—— Leihbibliothek ⅜ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rücgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 22 Bücher- Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 M 6. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3* „ 2.„ 1 7 5. Auswärtige Abonne a haben uc Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eine Woche war beinahe verſtrichen, und die Graͤfin Wernerode hatte Edmond nicht geſehen, als er, am zweiten Morgen des Tages, an welchem Elwangen den Damen ſeine kleinen Geſchenke verehrt, zu ihr eilte, Mmeldend: daß ſein Freund, ploͤtzlich unwohl geworden, ihn erſucht, durch dies Hinderniß, ſein geſtriges Ausbleiben zu entſchuldigen; daß er jedoch Arzt oder ſonſtige Huͤlfe ver⸗ ſchmaͤhe. Alſogleich fuhr die Graͤfin ſelbſt, mit Cederſtern, zu dem Patienten hin; ſie traf ihn im ſtarken Fieber, aber bei voͤlligem Bewußtſein, und verſichernd: daß es keine Gefahr habe. Euphemiens geuͤbter Blick be⸗ lehrte ſie inzwiſchen eines Andern, und mit der II. 1 — 2— Umſicht und Ruhe, die, in ſolchen Gelegen⸗ heiten, auch juͤngern Frauen eigen, veran⸗ ſtaltete ſie das Noͤthige. Ihren Arzt, den erſten in der Stadt, eine gute Waͤrterin, kurz jede Pflege ſchaffte ſie herbei. Außer dem Bedienten, der ſeinem Herrn ſehr er⸗ geben ſchien, weilte noch Edmond mit dem Freunde, und er verhieß der Graͤfin genauen Rapport von Allem. Ungeduldig harrte ſie des Arztes; er kam endlich, und wagte noch keinen Ausſpruch uͤber die Krankheit, die er nicht fuͤr gleichguͤltig erachtete. Der Die⸗ ner wurde ausgefragt, ob etwas Ungewoͤhn⸗ liches mit dem Leidenden ſich zugetragen; er verneint' es; nur hab' er, in der letztern Zeit, ihn ernſter noch und einſilbiger gefun⸗ den, nicht ſelten ſchreibend bis an den grauen Morgen, und nie geſtattend, daß er auf⸗ bleibe; allein die Unruhe um den theuern Gebieter habe ihm keine Raſt erlaubt, und — 3— er oͤfter durch's Schluͤſſelloch geguckt, ob ihm Nichts fehle. Seit einigen Tagen ſei die Rede geweſen von der nahen Abreiſe, als geſtern, bewaͤltigt von heftigem Fieber⸗ ſchauer, ſein Herr ſich legen mußte, wobei er ſagte, daß er jetzt wohl nicht ſo geſchwind fortkoͤnne. Der Arzt, welcher den Kranken heute zum erſten Male ſah, ſchloß hieraus auf moraliſche Affecte, und daß er, durch Ueber⸗ reizung der Nerven und angeſtrengtes Nacht⸗ wachen, in dieſen Zuſtand verfallen. Wie nun aber diejenigen phiſiſchen Uebel am Hartnaͤckigſten, die ihren Sitz im Gemuͤthe haben, ſo war es auch bei Elwangen kein Leichtes, dem Erzfeinde alles Lebens mit Wirkſamkeit entgegenzuarbeiten. Der drin⸗ genden Empfehlung der Graͤfin Wernerode bedurft' es fuͤr den wackern Heilkuͤnſtler nicht, ſich des Patienten mit groͤßtem Eifer 1* 4= anzunehmen; ja, es gereichte dem ſpekulati⸗ ven Kopfe des genialen Mannes immer zum beſondern Sporn, da zu helfen, wo Seele und Koͤrper im Streite, die Huͤlfe am Schwierig⸗ ſten ward. Indeß die engen Grenzen ſeines Wiſſens kannt' er am Beſten, und war es auch ſein Prinzip: zu hoffen, ſo lange der Menſch nicht geſtorben, ſo war das doch nicht Alles. Sorgenvoll kehrte Frau von Wernerode nach Hauſe, was um ſo minder ſich verber⸗ gen ließ, als ſie auch dort noch Manches fuͤr den Kranken anzuordnen hatte, und noch mehrmals im Tage zu ihm ſchickte. Die Graͤfin Donheim und Marie waren ſehr beſtuͤrzt, und verſchieden, wie ihre Cha⸗ raktere, auch verſchieden ergriffen. Amalie im eigenen Leid ſo ſchweigſam, ſprach viel von Elwangen und ihrer Bekuͤmmerniß um ihn; ſie erſchoͤpfte alle Moͤglichkeiten, faßte — 5— auch die truͤbſte in's Angeſicht; beklagte ſich, vielleicht einen Freund zu verlieren, beklagte ihn, der ſo jung, im fremden Lande, fern von den Seinigen, ſterben muͤſſe, und ſagte dann wieder:„Er ſieht ſo ungluͤcklich aus, der Arme, daß, wer ihn liebt, ihm die Ruhe des Grabes nicht mißgoͤnnen ſollte.“ Marie war erblaßt und verſtummt; Ama⸗ liens Worte thaten ihr weh; ſie haͤtte jeden Moment Kunde gewuͤnſcht von Guſtav, ge⸗ traute ſich aber nicht, nach ihm zu fragen, noch ſeinen Namen zu nennen; die Vorſtel⸗ lung ſeines Todes wies ſie ab, ſie waͤre vor ihr verſunken. Spaͤhend haftete jedoch ihr Blick auf Euphemien, dieſe zu errathen. Ungern theilte die Graͤfin ihre Beſorgniß mit, ungerner noch verlieh ſie Hoffnung, wo ſie ſelber zagte. Allein ihr entging nicht Mariens Unruhe, nicht die Spannung, in —6— welcher ſie aufhorchte, wenn man Antwort brachte von dem Patienten, nicht der Schmerz, der ſich in ihren Zuͤgen malte, als des fol— genden Tages, von dem jungen Manne zu⸗ ruͤckkommend, ſie den beiden Toͤchtern nichts Troͤſtliches zu berichten. Der Arzt fuͤrchtete, bei der Gehirnentzuͤndung, ein Nervenfieber. Ganz ſtill verhielt ſich Marie; aber ſie nahm faſt keine Nahrung zu ſich, nur an der Himmelsſpeiſe des Gebetes ſich erquickend, vergoß auch nicht Thraͤnen, wie Amalie, die um das, fuͤr ſie, hoͤhere Ungluͤck nicht hatte weinen koͤnnen; ihr trockenes Auge lenkte ſich nach Oben, an der einzig wahren Quelle den Thau der Huͤlfe zu ſuchen. Wie ſehr nun auch die Graͤfin Werne⸗ rode ſich beſchaͤftigte mit Elwangen, den Alles liebgewonnen; wie ſehr mit Edmond, der von dem Freunde ſich nicht trennen mochte, und Gefahr lief, ſelbſt zu erkranken, — es blieb in ihrem Herzen noch ein Punkt fuͤr die lebhafteſte Beunruhigulig: das Herz Mariens. Schon einige Male war die Ver⸗ muthung in ihr aufgeſtiegen, daß ſie, die ſo kalt durch die Menge geſchritten, die Ed⸗ monds feurige Mienenſprache nicht verſtan⸗ den, die nicht gebangt vor ihrer Zukunft, daß ſie ergluͤht ſei fuͤr Ihn, der von Allen am Wenigſten in ihre Verhaͤltniſſe paßte. Eu⸗ phemia wollt' es als Taͤuſchung betrachten; doch umſonſt! Nie hatte ſie Marien ſo ge⸗ ſehen, nie dieſer innern Vernichtung ſie faͤhig geglaubt. Sollte ſie die Sache eroͤrtern? Was ſie dabei riskire, verhehlte ſie ſich nicht, auch nicht, wie ſchaͤdlich hier Schwei⸗ gen werden koͤnne. Sie beſchloß endlich, noch groͤßere Beſtaͤtigung abzuwarten. Vor⸗ und Nachmittags verfuͤgte ſich jetzt die Graͤfin Wernerode zu Elwangen; es heiſchte dies nicht ſowohl die Chriſtenpflicht fuͤr den Fremdling, als ihre muͤtterliche Zu⸗ neigung fuͤr ihn. Er erkannte ſie nicht im⸗ mer; aber es war, als beherrſche, ſelbſt im Delirium, ſein eiſerner Wille jedes Wort, das zu Offenbarungen uͤber ihn fuͤhren durfte; ein einziges Mal nur entſchluͤpfte ihm, in ihrem Beiſein, der Fieber⸗Ausruf:„O, daß ich mir den Bruder gemordet!“ Die Graͤ⸗ fin, peinlich davon beruͤhrt, bat Edmond, Dergleichen vor Verbreitung zu huͤten. Ce⸗ derſtern betheuerte: daß er, bis dieſe Minute, nichts Aehnliches von ſeinem Freunde gehoͤrt, und aus ſeinen, meiſt ganz abgebrochenen, Phraſen ſich kein Zuſammenhang bilden laſſe; auch kein Name, den er kenne, ihm entfal⸗ len ſei. Sieben lange Tage hatte bereits die Krankheit Elwangens gedauert, und noch ſchwebte man in Ungewißheit uͤber ihn, ob⸗ ſchon die Entzuͤndung beſeitigt worden. — 91— Da trat Marie, am Morgen des achten Tages zu der Graͤfin Wernerode in's Zimmer, ein kleines, aus Elfenbein kuͤnſtlich geſchnitz⸗ tes, Krucifix in ihrer Hand, und ſprach in bebenden Toͤnen:„Dies Bild des Erloͤſers hab' ich von meiner frommen Mutter; ſie legte, in jener ſchweren Krankheit, in welcher ſie der Kirche mich verlobte, zoͤge der Engel des Todes ſchonend an mir voruͤber, ſie legt⸗ es damals, mit glaͤubigem Sinn, auf meine Bruſt, und der Engel des Lebens kehrte zu⸗ ruͤck. Die Graͤfin Wernerode thue heute bei Elwangen, wie die Mutter an mir gethan! Geneſet er, ſo verbleibe ihm, als Angedenken an Marien, und als Gegengabe fuͤr ſein koſtbares Geſchenk, was das Koſtbarſte ihr von all ihren Beſitzthuͤmern; ſtirbt er aber, nun ſo verſenke man das Kreuz mit mir in die Gruft, die wohl, mit der ſeinigen, ſich oͤffnet..“ — 10— „Um Gott, Marie!“ rief Euphemia, die Marmorbleiche in ihre Arme druͤckend;„Ma⸗ rie, Du liebſt den jungen Maler?“ „Noch hab' ich nicht Worte, gute Mut⸗ ter,“ verſetzte Steinholms Tochter,„fuͤr das, was er mir einfloͤßet. Iſt es Liebe, daß, ſeit lange, er meiner Tage, wie meiner Naͤchte, Traum; Liebe, daß, wenn ich ihn kommen hoͤrte— und ſeinen Tritt unterſchied ich von allen uͤbrigen— mein Herz, in lau— ten Schlaͤgen, ſeine Naͤhe verkuͤndete; Liebe, daß, wenn er nun da war, und mit mir nicht anders, als mit der Graͤfin Wernerode, und nicht ſo freundlich, wie mit Amalien, daß ich dann wuͤnſchen mußte, er waͤre nicht gekommen, und ich koͤnnte noch ungeſtoͤrt der ſuͤßen Taͤuſchung mich uͤberlaſſen: die Erſte und Einzige ihm zu ſein; Liebe, daß, ſeit er mit dem Tode ringt, auch das Leben in mir ſtocket, und keine Zaͤhre aus dem — 1— Innerſten ſich loswindet; Liebe, daß, um ihn zu retten, ich freiwillig dem Kloſter mich vermaͤhlen wuͤrde, das doch ſein Bild aus⸗ ſchließet, und ſomit die Sonne meiner Bruſt; Liebe, daß ich mir keine Welt mehr denken kann ohne ihn, nur ein finſteres Chaos; heißt das Liebe, verehrte Frau, nun ſo lieb' ich Elwangen, und bin ſehr ungluͤcklich; denn er liebt wohl mich nicht, deucht' es mir gleich, als zittere ſeine Hand, bei Ue⸗ berreichung der ſchoͤnen Landſchaft, die an meine Kindheit mich mahnt. Vielleicht eine Erinnerung nur von ſeiner Seite!“ „Und weiter ſiehſt Du hier Nichts, als das unerwiederte Gefuͤhl?“ fragte Euphemia. „Es iſt Alles fuͤr mich! Seine Liebe waͤre unvergaͤnglicher Tag in meinem Buſen, der, beſchienen von ſolchem Glanze, auch im Tode nicht erkalten, auch die dunkeln Mauern meines Kloſters mir in lichten Farben zei⸗ — 122— gen, auch ſie erwaͤrmen wuͤrde mit ihren hellen Strahlen: ein Sonnenleben ohne Ende! O, die Liebe dieſes Mannes truͤge zu den Sternen! Des irdiſchen Daſeins kurzer Bau, er iſt ja die Bruͤcke nur zu dem ewigen Dort, das Freude und Verklaͤ⸗ rung heruͤberwinket. Die laͤngſte Friſt, ſie verrinnet in den Strom der Zeit! Keine Furcht ſoll mich beſchleichen, weiß ich nur Ihn nicht todt, und ſo moͤge denn Gott den Theuern erhalten durch ſeines Sohnes Kraft!“ Hier preßte Marie das Kreuz an ihre Lippen, und es ſodann der Graͤfin hin⸗ gebend, fuhr ſie fort:„Zur geſegneten Stunde ſei es meiner zweiten Mutter anvertraut, ein zweites Mal meinem drohenden Genius zu wehren, daß er die Fackel ſtuͤrze!“ „Es geſchehe Dein Wunſch, meine Ma⸗ rie!“ entgegnete die Graͤfin,„und ich zweifle nicht, daß Elwangen geneſen werde; doch — 13— muß ich es tadeln an Dir: daß, mit ſeinem Leben, das Deinige erſterben ſoll, und die Braut des Himmels dem fremden Manne nachwill in der Erde Schooß....“ „Dem fremden Manne?“ unterbrach ſie Marie.„Mir iſt, als kenn' ich Nie⸗ manden ſo lange, wie ihn; als waͤr' ich geboren mit ihm; denn nicht weiß ich mehr, wie es war, bevor ich ihn gekannt! Erſt, ſeit Er die Morgenroͤthe eines nie geahneten Gluͤckes in mir heraufgezaubert, bin ich, und fiele ſein Eintritt in dies Haus nicht mit der Epoche zuſammen, die meine verehrte Beſchuͤtzerin und ihre Amalie in Trauer ge— huͤllt, es haͤtte die Froͤhlichkeit meiner Seele, jetzt umwoͤlkt von ihrem Kummer, es haͤtte das aufgethaute Leben in mir ſich auch nach Außen Platz gemacht, und die Graͤfin Wer⸗ nerode laͤngſt bemerkt: daß ihre Marie er⸗ wacht ſei zu ſchoͤnerer Bluͤte, obzwar bisweilen von ſeltſamer Unruhe und Schwermuth ge⸗ trieben, wie eben am Sterbetage meiner Mutter, der dieſes Mal mich tiefer noch, als ſonſt, bewegt: Vorlaͤufer wohl von Elwan⸗ gens Niederlage....“ „Und kenneſt Du ihn ſo lange,“ ſagte die Graͤfin, etwas verletzt,„daß Du nur fuͤr ihn noch Gedaͤchtniß, ſo kenneſt Du auch ſicher ihn genauer, als wir Alle, denen er ein unerforſchliches Raͤthſel geblieben.“ „Das kam nicht aus dem Herzen der Graͤfin Wernerode! Ich weiß von Elwan⸗ gen nicht mehr, beſte Mutter, als Sie; aber ich weiß, daß Er, der ſo verſchmolzen mit Allem, was Ihrem Kinde je werth geweſen, daß er nur gut ſein kann. Vergangenes birgt das Meer der Ewigkeit; ich tauche nicht hinab nach ſeinen Schaͤtzen; fuͤr mich ebt Guſtav erſt, ſeit ich ihn erblickt, wie er auch nicht ſtirbt fuͤr Marien. Doch jenes - — — 15— Symbol des hoͤchſten Schmerzes und der hoͤchſten Liebe, es wird ihn erretten, ich em⸗ pfind' es!“ „Und warum dies heilige Zeichen mir nicht fruͤher, biſt Du der Wirkung ſo gewiß?“ „Konnt' ich doch den Tod des Geliebten bisher nicht faſſen; ſein Leiden nur hemmte in mir den Athem, und ich waͤhnte: Gott hab' es uͤber ihn geſchickt, daß er zu friſchem Leben daraus erſtehe, die Krankheit auch ſei⸗ nes Innern brechend. Jetzt aber, wo die Graͤfin Wernerode ſo angſtbeklommen um ihn; wo ſie ſprechen von dem Momente, der das Licht dieſes Geiſtes ausblaſe auf ewig; die Glut dieſes Herzens auf ewig er⸗ ſtarre, jetzt bezwang ich meine Scheu; ich wußte, daß, mit der Entaͤuſſerung meines theuerſten Kleinodes, ich auch das Geheimniß meines Herzens preisgab.“ „ Und was nachher?“ fragte Euphemia. — 16— „Nachher? Nun, da wird der wieder⸗ erweckte Geiſt hinuͤberleuchten in meine ein⸗ ſame Klauſe, mich beruhigend fuͤr ihn....“ „So willſt Du das Geluͤbde Deiner Mutter erfuͤllen?“ „Muß ich nicht?“ ſeufzte Marie. „Und wenn Du nicht muͤßteſt?“ „Dann waͤr' ich ſelig, koͤnnt' ich ihn immer ſchauen, koͤnnte mein naßes Auge die duͤſtere Flamme des ſeinigen loͤſchend, ein reineres Feuer darin entzuͤnden, mein gluͤ⸗ hend Herz an ſein Herz ſich haͤngen, bis gleiche Waͤrme ſie beide durchdrungen! O, nur einmal wuͤnſcht' ich fuͤr Marien es auf⸗ lodern, nur einmal ihr Bild darin zu ſehen, 9 wie ſeines den Altar in mir gefunden! Mehr, als ſeiner Gedanken Ziel zu werden, wie er der Brennpunkt all der meinigen, mehr verlangte ich auch dann nicht, wenn kein Band an die Kirche mich feſſelte! Was = u— vermoͤcht er Herrlicheres mir zu gewaͤhren, als die Ueberzeugung: ſein Stern in dunk⸗ ler Nacht zu ſein, wie er das goldene Tagesgeſtirn Mariens! Daß ich, in mei⸗ ner kuͤnftigen Abgeſchiedenheit, ihn nicht denken darf, das iſt es einzig, was ſo mich quaͤlt!“ „Ich ließ Dich ausreden, meine Ma⸗ rie,“ begann hier die Graͤfin wieder,„um das Uebel recht zu ergruͤnden, bevor ich zu den Mitteln ſchreite. Haͤtt' ich entfernt ge⸗ muthmaßt, mit Elwangen den Störer Dei⸗ ner Ruhe bei mir aufzunehmen, er haͤtte meine Schwelle nie betreten, und nicht waͤre, wie Du ſehr richtig urtheileſt, das erſte Emporkeimen Deiner Neigung mir entgangen, wenn nicht gerade ſo Vieles mei⸗ nen Kopf durchkreuzt. Beachte jetzt, was ich Dir zu ſagen, und laß mich hoffen, daß es noch nicht zu ſpaͤt fuͤr Deine Wohlfahrt. II. 2 — 18— Waͤre Dein Loos auch nicht unabaͤnderlich, ſeit langen Jahren; duͤrfteſt Du einem Manne Dich vermaͤhlen, Elwangen waͤr' es nicht! Es giebt Ruͤckſichten in der Welt, meine Tochter, die man ehren muß, und Dein Vater, vor Allen, haͤlt ſtreng darauf. Nun iſt aber Elwangen nicht blos ein Frem⸗ der, deſſen Geſchicke Niemand kennt, er iſt auch buͤrgerlicher Abkunft, und nimmer ſchen⸗ ket Baron Steinholm dazu ſeinen Segen. Du glaubſt an des jungen Mannes Edelſinn, an ſeinen unverſchuldeten Gram; ich will es auch, obgleich, was er geredet in der Fie⸗ berhitze, nicht auf Schuldloſigkeit deutet; ich will ihn nicht verdammen auf dies ſchwache Zeugniß hin; allein damit endet meine Macht. Dein Vater wird eben ſo wenig den Schleier von Dir heben, als dem Maler Elwangen ſeine Tochter verheirathen. Des⸗ halb, meine geliebte Marie, waͤr' es vielleicht — 19— beſſer, ſchon jetzt Dich zu ſchirmen, vor irdi⸗ ſcher Gewalt, an geweihter Staͤtte....“ Mariens Farbe ſchwand. Hatte ſie, in ihrer Unerfahrenheit, ſich getrogen uͤber die Natur ihrer Sehnſucht, gemeint, in ihrer Unſchuld: daß Guſtav's Liebe Alles ſei, was zu ihrem Gluͤcke noͤthig, ſo hatt' es ſie vorzuͤglich beruhigt: unter einem Jahre ihr Noviziat nicht anzufangen, und ein Jahr, ſo reich an Begebniſſen fuͤr die Jugend, duͤnkt ihr auch unermeßlich. Nunmehr ſollte die Freiheit ihr verkuͤrzt werden durch den Einſpruch der Graͤfin, der zu gehorchen, wie ihrer Mutter, ſie gelernt, und jetzt wehte, zum erſten Mal, ein Schauer der nahen Ge⸗ fahr ſie an. Wuͤrde ſonſt Frau von Wer⸗ nerode zwoͤlf Monate fruͤher, und gegen den ausdruͤcklichen Befehl der verſtorbenen Mut⸗ ter, ſie dem Exil uͤberliefern? Euphemia ſah, wie betroffen Marie war, und ſetzte hinzu: 2* — 20—, „Es konnte nicht meine Abſicht ſein, Dich zu erſchrecken, und Deinem Gutduͤnken bleib' es anheimgeſtell, meinen Antrag zu billi⸗ gen oder nicht. Nur Verſuchsweiſe ſchlug ich Dir die Trennung vor. In dem hieſi⸗ gen Schweſternhauſe zu St. Hedwig, iſt die Aebtiſſin mir verwandt, eine wuͤrdige, milde Frau, die auch, nach vielen Erdenſtuͤrmen, in den Hafen Gottes eingelaufen; zu ihr wollt' ich Dich geleiten, mit Erlaubniß Deines Va⸗ ters, dem wir den wahren Grund verſchwie⸗ gen haͤtten. Dort ſollteſt Du Dein Herz zur Ruhe wiegen durch Ihn, der keinen Neben⸗ buhler duldet; ſollteſt, im Gebet, Dich ſtaͤr⸗ ken zur Aufopferung, und war Elwangen fort, zu mir zuruͤckkehren, bis nach Deinem vollendeten zwanzigſten Jahre, wenn Du nicht etwa lieber gleich im Kloſter. verharrteſt.“ „Goͤnnen Sie mir Friſt, beſte Mutter! Dies Geſpraͤch hat Wunden in mir aufge⸗ — 21— deckt, die ich nicht gekannt, und eine Angſt wird rege in meinem Buſen, die wohl nicht allein der Krankheit Elwangens, die auch der eigenen angehoͤrt. Daß nur ich ſeinen Anblick miſſen ſoll, wenn Alles, was ihn liebt, ſeiner Geneſung ſich freuen darf, ach, das ſchmerzt mich ſehr, und die Graͤfin Wer⸗ nerode verzeih' es mir Armen, daß ich hier nicht gleich mich zurechte finde.“ „Gehe nun, meine Tochter, und erhole Dich! Ich werde unterdeß zu unſerm Freun⸗ de; vielleicht bring' ich guͤnſtigere Botſchaft, als der ausgeſandte Diener.“ Und die Graͤ⸗ fin entließ, mit trauernder Seele, das holde Maͤdchen. Leider hatte auch Elwangen ſich nicht gebeſſert; noch kam Alles auf die zoͤgernde Criſis an. Gewiſſenhaft vollſtreckte Frau von Wernerode Mariens Gebot, und hing, mit eigener Hand, das, an einer ſeidenen — 22— Schnur befeſtigte, Krucifix dem in Lethargie Dahinliegenden um. Die ſchlimme Nach⸗ richt: daß es beim Alten, betruͤbte tief die Ihrigen. 4 So ſaßen die drei Damen, Nachmittags, bei einander, in banger Erwartung des zu Geſchehenden. Keine wagte, ihr Denken in Worte zu kleiden. Mutter und Tochter hatten Elwangen aufgegeben, nur in Ma⸗ riens Bruſt ſchlummerte die Hoffnung noch. Der Arzt, dem ſie ihn anvertraut, er wuͤrde ihr Vertrauen nicht zu Schanden machen. Von Allen war nun ſie die Muthigſte, in dem feſten Glauben an die Unfehlbarkeit ih⸗ res Mittels. Da trat der Kammerdiener herein, eine fremde Dame zu melden.„O, nur keinen Beſuch der Art!“ verwies ihn die Graͤfin. „Er waͤre der ungelegenſte von der Welt.“ „Das haͤtt' ich mir in der That nicht — 23— traͤumen laſſen!“ rief von Außen eine be⸗ kannte Stimme, und vor den freudig Er⸗ ſchrockenen ſtand die Graͤfin Forville. „Mathilde!“ erſcholl es aus dem Munde Euphemiens und ihrer Tochter, und dieſe ſchluchzte laut an dem Halſe der Theuern, fuͤhlend: daß ſie ihretwegen aus Frankreich hergeeilt. Amaliens erſtes Wort, als ſie ſich geſammelt, war:„Jetzt bin ich auch beruhigt um unſern Kranken! Solches Gluͤck ziehet nicht ein ohne Gefolge.“ „Und wer iſt der Kranke in Eurem Hauſe, den meine Ankunft heilen ſoll?“ fragte Mathilde.„Wuͤßt' ich doch Niemand ſo verliebt in mich,“ fuhr ſie muthwillig fort,„daß meine bloße Gegenwart hinreichte, ihn vom laͤſtigen Tode zu befreien.“ „Du biſt noch immer die Alte, in jeder Hinſicht!“ ſagte Euphemia, nachdem auch ſie der Freundin in zaͤrtlicher Umarmung — 24— gedankt; denn hatte ſie gleich das Schreiben der Tochter an Frau von Forville nicht ge⸗ leſen, und ahnete ſie auch nicht Amaliens ganzes Mißgeſchick, ihr Mutterherz vielmehr damit beſchwichtigend: daß die Graͤfin Don⸗ heim aufgehoͤrt, ihren Gatten zu lieben: ſo⸗ zweifelte ſie doch eben ſo wenig, wie dieſe, daß Mathilde, einzig ihr zum Troſte, die Reiſe, im ſtrengen Winter, unternommen. „Nun, und wer iſt der Sterbende?“ wie⸗ derholte die Graͤfin Forville. „Elwangen iſt's, den Du ja auch ken⸗ neſt!“ antwortete Amalie. „Jener tiefſinnige Nordlaͤnder, den das Leben zu erdruͤcken ſchien?“ entgegnete Ma⸗ thilde, und ließ ſich von ihm erzaͤhlen.„Ich hoffe,“ begann ſie abermals ſcherzend,„er gehet nicht in den Tod, waͤr' es auch nur, um unſere Neugierde uͤber ihn zu befriedigen. Ich entſinne mich, daß Elwangen frappirte — 25— durch ſeine ausgezeichnete Geſtalt und ſeinen hohen Ernſt, den keine galante Franzoͤſin wegzutaͤndeln vermochte. Man war ſehr ge⸗ ſpannt, zu erfahren, was den jungen Schwe⸗ den ſo verduͤſtere. Die Frauen ſuchten eine ungluͤckliche Leidenſchaft dahinter, und er ward ihnen deſto intereſſanter; die Maͤnner ein Duell oder politiſche Anſichten, welche ihn verbannt aus ſeinem Vaterlande; Allen aber gefiel ſein feiner Ton. Indeß Paris iſt nicht der Ort, lange zu verweilen bei dem Einzelnen, und bald kuͤmmerte man ſich nicht mehr um ihn, der ohnedies ſchnell wie⸗ der verſchwand.“ Hierauf wendete ſich Frau von Forville zu Marien, die bisher geſchwiegen, und auf dem Punkte war, keine uͤberfluͤſſige Dritte zu werden.„Vermuthlich Fraͤulein Stein⸗ holm? Ich haͤtte Sie, wo immer, erra⸗ then; es giebt Perſonen, die wir uns juſt — 26— ſo denken muͤſſen, wie ſie ſind; andere von denen man ſich ſtets eine falſche Idee ent⸗ wirft. Und Ihr fragt mich gar nicht,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt,„warum ich da bin? Doch nicht etwa wegen des kranken Malers!“ „Wegen der kranken Freundin!“ rief Amalie.„Auf meinen Brief biſt Du ge⸗ kommen,“ fuͤgte ſie leiſe hinzu. „Was ſonſt, als ihr Herz,“ ſprach die Graͤfin Wernerode,„brachte Mathilden her? Sie wußte uns in Trauer, das genuͤgte ihr.“ „Faſt ſollt' ich den Irrthum nicht be⸗ richtigen, ſo ſchmeichelhaft iſt er fuͤr mich,“ antwortete Mathilde.„Doch der Wahrheit die Ehre! Nicht die kranke Freundin, der todte Oheim fuͤhrte mich zu Euch. Die Graͤfin Wernerode ſchuͤttelt unglaͤubig das Haupt, und in der Tochter Auge leſ' ich: „Raube mir nicht gewaltſam die ſchoͤne Taͤu⸗ — 22— ſchung.“ Es iſt aber nun einmal ſo, und unverdientes Lob will ich nicht ernten, ſon⸗ dern Geld; denn der Hintritt des alten Großonkels reifte meinen Entſchluß, geſteh' ich auch, daß Amalie und ihre edle Mutter einen bedeutenden Antheil daran hatten.“ „Und Graf Forville?“ fragte Euphemia, nicht uͤberzeugt von Mathildens Vorgeben, an ihr die Tugend kennend, jeden Dank von ſich zu lehnen.„Und Graf Forville ſandte die junge Frau ſo allein in die weite Welt?“ „Sagen Sie lieber, gute Graͤfin:„Und die alte Frau ließ den jungen Mann ſo ohne Mentor daheim?““ „Wie beneid' ich Dich um Deine Laune!“ ſeufzte Amalie. „Sie iſt nur die Frucht meiner gehoͤrigen Einſicht in den Werth, welchen wir menſch⸗ lichen Dingen und Verhaͤltniſſen beilegen — 28— ſollen; ſobald wir dieſe nicht uͤberſchaͤtzen, bleibt uns ſchon die frohe Laune, haben wir ſie anders je gehabt. Forville mag nun durchaus nicht alt werden, beſitzt uͤbrigens all die Liebenswuͤrdigkeit bejahrter und ge⸗ bildeter Franzoſen, die bei den Deutſchen, von vorgeruͤcktem Alter, nicht immer zu fin⸗ den; beſitzt auch den leichten Sinn, der uͤber manche Scrupel hinweghilft. Die Nothwen⸗ digkeit meiner Reiſe begriff er, und vertraut meinem Ehrgefuͤhl und meiner Anhaͤnglich⸗ keit fuͤr ihn, die er, bei einer Andern, laͤngſt erſchuͤttert haͤtte. Mich zu begleiten, ſchlug er aus, verhieß jedoch, die Gattin abzuholen, nach Beendigung ihres Geſchaͤftes in der Va⸗ terſtadt. Was jetzt an Paris ihn feſſelt, kann ich mir denken, nicht aber ihn aͤndern, und wollt' ich brechen, was nicht zu beugen iſt, ſo gaͤbe das fuͤr mich und ihn ſehr truͤbe Stunden. Daß ich, auf ſeinen Nebenwegen, 29— ihn nicht hindere und kleine Liebeleien zu unterſcheiden weiß von den achtungsvollen Empfindungen, die er fuͤr mich bewahrt, rechnet er mir hoch an, und kommt darum auch ſtets zu mir zuruͤck. Wir Frauen muͤſ⸗ ſen zeitig uns bequemen lernen, und haupt⸗ ſaͤhlich den Wahn meiden: mit gleicher Muͤnze zahlen zu duͤrfen; wir thun das nie ohne Nachtheil fuͤr uns. Dies mein ganzes Arkanum einer guten Ehe zwiſchen zwei ſehr heterogenen Weſen!