Leihbibliothet deutſ cher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3* on. 2 1* Ednard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keeih und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ.. eines Buches. eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterkegen„welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 b für wöchentlich 22 Bücher: 4 Bücher: 8—— auf 1 Monat: „ 3 1 „ Vergangenheit und Zukunft. — Woman von Regina Frohberg. Erſter Theil. — XB 0do— Leipzig, Berger's Zuchhandlung. 1848. „Iſt die Frau Graͤfin aus der Kirche zu⸗ ruͤck?“ fragte haſtig Edmond von Cederſtern den Portier des, graͤflich Wernerodeſchen Ho⸗ tels, und erhielt Bejahung. Hinauf flog der junge Mann die breite Treppe, und begehrte, daß man ihn melde, dem anſagenden Kammerdiener auf dem Fuße folgend. Doch je naͤher Edmond ſeinem Ziele kam, je langſamer ſchritt er vorwaͤrts, ſein Herz ſchlug laut, als man die letzte Thuͤr oͤffnete, und er jetzt vor der Graͤfin Wernerode ſtand, die eine Frau von vierzig und einigen Jah⸗ ren, von hoher Geſtalt, und noch imponiren⸗ der Schoͤnheit, von milden, Gott beſchie⸗ I. 1 2 nenen Zuͤgen, mit ihrer Stimme melodiſchem Klang, ihn alſo begruͤßte:„Ich errathe, was, in dieſer fruͤhen Stunde, Dich zu mir fuͤhrt, Edmond!“ „Die Reue von geſtern,“ antwortete er ſchuͤchtern, und kuͤßte achtungsvoll die Hand der Graͤfin.„Koͤnnen Sie mir verzeihen, theure Frau?“ „Viel verzeih' ich Edmonds Jahren, was ich ſeinem Herzen nicht verzeihen wuͤrde...“ „Dies Herz verehrt Sie kindlich....“ „Darauf glaub' ich ein Recht zu ha⸗ ben.“ „Wie ich auf Ihre muͤtterliche Nach⸗ ſicht!“ „Nur mußt Du dieſer nicht Groͤßeres aufbuͤrden, als ſie verantworten darf. Du haſt gegen meinen ausdruͤcklichen Befehl ge⸗ handelt....“ 3 „Es kommen Momente, wo an der Ge⸗ genwart alle unſere Vorſaͤtze fuͤr die Zukunft ſcheitern.“ „So redet die Jugend, will ſie ihr Trei⸗ ben bemaͤnteln. Die Gegenwart beherrſchen mit dem ſichern Blick auf das Zukuͤnftige, ziemt dem Manne.“ „Sie waren nicht immer ſo ſtrenge ge⸗ gen mich, beſte Graͤfin!“ ſagte Edmond. „Du reifeſt taͤglich mehr dem Alter zu, das Beſonnenheit zur Pflicht macht.“ „Uebertrat ich Ihr Gebot, ſo entſchul⸗ digen Sie's mit den Umſtaͤnden...“ „Die Umſtaͤnde gerade ſind es, die Dich ſchuldiger zeichnen! Du weißt, daß Marie die Deinige nicht werden kann, warum alſo von Liebe ihr vorplaudern, und ihr junges Gemuͤth dadurch verwirren? Einen andern Pfad, als den unſrigen, hat ſie zu wan⸗ 1* deln, und es heißt mit Dornen ihn beſaͤen, ſucht man auf Nebenwege ſie zu lenken....“ „Ich liebe ſie unausſprechlich!“ „Darfſt ſie aber nicht lieben! Und ge⸗ bricht es Dir an Staͤrke, eine Empfindung zu unterdruͤcken, die nimmer in Dir haͤtte erwachen ſollen, ſo ſchweige mindeſtens. Doch denk ich beſſer von Edmond, der ſeine Kraft da erproben wird, wo es vom Wichtigſten ſich handelt. Kaͤmpfen iſt unſer Loos von der Geburt an bis zur Gruft, und Der nur hat wuͤrdig ſeine Aufgabe hienieden geloͤſt, der auch fuͤr Dort gerungen, und ſein gan⸗ zes Seelenvermoͤgen geſetzt an den Frieden ſeines Gewiſſens. Du biſt jung, Edmond, deswegen ſeh' ich Dir die jugendliche Wal⸗ lung nach; aber mit vier und zwanzig Jah⸗ ren alt genug, um kein wirkliches Unrecht gelten zu laſſen. Marie, ein mir anvertrau⸗ tes Gut, muß Dir, wie mir, unverletzlich — 5— bleiben. Was uͤber ſie verhaͤngt, aͤndern unſere Wuͤnſche nicht; des Vaters Projekte mit dem Maͤdchen kennſt Du!“ „Ich weiß, ſie ſoll der Kirche vermaͤhlt werden, in Folge eines Geluͤbdes der Mutter, als, in ihren Kinderjahren, die Tochter ſchwer erkrankte.“ „Das weißt Du, und willſt nun ſie ver⸗ locken auf irdiſche Bahn? Willſt dem Vater des Himmels ſie abtrotzen und dem Vater, der keinen Himmel in ſich, die Menſchen nur betrachtet, wie Werkzeuge zu dem Rie⸗ ſenbaue ſeines Ehrgeizes?“ „Marie, geboren in Spanien von der ſpaniſchen Mutter, hat ihren Standpunkt verruͤckt, ſeit dieſe geſtorben, und die Toch⸗ ter nach Deutſchland gekommen iſt.“ „Doch blos, um hier auszufuͤhren, was jenſeits der Pyrenaͤen beſchloſſen worden! Marie zaͤhlt kaum ſiebzehn Jahre, mit dem — 6 zwanzigſten erſt ſoll ſie ihr Gott geweihtes Daſein beginnen; ſo hat es die Mutter ei⸗ gens angeordnet....“ „Und kuͤndet nicht eben dieſe kluge An⸗ ordnung,“ unterbrach Edmond die Graͤfin, „den dunkeln oder vielmehr ſichtbaren Vor⸗ behalt, auch noch anders uͤber Marien zu ſchalten? Wuͤrde ſie ſonſt ſo lange gewar⸗ tet, wuͤrde nicht, im Gegentheil, ſchon zei⸗ tig ihre Tochter aus der Welt entfernt ha⸗ ben, ſie zu huͤten vor Eindruͤcken, die, wenn auch nicht ihre Abſichten vereiteln, doch die Ruhe ihres Kindes vergiften konnten?“ „Noͤglich, daß Frau von Steinholm ihren Sinn gewandelt, haͤtte der Tod ſie nicht ſo fruͤh ereilt. Ihr Verluſt war es hauptſaͤchlich, der den Baron bewog, ſei⸗ nen Geſandtſchaftspoſten in Madrid nieder⸗ zulegen, und zuruͤckzukehren in ſein Vater⸗ land. Zu neuen Miſſionen berufen, uͤber⸗ gab er mir die Tochter, auf meine Sorg⸗ falt fuͤr ſie rechnend. Auch neigte bald mein Herz ſich muͤtterlich dem holden Weſen zu, und ſie lohnte meine treue Pflege; denn ſeit den zwei Jahren, daß Marie in mei⸗ nem Hauſe, hat ſie auch mich, wie eine Mutter, lieben gelernt, und nie den klein⸗ ſten Verdruß mir verurſacht. Mein Wille iſt ſtets der ihrige; ſie fuͤhlt, daß ich nur ihr Beſtes wollen kann. Und bin ich nun gleich, in manchen Faͤllen, nicht fuͤr's Kloſter, ſo bin ich doch zu ſcrupuloͤs, irgend Etwas zu geſtatten, das Mariens Beſtimmung hin⸗ dere. Wer ſagt mir, daß nicht in jenen ſchuͤtzenden Raͤumen ihr wahres Heil er⸗ bluͤhe? Wer, daß die Welt, mit ihrer lachenden Außenſeite, nicht tauſend Schmer⸗ zen in Bereitſchaft fuͤr den ſanften Engel, den wir vielleicht ſeiner wirklichen Heimat entzoͤgen, wenn wir an die Erde ihn feſſel⸗ — 8— ten? Waͤre Marie meine Tochter, ich leitete ſie allerdings auf den Weg des ehelichen Gluͤckes; ſie iſt es aber nicht, und mehr, denn ein Motiv, treibt mich, dem Vertrauen des Vaters zu entſprechen. Er allein hat das Recht, die Sentenz der Mutter zu deu⸗ ten und zu umgehen; ja, forderte er meine Meinung, ich muͤßte ſie verweigern, um hier nicht zu irren. Es iſt, als haͤtte der Ewige in die zarte Seele des frommen Maͤd⸗ chens ſchon den Keim zu ihrem kuͤnftigen Berufe gepflanzt; wer duͤrfte ſich erdreiſten, die ſchoͤne Saat, von Gottes Hand ſelbſt geſtreut, auszurotten, und eine andere da⸗ fuͤr einzulegen? Du, Edmond, biſt der Sohn meiner unvergeßlichen Freundin, die das Schickſal, auf wunderbare Weiſe, mir zugeſandt, und ihren Tod hab' ich beweint, wie den einer innig geliebten Schweſter; dem verwaiſten Sohne ward ich Mutter, mit Rath — 9— und That ihn unterſtuͤtzend; doch, wie werth er mir auch, ſo vermag ich dennoch Nichts fuͤr ſeine Liebe, und wuͤnſche deshalb, Ed⸗ mond verreiſte auf eine Zeitlang. In frem⸗ den Laͤndern giebt es jetzt Arbeit vollauf fuͤr gebildete Offiziere, ohne daß ſie darum ge⸗ zwungen waͤren, aus dem Dienſte ihres Lan⸗ des zu ſcheiden; den noͤthigen Urlaub fuͤr Hauptmann von Cederſtern erhalten wir wohl.“ „Sie verſtoßen mich, gnaͤdige Frau!“ „Ich nehme Edmond vielmehr recht an mein Herz in dieſem Vorſchlage. Er wird ſeine huͤbſchen Kenntniſſe mittheilen, und, in der neuen Activitaͤt, die alte Liebe ver⸗ geſſen.“ „Das glaubt Frau von Wernerode ſicher von mir nicht!“ entgegnete Edmond.„Was waͤre das fuͤr eine Liebe, die ſobald endete?“ „Nun,“ ſagte die Graͤfin, und man — 10 merkte den Schatten auf ihrer ſchoͤnen Phi⸗ ſiognomie, der nicht im Einklange mit ihren Worten,„nun, es waͤre juſt eine Liebe, wie hundert andere, die, iſt ſie voruͤber, nur Staunen hinterlaͤßt, daß ſie dageweſen.“ „Seit wann erſcheine ich der Frau, die ich am Meiſten achte auf der Welt, und die am Genauſten mich kennen ſollte, ſeit wann erſchein' ich ihr ſo flatterhaft, ſo ganz ge⸗ woͤhnlich, daß ſie von dem Sohn ihrer Freundin denkt, wie von allen Uebrigen? Hab' ich dies Urtheil um ſie verdient? „Nein, mein guter Edmond,“ ſprach die Graͤfin ſehr bewegt; naber ich moͤchte gern die eigene Ruͤhrung hinwegſcherzen; moͤchte gern, nur dies eine Mal, auf der breiten Heerſtraße des Alltaͤglichen Dich an⸗ treffen, um mir, in der naͤchſten Zukunft, ein ruhigeres Bild von Dir zu entwerfen, und ſo mich ſelbſt zu beruhigen. Ich ſtehe 11 zwiſchen Sohn und Tochter; denn Marie betrachte ich nicht minder als mein Kind, wie Edmond, der, in allen ſeinen Zuͤgen, die edle Mutter lebendig mir vor Augen bringt; ich ſtehe zwiſchen Beiden, und bin unfaͤhig, der Tochtey Geſchick zu wenden, noch dem Sohne meiner Freundin eine heitere Ausſicht in die Ferne aufzuthun. Mein Inneres leidet bei Edmonds Leid; ich muͤhe mich ab, es weniger druͤckend zu finden, und daſſelbe ihn zu uͤberreden; doch es gelingt mir ſchlecht; nur das Eine iſt wahr: daß ich Reiſen und groͤßere Thaͤtigkeit fuͤr die paſſendſten Mittel halte.“ „Eh' ich noch weiß, ob Marie nicht elwa... „Dich liebt?“ ergaͤnzte die Graͤfin,„und darum erzaͤhlteſt Du ihr geſtern von Deiner „Vielleicht haͤtte ſie geantwortet, wenn — 12 die Graͤfin Wernerode uns nicht vorſaͤtzlich unterbrochen.“ „So erwiederte Marie Nichts?“ „Es blieb ihr keine Muße.“ „Mir aber hat ſie geantwortet,“ fuhr die Graͤfin fort,„weil ich um den Gegen⸗ ſtand Eures Geſpraͤches ſie befragt.„Mei⸗ nem Vater,“ ſagte Marie,„kommt die Entſcheidung, in ſolchen Dingen, zu; in⸗ deß ſeine Wuͤnſche begegnen hier den mei⸗ nigen. Seit ich denken gelernt, wurden alle meine Ideen und Neigungen nach lich⸗ tern Sphaͤren gerichtet durch meine Gotter⸗ gebene Mutter, und ſei es nun, daß das junge Gemuͤth dieſer Richtung folgen mußte, oder hat es einen zweiten Grund, genug, mein Herz verklagt bisher die Eltern nicht; ſie haben, in ihrer Weisheit, meine Lebens⸗ ſchritte geregelt, ich beginne ſie freudigen Muthes.“ Du ſiehſt alſo, Edmond, daß in — 13— Marien die Gefuͤhle der Liebe noch ſchlum⸗ mern!“ „Wie ſchrecklich, wenn ſie zu ſpaͤt er⸗ wachten!“ „Erwachen ſie vor ihrem zwanzigſten Jahre, ſo iſt es nicht zu ſpaͤt, dem Unheil noch zu ſteuern; hat aber einmal die kloͤſter⸗ liche Pforte ſich hinter ihr geſchloſſen, ohne daß die Pforte ihres Herzens ſich geoͤffnet, ohne daß Marie dem Weltleben ſich zuge⸗ kehrt, dann iſt ſie auch geborgen, und wir muͤſſen ſie dafuͤr noch gluͤcklich preiſen.“ „Und Das mein ganzer Troſt?“ „Weiß ich doch keinen beſſern fuͤr Dich!“ „Sie ſagten neulich, daß Baron Stein⸗ holm erwartet werde....“ „So hiißt es, auch ſchreibt er mir, ſeit Monden ſchon: daß er Urlaub fordern wolle. Doch Du erwarte Nichts von ihm! Uebri⸗ gens ſchweigen ja Mariens Empfindungen = 14= fuͤr Dich, und ich goͤnne dem theuern Kinde ſo ſehr ſeinen Frieden, daß ich erſchrecken wuͤrde, entdeckt' ich ihre Liebe zu irgend einem Manne, und waͤre dieſer Mann auch Edmond, und vernichtete auch dieſe Ent⸗ deckung jede Schwierigkeit fuͤr ihn.“ Ein tiefer Seufzer ſtahl ſich jetzt aus der Graͤfin Bruſt, und eine Thraͤne glaͤnzte in ihrem Auge. 3 „So ergriffen ſah ich die Freundin mei⸗ ner Mutter nie,“ rief er, auf ihre Hand ſich beugend.„Dieſer Seufzer, dieſe Zaͤhre...“ „Gehoͤren einer laͤngſt entſchwundenen Epoche,“ verſetzte ſie,„einer Epoche, woran Marie und Du mich mahnen. O, glaub' es nur, es lacht nicht immer das Herz, wenn der Blick auch laͤchelt, und Stunden giebt es, wo ſelbſt das Alte wieder neu wird in uns, wo das vergeſſen Gewaͤhnte wieder auf⸗ tauchet aus dem Grabe der Zeit! Gottes 15— Spruch hat auch mich ſchmerzlich getroffen, und weiß gleich Niemand, was meine Ju⸗ gendbluͤte zernagt, und gelt' ich auch fuͤr ein Schooßkind des Gluͤckes: ſo weiß doch ich, was ich gelitten, und was ich Denen wuͤnſche, die ich liebe. Menſchen ſind es nicht, auf die wir bauen ſollen; es iſt dies ein truͤglicher Boden, der leicht unter uns verſinket. Darum auch ſtreb' ich, Marien nicht zu beirren in ihrem ſichern Ziele; ſie wird, fuͤr vergaͤngliche Freuden, die oft ſehr bittere Erinnerungen mit ſich fuͤhren, himm⸗ liſche ſchon auf Erden genießen, und gelebt haben fuͤr eine hoͤhere Welt, als dieſe be⸗ ſchraͤnkte.“ „Und auch mir wollte die Graͤfin Wer⸗ nerode Marien nicht anvertrauen?“ fragte Edmond verwundert. „Dir vor Allen, mein Sohn; doch dem Ewigen vor Dir! Aber ſei ohne Furcht; — 16— ich wiederhol' es: nicht ſpraͤche ich meine Meinung aus, begehrte man ſie auch. Ver⸗ ſuͤndigung waͤr' es, mit profaner Hand ein⸗ zugreifen in das Rad, welches Mariens Le⸗ ben in Umſchwung ſetzen ſoll. Iſt ihre Wahl auf Gott gefallen, ſo kann ich ſie nur loben, hat indeß ihr Herz anders entſchie⸗ den, ſo werde ich trachten, ſie von ihrem Joche zu befreien; denn, einzig bei ruhi⸗ gem Herzen, iſt Ruhe zu hoffen im Kloſter; allein den Vater haͤtt' ich immer zu ſcheuen; er gehorchet ſelten fremdem Einfluſſe.“ Gedankenvoll entfernte ſich Baron Ceder⸗ ſtern, und lange toͤnten noch in ihm die Saiten wieder, die Frau von Wernerode, heute, wie oberflaͤchlich auch, beruͤhrt. Daß ſehr truͤbe Erfahrungen ihre Macht geuͤbt auf ſeine Goͤnnerin, bezweifelte Ed⸗ mond nicht; von ihren fruͤhern Schickſalen hatt' er jedoch keine Kunde, und ihre ſeltene —— —„— Milde und Guͤte fuͤr die Menſchen im All⸗ gemeinen, zeigte wenigſtens nicht von Haß „gegen den Einzelnen, dieſer Giftpflanze, die, in der Regel, Alles uͤberwuchert, was in ihrer Naͤhe athmet. Er wußte nur, daß ſeine verſtorbene Mutter an Euphemien von Wernerode mit ſchwaͤrmeriſcher Hingebung gehangen; daß er, ein Kind noch, den Va⸗ ter verloren, und als Offizier, aus einem militaͤriſchen Inſtitute entlaſſen, ſogleich zu ſeinem Regimente, in die Provinz geeilt; wußte, daß die Graͤfin ihn von Jugend auf zaͤrtlich geliebt, und, ſelbſt des Troſtes ſo be⸗ duͤrftig, bei dem Tode der Freundin, ihn zu troͤſten ſuchte mit dem heiligen Verſprechen: an ihr ſtets eine Mutter zu haben: Ver⸗ ſprechen, dem ſie treu nachgekommen, und nicht blos ihn gefoͤrdert auf ſeiner Laufbahn, ſondern uͤberall die Nemliche fuͤr ihn ge⸗ blieben. Doch je aͤlter er ward, je mehr 1. 2 W — 18— dernte er ſie verehren, und je deutlicher glaubt' er die Spuren eines großen Schmerzes an ihr zu bemerken. In wie weit dieſer Schmerz mit der Baronin Cederſtern verwandt, errieth er inzwiſchen nicht; nur, daß die Vergan⸗ genheit hier wohl Manches berge, was die Zukunft vielleicht noch enthuͤlle. Nimmer aber hatte Edmond die leiſeſte Anſpielung darauf gewagt, nimmer Euphemia ihn be⸗ rechtigt, tiefer in vorige Zeiten einzudringen. Zuruͤckgekehrt in die Reſidenz, nach laͤn⸗ gerer Abweſenheit, traf Edmond, im Hauſe der Graͤfin Wernerode, Marien an, und ſein Herz ſchlug ihr entgegen, bruͤderlich, wie er waͤhnte, bis er ſelbſt ſich nicht mehr verheh⸗ len konnte, was er fuͤr ſie empfinde. Die Warnungen der Graͤfin fruchteten nicht, ſie leiſteten eher ſeiner Liebe Vorſchub, indem ſie ſein Mitleid ſteigerten fuͤr die Aermſte, die hinter ſchwarzen Kloſtermauern ihr roſi⸗ — 19— ges Daſein verhauchen ſollte. Euphemiens ſtrenge Befehle zuͤgelten eine Weile den jun— gen Mann; ein unbewachter Moment aber riß ihn fort zur Erklaͤrung, und reuevoll bat er, des naͤchſten Tages, der Graͤfin ſein Un⸗ recht ab. Bisher hatte Cederſtern ſich geſchmeichelt, Frau von Wernerode werde ihm und Marien beiſtehen; geſchmeichelt mit der Gewalt ihrer Rede, mit dem ſo eigenen Zauber, der ihr inne wohnte, und, willenlos, ihre ganze Umgebung beherrſchte, mit ihrer Zuneigung endlich fuͤr ihn; nun ſie indeß jede Ein— miſchung von ſich lehnte, nun befiel ihn Zagen. Daß Maria ſeine Liebe nicht er⸗ wiedere, wußt' er, ſie liebte aber auch noch keinen Andern, und unterſtuͤtzt von der Graͤ⸗ fin Wernerode und ſeiner Ausdauer, haͤtt' er zuletzt ſie doch wohl gewonnen. Den Reiſeplan der Graͤfin uͤberlegte Ed⸗ 2* — 20— mond; es ſchien freilich das Zweckmaͤßigſte, nur raͤumt' er damit das Feld, welches bald ein Gluͤcklicherer, als er, betreten durfte. Euphemia, ihn verfolgend bis in ſeine geheimſten Regungen, ſah ſehr gut, warum Edmond zoͤgere; doch blos durch Vernunft⸗ gruͤnde konnte ſie auf ihn wirken. Ein zweites Geſtaͤndniß wuͤrd' er gegen Fraͤulein Steinholm ſich nicht erlauben; auch verhin⸗ derte ſie es auf alle Weiſe, und Mariens Gleichguͤltigkeit fuͤr ihn ging ihr dabei an b die Hand; ihres Kindes Ruhe drohte hier keine Gefahr, und des Vaters Ankunft ſtand bevor. Allein Wochen verſtrichen, und Baron Steinholm blieb fern, mit jedem Courier ſchrieb er von ſeiner Abreiſe, die Geſchaͤfte — b aber verwickelten ſich mehr und mehr, und erſt nach drei Monaten nannte er definitiv den Tag derſelben. In banger Ungeduld harrte Edmond dieſes Zeitpunktes, obſchon er ſich ſagte, daß die Naͤhe des Herrn von Steinholm an Mariens Lage gar Nichts aͤndere, da ſie noch lange das Alter nicht erreicht, das ihre Jugend begraben ſolle; dennoch zitterte er vor ihm, den Niemand liebte. Auch in Euphemien wogte eine Unruhe, die nicht Marie, nicht Edmond ahnete, und ſogar die Tochter freute ſich nicht. Es hatte der Vater nie zaͤrtlich fuͤr ſie gefuͤhlt, und die Ungewißheit, ob er ſie nun zu ſich nehme, oder bei der Graͤfin laſſe, bannte den Schlummer von ihren ſchoͤnen Augen. Mit vielem Schmerz nur waͤre ſie von der theuern Frau geſchieden. Steinholm kam, weinend lag Marie in ſeinen Armen; inniger, als ſonſt, umfing er die Tochter; dann ſprach dieſe, die Hand der edlen Beſchuͤtzerin an ihre Lippen druͤ⸗ — 22— ckend:„Nie kann ich meinem Vater genug— ſam danken fuͤr die liebevolle Mutter, die er, in der Graͤfin Wernerode, mir geſchenkt.