügt und ſagte, man ſolle das Pianoforte in das nächſte Zimmer neben dem ihrigen ſtellen, und, wenn ſie ſich wohl genug fühle, ſolle man die Flügelthüren öffnen, und es werde ihr Vergnügen machen, zuzuhöbren. Sie meint, es werde ihr gut thun, etwas Muſik zu hören. Seit ſie Spanien verlaſſen hat, hat ſie keine mehr gehört— ausgenommen die kleinen Lieder, die Sie ihr manchmal vorzuſingen kamen, als Sie noch ein Knabe waren,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich nach ihm hinwandte. Moriz lächelte auf gezwungene Weiſe und fragte, an welchem Tage er kommen ſollte. Man vereinigte 80 ſich auf den nächſten Donnerſtag, und er nahm Ab⸗ ſchied mit einer Wolke auf der Stirne. Als ihn Marie nachher— in einer unbewußten Mißſtimmung, die ſie kaum beſchreiben konnte, und die ſie vielleicht nicht gefühlt hätte, wenn er Gertrude mit Heiterkeit zur Schülerin angenommen hätte— fragte, ob es ihm läſtig ſei, Stunden auf dem Schloſſe zu ge⸗ ben, ſo antwortete er ungeduldig:„Du denkſt doch hoffent⸗ lich nicht, daß es mir Vergnügen iſt, als Freund be⸗ handelt und zu gleicher Zeit als Muſiklehrer betrachtet und bezahlt zu werden?“ Sie fühlte ſich von dieſer Aeußerung gedrückt, aber ſie ſagte, es mache ihr viel Vergnügen, zu denken, daß ſein Spiel der Lady Lifford eine Erheiterung gewähren werde, die ſo wenig frohe Augenblicke in ihrem Leben habe, und daß es Gertrude in häufige Geſellſchaft mit ihrer Mutter bringe, was eine unſchätzbare Tröſtung für Beide ſein müſſe. Er ſtimmte ihr bei, blieb aber für den Reſt des Tages un⸗ ruhig und verſtört. Aber nachdem die erſte Stunde gegeben war, ſchien ſein Widerwille verflogen zu ſein, und er ſagte Frau Redmond und Marien, wie ſeltſam es ihm vorgekommen ſei, Lady Lifford wieder auf demſelben Ruhebett zu fin⸗ den, worauf er ſie als Knabe zu ſehen gewohnt geweſen ſei,— nur noch blaͤſſer und ſchmächtiger, als er ſie im Gedächtniß gehabt habe. „Da liegt ſie, in Tücher eingehüllt und auf Polſter geſtützt, ihr Geſicht ſo weiß und bleich daß es ausſieht, als könnte man hindurch ſehen, und ihre Augen erſchei⸗ nen als unnatürlich groß und glänzend. Nachdem ich Lady⸗Bird einigen Unterricht gegeben hatte, bat ſte mich, etwas recht Sanftes zu ſpielen, weil ſie glaube, daß das ihrer Muter wohl thun werde. Ich dachte in demſelben Augenblick an Mozart's Agnus Dei und ſpielte es ſehr ſanft, aber mit vielem Ausdruck. Ich bemühte mich 4 niemals in meinem Leben ſo ſehr, gut zu ſpielen— ſelbſt nicht, wenn ich mit der groͤßten Aengſtlichkeit in 81 einem Concert einen guten Eindruck zu machen wünſchte, als jetzt, um dieſe blaſſe Frau zu erfreuen, die ſeit ſechs⸗ zehn Jahren keine Muſik gehört hatte. Als ich etwa zwanzig Minuten mich hatte ſo gehen laſſen, indem ich die Melodie mit wenigen einfachen Accorden variirte, brach ich ab, und indem ich durch die Thüre nach ihrem Ruhebette hinhlickte, ſah ich, daß ſie ihr Geſicht mit ihren dünnen, durchſichtigen Händen bedeckt hatte und daß große Thränen zwiſchen ihren Fingern hindurchrollten. Sie rief Lady⸗Bird mit ſchwacher Stimme und ſagte ihr, ſie möchte mit der Lection fortfahren— ſie habe für einen Tag genug von der Seele der Muſik gehürt. Dieß wurde in gebrochenem Engliſch geſprochen, aber der Ausdruck geſiel mir ſo gut. Es liegt etwas tief Ruhiges und Feierliches auf dieſen zwei Zimmern. Das ihre iſt ſo voll von Gemälden und ſeidenen Tapeten und fremd ausſehenden Dingen aller Art; es ſieht da gerade aus, wie in einer Kapelle; das nächſte Zimmer iſt eine Bibliothek und geht auf den Garten hinaus. Lady⸗Bird hat eine ſchöne Stimme, aber es iſt ihr läſtig, ſich viel zu üben, und was ihr läſtig iſt, das thut ſie wohl nim⸗ mermehr, in dem Verdacht habe ich ſie. Was das Spie⸗ len anbetrifft, das wird ſie wohl nicht einmal verſuchen. Aber Morgen wird ſie um drei Uhr herkommen, um die Muſtkalien durchzuſehen, die ich Euch mitgebracht habe, und die Lieder zu wählen, die ſie lernen will.“ „Alſo Singſtunde geben Sie ihr, lieber Moriz?“ fragte Frau Redmond, als er anfing, einen Haufen Muſikalienhefte durchzublättern. „Ja, ſo denk' ich, Mutter,“ antwortete er lächelnd. „Alles unternimmt ſie zu lernen, aber man könnte es ebenſo gut verſuchen, eine Lerche zu lehren, wie ſie auf einem Buſche ſtill ſitzen und ihre Triller einüben ſoll, als Lady⸗Bird dazu bringen, ih mit Ernſt auf irgend Etwas zu legen, außer, was ihr gerade in dem Augen⸗ blick ihre Laune eingibt.“ Laby⸗Bird. I. 6 8² „Sie wird Ihre Geduld recht auf die Probe ſtellen, lieber Moriz.“ „O, ich werde ihr vorſpielen und vorſingen, und ſie wird auf dieſem Wege lernen; ſie hat ſo viel Genius.“ Sechstes Kapitel. .„Verwirrung mehr, als holder Liebe Glück, Treibt rollend um der Strahlenauge Blick; Gering'rer Glanz wohl auf den Deinen ruht, Doch, welche leuchten denn ſo lieb und gut? Ich wende mein geblendetes Geſicht So gern, um anzuſchau'n ihr mildes Licht. Doch dieſe hohe Flamme zu erſticken, Es iſt ſo ſchwer, als ſich daran beglücken; Wie leicht ich's kann, der Himmel mag's bezeugen Richt ſchwerer iſt's ja, zu ihm aufzuſteigen.“ Waller. 4 Gertrude hielt am andern Tage Wort. Sie war bei vortrefflicher Laune, ſang, als ſie am grünen Pfört⸗ chen ankam, eine Roulade beſſer, als ſie Tags zuvor irgend eine ausgeführt hatte, ſagte ihrem Hannchen, ſie moͤchte in einer Stunde wieder nach ihr ſehen, bat ſich dann die Erlaubniß aus, einige Geißblatt⸗ und Jasmin⸗ blüthen auf der Mauer zu pflücken, denen die Sonnen⸗ hitze wehe thue, und blieb eine Weile außer dem Hauſe ſtehen, um mit der Katze der Frau Redmond zu ſpielen, die auf dem Fenſterſims ſchnurrte. Sie preßte ihr die Pfote ein wenig und küßte ſie dann, um es wieder gut machen. „Ich bin überzeugt, Marie hat niemals irgend einem Ding in der Welt weh gethan, oder doch, Frau Red⸗ mond? Aber das iſt ein ubler Vorſatz, Marie, die 8³3 Menſchen allzu glücklich zu machen,— man ſagt, es thue niemals gut; und obgleich ‚Man ſagt ein recht tückiſches, gehäſſiges und quäleriſches Teufelchen iſt, ſo glaube ich doch, daß es manchmal recht hat. Miesmies wird ſich nun, wenn ich das nächſtemal wieder komme, weit mehr freuen, mich zu ſehen, weil ich ſie ein wenig gequält habe, und dann wieder recht freundlich geweſen bin. Plagt Marie Sie manchmal, Moriz?“ „Nur dadurch, glaube ich, daß Sie mir nie Gele⸗ genheit gibt, einen Fehler an ihr aufzufinden,“ antwor⸗ tete er aus dem Zimmer heraus, wo er Muſikalien abſchrieb. „O, aber das iſt wirklich ein ſehr großer Fehler— vielleicht der herausforderndſte, den ein weibliches Weſen an ſich haben kann. Wollen Sie ſich nicht beſſern, Marie? Das iſt ja gar zu hart für den armen Moriz. Die Männer haben ſo eine Freude daran, zu zanken und Vorleſungen zu halten; man ſollte ſie nicht um ihre kleinen Vergnügungen bringen. Es iſt ſelbſtſüchtig, immer ſo gut zu ſein. Pater Lifford zum Beiſpiel, wie uner⸗ träglich würde es ihm ſein, wenn ich ſo gut wäre wie Sie und Mama. Othello's Arbeit wäre dann verloren.“ Nachdem ſie eine Weile in dieſem Tone fortgeplau⸗ dert hatte, trat ſie in's Zimmer und fing an, die Muſi⸗ kalien durchzuſehen. Sie ſchlug ein Heft auf, das ge⸗ ſchriebene Lieder enthielt, und ihre Aufmerkſamkeit blieb auf einem haften, das den Titel führte:„Der Blinde an ſeine Geliebte.“ ſt das Ihre eigene Kompoſttion,“ fragte ſie Moriz, indem ſie ſich an's Piano⸗Forte ſetzte und die Noten verfolgte. „Ja,“ antwortete er;„ich habe beides geſchrieben, die Worte und die Muſik, nachdem ich auf einem Ball einen Blinden geſehen hatte, der mit einem jungen Mädchen verlobt war—, er ſchien auf den Schall ihrer Tritte zu horchen, während ſie mit Anderen tanzte.“ Das Gedicht lautete ſo: 6* 84 „Auch Andre lieben, ſege ſe⸗ doch wer des Lichts reut, Liebt der mit ſolcher Liebe, vl⸗ Dir meine Blindheit weiht? Wer Erd' und Himmel jeden Tag mit frohem Auge aut, Belauſcht der jedes Wortes wohl und jedes Seufzers Laut? Iſt er von Deiner Stimme Klang, von Deinem Tritt entzückt, Vom leiſen Druck der ſüßen Hand ſo inniglich be⸗ glückt? Sein Athem, ſchwillt er freier, wenn die freie Him⸗ melsluft, Die ſeine Stirn' umfächelt. ſpielt durch Deiner Locken uft? Drückt düſtrer Kummer ſo ſein Herz, unnennbar, ſchwer und hart, Wenn er vergeblich harren muß auf Deine Gegen⸗ wart? Wer liebt und ſieht, ol kann der ſchau'n nach etwas außer Dir, Dann liebt er ſo nicht, wie Dich liebt mein blinder Traum von Dir!“ Gertrude las dieſe Zeilen und ſchien einen Augen⸗ blick in Gedanken verſunken. „Ich beneide,“ ſagte ſie,„das Vermögen, die vor⸗ übergehenden Eindrücke der Stunde in Verſe zu bringen — die unſtäten poetiſchen Anflüge gleichſam in eine feſte Geſtalt zu zwingen, die die Seele anwandeln und uns zu dem machen, was weiſe Leute romantiſch nennen. Ich glaube, daß die Dichter das weit weniger ſind, als diejenigen, die das Kapital ihrer Einbildungskraft nicht auf Papier verſtrömen; und wenn ich nach dem Leben von Dichtern und genialen Menſchen urtheilen ſoll, ſo ſcheintas mir, ſie haben im Allgemeinen weniger tiefes 8⁵ Gefühl als ſtille Perſonen,— ich meine nicht Perſonen, die keine Luſt am Plaudern haben, ſondern ſolche, die ſich nicht ſelbſt ihre eigene Geſchichte erzählen können.“ „ Aber, meine Liebe,“ ſiel Frau Redmond ein,„Jeder⸗ mann muß ja ſeine eigene Geſchichte wiſſen, und wenn das iſt, ſo kann er ſie auch erzählen, wenn gleich, das muß ich freilich ſagen, nicht gerade immer zum Ver⸗ gnügen für Andere; in der That, ich vergeſſe gar Vieles, was mir begegnet iſt, und ich denke, das iſt's, was Sie meinen.“ „Ich glaube,“ ſagte Moriz,„daß die Einbildungs⸗ kraft den Menſchen all' das Ungemach, das ſeine Bahn durchkreuzt, mit zehnfachem Weh empfinden läßt. Sie erweckt Vorgefühle von Unheil, vervielfältigt die Gründe des Mißbehagens, und ſaugt die Lebensgeiſter beinahe ebenſo ſehr durch die Reize einer falſchen und ſieber⸗ haften Freude aus, als durch ihre erträumten Leiden.“ „Und doch möchten Sie ſie nicht entbehren, nicht wahr?“ ſagte ſie, indem ſie ſich plötzlich umdrehte und ihre Blicke auf ihn heftete. Er blickte ſie einen Augen⸗ blick an und ſagte dann haſtig: „Nein; wir lieben manchmal die Urſache unſerer Leiden mit einer gewiſſen Zärtlichkeit;“ und dann raffte er einen andern Haufen Muſikalien auf, trug ihn zum Piano⸗Forte hin und durchblätterte die Hefte mit einer Art von ſtürmiſcher Heftigkeit. Sie wiederholte ſeine letzten Worte: ‚die Urſache des eigenen Leidens zärtlich lieben!—„Schwer, ſollt' ich meinen, wo nicht unmöglich. Doch, wenn es ſo iſt, ſo beſtätigt es das, was ich eben ſagte. Sie ſehen, Marie, man muß den Menſchen zuweilen Leiden bereiten, damit ſie ihr Glück im Ganzen zu würdigen verſtehen.“ Marien's Geſicht färbte ſich lebhafter und ſie blickte. ernſter, als die Umſtände mit ſich zu bringen ſchienen. Es lag Bewegung in ihrer Stimme, als ſie erwiderte: „in werthloſes Glück müßte das ſein, durch ſolche Mittel gegeben und um ſolchen Preis erkauft.“ 86 Eine ernſte Erwiderung auf eine heitere Bemerkung verbreitet immer einen gewiſſen Grad von Verlegenheit über die Unterhaltung, in welcher ſie ſich ereignet; und das war in dieſem Augenblick der Fall. Der Eindruck davon verlor ſich nicht eher, als bis Moriz zwei oder drei Stücke geſpielt hatte, aus denen Gertrude auswählte, was ſie zu lernen wünſchte. Dann nahm ſie Hut und Shawl, verweilte einige Minuten im Geplauder mit Frau Redmond, und bewunderte ihr Stricken. Als ſie eben im Begriff war zu gehen, ſagte ſie zu Moriz: „Alſo morgen um fünf Uhr?“ „Ja.“ antwortete er;„aber vielleicht ſtell' ich mich nicht ganz pünktlich ein, denn es iſt weit von hier nach Woodlands, und mein Pferd iſt nicht übermäßig feurig. Vielleicht liegt Ihnen nichts daran, wenn ich einige Minuten zu ſpät komme?“ „Nein; ich werde mich unterdeſſen in dieſem Liede üben. Sie geben alſo Stunden in Woodlands?“ „Ja, Miß Henrietten und Miß Fanny.“ „Sind ſie verſprechende Schülerinnen?“ „Fleißige jeden Falls,“ ſagte er lächelnd.„Sie haben mich vor ein Paar Tagen recht viel nach Ihnen efragt.“ de 380 Ich hoffe doch, Sie geben mir keine ſchlechten Zeugniſſe, wenn ſie das wieder thun. Iſt Henriette Apley die mit der plumpen Figur und den roſigen Wangen?“ „Ganz richtig; und Fanny hat dunkle Augen und eine blaſſe Geſichtsfarbe.“ „Iſt eine Gouvernante in dem Hauſe?“ „Ja, für die jüngſte Tochter. Sie muß ungefähr in Ihres Bruders Alter ſein.“ „Beiläufig, Marie,“ rief Gertrude aus,„ich bekam vor einigen Tagen einen Brief von Edgar. Er wird ſo naſeweis, der gute arme Junge, es iſt wahrhaftig zum Lachen. Er ſpricht von Wappenſchildern, alten Familien und allem abgeſchmackten Zeug der Art, zu Papa's Herzensluſt und meiner ganz beſondern Unluſt. Ich werde * 87 keine Nachſicht mit ihm haben, wenn er einmal heim⸗ kommt und mich mit irgend etwas von dieſem Unſinn quält.“ „Aber iſt es nicht eher ſchon von ihm, daß er ſich mit dem beſchäftigt, was ſeinen Vater ſo höchlich erfreut?“ Gertrude ſetzte ſich noch einmal an den Tiſch, Marie gegenüber, und ſagte: „Nun, das iſt der Punkt, worüber wir niemals übereinſtimmen werden. Mich dünkt, Ihre Begriffe darüber, wie man allezeit ſich bemühen ſoll, den Men⸗ ſchen Vergnügen zu machen, ſich ſelbſt Ihnen ange⸗ nehm zu machen, ſich in alle ihre Grillen zu ſchicken, ſind die nächſte Thüre zur Heuchelei. Wenn ich zum Bei⸗ ſpiel mit freundlichem Lächeln daſitzen und ganz ver⸗ gnügt ausſehen könnte, wenn Papa und Pater Lifford Politik ſprechen, während ich doch Luſt empfinde, mir vor Aerger die Lippen durchzubeißen, daß ich ſchweigen muß und nicht gegen das auftreten darf, was mir ſo unſinnige Vorurtheile ſcheinen: wahrhaftig, ich würde mich meiner ſelbſt ſchämen.“. „Aber kommt es denn niemals vor, daß Jene Recht haben und Sie Unrecht? Man kann bei jeder Frage ſo viel nach beiden Seiten ſagen, ſobald nicht Punkte des Glaubens und der Sittlichkeit in Rede ſtehen, und ſollten Sie nicht denen, denen Sie ſo viel Ehrfurcht ſchuldig ſind, wenigſtens die Ehre eines Zweifels ge⸗ währen?“ „Von einer Mesalliance als von einem Verbrechen ſprechen zu hören! Es empört mich ſo! Und daß gerade Pater Lifford in dieſem Sinne ſprechen kann! Es iſt ſo ſehr gegen den Geiſt der Religion.“ 1 „ch bin deſſen nicht ſo gewiß,“ rief Marie mit einiger Wärme aus.„Wir können dieſe Gegenſtände nicht beurtheilen, oder die üblen Folgen ſolcher Vorfälle würdigen. Ich kann nicht anders denken, Lady⸗Bird, als daß Sie in Ihrer Meinung allzu zuverſichtlich ſind.“ „Ich erſtaune, Marie,“ nahm Moriz das Wort, 88 „daß Du dagegen etwas erinnerſt. Ich kenne keinen Menſchen, der in gewiſſen Punkten ſo unbeugſam ent⸗ ſchloſſen wäre, wie Du.“ „Nicht wahr, Moriz?“ rief Gertrude triumphirend aus.„Ich kenne ſo gut den Ausdruck ihres Geſichtes, wenn Jemand gegen einen ihrer feſten Plätze anrückt. Halb herausfordernd, halb um Gnade bittend, vertheidigt ſie ihre Meinung, wie eine erzürnte Taube ihr Neſt.“ Moriz lachte und ſah Marie liebevoll an, die mit einem kleinen widerſtrebenden Lächeln ſanftmüthig ſagte: „Grundſätze— nicht Meinungen.“ „O gehen Sie, Marie! das macht die Sache nicht anders. Und warum darf ich nicht meine politiſchen Meinungen haben?“ „Ach, was ſoll das heißen, Lady⸗Bird! Sie wiſſen recht gut, daß Sie nichts dergleichen haben. Es iſt nichts, als der Geiſt des Widerſpruchs, was Sie gegen Könige, Heraldik und alle dieſe Sachen einnimmt. Ich getraue mir, zu behaupten, daß, wenn Sie hätten ſtumm daſitzen und Republik, Radikale und Demokratie lob⸗ preiſen hören müſſen, Sie in dieſer Zeit eine entſchiedene Ariſtokratin geworden wären.“— „Das verhüte Gott!“ ſchrie Moriz laut. Frau Redmond blickte mit Unruhe von ihrer Arbeit auf. „Ei, Sie ſind doch kein Radikaler, Moriz, will ich hoffen?“ „Nein,“ antwortete er,„aber ich haſſe alle Klaſſen⸗ Unterſchiede und erkünſtelte Abtheilungen der Menſchen. Was ich liebe, iſt ein über Vorurtheile erhabener Geiſt, und die Fähigkeit, die Dinge zu ſchätzen gemäß dem, was ſie ſind, und nicht gemäß dem, wie man ſie nennt.“ Dieſe lichtvolle Auseinanderſetzung befriedigte Frau Redmond, und zum Beſchluſſe des Beſuches packte ſie ein f Bündelchen getrockneter Veilchen ein, welche Gertrude dieſen Abend zu gebrauchen verſprochen hatte als Mittel gegen einen kleinen Huſten, worüber ſie klagte. Es traf 89 ſich, daß das Blatt Papier, das ſie zu dieſem Zweck gebrauchte, ein ſolches war, auf deſſen innerer Seite Moriz den Tag zuvor allerlei gekritzelt und es zu ver⸗ nichten vergeſſen hatte, ſo daß, als Gertrude am Abend das Packetchen öffnete, ihre Aufmerkſamkeit von der Schrift auf der Innenſeite des Blattes angezogen wurde, die der Beachtung der Frau Redmond entgangen war, und ihre Blicke ſielen auf folgende Zeilen: 5 „Dich lieben? Nein! für Erd' und Meer und für des Himmels Pracht Fühl' ich ſo warm, als irgend nur, wenn ich an Dich gedacht. Dich lieben? Nein! der Roſe Glan, der Lilie ſanftes icht i Schafft meinem Auge gleiche Luſt, als ſelbſt dein Angeſicht. Dich lieben? Nein! zur Frühlings⸗Zeit der Vögel holder Sang Entzüͤckt mein Ohr ſo wonnſglich als Deiner Stimme lang. Dich lieben? Nein! der Winde Lied, der Stern' und Blumen Schein, Der Wellen Murmeln in der Nacht, der Gold⸗Orangen⸗ Hain Hat meinem Herzen eingehaucht ſo viel von Lieb und u Als Deines Auges Zauberblick je goß in meine Bruſt.“ „Ich möchte doch wiſſen, ob das Morizens eigene Hand iſt,“ ſagte Gertrude, indem ſie das Papier aus der Hand legte.„Und iſt des Auges Zauberblick, wo⸗ von er ſpricht, wohl der meinige?“ Sie ſaß an ihrem Putztiſch und blickte in den Spiegel, als dieſer Zweifel, wenn es je ein Zweifel war, ſich ihr aufdrängte. Was ſie da ſah, war nicht geeignet, die Vorausſetzung aus dem Wege zu räumen, und es war gerade keine unan⸗ 90 genehme, insbeſondere darum, weil es der Ausdruck außerordentlicher Bewunderung und nicht der Liebe war, was die Verſe enthielten. Denn Moriz zum Liebhaber zu haben, wäre über alles Maß hinaus unangenehm und läſtig geweſen. Es hätte alle möglichen Fragen und Erörterungen zwiſchen ihr ſelbſt und ihrem Gewiſſen hervorgerufen, und einen Verkehr geſtört, der anfing ihr Vergnügen zu machen; aber verehrt zu werden als ein Stern, ein Vogel, eine Welle oder eine Blume, war vollkommen ſicher, in der Ordnung, unterhaltend und angenehm, und mit dieſer Ueberzeugung zog ſie ſich zur Ruhe zurück und ſah am folgenden Tage mit Vergnü⸗ gen ihrer Muſikſtunde entgegen. Dieſe Muſikſtunden wurden eine neue, ſeltſame Freude für Lady Lifford. Wenn ſie ſich wohl genug fühlte, wurden die Thüren zwiſchen ihren Zimmern geöffnet und Hannchen von ihrem Poſten als Anſtands⸗ Dame entlaſſen. Während der ganzen Stunde waren ihre Augen auf ihre Tochter geheftet. Ihr Auge hing an ihr wie an einem lebenden Gemälde— jede lieb⸗ liche Linie ihrer Züge, jedes Grübchen, jeden Blick lernte ſie geichſam auswendig, und die vollen Töne ihrer tiefen, ſüßen Stimme zitterten in ihrer Seele nach mit beinahe ſchmerzlicher Gewalt. In ihrem Gemüthe, das ſo lange an Stille und Nachdenken gewöhnt war, nahm jeder Eindruck dieſe Geſtalt an, jedes frohe Gefühl wurde zur Sehnſucht, und jede Bewegung endigte ſich in ein Gebet. Ganz verſchieden war die Art, wie dieſe Stunde von der Schülerin und von dem Lehrer zugebracht wurde. Es war eine Stunde hoher Freude fuͤr Beide, und keines von Beiden ſah ein Unrecht in dieſer Freude. Auf der einen Seite Liebe zur Muſik und der Wunſch, Fortſchritte zu machen, auf der andern das Vergnügen, einer ſo hochbegabten Schulerin Unterricht zu ertheilen, waren berechtigte Quellen des Genuſſes und der Anre⸗ gung. Zuweilen traten Pauſen in den Lectionen ein, veranlaßt durch Fragen und Antworten, herbeigeführt 91 durch die Muſik, die ſie ſtudirten, oder durch die Erin⸗ nerungen, die dieſe hervorrief. Gertrude hörte gerne von Italien, und wenn ſie von der Uebung ermüdet war, ſo bat ſie um Beſchreibungen, die Moriz zu geben von ganzem Herzen bereit war. Er ſprach oft von ſei⸗ nem Freunde und Beſchützer, Herrn d'Arberg, für den er eine begeiſterte Bewunderung empfand, und erzählte, was dieſer gedacht und geſagt habe. Die Blicke in die Welt, die ihr auf dieſe Weiſe zu Theil wurden, reizten ihre Neugierde heftig. Niemand ſonſt hatte noch je mit ihr von dem geſprochen, womit ſie nur durch Bücher bekannt war, und ob ſie gleich weit kenntnißreicher als Moriz war und dieß auch ſelbſt fühlte, ſo hatte er doch immer etwas in Bereitſchaft, was ſie außerordentlich unterhielt und feſſelte. Für ihn wäre es eine Unmöglichkeit geweſen, ſich des Vergnügens nicht zu erfreuen, das er ihr bereitete, und die Pauſen zwiſchen dem Singen waren zuweilen ſo lang, daß Lady Lifford fragen konnte, ob die Lection zu Ende ſei— was ſie daran erinnerte, daß es eine Unterrichts⸗, nicht eine Unterhaltungs⸗Stunde ſei, die ſie zu halten hätten. Am Schluß der Stunde bat ihn Gertrude oft, eines von ihren Lieblingsliedern zu ſingen oder zu ſpielen, eine von Schuberts Melodien, oder ein ſpaniſches Guerilla⸗Lied, oder eine Symphonie von Beethoven; dann ſaß ſie am Ruhebette ihrer Mutter, hielt ihre Hand feſt, und träumte von Scenen und Or⸗ ten, die ihre Phantaſie heraufbeſchwur. Es war ein ganz neues Gefühl für Mutter und Tochter irgend etwas gemeinſchaftlich zu genießen, und Lady Lifford bemerkte nie, daß gegen irgend etwas in dieſen Lectionen eine Einwendung zu erheben wäre. Sie wußte nichts von der Welt oder irgend einem andern Herzen als dem ihrigen; und das war ein ſo reines Herz, daß es ſie niemals gelehrt hatte, ein Uebel oder eine Gefahr mit argwöhniſchem Blicke vorauszuſehen; und in der That, im vorliegenden Fall war ein Uebel nicht zu erkennen, 9² und wenn Gefahr im Spiele war, ſo lag ſie noch in weiter Ferne. Hätte ſie mehr Erfahrung und Scharf⸗ blick gehabt, ſo hätte ſie in Morizens Zügen zweierlei beobachten köͤnnen, ſowohl Bewunderung, als auch— zu Zeiten— tiefe Bewegung, und in Gertrudens Zügen ein Bewußtſein von dieſer Bewunderung und ein ge⸗ wiſſes Vergnügen darüber, wenn gleich nicht die ge⸗ ringſte Annäherung an irgend etwas, was über eine augenblickliche Befriedigung durch das Vorhandenſein derſelben hinausgegangen wäre. In der That, wenn die Beiden die ſchöne Muſik von Anna Bolena mit einander ausführten und mit großem Ausdruck die Arie ſangen:„Fin dell etä piùu tenera.“ ſo hätte Lady Lifford, ähnlich Frau von Maintenon, die nach der Aufführung der Andromache durch die Zöglinge von St. Cyr an Racine ſchrieb:„Nos petites filles ont si bien joué votre tragédie qu'elles ne la rejoueront de leur vie;“ Lady Lifford hätte dieſem gemäß ſagen können:„IIs l'ont si bien chanté qu'ils ne le rechan- teront de leur vie.“ Aber ſanft, gütig und reines Herzens, wie ſie war— und einſichtsvoll dazu in ge⸗ wiſſen Beziehungen,— ſehr beredt in ihrer Mutter⸗ ſprache, in einem Grade, der diejenigen in Erſtaunen verſetzt haben würde, die ſie nie anders als gebrochen Engliſch ſprechen hörten, war ſie nicht ausgeruſtet mit Frau von Maintenon’s Regierungs⸗Talent, und würde niemals die Anſtalt von St. Cyr dirigirt noch auch das Herz des großen Monarchen gelenkt haben. So gingen dieſe Lehrſtunden einige Wochen lang ihren Gang; Moriz wußte es mit ſeinen übrigen Ver⸗ pflichtungen ſo einzurichten, daß er jene niemals zu ver⸗ ſäumen nöthig hatte. Er war ſehr thätig und in der beſten Stimmung; ſeine Geſundheit beſſerte ſich täglich, und er war gegen Marie ſo liebevoll als nur jemals. Er ſprach mit ihr immer viel von Gertrude. Er ſetzte ihr auseinander, daß er ſie bewundere als ein Meiſterwerk der Schöpfung, als ein Muſterbild von 93 Lieblichkeit, als eine Künſtlerin der Seele nach, als ein Ideal von Schönheit und Genius; daß es aber eben ſo unſtnnig ſein würde, zu denken, daß ſeine Bewunderung für ſie irgend etwas mit Liebe zu ſchaffen habe, als wenn man ihn beſchuldigen wollte, in Titian'’s Flora, oder in das Porträt der Cenci verliebt zu ſein, weil er ganze Stunden in Betrachtung dieſer Bilder zugebracht habe, oder weil er Geiſt, Talent und Schönheit in Kunſt und Natur zu würdigen wiſſe. Marie horchte etwas ernſt bei allem dieſem zu, und ſagte, ſie meine, er ſchätze das Schöne an jedem Dinge um ein Bedeutendes zu hoch, und dieß ſei eine Art von Götzendienſt. Was das zu ſagen habe, antwortete er, wenn er ſie doch mehr liebe, als irgend etwas Anderes in der Welt? Darauf gab es dann keine Antwort mehr; aber ihre Stirne hatte jetzt oft einen ängſtlichen Ausdruck, und der Gedanke an„tiefe Veilchen⸗Augen, mit einem Lichtſchein darin, gleich dem Sonnenſtrahl durch ein dunkelfarbiges Jelängerjelieber“, war geeignet, ſich peinlich oft zwiſchen ſie und die Wolken der Mitter⸗ nacht zu ſtellen. Man iſt— insbeſondere in Romanen— ziemlich geneigt, ungerecht gegen diejenigen zu ſein, die das Richtige auf eine nicht gerade gewinnende Weiſe thun, und das Benehmen wenig einnehmender Perſonen zu tadeln, ohne ihre Handlungen an ſich ſelbſt in eine hinreichende Betrachtung zu ziehen. Manches ganz ver⸗ ſtändige Verfahren kann allgemeine Verurtheilung er⸗ fahren, wenn es eine Handlung der béte noire des Verfaſſers iſt, und wenn er glücklich genug geweſen iſt, ſeinen Leſern einen ſympathetiſchen Widerwillen einzu⸗ flößen. Lady Lifford flößte Liebe und Theilnahme ein, ſowohl durch ihren Charakter als durch ihre Leiden, und verdiente wohl kaum einen Tadel wegen einer Un⸗ kunde, die in ihrer Lage ſehr natürlich war, aber ihre Blindheit und Unklugheit war unläugbar; und bald trat nun ein Ereigniß ein, das peinliche Gefühle in 94 mehr als einem Herzen hervorrief und Gertrudens Widerwillen gegen ihren Vater noch erhöhte. Doch in dieſem Fall hatte er, obgleich die Art und Weiſe ſeines Verfahrens weder zart noch einſichtsvoll war, im Weſent⸗ lichen der Sache ohne Zweifel vollkommen Recht. Er kam eines Tages in das Bibliothek⸗Zimmer zu⸗ nächſt an dem Zimmer ſeiner Frau zu einer ungewöhn⸗ lichen Zeit, während eben Gertrude ihre Muſikſtunde hatte. Er ſtand fünf Minuten lang an der Thüre gleich der Statue des Commandeurs. Seine kalten, glaſigen Augen hafteten auf dem gerötheten und belebten Geſicht ſeiner Tochter, die mit viel Feuer eine iialieniſche Bravour⸗Arie ſang; dann wandte er ſie nach dem blaſſen aber nicht weniger tief angeregten Geſichte des jungen Muſikers hin, der ihre Lippen zu überwachen ſchien, „als ob die Melodien des Himmels auf ihrer Zunge ſpielten“ und durch ſeine Seele zitterten, und dann nach dem Maͤdchen, das in einiger Entfernung in ſeine Arbeit emſig vertieft ſaß, und ohne ein Wort zu ſagen, wandte er ſich auf der Ferſe um und verließ das Zimmer, ohne von einer der drei Perſonen beobachtet wor⸗ den zu ſein. Als an demſelben Abend Frau Redmond, Marie und Moriz beim Thee ſaßen, kam das Mädchen herein und gab ihm einen Brief, der ſo eben von Schloß Lif⸗ ford hergebracht worden ſei. Er vermuthete, daß es eine Erinnerung an gewiſſe Muſikalien ſein werde, um die er nach London hätte ſchreiben ſollen, und öffnete haſtig. Marie, die ihn genau beobachtete, erſchrack über den Ausdruck der ſich plötzlich über ſein Geſicht verbreitete. Es war die Bläſſe des Zorns, der ſeine Wangen erbleichen und ſeine Lippen erbeben ließ. „Was iſt es?“ fragte ſie mit faſt unhörbarem Flüſtern. „Da!“ ſagte er,„nimm und lies das! Dieß iſt die Behandlungsweiſe, der man in England ausgeſetzt iſt, dem einzigen Lande, wo man ſie ertragen würde. r — ——ÿʒÿ:;3X“;—:3ʒõ3—“ Hr 9⁵ O der gemeine Adels⸗Hochmuth, die Anmaßung einge⸗ bildeter Vorrechte!“ Er ſchleuderte den Zettel auf den Boden und ging im Zimmer auf und ab mit düſterem Verdruß auf der Stirne und einem brennenden Fleck auf der Wange. Marie bückte ſich nach dem Papier, das er zerknittert und zerriſſen hatte, ebnete es wieder und las den Inhalt, der ſo lautete: „Herr Lifford macht Herrn Redmond ſein Compli⸗ ment und erlaubt ſich, ihn zu benachrichtigen, daß Miß Lifford ihre Muſikſtunden nicht fortſetzen wird, und er⸗ ſucht ihn zu gleicher Zeit um die Gefälligkeit, ſeine Rechnung einſenden zu wollen.“* Moriz blieb gegenüber von Marie ſtehen, und er⸗ wartete mit einem ungeduldigen„Nun?“ ihre Aeuße⸗ rungen über dieß Billet. Sie fühlte ſich in Verlegenheit verſetzt, denn es kam ihr nicht anmaßend vor, wie er es nannte, obgleich es unſtreitig unartig war, und dann flüſterte ihr auch ein Inſtinkt, der in ihrem weiblichen Herzen lag, den Grund einer ſo plötzlichen Auffündigung zu. Sie hielt ihre Augen einige Augenblicke auf das Papier geheftet und ſagte dann zögernd: „Es iſt verdrießlich, aber—“ „Es iſt empörend!“ erwiederte er.„Ich ſchicke ihm weder Antwort noch Rechnung!“ „Moriz, wenn Du ſo ſtolz biſt, wie willſt Du jemals in der Welt vorwärts kommen, und wie ſollen wir unſere Hoffnungen verwirklichen und für Mutter in ihren alten Tagen ſorgen?“ Er ballte die Fauſt und rief:„Lieber wollte ich ſterben, als ſein Geld anrühren!“ Sie ſeufzte und ſagte nichts mehr, und zwei Stun⸗ den ſchlichen düſter dahin. Jetzt hörte man an der Thüre klopfen, und das Mädchen meldete Miß Lifford. Moriz und Marie fuhren Beide erſchreckt auf. Frau Redmond die in ihrem Armſtuhl genickt hatte, rieb ſich die Augen und ſagte:„Ei willkommen, wie geht es Ihnen, meine liebe junge Lady?“ Gertrude ſchüͤttelte ihr die Hand, und ſie fand ihre Hand kalt und unſtät, aber ehe ſte Zeit hatte, eine Bemerkung darüber zu machen, hatte ſich Gertrude ſchon 5 wieder hinweggewandt und ſtand vor Moriz. „Ich komme,“ ſagte ſie,„Ihnen zu danken für die Stunden, die ſie mir ertheilt, und für die Mühe, die Sie ſich mit mir gegeben haben. Laſſen Sie ſich nicht verletzen oder verſtimmen durch den Brief, den mein Vater, wie ich höre, Ihnen geſchrieben hat. Für Sie liegt nichts Beleidigendes in dieſem Verfahren. Es iſt nur für mich ein neues Beiſpiel von der Erfahrung, daß Alles, was mir Vergnügen macht, Alles, was die Eintönigkeit meines Lebens erleichtert und mir Intereſſe einflößt oder Beſchäftigung gewährt, im Augenblick ver⸗ boten wird. Ich erwarte, daß man mir in kürzeſter Zeit meine Buͤcher wegnimmt, und wenn man mir das Denken verbieten könnte, ſo wuünde es unfehlbar ge⸗ ſchehen, und mein Geiſt würde ſo ſtagnirend werden wie mein Daſein, ſo trübe wie der ißliche Canal, der unter unſern Fenſtern fließt. Aber, Gott ſei Dank, das iſt unmöglich— und ich will weder ein ungebildetes Geſchöpf ſein aus Gehorſam, noch undankbar aus Un⸗ terwürſigkeit; und ſo danke ich Ihnen noch einmal, für den Unterricht, den Sie mir gegeben, für die erſte Freude, die ich mit meiner Mutter getheilt, für die glücklichen Augenblicke, die ich genoſſen habe, während Sie mir vorſpielten, oder mir von anderen Ländern erzählten, welche zu ſehen mir nie beſchieden ſein wird. Das iſt Alles, was ich zu ſagen hatte, es iſt ſpät, und Hann⸗ chen iſt eilig. Gott befohlen! Ich bin froh, daß es mir möglich wurde, Euch allen dieſes zu ſagen.“ Sie war in einem Augenblick verſchwunden, und Frau Redmond fragte, was das alles zu bedeuten habe? Marie machte es ihr mit einigen Worten deut⸗ lich, und dann wandte ſie ſich zu Moriz und ſagte mit 1 . 97 Lebhaftigkeit;„Nun, Moriz, jetzt kannſt Du keine Kränkung Deines Stolzes mehr empfinden— ſie iſt ſeine liebe, ſchöne Lady⸗Bird, und ich wünſchte nur, ſie wäre in keinem ſo dumpfen Käfig eingeſperrt; es wäre beſſer für ſie“(und für uns auch, fuͤgte ſie in ihrem. Herzen hinzu). „Ganz wahr, kleine Taube,“ antwortete er,„und was würdeſt Du mit ihr anfangen, wenn Du könnteſt?“ „Ihre Kerkerthüre öffnen und ſie nach einer eigenen beglückten häuslichen Stätte fliegen laſſen.“ Er lächelte, und indem er ein Blatt Papier vor ſie hinlegte, ſagte er:„Nun komm' und ſetze mir Tüne Rechnung auf für dieſen Blaubart auf Schloß ifford.“ 3 Sie lachte und ſing an, Ziffern anzuſetzen, wäh ſah, und die ſüße Ruhe dieſes Geſichtes empfand, und ſich freute, zu fühlen, wie theuer ſie ihm ſeir „Zwanzig Guineen bring' ich heraus, daß es macht,“ rief ſie triumphirend aus. 8 „In der That! Welch' ein Reichthum!“ antwortete er heiter, indem er ihre Weiſe nachahmte; und dann ſchwatzten ſie Poſſen, bauten Luftſchlöſſer, und waren den ganzen übrigen Abend hindurch ſo froh und ſo glücklich als möglich. Einige Wochen verfloſſen nun, während welcher Gertrude zwei⸗ oder dreimal bei Marie vorſprach, ein⸗ mal um ihr ein Buch zu borgen, das ſie zu leſen ge⸗ wünſcht hatte, dann um Muſikalien wieder zu bringen, die Moriz auf dem Schloſſe zurückgelaſſen hatte, und wieder einmal um ſich etwas von der Frau Redmond Potpourri auszubitten. Es war natürlich genug, daß ſie an dieſen Beſuchen Vergnügen fand. Dieſe Hütte war in jeder Hinſicht ein lieblicher Punkt. Ihr Gärt⸗ chen ſchimmerte von Herbſtblumen; ein Duft von häus⸗ lichem Frieden lag in ihr und rings um ſie her. Die ſanfte Weiſe der Frau Redmond, Mariens liebevolles Lady⸗Vird. 1. 1 7 hrend er, den Kopf auf die Hände geſtützt, ſaß und ſte an⸗ ihren Gefühlen ebenſo wohl, als der kräftige Geruch der Blumen für ihre Sinne erfriſchend war. Außerdem gewährte es auch ihrer Neugierde eine eigenthümliche Befriedigung, Marie und Moriz mit einander zu beob⸗ achten. Sie hatte ſo viele Romane geleſen als ihre Willkommen, Morizens ehrfurchtsvolle Huldigung, thaten Hand nur erreichen konnte, und ſie ſtudirt, bis ſie ſie beinahe auswendig wußte, aber von Liebe im wirklichen Leben hatte ſie noch nie etwas geſehen; und in der Vorausſetzung, daß dieſe beiden jungen Leute mit einander verſprochen ſeien, ergötzte es ſie, zu beobachten, wie weit ſie den Begriffen entſprächen, die ſie ſich von einem liebenden Paare gemacht hatte. „Ich glaube,“ ſagte ſie eines Tages zu ſich ſelbſt, „ſie wuͤrde ihm folgen bis an's Ende der Welt, auch in Gefängniß und Tod, und ihr Leben für ihn hinge⸗ ben, und ſich die rechte Hand abbrennen, ohne dabei zu zucken, wenn es von Nutzen für ihn ſein könnte; aber, liege es nun, woran es wolle, ihre Liebe ſcheint mir mehr Religion als Leidenſchaft, mehr Hingebung als Inbrunſt, mehr aus den Tiefen ihres eigenen Her⸗ zens hervorgeholt und ihm frei gewährt, als unwider⸗ ſeehlich zu ihm hingeriſſen. Was Moriz betrifft, ſo weiß ich nicht, ob er einer tiefen Liebe fähig iſt— mich dünkt, er ſteht eher in einer gewiſſen Abhängigkeit von ihr, hat mehr ſelbſtſüchtige Freude an der Glückſeligkeit die ſſerlhn erſchafft, als ein anderes, hingebungsvolleres efühl.“ Während ſie für ſich ſo ſann, hatten ihre Blicke ſich bewußtlos auf Moriz geheftet, und— verſunken in ihre Gedanken— wurde ſie nichts davon gewahr. In etwas gezwungenem Tone ſagte Marie zu ihr: S2i ſind ſehr ſchweigſam, Lady⸗Bird: woran denken ie? Gertrude wandte ſich lächelnd nach ihr hin und ſagte:„Ich glaube, ſtatt meine Gedanken zu kaufen, wurden Sie lieber mein Stillſchweigen kaufen, denn 99 ich dachte an etwas, wovon Sie mir immer zu ſprechen verbieten.“ Marie erröthete und ſagte:„Dann in der That. Miß Lifford, werde ich meine Frage nicht wiederholen.“ Gertrude zuckte ungeduldig die Achſeln. „Warum nennen Sie mich Miß Lifford, wenn ich Sie Marie nenne? Das iſt ja recht ſteif und un⸗ artig.. 3,3 glaube aber, Ihr Vater würde ſehr erſtaunen,“ ſagte Frau Redmond,„wenn er hören ſollte, daß Marie zu Ihnen bloß Gertrude ſagte.“ 3 „Ich frage nichts darnach, was er denkt. Seine Begriffe über den Rang ſind abgeſchmackt. Wenn Per⸗ ſonen gleich gut erzogen worden find, ſo ſind ſie wahr⸗ haftig gleich gut fuͤr alle Beziehungen und Zwecke.“ „Nein! nicht in jedem Sinne, liebe Lady⸗Bird.“ „Das iſt eine von jenen herkömmlichen Ant⸗ worten,“ erwiederte Gertrude,„die gut klingen, an denen aber in Wahrheit nichts iſt. In welchem Sinne ſollten Sie nicht meines Gleichen ſein? Das möcht' ich wiſſen.“ „ Ich habe nicht dieſelbe Stellung in der Welt, wie Sie; ich lebe nicht in derſelben Geſellſchaft.“ Morizens Stirn überlief es dunkel; haſtig raffte er ein Zeitungsblatt auf und ſetzte ſich nieder, mit dem Ruͤcken gegen den Tiſch. „In welcher Geſellſchaft lebe ich denn?“ rief Gertrude ungeſtüm aus.„Ich ſehe nie eine außer⸗ halb der Mauer von Schloß Lifford, ausgenommen hier, und zu Hauſe erhebe ich die Mägde manchmal zu mei⸗ nen Geſellſchaftsdamen, aus lauter langer Weile, ſo viel allein zu ſein.“ „Das iſt nun freilich in Ihrem Fall etwas Eigen⸗ thümliches,“ antwortete Marie,„aber wenn Ihr Vater nicht alle Geſellſchaft miede, ſo würden Sie mit Per⸗ ſonen leben, zu denen wir uns nicht geſellen könnten.“ „Ja, mein Schickſal iſt ein ſehr eigenthuͤmliches. 5 Ich fange an, das erſt recht gründlich inne zu werden; und wenn ich deßwegen mich auf eine recht eigenthüm⸗ liche Weiſe benehmen ſollte, wer darf mich darüber tadeln? Mein Vater doch wohl nicht?“ heßt„Sie ſind Jemanden verantwortlich, der noch höher e 1** „Ja, aber bei ihm iſt kein Anſehen der Perſon, Marie! Er fragt nicht nach Wappenſchildern und alten Pergamenten.“ „Er hat uns aber geboten, unſere Eltern zu ehren und unſer Urtheil dem ihrigen nicht entgegenzuſetzen.“ „Ja, aber antworten Sie mir einmal aufrichtig auf eine Frage. Sind wir nicht alle“— dabei blickte ſie rund im Zimmer umher—„vor den Augen Gottes vollkommen gleich?“ „Ich ſollte es doch nicht meinen,“ ſagte Marie lächelnd, indem ſie nach ihrer tauben, geduldigen Mutter hinblickte, die mit einem von Morizens Hemden, das ſie ausbeſſerte, emſig beſchäftigt war. „Nun, ſo mögen Sie denn darin Recht haben,“ erwiederte Gertrude ſchnell,„aber dann räumen Sie ein, daß, wenn ein Vorrang unter uns ſich findet, er nicht auf meiner Seite liegt. Ihre Mutter ſteht über mir; auch Sie ſtehen über mir!— Beſtreiten Sie es mir nicht. Laſſen Sie es als Beweis gelten, und meine Behaupiung iſt begründet.“ „Der Grobſchmied mag über Ihnen ſtehen in einem gewiſſen Sinne, wie Sie demnach zugeben müſſen; und doch vermuthe ich, Sie werden ihn kaum als ganz und gar Ihres Gleichen betrachten?“ „In der That, das werde ich, ſobald er, anſtatt gemein, roh und unwiſſend zu ſein, ein geſittetes Aeußere hat, ein geſchickter Mann iſt, und beſſer unterrichtet als ich. Sähe ich ihn jeden Augenblick, der nicht von ſeiner Arbeit in Anſpruch genommen iſt, auf die Ausbildung ſeines Geiſtes verwenden und die Talente vervollkomm⸗ nen, die der Himmel ihm verliehen hat, wären ſeine 101 Empfindungen verfeinert und ſein Charakter gehoben: können Sie nur einen Augenblick zweifeln, daß ich die⸗ ſen Mann für meines Gleichen— nein, für mehr als mich halten, und bei einer Vergleichung ſeiner Größe mit meiner Kleinheit mich in den Staub gedemüthigt fühlen ſollte?“ Ihr Geſicht glühte vor Begeiſterung und ſie ſprach ſo laut, daß Frau Redmond mit fragendem Lächeln von ihrer Arbeit aufſah und ein wenig ängſtlich zu werden ſchien, als ſie Gertruden's hochgeröthete Wangen und Marieise ernſte Miene bemerkte. Die Letztere antwortete ruhig: „Sie würden ganz recht daran thun, ſolch' einen Mann zu bewundern und in allen weſentlichen Bezie⸗ hungen über ſich zu ſtellen; aber all das würde ihn nicht zu Ihres Gleichen unter dem geſellſchaftlichen Ge⸗ ſichtspunkt machen oder die Schranke niederreißen, die die Verſchiedenheit des Ranges zwiſchen Ihnen aufſtellte.“ „Ich haſſe und verachte das conventionelle Weſen,“ verſetzte Gertrude,„und insbeſondere die Heuchelei, die die ſchlimmſte Form davon iſt. Ich bin es müde, von dem zu hören, was ſein ſollte, und verlange einmal auch von dem zu hören, was wirklich iſt.“ „Ich will Ihnen ſagen, liebe Lady⸗Bird, was unver⸗ änderlich der Fall iſt, wenn Perſonen unſeres Geſchlechtes anfangen, von Haß und Verachtung deſſen zu reden, was Andere hochachten. Die Liebe zur Unabhängigkeit i*ſt der erſte Schritt zum Uebel—“„Oder zu Tugend und Glück,“ murmelte Moriz mit gedämpfter Stimme, „und zwar nicht zu der Tugend der bloßen Angewöh⸗ nung, nicht zu einem Glück, das bloße Redensart iſt.“ Jetzt wetteiferten Marien's Wangen an Röthe mit denen Gertruden's, und ſie heftete ihre ruhigen, klaren ugen feſt auf ſie, was ihr unbehaglich zu werden ſchien, aber ſtolz warf ſie den Kopf zurück und rief aus: „Ich habe mich keines Wortes zu ſchämen, das ich age!“ 10⁰² „Auch keiner Sache, die Sie thun?“ ſagte Marie, ganz leiſe flüſternd— ſo leiſe, daß außer derjenigen, die es anging, Niemand es hörte— und ſchlug dann ihre Augen auf die Arbeit nieder, womit ſie beſchäftigt war. Gertrude bewegte ſich haſtig von ihr weg, ſetzte ſich bei der Frau Redmond nieder, nahm einen verwelk⸗ ten Kap⸗Jasminzweig auf, der auf dem Tiſche lag, und ſagte zu ihr: „Sicher kommt das von Woodlands! Nicht wahr?“ „Ja, Miß Apley gab es mir geſtern, als ich zu ihr ging wegen der Geraniumſtopfer, die ſie von unſerm Gärtchen zu bekommen wünſchte. Sie ſprach von Ihnen, Miß Lifford!“ „So?“ rief Gertrude mit plötzlicher Lebhaftigkeit aus;„was ſagte ſie denn von mir?“ „Es war im Geſpräch über das große Frühſtück, das dort ſtattfinden ſoll; ein Ball, glaub' ich, und ein Concert Alles zuſammen, weil Herrn Apley's Eintritt in die Volljährigkeit gefeiert werden ſoll. Moriz wird hin gehen und ſpielen, wenigſtens erſucht man ihn darum; aller Art große Schauſpieler und Sänger von London ſollen dabei ſein, und Geſellſchaft aus großer Entfer⸗ nung.“(In dieſem Augenblick verließ Moriz das Zim⸗ mer und warf ſich auf die Bank im Garten.)„Miß Apley ſprach davon, wie ſehr ſie Sie bewundere; es ſei ein Vergnügen für ſie Alle, Ihnen beim Ausfahren zu begegnen, und ſchon ſo lange hegen ſie den Wunſch, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Sie fragte mich, ob Sie ſchon an den Geſellſchaften erwachſener Perſonen Theil nehmen? Ich ſagte, Ihre Ausbildung wäre vollendet, aber in Geſellſchaft vorgeſtellt wären Sie noch nicht, ſo viel ich wüßte.“ „Nein, wahrhaftig; und wenn ich mich nicht eines Tages ſelbſt der Welt vorſtelle, ſo glaube ich nicht, daß irgend Jemand ſonſt es für mich thun wird.“ „Miß Apley ſagte, ſie hätten eine Einladung nach Ihrem Schloſſe geſandt, und wünſchten nichts mehr, als 10³3 daß Sie die Erlaubniß erhielten, zu kommen;— fie wären aber freilich ſehr bange, ſie möchte verweigert werden.“— „Sie wird verweigert werden,“ rief Gertrude düſter aus; und ihre Augen— einen Augenblick vorher noch ſtrahlend— trübten ſich plötzlich, wie wenn Gewitter⸗ wolken den ſommerlichen Himmel überziehen. „Sie ſagte, wenn Sie irgend welche Freunde in der Nachbarſchaft hätten, in deren Geſellſchaft Sie gerne bim gehen möchten, ſo würden ſie dieſe ſogleich auch itten.“ „Ich habe keine Freunde,“ ſagte Gertrude auf die⸗ ſelbe düſtere Art.„Ich kenne Niemand;— Niemand als Euch.“ Moriz kam und lehnte ſich an das Fenſter, pflückte haſtig einen Strauß von Jasmin und Roſen und hielt ihn ihr dar. Sie nahm ihn, roch daran auf eine zer⸗ ſtreute, achtloſe Weiſe und ging dann bald hinweg. Wie ſie mit ihrem Mädchen durch den Garten ging, das an der Thüre auf ſie gewartet hatte, ließ ſie ihn fallen, ohne es gewahr zu werden. Er raffte ihn auf und riß ihn in Stucke. Frau Redmond ſagte zu ihrer Tochter: „Es iſt etwas an dieſem jungen Geſchöpf, wodurch ſte Einem vorkommt, wie eine Waiſe, ob ſie gleich Vater und Mutter am Leben hat.“ Moriz kam herein und führte einige ſchwierige Paſfagen aus, indem er mit großem Glanz und Effekt pielte. „Das mußt Du in Woodlands ſpielen,“ ſagte arie, als er einige Variationen über eine ſchöne Arie von Mendelsſohn geendigt hatte. „O, Dir kann ich wohl ſo ſpielen, liebe, kleine Marie, aber dort—“ „Was! hat die engliſche Luft Dich ſchüchtern ge⸗ macht, Moriz— Dich, der ſo daran gewöhnt war, ſich öffentlich zu zeigen— der in Italien vor Künſtlern und hohen Damen geſpielt hat?“ „Ich glaube, es iſt engliſche Luft und engliſche Kälte, die mir das Herz ſchwach macht. Es iſt ſo ſelten, daß eine engliſche Zuhörerſchaft Freude oder Gefuͤhl bei der Muſik erkennen läßt, beſonders bei einem Privatconcert; und matter Beifall lähmt den Geiſt und die Finger.“ „Aber Sie können ſich damit einen Namen machen, lieber Moriz,“ warf die Wittwe dazwiſchen. „Einen Namen machen! das iſt kühn geſprochen, Mutter!“ ſagte er mit einem halben Lächeln. „Beifall,“ ſagte Marie,„iſt der Vorläufer des Ruhmes.“ „Schön geſagt, liebe Marie! Aber ich will Dir geſtehen, es gibt einen Beifall der Art, daß das Aus⸗ ziſchen erwünſchter wäre. Du kannſt Dir vielleicht be⸗ wußt ſein, ganz ſchlecht geſpielt zu haben, und dieſe Leute kommen zu Dir heran mit lächelnden Geſichtern, und rufen aus: O, wie ſchön war das! Was für ein allerliebſtes Muſikſtück! Noch nie in Ihrem Leben haben Sie ſo gut geſpielt!— und Du weißt nicht, ſollſt Du über ihre Dummheit in Ohnmacht fallen oder raſend werden. Und noch ſchlimmer als dieß, vielleicht haſt Du gut geſpielt, und auch deſſen biſt Du Dir bewußt — Dein pochender Kopf, Deine ſchmerzenden Nerven, Deine eiſigen Hände zeugen dafür,— Du haſt Deine ganze Seele in eine Improviſation ausgegoſſen, und dann kommt einer her und ſagt:„O, bitte, das nette Stück noch einmal! Sie könnten ebenſo gut einem Blitz⸗ ſtrahl ein ‚Da Capo“, oder dem Fall einer Lawine ein „‚Bis’ zurufen.“. „Du mußt dieſe ſtörenden Menſchen vergeſſen, und nur an Diejenigen denken, deren Herzen in Einklang mit dem Deinigen ſchlagen.“ Damit legte ſie ihren Kopf auf das Piano⸗Forte in einer Stellung, die ſeinem Auge wohl that und ſeine Phantaſie erheiterte. Er ſtrich ihr die ſchönen Haare glatt und ſagte: 10⁵ „Du biſt mein guter Genius— nein, das iſt nicht das richtige Wort, mein guter Engel vielmehr. Wie kommt es doch, daß Du mich immer verſtehſt?“ „Ich trage hier ein Echo,“ ſagte ſie, indem ſie die Hand auf's Herz legte,„das antwortet auf das, was Du fühlſt. Denkſt Du noch daran, welche Freude wir als Kinder an dem Echo in den Ruinen der Abtei hatten, und wie wir es ſo oft unſere Lieblingsverſe Wort für Wort nachſprechen ließen?“ „Ja wohl; aber wie ärgerten wir uns, wenn lär⸗ mende Kinder oder ſchöne Damen daher kamen und unſer liebes Echo von wildem Geſchrei oder einfältigem Ge⸗ ſchwätz wiederhallen ließen. So geht's in der Welt; die Thorheit oder Herzloſigkeit Anderer zerſtört die Harmonie, von der Du ſprichſt.“ „Ich hätte gedacht, ſie würde dadurch nur noch in⸗ niger,“ ſagte ſie. „Die Wahrheit iſt, Marie, daß Du nicht ganz weißt, was ein Künſtler iſt, und von welcher Art Reiz er lebt. Du ſprichſt immer vom Genius, als von etwas ganz Heiligem, ganz Erhabenem, ganz Reinem, und ſcheinſt zu vergeſſen, in welchem üppigen Boden er oft wächst, und wie wenig religiöſer Sinn manche ſeiner höchſten Offenbarungen begleitet hat. Er iſt ein Feuer, aber nicht immer eines, das vom Himmel ſtammt.