4 8 6 7 2 7 —-——-——y—— Leihbibliothek ſG deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 0 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von lc p 4 7 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ————-'—y—— wird. 2 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 94 beträgt: 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——-——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 7„—„„=- 4.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1& 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— * Schloß Grantley. Roman von Lady Georgina Fullerton. Aus dem Engliſchen überſetzt von Gottlob Fink. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 88 1851. Schloß Grantley. — Erſtes Capitel. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Gegen fünf Uhr machte die Sonne eine verzweifelte Anſtrengung, einen Augenblick zu ſcheinen vor ihrem endlichen Ver⸗ ſchwinden hinter dem graſigen Hügel, der ſich vor Schloß Grantley erhebt. Eine ſchwere Wolkenmaſſe, juſt an den Rändern gefärbt von einem hellem Purpurſtreif, rollte langſam am Himmel hin, der über den Abbey Woods, Heron Caſtle und dem hohen Moorland ſchwebte, welches ſich bis in das Thal des Schloſſes hinauf aus⸗ dehnt. Die rothen Ahornbäume und die gelben Buchen im Parke trugen ihre luſtigſten Herbſtfarben, obſchon viele ihrer ſchimmernden Blätter auf dem Gras unten zer⸗ ſtreut lagen oder den reißenden Strom hinabſchwammen, welcher durch das Thal hin einem ſtarken Fluſſe, etwa zwanzig Meilen weiter ſüdlich, zueilte. Ein ſchöner Novembertag hat eine ganz eigenthümliche, unbeſchreib⸗ liche Milde an ſich, eine ruhige und melancholiſche Schönheit, welche die Seele durchdringt und einen ſanften Frieden über ſie ergießt. An dem Tag und der Stunde, wovon ich ſpreche, ſtanden zwei Perſonen an dem ſteinernen Geländer, welches den Blumengarten des Schloßgebäudes von dem unten liegenden Parke trennt. Eine von ihnen war eine ältliche Frau, deren ruhige Züge und leeres Hinſtarren vor ſich entweder gänzliche Gedankenloſigkeit oder tiefe Verſunkenheit in Schloß Grantley.. 1 Gedanken verrathen konnte. Sie ſchien enlweder nach⸗ denklich oder ſchläfrig zu ſein. Ihr zur Seite befand ſich halb ſitzend, halb gelehnt ein Mädchen an der Bruſtwehr; ihre ſchlanke, graziöſe Geſtalt war in einen Pelzrock eingehüllt, der in ſchweren Falten an ihr hinabhing, die Arme hatte ſte über der Bruſt gekreuzt, ihre Augen hafteten bald auf dem Boden, bald ſchweif⸗ den ſie uber die Straße durch den Park hin und wan⸗ ten ſich dann haſtig wieder ab. Von Zeit zu Zeit riß ſie eine Chinaroſe von dem unten ſtehenden Buſche ab und ſtreute ihre Blätter mit ſorgloſer Verſchwen⸗ dung um ſich her. Margaret Leslie war ein ſchönes Mädchen. Ihre Augen hatten jene eigenthümliche Farbe, welche vom Eiſengrau bis in's tiefſte Violet ſpielt; ihre Naſe war klein und gebogen, der Mund vortrefflich geformt, aber in den Winkeln etwas niederwärts gekrümmt, ſo daß, wenn ſtie nicht lächelte, etwas vielleicht nicht ganz An⸗ genehmes in ſeinem Ausdrucke lag; das Lächeln aber war ſo bezaubernd und ſo häufig, daß man kaum Zeit hatte, es zu vermiſſen, bevor es von Neuem in ſeiner ganzen Lieblichkeit ſtrahlte. Ihre Wimpern waren ſchwarz und lang, und ihr Haar wallte nicht in ſteifen Ringeln, ſondern in reichen braunen Flocken um den weißen ſchlanken Hals. Während ſie die fliegenden Noſenblätter betrachtete und vergebens ihr Hinabſteigen in das Baſſin eines kleinen unter der Terraſſe ſtehen⸗ den Brunnens zu vermitieln ſuchte, zogen ſich ihre ſchmalen, zart gepinſelten und geſchweiften Brauen zu einem Stirnrunzeln zuſammen, welches jedes andere weniger unregierliche Ding, als fliegende Roſenblätter find, in Ordnung hätte erhalten können. Es war in der That eine allzu ſanguiniſche Erwartung, daß die⸗ ſelben bei dem ſanften Winde, welcher ſich juſt erhob, als die Sonne hinter dem Hügel verſank, nicht hinaus⸗ wärts fliegen würden; aber Margaret's Erwartungen — waren zu lebhaft, um vernünftig zu ſein. Zum Bei⸗ 2. ſpiel, ſie ärgerte ſich in dieſem Augenblick darüber, daß Mrs. Dalton, ihre Gouvernante, nicht von ſelbſt ein⸗ ſah, daß ſte es mude war, auf den Reiſewagen zu warten, welcher ihren Berechnungen zufolge ihren Vater ſchon vor einer Stunde an die Thore der Ein⸗ gangsallee hätte bringen muſſen, und der ſich immer noch nicht gezeigt hatte. „Wahrhaftig, liebe Mrs. Dalton,“ ſagte ſie zuletzt, „ich kann nicht länger hier bleiben. Da mein Vater * noch nicht gekommen iſt, ſo bin ich überzeugt, daß er nicht vor dem Mittageſſen eintreffen wird. „Meine liebe Miß, es iſt erſt ſechs Uhr.“ „Wie kurz alſo ſchon die Tage werden! was für ein flammendes Feuer ſie im Saal gemacht haben!“ rief Margaret, indem ſie die Eingangsthüre aufſtieß. „Iſt Mr. Sydney angekommen?“ faagte ſie, als ſie durch das Billardzimmer ging und die Bälle un⸗ geduldig unter einander warf. Als dieſe in die Löcher fielen, ſagte ſie halb laut und halb vor ſich hin:. „Ich werde meinen Vater nie ſo innig lieben, wie Walter Sydney.“ „Ei meine Liebe, das ſollten Sie aber doch,“ be⸗ merkte Mrs. Dalton. Margaret wandte ſich plötzlich um, und während ſie die Bänder ihres ſchwarzen Spitzenhäubchens los⸗ machte und von ihren kalten Wangen die Locken zurück⸗ warf, welche ſchwer um ſie hingen, erwiederte ſie: „Wann werden Sie lernen, liebe Mrs. Dalton, daß Sie ſollten ganz und gar kein Beweis iſt?“ „Wann werden Sie lernen, Margaret, daß Sie ſollten der kräftigſte Beweis von der Welt ſein müßte?“ 4 Mrs. Dalton war es nicht, die dieſe Bemerkung gewagt hatte. Sie wurde von einem Manne gemacht, weelcher Margaret immer die Wahrheit ſagte und von dem ſie ſie immer gern annahm, denn ſte liebte und 1* 4 verehrte Walter Sydney, ja man halte ſie oft er⸗ klären hören, er ſei unter allen ihren Bekannten der einzige Menſch, welcher die Wahrheit angenehm mache; im vorliegenden Falle war ſie überdieß ſo erfreut, ihn zu ſehen, daß ſie, ſelbſt wenn die Bemerkung ihr mißfallen hätte, dennoch ihm ihre Hand geboten haben wuͤrde, als ſie durch das Zimmer ging. Nachdem ſie die Thüre geſchloſſen, offnete ſie ſie wieder und ſagte lächelnd zu ihm: „Wenn Sie die Veranlaſſung unſeres Streites wüßten, ſo wurden Sie vielleicht nicht Mrs. Dalton's Partei ergriffen haben; aber Sie glauben immer im Voraus annehmen zu müſſen, daß ich Unrecht habe.“ Er ſchüttelte den Kopf, aber ſie war gegangen, und er hörite ſie auf den Treppen und in den Gängen jubeln, wie eine Lerche, wenn ſie ſich in die Höhe ſchwingt. Dieſer Walter Sydney war lein Mann von fünf⸗ unddreißig bis ſechsunddreißig Jahren. Er war ſchlank und hager, von Geſichtsfarbe bleich; man hätte in ſeiner blaſſen hohen Stirne, in den Linien ſeines Geſichts und im Ausdruck ſeiner Augen vielleicht etwas Schönes finden können, aber ſeine linkiſche Figur und ſeine unbehaglichen Manieren zerſtörten in den meiſten Fällen dieſen Eindruck, und die gewöhnliche Bemerkung der Leute, die ihn zum erſten Mal ſahen, war:„Was für ein ſonderbarer Mann doch dieſer Walter Sydney iſt!“ Margaret Leslie dagegen hatte in ihm immer die perſonificirte Güte und Weisheit geſehen, und ſie blickte mit der innigſten Zuneigung zu ihm auf. Er war von früher Jugend auf mit ihrem Vater ſehr vertraut ge⸗ weſen. Heron Caſtle, das graue bethürmte Haus, wel⸗ ches mitten in den ſogenannten Abbey Woods auf dem entgegengeſetzten Hügel von Grantley ſtand, war ſeines Vaters Wohnſitz, und er und Hanry Leslie waren von den Tagen ihrer Kindheit an Freunde und Spielge⸗ noſſen geweſen. Leslie war der ältere von beiden, und als Walter, ein blöder linkiſcher Junge, der gänzlich —— zu Hauſe erzogen worden war und mit einer leiden⸗ ſchaftlichen Liebe zum Studium eine unüberwindliche Abneigung gegen neue Scenen und neue Bekanntſchaf⸗ ten verband, in Orford zu ihm kam, da bewillkommte er ihn mit einer Wärme und Freude, welche ſeine eigenen fröhlichen und ausgelaſſenen Freunde über⸗ raſchte. Vor ſeiner erſten Abreiſe nach Orford hatte Henry Leslie bei ſich beſchloſſen, ſeine Coufine Mary Thornton zu heirathen, ein hübſches ſanftes Mädchen, die Tochter des Dorfpfarrers, die ſeit ihrem Gedenken ſeine und Walter Sydney's beſtändige Geſpielin geweſen war. Er hatte ſie im Spiel ſein Weibchen genannt, und ſie hatte es als etwas ſo Ausgemachtes angenommen, daß ſie ſich heirathen würden, ſobald ſie alt genug wären (denn er hatte es ihr jedesmal geſagt, ſo oft ſte Sonn⸗ tags mit friſchen Thränen ſchieden oder am folgenden Sonntag mit friſcher Freude wieder zuſammen kamen), daß ſte, als er ſie eines Tags ernſtlich fragte, ob ſie wirklich ſeine Frau werden wolle, mit ungekünſtelter Ueberraſchung zu ihm aufblickte. Ihre Verheirathung ſchien ihr bloß eine Fortſetzung des Standes der Dinge zu ſein, bei welchem ſie niemals an die Möglichkeit einer Unterbrechung gedacht hatte. Ihre Berwandten willigten ein, ihre Freunde wünſchten Glück; ſie cor⸗ reſpondirten mit einander während der Univerſitätszeit und verbrachten die Ferien zuſammen auf Grantley. Sie ſaßen in den Gärten, ſie ſtreiften in den Wäldern umher. Er lehrte ſie reiten und ſie zeichnete ihm ſeine Lieblingsjagdbunde. Er gab ihr Waltons„Angler“ zu leſen, und während er fiſchte, ſaß ſte geduldig Stunden⸗ lang an ſeiner Seite, ihren Athem an ſich haltend, um die Forelle nicht zurückzuſchrecken! Im Herbſt ging ſie ihm häufig über die Rübenfelder hin entgegen, um zu hören, wie viel Paar Rebhühner er getödtet und wie gut Juno ſich dabei angelaſſen habe; an manchem nebligen Wintermorgen ritt ſie auf dem weißen Pony, — den er ihr geſchenkt hafte, aus, um die Hunde kommen Beifalls der Eltern, trotz des müheloſen Kanals, wel⸗ zu ſehen und ihr fernes Halloh zu belauſchen. Abends ſaßen ſie im alten Bibliothekzimmer zuſammen und ſtudirten die Karte ſeiner Güter. Sie lernte den Namen jedes Dorfes und entwarf Pläne zu neuen 3 Straßen und neuen Pflanzungen. Sie begaben ſich in's Billardzimmer, wo er die Bälle umherſtieß und alle möglichen Kunſtſtücke vor ihren bewundernden 6 Augen aufführte; oder ſie ſetzten ſich in eine Ecke des 8 Geſellſchaftszimmers, damit er ihr im Schach den Meiſter zeigen könne, oder an's Piano, um einige Duette mit einander zu ſingen, wobei Walter Sydney, damals ein ſcheuer, ſtiller Jüngling, ſein Buch niederlegte, um 3 zu lauſchen, und ſeine Mutter(welche, da ſie in ihrer 13 eigenen Ehe nur Enttäuſchung gefunden, eine Liebes⸗ 3 angelegenheit mit dem zärtlichen Intereſſe beobachtete, das der Anblick eines zwar verſtandenen, aber nicht ſelbſterfahrenen Glückes in einem ſanften, niedergedrück⸗ ten Gemüth hervorruft) jedesmal beim Whiſt ſich ver⸗ gaß und nicht bekannte, eine Abſcheulichkeit, die ihr 4 Gatte, obſchon er ſie mit wahrer Engelsgeduld zu ertra⸗— gen meinte, damit rügte, daß er plötzlich ſeine Karten* niederlegte und in fanft eindrücklichem Tone ſagte: „Bitte, Mrs. Sydney, darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie wirklich Whiſt ſpielen oder nicht?“ 3 Ddieß verurſachte ein Zuſammenfahren, eine Zurecht⸗. ſetzung der Brille auf ihrer Naſe und eine erneuerte Aufmerkſamkeit auf das Spiel, verbunden mit dem Ausruf:„Die lieben Kinder, ſte ſcheinen für einander 4 geſchaffen!“ Und ſo ſchienen auch dieſe lieben Kinder zu denken, denn ſie zerbrachen ſich die Köpfe verdammt wenig wegen irgend anderer Leute. Und ſo floß der Strom ihrer wahren Liebe ſo ſanft hin, als ob Shafſpeare ſich nicht gegen die Mög⸗ lichkeit eines ſolchen Falles ausgeſprochen hätte. Die ihrige war eine wahre Liebe trotz Shakſpeare, trotz des ——— * — chen günſtige Umſtände für ſie gegraben hatten. Wahres Glück war es, als an einem lieblichen Sommertag Henry Leslie und ſeine Braut nach der Dorfkirche gingen und vor den Augen ihrer entzückten Familien, ſowie ihrer hocherfreuten Pächterſchaft einander ewige Treue gelob⸗ ten; als die Glocken ihren lauteſten Freudenſchall von ſich gaben und herzliche Zurufe die Lüfte zerriſſen, wäh⸗ rend das Paar den ſchmalen Fußpfad nach ſeiner Woh⸗ nung hinwandelte. Und es war Glück in dieſem Hauſe, denn ſie ge⸗ noſſen die Paradieſeswonne, welche, ſagt Coxer, allein den Fall überlebt hat. Weder Laune noch Vernach⸗ läſſigung goß einen bittern Tropfen in ihre kryſtallene Schale: ſo lange ſie vorhanden war, war ſie mafellos und rein. Ein Kind wurde ihnen geboren, die Mar⸗ garet unſerer Geſchichte, und als ſie nach der Dorfkirche getragen und das heilige Waſſer der Taufe über das Haupt der Kleinen gegoſſen wurde, da blickte Mary ihren Gatten an, und in dieſem Blick lag vielleicht zu viel Glück für dieſe unſere Welt. Zwei Jahre ſpäter wurde ein Grab gegraben unter dem Eibenbaum auf dem Kirchhof, und dahin wurde alles gebracht, was auf Erden zurückgeblieben war von der blühenden Braut, von der liebenden Mutter, von der Mary, die ſo oft auf dieſem Platze geſpielt und ihn ſelbſt zu ihrem Grabe auserſehen hatte, als ſie wenige Tage vor ihrem Tod, aufrecht erhalten von ihrem Gatten, den Ort errdichte, wo beide ihre erſten Worte der Liebe geſprochen hatten, und wo ſie jetzt beerdigt zu werden wünſchte, damit er niemals dieſe Ausſicht betrachten oder unter dieſem Baume ſitzen ſollte, ohne an ſie zu denken, die im Früh⸗ ling ihres Lebens dahingegangen. 1 Ihrem Wunſche gemäß wurde keine prahlende In⸗ ſchrift, kein pomphaftes Denkmal auf ihr Grab geſetzt; ein einfaches ſteinernes Kreuz mit dem Datum ibrer Geburt, ihrer Hochzeit und ihres Todes war das Ein⸗ zige, was dieſen Platz bezeichnete. Henry Leslie hatte ſich am Begraͤbnißtage in tödtlichem Kummer zur Erde geworfen, und als Walter Sydney Worte des Troſtes zu ihm ſprach, ſchüttelte er verzweiflungsvoll den Kopf und bat ihn ſtill zu ſein, denn das Leben hatte für ihn all die glänzenden Farben verloren, mit denen Jugend und Hoffnung es vergoldet hatten. Wahr hatte er ſeine Frau geliebt und wahr hatte er um ſie getrauert; aber was wahr iſt, iſt nicht immer tief, und was heftig iſt, iſt nicht immer dauernd. Nachdem viele Tage gekom⸗ men und gegangen waren, wurde ſein Kummer ruhig, und dann erhoben ſich neue Hoffnungen und Intereſſen, und andere Freuden und andere Mühen, und mancher⸗ lei Abwechslung von Elend und Wonne kam über ihn im Laufe von 15 Jahren, welche er theils in Italien, theils in Spanien, wo er als Freiwilliger diente, und ſpäter auf langen Reiſen zu Waſſer und zu Land hin⸗ brachte. Mittlerweile war zu Hauſe ein Menſch, wel⸗ cher Tag um Tag das Grab beſuchte, wo die Freundin ſeiner Kindheit und ſeiner Jugend ruhte, ein Menſch, der insgeheim die Frühlingsblumen ſammelte und auf⸗ bewahrte, die auf demſelben wuchſen; und es war da eine blüͤhende Blume, die er mit raſtloſer Liebe und Sorgfalt pflegte. Walter Sydney's Neigungen waren wenig an Zahl, aber tief; für das Kind von Henry und Mary Leslie würde er bereitwillig ſein Leben hingegeben haben. So ſehr ihn ſeine Bücher und Schriften gewöhnlich in Anſpruch nahmen, ſo gab es doch keinen Tag und keine Stunde, wo er ſie nicht laͤchelnd bei Seite legte, wenn ein fröhlich ſchallendes Gelächter ihn an's Fenſter rief, um eine kleine Reiterin zu bewillkommnen, die ſtolz auf ihrem Shetländer Pony einherkam. Hernry Leslie hatte ſein Kind unter der Obhut ſeiner Eltern auf Grantley gelaſſen; beide waren wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit geſtorben und Margaret war Mrs. Dalion anvertraut worden, einer Gouvernante — von altem Schlag, deren Erziehungspläne von Mrs. —— Thornton, die im Pfarrhauſe wohnte, ſowie von Wal⸗ ter Sydney überwacht wurden, welchem Leslie mehr Vertrauen ſchenkte, als irgend einem Mitgliede ſeiner eigenen Familie. Es war ein Glück für das kleine Mädchen, daß dieß der Fall war, denn ein einziges Kind, eine Erbin und eine Schönheit, lief ſie bedeu⸗ tende Gefahr, gänzlich verderbt zu werden, wenn Wal⸗ ter nicht mit der ganzen Sorgfalt eines Vaters und der Zärtlichkeit eines Bruders über ſie gewacht hätte. Er entdeckte bald in ihrem Charakter jene un⸗ geſtümen Eigenſchaften, welche für das Gute wie für das Böſe gleich ſtark ſind, je nach der Richtung, die man ihnen gibt. Die übertriebene Nachſicht, womit ſie beſtändig behandelt wurde, hatte unter vielen böſen Reſultaten wenigſtens ein gutes; Margaret war das aufrichtigſte Geſchöpf von der Welt, und vom Augen⸗ blicke an, wo ſie als Kind ihre erſten Worte gelallt hatte, war keine Falſchheit über ihre Lippen gekommen. Es lag darin kein moraliſcher Muth; es war das Re⸗ ſultat einer offenen und furchtloſen Natur, ſowie einer Erziehung, welche, wenn ſie auch die böſen Triebe itres Charakters nicht genugſam gehemmt, doch wenigſtens die guten nicht verderbt hatte. Es war kein Verdienſt da⸗ rin, ich wiederhole es; aber es war ſchön, wie ein glänzender Tag, wie ein heller Himmel, wie ein reiner See ſchön ſind. Es war etwas Friſches aus den Hän⸗ den Gottes und unverderbt von Menſchenhand: und oft, wenn Walter in die blauen Augen des Kindes ſchaute, oder die Locken zertheilte, die ſich auf ihrer ſchönen offenen Stirne drängten, gedachte er der empfeh⸗ lenden Worte, welche unſer Herr über Nathangel ge⸗ ſprochen, und er murmelte, wenn er das kleine Mäd⸗ chen an ſein Herz drückte:„Ein Kind, an welchem wahrlich kein Falſch iſt.“ Als ſte älter wurde und zum Bewußtſein von Ge⸗ danken kam, welche ihre Großmutter und ihre Gouver⸗ nante nicht begreifen konnten, ſowie von Fähigkeiten, die ſie nicht zu lenken verſtanden und daher zu erſticken 3 bemühten, wie der ungeſchickte Landwirth, der den Strom eindämmen möchte, dem er keine Leitung zu geben verſteht, da ging ſie zu Walter, und ihm offen⸗ barte ſie Alles in einer Sprache, welche er verſtand, denn der Genius hat eine eigenthümliche Einfachheit, welche die Einfalt der Kindheit zu würdigen weiß, und von ihr nach Gebühr geſchätzt wird. Als ſie zum erſten Mal erfuhr, daß Religion etwas mehr bedeute, als einmal in der Woche in die Kirche zu gehen und den Katechismus auswendig herzuſagen, daß die Poeſte nicht bloß Verſemacherei, ein Geſpräch nicht bloß ein Ge⸗ ſchwätze, das Leben kein Kinderſpiel ſei, als ihr ſeine Formen und ſeine Geiſter, ſeine Wirklichkeiten und ſeine Myſterien in einer neuen Geſtalt und mit wunder⸗ barer Macht vor die Augen traten, da wandte ſie ſich wieder zu Walter, und von ihm vernahm ſie herrliche Wahrheiten, welche unſerm Schickſal eine Bedeutung und unſern Handlungen einen Zweck geben. Er gab ihr Bücher, und während er ihren Geiſt ſorgfältig vor Allem bewahrte, was ihn beflecken konnte, erfüllte er ihn mit hohen Gedanken und edlen Bildern. Selbſt⸗ aufopferung in jeder Geſtalt war das Thema ſeiner Lektionen, der Gegenſtand ſeiner Verehrung, und Margaret lauſchte mit funkelnden Augen und flammenden Wan⸗ gen, wenn er von heroiſchen Thaten erzählte, von ge⸗ prieſenen Handlungen der Selbſtüberwindung, worin der wahre Muth der Seele beſtehe; wenn er von der Ehre ſprach, welche man dem Märtyrer ſchulde, der für ſeinen Glauben ſtirbt, dem Patrioten, der ſeine Bruſt tauſend Feinden entgegenbietet, dem Miſſionär, welcher Chriſtum bekennt, obſchon das Skalpirmeſſer vor ſeinen Augen funkelt, der barmherzigen Schweſter, welche den Schreckniſſen der Peſtilenz in den eckelhaften Wohnungen der Krankheit Trotz bietet, und endlich, und zwar nicht am Wenigſten, jenen einſamen Mär⸗ tyrern, jenen unbeachteten Bekennern, jenen weichen 11 Seelen, welche auf den niedrigen Pfaden des Lebens in klagloſer Betrübniß herbe Prüfungen überſtehen, ohne einen ander Zeugen als jenen Golt,„welcher dem Ringen des einſamen Herzens die Kraft ſeines mitter⸗ nächtigen Todeskampfes mittheilt. Er lehrte ſie, daß die im Geheimen geübte Selbſtverläugnung und die Leiden, welche im Stillen um des Gewiſſens willen erduldet werden, nicht weniger die Palme des Mär⸗ tyrerthums verdienen, als der Muth, der einen Mann auf das Schaffot oder an den Märtyrerpfahl führe. Er beleuchtete ſeine Anſicht durch verſchiedene Beiſpiele; er lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf jene heroiſchen Thaten, welche zuweilen von den Armen mit ſo erhabener Ein⸗ fachheit, ſo unbewußter Seelengröße vollbracht werden. Zum Beiſpiel er gab ihr die Anekdote von der edlen Antwort Ludwigs XIII. von Frankreich zu leſen, als er in Gegenwart eines Beifall jubelnden Hofes das Dik⸗ tum erließ, das einer bewundernden Nachwelt überlie⸗ fert worden iſt:„Es ſteht dem König von Frankreich nicht zu, die Beleidigungen zu rächen, welch der Herzog von Orleans erlitten hat;“ und er ließ ſie dieß mit den polizeilichen Berichten über einen in den Zeitungen mitgetheilten obſeuren Prozeß vergleichen, bei welchem ein armer Köhler, der auf rohe Weiſe mißhandelt und verunſtaltet worden, für ſeinen brutalen Gegner alle Beſtrafung abbat und jeden Schadenerſatz ablehnte, in⸗ dem er einfach erklärte, der Mann habe Weib und Kinder, er könne das Geld nicht wohl entbehren, und er würde es als eine große Vergünſtigung anſehen, wenn das Gericht über die Sache hinwegginge; und nun fragte er ſeine Schülerin, ob die That des Monar⸗ chen nicht zu denjenigen gehöre, welche in Wirklichkeit ſchon auf Erden ihren Lohn finden, die That des Köh⸗ lers aber zu denjenigen, die als Schätze im Himmel aufbewahrt werden— dort, wo der Roſt des menſch⸗ lichen Beifalls ſie nicht trübe und die Motten menſch⸗ licher Eitelkeit ihre Verdienſte nicht benagen und ihren Lohn nicht vorn hinwegnehmen. Die Tugenden der Armen!... ihre zahlloſen Prüfungen!... ihre geduldi⸗ Mühſale!... ihre erhabenen, weil unbekannten und unbelohnten Opfer! Die Geſchichte verzeichnet ſie nicht. Die Menge jubelt ihnen keinen Beifall zu. Die Voll⸗ bringer ſolcher Thaten machen ihre mühſame Reiſe durch das Leben und ſteigen in ihre Gräber hinab un⸗ gekannt, unbeachtet, obſchon vielleicht nicht unbeweint von einigen Duldern, die eben ſo glanzlos ſind wie ſie ſelbſt; aber eine Krone wartet ihrer dort, wo viele Erſten werden die Letzten, und viele Letzten die Erſten werden. Armſelige Geſchöpfe, welche, nachdem ſie den ganzen Tag mit ſchmerzenden Köpfen oder einem ſtillen Fieber, das ſie verzehrt, gearbeitet haben, bei Nacht herauskriechen, um einen Nachbar, der noch elender iſt, als ſie ſelbſt, abzuwarten und einen Theil des eigenen, ärmlichen Mahles zu überbringen. Mütter, die ſich den ganzen Tag abquälen und bei Nacht kränkliche, elende Kinder ernähren. Männer, die mit dem qual⸗ vollen Huſten der Auszehrung und der tödilichen Mat⸗ tigkeit der Krankheit ſich anſtrengen, ringen und ſchaf⸗ fen, bis das Leben von ihnen weicht. Eltern, deren Kinder um Brod ſchreien, während ſie ihnen keins zu geben haben. Weſen, welche von allen Seiten in Ver⸗ ſuchung geführt, durch Hunger zum Laſter verleitet, durch Köder aller Art zum Verbrechen gelockt werden;— die aber dennoch widerſtehen, die nicht tödten, die nicht ſtehlen, die nicht den Lohn des Laſters anneh⸗ men, die nicht fluchen und ſchmähen, und die, wenn ſte ſich nicht gelüſten laſſen, wirklich zu Denjenigen gehören, deren die Welt nicht werth iſt. Und wir— wir, die wir ſo große Nachſicht gegen uns ſelbſt üben— wir, die wahren Sklaven der Ueppigkeit und Behag⸗ lichkeit, wir, die wir kaum ein Zahnweh oder eine ſchlafloſe Nacht ertragen können, wir gehen unter den Armen umher, und wenn ſie das wirklich ſind, was zu ſein einen weit höhern Grad von Tugend erfordert, als 4 L 13 wir uns je gedacht haben, dann würdigen wir ſie eines beifälligen Nickens oder eines kalten Ausdrucks der Billigung. Sie haben ihre Pflicht gethan, und hätten ſite dieſe nicht gethan, wären ſie gefallen in die tauſend Schlingen, welche die Armuth mit ſich bringt, hätte die bleiche Mutter für das hungernde Kind ein Stück⸗ chen Brod geſtohlen, hätte das ſchmerzlich verſuchte, verhungernde Mädchen das Hemd, das ſie in Verwah⸗ rung hatte, auf einen Tag verpfändet, dann hätte die rauhe Juſtiz ſich ihrer bemächtigt und die Gnade hätte ihr Ohr verſchloſſen gegen ihr Geſchrei. Und wenn ſie das Geſetz des Landes nicht übertreten, ſondern nur auf eine Weile den Kampf der Verzweiflung aufgegeben, in ihrem ärmlichen Dachſtübchen mit ſtarren Augen und gekreuzten Armen ſich niedergeſetzt und zu dem flüchti⸗ gen Wahnſinn des Branntweins oder der tödtlichen Betäubung des Opiums ihre Zuflucht genommen haben, dann wenden wir(wir, die wir in das Innere unſerer Häuſer oft Menſchen zulaſſen, deren ganzes Leben eine Reihenfolge von Müſſigang und ſelbſtſüchtigem Ueber⸗ muth iſt), wir wenden uns in aller Strenge unſeres Gerechtigkeitsdünkels von ihnen ab, und den unglück⸗ lichen Geſchöpfen, die vielleicht nach Jahrelangen ge⸗ heimen Kämpfen endlich— nicht der Leidenſchaft, nicht der Eitelkeit, ſondern dem Hunger weichen, weichen mit Verzweiflung im Herzen und Wahnſinn im Ge⸗ hirn— dieſen werfen wir einen Blick zu, welchen wir dem Verbrechen und der Verdorbenheit nicht zuzuwerfen wagen, wenn ſie uns in unſern gedrängtvollen Salons mit allem Pomp und Auſſehen ſchuldbehafteter Wohl⸗ habenheit begegnen. Solcher Art waren Walters Gedanken, ſolcher Art waren ſeine Sympathien, und obſchon er ſelten über den Gegenſtand deklamirte, ſo fühlte er doch tief und handelte demgemäß. Sein Einfluß auf Margaret war groß, berührte aber mehr ihre Denkungsart, als ihre Lebensweiſe. Er konnte ihr Liebe zu allem Großen und Guten einflößen, aber nur durch fortgeſetzte aus⸗ dauernde und aufmerkſame Ueberwachung, die wir einem Kind angedeihen laſſen oder entſchloſſen an uns ſelbſt üben, lehren wir es nicht bloß zu fühlen, ſondern auch zu thun, nicht bloß zu bewundern, ſondern auch nachzuahmen. Man darf ſich nicht einbilden, daß Margaret, weil ſie von Natur geneigt war, alles Heroiſche zu bewun⸗ dern, und weil ſie von Walter angeleitet wurde, den wahren Heroismus der Geduld und Selbſtverläͤugnung zu ſchätzen, ſchon in der gegenwärtigen Zeit ihres Le⸗ bens eine Heldin oder ein Muſter von Selbſtüberwin⸗ dung geweſen ſei. Seine Lehren und ſein Beiſpiel waren ihr inſofern nutzlich, als ſie ihr ein Ideal vor Augen führten, welches ſie verhinderte, ihren eigenen Charakter und ihre Gewohnheiten mit der Selbſtgefäl⸗ ligkeit zu betrachten, der ſte ſich ſonſt hingegeben haben würde, denn man muß geſtehen, daß, wenn auch zu Zeiten ihr Herz hoch ſchlug bei den idealen Großthaten einer Jungfrau von Orleans oder des Mädchens von Sarragoſſa, in andern Augenblicken ihre Pulſe ſehr haſtig klopften bei der geringſten Erſcheinung einer Gefahr, welche die hübſche Herrin von Grantley be⸗ drohte. Man muß geſtehen, daß ſie, obſchon ihre Au⸗ gen ſich mit Thränen füllten bei der Erzählung von zwei barmherzigen Schweſtern, welche in einem der kälteſten Winter dieſes Jahrhunderts zu Fuß von Paris abreisten, um in Barcelona die Kranken zu verpflegen, und dieſe ſchwer heimgeſuchte Stadt nicht eher verlie⸗ ßen, als bis die Peſt wieder aufgehört hatte, daß ſie im Stande war, ſich Tage lang in ihr komfortables Boudoir einzuſchließen, ihre zierlichen Füßchen auf dem Kamingitter ruhend und ihre graziöſe Figur im weich⸗ ſten und luxuriöſeſten Armſeſſel zurückgelehnt, weil es zu kalt oder auch zu naß war, um ſich in die Hütten oder in die Schule zu wagen, und weil es eben ſo gut war, wenn Mrs. Dalton allein ging, zumal da ihre Großmama ſo bange war, ſie moͤchte ſich erkälten. Ich 15 wünſchte, nicht berichten zu muͤſſen, daß man Margaret oft bei andern Gelegenheiten hätte erklären hören, ſie könne ſich keinen größern Unſinn denken, als die Be⸗ ängſtigungen ihrer Großmutter über ihr etwaiges Sicherkälten. Es iſt wahr, daß ſie mit Begeiſterung die Lebens⸗ geſchichten der Sankt Eliſabeth von Ungarn und der Sankt Margareth von Schottland las, dieſer liebens⸗ wurdigſten aller Frauen, dieſer frömmſten aller Heili⸗ gen, die als Königstöchter und Bräute von Helden mit ihren eigenen Händen Ausſätzige verpflegten und mit der Zärtlichkeit einer Mutter Menſchen ernährten. von denen ihre eigenen Mütter mit Eckel ſich abwand⸗ ten; aber es iſt unglücklicherweiſe ebenſo wahr, daß ſte es kaum über ſich bringen konnte, Mrs. Jones, eine alte Frau im Dorfe, welche Walter ganz beſonders ihrer Aufmerkſamkeit empfohlen hatte, zu beſuchen, weil ihr Stübchen unerträglich eng und ſie im Stande war, ihr die Wunde an ihrem Bein zu zeigen. Es iſt wahr, daß, als ſie von Mrs. Frys erſtem Beſuch in Newgate hörte, wie dieſelbe ruhig die Thüre hinter ſich verſchloß, wie ſie allein, mit der Bibel in der Hand, unter die rohen und ausgelaſſenen Weiber vortrat, welche damals nur durch bewaffnete Mannſchaft in Zucht gehalten werden konnten, und dieſelben als Schweſtern und Freundinnen anredete, in jenen Tönen und mit jenem Ausdruck, den ſich Niemand denken kann, der ſie nicht ſelbſt gehört hat, und welchen Die⸗ jenigen, die ihn gehört haben, niemals vergeſſen kön⸗ nen— es iſt wahr, daß, als ſie ſolchen Erzählungen lauſchte, ihr Herz in ihrem Buſen brannte und ſie ſich ſehnte, hinzugehen und das Gleiche zu thun; aber bei der nächſten Gelegenheit ihren Muth zu üben, eine Abneigung zu bemeiſtern, einen Schmerz zu ertragen oder Müdigkeit zu überwinden, konnten dieſe hohen Entſchließungen und edlen Entwürfe in der Luft ver⸗ ſchwinden, oder die Menge jener guten Vorſätze ver⸗ 8. 16 größern, mit welchen nach der Behauptung des Sankt Bernhard der Weg zur Hölle gepflaſtert iſt. Die That⸗ ſache muß eingeſtanden werden, Margaret war ein ver⸗ wöhntes Kind. Mr. und Mrs. Thornton, welche ſich in jeder andern Beziehung vollkommen ungleich waren, kamen in einem Theile ihres Benehmens mit einander überein, nämlich darin, daß ſie ihr im höchſten Grad durch die Finger ſahen und ſchmeichelten. Er war einer jener ſanften, gutherzigen Menſchen, welche bei Denjenigen, die ſie lieben, keine Unvollkommenheiten ſehen können, und obſchon es ihm ſelbſt nicht an Verſtand gebrach, ſo pflegte er doch die merkwürdige Einſicht ſeiner Frau, ſowie Margaret's außerordentliche Gelehrigkeit auf eine Art zu preiſen, welche die Geduld ſeines alten Freundes Mr. Sydney, des Vaters von Walter, auf harte Proben ſtellte.. Mrs. Thornton war eine gute Frau, das konnte Niemand leugnen, aber mit ihrer Gutmüthigkeit ver⸗ band ſie eine tiefe Ueberzeugung von ihrer eigenen Weisheit, eine unumſtößliche Einbildung, welche ſie durch alle Umſtände des Lebens mit einem Grad von Selbſtzufriedenheit und durch jede Unterhaltung mit einer Doſis von anmaßlicher Narrheit führte, die un⸗ ausſprechlich ergötzlich war. Sie war grenzenlos leicht⸗ gläubig und hatte die Gewohnheit, Anſichten, welche Andere aufgeſtellt, als ihre eigenen geltend zu machen, und lehrmeiſterlich zu verfechten, in gluͤcklicher Unbe⸗ wußtheit, wie unverträglich dieſelben mit denjenigen waren, welche ſie ſelbſt eine Viertelſtunde zuvor aufs Tapet gebracht hatte. Sie erſchrack nie über etwas, ſte ließ ſich niemals durch die plumpſten Widerſprüche überraſchen und verblüffen, und ebenſowenig durch die handgreiflichſten Beweiſe in Verlegenheit ſetzen. Zwi⸗ ſchen ihr und Mr. Sydney beſtand eine enge Allianz, verbunden mit einer kleinen ſtillen Feindſchaft. Sie erhielt ihn in einem Zuſtand gemiſchter Erbitterung 17 und Erheiterung. Bei jedem Zuſammentreffen, ob nun beim Mittageſſen, beim Imbiß, beim Picknik oder einer andern Partie, befand ſie ſich beſtändig an ſeiner Seite und überſchüttete ſeine Ohren mit Orakelſprüchen, politiſchen Axiomen, geheimnißvollen Vorherſagungen, theologiſchen Ankündigungen und wiſ⸗ ſenſchaftlichen Entdeckungen, auf welche alle er mit einem kurzen, plötzlichen Lachen oder, wenn ſte Auf⸗ munterung zu erwarten ſchien, mit einem beifälligen Knurren antwortete. Betreffs der Erziehung bekannte ſich Mrs. Thornton abwechſelnd zu den widerſtreitend⸗ ſten Theorien, aber ſie folgten ſo raſch auf einander, daß ſte gewöhnlich ſchon im Geſpräche verdunſteten, und da nichts den Erfolg ſo zuverläſſig ſichert, als Feſtigkeit des Vorhabens, ſo überlebte Margaret's ſehr feſter Entſchluß, ſich nicht leiten zu laſſen, alle Lei⸗ tungsſyſteme, auf welche ihre Großmutter nach und nach gerathen war. Mrs. Dalton hatte bei ihrem Amtsantritt eine Anſtrengung gemacht, ihr Anſehen feſt zu begründen, aber der Verſuch hatte in Folge des beharrlichen Widerſtandes ihrer Schülerin, die ſich auf den unzwei⸗ deutigen Beiſtand ihrer Großmutter ſtützte, ſo augen⸗ ſcheinlich fehlgeſchlagen, daß die arme Mrs. Dalton ſich genöthigt ſah, ihre Flagge zu ſtreichen, den ungleichen Kampf aufzugeben und ſich in Zukunft mit einer Machtentfaltung zu begnügen, welche für Mar⸗ garet nicht anders als angenehm war, denn ſie behan⸗ delte ihre Gouvernante ungefähr, wie die Unterthanen einer conſtitutionellen Monarchie ihre Souveräne be⸗ handeln, indem ſie demüthig erklären, daß ſie ihnen gehorchen, das heißt ſo lang und juſt ſo lang, als der Wille derſelben in vollkommenem Einklang mit ihrem eigenen ſteht. Nachdem wir auf ſolche Art einen Begriff von dem Charakter, der Erziehung und der geſellſchaftlichen Stel⸗ lung unſerer Heldin zu geben verſucht haben, wollen wir Schloß Grantley. 1. 2 18 uns in das Bibliothekzimmer zurückwenden, wo die zur Bewillkommnung des Oberſten Leslie verſammelte Geſell⸗ ſchaft nach mehrſtündiger vergeblicher Erwartung eben in. Begriff ſtand, ſich für dießmal gute Nacht zu ſagen. „Wiederum einen Tag umſonſt gewartet!“ rief Mar⸗ garet, indem ſie ihre Hand nach dem Leuchter ausſtreckte, welchen Walter auf ihrem Weg nach der Thüre bereil hielt.„Iſt es nicht ſonderbar, daß mein Vater nicht kommt oder ſchreibt?“ „Allerdings,“ antwortete Walter.„Als Sie ihn in der Stadt verließen, ſagte er Ihnen doch beſtimmt, er würde für geſtern kommen. Sagte er nicht ſo?“ „Ja, freilich, ſo ſagte er und hielt mir dann zum Abſchied ſeinen Finger hin. Schauen Sie nicht ſo böſe drein, Walter! Sie wiſſen, wie ſehr ich mich ſehnte, meinen Vater zu ſehen, mit welcher Freude ich die Nachricht von ſeiner Ankunft nach dieſer langen Ab⸗ weſenheit aufnahm, und mit welcher Ungeduld, welcher inneren Bewegung ich nach London eilte, um ihn zu treffen. Während der langweiligen Reiſe hatte ich nur dieſen einzigen Gedanken. Als wir in Newbury über⸗ nachteten, konnte ich kein Auge zuthun, ich hörte jede Stunde ſchlagen und ſehnte mich innig nach dem Tages⸗ licht; als wir dann nach London kamen und durch die Straßen fuhren, da konnte ich kaum ruhig ſitzen; und als ich anlangte(ich werde dieſes Hôtel immer haſſen), da hieß es: Oberſt Leslie iſt ausgegangen! Ausge⸗ gangen, um einen Spaziergang zu machen! Da ſaß ich denn allein in dieſem viereckigen, abſcheulichen Zimmer und wartete— wartete zwei Stunden! Endlich kam er herein.“ „Und war er da nicht freundlich?“ 1 „O doch, er war ſehr freundlich. Niemand iſt je unfreundlich gegen mich. Doktor Bartlet oder Lord Donnington ſind, wenn ſte hierher kommen, ſehr freund⸗ lich. Sehen Sie, Walter, wir wollen uns nicht täuſchen. Ich habe nie einen Gedanken gehabt, den ich Ihnen „ 19 nicht ſagte, und ich muß auch mit dieſem herausrücken. Mein Vater bekümmert ſich keinen Pfifferling um mich, und je bälder ich mich darein finde, um ſo biſſer iſt es. Ich werde ihm eine gehorſame Tochter ſein, wenigſtens will ich es verſuchen,“ ſagte ſte mit dem Refrain eines „ iriſchen Liedes, das ſie kurz zuvor geſungen hatte, und dabei lächelte ſie, obſchon zwei dicke Thränen über ihre Wangen herabrollten. „Das iſt unvernünftig, liebe Margaret,“ ſagte Walter.„Sie hatten ſich in einen Zuſtand romanti⸗ ſcher Aufregung über die Ankunft Ihres Vaters hin⸗ eingearbeitet und ſich in Ihrer Phantaſie eine Scene ausgemalt, welche nicht wirklich eintrat, und weil nun des armen Leslie Temperament von Natur ruhig iſt...“ „Iſt etwa das Ihrige ſo gar lebhaft?“ warf Margaret mit einem etwas frotzigen Ausdruck ein. „Nein. Ich habe das Temperament eines alten Hundes, der es nicht unterlaſſen kann mit dem Schweif zu wedeln, wenn er diejenigen ſieht, die er liebt.“ „O, Walter! theuerſter, alter Walter! Ich wollte, Sie wären mein Vater.“ Ein ſeltſamer Ausdruck ging über Walter's Geſicht, aber er antwortete: „Das kann ich nicht ſagen, denn ich würde dann Leslie eines Schatzes berauben, den er gewiß ſehr theuer hält; und Sie wiſſen nicht, Margaret, wie ſehr ich Ihren Vater liebe.“ „Doch wohl nicht mehr als mich?“ Walter blickte drein, als könnte er nicht wohl irgend etwas mehr lieben, als das reizende kleine Ge⸗ ſchöpf, das vor ihm ſtand; aber er ſchüttelte den Kopf und ſagte: 1 „Nun, nun, Margaret, Sie müſſen ſich darein fin⸗ 1 den, Andern zu weichen. Sie ſind zu ſehr uͤberall auf den erſten Platz erpicht.“ Mrs. Thornton kam zu ihnen, während Walter ſo ſprach, und ſie ergriff ſogleich Marnateso, Partei. —õ 20 „Und das ſoll ſie auch; ſie iſt von jeher dazu er⸗ zogen worden. Wer ſollte auch den erſten Platz unter uns haben, wenn nicht Margaret ihn hätte? Wenn Sie ſich darüber Kummer machen, mein liebes Kind, daß Ihr Vater nicht erfreut ſei, Sie zu ſehen, ſo iſt dieß thöricht, wirklich ſehr thöricht, weil—*. „Ich ſagte nicht, er ſei nicht erfreut, mich zu ſehen,“ fiel Margaret ein, während ihre Wangen ſich färbten, denn ſie nahm die tadelnden Bemerkungen ihrer Groß⸗ mama nicht immer mit Geduld auf. „Aber, meine Liebe, wie ſollte er ſich freuen, Sie zu ſehen? Nur dadurch, daß wir die Leute erproben, lernen wir ſie lieben,“ und ſie blinzelte dabei Walter zu, um ihm zu bedeuten, daß dieſe letzte Phraſe ihm gelte;„ich liebte meine Kinder nicht, als ich ſie nicht kannte.“ „Und wann war das?“ fragte Margaret etwas verfänglich, denn man muß bekennen, daß ſie an dieſem Tage ein wenig unwirſch war. 1 „Als ſie in die Schule gingen, liebes Kind, da ſagte ich immer zu meinen Jungen: Nun, Ihr Burſche, ich bin fertig mit Euch, ich habe Euch nichts mehr zu ſagen. Schulbuben bekümmern ſich nicht um ihre Mut⸗ ter und ich will daher nichts von Euch wiſſen. Sprecht nicht mit mir, bis Ihr herangewachſen ſeid. Laßt mich nichts von Euch hören; kommt mir nicht zu nahe.“ „Ich erinnere mich nicht,“ bemerkte Walter,„daß John und Enſtace Ihren Befehlen gehorcht hätten. Sie ſchienen mir in den Ferien immer ſehr nahe bei Ihnen zu ſtecken.“ „Ja, ſte gaben nicht viel auf das, was ich zu ihnen ſagte,“ verſetzte Mrs. Thornton;„ich war für ſie immer eine Null, ein Nichts, ein gar nicht vorhandenes Weſen. Sie liefen hinter mir her, weil ich ihnen Zuckerbohnen gab, aber ſie liebten mich nicht, ſie bekümmerten ſich nicht um mich, es war kein Verbindungsglied zwiſchen uns vorhanden.“ 21 Sie blickte wiederum Walter an, denn dieſer letzte Ausdruck war entſchieden poetiſch geweſen, und dießmal ging er bei ihm nicht verloren, denn er lächelte, wäh⸗ rend er von Neuem Margaret den Leuchter anbot, und er war eben im Begriff zu antworten, als das Geräuſch 4 von Wagenrädern, das Gebelle der Hunde und das laute * Geklingel der Glocke die Ankunft des Oberſten Leslie verkündeten, der nach zehnjähriger Abweſenheit in ſeine Heimath zurückkehrte. Die Thüren wurden aufgeworfen, zwei Hunde ſtürzten herein, Margaret trat vorwärts, Mrs. Thornton ſah ſehr aufgeregt aus, Mr. Thornton, den ſeine Gicht verhinderte ſo ſchnell aufzuſtehen, als er gewünſcht hätte, ſtreckte ſeine Hand aus, während auf ſeinem ſchönen offenen, ehrwürdigen Geſichte ein freudiges Lächeln deutlicher, als es mit Worten mög⸗ lich geweſen wäre,„Willkommen!“ ſagte. Walter ſchaute ungewöhnlich ernſt drein. Oberſt Leslie küßte Margaret auf die Stirn, ſchüttelte Mr. und Mrs. Thornton die 3 Hand und drückte dann ſchweigend Walter's Hand. Nun 4 erfolgte einer jener Zeiträume, welchen alle anweſenden Perſonen damit zubringen, daß ſie ſich bemühen unge⸗ mein glücklich auszuſehen und ſich glücklich zu fühlen, wäyrend ſie kaum dem Bewußtſein widerſtehen können, daß ſie ſich äußerſt unbehaglich befinden, und doch iſt es gebieteriſche Pflicht, ſowohl bei ſich ſelbſt, als bei Andern, dieſen Gedanken nicht aufkommen zu laſſen. Oberſt Leslie ſchien es in der That nöthig zu finden, große Anſtrengungen zu machen. Er ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl und ſchurte das Feuer. Mr. Thornton lächelte, nahm eine Priſe, räuſperte ſich und fragte ihn dann: (wie ſchwierig iſt es doch, eine paſſende Frage für einen Mann zu finden, den man zehn Jahre lang nicht ge⸗ ſehen) ob er eine angenehme Reiſe gehabt habe. Mrs. Thornton, welche ſelten erlaubte, daß Jemand eine Frage für ſich beantwortete, wenn ſie zugegen war, nahm dem Oberſten das Wort aus dem Munde, indem ſie an ihren Mann die Gegenfrage ſtellte:„Wie könnte das eine — ————y 1 22 angenehme Reiſe ſein, mein Lieber? Wie können Sie erwarten, daß ein Mann wie Leslie, der die ganze Welt bereiſt hat, in unſerem armen Ländchen eitwas zu bewundern finden könnte?“ „CEi, meine liebe Mrs Thornton,“ platzte ihr Gatte heraus, der ſein ganzes Leben lang beharrlich mit ihr gerechtet hatte, eine Gewohnheit, von welcher andere 1 Leute meiſtens abgekommen waren,„da könnten Sie ebenſo gut ſagen, Leslie werde kein Vergnügen daran finden, uns Alle wiederzuſehen, weil er ſeit langer Zeit wmeört ſei, lauter ſo ſonderbare fremde Geſichter zu ehen.“ Es trat eine tiefe Pauſe ein. Dieſe letzte Bemer⸗ kung ſchien Oberſt Leslie auf die eine oder andere Art unangenehm berührt, und Mr. Thornton ſchien im Augenblick, nachdem er ſie gemacht, gefühlt zu haben, daß er die Sache beſſer ungeſagt gelaſſen hätte. Dieß verdoppelte die Verlegenheit der ganzen Geſellſchaft. Margaret, deren Wangen ſich ſeit ihres Vaters Ankunft immer tiefer geſärbt hatten, fühlte, daß es jetzt ledig⸗ lich ihr oblag, zu ſprechen. Sie ſah zuerſt Walter an, aber er hatte ſich neben das Feuer geſetzt, und ſein langes Geſicht war länger, als gewöhnlich, ſeine langen Beine ſchienen ſich über ihr natürliches Maß auszu⸗ ſtrecken, und ſeine Augen ſtarrten in das Feuer, als wollten ſie nie mehr etwas Anderes anſehen. Endlich vermöge einer gluücklichen Eingebung ergriff ſie die Vordertatzen eines der ſchönen Hunde, welche mit ihrem Vater hereingekommen waren, legte ſie, ohne Rückſicht auf ihr weißes Mouſſelinkleid, auf ihre Kniee und ſagte ſchüchtern mit einem Blick auf Oberſt Leslie; „Was für ein ſchönes Geſchöpf das iſt, Papa!“ Er fuhr wie aus einer Träumerei auf, blickte ſie aufmerkſam an, ſeufzte tief und ſtreckte in einer plötz⸗ lichen Regung ſeine Hand aus. Margaret ergriff ſie, rückte näher zu ihm, und von dieſem Augenblick an trat in der allgemeinen Anſchauungsweiſe ein bedeuten⸗ 23 des Thauwetter ein. Es wurde zum zweitenmal Thee aufgetragen, und Walter, der den zärtlichen Blick, welchen Leslie auf ſeine Tochter geworfen, ſowie den erneuten Ausdruck des Vergnügens in dieſen Augen be⸗ merkt hatte, in welchen er nie ohne tiefen Schmerz eine Wolke ſehen konnte, ſchüttelte ſeine bedruckende Gravität ab. Er und ſein Freund begannen von ihrem früheren Treiben und alten Bekanntſchaften zu ſprechen; Mrs. Thornton, welche wie die Kanarienvögel immer lauter zwitſcherte, wenn Andere ſich unterhielten, fand eine Aufmunterung, ihren gewöhnlichen Ton wieder anzuſchlagen, und ibr Gattie erholte ſich langſam von ſeiner peinlichen Erſchütterung, dem Bewußtſein, das unrechte Ding zu unrechter Zeit ausgeſprochen zu haben. Uad nun muſſen wir in einem andern Capitel erflär n, warum Mr. Thornton's Bemerkung beſſer unterblieben wäre, und wie es kam, daß ſie die Verlegenheit der auf Grantley verſammelten Familie vergrößerte. Zweites Capitel. Kurze Zeit nach dem Tode ſeiner Frau hatte Henry Leslie England verlaſſen, um einige Monate Italien zu bereiſen. Die Veränderung der Landſchaft und die Aufregung der Reiſe für einen Mann von dreiund⸗ zwanzig Jahren, der nie über die Hauptſtadt ſeines Landes hinausgekommen war, erweckte ihn bald aus der Niedergedrucktheit, die ihn aus ſeiner Heimath genrieben hatte, um auswärts Geſundheit und Vergnügungen zu ſuchen. Nachdem er Frankreich durchreist und einige Wochen in Turin und Mailand zugebracht hatte, befand er ſich juſt in derjenigen Gemüthsſtimmung, welche fehr bereitwillig neue Eindrücke zuläßt. Die Herbbeit des Kummers hatie ſich gelegt, und ein unbeſtimmter Wunſch nach friſchen Intereſſen und neuen Anregungen war 8 24 an ſeine Stelle getreten. Ein bisher nicht hervorge⸗ tretener Sinn für Malerei und Poeſie, für die künſt⸗ leriſche und imaginative Seite des Lebens ſetzte ſich in Leslie's Phantaſte immer feſter, je weiter er in Italien kam. Der Einfluß ſeines leuchtenden Himmels— die Zaubermacht ſeiner Naturſchönheiten— die Erinnerun⸗ gen an die Vergangenheit— ſein entſchwundener Ruhm und ſein lebendiger Reiz— wirkten immer gewaltiger auf ſeine Seele, und nach einiger Zeit war der gemüths⸗ ruhige, engliſche Landedelmann in einen leidenſchaft⸗ lichen Bewunderer dieſes ſeliſamen Landes umgewan⸗ delt, deſſen Name ſchon ein Zauber iſt, deſſen Mängel ſogar Reize find, wo das Leiden poetiſch, die Armuth pittoresk iſt; wo das Leben einem Traume gleicht— wo die Vergangenheit beinahe greifbarer iſt, als die Gegenwart,— wo eine ewige Lebenskraft aus dem Buſen beſtändigen Verfalls hervorquillt, gleich reinen Blumen, die auf der Oberfläche eines dunkeln ſtagni⸗ renden Pfuhles ſchwimmen; wo das Leben in ſeinen glänzendſten und blühendſten Farben, der Tod in ſeiner poetiſchſten und verſöhnendſten Geſtalt jeden Augenblick einander begegnen. Mit ſeinem wollenloſen Himmel und ſeinen ebbeloſen Seen— dem unwandelbaren Grau ſeiner Olivenhaine— den glänzenden Farben ſeiner Berge und ſeiner Ströme— der feierlichen Stille ſeiner Cypreſſenwälder— dem lärmenden Gedränge ſeiner luſtigen Bevölkerung— mit ſeinen prächtigen Kirchen und ihren Myriaden von lebendigen Anbetern — mit ſeinen rieſtgen Gräbern und ihrer zahlloſen Menge unbekannter Bewohner, iſt Italien zu gleicher Zeit und vorzugsweiſe das Land der Lebendigen und das Land der Todten. Dieß fühlte Leslie; er ſuchte keine Geſellſchaft— er betheiligte ſich nicht bei lär⸗ menden Vergnügungen— er ließ ſeine Stunden und ſeine Tage ihren natürlichen Lauf nehmen— er ſchwamm den Strom des Lebens hinab, während Natur und Kunſt Gebilde der Schönheit und zauberreiche Scenen — vor ihm entrollten, welche denjenigen, deren Seelen ſie ergreifen, nicht als neue Dinge, ſondern als die Ver⸗ wirklichung einer Ahnung oder eines Traumes erſchei⸗ nen. Haben nicht wir, Einige von uns, in unſern Stunden des Schlafes ein Land, ein Plätzchen, ein Haus gekannt, das wir in unſeren Träumen wieder⸗ erkennen, das wir in unſern wachenden Stunden wieder zu beſuchen zuweilen uns ſehnen? Haben wir nicht zu Zeiten, wenn wir die gewöhnlichſten Handlungen des Lebens verrichteten, wenn wir ein Buch öffneten, ein Fenſter ſchloſſen, eine Perſon(vielleicht zum hundertſten⸗ male) begegneten, ein plötzliches, wunderliches, unerklär⸗ liches Gefuͤhl gehabt, welches uns auf eine ſcheinbar übernatürliche Weiſe zu verſtehen gibt, daß wir ſchon früher auf dieſelbe Weiſe dieſe Handlung verrichtet, dieſen Gedanken gedacht, dieſe Perſon begegnet haben, und doch iſt der ganze Eindruck unabhängig von dem Gedächtniß und iſt mehr eine Empfindung, als ein Gedanke. Solcher Art war die Wirkung, welche der erſte Anblick der römiſchen Campagna auf Leslie her⸗ vorbrachte; er hatte ſich in Genua und Florenz ver⸗ weilt; er war vollkommen eingeweiht worden in die Ordnung von Ideen und Kunſtgenüſſen, welche in den Menſchen eine Art von neuem Gefühl und neuer Wahr⸗ nehmung hervorruft. Ich verweile lang bei dieſer Ver⸗ änderung in dem ganzen intellectuellen Weſen, wie ſie durch eine Reihenfolge von Eindrücken und Vorſtellun⸗ gen verurſacht wird, die kurze Zeit vorher dem Geiſte, welchen ſie beſuchen, ſo fremd waren wie die Farben dem Blindgebornen; ich verweile, ſage ich, bei dieſer Veränderung, weil ſie theilweiſe die plötzliche Neigung erklärt, welche bald darauf von Leslie's Gefühlen Be⸗ ſitz nahm.. Als er eines Morgens auf der Treppe der Sanct. Laterankirche ſtand und die Ausſicht betrachtete, die ſich ſeinen Blicken darbot, rief er halblaut: Das iſt in Wirklichkeit Rom! ich erkenne es hier.“ 4 26 Ein junger Mann, der mit einer Zeichnung vor ſich auf der Treppe ſaß, hörte dieſe Worte, ſchaute auf, und während ein glänzendes, plötzliches italieniſches Lächeln auf ſeinem dunkeln Geſicht ſtrahlte, nickte er beifällig, ohne zu ſprechen. Dieſe ſchweigſame Ge⸗ berde machte ſie mit einander bekannt, und es wurden einige wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt. Der junge Mann war ein Maler, und als Leglie ſeine Ar⸗ beit betrachtete, war er betroffen von dem außerordent⸗ lichen Talent, das ſich darin beurkundete. Die vage, geheimnißvolle, melancholiſche Schönheit der Campagna; der Contraſt zwiſchen der Pracht ihrer Färbung und ihrer gänzlichen Vrrlaſſenheit war in der haſtigen Skizze vor ihm ſo getreu wiedergegeben, daß er, auf dieſelbe deutend, in ſchlechtem Italieniſch, aber mit einem Lächeln ſagte: „Und auch dieß iſt Rom!“ „Ha,“ rief der junge Kunſtler,„das gleicht Rom ſo wenig, als die Gebilde des Menſchen den Werken der Natur gleichen. Was ich mit dieſen Dingen da machen kann,“ fugte er, ſeine Palette und ſeine Pinſel in die Höhe haltend, hinzu,„ſteht ſo unendlich weit hinter dem zurück, was ich da ſehe(auf die Campagna deu⸗ tend), oder hier!(ſeine eigene Stirne berührend). Es iſt ein großer Schmerz, lebendig aufzufaſſen und ſchwach wiederzugeben.“ Dieß wurde mit ſolchem Ernſt und ſo ohne alle Affectation ausgeſprochen, daß Leslie augenblicklich Luſt empfand, den jungen Maler zu lieben und näher kennen zu lernen. Worte ergreifen uns zuweilen auf eine merkwürdige Weiſe. Eine Phraſe, eine Empfindung, die wir ſchon oft gehört haben können, feſſelt manch⸗ mal unſere Aufmerkſamkeit auf eine unbegreifliche Art; ſie berührt vielleicht irgend eine Saite, die durch eine kaum bemerkbare Vibration unſer Herz erweicht, und ſie ſchafft durch eine magnetiſche Gewalt in einem Augenblick Sympathie zwiſchen uns und dem Sprecher. 1 4 27 So mag es auch gekommen ſein, daß des Italieners ſchwermüthige und leidenſchaftliche Liebe zu ſeiner Kunſt und ſeine einfachen wenigen Worte über das Mißver⸗ hältniß zwiſchen den Gebilden ſeiner Phantaſie und den Werken ſeiner Hände den Empfindungen eines Mannes entſprach, der wie Leslie unter einem kalten und ruhigen Benehmen ein feines Gefühl und eine lebendige Einbildungskraft verbarg. Dichter zu ſein in den wirklichen Tiefen ſeiner Seele und keine Worte zu finden, um den Gedanken, die in ſeinem Innern ringen, Leben und Form zu geben; die Macht des Genius und die Stärke der Inſpiration zu fuhlen, ſich des Feuers bewußt zu ſein, das ihn im Geheimen verzehrt, und kein Modell zu haben, worein den brennenden Strom zu gießen; zu fühlen, daß die geheiligte Flamme aus Mangel an Luft und Licht, um fröhliche oder trauer⸗ volle Muſik in ſeiner geheimen Seele zu machen, hin⸗ wegſtirbt, und niemals mit ſeinen äußeren Ohren eine Note von dieſen myſteriöſen Melodien durch die Luft klingen zu hören; zu fühlen, daß er mit Leidenſchaft lieben oder vor Zorn erzittern kann, während ſeine Stimme ſtumm, ſeine Hände weich und ſeine Augen trübe ſind— das iſt ein Schmerz, den wahrſcheinlich mancher ſchüchterne und ſchweigſame Mann empfunden hat; ein Schmerz, über welchen der Reiſende und der Narr, der Schwätzer vieler Worte oder der Skribler vieler Seiten mit Gleichgültigkeit oder einem verächt⸗ lichen Blick hinweggegangen iſt; gerade ſolche Leute ergreift dann ein einziges Wort, ein einziger Blick mit ſeltſamer Gewalt und öffnet in einem Augenblick die Schleuſen, welche Jahre lang verſchloſſen geweſen. Die Bekanntſchaft, welche auf den Treppen der St. Laterankirche begonnen hatte, reiſte bald zu inniger Vertraulichkeit. Leslie's glühende und poetiſche Natur, welche der ruhige Kreislauf häuslicher Pflichten und Intereſſen, ſowie das milde Licht einer frühen und un- durchkreuzten Neigung nicht aufgeweckt hatten, trat jetzt — 28 in’s Leben hervor oder wurde ſich vielmehr ihrer eige⸗ nen Kraft bewußt, und in Leonardo Ferrai fand er einen Genoſſen, deſſen Charakter und Neigungen in die⸗ ſem Augenblick genau ſeinen eigenen entſprachen. Er war ein Enthuſtaſt und ein Künſtler. Zu gleicher Zeit nachläſſig und eifrig, von Charakter treuherzig und in ſeiner Sprache leidenſchaftlich, war er ein ächter Ita⸗ liener. In ſeiner Romantik war Natur, in ſeiner Lei⸗ denſchaft Leben, in ſeinen Augen brannte ein Feuer, und in ſeinem Benehmen lag ein gewiſſes Schmachten, welches dieſe Nation kennzeichnet und ein Typus die⸗ ſes Landes zu ſein ſcheint, das einer ſeiner Dichter ſo wehmüthig anredet: 4 „Deh, tu fossi men bella, o almen piuù forte, Ond' assai più ti parentasse o assai T'amassi men.“*) Zwei Monate hindurch verbrachten Leslie und Leo⸗ nardo ſolche Tage zuſammen, wie ſie nur in Rom ver⸗ lebt werden können. Unter den Trümmern entſchwun⸗ dener Herrlichkeit, welche als natürliche Zierrathen unter den ſchönſten und phantaſtiſchſten Landſchaften zerſtreut liegen, welche die Natur je geſchaffen; unter den Ueber⸗ bleibſeln einer erſtaunlichen menſchlichen Macht; in⸗ mitten der Denkzeichen eines göttlichen und ewigen Glaubens; in den Katakomben, dieſen Paläſten der glorreichen Todten; in der gleichenloſen Arena, wo das Blut der Märtyrer die garſtigen Flecke heidni⸗ ſchen Götzendienſtes abgewaſchen hat und das Bild des ſterbenden Gladiators verſchwindet vor dem des Heili⸗ gen, der ſeinen Leib den Löwen hingab und die Seele ſeinem Gott empfahl; in den Chorgängen des St. Pe⸗ ter, in den Gallerien des Vatikans, in den Gärten der *) O wärſt Du weniger ſchön, oder wenigſtens ſtär⸗ ker, daß man Dich mehr fürchtete, oder ich Dic weniger liebte. 29 Villa Doria wanderten ſie zuſammen umher. Manche einſame Kirche, manche verlaſſene Villa, manchen ſchweig⸗ ſamen Hain beſuchten ſte in der Stunde des Zwielichts, und den Tag über war Leslie oft in der Werkſtätte, wo Leonardo mit jener religiöſen Hingebung an ſeiner Kunſt arbeitete, die mehr einer vergangenen als der gegenwärtigen Aera angehörte und an die Tage erin⸗ nerte, wo ein Künſtler ſelten einen Pinſel ergriff, um auf ſeine Leinwand das Bild unſers Herrn, ſeiner ge⸗ benedeiten Mutter oder der Heiligen zu verzeichnen, ohne zuvor niederzuknieen und ſeine Seele im Gebet zu ergießen. Leslie lernte Italieniſch, und zum erſten Mal las er die erhabenen Werke in dieſer Sprache, als er auf dem abgebrochenen marmornen Sarkophage ſaß, welcher den Gartenſitz von Leonardo's Werkſtätte bil⸗ dete. Einige wenige Blumen wuchſen in dieſem Hof, eine kleine Quelle ſpielte in der Mitte und zwei ge⸗ fangene Vögel ſangen ihre wilden Melodien über ſei⸗ nem Haupte. Die italieniſche Sonne ergoß ihr kräfti⸗ ges Licht auf die Wände des Ateliers, und Leslie's Augen wanderten oft von ſeinem Buch zu der Lein⸗ wand, auf welche der Känſtler eine ſeiner geiſtigen An⸗ ſchauungen übertrug. Der Gegenſtand, den er gewählt hatte, war die Auferweckung der Tochter des Jairus, und in dieſes Gemälde hatte der Maler ſeine ganze Seele geworfen: es war bloß Eine Figur darin, die der Jungfrau, welche ſich von dem Todtenbette erhebt. Der Ausdruck ihres Geſichtes, ihre Haltung erzählte die Geſchichte(wenn man ſo ſagen darf) beſſer, als wenn die Figuren unſres Herrn, ſeiner Apoſtel, der El⸗ tern des Mädchens und der Spötter, welche in dieſen feierlichen Momenten zu Gläubigen wurden, gleichfalls abgebildet worden wären, und die Phantaſte porträtirte ſie vielleicht lebhafter, als wenn die Hand des Kuͤnſt⸗ lers ſie gezeichnet hätte. Das Geſicht des kleinen Mäd⸗ chens war ſo heilig— es lag zugleich eine ſolche fromme Scheu und eine ſolche Heiterkeit in dem Aus⸗ 4 30 druck dieſer großen Augen, welche einige Minuten zu⸗ vor ſich im Tode geſchloſſen hatten; ein unbeſtimmter Kummer um die Viſion, die entflohen war, eine däm⸗ mernde Freude über das Leben, das wieder gewonnen worden: auf ihrer Stirne das Gepräge einer andern Welt, deren Schwelle ſte überſchritten hatte; auf ihren halbgeöffneten Lippen ein Willkommen für dieſe, wel⸗ cher ſie zurückgegeben worden war;— daß, da Leslie dieſes Gemälde Tag für Taq betrachtete, ſeine Einbil⸗ dungskraft immer mehr gefeſſelt wurde von ſeiner gött⸗ lichen und irdiſchen Schoͤnheit. Ihm war, als habe er nie etwas von Form ſo Schönes oder im Ausdruck ſo Himmliſches geſehen, als das Mädchen auf Leonardo's ild. Eines Tags, als er auf ſeinem Lieblingsplätzchen ſaß und im befreiten Jeruſalem las, hatte er juſt auf⸗ gehört nach der Zeile, welche den rührenden Schluß von Clorinda's Geſchichte bildet:„Die ſchöne Dame gehe hin und ſchlafe.“ Er heftete ſeine Augen auf den Streif tiefblauen Himmels, der ſich über den ſchmalen Hof hindehnte, und ſann ſchweigſam nach über die unvergleichliche Schönheit dieſer Stelle. Aus dieſer Träumerei wurde er aufgeſchreckt durch einen Ausruf Leonardo's, der mit gekreuzten Armen ſeine Leinwand betrachtete und rief:„Nicht halb ſo heilig, nicht halb ſo ſchön wie ihr Geſicht!