“ „So bitte ſie, mein Kind,“ entgegnete der Baron, und erhob nicht das geſenkte Auge,„ſo bitte ſie, daß endlich meine Wuͤn⸗ ſche kroͤnend, ſie, in der That, Deine Mutter werde! Dir weigert es die Graͤfin nicht.“ V Erſchreckt blickte Marie auf den Vater; ſie dachte an die entſchlafene Mutter; uͤber Euphemiens Wange flog ein tiefes Roth, das bald einer noch tiefern Blaͤſſe wich; Keines von ihnen oͤffnete den Mund; eine V unnennbare Wehmuth hatte ſich eines Jeden Bruſt bemeiſtert, und erſtickte die Worte in V ihrem Keime; das Gewicht der Erinnerung laſtete auf Allen. Steinholm ſammelte zuerſt V ſich wieder, und zu der Graͤfin gewandt, be⸗ gann er:„Euphemia weiß jetzt, was ich von ihr erflehe....“ 23— „Nimmermehr!“ rief Frau von Werne⸗ rode, und Marie, mit einem lauten Schrei zu ihren Fuͤßen ſtuͤrzend, umſchlang in Hef⸗ tigkeit ihre Knie, ſie mit Thraͤnen und Kuͤſſen bedeckend, und entfloh ſonach. „Was iſt dem Maͤdchen?“ fragte der Vater muͤrriſch. „Die Stimme der Natur, die hier deut⸗ licher noch geſprochen, als ich, und meine Sentenz uͤber den Vater beſtaͤtigt!“ antwor⸗ tete die Graͤfin. „Ich glaube in Mariens lebhafter Aeuße⸗ rung nur eine Fuͤrbitte erkannt zu haben....“ „Das glaubt Mariens Vater wahrlich nicht, ſonſt haͤtte ſeine Stirne ſich ſo nicht umwoͤlkt..“ „Und was verſchlaͤgt der Graͤfin Wer⸗ nerode dieſes Kindes Straͤuben?“ „Alles, waͤr' ich geſonnen, mich dem — 24— Herrn von Steinholm zu vermaͤhlen, wie ich es nicht bin, nie ſein werde!“ „Marie liebt Euphemien, wie ihre Mut⸗ ter, alle ihre Briefe ſind voll ihres Lobes und ihrer Liebe....“ „So lange ich an der Seite ihres Va⸗ ters nicht die Stelle der rechten Mutter beſetzt! Dieſe zu verdraͤngen aus dem Her⸗ zen ihres Vaters, und waͤr' es auch durch mich, empoͤret, ſehr natuͤrlich, ihr Herz. Doch mein' ich ſelbſt, ich haͤtte ihre Ungunſt wohl bezwungen.“ „Marie iſt uͤbrigens dem Kloſter ge⸗ weiht.“ „Noch aber die rechte Zeit nicht gekom⸗ men.“ „Jede Minute, die Euphemia zaudert, wird ein Raub an meinem Gluͤcke!“ „So gewiſſenhaft war Baron Stein⸗ holm nicht bei dem Gluͤcke Anderer 4 „... — 25— „Ich beſchwoͤre Sie....“ „Nicht von Minuten, und nicht von Tagen handelt es ſich hier,“ unterbrach ihn die Graͤfin,„ſondern von einem unumſtoͤß⸗ lichen, ewigen Entſchluſſe. Nimmer leg' ich meine Hand in Baron Steinholms Hand; nimmer verbindet Euphemia von Wernerode ſich dem Manne, der nicht der Erſte in ihrer Achtung. Vergeben wuͤrde ich mir kaum den Schritt, in den Jahren der Lei⸗ denſchaft, geſchweige jetzt. Das Vertrauen, welches Sie mir, der ſchwer Gekraͤnkten, be⸗ wieſen haben, indem Sie Ihre einzige Toch⸗ ter meinem Schutze uͤberliefert, ehret Sie, wie mich. Es iſt immer ſchoͤn, auch da noch eine gute Ernte zu hoffen, wo man eine ſchlechte vorbereitet; ſchoͤn, Denen, die ſich an uns raͤchen koͤnnten, ſo viel Edelſinn zuzumuthen, daß ſie Unliebes mit Liebem vergelten werden; aber ſind ſolche Zumu⸗ — 26— thungen auch ſchmeichelhaft, ſo genuͤgen ſie doch nicht, uns mit hoͤherer Freundſchaft zu beſeelen fuͤr Diejenigen, die ſpaͤt bereuen, was ſie fruͤher nie haͤtten verſchulden ſollen. Ich ſah es voraus, daß der Freiherr von Steinholm ſeinen ſchriftlichen Antrag muͤnd⸗ lich erneuern wuͤrde, ob ich zwar dringend ihn erſucht, es nicht zu thun, und ſeit lange hat ſeine Heimkehr deshalb mich geqaͤlt. Daß ich nicht zu wanken vermoͤge, wußt' ich, und Angſt vor dem zu Geſchehenden war es nicht, was mein Blut in ſchnellern Kreiſen umtrieb, es war vielmehr der Rieſe der Vergangenheit, der mit ehernem Finger an die Bettkammer meines Herzens pochte, dieſes aus ſeiner Ruhe weckend. Wie ich gedacht, ſo denk' ich noch; reifer nur iſt der Schmerz der Taͤuſchung in mir geworden; doch nicht zum Abfallen reif; noch haͤngt die Frucht an ihrem Stamme— der Seele— 22— und noch ſproſſet immer friſches Laub hervor aus ſeinem Marke. Ich hatte verziehen, noch eh' ich aufgehoͤrt, ungluͤcklich zu ſein; lieben aber kann ich da nicht mehr, wo ich, thoͤricht, einſt geliebt.“ „Euphemia!“ rief Mariens Vater er⸗ ſchuͤttert, und faßte ihre Hand.„So haſſen Sie mich?“ „Ich haſſe Niemand auf Erden!“ ſagte ſie.„Die Jugend geht leicht von einem Er⸗ trem zum zweiten uͤber; auch das hab' ich erfahren. Es will das Herz, lange ange⸗ regt in Liebe, muß dieſe nun ploͤtzlich enden, es will eine andere ſtarke Empfindung dafuͤr, und greift zum Haſſe, als der Lieb' am Naͤchſten. Doch in einem edlen Gemuͤthe ſchlaͤgt jener nicht Wurzel, wie dieſe, und der Sturm, welcher die Luft des Innern reinigt, entfuͤhret auch den Samen des Haſſes. So wenigſtens erging es mir. Wie ſchloͤſſ — 28— ich nur die Tochter muͤtterlich an meine Bruſt, lebte in ihr noch Haß fuͤr den Vater! For⸗ dern Sie jede Probe, Baron— die eine aus⸗ genommen— und Sie werden ſehen: daß. V die Liebe zu Allen, auch bisweilen der Liebe„ fuͤr den Einzelnen gleichen kann. Mariens Schickſal beſchaͤftiget mich zumeiſt; ihm ſind noch die Wechſelfaͤlle des Lebens eigen; an dem meinigen ruͤhret allein der Tod....“ 8„Die Graͤfin Wernerode kennt das Ge⸗ luͤbde meiner verſtorbenen Gemahlin....“ „Ich kenn' es, und habe auch bis jetzt keine Urſache zur Beunruhigung fuͤr Marien; indeß ſie iſt jung, und taͤglich den Eindruͤ⸗ cken der Welt preisgegeben....“ b Hier wurden ſie geſtoͤrt, und der Baron V mied fortan dies Geſpraͤch, verzieh aber we⸗ der der Graͤfin den erhaltenen Korb, wenn ſchon nicht uͤberraſcht davon, noch der Toch⸗ ter, daß ſie ſeine Wuͤnſche getadelt, und — 29— Beide mußten ſeinen uͤbeln Humor fuͤhlen. Marie hingegen ſchmiegte, ſeit jenem„Nim⸗ mermehr!“ ſich nur enger an ihre Goͤnnerin, und Frau von Wernerode verſtand ſie ohne Worte, wie ſie, auf dieſelbe Weiſe, jede noch etwaige Beſorgniß in ihr zu ſtillen wußte. Euphemia, die reizende, vielbeguͤterte Tochter des Grafen Erlach, hatte, in ihrer Jugend, ſchwaͤrmeriſch den Freiherrn von Steinholm geliebt, und ſich eben ſo geliebt waͤhnend, endlich den Vater beredet— die Mutter war todt— daß er einwillige; doch erſt nach zwoͤl Monden ſollte man die Hoch⸗ zeit feiern, ſo verlangt' es durchaus Graf Erlach, der wohl ſeine triftigen Gruͤnde ha⸗ ben mochte zu dieſem Aufſchub. Die Tochter, entzuͤckt von der bloßen Zuſtimmung ihres Vaters, war vollkommen damit zufrieden, und Steinholm, keinen = 30— Widerſpruch ſich erlaubend, genoͤthigt, vor der Hand, ohne Gattin, auf ſeinen Poſten, bei der Geſandtſchaft eines verwandten Hofes, zuruͤckzureiſen. Die Trennung fiel Beiden hart; Graf Erlach aber ſprach zu der Toch⸗ ter:„Was an Albrechts Liebe iſt, wird in der Ferne ſich zeigen.“ Euphemien kraͤnkte auch der leiſeſte Zweifel an dem Freund ihrer Seele. Sie, der Glanzpunkt der vornehmen Maͤdchenwelt, hatte, fuͤr ihn, auf die bril⸗ lanteſten Heirathen verzichtet, und beinahe mit dem guͤtigen Vater, ſeinetwegen, ſich entzweit; warum alſo Treuloſigkeit befuͤrch⸗ ten? Was Eine ihm zu bieten, das brachte ja auch ſie ihm zu: Jugend, oft geprieſene Schoͤnheit, Rang und Reichthum; dabei ein Herz, ſo uͤberfuͤllt von ſeinem Bilde, wie er es niemals wiederfand. Dennoch ſollte, bei all' dieſen unleug— baren Vorzuͤgen der Tochter, Graf Erlachs — 31 Verdacht, begruͤndet auf des jungen Mannes bekanntem Flatterſinn und ſeinem unbelieb⸗ ten Charakter, dennoch ſollt' er ſich recht⸗ fertigen. Steinholm entbrannte fuͤr eine Andere, und dieſe, nicht ahnend ſein Verhaͤltniß zu dem Erlachſchen Hauſe, wiegte ſich mit der ſuͤßen Hoffnung, ihn zu beſitzen. Er war ein ſchoͤner Mann, und gefiel, wo er es darauf anlegte. Graf Erlach, der, blos aus Liebe fuͤr die Tochter, nachgegeben, er ließ, in der Fremde, Albrecht genau beob⸗ achten, und erfuhr ſchnell ſeinen Wandel. Gegen Euphemien ſchwieg der Vater noch; er ſah ſie finſter, und vermuthete: daß die jetzt ſeltner einlaufenden, vielleicht auch min⸗ der zaͤrtlichen, Briefe ihres Geliebten, ſie niederſchlugen; doch bis er nicht ſo gewiß war von Steinholms Unwerth, daß er auch ſie davon uͤberzeugen konnte, ſcheut' er die — 32— Eroͤrterung; nur zu bald wuͤrde der Blitz ihr ungluͤckſeliges Haupt zerſchmettern. Immer ſchlechter fuͤr Euphemien laute⸗ ten die Nachrichten an den Vater, und end⸗ lich dahin: daß, obwohl Steinholm ſich noch nicht erklaͤrt habe, Mutter und Tochter dieſer Erklaͤrung verſichert ſchienen. An der Zeit war es nun, zu handeln. Sollte der Verwegene zwei ſchuldloſe Gemuͤther hinter⸗ gehen? Graf Erlach bat jetzt den auswaͤrti⸗ gen Freund, Albrechts Verlobung unter die Leute zu bringen, wie er fruͤher das Gegen⸗ theil gewuͤnſcht. Einmal als Braͤutigam angekuͤndigt, haͤtte Steinholm uͤber ſich ge⸗ wacht, und der kluge Vater wollte das Aergſte lieber vor der Vermaͤhlung, als nachher. Auf Euphemiens Jugend zaͤhlt' er, und auf ihren angeborenen weiblichen Stolz, der unfehlbar da ſich losreiße, wo man auf's Tiefſte ihn verwundet. — 33— Die Mutter des huͤbſchen Maͤdchens be⸗ deutete man zuerſt; als ſie hoͤrte, wie es mit Steinholms Freiheit beſchaffen, ſtellte ſie ihn zur Rede. Er leugnete das Faktum nicht, entſchuldigte ſich jedoch mit der Hef⸗ tigkeit ſeiner Liebe fuͤr ihre Tochter, be⸗ theuernd: daß er jene Verbindung nur aus Convenienz geſchloſſen, und aus Mitleid fuͤr die Graͤfin, die von ihm nicht laſſen konnte, keineswegs aber verpflichtet, noch Willens ſei, ihr ſein Leben zu opfern, vielmehr bereit, der Grafentochter zu entſagen, wenn Sera⸗ phine ihn dafuͤr entſchaͤdige mit ihrer Hand. „Nie den Mann,“ erwiederte die Getaͤuſchte, „der mit Menſchenherzen ſein Spiel treibt! Ein Wortbruͤchiger hat auf ewig meine Gunſt verſcherzt!“ und raſch entſchwand ſie in's Nebenzimmer, ihre Thraͤnen ihm zu verber⸗ gen. Dem Grafen Erlach ward dies Alles ge⸗ I. 3 — 34— meldet; die eitle Mutter plauderte: daß fuͤr ihre Seraphine, der huͤbſche Baron von der erlauchten Braut abſtehen wolle, wie ſie ſich bemuͤhte, der Tochter begreiflich zu machen: daß es kein Unrecht, zu nehmen, was die Graͤfin Erlach doch entbehren muͤſſe: die Liebe des Geliebten. Seraphine war inzwiſchen zu dieſer Meinung nicht zu bekehren, und wie ſehr es ſie auch betruͤbte, die Mutter durfte den Herrn von Steinholm nicht mehr bei ſich empfangen. Leicht waͤr es Euphemiens Vater geweſen, ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn anderwei⸗ tig placiren zu laſſen, er aber bezweckte den voͤlligen Bruch mit Steinholm, den er nicht achtete, und der, in keiner Hinſicht, ſeinen Anſpruͤchen fuͤr das einzige Kind genuͤgte. Bequemt hatt' er ſich, um die Dinge nicht zu verſchlimmern, um nicht durch Hartnaͤckig⸗ keit von ſeiner Seite, Euphemiens Liebe aufs — 35— Aeußerſte zu ſpannen. Daß er ihr einen ſehr bittern Trank darreichte, ſtritt er ſich nicht ab: allein der Augenblick mußte untergehen in den Strom der Zeit; retten mußt' er die angebetete Tochter, durch momentanes Weh, vor langem Leiden, und nicht blos Ungluͤck verhuͤten, ſondern auch noch Tage des Gluͤ⸗ ckes fuͤr ſie herauffuͤhren, ohne daß ſie den Hebel kannte, den er dazu in Bewegung ſetzte. Als nun der Vater jenes Schreiben in ſeinen Haͤnden hielt, worin Albrecht noch einmal um Seraphinen warb; noch einmal ſchwor: daß er die Graͤfin Erlach nie geliebt, und nur von ihrer Liebe und dem Glanze dieſer Heirath geblendet worden, Schreiben, welches man der Alten zu entlocken gewußt, als der Vater nun mit den klarſten Bewei⸗ ſen von Steinholms Schuld vor Euphemien hintreten konnte, da beſchlich ihn ſelbſt ein 2* O — 36— heißer Schmerz, und ſagte ihre Trauer ihm auch: daß ſie ihr nahes Mißgeſchick errathe, ſo koſtet' es ihn doch, das Schwert ganz in ihre Bruſt zu ſtoßen. 3„Ich ſehe Dich nicht heiter, mein Kind,“ begann er eines Tages.„Es iſt Etwas in Dir, das Du mir verheimlichſt. Denkſt Du, ich leſe nicht in Deinen Mienen; habe nicht, ſeit lange ſchon, dem Urſprunge Dei⸗ nes Kummers nachgeſpuͤrt? Mich beirrten gleisneriſche Phraſen nicht, wie Dich; aber Deinen Unwillen theil' ich...“ Heraus war es jetzt, was ſtumm auf Euphemien gelaſtet; die Rede des Vaters deckte ihr Antlitz mit Leichenblaͤſſe, und kei⸗ ner Sylbe maͤchtig, hob ſie nur den naſſen Blick zu ſeinem Blick empor. „Du zitterſt, meine Euphemia,“ fuhr er fort, und druͤckte ſie liebreich an ſich. „Dir banget vor Dem, was ich Dir zu — 327— eroͤffnen, Gutes iſt es freilich nicht; doch die Tochter des Grafen Erlach wird ſich erman⸗ nen, und nicht einem Unwuͤrdigen nachwei⸗ nen und nachjammern...“ Ein dumpfes Stoͤhnen, aus ſchwerbe⸗ klemmter Bruſt, antwortete dem Vater, und regungslos lag die Ungluͤckliche in ſeinen Armen. Wochen floſſen hin, bevor Euphemien die volle Beſinnung wiederkam, und der erſte Strahl derſelben verletzte grauſam ihr Inneres. Wie hatte ſie den Mann geliebt, der ſtraͤflich ſie verlaſſen! Und wie haßte ſie, der Haß ſich nimmer genaht, nun Diejenige, die ihn ihr entwendet, und die ſelbſt dadurch ſie nicht ausſoͤhnte mit ſich: daß ſie ihr Gluͤck nicht erbaut auf den Truͤm⸗ mern eines verſunkenen Gluͤckes! Der Ne⸗ benbuhlerin hatt' er's geſtanden: daß Eu⸗ phemia von Erlach ſein Herz nie beſeſſen; — 38— konnte ihr Herz dieſe Demuͤthigung je ver⸗ zeihen? Ruͤckkehr zu Ihm, der abermals anknuͤpfen wollte, verbot ihr Stolz, der Stolz, auf welchen ihr Vater gerechnet; ab⸗ gebrochen blieb das Verhaͤltniß fuͤr ewig; doch auch ein ewiger Stachel in Euphemiens Buſen. Sogar die Jugend hat Gedaͤchtniß fuͤr ſolche Erfahrungen, und wie Geſpenſter necken ſie uns noch im Alter. Zeit und Ereigniſſe verharſchten in Steinholms Braut die tiefe Wunde, indeß bei der leiſeſten Be⸗ ruͤhrung blutete ſie auf's Neue, und bezwang die Feſtigkeit der Graͤfin Erlach auch ihre Liebe, Momente gab es, wo Euphemia, die Kraͤnkung vergeſſend, wuͤnſchte, weniger feſt geweſen zu ſein. Zur phyſiſchen und geiſtigen Erholung ſandte Graf Erlach die Tochter, unter dem Schutze ihrer Tante, der Fuͤrſtin von Ho⸗ henringen, in ein beruͤhmtes Bad. Mehr, — 39— als Luft und Waſſer; mehr, als die Zer⸗ ſtreuungen des viel beſuchten Curortes, wirkte auf Euphemien des theuern Vaters Sorge um ſie; nicht umſonſt ſollt' er ſie ſeine ſtarke Tochter geheißen haben, nicht ſollt' er bei ihr weichen muͤſſen Dem, der ſo Bitteres uͤber ſie und ihn verhaͤngt. Ihre ganze Kraft rief ſie zu Huͤlfe, ſich des Vaters und ſeiner Liebe wuͤrdig zu zeigen. Taͤglich langten neue Badegaͤſte an; unter ihnen Frau von Lindek, mit Sohn und Tochter, einem ſchoͤnen, bleichen Maͤd⸗ chen, mit hellen Locken und dunkelblauen Augen, die, wie verſchleiert von truͤben Er⸗ innerungen oder einer bangen Zukunft, gleich⸗ guͤltig auf die Menge blickten. Der Bruder, Militair, und ebenfalls ein huͤbſcher junger Mann, war beſtrebt, der Mutter ſeine Un⸗ ruhe um die geliebte Schweſter zu verbergen. Aus den kranken Zuͤgen der Tochter redete — 40— ein Lebensuͤberdruß, eine Entmuthigung, die nicht durch Widerſpruch ſich bekundeten, viel⸗ mehr durch ſtetes Willfahren jeglicher Anfor⸗ derung an ſie. Was Mutter und Bruder von ihr heiſchten, ſie gewaͤhrt' es unbedingt; allein ſelbſt die Freude, die ſie ihnen damit verurſachte, freute ſie nicht. Es war, als laſſe ſie ihr Daſein ablaufen, wie ein Uhr⸗ werk, das doch endlich ſtill ſtehen muͤſſe. Die reizende Geſtalt, ſo theilnamlos vor ſich hinſchauend, erregte Aufſehen am Brun⸗ nen; man fragte, man forſchte, und lernte blos: daß es die Familie Lindek ſei aus ***; daß man die Tochter, zu ihrer Hei⸗ lung hieher geſchickt, und Mutter und Bru⸗ der, in Bangniß, den Erfolg belauſchten. Auch Euphemien bewegte Fraͤulein Lin⸗ deks Erſcheinen ſeltſam. Die duͤſtern Sterne des großen Auges erzaͤhlten eine ganze Ge⸗ — a1— ſchichte des Herzens; ſeufzend dachte die Tochter des Grafen Erlach:„wieder ein Opfer menſchlicher Thorheit oder menſchlicher Bosheit!