“ „O ja! vom Himmel,“ rieff ſi feurig aus,„ſicher⸗ lich vom Himmel ſtammt er, rein, ſtrahlend, unentweiht; er iſt gut, wie Alles, was Gott erſchafft, und gefährlich, wie Alles, was der Menſch mißbraucht. Die Flamme, die unter Fäulniß und Verweſung brennt, verliert ihre Reinheit nicht, und der Genius, der in einer niedrigen und laſterhaften Seele wohnt, iſt ein Funke himmliſchen ſeners; das durch den Nebel menſchlicher Entartung eint.“ „Dann kann alſo der Genius für moraliſche Ver⸗ derbniß Erſatz leiſten?“ „O nein] denn welche Sünde, welche Schande kann 106 größer ſein, als eine ſo herrliche Gabe Gottes zu ſchlim⸗ men Zwecken anzuwenden— durch den Koth zu ziehen, was uns zum Himmel zu erheben beſtimmt war!“ „Ei, Marie, Du machſt mich ſtaunen! Trägſt Du am Ende doch einen Dichtergeiſt in Dir?“ „Nein, wahrhaftig,“ antwortete ſie,„es iſt nur das Echo, von dem ich eben ſprach. Ich kann ſolche Sachen nicht aus meinem eigenen Kopfe hervorholen, aber ich erinnere mich an das, was Du ſprichſt und was Du mir vorlieſeſt, und ſchmücke mich mit erborgten Federn, wie der Vogel in der Fabel.“ „Nein doch, gute Marie,“ rief ihre Mutter aus, ich weiß gewiß, Du biſt nicht wie ein Vogel in einer Fabel. Du warſt immer ein gutes Kind— nicht wahr, Moriz?“ „Ja wohl iſt ſie das,“ erwiederte er;„und der ein⸗ zige Vogel, dem ſie gleicht, iſt eine treue Taube, ein Bote des Friedens, das Urbild himmliſcher Liebe. Nun laßt uns aber an dieſe Feſtlichkeit auf Woodlands den⸗ ken. Du mußt mit mir gehen, Marie— Miß Apley. ſagte es. Wie wirſt Du Dich kleiden?“ „Daran habe ich noch nicht gedacht. Ich glaube, ich will mein weißes Mouſſelinkleid anziehen, und die blau und weiße Halsſchnur, die Du mir von Venedig mitgebracht haſt, und ich fürchte, ich werde mir ein neues Band auf den Hut kaufen müſſen, und vielleicht gar einen neuen Shawl. Es iſt wahrhaftig eine koſt⸗ ſpielige Sache, eines Künſtlers—“ ſie ſtockte und er ſagte:„eines Künſtlers Braut zu ſein?“ Sie ſchüttelte den Kopf und lachte. „Wie wird Lady⸗Bird gekleidet ſein?“ fragte er. „Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich fürchte, ſie kommt gar nicht hin.“ „O, aber ich hoffe, ſte kommt. Für Dich wird es doch einen großen Unterſchied machen, ob ſie dabei iſt oder nicht.“ „Nun ja, ich hoffe es auch; denn es wäre für ſie 8 ————— 8 7 107 freilich ſehr gut, mit Perſonen von ihrer eigenen geſell⸗ ſchaftlichen Stufe bekannt zu werden.“ „Sie fragt nichts nach allem dem— ſie hat keine niedri⸗ gen Vorurtheile, und führt niemals heuchleriſche Redens⸗ arten im Munde. Sie iſt ſo offenherzig wie ein Kind—“ „O Moriz, glaubſt Du wirklich, daß ſie vollkom⸗ men kunſtlos iſt?« „Du glaubſt es nicht, wie ich ſehe. Ach, Marie! welches weibliche Weſen war jemals eine wahre Freun⸗ din von einem andern? Ich hätte gedacht, Du machteſt eine Ausnahme von der Regel, aber ich muß faſt glau⸗ ben, es iſt immer und überall daſſelbe; ein Weib hört es nie mit Vergnügen, wenn man ihre beſte Freundin lobt.“ Marie beſtand einen kleinen Kampf mit ſich ſelbſt und ſagte dann:„Ich bin überzeugt, ſie hat ſehr ſchöne Eigenſchaften, und es iſt unmöglich, ſie nicht zu be⸗ wundern, zu bemitleiden—“ „Und zu lieben,“ fügte er raſch hinzu,„und je weniger Freunde ſie hat, deſto mehr müſſen wir uns an ſie anſchließen und ſie nächſt dem lieben, was wir am meiſten lieben. Du wirſt ſie lieben nächſt mir, und ich genauer Umgang mit ihr fortdauern werde. Wir kön⸗ nen ihr von keinem Nutzen ſein, und ſie kann uns „Was fuͤr Unſinn iſt das, und wie ſelbſtſüchtig dazu! Ich hätte Dich einer ſolchen engherzigen Thorheit Er wandte ſich mit dem Ausdruck tiefen Verdruſſes ab und gewann ſeine Ruhe geraume Zeit nicht wieder. Es war das erſtemal ſeit ſeiner Rückkehr, daß er ein hartes Wort zu Marie geſprochen hatte. Vielleicht war 108 gut als den ihrigen bedrohte, und hatte für einen Au⸗ genblick verrathen, was zu verhehlen klüger geweſen wäre. Sie that Buße dafür mit geheimen Thränen, und ſchmerzvollen Rückblicken auf jedes Wort, das ſie geſagt hatte. Er that keine Buße, vergoß keine Thräne, zog ſein Herz nicht zur Rechenſchaft; ſondern als ſie ihn am andern Morgen mit Lächeln empfing, ihm das Frühſtück wie gewöhnlich bereitete und kein Ge⸗ fühl des Verletztſeins zeigte, war er vollkommen be⸗ ruhigt, und dachte, es müſſe doch eine ſchöne Sache ſein, eine ſo ſanftmüthige Hausfrau zu beſitzen. Siebentes Kapitel. „Et de ma vie obscure, hélas! qu'aurai-je à dire? Elle fut-ce qu'elle est pour tout ce qui respire— Sur les mers de ce monde il n'est jamais de port, Et le naufrage seul nous jette sur le bord! Jeune encor j'ai sondé ces ténèbres profondes, La vie est un degré de l'échelle des mondes, Que nous devons franchir pour arriver ailleurs. 3 Lamartine. „Was ſoll Dir dieſer düſtre Sinn? Unmäßig, ohne Raſt und Ruh Nach Freiheit ringſt und kämpfeſt Du, Die Freiheit iſt Dein einz'ger Traum; Wie oder wo, das fragſt Du kaum.“ Longfellow. Gertrude ſtand an ihrem Fenſter an einem jener melancholiſchen Regenmorgen, die eine düſtere Färbung über die reizendſte Lanrſchaft verbreiten, und nie war die Scene, die ſie überblickte, ihren Augen ſo äußerſt uneinladend erſchienen. Ein engliſcher Park,— ſo ſchön er oft iſt,— bietet nicht immer eine ſehr aufhei⸗ ternde Erſcheinung dar. Die großen einſam ſtehenden Bäume mit ihren vom Winde bewegten Aeſten und 1 109 ihrem weit gebreiteten Schatten, die eng eingeſchloſſenen grünen Lichtungen, die Abweſenheit jedes Zeichens von menſchlichem Leben, die ſcheuen Heerden Damwild, die durch das Farrnkraut ſchlüpfen und an den entfern⸗ ten Ausſichtspunkten wie anmuthige, geräuſchloſe Er⸗ ſcheinungen vorüberſchweben, haben einen eigenthümli⸗ chen und ganz einzigen Reiz, der aber mehr mit einer lieblichen Melancholie, als mit irgend etwas wie Fröh⸗ lichkeit verwandt iſt. Ddie träumeriſche Philoſophie des Herrn Jacques in„Wie es euch gefällt“ dürfte als der natürliche Aus⸗ druck der Gemüthsſtimmung erſcheinen, die die majeſtä⸗ tiſche Wald⸗Scenerie eines engliſchen Parks einflößen kann; aber mit der platten Vornehmheit eines Parks, wie der von Schloß Lifford, war weder Schönheit noch Erhabenheit verbunden. Alleen von nicht ſchönen Bäumen, Gruppen von kleinen, häßlichen anderen, die flache ungebrochene Ausdehnung nach jeder Seite hin, der eanalartig ausſehende Fluß, der grämlich hindurch⸗ kroch, gaben der ganzen Scene ein unbeſchreiblich düſtres Gepräge, und geſehen vollends durch das Medium von Regen und Nebel würde ſie ſogar für Augen, die mehr als Gertrudens Augen zu ihren Gunſten wären einge⸗ vonumhen geweſen, einen unlieblichen Anblick gebildet aben. War ihr die Ausſicht ſchon von ihrem Schlaf⸗ zimmer⸗Fenſter aus widrig erſchienen, ſo erſchien ſte ihr noch widriger vom Frühſtücks⸗Zimmer, wo ſie auf den Eintritt ihres Vaters und ſeines Onkels,— ihrer gewöhnlichen Geſellſchafter bei dieſem Male, war⸗ tete. Sie ſah die hohen Fenſter mit einer Art von Wi⸗ derwillen an, die Familien⸗Gemälde mit Groll, die bei⸗ den Sophas, die einander zu beiden Seiten des Kamins gegenüberſtanden, als wären ſie ihre perſönlichen Feinde, und die große Uhr, die an den Verlauf ſo mancher un⸗ intereſſanten Stunden erinnerte, als hätte ſie ihr ein Leides gethan.„Ich thäte weit beſſer daran,“ rief fie 110 in Gedanken aus,„mit einem Male in's Kloſter zu gehen, als mein Leben auf dieſe Weiſe hinzubringen. Ich wollte nur, Pater Lifford lachte mich nicht aus, wenn ich davon ſpreche. La Trappe ſelbſt müßte ein heiterer Ort ſein in Vergleich mit dieſem.“ In dieſem Augenblick trat der eben genannte Pater Lifford in's Zimmer, die Tabaks⸗Doſe in der Hand, ſein ſtraffes Haar,— halb ſchwarz, halb grau,— wild um ſeinen Kopf geſträubt, und die Linien auf ſeiner Stirne krauſer gezackt als je. Sein ſchwerfälli⸗ ger Gang, ſeine plumpe Geſtalt, ſein übel gearbeiteter Leibrock ließen ihn älter erſcheinen, als er wirklich war. Der ſcharfe Ausdruck ſeines Blickes und die Stärke ſeiner Muskeln ſetzten oft Perſonen in Erſtaunen, die ihn auf den erſten Blick für einen ſchwachen alten Mann hätten halten mögen. Zwiſchen ihm und Ger⸗ trude ſchien Liebe nicht vergeudet zu werden. Wenn je einige gegenſeitige Zuneigung ſtattfand, ſo zeigte ſie ſich wenigſtens nicht auf der Oberfläche ihres Verkehrs. Er war auf eine hingebungsvolle Weiſe anhänglich an ihre Mutter, die er in Spanien ſeit den Tagen ihrer Kindheit gekannt hatte. Gegen ſie war er immer voll⸗ kommen gutig und ſanft; aber gegen Andere war ſein Gemüth— ohne ſchlecht zu ſein— kalt, und ſeine Weiſe zu urtheilen und mit den Menſchen umzugehen, war ſtreng von Natur. Zwiſchen ihm und ſeinem Neffen herrſchte eine ſeltſame gegenſeitige Schonung und eine eigenthümliche Art von Rückſichten auf einander. Daß er des Letzteren Gleichgültigkeit gegen die Religion, ſeinen Mangel an thätiger Liebe gegen die Armen, ſeine Un⸗ terlaſſung ſo mancher Pflichten, auch einer bloß anſtän⸗ digen Aufmerkſamkeit gegen Andere, insgeheim miß⸗ billigen und beklagen mußte, daran konnte Niemand weifeln, der bekannt war mit ſeiner eigenen warmen Prömmugkeit, ſeiner unermüdlichen Hingebung für das geiſtliche und weltliche Wohl ſeiner Nebenmenſchen, und der, obgleich unter einer rauhen Außenſeite verborgenen, 111 wahrhaften Gute ſeines Herzens; aber, wie viel oder wenig er nun zu Zeiten unter vier Augen ihm Vorſtel⸗ lungen gemacht haben mochte, nie ließ er bei andern Gelegenheiten ſeine Mißbilligung wahrnehmen, nie ſprach er mit Anderen von ihm oder von ſeinen Fehlern. Seinen Kindern prägte er eine tiefe Ehrfurcht gegen ihren Vater ein, und da er über den duldenden Gehor⸗ ſam ſehr ſtrenge Begriffe hatte, ſo war er immer ſehr verdrießlich über Gertrudens Hang zur Unabhängigkeit und ihre unbezwingliche Entſchloſſenheit, über alle Dinge wenigſtens ihre eigene Meinung zu haben, wenn ſie einmal ihren eigenen Weg nicht gehen konnte. Er verſuchte nicht, geradezu einen beſtimmenden Einfluß auf ſie auszuüben;„er ſei weder ihr Vater, noch ihr Vormund,“ ſagte er, und trug kein Verlan⸗ gen, ſich in das zu mengen, was Sache ihrer Eltern war. Sofern er ihr Beichtvater und geiſtlicher Führer war, war ſein Wirkungskreis feſt beſtimmt; und obgleich die natürliche Strenge ſeines Charakters ihn geneigt machte, mehr von der ernſten als von der gewinnenden Seite der Religion vor ihr zu entfalten,— mehr ihre Entſagungen als ihre Freuden,— ſo fand ſich doch auf ſeiner Seite mehr Güte und Nachſicht, auf der ihri⸗ gen mehr Ehrfurcht und Fügſamkeit, als man ſich hätte leicht vorſtellen können, wenn man den allgemeinen Ton ihres Verkehrs zu andern Zeiten beobachtete, wenn er freimüthig und ſpöttiſch ſeine Anmerkungen über ihr Benehmen machte, und ſie bloß durch Pflichtgefühl zu⸗ rückgehalten wurde, leichtfertige Antworten auf ſeine Aeußerungen zu geben. Es war ein weſentlicher Zug ihres Charakters, die Ehrfurcht vor ihm zu bewahren, ſo lang er durchaus gerecht und ſanft blieb, dagegen ihm zu trotzen, wenn er hart und deſpotiſch war, oder auch nur ihr ſo zu ſein ſchien. An dem Morgen, von dem wir ſprechen, ſtand er vor dem Kamin, wärmte ſeine Hände am Feuer, und wandte ſich gelegentlich um, um nach Gertrude zu ſehen, die ungeduldig zwei Löffel an einander ſchlug, und dann und wann ihren Stuhl einen oder zwei Zoll weit vom Tiſch zurückſtieß und dann wieder rückwärts nach ihm hinſchob, mit einem Ungeſtüm, das die Taſſen klirren und den Waſſerkrug zittern machte.„Wie ſpät heute morgen mein Vater kommt!“ rief ſie endlich aus;„es bringt einen um den halben Tag, auf dieſe Weiſe mit Warten hingehalten zu werden.“ „Was für ein Verluſt für die Welt muß es ſein, wenn einer von Deinen halben Tagen verloren geht,“ bemerkte Pater Lifford, indem er unter ſeinen buſchigen grauen Augbrauen hervor ihr voll ins Geſicht blickte. „Nicht für die Welt vielleicht, aber für mich ſelbſt,“ antwortete ſie im Tone unterdrückter Erbitterung. „Je nun, wie würdeſt Du denn die letzte halbe Stunde zugebracht haben, wenn Du zur gewohnten Zeit gefrühſtückt hätteſt?“ „Mit Leſen, vermuthlich.“ „Hum— mit Leſen! Ganz gut. Was hätteſt Du denn geleſen?“ „Meine franzöſiſchen Bücher,“ verſetzte ſie ſchnell. Zufälliger Weiſe hatte Pater Lifford einen einge⸗ wurzelten Widerwillen gegen die franzöſiſche Literatur, und der Anblick von Moliéres Stücken, woran Gertrude unaufhörlich gefeſſelt ſaß, ſetzte ſeine Geduld auf ſchmerz⸗ liche Proben. „Deine franzöſiſchen Bücher!— Ach ja, es iſt zum Erbarmen, in der That, daß Du dieſen Morgen keine Zeit gehabt haſt, in„Les fourberies de Scapin“ zu ſtudiren; das war ja das Letzte, was ich Dich leſen ſah. Vortreffliche moraliſche Lectionen mußt Du aus Deinen Studien ziehen, und großen Gewinn trägſt Du von ihnen davon, das iſt außer Zweifel.“ Gertrude erröthete, biß ſich in die Lippe, und ſah aus, als möchte ſie gar zu gerne eine heftige Antwort geben; aber ſie ſtand raſch auf und ging an’'s Fenſter, wo ſie eilfertig mit ihren Fingern auf der Scheibe 113 trommelte, als wollte ſie zu ihren aufgeregten Gedanken den Takt ſchlagen. „Was für ein Wetter!“ rief ſie nach einem Still⸗ ſchweigen von einigen Augenblicken aus;„welche Ströme von Regen! Es ſieht mehr aus wie Ende Novembers. als wie Anfang Septembers. Wie kann Mama an einem Tage wie dieſer ihre Lebensgeiſter aufrecht erhal⸗ ten?— Immer an ihr Ruhebett gefeſſelt,— immer nur dieſe einzige Ausſicht vor den Augen. Mich wun⸗ dert, daß ſie nicht in Stein verwandelt wird.“ „In der That, wundert dich das? Davon verſtehſt Du ja wohl recht viel. Nimm Dich in Acht, daß Du nicht auf andere Weiſe ganz verhärtet wirſt.“ „O, was das Verhärtetwerden betrifft, ſo fühle ich mich ſchon jeden Tag ſteifer werden. Ich werde bald nur noch eine lebende Statue ſein. Sind Sie nicht manchmal bange, hier zu verſteinern?“ Er zuckte die Schultern und wandte ſich der Zeitung zu. Lord Lifford trat einige Minuten darauf in's Zimmer, und Gertrude ſchenkte Thee ein und wechſelte mit ihm ein Paar Worte von der Art, wie ſie zwiſchen Perſonen gebräuchlich ſind, die der Form wegen mit⸗ einander ſprechen müſſen, übrigens keinen Gedanken, kein Intereſſe, miteinander gemein haben. Als das Frühſtuck zu Ende war, ſtand Lord Lifford auf, nahm die Briefe und Zeitungen zuſammen, die auf dem Tiſche lagen, zog eine große Karte mitten daraus hervor, deutete darauf hin und ſagte;„Du mußt eine Entſchul⸗ digung zur Antwort hierauf ſchreiben, Gertrude. Ich habe Dir, als das letztemal eine ſolche Einladung kam, geſagt, was man darauf zu ſagen hat; Du brauchſt bloß daſſelbe jetzt zu wiederholen.“ Gertrude ſah die Karte an und fand, daß es die Einladung ſei, wovon Frau Redmond geſprochen hatte. Sie nahm ſie auf, und indem ihr lebhafter Wunſch in Beziehung auf die Sache nicht ſowohl ihre Schuchternheit. als ihren Widerwillen, ihrem Vater einen ſolchen Wunſch Lady⸗Birh. I. 8 114 vorzutragen, überwältigte, ſah ſie ihm ins Geſicht und ſagte:„Es würde mir ſehr viel Vergnügen machen, zu dieſem Frühſtück zu gehen; ich wünſchte wirklich ſehr, die Einladung anzunehmen— bitte, laſſen Sie mich hingehen!“ Er ſchien überraſcht und auf ein ſolches Geſuch gar nicht vorbereitet. Nicht daß er den minde⸗ ſten Gedanken daran gehabt hätte, es zu bewilligen, aber er hatie nie daran gedacht, einen Grund für ſo etwas anzugeben, und ſagte daher blos:„Treibſt Du Scherz?“ Es lag ſo wenig, was einem Scherz ähnlich ſah, in ſeinem oder in Gertrudens Geſicht, daß die Frage überflüſſig ſchien.„Nein, ich bitte Sie um eine Gunſt,“ verſetzte ſie, aber es lag nichts Bittendes in der Weiſe, wie ſie es ſagte.„Dachteſt Du denn allein hinzugehen?“ fragte er kalt. Sie gab keine Antwort, und er fügte hinzu:„Du mußt wiſſen, daß das eine abgemachte Sache iſt, und verließ das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick in der Nähe des Kamins ſtehen, mit der Karte in der Hand. Als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt, ſagte ſie:„Ich will Mama darum fragen.“ „Deine Mutter iſt heute ſehr leidend,“ bemerkte Pater Lifford; Du thäteſt beſſer, ſie nicht mit ſo etwas zu beläſtigen.“ „Nun gut, ſo will ich es ſein laſſen. Aber wollen Sie es thun, wenn ſie beſſer iſt?“ „Ich!— wie käme ich dazu? Wovon iſt denn bei der ganzen Geſchichte die Rede?“ „Es handelt ſich davon, ob ich zu dieſem Frühſtück in Woodlands gehen ſoll, und ich verſichere Sie, daß es ein gutes Werk wäre, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten.“ 4 „Ein gutes Werk, Dir zu einem Ball zu verhelfen! Iſt das Kind toll?“ .„Nein, es iſt nicht toll— aber es kann toll wer⸗ den, wenn man keine Anſtalten dagegen trifft. Es iſt zu Tode uͤberdrüſſig—“ 115 „Seiner ſelbſt, vermuthlich,“ unterbrach er ſie,„und das iſt auch kein Wunder.“ „Halten Sie mein Leben für unterhaltend?“ „Biſt Du in die Welt geſandt worden zu dem Zwecke, Dich zu unterhalten?“ „Gewiß nicht, ſo viel ich davon ſehen kann. Wer⸗ den Sie nicht böſe, Vater Lifford; wiſſen Sie wohl, daß ich einmal keine Luſt habe, mit Ihnen zu ſtreiten?“ „Das iſt ja erſtaunlich. Was hat dieſe Verände⸗ rung hervorgebracht?“ „Ach manchmal wird mir ein wenig bange um mich ſelbſt. Ich fürchte, es kommt mit mir noch ſo weit, daß ich alle Menſchen haſſe.“ „Auf Deinen Knieen ſollteſt Du dieſes Gefühls Dich zu entledigen ſuchen, mein Kind.“ „Ich denke, ich thäte beſſer, Nonne zu werden, Vater.“ „Was? Du eine Nonne? Genade Gott dem Kloſter, das Dich aufnähme!“ „Was iſt das für eine andere Karte, dort neben der Zuckerbüchſe?“ „Dieß?— das iſt daſſelbe Stück Unſinn wie die andere. Dieſe guten närriſchen Leute haben mich ein⸗ geladen.“ „Wie artig ſie ſind! O, wie ſehr wünſchte ich, wir wären alle anderen Menſchen mehr ähnlich!“ „Was für Menſchen?“ „Ich ſage es Ihnen nicht, Sie möchten darüber böſe werden.“ „Du biſt doch ſonſt nicht eben ſo ſehr in Angſt da⸗ vor, mich böſe zu machen.“ „Doch was ich ſagen wollte, iſt dieß: Mama iſt ſo gut daß ſie anderen Menſchen nicht ähnlich iſt.“ „Wünſcheſt Du, daß ſie weniger gut ſein möchte?“ „Nein, aber ich wünſche, daß ſie nicht immer krank und von Schmerzen heimgeſucht wäre.“ Er ſeufzte und ſagte mit gedämpfter Stimme:„Es iſt Gotzes Wille!“ 116 „Aber es iſt nicht ſein Wille, daß Papa ſo ſtolz und ſo hart ſein ſoll.“ „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, in ſolchem Tone von Deinem Vater zu ſprechen? Du verdienſt, hart be⸗ handelt zu werden, Du biſt ein empöreriſches und pflicht⸗ vergeſſenes Kind.“. „Nun hat es ein Ende! Immer und immer darauf zurückgekommen. Immer mir die Lehre, daß ich Unrecht habe, und Andere Recht. Nun, ſo kann es nicht ewig währen, und einen Tag oder einen andern muß ich memn Schickſal in meine eigenen Hände nehmen, und ann—“ Dieß ſprach ſie zu ſich ſelbſt; aber ſelbſt in Gedan⸗ ken brachte ſie ihren Ausſpruch nicht zu Ende, ſondern ſtürmte hinweg nach ihrer gewöhnlichen Zufluchtsſtätte, einem großen, verlaſſenen Bücherzimmer, das ſie ihre Höhle nannte.. Es war ein hohes, nur mangelhaft unterhaltenes Zimmer; Spinnengewebe hingen ungeſtört in den Win⸗ keln der Vertäfelung und in den Fuͤllungen der Thüre; todte Fliegen und erſtarrte Schmetterlinge lagen auf den breiten Fenſterbänken umher geſtreut; zwei große Erd⸗ kugeln ſtanden zwiſchen den Fenſtern, und Bücher, bedeckt mit Staub, fuͤllten die Bretter der verblichenen gold⸗ und weißfarbigen Bücherſchränke; eine rieſenhafte Land⸗ karte der Gegend hing über dem Kamin. Es war ein düſteres, troſtlos ausſehendes Zimmer, und dennoch liebte es Gertrude und hatte manche der froheſten Stunden ihres Lebens darin zugebracht. Es waren weder Stühle noch Tiſche darin, wohl aber eine Fülle von Raum und von Licht. Sie konnte hier mit jenem raſchen Schritte auf und ab gehen, der ein übermäßig bewegtes Gemüth erleichtert. Sie konnte einen Band aus dem erwähnten Bucherſchrank herunterholen und Stunden lang auf einer der Fenſterbänke ſitzen, während ſie abwechſelnd las und an den Himmel und die eilenden Wolken blickte, oder mit Theilnahme auf die Kämpfe einer Fliege im Netze 117 einer Spinne achtete, oder auf die Wiedererweckung einer gelähmten Motte, auf welche zufälligerweiſe ein Sonnen⸗ ſtrahl mochte gefallen ſein. Es iſt etwas Seltſames um ſolche lange, einſame Stunden in früher Jugend; nichts dem Aehnliches ſindet ſich im ſpäteren Leben. Solch unabläſſige Beſchäftigung mit ſich ſelbſt, mit ſo geringer Selbſtkenntniß; ſolch Reizbarkeit für äußerliche Eindrücke; ſolche Weltlichkeit in den Geſichten, die die Seele ſich ſelbſt erſchafft; ſolche außerordentliche Uneigennützigkeit in den Opfern, wozu ſie ſich bereit macht. Die Zeit wird vergeudet mit gren⸗ zenloſer Verſchwendung, Hoffnungen aufgebaut auf den nichtigſten Grundlagen, und in dem Zauberſpiegel, woraus dieſe Geſtalten der Einbildung wiederſtrahlen, nimmt jedes Ding eine von der Wirklichkeit weit abliegende Form und Färbung an. In Gertruden's Charakter lag eine Fülle von un⸗ beſchäftigter Thatkraft, die ſich durchaus in Thätigkeit hätte verbreiten ſollen. Unglücklicher Weiſe waren ihre Lifford hatte einmal verſucht, ihr Geſchmack für Armen⸗ beſuche beizubringen und für Ertheilung von Unterricht in der Schule, die er begründet hatte, und ſie war auf dieſe Beſchäftigung mit Eifer und Vergnügen eingegangen. Man fing eben an, vortheilhaft von ihrem Charakter zu ſprechen, als plötzlich, unter dem nichtigen Vorwande eines Fiebers, das in der Nachbarſchaft herrſchen ſollte, in Wahrheit aber nur aus eigenſinniger und wider⸗ ſpruchsvoller Luſt, ſeine Gewalt auszuüben, ihr Vater dazwiſchen trat und verlangte, ſie ſolle die Schule und die Hutten nicht mehr beſuchen, obgleich er weder wußte, noch ſich darum beküͤmmerte, daß ſte blos in Begleitung ihres Mädchens in den Feldwegen umherwandelte und 118 in Stonehouſeleigh aus⸗ und einging. Pater Lifford ſagte ihr allerdings, daß Gehorſam verdienſtlicher ſei als Thätigkeit, Opfer beſſer als Arbeit, aber der Luftzug, welcher der Flamme hätte verſchafft werden können, die unter der ſchweren Bürde des Mißmuths qualmte, war ſo auf einmal wieder geſperrt, und Gertrude ſiel zurück in ihre eigenen Gedanken, ihre abſpringende Lectüre und ihre gefährliche Gewohnheit, das Leben zu verträumen. Sie verbrachte es mit Klagen über ihr Schickſal und mit Murren gegen ihren Vater. Dieſe Gefühle gohren gleichſam in ihrem Herzen in ihren einſamen Stunden, und wenn ſie bei Tiſche erſchien, ſo lag ein dunkler Aus⸗ druck von Groll in ihren Augen und eine ſchwere Wolke auf ihrer Stirne. Am nächſten Tage ſchickte ihre Mut⸗ ter nach ihr; ſie fühlte ſich beſſer als gewöhnlich. Das Wetter hatte ſich geändert. Ein Südweſtwind hauchte ſeinen lieblichen Einfluß über das Angeſicht der Natur aus, und durch das offene Fenſter drangen Blumendüfte herein. Das Ruhebett der Kranken war nahe an dieſes Fenſter geſchoben, und von Kiſſen unterſtützt, lag ſie mit geſchloſſenen Augen und gefalteten Händen und genoß die balſamiſche Luft, die um ihre blaſſe Wange ſpielte. Sie höorte ihre Tochter nicht eintreten und blieb regungs⸗ los und in Gedanken verſunken, während Gertrude einen niedrigen Stuhl nahm, ihn zwiſchen das Ruhebett und das Fenſter ſtellte, ſich mit dem Geſicht in den Händen niederſetzte, und die ſeltſame Wirkung der eigenthümlichen Ruhe dieſer Scene in ihrem Gemuͤth empfand. Nicht daß ſie ihr wohlgethan hätte, im Gegentheil, ſie fühlte ſich aufgeregt, aber zum erſtenmal fing ſie an, über das Schickſal ihrer Mutter verwunderungsvoll nachzudenken und ſich ſelbſt zu fragen, ob dieſe Mutter wohl jemals einen der Gedanken gehabt hätte, deren Werkſtätte ihr eigenes Gehirn war, eines von den Gefühlen, die in ihrem eigenen Herzen ſo häufig wühlten. Sie erhob das Haupt, ſah ihrer Mutter Geſicht an und bemerkte zum erſtenmal, daß es ſchön ſei, und dem 119 ihrigen ähnlich ſehe. Und ſie wußte, daß ihr eigenes Geſicht ſchön ſei—, nur zu gut wußte ſie es; ſie dachte, als wäre es zum erſtenmale, daß ſie das Kind dieſer Mutter ſei—, daß daſſelbe Blut in ihren Adern rinne, daß ihre Züge nach Einer Form geprägt ſeien. Waren ihre Herzen ſo unähnlich?— waren ihre Gemüther ſo verſchieden?— hatte die eiſerne Hand des Leidens die Fähigkeit lebhafter Empfindung zerſtört, wo ſie einmal mochte vorhanden geweſen ſein?— oder waren andere Herzen von ganz anderer Art, als das ihrige?— hatte ihre Mutter niemals einen Wunſch empfunden, der über dieß Ruhebett hinausreichte, woran ſie, ſoweit ihre Erinnerung ging, gefeſſelt war?— hatten ihre Augen niemals von Unwillen oder Freude geleuchtet, oder ihre Lippen nie⸗ mals etwas Anderes ausgeſprochen, als die kurzen, ab⸗ gebrochenen Aeußerungen, die jetzt von ihnen fielen?. „O, Mutter, Mutter, waren Sie jemals jung, je⸗ mals gedankenlos, jemals widerſetzlich gleich mir?— hatten Sie jemals ein Verlangen nach irdiſcher Glück⸗ fchiet wie Sie es jetzt nach des Himmels Segen aben?“ Dieſe Worte waren mit dem ſchwächſten Flüſtern geſprochen, aber die letzten Worte erreichten das Ohr der Lady Lifford, und ſie öffnete ihre Augen und lächelte, was man an ihr ſo ſelten ſah. „Ja, der Himmel,“ ſagte ſie langſam,„zögert lange zu kommen.“ Dann ermunterte ſie ſich ſelbſt, gleichſam aus einem Traume, ſtreckte die Hand aus und gab Gertruden ein Zeichen, näher heranzukommen. Sie ſah ihr in's Ge⸗ ſicht und es ſchien, als ob auch ſie neue Dinge in ihres Kindes Zügen leſe und erſchrecke über das, was ſie da ſah; denn ſie blickte ſie an mit einer Art von ängſt⸗ la fragendem Ausdruck. Gertrude wandte ſich ab und agte: „Sie ſind heute viel beſſer, Mutter; ich habe Sie 120 ni 1 gut ausſehend gefunden,— Sie haben ordentlich arbe.“ Ihre Mutter lächelte kummervoll; ſie fühlte die rothen Punkte wohl, die auf ihrer Wange glühten, und wußte, daß ſie von Krankheit, nicht von Geſundheit brannten. Aber ein geſteigertes Fieber gab ihr mehr Stärke als gewöhnlich, und ſie ſchien einmal zum Sprechen ge⸗ ſtimmt, allein es war ihr ſo ungewohnt, eine Unter⸗ haltung mit ihrer Tochter zu führen, die ſich auf mehr als einige zärtliche Worte erſtreckte, daß ſie blos ihre Hand druckte, und ihr in ſpaniſcher Sprache liebkoſende Namen gab;— bis ſie ſich plötzlich aufrichtete, ſich auf den Ellbogen ſtützte und ſagte: „Gertrude, Du biſt recht glücklich, hoffe ich?“ Gertrude erröthete hoch, verbarg das Geſicht in den Händen und heiße Thränen drangen heftig zwiſchen ihren Fingern hervor. Jetzt war der Augenblick, ihrerſeits zu ſprechen und ihre Mutter zu gewinnen, aber hier lag nun der Zug in ihrer Natur, der ſie raſch zum Wider⸗ ſtreben und langſam zum Klagen machte. Doch nach einem Augenblick des Kampfes mit ſich ſelbſt ſprach ſie: „Mama, ich erinnere mich, daß ich vielleicht vor zwolf Jahren ein ſo heftiges Verlangen nach einer Wachs⸗ puppe hatte, daß ich bei Nacht ſchlaflos lag und an ſie dachte, und ſchrie, ſo oft ich an dem Kramladen vorüber ging, worin ſie ausgeſtellt war. Aber ich mochte nicht darum bitten, aus einer ſtolzen Empfindlichkeit darüber, daß noch kein Menſch daran gedacht habe, mir ein Ge⸗ ſchenk mit einer Puppe zu machen. Ich entdeckte Pater Lifford dieß mein gekränktes Gefühl, und er befahl mir geradezu, zu Ihnen zu gehen und um die Puppe zu bit⸗ ten. Ich that es nicht gerne, aber ich mußte gehorchen. Eben jetzt kränkte es mich, daß Sie fragen konnten, ob ich glücklich ſei, und ich konnte es nicht über mich ge⸗ winnen, zu ſprechen und zu ſagen, daß ich es nicht ſei. Aber ich will die Wahrheit ſagen,— ich bin. durchaus nicht glücklich.« 121 „Nicht!“— rief die Mutter beſtürzt aus,„nicht glücklich, wenn Du jung und geſund biſt und das Leben vor Dir liegt? O mein Kind, könnte ich Dich lehren, glücklich zu ſein.“ Nach einer Pauſe fügte ſie mit rüh⸗ rendem Ernſt hinzu, indem ſie die Hand an ihre Stirne legte:„Aber ach! hier iſt ſo viel Verwirrung,— hier in meinem Herzen fühle ich es Alles. Gott weiß, was ich ſagen wollte,— o mein Gott, lehre mein Kind, was Glückſeligkeit iſt.“. Wiederum hielt ſie inne, und dann ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln: „Was würde Dich glücklich machen, Gertrude?— keine Wachspuppe jetzt mehr?“ Gertrude hielt den Mund dicht an ihrer Mutter Ohr, als fürchtete ſie, behorcht zu werden, und flüſterte: „Zu dem Frühſtuck auf Woodlands gehen zu dür⸗ fen, das würde mich glücklich machen; ich habe mein Herz daran gehängt, ſo ſehr als ich es jemals als Kind an eine Wachspuppe hängte.“ Lady Lifford ſah erſtaunt und verlegen aus und hielt ſich die Schläfe mit den Händen, als ſammelte ſie ihre Gedanken. „Zu einem Frühſtück, liebes Kind? Aber wer könnte Dich dahin mitnehmen? Gertrude, das iſt eine Unmög⸗ lichkeit.“ „Mama, Pater Lifford iſt auch eingeladen; über⸗ reden Sie ihn, hin zu gehen und mich mitzunehmen.“ Die Kühnheit dieſes Planes verſetzte ihre Mutter in ſtummes Erſtaunen; ſie ſchüttelte den Kopf, aber Gertrude fuhr fort: „Mama, ich muß eine Abwechslung,— eine Unter⸗ haltung haben. Ich kann das Leben, das ich führe, zich änger ertragen. Ich bin überzeugt, daß Papa mi a 1.“ 5 „O Kind, Kind! nieder auf Deine Kniee, und bitte um Vergebung für ſolch' einen Gedanken; bete, bete! 122 Es gibt keinen andern Schutz gegen ſolche Gedanken, als das Gebet; aber was hat Dein Vater Dir gethan?“ Sie machte das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Toch⸗ ter Stirne und ſeußßzte tief. „Sehen Sie nicht ſo erſchreckt aus, Mama, ich ſagte nicht, ich hafſe ihn, das verhüte der Himmel; und vielleicht habe ich Unrecht, und er haßt mich nicht; aber daß er ſich nichts um mich bekümmert, das iſt gewiß— Niemand bekümmert ſich um mich, als Sie, Mama,— Sie thun es vielleicht.— Ich habe nicht immer ſo ge⸗ dacht; aber ich weiß nicht, wie es kommt, heute iſt es mir ſo vorgekommen, daß Sie es thun.“ „Haſt Du alſo wirklich vorausgeſetzt, daß Deine Mutter... 2 O meine langen, bitteren Leiden, meine gelähmten Glieder, mein ſchwaches, verwirrtes Gedächt⸗ niß, meine ſtammelnde Zunge! Habt ihr in der That dieſe Wirkung hervorgebracht? Es war recht, es war gut; aber jetzt danke ich Dir, mein Gott, daß der Schleier gelüftet worden iſt, daß ſie einen Blick in dies Herz gethan hat, das unter der Bürde ſchlägt, die es tragen muß, ach! und die es mit Freuden trägt.“ So rief ſie mit ſteigender Wärme, indem ſie ſpaniſch ſprach, was ſie bei jeder ſtarken Anregung that; ſie fiel erſchöpft zurück, und indem ein heftiger Schmerzanfall ſich einſtellte, war Gertrude genöthigt, das Mädchen zu rufen, das ihre Mutter gewöhnlich bediente, und ſie dieſer zur Verpflegung zu überlaſſen. Am andern Tag war Lady Lifford wieder etwas beſſer, aber ſie ſchickte nicht nach ihrer Tochter; ſie ver⸗ wendete dieſen Zwiſchenraum erträglichen Zuſtandes auf zwei Unterredungen. Die erſte derſelben hielt ſie mit Pater Lifford. Als er neben ihrem Ruhebett ſich nieder⸗ ſetzte und ſich wie gewöhnlich anſchickte, ihr aus einem ſpaniſchen Andachtsbuch vorzuleſen, legte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte: „Ich habe Ihnen etwas zu ſagen, Vater.“ 123 Er nahm ſeine Brille ab, nahm eine Priſe Taback, und nahm eine aufmerkſamere Haltung an. „Ich habe Sie um etwas zu bitten, wovon ich hoffe, Sie werden es mir zu Liebe thun, wenn es Ihnen auch ſehr unangenehm ſein ſollte.“ Er blickte raſch auf und ſie fuhr fort: „Ich bin in Angſt um Gertrude.“ „Das bin ich auch,“ antwortete er mit einem mür⸗ riſchen Ausruf. „Sie iſt nicht glücklich. Für ein junges Mädchen iſt das ein trauriges Leben, das ſie führt.— Sie wiſſen, Vater, daß es ſo iſt,“ fügte ſie ernſt hinzu, als er die Stirne runzelte und die Achſeln zuckte. „Ich ſage nicht, daß es ein luſtiges Leben iſt; aber was hilft da das Reden? Da läßt ſich nichts thun; es wird beſſer werden, denke ich, wenn Edgar nach Hauſe kommt.“ „Sie hat ihr Herz daran gehängt, zu dieſem Feſte, zu dieſem Frühſtück in Woodlands zu gehen. Ihr junges Herz wird mit Bitterkeit überfüllt, wenn man ihr immer⸗ dar jede Unterhaltung, jedes Vergnügen verſagt, das ihre Einbildungskraft ihr in glühenden Farben malt, und meine Schmerzen, theurer Vater, wenn ich an meinen hilfloſen Zuſtand denke,— meine äußerſte Un⸗ fähigkeit—“ 3 „Klagen Sie nicht, liebe Tochter! Sie haben Ihr Leiden bis jetzt gut ertragen; laſſen Sie ſich nicht durch dieſes thörichten Mädchens Einbildungen zur Klage wider den Willen Gottes verführen!“ „Verhüte der Himmel, daß ich murren ſollte! Aber wenn ich fähig bin, zu denken,— wenn ein Ruhepunkt in meinen Leiden mir Zeit zum Nachdenken vergönnt, dann werde ich ängſtlich über den künftigen Charakter und das wahrſcheinliche Schickſal meines Kindes, und ich zittere, wenn ich mich darein verſenke. Befehlende Gewalt wird nichts bei ihr ausrichten; Kälte und Gleich⸗ gültigkeit noch viel weniger. Ihr Herz muß geſänftigt 124 werden,— auf ihr Herz muß man wirken und es ge⸗ winnen,— und Sie muͤſſen das thun.“ „Ich muß es thun!— In der That, auf ein recht geeignetes Werkzeug für dieſen Zweck ſind Sie verfallen, rinen ſauertöpfiſchen, eigenſinnigen alten Mann, wie mi 44 5 H Vater, Vater, läſtern Sie nicht auf Ihr eigenes erz!“ „Sprechen Sie mir nicht von meinem Herzen. Ich hab' ein Gewiſſen, hoffe ich, und eine Seele, die da ſelig werden ſoll,— aber ein Herz, das geſchaffen ſein ſoll, Herzen zu gewinnen, pah! pah! das iſt lauter Unſinn; Schicken Sie ſelbſt nach dem Kinde, geben Sie ihr dann und wann einen mütterlichen Kuß, und überlaſſen Sie mir, ſie ihre Pflicht zu lehren,— das iſt mein Geſchäſt und ich will es beſorgen.“ „So wollen Sie mir alſo die erſte Gunſt abſchla⸗ gen, um die ich Sie jemals gebeten habe?“ MNun, im Namen der Geduld, worin beſteht ſie denn?“ „In etwas, wovon Sie zuerſt betheuern werden, Sie wuͤrden es nimmermehr thun; das Sie llächerlich und vielleicht ſo gar unrecht finden werden—“ „Sie ſind alſo im Zuge, etwas Unrechtes von mit zu verlangen? Was für ein Geiſt iſt über Sie ge⸗ kommen?“ „Es kann auf den erſten Anblick unrecht ſcheinenz aber ich verſichere Sie, theurer Vater, es duürfte verdienſt⸗ licher ſein, als Ihre edelſten Werke,— als Ihre ſtreng⸗ ſten Büßungen.“ „Ich weiß nicht, was Sie unter Büßungen ver⸗ ſtehen— edle Werke thue ich keine. Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden. Ich habe Sie noch nie ſo thöricht gekannt!“ „Hören Sie mich an, ich bitte Sie dringend, und fahren Sie nicht zu ungeſtüm auf! Sie müſſen zu die⸗ 125 ſem Frühſtück nach Woodlands gehen und Gertrude da⸗ hin mitnehmen.“ „Ja, jetzt muß ich nach dem Doktor ſchicken. Sie ſollten die Glocke ziehen und ſich einen niederſchlagenden ſait beſtellen, mein theures Kind. Sie ſind nicht bei ſich ſelbſt.“ „Ich war noch nie ſo ſehr bei mir ſelbſt; meine Gedanken und meine Stimmung find klarer als gewöhn⸗ lich. Ich habe tief nachgedacht; etwas muß geſchehen, um dem Zuge der Empfindungen dieſes Kindes eine andere Richtung zu geben,— um ihr Herz zu ſänftigen, — um ihr zu erkennen zu geben, daß wir ſte verſtehen.“ „Es iſt ſehr leicht, ſie zu verſtehen; ſie iſt eine hals⸗ ſtarrige Dirne, die ihr thörichtes Herz an ein Stück weltlicher Zerſtreuung und Eitelkeit gehängt hat, und Sie ſind eine thörichte Mutter, mit einer ſolchen Nei⸗ gung, ihr nachzuſehen.“ „Vater, Sie kennen mich,— Sie wiſſen, wo, bei allen Fehlern meines Herzens, bei ſeiner Schwäche, ſei⸗ ner vormaligen Kleingläubigkeit, ſeinem noch jetzt ſich regenden Unglauben an die göttliche Gnade,— Sie wiſſen, wo mein Herz, ſeine Hoffnung und ſeine Liebe daheim iſt. Er, den ich allein hätte lieben ſollen,— er, der mich von Kindheit an zu ſich gerufen hat, und deſſen geweihte Braut ich hätte werden ſollen,— er, den ich in einem Augenblick der Bethörung verließ, der aber gnadenreich mir ein Schickſal beſchied, das für mich eine immerwährende Schutzwache gegen die Welt gewor⸗ den iſt, die ich ſo raſch geſucht hatte, und eine Schule, um die Lection zu lernen, die er mir zugewieſen hat,— er weiß, daß, könnte ich mein Kind auf einmal und für immer in die Arme ſeiner ewigen Gnade legen, gerettet auf Erden, und auf dem Weg zum Himmel, meine Seele Frieden haben würde. Oder, wenn dieſer hohe eruf ihr verſagt wäre, könnte ich ſie in einer eigenen „Häuslichkeit nützlich wirkend und zufrieden ſehen: nach keinen Freuden oder Vortheilen der Welt würde mich 126 für ſie gelüſten. Ich verlange nicht, daß die Augen der Männer nach ihrer ſeltenen Schönheit blicken, daß Ju⸗ welen auf ihrer Stirne funkeln, oder ihre Augen die Liebe und Bewunderung ganzer Geſellſchaften gewinnen ſollen. Ich begehre keinen Reichthum für ſie— keine Größe— keinen Glanz, aber Frieden des Herzens und Ruhe des Geiſtes,— die Liebe Gottes und der Menſchen.“ „Und dieſe Geſchichte da,— wie nennen Sie es! — dieß Frühſtück in Woodlands, das ſoll alſo das Mittel ſein, ihr zu dieſem geſegneten Seelenzuſtand zu verhelfen?“ „Sie müſſen mich für unklug halten; aber haben Sie Geduld mit mir,— haben Sie Nachſicht mit min, ich bin ſo hilflos— ſo ſchwach; aber über dieſen Gegen⸗ ſtand habe ich viel nachgedacht,— ich habe mich gefragt, ob es weiſe oder auch nur klug ſei, ſie auf einmal zu einer neuen, aufregenden Scene hinzuſchicken, die ihr das Leben zu Hauſe noch düſterer als zuvor erſcheinen laſſen und ihr Verlangen erhöhen könnte, ſolche Orte auch künftig zu beſuchen, und die Antwort, die mein Gewiſſen mir gab, iſt dieſe:— Berlangte ſie nicht nach den Vergnügungen, die ihr bisher verſagt waren? Maltt ſie ſich nicht die Freuden, wovon ſie ausgeſchloſſen wan, in glühenden Farben aus? Der Himmel verhüte, daß ich ſie in dergleichen hineinſtoßen ſollte! Aber ich weiß⸗ daß ſte darnach verlangt, und daß ihr Geiſt gegen die gezwungene Abgeſchloſſenheit ihres Lebens ſich empört. Das Licht der weltlichen Ergötzlichkeiten kann auf ein junges Gemüth nicht ſo nachtheilig wirken, als die ge⸗ ſteigerten Gemälde, die ſie ſich davon erträumt. Wir können ihr das Leben zu Hauſe nicht angenehm machen, Sie wiſſen es nur zu gut. Krankheit und Leiden bilden eine ſchlechte Geſellſchaft für ein Kind, und wenn gleich Gott in ſeiner ſchrankenloſen Barmherzigkeit mir Segens⸗ quellen aufgeſchloſſen hat, die mich zuweilen mit den Worten eines franzöſtſchen Schriftſtellers auszurufen ver⸗ anlaſſen:„Je souffre à en mourir, et cependant, mà —2=-=y=S—A' 2gZ 127 vie est un Paradis anticipé,“ ſo kann ich doch nicht er⸗ warten, daß dieß junge Herz auf einmal verſtehen ſollte, was die Erfahrung des Lebens— und eines Lebens voll außerordentlicher Prüfungen— mich mit langſamen Schritten empfinden gelehrt hat.“. 3. Lady Lifford warf ſich erſchöpft auf ihr Kiſſen zurück, aber bald erhob ſie ſich wieder und fuhr fort: „Wenn ich für Gertrude die Erfüllung ihres Wun⸗ ſches erlange, ſo wird ſie ein Zeichen von Liebe in dieſer Bemühung wahrnehmen; aber ſie weiß nicht, was es mich koſtet, denn ich muß ſie erlangen von einem Manne — o Vater, noch nicht ganz gedemüthigt iſt dieß mein ſtolzes Herz. Es iſt ſo peinlich, ihn um etwas zu bitten.“ „Wie die Mutter, ſo das Kind,“ ſagte der alte Mann ernſt. „O, ſagen Sie das nicht— ſagen Sie es nicht!“ rief ſie aus.„Laſſen Sie mich nicht denken, daß auch ſie auf dem Wege zu Frieden und Freude durch eine feurige Prufung ſoll gehen, daß die Gnade ihren Weg in ihr Herz durch eine Breſche ſoll erzwingen müſſen, die nur Qualen eröffnen, und über die zerſplitterten Trümmer jeder irdiſchen Neigung. Aber Sie werden weſhe Bitte erfüllen— Sie werden nach Woodlands gehen.“ ¹ Pater Lifford rührte ſich unbehaglich in ſeinem Seſſel, nahm noch eine Priſe, und ſagte dann in der Weiſe eines Mannes, der ſeine Worte unter dem Ein⸗ fiuß der Folter oder der Daumenſchraube zum Vorſchein ringt: genein liebes Kind, ich bin nicht zu meinem jetzigen Alter gekommen, ich habe nicht gute Bücher all mein Lebenlang geleſen, ohne inne zu werden, daß es beſſer iſt, zu thun, was man verabſcheut, als dem eigenen Herzen ein Vergnügen zu machen. Auch weiß ich, daß eine gute Art von Weibern, gleich Ihnen, thörichte, junge Mädchen beſſer verſtehen mag, als ein alter Mann 128 wie ich; ſo daß, ſo viel ich verſtehe, Sie Recht haben mögen und ich Unrecht. Auch darf ich von mir hoffen, daß ich mich nicht vor dem Lächerlichen fürchte und, wenn es Ihnen Spaß macht, ſich demſelben dadurch auszuſetzen, daß Sie eine junge Dame unter der Obhut eines alten Prieſters in die Welt ſchicken, ſo kann das eine heilſame Züchtigung für die junge Dame und den alten Prieſter ſein; und ſo mögen Sie ſich denn über die Sache beruhigen. Wenn ihr Vater ſeine Einwilli⸗ gung gibt, ſo will ich mit Ihrer Tochter nach dem Orte hinfahren. Ich will, wie ein alter Bär, in irgend eine Ecke des Landgutes ſitzen, und wenn ſie aus der Unter⸗ haltung all den Nutzen gezogen hat, den Sie dabei vorausſetzen, oder wenn ſie ein natürliches Ende nimmt — was denn doch hoffentlich bei ſolchen Dingen der Fall ſein wird— ſo will ich ſie auch wieder nach Hauſe bringen; aber nur ſeien Sie vorbereitet auf den Ein⸗ druck, den es hervorbringen wird, daß nämlich des Mäd⸗ chens Eltern ein Paar Narren ſeien, und der alte Nann ein noch größerer Narr als ſte; doch, wie ich ſchon ſagte, ich frage nichts darnach— es wird eine Büßung ſein, ſo gut als irgend eine andere.“ „Ich weiß, daß es eine Büßung für Sie ſein wird, was aber das Lächerliche betrifft, ſo kann ich nicht Ihrer Meinung ſein. Sie ſind Lord Lifford's Onkel,— Gertruden's nächſter Verwandter. Es iſt nichts Unge⸗ ziemendes daran, wenn ein Geiſtlicher gelegentlich in Geſellſchaft geht; und wer würde mit einem ſo väter⸗ lichen Auge uͤber mein Kind wachen?“ „Stille, ſtille! ſprechen Sie mir nicht von väter⸗ lichen Augen und dergleichen Poſſen. Ich werde ganz und gar nicht über ſie wachen. Ich will ſehen, daß ſte hinkommt,— und wo möglich, daß ſie wieder heim⸗ kommt; aber weiter nehme ich Nichts auf mich,— und merken Sie wohl, ich thue es nur ein einziges Mal.“ „Sie wird Bekanntſchaften machen und kann ſpäter⸗ hin Gelegenheit finden, mit Anderen auszugehen.“ 129 „Das wird ihr viel Heil bringen,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. zSie finden alſo etwas Wahres in dem, was ich age?“ 3„Ich finde, daß Sie es gut meinen, und ich bin nicht ſicher genug, daß Sie Unrecht haben, um mich Ihnen zu widerſetzen. Es möge für gut gelten, und ſo⸗ mit werde denn kein Wort mehr darüber geſprochen. Es kann ja weiter nichts nützen, einem Menſchen die Arznei, die er nehmen ſoll, unter die Naſe zu halten.“ Spät an dieſem Tage, als Lord Lifford ſeiner Ge⸗ mahlin ſeinen gewohnten Beſuch abſtattete, fand ſtatt der wenigen allgemeinen Redensarten, die gewöhnlich zwiſchen ihnen gewechſelt wurden, eine Scene ſtatt, wie ſie ſeit Jahren nicht vorgekommen war. Die verſchloſ⸗ ſenen Leiden eines weiblichen Herzens machten ſich in dieſer Stunde Luft. Seltſam, daß die Frage, ob ein Mädchen zu einem Frühſtück gehen dürfe oder nicht, Anlaß geben ſollte, daß ein Kummer, eine leidenſchaft⸗ liche Aufregung, eine Art geheimen Grolles, die lange Jahre geſchwiegen hatten, nun auf einmal wieder ihren Ausdruck fanden. Lady Lifford hatte bald nach ihrer Verheirathung ihr Schickſal verſtanden und ſich ruhig darein ergeben,— zu Zeiten ſogar ſich darüber gefreut. Sie hatte ihrem Gewiſſen Gewalt angethan, indem ſie ſich vermählte. Ihr Wille war zuerſt von dem ihrer erwandten überwältigt worden, das Herz, das ſeinen Beruf zu einer anderen und höheren Beſtimmung klar erkannt hatte, hatte ſich— halb aus Schwäche, halb unter einem vorubergehenden Eindruck auf ihre Einbil⸗ dungskraft— einer irdiſchen Liebe ergeben, und als nach wenigen Monaten eines Zuſtandes, von dem ſie annahm, er müſſe das Glück ſein— ob ſie gleich ſchwerlich et⸗ was davon wirklich fühlte,— ſie plötzlich zu der Ueberzeugung von ihres Mannes äußerſter Gleichgül⸗ tigkeit erwachte, und gelegentlich entdeckte, daß das We⸗ nige von Zuneigung, deſſen ſeine Natur fähig war, Laby⸗Bird. I. 9 130 vorläufig ſchon an eine Andere verwendet worden ſei, daß er bloß aus Eitelkeit ſie geheirathet habe, daß das Andenken an ſeine erſte Liebe den einzigen Punkt in ſeinem Leben ausfüllte, der für etwas wie Gefühl offen war, und daß ſeine Gleichgültigkeit gegen ſie ſich all⸗ mählig in Abneigung verwandelte,— da erlebte ſie eine ſonderbare Empfindung, in welcher eine Art von Be⸗ friedigung mit Kummer und Scham verſchmolz. Viel⸗ leicht hatte ſte eine gewiſſe Verwandtſchaft mit jener Art von Erleichterung, die ein Verbrecher empfindet, wenn ſeine Schuld entdeckt und die Nothwendigkeit der Verhehlung zu Ende iſt. Sie hatte das irdiſche Glück, das ſie durch eine Gewaltthat gegen ihre Ueberzeugungen geſucht hatte, nicht gefunden, und es war eine Art von Erquickung für ſie, die Hand Gottes, wenn auch in der Form der Züchtigung, noch immer über ſich zu finden. Als die Laſt derſelben immer ſchwerer und Schmerz und Einſamkeit ihr Antheil wurde, ſtieg dieß Gefuͤhl immer deutlicher in ihrer Seele auf. Ihre Beſtimmung war keine gemeine, und keine gemeine Liebe hatte ſie ange⸗ ordnet. Tiefe, glühende, innige Ausdrücke von Dank waren von dieſem einſamen Ruhebett ausgeſtromt, unter langen, ſchlafloſen Nächten voll Schmerz und Tagen unabläſſigen Leidens, für ein Schickſal, das ihr in ge⸗ wiſſem Sinne den Beruf, den ſie verloren, wiederge⸗ geben hatte; aber in einem weiblichen Herzen, mag auch die Gnade es meiſtern, ziehen, beherrſchen und lenken, mag ſie ihm auch eine Welt von Segen eröff⸗ nen, die die menſchliche Glückſeligkeit in einem uner⸗ meßlichen Abſtand hinter ſich läßt— bleibt immer(aus⸗ genommen in dem Falle der Heiligen) etwas von Schwäche und von Mitleiden mit ſich ſelbſt zurück, etwas, das weder ein Wunſch, noch ein Kummer iſt, aber auf Augenblicke dem ähnlich ſieht, und denen auch wirklich ſo erſcheint, die die Geheimniſſe des menſchlichen Her⸗ zens nicht klar erkennen. Und ſo war es in dieſer Stunde; dieſes blaſſe, er⸗ 131 ſterbende Weib(denn erſterbend war ſte, wenn auch noch Monate und ſelbſt Jahre dahinſchleichen mochten, bevor ihr Tod erfolgte) konnte das kalte, glatte, aus⸗ drucksloſe Geſicht ihres Mannes anſehen, und daran denken, wie ſehr er ſie geringgeſchätzt, vernachläſſigt und beleidigt hatte, und doch nicht eine Regung von Groll oder Gram empfinden— Tag für Tag hatte ſie ſo gethan. Es war ihr tägliches Nachdenken nach ſeinen kurzen förmlichen Beſuchen bei ihr, wie wunderbar Gottes Wege mit ihr geweſen ſeien, wie er mit ſeiner göttlichen Kunſt die vorübergehenden Freuden, wornach ſie gehaſcht hatte, in Qualen verwandelt habe, die ſich als ebenſo viele Schrittſteine erprobt hatten, welche von der Erde, die ſie verdunkelten, zum Himmel führten, den ſie aufſchloſſen. Aber heute, als ſie es verſuchte, in Bezug auf ihre Tochter den Weg zu ſeinem Herzen zu finden, und ſeine Zugänge undurchdringlich verſchloſſen fand— als er jede Antwort auf ihre Bitten um die Erlaubniß, die Alles war, was ſie wünſchte, daß Ger⸗ trude gelegentlich etwas Wechſel und Veränderung in ihrer Lebensweiſe haben ſollte, und insbeſondere, daß er den Wagen bewilligen möchte, um ſie und Pater Lifford am Tage des Frühſtücks nach Woodlands zu führen, ein kurzes Nein ausſprach, und ſogar höhniſch grinste über die Einwilligung ſeines Onkels in den Wunſch der Mutter, da blickte dieſe Mutter nicht mit Ruhe zu ihm auf. Es lag kein Zorn in ihren Zügen, ſondern ein tiefes Gefühl gewiſſer Art. Mit zuſammen⸗ gepreßten Händen, mit Wangen, brennend vor Aufre⸗ gung, wiederholte ſie ihr Geſuch. Als er ſich abwandte, um ihr zu zeigen, daß er des Gegenſtandes müde ſei, ſprach ſie zu ihm mit einer Stimme und in einer Weiſe, die ihn nöthigte, umzukehren und zu horchen. Was ſie ſagte, das läßt ſich nicht leicht niederſchreiben, was ſie fühlte, das würden nur Wenige verſtehen. Daß ſie ihr Spiel gewann, würde Manchen zur Ver⸗ wunderung gereichen, die nicht wiſſen, welche Wirkung 9* 13² ein unerwarteter Ausbruch leidenſchaftlicher Aufregung auf die kälteſten und härteſten Herzen durch plötzlichen Ueberfall hervorbringen kann. Ihre Gedanken waren zerriſſen, ihre Worte ſeltſam und abgebrochen, ihre Züge faſt wild: denn eine ſolche Erſchütterung war zu ge⸗ waltig für ein ſo ſchwaches Geſchöpf. Als ihr Gemahl — halb in Angſt vielleicht, ſie durch Widerſtand gefähr⸗ lich krank zu machen, verlegen, wo nicht gerührt, über ihre Anſpielungen auf die Vergangenheit, mit nicht ge⸗ nug Liebe für ſeine Tochter, um die Sache als etwas anſehen zu können, das ihre Wohlfahrt betreffe,— die gewünſchte Erlaubniß ertheilte, ſo, wie er ſeinem Reit⸗ knecht einen Feiertag unfreundlich bewilligt haben würde, da ſeufzte ſie tief, und als die Thüre ſich hinter ihm ge⸗ ſchloſſen hatte, kehrte ſie ihr Geſicht gegen die Wand und weinte bitterlich. Wie wenig weiß der Menſch, insbeſondere der junge Menſch, von den Prüfungen Anderer! Wie können ſie nach einer ungeſtümen Forderung das oft erſt nicht einmal zu würdigen wiſſen, was vielleicht durch eine Summe von Angſt und Schmerzen erreicht worden iſt, wovon ſie ſich nichts träumen laſſen! Balzac zeigt in ſeiner ergreifenden Erzählung„Eugenie Grandet“ dem Leſer die Kämpfe, die Angſt, die Kunſt, die leidenſchaft⸗ liche Sorge, womit die Tochter des Unglücklichen die wenigen einfachen Bequemlichkeiten erwirbt, die ſie dem verwaisten Vetter verſchafft, der ſich unter ihres Vaters Dach wohnlich niedergelaſſen hat— das beraubte und jetzt verlaſſene Kind des Glücks, das ohne Kenntniß⸗ nahme verbraucht oder ohne Genuß verſchwendet, was ſte mit Furcht und Zittern erkauft oder erbettelt, was ſie errungen hat um den Preis von Scenen, die ihr Herz zerſtört und ihre Wange gebleicht haben. Und das Gemälde iſt dem Leben getreu; jeder Tag liefert im häuslichen Leben die Beiſpiele dazu. Geheime Helden⸗ thaten werden verrichtet, die ſo leicht und alltäglich aus⸗ ſehen, daß Niemand die heimlichen Gebete, die voran⸗ 133 gehenden Kämpfe, den Grad von Entſchloſſenheit er⸗ rathen dürfte, die ſie gekoſtet haben; und ſie gehen vorüber ohne eine anerkennende, ja ohne irgend eine Bemerkung. Als Lady Lifford ihrer Tochter ſagte, ſie könne zu dem Frühſtück in Woodlands gehen, funkelten des Mädchens Augen vor Vergnügen, und ſie küßte ihre Mutter liebevolt; aber wenn ſie errathen hätte, was dieſe Mutter am Tage zuvor gelitten hatte, um ihr die Ausſicht auf dieſes Vergnuͤgen zu eröffnen, ſo wäre wohl ohne Zweifel mehr Sanftes in ihrer Stimme, mehr Zartes in ihrem Kuſſe gelegen: aber um das zu wiſſen, hätte ſie ſchon gelernt haben müſſen, was nicht zu lernen beſſer für ſie war, ſchon verſtanden haben, was ſie eines Tages vielleicht nur zu gut verſtehen wird,— ihrer Mutter Schickſal und ihres Vaters Charakter. Achtes Kapitel. „Das iſt der Liebe heil'ger Götterſtrahl, 8 Der in die Seele ſchlägt und trifft und zündet, Wenn ſich Verwandtes zu Verwandtem findet; Da hilft kein Widerſtand und keine Wahl.