“ Dabei zerbrach er ſeinen Pinſel und warf die Bruchſtücke in den Hof, wo ſie zu den Fäßen Leslie's fielen, der ſie, mit einem Lächeln über dieſe leidenſchaftliche Art einer augenblicklichen Muthloſigkeit Luft zu machen, auflas und fragte: wer das Ideal ſein möge, welches die Schöpfung vor ihren Augen dermaßen in den Schatten drängen könne? „Wiſſen Sie es nicht?“ ſagte Leonardo;„meine Schweſter Ginevra, wer denn ſonſt? das hier iſt ihr Portrait, aber es gleicht ihr nicht in der Wirklichkeit. In einem einzigen Blick ihrer Augen iſt mehr Seele, in ihrer ſinnigen Stirne mehr Gedanke, im Ausdruck 2““—— 31 ihres Mundes mehr Liebe, als jemals Rafael oder Domenichino gemalt haben; und was kann ich thun? Ach, ich wünſche zuweilen, ich hätte ſie nie geſehen oder ſie wäre nicht ſo ſchön. Das macht mich meine Gemälde haſſen!“ „Und Ihre Pinſel zerbrechen,“ bemerkte Leslie, indem er die Stücke ſammelte;„aber ich bedaure es, Leonardo, daß dieſe Ihre Zeichnung ein Portrait iſt. Ich habe mich mit dieſem Brauch, lebende Perſonen in ideale Scenen einzuführen, niemals befreunden kön⸗ nen, zumal wenn der Gegenſtand ein religiöſer iſt.“ „Aber was,“ rief Leonardo,„was iſt ſo religiös als Ginevra's Geſicht? Sie haben ſie nie in ihren Gebeten geſehen.“ „Ueberhaupt noch nie,“ erwiederte Leslie mit einem Lächeln.„Ich wünſchte aber, ich hätte ſie geſehen.“ „Ich bin zuweilen in die St. Johanneskirche ge⸗ gangen, wenn die Strahlen der untergehenden Sonne eine reiche Lichtfluth durch die gemallen Fenſter des Chors ergoſſen, zur Stunde, wenn ſie am Altar kniet, um ihr Abendgebet zu ſprechen. O, Leslie, ich habe ſie angeſchaut, bis ich erſchrack über den Lichtkreis, der um ihre Stirne ſpielte, und mir einbildete, ſie möchte in einer plötzlichen Extaſe von der Erde in den Himmel erhoben worden ſein. Ach, wie wenig hätte ich mich darüber gefreut! Es beruhigte mich wieder, als ich den goldenen Schein um den garſtigen Kopf der Mutter Agnes ſah. Ich wußte, ſie würde nicht geradenwegs in den Himmel wandern, was bei Ginevra etwa ge⸗ ſchehen könnte.“ „Wo lebt Ihre Schweſter?“ fragte Leslie. „Zu Hauſe in Verona,“ antwortete der junge Künſtler. Im Klange des Wortes Verona liegt Etwas, das für einen Engländer zu gleicher Zeit ſo vertraut iſt, wie der Name eines Haushaltungsgegenſtandes und ſo romantiſch wie der Traum eines Dichters. Es ſpricht 32 die Einbildungskraft an wie der Name Italien, er er⸗ greift das Herz wie die Stätten, wo wir unſere Ju⸗ gend verbracht haben. Natur, Architectur, die Erinne⸗ rungen der Geſchichte, die Spuren des Mittelalters und der alten Herrlichkeit der Lombardei ſchmücken ihn auf der einen Seite, und auf der andern hat der Genius ihn zu unſerm Eigenthum gemacht und einen Zauber darauf geworfen, der nie gebrochen werden kann, ſo lange Engländer ihren Shakeſpeare leſen und ſich rüh⸗ men, daß ſeine Sprache ihre Mutterſprache iſt, und ſein großer Name demſelben Lande angehört, wie der ihrige. Leslie war 23 Jahre alt. Er hatte eine Periode des Glücks und eine Periode des Kummers durchge⸗ macht und dabei gelernt, was beide waren, ohne daß das eine oder andere dieſer Gefühle die höchſte Stärke erreicht hatte, deren ſie fähig waren. Er hatte ſich abgehärmt, und ſein Herz war weich geworden; ſein Kummer war verſchwunden und ſeine Einbildungskraft war aufgeregt worden. Er hatte Seenen geſehen, er hatte eine Sprache ſtudirt, welche die ganze ſchlum⸗ mernde Romantik ſeiner Natur aufgeweckt hatte, und er hatte die Gewohnheit nicht abgelegt, welche die Eng⸗ länder ihr ganzes Leben hindurch charakteriſirt, zumal wenn ſie einzige Söhne und Erben eines großen Vermö⸗ gens ſind, nämlich zu thun, was ihnen gefällt, wie es ihnen gefällt und wann es ihnen gefällt. Wenn man nun alle dieſe Umſtände in Betracht zieht, ſo wird es viel⸗ leicht nicht ſehr überraſchend erſcheinen, daß einen Tag nach dem oben mitgetheilten Geſpräch im Atelier Leslie und Leonardo in einer kleinen offenen Britſchke über die Campagna hinweg gegen Bologna zu flogen, mit der endlichen Abſicht, Verona zu beſuchen. Leslie hatte einen plötzlichen Wunſch geäußert, Juliens Grab und Capulet's Haus zu ſehen; noch mehr drängte es ihn vielleicht, mit dem Original des Gemäldes bekannt zu werden, das er ſo lange beobachtet und bewundert hatte. Und als er nun Leonardo den Vorſchlag machte, ihn zu begleiten und dieſe Gelegenheit zu ergreifen, um ſeine Familie zu beſuchen, da wurde er in ſeinem Vor⸗ haben beſtärkt durch jenes unbeſchreibliche italieniſche Lächeln, das Allem unähnlich iſt, was je über ein nor⸗ diſches Geſicht blitzt(von unſerm Lächeln ſo verſchie⸗ den, wie ihre Sonne von unſerer Sonne), das aber jeder ſehen kann, welcher dem erſten kleinen Italiener, den er auf der Straße trifft, einen Pfennig ſchenkt: es glänzt dann auf ſeinem armen Geſichte, trotz allem Schmutze und der Niedergedrücktheit der Noth hindurch, wie die glorreiche Sonne durch den Rauch und Nebel einer Londoner Atmoſphäre. Dem ſei indeß, wie ihm wolle, ſoviel iſt gewiß, daß Leonardo lächelte, daß Leslie hocherfreut war, und daß ſie nach mehrtägigem Aufent⸗ halt in Bologna Nachts über die lombardiſche Ebene hinfuhren und frühe am Morgen in Verona anlang⸗ ten. Die Piazza delle Erbe in Verona iſt gewiß einer der zauberiſchſten Plätze von der Welt, zumal Morgens 8 Uhr an einem ſonnigen Maitag. Sie vereinigt Alles, was die Einbildungskraft nur erſinnen kann, um einen Marktplatz ſchön zu machen. Denkt Euch, was Euch nur je am meiſten entzückt hat an der zierlichen, wink⸗ ligen, reichgeſchmückten Architectur des Mittelalters — denkt an Formen und Entwürfe, an Contraſte in Farben, welche zu gleicher Zeit verwunderlich und har⸗ moniſch ſind; denkt an Brunnen, die aus ihren marmor⸗ nen Mündungen Ströme funkelnden Waſſers auswerfen; denkt an Maſſen rieſiger Nelken und prachtvoller Hya⸗ zinthen, ſo wie Ihr ſie ſelten ſehet, außer auf hollän⸗ diſchen Gemälden, Blumen, die in üppiger Verſchwen⸗ dung umherliegen und Düfte aushauchen, welche in der That die leichten Schwingen Zephyr's mit Wohlgeruch erfüllen; denkt an die maleriſchen Gruppen ſchwarz⸗ äugiger Frauen mit ihren weißen Mezzaros und ihren korallenen Halsbändern, welche Euch Sträuße von die⸗ ſen Blumen entgegen halten. Wendet Euch von ihnen ab und ſchauet die Straße hinab, die ſich auf dem Schloß Grantley. l. 3 Marktplatz öffnet; heftet Eure Augen auf einen kleinen hölzernen Balkon— denn es iſt der Balkon des Hauſes Capulet, und der Helmſchmuck der Capulet's überragt den Thorweg; die Geſtalt Juliens erhebt ſich vor Euch, wenn Ihr hinſchaut, und eine Stimme in Euerm Ohr ſcheint die Worte Romeo's zu flüſtern. Dann denkt an die Ströme von Licht, an den gol⸗ denen Glanz, welchen die italieniſche Sonne über dieſe phantaſtiſchen Gebäude ausgießt— an dieſe ſchimmern⸗ den Waſſer, an dieſe prächtigen Blumen— dieſe dunkel⸗ äugigen Frauen. Denkt an das geſchäftige Geſumme der Männer und die raſchen Blicke, das wilde Lächeln, das dieſer magiſchen Scene Leben verleiht, an die romantiſchen Erinnerungen, welche Euer Herz klopfen machen bei dem Namen Verona, und dann ſprecht, ob nicht die bloße Ankunft allda auf der Piazze delle Erbe an einem köſtlichen Maimorgen genug ſein mußte, um Leslie mit italieniſcher Begeiſterung und engliſchem Ernſt ausrufen zu machen: „Außer Verona's Mauern keine Welt!“ Ginevra war ſchöner als Leonardo's Zeichnung. Keine Leinwand hat je das Ebenbild eines ſo lieblichen Geſchöpfes getragen; keines Poeten Sprache hat je das leidenſchaftliche Schmachten ihrer dunkeln Augen beſchrieben; keines Bildhauers Hand hat je eine ſchö⸗ nere Form gemeiſelt, als die ihrige; die zitternden und gebrochenen Lichter, die auf der Oberfläche eines ſtürmi⸗ ſchen Sees flimmern, ſind nicht mannichfaltiger als die Strahlen, die über ihr Geſicht fuhren, wenn Hoffnung oder Freude, Leidenſchaft oder Zärtlichkeit, Liebe oder Verachtung ihre fehlloſen Züge belebten. Als Leglie ſte zum erſten Mal ſah, ſtand ſie unter der Säulenhalle der Villa, wohin Leonardo ihm vorangegangen war, und ihres Bruders Hand in der ihrigen haltend, ſtreckte ſie die andere ihm entgegen, während ſie in dieſer Setacht, deren Klang allein ſchon Muſik iſt, zu ihm agte: 35 „Willkommen Sie, der Sie die Blüthe auf ſeine Wangen und das Licht in ſeine Augen zurückgerufen haben. Er bedurfte der Sympathie und ſie gaben ihm dieſelbe. Die Ihrige iſt die Wohlthat derjenigen, welche die Schaale kalten Waſſers den Lippen des müden Wanderers reichen. Sie müſſen bei uns bleiben. Wollen Sie nicht, Leonardo's Freund? Wir haben keinen eng⸗ liſchen Comfort,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihren ernſten Ton in einen ſcherzhaften verwandelte und auf das öde ausſehende Gebände blickte, in deſſen Nähe ſie ſtan⸗ den;„aber unſere Sonne und unſere Orangenbäume, Onkel Francesco's Bücher und Leonardo's Liebe wer⸗ den thun, was ſie können, und Ihre Güte wird das Uebrige thun,“ fügte ſie mit erhöhter Sanftheit im Tone hinzu, und mit einem Blick unter ihren dunkeln Augenwimpern hervor, welcher etwas mehr als Güte zu verlangen ſchien; und doch war Ginevra keine Ko⸗ kette. Sie war unſchuldig, wie das Kind, das ſein Haupt mit Blumen bekränzt und dann in der Freude ſeines Herzens lacht, wenn es ſich ſelbſt im Spiegel ſteht; rein wie der Schwan, der ſeinen weißen Hals biegt, wenn er über das Waſſer hinſchwebt, oder die Gazelle, die ihr großes, dunkles, volles Auge auf Dich richtet, wenn Du voruͤbergehſt, denn ſie war ebenſo gleichgültig gegen ihre eigene Schönheit, wie das lachende Kind, und „Nicht der Schwan auf dem See, nicht der Hirſch 3 in dem Thal“ waren ſchuldloſer an einem Plan oder an einem An⸗ ſchlag, als die Nichte des Paters Francesco, des Prie⸗ ſters von Rovera, die Schweſter Leonardo's, des Ma⸗ lers. Aber ihre Augen ſprachen auf eine Art, wie nur dieſe Gazellenaugen zu ſprechen vermögen; die glän⸗ zende Farbe auf ihren Wangen erhob ſich und ſchwand mit bezaubernder Schnelligkeit, wenn Leslie ihr Mähren von andern Ländern erzählte, jenſeits dieſer ſchneeigen Alpengegend, auf welche ſie unter Drangenbaumen hin⸗ ſchaute; ſte lernte Engliſch, das in ihrem zierlichen Munde ſanft wurde wie ihr eigener Himmel, und ſie lehrte ihn Italieniſch, das in dem ſeinigen zur wahren Sprache der Leidenſchaft wurde. Wenn ſie unter dem Schatten einer Ulme zuſammen den herrlichen Roman von Luigi Porta laſen, ſo erſchien ſie ihm als das ächte Ideal der italieniſchen Julia; wenn er ſie Morgens bei Tagesanbruch überraſchte, wie ſie an einer gebro⸗ chenen Säule angelehnt ſtand und ihren leeren Korb hinaushielt, um einer lärmenden Bettlerſchaar zu zei⸗ gen, daß ihre Vorräthe zu Ende gegangen, da wuͤnſchte er beinahe ſelbſt einer dieſer Bettler zu ſein, welche den Saum ihres Kleides küßten und ſie eine Heilige, einen Engel nannten. So entdeckte er Tag für Tag, zu jeder Stunde, in jeder Handlung ihres Lebens, in jedem Geſpräch, worin ſie die ſtrahlenden und reinen Gedanken einer glühenden, aber ſchuldloſen Seele und die hohen Beſtrebungen eines eifrigen Geiſtes ausgoß, eine Güte und einen Seelenadel, welche der Anſchau⸗ ung entſprachen, die ſich ſeine Seele von ihr entworfen hatte, deren Bild ihn in Leonardo's Atelier gefeſſelt; wenn er im täglichen Gang ihres Lebens dieſen ein⸗ fachen Typus einer reinen und unbefleckten Religion bewahrheitet ſah, welchen der heilige Johannes in we⸗ nigen kurzen Worten beſchreibt:„Die Wittwen und Waiſen in ihrer Trübſal zu beſuchen und ſich ſelbſt unbeſudelt vor der Welt zu erhalten,“ dann fügte ſich zu der Leidenſchaft, die in ſeinem Herzen entſprungen war, eine ehrfurchtsvolle und tiefinnige Bewunderung, die ſeine Natur zähmte und heiligte; aber wenn er ein⸗ mal mit einer ſtarken Anſtrengung von England und der Abreiſe ſprach, da wurde Ginevra ſo weiß wie der carrariſche Marmor, den ihr Bruder bemeißelte, und wenn Leslie haſtig die Worte zurücknahm, da war der Granatapfel in ihrer Hand blaß im Vergleich zu ihren Wangen: dieß alles wurde eines Tags dem liebevollen, Laber ſtrengen Vormund des verwaiſten Mädchens klar. 3 Vater Francesco bat ſie mit ernſter Zärtlichkeit, den Schmeicheleien ihre Ohren zu verſchließen und die Nähe des Fremdlings zu meiden, der nicht an demſel⸗ ben Altar kniete wie ſie, und der zu ſeiner Ginevra von Liebe, nicht aber von Heirath ſprach. Sie ge⸗ horchte, und Leslie ſah den ſtillen Kampf einer Leiden⸗ ſchaft, welche ſtark war wie das Leben, aber nicht ſtärker als das Gewiſſen; und er, der ſie auf's Ge⸗ naueſte beobachtet hatte, der im Licht ihrer dunkeln Augen lebte, der aufgehört hatte, um etwas Anderes auf Erden ſich zu bekümmern, als um ihr Lächeln und ihre Thränen, oder etwas Anderes zu fürchten, als den Verluſt des Idols, welches er im Heiligthum ſeines Herzens eingeſchloſſen hatte, mit dem ganzen Ungeſtüm ſeiner Natur, die niemals eine Hemmniß oder Zwang ertragen— er beſchloß auf alle Gefahren hin ſie zu der Seinigen zu machen. Nach wenigen Monaten, worin ſich die Aufregungen eines Lebens drängten, bei dem er den Widerſtand des Vaters Francesco, die Bedenklichkeiten Leonardo's und die Einwendung ſeiner eigenen Verwandten zu beſiegen hatte; wobei er einmal abreiste und Ginevra verließ, als unüberwindliche Schwierigkeiten in ihrem Wege zu ſtehen ſchienen, ein andermal, juſt noch zur rechten Zeit, um zu verhindern, daß ſie den Schleier nahm, an ihre Seite zurückeilte; nach Beängſtigungen, Hoffnungen, Bangigkeiten, Schreckniſſen, Aufregungen und Freuden, welche dieſe zweite Aera ſeines Lebens von der erſten ſo verſchieden machten, als ein Geſang Dante's von einer Scene Metaſtaſto's iſt, wurde er der Gatte ſeiner ſchönen italieniſchen Braut. Er war wieder glücklich für einige Zeit, glücklich wenigſtens, ſoweit der gegenwärtige Augenblick reichte. Ginevra war ihm Alles in Allem; er liebte ſie mit jener wilden Götzendienerei, welche die menſchliche Leidenſchaft zu einem furchtbaren Dinge macht, welche dem Gebahren des verzweifelten Spielers gleicht, der 38 ſein ganz Vermögen auf einen einzigen Wurf ſetzt, welche macht, daß die Seele nur für einen einzigen Gegenſtand Sinn hat, welche eine Concentration aller Gefühle auf einen einzigen Punkt iſt. Er blieb in Italien; er verbrachte einen Winter in Rom, einen Sommer am Comer⸗See. Er konnte es nicht über ſich bringen, ſeine ſchöne ſüdländiſche Blume in die verder⸗ bende Atmoſphäre des Nordens zu verpflanzen oder ſie dem kalten Empfang auszuſetzen, der ihrer, das wußte er wohl, in Folge der Vorurtheile einer feindſeligen Familie unausbleiblich wartete. Und es war gut, daß er es nicht that! Sie hatten ihre Wonne: zwei Jahre einer liebebeglückten Ehe: zwei Jahre verbracht unter den ſchönſten Scenen der Natur: zwei Jahre ungetheil⸗ ter Hingebung und täglich ſich erhöhender Glückſeligkeit: iſt das nicht ein großer Antheil von Wonne für das Leben eines einzigen Mannes? Muß nicht eine Wonne wie dieſe hinſchwinden? War es nicht beſſer, wenn ſie plötzlich aufhörte, als wenn ſie langſam verwelkte? Ich will nicht zu früh in meiner Geſchichte bei düſtern Scenen verweilen, und dieß iſt bloß eine rück⸗ blickende Skizze von Oberſt Leslie’'s Leben. Er wurde abermals allein gelaſſen mit einem Kind, wiederum einem Mädchen, zwei oder drei Jahre jünger als ſeine kleine engliſche Margaret. Eines jener plötzlichen und bösartigen Fieber, die eine ſolche Verwüſtung im menſch⸗ lichen Leben anrichten, hatte in wenigen Tagen Leslie's zweites Weib hinweggerafft, und ihre letzten Worte waren die Bitte, daß ihr Kind unter die Obhut ihrer eigenen Verwandten geſtellt und in ihrem eigenen Glau⸗ ben erzogen werden möchte. Leslie willfahrte dieſem Wunſch mit religiöſer Treue. Dieſe große Kataſtrophe, dieſer zweite Umſturz ſeines Lebensglückes verrichtete an ihm ein großes und plötzliches Werk— das Werk von Jahren. Sein Ungluück machte ihn nüchtern, viel⸗ leicht hart. Niemand wußte genau, in welchem Geiſt er es ertrug. Er übergab feierlichſt ſeine Kinder ihren 39 betreffenden Familien, und dann ging er nach Spanien und Indien. Er wurde rauh in ſeinem Benehmen, Einige ſagten, er ſei herzlos von Charakter— jeden⸗ falls war er kalt: Niemand kannte ihn genau und Wenige liebten ihn. Er iſt jetzt in ſeine Heimath zurückgekehrt und wir haben ſeine erſte Ankunft allda nach zehnjähriger Abweſenheit geſehen. Seine zweite Ehe war, obſchon in Grantley wohl bekannt, unter den Mitgliedern ſeiner eigenen Familie und der Familie ſeiner erſten Frau niemals beſprochen oder offen aner⸗ kannt worden. Sie war immer ein unangenehmer Punkt, ein verbotener Gegenſtand geweſen. Als Mar⸗ garet noch ein ſehr kleines Mädchen war, hatte ſie ein⸗ mal Mrs. Thornton zu Mrs. Sydney, nachdem ihr Vater genannt worden, flüſtern gehört: „Meine liebe Mrs. Sydney, ſeit dieſer traurigen italieniſchen Geſchichte habe ich es nie mehr zu dem Gefühl bringen können, daß er uns angehöre oder daß er je bei uns wieder wahrhaft heimiſch werden könnte. Ich habe einen wahren Abſcheu vor Italienern.“ Margaret, welche nicht die mindeſte Vorſtellung davon hatte, was ein Italiener ſei, nahm am folgenden Tag die Gelgenheit wahr, ihre Gouvernante zu fragen, was ihre Großmama mit dieſer traurigen italieniſchen Geſchichte gemeint, und warum ſie einen ſolchen Abſcheu vor Italienern habe. „Denken Sie an Ihr Buch und machen Sie keine einfältigen Fragen,“ lautete Mrs. Ds. verſtändige, obſchon nicht genügende Antwort. Als Margaret ſpäter mehr von Italien und Italienern erfuhr, wurde ſie immer verblüffter, ergriff aber jede Gelegenheit, von dem Gegenſtande zu ſprechen,„denn,“ bemerkte ſie gegen eine ihrer kleinen Freundinnen: „Wenn ich das thue. macht Jedermann ein Geſicht; Großmama zieht ihren Mund zuſammen und ſchaut an die Decke hinauf; Walter rünzelt die Stirn und ſieht 40 auf ſeine Stiefel; Großpapa ſtreicht ſich das Kinn und beginnt zu ſummen.“ „Thut er das wirklich?“ fragte ihre Geſpielin, die jünger war als ſie und offenbar dachte, dieſe Wir⸗ kungen müßten auf dieſelbe Weiſe hervorgebracht werden, wie man durch Anziehung einer Schnur den Hanswurſt und andere Hampelmänner in Bewegung ſetzt.„Und können Sie wirklich alles das zu Stande bringen, wenn Sie nur von Italien ſprechen? wie äußerſt ſonderbar.“ Daß es nicht ſo äußerſt ſonderbar war, können wir jetzt begreifen, und im folgenden Kapitel wollen wir die Geſchichte wieder aufnehmen, wo wir ſie ver⸗ laſſen haben. 8 Drittes Kapitel. 4 Am Tag nach Oberſt Leslie's Ankunft auf Grant⸗ ley ſchien die Sonne glänzend, als die verſammelte 1 Familie mit heitern Geſichtern, und wenn auch nicht Alle mit tröſtlichen Herzen, doch wenigſtens mit freund⸗ 4 lichen Gefühlen gegen einander, beim Frühſtück ſich raf. Es war ein ſtarker Froſt und die Fenſterſcheiben waren mit jenen graziöſen und phantaſtiſchen Zeichnungen überzogen, in denen wir alle Arten von anmuthigen Landſchaften entdecken können. Der Reif hing leicht an den Zweigen der Bäume und die Wieſe ſunkelte von ſeinen diamantenen Strahlen. Margaret ſaß oben am Tiſch und bereitete den Thee, die ziſchende Urne vor ſich. Ihre zierlichen Händchen ordneten geſchäftig den alten ſilbernen Theetopf, die großen Kaffeetaſſen und die blaue Sévrer Rahmkanne, ſowie die ungeheure mit Buckeln verſehene Zuckerbüchſe. Ein Häubchen mit blaßrothen Bändern ſaß anmuthig auf dem Rücken ihres kleinen Köpfchens, ihre großen veilchenblauen 41 ³ Angen ſchienen ihre Farbe von der Hyacinthe oder der Iris entlehnt zu haben, und ihre Stimme war klar und hell, wie das ſitberne Glöckchen an ihrer Seite. Vier paar Augen in dieſem Zimmer waren mit zärtlichen, aber ſehr verſchiedenen Ausdrücken auf ſte geheftet, ohne die Augen der Familienbilder zu erwäh⸗ nen, welche gleichfalls auf ſie herabſtarrten, ſowie des Ebro und Tajo, der zwei großen Hunde, die mit tief⸗ ſinnigen Geſichtern abwechſelnd ſie und die Butter⸗ kuchen anſchauten, welche vor ihr lagen. Während ſie ihre Hand auf den ſchwarzen Kopf des einen legte und dem andern ein großes Stück in den offenen Mund warf, ſagte ſie zu Walter: „Sie gehen heute nicht nach Haus, oder?“ „Ich muß in der That und zwar unmittelbar nach dem Frühſtück.“ „Warum?“ Walter blickte uͤber den Tiſch nach Oberſt Leslie, der aufmerkſam in einer Zeitung las. Margaret, welche in dieſem Blicke eine Andeutung ſah, daß es jetzt ihres Vaters und nicht ihre Sache ſei, ihn zu längerem Blei⸗ ben zu drängen, wurde roth und ſagte leiſe: „Ganz gewiß wünſcht er, daß Sie bleiben; bitte, bleiben Sie, Walter.“ „Ich kann wirklich nicht, man erwartet mich zu Hauſe.“ Und zu was für einem wichtigen Geſchäft, daß Sie es ſo ernſthaft behandeln?“ „Es iſt nichts ſehr Wichtiges. Einer meiner Freunde kommt zu uns und ich muß auf Heron Caſtle ſein, um ihn zu empfangen.“ „Einer ihrer Freunde! wie neugierig werde ich ſein, ihn zu ſehen!“ „Neugierig! warum neugierig?“ „O weil er etwas ſehr Wunderbares an ſich haben nu Ich habe nie vorher gehört, daß Sie einen Freund aben.“ ——————— „Es thut mir leid, daß Sie mich für ſo gänzlich freundlos halten.“ „O Sie find nicht ſo ganz freundlos, Großpapa iſt Ihr Freund, ich bin es und Mr. Killigreno iſt Ihr Freund, ebenſo auch der alte Pfarrer, und deßgleichen, wenigſtens auf eine gewiſſe Art, Mr. Fellowrs; aber ich habe nie erfahren, daß früher ein Freund einen förmlichen Beſuch auf Heron Caſtle machte, daß Sie einen Freund haben, der ſie von Grantley wegzog, und den Sie auf ſo geheimnißvolle Weiſe, ohne auch nur ſeinen Namen zu nennen, als einen Ihrer Freunde bezeichnen.“ „Cs iſt nichts Geheimnißvolles daran. Er heißt Edmund Neville.“ „Derſelbe, dem Sie vor einigen Jahren in Irland das Leben gerettet hatten?“ „Ganz richtig.“ „O dann weiß ich ſchon Alles von ihm und ich . 1 bin ſehr froh.“ „Warum froh?“ „Weil ich mir gedacht hatte, ihr Freund würde eine Art von Seitenſtück zu Ihnen ſein.“ „Und zwei ſolche Exemplare wären wohl ſchlech⸗ terdings unerträglich geweſen?“ „Ach nein, lieber Walter. Ich halte Sie für einen ſo vollkommenen Menſchen, als nur einer ſein kann; aber wäre Ihr Freund genau ſo geweſen wie Sie, ſo würden Sie Ihre Originalität verloren haben, und einen ſchlechten Abdruck von Ihnen hätte ich nicht er⸗ tragen können.“ „Gut, dann können Sie ſich beruhigen, denn wir ſind einander ſo unähnlich wie nur möglich.“ „Iſt er ſo dankbar gegen Sie, wie er ſein ſoll?“ „Ich ſehe nicht ein, warum er mir Dank ſchulden ſoll?“ „Haben Sie ihm nicht das Leben gerettet?“ „Ich that für ihn, was ich für jedes andere menſch⸗ liche Weſen, das ich in Todesgefahr geſehen hätte, 43 ebenfalls gethan haben würde, Ich ſehe kein Verdienſt bei der Sache.“ 4 „Verdienſt!“ rief Mrs. Thornton,„nein in der That, mein lieber Walter, es war kein Verdienſt dabei, außer daß das Ding Ihrem Kopf und Ihrem Herzen Ehre 3 machte; aber es iſt immerhin ein ſchlimmes Beiſpiel, ſein eigenes Leben zu riskiren—“ „Ein Beiſpiel, das wahrſcheinlich nicht zu oft nachgeahmt werden wird,“ ſiel Oberſt Leslie ungeduldig ein.„Was iſt das für eine Geſchichte, Walter?“— „Laſſen Sie michſie erzählen,“ ſagte Margaret eifrig. Walter zuckte ungeduldig die Achſeln und das Mädchen fuhr fort: „Die Sache trug ſich vor etwa neun Jahren zu, als Walter ſich in Irland aufhielt, im Hauſe des Mr. Neville.“ „Liebes Lind,“ ſiel Mrs. Thornton ein,“ dein Vater fragt nichts darnach, in weſſen Hauſe das Ding ſich zutrug.“ „Zufällig frage ich allerdings darnach,“ bemerkte Oberſt Leslie ruhig,„wenn es Mr. Neville von Clantoy iſt; ich kannte ihn von Orford her.“ „Er iſt's,“ ſagte Walter. „Ich erinnere mich,“ fuhr Leslie fort,„daß er einer der wildeſten Oranienmänner in unſerem Dis⸗ putirklub war; ich denke noch jetzt an einen leiden⸗ ſchaftlichen und beredten Vortrag, den er gegen die Emancipation der Katholiken hielt. Er war ein vor⸗ urtheilsvoller, aber geſcheidter Burſche—“ „Und das iſt er auch immer geblieben,“ verſetzte Walter,„und in allen Dingen, wo nicht Vorliebe oder Antipathie ſein Urtheil durchkreuzt, iſt er ein ſehr trefflicher und rechtſchaffener Mann; aber ſeine früheſten Eindrücke haben ihn nicht verlaſſen, und ſpatere Ereig⸗ niſſe ſcheinen dieſelben mit unlöſchbaren Farben in ſein Gemüth eingezeichnet zu haben. Er hatte ſich's zum Geſetz gemacht, keinen katholiſchen Dienſtboten in ſein 44 Haus aufzunehmen, und er hatte immer feſt daran gehalten; aber ſein Wildhüter, einer jener alten erb⸗ lichen Domeſtiken, welche im Amt und im Häuschen mit derſelben Regelmäßigkeit nachfolgen, wie anerkannte Erben in den Hallen ihrer Ahnen, heirathete eine römiſch⸗katholiſche Frau, und dieſe hatte ihren Sohn in ihrem eigenen Glauben erzogen. Da er die ſtarken Vorurtheile ſeines Gebieters kannte, ſo hatte er die Thatſache ſorgfältig vor ihm geheim gehalten, und da er ſelbſt regelmäßig die Pfarrkirche beſuchte, Mr. Ne⸗ ville aber ſich nur wenig um die Familien ſeiner Dienſt⸗ leute bekümmerte, ſo wußte er auch durchaus nichts von dem religioöſen Glauben des Knaben Marwell. Dieſer erhielt inzwiſchen die Erlaubniß, der beſtändige Gefährte des jungen Erben, ſein Kamerad bei allen Spielen und Ergötzlichkeiten in Wald und Feld zu ſein, und ſo entſtand eine ſehr ſtarke gegenſeitige Anhäng⸗ lichkeit unter den beiden Jünglingen. Eines Tags, als ſie im Parke auf die Bäume kletterten, brach mit John Marxwell ein Aſt, und er fiel ſchwer zur Erde. Er wurde bewußtlos aufgehoben, und es zeigte ſich, daß er eine Hirnerſchütterung erlitten hatte. Nachdem man ihn lange im Zimmer gehalten, genas er phyſiſch wieder, aber ſeine geiſtige Geſundheit und Kraft kam nicht zurück, und von dieſer Zeit an zeigten ſich bei ihm gelegentlich Symptome partiellen Wahnſinns. Da jedoch in dieſen Symptomen nichts Beunruhigendes lag und die Anhänglichkeit des jungen Neville nur noch vergrößert wurde durch ein Ungluck, das ihm in ſeinem Dienſte zugeſtoßen, ſo trat keine Unterbrechung 1 in ihren Gewohnheiten ein. Die Hefiigkeit, welche— Maxwell zuweilen gegen Andere an den Tag legte, trat niemals gegen Edmund hervor, dem er immer mit treuer Anhänglichkeit und Liebe begegnete. Unter an⸗ dern Zeitvertreiben pflegten die Jungen über das Dach des alten mit Zinnen und Thürmen verſehenen Hauſes zu ſpringen, und eines Tags, als ſie mit einander 45 hinaufgeſtiegen waren, wurde Maxwell von einem jener plötzlichen und unwiderſtehlichen Triebe ergriffen, die zu den charakteriſtiſchen Merkmalen des Wahnſinns gehören; er nahm ſeinen Kameraden in ſeine Arme und bemühte ſich, ihn über die Zinne hinabzuwerfen. Im Anfang hielt Edmund es für Scherz, aber als er ſah, daß der Verſuch ernſtlich gemeint war, ſo bot er all ſeine Kraft auf, klammerte ſich mit der Stärke der Verzweiflung an einen der Strebepfeiler feſt.“— „Und er wurde gereitet,“ fiel Margaret ein, indem ſie ſich gegen ihren Vater wandte,„gerettet durch Wal⸗ tey's Unerſchrockenheit und Geiſtesgegenwart. Er be⸗ merkte von unten den ſchrecklichen Kampf, ſchwang ſich mit Lebensgefahr von Karnies zu Karnies, kletterte an der äußern Mauer des Thurmes hinauf und erreichte das Dach noch zu rechter Zeit, um den Jungen aus den Händen des Wahnſinnigen zu befreien, der ihn ſeiner⸗ ſeits mit verzweifelter Heftigkeit angriff. War's nicht ſo, Walter?“ 4„Ja,“ verſetzte er, die Scene war kurz, aber ſchreck⸗ lich. Noch jetzt kann ich nicht ohne Schauder daran denken. Bald kamen die Diener mir zu Hülfe, und der unglückliche Junge wurde in Gewahrſam gebracht. Natürlich machte dieſer Vorfall in der ganzen Gegend großen Lärm, und die geſchwätzigen Zungen erfanden und verbreiteten noch mancherlei Geſchichten, die damit im Zuſammenhang ſtehen ſollten. Unter Anderem wurde erzählt, ein katholiſcher Prieſter habe Marwell als ein Werkzeug zur Bekehrung des jungen Neville gebraucht und durch geiſtige Schreckmittel ſo heftig auf ihn ein⸗ gewirkt, daß er endlich wahnſinnig geworden ſei. Mr. Neville war natürlich durch den Vorfall äußerſt beun⸗ ruhigt worden, und bald kamen ihm auch dieſe falſchen und abgeſchmackten Gerüchte zu Ohren. So erfuhr er zum erſten Mal, daß der beſtändige Gefährte und bei⸗ nahe der Mörder ſeines einzigen Sohnes ein Katholik war, und obſchon er in Wirklichkeit an all die ein⸗ 46 fältigen Geſchichten, die in der Nachbarſchaft umgingen, nicht glaubte, ſo war er doch höchſt erbittert uͤber den Betrug, welchen man ſich nach ſeiner Anſicht gegen ihn erlaubt hatte, und das Ganze gab einen neuen Stachel für ſeine religiöſen Antipathien, die bereits allzu ſtark ſeinem Gemüthe eingepflanzt waren; ſein Haß gegen die katholiſche Religion und alle ihre Bekenner wurzelte immer tiefer und nahm einen noch zäheren Charakter an, denn je.“ 1 „Schrecklich,“ murmelte Oberſt Leslie. „Es iſt doch ganz natürlich,“ bemerkte Mrs. Thornton,„daß einer den Mann haßt, der beinahe ſein Kind getödtet hat; ich halte es wahrlich für ganz gott⸗ los, den Gefühlen der Leute gar keine Ruͤckſicht zu ſchenken. Bis auf den heutigen Tag kann ich noch nicht ganz ruhig einen Franzoſen anſehen, ſeit der franzöſiſche Lehrer meinem Euſtace das Nervenſieber anhing. Er kam nach Haus mit einem Geſicht ſo roth und einem Hals ſo wund—“ „Ei, meine Liebe,“ ſiel Mr. Thornton ein,„Sie werden doch nicht annehmen, der Mann habe das ab⸗ ſichtlich gethan?“ wunderung oder Theilnahme einſlößte, ſo ſchien er höhniſch zu lächeln, nicht weil Andere groß und gut waren, ſondern über ſich ſelbſt, weil er ſich bewogen fand, dieß zu ſchätzen, und ein bitterer Scherz war gewöhnlich die Frucht einer geheimen Gemüthsbewegung. Als er ſich auf Grantley wieder niederließ und ſeine vertraute Freundſchaft mit Walter erneuerte, konnte er nicht umhin, ſeinen Charakter hochzuachten und ſeine Anſchauungsweiſe zu bewundern; aber weil er dieß nicht verrathen wollte, ſo ſuchte er oft einen Spott auf die Beſtrebungen ſeines Freundes, wo nicht guf ihn ſelbſt zu werfen, in einer Art, welche dem Gegenſtande dieſer Angriffe ſelbſt vollkommen gleichgültig war, aber die Geduld ſeiner Tochter auf harte Proben ſtellte. Margaret's Gefühle waren warm, und ihr Temperament konnte keinen Zwang ertragen, ihre Neigung zu Walter machte ſie ganz beſonders empfindlich ſelbſt gegen den unbedeutendſten Ausfall, welchen ſich Oberſt Leslie in ſeinen Geſprächen gegen dieſen erlaubte. Zuweilen rüttelte ſich der gehöhnte Walter aus ſeiner tiefen Ver⸗ ſunkenheit in Gedanken auf, und ſah dann, wenn ihre Wangen glühten und ihre Augen ſprühten bei irgend einer Bemerkung, die er ſelbſt nicht beachtet, oder worin er den verborgenen Stich nicht entdeckt oder wenigſtens nicht empfunden hatte. Aber wir müſſen jetzt zu dem Tag zurückkehren, der auf Oberſt Leslie's Ankunft in Grantley folgte, und geſtehen, daß unſere kleine Heldin, der Geſellſchaft Walter's beraubt und in einem für ſie ſchrecklichen tete-à-tete mit ihrem Vater zurückgelaſſen, einige Mühe hatte, ihren Geiſt in Munterkeit zu er⸗ halten; nachdem vollends die zwei folgenden Tage eben⸗ falls verfloſſen waren, ohne irgend eine Veränderung oder Abwechſelung in Geſtalt eines Beſuchs der Be⸗ wohner von Heron Caſtle zu bringen, eine Sache, auf welche ſie zuverſichtlich gerechnet hatte, da wurde es ihr wirklich ſchwer, ihre Ungeduld zu bezähmen. Am vierten Tag, als ſie ſich wiederum in ihrer Erwartung getäuſcht ſah, beſchloß ſie, ihr Pferd ſatteln zu laſſen und noch ſpät am Nachmittag nach dem Pfarr⸗ haus zu reiten, wohin Mr. und Mrs. Thornton an demſelben Morgen, wo Walter Schloß Grantley ver⸗ laſſen hatte, zurückgekehrt waren. Das Pfarrhaus war eine ſo hübſche Wohnung, als man ſich nur denken kann, eines jenes niedrigen, einſamen Häuslein, welchen da ein Zimmer nund dort ein Winkel beigefügt worden war, bis die urſprüngliche Geſtalt des Gebäudes durch dieſe ſpäteren Zuſätze gänzlich verloren gegangen. Kriech⸗ pflanz ud Immergrün, ſowie von Zeit zu Zeit ein Sonnenblick gaben ihm an dieſem Novembernachmittag ein ſo heiteres Anſehen, als ob der Fruhling im An⸗ zuge geweſen wäre und nicht der Winter. Einige Dahlien und Goldblumen ſchmückten noch die Beete, und die Stechpalmen zeigten bereits ihre korallenen Beeren. Margaret's Lebensgeiſter erhoben ſich, als ſie durch den Park galoppirte und in die Nähe des eiſernen Gitterthors kam, das denſelben von den Grundſtücken des Pfarrhauſes trennte. Als ſie vollends das Haus ſelbſt erblickte, da ſchien ihr jedes Fenſter mit ſeinen kleinen Scheiben, jede Rauchwolke aus dem Kamin, jeder Lorbeerbuſch ein Willkommen zuzurufen. Der Haushund bellte wüthend, das Thor ſchwang ſich luſtig in ſeinen Angeln, die Thürglocke erklang munter, als ſie herannahte, und ſie ſprang von ihrem Pony ſo leicht herab, als hätte ſie nicht drei volle Tage ihre Worte abgemeſſen, und ſchüchtern auf Oberſt Leslie's Geſicht geblickt, mit der geheimen Ueberzeugung, daß er ſie fuͤr ein einfältiges oder langweiliges Ding halte. Ihr Großvater, der von ſeinem Studirſtübchen aus ihre Ankunft geſehen hatte, kam haſtig an die Thüre, küßte ihre kalten bluͤhenden Wangen, nannte ſte ſein liebes Kind, bat ſie, nicht im Zuge ſtehen zu bleiben und führte ſie in das kleine Beſuchzimmer, wo ſeine Frau mit einem endloſen Stück Tapetenmacherei beſchäftigt war, das ſie ebenſo oft aufgetrennt hatte wie Penelope, 49 obwohl nicht in Folge eines ſo ſyſtematiſchen Planes oder ſo wohlüberlegten Vorſatzes. Margaret füßte ihre Großmutter zärtlich, nahm die wohlbekannte A beit aus ihren Händen, warf Hut und Reitpeitſche auf einen Sofa, ſetzte ſich in einen niedrigen, behaglichen Lehn⸗ ſtuhl, fädelte eine Nadel ein und begann zu arbeiten, als gälte es ihr Leben. „Großpapa,“ rief ſie einen Augenblick darauf, „Großpapa, jetzt weiß ich's, wie es den armen Hunden zu Muthe iſt, wenn man ihnen die Maulkörbe ab⸗ nimmi.“ „Du weißt es, mein Kind, wie ſo?“ „Ich habe die letzten vier Tage einen Maulkorb angehabt,“ verſetzte ſie mit einem Nicken und einem Lächeln, das ihren Großvater veranlaßte, ſich zu ihr herabzubücken und ſie auf die Stirne zu küſſen, waͤhrend er zu ihr ſagte: „Närriſches Kind!“ „Ach, Großpapa, Sie ſagen: närriſches Kind! und das bedeutet: mein theures, geſcheidtes, liebes Mädchen.“ Mein Vater dagegen ſagt, wenn ich eine Bemer⸗ kung mache:„„Ganz richtig, meine Liebe!““ und das bedeutet; ich wollte, daß Du das Maul hielteſt. So⸗ viel über den Werth der Worte.“ „Worte, mein liebes Kind,“ bemerkte Mrs. Thorn⸗ ton hochweiſe,„ſind bloß die Zeichen der Dinge.“ „Ganz wahr, Großmama, und gewiſſe Dinge wür⸗ den beſſer thun, gar kein Lebenszeichen von ſich zu geben, wie z. B. eines Vaters Abneigung gegen ſein Kind,“ fügte ſie in einem Tone hinzu, worin innere Bewegung und Groll ſich miſchte. „Unfinn, meine Liebe,“ rief Mr. Thornton,„wie könnte irgend Jemand Abneigung gegen Dich haben, und am wenigſten Dein eigener Vater!“ „Für Abneigungen gibt es keine Gründe, Mr. Thornton,“ bemerkte ſeine Frau.„Ich ſelbſt habe die unerklärlichſte Vorliebe für gewiſſe Leute und ebenſo Schloß Grantley. 1. 4 50 Abneigung gegen Andere empfunden. Ich konnte den Anblick der Mary Dickins, der Magd des Mr. Sydney, und ebenſo des jungen Piarrers, der letzten Sonntag hier predigte, nicht aushalten.“ „Er ſchielt, Großmama, und Mary Dickins hat einen krummen Mund und eine rothe Naſe,“ rief Margaret mit einem Blick in den gegenüberhängenden keineswegs geeignet war, Abneigung einzuflößen. Ja dieſem Augenblick öffnet ſich die Thüre, und zwei Gentlemen traten ein, dieſelben, auf deren Beſuch Margaret während der letzten vier Tage mit Schmerzen gewartet hatte. Walter Sydney ſchüttelte ihr die Hand unnd ſtellte dann ſeinen Begleiter vor, den jungen Reville, der nach einer kurzen Verbeugung ſich abwandte und in eine Ecke hinter dem Stickrahmen von Mrs. Thorn⸗ ton zuruckzog. Margaret war ſehr begierig geweſen, Edmund Neville zu ſehen: erſtens, weil ſie ihr ganzes Leben lang von ihm gehört hatte, und zweitens, weil dieſer Wunſch drei volle Tage durchkreuzt worden war. Sie ſah ſich einigermaßen enttäuſcht bei ſeiner Erſchei⸗ nung— Leute, von denen wir viel gehört und an die wir oft gevacht haben, ſind ſelten ſo, wie wir erwar⸗ teten, und obſchon Walter ihr geſagt hatte, daß ſein Freund nicht groß, daß er ſehr klein ſei, und daß er mit Ausnahme ſchöner dunkelgrauer Augen, beſchattet von ſchwarzen Brauen und Wimpern, keinen guten Zug in ſeinem Geſichte habe, ſo hatte ſie ſich doch einen ganz andern Romanhelden vorgeſtellt, als den Jungen, wie ſie ihn im Stillen etwas verächtlich genannt hatte, der ihr jitzt gegenüber ſaß. Um zu erklären, warum er überhaupt ein Roman⸗ held hätte ſein ſollen, müſſen wir noch etwas mehr von dem geheimen Gewebe enthüllen, das im Kopfe eines Mädchens während der Zeit gewoben wird, wo ihr künftiges Schickſal ein Geheimniß für ſie iſt. Margaret hatte, wie nicht alle, aber doch die meiſten Mädchen, Spiegel, welcher allerdings ein Bild zurückwarf, das — von der Zeit an, wo ſie aufgehört, ihre eigene Heirath als ein Ereigniß zu betrachten, das ebenſo natürlich und unvermeidlich eintreten werde, wie die Thatſache, daß ſie ſtatt des Kinderkittelchens ihren erſten Rock er⸗ halten, daß ihr Haar mit einem Kamm beeeſtigt wurde, ſtatt in Locken über ihren Nacken vinabzufließen, oder daß ſie mit erwachſenen Perſonen um ſieben Uhr dinirte, ſtatt um zwei mit ihrer Gouvernante, oft im Stillen darüber nachgedacht, was wohl in dieſer Beziehung das Schickſal über ſie verfügen würde. Man muß geſtehen, daß ihr oft der Gedanke vorgeſchwebt hatte, Mr. Ne⸗ ville, der Freund, beinahe wie ſie ſelbſt das Adoptiv⸗ kind Walters, der Erbe eines ſehr bedeutenden Gutes in Irland, überdieß ein junger Mann, der, wie ſie ge⸗ hört, ſich in Orford durch ſeine merkwürdigen Talente ausgezeichnet hatte, könnte ein ſehr annehmlicher Gatte für die Erbin von Schloß Grantley werden. Auf dieſe Vorſtellung waren viele geheime Einbildungen gebaut worden, mancher vage Gedanke in Betreff ſeiner muthmaßlichen Verdienſte, ſeiner Eigenſchaften, ſeines Ausſehens, ſowie der Umſtände, welche ihr erſtes Zu⸗ ſammentreffen begleiten würden. Dieſes Ereigniß war jetzt eingetreten, aber ohne alle aufregende Zuthat, und was noch ärgerlicher war, ſie fühlte ſich ſelbſt nicht im Mindeſten aufgeregt, aber ſie wandte ſich an Walter und ſagte in lerſem Tone zu ihm: „Wie garſtig von Ihnen, das Sie mich drei ganze Tage lang nicht beſucht haben. Rechtfertigen Sie ſich, alter Walter, oder ich werde Sie fur den launiſchſten und ruckſichtsloſeſten aller Männer erklären.“ Sie konnte ein Laͤcheln nicht unterdrücken, als ſie dieſe Anklage erhob. Dieſelbe paßte ſo wenig auf Walten's Charakter, daß ſie zuverſichtlich erwartete, er werde ſie als Scherz aufnehmen. Aber ſonderbar ge⸗ nug ſah er etwas verlegen aus über den Vorwurf und ſagte, er habe kommen wollen, ſei aber zwei Mal zu⸗ 4* 52 fällig verhindert worden, als der Kopf ſeines Pferdes bereits gegen Grantley gerichtet geweſen. „Haben Sie Mr. Neville die Schönheiten der Gegend gezeigt?“ fragte Margaret, welche begierig war, ihren neuen Bekannten ſprechen zu hören. Er drehie ſeinen Kopf plötzlich gegen ſte, das Blut rauſchte ihm in die Wangen, der ſcharfe Blick ſeines Auges ruhte eine Weile auf ihrem Geſichte und wurde dann ſchnell hinweggezogen. Er öffneie Mus. Thornton's Strickbuch oder ſonſt eine gelehrte Anlei⸗ tung, etwas zu lernen, und begann ihr leiſe Anwei⸗ ſungen über die Verfertigung eines Camiſols für einen armen Mann vorzuleſen, dann bat er um Erlaubniß, die Stiche an ihrer Arbeit zu zählen, und ſchien von dieſer Brſchäftigurg gänzlich in Auſpruch genommen, während Walter die Frage Margaret's beantwortete. Nicht ſehr gewöhnt, einen wenn auch noch ſo unbe⸗ deutenden Punkt aufzugeben, auf den ſie einmal ihren Sinn gerichtet hatte, ſchnitt ſie dieſe Antwort etrwas kurz ab und wandte ſich an den jungen Neville mit der Frage, wie ihm die Landſchaft von Brace⸗Muir gefalle, der Gegenſtand ihrer geſtrigen Ercurſion. Er fuhr etwas uſammen, als ſie mit ihm ſprach, und antwortete, ohne eine Augen von der Strickerei zu erheben, deren Ma⸗ ſchen er zählte:„Sie iſt ſehr wild, ſehr maleriſch.“ Dann hielt er haſtig die Strickerei, an der mehrere Maſchen gefallen waren, Mrs. Thornton hin und ging an das Blumenbrett, roch an den Geranien und flocht iyre Blätter zuſammen, Alles mit erhöhter Geſichts⸗ farbe und unruhiger Manier. „Es wird ſvät, meine Liebe,“ rief Mr. Thornton von dem freien Platze aus, der vor dem Salon lag, „Dein Pony iſt ungeduldig, und Du würdeſt gut thun, heimzureiten.“ „Wir wollen Sie begleiten,“ ſagte Walter,„das wird unſern Ritt nicht verlängern, und ich möchte 53 Neville gern die Buchen von Grantley zeigen, bevor ſie all ihren Laubſchmuck abgeworfen haben.“ „Ich muß augenblicktich nach Heron Caſtle zurück⸗ kehren,“ rief ſein Freund haſtig;„ich habe einen Brief zu ſchreiben, ehe die Poſt abgeht; aber ich kenne den Weg, denken Sie alſo nicht an mich.“ Margaret fühlte ſich beleidigt. Augenſcheinlich war Walter's Freund entſchloſſen, ihre Bekanntſchaft nicht zu machen, und offenbar wollte er ihrer Geſell⸗ ſchaft ausweichen. Ein leichtes, beinahe unmerkliches Schwellen des Herzens begleitete dieſen Eindruck. Sie ärgerte ſich nicht, Gott bewahre; ſie fuhlte ſich nicht gekränkt. Was galt es ihr, was kümmerte ſie ſich darum, ob dieſer ungezogene Junge von ihr Notiz nahm oder nicht? Es war ſehr gutmuthig von ihr geweſen, daß ſie ſich herbeigelaſſen hatte, ihn anzureden. Sie hegte jetzt gar nicht mehr den Wunſch, ihn je wieder⸗ zuſehen. Es that ihr leid um Walter, daß ſein Freund ſo anmuthslos und unbefriedigend war. Sie wünſchte in der That nicht, Walter hätte ihn über die Zinnen ſeiner eigenen Burg herabwerfen laſſen ſollen, aber ſie wünſchte, er hätte ihn nicht nach Heron⸗Caſtle gebeten, um alle ihre Freude zu verderben. Sie ſaß juſt in ihrem Sattel und ordnete die Zügel in ihrer Hand, als ihre Augen, während ſie noch einmal zu den Fenſtern des Speiſeſaales zurückblickte, um Mrs. Thornton ein letztes Lebewohl zuzunicken, den Augen Neville's begeg⸗ neten, der neben ihrer Großmutter ſtand. Sie waren mit einem entſchiedenen, durchdringenden Ernſt auf ſie gerichtet, der ſie erſchreckte und verwirrte. Im nächſten Augenblick, lange bevor ſie das Park⸗ thor erreicht, hatte ſie ſich in den Kopf geſetzt, Walter habe ſich immer mit dem Plane getragen, eine Heirath zwiſchen ihr und ſeinem Freunde zu Stande zu bringen, wahrſcheinlich habe er ihm dieß angedeutet; das ſei ſehr thöricht von Walter geweſen, denn dadurch habe er einen Zwang bei ihrer erſten Bekanntſchaft hervor⸗ 54 gerufen, der inzwiſchen ſehr bald verſchwinden werde. Als ſie um die Ecke der Allee bogen, hatte ſie in ihrem Innern eine Prüfung begonnen, ob Edmund nicht etwas zu klein und zu ſchmächtig ſei, um für einen Menſchen von gutem Aeußern gelten zu können; ob ſie wohl im Ganzen ſich entſchließen könnte, einen Irländer zu heirathen; ob er in ſeiner Sprache den iriſchen Accent vorherrſchen laſſe, und vor allen Dingen, ob es wohl wahrſcheinlich ſei, daß ſie Gelegenheit haben werde, dieſen Thatbeſtand auszumitteln. Es durfte bei der Erforſchung des Gegenſtandes keine Zeit verloren wer⸗ den, denn bei Margaret gab es in der Regel nur einen kleinen oder gar keinen Zwiſchenraum zwiſchen den Ge⸗ danken in ihrer Seele und den Worten auf ihren Lippen. Dieſer Zwiſchenraum! wie wechſelt er bei verſchiedenen Leuten! wie viel kommt auf ihn an! was für ein Rubikon iſt er— die Sekunde, während welcher der unbeſtimmte Drang des Herzens oder die raſche Auf⸗ faſſung des Hirns ſich in Worte modelt und eine leben⸗ dige Geſtalt annimmt! während welcher manche Leute beſonnen das Gitter ihrer Zähne, wie das orientaliſche Sprüchwort ſagt, verſchließen und die anſchwellende Flut zurückdrängen können— die Einen in die befleckten Höhlen, welche ſie ihre Herzen nennen— Andere in die geheimen Heiligthümer, wo das eigene Ich geopfert und Gott angebetet wird. 3 Welch eine wunderbare Macht liegt im Schweigen! wie manche Beſchlüſſe werden gefaßt, wie manche er⸗ habene Eroberung bewerkſtelligt währeud dieſer Pauſe, wenn die Lippen verſchloſſen ſind und die Seele im Geheimen das Auge ihres Schöpfers über ſich fühlt! Wenn einige jener ſchneidenden, ſcharfen, vernichtenden Worte geſprochen ſind, welche das heiße, unwillige Blut in Kopf und Geſicht treiben, wenn dann diejenigen, an welche ſte gerichtet ſind, Stillſchweigen bewahren und erſchreckt um ſich ſchauen, denn ein gewaltiges Werk geht in ihnen vor, und der Geiſt des Böſen oder ihr Schutzengel iſt ihnen ſehr nahe in dieſer Stunde! Während dieſer Pauſe haben ſie einen Schritt zum Himmel oder zur Hölle gemacht, und ein Item iſt aufgezeichnet in dem Buche, das am Tage des Ge⸗ richts geöffnet werden ſoll. Die Starken der Erde, die Mächtigen zum Guten, wie zum Böſen ſind die⸗ jenigen, welche ein Schweigen zu beobachten wiſſen, ſelbſt wenn es ihnen Schmerz oder Kummer macht, Diejenigen, die ihrer eigenen Seele Zeit vergönnen, gegen die Verſuchung zu erſtarken, oder den Mächten des Zornes ihr den Stempel ihres verheerenden Ganges aufzudrücken. Margaret war, wenigſtens zu dieſer Zeit, keiner dieſer mächtigen Geiſter, und der Gedanke, der durch ihre Seele fuhr, ermangelte ſelten, über ihre Lippen zu kommen, zumal wenn ſich Walter an ihrer Seite befand. Sie hatte ſich daher noch nicht viele Minuten in ihren Sattel geſetzt, als ſie, um einen gemeinen Ausdruck zu gebrauchen, den Ochſen bei den Hörnern ergriff, oder vielmehr die Mähne von Walter’s Pferd in die Hand nahm und, indem ſie das rauhe Haar um ihren kleinen Finger wickelte, ihn fragte: „Wie lange wird Mr. Neville bei Ihnen bleiben?“ „Noch ein paar Tage, glaube ich. Wie gefällt er Ihnen?“ Bei ihrem Weggehen aus dem Beſuchszimmer des Pfarrhauſes würde Margaret ſicherlich geantwor⸗ tet haben:„Ganz und gar nicht;“ aber es hatte in jenem ernſten Blick, welchen ſie zwiſchen den Blumen⸗ ſtöcken am Fenſter hervor entdeckt hatte, etwas gelegen, was ſie geueigt machte, ihr ungünſtiges Urtheil aufzu⸗ ſchieben. Sie hielt es daher für klüger, ſich nicht bloßzuſtellen und antwortete mit einem Lächeln: „Ei, er ſcheint mir wahrhaftig keine Gelegenheit geben zu wollen, ein Urtheil über ihn zu bilden.“ „Ich denke mir,“ ſagte Walter in demſelben Tone, „daß er Angſt vor Ihnen hat.“ 56 Angſt vor mir!“ rief Margaret mit einem Aus⸗ bruch ihres eigenen luſtigen Lachens,„ich wollte, das wäre wahr. Ich möchte doch auch einmal einen Men⸗ ſchen ſehen, der Angſt vor mir hätte. Sehen Sie, Walter, ich fann mit Stirnrunzeln und Zanken nicht ein einziges von den Schulkindern zur Angſt bringen. Neulich drohte ich dem Martin Dick. dem fetten Jungen des Zimmermanns, ihn aus dem Zimmer zu werfen; aber als er ſeinen Daumen in die Naſe ſtecke und ſeine Finger ausbreitete und dabei die ganze Zeit ſo unverſchämt gutmüthig dreinſchaute, da lachte ich laut auf und kompromittirte meine Würde. Wie ſchwarz dieſe Finger noch überdieß waren!“ fügte ſie hinzu, indem ſie bei der Erinnerung noch immer lachte, wäh⸗ rend ſie mit ihren eigenen die Haltung des nichtsnutzigen Schuljungen nachahmte und dabei ſo allerliebſt ausſah, daß Walter in einem halb brummenden Tone ſagte: „Es könnte wohl Leute geben, die Sie fürchten, wenn auch Martin Dick es nicht thut. Sie könnten fürchten, Sie gar zu ſehr zu lieben, Sie kleine Hexe!“ „Mehr als ich verdiene, meinen Sie, alter Walter? Nun, Sie mögen das fürchten, obſchon Ihr Fall hof⸗ fentlich kein hoffnungsloſer wäre; aber was Mr. Neville betrifft, ſo kann doch er wahrlich dieſe Art von Furcht nicht haben.“ O, Margaret! Margaret! dieß war das erſte Mal in Deinem Leben, daß Du nicht die ganze Wahrheit ſagteſt: denn dachteſt Du nicht, während dieſe Worte noch in Deinem Munde waren, daß juſt eine ſolche Furcht es geweſen ſei, die einen gewiſſen Jemand in der Pfarrſtube veranlaßt habe, Dir auszuweichen und nur durch die Rebenzweige hindurch nach Dir zu ſchauen— und beganneſt Du nicht im Geheimen zu überlegen, warum Edmund Neville ſich fürchten ſollte, Dich allzu hübſch zu finden oder Freundſchaft mit Dir zu machen, während doch das Allerſchlimmſte, was ihm begegnen konnte, das geweſen wäre, daß er ſich in eine 57 der reizendſten Erbinnen vKliebt hätte, die je auf einem kleinen, muthigen Araberzsgeſeſſen;— in eine holde Dirne, die jetzt, während der Wind um die braunen Locken blies, welche unter ihrem Hute wallten, ihren Kopf beugte, um den lang ausgebreiteten Armen der alten Eichen auszuweichen, durch welche ihr Weg ſich wand, und die, als ſie aus dem Hain in die offene Ebene hinausſchoß, ſich aufwarf, dieſe läſtigen Locken zurückſchüttelte und ihr Pferd in die Zügel nahm, bis es ſeinen Nacken bog, gleichfalls ſeine Mähne zurück⸗ warf und dahin ſprang, als ob die Hoffnung auf Er⸗ 4 oberung, der Stolz der Schönheit, die Pläne der Jugend, die Gebilde der Freude und die magiſchen Scenen, welche 4 die Phantaſie auf die weißen Blätter der Zukunft ver⸗ zeichnet, auch ſein Herz aufregten und vor ſeinen Augen flimmerten, ſo gut wie vor denen ſeiner Ge⸗ bieterin. Reite dahin, Margaret! reite, ſo lange Du es ver⸗ magſt, mit dieſer glänzenden Farbe auf Deinen Wangen, mit dieſem Lächeln in Deinen Augen, mit dieſer Freude in Deinem Herzen. Der blaue Himmel iſt über Dei⸗ nem Haupte, der weiche, grüne Raſen unter Deinen Füßen und der Geiſt der Hoffnung in Dir iſt ungetrübt und ſtark. Reite dahin, mit dem alten Walter an Dei⸗ ner Seite und ſeiner freundlichen Stimme an Deinem Ohr; denn die bewährte Neigung der frühen Tage iſt ein heiliges Ding, und das Herz, das Dich in der Kindheit liebte, und die Augen, die in Deiner Wiege auf Dir geruht, lieben Dich noch immer, wachen noch immer über Dich. Reite dahin! und während Du Deinen raſchen Liebling zu ſeiner vollen Eile antreibſt und Deine glühenden Wangen umwendeſt, um den küh⸗ len Abendwind zu erhaſchen, der über die Ebene ſtreicht, ſo fürchte nichts wegen des morgenden Tages, denn das Kind legt ſich neben dem Abarund zum Schlafen nieder, der Seevogel entfaltet ſeine Schwingen auf dem Kamm der Welle, der Schmetterling tanzt dahin in den ſonnigen Tagen des Frühlings, und die Furcht iſt nicht gemacht für das Junge, für das Starke, für das Schöne. Ach, über diejenigen, die da wachen! Ach über diejenigen, welche fürchten! Das Kind erwacht und der Abgrund iſt tief! Des Seevogels Fittige find ſchwach und der Orkan iſt ſtark! Die ſonnigen Frühlingstage werden ſtürmiſch und der Frühling des Lebens verdunkelt ſich häufig! Reite dahin, Margaret, reite dahin, während der Winterwind Deinen Wangen Farbe, Deinem Kör⸗ per Geſundheit und Deinem Herzen Freude bringt! Viertes Kapitel. Als Walter an Margaret's Seite auf der Straße hin galoppirte, welche den Krümmungen der über dem Park hängenden Terraſſe folgte, erſchreckte der laute Knall der Flinte des Thorhüters, der ſie im Hofe hin⸗ ter dem Hauſe abſchoß, ſein Pferd, ſo daß es plötzlich ſeitwärts ſprang und ſeinen Fuß auf einen loſen Ziegel an der Mauer brachte, worüber es ſtolperte und fiel. Einen Augenblick war Walter's Fuß im Steigbügel verwickelt und einen Augenblick trug er das ganze Ge⸗ wicht des geſtürzten Pferdes. Als er ſich losmachte, wurde er ſich unmittelbar einer ſtarken Verrenkung bewußt, und nur mit Hülfe eines Bedienten, der beim Anblick dieſes Unglücks aus dem Hauſe herbeigeeilt, war er im Stande, die Hausthüre zu erreichen, wo er in Folge des heftigen Schmerzes beinahe ohnmächtig wurde. Man brachte ihn augenblicklich nach ſeiner eigenen Wohnung, wofür ein mit Bogen verſehenes, heiteres Schlafzimmer und ein kleines Wohnzimmer ſeit vielen Jahren angeſehen worden war, und Mar⸗ garet ging, nachdem ſie dabei geweſen, wie man ihn auf ein Bett gelegt, und nachdem ſie Mrs. Ramſay, die Haushälterin, aufgefordert, alle Mittel aufzubieten, die ihre Kunſt zu erſinnen vermöge, nach dem Bibliothek⸗ zimmer ihres Vaters, um ihm das Unglück zu melden. Sie klopfte an die Thüre, und da ſie nach zwei oder drei Verſuchen keine Antwort erhielt, öffnete ſie dieſelbe leiſe. Oberſt Leslie ſaß am Feuer, ſein Geſicht in beide Hände begraben, und Margaret konnte ſich's nicht klar machen, ob er ſchlief oder in Gedanken ver⸗ ſunken war. Es iſt unangenehm, eine Perſon plötzlich aus dem Schlaf oder aus tiefen Gedanken aufzuwecken, und Margaret bewegte ſich unruhig im Zimmer umher, bis ihr Vater ſchnell ſich umwandte und mit einem lauten:„Wer da?“ ihrerſeits ſie erſchreckte. Mit zit⸗ ternder Stimme erzählte ſie Walter's Unfall, und als Oberſt Leslie ihre blaſſen Wangen und ihre ängſtliche Miene ſah, ſänftigte ſich ſeine eigene; er ſchlang zärt⸗ lich ſeinen Arm um ihren Leib und erſuchte ſie, ihn in Walter's Zimmer zu führen. Als ſie daſſelbe er⸗ reichten, hatten Mrs. Ramſay's Bemühungen bereits zu wirken begonnen, wenigſtens darf man dieß annehmen, denn Walter empfing ſie mit einem Lächeln und der Verſicherung, daß er, obſchon er nicht gehen könne, dennoch nicht viel leide. Zu gleicher Zeit entkräftete zwar eine leichte Zuſammenziehung auf ſeiner Stirne und ein nervöſes Zucken ſeiner Hände die Wahrheit ſeiner Behauptung, aber Margaret war zufrieden mit der Verſicherung. Junge Leute(der Himmel ſegne ſie!) ſind leicht getröſtet und ſtürzen ſich haſtig in Alles hinein, da ſte der qualvollen Nothwendigkeit entbindet, betrübt zu ſein. 1„Wenn nur meines lieben Walter's Schmerzen 4 vergehen,“ rief ſie, indem ſie ſich über ihn beugte, auf ſein Kiſſen tätſchelte, um es recht behaglich zu machen, und einen blaßrothen Baregeſhawl über ſeine Füße warf,„es wird ganz und gar nicht unangenehm ſein, ihn einmal am Beine angebunden zu haben, buchſtäͤb⸗ lich angebunden am Bein. Ja, ja, Sie flatterhafter, alter Walter, wir haben Ihnen die Flügel beſchnitten, 1 60 und jetzt müſſen Sie dableiben, nolens volens, wie Sie zu ſagen pflegen. Sie ſehen, ich habe nicht all mein Latein vergeſſen.“ „Gut, wenn Sie auch Ihr Engliſch nicht vergeſſen haben, ſo möchte ich Sie erſuchen, an meine Mutter ein Billet zu ſchreiben, da Sie und Leslie zu denken ſcheinen, ich könne jetzt nicht nach Hauſe kommen.“ „Natürlich nicht,“ rief Oberſt Leslie,„und neben⸗ bei geſagt, da dieſer junge Neville, der bei Ihnen auf Beſuch iſt, der Sohn eines alten Freundes von mir iſt und während Ihrer Abweſenheit Ihrem Vater ohne Zweifel zur Laſt fallen wuͤrde, ſo erſuchen Sie ihn, hierher zu kommen. Er kann hier ſchießen und jagen ſo viel er will, und an den Abenden wird ihn Mar⸗ garet gewiß unterhalten können.“ „Danke Ihnen,“ ſagte Walter,„wenn es Ihnen nicht läſtig iſt, ſo wäre mir das ſehr lieb.“ „Schreibe an Mrs. Sydney, Margaret, und ſchick einen Reitknecht an ſie ab. Er ſoll unterwegs auch bei Doctor Bartlet anrufen. Dieſer ſoll noch heute Nacht zu Walter kommen, denn ich bemerke an dieſem unruhi⸗ gen Zucken im Beine, daß er noch immer leidet.