“ und draͤngte, am Quell, wo man oft mehrere Minuten ſeines Bechers harren mußte, ſich in die Naͤhe der jungen Perſon, ohne es jedoch zur Bekanntſchaft mit ihr oder der Mutter zu bringen. Da geſchah es, daß man Euphemien Graͤfin Erlach nannte, und Fraͤulein Lindek, wie durch Zauber angeweht, ſchlug den geſenkten Blick in die Hoͤhe; er traf Euphemien, und eine fluͤhtige Roͤthe ſpielte auf der farbloſen Wange; bald aber bezog der Hauch des Todes ſie; ihre Knie bebten, und ſie flehte, mit erloſchener Stimme, daß die Mutter ſie nach Hauſe geleite. Euphemien entging Nichts, und ploͤtziich ward es Tag in ihr. Sie mußt' es ſein, die Albrecht geliebt, und die, aus Liebe fuͤr — 42— ihn, dem Grabe zuwankte!„Wunderbare Schickung,“ rief ſie,„die Beide an dieſen Ort gefuͤhrt, auf daß die Eine vielleicht die Retterin werde der Andern, mit gewaltigem Arme ſie zuruͤckreißend von der ſchon gaͤhnen⸗ den Gruft! Und hat ſie ihn denn ſtaͤrker geliebt, als ich, daß ſie fuͤr die zaͤrtliche Mutter, fuͤr den trauernden Bruder nicht zu leben vermag, wenn ich, mit allen Gluten verſchmaͤhter Triebe im tief beleidigten Her⸗ zen, die Kraft gehabt, mich zu erhalten fuͤr den Vater! Oder liegt meine Kraft gerade in dem Verſchmaͤhtſein, ihre Schwaͤche in dem Geliebtwerden? Die Un geliebte konnte freilich Nichts, als den Mantel weiblichen Stolzes uͤber die Bloͤßen ihres Innern wer⸗ fen; denn mit allem Gram und allem Zorne haͤtte ſie ihm nicht liebenswuͤrdiger gedeucht; ſtatt, daß Jene, mit ſeiner Leidenſchaft ſich troͤſten, in ſeine Liebe ſich einhuͤllen durfte, — 43— ſollte auch die Waͤrme des eigenen Gefuͤhles ſie erſticken. Euphemia, eine von Denen, die deſto emſiger vorſchreiten, je groͤßere Hinderniſſe ſie finden auf ihrem Wege zum Guten, nahm gleich die Badeliſte wieder zur Hand, die ſie bisher nur fluͤchtig durchgegangen, eben, weil kein intereſſanter Gaſt ihr aufgeſtoßen, und bemerkte nun, daß Fraͤulein Lindek Seraphine heiße— mehr hatte ſie von ihr nie erfahren, auch mehr nicht erfahren wollen,— und daß ſie aus dem Lande, wo Steinholm bei der Geſandtſchaft diene. Sie trog ſich alſo nicht, und wuͤnſchte jetzt ſehr, Seraphinen kennen zu lernen. Dieſe kam des andern Morgens nicht an den Brunnen. Von ihrem Arzte aber hoͤrte Euphemia, daß er auch Fraͤulein Lindek's Arzt, und die Mutter ihm vertraut: es da⸗ — 14— tire ſich die Krankheit ihrer Tochter von einer ungluͤcklichen Liebe, und von Scrupeln, die ihr nicht auszureden waͤren. Doctor F'*“ ahnete nicht den Zuſammen⸗ hang der Graͤfin Erlach mit ſeiner neuen Patientin; doch ſeine Worte uͤber ſie beſtaͤrk⸗ ten Euphemien in Dem, was ſie vorhatte, erſpaͤhte ſie auch die Mittel dazu noch nicht. Fraͤulein Lindek, ſchon ſo betreten bei ihrem bloßen Namen, wuͤrde ſie fliehen, und die Fuͤrſtin von Hohenringen liebte keinen Um⸗ gang mit Fremden, unter ihrem Stande. Die Tante zu gewinnen, duͤnkte ihr indeß ſo ſchwer nicht; trennten ja Beider Pfade hier ſich wieder! Uebrigens war Seraphi⸗ nens Mutter die Witwe des Obriſten Lindek, ihr Sohn Rittmeiſter, und in dem Auge der Tochter jeder Adel zu leſen. Das eigentliche Motiv ihres Wunſches wollte Euphemia der Tante verſchweigen; wollte Erklaͤrungen mei⸗ 45 den, die ihr vielleicht die noͤthige Beſonnen⸗ heit geraubt. Frau von Hohenringen hatte die ge⸗ liebte Nichte mit dem Tode kaͤmpfen ſehen, als des Verlobten Treuloſigkeit ihr Herz durchbohrt; wer aber den Bruch zwiſchen ihr und Steinholm veranlaßt, muthmaßte ſie nicht; nur weigerte ſie Euphemien ungern Etwas, und auf dieſe Milde der hochverehr⸗ ten Frau ſtuͤtzte ſich die Graͤfin Erlach. Noch heute mußte Doktor F**, am Brunnen, ſie der Obriſtin vorſtellen. Bei der Frage nach ihrer Tochter, fiel ein pruͤ⸗ fender Blick der bekuͤmmerten Mutter auf Euphemien, die ihn verſtand; aber aus ihrem ſchoͤnen Angeſichte ſtrahlte eine ſo echte Theil⸗ nahme, daß in Frau von Lindek der Arg⸗ wohn: als beſeele nur Schadenfreude die Graͤfin Erlach, nicht dauern konnte, und ſie — 46— unbefangen entgegnete: ſie hoffe, ihr Kind werde morgen beſſer ſein. „Ich bitte, Fraͤulein Lindek vorlaͤufig zu verſichern,“ erwiederte Euphemia,„daß ihr Wohl mir ſehr am Herzen liegt.“ Und ſo⸗ mit enteilte ſie, die Tante aufzuſuchen. Die Bahn war nun offen fuͤr Euphe⸗ mien, und mit goͤttlicher Huͤlfe wollte ſie raſch darauf fortwandeln. Was immer Stein⸗ holms Geliebte empfunden, als der Name Erlach ſo unverhofft ihr Ohr beruͤhrt, nicht wuͤrde ſie jetzt Euphemien noch ihre Feindin glauben. Des folgenden Morgens erſchien Fraͤu⸗ lein Lindek an der Seite ihrer Mutter; Eu⸗ phemia, heute mit einer andern Dame, wel⸗ cher die Fuͤrſtin ſie bisweilen uͤbergab, ſprach die Obriſtin an, und gewahrte, wie Sera⸗ phine erzittere; allein bald beherrſchte dieſe ſich, und wagte ſie auch nicht das Auge zu — 41 erheben zu der Graͤfin Erlach, ſo beruhigten ſie doch Euphemiens Silberſtimme und ihre freundlichen Aeußerungen. Der Fuͤrſtin von Hohenringen erzaͤhlte die Nichte von dem lieben Maͤdchen, und wie ſie auf die Huld der Tante fußend, ihr eine Viſite verheißen. „Du weißt, wein Kind,“ ſagte die Fuͤr⸗ ſtin,„daß ich fremde Bekanntſchaften der Art nicht gern habe.“ „Seraphine von Lindek bleibt einem nicht lange fremd; man muß ſie lieben im erſten Momente; auch ſieht ſie ſo ungluͤcklich aus.... 2 „Wer ſondert hier nur Ungluͤck von Schuld?“ „Die Reflexion entſtieg nicht dem Her⸗ zen meiner vortrefflichen Tante, bei der es ja zum Prinzip, ich moͤchte behaupten, zur Religion geworden: das Gute zu denken, — 48 bis ſie an dem Schlimmen nicht mehr zwei⸗ feln kann. Die Fuͤrſtin von Hohenringen pflegt nicht nach dem Scheine zu urtheilen, wo er die Menſchen verdammt.„Wer hier nur Ungluͤck ſondert von Schuld?“ Mein Herz, liebe Tante, das mich dieſes Mal nicht taͤuſchet, ſo wenig das Ihrige grund⸗ loſe Ungunſt lange beherbergen wird.“ „Du biſt ein geſchickter Advokat Deiner eigenen Sache,“ laͤchelte die Fuͤrſtin,„denn Du beginneſt damit, der Gegenpartei zu ſchmeicheln. Von wannen ſolche Kuͤnſte Dir?“ „Nicht Schmeichelei iſt es, meiner edlen Tante das Beſte zuzutrauen!“ verſetzte Eu⸗ phemia, und kniete liebkoſend nieder vor der Schweſter ihrer abgeſchiedenen Mutter. „Nun gar zu meinen Fuͤßen! Welch' ſchwere Miſſethat ſoll ich verzeihen?“ fragte ſcherzend die Guͤtige, und kuͤßte Euphemien. — 49— „Um Ihren Segen, geliebte Tante, bitt' ich!“ ſeufzte Graf Erlachs Tochter, und die Fuͤrſtin fuͤhlte eine Thraͤne ihre Hand be⸗ netzen. „Wie,“ rief Frau von Hohenringen, das gebeugte Haupt der Nichte emporrich⸗ tend, ihr in's liebe Antlitz zu blicken.„Wie, Du weinſt, meine Euphemia, und es haͤtte dieſer Auftritt eine tiefere Bedeutung, als ich ihm beigemeſſen? Sprich, was hat in Dir den Anflug von Muthwillen ſo ſchnell verſcheucht? O, viel eher vergeb' ich jeden Leichtſinn Dir, als eine einzige Zaͤhre boͤſer Erinnerungen! Deinem Vater hab' ich ge⸗ lobt, mit Muttertreue ſein Kleinod zu huͤten, und fuͤr Euphemiens Geneſung, auf alle Weiſe, zu ſorgen.“ „Darum beengen Sie jetzo mich nicht, beſte Tante,“ unterbrach ſie Euphemia, I. 4 „und Sie erreichen wohl ſo am Kuͤrzeſten Ihr Ziel!“ „Ohne, daß Du mir nur ſagſt durch welche Mittel, und was der Anfang unſerer Unterredung gemein mit dem Ende der⸗ ſelben?“ „Es wuͤrde mich erweichen, und weich darf ich hier nicht ſein. Glauben Sie aber Ihrer Euphemia, theure Frau, daß ſie nichts Ue⸗ beles beabſichtigen kann. Nur ſo viel: es gilt, ein noch weit zerriſſeneres Herz, als das meinige, von ſeinen innern Vorwuͤrfen und Qualen zu erloͤſen, und dies Herz, es gehoͤret jenem bleichen Maͤdchen, mit den Veilchen⸗Augen, das bei meinem Namen vollends zur Lilie ward. Will nun die Fuͤrſtin von Hohenringen mir noch den Zu— gang wehren zu der Unbekannten, noch an Formen kleben, die bei Seraphinen von Lin⸗ dek ſo gar nicht paſſen? Mich lockt es hin — 351— zu der armen Verſinkenden, daß ſie an mir eine Stuͤtze finde, und den Troſt goͤnnet meine zweite Mutter ihrem Kinde gewiß!“ „So folge Deinem Sinne,“ ſprach die Fuͤrſtin, jetzt ahnend, wer dieſe Seraphine, „aber laß mich meine Nachgiebigkeit nicht bereuen.“ „Wann haͤtt' eine menſchenfreundliche Handlung Reue erweckt in der Fuͤrſtin von Hohenringen?“ Mit Recht dachte Euphemia ſo von ihrer allgemein geſchaͤtzten Tante. Frau von Hohenringen, obzwar ſelbſt nie angefochten von Leidenſchaft, beſaß, unter vielen großen Tugenden, die ausgezeichnete: ſtets ſchonend zu ſein, auch, wo ſie mißbilligte; beſaß das herrliche Talent, jede Wahrheit des Verſtan— des auch mit dem Herzen, jeden fremden Herzensſchlag mit ihrer Seele feinem Ver⸗ ſtande zu begreifen. Sich verzieh die Fuͤr⸗ 4* ſtin Nichts, ihrem Naͤchſten Alles, und nie brach ſie den Stab ganz uͤber den Menſchen, weil er theilweiſe ihr nicht behagte, gern vergeſſend, was ſie nur geſtoͤrt haben wuͤrde. Jetzt, in ihrem ſechs und vierzigſten Jahre, war Frau von Hohenringen noch eine ſchoͤne, ſtattliche Dame, der man die edle Abkunf anſah, und ſo wie ihre Stirn keine Falte, ſo hatte auch ihr Inneres in Faltenloſigkeit und jugendlicher Friſche, ja, in kindlicher Naivtaͤt, ſich erhalten. Es mag dies ein Vorzug ſein ſolcher Gemuͤther, uͤber die der Sturm der Leidenſchaften nicht brauſend her⸗ gefahren, nicht die Spuren ſanfter Eindruͤcke voͤllig verweht. Die Fuͤrſtin erkannte das, und ſchrieb ſich nicht zu, was vielleicht in ihrer Organiſation allein zu ſuchen oder in ihrem guͤnſtigen Geſtirne, ſehr gut wiſſend: daß haͤufig blos Gluͤck, woraus die Meiſten ein Verdienſt ſich bilden. Doch ihr Ernſt, ihre ſcheinbare Kaͤlte war es nicht, was die Maͤnnerwelt abſchreckte, der Frau laut zu huldigen, die nicht in froͤhlicher Ehe lebte: es war die Reinheit ihrer Seele, die, in all' ihrem Weſen ſich ſpiegelnd, dem Kuͤhnſten noch Ehrfurcht gebot. Und feſſelte auch, hin und wieder, Einer ihre Aufmerkſamkeit, er erfuhr es nicht; kaum ſie ſelber, oder nur, um daß der Feind, durch gefliſſentliches Verheimlichen ſeiner Gegenwart, nicht Zeit gewinne zu Fortſchritten, die ſie hemmen wollte. So betrachtete denn die Fuͤrſtin von Hohenringen jene Frauen, welchen das Geſchick, in dieſem Punkte, minder hold ge⸗ laͤchelt, als ihr, mit den Gefuͤhlen, die man wohl heget nach einer gluͤcklich entronnenen Gefahr, der Andere unterlegen ſind: ſie be⸗ dauerte die Geſcheiterten, wußte aber am Liebſten nicht davon, wie ſie es Keinem dankte, der um ſolche Illuſion ſie aͤrmer ge⸗ — 54— macht. Von ihren Freunden ließ ſie nim⸗ mer, und etwaige Verſtimmungen hier, be⸗ ſeitigte ſie ſchnell; ein Unrecht, daß ſie, wenn gleich willenlos, zugefuͤgt, ſchmerzte ſie heftiger, als ein erlittenes, und nicht raſtete ſie, bis es verſoͤhnt war. In den Stunden der Pruͤfung, die auch fuͤr ſie nicht ausblieben, fluͤchtete ihr frommes Gemuͤth zu dem Herrn alles Troſtes. Stolz, und durchaus ſich Nichts vergebend gegen Eben⸗ buͤrtige, erwies ſie ſich liebreich und zuvor⸗ kommend fuͤr Diejenigen, die, nicht ihres Ranges, ihr gefielen; nur durften ſie die Fuͤrſtin nicht gaͤnzlich außer Acht laſſen: eine kleine Schwaͤche, aufgewogen von den ſeltenſten Eigenſchaften, und der einzige Schat⸗ ten in dieſem Lichtgemaͤlde. Verlangte nun die Tante von Euphe⸗ mien Vorſicht in der Wahl ihres Umganges, ſo geſchah das mehr im Intereſſe ihrer Nichte, als in dem eigenen. Sie wußte, daß auch da, wo ihr Herz ſich hinneigte, ſie keine Uebertretung der Grenzen zu befuͤrchten, die ſie ſelbſt ſich geſteckt. Doch die Jugend uͤberfliegt leicht, mit ihren roſenfarbenen Schwingen, jede noch ſo weite Kluft, oft dicht am Abgrunde ſich niederlaſſend. Nach ihrer, bereits vermaͤhlten Tochter— ſie hatte ſonſt keine Kinder— liebte die Fuͤrſtin von Hohenringen Niemanden ſo, wie die Tochter ihrer fruͤh verblichenen Schweſter; das herbe Leid, welches Euphemien ſo jung ſchon er⸗ eilt, hatte ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie verdoppelt. Daß die Graͤfin Erlach, bei ihr, kein Ver⸗ haͤltniß anſpinne, das nicht ein erfreuliches Ende prophezeihe, nahm ſie ſich ſtreng vor, als ſie die Nichte nach dem Bade begleitete. Die der Fuͤrſtin abgedrungene Erlaubniß, zu Fraͤulein Lindek zu gehen, benutzte Eu⸗ phemia noch deſſelben Tages. Die Obriſtin 56— empfing ihren Beſuch, wie eine Ehre; Sera⸗ phine, wie ein Geſchenk der Barmherzigkeit; der Bruder war nicht zu Hauſe. Sehnlich wuͤnſchte Euphemia auch die Mutter fern. Was ſie zu beſprechen mit der Tochter, ge⸗ hoͤrte einzig fuͤr dieſe. Es kam endlich eine Dame, Frau von Lindek und Seraphinen zur Spazierung abzuholen. Letztere bat ihre Mutter, ohne ſie zu fahren, was die Obri⸗ ſtin um ſo eher zugeſtand, als Euphemia ſich antrug, der Tochter waͤhrend deſſen Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Und ſo blieben nun die beiden jungen Maͤdchen, eine Welt in ihrem Buſen, allein im engen Raume beiſammen. Beide ſchwiegen verlegen. Die Graͤfin Erlach hob zuerſt die unheimliche Stille auf, und Seraphinens kalte Hand faſſend, und ſie in die ihrige druͤckend, ſagte ſie:„Wie ſoll ich den Zufall genugſam preiſen— iſt uͤbrigens Zufall, was hoffentlich von wich⸗ — 57— tigen Folgen ſein wird— daß er mit Fraͤu⸗ lein Lindek mich hier vereinet!“ „Mit Ihr, die zur Moͤrderin geworden an dem Gluͤcke der Graͤfin Erlach!“ unter⸗ brach ſie Seraphine, und ſchlug das Auge nicht empor zu der Gekraͤnkten. „Was kann der Stein dafuͤr,“ entgeg⸗ nete Euphemia,„den der Wirbelwind los⸗ reißt vom Dache, daß er mein Haupt zer⸗ ſchmettere? Haͤtt' ich an Seraphinen mich gedraͤngt, mir ihre Bekanntſchaft gleichſam erzwungen, wenn nicht eine Stimme mir ge⸗ fluͤſtert: daß in ihrer edlen Seele der Schmerz um mich lauter ſchreie, als jeder noch ſo to⸗ bende! Seraphinens Schreck bei Hoͤrung mei⸗ nes Namens, war nicht allein der Nebenbuh⸗ lerin gemeint, und ihre wechſelnde Farbe, ihr ſterbender Blick ſicher nur die morali⸗ ſche Ohnmacht, das unſchuldig Begangene an mir zu verguͤten. Seraphine konnte hiezu — 58— Nichts, Euphemia Alles, und deshalb flog ich her! Wird Fraͤulein Lindek nun, als Freundin, mich anſehen, oder hab' ich in dem Auge, den Zuͤgen mich geirrt, und ich bin Seraphinen blos die Stoͤrerin ihres Friedens, wenn doch ſie fuͤr mich ganz et⸗ was Anderes iſt?“ Statt aller Erwiederung umſchlang Se⸗ raphine die Graͤfin mit einer Lebhaftigkeit, die ihr zeigte, wie wohl es der Ungluͤcklichen thue, furchtlos an der Bruſt zu ruhen, von welcher ſie nur Haß erwartet. Es bethauten ihre brennenden Zaͤhren Euphemien, und dieſe, ſelbſt bis zu Thraͤnen bewegt, aber feſt ſein wollend, um die Kur an der Ge— beugten zu vollenden, fuhr, nach einer klei⸗ nen Pauſe, fort: „Beleuchten wir jetzt Ihr Schickſal naͤ⸗ her, meine liebe Seraphine! Moͤglich, daß — 59— die dunkle Form doch noch mit einem hellern Gewande zu bekleiden!“ „Was an meiner truͤben Exiſtenz zu lichten war, das iſt durch die Graͤfin Erlach bereits geſchehen: ſie hat vergeben!“ „Vor Allem nicht Graͤfin Erlach! Der Name toͤdtet bis auf den Keim unſers jun⸗ gen Bundes, und laͤßt in Seraphinens Her⸗ zen nicht einen gruͤnen Halm fuͤr mich ent⸗ ſprießen. Euphemia heiß' ich, und wer mich liebt, der nennet mich ſo. Albrechts Braut ſtarb, da ſie ihre Anſpruͤche aufgab an Ihn, der ſie nicht geliebt; Baron Stein⸗ holm iſt frei, Seraphine iſt es auch, die Graͤfin Erlach begraben und vergeſſen; war⸗ um alſo nicht die Hochzeit feiern?“ rief Euphemia wehmuͤthig. „Weil,“ verſetzte Jene, den Blick nun auf das umflorte Auge der Graͤfin heftend, „weil hier ſo Unuͤberſteigliches, daß ſelbſt — 60— Euphemiens ganze Großmuth es nicht ver⸗ tilget.“ „Und das waͤre?“— „Seine Unrechtlichkeit.“ „Der Liebe verzeiht man viel, nur der Unliebe Nichts!