“ Schiller. So manche Kapitel in Romanen beginnen mit Beſchreibungen ſchöner Tage, daß es nutzlos ſcheint, noch eine dergleichen zu denen hinzuzufügen, die von geſchickteren Malern in Worten bereits verfaßt ſind; aber von Blumen, Vögeln, blauem Himmel und Son⸗ nenſchein, von flockigen Wolken und ſanften Lüften zu ſprechen, hat zu gewiſſen Zeiten und bei gewiſſen Ge⸗ legenheiten ſeinen Nutzen, ſo verbraucht auch dieſe Aus⸗ druͤcke ſein mögen. Es iſt für die Seele das, was für das Ohr das Recitativ in einer italieniſchen Oper, oder was der Rahmen für ein Gemälde iſt. Es bringt 134 Stimmung in die Gedanken; es ruft eine Manchfaltig⸗ keit von Bildern hervor, verſchieden, gemäß der Ein⸗ bildungskraft des Leſers,— den Scenen, womit ſein Gedächtniß ausgeſtattet,— den Eindrücken, wofür er empfänglich iſt.„Der Tag war ſchön.“— Hat nicht Jeder mit einem Male irgend ein Gemälde vor ſeinen Augen, das zu ſeinem Gefuhle oder zu ſeiner Phantaſie ſpricht, das eine Reihe von Erinnerungen hervorruft, und Thränen in ſeine Augen, oder ein Lächeln auf ſeine Lippen bringt? Der Tag war ſchön, an welchem Gertrude Lifford ihr Fenſter öffnete, um die Geſtalt des Himmels zu prüfen, und ſich zu vergewiſſern, daß er den Tag nicht zu ſtören drohe, den ſie ihren erſten frohen Tag nannte. Kein ſolcher Schatten entſtellte das Angeſicht des Him⸗ mels. Er war glänzend ſchön und duftig in der Ferne, — ein engliſcher Herbſthimmel—, und ſelbſt die weite Fläche des Parks ſah weniger häßlich aus als gewöhn⸗ lich, wie ſein Grün ſich im Lichte des fruhen Morgens darſtellte. Gertrude war befriedigt, aber ihr geſchwell⸗ tes Herz ließ ſie nicht ſtill ſitzen. Die Stunden ſchienen ihr von unbegränzter Länge, bevor ſie pernünftiger Weiſe anfangen konnte, ſich anzukleiden. Ihr Anzug war eine Quelle großer Sorge für ſie geweſen; und wie man Frau von Staöl hat ſagen hören, ſie wollte mit Freuden ihren ganzen literariſchen Ruhm gegen das Glück austauſchen, ſich nur auf einen Tag ſchön zu wiſſen: ſo würde Gertrude beinahe ihre Schönheit hin⸗ gegeben haben für das Bewußtſein, daß ſie gleich Anderen gekleidet ſei,— für die Zuverſicht, daß ſie nicht altmodiſch und lächerlich erſcheinen werde; denn zwiſchen ihrer Mutter, die ſeit vielen Jahren nirgends geweſen war, und überhaupt nirgends als in Spanien, und der Putzmacherin in Stonehouſeleigh, deren Kennt⸗ niß der Mode begränzt war, fühlte ſie ſich wirklich ſehr beunruhigt in Anſehung des Erfolgs. Aber ſie hatte das wirklich nicht nöthig. Aller⸗ 13⁵ dings war ſie nicht gekleidet gleich Anderen wenn aber Eitelkeit die Urſache ihrer Unruhe war, ſo konnte ſie ganz ruhig ſein. Ein Stück feinen ſeltenen indi⸗ ſchen Mouſſelins mit zarter weißer Stickerei,— das einen Theil von der Ausſteuer ihrer Mutter ausgemacht hatte und niemals verwendet war— wurde jetzt zu einem Kleide für ſie benützt. Eine prächtige Mantille von alten ſpaniſchen Spitzen diente ihr als Shawl. Ein Livorner Strohhut mit einem Kranze von Klatſchroſen und Kornblumen, den Lady Lifford, mit einer im Kloſter erworbenen Geſchicklichkeit für ſolche Arbeiten, für ſie verfertigt hatte, und eine Schnur ſorgfältig ge⸗ ſchnittener Korallen, die zweimal um ihren Hals ging, vollendete ihren Anzug. Als ſie in das Zimmer ihrer Mutter trat, fand ſie dieſe auf ihrem Lager ſitzend mit mancherlei Kapſeln von alterthümlicher Arbeit neben ſich, die fremdartige Wohlgerüche von ſich ſtrömten. Aus einer derſelben nahm ſie einige Diamantringe, aus einer andern ein Paar Armbänder von ſonderbarer mauriſcher Form, die ſie ihr an die Finger und Hand⸗ Gelenke legte. Dann gab ſie ihr einen Fächer mit höchſt kunſtvoller Malerei und einem reichverzierten Handgriff, und zeigte ihr, wie man ihn halten müſſe. Dann hieß ſie ſie an das Fußende ihres Ruhebettes treten, damit ſie ſie vollſtändig betrachten köͤnne, und wie ſie nun daſtand in ihrer ganzen maleriſchen Schön⸗ heit, mit ihrer jugendlichen Geſtalt und ihrem glän⸗ zenden Putz, und mit dem Frohlocken in ihren Augen, da bildete ſie eine ſeltſame Erſcheinung in dieſem kapellenähnlichen Zimmer, ſo angefüllt mit Heiligen⸗ ildern und religiöſen Verzierungen, ſo düſter im Hin⸗ blick auf ſeine leidende Bewohnerin, ſo ſchweigſam und ſo ſtill, daß die, die hineintraten, inſtinktmäßig ihre Stimme dämpften und ſanft auf dem weichen Teppich auftraten. „Gertrude,“ ſagte ihre Mutter, indem ſie ihre Blicke 136 auf das Geſicht ihrer Tochter heftete,„die Welt iſt nicht das Glück.. „Vielleicht nicht, Mama, aber ſie iſt das Ver⸗ gnügen.“ „Ich ging, auch einmal auf einen Ball, und trug dieſen Fächer in der Hand. Das iſt nun ſchon eine lange Zeit. Es war zur Zeit der Hochzeit meiner Schweſter. Sie iſt indeſſen geſtorben. Ihr Name war Aſſunta. Wie iſt mir denn? hieß ſie nicht ſo? Mein Name iſt Anguſtia. Ich bin froh, daß man dich nicht auch ſo genannt hat, Gertrude.“ „Ja, liebſte Mutter; ſehen Sie, wie gut ich mit meinem Fächer umzugehen weiß. Darf ich tanzen, Mama?“ „Liebſtes Kind, Du haſt es ja nie gelernt; Du weißt ja nicht, wie man es macht.“ „Ich wußte ja vor einem Augenblick auch noch nicht wie man das macht,“ verſetzte ſie, indem ſte wieder auf ächt ſpaniſche Weiſe mit dem Fächer ſpielte; dann trat ſie an ihrer Mutter Seite, beugte ſich liebevoll über ſie und ſagte:„Morgen werde ich Ihnen ſagen, ob die Welt ein Vergnügen für mich geweſen iſt. Seien Sie morgen wohl, Mama; Sie ſind viel beſſer, als Sie früher waren. Es war eine Zeit, da Sie ſich nicht ſo viel hätten anſtrengen dürfen, als Sie kürzlich ge⸗ than haben.“ 3 „Der Himmel ſegne Dich!“ war die einzige Ant⸗ wort der Mutter. „Der Wagen iſt an der Thüre,“ flüſterte das Mädchen. „Mama, muß ich Papa Adieu ſagen 22 Lady Lifford gerieth über dieſe Frage in einige Ver⸗ legenheit, ſah ihre Tochter an und ſchien ſich zu be⸗ ſinnen.„Ja,“ ſagte ſie zuletzt.„Ja; doch komm zuvor einmal hieher; laß mich dieſe zwei Locken in Ordnung bringen, die um Deinen Nacken flattern. Halte den Kopf ein wenig zurück, und nimm dieſe Orangen⸗ — 137 Blüthen mit. So, nun iſt's recht, geh' zu ihm,— er kann dabei an das Stiergefecht zu Sevilla denken.“ „Soll ich ihn fragen, ob er daran denkt?“ „O nein, nein!“ erwiederte die Mutter mit einer Art von Schauder, und mit einem zweiten Kuß entließ ſie ihr Kind. In ein Zimmer, faſt ebenſo düſter als das, das ſie verlaſſen hatte, aber ohne einen Gegenſtand der dem Auge oder dem Gefühl wohlgethan hätte, trat nun die⸗ ſes Bild der Jugend und Schönheit ein. In der Hal⸗ ung, die ihre Mutter ihr angewieſen, mit den Waffen, womit ſie ſie ausgerüſtet hatte, nahte ſie ſich ihrem Vater mit leichterem Tritt und zuverſichtlicherer Stim⸗ mung als gewöhnlich. Er ſah von dem Tiſche auf, an⸗ welchem er ſaß und Rechnungen prüfte, und ſagte in mißmuthigem Tone: „Was willſt Du?“ „Nichts,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme. „Nun, warum kommſt Du denn hier herein?“ „Ich weiß es wirklich nicht.“ ne„In dieſem Falle wäre es beſſer, mich nicht zu bren.“ „Ich will es nicht wieder thun,“ ſagte ſie und ver⸗ ließ das Zimmer. An der Thüre traf ſie einen Diener, der ihr ſagte, daß ihr Großonkel ſchon im Wagen ſitze. Sie eilte ihm nach, hüpfte in die ſchwere, altmodiſche Kutſche und langſam und ſtattlich fuhren ſie Woodlands zu. Pater Lifford koſtete es eine große Anſtrengung, ſich ſelbſt ſo aus der Ordnung zu bringen, aus allen ſeinen Gewohnheiten heraus und unter Fremde zu tr ten. s war eine Handlung wahrer Güte; aber ſeine Natur war zu ſpröde, um ſich leicht in eine ſolche Anſtrengung zu fügen. Er konnte ſo etwas thun, weil er es im Ganzen für recht hielt, obgleich er zu gleicher Zeit ſich deſſen nicht ganz ſicher fühlte. Dieſe Ungewißheit, nicht in Betreff ſeiner guten Abſichten, ſondern in Betreff 138 der Weisheit ſeiner Selbſtverläugnung, verſetzte ihn in einen gewiſſen Grad von Unbehaglichkeit, der ſeinen herzlichen Widerwillen gegen die ganze Geſchichte noch erhöhte. Er hatte ſich in einer Ecke des Wagens ver⸗ ſchanzt und ſich mit Zeitungen und Büchern rings um⸗ geben, als wäre er im Begriff, eine lange Reiſe zu unternehmen. Zuerſt verrichtete er ſeine Andacht, was eine gute Viertelſtunde währte, dann nahm er eine Zeitung auf, dann wieder eine andere, ohne ſich umzu⸗ wenden oder zu ſprechen. Er liebte die Zugluft nicht, und nur eines der Fenſter war niedergelaſſen. Gertrude, die es heiß fand, vertauſchte ihren Platz mit dem ent⸗ gegengeſetzten, um an die Luft zu kommen, die aus Suͤdweſt wehte. Sie fächelte ihr um den Nacken und brachte ihre Haare in Unordnung, doch das hatte nichts zu ſagen, denn ſie lockten ſich ſelbſt; ſie nahm ihren Hut ab und warf die Kapuze ihrer Mantille über den Kopf. Pater Lifford blickte zufällig von der Zeitung auf und in dieſem Augenblick lösten ſich die Runzeln auf ſeiner Stirne ein wenig. Eine Weile wurde ſie es nicht gewahr, daß er nach ihr ſah, ſondern war eifrig beſchäftigt, ihre Korallenſchnur in zwanzig verſchiedene Formen zu drehen. Der alte Mann ſchien in Gedan⸗ ken verloren, die ihr Geſicht und ihr Putz ihm einge⸗ geben hatten; und als ſie bemerkte, daß er ſie beobachte, und freundlich zu ihm ſagte:„Ich bin Ihnen ſo viel Dank ſchuldig, Vater Lifford“, und er antwortete:„Du kleine Närrin Du!“ da lag in ſeiner Weiſe etwas, was den Eindruck des Wohlwollens auf ſie machte. Als ſie am Thorhäuschen ankamen und durch den Park fuhren, ſiel ihnen der Anblick von Zelten, die mit Flaggen und Wimpeln verziert waren, ins Auge, und die Töne einer Muſikbande ließen ſich von Ferne ver⸗ nehmen. Andere Wagen— weniger ſchwerfällig und ſteif als der ihrige— fuhren raſch an ihnen vorüber, und die ganze Scene war glänzend und auf's Aeußerſte belebt. Woodlands war gerade kein ſchöner Punkt, es 4 139 9 lag nichts beſonders Maleriſches in ſeiner Scenerie; doch an einem ſchönen ſonnigen Tage wie der gegenwärtige hatte es genug von der Schönheit, die die meiſten länd⸗ lichen Aufenthaltsorte in England beſitzen, um ſich vortheilhaft auszunehmen, beſonders da die ausſchmük⸗ kende Kunſt verſchwenderiſch angewendet worden war, um den gut angelegten Gärten, und den großen heite⸗ ren Zimmern, die faſt mit ebenſo vielen Blumen prang⸗ ten, als der Blumengarten ſelbſt, einen glänzenden An⸗ blick zu verleihen. Weder Pater Lifford noch Gertrude waren ſchüch⸗ tern, und doch waren Beide unzweifelhaft etwas ver⸗ legen, als ſie, nachdem ihre Namen vom Fuß der Treppe aus laut waren ausgerufen worden, in den Geſellſchafts⸗Saal traten, wo Mrs. Apley ihre Gäſte empfing— er in Folge ſeiner innerlichen Abneigung gegen die ganze Anſtalt, und ſie im Bewußtſein, daß ihre Erſcheinung Ueberraſchung erregen dürfte. Sie fühlte ſich nicht ſicher, ob ihr Anzug nicht etwas Son⸗ derbares habe. Sie hatte einen raſchen Blick auf ei⸗ nige der Damen geworfen, die zugleich mit ihr ange⸗ kommen waren, und es ſchien ihr, als ob dieſelben irgendwie eine ganz andere Figur machten, als ſie ſelbſt, und das thaten ſie auch in der That. Eine junge An⸗ tilope, mitten unter eine Herde engliſcher Kühe verſetzt, würde keinen größeren Contraſt gebildet haben, als dieß wie eine Spanierin ausſehende Mädchen unter der Maſſe blonder, roſenwangiger Damen, die das Zimmer erfüllten. Pater Lifford war zu gut erzogen, um nicht höflich zu ſein, ſo verdrießlich ihm auch zu Muthe ſein mochte, und er ſprach mit Mrs. Apley einige Worte in einem Tone, der nichts davon verrieth, wie ſehr er ſich überall anderswohin wünſchte als dahin, wo er war, und ſagte Einiges von dem Unwohlſein ſeiner Nichte, aber Nichts über das Nichterſcheinen ihres Gemahls; doch das that Alles eine gleichgute Wirkung, denn Mrs. Apley war etwas taub und höchſt zerſtreut, und ſo 140 erwiederte ſie mit ſüßem Lächeln, es freue ſie aufrictig, es zu hören; und da das augenſcheinlich freundlich ge⸗ meint war, ſo erfüllte es auch ganz gut ſeinen Zweck. Sobald ſie konnte, trat Gertrude in's nächſte Zim⸗ mer, lehnte ſich an die Wand und blickte um ſich her. Das Geräuſch, ſowie der Anblick eines dicht von Men⸗ ſchen erfüllten Zimmers, war etwas Neues und Seltſames für ſie. Perſonen, die es zum Erſtenmal wahrnehmen, finden ſich überraſcht von der Beobachtung, was das Sprechen für eine Aufgabe iſt. Junge Leute, die als Kinder niemals in Geſellſchaft geweſen ſind, und die Unterhaltungen der Erwachſenen nur vom Hörenſagen kennen, können ſich wohl vorſtellen, wie das Vergnügen von einem Ball, einem Concert oder einem Schauſpiel beſchaffen ſein mag, aber Stunden lang zu ſtehen, und ſo lebhaft als möglich mit Perſonen zu ſprechen, oder ſo geduldig als möglich auf Perſonen zu hören, von denen Viele, wo nicht die Meiſten, weder angenehm noch unterhaltend ſind(denn ſo hören ſie ja die große Mehrheit des menſchlichen Geſchlechtes von denen beur⸗ theilen, die es zu ihrem Lebenszwecke gemacht haben, ſich in Geſellſchaft zu bewegen)— daß das entweder ein großes Vergnügen oder eine wichtige Pflicht ſein ſoll, das fällt ihnen doch als unbegreiflich auf; und, wenn es weder das Eine noch das Andere iſt, daß man es dann überhaupt noch thut, das iſt ihnen noch unbegreif⸗ licher. Es iſt ſogar ſonderbar für diejenigen, die ihr Leben lang daran gewöhnt waren, wenn ſie anfangen, den Gegenſtand zu zergliedern; gerade wie wenn wir über den geiſtigen Jrcheß nachdenken, durch den wir leſen, ſchreiben, oder ein Inſtrument ſpielen. Wir er⸗ ſtaunen darüber und könnten beinahe uns ſelbſt darum bewundern, wenn wir uns nicht noch zu rechter Zeit daran erinnerten, daß ein Kind in einer Dorfſchule das⸗ ſelbe vermag. Nein, die Geſellſchaft iſt zuweilen eine Pflicht, zuweilen ein Vergnügen, aber im Allgemeinen mehr die Befriedigung eines Inſtinktes, der nach ihr 141 ſeliſß dann noch verlangt, wenn ſie aufgehört hat, einen Genuß zu gewähren. Sie iſt beinahe unentbehrlich für diejenigen, die nicht ausſchließlich durch andere Gegen⸗ ſtände in Anſpruch genommen ſind; ſie zieht uns aus uns ſelbſt heraus, und das iſt ein Ausflug, der uns allen mehr oder weniger Vergnügen macht, bis wir gelernt haben, mit dieſem wunderlichen Geſchöpf, unſerm Selbſt, auf einem ſolchen Fuße zu leben, daß wir keinen häu⸗ figen Urlaub aus ſeiner quälenden Geſellſchaft mehr begehren. Vielleicht Niemand wird ſo bald wie Gertrude die Natur dieſer Erholung gründlich durchſchauen, Niemand ſo bald dieſe künſtlichen Mittel, die Zeit zu tödten, ſo richtig zu würdigen wiſſen; doch für jetzt iſt ſie noch bloß eine Zuſchauerin, und es ſcheint allerdings wenig genug einzutragen, das höfliche oder plumpe Benehmen, die lebhafte oder gleichgültige Manier, das zu leichte oder zu ſchwerfällige Geſpräch der jungen Greiſe, oder der alten jungen Leute zu überwachen, die ſich in dem zuſammenfinden, was man aus Artigkeit die Welt nennt. Nach und nach unterſchied ſie zwei oder drei Perſonen, deren Aeußeres ſie intereſſirte, und bald kam Mrs. Apley in das Zimmer, wo ſie in geduldige Be⸗ obachtung ihrer Mitgeſchöpfe verſunken ſtand, und ſtellte ihr einige derſelben vor; unter Andern ihren Sohn, den Helden des Tages. Seit mehreren Jahren kannte ihn Gertrude von Geſicht und hatte ſich überzeugt, daß er ſte bewundere. Es hatte ſogar ſchon eine Art Ein⸗ leitung einer Bekanntſchaft zwiſchen ihnen ſtattgefunden. Er hatte einen Schlagbaum für ſie offen gehalten, und einmal Etwas aufgehoben, was ſie hatte fallen laſſen, und war ihr nachgeritten, um es ihr wieder zurückzu⸗ geben. Er ſpielte auf anmuthige Weiſe darauf an, und eröffnete die Unterhaltung mit ihr auf eine Art, die ihr im Augenblick das Gefühl verſchaffte, daß es ſich ganz behaglich mit ihm plaudern laſſe. Sie war aicht im Mindeſten ſchüchtern, obgleich ihre Augen dieſen 14² Ausdruck hatten, und dieſer Contraſt war reizend. Wer junge Apley war gut unterhalten von ihren Bemer⸗ kungen und bezaubert von ihrer äußeren Erſcheinung. Er hatte Einiges von den Eigenthümlichkeiten ihres häuslichen Lebens gehört, und wußte, wie abgeſchloſſen ihr Daſein geweſen war. Dieß erweckte ſeine Neugierde, und dieſe— eben ſo wohl als ſeine Bewunderung ihrer Schönheit— flößte ihm das Verlangen ein, ſie noch genauer kennen zu lernen, und als er abgerufen und genöthigt wurde, ſich anderen Perſonen zu widmen, ſo fandte er eine ſeiner Schweſtern ab, um dem hübſchen Mädchen, mit den Kornblumen auf dem Hute, die ge⸗ bührende Artigkeit zu beweiſen.„Das iſt ein allerlieb⸗ ſtes Hühnchen,“ fluſterte er Henriette Apley zu, die ſelbſt einem Vogel dieſer Gattung weit mehr ähnlich ſah(nicht einem gemeinen Huhn mit ſeinen wirklichen Eigenthümlichkeiten, ſondern ſofern dieſe Bennenung in der Kunſtſprache des guten Tones einen Liebkoſungs⸗ Ausdruck vorſtellt), als die hochgewachſene ſchlanke Ger⸗ trude, die eine etwas verächtliche Miene angenommen haben würde, hätte ſie dieſe Lobeserhebung von den Lippen ihres Bewunderers vernommen. 4 Henriette war ein nettes, rundes, dickes, kleines Ge⸗ ſchöpf, das unter Erwachſenen gelebt hatte, ſeit es ſprechen konnte. Als man ſie in ihrem ſechszehnten Jahre fragte, ob ſie bald in die Geſellſchaft eintreten werde, ſo antwortete ſie lachend, ſie ſei in ihrem Leben nie anderswo geweſen. In ihrem niedlichen runden Munde und ihren luſtigen runden Augen lag etwas, das ihr den Namen der Herzkirſche erworben hatte, wenn ſie als„Porträt eines Kindes“ beim Nachtiſch zu erſcheinen pflegte; und jetzt, nachdem ſie erwachſen war, war die Herzkirſche noch anziehender als zuvor, obgleich ſie nicht mehr als das Porträt, oder als das„ſchöne Ideal“ von irgend etwas galt. Sie war gegen Ger⸗ trude ſo artig, als es ihr möglich war, wurde deſſen — aber doch bald überdrüſſig, weil ſie der Anſicht war, 143 ſi nit Mädchen zu unterhalten, ſei eine höchſt ein⸗ fälfige Beſchäftigung. Sie war eine Perſon derjenigen Gattung, welche vom Geſpräch mit Männern, oder vom Geſpräch mit Weibern redet, ohne die mindeſte Rückſicht auf die Vorzüge oder Sonderbarkeiten der Individuen jedes Geſchlechtes zu nehmen. Ihr war der unbedeutendſte Mann (wenigſtens theilweiſe) ein angenehmerer Geſellſchafter, als das geiſtvollſte weibliche Weſen von ihrer Bekannt⸗ ſchaft, und das nicht bloß aus Coquetterie, ob ſie gleich vielleicht eine Coquette war, auch nicht aus Verlangen zu heirathen, wenngleich ſie ſich das vielleicht wünſchte, ſon⸗ dern einfach— wie ſie oft ſagte—, weil man nicht in Geſellſchaft gehe, um mit Weibern zu ſchwatzen. Vielleicht, wenn ſie zu irgend einer Zeit ihres Lebens bei ſich ſelbſt zu Hauſe geweſen wäre, hätte ſie den Grund dieſer Bemerkung entdeckt; aber ſie war eine von den Seelen, deren Selbſt allezeit vor der Thüre iſt; nicht, daß ſie mit ihm zu Hauſe unzufrieden ge⸗ weſen wäre, aber ſie hatte nie verſucht, hier mit ihm zu verkehren. Die Herzkirſche war auf der Lauer nach einer Gelegenheit, aus ihrer gegenwärtigen Stellung zu entwiſchen, und machte innerliche Anmerkungen darüber, wie ungeeignet es doch ſei, wenn ein Mädchen ausgehe, ohne einen beſtändigen Geleitsmann oder wenigſtens einige Bekannte zu haben, an die ſie ſich anſchließen könne, als der Klang der Muſik von der Gallerie her, ſie aus ihrer Bedrängniß erlöste. „Ach, gewiß werden Sie auch gerne auf den Ge⸗ ſang hören,“ ſagte ſie höchſt lebhaft, nannte den Na⸗ men der berühmteſten Sängerin der Zeit— einer Künſtlerin, die mit einer wundervollen Stimme den Zauber der Schönheit und eines außerordentlichen Ge⸗ nies vereinigte— und ging voran zu einer Reihe von Stühlen, die nicht weit vom Pianoforte aufgeſtellt waren; und nachdem ſie Gertrude da untergebracht hatte, ſchlüpfte ſie nach wenigen Minuten wieder hin⸗ weg, mit dem Bewußtſein, ihre Pflicht erfüllt zu haben; 144 und ein ſolches konnte ſie auch in Betreff ihrer neuen Bekannten mit aller Ruhe haben, denn das Due im zweiten Akte der Semiramis hatte begonnen. Beide ſingende Perſonen waren vollkommen in ihrer Kunſt, und Gertrude war bald tief in das Vorgetragene ver⸗ loren. Gewiſſe Arten von Muſik erfordern ein erfahrenes Ohr, um ſie zu genießen, und werden nicht gleich, wenn man ſie zum Erſtenmal hört, richtig gewürdigt, aber bei dieſer Gelegenheit war dieß nicht der Fall. Dieſe Muſik that eine elektriſche Wirkung auf ein Gemüth, das an den magiſchen Reiz ſolchen Geſanges nicht gewöhnt war; ihre Wangen flammten, ihr Herz klopfte und ihre Augen funkelten. Die Scene war ſo durchaus neu für ſie; die Menge Geſichter, die ſie umgaben,— vor ihr die große Sängerin, in deren Zügen und Geberden die Eingebungen des Genius und der Leidenſchaft ſichtbar waren; deren zarte Geſtalt unter dieſer mächtigen Er⸗ ſchütterung erzitterte— die Worte der Herausforderung und der Rachſucht von dem einen ſtolzen Geiſt zu dem anderen herüber und hinüber geſchleudert, ſcharf ausge⸗ ſprochen und oftmals wiederholt,— die glänzende Har⸗ monie die ſie verkörperte und begleitete,— Alles das nnen g ſch, um ſie in einen Zuſtand ſtillſchweigender aber überwältigender Aufregung zu verſetzen, die ihr beinahe den Athem zu benehmen ſchien. Waährend ſie die Töne einſog, die durch ihr ganzes Weſen zitterten, dachte ſie an ihre eigene Beſtimmung und fragte ſich, wie dieſelbe ſich wohl geſtalten werde. Sie wünſchte wechſelsweiſe eine Königin oder eine Ama⸗ zone, eine Sängerin oder eine Schauſpielerin zu ſein, kurz, Alles, außer was ſie war, Alles, was dem Ver⸗ langen nach Kraft und Thätigkeit Befriedigung ver⸗ ſchaffen mochte, das dieſe belebte Muſik in ihrer Seele erweckte. Hatte ſie eine Stimme, die ſich einen Weg zu tauſend Herzen eröffnen konnte? hatte ſie einen Geiſt 3 um zu erdenken, eine Feder um zu zeichnen, was die 14⁵ Regungen zahlloſer Geiſter beherrſchen müßte? Nein, antwortete ihre Seele, das ſei nicht möglich. Sie ſei zu jung und zu unwiſſend, zu raſch und unbeſtändig für ſolche Hoffnungen, für ſolche Aufgaben, für ſolche Reizungen. Sie müſſe durch andere Mittel herrſchen, wenn ſie über⸗ haupt herrſchen köͤnne. Sie müſſe die Herzen quf eine andere Weiſe lenken, wenn ſie ſie zu lenken begehre. Wie wenig erriethen diejenigen, die an dieſem Tage an ihrer Seite ſaßen, die Gedanken und Wünſche, die Ent⸗ würfe und Hoffnungen, die in ihrem Gemüthe in der Arbeit waren, während ſie da im Concert⸗Saal ſaß, mit dieſer ſchönen und doch ſo ſchüchternen Erſcheinung, den Mund hinter ihrem emaillirten Fächer verſteckt. Mitten in ihren Träumereien ſiel ihr Blick nach der Thüre hin, und ihre Augen trafen auf Mark Apley's Blicke, die in augenſcheinlicher Bewunderung auf ſie geheftet waren.„Iſt Schönheit nicht Macht?“ rief ſte innerlich aus, und fuͤhlte, daß es ſo ſei, indem ſeine blauen Augen dem ſchönen Dunkel der ihrigen ihre Huldigung darbrachten. Sie fühlte es, als er ſich durch die Stuhlreihen, die zwiſchen ihnen ſtanden, eine Bahn brach, angezogen von dem Magnetismus ihres jetzt zu Boden geſchlagenen Blickes, und als er eine Roſe von hohem Werth, die einzige dieſer Art, die das Gewächshaus enthielt, in ihre Hand legte. Sie fühlte es noch einmal, als das Duett vorüber war, und die Zuhörerſchaft in laute Beifallsſtürme ausbrach.„O wie liebe ich dieſe Töne,“ rief ſie aus;„ich hatte ſie noch nie gehört. Warum klatſchen Sie nicht, Sie, der Sie es dürfen?“ fügte ſie mit leiſerem Tone hinzu, mit einem Lächeln, das Mark Apley veranlaßte, ſeine Hände mit einer Gewalt an einander zu ſchlagen, die die reine Liebe zur Muſik niemals zuvor hervorgerufen hatte.„Nun,“ ſagte ſie,„ich muß das noch einmal hören. Sie müſſen machen, daß man es wiederholt, dieſe herrliche Muſik, die da ſpricht: ‚Ich werde Dich unterjochene, und in denſelben Toͤnen antwortet:„Ich Lady⸗Bird. I. 10 146 werde mich nicht unterjochen laſſen!: Gehen Sie, tbeffen Sie Anſtalten, daß man es noch einmal ſingt.0 Sie e mit einer anmuthig befehlenden Geberde ihren Fächer nicht auf, ſondern nur neben ſeine Hand und warf ihm einen Blick voll Ungeduld zu, der ihn entzückte. Ein Blick der Ungeduld iſt an einem hüb⸗ ſchen Geſicht etwas Reizendes; und nur ſelten iſt er in irgend einem Geſicht eiwas Häßliches. Man ſehe auf die Linien um den Mund: da werden die junge Frau oder der Ehemann, die oft in Stunden der Liebe und in Zänkereien der Liebe einander grollend angeblickt haben mögen, den erſten Ausdruck des Mißvergnügens in dem Geſichte bemerken, deſſen finſtere Blicke ſie lächelnd herausgefordert haben. Mark Apley ſtürmte hin zum Pianoforte und wirkte die Wiederholung des Duetts aus. Wiederum horchte Gertrude mit Entzücken darauf, aber jetzt nahmen vielleicht ihre Gedanken eine beſtimmtere Geſtalt an, und als ſie die ſeltene Blume in ihrer Hand zu Stücken zerpflückte, baute ſie ſich gerade ein Traumbild auf, ſo prachtvoll als die Blätter der Roſe.. „Sehen Sie, Sie haben ſie zerſtört,“ ſagte er, in⸗ dem er eines der Roſen⸗Fragmente vom Boden auflas. Sie ſetzte ihren kleinen Fuß auf die übrigen und ſagte lächelnd:„Regina e guerriera.“ „Aber Sie ſollten Königin der Blumen ſein, und nicht mit Ihren Unterthanen Krieg führen.“ „Ich würde es nicht thun, wenn ſie mir Treue und Gehorſam ſchwüren; aber dieſer eine war ein Empörer; er wollte ſich nicht biegen, ohne zu brechen.“* „Sie ſind zur Tyrannei geneigt, ſcheint es.“ Eine Wolke zog über das ſchöne Geſicht, das er ſo angelegentlich betrachtete, und ſie antwortete ſchnell: „Nein, ich liebe die Tyrannei nicht;— aber horchen Sie auf das; was jetzt geſungen wird! O, was iſt es?“ Aber ſie ließ ihn nicht antworten, ihr Finger lag 4 1 3 1 * 147 auf ihrer Lippe und ihre Seele ſchwang ſich empor. „Suivez moi,“ dieſer wilde Aufruf zur Freiheit aus Wilhelm Tell, zog ſie gleichſam in eine W inei die ſie bis jetzt noch nicht kannte. Es ſchien eine forderung zu einer neuen Art von Freiheit zu ſein, wo⸗ hin ihr Geiſt ſich noch nicht erhoben hatte, und als die Weiſe zu Ende war, murmelte ſie vor ſich hin:„Oui, que je te suive;“ und Mark, der zwar ſehr artig, aber nicht ſehr weiſe war, fragte:„Wem?“ und ſie ant⸗ wortete:„Der Eingebung des Augenblicks,“ was er nicht verſtand, aber er fand ſie ſehr klug, ebenſowohl als ſehr liebenswürdig, und hatte ſich noch nie zuvor von einem weiblichen Weſen ſo ſehr bezaubert gefühlt. In dieſem Augenblick entſtand eine Bewegung unter den Sängern und der Zuhörerſchaft. Die vorzüglichſten Künſtler zogen ſich aus der unmittelbaren Näye des Pianofortes zurück und Mrs. Apley kam zu ihnen heran und ſagte ihnen einige Worte, die mit einem huldvollen Lächeln aufgenommen wurden, worauf ſie ſich auf ein Sopha ſetzten, während durch die Thüre hinter dem Pianoforte Moriz Redmond hereintrat. Er und Marie hatten ſchon ſeit dem Beginn des Concerts da unter der Thüre geſtanden, und er hatte keinen Augenblick ſeine Augen von dem Punkte abgewandt, wo Gertrude mit Mark Apley geſeſſen hatte. Aller Augen wandten ſich nun nach ihm hin, und die ihrigen ebenſo wie die der Uebrigen. Sie ſah, daß er ſehr blaß war, und bemerkte mit einem raſchen Blick, daß Marie das eben⸗ falls ſah, und daß dieſe ſo weiß ausſah wie ein Leintuch. Er ſeße ſich an das Pianoforte— zwiſchen dieſem und den Reihen der Geſellſchaft war auf jeder Seite ein leerer Raum. Man war in dieſem Augenblicke un⸗ gewöhnlich ſchweigſam; Niemand war in ſeiner Nähe — ſein nervöſer Zuſtand verſchlimmerte ſich— er war augenſcheinlich unwohl. Tropfen Schweißes dran⸗ gen ihm aus der Stirne. Marie wurde abwechſelnd bleich und roth; ſie konnte natürlich nich zu ihm hin⸗ 0 148 gehen, oder ſich mit Geräuſch von ihrem Platze bewe⸗ gen, aber ſie wurde jede Sekunde bläſſer, und drückte ihre.⸗Hand feſt auf ihr Herz. Die Aufregung ſeiner Nerven wurde unbezwinglich, und die Stille der Ver⸗ ſammlung vermehrte ſich mit ihrer Verwunderung da⸗ rüber, daß er nicht anfing. Die Beiden fühlten ſich ſchrecklich allein in der Menge, und als er mit leiſer, heiſerer Stimme ſagte:„Es hilft nichts; ich kann nicht ſpielen,“ da hörte ſie es, und lehnte ſich rückwärts an die Wand mit einem Gefuͤhl von Schwäche und Schwin⸗ del im Herzen.. Aber jetzt durchkreuzie ein leichter Tritt das Zim⸗ mer, und in einem Augenblick ſtand Gertrude an ſeiner Seite. Sie ſtellte ein aufgeſchlagenes Muſikbuch auf den Pult, gleichſam zur Schutzwehr für ihn gegenüber der Verſammlung; ſie reichte ihm ihr Riechfläſchchen, und mit einigen ihrer heiteren Worte und einem Blick ihrer ſchönen Augen kräftigte ſie ſeine Lebensgeiſter mehr, als friſche Luft oder ein herzſtärkendes Mittel hätte thun können. Das war es, was er bedurfte; ſie hatte ge⸗ than, was ſie für recht hielt, und kümmerte ſich nicht einen Strohhalm um die Blicke des Erſtaunens und die geflüſterten Bemerkungen, die die Runde im Zim⸗ mer machten. Die Farbe kehrte auf ſeine Wangen zurück; einen Blick glühender Dankbarkeit warf er auf ſie und ſagte:„Jetzt kann ich ſpielen, Lady⸗Bird.“ Dann ging ſie zu Marie, ſtellte ſich neben ſie unter der Thüre und nahm ihre kalte Hand in die ihrige, wäh⸗ rend er mit unſicherer Hand einige präludirenden Accorde ertönen ließ. Die beiden Mädchen fürchteten noch immer, es möchte ihm mißlingen, aber bald wurde ihre Beſorgniß zerſtreut. Es war nur ein Augen⸗ blick von Schwäche geweſen— jetzt empfand er einen mächtigeren Anreiz als je zuvor, und ſpielte weit beſſer als gewöhnlich. Er ſpannte jeden Nerv an, und ſeine Geſtalt zitterte jetzt vor Aufregung, wie ſie zuvor vor Beklemmung gezittert hatte. Aber er that Wunder un⸗ 149 ter dieſem Einfluß, und die ſchwer zu befriedigenden Künſtler, die ihm zuhörten, waren erſtaunt über die Leiſtungen eines Mannes, der noch nie in London oder Paris aufgetreten, und deſſen Name noch wenig be⸗ kannt war, ausgenommen in den Städten Italiens, woo er ſich einigen Ruf erworben hatte. Sie klatſchten mit Wärme Beifall, und da ſie den Ton angaben, ſo folgte die üͤbrige Geſellſchaft ihrem Beiſpiel. Die zarte Rührung und das tiefe Gefühl, womit er einige Variationen über eine deutſche Melodie aus⸗ führte, vollendeten ſeinen glücklichen Erfolg. Die Augen der ſchönen Primadonna füllten ſich mit Thränen, und ſie lobte ihn, als er geendigt hatte, ſo, wie Künſtler es lieben, gelobt zu werden. Mark Apley und ſeine Schweſtern und andere Bekannten umringten ihn eben⸗ falls; freundliche, ſchmeichelhafte Worte und warme Ausdrücke des Vergnügens umtönten ſein Ohr, und ſeine Seele war befriedigt. Ja, ſeine Seele, und nicht ſeine Eitelkeit. Es gibt eine Freude über empfangenes Lob, die nichts mit Eitelkeit zu ſchaffen hat. Es iſt eine Art von Mitgefühl, welche diejenigen, die in hirgend einem Fache mit Genie begabt ſind, beinahe gebieteriſch in Anſpruch nehmen. Es iſt der Luftzug, der die Flamme anfacht, das Oel, das die Lampe nährt. Lob, wenn es vom Herzen kommt und dankbar aufge⸗ nommen wird, bringt oft eine Art von ſchüchterner und demüthiger Glückſeligkeit hervor, die von der Eitelkeit ſo weit entfernt iſt, als das Frohlocken einer Mutter über die Schönheit ihres Kindes verſchieden iſt von einem ſtolzen Bewußtſein ihrer eigenen. „Sind Sie nicht ſtolz auf ihn, Marie?“ flüſterte Gertrude, als auch ſie ſich an die Gruppe anſchloſſen. „Ich bin zu glücklich, um ſtolz zu ſein,“ ſagte ſie und blickte ſie mit dankbaren Augen an.„O daß doch dieſe liebevollen Menſchen,“ fuhr ſie fort, indem ſie nach den italieniſchen Künſtlern hinblickte,„jetzt noch einmal ſingen möchten. Vorhin, während ſie es thaten, fuͤhlte 150 ſich mein ſelbſtſüchtiges Herz ſo gepreßt, daß es das nicht genießen konnte, was jetzt ſo entzückend ſein würde.“ 5 „Ihr ſelbſtſüchtiges Herz!“ rief Gertrude lächelnd aus. „Ja, ſelbſtſüchtig in der That! warum ſo aus⸗ ſchließlich an ſich ſelbſt denken?“ und ſie blickte Moriz an, als ob ſie beide nur ein Selbſt bildeten. In dieſem Augenblick kam Mrs. Apley zu Ger⸗ trude heran, und gab ihr ein kleines mit Bleiſtift haſtig geſchriebenes Billet; es war von Pater Lifford. Gleich nachdem ſie im Muſik⸗Saal einen Sitz eingenommen hatte, wo es unmöglich war, ſich ihr zu nähern, hatte er eine Botſchaft des Inhalts erhalten, daß eine in Sterben liegende Perſon nach ihm geſchickt habe, bald nachdem er von Hauſe weggegangen ſei, und daß kein Augenblick Zeit zu verlieren ſei, um ihre Wünſche zu erfuͤllen. Er erſuchte in Eile Mrs. Apley den Reß des Tages über freundliche Sorge für Gertrude zuü tragen,— das einzige Auskunftsmittel, das er erdenken konnte, da der Wagen erſt auf einige Stunden ſpäte beſtellt war, und er ſelbſt ging zu Fuße hinweg nach der Hütte, wo man ſeiner bedurfte. Nichts konnte fut Gertrude angenehmer ſein, als dieſer Zwiſchenfall, t weit es ſich nur um ihre Ausſichten auf gute Unterhal tung handelte: die wenigen Stunden, die noch vor ihr lagen, erſchienen ihr als ein ganzes Leben voll Ver⸗ gnügen, das durchgenoſſen ſein müſſe, ehe der Augen“. blick des Aufbruchs herankäme. Das Concert war zu Ende, und jetzt ſprach ma unter der Hand davon, daß der Tanz bald beginnen ſollte. Mehrere junge Männer wurden Gertrude durch Miß Apley vorgeſtellt, und ſie war bald von einer An⸗ zahl Perſonen umgeben, die ſich angelegentlich bemül⸗ ten, ſich ihr angenehm zu machen. Sie wurde ſelte. lebhaft und ſprach recht viel. Sehr unterhaltend waß ſte, obgleich Manches von dem, was ſie ſagte, ni 151 Wiederholung vertragen haben würde; aber Alles war lebhaft, originell, anmuthig und durchaus natürlich, denn es war auch keine Spur von Geziertem an ihr zu finden. Mark Apley umſchwebte ſie und ſaugte das ſüße Gift der Liebe ein, als wäre er eine Biene, die ſich in eine Geißblatt⸗Blume verſenkt. Wie hob ſich jeden Augen⸗ blick ihre Stimmung, als ſie bemerkte, daß ein Blick ihres Anges ihn an ihre Seite zurückzubringen ver⸗ mochte, wenn er für einen Augenblick ſich die Anſtren⸗ gung auferlegt hatte, ſich Andern zu widmen! Die Muſik begann.„Darf ich Sie um einen Walzer bitten, Miß Lifford?“ Die Röthe flammte empor auf den Wangen des penſſähen Mädchens mit dem ſtark olivenfarbenen eint. „Ich kann nicht walzen. Ich weiß nicht, wie man es macht.“ „Was?— Haben Sie es nie verſucht?“ „Nein, wahrhaftig. Meinen Sie denn, man tanze auf Schloß Lifford?“ „dO, aber Sie können ganz von Natur tanzen,— ich weiß gewiß, Sie können es, gerade wie Ihre Haare ſich natürlich locken. Ich ſehe, daß ſie das thun, denn der Wind, der ſie umſpielt, macht ſie nur noch lockiger. Dieſe Locken an Ihrem Hinterkopf, die aus den Flech⸗ ten entſchlüpft ſind,— hatten nicht die Beſtimmung ſich zu kräuſeln; geſtehen Sie es.“ „O nichts thut bei mir, was es ſoll,“ antwortete ſie; ſie ergriff die zwei rebelliſchen Locken, ſtrich ſie ge⸗ rade, wie um ihren Eigenwillen zu ſtrafen, und warf ſie dann rückwärts, um wieder um ihren Nacken zu flattern und ſich zu kräuſeln.„Gehen Sie zum Tanz, Herr Apley; ich will zuſehen, und vielleicht lerne ich es dann auch.“ Kommen Sie mit mir,“ rief er lebhaft aus;„es iſt kein Menſch in der Gallerie. Ich will es Sie lehren; es iſt das Werk einer Minute.“ 1⁵² Er gab ihr den Arm, und ſie flogen mehr als ſie gingen durch die Zimmer hindurch in das eine, wo das Concert Statt gefunden hatte. Auf einer Fenſterbank ſaß Moriz in müßiger Haltung. Er fuhr zuſammen, als ſie in's Zimmer traten, und ſprang auf. Gertrude ließ Herrn Apley's Arm los und rief aus: „Ah, da ſind Sie,— ruhen aus nach Ihrem guten Erfolg und genießen Ihren Triumph.“ „Meinen Sie, er würde uns einen Walzer ſpielen?“ ſagte Mark leiſe zu ihr.„Dabei würden Sie es doppelt ſo ſchnell lernen.“ „Moriz,“ rief ſie lebhaft,„ſpielen Sie uns doch den deutſchen Walzer, der mir ſo gut gefiel, Herr Apley will mich das Walzen lehren.“ „So?“ verſetzte Moriz kalt.„Ich glaube nicht, daß ich mich erinnern kann, welchen Walzer Sie meinen.“ „O, jeder andere thut es auch, nur eilen Sie, weil wir keine Zeit zu verlieren haben.“ Wenn in der Art, wie ſie das ſagte, etwas Ge⸗ bieteriſches lag, ſo war es nur der Eigenſinn eines Kindes, das ſich nicht von Jemand wollte widerſprechen laſſen, der ſich jeder Zeit in ihre leiſeſten Wünſche ge⸗ fügt hatte; aber empfindlich, wie er war, verwundete es ihn auf das Leben. Ein Gefühl kam über ihn, als ob die Welt bereits ihr Werk an ihr gethan hätte, und daß ſie in einem beleidigenden Befehlshaber⸗Ton mit ihm rede. Er erröthete bis an die Schläfe, als er ſich an's Pianoforte ſetzte und auf eine ſtürmiſche, ab⸗ ſpringende Art ſpielte. Es war keine heitere Weiſe, oder er mußte ſie auf eine ſonderbare Art ſpielen. Sie hielt dann und wann an und rief ihm zu:„Nicht ſo ſchnell!“ oder:„Sie ſpielen nicht ſo gut als gewöhnlich, Merite— und er biß ſich vor Verdruß faſt die Lippen urch. Und es war auch wahr, daß er nicht gut ſpielte. Das war ein Accompagnement, das ihn auf eigenthüm liche Weiſe ſtörte,— der Schall ſchnell hinſchwebender 1⁵5³ Tritte, das Rauſchen eines Mouſſelin⸗Kleides, der Klang fröhlichen Gelächters, der Ton zweier Stimmen, die ſcherzhafte Vorwürfe und Belehrungen untereinander austauſchten. Einmal ein Ausruf:„O, halten Sie an, ich bin ſo ſchwindlich;“ und die Antwort;„O nein, nein, halten Sie nicht an!“ Aber plötzlich hielt die Muſik an, der Muſiker ſprang von ſeinem Platze auf und ſtürzte fort. Welch Geſchäft nöthigte ihn dazu? Er fühlte das ſelbſt, kehrte ebenſo plöͤtzlich wieder um und ſpielte eine wilde Weiſe von Strauß mit fieber⸗ hafter Heftigkeit, und dann den Walzer in Robert der Teufel, der Töne verzweifelnder Luſt mit den Mißtönen der Hölle vermengt. „Jetzt iſt es gut, Moriz— ich bin Ihnen recht hanlar Nun hab' ich gelernt, ſo viel ich nöthig atte.“ Und damit ging ſie hinweg mit ihrem leichten Tritt, ihrer ſchönen Geſtalt, ihren flammenden Augen, und dheee Unwiſſenheit von der Pein, die ſie hinter ſich ieß. „Sage mir, Marie, haſt Du für heute genug an dieſem Vergnügen? Sollen wir uns zur Hinterpforte hinausſtehlen, unſer Chaischen aufſuchen und heim⸗ fahren?“ „Jau, ſagte ſie, und legte ihren Arm in den ſeini⸗ gen, und bald fuhren ſie dahin durch den duftenden Föhrenwald in der erfriſchenden Kuͤhle des Abends. Sie ſprachen nicht von Woodlands, aber er ſagte, er möchte ſich am liebſten mit ihr in eine ruhige Zufluchts⸗ Stätte einſchließen, wo das Getöſe der Welt ſie nie er⸗ reichen köͤnnte, wo nur Mariens Stimme gehört würde, — nur Mariens Liebe bekannt wäre.. „Immer Deine italieniſchen Pläne“, erwiederte ſie lächelnd. 8;D nein, nicht Italien, irgend einen ruhigen Fleck in England. Ich bin der Schönheit müde— über⸗ drüſſig der Bewunderung— krank von Anſtrengungen 154 und Kämpfen. Laß mich den Strom hinabtreiben, Hand in Hand mit Dir, Marie!“ „Nein, nein! aufwärts den Strom, nicht abwärts müſſen wir rudern. Was hat Dich ſo verzagten Her⸗ zens gemacht, Moriz? Denkſt Du nicht mehr an die Zeilen, die Du mir in London ſo oft wiederholteſt, als ich ſo ſchmerzliches Heimweh nach unſerer Hütte auf dem Lande hatte: Es mahnet uns des Lebens raſche Flucht, Es nicht im Schatten müßig zu verträumen, An Lilien⸗Inſeln in beſonnter Bucht Darf nicht der Schiffer auf der Reiſe ſäumen, Nicht Schlummertränk' am Mittag ſchlürfen ein, Wo Wieſenblumen ſüßen Duft verſtreu'n.“ „O, eine Lilien⸗Inſel,“ rief er aus,„mit beſonnter Bucht; wenn ſo Etwas im Strom des Lebens vorkäme! Oder einen Schlaftrunk, der uns an ihrem Ufer in Schlummer verſenkte!“ „Nein, nein, mein liebſtes Kind, Du mußt Deine Ruder muthvoll handhaben, auch wenn es gegen die Strömung geht; Du darfſt ſie nicht niederlegen, ſo lange es noch Arbeit zu thun gibt.“ „Warum nennſt Du mich Kind, Marie?“ „dO, das war nur ſo ein Einfall. Mich dünkt, es liegt Etwas von mütterlicher Liebe in meiner Neigung zu Dir; und dann ſcheint es mir auch ein Recht zu geben, Dich manchmal auszuſchelten.“ „Du biſt ein Engel, Marie! Ach wie lieblich ruhig iſt jetzt Alles. In der Luft zu Woodlands lag etwas Erdrückendes. 3 Nach einer Pauſe ſagte er:„Marie, wir dürfen nicht undankbar ſein— ſie war doch recht gut.“ Sie wandte ſich überraſcht nach ihm um. Sprach er von Gertrude? Sie war ſich keines Undankes ge⸗ gen ſie bewußt, im Gegentheil. Was er meine, fragte ſtie. „O Nichts, Nichts,“ antwortete er mit einem Seufzer. 1⁵5⁵ Das Tageslicht ſchwand hinweg, bevor ſie ihre Wohnung erreichten. Der Mond warf ſeine Strahlen auf die ruhigen Gewäſſer des Leigh. Nachtviolen und Pfingſtnelken dufteten ſuͤß im Gärtchen der Wittwe, und Marie— als ſie am Fenſter ihres kleinen Schlafzim⸗ mers ſaß— fühlte ſich froh, daß der Tag zu Ende ge⸗ gangen ſei, und daß wahrſcheinlich nicht viele ſolche in ihrem Leben wiederkehren dürften. — Mittllerweile befand ſich Gertrude mitten in dem Balle, der zu Woodlands den andern Ergötzlichkeiten des Tages gefolgt war. Der Wagen kam um ſechs Uhr, um ſie abzuholen, aber ſie ließ ſich bereden, ihn bis zwölf Uhr warten zu laſſen. In Miß Apley's Zim⸗ mer nahm ſie mit ihrem Putze die Veränderungen vor, die jeden Augenblick ausgeführt werden konnten; ihrer Mantille und ihr Strohhut wurden bei Seite gelegt, und einige weiße und rothe Camelien in ihre Haare ge⸗ flochten. Ein Strauß von Treibhausblumen, der eine Vaſe auf dem Putztiſch gefüllt hatte, wurde an ihrer Bruſt befeſtigt und hob die Schlichtheit ihres einfachen Muſſeelinleibes. Wie ſie ſo am Ende des Saales ſtand, zur Rechten von Mark Apley, auf den Anfang der Muſik wartete, und mit ächt ſpaniſchem Anſtand mit ihrem großen Fä⸗ cher ſpielte, da richteten ſich manche Augen auf ſie, manche Fragen wurden ihretwegen gethan. Sie hatte wirklich walzen gelernt in der kurzen Lection in der Gallerie; bald flog ſie in der Runde durch den Saal, indem ihre Fuͤße— ihre faſt unglaublich kleinen Füße — kaum den Boden berührten, ihre Wangen von Be⸗ wegung und Leben flammten, die Zahl ihrer Tänzer ſich unausgeſetzt vermehrte und unverhehlte Bewunderung ihre Stimmung in den höchſten Schwung verſetzte. Wenn ſie ein gewöhnliches Geſchöpf, oder nur keine beſondere Schönheit geweſen wäre, ſo hätte es gut ſein mögen, ſie ſo auf einmal in jene Weit hinauszuſchicken, nach veren Bekanntſchaft ſie ſich ſo ſehr geſehnt hatte. 