“ Margaret ging in das Bibliothekzimmer, um ihre Note abzufaſſen. Sie hielt dieſelbe für ungemein wich⸗ tig. Erſtens war es nothwendig, Mrs. Sydney von ½ Walter's Unfall in Kenntniß zu ſetzen, ohne ſte zu er⸗ 1 ſchrecken; dann der Auftrag in Betreff des Mrs. Neville; ſehr wahrſcheinlich gab man ihm dieß Schreiben zu leſen— und die Leute ſind ſehr geneigt, ſich ihr Urtheil über Andere nach den Briefen derſelben zu bilden. Sie ſelbſt wäre ſehr begierig geweſen, einen Brief von Edmund Neville zu leſen, um zu ſehen, welche Hand er ſchrieb, und dieſelbe Neugierde konnte ja auch er in Bezug auf den ihrigen haben. In der That, wäre er nicht ein neugieriger Menſch geweſen, ſo würde er nicht ſo ernſte— haft hinter den Rebenzweigen nach ihr geſchaut haben.. In dem ſilbernen Tintenfaß im Bibliothekzimmer be⸗ — 61 fanden ſich drei Federn, die ſchon gebraucht worden waren; zwei waren ſchwarz und beſchmiert, die dritte war noch weiß. Margaret wählte die letztere. Die Leute haben eine eigenthümliche Art, ſich anzulaſſen, wenn ſie einen ſolchen wichtigen Brief ſchreiben ſollen, einen Brief, welcher Dich in den Augenblick, wo er empfangen werden ſoll, und auf den Standpunkt der Perſon verſetzt, die ihn leſen wird. In der Regel wählen ſie, wie Margaret jetzt, eine neue Feder; ſie nehmen juſt Tinte genug und nicht zu viel, aus Furcht, irgend ein Wort möchte unleſerlich werden, eine Furcht, welche ſte in gewöhnlichen Fällen nicht anzuwandeln ſcheint(wie glücklich wären ihre Correſpondenten zu ſchätzen, wenn dieß ſo wäre!), und dann wägen ſie ſo ſorgſältig den Unterſchied zwiſchen zwei beinahe ſyno⸗ nymen Worten ab, und es wird zu einer wichtigen Frage, ob ſie ihren Correſpondenten„treu“ oder„auf⸗ richtig“ ergeben ſind, oder ob ſie mit einem vertrauteren „Lieber“ oder ausdrucksvollen„Mein Lieber“ beginnen ſollen. Dann ſcheint die Adreſſe niemals klar oder deuflich genug, und dieſe lang bewährten und zuver⸗ läſſigen Befö derungsmittel, Brieffelleiſen, Poſtkutſchen oder Bahnzuge nehmen alle gleich einen ſchrecklichen Charatter der Unſicherheit an, und man hat durchaus kein Vertrauen, daß ſie im vorliegenden Falle ihre * Pflicht thun werden. Margaret hatte inzwiſchen ein eintacheres Mittel, ihren Brief zu überſenden, als die verwickelte Maſchinerie des Poſtamtes, und nachdem ſte ihn endlich zu ihrer eigenen Befriedigung zu Stande „ gebracht, übergab ſie ihn den Händen des Haushof⸗ meiſters mit dem dringenden Befehl, ein Reitknecht ſolle ihn augenblicklich nach Heron Caſtle bringen und auf Antwort warten, dabei nicht zu vergeſſen, unter⸗ wegs bei Doctor Bartlet anzurufen; ſodann ging ſie auf ihr eigenes Zimmer, um uber die Ereigniſſe des Tags und deren wahrſcheinliche Folgen ein wenig nachzudenken. „ 4 62 Die meiſten Leute kennen die Reize und Annehm⸗ lichkeiten eines eigenen Zimmers; aber das Zimmer eines jungen Mädchens iſt von jedem andern verſchie⸗ den. Wenn wir im Leben weiter vorſchreiten, ver⸗ ſchließen wir die Thür hinter uns, um ruhig zu ſein, um für eine Weile die Welt und ihre Sorgen ferne zu halten, zuweilen, um mit dankbarem Herzen über ange⸗ nehme Dinge, die uns zu Theil geworden, oder über Gerahren, denen wir entronnen ſind, nachzuſinnen; zu⸗ weilen, um im Stillen die Geiſter entſchwundener Seg⸗ nungen und die Erinnerungen an glücklichere Tage her⸗ vorzurufen— wenn unglücklich auf unſern Knieen, um Frieden zu gewinnen oder in trübſeliger Verſunkenheit Ruhe zu finden— wenn glücklich, um entweder ruhig Gott zu danken und freudig unſer Tagwerk zu voll⸗ bringen, oder vielleicht auch wie der reiche Mann im Evangelium unſere Seele aufzumuntern, guter Dinge zu ſein, denn es wariet unſer viel Gutes; um bei den Wirklichkeiten des Lebens zu verweilen, um Kraft oder Gleichgültigkeit gegen den Tag der Heimſuchung zu ſammeln; um wirklich abwechſelnd Kummer und Freu⸗ digkeit zu empfinden, denn wir bekümmern und freuen uns bis an's Ende— aber der Eine iſt ruhig und der Andere iſt hart geworden— die Blüthe iſt entſchwun⸗ den und was bleibt übrig?— eine verwelkte Hülſe oder eine herrliche Frucht? Aber wenn ein junges Mädchen ihr eigenes Zimmer betritt und die Thur hinter ſich verſchließt, dann ſchließt ſte die trüben Wirk⸗ lichkeiten des Lebens aus, und eine Welt voll Zanber iſt es, was ſie mit ſich hereinführt, ob nun ihre Augen auf dem Boden haften, oder unbewußt auf der ſchönen Landſchaft, ob ſie auf den einzeln ſtehenden Baum oder auf das Schieferdach gerichtet ſind, das ihren Fenſter⸗ rahmen einſchließt; oder ſonſt, während ſie mit haſti⸗ gen Tritten in dem engen Raume vor ihr auf und ab⸗ ſchreitet, handelt ſte im Geiſt, lauſcht in Gedanken, malt in der Phantaſte die Scenen, welche der Schleier* . 63 der Zukunft fortwährend vor ihren Augen verbirgt, mit einem lebendigen Intereſſe und einer Kraft der Auf⸗ regung, welche das Leben ſelbſt nur ſelten gibt, und die kindiſchen Geheimniſſe ihrer Einſamkeit ſind für ſie der aufregendſte und geſchäftigſte Theil ihres Daſeins. Sehr geſchäftig war Margaret in dieſer Richtung, und während ihr Mädchen eine Camelie und dann wieder eine andere in ihr Haar ſlocht, dachte ſie ſo lange, bis ihr Kopf ſie beinahe ſchmerzie, über die wahrſcheinli⸗ chen Folgen dieſer ſo eben abgefertigten Einladung nach. Zum Glück für ſie kam Mrs. Dalton gerade jetzt mit einem Strauß von Treibhausblumen herein, wel⸗ chen der alte Gärtner täglich für ſie beſorgte, und zum noch größeren Glück richtete ſie, nachdem ſie ſich ein wenig über Walter's Unfall ausgelaſſen, an Margaret gerade diejenige Frage, welche ihre Schülerin zu hören wünſchte, ein ſeltenes Glück für Mrs. Dalton, deren Fragen nicht immer ſo annehmlich waren. „Nun, meine Liebe, haben Sie den jungen Mr. Neville geſehen?“ „Ja! Sie auch, Mrs. Dalton?“ „Allerdings, meine Liebe, ich habe auch ein wenig mit ihm geſprochen.“ „Wo? wann? wie haben Sie ihn treffen können?“ „Die Sache iſt die, meine Liebe: mir fehlte eine Herbſtzeitloſe, um die Sammlung der Schwarzbinſen⸗ arten zu vervollſtändigen, welche Miß Flummer im 5ten Kapitel ihres Werkchens„„Bolanik für Jeder⸗ mann“ beſchreibt. Es ſind ſechs Wochen her, ſeit wir dieſes Kapitel geleſen haben. Sie geben, wie Sie wiſſen, nicht viel auf Botanik, aber doch ſah ich Sie nie früher an irgend einem Werk darüber ſo große Freude bezeugen, als an den erſten Kapiteln dieſer Botanik für Jedermann.“ Hier that Margaret einen plötzlichen Ruck, welcher nicht berechnet war, ihre Zofe auf den Glauben zu bringen, daß die Friſurkunſt für Jedermann ſei. . 64 „Ja, ja, es iſt ein ſehr arliges Büchlein, aber fanden Sie nicht—“ „Ja, meine Liebe, wirklich ein recht ſchönes Exem⸗ plar, aber doch nicht ganz daſſelbe wie Miß Flummer— „O, laſſen Sie doch dieſe Miß Flummer bei Seite; ich haſſe ſchon den Klang ihres Namens. War es im Garten?“ „Nein, meine Liebe, auf dem Kirchhof; ſie wächst unter der alten Ulme.“ „O, die Pflanze, ja! aber ich meinte Mr. Neville.“ „Bitte um Verzeihung, meine Liebe; ja, es war auf dem Kirchhof, daß ich ihn ſah.“ „Was konnte er dort wollen?“ „Er beſah die Inſchriften auf einigen Gräbern. Juſt, als ich an ihm vorbeiging, fiel mir meine ble⸗ cherne Büchſe aus der Hand; er hob ſie ſehr höflich auf, und als ich ihm dankte, bat er mich, ihm die Denkmäler der Familie Leslie zu bezeichnen, und als ich ihm den Platz zeigte, wo ſie ſtanden, fragte er, ob ich ein Mitglied Ihrer Familie ſei, und als er hörte, daß ich Ihre Gouvernante ſei oder vielmehr geweſen ei—“ „Thut nichts, liebe Dally,“ fiel Margaret ein, in⸗ dem ſie ihre Hand auf den Arm der alten Lady legte, „Sie haben ganz und gar nichts gouvernirt, deſſenunge⸗ achtet ſollen Sie aber Gouvernante genannt werden, ſo lange es Ihnen gefaͤllt, ſelbſt wenn ich ſchon ein ganz altes Mädchen bin. Aber weiter im Text; be⸗ kümmern Sie ſich nicht um die Tollettenglocke Sie brauchen ſich nicht zu putzen. So, Mr. Neville hat alſo herausgefunden, daß Sie meine Gouvernante wa⸗ ren! Und wie haben Sie herausgefunden, wer er war?“ „Als ich aus der Hütte herauskam, hatie ich ihn am Fiſchteiche hin reiten ſehen, und der alte James ſagte, er ſei der„junge Burſche,“ wie er ihn nannte, der ſich auf Heron Caſtle aufhalte.“ „Nun, ſagen Sie mir, was fragte er über mich?“ 65 „Wie alt Sie ſeien.“. „Hm, was geht denn ihn das an? ich möcht' es doch wiſſen. Und was ſonſt noch?“ „Er ſagte: Iſt es nicht wahr. daß Miß Leslie die allerangenehmſte Gemuthsart beſitzt?“ „Nun, da möchte ich doch wiſſen, was Sie darauf geantwortet haben, Mrs. Dalton. Nehmen Sie ſich wohl in Acht; vor zwei Tagen ſagten Sie zu mir, ich ſei die faulſte, die eitelſte und ärgerlichſte junge Lady, die Ihnen je in den Weg gekommen ſei: ja, ich ſei noch ein bischen ſchlimmer als Mr. Adköns ſieben oder Sir Charles Butchers neun Töchter— ich hoffe alſo jetzt, daß Sie nicht hergegangen ſind und dem armen Mr. Neville etwas über mich vorgelogen haben.“ „Ich ſagte Miß Margaret, daß ich nicht die Ge⸗ wohnheit habe, uüber die Charaktere meiner Zöglinge zu ſprechen, ganz beſonders gegenüber Fremden. Ich ſagte dieß mit einer Verbeuqung und einem Lächeln, um dem jungen Gentleman zu zeigen, daß ich nicht be⸗ leidigt ſei und daß ich keinen Anſtand nehmen würde, ihm über andere Dinge Auskunft zu geben.“ „Das haben Sie gut gemacht, Dally; ohne Zweifel denkt er jetzt, ich ſei eine kleine Keiferin, von der Sie nichts Gutes ſagen könnten, und deßhalb hätten Sie aus Schonung für mich Ihre Zunge rein gehalten. Wie bösartig von Ihnen, nicht zu ſagen, daß ich ein kleiner Engel bin! Das erwartet Jede von ihrer Gouver⸗ nante, und wenn ſie auch ihr ganzes Leben lang ein kleiner Teufel geweſen iſt. Ich wollte, Jedermann fragte mich, was für eine Gouvernante Sie ſeien. Ich würde geheimnißvoll drein ſchauen, ſeufzen und jede Auskunft verweigern, wie wenn Sie mich in den letz⸗ ten 15 Jahren halb zu Tod gequält hätten.“ „Pfui, Miß Leslie,“ ſagte Dally, indem ſie ernſt⸗ haft auszuſehen ſich bemühte, aber unwillkürlich ihr Geſicht zu einem grimmigen Lächeln verzog. Schloß Grantley. 1. 5 1 66 „Und nun“ rief Margaret, indem ſie die im Weg⸗ geben begr ffene Mrs. Dalton zurückzubalten verſuchte: „Und nun, von was ſprachen Sie ſonſt noch?“ „Von der Gegend, vom Garten, von der Nachbar⸗ ſchaft und von Mr. Walter Sydney.“ „O er ſprach von Walter? Doch recht gut, hoffe ich?“ „Er ſagte, er liebe ihn, wie wenn er ihn nicht fürchtete, und er fürchte ihn, wie wenn er ihn nicht liebte.“ „Sagte er das wirklich? Ein ſehr guter Aus⸗ druck; aber es war doch ſo derbar, daß er zu Ihnen, einer wild remden Perſon, ſo ſprach.“ „Nicht ſo ganz wildfremd.“ „Wie ſo?“ „Die Glocke zum Eſſen!“ rief die erſchreckte Mrs. Dalton, als der Gedanke, den Oberſten warten zu laſſen, vor ihre entſetzten Augen trat, während die Glocke in ihren Ohren ertönte. „O ſeien Sie unbefümmert“ rief Margaret, welche ißre Gedankfen, nicht ihre Worte beantwortete,„ſetzen Se Ihre Lavendelhaube auf⸗und legen Sie Ihre Spitzen⸗ krau'e an, ſo werden Sie in einer Minute fertig ſein; aber Dally,“ fuhr ſte fort, indem ſte Mrs. Dalton den Gang hinabb gleitete,„bedenken Sie wohl, daß Sie ſich veim Deſſert beeilen muſſen— mit dieſen ewigen Kaſtanien. auf die Sie ſo erpicht ſind, denn ich werde nicken und ſehr bald wieder weggehen. Ich bin ſo außenſt neugferig.“ 5 Oberſt L slie war heute über Tiſch geſprächiaer als gewöhnlich, und während er lebhaft einige C eianiſſe aus dem Halbinſelkriege zum Beſtn gab, vergaß Mar⸗ garet ihre Ungeduſd, aus dem Speiſeſaal zu gelangen, und ihre Augen flammien vor ſolcher Aufregung, daß ihr Vater lächelnd ſagte: 1 „Ich alanbe, Du würdeſt ſelber gern einen ver⸗ lornen Poſten kommandiren, Du ſiehſt in dieſem Augen⸗ blick ſo heroiſch drein.“ 8 67 Wie ich ſchon einmal geſagt habe, Oberſt Leslie's Lächeln war höhniſcher Natur, und die plötzliche Art, wie er ihrer Begeiſterung Einhalt gethan hatte, berührte ſeiner Tochter Herz ſehr kalt; ſie biß ſich in die Lippen, ſah aufmerkſam die Vögel auf ihrem Dresdener Por⸗ zellanteller an, und nach einer Pauſe eilten Mrs. Dal⸗ ton und ſie nach dem Geſellſchaftszimmer. Margaret ſtand vor dem flammenden Feuer, und indem ſie ein Zundhölzchen in ihrer Hand herumdrehte, ſagte ſie laut, aber zu ſich ſelbſt:„O nein, ich könnte einen verlornen Poſten nicht anfuhren.“ „Der Oberſt meinte nicht im Ernſt, daß Sie das könnten, meine Liebe“ bemerkte Mrs. Dalton. „Ich kann den Muth der Verzweiflung nicht ver⸗ ſteben. Ich könnte große Dinge thun, wenn ich ſtarke Hoffaung auf Erfolg hätte; aber verlorne Poſten, ver⸗ zweifelte Kämpfe— o nein, es thut mir weh, wenn ich nur da an denke.“ „So denken Sie nicht daran, liebes Kind. Wün⸗ ſchen Sie etwas Kaffee?“ Dals te tlen Sie einen verlornen Poſten anführen, „Ich hoffe, ja.“ „Was kann Sie auf den Glauben bringen, daß Sie es könnten, während ich fahle, daß ich es nicht 2 könnte?“ „Ei, wiſſen Sie, wenn ich Soldat wäre, ſo könnte es meine Pflicht ſein.“ b„Was fur ein kaltes Wort doch das Wort Pflicht 4 iſt; ich könnte rechte Dinge nicht bloß deßhalb ihun, weil es meine Pflicht wäre.“ „Dieß iſt vielleicht der Grund, meine Liebe, wa⸗ rum Sie ſelten rechte Dinge thun.“ „Vielleicht,“ ſagte Margaret langſam;„ich weiß, 1 es ware recht, einen Verſuch zu machen, aber das iſt auch ſo ein verlorner Poſten,“ fügte ſie halb traurig, halb heiter hinzu. 5* 68 „Was meinen Sie, meine Liebe?“ „Meinen Vater dahin zu bringen, daß er mich liebe,“ war die Antwort. Dieß war ein Thema, auf welchem Mrs. Dalton ihre Schülerin niemals weiter gehen ließ. Sie hatte die innige Ueberzeugung, daß das, was ſein ſollte, nie⸗ mals als nichtſeiend angenommen werden dürſe, und die entfernteſte Annahme dieſer Thatſache ſchien ihr beinahe ſo empörend, wie die Thatſache ſelbſt; d ßbalb erſuchte ſie Margaret in einer ungewöhnlich gebieteri⸗ ſchen Ait, nicht ſolchen gotiloſen Unſinn zu ſchwatzen. In dieſem paſſenden Augenblick öffnete ſich die Thüre, und ein Diener brachte einen Beief, welchen Margaret mit großem Eifer in Empfang naum, und der ihre Ge⸗ danken in einen ganz andern Canal zu leiten ſchien, denn ſi' hatte ihn kaum geleſen, ſo riet ſie: „Ei, nebenbei geſagt, wie kam es, daß Mr. Neville Ihnen nicht ganz fremd war?“ „Wiſſen Sie nicht, meine Liebe, daß ich einige Jahre in der Familie des Mr. Warren lebte? Mrs. Warren war die Tante des jungen Mr. Neville, und als er noch ein ganz kleiner Junge war, wurde er einmal auf einige Wochen meiner Obhut anvertraut. Ich erinnerte ihn daran, und er entſann ſich deſſen vollkommen und erzählte mehrere kleine Zwiſchenfälle, die ſich während dieſes Beſuches zugetragen hatten.“ „War er ein artiger kleiner Junge?“ „Sehr verwöhnt, ja das war er und ſo eigenſinnig, er konnte Einem das Leben wohl verleiden.“ Margaret lachte und ſagte: Er kommt morgen bhierher. Hoffentlich wird er uns nicht allzuſehr quälen.“ „O jetzt nicht mehr, Miß Margaret, er iſt nun zu alt dazu.“ 3 „Gut, wir wollen ſehen.“ rief Margaret, indem ſie von ihrem Sitze auſſprang und einen Satz machte, der ſie in einer Sekunde zur Thüre brachte,„vielleicht — 69 ſind die Leute niemals zu alt dazu.“ Und als ſie auf den oberſten Tritt der Treppe hinaufrannte und dann wieder die Treppe hinabeilte, die zu Walter's Zimmer führte, wobei ſie immer zwei Stufen zugleich nahm und in verſchiedenen Tonarten und mit verſchiedenen Trillern die Worte ſang:„Zwei ſpielen dieſes Spiel“— an was dachte ſie da? an die Gewandtheit und Flin⸗ kigkeit, mit welcher ſie über die dazwiſchen liegenden Stufen hinwegſetzte? an den Becher und die Kugel, die ſie von dem Tiſche wegraffte und mit der graziö⸗ ſeſten Geſchicklichkeit handhabte? oder an den Federball, den ſie mitzelſt eines kräftigen Schlages durch die luftige Halle hin fliegen ließ? Nein, ich fürchte, das bedeutete: „Wenn er mich zu quälen vermeint, ſo kann ich ihn vielleicht zuerſt quäten!“ Pfui, Margaret! Du verdien⸗ teſt nicht, ais Du in Walters Zimmer tratſt und ihn freundlich fragteſt, wie er ſich befinde, und ein Kiſſen für ſeinen Kopf holteſt und Dich neben ſein Bett ſetz⸗ teſt, um ihm den Brief ſeiner Mutter vorzuleſen, da verdienteſt Du nicht, daß er Deine Hand ergriff und ſite küßte, und daß er dich„das allerbrävſte Frauen⸗ zimmerchen von der ganzen Welt“ nannte. Du gehör⸗ teſt allerdings nicht zu den böſen, nein Du warſt viel⸗ leicht eine leidliche gute Perſon, aber gewiß warſt Du nicht die allerbeſte oder irgend etwas, was dem gleicht. Hätte er geſaat die allerhübſcheſte, ſo hätten wir's kön⸗ nen gelten laſſen. Am nächſten Tag erwies es ſich, daß Walter ſein Bein ſo ſchlimm verrenkt hatte, daß es ihm wenigſtens für acht bis zehn Tage unmöglich wurde, ſeinen Fuß auf den Boden zu ſetzen, und Doctor Bartlet empfahl, daß er auch dann keine große Anſtrengung verſuchen, ſondern ſich als ein Invalid auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ pflegen und behandeln laſſen ſolle. Margaret hörte dieſen Beſcheid mit bedeutender Beſriedigung an und brachte eine Stunde damit zu, die Möbel in ſeiner Stube umherzuzerren und in ſeinen Bereich alles zu 70 bringen, was er wegen ſeiner„Gefangenſchaſt,“ wie ſie es nannte, bedürfen konnte. „Schwere Arbeit,“ ſagte ſte,„im Beſſerungshauſe; das heißt, lieber Walter, Sie werden einen Monat ſchwere Arbeit haben, um meine Fehler zu beſſern.“ „Sie müſſen dieſelben bekennen, bevor ich ſie beſſern kann,“ antwortete Walter mit einem Lächeln. Margaret ſah ein wenig ernſter drein als gewöhn⸗ kich und kreuzte ihre Arme, während ſie am Ende von Walter's Bett, d. h. gerade auf der entgegengeſetzten Seite von ihm ſtand. „Ich könnte es nicht ertragen, daß Sie übel von mir dächten,“ ſagte ſie endlich, und nach einer Pauſe fügte ſie mit erzwungenem Lachen hinzu:„Deßhalb werde ich Sie auch nicht zu meinem Beichtvater er⸗ wähten.“ Eine Stunde ſpäter, nachdem der ſehr verwickelte Knoten noch mehr verwickelt worden, fragte ſie mit einem verzweifelten Anlauf, welcher die Dinge zu einer Kriſis bringen ſollte: „Walter, halten Sie es für einen großen Fühler, wenn man leidenſchaftlich wuͤnſcht, gern geſehen, gelobt und geliebt zu werden?“ „Nein, es iſt kein großer Fehler an und für ſich, aber es iſt eine gefährliche Neigung, die, wenn ſie ſich zur Leidenſchaft ſteigert, nicht ſelten verderblich iſt.“ Nach einer Pauſe, als er ſah, daß ſie ſtall blieb, fuhr er fort: „Aber wollen Sie alles Lob für ſich allein in Anſpruch nehmen? verlangen Sie die Neigung aller Menſchen ohne Unterſchied?“ „Nicht auf gleiche Weiſe,“ verſetzte ſte,„aber ich nehme mit allem vorlieb. Ich liebe es, wenn der Haushund mit dem Schwanze wedelt, wenn ich mich nähere. Es freut mich, wenn Baſe Mary's kleiner Junge ſeine Arme um meinen Hals wirft, wenn ich ihn küſſe. Ich wünſche freundliche, liebreiche Geſichter — — 71 um mich zu ſehen, und ich haſſe einen kalten, ſtrengen Blick, wie ich einen trüͤben und düſtern Tag haſſe. Ich wünſche geliebt zu werden, wie ich wünſche, daß die Sonne mich beſcheine. Ein Leben ohne Liebe wäre für mich wie eine Welt ohne Sonne. Walter, können Sie ſich ein unglück eligeres Geſchöpf denken, als ein ſolches, das von Niemand geliebt würde?“ „Ja. einen Menſchen, der Niemand liebte.“ „Das wäre noch ſchlimmer, meinen Sie? Kann Liebe ibre eigene Belohnung ſein?“ Walter öffnete ein Buch, das neben ihm lag, und las laut folgende ſchöne Stelle aus einer von Scott's Novellen: „Ihre Gedanken waren abgewendet von der Welt und beſuchten dieſelbe bloß mit einem ähnlichen Intereſſe, wie es die Schutzengel für ihre Schutzbefohlenen haben, zum Nutzen Derjenigen, mit denen ſie in Liebe lebte, oder der Armen, denen ſie Hülfe und Troſt bringen konnte.“ „Das iſt ein Bild von Ihnen,“ ſagte Margaret, als er das Buch ſchloß,„und das iſt diejenige Art von Liebe, welche Sie für Andere empfinden; ich werde niemals ſo uneigennützig ſein.“ In dieſem Augenblicke waren ihre Augen auf das Fenſter geheftet und ein Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, als das Getöne von Pferdeyufen auf dem Pflaſter des inneren Hofes einen Gaſt verkündete. Sie erhob ſich haſtig, aber ehe ſie durch eine Thüre ent⸗ flohen war, flog die andere auf, und Edmund Neville trat ein. Ohne wirklich hübſch zu ſein, beſaß er einige von den pittoresken Eigenſchaften der Schönheit. Die tiefe Farbe auf ſeinen Wangen und der ernſte Ausdruck ſeiner Augen, als er auf Walter zuſchritt und ängſtlich fragte, ob er noch immer in Folge ſeines Unfalles leide, verſchaffte ihm Gnade in Margaret's Augen. Er wandte ſich raſch gegen ſie und ſtreckte ihr wie einer alten Bekannten die Hand entgegen; ſein Benehmen war 4. 72 gegen das geſtrige gänzlich verändert. Als ſie eine Bewegung machte, um wegzugehen, holte er ſie ſchnell ein und ſagte mit einer Art findlichen, aber befehlenden Ernſtes:„Gehen Sie nicht.“ Wenn ſie nun überlegte, daß ſie nicht den minde⸗ ſten Wunſch hatte, zu gehen, ſo wäre es boshaſt ge⸗ weſen, nicht zu bleiben, und mit einem Lächeln, welches ungefähr das beſagte, ſchlug ſie einen Mittelweg ein, indem ſie weder das Zimmer verließ, noch auf ihren Stuhl beim Feuer zurückkehrte, ſondern halb gelehnt, halb ſitzend hinter Walter's Lagerſtätte mit dem Zipfel ihres geſtickten Taſchentuchs einen gewiſſen Tintenfleck abrirb, welcher die glänzendſte Päonie auf dem Zitz⸗ überzug des beſagten Sofa's verunſtaltete. Daß dieſe auffallende Beſchäftigung nicht zu ihrem natürlichen Ziele gelangen konnte(denn man hat nie gehört, daß ſich Tintenflecke auf ſolche Art herausreiben laſſen), war unter den gegebenen Umſtänden eher ein Vortheil als nicht, und erſt als die Glocke zum Imbiß rief, und als Mr. und Mrs. Thornton, welche immer nach Grant⸗ ley eingeladen wurden, wenn irgend ein Fremder da war, ſich im Speiſeſaale zeigten, da ſchritt Margaret zum Drittenmal nach der Thüre zu, und dießmal wurde ſie auf ihrem Gange nicht gehindert, ſondern glitt mit Edmund Neville an der Seite die eichene Treppe hinab. Mr. Thornton, der bereits vor einer ungeheuren Wild⸗ pretpaſtete ſaß, auf ſeiner erhobenen Gabel einen Reb⸗ huhnflügel hatte, und deſſen ganzes Geſicht von einem freundlichen Lächeln ſtrahlte, rief, als ſie in's Zimmer trat: „Wie ſteht es jetzt, mein liebes Kind? warum ſtehſt Du heute ſo ungemein freundlich aus? iſt der Maulkorb weg, he?“ Sie machte mit ihrem hübſchen Köpfchen ein Zei⸗ chen, als wenn ſie es aus einem Halsbande losmachte, und indem ſie den aufgehobenen Flügel mit einer ſanf⸗ ten Gewalt auf ihren eigenen Teller zog, lachte ſie heiter über ihre Heldenthat und rühmte ſich in allen Dingen ihre eigene Art zu haben und Jedermann, auf die eine oder die andere Weiſe, beherrſchen zu können. Endlich ſagte ſie leiſe und mit einem bedeutſamen kur⸗ zen Nicken zu Mrs. Dalton: „Im Grunde, Dally, glaube ich doch, daß ich einen verlorenen Poſten anführen könnte.“ Drei Wochen waren ſeit Walters Unfall verfloſſen, und für Margaret hatten ſie zu den angenehmſten ge⸗ hoͤrt, welche ſie je erlebt hatte. Sie lebte in einer moraliſchen Atmoſphäre, die ihr natürlich war und ihrem Gemüthe zuſagte— in einer Atmoſphäre des Lobes und der Zuneigung. Ihr Großvater und ihre Großmutter, ebenſo auch Mr. und Mrs. Sydney, die nach Grantley gekommen waren, um in der Nähe ihres Sohnes zu ſein, Alle beteten ſie an. Sie war in ihrer Mitte, unter ihren Augen, auf ihrem Schooße aufge⸗ wachſen; ihre Stimme, ihr Lachen war während der letzten 17 Jahre der Sonnenſchein ihres Lebens gewe⸗ ſen. Margaret's Zimmer, ob es nun das tapezirte Schlafzimmer auf Heron Caſtle war, wo Walter ſie ſo oft als kleines Kind in die Höhe gehoben hatte, um die ſeltſamen Figuren an der Wand zu betrachten; wo er ihr Geſchichten von dem wilden Grafen Bertram und der ſanften Lady Godiva erzählt; wo ſie ihre klei⸗ nen Fäuſte gegen Königin Eleonore, die grauſame Dame in der rothen Haube, geballt und um die ſchöne Roſa⸗ munde, das Fräulein in dem grünen Mantel, geweint hatte; oder ob es das mit den Zitzmöbeln geſchmückte Schlafzimmer im Pfarrhauſe war, deſſen Schiebfenſter ſich auf den lieblichſten Wieſenplan und die luftigſten lumenbeete öffnete, welche je eine dieſer hübſchen engliſchen Wohnungen geſchmückt haben— Margaret's Zimmer war das Zimmer im Hauſe. „Mein Singvogel iſt ausgeflogen, Walter,“ pflegte Mrs. Sydney zu ihrem Sohne zu ſagen,„aber ich ſehe auch den leeren Käfig gerne an und denke, ſie wird ger Walter drückte ihr dann die Hand, aber in der letzten Zeit hatte er oft geantwortet:„Sie wiſſen, liebſte Mutter, wir kön⸗ nen jetzt nicht mehr hoffen, ſte oft bei uns zu haben.“ holte Mr. Thornton zwölfmal des Tags:„Welch ein Unglück, daß das Kind gehen muß! welcher Unſinn, daß ſie überhaupt nach Hauſe gehen muß!“ Und obſchon Mrs. Thornton zu wiederholten Malen ihn verſicherte, es liege nicht in der Natur der Dinge, daß die Leute immer an demſelben Platze bleiben, und ſie wollte/ 1 lumpigen Haus wie das ihrige eingeſperrt ſehen; oder obſchon die Großmutter ſein andermal mit milder, bedeutſamer Gelaſſenheit fragte:„Was iſt das Mädchen 4 uns oder was ſind wir dem Mädchen, daß ſie uns nie Schmerz der Wiederkehr der„freundlichen Dirne,“ wie der alte ſchottiſche Gärtner ſie nannte, entgegen, und zwanzigmal des Tags ſchaute ſie von ihrer Arbeit (dieſer ewigen weißen Katze auf blauem Grund) auf, um zu ſehen, ob das grüne Thor ſich nicht in ſeinen Angeln bewege, um den alten ſchwarzen Pony herein⸗ zulaſſen, welcher ſeit ſo manchen Jahren die kleine Herrin des Schloſſes durch die buſchreichen Wälder, die ſchattigen Alleen und die grasbedeckten Lichtungen des ſchönen Thales von Grantley getragen hatte. Für Margaret ging alles gut während dieſes trüben No⸗ vembermonats. Jedermann läͤchelte ihr zu und jedes — 75 Auge, das auf ihr ruhte, erheiterte ſich, während es ſte anſchaute. Walter, ihr lieber alter Walter, mußte, deſſen war ſie überzeugt, ſehr glücklich ſein in ſeinem eigenen Lieblingszimmer, während ſeine ſanfte Mutter ihn verpflegte und ſie, ſeine eigene kleine Margaret, ihm vorlas, ihm ſang, ihm aus der Bibliothek dieſe ſchweren trübſelig weißen Bücher holte, auf die er ſo erpicht war, ſeine Botſchaften in der ganzen Gegend umher beſtellte, und mancher Hütte, manchem Kranken⸗ lager die Tröſtungen brachte, welche er täglich den Be⸗ nöthigten angedeihen zu laſſen pflegte. Ob die glän⸗ zende Erſcheinung, die an den Augen dieſer Dulder vorüberging, wiewohl ſie immer handgreifliche Spuren ihrer Gegenwart zurückließ, ihren Kummer ebenſo be⸗ ſchwichtigte, als der ſanfte Druck von Walter's Hand und die troſtvollen Worte der Hoffnung auf eine jen⸗ ſeitige Welt, womit er ſie aufzurichten pflegte, iſt zweifelhaft; aber ſie that ihr Beſtes, dieſe ſchöne, glück⸗ liche Tochter des Wohlſtandes, und es war nicht ihre Schuld, wenn eine bittere Erfahrung ſie noch nicht jene Geheimniſſe des Herzens gelehrt hatte, mittelſt deren wir unſern Weg zu dem Herzen Anderer finden. Ja, und die Armen ſegneten ſie, und Walter pries ſie, und ſeine Mutter verehrte ſie, und Alle verwöhnten ſie. War das nicht genug, um ſie glücklich zu machen? war es zu verwundern, daß ihr Auge mit jedem Tage ſtrahlender, ihr Blick leuchtender und ihr Lachen luſtiger wurde, als je? —-D— Fünftes Capitel. „Einnes Morgens, als Margaret im Geſellſchafts⸗ zimmer beſchaͤftigt war und Mrs. Thornton an ihrer Seite Wolle ſortirte, ſprang Edmund Neville, deſſen Augen auf einige graue Schatten ſo eifrig gerichtet 76 waren, als ob auch er den Schwanz einer weißen Katze ſchattiren müßte, plötzlich auf und heftete jetzt ſeine Blicke auf den Hof, wo Oberſt Leslie ſeben im Begriff war, ſein Pferd zu beſteigen. „Wohin geht Ihr Vater ſo früh?“ fragte er Margaret. „Zu Lord Donnington,“ antwortete ſie;„ſein Schloß liegt fünfzehn Meilen von hier.“ Nachdem er Oberſt Leslie, welcher raſch die Allee hinab gallopirt war, aus den Augen verloren, wandte ſich Edmund jetzt wieder zu Margaret, und mit einer ihm eigenthümlichen Manier, welche zugleich koſend war wie die eines Kindes und despotiſch wie die eines jungen Autokraten, ſagte er, indem er ihr ernſt in’s Geſicht ſchaute: „Ich wünſche das Haus zu ſehen. Kommen Sie und zeigen Sie mir das ganze Haus.“ „Die Küche und die Keller vermuthlich?“ fragte Margaret mit einem Lächeln;„denn alles Andere haben Sie ſchon geſehen.“ „Nein, in der That, ich habe die Gemälde im Speiſeſaal noch nicht beſichtigt, auch bin ich noch nie in der innern Bibliothek und ebenſowenig in Ihres Vaters Arbeitszimmer geweſen. Kommen Sie mit mir.“ 7 Belc ein ſonderbarer Einfall!“ beharrte Mar⸗ aret. 3„Ganz und gar kein ſonderbarer Einfall, mein liebes Kind,“ bemerkte Mrs. Thornton,„und vom phrenologiſchen Standpunkte aus kann ich mir's voll⸗ kommen erklären.“ 5 Margaret, welche wußte, daß ihre Großmutter in den letzten zwei Jahren den Combe ſtudirt hatte, wünſchte inſtinkimäßig der angedrohten Löſung zu entgehen, und ein neues ungeduldiges:„Kommen Sie!“ war wirk⸗ ſamer, als die letztere Aufforderung; Beide befanden ſich ſchon unten an der Treppe, ehe Mrs. Thornton ——— ſich der beſondern phrenologiſchen Beule entſann, mit welcher ſie Mr. Neville's Wunſch, das Haus zu ſehen, hatte erklären wollen. 3 3 Eine Beſchreibung Edmund Neville's(nicht phre⸗ nologiſch, ſondern in gemeiner ſchlichter Sprache) muß jetzt verſucht werden, obſchon es etwas ſchwer halten wird, die genauen Ausdrücke dafür zu finden. Er war etwas klein und ſehr ſchmächtig, aber dennoch ließ ſeine muskelkräſtige und vollkommen ſymetriſche Figur auf eine merkwürdige Rüſtigkeit und Kraft ſchließen. Sein Kopf war klein und ſaß ausnehmend gut auf ſeinen Schultern; in ſeiner Haltung lag jene ernſte und feine Männlichkeit, welche an die Porkraits von Van Dyk erinnert. Sein Haar war ſehr dunkel, aber nicht ſchwarz, ſeine Geſichtsfarbe blaß, aber geſund. Seine Augen waren ſehr ſchön, aber es wäre nicht leicht ge⸗ weſen, ihren Ausdruck genau zu bezeichnen; Schärfe war ihr Hauptkennzeichen, und dieſe Eigenthümlichkeit kontraſtirte ſeltſam mit der gewöhnlichen Trägheit und Sorgloſigkeit ſeines Benehmens. Seine Augen waren ſchön, ſie ſchienen in Deiner Seele zu leſen, aber ſie erlaubten Dir nicht, in der ſeinigen zu leſen. In ſeinem Benehmen paarte ſich eine gewinnende kindliche Behaglichkeit mit einer mehr als gewöhnlichen Selbſt⸗ beherrſchung. Seine Lippen waren dünn, und die Linien um ſeinen wohlgeformten Mund bezeichneten eine Vor⸗ ſatzfeſtigkeit, die ſich mit der anſcheinenden Gleichgültig⸗ keit ſeines Charakters kaum vertrug. Derſelbe war wie ſeine Hand, die, ſanft und weiß, dennoch die Kraft einer ſtählernen Springfeder hatte und einen Aſt, wel⸗ chen Oberſt Leslie und Mr. Thornton vergebens zu biegen verſucht hatten, zerbrechen konnte. Bei den ge⸗ ringſten Vorkommniſſen des Lebens bethätigte er eine Willensſtärke, der zu widerſtehen ſehr ſchwer war. Er nöthigte Mrs. Thorton, ihre Katze in einen rothen, ſtatt in einen blauen Grund zu ſetzen, Mrs. Dalton, den Dorfkindern einen Extrafeiertag zu geben, Mar⸗ v garet, Haideblumen in ihrem Haar zu tragen, ſtatt Epheu, Walter, eine Flugſchrift uͤber die Korngeſetze vorzuleſen, ſtatt eines Aufgatzes über kirchliche An⸗ gelegenheiten, und man wußte ſogar, daß er bei dem alten Sydney in Bezug auf ſeine Pflanzungen etwas auggerichtet hatte; auf ſeine Eingebung wurde ein ge⸗ wiſſer Platz mit Buchen beflanzt, ſtatt mit Fichten, ob⸗ ſchon der Beſitzer von Heron Caſtle den Vorſchlag im erſten Augenblick mit unverkennbarer Verachtung auf⸗ genommen hatte. Es lag beinahe etwas Unwiderſteh⸗ liches in dem kindlichen Ernſt, womit er ſ inen Zwe verfolgte; es lag etwas ſo Careſſirendes(dieß iſt der einzige Ausdruck dafür) in ſeiner Art, darauf zu drin⸗ gen: wenn die Sache unbedeutend war, ſo ſchien es ſo unhöflich, ihm nicht zu willfahren; wenn ſie von Be⸗ deutung war, ſo ſchien er ſein ganzes Herz daran ge⸗ ſetzt zu haben, und ſo machte er ſeinen Weg, und ſo trib er es mit J dermann, und Jedermann liebte ihn noch mehr, als man es geſtand; ſelbſt Oberſt Leslie, obſchon er über die Art ſpottete, wie Andere dieſen jungen Neville verwöhnten, war immer erfreut, ihn zu ſehen, ging von ſeinem Wege ab, um auf den Prome⸗ naden mit ihm zuſammenzutreffen, und unterließ einen ſchon lange vorher beſprochenen Ausflug nach Sanct Wulſtans⸗Abtey, weil Edmund, der arme Junge, Kopf⸗ weh hatte und nicht mitgehen konnte. Margaret und Edmund beſichtigten jetzt die Ge⸗ mälde im Speiſeſaal mit einem Intereſſe, das auf beiden Seiten gleich ſchien, denn ſie liebte ſie als die Gefährten ihrer Kindheit, als die Gegenſtände ihrer Träume in den letzten Jahren und als die vertrauten Bilder, die ſich in alle Erinnerungen der Vergangen⸗ heit eingewoben hatten. Er ſchien ſie zu genießen wie ein Mann, der ihren Werth als Künſtler zu ſchätzen verſteht, und mit Intereſſe lauſchte er den Familien⸗ geſchichten, die ſich an einige derſelben knüpften. Sie blieben einige Zeit vor einem Porträt des Oberſten 29 Leslie, das für Margaret's Mutter juſt vor ihrer Hei⸗ rath gemait worden war, ſtehen. Es ſchien Edmund'’s Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Er ſchaute es an, als ob ſeine Augen ſich nicht mehr davon abwenden wollten; Margaret ſprach zweimal zu ihm, ohne ihn aufzuwecken, und als ſie ihn zum drittenmal fragte, ob er es ähn⸗ lich fände, antwortete er langſam:„Sehr ähnlich,“ und ſchaute es noch immer mit unverminderter Aufmerkſam⸗ keit an. Endlich wandte er ſich ab und ſagte ſchnell: „Wie alt iſt Ihr Vater?“ tet Anngeſähr zweiundvierzig, glaube ich,“ antwor⸗ eete ſie. „Und Sie?“ fragte Edmund mit einem Lächeln. „Nicht ſehr fern von neunzehn,“ antwortete ſie. „Und Jure Schweſter?“ fuhr er fort. Margaret fuhr zuſammen und liß ihre großen veilchenblauen Augen mit einem unruhig forſchenden Ausdruck voll auf ihm ruhen. Es war ein Traum ihrer Kindheit geweſen, daß ſie eine Schweſter habe, ſie hatte eine vage Erinnerung, einmal gehört zu haven, wie ihre Großmutter zu ihrer Gouvernante, als ſte ſich von ihr unbelauſcht glaubten, ſagte:„Wenn man nur daran denkt, daß dieſe kleine italieniſche Prinzeſſin ihre Schweſter iſt!“ Mit der ſelt amen Zurückhaltung, weiche ſich ſelbſt bei den offenherzigſten und argloſeſten Kin⸗ dern findet, hatte ſie dieß in ihrem Gemüth bewahrt und daruber nachgeſonnen, ohne je mit einem Menſchen davon zu ſprechen, bis allmälig der Eindruck verſchwand und ſich unter den geſchaftigen Gedanken des täglichen Lebens verlor. Im Verlauf der Zeit ſchien es ihr ſo unnatürlich, daß, wenn ſie wirklich eine Schweſter hätte, Niemand ihren Namen ausſprechen oder eine Anſpielung auf ſie machen ſollte, daß ſie zuletzt dieſe Erinnerung unter die wilden Phantaſteen zählte, die in einſamen Stunden ſo oft eine Form gewinnen in den nachdenk⸗ lichen Betrachtungen der Kindheit. Edmund's Frage ſchien wie durch einen elektriſchen Schlag eine Reihen⸗ 80— folge von Gedanken in ihrem Geiſte zu wecken, und ihr Herz ſchlug ſehr heftig, als ſte antwortete: „Vor Jahren habe ich mir einmal eingebildet, irgendwo in der Fremde eine Schweſter zu haben, aber da Niemand ihrer gegen mich erwähnte, ſo habe ich aufgehört, es für möglich zu halten. Was wiſſen Sie denn von einer Schweſter, die ich haben ſoll?“ „Man hat mir geſagt, Sie hätten eine,“ ant⸗ wortete er gleichgültig;„aber es mag wohl ſein, daß ich mich geirrt habe. Zeigen Sie mir die Copie von Guido's Speranza, von der Sie neulich ſprachen.“ Margaret öffnete die Thüre von Oberſt Leslie's Arbeitszimmer und führte ihren Begleiter zu dem Ge⸗ mälde, aber ihr Herz war voll. Sie wandte ſich plötz⸗ lich um und ſagte in ernſtem Tone zu Edmund: „Wollen Sie die Güte haben, mir zu ſagen, Mr. Neville, wann und wo Sie gehört haben, daß ich eine Schweſter habe? Es wäre ein ſolches—“ Sie hielt plötzlich inne und wandie ſich raſch auf die Seite. „Ein ſolches Was?“ rief Edmund eifrig. „Ein ſolches Gluͤck,“ rief ſie mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Thränenguß.„Mir fehlt eine Schweſter,“ fuhr ſie in großer Aufrequng fort.„Sie ſind Alle ſo gut, ſo freundlich, ſo verſtändig, die Leute, die mich lieben und die ich liebe; und Walter— der theure Walter— ich liebe ibn von ganzem Herzen; aber ſie ſind zu gut, zu verſtändig, zu geduldig gegen mich. Mir fehlt eine Schweſter, mit der ich ſprechen, lachen, mich herumzanken könnte— und ſie lächelte durch ihre Thränen. 4 Edmund ergriff ihre Hand und küßte ſie. „Margaret! theure Margaret!“ begann er,„ich habe Ihnen etwas zu ſagen— etwas, das ich Tag für Tag Ihnen ſagen zu können mich geſehnt habe. Wollen Sie mir jetzt Ihr Ohr leihen? wollen Sie mich an⸗ hören, theuerſte Margaret?“ 81 „Nein, nein,“ rief Margaret, indem ſie von ihrem Stuhl auffuhr, während eine flammende Röthe ſich auf ihrer Stirne, ihren Wangen und ihrem Hals verbreitete. „Ich beabſichtige das nicht— Sie haben mich gänzlich mißverſtanden— ich meinte nicht—“ In dieſem Augenblick wurde die Hausglocke ſehr heftig angezogen; einen Augenblick ſpäter hörte man Oberſt Leslie's Tritte auf den Treppen, und bevor die Thüren ſeines Arbeitszimmers aufflogen, war Margaret durch den Garteneingang verſchwunden. Edmund entſchuldigte ſich mit der vollkommenſten Selbſtbeherrſchung, daß er in ſein Arbeitszimmer ein⸗ gedrungen ſei, und kehrte auf's Allergemächlichſte nach dem Geſellſchaftsſaale zurück, wo er Mrs. Thorton's Aufmerkſamkeit von zwei Geſchäften in Anſpruch ge⸗ nommen ſah, erſtens den Schwanz ihrer Katze zu ſchattiren, und zweitens Mr. Sydney zu beweiſen, wie abſolut nothwendig es ſei, die Beulen der Kinder ſchon in den früheſten Zeiten ihres Daſeins genau zu unter⸗ ſuchen. In der That waren ihre Gefühle in dieſem Punkte ſo ſtark, daß ſie erklärte, wenn ſie noch ein Kind bekommen ſollte, ſo wollte ſie lieber, es würde ganz ohne Kopf geboren, als ohne gewiſſe Beulen, Verer Beſit ſte als unumgänglich nothwendig be⸗ rachtete. Wir müſſen Margaret auf ihr eigenes Zimmer nachfolgen, wohin ſie gerannt war mit dem Bewußtſein, daß irgend etwas Wichtiges ſich ereignet habe, aber ohne eine klare Idee von dem, was ſich während der letzten Minuten zugetragen. Ihre Hände waren zu⸗ ſammengelegt und ihr Kopf ruhte auf ihnen. Sie dachte an den erſten ernſten Blick dieſer durchdringenden Augen, die ſich ſeither ſo oft mit einem Ausdrucke innigen Intereſſes, das ſie Tag und Nacht beſchäftigte, auf die ihrigen gerichtet hatten. Sie dachte an das kindliche Vergnügen, mit welchem ſie Edmund's Be⸗ ſuche entgegengeſehen, an die kindliche Freude, womit Schloß Grantley. J. 6 3 83 ihrer Kindheit ſo oft ergötzt hatte. Sie rückte von Stuhl zu Stuhl, von Fenſter zu Fenſter, ſie öffnete jedes Buch auf dem Tiſche, und dann warf ſie ſich in ihren niedrigen Lehnſtuhl vor dem Feuer und überließ ſich ihren Betrachtungen, wobei die kurze, aber bedeu⸗ tungsvolle Scene in ihres Vaters Arbeitszimmer immer und immer wieder aufgeführt wurde. Ihre Wangen wurden von Neuem karmoiſinroth, wenn ſie daran dachte, daß ſie vielleicht durch ihre eigenen unbedachten Ausdrücke Edmund das Geſtändniß ſeiner Gefühle ent⸗ lockt habe; ſie hatte dieſem Geſtändniß rechtzeitig, um ihre eigene Achtung zu retten, Einhalt gethan; aber ob er ſie je wieder erſuchte, ihn anzuhören? oder ob er ſie wohl beim Worte nahm und nie wieder um ſie freite? O nein, ihre Augen— und ſie ſah im Spiegel dieſe großen, dunkeln, muthwilligen Augen an— mußten ihn bald zu ihren Füßen zurückführen; ſie betrachtete den Wärmer, auf welchem die niedlichſten Füßchen der Welt ruhten, und das Lächeln, das auf ihren Lippen ſpielte und auf ihren Wangen Grübchen hervorrief, mußte für ſich allein genug ſein, ſelbſt den halsſtarrig⸗ ſten Bewunderer von einem Ende der Welt zum andern zurückzubringen.„Und glücklicherweiſe,“ dachte Mar⸗ garet, und das Lächeln verwandelte ſich in ein Lachen, „iſt er noch nicht am andern Ende der Welt, und wenn er je dahin geht oder überhaupt von Grantley abreiſt, ohne ſich noch einmal vorher Gehör zu erbitten, ſo will ich nicht mehr Margaret Leslie heißen und nicht mehr meines Vaters Tochter ſein.“ Und die verwöhnte kleine Schöne verließ ihr Zimmer mit einem ſo feſten Tritt und ſo entſchloſſener Miene, als gelte es die Mauern von Badajos oder die Wälle von Burgos zu erklimmen. Als Margaret in's Geſellſchaftszimmer trat, fand ſie, daß Walter zum erſtenmal mit Hülfe eines Stockes daſelbſt angelangt war und in einer Ecke zwiſchen dem Fenſter und einem der ungeheuern Kamine dieſer alt⸗ 6* modiſchen Stube ſeinen Platz eingenommen hatte. Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen und ſagte vergnügt: „Sie muͤſſen nicht gar zu ruͤſtig ſein wollen, Walter. Ich ärgere mich halb, daß ich Sie außer Ihrem Zimmer ſehe. Sie werden nach Heron Caſtle futiehen, wenn wir nicht ſorgſam auf unſerer Hut n.4 Walter druͤckte freundlich ihre dargebotene Hand, antwortete aber nicht in demſelben fröhlichen Tone⸗. Er fragte, ob ſie ihren Vater ſeit ſeiner Rückkehr ge⸗ ſehen habe. „Nein,“ ſagte Margaret, und in dieſem Augenblicke erinnerte ſie ſich, daß Oberſt Leslie, ſtatt wie er beab⸗ ſichtigt hatte, den ganzen Tag auswärts zuzubringen, chon nach einer Stunde nach Haus zurückgekommen war. „Wiſſen Sie, warum er nicht zu Lord Donnington gegangen iſt?“ fragte ſie „Ich denke mir, er traf den Poſtboten zwiſchen hier und Herrington, nahm ihm ſeine Briefe ab und fand einen, welcher ihn veranlaßte zurückzukehren. Wenig⸗ ſtens ſagte er etwas dieſer Art, als er über die Halle nach ſeinem Arbeitszimmer ging.“ Das Wort„Arbeitszimmer“ rief in Margaret die ganze Gedankenfolge wieder zurück, welche ſie kaum zuvor beſchäftigt hatte, und als Walter einen Augen⸗ blick nachher dieſelbe Frage an ſie richtete, die er ſchon vor drei Wochen gethan hatte, und ungefähr in dem⸗ ſelben Ton und Ausdruck ſagte:„Wie gefällt Ihnen Edmund Neville?“ da ſchien es, als hätte er in ihren Gedanken geleſen. Sie fuhr ein wenig zuſammen und hätte Alles in der Welt gegeben, um die Farbe zuruͤck⸗ zuhalten, welche ſie raſch in ihre Wangen ſteigen fühlte, aber da dieß unmöglich war, ſo wandte ſie ſich ab und kehrte Walter ihren Ruͤcken zu, wäͤhrend ſie auf eine haſtige Weiſe antwortete: „Er gefällt mir recht gut. Ihnen nicht auch?“ Walter gab keine Antwort. 85⁵ „Gefällt er Ihnen nicht auch?“ wiederholte Mar⸗ garet und dießmal blickte ſie ihm voll in's Geſicht. „Nein!“ war nach einer Pauſe von wenigen Se⸗ eunden ſeine entſchiedene Antwort. „Nein! und warum denn nicht?“ rief Margaret in einem Tone ſolcher Bekümmerniß, daß Walter noth⸗ wendig aufmerkſam werden mußte. Eine Wolke fuhr über ſein Geſicht und er war wieder ſtill. Margaret wiederholte ungeduldig ihre Frage, aber nun erſchrak ſte ihrerſeits über den leidenden Ausdruck in ſeinem Geſichte, und indem ſie ſich ſachte neben ihn ſetzte, nahm ſie ſeine Hand in die ihrige und fragte in einem ganz andern Tone zum dritten Male: „Und warum gefällt Edmund Neville Ihnen nicht?“ „Vielleicht bin ich ungerecht,“ antwortete Walter mit einer Anſtrengung.„Ich thue ihm möglicherweiſe Unrecht, aber ich kann kein Vertrauen zu ihm faſſen. Ich habe nicht das Gefühl, als ob die Wahrheit in ihm wäre.“ „Hat er Sie je getäuſcht? Hat er Ihnen je etwas Unwahres geſagt?“ „Nein, das kann ich nicht ſagen, aber er legt kei⸗ nen ſo hohen Werth auf die Wahrheit, er hegt nicht dieſe tiefe Achtung vor ihr, welche Derjenige haben muß, in deſſen Charakter ich unbedingtes Vertrauen ſetzen könnte.“ „Dieß iſt eine ſehr unbeſtimmte Anklage,“ verſetzte Margaret in verdrießlichem Tone,„und verträgt ſich kaum mit der chriſtlichen Liebe, die nichts Arges denkt und die Sie mir immer einpredigen.“ „Walter erröthete tief und legte ſeinen Kopf auf ſeine Hand, während ſie fortfuhr: „Sie, der Sie Edmund ſo innig liebten! Sie, der Sie ihn, wie Sie mir oft ſagten, beinahe als Ihren Sohn betrachteten, Sie müſſen einen ſehr ſtarken Be⸗ weis für ſeine Unwürdigkeit in Händen haben, da Sie 86 ſich dazu verſtehen können, ſeine Freunde gegen ihn aufzubringen.“ „Seine Freunde!“ ſagte Walter in Aufregung. „Iſt denn Freundſchaft die Frucht eines dreiwöchenk⸗ lichen Aufenthalts? ſind Sie die Freundin eines Mannes, den Sie vor drei Wochen noch nie geſehen hatten?“ „Ich machte ſeine Bekanntſchaft unter einem fal⸗ ſchen Eindruck. Ich bildete mir ein, er ſei Ihr Freund geweſen; jetzt bin ich enttäuſcht; aber ich ver⸗ mag Ihnen in Ihren ſchnellen Meinungswechſeln nicht zu folgen, zumal wenn Sie keine Gründe dafür anzu⸗ geben wiſſen.“ „Sie find ſtreng, Margaret, aber vielleicht gerecht. Gort verzeihe mir's, wenn ich Edmund Unrecht gethan, wenn ich ihn falſch beurtheilt habe. Ich ſprach haſtig und— doch, was ſehe ich? Thränen in Ihren Augen, mein Kind? Sprechen Sie mit mir, Theuerſte! wenden Sie ſich nicht von mir ab.— Ich kann Alles ertragen, nur das nicht. Sprechen Sie mit mir, Margaret, und verzeihen Sie mir, wenn ich frage, als ein alter Freund— beinahe ein Vater.“— „O, wenn Sie mein Vater wären,“ rief ſie, die Hände ringend,„dann wollte ich Ihnen mein ganzes Herz eröffnen.“ „Thun Sie es jetzt, Margaret, Sie werden es nie bereuen. Vertrauen Sie der Verſicherung eines Man⸗ nes, der Sie nie getäuſcht hat. Vor achtzehn Jahren ſtand ich an Ihrer Wiege— zur Seite Ihrer Mutter und liebte Sie damals um dieſer Mutter willen. Können Sie mir jetzt nicht Ihre kleinen Geheimniſſe anvertrauen— Ihre kleinen Sorgen, wenn Sie welche haben?“ 4 „Sorgen, Walter? Geheimniſſe?“ „Ja, ein Geheimniß vielleicht, aber wohl kaum eine Sorge, wenigſtens war es vor 10 Minuten keine Sorge.“ 3 87 Sie ſetzte ſich an's Piano, ſpielte zuerſt die Noten und ſang dann leiſe die Worte eines franzöſiſchen Lied⸗ chens, das ſo endete: „Mon secret, mon secret, mon bonheur, II est la, il est là, dans mon coeur!“*) Als ſie ihren Sang vollendete, heftete ſie ihre Au⸗ gen auf Walter, und ihr Ausdruck erinnerte ihn an jene Augen, welche er in den Tagen ſeiner Kindheit und frühen Jugend ſo oft von dieſer nämlichen Stelle angeſchaut hatte, und in der Stille ſeines Herzens ver⸗ ſprach er ſeiner Mary im Himmel, daß er über ihr Kind wachen und es auf ſeinem gefährlichen Wege mit ſo feſter Hand und mit ſo ſicherm Auge leiten wolle, als befände er ſich ſelbſt außer dem Bereich menſchlicher Befürchtungen, Hoffnungen und Leidenſchaften. Es war ein heiliges Gelübde, die Frucht einer jener Gemüths⸗ bewegungen, welche ſich tief im Herzen feſtſetzen, bis ſie zur That erſtarken. Margaret ſchlug die Blätter ihres Notenbuches um, und indem ſie es dann plötzlich wieder ſchloß, blickte ſie mit ſanfter und ernſter Miene auf; ihre Stimme zitterte leicht, als ſie ſagte: „Ich will Ihnen die genaue Wahrheit ſagen, Wal⸗ ter. Mir gefällt Edmund Neville— wie ſehr oder wie wenig, weiß ich ſelbſt kaum. Es iſt für mich etwas Wunderliches, daß ich Wohlgefallen an einem neuen Bekannten finde, einer Perſon von meinem eigenen Alter, einem Menſchen, der allen denjenigen ſo unähn⸗ lich iſt, die ich bisher ſo innig liebte— ich kann nicht ſagen, wie innig, Walter;“— Thränen traten wieder in ihre Augen, aber ſie hielt dieſelben zurück und ſte zitterten nur auf ihren dunkeln Wimpern,„und jetzt, da ich denke, er liebe mich, da er es nur noch nicht förmlich ausgeſprochen hat, jetzt erſchrecke ich vor ihm, *) Mein Geheimniß und mein Glück, Es ruht in meinem Herzen! 88 vor mir ſelbſt und vor Ihnen, Walter,“ fügte ſie mit fregung hinzu,„denn ich ſehe, daß meine unglücklich macht. Wenn es ſich ſo ver⸗ hält, Walter— wenn Sie wirklich übel von ihm den⸗ ken— wenn in der That, wie Sie ſo eben ſagten, die Wahrheit nicht in ihm iſt, heimniß, mein letztes Gluͤck ſo will ich mein erſtes Ge⸗ aufgeben.“ Walter ſtand auf und kam an ihre Seite. Seine Stimme war vollkommen ruhig, als er langſam und nachdrucksvoll ſagte:„Mein liebes Kind, ich ſprach ohne genügende Gründe, als ich Edmund Neville an⸗ ſchuldigte; ich habe kein Recht, ſolche Anklagen vorzu⸗ bringen, und wenn Sie an ihm etwas geſehen haben, was Ihr Herz rührte, ſo wage ich es nicht, ihn zu be⸗ Ich wage meinen eigenen qualvollen Be⸗ fürchtungen nicht garet, mein liebes zu vertrauen— und doch— Mar⸗ „theures Kind, ſeien Sie wohl auf Ihrer Hut!— Vergeſſen Sie, was ich geſagt habe— denken Sie nicht an mich, an meine überängſtliche Sorge— aber beobachten Sie ihn— beobachten Sie ſich ſelbſt— ſcherzen Sie nicht mit einem Schatz von unnennbarem We⸗ hinweg— halten rthe— geben Sie ihn nicht zu raſch Sie inne— und beten Sie. Mehr kann ich nicht ſagen.“ an ſeine Lippen chte ihre Hand Walter, der fie ernſt preßte. Beide erhoben ſich zuſammen und ſtanden am Fenſter, nach den ſchwarzen ſchweren Wolken emporſchauend, welche wild über den Himmel hinrannten, getrieben von denſelben ſtürmiſchen Wind⸗ ſtößen, die vor ihren Augen die letzten noch übrigen Herbſtblätter abriſſen. Sie ſprachen nicht; beide Her⸗ zen waren voll, beide fuhren zuſammen, als die Stimme von Oberſt Leslie i an der Thüre des men war wo mö hre Träumereien ſtörte. Er ſtand Bibliothekzimmers, und ſein Beneh⸗ glich noch finſterer und förmlicher denn hatte und auf ih r zu Margaret, welche ſich umgedreht n zuging, ſagte: 89 „Willſt Du ſo gut ſein und einen Augenblick auf mein Zimmer kommen.“ Sie rief eine der neufundländer Doggen, die auf dem Wollteppich lag, und flüſterte Walter, als ſie an ihm vorüber ging, zu:„Sehen Sie Ebro's Schwanz an. Gewiß wedelt er aus lauter Sympathie ſo;“ dann beugte ſie ſich eine Minute hinab, um den alten Hund zu ſtreicheln und trat in ihres Vaters Zimmer, wohin ſie niemals vorher auf eine ſo förmliche Art oder über⸗ haupt auf irgend eine Art eingeladen worden war. Die Stellung zwiſchen Beiden hatte vom erſten Augenblick ſeiner Rückkehr nach England an einen un⸗ glücklichen Charakter angenommen. Als ſie nach Lon⸗ don kam, waren ihre warmen und ungeſtümen Gefühle zu Eis geworden durch ſeinen kalten Empfang, und da ſie nicht gewöhnt war, ihre Eindrücke zu verbergen, ſo war die Rückwirkung ſeines Benehmens auf das ihrige eine ſo plötzliche geweſen, daß er bei ihr nicht den mindeſten Schein einer Anhänglichkeit an ihn entdeckt hatte. Er gewann die Ueberzeugung, daß die Familie ihrer Mutter ihr gefliſſentlich Vorurtheile gegen ihn eingeflößt habe, und er dachte keinen Augenblick daran, daß man ihr ſeine zweite Ehe, ſowie das Vorhanden⸗ ſein einer zweiten Tochter gänzlich verſchwiegen. Er argerte ſich daher oft über Bemerkungen, welche ſie in vollſtändiger Bewußtlofigkeit machte, und denen er Mo⸗ tive unterſchob, die ihren Gedanken gänzlich fremd waren. Er meinte, ſie ſchweige abſichtlich über ſolche Dinge, und hielt dieß für herzloſe Affectation; mit ſeiner Er⸗ bitterung nahm daher auch ſeine Rückhaltloſigkeit zu. Margaret, die überzeugt war, daß er ſie nicht liebe, wußte ſich nicht richtig zu benehmen, ſelbſt vorausgeſetzt, daß dieß wirklich der Fall geweſen wäre. Sie füͤhlte ſich abgeſtoßen durch die Kälte ſeines Benehmens gegen ſie und beleidigt durch ſeine Gleichgültigkeit gegen alle lebendigen und lebloſen Gegenſtände ihres Intereſſes; und oft ließ ſie ſehr deutlich ihre engliſchen Neigungen 90 und engliſchen Vorurtheile auf eine Art in den Vorder⸗ grund treten, welche, wenn ſie die Geſchichte ihres Va⸗ ters gekannt hätte, Mangel an Gefühl und gutem Ge⸗ ſchmack verrathen haben würde. Eines Tags beſonders, als ſie ſich über einige ſarkaſtiſche Bemerkungen ärgerte, erſcheinen. Ein andermal ſprach ſie mit entſchiedener Abneigung und Verachtung von den Katholiken, in einem Tone, dem Walter Sydney immer Schranken zu ihr zu bekennen. Bei dieſer letzten Gelegenheit firirte er Margaret mit einem finſtern Ausdruck, wel⸗ Er deutete auf einen großen, grünen Safftanſtuhl, hieß ſte Platz nehmen, ſtellte ſich ihr gegenüber, mit dem Rücken an das Feuer, räuſperte ſich zwei oder drei Mal und ſagte dann kurz abgebrochen: „Ich habe heute früh einen Brief erhalten, welcher mich nöthigt, mit Dir über einen Gegenſtand zu ſpre⸗ chen, der bisher zwiſchen uns nie zur Sprache gekom⸗ 91 Margaret nahm Ebro's Vordertatzen und legte ſie auf ihren Schooß. „Ich weiß nicht,“ fuhr er fort,„welchen Eindruck es auf Dich machen wird. Sollte er ungünſtig ſein, ſo hoffe ich, Du wirſt mich das nicht merken laſſen, denn ich würde ein unfreundliches Gefühl bei einer ſolchen Gelegenheit kaum verzeihen.“ Freundlichkeit zu gebieten iſt gewiß nicht die ſicherſte Art ſie zu erhalten, und als Margaret ihren Kopf über das zottige Vorderhaupt des Neufundländers herabbeugte, antwortete ein leichtes, rebelliſches Schwellen ihres Her⸗ zens auf dieſe unglückliche Aufforderung. „Du weißt natürlich, daß Du eine Schweſter haſt?“ „Habe ich eine Schweſter?“ rief Margaret, wäh⸗ rend ihre Wangen flammten, ihre Augen ſich mit Thränen füllten und Ebro haſtig ſeine Pfoten zurück⸗ zog, welche ſie unbewußt zu hart gedrckt hatte. „Ich kann nicht annehmen,“ fuhr ihr Vater finſter fort,„daß Deine Verwandten Dich über dieſen Punkt in Unkenniniß gehalten haben, und unter den morali⸗ ſchen Verpflichtungen, in welchen Du, wie ich überzeugt bin, ſorgfäͤltig unterwieſen worden biſt, ſollte, hoffe ich, die Pflicht, Deine Schweſter freundlich und liebevoll aufzunehmen, in Deinen Augen vorwiegend ſein.“ Der Ton, in welchem dieß geſprochen wurde, verletzte Margaret auf's Tiefſte. Wären ihre Gefühle ihrem natürlichen Gang überlaſſen geblieben, ſo würde ſie wahrſcheinlich ihre Arme um ihres Vaters Hals ge⸗ ſchlungen und in wonnigem Entzücken ausgerufen haben;„Ich habe alſo eine Schweſter! Laſſen Sie mich ſie ſehen! laſſen Sie mich zu ihr gehen!“ aber ihr Herz ſchwoll in dieſem Augenblick voll Unmuth über das, was ſie ihres Vaters Ungerechtigkeit und Härte nannte; die Freude, welche dieſe Nachricht an und für ſich ihr bereitet haben würde, wurde ver⸗ ſchlungen vom Groll über die Art der Mittheilung, und ſie antwortete mit Bitterkeit: 92² „Ich habe immer diejenigen geliebt, die mich lieben; aber gegen Fremde, mögen ſie nun mit mir verwandt ſein oder nicht, empfinde ich bloß Gleich⸗ gültigkeit.“ Oberſt Leslie's Brauen verdüſterten ſich, und er antwortete finſter: „Ich bedauere zu finden, daß Deine Gefühle dieſer Art ſind, aber wenn Du auch üher ſie nicht Herr ſein magſt, ſo biſt Du es doch über Deine Handlungen, und ich muß Dich erſuchen, wohl zu bedenken, daß von der Art, wie Du Deine Schweſter behandelſt, deren Be⸗ kanntſchaft Du bald machen wirſt, großentheils meine Rückſicht gegen Dich ſelbſt abhängen wird.“ „Ich ſollte dankbar alle Mittel annehmen, die dazu dienen können, mir den Weg zu Ihrer Rückſicht zu eröffnen!“ Als Margaret dieſe Worte ſprach, erſtickte ſte beinahe vor innerer Aufregung, aber ſie machte eine Anſtrengung, freilich eine unglückſelige Anſtrengung, denn verletztes Gefühl hatte den Satz begonnen und gereiztes Temperament vollendete ihn, das heißt ſie fügte hinzu:„ſo unwillkommen dieſelben auch an und für ſich ſein mögen.“ Oberſt Leslie biß ſich in die Lippe und ſagte ruhig, aber mit Bitterkeit: „Crlaube mir zu hoffen, daß dieſe freundſchaft⸗ lichen Geſinnungen Dir von Andern eingeflößt worden ſind. Ich vermuthe, ſie ſind das Ergebniß der Beleh⸗ rungen, welche Walter Sydney Dir ſo fleißig hat an⸗ gedeihen laſſen.“ Margaret's Augen flammten bei dieſer ungerechten Verdächtigung, und indem ſie ihrem Vater voll in's Geſicht ſah, antwortete ſie: „Sie kennen Walter Sydney nicht! Sie können ihn nie gekannt haben, ſonſt hätten Sie keinen Augen⸗ blick annehmen können, daß er mir irgend andere, als gute, wahre und liebevolle Gefühle habe einflößen können.“ 3 93 4 Ihre Energie ſchien ihrem Vater zu gefallen und er ſah ſie mit mehr Güte an. „Du weißt vielleicht nicht, Margaret,“ ſagte er, „daß es ein garſtiges und ſchädliches Unkraut gibt, welches die reinſten und ſüßeſten Quellen verbittern und beflecken kann. Vorurtheil iſt ſein Name und ein einziger Tropfen kann die Milch der menſchlichen Güte ſelbſt bei den ſanfteſten Naturen vergällen. Walter's Vorurtheile haben ſo oft die Form von Tugenden angenommen, daß ſie in ſeinem Geiſt zuletzt mit ihnen identiſch geworden ſind, und wenn Du die⸗ ſelben eingeſogen haſt, ſo kann ich nur den Tag bekla⸗ gen, wo ich Dich ſeiner freundſchaftlichen Obhut an⸗ vertraute.“ „Ich könnte beinahe in meinem Herzen Veran⸗ laſſung finden, in dieſes Bedauern mit einzuſtimmen,“ verſetzte Margaret,„denn es iſt vielleicht gefährlich fuͤr das Glück eines Menſchen, mit einer Zärtlichkeit geliebt zu werden, die nichts übertreffen kann, und Tag für Tag das Beiſpiel einer Güte vor ſich zu ſehen, die alle andern Verdienſte in den Schatten ſtellt und die Kälte und Härte der Welt ſo ſeltſam und ſo abſtoßend erſcheinen läßt.“ „Es thut mir leid zu hören, daß Du die Welt ſo kalt und ſo hart gefunden haſt. Ich dächte in der That, Du kämeſt juſt erſt aus der Schulſtube, aber dieß ſind vielleicht Walter's Phraſen, auch möchte ich wohl hoffen, daß einige Deiner Gefühle von ihm entlehnt find.“ „Er hat eine Phraſe,“ verſetzte ſie,„welche ich wohl aufgefaßt und in mein Gedächtniß eingeſchrieben habe:„Die Welt iſt für Jeden von uns diejenige Scene des Handelns, wo wir auf unſere erſten Sorgen ſtoßen und mit unſeren erſten Verſuchungen zuſammentreffen, dieß mag nun in der Einſamkeit unſeres Zimmers oder in der Mitte unſerer Familie ſein!“ Ich bin heute mit meiner Welt zuſammengetroffen.“. Dieſe letzten Worte ſprach ſie ſo unhörbar, daß ſte 1 94 Oberſt Leslie's Aufmerkſamkeit enigingen, und er fuhr in trockenem und abgemeſſenem Tone alſo fort: „Da wir auf die Gefühle von einander nicht ein⸗ gehen können, ſo werden wir wohl am Beſten thun, uns auf die thatſächlichen Umſtände zu beſchränken. So unwillkommen dieſe Nachricht Dir ſein mag, ſo muß ich Dir mittheilen, daß Deine Schweſter bald in England und natürlich bald darauf in Grantley an⸗ langen wird. Ich hoffe, Du wirſt Dich inzwiſchen dazu entſchließen können, ſie, wenn auch nicht mit Liebe, doch wenigſtens mit Freundlichkeit zu empfangen.“ Die kalte Art, womit dieß geſagt wurde, ging für Margaret verloren. Ihr Geſicht war in ihre Hände verborgen, Thränenſtröme erzwangen ſich den Weg zwi⸗ ſchen ihre zarten Finger hindurch, waͤhrend ihre Bruſt wogte vor unbezwingbarer Aufregung.„Meine Schwe⸗ ſter! meine Schweſter!