“ So wie Marie ſchon fruͤher ſich entfernt, ſo nun auch die Graͤfin Wernerode, um die beiden Freundinnen ungeſtoͤrt zu laſſen. „Meine Amalie,“ ſagte jetzt Frau von Forville,„Du biſt ſehr gebeugt!“ „Es wird die Reue uͤber meine Thor⸗ heit noch in's Grab mich beugen!“ „Und Donheim?“ — 30— „Hat ſeinen Abſchied aus dem Staats⸗ dienſte gefordert, und lebt in England.“ „In England?“ rief Mathilde uͤber⸗ raſcht. „Ein Londoner Zeitungsblatt meldete neulich: daß der deutſche, reiche und kinder⸗ loſe Graf D**, den die Untreue ſeiner Ge⸗ mahlin von Haus und Hof vertrieben, ſich zu troͤſten ſcheine mit der glaͤnzenden Lady G**, die er, wie man ſich fluͤſtert, hei⸗ rathen werde. Urtheile von meinem Gram!“ „Darauf mußt Du Dich freilich gefaßt machen!“ verſetzte Mathilde. „Ich bin es, wie man eben auf Schmerz⸗ liches gefaßt iſt, bis es uͤber uns herein— ſtuͤrmt. „Donheim kann uͤbrigens erſt ſeit Kur⸗ zem in London ſein, Fuͤrſt Burgau ſprach ich zu Paris; er kam von dort, und nannte den Grafen nicht.“ — 31— „Das glaub' ich gern,“ erwiederte Ama⸗ lie raſch, und verdeckte mit ihren Haͤnden die helle Glut ihres Angeſichtes, die der Name Burgau hervorgelockt. „Wie, Amalie,“ rief Frau von Forville, uͤberraſchter noch, als zuvor,„Burgau iſt es, der Dein Gluͤck zertruͤmmert hat? Und ihm konnteſt Du Donheim opfern? O, dar⸗ uͤber moͤchte man blutige Thraͤnen vergießen! Nein, den Triumph haͤtt' er ſicher nicht ge⸗ feiert in meiner Naͤhe! Bei dieſem herz⸗ loſen Menſchen waͤre Mathilde Dein guter Engel geworden; ſie haͤtte ſo laut in Dein Herz geſchrien, bis es zur Beſinnung ſich ermannt. Deswegen auch hielt er mir nicht Stich, als ich von Dir und Deinem Ge⸗ ſchicke anfing, und meinte nur: derlei ereigne ſich ja oͤfter, und eine kluge Frau wiſſe ihre Partie zu nehmen, wie kein ganz dummer Mann ein Auge zu ſchließen, bedenkend: = 32= daß ſolche Suͤnden ihm wohl auch nicht fremd. „„Und Fuͤrſt Burgau,“ fragte ich, nicht ahnend, daß ich Amaliens Verderber vor mir habe,„Fuͤrſt Burgau ſcheute die raͤ— chende Nemeſis nicht, als er der jungen und reizenden Gattin ſich verband?““ „„Es zaͤhlet Jeder auf die Treue ſeines Weibes!“ lächelte er ſelbſtgefaͤllig,„und ich wuͤrde, ſchon aus Eigenliebe, kleine Coquet⸗ terien nicht bemerken; mehr war es vermuth⸗ lich auch bei der Graͤfin Donheim nicht!““ „Vermuthlich! Der Elende!“ ſprach Amalie empoͤrt. „Du ſiehſt, er wollte mich hier im Dun⸗ kel laſſen, errieth' ich oder wuͤßte, daß er Dei⸗ nen Bruch mit Donheim verſchuldet. Dies Eine charakteriſirt den ganzen Menſchen. Noch hatten die beiden Freundinnen nicht ausgeplaudert, als Euphemia wiederkehrte — 33— von Elwangen mit beruhigendern Nachrich⸗ ten. Die erwuͤnſchte Criſis war endlich ein⸗ getreten, und der Arzt nicht ohne Hoffnung fuͤr den Patienten. Marie hoͤrte nicht ſobald den Wagen der Graͤfin, als ſie ihr entgegenflog, und bei dem Ausrufe:„Es geht beſſer!“ wei⸗ nend in der Mutter Armen lag.„O, ich dacht; es wohl,“ lispelte ſie,„das ihn er⸗ retten muͤſſe, was mich gerettet!“ Und Amalie:„Sagt' ich es nicht, daß, mit der Graͤfin Forville, ein zweites Gluͤck uns leuchten werde!“ So hatte denn jedes ſeinen Glauben; aber Alles verſpuͤrte eine Freudigkeit, wie man ſie, in dieſem Hauſe, ſeit Monden, entbehrt. Mathilde ſchlug, nebſt ihrem Toͤchterchen und der Gouver⸗ nante, ihr Domicil bei der Graͤfin Werne⸗ rode auf. Elwangens Krankheit war uͤberwunden; II. 3 — 34— er kam zu ſich, erkannte die liebende Sorgfalt der Graͤfin; erkannte Edmonds treue Hin⸗ gebung, und dankte er ihnen auch nicht fuͤr das nackte Leben: ſo erpreßten doch ihre Großmuth und Freundſchaft ihm heiße Zaͤh⸗ ren: eine Wohlthat, die er ſo lange nicht mehr genoſſen! Das Krucifix auf ſeiner Bruſt deutete ihm Euphemia, mit dem Bei⸗ ſatze: daß er es behalten moͤge, als zwiefache Erinnerung an Marien, die kein anderes Bild in ihrem Buſen tragen duͤrfe. Jedes Wort der Graͤfin ſpiegelte ſich auf Elwangens Antlitz. Bald wurde die tiefe Bläſſe deſſelben noch tiefer, bald beſtrich ein ſchwaches Roth ſeine edlen, aber leidenden, Zuͤge. Er bat, Fraͤulein Steinholm zu ver⸗ ſichern: daß auch er fortan nur dieſes Bild im Innern hegen wolle, und haͤtt' er gleich gewuͤnſcht, nicht wieder zu erwachen zu dem truͤben Schimmer ſeines Lebens, denn einen — 35— Schimmer nur vom Leben habe das Ver⸗ haͤngniß ihm gelaſſen: ſo koͤnn' er doch nicht umhin, eine hoͤhere Fuͤgung darin zu erbli— cken: daß der Herr den eigenen Sohn ge⸗ ſandt, ſeine, ſchon in Nacht geſchloſſenen, Augen dem Licht des Tages friſch zu oͤffnen. Daß Gott die Hand der Unſchuld und der Froͤmmigkeit erwaͤhlt, ſein Werk zu vollfuͤh⸗ ren, ſolle ihm die Geneſung doppelt heiligen, und ein Zeichen werden: daß, mit dem neuen Daſein, auch wohl wieder ein neuer Stern ſich Bahn gemacht an ſeinem nachtumzoge⸗ nen Himmel; ſtaͤhlen woll' er ſeine Kraft an der Verheißung, und folgen dem milden Glanze dieſes Sternes, der ihn vereine mit den Beſſern. So viel hatte Elwangen noch nie uͤber ſich geſprochen, und verſtand die Graͤfin ihn recht, ſo war es mehr, als Marie zu wiſſen brauchte, verhehlte ſie ihr zwar nicht ſeine 3* — 36— Erkenntlichkeit fuͤr die Gabe, an welche auch er ſeine Rettung knuͤpfte. Sehr langſam nur erholte ſich Elwangen von der ſchweren Niederlage. Edmonds Liebe, ſeine Aufopferung, uͤbermannten ihn faſt; es ſchien dabei noch Anderes ſein Ge⸗ muͤth zu bewegen, als die bloße Dankbarkeit fuͤr den Freund, wie er denn uͤberhaupt viel weicher und zugaͤnglicher, ja gleichſam durch⸗ ſichtiger, geworden, ſeit ſeiner Krankheit. Waren es die leicht zu erregenden Nerven, die ihn ſo ſtimmten, oder war, mit dem phiſiſchen Uebel, die dichte Huͤlle gewichen, die ihn umgeben, genug, man ſchaute klarer in ihn hinein, wie er klarer aus ſich heraus⸗ ſchaute, blieb auch das Allerheiligſte ſeines Herzens noch verſchleiert, und immer noch eine unnennbare Wehmuth in ihm. Seit den Tagen der Gefahr hatte Ed⸗ mond, den Freund nicht verlaſſend, das — 37— Wernerodeſche Haus auch nicht beſucht. Jetzt eilt' er, die Graͤfin Forville zu begruͤßen, die ihm von jeher eine liebe Goͤnnerin gewe⸗ ſen, und die mit ſchweſterlicher Zuneigung ſeinen Gruß erwiederte. Aber als er Ma⸗ rien ſah, faßt' er ſich kaum. Um ein Jahr war ſie vorgeſchritten in der kurzen Zeit; das Treibhaus des Schmerzes hatte ſie, die ſtets juͤnger, als ihr Alter, ploͤtzlich gereift; Alles, was ſie erduldet um den Geliebten, ſeine Bluͤten, im vollſten Maaße, uͤber ſie erſchuͤttet. Wie ein Strahl, der Hoͤll' entfahren, traf den Ungluͤcklichen die Wahrheit, die Mariens Guͤte gegen ihn noch beſtaͤtigte; ſie war nur der Dank fuͤr das an dem Freunde Geleiſtete; nur der Reflex ihres trunkenen Herzens. Bis auf den Grund dieſes Herzens ſtahl ſein eiferſuͤchtiger Blick ſich hinab, und daß ſie es nicht wagte, Elwangen vor ihm zu nennen, tilgte den letzten Zweifel. So war der — 38— Keim der Liebe in ihr aufgegangen, und nicht fuͤr ihn! So hatte die Knospe, mit welcher Guſtav ſie verglichen, zur herrlichſten Blume ſich geſtaltet; doch ihm nicht duftete ſie! In ſeinem Miſßgeſchicke hatt' es ihn getroͤſtet: daß Marie noch die ganze Unſchuld ihrer Kindesbruſt mitnehme in's Kloſter, und dort kein Erdengluͤck vermiſſen werde. Aber nicht allein war es der Freund ſeiner Seele, der ihn mit Neid erfuͤllte, es war auch mit dieſer Liebe Mariens, ſelbſt im Erwiederungs⸗ falle— an Guſtav hatt' er Nichts der Art bemerkt— es war damit ihre Ruhe auf ewig geſtoͤrt. In der einſamen Zelle wuͤrde ſie den verlorenen Frieden nicht zuruͤckerlan⸗ gen, und nie der rauhe Vater ſie dem Maler Elwangen geben. Wie haͤtte Baron Stein⸗ holm zu der Groͤße ſich erheben koͤnnen, daß er das Verdienſt ehrte in jedem Gewande! Wie nur an Verdienſt glauben, das nicht — 39— auf weltliches Anſehen ſich ſtuͤtzte? Bei all ſeinem Edelmuthe kamen doch Momente, wo die Unmoͤglichkeit einer Verbindung zwiſchen der Geliebten und dem Freunde, Cederſtern erleichterte; bald aber ſiegte wieder ſeine beſ⸗ ſere Natur, und er haͤtte Beide, um jeden Preis, begluͤcken moͤgen. Edmond lenkte jetzt bisweilen die Un⸗ terredung mit Guſtav auf Marien hin, und erzaͤhlte, wie auffallend ſie, ſeit den paar Wochen, ſich entwickelt; doch ſo ſcharf er ihn auch dabei fixirte, Elwangen verrieth keine Gegenliebe fuͤr ſie, und kannte gleich Ceder⸗ ſtern Guſtav's Herrſchaft uͤber ſich: ſo traute er ihm dennoch ſo viel nicht zu: daß kein Fuͤnkchen des verborgenen Feuers nach Außen ſpruͤhen ſollte, wo des Freundes Hauch die Flamme abſichtlich blies. — 49— Unterdeſſen hatte auch Frau von Werne⸗ rode Marien ſtreng in's Auge gefaßt, ihrer Liebe zu dem Maler aber nicht mehr er⸗ waͤhnt. Marie hingegen auch den Vorſchlag der Graͤfin: einſtweilen Schutz zu ſuchen bei den Schweſtern von St. Hedwig, nicht weiter beachtet. Mit Elwangens Erſtehen hatte ſie die vorige Haltung wieder gewon— nen, und dachte ſich ſtark genug, auch ohne Entfernung, die Wellen ihres Buſens zu be⸗ ſaͤnftigen, die wohl nur die Angſt um den Kranken ſo in Aufruhr gebracht. Sie ah⸗ nete nicht: daß ihre Liebe, einmal ſich er⸗ gangen im Lichte der Mittheilung, nicht mehr gaͤnzlich in die fruͤhere Nacht zu ſtellen ſei; ja, daß nun erſt zur Wirklichkeit ſich gebildet, was, unausgeſprochen, blos halb und formlos in ihr gewaltet Ihre derma⸗ lige Ruhe war, fuͤr ſie, die Folge von Guſtavs Geneſung; in ſeiner Gefahr allein — 41— habe die Ihrige gelegen; mit ihm ihre Kraft ſich erneut. Bald ſollte jedoch dieſe Illu⸗ ſion ſchwinden. Es wurde endlich dem Patienten geſtat⸗ tet, freie Luft zu ſchoͤpfen, und, als Gunſt, erbat er es ſich, der Graͤfin Wernerode auf⸗ zuwarten. Edmond geleitete ihn zu den Damen, die alle beiſammen waren. Ceder⸗ ſterns Geiſt richtete ſich vorzuͤglich auf Ma— rien. Der Wechſel ihrer Farbe, der geſenk⸗ te Blick, als Elwangen ſich ihr nahte, die Friſtung ſeiner Tage ihrem koſtbaren Ge⸗ ſchenke zurechnend, und dabei ihre Hand an ſeine Lippen fuͤhrend, ſie bannten Edmonds Blick feſt auf die Geliebte, was ſie nur mehr verwirrte. Auch Guſtav ſchien befangener, ſchien bleicher, denn zuvor; allein es konnte dies koͤrperliche Schwaͤche, konnte der Effekt gera⸗ de ſeines Beſuches in dieſem Hauſe ſein. — 42— Er verdankte demſelben ſo viel, wie mocht' er, ohne Erſchuͤtterung, es wieder betreten! In Edmond aber brannte die Eiferſucht; es war zu gewiß: Marie liebte den Freund. Euphemia, die das laͤngſt wußte, ſeufzte im Geheim daruͤber. Marien ſelbſt hatte, bei Guſtavs Anblick, der leſerlicher noch, als vorher, eine ganze Krankheitsgeſchichte auch des Gemuͤthes zeigte, Marien hatte, bei ſeinem Anblick, ein ſolches Wohl und Weh beſchlichen, daß ſie, mit Muͤhe, ihre Thraͤ⸗ nen bezwang, und, zum erſten Mal, es deut⸗ lich fuͤhlte: daß ihr kuͤnftiges Schickſal ein ſehr hartes. Zauberartig kettet' es ſie an Ihn, den ſie nicht lieben durfte; der, wie ſie, nicht gluͤcklich war; und ob geliebt oder nicht, ihr Herz mußte ewig ihm ver⸗ bleiben. Die Kloſterpforte ward jetzt fuͤr ſie die Pforte des Grabes; doch gab es kein Mittel, ihr zu entfliehen; daher die Trauer, — 43— die in ihre ſuͤßen Regungen ſich miſchte, und, mit unbeſchreiblichem Ausdrucke, ſich uͤber ſie ergoß. Sie ſprach wenig, ſchaute faſt nicht auf von ihrer Arbeit, in Elwan⸗ gens Gegenwart; erhob ſie aber das große Auge, beſchattet von der langen ſeidenen Wimper: ſo lag eine Welt der Empfindun⸗ gen darin; oͤffnete ſie den Mund, ſo toͤnt es wie Klaͤnge aus andern Sphaͤren, wiederhal⸗ lend in jeder verwandten Bruſt. Amalie, die um Elwangen geweint und gebangt in ſchweſterlicher Sorge, ſie ſah ihn heute ſo geruͤhrt, ſo erkenntlich fuͤr alle Beweiſe der Liebe, die er von den Ihrigen erhalten, und doch ſo gar nicht erfreut ob ſeiner Ruͤckkehr zum Leben! Ja, es hatt' ein noch viel bitterer Schmerz ſich ausge⸗ praͤgt in ſeiner Phiſiognomie, der ſie innigſt bewegte. Auch die Graͤfin Forville fand den jungen Kuͤnſtler ſehr veraͤndert, ſeit — 44— Paris, was indeß, bei ſeinem harten Kran⸗ kenlager, ſie nicht wunderte, und ſo war man denn eher verſtimmt, als erheitert; Mathilde aber, die ſolchen Stimmungen gern wehrte, die immer froͤhlich, immer beſtrebt, die Wolken am Horizonte der Menſchen zu zer⸗ theilen durch die Blitze ihrer guten Laune, ſie bot hier ihre ganze Liebenswuͤrdigkeit auf fuͤr dieſen Zweck; doch nutzlos! In jeglicher Bruſt ſaß der Pfeil zu tief, als daß die Hand des Scherzes ihn erreichen konnte; man belaͤchelte die trefflichen Einfaͤlle der guͤtigen Frau; allein mit dem Laͤcheln eines Sterbenden; ſie merkte das ſelbſt, und be⸗ gann nun ein ernſtes Geſpraͤch uͤber Kunſt im Allgemeinen, und insbeſondere uͤber die Gegenſtaͤnde derſelben in Frankreichs Haupt⸗ ſtadt, und jetzt betrat der Gewandte ein Feld, das Niemand ihm beſtreiten durfte, und auf welchem er alles Andere zu ver⸗ — 45— geſſen ſchien. Ueber die moderne franzoͤſiſche Literatur aͤußerte er ſich auch, und nannte ſie einen Kampf mit dem Boͤſen. So endete die erſte Viſite Elwangens bei der Graͤfin Wernerode. Des naͤchſten Tages kam Marie zu der Mutter, ſie zu bitten, ihr die vorlaͤufige Aufnahme im Kloſter zu St. Hedwig zu verſchaffen. „Und das mit dem erloſchenen Tone, dem Thraͤnenflor um's matte Auge?“ fragte Euphemia:„Wie Du mich bekuͤmmerſt, meine Marie!“ Sprachlos ſank dieſe in die Arme der theuern Frau, die in treuer Liebe ſie um⸗ fing. „Ich habe ihn wiedergeſehen, wiederge⸗ hoͤrt,“ ſagte, nach einer kleinen Pauſe, die Braut der Kirche,„und nun gelernt, daß ich ihn nie haͤtte ſehen, nie hoͤren ſollen, um dem Befehle meiner Eltern freudig zu — 46— gehorchen. Gott wollte dieſe Pruͤfung mir nicht erſparen. Daß ich gehorche, mehr iſt von mir Schwachen nicht zu fordern. Es waͤre zu ſpaͤt, traͤf' ich ihn noch einmal; denn ich weiß, er liebt auch mich....“ „Woher?“ „Wie man weiß, daß auf heute morgen folgen muß; weiß, daß die Sonne auf⸗ und niedergeht: ſie iſt bedingt in der Schoͤ⸗ pfung, und wird leuchten, wenn auch nur auf Graͤbern. Der morgende Tag iſt viel⸗ leicht nicht mehr mein; aber kommen muß er; ſo mußte auch Guſtavs Liebe hervor⸗ brechen aus der Daͤmmerung ſeines Buſens und ſtrahlen in mein Herz; ſie iſt die Be⸗ dingung dieſes Herzens, die Sonne dieſes Planeten! Ich empfinde ihr Daſein, und verſteckt ſie auch hinter dichtes Gewoͤlke ſich, erwaͤrmen wird ſie dennoch die kalten Mauern meiner abgeſchiedenen Wohnung.“ — 4— „Und andere Gruͤnde, an ſeine Liebe zu glauben, haſt Du nicht?“ „Welche andern waͤren hier von groͤße⸗ rem Gewichte?“ verſetzte Marie.„Soll ſein Mund beredter ſein, als mein Herz? Wie oft, daß der Mund luͤgt, das Herz luͤ— get nicht, wir verſtehen es nur nicht allemal. Elwangen wuͤrde mir ſagen: er liebe mich nicht, und ich ſeinen Worten kein Vertrauen ſchenken. Was iſt nun gegen dieſe Ueber⸗ zeugung, von dem Ewigen ſelbſt mir einge⸗ pflanzt, was iſt ſie gegen eine bebende Lippe auf meiner Hand, gegen einen Thautropfen in ſeinem Aug', ein Seufzer aus ſeiner Bruſt, nur mir vernehmbar? Sie alle ſind zu erheucheln, doch mein Gefuͤhl iſt echt, und truͤgt mich nicht. Gleich einer Seherin hab' ich den Blick in ſein Inneres getaucht, und bleibt hier auch alles Uebrige dunkel fuͤr mich, zwei Punkte glaͤnzen hell herauf: die — 48— Schoͤnheit ſeiner Seele und ſeine Liebe fuͤr Marien.“ „So willſt Du, daß ich die noͤthigen Schritte mache bei der Aebtiſſin?“ „Sie wird Milde uͤben an einer Ungluͤck⸗ lichen. Nicht verhehl' ich's, daß ich lieber meinem Leben ein Ende ſaͤhe, als dieſen Anfang eines neuen Lebens. Vereinet in Gott bin ich dem Geliebten, und mein Beruf i*ſt es fuͤrder nicht, dem Herrn allein zu die⸗ nen. Doch, ihm uͤbergeb' ich mein Geſchick; es iſt ein ſchweres, das ſeine Gnade mir muß tragen helfen, ſoll ich nicht erliegen.“ „Marie, mein armes Kind!“ entgegnete Euphemia, tief erſchuͤttert, und kuͤßte die Weinende.„O, daß es von mir abhinge, Dich zu begluͤcken! Daß ich alle Kraͤnze irdiſcher Wonnen flechten koͤnnte in Deine Locken, muͤßten auch die meinigen darob er⸗ grauen! Viel hat der Gram an mir gethan, — 49— ſeit Amaliens Gram; der Deinige aber findet mich ungewappnet. Du wirſt hoffent⸗ lich Dich ſammeln in dem fremden Aſyle. Mittlerweile reiſet auch wohl Elwangen ab, und das Weitere beſchließen wir nachher. Bei Deinem Vater leit' ich es ſo ein, daß er den wahren Grund Deiner Flucht nicht erfaͤhrt.“ Waͤhrend dies im Wernerodeſchen Hauſe vorging, und die Graͤfin zu ihrer Verwand⸗ ten eilte, ihr Mariens Ankunft zu melden, und das liebe, kranke Maͤdchen ihrer muͤtter⸗ lichen Fuͤrſorge zu empfehlen, waͤhrend deſſen bemuͤhte ſich Edmond, dem Freunde ſein Geheimniß zu entwinden; er ſprach von Marien. „Schade,“ ſagte Elwangen,„daß die Holde den Schleier nehmen ſoll! Sie waͤre das Himmelreich des Mannes geworden, der ihre Liebe beſitzt. Wie moͤgen Eltern nur II. 4 — 50— ihre Kinder, in der Wiege ſchon, an eine bloße Idee verkaufen! Wie auf Jahre hin⸗ aus uͤber ſie verfuͤgen, nicht ſicher des Augen⸗ blickes, und wo oftmals ein einziger genuͤgt, unſer ganzes Daſein mit Nacht und Graus zu uͤberziehen! Iſt es nicht hinlaͤnglich an Dem, was Zufall und Bosheit, was Schick⸗ ſal und Leidenſchaft bringen, muß auch noch die Hand des blinden Sterblichen eingreifen in die Speichen des Rades, welches die menſchlichen Looſe birgt? Wehe Marien, zwingt man ſie, das zu erkennen! Beſſer, ſie ſchliefe im Grabe!“ „Schon einmal haſt Du dies Urtheil uͤber ſie gefaͤllt!“ „Und heiß' es auch jetzt nicht vorlaut. War Fraͤulein Steinholm fuͤr's Kloſter be⸗ ſtimmt, warum ihre Talente und Neigungen in der Welt reifen laſſen? Mariens Herz wird bluten bei der einzigen Trennung von — 51— der Graͤfin Wernerode und ihrer Tochter; warum dieſen Schmerz ihr verurſachen? Warum nicht von Kindheit auf ſie dem Orte uͤberantworten, wo ſie leben und ſterben ſollte? An Wen nur das junge volle Herz anlehnen im Hauſe der Buße und der Theil⸗ nahmloſigkeit? Sie, die, in ihrer Epheu⸗ Natur, ſo ſehr der Stuͤtze bedarf, und nicht faͤhig iſt, in die Bruſt hinabzudruͤcken, was dieſe ſchwellt, ohne ſelbſt erdruͤckt zu werden? Troſt wird ſie ſuchen im Gebete; doch ſchwer ſich darein finden, auf Erden keinen andern mehr zu haben; Gott wird der Frommen zur Seite ſtehen; doch ſie wuͤnſchen, man haͤtt' es ihr vergoͤnnt, ihn zu preiſen und zu verherrlichen auf ihre Weiſe! Ein Opfer unfruchtbaren Strebens und ſtillen Verlan⸗ gens wird ſie dahin welken. Saͤhe der Va⸗ ter ſie, wie wir Alle, er rettete vielleicht ſein Kind. Ihn aber blendet der Ehrgeiz; ſeines 4* Namens Groͤße will er erheben; will ſeine Schaͤtze haͤufen auf das Haupt des Soh⸗ nes; das Herz der Tochter mag daruͤber bre⸗ chen... „Die Mutter war es, die uͤber Marien den ſchwarzen Flor geworfen!“ fiel Edmond ihm ein. „Er pflichtete ihr bei, weil es fuͤr ſeine Plane taugte, ſonſt waͤr' er ſchon mit der gewohnten Strenge dazwiſchen getreten. Steinholm iſt ein ſtolzer, rauher Mann, der auch in Spanien keine Freunde ſich erwarb, und manche Zaͤhre des Kummers ſeiner edlen Gattin erpreßte. Ich hab' in Madrid von ihm gehoͤrt; man ſchrieb ſeine boͤſe Laune fruͤhern Fehlſchlagungen in der Liebe zu; das eben ſollte ihn erweichen fuͤr die Tochter, daß nicht aͤhnliches Leid ſie beruͤhre. Du haͤtteſt Marien begluͤckt....“ „Mit ihrer Liebe waͤr' es mir vielleicht — 353— gelungen, des Vaters Ungunſt gegen mich zu beſiegen. Steinholm iſt fuͤr Niemanden ſchroffer und hochmuͤthiger, als fuͤr den An⸗ beter ſeiner Tochter. So viel ich weiß, hat er um meine Mutter gefreit, und ſie ihn ausgeſchlagen; ein Charakter aber, wie der ſeinige, verzeiht das nie, und der Sohn traͤgt nun ſeinen Groll. Doch Marie liebt nicht Edmond, und ſomit laͤßt auch des Va⸗ ters Uebelwollen mich unangefochten. Er iſt es nicht, der mir im Wege; nicht des Kloſters Mauern allein, die mich ſcheiden von Marien, es ſind die Mauern ihres Her⸗ zens, die fuͤr mich unuͤberſteiglich. Dieſes Herz, es hat endlich geſprochen....“ „Du meinſt?“ fragte Elwangen ſchuͤch⸗ tern. „Ich bin es gewiß,“ rief Cederſtern, mit ſpaͤhendem Blick auf den Freund, der ſanft erroͤthete.„Guſtav,“ fuhr er fort, —— und faßte Elwangens Rechte,„Dir hat die⸗ ſer Engel ſich zugeneigt, und liebt' ich Dich minder, ich wuͤrde den Nebenbuhler toͤdtlich haſſen. „Und woran willſt Du nur Mariens Liebe erkannt haben?“ „Woran? An der Angſt um Dich, welche das zarte Kind ſo ſchnell in die bluͤ— hende Jungfrau verwandelt! An ihrer Freund⸗ lichkeit fuͤr Deinen Edmond, die leicht mich getaͤuſcht haͤtte, empfaͤnd' ich nicht, daß ſie blos der ſchwache Abglanz ihrer Liebe fuͤr Guſtav; an der Seligkeit, in welcher ſie ſchwimmt, ſeit Deiner Rettung, und die, wie eine Glorie, ſie umfließet! Woran? An Ihrem Beben, ihrem Erbleichen, als Du nun endlich ihr wieder nahteſt, ſie end⸗ lich Den wieder lebendig vor ſich ſah, den ihre Fantaſie ſchon todt geſehen; an jenem Erbſtuͤcke ihrer Mutter, das ſonſt, um keinen 55— Preis, ihr feil war, und welches ſie mit mir, gegen ein koſtbares antikes Kreuz, nicht vertauſchen mochte.“„Es ſolle dies Andenken ihrer vielgeliebten Mutter ſie in die Gruft begleiten,“ war ihre Antwort; „Dir aber hat ſie es geſchenkt. Dann ihr Verſtummen, als Du dort ſaßeſt, ihre Muthloſigkeit! Wie haͤtte das Alles mir entgehen koͤnnen, der ich mein Auge tief in ihre Bruſt gebohrt, und nur Dolche fuͤr mich darin gefunden? Ich ſage Dir, es iſt ſo!“ „Und waͤr' es,“ ſprach Guſtav,„ſo wuͤrde ich die Stunde bejammern, die mich zu der Graͤfin Wernerode gefuͤhrt; bejammern die paar frohen Momente, die ich dort ver⸗ lebt! Marie ungluͤcklich durch mich; o, es mangelte Nichts, als das!“ „Aber Du liebſt ſie?“ fragte jetzt Ed⸗ mond raſch. „Wer behauptet dies?“ rief Elwangen, 56— und ſeine Stimme zitterte.„Biſt Du mir ſo feind, Edmond, daß Du in mich hinein⸗ ſchreieſt, was nie herausſchallen darf! Bringe mich nicht um den Verſtand, ich bitte Dich! Wollt' ich auch ſchwach genug ſein, Dir zu glauben, und ließe Dich das ſuͤße Gift traͤufeln in mein Herz; hier muͤßt' es ewig doch verſchloſſen ruhen, und nicht kaͤme das Gift der Gegenliebe je aus ihm hervor.“ „Haſt Du ſolche Macht uͤber Deine Gefuͤhle?“ 3 „Ueber meinen Willen hab' ich ſie, und ihm ſind meine Gefuͤhle unterthan. Sobald die Jahreszeit und meine Kraͤfte es erlauben, reiſ' ich von hinnen.“ Zwar hatte Elwangen laͤngſt geahnet, was Edmond ihm offenbart; doch es hoͤren aus dem Munde des Freundes, der ſelbſt Marien liebte, hatt' ihn ſehr ergriffen, und wenig fehlte, der kaum Geneſene waͤre neuer⸗ dings erkrankt. Als Guſtav das zweite Mal zur Graͤfin Wernerode ging, mit dem feſten Vorſatze, noch ſchaͤrfer, denn bisher, uͤber ſich zu wa⸗ chen, traf er Marien nicht an. Eine ſelt⸗ ſame Unruhe befiel ihn; er getraute ſich nicht, nach ihr zu fragen. Das Erſcheinen an⸗ derer Perſonen— ſeit dem Einzuge der Graͤfin Forville bei ihren Freunden, empfin⸗ gen dieſe wieder mehr Leute— geſtattete ihm endlich, bei Amalien ſich zu erkundigen, ob Fraͤulein Steinholm unpaß ſei, da er ſie in ihrem Kreiſe vermiſſe. „Marie hat zu den Schweſtern von St. Hedwig ſich zuruͤckgezogen, und ſo ihre Probezeit begonnen,“ verſetzte die Graͤfin Donheim, die zwar Mariens Liebe zu dem jungen Manne kannte, nicht aber die ſeinige zu ihr, vielmehr ſich geſchmeichelt, daß er — 58 nicht ganz gleichguͤltig fuͤr ihre eigenen Reize, und wer weiß, wozu dieſe Einbildung ſie verleitet, haͤtte der fruͤhere Taumel noch ge⸗ dauert. Jetzt war Elwangen ihr nur ein lieber Freund, dem ſie jedes Zeichen ſeines Antheiles fuͤr ſie herzlich dankte. Seine Leichenblaͤſſe in dem Momente klaͤrte ſie ploͤtzlich auf. So liebt' er nicht ſie, liebte Marien, die fuͤr ihn verloren! Der Un⸗ gluͤckliche!