156 Sie wäre dann über das, was ſie ſich mit ſo reizenden Farben ausgemalt hatte, enttäuſcht worden und die Verſtimmung hätte die Kraft ihres erregten Geiſtes in eine andere Strömung geleitet; aber ihre Schönheit, ihre Originalität und die Eigenthümlichkeit ihres Beneh⸗ mens— welches, ohne ſteif und ſonderbar zu ſein, ge⸗ bildet und zugleich anmuthsvoll war— erwarben ihr jene Art von Erfolg, die ſie nur zu ſehr ſchätzte, deren ſie ſich nur zu ſehr erfreute. Im Laufe des Abends wurde die Hitze des Ball⸗ ſaales drückend und durch eine der offenen Glasthüren gingen mehrere Perſonen in die Gartenanlagen, um die friſche Luft zu ſchöpfen, und wandten ſich einer Grotte zu, die ſich am Ende einer der Alleen befand. Gertrude hatte eben ihren dritten oder vierten Walzer getanzt und folgte einigen jungen Damen, deren Bekanntſchaft ſie gemacht hatte, aus dem ſchwülen Zimmer hinaus in den Garten. Dieſe ergingen ſich in der Nähe des Hauſes, ſie ſelbſt jedoch ging aus Neugierde weiter und gelangte an die Grotte, welche einladend kühl ausſah. Sie war eben im Begriff, hineinzutreten, angezogen durch den erfri⸗ ſchenden Schall des Waſſers, welches an den Wänden herunter tröpfelte, als Jemand zu ihr ſagte: „Verzeihen Sie, daß ich Sie anrede; aber Sie ſoll⸗ ten nicht da hineingehen, eehitzt, wie Sie ſind. Es iſt gefährlich.“. Kurz und einfach, wie dieſe Worte waren, machten ſie doch einen ungewöhnlichen Eindruck auf ſie. Sie fühlte ſich ergriffen, ohne zu wiſſen, warum, und wandte ſich um, um die Perſon zu ſehen, die ihr dieſe War⸗ nung gegeben hatte. Es war ein Mann, der mit kei⸗ nem von denen, die ſie bis dahin geſehen hatte, zu ver⸗ gleichen war, außer einem Bilde des Herzogs von Gan⸗ dia, von Velasquez, in ihrer Mutter Zimmer, welches ſeit ihrer Kindheit ihr Ideal männlicher Schönheit ge⸗ weſen war. Jenes Geſicht allein hatte Aehnlichkeit mit dem, das ſie nun vor ſich ſah. So vollkommen ſym⸗ 157 metriſch, ſo majeſtätiſch gut, ſo ausdrucksvoll und doch ſo ruhig. Eine große, ſchlanke Geſtalt, ein wohlgebilde⸗ ter Kopf mit einer gedankenvollen Stirne, ein Lächeln von ſeltener Schönheit, eine zugleich würdige und leichte Haltung— der Kopf ein wenig zurückgebogen und die Hand auf der linken Hüfte ruhend. Sie hatte ſich an dieſem ganzen Tage nicht ein einziges Mal eingeſchüchtert gefuͤhlt, auch war ſie von Natur nicht ſchüchtern; aber nun erfaßte ſie eine Em⸗ pfindung dieſer Art und ſie ſagte mit ungewöhnlicher Aengſtlichkeit: „Ich danke Ihnen,“ und verbeugte ſich dabei mit einer Art von Unterthänigkeit, ſowie von Erkenntlichkeit. „Ich hoffe, Sie halten mich nicht für zudringlich,“ ſagte er, als ſie ſich gegen das Haus zurück wandte. Dieß Mal lächelte ſie, indem ſie antwortete:„O, nein!“ und hoffte zugleich, er werde noch einmal ſpre⸗ chen. Dieß war jedoch nicht der Fall, und ſie kehrte in den Ballſaal zuruck und ſetzte ſich in einem Winkel nieder, weit von allen Denen, welche ſie kannte. Der erſte Anblick des Apollo von Belvedere hat Jemand zu Thränen gerührt— eine ſchöne Landſchaft hat Andere auf dieſelbe Weiſe ergriffen— der Anblick der Alpen oder des Meeres hat heftige Gemüthsbewe⸗ gungen erregt— Beredtſamkeit, wenn auch nicht über einen pathetiſchen Gegenſtand, hat die tiefen Quellen des Gefühls geöffnet— und wer hat nicht den Eindruck erfahren, welchen eine Prozeſſion, die Hurrahs einer Menge, oder ein plötzliches Ertönen von Muſik auf den Menſchen macht? Warum hätte es alſo zu verwundern ſein ſollen, daß der Anblick körperlicher und geiſtiger Schönheit, einer gebietenden Geſtalt, ſichtlich bewohnt von einem überlegenen Geiſt, etwas von derſelben Wir⸗ kung auf Gertrude hatte, und daß ihre Augen ſich mit Thränen füllten— was bei ihr ſehr ſelten war. Aber es lag vielleicht etwas Anderes in dieſer Ge⸗ müthsbewegung. Sie war an jenem Tage ſehr glücklich 158 geweſen— ſo ſagte ſie ſich ſelbſt, und ſo glaubte ſie— aber hatte ſie nicht in der Tiefe ihres jungen Herzens gefühlt, daß es eine einſame Art von Glück geweſen war, daß ſie geprieſen und bewundert und hochgeſchätzt worden war, daß aber keines Vaters, keiner Mutter Auge auf ihr geruht hatte, daß Niemand ſie vor allen dieſen Fremden an der Hand geführt und geſagt hatte: „Sie iſt mein, blickt ſie an, wenn Ihr wollt, liebet ſie ſogar, wenn es Euch gefällt, aber Eure neue Liebe iſt Nichts gegen die Liebe, womit wir ſie in unſerem Buſen gehegt und in unſer Herz eingeſchloſſen haben.“ Nie⸗ mand hatte ihren Erfolg mit Vergnügen beobachtet, Niemand hatte, als ſie den heißen Ballſaal verließ, einen Shawl um ihre Schultern geworfen, wie alle ſorgſamen Mütter mit ihren Kindern thaten— Niemand hatte ſie an jenem Tage geſcholten oder getadelt oder gehätſchelt. Seltſamer Eigenſinn des menſchlichen Herzens— unbe⸗ wußte Begierde nach Mitgefühl! Ein freundliches Wort von einem Fremden hatte eine ihr ſelbſt beinahe unbe⸗ kannte Saite ihrer Seele berührt. Da ſaß ſie, beob⸗ achtete die Tänzer, oder ſchien ſie zu beobachten, und neue Gedanken erfüllten ihren Geiſt, oder vielmehr ihrem geiſtigen Auge ſchwebte ein neues Bild vor, welches nie mehr daraus verſchwinden ſollte. Da ſollte es weilen, vielleicht nur als ein Traum, der geträͤumt worden iſt und uns mehr oder weniger durch das ganze Leben be⸗ gleitet und unſere Phantaſieen verkörpert, wenn wir in Romanen oder Gedichten von Schönheit und Liebe leſen, oder wenn wir zu anderen Zeiten verſuchen, uns die Gegenwart eines Engels oder eines Helden, des trium⸗ phirenden Erzengels oder des ruhmreichen Maccabäus zu verwirklichen. Zum erſten Male in ihrem Leben hatte Gertrude es angenehm gefunden, ſich Anderen zu fügen, und ſie fand Vergnügen daran, bei jenem Ge⸗ danken zu verweilen, nochmals ihrem Geiſt jene kleine Handlung des Gehorſams gegen Jemand, der ihr ganz fremd war, zurückzurufen, und baute ſich Luftſchlöſſer 159 von künftigen Gelegenheiten, dieſelbe Folgſamkeit noch⸗ mals zu beweiſen.. „Bitte, kommen Sie und tanzen Sie den Cotillon mit mir, Fräulein Lifford,“ rief Mark Apley, welcher ſchnell den Saal durchkreuzte und lächelnd vor ihr ſtand. Sie ſprang mit Lebhaftigkeit auf. Sie verlangte unge⸗ duldig darnach, nochmals über den glatten Boden hin⸗ zufliegen. Die Muſik ertönte von Neuem, aufregend und jeden Sinn ergötzend, und machte ihr Herz im Einklang mit ihrem ſchnellen und wilden Takte ſchlagen. Mark Apley's Stimme war ebenſo angenehm für ihre Ohren, denn er ſagte, er werde ſie nie mehr aus dem Geſicht verlieren; er wolle Stunden lang auf der Brücke von Stonehouſeleigh ſitzen, weil ſie manchmal in die Stadt gehen oder fahren müſſe; er wolle gehen und die Vesper in der katholiſchen Kirche hören, denn dort würde er ſie ſehen— die Heilige ſeiner Verehrung; er laſſe ſich nicht ſo leicht abwendig machen, wenn er ſich einmal Etwas vorgenommen habe, und, nachdem er den glück⸗ lichſten Tag ſeines Lebens in ihrer Geſellſchaft verlebt habe, werde er ſich nie dazu verſtehen, ſie nicht mehr wieder zu ſehen. Alkes dieß war im Scherz geſagt, aber es lag auch etwas Ernſtes darin. Sie ſah vollkommen, wie ſehr er ſie bewunderte; und Muſik, Bewunderung, Tanz, Schmei⸗ chelei, Geplauder und Freiheit waren angenehme Dinge genug, aber mitten unter dem Allem ging das Luft⸗ ſchlöſſerbauen fort.„Wenn jene Stimme,“ ſagte ſie bei ſich,„welche an der Grotte zu mir ſprach, mich jetzt wieder anreden würde, wenn ſie ſagen würde:„Tanzen Sie nicht ſo wild— laufen Sie nicht ſo ſchnell— es iſt gefährlich! ſo würde ich ſogleich innehalten, wie ein ausgeſcholtenes Kind und froh ſein, ſo geſchmält zu werden“ Aber ſie hörte weder jene Stimme noch ein⸗ mal, noch ſah ſte das Geſicht, welches in und außerhalb des Ballſaals ihre Augen beſtändig ſuchten. Sie fragte Fräulein Apley, und dann Mark und eine oder zwei 160 3 andere Perſonen, wer der große, ſchwarze Mann ſei, den ſie im Garten geſehen habe? Der Eine ſagte ihr, es müſſe Herr Luxmoor geweſen ſein, das Parlamentsmit⸗ glied für die Graſſchaft, ein Anderer wußte es nicht— konnte ſich nicht denken, wen ſie meinte, ein Dritter glaubte, es müſſe einer der italieniſchen Sänger geweſen ſein, aber dieß, wußte ſie, konnte nicht ſein wegen des Engliſch, das der Fremde ſprach, und ſonſt konnte ſie Nichts in Erfahrung bringen. Nach zwölf Uhr wurde Gertruden der Mantel um⸗ geworfen und die Hände freundſchaftlich von Frau Apley und ihren Töchtern gedrückt, mit vielen Aufforderungen, ihre Bekanntſchaft nicht fallen zu laſſen, ſondern ſo oft als möglich zu kommen und ſie zu beſuchen. Mark führte ſie an den Wagen. Sie bemerkte, wie er ihr vom Säulengang aus nachſah, bis ſie aus dem Geſichts⸗ kreis war, und fuhr nach Hauſe mit einer verwirrten Maſſe von Ideen im Kopf und die Gedanken durch Er⸗ müdung und Aufregung in Unordnung gebracht. Es ſchien ihr, als hätte ſie ein ganzes Leben verlebt ſeit ſie an jenem Morgen mit Pater Lifford von Hauſe weg⸗ gegangen. Aber ein Gedanke war der vorherrſchende — ein Bild war das gebietende— ein Eindruck der höchſte, und als ſie ihr müdes, aber nicht ſchläfriges Haupt auf das Kiſſen legte, war dieß der Gedanke, der ihren Geiſt durchkreuzte: „Morgen werde ich das Bild des Herzogs von Gan⸗ dia betrachten.“ 161 Neuntes Kapitel. „Beredtſamkeit des Herzens Verſtreut nicht Worte rings um Deine Ohren, Sie impft ſie ſorglich ein, daß ſie da wachſen Und edle Früchte tragen.«— — Shakespeare. „Die Lieb' iſt eine große Zauberin“ Am Morgen war Lady Lifford zu krank, um ſprechen zu können. Die Anſtrengungen der letzten Tage waren zu viel für ſie geweſen, und der Arzt wünſchte, daß Niemand als ihre Wärterin zu ihr gehen ſollte. Als Gertrude ſpäter als gewöhnlich in das Frühſtückszimmer herabkam, fand ſie, daß ihre zwei gewöhnlichen Geſellſchafter es verlaſſen hatten,— ihr Großonkel war in dieſelbe Hütte gegan⸗ gen, wohin er am Tage vorher gerufen worden war, und ihr Vater hatte ſich bereits in ſeinem Arbeitszimmer eingeſchloſſen. Sie machte die Fenſter weit auf und ſetzte ſich zu ihrem einſamen Mahle nieder, welches ſchnell beendigt war. Dann nahm ſie einen Feldſtuhl und Luigi da Porto's Roman:„Romeo und Julie“, wel⸗ chen Moriz ihr aus Italien mitgebracht hatte. Sie ging damit in den Schatten unter einen der größten Bäume des Parks und blieb dort mehrere Stunden, abwechs⸗ lungsweiſe leſend und in Träumereien verſunken. Sie hatte nie eine ſo geringe Abneigung gegen Schloß Lif⸗ ford empfunden. Sie brauchte Zeit zum Denken oder vielmehr zum Nachſinnen, und die vollkommene Stille des weiten, einſamen Parkes war da nicht unangenehm. Es war einer jener ſchwülen Tage im September, wo kein Laub ſich rührt, wo kaum ein Inſekt im Son⸗ nenſcheine ſummt, wo die Natur in der Fülle ihrer Kraft zu ſchlafen ſcheint— ſie hat ihre Ernte abgege⸗ ben und ſcheint nun von der Arbeit auszuruhen. Ger⸗ trude hatte die Worte geleſen, womit die liebende Julie Lady⸗Bird. I. 11 162 den jungen Montague anredet, als er fie beim Tanz bei der Hand nimmt, auf jenem Balle, welcher ihr Schickſal entſcheidet:„Benedetta sia la vostra venuta qui presso me, Messer Romeo,“ und dann ſiel das Buch ihr aus der Hand auf das Knie und ſie fragte ſich verwundert, ob eine ſo plötzliche Liebe, wie dieſe, in der That möglich ſei, und über dieſen Gegenſtand ſann ſie lange nach. Sie dachte an Jakob und Rahel, an Jakob von Schottland und Magdalena von Frankreich, und dann wieder an Romeo und Julie, und glaubte an Liebe beim erſten Anblick. Die Augen auf das grüne Gras geheftet, den Kopf auf der Bruſt ruhend, ſo bewegungslos, daß ſte ihren eigenen Athem hörte, die Hände über dem Buche gefal⸗ tet, legte ſie in ihrem Innern gleichſam das Bekenntniß jenes Glaubens ab— und ſo ſelten ſie auch vorkommen mag, wer kann läugnen, daß es eine ſolche Liebe givt? Sie iſt nicht gewohnlich, ſie iſt vielleicht nicht wünſchens⸗ werth— vielleicht unvernünftig— aber ſie iſt wirklich, es kann darin ebenſo viel Wahrheit und Kraft und Reinheit liegen, wie in den Neigungen, welche durch einen Umgang weniger Wochen hervorgebracht, und auf der einen Seite durch Koketterie, auf der andern durch Eitelkeit angefacht werden. Wenn nach einem drei⸗ wöchentlichen Umgang und nach ſolchen Unterhaltungen, wie ſie am Tage vorher zwiſchen ihr und Mark Apley ſtattgefunden, Gertrude ſich für verliebt in ihn gehalten hätte, wäre ſie in ihrer eigenen Achtung und in der unſrigen höher geſtanden, oder hätte ſie höher ſtehen können, als jetzt, wo ſie ſich bewußt iſt, ihr Herz beim erſten Anblick einem Manne geſchenkt zu haben, deſſen Aeußeres zwar trüglich ſein, deſſen Seele und deſen Verſtand vielleicht dem auf ſeine Stirne gedrückten Stem⸗ pel, den Verſprechungen, die ſein Geſicht macht, nicht entſprechen mögen, durch den ſie jedoch, ſelbſt wenn dieß der Fall wäre, nur verleitet worden wäre, dem Bilde 163 alles deſſen, was am Manne bewundernswürdig iſt, Huldigung zu zollen? Wer er war, woher er kam, das wußte ſie nicht; was er war, noch viel weniger; aber gerade dieſe Un⸗ wiſſenheit beruhigte ſie wieder und flößte ihr Vertrauen in die Art des Eindrucks ein, welchen er auf ſie gemacht hatte. Daß er anders als erhaben von Charakter und Verſtand ſein könne, das, fühlte ſte, ſei unmöglich, und ohne einen Augenblick zu zaudern, hätte ſie ihr Leben für ſeing Vortrefflichkeit zum Pfande gegeben.„Arme kleine Työrin,“ wird Mancher ſagen— ja, es war Thorheit, aber nicht von der niedrigſten Art, und wir bemitleiden die, welche nie den Mann geſehen haben, auf deſſen Augen hin ſie daſſelbe gethan hätten. Während ſie ſo nachſann, erweckte ſie ein Fußtritt aus ihren tiefen Gedanken. Es war Pater Lifford, wel⸗ cher langſam ſeinen Weg nach dem Hauſe zurückging. Er ſah erhitzt und ermüdet aus. Gertrude ſprang aus ihrem Verſteck unter den ausgebreiteten Zweigen hervor und rief ihm lebhaft zu: „Hier iſt ein Stuhl, Vater Lifford; bitte, kommen Sie und ruhen Sie ein wenig aus. Die Luft iſt ſo ſchwül.“ „Poſſen, Kind, ich bin nicht müde.“. „Bitte, ſetzen Sie ſich ein wenig,“ ſagte ſie in ſo ungewöhnlichem Tone, daß er verwundert darüber ſchien, und vielleicht kam ihm etwas, was ihre Mutter bei ihrer letzten langen Unterredung zu ihm geſagt hatte, in den Sinn, denn ſein Benehmen änderte ſich und, indem er ſich niederließ, wie ſie es wünſchte, wiſchte er ſich das Geſicht mit ſeinem Schnupftuch ab und fragte ſie, wie ſie ſich befinde nach einem Tage ſo ungewohnter Ermü⸗ dung und Aufregung.. Sie hatte ihm gegenüber auf einem der niedrigen Aeſte des Ulmbaumes Platz genommen, während ſie mit dem Arm einen andern umſchlungen hielt und ihre Füße kaum den Boden berührten. 11* 164 „Ich befinde mich ganz wohl, Vater Lifford.“ „Das wäre Deinem Ausſehen nach nicht zu er⸗ warten. Du haſt nicht die geringſte Farbe auf den Wangen.“ „Das macht die Hitze.“ „Das macht das lange Aufbleiben.“ „O nein, ich ſchlief nie beſſer in meinem Leben.“ „Was thuſt Du hier?“ Sie pflückte einige Blätter von dem Zweig und ließ ſie auf das Buch fallen, welches auf dem Graſe lag. Er ſtreifte ſie mit ſeinem Stocke weg und blätterte die Seiten damit um. „Ein italieniſcher Roman. Welch' eine nützliche Lektüre! O, Gertrude, das iſt nicht die Art, wie Du Deinem Leben ein ſolches Ende bereiten wirſt, wie das, von dem ich heute Zeuge geweſen bin.“ „Heute— haben Sie heute Jemand ſterben ſehen?“ „Allerdings, und ein Mädchen, das kaum älter war, als Du ſelbſt.“ „War es ſie, zu der Sie geſtern gerufen wurden?“ „Ja, und dieſen Morgen ſtarb ſie.“ „Gefaßt?“ „Ja, mehr als gefaßt— ſehr glücklich.“ „War ſie auf Erden glücklich geweſen?“ „Ja, Niemand in ihrer Lage hätte es mehr ſein können.“ 4 „Wurde ſie von Jemand geliebt?“ „Von ihren Eltern, ihren Brüdern und Schweſtern, auch war ſie mit einem jungen Manne verlobt, der ſie ebenfalls auf's Innigſte liebte.“ 1 eDann wundere ich mich nicht, daß ſie glücklich arb.“ „Was meinſt Du damit?“ 3 „Ich meine, daß ſie ihren Antheil an Glück genoſſen hatte, und dieß hatte ſie gut gemacht und ſo war ſie zu ſterben bereitet. Wiſſen Sie, Vater Lifford, was mir da für ein ſonderbarer Gedanke in den Sinn kommt; Ich glaube, ich würde heute gefaßter ſterben, als vor wenigen Tagen.“ „Es freut mich, dieß zu hören, und warum?“ „Wenn Sie es nicht errathen können, ſo glaube ich nicht, daß ich es Ihnen ſagen kann.“ „„ ‚Ich will mich nicht mit Errathen abgeben, aber ich möchte eine Frage an Dich ſtellen— glaubſt Du, Du verdieneſt, glücklich zu ſein?“ „ Ich fürchte, nein,“ antwortete ſie ernſt.„Ich fürchte dieß mehr als je. Aber laſſen Sie mich eine Frage an Sie richten, und werden Sie nicht unfreundlich, lieber Vater Lifford, denn es liegt mir wirklich daran, daß Sie mir ſie beantworten— glauben Sie nicht, ich wäre beſſer geweſen, wenn ich glücklicher geweſen wäre?“ „ Ich habe Dir immer geſagt, mein Kind, daß Du hätteſt glücklich ſein können, wenn Du gewollt hätteſt. i, ich habe eine arme Perſon in einem Hoſpital ge⸗ kannt, welche ſeit ihrer Geburt nie einen Augenblick frei von körperlichen Schmerzen war und ſich doch den gan⸗ zen lieben langen Tag ſtets glücklich fühlte. Deine Halsſtarrigkeit macht Dich unglücklich, und dieß iſt meine Antwort auf Deine Frage.“ „‚Nein, ich glaube nicht, daß es ſo iſt. Welches iſt die Ürſache und welches die Wirkung? Das iſt die heug Zärtlichkeit hätte mich weniger halsſtarrig ge⸗ acht.“ „Es gibt eine Zärtlichkeit, mein Kind, welcher Dein Herz ſich ſchon lange hätte fügen ſollen. Ich fürchte ſehr, daß der Kummer es iſt, welcher dieſes Werk an Dir vollbringen ſoll. Wenn kleine Prüfungen, wenn die Leiden eines launiſchen Geiſtes nicht genügen, Dich zu ſeinen Füßen zu bringen, ſo wird Goti Dir vielleicht in ſeiner Gnade eine von jenen auffallenden Züchtigun⸗ gen ſchicken, welche das Herz brechen, das ſich nicht Haungen und den Geiſt zerſtören, der ſich nicht fügen 166 Sie faltete die Hände und ſagte mit leiſer Stimme: „Beten Sie für mich, daß dieß nicht geſchehe.“ Er fand Gefallen an ihrer Antwort und blickte ſie gütig an. Dann, indem er das Buch vom Boden aufhob und es durchblätterte, ſagte er in einem milderen Tone des Tadels als gewöhnlich: „Nun, was lehrt dieſes Buch? Nichts als Bewun⸗ derung für die unglückliche Julie, weil ſie ſich auf dem Leichnam ihres Liebhabers tödtete. Kann es etwas Schrecklicheres geben? Wenn die Geſchichte wahr iſt, wie berichtet wird, ſo kann man die mitleidige Hoffnung haben, daß ſie an jener unſeligen Stelle verrückt wurde und es in einem Anfall von Wahnſinn that; aber hier beklagt es der Verfaſſer ganz einfach, daß ein ſolches Beiſpiel wahrer Liebe nicht öfter vorkommt, und ich darf ſagen, ſo eingenommen war er von dieſem abge⸗ ſchmackten Unſinn, daß er ſich nicht einmal bewußt war, daß er da etwas ſehr Sündhaftes ſagte.“ „Daran hatte ich nicht gedacht. Aber glauben Sie, daß Julie ſich hätte der Liebe zu Romeo entſchlagen können?“ „Natürlich. Wenn nun Nomeo verheirathet geweſen wäre— und das hätte nach dem, was ſie zuerſt von ihm wußte, wohl der Fall ſein können— was hätte ſie dann gethan? Sie hätte ſich ihn aus dem Sinne ſchla⸗ gen müſſen oder ſie hätte eine große Sünde begangen. Nichts iſt unmöglich mit einem feſten Willen und der Gnade Gottes.“ Sonderbarerweiſe war es Gertruden noch gar nicht in den Sinn gekommen, der Fremde, welcher am Tage vorher einen ſo ſeltſamen Eindruck auf ſie gemacht hatte, könne verheirathet ſein; und nun durchkreuzten Julien's Worte ihren Sinn:„Wenn er verheirathet iſt, ſo wird das Grab wohl mein Hochzeitsbett werden.“ Sie lächelte über ihre eigene Thorheit, denn ſie hatte ſich keine be⸗ ſtimmten Hoffnungen oder Vorſtellungen hinſichtlich jener Perſon gebildet, ſondern wünſchte nur, der Erinnerung 167 an jenes kurze Zuſammentreffen bis auf's Aeußerſte nach⸗ zuhängen und darauf gewiſſe romantiſche Träume zu bauen, welche mit einer ſolchen Möglichkeit unverträglich waren. Sie that ſich jedoch Gewalt an und kam wieder auf das Mädchen zurück, welches an jenem Tage ge⸗ ſtorben war. „Genoß ſie während ihrer Krankheit alle Erleichte⸗ rungen, die ſie bedurfte?“ fragte ſie. „Ja— ſie bekümmerte ſich um derartige Dinge nicht viel, aber was nöthig war, das hatte ſie. Das, was ihr am meiſten am Herzen lag, waren die Be⸗ inihloſen, daß dieſe für die Eltern keine Laſt ſein ollten.“ „Und was iſt in dieſer Hinſicht geſchehen?“ „Herr d'Arberg bezahlt für ſie.“ Wer?“ „Herr d'Arberg, der Fremde, welcher ſich in Wood⸗ lands aufhält.“„ „Welcher Herr d'Arberg? Doch nicht Moriz Red⸗ mond's Freund?“. „Doch, dieſer iſt es. Sahſt Du ihn geſtern nicht? Ich bemerkte ihn eben, als ich das Haus verließ. Er kam neulich zu mir, um von den armen Thorn's mit mir zu ſprechen und ich bin zwei oder drei Mal in ihrer Hütte mit ihm zuſammengetroffen.“ „Wie machte er ſie ausfindig? Das möchte ich wiſſen!“ „Einer der Söhne Thorn's war ſein Bedienter ge⸗ weſen. Er iſt nicht ganz fremd in dieſer Gegend. Er iſt mit den Apley's etwas verwandt.“ „Iſt er groß und ſchwarz und ähnlich dem Bild von St. Franciscus Borgia in der Mutter Zimmer?“ „Ja, da könnteſt Du Recht haben. Es war mir, als hätte ich ſein Geſicht früher ſchon geſehen. Er ſieht mehr wie ein Spanier, als wie ein Franzoſe aus.“ „Iſt er denn ein Franzoſe?“ „Zum Theil; ſein Vater war ein Deutſcher, wie ich 168 glaube, in Frankreich eingebürgert; ſeine Mutter war eine Engländerin oder Irländerin, welches von beiden weiß ich nicht. Haſt Du nie von ſeinen Büchern gehört? — Ach, ich vergeſſe, Du lieſeſt ja bloß ſolche Sachen,“ und dabei deutete er mit ſeinem Stocke verächtlich auf den Roman, der am Boden lag. „Sie empfehlen mir ja aber die franzöſiſchen Bücher nicht, Vater Lifford,“ antwortete Gertrude ſanft mit einem frohlichen Blick in den Augen, denn ihr Herz hüpfte vor Entzücken. „Das geſchieht darum, weil Du Gift liebſt, und franzöſiſches Gift iſt das ſchlimmſte von allen. Aber ich muß jetzt nach Hauſe gehen; es wird ſpät.“ „O, bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick oder laſſen Sie mich mit Ihnen heimgehen; ich mache mir Nichts aus der Sonne. Erzählen Sie mir von Herrn d'Arberg und ſeinen Büchern.“ „O, die meiſten Franzoſen ſind Narren, aber er iſt, glaube ich, ein guter Menſch.“ „Die meiſten Franzoſen Narren! Ei, Vater Lifford, das iſt jetzt wieder etwas, was Sie ſagen, aber ſicherlich nicht wirklich meinen; ich meinestheils kann es nicht zugeben.“ „Nun, ſo ſetze ‚viele’ ſtatt ‚die meiſtene, dann wird es richtig ſein.“ „Setzen Sie für Franzoſen’—„Menſchen', dann wird es noch richtiger ſein.“ „Nein, nein, dieſe Abänderung kann ich nicht zu⸗ geben. Komm, öffne den Sonnenſchirm— die Sonne wird Dir Kopfſchmerzen machen.“ „Was hat Herr d'Arberg geſchrieben?“ „Philoſophiſche Verſuche uͤber das Chriſtenthum. Ich haſſe das Wort Philoſophie; aber er meint es gut.“ „Und gefällt Ihnen das Buch??“? „Sehr gut, ſo gut mir ein franzöſiſches Buch ge⸗ fallen kann. Er hat einige eigenthüͤmliche Begriffe; aber im Ganzen iſt es nicht uͤbel. Aber etwas der Art paßt 169 ja bekanntlich nicht für Dich. Gedichte und Romane und albernes Zeug iſt es, woran Du Gefallen haſt.“ „Was thut Herr d'Arberg hier?“ „Je nun, er beſucht ſeine Freunde, vermuthe ich. Ich hörte, er habe Beſitzungen hier herum, welche ſeine Mutter ihm hinterlaſſen habe. Er ſucht die armen Ir⸗ länder in den Fabrikſtädten auf, ſagt man. Ich hoffe, er ſoll nicht eine Biene in ſeiner Müße gefangen haben.“ „Haben Sie das Buch hier, Vater Lifford?“ fragte Gertrude, als ſie das Haus erreichten. „Es gehört Moriz Redmond; ich glaube aber, ich habe es in meinem Zimmer.“ „Möchten Sie es mir leihen?“ „Du wirſt es doch nicht leſen.“ „Soll ich Ihnen verſprechen, es zu leſen?“ fragte ſie lächelnd. „Nein, aber wenn ich es Dir geben ſoll, ſo mußt Du aufhören, Dich mit jenen abgeſchmackten Romanen abzugeben, die immer auf Deinem Tiſche liegen.“ „Erklären Sie ‚Delphinee für abgeſchmackt?“ „Ja, und von der ſchlimmſten Art des Abgeſchmack⸗ ten; ein Buch, nur um ſo ſchädlicher, je klüger es ge⸗ ſchrieben iſt.“ „Haben Sie es geſehen, Vater Lifford?“ „Nein, ich leſe nie ſolche Dinge; aber ich weiß ge⸗ nug von ſeiner Tendenz, um Dich davor zu warnen.“ „ ‚Dann will ich Ihnen alle Bände bringen, obgleich ich zum Sterben neugierig auf das Ende der Geſchichte bin, und Sie werden mir dann Herrn d'Arberg's Buch ſtatt deſſen geben. Das wird ein Tauſch ſein, womit wir Beide zufrieden ſein können.“ Mit dieſen Worten verließ ſte ihn und erſchien einen Augenblick nachher an der Thüre ſeines Zimmers mit dem Romane in der Hand, und nahm dafür, wie ein Geizhals eine Laſt ächten Goldes wegträgt, die Bücher mit ſich fort, welche nun von ſo großem Intereſſe für ſie geworden waren. 170 Sie ging in das Bibliothekzimmer im erſten Stock und zu ihrem gewohnten Platze, dem Fenſterſitz. Die dicke Spinne lag, wie gewöhnlich, in ihrem Gewebe auf der Lauer, und die ſterbenden Fliegen waren auf dem Boden verſtreut. Ihre Lieblingsbücher waren an ihren Plätzen, aber ſie ging mit gleichgültigem Blicke daran vorüber, denn ihr ganzes Intereſſe wurde von den Bänden eingenommen, die ſie in den Händen trug. Der Name Adrian d'Arberg's ſtand auf dem Titelblatt, und es waren ſeine Gedanken, die ſie zu leſen ſich anſchickte. Stillſchweigend ſollte er nunmehr in ihrer Einſamkeit wieder zu ihr ſprechen und ſie ſollte ihn kennen lernen, ſelbſt ohne nochmals mit ihm zuſammenzutreffen. Aber nun, da ſie ſeinen Namen kannte, wie viele Erinnerun⸗ gen an das, was Moriz ihr über ihn erzählt hatte, drängten ſich in ihrem Geiſte, und wie gut paßten ſie zu ſeinem Geſicht, ſeiner Stimme, ſeiner Haltung!— Schon damals war er ihr nicht fremd und was ſollte es nun werden, wenn ſie dieſe Bände durchleſen hatte, in die ſo viel von ſeiner Seele und ſeinem Geiſte über⸗ gegangen ſein mußte? Sie begann zu leſen; der Stil war ihr vollkommen neu. Obgleich wohlbewandert in der Literatur vergan⸗ gener Zeiten, ſowohl im Franzöſiſchen als Engliſchen, war ſie doch mit der Gattung moderner Literatur, wozu dieſes Buch gehörte, nur wenig bekannt; ſie hatte nie vorher ein Buch gefunden, welches gegen Laſter und Gottloſtgkeit alle Künſte des Stils, den ſarkaſtiſchen Scharfſinn und die leidenſchaftliche Heftigkeit anwandte, welche ſo oft im Dienſte jener unreinen Mächte ent⸗ wickelt werden. Sie war davon überraſcht und ange⸗ zogen. Beinahe Jedermann hat, wenigſtens einmal in ſeinem Leben, erfahren, was es iſt, ein Buch zu finden, worin, als wäre es zum erſten Mal, ein anderer Geiſt ſeinem eigenen antwortet, und die unbeſtimmten Umriſſe, welche an der Oberfläche der Seele lagen, gleichſam durch 171 eine Meiſterhand ausgefüllt werden. Wir beten dann den Geiſt beinahe an, der durch ſein Buch zu uns ſpricht. „Es gibt manchfache Zauberer dieſer Art,— böſe Geiſter und gute,— die immerdar in dieſer Richtung thätig ſind:— Vieles ſchläft im Herzen des Menſchen, was ihr Zauber zur Wirklichkeit erwecken kann. Haſt Du je, Leſer, in dem Arbeitszimmer eines Bildhauers den rohen Marmor⸗Block geſehen, aus welchem das, was ſein Geiſt erdacht, thätig hervorgehen ſoll? vielleicht das Bild⸗ niß eines ſchönen Erdenkindes oder das von der Phan⸗ taſie geſchaffene Bild einer heidniſchen Gottheit,— der Triumph der Form, der Traum der Sinnlichkeit; oder aber das erhabene Geſchöpf der Betrachtung eines Chriſten, oder der Begeiſterung eines Dichters. Da liegt es bereit, zu erſcheinen, auf Befehl und unter der Hand ſeines Meiſters. Hat nicht der Schriftſteller mit ſeiner Feder manchmal dieſelbe Macht wie der Bild⸗ hauer mit ſeinem Meiſel? Kann er nicht jene unbe⸗ ſtimmten und ſchwankenden Begriffe, die in des Men⸗ ſchen Seele wohnen, in das Leben rufen und in Formen gießen? Kann er nicht Leidenſchaften anfachen, die noch in ihren geheimen Schlupfwinkeln ſchliefen, und Laſter in Thätigkeit rufen, welche leblos auf ſeine unreine Be⸗ rührung warteten? oder, auf der andern Seite, kann er nicht die Liebe zur Tugend erwecken, durch die eifrige Verehrung, die er ihr zollt; chriſtliche Frömmigkeit an⸗ fachen durch die Flamme, die aus ſeiner Bruſt in ſeine Feder fließt, oder den Ruf zur Vervollkommnung ergehen laſſen, durch die laute Verkündigung ſeines eigenen Glaubens? Dieſe Dinge ſind geſchehen und geſchehen noch alle Tage. Leben und Tod gehen von einer Generation auf die andere über, in der phönixartigen Unſterblichkeit jener Werke, welche, in einer Ausgabe nach der andern, ihr Gift oder ihren Balſam von einem Zeitalter zum andern übergehen laſſen. Die Hand Voltaire's, die Hand von St. Franziscus von Sales!— hülflos, leb⸗ los und bewegungslos liegen ſie da in der Gruft des Pantheons und in der beſcheidenen Kirche von Annecy bis zum Tage der Auferſtehung! ihre Werke„gehen ihnen voran,“ nach den Worten der Bibel, ja voran in einem Sinne, aber in einem andern ſind ſie hinter ihnen zu⸗ rückgeblieben. Gertrude las und dachte nach und las wieder, und die Stunden flohen unvermerkt vorbei. Wie gewiſſe Wohlgerüche eine größere Macht haben, wenn der Körper beſonders empfänglich iſt— wie gewiſſe Laute in einem Augenblick mit größerer Stärke an das Ohr ſchlagen, als in einem andern, je nach dem körperlichen Zuſtand, ſo machen Bücher zu gewiſſen Zeiten auf den Geiſt einen Eindruck, den ſie früher oder ſpäter nicht gemacht haben würden. Und es iſt wahrſcheinlich, daß der ſtarke Eindruck, welchen Adrian auf ſie gemacht hatte während jenes kurzen Augenblicks, als einige wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt wurden, den Weg zu der Wirkung bahnte, welche ſeine Werke auf ſie haben ſollten. Sie handelten nicht ausſchließlich von Religion oder von Sittlichkeit;— ſie ſprachen nicht ausſchließlich an die fromme Einbildungskraft und das entſagende Herz, ſie enthielten nicht bloß Beweiſe und Erläuterungen. Sie waren urſprünglich mit einem beſchränkten Zwecke, aber unbeſchränkten Ziele geſchrieben worden,— um einen theuren Freund von der Wahrheit der Religion zu überzeugen, nicht durch Zeugniſſe allein, nicht bloß durch Empſindungen, ſondern durch jede Anſprache an die Vernunft— jede Erklärung aus der Analogie — jede Angriffs⸗ und Vertheidigungswaffe, welche Wahr⸗ heit und Vernunft darbieten und Glaube und Genie handhaben können. Gertrude hatte nie auch nur einen Verſtandes⸗ Zweifel an der Wahrheit ihrer Religion gehabt, und ſo unvollkommen ihre Handlungsweiſe oft war, ſo wäre ſie doch oft noch tadelnswerther geweſen, wenn die zu⸗ rückhaltende Gewalt nicht geweſen wäre, welche jene 173 Religion auf ſie ausübte: zu gewiſſen Zeiten ihres Lebens hatte ſie die Freuden der Andacht gekannt, aber ihre Vernunft war nicht hinreichend mit in das Spiel gezogen worden. Ihr Verſtand hatte die außerordent⸗ liche Verwandtſchaft noch nicht gefaßt, welche zwiſchen dem Glauben in ſeinem vollen katholiſchen Sinne und allem Großen, Guten und Schönen in dem Bereiche der Vernunft und des Gefühls, der Wiſſenſchaft und Kunſt beſteht. Adrian's Schriften ſchienen vor ihr neue Ausſichten in jeder Richtung zu öffnen und die ganze wunderbare Verbindung zwiſchen den höchſten intellec⸗ tuellen Beſtrebungen des menſchlichen Geiſtes und dem kleinſten Punkt der geoffenbarten Lehre zu entfalten. Die Religion erſchien nun nicht mehr als etwas zwar Wahres und Heiliges, aber nur eine Seite des menſch⸗ lichen Herzens— eine Gegend der Seele, einen Geſichtspunkt des Lebens Berührendes, ſondern als der Punkt, um den ſich das ganze Daſein dreht, auf den alle öffentliche und Privat⸗Thätigkeit Bezug haben muß, der einzige Grundſatz, die regierende Macht, der unumſchränkte Herr jedes Triebes, der Beſtimmer, jeder Szunde. Sie ſah die ſichtbare Welt ſich nicht bloß einfach fortbewegen, ſondern auf jeder Seite eingeſchloſſen von einer übernatürlichen, mit der ſie in einer Berührung ſteht, die jeden Tag auffallender deutlich wird. Das Buch ſpielte an auf die neuen Entdeckungen der Wiſſenſchaft, welche den Glauben der Kirche ſo außerordentlich be⸗ ſtätigen. Es ſprach von den erhabenen Beſtrebungen, wodurch die alten Philoſophen der ahrbeit nachge⸗ ſpürt hatten, und wie Plato ſich erkühnte, zu vermuthen, was der erſte beſte Catechismus lehrt. Die Vervoll⸗ vollkommnungsfähigkeit des Menſchen im chriſtlichen Sinne, das Geheimniß ſeiner Berufung, die Tiefen, in die er fällt, die Höhen, zu denen er ſteigt, alles dieß wurde eins nach dem andern berührt und beſprochen. Durch die Geſtändniſſe von Zweiflern, die Einräumun⸗ 174 gen von Feinden, die Huldigungen von Gegnern, durch Geſchichte und Wiſſenſchaft, durch den Verſtand zur Seele ging die Kette der Beweisführung ihren Gang. Die Schlußfolgerung war lückenlos und ſo ruhig, wie die Wahrheit, aber die Empfindung war tief und ſo glühend, wie die Liebe. Das Buch war ſo klug ge⸗ ſchrieben, als wenn nur der Verſtand dazu angewandt worden, es hatte ſo viel Ueberredungskunſt, als wenn nur das Herz dabei beſchäftigt geweſen wäre. War es zu verwundern, daß es ſie auflöste?— dann ſie er⸗ hob und ſtärkte?— daß neue Gedanken, neue Intereſ⸗ ſen, neue Entſchlüͤſſe ſich bildeten?— daß ihre Studien ſich änderten?— daß ihre Stunden auf eine andere Art ausgefüllt wurden?— daß es ihr größtes Ver⸗ gnügen wurde, ein Buch zu erlangen, auf welches in dieſem Buche ſich bezogen wurde(und deren waren viele)?— daß es ihre Erholung war, viele ſeiner be⸗ redten Stellen auswendig zu lernen?— daß ſie ſich an ihrer Mutter Seite hinſchlich, ſo oft nur immer ihre Geſundheit es erlaubte, und ihr die Stellen vorlas, die am meiſten darauf berechnet waren, ihr zu gefallen, dann die Thränen abküßte, die manchmal unvermerkt über ihr Geſicht rollten, ihre Wange an die der Mutter legte, und flüſterte: Gu wahr, es gefällt Ihnen? ich wußte es wohl!“ Das war Alles gut, aber noch beſſer war es, daß V ſie ſich in vielen praktiſchen Dingen von Tag zu Tag beſſerte— daß ſie eifriger in ihren Andachtsübungen, Pehudiger in leinen Leiden, weniger bitter gegen ihren Vater, zärtlicher gegen ihre Mutter wurde,— daß ſie Pater Lifford's Vorzüge mehr ſchätzte und ſich weniger um ſeine Eigenheiten bekümmerte. Aber nicht eben ſo gut war es, daß ein heftiges, weltliches Gefühl mit all dieſem vermiſcht war, obgleich es wohl ſein kann, daß die göttliche Barmherzigkeit durch ein ſolches Mittel Gutes hervorbringen mag. Der Sand, auf dem dieſes 175 vielverſprechende Gebäude erſteht, kann ſich wohl zum Stein verhärten, und die Winde können wehen, und der Regen kann fallen und es kann doch ſtehen bleiben— denn dann iſt es auf Felſen gegründet. Aber wenn es auf Nichts als dem Triebſande der Leidenſchaft oder der Laune ruht— was wird dann ſein Schickſal ſein? Sie copirt nun ununterbrochen an dem Bilde des Herzogs von Gandia, und ſie hat folgende Zeilen aus ihrem alten Liebling Metaſtaſio(obgleich ſie ihn jetzt nur noch ſelten liest) darunter geſchrieben: „E proviamo al mondo Che nato in nobil core Sol frutti di virlu Produce amore.“ Zehntes Kapitel. „Ein König macht Grafen und Edelleut' Und Herzog' und alle die Sachen;— Aber 3en tüchtigen Mann, der brav und geſcheut Hoho! den kann er nicht machen. kicht Krone, nicht Sporn, nicht Herzogshut, Sind die Dinge, die mir gefallen; Wer hell im Verſtand und feſt von Muth, Iſt doch der Vornehmſte von Allen. Burns. * X *¾ „Ein hoher, edler Geiſt iſt beſſ're Gabe Als Adel und Beſitz. Sorgloſe Erben Verdunkeln und verſchleudern die zwei Letzten, Allein Unſterblichkeit folgt auf die Erſten, Und macht den Mann zum Gott.“ Shakespeare. Wwoocchen und Monate verfloſſen und nichts Erwäh⸗ nungswerthes ſtörte den gleichförmigen Gang von Ger⸗ truden's Leben. Sie ging ein⸗ oder zweimal nach 176 Woodlands, aber die Apley's waren oft verreist und Keines von ihnen, außer Mark, ſchien beſonders darauf bedacht zu ſein, die Bekanntſchaft fortzuführen. Viel⸗ leicht waren ſie durch ſeine augenſcheinliche Bewunde⸗ rung Gertruden's beunruhigt worden und wünſchten nicht, einen ferneren näheren Umgang zwiſchen ihnen zu be⸗ günſtigen. So oft er ſich zu Hauſe aufhielt, bemühte er ſich, mit ihr bei ihren Ausgängen zuſammenzutreffen und ein paar Worte mit ihr zu wechſeln. Manchmal, wenn ſein Benehmen beſonders lebhaft war, dachte ſie, wie leicht ſie ihn durch eine kleine Aufmunterung ver⸗ anlaſſen könnte, ihr eine Erklärung zu machen, und welche Veränderung würde dadurch ihr Schickſal er⸗ leiden; aber es war immer nur ein vorübergehender Gedanke. Ihre romantiſche Bewunderung für d'Arberg gebot ihr, ihn zu verbannen, und obgleich ihr dieſer kurzen Begegnungen geſielen, und ihr Benehmen Mark Apley nicht im Geringſten abſchreckte, dieſelben zu ſuchen, ſo war doch eine der„Früchte der Tugend,“ welche aus dieſer Empfindung hervorgingen, eine Zu⸗ rückhaltung in ermuthigenden Aufmerkſamkeiten, die in⸗ deſſen doch, ſo weit als ſie gingen, ihr keineswegs unan⸗ genehm waren. Aber gerade dieſe Zurückhaltung vermehrte Mark's Bewunderung. Bei jenem Früßhſtück war er durch ihre Schönheit gefeſſelt und durch ihren Geiſt angezogen worden, welchen er nicht recht verſtand, obgleich er ent⸗ zückt war wie über ein Feuerwerk oder ein franzöſiſches Schauſpiel: aber wenn er ihr jetzt begegnete, lag etwas Gedankenvolles in ihrem Geſicht, etwas Anmuthigeres in ihrem Weſen, und dieß ſtand ihr ſo gut und flößte ihm ein ſolches Intereſſe für ſie ein, daß er manchmal auf ſeinem Pferde ſitzend an dem Thore von Schloß Lifford hielt und mit begierigen Augen ihrer nach und nach verſchwindenden Geſtalt nachſah, wie ſie die gra⸗ besſtille Allee von Eibenbäumen hinauf nach dem Hauſe 177 zuging, welches kein Fremder betrat, und welches ihm einahe wie ein bezauberter Palaſt erſchien. Gertrude hatte ſich einmal das Vergnügen gemacht, ihm eine wunderbare Geiſtergeſchichte davon zu erzählen, welche ſeine Haare ſträuben machte, die er ſie jedoch ſo gerne erzählen hörte, daß er beinahe jedesmal, wenn er ihr begegnete, wieder damit anfing:„Ach, wiſſen Sie, ich glaube nicht an die Geſchichte, die Sie mir neulich erzählt haben;“ und jedesmal fügte ſie einen neuen Umſtand hinzu, welcher ihn dann zu dem Aus⸗ ruf bewog: „Aber hören Sie, das iſt gar zu arg, Sie werden doch nicht meinen, daß ich das glauben werde?“ Aber er verreiste in jenem Winter auf lange Zeit und Gertrude vermißte ihn ſehr, denn es war unmnög⸗ lich, es nicht gerne zu ſehen, daß ſolch ein freund⸗ liches Lächeln und ſolche heitere Worte ihren Pfad kreuzten. Seine gute Laune war wie Sonnenſchein und ſein fröhliches Lachen war ihr vertraut geworden wie eiwas, das zu jenen Fußwegen und Wieſen gehörte, wo ſie ihm ſo oft begegnete— wie der Geruch des Ginſters oder der Geſang der Vögel. Sie ging immer noch oft nach der Hütte in Stone⸗ houſeleigh und hatte nun ein neues, mächtiges Intereſſe an der Unterhaltung mit Moriz. Sie ſtellte tauſend Fragen an ihn über die Orte, wo er mit Herrn d'Ar⸗ berg geweſen war. Während der Jahre die er mit ihm in Rom zubrachte, war er damit beſchäftigt gewe⸗ ſen, das Werk zu ſchreiben, welches ſie ſo ſehr intereſ⸗ ſirt hatte, und auf jeden noch ſo kleinen Umſtand horchte ſie mit eifriger Begierde. 1 „Wir wohnten zu jener Zeit,“ erzählte ihr Moriz, gin einem Hauſe in der Nähe der quattre Fontane und Herr d'Arberg pflegte zu ſchreiben in einem kleinen Garten voll Veilchen, mit einer Hecke von Citronen⸗ Bäumen auf der einen Seite und einer Ausſicht auf Rom auf der andern. Ich ſah ihm oft zu, wenn er Lady⸗Bird. I. 12 178 bei der Arbeit ſaß, und dachte, welch gutes Modell er für einen Maler geweſen wäre zu einem St. Johannes, wie er das Evangelium, oder einem St. Thomas von Aquino, wie er ſeine Summa ſchreibt: er ſah nie un⸗ geduldig oder verlegen aus, ſondern pflegte jene bered⸗ ten Seiten ſo ruhig und fließend hinzuſchreiben, daß ich beinahe hätte glauben können, ſein Schutzengel ſtehe ihm zur Seite und dictirte ihm, und wenn Jemand ihn unterbrach— irgend ein aufdringlicher Bekannter oder ein bettelnder Mönch— ſo legte er ſeine Feder nieder und hörte ihnen zu mit ſo unbefangenem Geſicht, als gebe es ſonſt Nichts in der Welt, was ihn beſchäftigen oder feſſeln könne. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, die ich mit dieſem Manne zubrachte, ſo kann ich kaum an die Vollkommenheit ſeines Charakters glauben, aber gerade darum war er ſo vollkommen, weil er ſo an⸗ ſpruchslos war.“ 5 „Er muß jedoch ein Menſch ſein, der Anderen Furcht einflößt,“ ſagte Gertrude;„Güte und Schärfe des Verſtandes vereinigt, iſt, glaube ich, immer etwas Schreckliches.“ „Ei, dieſe Empfindung hat er mir nie eingeflößt. Er iſt ſo äußerſt nachſichtsvoll— und zwar ſagt er nicht bloß keine harten Worte, ſondern man merkt es ihm an, daß er ſie nicht einmal denkt.“ 3 „Und doch geißelt er in ſeinen Schriften gewiſſe Handlungs⸗ und Denk⸗Arten mit erbarmungsloſer Strenge.“ „Allerdings, aber Niemand hat je einen größeren Unterſchied zwiſchen der Sünde und dem Sünder, dem Irrthum, der den Menſchen blendet, und dem Menſchen, welchen der Irrthum blendet, gemacht; er machte vor einigen Jahren einen glänzenden Feldzug in Algier mit und war zu jener Zeit eben ſo ſehr durch ſeine Tapfer⸗ keit berühmt, wie er es ſeitdem durch ſeine literariſchen Arbeiten geworden iſt.“ 179 9„Und was bewog ihn, den Kriegs⸗Dienſt aufzu⸗ geben?“ „Er war bloß um eines beſonderen Zweckes willen eingetreten. Im erſten Jahre, wo er in Paris in Ge⸗ ſellſchaft ging, vertheidigte er zufällig den Charakter eines ſeiner Freunde mit ſolcher Wärme, daß derjenige, welcher dieſen Freund verläumdet hatte, ſich beleidigt glaubte und ihn herausforderte. Er weigerte ſich, ſich zu ſchlagen, ging aber gleich am andern Tage nach Afrika zum Heere und erwarb ſich dort einen Ruf, der ihn über den Verdacht der Feigheit erhob. Eine glän⸗ zende Laufbahn lag vor ihm, aber er fühlte keinen Beruf zum Soldatenleben in ſich, und verließ es, ſo⸗ bald der Friede geſchloſſen war. Er wurde von der Truppen⸗Abtheilung, die er befehligte, angebetet— in der That habe ich nie Jemand getroffen, der in irgend eine Berührung mit ihm gekommen wäre und der An⸗ ziehungskraft ſeines Charakters und Benehmens hätte widerſtehen können. Haben Sie ſeine Lebensbeſchreibung der Königin Chriſtina von Schweden geleſen?“ „O nein; beſitzen Sie das Buch?“— „Leider nein. Ich reiste mit ihm in's Tirol, gerade zu der Zeit, wo er ſich damit beſchäftigte. Er wünſchte die Franciskaner⸗Kirche in Innsbruck zu ſehen, welche mit ihrer Geſchichte verknüpft iſt. Ich werde nie ſeine Bewunderung des wundervollen Grabmals Kaiſer Maxi⸗ milian's in jener prächtigen Kirche vergeſſen: jene achtundzwanzig coloſſalen Bronce⸗Figuren, welche ſchwei⸗ gend unabläſſig über dem Monument des großen Kriegs⸗ Helden Wache halten. Wie ſehr gefiel ihm Tirol! Es lag etwas ſo Uebereinſtimmendes mit ſeinen Gefühlen, ſo Verwandtes mit ſeinem Charakter in der Kraft und Einfachheit dieſes Volkes; in dem innigen Verhältniß zwiſchen den höchſten Schönheiten der Natur, dem frommen Geiſte der Bewohner und dem durchgreifenden Einfluß der Religion, welche dort ſelbſt in der Luft zu liegen ſcheint, welche gleichſam jeden Häggel in einen 180 Oelberg, jedes Thal in ein Betzimmer, und jeden Kirchhof in einen Garten verwandelt. Wir waren in Venedig geweſen, der Stadt meiner Verehrung, der Zauberin der Erde, der Göttin des Meeres; Schönheit entzückt dort jeden Sinn, Muſik erfüllt die Luft, Romantik ſchwebt über jedem Stein der Paläſte, jedem Kräuſeln der Wellen, jedem Schlag des Ruders, jedem Punkte der Lagunen. Ich erinnerte mich noch an ſeine Mond⸗ ſcheinnächte, ſeine Mittagslüftchen, die byzantiniſchen Kirchen mit ihren morgenländiſchen Kuppeln, ihrem Moſaik⸗Pflaſter, ihren marmornen Landungs⸗Plätzen, an das anmuthige Plätſchern der Wellen, wenn wir uns ihnen in Gondeln näherten, an den muſi⸗ kaliſchen Ruf der Gondoliere, wenn wir pfeilge⸗ ſchwind um die Ecke ſchoſſen, an die ſanften lieblichen Laute der venetianiſchen Zunge, an die wollüſtige Ruhe des Körpers, die träumeriſche Thätigkeit der auf⸗ geregten Phantaſte, Alles dieß war lebhaft in meinem Geiſte wie eine erſt erlebte morgenländiſche Erzählung, wie ein verwirklichtes Feenmährchen; und als Herr d'Arberg mir einſt in einer Nacht den Mond zeigte, wie er kalt und düſter einen der ſchneeigen Gipfel der Alpen beſchien, während die Tannenwälder in der Tiefe in Dunkelheit verſunken waren, außer wo eine einſame Lampe(ein irdiſcher Stern, wie er es nannte) vor einem Kreuzſtock am Wege brannte, halbwegs am Ab⸗ hang des Berges, konnte ich nicht umhin, auszurufen: „Gib mir St. Markus und ſeine Piazza, den Himmel Italiens und den Mond von Venedig zurück.“ Er lächelte und ſagte:„Ich fürchte, Moriz, Sie hätten die Zauberin Armida der Dame im Comus vorge⸗ ogen. 193 Gertrudens Augen waren auf Moriz gerichtet mit dem Ausdruck des Verlangens, daß er fortfahren möchte. Er ſah dieſe Augen und ihren Ausdruck; in dem Augen⸗ blick durchzuckte Etwas, was zugleich wie Furcht und Hoffnung war, ſeine Seele. Wie viele Gedanken kann 181 das Gehirn in demſelben Augenblick umfaſſen, und was für verſchiedene Empfindungen können das Herz zur ſelben Zeit bewegen! Er dachte an ihre kindlichen Spiele im Walde, er dachte an die Muſikſtunden, die er ihr gegeben hatte, an ihren Beſuch in der Hütte an dem Tage, wo ihr Vater ihm den Abſchied gegeben hatte, an die Art und Weiſe, wie ſie gekommen und an ſeiner Seite geſtanden war, als er bei dem Frühſtück in Wood⸗ lands unwohl wurde; und nun, wie oft ergriff ſie die Gelegenheit, in der Hütte einzuſprechen und dort in Un⸗ terhaltung mit ihm zu verweilen: und der Ausdruck ihrer Augen gerade im jetzigen Augenblick! Es lag ein Feuer in ihnen, das er nie vorher geſehen hatte, und das ihn außer ſich zu bringen ſchien. War es möglich, daß ſie ihn liebte? Es war ein Gefühl des Entzückens, vermiſcht mit tauſend Aengſten und Befürchtungen. Seine Ruhe, ſein Friede hatte bisher in der gänz⸗ lichen Hoffnungsloſtgkeit des Gefühls, des Traums, der Leidenſchaft— was es nun ſein mag— die er in ſich aufgenommen hatte, beſtanden; aber im Scheine jener verwegenen Hoffnung ſah er ſeine eigene Armuth, ſah er Pflicht, Ehre und Marie in verzweiflungsvoller Deut⸗ lichkeit vor ſich ſtehen. Er war einer von denen, welche Liebe, aber nicht Muth zur Tugend haben. Daß er ſie bisher gänzlich außer ſeinem Bereiche gefühlt hatte, war beinahe eine Beruhigung für ihn geweſen, denn er bil⸗ dete ſich ein, es ſei weder gefährlich noch ſtrafbar, ſie aus der Ferne zu verehren. Das konnte ſie nicht ver⸗ letzen, noch eine Untreue an Marie ſein. Aber dieſe neue Hoffnung, dieſe plöͤtzliche Vermuthung, daß ſie nicht gleichguͤltig gegen die Huldigung ſei, welche ſeine Augen, ſeine Stimme, ſeine Geberden ihr unwillkürlich gezollt hatten,— war es Segen oder Qual? Da ſaß ſie mit jener unheilvollen Schönheit, die ihn ſeit ſo lange gefeſſelt hielt. Ja, er hatte ſie früher oft mit Italien verglichen und jene ſonderbare Bezeichnung auf ihre Liebenswürdigkeit angewandt. Da ſaß ſie, das 182 Geſicht in die Hand geſtützt, und bat ihn, ihr noch mehr von ſeinen Reiſen, von Herrn d'Arberg und von ſich ſelbſt, von ihren Spaziergängen an der Seeküſte und ihren Geſprächen unterwegs zu erzählen, und ſo oft eine Pauſe eintrat, kam ſie immer auf denſelben Gegenſtand zurück. Eine andere Perſon im Zimmer hörte ebenfalls mit wachſender Aufmerkſamkeit zu, eine, von der die Worte galten: „Sie goß ihn aus, des Herzens reichen Schatz, Und fuͤr den hohen Werth ward kein Erſatz.