“ wiederholte ſie zwei⸗ oder drei⸗ mal, und wenn Oberſt Leslie in dem Herzen ſeines weinenden und aufgeregten Kindes hätte leſen können, ſo würde er ſie an ſeine Bruſt gedrückt haben, und die Eiswand, die ſich zwiſchen ſie geſtellt, wäre in der Rührung dieſer Stunde zerſchmolzen wie Schnee im Sonnenſchein. Aber das Schweigen— das Schwei⸗ gen— dieſes ſchreckliche Werkzeug des Guten und des Böſen, abwechſelnd der geweihte Wächter unſerer heilig⸗ ſten Gefühle, der finſtere Kerkermeiſter unſerer reinſten Anregungen oder der Förderer unſerer ſchlechteſten Lei⸗ denſchaften— ſtand zwiſchen ihnen, und Oberſt Leslie wandte ſich ab und verließ das Zimmer mit bewölkter Stirne und trübem Gemüthe, während ſeine Tochter die Hände zuſammenſchlug und mit leidenſchaftlicher Heftigkeit ausrief: „Schweſter! Schweſter! ich habe bei Tag ſehn⸗ ſüchtig nach Dir verlangt und bei Nacht von Dir ge⸗ träumt! und nun iſt der Gedanke an Dich wie eine dunkle Wolke an einem ſonnigen Himmel gekommen. Er beunruhigt, er verwirrt, er bedruckt mich. Lieber 95 Walter, kommen Sie zu mir. Sprechen Sie zu mir— Sie lieben mich, Walter, Sie ſorgen für mich. Ver⸗ laſſen Sie mich nicht, Walter.“ Sie blickte auf und Walter war an ihrer Seite, ihr mit dem ängſtlichen Ausdrucke in’s Geſicht ſchauend, womit er immer jede Bewegung ihrer Miene bewachte. Daß er wirklich da ſein mußte, gerade in dem Augen⸗ blick, wo ſie etwas poetiſch in ihrer Aufregung ihn anrief, gab dem Strome ihrer Gedanken eine andere Richtung, und ein glänzendes Lächeln blitzte durch ihre Thränen, indem ſie ſagte: „Walter, ich glaube faſt, Sie ſind ein Zauberer. Ich brauche bloß an Sie zu denken, ſo erſcheinen Sie.“ Er lächelte gleichfalls und antwortete: „Ja, Margaret, wenn eine Zauberkunſt nöthig iſt, um zu errathen, wann Sie meiner beduͤrfen, ſo will ich mich ſchuldig bekennen, denn ich weiß recht gut, wann mein verwöhntes Kind ihres alten Walter bedarf, um ſie ihrer Thränen wegen auszuzanken und ihr mit neun⸗ zehn Jahren zu ſagen, was ich ihr mit drei ſagte, daß das Weinen nichts hilft, ſondern nur den Leuten ein garſtiges Anſehen gibt.“— „ Das iſt lauter Unſinn, Walter. Erſtens ſehe ich jetzt nicht garſtig aus. Oder?“ Er konnte nicht Ja ſagen— glänzende Thränen rollten über ihre heißen Wangen, wie Regentropfen an einer Damaſcenerroſe—„und zweitens ſchafft das Weinen dee Gutes. Es iſt, wie ein Gewitter. Es reinigt die u.4. „Dann müſſen Sie nicht ſagen, ich hätte keinen Grund zu weinen, Walter. Ein zorniger und unfreund⸗ licher Vater iſt ein wahrer Kummer.“ „Still, Margaret, Sie denken nicht, wie Sie ſhrechen, „Ich denke, wie ich ſpreche, und ſogar noch mehr, als ich ſpreche. Ich habe eine Schweſter! ich könnte dieſe Schweſter von ganzem Herzen lieben, und dieß 96 hätte einer der glücklichſten Tage meines Lebens ſein können. Nun aber hat mein Vater auf einen Augenblick die Empfindung in mir erregt, als ob ich dieſe Schwe⸗ ſter haßte und das elendeſte aller Weſen wäre. Ich kann es ihm kaum verzeihen, daß er durch ſein unge⸗ rechtes und barſches Benehmen das Glück verderbte, das ich in einem ſolchen Augenblick hätte empfinden können. Ich hätte nicht weinen, ich hätte dieſen qual⸗ vollen Schmerz nicht in meinem Herzen haben ſollen an dem Tag, wo ich zuerſt von meiner Schweſter hörte. Warum ſagten Sie mir nie von ihr? ich werde bald anfangen, auch an Ihrer Güte zu zweifeln, Walter.“ „Vielleicht hätte ich Sie darauf vorbereiten ſollen, argaret, aber Ihres Vaters zweite Ehe—.“ „Halten Sie ein— o ja— ich verſtehe— mein Kopf iſt ſo verwirrt— ja, ich ſehe, daß ſich mein Vater wieder verheirathet hat, ſonſt hätte ich keine Schweſter haben können. Wann heirathete er? wen heirathete er?“ „Er heirathete ſehr bald nach dem Tode Ihrer Mutter(ein tiefer, aber ſchnell unterdrückter Seufzer begleitete dieſe Worte) und ſeine zweite Frau—“ „War eine Italienerin, nicht wahr?“ ſiel Mar⸗ garet ein. Warum haben wir ſie nie geſehen? Sagen Sie mir Alles, was Sie von ihr wiſſen.“ „Wir wiſſen nur tneni) von der Sache, Margaret. Sie ſtarb zwei Jahre nach ihrer Hochzeit, und ſo lange ſte lebte, beſtand nur wenig Verkehr zwiſchen Ihrem Vater und Jemand von uns. Sie wiſſen, daß er ſeit⸗ dem, mit Ausnahme eines kurzen Beſuchs, beharrlich abweſend war, und er hat über ſeine zweite Ehe nie⸗ mals gegen mich oder ſoviel ich weiß, gegen irgend eine andere Perſon hier auch nur ein Wörtchen ver⸗ lauten laſſen. Bei einem ſo gänzlichen Stillſchweigen wußte ich nicht gewiß, ob er, ſelbſt wenn ſeine Toch⸗ ter noch lebte, die Abſicht hatte, ſte nach England zu bringen. Da ich dachte, Sie wüßten nichts vom Daſein 4 Ihrer Schweſter, ſo glaubte ich mich nicht befugt, Ihnen von einem Gegenſtande zu ſagen, welcher bloß Ihr Gemüth hätte beunruhigen können, und in Betreff deſſen ich mich ſelbſt ſo ſehr im Dunkeln befand. Ver⸗ zeihen Sie mir jetzt?“ „Vielleicht, obſchon wir uns beinahe wegen dieſer Sache überworfen hätten. Meine Schweſter muß viel jünger ſein als ich?“ „Sie muß etwa 17 Jahre haben, denke ich,“ ver⸗ ſetzte Walter;„ihre Geburt wurde uns zur Zeit förm⸗ lich angezeigt.“ „Und wie heißt ſie? wiſſen Sie das?“ „Ginevra, glaube ich. Ihre Mutter hieß Ginevra Ferrari.“ „Ein hübſcher Name. Ich bin begierig, ob fie hübſch iſt. Ich ſehne mich, ſie zu ſehen! Wie ganz anders iſt mir jetzt zu Muth, als vorhin, da mein Vater mit mir ſprach! Es iſt dieß der umgekehrte Fall von jener hübſchen Stelle im Taſſo: Cosè a l'egro fanciul porgiamo aspersi Di soave licor gli orli del vaso, etc.* Die Bitterkeit war am Rande dieſer Schaale und die liebliche Süßigkeit war innen.“ „ Ich hoffe, Sie werden Ihren Vater ſehen laſſen, daß Sie es ſo gefunden haben.“ Margaret lächelte und preßte die Spitze ihrer Zunge an ihre Lippen. „Ich fürchte die Bitterkeit wieder zu verſchmecken, wenn ich mit ihm ſpreche. Aber Walter, wie froh bin ich, daß ich Italieniſch gelernt habe? Glauben Sie, daß Ginevra Engliſch ſprechen werde? Ich werde mich fürchten, Italieniſch mit ihr zu ſprechen. Was wird Großmama zu dem Allem ſagen, und Mrs. Dalton, welche zu glauben ſcheint, Ausländer ſtehen zwiſchen den Engländern und den Affen, wie ihre Seeneſſeln, *) So reichen wir dem kranken Kind den Rand der Schaale mit ſüßem Saft benetzt. Schloß Grantley. 1. 1 98 die ſie ſo liebt, zwiſchen den Thieren und Vegetabilien? Aber natürlich iſt Papa's Tochter nicht ganz eine Aus⸗ länderin. Oder was meinen Sie, Walter?“ Was Walter darauf antwortete, war etwas unklar, und in dieſem Augenblicke erſchien ein Diener, um Margaret in's Geſellſchaftszimmer zu rufen, wo einige Gäſte angelangt waren. Sie eilte, dieſelben ſo höflich zu empfangen, als ihr dieß bei ihrem innigen Verdruß über ihr Erſcheinen möglich war. Walter folgte ihr, und die neuen Ankömmlinge, die jetzt eine halbe Stunde lang den Einwohnern von Graniley alles Mögliche vorſchwatzten, träumten nichts davon, daß unter dieſen Allen Niemand war, deſſen Gedanken nicht himmelweit von Grafſchaftsbällen, Gemeindeverſammlungen und dergleichen Gegenſtänden entfernt lagen, gegen welche Mr. Thornton ſonſt ſelten ganz gleichgültig war, wo⸗ rein ſich aber jetzt Erſcheinungen von Pomeranzenhainen und ſchwarzen Augen miſchten, die für ihn allerdings weit weniger Anziehungskraft beſaßen, in dieſem Augen⸗ blicke aber ſonderbarerweiſe alle ſeine Gedanken in Anſpruch nahmen. Sechstes Capitel. Man kann ſich leicht denken, daß in den nächſten Tagen nach der Ankündigung, die auf Schloß Grantley eine ſo große Aufregung hervorgebracht hatte, die An⸗ kunft der zweiten oder der italieniſchen Miß Leslie, wie ſie öfter bezeichnet wurde, der Gegenſtand aller Unterredungen war, wenn nicht gerade etwa die An⸗ weſenheit des Oberſten ſelbſt ſolche Geſpräche unter⸗ brach. In ſeiner Gegenwart hielt man dieß für einen verbotenen Punkt, und da er die einzige Perſon war, welche über die Zeit und Art dieſer Ankunft, ſowie über den Gegenſtand dieſer geſpannten Neugierde ge⸗ 99 nauen Aufſchluß zu ertheilen vermochte, ſo blieb für alle Arten der Spekulation ein gewaltiger Spielraum übrig. Oberſt Leslie ſchien zu wünſchen, daß die an⸗ weſende Geſellſchaft nicht aufbreche, und daraus ſchloß Margaret, daß er es zu vermeiden ſuchte, mit ihr allein gelaſſen zu werden in einem Augenblick, welchen Beide gleich ſehr fürchteten und doch ſo ſehnlich herbeiwünſchten. Zwiſchen ihnen wurden keine Worte mehr über den Gegenſtand gewechſelt. Sie machte einige ſchüchterne Anſpielungen auf denſelben in der Hoffnung, dem Ein⸗ drucke entgegenzuarbeiten, welchen er von ihrem Be⸗ nehmen bei der erſten Gelegenheit mitgenommen hatte; aber er ſchnitt alle Annäherungsverſuche mit ſolcher Herbheit und Entſchiedenheit ab, daß ſie ihre Bemühun⸗ gen aufgab und endlich mit einer Miſchung von Unge⸗ duld und Zufriedenheit zu ſich ſelbſt ſagte: „Gut, er muß dennoch ſprechen, bevor ſie kommt, wie ſoll ſonſt ihr Zimmer in Stand geſetzt werden? Und er haßt jede Berührung mit Mrs. Ramſay ſo ſehr, daß ich denke, er wird ſich herablaſſen, mir ſeine Befehle zu ertheilen.“ S ie war betroffen von der Dringlichkeit, womit ihr Vater Sydney und Thornton aufforderte, ihren Beſuch zu verlängern, und mit noch größerem Vergnü⸗ gen hörte ſie, wie er Edmund Neville einlud, bis über Weihnachten bei ihnen zu bleiben, was dieſer zuerſt ſchwach ablehnte und dann zuletzt annahm. Mrs. Thorn⸗ ton befand ſich weit lieber auf Schloß Grantley, als im Pfarrhauſe. Sie empfand ein glühendes Verlangen, bei der Ankunft Ginevra's zugegen zu ſein(ein Ereig⸗ niß, das, wie ſie oft zu ihrem Manne ſagte, den Wendepunkt in ihrem Leben bilden mußte), aber zu gleicher Het hätte ſie gerne durch ihre Abweſenheit ihre gänzliche Mißbilligung des Vorhandenſeins einer ſolchen Perſon, eigentlich ihre Unbewußtheit um dieſen Umſtand ausgedrückt— denn, wie ſte Margaret juſt verſichert hatte, ſie konnte das Recht dieſes zuslandiſchen * 3 100 Mädchens, ſich Oberſt Leslie's Tochter zu nennen, in keinem andern Sinne zugeben, als daß dieſelbe zufällig ſeine Tochter war, eine Thatſache, gegen welche ſie proteſtiren wollte, ſo lange ſie konnte. „Aber da die Sache nun einmal ſo iſt, Großmama, verſetzte Margaret,„ſo müſſen Sie ſich ſo gut als möglich darein finden.“ „Ich werde mich nie unter Thatſachen beugen, mein liebes Kind, wenn ſie gegen mein Gewiſſen gehen.“ Mr. Sydney, welcher in einer Ecke des Zimmers in einer Zeitung las, legte ſie nieder, um Mrs. Thorn⸗ ton zu fragen, was ſie mit mit dem Ausdrucke,„ſich unter eine Thatſache beugen,“ eigentlich ſagen wolle. Mrs. Thornton war nie in Verlegenheit; die Raſchheit ihrer Antworten war wirklich merkwürdig, und mit der triumphirendſten Geſchwindigkeit erwie⸗ derte ſie: „Seine eigenen Meinungen, Mr. Sydney, der tyranniſchen Gewalt materieller Verhältniſſe unter⸗ ordnen. „Dann gedenken Sie ſich vermuthlich dem ſehr materiellen Hinderniß nicht auszuſetzen, welches Miß Ginevra's Gegenwart Ihrer Theorie vom Nichtvor⸗ handenſein entgegenſtellen wird.“ „Ihr werde ihr,“ erwiederte Mrs. Thornton mit einem tiefen Seufzer,„begegnen als einem Ding, das wirklich exiſtirt, aber in Wahrheit nicht hätte exiſtiren ſollen.“ Und nach dieſem förmlichen Proteſt gegen jeden Antheil, den man ihr etwa an einer ſo tadelnswerthen Angelegenheit, wie Ginevra's Exiſtenz, beilegen könnte, glaubte ſich Mrs. Thoenton vollkommen gerechtfertigt, wenn ſie würdevoll die Bitte um unbeſtimmte Verlän⸗ gerung ihres Beſuchs bewilligte, und Mr. Thornton, deſſen gefälliger Charakter ſich ohne Schwieriagkeit mit jedem Plan verſöhnte, den ſeine Frau und Margaret guthießen, ſetzte keinen Widerſtand entgegen. 1 Die Bewohner von Heron Caſtle waren hartnäcki⸗ — 101 ger. Mr. Sydney weigerte ſich mit Beſtimmtheit, und man kam zuletzt darin uͤberein, daß er und ſeine Fran auf 14 Tage nach Haus zurückkehren, aber ſich verpflich⸗ ten ſollten, die Weihnachten und dann noch einige Wochen auf Grantley zu verbringen. Walter hatte ſich feſt allen Bitten Margaret's, daß er bei ihnen bleiben möchte, widerſetzt und auf ſeinem Entſchluſſe beharrt, bis eine Privatunterredung mit ihrem Vater die Einwilligung ſicherte, um welche ſie ſelbſt vergebens nachgeſucht hatte. Während dieſes Zwiegeſprächs konn⸗ ten Worte, die in den paar letzten Wochen auf den Lippen Beider gezittert hatten, endlich ſich Luft ſchaffen, und waren ſehr nahe daran, dieſer Jugendfreundſchaft ein plötzliches Ende zu machen, aber Beide hatten ſich rechtzeitig wieder gefaßt: Beide fühlten, daß die Zeit nicht gekommen war, wo ſie ſich erklären, mit einander zanken oder gar ſich trennen konnten. Beide hatten zuviel bei dem Spiele eingeſetzt. Nicht Fügſamkeit, ſondern eine höhere Art von Klugheit brachte ihnen dieß Gefühl bei; es war der inſtinetmäßige Werth, welchen Jeder auf die Achtung des Andern ſetzte. Leslie war unzufrieden mit Walter, denn er legte die ver⸗ meintlichen unfreundlichen Vorurtheile ſeiner Tochter ihm zur Laſt, und Walter war ärgerlich über ihn, weil er glaubte, daß er Margaret ungerecht und kalt behandle, aber Beide fühlten, daß ſte in der Jugend Freunde geweſen, ſie wußten, daß ein Zank mit denen, die man liebt, gleich dem Wahnſinn im Gehirne wirkt, und ſie hielten zu rechter Zeit ein, ehe ſie zu einander Worte geſprochen, welche ihre Freundſchaft hätten trennen und Beide in ſtillem Stolz und unnützen Kummer von einander abſondern können. Als Walter mit ſtarrköpfigem Stirnrunzeln kalt auf ſeiner Abſicht beharrte, am folgenden Tag das Haus zu verlaſſen, machte Leslie eine große Anſtrengung und ſagte mit einer tiefen, beinahe zitternden Stimme: 8 —-——ďr⸗— 102 „Wenn Sie nicht mir zu Gefallen bleiben wollen, ſo thun Sie es Mary zu Liebe.“ Walter zuckte zuſammen, preßte ſeine Brauen an ſeine Hand und ſtrengte ſich an, nicht zu ſprechen. „Sie iſt es nicht,“ fuhr Leslie in aufgeregtem Tone fort,„die eines meiner Kinder gegen das andere gehetzt und, nachdem ſie den Samen der Feindſchaft da ausgeſtreut, wo Liebe geſäet werden mußte, mich allein gelaſſen hätte, um die bittere Frucht zu ernten.“ „Leslie!“ rief Walter mit Ungeſtüm,„laſſen Sie Ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfahren, wie Sie Ihrer langvergeſſenen Mutter thun, und dann mögen Sie von mir ſo hart denken, wie Sie nur wollen. Wenn Sie Margaret irgend eines feindlichen oder gemeinen Ge⸗ fühles fähig glauben— ich frage nicht danach, wen Sie für den Urheber deſſelben anſehen— ſo thun Sie ihr Unrecht und Sie werden eines Tags dafür Rechen⸗ ſchaft geben müſſen. Wenn Sie mich für fahig halten, ſie gegen Ihre Tochter aufzuhetzen...“— „Immer meine Tochter! können Sie nicht ihre Schweſter nennen,“ ſiel Oberſt Leslie mit Bitterkeit ein. Walter fuhr, ohne auf dieſe Bemerkung zu achten, „Warum ſoll ich, der ich Margaret liebe, wie Sie ſelbſt ſie geliebt haben ſollten, dableiben, um, was ich, ich geſtehe es offen, nicht ohne Ungeduld mit anſehen kann, Zeuge der Kälte und Gleichgültigkeit zu ſein, womit Sie ſie behandeln, einer Kälte, die vielleicht bald durch einen ſchlagenden Contraſt noch mehr an's Licht treten wird.“ „Dann bleiben Sie,“ fuhr Leslie eifrig fort. „Bleiben Sie, wenn das Ihre Gefühle ſind, und war⸗ nen Sie Margaret vor einem Benehmen, welches Per⸗ ſonen, die immer einig hätten ſein ſollen, auf immer trennen kann. Ich kann die Heftigkeit Ihrer Sprache entſchuldigen, denn ich weiß aus peinlicher Erfahrung, daß es zu den bitterſten Heimſuchungen der menſch⸗ * fort 103 lichen Natur gehört, diejenigen, die wir lieben, unge⸗ recht behandelt und geringgeſchätzt zu glauben. Aber bilden Sie ſich nicht ein,“— hier verzogen ſich Oberſt Leslie's Lippen zu jenem höhniſchen Lächeln, das auf ſeinem Geſichte beinahe ſtändig geworden war—„bilden Sie ſich nicht ein, daß ich dieſes hübſche, verzogene Kind bewundern könne, was Ihr alle mit Lobſprüchen aufgefüttert und mit Huldigungen ernährt habt, bis Ihr Alle und das Mädchen ſelbſt, es Kälte und Unge⸗ rechtigkeit nennet, nicht in beſtändiger Anbetung vor ihr zu liegen. Ich bewundere ſie allerdings, aber ich zußchte wahrlich wünſchen, ſie bewunderte ſich ſelbſt nicht o ſehr.“ „Ich will,“ rief Walter mit Wärme,„Ihre Tochter nicht gegen einen Vorwurf vertheidigen, welchen Sie nicht machen würden, wenn Sie ſie beſſer kennten, und ebenſo wenig will ich läugnen, daß ich ſie mit der hin⸗ gebendſten Neigung liebe, die je ein menſchliches Weſen für ein anderes empfunden hat.“ „Walter,“ ſagte Oberſt Leslie,„ich wundere mich, daß Sie Margaret nicht heirathen.“ Walter drehte ſich grimmig um. Hätte Leslie ge⸗ droht, Heron Caſtle niederzubrennen, oder ihn durch einen Federſtrich zu Grunde zu richten, er hätte nicht ausſehen können, als wäre ihm eine tödtlichere Belei⸗ digung angethan worden. 4 „Iſt dieß ein grauſamer Scherz oder eine vorüber⸗ legte Beſchimpfung?“ murmelte er zuletzt mit gerun⸗ zelten Brauen und zuſammengepreßten Lippen. „Keines von Beiden, ich verſichere Sie aber, meine Stellung iſt eine eigenthümliche, und ich fange an, der Sache müde zu werden. Meine Ausdauer wird auf Proben geſtellt, die zu beſtehen ſie nicht fähig iſt. Margaret wirft mir bei jeder Gelegenheit Ihre außer⸗ ordentlichen Vollkommenheiten, welche ſie dem ganzen übrigen Menſchengeſchlechte gegenüber entzaubern, in die Zähne, und Sie machen mir Vorwürfe, daß ich . 104 nicht ſelbſt die Fehler des Mädchens mit einer blinden Parteilichkeit bewundere, welche, ich geſtehe es, beſſer einem Liebhaber zukommen würde, als einem Vater oder einem Freund.“ Walter blickte Leslie feſt in's Geſicht; ſein eigenes war weiß wie ein Bogen Papier, und mit ſtarker An⸗ ſtrengung ſagte er: „Leslie, ich gebe Ihnen mein heiligſtes Chrenwort, daß der Gedanke, Ihre Tochter zu heirathen, mir bis zum Augenblick nie in den Sinn gekommen iſt. Sie haben mir Unrecht gethan, aber ich weiß, Sie werden meinem Wort glauben.“ „Um's Himmelswillen,“ rief Leskie mit Ungeduld, „ſind Sie denn verrückt, daß Sie mich bei jedem Worte, das ich ausſpreche, der Ungerechtigkeit beſchuldigen? Weſſen habe ich Sie angeklagt? was für ein Verbre⸗ chen habe ich Ihnen zur Laſt gelegt, Sie unbegreif⸗ lichſter und halsſtarrigſter aller Menſchen! Könnte es mir etwas anderes als angenehm ſein, wenn mein älteſter Freund, wenn der Mann, welchen ich in der ganzen Welt am meiſten ſchätze, obſchon er meine Ge⸗ duld auf ſchwerere Proben ſtellt, als irgend ein Anderer, wenn der Erbe von Heron Caſtle und der Beſitzer eines bedeutenden Vermögens, ſich's in den Kopf ge⸗ ſetzt hätte, ein kleines Mädchen zu heirathen, deſſen blaue Augen und rothe Wangen ſeine Entſchuldigung bilden könnten, wenn er ſich an ſie wegwürfe? Ich erkenne meinen Irrthum an, und es war nicht nöthig, mich ſo feierlich zu enttäuſchen, aber ich glaubte wirk⸗ lich, daß Sie in das Mädchen verliebt wären, und (verzeihen Sie mir, wenn ich eine Betrachtung über Ihre große Ueberlegenheit gegenüber allen andern Menſchenkindern anſtelle) daß ich in dieſem Umſtande den Grund für den Ausbruch von Enthuſtasmus ſuchen müßte, womit ſie mich erfreut und mir zu verſtehen gegeben hat, wir Alle ſammt und ſonders, ich ſelbſt 105 nicht ausgeſchloſſen, ſeien nicht würdig, Ihnen die Schuhriemen aufzulöſen.“ „Leslie, wir haben einander nie verſtanden, und jetzt weniger denn je, wenn Sie nicht begreifen können, daß ich lieber hätte ſterben“— „Als meine Tochter heirathen mögen? Oh, ganz wie Sie wollen. Die kleine Kokette wird ohne Zweifel Bewunderer genug und mit der Zeit wohl auch einen Gatten finden.“ „Ich hätte,“ wiederholte Walter mit einer vor Aufregung zitternden Stimme,„lieber ſterben mögen, als daß ich ein Wort von Liebe zu dem Kinde geſpro⸗ chen hätte, das Sie meiner Obhut anvertraut haben, oder mit Bewußtſein mich bemüht hätte, eine andere Liebe zu gewinnen, als wie ſie ein Vater oder Bruder erwarten darf. Dachten Sie wirklich, als ich ſie Tag für Tag während dieſer Jahre des Glückes ſah, und alle ihre jungen kleinen Gedanken rückhaltslos vor mir offen lagen, dachten Sie da, ich habe dieſe vertraute Bekanntſchaft ausgebeutet, aus ihrer Einſamkeit, ihren warmen, liebevollen, dankbaren Gefühlen Nutzen gezo⸗ gen, um für mich ſelbſt den Schatz zu gewinnen, wel⸗ chen Sie und Diejenige, die Sie nach ſo vieljährigem Schweigen heute wieder genannt haben, mir in Ver⸗ wahrung gegeben? Nein, nein! Gott ſei Dank, dieſer Gedanke iſt mir nie gekommen; wäre er gekommen, ich hätte ihn wie eine Schlange von mir geſchleudert. Obſchon ich ſie ſeit Jahren mit der grenzenloſeſten Neigung geliebt habe und freudig ſterben würde, um ihr Glück zu ſichern; obſchon ich jetzt fühle, daß Ihre Worte meinem Geiſte ein Gebilde von Seligkeit vorgehalten haben, das meinen Frieden ſtören und mein Glück zu Grunde richten wird; ſo verſichere ich doch nichts deſtoweniger, daß ich, wenn ſie ſelbſt herkäme, ihre Hand in die meinige legte und mit jenem ruhigen Blick vertrauens⸗ voller Zuneigung, womit ſie immer ihre Augen zu den meinigen erhoben hat, ſagte:„Walter, ich liebe Sie 106 und ich will Ihr Weib ſein,“ daß ich ihr dann ant⸗ worten würde, ſie ſei ein Kind und wiſſe nicht, was ſte ſage oder was ſie thue, dieſelben Worte, die ich vor zwölf Jahren zu ihr ſagte, als ſie ihr diamantenes Halsband einem kleinen Bettler um den Hals warf, der es in ſeiner ſchimmernden Kapſel geſehen und ge⸗ ſchrieen hatte, er wolle es haben. Jetzt verſtehen Sie mich vielleicht.“ Leslie drückte ſeine Hand und wandte ſich ſchweigend ab, aber nach einer Minnte ſagte er: „Es iſt alles Mißverſtändniß, Walter— Sie find ſo romantiſch wie ein Jün ling und wollen die Dinge nicht ſehen, wie ſie wirklich ſind; aber es iſt nicht mein Geſchäft und auch nicht meine Abſicht, Sie zu einer Heirath mit Margaret zu bereden, obſchon es vielleicht nicht mehr, als billig wäre—“ dieß wurde mit einem Lächeln geſagt, das einmal nicht höhniſch war—“ daß Sie, nachdem Sie ſte durch eine ſo edle und ſelbſtverleugnende Liebe, wie man ſie nur ſelten in dieſer Welt trifft, verderbt haben, ſte nun auch aus meinen Händen annehmen würden; aber wir wollen nicht mehr davon ſprechen. Bleiben Sie bei uns. Sie müſſen, Walter. Uns Allen ſteht eine Heimſuchung bevor. Die Erinnerung iſt trübe, und dieſe Augenblicke ſind peinlich, wenn das Leben die Wunde wieder öffnet, welche die Zeit geſchloſſen, aber nicht geheilt hat.“ Dieſe Worte brachten die beabſichtigte Wirkung hervor. So verſchieden die beiden Männer waren, ſo beſtand doch die ſtärkſte Z neigung zwiſchen ihnen. Walter beſonders liebte Leslie von ganzer Seele. Er war ſein älteſter und liebſter Freund. Wenn er in früheren Zeiten muthlos und in trüber Stimmung ge⸗ weſen war, ſo hatte Leslie ihm eine liebevolle Freund⸗ lichkeit bewieſen, die er nie vergeſſen konnte. Als Leslie die Frau heirathete, die er ſelbſt am Meiſten in der Welt liebte, da fand keine Regung der Eiferſucht oder des Unmuths Platz in ſeinem Herzen, und da er ihn 107 nicht haſſen konnte, ſo liebte er ihn nur noch mehr, als zuvor, jetzt ſowohl um ihret, als um ſeiner ſelbſt willen. Mary's Gatte, der Gegenſtand von Mary's Zuneigung, wurde ihm ſogar theurer, als der Freund ſeiner Jugend geweſen war; die letzten Worte, die ſie zu ihm geſagt hatte, waren:„Theurer Waͤlter, lieben Sie immer Henry,“ und jetzt, da Henry nach langer Abweſenheit und einiger Entfremdung ihm zum erſten Mal einen Blick in ſeine Gefühle eröffnete, und da dieſer Blick viel geheimes Leiden offenbarte, jetzt lebten die Neigungen und Erinnerungen früherer Jahre wieder auf, und der alte Walter ließ ſich überreden, auf Grantley zu bleiben, und brummte ſein„Ja“ auf Leslie's: letztes:„Sie bleiben alſo?“ juſt wie er ſich zwanzig Jahre zuvor gegen ſeinen Willen durch daſſelbe halb ge⸗ bieteriſche und halb liebevolle Drängen zum Fiſchfang oder zur Jagd hatte verleiten und von ſeinen geliebten Mlchärn oder Mary Thornton's Piano hatte abziehen aſſen. Am Abend dieſes Tages ſaß Margaret am runden Tiſch neben dem Feuer, emſig beſchäftigt, eine von Flachmanns Radirungen zu Shakeſpeare zu kopiren. Es war das Bild, wo Ophelia den bewundernden und bemitleidenden Höflingen Blumen austheilt, und ſie war entweder von ihrer Zeichnung oder vou ihren Ge⸗ danken ſehr in Anſpruch genommen, denn gegen ihre ſonſtige Gewohnheit hatte ſie beinahe eine Stunde lang geſchwiegen. Mrs. Sydney und Mrs. Dalton ſpielten Piquet, Mrs. Thornton ſtrickte in dem Lehnſtuhl zwi⸗ ſchen dem Tiſch und dem Feuer, und die beiden Mr. Sydney und Edmund laſen die Zeitungen. Endlich nüc Walter die ſeinige weg, und Margaret ſagte leiſe zu ihm: „So, Sie bleiben alſo doch?“ Er nickte beiſtimmend. „Das beweist mir eine Sache, an die ich im An⸗ fang nicht glauben wollte.“ 4 1 108 „Was iſt das?“ 3 „Daß Sie meinen Vater mehr lieben, als mich. Nichts konnte Sie zum Bleiben bewegen, als ich Sie darum bat, und jetzt, nach dieſer endloſen Unterhaltung im Bibliothekzimmer, iſt Alles im Reinen.“ „Iſt Ihnen das leid?“ „O nein, meine Würde thut meinem Vergnügen niemals Abbruch. Sie ſpielt bei jeder Gelegenheit nur die zweite Violine dabei. Sind Sie beleidigt?“ „Das hängt davon ab, was Sie Würde nennen. Ich kann dieſe ganze Klaſſe von Worten: Selbſtach⸗ tung! Würde! Selbſtgefühl! nicht ausſtehen. Sie ſind entweder die falſchen Namen für Pflicht und Gewiſſen, oder ſie verdecken unter glänzenden Ausdrücken gerade ſolche Gemüthsſtimmungen, gegen welche Chriſten an⸗ kämpfen ſollten. Aber ich kann es nicht billigen, daß die Selbſtbefriedigung bei jeder Gelegenheit, wie Sie ſich ausdrücken, die erſte Violine ſpielt.“ „O, Sie ſind ſo hart gegen unſer armes verfolgtes Selbſt. Ihr eigenes kommt dabei am Schlimmſten weg, wie ein Schulmeiſtersſohn, der mehr Prügel be⸗ kommt, als die andern Jungen, damit man ſeinen Vater nicht der Parteilichkeit anklagen kann; aber dieß iſt kein Troſt für andere Leute.“ „Ich dachte, Sie bewunderten ganz beſonders die Selbſtverleugnung, Margaret?“ „Wenn ich davon leſe, ganz über die Maßen. Erinnern Sie ſich, wie ich eines Tags, als ich noch ein kleines Mädchen war, weinte, weil ich kein Mär⸗ tyrer ſein konnte, und wie ich Sie in vollem Ernſte fragte, ob in unſern Tagen keine Hoffnung vorhan⸗ den ſei.“ „Nein.“ „Sie erinnern ſich nicht? Sie riethen mir damals, heißes Siegellack auf meine Hand tropfen zu laſſen, um zu ſehen, ob ich dieß klaglos ertragen könne, bevor ——— 109 ich darum bete, daß die Tage der Verfolgung zurück⸗ kehren mögen.“ „Das war grauſam.“ „Nein, es war eine praktiſche Lection, welche ich nie vergeſſen habe. Damals war es auch, daß ich Mr. Dempſon das Gemälde von der heiligen Lucie gab und ihn erſuchte, es ſeinem ſchrecklichen ſchwarz⸗ ledernen Stuhl gegenüber aufzuhängen.“ „That er es?“ „Nein; er meinte, es ſei nicht geeignet, ſeine Patienten bei froher Stimmung zu erhalten, und es könnte ſie auf den Glauben verleiten, er ſei ein Scharf⸗ richter. Aber ich nahm meine Zeichnung immer mit, wenn ich in dieß ſchreckliche Zimmer ging, und als ich einen Zahn verloren hatte, bewunderte ich die heilige Lucie ſo ſehr, weil fie die ihrigen alle verloren hatte. Wie gefällt Ihnen meine Zeichnung, Walter?“ „Sie iſt ſehr hübſch, gleicht aber dem Original nicht im Mindeſten.“ „Das wollte ich auch nicht. Wiſſen Sie, was mich ſo eben noch ſo ſehr beſchäſtigt hat? Ich ſuchte in dieſer Zeichnung das Bild wiederzugeben, das ich mir in meinem eigenen Geiſte von der Erſcheinung meiner Schweſter machte.“ Edmund Neville blickte von ſeinem Buche auf, zog das Papier, womit Margaret beſchäftigt geweſen, zu ſich und betrachtete es aufmerk⸗ ſam. Sie ſprach noch immer in eifrigem Tone mit Walter. 4 „ Ich bin überzeugt, daß von ſechs Leuten, die in dieſem Augenblick an Ginevra denken, nicht zwei find, welche die gleiche Idee von ihr haben— daß nicht zwei von uns dieſelbe Form vor Augen haben, wenn wir ſie nennen. Ich wäre begierig, ob unſere Phan⸗ taſten hierin übereinſtimmen, die Ihrige zum Beiſpiel und die meinige, ich wünſchte, wir könnten Alle zeichnen.“ „Wir können Alle ſchreiben,“ ſagte der alte Mr. Sydney, und indem er ein Stück Papier nahm, ſchrieb er folgende ſechs Zeilen darauf: hun, ſch Mit Augen wie die Kohlen ſchwarz, Mit Wangen pomeranzengelb, Mit Leslie's Naſ' und Leslie's Seel', In fremdem Model abgeprägt, Den nie ein engliſch Aug' wird loben, Den nie ein engliſch Herz wird lieben. Mrs. Thornton ergriff das Papier und las die Ergießung laut mit großer Emphaſe und beſonderer Betonung des Wortes„nie“, ungefähr wie die Bänkel⸗ ſänger bei den letzten Zeilen von Rule Britannia, wenn ſte verſichern, nie werden Britten Sklaven ſein. Ihr Gewiſſen ſchlug ihr jedoch bei dieſer durch nichts ge⸗ rechtfertigten Erklärung ewiger Abneigung, und ſie fügte mit einem Blick auf ihren Gatien, ſowie auf Walter, der ſeit der Vorleſung der Verſe ſeines Vaters gehuſtet und ſich unruhig hin und her bewegt hatte, hinzu:„In der That können wir ſie niemals mit einer natürlichen Liebe lieben, aber wir werden's verſuchen, ſie zu lieben, wie eine Henne die Ente liebt, die ſie ausgebrütet hat.“ Da Mrs. Thornton in keiner Beziehung weder buchſtäblich noch bildlich die jüngſte Mrs. Leslie aus⸗ gebrütet hatte, ſo ſchien die Vergleichung nicht ſehr zu paſſen, aber ſie entſprach ihrem eigenen Pflichtgefühl; das genügte für den Augenblick. Margaret jedoch ſchien verdrießlich, und ſie beugte mit erhöhter Farbe den Kopf über ihr Portefeuille. Als ſie ihre Augen aufſchlug, begegneten ſie denen von Edmund Neville. Mit einer plötzlichen Verlegenheit nahm ſie ihren Pinſel wieder auf, ohne zu ſprechen. Er ſagte über den Tiſch: „Sie wollten etwas ſagen. Was halten Sie von Mr. Sydney's Skizze?“ „Ich bin überzeugt, daß ſie meiner Schweſter ſo 4 —— 111 wenig gleicht, als die am Schluß ausgeſprochene Ge⸗ finnung der meinigen entſpricht.“ Während ſie dieſe Worte ſagte, ſtreckte ſie ihre Hand nach ihrer Zeichnung aus, die er einige Minuten zurückgehalten hatte.. „Sie haben etwas daran gemacht,“ rief ſie haſtig, „es iſt ganz verändert, aber um viel verbeſſert.“ „Unfinn,“ rief Edmund,„was für ſonderbare Phantaſien Sie haben! Ich will das Original von Mr. Sydney's Gemälde zeichnen; und er ſtizzirte mit Tinte ein mannhaftes, fremd ausſehendes Weih, das eine ſo ſchlagende Aehnlichkeit mit Oberſt Leslie hatte und auch Margaret ſelbſt ein wenig glich, daß die Geſellſchaft in ein lautes Gelächter ausbrach; ſo wurde die Aufmerkſamkeit von Margaret's Zeichnung abge⸗ lenkt, welche ſie nach einigen Minuten in ihr Porte⸗ feuille legte.. Seit dem ereignißvollen Tag, an welchem ein neues Blatt des Lebens ſich für Margaret geöffnet, hatte ſie die feſteſte Ueberzeugung gewonnen, daß Ed⸗ mund Neville in ſie verliebt ſei. Dieſer Glaube ge⸗ wann mit jeder Stunde neue Stärke, obſchon Edmund nie mehr ſeine Lippen über die Sache geöffnet hatte; aber er beobachtete ſie beſtändig, es ſchien ihm viel daran zu liegen, über alle Dinge ihre Anſicht zu hören, er ſchien vom Wunſche beſeelt, mit ihr allein zu ſpre⸗ chen, aber wenn die Gelegenheit ſich darbot, ſo zog er ſich entweder plötzlich nach einigen wenigen bedeutungs⸗ loſen Bemerkungen zurück, oder verſank in tiefe Ge⸗ danken. Margaret kämpfte gegen das wachſende In⸗ tereſſe, das ſich in ihrem Innern für ihn regte, und um Walter's Wunſch zu erfüllen, verſuchte ſie, inne zu halten, ihn zu beobachten und ſich ſelbſt zu prüfen; aber ſolche Anſtrengungen dienten bloß dazu, ihr zu beweiſen, wie gewaltig dieſes Intereſſe, wie ſtark dieſe Gefühle waren. Je mehr ſie ihn beobachtete, um ſo mehr überzengte ſie ſich, daß er ſie liebe; aber während . 112 es ihr unmöglich war, daran zu zweifeln, fühlte ſie ſich manchmal abgeſtoßen und getäuſcht durch die Miſchung von Kälte und Härte, welche das lebendige Intereſſe begleitete, das er ihr ſo augenſcheinlich widmete. Wenn ſie ſang, verließ er ſelten das Piano, aber er hatte den Kopf in ſeine Hände begraben, während er ihr lauſchte; auch ging er zuweilen, nachdem er ſie um ein beſtimmtes Lied gebeten, plötzlich weg, bevor es zu Ende war. Kein Tag verging, wo ihr Herz nicht in einem Augenblick im Bewußtſein, geliebt zu werden, ſchwoll und ihre Pulſe ſchneller ſchlugen aus Freude über irgend etwas, was ein unzweideutiger Beweis ſeiner Neigung ſchien, im nächſten Augenblick aber ſchwach und krank wurde vor bitterem Unmuth, den einige gleichgültige Worte verurſachen koͤnnen, wenn ſie den Eindruck mit ſich bringen, daß das künftige Schick⸗ ſal und der Lebensplan des Sprechers in ſeinem Ge⸗ müth ganz und gar nicht mit dem eigenen verbunden find. Für Margaret, deren Natur es war, jeden vor⸗ übergehenden Gedanken, wenn auch nicht mit Worten, doch wenigſtens durch den Ausdruck ihrer Augen oder den Ton ihrer Stimme zu verrathen, war der Zwang beinahe unerträglich, und wenn ſie den ganzen Tag hindurch geſehen oder bemerkt hatte, daß Edmund ſie ſtundenlang angeſchaut— daß er, wenn ſie ſprach, ihren Worten lauſchte und die Anweſenheit aller anderen Perſonen zu vergeſſen ſchien— daß eine Phraſe, welche er in leichtem Tone begonnen, mit einem plötzlichen Ausdruck von Gefühl ſchloß, welche eine Erneuerung jener Erklärung, der ſie einſt ſo raſch Einhalt gethan hatte, zu verheißen ſchien— und wenn dann doch in Wirklichkeit keine Annäherung zu einem ſolchen beſſeren Verſtändniß gemacht wurde— wenn er von irgend einem Plane ſprach oder eine Bemerkung machte, welche ſich mit dem Gebilde, das ſie zärtlich heraufbeſchworen, ganz und gar nicht vertrug— da wurde ihr Benehmen unwillkürlich ungeduldig und reizbar und nahm einen Charakter an, welcher ihr nicht natürlich war; oder vielleicht, um noch wahrer zu ſprechen, es verrieth. Charakterfehler, die kaum bemerkvar geweſen, ſo lang der Strom ihres Lebens dahinglitt, ohne daß eine Welle ſeine glatte Oberfläche aufregte. Eines Tags, als dieß der Fall geweſen war und ſie eine unbedeutende Frage, die man an ſie gerichtet, trotzig beantwortet, und mit einer Wolke auf der Stirne, ſowie die Linien um den Mund in der Art gekrümmt, welche gelegentlich die vollkommene Schönheit ihres Geſichtes verderbte, das Zimmer verlaſſen hatte, wandte ſich Edmund zu Walter und fragte ihn im gleichgülti⸗ gen Tone, ob Miß Leslie launiſch ſei. Walter blieb tanb gegen die Frage und ſchnitt die Feder am ver⸗ kehrten Ende an; er wäre lieber im Augenblick ge⸗ ſtorben, als daß er anerkannt hätte, daß Margaxret kein Engel ſei; aber da Engel nicht die Stirne runzeln und die Thüre hinter ſich zuwerfen, ſo fühlte er ſich zum Schweigen genöthigt; doch ſagte er nach wenigen Sekunden mit ruhiger Stimme: „Sie hat nicht durch Kummer die ſchwere Lehre der Selbſtbeherrſchung gelernt; ſte muß dieß eines Tags lernen, aber wehe denjenigen, durch welche ſie es lernt, wo ſie nicht aufrichtig und liebreich mit ihr ver⸗ ahren.“ „Ich ſollte meinen,“ verſetzte Edmund,„daß aller Wahrſcheinlichkeit nach Ihr kleiner Liebling mehr gegen Andere fündigen wird, als Andere gegen ihn.“ Walter ſchlug zweifelhaft ſeine Augen auf und ſah ihn an, als wollte er die genaue Bedeutung dieſer lidten Worte ermitteln. Er fuhr in demſelben Tone ort: 1 „Ich glaube, daß ihre Schweſter eine etwas ſchwere Rolle hier zu ſpielen haben wird. Haben Sie irgend eine Vorſtellung, was für eine Art von Perſon ſie iſt?“ „Nein,“ lautete die kurze Antwort. Es trat eine Schloß Grantley. J. 8. . 114 neue Pauſe ein und dann legte Edmund ſeine Hand auf Walter's Schulter und ſagte leiſe: „Ich habe große Luſt, Jonen zu ſagen, was mich hierher führt und was mich zurückhält. Sie ſind unter Allen diejenige Perſon, welche mir den beſten Rath geben wird, und ich weiß, daß ich mich vollkommen auf Sie verlaſſen kann.“ Walter's Geſicht erlitt eine plötzliche Veränderung und er antwortete mit einem Ungeſtüm, das Neville zu überraſchen ſchien: „Sie haben Unrecht, Sie können ſich in dieſer Be⸗ ziehung auf mich nicht verlaſſen und ich ſelbſt kann mir nicht trauen, wenn ich davon ſpreche. Deuten Sie meine Worte, wie Sie wollen. Ich frage nichts da⸗ nach, welchen Sinn Sie hinein legen, aber ich will nicht ein einziges Wort über einen Gegenſtand an⸗ hören, bei welchem ich nicht im Stande bin, Ihnen, Anderen oder mir ſelbſt Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ Indem er dieß ſagte, nahm er haſtig ein Buch vom Tiſche und eilte in den Blumengarten, wo Margaret, auf der Erde knieend, einige chineſtſche Aſtern aufband, die bisher den nächtlichen Fröſten getrotzt hatten, deren verwelkende Köpfe jedoch niederhingen, als ahnten ſie ihr nahendes Schickſal. „Walter,“ rief ſie,„helfen Sie mir, dieſe Stützen in der Erde zu befeſtigen.“ „Es nützt nichts; Sie werden ſich erkälten. Kommen Sie herein, laſſen Sie dieſe ſterbenden Blumen allein.“ „Arme Dinge!“ ſagte ſie, indem ſie ihre Köpfe noch einmal aufrichtete und ſie dann wieder fallen ließ. „Sie waren ſo glänzend, ſo ſtark und ſo kräftig, als ich ſie vor drei Monaten pflanzte. Walter, ich wollte, die Zeit ſtände ſtill oder ginge rückwärts, oder ſie thäte irgend etwas anderes als vorwärts gehen.“ „Ich meine, ich hörte Sie geſtern gerade das Gegen⸗ ——— theil wünſchen; Sie ſagten, die Zeit ſcheine Ihnen nie ſchnell genug zu gehen.“ „Citiren Sie mich nicht gegen mich ſelbſt, Walter; es gibt nichts Widerwärtigeres. Neulich ſagten Siel und habe ich's Ihnen nicht geſagt! das ſind die ärgſten Sätze in der Welt, und Sie führen Sie immer in dem Munde.“ Als Walter ernſt drein blickte und nicht antwortete, fuhr ſie mit ſteigender Gereizrheit fort:„Man kann iemand zumuthen, immer in derſelben Gemuthsſtim⸗ mung zu ſein und vorher alle Worte auf die Goldwage zu legen: das thun bloß alte, ganz methodiſche und langweilige Menſchen.“ So ſprechend ſetzte ſie ſich auf die ſteinernen Stu⸗ fen und begann die Köpte der unglücklichen Sternblu⸗ men abzuzupfen, welche ſie einen Angenblick vorher ſo bemitleidet und ſo zärtlich gepflegt hatte. „Sie werden ſich krank machen, Margaret, wenn Sie noch länger dableiben. Bitte, kommen Sie herein.“ „Danke, ich habe nicht kalt. Bitte, bleiben Sie nicht bei mir, wenn Sie es kalt finden.“ Ihre erhitzte Wange ſtrafte ibre Verſicherung nicht Lüge. Nach einer Pauſe ſagte Walter: „Ihre Freunde ſind zu bedauern, Margaret, wenn ſte das Schickſal dieſer Blumen theilen ſollen. In einem Bugeniuic ſo viele Güte, in dem nächſten ſo viele ärte.“ „Ich habe mich ſchlecht gegen Sie benommen, Wal⸗ ter, nicht wahr? O, jetzt bin ich ganz unglücklich. Ich haſſe mich ſelbſt und wünſche nur, daß Jedermann mich auch haßte.“ „Das iſt noch unfreundlicher gegen mich, Margaret, denn Sie wiſſen, das iſt das Einzige, was ich nicht thun kann.“ Die Thränen ſprangen in Margaret's Augen; ſie ſtreckte ihre Hand gegen Walter aus und wandie ihren 116 Kopf ab. Als er ſie von Neuem erſuchte, in's Haus zu kommen, antwortete ſie ſanft: „Nein, lieber Walter, laſſen Sie mich noch eine Weile hier ſitzen. Im Hauſe erſticke ich, mein Kopf ſchmerzt mich und die Luft thut mir gut! Im Nu hatte Wa ter einen großen Pelzmantel aus dem Hauſe gebracht und wickelte ſie ſo herzlich wie ein kleines Kind hinein; er band ihr die Schnüre ſo feſt unter dem Kinn und zog die Halsbinde ſo ſtark zuſammen, daß ſie um Gnade ſchrie und dann lachte; als aber Walter ſagte:„Wie freue ich mich, Sie wieder lachen zu ſehen,“ da brach fie in Thränen aus, und zwiſchen Walter und ihr war das alte innige Verhältniß wiederhergeſtellt. Wäh⸗ rend dieſe glänzenden Thränen ſchnell auf den dunkeln Pelz des Mantels fielen, ſchienen die Wolken auf ihrer Stirne zu verſchwinden, und nach einer Pauſe, während welcher ſie ihre Hand in der ſeinigen hielt, fragte er ſie auf ſo liebreiche Weiſe, was ſie beunruhigt und ge⸗ quält habe, daß es ſie drängte, ihm alles zu ſagen, daß ſie einen Verſuch machte, es ibm zu ſagen, aber die Worte ſtockten ihr in der Kehle. Es ſcheine ſo ganz kindiſch, ſo einfältig, ſagte ſte, und dann kam wieder ein halbes Lächeln über ihr Geſicht und wieder rollten einige dicke Thränen ihre Wangen hinab. Endlich mur⸗ melte ſie, ihre Augen auf die Erde geheftet und mit ſeinem Stock Figuren in den Sand malend:„Es iſt bloß das, daß Mr. Neville vor mir zu Mrs. Dalton geſagt hat, er würde nie ein kleines Weib heirathen und— und— ich vermuthe, ich bin klein.“ Als ſte dieß geſagt hatte, rauſchte die Farbe in ihre Wangen und ſie rief mit Ungeſtum: „Lachen Sie nicht, Walter, lachen Sie nicht. Ich kann es nicht ertragen. Ich weiß, wie lächerlich es Ihnen erſcheinen muß. Sie denken gewiß, dieß ſei nichts als kindiſcher Unſinn. Manchmal hoffe ich es ſelbſt ſo,“ fügte ſte mit einem Seufzer hinzu,„aber was es auch iſt, es thut mir ſehr weh im Herzen.“ —— 117 Hätte ſie in Walter's Geſicht geſchaut, ſo würde ſie ge⸗ ſehen haben, daß es unnöthig war ihn vor dem Lachen zu warnen. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie mit ſtei⸗ gender Bewegung fort:„Ich thue vielleicht Unrecht, dieſe Art von Gefühl zu bekennen— Ihnen meine Ein⸗ falt, meine Schwäche zu zeigen. Ich weiß nicht, wie ich es wagen kann, ſo offen zu Ihnen zu ſprechen, aber Sie wiſſen, Walter, wie ich gewohnt war, Ihnen Alles zu ſagen, und wenn Sie mich in ſo gütigem Tone fra⸗ gen, was mich quäle, ſo fuhle ich mich verpflichtet, die Wahrheit zu geſtehen.“ „Thun Sie das immer, meine theure Margaret. Sie handeln dann freundlich gegen mich und zugleich gerecht gegen ſich ſelbſt. Möge Gott mir immer die Kraft geben, freundlich und aufrichtig gegen Sie zu handeln!“ „Wie könnten Sie anders handeln?“ rief ſie.„Wie könnten Sie bei alle dem ein anderes Intereſſe haben, als mein Glück?“ „Keines, verſichere ich“ verſetzte Walter feierlich, „und o lange Sie mich als Freund betrachten und als—“ „Als Vater.“ rief ſie und preßte ſeine Hand an ihr Herz. Dieß war das Wort, das er gebrauchen wollte, aber die Schnelligkeit, womit ſie es ihm aus dem Munde nahm, verurſachte ihm einige Pein; er überwand ſie jedoch und fuhr fort: „Ich werde mich über meine kleine Margaret nicht beklagen und ſie nicht darüber ausſchelten, daß ſie ſich ſo groß wünſcht wie ihre Lieblingsmagd Marianne.“ Die Heiterkeit, womit dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, war der vollendetſte Sieg über ſich ſelbſt, welchen Walter noch je errungen hatte, und der Triumph war vollſtändig, als er freundlich die kleine Schöne an⸗ ſchaute, die ſich auf der höchſten Stufe der Treppe auf die Zehen ſtellte und den korallengeſchmückten Zweig einer hohen Stechpalme zu ſich herabzog, wobei ſie ſich umwandte und mit dem ihr eigenen ſtrahlenden Lächeln ſagte:„Ich bin doch nicht ſo gar klein.“ ⁴„. Siebentes Capitel. Wenige Tage nach dem Geſpräch, womit das letzte Capitel ſchloß, waren Oberſt Leslie und Margaret zu Lord Donnington, der etwa zwölf Meilen von Grantley wohnte, zu Tiſche geladen. Walter und Edmund ſoll⸗ ten gleichfalls zugegen ſein und Margaret ſah mit gro⸗ ßem Vergnügen dieſem etwas ungewöhnlichen Ereigniſſe entgegen, denn ſeit ihres Vaters Ankunft hatte zwiſchen ihr und ihren Nachbarn nur ſehr wenig Verkehr ſtatt⸗ gefunden. Lord Donnington's Töchter waren ihre ein⸗ zigen Freundinnen, und es beſtand zwiſchen ihnen jene Art von Vertrautheit, welche gewöhnlich Platz greift, wenn Mädchen von gleichem Alter während ihrer Schul⸗ jahre den Tag mit einander zugebracht oder Thee zu⸗ ſammen getrunken und darin die einzige Zerſtreuung und Anregung ihres ſonſt eintönigen Daſeins gefunden haben. Maund und Lucy Vincent waren einige Monate von Donnington Caſtle abweſend geweſen und erſt vor einer Woche von einer Reiſe nach Italien zurückgekehrt. Margaret, welche ſie noch nicht geſehen hatte, brannte vor Ungeduld, einen Verkehr zu erneuern, welcher bis⸗ her ihr größtes Vergnügen im Leben geweſen war, und bei ihrer dermaligen Ungewißheit über Edmunds Ge⸗ fühle gegen ſie, war es ihr nicht unangenehm, eine Ge⸗ legenheit zu finden, wo ſie ihn in einer etwas allge⸗ meineren Geſellſchaft, als ihr eigenes Haus bot, beobachten konnte. Frederic Vincent, Lord Donning⸗ ton's älteſter Sohn, war wie ſeine Schweſtern ein Lieb⸗ lingsgeſpiele bei allen ihren kindlichen Vergnügungen geweſen, und ſie hatte ihn immer mit Vergnügen in ſeinen Ferien geſehen, ſelbſt zu der Zeit, als er, ein 119 vierzehnjähriger Bengel aus Eton, von ſeinen Schwe⸗ ſtern für die Qual des Hauſes und die Plage ihres Lebens erklärt wurde. Er hatte ſich in ihrer Gunſt hauptſächlich dadurch behauptet, daß er ihre Reilkunſt ſehr lobte und all ihren zahlloſen Liebhabereien Vor⸗ ſchub leiſtete. Dieſer Frederie Vincent, jetzt ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren, war nach dreijähri⸗ ger Abweſenheit wieder zu Hauſe. Er hatte ſeine Fa⸗ milie in Italien getroffen und war mit ihr nach Eng⸗ land zurückgekehrt. Margaret hatte, ſoweit ſie es ſelbſt wußte, oder ſo weit man es billigerweiſe annehmen kann, keine planmäßige Abſicht, Edmund's Eiferſucht zu erregen, aber daß eine Idee dieſer Art ihrem Geiſte vorſchwebte, dürfte vielleicht nicht ganz mit Beſtimmt⸗ heit geläugnet werden. Als ſie an dieſem Tage ihre Toileite vollendete und ſich mit einigem Wohlgefallen im Spiegel betrachtete, da entrang ſich den Winkeln ihrer ſtark zuſammengepreßten Lippen ein Lächeln, das liebliche Gedanken und angenehme Erwartungen ver⸗ rieth. Als ſie ſich im Wagen befand und bei dem ſchwachen Schein, welchen die Lampen von außen zu⸗ rückſtrahlten, die Geſichter ihrer drei Begleiter betrach⸗ tete, war ſie betroffen von dem Contraſt, welchen der Ausdruck derſelben gegen ihren eigenen ſtrahlenden Ge⸗ müthszuſtand darbot. Walter, der ihr gegenüber ſaß, ſah aus wie das Conterfei ſanftmütbiger Ergebung. „Der liebe Walter,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt,„ſteht heute nicht ſehr vortheilhaft aus.“ Und ſo war es auch wirklich. Er war eleganter gekleidet als gewöhnlich, und dieſe Art von Eleganz, in welche ſelbſt ganz be⸗ ſcheidene Menſchen auf den Antrieb Anderer gerathen können, wurde von dem unbewußten Opfer ohne irgend ein Gefühl für ſeine großen Zugeſtändniſſe gegen die Forderungen der Faſhion getragen. Dann war es auch empfindlich kalt. Walters Augen waren roth und ſeine Naſe blau, und vor allen Dingen ergab er ſich in ſein ungewohntes Stutzerthum mit einer ſanften Duldung, 120 welche Margaret's Gelächter erregt haben würde, wenn ihre Augen nicht eben jetzt auf Edmund's Geſicht ge⸗ ruht hätten. Der Wagen war finſter, aber die Lampen von außen warfen ein ungewiſſes Licht herein, das einen ſolchen Ausdruck von Duüͤſterkeit und Uebellaunigkeit verrieth, wie ſte ihn nie zuvor auf ſeinen Zügen beob⸗ achtet hatte. Seine Lippen bewegten ſich ſchnell, als wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche, und in einem Augen⸗ blick zog er einen dünnen, zerknitterten Brief aus der Taſche und ſchien ſeine Augen anzuſtrengen, um ihn bei den hinter ihm flatternden Lichtſtrahlen zu leſen. liches Behagen ihm auch dieſe Stellung geben mochte. Als nun vollends Oberſt Leslie, weil ein heftiger Sturm heranzog und ein dichter Schnee unter die Fuͤße der Ein ungeduldiges Gefühl durchkreuzte ihren Geiſt, als ſie ihre Begleiter anſah.„Wenn ſie nur heiter ſein wollten,“ rief ſie im Geiſte,„dann wäre alles recht. Welch ein Jammer, wenn die Leute nicht gut gelaunt find! Wie unangenehm ſie Alle ſind!“ Mit dieſem freundſchaftlichen Gedanken und der Selbſtbilligung, die ihn begleitete, refignirte auch ſle ſich zu ſtillen Be⸗ trachtungen in der Ecke des Wagens. Nach einer langweiligen Fahrt von ſieben Viertelſtunden wurden die Lichter von Donnington Caſtle ſichtbar, und Margaret's fröhlicher Ruf:„Da ſind wir an Ort und Stelle!“ erweckte ihre beinahe in Stumpfſinn ver⸗ 121 fallenen Gefährten. Nach einigen Augenblicken wurden die Tritte herabgelaſſen und die Hausthüre aufgeworfen. Der Geſellſchaftsſaal war voll von Leuten, und Jeder brauchte etwa fünf Minuten, um Jedem die Hand zu ſchütteln und die neuen Ankömmlinge in das ſchweig⸗ ſame Unbehagen zu verſetzen, welches der Anfündigung des Mahles vorangeht. Margaret's zwei Freundinnen waren von ihr ſelbſt und von einander ſo verſchieden, wie Mädchen von ungefähr demſelben Alter es leicht ſein können. Die Aelteſte war hübſch und ſo klein, daß unſere Heldin an ihrer Seite groß ausſah, was ſie ſich vor wenigen Tagen ſo ſehnlich gewunſcht batte. Ihre Augen waren ſchwarz und ſehr groß, während ihr Mund ſo klein war, daß es ſchien, als könne er ſich nicht weit genug öffnen, um eine gewöhnliche Kirſche einzunehmen. Sie war unläugbar hübſch, aber doch lag in ihren Zügen etwas Scharfes und Entſchloſſenes, was ihr ein unweibliches Anſehen gegeben haben würde, wenn ihre Figur weniger miniature geweſen wäre. Die Andere war groß, ſchlank, hochſchulterig und rothhaarig; ſie ſah äußerſt treuherzig aus und der erſte Eindruck war, daß man unmöglich ein holdſeligeres Geſicht finden könne. Dieſe Eine war Lucy und die Kleine war Mand. Beide empfingen Margaret auf das Herzlichſte; auch Frederic Vincent, der ſeiner Schweſter Lucy glich, aber noch weit hübſcher war, ſchien äußerſt erfreut, ſte wieder zu treffen, und in ihrem Glück ſich mit ihren fruüheſten Freunden wieder beiſammen zu finden, fragte ſie ſich einen kurzen Augenblick, ob das neue Gefühl, das einen ſo tyranni⸗ ſchen Beſitz von ihrem Herzen ergriffen, nicht ein bloßer Traum ſein möge, welchen ein Akt entſchiedenen Wollens verjagen könne. Ueber Tiſch ſaß ſie neben Frederie Vincent und ſie ließ ſich ſogleich in eine lebhafte Unterredung mit ihm ein, nachdem ſie ſich zuvor durch einen raſchen Blick vergewiſſert hatte, daß Edmund ihr gerade gegenüber zwiſchen Maud und Lucy ſaß. Sie hatte das eigen⸗ 122, die er für ärger erklärte als alles, was er in Syrien oder Egypten ausgeſtanden, verſtand ſie es zu beob⸗ achten, daß Edmund noch bläſſer war als im Wagen, und daß, obſchon er ſich in einem ernſten Geſpräch mit der kleineren ſeiner Nachbarinnen befand, ſeine Stimme angegriffen und ſein Geſicht bewölkt war. Ungefähr in der Mitte des zweiten Ganges richtete Walter, der auf der andern Seite von Vincent ſaß, an dieſen eine Frage über die Pyramiden, worüber er nun eine lange Be⸗ ſchreibung zum Beſten gab, welche, zu ihrer Schande ſei es geſagt, Margaret nicht intereſſirte, und da Sir John Marklock, ihr anderer Nachbar, beinahe ſchlief, indem er am Morgen eine angeſtrengte Fahrt gemacht hatte, ſo war fie dadurch in den Stand geſetzt, mit ungetheilter Aufmerkſamkeit die Unterhaltung zu beob⸗ achten, welche auf der andern Seite des Tiſches vor ſich ging. Was war es, das Mand's dünne Lippen ſo eben geäußert hatten, das Edmund auf einmal ſo todesblaß machte, daß ſie ſich verwunderte, wie ſie ihn einen Augenblick zuvor überhaupt hatte blaß finden können? und was konnte es ſein, das ihn veranlaßt hatte, einen plötzlichen, ängſtlichen, forſchenden Blick auf ſie ſelbſt zu werfen? Dieſer Blick durchbebte ihren ganzen Kör⸗ ver und ihre Hand zitterte wie ein Laub. Gedanken ſchoſſen in allen Richtungen durch ihren Kopf, einander widerſprechend und ſich gegenſeitig verwerfend. Hatte Maud etwas zu ihren Ungunſten geſagt? Pfui uͤber eine ſolche Vermuthung! wie konnte ihre beſte Freun⸗ din über ſie losziehen? hatte ſie vielleicht geſagt, daß Vincent ſie liebe, und daß ſie hoffe, ſie werde ihn hei⸗ 123 rathen? Unſinn! ſie konnte doch einem Fremden, wie Edmund, das nicht ſagen. Aber was mochte es ſein? Gewiß war etwas geſagt worden, das ihn beunruhigt hatte. Jetzt hat er ein großes Glas Wein verſchluckt und ſeine Farbe kehrt wieder. Wie erhitzt iſt ſeine Wange! wie Mand zu ihm ſpricht! ſie läßt der armen Lucy durchaus keine Hoffnung, Bekanntſchaft mit den Leuten zu machen! Was mag die lange Geſchichte ſein, die ſie ihm vorerzählt? Und warum ſcheint Lucy, die ſich niemals in den Vordergrund drängt, jetzt ſo un⸗ ruhig, warum blickt ſie über Edmund hinweg zu ihrer Schweſter und beſteht darauf, ihm auch etwas zu ſagen, und zwar mit einem ſo ſanften Blick in ihren Augen und einem kaum bemerklichen Blinzeln gegen ſie ſelbſt? Jetzt iſt Walter in Bezug auf die Pyramiden zufrieden geſtellt, und bevor er in's heilige Land weiter reiſen kann, wozu er große Luſt verräth, wendet ſich Vincent zu Margaret und fragt leiſe: „Wann kommt Ihre Schweſter?“ Dieß iſt für Margaret ein höchſt intereſſanter Ge⸗ genſtand, ein Thema, das ihre Gedanken ſchneller, als irgend etwas Anderes, von ihrer bisherigen Richtung ablenkt. „Wir wiſſen es ſelbſt nicht genau. Papa ſagte am Montag, ſie würde am Ende der Woche kommen; es kann aſſo jetzt jeden Tag geſchehen.“ „Ei, wirklich, ſchon ſo bald! werden Mr. und Mrs. Warren mit ihr nach Grantley kommen?“ „Wer ſind dieſe Leute? ich weiß nichts von ihnen.“ „Unſinn! Ihre Schweſter reist ja mit ihnen.“ „Ich habe nie ein Wort von ihr gehört, außer, daß ſie auf der Welt iſt und daß ſie kommt. Schauen Sie mich deshalb nicht mehr ſo verwundert an und ſagen Sie mir Alles, was Sie davon wiſſen.“ „Davon? ich kann Ihnen von ihr erzählen. Wir haben in Genua nichts Anderes geſehen.“ „Sie haben Ginevra geſehen?“ rief Margaret, 124 eſſe in das Geſicht ihres Nebenfitzers blickend. Ein Freudenſchauer, welcher dieſen Eindruck begleitete, gab ihren Augen ein ſo ſtrahlendes Licht und ihren Wangen eine ſolche Farbe, daß Vincent ſie mit Bewunderung anſah und ihre Frage zu beantworten vergaß, bis ein ungeduldiges„Nun?“ ihn aufforderte zu reden. „Nun, ſie gleicht Ihnen ein wenig, im Ganzen aber iſt ſie ſehr verſchieden von allen andern Perſonen, die ich „Aber hübſch, angenehm, nicht wahr?“ „Nun, ja. Ich denke ſo. Mir war es in ihrer Nähe nie ganz wohl zu Muthe. Sie müſſen Maud und Lucy das Nähere über ſie fragen. Wie in den meiſten Dingen weichen ſie auch hier ſehr von einander ab, und aus ihren verſchiedenen Ausſagen können Sie ſich dann einen Begriff, eine Vorſtellung entwerfen, welche vielleicht der Wirklichfeit ganz und gar nicht entſprechen wird. Es iſt ein ſo nutzloſes Geſchäft, Leute zu bezeichnen. Keine Beſchreibung giebt Anderen je einen richtigen Begriff von Ihnen.“ „Sie ſind ſehr ungenügend, aber Sie können mir wenigſtens ſagen, wo und wie Sie Bekanntſchaft mit ihr „Dieß geſchah eines Tages, als wir uns in Genna umſahen. Wir gingen durch die Säle des Palazzo Roſſo, als wir Mr. und Mrs. Warren trafen, mit denen wir ein wenig bekannt waren. Sie ſind Verwandte von dieſem Mr. Neville, der heute mit Ihnen hierher ge⸗ kommen iſt.“ „O, dann find es alſo die Leute, bei denen meine Gouvernante einige Jahre lebte.“ „Ganz richtig! erinnern Sie ſich noch, welchen Kampf ich bei meinem letzten Beſuch in Grantley mit 125 ihr hatte, weil ich Mrs. Warren eine langweilige Perſon nannte?“ „Ja; und jetzt, ich erinnere mich auch noch, daß ſie ſagte, ſie ſeien auf zwei Jahre verreist und ſie habe ſchon ſehr lange nichts mehr von ihnen gehört; aber fahren Sie fort.“ „Nun, ſie betrachteten eben einen prachtvollen Vandyk, den erſten Marquis von Brignolle zu Pfeid, und neben ihnen war ein Mädchen, das ihre Augen auf das Gemälde geheſtet hielt, und das mir ſogleich aufſiel, denn ich hatte niemals ſo ſeltſame Augen oder einen ſo eigenthümlichen Aufzug geſehen.“ „Und es war Ginevra?“ 7 d. „Und wie war ſie denn gekleidet?“ „Sie trug ein ganz ſchlichtes, graues Kleid, kein Häubchen oder Shawl, ſondern was man in Italien einen Mezzaro nennt, eine Art von Schleier, welcher den Kopf bedeckt und tief herabhängt.“ „Und ihr Geſicht? ſagen Sie mir jetzt etwas von ihrem Geſicht.“ „Ich habe Ihnen bereits erklärt, daß ich es nicht beſchreiben kann. Es iſt ruhig und ſehr blaß. Zu⸗ weilen ſo blaß und ſo ſtill, daß ſie wie eine Marmor⸗ ſtatue ausſieht. Ihre Augen ſind ſo hellblau, daß ſie manchmal beinahe farblos erſcheinen. Auch ihr Haar iſt von der hellſten Sorte. Das einzige Dunkle in ihrem Geſicht ſind ihre Wimpern. Sie ſind wie ein ſchwarzer Vorhang und werfen einen ſo dunkeln Schat⸗ ten unter dieſen ſo hellen Augen, daß dieß den allerſelt⸗ ſamſten Eindruck macht.“ „Sie wollen alſo ſagen, daß ihr Geſicht keinen Ausdruck habe.“ „Keinen Ausdruck? im Gegentheil, es iſt das aus⸗ drucksvollſte, das ich je geſehen; das iſt gerade das Eigenthümliche daran. Trotz der außerordentlichen Ruhe in ihren Zugen, liegt auf ihrem Geſichte eine 1 126 Spannung, welche ihren Gedanken einen wahrhaft erſtaunlichen Ausdruck gibt. Selien bewegt ſich eine Muskfel ihres Geſichts, aber auf ihrer Wange erhebt ſich ein farbiger Fleck und wird immer tiefer, während ihre Angen ſtrahlen und beinahe ſcheinen. Sie funkeln nicht, wie die Ihrigen oder wie Maud's ihre. Lucy ſagt, Sie erinnern ſie an einen Sommermorgen und Ihre Schweſter an eine Mondſcheinnacht. Ich bin begierig, was Sie von ihr denken werden. Wir trafen ſie ſehr oft, aber ich konnte nie aus ihr klug werden. Lucy hatte, glaube ich, großes Gefallen an ihr.