„Ich ahnete nicht,“ ſagte ſie, von ihrer peinlichen Ueberraſchung ſich erho⸗ lend— und peinlich iſt es wohl, auch fuͤr die Beſte, auf ſolchen Irrthum zu ſtoßen— „ich ahnete nicht, daß ich, mit meinen Wor⸗ ten, in Elwangens Buſen, wie auf ſeinem Angeſichte, das Leben ausloͤſchen wuͤrde, ſonſt waͤr’ ich ſchonender zu Werke gegangen....“ „Iſt mein Blut ſo feurig noch,“ ent⸗ gegnete Guſtav,„daß es zum Verraͤther an mir wird? Ich waͤhnt' es kuͤhl durch lan⸗ — 39— ges Bezaͤhmen; doch, wie dem ſei, die Graͤ⸗ fin Donheim verkennet das Motiv....“* „Elwangen, Sie lieben Marien!“ „Ihr Schickſal ruͤhret mich. Es hat der Herr die edle Blume nicht geſchaffen, daß ſie erſterbe auf ſonnenloſem Boden, und wie tief er auch ihrer weichen Seele ſein Bild eingepraͤgt, wer buͤrgt uns, daß nicht daneben ein fremdes aufgeſchoſſen, der Wurm im Kelche dieſer Wunderblume! Die Hand des liebenden Gaͤrtners haͤtte ihrer gepflegt; die meinige aber durft es nimmer. Bei mir ſind Jugend und Hoffnung be⸗ graben; allein deshalb betracht' ich es nicht mit Gelaſſenheit, wenn auch eine andere Ju⸗ gend in's Grab verſinket. Ich wußte von Mariens Verhaͤngniß, dachte jedoch den Zeit⸗ punkt noch fern, und wie der Menſch ſich immer gerne wieget mit Dingen, die viel⸗ leicht dort Oben ſchon laͤngſt gegen ſeinen — 60— Wunſch entſchieden: ſo auch ich! Es wuͤrde mich getroͤſtet haben, das liebe Kind nicht im Zwieſpalte mit ſich zu glauben. Wer freien Herzens die Schwelle Gottes betritt, mag gut daran thun; anders iſt es, wo in dem kloͤſterlichen Leben erſt ein fruͤheres ſich aufloͤſen ſoll, und die ganze lange Zu⸗ kunft oft nicht ausreicht, eine kurze Ver⸗ gangenheit zu vergeſſen. Gebe der Himmel Marien jeden Segen! Meine Gebete alle erflehen ihn!“ Faſt unhoͤrbar hatte Elwan⸗ gen die letzten Worte geſtammelt, und dabei ſein Antlitz abgekehrt von Amalien. Dieſe ſprach: „Ich verſtehe Sie vollkommen, mein theurer Freund! Noch vor Kurzem benei⸗ dete ich Marien um den heiligen Frie⸗ den, der ihr folge in ihre Einſamkeit. Hof⸗ fen wir, daß er, entweder ihr nicht ent⸗ flohen oder dem reinen Gemuͤthe ſich wieder zulenken werde. Wie traurig, daß ein Jeder die nemliche Scala der Erfahrungen durchmachen muß, und nicht Warnen hilft noch Aufopferung! Wohl Dem aber, der nur die Launen des Geſchickes, nicht die Qual des Gewiſſens, zu tragen!“ Amaliens Auge ſuchte hier Elwangens Blick, er ſchaute nicht ſinſterer, denn zuvor; ja, es war, als er⸗ hoͤbe irgend ein Gedanke ihn uͤber ſeinen Schmerz; doch ihr Blick hatte ſich umduͤſtert, und die Mutter, ſie unablaͤſſig beobachtend, ſah es von Ferne, und rief Elwangen zu ſich. „Ich wuͤnſche nicht,“ ſagte ſie ihm, „daß Amalie ſich, geiſtig, noch mehr herab⸗ ſtimme; wuͤnſche, im Gegentheil, fuͤr ihre Ge⸗ ſundheit, die ſchon allzuſehr gelitten, daß ſie ſich zerſtrrue, und habe aus dem Grunde meinen Zirkel wieder erweitert. Sie ver⸗ baͤnden mich daher, lieber Elwangen, wenn auch Sie hierin mir nuͤtzlich waͤren.“ — 62— „Dann, verehrte Graͤfin,“ laͤchelte der junge Kuͤnſtler ungemein truͤbe,„dann muͤßt ich Ihre Geſellſchaft wohl gaͤnzlich meiden. Sie wiſſen, gnaͤdige Frau, daß man nicht reden kann ohne Zunge; mir aber fehlt die Zunge der Heiterkeit!“ Und ſich verbeugend, entſchwand er, nach wenigen Minuten, aus dem Zimmer. Von dem Tage an kam Elwangen ſelt⸗ ner, wie angelegen die Graͤfin Wernerode es ſich auch ſein ließ, ihn zu uͤberzeugen, daß ſie ſchlechterdings ihn nicht verletzen wollen. Er war auch nicht verletzt; er hielt es blos fuͤr Pflicht, in einem Hauſe, dem er ſo viel ſchuldete, und das ohnehin der Freud' entbehrte, nicht noch groͤßere Freudlo⸗ ſigkeit zu verbreiten durch ſeine Gegenwart. Fuͤhlt er doch ſelbſt, daß, ſeit ſeiner Krank⸗ heit, ſich Manches in ihm verſchlimmert, — 63— und ſeine Aufregung, auch ſein Stolz, ihm zuweilen einen Streich ſpiele. Man war im Monate Maͤrz. Der Arzt bat, nur dieſem Feinde der menſchlichen Na⸗ tur nicht in den Weg zu treten, und El⸗ wangen ſetzte ſeine Abreiſe auf die erſten Tage des April feſt. Unterdeß beſuchte die Graͤfin Wernerode ihren Liebling oͤfter im Kloſter, und war leider nicht zufrieden mit ihrem Anſehen, klagte gleich Marie nicht und ſchien ruhig. Auch nannte ſie Elwan⸗ gen nicht, nur Edmond und die uͤbrigen Hausgenoſſen der Graͤfin; gedachte beſonders Amalien, von der ſie ſo gern gehoͤrt haͤtte, daß ſie anfange, ſich ihrer Lage zu bequemen. Die große Guͤte der Aebtiſſin konnte ſie nicht genug loben. Von Edmond ſprechend, er⸗ waͤhnte Euphemia ſeines Freundes nahen Aufbruch. Eine leiſe Roͤthe gab Mariens innere Bewegung kund; ſie ſagte aber blos: — 64— „Die Reiſe wird ihn koͤrperlich ſtaͤrken, und Freunde findet er gewiß in der Heimath, wie uͤberall.“ Da wurde Elwangen eines Morgens bei Frau von Wernerode gemeldet; er war in tiefer Trauer, was ſeine auffallende Blaͤſſe noch erhoͤhte. „Dieſe ſchwarze Kleidung?“ fragte die Graͤfin. „Iſt die Fahne, die wir aushaͤngen,“ antwortete Guſtav, in namenloſer Wehmuth, „wenn Gott Einen der Unſrigen aus dem Kerker des Erdenlebens befreit hat, und wir lieber Triumph blaſen ſollten, daß er den Kampf vollendet! So egoiſtiſch aber ſind wir, daß unſere Thraͤnen dennoch fließen um die Todten, wie ſehr wir ihnen auch den Frieden Jenſeits goͤnnen. Ich weine um meinen alten Vater, gnaͤdige Frau, von deſſen Hintritt mir geſtern die Nachricht zu⸗ — 65— gekommen, und morgen ſchon verlaſſ' ich dieſe Stadt, dieſes Haus, das meine Welt geworden war. Moͤge mein Andenken in der Graͤfin Wernerode nicht ganz verbleichen, wie ihr Bild— ein Raphael der Schoͤ⸗ pfung— ſtets den Ehrenplatz einnehmen wird in meines Buſens reicher Sammlung. Nie iſt eine Dame mir begegnet von ſo maͤnnlichem Geiſte und zartem Gemuͤthe; nie eine ſo gefaßt im eigenen Schmerz, und doch ſo mitfuͤhlend bei den Schmerzen Ande⸗ rer; nie eine ſo wahrhaft fromm, daß ſie den Unglaͤubigſten fortreißen muͤßte, ſo durch⸗ aus edel und....“ „Wohin verirret Sie Ihr Herz, mein lieber Elwangen,“ unterbrach ihn Euphemia. „Sie ſehen mit dem Verſchoͤnerungsglaſe der Erkenntlichkeit, und das taͤuſchet gar ſehr. Gehoͤr' ich auch nicht zu den Allerge⸗ II. 5 woͤhnlichſten, ſo hab' ich doch meine Fehler und Schwaͤchen ſo gut, wie Eine...“ „Schatten nur, dem Lichte ſeinen vollen Werth zu geben!“ Lohne Ihnen der Ewige, gnaͤdige Frau, in der Tochter Wohlergehen, was Sie an mir armen Fremdling gethan! Ich ſcheide mit den waͤrmſten Dankgebeten; zuͤrnen Sie nun auch einem Ungluͤcklichen nicht, wenn er, ohne ſeinen Willen, des beſten Troſtes Sie beraubt hat!“ Hier neigte Elwangen ſich auf die Hand der Graͤfin, ſeine Erſchuͤtterung zu verbergen, und ſie antwortete: „Mariens Abweſenheit iſt unſtreitig ein großer Kummer fuͤr mich; allein, ſeit Jahren, darauf vorbereitet, duld' ich auch dieſen, wie ich ſoll. Fruͤher oder ſpaͤter war es doch nicht zu aͤndern; ſie ſelber wollt es ſo, und bei ihrer religioͤſen Erziehung, bei dem Ge⸗ horſam fuͤr ihre verſtorbene Mutter, wird — 65— ſie ſich fuͤgen! Ich ſorge nicht um ſie.“ Eine Stimme in ihrem Buſen ſtrafte indeß die Graͤfin Luͤgen, und ſie ſagte ſich zugleich, wie auch Elwangen damit wohl nicht be⸗ friediget ſein koͤnne.„Gewaͤhren Sie mir uͤbrigens die Beruhigung,“ ſchloß ſie,„daß wir uns nicht auf immer trennen, und Sie uns ſchreiben werden. Vergeſſen waͤre viel⸗ leicht moͤglich, haͤtten wir im Gluͤcke uns getroffen; doch unſer allerſeitiges Ungluͤck hat eines Jeden Geſtalt und Eigenthuͤmlich⸗ keit dem Andern ſo grell eingezeichnet, wie ein Muttermal, das man zeitlebens zu be⸗ halten. Sie reiſen Elwangen, bleiben aber dennoch unter uns, fuͤr die Sie ein ferner Sohn und Bruder, der einſt wiederkehren muß, und, mit goͤttlicher Huͤlfe, minder ge⸗ druͤckt, als jetzt. Und nun geleite Sie Ihr guter Engel!“ rief Euphemia, ſo erweicht, daß helle Zaͤhren ihr entſtroͤmten, und nieder⸗ 5* — 68— kniete Guſtav vor der Wuͤrdigen, ſie um ihren Segen zu bitten. „Der Segen des Himmels iſt ſtets mit den Tugendhaften, und oft zumeiſt, wo es uns am Wenigſten ſo bedunket,“ ſprach die Graͤfin, ihre Rechte auf Elwangens ſchoͤnes Haupt legend;„Sie haben vor der Freundin ihr Herz nicht geoͤffnet, haben dieſe Linderung verſchmaͤht; eine Strengere, als ich, haͤtte leicht darin mehr Schuld, als Ungluͤck, ge⸗ ſehen; ich aber traute dem Stempel der Na⸗ tur, und ſo bricht auch ſicher ſuͤr Sie noch eine heiterere Zukunft an; denn ſo jung ſind Sie noch an Jahren, daß Sie Alles zu hof⸗ fen. Der Tod Ihres Vaters iſt freilich ein neuer Schlag fuͤr Sie— wie duͤrfte man Ihnen den Schmerz beſtreiten!— doch wer weiß, ob er nicht der Schlußſtein des Ganzen! Harren Sie muthig aus. Wenn Gott Freude ſendet, ſteigt er zu uns hernie⸗ — 69— der, und ſchickt er Trauer, ſo will er uns zu ſich erheben.“ Gewaltſam riß Elwangen ſich los von der Graͤfin, und eilte zu Amalien, auch von ihr und Mathilden ſich zu beurlauben. Er litt unſaͤglich bei dem Abſchiede von all den herrlichen Menſchen, und kein Tropfe in ſei⸗ nem Auge, der nicht gluͤhte auf ſeiner Bruſt. Nie fand er wieder, was er hier verließ, und ſie, die, wie eine Licht⸗Erſcheinung, vor ſeiner Seele ſchwebte, ſie mußten ſeine Ge⸗ danken ſuchen hinter dunkeln Kloſtermauern! Die ganze Nacht hindurch ſchrieb Elwan⸗ gen; noch ſtand ihm die Trennung von Ce— derſtern bevor, der geizend mit jedem Mo⸗ mente, bis auf die Letzt bei dem Freunde blieb. Wie eine Schuld regt' es ſich in Guſtav gegen den Edelmuͤthigen, und doch heatt' er ſich nicht anzuklagen. In banger uund ſchweigender Umarmung hing er an — 70— dem, in Liebe zwiefachen, Bruder; Beider Herzen ſchlugen ja fuͤr ein Herz, und als er endlich ſich in den Wagen warf, ver⸗ ſchwammen um ihn her die Gegenſtaͤnde; des Freundes Antlitz ſah er nicht mehr durch den dichten Thraͤnenſchleier, der uͤber ſeinen Blick ſich gewoben, nur ſeine Hand erfaßt er noch einmal, und winkte dann dem Diener zur Abfahrt. Mit ſeinem Guſtav war auch Edmonds halbes Leben dahin; er ſtarrte dem Wagen, der ihn entfuͤhrte, noch geraume Zeit nach, und laͤngſt ſchon war er dem Ohr und Aug' entwichen, als ſein Herz noch immer daran zweifelte. Elwangen hatte zwar ſeine Liebe fuͤr Marien ihm nie zugegeben; aber wie von ihr geliebt werden, und nicht ſie an⸗ beten? Daß er mit ihm an der gleichen Kette der Unmoͤglichkeit zog, band ihn nur enger an den Theuern. Dem Gluͤcklichen — 21— haͤtt' er vielleicht Mariens Liebe nicht verzie⸗ hen, den Ungluͤcklichen liebt' er deſto mehr. Einige Stunden nach Elwangens Abreiſe, uͤberlieferte man der Graͤfin Wernerode ein Paket von ihm, in Brief⸗Form. Es ent⸗ hielt Folgendes: „Welche Marter, gnaͤdige Frau, Ver⸗ „dacht zu erwecken bei Denen, die wir am „Hoͤchſten ſchaͤtzen, und doch Gruͤnde zu ha— „ben, dieſen Verdacht nicht niederzuſchlagen „durch ein freiwilliges Geſtaͤndniß! Ver⸗ „kuͤmmerte Etwas mir das Gluͤck, als „Freund Ihres Hauſes behandelt zu werden, „ſo war es der Argwohn gegen mich, den „ich doch Keinem veruͤbeln darf. Ja, ich „ſtaunte uͤber Frau von Wernerode's Groß⸗ „muth fuͤr den raͤthſelhaften Fremden. „So lange ich hier weilte, konnte und „wollte ich den Vorhang nicht luͤften, der „meine Geſchicke deckt; ich baute auf Ihr — 72 „edles Herz, Frau Graͤfin, das an Unſchuld „glauben wuͤrde, bis es von der Schuld „ſich uͤberzeugt. Kein Beobachtender, „der nicht gelernt: daß am Abend des Lebens „die Schatten wachſen, wie am Abend des „Tages; ſehen wir ja ſchon ſo manches liebe „Haupt, vor uns, zur Ruhe gehen, uͤber „deſſen Gruft der Schmerz nicht altert! Wo „aber auch der Morgen bereits ſo ſchweres „Gewoͤlke bringt, daß keine ſpaͤtere Stunde „es wieder zerſtreut; wo auch der Fruͤhling, „ſtatt in bunter Bluͤtentracht, in ſchneeigem „Leichenhemd erſcheinet, da iſt es zu begrei⸗ „fen, wenn auch des Menſchen Innere „Spuren traͤgt vom fruͤhen Winter, und „kein warmer Freudeſtrahl es mehr erleuch⸗ „tet nach Außen hin. „Jetzt, auf dem Punkte, fortzugehen, und „nicht ſicher, ob ich je die Lieben wieder⸗ „ſchaue, die auch mit den ſchmerzlichſten — 3 „Erfahrungen verſoͤhnen muͤſſen; jetzt, ver⸗ „ehrte Frau, bitt' ich, daß Sie mir erlau⸗ „ben, die Vergangenheit vor Ihnen aufzu⸗ „rollen; bitte, daß Sie den Freundes⸗Blick „darauf richten, mich wie einen Geſtorbenen „betrachtend, und dieſe Zuſchrift, wie mein „Vermaͤchtniß. „Ich zaͤhle acht und zwanzig Jahre, „mein Vaterland iſt Schweden, mein Name „Guſtav Freiherr von Ehrenſchild. Meine „Mutter war eine Deutſche, weswegen die „Sprache mir gelaͤufig, wie meine eigene. „Die Familie Ehrenſchild, uralt, hat von „jeher, ſowohl im Kriege, wie im Frieden, „durch hohe Aemter, durch Bravour und un⸗ „erſchuͤtterliche Redlichkeit ſich hervorgethan. „Mein Vater bekleidete einen ſehr wichtigen „Poſten im Staate; Friedrich, mein einziger „Bruder, zwoͤlf Monate fruͤher geboren, als „ich, widmete ſich der Diplomatie, ich, — à4 „aus Neigung, mich dem Milttaͤrdienſte. „Die Mutter, keine Tochter habend, nahm „eine weitlaͤufige, elternloſe Verwandte, als „kleines Kind, zu ſich, und Ottilie ward „ihre Tochter, ward die Schweſter ihrer ge⸗ „liebten Soͤhne. „Mein Vater, vielbeſchaͤftigt, und dabei „dem Vergnuͤgen nicht abhold, uͤberließ „unſere Erziehung ganz ſeiner Gattin, wiſ⸗ „ſend: daß er dieſe Buͤrde in die treuſten „Haͤnde lege. „Unſer bruͤderliches Gefuͤhl fuͤr Ottilien „ſtieg mit den Jahren, das ihrige aber lenkte „ſich mir hauptſaͤchlich zu, und Friedrich ſah „es ohne Neid; ſpaͤter erwachte wohl auch „in ihm eine ſtaͤrkere Empfindung fuͤr das „ſchoͤne Maͤdchen; doch er bezwang ſie, und „goͤnnte mir die frohe Ausſicht, Ottilien zu „beſitzen. Nie gab es zwei Bruͤder in ſol— „cher Harmonie! Ein Beiſpiel nur von 75— „gleicher Geſchwiſterliebe weiß ich. In Welſch⸗ „land war es, wo ich das edle Schwe⸗ „ſternpaar antraf, das in ſeiner ſeltnen, „ruͤhrenden und aufopfernden Anhaͤnglichkeit „fuͤr einander, mich an meinen Friedrich „mahnte. Beide Frauen nicht mehr in der „Jugendbluͤte, haben Beide den Zauber be⸗ „wahrt und die echte Liebenswuͤrdigkeit, die „kein Alter ihnen jemals rauben wird; den „Zauber, der nicht allein dem Geiſte, der „auch dem Herzen entquillend, immer wie⸗ „der Herzen finden muß. Hochgeboren und „hochgeſtellt, von einer Bildung, nicht we⸗ „niger in dem Erlebten, als in dem Erlern⸗ „ten, zu ſuchen, und begabt mit Augen des „Gemuͤthes, die auch in die fernſte Lage „eindringen, bleibt kein menſchliches Ver⸗ „haͤltniß ihnen fremd. Wo es gilt, zu hel⸗ „fen und zu troͤſten, da fehlen ſie nim— „mer. Beide ſo verſchieden, daß ich die — 76 „Aeltere das erregende, die Juͤngere das „beruhigende Prinzip, nennen moͤchte, ſind „Beide doch wiederum ſo Eins, daß ſie „gleichſam ſich ergaͤnzen. Jede hat in die „Schweſter ſich dergeſtalt hineingelebt, daß, „was der Einen mangelt, die andere ihr „leiht, und man ſie vereinzelt ſich gar nicht „denken kann. Eine Seele herrſchet in Bei⸗ „der Koͤrper; ein Sinn regieret Beider Wil⸗ „len; was Dieſe kaum gewuͤnſcht, hat Jene „ſchon vollfuͤhrt, und der Einen Freude iſt „der Zweiten Gluͤck. Tiefe Gottesfurcht „wohnt in Beiden, und die Froͤmmigkeit, „die ſich verkuͤndet in ſteten Werken chriſtli⸗ „cher Liebe; verkuͤndet in der Milde, welche b„gern die Schwaͤchen Anderer ſchonend ver⸗ „huͤllt; kein beißender Tadel entſchluͤpfet je „ihren Lippen. In wahrhaft religioͤſer Treue 1„verharren ſie bei alten Bekannten; im Le⸗ „ben und Tod bei ihren Freunden, und — 11— „wer von dieſen die Reihen lichtet, ſchafft „eine Luͤcke in ihnen, die ſich nicht wieder „verwaͤchſt. O, wie oft hab' ich den Him— „mel geprieſen, daß er gerade ſie auf mei⸗ „nen Pfad geſandt! Was damals an Lin⸗ „derung fuͤr mich noch moͤglich, ward mir „durch jene, auch mit dem Herzen, klugen „Frauen, und danken mußt' ich noch dem „troſtloſen Verhaͤngniſſe, welches mein Herz „ſo voͤllig gelaͤhmt hatte, daß es aus dem „Gebiete des Schmerzes nicht mehr heraus⸗ „konnte, ſonſt waͤr' es hier leicht in ſehr „ungluͤckliche Conflikte gerathen. So aber „blieb mir nur Kraft zum Bewundern und „Verehren, und die ſtille Theilnahme der „beiden Schweſtern traͤufelte Balſam in „meine ewig leidende Bruſt. Vor ihnen „braucht' ich meine Duͤſterheit blos damit „zu entſchuldigen: daß ich einen Bruder ge⸗ „habt, den ich geliebt, wie ſie ſich lieben, 78— „und den ich nun nicht mehr habe, um keine „Frage weiter und keine unguͤnſtige Muth⸗ „maßung hervorzurufen. Wie ſie mich ver⸗ „ſtanden, die Trefflichen, konnte Niemand „mehr den armen Guſtav verſtehen. Auch „floſſen, als ich ſchied, alle meine Wuͤnſche „und all' mein Dank in das eine heiße Ge⸗ „bet zuſammen: daß der Herr ſie fuͤr ein⸗ „ander erhalten wolle; iſt es doch der In⸗ „begriff auch aller ihrer Wuͤnſche und Gebete! „Segne ſie Gott fuͤr ihre Freundlichkeit ge⸗ „gen mich, wie ſie von mir geſegnet ſind! „Ich gedenke ihrer in treuſter Ergebenheit. „Und jetzt laſſen Sie, gnaͤdige Graͤfin, „mich zuruͤckkehren von dieſem Erdengeſtirne „zu meiner Erdennacht, und verzeihen die „Abſchweifung! Es draͤngte mich, den bei⸗ „den hohen Frauen dies Monument meines „Dankgefuͤhles zu errichten; draͤngte mich, „endlich gegen Diejenige, deren verwandtes — 79— „Gemuͤth den Werth derſelben gewiß ſchaͤtzen „wird, ihrer, nach Verdienſt, zu erwaͤhnen. „Es gehoͤrt zu meinen Eigenheiten, von „den ſeltenſten Menſchen auch am Selten⸗ „ſten zu reden; doch erinnere ich mich, das „herrliche Schweſternpaar der Graͤfin Wer⸗ „nerode genannt zu haben. „Meine Eltern waren reich, und ſomit „durften ihre Soͤhne das Vermoͤgen ihrer „Gattinnen nicht beruͤckſichtigen, urtheilte „gleich der Vater hierin anders. Er, der „viel benoͤthigte, verlangte auch viel, und „meinte: Geld verderbe nie Etwas. Von „dem Entzuͤcken, der mittelloſen Geliebten „eine glaͤnzende Erxiſtenz zu eroͤffnen; in je⸗ „der Freude fuͤr ſie eine doppelte ſich ſelbſt „zu bereiten, davon wußte der abgeſchliffene, „egoiſtiſche Weltmann Nichts. Er hatte „geheirathet aus Vernunft, und nur eine „Frau, wie meine verehrte Mutter, konnte — 80— „der ſehr froſtigen Ehe noch Funken des „Gluͤckes entlocken; ſie fluͤchtete ihr gekraͤnk⸗ „tes Herz zu ihren Kindern, und ſteuerte, „ſo weit es bei ihr lag, der Verſchwendungs⸗ „ſucht ihres Gatten. „Noch nicht vier und zwanzig Jahre „alt, war ich Rittmeiſter, mein Bruder be⸗ „reits Legationsſekretair an einem benach⸗ „barten Hofe; Ottilie, nun in ihrem acht⸗ „zehnten Lenze, ſollte, binnen Kurzem, mir „vermaͤhlt werden; der Vater wuchs an „Gunſt und Ehren bei ſeinem Monarchen; „mit einem Wort, es hatte ſich eine ſo ſtrah⸗ „lende Zukunft vor meinem berauſchten Sinn nerſchloſſen, daß mir oftmals ſchwindelte. „Den Bruder ſah ich ſchon als Geſandten, „mich als Heerfuͤhrer, den Vater an der „Spitze der Landesverwaltung, und all die⸗ „ſer Glanz erſchuͤttet auf Ottilien, der Fuͤr⸗ „ſtin meiner Liebe! Oft hatte die geſcheidte = „Mutter mich gewarnt vor meinem Ehrgeize, „meinem Stolze, die beiden Haupt⸗Fehler; „die ſie an mir ruͤgte. Sie hatte Recht⸗ „doch konnt' ich auch wieder demuͤthig ſein, „wie ein Kind, und, ſelbſt im Wonnetaumel „des nahen Vereines mit der Geliebten, es „bedauern, daß mir dieſe Perle zugefallen, „und nicht meinem Friedrich, der ungleich „edler und ausgezeichneter, als ich, in jeder „Hinſicht, eine ſchoͤnere Einfaſſung fuͤr ſie „geweſen waͤre. Nach Ottilien liebt' ich „keinen Sterblichen, wie ich den Bruder „geliebt, ſogar die theure Mutter nicht. O, „an ihn denken nur, iſt zehnfacher Tod! „Selig Eines in dem Andern, ſchien „allein der Vater kalt; wir rechneten es Ot⸗ „tiliens Armuth zu, und hofften, durch mein „Gluͤck, ihn daruͤber zu beruhigen. Doch „bald verſank er, gegen ſeine Gewohnheit, „in tiefen Ernſt; denn, in der Regel, ſchlug II. 6 — 82— „er ſich die Dinge aus dem Kopf, und ei⸗ „nes Morgens, ohne, daß wir nur die kleinſte „Ahnung davon gehabt, ward er verhaftet, „und in's Gefaͤngniß abgefuͤhrt. Unſer Al⸗ „ler Schreck laͤßt ſich nicht beſchreiben, glaub⸗ „ten wir zwar feſt an Irrung, und ſchmei⸗ „chelten uns mit der befriedigendſten Auf⸗ „klaͤrung. Man zieh meinen Vater hoch⸗ „verraͤtheriſcher Plane zum Umſturz der be⸗ „ſtehenden Ordnung, ihn, der ſeinem Fuͤrſten „ſo große Verpflichtungen hatte! Auch „meine Papiere forderte man und mein Of⸗ „fiziers⸗Wort, aus Stadt und Land mich „nicht zu entfernen, bis meine Unſchuld an „dem Komplotte ſich erwieſen, was jedoch „nicht ſchwer hielt. „Stellen Sie ſich unſere Lage vor, Frau „Graͤfin! Vom Gipfel des Gluͤckes jaͤhlings „in einem unermeßlichen Abgrunde; der Na⸗ „me Ehrenſchild zum Ehrenſchimpf geworden! „Gaͤnzliche Verarmung haͤtt' uns nicht zu „Boden gedruͤckt; arm an Ehre zermalmte „uns. Meinen Stand leidenſchaftlich lie⸗ „bend, mußt' ich natuͤrlich ihm entſagen. „Ein Stern leuchtete noch auf meiner „dunkeln Bahn: Ottilie! Ihre Liebe war „ein Segen, mir nicht zu nehmen vom „Schickſal; doch es ging auch der Stern „unter. „Gleich in den erſten Momenten wollt' „ich die Geliebte ihres Wortes gegen mich „entheben. Beleidigt von der bloßen Zu⸗ „muthung, betheuerte ſie, nur unverbruͤchli⸗ „cher an ihrem Guſtav zu haͤngen, ſeit das „Gluͤck ihm die Treue gebrochen, und ſo „ganz redete ſie aus meiner Seele, daß ich „gern ihr nachgab. Sie that, wie auch ich „gethan haͤtte, den kein Verhaͤltniß der Welt „von ihr losgeriſſen; aber ich liebte ſie „dafuͤr um ſo gluͤhender, traͤumte auch, zu 6.