“ Ob Gertrude mit Wiſſen oder unbewußt ihr die Liebe raubte, welche der Sonnenſchein ihres Lebens ge⸗ weſen war, das wußte ſie nicht, und war tugendhaft genug, es nicht zu entſcheiden; aber die Wirkung war dieſelbe.„Sie bricht mein Glück in Trümmer,“ war Mariens Empfindung,„vielleicht nur wie ein Kind eine Blume von großem Werth, welche ihm in die Hände fällt, zerſtört. Mein Alles kann für ſte nur das Spiel⸗ werk einer Stunde ſein, und doch ſpielt ſie damit und ſcheint nicht zu wiſſen, was ſie thut. O Moriz, mein —— Geliebter! Du biſt nicht zum Leiden geſchaffen, du biſt nicht ſtark genug zum Streit mit der Welt und deinem eigenen Herzen. Ich hätte zwiſchen dir und vielen Ge⸗ fahren ſtehen können; aber dieſe eine kann durch nichts, was ich zu thun im Stande bin, abgewendet werden. Es iſt mir, als verſänkeſt du in einen Waſſerſtrudel, oder ſieleſt in einen Abgrund und ich ſtünde dabei und ſähe dich untergehen mit gebundenen Händen und einen Knebel im Munde. Könnte ich dich nur einſehen machen, daß, wenn du ſie liebſt, ſie dein Herz brechen wird.“ Nach Gertruden's Beſuchen war Moriz immer liebe⸗ voller als gewöhnlich gegen Marie, und dieß verurſachte ihr noch verſchärfte Qualen. Es ſchien, als wäre die Quelle ihres Glückes ſelbſt vergiftet, denn dieſe ſtum⸗ men Entſchuldigungen waren ihr ſchmerzlicher, als Un⸗ freundlichkeit fuür ſie geweſen wäre. Und doch verrieth 183 ihr Benehmen nie auch nur die geringſte Bitterkeit; es lag bloß eine ernſte Zärtlichkeit in ihrem Geſicht, ganz verſchieden von dem ſtrahlenden Blick und dem ſcherzhaften Kopfſchütteln, womit ſie bisher ſeine Ver⸗ ſicherungen von Zuneigung hingenommen hatte. Der Winter ging vorbei und der Frühling ebenſo. Moriz ging nach London auf einige Monate, wo er Muſtikunterricht ertheilte und in Concerten mit nicht ge⸗ ringem Erfolge auftrat, aber der Ton ſeiner Briefe an Marie war ruhelos und unbefriedigt. Es ſchien, als ob es ihm weder in, noch fern von Stonehouſeleigh wohl ſei. Er beklagte ſich manchmal, daß ſte nicht in ihn dringe, zurückzukommen, daß ſie ihm nicht oft ge⸗ nug ſchreibe. Er ſprach von ſeiner Geſundheit in nie⸗ dergeſchlagenem Tone und von London mit Abſcheu. Marien's Pein vergrößerte ſich, denn nun wußte ſie ſelbſt nicht recht, was ihre Pflicht, was am beſten für ihn ſei. Jedes Opfer war ſie bereit zu bringen, fürchtete ſich aber, irgend einen Schritt vor⸗ oder rückwärts zu thun. Es ſchien ihr am beſten, zu warten und zu V wachen, und, der Himmel weiß, darin liegt oft größere Pual. als in einer Entſcheidung, aber daran dachte ſie nie. Im Laufe des Sommers kam Edgar Lifford heim: er war ein hübſcher, liebenswürdiger junger Mann, von ausgebreiteten Kenntniſſen und etwas Pedanterie. Ger⸗ trude— die über ſeine Rückkehr ſehr erfreut war— lachte ihn aus, und er wurde nicht böſe darüber, ſon⸗ dern behandelte ſie mit großer Herablaſſung und erklärte ihr Vieles, was ſie, wie er vorausſetzte, nicht verſtand. Man hatte wirklich große Sorgfalt auf ihn verwandt, unnd er hatte ausgezeichnete Lehrer gehabt, aber der we⸗ ſentliche Theil des Verſtändniſſes mangelte, obgleich man ätte ſagen können, er habe gute Anlagen, im ſtrengen Sinne des Worts, denn ſein Gedächtniß und ſeine Fä⸗ higkeit zu lernen, war vorzüglich. Es gab nichts, was er nicht in ſein Gedächtniß aufnehmen konnte, und ich 184 † hätte beinahe geſagt, wirklich darin aufnahm. Er war eigentlich noch zu jung, um proſaiſch zu ſein, verſprach aber viel in dieſer Hinſicht, beſonders wenn jene wun⸗ derliche Meinung richtig iſt, daß man kein ſo recht gründ⸗ lich unausſtehlicher Menſch ſein kann, ohne ſehr unter⸗ richtet zu ſein. Lady Lifford liebte ihres Sohnes Herzensgüte, ſein offenes Geſicht, ſeine Höflichkeit gegen Jedermann, und glaubte, ſein Aufenthalt zu Hauſe werde ein großer Vor⸗ theil und eine große Annehmlichkeit für Gertrude ſein. Lord Lifford liebte ſeinen Sohn, ſo ſehr er Etwas lieben konnte, aber da er ſelbſt einen ſcharfen Verſtand in ſeiner Art hatte— obgleich Niemand geringeren Ge⸗ brauch von ſeinen Naturgaben machte, als er— bemerkte er ſchnell ſeines Sohnes geiſtige Mängel und ärgerte ſich nur um ſo mehr über Gertruden's Ueberlegenheit in dieſer Hinſicht. Wenn ſie mit wenigen Worten voll beißenden Sarkasmus, die gerade den Nagel auf den Kopf trafen, die wohlgeordnete, gewichtige Schlachtord⸗ nung von Vernunftſchlüſſen, die ihr Bruder in's Feld führte, über den Haufen warf, oder, wenn er wirklich Recht hatte, es ſo einleitete, daß ſeine Beweisführung lächerlich erſchien, dann wurde ſeine Stirne finſterer als gewöhnlich und dann lag etwas Peinvolles in den Blicken, die er auf ſie warf. 3 Nun, da Edgar alt genug war, um mit der er⸗ wachſenen Geſellſchaft zu ſpeiſen, unterhielt man ſich viel mehr bei Tiſche im Schloß Lifford als gewöhnlich. Daß die Unterhaltung lebhaft wäre, konnte man kaum ſagen, denn die zwei Perſonen, welche auf verſchiedene Art ſie ſo hätten machen können— nämlich Gertrude und ihr Großonkel— ſprachen am wenigſten, und Lord Lifford und ſein Sohn beſchränkten ſich meiſtens auf ſich ſelbſt. Eines Tages ſiel eine kleine Scene vor, welche, wo nicht lebhaft, doch wenigſtens aufgeregt war⸗ Lord Lifford hatte ſich ſehr ſtark gegen alle modernen Einrichtungen ausgeſprochen, worunter er die Verbrei⸗ 18⁵ tung der Erziehung unter den Armen, die Arbeiter⸗ wohnungen, die Waſchhäuſer und die Auswanderung begriff, was alles, wie er erklärte, eine ſocialiſtiſche und revolutionäre Tendenz habe.„All dieſer Lärm, der ge⸗ genwärtig wegen der Armen gemacht wird, das ſind lauter Redensarten, die ſich in unſerm Zeitalter beliebt gemacht haben und keinen Funken ächter Menſchenliebe in ſich tragen.“. „Aechte Menſchenliebe,“ bemerkte Edgar,„beſteht nach meiner Meinung in individuellen Beſtrebungen, nicht in vereinter Thätigkeit. So wird Dankbarkeit in den Herzen der Armen erweckt und chriſtliche Liebe in denen, welche ſich in beſſeren Umſtänden befinden.“ „Aber, lieber Edgar, Du kannſt doch nicht die Ar⸗ maen individuell waſchen, noch ſie auf den Rücken neh⸗ men und mit ihnen nach Auſtralien ſchwimmen, ſo daß alſo gewiſſe Arten vereinter Thätigkeit nützlich ſein 1 önnen.“ „Ich geſtehe, daß ich einen großen Widerwillen habe gegen Proſpektuſſe und Liſten und—“ 1„Küchenzettel,“ ergänzte Gertrude boshafter Weiſe, denn ſie hatte bemerkt, daß ihr Bruder dieſe Liſte jeden b Morgen mit nicht geringem Intereſſe ſtudirt hatte. 1 ord Lifford runzelte die Stirne und ſagte:„Ge⸗ drucktes Papier hat eben ſo ſelten eine Verwandtſchaft mmit guten Werken als Naſeweisheit mit Witz.“ —„Ich traf neulich auf der Eiſenbahn,“ ſagte Edgar, „einen Herrn, mit dem ich mich lange über philanthro⸗ — piſche Gegenſtände unterhielt. Ich wäre beinahe geneigt geweſen, ihn für einen Socialiſten zu halten, nach ge⸗ 2 wiſſen Anſichten, die er äußerte, allein nachher ſchien es mir wieder, daß er ganz das Gegentheil davon ſei. So lange er von dem ſprach, was die höheren Stände thun — ſollten, ſchien er gar keine Gränze in ſeinen Anforde⸗ rungen zu kennen; aber auf der andern Seite ſchätzte er zeitliches Glück für alle Menſchenklaſſen geringer, als ich es thun würde, obgleich ich wohl weiß, daß es Dinge 186 von größerer Wichtigkeit gibt. Er war ein Franzoſe, wie ich fand, obgleich er das Engliſche außerordentlich gut ſprach.“ eif„War es vielleicht Adrian d'Arberg?“ fragte Pater ifford. „Das war der Name, der auf ſeinem Mantelſack ſtand. Er war eben von Frankreich gekommen.“ Gertrude war erröthet bei dem Klange des Namens, der ſie ſo ſehr intereſſirte, und ſagte ſchnell:„Wußte er, wer Du biſt?“ „Ja, ich bemerkte es, ſowie, daß er von meiner Familie gehört hatte, und wußte wie alt ſie iſt, und daß wir Könige und Kreuzfahrer unter unſeren Vor⸗ fahren zählen.“ „Wie wird Dich das gekitzelt haben, als er dieß ſagte,“ murmelte Gertrude, aber nicht ſo laut, daß ihr Vater es hörte. „Der Ton, womit er über dieſen Gegenſtand ſprach, gefiel mir nicht ganz; er ſagte, er liebe alte Erinnerun⸗ gen dieſer Art und den romantiſchen Anſtrich, der ihnen anhafte. Sie ſeien wie das Wappen, das wir an un⸗ ſern Mauern aufhängen, von keinem wirklichen Werth in gegenwätiger Zeit, aber von gewiſſem Reiz durch das, was ſich daran knüpfe.“ „Der Sohn eines Fabrikanten ohne Zweifel, ſo einer von La jeune France!“ rief Lord Lifford mit un⸗ ausſprechlicher Verachtung aus. „Nein, er gehört nicht zu dieſer Schule, und iſt ein weit beſſerer Menſch, als Sie anzunehmen geneigt ſind,“ antwortete Pater Lifford. „Und warum, um Gottes Willen,“ rief Gertrude bei ſich aus,„ſollte man vorausſetzen, daß er nicht ſo iſt? Aber Geduld. ‚Die Weisheit muß ſich rechtfertigen laſſen von ihren Kindern“.“ „Er hat ein ſehr gutes Buch geſchrieben, welches großes Aufſehen in Frankreich erregt hat.“. „So, Schriftſteller alſo auch! Franzoſe und Schrift⸗ 187 ſtellen! Vor allem der Art bewahre uns der Himmel! Ich hoffe, Edgar, daß Du nicht ſo weit gingſt, eine mehr als augenblickliche Bekanntſchaft mit ihm zu ſchließen. Das iſt das Aergſte an dieſen hölliſchen Eiſen⸗ bahnen: ſie ſetzen einen der Gefahr aus, mit Leuten aller Art in Berührung zu kommen.“ „O, ich ſorgte dafuͤr, mich ihm in keiner Weiſe zu nähern, denn ich wußte ja nicht, von welcher Geburt er iſt und welche Stellung er im Leben einnimmt. Aber, Gertrude, wie roth biſt Du! Iſt es Dir heiß, liebe Schweſter?— Soll ich das Fenſter öffnen?“ Alle offenen Fenſter in der Welt hätten in dieſem Augenblick Gertruden's Wangen nicht gekühlt, oder ſie zuruͤckgehalten, in die Worte auszubrechen:„Ich bedaure Dich, Bruder, wenn Du nicht in dem Weſen dieſes Mannes ein ſichreres Kennzeichen wahren Adels erblicken konnteſt, als Pergamente und Wappenſchilder ſind, und in dem Genuſſe einer einſtündigen Unterhaltung mit ihm eine größere Chre als darin, von Kreuzfahrern und ſpaniſchen Granden abzuſtammen.“ Lautloſes Schweigen folgte auf dieſen Ausſpruch. Der Ausfall auf die„Grands d'Espagne“ hatte beſonders Pater Lifford verletzt, welcher ſeiner Denkart nach mehr als zur Hälftr ein Spanier war. Edgar war äußerſt betreten— ſowohl über die große Ungehörigkeit der Ge⸗ ſinnungen ſeiner Schweſter, als auch über ihre Wärme in dieſer Sache— was auch nicht zu verwundern war, da er nicht wußte, daß ſie d'Arberg je geſehen hatte oder mit ſeinen Werken bekannt war. „Aber höre, Schweſter—“ begann er, aber ſein Vater unterbrach ihn.„Verſuche doch nicht, Gertruden zur Vernunft zu bringen; da ihre Liebe zum Wider⸗ ſpruch und ihre verkehrte Denkart ſo weit geht, daß ſte wegen eines völlig Fremden, an dem ſie kein Intereſſe haben kann, bloß wegen ſeiner vermuthlich niedrigen Geburt und wegen ſeiner Ausfälle auf das, was wir ſchätzen und achten, in Leidenſchaft geräth und uns Alle 188 verhöhnt, ſo iſt es das Beſte, ſie ganz ſich ſelbſt zu üͤberlaſſen; aber das will ich n·cht, daß ſolche Worte je wieder vor mir ausgeſprochen werden; und darum, Fräulein Lifford, was auch Ihre niedrigen Geſinnungen ſein mögen, ſorgen Sie dafür, daß ich Sie nie mehr zu hören bekomme.“ Gertruden's Benehmen war ſehr indelnswindig ge⸗ weſen, das wußte und fühlte ſie, und ihre Hitze war verſchwunden; aber ein dumpfer Schmerz in ihrem Her⸗ zen folgte darauf. Als Alle den Tiſch verließen, ging ſie an das Fenſter und drückte die Stirne an die Scheibe. Ihr Vater und ihr Bruder hatten das Zimmer verlaſſen und ihr Onkel war im Begriff, ihnen zu folgen; als er jedoch an die Thüre kam, wandte er ſich um und ſah ſie an. Auch ſie kehrte ſich in dieſem Augenblick um, 1 ſtürzte mit Ungeſtüm auf ihn zu und warf ſich in ſeine Arme. Er ſtieß ſie nicht zurück, ſondern ſagte:„O pfui, mache doch keine ſolche Scene; Du biſt ein böſes, un⸗ verbeſſerliches Mädchen.“ Der Ton, mit dem er bus ſagte, war aber nicht unfreundlich wie die Worte. „O Vater Lifford,“ rief ſie aus,„ich habe hee Unrecht gethan. Ich habe mich ſchlecht gegen Sie be⸗ nommen— gegen Sie, der Sie ſo gütig gegen mich geweſen ſind!“ das iſt von keiner Wichtigkeit; aber darüber ſoltteſt Du betrübt ſein, Deinem Vater mißfallen zu haben.“ „Das kann ich nicht. Sie— Sie verletzt zu haben, das kuͤmmert mich, und wenn Sie es mir geſtatten wür⸗ den, ſo möchte ich knieend Sie um Verzeihung bitten.“ „Nein, nein, Gertrude, nicht hier. Nicht ſo, nicht hier mußt Du um Verzeihung bitten; bedenke, Deinen Vater mußt Du darum angehen, und nicht äußerlich allein, ſondern mit demüthigem Herzen und reuigem Gemüth. Gott ſegne Dich, mein Kind!“ fügte er hin⸗ zu, denn er ſah, daß die Erweichung eingetreten imd der ſtolze Geiſt bezwungen war. 189 Eilftes Kapitel. „Ich ſchaute und ſchaute mit ſtillem Entzücken, Mit trunkenem Aug' und die Seele voll Luſt; Dort wohnt kein finſterer Gram in den Blicken, Dort gräbt keine Sorge ſich ein in die Bruſt. Und wollt'ſt du gewaltſam ſie führen dahin, So würden zur Stunde ſie wieder entflieh'n.“« Dryden. X *⁴ Und um mich her erblickt' ich Berg und Thal, Der Wäͤlder Schatten und der Felder Glanz, Des klaren Bach's melobd'ſchen Waſſerfall; Dazu lebend'ger Weſen muntre Schaaren, Die dichten Heerden und der Vögel Flug, Die auf den Zweigen luſtig trillerten. O wie mir Alles lachte, was ich ſah! Wie mir das Herz vor Freude überfloß Und von der ſüßen Düfte Wohlgeruch!« Die Feen⸗Königin. Edgar bemerkte, daß ſeine Schweſter etwas bleich und aufgeregt ausſah, und da ſein gutmüthiges Herz es theilweiſe der Scene, die ſtattgefunden hatte, und wozu er ohne ſeine Abſicht die Veranlaſſung geweſen war, zuſchrieb, ſo ſah er ſich nach einer Gelegenheit um, ſie zu erheitern und ihr Freude zu machen. Da er ſie einſt hatte den Wunſch lebhaft ausdrücken hören, zu reiten, ſo bemühte er ſich, ein Mittel ausfindig zu machen, um ihr dieſes Vergnügen zu bereiten. „Würdeſt Du nicht gerne reiten, Gertrude?“ ſagte er eines Tages zu ihr.„Würde die Bewegung Deiner Geſundheit nicht zuträglich ſein?“ 1 „Ich weiß nicht, welche Wirkung es auf meine Ge⸗ ſundheit haben würde, lieber Junge, aber ich weiß, daß es für meine Gemüthsſtimmung gut wäre— es würde viel Bosheit aus mir herausſchütteln.“ „Würdeſt Du Dich fürchten, auf meinem Pferd zu reiten?“ 190 „Ich würde auf Allem reiten, auf einer Kuh, einem Hirſch, einer Krähe oder einem Adler.“ 3 „Dann will ich des Jägers Pony für mich borgen und Du kannſt auf Conqueror reiten. Ich muß mich nach einem Damenſattel umſehen und Du mußt Dir ſo Etwas wie ein Reitkleid zu verſchaffen ſuchen.“ „Ich weiß nicht, wie ich das machen ſoll. Vielleicht könnte ich das der Mutter tragen, welches ſchon ſo viele Jahre zurückgelegt worden iſt. Glaubſt Du, daß ſein altmodiſcher Schnitt und ſeine geſtickten Aufſchläge bedenklich wären?“ „O bewahre, nein. Ich zweifle nicht, daß es Dir ſehr gut ſtehen wird, und wir wollen unſern Weg nach dem offnen Land zu nehmen, wo wir wahrſcheinlich keinem Menſchen begegnen werden. Würde es Dir vielleicht Vergnügen machen, ein großes Zigeunerlager auf dem Oakley⸗Waſen zu ſehen?“ „O verſteht ſich; ihre maleriſchen Geſichter ergötzen mich. Was biſt Du doch für ein lieber Junge, Edgar, daß Du daran dachteſt, mich reiten zu laſſen. Ich will Dir dafür heute Abend den Stammbaum abmalen und kein geringſchätziges Wort darüber ſagen.“ „Das hoffe ich um Deiner ſelbſt willen und bin Dir für Dein Verſprechen ſehr dankbar.“ Hierauf trennten ſie ſich und waren beide in ihren Nachforſchungen glücklich. Um fünf Uhr, denn der Tag war ſehr heiß geweſen, und ſie brachen erſt um dieſe Zeit auf, erſchien Gertrude auf der Treppe in ihrem maleriſchen Anzug und ſprang mit Leichtigkeit auf das Pferd, welches zuerſt über den Flügelſchlag ihres langen Reitkleides etwas unruhig ſchien, aber nach wenigen Minuten ganz ruhig fort⸗ trabte. Sie war entzückt darüber, auf einem Pferde zu ſitzen, und als ſie in ein grünes Thal, ein wenig ſeit⸗ wärts des Parkes gelangten, ſchlug ſie einen ſchnellen Galopp an, bis der Boden zerriſſen und uneben wurde, und dann durchritten ſie im Schritt eine enge Schlucht längs eines reißenden Baches. Sie ſchwieg ſtille, denn ihr Entzücken lag in Gedanken, die es ihr nie eingefallen wäre, Edgarn mitzutheilen; nur hie und da ſagte ſte:„Wie angenehm iſt das!“ oder:„Was iſt heute für ein ſchöner Tag!“ Er hielt manchmal an, um Zweige von Heckenkirſchen oder weiße Winden zu pflücken und gab ſie ihr, indem er während deſſen über Botanik, Geologie und verſchiedene Zweige der Natur⸗ geſchichte ſprach und ihr den Namen jedes Vogels oder Inſekts ſagte, das ſie auf Buſch oder Hecke erblickten. Sie dankte ihm für die Blumen, und horchte mit an⸗ ſcheinendem Intereſſe auf ſeine Belehrungen, aber ihre Gedanken ſchweiften oft weit hinweg. „Das iſt ein Marienkäferchen,“ ſagte er, als eines dieſer kleinen Thierchen ſich auf der Mähne ſeines Pferdes niederließ. „Ci, ein Marienkäferchen,“ rief ſie aus, aus ihrer Serſtreuung aufgeweckt;„mein Namensvetter! Erinnerſt Du Dich noch? das iſt der Name, den Moriz Redmond und Marie Grey mir immer gegeben haben.“ „Ich hoffe aber, daß ſie das jetzt nicht mehr thun; das würde allzuvertraut klingen.“ „Es wundert mich,“ ſagte ſie bei ſich,„daß er nicht hinzufügt— ‚und Vertraulichkeit erzeugt Verachtung.“ Ohne jedoch zu antworten, ſtreckte ſie ihre Hand aus, faßte das kleine Inſekt und betrachtete es ernſt, während ſie leiſe das niedliche Kinderliedchen ſummte— „Flieg' heim, Marinküſenchen, und lege Dich zur uh' Die Maßlieb macht ſchon ſchläferig ihr rothes Aeug⸗ lein zu Das Eichhorn iſt ſchon auf dem Baum, die Feld⸗ maus ſchon zu Haus, Und auch die fleiß'ge Biene ruht von ſchwerer Arbeit aus. 192 Flieg' heim, Marienkäferchen, und ſumm' in Schlaf ich ein, Es leuchtet hin, es leuchtet her, des Glühwurms trauter Schein; Der Thau fällt ſtark, Dein Flügel bunt wird feucht und naß, hab' Acht! Des Nebels Dünſte ſenken ſich hernieder in die Nacht. Flieg' heim, Marienkäferchen! huſch! huſch! in's ſich're Neſt! Die kleinen Elfchen kommen ſchon zum nächt'gen Frühlingsfeſt; Hab' Acht! hab' Acht! ſie fangen Dich und ſchirren flugs Dich an Mit Sommerfäden⸗Spinngeweban Oberon's Geſpann.“ Als ſie ihren Geſang beendigt hatte, breitete das kleine Thierchen, welches eine Zeit lang ſo bewegungs⸗ los geblieben war, daß man kaum Leben in ihm be⸗ merkt hatte, plötzlich ſeine bisher unſichtbaren Flügel aus und flog im Augenblick davon. „So werde ich eines Tages zu Deiner großen Ueber⸗ raſchung auf und davon fliegen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich an Edgar wandte;„ich muß etwas von der Welt ſehen, ehe ich ſterbe.“ 4 „Ich hoffe, Du wirſt in einem Jahr oder zwei ver⸗ heirathet ſein, Schweſter, und dann, ſetze ich voraus, wirſt Du Deinen Mann beſtimmen, Dich auf eine Reiſe in's Ausland mitzunehmen.“ „Ich müßte nur durch Stellvertretung verheirathet b werden, wie einige der vornehmen Leute, von denen wir abſtammen— ſonſt ſehe ich nicht ein, wer mit meiner Hand beehrt werden ſoll.“ „Der Vater wird ſich danach umſehen.“ „Er mag ſich umſehen, aber er wird Nichts finden. Ueberdieß iſt es meine Sache— nicht die ſeinige;“ „Das kann ich nicht zugeben, Gertrude; nichts 193 berührt einen Vater mehr, als die Heirath ſeiner Kin⸗ de Pmnd die Verbindungen, die die Glieder ſeiner Familie jeßen.“ *„Die ſeine Söhne ſchließen, das gebe ich zu,“ antwortete ſie mit erküͤnſteltem Ernſte;„ich möchte nicht, lieber Bruder, daß Du einen Zoll von dieſer Ueberzeu⸗ gung abwicheſt oder daran dächteſt, für Dich ſelbſt eine Frau zu wählen— nicht einmal, wenn ſie ein Engel vom Himmel wäre— ſie müßte denn ſechszehn Ahnen auf⸗ weiſen können oder wohlbeurkundete Vorältern über Vorältern gehabt haben. Ich weiß, daß auf Dir die ganze Verantwortlichkeit über die Größe der Familie ruhen wird, und bin überzeugt, daß Du vor keiner Wahl, die man fuͤr Dich treffen wird, zurückbeben wirſt, ſei die Erkorene ſo häßlich ſie will, wenn nur ihre Ahnen alle unantaſtbar ſind.“ „Ich glaube, Tugend iſt die Hauptſache bei einem Weibe, aber naͤchſt dieſem gebe ich zu, daß ich mehr Verth auf Familienabſtammung, als auf perſönliche Schönheit lege.“ „O, lieber Edgar, wie abgeſchmackt biſt Du! Nimm mir's nicht übel.“ Aber dieſe Bitte war unnöthig, denn Edgar hatte das beſte Temperament und die glücklichſte Ueberzeugung, daß er immer Recht habe, ſo daß ihn nie etwas ärgerte oder aus der Faſſung brachte. Nach einem Ritt von ziemlicher Länge und nachdem es eine Zeit lang bergauf gegangen war, gelangten ſie n eine waldige Anhöhe in der Nähe der Dünen, welche eine prachtvolle Ausſicht beherrſchte. Der Bach, der in dem engen Thal in ſeine Ufer eingezwängt geweſen war, breitete ſich in der Ebene zu einem Fluſſe aus; die mit Wald bewachſenen Hügel warfen breite Schatten auf die wogenden Kornfelder. Die untergehende Sonne vergol⸗ dete das reiche Laubwerke der Bäume mit ihrem abend⸗ lichen Strahl, und Wohlgerüche ſtiegen mit balſamiſcher Süßigkeit aus dem Klee auf der einen und dem wilden Lady⸗Bird. I. 13 194 Thymian auf der andern Seite empor. Edgar, der immer auf Einzelnheiten und Kleinigkeiten mehr achtete, als auf die allgemeine Schönheit einer Scene, und deſſen Lieblingsbeſchäftigung damals gerade die Entomologie war, erſpähte ein ſeltenes Inſect, welches unter einigen Bäumen eine kleine Strecke unter ihnen dahinflog. Er ſtieg vom Pferde ab, band den Zügel an einen Baum und rannte ihm unter das Gebüſch nach, wo er es hatte verſchwinden ſehen. Gertrude ſaß nachläſſig im Sattel in entzückter Betrachtung der Scene vor ihr. Sie ließ die Zügel aus der Hand fallen und ihr Pferd das kurze Gras zu ſeinen Füßen abweiden. In dieſem Augenblick fiel ein Schuß in einem be⸗ nachbarten Feld, welcher einen Flug Rebhühner aufjagte und beide Pferde ſcheu machte, die in vollem Galopp davon rannten. Sdgar's Pferd riß ſich von dem Buſch, wo es loſe angebunden war, los und ſtürzte an der Stelle vorbei, wo er noch immer nach ſeinem Inſect ſuchte. Er rannte ihm den Berg hinunter nach und konnte es erſt nach einiger Zeit fangen. Als er zu der Stelle, wo er Gertruden verlaſſen hatte, zurückkehrte, war ſie verſchwunden. Er rief nach ihr ſo laut er konnte, aber es erfolgte keine Antwort. Hierauf trieb er ſein Pferd an und ſuchte ſie unter den Dünen in jeder Rich⸗ tung, konnte ſie aber nicht erblicken. In ernſtlicher Unruhe ritt er fort, aber unglücklicher Weiſe in der ent⸗ gegengeſetzten Richtung von derjenigen, welche ihr Pferd eingeſchlagen hatte. Dieſes war im nämlichen Augen⸗ blick, wie das ſeinige, davon gerannt; ſie blieb im Sat⸗ tel und ergriff die Zügel, aber da ſie anſing, mit aller Macht an ſeinem Maule zu ziehen, ſenkte es den Kopf und kam ganz aus ihrer Gewalt. Bald hatte ſie die Stelle, von wo ſie ausgegangen war, aus dem Geſicht verloren, und es fing an, ihr übel und ſchwindlig zu werden von dem ſchnellen Laufe, in dem es fortging. Sie fuͤhlte ſich bergauf und bergab getragen und über einige Gräben und Hecken, und dann quer über eine 19⁵ Straße und noch einmal eine, wie ihr dünkte, unendliche Zeit lang die offenen Dünen entlang und zuletzt durch ein offenes Thor in einen Park, wie es ihr vorkam; da wurde das Pferd plötzlich aufgehalten; dadurch wurde ſie aus dem Gleichgewicht gebracht und ſiel in das Gras. Der Boden war weich und ſie würde ſich nicht ſehr be⸗ ſchädigt haben, wenn ihr Fuß nicht unter ſie gekommen wäre, und dadurch verrenkte ſie ſtark den Knöchel. Sie fühlte ſich etwas betäubt, verſuchte jedoch, aufzuſtehen und einige Schritte zu gehen, aber der Schmerz zwang ſie, ſich wieder zu ſetzen mit dem Rücken gegen einen Heuſchober, welcher, wie ſte nun ſah, das Hinderniß war, das die Eile ihres Pferdes aufgehalten hatte. Es wurde ſpät und die Nacht brach ſchnell herein; ſie konnte nichts als Bäume unterſcheiden und hörte kei⸗ nen andern Ton, als das Krächzen von Dohlen. Alle möglichen Gedanken fingen an, ihr durch den Kopf zu gehen— wenn Niemand des Weges kam, was ſollte in dieſer Nacht aus ihr werden? Noch einmal verſuchte ſie es, zu gehen, aber jetzt konnte ſie nicht einmal den Fuß auf den Boden ſetzen. Dann rief ſie, ſo laut ſie konnte, und die Dohlen ſchienen zur Antwort lauter zu krächzen, naber ſonſt erfolgte Nichts. Da raſchelte Etwas in der jHecke hinter ihr und ſie hielt vor Schrecken den Athem an. Ihr Fuß begann ſtark anzuſchwellen und ſie wurde ſchwach vor Schmerz. Allmählig wurden ihre Gedanken — weniger klar und nahmen beinahe die Geſtalt von Träu⸗ men an, drehten ſich aber doch noch um ihre gegenwär⸗ „iige Lage und die unbeſtimmte Furcht, die ſie einflößte. r Ob ſie wohl würde ſterben müſſen, dachte ſie, wenn ſie die ganze Nacht hier liegen bliebe? Es war ein 1 t ommerabend und der Himmel über ihrem Kopfe war hell und die Sterne fingen an, einer nach dem andern zu ſcheinen; aber die Luft war ſehr kalt und das Gras feucht. Wenn ſie gefährlich krank würde, würde wohl ihr Vater um ſie beſorgt ſein, und wuüͤrde ihre Mutter ewohl Stärke genug haben, um an ihr Deßt zu kommen 196 und ihr einen Kuß zu geben, wie ſie zu thun pflegte, als ſie nach ein kleines Kind war? Würde Pater Lifford weinen, wenn man an ihrem Leben verzweifelte, oder war er ein Mann, der nie Thränen vergoß? Sie fragte ſich dieß wieder und wieder und dachte, wie in Schloß Lifford Jedermann ſtaunen und was man ſagen würde, wenn ſie todt zurückgebracht würde. Wie wunderlich würde das ſein! Die Kapelle würde ſchwarz behangen und Lichter auf dem Altar angezündet werden, und man würde das de profundis ſingen. Hierauf wiederholte ſie bei ſich wieder und wieder: „Gib ihr die ew'ge Ruh', o Herr des Himmels, Und Deiner Gnade Licht in Evigkeit Laß ſcheinen über ihr! ſie ruh' im Frieden!“ Dann hörte ſie auf zu denken und träumte, ſie liege in ihrem Sarge und er werde langſam emporgehoben und fortgetvagen. War ſie wohl auf dem Weg zum Himmel? Nein, es konnte nicht der Himmel ſetn, denn ſie fühlte große Qual. Vielleicht war es das Fegfeuer, Hierauf wurde Alles undeutlich und verwirrt und ein Gefühl der Ruhe bemächtigte ſich ihrer. Aber ſie konnte ſich weder rühren noch ſprechen. Dann hörte ſie den Ton von Stimmen und Fuß⸗ tritten um ſich her und fühlte, daß ſie irre rede, und hörte Jemand ſagen, ſie ſei verwirrt im Kopfe. Späten kam hierauf Jemand herein und fühlte ihr den Puls und ein Glas wurde ihr an die Lippen gehalten. Einigt Stunden nachher erwachte ſie und ſah mit Verwunde⸗ rung um ſich her. Sie ſah Nichts als ſchneeweiße mouſſelinene Vorhänge, und ihr gegenüber ein marmol⸗ nes Kaminſtück und darauf eine durchſichtige Nachtlampe mit der Geſtalt eines knieenden Weibes in einer Kirche, während das Licht durch die nachgebildeten gothiſchen Fenſter ſchien. Ihre fieberiſchen Hände ruhten auf eine blaßrothen, ſeidenen, mit Eiderdunen gefüllten Bettdeck und ihre erhitzte Wange auf einem mit Spitzen beſetzten 197 Kiſſen. Sie ſah all dieſes, fühlte ſich aber zu ſchwach, um ſich darüber zu wundern, ſchloß ihre Augen und ſchlief von Neuem ein. Als ſie ſie wieder öffnete, ſchien das Tageslicht durch die Ritzen der Fenſterläden. Sie hörte Jemand im nächſten Zimmer ſprechen, und glaubte noch zu träumen; aber bald kam die Sprecherin herein, ein wohlgekleidetes Frauenzimmer, und ſagte, indem ſie ſich über ſte hinbeugte: 1 „Erſchrecken Sie nicht, Fräulein Lifford, ſich an einem ungewohnten Orte zu ſinden. Dieß iſt das Haus von Herrn Audley und Lady Clara Audley. Sie wur⸗ den geſtern Nacht nach Ihrem Fall von Ihrem Pferde hieher gebracht. Wir wußten einige Zeit lang nicht, wer Sie ſind; aber der Arzt erkannte Sie ſogleich, als er kam. An Ihre Eltern iſt ein Bote abgeſchickt wor⸗ den, um ſie zu benachrichtigen, daß Sie in Sicherheit ſind, und Lady Clara wünſcht ſehr, daß Sie ſich ganz wie daheim betrachten möchten. Ich bin ihre Kammer⸗ frau, Fräulein Lifford. Ich hoffe, Sie befinden ſich die⸗ ſen Morgen erträglich.“ 1 „Ich denke, ja,“ antwortete Gertrude und konnte, ohne recht zu wiſſen, warum, ſich kaum der Thränen erwehren, welche ihr nahezu die Wangen hinabfloſſen. „Wie kam ich hieher?“ fragte ſie mit Geiſtesabweſenheit verrathendem Ausdruck.„Was begegnete mir geſtern Nacht? Sie ſagten, ich ſei vom Pferde gefallen. Wo wurde ich gefunden? Ich war vermuthlich betäubt?“ „Man fand Sie bei einem Heuſchober im Parke liegen, Fräulein Lifford; Sie lagen in Ohnmacht und einer der Herren brachte Sie hieher; es währte einige Zeit, bis Sie wieder zu ſich kamen.“ „Cs iſt mir gerade, als ob dieß auch jetzt noch nicht der Fall wäre,“ rief ſie aus.„Alles ſcheint mir ſo fremdartig. Wollen Sie Lady Clara für ihre Güte danken? Ich glaube, es wird wohl bald Jemand von zu Hauſe hieher kommen.“ Es lag ein nervöſer Reiz in ihrer Kehle, als ſie 198 dieſe letzten Worte ſagte. Sie fühlte ſich ſo verlaſſen, und theils aus phyſi cher Schwäche, theils in Folge ihrer ungewohnten Lage, wurde es ihr ſchwer, dieſe Bewegung zu bewältigen. Als die Kammerfrau das Zimmer verlaſſen hatte, faltete ſie die Hände und murmelte, indem ſie das Ge⸗ ſicht in das Kiſſen verbarg:„Niemand liebt mich— Niemand bekümmert ſich um mich— ich hätte geſtern Nacht ſterben können und Niemand hätte um mich ge⸗ trauert, außer meine arme Mutter.“ Dieß waren ihre Gedanken; ſie waren zwar nicht logiſch oder vernünftig, entſprangen aber aus dem Ge⸗ fuͤhl, daß ihr zu Hauſe Niemand Aufmerſamkeit oder Liebe bewieſen hatte; und wie oft geſchieht es, daß in Krankheit oder Einſamkeit die lange niedergehaltene Gemüthsbewegung, der tief eingewurzelte Gram, das Gefühl eines lange vergebenen, aber nur eben nicht vergeſſenen Unrechts manchmal mit aller Heftigkeit frü⸗ herer Tage hervorbricht, und die unbedeutendſte Kleinig⸗ keit, welche zu anderer Zeit nur ein Lächeln erregt hätte, in dieſen ſchwachen Stunden einen Ausbruch des Gefühls hervorruft, der die Schranken zerbricht, womit ſich das Herz umgeben und worein es ſich eingezwängt hatte, bis ſein Ungeſtüm bezwungen war. Manchmal iſt dieſe Ruhe die Folge heldenmüthiger Selbſtbeherrſchung, manch⸗ mal der Macht der Gewohnheit, zu leiden, und manch⸗ mal wieder einer ſeltſamen Art von Leichtſinn, einer Sorgloſigkeit derſelben Art wie die, welche manche Kinder (beſonders Knaben) gänzlich unachtſam auf phyfiſchen Schmerz macht und ſie, wie gewöhnlich, ſpielen und ſich herumtummeln läßt mit einem verrenkten Glied oder einer eiternden Wunde; in jedem dieſer Fälle kann eine augen⸗ blickliche Rückwirkung ſtattfinden, aber die Rückwirkungen werden oft verſchieden ſein. Die Seele kann durch ſit einen Schritt zum Böſen hinabſteigen oder nur noch feſter die Hand faſſen, welche ihr vom Himmel heral entgegengeſtreckt wird. 199 Als Frau Martin, die gutmüthige Kammerfrau, nach einiger Zeit wieder hereinkam, brachte ſie Gertruden das Frühſtück in ſchönem Sevresporzellan auf einem kleinen ſilbernen Präſentirteller. Sie öffnete die Läden, um Licht in das Zimmer zu laſſen. Gertrude bat ſie, das Fenſter ebenfalls aufzumachen und ſah nun, indem ſie ſich im Bette aufrichtete, auf eine ſo bezaubernde Scene hinaus, als ihr Auge nur je eine erblickt hatte. Der Ort war ihr dem Namen nach wohlbekannt, denn er war berühmt wegen ſeiner natürlichen Schönheiten und wegen alles deſſen, was die Kunſt für ihn gethan hatte. Das Haus ſtand in gebietender Lage auf der Spitze eines Hügels mit einem prachtvollen Gehölze im Rücken, und von ihm aus ruhte das Auge auf einer aufeinander ſolgenden Reihe von Terraſſen, von denen jede einen wunderſchönen Blumengarten bildete, der jetzt in der vollen Pracht des in den Herbſt übergehenden Sommers ſtand. Große, blendende Maſſen ſcharlach⸗ rother Geranien faßten die tiefblauen Beete der Sal⸗ vien oder Genzianen ein. Heliotropen und verſchieden⸗ artige Verbenen, ſtattliche Herbſtroſen und anmuthige Fuchſien, Dahlien, wie Hofſchönheiten in ihrem pomp⸗ haften Putze, ſchlanke, weiße Lilien, in ihrer majeſtäti⸗ ſchen Reinheit allein ſtehend, waren alle in Gruppen oder in Reihen da zu finden. Paſſionsblumen, Jasmin und Winden bedeckten die Mauern, weiche von dem Ende einer jeden Terraſſe auf die andere hinabgingen. Rothe Roſen in marmornen Vaſen ſchmückten jede Treppen⸗ ſtufe, und in der Mitte jeder Abtheilung dieſes Blumen⸗ moſaiks, in jedem Stockwerk dieſes abwärts ſteigenden Gartens, ſpielte ein Springbrunnen, welcher hoch und klar in die Morgenluft Strahlen reinen Waſſers oder Wolken glitzernden Staubes emporſchoß, durch den die Sonne ihre Strahlen auf dieſe zauberiſche Scene ergoß. Die letzte dieſer Terraſſen hing über den Fluß Leigh hin, der an dieſer Stelle ſeines Laufes in einen See ſich erweiterte und an jenem Morgen den Azur eines wolken⸗ 200 loſen Himmels wiederſtrahlte; gleich nachher vermengte er ſich aber wieder, wie um mit Vorbedacht ſeine ſilber⸗ nen Windungen durch das grüne Thal von Arkley er⸗ glänzen zu laſſen. Ein kleines Boot lag vor Anker neben den ſteinernen Stufen des Landungsplatzes; ſein weißes Segel ſtrahlte im Sonnenſchein und ſeine Wim⸗ pel flatterten leicht im Winde. Die Gehölze, welche auf der andern Seite des Stromes bis an den Rand des Waſſers reichten, fingen eben an, ihre reichen, herbſt⸗ lichen Farben zu entfalten. Das Blälterwerk der Kupfer⸗ buche, die korallenen Beeren des Vogelbeerbaumes, die rothen Beeren des virginiſchen Kriechbaumes ſtanden in lebhaftem Kontraſt mit den Maſſen des reichſten, ſom⸗ merlichen Grüns. Es lag eine ſtrahlende Schönheit, ein Glanz, eine Lieblichkeit in dieſem Anblick, die keine Beſchreibung erreichen kann. Die unter den Blumen angebrachten oder einen Springbrunnen beherrſchenden Bildſäulen hatten alle eine anmuthige oder heitere Stel⸗ lung. Entweder ſchienen ſie mit den großen Blättern der Lotusblume zu ſpielen oder in ſcheinbarem Spiele das Waſſer emporzuwerfen, das in funkelnden Güſſen auf ihre marmornen Schultern zurückſiel, oder ſchienen ſie ihre anmuthigen Köpfe unter den Strahlen der Sonne zu beugen und ſüße Wohlgerüche aus den farbenſtrah⸗ lenden Blumenmaſſen, die ſie umgaben, einzuathmen. Auch ein Theil des Parks war vom Fenſter aus ſichtbar:— das Wild, wie es aus dem hohen Farrn⸗ kraut hervortrat, das Vieh, wie es nachdenklich an dem Rande des Fluſſes ſtand, die gothiſchen Thürme einer alten Kirche, die in der Ferne erſchienen, und die blauen Hügel von Weſtmoreland, die einen Hintergrund für das Gemälde bildeten. Es war ein Anblick, deſſen man nicht müde werden konnte, und das Innere von Ger⸗ truden's Zimmer ſtimmte zu der Schönheit außerhalb. Es war mit einer Pracht ausgeſtattet, die wohl ſchwer⸗ lich von gutem Geſchmack geweſen wäre, wenn nicht etwas Poekiſches in Allem, bis auf's Kleinſte hinab, — 201 gelegen hätte. Jedes Geräthe, jedes Gemälde, jedes noch ſo kleine Schnitzwerk, die Spiegel, die Tapete, der Schreibtiſch, die Seſſel, die üppigen Lehnſtühle, die Deſſins der Vorhänge, die Formen der Kranzgeſimſe, Alles führte dem Geiſt etwas Schönes in Natur oder Kunſt vor. Blumen, Vögel, lachende Kindergeſichter, Epheukränze und Weintrauben, ſonnige Landſchaften und anmuthige Figuren erſchienen, wohin ſich der Blick wandte, und als Gertrude ihre Augen einen Augenblick lang ſchloß und an Schloß Lifford dachte, ſchien es ihr, als hätte ſie von den eben beſchriebenen Scenen ge⸗ träumt, oder ſie ſei in eines jener Feenſchlöſſer ver⸗ ſetzt worden, die ſie ſich in der Kindheit ſo oft aus⸗ gemalt hatte. In dieſem Augenblick erblickte ſie eine wohlbekannte Geſtalt auf einem rauhhaarigen ſtarken Pony, die ſich auf das Haus zu bewegte und ſchlecht zu der glänzenden Scene um ſie her zu paſſen ſchien, aber ihr im jetzigen Augenblick willkommener war, als alle Schönheiten der Gegend zuſammengenommen. Pater Lifford— denn er war es— ſah bläſſer als gewöhnlich aus; nicht einen Blick ſchenkte er der ſchönen Landſchaft, durch die er kam. Sein ſchwarzer Rock war naß vom Morgen⸗ thau und ſein Haar ſchien grauer als am Tage vorher. Er hatte viel gelitten, von der Zeit an, wo Edgar ohne ſeine Schweſter heimgekommen war und das Haus zu ihrer Rettung in Bewegung geſetzt hatte. Zuerſt dachte er weniger an einen Unfall, als daran, das Kind möchte etwas Unbeſonnenes gethan haben. Er liebte ſie mehr, als er wußte, und war ſtets in Angſt um ihretwillen geweſen, daher ſchauderte er jetzt, als er an ihren Widerwillen gegen die Verhältniſſe, in denen ſie lebte— ihr Schmachten nach Veränderung— ihre ſon⸗ derbaren Fragen und ſeltſamen Launen dachte. Als ihr Pferd, welches von einigen Arbeitern im Felde gefunden worden war, ſpät in der Nacht heimge⸗ bracht wurde, wurde ſeine Unruhe groß, und er hatte 202 es nie ſo ſchwer gefunden, ruhig zu bleiben. Es wurden Leute nach jeder Richtung ausgeſandt, um nach ihr zu ſuchen, und nur in unabläſſigem Gebet vor dem Altare konnte er, indem er ſeinen Kopf in ſeine Hände begrub, ſeiner Gefühle Herr werden. Als die Nachricht ankam, daß ſie in Sicherheit ſei, war ſein einziger Gedanke der, zu ihr zu gehen. Es waren Gründe vorhanden, die ihm den Eintritt in die Mauern von Audley⸗Haus zu⸗ wider machten, aber ſie gingen alle in dem Entſchluſſe auf, nach Gertrude zu ſehen, und, nachdem er vorher ihrer Dienerin den Befehl hinterlaſſen hatte, ihm zu falgen⸗ ruhte er nicht eher, als bis er an ihrem Bette and. Sie reichte ihm die Hand, während die Thränen ihr unaufhaltſam über die Wangen herabfloſſen.„Das iſt eine ſchöne Geſchichte“, brummte er,„eine ſehr ſchöne Geſchichte, daß Du hier an dieſen neumodiſchen Ort gefeſſelt biſt, und Nichts, Niemand, der uns nicht fremd wäre, zu Deiner Umgebung haſt;“ und dabei faßte er ihre Hand und ſtreichelte ſie ſanft, während ſie kaum ein Lächeln darüber unterdrücken konnte, daß er den Schönheiten und Annehmlichkeiten, die ihr gegen⸗ wärtiger Aufenthalt ſowohl in den kleinſten Einzelnhei⸗ ten, als auch dem allgemeinen Ueberblick nach, zeigte, nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken wußte. „Und was iſt jetzt zu thun, mein Kind? Man ſagt mir, Du könneſt nicht gehen, und der Arzt wolle nicht, daß Du von der Stelle bewegt werdeſt. Das iſt fürwahr ein trauiger Vorfall!“ „Lady Clara ſagt, ich müßte hier bleiben, und—“ „Und wie kommt ſie dazu, in dieſer Sache mitzu⸗ ſprechen?“ „Ich wollte ſagen, ſie habe ſich dahin ausgeſprochen, ich dürfe hier bleiben, und mein Fuß ſchmerzt mich auch wirklich bei der geringſten Bewegung ſo ſehr, daß ich glaube, ich könnte mich nicht von der Stelle rühren.“ 203 „Dann ſollſt Du Dich auch nicht von der Stelle rühren. Warum biſt Du ſo unruhig? Kannſt Du Dich nicht ruhig verhalten? So mußt Du alſo, denke ich, hier bleiben.“ „Iſt der Vater böſe auf mich? War er geſtern Nacht in einiger Unruhe um mich?“ „Ei, Du wirſt doch nicht glauben, irgend Jemand unter uns habe ſich beſonderer Seelenruhe erfreut?“ 3„Die arme Mutter! Ich dachte an ſie, ſo lange ich etwas denken konnte.“ „Nun, das war ſchön von Dir. Wir ſagten ihr aber Nichts, bis wir wußten, wo Du biſt.“ „Und Edgar?“ R de9 der Junge! Er weinte, aber er aß Ciniges zu acht.“ Gertrude lächelte und legte die Hand auf den Aermel des alten Mannes. „Vater Lifford, ich glaube, Sie lieben mich, obgleich Sie es nie ſagen.“ 1„Unſinn. Ich liebe Jedermann, das iſt meine flicht.“ „Ei, ich glaube nicht, daß Sie Lady Clara Audley lieben,“ erwiederte ſie boshaft, denn mit ihrem nadel⸗ ſcharfen, durchdringenden Geiſt hatte ſie ſchon lange bemerkt, daß die Gebieterin dieſes Hauſes aus irgend einem unbekannten Grund der Lieblingsgegenſtand ſeiner Abneigung war. Sie hatte ſie zwar nie beiſammen ge⸗ ſehen, aber der bloße Klang ihres Namens genügte jederzeit, um ihn aus der Faſſung zu bringen. „Lady Fiedelbogen!“ antwortete er ungeduldig,„ich wünſche ihr alles Gute, aber—“ In dieſem Augenblicke klopfte es leiſe an der Thüre.— „Das iſt ſte gewiß.“ flüſterte Gertrude. „So, ſo! Da will ich jetzt gehen, liebes Kind, und ein anderes Mal wieder kommen. Iſt noch eine andere Thüre vorhanden?“ rief er aus mit einem Blicke voll 204 wirklicher Noth, aber während er ſich vergeblich be⸗ mühte, zur ei nen Thüre hinauszukommen und ſich in die geſtickten Vorhänge verwickelte, die davor hingen, kam der Feind durch die andere herein und ſchnitt ihm den Rückzug ab. Dieſer Feind war ungefähr achtundreißig Jahre alt, ſah aber junger aus— wenigſtens behalten nicht viele Frauen von achtunddreißig Jahren ſo viel Schönheit— eine ſo zarte weiße Haut, ſo glänzendes Haar und ſolch' eine jugendliche Zartheit der Geſichtszüge. Es lag etwas, was an die mittelalterlichen Zeiten erinnerte, in ihrer Erſcheinung, etwas Ernſtes, Würdiges, beinahe Majeſtä⸗ tiſches, und doch verbunden mit einer eigenthümlich weiblichen Anmuth. Ihre Augen waren nußbraun und etwas hervorſtehend, ihre Haare dunkelbraun und ihre Lippen etwas dick doch nicht zu ſehr, um ſchön zu ſein. Sie war in ein ſchwarzes ſammtenes Kleid, mit weiten hängenden Aermeln gekleidet, ein indiſcher Shawl hing über ihre Schultern und ein Spitzenhäubchen war mit zwei diamantenen Nadeln an die dichten Locken ihres Haares befeſtigt. Sie beugte ſich gegen Gertrude hin und ſagte ihr ſchnell einige gütige Worte, dann wandte ſie ſich gegen Pater Lifford, verbeugte ſich mit Anmuth vor ihm und murmelte etwas davon, ſchon lange nicht mehr mit ihm zuſammengetroffen zu ſein. Er verbeugte ſich zur Erwiederung mit Ernſt und Kälte, aber voll⸗ kommenem Anſtand, denn bei all ſeinem rauhen Weſen verſtand er doch, ſich gebildet zu benehmen. Sie erkun⸗ digte ſich hierauf nach Gertruden's Aeltern in einem gewiſſen halb mitleidigen, halb geheimnißvollen Tone, der ihn zu ärgern ſchien, und er antwortete kurz und abgebrochen auf die Frage. Auf ihre Aeußerungen der Freude über die Gelegenheit, die ſich ihr dargeboten habe, Gertrude in ihrem Hauſe zu ſehen, und der Hoffnung, ſie werde ſo lange bleiben, bis ſie ſich von ihrem Unfall ganz erholt habe,„man werde ihr doch nicht den verwundeten Vogel entreißen, der ſich unter . b 20⁵ ihrem Fittich eingeniſtet habe,“ antwortete er, wie wenn vergifteter Honig ihm in's Ohr gegoſſen worden wäre, und ſagte, ſein Neffe und Lady Lifford würden es ohne Zweifel ſehr bedauern, daß ſie durch den Unfall, der ihre Tochter betroffen habe, beläſtigt worden ſei; aber obgleich die Worte höflich waren, lag doch etwas ſo Froſtiges und Formliches in dem Tone, der ſte beglei⸗ tete, daß Lady Clara, welche es bemerkte, ſagte: „Die Zeit verewigt oft Entfremdungen zwiſchen denen, welche einſt Freunde waren, aber ich erſuche Sie, Lord Lifford mitzutheilen, daß ſeine Tochter hier keine Fremde ſein kann, und daß, wenn er mir ſeinen Schatz anvertrauen will, ich ihn hüten werde, wie ich meinen eigenen hüten würde, wenn der Himmel mir einen geſchenkt hätte. Eine nur noch ernſtere und kältere Verbeugung war des Paters einzige Erwiederung, worauf er ſich ent⸗ fernte, nachdem er Gertruden ſeinen Segen gegeben und verſprochen hatte, einige Dinge, die ſie von zu Hauſe bedurfte, herüberzuſenden. Und nun blieben die Herrin des Zauberſchloſſes und ihr junger Gaſt allein zuſammen. Lady Clara paßte gut zu dieſem Wohnort. Sie hatte ihn meiſtens ſelbſt geſchaffen, und er ſchien in jedem Theil den Eindruck ihres Geiſtes und Geſchmackes an ſich zu tragen. Sie war von dem Tage ihrer Geburt an eine in Pracht und Vergnügen auferzogene Dame geweſen, aber nicht in gemeiner Pracht, oder in ſinnloſem Vergnügen. Die Natur hatte ihr eine ſanfte Gemüthsart, Liebe zum Schönen und ein liebevolles, edles Herz gegeben. Die Erziehung hatte Anſtand, Anmuth und feine Sitten hinzugefügt. Nichts Gemeines oder Laſtethaftes war ihr nahe gekommen. Sie hatte weder gelitten, gekämpft, noch gefündigt, wie die Welt es anſieht, und war das chef d'oeuvre deſſen, was glückliche Anlagen, weltliche Erziehung der beſten Art und irdiſche Schutzmittel vor . 206 Verführung bewirken können. Mit einer kleinen Abän⸗ derung konnte ſie wohl in folgenden Worten eines lebenden Dichters beſchrieben werden: „So ſanft und milde ſchwebte ſie durch's Leben, Wie ſanfte Lüftchen ſich um Mittag nah'n, Wie leichte Dünſte über'’m Fluſſe ſchweben, Wie Wölkchen leicht auf ihrer Himmelsbahn. Sie fragte nie nach Beifall, nach dem Loben Vom lauten Markt, vom wilden Menſchendrang, Sie zog der inn're Sinn und Geiſt nach oben, Still tönt' in ihr ein himmliſch goldner Klang. Rein war ſie, gleich dem Lilienkelch, dem ſüßen, Der kühn ſich aufſchließt vor des Lichtes Strahl, Den ſelbſt die Sterne brüderlich begrüßen, Denn ihn, wie ſie, entweiht kein ſchmutzig Mal. Ihr hoher Geiſt, ein Tempel einſt des Schönen, War ſeines Glanzes nun und Schmucks beraubt, Weil rauher Pflicht Gebot und Schmerzens⸗Stöhnen Den heil'gen Wald im wilden Sturm entlaubt.“ Als ſie eben auf dem Uebergangspunkt von dem frühen Mädchenalter zur Weiblichkeit ſtand, ſchön wie der Traum eines Dichters, wie das Ideal eines Malers, war ſie dem jungen Gebieter von Schloß Lifford in die Augen gefallen. Er ſah ſie auf einem Grafſchaftsball; er wurde zu einer Zuſammenkunft in einem benachbar⸗ ten Landhaus, und dann in ihres Vaters Haus einge⸗ laden, und verliebte ſich bis zum Sterben in ſie. Es war eine jener heftigen, verzehrenden Leidenſchaften, welche wilde Zerſtörung in dem Herzen eines Mannes anrichten. Er war ſchön und geiſtreich; ſie fand Ge⸗ fallen an ihm, und gab ohne Zögern ihre Zuſage, als er ihr ſeine Hand antrug. Ihre Eltern, obgleich ihnen die Verbindung mißfiel, dachten nie daran, dem Willen ihres Abgotts entgegenzutreten, und alle miteinander 4 207 gingen nach London und Lady Clara wurde mit Hein⸗ rich Lifford verlobt. Aber eiferſüchtig, tyranniſch und ſtolz— entfremdete er ſich bald die Neigung, welche das ſchöne, verzogene Kind für ihn gefühlt hatte. Die Ausbrüche ſeiner wilden Leidenſchaft beunruhigten und erſchreckten ſie. Ihrem ſanften, zarten, reinen Weſen ſagte der Reiz und das Gefühl gegenſeitiger Zuneigung mehr zu, als ſeine Art zu lieben, denn im einen Augen⸗ blick betete er ſie an, im andern machte er ihr Vor⸗ würfe, und darum brach ſie das Verlöbniß ebenſo un⸗ bedenklich ab, wie ſie es eingegangen hatte, und ohne Kampf oder Bedauern— wie ſie einen Blumenſtrauß, an dem ſie ein Dorn geſtochen hatte, weggeworfen haben würde— entließ ſie ihn auf einmal und ging ihren Weg fott, ſo frei, ſo glücklich, ſo ruhig, als hätte er nie ihren Pfad durchkreuzt. Er wurde beinahe wahnſinnig vor Zorn und Ver⸗ zweiflung; da erwachte aber ſein Stolz, der ſo mächtig in ihm war, wie das Leben ſelbſt, und verlieh ihm Stärke, alle äußerlichen Ausdrücke der Liebe oder des Bedauerns zu unterdrücken; allein, wie bei einem er⸗ loſchenen Vulkan, der jede Spur von Vegetation ver⸗ nichtet hat, und nur wüſte, öde Trümmer hinter ſich zurückläßt, ſchien die ſo plötzlich erloſchene Flamme jede Spur von ſanften Gefühlen und Zuneigung aus ſeinem Herzen ausgebrannt zu haben. Er ging beinahe un⸗ mittelbar darauf nach Spanien und heirathete dort die ſchöne Anguſtia, aber kaum war die Hochzeit vorbei, ſo fühlte er ſich auf immer elend; und ſeine kalte Bewunderung — wenn nicht ſelbſt dieſer Ausdruck zu ſtark iſt— oder vielmehr die Beiſtimmung zu dem allgemeinen Rufe ihrer Schönheit, die er zu erkennen gegeben hatte, verwandelte ſich in ein Gefühl der Abneigung, das er ſich wenig Mühe gab, zu verbergen. Als ſie nach England zurückkehrten, hatte Lady Clara Herrn Audley, den Eigenthümer ausgedehnter Beſitzungen, ungefähr zwölf Meilen von Lord Lifford's 208 Wohnſitz, geheirathet, und ſie hielten ſich gewöhnlich einen Theil des Jahres dort auf. Er wollte ſie weder ſehen, noch zu vermeiden ſcheinen— und gänzliche Ab⸗ geſchloſſenheit von der Welt war das, wozu er ſich ent⸗ ſchloß. Er wagte es kaum, über ſeinen Grund und Boden hinaus zu reiten, aus Furcht, ihr zu begegnen. Einmal im Lauf von ſechszehn Jahren geſchah dieß, und da ließ die Todtenbläſſe ſeiner Wange und der Aus⸗ druck ſeiner Augen es im Zweifel, von welcher der beiden oben erwähnten Leidenſchaften ſein Herz erfüllt wurde. Während deſſen ſchwamm ſie wie ein Schiff den Strom des Lebens hinab„mit Jugend am Vordertheil und Vergnügen am Steuer.