“ Margaret wurde gedankenvoll und nach einer Pauſe fuhr Frederie fort: „Wie überraſcht waren wir, als Mrs. Warren, nachdem ſie uns die Hände gedrückt, ſagte:„„Erlauben Sie mir, daß ich Sie der Miß Leslie vorſtelle.““ Es blitzte mir ſogleich durch den Kopf, wer ſie war.“ „Wiſſen Sie vielleicht, wie es kam, daß ſte mit Mr. und Mrs. Warren reiste?“ „Man hat es mir ſo erzählt: Als ihr Onkel ſtarb, bei dem ſie gewöhnlich lebte, ſchrieb ihr Vater an den engliſchen Conſul in Genua und fragte ihn, ob nicht eine engliſche Familie da ſei, mit welcher ſie ſicher nach Hauſe reiſen könne. Er zeigte dieſen Brief zu⸗ fällig Mr. Warren, der mit Oberſt Leslie ein wenig bekannt war, und nun erbaten ſich er und ſeine Frau Ihre Schweſter mit ſich zu nehmen. Ich glaube, das war die Geſchichte.“ „Aber Ginevra lebte nicht in Genua, oder?“ „Nein, ich denke, ſie kam von Verona aus zu ihnen; im Uebrigen finde ich es ſehr ſeltſam, daß Sie nicht mehr von der Sache wiſſen ſollen.“ Margaret wurde der Nothwendigkeit, dieſe Bemer⸗ kung zu beantworten, durch das Signal zum Aufbruch überhoben, das plötzlich dieſe Unterredung unterbrach, und in wenigen Minuten befand ſie ſich in einem Boudoir, das eine Art von Uebergang zwiſchen dem Speiſeſaal und 127 dem Gewächshaus bildete, und an ihrer Seite ſaß Lucy⸗ und Vincent auf dem Sopha: Maud ſaß auf einem nie⸗ drigen Stuhl ihnen gegenuͤber; ſie hatte ihr Geſicht in den Händen ruhend und ihre Ellbogen auf die Kniee geſtemmt. Dieſe ſchwarzen durchdringenden Augen er⸗ innerten ſie an die ſtumme Geberde, welche bei Tiſch ihre Aufmerkſamkeit erregt hatte, und ſie blieb etwas gedankenvoll, bis Maud, ſobald die Diener mit dem Kaffeezeug verſchwunden waren, rief: 1 „Sind Sie nicht ungemein begierig, von ihrer Schweſter zu hören?“ Margaret nickte zuſtimmend, ohne zu ſprechen. „Hat Ihnen Frederie von ihr erzählt?“ fuhr Maud fort. „Ja— er ſagt, Sie gleichen ihr,“ ſagte Mar⸗ garet, zu Lucy ſich wendend. Lucy erröthete und ſagte:„Sie iſt ungemein an⸗ ziehend.“ Mand biß ſich in den Handſchuh und ein ſeltſames Lächeln fuhr über ihre Züge. „Dann denkt Frederie, ich gleiche ihr nicht.“ „Er hat nicht ſo zu mir geſagt. Er ſagt, er könne nicht klug aus ihr werden.“ „Wirklich! oh, ich glaube, ich kann es, aber Sie ſollen ſelbſt urtheilen. Mr. Neville ſagt mir, daß Sie ſie in den nächſten Tagen erwarten. Wie findet ſich Ihre Großmama in den Gedanken an ihre Ankunft?“ Margaret lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Sie machen heut Alles mit Zeichen ab,“ ſagte Maud.„Wollen Sie mir verſprechen, daß Sie, wenn ich Sie in drei Wochen frage, wie Ihre Schweſter Ihnen gefalle, und wenn Sie ſich ſcheuen, offen zu ſpre⸗ ſchen, mir auch wieder eine dieſer ſtummen Antworten geben werden?“ 3 „Wenn ſie mir nicht gefallen ſollte,“ ſagte Mar⸗ garet ernſter als gewöhnlich,„ſo wird die Sache ſo 128, ſchmerzlich für mich ſein, daß ich gewiß nicht darüber ſcherzen werde.“ „O, Sie werden ſtie liebgewinnen, Sie müſſen ſie liebgewinnen,“ ſagte Lucy leiſe. „Nun wahrhaftig,“ rief Maud ungeduldig,„ich verſtehe Dich nicht. Du biſt wahrlich die wandelbarſte Perſon von der Welt, und wenn Du ſo fortfährſt, ſo halte ich es für meine Pflicht, offen zu ſprechen. Ich verſtehe nichts von all dieſem ſentimentalen Unſinn und weiß nicht, warum Du es verſuchen willſt, den Leuten die Augen geſchloſſen zu halten, während Du ihnen den beſten Dienſt dadurch erweiſen könnteſt, daß Du ihnen rietheſt, dieſelben weit zu öffnen.“ Lucy biß ſich in die Lippen, und ein verlegenes Lächeln erfolgte. Margaret fuhlte ſich unangenehm be⸗ rührt und beklommen. Das arme Kind! Erſt ſeit den letzten paar Wochen hatte ſie erfahren, was es heißt, bei übler Laune zu ſein, und ſie hatte ſich die Kunſt noch nicht angeeignet, ihre Unbehaglichkeit zu bemän⸗ teln. Das Leben begann um ſie her dieſes dünne Ge⸗ webe von Sorgen zu weben, das zu verwickelt iſt, um abgeſchüttelt, und zu leicht, um von Andern bemerkt zu werden. Maud biach das bedrückende Schweigen durch eine Bemerkung, welche, obſchon weniger pein⸗ lich und in Verlegenheit bringend, als die letzte, den⸗ noch nicht geeignet war, ihr beklommenes Herz zu er⸗ leichtern.— B „Wiſſen Sie, Margaret, daß wir, obſchon wir ſeit unſrer Ankunft wenig Zeit hatten, zu ſchwatzen, den⸗ noch die Gerüchte über Sie und Mr. Neville haben erfahren können.“ Margaret wurde feuerroth; außer einer einzigen Unterredung mit Walter hatte ſte niemals eine Anſple⸗ lung auf dieſen Gegenſtand gemacht oder gehört, und obſchon etwas nicht Unangenehmes in dem Gedanken lag, daß Andere Edmund's Aufmerkſamkeiten gegen ſie beobachtet haben, und daß das Reſultat, welches ſie geheim und zitternd gewünſcht hatte, von der Nachbar⸗ ſchaft erwartet worden ſei, ſo wurden doch ihre Hände kalt und ihre Wangen glühten bei dieſer vertraulichen und unehrerbietigen Erwähnung deſſen, was bisher in den tiefſten Winkeln ihres Herzens geruht hatte. Sie antwortete mit ſtammelnder Stimme, daß ſie von der Eriſtenz ſolcher Gerüchte nichts gewußt habe. „Aber Sie erkennen an,“ ſagke Maud lachend,„daß dieſelben einiger Maßen begründet find?“ „Nein, nein, in der That nicht. Ich habe wirk⸗ lich keine Verpflichtung gegen ihn eingegangen.“ „Vielleicht noch nicht, aber Sie ſind im Begriffe, es zu thun?“ beharrte Maud und fügte dann ernſthaft hinzu:„Es ſollte mich ſehr freuen, wenn es ſo wäre, Margaret. Mr. Neville iſt unermeßlich reich, wenig⸗ ſtens iſt er der Sohn eines unermeßlich reichen Man⸗ nes, und dieſe Warrens, die wir in Italien trafen, be⸗ ſchreiben ſeines Vaters Gut in Irland als das ſchönſte, das je geſehen worden ſei.“ „Und ich ſage, er ſei ſehr freundlich,“ bemerkte Lucy. Bei Margaret drängte ſich der Gedanke, der un⸗ willkürliche Gedanke auf, daß„freundlich“ nicht das Wort ſei, welches ſie bei einer Schilderung Edmund's gebraucht haben würde. Allerliebſt— anziehend— be⸗ zaubernd— aber nicht freundlich. Nein, ſogar in ſei⸗ ner Liebe— wenn er ſie wirklich liebte— lag eine Härte, eine Steifheit, ein Mangel an zarter Ruͤckſicht gegen ſie, und wenn er noch ſo ſehr mit ihr beſchäftigt war, ſo war dieß nichts Freundliches. Aber ſie war verliebt! die arme Margaret war entſchieden verliebt— denn es ſchien ihr, wenn er freundlicher, weniger ge⸗ bieteriſch, weniger unbeſtändig geweſen wäre, ſo würde ſte ſich nicht ſo ſehr um jeden Blick ſeines dunkeln Au⸗ den bekümmert oder mit ſolch zitternder Angſt jeden eeweis von Theilnahme, der in ſeinen Worten oder Handlungen liegen konnte, beobachtet haben. Die Liebe blendet die Leute nicht immer. Sie macht ſte oft ſcharf⸗ Schloß Grantley. 1. 9 130, äugig, ſchmerzlich, empfindlich für die unbedeutendſten Unvollkommenheiten bei dem Gegenſtande ihrer Nei⸗ gungen— aber die Fehler und die Gebrechen, welche mit ſcharfer Empfindlichkeit entdeckt werden, ſind nicht haſſenswerth, wie ſie es bei Andern ſein würden— ſie ſcheinen einen Theil deſſen zu bilden, was wir lieben, und in unſerer Schwäche wagen wir nicht einmal den Wunſch, auch nur eine Linie an dem unſerm Herzen eingegrabenen Bilde zu verwiſchen. Margaret wurde aus dieſen Gedanken durch die Stimme ihres Vaters erweckt. Er ſtand an der Thüre des Gewächshauſes und winkte ihr, zu kommen. Sie kam. Er legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte leiſe: „Ich habe ſo eben den Wagen beſtellt, Deine Schwe⸗ ſter iſt gekommen.“ Margaret ſchaute ihm in's Geſicht. Seine Augen ſtanden voll von Thränen. Sie waren allein. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals; er preßte ſie an ſein Herz und ſtie fühlte eine heiße Thräne auf ihrer Stirne. Nicht ein einziges Wort wurde geſprochen, aber viel wurde verſtanden in dieſer Stunde. Als Margaret ſich von Lady Donnington und ihren Töchtern verabſchiedete, zeigte ihr Geſicht die Spuren tiefer Bewegung. Als ſie die Treppe hinab zu dem Wagen ging, eilte ſowohl Walter als Edmund, ſie zu geleiten, aber ſie nahm den Arm Walter's an. Eine neue Phaſe in ihrem Leben begann, und ihm, der vom Tage ihrer Geburt an an ihrer Seite geſchritten war und ſie mit liebenden Augen beobachtet hatte, ihm ſcheute ſie ſich nicht, die Thränen zu zeigen, die ihre Wangen hinabfloſſen, oder die Aufregung ihrer Seele durch einen zitternden Druck auf den Arm, den ſie hielt, zu verrathen. Sie ſtieg in den Wagen, ihr Va⸗ ter und Walter folgten ihr, der Schlag wurde geſchloſſen. Sie rief überraſcht: „Kommt Edmund nicht?“ „Nein,“ ſagte Oberſt Leslie;„er hat mir ſo eben —— 131 geſagt, er wolle in Earlton Park, auf Mr. Warrens Schloß, übernachten. Wir werden ihm ſeinen Bedien⸗ ten dorthin ſchicken.“ „Kommt er morgen zurück?“ fragte Walter. Wie dankbar war ihm Margaret für dieſe Frage! „Ich weiß es nicht,“ war die Antwort;„er ſagte ichts.“ Ihr Herz ſank ihr im Buſen und ſie bereute bitter⸗ lich die plötzliche und, wie es ihr jetzt ſchien, unerklär⸗ liche Regung, welche ſie veranlaßt hatte, ſich von ihm abzuwenden und Walter's Arm zu ergreifen. Er hatte ſehr begierig geſchienen, mir ihr zu ſprechen. Wahr⸗ ſcheinlich würde er ihr geſagt haben, wenn er zurück⸗ kehren wollte— ſie hätte dann irgend eine beſtimmte Ausſicht gehabt. In ihrem Unmuthe drehte ſie beinahe den Finger ihres weißen Handſchuhes aus; ſie hätte gern mit Walter einen Zank angefangen, weil er ihr ſeine Begleitung an den Wagen angeboten hatte. Wie aktlos, ſich ſo vorzudrängen! ein böſer, undankbarer, ungerechter Gedanke! Er wurde auch in ſeiner Geburt erſtickt und Walter fühlte zu ſeiner großen Ueberraſchung, daß ſeine Hand ergriffen und zwiſchen den ihrigen ge⸗ drückt wurde in einer plötzlichen Rührung, welche er ihrer Aufregung durch den Gedanken an das bevor⸗ ſtehende Zuſammentreffen mit ihrer Schweſter zuſchrieb. Oberſt Leslie erklärte ihnen mit wenigen Worten, ein Brief, worin Mr. Warren ihm von Dover aus ihre Ankunft angekündigt habe, ſei unterwegs liegen geblie⸗ ben; mittlerweile ſeien ſte ſchneller gereist, als ſie er⸗ wartet, und ungefähr eine Stunde, nachdem ſie ſelbſt Grantley verlaſſen, ſei ihr Reiſewagen dort angekom⸗ men. Mr. und Mrs. Warren ſeien nach Earlton wei⸗ ter gefahren und haben Ginevra in der Obhut der Mrs. Dalton gelaſſen, welche augenblicklich einen Reit⸗ knecht abgefertigt habe, um Oberſt Leslie von der An⸗ kunſt ſeiner Tochter zu unterrichten. Nach dieſer Mit⸗ theilung herrſchte uͤber die weitere Daner, der Fahrt beinahe ununterbrochenes Stillſchweigen. Für Mar⸗ garet erſchienen die nächſten zwei Stunden endlos, und es däuchte ihr, als ſei der alte Kutſcher nie früher ſo langſam gefahren. Als ſie die Thore des Parks paſſir⸗ ten, ſchlug es auf der großen Stelluhr eilf, und die wohlbekannten Töne der bellenden Hunde und die ſich öffnende Hausthüre waren für Margaret's Ohren nie⸗ mals ſo willkommen geweſen. Sie ſchaute nach ihrem Vater, als der Haushofmeiſter ihr den Mantel abnahm, aber er hatte ſich ſeitwärts gewendet und war in ſein Arbeitszimmer geeilt, deſſen Thüre er hinter ſich ver⸗ ſchloß. Sie ging ſtracks nach dem Bibliothekzimmer, fand es aber finſter, und nun erinnerte ſie ſich, daß ſie nicht wußte, welches Zimmer ihre Schweſter bewohnen ſollte. Sie rief den Diener und fragte ihn. Er ſagte, Mrs. Dalton habe ſich bis zur Ankunft des Oberſten nicht entſcheiden wollen, aber er glaube, die Effecten der Lady ſeien in das Zimmer mit den Zitzüberzügen ſebracht worden. Margaret eilte die eichene Treppe ginauf und fand oben ihre Gouvernante mit einem Leuchter in der Hand. „O, wo iſt ſte?“ rief das athemloſe Mädchen. „In ihres Vaters Zimmer, drunten, meine Liebe. Sie war ſo eben noch bei mir, aber als ſie die Stimme des Oberſten hörte, der nach ihr fragte, da flog ſie da⸗ von wie eine Kugel aus dem Rohr. Er war unten an der hintern Treppe und ſie ſchien ihren Weg inſtinkt⸗ mäßig zu kennen. Sie waren im Arbeitszimmer und die Thür war verſchloſſen, bevor Unſereins Zeit hatte, ſich nur umzuſehen.“. „Ich denke, ich ſollte hinabgehen— ich wünſchte, mein Vater riefe mich. Sagen Sie ſchnell, Dally! gefällt ſie Ihnen?“ 4 3 „Sie ſcheint eine ſehr artige junge Lady zu ſein; aber wahrhaftig, ſie iſt viel größer als Sie. Wer hätte das gedacht?“ 1 „Ich muß gehen,“ ſagte Margaret und ging die 133 Treppen hinab, die zu ihres Vaters Zimmer führten. Lrehden hina Serufen zu werden, ſie dachte, die Thüre müſſe ſich bald öffnen, ſie hörte ſie ſprechen— ſie fühlte nicht den Muth in ſich, die Thüre ſelbſt zu öffnen— ſie wartete— Niemand bewegte ſich— ein leiſes Ge⸗ flüſter war Alles, was ihre Ohren erreichte; ihr Herz begann zu ſchwellen und ein Gefühl des Schmerzes und der Erbitterung bedrückte ſie; Thränen kamen ihr in die Augen und wurden nur mit Mühe zurückgehalten, die Nacht war empfindlich kalt, und während ſie auf dem ſteinernen Boden dieſes Ganges ſtand, ſchien ihre phyſiſche Empfindung der Kälte zu entſprechen, welche über ihr Herz kroch.„Ich kann es nicht länger ertra⸗ gen!“ rief ſie und wandte ſich gegen die Treppe, mit der Abſicht, ſich in ihr eigenes Zimmer zu verſchließen 4 und ihren Gefühlen Luft zu ſchaffen; aber als ſte die unbeantwortet blieb, öffnete ſie ſachte die Thüre. Sie ſah Niemand, aber ſie bemerkte, daß diejenigen, die zu ſuchen ſte hierher gekommen war, ſich im vorderen Zim⸗ mer, in einer Art von innerem Stübchen in dem Ar⸗ beitszimmer ſelbſt befanden. Mit pochendem Herzen näherte ſie ſich, blieb aber überwältigt von einer un⸗ überwindlichen Schüchternheit ſtehen. Ihr Vater— ihr kalter, düſterer Bater— ſtand vor einem Gemälde, das ſeit ſeiner Rückkehr an ſeinem Platze gehangen hatte, aber immer mit einem Vorhang bedeckt geweſen war. Jetzt war er ſeitwärts abgegangen. In ſeinen Armen ruhte, den Kopf an ſeiner Schulter, die Tochter der Frau, die er leidenſchaftlich geliebt hatte und deren Bild vor ihm war. Seine lang unterdrückten Gefühle hatten ſich Bahn gebrochen. Es war eine Stunde unbe⸗ zwinglicher Rührung. Die Vergangenheit und die 134 Gegenwart ſchienen ſich in dieſem Augenblicke zu be⸗ gegnen. Ein Strom von Erinnerungen— von ſüßen und bittern Reminiſcenzen— rauſchte über ihm, und in dieſer Sprache, die ihm in ſeinen Tagen des Glückes vertraut geweſen, die aber ſeit Jahren keinen Ausdruck mehr gefunden hatte— in dieſer italieniſchen Sprache, welche ihm ſchon ſo lang nur wie die Muſik eines Traumes geweſen, ergoß er in gebrochener Stimme die Erinnerungen an vergangenen Kummer, untermiſcht mit den freudigen Aufregungen der gegenwärtigen Stunde. „Mein Abgott! mein einziges Gut! beſtes Geſchenk des Himmels!“ rief er, indem er ſein Kind an ſein Herz preßte,„Ginevra! meine Ginevra! Darf ich wie⸗ der vor menſchlichen Ohren dieſen Namen flüſtern, wel⸗ cher ſeit Jahren nicht anders als ein Angſtſchrei über mmeine Lippen gekommen iſt! Mein theures, mein köſt⸗ liches Kind! nenne mich Deinen Vater, oder ſag' ein⸗ mal, nur ein einziges Mal: mein Henry! Nein, ſage es nicht; das waren ihre letzten Worte, und Niemand, ſelbſt Du nicht, mein Engel, darfſt ſie vor mir aus⸗ ſprechen.“ Eine leiſe holde Stimme flüſterte in ſein Ohr, das Kind, das er in ſeinen Armen gehabt hatte, ſank neben ihm auf die Kniee, ihre Lippen bewegten ſich, ihre Augen wandten ſich von dem ſtummen Gemälde vor ihr zuerſt zum Himmel und dann auf ihres Vaters aufgeregtes Geſicht. Die Farbe, die auf ihren Wangen geblüht, ſchwand hin, ihr Kopf beugte ſich noch tiefer, als zuvor, und ihre Thränen fielen ſchnell auf die Hand, auf welcher ihre Stirne ruhte. Was empfand Margaret dieſe Zeit über? ſie war da in Gegenwart eines Vaters und einer Schweſter, unbeachtet, unbemerkt, ohne daß man ihrer dachte. Eine fremde Sprache ſchlug an ihre Ohren, und die Geber⸗ den, die Töne leidenſchaftlichen Gefühls waren ihr ſo neu wie die Sprache, die ſich ihnen lieh. Sie empfand es mit unbeſchreiblicher Bitterkeit, daß ſie keinen Theil 1 — 135 an dieſer Gemuͤthsbewegung hatte, daß ſie ihrem Vater weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart etwas war; ihre Schweſter erſchien ihr als ein Weſen aus einer andern Welt, das auf einmal Beſitz von ſeiner Liebe ergriffen habe, deren ſie ſelbſt ungerechter Weiſe beraubt worden ſei. Hatte ſie nicht auch eine Mutter gehabt? hatte ſie nicht oft in ihrem eigenen Stübchen geweint, wenn ſie die ſanften Züge derſelben betrachtete, und hatte je eines Vaters Zärtlichkeit ſie beruhigt oder getröſtet? Dieſe Gedanken verhärteten ihr Herz, ſie eilte zurück durch die Studirſtube, rannte auf ihr eigenes Zimmer, verſchloß die Thüre und über⸗ ließ ſich der Bitterkeit ihrer Gefühle. Sie wollte ihr Herz gegen diejenigen verſchließen, die ſich ſo wenig um ſte bekümmerten, ſie wollte ſich ihnen nicht mit läſtiger Zaͤrtlichkeit aufdrängen, und vielleicht wollte ſie bald das Haus verlaſſen, das für ſie doch nie mehr die Heimath ſein ſollte, die es geweſen. Wahrſcheinlich ſollte ſie bald Edmund Neville heirathen und in eine neue Familie übergehen, zu neuen Scenen und zu neuen Freunden. Walter muß oft kommen und ſte beſuchen: ſte könnte es nicht ertragen, lange von ihrem theuren alten Walter getrennt zu ſein; aber was Grantley be⸗ traf— um Grantley bekümmerte ſie ſich nicht; für ſie war es ganz verloren. In dieſem Augenblick zog ſie den Vorhang, öffnete den Laden und fühlie ſich gefeſſelt von der W nterſchön⸗ heit der Landſchaft, die vor ihr lag. Der Mond leuch⸗ tete glänzend, das Schneegeſtöber war vorüber, aber die dicken Flocken weißten den ganzen Raum zwiſchen dem Haus und dem Fluß, welcher, eingeſchloſſen in ſein eiſiges Gefaͤngniß, die Lichter der Millionen Sterne zurückſtrahlte, die an dem klaren froſtigen Himmel flimmerten. An den Blättern der Lorbeerbäume und den entfernten Buchen hing der Schnee in phantaſtiſchen eſtalten und graziöſen Umriſſen, und bildete ein Bett 136 von blendender Weiße am Rande des altmodiſchen Fen⸗ ſters, wo ſie ſtand. „Meine Heimath! meine engliſche Heimath!“ rief ſie laut,„was bekümmern ſich diejenigen um Dich, die mich veranlaſſen, mich von hier wegzuwünſchen. Im Grunde ſjetzt erſpähte ein böſer Geiſt an ihrer Seite den günſtigen Augenblick, um einen ſchlimmen Gedanken einzugeben, welcher leicht Wurzel faßte in dem durch Erbitterung und Mißvergnügen zum Voraus bear⸗ beiteten Boden), im Grnnde ſehe ich nicht din, warum ich mich wegwünſchen oder mir meines Vete Gleich⸗ gültigkeit ſo ſehr zu Herzen nehm ſoe. Ich die ältere Schweſter. Großmama ha. mie vet ſagt, daß ich die Erbin von Grantley und ſeinenitnt Umgebung bin. Ginevra iſt hiey, die Ciac wenn ich ihr Grantley unangenlhine mahe wollte nif könnte ich das weit leichter thunen ls ſte im Stande iſt, mir Verdruß zu bereiten.“nein In dieſem Augenblick klopfte es leiſe an der Thüre. Margaret fuhr zuſammen und ſugte mit zitternder Stimme: „Herein!“ 3 Sie hatte während der letzten pagr⸗Stunden ſo viel durchgemacht, daß ſie von ihrer Aufregung beinahe überwältigt war. Ein inſtinktmäßiger Eindruck ſagte ihr, daß ihre Schweſter es ſei, welche gekommen war, ſite zu beſuchen; ein Gefühl der Schwäche kam über ſie, und als ſie durch das Zimmer ſchritt, um ihr entgegen⸗ zugehen, fiel ſte beinahe. In einem Augenblick wurde ſie von den Armen Ginevra's erfaßt, welche ſie ſanft auf den Sopha ſetztei, ſie feſt an ſich zog, ihre Arme um ihren Hals ſchlang, ihren ſchmerzenden Kopf an ihre Bruſt legte; während die ältere Schweſter ſchluchzte, als wollte ihr das Herz brechen, beſchwichtigte die Jüngere ſie mit geflüſterten Worten der Liebe, wie wenn ſie es mit einem weinenden Kinde zu thun hätte. Es war Margaret zu Muthe, als ſpräche eine Mutter — 137 „Ich ruhe, Theuerſte, an Deiner Seite, ich möchte 138 gern die ganze Nacht hier bleiben und Deinen Schlaf überwachen.“ „Nein, nein,“ rief Margaret,„Du darfſt nicht bleiben. Geh, Schweſter, geh, aber laß mich Dich morgen ſehen, wenn ich erwache. Ich werde ſonſt fürchten, nur von Dir geträumt zu haben. Es iſt ſo ſeltſam, aber mir iſt, als hätte ich Dein Geſicht ſchon vashe geſehen. Küſſe mich noch einmal, bevor Dui geheſt.“. Ginevra beugte ſich über ihre Schweſter, küßte und ſegnete ſie, dann ſank ſie neben dem Bett auf ihre Kniee und ſagte mit leiſer Stimme:— „Schweſter, wollen wir zuſammen beten?“ Margaret ſchlang ihren Arm um den Hals der Schweſter, zog ſie dicht an ſich und flüſterte ihr in's r: 1 „Gibt es Gebete, welche wir zuſammen ſprechen können?“ „Das eine, welches Gott ſelbſt ant⸗ wortete Ginevra, und ihre ſanfte Stimme ſprach das Vaterunſer, und als das Amen küber Mar⸗ harehs Lippen kam, verſchloß ein ſchwerer Schlaf ihre Augen. z 5 Ginevra betete noch einige Zeit an der Seite ihrer Schweſter; ſie betete leiſe, und von Zeit zu Zeit drückte ſte einen feurigen Kuß auf die Hand, welche unbewußt die ihrige feſthielt. Ein leiſes Klopfen an der Thüre erweckte ſie aus dieſer Stellung. Sie machte ſachte ihre Hand los, überließ mit Widerſtreben ihre Stelle an Mrs. Dalton, dann zog ſie ſich auf ihr eigenes Zimmer zuruͤck und blieb da zwei Stunden, ihr Geſicht 5 h⸗ Hände begraben und tief in Gedanken ver⸗ unken. —— —— 139 Achtes Capitel. Zur Zeit ihrer Ankunft in England war Oberſt Leslie's jüngere Tochter etwa ſiebzehn Jahre alt, aber ſie ſah älter aus und war viel größer, als ihre Schwe⸗ ſter. Beide hatten kleine Adlernaſen, hohe Stirnen, an den Schläfen ſehr gerundet, dunkle Augenbrauen und dichte Wimpern; aber während Margaret's Augen veilchen⸗ oder hyazinthenblau waren, hatten Ginevra's ihre die Farbe des Vergißmeinnicht, oder vielmehr jenes Blau, welches zuweilen zwiſchen den hochrothen Wolken und dem glänzenden Gold eines prächtigen Sonnenunterganges liegt, ein Blau, welches den Azur des übrigen Himmels beſchämt. Ihr Haar war hell und ihre Wangen waren blaß; ihr Mund war der einzige Zug, der an ihr entſchieden hübſcher war, als an ihrer Schweſter, er war voll von Holdſeligkeit und Güte. Ihr Geſicht war ruhig, aber es war die Ruhe eines glatten Sees— ſtill, jedoch nicht träge— ge⸗ laſſen aber ausdrucksvoll. Als ſie am Morgen nach ihrer Ankunft zum Frühſtück herabkam, wandten ſich Aller Augen mit banger Neugierde nach dem jungen Mädchen, das in ihres Vaters Hauſe eine Fremde war, aber angekommen, um allda die Stelle einer Tochter einzunehmen. Ihr ſchüchterner Schritt, ihre Aehnlich⸗ keit mit Margaret, der Ausdruck ihrer Augen zerſtreute auf einmal alle Vorurtheile, welche gegen ſte gefaßt worden waren, und als ſie ſich von ihrem Vater zu Mr. Thornton wandte, hielt er ihr beide Hände ent⸗ gegen, küzte ſte auf die Stirne und ſagte in einem Tone, worin Anſtrengung und Freundlichkeit ſich miſchte:„Gott ſegne Sie, mein liebes Mädchen!“ Hierauf wurde ſie von Mrs. Thornton umarmt, und dann ſchüttelte ihr Walter die Hand mit einer Herz⸗ lichkeit, die zu empfinden er niemals gedacht, und die zu zeigen er ſich niemals fäͤhig geglaubt hätte. Obeeſt Leslie's Augen ſchweiften an dieſem Morgen oft von ſeinem Zeitungsblatte ab; er ſprach nicht viel zu Ginevra, aber wenn ſie ſprach, ſo lauſchte er aufmerkſam. Als er ſeine beiden Töchter auf einem niedern Sopha im Geſellſchaftszimmer an einem mit Büchern, weiblichen Arbeiten und Blumen bedeckten Tiſche beiſammen ſitzen ſah, ihre beiden hübſchen Köpfe dicht an einander, Gi⸗ nevra's Arm um Margaret's Leib geſchlungen und Margaret's Wange an Ginevra's Schulter ruhend— als er ihre Augen zärtlich gegen einander gekehrt und ihre Hände oft mit derſelben Tapetenarbeit beſchäftigt ſah— als er die Töne ihrer jungen Stimmen und die häufigen Ausbrüche von Margaret'’s fröhlichem Ge⸗ lächter hörte, da ſchöpfte er tief Athem, und eine Centner⸗ laſt ſchien von ſeiner Bruſt zu weichen. Dieſer Tag, der nächſte und der folgende wurden von den Schweſtern im Genuß eines neugefundenen Glückes verbracht, neu für Beide und augenſcheinlich jeder von ihnen will⸗ kommen. Es lag eine außerordentliche Aehnlichkeit in ihren Geſchicken; keine von ihnen hatte eine Mutter, einen Bruder oder eine Schweſter gekannt, und bei verſchiedenen Charakteren, verſchiedener Erziehung und verſchiedenen früheren Verbindungen hatten Beide ſich nach dieſen Banden der Verwandtſchaft geſehnt, welche durch keine andere Art von Neigung erſetzt werden können. Es war hübſch anzuſchauen, wenn Margaret ihre blaſſe Schweſter in einen Pelzmantel hüllte, ſie mit Schmeicheleien beredete, ſich in ein Cabriolet oder in einen Schlitten zu ſetzen, und dann an ihrer Seite ausſah, wie eine Damascener Roſe neben einer Lilie— es war hübſch zu ſehen, wie Ginevra die Blumen im Gewächshauſe, die zierlichen Fuchſias oder die vielfarbi⸗ gen Haideblumen zu Kränzen flocht, welche ſie jeden Tag auf die ſchöne Stirne ihrer Schweſter ſetzte— es war hübſch, ſie mit einander leſen zu ſehen, oder ſie bei ihren italieniſchen Lectionen oder mit ihren engliſchen Büchern ver ſich zu beobachten, wie ſie einander ihre Fehler 141 mit kindlichem Vergnügen verbeſſerten, oder ſich im Scherze ausſchalten— oder im alten Bibliothekzimmer, wenn die Däͤmmerung einbrach, die Läden noch offen waren und das Feuer loderte, Ginevra die Geſänge ihres Landes ſingen zu hören, während Margaret zu ihren Füßen ſaß und ihr ſekundirte, ſo bald ſie die Melodie dieſer wilden Toͤne erfaßt hatte. „Schweſter,“ pflegte die ältere zu ſagen, wenn ſie Nachts bei einander auf ihren Zimmern waren,„Schwe⸗ ſter, wir müſſen ſehr ſchnell über unſer vergangenes Leben hinwegreiſen und in wenigen Tagen wie alte Schweſtern ſein, die immer mit einander gelebt haben.“ Und dann erzählte ſie Ginevra, wie glücklich ſie als Kind gelebt, wie gütig Jedermann gegen ſie ge⸗ weſen, wie Walter Sydney ſie immer geliebt und ſich bemüht habe, ihr Alles zu erſetzen, Mutter, Bruder, „ſogar eine Schweſter,“ ſagte ſie, lachend über den Contraſt zwiſchen ihm und der wirklichen Schweſter, die ſie gefunden hatte. „Du biſt alſo immer ſehr glücklich geweſen, Theuerſte?“ verſetzte die Andere. „Ja, das glücklichſte Kind von der Welt, aber ich glaube, das Gluck eines Kindes kann nicht lange währen.“ „Haſt Du das herausgefunden, Schweſter?“ „Ich habe es vielleicht errathen;“ und Margaret beugte ihren Kopf über die Blumenz, welche ſie eben von ihrer Stirne weggenommen hatte. „Biſt Du glücklich geweſen, Ginevra?“ „Zuweilen,“ lautete die Antwort, und dann fügte ſie lebhaft hinzu: „Erzähle mir mehr von Dir ſelbſt, liebe Margaret, meine reine Marguerite,“ ſagte ſie und blickte zärtlich in’s Geſicht der Schweſter, während ſie ihr die kleinen Geſchichten ihres vergangenen Lebens, den Ausdruck ihrer Gefühle, die Aeußerung ihrer Meinungen ent⸗ lockte. Sie lanſchte ihr mit unermuͤdeter Theilnahme, 142 ſie antwortete mit dem feinſten und zarteſten Gefuhl, ſte warf über dieſe Unterhaltungen und ihren täglichen Verkehr einen Zauber, welcher allen Zwang und alle Verlegenheit entfernte. Margaret war bezaubert und bezwungen von dem magiſchen Einfluß dieſer ruhigen und höchſt verſtändigen Sympathie; aber ſie fühlte ſich getäuſcht in ihren Anſtrengungen, von Ginevra daſſelbe unbegrenzte Vertrauen zu erlangen, das ſie unwillkür⸗ lich in ſie ſetzte, und nach Verfluß weniger Tage war ihr Eindruck der, daß ſie niemals eine Perſon getroffen, von der ſie ſo gut verſtanden werde, und die ſie ſelbſt ſo wenig verſtehe wie ihre jüngere Schweſter. Sie war allen andern Menſchen, mit denen ſie je zuſammen⸗ gekommen, ſo ungleich, und ihre ganze Umgebung ſchien dieß zu fühlen; ſogar Mrs. Thornton, die ſich nicht ſo leicht durch etwas verblüffen ließ, wunderte ſich, wie ſehr ſie ſich von Ginevra angezogen fühlte. Sie ver⸗ ſuchte, ihr zu ſagen, daß zwiſchen ihnen nichts gemein⸗ ſchaftlich ſei(ohne näher auszufuͤhren, ob ſie das Zim⸗ mer meinte, worin ſie ſaßen, oder die Gegenſtände, von denen ſie ſprachen) und die ungekünſtelte Theilnahme, welche Ginevra für ihre Enkel, für ihre armen Leute, für ihren Garten bethätigte, zwang ſie das Gegentheil anzuerkennen. Sie ſagte ihr, Engländer können Fremde hochſchätzen, vielleicht ſogar lieben, aber niemals ſich mit ihnen identifiziren. Ginevra empfand keinen Wunſch, ſich mit Mrs. Thornton zu identiſiziren, ſondern ſagte mit einem holden Lächeln, ſie werde nie mehr als ihre Zuneigung in Anſpruch nehmen, aber ſich auch nie mit weniger begnügen. Wie Mrs. Dalton bemerkte, machte ſie Alles gut, Großes und Kleines, Wichtiges oder Un⸗ bedeutendes, und Margaret konnte es ertragen, dieß u hören, ſie konnte es ertragen eines Tags, als ſie hre Schweſter gefragt hatte, ob ſie ſich bei ihrem Vater behaglich fühle, die Antwort zu hören:. „O ja; wenn ich bei ihm bin, denke ich oft an die ſchönen Worte der Schrift: Vollkommene Liebe 143 vertreibt alle Furcht, und ich denke, es iſt ſo mit dieſer reinſten und heiligſten der menſchlichen Neigungen.“ „Liebſt Du ihn wirklich ſo?“ rief ſie,„dann wun⸗ dere ich mich nicht mehr, daß er keine Neigung für mich erübrigen kann.“ Die Thränen traten ihr in die Augen, aber um nicht mißverſtanden zu werden, fügte ſie ſchnell hinzu: „Verſtehe mich nicht falſch, Ginevra; einmal dachte ich, ich müſſe eiferſüchtig ſein, aber das alles verſchwand bei dem erſten Klang Deiner Stimme, bei Deinem erſten Kuß, meine theure Schweſter, und nie,“ fügte ſie hinzu, während Ginevra ſie mit ängſtlicher Zärt⸗ lichkeit anſah,„nie werde ich mich darüber beklagen, daß ich nicht der Günſtling bin, wenn nur Du mich ſo lieben willſt, wie ich weiß, daß er Dich liebt.“ Die Tage vergingen und Margaret wunderte ſich, wie ſte ohne Ginevra hätte leben können, ſo nothwen⸗ dig erſchien ſie jetzt zu ihrem Glück. Sie war jedoch nicht vollkommen überzeugt, daß ſie aus ihr„klug ge⸗ worden“ ſei, wie Frederic Vincent ſich ausgedrückt haben würde. Ein augenſcheinliches Sträuben gegen Mittheilungen über Gegenſtände, die ſie ſelbſt betrafen, ſetzte Margaret manchmal in Verlegenheit, und fie ärgerte ſich beinahe. „Können Sie ſich einreden,“ ſagte ſie einſt zu Walter,„daß Ginevra erſt 17 Jahr alt iſt?“ „Ei, ſte ſieht ja noch ganz jung aus; oder nicht?“ „Ja, aber ſie iſt ſo weiſe, ſo wunderbar weiſe! ich kann beinahe nicht glauben, daß dieß Alles wirklich ie iſt wie Jemand in einem Buch, und doch könnte ich ebenſo gut meinen italiniſchen Windhund für affektirt halten, wie meine neue Schweſter. Solche ſeltſame Gedanken kommen mir in den Kopf, Walter, während ſie mit mir ſpricht. Zuweilen denke ich an die Worte der Schrift, wo man unverſehens Engel bewirthete, und dann erinnert ſie mich wieder an die ſchoͤne Stanze von Coleridge: 144, Ueber dem wallenden Buſen feſt ie zarten Hände zuſammengepreßt; Ergebung ſtrahlt auf dem Geſicht, Nenn ſcheinend es, nenn blaß es nicht; In dem leuchtenden blauen Augenpaar Glänzt eine Thräne hell und klar. Margaret hatte dieſe Stelle laut geleſen, und als ſie das Buch weglegte, ſielen ihr folgende zwei Zeilen in die Augen: Und als er Geraldine ſah, Glaubt' er ein Götterkind ſich nah. „Was für ein außerordentliches Gedicht dieſe Chriſtabel iſt,“ rief ſie,„wie ein böſer Traum“— ihr Kopf ruhte auf ihrer Hand und mit der erſtaunlichen Raſchheit des Gedankens kehrte ihr Geiſt beinahe in demſelben Augenblick zu Maud Vincent's myſteriöſen Deutungen und Rathſchlägen zurück.„Was konnte ſie damit meinen, daß ich meine Augen offen halten ſolle?— und warum ſah Luey ſo ärgerlich aus, als ſie das ſagte? Lucy iſt die Beſſere von den Beiden, obſchon nicht die geiſtreichere; aber Maud hat mehr Gefühl, wenigſtens mehr Zärtlichkeit für mich. Sie pflegte zu wünſchen, daß ich ihren Bruder heirathen ſolle, vielleicht wünſcht Lucy, daß er Ginevra heirathen ſolle, und Maud hat dieß vielleicht die ganze Zeit über gemeint.“ Und dann führte ſie das nächſte Glied in der Kette der Gedanken darauf, ſich(nicht, zum erſten Mal) zu verwundern, daß mehrere Tage verfloſſen ſeien, und Edmund Neville ſich noch nicht wieder gezeigt, auch ihres Wiſſens nicht ſchriftlich ſeine baldige Rückkehr angekündigt habe. Sie empfand einige Neugierde in Betreff ſeiner Verwandten, der Warrens, aber weder ihre Fragen noch Mrs. Dal⸗ ton's Forſchungen entlockten Ginevra mehr als die Verſicherung, daß dieſelben ſehr gütig gegen ſie geweſen ſeien; ob ſie ſie liebe, ob ſie ſie wieder zu ſehen wuͤnſche, was für Leute ſie überhaupt ſeien, dieſe und viele andere ähnliche Fragen wurden nur ausweichend und 145 ungenügend beantworlet. Das innige Intereſſe an ihrer Schweſter und die angenehme Unterhaltung, welche ſie in ihrer Geſellſchaft fand, milderte eine Weile Mar⸗ gareus Unbehaglichkeit über Edmund's verlängertes Ausbleiben und ſein noch außerordentlicheres Schweigen; aber nach Verfluß einer Woche nahm ſie die Sache mit ſchmerzlicher Empfindlichkeit auf und lauerte auf die Poſtſtunde, auf das gelegentliche Eintreffen eines Schreibens, auf das Geklingel einer Hausglocke, auf das Getöne von Rädern oder Pferdehufen im Hofe mit einer ſcharfen Aengſtlichkeit, welche für Walter voll⸗ kommen klar war und auch der Aufmerkſamkeit Anderer nicht gänzlich entging. Eines Morgens, als ſte aus ihrem Zimmer kam, ſah ſie Ginevra am Ende der Gallerie, auf welcher ihre eigene ſich öffnete, mit einem Briefe in der Hand. Sie las ihn aufmerkſam und eines ihrer Kniee ruhte Margaret ging auf ſie zu und legte ihre Hand auf ihre Schulter. Sie fuhr heftig zuſammen, wurde ganz blaß, und als ihre Schweſter mit einem Lächeln ſagte: „Ich fürchte, Dich ſehr erſchreckt zu haben,“ rauſchte die Farbe wieder in ihr Geſicht und ſie zitterte ſichtlich. „Hoffentlich haſt Du keine ſchlimmen Nachrichten aus Italien?“ ſagte Margaret, während Ginevra haſtig den Brief in ihrer Hand zuſammenlegte und in die Falten ihres Kleides ſchob.. „O nein,“ antwortete Ginevra traurig.„Ich habe keine Nachrichten aus Italien zu erhalten: meine ein⸗ zigen dort gebliebenen Verwandten haben Verona ſchon ſeit einigen Monaten verlaſſen, und ſeit Onkel Leonardo todt, Vater Francesco aber nach Amerika gereiſt iſt, find die Bande, die mich an mein Geburtsland knüpften, eines nach dem andern gelöst worden, und Italien“— ſte ſagte das mit einer Stimme, in welcher größere Schloß Grantley. 1. 10 8 146 6 Bewegung vorherrſchte, als ſte je bis jetzt verrathen h atte—„ und Italien iſt jetzt für. mich nichts mehr, als ein Mährchen, das erzählt, ein Traum, der geträumt worden iſt— ein Vorſpiel zu dem Leben, welches jetzt beginnt.“ „Ein glückliches Leben hoffe ich,“ ſagte Margaret. „Dank Schweſter, Dank,“ antwortete Ginevra mit einer Stimme, welche Margaret, ohne daß ſie es ſich ſelbſt erklären konnte, tief zu Herzen ging; Ginevra's Benehmen war zugleich zärtlich und haſtig, und ſie verließ ſie plötzlich. Beim Frühſtück erzählte Oberſt Leslie ſeinen Töch⸗ tern, er habe an Mr. Warren geſchrieben und ihn nebſt ſeiner Gattin auf einige Tage nach Grantley einge⸗ laden; nun habe er ſo eben einen Brief erhalten, worin dieſelben ihre Ankunft auf den morgenden Tag anmel⸗ deten. Ginevra verrieth bei dieſer Nachricht kein In⸗ tereſſe; aber Margaret blickte ihren Vater ernſthaft an, in der Erwartung, daß eine Mittheilung über Edmund folgen werde. Sie ſah ſich nicht getäuſcht.„Neville,“ ſagte er nach einer Pauſe,„hat gleichfalls geſchrieben, daß er morgen hierher zurückkommen werde. Er wurde durch Geſchäftsſachen einen Tag um den andern in Carlsdon zurückgehalten.“ Walter blickte eben jetzt von der„Times“ auf und ſah den Freudenſtrahl in Margaret's Augen— plötzlich, glänzend und blendend ſpielte er auf ihrem Geſicht und ſchien durch ihren ganzen Körper zu zittern. Walter hatte von ſeiner Kindheit an viel gelitten inmitten eines Lebens, das allem Ausſehen nach ruhig und beglückt erſcheinen mußte. Bei vielen Quellen des Genuſſes in ſeinen Studien und Liebhabereien hatte er ſelten bei Andern Sympathie gefunden, und in ſeiner Bruſt befand ſich ein Vorrath von feurigen und leiden⸗ ſchaftlichen Gefühlen, denen niemals ein voller Spiel⸗ raum vergönnt worden war. Er hatte die Erfahrung gemacht, welche eines Mannes Herz entweder ſänftigt 147 oder verhärtet— daß er bei ſeinen ſtärkſten Neigungen keine Erwiederung erwarten durfte, daß ſein Leben eine fortgeſetzte Selbſtopferung ſein und ſein eigenes Glück im Gluck Anderer beſtehen mußte— er hatte dieſe Lehre ſich früh eingeprägt und wohl zu Herzen genom⸗ men; lange und beharrlich übte er ſie praktiſch aus. Margaret Leslie vor der leiſeſten Berührung des Uebels und wo möglich des Kummers zu bewahren, darüber zu wachen, daß der Hauch des Himmels nicht zu rauh ihre Wangen berührte, und daß auf ihrem Wege kein Stein lag, welchen er entfernen konnte— das war das Ziel und die Freude ſeines Daſeins geweſen. Er zwang dann würde er dieſe Wunden aufbinden und den Bal⸗ ſam ſeiner Liebe hineingießen, welche keinen Wechſe! gekannt, und bei der unſterblichen Flamme, die ſich im Stillen entzündet hatte und in unbegrenzter Hingebung genährt worden war, das wieder erwärmen, was der ſcharfe Hauch der Welt kalt gemacht. Er fürchtete nicht, daß fünf oder zehn oder zwanzig Jahre den Wirt. ſetgen Hingebung bſchwächen oder ihre Gluth Kampfen könnten. Es ga eine Frage, welche ſich bei ſeinen ſtrengen Selbſordag lihe Maltet warum war es ſo, wenn er wirkli Hoffnung hatte und nur für ihr Gluͤck ſorgte rum, wenn er bei Neville ſaß und 1 in Geſicht ſchaute, als ob das Geſchick ihr nd in ſe eſich 148, Blicke geſchrieben ſtände, und ſie nur in ſeiner Gegen⸗ wart lebte— warum ſehnte er ſich mit ſolcher Ergebung und Selbſtvergeſſenheit, ſte von ihm wegzureißen, ihn auf die Seite zu ſtoßen und ſie an ſein Herz zu preſſen, wie einen Vogel, der aus den Schlingen des Vogel⸗ rang in der Stille— er zwang ſich in Gedanken— ihre Hand in Neville's Hand zu legen, ſie als Nevoille's Weib zu denken, aber eine gebieteriſche, überwältigende innere Stimme ſchien ihm ſelbſt den Gedanken einer Gutheißung dieſer Ehe zu verbieten, und im Herzen des alten Walter wurden Kämpfe beſtanden, wovon diejenigen nichts träumten, die ihn mit ſeinen archi⸗ tektoniſchen Zeichnungen, mit ſeinen wohlwollenden Entwurfen oder, wie zum Beiſpiel in dem Augenblick, wovon wir jetzt ſprechen, mit dem leitenden Artikel der „Times“ beſcäftigt ſahen. Dieſen ganzen Tag über und auch den folgenden ſtellers gerettet worden? Er kämpfte mit ſich ſelbſt, er befand ſich Margaret in einem Zuſtande großer Auf⸗ regung; ſie hatte mit ihrer Schweſter nie zuvor uber Edmund Neville geſprochen, aber jetzt erwähnte ſie ihn nicht bloß, während ſie einige Anordnungen in den Zimmern traf, welche ihre Gäſte einnehmen ſollten, ſondern ſte kehrte oft zu dem Gegenſtande zurück, und Ginevra hörte ihr mit geduldiger Theilnahme zu. Einmal, als Margaret ſie erſucht hatte, in Mrs. War⸗ rens Zimmer einen Strauß zu ſtellen, welchen ſie mit 4 einander zuſammengeſetzt, folgte ſie ihr die Treppe hinauf, und da ſie ſie in dem bezeichneten Zimmer nicht ſie die Thüre des nächſten, welches das⸗ fand, öffnete d 6. jenige f. das Edmund während ſeines ganzen Auf⸗ enthaltes in Grantley bewohnt hatte. Ginevra ſtand am Schreibtiſch und betrachtete das darauf liegende Papier. Sie ſchlug die Blätter mit ſichtbarem Intereſſe um, drehte es nach allen Seiten, hielt es an's Licht und ſchien damit beſchäftigt, ſich einige undeutliche Schriſtſpuren klar zu machen. Mit groͤßerem Verdruß, 4 4 — 149 als ſie ſich ſelbſt recht geſtand, ſah Margaret ihre Schweſter ſo beſchäftigt. Mit jenem Gefühle der Rück⸗ haltung und Delikateſſe, das ihr von Natur innegewohnt hatte und durch die Erziehung ihr eingeprägt war, hatte ſie, ſo ſehr ſie es gewünſcht hätte, nach Edmund'’s Abreiſe dieſes Zimmer zu beſuchen und in den unbe⸗ deutendſten Spuren ſeiner Anweſenheit, welche ſie ent⸗ deckt hätte, Vergnügen zu finden, ſich niemals über die Schwelle gewagt, ja es nicht einmal für möglich ge⸗ halten, einen ſolchen Wunſch zu befriedigen. Ginevra legte das Papier nieder, ſchritt auf das Kamin zu, ſchaute einen Augenblick in das Feuer, ging dann hin⸗ weg und traf Margaret an der Thüre; ſie fuhr zu⸗ ſammen und erröthete, als dieſe zu ihr ſagte:„Du haſt die Blumen an den unrechten Ort geſtellt;“ Ginevra kehrte ſchweigend um, nahm die Blumenvaſe und folgte Margaret in das andere Zimmer. Als Letztere ſich umkehrte, um mit ihrer Schweſter zu ſprechen, erſchrack ſie über den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes; es war wie gewöhnlich ſtill, aber peinvoll, änaſtlich, und als Beide zu gleicher Zeit nach einer Geranie griffen, welche der Vaſe entfallen war, ſchau⸗ derte Margaret beinahe über die kalte, feuchte, zitternde Berührung der Hand ihrer Schweſter. Sie hätte ſie gern gefragt, ob ſie ſich wohl befinde, aber es war ſchwer, mit Ginevra von ihr ſelbſt zu ſprechen. So zugänglich ſie im Allgemeinen war, und obſchon ſie ſich ſogar in einem ausnehmenden Grade bei den Sorgen und Intereſſen Anderer betheiliate, ſo ſchauderte ſie nicht ungraziös, ſondern in der Art einer Sinnpflanze, wenn ſie berührt wird, vor allen Fragen über ihr eigenes Befinden oder ihre Gefühle zuſammen. Als Margaret an dieſem Abend in das Geſell⸗ ſchaftszimmer trat, fand ſie ihre Großmutter bereits in ihrem Armſtuhle ſitzend, und Mr. und Mrs. Warren, die gerade noch rechtzeitig angelangt waren, um ihre Toilette zu machen, kamen nach wenigen Minuten herab. Sie war eine einfache Frau, deren Ausſehen nichts Beſonderes verſprach, von ſanfter Stimme und alltäg⸗ lichen Manieren; ein langer Aufenthalt im Auslande hatte ſowohl ihr als ihrem Gemahl eine Abneigung gegen ihr eigenes Land eingeflößt, ohne ſie an irgend ein anderes zu feſſeln. Er war im Ganzen ein freund⸗ licher und gutherziger Mann, aber in den ſchweren Irrthum verfallen, daß Stolz ein Beweis von ſeiner Sitte, und Impertinenz ein Zeichen von Auszeich⸗ nung ſei. Er hatte ſich in einen Lehnſtuhl geworfen, verbeugte ſich kalt gegen Mr. Thornton und Walter, als Oberſt Leslie ſie ihm vorſtellte, und er ſchien einen Augenblick mit ſich uneinig, ob er Margaret mit über⸗ müthiger Gleichgültigkeit oder mit herablaſſender Ver⸗ traulichkeit behandeln ſollte. Vermuthlich entſchied ihre Schönheit die Frage, und als er ſie in den Speiſeſaal geleitete, ſagte er, wie wenn er ſie ſchon Jahre lang gekannt hätte, zu ihr:„Muͤſſen Sie nicht Ihre Schwe⸗ ſter förmlich anbeten?“ und dann redete er, nachdem er kaum eine Antwort abgewartet hatte. Ginevra über den Tiſch hinüber auf Italieniſch an. Neben Margaret war ein Platz unbeſetzt, und wenige Minuten, nachdeem das Mahl begonnen hatte, glitt Edmund Neville in's Zimmer und nahm Beſitz davon. Es war ihr, als hätten ſie ſich ein Jahrhundert nicht mehr geſehen, und ſie konnte kaum die piötzliche Aufregung verbergen, die ſeine Ankunft hervorbrachte. Auch er ſchien ſehr glück⸗ lich und begann mit größerer Lebhaftigkeit als gewöhn⸗ lich zu ſprechen und zu lachen. Er erſuchte Mrs. Warren, der Mrs. Thornton das Kaltwaſſerſyſtem aus⸗ einanderzuſetzen, in der glücklichen Ueberzeugung, wie er Margaret zuflüſterte, daß ihre Großmutter in Bälde ſämmtliche Unterthanen des Gutes in naſſe Leintücher einhüllen werde. Zu gleicher Zeit gab er Mr. Thorn⸗ ton den Rath, Mr. Warren's Aufmerkſamkeit für den neuen Schlagbaum auf der Nordſtraße in Anſpruch zu nehmen. Als dieſe Punkte angeregt waren und das 151 Getöne der Stimmen ihn in den Stand ſetzte, ungehört zu ſprechen, flüſterte er Margaret zu:* „Fragen Sie Ihre Schweſter etwas, denn ich wünſche, daß ſie zu uns herüberſehe.“ „Das geht nicht an; ſie ſpricht mit Walter und ich will ſie nicht ſtören. Ich wünſche, daß ſie gute Freunde werden.“— „Wirklich! glauben Sie, daß ſie zuſammen paſſen?“ „O ja, ich bin es überzeugt; aber er iſt ſo ſcheu und ſie iſt ſo rückhaltſam, daß ihre Bekanntſchaft bis jetzt noch nicht weit gediehen iſt.“ „Iſt ſte rückhaltſam?“ „Ja, in gewiſſen Beziehungen. Man kann ſie nicht dazu bringen, von ſich ſelbſt zu ſprechen.“ „Das iſt kein gewöhnlicher Fehler,“ ſagte Edmund mit einem Lächeln. „Iſt ſie nicht ſchön, Mr. Neville?“ „Wie kann ich es ſagen, wenn Sie ſie nicht ver⸗ anlaſſen wollen, herüber zu ſehen?“ „Sie müſſen ſich bis nach dem Eſſen gedulden und dann will ich Sie ihr vorſtellen.“ „O nein, danke, ich haſſe eine förmliche Vorſtellung. Sie werden ſehen, daß ich ſchon ſelbſt Gelegenheit fin⸗ den werde, mich vorzuſtellen. Wie haben Ihr Groß⸗ vater und Ihre Großmutter ſie aufgenommen?“ „O ſo freundlich wie möglich,— beſonders Groß⸗ papa; und doch koſtete es ihm einen harten Kampf. Er konnte es nicht ertragen, daß Papa eine Katholikin und eine Ausländerin geheirathet haben ſoll.“ „Vorurtheile ſind allerdings hartnäckige Dinge,“ verſetzte Edmund,„aber Neigungen ſind noch ſtärker, und wenn es zu einem Kampfe kommt, ſo müſſen die erſteren weichen. Wie ſteht es mit denen Walter's?“ „Sie ſind von ganz anderer Art als die Vorurtheile Großpapa's; aber ich glaube, er bildete ſich ein, er würde ſich mit Ginevra nicht befreunden können und“— „Ich denke, er ſteht jetzt recht gut mit ihr; meinen eeinem Verbrecher als groß machen,“ antwortete Mar⸗ Sie nicht auch? ſehen Sie, wie eifrig ſie mit einander reden. Können Sie hören, von was ſie ſprechen?“ „Von Kathedralen, glaube ich. Sagen Sie mir, wie geſielen Ihnen die Vincent's neulich?“ „Welche von ihnen?“ „Maud?“. f Ungefähr ebenſo wie, glaube ich, ihr Bruder Ihnen ge e 6* „Ich kann ihn ſehr gut leiden.“ 1 „Gerade ſo meinte ich; nun ſie geſiel mir recht gut. Sie iſt eine Perſon, die Alles aufbieten würde, um ihr Ziel zu erreichen, und ſich keine Ruhe gönnte, bis ſie es erreicht hätte; ſolche Leute ehre ich.“ „Ei, es kommt nur darauf an, was für ein Ziel ſte ſich geſetzt haben.“— 8 „Nicht ſo ganz. In der Feſtigkeit des Vorſatzes, in einem ſtarken Willen und einer ſtörriſchen Beharr⸗ lichkeit liegt etwas Großes, ſogar wenn in dem Ziele ſelbſt nichts Gutes und Großes iſt.“ „Ein ſolcher Wille kann einen Menſchen eher zu garet mit einiger Lebhaftigkeit.„An der bloßen Stärke des Vorſatzes iſt nichts Bewundernswürdiges, wenn ſie das Ergebniß des Stolzes und das Werkzeug der Ty⸗ rannei iſt.“ „Moraliſche Stärke mag das Ergebniß von Stolz ſein, aber nicht die Veranlaſſung zu Verbrechen, wenig- ſtens nicht zu niedrigen gemeinen Verbrechen.“ „O Mr. Neville!“ rief Margaret,„iſt nicht alles, was Unrecht iſt, mehr oder weniger niedrig?— Iſt nicht das Verbrechen immer ſelbſtſüchtig, und die Selbſtſucht immer gemein?“ „Ich nenne das keine gemeine Selbſtſucht, wenn ein Menſch ſich ſelbſt ſeine Beſtimmung vorzeichnet und ihr und ſich ſelbſt treu bleibt, ſogar wenn er bei ſeinen Bemühungen, ſein Ziel zu erreichen, Andere opfern müßte. In der Entſchloſſenheit, Hinderniſſe zu über⸗ winden und Alles wegzufegen, was ſich zwiſchen uns 153 und unſerm Ziele befindet, liegt etwas, das zu einer höheren Klaſſe von Charakteren gehört. Glauben Sie mir, Miß Leslie, eine ſkrupulöſe Natur iſt nie mit wahrer Größe verbunden; ein Mann, der jedes Wort abwägt, bevor er es ausſpricht, wird niemals beredt, und derjenige, der über jede Handlung debattirt, ehe er ſie ausfuhrt, wird niemals groß ſein. Es gibt einen moraliſchen Inſtinkt, welcher einen Menſchen weit beſſer durch das Leben führt, als das, was man gewöhnlich Grundſätze nennt.“ „Wie verſchieden ſind Ihre Anſichten von denen Walter's! Auch er bewundert Willensſtärke und Feſtig⸗ keit des Vorſatzes, aber er ſagt, der Wille eines Men⸗ ſchen ſei eine furchtbare Macht zum Guten oder zum Böſen, und wenn man ihn nicht recht leite, ſo könne er wie ein zerborſtener Bogen auf die Seite ſpringen und ihn ſelbſt und Andere vernichten.“ Bei der Erwähnung Walter's hatte Edmund raſch auf die Seite des Tiſches geblickt, wo er ſaß, und es dauerte eine Weile, bis Margaret ſeine Aufmerkſamkeit wieder gewann und die Unterhaltung fortgeſetzt wurde. „Glauben Sie,“ fragte er nach einer Pauſe,„daß eine Perſon lange dem Willen einer andern wider⸗ ſtehen könne, wenn dieſe Feſtigkeit des Vorſatzes, von der wir eben ſprachen, bei einem der beiden ihre Kräfte meſſenden Theile wirklich vorhanden iſt? Meinen Sie nicht, daß entſchiedenes Wollen, ſelbſt wenn es vor verbrecheriſchen Mitteln des Gelingens ſtill hält, am Ende über paſſiven Widerſtand triumphiren muß?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Nehmen Sie z. B. an, das Glück meines ganzen Lehens hinge davon ab, daß ich den Willen der Leute bezwinge, mit denen ich zu thun habe— indem ich fie nöthige, nach meinen Ideen zu handeln und nicht nach ihren eigenen— denken Sie nicht, daß, die Geiſtes⸗ gaben als gleich angenommen, mein unbezähmbarer Wille am Ende obſiegen müſſe?“ — „Walter würde ſagen, das hänge von der Gerech⸗ tigkeit Ihrer Sache und in Ermangelung deſſen von der Natur des Widerſtandes ab, auf den Sie ſtießen.“ Ein dunkler Schatten fuhr über Neville's Geſicht, und er ſagte ſchnell abgebrochen: „Um's Himmels willen, ſagen Sie mir, was Sie denken, und nicht was Walter ſagt.“ „Ich denke wie er, aber ich bin nicht ſo gut, wie er, und deshalb eitire ich ihn. Ich mag nicht ſprechen, wie wenn ich beſſer wäre, als ich bin: das gleicht der Heuchelei, obſchon es wirklich keine ſolche iſt. Das Zuſammenleben mit einer Perſon von hohen Grund⸗ ſätzen und ausgezeichneter Herzensgüte muß Einen in der Theorie gut machen; wir bilden uns ein, ſo zu ſein, wie ſie, bis etwas uns beweiſt, daß wir bloß elektrotypirt ſind,“ ſagte ſie lächelnd, indem ſie auf ein Gemälde ſolcher Art deutete, das vor ihnen ſtand. „Sie haben Recht,“ antwortete Neville, und es trat abermals eine Pauſe ein.„Miß Leslie, wenn Zemand, an dem Ihnen ſehr viel läge, den Sie von ganzem Herzen liebten, Ihnen in dem Punkte, der Ihrem Herzen am nächſten liegt, zuwiderhandelte, würde das Ihre Gefühle ändern?“ Mit zitternder Stimme antwortete ſte:„Wenn ich Jemand von ganzem Herzen liebte, ſo könnte ich mein Herz an nichts Anderes mehr ſetzen.“ 4 Der gewöhnlich glänzende Blick ihrer Augen ver⸗ wandelte ſich in einen Blick ſchüchterner und miß⸗ trauiſcher Aengſtlichkeit, als ſie Edmund's gedanken⸗ volles Geſicht anſchaute. Er ſchien mehr mit ſeinem Gegenſtande, als mit ihr beſchäftigt und fuhr fort: „Ihre Hingebung für die Perſon, welche Sie lieb⸗ ten, würde alſo ſtark genug ſein, alle Hinderniſſe zu überwinden?“ „Immer vorausgeſetzt, daß nichts Unrechtes von mir gefordert würde.“ 1 —— 155 „O natürlich,“ verſetzte Edmund ungeduldig.„Laſſen Sie uns das immerhin annehmen und keine allzu cere⸗ moniöſen Reden führen.“ „Das hat mir noch Niemand zum Vorwurfe ge⸗ macht,“ verſetzte Margaret mit einer Miſchung von Heiterkeit und Verdruß. Sie, die unter allen menſch⸗ lichen Geſchöpfen bisher das furchtloſeſte geweſen, ſo daß man ihre Furchtloſigkeit hätte für Kühnheit an⸗ nehmen können, wenn ſie in Erſcheinung und Wirklich⸗ keit weniger weiblich geweſen wäre, ſie begann jetzt die tyranniſche Macht einer ſtarken, ihres eigenen Daſeins bewußten und der Vergeltung ungewiſſen Neigung zu empfinden; das Stetgen und Sinken ihrer Lebensgeiſter, die Farbe ihrer Wangen und der ſchnellere oder lang⸗ ſamere Pulsſchlag ihres Herzens beruhte auf dem fröh⸗ lichen oder düſtern Blick von Neville’s flammenden Augen und auf den krummen Linien ſeines höchſt aus⸗ drucksvollen Mundes. Ihre letzten Worte hatten ihm augenſcheinlich mißfallen, und er behauptete ein düſte⸗ res Stillſchweigen bis zu dem Augenblick, wo die Damen den Speiſeſaal verließen. 3 „Was denken Sie von meinem Neffen?“ ſagte Mtis. Warren zu Ginevra, als ſie Alle vor dem Feuer in dem Bibliothekzimmer ſtanden.„Ich dachte mir nicht, daß wir ihn in Ihres Vaters Haus treffen würden.“ Sie glaubten ihn in Irland,“ antwortete Ginevra, welcht aufmerkſam eine Gruppe dresdener Porzellan⸗ figuren betrachtete. „Er iſt bei uns Allen ſehr wohl angeſchrieben,“ bemerkte Mrs. Thornton;„er iſt die zahme Katze im Haus, oder ein enkant de la maison, wie die Fremden ſagen. Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Liebe, daß ich vor Ihnen von Fremden ſpreche.“ „Das thun Sie, weil Sie mich hoffentlich nicht ganz als eine Fremde betrachten,“ ſiel Ginevra fröh⸗ lich ein. Mrs. Warren lachte und ſagte:„Sie müſſen ſich ein wenig anders kleiden, wenn Sie für eine Engländerin gehalten werden wollen.“ Dieß war wahr, denn die außerordentliche Ein⸗ fachheit von Ginevra's Toilette ſtach ſelbſt gegen einen ganz gewöhnlichen Aufzug einer engliſchen Landdame gewaltig ab. Sie war in Trauer und ihr ſchwarzes Kleid mit ſeinem langen Leib, ſeinen herabhängenden und pittoresk offenen Aermeln, das ſchlichte Sammt⸗ band um ihren Hals und ihr in zahlloſe Flechten eingefaßtes Haar ohne alles und jedes Schmuckwerk, gab ihr große Aehnlichkeit mit einem alten Gemälde, aber ſehr wenig Aehnlichkeit mit einer jungen Eng⸗ länderin von ſiebenzehn Jahren. Sie erröthete leicht und ſaate: n4 „Margaret wird mich in die Lehre nehmen.“ „Ei, Oberſt Leslie war über Ihren Aufzug bei Tiſch ſo entzückt, daß er vielleicht Miß Leslie überreden wird, Sie nachzuahmen.“ „Und warum ſollte Margaret andere Leute nach⸗ ahmen?“ begann Mrs. Thornton in einem Tone, wel⸗ cher Margaret beunruhigte, denn es wor ihr ein wah⸗ res Grauen, der Gegenſtand der Erklärungen ihrer Großmutter zu ſein, und ſie lenkte die Unterbaltung mit großer Gewandtheit ab, indem ſie die alte Spitzen⸗ ſchärpe, welche Mrs. Warren trug, zum Gegenſtande der Bewunderung machte. Als die Thüren des Speiſeſaales ſich öffneten, ſaßen die beiden Schweſtern zuſammen auf einem nie⸗ drigen Sofa, beſchäftigt, einiges Garn aufzuwinden. Die Stränge der karmoiſinrothen Wolle wurden durch Margaret's ausgeſtreckte Hand geworfen, und Ginevra hielt in den ihrigen den immer wachſenden, rothen Ball. In dieſem Augenblick entfiel er ihr und rollte halbwegs durch das Zimmer. Neville, neben welchem er angehalten, hob ihn auf und brachte ihn Mar⸗ garet. Sie ſagte mit einem Lächeln:„Geben Sie ihn Ginevra.“ 157 Er blieb eine Minute mit einem halben Lächeln auf ſeinem Geſicht vor ihr ſtehen. Sie erröthete und hielt ihre Hand nach dem Balle aus. Er hielt ihn einen Augenblick zurück, bis ſie ihre Augen zu den ſeinigen aufgeſchlagen hatte, dann lächelte er unver⸗ holen, ließ ihn mit einer ſehr höflichen Verbeugung los, ſetzte ſich ſodann auf die andere Seite von Mar⸗ garet und flüſterte: „Jetzt habe ich mich, glaube ich, vorgeſtellt.“ Er ſchien ſeine Munterkeit und ſeine gute Laune vollkommen wieder gewonnen zu haben und war an dieſem Abend angenehmer, denn je: es war vielleicht einer der glücklichſten, die Margaret je zugebracht hatte; Edmund ſchien ſo verliebt in ſte und ſo hoch erfreut, ſich wieder in Grantley zu befinden; in ſeinem Geſicht lag ſogar etwas Sanfteres und Zärtlicheres, als er bisher gezeigt. Einmal, als ſie davon geſpro⸗ chen, wie glücklich ſie ſich fühle, eine Schweſter und eine ſolche Schweſter gefunden zu haben, und als ſie iin ihrem Enthuſiasmus gerufen hatte:„Sieht ſte nicht eher wie irgend ein Weſen aus einer andern Welt aus, als wenn ſie zu der unſerigen gehörte?“ ergriff er ihre Hand, wie er ſchon einmal gethan hatte, und fluͤſterte mit leiſer Stimme: „Sie ſind ein Engel von Guͤte und Zärtlichkeit!“ Die volle Fluth der Freude rauſchte in dieſem A blicke auf ihre Wangen und machte ihr Herz po vor ſtürmiſcher Bewegung. Auch das machte ihr Freude, daß Edmund ſich in Ginevra's Augen vortheilhaft zeigte. Sie hatte angefangen, zu ihr emporzublicken und ſich von ihrer großen, geiſtigen Ueberlegenheit zu überzeugen, was in ihr die Beſorg⸗ niß erregte, ſie möchte ihn in ſeinem ganzen Werth ſchätzen und bewundern. Sie ärgerte ſich beinahe, daß ihre Schweſter ſich bei der Unterhaltung an dieſem Abend ſo wenig betheiligte. Ein⸗ oder zweimal war ſte ungewöhnlich lebhaft, aber ſonſt erſchien ſie ge⸗ 158 dankenvoll und in ſich verſunken. Als Mr. und Mrs. Warren und Walter ſich zu ihnen geſellten, wurde die Unterhaltung allgemein. 4 „Wie gefällt Ihnen unſere reizende Landſchaft?“ ſagte Mr. Warren zu Ginevra. „Sehr gut,“ antwortete ſie,„aber dieß geſchäftige, arbeitſame Ausſehen erſchreckt mich beinahe. Was wird in England aus den müßigen Leuten? tödtet Ihr ſie, wie die Drohnen im Korbe?“ „In England,“ ſagte Walter,„wird der Müßig⸗ gang bei dem Armen als Verbrechen behandelt und iſt geſetzlich ſtrafbar; bei dem Reichen nimmt das Geſetz keine Kenntniß davon.“ „Aber er führt oft ſeine eigene Strafe mit ſich,“ fiel Margaret ein.„Die Reichen langweilen ſich oft u Tode mit ihrem Müßiggang und deshalb werden ee auch von Andern als langweilige Menſchen betrach⸗ tet und behandelt. Ein Tag wirklicher müßiggängeri⸗ ſcher langer Weile iſt ermüdender, als ein Tag ange⸗ ſtrengter Arbeit, und für langweilig gehalten zu werden iſt ſchlimmer, als für ſchlecht gehalten zu werden.—“ Walter runzelte die Stirn, aber ſie fuhr fort: „Sie wiſſen recht gut, daß man für ſchlecht ge⸗ halten werden kann, ohne es zu ſein; aber wenn man für langweilig gehalten wird, ſo geſchieht es, weil man dieß wirklich iſt. Somit bedeutet das Erſte nichts, das Zweite aber viel.