* —&— „der Zeit, noch von des Vaters Ehrenret⸗ „tung. „Monate ſchlichen, auf dieſe Art, hin; „mein Bruder hatte ebenfalls um ſeinen „Abſchied aus dem Staatsdienſte gebeten, „wir erwarteten Friedrich mit Naͤchſtem. „Meine arme Mutter, fromm ſich fuͤgend in „Gottes ewigen Beſchluß, doch nicht ſtark, „wie die Graͤfin Wernerode, ſtrengte ſich „auf's Aeußerſte an, uns zu verbergen: daß „ſie den Tod im Buſen, und beſchleunigte „ſo vielleicht ihr Ende, das eine andere Ca— „taſtrophe raſch herbeifuͤhrte. „Ehe noch des Vaters Prozeß entſchie⸗ „den war, verſchwand Ottilie aus unſerm „Hauſe, ein Schreiben an mich zuruͤcklaſ⸗ „ſend, worin ſie ſich darauf berief: daß ich „ſelbſt ſie frei geſprochen, und es ihr nun „auch wohl klar geworden, wie, bei der — 85— „Wendung der Sachen, ſie meinem Rathe „gehorchen muͤſſe. Einem befleckten Namen „durfe ſie ſich nicht verbinden, und habe „daher die Hand des Herrn von Bergen⸗ „ſtroͤm angenommen, der laͤngſt ſie geliebt; „ich moͤge ihr Verzeihung ſchenken, und auch „die meiner Mutter fuͤr ſie erwirken. „Zu meiner Schande bekenne ich's, daß, „bei all meinem Stolze, das Ungluͤck mei⸗ „nes Hauſes mich nicht haͤrter getroffen, „als Ottiliens Treuloſigkeit und die ihres „Verfuͤhrers, den ich Freund genannt. „Durch meinen Vater hatte Bergenſtroͤm „ſeinen vortheilhaften Poſten; hatte von „meiner Mutter manch' Liebeszeichen em⸗ „pfangen, und aus meiner Caſſa geſchoͤpft, „wie aus der ſeinigen, wenn dieſe nicht zu— „reichte fuͤr ſeine Spielwuth, und ſein oͤko⸗ „nomiſcher Vater ihm Vorſchuͤſſe verweigerte; „viele boͤſe Haͤndel hatt' ich fuͤr ihn ge⸗ — 36— „ſchlichtet, und er ſtahl mir die Braut, die „Geliebte, mein Leben, mein Geſchick! „Die theure Mutter, noch kraͤftig genug, „ihr Leid zu erdulden, ſtarb an dem Leid „ihres Sohnes. Zwei Wochen nach Otti⸗ „liens Flucht verhauchte ſie ihr reines Da⸗ „ſein in meinen Armen. Wohl ihr, daß „ſie den Ausgang dieſes Trauerſpieles nicht „erlebt! Wir flehen oft um die Erhaltung „eines geliebten Menſchen, und wiſſen nicht, „welches Kreuz wir damit auf ihn herab⸗ „flehen; wir zuͤrnen dem Allmaͤchtigen uͤber „den Hintritt Derer, die mit uns eng ver⸗ „webt waren, und ſollten ihm danken fuͤr „ſeine vaͤterliche Huld! O, wie kurzſichtig „ſind wir! Noch einmal, wohl der Engels⸗ „Seele meiner Mutter, daß ſie ſich aufge⸗ „ſchwungen in ihr wahres Vaterland, ehe „das Graͤßlichſte geſchah! „Die Sentenz meines Vaters ward — 82— „gefaͤllt; ſie lautete auf Tod des Hochver⸗ „raͤthers; der Monarch wandelte die Strafe „um in ewigen Kerker; aber ſie vernichtete „darum nicht minder die Soͤhne. „Immer noch hatt' ich gezweifelt an „dieſem Ende; immer noch gehofft, Baron „Ehrenſchild werde die ſchmaͤhliche Anklage „beſeitigen. Wie nur glauben an des eige⸗ „nen Vaters Verbrechen! Wollt' er nicht „Fahlen mit redlichem Dienſte, ſo mußt' er „die vielen Gnaden ſeines Koͤnigs ablehnen. „Undank iſt ein ſchwarzes Laſter, und ihn „rechtfertiget kein Prinzip, alt geworden mit „uns. Ein edler Mann weiß ſolchen Col⸗ „liſionen auszuweichen, indem er Nichts „annimmt. „Mit des Vaters Schuld war die Hoff⸗ „nung erloſchen in mir, und finſtere Nacht „uͤberkam meinen Geiſt. Friedrich, genoͤthi⸗ „get, ſeinen Erſatzmann abzuwarten, ſaͤumte — 889— „noch. Ich war allein mit meinem Jam⸗ „mer. Die Verzweiflung goß ihr ſiedend „Oel in meine zerfleiſchte Bruſt, es brannte „die Augen meines Verſtandes aus; meine „Sinne umnebelten ſich, ich griff nach dem „geladenen Piſtol, und Geraͤuſch hoͤrend „draußen, eilt' ich, die Thuͤre zu verriegeln; „doch bevor ich's vermochte, flog ſie auf, und „Friedrich ſtuͤrzte herein. Mein wildes An⸗ „ſehen genuͤgte ihm; mit Blitzesſchnelle faßt' „er die Waffe in meiner Hand; der Schuß „ging los, und ſtreckte ihn todt zu meinen „Fuͤßen; todt, eh' er noch ein Wort zu mir, „eh' ich eines zu ihm geſprochen, oder nur „einen Augenblick an ſeinem treuen Herzen „gelegen! Todt durch mich, der tauſend „Leben geopfert haͤtte fuͤr ihn! O, war— „um nicht eine kleine Minute fruͤher, mich „zu erretten vor dem wahnwitzigen Gedanken „der Selbſt⸗Zerſtoͤrung? Mit dieſer Greuel⸗ — 89— „that kehrte meine volle Beſinnung zuruͤck. „Gott mußt ich verſuchen, und er ſo furcht⸗ „bar mich ſtrafen! Von Allen, die ich ge⸗ „liebt, war blos Friedrich mir noch geſchenkt, „und meine Tollheit mordete ihn! „Giebt es Tragiſcheres, gnaͤdige Frau, „als dieſe meine Jugend? Ein Streich „hatte mir Vater und Mutter, Geliebte und „Freund, hatte mir den Bruder und die „Ruhe des Gewiſſens geraubt; ein Streich „mir geraubt Vergangenheit und Zukunft; „geraubt die Familie, die ich gehabt und „die ich gehofft! Ein gruͤner Baum, er⸗ „ſtorben an der Wurzel, ein Juͤngling mit „greiſem Haupte, ſtand ich da, friſch nur „das Herz in ewigem Weh! Des Bruders „entſtellter Koͤrper uͤberbot Jegliches, was „an Elend fuͤr mich, in der kurzen Friſt, „ſich aufgethuͤrmt; ſein Bild wuſch mein „Gedaͤchtniß rein von allem Vorhergehenden; — 90— „ihn einzig ſah ich, und haͤtt' ich Gottes „Zuchtruthe nicht gefuͤhlt in dieſem Schlage, „nicht meine Verdammung darin erkannt, „es haͤtte eine zweite Kugel mich dem Ge⸗ „toͤdteten beigeſellt! Aber ich, der ich Alles „verloren, was mir das Leben werth ge⸗ „macht, dem die ganze Erde nur noch ein „weites Grab, ich blieb gefeſſelt an den „Leichnam meines Daſeins! „Der Schuß hatte meinen Diener und „die uͤbrigen Domeſtiken herbeigeſprengt. „Ich lag an der Erde, gebeugt uͤber meinen „Friedrich, mich anklagend, als ſeinen Moͤr⸗ „der und hoffend, als ſolcher gerichtet zu „werden. Ohnmacht benutzte man, mich, „den keine Gewalt hatte entfernen koͤnnen, „in ein anderes Zimmer, und zu Bette „zu bringen. Die Geſchichte ward als⸗ „bald ruchtbar; man kam, mich zu ver⸗ „hoͤren. Ausſagen zu meinen Gunſten— -— 91 „das heißt, mich ſchuldiger geben, als ich „war, und vor den Hoͤchſten treten mit ei⸗ „ner Luͤge— das wollt' ich jedoch nicht; „ich ſprach die Wahrheit, die aber Keiner „mir zu bezeugen wußte; nur mein bisheri⸗ „ger Wandel und meine allbekannte Liebe „zu dem Bruder redeten mir das Wort. „Die Unterſuchung fiel indeß, fuͤr den Mo— „ment, von ſelbſt; denn eine ſchwere Krank⸗ „heit huͤllte wohlthaͤtig mich in ihre Schat⸗ „ten, und erſt nach vier Wochen gewann „ich die Erinnerung wieder. „Aus angſtvollen Traͤumen erwachen „und empfinden: daß man nur getraͤumt, iſt „Wonne; erwachen aus grauenhaften Fieber⸗ „Fantaſien zu noch grauenhafterer Wirklich⸗ „keit, eine Folter, nicht zu ſchildern. Meine „Seele aber ſchmachtete in ſolcher Folter. „Ich war der Irion mit dem Rade, war „die Danaiden mit ihrem Siebe; ich trug — 92— „in meinem warmen Buſen die Schrecken „all der todten Fabelwelt, und bewundere „heute noch, daß mein Geiſt nicht fuͤr immer „ſich umnachtet. „An meinem Lager ſaß der ehrwuͤrdige „Oheim, Bruder meiner Mutter, herbeſchie⸗ „den aus Preußen, ſeinem Geburtslande, „durch meines treuen Jaͤgers Sorglichkeit, „und innigſt erfreut ob meiner Ruͤckkehr zu „einem Leben, das mir nur blutige Zaͤh⸗ „ren erpreßte. Mancherlei hatte ihn abge⸗ „halten, die Schweſter perſoͤnlich zu troͤſten „als ſie ſeines Troſtes ſo ſehr bedurfte. „Das Gewicht meines Onkels, der auch „bei uns Verwandte hohen Ranges; die mir „guͤnſtigen Umſtaͤnde, ſie hemmten jede wei⸗ „tere Nachforſchung uͤber Friedrichs Tod; „man glaubte meinem Schmerze, der ſeine „Sprache hatte, und ich war frei. — 93— „Den Vater, der all dies Bittere her⸗ „vorgerufen, wuͤnſcht' ich jetzt noch einmal „zu umarmen, wuͤnſchte meine ſtille Verzei⸗ „hung auf ſeine Hand zu druͤcken, und „dann, fuͤr lange, der Heimath mich zu ent⸗ „fremden; der Ungluͤckliche war aber ſchon „an den Ort ſeiner Beſtimmung geleitet, „und mir nicht vergoͤnnt, ihn zu ſehen. „Mit dem Oheim ſollt ich auf die Guͤter, „und an ihm den Vater, an ſeinem Sohn „einen Bruder haben; doch dieſe beſchraͤnkte „Exiſtenz nuͤtzte mir nicht; ich brauchte das „Getuͤmmel der Welt, um jenes in meiner „Bruſt zu erſticken; brauchte das Nothgeſchrei „eines ganzen Volkes, um das eigene nicht „zu hoͤren. Beruhigung nicht, Uebertaͤu⸗ „bung allein, war moͤglich fuͤr mich. „Der alte Diener paßte nicht mehr zu „dem neuen Menſchen, den ich anzuziehen „gedachte, er waͤre mir dabei nur hinderlich — 94— „geweſen; ihn uͤberließ ich dem Onkel, daß „er fuͤr ihn ſorge, wie fuͤr meine andern „Intereſſen. Von der Mutter hatt' ich be⸗ „deutend geerbt, was leider ſich nun verdop⸗ „pelt. Den Namen Ehrenſchild warf ich „von mir, wie der Vater den Schild der „Ehre von ſich geworfen, und nannte mich „Elwangen, nach meiner Mutter. Der „Geheimerath, ihr Bruder, verſchaffte mir „Empfehlungen in's Ausland; den Paß „ nahm ich als Maler. In fruͤheren Zeiten „hatt' ich die Malerei fleißig geuͤbt, und es „wuͤrde, bei ſonſtiger Huͤlfloſigkeit, dies „Talent vor Mangel mich ſchuͤtzen. „Mein Ziel war Spanien, die Sprache „mir nicht unbekannt; dort wollt' ich fech⸗ „ten und fallen. In Paris nur kurze Zeit „verweilend, hatt' ich dennoch das Gluͤck, „der Graͤfin Forville einige Male zu begeg⸗ „nen. Ueber meine fruͤhern Verhaͤltniſſe — — 95— „beobachtete ich das tiefſte Schweigen, und „ſah Niemanden, der ſie aufdecken konnte. „Daß ich den Freiheitskaͤmpfern, auf der „Halbinſel, mich einzuverleiben ging, das „verhehlte ich nicht, und es eroberte mir „manches Herz. „Angelangt auf dem Schauplatze meiner „kuͤnftigen Thaten, erſchienen mir die Dinge „inzwiſchen ganz anders, als aus der Ferne. „Hier diente Alles nur ſich, nicht dem Va⸗ „terlande; deſſen ungeachtet blieb ich zwoͤlf „Monate, ohne zu finden, was ich ſuchte: „Erloͤſung auch fuͤr mich! Feindliche Ku⸗ „geln umſchwirrten mich zwar ſattſam; aber „traf auch eine, ſo war es leicht; die Ku⸗ „gel, die mir den Bruder hingerafft, ſie „verſtand ihr Handwerk beſſer! „Ein Streifzug fuͤhrte mich in die vor⸗ „malige Villa des Herrn von Steinholm. „Sie lag veroͤdet, bis auf den Zimmer⸗ — 96— „waͤrter, der an den jetzigen Beſitzer uͤber⸗ „gegangen. Nicht ahnend, in welche Be⸗ „ruͤhrung ich einſt kommen ſollte mit Stein⸗ „holms Tochter, ließ ich doch nicht ungern „den geſchwaͤtzigen Caſtellan erzaͤhlen von „der Baronin und ihrem kleinen Engel, wie „er das Kind taufte; ließ mir auch die Ge⸗ „maͤcher zeigen, die ſie bewohnt, und logirte „ſelbſt mich darin ein. Die Verſtorbene „pries der Alte ſehr, nicht ſo den Baron, „der ſtets nur ein ſtrenger Gatte und Vater, „und kein milderer Gebieter ſeinen Unterge⸗ „benen geweſen. Leider ſei die ſanfte Frau, „immer bemuͤht, die Haͤrten ihres Gemah⸗ „les zu verguͤten, leider ſei ſie in der Bluͤte „ihrer Jahre entſchlafen, wohl ein Opfer „ihres geheimen Grames; denn ſie war „nicht gluͤcklic. Bald nach dem Tode „ſeiner Frau habe der Geſandte die Villa „verkauft. Ihre wunderſchoͤne Lage blieb — 92— „mir im Gedaͤchtniß, ſie aufzuzeichnen aber „keine Muße. „Als ich endlich lernte, daß ich in die⸗ „ſem moͤrderiſchen Kriege, weder fuͤr mich „den Zweck erreichte— Gott wollte nun ein⸗ „mal, daß ich lebe, um jegliche Pruͤfung „zu beſtehen— noch die Sache meiner „Partei foͤrderte, da zog ich mich zuruͤck, „belohnt mit einem Orden, den ich nie ge⸗ „tragen. Sie wußten ja nicht, die ihn mir „ertheilt, daß meine Tapferkeit ihren Ur⸗ „ſprung in meinem Ungluͤcke! Daß ich oft, „wie ein Raſender, mich hineingeſtuͤrzt in „die augenſcheinlichſte Gefahr, ſelbſt erſtaunt, „ihr entronnen zu ſein, oder Gewinn ge⸗ „bracht zu haben, wo ich leicht die Verwir⸗ „rung haͤtte mehren koͤnnen. In Spanien „auch legte ich mir den deutſchen Diener „zu, der noch um mich. „Nun wieder ganz der Landſchaftsmaler II. 7 — 98— „hielt ich mich in England einige Monate „auf, und genoß dort zwiefacher Auszeich⸗ „nung. Derjenige, der fuͤr des fremden „Volkes Heil— ſie nennen Heil, was oft „zum Unheile wird— ſein Blut verſpritzt, „und nicht, als Bettler, nach Albions „Hauptſtadt kommt, iſt beſonders gut geſe⸗ „hen; die Kunſt, die ich trieb, reizte gleich⸗ „falls. Auch der Portraitmalerei befliſſen, „ohne ſie zu meinem Hauptſtudium zu ma⸗ „chen, ſaßen viele ſchoͤne Frauen mir; Be⸗ „zahlung nahm ich, um meine Rolle fort⸗ „zuſpielen, ſandte aber das Geld duͤrftigen „Kriegern jenſeits der Pyrenaͤen. Das „Ernſte in mir behagte den Englaͤndern, „und meine Blaͤſſe galt ihnen als Merkmal „der erlittenen Strapazen. „Ich bereiſte Schottland und Irland, „und lenkte ſodann meine Schritte nach der „Schweiz. Dort bot die großartige Natur „,— „— — 99— „dem Maler Beſchaͤftigung vollauf; aber „in den Anblick der hohen Gletſcher mich ‚verlierend, dacht' ich: ſo wie kein Strahl „ des Himmels dieſes ewige Eis zerſchmilzt, „ſo keine Sonne des Gebetes das Eis mei⸗ „nes troſtloſen Geſchickes, Tag und Nacht „konnt' ich vor Gott liegen, es erſtand der „gemordete Bruder mir nicht wieder, nicht „die fruͤh entſchlummerte ſelige Taͤuſchung „der erſten Liebe, nicht der reine, jetzt mit „Schmach verſunkene, Name meiner Vaͤter. „Hier blieb Alles unbeweglich; ich nur wan⸗ „delte, eine lebendige Leiche, inmitten dieſer „Erſtarrung, mich ſehnend nach der kalten „Gruft, den gluͤhend heißen Schmerz in mir „zu kuͤhlen. „Zu Rom fand ich jenes reich begabte „Schweſternpaar, das, in ſeiner gegenſeiti⸗ „gen Liebe, den Bruder mich nur mehr be⸗ „trauern ließ, und doch wiederum mir ſo „* — 100— „unausſprechlich wohl that. Die Naͤhe die⸗ „ſer edlen, grſcheidten Frauen; die Kunſt, „der ich mich widmete, auch die Zeit, ihre „Rechte uͤbend an Jedwedem, ſie milderten, „nach und nach, mein Leiden. Auf Gluͤck „hatt' ich verzichtet; einen gewiſſen Grad „von Ruhe konnte ich vielleicht noch erlangen. „Gott mußt endlich ſich erbarmen uͤber mich, „der gebuͤßt, mit allen Freuden ſeines Lebens, „den kurzen Augenblick der Schuld; ſchwer „gebuͤßt auch des Vaters Unrecht; denn ge⸗ „brochen war mein Stolz der Herkunft. „Von Italien ging ich nach Griechen⸗ „land, und traf, beim Ruͤckwege, in Conſtan⸗ „tinopel, auf Baron Eederſtern; mit ihm „begann eine neue Aera fuͤr mich. „Manche Bekanntſchaft hatt' ich ange⸗ „knuͤpft auf meinen Reiſen, die friedlich in „mein Inneres geleuchtet; doch keine junge — 101— „Perſon geſehen, der ich mich haͤtte verbinden „moͤgen; keine, die dem Gemaͤlde glich, das „ich zuweilen mir entworfen von Stein⸗ „holms herangewachſener Tochter; keinen „Mann, welchem ich mein Herz gesffnet. „Edmond war der Einzige, dem ich's geſtat⸗ „tete, tiefer hinabzudringen, der nemlich von „mir erfuhr: daß ich geliebt und verrathen „worden; es ſollte dies ſein Zutrauen erwie⸗ „dern, und ihn troͤſten. Mit jugendlichem „Feuer ſchloß er ſich mir an, froh von ſei⸗ „nem Liebesweh reden zu koͤnnen, und ich, „der viel Aergeres erlebt, als, was die Ge⸗ „liebte mir gethan; der, wie ſehr Ottiliens „Undank mich anfaͤnglich auch geſchmerzt, „doch zuerſt dafuͤr Faſſung errungen, ich durft' „ihn wohl ermahnen, eine Leidenſchaft zu „beſiegen, die nicht vergolten ſei, und außer⸗ „dem unuͤberſteigliche Hinderniſſe zeige. Ed⸗ „mond hatte das Maͤdchen ſeiner Gedanken „nur Marie genannt, und ich auch weiter „nicht gefragt. „Cederſterns Urlaub war zu Ende, und „er genoͤthiget, nach Hauſe zu kehren. Mich „bat er, ihn zu begleiten, und willig folgte „ich dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, „ohnehin kein Zuhauſe habend, und ruhelos, „wie der ewige Jude, umherirrend; auch „laͤngſt geſonnen, Edmonds beruͤhmte Va⸗ „terſtadt kennen zu lernen; ich folgte ihm „willig, nicht ahnend, welch' neues Leid ich „damit mir bereite. „Von der Graͤfin Wernerode, die ſchon „die Freundin ſeiner Mutter geweſen; von „ihren ſeltnen Eigenſchaften, ihrer ſtattlichen, „noch glaͤnzenden Erſcheinung, obzwar Mut⸗ „ter einer verheiratheten Tochter, von der „Schoͤnheit dieſer Tochter, ihrem Liebreiz, „von dem neidenswerthen Looſe, das ihr „zugefallen, und ſeinem bruͤderlichen Ver⸗ — 103— „nehmen mit ihr, von Mariens hinreißen⸗ „dem Zauber, von dem Allen konnte Ed⸗ „mond mir nicht genug ſagen. „Sein Schreck, nach ſo kurzer Trennung „nur, ſo Vieles veraͤndert zu finden in dem „Kreiſe ſeiner Lieben, war der Treue wuͤr⸗ „dig, die er fuͤr ſie hegte, und Zaͤhren ſah „ich ihn vergießen, die das eigene Geſchick „ihm nicht entlockt. „Er fuͤhrte mich der Graͤfin Wernerode „auf. Der Eindruck, gnaͤdige Frau, den „Sie bei Jedem hervorbringen muͤſſen, ward „in mir noch erhoͤht durch den truͤben Blick „Ihres geiſtvollen Auges. So auch die „Graͤfin Amalie! Beide feſſelten, im erſten „Momente, mein ganzes Intereſſe. Aber „wie beſchreib' ich Ihnen, was in mir vor⸗ „ging, als ich Sie Ihre junge Hausgenoſ⸗ „ſin Fraͤulein Steinholm nennen hoͤrte! Es „war Edmonds Geliebte, war die Geliebte 104— „des Herrn, und doch ſie ſelbſt, die ich, ſeit „meinem Aufenthalte in jener ſpaniſchen „Villa, ſo oft getraͤumt; die, ich weiß nicht, „wie und warum, alle mir gebliebenen, oder „wiedererwachten, Faͤhigkeiten meiner Seele „in Beſchlag genommen. Marie, kaum er⸗ „bluͤht, als ſie ihr Vaterland verließ, we⸗ „nigſtens ſprach der greiſe Huͤter von ihr, „wie von einem ſchoͤnen Kinde, was ſich „erklaͤrt durch ihren aͤußerſt zarten Koͤrper⸗ „bau, Marie ſtand auch immer nur, als „Kind, vor meiner Fantaſie, die ſich aber „gern die Fortſchritte ihrer phiſiſchen und „moraliſchen Entwickelung in den lieblichſten „Farben ausmalte, den„Engel“ dabei nicht „aufgebend. „Sie kennen nun mein Herz, theure „Graͤfin, mit all ſeinen Schmerzen und ver⸗ „lorenen Hoffnungen, und erachten, wie „wohl mir werden mußte unter den Ihrigen. — 105— „Aber ich leugn' es nicht, ſo ſehr ich's auch „beklagte fuͤr Sie: daß es gerade der Schat⸗ „ten war, der auf Ihres Hauſes Frohſinn „ſich gelagert, der mich ſo maͤchtig hinzog „zu jedem einzelnen Mitgliede deſſelben; „leugne nicht, daß, bei Ihrem ſtrahlenden „Gluͤcke, mein Ungluͤck ſich ſcheu verkrochen „haͤtte. Nie waͤr' ich, bei Frau von Wer⸗ „nerode, ſo heimiſch geworden, wenn ich „dort nicht Thraͤnenluft geathmet. „Daß Marie den Baron Cederſtern nicht „liebe, war mir deutlich; eben ſo, daß ihr „Bild immer feſtern Platz in mir gewann; „ſchon hing es uͤber dem Hauptaltare mei⸗ „nes Herzens, wohin keine irdiſche Hand „mehr reichte, und wo es bleiben wird fuͤr „die Ewigkeit; es zu verſchleiern aber vor „Aller Augen, das vermocht' ich noch, und, „wie ich glaube, iſt es mir damit gelungen. „Selbſt Marie fuͤhlt wohl nicht, welche — 106— „Flamme ſie in mir entzuͤndet, und doch, „warum fuͤhl' ich ihre Neigung fuͤr mich? „Hat ja auch ſie dieſe nicht offenbart in „Worten oder Zeichen! Und dennoch weiß „ich, ſie liebt den armen Fremdling, und „er, der Troſt gefunden bei der Graͤfin „Wernerode, hat nun ſie des Troſtes beraubt! „Mariens klaren Gemuͤthsſpiegel ſich um⸗ „dunkeln, den heiligen Zufluchtsort ihr ver⸗ „verbittert zu ſehen durch die Dazwiſchen⸗ „kunft eines Menſchen, der kurz vorher, fuͤr „ſie, noch gar nicht exiſtirt, Alles das haͤtte „in einer minder edlen Frau, als Mariens „Nutter, Unwillen erregt gegen den ſchon „ſo Verdaͤchtigen. „Da faßt' ich den ſchweren Entſchluß, „mich loszureißen; Fraͤulein Steinholms „Ruhe— von der meinigen konnte nicht die „Rede ſein— heiſchte dies Opfer, nicht we⸗ „niger meine Verehrung und Dankbarkeit 107 „fuͤr ihre Beſchuͤtzerin; ich verſchwieg jedoch „mein Vorhaben bis auf die Letzt, wo ich, „durch meine kleinen Gaben drei Herzen er⸗ „freuen wollte. Daß ich aber ein Herz „dabei toͤdtlich verwundete, merkt' ich bald: „Marie empfing mein Geſchenk mit einer „innern Ruͤhrung, die nicht blos der Anblick „jener Landſchaft geweckt; die nicht ihrer „Kindheit blos, die auch der Zukunft anzu⸗ „gehoͤren ſchien. Ob meine zitternde Hand, „ob die brennende Lippe auf ihrer Hand „mich verrathen, ich weiß es nicht; allein „es tobte in mir ein Vulkan, um ſo ge⸗ „faͤhrlicher, als er keinen Ausweg ſich bah⸗ „nen konnte. Haͤtt' ich Marien zu Fuͤßen „ſtuͤrzen, und ihr ſagen duͤrfen: daß, fuͤr ſie „ſterben, Seligkeit waͤre; ſagen: daß Alles, „was je an Liebe in mir aufgetaucht, erblaßt „ſei vor meiner jetzigen; daß, geliebt von „ihr, die ganze Hoͤlle der Vergangenheit — 108— „ſchwinden, und mir, Gequaͤltem, ein Reich „der Wonnen ſich erſchließen wuͤrde. Haͤtt' nich ihr All das ſagen duͤrfen, vielleicht, daß „die heftig brauſenden Wogen meines Bu⸗ „ſens ſich beſaͤnftiget, ſtatt, daß ſie nun „mit Verderben drohen Zwei Monate ſpaͤter. „Bis hieher hatt' ich geſchrieben, hoch⸗ „geſchaͤtzte Frau, als die Flut der Liebe mich „an die Ufer des Todes ſchwemmte. Der „Kampf war zu ſtark geweſen; moraliſch „hatte ich mich behauptet, koͤrperlich ſank ich „unter. Welche Pflege, welche Mittel mich „errettet, Sie wiſſen es genau, und war „meine Seele bereits ſo voll des Dankes „fuͤr die Graͤfin Wernerode, eh' ich erkrankte, „wie erſt jetzt, wo ſie muͤtterlich fuͤr mich „geſorgt! Und hatt' ich Marien vorher „in gluͤhender Liebe umſchlungen, wie nun — 109— „erſt, da ſie, mit der Entaͤußerung ihres „theuerſten Kleinodes, ihre Liebe, auf ſo „unſchuldige Art, mir bekannt! Worte „nennen nicht mein Gefuͤhl, als ich den „Zuſammenhang mit jenem Krucifixe an „meinem Hals, erfuhr. Das Leben, ab⸗ „getrotzt dem Tode, war mir Nichts, Ma⸗ „riens Gunſt Alles, und ohne des Freundes „Beiſein, waͤre mein Entzuͤcken laut gewor⸗ „den mit meinen Thraͤnen. Gegen Edmond „aber, der bei mir ausgeharrt in ſo vieler „Treue, der bruͤderlich ſich an mir erwieſen, „gegen ihn kam ich vor, wie ein Verbrecher, „und haͤtte dann weinend in ſeine Arme „ſinken moͤgen, daß er mein Gluͤck mir ver⸗ „zeihe. Und doch ſollte dies Gluͤck auf mir „laſten, gleich einer Schuld, und mein Ur⸗ „theil, dort Oben, verbleiben in ſeiner gan⸗ „zen Kraft: keine Freude mehr fuͤr mich, „die nicht in Schmerz ſich verkehre! „Auch die Graͤfin Wernerode mußte ich „betruͤben! O, auf meines Engels Liebe „wuͤrde ich verzichten, ſtillt' ich dadurch Ihre „Mutter⸗Angſt, edle Frau! Koͤnnen Sie „mir vergeben? „Meines Vaters Hinſcheiden, mir ge⸗ „meldet vom Geheimerath Elwangen, mei⸗ „nem Oheim, bewegte mich tief. Der Ge⸗ „danke an den ungluͤcklichen Gefangenen, „der vier Jahre lang in ſeiner Haft ge⸗ „ſchmachtet, und den nicht die Ueberzeugung: „unverdient zu leiden, den Muth ſtaͤhlen „konnte, der Gedanke an ihn, eefuͤllte oft „mit ſolchem Weh mein Inneres, als haͤtt' „er mein Elend nicht zu verantworten. Da „nahm der Erloͤſer aller Erden⸗Pein den „Vater aus dem einen Grabe, in das an⸗ „dere, dunklere, ihn zu betten. Ich goͤnn; „ihm dieſen Frieden, den einzigen noch moͤg⸗ „lichen fuͤr ihn, und doch fließen meine — m— „Augen uͤber von den Thraͤnen meines Her⸗ „zens. Es iſt der Tod ein gar maͤchtiger „Verſoͤhner, und wer die Ruhe liebt, der „zoͤgere nicht, bis, aus der Gruft, ihm Mah— „nung komme; er biete ſeine Hand, weil „es Zeit noch iſt, und lenke ſo die Reue „von ſich! Ja, hat einmal der Tod die „Pforten geſchloſſen, dann erbraͤche der „Menſch ſie gern mit aller Gewalt des „Selbſt⸗Vorwurfes, dem Entſchlafenen die „verweigerte Liebe auf ſeinen Sarg zu legen. „Zu ſpaͤt! Paßt dieſe trauxige Erfahrung „auch nicht ganz auf mich; denn laͤngſt hatt; „ich dem Vater verziehen, ſo regt doch „Nanches, dem Aehnlichen, ſich in meiner „Bruſt, und mehret ihre Geißelhiebe. „Ich verlaſſe Sie nun, gnaͤdige Frau, „Ihr Andenken wie ein Heiligthum, in mir „bewahrend. Mit den Reliquien meines „Herzens hab' ich es vereinet, und werde, „in den Stunden der Noth, ſtets zu ihm „mich fluͤchten. „Auf den Wunſch meines Onkels geh' „ich heim. Das Weitere iſt noch in Nacht „gehuͤllt. Geben Sie mir Kunde von ſich, „verehrte Graͤfin, und theilen den Ihrigen, „wozu auch Edmond gehoͤret, dieſe Blaͤtter „mit; ſie ſind der Scheidegruß an Sie Alle „von Ihrem hochverpflichteten Guſtav.“ Unter vielfaͤltigen Empfindungen hatte die Graͤfin Wernerode des jungen Mannes Bekenntniſſe geleſen, und verſpuͤrte ſelbſt Etwas von jener Reue, die Elwangen zu⸗ letzt angedeutet. Sie war ſich bewußt, nicht immer ganz ohne Mißtrauen gegen ihn ge⸗ weſſn zu ſein, und wollte ſogleich antworten. Indeſſen beſchaͤftigten ſich Edmond, wie Ama⸗ lie und ihre Freundin, mit ſeiner Zuſchrift; 18=— Marien allein ſollte ſie verborgen bleiben. Guſtavs Liebe zu ihr, die ſchon aus einer fruͤhern Epoche datirte; die Verfolgungen des Schickſals, die er erduldet, ſie mußten hier die Dinge nur verſchlimmern. „Elwangens Erzaͤhlung fand den waͤrm⸗ ſten Anklang bei ſeinen Freunden, beſonders ward Amalie ſehr erſchuͤttert davon.„Daß Der buͤße, welcher ſich vergangen,“ ſprach ſie ſeufzend,„begreif' ich, womit aber hatte der arme Juͤngling ſich verſuͤndigt, daß ploͤtz⸗ lich alle Freudenlichter ſeines Lebens erloſchen; ploͤtzlich, wie durch ein Erdbeben, der ganze ſtolze Bau ſeiner Zukunft einſtuͤrzte, und ihn darunter begrub? Denn begraben iſt er fuͤr jedes Gluͤck hienieden.“ „An Gottes ewiger Gnade haͤtt' er nicht verzweifeln, nicht freiwillig dem Leben ent⸗ ſagen ſollen!“ erwiederte die Mutter.„Wir ſind nicht berechtigt, nach Gutduͤnken, von dem II. 8 - 114— Schauplatz unſerer Leiden abzutreten. Ge⸗ horſam ſich fuͤgen in alle Pruͤfungen des Himmels, und von ihm das Ende erwarten, ſo ziemt's dem echten Chriſten. Elwangen hatte dieſer Lehre vergeſſen, er durfte nicht Hand an ſich legen....“ „Es geſchah in Krankheit,“ fiel die Tochter ihr ein,„geſchah in einem Augen⸗ blicke voͤlliger Geiſteszerruͤttung,! Auch war das ja nur der letzte Stein an dem Monu⸗ mente ſeines Jammers, der wohl, den ſonſt klaren, Kopf verwirren konnte. Daß nun der Unzurechnungsfaͤhige ſo ſchwere Straf erlitten, und daſſelbe Werkzeug, welches dem Todmuͤden Ruhe verleihen ſollte, zum In⸗ ſtrumente geworden, die Ruhe auf immerdar von ihm zu ſcheuchen, ach, es muͤßte mich beirren, haͤtt' ich von meiner frommen Mut⸗ ter nicht gelernt, in des Glaubens Demuth mich zu beugen, ſelbſt, wo mein ſchwacher Verſtand den hoͤhern Richterſpruch nicht faſſet. Die Stunde erſcheinet ſicher einſt, die ſolche Raͤthſel loͤſt!