“ Der Mann, mit dem ſie ſich verbunden hatte, war jung, hübſch und liebenswürdig. Sie liebte ihn hinlänglich, und nicht zu ſehr für ihr Glück— hinlänglich um ihr das Leben in ſeiner Geſell⸗ ſchaft angenehm zu machen, nicht zu ſehr, um ihr jene Schmerzen zu bereiten, die mit einer verzehrenden Nei⸗ gung beinahe unumgänglich verknüpft ſind. Es war bisweilen unmöglich, ſie zu ſehen und ſprechen zu hören, ohne zu fühlen, daß in ihrer Natur eine Kraft zu lieben lag, die nicht vollig, in's Leben gerufen worden war. Sie hatte nie Kinder gehabt und hatte dieſen Mangel nie gefühlt; denen, welche ſie um⸗ gaben, erſchien ſie ſelbſt beinahe im Lichte eines Kindes, obgleich ihre Gemüthsart in der That nicht kindlich war; aber ſie lebte in einer Welt der Schönheit und des Luxus, des gebildeten Umgangs und der Unterhal⸗ tung, welche die Stelle der ernſteren Sorgen und Pflichten des Lebens vertrat. Liebe zur Natur und Kunſt, vorübergehende, aber nicht zu verachtende Ver⸗ ſuche in literariſcher Thätigkeit, Verkehr mit Männern von Geiſt, Schaffung des irdiſchen, geiſtigen und poeti⸗ ſchen Paradieſes, das ſie umgab, waren es, worin ſie die Gefühle und die Kräfte entfaltete, die auf keine an⸗ dere Weiſe zur Thätigkeit gerufen worden waren. Studium, Lectüre und geſellſchaftlicher Umgang nahmen ihren v e. — 2⁰09 Geiſt in Anſpruch, und eine Reihe von Beſchäftigungen und Launen, die meiſtens unſchuldiger Natur waren und, ſobald ſie ihrer überdrüſſig wurde, wieder aufge⸗ geben wurden, füllten ihre Zeit aus. So war Lady Clara Audley's Leben beſchaffen; es hatte das gewöhn⸗ liche Ziel menſchlichen Glückes überſchritten. Daß ſie glücklich zu ſchätzen war, das werden Einige als aus⸗ gemacht annehmen, während Andere noch darüber im Zweifel ſein mögen, je nach der Anſicht oder den Grund⸗ ſätzen, die ſie in Bezug auf das Weſen des Glückes haben mögen. Sie war der Lebensart, die ihr erſter Liebhaber und ſeine aus Spanien mitgebrachte Frau angenommen hatten, mit Verwunderung und neugieriger Beobachtung gefolgt. Sie ſann manchmal— nun, wo jene Zeit längſt vergangen und bloß eine Seite in dem Buch der Geſchichte ihrer Jugend geworden war— über die Art von Leidenſchaft nach, die er für ſte empfunden hatte; und obgleich ſie ſich von Herzen Glück wünſchte, einer ſolchen Verbindung entgangen zu ſein, betrachtete ſie die Thore von Schloß Lifford doch ſelten ohne ein ſeltſames Gefühl der Neugierde und Theil⸗ nahme. Es war daher für ſie eine Sache von keiner gewöhnlichen Bedeutung, als der Zufall Heinrich Lif⸗ ford's Tochter in ihr Haus führte, von deren Schöͤnheit he chon Vieles durch Mark Apley und Andere gehört atte. Nach einigen einleitenden Verſicherungen des Danks auf der einen und freundlichen Erwiederungen auf der andern Seite, blickte Lady Clara Gertruden auf⸗ merkſam an und ſagte: „Sie ſehen Ihrem bater ähnlich, nach meiner Meinung,— aber ich glaube, Sie haben die ſpaniſchen Augen ihrer Mutter.“ „Sie haben ihn alſo geſehen?“ „Vor vielen Jahren, als wir beide jung waren.“ „War er je jung? Ich kann ihn mir nicht anders vorſtellen, als wie ich ihn immer gekannt habes aber Lady⸗Birb. I. 210 ich kann mir wohl denken, daß ich ihm ähnlich ſehe: ich fühle es bisweilen.“ Lady Clara lachte.„Wie ſonderbar, zu fühlen!“ Dann, als ſie ſah, daß ihre Augen gegen das Fenſter gerichtet waren, fuhr ſie fort: „Sie ſcheinen Gefallen an meinem Garten zu finden. Haben Sie, wie ich, eine Leidenſchaft fuür Blumen?“ „Für Einige, aber ich haſſe andere; eine Tiger⸗ Lilie zum Beiſpiel und alle Arten von Frauenſchuh.“ „Ich glaube, daß Sie Recht haben, und daß es ebenſo thöricht iſt, dieſe allgemeine Frage zu ſtellen, als wie zum Beiſpiel ſolche: Sind Sie ein Freund von Kindern, oder ſind Sie ein Freund von Hunden? Ich habe Jemand ſagen hören, man könne ebenſo gut ſagen:„Sind Sie ein Freund von Leuten?“ Was kann verſchiedener ſein, als eine Päonie und eine Roſe?“ „Nichts,“ antwortete Gertrude mit einem zögernden Lächeln,„ausgenommen einige Geſichter, die ich geſehen habe und“— ſie ſtockte. „Was wollten Sie ſagen?“ „O, ich dachte an das Ihrige und an das von Frau Apley.“ Lady Clara lachte, denn die Vergleichung war wirklich an ihrem Platze. 3 „Ja, im erſten Augenblick, da ich Sie ſah, erin⸗ nerten Sie mich an die Moosroſe, die ſchönſte und reichſtgeſchmückte der Blumen.“ „Ei, haben Sie die ſchöne deutſche Fabel über dieſen Gegenſtand geleſen?“*) „Nicht im Deutſchen, aber Moriz Redmond hat ſie für mich überſetzt und in Muſik geſetzt.“ *) Die Verfaſſerin bezieht ſich hier auf die Parabel von Krummacher:„Die Moos⸗Roſe“, die ſie aber in dem nachfolgenden Gedichte ſehr frei umgeſtal⸗ tet hat. Anm. d. Ueberſ. 211 „Was, mein hübſcher junger Muſiklehrer? iſt er auch ein Dichter? Können Sie mir die Worte der Ueberſetzung wiederholen?“ „Ich weiß nicht recht, ob ich ſie noch weiß; aber ich glaube, ſie lauten ſo: „Der Blumen⸗Engel flog durch's Thal Und weckte Leben überall, Und kam zum ſtolzen Roſenſtrauch, Der prangete von ſeinem Hauch. Ermattet von der ſüßen Luſt, Gekreuzt die Schwingen auf der Bruſt, Schlief hier der Blumen⸗Engel ein Beim Silber⸗Quell am grünen Rain. Der Strauch in ſchwüler Mittags⸗Stille, Umfing ihn mit der Düfte Fülle, Und goß mit ſeinem grünen Haus Den kühlen Schatten um ihn aus. Erquickt vom Schlummer wacht er auf, Sieht dankbar zu dem Strauch hinauf Und ſpricht: O ſage mir ſogleich, Du Königin im Blumenreich, Was ich von dir genoſſen habe, Wie lohn' ich dir's mit einer Gabe? Die Roſe, wie ein eitles Kind Muthwillig lächelnd, ſpricht geſchwind: „Erfüllt' ich meine Pflichten Dir, So gib mir eine neue Zier!⸗ Verſtimmt empor der Engel fuhr, Doch eh' er ſchied von dieſer Flur, Zu züchtigen der Roſe Stolz, Ergreift er aus dem nahen Holz Nur eine Hand voll ſchlechtes Moos Und ſtreut es über ihren Schooß. Allein, ein ſolch neu grün Gewand Der Roſe nun ſo wohl anſtand, 212. Daß doch zuletzt der Engel ſprach: „Sie hat nun erſt, was ihr gebrach.: „Ich möchte gerne eine Statue zu dieſem Gegen⸗ ſtand haben,“ bemerkte Lady Clara.„Der Engel der Blumen, wie er der eitlen Roſe das Moos anhängt; und dann könnten wir ſie in den Mittelpunkt einer Laube von weißen und rothen Moosroſen ſtellen;— wäre es nicht allerliebſt? Ich will Sie nicht fragen, ob Sie an Statuen Vergnügen finden, denn ich ſetze voraus, Sie haben bis jetzt noch nicht viele geſehen, aber ich bin überzeugt, daß Ihnen alles Schöne und Poetiſche wohl gefällt, ſonſt muͤßten nur Ihre Augen falſch für Sie zeugen. Sagen Sie mir, iſt es wahr, daß man Sie im Dorfe Stonehouſeleigh Lady⸗Bird nennt?“ „Ja, ich glaube, daß ich dort unter dieſem Namen wohlbekannt bin.“ „Alſo ſo verhält ſich das; ich hielt einmal in meinem Wagen an der Thüre einer Hütte und eine kleine Krabbe rief laut: Da geht Lady⸗Bird! Ich rief das Kind zu mir und fragte es, wen es meinte; es wußte nichts, als nur immer zu wiederholen: Lady⸗ Bird—; dann kam ſeine Mutter heran und ſagte mir, es meine Miß Lifford. Ich war ſo ärgerlich, daß ich Sie nicht geſehen hatte, denn ich hatte mir das ſchon lange gewünſcht. Aber dieſer Name macht einen wun⸗ derbaren Eindruck auf meine Phantaſie. Es iſt etwas Alterthümliches daran, und ich liebe alles Beſondere und Eigenthümliche,— alte Bücher, alte Namen, alte Vorhänge und alte Häuſer. Verglichen mit der Ver⸗ gangenheit, iſt die Gegenwart ganz abgeſchmackt.“ Gertrude blickte im Zimmer herum, dann deutete ſte auf das Fenſter und ſagte:„Wenn Audley⸗Park die Gegenwart und Schloß Lifford die Vergangenheit iſt, dann kann ich Ihnen nicht beiſtimmen, Lady Clara.“ Die Letztere lächelte über die unbewußte Anſpielung, 213 die in Gertruden's Worten lag, und ſagte:„Ich habe dieſen Wohnſitz ſelbſt errichtet, den Plan und Entwurf dazu gemacht und ihn vor meinen Augen entſtehen ſehen. Es war, als ob ich ein Gedicht ſchriebe; aber nun, da es zu Ende gebracht iſt, bin ich es überdrüſſig, es immer wieder zu uͤberleſen.“ „Ich wünſchte wohl, mit der Zeit auch einmal eine ſolche Feder zu fuͤhren; aber Ihr Gedicht zu leſen, iſt mir für den Augenblick Vergnügen genug. Mit einer frenden Perſon zu ſprechen, iſt ein Ereigniß in meinem eben.“ „Und doch ſind Sie nicht verlegen gegenüber von mir, meine niedliche Lady⸗Bird.“ „Ich habe gar keine Idee davon, wie man eine Unterhaltung führt. Ich muß mich wundern, daß ich nur überhaupt ſprechen gelernt habe.“ „Ich ſtelle mir vor, daß dieß Talent auf innerer Anſchauung beruht, und daß es um ſo beſſer iſt, je weniger Kunſt dabei iſt.“ „Finden Sie Nichts von Kunſt an mir, Lady Clara?“ „„Ja, darüber kann ich jetzt noch kaum urtheilen. holten i Kunſt iſt es, wenn man keine zu beſitzen eint.“ „O dann, denke ich, muß an Ihnen ſehr viel Kuͤnſt ſein.“ „Ein Compliment, Lady⸗Bird!“. „O nein; ich ſpreche von Ihnen gerade, wie ich von den Blumen im Garten ſprechen würde. Ich ſage, was mir in den Kopf kommt, und wenn es ſchmeichel⸗ haft iſt, ſo iſt dieß mehr ein Glück für mich als für Sie.“ „ Wiſſen Sie wohl, daß Sie mich allerliebſt unter⸗ halten? Ich hoffe, man läßt Sie eine Weile bei mir bleiben. Ich habe von der Art und Weiſe des Pater Lifford noch keine rechte Anſchauung gewinnen können. Sieht er immer ſo ſtreng aus?“ 214 „Er iſt nicht in die Tonart des Lächelns geſetzt, das iſt gewiß; aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, Lady Clara, daß er auf Sie mit weniger wohlwollen⸗ den Blicken hinſieht, als auf die übrige Menſchheit oder Weiblichkeit. Kannten Sie ihn auch in ſeiner Ju⸗ gend ſchon?“ „Beſtes Kind, er muß nahezu vierzig geweſen ſein, als ich auf die Welt kam!“ „Ei, warum nimmt er denn ein Geſicht ſo ſchwarz wie ein Gewitter an, wenn auf Sie die Rede kommt? Was können Sie ihm gethan haben?“ Lady Clara ſah einen Augenblick nachdenklich aus, dann ſagte ſie:„Wenn wir Sie nur hier behalten kön⸗ nen, dann ſoll Ihre Wiedergeneſung die angenehmſte Sache von der Welt ſein. Wir wollen Sie ſanft die Treppe hinunterführen und Sie im Gewächshaus auf das Sopha legen, mitten unter den Camellien und Orangenbäumen; dann ſollen Sie in einem Garten⸗ ſtuhle langſam durch den Roſengarten geſchoben werden und etwas ſpäter in unſerm kleinen Boot auf dem Fluſſe fahren, und Jedermann hier wird Ihnen den Hof machen. Eine Menge Perſonen hier im Hauſe tragen Verlangen, Sie zu ſehen: meine Couſine, Lady Roslyn, alle Apley's, Herr und Frau Croften und Adrian d'Arberg,— und Moriz, wie Sie unſern jungen Muſiker nennen, kommt am Donnerstag.“ „Iſt Herr d'Arberg hier?“ fragte Gertrude mit einem Blicke plötzlicher Theilnahme, der der Aufmerk⸗ ſamkeit der Lady Clara nicht entging., „Ja. Sind Sie bekannt mit ihm?“ „Ich kann kaum Ja ſagen; und doch iſt es mir, als kennte ich ihn gut, denn ich habe ſeine Bücher geleſen.“ „Ich glaube, Sie werden ſich von ſeiner Perſöon⸗ lichkeit ebenſo angezogen fühlen, wie von ſeinen Schrif⸗ ten. Ich habe nur wenige ſo ſchöne Männer gefunden und keinen, der denſelben Zauber der äußern Erſcheinung und des Benehmens beſeſſen hätte.“ 215 „Ich habe ihn einmal geſehen,“ bemerkte Gertrude ruhig und wechſelte dann den Gegenſtand des Geſprächs, indem ſie einige Fragen über eine Anſicht von Tivoli that, die über dem Kamin hing. Es war ihr genug, zu hören, daß ſie ihn wieder ſehen ſollte. Sie verſchloß dieſes Glück in das Geheim⸗ niß ihres Herzens und empfand keine Neigung, davon zu ſprechen. Lady Clara erklärte ihr die Lage der Waſerfälle und ſagte, indem ſie aufſtand, um weg⸗ zugehen: „Für heute verordnet der Doktor noch tiefe Ruhe; nichts als kurze einfältige Beſuche von mir; aber mor⸗ gen, hoffe ich, wird ſeine Strenge ſich legen und meine Lady⸗Bird wird anfangen, ihre Beſuche zu empfangen. Jemand ſagte, daß ein Kranker, den man beſuchen könne, ein unerläßlicher Beſtandtheil der Vergnügungen eines Aufenthaltes in einem Landhauſe ſei. Stellen Sie ſich vor, was für eine Hilfsquelle Sie für meine Gäſte ſein müſſen, die, nachdem ſie eine Woche hier ind, jetzt eben anfangen, von Charaden und lebenden Bildern zu ſchwatzen, und, was das Schlimmſte von Allem iſt, von jeux d'esprit;“ und mit einem Kuſſe öhmn Lady Clara für den Augenblick von Gertrude ied. Dieſe blieb zurück, indem ihre Wange auf dem geſtickten Kiſſen ruhte, ihre Augen vor Aufregung fun⸗ kelten, ihre Hände mit ihren Ringen ſpielten, und nur eine Furcht zwiſchen ihr und dem vorausgenommenen Entzücken ſtand, das in ihrem Herzen klopfte. Sie hegte die Beſorgniß, ihr Vater möchte faſt auf jede Gefahr hin ſie nach Hauſe verlangen, ſobald ſie das Bett verlaſſen könnte; und hätte ſie ſeine Geſinnungen über Audley⸗Park und die Gebieterin davon gekannt, oo würde ſie das noch weit mehr gefürchtet haben. Sie ſah ſich von dieſem bezaubernden und jetzt an tiefem Intereſſe ſo reichen Orte weggeriſſen und in das düſtere Zimmer zurückgeführt, das ſie ſo oft zu verlaſſen ge⸗ 216 b wünſcht hatte, und das keine angenehmen Gedankenver⸗ bindungen ihr theuer machten. Auf ſo viel Vergnügen und ſo viel Unluſt eröffnete ſich ihr eine ſolche Doppel⸗ Ausſicht daß ſie in dieſem bangen Zuſtande kaum hätte ruhig bleiben koönnen, und wahrſcheinlich im Laufe des Tages einen ernſten Fieberanfall erlitten haben würde, wenn nicht ihr Mädchen mit den Gegenſtänden, wonach ſie geſchickt hatte, und mit Nachrichten von Hauſe ange⸗ kommen wäre. .Es wurde ihr mitgetheilt, daß an dieſem Morgen mit der Poſt eine Nachricht aus Spanien eingelaufen war, die Lord Lifford's perſönliche Erſcheinung daſelbſt unumgänglich nöthig machte, um die Rechte ſeiner Ge⸗ mahlin auf eine Erbſchaft ſicher zu ſtellen, die ihr un⸗ vermuthet zugefallen war. Er hatte augenblicklich Vor⸗ bereitungsmaßregeln zur Abreiſe getroffen und wollte noch dieſen Abend abreiſen und Edgar mit ſich nehmen. „Aber was ſagte er über mich, Hannchen? Hörteſt du etwas von Mama oder von Pater Lifford?“ 3 „Iſabella ſagte mir bloß, während ich die Sachen packte, Ihre Mutter ſei darüber erſtaunt geweſen, daß Ihr Vater nicht ein Wort über dieſen Gegenſtand ge⸗ ſprochen habe, und ſie habe ihn auch nicht gegen ihn erwähnt. Natürlich alſo, Fräulein, dürfen Sie ſich nicht rühren, bis der Doctor ſagt, daß Sie es thun können, und Pater Lifford wird ohne Zweifel den Wagen ſen⸗ den, um Sie abzuholen, wenn die Zeit dazu kommt; und ſomit brauchen Sie ſich keine Sorgen darüber zu machen.“ „Vermuthlich bleibt mein Vater einige Zeit weg?“ „Zwei Monate wenigſtens, hörte ich ſagen.“ Darauf ſchwieg Gertrude und war ganz erträglich befriedigt. Sie konnte nun allem Anſchein nach an dem Orte, wo ſie ſich befand, wenigſtens einige Tage verweilen, und ſie zweifelte nicht daran, ihrer Mutter Erlaubniß zu einem zweiten Beſuch in Audley⸗Park vor ihres Vaters Rückkehr zu bekommen. 217 Nachmittags kam Edgar, um nach ihr zu ſehen, und beſtellte Lord Lifford's Entſchuldigungen an Herrn Audley, nicht an Lady Clara, wegen der Unruhe, die Gertrude in ſeinem Hauſe verurſache, und ſein Bedauern darüber, daß ſeine eigene plötzliche Abreiſe nach Spa⸗ nien ihn verhindere, ſich perſönlich einzufinden und ſeinen Dank für die Güte auszuſprechen, die ſeiner Tochter widerfahre. Herr Audley, der von der ganzen Geſchichte ſehr wenig Kenniniß genommen hatte, war ganz überraſcht, ſich ſelbſt dabei plötzlich ſo ſehr in den Vordergrund geſtellt zu ſehen, aber er war äußerſt artig und ver⸗ bindlich, war überzeugt, daß es für Lady Clara ein großes Vergnügen ſei, hoffte, Miß Lifford würde ſo lange als möglich bei ihnen bleiben, und andere freund⸗ liche Ausdrücke aller Art. Dann traf Edgar auf der Station mit ſeinem Vater zuſammen, und nichts kam unter ihnen zur Sprache, als eine kurze Frage, ob es mit Gertruden ordentlich gehe, und die bejahende Ant⸗ wort darauf— die ohne eine Bemerkung hingenommen wurde, und beide waren dieſe Nacht in London und ſchifften ſich den andern Tag nach Spanien ein. Es war Lord Lifford's Stolz, was ihn zu einer Handlung des guten Anſtandes genöthigt hatte, die ihn ſehr viel koſtete, die ihm aber doch ſeine gute Erziehung zu unterlaſſen nicht erlaubte; aber es kam ihm vor, als ſei Gertrude dazu beſtimmt, ihm eine immerwährende Quelle von Verdruß zu ſein, und nun hatte der Zufall ſie mit dem wunden Fleck in Verbindung gebracht, der ſo lange in ſeinem Herzen geeitert hatte. Gertrude ſchrieb kleine, frohgelaunte Briefe an ihre Mutter, worin ſie ſprach von ihrem Vergnügen über den Ortswechſel, den ihr Mißgeſchick ihr ſo unerwartet verſchafft habe— von der großen Güte der Lady Clara und ihrem Wunſch, ſie ſo lange als möglich zu behal⸗ ten; aber ſie fügte hinzu, daß ſie, ſo bald als ſie könne, heimkehren müſſe, um ihr zu zeigen, daß ſie wieder 218 wohl ſei— und daß ſie unterdeſſen jeden Tag ſchreiben wolle. Mit einem halben Lächeln, einem halben Seuf⸗ zer gab Lady Lifford dieſe Briefchen ihrem Onkel, der dazu eine Priſe nahm und ausrief:„Ach! närriſches Volk, Ihr alle mit einander!“ Wen Alles er in dieſes allgemeine Verdammungsurtheil einſchloß, war nicht ſo recht erſichtlich, aber Lady Lifford fand ihre Beruhigung in der großen Anzahl, und ihre Befriedigung darin, daß er auf alle Fälle ſie nicht ſtrenger tadle, als die Uebrigen, wer immer ſie ſein mochten, die er ſo unbe⸗ ſtimmt bezeichnete. Zwölftes Kapitel. „»Sag an' was iſt des Lebens Sinn, Des Menſchen wahres Ziel? Das Drama, das wir geben, iſt's Luſt⸗ oder Trauerſpiel? Der ſchlägt die Zeit mit Poſſen todt, Der quält ſich ſpät und früh, Der meint, man ſei zum Lachen da, Und der, zu Sorg' und Müh. O wähle du das beſte Theil! Erfaſſ' das wahre Ziel! Des Leben heilig ernſtes Amt Mach' nicht zum Poſſenſpiel! . Cowper. Am dritten Tage nach dem Unfall, der Gertrude zugeſtoßen war, ſaß Lady Clara Briefe ſchreibend in ihrem Frühſtückszimmer, das auf der einen Seite ſich nach einem Gewächshaus öffnete, welches eine Art von Empfangszimmer bildete, und auf der andern nach ei⸗ nem Bücherſaale, wo mehrere ihrer Gäſte verſammelt waren. Die drei Fräulein Apley ſaßen um einen Liſch, die eine beſchäftigt mit einer ſchwierigen Stickerei, die andere mit der Zeichnung eines Planes für einen 219 Blumengarten, und die dritte, Henriette, genannt Herzkirſche, mit einem Notenheft, worein ſie ſich deutſche Walzer abſchrieb. Frau Crofton und Frau Apley laſen am Fenſter die Zeitungen; mehrere Herren lehnten da und dort im Zimmer umher, und der Klang von Billard⸗Bällen aus dem nächſt anſtoßenden Zimmer kuͤndigte an, daß dort Andere die Zeit auf eine etwas thätigere Weiſe tödteten. „Henriette,“ ſagte Frau Crofton,„haben Sie ſchon nach Miß Lifford geſehen?“ „O ja, ich ging geſtern Abend nach dem Eſſen in ihr Zimmer hinaufV; ſie ſieht ſchöner aus, als je.“ „Ei ſo, iſt das Deine Meinung?“ rief Fanny, die nächſte Schweſter aus;„meine Erwartungen hat ſie nicht erfüllt. Haſt Du nie bemerkt, daß ihre Zähne nicht ganz eben ſtehen?“ „Was Fehler⸗Entdecken betrifft, Fanny, ſo habe ich darin niemals eine Meiſterin kennen gelernt gleich Dir“, ſagte Mark Apley, indem er Blätter an einem hohen Geranium⸗Strauch abpflückte, der ſcheinbar aus der Mitte einer Ottomane herauswuchs, worauf er nahezu in ſeiner vollen Länge ausgeſtreckt lag.„Gibt es an irgend einem Ding einen Fleck, einen Riß oder Knick, ſo darf man ſicher darauf rechnen, daß Du wie ein Falke darauf ſtößeſt. Nun, unſere Herzkirſche findet Vergnügen am Bewundern und mich dünkt, daran thut ſie recht.“ Fanny legte die Feder aus der Hand, denn ſie war es, die die Muſtkalien abſchrieb; ſie ging zu ihm hin und ſagte leiſe etwas zu ihm, worüber er lachte und roth wurde; dann ſagte er, doch ohne böſe zu werden:„Laß mich in Ruhe und reiß' mir den Knopf nicht vom Rocke! Komm, wir wollen den Billard⸗Spielern zuſehen.“ „Nein, das thu' ich nicht! Dein Freund Adrian hat ohnedieß ſchon zu hohe Begriffe von ſich; wir brauchen nicht auch vollends hinzulaufen und ihn anzu⸗ gaffen.“ 220 „O Fräulein Fanny, es wäre ein Glück für Dich, wenn Du nur halb ſo viel Begriffe in Deinem kleinen närriſchen Kopfe hätteſt, als in ſeinem weiſen zu fin⸗ den ſind.“ „Du biſt ſo entiché mit ihm.“ „Menge keine franzöſiſchen Wörter in Deine Rede, wie Lady Roslyn— es iſt ſo affectirt.“ „Was? Du wirſt doch Lady Roslyn nicht afefectirt nennen?“ „Je nun, nein; aber dann—“ „Wenn ſie affectirt iſt,“ ſiel Frau Crofton ein,„ſo muß ſie, dünkt mich, ſo geboren ſein. Ich bin über⸗ zeugt, daß ſie in der Kinderſtube nach einer tartine ſchrie, anſtatt nach Butterbrod, wie andere Kinder.“ Herr Latimer, einer von den Männern, die vor dem Camine ſitzend geleſen hatten, legte ſein Buch nie⸗ der und ſagte:„Es gibt Perſonen, die die Natur mit Stelzen verſehen hat, und die mögen dann auf ihre Weiſe ganz angenehm ſein, aber es taugt nichts, ſich ſelbſt damit zu verſehen.“ „Drum eben, kleine Fanny,“ ſagte Mark,„mache Du keinen Verſuch, auf Stelzen zu ſteigen; Du biſt ein ganz artiges Ding auf Deine Weiſe, aber auf keine andere Weiſe, und gewiß nicht auf die der Lady Roslyn, der Du ebenſo wenig ähnlich biſt, als Dein netter Fido dem Windſpiel der Lady Clara. Biſt Du böſe, mein Schätzchen?“ „Tout autre que mon ffrère] l'eüt éprouvé sur l'heure,“ antwortete ſte lächelnd.„Das iſt ein Brocken von aufrichtigem Franzöſiſch; dagegen haſt Du doch nichts einzuwenden? Und nun.“ fugte ſie mit gedämpf⸗ ter Stimme hinzu,„laß uns ins Billard⸗Zimmer gehen, und Anſtand lernen von Herrn Crofton, Würde von Herrn Aſhton und jede menſchliche Vollkommenheit von Herrn Adrian d'Arberg.“ 3 Die letztgenannte Perſon ſtand, als ſie ins Zimmer traten, am Fenſter, in dieſem Augenblick verſunken in 221 ihre Gedanken, welche Fanny etwas unverſtändiger Weiſe, immer nur der Einbildung zuſchrieb. Nicht mit ihr beſchäftigt zu ſein, ſetzte nach ihrer Meinung eine zu große Beſchäftigung mit ſich ſelbſt voraus. Wenige Menſchen hätten mit mehr Recht von ſich ſelbſt eingenommen ſein dürfen, wenn Vorzüge der äußeren Erſcheinung und des Geiſtes und Gaben des Glücks eine ſolche Geſinnung rechtfertigen könnten: eine regelmäßige Schönheit der Geſichtszüge, wie man ſie ſelten im wirklichen Leben findet; Augen, die, ohne gerade ſehr groß zu ſein, doch vollkommen ſchön ge⸗ ſchnitten waren, und von dichten Augbrauen ſo be⸗ ſchattet, daß ſie dunkel ſchienen, während ſie doch blau waren, mit einem ſo ernſten Ansdruck, daß man ſie beinahe für melancholiſch hätte halten können, wenn nicht Heiterkeit in ihren innerſten Tiefen geherrſcht hätte; eine Miſchung von Ruhe und Beweglichkeit, das war das eigenthümliche Gepräge dieſer ungewöhnlichen Per⸗ ſönlichkeit. Seine raſchen Gedanken ſchienen vor ihm ſelbſt in lichtvoller Ordnung vorüber zu ziehen, und einem allezeit thätigen Geiſte jeden Augenblick eine neue Reihe von Betrachtungen und eine Klarheit einzu⸗ geben, die beinahe ſein Geſicht zu vergeiſtigen ſchien. Viele waren, wie Fanny Apley, geneigt, ihn zu miß⸗ verſtehen, weil er ſo oft in ſein Nachdenken verloren war, ſo daß er auf die Bemerkungen Anderer nicht Acht gab, und ihre Aufmerkſamkeit auf ihn ſelbſt nicht wahrnahm. Er verfolgte zuweilen ſeine Ideen auf eine Weiſe, die einem oberflächlichen Beobachter, der die tiefe Einfachheit dieſes ungemeinen Charakters nicht verſtand, wie Egoismus erſcheinen konnte. Niemand vergaß jemals ſich ſelbſt ſo vollſtändig, wie Adrian d'Arberg. Er war tief religiös, und in ſeiner Natur lag ein Hang zum Myſticismus, der ihn zu einer allzu vertieften und metaphyſiſchen Anſchauung des Gottes, den er anbetete, hätte verleiten können, wäre nicht die ſtarke Hand der katholiſchen Religion über ihm geweſen, * 222 die jede übertriebene Neigung oder phantaſtiſche Rich⸗ tung in ihren Schranken hielt, und zu einer von Natur feurigen Einbildungskraft und einem forſchenden Ver⸗ ſtande ſprach:„Bis hieher und nicht weiter.“ Er war von Abkunft ein Deutſcher, durch Geburt und ebenſo durch Lebens⸗Stellung ein Franzoſe, und war zum Theil in England erzogen worden. Alle dieſe Umſtände ſchienen mehr oder weniger zur Bildung ſei⸗ nes Charakters und zur Stimmung ſeiner Seele beige⸗ tragen zu haben. Er wäre vielleicht ein Träumer ge⸗ worden, wäre nicht ſein Leben von ſeiner früheſten Jugend an nützlichen Zwecken gewidmet, und wäre nicht der leidenſchaftliche Wunſch, ſeinen Mitgeſchöpfen zu dienen, zu gleicher Zeit der Gegenſtand ſeiner Träume und ſein Sporn zu unabläſſiger Arbeit für dieſen Zweck geweſen. Er hatte etwas von der Sorgloſigkeit des fran⸗ zöſiſchen Charakters; aber ſein Eifer für die Ehre Got⸗ tes und die Glückſeligkeit der Menſchen hatte ihre Aus⸗ artung in Leichtſinn verhindert— hatte ſeinen Lebens⸗ anſichten Ernſt, und ſowohl ſeinen eigenen Handlungen als den Ereigniſſen um ihn her Bedeutung in ſeinen Augen verliehen. Er hatte ihn bloß in Beziehung auf ſeine weltlichen Güter achtlos gelaſſen, mit denen er nur ſo loſe zuſammenhing, daß er ſich zu Zeiten des Beſitzes derſelben kaum bewußt zu ſein ſchien. Seine engliſche Erziehung hatte ihm jenes ſcharfe Chrgefühl und jene edle Achtung füͤr die Wahrheit eingeflößt, die die meiſten Engländer, ſelbſt die weltlich geſinnten, beſitzen, oder wenigſtens zu ſchätzen wiſſen. Selbſt in ſeinem Beneh⸗ men lag Etwas, was den Engländer ſich bei ihm hei⸗ miſch fühlen ließ. Er ſprach dieſe Sprache mit voll⸗ kommener Richtigkeit und einem guten Accent; nur daran, daß ſein Ausdruck etwas mehr der engliſchen Bücher⸗ ſprache, als der achtloſen Uebung der allgemeinen Un⸗ terhaltungsſprache glich, hätte man den Fremden in ihm entdecken können, oder auch daran, daß er jene Sprache mit der franzöſiſchen vertauſchen konnte, wenn ein leb⸗ 223 haftes Intereſſe oder Aufregung ihn zum Gebrauch ſeiner Mutterſprache reizte. Er war mit den Apley's entfernt verwandt und hatte als Knabe zuweilen ſeine Feiertage in ihrem Hauſe zugebracht. So waren Mark Apley und er von Kind⸗ heit auf Freunde geweſen und ihre Vertraulichkeit dauerte fort, mehr aus Gewohnheit, als in Folge von Gleich⸗ artigkeit der geiſtigen Fähigkeiten oder der Charaktere. Auf Adrian's Seite war es eine liebevolle Rückſicht für Jemand, deſſen liebenswerthe Eigenſchaften, mit mäßigem Verſtande verbunden, mehr Liebe als Achtung in An⸗ ſpruch nahmen; auf der andern Seite fand ſich die ganze Verehrung und Bewunderung, die ein untergeordneter Geiſt einem überlegenen zollt, wenn, wie in dieſem Falle, die Anerkennung auch nicht mit dem geringſten Grad von Eiferſucht oder Neid verbunden iſt. „Wer gewinnt?“ fragte Mark, als er mit ſeiner Schweſter in's Billardzimmer trat und auf Lady Roslyn ſtieß, die an der Kaminecke lehnte, während Herr Aſhton an einem Ende des Billards auf einem Beine ſtand und den Leib über das Billard hingeſtreckt hatte, indem ſein Geſicht zu einem häßlichen Ausdruck der tiefſten Ernſthaftigkeit verzerrt⸗war, der mit Adrian's leichter Haliung kontraſtirte. „O, d Arberg ſchlägt mich ganz platt, und das iſt eine große Schande für mich, denn ich übte mich geſtern fünf Stunden lang und habe das ganze vorige Jahr in London Stunden genommen.“ „Nun, ich bin überzeugt, daß das mehr iſt, als Adrian von ſich rühmen kann,“ verſetzte Mark mit lau⸗ tem Gelächter. „Wie können Sie wiſſen,“ ſagte Adrian, indem er ſich plötzlich mit einem Lächeln umwandte,„wie können Sie wiſſen, ob ich nicht vor dem Frühſtück aufſtehe, um mich zu üben?“ „Nach den Büchern auf Ihrem Zimmer zu urthei⸗ len,“ ſagte Mark mit einem abermaligen Ausbruch von 224 Gelächter,„ſollte ich denken, daß Sie eher das kanoni⸗ ſche Recht, als dieſe Kanonenkugeln hier ſtudirten.“ „Sie werden doch nicht glauben, daß ich alle dieſe Foliobände leſe?“ „Nun, warum haben Sie ſie denn auf ihrem Tiſche?“ bemerkte Fanny. „Um Blumen darin zu preſſen,“ verſetzte er,„oder auch, um den Leuten den Glauben beizubringen, daß ich ein Weiſer ſei. Hier, Herr Afhton, an mir iſt der Stoß, denke ich,“ und als der rothe Ball in einen Beu⸗ tel, der weiße in einen andern geflogen war, ſetzte er ſeine Queue nieder und verließ das Zimmer. „Bei Jupiter, ich werde mich üben, bis man zu Tiſche geht,“ ſagte der geſchlagene Mann mit der Wil⸗ lensſtärke eines Haydn, als er entſchloſſen war, den Kontrapunkt zu erlernen, oder eines öſterreichiſchen Ge⸗ nerals, der nach zwanzig Niederlagen wieder zum Angriff zurückkehrt. Mittlerweile hatte ſich Adrian zu Lady Clara auf ihr Morgenzimmer verfügt. Einige unter ihren Gäſten hatten ſich eine Art ſtillſchweigenden Rechts erworben, es zu betreten, und er befand ſich unter dieſer Zahl. „Was macht Ihre Lady-⸗Bird?“ ſagte er, als er ſich an ihre Seite ſetzte. „O, ſie iſt viel beſſer, und dieſen Nachmittag wird ſie herunterkommen, und ſo verſäumen Sie auch nicht, nach dem Luncheon*) hereinzukommen! Ich verlange ſehr, ſie Ihnen zu zeigen. Es iſt wahrhaftig das nied⸗ lichſte Vögelchen, das Sie jemals können geſehen haben; und jetzt, nachdem ich es einmal gehaſcht habe, will ich auch etwas Tüchtiges daraus machen, und es—“ „Verderben,“ fiel er ein. „Nein, nein, es wird ihr Vortheil ſein, etwas von uns zu ſehen.“ *) Leichte Mahlzeit um Mittag, wenn die Haupt⸗ mahlzeit erſt am Abend ſtattfindet. G 1 225 „Wer ſind dieſe Uns?“ „Sie und ich, wenn Sie ſich durch dieſe Zuſammen⸗ ſtellung nicht beleidigt finden. Sie hat noch gar keine Ahnung davon, wie viel Geiſt ſie hat.“ „Und wir ſollen ihr alſo darüber die Augen öffnen?“ „Gewiß; ich bin immer dagegen, daß man die Leute über ihre eigenen Vorzüge im Dunkeln läßt, ſo gut, wie gegen ein ſolches Dunkelſyſtem in jeder andern Beziehung. Die Wahrheit, Herr d'Arberg, ſtiftet nie⸗ mals Schaden.“ „Wie? gibt es nicht eine Unwiſſenheit, die nicht blos ein Glück, ſondern ſogar eine Segnung ſein kann? — und gehört dahin nicht eben auch diejenige, von der Sie ſprechen? Sie vernichten, das kommt mir vor, wie wenn man den blauen Duft von einer Pflaume abwiſcht.“. „Ei, Sie dürfen aber nicht glauben, daß dieſe aller⸗ liebſte Lady⸗Bird nichts als die reine Naivetät und De⸗ muth ſei. Sie weiß nicht, wie klug ſie iſt; doch iſt ſie nicht ohne einige Begriffe von ihren Fähigkeiten und hat einen beinahe brennenden Wunſch, ſie auf eine Probe zu ſtellen. Und, was mich betrifft, ich glaube, daß man Einem zwanzigmal eher wirkliche Beſcheiden⸗ heit zutrauen darf, der ſich und Anderen bewieſen hat, daß er etwas beſitzt, woran man Beſcheidenheit üben kann, als Einem, der ſein Leben lang in der Lage bleibt, auf den Buſch zu klopfen, anſtatt ein für alle⸗ mal Gewißheit über die Fähigkeiten ſeines Verſtandes herzuſtellen.“ „ Darin liegt vielleicht etwas Wahres, aber nicht die ganze Wahrheit,“ ſagte Adrian. „Was iſt Ihr Hintergedanke?“ fragte Lady Clara. ch weiß, Sie haben immer einen, wenn Sie mit mir reden.“ „SHierüber keinen, mit dem ich zurückzuhalten wünſchte. Sie haben ſehr viel Geſchmack an dieſem Mädchen ge⸗ funden, das, nach allen Berichten, eine ſehr eigenthüm⸗ Laby⸗Bird. I. 15 226 liche Perſon ſein muß; und wenn Sie Lobeserhebungen über ſie ausſchütten und ihr den Kopf verdrehen, ſo werden Sie ſich auf eine weniger heilſame Weiſe unter⸗ halten, als wenn ſie hübſche Gedichte ſchreiben oder neue Treibhäuſer erfinden.“ „Gut, ich will Ihnen bekennen, daß ſie mich inter⸗ eſſirt wie ein Gedicht, daß ſie mich entzückt wie eine Blume. Es iſt eine Natürlichkeit an ihr, die wahrhaft erfriſchend wirkt, und eine Fertigkeit zu treffenden Ant⸗ worten, die mich über alle Beſchreibung ergötzt. Auf jeden neuen Gedanken, den Sie ihr vorlegen, auf jeden neuen Gegenſtand, den Sie zur Sprache bringen, ſcheint ſte im Augenblick Beſchlag zu legen, und ihn mit dem Lichte ihrer phantaſiereichen Einbildungskraft zu beleuch⸗ ten. Ich bin neugierig darauf, ſie in Geſellſchaft zu ſehen, wenn ſie mit Frau Crofton in Wortwechſel ge⸗ räth, wenn Edward Latimer ihr Kreuz⸗ und Querfragen voriegt, und Mark Apley ihr ſeine Huldigungen dar⸗ ringt.“ „Jetzt hab' ich einen Hintergedanken— wollen Sie mich darnach fragen?“ „Ja, wenn er nicht zu ſtreng iſt.“ „Sollte es wohl zu ſtreng ſein, zu ſagen, daß Sie ein Spielzeug aus Etwas machen, das zu werthvoll iſt, als daß man damit ſpielen ſollte?“ Er ſah ſie auf jene ernſte, ruhige Weiſe an, die ihm allein eigen war, und ſie ſagte raſch: „Sie nehmen die Dinge zu ernſthaft, Herr d'Ar⸗ berg. Ich bin durch das Leben gegangen, indem ich Roſen pflückte, ohne Dornen zu finden, und will meine Lady⸗Bird lehren, es ebenſo zu machen. Ich habe Ihnen oft von ihrem Vater geſagt. Sie erinnert mich manch⸗ mal an ihn. Aber, wäre er nur halb ſo liebenswürdig eweſen, als ſie iſt, ſo wäre ich jetzt nicht die gluͤckliche rau, die ich bin.“ „Ei,“ ſagte Adrian lächelnd,„pflückten Sie nicht doch damals eine Roſe, an der Sie einen Dorn fanden?“ 227 „Je, nun ja, aber ich warf beides, Roſe und Dorn mit einander fort.“ „Nein, ich glaube, Sie pflückten die Roſe und ließen den Dorn dahinten. Aber um zurückzukommen auf das, wovon wir eben ſprachen. Es iſt eine Wir⸗ kung meiner eigenen Erfahrung, daß ich mich ſelbſt vor liebevollem Eingreifen in dasjenige ſcheue, was auf das Geſchick Anderer einen Einfluß für das ganze Leben haben kann.“ „Wie ſo, Herr d'Arberg? ſind Sie nicht der Vorſich⸗ tigſte der Menſchen?“ „Nicht immer. Zum Beiſpiel, als ich Moriz Red⸗ mond mit mir nach Italien nahm, da verſchaffte ich mir ſelbſt das unendliche Vergnügen, einem Lieblings⸗ hang nachzugeben, Freude zu ſehen und Güte deutlich ſehen zu laſſen; aber ich habe ſeitdem oft empfunden, daß es ächtere Güte geweſen wäre, die Cröffnung einer Knospe nicht zu erzwingen, die, wenn ſie beſtimmt war, zu blühen, ſich bei einem langſameren Gange ſicherer entwickelt haben würde. Guten Antrieben zu wider⸗ ſtehen, iſt eine der ſchwerſten Aufgaben, die man im Leben zu lernen hat.“ „Und eine, die ich niemals zu lernen begehre; ich halte es für ganz hinlänglich, wenn ich ſchlimmen An⸗ trieben widerſtehe, lieber Herr d'Arberg, und das bin ich überzeugt, daß es ein guter iſt, der mich veranlaßt, dieſer bisher eingekerkerten Lady⸗Bird Gelegenheit zum Gebrauch ihrer Schwingen und zum Genuß ihrer Frei⸗ heit zu verſchaffen. So geht die Moral Ihres Beiſpiels an mir verloren, insbeſondere, da ich Sie zehnmal lieber habe für eine unüberlegte gute Handlung, die Sie ge⸗ than, als für alle die klugen, guten Werke, die Sie je⸗ mals vollbracht haben. Und alſo wollen Sie mir nicht helfen, das niedliche Köpfchen zu verdrehen, das ich Ihnen nach dem Luncheon zeigen werde?“ „Nein, aber kommen werde ich und die Wirkung Ihres Syſtems beobachten.“ 1524 228 Nach dem Luncheon wurde Gertrude in das Geſell⸗ ſchaftszimmer heruntergebracht, und von da in einem Gartenſtuhl nach dem Treibhaus auf der andern Seite des Blumengartens geſchoben. Es war ebenfalls wie ein Geſellſchaftszimmer eingerichtet und Lady Clara brachte daſelbſt oft mehrere Stunden des Tages zu. Sie gab ihr ihren Platz auf einem Ruhebette mitten in einer Art Laube von amerikaniſchem Geſträuch, durch welche die Sonne ſchien und mit ihren Strahlen eine phantaſtiſche Zeichnung auf dem gewürfelten Fußboden hervorbrachte. Der Wohlgeruch war lieblich, aber doch nicht zu ſtark, der Luftzug von Außen ſchüttelte ſanft die Blüthen der rothen Azalien, die dann und wann auf die ſeidene Decke herunterfielen, die man auf ihren Fuß gelegt hatte; auf dem Tiſche neben ihr lagen Ge⸗ dichte, neue franzöſiſche und engliſche Romane, Kupfer⸗ ſtiche und Zeichnungen ohne Zahl. Lady Clara ſaß ihr gegenüber und ordnete abgeſchnittene Blumen in ſeltſam geſtalteten Vaſen von venetianiſchem Glas und böhmi⸗ ſchem Kryſtall. „Ich habe dieſen Nachmittag Alles in der Kaleſche und in der Pony⸗Chaiſe fortgeſchickt— das heißt, Alles, was ich nicht hier mit uns zuſammen haben wollte. Ich werde den Leuten nur nach und nach Ihren Anblick vergönnen, Lady⸗Bird. Meine Günſtlinge ſollen zuerſt vorgelaſſen werden.“ „Und wer ſind dieſe, Lady Clara?“ „Meine Couſine, Ellen Roslyn, Adrian d'Arberg und Mark Apley:— das heißt, meine Schönheit, mein Held und mein Neufundländer. Hier kommt der Letzt⸗ genannte.“ Und Mark ſtürmte zu Gertrude heran mit ſtrah⸗ lendem Geſicht und tauſend Ausdrücken des Vergnügens, ſie wieder zu ſehen. 3 „Ich hoffe, Henriette hat Ihnen geſagt, Miß Lifford, wie entzuͤckt wir über Ihren Unfall waren— ich meine, V 229 wie tief wir uns darüber betrübten, aber wie froh wir waren, daß er Sie gerade hieher brachte.“ „Es war in der That ein gegen mich ſehr gefälliger Unfall,“ ſagte ſie.„Hätte mein Pferd vorgezogen, mich unter einer meiner angeſtammten Eichen abzuſetzen, ſo wäre ich ihm weit weniger verpflichtet geweſen.“ „Ich wünſchte nur, ich hätte das Glück gehabt, Sie in jener Nacht zu finden, Miß Lifford. Ich würde zwar zu Tode erſchrocken ſein, aber mich doch ſo glücklich ge⸗ fühlt haben!“ „Ach,“ ſagte ſie,„bei dieſer Gelegenheit muß ich doch fragen: Wer war es denn, der mich fand? Wie eltiam iſt es doch, daß ich das bis jetzt vergeſſen onnte!“ „Es war Adrian d'Arberg, der glückliche Burſche, — und er trug Sie herauf in's Haus. Ich habe ſeit⸗ dem gar nichts Anderes gethan, als ihn beneidet.“ Gertrude beobachtete Stillſchweigen und ſchlug ein Buch auf, wie in Zerſtreuung.„Träumte ich denn nicht vom Himmel in jener Nacht?“ rief ſie in ihrem In⸗ nern aus. Dann ſah ſie auf, und die Geſtalt und das Geſicht, die ihr nahezu ein ganzes Jahr unabläſſig vorgeſchwebt hatten, ſtanden wieder vor ihr. Es war nicht gerade eine heftige Bewegung, was ſie bei dieſem Wiederſehen empfand— ihr Herz ſchlug nicht ſchneller und keine höhere Röthe ſtieg auf ihre Wangen empor. Im Gegen⸗ theil ſchien ein Gefühl tiefer Ruhe über ſie zu kommen; es war, wie wenn eine leere Stelle ausgefüllt, eine Hoffnung erfüllt, ein Gebet erhört wäre.„Gott ſei geprieſen!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, und wunderte ſich bain wieder über die Feierlichkeit dieſer ſtummen Dank⸗ agung. „Herr d'Arberg, erlauben Sie mir, Sie Miß Lifford vorzuſtellen.“ Dieſe unbedeutende Alltagsredensart wurde ſo gleich⸗ güͤltig ausgeſprochen, und ſchloß doch in ſich die Keime * 23³⁰ ſo mancher glücklichen und ſo mancher unſeligen Ge⸗ ſchicke! Adrian verbeugte ſich und ſagte: „Ich habe mich ſelbſt einmal auf eine unartige Weiſe bei Miß Lifford eingeführt. Ich hoffe, ſie hat es vergeben.“ Gertrude gab eine kaum vernehmbare Antwort, aber ihre Angen ſprachen Alles das aus, was Augen, wie die ihrigen, ausſprechen köͤnnen. Von dieſem Augen⸗ blick begann eine neue Zeitrechnung in ihrem Leben. Was in ihrer Seele aufſtieg, war weder eine Hoffnung, noch ein Entwurf, noch eine Abſicht, ſondern nur die Ueberzeugung, daß es für ſie nur noch eine Beſtim⸗ mung, eine Zukunft, nur noch ein mögliches Schickſal gebe. Es war die Beſtimmung, Adrian d'Arberg zu lieben und durch die Welt zu gehen mit einem Zauber⸗ wort in ihrer Seele, einem Geheimniß in ihrem Herzen, das ſie entweder erhöhen, verwandeln oder vernichten konnte, das aber nimmermehr ſie ſo laſſen konnte, wie es ſie gefunden hatte, ſondern die Quelle entweder ihres Untergangs oder ihrer Seligkeit werden mußte. Dieſe Art von Gefühl iſt entweder ſo tief und in⸗ nig, daß es gerade durch ſeine Schrankenloſigkeit Ach⸗ tung erzwingt, oder es würdigt herab. Es gibt kein mittleres. Gertrude fühlte dieß inſtinktmäßig, und dieß Bewußtſein war es, was ihr ihre Selbſtachtung erhielt und in dieſem Augenblick ihrem Geſichte einen ſo ſchönen Ausdruck gab. Mark Apley ſagte zu ſich ſelbſt:„Wenn ich denken könnte, daß dieß Mädchen mich liebte, ſo würde ich ihr augenblicklich einen Heirathsantrag machen.“ Adrian ſchien gerade jetzt an nichts Beſonderes zu den⸗ ken, ausgenommen an einen Kupferſtich von Landſeer, den er aufgenommen hatte und prüfte. Sie war froh, daß er nicht ſogleich mit ihr ſprach, daß ſte Zeit hatte, ſich an ſeine Gegenwart zu gewöhnen, bevor er ſich unmittelbar an ſie wandte, und ſie begann eine unbe⸗ deutende Unterhaltung mit Mark Apley. 231 „Wie ſchön ſticken Sie dieſe Nelken, Miß Lifford! Sie ſcheinen zu wachſen unter ihren Fingern. Ich wünſchte nur, die Männer könnten auch ſticken. Meinen Sie nicht, es würde ſie viel angenehmer machen?“ „Vielleicht, doch gibt es nur gewiſſe Männer, die ſticken ſollten.“ „Und was iſt das für eine Sorte Männer?“ „Widerwärtig linkiſche. Es würde einem Mann nie gut anſtehen, gut zu ſticken.“ „Dann,“ ſagte Lady Clara,„ſollten ſie überhaupt nicht ſticken, nach Dr. Johnſon's Grundſätzen.“ „Ei, ich ſtimme mit dem alten Doktor gar nicht überein.“ „Wirklich nicht?“ rief Mark, indem er ſein Geſticht voll Vergnügen in die Breite zog. „Ein Weib dürfte z. B. wohl ſchießen, wenn fie nur das Gewehr nicht zu laden verſteht, und wenn ſie es wie einen Sonnenſchirm hält; man darf auch ſingen und Komödie ſpielen, aber man darf es nicht ſo gut machen, wie Sänger und Schauſpieler von Profeſſion. Ein Weib darf ferner Latein verſtehen, wenn ſie es nur nicht zu gut verſteht.“ „Es ſcheint, Sie fürchten ſich gar ſehr vor der Vollkommenheit,“ ſagte Adrian, indem er lächelnd den Kopf emporhob. „In der That, ſo iſt es,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Augen langſam nach ihm hinwandte. „Und ich verehre ſie,“ rief Lady Clara aus,„wo ich ſie immer finde.“ „Und wo finden Sie ſie?“ fragte Adrian. „Hier,“ antwortete ſie, als ihre theure Couſine an der Thüre des Gewächshauſes erſchien, und wirklich ſchien ſie, wenn nicht in jeder Beziehung, doch wenigſtens in nubhuns der äußeren Erſcheinung vollkommen Recht zu haben. Lady Roslyn war ſchön und ſchlank und ihre Art, ſich zu benehmen, die ganz eigenthümlich war, harmo⸗ 232 nirte mit ihrem Aeußern. Es war anmuthig, ſie und Lady Clara zuſammen zu ſehen. Sie liebten einander ſehr herzlich, und die Familienähnlichkeit machte, daß zwei Perſonen ſich von Geſicht und Benehmen glichen, die doch weſentlich verſchieden von einander waren. „Wir ſprachen von der Vollkommenheit, Ellen, und in dem Augenblick erſchienſt Du, als lebendiger Beweis für eine Behauptung, die ich ſoeben aufge⸗ ſtellt habe.“ „Was für eine Behauptung? Ich bin neugierig darauf,“ ſagte Lady Roslyn lächelnd, indem ſie ſich neben Gertrude niederſetzte, deren Hand ſie liebevoll druͤckte. „Daß ich ſie anbete. Es iſt ein Räthſel, das Deine Beſcheidenheit nicht errathen wird. Aber ſag' uns, Ellen, ob Du die Vollkommenheit vergötterſt, wie ich, oder ſie fürchteſt, wie Lady⸗Bird?“ „Du mußt zuerſt beſchreiben, was Du unter Voll⸗ kommenheit verſtehſt, Clara.“ „Ja,“ ſagte Adrian, indem er von den Kupfer⸗ ſtichen aufblickte, die er durchmuſterte,„das iſt die Frage. Keine zwei von uns werden vielleicht über dieſen Punkt uſammenſtimmen, wenn der Eine von Beiden ſeine Ideen über dieſen Gegenſtand entwickeln wollte. „Ei nun, es geht mir ebenſo, wie Miß Lifford,“ rief Mark Apley aus,„ich fürchte die Helden.“ „Was iſt Ihr Ideal eines Helden, Lady Clara?“ fragte Gertrude etwas ängſtlich, in der Hoffnung, es auf dieſe Weiſe dahin zu bringen, daß nachher auch Adrian das ſeinige beſchriebe. 4„O, das meinige iſt polytheiſtiſch,— ein allgemei⸗ ner Herrendienſt; ich habe Hunderte von Günſtlingen in jedem Zeitalter und Klima, die wie Hund und Katze mit einander geſtritten haben würden, wenn ſie auf Erden zuſammengekommen wären, wie ihre Werke oder ihre Lebensbeſchreibungen auf meinem Tiſche zuſammen⸗ kommen. Adrian würde einige meiner Götzen zur Ver⸗ dammniß verurtheilen.“ 233 „Nein, ich will das Beſte für ſie alle hoffen, und darum nennen Sie mir ihre Namen nur nicht.“ „Streng chriſtliche Liebe!“ rief ſie aus.„Ei, Mark Apley, wer iſt Ihr Held?“ „Der Herzog von Wellington, natürlich,“ ſagte Gertrude, denn ſie kannte ihren Bewunderer bereits gut genug, um gewiß zu wiſſen, daß ſeine Einbildungskraft nicht über die See ſetzen werde, um einen Helden auf⸗ zuſuchen; aber als er wie ein Echo antwortete:„der Herzog von Wellington, natürlich!“ da erröthete ſie lebhaft, indem ſie ſich plötzlich erinnerte, ſie hätte einen Mangel an Takt bewieſen, indem ſie Mark die Wahl ſeines Helden eingab. Adrian bemerkte es, und erleich⸗ terte ihre Verlegenheit dadurch, daß er darüber lachte. „Ich ſpreche oft, ohne zu denken, vielleicht, weil ich ſo oft genöthigt war, zu denken, ohne zu ſprechen.“ „Das muß ſehr unangenehm ſein,“ bemerkte Mark; „mir iſt das niemals begegnet. Was ich nur immer denke, das ſage ich auch.“ „Ihre Gedanken, fürchte ich, nehmen keinen beſon⸗ ders hohen Flug, lieber Herr Apley,“ ſagte Lady Clara ſo leiſe, daß er es nicht hören konnte. „Aber vielleicht gehen ſte recht gerade aus, was dann weit mehr werth iſt,“ flüſterte Adrian. Mark war ein großer Liebling ſeiner Freunde. Er war ſo munter, ſo edelmüthig, ſo freundlich, und in ſeinem einfachen Weſen lag eine Natürlichkeit, die es wahrhaft liebenswürdig machte. Wenn er dann und wann etwas Ungeſchicktes ſagte, ſo ſprachen ſie nicht: „Armer Mark!“ ſondern:„Lieber Mark!“ Er war zu gut, um bemitleidet zu werden. 8 „Rathen Sie einmal, wen ich heute erwarte,“ ſagte Lady Clara,„aber nicht vom Fache der Helden; ei, beiläufig geſagt, es hat noch Keins von uns, ausge⸗ nommen Herr Apley, ſeinen Helden an's Licht gezogen.“ „Nun, ſo wollen mir ſie denn in ihrer Verborgen⸗ 234 heit laſſen,“ ſagte Lady Roslyn;„ſage Du uns, wen Du erwarteſt.