“ Mr. Warren und Edmund lachten, Ginevra ſchuͤttelte den Kopf. „Vermiſſen Sie nicht ſchrecklich die italieniſche Sonne?“ ſagte Mrs. Warren in ſchleppendem Tone. „O nein,“ antwortete Ginevra,„noch nicht und hier nicht. In dieſem Hauſe iſt ein Sonnenſchein(ſie blickte zärtlich auf Margaret), der ſelbſt einem trüben Himmel Glanz verleiht und einem ſchweren Herzen möglich macht, ſich leicht zu fühlen,“ fügte ſie in einem 159 ſo leiſen Tone hinzu, daß Niemand dieſe Schlußworte oder den Seufzer hörte, der ſie begleitete. „Ich fürchte, Ihr Sonnenſchein gleicht dem Runkel⸗ rübenzucker, signora mia,“ bemerkte Mr⸗ Warren, der ihre Anſpielung nicht verſtanden hatte,„und er wird nur diejenigen befriedigen, welche den echten Artikel nicht gekannt haben, wie die Phraſe lautet. Ich wünſche nur, ich wäre nie in Italien geweſen. Es verderbt Einen für Zeitlebens.“ „Meinen Sie, daß es Sie oder Ihr Leben verderbt habe?“ fragte Edmund. „Ueber den erſten Punkt mögen meine Freunde, über den zweiten kann ich ſelbſt urtheilen. O, um einen Tag italieniſcher Wärme und Fröhlichkeit,“ rief meine Sehnſucht nach dem Süden, nach dem Lande der Sonne, nicht begreifen.“. 1 „Erzeugt der italieniſche Sonnenſchein noch immer Improviſatoren?“ fragte Edmund;„iſt dieſe Gabe der Bheigerung noch immer unter den Italienern zu nden? „Wen fragen Sie das?“ rief Mrs. Warren; „Signora Ginevra iſt eine Improviſatrice erſten Ran⸗ ges, und wenn der Geiſt der Poeſte ſie ergreift, ſo kann fie ihre Gedanken in Verſen ergießen, welche aller Kritik „Iſt's möglich?“ rief Margaret.„O, liebe Ginevra, gib uns jetzt, heute Abend noch, etwas zum Beſten; es würde uns ſo großes Vergnügen machen.“ Ginevra lehnte es freundlich ab und Edmund flü⸗ ſterte zu Margaret:„Sagen Sie zu Ihrem Vater, daß er ſie darum bitte“ Sie wandte ſich dringend an Oberſt Leslie, der ſeine jüngere Tochter anſah und laut ſagte:„Sie wird es thun, wenn ſie kann.“ 5 In einem Augenblick ſtand ſie auf und ging an's. Piano, ſpielte haſtig einige wenige Accorde und heftete ihre klaren ſtrahlenden Augen auf ihren Vater; eine ihrer Hände war an ihre Stirn emporgehoben und mit der andern fuhr ſie fort, laut auf den Taſten zu modn⸗ liren. Alle Augen waren auf ſie geheftet. Mr. Warren ſagte:„Sie muͤſſen ihr ein Thema geben.“ Es trat eine allgemeine Stille ein; endlich ſagte Walter:„Ich will eines vorſchlagen: Hoffnung oder Furcht.“ „Hoffnung und Furcht.“ ſagte Margaret. In einem Augenblick flammte die Farbe auf Gi⸗ nevra's Wangen, und das Licht ihrer Augen ſchien mit blendendem Glanze zu ſtrahlen. Der Moment der Be⸗ geiſterung war gekommen. Ihr Blick ſchweifte vom Geſicht ihres Vaters ab und ſchien auf dem Neville's zu ruhen; der ſeinige war mit ernſter Erwartung auf ſie geheftet. Sie ſprach nicht, die Farbe ſchwand von ihren Wangen, und die Hand, welche an ihre Stirne gehoben war, fiel langſam auf die Taſten. In einem Augenblick begann ſie zu ſpielen, und die langſamen, ungewiſſen, haſtigen Töne, welche ſie dem Inſtrumente 4 entlockte, ſchienen den unbeſtimmten, inſtinktmäßigen Anzug einer dämmernden Vorſtellung auszudrücken. Die Melodie verwandelte ſich in wilde Noten, welche die Seele bedrückten, wie der Zauber eines zunehmen⸗ den Schreckens; ſte gaben mit geheimnißvoller Gewalt die Herbheit des Seelenleids wieder, dann aber, wie das Getöne des Regens auf dem ausgedörrten Boden, oder die kleine Wolke am Himmel, wenn die Erde hungert, erhoben ſich und fielen einige ſchwache Noten, das wiederkehrende Geflüſter der Hoffaungen der Seele, in ſeltſamen Wechſeln, bald anſchwellend wie der Wind auf der See, bald erſterbend, wie das verendende Ge⸗ murmel eines fernen Sturmes, bis zuletzt ein plötzlicher, 5 8 5 161 triumphirender, jauchzender Melodienausbruch in den Ohren erſcholl und in den Herzen der Hörer wieder⸗ ertönte. Wieder und wieder erklang dieſer ſinghafte zückenden Ton, daß Walter, der ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, ſeiner Rührung nicht anders Luft ſchaffen konnte, als durch die bekannten Worte, welche den letzten erhabenen Triumph der Hoffnung über die Furcht ausdrücken:„O Tod, wo iſt dein Stachel? o Grab, wo iſt dein Sieg?“ Theils wünſche nicht, daß dieſelbe eine Muſe, oder eine Improviſatrice, oder eine heilige Cäcilie, oder irgend etwas der Art werde. „Warum ſpielten Sie bloß und ſprachen nicht auch?“ fragte Mr. Warren nach einer Pauſe. „„Ich that, was ich konnte,“ antwortete Ginevra, mit einem Blick auf ihren Vater. Edmund Neville, welcher dem Klavier gegenüber geſeſſen und ſich, ſeit ſte ihr Spiel begonnen, nicht be⸗ uegt hatte, ſchritt plötzlich durch's Zimmer und ſetzte ſie ſich wundern, daß er ſeinen Einfluß empfand, wäh⸗ rend an ihrem eigenen Körper jede Nerve vor Bewun⸗ Schloß Grantley. 1. 11 derung und Aufregung bebte unter dem unwiderſtehli⸗ chen Zauber dieſer entzückenden Harmonie? und ante ſie ſich wundern, daß ihre Schweſter mit einem Blick unruhigen und innigen Intereſſes den beredten Worten lauſchte, deren Macht und Zauber ſie ſelbſt nur zu gut kannte? Sie wunderte ſich nicht, aber vielleicht zitterte ſie; vielleicht fuhr in dieſem Augenblick eine unbeſtimmte Befürchtung, ſchwach wie die erſten Noten von Gine⸗ vra's Melodie, durch ihre Seele, aber ſie wurde bald verſchlungen vom Glück der nächſten Stunde, denn Edmund kam und ſagte ihr, daß er ſich endlich ent⸗ ſchloſſen habe, Darrell Court, ein altes Haus in der Nachbarſchaft, das ſeit vielen hundert Jahren ſeiner Familie angehört und das ſein Vater ihm übergeben habe, einzurichten und zu bewohnen. Er nahm ihr das Verſprechen ab, am erſten ſchönen Tag hinüberzu⸗ fahren und es in Augenſchein zu nehmen; er befragte ſie über verſchiedene Punkte, die mit ſeinen Plänen zu⸗ ſammenhingen, er holte ihren Rath ein, er pries ihren Geſchmack, er ſkizzirte Zeichnungen und beſchrieb Bal⸗ luſtraden, bis die Wolke, die einen Augenblick über dem Glanze dieſes Abends gehangen, von ihrem Herzen und ihrer Stirne verſchwand, wie ein leichter Dunſt von einem ſonnigen Himmel. 1 Neuntes Capitel. Der übernächſte Tag war ein Sonntag; Ginevra war früh nach der katholiſchen Kapelle in Marston ge⸗ gangen und erſt nach der Veſper zurückgekehrt. Es wurde dunkel, als ſie nach Hauſe kam, und nachdem ſie haſtig ihren Vater und ihre Schweſter geküßt, verſchloß ſte ſich auf ihrem Stüͤbchen. Zur gewöhnlichen Stunde, wo ſie, um ihre Toilette zu machen, bei einander ſaßen, glitt Margaret hinein, nahm Platz auf dem nie⸗ 3 163 drigen Stuhl neben dem Feuer und begann unbewußt mit den Perlen an ihrer Schweſter Roſenkranz zu ſpie⸗ len, während Ginevra aus einem zu ihren Füßen ſtehen⸗ den Strohkörbchen einige weiße und blaßrothe Came⸗ lien nahm und zu einem Kranze ſlocht. „Du ſiehſt, ich habe meinen Beſuch im Gewächs⸗ hauſe nicht vergeſſen,“ ſagte ſte, in ihrer Arbeit fort⸗ fahrend;„ich denke, dieſer Kranz ſoll mein Meiſterwerk werden. Was haſt Du heute gethan, Margaret?— ſeit der Kirche, meine ich.“ „O, nichts,“ ſagte Margaret.„Wir machen ge⸗ wöhnlich Nachmittags, wenn kein Gottesdienſt iſt, einen langen Spaziergang, aber heute lehnte ſich alles dage⸗ gen auf. Walter war wieder lahm und Edmund wie⸗ der mürriſch; ich kann nicht begreifen, was ihn ſo aus dem Concept gebracht hat. Geſtern war er ſo munter und heute hat er ſo ſchwarz wie eine Donnerwolke aus⸗ geſehen und mit keinem Menſchen ein Wörtlein geſpro⸗ chen. Ich liebe es nicht, wenn das Temperament der Leute ſo ſchnell wechſelt. Liebſt Du es, Ginevra?“ „Nein,“ ſagte ihre Schweſter leiſe,„aber in dieſer an Verwicklungen ſo reichen Welt, liebe Margaret, iſt es nicht ſo leicht zu beſtimmen, ob es Leiden oder Tem⸗ perament iſt, was die Stirne oder das Herz bedrückt. Immer ruhig zu ſein iſt für Einige unmöglich und für Alle ſchwer,“ fügte ſie hinzu, während ein kaum bemerkbarer Seufzer ihr entfuhr. „Ich halte Dich für die vollkommenſte Perſon auf der Welt,“ rief Margaret, indem ſte ihre Augen von dem Feuer zum Geſicht ihrer Schweſter erhob, welche auf Margaret's Mund legte, ſagte ſie eifrig:„Sage das nie wieder, Theuerſte;“ und während ſie die letzte 164 von ſeinen Prüfungen kennſt. Mögeſt Du nie eine andere erfahren, als welche Gott über Dich ſchickt! mögeſt Du niemals Dir ſelbſt eine bereiten, denn ſolche ſind am härteſten zu ertragen. Bete für diejenigen, welche leiden. Sie mögen kummerbedrückte Heilige, ſie mögen reuevolle Sünder ſein; aber wenn ſie leiden, ſo darfſt Du es nicht unterlaſſen, fuͤr ſie zu beten. Sie bedürfen deſſen ſo ſehr. Komm, laß mich jetzt dieſen Blumenkranz auf Dein Haupt ſetzen. Ich habe Dich durch meine Predigt gedankenvoll gemacht, aber nimm Dir's zu Herzen, meine vielgeliebte Schweſter; lerne mit den Weinenden weinen, und mögen Andere mit Dir ſich nur zu freuen haben.“ Als die Schweſtern im Speiſeſaale wieder zu⸗ ſammentrafen, ſaß Edmund neben Margaret. Er ſchien Anfangs unfähig, ſeine Geiſter zu ſammeln, aber all⸗ mählig wurde er aufgeregt und ſeine ſonſt gewöhnlich ruhige Heiterkeit war beinahe ſtürmiſch. Dieß währte den ganzen Abend; im Verlauf der Unterhaltung be⸗ gann er wieder von Darrell Court zu ſprechen und drang in Margaret, daß ſie den nächſten Tag dahin⸗ gehen möchte. Sie wandte ſich zu Ginevra mit der Frage, ob ſie ſich dazu verſtehen würde, und es ver⸗ ſtimmte ſie ein wenig, als dieſe kalt antwortete, Mrs. Warren wünſche den Platz wiederzuſehen und würde ſie daher, das wiſſe ſie, mit Vergnügen begleiten.“ „Sind Sie ganz entſchloſſen, ſich da niederzu⸗ laſſen?“ fragte Walter in einem Augenblick. „Das,“ antwortete Neville,„hängt von Umſtänden ab, die nicht in meiner Gewalt ſtehen. Ich befinde mich in den Händen Anderer, und auf ihrer Entſcheidung beruht das Glück oder Elend meines Lebens.“ Er ſagte dieß mit erhitzter Wange und in haſtigem Tone, und ſeine Worte brachten eine augenblickliche Bewegung bei ſeinen drei Zuhörern hervor; Walter wurde blaß, denn er ſah die Kriſts, die er ſo lange geahnt hatte, vor ſich; Margaret's Herz klopfte vor — 165 freudiger Aufregung, denn ſie ſah jetzt, voraus, daß er im Hauſe ſeiner Ahnen, in ſeiner eigenen künftigen Wohnung ihr ſein Herz eröffnen und zur Vergeltung ſeiner Offenheit das Geſtändniß ihrer Liebe verlangen werde. Sie blickte ſchüchtern Ginevra an und bemerkte, daß ihre Wangen, ihre Stirne, ja ſogar ihre Schläfe bis zu den Wurzeln ihrer Haare von einer tiefen Röthe übergoſſen waren, welche bewies, daß auch ſie die An⸗ ſpielung verſtanden hatte und wie klar ihre Bedeutung ihr erſchienen ſein mußte. Als ſie ſich ven ihrer Auf⸗ ſprach ihr eifrig zu, das zu thun. „Möge es Ihnen gelingen, die Sache zu Stande zu bringen,“ rief er, als ſie von ihrem Platze aufſtand. „Sie wiſſen, ich kann es nicht ertragen, wenn meine Pläne durchkreuzt werden, und ich werde es Ihnen nie verzeihen, wenn Ihre Unterhandlung fehlſchlägt. Ich habe in Darrel Court für ſie Alle ſo viel zu thun. Sie, Walter, müſſen die Kapelle übernehmen.“ „Und was vertrauen Sie mir an?“ ſagte Mr. War⸗ ren, der zu ihnen getreten war. 4 „Den Speiſeſaal und die Gemäldegallerie.“ „Und mir?“ ſagte Margaret, welche an der Thüre des Muſikſaales zögerte. 8 „Den Blumengarten oder das Frühſtückszimmer.“ „Und meiner Schweſter?“ Edmund drehte ſich um, und indem er Ginepra's Augen zu faſſen ſuchte, ſagte er: ird ſie für ſich ſelbſt wählen?“ Aber da ſte nicht antwortete, wandte er ſich an Walter und bat ihn, Mr. Warren die Kupferſtiche in der Bibliothek zu zeigen, wovon er eine neue Zeichnung für das Fenſter in der Kapelle von Darrell Court aus⸗ wählen wolle. „Mein Onkel,“ ſagte er,„iſt zwar, glaube ich, kein 166 großer Kirchenkundiger, aber er weiß gut Beſcheid in Allem, was mit der Kunſt in Zuſammenhang ſteht.“ Mr. Warren folgte Walter auf eine Weiſe, die zu verſtehen gab, daß er den Zeichnungen die Ehre erwei⸗ ſen wolle, ſie anzuſehen, in die Bibliothek. Margaret ging inzwiſchen an den Whiſttiſch, und während Mrs. Sydney ſehr langſam die Karten gab, ſetzte ſie ihren Plan für den folgenden Tag auseinander, oder viel⸗ mehr, ſie kündigte ihn an. Sie traf auf keine Oppo⸗ ſttion; nur verſicherte ſie Mrs. Thornton mit einem Seufßzer, daß ſie ſelbſt ein bloßes Nichts in der Familie geworden, daß ſie Jedermann unterthänig ſei und deß⸗ halb ihre Hände in Unſchuld waſche. Weßhalb ſie die⸗ ſelbe wuſch, wäre ſchwer ausfindig zu machen geweſen, aber ſie wiederholte den Ausdruck energiſch zwei oder drei Mal und begann dann ihre Karten zu ſtecken. „Sie wollen alſo Mr. Neville helfen, Beſitz von Darrell Court zu ergreifen?“ flüſterte Mr. Thornton ſo hörbar, daß Mrs. Sydney zuſammenfuhr und ver⸗ gab;„und wenn er Sie nun erſuchte, damit verlieb zu nehmen, was würden Sie dazu ſagen, Miß Margaret?“ „Unſinn, Großpapa! was für höchſt ſonderbare Ideen kommen Ihnen in den Kopf?“ „Sollten ſie nicht zufällig in den Ihrigen gekom⸗ men ſein, he?“ Ein Kuß auf ſeinen Mund war die Antwort der Enkelin, und ſie eilte hinweg, um Oberſt Leslie zu ſuchen. Später am Abend, als ſie bei Walter in der Biblio⸗ thek ſaß, kam Ginevra zu ihnen. Plötzlich erinnerte ſich Margaret, daß ſte Edmund noch keine Antwort we⸗ gen des morgenden Tages gegeben hatte, und da es ihr nicht leid that, eine gute Entſchuldigung für ihre Rückkehr in's Geſellſchaftszimmer zu haben, ſo ließ ſie Walter und ihre Schweſter allein beiſammen. Er er⸗ hob ſeine Augen von dem Portefeuille, das er gemuſtert hatte, und nun begegneten ſie denen des jungen Mäd⸗ chens, das ihm gegenüber ſaß. Er hatte in den letzten 167 paar Tagen eine ſteigende Theilnahme für ſie empfun⸗ den. Gleich den meiſten rückhaltenden Perſonen beſaß er einen ſchnellen Einblick in die menſchlichen Gefühle, und da er ſelbſt oft in der Stille gelitten hatte, ſo ent⸗ deckte er leicht bei Anderen die Spuren ſtillen Leidens. Daß ſie unglücklich war, konnte er jetzt nicht mehr be⸗ zweifeln. Er hatte ſchon vorher zuweilen gemeint, ihre Augen hätten ſich mit Thränen gefüllt, welche nur eine feſte Entſchloſſenheit zu fließen verhindert haben; aber jetzt ſah er welche ſich über ihre Wangen hinabſtehlen, und zwar ſchneller, als ihre Hand ſie wegzuwiſchen ver⸗ mochte. Er richtete eine unbedeutende Bemerkung an ſie, und ihr Mund zitterte, als ſie zu antworten ver⸗ ſuchte. Es war kein Schatten von Unmuth in ihrem Geſichte, aber ſo viel war klar, daß ſie mit einer mäch⸗ tigen Bewegung rang und ſich ſtandhaft bemühte, die⸗ ſelbe zu bezwingen. Walter's Vorurtheile würden nicht leicht überwunden worden ſein, wenn dieſes junge Mäd⸗ chen glücklich geſchienen oder wenn ſie bei ihrer An⸗ kunft unter ihnen einen kindiſchen oder ungraziöſen Kummer gezeigt hätte; aber unter den gegebenen Um⸗ ſtänden litt und kaͤmpfte ſie. Die Quelle dieſes Leidens kannte er nicht; wo ſie die Kraft zum Kampfe fand, vermochte er noch nicht zu unterſcheiden, aber es ver⸗ langte ihn, dieſen Schmerz zu beſchwichtigen oder dieſe Anſtrengungen zu unterſtützen, wie es ihn gedrängt haben würde, den Hungrigen zu füttern oder dem Nacken⸗ den ein Obdach zu gewähren. Er ſchob das Portefeuille gegen ſie hin und ſagte: „Haben Sie dieſe Kupferſtiche geſehen?“ Sie blickte dieſelben zuerſt ſchweigend an, aber allmaͤhlig intereſſirte ſte ſich, und dann wurde ſie be⸗ lebt. Eine Zeichnung vom Märtyrerthum des Sanct Peter ſchien ihre Aufmerkſamkeit zu fiſſeln; ſie ſagte leiſe, indem ihr Kopf ſich darüber hinbeugte: „Er muß gewußt haben, daß ihm jetzt vergeben— daß ſeine Reue angenommen— ſeine Prüfung beendet 168 war. Seine Leiden müſſen ihm ein Pfand der Ver⸗ gebung geweſen ſein.“ 4 Im Allgemeinen war Ginevra mit dem Engliſchen nicht vollkommen vertraut, aber wenn der Gegenſtand ſie anregte, ſo wurde ſie auf eine ihr eigenthuͤmliche Weiſe beredt. Ihre Sprache war pittoresk, und ſie redete, wie Andere ſchreiben, aber mit einer Einfach⸗ heit, die ihrer Unterhaltung jeden Schein von An⸗ ſtrengung oder Künſtelei benahm. Im Tone ihrer Be⸗ merkungen lag etwas, was mit den geheimen Eindrücken von Walter's verborgenem Leben harmonirte, von die⸗ ſem Seelenleben, das ſeinen tiefen und ſtillen Lauf nimmt, abſeits von allem äußern Verkehr mit der Welt, oder ſogar von den innigſten Verbindungen unſrer Fa⸗ milien und Herzen. Die Schriften vergangener Gene⸗ rationen, die einſamen Studien langer Jahre, ſein inſtinktmäßiges Sehnen nach einem tiefen Glauben und einer weitern Sympathie, als ſeine eigene religiöſe Er⸗ jehung oder ſeine eigene Seite ſie darboten, hatten ihn vorbereitet, für die junge Italienerin zu fühlen und mit neugieriger Theilnahme lauſchte er ihren originellen, in eine beredte und ausdrucksvolle Sprache eingekleide⸗ ten Gedanken, als er bemerkte, daß ſie plötzlich ſich Einhalt that; er wandte ſich um, und nun ſah er Edmund Neville in's Zimmer treten und auf den Tiſch zuſchreiten, wo ſie ſaßen. Er nahm eine der illuſtrirten Skizzen in die Hand und fragte gleichgültig, ob das die Zeich⸗ nung für ſeine Kapelle ſei. „Es iſt die einzige, die ich mir dafür vorgemerkt habe,“ antwortete Walter.„Gehen Sie morgen nach Darrell Court?“ „Ich glaube, Miß Leslie hat es veranſtaltet. Hat Signora Ginevra ſich entſchloſſen, uns zu begleiten?“ fügte er leiſe hinzu, indem er raſch die Blätter eines Buches umſchlug, das er ergriffen hatte. „Warum ſollten Sie nicht gehen?“ ſagte Walter, als er ſah, daß ſie Neville keine Antwort gab. 169 „Weil ich nicht die Kraft dazu habe,“ antwortete ſie langſam, wie wenn es ſie eine Anſtrengung koſtete, zu ſprechen. 4 3 4 „Sind Sie unwohl?“ rief er;„ja gewiß, Sie find unwohl. Soll ich Ihnen einiges Waſſer holen?“ 3 Sie nickte zuſtimmend und er eilte nach der Thüre, wobei er zwei Tiſche, die ihm im Wege ſtanden, bei⸗ nahe umriß. Als er nach einigen Minuten mit einem Glas Waſſer in ſeiner Hand zurückkam, fand er Gi⸗ nevra allein; ſie ſtand neben dem Tiſche, und er meinte, ſie zittere, als ſie ihre Hand ausſtreckte, um das Glas zu ergreifen. Sie hob es an ihre Lippen und ver⸗ ſuchte zu trinken, konnte es aber nicht, ſondern ſtellte es nieder, wandte ſich, um zu gehen, und dann ſetzte ſie fic. wie wenn ſie unfähig wäre, durch das Zimmer zu chreiten. „Ich werde Ihr Schweſter rufen,“ ſagte Walter. Sie ſchüttelte ihren Kopf, legte ihren Arm auf ſeine Hand, um ihn zurückzuhalten, haſchte nach Athem und dann brach ſie in einen Strom von Thränen aus. Walter nahm ihre Hand und ſagte ernſthaft: „Ginevra Leslie, Sie ſind ſehr unglücklich. Wie werden Sie es ertragen, unter Fremden zu leben und Niemandem je Ihr Herz öffnen zu können?“ Sdie machte eine ſtarke Anſtrengung, bewältigte die zitternde Aufregung, welche ſie überkommen hatte und antwortete ruhig: 4 „Ich bin vor Ihnen unterlegen. Beuten Sie meine Schwachheit nicht aus. Sagen Sie meinem Vater und meiner Schweſter nichts von dieſer unbezwingbaren Aufregung. Sie war plötzlich, aber Sie ſehen, ſie iſt „Aber es liegt eine Urſache zu Grunde,“ ſagte Walter,„und zwar eine tiefe Urſache.“ „O,“ rief ſte,„haben wir nicht Alle in unſerem Herzen eine Quelle des Leidens, welche wir mit ſtarker 170 Hand niederhalten und mit einem ſtarken Willen be⸗ meiſtern?“ „Vertrauen Sie Ihrer Kraft nicht zu ſehr,“ ſagte Walter, als er die Bläſſe ſah, die ſich wieder über ihr Geſicht verbreitete. „Ich würde,“ ſagte ſie ernſthaft,„ich würde das nicht thun, wenn es meine eigene Kraft wäre, aber Gott verleiht ſie, und er wird ſie nicht zurückziehen, obſchon zuweilen mein eigenes Herz mit ſolcher Heftig⸗ keit gegen mich aufſteht, daß ich davor verzage.“ „Ich habe Sie erſt einige Tage geſehen; und vor einer Stunde kannte ich Sie kaum, aber ich möchte Ihnen gerne dienen— darf ich?— kann ich?“ „Mr. Sydney,“ ſagte Ginevra, und ſie nahm ſeine beiden Hände in die ihrigen,„Sie find heute ſehr gütig gegen mich geweſen, und ich bedaure es nicht—“ ſie hielt einen Augenblick inne, und dann fuhr ſie fort —„ich bedaure es nicht, daß Sie mich ſo aufgeregt, ſo unruhig geſehen haben— Sie werden nicht hart bon mir denken— ich weiß, Sie werden es nicht thun.“ Ihre Stimme ſtammelte, und Walier unterbrach ſie: „Es iſt ſo natürlich, daß Sie ſich niedergedrückt fühlen— Sie ſind ſo überaus jung. Alles hier muß Ihnen fremd erſcheinen, und Sie haben Bekümmerniſſe gehabt,“ fügte er noch ſanfter hinzu, indem er ihr ſchwarzes Kleid anſah, und Einige von denen, welche Sie lieben, ſind, wenn auch nicht durch den Tod Ihnen genommen, doch weit von Ihnen entfernt, und Sie müſſen ſich ſehnen— Sie müſſen ſich ſehnen, Ihre eigene Heimath wiederzuſehen und Ihre eigene Sprache wieder zu ſprechen.“ Sie erhob ihre blaſſen, aber höchſt ausdrucksvollen Augen zu ſeinem Geſicht und ſagte langſam: „Es gibt Jemand, zu deſſen Füßen ich noch ein⸗ mal zu knieen wünſchen möchte, bevor ich ſterbe, aber er iſt nicht da, wo meine Heimath war. Es iſt meiner hin, und indem ſie den Kupferſtich, den er ihr gezeigt hatte, noch einmal betrachtete, ſagte ſte leiſe: 3„Beten Sie für mich, daß mein Glaube nie wanken möge.“ Am folgenden Morgen erwachte Margaret ſchon früh, den Geiſt aufgeregt durch die Gedanfen über den beſchloſſenen Ausflug, und mit Ungeduld wartete ſie hinter den Mouſſelinvorhängen ihres Bettes auf das Oeffnen der Fenſterläden. Es ſiel jetzt dichter Schnee, und ſie kehrte ſich mit einem Gefühl herben Unmuths gegen die Wand. Sie rief mit ſchläfriger Stimme ihr Mäͤdchen. 4 „Grace, biſt Du ſchon in meiner Schweſter Zimmer geweſen?“ „Ja, Miß, vor einer halben Slunde. Miß Ginevra war auf und angekleidet.“ „So früh?“ rief Margaret mit einem verlängerten Gähnen. „Dieſe Fremden haben ſo wunderliche Gewohn⸗ heiten,“ bemerkte Grace.„Sie können nie etwas machen wie andere Leute. Wer hat je gehört, daß eine junge Lady kein Mädchen hatte und daß ſie ſich ſelbſt ankleidete? Aber freilich, ich habe auch ſagen hören, Miß Ginevra habe nur eine gemeine Erziehung genoſſen, und ihre Mutter ſei keine wirkliche Lady geweſen, nicht einmal in ihrem eigenen Lande.“ Margaret ärgerte ſich über dieſe Sprache, wußte aber nicht recht, wie ſie ihr Mißvergnügen zeigen ſollte. Während Grace ihr das Haar machte, kam ſie auf denſelben Gegenſtand zurück. „Mrs. Warrens Mädchen ſagt, Miß Ginevra thue nichts wie andere Menſchenkinder, und ſie halte nicht viel auf ſolche Leute. Mrs. Henderſon ſagt, die⸗ ſelben bringen es nie zu viel Gutem.“ 3 „Was ſchwatzeſt Du für Unfinn, Grace! Natürlich kleidet ſich meine Schweſter und ſpricht nicht ganz ſo wie wir, weil ſie anders erzogen worden iſt. Es wäre — 173 ſehr zu verwundern, wenn ſie in allen Stücken uns iche.“ 1 2„Ja, allerdings, Miß, zumal da ſie eine Papiſtin iſt, das arme Ding. Mrs. Henderſon ſagt, ſie haben unterwegs nirgends übernachtet, ohne daß Miß Ginevra ſchon vor dem Frühſtuck in die Kirche gegan 1; aber all dieß Kirchgehen führt, wie Mrs⸗ Hei ſagt, am Ende doch zu nichts Gutem.“ 1 „Was weißt Du, oder was weiß Mrs. Henderſon davon? Ich ſage nur, wir würden Alle beſſer ſein, wenn wir öfter in die Kirche gingen. Mr. Sydney denft ſo und macht jeden Tag einen großen Weg, um dem Gottesdienſte anzuwohnen.“ „O, aber Ihres Großpapa Verwalter ſagt, Miß, daß Mr. Walter ein vermummter Papiſt ſei, und Mrs. Henderſon würde ſich ganz und gar nicht wundern, wenn Miß Ginevra ihn überredete, in allem Ernſt ein ſolcher zu werden. John ſagt, ſie haben geſtern Nacht — Kohlen zu ulegen. „Ste was ſchwatzeſt Du da?“ rief Margaret ungeduldig; Spuren von Thränen auf dem Geſichte ihrer Schweſter bemerkt hatte, und ſte fühlte ſich unangenehm berührt durch den Gedanken, daß zwiſchen ihr und Walter etwas vorgefallen ſei, was man ihr nicht mitgetheilt ich jetzt daran denke ſo hat ſie mir noch nicht ein einziges Wort von ihren Gedanken, von ihren Gefühlen, von ihrem früheren Leben, kurz von ſich ſelbſt geſagt. Und jetzt ſcheint es, daß Walter und ſie auf das Ver⸗ 174 traulichſte mit einander geſprochen, daß ſie einen ge⸗ heimen Freundſchaftsbund geſchloſſen haben. Ich muß mir wirklich viel gefallen laſſen. Ich achtete nicht darauf, als Mrs. Warren etwas derb vor mir ſagte, ehr Papa ſie bewundere— ihren Anzug wenig⸗ was auf daſſelbe hinauskommt; und ich ſagte ſie ſei der Liebling, und ich mißgönne es ihr nicht auch mißgönne ich es ihr wirklich nicht; aber wenn Walter und ſie lange tete-à-tete haben und ich von Jedermann vernachläſſigt werden ſoll—“ Grace, die mit einigen ihrer Berufspflichten zu emſig beſchäftigt geweſen war, um während der letzten paar Minuten zu ſprechen, begann jetzt wieder— „Mrs. Henderſon begreift nicht, wie ihre Lady der Miß Ginevra erlauben konnte, allein auszugehen, wie ſie es im fremden Lande gethan hat, und dabei nicht einmal einen Hut zu tragen. Sie ſagt, es habe ſich Alles in ihr umgedreht, als ſie ſie zum erſten Mal ſo wunderlich gekleidet auf der Straße ſah. Es iſt ſo höchſt unſchicklich und frech.“ 1 „Das iſt es nicht, wenn es vort ſo Brauch iſt,“ verſetzte Margaret ungeduldig. „O nein, Miß, aber es iſt Alles Brauch, und ohne Zweifel werden wir auch hier viele fremde Bräuche annehmen müſſen. Vielleicht müſſen wir Alle ſammt und ſonders ohne Hut ausgehen, denn die Leute ſagen, der Oberſt Leslie ſei ſo parteiiſch gegen Miß Ginevra, daß ſie künftighin Alles durchſetzen werde, was ihr in den Kopf komme.“ Margaret's Wange war in dieſem Augenblicke ſehr erhitzt; ob es nun daher kam, daß ſie ſich eben uͤber das Feuer beugte und an einem ſehr dicken Klotz ſchürte, oder daß es ihren Stolz empfindlich verletzte, erfahren zu müſſen, wie ſogar die Dienerſchaft den auffallenden Vorzug, welchen ihr Vater Ginevra gab, bemerkte und ſich Gloſſen darüber erlaubte. Mit einer Stimme, welche Aerger verrieth, erwiederte ſte: 175 „Ich muß Dich wirklich ſehr bitten, Grace, daß u künftighin keine Bemerkungen dieſer Art mehr machſt. Sie find unziemlich für Dich und mir ſehr unangenehm.“ Grace, die ungefähr in demſelben Alter wie ihre Gebieterin und beinahe ebenſo verwöhnt war, wollte ſich dieſen Tadel nicht gefallen laſſen und begann ſich in einem halb ärgerlichen, halb kläglichen Tone zu rechtfertigen. Alle geſetzt werden ſolle, da ging es mir hart zu Herzen.“ „Du vergiſſeſt Dich wirklich, Grace,“ fiel Mar⸗ garet unwillig ein.„Ich kann es nicht dulden, daß mir ſolche Dinge geſagt werden.“ 3„Sehr gut, Miß. ſehr gut,“ murmelte Grace mit einem Blick großer Ergebung.„Ich will kein Wort mehr ſagen, nicht einmal, wenn das Gras Ihnen unter den Füßen abgemäht oder das Bett Ihnen unter dem eibe weggenommen würde; nein, nicht einmal, wenn Miß Ginevra es auf Mr. Neville abſteht, was mir ſehr wahrſcheinlich vorkommt, denn Mrs. Henderſon ſagt, es habe noch nie einen Gentleman gegeben, den ſie nicht in ſich verliebt gemacht habe, und ſie iſt geſtern mit ihm nach Hauſe geganden⸗ als ſie am Förſter⸗ häuschen vorbei waren und in die Nähe des Parkthors kamen, da trennten ſie ſich, ſie ging den einen und er den andern Wegz; aber ich bekümmere mich nicht darum, es hat nichts zu bedeuten. Ich werde gar nichts mehr 176 ſagen, ſelbſt wenn Miß Ginevra vor Ihnen heirathen ſollte und Sie ihre Brautjungfer werden müßten.“ Bei dieſer Steigerung brach Grace in Thränen aus, und Margaret erſuchte ſie, das Zimmer zu ver⸗ laſſen.. Ihre nachdenkliche und unruhige Miene, als ſie ſich nach Entlaſſung ihrer Zoſe gegen das Kamin lehnte, bewies das raſtloſe Schaffen ihres Geiſtes. Sie ſann über ihre Worte nach, ſie rief ſich verſchiedene unbe⸗ deutende Umſtände, welche während der letzten paar Tage vorgekommen waren, in's Gedächtniß zurück mit einem ängſtlichen Verlangen, die unbeſtimmten, arg⸗ wöhniſchen Vermuthungen, die ſich in ihrer beunruhigten Phantaſie anhäuften, ſich klar zu machen oder zu ver⸗ ſcheuchen. Ihre Gedanken rannten hin und her, wäh⸗ rend ſie raſch ihr Stuͤbchen durchſchritt und von Zeit zu Zeit ihre frühere Haltung wieder annahm.„War es ſo,“ dachte ſie,„wirklich eine wahre Ahnung, die einen ſo düſteren Schatten über die Tage warf, welche der Ankunft Ginevra's vorhergingen? Iſt ſie mit ihrer wunderlichen Schönheit, mit ihrer glatten Zunge, mit dem Zauber ihres Geiſtes und ihrer unwi rſtehlichen Anziehungskraft hierher gekommen, um m Edmund's Herz zu ſtehlen? Galt vielleicht ihm am Abend ſeiner Ankunft jene leidenſchaftliche Harmonie, die ihn an ihre Seite zu ziehen und ſeine Seele mit unbeſchreib⸗ licher Rührung zu erfüllen ſchien? Sie traf geſtern mit ihm zuſammen, ſie verbrachte in ſeiner Geſellſchaft dieſelben Stunden, wo ich allein in ſtillem Unmuth einherwandelte, und nachher ſprach ſie honigſüße Worte u mir, bekränzte mich mit Blumen und wies mit Affectation meine Lobpreiſungen zurück. Aber was wird dann erfolgen? was wird geſchehen? was kann ich thun? wie kann ich mit ihr in die Schranken treten? Ich kann nicht lächeln, oder fingen, oder ſprechen wie Ginevra; ich kann nicht wie ein Engel dreinſchauen und die ganze Zeit über eine grauſame und heimtuͤckiſche 177 Rolle ſpielen. Iſt es nicht hart, daß ſie mir meinen Becher der Hoffnung und des Glückes weghaſchen und mein Herz durch eine Angſt quälen will, die ich im Stillen ertragen ſoll? denn Niemand darf es wiſſen (hier machte ſich der Kummer des armen Kindes in Thränen Luft)„Niemand darf es wiſſen, wie ich ihn geliebt habe, wie ich ihn mit jedem Tag inniger liebe; aber ſie werden es wiſſen— ſie haben es geſehen— wie wird Walter mich bemitleiden!— ſjetzt bedeckte eine brennende Röthe ihre Wangen)— und Großpapa, der geſtern ſagte — doch es iſt unmöglich— ich alaube, ich muß träumen oder verrückt ſein, um es anzunehmen; er hat ſie kaum erſt geſehen, er kennt ſie noch gar nicht. Drei kurze Tage können ihn nicht verändert und all mein Gluck ver⸗ nichtet haben. Ihr Herz iſt ruhig und frei, das mei⸗ nige pocht, als wollte es mir die Bruſt zerſprengen. Soll ich ihr ſagen, daß ich ihn liebe? O nein, ich fürchte ſie. Ich kann ihr keine Vorwürfe machen und ich darf ſie nicht um Erbarmen bitten, und doch würde ſie ſich vielleicht erbarmen. Wär's möglich, daß Ed⸗ mund ihr anvertraut hätte, daß er mich liebe, und daß ſie geſtern zuſammengekommen wären, um darüber zu ſprechen?“ Wie das Leuchten eines Sommerblitzes durch wol⸗ kigen Himmel durchkreuzte dieſe Idee die düſtenen Ahnungen bes ängſtlichen Mädchens, und nun kam eine Reibe von fröhlichen Vorausſetzungen. Je mehr ſie darüber nachſann, um ſo wahrſcheinlicher erſchien ihr die Sache. Schuldlos wie ein Kind und offen wie der Tag, fiel es ihr ſchwer, Anderen ſchlechte Beweg⸗ gründe beizulegen, und in der Wärme ihrer eigenen Neigungen rechnete ſie auf die Neiaungen der Andern; ja, ſie war jetzt bereit, zu den Füßen ihrer Schweſter zu fliegen, ihren Argwobn zu geſtehen und ſie um Ver⸗ zeihung anzuflehen, weil ſie in ihren geheimen Ge⸗ danken ſie ungerecht beſchuldigt babe. Unter dirſem Eindruck war ihr Benehmen gegen Ginevra noch zaͤrt⸗ Schloß Grantley. 1. 12 178 licher, als gewöhnlich, und ſie bemühte ſich, ſie allein zu ſinden und ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen; aber dieß war ſchwerer, als es ſchien, und ohne daß ſie ſich weigerte, zu ihr zu ſitzen oder mit ihr zu ſprechen, geſchah es, daß ihre Schweſter beinahe immer auf irgend eine andere Art beſchaftigt war, wenn ſie ihr dieſen Vorſchlag machte, und daß ſie ſelten das Ge⸗ ſellſchafts zimmer verließ, wo der anhaltende Schnee den größten Tbeil der Angehörigen des Hauſes ge⸗ fangen hielt. Edmund Neville machte eines Morgens den Vorſchlag, etwas vorzuleſen, und das Anerbieten wurde von Margaret freudig aufgenommen, „Soll es engliſch oder italieniſch ſein?“ fragte er in einem Blick auf Ginevra, welche lächelte und agte: „Sie werden zu viele Fehler machen.“ „O nein,“ erwiederte er,„ich bin kein ſchlechter Italiener, und ich weiß, Ihre Schweſter wünſcht die promessi sposi zu horen. Iſt's nicht ſo, Margaret?“ Sie ſagte etwas kalt„ja“, denn er hatte das Buch aufgeichlagen, und indem er ſich von ihrer Seite hinweg auf den Sopha ſetzte, wo Ginevra ſaß, wandte er ſich an dieſe mit dem eigenthümlichen Ausdruck, der von Zeit zu Zeit ſeinen durchbohrenden Augen einige Sanftheit gab, und ſagte: .„ unterbrechen Sie mich, wenn ich einen großen Fehler mache, aber ſeien Sie nicht zu ſtreng.“ Sie ſchüttelte freundlich den Kopf, hob einen Augenblick ihre dunkeln Wimpern empor und warf ihm einen ſolchen Blick voll unbeſchreiblicher Zärtlichkeit zu, daß Margaret's Hoffnungen erſtarben und ihre Beängſtigungen mit erneuter Bitterkeit zurückkehrten.— Wäbrend der zwei folgenden Stunden ſchienen die Schweſtern auf eine Weile Stellung und Charakter gewechſelt zu haben. Margaret ſaß, der Stimme de Mannes lauſchend, den ſie liebte. Aber ſo melodiſch ſie anch ſein mochte, ſo war doch für ihre Ohren die Lieblichkeit des Tones verſchwunden. Schweigend und düſter, aber wie durch einen Zauber auf die Stelle gefeſſelt, hörte ſie ihn die ſchöne Beſchreibung vorleſen, welche die Einleitung in Manzoni's unvergleichlichen RNoman bildet, und wenn ſte bei der unnachahmlichen Schilderung von Don Abbandio's Zuſammentreffen mit den Bravos lachte, ſo hatte ihr Geſicht dabei einen zitternden Ausdruck, und um ihren Mund bebte es ſchmerzlich. Auf der andern Seite ſchien es, als hätte Ginevra's gewöhnliche Ruhe und Ruckhaltung für einen Augenblick einem lebhaften Intereſſe, einer ſympatheti⸗ ſchen Aufregung Platz gemacht. Ihre Augen, die ſonſt meiſtens auf ihre Arbeit geheftet waren, ſelbſt wenn ſie mit Anderen ſprach, richteten ſich bald auf Neville's Geſicht, bald auf die weite ſchneebedeckte Landſchaft draußen; ihre Hände, die ſonſt ſo emfig beſchäftigt waren, ruhten jetzt, die eine auf der Sophalehne und die andere auf ihrer Bruſt, während ſte mit dem Sammtband ſpielte, das ihren Hals umſchloß. Sie ſchien freier als gewöhnlich zu athmen, ſorgloſer zu lachen, ihrem Geiſt einen Feiertag gegeben zu haben. Zuweilen nahm ſie Neville das Buch aus der Hand und las ſelbſt einige Säͤtze, oder lehnte ſie ſich über ſeine Schulter und ſprach im Mailänder Accent Agne⸗ ſen's bezaubernde Naivitäten, oder Renzo's allerliebſte Derbheiten, und einmal, als ſte mit bewunderungs⸗ würdiger Grazie und tiefem Gefühl die folgenden Worte ſprach:„Aber Lucia's Gedanke, wie viele Gedanken zog er nach ſich! ſo ſtolze Hoffnungen, ſo hohe Verſprechungen! eine ſo ſehnlich erwünſchte, ſo ſicher geglaubte Zukunft und dieſer ſo ſchmerzlich erſehnte Tag!“ da wandte er ſein Geſtcht gegen ſie— ihre Augen begegneten ſich, ihr helles Haar berührte beinahe ſeine dunkeln Locken— felbſt als ſie aufgehört hatte zu ſprechen, ſchien er noch m garet beobachtete. Jeder Augenblick ſchien ihr ein Jahrhundert— jeden Augenblick war ſie auf dem Punkt 3 unwillig aufzufahren und ſie plötzlich zu verlaſſen. Die Beiven ſchienen ihre Gegenwart, beinahe ihr Daſein zu vergeſſen; ſie hörte auf, Acht zu geben oder dem Sinn der Worte zu folgen. Ihre Gedanken weilten„ nicht mebr bei Manzoni's Schöpfungen; ſie waren zu dem wilden unvollendeten Gedicht zurückgekehrt, zu jenem wunderlichen„Chriſtabel“ welcher bereits ihre Phantaſie heimgeſucht und ihre Ruhe geſtört hatte. Es. war ihr, als lage ein Zauber auf ih, als hatte auch ſie in dieſer Stunde geſehen, was Keiner außer ihr geſehen, was Niemand außer ihr glauben würde, was ſie nicht zu beſchrei⸗ ben wagte, was ſie kaum begriff; aber das fühlte ſie, daß ihre Hoffnungen, ihre Freude, ihr Glück auf irgend eine unwiderſtehliche Weiſe aus ihren Händen hinwegbe⸗ ſchworen wurden; ſie entwiſchten ihrem Bereich, ſie ſtarben dahin, und Allen, nur ihr ſelbſt nicht, ſchien. es das einfachſte Ding von der Welt, daß es ſo ſein ſollte— Niemand wurde ſich da um bekummern oder es auch nur beobachten. Dieſe Lippen konnten fort⸗ fahren, ihre ſüßen harmoniſchen Töne zu flüſtern, dieſe Augen durften eine feurigere und bezauberndere Liebe, als ihre eigenen zu offenbaren wagen, ſie aus⸗ ſprechen oder wenigſtens erheucheln; dieſe blaſſe Wange durfte in ſeiner Gegenwart blühen und jeder Blick, jede Geberde tiefſinniger Leidenſchaft verrathen, während ihre eigene kindliche Freude, ihre eigenen zitternden Hoffnungen im Schatten verwelken ſollten, wie eine 5 Roſe, die von ihrem Stiel gepflückt worden, bevor die Sonne ſie angeſchienen hatte oder der Morgen des Lebens dahingegangen war⸗ Die Scene war auf trau⸗ rige Art verändert. Der Geiſt des Mißtrauens hatte im Vorübergehen jede Blume auf ihrem Piade ange⸗ haucht; gleich einem Garten, welcher am erſten Frof. tage des Jahres ſchwarze und eingeſchrumpfte Blätter zeigt, wo noch vor wenigen Stunden ein irdiſches Pa⸗ radies geblüht, ſo waren jetzt die ſüßen Neigungen und die freundlichen Sympatbien, die ſo eben noch das Herz der armen Margaret beherrſcht hatten, verwelkt und ſanken dahin, um vielleicht für immer zu erſterben. Zum erſtenmal in ihrem Leben beobachtete ſie ein dü⸗ ſteres Stillſchweigen, während Erferſucht und Haß, dieſe ſchrecklichen Heimſucher der Seele, in der Ferne in trüben und ſchattigen Geſtalten ſchwebten und in ihre zitternden Ohren ihre erſten unheimlichen Ein⸗ gebungen, ihre erſten garſtigen Verdächtigungen flüſter⸗ ten. Und dieß währte— dieſes ſtille Drama entwi⸗ ckelte ſich— dieſes düſtere Geheimniß nahm ſeinen Lauf— bis nach etwa zwei Stunden die Thüren auf⸗ flogen und Lady Donnington und Miß Vincent ange⸗ meldet wurden. Zehntes Capitel. Margaret ſprang von ihrem Sitze auf und eilte ihren Gäſten entgegen. Sie wußte kaum, ob deren Ankunft ihr Verdruß oder Vergnügen machte; aber ſie war froh über Alles, was für den Augenblick eine Stimmung veränderte, die allzu peinlich wurde. Mand küßte ſie zärtlich und dann ſchweiften ihre Augen von ihr ab, um Ginevra zu ſuchen, welche in dieſem Augen⸗ blick auf ſie zufam. Sie bot ihr kalt die Hand und Margaret bemerkte mit Erſtaunen, daß eine tiefe Röthe ihrer Schweſter Geſicht bedeckt hatte, und daß ſie vor dem durchbohrenden Blick, welchen Mand auf ſie rich⸗ tete, zu erbeben ſchien. Ihre Verlegenheit war ſo ſichtbar, daß Margaret den Einfluß derſelben empfand und gleichfalls erröthete. Maud ſchien ſich an der augenſcheinlichen Verwirrung, die ihre Anweſenheit verurſachte, zu weiden und ſagte einige wenige Worte über Erneuerung ihrer Bekanntſchaft mit Miß Leslie, 182 und wie ſie ſich noch ihrer Zuſammenkünfte in Genua erinnere. Lady Donnington beſchäftigte ſich Anfangs ſo eifrig mit Fragen nach allen einzelnen Mitgliedern der Familie Edmund Neville's(denn dieſe Höflichkeit war ihr einziges Geſchäft, ihr einziger Genuß, die Totalſumme ihrer Exiſtenz), daß ſie keine Zeit für Ginevra übrig hatte, aber mitten in ihrem Kummer über einen zweiten Vetter von Mrs. Warren, welcher das Scharlachfieber gehabt, erinnerte ſie ſich plotzlich ihrer italieniſchen Bekanntſchaft und ſchüttelte ihr zu wieder⸗ holten Malen die Hand, indem ſie ſich mit einem Seuf⸗ zer entſchuldigte, daß ſie ſie nicht früher geſehen, und zugleich ihre Freude ausdrückte, ſie wiederzuſehen. Nach einigen wenigen Worten allgemeiner Unter⸗ haltung wurde der Imbiß angekündigt und die ganze Geſellſchaft begab ſich in den Speiſeſaal. Maud be⸗ obachtete mit Luchsaugen Alles, was auf Margaret's Geſicht vorging, und bemerkte bald, daß ihr nicht wohl zu Muthe war und daß ihre Bemühungen, eine Unter⸗ haltung in Gang zu bringen, nicht glücken wollten. Sie richtete ihre Blicke abwechſelnd auf ſie, auf Gi⸗ nevra und Edmund, und ein Ausdruck regen Intereſſes, gleich dem eines Hundes, der ſo eben die Witterung be⸗ kommen hat, ſchien ihre Sinne zu ſchärfen und ihre Augen glänzen zu machen. Sobald ſie aus dem Speiſe⸗ ſaale entwiſchen konnte, ergriff ſie Margaret's Arm und führte ſie mit ſanfter Gewalt aus dem Geſell⸗ ſchaftsſaal in das Bibliothekzimmer, und dann in die Ecke des entfernteſten Sofas. Als ſie ſie dort zum Sitzen veranlaßt, ſagte ſie in leiſem, eindrucksvollem und forſchendem Tone: „Nun?“ „Nun, ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen, Maud; ich fürchtete, Sie möchten bei dem ſchlechten Wetter nicht kommen.“ antwortete Maud in einem halb ſcherzenden, halb un⸗ „Wollen Sie mit mir vom Wetter ſprechen?“ —-— 183 geduldigen Tone;„haben Sie mir nichts Intereſſanteres u ſagen?“ 4„Was?— was meinen Sie?“ „Werden Sie mir nicht erzählen, daß unter allen bezaubernden Geſchöpfen in der Welt Iyre Schweſter das unwiderſtehlichſte iſt? ich bin vollkommen darauf vorbereitet, das verſichere ich Sie. In höre, Ihr ſeid Alle vernarrt in fie; ihr Vater ſagt, ſie ſei ein Engel, Mr. Sydney nennt ſie eine Heilige, ſo daß wir Alle zuſammen keine Ausſicht mehr haben, je angeſehen und noch weniger zum Gegenſtande des Gedankens gemacht 1 werben, ſo lange die ſchöne Ginevra unter uns leibt.“ „Sie iſt wirklich reizend,“ antwortete Margaret, und ihre Stimme hatte, als ſie dieſes Wort ausſprach, einen ſo traurigen Ton, daß Maud auf eine Art, welche fur bloßen Scherz und eine unſchuldige Frage gelten konnte, zu ſagen wagte: „Dann haben Sie bis jetzt nur die Sammetpfote geſehen? Sie ſtehen vermuthlich ganz unter dem Zauber.“ Margaret verabſcheute wie alle offenherzigen Leute eine Andeutung, und da ſte ohnehin in dieſem Augen⸗ blicke mehr zur Erbitterung geneigt war, rief ſie warm: „Wahrhaftig, Maud, ich muß wünſchen, daß Sie ſich ausſprechen oder daß Sie gar nicht ſprechen; was iſt das für ein Brauch, auf den Buſch zu klopfen und mir unangenehme Ideen in den Kopf zu ſetzen, bloß um mich zu quälen; wie es in der Copulationsformel heißt, ſagen Sie auf einmal, was Sie zu ſagen haben, oder halten Sie für immer Frieden.“ „Ah, haben Sie in der letzten Zeit dieſen Theil des Gebetbuches ſtudirt? ſind Sie vollkommen feſt in den Antworten und vorbereitet, zu ſagen:„„Ich, Mar⸗ garet, nehme Dich, Edmund“— „Weit entfernt,“ rief Margaret mit Ungeſtüm,„es bandelt ſich um keine Heirath zwiſchen mir und Wr. Vabelt. ch Heirath zwiſch 184 „Dieſe Frage mag noch nicht auf das Tapet ge⸗ kommen ſein, aber daraus folgt nicht, daß ſie gar nicht geſtellt werden wird,“ ſagte Maud,„wofern nicht an⸗ ders“— „Was?“ rief Margaret, deren Intereſſe an dem Gegenſtand auf einmal über ihre Vorſicht und ihren Aerger obſiegte. „Wofern nicht anders,“ fuhr Maud fort,„das Spiel Ihren Händen entwunden wird, meine theure, argloſe, vertrauensvolle Margaret, und wofern nicht Ihre junge, harmloſe Schweſter ihre Talente und Reize in dieſer Richtung ſpielen läßt. Wenden Sie ſich nicht von mir ab, ſehen Sie mich nicht ſo zornig an. Seien Sie vernünftig, Margaret. Welches Inter⸗ eſſe könnte ich dabei haben, Sie zur Vorſicht aufzu⸗ fordern, außer daß ich Sie vor der unglückſeligen Stellung einer getäuſchten Perſon zu bewahren wünſche? Ich kenne die Welt beſſer als Sie, und ich weiß auch, ich ſage es mit Bedauern, mehr von dem Charakter und den Kunſtgriffen einer Kokette, ſowie von der raſt⸗ loſen Beharrlichkeit, womit eine Perſon dieſes Schlages ihr Ziel verfolgen und ihren Zweck erreichen wird.“ „Ginevra kann keine Kokette ſein,“ antwortete Margaret zögernd.„Sie iſt ſo gut, ſo liebreich, ſo beſcheiden;— wenigſtens denke und hoffe ich das.“ „Sie ſind Ihrer Sache nicht gewiß, Margaret, Sie, die Sie das Gegentheil von dem Allen noch nicht geſehen haben; aber beobachten Sie ſie— gedenken Sie meines Raths— beobachten Sie ſie. Ich könnte Ihnen viel darüber ſagen, aber ich ziehe es vor, Sie auf Ihre eigenen Beobachtungen zu verweiſen.“. 4 „Sie kennen Ausländer beſſer als ich,“ ſagte Mar⸗ garet gedankenvoll;„ihre Art und Weiſe iſt wohl immer von der unſerigen ſehr verchieden?“ 4 „In welcher Beziehung? können Sie mir einen ſpeziellen Fall bezeichnen, worin Sie das meinen?“ „Ich meine, daß das, was bei einem engliſchen Mädchen nicht beſcheiden und anſtändig wäre, bei einer Fremden in Folge verſchiedener Gewohnheiten und Ge⸗ bräuche ganz natürlich und paſſend ſein könnte.“ „Nun, bei verheiratheten Frauen mag dieß vielleicht der Fall ſein, aber junge Damen in anderen Ländern ſind ungemein geſetzt, ſtill und ſittſam und alles, was hierzu gehört.“ 8„Nun, das iſt ſie auch in gewiſſer Beziehung, aber—“ „Aber ſie würde ſich nichts daraus machen, allein mit einem Gentleman ſpazieren zu gehen, oder heimlich an ihn zu ſchreiben, oder— Während Maud dieſe Worte ſagte, beobachtete ſie ſorgfältig das Geſicht ihrer Freundin und erſchrak bei⸗ nahe ſelbſt als Margaret plötzlich rief: „O. Mand! woher wußten Sie das?— wie konn⸗ ten Sie das errathen?—* Ein jauchzendes Frohlocken funkelte in ihren Augen und ſie rief nun ihrerſeits: „Ci, wie, habe ich's wirklich errathen? Sie haben bereits eine Probe von dem Benehmen Ihrer Schweſter erlebt! und Sie haben dieß die ganze Zeit über für ſich allein bebalten und bloß tief geſeufzt über ibre vielen Reize? Ginevra hat Sie bereits verdorben, Margaret, denn Sie würden vor ſechs Monaten nicht ſo heuchle⸗ riſch geweſen ſein.“ Margaret erröthete tief uber dieſen Vorwurf und antwortete mit einiger Wärme: „Es iſt nicht ſchön, Maud, mir die Worte ſo aus dem Munde zu locken, mir ſolche Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen zu ſtellen und mich dann der Heuchelei zu be⸗ ſchuldigen, weil ich nicht geneigt bin, übel von meiner Schweſter zu denken oder etwas zu ſagen, was Andere gegen ſie einnehmen könnte.“ „O, was das betrifft, mein liebes Kind, ſo brau⸗ chen Sie keine Bedenklichleiten zu haben; was Sie mir 186 ſagen können, wird bloß die einfache Folge deſſen ſein, was ich mit meinen eigenen Augen geſehen habe.“ „Was meinen Sie, Maud? O bitte, ſprechen Sie es endlich aus und laſſen Sie mich das Schlimmſte wiſſen. Sie haben ſchon zu viel geſagt, um zurücktre⸗ ten zu fönnen, und Sie müſſen mir Alles ſagen, was Sie wiſſen.“ „Nun wohl,“ verſetzte Mand, indem ſie ihre Lippen zuſammenzog und mit ihrem Geſchmeide ſpielte,„ich denke, ich bin jetzt meines thörichten Verſprechens gegen Lucy entbunden, Sie nicht gegen Ihre Schweſter auf⸗ zubringen, bis Sie ſelbſt einen Grund gefunden hätten, an ihr zu zweifeln oder Argwohn gegen ſie zu faſſen.“ „O, ich habe das nicht geſagt, Maud. Gott be⸗ wahre mich, das wäre allzu ſchrecklich.“. Mun, was haben Sie denn geſagt?“ erwiederte Maud ungeduldig.„Laſſen Sie uns nicht immer bloß auf den Buſch klopfen. Was haben Sie von Ihrer Schweſter geſehen oder gehört, daß Sie ſo eben dieſe Frage über das Benehmen ausländiſcher Damen an mich richten konnten, und warum haben Sie, als ich von einſamen Spaziergängen mit einem Herrn ſprach, ausgerufen: O, Mand, woher wußten Sie das? Mar⸗ garet, Sie würden am Beſten thun, mir ſogleich die Wahrheit zu ſagen, oder ich werde vielleicht etwas noch Schlimmeres vermuthen.“ „O nein, das dürfen Sie wirklich nicht; vielleicht war alles bloß zufällig und nur eine einfältige Ein⸗ bildung von mir; aber wie Sie ſagen, es wird das Beſte ſein, Ihnen die einfache Wahrheit zu berichten. Inzwiſchen bedaure ich's jetzt, daß ich überhaupt darauf angeſpielt habe. Sie iſt am Sonntag allein aus der Kapelle mit Mr. Neville nach Hauſe gekommen und ſie hat mir gar nichts davon geſagt.. „Und Sie ſind eiferſüchtig?“ ſagte Maud mit einem herausfordernden Lächeln. Margaret erröthete und verſetzte in gereiztem Ton: — — 187 „Ich haſſe jeden Schein eines Geheimniſſes— das iſt alles. Und Ginevra's Benehmen iſt ſo ungleich, manchmal ſo rückhaltſam, ein andermal wieder nicht ganz ſo, wie ich es liebe; ich kann das bemerken, ohne eiferſüchtig zu ſein, wie Sie es benennen.“ „O gewiß, und ich bin froh zu hören, daß Sie nicht eiferſüchtig find, denn ich zweifle nicht daran, daß Ihre Schweſter feſt entſchloſſen iſt. Mr. Neville zu fangen. Und Sie, Margaret, hätten bei all Ihrer Schönheit und allen Ihren Reizen durchaus keine Hoffnung gegenüber einer ſo abgefeimten Kokette, wie dieſe bezaubernde Ginevra iſt. Es gibt nur ein einziges Mittel, ihren Ränken entgegen zu arbeiten:— wenn man Mr Neville über ihren wahren Charakter die Augen öffnete, ſo könnte vielleicht Verachtung ihn gegen ihre Reize ſchützen.“ „Verachtung!“ wiederholte Margaret;„es wäre nicht leicht von Ginevra gering zu denken. Ö, Maud, ſogar während ich ſpreche, iſt etwas an ihr, was mich verblüfft und eine unbeſtimmte, böſe Ahnung in meiner Seele erweckt; ich bin zornig auf mich ſelbſt, daß ich dieß empfunden, und noch mehr, daß ich es geſtanden habe. Vielleicht iſt ſie ein Engel an Güte, und ich— ich halte mich zuweilen für ſehr gottlos, weil ich dieſen Gedanken gehegt habe.“ Die arme Margaret ſah ſehr unglücklich aus; mit einem Gefühl inniger Theilnahme ergriff Maud Vincent he Mand und ſchaute ihr in's Geſicht, indem ſie ant⸗ wortete: „Mein liebes Mädchen, vergrößern Sie Ihren Kummer nicht durch unnöthige Selbſtvorwürfe. Sie haben im Benehmen Ihrer Schweſter nur unklar etwas bemerkt, was Ihrem eigenen Schicklichkeitsgefühl wider⸗ ſtreiten würde; ich aber weiß ſchon lange, wie es ſich wirklich damit verhält. Ich habe den unzweideutigſten Beweis für die außerordentlichen Kontraſte zwiſchen ihrer anſcheinenden Rückhaltung und ihrem wirklichen Charakter geſehen.“ 188 lich Margaret erſchrak und ſah ihre Freundin ängſt⸗ ich an. „Sie wiſſen bereits,“ fuhr Maud fort,„daß wir zu gleicher Zeit mit ihr in Genua waren und ſie oft ſahen. Mir geſiel ſie gleich von Anfang an nicht, es war etwas ſo Kalies und Ungewiſſes in ihrem Beneh⸗ men, und auch ſie ſchien ſich bei mir niemals behag⸗ lich zu fühlen; aber Lucy faßte, wie ſie oft thut, eine närriſche Vorliebe für ſie, und vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht hörte ich von ihr nichts Ande⸗ res, als Lobpreiſungen von Ginevra Leslie und Aus⸗ rufungen über ihre Schönheit, ihre Güte und ihre Talente. Sie pflegten mit einander zu leſen und zu⸗ ſammen ſpazieren zu gehen, und Luey, die immer eine gewiſſe Vorliebe für den Katholizismus hatte, war ganz entzückt von ihrer neuen Freundin, ging mit ihr in Klöſter, Spitäler und Kirchen und fand zufällig alle möglichen ſchönen Züge von chriſtlicher Liebe und Selbſtverleugnung heraus, welche dieſes wunderbare Muſter von Vollkommenheit im Geheimen übte. Ich verbarg meinen kleinen Kopf und begann mich meines Vorurtheils gegen ſie etwas zu ſchämen, als ich zum Unglück für Lucy und ihr Idol ebenfalls geheime Tha⸗ ten, aber von ganz verſchiedener Art entdeckte. Eines Morgens, als Frederie und ich vor dem Frühſtück aus⸗ gegangen waren, kamen wir an der Kapuzinerkirche vorbei; die Muſik lockte uns an, wir traten hinein und beobachteten, in der Nähe einer Säule ſtehend, einige Minuten lang den Gottesdienſt. Unter den ärmeren Leuten, die vor dem Altar knieten, befand ſich Ihre Schweſter, und wahrlich, ich ſah nie eine Perſon, welche andächtiger ſchien, als ſie. Sie ſchien von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu beten, und während die Perlen durch ihre Finger glitten, waren ihre Augen mit einem inbrünſtigen Flehen, wie ich es nie zuvor in andern Augen geſehen habe, auf das Kruziſir üͤber 8 dem Altare geheftet. Ich konnte meine Blicke nicht 189 von ihr abwenden und ich bemerkte während des Got⸗ tesdienſtes einen Zug großer Herzensgüte an ihr. Neben ihr kniete auf dem kalten Marmor(denn es waren weder Stühle, noch Bänke in ihrer Nähe) ein kleines Mädchen, das ſehr krank und ſchwach ausſah und ſich gegen ſie anlehnte, um eine Stütze zu haben. Ich ge⸗ ſtehe es, ich war gerührt, als ich ſah, wie Ihre Schwe⸗ ſter, ſtatt vor dem ſchmutzigen, kleinen Geſchöpf zurück⸗ zubeben, das Kind in ihre Arme nahm und während der üubrigen Dauer der M ſſe ſo behielt, während ſie ſelbſt kneeend blieb und eine ſo ſchöne Haltung ange⸗ nommen hatte, daß ich mich nicht wunderte als Frederic meinen Arm berührte und, indem er zuerſt auf ſie, dann auf ein daneben hängendes Bild von der Jungfrau und dem Jeſuskind deutete, mir zufluſterte:„„Wie ähnlich!““ Als wir herauskamen, ſagte Frederic zu mir:„„Laß uns Miß Leslie zum Frühſtuck bitten; Lucy würde ſich ſehr freuen.““ Ich machte keine Einwendung, wir gingen daher, als ſte die Stufen herabkam, auf ſie zu und luden ſie ein, mit uns nach Hauſe zu kommen. Sie dankte mir, lehnte aber ab mit der freundlichen Manier und dem eigenthümlichen Lächeln, das Sie ſo wohl kennen, und das mir immer verdächtig iſt; ich kann Leute nicht ausſtehen, die niemals verdrießlich oder ärgerlich ausſehen. Gut, Frederic ſprach ihr dringend zu, aber ſie weigerte ſich hartnäckig, ohne einen Grund anzugeben. Endlich ſagte ſie etwas, wie wenn ſie zu Hauſe erwartet würde, und ſah ganz unbehaglich aus, als Frederic(ich geſtehe es, er bewies bei dieſer Ge⸗ legenheit keinen ausgezeichneten Takt) auf ſeiner Bitte beharrte. Zuletzt wuͤnſchte ſie uns in entſchiedenem Tone „Guten Morgen“ und verließ uns. Statt geraden Wegs nach Hauſe zu gehen, wie wir beabſichtigten, dehnten wir unzern Spaziergang bis zur Acqua Sola aus. In der Nähe der Villa Negri vermißte ich mein Bracelet, und da ich dachte, ich müſſe es entweder in oder juſt neben der Kirche verloren haben, ſo kehrten wir wieder 190 um. Als wir durch die vergitterten Alleen der Acqua Sola gingen, denken Sie ſich, da ſah ich durch die Weinreben hindurch, welche uns von den kleinen Quel⸗ lengärten zu unſerer Linken trennten, Ihre Ginevra, die nicht ſehr weit von uns auf einer Bank ſaß, in ernſter Unterhaltung mit einem Manne begriffen, der mir ſeinen Rücken zugekehrt hatte. Frederic wollte vorbei eilen, aber ich geſtehe Ihnen, daß Neugierde und ein noch ſtärkeres Gefühl als Neugierde mich wie an⸗ gewurzelt auf dem Platze feſthielt. Ich hatte immer die Ueberzeugung gehegt, daß dieſe außerordentliche Vollkommenheit, die man mir vom Morgen bis in die Nacht vorpries, nicht ſo ganz probehaltig ſei, wie meine Familie glauben zu machen wünſchte, und es that mir nicht leid, daß Frederie, der ſich immer mit Lucy verbunden hatte um gegen meine Bosheit zu eiſern, wenn ich je einen Wink dieſer Art gegeben, nunmehr mit ſeinen eigenen Augen ſehen konnte, daß dieſe ſo hochgeprieſene Rückhaltung und Sittſamkeit wenigſtens nicht immer an der Tagesordnung war. Meine liebe Margaret, ich betrübe Sie nicht gern durch Erzählung der ganzen Wahrheit, aber da ich ſchon ſo viel geſagt habe, ſo thue ich wohl am Beſten, Ihnen nichts mehr vorzuenthalten, und im Ganzen iſt Alles beſſer, als getäuſcht zu werden. Ich ſah nicht bloß, daß Ginevra ihrem Begleiter mit einem Ausdruck, welcher die Natur ihrer Unterhaltung außer allen Zweifel ſtellte, in's Ge⸗ ſicht ſchaute, ſondern ich ſah auch, daß ihre Hand in der ſeinigen gedrückt wurde, und daß er ſie häufig an ſeine Lippen preßte; ich ſah endlich, daß er, bevor ſie ſich trennten, was ſie einen Augenblick nachher mit einiger Haſt thaten, ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang und ſie zu wiederholten Malen küßte. Er eilte in einer Richtung hinweg, den Hut tief über das Geſicht gedrückt, ſo daß ich ſeine Züge nicht zu erkennen vermochte. Sie blieb noch einen Augenblick ſichtlich in Gedanken ver⸗ ſunken zurück, dann aber fuhr ſie von ihrem Sitze auf — — 191 und ging raſch auf die Treppen der Acqua Sola zu. Am Ende der Allee erblickte ſie uns. Sie wurde todtenblaß und eilte an uns vorüber, ohne mit uns zu ſprechen und ohne zu uns herüberzuſehen. Seit dieſem Tage hörten wir Verſchiedenes von ihr, was den Ein⸗ druck bekräftigte, welchen dieß Ereigniß auf uns gemacht hatte. Wir erfuhren, daß ſie eine geheime Korreſpon⸗ denz führte, und daß ſie verſchiedene Mittel ausfi dig gemacht hatte, um die Briefe, die ſie empfing, ſowie diejenigen, welche ſie abſchickte, den Blicken der Mrs. arren zu entziehen. Man erzählte einige ſehr ſchlimme Geſchichten von ihr, aber da ich die Wahrheit derſelben nicht verbürgen kann, ſo will ich Ihnen auch nicht durch ihre Wiederholung Schmerz bereiten; Mama erſuchte uns, ſo viel wie möglich jeden vertrauten Umgang mit ihr zu vermeiden, und bald darauf verließen wir Genua.“ Margaret, welche dieſe lange Erzählung ſprachlos, mit zuſammengezogenen Brauen und erhitzten Wangen angehört hatte, gab ihre Anſicht dahin ab, obſchon das, was Maud zu fällig geſehen(ſie betonte dieſes Wort mit leichter Ironie) empörend und im höchſten Grade ſchmerzlich ſei, ſo wolle ſie ſich doch der Hoffnung hin⸗ geben, daß ihre Schweſter in einem zarten Verhältniß mit einem Italiener ſtehe, vielleicht mit einem Manne, den ſie von Kindheit auf gekannt habe. So tadelns⸗ werth alſo auch ihr Benehmen geweſen ſein möge, in⸗ dem ſie einen geheimen Umgang mit ihm unterhalten, ſo werde es doch vielleicht einige Entſchuldigung zulaſſen. Maud ſah ſehr ungläubig aus, führte einige Umſtände an, welche nach ihrem Dafürhalten gegen dieſe men⸗ ſchenfreundliche Annahme ſprachen, und ſagte zuletzt: „Nun, meine theure Margaret, wenn Sie in den Manieren und dem Benehmen Ihrer Schweſter nichts geſeben haben, was Sie tadeln oder mißbilligen, meitez que je mai rien dit, wie die Franzoſen zu ſagen pflegen. Ich will Sie nicht zwingen, in meine unabänderliche Anſicht über die Sache einzuſtimmen; 192 es verſteht ſich von ſelbſt, wenn Ginevra einem italieni⸗ ſchen Liebhaber zugethan iſt, ſo braucht man nicht zu befürchten, daß ſie ſich bemühen werde, die Neigung eines andern Mannes zu gewinnen.