“ antwortete die Verſchmaͤhte. „Nie haͤtte Steinholm meine Lieb' er⸗ langt ohne den Wahn: daß keine Bande ihn feſſeln. Der Verlobte einer Andern mußte mir heilig ſein. Weshalb verbarg er dies, wenn er nicht Arges im Schilde fuͤhrte? Daß er ein liebes, treues Herz— ich rede nicht von dem meinigen— dahin getrieben, mit ihm zu brechen; ein zweites, das an ihn geglaubt, wie an ſeinen Gott, ſich von ihm zu wenden, das verzeihet auch die Liebe nicht! Er hat mein Inneres ver⸗ wuͤſtet, weit verderblicher, wie Euphemia ſehr richtig bemerkt, durch das Gefuͤhl: un⸗ gluͤcklich gemacht zu haben, als durch mein — 61— eigenes Ungluͤck, und das verzeiht ein guter Menſch ſich ſelber nicht, wie wenig er es auch verſchuldet. Mit ſich aber zerfallen aus fremder Schuld, wiegt zu ſchwer in der Schale, auch der gluͤhendſten Liebe, um nicht zu uͤberwiegen. Der Ewige iſt mein Zeuge, was ich gelitten fuͤr die Graͤfin Erlach, ſeit ich die Wahrheit kenne, und wie es an mir genagt: daß ein Menſch auf Erden Seraphinen haſſen duͤrfe. Daß ich Euphemiens nie mit Groll gedacht, brauch' ich wohl nicht zu betheuern; ſie war nicht mir in den Weg getreten, ich hatte vielmehr, auf dem ihrigen, alle Sterne des Himmels ausgeloͤſcht. O, wie das mit Finſterniß mich umzog!“ „Waͤre je Haß in mir aufgelodert,“ ſagte Euphemia,„er haͤtte nur den Mann meiner Liebe getroffen, nicht die Klippe, an welcher die ſeinige ſcheitern ſollte; ja, gaͤb' 62— es Nachſicht in ſolchen Dingen, ich wuͤrde ſie uͤben fuͤr Den, der um Seraphinen, die Graͤfin Erlach abgeſchworen. Noch einmal, befragen Sie Ihr Herz genau, es umfaſſet Ihre ganze Zukunft, und laſſen dabei Euphe⸗ mien aus dem Spiele; ich wiederhol' es: nicht nur der Name Erlach iſt todt fuͤr Sie, auch meine Perſon, wo ſie Ihrer Ruhe ſchadet. Eine Neue und Beſſere will ich erſtehen aus meiner Aſche, und wirkſam arbeiten an Ihrem Gluͤcke. Ich, vor Allen, vermag dies hier!“ „Umſonſt Graͤfin! Mit Ihrem Looſe hat Baron Steinholm auch das meinige ge— worfen; es iſt unabaͤnderlich, wie Euphe⸗ miens. Doch troͤſt' es Sie, daß mein kran⸗ kes Gemuͤth ſich aufrichten wird an dem Sonnenſtrahl Ihrer Freundſchaft.“ Seraphinens Bruder unterbrach das Ge⸗ ſpraͤch, ſehr uͤberraſcht von dem Gaſte ſeiner Schweſter. Kurz darauf ſchied Euphemia, — 63— und des Rittmeiſters Begleitung verbittend, kehrte ſie, mit dem harrenden Diener, zu der Tante heim. Des naͤchſten Morgens praͤſentirte Euphe⸗ mia die Damen der Fuͤrſtin von Hohenrin⸗ gen, und bald gewann dieſe die Familie ſo lieb, daß man ſie oft in ihrer Geſellſchaft fand. Was Frau von Hohenringen ſchon errathen aus der Nichte Eifer fuͤr die Fremde, hatte Euphemia ihr nun bekannt, und ſon⸗ derbar frappirt' es die Tante allerdings: daß zwei weibliche Weſen, zu Tode verletzt durch den nemlichen Gegenſtand, jetzt Hand in Hand wandelten, die Eine ihr Haupt wieder erhebend, wie die zarte Blume, der es bis⸗ her an dem erquickenden Thau gefehlt; die Andere, in dem ſtolzen Bewußtſein ihrer Kraft, immer mehr erſtarkend zu dem Ent⸗ ſchluſſe: an ihre Geneſung die der Freundin zu knuͤpfen. So lange Seraphine die Graͤfin — 64 Erlach in Liebe denken konnte fuͤr den fal⸗ ſchen Mann, ſo lange wuͤrden auch keine Roſen erwachen auf ihrem bleichen Angeſichte, und wie der Zwang, den Euphemia ſich auf⸗ erlegte vor Seraphinen, dieſer frommte, ſo ihr ſelbſt. Die Sache aus dem Lichte ge⸗ ſchaut, war ſie der Fuͤrſtin erwuͤnſcht. Fraͤu⸗ lein Lindeks Dazwiſchenkunft hatte ihre Nichte wunderſam beſchwichtigt, und ſie hoffte, dem Vater ſein einziges Kind nicht nur ge— ſund zuruͤckzubringen, ſondern auch den Bo⸗ den, der ſchon einmal Liebe getragen, wie⸗ der fruchtbar zu ſehen fuͤr eine zweite ſchoͤ⸗ nere Ernte. Seraphinens Einfluß auf Euphemien war zu deutlich, als daß die Fuͤrſtin nicht gern ihren Aufenthalt moͤglichſt verlaͤngerte; es mußte aber doch endlich die Abreiſe feſt⸗ geſetzt werden, und jetzt beſchleunigte ſie Frau von Hohenringen. — 65— Lindeks, nicht minder betruͤbt von der nahen Trennung, als die Graͤfin Erlach, bat Euphemia ſchmeichelnd Seraphinens Mut⸗ ter, zur gaͤnzlichen Herſtellung ihrer Tochter, ihnen zu folgen nach der beruͤhmten Reſidenz⸗ ſtadt, wo ſo mancherlei Zerſtreuung, und die Obriſtin, in Seraphinens Auge die gleiche Bitte leſend, verhieß es. Nicht im Beiſein der Frau von Hohen— ringen waren dieſe Ideen ausgetauſcht wor⸗ den, und in Euphemien regte ſich, wie Be⸗ ſorgniß, der Fuͤrſtin keinen Gefallen erwie⸗ ſen zu haben; auch taͤuſchte ſie ſich nicht. „Sie mißbilligen den Plan der Familie Lindek, liebe Tante!“ begann ſie ſchuͤchtern. „Euphemia haͤtte zum Wenigſten mei⸗ nen Rath fordern ſollen, ehe ſie eine bloſſe Badebekanntſchaft uͤber die Gebuͤhr ausdeh⸗ nen will,“ antwortete die Fuͤrſtin, die mehr zu verſchweigen ſchien, als ſie geſagt hatte. J. 5 — 66— „Eine bloſſe Bade bekanntſchaft?“ fragte Euphemia, nun auch gereizt.„Dafuͤr nimmt die Fuͤrſtin von Hohenringen doch wohl das Begegnen mit dieſen Menſchen nicht! Was Gott, in ſeiner Weisheit, hier ſo unvermuthet zuſammengefuͤhrt, woraus ſo herrliche Reſul⸗ tate ſich entwickelt, als Seraphinens Wie⸗ derbelebung und mein geiſtiges Ermannen, das wird doch fuͤr kein gewoͤhnliches Ereig⸗ niß gelten? Was fuͤrchtet die edle Schweſter meiner Mutter von einem Umgange, der mir ſolche Freude und Beruhigung verſpricht?“ Die Fuͤrſtin erwog eine Minute, ob es beſſer, das Verborgene zu enthuͤllen oder den Vorhang noch tiefer darauf fallen zu laſſen; ſie beſtimmte ſich fuͤr Letzteres, und erwiederte nur:„Ich weiß nicht, wie Dein Vater die große Vertraulichkeit mit Lindeks anſehen wird.“ „Mein verehrter Vater,“ ſprach Euphe⸗ — 61— mia,„danket es gewiß einem Jeden, der den Schmerz in mir beſaͤnftigen geholfen, und wahrlich Keiner auf Erden haͤtte das ſo gekonnt, wie gerade Seraphine, die vom Himmel mir geſandt, meine Willenskraft an ihr zu ſtaͤhlen.“ Sehr gut wußte Euphemiens Tante, daß man von einer aufkeimenden, oder ſchon erbluͤhten Neigung nicht ablenke durch Ge⸗ walt, im Gegentheil ſie dadurch erhoͤhe; auch liebte ſie ſelbſt Seraphinen zu ſehr, um hier nicht milde zu Werke zu gehen; die naͤchſte Zukunft mußte uͤberdies ihre Scru⸗ pel verſcheuchen oder ſo beſtaͤrken, daß es alsdann immer noch Zeit zur Abwehr. In zwei Tagen gedachte Frau von Hohenringen aufzubrechen, Lindeks eine Woche ſpaͤter. Der Urlaub des Rittmeiſters lief zu Ende; kaum, daß es ihm noch ver⸗ goͤnnt wurde, Mutter und Schweſter nach 5* — 68— ihrem neuen Wohnorte zu geleiten. Ernſt und einſilbig, belaſtete auch ihn der Abſchied. Auf einer Spazierung, welche die Damen, in zahlreichem Gefolge, unternommen— nur die Fuͤrſtin, nicht disponirt, hatte ſich davon frei gemacht— war Euphemia, Blu⸗ men pfluͤckend am Wege, etwas zuruͤckgeblie⸗ ben, als ploͤtzlich der Rittmeiſter neben ihr ſtand; ein unfrohes Gefuͤhl uͤberkam ſie, und ihre Blicke ſuchten den, in kleiner Entfer⸗ nung hinter ihr weilenden, Diener. Lindek bemerkte ihre Unruhe.„Es ſcheint der Graͤfin Erlach nicht Recht, ſagt er,„daß ich, auf eine andere Partie verzichtend, ihr nach⸗ geeilt bin!“ „Mir doch nicht, ſondern der Geſell⸗ ſchaft!“ antwortete Euphemia, ihre Schritte verdoppelnd. „Der Graͤſin Erlach allein!“ rief Sera⸗ phinens Bruder,„und nicht darf ich unbe⸗ — 609— nutzt den Moment mir entſchluͤpfen laſſen, der vielleicht nie ſich wieder zeigt; der, in einem Nu, der Vergangenheit angehoͤrt, und doch all mein Kuͤnftig iſt! O, fliehen Sie nicht, Graͤfin! Es entfliehet mein Leben mit Ihnen! Wehe mir, wenn Euphemia mich nicht errieth, wenn ich jetzt das Ungeahnete ihr zu entdecken! Ich liebe Sie uͤber jeden Ausdruck, und befremden darf es die Graͤfin Erlach nicht, daß ein junger Mann, vor welchem die Schoͤnheit ihrer Seele in eben dem Maße ſich entfaltet, wie die Grazie ihres Koͤrpers, daß er in heftiger Glut fuͤr ſie entbrannt. Aus Ihrem Munde, Graͤfin, komme nun der Spruch, der mich zum Tode verurtheilt oder das Reich der Wonnen mir erſchließet. Stumm war ich bis heute; denn nicht mocht' ich den ſuͤßen Traum der Fan— taſie hemmen; nicht ſelbſt den Zauber loͤ⸗ ſen, falls ich, im eiteln Duͤnkel, zu viel — 70— gehofft, und Euphemiens Freundlichkeit fuͤr mich mehr nicht war, als der Abglanz jener Sonne, die meiner armen Schweſter Bruſt erwaͤrmt. Jetzt aber, wo die Graͤfin Erlach reiſet; wo Alles, in der Heimath, herzuſtroͤ⸗ men wird, ihr Gruß und Huldigung, was hier Eins iſt, zu zollen; jetzt mußt ich reden, um nicht etwa, durch Schuͤchternheit, mein Gluͤck zu gefaͤhrden. Lindek ſchwieg, und harrte der Antwort Euphemiens; doch ſie antwortete nicht. End⸗ lich ſchlug ſie den niedergeſenkten Blick empor, und die Societaͤt, zu ihrem Troſte, nicht weit vor ſich gewahrend, entgegnete ſie leiſe: „So konnt' ich der Schweſter nicht wohl⸗ thun, ohne dem Bruder Schmerz zu verur⸗ ſachen! Wie traurig fuͤr mich!“ „Das heißt?, fragte der Rittmeiſter zagend. 2— „Daß ich unfaͤhig, dem Herrn von Lin⸗ dek zu ſein, was er von mir begehrt!“ erwiederte Euphemia noch leiſer. Es entſtand eine abermalige Pauſe, dann fuhr die Graͤfin fort:„Laſſen Sie mich ehr⸗ lich zu Ihnen ſprechen; es mildert vielleicht Ihr Weh, aͤndert es gleich an der Lage der Dinge Nichts. Wen ich geliebt, wiſſen Sie, es hat ja Ihre gute Schweſter aus demſelben Becher das Giſt getrunken, das mich an den Rand des Grabes geſchleudert, und woran auch ſie, zum Sterben, erkrankt iſt. Die Anſtrengung, ſie zu heilen, oder mindeſtens zu beruhigen, hat weſentlich zu meiner Heilung und Beruhigung beigetragen; ich liebe Den nicht mehr, der mit Hohn mir vergolten, fuͤhl' ich zwar die Wunde ſtets, wie Einer, dem man ein Glied am⸗ putirt, ewig an dem Platz eine gewiſſe Empfindlichkeit behaͤlt, als ſaͤße der leidende — 22— Theil noch an ſeinem Koͤrper. Ich liebe jedoch auch keinen Andern, und ſoll ich ſchon, ohne die Gunſt des Herzens, meine Hand verſchenken, ſo muß ich dabei meinen theuern Vater, meine edle Tante beruͤckſichtigen. Beide wollen fuͤr mich eine glaͤnzende Ver⸗ ſorgung, angemeſſen meiner Geburt und meinem Vermoͤgen; es iſt eine Schwaͤche, ich raͤum' es ein, auf die ich aber um ſo eher zu achten, als Graf Erlach fruͤher meiner Schwaͤche ſich bequemt, ganz wider ſeine Ueberzeugung und ſeinen Wunſch. Meine damalige Freude entlockte ihm keine; waͤr' es zu meinem Gluͤcke ausgegangen, er haͤtte ſich wohl darein gefunden; allein was ich, zu jener Epoche, mir ertrotzen durfte, im Bewußtſein meiner Liebe, das darf ich, mit kaltem Blute, nicht ein zweites Mal. Ich habe jetzt, bei einer Verbindung, die meinem Vater und meinen Verwandten —— — 13— nicht behagen wuͤrde, keine unbezwingliche Leidenſchaft vorzuſchuͤtzen, und gebe um ſo leichter nach, als ich nur noch aus Conve⸗ 3 nienz heirathen kann. Auf der Staͤtte mei⸗ nes Innern, die der Feind mir verheert, gruͤnet keine neue Liebe wieder, und das eben moͤcht' ich den Fluch ſolchen Verrathes nennen: daß des Herzens Erdreich, von ihm geduͤngt mit blutigen Thraͤnen, auch fuͤr die Beſſern, ſich nicht mehr oͤffnet. Ich werde mich vermaͤhlen, doch lieben werd' ich nicht! Ihnen nun noch ſagen: wie ſehr ich Sie ſchaͤtze, und wie gern ich, in dem Bruder mei⸗ ner Freundin, den Freund ſaͤhe, das Alles klingt ſo nuͤchtern, nachdem was Sie ge⸗ ſagt, daß ich Sie nur bitte, den unwill⸗ kuͤrlichen Eindruck mir zu verzeihen, und nicht Euphemien zu beſchuldigen: daß ſie vorſaͤtzlich ihn geweckt. Ja, es hat wohl nie eine Frau die fehlgeſchlagene Eroberung — 1à— ſo beklagt, wie ich dieſen ſchmerzlichen Triumph!“ Euphemia hatte geendet, und Lindek ihr Nichts zu entgegnen. Auf ihre Liebe war ſein kuͤhnes Hoffen geſtuͤtzt; ſie liebte ihn nicht, und ſomit ihr Raiſonnement ganz richtig. „O, nur geſchwind, ehe wir die Andern erreichen,“ lispelte Euphemia noch,„nur geſchwind die Verſicherung: daß Sie mir nicht zuͤrnen!“ „Ich zuͤrne blos meinem Geſchicke, das mich nicht liebenswerther gemacht, oder nicht hoch genug geſtellt fuͤr die Graͤfin Erlach, ſie erſuchend, dies Geſpraͤch zu vergeſſen.“ Unter den Worten hatten ſie ſich der Geſellſchaft wieder genaͤhert und angeſchloſſen, und wie ſehr Beide ſich auch bemeiſterten, Seraphinen entging es nicht, daß ihrer Freundin Stirne ſich getruͤbt, daß des Bru⸗ — 755— ders Auge duͤſterer flammte, als zuvor. Er hatte ſie nicht eingeweiht in das Heiligthum ſeines Buſens, ſie aber laͤngſt den beſorgten Blick hinabgetaucht, und ſein ſtilles Trachten herausgeforſcht. Haͤtt' er mit Seraphinen ſich berathen, ſie haͤtte das Geſtaͤndniß ihm erſpart; denn ihr war hier die Sinnes⸗ weiſe der Graͤfin Erlach nicht fremd. Jetzt auch begriff Euphemia, die nicht, wie Lindeks Schweſter, ſeine ſtumme Lieb' erkannt, die nur ein dunkeles Ahnen davon gehabt, jetzt begriff ſie, warum die Fuͤrſtin von Hohenringen die Begleitung der Lindek⸗ ſchen Familie nicht gebilligt. So hatte ſie den jungen Mann durchſpaͤht, und fuͤrchtete der Nichte Gegenliebe? Je gruͤndlicher in⸗ deß Euphemia ſich pruͤfte, je weniger recht⸗ fertigte ſich die Bedenklichkeit ihrer Tante. Eine innigere Umarmung noch, als ſonſt, beim heutigen Scheiden von der Freundin, — 76— war Alles, wodurch ſie Seraphinen ihre Un⸗ terredung mit dem Bruder andeutete. Die Fuͤrſtin merkte alsbald Verſtim⸗ mung an Euphemien, und dieſe verhehlte Nichts. Zweifel uͤber ſie, ſollten nicht der Tante Freundlichkeit ſchmaͤlern fuͤr die ohne⸗ hin ſo Gedruͤckten. „Ich darf mich folglich beruhigen um Dich?“ fragte Frau von Hohenringen. „Liebte ich den Rittmeiſter, ich wuͤrd' es meiner guͤtigen Tante ſagen; wuͤrde, wie ehedem, auch jetzt ihr Fuͤrwort bei dem Va⸗ ter benoͤthigen,“ ſeufzte die Graͤfin,„und waͤre ihres Beiſtandes gewiß.“ „Doch freut es mich,“ rief die Fuͤr⸗ ſtin,„keine aͤhnliche Sache wieder aus⸗ fechten zu muͤſſen, und es daͤmpfet den Vorwurf, den ich mir mache, nicht gleich abgereiſt zu ſein, als ich Lindeks Geheimniß erlauſcht. Deine Unbefangenheit und der — 7— Irrthum: daß er ſich wohl nicht erdreiſte, der Graͤfin Erlach ſeine Liebe zu erklaͤren, hielten mich hin, er unterfing ſich aber den⸗ noch des ganz Unziemlichen.“ „Daruͤber,“ laͤchelte wehmuͤthig Euphe⸗ mia,„wollen wir nicht ſtreiten. Haͤtt ich ihn geliebt, es waͤre ſeine Erklaͤrung mir ja Segen geweſen; daß ich es nicht ver⸗ mag, nie vermoͤgen werde, iſt einzig Zufall, und kommt der meinen Angehoͤrigen auch zu Statten, ſo erfuͤllt er doch mich mit Leid. Wie ſelten, daß wir auf eine wahre Em⸗ pfindung treffen! Und was wird mein Loos ſein, beſte Tante? Mich zu verehelichen, wo ich nicht liebe, und vermuthlich auch nicht geliebt bin. Rang und Reichthum werd' ich erlangen, es ſind dies herrliche Zugaben des Lebens, und nur ein Thor verachtet ſie; doch das Leben ſelbſt ſind ſie nicht, und wer ſeinen Goͤttertrank ſchon — 23— gekoſtet, der kann mit dem ſchalen Gebraͤu einer alltaͤglichen Exiſtenz ſich nicht mehr befriedigen. Auch das Herz fordert ſeine Nahrung, auch das will ſeinen Rang und Reichthum, und hier verarmen, iſt peinlicher, als dort nicht erwerben. Lindeks Bekennt⸗ niß, auf das ich nicht gefaßt war, ſonſt haͤtt' ich ihm zu entſchluͤpfen gewußt, es hat mich innerlich ſehr zuruͤckgeworfen, ich leugn' es nicht; hat die Huͤlle von der kranken Bruſt heruntergezogen, und ihre wunden Stellen blosgelegt. Ich habe un⸗ ausſprechlich geliebt, und ward betrogen; gelaͤhmt iſt nun meiner Seele Fluͤgelſchlag, und nie dringt ſie wieder bis zu jener Re⸗ gion, die man, ſchwindelnd vor dem eigenen Gluͤcke, nur erklimmt. Der ſchnelle Sturz begrub meine Liebefaͤhigkeit, und keine irdi⸗ ſche Macht wuͤhlt ſie mehr hervor aus dem Schutte, der ſich uͤber ſie gehaͤuft. O, be⸗ — 79— daͤchten die Menſchen, was ſie oft ſo leicht⸗ ſinnig, in Wort und That, ihrem Naͤchſten zufuͤgen; haͤtten ſie den Muth zum Guten, wie er, zum Boͤſen, ihnen niemals mangelt, wie anders waͤr' es in der Welt! Wie manches Herz bliebe dann aufrecht, das ihr Fuß freventlich in den Staub tritt, unbe⸗ kuͤmmert um ſeine Zuckungen! Daß meine fruͤhe Jugend dies ſchon lernen mußte, iſt ſehr hart; vergeben aber Sie, die ich kindlich verehre, fuhr Euphemia fort, und neigte ſich auf die Hand der bewegten Frau, „vergeben Sie, daß ich noch einmal das Bahrtuch aufgehoben von meiner Liebe; es geſchieht nicht wieder; wir verſchließen ſie nun, fuͤr immer, in das Grabgewoͤlbe mei⸗ nes Buſens, und laſſen da ſie ſchlummern, bis zum juͤngſten Gerichte, wo alle Todten auferſtehen, und Freund und Feind ſich bruͤ⸗ derlich umarmen werden. Es war dieſer — 89— letzte Ruf meines weinenden Herzens nur der Laut, mit welchem die koͤnigliche Leiche in die Tiefe ſank; es iſt voruͤber; ausgehal⸗ ten haben wir bei ihr, bis ſie uns ent⸗ ſchwand; jetzt trocknen wir die Augen, und wenden zu den Lebenden uns zuruͤck.“ „Wie Du mich erſchuͤtterſt, meine Eu⸗ phemia! Waͤhnt' ich doch den Geliebten laͤngſt in Dir entſchlafen!