“ „Sie ſind kaum fort, mein lieber El⸗ „wangen,“ ſchrieb die Graͤfin Wernerode an den fernen Freund,„und ſchon eilt „meine Feder Ihnen nach, zu danken fuͤr „Ihre Mittheilung, und manch' boͤſen Arg⸗ „wohn Ihnen abzubitten. Sie werden „meine Vertheidigung gelten laſſen. „Von Gott empfing ich die ſchoͤne Gabe, „den Menſchen Zutrauen einzufloͤßen, und „viele wichtige Geheimniſſe herberget meine „Bruſt. Schuld, wie Mißgeſchick, hat „man, ſonder Hehl, mir gebeichtet, und „wo ich kalt geblieben waͤre oder gar mich „abgewandt haͤtte, da weinten Thraͤnen des „Ungluͤckes ſich ein in mein offnes Herz, „und die Stelle ward fruchtbar, auch fuͤr 8 ⸗ — u6— „den Feind. Ich konnte oft nicht lieben, „wo man mich leicht entbehrte; ich liebte „ſtets, wo man mieiner bedurfte. Man „wußte das, und kam, und ich half, auch „wenn ich Undank witterte. „So beſchaffen, mußt' es mir natuͤrlich „auffallen, daß meine freundlichen Geſin⸗ „nungen fuͤr Elwangen ihm keine Rede ab⸗ „gewannen. Wir Sterblichen, ſelbſt die „Mildeſten, ſind leider nur zu ſehr geneigt, „bei hartnaͤckiger Verſchloſſenheit, wo Alles „auf große Erlebniſſe hinweiſt, das Uebelſte „vorauszuſetzen. Ihre Geſtalt, Ihre ein⸗ „nehmenden Zuͤge, der Adel Ihres ganzen „Weſens, ſie erſtickten zwar die, immer wie⸗ „der aufkeimenden, Zweifel. Worte, im „Delirium Ihnen entſchluͤpft, ſprachen von „Mord. Jetzt freilich dollmetſche ich mir „dieſe Worte; damals konnt' ich nur dem „getreuen Edmond einſchaͤrfen, Dergleichen — 117— „ſtill in ſich zu huͤten, und jedem neugierigen „Ohr zu wehren. „Ein ſehr trauriges Verhaͤngniß hat „uͤber Sie gewaltet, junger Mann, und „am Beſten bezeig' ich Ihnen meinen An⸗ „theil und mein herzliches Bedauern, in⸗ „dem ich Sie hieruͤber nicht zu taͤuſchen „ſuche, nicht mich bemuͤhe, wie Viele thun, „wirkliches und ſeltnes Ungluͤck, als unwahr „oder gering zu ſchildern. Verſtaͤndig ein⸗ „gehen in den Schmerz der Andern, darin „liegt die ganze Kunſt des Troͤſtens. Den „Pfeil, der unſer Inneres zu Tode getroffen, „wir koͤnnen ihn nicht wegraiſonniren, koͤn⸗ „nen nur die Wunde mit ſanfter Hand ver⸗ „binden; nur uns ſtuͤtzen auf die Hand, die „jegliche Wunde heilet. Auch auf mir, „mein guter Guſtav, ruhet eine Nacht, die „erſt im Lichte Gottes ſich wieder erhellen wird; „aber ich ſage mir: daß der Herr liebt, wo — mM „er zuͤchtiget; ſagen auch Sie ſich das, und „wanken nicht in Ihrem Glauben; er allein „erhaͤlt mich aufrecht. O, wuͤßten Sie, wie „der Schmerz um mein armes Kind an mir „nagt, Sie ſchenkten auch mir Ihr volles „Mitleid! Ihnen bleibt der unendliche Vor⸗ „zug Ihrer Jugend, die Alles noch erreichen „mag. Jugend iſt Zeit, iſt Gluͤck, iſt der „Baum des Lebens, welcher, nach Sturm „und Froſt, wieder neue Sproſſen und neue „Bluͤten treibt, und auch fuͤr Sie noch gol⸗ „dene Fruͤchte bringen kann. Nur das Ver⸗ „trauen laſſen Sie nicht fahren, und be⸗ „ſchwichtigen zunaͤchſt die Scrupel ihres Ge⸗ „wiſſens. Jene eine Gedankenthat, ſie hat „ſich bitter an Ihnen geraͤcht, und des Hoͤch⸗ „ſten Meinung iſt es wobl nicht, in dem „ewigen Vorwurf eine ewige Strafe zu be⸗ „gruͤnden; Reue verſoͤhnet ſeine Milde. „Von Amalien die ſchweſterlichſten Gruͤße. 119 „Ihre Geſchichte hat ſie tief geruͤhrt. Bei „ihr faͤllt die Saat fremden Kummers in „das, von eigenem Gram, aufgelockerte Erd⸗ „reich, und umranket ſchnell ihr Herz⸗ Wie „gut dies Herz, nur die Mutter weiß es; „aber darum eben kommt es auch nicht mehr „zur Ruhe, uud reißt das meine nach in „ſeiner Betruͤbniß. Fuͤr Alle hab⸗ ich Troſt, „fuͤr meine Tochter keinen; denn noch hab „ich nicht herausgeforſcht, ob ihr ſo weh zu „Muthe, daß ſie einen edlen Mann gekraͤnkt, „und ſich ſelbſt um Anſehen und Frieden be⸗ „ſtohlen, oder ob noch Liebe zu einem Un⸗ „wuͤrdigen das Roth taͤglich mehr von ihren „Wangen bleicht; ſie verſtummet uͤber dieſen „Punkt, und das gerade laͤßt mich das „Schlimmſte befuͤrchten. Aber je blaſſer ſie, „je dunkler wird es in mir. So lange die „liebenswuͤrdige Graͤfin Forville in unſerer „Mitte, ſo lange bin ich weniger beſorgt — 220— „fuͤr Amalien, und nicht unmoͤglich, daß wir „Mathilden nachreiſen. Haͤtte meine Tochter, „wie ihre Freundin, immer nur der Ver⸗ „ nunft gehorcht, es waͤre Manches anders! „Auch auf Frau Forville hat Ihr Brief „lebhaft gewirkt. Was Edmond dabei em⸗ „pfunden, werden Sie leicht ermeſſen, und „war er gleich nicht uͤberraſcht von Ihrer „Liebe zu Fraͤulein Steinholm, ſo ergriff „ſie ihn doch ſehr; dann rief er:„Koͤnnt“ „ich Elwangens Schmerzensjahre austilgen „durch Mariens Beſitz, ich ſelbſt gaͤbe ſie „zuſammen, und muͤßt' ich meinen Tod da⸗ „mit beſiegeln. Was ſeinen Fruͤhling zer⸗ „ſtoͤrt, hat meine Freundſchaft fuͤr ihn be⸗ „feſtiget!“ „Marien allein verheimlichte ich Ihr „Schreiben; es haͤtte ſie aufgeregt, ſtatt ſie „zu beruhigen, auch kam ja in ihr Gemuͤth „nie der leiſeſte Verdacht gegen Sie. Ich — — — 421— „hoff', es findet dies liebe Gemuͤth ſich all⸗ „maͤlig wieder, und der Segen bleibet nicht „aus, den Frau von Steinholm fuͤr ſie be⸗ „zweckt hat. Der Mutter unerfreuliche Ehe „iſt wahrſcheinlich mit Urſache geweſen, der „Tochter das Kloſter zu oͤffnen. Jeder han⸗ „delt nach ſeinen Anſichten. Mariens Mutter „glaubte ihr Kind nur geborgen unter dem „Schutz der Kirche; ich, Gottes Schutz „uͤberall erblickend, wo der Menſch ihn ver⸗ „dienen will, haͤtte Amalien dieſen Weg „nicht gefuͤhrt; iſt ſie aber darum gluͤck⸗ „licher? „Sie melden mir nichts Naͤheres von „Ihrem Oheim; nicht, ob Ihnen, im dorti⸗ „gen Kreiſe, Erheiterung winke; ob vielleicht „das Band der Verwandtſchaft noch enger „ſich verknuͤpfen ſolle, und Sie ſich ſchmei⸗ „cheln duͤrfen, durch ein friedliches Familien⸗ „leben, den ewigen Zwieſpalt in ſich ge⸗ — 22— „ſchlichtet zu ſehen. Antworten Sie mir „nicht: daß, bei Ihrer Liebe fuͤr Marien, „dies undenkbar. Nimmt doch Marie auch „einen andern Gatten, und wird gluͤcklich „ſein! Wie oft, daß Sie ſich bezwungen, „wo es nicht ſo noͤthig war; verſuchen Sie „es jetzt auch hier mit Ernſt, und es muß „ſich lohnen. Ein Mann, Ihrer Art, ver⸗ „ſplittert nicht ſeine beſten Kraͤfte in un⸗ „nuͤtzem Ringen; er ſammelt ſie, im Gegen⸗ „theil, zu neuem Anlauf und wuͤrdigerm „Ziele. Deutlich iſt's, daß der Herr Sie „erhalten wollte; erhalten Sie nun ſich „ſelbſt, und ſtoßen nicht, im Uebermuth des „Leides, auch das noch Moͤgliche von ſich. „Ein Kind nur wirft Alles weg, weil es „das Eine nicht haben kann. „Staͤrke Sie Gott! Wir beten fuͤr den „Freund. Euphemia Gr. von Wernerode.“ — —— — 223— Der Lenz war gekommen in vollſter Pracht; doch ſein Glanz leuchtete nicht in die von Schmerz umfloſſenen Herzen; er mehrte eher noch die tiefe Finſterniß. Trauert die Natur mit uns, traͤgt auch ſie ihr Sterbekleid, dann fuͤhlt der ſehr Ungluͤckliche ſich minder elend. Erwacht aber die ganze Schoͤpfung zur Freude, wirbelt jeder Luftſaͤn⸗ ger ſein froͤhlich Lied in den blauen Aether; duftet jede Bluͤte ihren Dank gen Himmel; o, dann uͤberfaͤllt eine Leere, eine Oede Den, der nicht jubeln, nicht lobpreiſen kann, dem kein Lenz des Jahres wiedergiebt, was des Geſchickes rauher Herbſt ihm entzogen; der gern vor der Sonne ſich verbaͤrge, daß ſie den Abgrund ſeines Innern nicht beſtrahle; eine Oede, die weit ſchrecklicher, als der Tod, zu den Sternen hinaufweinet, wo Alles lacht. So traf der Mai Amalien, ſo Marien, — 24 nur mit dem Unterſchiede Beider Individua⸗ litaͤten und Verhaͤltniſſe. Amalie haͤtte gern gegen die Vorſehung ſelbſt geſtritten um ihr verlornes Paradies; ſie glaubte nicht ver⸗ ſchuldet zu haben, was ſie erlitt, und je langſamer die Zeit an ihr voruͤberſchlich, je raſcher wogten ihre Pulſe. Die Graͤfin Wernerode bemerkte den Auf⸗ ruhr in der Tochter Buſen, und ſprach ver⸗ weiſend:„Man trotzet dem lieben Gott ſeine Gunſt nicht ab, gewinnet ſie jedoch zuruͤck durch Reue und Gebet!“ Marie haßte die kloͤſterliche Einſamkeit, die, auch in Gedanken, ſie trennen ſollte von dem geſchiedenen Freunde; haßte das Macht⸗ wort, welches uͤber ihr Leben verfuͤgt, ehe noch ihr Alter es billigen oder verdammen konnte; indeß ſie bequemte ſich darein mit chriſtlichem Sinne; der Mutter Ruhe im Grabe haͤtte ſie zu ſtoͤren vermeint, wenn ſie — 125 ſich widerſetzt ihrem Geheiße; ſie war ganz Duldung, ganz Demuth. Auf den Allguͤ⸗ tigen hoffte ſie, daß er ihr beiſtehen werde, und vielleicht auch bald ſie zu ſich fordern, die nicht taugte fuͤr den aufgedrungenen Beruf.„Ach daß ich Ihn nimmer er⸗ ſchaut,“ ſeufzte ſie,„der dieſe ſtillen Mauern mir ſo verleidet! Und doch, was waͤre die Welt fuͤr mich ohne Ihn? Eine Nacht ohne Tag! Ein großer Garten im Winter⸗ ſchlafe, harrend des lauen Fruͤhlings, der alle jungen Keime aus ihrem traͤgen Schlum⸗ mer weckt, und das Herz des Menſchen um⸗ ſchafft zu einem weiten Blumenreiche. Ein⸗ mal gewandelt in dieſen ſeligen Gefilden, kann ich den duͤrren Boden der Gleichguͤltig⸗ keit nicht mehr betreten wollen, nicht mehr das Auge verſchließen vor Gottes hoͤchſter Herrlichkeit: der Liebe, die doch nichts An⸗ deres iſt, als Gott ſelbſt!“ — 126— So nur klagend in ſich, erlag Mariens zarte Conſtitution dem energiſchern Geiſte, und ihr Aeußeres begann, die Spuren des geheimen Kampfes zu zeigen. Fragte die Aebtiſſin ſie, was ihr fehle, ſo antwortete ſie: ihr fehle Nichts; aber es wehe manchmal, wie aus fremden Sphaͤren, ein Traum ſie an, der ihr die Furcht errege, den Pflichten ihres Standes nicht ſtreng nachkommen zu koͤnnen, und das aͤngſtige ſie. Mehr ſagte Marie nicht; allein es war genug fuͤr die milde Frau, der uͤbrigens Euphemia Alles entdeckt hatte. Den Ruin des armen Maͤdchens zu verhindern, bat ſie ſelbſt die Graͤfin, Ma⸗ rien aus dem Kloſter zu entfernen, und auf's Land zu fuͤhren, daß ſie erſt am Koͤrper geſunde, bevor man ihrer Seele zumuthe, woran leicht beide ſcheitern duͤrften. Frau von Wernerode, die mit Bedacht, in der letzten Zeit, Marien ſeltner geſehen, um ſie von ſich zu entwoͤhnen, war jetzt auch betroffen von ihrer kranken Haltung, ihrem Blick, der den Himmel zu ſuchen ſchien auf dem Wege des Todes. Sogleich beſchloß ſie, das geliebte Kind mit ſich zu nehmen auf ihre Herrſchaft, wo ſie meiſt den Sommer zubrachte. Ohne die Graͤfin Forville waͤre ſie ſchon fort geweſen. Als ſie Marien davon ſprach, uͤber⸗ flog ein leiſes Roth der Freude ihre farb⸗ loſe Wange, und weinend ſank ſie in die Arme ihrer zweiten Mutter, kuͤßte dann die Haͤnde der guͤtigen Aebtiſſin, und erklaͤrte ſich bereit zu Allem, was ihre edlen Be⸗ ſchuͤtzerinnen heilſam fuͤr ſie faͤnden. Baron Steinholm war verſendet, die Graͤfin Wernerode aber autoriſirt, mit Ma⸗ rien, nach Gefallen, zu ſchalten, bis zur Zeit ihres Noviziates; von da an hoͤrte der Einfluß Euphemiens auf. — 12— Frau von Forville, noch gebunden durch Geſchaͤfte, begleitete die Freundinnen nicht, verhieß inzwiſchen, binnen vierzehn Tagen, bei ihnen zu ſein, und dort Forville zu er⸗ warten zur Ruͤckkehr nach Frankreich. Und ſo reiſte denn die Graͤfin Wer⸗ nerode, mit Amalien und Marien, nach ih⸗ rem wunderſchoͤn gelegenen Schloſſe Hohen⸗ alp, etwa dreißig Stunden von der Reſidenz. Hier prangte Alles in uͤppiger Bluͤte, hier athmete man eine ſo linde, reine Luft, daß Euphemia auf den guͤnſtigſten Er⸗ folg rechnete fuͤr ihre Patientin. Hier auch hatte Marie den Geliebten nicht ge⸗ kannt, gerade im Gegenſatze von Amalien, deren Schmerz hier erſtarken mußte. Zu Hohenalp war es, wo die Graͤfin Don⸗ heim ſich vermaͤhlt; wo ſie die erſten Monate ihrer Ehe im ſuͤßeſten Rauſche verlebt, wes⸗ wegen auch Euphemia gewuͤnſcht, dieſes 129— Mal Hohenalp nicht zu beziehen; Amalie aber hatte, wie viele Ungluͤckliche, die gern bei vernichtenden Erinnerungen weilen, auf dieſem Orte beſtanden. Da nun waren die Klippen der Vergan⸗ genheit nicht zu umſchiffen; da kein Leucht⸗ thurm, der vor dem Zerſchellen des Herzens ſicherte; die Nacht blieb Nacht, und wie man ſich auch drehte und wandte, immer wieder ſtieß man auf Felſen, die nicht wichen. Amalie beherrſchte ſich vor der Mutter; doch die Erfahrene trog ſie nicht, und reifte nur ihren Plan: den kuͤnftigen Winter in Paris zu ſein, und ſo die Tochter zu troͤſten uͤber den nahen Aufbruch der Freundin. Bis da⸗ hin war auch Mariens Schickſal feſtgeſtellt. Dieſe erholte ſich nach und nach; ihre Farbe ward beſſer, ihr Auge klarer; allein es blickte aus ihrer Seele eine Schwermuth, II.. 9 die Nichts zerſtreute, und Euphemien um ſo mehr bekuͤmmerte, als ſie wußte, daß ihr Pflegling, um keinen Preis, das begehrte Opfer wuͤrde ablehnen wollen. Nie nannte Marie den Geliebten, nie die Andern ihn in ihrer Gegenwart; aber ein Brief von El⸗ wangen an die Graͤfin Wernerode friſchte in Allen, die ihn laſen, ſein Andenken wie⸗ der lebendig auf; es hieß darin: „Von unterwegs hatt' ich einige fluͤch⸗ „tige Zeilen an Edmond geſchickt, mit dem „Vorſatze, alsbald nach meiner Ankunft, „auch Ihnen, verehrte Graͤfin, zu ſchreiben, „uͤberzeugt, Sie dadurch zu beruhigen. Es „giebt Leute, die haſſen koͤnnen, wo ſie „Gutes genoſſen, weil ſie nicht danken moͤ⸗ „gen; doch es giebt wohl Niemand, der nicht „liebte, wo er Gutes gethan. Auch an „der Graͤfin Wernerode bewaͤhrt ſich dies. „Ihr Brief, theure Frau, hat mich unend⸗ 131— „lich gefreut, und auf's Neue gegen Sie „verpflichtet. „Mein Befinden iſt, ſeit lange, das „eines Menſchen, der ewig ſich abhaͤrtend „wider die Eindruͤcke der moraliſchen Tem⸗ „peratur, zuletzt dennoch erkrankt, indem er „ſich zu viel zugemuthet. Das Pſychiſche „und Phyſiſche ſtehen darin, bei mir, auf „gleicher Hoͤhe oder Tiefe. Meine Gefuͤhle „erſtickten mich faſt, bei Annaͤherung meines „Vaterlandes. Nur wer den Erdſtrich, der „ihn geboren, heilig gehalten, wie ich, „weiß, was es iſt, kein Vaterland mehr zu „haben, als die Graͤber ſeiner Lieben! Keine „Mahnung an daſeelbe, die nicht mit gluͤhen⸗ „den Dolchen unſere Bruſt zerfleiſchte! Die „Stadt meiner Jugend war, fuͤr mich, ein „Aſchenhaufen; niedergebrannt alle Tempel „jener frohen Tage, wo ich, im Glauben an „die Menſchheit, den Sterblichen Altaͤre 9* — 132— „baute, wie meinem Gotte, und ſo vielleicht „ſeinen Zorn gereizt. „ Graf Elwangen, jetzt in Geſchaͤften zu „Stockholm, hatte den Neffen dorthin beru⸗ „fen. Sehr ermattet, wollt' ich uͤbernachten „in einem kleinen Flecken; man oͤffnete mir „das Prunkzimmer des aͤrmlichen Gaſthofes; „hier kaum etablirt, kam ein zweiter Reiſe⸗ „wagen, und die Wirthin bat, der angeſe⸗ „henen Dame mein Gemach zu uͤberlaſſen, „und mit einem daneben mich zu behelfen. „Gleichguͤltig befahl ich, mein weniges Gepaͤck „fortzuraͤumen; doch, eh' ich noch ſelbſt mich „entfernt, erſchien die Dame, hinter ihr „Kammerfrau und Bedienten. Ich nahm, „unter dem tiefen Hute, die Zuͤge nicht „aus; als ſie aber anfing, ſich zu entſchul⸗ „digen, daß ſie mich vertreibe, da erkannte „mein Ohr die Stimme— mein Herz hatte „die Geſtalt nicht mehr erkannt— es war 133— „Ottilie! Sie folgte ihrem Manne, der in „die Reſidenz befoͤrdert, ſchon vorangeeilt, „das Noͤthige einzurichten. Urtheilen Sie, „gnaͤdige Frau, von meiner Beſtuͤrzung, „von ihrem Schreck, als ſie nun auch mich „erkannte! Die Liebe zu ihr war laͤngſt „in mir verblichen— die Graͤfin Wernerode „weiß am Beſten, welcher Engel an ihren „Platz getreten, und ob ich uͤberhaupt faͤhig „bin, noch zu lieben, wo ich aufgehoͤrt, zu „achten!— Allein Ottilie ſtellte, in ihrer „Perſon, die ganze ſchauerliche Epoche vor „meinen Geiſt, die, zu verſchleiern, ich mir „ſo viele Muͤhe gab, und nicht Herr meiner „Empfindungen, ſchoß ich an ihr voruͤber, „mich rettend in mein Aſyl. Ottilie war „es, die den Feuerbrand in mein Inneres „geſchleudert, die, durch ihre Treuloſigkeit, „ihren ſchwarzen Undank gegen meine gute „Mutter, die es mit dem Leben bezahlt, — 134 „meine Verduͤſterung zu dem Wahnſinne „geſteigert, dem ich ſpaͤter erlag; ſie, die „zuerſt an den Grundpfeilern meines Ver⸗ „ſtandes geruͤttelt— hatt' ich ſie doch uͤber „Alles geliebt!— die zuerſt mit jener Bit⸗ „terkeit mich erfuͤllt, die Zweifel erweckend „an Gott und Menſchen, den furchtbaren „Moment herbeigefuͤhrt, deſſen Brandmal „ich nun fuͤr immer tragen muß, dieſes „Kains⸗Zeichen, von dem Nichts mich rei⸗ „niget! O, wie ihr Anblick mich ent⸗ „mannte! Wie die abgeſtorbene Zeit, der „ich nicht Thraͤnen, der ich Blutstropfen „des Herzens nachgeweint, ploͤtzlich wieder „hervorging aus ihrer Gruft, mein Gedaͤcht⸗ „niß zu geißeln mit Eumeniden Gewalt! „Mußt ich an der Schwelle meiner Heimath „Sie treffen, die mir den Bruder gemordet, „und mit dem Himmel mich entzweit! „Eine ziemliche Weile verſtrich, bis ich 135 „mich ſammelte, bis die Ueberlegung zu mir „Zuruͤckkehrte; dann ſagt ich mir: daß Otti⸗ „lie wohl gar waͤhne, ich liebe ſie noch, und „ſei deshalb vor ihr geflohen: ein Wahn, „den ich nicht ſchnell genug zerſtoͤren konnte, „und hin wollt ich zu ihr, als ſie leiſe an „meine Thuͤr pochte. „„Sollte dieſes unverhoffte Begegnen,“ „hob ſie ſchuͤchtern an,„ſollt es blos Zufall „ſein oder nicht vielmehr eine Gnade des „Herrn, der endlich mir vergoͤnnet, dem „Freund meiner Kindheit, dem Sohne mei⸗ „ner zweiten Mutter mein Unrecht abzubit⸗ „ten, und ſeine Verzeihung zu erflehen! „Guſtav!“ rief ſie, unter einem Strom von „Zaͤhren, und ergriff, mit bebender Hand, „die meinige, die kalt, wie der Tod, ihren „Druck nicht erwiederte.„Guſtav, Du der „edelſte, treuſte Menſch,(ich ſchreibe ihr „nach) kannſt Du nicht vergeben? Nicht 136 „mit einem einzigen kleinen Worte die Buͤrde „von mir waͤlzen, die mich zermalmt?“ „„Hat es zu Ottiliens vollkommenem „Gluͤcke,“ laͤchelte ich ironiſch,—„nur an „meiner. Verzeihung gefehlt, ſo durfte die „Tochter meiner Mutter ſich laͤngſt davon „verſichert halten, und ihr zartes Gewiſſen „in den Schlaf wiegen....“ „„Die Sprache nicht erwartete ich vom „Bruder!“ „„Wo blieb die Schweſter dieſes Bru⸗ „ders?“ fragte ich, und alle Wehmuth in „mir ſtrebte empor. 8 „„Hier!“ ſchluchzte ſie, und hing an „meinem Halſe, und ich preßte ſie an meine „wunde Bruſt, in ihrem Leid, das eigene „vergeſſend. „„Nicht zu meinem Gluͤcke,“ fuhr ſie „fort,„braucht' ich Guſtavs V Verzeihung; ich — 137— „habe keines gekannt, ſeit ich an ihm und „der Mutter gefrevelt, ich brauchte ſie zur „Erleichterung meines wohlverdienten Ungluͤ⸗ „ckes. Der falſche Freund, der Dir die „Braut verlockt durch tauſend Vorſpiegelun⸗ „gen, die jedoch mich nicht entſchuldigen; denn „beharrlicher nur haͤtt' ich, im Mißgeſchicke, „ausdauern ſollen bei den Pflegern mei⸗ „ner huͤlfloſen Jugend, der falſche Freund, „er iſt auch kein beſſerer Gatte geworden, „und ſelbſt ohne der Reue Stachel in mir, „ haͤtte Bergenſtroͤm mich nicht begluͤckt. Das „große Erbtheil ſeines Vaters vergeudet er „auf ſchmaͤhliche Weiſe; aber ſeine eiferſuͤch⸗ „tige Natur allein waͤr' eine ewige Folter. „Ach, er hat Recht, Der nicht zu trauen, „die, um ſeinetwillen, die liebevollſten Gemuͤ⸗ „ther betruͤbt! Oft war ich auf dem Punkt, 3„ an Dich zu ſchreiben, und nur eine Zeile „des Troſtes von Deiner Guͤte mir zu er⸗ — 138— „betteln; doch ich wußte dann nicht, wo „Dich ſuchen mit meinen Gedanken. Ein⸗ „mal wagte ich's, beim Geheimerath El⸗ „ wangen mich ſchriftlich nach Deinem Auf⸗ „enthalte zu erkundigen; es ward mir indeß „keine Antwort. Wie mouͤſſen ſie Alle mich „haſſen, die Dich lieben! Ein Ungeheuer „muß ich ihnen ſein! Aber es hat die „ſchlechte That ihren Lohn geerntet, und „kann es Deinen Groll entwaffnen— ich „ſage nicht, kann es Dir Linderung gewaͤh⸗ „ren; Guſtav kuͤhlet nicht ſeinen Schmerz „in fremdem Schmerze— ſo wiſſe: es ath⸗ „met kein bejammernswertheres Geſchoͤpf, „als Deine Ottilie!“ „Mein Zorn war geſchmolzen an ihren „heißen Thraͤnen; die ſchoͤnere Zeit des Ju⸗ „gendlebens draͤngte ſich herauf aus dem „Dunkel meines Buſens, fuͤr kurze Minuten, „die boͤſen Erinnerungen verſcheuchend. Bruͤ⸗ — 139— „derlich lauſcht' ich ihren Klagen, und ſah, „daß ich nur allzu ſehr geraͤcht war. „Ottilie ſchied, nachdem ich ihr betheuert: „daß ich keinen Unwillen mehr gegen ſie „hege, und ſie, im Falle der Noth, auf mich „zaͤhlen duͤrfe; ihr Haus nur wuͤrd' ich nie „betreten, um blutige Reibungen zu verhuͤten. „Sie ſchlief noch, als ich am fruͤhen „Morgen weiter reiſte, das geſtrige Zwiſchen⸗ „ſpiel, wie einen Traum, zuruͤcklaſſend, und „doch nicht ohne Befriedigung daruͤber. „Haß, den uns die Menſchen aufzwingen, „iſt ſo druͤckend, daß wir Gott danken, wei⸗ „chet er von uns. Sie, die ihre Unverſoͤhn⸗ „lichkeit gerechten Stolz nennen, ſie wiſſen „nicht, was ſie entbehren, wenn ſie ihr Herz „mildern Gefuͤhlen verſchließen. An den „Tod des Feindes denke Jeglicher, und er „lernet wohl verzeihen! Mir war eine Laſt „entſunken, ſeit ich Ottilien beruhigt. 140— „Mein Oheim empfing mich vaͤterlich, „ſein Sohn, ein kraͤftiger, ſchoͤner Juͤngling, „von zwei und zwanzig Jahren, wie ein „Bruder. Andere Kinder hat Graf Elwan⸗ „gen nicht; viele große Familien aber ſind, „auch in meiner Vaterſtadt, ihm befreundet, „und unter dieſen ein liebes, huͤbſches Maͤd⸗ „chen, dem er mich zu verheirathen wuͤnſcht. „Ich wies den Vorſchlag bisher nicht ab, „noch nahm ich ihn an; ich entdeckte blos „dem Ehrenmanne meine Liebe zu Marien, „die, obſchon ganz hoffnungslos, doch uner⸗ „ſchuͤtterlich. Die Flut der Zeit, meint' er, „muͤſſe hier, wie uͤberall, Manches wegſpuͤh⸗ „len, Manches ebnen; Leopoldine ſei noch „ſehr jung, ich nicht alt, und ſo koͤnne man „dem Dinge noch eine Weile geduldig zuſe⸗ „hen. Er ſchmeichele ſich mit dem Beſten. „In wie fern dies auch mein Beſtes, laſſ „ich uneroͤrtert. — 141— „Segnen aber wollt' ich die Stunde, in „welcher die Graͤfin Wernerode wieder heiter „laͤchelt. O, daß es uns geſtattet waͤre, „der Freunde Leid zu tragen! Was ver⸗ „ſchluͤg es mir, dem ohnehin das Schickſal „ſeinen Fuß auf den Nacken geſetzt, laͤge „ich auch tiefer noch danieder? Mich erhe⸗ „ben zu wahrer Freudigkeit vermag ich ja „doch nicht mehr. „All den Ihrigen meinen treuſten Gruß, „und Gottes Gruß Ihnen Allen! Ihr dankbarer Guſtav.“ Auch den Brief theilte Frau von Wer⸗ nerode Marien nicht mit; ſie ſagte nur, daß Elwangen geſchrieben, und es der Wunſch ſeines Onkels, ihn einer jungen Verwandten zum Manne zu geben; und ohne den Blick direkte auf ſie zu heften, bemerkte die Graͤ⸗ fin dennoch Mariens Erblaſſen. Dieſe ſprach, — 142— nach einer kleinen Pauſe:„Er verdient je⸗ des Gluͤck; mich hat er vielleicht vergeſſen; ich aber bete taͤglich fuͤr ihn.“ „Vergeſſen hat er Dich nicht, mein from⸗ mes Kind,“ antwortete Euphemia,„doch er weiß, daß Schweigen ihm geziemet, und ich ſchaͤtze ihn deshalb nur mehr, wie ich, ſeit lange, jeden Argwohn gegen ihn beſeitigt.“ „Ich dacht' es wohl,“ rief Marie freu⸗ dig,„daß in der Graͤfin Wernerode ein Irr⸗ thum, der Art, nicht wurzeln koͤnne.“ Vier Wochen war man jetzt zu Hohen⸗ alp; da traf endlich eines Morgens, in aller Fruͤhe, die Graͤfin Forville ein, und hatte ſo⸗ gleich eine geheime Unterredung mit Euphe⸗ mien, worauf ſie zu der Freundin eilte. Die Mutter wollte alsbald nachfolgen. Frau von Donheim, entzuͤckt von Ma⸗ thildens Ankunft, verhehlte ihr nicht, was — 143— ſie ſchon gelitten an dem Orte, der die Ver⸗ gangenheit ſo grell vor ſie rufe. „Gern moͤcht' ich Dich troͤſten, meine Amalie; indeß die Botſchaft, die ich zu mel⸗ den, klingt eben auch nicht luſtig....“ „Du erſchreckſt mich!“ „Donheim....“ „Was mit ihm?“ „Iſt toͤdtlich erkrankt!“ „Wird aber doch nicht ſterben, Ma⸗ thilde?“ fragte die Graͤfin erbleichend.