“ „Sir William Marlow, und meinen Bruder Heinrich.“ „Ach ſo! kommt Egerton?“ rief Adrian aus;„ich freue mich ſehr darauf, ihn zu ſehen.“ „Wirklich, Herr d'Arberg? das gefällt mir, aber es überraſcht mich; von allen menſchlichen Weſen, hätte ich gedacht, wäre er das letzte, das zu Ihnen paßte.“ „Und warum ſo, Lady Clara?“ „Ei, Sie denken ja ſo verſchieden von ihm faſt über jeden Gegenſtand.“ „Nun, aber Sympathie und Wohlgefallen an ein⸗ ander, ſind doch auch zwei ſehr verſchiedene Dinge.“ „Und es kann Sympathie ſtattfinden ohne Ueber⸗ einſtimmung.“ „Davon bin ich nicht ſo ganz überzeugt, ausge⸗ nommen in dem Falle einer Alles beherrſchenden Neigung, die in zwei Herzen, welche urſprünglich von der Natur in derſelben Form geprägt worden ſind, ſo tiefe Wurzeln geſchlagen hat, daß Nichts jemals tief genug dringen kann, um das elektriſche Band ihrer Vereinigung zu erreichen; ausgenommen alſo in ſolchen ſeltenen Fällen, wo Liebe ſtärker iſt als der Tod, oder auch als das Leben. Ich kann kaum zugeben, daß da viel Sympathie ſein kann, wo Hoffnungen, Beſorgniſſe, Wünſche und Intereſſen allzumal ungleich ſind. Mache ich Ihnen wohl deutlich, was ich meine, Lady Clara? Die Zu⸗ neigung, die unter ſolchen Umſtänden Sympathie her⸗ vorbringt, iſt von der höchſten und innigſten Art; aber kurz geſagt, es kann da wohl Achtung und Wohlgefallen ſtattfnden, nicht aber Sympathie; das iſt wenigſtens meine Anſicht von der Sache.“ „Dann meinen Sie zum Beiſpiel, zwiſchen uns beiden beſtehe keine Sympathie?“ „Nicht die mindeſte, ich muß es ſagen.“ Sie lachte, aber es ſchien ihr nicht ganz zu gefallen. dieſe haben wir nicht. 23⁵ „Ich hätte gedacht, in unſerm Geſchmack, in unſeren Gefühlen, unſerer Liebe zum Schönen in der Natur und der Kunſt, unſerm Intereſſe für Literatur, lägen zureichende Gründe der Sympathie.“ „Nein, da findet ſich wohl Stoff für angenehme Unterhaltung, für einen ſehr erfreulichen Verkehr, für große Güte auf der einen, und dankbare und bewun⸗ dernde Verehrung auf der andern Seite; aber Sym⸗ pathie, theure Lady Clara, beſteht nicht darin, daß man dieſelben Bücher liest, dieſelben Ausſichten bewundert, Einiges an denſelben Beſchäftigungen liebt.“ „Nun, worin beſteht ſie denn?“ fragte ſie etwas ungeduldig. „In dem, was Ihnen in dieſem Augenblick alles das verſtändlich machen würde, was ich uber den Ge⸗ genſtand nicht zu ſagen wage. In dem, was Ihnen das Gefühl verſchaffen würde, daß wir nicht denſelben Ge⸗ ſchmack mit einander gemein haben, und doch in der vollkommenſten Sympathie ſtehen können. Aber am Ende von all dem kann ich auch vollkommen Unrecht haben: wie in dem Falle mit den Helden, legen wir auch hier demſelben Wort verſchiedene Bedeutungen unter.“ „So verſchieden,“ ſagte Gertrude leiſe,„als wenn wir von Bewunderung für den Herzog von Wellington, oder für St. Vincenz von Paula ſprechen.“ Wer hätte zweifeln können, was Sympathie heiße, der in dieſem Augenblick ihre Augen einander begegnen ſah? „Disputiren Sie und Heinrich viel mit einander, Herr d'Arberg?“ „Nein; ich glaube wir ſind zu verſchiedener Anſich⸗ ten, um disputiren zu können.“ „Fürchten Sie den Zank?“ „Nein; Ihr Bruder hat ein vortreffliches Gemüth, und ich bin zu phlegmatiſch, um meine Ruhe ſo leicht zu verlieren; aber um ſtreiten zu können, muß man gewiſſe zugeſtandene Ausgangspunkte haben, und gerade Egerton wird mich kaum je, 236 und eben ſo wenig ich ihn überzeugen, weil wir, wie Archimedes, keine Welt ſinden können, um unſere Hebel darauf anzuſetzen; unſer Stützpunkt iſt nicht derſelbe, und ſo können unſere Beweisführungen keine Wir⸗ kung thun.“— „Für meinen Theil,“ ſagte Mark,„ich haſſe das Streiten,— es iſt ſchon ſo ein widriges Wort,— und ganz beſonders mit Lady Clara, die es immer ſo ein⸗ zurichten weiß, daß ſie Recht behält.“ „Oder zu behalten ſcheint,“ fügte Adrian hinzu, „was ſie vielleicht als ein eben ſo großes Compliment aufnimmt.“ „Es iſt ein zweideutiges, aber ich will es im beſten Sinne nehmen. Meine Klage über Sie, Herr d'Arberg, iſt, daß Sie einen niemals auf den Grund Ihrer Ge⸗ danken eindringen laſſen wollen!“ „Was iſt es, was Sie da zu ſehen wünſchten?“ „Ihre Meinung über mich.“ „Alſo möchten Sie nicht mit mir, ſondern nur mit Ihnen ſelbſt bekannt werden?“ „O Sie! Ich verzweifle daran, Sie jemals zu durchſchauen. Ich weiß nicht, ob Sie der Vertiefteſte von allen Schwärmern, oder der Kälteſte unter allen Vernünftlern, der aufgeklärteſte Philoſoph oder der bigotteſte Papiſt ſind.“ „Wie aber, wenn das ruhigſte Räſonnement den tiefſten Enthuſiasmus hervorriefe? Wenn das, was Sie den bigotteſten, ich den ernſteſten Papismus nenne, am Ende ſich als die aufgeklärteſte Philoſophie ausweiſen ſollte— wie manche der tiefen Denker unſeres Zeit⸗ alters zu vermuthen beginnen?“ „Mich davon zu überzeugen, dazu wäre ein Wunder, und mehr wie eines von Euren modernen Wundern erforderlich.“ 3 3 „Da gehſt Du doch unbarmherzig mit ihm um, Clara,“ ſagte Lady Roslyn.„Du dringſt auf 15 Wunder, und willſt doch lein modernes Wunder haben. 237 Aber die Denker, von denen Sie ſprachen, Herr d'Arberg, das mögen wohl tiefe, aber keine freien Denker ſein.“ „Und finden Sie Geſchmack an Freidenkern, Lady Roslyn?“ „Ich liebe Gedankenfreiheit.“ „Und iſt das nicht Freidenkerei?“ „Sie ſpielen mit Worten. Ich liebe nicht dasjenige freie Denken, das mit Unglauben endigt.“ „Dann muß die Freiheit, für welche Sie als Sach⸗ walterin auftreten, in einem Gängelbande von Ihrer eigenen Wahl gehen.“ „Nicht von meiner Wahl, Herr d'Arberg.“ „Von weſſen Wahl denn?“ „O, wenn Ellen ſich einmal in eine Erörterung einläßt,“ rief Lady Clara,„dann werden wir nie wieder davon loskommen; und nicht Ihre Religion, ſondern Sie ſelbſt wünſche ich zu verſtehen. Zu Zeiten habe ich Sie für einen hingebungsvollen Vertheidiger der Legitimität, für einen ritterlichen Verehrer der abgekom⸗ menen Theorien vom göttlichen Rechte gehalten, und ein andermal fand ich beinahe, daß Sie ein vollendeter Demokrat ſeien, mit einer heimlichen Zärtlichkeit für ſocialiſtiſche Grundſätze.“ Adrian lachte und ſagte:„Wenn Sie ſich des Schlüſſels nicht bedienen wollen, Lady Clara, wie kön⸗ nen Sie hoffen, eine Thüre aufzuſchließen?“ „Sie haben mir noch nie das„Seſam thue dich auf! zu den geheimen Kammern Ihrer Anſichten gegeben.“ „Hat ſie je darnach gefragt?“ ſagte Lady Roslyn lächelnd.„C'est P'obstacle qu'elle aime— elle ne veut que chercher.“ „Du kennſt ihn noch nicht, Ellen; er hat zugleich den keckſten und den demüthigſten, den ungeſtümſten und den unerſchütterlichſten Geiſt, den man ſich denken kann, und während ich ihm das alles ſage, ſitzt er da und ſieht mich an, als ob ich ihn weder lobte noch ſchmähte.“ 238 „Weil ich vorausſetze, daß keines von beiden in Ihrer Abſicht liegt.“ „Ich glaube, Sie gefallen ſich darin, ein Räthſel zu ſein, und all meinen Scharfſinn zu Schanden machen. Iſt das nicht eine ſchwere Prüfung, Gertrude?“ „Für wen von Ihnen beiden, Lady Clara?“ „Für mich, Sie höchſt unartiges Kind,“ antwortete Lady Clara lächelnd.„Ich leſe ſene Bücher und bilde mir ein, daß ich ihn dadurch kennen lerne: allein wenn ich ihn wieder ſehe, ſo macht er mich von Neuem wieder irre. Er ſchreibt Seiten voll mit der ergreifendſten Be⸗ redtſamkeit; er reißt Sie durch die Macht ſeines Enthu⸗ ſtasmus dahin, bis Sie beinahe den Boden unter den Füßen verlieren, und wenigſtens mit ihm fühlen, wenn nicht immer mit ihm denken; aber wenn Sie ihm von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber treten, ſo ändert er ſeine Taktik und lockt Ihnen Ihre Gedanken ab, anſtatt Ihr Herz anzulocken; hört Ihnen geduldig zu, hofft das Beſte fuür Sie, wie er eben vorhin in Beziehung auf meine Helden ſagte, läßt Sie aber im ewigen Zweifel darüber, welches Urtheil in dem geheimen Gerichtshof ſeiner Gedanken gefällt wird.“ „Wenn ich dächte, daß es Ihnen Ernſt wäre, ſo würde ich mich vertheidigen. Aber Sie dürfen mein Stillſchweigen nicht mißdeuten. Ich bekenne mich nicht als ſchuldig.“ „Gertrude ſoll in ein Paar Tagen zwiſchen uns richten. Wenn ſie Sie weniger undurchdringlich ſindet, als ich, ſo will ich mich geſchlagen geben.“ Er lächelte und ſagte: „Aber, vielleicht macht ſie Gebrauch von dem Schlüſſel, wovon ich ſprach.“ Wiederum begegneten Gertruden's Augen den ſei⸗ nigen, aber ſte wandte die ihrigen ſchnell ab, denn ſie fühlte, daß ſie mehr ausdrücken möchten, als ihr lieb wäre. „Aber es iſt wirklich beleidigend,“ fuhr Lady Clara — WVilliam Marlow!“ 239 fort,„daß Sie zu beſcheiden oder zu ſtolz ſind, einem zur Lectüre Ihrer Bücher zuzureden.“ Er ſah ſie mit einem beluſtigenden, bittenden Aus⸗ druck an und ſagte: „Theuerſte Lady Clara, ich will das nächſte Mal, daß ich nach London komme, bei dem Phrenologen vor⸗ ſprechen, der Ihr Günſtling iſt, und ihn veranlaſſen, meinen Charakter für Sie aufzuzeichnen; ich will reden, wie ein Buch, wenn Sie es wünſchen, und jeden Abend Vortrag halten uüber jeden Gegenſtand, den Sie wählen mögen, wenn Sie nur die Gnade haben wollen, mich nicht mehr zu zergliedern.“ In dieſem Augenblick hörte man den Schall eines Wagens, der den Fahrweg herauffuhr, und Lady Clara rief aus: „Das muß Heinrich ſein!“ „Kommt Sir William Marlow auch mit ihm 2“ fragte Mark. „Ja, ich glaube, ſo iſt es; ich hoffe, man wird ihnen ſagen, daß wir hier ſind.“ „Ich will es ihnen ſagen,“ ſagte Adrian,„ich wollte eben in das Haus hinübergehen.“ Als er das Gewächshaus verließ, beobachtete Ger⸗ trude ſeine ſchlanke Geſtalt, wie ſie unter den Bäumen verſchwand. Mark bemerkte die Richtung ihrer Augen und ſagte: „Sie hatten d'Arberg nie vorher geſehen, nicht wahr?“ „Doch, einmal in Ihrem Hauſe, am Tage des Frühſtücks.“ „Haben Sie je Jemand geſehen, der halb ſo ſchön geweſen wäre?“ „Halb vielleicht, aber nicht mehr als halb.“ „Er iſt ein Kapitalburſche. Fanny ſagt, er ſei ein⸗ gebildet, aber das iſt nicht wahr; Niemand denkt ſo wenig an ſich ſelbſt. Wie verſchieden iſt er von Sir 240 Gerade in dieſem Augenblick ſah man Lady Clara's Bruder, Herrn Egerton, und eben jenen Sir William Marlow in der Ferne vom Hauſe herankommen und in wenigen Minuten waren ſie da. Herr Egerton war hübſch, ohne ſchön zu ſein. Er ſah angenehm und ver⸗ ſtändig aus. Sein Gefährte war klein und hager, mit zarten Geſichtszügen und großer Stirne. Sein dunkles Haar war auf eine Weiſe zurückgekämmt, die ihm einen etwas wilden Ausdruck verlieh. Herr Egerton hatte gerade hinlängliche Schüchternheit in ſeinem Weſen, um ſeines Freundes auffallenden Mangel daran deſto deut⸗ licher hervortreten zu laſſen. Seine Art zu ſtehen, zu ſitzen, Anderen die Hände zu drücken oder irgend welche der gewöhnlichen Geſchäfte des Lebens zu verrichten, trug den Stempel der ausgemachteſten Eigenliebe an ſich. Seine Selbſtgefälligkeit hing um ihn herum, wie ein Kleid, oder beſſer, ſchien ſo zu ſeinem Weſen zu gehören, wie der ſtolze Gang, das Hüpfen oder Zwit⸗ ſchern gewiſſen Vögeln eigenthümlich iſt. Selbſt der Klang ſeiner Stimme war voll Eigenliebe. Seine Ruhe erregte Zorn, ſeine Art, die Beine übereinander zu ſchlagen und ſeinen Fuß zu hätſcheln, Erbitterung, und die Deutlichkeit ſeiner Ausſprache Verzweiflung. Er vereinigte in ſeiner Perſon die aktive und paſſive Art von Eitelkeit. Bald nach der Februar⸗Revolution erklärte Herr von Lamartine, die eigenthümliche Beſchäftigung eines Franzoſen ſei die Betrachtung ſeiner eigenen Größe, und zu gleicher Zeit beſchrieb eine engliſche Zeitſchrift England als in unnahbarer Höhe daſitzend. Sir Wil⸗ liam Marlow nun ſchien in ſich beide Eigenthümlich⸗ keiten dieſer zwei ſo verſchiedenen Nationen zu vereinigen. Von der Höhe ſeiner unnahbaren Selbſtbefriedigung ſchien er unabläſſig ſeine eigenen Vollkommenheiten zu betrachten. Daß er gute Eigenſchaften hatte, daß er geiſtreich war und eine nicht geringe Redegabe beſaß, war nicht zu läugnen. Lady Clara fand Gefallen an ihm und vielleicht hatte ſie Recht. Es iſt ſicherlich nicht — 241 recht, Eigenliebe ſo ſehr zu verdammen, wie viele Leute es gewöhnlich thun. Es iſt beſſer eingebildet, als laſter⸗ haft oder grauſam zu ſein, aber durch den ſtolzen Gang eines Pfaus und die Dreiſtigkeit eines Sperlings wird man oft mehr aufgebracht, als durch die Wildheit eines Geiers oder Habichts; es iſt nicht leicht, gerecht zu ſein, wenn wir beleidigt werden, und ſolche Leute, wie Sir William Marlow, ſind eine wandernde Beleidigung für unſere eigene Selbſtliebe, die ſie, ſo ſehr wir ſie auch im Zaume halten, nur mit Mühe erdulden kann. Auf Herrn Egerton machte Gertruden's Schönheit augenſcheinlich einen ſtarken Eindruck. Auf Sir William machte nie etwas einen beſonderen Eindruck. Einige Augenblicke lang unterhielt Lady Clara eine lebhafte Unterhaltung mit den neuen Ankömmlingen, in die ſich Lady Roslyn und Gertrude gelegentlich miſchten; dann aber zeigte ſie jene Art von Ermüdung, welche denje⸗ nigen eigenthümlich iſt, die aus dem geſelligen Umgaug das Geſchäft ihres Lebens machen, und ſagte, ſie müſſe ſich eine Stunde lang vor dem Eſſen niederlegen, weß⸗ halb ſie vorſchlug, nach Hauſe zu gehen. Mark Apley zog Gertruden in dem Gartenſtuhl durch den Blumen⸗ garten. Herr Egerton unterhielt ſich mit ihr unterwegs. Sir William gab Lady Clara den Arm und gab geiſtreiche Antworten auf ihre witzigen Bemerkungen; und die Sonne ging hinter den Hügeln unter und der Thau lag in dichten Maſſen auf dem Graſe, die Blumen ſtrömten ihre ſüßeſten Wohlgerüche aus— die Luft wehte Ger⸗ trudens Wange erfriſchend an und ein lebhaftes Gefühl des Genuſſes erhob ihren Geiſt. Sie betrachtete das Leben aus einem ganz anderen Geſichtspunkt, als es ſich ihr je vorher dangeſtellt hatte; ſie hielt es für angenehm, jung und n zu ſein, Bewunderung und Unterhaltung zu genießen. Sie fühlte ihren Geſchmack und ihre Neigungen im Einklang mit der verfeinerten Schönheit der Gegenſtände, die ſte umgaben, während Lady⸗Bird. I. 16 242 ein romantiſches Gefühl der Bewunderung für einen Mann, der ſo ſehr geeignet war, ihr ein ſolches einzu⸗ flößen, ihrem Genuſſe einen nachdenklichen Charakter verlieh, der ihn vermehrte und erhob. Als ſie ihr Zimmer erreichte, ſetzte ſte ſich in einen üppigen Armſtuhl vor ein kleines Holzfeuer, das luſtig im Kamine brannte, und öffnete ein Buch, das ſie von dem Tiſche im Beſuchzimmer mitgenommen hatte. Es war das Leben der Königin Chriſtina von Schweden, welches Moriz einſt gegen ſie erwähnt hatte. Adrian’'s Namen ſtand auf dem Titelblatt.„Ich verſtehe ihn,“ ſagte ſie bei ſich,„aber wird er mich je verſtehen? Ich wage es nicht, ihm den Schlüſſel zu meinen innerſten Gedanken zu geben, während er mir ſeine eigenen ſo unumwunden darlegt.“— Sie ergriff einen Bleiſtift, zeichnete in ſchwachen Umriſſen einen Schlüſſel auf das weiße Blatt des Buches vor ihr und ſchrieb folgende Zeilen darunter: „Da me posso nullo Con Dio posso tutto, A Dio l'onore A me il disprezzo.“ Dreizehntes Kapitel. „Di gelosia mi moro E non lo posso dire! Chi mai provò di questo, Affanno più funesto Piu leognrn iolers Metastasio. Moriz Redmond war einige Zeit vorher veranlaßt worden, einige Wochen in Audley⸗Park zuzubringen. — 243 Er hatte Lady Clara im vorhergehenden Jahre Mufik⸗ unterricht gegeben, oder vielmehr mit ihr und vor ihr geſpielt, und ſie hatte bald bemerkt, daß ſeine Erziehung und ſein Benehmen ihn in den Stand ſetzen, ſich unter jede noch ſo fein gebildete Geſellſchaft zu mengen, und daß er eine ſchätzenswerthe Beigabe zu derjenigen ſei, welche ſie um ſich verſammelte. Sie hatte ihn daher eingeladen, einen Theil des Herbſtes mit ihnen zuzu⸗ bringen, und während er von London nach Stonehouſe⸗ leigh reiste, um ſich nach Audley⸗Park zu begeben, hatte er oft in ſeinem Geiſte die Möglichkeit erwogen, Ger⸗ truden in dem Hauſe ſeiner Mutter oder ſonſt wo zu⸗ fällig zu treffen, ohne es ſich träumen zu laſſen, daß er ſie bald unter demſelben Dache mit ihm wohnend finden werde. Marie war es, die es ihm kurz nach ſei⸗ ner Ankunft mittheilte. Er hatte zwei oder drei Tage ſeinem heimathlichen Hauſe und ihr gewidmet; und eine der erſten Nachrichten, die er hörte, war die von Ger⸗ trudens Unfall, von ihrem Aufenthalt in Audley⸗Park und von Lord Liffords Abreiſe nach Spanien. Er hatte London mit dem feſten Entſchluſſe verlaſſen, aus ſeinem Geiſte alle unbeſtimmten Hoffnungen in Beziehung auf Gertrude zu verbannen. Er hatte ſich vor Kurzem erſt gewundert, wie ihm je ſolche Gedanken hätten in den Sinn kommen können; es war in der That nur ein vorübergehender Traum geweſen, hervorgerufen durch ihre Gegenwart und ihre unbewußten Blicke, und ver⸗ ſchwunden während der Trennung; er hatte ſich jetzt entſchloſſen, nun einmal in Marie zu dringen, einen beſtimmten Tag für ihre Heirath feſtzuſetzen, und dieß beruhigte ſein Gewiſſen. Es ſchien ihm, als hätte er Etwas aufgegeben, während nur ruhigere Gedanken ihm die gänzliche Unmöglichkeit eines anderen Looſes gezeigt hatten, und was er nicht aufgab, das war die Leidenſchaft, welche er immer noch im Grunde ſeines Herzens hegte. Marie fand, er ſehe übel aus, und hoffte, das Landleben werde ihm gut thun. Er hatte angeſtrengt 244 in London gearbeitet und ſich etwas Geld verdient. Erſſf lächelte, als er ihr dieß ſagte, und fragte ſie, ob ſie mit ſoſt ſpärlichen Mitteln wie die, über welche ſie gebietenſt könnten, eine Haushaltung anfangen könnte. Sie gab eine ausweichende Antwort und ſah ihn ernſthaft an. Es lag offenbar Etwas, das ſie beunruhigte, in ſeinem Aeußern. „Warum ſiehſt Du mich ſo aufmerkſam an, Marie! Verſuchſt Du Etwas in meinen Augen zu leſen?“ Sie ſtieß einen ſchnellen unterdrückten Seufzer aus und ſchüttelte den Kopf. „Biſt Du alſo damit einverſtanden, Marie? Wol⸗ len wir nächſtes Frühjahr unſere Hochzeit feiern?“ Sie ſchwieg ſtille und ſchien mit ſich zu kämpfen. „Fürchteſt Du, mich durch ein ſolches Verſprechenf allzu glücklich zu machen?“ ſagte er, und indem er denſ Arm um ihren Leib ſchlang, verſuchte er, ihr in's Ge⸗ ſicht zu blicken. „Allzu glücklich?“ wiederholte ſie langſam.„Nein,) mein einziger Wunſch iſt, Dich glücklich zu machen.“ „So willſt Du alſo einwilligen, mein Weib zuſ werden?“ Sie wurde ſo bleich wie die weißen Roſen der Laube, wo ſie ſaßen, willigte aber freundlich in ſeinen Vorſchlag ein, verließ ihn in einigen Minuten und ging hinauf in ihr Zimmer.— Dort kniete ſie vor ihrem Bette nieder und brach in Thränen aus. Nach einigen Minuten ſtand ſie aufft und wuſch ihre Augen mit kaltem Waſſer.„Seine Augen ſollen keine Thränen vergießen,“ ſagte ſie bei ſich⸗! „Sie ſollen nicht von heißen Tropfen wie dieſe brennen. O Gott, laß ihn nicht weinen. Laß mich zwiſchen ihm und dem Grame ſtehen— und nie ſeinem Glücke im Wege. Aber daraus könnte nie, nie Glück entſprin⸗ gen, und ich will mit Gottes Hilfe zwiſchen ihm und ihr ſtehen. Sie ſoll ſein Herz nicht brechen. O dieſe blendenden Thränen!“ rief ſie aus,„wie brennen ſie in den Augen.“ Es war eine auffallende Angſt an ihr 245 ſichtbar, während ſie dieſe Ausrufungen that und ſchnell im Zimmer auf⸗ und abging; aber als ſie die Treppe wieder hinunter ging, war ſie heiterer als gewöhnlich, und ermunterte ihn ſogar, von künftigen Plänen und Einrichtungen zu ſprechen. Während Moriz unter dem Einfluß ihrer Geſell⸗ ſchaft ſtand, glaubte er Alles, wovon er ſich ſelbſt zu überreden wünſchte. Es lag etwas ſo Zärtliches in ihrem Veſen, ſie war ſo unentbehrlich für ihn in mancher hinſicht, er war ſo gewöhnt an den Duft der Sym⸗ „pathie und Zuneigung, womit ſie ihn umgab, daß es ſchwierig für ihn geweſen wäre, das, was er für ſie fühlte, mit einem andern Namen als Liebe zu benennen, nſoder dieſen Namen den quälenden und unangenehmen (Empfindungen zu geben, die er in Gertrudens Gegen⸗ „wart fühlte. Er war zufrieden mit dieſem Bewußtſein und gab ſich nicht damit ab, darüber nachzudenken, was wohl ſeine Gefühle geweſen wären, wenn er im Augenblick, wo ſie ihm ihre Hand zugeſagt hätte, plötz⸗ rflich gehort hätte, daß Gertrude im Begriff ſtehe zu hei⸗ rathen, oder daß er ſie nie mehr wieder ſehen werde. Er ſtellte keine ſolche prüfenden Fragen an ſich, weder man dieſem noch am nächſten Tage, als er ſich nach J Audley⸗Park begab, ſondern betheuerte nur in ſeinem Innern, wie um einige quälende Selbſteinreden zu beſchwichtigen, daß er Marie feſt und treu liebe, daß [ſer ſein künftiges Glück auf ſie baue,— daß ſie in 2Kummer oder in Freude, in Geſundheit oder in Krank⸗ beit ihm ein Schild, ein Troſt, eine Stütze und eine „Freude ſein werde, daß ſie miteinander das Leben ange⸗ ffangen hätten, und daß ſie es zuſammen durchwandern mund zuſammen beendigen würden. Wie konnte es ein unrecht gegen ſie ſein, wenn— wie Künſtler ſchöne Gemälde vor ſich hinſtellen, um daraus Stoff für ihre Phantaſte zu ſchöpfen, wie Andere auf die aufregendſte Muſik horchen, die ſie ſich verſchaffen koönnen, oder in der romantiſchſten Ausſicht ſchwelgen, die ſie finden 4 246 können, und ſo auf ihre Einbildungskraft einwirken und ihre Begeiſterung erwecken:— warum alſo ſollte nicht Lady⸗Bird das Bild ſein, das er betrachten— die Muſe, aus der er ſeine Eingebungen ſchöpfen dürfte— die „dame de ses pensées“ im Gebiete der Kunſt und der Romantik? Seine Scrupel waren es, die ihn Marien untreu machten— Marien, ſeiner lieblichen Schweſter in der Kindheit, die nun ſeine Verlobte war und bald ſein Weib werden ſollte. Das war ein wirkliches Band, eine ernſtliche Zuneigung ohne romantiſche Grillen, ohne phantaſtiſche Poſſen. Konnte er je denken, dachte er je an Lady⸗Bird als an ſein Weib? O nein, ſie war nicht gemacht für die alltäglichen Sorgen und Pflichten des Lebens, und Shakespeare's oft wiederholte Worte von„einem glänzenden beſonderen Sterne“ kamen ihm in den Sinn, während er die Allee binaufritt. Ungefähr zehn Tage waren verfloſſen ſeit Gertru⸗ dens erſter Erſcheinung im Beſuchzimmer in Audley⸗ Park. Während dieſes Zeitraums waren die verſchiedenen Beſtandtheile, aus denen die Geſellſchaft daſelbſt zuſam⸗ mengeſetzt war, untereinander geſchüttelt worden und ein Aſſimilations⸗Prozeß hatte ſtattgefunden. Man hatte herausgefunden, wer einem zuſagte und wer nicht; wer unterhaltend und wer langweilig war; wer eine gute Zielſcheibe für den Witz darbot; wer gut redete und wer gut zuhörte; wer immer guter Laune war und wer keinen Scherz ertragen konnte; zu welcher Stunde die Bibliothek und die Zeitungen unbeſetzt waren; wann die Fräulein Apley Jemand zum Spielen und Singen aufforderten und dann während deſſen unaufhörlich ſelbſt miteinander ſprachen; oder wann Herr Egerton und Mark Apley über Schutzzölle und Freihandel miteinander ſtritten, oder General Burnwood„in wenigen Worten“ die Geſchichte ſeiner Feldzüge erzählte. Einige Freundſchaften fingen an zu erwachen, einige Liebeleien begannen, einige Ab⸗ neigungen entſtanden— ſtille, welche die tiefſten, thätige, welche widerwärtig, zänkiſche, welche beluſtigend waren, 247 Lady Clara war die vollkommenſte Wirthin; ſie ſchenkte ihren Gäſten ſo viele Aufmerkſamkeit, daß ſie ſich ganz wie zu Hauſe fühlten, und nicht zu viel, um den Reiz gänzlicher Unabhängigkeit zu ſtören. Sie verſtand, ihre Gäſte ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen und drang nie in die, welche auf eine Art glücklich ſchienen, daß ſie ſich auf eine andere unterhalten ſollten; aber wenn die unbedeu⸗ tendſte Perſon in der Geſellſchaft gelangweilt oder ver⸗ „nachläſſigt ſchien, dann fand ſie immer eine Beſchäfti⸗ zung oder Unterhaltung für ſie. Sie fügte ſich in Jedermann, einen nach dem andern, nicht ſowohl aus Gefälligkeit, obgleich ſie gefällig war, als aus dem Wunſche, nur glückliche Geſichter um ſich her zu ſehen und aus Widerwillen gegen traurige. „Das Leben,“ ſagie ſie einſt,„iſt zu kurz zum Trübfinn.“ „Allerdings,“ antwortete Adrian. Sie ſtimmten überein, aber ihre Anſichten waren nicht die gleichen. Lady Roslyn zeigte ihr das ſchöne Gedicht von Frau Hemans: die Nachtſchwärmer, und ſagte: „Auch Sie, Clara, würden Jeden, der nicht fröh⸗ lich wäre, aus Ihrer feſtlichen Halle verbannen.“ „Nein,“ ſagte ſie,„aber ich würde verſuchen, ſie zur Freude zu zwingen und nur jenen Schatten von Me⸗ lancholie geſtatten, der— nicht ohne etwas Angenehmes in ſich zu haben— uns dichteriſche Gefühle und rei⸗ zende Rührung einflößt. Sie zum Beiſpiel,“ und dabei deutete ſie auf Gertrude,„würde ich nicht ver⸗ bannen, obgleich in Frau Hemans Worten: ‚ihrer Augen ſchneller Blitz durch ihr getrübtes Obdach’ nicht immer ein ruhiges Herz verräth; aber ich verſuche es, ſie zu lehren, die Welt nicht zu ernſt anzuſehen, nicht zu „prendre la vie au tragique;“ und ich hoffe, es wird mir gelingen“ Frau Crofton, welche zugehört hatte, lächelte und ſagte:„das Beiſpiel kann Vieles thun, liebe Lady Clara, 248 aber die Natur iſt noch ſtärker, und ich glaube nicht, daß es Ihnen gelingen wird, die feurige Seele, welche aus dieſen dunklen Augen heraus ſcheint, zu lehren, wie ein Roſenblatt den Strom des Lebens hinabzu⸗ ſchwimmen, was für Sie ſo gut paßt.“ Frau Crofton und Lady Clara paßten nicht zu⸗ ſammen. Sie waren einander etwas zu ähnlich und viel zu unähnlich. Beide lebten in der und für die Geſellſchaft; Beide waren tadellos in moraliſcher Be⸗ ziehung, aber Lady Clara war ebenſo ſchön, als Frau Crofton es nicht war, und darum hatte letztere auch mit mehr Schwierigkeiten in ihrer Laufbahn zu kämpfen, obgleich ſie beinahe den gleichen Erfolg hatte. Sie war nicht ſo beredt, ſo anmuthig oder ſo lie⸗ benswürdig; aber ſie war ſcharfſinniger, witziger und ſcherzhafter. Niemand wurde ihrer je müde, und einige tadelſüchtige Leute behaupteten, Lady Clara ſei etwas 8 maleriſch in ihrer Sprache und überſpannt in ihren egriffen. Sie war etwas zu ſehr von den Eindrücken, die ſich ihr darboten, erfüllt, um den Eindruck, welchen ſie auf Andere machte, zu beobachten; Frau Crofton dagegen hatte ein Luchs⸗Auge, das immer die ſchwan⸗ kenden Kennzeichen von Intereſſe und langer Weile bei denen, mit welchen ſie ſprach, entdeckte. In Allem, was ſie ſagte, lag mehr Kraft und weniger Reiz als in dem, was Lady Clara ſprach; wie einſt ein witziger Franzoſe von zwei Damen ſagte:„Elle était le mäle de l'espèce, dont l'autre était la femelle.“ Herr Latimer fühlte ſich ſehr glücklich in Audley⸗ Park, denn er hatte eine herrſchende Leidenſchaft— das Studium der Perſönlichkeiten, und in der hier verſam⸗ melten Geſellſchaft war ihm ein ſchönes Feld dazu geöffnet. Er ſchrieb an einen Freund: „Es macht mir die größte Unterhaltung von der Welt, in dieſer Menagerie zu leben,— dieſer glücklichen Familie,“ worin ich mir wie die Eule vorkomme, mit der ſich Niemand abgibt und die mit offenen Augen — 249 ſchläft. Da iſt die Herrin das Hauſes, ein reizender Vogel mit dem fleckenloſeſten Gefieder und der lieblich⸗ ſten Stimme, der in honigſüßen Tönen auf ſeiner golde⸗ nen Stange ſchmettert, ſich aber in ſcheuer Entfernung von jenem hübſchen kleinen Spottvogel, Frau Crofton, hält, deſſen ſcharfer Schnabel oft ärger pickt, als angenehm iſt. Dann haben wir jenen ſtattlichen Paradiesvogel, Lady Roslyn, und eine Familie von Kanarienvögeln, die Fräulein Apley ziemlich hübſch, wenn ſie nicht ſo un⸗ aufhörlich zwitſchern würden. Auch haben wir noch ein anderes junges Weſen dazu bekommen, das ich kaum zu beſchreiben weiß. Es iſt halb ausländiſch und halb engliſch, ein junger Adler vielleicht, geboren in den Pyrenäen, aber auferzogen in einem alten Hauſe in dieſer altmodiſchen Grafſchaft. Es hat Augen, die, ich zweifle nicht, in die Sonne blicken könnten, wenn ſie es verſuchten. Sie wiſſen, ich bin nicht oft in der Laune, wo es für ein Kind gerathen wäre, mit mir zu ſpielen, aber der junge Adler fürchtet ſich vor meinem Knurren nicht. Dann haben wir außerdem noch alle Arten anderer Geſchöpfe, vornehme junge Vögel wie Egerton, Sperlings⸗Genies und Staatsmänner in ihrer eigenen Meinung, wie Marlow, gutmüthige ehrliche Gänſe, wie Apley, und einen ſehr großen franzöſiſchen Vogel, aus deſſen Kopf und Schwanz ich nicht klug werde; und ſonſt noch viele andere, denn der Käfig kann uns kaum alle faſſen. Wir haben noch nicht viel Streit gehabt. Nur hie und da kommt ein kleines Schlagen mit den Flügeln und ein kleines Geziſch vor. Der Sperling hat einen heftigen Widerwillen gegen den ggrroßen franzöſiſchen Vogel, aber ſie ſind bis jetzt noch nicht zu Thätlichkeiten gekommen. Die Kanarienvögel ſehen mit neidiſchem Auge auf den jungen Adler, viel⸗ leicht weil ſie glauben, er werde ihre Gans für einen Schwan anſehen. Aber ich glaube, er wird eher auf meine Stange kommen— und wünſche beinahe, er möchte es. Er geht auf den Namen Lady⸗Bird. Neben⸗ 2⁵⁰ bei geſagt, erinnern Sie ſich nicht mehr an einen ge⸗ wiſſen Heinrich Lifford, mit dem Lady Clara vor un⸗ gefähr zweiundzwanzig Jahren verlobt war, als ſie eben die Schulſtube verlaſſen hatte? Dieß iſt ſeine Tochter von einer Spanierin, mit der er ſich verheirathet hat. Ich hoffe, ich werde ihretwegen keine Narrheit begehen.“ Gertrude hätte beinahe alle Männer, die ſie ſahen, närriſch machen können, wenn ſie gewollt hätte; und manchmal ging ihr ein tadelnswerther Wunſch durch den Kovf, ſie möchte etwas von der großen Welt gekannt haben, bevor Adrian ihr jede Begierde nach der Be⸗ wunderung Anderer benahm. Sie verſuchte den Ein⸗ druck, den er auf ſie gemacht hatte, abzuſchütteln, aber die Bemühung zeigte ſich gänzlich vergeblich; ein Blick, ein Wort, ein Lächeln von ihm war ihr mehr, als die Huldigung und die Verehrung der ganzen übrigen Welt. Seine unbewußte Gewalt über ſie war unbeſchränkt. Sie ſah die Möglichkeit nicht ein, verſchiedener Meinung mit ihm zu ſein, oder je auf eine Art zu handeln, die ſie ihn zufällig verdammen gehört hatte. Sein unbe⸗ deutendſtes Wort war ihr Geſetz, ſeine Bücher ihre täg⸗ liche Beſchäftigung, ſeine Gegenwart oder Abweſenheit die Urſache, die ſie zur Heiterkeit oder Niedergeſchlagen⸗ heit beſtimmte. Er ſtand auf ſehr freundſchaftlichem Fuße mit ihr, aber weiter nichts. Es lag viel Wohl⸗ wollen, aber keine Ergebenheit in ſeinem Weſen, und ſie wünſchte nie, ihn zu ihren Füßen zu ſehen: konnte ſie ihm je ein Intereſſe an ihrem Schickſal einflößen, das ihre immer zunehmende Verehrung für ihn von ihr ſelbſt rechtfertigen würde,— ſo ſchien ihr das das höchſte Glück zu ſein, das die Erde bieten könne. Wenn ſie ſich mit einander unterhielten, war ſie auf die unſchul⸗ digſte Art eine Heuchlerin; denn ſie nahm ſeine Gedan⸗ ken und Gefühle ſo in ihr Weſen auf, daß ſie auf ganz natürlichem Wege die ihrigen zu werden und ſeine Ueber⸗ zeugungen und Meinungen durch einen unbewußten 251 Aſſimilations⸗Prozeß in ihren Geiſt überzugehen ſchienen. Sie ſprach mit ihm von ihrer Kindheit, ihrer Heimath, ihrer Mutter, aber auf eine andere Weiſe, als man an ihr gewohnt war. Dieß war keine Verſtellung, es war eine Verän⸗ derung, bewirkt durch den Einfluß, den er auf ſie aus⸗ übte. Die Härte ſchmolz im Lichte ſeiner Augen, der Leichtſinn verſchwand vor ihrem Ernſte, und der Stolz wurde vernichtet durch ſeine vollkommene Einfachheit. Sie war zufällig gerade allein im Beſuchzimmer, als Moriz ankam. Der Tag war kühl und Jedermann erging ſich im Freien, was ſie noch nicht thun konnte; und mit einem Buche in der Hand, die Augen eben ſo oft auf das Feuer, als auf die Seiten deſſelben geheftet, hatte ſie die Stunden ſeit dem Mittageſſen zugebracht. Sie faßte eben einen Entſchluß, der ihr große Ueber⸗ windung koſtete, zu dem ſie aber durch den einzigen herrſchenden Einfluß, der nun alle ihre Gedanken und Handlungen regierte, getrieben wurde. Sie mußte am nächſten Tage nach Schloß Lifford zurückkehren. Es konnte nicht recht ſein, noch länger von ihrer Mutter entfernt zu bleiben; und wenn ſie in der Pony⸗Chaiſe in Audley⸗Park herumfahren konnte, ſo befand ſie ſich offenbar wohl genug, um in einer Kutſche nach Hauſe zu fahren. Sie war nicht ohne Hoffnung, Lady Clara würde ſie einladen, und ihre Mutter wuͤrde es ihr er⸗ lauben, in das Paradies zurückzukehren, das ſie im Be⸗ griffe ſtand, zu verlaſſen; aber ſie mußte gehen und ihre Mutter ſehen. Adrian hatte am Tage vorher Etwas geſagt— hatte eine zufällige Frage an ſie gerichtet, die ihrem Schwanken in dieſer Hinſicht ein Ende ge⸗ macht hatte: aber es war eine unermeßliche Aufgabe, zu gehen, ohne ſicher zu ſein, wieder zu kommen— ſicher, ihn wieder da zu finden. Zum erſten Mal dachte ſie an die Zukunft als mit ihm verknüpft,— bedachte, daß, obgleich er Verwandte in England und Irland hatte, Frankreich ſein Vaterland war, und daß 2⁵² die Schickſale des Lebens ſie vielleicht nie mehr zuſam⸗ men bringen könnten.„War dieß möglich?“ fragte ſie ſich,„möglich, ein ganzes Lebensglück einer Barke an⸗ zuvertrauen, die zufällig im Strome des Lebens an un⸗ ſerer Seite ſchwimmt, und ſie dann in einer andern Richtung forttreiben zu ſehen, ohne die Macht des Wi⸗ derſtandes oder der Klage zu haben?“ Es ſchien ihr, als unterzeichnete ſie ihr eigenes Todesurtheil, wenn ſie den Entſchluß erkläre, ſich hinwegzubegeben.„Aber würde ich nicht ſterben, wenn er es für Recht hielte?“ rief ſie bei ſich aus,— lächelte über ihre eigene Schwärmerei und ſeufzte dann; denn ihr Gewiſſen that Einſpruch gegen die übermäßige Abgötterei ihres Herzens. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Moriz Redmond trat herein. Er fuhr zuſammen, als er ſie ſah, aber ſchnell faßte er ſich wieder, näherte ſich ihr, und wurde auf's Freundſchaftlichſte empfangen. Sie war ſehr erfreut, ihn zu ſehen, und ſie blieben einige Zeit allein zuſammen, ehe Jemand hereinkam. „Wie auffallend ſcheint es, daß wir hier zuſammen⸗ treffen, Moriz. Wenn wir bis jetzt, mit einander um⸗ gingen, ſo war es immer entweder in der freien Luft, oder auf den Dünen und in den Wäldern, wo wir in früheren Zeiten mit einander zu ſpielen pflegten, oder in Frau Redmond's Hütte, oder in dem dunkeln Zim⸗ mer meiner Mutter. Es ſcheint mir ein ganzes Jahr ſeit meinem Unfall verfloſſen zu ſein. Glauben Sie nicht, daß es Wochen gibt, in denen man ein ganzes Leben lebt?“ „Es gibt Augenblicke,“ antwortete er,„worin das Glück oder das Elend eines ganzen Lebens vereinigt ſein kann.“ „Ja,“ antwortete ſie gedankenvoll,„ich kann mir denken, daß es ſo ſein könnte. Was iſt der glücklichſte Augenblick Ihres Lebens geweſen, Moriz?“ Sie dachte dabei ſehr wenig an die Perſon, an die ſie dieß richtete. Sie hatte vergeſſen, daß es ihr je in 2⁵3 den Sinn gekommen war, daß er ſie auch nur auf jene ferne ehrerbietige Weiſe bewunderte, deren Beobachtung ihr einſt ſo viele Unterhaltung gemacht hatte. Mit ab⸗ weſendem Geiſte hatte ſie dieſe Frage gethan, wie wenn ſie gefragt hätte, welches die ſchönſte Ausſicht ſei, die er je geſehen habe, und ſie bemerkte nicht, daß er erröthete, während er antwortete:„Der Augenblick, als ich bei dem Frühſtück in Woodlands beinahe ohnmächtig wurde.“ Sie lächelte und ſagte:„Sie lieben die Extreme, wie ich ſehe. Das Vergnügen des Erfolgs, nach einem vor⸗ hergehenden augenblicklichen kleinen Leiden, um ihm größeren Reiz zu verleihen, iſt Ihre Lieblingsvorſtellung vom Glücke. Nun gut, ich ſage noch einmal, daß es ſo ſein kann, aber das Rezept behagt mir nicht recht. Ich denke von dem Glücke ſo, wie Kinder es mit einem verſprochenen Spielzeug machen.„Gib es mir jetzt. — Wie geht es Marie?“ „Gut, ganz gut,“ antwortete er in niedergeſchlage⸗ nem Tone; er ermannte ſich aber und ſetzte hinzu: „Sie wiſſen, ſie iſt ſo wenig ſelbſtſüchtig, daß ſie es uns nie ſagen würde, wenn es nicht ſo wäre, das heißt ſo lange ſie ſich wie gewöhnlich anſtrengen könnte.“ „Sie iſt gut,“ rief Gertrude aus. „O ſie iſt gut,“ erwiederte er,„beſſer, als irgend Jemand weiß oder ſich denken kann. Es find Tiefen der Zärtlichkeit und Geduld in ihrem Herzen, die man nicht ergründen kann. Selbſt ich— der ich ſte von Kindheit an gekannt und beinahe wie eine Heilige ver⸗ ehrt habe— ich bin manchmal über ihre Güte erſtaunt.“ „Halten Sie ſie für eben ſo gut, als jene Perſon, von der Sie mit mir zu ſprechen pflegten— als Herrn d'Arberg?“ „Ja, ich glaube. Sie ſind Beide ſo nahe der Voll⸗ kommenheit, als ich mir denken kann daß menſchliche Weſen ſein können, aber Marie hat keine der Anſpor⸗ nungen und Belohnungen, die die Laufbahn eines Man⸗ nes der Tugend bietet, Sie hat keine irdiſche Belohnung.“ 25⁵4 „Außer Ihre Liebe,“ ſagte Gertrude, indem ſie dabei zum erſtenmal gegen ihn auf die zwiſchen ihnen beſtehende Neigung anſpielte. „Ja, ich liebe ſie,“ antwortete er in einem Tone unerklärlicher Bewegung und Aufregung;„Gott helfe ihr, ich liebe ſie ſehr.“ Dieſe Worte kamen Gertruden ſonderbar vor, und ſte blickte ihn forſchend an. Er bemerkte es nicht, ſon⸗ dern ſagte:„Sie haben alſo Bekanntſchaft mit Adrian d'Arberg gemacht. Habe ich zu viel von ihm geſagt, Lady⸗Bird,— Fräulein Lifford wollte ich ſagen?“ „Hat nichts zu ſagen, Moriz, Jedermann nennt mich hier ſo, und Sie, der Sie mir den Namen gaben, haben ein beſſeres Recht dazu, als jeder Andere.“ „O danke, Lady⸗Bird, danke,“ rief er aus, ergriff ihre Hand und küßte ſie.„Verzeihung, in Italien küſſen ſelbſt die Bettler die Hand, die ihnen hilft. Nur in England hält man es für eine Dreiſtigkeit.“ Sie fand ſein Benehmen auffallend und änderte plötzlich den Gegenſtand des Geſprächs,„Ich werde morgen nach Schloß Lifford zurückkehren.“ 3 „Morgen! auf wie lange? O wahrſcheinlich auf immer.“ In dieſem Augenblick trat Herr Latimer ein, nickte Moriz zu und ſetzte ſich zwiſchen ihn und Gertrude dem Feuer gegenüber.„Nun, Lady⸗Bird, Sie find heute nicht aus dem Hauſe gekommen. Womit haben Sie ſich in Ihrer Einſamkeit beſchäftigt? Welches ſind Ihre Studien? Ich möchte wiſſen, wie Sie Ihre Zeit zubringen, wenn wir Alle weg ſind. Sie ſind eines der wenigen Frauenzimmer, die ich je getroffen habe, welche gerne allein zu ſein ſcheinen. Sie denken viel?“ Sie legte den Finger an die Schläfe und ſagte: „Da innen arbeitet beſtändig eine Mühle, aber ſie mahlt mehr Spreu als Korn.“ 1 „Ich glaube, ſie würde Alles mahlen, was Sie hinein thun mögen. Womit war ſie heute beſchäͤftigt?“ 25⁵ „Mit einer Sache der Pflicht, Herr Latimer?“ „O welch' ein dürrer Knochen!“ „Aber doch mit Mark darin.“ „Wer warf ihn hinein— Sie ſelbſt oder Jemand anders?“ „Das Gewiſſen las ihn auf, warf ihn hinein—“ „Und er iſt zu Nichts zermahlen worden.“ „Nein, in Etwas— und in etwas Unangenehmes noch dazu.“ „Was iſt das?“ „Der fuͤr mich unangenehme Umſtand, daß ich morgen fortgehen werde.“ „Ach Poſſen! Sie können nicht fortgehen!“ „Ich wünſchte, ich könnte es nicht; aber ich kann und werde es thun.“ „Aber Sie werden bald wieder hierher zurück⸗ kehren?“ „Das weiß ich nicht; man weiß nie Etwas auf der Welt, wie ich ſinde. Man lebt immer nur au jour la journée.“* „O, aber wir können nicht leben, ohne Sie zu ſehen. Wir werden alle ſterben.“ „Ich werde auf alle Fälle zu Ihrem Leichenbe⸗ gängniß kommen, Herr Latimer.“ „Und nicht zu dem von Mark Apley? Der arme Junge! er wird zuerſt ſterben. Bei mir wird es einen Kampf koſten und nur allmählig werde ich dahin⸗ ſchmachten. Aber was fangen Sie dort an, in jenem verzauberten Schloſſe, zu dem Niemand Zutritt hat? Iſt irgend Jemand je hineingekommen? Sie vielleicht Herr Redmond?“ „O ja„er iſt dort geweſen,“ antwortete ſie ſchnell, goft genug. Er iſt mon pays, wie die franzöſiſchen Landleute ſagen.“ „Man ſagt mir, Sie leſen unermeßlich viel.“ „Wie weiß man Etwas davon?“. 84 25⁵6 „Hier kommt Lady Clara und der dem Tode ver⸗ fallene Mark. Sie ſagt, ſie müſſe morgen fortgehen.“ „So ſagte ſie mir dieſen Morgen, aber ich wollte ihr nicht glauben. Ueberdieß ſollte ſie nicht gehen, ehe der Arzt ſeine Erlaubniß gegeben hat.“ „Ich muß, liebe Lady Tlara. Ich habe meiner Mutter ſagen laſſen, ſie möchte morgen den Wagen für mich herüberſchicken.“ „Dann muſſen Sie, ſo bald Sie können, wieder⸗ kommen. Wir können nicht ohne Sie auskommen.“ „Das habe ich ihr auch geſagt. Sie wird uns herum liegen ſehen wie todte Fliegen, wenn ſie zu lange fortbleibt. Sir William Marlow könnte zur Noth noch am Leben bleiben und wie der Letzte der Menſchen im Hauſe umherwandeln.“ Mark's gewöhnlich ſo ſtrahlendes Geſicht verfinſterte ſich. Er fuͤhlte ſich durch Herrn Latimer's Benehmen gegen Gertrude verletzt. Er fühlte, daß er, ſeit ſie in Audley⸗Park war, keinen Schritt mit ihr weiter gekom⸗ men war; er hatte nicht Scharfblick genug, zu entdecken, wo die Gefahr war, die er zu fürchten hatte, und empfand Eiferſucht über den leichten Fuß, auf dem Herr Latimer mit ihr ſtand, obgleich er alt genug war, um bequem ihr Vater ſein zu können. Moriz war verſtimmt über ihre Abreiſe, und doch tröſtete ihn in einer Hinſicht der Gedanke, daß ſie wieder in die einſame Lage zu⸗ rückverſetzt werden ſollte, wo ihr Niemand nahe kam. Er erſchrack über ſeine eigene Unruhe, wenn ein anderer Mann mit ihr ſprach; Herrn Latimer's Benehmen, ſeine Scherze über Mark, waren ihm unerträglich. Wenn er das jetzt ſchon fühlte, wie ſollte es erſt werden, wenn er in demſelben Hauſe mitten unter einer ſolchen Geſell⸗ ſchaft mit ihr leben würde. Nie, dachte er, werde er im Stande ſein, die Aufregung ſeiner Nerven zu beherr⸗ ſchen. Es war beſſer, daß ſie ging. Er hätte gewünſcht, ſie forttreiben zu konnen. Wenn ſie nur einmal inner⸗ halb der Mauern von Schloß Lifford war, dann konnte 257 er an ſie denken, von ihr träumen, ſie hie und da einen Augenblick ſehen, und Niemand ſonſt würde ihre Schön⸗ heit anſtaunen,— Niemand ſonſt würde ſie Lady⸗Bird nennen oder im Scherze davon ſprechen, für ſie zu ſter⸗ ben. Wie konnte es dieſen Leuten einfallen, mit einem ſolchen Gedanken zu ſcherzen? Der arme Moriz! für ihn war das kein Gegenſtand des Lachens. Während er ſich zum Eſſen ankleidete, brachte er dieſe Gedanken in Verſe nach ſeiner gewohnten Weiſe, und ſetzte ſie in Muſik nach einer beliebten deutſchen Melodie: „O kehre heim, dahin, wo nie Dich trifft Der Männer Blick, der Schmeichelworte Gift; Wo nie, wo ſelbſt von Ungefähr kein Mann, Als ich, Dein reizend Antlitz ſchauen kann. O kehre heim zu jenen weichen Matten, Zu jener Eichen lieblich dunkelm Schatten, Wo ich Dich treu gehütet oft von fern, Wie Aſtronomen ihren liebſten Stern. O kehre heim, wo nur der Vögel Sang, Nur Windesſäuſeln Dir zum Ohre drang, Heim zu den lieben Pfaden, die geweiht Durch manchen trauten Gang der vor'gen Zeit. Iſt denn für Dich, die dort ſo ſtill erblüht, Für die ich dort in reiner Flamm' erglüht, Der ſeichten Männer Scherz, verliebt und leer? Für Dich ihr albern Lachen? Nimmermehr! Nein! laß ſie nimmer preiſen Dein Geſicht, Laß ihnen Deine lieben Hände nicht! Laß ſie den holden Namen nicht mißbrauchen, Den meine Lippen andachtsvoll verhauchen. Dein Blick, Dein Wort, ſonſt meines Herzens Weide, Hier wecken ſie mir keinen Funken Freude; Bei eitlem Tande ſchaffen ſie mir Weh; O hab' Erbarmen! kehre heim! o geh!“ Laby⸗Bird. I. 7 258 Aufrichtiges und unaufrichtiges Bedauern wurde über Gertruden's Abreiſe ausgeſprochen, und aufrichtige und unaufrichtige Wünſche für ihre Rückkehr. Sie kümmerte ſich wenig um alles dieß. Der Lady Clara, der ſie wirklich zugethan war, that es leid, das wußte ſie, ſie zu verlieren. War ſie gleich in gewiſſer Hinſicht weltlich, oder vielmehr ein Kind der Welt, ſo lag doch eine Offenheit in ihren klaren Augen und auf ihrer glatten Stirne, die nicht zu verkennen war. Wahrheit war in ihr und ihr Lächeln war ein Pfand. Adrian hatte ſich ihr an dieſem Tage noch nicht genähert, und erſt ziemlich ſpät am Abend geſchah dieß. Er war in ein langes Geſpräch mit Frau Crofton und Sir Wil⸗ liam Marlow verwickelt geweſen. Der Letztere hatte ihn zuerſt du haut de sa petite grandeur behandelt; aber nachdem er gefunden hatte, mit was für einem Gegner er es zu thun hatte, war er hitzig geworden und hatte die ganze Macht ſeines Wiſſens aufgeboten, worauf ſich ein lebhafter Streit zwiſchen ihnen über einige der Hauptfragen des Tages entſponnen hatte. Frau Crofton hatte mit jener bewundernswürdigen Kunſt des Zuhörens, die ſie in einem ſo außerordentlichen Grade beſaß, den heftigen Streit noch mehr angeſpornt und ihm eine ergötzliche Wen⸗ dung gegeben, als Sir William bitter wurde. Beinahe ge⸗ rade gegenüber von ihnen ſaß Gertrude mit einer der Fräulein Apley und verſchiedenen Herren um ſie her. Moriz ſaß auf einem Stuhle ein wenig hinter ihr und ſie wandte ſich bisweilen um, um mit ihm zu ſprechen. „Ich möchte wiſſen,“ fagte er mit leiſer Stimme, „ob man Herrn d'Arberg hier für völlig bei Verſtand halten würde, wenn man Einiges von dem wüßte, was er thut. Mir, der ich weiß, wie ein großer Theil ſeiner Zeit von ihm angewandt wird, und was für einen Gebrauch er von ſeinem Vermögen macht, mir iſt es auffallend, ihn in einer Geſellſchaft dieſer Art ſich wie irgend ein gewöhnlicher Weltmann angenehm machen zu ſehen.“ 259 „Er iſt ſehr reich, nicht wahr?“ „Ja, ſehr reich; ich glaube, ſeine Mutter war eine Erbin, ſein Vater heirathete ſie als émigré. Seine guten Werke ſind auch erſtaunlich; aber ſie geſchehen ſo insgeheim, daß wenige Menſchen etwas davon wiſſen. Ich bin überzeugt, er wird am Ende noch Prieſter.“ Gertrude wurde bleich; Moriz ſah es und ein eifer⸗ ſüchtiger Schmerz durchzuckte ſein Herz. Gott ſei Dank, ſie ging am nächſten Tage fort und d'Arberg blieb wahrſcheinlich nicht lange in England. Es konnte ſein, daß ſie nie mehr zuſammentrafen. Warum hatte er ſich nicht vor ihrem Bekanntwerden gefürchtet? Warum hatte er, Thor, der er war, ſo viel mit ihr von ihm geſprochen?“ Abgebrochen und ſonderbar war ſein Weſen, als er fortfuhr, er müſſe ſeinem Vermögen durch ſeine übermäßige Mildthätigkeit einen Stoß ver⸗ ſetzt haben, und dieß werde der Grund ſein, warum er ſich nie verheirathet habe. „O nein,“ ſagte ſie in ruhigem Tone,„Herr Audley, der ihn gut kennt, ſagt, er habe große Beſitzungen ſo⸗ wohl in Frankreich als Irland.“ „Sie haben ſich alſo Gewißheit darüber verſchafft, daß er reich iſt?“ antwortete er in einem Tone ſchlecht verhehlter Aufregung. „Ich habe es gehört,“ ſagte ſie, und verſank dann in Achtloſigkeit auf ihre Umgebung, denn der Zeiger der franzöſiſchen Uhr rückte ſchnell weiter und ſie konnte ihre Ungeduld beinahe nicht mehr ertragen. Zuletzt ging die Unterhaltung am Tiſche gegenüber zu Ende und Adrian kam, wie wenn er ſie jetzt erſt an dieſem Abend bemerkte, herbei und ſetzte ſich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Fräulein Apley ſprach eifrig mit Jemand auf der andern Seite des Sopha's. Moriz hatte eine Zeitung ergriffen und ſchien darein vertieft zu ſein, war jedoch immer noch nahe genug um jedes Wort zu hören, das geſprochen wurde. 