“ „Er befand ſich noch uͤber der Erde, und eh' ein geliebter Menſch nicht unter derſelben, glauben wir ja ſo ſchwer, daß er fuͤr uns verloren! Heute aber trugen wir feierlich ihn zur Ruhe, und geſtorben ſoll er ſein fuͤr Euphemien, und ſie fortan nur die Tochter des Grafen Erlach! Das gelob' ich meiner zweiten Mutter, mir dagegen erbittend, die armen Lindeks nun auch nicht kaͤlter zu behandeln; es iſt keine Urſache hie⸗ zu, und Seraphine mir eine theure Schweſter — 81— geworden, ohne daß der Bruder mir je ge⸗ faͤhrlich werden kann. Wie es um Euphe⸗ mien ſteht, weiß er, und duldet wohl maͤnnlich, was abzuhelfen nicht bei ihm, auch nicht bei mir, liegt. Außerdem ziehet er fort, ſobald er die Seinigen nach ihrer Winterreſidenz gefuͤhrt; denn daß Fraͤulein Lindek und ihre Mutter den Winter dort verleben, ſchmeichele ich mir, wie ich von meiner edeln Tante hoffe, daß ſie es ihnen bei uns erfreulich geſtalte. Wo die Fuͤrſtin von Hohenringen vorangeht, da folget Jed⸗ weder gerne nach. Meine Aufgabe bleibt es, Seraphinen, die auch am Schmerz des Bruders leidet, zu erretten. Wolle Gott, daß es mir gelinge! Wichtiger iſt mein Gluͤck mir nicht, als das Gluͤck dieſer weichen Seele!“ Die Gleichguͤltigkeit ihrer Nichte gegen den Rittmeiſter, bannte der Fuͤrſtin Beſorg⸗ I. 6 — 82— niß und auch jenen kleinen Schatten, viel⸗ leicht blos Euphemien ſichtbar, der auf ihre Huld fuͤr Lindeks gefallen. In herzlicher Geſinnung trennete ſie ſich von ihnen. Bald nach ihrer Ruͤckkunft ſchlug Graf Erlach ſeiner Tochter die Heirath mit dem Herrn von Wernerode vor. Es kroͤnte dieſe Verbindung alle Wuͤnſche des ehrgeizigen, ahnenſtolzen Mannes, und des zaͤrtlichen Vaters. Euphemiens Gluͤck war ihm die Hauptſache, und wo ſolches nicht zu verei⸗ nigen mit ſeinen uͤbrigen Forderungen, da verſchmaͤhte er auch die glaͤnzendſten Antraͤge. Hier aber leiſtete der Charakter des Bewer⸗ bers ihm volle Sicherheit, und er beſchwor Euphemien, die ſich kurze Friſt nur und Verſchwiegenheit von ihm erbeten, er be⸗ ſchwor ſie, genau zu uͤberlegen, was ſie an⸗ nehme, was von ſich weiſe. Graf Werne⸗ rode ſei ein ſchoͤner Mann, ſei geehrt von — 83— Allen und, kaum dreißig Jahre zaͤhlend, ſchon betraut von ſeinem Monarchen mit einem Poſten, den man, in der Regel, ſo jungen Maͤnnern nicht verleihe; ſei reich und verwandt den aͤlteſten Familien des Landes!“ „Nur kurze Friſt und Schweigen!“ wie⸗ derholte ſie, und der Vater gewaͤhrt' es. Nicht, daß die Tochter des Grafen Er⸗ lach noch anderer Meinung, als ihr Vater; ſie pflichtete, im Gegentheil, ihm bei: daß Lothar von Wernerode zu den Ausgezeichnet⸗ ſten gehoͤre, und ſie nicht paſſender ſich ver⸗ maͤhlen koͤnne. Nie einen Gatten zu em⸗ pfangen, den ſie nicht achte, das allein hatte ſie ſich ausbedungen, alles Weitere dem Vater anheimgeſtellt. Wernerode bot ihr mehr, als ſie, fuͤr ſich, vom Schickſal noch erwartet, und vermochte ſie gleich nicht, 6* — 84— ſeine feurige Liebe ganz zu erwiedern, ſo be⸗ ſaͤnftigte ſie doch ihres Herzens Weh, und fand die treuſte Anerkennung. Daß er, der ſchon Neigung ihr geſchenkt, bevor ſie die Braut des Herrn von Steinholm ward, auch jetzt noch ſein Gluͤck nur ihr verdanken wollte, das ruͤhrte Euphemien tief. Un⸗ ſchluͤſſigkeit war es daher nicht, was ſie zau⸗ dern hieß; ſie war vielmehr mit ſich im Reinen; noch aber weilte Lindek unter ihnen, und nicht ſollt' er Zeuge werden ihrer Ver⸗ lobung mit einem Dritten; dies glaubte ſie ihm ſchuldig zu ſein, wie ſie denn auch der Fuͤrſtin das Wort abgenommen, zu ſchweigen von des Rittmeiſters Liebe, um kein unguͤnſtiges Vorurtheil gegen ihn und ſeine Familie, bei dem Vater, zu erwecken. Nach vierzehntaͤgigem Aufenthalt in der Reſidenz, beurlaubte Seraphinens Bruder ſich bei Euphemien, ohne ſeiner Leidenſchaft bis⸗ — 85— her wieder gegen ſie gedacht zu haben. Beide ſehr bewegt, ſprach er:„Meine Gebete alle ſind fuͤr die Graͤfin Erlach. Seit ich geſe⸗ hen, auf welchem Fuße ihr Vater hier lebt, und wie er hervorragt uͤber Viele ſeiner Ge⸗ noſſen, ſeitdem begreif ich um ſo mehr, daß die Tochter ſich weigerte, von ihrem hohen Standpunkte herabzuſteigen, wo ſie der Liebe die Hand nicht reichen kann. Bleiben Sie, Graͤfin, die Freundin meiner armen Schwe⸗ ſter, und Sie thun fuͤr den Bruder, was die Verhaͤltniſſe noch geſtatten. Beleidigen durften meine Empfindungen die Tochter des Grafen Erlach nicht, und haͤtte der Himmel ihr Herz zu mir gelenkt, vielleicht waͤr' ich ihrer nicht unwuͤrdig geweſen!“ Somit enteilt' er, ehe nur Euphemia geantwor⸗ tet, und ſie weinte dem guten Menſchen eine Thraͤne des innigſten Bedauerns nach. — 86— Zwei Tage darauf gab Erlachs Tochter dem Grafen Wernerode ihre Einwilligung, und es begann nun eine Reihe von Feſten, ihr zu Ehren. Doch Seraphinen vernach⸗ laͤſſigte ſie deswegen nicht, und kein Tag verſtrich, ohne ſie zu ſehen. Das Gefuͤhl, als habe ſie des Bruders Gram an ihr zu verguͤten, kettete ſie noch enger an die Schweſter, wenn ſchon hievon nie zwiſchen 1 ihnen Eroͤrterung geſchah. Aber ſo viel es von Euphemien abhing, zog ſie Seraphinen in ihren Kreis. Das Beiſpiel der Fürſtin von Hohenringen und des Grafen Erlach, V den ſein Idol ſchnell beſtach fuͤr die neue Freundin, in welcher er ein zweites Opfer b jenes Verhaßten beklagte, dies Beiſpiel ge⸗ nuͤgte, der Obriſtin und ihrer Tochter die erſten Haͤuſer aufzuthun, und vermißte man b ſie dennoch oftmals in den brillanten Aſſem⸗ bleen der Stadt, ſo war es blos ihr Wunſch. —&— Mit Euphemiens Heirath waͤlzte indeß eine maͤchtige Laſt ſich ab von Seraphinens Bruſt. Die volle Berechtigung der Graͤfin Erlach zu einem Gluͤcke, das ſie— ſo ſuchte Fraͤulein Lindek es ſich mindeſtens zu uͤber⸗ reden— in der fruͤhern Verbindung nicht gefunden haͤtte, brachte eine lang entbehrte Ruhe uͤber ſie. Der gebeugte Koͤrper rich⸗ tete ſich empor an dieſem Anker; der Schleier, der ihr ſchoͤnes Aug' umhuͤllte, und der von mancher bittern Zaͤhre zuſammengewoben, ſie die ganze Außenwelt nur noch, wie durch einen Flor, gewahren ließ, er ſank allmaͤlig herab, und das fremde Auge konnte ſich wie⸗ der ſpiegeln in dem lichten Sterne, der ſei⸗ nen himmliſchen Urſprung verrieth. Eine kleine Wolke erlebter Geſchicke, die der naͤchſte Sonnenaufgang zerſtreuen mag; eine ſanfte Trauer auf dem Antlitz einer jungen Perſon, ſie locken gern die Maͤnner — 8g— an, die ſich berufen glauben, einen ungluͤck⸗ lichen Eindruck, durch einen gluͤcklichern, zu vertilgen. Die Zeichen tiefen Kummers aber, die entweder auf Schuld hindeuten oder auf eine Wunde, zu gefaͤhrlich, um nicht die eigene Ruhe an ihre Heilung ſetzen zu muͤſſen, dieſe Zeichen ſchrecken eher zuruͤck. Seraphine ſah ſich in dieſer Lage. Man widmete ihr anfaͤnglich die groͤßte Aufmerk⸗ ſamkeit, wie immer dem Neuen, noch Un⸗ entzifferten; doch Niemand wagte ſich an die melancholiſche Schoͤne, die den Blick zu Keinem ſchmeichelnd aufſchlug, und ſchuͤtzte ihr intimer Verkehr mit der Erlachſchen Fa⸗ milie ſie auch vor ſchmaͤhlichem Argwohn, der ſo leicht die Nichtverſtandenen trifft: ſo bemuͤhte doch nicht Einer ſich, das Raͤthſel zu loͤſen, deſſen ganze Anziehungs⸗ kraft wohl nur darin lag, ungeloͤſt zu ſein. Zwar hatte Seraphine nichts Er⸗ — 80— munterndes; allein die Kaͤlte gegen ihre Freundin verdroß Euphemien dennoch, und um ſo lebhafter, als ſie den Gedanken nicht ertrug, von ihr zu ſcheiden, und immer ge⸗ hofft: es werde ein wackerer Mann ſich fuͤr ſie finden. Seit nun aber Steinholms geweſene Braut wieder Braut war, ſeit Seraphine ihr Haupt wieder erhob, was man ihrem Antheil an dem freudigen Looſe der Graͤfin Erlach zuſchrieb, ohne die geheimen Faͤden zu ahnen, die Beider Herzen in Eines verſchlungen, ſeitdem hatte die Scene ſich geandert, und bald ſtrebten einige junge Maͤnner nach ihrer Gunſt; doch fruchtlos, und nur, als der, bereits in Jahren vorge⸗ ruͤckte, Baron von Cederſtern um ſie freite, nahm ſie ſeine Hand an, mit Zuſtimmung ihrer Mutter. — 90— Es waren beſſere Partien unter denen, welche Fraͤulein Lindek abgelehnt, und Eu⸗ phemia, ſie durchſchauend, rief: „Haͤtteſt Du mir gefolgt, als ich auch hier noch Dich anging, von meiner Ver⸗ mittlung Gebrauch zu machen, ich duͤrfte nun nicht bangen fuͤr Deine Zukunft. Wes⸗ halb Dich ſchmieden an Einen, den Du nicht liebſt?“ „Und liebt Euphemia den Grafen Wer⸗ nerode?“ „Von Allen, die ich waͤhlen konnte, iſt er mir der Liebſte!“ „Wie mir Cederſtern!“ entgegnete Se⸗ raphine.„Ihn hat die Zeit ſchon abgekuͤhlt, und mit ſechs und vierzig Jahren, wird er von mir nicht verlangen, was er ſelbſt nicht mehr fuͤhlt: Leidenſchaft, und ſo auch keine ——— — à9— neuen Qaulen mir aufbuͤrden. Praͤſident Ce⸗ derſtern iſt uͤbrigens noch ein huͤbſcher, ſtatt⸗ licher Mann, iſt ſehr geachtet, reich, und durch Geburt und Rang den erſten Zirkeln einverleibt; denn Dir berg' ich es nicht, meine Euphemia, daß ich vielleicht nur hei⸗ rathe, um in Deiner Naͤhe zu bleiben; vielleicht nur dieſen Bund ſtifte, um Dir das Beiſammenleben mit mir nicht zu er⸗ ſchweren. Ich weiß, Du haͤtteſt nimmer von mir gelaſſen, haätteſt aber die Freundin Dir erkaͤmpfen muͤſſen, ſtaͤnde ſie nicht auf einer, fuͤr Dich, zugaͤnglichen Stufe. Meine Mutter ſehnet ſich nach Hauſe, ich nicht, und ſo verſprach ich mich dem Praͤſidenten, eine Bruͤcke mir zu bauen zu Euphemien, und es befriediget meine warme Freundſchaft ſicher ihn.“ Bald nachher wurde Euphemia Graͤfin Wernerode und Seraphine Baronin Ceder⸗ — 92— ſtern; doch die Schale des Gluͤckes und der innern Beruhigung neigte ſich ſtaͤrker auf die Seite der Graͤfin, als auf die ihrer Freundin. Wernerode war ganz der Mann, ein Ge⸗ muͤth, wie das ſeiner Gattin, aufzufaſſen, und die verletzte Stelle kennend, ſie ſtets ſo geſchickt zu meiden, daß er endlich, durch ſeine zarte Liebe, die ihrige errang. Auch litt Euphemiens Stolz kein Joch, wo der Andere laͤngſt es abgeſchuͤttelt. Die Geburt einer Tochter vollendete das Werk, und ver⸗ gaß ſie auch niemals die ihr angethane Be⸗ leidigung, ſo ward doch der Beleidiger ihr gleichguͤltig. Nicht ſo Seraphine! Cederſtern, nur wenige Wochen vor ſeiner Werbung um Fraͤulein Lindek, in die Reſidenz uͤberſetzt, und ihre Unluſt an rauſchenden Vergnuͤgun⸗ gen fuͤr Soliditaͤt haltend, gab eben deswe⸗ gen ihr den Vorzug, ohne darum fuͤr ſie — 93— zu paſſen. Die edelſte Bluͤte der Empfin⸗ dungen hatt' er nie gekannt, und ſtreifte oft, in rauher Betaſtung, den Schmelz der ihrigen herunter; jeder Nerv erbebte dann in der Ungluͤcklichen, und entſchuldigte ſie ihn auch damit: daß er nicht wiſſe, welche Ereigniſſe ſie in ſeine Arme gefuͤhrt, immer mußte ſie ſich ſagen: daß es in keinem Falle beſſer waͤre mit ihm. Cederſtern durchdrang nicht mit ſeinem Herzen ihr Herz; wußte nicht die Klippen deſſelben zu umſchiffen. Eine ſanfte, fuͤgſame Frau hatt' er allerdings ge⸗ ſucht; doch auch eine muntere Lebensgefaͤhrtin, und gerade das war Seraphine ihm nicht; ihre Laune blieb verdunkelt. Sie konnte nicht, wie Euphemia, ihren Stolz zu Huͤlfe rufen, um das Andenken an die Vergangen⸗ heit, an ehemalige Wuͤnſche und Hoffnungen aus ihrer Bruſt zu ſcheuchen; denn ſie war ganz Demuth, ihr Stolz auch nicht verwun⸗ 1 ——*94— det worden, vielmehr erhoͤht durch den Sieg uͤber ihre gefeierte Nebenhuhlerin, und ſo ſchritt ſie nun nicht, wie dieſe, geleitet von ſchonender Hand, einer vollkommenen Gene⸗ neſung entgegen, ſondern kraͤnkelte fort an der Seele, und raͤumte ſie das der, ohnehin beſorgten, Freundin auch nicht ein, ſo ver⸗ heimlichte ſie doch ſich nicht laͤnger: daß es uͤbereilt geweſen, dem Bande der Freund⸗ ſchaft das der Ehe unterzuordnen, und aus den Hauptbedingniſſen ihres Lebens eine Ne⸗ benſache zu machen. Aber es war zu ſpaͤt, und Nichts ihr uͤbrig, als in Ergebung zu dulden. G Kurz nach Euphemiens und Seraphinens Vermaͤhlung erſchien Baron Steinholm in ſeiner Vaterſtadt. Von der Verlobung der Graͤfin Erlach hatt er gehört, und ſich deren gefreut; ſie beruhigte ſein Gewiſſen und ſchmeichelte ihm noch mit Fraͤulein Lindeks — 95—— Beſitz. Was hinderte ſie jetzt, die Seinige zu werden? Jan wie er Euphemien kannte, mußte ſie ſelbſt die Freundin dazu aneifern Der Geliebten ſich wieder zu naͤhern, und ſein Geſchaͤft, in Perſon, zu foͤrdern, ergriff er die Gelegenheit, als Courier abzugehen. Auch Seraphinen verheirathet zu finden, be⸗ ſtuͤrzte und empoͤrte ihn. In einer großen Abendverſammlung traf Steinholm die Praͤſidentin Cederſtern zuerſt an, und hier, beguͤnſtigt von der Menge und dem Getoͤſe, uͤberhaͤufte er ſie mit Vor⸗ wuͤrfen. Seraphine antwortete mit der ihr geziemenden Wuͤrde, und ließ ihn nicht in der Idee, als habe ſie blos aus Depit den viel aͤltern Gatten ſich erkoren; ſie nannte ſich begluͤckt in ihrer Wahl, wie ſie es mit dem Manne nie haͤtte ſeyn koͤnnen, der ge⸗ frevelt an zwei guten Menſchen. — 96— Aber wieder heim, wieder entkleidet von dem falſchen Putz ihres Innern, ſah ſie die⸗ ſes auch wieder zucken unter dem Zerglie⸗ derungsmeſſer. Sie ſchalt Den, der ſich erdreiſtet, ſo mit ihr zu reden; allein es be⸗ wies die Staͤtigkeit ſeiner Liebe, und nur ſie hatte ihn zur Suͤnde gereizt. Einmal am Ziele, waͤr' er vielleicht ein Anderer gewor⸗ den. Wehmuͤthig, wenn auch nicht reuevoll, gedachte ſie Euphemiens, die ſo gerne den Geliebten ihr vermaͤhlt, verſtummte jedoch ſelbſt gegen ſie. 1 Seraphinens gaͤnzliche Entfernung aus der Societaͤt, wie alles Uebrige an ihr, ſagte indeß der Graͤfin Wernerode genug von ihrer armen Freundin, und ſie verfolgte, mit ſchweſterlicher Angſt, jeden Pulsſchlag ihres Herzens. Nicht in Worten, aber ſo unzweifelhaft bekundete ſie ihre Theilnahme, daß Seraphine oftmals in Thraͤnen zerfloß — 97— an dem Halſe der Getreuen, und Beider Zaͤhren lauter ſprachen, als alle Geſſaͤnd⸗ niſſe. Der Praͤſident, nicht muthmaßend den Aufruhr in ſeiner Gemahlin, glaubte ihr, als ſie, Unpaͤßlichkeit vorſchuͤtzend, ihn nicht in die Geſellſchaften begleitete; denn ihr Anblick ſtrafte ſie nicht Luͤgen; doch Sera⸗ phine vermißte auch hier, an dem Gatten, die Delikateſſe, welche ihre empfindliche Na⸗ tur uͤberall heiſchte. Steinholm hingegen trog ſich nicht; er fuͤhlte: daß ſie ihm aus⸗ weiche, nur erblickt' er mehr Zorn, als Liebe, darin. Kuͤhner in dem Bewußtſein ihres zu⸗ ruͤckggewonnenen Friedens, trat die Graͤfin Wernerode vor dem fruͤhern Verlobten auf, und an ihrer Unbefangenheit, ihrem ſtrah⸗ lenden Aeußern ſcheiterte ſein Duͤnkel: daß ſie ihn doch wohl noch liebe. Mit der I. 7 — 98— ganzen Gewandtheit einer großen Weltdame behandelte ſie den Herrn von Steinholm. Was er ihr einſt geweſen, was ſie von ihm erhofft, es war wie ausgemerzt aus ihrem Gedaͤchtniſſe; dem Fremdeſten haͤtte ſie nicht fremder gegenuͤberſtehen koͤnnen, und beide Frauen beleidigten ſeine Eitelkeit auf's Hef⸗ tigſte. Die Eine durch ihr Gluͤck, die An⸗ dere, daß ſie lieber keines mochte, als es ihm verdanken. Finſtern Groll im Buſen, reiſte Steinholm wieder ab auf ſeinen Po⸗ ſten, kam ſpaͤter, als Geſandter, nach Madrid, wo er mit einer vornehmen und vielbeguͤterten Spanierin ſich verband, und erſt nach ihrem Tode, ſeinen Rappel von dort begehrte.— In dieſer Reihe von Jahren hatte der Sturm der Zeit denn auch fuͤr die beiden Freundinnen ſo manches Blatt von ihrem Lebensbaum entfuͤhrt. Mutter und Bru⸗ 99— der waren Seraphinen geſtorben; nach zehn⸗ jaͤhriger Ehe auch der Gatte; ihr blieb zum Troſte nur ihr einziger Sohn, Edmond, und die unwandelbare Freundſchaft der Graͤfin Wernerode, die bei keinem Anlaß ſich verleugnete. Euphemia hatte von zwei Soͤhnen und einer Tochter nur Letztere groß gezogen; hatte den theuern Vater begraben, den ver⸗ ehrten Freund und Gemahl verloren; hatte Seraphinen, die Schweſter ihrer Gedanken und Gefuͤhle, in die fruͤhe Gruft verſenken ſehen, erſtarrt vom Reif des Schickſals, und die ſchmerzlichſten Thraͤnen um ſie ver⸗ goſſen. Frau von Cederſterns Tod friſchte den Jugendtraum ihres Herzens wieder auf, und, wie ein Geſpenſt, naht' er ſich ihr; der Gottbefliſſene Sinn wußt' es jedoch zur Ruhe zu bringen. Nicht umſonſt ahmte Euphemia ihrer wuͤrdigen Tante, der Fuͤrſtin —* 71 — 100— von Hohenringen, nach; gleich dieſer, er⸗ warb ſie ſich die allgemeine Achtung; vor der Vernunft der Graͤfin Wernerode, vor ihrem klaren Geiſte, ihrer richtigen Erkennt⸗ niß der Dinge; vor dem ſeltenen Talent, in jegliche Lage ſich zu verſetzen, hegte man eben ſo viel Reſpekt, wie vor ihrer ſtillen Wohlthaͤtigkeit und der wahrhaft chriſtlichen Milde, mit welcher ſie den Naͤchſten beur⸗ theilte. So wenig ſie, in der Jugend, ge⸗ prunkt mit ihrer Schoͤnheit, ſo wenig, im ſpaͤtern Alter, mit den Tugenden, die ſie ſich angeeignet. Auf Lob erwiederte ſie: daß von dem Allmaͤchtigen komme, was gut in ihr, und ſie, zu ſeiner Ehre und ih⸗ rem Heil es nutzen wolle. Nicht der Kirche bedurfte ſie immer, die volle Bruſt zu er⸗ ſchuͤtten vor Dem, der nie ohne Troſt ſie ließ. Jeder Winkel ihres Zimmers ward ihr zum Betaltare; falſche Religioſitaͤt aber — 101— haßte die Graͤfin Wernerode, wie alle er⸗ heuchelte Liebe.