„Nur. das nicht! O, Gott nur das nicht,“ ſtam⸗ melte ſie, mit emporgehobenen Haͤnden, nur nicht geſtorben, bevor ich ihn uͤberzeugt: daß ich ſo ſtrafbar nicht bin, wie er mich ſieht: o, Himmel, nur nicht todt! Mein trooſtlo⸗ ſes Daſein, ich hab' es einzig mir gefriſtet durch die Hoffnung: es werde der Moment noch erſcheinen, der mir ſeine Verzeihung bringt! Ich kann nicht leben und nicht — 144— ſterben ohne ſie, und verlange, auf Erden, Nichts weiter....“ „Arme Amalie! Und wenn Donheim lebte, und ſich wieder verheirathete, wie dann?“ „Dann,“ verſetzte Amalie, und noch tiefere Blaͤſſe deckte ihr Antlitz,„dann waͤre Er mindeſtens gluͤcklich, und das iſt ja mein ſtetes Gebet zu dem Ewigen. Ich beſchwoͤre Dich, Mathilde, quaͤle mich nicht laͤnger! Sprich mein Urtheil aus, damit ich weiß, ob ich dankend niederknien, oder mein Haupt mit Aſche beſtreuen ſoll! Die Marter der Ungewißheit ertrag' ich nicht!“ „Nun wohl, Donheim vermaͤhlt ſich wieder?“...“ „Vermaͤhlt ſich wieder?“ ſtotterte die halb Ohnmaͤchtige.. „Mit Amalien!“ rief hier eine Stimme, die ihr einen lauten Schrei entriß, und be⸗ „— 45— beſinnungslos lag ſie in den Armen ihres Gatten, den die Graͤfin Wernerode zu der Tochter gefuͤhrt. „Lothar, mein Lothar!“ weinte Amalie, als ſie ſich erholte, und faßte nicht die Wonne, an des Geliebten Bruſt zu ruhen.„Allguͤ⸗ tiger, nimm mich zu Dir,“ flehte ſie,„ehe dieſer Traum voruͤber! Erwachen zu ande— rer Wirklichkeit waͤre grauſam!“ Donheim umſchlang das theure Weib mit heißer Glut, und ſagte:„Der Graͤfin Forville verdankt Amalie meine Ruͤckkehr, die kein Traum iſt, und meine ganze Liebe ihr kund thun wird. Ich handelte zu raſch, und bereu' es ſchmerzlich; wie ich Dir ver— geben, ſo vergieb nun auch mir. Uns ſchei⸗ det nur der Tod.“ „Dieſe Seligkeit,“ antwortete Amalie, „ich rang ſie dem Schoͤpfer ab mit meinen Thraͤnen, meiner ſtillen Buße; nicht einmal II. 10 46— die Mutter erfuhr, Wem das Herz ihres Kindes in unverbruͤchlicher Treue ſchlage; es haͤtte nur ihren Kummer gemehrt. Ma— thilde allein kannte das volle Maaß meines Elends; es wuͤrde mich in's Grab gebeugt haben, wenn ich es ganz in mir verſchloſſen, und leben mußt' ich ja fuͤr den Augenblick der Verzeihung!“ „Mathilde,“ unterbrach ſie der Graf, „rettete Dich und mich, indem ſie mir Dei⸗ nen Brief uͤberſchickte, begleitet von einem Schreiben ihrer Hand,“ und es reichte Graf Donheim ſeiner Amalie nachſtehende Epiſtel der Graͤfin Forville: „Der Luͤgen giebt es viele; die Wahr⸗ „heit iſt nur eine! Erkennet dieſe Graf „Donheim nicht in jeder Zeile ſeiner Gattin „an mich, ſo iſt Alles unnoͤthig. Weder „Amalie, noch die Graͤfin Wernerode ahnen, „daß ich hergeflogen, wo moͤglich, Beider 147— „Schutzengel zu werden— Mutter und „Tochter ſind hier unzertrennlich— Vor ih⸗ Inen lieh eine Erbſchaftsſache, die zufaͤllig „ſich damit verbindet, mir den Grund zur „Reiſe, doch ſie haͤtte ſicher, im ſtrengen „Winter, mich nicht aufgeſcheucht vom „Hauſe. Auch glaubt man mir wohl nicht, „erraͤth man gleich eben ſo wenig das ei⸗ „gentliche Motiv meines Kommens. „Anlangen und vernehmen: daß Graf „Donheim nicht in der Reſidenz, daß er in „London ſei, beſtuͤrzte mich ſehr; minder das „Geruͤcht von ſeiner Heirath mit einer Eng⸗ „laͤnderin. Ich weiß, wie Graf Lothar Ama⸗ „lien geliebt, und einen ſolchen Schritt thun, „blos aus Depit, traute ich ſeiner Beſonnen⸗ „heit nicht zu. Schriftlich verſuch' ich nun „bei ihm, was muͤndlich nicht zu erzielen. „Darauf vorbereitet, Amalien aͤußerſt ge⸗ „beugt zu ſinden, hat ſie mich deſſen unge⸗ 10* — 48= „achtet uͤberraſcht. Wo iſt der froͤhliche Ju⸗ „gendmuth, ich moͤchte ſagen: der Uebermuth „hin, dem auch das Schwerſte noch leicht „geduͤnkt! Die Schuld iſt es aber nicht, „welche Graf Donheim ihr beimißt— ſie „traͤgt ein anderes Gepraͤge— die ſeine Gat⸗ „tin ſo herabſtimmt. Frei ſchluͤge ſie ihr „Auge auf, ſenkte nicht der Gedanke es zu „Boden: verkannt zu werden von dem Ge⸗ „liebten, und kein Mittel zu ihrer Rechtferti⸗ „gung zu beſitzen, da er ungehoͤrt ſie ver— „dammt; der Gram bricht ihr Herz, und „regt in Donheim ſich nur noch eine leiſe „Erinnerung jener Zeit, wo er Amalien fuͤr „die Beſte ihres Geſchlechtes hielt, ſo ent⸗ „zieht er ſie dem Abgrunde, der ihr droht. „Die kleine Verirrung— wer haͤtte ſich „deren nicht anzuklagen!— ſie buͤßte ſchwer „dafuͤr. Hab' ich jedoch mich getaͤuſcht „in Graf Lothar; iſt er nur ein ganz all⸗ — 149— „taͤglicher Menſch, der noch finſterer ſich „verſtockt, je klarer ſein Unrecht vor ihm „aufgeht; der nicht wagt, gluͤcklich zu ſein „und gluͤcklich zu machen, weil die Welt ihre „große Naſe dazu ruͤmpfen wird; nicht wagt, „einzugeſtehen: daß er ſich uͤbereilt, und, in „dieſer Zaghaftigkeit, Menſchenwohl und „Menſchenleben opfert; ja, dann iſt Amalie „allerdings verloren; mit ihr die edle Mut⸗ „ter, die, in jedem Blick auf die Tochter, „langſam dahinſtirbt; ja, dann kehr' ich „um ſo betruͤbter heim, als auch meine „Ruhe geſtoͤrt bleibt, und ich, im Geiſt, „erſchaue, wie Donheim, zu ſpaͤt, ſeinen „Vorwuͤrfen unterliegt. Bedenken Sie es „recht, Graf, ehe Sie, fuͤr immer, den „Frieden all Derjenigen vernichten, die Ih⸗ „nen einſt ſo lieb waren. Ich zaͤhle mich „unter dieſe; denn nicht vergaß ich, daß „Lothar mir geſagt:„ Waͤr es nicht Ama⸗ „lie geweſen, es haͤtte Mathilde ſein muͤſ⸗ „ſen!“ Mathilde iſt es jetzt, die Sie be⸗ „ſchwoͤrt, Ihr eigen Heil und das Heil „Anderer nicht zu verſcherzen. Lenke Gott „Ihren Sinn zum Guten, wie ich ihn prei⸗ „ſen will fuͤr ſeine Gnade! M. Gr. Forville.“ „Und wo biſt Du, theure Freundin,“ rief Amalie, nachdem ſie geleſen,„wo biſt Du, daß ich meinen gluͤhenden Dank aus⸗ weine an Deiner getreuen Bruſt! Wo meine angebetete Mutter, der ich nur mit meinem hergeſtellten Gluͤcke ihren Schmerz um mich bezahlen kann!“ Und fortſtuͤrmte die Trun⸗ kene, Mutter und Freundin herbeizuholen, die gleich anfangs ſich zuruͤckgezogen. Ma⸗ thilden feſt an ſich preſſend, ſprach ſie;„So gelang denn Deiner Liebe, was auch meine Reue von dem Ewigen nicht mehr erhofft! 1⁵¹ So haſt Du die Thraͤnen des Grames in Freudenthränen mir verwandelt! O, wodurch vergelt' ich jemals Dir?“ „Es iſt vergolten durch Dein und der Graͤfin Wernerode ſtrahlendes Angeſicht. Wie hab' ich geſeufzt nach dem Momente! Mit welcher Bangigkeit die Antwort Lothars er⸗ harrt! In ſchwierige Unternehmungen miſcht auch gern ſich noch die Eitelkeit; wir trach⸗ ten, ſie durchzuſetzen, koſt' es, was es wolle, um uns ſelbſt das Kompliment daruͤber zu machen. Glaube nur, es hat dieſer Sporn ſchon oftmals Wunder gewirkt.“ „Doch nicht bei Dir, meine Mathilde,“ erwiederte Amalie, und kuͤßte die Perle der Liebe auf, die an der Freundin ſeidener Wim⸗ per hing,„doch nicht bei Dir, die nicht, durch falſche Beſcheidenheit, ihr Verdienſt ſchmaͤlern ſollte! Als Du von Paris an⸗ kamſt, da empfand ich, daß Deine Naͤhe — 152— Gluͤck ſei; daß ſie groͤßeres noch berge, als die bloße Erſcheinung gebracht, und Du er⸗ innerſt Dich, daß ich es mir fuͤr Elwangen deutete, und nun gewiß war, er werde zum Leben erwachen. Daß es mein Leben, mein Erwachen aus dem Todesſchlummer galt, das freilich konnt' ich nicht wiſſen. Aber bedurft es ſo viel Zeit,“ wandte jetzt Ama⸗ lie ſich wieder zu Lothar,„meinen und Mathildens Worten Eingang zu verſchaffen bei Graf Donheim?“ „Ich hatte England verlaſſen, um Schottland zu bereiſen,“ entgegnete der Graf,„und befohlen, mir die Briefe nicht nachzuſenden; erwartete ich doch keine freu⸗ dige Meldung, und war uͤberdies geſonnen, London noch einmal zu beruͤhren, wenn auch nicht aus der Urſache, die man mir unter⸗ ſchob. In den engliſchen Zeitungsblaͤttern ſind derlei Nachrichten nichts Ungewoͤhnliches. — 153— Ich aber dachte mir bei jenem Artikel: „Konnte ſelbſt Amalie keine Büͤrgſchaft eines dauernden Gluͤckes leiſten, wo dann ſie ſuchen?“ „Meine Ausflucht in die Hochlande ver⸗ zoͤgerte ſich gegen meine Abſicht. Die rauhen Schoͤnheiten der Natur haben, fuͤr den Me⸗ lancholiſchen, einen ſeltſamen Reiz. Viele Briefe hatten ſich auſgehaͤuft in London, und ich ſchon die meiſten geoͤffnet, eh' ich zu Mathildens griff. Die Staͤrke des Pa⸗ ketes ließ mich waͤhnen, es ſeien Geſchaͤfts⸗ papiere, die mehr Muße heiſchten. Wie durchzuckt' es mich nun, als ich das Siegel loͤſte, und Amaliens Schrift und die Unter⸗ ſchrift der Graͤfin Forville erkannte! Und wie ſchildere ich nur den Eindruck beider Briefe auf mich! Nicht eine Sekunde ſtand ich an, den Wuͤnſchen Mathildens— ſie waren ja auch die meinigen— mich zu 154— fuͤgen, und des andern Tags ſchon wollt' ich fort, den Beſcheid, auf's Schnellſte, ſelbſt zu uͤberbringen; allein vor meiner Thuͤre glitt ich aus, und brach, im Fallen, mir die rechte Hand. Mit der Linken ſchrieb ich an Frau von Forville: daß ich bald moͤglichſt bei ihr ſein wuͤrde; eine bedeutende Hand⸗Ver⸗ letzung hindere mich, ihr mehr zu ſagen.“ „Dieſe Zeilen,“ begann hier Mathilde wieder,„empfing ich kurz vor Eurer Umſied⸗ lung nach Hohenalp, und konnte daher nicht gleich mit; konnte Euch auch keine Hoffnung geben, da Lothars Worte nur ſeine nahe Ankunft bezeichneten, genug zwar fuͤr mich; doch nicht, um eine Gewißheit daraus abzu⸗ leiten; auch fuͤrchtete ich, daß ſein Uebel ſich verſchlimmert....“ „So war es in der That!“ fiel der Graf ihr ein.„Die heftige Gemuͤthsun⸗ ruhe, der Zwang, bleiben zu muͤſſen, wenn — 155— ich gern mir Fluͤgel geborgt haͤtte, ſie ſtei⸗ gerten noch mein Fieber, und es brauchte Wochen, bis man mir die Reiſe erlaubte. „Kaum eine Stunde, nachdem ich Frau von Forville geſehen,“ ſchloß Donheim, „ſaßen wir im Wagen, und hatten es be⸗ rechnet, ſehr zeitig des Morgens in Hohen⸗ alp einzutreffen. Mathilde entdeckte ſich zu⸗ erſt der Graͤſin Wernerode, und waͤhrend ich ihre Verzeihung mir gewann, flog die Freundin zu Amalien, ſie zu bereiten auf meinen Anblick. Einen Theil ihres Ge⸗ ſpraͤches belauſchend, zuͤgelte ich nicht laͤnger meine Ungeduld. Das Uebrige weißt Du. Und jetzt zu den Fuͤßen Deiner guten Mut⸗ ter, daß ſie ein zweites Mal den Bund unſerer Herzen ſegne!“ Und niederknieten Beide vor der ſo be⸗ wegten Frau, daß ſie nur die zitternden * — 156— Haͤnde auf das Haupt der geliebten Kinder zu legen, nur mit erſtickter Stimme auszu⸗ rufen vermochte:„Es war eine harte Pruͤ⸗ fung fuͤr uns Alle! Gott, der Barmherzige, hat die Reue der Tochter, als Verguͤtung, angenommen, hat des Sohnes Raſchheit be⸗ ſtraft mit voruͤbergehendem Leid, und die Thraͤnen der Mutter gezaͤhlt. Ihr koͤnnet das nicht vergeſſen; nicht vergeſſen, welche Gnade der Herr an Euch geuͤbt, und ſo ſegne ich Euch denn mit unendlicher Mutter⸗ liebe; ſegne Euch mit der kindlichſten Dank⸗ barkeit gegen die ewige Vorſicht, betend: daß ſie auch ferner Euch beſchuͤtze!“ Und Euphemia zog die Theuern an ihre Bruſt! Dann weinte ſie in den Armen der Graͤfin Forville, welche nimmer die ſtarke Frau ſo erſchuͤttert gefunden. „Warum aber,“ fragte hierauf Amalie vorwurfsvoll die Freundin,„warum ward * — 157— ich geplagt mit Donheims Tode, warum mit ſeiner Verheirathung?“ „Vergieb!“ ſagte Mathilde.„Ich wußte, daß Lothar ſich heranſchleichen, daß er uns behorchen wuͤrde, und warten auf meinen Wink, den er jedoch nicht abgewar⸗ tet, und auffuͤhren wollte ich ihm Amalien in ihrem ganzen moraliſchen Glanze. Hoͤren ſollt' er aus ihrem Munde, die nicht ahnete, was geſchehen, wie geliebt er ſei, und wie ein edles Weib— auch wenn ſie fehlen konnte— gern dem Manne ihrer Wahl den letzten Troſt aufopfert. Deiner Antwort war ich verſichert; darum, meine Amalie, die kurze Pein; ſie mußte Dir die ſchoͤnſten Fruͤchte tragen im Herzen Deines Gatten!“ So war denn die Freude wieder hei⸗ miſch worden, wo ſie, ſeit lange, keinen Zu— tritt mehr gehabt, und vier ſehr gluͤckliche Menſchen wandelten auf einem Boden. 4 — 15s— Allein, wie Nichts vollkommen hienieden, ſo umwoͤlkte auch Mariens Trauer die all⸗ gemeine Heiterkeit. Mit dem letzten Bluts⸗ tropfen haͤtte Steinholms Tochter die Zu⸗ friedenheit der Graͤfin Wernerode und ihrer Amalie erkauft, und von der guͤnſtigen Wen⸗ dung der Dinge war ſie ſelbſt ſo hingeriſſen, daß der eigene Schmerz verſtummte; bald aber erhob er ſich wieder, und gerade, was Ama⸗ lien umleuchtete, wie Sternenpracht, verfin⸗ ſterte Marien. Sie goͤnnte der Graͤfin Don⸗ heim jede Wonne, doch ſie beklagte ihr Ge⸗ ſchick. Vor Menſchen konnte ſie das Innere verſchleiern, vor dem Allwiſſenden nicht, und wie paßte nur die irdiſche Liebe zu ihrer Be⸗ ſtimmung? Mit Schande mochte ſie nicht beſtehen, die ſchwere Aufgabe ſo ſchlecht nicht erfuͤllen, daß ſie zu erroͤthen vor der from⸗ men Mutter dort Oben, und dennoch bebte ſie ſcheu zuruͤck. Einen Brief hatte Frau — 159— von Steinholm ihr hinterlaſſen fuͤr den ein und zwanzigſten Geburtstag; zwei Monde noch, und Marie durfte ihn erbrechen; aber feſter nur mußt' er die Kette ſchmieden, die jetzt ſchon ſo enge ſie umſchloß. Hier war kein Entfliehen moͤglich; was die Hand des Todes auf's ſchwache Papier gezeichnet, wie in Erz gegraben, kein Buchſtabe daran zu verruͤcken. Worte der Lebenden, es tilgte ſie ein anderes Wort; die der Geſtorbenen verfielen der Ewigkeit. Was wuͤrde die Mutter ihr ſagen, das nicht die Ruhe mehr und mehr von ihr entfernte! Anpreiſen wuͤr⸗ de ſie ihr den Himmels⸗Pfad, und die Toch⸗ ter ihr nicht dafuͤr danken; beſtaͤrken die muͤt⸗ terliche Zuſchrift ſie in dem Vorſatze: zu ge⸗ horchen, nicht ſie erleichtern. Aus der Erde duͤſterm Schooß erwuchs ihr kein Heil; es barg die Gruft nicht Zaubermittel, Geluͤbde der in ihr Schlummernden zu enkkraͤften. — 160— Der Herr aber konnt' ihr ſeinen Frieden ſenden, und zu ihm betete Marie in ſtiller Andacht. Auch ermannte ſie ſich zu reinerer Theilnahme an der Freunde friſch erbluͤhtem Gluͤck, fuͤhlend: daß ſie es ſtoͤre. Ein neuer Gaſt brachte jetzt neues Leben in den kleinen Kreis, obſchon nicht ohne Beimiſchung von Weh. Graf Forville kam, ſeine Gemahlin abzurufen, erklaͤrte jedoch un⸗ verzuͤglich, daß er einiger Wochen benoͤthige, ſich von den Strapatzen der Reiſe zu erholen. Sein froͤhlicher Humor, ſeine Liebenswuͤrdig⸗ keit, ſeine echt franzoͤſiſche Galanterie, einer fruͤhern Epoche angehoͤrig, und immer ſelt⸗ ner werdend unter den jungen Maͤnnern jeder Nation, ſein feiner Ton, ſeine herzliche Art gegen die Gattin; die große Sorgfalt, auf ſein wohlerhaltenes Aeußere, ſie machten ihn zu einer hoͤchſt angenehmen Erſcheinung, und zugleich Mathildens Neigung fuͤr ihn — 161 ſehr begreiflic. Er war dabei ein Mann von Kenntniſſen und edlen, menſchenfreund⸗ lichen Geſinnungen, voller Witz und geiſt⸗ ſpruͤhenden Repliken. So viel nun aber auch Graf Forrille, durch ſeine unerſchoͤpfliche Laune, den Wer⸗ muthsbecher der Trennung zu verſuͤßen ſtrebte— Mathilde hatte ihn von Allem unterrichtet— ſo viel die Graͤfin Wernerode ſich bemuͤhte, mit kleinen Feſten die Tochter zu zerſtreuen, ihr Auge blieb umſchattet. Da ſchlug Donheim vor, die Freunde nach Paris zu begleiten, und Amalie laͤchelte ihm Dank und Entzuͤcken. Er hatte ohnedies auf ſeinen Guͤtern zu weilen gedacht, bis das Gerede uͤber ihn und ſeine Gattin ſich wieder ver— loren. Euphemia, erfreut uͤber des Sohnes Entſchluß, verſprach, ihnen zu folgen, ſobald Mariens Zukunft geordnet ſei. Man er⸗ wartete Steinholm in Kurzem; doch um II. 11 Alles in der Welt haͤtte die Graͤfin Werne⸗ rode ihr theures Kind jetzt nicht verlaſſen; nicht huͤlflos dem harten Vater es gegenuͤber⸗ geſtellt. Der Liebe braucht' es hier, ſie ſanft zu leiten und zu unterſtuͤtzen; bangte ihr ja ſelbſt ſo ſehr vor der naͤchſten Zeit! Unter haͤufigen Beſuchen und Geſell⸗ ſchaften aus der Umgebung, auch herbeige⸗ lockt von der Neugierde, das wiederverei⸗ nigte Paar zu ſchauen, hatte der Herbſt die Bewohner auf Hohenalp uͤberraſcht, und zu Anfange Octobers gingen die Grafen For⸗ ville und Donheim, ſammt ihren Gemah⸗ linnen, nach Frankreich, Euphemia mit ihrem Lieblinge nach der Reſidenz. Mariens Abſchied von den zwei Freun⸗ dinnen bewegte dieſe ungemein, ſie ſagte ihnen ſo ruͤhrende Worte fuͤr die Fortdauer ihres Gluͤckes, beneidete hauptſaͤchlich Ma⸗ thilden ſo um das ſchoͤne Bewußtſein: wieder — 163— Ruhe geſchenkt zu haben der Bruſt, die ganz daran verarmt geweſen, und ließ hiebei, ohn’ es zu wollen, ſo tiefe Blicke in die ihrige thun, daß Beide, mit heißen Thraͤnen, ſie umarmten, und auf Gott verwieſen, der auch uͤber ſie, die Reine und Gute, ſegnend ſeine Rechte halten wuͤrde. Bei der Ruͤckkehr des Barons, ſchilderte Euphemia ihm noch einmal, in den grellſten Farben, der Tochter Abneigung gegen das Kloſter, und fand ihn, wie bisher, taub gegen ihre Ermahnungen, den unumſtoͤßli⸗ chen Befehl der Mutter als Grund ſeiner Weigerung nennend. Marien verheimlichte die edle Frau den abermaligen Angriff auf ihres Vaters Herz; es konnte ſie nicht beſſer ſtimmen fuͤr Ihn, der ſchon mit dem Pflicht⸗ theil ihrer kindlichen Zaͤrtlichkeit ſich zu be⸗ gnuͤgen, freilich durch ſeine Schuld. Es ſtieg endlich der Morgen herauf, der 11* — 164 Allen ſo fern geduͤnkt, als Steinholms Toch⸗ ter zuerſt die Schwelle der Graͤfin Werne⸗ rode uͤberſchritt. Fruͤher noch, als ſonſt, hatte Marie ſich heute von ihrem ungetreuen Lager erhoben, Kraft ſuchend im Gebete. Dieſer eine Tag, er umfing eine lange und bittere Pruͤfungszeit! Noch hatte ſie den verhaͤngnißvollen Brief nicht entſiegelt; noch zoͤgerte ſie damit, als Euphemia zu ihr trat, in muͤtterlichem Kuſſe, den muͤtterlichen Se⸗ gen auf ihre bleiche Stirn zu druͤcken. „Es iſt ein hochwichtiger Tag fuͤr Dich, meine Marie,“ ſprach die Graͤfin,„und wie ich Dich liebe, ſo moͤchte ich Dein Gluͤck geſichert wiſſen. Mein Inneres blutet, denk' ich, daß Du den vorgeſteckten Lebensweg un⸗ gern beginneſt. Eines aber muß Dich troͤſten: auch nicht die Braut Chriſti, waͤ⸗ reſt Du nimmer die Braut Desjenigen ge⸗ worden, der Deinem Berufe Dich entfrem⸗ — 165 det. Opfere dieſe Liebe, die fuͤr Dich keine Bluͤten hat, opfere ſie Deinem Gotte auf; er wird es Dir vergelten.“ Stumm lag Marie in den Armen der verehrten Goͤnnerin; ihr Buſen wogte heftig, ihre Pulſe klopften laut; ſie war einer Ohn⸗ macht nahe, und Frau von Wernerode fuhr fort.„Faſſe Dich, geliebte Tochter! Noch biſt Du nicht gebunden, noch ſind die Pro⸗ bejahre Dein, und haben ſie keine Aenderung in Dir hervorgebracht, ſo kehreſt Du unter meinen Schutz zuruͤck, dem Niemand Dich entreißen ſoll, das gelobe ich Dir in die⸗ ſer feierlichen Stunde! Bau' auf mich; Du biſt vom Himmel ſelbſt mir anvertraut, und wenn die Baronin Steinholm, in der Meinung, Dich zu begluͤcken, Dein Ungluͤck herbeigefuͤhrt, ſo befreiet die Graͤfin Werne⸗ rode Dich daraus....“ „Keine Gewalt der Erde kann mich be⸗ — 166— freien von dem Gott gegebenen Worte der entſchlafenen Mutter!“ ſeufzte Marie. „Deine geiſtige Mutter, die Kirche, kann es; ſie will nicht, daß man mit Zwang ihr diene, ſo wenig Deine leibliche Mutter ge⸗ wollt, daß Du, zerriſſenen Herzens, zum Altare geheſt! Ich nehm' es auf mich, Dein Loos zu wandeln, gefaͤllt es Dir nachmals nicht. Doch jetzt mußt Du gehorchen Dei⸗ nen Eltern....“ „Noch einen Auftrag der Verſtorbenen hab' ich zu vollziehen!“ „Welchen?“ „Am heutigen Tage das Schreiben zu eroffnen, das ein Vermaͤchtniß von ihr!“ „Und davon ſagteſt Du mir nie?“ „Was haͤtt' es genuͤtzt, gute Graͤfin! Es durfte immer erſt an meinem ein und zwanzigſten Geburtstage geleſen werden. Und weiß ich denn nicht, was es enthaͤlt? Wuͤrd' — 167— ich ſo zittern davor, wuͤrde nicht bereits es geleſen haben, wuͤßt' ich das nicht? Wie nur der todten Mutter widerſtreben? Wie nicht Alles, auch das Unmoͤgliche, ihr ver⸗ ſprechen, redet ſie aus ihrem Grabe zu uns? Schon einige Wochen vor ihrem Ende gab ſie mir, daß der Vater es nicht merke, den erwaͤhnten Brief und jenes Krucifix, das ſeitdem ſeine Wunder bethaͤtigt an dem kran⸗ ken Freunde.„Huͤte Beides ſorgfaͤltig, mein Kind,“ rief ſie,„das Eine hat Deinen Leib errettet aus der Todesnoth; das Andere kann Deine Seele ſchirmen vor noch groͤße⸗ rer Gefahr!“„O, wer empfindet meinen Jammer, als ihr milder Geiſt nun zu dem Sonnenlichte, dem er entſtiegen, zuruͤckge⸗ ſchwebt, und ich eine arme Waiſe war! Denn mein Vater liebte nur den Sohn, und ſtrafte an Marien der Mutter Abgoͤt⸗ terei fuͤr ſie. Was waͤre aus mir geworden — 168— ohne die Liebe der Graͤfin Wernerode?“ Hier neigte Marie ſich auf die Hand der verehrten Frau, und dieſe, ſie umarmend, ſagte:„Ich laſſe Dich jetzt mit Deinem Briefe; nachher ſehen wir uns wieder.“ Marie entſiegelte ſofort das an ſie ge⸗ richtete Paket; es war uͤberſchrieben:„Fuͤr „meine geliebte Tochter Marie. Zu er⸗ „brechen, ohne Zeugen, an ihrem ein und „zwanzigſten Geburtstage, das heißt: nach „vollendetem zwanzigſten Jahre.“ Der Tert, in franzoͤſiſcher Sprache, lautete, zu deutſch, folgendermaßen: „Wenn dieſe Zeilen vor meines Kindes „Blicken ſich enthuͤllen, ſo hat das Herz, „welches ſie diktirt, laͤngſt zu ſchlagen aufge⸗ „hoͤrt; ſie werden aber nur um ſo feſter in „Mariens Herz ſich einpraͤgen, und ihr „darf ich nicht wiederholen: daß der Lebende „puͤnktlich auszuuͤben, was der Todte be⸗ 1699— „fiehlt; ſie ehret ſicher meinen letzten Wil⸗ „len. „Du biſt nun in dem Alter, liebe Toch⸗ „ter, wo ich nicht mehr befuͤrchten muß, „Dein kindliches Gemuͤth zu verwirren mit „meinen Worten. „Dein Vater, ſonſt ein Mann von gro⸗ „ßen Eigenſchaften, beſitzet leider nicht die, „eine feinfuͤhlende Frau zu verſtehen, und „manche ſehr herbe Stunde verlebte ich an „ſeiner Seite. Daß Gott meine Marie, „ſo aͤhnlich ihrer Mutter, daß er ſie bewahre „vor dem gleichen Schickſale, darum fleht' „ich ihn an Tag und Nacht. Du zaͤhlteſt „vier Jahre, Dein Bruder kaum ſo viele „Monate, als eine ſchwere Krankheit Dir „Verderben drohte. Was ich um Dich litt, „weiß allein der Herr; da legt' ich das Bild „des Gekreuzigten auf meiner Tochter Bruſt, „und gelobte ſeiner heiligen Mutter: mein —— „Kind zu Werken der Froͤmmigkeit und „Buße zu erziehen, wolle ſie der Mutter „zu ihren Fuͤßen ſich erbarmen. Und Du „genaſeſt, meine Marie! „Baron Steinholm grollte ſeiner un⸗ „gluͤcklichen Gattin, daß ſie die Tochter, „und nicht den Sohn, ihm zuerſt geboren, „und betrachtete meine Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich „ſtets mit Ungunſt. Als er endlich auch „den Erben ſeines Namens gewonnen, be⸗ „gegnete er mir minder unfreundlich, ruͤgte „jedoch, in ſpitzigen Worten, meine Mutter⸗ „angſt bei Deinem Todeskampfe, die Er⸗ „gebung vermiſſend, die ich ihm ſo oft ge⸗ „predigt. Vielleicht hatt' er hier ſo Unrecht „nicht! Fordern wir ja meiſt von Andern, „wozu wir ſelbſt nicht allemal faͤhig ſind!“ „Dein Bruder ward jetzt des Vaters „Idol; fuͤr ihn wollt' er arbeiten, fuͤr ihn „ſammeln. Ehrgeiz, Ahnenſtolz, und Geld⸗ .