“ „Aber,“ rief Margaret mit Ungeduld, denn ſie fühlte das volle Gewicht von Maud's Einflüſterungen, „aber kann ſie wirklich eine elende Heuchlerin ſein? wäre es bloße Verſtellung, daß ſie Gott liebt, die Tugend übt und ehrt? ſollte in ihrem Glauben, in ihrer Fröm⸗ migkeit, in ihren Neigungen keine Wahrheit ſein? O, Mand, ſie kann nicht ſo aoſcheulich ſchlecht ſein.“ „Mein liebes Kind, daraus, daß Ihre Schweſter eine Kokette und, wie ich zuweilen denke, mehr als eine Kokette iſt, folgt noch nicht, daß ſie die Gefühle, die ſie manchmal zu beſitzen ſcheint, ſchlechterdings nur erheu⸗ chelt. Ich möchte ſagen, ſie habe eine Art halb thea⸗ traliſcher, halb romantiſcher Religion, die unter Katho⸗ liken ſehr gewöhnlich iſt und mit Moral nichts zu ſchaffen hat. Auch zweifle ich ganz und gar nicht, daß ſie gegen die A men ſehr gut iſt und alles Mögliche dieſer Art; aber ihre Religion lehrt, daß ſie jede Sunde durch gute Werke ganz leichter Gattung wieder ſühnen kann und daß ſie, wenn ſie nur beichtet und Abſolution erhält, ſich vollkommen zufrieden geben und das alte Weſen neu anfangen darf; Sie ſehen alſo, daß Katho⸗ liken zu gleicher Zeit ſehr religiös und ſehr unmoraliſch ſein können, ohne geradezu Heuchler zu ſein.“— „Ich ſehe,“ ſagte Margaret gedankenvoll,„das erklärt Alles.“ Die oft wiederbolte Verleumdung war ausgeſpro⸗ chen. Die falſche Behauptung, deren Nichtigkeit das Leben von tauſend Heiligen bewieſen, welcher die Stimme des Predigers, die Feder des Gelehrten, die Erfahrung von Millionen und Wunder der Gnade und außerordent⸗ liche Thaten der Buße widerſprechen, war geltend ge⸗ macht, und Margaret nahm tief ſeufzend, als dieſe Unterredung zu Ende war, einen ungünſtigen Eindruck 1 193 von dem Charakter, ſowie eine höchſt irrige Anſicht vom Glauben ihrer Schweſter mit. Mittlerweile hatte auch Ginevra ſich unterhalten. Lady Donnington war auf Mrs. Thornton's Zimmer gegangen, und die übrige Geſellſchaft hatte den Salon verlaſſen, mit Ausnahme von Mr. Warren, welcher ver⸗ drießlich zu einem Fenſter hinausſah, neben dem Ginevrä arbeitete. Ein Getöne von Roſſehufen auf der Straße bei der Teraſſe veranlaßte ſie, die Augen aufzuſchlagen, und nun erblickte ſie Edmund Neville, welcher ſehr ſchnell hinweggaloppirte, aber mit ſtarker Hand das ſtolze ſchäumende Roß bändigte, das unter ihm ſeine Sprünge machte. Als er wie ein Pfeil am Fenſter vorbeiſchoß, rief Mr. Warren: „Da geht er hin, gedankenlos und halsſtarrig wie immer. Ach, Signora, Ihr hübſches Schweſterchen wird viel Mühe haben, um ihren Gefangenen in Ord⸗ nung zu halten, ſelbſt wenn es ihr gelingt, ihn zu ihren Fußen zu bringen.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ ſagte Ginevra, indem ſte ſich plötzlich gegen ihn wandte und ihm voll in's Ge⸗ ſicht ſchaute. 3 „Allerdings, aber ich glaube nicht, daß es ihm Ernſt iſt, obſchon er allerdings geſtern etwas dieſer Art geſagt hat.“ „Das iſt unmöglich,“ ſagte Ginevra, und es war eine zitternde Bewegung in ihren Händen, als fie raſch mit der Nadel durch die Leinwand fuhr. „Es iſt durchaus nicht zu wünſchen, daß er ſo jung heirathe,“ fuhr Mr. Warren fort,„aber es iſt keineswegs unmöͤglich, daß er daran denkt. Mein Agent ſagte mir, man ſpreche in der ganzen Grafſſchaft davon, daß er im Begriffe ſtehe, Ihre Schweſter zu heirathen. Ich ſelbſt glaube es nicht, aber die Leute ſagen, er würde ſich ſehr ſchlecht gegen ſie benehmen, wenn er es nicht thäte, und unter uns, Signorina, ich muß ſagen, Schloß Grantley. J. 13 * 194 ſie ſteht aus, als ob ſie bereits bis über die Ohren in ihn verliebt wäre.“ „Nein, nein,“ rief Ginevra haſtig.„Nein, Sie müſſen ſich irren. Es kann nicht ſein; aber— aber Sie ſollten mit Ihrem Neffen ſprechen; Sie ſollten ihn darauf aufmerkſam machen, was die Leute ſagen. Sie ürfen der Sache nicht ihren Gang laſſen; Sie können großes Unglück verhüten, wenn Sie geradezu mit ihm ſprechen.“ „O, demnach muß ich vermuthen, daß Miß Mar⸗ garet Leslie Ihnen ihre Neigung zu meinem allzuge⸗ fährlichen Neffen bereits anvertraut hat?“ „Sie irren ſich gänzlich,“ antwortete Ginevra kalt, kehrte aber ſogleich zu ihrem Angriff zurück und fügte hinzu:„Nicht wahr, Sie verſprechen mir’s, ihrem Neffen Vorſtellungen zu machen?“ „Aber vielleicht hat er nicht wirklich im Sinn, Ihre Schweſter zu heirathen, und wenn er es im Sinne hätte, wäre es nicht Jammerſchade, eine ſolche Heirath zu hintertreiben?“. Ginevra ſchwieg und Mr. Warren fuhr fort: „Mein Neffe würde wohl daran thun, eine Erbin zu heirathen, denn ſo reich er auch mit der Zeit wer⸗ den muß, ſo werden doch ſeine Mittel nie für ſeine Ertravaganzen ausreichen. Ich weiß zufällig, daß er bereits tief in Schulden ſteckt.“ .„Hat er nicht einen gütigen Vater?“ fragte Gi⸗ nevra, ohne ihre Augen aufzuſchlagen. „Er iſt allerdings gütig, wenn man ihm nicht durch den Sinn fährt: aber in manchen Dingen iſt er voll⸗ kommen halsſtarrig; er iſt voll von Grillen und über⸗ triebenen Vorurtheilen. Eine Zeit lang hatte er eine große Antipathie gegen mich, aber bei meinem letzten Aufenthalte in England gewann ich ſein Herz dadurch, daß ich die Verſammlungen in Exeter Hall beſuchte.“ „Was iſt Ereter Hall?“ fragte Ginevra, welche von Exeter Change gehört hatte und vermuthete, zu 195 den Beſonderheiten des Mr. Neville möchte auch eine Liebhaberei für wilde Beſtien gehören. „Ein Ort, ſchöne Signora, wo wir Gott danken, daß wir nicht ſind wie andere Menſchen— das heißt betrogene Papiſten, wie Sie. Werden Sie nicht böſe — Sie wiſſen ja, ich bin kein grimmiger Proteſtant wie mein Schwager, aber es war nothwendig, ihm zu beweiſen, daß ich nicht in die Klauen des Papſtthums gefallen ſei, dieſes Geſpenſtes, welches ihn Tag und Nacht heimſucht. Beiläufig geſagt, Sie ſelbſt werden ein gewaltiges Hinderniß für Edmund's Verbindung mit Ihrer Schweſter werden. Eine katholiſche Schwä⸗ gerin! dieſer Gedanke allein ſchon wird ihm die Haare zu Berge ſtehen machen.“ Mr. Warren ſchlenderte, eine Opernmelodie ſum⸗ mend, aus dem Zimmer, und als die Thüre ſich hinter ihm verſchloß, da entſank Ginevra's Hand die Nadel. Ihr Auge ruhte auf dem offenen Buch, welches Ed⸗ mund auf dem Tiſche gelaſſen hatte, und dann auf ihrer eigenen Hand. Einige Thränen rollten langſam über ihr Geſicht; ſie wiſchte ſte haſtig ab und begann wieder zu arbeiten, während ihre Brauen ſich mit dem Ausdruck eines tiefen und ſchmerzlichen Gedankens zu⸗ ſammenzogen. Sie wurde durch das Getöſe von Rä⸗ dern aufgeweckt, und als ſie durch das Fenſter blickte, ſah ſie Lady Donnington's Wagen wegfahren. Sie ſtrich mit der Hand einmal uͤber ihre Stirne, holte tief Athem, und dann bemerkte ſie Margaret und Mand, welche mit einander in das Zimmer getreten waren und auf ſie zu kamen. Sie erſchrack ein wenig, erholte ſich aber ſchnell wieder, ſprach in ihrer gewöhnlichen freundlichen Weiſe mit ihnen und fragte nach Lucy. „Sie werden ſie morgen ſehen,“ antwortete Mand; „ſte wird mit meinen Eltern kommen und wir bleiben dann alle bis zum Samſtag.“ „Das freut mich ſehr!“ rief Mrs. Warren, welche ihnen in's Zimmer gefolgt war,„und uamentlich, daß Sie im Sinne haben, dieſe Woche recht luſtig zu ſein, Miß Leslie.“ „O, ja,“ antwortete Margaret in zerſtreutem und gedrücktem Tone,„recht luſtig.“ „Am Donnerſtag wird Ball ſein,“ ſagte Mand, „und am Freitag werden wir Charaden aufführen. Pen erwarten Sie morgen, Margaret, außer meinen euten?“ „Sir Charles D'Arcy und meinen Onkel John Thornton.“ 4 „Sie müſſen bei dieſer Gelegenheit alle Ihre Talente entwickeln, Signora,“ ſagte Mrs. Warren zu Gineyra; „Sie müſſen ſingen, ſpielen und komponiren.“ „O, das verſteht ſich,“ ſiel Mand ein;„Sie werden die Primadonna ſein und ganz vortrefflich ſpielen. Ich bin begierig, welche Rolle Ihnen am beſten laſſen wird.“ Ginevra's Lippe zitterte, und ihr Kopf beugte ſich über ihren Leib, um die Bewegungen ihres Geſichtes zu verbergen. „Wir ſollten eine Seene aus dem Stück:„„Sie geht auf Eroberungen aus,““ haben, oder, um uns höher zu verſteigen, aus:„„Ende gut, Alles gut.““ Schon der Name dieſes Stückes iſt eine Moral.“ Walter, der ein Buch aufgenommen hatte und am Tiſche ſaß, erhob ſeine Augen und betrachtete die Gruppe vor ihm mit Ueberraſchung. Ginevra ſchwieg und ſchien unfähig zu lächeln oder zu ſprechen. Maud ſtand vor dem Feuer und beobachtete ſie mit einem Aus⸗ druck halb vergnüglicher und halb hämiſcher Theil⸗ nahme; Margaret aber, ſeine innig geliebte Margaret, lehnte ſich mit geſchwollenen Augen, verzerrter Lippe und gerunzelten Brauen gegen das Kamin und ſah mit lebhaften, unruhigen Blicken bald die Eine, bald die Andere an. Mrs. Warren ſchien hauptſächlich be⸗ ſchäftigt, ihrem Gedächtniſſe Charaden abzuquälen und verkündete von Zeit zu Zeit, ſie habe die Auflöſung gefunden, die man ſuche, aber ſie wurde meiſt als alt, 2 ———— 197 unvollkommen oder unaufführbar verworfen. Dieß währte eine Weile, dann legte Ginevra ihre Arbeit zuſammen, warf einen Shawl um, und verließ das Zimmer. Maud folgte ihr mit den Augen und flüſterte dann Margaret zu: 3 „Ich bin feſt überzeugt, daß ſie ein Mittel finden wird, Mr. Neville noch vor der Tollette zu ſprechen; ich wollte darauf wetten, daß ſie das thut. Gehen Sie je vor Tiſch in ihr Zimmer?“ „Um ſechs Uhr macht ſte mir die Haare und dann gehe ich jedesmal zu ihr.“ „Wenn Sie um fünf Uhr hingingen, ſo wurden Sie ſie nicht finden.“ „Nein, ſie iſt um dieſe Stunde beinahe immer bei meinem Vater.“ Mand ſah ärgerlich aus und eine Zeit lang wurde das Schweigen nicht unterbrochen, außer durch das Rauſchen von Walter's Zeitungen und durch Mrs. Warren's gemurmelte Gedanken. Jetzt kam Mr. Warren herein und ſtellte ſich mit dem Ruͤcken gegen das Feuer, um ſich zu wärmen. Er warf ſeiner Ehehälfte einen Brief in den Schoß, welchen Sie gleichgültig aufnahm; nachdem ſte jedoch die erſten Zeilen geleſen, ſchien ihre ganze Aufmerkſam⸗ keit gefeſſelt, und ſie blickte ihm zwei⸗ oder dreimal mit einem ängſtlich forſchenden Ausdrucke in's Geſicht. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und Oberſt Leslie fragte: „Sie iſt ausgegangen,“ ſagte Mr. Warren,„ich traf ſte ſo eben auf der weſtlichen Terraſſe.“ Maud blickte Margaret an, welche in düſterem Stillſchweigen verharrte, die Augen auf das Feuer ge⸗ heftet. Sie rückte ihr näher und flüſterte:„Koͤnnen Sie nicht zu Mr. Sydney ſagen, daß er nach ihr ſehen ſoll?⸗ Irgend etwas wie ein Komplott oder ein Anſchlag war Margarets Natur ſo fremd, daß ſte den Kopf ſchüttelte und nichts ſagte; einen Augenblick darauf aber ging ſie, unzufrieden mit Ginevra, mit Maud und mit ſich ſeibſt, langſam durch das Zimmer, um es zu ver⸗ laſſen. Walter öffnete ihr die Thüre und füüſterte: „Margaret, was iſt's mit Ihnen? find Sie unwohl oder unglücklich?“ „Beides,“ rief ſie, und indem ſie ihm ihre Hand entriß, welche er ergriffen hatte, rannte ſie auf ihr kigenee Zimmer, verriegelte die Thüre und weinte bit⸗ terlich. Um ſechs Uhr geſtattete ihr ein unruhiges Gefühl der Bangigkeit und Neugierde nicht mehr, ihren gewöhn⸗ lichen Beſuch bei Ginevra zu unterlaſſen. Als ſie in ihr Zimmer kam, lagen ihr Hut und ihr Mantel neben der Thüre auf einem Stuhle; ſie berührte dieſelben beim Vorübergehen und ihre ſchwere Feuchtigkeit be⸗ wies, daß ſie eben abgelegt worden waren. Blumen lagen wie gewöhnlich auf dem Tiſche; ſie nahm ihren gewohnten Platz ein und Ginevra begann ihr Haar zu flechten. Keine von ihnen ſprach, aber auf einmal fuhr Margaret zuſammen, als eine heiße Thräne auf ihre Stirne ſiel. Sie wurde ſtill hinweggeküßt, und ſon⸗ derbar, in dieſem Augenblicke empfand ſie weder V druß noch Unmuth, ſondern hatte bloß ein tiefbedrücken⸗ des Gefühl des Elends. Sie verbarg ihr Geſicht in den Händen und ihre Thränen floßen ſtille. Ginevra kniete an ihrer Seite und ſchlang ihre Arme um ſie. Grace öffnete die Thüre und beide Schweſtern fuhren auf wie verſcheuchte Rehkälber; ohne ein Wort oder einen Blick ſtürzte Margaret aus dem Zimmer, und während ſie ihre Toilette vollendete, bemühte ſie ſich, ihre Gedanken zu ſammeln. Es war ihr, als wären zwei verſchiedene Margaret in ihr und zwei verſchie Ginevra neben ihr. Die Eine lauſchte auf Maud und beargwöhnte ihre Schweſter, die Andere hatte eben 199 jetzt mit dieſer Schweſter geweint; konnte die Ginevra, welche Maud beſchrieb, welche ihr Furcht und Abnei⸗ gung einflößte, dieſelbe ſein, deren Tyränen ſo eben auf ihre Stirne gefallen und deren Lippen ſo ſanft auf ihren Wangen gedrückt worden waren? Die Glocke rief zur Tafel, bevor ſie ihre Toilette beendet hatte, und als ſie die Treppe hinabeilte, kam ſie an Edmund und Mr. Warren vorüber, welche eifrig mit einander ſprachen, ohne ihre Annäherung zu be⸗ achten. Letzterer redete ſehr ſchnell, und ſie konnte bloß die Worte unterſcheiden:„Ich hatte ſchon vorher da⸗ ran gedacht und ich ſage bloß, Sie können auf mich rechnen, und je bälder Sie gehen, um ſo beſſer.“ Mar⸗ garet nahm bei Tiſch ihren Platz zwiſchen Walter und dem Geiſtlichen der Gemeinde. Die Worte, welche ſte flüchtig gehört hatte, klangen in ihre Ohren und ſie wiederholte bei ſich ſelbſt:„Je bälder Sie gehen, um ſo beſſer.“ Wollte Edmund gehen?— wohin?— wann? Eine ſchwache Hoffnung blieb ihr noch. War es mög⸗ lich, daß er im Begriff ſtand, die Einwilligung ſeines Vaters zu holen? Sie blickte ihm in's Geſicht. Er war duͤſter und traurig. Seine Augen ſuchten nicht einmal die Ihrigen. Als ſie ſich aufrichteten, wandten ſte ſich unaufhoͤrlich ihrer Schweſter zu, aber mit einem Ausdruck düſtern Unmuths, der beinahe an Grimm ſtreifte. Ginevra war blaß wie ein Blatt Papier, und Margaret fühlte ſich verwirrt und erſchreckt, aber nicht eiferſüchtig wie am Morgen. Sie vermied es beharr⸗ lich, die Blicke zu erwiedern, welche Mand auf ſie richtete, und ſobald es thunlich war, gab ſie das Signal zum Rückzuge; während ſie bei der Thüre ſtand, um die anderen Ladies alle vorbei zu laſſen, beugte ſich Edmund, welcher die Thüre geöffnet hatte, vor⸗ wärts, als Ginevra hinausging, und ließ ein Briefchen in ihre Hand gleiten. Er hatte nicht geſehen, daß Margaret hinter ihr war, und ſie bemerkte, als ſie ihrer Schweſter in den Geſellſchaftsſaal folgte, bloß, 200 daß dieſelbe beinahe in Ohnmacht fiel und ſich an einer Stuhllehne feſthielt. Nicht um alle Welt würde ſie Maud geoffenbart haben, was ſie ſo eben geſehen; ein unausſprechliches Mitleid ſchien von ihrer Seele Beſitz zu nehmen, und als ihre Schweſter mit wankendem Schritte das Zimmer verließ, empfand ſie keine Erbit⸗ terung, ſondern nur eine unbeſtimmte Ahnung von Un⸗ heil für ſich und für Andere. Mand, die mit mehreren Verſuchen, eine Unterhaltung zu beginnen, abgewieſen wurde, ergriff ein Buch. Mr. Warren war gegen ſeine Gewohnheit in ſich verſunken und ſtill. Mrs. Thorn⸗ ton, die allein unberuhigt und nicht verſtimmt war, unterhielt jene Art ununterbrochenen Geſchwätzes, wel⸗ ches, ohne herausgefordert zu werden und ohne eine Belohnung zu ſinden, durch alle Ereigniſſe des Lebens ſeinen ſinnloſen Gang einhielt. Später am Abend, als der größere Theil der Geſellſchaft ſich im Muſik⸗ zimmer verſammelt hatte, begann Maud von dem Balle und den Charaden zu ſprechen und verſchiedene Pläne in Betreff derſelben zu entwerfen. Sie hatte ſo eben Edmund eine Rolle zugewieſen, als Mr. Warren ſie unterbrach mit den Worten: „Wiſſen Sie auch, daß er davon ſpricht, uns zu entlaufen? Ich glaube, wir ſtehen wirklich in Gefahr, ihn morgen zu verlieren.“ „Wie, Mr. Neville, iſt's möglich?“ rief Maud, und Margaret und Ginevra erhoben zu gleicher Zeit ihre Augen. „Ich habe aus Irland Briefe erhalten, die mich nöthigen, nach Hauſe zu kommen,“ antwortete er kurz. „Und wann werden Sie ſich in Darrel Court nie⸗ verlaſſen?“ fragte Walter. „Das hängt ganz von Umſtänden ab, vielleicht ſehr bald, vielleicht nie.“ Maud blickte Margaret an, aber ſte war krat t im Herzen und erwiederte den Blick nicht. Die heran⸗ nahenden Tage, welchen ſie einſt mit ſo vielem Ver⸗ — 201 gnügen entgegengeſchaut, boten ihr jetzt die allerqual⸗ vollſte Ausſicht, und ſte empfand einen unbeſtimmten Wunſch, daß etwas ſich ereignen möchte, um einem Treiben Einhalt zu thun, das ihr als eine gehaltloſe Thorheit erſchien, nachdem die ganze Stimmung, die den Plan dazu eingegeben hatte, verſchwunden war. Sie wunderte ſich, wie vernünftige Weſen tanzen, ſpielen und ein Slück aufführen konnten wie ein Haufe von Kindern.„Iſt uns das Leben zu ſolchen Zwecken gegeben worden?“ rief ſte im Geiſte, und dann bedachte Intereſſe erſchöpft war, unſchmackhaft wie eine Frucht, die ihren Saft verloren. Von ihren eigenen Gedanken gänzlich in Anſpruch genommen, achtete ſie kaum auf ein einziges Wort, das zu ihr geſagt wurde, und als man ſie aufforderte, zu ſpielen, ging ſie mechaniſch an's Klavier und ſpielte eine Sonate durch, ohne ein ein⸗ ziges Mal um ſich zu blicken, oder auch nur mit einem Wort für die Complimente zu danken, mit denen ſte überhäuft wurde, denn ſie ſpielte gut, und die bange hatte ſich ſo eben erhoben, um zu ihrer Arbeit zurück⸗ zukehren, als der Hausmeiſter zu Edmund Neville ging und eifrig zu ihm ſagte: „Sir, Ihr Hund iſt da, er hat Sie ausfindig gemacht.“ Man hörte an der Thüre ein Gekratze, und ein „, was für ein herrliches Geſchöpf!“ rief Maud Bincent und beugte ſich, um ihn zu ſtreicheln. Er knurrte ſie an und zog ſich ängſtlich zurück. Margaret und Mr. Warren verſuchten es ebenfalls vergebens, ſich ihm zu nähern, und Edmund rief ihn nach der Thüre, als der Hund plötzlich ſeinen Herrn verließ, ſich Ginevra näherte, einen Augenblick ihr Kleid beroch, ſodann ein leiſes Freudengeſchrei ausſtieß, auf ſie zuſprang, ihr Geſicht und ihre Hände beleckte und ſeinen großen Kopf auf ihren Schooß⸗legte. Sie ſtreichelte ihn einen Augen⸗ blick und ſtieß ihn dann ſanft hinweg. Edmund ſagte laut: 5 3 „Es ſcheint, Signora, der alte Bruno erkennt Sie als ſeine Landsmännin an.“ Die Farbe rauſchte in ihre Wangen. Vielleicht erinnerten ſie dieſe Worte an ihre eigenen ſchneeigen Alpen und die italieniſchen Thäler zu ihren Füßen, denn ſie faßte jetzt den Hund in ihre Arme und legte ihr Geſicht auf ſeinen zottigen Hals. Zweimal wieder⸗ holte ſie ſeinen Namen mit einer Art leidenſchaftlicher Zartlichkeit, als ob es ihr Freude machte, über den Sylben zu verweilen und ſie in ihr Gedächtniß aufzu⸗ nehmen. „Signora,“ bemerkte Mr. Warren,„Sie ſollten einige Stanzen improvifiren zur Ehre des Hundes, der Ihnen ein ſo ausgezeichnetes Compliment gemacht hat.“ Allgemeine Ausrufungen unterſtützten Mr. Warren’s Einfall. Edmund ſagte zu gleicher Zeit leiſe etwas zu dem alten Bruno, der zu ihm zurückgekehrt war, und Ginevra's Augen ſirirten ſich auf ihn mit einem ernſten, feſten Blick, welcher ihm Unbehagen zu bereiten ſchien. Die Farbe auf ſeinen Wangen verdunkelte ſich, und gegen das Kamin angelehnt, verbarg er ſein Ge⸗ ſicht mit ſeinem Arme. Fortwährend folgten ihm ihre Augen wie unbewußt, aber nach wenigen Sekunden heftete ſte dieſelben auf den Hund, der jetzt zu ihren Füßen lag, und mit einer leiſen, tiefen Stimme, dere Klänge gleich dem Geflüſter einer Aeolsharfe an das 203 Ohr ſchlugen, ſprach ſie auf Italieniſch einige Stanzen, welche dem Sinne nach etwa ſo lauteten: „Braver Hund von Sanct Bernhard! Bewährter Freund des Wanderers! wenn die Schatten der Nacht ſich über ihm geſchloſſen haben, wenn der Abgrund zu ſeinen Füßen gähnt und die Spitzen der Alpen in ihren ſchneei⸗ gen Grabtüchern gleich Geſpenſtern üͤber ihm hängen, und er ſich ſelbſt verloren gibt, dann iſt es Dein vertrautes Gebelle, Dein warmer Athem, Deine Kraft und Deine Zärtlichkeit, was ihn wieder belebt. O Du Freund in der Noth! o Du Führer in der Dunkelheit! Aber iſt es Dir auch gegeben, das thränenloſe Auge zu leſen und die Kämpfe der Seele unter der glatten Oberfläche anſcheinender Ruhe zu erkennen? ſagt Dir irgend ein wunderbarer Inſtinkt, wo ein menſchliches Herz ſtille pocht, gleich den Strömen Deiner eigenen Alpen, wenn ein eiſiges Gefängniß ſie bindet? ½ „Der erſte Hauch des Sommers wird ihre Ketten zerbrechen; ſie werden jauchzend in's Leben ſpringen und die Thäler erfreuen mit ihren ſchäumenden Waſſer⸗ fällen, ihren Regenbogenfarben und ihren tiefen Freuden⸗ geſängen. Ihnen muß der Frühling kommen; der ſanfte Hauch des Südens muß ſie wieder zu Leben und zu Freiheit erwecken; aber das Geflüſter der Hoffnung, wann wird es das Herz erweichen, das in ſeinem Jam⸗ mer kalt geworden? Der Sonnenſchein der Liebe— wann wird er das eiſige Gefängniß ſchmelzen, wo die 1 Seele in der Stille ringt? „ Deine freundlichen Augen, Dein warmer Athem können das nicht thun; Deine Kraft iſt vergeblich, 204 Dein Mitleid iſt nutzlos. Es liegt nicht in Deiner Macht, die am Herzen Kranken zu tröſten, oder den Geiſt wieder zu beleben, welchen der Menſch verwelken gemacht hat. Geh zurück in Deine Berge, braver Hund von Sanct Bernhard; geh zu dem Schneegeſtöber und gebiete ihm, ſeine Opfer herauszugeben; begieb Dich in den Abgrund und fordere von ihm ſeine Todten zurück; ſuche Leben in den Gletſchern und bring Wärme den zu Grunde Gehenden; aber laß Dir nicht beigehen in Deiner unmächtigen Liebe und Deinem eitlen Mitleid Denjenigen Hoffnung zuzuflüſtern, welche die Hoffnung verläßt, oder Freude denjenigen, deren Freude dahin⸗ geſchieden iſt.“ Die Stimme der Sprecherin war verſtummt, ſchien aber noch immer in den Herzen ihrer Hörer nachzu⸗ klingen. Ihre Haltung veränderte ſich nicht, ihre Augen waren noch fortwährend auf den Hund zu ihren Füßen gerichtet, der ſanft ihre Hand leckte, als fürchtete er, ſie zu ſtören. Mrs. Warren bewegte ſich hin und her und verſuchte, etwas zum Lob der Verſe zu ſagen. Mrs. Thornton, welche ſie nicht verſtanden hatte, er⸗ klärte die Declamation für wunderbar, wünſchte aber nur, ſte wäre in engliſcher Sprache abgehalten worden. Mr. Warren, Walter und Maud ſchienen Alle zu fühlen, daß in dieſer Scene etwas lag, was über die Wahr⸗ nehmung des Auges hinausging. Walter rückte näher zu Margaret, ergriff wie zufaͤllig ihre Hand und drückte ſte. Ginevra war die Erſte, die ſich bewegte; ſie ging langſam gegen die Thüre, blieb aber ſtehen, bevor ſie dieſelbe erreicht hatte, und blickte nach dem Platz zu⸗ rück, wo Edmund ſtand. Zum erſten Mal an dieſem Abend blickte er ſte an; ihre Augen begegneten ſich; er ſah in den ihrigen den Ausdruck einer ſolch innigen, flehentlichen Bitte, daß er ſich ſelbſt zu vergeſſen ſchien und ſich haſtig vorwärts bewegte, als wollte er zu ihr gehen; aber er blieb ſtehen, ſetzte ſich, als er an das Klavier kam, gleichgültig auf den Muſikſtuhl, legte — ſeine Hand nachläſſig auf die Taſten und ſpielte einige Noten einer melancholiſchen und ausdrucksvollen Melodie. Die Farbe kehrte auf Ginevra's Wangen wieder, als die Töne ſte erreichten; ein langſames, ſchwaches Lä⸗ cheln flog über ihr Geſicht; noch einmal begegneten ſich die Augen Beider, und dann verließ ſie das Zimmer, während Edmund eine Zeitung ergriff, ſich auf einen Sopha warf und ſein Geſicht mit dem Blatte verdeckte. Maud ging an's Klavier, und nachdem ihre Finger über die Taſten geflogen, rief ſie Margaret und ſagte: wiedergegeben hatte. Dann fügte ſie, als Margaret mit ängſtlicher und verwirrter Miene neben ihr ſtand, hinzu: , Si. Worte ſind ebenſo rührend wie die Melodie,“ und ſte ſang auf Franzöſiſch das wohlbekannte Lied, das mit dem Refrain endigt: „Noch einmal nenne ich ihn, Ginevra's holden Namen.“ nicht mehr ſehen konnte. Dieſe Möglichkeit war ihr nicht beigefallen, und ein ſcharfer Schmerz durchzuckte ihre Bruſt bei dem Gedanken. Ihr Mädchen kam herein, ſie zu entkleiden; ſte ſuchte ihre Stimme ſo gut wie möglich zu beherrſchen und fragte, auf wie viel Uhr Mr. Neville ſeinen Wagen beſtellt habe. „Auf ſechs Uhr,“ antwortete Grace, und Marga⸗ ret's Herz entſank. Einen Augenblick darauf klopfte es an die Thüre, und Mrs. Dalton ſteckte ihren Kopf herein und ſagte: Hier iſt ein Briieſchen, meine Liebe, das Mr. Neville mir für Sie übergeben hat. Es that ihm ſo leid, daß er Sie nicht aus dem Zimmer gehen ſah, denn er wünſchte, Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ Margaret nahm das Brieſchen mit zitternder Hand, aber ſie konnte es vor Andern nicht öffnen. Sie entließ Grace, ſie küßte Mrs. Dalton, verſchloß die Thüre, preßte das Schreiben an ihre Lippen und brach in Thränen aus. Sie wagte das Brieſchen nicht zu öffnen, eine ſchwache Hoffnung flackerte noch in ihrer Seele, wie das erſterbende Licht der Kerze, welche Grace ſo eben verlöſcht und auf dem Tiſche gelaſſen hatte. Mit abergläubiſcher Angſt beobachtete ſie, wie es ſtieg, ſtel, in hoffnungsloſem Verzagen zuſammenſank, hierauf wieder mit einer Art trotzigen Entſchloſſenheit aufſchoß, dann trüb und ſchwach brannte und hernach zwei oder drei Funken auswarf, als bemühte es ſich, durch eine letzte Anſtrengung ſchwacher Kraft ſein heran⸗ nahendes Ende abzuhalten.“ Wenn es nur noch eine Sekunde anhält,“ dachte Margaret, indem ſie das Sie⸗ gel des Briefchens in ihrer Hand erbrach,„ſo werde ich nicht verzweifeln.“ Ihre Finger zitterten, und das eingelegte Schreiben ſah aus dem Couvert hervor; noch einmal glomm ein Funke in dem ſchwarz gewordenen Docht, aber er verſchwand, bevor ihre Augen das jetzt entfaltete Papier angeſchaut und das hölliche, aber all⸗ tägliche Lebewohl geleſen hatten, welches die letzte noch übrige Hoffnung ihres ſchmerzenden Herzens verlöſchte. Sie warf es in's Feuer, haſchte aber das zuſammen⸗ ſchrumpfende Papier wieder heraus, bevor die Flammen es gänzlich verſengt hatten, und mit einer Art ſchwachen Vergnügens bemerkte ſie, daß die Schrift noch nicht ganz vernichtet und die Unterſchrift noch ſichtbar war. Sie glättete das Papier, faltete es zuſammen und weinte bitterlich. Es war ein großes Leid und ihre erſte Trübſal. Sie hatte ſich nie zuvor von einer Perſon, welche ſie liebte, getrennt, und ſie erſchrack vor ihren 207 ſch erinnern würde, daß Edmund gegangen ſei. Sie konnte nicht ruhen, ſte konnte es nicht einmal verſuchen, ſich niederzulegen, ſondern ſie legte neue Kohlen an zöſiſche Uhr am Kaminſtück gerichtet, bald wie im Zorn ihre Hände ballend, bald mit Thränen, die über ihre Wangen herabrollten, und den Kopf auf der Stuhl⸗ lehne ausruhen laſſend, wie ein vom Weinen erſchöpftes Kind. Die Glocke ſchlug fünf, und ſte hörte in dem Gang über ißrem Zimmer ein Getöne von Tritten, wie wenn Jemand fehr leicht einherſchritte. Nach eini⸗ gen Sekunden hörte ſie, daß am Ende der Gallerie, auf welche ihr eigenes Zimmer ſich öffnete, eine Thüre langſam und vorſichtig verſchloſſen wurde, und dann war wieder Alles ruhig. Einen Augenblick ſpäter fuhr argaret von ihrem Stuhle auf und rief vor ſich hin: ſte über die Worte nachſänne:„Schlimmer als eine Kokette?“ Es ſchlug ſechs; ſie wurde fieber iſch unruhig, begann im Zimmer auf und ab zu ſchreiten, dann öffnete aum bemerklich, aber er war vorhanden, und es war Jinevra's Thüre.„O, daß ich es wagte, ſie zu öffnen,“ rief ſie,„daß ich es wagte, in dieſes Zimmer zu ſtürzen und vor ihr niederzuknieen, der ich ſo ſchwer Unrecht thue, die ich verdächtige—“ Der Griff der Thüre, auf welche ihre Augen ge⸗ heftet waren, bewegte ſich ſachte, und dann höoͤrte ſie 208 wieder das Gelöne von Tritten, und ihre Seele er⸗ krankte in ihrem Buſen; ſie glaubte den Schritt zu kennen, ſie hatte ſo oft ſein Herannahen belauſcht. Einſt war er Muſik in ihren Ohren geweſen, und jetzt tönte dieſer langſame und vorſichtige Tritt wie die Todtenglocke nicht ihres Glückes, dieſes ſchien bereits entſchwunden— ſondern ihres ganzen künſtigen Seelen⸗ friedens.“ „Ich will mit ihr ſprechen,“ rief ſte.„Es iſt villeicht ein Traum, und ein ſchrecklicher Traum, ihr Anblick wird ihn verſcheuchen.“ Mit zitternden Schritten ging ſie durch die Gallerie — ſte blieb vor der Thüre ſtehen. Das Getöne eines tiefen, erſtickten Schluchzens traf ihre Ohren. Sie öffnete die Thüre; Ginevra lag auf ihren Knieen, ihr Haar wallte über ihr Geſicht, und ihr ganzer Körper zitterte vor Aufregung. Beim Getöne der ſich öffnen⸗ den Thüre fuhr ſie auf und ſtreckte ihre Arme wild aus, das Haar von ihrem Goſichte zurückwerfend und einen Schrei der Hoffnung und Ueberraſchung, ſowie ein italieniſches Wort der Liebkoſung äußernd. Ihre Augen waren von Thränen geblendet; aber ſchnell er⸗ kannte ſie Margaret und ſagte:„Schweſter!“ in einem ſo ſanften, ſo gänzlich trauervollen Tone, daß es klang wie ein Schrei um Gnade. Margaret ſtand durchbohrt, verwirrt, unfähig, ihre Gedanken zu ſammeln, da, aber ihre Augen ſielen jetzt auf den Pelzreiſehandſchuh, der auf dem Teppich neben der Thüre lag. Sie kannte ihn gut, und eine ſtürmiſche Fluth von Zorn rauſchte über ihre Seele, jagte das rothe Blut in ihre Wangen und häufte ſich in ihrer ſchwellenden, vor Unwillen entbrannten Bruſt. Mit flammenden Augen und zor⸗ nigen Lippen hielt ſie ihn Ginevra entgegen, welche ihn mechaniſch nahm und ihre andere Hand an ihren Hals drückte, gleich als wollte ſie die krampfhafte Aufregung ihrer ganzen Geſtalt dämpfen.. 1 — — 209 „Was wünſcheſt Du? was willſt Du?“ fragte ſte, als ob ſie nicht wüßte, was ſie ſagte. In dieſem Augenblicke wurde das Getöne von Wagenrädern gehört, und beide Schweſtern zuckten zu⸗ ſammen. „Ja,“ rief Margaret mit lauter Stimme, als das Getöne in der Ferne hinſtarb,„ja, er geht! er geht! uns gerichtet, um ſowohl mir, als Dir, Elend zu bringen! O, was hat er Dir gebracht? ich weiß es nicht— ich wage nicht— ich kann nicht denken und nicht ſprechen; aber ſchuldig, ſehr ſchuldig mußt Du ſein, Ginevra— denn Finſterniß, Stillſchweigen und bemitleidete. Du, die Du ſo reine, ſo edle und heilige Dinge kennſt, ſo ſchön davon zu ſprechen weißt, Du Schloß Grantley. I. 14 210 kannſt nicht ſo verhärtet, Du kannſt nicht für alles beſſere Gefühl ſo abgeſtorben ſein—“ War es die Ruhe des Todes, war es die Erſtar⸗ rung der Seele, was dieſe blaſſen, blauen Augen ſo klar und mild machte, in ihrer demüthigen und höchſt ausdrucksvollen Traurigkeit? war der zärtliche Blick, womit ſie die aufgeregten und zitternden Züge ihrer unwilligen Schweſter beobachtete, wiederum ein gut geſpieltes Stück Komödie? war die krampfhafte Energie, womit ſie das kleine Kruzifir, das ſie an ihrem Halſe trug, an ihr Herz preßte, ein neuer Be⸗ weis von hohlem Formalismus oder erbärmlicher Heuchelei? „Schweſter,“ ſagte ſie zuletzt, als Margaret, von ihrer eigenen Heftigkeit erſchöpft, das Geſicht in ihre Hände verborgen, auf einen Stuhl ſank,“ Schweſter, Du mußt ubel, ſehr übel von mir denken; ich kann es nicht anders erwarten, ja nicht einmal wünſchen. Nein, Maraaret, bebe immer zurück vor dem erſten Schritt zum Böſen oder zum Betrug. Bebe immer davor zu⸗ duck wie vor einer giftigen Schlange, und verabſcheue es, wann oder wo es Dir in den Weg kommt. Aber ſei barmberzig gegen den Sünder, während Du die Sünde verdammſt. Glaube, daß, trotz der ſtärkſten und ſchein⸗ barſten Beweiſe von Schuld, vielleicht Entſchuldigungen vorhanden ſind, vielleicht— ach, habe G duld mit mir, Margaret höre mich an— Gefahren, Verſuchungen, Margaret!“ fuhr ſie fort, indem ſie näher zu ihrer Scyweſter rückte,„ich bin noch ſehr jung, und obſchon ich zuweilen ſo ruhig und ſo ſtark ſcheine, fann ich doch kaum die Laſt ertragen, die auf mich gelegt iſt. Ich bitte Dich nicht, mir zu helfen, denn das kann Nie⸗ mand außer Gott; ich bitte Dich nicht, mir zu ver⸗ zeihen, denn ich will jetzt nicht ſagen, wie viel oder wie wenig Du mir zu verzeihen haſt; aber ſchone mich, bete für mich; bete, daß die herben Leiden, welche ich Tag für Tag erdulde, das ſühnen mögen, was ich je 211 in meinem Leben verbrochen habe, und, o meine Schwe⸗ ſter, das iſt mein heißeſtes Gebet, daß ich eines Tags von Deinen Lippen hören möge, daß Du wieder gluck⸗ lich ſeieſt“ Margaret bewegte ungeduldig ihre Hand; Ginevra rang die ihrigen und ſchaute ſie an, als wollte ſie in ihrer Seele leſen. Dann ſtellte ſie ſich vor ſie hin und ſprach mit ſanfter, aber feſter Stimme alſo zu ihr: „Margaret, es bedeutet wenig, ob Deine Hoffnun⸗ gen und das, was Du jetzt Dein Gluck nennſt, durch meine Schuld oder durch mein Ungluͤck vernichtet ſind. Du kannſt nie Edmund Neville's Frau werden, und nie, jelbſt in Deinen geheimſten Gedanken nicht, mußt Du Dir erlauben, ihn als Deinen Gemahl oder Lieb⸗ haber zu denken. Ich frage nicht darnach, was Du von mir denkſt; ich frage nicht darnach, welchen Ein⸗ druck Du mit Dir nimmſt, wie Du mich in Zukunft behandeln, oder wie Du zu Audern von mir ſprechen wirſt; aber dieſe Ueberzeugung mußt Du aus meinem Zimmer mit fortnehmen und nie wieder verlieren, wenn Du alles das ſchätzeſt, was ich nach Deiner Anſicht verloren habe.“ „Margaret fuhr auf, ergriff die Hand ihrer Schwe⸗ ſter und rief mit einem Eifer, der ſich zur Heftigkeit ſteigerte: „Sage mir, was Du meinſt. Als Du ſo eben weinteſt und meine Hand küßteſt, da dachte ich Dich ſchuldig. Jetzt ſprichſt Du mit einer ſeltſamen Kuhn⸗ heit, und ich könnte Dich beinahe unſchuldig glauben. Wenn Du das biſt, ſo ſprich; ſprich, Ginepra. Sage mir irgend ein Mährchen vor, und ich will es glauben; ſonſt aber werde ich dieß Zimmer verlaſſen und nie mehr einem Menſchen vertrauen.“— „Geh,“ ſagte Ginevra ruhig und feierlich,„geh und bitte mich nie wieder, von mir ſelbſt zu ſprechen. Erinnere Dich bloß meiner letzten Worte und nimm ſie wohl zu Herzen. Die Wege der Pfltch ſind ver⸗ 1 zu entfernen wage. ſchieden, und obſchon wir beiſammen leben können, ob⸗ ſchon dieß erlaubt iſt, ſo dürfen wir doch nie ver⸗ geſſen, daß eine unſichtbare Schranke zwiſchen uns er⸗ richtet iſt, welche Du nicht entfernen kannſt und ich nicht Wenn Du mit großer Geduld und einem heiligen Vertrauen mich ertragen, harte Ge⸗ danken unterlaſſen und Dich herber Worte enthalten willſt, ſo wird das eine große und wunderbare An⸗ ſtrengung der Tugend ſein, und hernach, meine Schwe⸗ ſter, wirſt Du Dich des Gedankens erfreuen können, daß Du ein geknicktes Rohr nicht gebrochen habeſt;— aber, wenn Du das nicht kannſt, dann möge Gottes Wille geſchehen. Sei es Verſuchung oder ſei es Strafe, ich bin bereit, von Deinen Händen weit mehr Elend anzunehmen, als ich über Dich gebracht habe.„Nur—“ ſie hielt ein, zögerte, faltete flehend ihre Hände, und dann rief ſie mit einem Ausbruch von gewaltſamem Schmerz, welchem ſie nie zuvor ſeinen Lauf gelaſſen hatte—„nur, nur ſchone meinen Vater.“ Margaret ſtreckte ihre Hand aus, ohne ſie anzu⸗ ſehen aber als ſie im Begriff war, das Zimmer zu verlaſſen, kehrte ſie mit Ungeſtum zurück, warf ſich in die Arme ihrer Schweſter, und Beide weinten in un⸗ bezwinglicher Rührung; als die zwei ſchönen Geſchöpfe einander verließen, da lag eine ſchwerere Laſt von Kummer auf ihren Gemüthern, als ſo junge Herzen oft zu tragen verurtheilt ſind. 8. Eilftes Capitel. Als Margaret am folgenden Tage nach zwei oder drei Stunden eines unruhigen und fieberiſchen Schlafes erwachte, fühlte ſie ſich gänzlich unfähig für die Ar⸗ beiten des Tages— beſonders für die ſchwere Arbeit, Freunde zu unterhalten und ihre Gefühle zu verbergen; aber die Betrachtung, daß Andere ihr Unwohlſein, wenn ſie ein ſolches eingeſtände, mit Neville's Abreiſe in Verbindung bringen würden, gab ihr die Kraft, ſich auf⸗ zuraffen und ihre Angſt vor den forſchenden Blicken ihrer Familie, vor der Gegenwart ihrer Schweſter und haupi⸗ ſächlich vor den ſchalkhaften Bemerkungen und ſcharf fragenden Blicken ihrer Freundin Maud zu überwin⸗ den. Als ſie an der Hausuhr vorbeiging, bemerkte ſie mit Schrecken, wie ſpät es war, und eilte in das Frühſtückszimmer. Ginevra befand ſich an ihrem Platze und machte Thee; ſie ſah vollkommen ruhig aus, ob⸗ ſchon bläſſer, als gewöhnlich. Schweigend ſchob ſie ihrer Schweſter Alles zu, was ſie zu ihrem Frühſtück bedurfte, und in dem Augenblick, wo Mrs. Thornton im Begriff war, ihre Enkelin wegen ihres allerdings nicht befriedigenden Ausſehens auszufragen, lenkte ſie die Aufmerkſamkeit dieſer Dame ab durch eine ge⸗ ſchickte Frage über die Wirkſamkeit von homöopathiſchen Pulvern, welche Tags zuvor der Frau Schulmeiſterin gereicht worden waren. Maud beobachtete Margaret, theils aus Neugierde, theils aus wirklicher Theilnahme; ſie konnte ſich keine befriedigende Vermuthung über den Stand der Dinge bilden, welchen Edmund hinterlaſſen hatte, und ſie ſehnte ſich, mit ihr allein zu ſein, um über ſeine Abreiſe ſprechen und Pläne zur Ueberliſtung des Feindes entwerfen zu können, wie ſie bei ſich ſelbſt Ginevra bezeichnete. Aber dieß war nicht leicht aus⸗ zuführen; als ſie ſich in's Geſellſchaftszimmer begaben, ſaßen beide Schweſtern an demſelben Tiſche, und Maud's Bemühungen, um Margaret zu veranlaſſen, daß ſie ſich mit ihr anderswohin zurückziehen möchte, waren vergebens. Sie hatte ihre Pinſel und ihre Farben genommen, und begann einige Figuren in ihrem Skizzenbuch mit einem entſchloſſenen Eifer zu malen, der alle Verſuche zu einer Unterhaltung vereitelte. Maud wurde ärgerlich und fragte Walter Sydney, ob er Mr. Neville vor ſeiner Abreiſe geſehen habe? Er antwortete:„Nein;“ ſeines Wiſſens ſei er um ſechs Uhr abgereist, und dabei ſah er Margaret an. Auf ihren Wangen war keine Röthe, aber ihre Lippe zitterte leicht, und ſie gab vielleicht unbewußt dem Geſicht, das ſte bemalte, einen Ausdruck der Verachtung. In dieſem Augenblick kam Mr. Warren in's Zimmer, und nach⸗ dem er eine kurze Weile eine Zeitung in die Hand genommen hatte, hernach mit Ebro's Ohren ein wenig ggeſpielt, kam er an den Tiſch und ſagte zu Ginevra: „Ziehen Sie ſich an, Signorina, und kommen Sie mit in den Park.“ Zu Margaret's Ueberraſchung willigte Ginevra augenblicklich ein und verließ das Zimmer, um ſich für den Spaziergang vorzubereiten. Es war ein herrlicher Wintertag und die Sonne ſchien ſtrahlend. Mr. Warren wartete auf den Stufen der Terraſſe, und als Ginevra an der Hausthüre erſchien und auf ihn zuſchritt, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Jetzt gilt's,“ wie ein Menſch, der im Begriff iſt, die Schnur in einem eſcha zu ziehen. Sie gingen mit einan⸗ der den Fluß hinab, wo mehrere Bediente und eine Anzahl Jungen aus dem Dorfe mit wenig Geſchick⸗ lichkeit und viel Vergnügen Schlittſchuh liefen. Sie erreichten die hübſche Brücke am untern Ende des Parks, und, in ihre Pelzmäntel gehüllt, ſetzten ſie ſich auf den Bogen, um die Scene unten zu betrachten. Mr. Warren zupfte Gras zwiſchen den Steinen aus, klovfte mit dem Stock auf die loſen Ziegel, ſummte, pfiff, kurz er ſchien verlegen, eine für ihn ſeltene Empfin⸗ dung. Er war nicht verlegen geweſen, als er ſich in Orford ſeine Grade erwarb, auch nicht, als er ſeine Jungfernrede im Unterhaus hielt, das er als zu er⸗ müdend bald aufaab, ja nicht einmal in dem ereigniß⸗ ſchweren Augenblick, wo er um Mrs. Warren freite, was er ſo abgebrochen und haſtig that, daß ſie zuerſt geantwortet hatte:„Nein, ich danke Ihnen,“ ohne zu begreifen, daß es ſeine Hand war, die ſie ausſchlug. 215 Aber jetzt war er, wenigſtens in ſeiner Art, verlegen und ſagte, ohne ſeine Begleiterin anzuſehen: „Sie wiſſen, daß Edmund von Ihren Angelegen⸗ heiten mit mir geſprochen hat? Es iſt ein ſchwieriger Handel, Signorina.“— „Können Sie uns helfen?“ fragte ſie mit leiſer Stimme. 3 „Nur inſofern, als ich Ihnen die genaue Wahrheit ſagen will.“ „Sprechen Sie,“ ſagte ſte wieder und legte mit etwas krampfhafter Bewegung ihre Hände zuſammen. „Daß mein Schwager jemals in Ihre Verbindung willigen wird, das iſt eine ſo große Unmöglichkeit, als daß dieſer Baum über den Fluß gehen und auf dem entgegengeſetzten Hügel ſeine Stellung nehmen wird. So wahr ich lebe, ich würde das eine Ereigniß ebenſo ſicher erwarten, als das andere. Er iſt der gewiſſen⸗ hafteſte, vorurtheilsvollſte, halsſtarrigſte aller Menſchen. Er hat geſchworen, nie einen Katholiken in ſein Haus zu laſſen. Er hat der Erfüllung dieſes Eides verſchie⸗ dene Opfer gebracht. Er hat Anſprüche, die er auf ein bedeutendes Gut hätte machen können, vernachläſſigt, bloß um mit Katholiken nichts zu thun zu haben; Sie können ſich daher leicht denken, daß er in die Verbin⸗ dung ſeines einzigen Sohnes mit einer Perſon von dieſer Religion nie und nimmermehr einwilligen wird. Nein, ich will Sie über dieſen Punkt nicht täuſchen. Wenn Edmund darauf beſtände, eine Katholikin zu heirathen, ſo wird er enterbt werden, das unterliegt nicht dem mindeſten Zweifel; und ich muß noch hinzu⸗ fügen, er kann ſowohl um Ihrer, als um ſeiner ſelbſt willen dieſer Gefahr, oder vielmehr dieſer gewiſſen Strafe ſich nicht ausſetzen. Auf die extravaganteſte Weiſe erzogen, mehr zum Luxus geneigt als irgend ein anderes Menſchenkind, gewöhnt, jede Laune, die ſich in ihm regt, zu befriedigen, ſchon jetzt bis über die Ohren in Schulden ſteckend, zu jeder ernſten Arbeit abgeneigt 216 oder unfähig— würden Sie, wenn Sie ihn zu einem ſolchen Schritte drängten, ſowohl ihn, als ſich ſelbſt in hoffnungsloſes Elend ſtürzen; Sie würden ihm jede Ausſicht auf Glück, ja ſogar auf eine nur reſpektable Exiſtenz zerſtören und als ſein ſchlimmſter und grau⸗ ſamſter Feind handeln. Wenn Ihnen ſein Wohl am Herzen liegt, wenn Sie auf ſeinen Seelenfrieden, ſeinen Ruf, ſeine Ehre einigen Werth legen, Signora, ſo müſſen Sie ihn aufgeben.“ „Und wenn ich ihn nicht aufgeben kann?“ erwie⸗ derte ſie langſam, ihre Augen auf den Boden geheftet. „In dieſem Fall, ich ſage es mit Leidweſen, muß er Sie aufgeben.“. „Hat er ſo geſagt? hat er das geſagt?“ fragte Ginevra, Mr. Warren's Arm ergreifend. „Nein, aber ich ſage es, und Sie müſſen es ein⸗ ſehen,“ fügte er kalt hinzu. Sie ließ ihn los und ver⸗ barg ihr Geſicht in ihren Händen.. „Es thut mir leid, meine liebe Miß Leslie, daß Sie die Sache ſo zu Herzen nehmen, aber es iſt in der That unvermeidlich.“ 3 1 Sie ſchlug eine Weile ihre Augen auf und ihre Lippen murmelten:„Gott gebe mir Geduld!“ Mr. Warren ſchaute ſie an und ſchien betroffen über den Ausdruck des Schmerzes in ihren Mienen. Er bemit⸗ leidete ſie und ſagte lelee „s gäbe nur einen einzigen Ausweg.“ „Welchen?“ „Einen Religionswechſel,“ antwortete er, ohne ſie anzuſchauen, und mit erkünſtelter Ruhe nach den Schlitt⸗ ſchuhläufern lorgnettirend. Im Anfang flammten ihre Augen Feuer, aber bald folgte ein heiligerer Ausdruck dieſem erſten Ausbruch der Entrüſtung, und ſie ſprach leiſe, aber entſchloſſen das Wort:„Nie.“ „Sie werden ſich an den Gedanken gewöhnen.“ „Gott behüte mich!“ verſetzte ſie. 217 „Wenn man Sie aber überführen könnte, wie gut dieß wäre? könnten Sie nicht in einem ſolchen Fall etwas nachgeben und ſich überreden zu glauben—“ „Mr. Warren,“ antwortete ſie ruhig, aber mit zitternder Stimme,„wenn ich meiner eigenen Seele Gewalt anthun, meinen Glauben nach Belieben verab⸗ ſchieden und das Irrthum nennen könnte, was meine Vernunft und jeder Inſtinkt meines Daſeins mir als ewige Wahrheit bezeichnet, dann könnte ich in meiner frechen Apoſtaſie noch weiter gehen und zuletzt den Himmel ſelbſt für einen Traum, die Hölle fuür ein Märchen halten; und dann würde ich bei dem Wechſel, den Sie vorſchlagen, nicht ſtehen bleiben. Dort,“ ſagte ſie, und deutete auf eine Stelle, wo das Eis gebrochen war und man den reißenden Fluß unten ſtrömen ſah, „dort liegt meine Verſuchung; eine Zuflucht aus dem Elend dieſes Lebens und eine weniger ſchreckliche Selbſt⸗ vernichtung, als Sie vorſchlagen.“ Beinahe unbewußt hielt Mr. Warren ſie feſt, als ſie ſich über die Brücke hinlehnte; aber ſie wandte ſich gegen ihn und ein ſchwaches Lächeln fuhr über ihr Geſicht:.. „O nein! mein Schutzengel hat mich noch nicht verlaſſen. Ich glaube,“ ſagte ſie und erhob ihre Augen zum Himmel,„ich glaube und ich fann noch Kraft fin⸗ den, zu dulden.“. „Sie denken hart von Proteſtanten, Signora, wenn ſelbſt ein Grab in dieſem dunkeln Fluſſe Ihnen wün⸗ ſchenswerther erſcheinen kann, als der Uebertritt zu ihrem Glauben.“ „Sagen Sie als der Abfall von meinem eigenen,“ verſetzte ſie eifrig;„die heiligen Wahrheiten, welche wir gemeinſchaftlich haben, ſind ein Theil des Glau⸗ bens, dem ich nicht entſagen, ſondern eher ſterben möchte.“ „Wie ſind Sie denn alſo gegen uns geſinnt?“ „Inſofern Sie Chriſten find, habe ich das tiefſte 218 Mitgefühl für Sie; inſofern Sie Proteſtanten ſind, hege ich die aufrichtige Hoffaung, daß der Geiſt Gottes auch Ihnen ſeine inneren Offenbarungen des Lichtes und des Friedens leihen möge. Wer kann beurtheilen, durch welche Strahlen er den Geiſt erleuchtet, oder durch welche geheimnißvolle Lehre er eine Seele zum Himmel und zu ſich ſelbſt erhebt? Aber den Glauben zu verlaſſen, wenn unſere Herzen ihn empfangen haben, die koſtbare Perle, die einmal unſer geweſen, wegzu⸗ werfen, Glauben gehabt zu haben und ihn zu verlieren, in athemloſer Ehrfurcht und ſprachloſer Anbetung gekniet zu haben, wenn Gott uns nahe und in uns war, und dann mit unſeren Lippen gegen das größte und ehrwür⸗ digſte ſeiner Geſchenke an den Menſchen zu proteſtiren, in unſeren Handlungen daſſelbe als nichtig zu erklären, das iſt ein moraliſcher Selbſtmord, den nur ein Katho⸗ lik zu begreifen vermag, weil kein Anderer ſeinem Jam⸗ mer und Frevel verfallen kann.“ Ginevra wurde von ihrem Ernſt überwältigt und ſie blieb ſtill, bis Mr. Warren ſie wieder anredete. „Der Himmel verhüte, daß ich mich bemühen ſollte, Sie zu einem Schritte zu verleiten, der Ihrem Gewiſſen widerſtreiten würde. Ich gebe zu, daß Sie, wenn Ihre Ueberzeugungen unveränderlich ſind, natürlich ſie nicht aufgeben können; aber in dieſem Falle iſt ſehr zu b dauern, daß Sie ſich je in ein Verhältniß eingelaſſen haben, das ſo viele unüberwindliche Schwierigkeiten mit ſich führt. Eine ſolch thörichte, hoffnungsloſe Geſchichte!“ wiederholte er mit jener Art von Ungeduld, welche gutmüthige und hausbackene Perſonen empfinden, wenn ſie die nach ihrer Art nutzloſen Leiden mit an⸗ ſehen, welche Andere durch treues Feſthalten an ihren Gefühlen ſich zuziehen; aber er war gerührt von der trauervollen Berediſamkeit in Ginevra's Augen, die mit einer Art von ſtummer Appellation gegen ſein ſo⸗ eben ausgeſprochenes Urtheil zu den ſeinigen empor⸗ gerichtet waren. Von Neuem nannte er und von Neuem verwarf ſie die einzige Alternative, die ſich ſeinem Geiſte darbot, zuletzt äraerte er ſich über ſich ſelbſt und über ſie, und der Diskuſſion müde, rief er ohne weitere Um⸗ ſtände:„Nun denn, ſo behalten Sie Ihren Glauben und geben Sie meinen Neffen auf. Sie müſſen wählen zwiſchen—“ „Gott und den Menſchen,“ fiel ſie feierlich ein. „Dank für dieſe Worte, ſie haben mir Kraft gegeben; laſſen Sie uns jetzt nach Haus zurückkehren. Sie ſagten, Sie könnten mir nicht helfen, und Sie hatten Recht.“ „Sie haben ein großes Opfer zu bringen,“ verſetzte Mr. Warren;„aber jung wie Sie find, und mit einem langen Leben vor ſich— 3 „Ja, ein langes Leben— vielleicht ſo lang, wie das ſeinige,“ fügte ſie mit leiſer Stimme hinzu. „Es wird Ihnen zur Befriedigung gereichen, ihn von einer peinlichen Lage erlöst zu haben. Als die Urſache, obſchon die unſchuldige Urſache ſeines Verder⸗ bens, hätten Sie nie glücklich ſein können.“ Sie blickte noch einmal auf den glatten Fluß zu ihren Füßen und dann auf das blaue Himmelsgewölbe über ihrem Haupte. „Jetzt können Sie Beide wieder friſch in's Leben treten; Sie werden Beide einander nichts vorzuwerfen haben.“ „Nein, wir müſſen einander nichts vorwerfen,“ wiederholte Ginevra mechaniſch. Und ſie gingen ſchwei⸗ gend dahin, nur daß Mr. Warren zuweilen eine Be⸗ merkung machte, um die Nothwendigkeit des Opfers zu beweiſen, wozu er ſie drängte. Wenige Schritte vor dem Haus blieb ſie plötzlich ſtehen und ſagte mit leiſer, tiefer Stimme:„Sind Sie es auch gewiß, daß Sie mir die Wahrheit geſagt haben?“ Es lag ein ſo auf⸗ richtiger Jammer in dem Tone, womit dieß geſprochen wurde, daß Mr. Warren zuſammenfuhr und es bereute, daß er ſich dazu hergegeben, ihr ihr Unglück zu ver⸗ kündigen, aber er konnte nichts zurücknehmen, und die 220 Thräne, die in ſeinem Auge glänzte, verſetzte ihren Hoffnungen einen Todesſtoß. Er fühlte jetzt für ſie, ſah aber kein Mittel der Rettung. Sie preßte ſeine Hand, ging auf ihr Zimmer und blieb eine Stunde allein, ihrem Schickſal in's Geſicht ſchauend und gegen die Verzweiflung ringend. Es war wahr, wie ſie es ſelbſt geſagt batte, daß Ginevra Leslie noch ſehr jung war für die Laſt des Kummers, für die ſchwere Bürde, die auf ihrem Geiſte lag, und ſie bemaß jetzt die Kräfte eines Charakters, welchen die Natur feurig geſchaffen und welchen Erziehung und Umſtände Selbſtbeherrſchung gelehrt hatten. Voll von dem unllöſchbaren Feuer, wel⸗ ches der Genius entzündet und die Leidenſchaft nährt, hatte ſte das Leben, ſeine Geheimniſſe und ſeine Wirk⸗ lichkeiten, wie im Sturme genommen, und mit dreizehn Jahren hatte ſie aufgehört, wie ein Kind zu denken, zu ſprechen oder zu fühlen. Die ſtarken, religiöſen Grundſätze, die mit ihr aufwuchſen und ihr ganzes Weſen bezeichneten, rangen mit dieſer Natur und beug⸗ ten ihr Ungeſtüm. Ihre Einbildungskraft, ihre Talente, ihr Enthuſtasmus waren zu einem Ziel gelenkt worden durch den Einfluß einer Religion, welche, während ſie in ihrer Disciplin aſcetiſch und in ihrer Moralität entſchieden iſt, jedes menſchliche Weſen nach ſeinen ge⸗ heimen Bedürfniſſen behandelt und läutert, während es jede Strebung ſeiner Seele erhöht. Sie hatte in den prächtigen Tempeln ihres eigenen Landes die Reich⸗ thümer der Erde, die koſtbaren Marmorſtücke und die funkelnden Edelſteine, das Gold der Minen und die Perlen des Oceans in verſchwenderiſcher Menge auf die Heiligthümer des Allmächtigen gelegt geſehen, und ſte hatte zu gleicher Zeit gelernt, daß die Koſtba keiten des menſchlichen Herzens und Gehirns, ſeine Perlen von hohem Werth, ſeine Schätze von tiefen Gedanken, ſeine Juwelen von unnennbarer Geltung auf den Altar Gottes niedergelegt werden müſſen, nicht um wie die Brandopfer der alten Zeit vernichtet, ſondern um durch — * 221 das Licht des Heiligthums geweiht und höher erhoben zu werden. Jede Begeiſterung, welche ihre Seele von der Erde erhob, war nach dem Himmel gerichtet, jeder Ausbruch des Enthuſiasmus war durch ein Opfer ge⸗ heiligt; das Bewußtſein überlegener Kraft war ein Sporn zu neuen Anſtrengungen, und die Offenbarungen ihres eigenen Genius waren anregende Aufrufe, welchen ſie mit emporgehobenem Auge und gebeugtem Knie ent⸗ ſprach. Als der Tag der Heimſuchung kam, rettete der⸗ ſelbe Einfluß ſie vor Verzweiflung. Ihre Geſchichte war eine ſeltſame und muß jetzt kurz erzählt werden. In ihrer Kindheit der Obhut ihrer Verwandten mütterlicher Seite übergeben, war ſie in einem alten Hauſe erzogen worden, deſſen ent⸗ ſchwundener Glanz Spuren ſeines Daſeins in den noch vorhandenen Frescogemälden an den Wänden, in den verſtümmelten Statuen, den zerbrochenen Fontainen und der Cypreſſenallee, die ſeine Gärten ſchmückte, hinterlaſſen hatte. Eine Reibenfolge von Zimmern in dieſer Wohnung war von Pater Francesco beſetzt, welcher zu gleicher Zeit der Freund und der Caplan des Eigenthümers dieſes alten Palaſtes war. Er iſt in dieſer Geſchichte bereits aufgeführt worden als der Oheim und Vormund von Ginevra Ferrari, der Mutter unſerer Heldin. Die einfache Ausſtattung dieſer Zim⸗ mer kontraſtirte mit der Pracht des vergoldeten Getä⸗ fels und der bemalten Wände. Eine kleine Gallerie, die von der Halle nach der Capelle führte, war wohl verſehen mit franzöſtſchen, lateiniſchen und italieniſchen Buchern. Ein Schreibpult, das an einem der hohen Fenſter ſtand, und ein Haufe ſchwerer Foliobände, die an ſeiner Seite lagen, bewieſen, daß ihr Eigenthümer es nicht verſäumt hatte, durch Studien die Fähigkeiten auszubilden, womit die Natur ihn begabt. Die Capelle war reich im Vergleich zu dem übrigen Gebäude; die Trümmer früheren Glanzes, welche man ſonſt hatte verfallen laſſen, wurden hier ſorgfältig gehegt und — ————--—— drücken. Auf ihres Vaters ausdrücklichen Wunſch war 222 2* ſchienen eine ſtille Huldigung der Heiligkeit des Ortes darzubringen, wo Tag und Nacht eine Lampe vor dem Altare brannte und ein geheimnißvolles Licht über die ausgeſchnittenen Bilder und die ſculpirten Wände die⸗ ſes abgeſchloſſenen Heiligthumes ausgoß. Auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Gebäudes brannte eine andere Lampe oft die langen Stunden der Nacht hindurch und ſchimmerte noch immer matt, wenn der Glanz der auf⸗ ſteigenden Sonne ihre ſchwachen Strahlen überwältigte. Dieß war im Atelier des Leonardo Ferrari, des Künſt⸗ lers, der etwa zwanzig Jahre vorher der Freund und Gefährte von Ginevra's Vater geweſen war. Seiner Kunſt hingegeben, gänzlich erfüllt von dieſer vorherr⸗ ſchenden Leidenſchaft, arbeitete er Tag und Nacht mit einer unermüdlichen Thätigkeit, welche ihm keine Zeit zur Ruhe, keine Rückſichtsnahme auf die äußere Welt geſtattete. Der einzige Gegenſtand, der dem feurigen Maler ein Lächeln abgewann, oder ſeinen, die Geſund⸗ heit untergrabenden, Arbeiten ein Stündchen abzuſtehlen vermochte, war ſeiner Schweſter Kind, die kleine Gi⸗ nevra, deren Stimme und deren Augen die Muſik und der Sonnenſchein ſeines einſamen Daſeins waren. In dieſem eigenthümlichen Hauſe verbrachte ſie, wie eine Blume, die ungeſehen auf den Mauern eines zerfallenen Kloſters blüht, ihre Kindheit und reifte zum Weibe eran. h Zwiſchen dem betagten Prieſter, deſſen Schatz im Himmel war und deſſen Geiſt nur ihr zu Liebe noch auf der Erde zu verweilen ſchien, und dem leiden⸗ ſchaftlichen, oft unmuthigen Künſtler, der in ihrer Ge⸗ genwart und ihrer jugendlichen Begeiſterung eine Zuflucht vor den ſieberiſchen Träumen fand, die ihn verfolgten, nahm ihr junges Leben ſeinen Lauf, und erhielt ihr junger Geiſt ſeine Richtung. Auch andere Umſtände trugen dazu bei, ihren Charakter und ihren Geiſt zu formen und ihm das Gepräge der Originalität aufzu⸗ ———— * 223 ſie ſchon früh im Engliſchen unterrichtet und mit den beſten Werken der alten ſowohl als der neuen Zeit ver⸗ ſehen worden, wodurch ſie ſich eine vertraute Bekanntſchaft mit der engliſchen Literatur verſchafft hatte. Sie hatte Milton ebenſo eifrig ſtudirt wie Dante, und liebte Shakeſpeare mehr als Arioſto. Die foſtbaren Schätze engliſcher Philoſophie, engliſcher Beredtſamkeit und Poeſie wurden einem Geiſte mitgetheilt, welchen der blaue Himmel Italiens und der tiefe Sinn für alles Schöne in Natur und Kunſt zu frühzeitiger Reife hatte gedeihen laſſen. Sie lernte von Pater Francesco, ob ſte nun in der Capelle auf ihren Knieen lag oder an ſeiner Seite bei ihren Büchern ſaß, jede Gemüthsbe⸗ wegung mit einer Pflicht, jede Beſchäftigung mit einem Gebet in Verbindung zu bringen, und in den Hütten dder Armen oder an den Betten der Sterbenden nahmen ddieſe Lehren eine Wirklichkeit an, die kein ſpäterer Eindruck zu verwiſchen vermochte. Kein Geflüſter von der äußern Welt hatte den ebenen Gang ihres Lebens geſtört; die blaſſe Waſſerlilie, die auf dem ſtillen Teich der verlaſſenen Gärten ſchwamm, in welchen ſte ſo gerne umherſchweifte, ſchien ein Sinnbild von ihr ſelbſt, von ihrer unbefleckten Reinheit, von ihrem ruhigen Leben und ihrer unbeachteten Schönheit zu ſein. Aber die Zeit nahte, wo die Stürme des Lebens über dieſe ruhige Oberfläche hinrauſchen und den Urſprung des Leidens, das in den Tiefen jedes menſchlichen Schick⸗ ſals verborgen liegt, in ſeiner Quelle aufſtören ſollten. nerſt kam der Tag, wo eine heilige Pflicht, eine ge⸗ bieteriſ⸗ che Einladung zu einem fernen Wirkungskreis Pater Francesco von ſeiner Heimath abberief, nicht wie es früher oft der Fall geweſen war, auf wenige Monate, ſondern auf eine unbeſtimmte, ungewiſſe Zeit. Die erſten Thränen, welche Ginevra's blaue Augen ſeit den Tagen ihrer Kindheit gefüllt, floſſen in ſprach⸗ loſem Kummer, als ſie den Segen des Scheidenden empfing, und zum letzten Mal an ſeiner Seite kniete 224 an derſelben Stelle, wo er einige Jahre zuvor ihre erſte Beichte entgegengenommen hatte; jetzt aber hatte ſeine Stimme ein wenig gezittert, als er den heiligen Brauch beendete und die Worte der Entlaſſung ſprach: „Geh hin in Frieden und laß uns für einander beten.