„Die Handlungen der Menſchen,“ pflegte ſie zu ſagen,„ſollen ihre beſten Gebete ſein zu Gott, nicht die Gebete unfruchtbare Handlungen.“ Ihr vierzigſtes Jahr hatte die Graͤfin Wernerode erreicht; hatte, ſeit den ſechs Jahren ihres Witwenſtandes, die Hand ſehr bedeutender Maͤnner ausgeſchlagen; hatte ihre einzige, angebetene Tochter gluͤcklich ver⸗ heirathet, und an Edmond, dem Sohne ih⸗ rer unvergeßlichen Freundin, als Mutter, ſich bethaͤtigt. Edmonds Verehrung fuͤr ſie, ſein kindliches Zutrauen lohnte ihr die Sorg⸗ falt um ihn, und ſein gediegener Charakter, ſeine huͤbſche Geſtalt verbuͤrgten der Graͤfin eine heitere Zukunft fuͤr den Pflegling ihrer Freundſchaft. Da kehrte, nach langer Abweſenheit, Baron Steinholm in das Land ſeiner — 102— Geburt zuruͤck. Der Tod ſeiner Gemahlin, wie die unerfreulichen Verhaͤltniſſe Spaniens in der letzten Lebensperiode Ferdinand's Vll., und die Wirren, die man, nach ſeinem Hintritte, vorſah, bewogen den Geſandten, Kraͤnklichkeit angebend, um ſeinen Abſchied aus dem Dienſte zu bitten. Den feinen Diplomaten wollte man aber nicht entbehren, und ertheilte ihm daher nur einen unbe⸗ ſtimmten Urlaub, zur Herſtellung ſeiner Geſundheit. War die Graͤfin Wernerode dem Manne ihrer heißeſten Wuͤnſche mit Faſſung begeg⸗ net, als noch ſein Undank ſie durchſchnitt, wie nicht jetzt, wo das Blut langſamer wallte in ihren Adern, und ſie gelernt, nach der herbern Einbuße ſo vieler Lieben, das innere Auge mehr zu den lichten Hoͤhen Jenſeits, als in die Tiefen der Vergangen⸗ heit, zu lenken. Und ertappte ſie ja ſich — 103— noch auf Bitterkeit fuͤr den Ungetreuen, ſo galt ſie blos Seraphinen. Was er an der Freundin verbrochen, war lebendig in ihr, was er an Euphemien verſchuldet, ein Blatt, kaͤngſt aus dem Buche ihres Herzens geriſ⸗ ſen. Seraphinens unfrohe Erxiſtenz, der wortloſe Kummer, der, ſo jung, ihr das Grab erſchloſſen, ſie allein truͤbten, bei ih⸗ rer erſten Zuſammenkunft mit Steinholm, die edel ruhigen Zuͤge der Graͤfin Wernerode. Seine Erſcheinung entwaffnete inzwiſchen ihren Unwillen; ſie zeigte ihr: daß, in ſei⸗ nem Buſen der Raͤcher wohne, und dort noch feindliche Gewalten hauſten. War es Trauer um ſeine Gattin, war es der Scor⸗ pion verſchmaͤhter Liebe oder der: ein Men⸗ ſchenleben hingeopfert zu haben, genug, Baron von Steinholm, ſonſt ſo ſtolz und aufrecht einherſchreitend, ſtand gebeugt, eine Ruine verfallenen Gluͤckes, vor Euphemien, — 104— und der kaum Funfzigjaͤhrige, wie ein Greis, neben der noch in Anmuth bluͤhenden Frau, der die mannigfaltigen Schickungen Gottes den Strahlenkranz nicht rauben konnten, der ſie umfloß, wie denn uͤberhaupt jene Schoͤnheit, welche von der Seele ihren hel⸗ len Glanz empfaͤngt und von des Herzens echter Froͤmmigkeit, die nur Heiterſinn und Ruhe ſpiegelt, wie ſolche Schoͤnheit denn ſo leicht nicht verdirbt. Gram und Krankheit werfen wohl auch uͤber ſie ihre Schleier; doch bleibt ſie allemal ſichtbar, und erhebt, bei der kleinſten Beſſerung, ſich wieder in ihrer ganzen Pracht, gleich der Sonne, die aus duͤnnem Gewoͤlke hervortaucht. Dieſe Schoͤnheit nun, dieſe Heiterkeit und Ruhe waren es, die an der Graͤfin Wernerode ſich verherrlichten; man betrachtete ſie nicht, re⸗ dete nicht mit ihr, ohne von der Wahrheit durchdrungen zu ſein. .——— — 105— Nach acht Monden, die Steinholm, auf ſeinen Guͤtern und in den Baͤdern, zugebracht, berief der Monarch ihn neuer⸗ dings zu einer wichtigen Miſſion, und nicht wiſſend, wie lange dieſe dauern werde, fand er fuͤr gut, ſeine vierzehnjaͤhrige Toch⸗ ter daheim zu laſſen, und keine Verwandte habend, der er ſie anvertrauen mochte, ver⸗ fiel er auf Euphemien. Nur der Ausge⸗ zeichnetſten ihres Geſchlechtes war das zuzu⸗ muthen, nach dem fruͤher Geſchehenen, aber auch nur eine ſolche taugte ihm zur Beſchuͤ— tzerin Mariens. Den vier Jahre juͤngern Sohn gab er in ein adeliches Inſtitut. Wie innere Befriedigung leuchtet' es aus den Mienen der Graͤfin, als Albrecht von Steinholm dieſe Gunſt von ihr forderte. So hatt' er endlich ihren Werth erkannt! „Mir iſt,“ ſprach er weiter,„als ver⸗ loͤſchte ich all mein Unrecht gegen Euphemia —— 5— õõẽʒʒ— ☛‿—¶ —— — —-— — . — 106— von Erlach, indem ich der Graͤfin Wernerode mein Kind uͤberliefere. Ich beweiſe da⸗ durch: daß ich ſie der ſeltenſten Groͤße faͤhig achte. Marie iſt, von der Mutter, dem Kloſter zugeſagt, und bei Frau Wernerode's hoher Gottesfurcht allein riskire ich Nichts, ſie, bis zu ihrem zwanzigſten Jahre, wie es der ausdruͤckliche Wunſch meiner verſtor⸗ benen Gemahlin, der Welt nicht zu entzie⸗ hen. Euphemia wird der Mutter frommes Trachten ehren, wird die religioͤſen Grund⸗ ſaͤtze der Tochter befeſtigen und ſie zufuͤhren ihrer kuͤnftigen Beſtimmung, an der keine Aenderung moͤglich.“ „Baron Steinholm irrt mindeſtens nicht,“ antwortete die Graͤfin,„wenn er glaubt, ich werde Marien alle Aufmerkſam⸗ keit widmen.“ Und ſo kam denn die Tochter ihres ehemaligen Geliebten unter die Obhut der — 107— Graͤfin Wernerode. Marie, die, ſeit dem Tod ihrer Mutter, an Niemanden ihr Haupt mit Zuverſicht lehnen konnte— der Vater hatte ihr ſtets mehr Furcht, als Liebe, eingefloͤßt— Marie erhielt an Euphemien die zweite Mutter, und ſie, eine Schling⸗ pflanze menſchlicher Natur, rankte bald ſich um das Herz der Graͤfin, welcher es vom Himmel ſo recht eigentlich verliehen war, ein ſchmerzerfuͤlltes Gemuͤth zu beruhigen durch Eingehen in ſein Leid, ohne deshalb unnoͤthige Weichheit zu geſtatten. Ueber ein Jahr ſchon lebte Steinholms Tochter bei der Graͤfin Wernerode, als Ed⸗ mond von Cederſtern, zum Hauptmann avan⸗ cirt, ſeine Garniſon in der Reſidenz nahm. Mariens hohe Jugend, ihr, faſt kindiſches Anſehen, begruͤndet in ihrer ſehr zarten Conſtitution, machten anfangs keinen an⸗ dern Eindruck auf ihn, als etwa den einer — 108— Schweſter auf den viel aͤltern Bruder; doch ſaͤumte Euphemia nicht, ihn ſogleich von ihrer Stellung zu unterrichten. Edmond beklagte: daß eine ſo herrliche Blume nur beſchienen ſein ſolle vom Strahl der ewigen Liebe, die ja, auch außerhalb jener finſtern Mauern, ihr gnaͤdig haͤtte laͤcheln koͤnnen, und ſie erwaͤrmend fuͤr die Liebe zu einem edlen Manne, ein hellereres Geſchick ihr berei⸗ ten, als jetzo ſie erwarte; Cederſtern beklagte dies Alles, wie ein junger Menſch, der, zu Thaten angeregt, jede Begrenzung haſſen mußte; aber er ahnete nicht, zu der Zeit, daß Mariens abgeſchloſſenes Gluͤck dem ſeini⸗ gen die engſten Grenzen ſtecken wuͤrde. Vielleicht war es eben nur ſein Mitge— fuͤhl fuͤr ein Loos, das ihm ſo hart daͤuchte — Mariens erſte Erziehung und ihre In⸗ dividualitaͤt nicht beruͤckſichtigend— vielleicht der Wahn: daß es ihm vorbehalten, ſie auf — 109—. den Pfad irdiſchen Segens zu leiten, kurz, Frau von Wernerode erſpaͤhte raſch mit ih⸗ rem ſcharfen Blicke muͤtterlicher Liebe fuͤr Beide, daß Edmond traͤume von Dingen, die nie ſein konnten. Sie warnte ihn vor dem Abgrunde, dem er zutaumele, und der nicht weniger vorhanden, weil ſeine Blind⸗ heit ihn nicht ſehe, oder die Kunſt der Fan⸗ taſie ihn uͤberbaue mit truͤgeriſchen Hoffnun⸗ gen; ſie warnte ihn, als erſchalle die Stim⸗ me ſeiner Mutter aus dem Grabe, ihm zu⸗ rufend: daß ſein Leben, wie das ihrige, untergehen werde an einer Neigung, die nimmer haͤtte aufgehen ſollen. Edmond war erſchuͤttert; mehr, als er ſelbſt es noch gewagt, hatte die Graͤfin ſeiner Seele Ge⸗ heimſtes aufgedeckt, und entrollt vor ſeinen Augen eine Ferne, die keine Roſengaͤrten barg. Ihm das abſoluteſte Schweigen ge⸗ gen Marien gebietend, empfing ſie nur, unter — 110— dem Beding, ihn noch bei ſich. Den Frie⸗ den des ihr anvertrauten Engels mußte ſie huͤten, und keinen Stoͤrer nahen laſſen. Zwar ward ſie oft nicht klug aus dem Va⸗ ter, der Marien die Wahl zwiſchen Gott und Menſchen weigerte, und dennoch in den Mittelpunkt weltlichen Treibens ſie hinge⸗ pflanzt, ihre junge Bruſt ungeſchirmt gegen alle feindlichen Angriffe. Hatte Baron Steinholm mit ſeiner Tochter noch andere Plaͤne, die er ihr nicht offenbart, oder war aus dem flatterhaften Juͤnglinge der ſtrenge Mann und Vater geworden, der, um jeden Preis, Gehorſam verlangte, und ihn zu er⸗ zwingen ſich nicht entbloͤdete, Euphemia wußt' es nicht; allein ſie aͤußerte keinen Zweifel gegen Edmond, damit er nicht eine Gewißheit, nach ſeinem Sinne, ſich daraus ſchaffe, und in Marien die Braut der Kirche vergeſſe. — II1— Cederſtern, dem ein unzufriedener Blick der Graͤfin Wernerode mehr war, als jeder laute Vorwurf, er unterdruͤckte ſeine wach⸗ ſende Liebe, und noch kannte Marie die ver⸗ derbliche Flamme nicht, die ſie entzuͤndet in der Bruſt Desjenigen, der die ihrige kalt ließ. Mittlerweile meldete Steinholm ſeine Ruͤckkehr. In mehreren Briefen ſchon waren gegen Euphemien Andeutungen ihm entfal⸗ len, die ſie ſehr wohl verſtand; aber nicht verſtehen wollte, bis er zuletzt unverhohlener ſich erklaͤrte. Wie leicht nun auch Frau von Wernerode uͤber die Sache wegzugleiten ſchien, ſie hatte viel Truͤbes fuͤr ſie. Daß, nach fuͤnf und zwanzig Jahren, Der zum zweiten Male um ſie warb, der ſchnoͤde ſie verrathen, als ſein Beſitz ihr noch Seligkeit geweſen waͤre, das ruͤttelte maͤchtig an den Pfoſten ihres Herzens, und zauberte ver⸗ gangene Wonnen und vergangene Schmerzen auf's Neue vor ſie hin. Mit einer Ban⸗ gigkeit, die Niemand ahnete, ſchaute ſie in die naͤchſte Zeit, und erlitt dabei auch den Kummer: daß Edmond, ſeiner feierlichen Zuſage uneingedenk, der Gott⸗Geweihten von Liebe ſprach, die, zum Gluͤck, keine Erwie⸗ derung fand. Seine Reue, der Graͤfin milde Verweiſe, Steinholms endliche Ankunft, Mariens heftiger Freuderuf des uͤberraſchten Gefuͤhls, als Euphemia ſeine Hand aus⸗ ſchlug, Alles das hat ſchon der Beginn un⸗ ſerer Erzaͤhlung dargethan. Steinholms Verdruß traf die ſchuldloſe Tochter. Umſonſt verſicherte die Graͤfin Wer⸗ nerode bei Mariens Leben: daß ſie keinen Theil an ihrem Entſchluſſe, er verzieh es ihr nicht, ſeinen Vorſatz getadelt zu haben, bat jedoch Euphemien, da ſie durchaus ihm nicht willfahren moͤge, wenigſtens Marien ihren Schutz noch zu goͤnnen, indem er vielleicht — 113— bald zu abermaliger Sendung gebraucht werde. Gern genehmigte Euphemia, was ſo ganz mit ihren Wuͤnſchen harmonirte. Mariens Unempfindlichkeit fuͤr Edmond kam ihr hiebei zu Statten, und verlangte ſie den⸗ noch ſeine Abreiſe, ſo geſchah es ſeinetwe⸗ gen; fuͤr Steinholms Tochter fuͤrchtete ſie Nichts. Edmond folgte endlich dem Rath der Graͤfin. In ihrer Gegenwart ſchied er von der Geliebten, mit Muͤhe ſich bezaͤhmend. Marie, nur Gott im Buſen, und eingewiegt in ſeinen heiligen Frieden, errieth nicht, daß es, wie Meeresbrauſen in ihm tobe; allein er hatte einmal ſich entſchluͤpfen laſſen: daß er ſie liebe, und ſie blieb jetzt um ſo min⸗ der ungeruͤhrt, als es dunkel in ihr lag: ſie ſei Schuld an ſeiner Entfernung; dieſe er⸗ leichterte jedoch ihr Herz, bot ſie auch ſehr bewegt ihm die Rechte zum letzten Kuſſe. I. 8 — 114— Liebe, die wir nicht vergelten koͤnnen, aͤng⸗ ſtiget nur ein reines Gemuͤth. Euphemien hingegen ſchmerzte die Tren⸗ nung, hatte ſie gleich darauf beſtanden, wie denn Edmonds verhaͤngnißvolle Leidenſchaft laͤngſt die ernſteſten Reflexionen in ihr her⸗ vorgelockkt. Er war der einzige Sproͤßling jener Frau, der Mariens Vater den bittern Kelch des Lebens und den des fruͤhen To⸗ des gereicht; Edmond gluͤhte fuͤr die Tochter dieſes Mannes, und wie der Mutter Wohl geſcheitert an Albrecht von Steinholm, ſo nun an ſeinem Kinde ihres Sohnes Lebens⸗ gluͤkk. Sie, die getreue Freundin Beider, weilte am Ufer, die Arme ausſtreckend nach dem Schiffbruͤchigen, und unvermoͤgend, ihn zu retten. Nur ihren muͤtterlichen Segen, nur eine Thraͤne des waͤrmſten Antheils konnte ſie dem mit den Elementen Ringen⸗ den ſchenken. Von Cederſterns Jugend und den Zer⸗ ſtreuungen, welchen er entgegenging, hoffte die Graͤfin indeß noch Alles fuͤr ihn. Maͤnner pflegen nicht, wie Frauen, einen erſten Ein⸗ druck feſtzuhalten, und aus ihm eine ganze Lebensgeſchichte herauszuſpinnen, ſie entziehen ſich vielmehr der Laſt ſolcher Eindruͤcke, und ſuchen ihr Gedaͤchtniß davon zu reinigen im Strudel der Welt, nicht ſelten derlei Nei⸗ gungen, als kindiſche, verſpottend. Edmond hatte in's ottomaniſche Reich ſich begeben, dort, wie andere fremde Offi⸗ ziere, zu nuͤtzen mit ſeinem militaͤriſchen Wiſſen, und genoß der guͤnſtigſten Aufnahme. Von der Seite nun war die Unruhe der Graͤfin Wernerode einigermaßen beſchwichti⸗ get. Des Sohnes Briefe trauerten zwar alle; doch Vernunft und anhaltende Thaͤtig⸗ keit uͤbten auch hier ihren Einfluß. Eine neue Wolke aber ging hernieder auf Euphe⸗ 8* — 116—’ mien, die noch mit ganz andern Schreckniſ⸗ ſen ſie zu umnachten drohte. Seit Monden ſchon ſah Frau von Wer⸗ nerode Amalien, ihre einzige Tochter, ver⸗ bunden mit dem edeln Grafen Donheim, auf einem Wege, der die Mutter deſto tiefer bekuͤmmerte, als ihre Tochter keinen Wider⸗ ſpruch duldete: ein Fehler, den ſie wohl ſelbſt bei ihr erzeugt, durch allzu viel Nach⸗ ſicht in ihrer erſten Jugend. Fuͤr den Gat⸗ ten ihrer heißeſten Liebe ſchien Amalie jetzt zu erkalten, und fortgeriſſen von dem Bei⸗ ſpiele Derer, die, mit ihren ſchaͤdlichen Mari⸗ men, ſich an ſie gedraͤngt, und geſtachelt von ihrer Eitelkeit und den Schmeicheleien, welche ihrer ſeltenen Schoͤnheit und Liebens⸗. wuͤrdigkeit gezollt wurden, hatte die Graͤfin Donheim, kaum drei Jahre verheirathet, all' der Lehren vergeſſen, die ihre treffliche Mut⸗ ter und die noch lebende Fuͤrſtin von — 117— Hohenringen, ihre Großtante, ihr einge⸗ praͤgt. Mit einem Leichtſinn, als ſolle die Stunde der Erkenntniß nimmer ſchlagen, flog ſie von Vergnuͤgen zu Vergnuͤgen, ihre Ge⸗ ſundheit, wie ihren guten Namen gefaͤhr⸗ dend; jagte, im Taumel, nach Eroberungen, die oftmals, nicht ſobald gelungen, auch wieder von ihr aufgegeben waren. Die Vorſtellungen ihrer Mutter beantwortete ſie mit der Betheurung: daß ſie nie die Ehre ihres Gemahles verunglimpfen werde, und blos eine anſtaͤndige Freiheit wuͤnſche; gegen zu enge Feſſeln ſtraͤube ſich ihre Natur; ſie ſehe eine Menge junger Frauen, denen die aͤhnliche Lebensweiſe Nichts anhabe. „Auch ihrem Rufe nicht?“ fragte Eu⸗ phemia. „Der Ruf, liebe Mutter,“ erwiederte Amalie,„iſt, betrachten wir genau, worauf — 11s= er meiſtentheils ſich gruͤndet, ſo etwas Leeres, daß wir ihm doch unſere eigentliche Exiſtenz nicht aufopfern duͤrfen, wenn nur unſer Gewiſſen uns nicht verklagt.“ „Du laͤſſeſt Dein Gewiſſen nicht zu Worte kommen, ſonſt ſpraͤch' es ſchon, wirft es Dir auch noch kein ernſtliches Unrecht vor. Alle Vergehen der Art fangen damit an: daß Jede ſich ſtark genug glaubt, das Aergſte zu vermeiden, bis der Abgrund ſie verſchlungen. Der Ruf einer Frau iſt uͤbri⸗ gens kein ſo nichtig Ding, wie Du Dir einbildeſt, iſt vielmehr die Eſſenz des Lebens, aus welcher alles Leid und alle Freude ihres ſpaͤtern Daſeins ſich bereitet; der unbeſchol⸗ tene Ruf der Frauen iſt Balſam auf die Wunde, die das Alter ihnen verſetzt, und den die Jugend oft muthwillig preisgiebt, nicht bedenkend: daß er, beim Uebertritt. — 119— in den Herbſt ihrer Tage— eine Epoche, um ſo fuͤhlbarer, je gefeierter die Frau in ihrer Bluͤte war, und woran meiſt alle fruͤ⸗ here Klugheit ſcheitert— nicht bedenkend: daß er am Leichteſten den rauhen Pfad ihnen ebnet. Der unvergaͤllte Ruͤckblick auf ſich, gewaͤhrt eine ganz andere Beruhi⸗ gung, als jene Momente der Leidenſchaft, in welcher man der Zukunft vergißt, die einſt doch auch Vergangenheit ſein wird! Verhaͤltniſſe entſchuldigen Manches, die Dei⸗ nigen aber nicht. Graf Donheim wuͤrde jede Frau begluͤcken, und in dem Streite zwiſchen Euch, die Beſſern unbedingt auf ſeiner Seite haben. Deswegen, mein Kind, huͤte Dich, mit ſeiner Achtung, nicht auch die der Welt einzubuͤßen; es gewinnet dieſes Kleinod ſich nicht wieder, verzeihet auch ein liebender Gemahl. Die Menge rich⸗ tet hier ſtrenger, als der Einzelne, und — 420— haͤufig wird des Einzelnen mißbilligende Stimme zum Geſchrei der Menge, den Gatten noch ſchmaͤhend, daß er nicht ener⸗ giſcher verfahre, und ſo erſt zum Aeußerſten ihn reizend. Erwaͤge, was Du thuſt, mei— ne Amalie! Ich rede nicht von mir, nicht von dem unendlichen Schmerz, den Du heraufbeſchwoͤreſt fuͤr Deine Mutter, und der empfindlicher fuͤr ſie, als Alles, was die Zeit ihr gebracht. Viele Hoffnungen ſchlum⸗ mern mir im Grabe; den Stachel gekraͤnkter Liebe hab' ich ſtill getragen; der aber, meine einzige Tochter auf Unwuͤrdigem zu begegnen, waͤre eine Folter, zu groß auch fuͤr mein Leidgeuͤbtes Herz. Mit dem Untergange Deines guten Namens gehet meine Sonne unter, und nie ſteigt ſie wieder hervor aus den Fluten meines Jammers. Sieh', ich kann mich opfern fuͤr Dich, nur laͤcheln kann ich nicht mehr, wenn Du faͤllſt; denn — 1221— Du biſt mein Stolz, wie meine Liebe; Dich lieben werd' ich immer, doch haſſen werd' ich das Leben! Allein ich rede nicht von mir, ich rede von Deinem Geſchicke, durch Dich ſelbſt dem gaͤnzlichen Umſturz nahe.... „Mutter, geliebte Mutter!