-= Iu „gier ſtritten um den Vorrang in ihm. „Mit meiner Seele Aug' uͤberſchaute ich als⸗ „bald die Gefahr fuͤr Dich, bliebeſt Du, „mutterlos, in ſeinen Haͤnden, und doch „konnt' ich mir nicht verbergen, daß meinen „Lebenstagen keine lange Dauer beſchieden. „Von meinen Eltern an Sanftmuth und „Guͤte gewoͤhnt, fiel die rauhe Behandlung „des Gatten, wie Mehlthau, in die Saat „meines Gluͤckes. Ich hatte Baron Stein⸗ „holm, aus Liebe, geheirathet; Vater und „Mutter waren mir geſtorben; Deine Groß⸗ „tante, die mich zu ſich genommen, wußte „an der Verbindung Nichts zu tadeln, als „daß Dein Vater kein Spanier; daruͤber „beruhigten ſie indeß viele Beiſpiele der Art, „ und ſie ſtraͤubte ſich nicht. Spaͤter erfuhr „ich, daß Albrecht von Steinholm, in der „Heimat ſchon, ein ſehr edles Herz zu Tode „betruͤbt, und ſchrieb, mitleidsvoll, ſeinen 172— „duͤſtern Sinn den Vorwuͤrfen ſeines Ge⸗ „wiſſens zu; nur haͤtt' er ſie nicht mehren „ſollen durch ſeine uͤbele Laune gegen die „ganz Unſchuldige. „Mein Wunſch, Dich dem Kloſter zu „widmen, entzuͤckte Deinen Vater ſo ſehr, „daß es mir zu neuen Lichtblicken uͤber ihn „verhalf. Ich dachte an Dein Gluͤck, er „blos, wie, mit all meinem Vermoͤgen, er „den Knaben bereichere, daß dieſer ſeinen „Namen fortpflanze und glaͤnzend aufrecht „erhalte. Haͤtt' ich den armen Hugo we⸗ „niger lieben koͤnnen, Dein Vater haͤtt' es „zu verantworten. „Dein weiches Gemuͤth, das zu Grunde „ginge bei harter Beruͤhrung: Deine zarte „Geſtalt, die dem Druck erlaͤge; ſelbſt Deine „Liebe zu der Mutter, die mein Gemahl „Dir einſt, als Suͤnde, anrechnen duͤrfte, „Alles das, meine theure Marie, erregt in 173 „mir die lebhafteſte Beſorgniß fuͤr Deine „Zukunft. Der Vater zwaͤnge Dich wohl „gar zu einer verhaßten Heirath. Darum „waͤr' es mir troͤſtlich, erwaͤhlteſt Du den „beſſern Theil, und ſuchteſt Frieden, wo die „Menſchen nicht hindringen mit ihrem Un— „frieden; darum gab ich Deinem jungen „Geiſt die hoͤhere Richtung, und machte, „von Kindheit an, Dich vertraut mit den „Lehren der Kirche. Sie iſt eine ſichere „Zuflucht gegen die Unbilden der Welt. „Ich habe geliebt, und bin getaͤuſcht wor⸗ „den; Gott nur taͤuſchet den Glaͤubigen „nicht, und haſt Du die echte, wahre Liebe „zu ihm, die jede andere uͤberſtrahlet: ſo „haſt Du auch hienieden ſchon den Vor⸗ „ſchmack paradieſiſcher Seligkeit, und wirſt „es Deiner Mutter danken, daß ſie auf die⸗ „ſen Pfad Dich geleitet. „Thronet aber ein ſterblich Weſen in — 374— „Deiner Bruſt, biſt Du nicht ganz des „Himmels Eigenthum; dann, geliebte Toch⸗ „ter, fliehe jene Mauern, auch wenn kein „Erdengluͤck Dir laͤchelt! Es begehret der „Himmel ein freies Herz von ſeiner Braut, „und Ruhe verleiht er Dem allein, der die „Ruhe in ſich traͤgt. Liebſt Du nun ſein „Geſchoͤpf mehr, als Ihn; mehr die Welt, „als des Kloſters Stille; dann, meine Marie, „feſſelt Dich kein Geluͤbde, weil ich keines „abgelegt, Deine Jugend zu opfern, und „Opfer waͤr' es, unter ſolchen Umſtaͤnden. „Zu Werken der Froͤmmigkeit und der Naͤch⸗ „ſtenliebe Dich zu erziehen, das hab' ich, in „den Tagen des Kummers, der gebenedeiten „Jungfrau verheißen, Nichts weiter, und „erfuͤllen wird Marie, was die Mutter „gelobt. „Sind demnach meine Wuͤnſche nicht die „Deinigen; ſchrecket die einſame Zelle Dich: — 475— „ſo ſtifte, bei Deiner Volljaͤhrigkeit, die „Dich in den Genuß des großen muͤtterlichen „Gutes bringt, ſo ſtifte, zur Erinnerung „an Deine fruͤhe Krankheit und wunderbare „Rettung, ein Siechhaus fuͤr zwoͤlf adelige „Kranke, Deines Geſchlechtes, nebſt Capelle „zu taͤglichem Gottesdienſte, und verbleibe „die oberſte Schutzfrau dieſes Hauſes, wel⸗ „ches den Namen Maria fuͤhren ſoll, zu „Ehren Deiner Schutzpatronin. So thu“ „ich meiner Verpflichtung, und die Tochter „der ihrigen, Genuͤge. „Baron Steinholm erhielt ich, mit „Fleiß, in dem Irrthum, als ſeieſt Du un⸗ „widerruflich dem Kloſter geweiht, mir nur „bedingend, Dich, vor dem zwanzigſten „Jahre, demſelben nicht zu uͤberliefern, wo⸗ „durch ich verhinderte, daß es unmittelbar „nach meinem Tode geſchaͤhe, und Du viel⸗ „leicht, gegen Deine Neigung, auf ewig 176— „darin verharren muͤßteſt, und zugleich Dir „volle Muße goͤnnte, genau zu pruͤfen, was „fuͤr Dich am Tauglichſten. Bei Leſung „meines Briefes wirſt Du das wiſſen, wie „es auch, mit zwanzig Jahren, noch zu kei⸗ „nem Gluͤcke zu ſpaͤt. Realiſiren meine „Hoffnungen ſich, dann biſt Du jeder Krone „des Lebens werth, und der Allguͤtige ſchmuͤ⸗ „cke mit der ſchoͤnſten Dein liebes Haupt, „und laſſe aus jedem Dorne, der Deine „MNutter verwundet, eine Blume der Freude „fuͤr Dich hervorſprießen! „Wenn ich, theures Kind, Dein Herz „unnoͤthig geaͤngſtet, ſo vergieb mir; vor „meines Gemahles Eigenmaͤchtigkeit Dich zu „ſchuͤtzen, lag mir ob. Was Du immer be⸗ „ſchließeſt, der Segen Deiner Mutter iſt „mit Dir, und folglich auch der Segen Got⸗ „tes. Und hat er mein Flehen erhoͤrt, ſo „weckten Deine Tugenden Dir wohl die — I— „Freundin, die des Vaters Zorn beſchwich⸗ „tiget in der Stunde der Noth; ja, zuͤrnen „wird er, ſieht er nun, daß es von Marien „abhaͤngt, Kloſterfrau zu werden oder nicht. „Dies Schreiben iſt blos fuͤr Dich; ein „zweites, dem Vater mitzutheilen, findeſt „Du hiebei, nebſt dem Ausweis uͤber meine „Capitalien. „Und jetzt, mein frommes Kind, geleite „Dich der Herr auf all' Deinen innern und „aͤußern Wegen, wie meine Liebe Dich treu „umſchweben wird!“ „O, meine verehrte Mutter!“ rief Ma⸗ rie und ſank, in heißen Dankgebeten, nieder vor der Mutter des Unſterblichen.„Dein Wunſch iſt mir Geſetz!“ ſagte ſie, und mit Thraͤnenſchwerem Blick ſich erhebend, ge⸗ wahrte ſie Frau von Wernerode, die ſchon eine ganze Weile, unbemerkt, hinter ihr ge⸗ I. 12 ſtanden, und nun tief erſchuͤttert, die Toch⸗ ter an ihren Buſen zog. „So leiſteſt Du willig heut' das Opfer?“ fragte ſie. „Von einem Opfer anderer Art handelt es ſich hier,“ entgegnete Marie, und reichte Euphemien den Brief der Mutter.„Leſen Sie, beſte Graͤfin, und ſchelten nur, daß ich je verzagen mochte an des Ewigen Huld, ſchelten und ſegnen mich!“ Euphemia las, und ſegnete ihr Kind. Nach einer kleinen Pauſe begann ſie:„Und weiß Marie, weſſen Herz ihr Vater zu Tode betruͤbt, eh' er ſich vermaͤhlt?“ „Wie ſollt' ich?“ „Mein Herz war es, geliebte Tochter, und Gott hat mich gewuͤrdigt, die Freun⸗ din Dir zu ſein, die des„Vaters Zorn be⸗ ſchwichtiget in der Stunde der Noth!“ Mich gewuͤrdiget, Mutterſtelle zu vertreten bei dem Kinde des Mannes, der meiner heitern Ju⸗ gend ihren Schmelz geraubt, und ein Leid fuͤr mich heraufbeſchworen, weit uͤber Alles, meine Marie, was Du bisher empfunden; denn Du kenneſt nicht den Verrath des Geliebten, der, wie gluͤhendes Eiſen, in die Bruſt des Menſchen faͤhrt, eine unvertilg⸗ bare Narbe darin zuruͤcklaſſend. Doch es erprobte ſich die Kraft meiner Seele; Stein⸗ holms Tochter konnt' ich lieben, gleich der eigenen, und verzeihen dem Urheber ihrer Tage!“ Mit Staunen horchte Marie der Rede Euphemiens, nicht vermoͤgend, ſie zu unter⸗ brechen, und bei jedem Worte derſelben bleicher werdend. Als die Graͤfin ſchwieg, da umſchlang ſie, weinend, ihre Knie, und rief:„So war meine hohe Liebe, meine Verehrung fuͤr die Graͤfin Wernerode etwas Anderes noch, als der gewoͤhnliche Tribut, 12 — 180— zu dem ſie Jedweden hinreißt, der ſich ihr nahet! So ſollte meine Zaͤrtlichkeit, mein Dankgefuͤhl, meine kindliche Treue des Vaters Unrecht verguͤten! O, daß es mir damit ge⸗ lungen waͤre! Wie bedauere ich Ihn, der Euphemien kraͤnken, und ſie verlieren konnte! Auch die Beſte ihres Geſchlechtes beruhigte ihn wohl hieruͤber nicht. Aber was wird nun werden, liebe Mutter? Wird Baron Steinholm mich losſprechen, wie ſeine Gemahlin? Ich zittere vor des Vaters Strenge...“. „Zittere nicht, mein Kind!“ ſagte die Graͤfin, und richtete ſie empor.„Mich haſt Du zur Seite, und entfeſſelt iſt meine Zunge mit Deinem Geſchicke; was ich nicht durfte, ſo lange ich Dich gebunden glaubte, das darf ich jetzt. Der Sturm bei Deinem Vater beſaͤnftigt, reiſen wir Amalien und Mathilden nach, uns zu zerſtreuen in der .— 131— berühmten Koͤnigsſtadt. Deine Mutter ur⸗ theilte klug: mit zwanzig Jahren iſt es noch zu keinem Gluͤcke zu ſpaͤt. Der Gram, der Dir im Herzen wohnet, wir legen ihn ab mit der Kloſterfurcht, und werden neu ge⸗ boren. Vergangenes buͤrg' uns fuͤr das Zu⸗ kuͤnftige; es nimmt der Allmaͤchtige nicht mit der einen Hand, was mit der andern er geſpendet, und giebt er auch nicht immer, wie es uns gefaͤllt, was wir haͤufig ihm noch danken muͤſſen: ſo taͤuſchen ſeine Winke doch nicht, und Gluͤck, meine Marie, hat er Dir zugewinkt in dem Liebesgruß der Mutter!“ Frau von Wernerode befahl, wenn der Baron komme, ihn nicht zu der Tochter, ſondern zu ihr zu fuͤhren, damit ſie den er⸗ ſten Ausbruch ſeines Verdruſſes auffange, und ſo den Streich fuͤr Marien laͤhme. Wie vom Donner geruͤhrt war Stein⸗ — 182 dem Briefe ſeiner Gattin. Wuͤthend rief er: „Selbſt mit den feierlichſten Verſicherungen treiben die Weiber ihr Spiel, und liſtig ſind ſie Alle, wie die Schlange im Paradies.“ „Wahrlich, es kleidet den Herrn von Steinholm ungemein,“ laͤchelte Euphemia ironiſch,„uͤber falſche Zuſicherungen und uͤber die Hinterliſt der Frauen ſich zu be⸗ klagen!“ 5 Mariens Vater fuͤhlte den Stich, und erwiederte:„Ich leugne nicht, Graͤfin, daß ich betroffen bin von dem Unerwarteten, weil es meine Projekte vereitelt. Darum wuͤnſch' ich Marien dennoch im Kloſter, gewiß, ſo auch ihr Heil zu foͤrdern....“ „Und woher dieſe Gewißheit, Baron?“ fragte Euphemia.„Hab' ich Ihnen doch oͤfter ſchon ganz das Gegentheil angezeigt! Mehr konnt' ich fruͤher nicht; jetzt aber er⸗ holm, und traute kaum ſeinen Augen bei 183— ſuche ich Sie, Ihr Kind, das auch meines geworden, nicht zu einem verderblichen Schritte zu bereden. Marie wird heirathen, wie hundert andere Maͤdchen, was quaͤlt Sie dabei? Iſt ſie nicht ſchoͤn, nicht gut, wie ein Engel, nicht ausgeruͤſtet mit allen Ei⸗ genſchaften und Talenten, den Mann zu begluͤcken, der ſie liebt, und ihre Liebe zu ſchaͤtzen verſteht? Das Geruͤcht einmal ver⸗ breitet, daß ſie waͤhlen darf, und es fließen ihr die Bewerber, in Menge, zu.“ „Mariens Vermoͤgen iſt nicht groß, und ſoll ſie der Mutter Geheiß vollſtrecken, und, mit dem ſchweren Gelde, den leichten Schleier abkaufen: ſo bleibt ihr nur wenig....“ „Leicht iſt der Schleier nicht, Baron Steinholm, den ein fremdes Machtwort an unſer Haupt befeſtiget! Es erwaͤchſt aus jedem ſeiner Faͤden ein Stachel fuͤr das Herz, das ſeufzend von der Welt geſchieden. Ue⸗ — 184— brigens hoͤrt' ich doch immer, fuͤgte ſie hin— zu, und ihr ſcharfer Blick lenkte ſich hier auf des Gegners Blick,„daß Baron Stein⸗ holm, mit der edlen Braut, auch eine ſehr bedeutende Morgengabe erhalten....“ „Es geht mit ſolchen Sagen, meine gnaͤdige Frau, wie mit Geluͤbden; ſie ſind wahr, bis man ſie beſtreitet.“ „Nun ich hoffe,“ betonte die Graͤfin, „es wird Niemand zu beſtreiten wagen: daß Marie von Steinholm die reiche Erbin ihrer Mutter, und iſt's dem Vater anſtaͤndig, ſo nehm' ich ſeine Tochter, binnen Kurzem, mit mir nach Paris. Wer weiß, Baron, was in der Zeiten Hintergrunde ſchlaͤft, und ob ich nicht den Eidam fuͤr Sie bringe?“ „Jeder iſt mir recht,“ entgegnete Stein⸗ holm,„der, bei altem und unbeflecktem Namen, das erforderliche Einkommen genie⸗ ßet. Gern vergoͤnne ich Marien die Reiſe; — 185— nur muß ich Frau von Wernerode bitten, auf jene zwei Bedingungen ſtreng zu achten, und keinen Comoͤdien⸗-Vater aus mir machen zu wollen. Es hat das Leben meiner Toch⸗ ter ſchon ſo viel Romanhaftes, daß ich da⸗ von geſaͤttiget bin. Ihnen, Graͤfin, duͤrfte blos Nebenſache ſein, was mir weſſentlich und nothwendig deucht; Sie kennen aber nun meine Anſichten!“ „Ich kenne ſie,“ unterbrach ihn Euphe⸗ mia,„und werde Marien zu Nichts beſtim⸗ men, was des Vaters Mißbilligung haͤtte. Jedes Vertrauen ehr' ich; Sie aber, Baron Steinholm, haben ganz beſonders, in dem Ihrigen, die Graͤfin Wernerode geehrt.“ Alle Worte Euphemiens verletzten heute den Stolzen; ſie waren wie Betaſtungen ei⸗ ner offnen Wunde. Die Graͤfin, um Ma⸗ rien die erſte Zuſammenkunft mit dem Vater zu erleichtern, ſandte nach ihr.„Nur dreiſt — 136— zu uns,“ rief ſie, als Marie ſich ſchuͤchtern naͤherte.„Du biſt frei!“ und ſchluchzend hing die Tochter an dem Halſe ihres Vaters, in dem Momente vergeſſend: daß er, fuͤr ſie, nie vaͤterliche Geſinnungen gehegt; daß er der Mutter im Grabe ſo manches Weh be⸗ reitet, und ihrer zweiten Mutter Herz zu „Tode betruͤbt.“ Er ſchien jedoch deſſen eingedenk, ſchien, wie beſchaͤmt vor ſeinen Erinnerungen; denn er kuͤßte ſie zaͤrtlich auf die Stirne. „Ich gebe nach, in dieſem Punkte,“ ſagt' er,„heiſche aber Gehorſam in allen uͤbrigen.“ „Mein guͤtiger Vater,“ verſetzte Marie, ermuthigt durch die Gegenwart der Graͤfin, „wird nicht von einem Joche mich erloͤſt haben, um ein anderes, vielleicht noch Haͤr⸗ teres, mir aufzubuͤrden. Ich gelobe, keine Verbindung einzugehen, ohne ſeinen Willen, — 187— und flehe nur, zu keiner mich zu zwingen die mein Ungluͤck waͤre.“ „Es ſei auch das!“ rief Steinholm, und enteilte. Ungern ließ er auf allzu gro⸗ ßer Weichheit ſich ertappen, und ſein Gewiſ⸗ ſen war erwacht fuͤr einen Augenblick. Die⸗ ſem dringenden Mahner nun hatt' er, zur Beruhigung, das Verſprechen hingeworfen: der Tochter keine Gewalt anzuthun; auch ſchmeichelte er ſich, nicht auf Widerſtand zu treffen. Kehrte die Graͤfin aus Frankreich heim, und hatte, fuͤr Marien den vorſchrifts⸗ maͤßigen Gatten nicht ermittelt, ſo fand er ſchon ſeinen Mann, der ſich begnuͤgte mit Dem, was er der Tochter gebe, und nicht viel forſchte nach der Mutter Erbtheil. Cederſtern hoͤrte nicht ſobald von Ma— riens neuen Verhaͤltniſſen, als auch ſeine Liebe neu ſich regte. Gegen das Unmoͤgliche konnt' er nicht ankaͤmpfen; der Kirche ihr — 188— Eigenthum nicht entreißen; allein vor dem jetzt Moͤglichen wollt' er nicht ſcheu zuruͤck— treten; wollte noch einmal ſein Gluͤck verſu⸗ chen, und Marien ſich entdecken! War er doch der Erſte nicht, dem Fortuna den Ruͤ⸗ cken gewendet, weil er nicht das Herz gehabt, ſie zu verfolgen! Der Erſte nicht, der, im kuͤhnen Lauf, ſein noch ſo fernes Ziel er— reicht! Zwar liebte auch Elwangen das Maͤdchen; er aber dachte an Heirath mit ei⸗ ner Andern; es brannte alſo, in Guſtav, die Glut nicht, die ſein Inneres verzehrte! Und liebte denn Marie den Freund wirklich? ach, daß er daran haͤtte zweifeln koͤnnen!— Und wuͤrde der hochmuͤthige Vater das Buͤnd⸗ niß mit Elwangen jemals zulaſſen? Nicht minder ſchroff behandelte er ihn; indeß, wa⸗ ren Kloſtermauern eingeſtuͤrzt vor Abneigung, wie ſollt' es der Liebe nicht gelingen, aus ihren Truͤmmern, einen Tempel des Gluͤckes — 189— zu erbauen? Mariens Gunſt nur, und er erwarb ſicher auch die ihres Vaters! Jung, wohlgeſtaltet, reich und von alter, ehrenhaf⸗ ter Familie, was braucht' es mehr fuͤr Ba⸗ ron Steinholm? Erklaͤren mußt' er ſich ſchlechterdings, und Marie, dieſe Erklaͤrung nicht ahnend, vermied ſie auch nicht. Ed⸗ mond gratulirte ihr zu dem froͤhlichen Tauſch ihrer Lage, und fuhr dann fort:„An die Braut des Hoͤchſten durfte Keiner ſein Ver⸗ langen richten; die Dornenkrone ihr entſun⸗ ken, iſt es zu verzeihen, flicht man den Myr⸗ tenkranz fuͤr ſie.“ Marie blickte ihn ver⸗ wundert an. „Erlauben Sie, daß ich endige!“ rief er, dem ſolcher Blick nichts Freudiges ver⸗ hieß.„Ich liebe Sie unnennbar, und trage, ſeit Jahren, dies Gefuͤhl mit mir herum, ſtill duldend, was nicht abzuwehren ſchien. Heute jedoch, wo die Schranke gefallen iſt, 190 ⸗ die den Menſchen von der Gottgeweihten trennte, heute ſei es mir mindeſtens verſtat⸗ tet, auszuſprechen: daß Mariens Liebe mich ſelbſt zum Gotte beſeligen wuͤrde....“ Einen Zug tiefen Schmerzes um den ſchoͤnen Mund, antwortete Marie:„Lieben Sie mich in der That, guter Edmond, nun ſo haben ſie wohl laͤngſt errathen, was meine Bruſt verſchließet. Entgegnen Sie, der Jahre hindurch, wie Sie ſagen, Ihr Gefuͤhl in ſich genaͤhrt, entgegnen Sie mir nicht: daß das meine hoffnungslos, ich weiß es; daß man aber, mit Hoffnungsloſigkeit, die Lieb' im Buſen nicht ertoͤdtet, wiſſen ja auch Sie. Lindert es Ihren Kummer, dieſen neuen auf mich gehaͤuft zu haben, ſo taͤdele ich Sie nicht, wie viel ich gleich darum gaͤbe, er waͤre mir erſpart worden. Edmond, Freund meines Freundes, und der mei⸗ nige,“ rief ſie, ihm die Rechte bietend, die 191 er an ſeine Lippen druͤckte,„ich beweine Ihren Gram, ich moͤcht' ihn ausloͤſchen mit allen Thraͤnen meiner Augen und meines Herzens; allein die Flammenſchrift, die jener Eine in dieſem Herzen angezuͤndet, ſie tilgt nicht Thraͤne noch Gebet! Der Mutter Freibrief haͤtte an meiner fruͤhern Beſtim⸗ mung Nichts verruͤckt, haͤtt' ich Ihn nicht gekannt, der mich ſo voͤllig umgewandelt. Hoffnung iſt es nicht— fuͤr mich lebt keine— was mir das Kloſter ſo erſchwerte; es iſt das Unbezwingliche in mir, das mit des Klo⸗ ſters frommer Regel ſich nicht paaret; denn, was der Menſch iſt, ſoll er ganz ſein. Dem Herrn dienen und auch der irdiſchen Liebe widerſtrebte meiner Natur. Konnte ich nun aber meinem Gotte dieſe Liebe nicht auf⸗ opfern, wie dem Staubgebornen? Gluͤcklich bin ich nicht, mein treuer Edmond, und harte Momente ſeh' ich noch vor bei meinem Vater; doch der Kampf mit dem Himmel iſt aus, und dafuͤr ſegne ich die Hand der geliebten Mutter!“— Hier ſtoͤrte ſie die Graͤfin Wernerode, und Marie, die guͤnſtige Gelegenheit benu⸗ tzend, entſchwand. Euphemia merkte, was ſich ereignet, und ſagte:„Haͤtte Edmond mich gefragt, es waͤre dieſes, fuͤr Beide ſo peinliche, Geſpraͤch unterblieben.“ „Auch aus dem kleinſten Zweifel flammte mir noch Hoffnung,“ verſetzte Cederſtern, „Marie ſelbſt ſollte hier entſcheiden; ſollte mein Hoffen auf immer vernichten oder es beleben zu ewigem Fruͤhling meines Her⸗ zens. Sie hat entſchieden, und Lenz und Bluͤten ſind fuͤr mich dahin!“ Viele Fremde hatten, in der letzten Zeit, die Reſidenz, und mancher ausgezeichnete dar⸗ unter, das Haus der Graͤfin Wernerode be⸗ ſucht. Allerlei Geſchaͤfte, die um ſo eher — 193— aufgeraͤumt werden mußten, als es eine laͤn⸗ gere Abweſenheit galt, bannten die Graͤfin noch, fuͤr einige Wochen, an ihre Vaterſtadt. Die Nachrichten von Amalien goſſen Friede und Freude in die zaͤrtliche Mutterbruſt; ſie ſchmeichelten ihr mit einem Enkelchen. Da meldete man Euphemien, eines Mor⸗ gens, den Grafen Rothenheim, der vorge⸗ fahren, ſeine Aufwartung zu machen.„Graf Rothenheim?“ Sie erinnerte ſich nicht, von ihm gehoͤrt zu haben, empfing ihn jedoch, trotz der ungewoͤhnlichen Stunde zu ſolchen Viſiten. „Elwangen!“ rief die Graͤfin, wie er⸗ ſchrocken, als der junge Mann hereintrat. „Und warum unter dieſem Titel?“ „Weil er jetzt der meinige, aus ſehr trau⸗ rigem Anlaß!“ entgegnete Guſtav.„Mein Oheim, Graf Elwangen zu Rothenheim, hat den vielgeliebten Sohn, durch einen II. 13 — 194— Sturz vom Pferde, verloren. Ich ſchildere Ihnen nicht, gnaͤdige Frau, die Verzweif⸗ lung des Vaters, als man den ſchoͤnen Juͤngling beſinnungslos, und faſt unkennt⸗ lich, in ſein Hotel brachte; ſchildere Ihnen nicht die Jammerſcenen, die ihren Anfang nahmen, als er bald darauf verſchied. Mit Gewalt nur trennte man den ungluͤcklichen Greis von der Leiche ſeines einzigen Kindes, und erſt, als er weinen konnte, beruhig⸗ te mich der Arzt um ihn. Erholt von ſeiner langen Betaͤubung, ſprach er zu mir: „Du, Guſtav, biſt nun mein Sohn und Erbe, und meinen Namen uͤbertrag' ich auf Dich!“ Es fiel dem Grafen nicht ſchwer, dies zu erwirken, ſchwerer mir, ihn zu einem Ausfluge fuͤr ſeine Geſundheit zu vermoͤgen. Wo ſein Herrmann begraben, da wollt er leben und ſterben. Nach unablaͤſſigem Bit⸗ ten entfuͤhrte ich ihn endlich, und geſtern 1 195 Abend erreichten wir das vorlaͤufige Ziel un⸗ ſerer Wanderung nach Italien. Roms mil⸗ des Clima wird meinen guten Vater ſtaͤrken, die Kunſtſchaͤtze der ehemaligen Weltſtadt ſei⸗ nen Kunſtliebenden Sinn erheitern, und er ſo die noͤthige Zerſtreuung finden. Gleich in der Fruͤh ſchrieb ich eine Zeile an Ed⸗ mond; er iſt auf der Jagd. Nun eilt' ich zu der Graͤfin Wernerode, und ſagte, zur vollſtaͤndigern Ueberraſchung, blos meinen zweiten Namen. Welches Intereſſe mich bewogen, hier durchzureiſen, begreifen Sie leicht, verehrte Frau. Ihre guͤtige Anzeige von der Ausſoͤhnung der Graͤfin Donheim mit ihrem Gemahl und deren beabſichtigter Excurſion nach Paris, traf mich nicht mehr zu Stockholm; ich hatte den Geheimerath El⸗ wangen auf ſeine Guͤter, im Preußiſchen, be⸗ gleitet, der Leiche ſeines Sohnes folgend, die dort, in der Familiengruft, ihren Platz ge⸗ 13* — 196— nommen. So bekam ich die Depeſche der Frau von Wernerode weit ſpaͤter, als ich geſollt, und behielt mir deswegen die Ant⸗ wort muͤndlich vor; denn ſchon war unſer Zug nach dem Suͤden beſchloſſen. Aber wie ſorgenvoll mein Herz auch um den armen Oheim, es jauchzte laut bei jener frohen Kunde. Wie oft, daß ich zu dem Ewigen gefleht, nur den Moment mich erleben zu laſſen, der wieder Gluͤck verleihe der edlen Graͤfin Wernerode, und ich hatt' ihn erlebt, und es ſtahl die geheime Hoffnung ſich in meine Bruſt: daß der Himmel mir nicht laͤnger zuͤrne. Und wie ergeht es Marien in ihrer ſtillen Klauſe?“ fragt' er ſehr weh⸗ muͤthig.„Kein Tag, wo ich nicht an Sie Alle gedacht, und mich zuruͤckgeſehnt in ihren trauten Kreis, meine eigentlichſte Heimat!“ „Sein Sie mir tauſendmal gegruͤßt!“ erwiederte Euphemia dem Freunde, mit war⸗ — 19,— men Haͤndedruck, und erzaͤhlte ihm nun von Marien. Wie Gottes Wort toͤnt' es in Guſtavs Seele, daß die Kirche fuͤrder keine Anſpruͤche an die Geliebte, und aufging vor dem Auge ſeines Geiſtes eine neue Zukunft in Mariens Freiheit. Seine Stellung war heut' eine ganz andere, als fruͤher! Name, Rang, Ehre und ein großes Vermoͤgen hatt' er jetzt, mit ſeiner Hand, zu verſchenken, und ſie trug er augenblicklich der Graͤfin fuͤr Marien an, wenn dieſe nicht etwa ihn ver⸗ geſſen. „Marie iſt die Nemliche fuͤr Sie,“ ver⸗ ſetzte Euphemia,„doch den Vater haben wir zu fuͤrchten. Verhehlen duͤrfen wir ihm um ſo weniger Ihre Geſchichte, als er in Ihnen nur den Maler Elwangen gekannt. Seine Empfindungsweiſe aber, wie ſeine Urtheile, ſind nie milde, und den Sohn wird er verwechſeln mit dem Vater. Marien — 198 vorzubereiten auf Elwangen, verlaſſ' ich Graf Rothenheim fuͤr eine kleine Weile. Verziehen Sie unterdeſſen hier; ich hole mein Kind.“ „Ein werther Gaſt,“ ſprach die Graͤfin, zu ihrem Liebling,„hat ſich bei uns einge⸗ funden.... „Doch Keiner, hoff' ich, der meine theure Mutter hindern wird an ihrer baldigen Reiſe zu Amalien!“ „Wer weiß!“ laͤchelte Frau von Werne⸗— rode.„Du erraͤthſt ihn nicht?“ „Waͤr' es moͤglich? Elwangen....“ „Er ſelbſt!“ Und was bringt ihn her?“ fuͤgte Marie leiſe hinzu, und ſchien auf eine befriedigende Antwort zu lauſchen. „Seines Oheims Ungluͤck....“ „Alſo nicht ſeine Erinnerungen?“ 199— „Doch, doch, er liebt Marien, wie zu⸗ vor, und es iſt ſein innigſtes Verlangen, ſie die Seinige zu nennen.“ „O, nimmer bewilliget Baron Stein⸗ holm ſeine Tochter dem Maler Elwangen, und ich verpflichtete mich, nicht zu heirathen ohne ſeine Einwilligung!“ „Er iſt nicht Maler.“ „Nicht? Was iſt er denn?“ „Jedenfalls der Adoptivſohn ſeines Oheims.“ „Und dieſer Oheim?“ „Graf Elwangen von Rothenheim.“ „Welcher Wechſel, ich faſſ' es kaum,“ ſagte Marie, und es ſtrahlte, wie Mondes⸗ glanz, von ihrem blaſſen Angeſichte.„ So koͤnnte ich doch noch gluͤcklich werden, gute Mutter?“ — 2090— „Rechne nicht zu feſt darauf, meine Ma⸗ rie. Du weißt, wie ſtolz und wunderlich Dein Vater, und hier iſt manche Urſache zu ſeiner Mißbilligung, keine jedoch, Dir laͤnger den Lebenslauf unſers Freundes zu verſchwei⸗ gen; noch heute ſollſt Du ihn erfahren, und wiederum lernen: daß man von goͤttlichen und menſchlichen Geboten nicht ungeſtraft weiche. Eine herbe Schule hat Elwangen durchgemacht. Nun aber komm'; ich ließ ihn in meinem Cabinet, er wird dort unge⸗ duldig uns erwarten.“ Und an der Hand der Graͤfin Wernerode trat die freigegebene Braut Chriſti, gleichſam als neue Braut, dem Geliebten entgegen, und lag ſprachlos in ſeinen Armen. Sie hatten ſich erkannt ohne Worte; ſie fuͤhlten auch jetzt, in ſtummer Seligkeit, die Bedeu⸗ tung dieſer Minute. Guſtav bat ſodann Frau von Wernerode — 201— um die Erlaubniß, ihr den Oheim zu praͤſen⸗ tiren, und um Nachſicht mit ſeiner Trauer. „Wir wollen uns beſtreben, dieſe zu mildern,“ ſagte ſie.„Bei uns trifft er ja Gemuͤther, die weder das Gluͤck verwoͤhnt, noch das Ungluͤck abgeſtumpft hat; unſere Theilnahme wird ihm wohlthun.