“ Sie waren die letzten geweſen, die ſie von ſeinen Lippen gehört hatte; dieß war ihr Wunſch und der ſeinige geweſen; lang müſſen dieſe Worte in ihrem Herzen verwahrt bleiben, lang müſſen ihre Kämpfe und grauſam ihre Trübſale ſein, bevor dieſelbe Stimme wieder ſprechen wird— wenn je auf Erden, wird ſte wieder von Frieden ſprechen in ihre Ohren. Allein mit Leonardo Ferrari, übte ſie einige Mo⸗ nate lang ein Prieſteramt des Troſtes, eine Miſſion der Zärtlichkeit, die all' ihre Intelligenz und Herzens⸗ güte in Anſpruch nahm. Sein Geiſt war zu ſcharf, ſein Gefühl zu feurig, die Gebilde fünftigen Ruhmes zu trügeriſch und die jammervollen Wirklichkeiten des Lebens zu überwältigend geweſen, um nicht ſeine geiſtige oder körperliche Geſundheit zu zerſtören. Bald war es eine verzagende Mattigkeit, bald eine fieberiſche Ruhe⸗ loſigkeit, was ſeine Lebensgeiſter niederdrückte oder ſeine Nerven abhetzte. Mit mehr Talent als Geſchick⸗ lichkeit, mit mehr Genie als Darſtellungsgabe quälte er ſich Tag und Nacht, erwarb ſich Lob für Erzeugniſſe, denen er ſelbſt mit Widerwillen den Rücken kehrte; aber dabei ließ ſeine Kraft allmählig nach, ſein Leben ſchwand langſam dahin. Wie ein Engel des Friedens ſtand Ginevra ihm zur Seite, und zuweilen konnten ihre Worte oder Liebkoſungen ſeine Aufregung beſchwich⸗ tigen und ſeinem ſorgenmüden Geiſt ein Lächeln abge⸗ winnen. Er warf dann ſeine Pinſel zur Seite, wandte ſich ab von ſeiner Staffelei und erlaubte ihr, ihn hinaus in die balſamiſche Atmoſphäre eines italieniſchen Früh⸗ lings, in die ſchönen Gärten des Palaſtes Giuſti oder in die pittoresken Straßen von Verona zu führen. In demſelben Grade, als ſeine Kraft abnahm, ſchien er 1 225 gleichgültiger gegen die Gegenſtände, die er mit ſolchem Feuereifer erſtrebt hatte. Er konnte trauervoll in ſeiner Werkſtatt umherblicken und mit ſchmerzlichem Ernſt das Gemälde betrachten, das er vor 20 Jahren in Rom gemalt hatte, und welches die erſte Veranlaſſung zu Leslie's Verbindung mit ſeiner Schweſter geworden war. Er hatte ſich nie davon getrennt, und jetzt, da der Abend ſeines Lebens hereinbrach, ſchien es ihm theurer als je. Die Erinnerungen an die Vergangen⸗ heit traten an die Stelle der begierigen Zukunftsgedan⸗ ken, und ſie ſchienen ſich in Ginevra, als dem einzigen Glied der Kette, das ſie noch mit der Gegenwart verband, zu concentriren. Aber der Körper ſank zuſammen und der Geiſt war abgenützt, getrübt und verſtoͤrt; er konnte nicht mehr mit Ruhe auf irgend einem Gegenſtande des Intereſſes verweilen, und je inniger ſeine Neigung wurde, um ſo herber und ſelbſtquäleriſcher wurden ſeine Gedanken. Sie war ſeiner Obhut ubergeben worden— ſie ſtand allein in der Welt— ihr Vater war in Indien, Vater Francesco in Südamerika. Sie hatten das Mädchen ihm zurückgelaſſen; ſie hatten ihn, noch jung an Jahren, ſtark von Charakter geglaubt; und Jugend, Kraft und Leben ſchwanden dahin. Ihm war, als könnte er in Frieden ſterben, wenn ihr Schick⸗ ſal entſchleden und ihr Glück geſichert wäre. Sein ruheloſes Auge ſchweifte vom Gemälde ihrer Mutter auf ſie ſelbſt, und eine beinahe grimmige Ungeduld überkam ihn, wenn ſie fröhlich ihn anlächelte und in dieſer ſtillen Wohnung wie ein Strahl von Sonnen⸗ ſchein in dem Trauerbauſe ſich bewegte. Ungefähr zehn Monate nach Vater Francesco's Abreiſe kam ein junger Engländer nach Verona und beſuchte das Atelier von Leonardo Ferrari. Daſſelbe Gemälde, das ſo viele Jahre vorher Oberſt Leslie's Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte, nahm ſeine Phantaſie gefangen. Während er in ſeiner Nähe verweilte, blickte er in den Garten unten und ſah Ginevra, wie fie Schloß Grantley. I. 15 226 einige der Roſen aufband, die in Guirlanden von einer Cypreſſe zur andern hingen, und freundlich dem kleinen Bauernmädchen zulächelte, das die Roſenblätter, welche ihr auf den Kopf gefallen, in ihrem Schooße ſammelte. Es war ein hübſches Gemälde, und Edmund Neville beobachtete es einige Minuten, dann aber fuhr er über⸗ raſcht zuſammen, als eine holde und zugleich kräftige Stimme— eine italieniſche Stimme— auf Engliſch, nur mit einem fremden Accent, welcher den Worten eine hübſche Deutlichkeit gab, den Vers aus Cymbe⸗ line ſang: Die Lerche ſingt am Himmelsthor, Und Phöbus iſt erwacht, Die Ringelblume blinkt hervor In ihrer goldnen Pracht. Dieſe Worte paßten zu einer italieniſchen Melodie und der Effect war ſo ganz eigenthümlich, daß Edmund zu träumen meinte; von dieſem Tage an begann auch der nie hätte geſtört werden ſollen. Er kam von Neuem in das Geſicht zu ſchauen, das ihn bezaubert, die Stimme zu hören, die ihn entzückt hatte. Er ver⸗ weilte in dem Atelier, er beſuchte die Capelle, er be⸗ ſah die Ruinen, er verbrachte Stunden und Tage bei Leonardo, der neu aufzuleben ſchien in dieſem Verkehr mit einem Manne, deſſen Benehmen und Sprache ihn an die einzige glückliche Periode ſeines verwelkten Lebens erinnerte. Er erzählte ihm die Geſchichte von Oberſt Leslie's zweiter Che und das Geheimniß von Ginevra's halb engliſcher Geburt. Er klammerte ſich an ſeine Geſellſchaft mit einer krankhaften Vorliebe, und als er die Zeichen aufdämmernder Leidenſchaft in ſeinen durchbohrenden Augen und das ungeſtüme Wir⸗ ken dieſer Leideuſchaft, nachdem ſie einmal erweckt worden, ſah, da war ihm, als hätte man eine Centner⸗ laſt von ſeiner Bruſt weggenommen. Er ſah, daß der ein ſeliger Traum, welchem man ſich nie hingeben oder — — 227 Zauber, der ihn gefeſſelt hatte, ebenſo mächtig als nachhaltig war, und daß Ginevra ſelbſt, im Anfang unbewußt, dann mit unklaren Ahnungen, endlich aber mit all' der Ernſthaftigkeit und Einfachheit ihres Charakters ſeinem Einfluſſe nachgab und ſeine glühende, hingebungsvolle Neigung mit der tiefen, ausdauernden Liebe ihres jungen Herzens vergalt. Er ſah es und freute ſich, denn er zweifelte nicht an der Reinheit von Neville's Abſichten, und er würde ihm Unrecht gethan haben, wenn er daran gezweifelt hätte. Ob eine ſolche Verſuchung jemals in den erſten Tagen ſeines Verkehrs mit Ginevra und bevor er ihre Ver⸗ wandtſchaft mit Oberſt Leslie kannte, ihn angewandelt, vermag Niemand zu ſagen; aber wenn dieß je der Fall geweſen, ſo blieben keine Spuren davon zurück, als er mit ihrem Charakter bekannt wurde und inſtinkt⸗ mäßig fühlte, daß ſie zu denjenigen Weibern gehörte, von denen ſelbſt der Gedanke an Unehre und Schande entfernt bleiben muß. Der einzige Sohn allzu nach⸗ ſichtiger Eltern, deren Vorurtheilen er bis jetzt noch nie entgegengetreten war, von deren unbegrenzter Guͤte gegen ihn er wiederholte Beweiſe beſaß, fern von ſeinem eigenen Lande, von ſeinen alten Verbindungen, verlor er die ungeheuren Schwierigkeiten, welche eine Ehe mit Ginevra darbieten mußten, aus den Augen. Ge⸗ blendet durch Leidenſchaft ſah er zwar voraus, daß ſein Vater ſeine Einwilligung verſagen würde, wenn man ihn darum bitte; aber er zweifelte keinen Augen⸗ blick daran, daß er, wenn ſeine Ehe einmal vollzogen wäre, bald wieder zu Gnaden angenommen würde, denn er wußte, daß ſeine Eltern ſich ſelbſt ſtraften, wenn ſie mit ihrer Verzeihung zurückhielten; die Ver⸗ bindung mit Oberſt Les lie's Familie war ehrenvoll und die Thatſache ſeiner zweiten Ehe war ſchon längſt von ſeinen Verwandten anerkannt worden. Sein einziger Wunſch war daher Ginevra's Einwilligung zu einer unmittelbaren Verbindung zu erlangen, und in dieſem 15* 228 Punkte unterſtützte ihn Leonardo redlich. Ihm ſtellie er den Widerſtand, den ſeine Familie vorausſichtlich leiſten würde, als viel unbedeutender dar, und ihr ſelbſt ſagte er ganz und gar nichts davon. Er war voll⸗ jährig, er war unabhängig; ſeine Eltern, ſagte er zu ihr, hätten immer gewuünſcht, daß er jung heirathe. Oberſt Leslie ſei ein Schulfreund ſeines Vaters gewe⸗ ſen, und er wuͤrde gewiß die Verbindung ſeiner Tochter mit einem Engländer gutheißen, der ein großes Ver⸗ mögen beſitze und aus alter Familie ſei. Ginevra war unerfahren, ſie wußte ganz und gar nichts von dem Weltleben, aber ihr inſtinktmäßiges Feingefühl und die Zartheit ihres Gewiſſens empörten ſich gegen die Idee, ohne die ausdrückliche Einwilligung ihres eigenen Vaters oder des Vaters Francesco zu heirathen, und ihren Arm um Leonardo'’s Hals geſchlungen, eine tiefe Röthe auf ihren Wangen, flehte ſie ihn an, er möchte ihr wenigſtens noch ein Jahr Zeit laſſen, bevor ſie Neville's Weib würde, und an ihre beiden abweſen⸗ den Vormünder ſchreiben, bevor ſie ihre beſtimmte Einwilligung gebe zu— „Zu Deinem Glück, Ginevra, zu einer Sache, die meine Seelenruhe ſichern, die mich,“ fuhr er heftig fort,„in den Stand ſetzen wird, zu ſterben ohne die Angſt, daß ich Dich allein zurücklaſſe— zu ſterben ohne die Laſt irdiſcher Sorgen, die meine Seele von der ſich eröffnenden Anſchauung der Ewigkeit zurück⸗ ziehen.“ zieß Ginevra preßte ſeine Hand an ihr Herz und ihre Lippen zitterten. „Du haſt ganz Unrecht,“ fuhr er mit fieberhaften Eifer fort,„wenn Du meinſt, daß ich nicht das Recht beſttze, Deine Heirath gutzuheißen. Du weißt, wie ungewiß aller Verkehr mit Vater Francesco nothwendig ſein muß, und was Leslie betrifft, ſo hat er nur eine einzige Furcht, die ihn während Deiner ganzen Kind⸗ heit quälte, nämlich daß Du den Schleier nehmen und ihn nie mehr anders als durch das Gitter eines klöſter⸗ lichen Sprechzimmers hindurch ſehen möchteſt. Er nahm mir das Verſprechen ab, niemals zu geſtatten, daß Du, wenn auch nur auf kurze Zeit, in einem Kloſter woh⸗ neſt, damit Du nicht in Verſuchung kommen möchteſt, der Welt zu entſagen.“ 3 „Damit hat es keine Gefahr,“ ſagte ſie und blickte auf einen Brief in ihrer Hand, eine von Neville's feurigen und leidenſchaftlichen Erklärungen ewiger Liebe;„es iſt keine Hoffnung dazu vorhanden,“ fügte ſe hinzu und ihre Thränen fielen ſchnell auf das apier. „Ich habe es verſprochen,“ fuhr Leonardo fort, gich habe es verſprochen, und wenn ich jetzt ſterbe, Ginevra, wenn ich Dich allein in der Welt zurückge⸗ laſſen habe— Kind meines Herzens! wohin willſt Du gehen? was kannſt Du thun? Schön wie ein Engel und hülflos wie ein Kind, wer wird ſich Deiner an⸗ nehmen, wer wird über Dich wachen, meine Blume, mein Schatz, meine makelloſe Lilie! Du weißt nicht Alles, was ich weiß. Du kannſt die Gefahren und Schwierigkeiten nicht begreifen, die Dich umringen werden. Hier in Deiner Heimath kannſt Du nicht bleiben, wenn ich dahingegangen bin, und wenn“— ein plötzlicher Gedanke entfärbte ſeine Wangen und ſeine Aufregung wurde ſo groß, daß er beinahe nach Athem haſchen mußte. „Ich kann nie allein, nie verlaſſen ſein, mein Leonardo,“ flüſterte ſie ſanft und küßte ſeine brennende Stirne. Er war unwohl, ſehr unwohl, und Fieber und Schwäche ſtritten um die Herrſchaft in ſeinem erſchöpften Körper. „Ich muß eine letzte Anſtrengung machen,“ mur⸗ melte er ſchwach und richtete ſich von ſeinem Lager auf.„Ginevra, wenn Du Edmund Neville nicht liebteſt, würde ich Dich nicht bitten, mir meinen Frieden zu geben auf Koſten des Deinigen— mir meinen brennen⸗ 230 den Schmerz und mein gequältes Gehirn zu erleichtern, wahre es Dich nur einen Seufzer oder eine Thräne oſtet“— „O,“ rief ſeine Nichte, indem ſie zu ſeiner Seite auf die Kniee ſank,„wenn ich ihn auch nicht liebte, ſo möchte ich Dir gehorchen und nicht zittern, aber“— „Du liebſt ihn; Dein Herz gehört ihm und nichts hält Dich ab, als eine unklare Beſorgniß“— „Eine namenloſe Angſt!“ murmelte ſie.„O Vater Francesco! Vater Francesco!“ „Du weißt, daß Edmund Dir die freie Ausübung Deiner Religion verſprochen hat, daß er Deinen Glau⸗ ben in Ehren hält. Ginevra, meine Kraft ſchwindet dahin. Höre meine ſterbende Bitte. Nenne Hartnäckig⸗ keit nicht Gewiſſen, Eigenſinn nicht Selbſtaufopferung.“ Eine Veränderung trat auf ſeinem Geſichte ein, ein Ausdruck ſo inniger Angſt, daß das arme Kind an ſeiner Seite nicht länger widerſtehen fonnte, ſondern in gebrochenen Tönen murmelte: „Thue mit mir, wie Du willſt, Onkel Leonardo.“ In dieſem Augenblick trat Edmund Neville zu ihnen, die bleiche dünne Hand Leonardo's ergriff die ſeinige und mit ſchwacher Stimme ſagte er: „Sie hat verſprochen.“ Der Freudeſtrahl in ſeinen dunkeln Augen, das Entzücken, womit er ihr dankte, die leidenſchaftliche Weiſe, womit er ſein Glück kund that, der ruhige Blick, womit ihr Oheim den Kopf auf das Kiſſen niederlegte, und das ſchwache Lächeln, das über ſeine Miene zuckte, als Edmund zu ihren Füßen niederkniete, ihre Hand in die ſeinige nahm unnd in ihr blaſſes, ſchönes Geſicht blickte, als hinge ſein Leben von ihrem Lächeln ab, das Alles gab Ginevra die Sicherheit nicht zurück deren ihr klopfendes Herz ſo ſehr bedurfte. Sie hatte jetzt verſprochen, und ſie durfte nicht durch ihre bangen Beſorgniſſe einen Schatten auf den Abend ihres Hochzeittages werfen, wodurch ſie die Wonne 231 ihres Geliebten und den Frieden ihres Oheims ver⸗ giftet hätte. Sie lächelte Beiden holdſelig zu und ſie betete viel allein in der Capelle; aber als ſie auf dem Punkte ſtand, ſich für immer mit dem Manne zu ver⸗ binden, welchen ſie liebte, und der ſie wieder mit ſo leidenſchaftlicher Hingebung liebte, da hatte ſie keine bezaubernden Träume von künftigem Glück, keine glän⸗ zenden Vorſtellungen von dem Leben, in welches ſie eintrat; Etwas flüſterte ihrem Herzen zu, daß nicht Alles recht ſei, und als ſie ſich dem Altar näherte, da wankte ihr Tritt, und die Hand, die ſie in die ſeinige legte, war kalt wie Eis. Einige wenige Wochen nach ihrer Verbindung wurde dieſe Ahnung noch durch nichts beſtätigt. Leonardo ſchien beim Anblick ihrer Liebe wieder aufzuleben— ſie führte ihn zuruck zu den Tagen, wo Leslie und ſeine Schweſter gleichfalls in demſelben Schatten ſich ergangen und in der kurzen Periode ihres ehelichen Zuſammenlebens ihren Becher der Wonne ausgetrunken hatten. Aber dieſe Friſt war nur die letzte erſtrebende Anſtrengung des hinſinkenden Lebens; ſeine Krankheit nahm mit furchtbarer Ge⸗ ſchwindigkeit zu, und etwa drei Monate nach der Ver⸗ mählung ſtarb er, Ginevra's Hand in der ſeinigen haltend und ſeine Augen auf Edmund Neville geheftet mit einem Ausdruck, worin Vertrauen und Flehen ſich miſchte— einem ſterbenden Anruf, weſcher die Hoff⸗ nungen und die Befürchtungen zu verkörpern ſchien, die in dieſer letzten Stunde ſeinen abſcheidenden Geiſt heimſuchten. Einige Wochen nach ſeinem Tod ging Ginevra mit ihrem Gatten in der Allee neben der Caſa Maſani ſpazieren, und zum erſten Mal nach dieſem Ereigniß wich ihr Kummer einem Gefühl der Freude, welches die ruhige Schönheit des Abends und der herrliche Strahl der untergehenden Sonne in ihre Seele ergoß. Am Morgen hatte ſie einer feierlichen M ſſe für die Ruhe dieſes Geiſtes angewohnt, der auf Erden ſo raſtlos, in ſeinen Beſtrebungen ſo eifrig, in 232 ſeinen Täuſchungen ſo ſelbſtquäleriſch geweſen, und die Stille der Natur in dieſer Dämmerungsſtunde ſchien zu harmoniren mit dem Gebet, das noch immer in ihrem Herzen aufſtieg, mit den heiligen Tönen, die noch immer in ihren Ohren weilten— und Edmund küßte die Thränen hinweg, die langſam ihre Wangen hinabrannen, und beobachtete mit Augen, welche die ganze Gluth ſeiner leidenſchaftlichen Liebe verkündeten, das entſprechende Lächeln, das wie ein Strahl des Mondlichtes auf dem Waſſer mehr Lieblichkeit als Glanz, und mehr Zärtlichkeit als Freude hatte. Edmund ſprach ſelten von der Zukunft, und ſie fragte niemals. In ihrem Charakter und in ihrer Religion wohnte ein ſtarkes Prinzip der Selbſtvergeſſenheit, nicht bloß die Selbſtverläugnung, welche Opfer bringen kann, ſondern jene wirkliche Selbſtvergeſſenheit, welche in der Reli⸗ gion eine unbegrenzte Unterwerfung unſeres ganzen Weſens unter den Willen und die Verfügung deſſen hervorbringt, von dem und für den wir geſchaffen ſind, und in den menſchlichen Neigungen eine Hingebung, welche das, was ſie ſelbſt gibt, vergißt in der Dank⸗ barkeit über das, was ſie empfängt, welche, wenn ſogar dieſe armſelige Erwiederung ihr entzogen wird, ſich in das Bewußtſein flüchtet, daß Geben ſeliger iſt denn Nehmen, und für ihre eigenen unbegrenzten Fähigkeiten zu lieben und zu leiden noch immer dankbar iſt. Ed⸗ mund’s Wille war ihr Geſetz; Edmund's Gluͤck war das Ziel ihres Strebens; an ihr eigenes dachte ſie nur ſelten. Aber als ſie in jener Nacht beiſammen ſaßen, da empfand ſie ein Gefühl des Glückes, das ſich über ihr Herz ſtahl, und ihre Lebensgeiſter erhoben ſich, als Edmund ihr ſagte, daß ſeine Liebe zu ihr mit jedem Tage zunehme, daß ſte die Freude ſeiner Seele ſei, der einzige Gegenſtand, für. welchen er lebe, das einzige Weſen auf Eiden, für welches er Leben und Alles hingeben würde, und all' dieſe leidenſchaftlichen Redens⸗ arten und dieſe erhabenen Gemeinplätze, welche von 233 Generation zu Generation von menſchlichen Lippen ausgeſprochen worden ſind und menſchliche Herzen durchbebt haben, Redensarten, welche ausgeſprochen, geglaubt werden und ihre unglückliche oder harmloſe Wirkung hervorbringen werden, bis zur Zeit, wo die Zeit aufhören wird zu ſein. „Da iſt Ginetta,“ ſagte Ginevra, als die kleine mailändiſche Zofe herannahte, über ihrem Kopfe etwas haltend. „Ein Brief von der Poſt, Signora,“ rief ſie und warf ihn ihrer Gebieterin in den Schooß, Das Schreiben war von engliſcher Hand an Ed⸗ mund gerichtet; er ergriff es mit Ungeduld und riß es auf. Eine dunkle Wolke fuhr über ſein Geſicht, als er es las. Seine Wangen rötheten, ſeine Augenbrauen runzelten ſich, ſeine Lippen zogen ſich zuſammen, und ſeine ganze Haltung verrieth Aufregung. Er erhob ſich von der Bank, auf welche ſie ſich geſetzt hatten, und ging mit haſtigen Schritten in der Allee auf und ab. Wenn eine unbeſtimmte Unglücksahnung die Seele heimgeſucht hat und plötzlich zur Wahrheit wird, ſo begegnet ſte ihr mit einer verzweifelten Ruhe, welche ſie ſelbſt in Erſtaunen ſetzt. Ginevra hatte ſich ſelbſt niemals klar gemacht, was ſie fürchtete; jetzt ſchien ſie es auf einmal zu verſtehen, und wie Wetterleuchten ſchoß ihr der Gedanke durch das Hirn:„Er iſt zu Grunde gerichtet und durch mich.“ Ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen, ihr Schickſal, ihr Friede waren nichts, weniger als nichts, nur ein Stäubchen in der Wage— im Vergleich mit dieſem einzigen Gedanken. Sie ging zu ihm und ſagte in ſanftem Tone:„Ed⸗ mund, ich muß dieſen Brief ſehen, es dürfen zwiſchen uns keine Geheimniſſe ſtattfinden.“ Er rollte das Papier in ſeinen Händen, während ſeine Augen Feuer ſchoſſen und ſeine dünnen Lippen feſt zuſammengepreßt waren. Es war ein Gemiſch kindiſchen Zornes und grimmiger, feſter Entſchloſſenheit in ſeinem Geſichte und in dem Ton, womit er, ohne auf ſie zu hören, antwortete: 234 „Sie ſollen nachgeben, beim Himmel, ſie ſollen nachgeben.“ Sie wurde ſehr blaß und lehnte ſich, einer Stütze bedürftig, an einen Baum. „Edmund, haſt Du mich getäuſcht?“ murmelte ſie ſchwach, aber ſie wiederholte die Worte nicht, als er ſich mit einem Blick voll Liebe und Jammer, der ihr tief durch's Herz drang, zu ihr wandte und ſeine Arme nach ihr ausſtreckte. Sie ſank auf den Sitz an ſeiner Seite und nahm den Brief aus ſeiner Hand. Sie las ihn, und tauſend neue und ſchreckliche Gedanken ſchienen in dieſem Augenblick in ihrem Gemüth ſich zu erheben. Sie verſtand die Vergangenheit, ſte ſah die Zukunft vorher— eine ſchreckliche Revolution ging in ihr vor. In ſeiner blinden uud ſelbſtſüchtigen Leidenſchaft hatte dieſer Mann, der neben ihr ſaß, der ihre Hand hielt, der ſie beobachtete, während ſie las, dieſer Mann hatte ſte zum Werkzeuge ſeines eigenen Verderbens gemacht; er hatte ſie in ihrer argloſen Hülfloſigkeit zwiſchen ſich ſelbſt und die Pflicht und die Ehre und das Glück geſtellt, und hier— hier mußte fie bleiben wie des Engels Schwert auf dem Pfade des abgefallenen Pro⸗ pheten, wo die Hand Gottes ihr den Platz angewieſen hatte— und von dieſem Pfade der Pflicht und des Unglücks durfte ſie nicht abweichen. Sie ſah, ſie fühlte es; ihr Herz erkrankte in ihr, ihr Hirn erlag beinahe; die Vernunft würde ſie verlaſſen haben, ſelbſt die Liebe hätte ſich in der Stunde ihrer Noth ungenügend er⸗ wieſen, aber die Religion war da, und der Strom wurde gedämmt, und der Weg war wieder hell, und der Sieg wurde gewonnen. Das Vergangene war unwiderruflich; der Zukunft mußten ſowohl er als ſte entgegen gehen, im Geiſte der Sühnung, wo Sünde oder Irrthum wirklich ſtattgefunden hatten; im Geiſte der Ergebung, wo die Sünde oder der Irrthum unfrei⸗ willig geweſen waren. Kein Vorwurf kam über ihre Lipven; dagegen lag ein Vorwurf, und er fühlte es, in der zunehmenden Bläſſe ihrer Wangen und in den 6 235 zitternden Klängen ihrer Stimme, als ſie in gedämpftem Tone ihn fragte: „Und jetzt, mein Edmund, was können wir thun?“ Er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und blieb ſtill. Er wagte ihr nicht zu ſagen, wie verzweif⸗ lungsvoll der Kampf in ſeinem Herzen war zwiſchen ſeiner Leidenſchaft für ſie und ſeiner Abneigung, dieſe weltlichen Vortheile zu verlieren, welche ſeine Ehe mit ihr zu zerſtören drohte. Es war ihm nie einen Augen⸗ blick eingefallen, zu denken, daß ſein Vater ſelbſt beim aufrichtigſten Willen die Macht hätte, ihn zu enterben, und dieſe niederſchmetternde Nachricht wurde ihm zum erſtenmal in dem Briefe mitgetheilt, welcher ihn uͤber die Stärke und feſtgewurzelte Zähigkeit von ſeines Vaters Vorurtheilen gegen die Religion ſeiner Frau belehrte. Das ſchwache Gerücht, das in ſeine Heimath gedrungen und durch ſeine verlängerte Abweſenheit beſtärkt worden war, daß er nämlich in Jialien ein Liebesverhältniß angeknüpft habe, hatte in dieſer Hei⸗ math einen ſolchen Sturm von Zorn erregt, wie ihn nur Diejenigen begreifen können, die, mit ähnlichen Charakteren wie Neville's Vater zu thun gehabt haben— mit Charakteren zu ernſt, zu gewiſſenhaft und zu erha⸗ ben, um nicht Hochachtung einzuflößen, dabei zu hart, zu unbeugſam, um nicht Verzweiflung in den Herzen Derjenigen zu erregen, die keinen Punkt ſehen, auf welchem ſie ſich nähern, keine Schwäche, durch welche ſie ſänftigend einwirken, keine Rührung, wodurch ſie dieſe ſchroffe Gewiſſenhaftigkeit und unveränderliche Unempfindſamkeit mildern könnten— und Mr. Warren, der um dieſe Zeit in Italien reiste, wurde von ſeiner Schweſter, Edmund's Mutter, angefleht, ihren Sohn ausfindig zu machen, ihn zu warnen, zu retten; ihn bei all' den heiligen Banden, die ihn an ſeine Familie und ſein Vaterland knüpften, zu beſchwören, daß er ſogleich nach England zurückkehren und jedes zärtliche Verhältniß abbrechen ſollte, das unvermeidlich damit eendigen müßte, den Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeiten 236 mit Schande zu bedecken;— ſollte er dagegen ſo ge⸗ dankenlos, ſo bethört, ſo wahnſinnig ſein, um an eine Heirath zu denken, ſo würde er ſich dem endloſen Zorn ſeines Vaters, dem Verluſt aller ſeiner weltlichen Aus⸗ ſichten und einer ewigen Trennung von ihr ſelbſt aus⸗ ſetzen. Mr. Warren wußte ganz und gar nichts von dem Treiben ſeines Neffen und ſchloß einen Brief für ihn an den Banquier in Genf ein, von wo aus Edmund ihm zum letzten Male geſchrieben hatte. Er theilte ihm den Hauptinhalt des Briefes ſeiner Mutter mit und fügte ſolche juriſtiſche Details bei, die ihren Aus⸗ drücken eine überwältigende Wirkſamkeit geben konnten. Dieß war die Nachricht, die wie ein Donnerſchlag auf das Herz von Ginevra's Gatten gefallen war, und nie hat ein furchtbarerer Sturm in einer menſchlichen Bruſt gewüthet, als in der ſeinigen zu dieſer Stunde. Er liebte ſte feurig, und ſelbſt in dieſem Augenblicke be⸗ reute er nicht, daß er ſich durch unwiderrufliche Bande mit ihr verknüpft hatte; ſie war ſein und mußte es für immer ſein; aber gegen die angedrohten Folgen dieſer Handlung mußte er ſich hüten und ſeine Ver⸗ bindung mußte ein Geheimniß bleiben, bis es ihm ge⸗ lungen wäre, die Einwendungen ſeines Vaters zu überwältigen oder wenigſtens die Stärke ſeiner Vor⸗ urtheile zu ſchwächen. Vielleicht durchzuckte auch irgend eine unbeſtimmte Hoffnung ſein Gemüth, daß er ſie zum Wechſel ihres religiöſen Glaubensbekennt⸗ niſſes veranlaſſen könne, und dann würde die zum Pro⸗ teſtantismus übergetretene Tochter des Oberſten Leslie von ſeiner Familie als die willkommenſte Braut be⸗ trachtet werden, die er ihr vorführen könnte. Aber es war ſchwer, Ginevra in's Geſicht zu ſchauen und ihr eine langwierige, mühſame Verſtellung vorzuſchlagen. Es war ſchwer, während ſeine Verſicherungen gränzen⸗ loſer Hingebung ihr noch in den Ohren klangen, ſie zu einem demüthigenden Stillſchweigen und einer zwei deutigen Stellung zu verurtheilen. Ihre Augen ware noch immer auf den unglückſeligen Brief geheftet, un ſie wiederholte, als wollte ſie ſich ſelbſt von der That⸗ ſache überzeugen, als hoffte ſte trotz ihrer Hoffnungs⸗ loſtgkeit: „Er wußte es nicht; er war ſelbſt getäuſcht.“ Die Röthe der Schaam brannte auf Edmund's Wan⸗ gen; er zog ſie an ſich und flüſterte:* „Ginevra, liebſt Du mich?“ Sie preßte ſeine Hand an ihre Lippen, mehr mit unerſchütterlicher Hingebung, als mit leidenſchaftlicher Neigung. Vielleicht fühlte er es, denn mit gewalt⸗ ſamer Aufregung rief er:„Ginevra, Du verachteſt mich.“ Es war keine Geringſchätzung in ihren Augen, es war kein Groll in ihrem Herzen, es war kein Ge⸗ danke an ſich ſelbſt, an ihren eigenen bittern Kummer, an ihr gefährdetes Glück, an ihre betrogenen Hoffnun⸗ gen, an ihr Vertrauen, welches getäuſcht worden an dem Altar, wo ſie ihr Leben, ihr Schickſal in ſeine Obhut gegeben, und alles, nur nicht ihren Glauben auf Erden und ihre Hoffnungen auf den Himmel zu ſeinen Füßen geworfen hatte, um nach Belieben zer⸗ treten oder mit Liebe gehegt zu werden. Aber in ihrem Geſicht und in ihrer Seele, in ihren zitternden Lippen und ihren gefalteten Händen war ein Ausdruck unbe⸗ ſchreiblicher Bewegung, als ſie ihren Gatten anblickte, der, von Aufregung überwältigt, wiederum ſein Geſicht in ſeinen Händen verborgen hatte, und ſich vergebens bemühte, die Worte an ſie zu richten, die ſich auf ſeine Lippen drängten. Endlich bemeiſterte er ſich mit einer ſtarken An⸗ ſtrengung und ſchilderte in raſcher, unzuſammenhängen⸗ der Sprache die Unmöglichkeit, ſeine CEhe ſogleich einzu⸗ geſtehen und dem Zorn ſeines Vaters Trotz zu bieten. Er ſagte ihr, daß er ſowohl um ihret⸗ als um ſeinet⸗ willen klug und vorſichtig verfahren müſſe, und während er ſprach, ſuchte er ſich ſelbſt ſowohl als ſie zu täuſchen, was ihm auch theilweiſe gelang. Jedes Wort, das er vor der Heirath zu ihr geſagt, jede ausweichende Antwort, wo⸗ mit er ihre ſchüchternen, aber oft wiederholten Fragen 238 in Bezug auf die Geſinnungen ſeiner Familie abge⸗ wieſen, ſchwebten ihrem Geiſte vor, als er raſch die Schwierigkeiten ſchilderte, die ihren Pfad umlagerten, die dunklen Wolken, die über ihrem Schickſal hingen, und das Verhalten, das ſte nunmehr beobachten müßten. Noch, immer machte ſie ihm keine Vorwürfe, ſondern legte nur ihre Hand auf die ſeinige und ſagte: „Edmund, Du biſt der Herr meines Schickſals, der Gebieter meines Daſeins. Unwiſſend und hilflos kann ich Deinem Willen nicht widerſtehen und Deine Ent⸗ ſchließungen nicht beherrſchen; aber höre mich einen Augenblick an. Ich möchte Dir keinen Schmerz berei⸗ ten, Theuerſter, und die Bitterkeit dieſer Stunde nicht erhöhen; aber höre auf, höre auf, bevor Du Dich ſelbſt und mich auf einen Weg drängſt, wo die Wahrheit eine Gefahr und der Betrug eine Pflicht ſein wird. Die Leiden dieſer Stunde(ihre Stimme ſchwankte und ihre Hand zitterte) ſind das Reſultat—“ „Meiner grenzenloſen Liebe für Dich. Sie kannte kein Maß, Ginevra, und ſie fürchtete keine Gefahren.“ „Bleibe ihr und Dir ſelbſt treu,“ rief ſie; fuͤhre mich zu den Füßen Deines Vaters und laß meine innige Liebe, meine unglückſelige Unwiſſenheit, und—“ „Deine allzu bezaubernde Schönheit, Deine allzu entzückende Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ſie Edmund, als ſte vor ihm ſtand, während die Thränen aus ihren Augen ſtrömten und eine tiefe Röthe dieſe Wangen färbte, welche gewöhnlich ſo rein und weiß waren wie der pariſche Marmor. „Mir und Dir zur Entſchuldigung dienen,“ fuhr ſie fort.„O, Edmund, theuerſter Edmund, Wahrheit, Wahrheit, um's Himmelswillen Wahrheit, und dann Jammer und Elend, wenn es Gott gefällt. Das Leben iſt kurz, mein Geliebter, und die Ewigkeit iſt lang.“ „Sie ſah jetzt noch ſchöner aus, als zuvor, denn ihre Augen waren zum Himmel gerichtet, und der Geiſt der Hoffnung und des Glaubens funkelte in ihrem Bli und glänzte auf ihrer Stirne; aber ſie war zu hoch für ihn geſtiegen, ſie hatte den Berg erklommen, wohin er nicht zu folgen vermochte, ſte ſchwang ſich durch die Wolken, die er nicht durchdringen konnte. Der Ton dieſer Worte:„Elend und Jammer,“ hatte ihn wieder zur Erde herabgezogen und er rief mit Bitterkeit: „Verkündige, wenn Du willſt, der ganzen Welt, daß wir verbeirathet ſind. Verweigere mir die kurze Friſt des Auf chubs und des Schweigens, um welche ich bitte, und wir ſind Beide zu Grunde gerichtet; oder aber, laß Dir's für eine Weile gefallen, Dich einer peinlichen Nothwendigkeit zu unterwerfen. Ertrage mir zu lieb einige wenige Monate der Prüfung und der Er⸗ wartung und dann— zu Deinen Füßen, in meinen Armen, meine Ginevra—“ fuhr er fort, indem er vor ihr niederkniete und ſie zärtlich an ſeine Bruſt zog, „dann werden Jahre der Wonne folgen und in ihrem Sonnenſchein wirſt Du die Wolken, welche die erſte Dämmerung unſeres Glückes verdunkelt haben, vergeſſen und verzeihen. Du wirſt mir verzeihen, Theuerſte, daß ich Dich an mich gefeſſelt, daß ich nach dem unſchätz⸗ baren Schatz Deiner Liebe gegriffen und Dich gelehrt habe zu dulden durch mich— für mich,“ fügte er hinzu, als ihre Lippen ſich auf die ſeinigen preßten, und ſie murmelte: „Mußt Du mich verlaſſen, Edmund?“ „Jetzt nicht, noch nicht.“ Sie wurde ſehr blaß und ſagte nichts mehr. Die⸗ ſen Abend betrachtete ſie ihren Ehering, dann nahm ſte ihn vom Finger, zog ein ſchwarzes Sammtband hindurch und verbarg ihn an ihrem Buſen. „Wenn nicht hier, ſo doch da,“ ſagte ſte, und auf dieſe einfache Weiſe willigte ſie in die Prüfung, welche ſie beſtehen ſollte. Wie viele Thränen ſie in der Stille vergoß— welche Bangigkeiten die Angſt dieſes Tages zurückließ, welche Befürchtungen ſie in der darauf folgenden Nacht quälten— Befürchtungen, ähnlich denen eines Kindes, das in der Finſterniß geht, ſich angſtvoll an die Hand 240 feſtklammert, die es führt, aber der es nicht vollkom⸗ men zu vertrauen wagt; das wußte Niemand als ſie ſelbſt. Aber auch in dieſer ſtürmiſchen Stunde war ein Licht auf ihrem Pfade, und ſo ſchmal der Weg war, den ſie wandelte, ſo fiel doch ein Strahl darauf, und jeder Schritt, den ſie that, war feſt, obſchon der nächſte in Dunkelheit begraben lag. Während der folgenden Tage war Edmund abwech⸗ ſelnd düſter und verzagt, oder fröhlich und ſanguiniſch, je nachdem ſeine Einbildungskraft ihm die Zukunft in einer dunkeln oder glänzenden Geſtalt zeigte. Er war raſend über die Gegenwart und quälte ſein Hirn ab, um irgend einen Plan zu erfinnen, wie er Ginevra in ſichrer Obhut zurücklaſſen und ſelbſt nach Irland eilen könnte, um den Weg zur Anerkennung ſeiner Ehe zu bahnen. Eines Morgens, nachdem er eine Nacht in ruheloſer Aufregung verbracht hatte, erhielt ſeine Gattin Briefe von ihrem Vater und von dem engliſchen Conſul in Genua, welcher ihr meldete, daß Oberſt Les⸗ lie nach England zurückgekehrt ſei und auf die Kunde von Leonardo Ferrari's Tod ihn ſchriftlich erſucht habe, dafür zu ſorgen, daß ſeine Tochter nach Genua reiſe und ſich daſelbſt an Mr. und Mrs. Warren, alte Freunde von ihm, anſchließe, welche im Begriff ſtänden, nach England zurückzukehren und ſich bereit erklärt hätten, ſie mitzunehmen. Dem Packet war ein Briefchen von Mrs. Warren ſelbſt beigelegt, welche ſehr höflich und freundlich ſchrieb, wie ſehr ſie ſich freue, die Be⸗ kanntſchaft von Miß Leslie zu machen; zugleich er⸗ bot fie ſich, ſelbſt nach Verona zu kommen und ſie da abzuholen, wenn ihr das angenehmer ſein ſollte. So beunruhigend und verwickelt der Stand der Dinge wurde, ſo konnte ſich doch Edmund eines Lächelns nicht enthalten über das ſeltſame Zuſammentreffen, das auf ſolche Art ſeine Gattin unter den Schutz ſeiner eigenen Verwandten zu ſtellen ſchien, und ſo gewagt der Schritt war, ſo groß die damit verbundenen Gefahren erſchie⸗ nen, ſo kam er doch bald auf den Schluß, daß man der Einladung augenblickliche Folge leiſten, den Schwierige keiten gleich bei ihrem Entſtehen entgegentreten und, wenn ſie ſich noch vergrößerten, Trotz bieten müſſe. Dieſe Wendung in ihren Angelegenheiten ſetzte ihn in den Stand, allein nach Irland zu reiſen, und Ginevra mußte, wenn ſie einmal in ihres Vaters Haus wohnte, wenn ſie offen als ſeine Tochter anerkannt und noth⸗ wendig von Allen, die ſich ihr näherten, angebetet war, in den Augen ſeiner Familie in einem ganz andern Lichte daſtehen, als das italieniſche Mädchen, die Nichte eines italieniſchen Prieſters, deren Abſtammung und Glaube ihren geliebteſten Vorurtheilen ein Gräuel war. Der Anblick der Handſchrift ihres Vaters machte auf Ginevra einen ſeltſamen Eindruck, und zum erſtenmal ergriff ein Gefühl von Reue und Schuld Beſitz von ihrer Seele. Statt ſich, wie der arme Leonardo ſie verſichert hatte, in irgend einem entfernten Theile In⸗ diens zu befinden, kehrte er in demſelben Augenblick, wo ſie ohne ſeine Einwilligung ſich verheirathet hatte, in ſein Vaterland zurück, und ſie mußte mit einem Geheimniſſe im Herzen vor ihn treten und in ſeinem Haus und an ſeiner Seite ſeinen eigenen Namen führen, Hwelchen anzunehmen ſie nicht das Recht, welchen abzu⸗ legen ſte nicht die Befugniß hatte. Beinahe noch ein Kind an Jahren, noch ganz ein Kind an ſchuldloſer Einfachheit, ſollte ſie ein Leben beginnen mit dem Herzen eines Weibes und der härteſten Prüfung eines Weibes— vermählt, ſollte ſie die Qual der Erwar⸗ tung und die Laſt langer Geheimhaltung ertragen— unſchuldig, ſollte ſte die zitternde Angſt, die peinliche Beſorgniß des Verbrechens über ſich nehmen— ſie erlag beinahe unter der Aufgabe und es fehlle nicht viel, ſo verließ ſie der Muth. Aber ſelbſt die Reue— wenn qualvolles Bedauern, die neuerwachte Pein der Erinnerung Reue genannt werden könnte, da wo kaum ein Irrthum ſtattgeſunden hat— war nicht ſelbſtfüch⸗ tig in dieſem reinen Herzen und ſanften Geiſte. Ihre Schloß Grantley. 1. 16 242 Sünde, denn ſo nannte ſie es jetzt, wurde in tiefer Buße gebeichtet, und jedes Leiden, das ihrer wartete, begrüßte ſte als die läuternde Sühnung, welche Gott ihr zuweiſen und zuletzt annehmen würde. Am fol⸗ genden Tag verbrachte ſie eine Stunde in der Capelle, wo ſie ſo oft gekniet, und an dem Platze, wo ſie Vater Francesco's letzten Segen empfangen hatte, betete ſie Vielleicht war es ſein Gebet, was ihr in dieſem Augen⸗ blick den Frieden und die Kraft verſchaffte, deren ſie ſo ſehr bedurfte. Als die Schatten des Abends herein⸗ brachen, kam Edmund Neville, ſie abzuholen. Er hatte vor der Kirche geſtanden und, an die Säule gelehnt, hatte er ihr ſchwach hörbares Schluchzen in der Stille des dunkeln Chorganges gehört, und er hatte ſich ge⸗ wunden in den Schmerzen der Selbſtvorwürfe und der bittern Qual des Abſchiedes; als ſie dann durch die ſchweren Falten des Thürvorhanges hinaus in das Mondlicht glitt und mit einem Lächeln voll göttlicher Ruhe und Holdſeligkeit vor ihm ſtand, da zerſchmolz ſeine Seele in ihm, und weinend wie ein Kind, ſiel er zu ihren Füßen und flehte ſie um Vergebung an. Sie legte ihre Hand auf ſeine Lippen, fig küßte ſeine Stirne, ſie murmelte einen Segen in ſein Ohr und lächelte durch ihre Thränen. Zuletzt war ſie es, die ſich aus ſeinen Armen riß, die auf den Reiſewagen deutete, welcher am Thore wartete, und die von Hoffnung und Muth ſprach, als er ſich beinahe ſelbſt verfluchte wegen des Jammers, den er über ſie und über ſich brachte. Erſt als ſie ihn aus dem Auge verloren hatte, zitterte ſte bei dem Gedanken, was der Morgen bringen würde. er einige Wochen in der Nähe Genuas, wo ein langes Unwohlſein der Mrs. Warren die Abreiſe dieſer Familie hinausſchob. Einen flüchtigen Blick von ſeiner Gattin ging, ihr einen Augenblick auf der Straße zu begegnen und einige haſtige Worte mit ihr zu wechſeln, war das für ihn und ihr Herz flüſterte, daß er für ſie bete. Statt ſogleich nach England zu reiſen, verweilte zu erhaſchen, während ſie durch die Säle des Palazzo einzige Ziel ſeines Strebens, denn Trennung und Un⸗ gewißheit hatten ſeine Leidenſchaft zehnfach geſteigert und ihn beinahe ſeiner Sinne beraubt. Endlich verließ ſie Genna, und dann reiste er Tag und Nacht nach England. Als er nach Hauſe kam, fand er ſeine Eltern in gänzlicher Unwiſſenheit über den Gegenſtand und die Natur ſeines Liebesverhältniſſes, und bevor er von der Sache ſprechen konnte, zwei Stunden nach ſeiner An⸗ kunft führte ihn ſein Vater an das Fenſter, deutete auf die uralten Bäume, den großen See, die lachenden Dörfer, die Pfarrkirche, von wo in dieſem Augenblick die Glocken freudig erklangen zu Ehren der Rückkehr des Erben dieſer herrlichen Ländereien, und ſagte in langſamem, eindrucksvollem Tone: „Edmund, wenn es Dir je in einem Augenblick der Bethörung eingefallen ſein ſollte, meine Einwilli⸗ gung zu Deiner Verbindung mit einer Katholikin zu erbitten, ſo laß ein für alle Mal dieſen Gedanken fahren, denn ich ſchwöre(und er legte ſeine Hand auf die große Familienbibel, die auf dem Tiſche lag) bei di ſem heiligen Puße und bei dem Himmel, welchen es offenbart, daß ich es niemals dulden werde. Ich habe Deiner Mutter das Verſprechen abgenommen, von Dir nicht ein einziges Wort über dieſen Gegenſtand anzuhören und Dir nicht einmal zu erlauben, ihr die Per⸗ ſon, wer ſie auch immer ſein mag, zu nennen, welche Dich an die Möglichkeit einer ſolchen Ehe glauben gemacht hat.“ Er legte ſeine Hand auf des Sohnes Schulter. Hätte er im Herzen dieſes Sohnes leſen können, ſein eigener harter Geiſt würde verzagt haben. Nachdem Mr. Neville das Zimmer verlaſſen hatte, ſtarrte Edmund lange in die wohlbekannte Landſchaft hinaus, die ſelbſt in ihrem Winterkleid ſo viel Schön⸗ heit zeigte. Da gab es kein Plätzchen, das ihn nicht an ſeine Kindheit oder an ſeine Knabenzeit erinnerte, und das wilde Geſtöhne des Windes durch die laub⸗ loſen Zweige der Ulmen war in ſeinen Fahein wie die 3 1 „ 244 Muſik aus entſchwundenen Tagen. Das Getöne des Gongong, als es ihn aus ſeiner betrachtenden Haltung auſſtörte, hatte gleichfalls einen wohlvertrauten Klang, und in ſeinem eigenen Zimmer die Anſichten von dem See von Killarney, von der Rieſen⸗Chauſſee, die krum⸗ men Porzellanungeheuer auf dem Kamin, die wenigen Bücher und alten Flugſchriften auf den Ständern, der geſtickte Feuerſchirm, ein Geburtstagsgeſchenk ſeiner Schweſter, alles Das erinnerte ihn an eine Zeit und an einen Stand der Dinge, den er während ſeines ein⸗ jährigen Aufenthaltes in Italien beinahe aus den Augen verloren hatte. Er ging zum Diner hinab und die alten Familienportraits, das Schwert, das über dem Kamin hing(eine Reliquie aus der Schlacht von Boyne) und das zu ergreifen er in ſeiner Kindheit auf den Stubl geſtiegen war, zwiſchen den Fenſtern das große Gemäaͤlde der Belagerung von Londonderry, Alles das erinnerte ihn warnend an die tiefe ingewurzelten reli⸗ giöſen und politiſchen Vorurtheile ſeiner Familie. Er war ſtill und in ſich gekehrt, die Koſten der Unterhal⸗ tung wurden hauptſächlich von ſeinem Vater und dem Geiſtlichen der Gemeinde getragen. Sie berührte oft den Zuſtand des Landes und den religiöſen Haß, der allda vorherrſchte. Das Herz entſank ihm, als er die Bitterkeit der Parteigeſinnung anhörte, welche in jedem Worte, das geſprochen wurde, an den Tag trat, und als beim Familiengebet an dieſem Abend Mr. Neville feierlich darum flehte, ſein Haus möge immer vor dem Einfalle des Unglaubens und Papſtthums bewahrt wer⸗ den und niemals einen Papiſten beherbergen, da erhob ſich Ginevra's Bild vor ihm, wie ſie, ihre ſanften, inbrünſtigen Augen zum Himmel gerichtet, dag ſtanden und ihm gegenüber die Sache der Wahrheit und Ewig⸗ keit verfochten hatte. Am folgenden Tag ritt er mit ſeiner Schweſter Anna Neville durch die Straßen und Dörfer, die in der Herrſchaft ſeines Vaters lagen, und wurde von den Pächtern herzlich bewillkommnet. Als er Alles beobachtet, was man gethan hatte, um das 245 Glück und die Wohlfahrt der Einwohner zu fördern, als er die verſchiedenen Details von den Schulen hörte, deren Aufſicht ſie führke, von der neuen Kirche, die ſie an einem Orte au bauten, und den Hütten, die ſie an einem andern errichteten oder ausbeſſerten, als er das verſtändige, lebhafte Geſicht ſeiner Schweſter, ſo lange ſie ſprach, betrachtete, da fühlte er ein neues Intereſſe für dieſen Platz und eine neue Sympathie für ſie. Anna Neville gehörte zu denjenigen Perſonen, die ohne glänzende Eigenſchaften oder auß rordentliche Reize in allen Details des Lebens eine ruhige Heiterkeit, eine gelaſſene Verſtändigkeit und dabei einen Grad beſtimm⸗ ter und ſanfter Harinäckigkeit beurkunden, welcher das Seinige wirkt und ſein Ziel erreicht, wo höhere oder blendendere Eigenſchaften und Talente wirkungslos ge⸗ bli ben wären. Sie hatte mehr Güte als Gefühl, und mehr Ausdauer als Eifer. Sie beobachtete auf's Ge⸗ naueſte die Pflichten ihrer Religion und hatte wenig Nachſicht oder Sympathie für diejenigen, die mehr oder weniger als ſie ſelbſt glaubten oder tha en. Ohne alle Eitelkeit(denn Lob und Tadel ſchien ihr ganz gleich⸗ gültig) begte ſie die allerhöchſte Achtung vor ihrem eigenen Verſtand und Alles, was ſie nicht ſolbſt er⸗ kannte, fuhlte oder begriff, wurde unbedenklich als Enthuſiasmus, Täuſchung oder Verkehrtheit verworfen. Sie ſchien nie daran zu denken, daß es in menſchlichen Herzen Tiefen geben könne, welche ſie niemals ergrün⸗ det, im menſchlichen Geiſte Nöthen, die ſie niemals erfahren, zwiſchen dem Glauben und Handeln Bezie⸗ hungen und Verhältniſſe, die ſie niemals erforſcht halte, oder überhaupt, daß es viel Dinge im Himmel und auf Erden gebe, wovon ihre Schulweisheit ſich nichts hatte träumen laſſen. Zu ſanft von Charalter, um jemals in ihren Ausdrucken heftig, zu redlich, um in ihren Urtheilen lieblos zu ſein, entfernte ſie Alles, was nicht genau mit ihren eigenen vorgefaßten Meinungen über⸗ einſtimmte, ruhig aus ihrem Wege und dem Bereiche ihrer Betrachtungen. Ein geiſtreicher amerikaniſcher 246 Schriftſteller*) hat geſagt, es gebe nicht immer Glau⸗ benspunkte, welche man nicht immer von Neuem über⸗ legen, ſondern zum täglichen Gebrauche und nicht zur kritiſchen Prüfung auf dem Tiſche müſſe liegen laſſen. Anna Neville's Anſichten waren genau von dieſer Art, und es ließ ſich keine Spalte erſchauen, durch welche ein neuer Eindruck in ihren wohlgeordneten, aber feſten Verſtand härte eingefügt werden fönnen. Daß Edmund mit ſeiner Schweſter hätte ſympathiſiren können, mag außerordentlich ſcheinen, aber wer hat nicht gefühlt, daß, wenn man durch die Kraft der Empfindungen oder die Lebhaftigkeit der Phantaſte viel gelitten hat, in dem ruhigen Rundgang täglicher Pflicht und praktiſcher Intereſſen, welchen ein wohlgeregeltes Leben darbietet, eine eigenthümliche Kraft der Beſchwichtigung liegt? Seine Liebe fur Ginevra war mit Erinnerungen heftiger Freude und leide ſchaftlicher Erregung verknüpft; ihre Religion war das Hinderniß, das zwiſchen ihm und dem Gluͤcke ſtand; ſie war ihm die Quelle ſchmerzlichen Elends und qualvoller Angſt für die Zukunft. Er war flarker Erregungen fähig, hatte aber keinen Geſchmack dafür, und er überredete ſich leicht, daß er gegen Gi⸗ nepra's religiöſen Glauben einen ſteigenden Wider⸗ willen empfinde, und nicht bloß gegen die Schwierig⸗ keiten, die ihm derſelbe in den Weg legte. In jeder Form einer ernſten Religion liegt ſo viel Vortreffliches und Anziehendes, und alte Gewohnheiten und Ver⸗ bindungen haben einen ſolchen Einfluß auf das menſch⸗ liche Herz und Gemüth, daß er, als er Anna mit Be⸗ wunderung und Theilnahme anſchaute, einen feurigen Wunſch empfand, der ſich bald zu einer feſten Ueber⸗ zeugung ggerte, ſeine Gattin moͤchte veranlaßt werden können, die Anſichten ihrer Schwägerin anzunehmen und zu ihrer Religion überzutreten. Er konnte nicht ohne Aerger an die Möglichkeit denken, den Beſitz dieſer Erbgüter, die ihm jetzt werthvoller erſchienen, *) Jacob Abbot. 247 als je zuvor, zu verlieren oder ſich auch nur dieſer Gefahr auszuſetzen, und wenn er immer neue Beweiſe für die Unbeugſamkeit ſeines Vaters ſah und ſich jeden Tag unfähiger fühlte, gegen die eiſerne Starrheit ſeiner Vorſätze anzukämpfen, ſo fam er zuletzt, ſelbſt wenn er ſich vorgenommen hatte, den gleichen Trotz entgegen zu halten, zu der Ueberzeugung, daß bei die⸗ ſem Kampfe alle Vortheile der Stellung gegen ihn ſeien. Zum erſtenmal drängte ſich ihm jetzt die Idee auf, daß Ginevra nachgeben müſſe. Er bedachte ihre Jugend; er ſuchte ſich zu überreden, daß ihre Ueber⸗ zeugungen nicht tief gewurzelt ſeien und daß das Bei⸗ ſpiel Anderer, ſein inſtändiges Flehen und die Macht der Umſtände nach kurzer Zeit das ſo heißerſehnte Reſultat bewirken könnten. Er dachte ſo zuverſichtlich an Erfolg, daß ſeine Lebensgeiſter ſich wieder ermun⸗ terten und er ſeine Phantaſie mit verſchiedenen Ge⸗ mälden der Zeit erheiterte, wo er der erſtaunten Welt ſeine Ehe erklären und Ginevra im Triumph zu ſeiner entzückten Familie führen würde. Sein erſter Schritt war, daß er an Walter Sydney ſchrieb und ſich erbot, ihm einen Beſuch auf Heron Caſtle abzuflatten. Es ſchwebten zwiſchen beiden Familien einige Geſchäftsan⸗ gelegenheiten ob in Betracht der Ländereien von Darrell Court, welche an Mr. Sydney's Gut grenzten, und dieß gab einen plauſibeln Grund für ſeinen Vorſchlag. Er war ungemein neugierig, Ginevra's Bater und Schweſter zu ſehen, und es war für ihn der Gegenſtand eines unausſprechlichen Intereſſes, all die Eigenthüm⸗ lichkeiten dieſes Hauſes zu beobachten, in welchem ſie bald unter ſo ſeltſamen Umſtänden aufgenomen wer⸗ den ſollte. Nur mit tiefem Widerwillen dachte er daran, daß er Oberſt Leslie's Haus wie ein gewöhnlicher Bekannter betreten ſollte, und dieß, verbunden vielleicht mit einer unwillkürlichen Furcht vor Walter, veranlaßte die Ver⸗ ſpätung ſeines Beſuchs, welche Margaret beim Anfang ihrer Bekanntſchaft ſo ſehr quälte. Als er ſte bei Mrs. Thornton traf, brachte ihn der Klang ihrer Stimme und etwas Eigenthümliches in ihrem Ausdrucke, was ihn ſtark an ſeine Frau erinnerte, beinahe außer Faſſung. Als Walter's Unſall ihn nöthigte, ſich auf Schloß Grant⸗ ley für einige Zeit feſtzuſetzen, ſchüttelte er dieſe Gefühle ab und bemühte ſich, auf's Allergenaueſte die Charaktere, die Empfindungen und Anſichten zu prüfen, welche vor⸗ ausſichilich auf Ginevra und ihre Handlungen Einfluß üben konnten. Beſonders Margaret beobachtete er mit unnachläßlicher Aufmerkſamkeit, aber dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit war durchaus ſo ſelbſtfüchtig, ſeine Gedanken waren ſo gänzlich von ſeinen eigenen Sorgen und Ent⸗ würfen in Anſpruch genommen, daß es ihm nicht ein einziges Mal einfiel, daß er ſie an ſich feſſeln und ihren Seelenfrieden gefährden werde. Einmal war er im Begriff, ihr ſein gefährliches Geheimniß anzuver⸗ trauen, aber er freute ſich, daß ſie ihm durch ihr haſtiges Wegg hen eine gefährliche Unklugheit, wofür er es bei nachfolgender reiflicher Betrachzung hielt, erſpart hatte. Einmal war er auch geneigt, Walter Sydney um Rath zu fragen, aber auch er hatte der Mittheilung, welche er ihm machen wollte, Einhalt getyan, und die Ent⸗ fremdung zwiſchen ihnen, die bald nach ſeiner Ankunft in Grantley begonnen hatte, nahm ſo ſichtlich über⸗ hand, daß er bald jeden Gedanken aufgab, ihm die Wahrheit mitzutheilen. Und wenn er in den kurzen Augenblicken des Verkehrs mit Ginevra, welche er nach ihrer Ankunft zu erhaſchen vermochte, mit einer Art von hilfloſer Verzweiflung fühlte, daß er, ſo ergeben, † ſo zärtlich, ſo demüthig und geduldig, ſo bereit ſie war, Alles von ihm und fuͤr ihn zu ertragen, dennoch in dem Punkt, um welchen ſeine Hoffnungen und Ent⸗ würfe ſich drehten, all ſeine Kraft vergebens aufbot, daß ſeine verzweifelten Anſtrengungen, ſeine kalte Ent⸗ ſchloſſenheit, ſein wilder Groll, ſeine ſpitzfindigen Vor⸗ ſtellungen und ſeine leidenſchaftlichen Bitten über ihre Standhaftigkeit hinwegfuhren, wie der Schaum des Meeres uͤber den Felſen, und zwar allerdings Spuren —— —= 249 ihres Hinganges, geheime Thränen und ſtille Leiden zurückließen, aber keine Bahn brachen und keinen Halt gewannen; wenn er dieß ſah, ſo freute er ſich, gleich als wäre er einer Gefahr entronnen, daß er Niemand das Geheimniß der Bande, durch welche ſie verknüpft waren, anvertraut hatte. Er hatte alle in ſeiner Ge⸗ walt ſtehenden Mittel verſucht, aber mit allen fehlge⸗ ſchlagen. Eiſerſüchtig, unruhig und unglücklich konnte er ſeine Exiſtenz kaum ertragen und ſeine Ungeduld kaum beherrſchen. Er liebte ſie mit Leidenſchaft, und der Gedanke, ſie zu verlaſſen, machte ihn elend; aber da zu bleiben, Tag für Tag ſeine Gefühle zu verhehlen, die Geliebte nur aus der Ferne beobachten, es kaum wagen zu dürfen, ſich ihr zu nähern, ſeine Augen einige Minuten auf ſte zu heften oder einige Zeit an ihrer Seite zu verweilen, das war eine Qual, die er nicht zu ertragen vermochte. Daß ſein Vater, wenn ſie gegenſeitig ihre Kräfte maßen, obſiegen würde, war begreiflich, und ſo ärgerlich es war, ſo konnte er ſich doch über dieſes Reſultat kaum wundern; aber daß dieſes ſanſte Geſchöpf, dieſe leibhaftige Holdſeligkeit und Unterwerfung, dieſes Kind von ſiebzehn Jahren, deſſen Herz er ſo gänzlich beſaß, ſeine Pläne vereiteln und durchkreuzen ſollte, daß ſie über alle ſeine Anſtrengun⸗ gen, ihre Entſchloſſenheit zu überwinden und ihre Will⸗ fährigkeit zu erzwingen, triumphirte, das verſetzte ihn zuweilen in ſolche Wuth, daß er beinahe ſelbſt nicht wußte, ob es nicht vielmehr Haß als Liebe ſei, was er für ſie empfinde. Aber wenn er daran dachte, zu gehen, dieſes Haus zu verlaſſen, wo ſie lebte, dieſen Ort, wo er ſie wenigſtens ſehen, ihre Simme hören und den abwechſelnden Ausbrüchen des Zornes und der Zärtlichkeit Raum geben konnte, dann fühlte er an dem Schmerz der ſein Herz zerriß, daß er ſie zu innig, zu feurig liebte für den Frieden ſeines ſelbſtſüchtigen und ungeſtümen Geiſtes. Ihre Anhänglichkeit an ihren Vater, ihre Zärtlichkeit für ihre Schweſter, ihre Ver⸗ trautheit mit Walter, die Bewunderung, welche ſie ge⸗ ——.ͦͤͤͤͤͤͤͤ . 250 legentlichen Beſuchen einflößte, und der Ton, womit man ſie trotz der Rückhaltung ihres Benehmens wie eine Perſon anredete, der, es frei ſtehe, die Huldigungen und Aufmerkſamkeiten Anderer zu empfangen, das Alles war eine unbeſchreibliche Qual für ihn. Es ſchien, als ob Jedermann um ſie her größere Anſprüche auf ſite beſäße, als er ſelbſt, und doch war er ihr Gatte; wenn er wollte, konnte er ſie auf einmal aus dieſem Hauſe reißen, ſie von ihrer Familie trennen und ſein Recht auf ihre ausſchließliche Hingebung ſicherſtellen. Zuweilen überredete er ſich in ſeiner argwöhniſchen Er⸗ bitterung, daß ſie die Bekanntwerdung ihrer Che nicht wünſche— daß ſie aufgehört habe, ihn zu lieben, daß ſte ihn wegen ſeiner ſelbſtſüchtigen Feigheit verachte, ſich mit ihrer dermaligen Stellung begnüge und die Abſicht habe, ihn für immer wegzuwerfen. Selbſt ihre Geduld und Sanftheit ärgerte ihn, und zuweilen wollte es ihn, den Betlüger und den Tyrannen, bedünken, als ſei er von ſeinem Opfer beleidigt und ſchlecht be⸗ handelt, weil ſie bloß im Stillen duldete und im Ge⸗ heimen weinte. Am Tage vor ſeiner Abreiſe von Schloß Grantley, auf welche im letzten Kapitel angeſpielt wurde, hatte er von ſeiner Schweſter einen Brief erhalten mit ge⸗ heimnisvollen Andeutungen auf ein Gerücht, das zu ſeinen Eltern gedrungen ſei und ſie in die größte Be⸗ ſtürzung verſetzt habe. Sie erſuchte ihn, ſogl ich nach Clantoy zurückzukehren und ſie Alle von der Qual des bangen Zweifels zu erlöſen. Verlegen und rathlos be⸗ ſchloß er, ſich theilweiſe ſeinem Onkel Mr. Waren anzu⸗ vertrauen; er geſtand ihm ſeine Neigung zu Ginevra, ſpielte leicht auf eine frühere Bekanntſchaft, die er in Italien mit ihr gemacht habe, an und befragte ihn über die beſte Art, ſeines Vaters Einwilligung zu die⸗ ſer Ehe zu erhalten. Er fand ſeine eigene Anſicht von ſeines Vaters Unbeugſamkeit zehnfach bekräftigt in die⸗ ſer Unterhaltung, aber zugleich ſprach ſich ſein Onkel mit großer Zuverſicht darüber aus, daß Ginevra wahr⸗ — 251 ſcheinlich zum proteſtantiſchen Glauben übergehen werde, wenn man ihr die Dringlichkeit des Falles vorſtelle und nur allmählig auf ſte einwirke. Edmunds Hoff⸗ nungen wurden durch dieſe Anſicht von der Sache neu belebt; er begann ſich des Gedankens zu erfreuen, daß Andere das Mittel der Ueberredung wirkſamer anwen⸗ den könnten, als er ſelbſt, während er den Wünſchen ſeiner Schweſter gemäß auf eine Weile nach Irland zurückkehrte. Aber als er am Abend dieſes Tags auf der Parkterraſſe mit Ginevra zuſammentraf und ſie allein beiſammen ſtanden, den dunkeln Winterhimmel über ihren Köpfen und die düſtere Zukunft auf ihren Herzen laſtend, da zerriß der Kampf zwiſchen Kummer und Leidenſchaft, zwiſchen Liebe und Zorn alle Bande. Ihr Geiſt erhob ſich in dieſer Stunde und das ge⸗ dämpfte Feuer, das ſo lange in ihrer Bruſt geklommen, brach, durch nächtliche Gebete und tägliche Kämpfe unterhalten, endlich los, und die Leidenſchaft ihrer italieniſchen Natur erſchütterte beinahe krampfhaft ihre gebrechliche Form. Während ſie in ihrer eigenen Sprache die Geſchichte des erlittenen Unrechts ausgoß und dabei ſelbſt erſchauderte, da tauchte ſie tief, tief in ihr eige⸗ nes und in ſein Herz, und ſchob mit ungeſtümen, über⸗ wältigenden Gründen die nichtigen Ausflüchte zur Seite, durch welche er ihr die Wahrheit vorzuenthalten ſuchte; ſie entrollte die Vergangenheit vor ſeinem erbebenden Blicke, und dann rief ſie, indem ſie ſeine Hand in der ihrigen hielt und mit der andern auf den Himmel deutete: „Und wenn Du am Tage des letzten Gerichts da⸗ ſtehen wirſt, wie wirſt Du es vor Deinem Schöpfer verantworten, daß Du eine menſchliche Seele in Ver⸗ ſuchung geführt und zerſtört haſt?“ Nein, Edmund, nein,“ fuhr ſie fort, während ein Strom von Thränen auf ſeine Hand ſiel, welche ſie noch immer in der ihri⸗ gen gedrückt hielt;„nein, Du wirſt auf ein ſolches Verbrechen nichts zu antworten wiſſen. Der Tag wird 25² kommen, wo Du Gott danken wirſt, daß ich Deinen Thränen widerſtehen und Dein Herz zerreißen konnte.“ Sie verließ ihn ſchnell, denn das Getöne von Tritten hatte ſie in dieſem Augenblicke aufgeſchreckt: aber er reiste am folgenden Tage ab, und ihr Ge⸗ wiſſen machte ihr Vorwürfe wegen ihrer Heſtigkeit, ihr Herz ſtrafte ſie für das, was ſie in ihrer gefuhlvollen Zärtlichkeit Unfreundlichkeit nannte. Dieſen langen Abend hindurch konnte ſie nicht einen einzigen Blick der Liebe, nicht ein einziges Zeichen der Verzeihung erlangen. Sie ſehnte ſich, zu ſeinen Füßen zu knieen, und ſie konnte nicht einmal ſeinen Augen begegnen oder ein Wort an ihn richten. Als die Zeit des Auf⸗ bruchs der Geſellſchaft näher kam, da kannte ihr Schmerz keine Grenzen mehr. Als die alte Dogge, welche der Lieblingsgefährte ihrer Spaziergänge und der Gegen⸗ ſtand ihrer Pflege während der erſten Wochen ihrer Ehe geweſen, in'’s Zimmer hereinſtürzte, da war es ihr, als ſei ſie gekommen, um für ſie zu ſprechen in dieſer. erſten Stunde wirklicher Entfremdung, und durch die Verſe, welche ſte an den ſtummen Vermittler richtete, appellirte ſte an das vor Hochmuth und Groll ver⸗ ſchloſſene Herz. Das wohlbekannte Lied, das er in ihren kurzen Tagen des Glückes ſo oft mit ihr gee: ſungen und deſſen Worte eine Antwort auf ihr Flehen bildeten, war ein Pfand der Verſöhnung. Sie kamen wieder zuſammen, und die Thränen, welche von Beiden vergoſſen wu den, und die ſchweigſame Verzeihung, welche Jedes von dem Andern erbat und erhielt, und einige ſchwache Ausdrücke der Hoffnung von ſeiner Seite, und Worte der Geduld und der Zaͤrtlichkeit von der ihrigen, und eine lange Uma mung und ein ſtummes Lebewohl, und dieſe Seite des Lebens war überſchlagen; die ſtürmiſche Zuſammenkunft mit Margaret, welche darauf folgte, eröffnete ſofort eine neue Aera in Gi⸗ nevra's eigenthümlicher Cxiſtenz. ——— — ——=. komm Thrän S Tritten abe er 3 4 wiſſen m Herz ſtre 94 Zärtlichke Abend hi⸗ 1 der Liebe, erlangen. und ſie k⸗ oder ein V bruchs der keine Grer Lieblingsg ſtand ihr Ehe gewe als ſei ſie erſten St Verſe, n appellirte ſchloſſene ihren k' ſungen bildete wiede vergo weld ¹ einj Se de