“ weinte Amalie, und umſchlang die Graͤfin zaͤrtlich. „Warum denn gleich das Uebelſte muthma⸗ ßen,“ fuhr ſie fort, Euphemiens Hand an ihre Lippen, an ihr Herz preſſend.„Koͤnnt' ich der tugendhaften Mutter ſo ruhig in den Spiegel ihrer Seele blicken, dieſe liebe Hand ſo dreiſt auf mein Herz legen, waͤre dieſes einer wirklichen Schuld ſich bewußt?“ „Deine Ruhe, Amalie, iſt das truͤge⸗ riſche Licht des Sumpfes. Wer den Feind heranſchleichen laͤßt, ohne ihn bemerken zu wollen, der hat auch ſchon die Pforten ihm geoͤffnet. Was ſucht Fuͤrſt Burgau bei — 122— Dir?“ Amalie erroͤthete, und ſchwieg. Nun, ſoll noch keine Furcht mich quaͤlen?“ „Furcht? Welche?“ rief die Tochter, ſich ermannend. „und das fraͤgt Amalie mich, wenn der Wechſel ihrer Farbe, wenn ihre Verwirrung, auch einem andern, als dem Mutterauge, ſie verrathen muͤßte? Weißt Du es nicht, wohlan, ſo erzaͤhl' ich es Dir! Burgau umſchwaͤrmt die Graͤfin Donheim, und ſie ſcheint geruͤhrt von dem Wuͤſtling, der nicht ſobald am Ende ſeines Strebens ſein wird, als er auch ihre Schwaͤche auspoſaunet, vielleicht ſchon jetzt ſich deren ruͤhmt, auf daß er ſicherer noch ſie erniedrige....“ „Sie verkennen den Fuͤrſten, theure Mutter,“ antwortete Amalie ſchuͤchtern. Nicht wollte ſie den Makel auf ihm haften laſſen, und doch auch nicht zu lebhaft ihn verthei⸗ digen. ——— — —.— — 123— „Ganz und gar nicht! Burgau iſt ein ſchoͤner, ein geiſtreicher Mann, und nur um ſo verfuͤhreriſcher, iſt auch wohl kein ſchlech— ter Menſch, wo es ſich nicht handelt von ſeinem Ich; dieſem Goͤtzen aber weichet, bei ihm, jede Ruͤckſicht. Flatterhaft, wie Keiner, rechtfertigt er ſich mit dem Entgegenkommen der Frauen, und geſteht: daß ſie ſelbſt auf Nebenwege ihn geleitet, die er nun reizender findet, als der Ehe gewohnte Heerſtraße. Er verſchließet nicht die empfangene Gunſt in das Heiligthum ſeines Innern, kaum wa⸗ gend, den Schatz zu enthuͤllen vor den eige⸗ nen Augen; ihm deucht, im Gegentheil, erſt Gunſt, wenn er damit ſich bruͤſten kann, und wirbt er fruchtlos, ſo rettet er den Schein fuͤr ſich durch erlogene Andeutungen. Der Abgewieſene mag er nimmer heißen; darum halte jede ehrbare Frau ihn fern von ſich. Burgau ſpricht von wahrer Liebe, — 124— ſein Herz weiß Nichts davon; den Verſtand ſetzt er an die Stelle des Herzens, und re⸗ gieret mit ihm die Herzen der Leichtglaͤubigen. Um den Sieg blos iſt es ihm, und daß er die Graͤfin Donheim ſich erwaͤhlt, ſeine Tro⸗ phaͤen zu mehren, ſchon Kraͤnkung fuͤr ſie. Gewarnt hab' ich Dich nun, meine Tochter, auf die Gefahr hin, das Dunkel Deiner argloſen Bruſt erſt zu erhellen durch meiner Worte Licht. Beſſer aber, den kleinen Fun⸗ ken erſticken, als daß er anwachſe zu einem Brande, der nicht mehr zu loͤſchen. 4 „Nie hat Fuͤrſt Burgau mit einer Silbe mein Ohr beleidigt.“ „Dazu iſt er zu ſchlau! Amaliens bis⸗ herige Auffuͤhrung, die Naͤhe ihrer Mutter, ſie lehren ihn Behutſamkeit. Zuvor muß er in das Herz der Graͤfin Donheim ſich einſtehlen, dann in ihr Ohr; hundert Pfade giebt es zu jenem, und viele Irrgaͤnge, wo — — 125— auch der Kundige ſich verlieren kann. Noch ſteht Amalie an dem aͤußern Thore dieſes Labyrinthes, einmal eingetreten, iſt die Ruͤckkehr ſchwieriger, als ſie es meint. Wie oft, daß ſchon der bitterſte Ernſt einer ſolchen Taͤndelei gefolgt! Daß der Friede einer guten Seele an der Taͤuſchung geſtor⸗ ben: daß es immer noch Zeit, umzuwenden. Nicht alſo! Die Macht, die auf unrechte Bahn und hingeſtoßen, und die ſelten et⸗ was Anderes, als unſere Eitelkeit, ſie treibt uns fort und fort, bis wir, im Schwindel, dort anlangen, wo kein Umwenden mehr moͤglich. Wollte die Graͤfin Donheim, mein einziges, vielgeliebtes Kind, mein Troſt im Alter, wie ſie die Freude war meiner juͤngern Jahre, wollte ſie eine ſolche Bahn durchlaufen und, ihre arme Mutter weit hinter ſich laſſend, dem unbekannten Ziele nachrennen, das ſie trennt von jeder — 126— ſuͤßen Erinnerung einer ſchuldloſen Zeit? Waͤre Fuͤrſt Burgau ein alltaͤglicher Menſch, ich ſorgte nicht um Amalien; er iſt aber, trotz ſeiner Fehler, ein hochbegabter Mann, und die geiſtige Gewandtheit ſolcher Maͤnner mehr zu fuͤrchten, als Schoͤnheit; mehr, als echte Liebe, die leicht verſtummt, waͤhrend die falſche ſagt, was jener gleicht, und doch nicht Liebe iſt. Donheim vertraut ſeiner Gattin unbedingt; ſie mißbrauche dies Ver⸗ trauen nicht; er zuͤrnte wohl in demſelben Grade, als er ſich betrogen ſieht, und wehe dann Dir und mir!“ Raſch entfernte ſich jetzt die Graͤfin Wer⸗ nerode, ihre Tochter, die ſie gefliſſentlich zu einer fruͤhen Morgenſtunde aufgeſucht, das ſchwere Amt der Zurechtweiſung bei ihr zu verwalten, um ſie mit dem ganzen Gewicht ihrer Ermahnungen allein zu laſſen. Euphemiens Abſicht war die loͤblichſte, —— — 127— doch ſie kroͤnte kein gluͤckliches Reſultat. Es pflegt wohl zu geſchehen: daß ſo lange nur wir ſelbſt ein Geheimniß ahnen oder wiſſen, welches den Rand unſers Herzens nicht uͤber⸗ ſchreiten darf, es hier ruhig liegen bleibt; hebt aber ein Dritter es an den Tag herauf, ſo ſtiftet er nicht ſelten ein Unheil damit, dem ſchwer zu ſteuern iſt. Die Graͤfin Donheim, von leichtem Sin⸗ ne und großer Eigenwilligkeit, welche Frau von Wernerode, in ihrer Kindheit, nicht ge⸗ nugſam bekaͤmpft, weil Amalie, bis zu ihrem dreizehnten Jahre aͤußerſt kraͤnklich, keine Strenge erlaubte, und ſo auch keinen Wider⸗ ſpruch ertragen lernte, ſie ſtraͤubte ſich ſogar gegen den Rath der innig geliebten Mutter. Manche Sorge hatte deshalb ſchon in Eu⸗ phemien ſich geregt, und dieſe ſie beſtimmt, die Tochter, mit ihrem ſiebzehnten Lenz, an einen Mann zu verheirathen, der um zwoͤlf — 128— Jahre aͤlter, als ſie, ihr Mentor und Gatte zugleich ſein ſollte. Die Schoͤnheit ihres Koͤrpers, die nach dem abgeſchuͤttelten Leiden ſich glaͤnzend entwickelt, die Grazie ihres ganzen Weſens, ihr wahrhaft liebenswerther Charakter, ungeachtet der kleinen Maͤngel, ſie bezauberten jedoch Graf Donheim ſo ſehr, daß er bald alle Herrſchaft uͤber ſeine junge Frau verlor, oder beſſer, ſich nie eine an⸗ maßen wollte. Was ihr genehm, erfreute auch ihn, und nicht mochte Frau von Wer⸗ nerode ſich fuͤrder einmiſchen in Dinge, die der Graf billigte; Amaliens Hochzeitstag war, fuͤr ſie, die Schwelle, an welcher ſie ihre muͤtterliche Autoritaͤt niedergelegt, jene Frauen tadelnd, die der Toͤchter Unmuͤndigkeit er⸗ ſtrecken bis in die Arme des Gatten, und mußte ſie der ihrigen dennoch bisweilen ernſtlich zuſprechen, ſo that ſie es als Freundin. — 129— Eine geraume Weile hatte Euphemia nun ſchon ſchweigend die Tochter beobachtet, hatte geſehen, wie Fuͤrſt Burgau ſie umgarne, wie ſie in die eigenen Gefuͤhle ſich verſtricke, und, gleich der Nachtwandlerin, dem Ver⸗ derben immer naͤher komme, da loͤſte ſie endlich das Siegel ihres Mundes, erreichte inzwiſchen nicht die gehoffte Wirkung. Was Amalien bisher ganz unklar vorgeſchwebt, gewann ploͤtzlich Form und Geſtalt, und das Wort der Graͤfin Wernerode ward le⸗ bendig. Erſt ſeit die Mutter das Verborgene aus dem Schacht ihres Buſens heraufgezo⸗ gen, erkannte ſie ihre Empfindungen fuͤr den fremden Mann; aber auf ihre Staͤrke po⸗ chend, ging ſie der Gelegenheit nach, ſtatt ſie zu meiden. Die Graͤfin allein bemerkte, ſeufzend, die Fortſchritte der unlautern Flamme in ih⸗ rer Tochter. Gern haͤtte ſie dem Sohne I. 9 — 130— zugerufen, ſein Gluͤck zu wahren; doch was wuͤrde daraus nicht Trauriges entſpringen bei einem Mann von Ehre, wie Graf Don⸗ heim? Eine Reiſe, mitten im Winter, durfte ſie nicht vorſchlagen, auch keinen Ur⸗ laub erwarten fuͤr den Staatsdiener. Bur⸗ gau anflehen: daß er die Eintracht zweier Gluͤcklichen nicht ſtoͤre, hieß die Beute ihm in den Rachen jagen; wo er zweifelte, konnt' er weichen; Gewißheit ſchaͤrfte ſeine Begierde, bis ſie wiederum dieſe abſtumpfte. So verlebte denn Euphemia ſehr bange Tage; alle ihre Bemuͤhungen, die Tochter zu retten, brachen ſich an Amaliens Eigen⸗ ſinn oder ihrer blinden Zuverſicht. Auch hoͤrte Mariens Vater nicht auf, die Witwe des Grafen Wernerode zu beſtuͤrmen, daß ſie ſeine Gemahlin werde. Euphemia war ſicher, hier nicht zu wanken; feſter ſtand nicht ihr Glaube an Gott, als ihr Wille: 5 — 431— Albrecht von Steinholm nie den Ihrigen zu nennen; indeß es ſchmerzte ſie, verſagen zu muͤſſen, worauf der Andere den Reſt ſeiner Lebensfreude erbaut, und dieſer Andere Er, der zuerſt ihr Herz bewegt! Dann entſtie⸗ gen ihr wohl auch die Scrupel: daß ſie, als Gattin des Barons, fuͤr Marien und Ed⸗ mond vielleicht noch ein guͤnſtigeres Loos erzweckte, und ſie beruhigte allein ſich mit dem Gedanken: daß Marie den jungen Ce⸗ derſtern nicht libbe. So hin- und herge⸗ worfen von ihren Beſorgniſſen, genoß Eu⸗ phemia nicht einmal die Erleichterung des Mittheilens; es war nicht ihre Art, uͤber ſolche Dinge ſich zu aͤußern. Still und er⸗ geben duldete ſie das Unabaͤnderliche, der Fuͤrſtin von Hohenringen antwortend, als dieſe ſie ſchalt wegen ihrer Verſchloſſenheit. „Den Freunden waͤr' es ein Kummer, und die Gleichguͤltigen richten mich nicht auf. 9⸗ Darum klag' ich blos Dem mein Leid, der es mir geſandt, und ohne deſſen Huͤlfe kein Leidender geneſet! Was iſt der Troſt des Geſchoͤpfes gegen den ſeines Schoͤpfers!“ Muͤtterlich umfaßte die Graͤfin Werne⸗ rode Mariens Zukunft, und belauſchte jeden Athemzug, des ſich vor ihren Blicken immer ſchoͤner entfaltenden Herzens.„O,“ ſprach ſie,„wer die Reinheit dieſes Engels truͤbte, wer auf dieſen ruhigen, hellen Spiegel eines frommen, Gotterfuͤllten Gemuͤthes auch nur einen Hauch von Leidenſchaft herbeiriefe, er beginge wahren Kirchenraub!“ Unverſchleiert lag Mariens Innere vor Euphemien, wie einſt das ihrige vor dem Vater des lieben Maͤdchens, der daraus eine Waffe ſich ge⸗ ſchmiedet, ſie toͤdtlich zu verwunden! Marie glich dem Urheber ihrer Tage in Nichts; ſeine herben Zuͤge waren nicht verjuͤngt in den ſanften, holden Zuͤgen der Tochter, nicht — 133— ſein duͤſteres Auge in dem Friedeſtrahlenden Sterne Mariens; der bitter laͤchelnde Mund nicht in dem unſchuldig frohen Laͤcheln, das um den Mund ſeines Kindes ſpielte; die ver⸗ fallene, ganz an das Irdiſche erinnernde, Ge⸗ ſtalt des Vaters nicht in dem aͤtheriſchen We⸗ ſen der Tochter, die kaum die Erde mit ih⸗ ren Fuͤßen zu beruͤhren ſchien, und mit den Schwingen ihrer Seele aufwaͤrts ragte. Stein⸗ holm, das Abbild menſchlichen Wollens, Ma⸗ rie, verklaͤrt in dem Glanze himmliſcher Beſtre⸗ bungen, ruhte auf Jenem der Druck unbe⸗ friedigter Wuͤnſche, auf dieſer ſegnend Gottes Hand. Unaͤhnlicher in Allem war nie ein Kind ſeinem Vater, als Marie dem ihrigen. Ergraut in einer Carriere, die oft Verſtel⸗ lung heiſchet, hatte Steinholm, ſelbſt im ge⸗ woͤhnlichen Verkehr, die Geradheit verlernt, die das unbefangene Herz ſeiner Tochter charakteriſirte, und ſie, von jeher der Mutter — 134 mehr zugeneigt, ſchmiegte auch jetzt ſich zaͤrt⸗ licher an die Graͤfin Wernerode, als an Ihn, der ſie ſehr hart getroffen durch ſein ſchnelles Vergeſſen der geliebten Todten, wenn ſchon fuͤr die Frau, die ſie zumeiſt verehrte. Eifer⸗ ſuͤchtig auf jedes ſeiner Rechte, grollte Stein⸗ holm Marien, daß ſie der Fremden waͤrmer anhaͤnge, denn ihrem Vater; doch ſollte eben dies ihm Euphemien noch erobern helfen. Allein Monde wechſelten, nicht die Graͤfin Wernerode. Den geachteten Namen ihres Gatten ablegen fuͤr einen, deſſen Traͤger ſie mahnte an die ungluͤckſeligſte Epoche ihres Lebens, ohne ſie mehr dafuͤr entſchaͤdigen zu koͤnnen; Marien verletzen, ihrer Tochter und den Verwandten des Grafen Wernerode wehe thun durch eine Heirath, zu der es, fuͤr ſie, keinen entſchuldigenden Grund gab, unmoͤg⸗ lich! Steinholm beherrſchte ſeine uͤbele Laune gegen Euphemien, ihr armer Schuͤtzling aber — 135— mußte, bei allen Gelegenheiten, ſie erfahren. Mariens Eintritt ins Kloſter erwaͤhnt' er jetzo haͤufiger, und daß ſein folgſames Kind ſich nicht dawider auflehnte, verdroß ihn auch; ihr Gleichmuth contraſtirte zu ſcharf mit ſei⸗ nem Unmuthe. Heiter ſollte man nur ſein, wenn er es war. Egoismus hatte ihn ge⸗ leitet, als er mit Euphemien von Erlach die Ringe tauſchte; Egoismus, da er ſie verließ fuͤr eine andere Liebe; hier verſchmaͤht, ward der Ehrgeiz ſein Steckenpferd, und auf die⸗ ſem tummelte er ſich mit Gluͤck. Der Mo⸗ narch nutzte ſeine Faͤhigkeiten und belohnte ſie durch mancherlei Auszeichnung. Stolz, wie Geldſucht, vermaͤhlten ihn einer reichen und edlen Spanierin, die ihn liebte, doch ein viel zu zartes Gemuͤth beſaß, um ſich nicht ungluͤcklich mit ihm zu fuͤhlen. Auch verkuͤrzte ſtummer Gram den Faden ihres Lebens: eine Schuld, die er ſich freilich nie — 136— eingeſtand, die ihn aber dennoch zur Heim— reiſe antrieb. Dem Staate treu und redlich gedient zu haben, dies Bewußtſein konnte Niemand ihm rauben; doch hier begann und endete Steinholms Zufriedenheit mit ſich ſelbſt; alles Uebrige war Zwieſpalt und Mißbehagen in ihm. Mariens Gehorſam wollt' er, noͤthi— genfalls, erzwingen, auf daß der einzige Sohn allein die Mutter beerbe. Der Graͤfin Wernerode hatte der Baron ſeine Hand angeboten, in der Vorausſetzung: ihr noch immer werth zu ſein, und vorma— liges Unrecht dadurch gut zu machen; daß ſie ihn abwies, ſchuf erſt den Wunſch, bei ihm, zu einem ernſtlichen Verlangen um, und je entſchiedener ſie verneinte, je heftiger rang er nach ihrem Jaworte. Er durfte von ſich thun, was ihn nicht freute, Niemand aber ihm beſtreiten, worauf er ſeinen Sinn ge⸗ — 137— richtet. Euphemia von Erlach, die bluͤhende, viel begehrte Tochter des ſtolzeſten Mannes in der Monarchie, die er nur erkaͤmpft, weil Jener ſie ihm verweigert, ſie hatte ihn nicht gereizt, wie die Witwe des Grafen Wernerode. Unterdeß nun Steinholm in duͤſterm Bruͤ⸗ ten ſich verzehrte, und abgeſtorben ſchien je⸗ dem Eindrucke von Außen, ward Euphemia wach gehalten fuͤr alle kleinen Vorgaͤnge der Societaͤt durch die Bekuͤmmerniß um ihre Tochter, die tiefer und tiefer in die Schlin⸗ gen ihres Herzens gerathend, der trauern⸗ den Mutter keine Hoffnung ließ auf eine gluͤckliche Loͤſung des Knotens. Fuͤr ſie un⸗ terlag es nicht dem geringſten Zweifel mehr, daß Amalie den Fuͤrſten Burgau liebe, und zitterte ſie auch nicht fuͤr ihre Tugend, fuͤr ihre Ruhe mußte ſie zittern. Da ereignete es ſich, daß Graf Don⸗ heim den Fuͤrſten, der wohl am Ende auch — 135— ſeinen Verdacht geweckt, zu den Fuͤßen ſei⸗ ner Gemahlin fand, und ein Zweikampf die Folge dieſes Zuſammentreffens war, in wel⸗ chem beide Gegner leichte Wunden empfingen, die ſchmerzlichſte aber Euphemiens Tochter in der Weiſung: das Haus ihres Gatten alſogleich, und auf ewig, zu verlaſſen, wie heilig ſie ihm auch zuſchwor: daß ſie ſeine Ehre nicht gekraͤnkt, und nur ihre Stand⸗ haftigkeit den Fuͤrſten zu ihren Fuͤßen ge⸗ worfen. Es half nicht; der Platz gebuͤhrte keinem fremden Manne, und nie durft' es, bei der Graͤfin Donheim, ſo weit kommen; was ſie ſich und Dem ſchuldig, deſſen Na⸗ men ſie fuͤhre, hatte ſie vergeſſen; ihn der ſie ſo vertrauensvoll geliebt, auf's Grauſam⸗ ſte getaͤuſcht, und die Genugthuung, die er fordern mußte, der Sache eine Publicitaͤt verliehen, die nur mit beiderſeitiger Tren⸗ nung enden koͤnne. In dem Geiſte ſchrieb — 139— er auch an die Graͤfin Wernerode, die un⸗ verzuͤglich zu ihm geeilt war, jedoch nicht bis zu ihm drang; ihre Thraͤnen ſcheut' er, und ſeine Schwaͤche; denn er fuͤhlte fuͤr ſie, wie ein wirklicher Sohn. Euphemiens Antwort auf Donheims Schreiben ging unerbrochen zuruͤck, und ſeine Feſtigkeit kennend, gab ſie jeden fernern Ver⸗ ſuch auf, ihn mit Amalien auszuſoͤhnen; auch ihr Stolz war beleidigt; die Mutter haͤtt' er zum Mindeſten bedenken ſollen. Frau von Wernerode nahm die Verſto⸗ ßene zu ſich, und um nicht ganz ſie zu zer⸗ malmen, ſagte ſie blos:„Du haſt mich nicht hoͤren wollen, und ſo Schmach auf Dich und mich gehaͤuft!