“ Guſtav entfernte ſich, wie im Rauſche; hier erwachen zu ſchaler Nuͤchternheit waͤre ſchrecklich geweſen. Um Marien durft' er werben! So hatt' er denn genug gebuͤßt, und geſprengt war das eiſerne Joch des Schickſales, das ihn niedergehalten! Aber dem tugendhaften Greiſe mußte die Sonne ſeines Alters verſinken, damit dem Neffen erbluͤhe, was, zu traͤumen, er nicht gewagt! Daß der Weg zu ſeinem irdiſchen Heile durch des Vetters Grabgewoͤlbe ging, das blieb fuͤr ihn ein tiefer Schmerz. Marie empſing von der Graͤfin die — 202— Bekenntniſſe Elwangens, und waͤhrend ſie darein ſich vertiefte, und aus jeder Zeile neuen Stoff zu ihrer Liebe ſog, uͤberlegte Euphemia, wie ſie den Vater gewinne. Sein Ausſpruch war Leben oder Tod. Steinholm eilte herbei auf ihren Ruf. „Was wuͤnſcht die Graͤfin Wernerode?“ fragt' er. „Den Segen des Vaters fuͤr ſeine Toch⸗ ter, ſonſt Nichts!“ antwortete die Graͤfin mit erkuͤnſtelter Unbefangenheit. „Das heißt?“ „Daß eher, als wir es glaubten, ein Freier fuͤr Marien ſich gezeigt.“ „Und der iſt?“ „Graf Elwangen zu Rothenheim.“ „Der Name klingt mir nicht fremd.“ „Sie entſinnen ſich vielleicht eines jungen Mannes, der vorigen Winter mein Haus beſuchte.“ 203 „Ganz Recht! Ein Landſchaftsmaler, bleich und ernſt, dabei ſo hoch einherſchrei⸗ tend, als ſei er gar etwas Großes.“ „Derſelbe begehrt Marien.“ „Wiel“ entruͤſtete ſich Steinholm.„Der Maler Elwangen ſoll meine Tochter heira⸗ then? Sie ſcherzen, Frau Graͤfin!“ „Es iſt ja der Graf Elwangen....“ „Und Maler doch! Wie paßt das zu einander?“ Euphemia erzaͤhlte hierauf, was ſie von Guſtavs Vater wußte. „Daraus wird Nichts!“ entgegnete Je⸗ ner barſch,„und wundern muß ich mich, daß die Graͤfin Wernerode, der ich doch meine Willensmeinung erſt kuͤrzlich eroͤfnet, daß ſie, in ſolcher Sache, nur vorbitten mag. Einen entehrten Namen verbruͤdert kein Steinholm mit dem ſeinigen.“ „Was kann der Ungluͤckliche fuͤr ſeines — 204— Vaters Vergehen, das ſchon alle Freuden ſeiner Jugend ihn gekoſtet? Ueberdies iſt er nunmehr Sohn und Erbe des hochgeachteten Grafen von Elwangen, aus beruͤhmtem Ge⸗ ſchlechte, und wahrlich Baron Steinholm vergiebt ſeinem Adel kein Haarbreit, wenn er die Tochter dieſem echten Edelmanne giebt.“ „Noͤglich, mir indeß nicht klar!“ „Es gilt die Lebensruhe zweier Menſchen, Baron! Erwaͤgen Sie es gut. Nicht aus Leichtſinn und Uebereilung ward der Bund ge⸗ ſtiftet; Marie liebt Elwangen, ſeit ſie ihn ſah; haͤtte aber der Mutter dennoch gehorcht, wenn ſie nicht ſelbſt ihr beigeſtanden, und El— wangen hat erſt heute ſeine Liebe ihr entdeckt. Greifen Sie in Ihren Buſen und fragen ſich, ob keine Stimme hier ſich gegen Sie erhebt. Die Ungerechtigkeit an Ihrer Tochter; die Haͤrte, mit welcher Sie Mariens Mutter — 205— behandelt, weil ſie ihr Kind fuͤr den Vater mitgeliebt, Alles das koͤnnen Sie jetzt aus— gleichen. So ſchoͤne Gelegenheit, Gott zu verſoͤhnen, kehrt nicht wieder. Muͤtterlich berge ich Mariens Wohl im Herzen, um meinetwillen ſagen Sie Amen zu ihrem Gluͤcke! Es tilget dieſes eine Wort das lange Andenken von des Vaters Schuld.“ In duͤſterm Muthe hatte Steinholm der Graͤfin zugehoͤrt; dann zuckt' es ploͤtzlich, wie helle Blitze, uͤber ſeine ſtarren Zuͤge.„Ein Mittel weiß ich!“ rief er. „Und welches?“ „Es ſei die Graͤſin Wernerode Baronin Steinholm, und Marie wird Graͤfin El⸗ wangen. Todesſchauer durchrieſelten Euphemien. Darauf hatte ſie ſich nicht vorgeſehen; es traf ihr Leben; ſie ſammelte ſich jedoch, und — 206— entgegnete:„Die Ihrige, Baron Steinholm, werde ich niemals!“ „So bleibt auch Marien keine Hoff⸗ nung.“ „Was hat unſer Alter gemein mit Ma⸗ riens und ihres Geliebten Jugend? Muͤſſen ſie zu Grunde gehen, weil meine Jugend mir verloren ging? Zu Grunde gehen, weil der Herr von Steinholm, entzweit mit ſei⸗ nem Gewiſſen, verguͤten moͤchte, wo Nichts zu verguͤten iſt? In Marien blos koͤnnen Sie, Baron, Euphemien noch erfreuen, durch ſie allein meine voͤllige Verzeihung erhalten.“ „Soll Ihr Haß fuͤr mich denn ewig waͤhren?“ „Als Baronin Steinholm wuͤrd' ich ſie haſſen, als Graͤfin Wernerode kann ich noch Ihre Freundin ſein!“ „Dies ſtolze Herz,“ fuhr er heftig auf, „ich will es beugen oder brechen!“ — 207— „Und brechen damit des eignen Kindes Herz!“ rief ſie dem Entſtuͤrmenden nach. „Fliehe nur, unbaͤndiger Mann, der Strafe Gottes entflieheſt Du nicht! Reize ſeinen Zorn, bis das Maaß Deiner Suͤnden ſich gehaͤuft! Die Stunde der Vergeltung, ſie ſchlaͤgt auch Dir.“ Dann ſank Euphe— mia erſchoͤpft zuruͤck, und Tropfen des hei⸗ ßeſten Schmerzes entquollen ihren Augen. „Arme Marie,“ ſeußzte ſie,„ſo iſt keine Huͤlfe! Alles, nur das Eine nicht! Mein ganzes Innere empoͤrt ſich gegen den Gedan⸗ ken. Fordere ein anderes Zeichen meiner Liebe fuͤr ſie, o, mein Vater, nur dieſes nicht! Es uͤberſteigt meine Kraͤfte.“ So aufgeregt war ſie noch, als Marie den anvertrauten Brief Elwangens ihr wie⸗ der einhaͤndigte. „Du haſt geleſen?“ fragte die Graͤfin. „Und meine Bruſt ſchwoll von ſeinem — 2087— Leide. Welch' grauſames Geſchick! Und daß er mich ſchon geliebt, als ich noch ein Kind, als er nur im Spiegel ſeiner Fan⸗ taſie mein Bild erſchaut, ach, es ruͤhrte mich tief.“ „Daͤchte Baron Steinholm, wie Du!“ „Sie ſind ſo traurig, gute Mutter! Was iſt geſchehen, das Ihren Blick in Zaͤh⸗ ren huͤllt? Hat der Vater 2 „Er lieh meinem Flehen kein Gehoͤr.“ „O, retten Sie mich, verehrte Frau!“ rief Marie ſchmeichelnd.„Bei der Graͤfin Wernerode liegt all mein Hoffen! Sie iſt Mariens Engel auf Erden, wie die verklaͤrte Mutter ihr Engel im Himmel!“ „Du zerreißeſt mir das Herz,“ antwor⸗ tete Euphemia, und druͤckte das geliebte Kind, in unbeſchreiblicher Wehmuth, an ſich. „Sieh', meine Marie, es haͤngt die Loͤſung — 209— von mir ab, und ich bin unfaͤhig, ſie her— beizufuͤhren. Bitterer waͤre nicht der Tod mir!“ Zur Leiche erblaßte Marie.„Das Un— moͤgliche muß wohl der Vater heiſchen,“ jammerte ſie, ahnend,„da meine Mutter, auch fuͤr den hohen Preis, es weigert.“ Und ihre Thraͤnen fielen ſo brennend auf Euphemiens Buſen, ſie ſchmiegte ſich ſo kummervoll ihr an, daß es all des Wider⸗ willens der Graͤfin gegen die Heirath mit Steinholm benoͤthigte, um hier nicht zu wan⸗ ken.„Wuͤßteſt Du, was Dein Vater ver⸗ langt... „Sprechen Sie es nicht aus, liebe Mut⸗ ter! Mein bebend Herz hat es mir bereits genannt.“ „Ja, ich ſeh' es an Deinem Zittern, Deinem erloſchenen Auge; ich fuͤhl' es an dem ungeſtuͤmen Wogen in Dir, an der II. 14 — 210— eiskalten Hand, die krampfhaft meine Hand ergriffen! Marie, ich moͤchte Dich begluͤcken mit meinem Leben; doch Gattin Deinem Va⸗ ter kann die Graͤfin Wernerode nicht ſein!“ „Großer Gott!“ ſtoͤhnte die Tochter, und ihre Sinne ſchwanden. Als ſie den Blick wieder emporſchlug, fand ſie ſich auf ihrem Ruhebett, die Graͤfin an ihrer Seite. Marie wollte reden, Euphemia unterbrach ſie. „Jetzt nicht, mein Kind, ein andermal!“ Hienach ſchrieb Frau von Wernerode an Elwangen: daß, verhindert, durch Mariens Unpaͤßlichkeit, ihn und ſeinen Onkel, wie es be⸗ ſtimmt geweſen, heute Abend bei ſich aufzuneh⸗ men, ſie, fuͤr den folgenden Tag, es feſtſetze. Ddieſer Brief ſollte ihr blos Muße ver⸗ ſchaffen zu ihrer und Mariens Erholung. Ungern zeigte ſie den Leuten ein betruͤbtes Geſicht, und truͤber nicht war Guſtavs Ge⸗ liebte, als ſie, die ihren Bewerber nicht lie⸗ 211— ben konnte. Steinholms unſelige Idee hatte ſie uͤberwaͤltigt; ſie wußte, daß die Schnell⸗ kraft ihres Geiſtes ſie wieder aufrichten wuͤrde; allein es ſchmerzte ſie darum nicht minder, des theuern Kindes Schickſal nutzlos in ihrer Hand zu halten. Sie mußte elend werden oder Marie, ein Drittes gab es nicht bei Steinholms hartem Kopfe. Den andern Morgen kam Elwangen, ohne den Oheim, nach Marien ſich zu er⸗ kundigen, und erfuhr nun von der Graͤfin des Vaters abſchlaͤgige Antwort, nicht aber die Bedingniß, die er an ſeine Einwilligung geknuͤpft, und fußte eben deswegen noch auf das perſoͤnliche Erſcheinen des Gehei⸗ merathes bei Mariens Vater.„Die Aus⸗ ſicht zu meinem Gluͤcke,“ ſagte Guſtav,„be⸗ gluͤcket auch Graf Elwangen.„So ſchenkt denn der Ewige Dir Erſatz fuͤr lange Pein!“ rief er, und trocknete eine Thraͤne von ſeiner 14* — 212.— grauen Wimper. Ich geleite ihn dieſen Abend her, und es wird die Graͤfin Werne⸗ rode den edlen Mann lieben, der mir Vater, wie ſie Marien Mutter iſt!“ Hatte nun Elwangen nicht gebangt bei Euphemiens Mittheilung, ſo laͤhmte Mariens Anblick jeden frohen Aufſchwung ſeiner Seele. Daß hier mehr vorgegangen, als die Graͤfin eroͤrtert, bezweifelte er nicht weiter. Die Zuͤge der Vielgeliebten kuͤndeten eine Hoff⸗ nungsloſigkeit, die auch ihm die Hoffnung raubte; ſo ſah nur der Kranke aus, der ſchon dem Tode verfallen; keiner, der noch geneſen konnte. Alle ſeine Fragen erwiederte ſie ablenkend. Dem Onkel verheimlichte Guſtav nicht die kritiſche Lage der Dinge. Graf Elwan⸗ gen vertroͤſtete ſeinen Sohn damit, daß er gleich morgen, als Brautwerber, bei dem Herrn von Steinholm ſich melden wolle, und 213— es fiel, unter dieſen Umſtaͤnden, der tiefe Ernſt beider Damen ihm nicht auf. Aber er, der Gramgebeugte, trachtete, ſie zu er⸗ muntern durch das Verſprechen jeglicher Gutheißung von ſeiner Seite. Euphemiens Angſt beſchwor er indeß nicht, ſo wenig er Mariens Sorgen ſtillte. Sie kannten zu genau die Klippe, an welcher die Betheurungen des wohlmeinenden Greiſes ſcheitern mußten. Was auch der reiche Graf Elwangen dem ſtolzen Vater bieten mochte fuͤr Guſtavs verlorenen Namen, dem belei— digten Manne hatt' er keine Entſchaͤdigung zu geben fuͤr die Frau ſeiner Liebe oder ſei⸗ nes Eigenſinnes. Der Geheimerath verfuͤgte ſich zu Ma riens Vater; die Viſite war dieſem nicht ungelegen; er wuͤnſchte das verdrießliche Geſchaͤft mit einem Streiche zu beendigen. Das Ehrwuͤrdige und Stattliche des Grafen — 214— verruͤckte einen Moment ſein Concept; waͤh⸗ rend jedoch der Oheim ſeine Rede vortrug, entwarf ſchon der Vater die Replik, und um nicht in groͤßere Discuſſionen ſich einlaſ⸗ ſen zu duͤrfen, erklaͤrt' er: daß, wie geſchmei⸗ chelt auch von der ihm zugedachten Verbin⸗ dung, er doch ſeine Tochter keinem Auslaͤn⸗ der verheirathe. Dieſen Einwand nicht er⸗ wartend, ſchwieg der Graf eine Minute, dann hob er an: b „Sie werden wiſſen, Herr Baron, daß ich meinen einzigen Sohn begraben— und hier klang ſeine Stimme ſo weich, ſo thraͤ⸗ nenvoll, daß es ſelbſt Steinholm bewegte; denn er gedachte des eigenen Sohnes, und wie er ein aͤhnliches Ungluͤck nicht uͤberſtehen koͤnnte— werden wiſſen: daß an den leeren Platz, mit allen ſeinen Rechten, mein Neffe getreten; ich bin ſehr beguͤtert. Natuͤrlich, daß ich den neuen Sohn, den ich, wegen — 245— ſeiner Tugenden immer, wie ein Vater, ge⸗ liebt, natuͤrlich, daß ich nun gern ihn bei mir behielte, bis es Gott gefaͤllt, mich zu vereinen mit meinem todten Kinde; doch dem lebenden der Vorrang! Es werde Guſtav Ihr Sohn, und ich kehre entweder allein nach Hauſe oder der verdorrte Stamm ſucht noch Wurzel zu treiben in dem fremden Bo⸗ den. Iſt Guſtav begluͤckt, dann zieht auch wohl wieder Ruhe ein in dieſe oͤde Bruſt. Er iſt kein Auslaͤnder mehr, ſobald Baron Steinholm ihn mit dem Titel: Eidam, beehret.“ Gefangen in dem ſelbſtgeſponnenen Netze, antwortete Steinholm mit diplomatiſcher Ge⸗ wandtheit:„Ich begreife unter Auslaͤnder nicht blos Denjenigen, der mir die Tochter entfuͤhrt, ſondern Den, der nicht von meiner Nation, und es ſind meine Vorurtheile hierin unuͤberwindlich....“ —— „Gegen Vorurtheile ſtreiten, iſt freilich nicht leicht,“ entgegnete der Oheim;„denn wichen ſie allemal der Vernunft, ſo faͤnden ſie auch nicht Raum bei den Vernunftigen. Von dem Punkt hat die Graͤfin Wernerode mir nicht geſprochen....“ „In ihre Macht ſtellt' ich Mariens Zu⸗ kunft.... „Wie das?“ „Sie loͤſe Ew. Erzellenz dies Raͤthſel, ich habe mehr nicht zu ſagen.“ Und was der Graf auch noch zu Gunſten ſeines Neffen aͤußerte, es ward ihm kein beſſerer Beſcheid. Faſt getraute der Oheim ſich nicht dem ungeduldig Harrenden die uͤbele Botſchaft zu hinterbringen; eh' er aber noch den Mund aufgethan, hatte ſie Guſtav ſchon errathen aus ſeiner Miene. Vor dem Vater bezaͤhmte er inzwiſchen den Ausbruch ſeines Schmerzes. So traf ihn Edmond, der zuruͤck von der — 217— Jagd, und uͤberraſcht von des Freundes An⸗ kunft, unverweilt zu ihm geflogen, uͤberraſch⸗ ter noch von Allem, was er hoͤrte, doch zu edeldenkend, um des Barons Halsſtarrigkeit nicht zu beklagen. Fuͤr ihn bluͤhte Marie nicht, und, wie Guſtav, verdiente Keiner ſie. Der ungluͤckliche Erfolg von des alten Grafen Werbung war nur, was Euphemia vorher gewußt. Daß Mariens Vater ſie genannt, als die einzige Moglichkeit zur Ausgleichung, daran erkannte die Graͤfin Wernerode ſeinen eiſernen Entſchluß: ihren Beſitz zu erzwingen. Den Geheimerath be⸗ ſtaͤrkte ſie in der Meinung: daß es von Steinholm blos eine Ausflucht geweſen, ſei⸗ ner los zu werden. Mit Marien vermied die Graͤfin jedes Geſpraͤch uͤber ihren Vater; die Verachtung, die er ihr einfloͤßte, ſollte der Tochter fremd bleiben; aber ſie litt unbeſchreiblich. In den — 218— Zeiten ihrer Liebe zu Steinholm, hatte ſie keine aͤrgere Qualen erduldet, als nun, da ſie ihn haſſen mußte, und kaum ſein fruͤherer Verrath ſie ſo erbittert, wie ſeine dermalige gewaltſame Annaͤherung. Doch all ihr Groll verſtummte vor Mariens Weh, das auch ihr Leben bedrohte. „Ich ertrag' es nicht, Dich in dieſem dumpfen Hinbruͤten zu ſehen,“ begann ſie endlich, und kuͤßte Mariens kalte Wange. „Weine lieber, mein Kind, es wird Dich und mich erleichtern! Den Rieſenkampf, ich hab' ihn ausgefochten in meiner Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr Dich, und willfahre Deinem Va⸗ fer....“ Wie an jenem Morgen, als Euphemia dem Baron Steinholm ihr entſcheidendes: „Nimmermehr!“ zugerufen, ſo ſtuͤrzte Marie auch jetzt, mit einem lauten Schrei, zu den Fuͤßen ihrer Wohlthaͤterin nieder, und die — 219— lang' unterdruͤckten Thraͤnen bahnten endlich ſich den Weg aus ihrem vollen Herzen. Geſprengt waren die Schleuſen, die der Schmerz verſperrt gehalten. „Marie, meine Marie!“ rief die Graͤfin, ſelbſt in Thraͤnen, und neigte ſich herab auf das liebe Haupt:„O, der Augenblick lohnet jedes Opfer!“ „Dank Ihnen, guͤtige Mutter, daß Sie den Zaͤhrenquell mir erſchloſſen; es haͤtte mich erſtickt! Nie aber wird Ihr Kind dieſes Opfer annehmen...“ „Erinnere Dich, daß ich Dir ſagte: „Laͤg' es in meiner Gewalt, den Kranz des Gluͤckes in Deinen Locken zu befeſtigen, ich thaͤt's, und muͤßten die meinigen darob er⸗ grauen. Der Moment iſt gekommen, und was ich verheißen, als ich nicht ahnete, daß Gott mich ſo beim Worte faſſen wuͤrde, das erfuͤll ich heute. Darum gehorche mir!“ — 220— „Bei der Aſche meiner frommen Mutter ſchwoͤre ich's, daß die Graͤfin Wernerode, mei⸗ netwegen, nicht Baronin Steinholm wird, und geſchieht es doch, nun ſo iſt es ein durch— aus verfehltes Opfer; denn nie, ich wieder⸗ hole meinen Schwur, nie reich' ich, uͤber dem offnen Grabe ihres Gluͤckes, dem Geliebten meine Hand! Bewunderung und Verehrung, wie ich ſie fuͤr kein ſterbliches Weſen mehr fuͤhle, zogen mich hin zu den Fuͤßen der Graͤfin Wernerode; aber ſie, meine geliebte, wahre Mutter, zu meiner Stiefmutter zu machen, kam mir nicht ein.“ „Und Elwangen?“ 1 „Ach, Elwangen!“ ſeufzte die Tochter, ihr Antlitz verhuͤllend, als wolle ſie die Ge— ſtalt des Trauernden abwehren. „Er, dem Mariens Ring der einzige goldene in der langen Kette ſeiner Miß⸗ geſchicke!“ — 221— „Gleich mir wird Guſtav eher fortleiden, als ſolches Leid uͤber die edelſte der Frauen verhaͤngen!“ „Wie aber ſoll das enden?“ „Mit meinem Daſein, gute Mutter!“ „So willſt Du Rettung nicht von mir empfangen?“ „Ich habe ſie empfangen, frag' ich meine Erkenntlichkeit fuͤr die Graͤfin Werne⸗ rode?“ „Laß ſehen, ob ſie nach meiner Weiſe! Ich fordere.... „Alles, nur nicht, Sie Baronin Stein⸗ holm zu wiſſen!“ „Fordere, daß Du, als Chriſtin, das Unabwendbare duldeſt, und Deine Geſund⸗ heit nicht gaͤnzlich aufreibeſt. Konnt' ich, fuͤr Dich, das Schwerſte, warum nicht auch Du fuͤr mich? Dein Tod waͤre der meinige, und Du wirſt Amalien das nicht anthun; — 222— wirſt mir die Wonne goͤnnen, ihr Kind auf meinem Schooße zu wiegen.“ „Feierlich gelobe ich's!“ rief Marie, die Hand der Graͤfin an ihre Lippen preſſend. „Und gehe nun, ſelbſt noch Eines zu verſu⸗ chen; gelingt auch das nicht, ſo ſind die Mittel verbraucht.“ „Ich weiß, mein Vater,“ hob ſie zu dieſem an,„daß Sie beſonders deshalb Ihre Tochter gern im Kloſter haͤtten, um den Sohn, der all' Ihre Liebe iſt, auch mit meinem Mutter⸗Erbe zu belehnen. Wie betraͤchtlich mein Antheil, zeigen dieſe Pa⸗ piere; ich aber verlange Nichts, als was noͤthig, den heiligen Willen, der, in Gott Ruhenden, zu vollſtrecken, auf das Andere verzichtend, zum Vortheil meines Bruders. Dafuͤr laſſe mir mein Vater den Geliebten, und ich bin uͤberſchwenglich reich. Graf Elwangen ſchaͤtzet ſicher mich nicht gerin⸗ — ger, weil ich mein Vermoͤgen ihm geopfert. Ein Wort von meinem Vater, und es wird Hugo’s Vermoͤgen!“ Steinholm, nicht entfernt muthmaßend, daß die ſchlaue Gattin auch hier ihm Feſſeln geſchmiedet, auch hier ihr Kind unabhaͤngig erklaͤrt; er tobte gegen Beide, und was Marie, zu ihrem Wohle, ſich erſonnen, ward ihr zum Verderben. Mit Heftigkeit entriß er ihr die Dokumente, und ſie in den Kamin werfend, daß ſie ſchnell aufloderten, rief er: „So vernicht' ich Alles, was mir ein An⸗ ſtoß!“ „Die Papiere konnten Sie verbrennen, mein Vater,“ erwiederte Marie, mit zuruͤck⸗ gedraͤngten Thraͤnen,„nicht ihren Inhalt, noch dieſen Auftritt, aus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſchen. Den Todespfeil im Buſen, ſcheid' ich von hinnen, und bete zu meinem Vater dort Oben: daß er Baron Steinholms — 224— bedauernswerthes Kind nicht raͤche an ſeiner Haͤrte.“ Und Marie wankte aus dem Zim⸗ mer, Euphemien, bei ihrer Heimkunft, Be⸗ richt abſtattend von dem vergeblichen Gange. Steinholm hatte befohlen, ihm die Gra⸗ fen Elwangen nicht wieder zu melden, und ließ auch bei Frau von Wernerode ſich nicht blicken. Wie Gewitterſchwuͤhle lag es, beaͤngſti⸗ gend, auf allen Gemuͤthern; doch es wetter⸗ leuchtete kein Strahl von Hoffnung. Gott allein konnte hier, durch ſeine Engel, Huͤlfe ſchicken, und er ſandte den ernſteſten aus ſei⸗ ner ganzen Schaar, daß er mit der Fackel des Todes, den Weg erhelle, der zu Stein⸗ holms Herzen fuͤhrte. Sehr verſtoͤrt eilte der Baron, eines Ta⸗ ges, zu Euphemien, Troſt und Rath von ihr erwartend. In dem Inſtitute, in wel⸗ chem ſein Sohn zum kuͤnftigen Staatsmanne 225 ausgebildet werden ſollte, hatte eine epide⸗ miſche Krankheit Platz gewonnen, und bereits mehrere Juͤnglinge fortgerafft, andere töͤdtlich befallen; unter dieſen Hugo von Steinholm, der Letzte ſeines Namens. Der Vater er⸗ bebte vor dem bloßen Gedanken an das Moͤgliche. Da ſprach die Graͤfin, wie durch hoͤhere Eingebung:„Baron Steinholm, es iſt der Finger Gottes, der an Ihre Bruſt klopfet, üͤberhoͤren Sie die Warnung nicht; verkennen nicht ſeine Vaterhuld, die Ihnen Friſt ſchen⸗ ken will, Ihr Unrecht zu verſoͤhnen. Wie Sie an der Tochter, ſo der Allmaͤchtige an Ihnen! Mir fluͤſtert's mein guter Genius: Hugo wird geneſen, ſobald Sie auch fuͤr Marien ſich liebreich erweiſen. Verharren Sie jedoch bei Ihrer Unnatur, dann wehe Ihren alten Tagen; es ſtrafet Sie der Him⸗ mel! Nicht nur den Sohn, auch die Tochter 15 — 226— werden Sie entbehren— ſie ſtirbt an ihrem Schmerze— und zu ſpaͤt bereuend, ein kin⸗ derloſer Greis, verzweiflungsvoll, ihnen nach⸗ ſtuͤrzen in die Gruft, den Wappenſchild zer— brochen zu Ihren Fuͤßen. Noch koͤnnen Sie das verhuͤten; ſein Sie Vater der armen Marie, und es wird unſer Aller Vater ſich Ihrer erbarmen. O, ſchwoͤren Sie die Goͤt⸗ zen ab, denen Sie bisher gedient, und len⸗ ken ſich Ihrem Schoͤpfer zu, der dem Buß⸗ fertigen ſtets ein milder Richter! Ihre Be⸗ ſtrebungen alle, ſie zerrinnen vor dem Glanze der Ewigkeit, wie leichte Morgennebel vor der Sonne Gluten; nur, was Sie zu Gottes Ehren vollbringen, werden Sie mit hinuͤber⸗ nehmen in das Reich ſeiner Gnaden, das Uebrige verbleibt dem Erden⸗Nichts!“ „Ach, Graͤfin, daß ich Sie verlieren mußte!“ „Beruͤhren wir nicht die fluͤchtige Ver⸗ — 227 gangenheit, wo es ſich handelt von der Zu⸗ kunft Jenſeits! Ich habe gelernt, auf Men⸗ ſchen nicht zu bauen, und vergeſſen, daß ich einſt es that; die Jahre des Irrthums und der frivolen Wuͤnſche, ſie ſind verſchollen, und, fuͤr mich, wie nicht geweſen; ich lebe einer andern, beſſern Zeit. Der Spender alles Guten hat, aus der Nacht des tiefſten Grames, mich wieder an das Licht der Freude gezogen; auch das laͤngſte Daſein, Ihm al⸗ lein gewidmet, truͤge hier den Dank nicht ab. Haͤtte Marie das Kloſter erwaͤhlt, ich haͤtt' ihre Wahl geſegnet; ich ſegne nicht minder ihre jetzige; denn an der Hand des Auser⸗ korenen, gelaͤutert im Feuer großer Truͤbſale, theils ſelbſt verſchuldet, theils unverſchuldet erlitten, an ſeiner Hand wird ſie den reinen und frommen Sinn bewahren, und, auch im Weltleben, das Heil ihrer Seele nicht ge⸗ faͤhrden. Darum ſein Sie guͤtig!“ — 228— „Sie haben geſiegt, Euphemia!“ vief der Baron.„Ich beuge mein Knie vor Ihnen. Marie vermaͤhle ſich dem Grafen Elwangen, und dank es ihrer zweiten Mut⸗ ter, deren Worte mich wunderſam erſchuͤttert. Fruͤher ſchon kannte ich die religioͤſen Anſichten der Graͤfin Wernerode; doch ſie trafen nicht mein Herz, wie heute.“ „Das nahende Ungluͤck hat den ſtrengen Boden erweicht; moͤge, was ich gepflanzt, zu ſchoͤner Frucht gedeihen! Es iſt der Wen⸗ depunkt Ihres Lebens, Baron Steinholm; jetzt oder nie! Der finſtere Unmuth, der Sie regieret, er wird in Froͤhlichkeit des In⸗ nern ſich verwandeln, wenn Sie zu Gott, Ihrem Herrn, ſich bekehren, und Hugo's Erſtehen das Unterpfand meiner Weiſſagung werden.“ „Laſſen Sie Marien kommen, Graͤfin, daß ich mit ihr das Werk beginne; mit ihr meinen Frieden ſchließe! Und verzeihen auch Sie nun dem Reuigen.“ „Wie ich wuͤnſche, daß der Himmel Ihnen verzeihe!“ entgegnete Euphemia, und umarmte den Vater ihrer Marie. Dieſe erſchien.„Vergieb, daß ich Dich gekraͤnkt,“ ſprach er, und druͤckte die zit⸗ ternde Tochter, in nie gefuͤhlten Regungen, an ſein Herz, den Thautropfen freudiger Ue⸗ berraſchung aufkuͤſſend von ihrer blaſſen Wange.„Vergieb, und ſei begluͤckt!“ „O, mein theurer Vater!“ ſchluchzte Marie, die, zum erſten Mal, einen Ton der Liebe von ihm hoͤrte; zum erſten Mal ihn bewegt ſah fuͤr ſie.„Mein theurer Vater, der Ewige lohn' es Ihnen an Ihrem Hugo!“ „Amen!“ verſetzte er leiſe, und ging, ein neuer Menſch, nicht wiſſend, in dem Augenblicke, ob die Hoffnung fuͤr den Sohn, ob Mariens Entzuͤcken oder der fremde Gaſt — 230— in ihm, ſeine Seele ſo beruhigt; aber er empfand die Allmacht Gottes. Auf Anrathen der Graͤfin Wernerode, ward Hugo zu dem Vater geſchafft, und Euphemia pflegte ihn nun ſelbſt in muͤtter⸗ licher Treue. Wochen der Bangigkeit floſſen zwar noch hin; indeß allmaͤlig ſchwand die Gefahr, und bald jede Sorge um die Er⸗ haltung des Patienten. Marie und ihr Geliebter, dem jetzt auch Steinholm ſich befreundet— ſo wahr iſt es, daß Nichts die Bruſt des Menſchen mehr erweſtet als die Zufriedenheit mit ſich— ſie wurden ganz in der Stille getraut. Ed⸗ mond hatte, gleich nach jener erneuten Wer⸗ bung bei Marien, ſeinen Abſchied aus dem Dienſte begehrt, und ſeit Fraͤulein Steinholm die Verlobte Guſtavs war, auf ſeine Herr⸗ ſchaft ſich verbannt. — 231— An dem nemlichen Tage, an welchem die Graͤfin Elwangen mit ihrem Gemahl und Oheim, die Straße von Italien ein⸗ ſchlug, trat die Graͤfin Wernerode, in Be⸗ 2. gleitung Cederſterns, den ſie abholte, ihre Reiſe nach Paris an, mit dem Wiederſehen der einen Tochter ſich zu troͤſten uͤber die Trennung von der andern. Ende. —õ————— — Gedruckt bei P. T. Meltzer in Wurzen. ————44 8 4 ☛ p