47* 260 „Ich höre, Sie werden morgen nach Hauſe gehen,“ ſagte Adrian und blickte ſie mit theilnehmendem Aus⸗ druck an. „Ja,“ antwortete ſie, ohne die Augen von dem Blumenſtrauß zu erheben, den ſie in der Hand hielt, „das Leben kann nicht unter Blumen zugebracht wer⸗ den, das meinige wenigſtens nicht.“ „Haben Sie das Leben hier angenehm gefunden?“ „Beinahe zu ſehr. Ich wollte, ich wäre nicht in dieſes Roſenbett geworfen worden, denn ich fürchte, es wird mir nun kein anderes Lager mehr recht ſein.“ „Ja, es iſt gewiß keine ſehr ſtärkende Atmoſphäre, in der wir hier leben. Man ſchwimmt hier den Strom hinab, anſtatt gegen ihn zu rudern.“ „Und doch,“ ſagte ſie,„welche Einwendungen kann man machen gegen ein Daſein, wie das der Lady Clara? Wie unſchuldig iſt es! wie liebevoll iſt ſie! Liebend und geliebt, Vergnügen austheilend und empfangend. Für mich iſt es ein entzückender Anblick, ſie zu ſehen, ſelbſt ſo ſchön, mitten unter Schönheiten aller Art. Mit Abänderung eines einzigen Wortes könnte man jenen ſchönen franzöſiſchen Vers auf ſie anwenden: „Et rose elle a vécu, comme vivent les roses.“ „Allerdings,“ antwortete er mit einem zögernden Lächeln, wie es ihm eigen war,„aber wurde ſie in die Welt geſandt, um das Leben einer Roſe zu leben, oder ihren Antheil zu tragen auf dem großen Schlachtfelde des Lebens? Ihr Daſein ſcheint mir zu ſehr dem Eva's im Paradieſe zu gleichen— Eva's vor, nicht nach dem Fall.“ Gertrude pflückte alle die rothen Blätter einer der Blumen in ihrer Hand ab und zeigte ihm den grünen Kelch, der eine Art von Kreuz bildete.„Ja!“ rief er aus,„das wird man am Ende finden, aber ſollte man es nicht früher auf ſich nehmen?“ „Ich liebe das Schlachtfeld des Lebens,“ ſagte ſie, „aber ſtill zu ſitzen, das iſt's, was ich fürchte.“ 261 „Wir müſſen, ein jeder von uns, auf unſerem Poſten kämpfen,“ antwortete er.„Der Tagesbefehl iſt Alles, um das wir uns zu kümmern haben. Gehen Sie morgen in der Frühe?“ „Nicht ſo ſehr frühe,“ antwortete ſie mit ſtockender Stimme. „Ich mochte Sie fragen, ob ich am Sonntag in der Kapelle in Schloß Lifford die Meſſe hören darf— es iſt näher als Stonehouſeleigh, und ich würde gerne auch Pater Lifford ſehen.“ Ihre Augen funkelten von einer Freude, die ſie nicht verbergen konnte, und ſie gab in kurzen Worten ihre Zuſtimmung, aber auf eine Weiſe, die deutlich zeigte, welches Vergnügen ſie dabei empfand. „Meine Mutter wird Sie vielleicht ſehen wollen, wenn fie ſich erträglich befindet.“ „In der That? Es würde mich ſehr freuen, ſie kennen zu lernen.“ 8 „Sie empfängt nie Fremde, aber—“ ich ſehen wollen?“ „Ich habe ihr Ihre Bü vorgeleſen, und Sie „Güte!“ ſagte er mit einem Lächeln. „Ja; Sie brachten mich hieher am Tage meines Unfalls. Ich bin überzeugt, ſte wird Ihnen zu danken wünſchen. Sprechen Sie Spaniſch?“ „Ja. „Das iſt ſchön, dann iſt die Sache im Reinen,“— ſie warf mit einem Gefühl unwiderſtehlicher Freude ihren Blumenſtrauß in die Luft empor und fing ihn beim Herabfallen wieder auf. Er ſah ein wenig gedanken⸗ voll aus und ſprach an jenem Abend Nichts mehr mit ihr, blieb aber auf derſelben Stelle ützen. Moriz war gebeten worden, eine neue Romanze zu ſingen, die Frau Crofton eben von Paris erhalten hatte, gedichtet von Victor Hugo, ſie hieß„Le fon de Tolède.“ Er 262 that es; als er zu der folgenden Strophe kam, hefteten ſich ſeine Augen auf Gertrude: Un jour Sabine a tout donné— Sa beauté de colombe Et son amour, Pour l'anneau d'or du comte de Saldagne Pour un bijou— Le vent qui vient à travers la montagne Me vendra fou. Sie bemerkte ſeine Gemüthsbewegung nicht, aber die Muſik dieſes Liedes— die wild war wie ein Traum der Leidenſchaft— ſtimmte auch zu ihren Gedanken. Vierzehntes Kapitel. „Nicht gleiche Herkunft oder gleicher Stand Hat uns Hat Jede⸗ Man hört Nur darum wünſchen, fürchten, hoffen. Shakeſpeare. In ihrer Mutter Armen— zu ihrer Mutter Füßen — brachte Gertrude die nächſten Tage zu. Dieſes dunkle Zimmer war ihr ſehr theuer geworden. Ihre Ge⸗ ſühle waren nunmehr in Uebereinſtimmung mit ſeinem lusſehen. Das Bild des Herzogs von Gandia ſchien ſie beifällig anzuſehen, wenn ſie durch jede kleine in ihrer Macht ſtehende Bemühung ihrer Mutter Zuſtand zu erleichtern ſtrebte. Sie erzählte ihr wieder und wieder alle Einzelnheiten ihres Aufenthalts in Aud⸗ ley⸗Park, unterhielt ſie mit Beſchreibungen der Per⸗ ſonen, die ſie geſehen hatte, brachte ſte bald zum Lächeln, bald zum Seufzen, und verſtand ihr Lächeln, 263 aber nicht ihre Seufzer. Dann erzählte ſie ihr auch von Adrian, berichtete ihr mit der größten Genauigkeit von ſeinen Blicken, ſeinem Weſen, wiederholte jedes Wort, das er geſagt hatte und meldete ihr, daß er am folgenden Tage nach Schloß Lifford kommen werde. „Das mußt Du Pater Lifford ſagen, Liebe. Ich will nur ſehen, was Dein Vater dazu ſagt.“ „Wozu, Mutter? Dazu, daß Herr d'Arberg in die Kirche kommt? Sie wiſſen doch, daß die Kapelle am Sonntag Jedermann offen ſteht.“ „Ja, liebes Kind, aber wenn er kommt, ſo mußt Du ihn auch bitten, Etwas zu genießen.“ Allerdings,“ ſagte Geetrude mit ihrem heiterſten Lächeln,„wir durfen ihn nicht verhungern laſſen, und dann müſſen Sie ihn auch ſehen.“ 4 „O nein, liebe Gertrude, das kann ich nicht.“ „O Sie müſſen, liebe Mutter, es wird eine unbe⸗ ſchreiblich gute Wirkung auf Sie thun. Wie ſehr wünſche ich, ich hätte es ſchon lange übernommen, Sie zu leiten. Sie würden ſich ſeither viel beſſer befunden haben. Ich fange auch an, Pater Lifford zu lenken. Indem ich jetzt ein wenig hinke, kann ich ihn bringen, wozu ich nur immer will.“ „Ei, aber Gertrude, das iſt recht böͤſe von Dir.“ „Nein, nein, ich gebe mir nicht den Anſchein zu hinken, ich laſſe es nur ſehen. O wir könnten hier ſo glucklich ſein, wenn“— Hier hielt ſte inne und eine dunkle Wolke ging über ihr Geſicht hin. Nach einem Augenblick ſagte ſte:„Lady Clara würde gerne kom⸗ men und Sie beſuchen, wenn es Ihnen recht wäre, Mutter.“. Lady Lifford wurde unruhig und ſagte:„Mein Kind, laß ſie nicht kommen. Ich könnte es nicht aus⸗ halten. Ich bin ihr ſehr dankbar für ihre Güte gegen Dich, aber ich kann ſie wirklich nicht zu mir kom⸗ men laſſen. Ich kann Niemand vor mich kommen laſſen. Ich habe die Kraft nicht dazu.“ 264 „Nun, dann alſo Lady Clara nicht, alſo Niemand als Herr d'Arberg. Er wird Spaniſch mit Ihnen ſpre⸗ chen und Ihr werdet einander ſo gut verſtehen. Wenn ich mit ihm ſpreche, Mutter, ſo wünſche ich immer ſo gut zu ſein wie er.“ 5 Lady Lifford blickte ihre Tochter voll Zärtlichkeit an und ſagte: „Gertrudina, verliere nicht Dein kleines Herz an einen Franzoſen.“ Sie legte die Hand auf's Herz und ſagte bei ſich: „Ich habe keines mehr zu verlieren“ und dann laut zu ihrer Mutter: „Aber, er iſt eben ſo ſehr ein Engländer, als ein Franzoſe oder Spanier, Mutter. Er iſt nur er ſelbſt.“ „Glaubſt Du, er ſei Dir zugethan, Gertrude?“ „Er iſt mir nicht abgeneigt und manchmal ſchien es mir, als empfinde er einiges Intereſſe für mich. Aber ich bin ebenſo wenig ſeiner würdig als Muff,“ ſagte ſie und verbarg ihr Geſicht hinter dem zottigen Kopfe des Hündchens. „Und dann, Liebe, ſollteſt Du auch nicht an Etwas der Art denken, ohne mehr von ihm zu wiſſen.“ „Ich weiß Alles, was ich von ihm zu wiſſen brauche! Ich weiß, daß er das beſte, das geiſtvollſte, das edelſte aller menſchlichen Weſen iſt.“ 8 „Das mag ſein, liebes Kind. Auch ſagt Pater Lifford, er ſei ſehr gut. Aber das iſt nicht Alles, was Dein Vater in Betracht ziehen würde.“ „Aber, liebe Mutter, Herr d'Arberg denkt nicht auf die Art an mich, wie Sie meinen; andere Herren erwieſen mir Aufmerkſamkeiten in Audley⸗Park; er nicht. Moriz Redmond ſagt, er werde ein Prieſter wer⸗ den; Sie brauchen alſo keine Befürchtungen in dieſer Hinſicht zu haben. Wenn er je an mich denken ſollte, ſo iſt es mir gar nicht bange, daß ſeine Familie ein Hinderniß ſein könnte. Herr Audley ſagte, ſie ſei ſehr alt, und er iſt ſehr reich, und Alles, wornach die Leute 265 ⸗ fragen, iſt in Ordnung— aber es wird ihm nie im Traume einfallen, mich zu heirathen. Sein Weib zu ſein, wäre ein allzu großes Glück.“. „O Gertrude, Gertrude.“ „Sie werden ihn am Sonntage ſehen, Mutter; warten Sie bis dahin, ehe Sie mich für albern halten. Jetzt will ich hinuntergehen und mit Pater Lifford Schach ſpielen. Mich matt zu machen, bringt ihn immer in gute Laune, und ich habe es jetzt gerade ſehr nöthig, daß er gut gelaunt ſei.“ Trotz ihres noch fortdauernden Hinkens ging ſie doch mit ſchnellen Schritten in das Geſellſchaftszimmer. Ihr Weſen war ganz verändert— ihre ruheloſe Achtloſigkeit war verſchwunden und ihre Mutter war in dem Glau⸗ ben beſtärkt, daß eine kleine Veränderung gut für ſie ſei. Sie verſtand die große Veränderung nicht, die ſie beinahe in ein anderes Weſen umgewandelt hatte,— das Erwachen jener tiefen Macht, zu lieben, die bisher „wie eine ungeöffnete Blume“ in ihrem Herzen gele⸗ gen war. Adriau d'Arberg war in ſeiner frühen Jugend einer Verwandten von ihm ſehr zugethan geweſen, die im Alter von achtzehn Jahren an der Schwindſucht geſtorben war. Ihre Tugenden, ihre inbrünſtige Frömmigkeit und ihr einer Heiligen gleicher Tod hatte einen Eindruck auf ihn gemacht, der durch Nichts verwiſcht wurde, und ihr Andenken war mit jedem Zwecke und jedem Streben ſeines Lebens verknüpft geweſen. Sie war eine Deutſche, — eines jener blonden, blaſſen Mädchen, deren Augen eine natürliche, an Melancholie grenzende Sentimenta⸗ lität haben. Ihre Gemüthsart war ruhig und ernſt. Es lag etwas zugleich Romantiſches und Religiöſes in ihrer Neigung zu ihm. Sie hatte eine Ahnung ihres frühen Todes gehabt und nie auf Erden ihr Heil er⸗ wartet. So oft er mit ihr von der Zukunft und ihrer Verbindung ſprach, ſchüttelte ſie den Kopf ohne Trau⸗ rigkeit, aber mit der tiefen Ueberzeugung, daß ſie es nicht erleben werde, ſein Weib zu ſein. Es lag etwas Hei⸗ 266 liges in ihrem Geſicht; ſie war wie eine von Francia's oder Perugino's Heiligen oder wie das Bild, das uns alte Chroniken von der„theuern St. Eliſabeth von Un⸗ garn“ geben. Ganz kurze Zeit vor ihrem Tode rief ſie ihn zu ſich und ſagte ihm, dieß werde das Letztemal ſein, daß ſte ihn ſehe, und ſie wünſche nun Abſchied von ihm zu nehmen. Sie bat ihn, in der Welt alles das Gute zu thun, was ſie gerne gethan hätte, und den Schatz täglich zu vermehren, den ſie angefangen hätten im Himmel zu ſammeln.„Sie habe,“ ſagte ſie,„dieſen Morgen ſich ihre Gedanken über die Geſchichte von Martha und Maria gemacht und habe gefühlt, daß er wohl ſagen könnte, daß ſie ihm die ganze Arbeit allein zu thun überlaſſe; aber Du wirſt mir,“ fuhr ſie fort,„das gute Theil nicht mißgönnen, Adrian, das ich nicht erwählt habe, ſondern das für mich erwählt worden iſt.“ Sie gab ihm noch vielen guten Rath— uuter Anderem bat ſie ihn auch, das große Werk zu ſchreiben, das er ſeither vollendet hatte. Sie hatte einen Bruder, den ſie zärtlich liebte und der vom Glauben abgefallen war. Seine Bekehrung war der Gegenſtand ihrer Gebete und ihrer Hoffnungen geweſen, und war jetzt der Gegenſtand ihrer Bitten an Adrian. Sie ſagte ihm, ſie habe nie um Geſundheit oder irgend eine andere zeitliche Segnung gebetet, ſondern nur um eine einzige Sache, und daß ſie ſelbſt ihr Leben zum Opfer dargeboten habe, um jene Sache zu erlangen; und das ſei das, daß er auf Erden ein vollkommenes Leben führen und recht viel für Gott und die Kirche thun möchte.„Ich weiß nicht,“ fügte ſie hinzu,„ob der Herr das Opfer angenommen hat; es iſt meine Freude, es zu hoffen; und handle Du, Adrian, alle Zeit ſo, als ob es der Fall wäre. In jeder Verſuchung— nicht allein zur Sünde, ſondern auch nur zum Straucheln auf dem Pfade nach oben— denke an meinen frühen Tod, und erinnere Dich, daß Du doppelte Arbeit zu thun haſt.“ Immer tiefere Gedanken theilte ſie ihm mit, immer 267 zartere Worte ſprach ſie zu ihm, zu heilig, um hier wiedergegeben zu werden; und bis jetzt hatte er ſie in ſeinem Herzen getragen und ſie hatten Früchte gebracht in ſeinem Leben. Sie blieb ſein Ideal von Weiblich⸗ keit, und es war beinahe eine religiöſe Andacht, womit er ihr Andenken ehrte. Er hatte ſeitdem keinen Gedan⸗ ken an Liebe oder Ehe. Manchmal hatte er einen An⸗ reiz zum Kloſterleben verſpürt, aber doch nicht den wirk⸗ lichen Beruf dazu in ſich gefunden. Er hatte nicht viel in Geſellſchaften gelebt, und kein Weib außer Ida hatte je einen Eindruck auf ihn gemacht. Einmal hatte er aus Rückſicht auf die Wünſche ſeiner Familie den Ver⸗ ſuch gemacht, eine junge Perſon zu lieben, die man ihm zur Che empfahl. Seine Verwandten glaubten, ſie gleiche ſeiner früheren Geliebten und ſetzten voraus, ſie würde ihn gewinnen; aber ſie hatte bloß Ida's Züge ohne ihre Seele, und er bebte vor der Aehnlichkeit zurück, als vor einer Täuſchung und einem Fallſtrick. In jener Nacht, da er im Verfolg einer Streiferei durch den Park von Audley⸗Place Gertrude bewußtlos gefunden und in ſeinen ſtarken Armen in das Haus getragen hatte, hatte er nur eben wahrgenommen, daß ſie ſchön ſei oder viel⸗ mehr es ſein werde, wenn das Leben zurückkehre; als er von Lady Clara ihren Namen erfuhr und ihre Fa⸗ milie, und ihre häuslichen Verhältniſſe ihm beſchrieben wurden, ſing er an, ſich für ſie zu intereſſiren. Er hatte dafür verſchiedene Gründe, und ob es gleich vor der Hand nur ein vorübergehendes Gefühl war, ſo war es doch mehr, als er für irgend ein weibliches We⸗ ſen, Ida ausgenommen, empfunden hatte. Er erinnerte ſich, wie in Italien Moriz Redmond ihm von ihr zu erzählen gepflegt, und wie er ihm einſt einen ſehr eigen⸗ thümlichen, geiſtvollen Brief gezeigt habe, den ſie ihm geſchrieben hatte. Als er anfing, ſich mit ihr zu unter⸗ halten, wurde er zwar zuweilen ein wenig abgeſtoßen, im Ganzen aber doch angezogen. Wie oben geſagt, vom erſten Augenblick ihrer Bekanntſchaft an hatte er ſo viel unbewußten Einfluß auf ſie, daß ihre etwas ſelt⸗ — — 268 ſamen Anſichten und die Eigenthümlichkeiten ihres un⸗ geſtümen und doch zugleich verſchloſſenen Charakters ſo weit gemildert wurden, daß ſie nur noch originell und unterhaltend war. Sie war ſo raſch, wie der Blitz, verſtand in einem Augenblick Alles, was er mit ihr ſprach, und ſetzte ihn in Erſtaunen durch die Lebhaftig⸗ keit ihrer Vorſtellungen. Vielleicht hielt er ſie ſogar für etwas natürlicher, als ſie wirklich war. Vielleicht lag in ihr etwas mehr Selbſtbewußtſein, als auf der Ober⸗ fläche ihres einnehmenden„Sichgehenlaſſens“ zur Erſchei⸗ nung kam, aber ihre Gefühle waren rein und ächt, wenn auch manchmal in ihrer Art, ſich zu benehmen, etwas Kunſt lag. Es iſt ſchwer, einen ſtarken Willen, einen ausge⸗ zeichneten Verſtand und große Gewalt uber ſich ſelbſt zu beſitzen, und dennoch ſo offen zu ſein, wie das Tages⸗ licht. Seichte Waſſer können leicht klar ſein, aber ſelten findet ſich ein tiefer durchſichtiger Strom. Sein Charak⸗ ter war ein ſolcher; aber in beiden Fällen iſt die Aus⸗ nahme ſelten. Lady Clara hatte ihm oft von Lord Lifford geſprochen, und das Geſchick dieſes Mannes war ihm immer ein Gegenſtand des Kummers geweſen. Es war für eine Natur, wie die ſeinige, geradezu eine Pein, Lebensgüter zerſtört, Verſtand entwürdigt, Mittel für nützliche Zwecke mißachtet zu ſehen, und nach dazu von einem Manne, der für alle die Gegenſtände, die ihm am meiſten am Herzen lagen, ſo viel hätte thun können. Wenn er das ſchöͤne, ſeelenvolle Mädchen anſah, das geeignet ſchien, ſich alle ſeine hohen Anſichten und Ziel⸗ punkte anzueignen und für alles Große, Nützliche, Edle ſo warm zu empfinden, ſo verwunderte er ſich, daß ſie ihren Vater von der ſtumpfen Gleichgültigkeit, worein er verſunken war, nicht ſollte emporheben und ihn an⸗ reizen können, eine andere Richtung einzuſchlagen; und dieſer Gedanke hatte ihn vermocht, ſowohl eine nähere Bekanntſchaft mit ihr zu ſuchen, als auch den Verſuch zu machen, ihr einen Ehrgeiz einzuflößen, der das be⸗ zeichnete Ziel verfolgen ſollte. Allmählig entdeckte oder 269 errieth er, wie die Sachen ſtanden:— daß ſie nicht an ihres Vaters Liebe glaubte und daß, wenn nicht bittere Ereigniſſe in ihrem Leben ſtattgefunden hatten, doch wenigſtens wunde Ecken ſich in ihrem Herzen fanden. Diejenigen, welche ſelbſt die Erfahrung gemacht haben, wie das Leiden ſich verwandeln kann— ich hätte faſt geſagt in Glück, und ich will es auch nicht widerrufen, aber auf jeden Fall in Segen— tragen in ſich eine Art ſehnlichen Verlangens, Anderen, und insbeſondere der Jugend, das Verſtändniß hierüber zu öffnen. Ver⸗ bitterung des Herzens iſt die ſchlimmſte Art von Leiden, aber vielleicht iſt ſie am ſicherſten zu heilen, wenn das richtige Heilmittel angewandt wird. Und durch wenige anſpruchsloſe Worte, einige Beiſpiele, die er da und dort aus dem wirklichen Leben anführte, brachte er ihr ſein Rezept zum Lebensglück bei; aber indem er den Trank bereitete, brachte er unbewußt einen Beſtandtheil hinein, den er nicht beabſichtigte. Es war ein berau⸗ ſchender Zuſatz, der leicht vernichten konnte, was er zu befördern den Anſchein hatte. Als er am Morgen des Sonntags nach ihrer Ab⸗ reiſe im Geſellſchaftszimmer auf den Wagen wartete, der ihn nach Schloß Lifford bringen ſollte, nahm er zufälligerweiſe ſein eigenes Buch auf, das auf dem Tiſche lag, und öffnete es gerade an der Seite, wo ſie mit feinen Bleiſtiftzügen einen Schlüſſel hingezeichnet hatie, und er las die italieniſchen Worte, die darunter ſtanden.„Wirklich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„das iſt der Schlüſſel zu dem, was uns zu Zeiten an uns ſelbſt ſo räthſelhaft erſcheint,— zu unſerer Kraft und zu unſerer Schwäche.“ Als er durch die düſtre Allee von Schloß Lifford hinauffuhr und das melancholiſche alte Herren⸗ haus am Ende derſelben zu Geſicht bekam, das, mit der reizloſen Ausſicht hinter ihm, einen ſchlagenden Kontraſt gegen die Landſchaft zwiſchen ihm und Audley⸗ Park bildete, mußte er darüber nachdenken, was für eine ſeltſame Blume an dieſer öden Stelle emporgebluht ſei. Als ſein Wagen hielt, kam ein Diener an das 2 270 Thor und zeigte ihm den Weg zur Kapelle, die ſich am Ende desjenigen Flügels des Gebäudes befand, der die Zimmer der Lady Lifford enthielt. Sie war ganz klein, aber zierlich angeordnet, und die Lichter auf dem Altar brannten in dieſem Augenblick. Gertrude kniete an der Seite des Armſtuhls ihrer Mutter, die, wenn ſie wohl genug war, um ihr Bett zu verlaſſen, von einer Art Tribuͤne aus, die neben dem Altar ſtand, die Meſſe hörte. Einen Blick warf ſie auf die Gemeinde in der Kapelle und ſah, mit der Aufregung, die eine große Freude nach einem ängſtlichen Augenblick hervorbringt, Adrian knieend und in Gebet verſunken. Es liegt etwas Rührenderes in der Andacht eines Mannes, als in der eines Weibes; wenn ſie ernſthaft iſt, ſo iſt ſie ſo ächt, ſo demuthig und ſo tief. Ihr war, als ſpielte das Licht des Himmels um dieſes edle Haupt, das in inniger Andacht niedergebeugt war. Ob ſie gleich ihn anſah, ſo wußte ſie doch, daß er nicht nach ihr ſehen würde. Sein Geiſt hatte ſich hoch über alle irdiſchen Gedanken emporgeſchwungen und ſie freute ſich deſſen; ſie hatte, ſeitdem ſie ihn kannte, auf einmal verſtanden, was die Theologen unter Vollkommenheit verſtehen— eine nur verhältnißmäßige Bezeichnung unter allen Um⸗ ſtänden— aber eine nothwendige, um das Engelleben zu beſchreiben, das einige der Geſchöpfe Gottes auf der Erde zu führen berechtigt ſind; und ein Blick von ihm würde ihr in dieſem Augenblick dieſes ſchöne Bild geraubt haben. Sie wandte ſich ab, betete ſelbſt innig und blickte nicht wieder von dem Altar hinweg. Nach der Meſſe fand ſie ihre Mutter auf dem Ruhebett bequem zurecht gelegt und von Kiſſen unterſtützt. „Nun, Mama, will ich Herrn d'Arberg zu Ihnen bringen. Wir werden von der Gartenthüre herein das nächſte Zimmer betreten.“ „Du mußt mir eine Stunde lang Ruhe laſſen, lie⸗ bes Kind, und dann kannſt Du kommen.“ „Ganz recht, liebſte Mutter; ſo will ich ihn denn jetzt herum führen, um ihm das Haus zu zeigen, wenn 271 er es wünſcht, denn Pater Lifford wird jetzt einige Zeit nicht in die Bibliothek kommen, das weiß ich.“—„Ja,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie langſam über den Gang ging,„ich möchte ihm gerne jeden Punkt dieſes meines alten Hauſes zeigen“(zum Erſtenmal nannte ſie es mit Wohlgefallen ihr Haus)„ſo daß der zarte Duft einer frohen Erinnerung ſich an jedes Eckchen heften würde.“ Als ſie die Thüre des Beſuchzimmers öffnete,— jenes ſteifen viereckigen Raumes mit den ſteifen ſchwer⸗ fälligen Möbeln und dem reizloſen Ausſehen,— da war es ihr wie ein Traum, daß ſie Adrian darin erblickte. Aber da war er, und das Fenſter, woran er ſtand, war der erſte der Punkte, die ihrem Herzen von nun an um ſo viel theurer werden ſollten. „Sind Sie wohl, Lady⸗Bird?“ fragte er freundlich und warm.„Sie ſind doch nicht zu viel ſpazieren ge⸗ gangen bei Tage und haben nicht zu ſpät in die Nacht hinein geleſen?“ „Ich mache mein Buch jede Nacht Schlag zwölf Uhr zu,“ ſagte ſie.„Ich verſuche es, Regeln zu beob⸗ achten; es kommt mich ſauer an, aber ich hoffe, es ſoll doch auf dieſe Weiſe zuletzt Methode in meinen Unſinn kommen.“ „Es iſt Thorheit, auf die Geſundheit loszuſtürmen,“ ſagte er lächelnd,„wenigſtens, wenn man keinen guten Kauf damit macht,— wenn man nicht etwas Werth⸗ volleres zum Erſatz dafür bekommt.“ „und iſt Belehrung das nicht? Ich ſollte doch meinen.“ „„d8 nein,— nicht an und für ſich ſchon.— Was für ein eigenthümlicher Ort iſt das hier!“ „Was denken Sie von ihm?“ ſagte ſie, indem ſie das Fenſter öffnete, zu welchem ſie ſich Beide hinaus⸗ lehnten. „Er mißfällt mir nicht, aber ich kann Ihnen nicht ſchmeicheln, weder indem ich ihn lobe, noch indem ich ihn herabſetze. Aber ſagen Sie mir, iſt die Kapelle eben ſo alt, als das Haus?“ 272 „Nicht diejenige, die jetzt im Gebrauch iſt, wohl aber die frühere unter dem Dach, die jetzt baufällig iſt. Nahe dabei iſt einer der Schlupfwinkel für die Prieſter, wie ſie in den Tagen der Verfolgung im Gebrauch waren.“ „Wollen Sie mir ſie zeigen zum Dank für die Ge⸗ ſchichte von den Katakomben, die ich Ihnen vor einigen Tagen erzählte?“ „Ja, das will ich!“ rief ſie lebhaft aus; und indem ſie ihm nun durch lange Gänge und über Wendeltreppen voranging, fuhr ſie fort:„Ich hatte, bis ich vor Kurzem auf ein kleines Buch ſtieß, betitelt: ‚Erinnerungen aus dem Miſſionsleben,“ keinen Begriff von dem heroiſchen Leben und Sterben dieſer Männer, von denen manche gerade an der Stelle, die ich Ihnen jetzt zeigen werde, eine Zuflucht gefunden haben mögen. Dieſe Berichte ſind ganz erhaben, obgleich— oder vielleicht beſſer, weil — ſie ſo einfach gegeben ſind. Aber, Herr d'Arberg, ich kann dieſe Loyalität gegen die Königin Eliſabeth nicht ausſtehen; es mag ſchön geweſen ſein, aber mir iſt es in den Tod zuwider.“ „Sie haben einen empörungsluſtigen Geiſt; das habe ich ſchon ſrüher bemerkt.“ „Aber, Sie werden doch wahrhaftig nicht für dul⸗ denden Gehorſam ſein?“ 3 „Sie müſſen mich hier nicht veranlaſſen, über Po⸗ litik zu ſprechen. Ich fürchte mich vor den Geiſtern Ihrer Ahnen. Aber ich bewundere von ganzem Herzen die Freiheit von Parteigeiſt an Männern, die für ihren Glauben ſtarben mit weniger irdiſchem Anreiz, unter weniger Mitgefühl der Menſchen, als wodurch irgend welche andere Märtyrer früherer Zeiten aufgemuntert und unterſtützt wurden. Es geſchah in der Erfüllung einer gewöhnlichen Pflicht ganz in ihrem Tagewerk; und ihre Gebete vor dem Sterben für die Königin und das Land erſcheinen nicht gerade wie große Heldenthaten chriſtlicher Tugend, ſondern vielmehr wie eine noch weit mehr überraſchende Reinheit von aller Verbitterung der 273 Herzen. Sie waren Fremdlinge und Pilger; und aus der Welt hinausgedrängt und in die Ewigkeit hinein⸗ geſtoßen zu werden, das war ein Unrecht, wovon ſie ſich ſchwerlich beſonders gekränkt fühlen konnten.“ „Aber ſie gaben die Außenpoſten zu ſchnell auf. Sie unterhandelten nur für die Citadelle ſelbſt und ver⸗ theidigten ſie bloß durch Sterben.“ „Wahr,“ antwortete er,„es war ein Irrthum viel⸗ leicht, aber ein edler und nicht unchriſtlicher. Iſt dieß die Stelle?“ „Sie iſt es,“ rief ſie aus,„und wir dürfen ſie wohl heiligen Grund nennen, denn Märtyrer, nach Frau Heman's Worten: Märtyrer, die Beifall nicht belohnte, Machten ſie zum Opfer ſich bereit; Weil in ihrer Bruſt der Glaube thronte, Haben ſie dem Tode ſich geweiht.“ Adrian ſchaute mit Rührung in das dunkle Gemach hinein, das für gewöhnlich durch eine verſchiebbare Wand verborgen war, die kein äußeres Zeichen von einem hin⸗ ter ihr angebrachten Verſteck darbot. Einen Augenblick darauf wandte er ſich nach ihr hin und ſagte: .„Ich habe oft von dieſen Zufluchtsſtätten gehört, aber niemals zuvor eine geſehen. Ihr altes Haus mag auf den erſten Anblick einen düſtern Eindruck machen, allein es ſpricht mehr zum Gemüthe, als Audley⸗Park.“ Sie gingen wieder die Treppe herab und ſetzten ſich auf die Terraſſe.— „Bleiben Sie auf dieſer Bank ſitzen, indeß ich hingehe und ſehe, ob Mama bereit iſt, Sie zu em⸗ pfangen.“ „Nein, ich will hier auf⸗ und abgehen, bis Sie zurück kommen.“ 1 In fünf Minuten war ſie zurück und führte ihn Vrchddas kleine Bücherzimmer in das Zimmer der Lady ifford. Es war lange Zeit her, ſeit ihre Mutter keinen Laby⸗Bird. I. 18 274 Fremden mehr geſehen hatte, und ihre Wangen rötheten ſich und ihre Stimme zitterte etwas, als ſie Spaniſch mit ihm ſprach, was ihm ſo vertraut war wie ſeine Mutter⸗ ſprache. Sein Benehmen war ſanft gegen Jedermann, aber gegen dieſes zerſtoßene und leidende Weſen(und wer konnte ſie anſehen und nicht fühlen, daß ſie das war?) war es die Sanftmuth und Zartheit ſelbſt. Die⸗ ſes Benehmen, die Töne ſeiner Stimme, der Ausdruck ſeiner Augen waren unausſprechlich wohlthuend für ſie. Seit vielen Jahren hatte ſie ſich nicht ſo angeſprochen gefühlt. Pater Lifford war auch wohl recht gut, aber er war rauh und abgebrochen. Gertrude war in letzter Zeit liebevoll und aufmerkſam geweſen, aber ihr ſtre⸗ bender Geiſt und ihre ungeſtüme Natur gaben ſelbſt ihrer Zärtlichkeit etwas Gewaltſames, während ihres Mannes Kälte und ihres Sohnes Förmlichkeit auf eine andere Weiſe niederdrückend wirkten. Sie war in ihrer Kindheit und früher Jugend an etwas ſo ganz Anderes gewoͤhnt geweſen. In Adrian's Stimme lag ein Ton, der ſie an Aſſunta erinnerte, die Schweſter, die ſie ver⸗ loren hatte. Sie horchte ihm zu mit einem Vergnügen, worüber ſie ſich kaum Rechenſchaft geben konnte, und er gewann auf einmal ihr Herz.„Kein Wunder,“ dachte ſte,„daß Gertrude ihn bezaubernd fand, daß er ihr das Verlangen einflößte, ihm ähnlich zu werden. Wer ſollte dieſes Geſicht nicht bewundern?— Wer ſollte nicht von dieſer Stimme bezaubert, durch dieſe vollendete Güte gewonnen, von dieſen ſprechenden Augen hingeriſſen, von dieſem unvergleichlichen Adel der Züge und des Beneh⸗ mens bezwungen werden?“ Das waren ihre Gedanken, während ſie, ihm zuhörend, daſaß und dann und wann einige ernſte Worte an ihn richtete. Sie verſtanden ein⸗ ander ſo gut. Er in den geſchäftigen Gängen des Lebens — ſie auf ihrem ſtillen Poſten,— hatten einem und demſel⸗ ben Herrn gedient und dieſelben Geheimniſſe ergründet. In ihrem Herzen ſtieg eine Hoffnung, ein Wunſch auf, deren Stärke ſie beunruhigte; denn ſie meinte, ſie hätte jene große Lehre gelernt, nichts allzu angelegentlich zu wün⸗ 275 ſchen. Aber, daß er an Gertrude Gefallen finden,— daß er mit der Zeit wünſchen möchte, ſich mit ihr zu verbinden,— das war ein Zauberbild von Glückſelig⸗ keit für dieſes ihr geliebtes Kind, das ununterdrückbar vor ihr emporſtieg. Solch ein Himmel voll Segen und Wohlfahrt, ſolch ein Obdach unter den Stürmen des Lebens, ſolch eine Sicherheit gegen die Gefahren, die ſich auf ihrem Pfade drängen würden, inner⸗ oder außer⸗ halb ihres väterlichen Hauſes! Als Adrian fragte, ob er wiederkommen und nach ihr ſehen dürfe, ſo drückte ſie ihm die Hand, und lächelte ihm ihre Zuſtimmung zu. Niemals hatte er für Jemand mehr Mitgefühl empfunden, als für dieß bleiche, leidende Weib. Ihre Augen durchdrangen ihn, und als Gertrude ihn nach der Bibliothek zuruͤckbegleitete, war er ſtill und gedankenvoll. Halb zerſtreut wandte er ſich nach ihr hin, und ſagte etwas in ſpaniſcher Sprache. „Ich verſtehe nicht Spaniſch,“ ſagte ſie haſtig.„Nicht die Sprache Ihrer Mutter, Lady⸗Bird! nicht die ſchöne Sprache, die ſie ſo beredt ſpricht! wie iſt es möglich, daß Sie ſie nicht gelernt haben!“„Es ſcheint mir jetzt ſelbſt ſeltſam,“ antwortete ſie erröthend,— und ein Entſchluß war in dieſem Augenblick gefaßt. Kein Tag verging mehr, ohne daß ſie ſich mit einer Art von lei⸗ denſchaftlichem Fleiße auf das Studium des Spani⸗ ſchen legte. Pater Lifford trat jetzt zu ihnen. Er konnte die Franzoſen nicht leiden, aber er hatte es bei ſich ſelbſt feſtgeſtellt, daß Adrian ſo wenig als möglich von einem Franzoſen habe und konnte ſich, ſeinem eigenen Wider⸗ ſtreben zum Trotz, nicht erwehren, Geſchmack an ihm zu finden. Sie gingen in der Allee auf und ab und er⸗ örterten Fragen der engliſchen Politik, über welche ſie mehr übereinſtimmten, als über die des Feſtlandes. Gertrude ſchlüpfte in ihrer Mutter Zimmer, um von ihr zu vernehmen, wie ſehr Adrian ihr gefallen; und dann ſchaute ſie von ihrem Schlafzimmerfenſter nach den Eibenbäumen hin, als wären ſie Flbelih vom 276 ſtrahlendſten Sonnenſchein beleuchtet. Sie wünſchte, der Tag möchte nicht vorrücken,— Sie fürchtete, die Glocke zum Mittageſſen läuten zu hören,— jede Mi⸗ nute ſchien ihr ein ganzer Tag voll Vergnügen. Es war keine Geberde an Adrian, die ſie nicht bewachte; ſie wußte, von welchem Baum er einen Zweig abge⸗ pflückt hatte, wo er ihn hatte aus der Hand fallen laſſen, auf welcher Bank er einen Augenblick geſeſſen und eine Figur in den Sand gezeichnet, welchen von des Wild⸗ hüters Hunden er im Vorübergehen geliebkost, und wo er die Augen mit der Hand beſchattet hatte, um nach teinem fernen Punkte hinauszublicken, wornach Pater Lifford deutete. Endlich ertönte die Glocke, und ſie ging hinunter in das Speiſezimmer. Dieſer für drei Perſo⸗ nen gedeckte Tiſch,— wie oft hatte ſie ſich an ihm niedergeſetzt mit einem Herzen, das ſich ſo hart und dumpf fühlte, wie ein Stein! Als Pater Lifford das Dankgebet nach Tiſche ſprach, ſprach ſie in der Stille ihren Dank auch dafür aus, daß das Leben für ſie jetzt nicht mehr das ſei, was es geweſen—, ihren Dank, daß ein Strahl darauf gefallen ſei und das Eis zer⸗ ſchmelzt habe, das um ihr Herz herum ſich angelagert hatte. Es erfreute ſie, zu beobachten, wie geſchickt Adrian ſolche Gegenſtände vermied, über welche ſich Mißklänge zwiſchen ihm und Pater Lifford hätten erheben können, und mit welcher„chriſtlichen Klugheit“ er dem alten Manne, den er hoch achtete, zu gefallen ſuchte. „Wir gehen zur Vesper nach Stonehouſeleigh, ſagte Pater Lifford zu ihr, als ſie das Speiſezimmer verließen; „willſt Du vielleicht des Wildhüters Pony nehmen, und dahin reiten?“ Sie hatte das ſchon ein bis zwei Mal gethan, und war ihm ſehr dankbar, daß er es ihr jetzt vorſchlug. Als ſie auf den Sattel gehoben war, die Zügel aufnahm und nun langſam ſich vom Thore ent⸗ fernte, während Adrian ihr zur Seite ging, und dann und wann ſeine Hand auf des Ponys Mähne legte oder mit einem Zweige die Mücken wegſcheuchte, die ihn plagten, da dachte ſie an den Tag, da ſie mit Edgar 277 dieſes Thor zu einem andern Ritte verlaſſen hatte, an einem andern Tag, der zu Folgen geführt hatte, die ihn zum Wendepunkt ihres Lebens machten.„Machen Sie uns keine Streiche wieder, Fräulein Gertrude,“ ſagte Pater Lifford zu ihr,„ſondern haben Sie Acht auf Ihre Zügel. Wer weiß, ob dieſer alte Burſche da nicht auf den Gedanken kommt, mit Dir auf und davon zu gehen, wenn Du ihn ſo ganz ſeinen eigenen Empfindun⸗ gen überläſſeſt.“ Sie ſchaute rückwärts mit einem ſo lieblichen Lächeln, daß ihr ganzes Weſen verändert ſchien, und der alte Mann vor ſich hinmurmelte:„Ich glaube, die närriſche Mutter hatte am Ende doch recht, und, woran es dem Kinde fehlte, das war ein wenig Vergnügen.“ „Ich hatte vergeſſen, Ihnen dieß Billet von Lady Clara zu geben,“ ſagte Adrian plötzlich, und zog es aus der Taſche. Sie las es, wandte ihre ausdrucksvollen Augen nach ihm hin und legte es ihm in die Hand. „Darf ich es leſen?“„Ja,“ ſagte ſie;„Sie ſehen, ſie fordert mich auf, nach Audley⸗Park zurückzukommen. Ich denke auch, Mama würde mich wohl gehen laſſen, aber—“„Aber Sie gehen nicht gerne hin?“ Sie blickte ihn ohne Antwort an, als ob ſie innerlich überlegte. Sie wünſchte, ſeine Gedanken zu errathen; ſie hätte Alles darum gegeben, ſich an ſeine Entſcheidung halten zu können, aber ſie hatte nicht den Muth, ihn um ſeine Meinung zu fragen. Sie erlaubte ſich noch gar nicht zu hoffen, daß er Theilnahme für ſie empfinde. Die Güte ſeines Benehmens ſelbſt, ob ſie ſich gleich dadurch glücklich fühlte, war entmuthigend. Die Liebe, die ſie für ihn fuͤhlte,— denn das konnte ſie nicht verhehlen, daß ſie ihn liebte— war auf dieſem Punkte ihrer Ent⸗ wickelung noch ganz auffallend unvermengt mit Furcht oder Hoffnung. Ihr Vorhandenſein ſchien für ſich ſchon zur Glückſeligkeit zu genügen. Mit einer überraſchenden Demuth wagte ſie kaum, einem erwiedernden Gefühl von Seiten desjenigen entgegenzuſehen, den ſie in der ſtillen Andacht ihres Herzens beinahe vergötterte. Ihm etwas zu 278 ſein, die Hoffnung hegen zu dürfen, ſie werde ihn manchmal ſehen, er werde ſie nicht ganz vergeſſen, er werde zu irgend einer Zeit entdecken, welche Veränderung in ihren Gedanken und Gefühlen und in ihrem Benehmen vor⸗ gegangen ſei, ſeitdem ſie ihn kennen gelernt, ſeit ſein Geiſt zu dem ihrigen geſprochen, ſeit ein Funke von dem Feuer, das in ſeiner Seele brannte, die ihrige be⸗ lebt habe:— das ſchien ihr genug zu ſein; wenigſtens meinte ſie es; aber ſie meinte es in einer Art von blindem Glauben, daß er immer derjenige ſein werde, der er jetzt war. Der geringſte Anhauch von Eiferſucht, die Vorausſetzung oder die Kunde, daß er ſeine Gedan⸗ ken auf eine eheliche Verbindung richte, daß er ſich für irgend ein weibliches Weſen mehr intereſſire als für ſie, oder daß er ſich dem Mönchsleben weihen werde, würde in Einem Augenblick ihr die Augen geöffnet, und einen Sturm in ihrer Seele angefacht haben. Aber Unthätigkeit liegt eben ſowohl als ſieberhafte Aufregung im Umkreiſe der Glückſeligkeit eines Herzens; oft geht eine der andern voran; und an dieſem Tage ſchien es, daß, ſo lange ſie ihn ſehen und ſeine Stimme hören könne, die Zukunft für ſie nichts, die Gegenwart Alles in Allem ſei. Ihm ſich unterzuordnen, das ſchien ihr herrſchendes Verlangen. In einer ſo zum Wider⸗ ſtreben geneigten, ſo ſtolzen Natur, war dieß die Wirkung einer überwältigenden Leidenſchaft. Aber mit der kunſt⸗ loſen Kunſt, die ihr eigen war, ergriff ſie ein Mittel, das ihrem Zwecke vielleicht beſſer als irgend etwas An⸗ deres diente. Sie antwortete nach einer Pauſe:„Ich ginge wohl gerne hin, aber ich will erſt Pater Lifford um Rath fragen. Er wird wiſſen, was Mama eigentlich wünſcht.“ Adrian ſah ſie mehr als wohl⸗ wollend— beinahe zärtlich— an und ſagte in ſeiner gewöhnlichen einfachen Weiſe:„Ich hoffe, ſie wird eigent⸗ lich wünſchen, daß Sie hingehen.“ Ihr Herz hüpfte vor Vergnügen. Wie lieblich erſchien ihr das Gäßchen durch die Hecken, durch das ſie in dieſem Augenblick zogen; — wie blau der Himmel über ihrem Haupt, wie ſüß 279 der Wohlgeruch des Geisblattes, das ſich da und dort in den Hecken zeigte, wie friſch und balſamiſch die Luft, die ihre Wangen fächelte. An einem Punkte des Weges bot ſich eine ſchöne Ausſicht auf die entfernte Landſchaft dar, und ſie hiel⸗ ten einen Augenblick an, um ſie zu betrachten. Er ſagte, ſie ſei ganz ähnlich einer Landſchaft in der Nähe ſeines Schloſſes in der Normandie, und zum Erſtenmal ſprach er nun ein wenig von ſeiner Heimath. Er war nicht da erzogen worden, und es war mehr eine Heimath für ſeinen Bruder, der verheirathet war und mit Frau und Kindern daſelbſt lebte;— jedes Jahr brachte er einige Zeit bei ihnen zu. „Und werden Sie ſich niemals eine feſte Stätte wählen?“ fragte ſie, und erröthete unbewußt, indem ſie es that. haßzieleiht, ſagte er,„aber ich mache nie Entwürfe für die Zukunft,— nicht daß ich es fuͤr Unrecht hielte, aber es kommt mir nicht in den Sinn, über die Auf⸗ gabe des Augenblicks hinauszublicken. Mir gefällt eine Zeile in einem kleinen Buche, das ich dieſer Tage auf der Lady Clara Tiſche fand: Ich verlange nicht, die entfernte Scene zu ſehen, ein Schritt genügt mir.“ „Und ich,“ ſagte Gertrude,„denke immer oder dachte wenigſtens faſt immer an die entfernte Scene, und würde viele Jahre lang immer gern den Zwiſchenraum zwiſchen ihr und mir mit gleichen Füßen überſprungen haben.“ „Aber jetzt?“ ſagte er mit forſchendem Tone. „O, jetzt nicht mehr ſo ſehr,“ antwortete ſie raſch; „gerade jetzt laſſe ich ganz gern die Zeit ſo langſam gehen, als es ihr beliebt. Aber ſie iſt nur zu geneigt, davon zu eilen, wenn wir es am wenigſten wünſchen, und zu ſchleichen, wenn wir möchten, daß ſie fliegen ſollte. Wie dieſer alte Pony, der letzten Sonntag, als ich mich verſpätet hatte, nicht aus ſeinem Schritt zu bringen war, und heute ſich's in den Kopf geſetzt hat, recht raſch zu laufen, gerade, als wollte er es Ihnen zu Leide thun.“ 280 Nach einer Pauſe ſagte ſie: „Ich muß mich beinahe wundern, daß Ihre gegen⸗ wärtige Exiſtenz Ihnen behagt.“ „Und woher wiſſen Sie, daß ſie das thut?“ „Weil ich nicht begreife, warum Sie in Audley⸗ Park verweilen ſollten, wenn es Ihnen kein Vergnügen machte.“ „Und warum ſollten Sie auch meinen, daß es mir keines mache? Es iſt ſehr angenehm, wenn man für eine Weile ſeine beſonderen Wege und Gewohnheiten verläßt und Perſonen ſieht, die die Dinge nicht durch dieſelben Gläſer anſehen, wie wir ſelbſt. Das können beſſere oder ſchlechtere Brillen ſein, aber ein Blick durch dirielten zeigt Einem immer etwas Neues oder Nütz⸗ iches.“ 4„Ja,“ ſagte ſie lebhaft,„das iſt vermuthlich der Grund, warum manche ſehr gute Leute abſtoßend ſind. Ich glaube, das ſind die, welche nie mehr als eine Brille gebraucht haben,“ und dabei blickten ihre Augen, viel⸗ leicht unbewußt, auf die, welche Pater Lifford in dieſem Augenblick abwiſchte. Adrian lächelte und ſagte: „O, aber zum Gebrauch iſt eine Brille genug, wenn die Gläſer gut ſind.“ „Ich hätte gedacht, gerade das, was mir an Audley⸗ Park gefällt, wäre Ihnen zuwider, jener geſchäftige Müßiggang.“ „Ich halte müßige Geſchäftigkeit für noch ſchlimmer.“ „Aber, Sie ſind weder müßig geſchäftig, noch ge⸗ ſchäftig müßig.“ „Ich hoffe, ich bin es nicht immer, aber Sie kennen den alten Spruch: Nur Arbeit und kein Spaß Schlägt den Boden aus dem Faß.“ „Ja, aber ich denke, Ihr Spaß würde anderer Art ſein. Ich kann es verſtehen, daß Sie Geſchmack am Reiſen finden, oder—“ 281 „Ei, ich weiß nicht, ob ich nicht lieber eine Woche unter Leuten zubringe, die mir neu ſind, vorausgeſetzt, daß ſie alle einige Eigenthümlichkeiten haben, als neue Gegenden zu beſuchen, obgleich dieß auch in ſeiner Art unterhaltend iſt.“ „Aber, Sie haben doch gewiß Freude an einer ſchö⸗ nen Landſchaft?“ „Das,“ antwortete er,„iſt wie eine ſchöne Muſik in einer Kirche. Wenn man ſie vernimmt und die Seele in Harmonie damit ſteht, ſo wird man dadurch beinahe in Entzücken verſetzt, aber es gibt wenige Stellen, wo eine ähnliche Wirkung nicht in unſerem Bereiche ſteht. Ich zweifle, ob die Alpen oder die italieniſchen Seen größere Gefühle des Vergnügens erweckt haben, als die erſte beſte Wieſe voll Maßliebchen oder Schmalzblumen in der Nähe von London oder Mancheſter, und ich bin überzeugt, daß ein Blumentopf an einem Fenſter eben ſo viel Freude gemacht hat, als der Blumenflor in Aud⸗ lei⸗Park.“ „Dann werden Sie,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, „wohl auch glauben, es könne Jemand in Schloß Lifford glücklich ſein?“. Sie hielten gerade an dem Thore des kleinen Kirch⸗ hofs. Er nahm die Mähne des Ponys in die Hand und ſchwieg einen oder zwei Augenblicke ſtill, dann antwortete er mit einem leiſen Tone innerer Bewegung in der Stimme: „Ja, ich glaube es.“ Sie war betroffen, nicht über ſeine Worte, ſondern über Etwas in ſeinem Benehmen. War es möglich, daß er nicht bloß ein ſo ruhiges Wohlwollen für ſie hegte, wie ſie ſich eingebildet hatte, oder war es möglich, daß er ſich ſehnte, ihr Etwas von ſeinen Gedanken über das Glück, wie er es anſah, mitzutheilen? Sie wußte, daß oft dieſe Art von innerer Bewegung in ſeiner Miene lag, wenn auf Gegenſtände, die ſeinem Herzen zunächſt ſtanden, angeſpielt wurde und daß dann ſeine Augen — nicht ſeine Lippen— Zeugniß von ſeinen tiefſten 282 Gefühlen ablegten. Es konnte eine oder die andere die⸗ ſer Urſachen ſein, welche, wußte ſie nicht, und nun war ihr Weg zu Ende und ſie konnte dieſer Sache nicht weiter nachforſchen. Während ſie in der Kirche an ſei⸗ ner Seite kniete, dachte ſie auf einmal, wie leicht es ihr ſein würde, gut zu ſein, wenn ſie je einmal ſein Weib werden würde,— wie jede Pflicht ihr ein Vergnügen und gleichſam ein Vorſchmack vom Himmel ſein wurde; flehte zum Eeſtenmale in inbrünſtigem Gebete zum Himmel, daß dieſer Segen ihr verliehen werden möchte, aber ihr Flehen glich in ihrem Geiſte zu ſehr dem Gebete Ra⸗ hel's, als ſie ausrief:„Gib mir Kinder, oder ich ſterbe!“ Es liegt etwas Furchtbares in einem ſolchen Gebete, und wenn es erhört wird, und die Hand das erfaßt, was ſie mit ſo wilder Begierde geſucht hat, dann iſt es Zeit, zu zittern. Als ſie aus der Kapelle heraus kamen, während Pater Lifford noch in der Sakriſtei war, ſetzte ſich Ger⸗ trude auf ihren alten Lieblingsſitz neben dem Thor und Adrian nahm Abſchied von ihr; der Wagen war her⸗ geſchickt worden, um ihn hier abzuholen. „So werde ich alſo Lady Clara ſagen, daß Sie eine Antwort herüberſenden werden. Ich hoffe, ſie wird die Nachricht enthalten, daß Sie kommen werden, aber jedenfalls werde ich Sie noch einmal ſehen, ehe ich nach Irland gehe— das heißt, wenn ich es nächſten Sonn⸗ tag wieder ſo machen darf wie heute.“ Sie blickte ihn zuſtimmend an, als der Organiſt an ihnen voruͤberging. Er eilte fort, ohne ein Wort zu ſprechen, aber Adrian rief aus: 1 „Ei, Moriz, ſind Sie hier? Ich hätte es mir den⸗ ken können, daß Niemand, als Sie, ſo eben jenes Vor⸗ ſpiel an dieſem kleinen Orte konne geſpielt haben. Gehen Sie nach Audley⸗Park zurück? Ich kann Ihnen dabei behülflich ſein.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Moriz mit ſeltſamem Lächeln.„Sie ſind es mir in meinem Leben ſo oft ge⸗ weſen,“ und dann murmelte er für ſich:„Und gar treff⸗ 283 lich wohl hat es mir gethan.“ Dann fuhr er mit der Hand über die Stirne, näherte ſich Gertruden und gab ihr die Hand. Die Kälte ſeiner Hände fiel ihr auf und der düſtere Blick ſeiner Augen. „Ich ſchlafe heute Nacht zu Hauſe,“ ſagte er,„aber morgen kehre ich nach Schloß Lifford— ich wollte ſa⸗ gen nach Audley⸗Park zurück.“ „Hier kommt Marie!“ rief Gertrude aus.„Herr d'Arberg, Sie ſollten ſie kennen lernen und ihre Mutter, Frau Redmond.“ Sie ging ihnen entgegen und Adrian folgte ihr. Moriz ſtand in einer kleinen Entfernung, während ſie mit einander ſprachen. „Ja,“ ſagte er bei ſich,„es muß ſo ſein, und ein Narr bin ich, daß ich mich darum bekümmere. Dachte ich denn je, ſie könne mein ſein? Würde ich, wenn ich könnte, Marie aufgeben? Würde ich falſch an den theuer⸗ ſten und heiligſten Neigungen meiner Kindheit und Ju⸗ gend handeln? Ergriff ich nicht geſtern Nacht ihre Hand und drückte tauſend Küſſe darauf? Sprach ich nicht von Neuem von unſerer Heirath? Was für ein Elender bin ich, daß ich nicht immer ebenſo fühle? Iſt meine Hand eine ſo reiche Gabe, daß ich ſie ihr ohne mein Herz geben ſollte? Aber mein Herz gehört ihr. Ja Alles, was Herz genannt zu werden verdient! O Lady⸗Bird, Lady⸗Bird! Ich könnte dich beinahe verfluchen, daß du zwiſchen mir und der Pflicht, und auch dem Glück und dem Himmel ſtehſt. Denn eben jetzt, als ich ſte an d'Ar⸗ berg's Seite knieen ſah, verjagte dieſer Anblick meine Andacht und erweckte die ſchlimmſten Empfindungen in meiner Bruſt. Sie verfluchen! Verflucht man das, was man anbetet? Ich weiß es nicht; Alles, was ich weiß, iſt das: wenn ſie je wieder mit jenem ihrem Lä⸗ cheln zu mir ſpricht— wenn ſie mich auffordert, von Marie mit ihr zu ſprechen, wie wenn ſie nicht Marien's ärgſter Feind wäre, ſo werde ich ihr Etwas von meinen Leiden ſagen, und wenn ſie das beleidigt, ſo ſoll ſie ſich bei d'Arberg beklagen und ihn auch zu meinem Feinde 284 6 machen. Narr— Blödſinniger, der ich bin, daß ich mit ihr immer von ihm ſprach! Konnte ich denken, ſie werde ihn ſehen und nicht lieben? O, möge er für ſie der Urheber eines Leidens gleich meinem Leiden ſein!“ Während er in ſeinem Innern dieſen Wunſch aus⸗ ſprach, hefteten ſich ſeine Augen zufällig auf das Kreuz, neben dem er ſtand, und er wurde von dieſer ſtillſchwei⸗ genden Lehre auf's Tiefſte erſchüttert. Er ging in die Kirche und blieb dort einige Zeit, den Kopf in den Hän⸗ den begraben. Vielleicht that er während dieſer wenigen f Augenblicke der Stille und des Nachdenkens einen Blick in ſein eigentliches Gefühl; er ſah auf einen Augenblick die grenzenloſe Selbſtſucht, die herzloſe Undankbarkeit ſeines Benehmens; eine vorübergehende Reue zog über die Oberfläche ſeiner Seele hin, und als Marie leiſe zu 4 ihm hintrat und flüſterte:„Die Mutter wartet,“ erhob er den Kopf, und ſeine Augen waren voll Thränen. Sie ſah, daß er geweint hatte, und er war erſtaunt, ſie plötz⸗ lich ſtilleſtehen und die Hände ringen zu ſehen, wie wenn ſie mit einer heftigen innern Angſt kaum länger zu kämpfen vermöchte. „Marie?“ ſagte er mit einer Art forſchenden Vor⸗ wurfs. „Das kann ich nicht aushalten,“ ſagte ſie ſchnell, „Alles, nur das nicht, wenn ich weiß—“ ſie ſtockte und 6 ihr Benehmen änderte ſich.„Komm, beeile Dich, lieber Junge— wir werden zu ſpät zum Thee kommen, und 18 ich kann Alles aushalten, nur das nicht,“ wiederholte 3 ſie mit munterem Tone, legte den Arm in den ſeinigen und bot den andern ihrer Mutter. Sie gingen mitein⸗ ander heim, und er ſchien ruhiger und gluͤcklicher an jenem Abend, als ſeit langer Zeit. Ende des erſten Bandes. ſſſſſſſſſſſſſſſſnnſſn.) ꝗminiiii 17