“ Schluchzend umfing Marie die Knie ihrer edeln Mutter, laut betheuernd: daß ſie Nichts zu verantworten, als die fluͤchtige Neigung, der ſie nicht gewehrt: allerdings ein Fehler; — HKo doch mit Schande habe ſie weder ſich noch die Graͤfin Wernerode bedeckt, und maͤchtig uͤberrage heut ihr Ungluͤck ihre Schuld. „Dafuͤr ſei der Herr, geprieſen!“ rief Euphemia, und zog die Tochter herauf an ihren Buſen, das geliebte Antlitz mit heißen Zaͤhren benetzend.„Auch die Verirrte findet das Mutterherz offen fuͤr ihre Reue, wie des ewigen Vaters Gnade der Buͤßenden ſich nicht verſchließt. Trage nun geduldig, was Du ſelber Dir bereitet, und keine Gewalt der Erde noch des Himmels ungeſchehen zu machen weiß; denn es lebt in dem Andenken der Menſchen. Das eben iſt es, was ephe⸗ maͤren Handlungen den Stempel der Dauer aufdruͤckt, daß wir ſie nicht ausloͤſchen koͤn⸗ nen in dem Gedaͤchtniß Anderer, und erhaͤlt hier das Gute ſich bisweilen: ſo ſtehet alle⸗ mal das Boͤſe unvertilgbar darin, vergroͤßert durch hundert neidiſche Zungen. Ein ſchuld⸗ — 141— los Gewiſſen hilft hinweg uͤber jegliche Ver⸗ leumdung; Du aber biſt nicht ſchuldlos; darum trage Dein Geſchick in Demuth, ſie ziemet Dir, und ſuche von dem Falle, der auch Deine Mutter niedergeriſſen, Dich zu erheben durch Laͤuterung Deiner ſelbſt. An⸗ zuklagen haſt Du nur Dich, es ſei jetzt auch die Beſſerung Dein Werk! Bei mir blei⸗ beſt Du fortan, und ereilet hier die Gering⸗ ſchaͤtzung Dich nicht, welche ſtets die Frucht ſolcher Entzweiungen, ſo ſetz' es weder auf Rechnung Deiner Unſchuld noch des Mit⸗ leids mit Dir, ſondern auf mein perſoͤnli⸗ ches Anſehen. Der Wandel Deiner Mutter war untadelhaft, und den Lohn dafuͤr: die Achtung der Welt, lernt man erſt wuͤrdigen im Ungluͤck. Nicht aus Liebe hatt' ich geheirathet, das wußte man, und doch konnte Keiner mir Schlimmes nachre⸗ den, obzwar auch ich jung und huͤbſch ge— — 142— weſen, und umſchwaͤrmt von Vielen! Muͤ⸗ ßigen Gedanken aber ließ ich niemals Raum, theilte meine Zeit zwiſchen haͤuslichen Pflich⸗ ten, denen meines Ranges und ſtillen Wohl⸗ thaͤtigkeitsuͤbungen, immer Gott vor Augen, und immer auf's Neue erfahrend: daß keine Befriedigung der Eitelkeit, wenn noch ſo ſchmeichelhaft, jener zu vergleichen, die eine Handlung der Milde und Naͤchſtenliebe in uns hervorbringt. Die Ueberzeugung: menſch⸗ liches Elend, nach Kraͤften, gelindert zu ha⸗ ben, nicht allein durch Geld, ſondern durch eigenes Erſcheinen und chriſtlichen Zuſpruch, dieſe Ueberzeugung iſt ein weiches Pfuͤhl dem muͤden Haupte, und die willkommenſte Andacht unſerm Gotte. Eines nur hab' ich mir vorzuwerfen: die unkluge Nachſicht gegen Amalien. Mein Beiſpiel waͤhnt: ich, werde an ihr vollenden, was meiner Zaͤrtlichkeit oft nicht gelang.“ —— Wie die Graͤfin Wernerode es prophe⸗ zeiht, ſo erfuͤllt' es ſich: ſie ſchuͤtzte ihres Kindes Bruſt vor den giftigen Pfeilen, die ſonſt ſie erreicht haͤtten, und ſchonend begeg⸗ nete man der Tochter, aus Schonung fuͤr die Mutter; ſelbſt hinter ihrem Ruͤcken, ta⸗ delte man Graf Donheims Raſchheit. Das Alles troͤſtete jedoch Euphemien ſehr wenig, und ſtechender, als ihr Mißgeſchick, laſtete auf der Graͤfin Donheim die Gebeugt⸗ heit der theuern Mutter, die umſonſt ſich anſtrengte, ihr mindeſtens kein allzu truͤbſe⸗ liges Geſicht zu zeigen. Auch ſah Frau von Wernerode jetzt nur ihre intimern Be⸗ kannten bei ſich, und ging zu Niemanden, wie ſie gegen Niemand das Vorgefallene be⸗ ruͤhrte. Was die Mutterliebe vielleicht noch in ſanftern Tinten ausgemalt, das empfand ſie wohl, koͤnne vor der richtenden Menge keine Geltung haben, und ſollte ſie ſelbſt 5 4 1 f 47 — die Tochter anſchuldigen? Nur die Fuͤrſtin von Hohenringen entfeſſelte noch ihre Zunge; nur ſie ſchaute auf den Grund dieſes ver⸗ nichteten Herzens. Ihr geliebtes Kind ver⸗ bannt von dem Gemahl, und er in ſeinem guten Rechte! Jeder Gedanke daran ſchlug blutig in ihre Seele; ausgethan war die Leuchte ihrer Zukunft, denn es gab keine Zukunft mehr fuͤr Amalien; umnachtet des muͤtterlichen Stolzes Freudigkeit, in Leid ge⸗ huͤllt die Gegenwart fuͤr Beide. Enkel hatte der Himmel ihr nicht geſchenkt, und die Re⸗ ligion erlaubte der Tochter keine zweite Ehe, ₰ waͤr' auch noch ein edler Mann aufgetreten, der Geſchmaͤhten ſich zu verbinden. Selbſt Mariens Naͤhe aͤngſtete die be⸗ draͤngte Frau. Dieſer Taube der Unſchuld und des Friedens durfte ſie ja nicht erzaͤhlen, weshalb Amalie wieder bei ihrer Mutter; kaum, daß ſie ſie verſtanden haͤtte, und doch — 145— mußte ſie ihr Etwas ſagen. Daß ein Un⸗ gluͤck uͤber ſie hereingebrochen, war nicht zu verbergen. Meiſterin zwar in der Kunſt, ſich zu beherrſchen, uͤberwand die Graͤfin Wer⸗ nerode dennoch vor Marien ſich nicht voͤllig, und auf ihre liebenden Fragen, entgegnete ſie, unter Thraͤnen:„Wolle nicht wiſſen, mein Kind, was mir den gruͤnen Kranz be⸗ ſeligender Gefuͤhle vom Scheitel genommen, und, ſtatt ſeiner, den ewigen Witwenſchleier aller Freuden daran geheftet! Genuͤg' es Dir, daß es ſo iſt, und ich Deiner harmlo— ſen Jugend Gluͤck wuͤnſche zu einem Pfade, frei von allen Abwegen; denn Du biſt die Braut der Kirche, und wirſt nicht Gott noch Menſchen kraͤnken; wirſt am Ende Deiner Tage ſanft entſchlummern zu Ihm, der ſchon hienieden Dich vaͤterlich beſchuͤtzt. Forſche nicht weiter, und vor Allem nicht bei Ama⸗ lien, ſie hat ohnedies eine ſchwere Buͤrde . 10 — 146— auf ſich, und Dir gegenuͤber erlaͤge ſie wohl gar.“ Marie gehorchte; aber, daß ſie nicht er⸗ fuhr, was ſich zugetragen, beſchaͤftigte ihre junge Fantaſie unablaͤſſig. Was mochte Ama⸗ lie, die Hochgefeierte, nur begangen haben, um dieſes Weh uͤber ſich und ihre Mutter zu verbreiten? Und Schuld mußte ſie hier der Tochter beimeſſen. Ein Leiden ohne Schuld konnte die Graͤfin Donheim nicht um⸗ ziehen mit ſolcher Betruͤbniß. Sechs Wochen nach Amaliens Trennung von dem Gatten, meldete Fuͤrſt Burgau ſeine Verlobung mit einem der ſchoͤnſten jun⸗ gen Maͤdchen, aus altadeligem Geſchlechte, und als die Graͤfin Wernerode der Tochter dies ankuͤndigte, ſank Amalie erbleichend in die Arme ihrer Mutter, die hiedurch noch be⸗ ſtaͤrkt wurde in der Meinung: daß ſie den Fuͤrſten liebe. Doch wie ſehr dieſe Neuig⸗ — 147— keit ſie auch verwundete, ſie war es nicht, die am Heißeſten brannte in der Ungluͤcklichen; Euphemia aber glaubt' es, und ſprach:„Die Strafe Deiner Unbeſonnenheit folget der That auf dem Fuße, und es bewaͤhret ſich meine Anſicht uͤber den Fuͤrſten immer mehr: er liebt nur ſeine Perſon, ſoll auch erwiedert haben, als man ihn bedauerte, nicht der Graͤfin Donheim ſich verehelichen zu duͤrfen: daß er nie eine beſcholtene Frau zu der ſeinigen gemacht haͤtte.“ „Und an den Menſchen konnt' ich mein Gluͤck, meinen Ruf, den Frohſinn meiner gu⸗ ten Mutter verſpielen! Jede Demuͤthigung, blos auf mich gemuͤnzt, ich wuͤrde ſie be⸗ trachten, wie eine gerechte Buße; allein, daß ich den Schlummer dieſer lieben Augen, die Ruhe dieſes Herzens geſtoͤrt, es erdruͤcket mein Herz!“ Und Thraͤnen ſolcher Zer⸗ knirſchung vergoß Amalie an dem Halſe der 10* — 148— bewegten Frau, daß die Graͤfin, ungeachtet ihres feſten Willens, mit fortgeriſſen wurde, und Mutter und Tochter lange ſich umſchloſ⸗ ſen haltend, ihre Zaͤhren vereinten. Amalie erkannte in dieſer Umarmung: daß ſie noch nicht Alles verloren, ſo lange ein barmher⸗ ziger Gott ihr die Mutter laſſe, und Euphe⸗ mia: daß auch ein Kind des Schmerzes ſtets ein vielgeliebtes Kind. Eine Jugendfreundin der Graͤfin Don⸗ heim, die, in Paris verheirathet, von Zeit zu Zeit ihr Nachricht ſandte, ſchrieb jetzt, nicht ahnend was ſich begeben, alſo an ſie: „Jahre verrauſchen, wie Tage, meine „theure Amalie, und je mehr wir davon „zuruͤcklegen, je ſchneller fliegen ſie, fuͤr uns, „dahin; doch meine Liebe zu Dir verrauſchet „nicht; ſie waͤchſt eher durch Zeit und Ent⸗ „fernung: ein Beweis ihrer Echtheit. Die „Stellung meines Gatten treibt mich nach — 149— „Außen, mein Hang nach Innen; der Ernſt „meiner Natur iſt nicht von mir gewichen, „in der Vermiſchung mit dem leichtern Blute, „dem ich mich vermaͤhlt, es iſt mir indeß „auch nicht gelungen, Ihn, den weit Ael⸗ „tern, zu meinen Lebensanſichten herauf⸗, oder „wie man es nimmt, herabzubilden; er bleibt „der Franzoſe, ich die Deutſche, was denn „oftmals zwei Weſen aus uns ſchafft, ſtatt „eines, ohne daß wir gerade allzu ſchroff ne⸗ „beneinander ſtaͤnden. Dieſelbe Vernunft, „die mich dem Manne zutheilte, der mir „kein brillantes Loos des Herzens ſichern „konnte, ſie heißt mich auch das Unvermeid⸗ „liche gelaſſen tragen. Forville hat aus Liebe „mich gewaͤhlt, und ſeitdem manch' Andere „geliebt; ich habe mit keiner ſonderlichen Nei⸗ „gung ihn geheirathet, und meinen Schwur „am Altare nicht verletzt. Undank haſſ' ich, „und dem Gatten bin ich zu Dank verpflich⸗ — 150— „tet. Er machte das arme deutſche Fraͤu⸗ „lein, das in ihrem Vaterlande wohl noch „nicht unter der Haube waͤre, er machte ſie „zu einer reichen und angeſehenen Frau: da⸗ „fuͤr ſieht mein deutſches Herz ihm Etwas „nach. Graf Forville wuͤrd' es uͤbrigens „ſchlecht verſpuͤren, traͤf' er meine Liebe auf „unrechtem Wege. Daß die ſeinige, trotz „aller Abſchweifungen, immer wieder zu mir „zuruͤckkehrt, deucht ihm genuͤgend, und was „er, ohne Scrupel, ſelbſt begeht, verzieh' er „nicht mir. So ſind die Maͤnner! Es „ſchuͤtzet jedoch, außer ihrer Erkenntlichkeit „fuͤr den Gemahl, noch ein ſtrenger Huͤter „Mathilden: ihr Stolz iſt es, der den Fall „nicht uͤberlebte! Komme mir nicht, Amalie, „mit dem Gemeinplatze: daß Der gut predi⸗ „gen, dem nimmer eine Gefahr ſich genaht. „Wo iſt die junge und huͤbſche Frau, die „keine Anfechtungen gehabt? Und Deine „Freundin nennen ſie ja ſchoͤn, wie Forville „des beſten Geſchmackes ſich ruͤhmt. Wer das „erſte Aufkeimen ſtraͤflicher Regungen nicht „beachten mag, und dann mit unbezwing⸗ „licher Leidenſchaft ſich entſchuldiget, der han⸗ „delt nicht ehrlich gegen ſich, und auch die „Welt betruͤgt er nicht. So raſch ſchießt keine „Leidenſchaft in uns empor, daß wir nicht „Zeit haͤtten, dem geheimen Warner zu lau⸗ „ſchen, und nur wer dieſen nicht verſtehen „will, geraͤth in's Verderben. Aber wie „gerath' ich nur auf ſolchen Terxt bei Dir, „meine Amalie, die ich mir nicht anders „denken kann, als im Schooße des wohl⸗ „verdienteſten Gluͤckes. Etwa, weil ich ge⸗ „rade jetzt in der Lage war, mein Herz zu „erforſchen, und herauszugruͤbeln: daß es „blos der luftigen Grundſaͤtze ſo Mancher „brauchte, um auch zu thun, wie ſie! Glaube „daher nicht, daß Unempfindlichkeit mit ihrem — 152— „Schild mich decke. Ich, fuͤnf und zwan⸗ „ziß Jahre, Forville acht und vierzig, lebe „in Paris, wo Verfuͤhrung, aller Art, ihre „Rieſenarme ausſtreckt, und erfreue mich eines „ſehr flatterhaften Eheherrn, dem ich vielleicht „ſo zahm nicht zuſchaute, wenn ich ihn „mehr geliebt. An Verſuchungen mangelt „es folglich auch mir nicht; doch ich beſtehe „die Feuerproben, und laſſe, unangefochten, „„die„kalte Deutſche“ mich ſchelten, ſo jeden „eigenen Vorwurf von mir lenkend. „Du, die, nach ihrem Herzen, ihre Hand „verſchenkt; die es nicht gefaßt, daß ich die „meinige dem ſo viel aͤltern Manne gab, „Du mißtrauſt mir ſicher nicht, ſag' ich Dir: „daß ich dies noch keinen Moment bereut. „Haͤtt' ich aus Liebe mich vermaͤhlt, ſie „waͤre jetzt wohl auch ſchon abgeblaßt, wie „man das taͤglich lernt, ſtatt, daß nun erſt „Farbe und Kraft bei mir gewonnen, was ⸗ — 153— „ich fuͤr den Vater meiner kleinen Julie em⸗ „pfinde. Sein biederer Charakter, ſein wahr⸗ „haft ritterliches Benehmen, die zarten Auf⸗ „merkſamkeiten fuͤr ſeine Gattin, ſie erfuͤllen „mich mit der reinſten Achtung und Freund⸗ „ſchaft fuͤr Forville, und ſo rechne ich kleine „Suͤnden ihm nicht allzu ſehr an. Aber auch „hier ſtellt die Verſchiedenheit beider Nationen „ſich wieder recht grell heraus. Kaum daß es „dem Deutſchen nur der Muͤhe lohnt, ſeine „Frau zu taͤuſchen, im Punkte der Untreue, „oder es geſchieht mehr um des lieben Haus⸗ „friedens willen, als aus beſonderer Ruͤckſicht „fuͤr ſie; hingegen nimmt er, in der Regel, „die ſogenannten Galanterien ſeines Weibes „nicht ſo leicht, wie der Franzoſe, und wo „dieſer ein Auge zudruͤckt, da oͤffnet jener „ſie beide weit, nicht ſelten zum Scandal „der Welt, dem dann meiſt der noch groͤßere „folgt: ſich wieder zu verſoͤhnen, und den —— — 154— „Feuerlaͤrm, den er ſelbſt geſchlagen, fuͤr „einen falſchen zu erklaͤren. „Und wie iſt es mit Dir, meine Ama⸗ „lie? Als wir, vor drei Jahren, uns trenn⸗ „ten, warſt Du ſo gluͤckſelig in dem Beſitze „des Grafen Donheim, dem Ideal Deiner „Wuͤnſche, daß nur die Hoͤhe dieſes Gluͤckes „mich erſchreckte, wie jedes Uebermaß. Doch „Deine Briefe alle beſeitigten meine aber⸗ „glaͤubigen Zweifel; auch war, was ich von „dem Grafen wußte, zu ruͤhmlich, um noch „fuͤr Dich zu bangen. Von Donheim konnte „keine Stoͤrung ausgehen, und von Dir „noch minder. Die Naͤhe Deiner Mutter „troͤſtete mich gleichfalls; ſie leihet Dir ihren „erfahrenen Blick. Nie wirſt Du die Guͤ⸗ „tige betruͤben, nie auf dies ſchoͤne, ruhige „Antlitz, dem ſie die Ruhe wohl auch nicht „muͤhelos erkaͤmpft, den leiſeſten Schatten „herauffuͤhren. Ihr Stolz, ihre Wonne war — 155— „Amalie, und biſt Du ihr und Dir ſelbſt „treu geblieben, ſo darf ich Dich noch be⸗ „gruͤßen als den Liebling des Schickſales. „In geraumer Zeit haſt Du mir nicht ge⸗ „ſchrieben; ich ſchob es auf mein Schweigen, „eingedenk Deiner Worte, wie ſchon in der „Benennung: Briefwechſel, es liege, daß „beide Theile ſchreiben muͤſſen. Dazu „bin ich jedoch nicht allemal geſtimmt, be⸗ „greife auch Freundſchaft ohne haͤufige Mit⸗ „theilung aus der Ferne. Hab' ich erſt mich „ganz hineingelebt in den Menſchen, ſo „weiß ich Alles von ihm, oder es truͤge ſich „denn Außerordentliches zu. „Gehoͤr' ich nun aber auch nicht unter „die ſtets Federfertigen, ſo heiſche ich doch „Antwort auf meine Briefe, und erwarte „die Deinige unverzuͤglich. Sprich mir „von Deinem Gluͤcke, ich leſ' es ſonder „Neid, weil ich, vor Allen, Dir es goͤnne, — 156— „und ſelber gluͤcklich bin, wenn ſchon auf „eine Weiſe, die der Freundin nicht einleuch⸗ „tet. Iſt Donheim noch immer ſo verliebt „in ſeine Amalie, daß nur ſie, fuͤr ihn, „auf Erden? Gott erhalte Dich dabei, und „gewaͤhre Deiner wuͤrdigen Mutter die groͤßt⸗ „moͤglichſte Freude an ihrer Tochter; gewaͤhre „ihr den Segen, der Dir noch fehlt: einen „Erben Deiner und ihrer Tugenden! Und „nun leb' wohl! Deine Mathilde.“ In jeder Zeile dieſes Briefes lauerte ein Scorpion fuͤr die Graͤfin Donheim. O, wie ganz anders war es mit ihr gekommen, als die Jugendgefaͤhrtin es vermeinte! Und wie beſchaͤmt ſtand ſie, auch nur in Gedanken, vor ihr! Zertruͤmmert hatte ſie, muthwillig, den Wohnſitz ihres Friedens, und wohin ihr Auge ſich wandte, es fiel auf Verheerung. Am Schmerzlichſten hatte Fuͤrſt Burgau's — 157— Heirath ſie getroffen, weil der Wahn allein V ſie bethoͤrt: daß gluͤhend von ihm geliebt, ſie „ ſein Ungluͤck mache. Mit ſeiner Treuloſig⸗ keit ſah ſie ihre Verirrung im haͤßlichſten Lichte. Ihrer Mutter gab Amalie den Brief der Graͤfin Forville nicht zu leſen; er haͤtte auch ihr Leid geſchaͤrft. Von Mathildens reiferer Einſicht war ihr oft vorgeſagt wor⸗ den; denn gern daͤmpfte die Graͤfin Werne⸗ rode der Tochter uͤbertriebene Lebhaftigkeit mit ihrer Freundin beſonnenerm Verſtande. Es nutzte aber nicht, und vielleicht war es eben der Gegenſatz beider Charaktere, der ihre Freundſchaft ſo feſt begruͤndete. Doch jetzt antwortete Amalie der Geſpielin ihrer froͤh⸗ lichen Kindheit mit keiner Zeile. An ihre Bruſt haͤtte ſie ſich werfen moͤgen, und laut ausweinen ihr Unrecht und ihr Ungluͤck, dem Papier es anvertrauen, dazu brachte ſie ſich — 158— nicht, von welchem Troſt es ihr auch gewe⸗ ſen waͤre. Vorbereiten mußte die Graͤfin Donheim erſt Mathilden auf das„Außeror⸗ dentliche“, wo ſie aufhoͤrte fortzuleben mit den Menſchen, in die ſie ſich„hineingelebt“. An der ſchauerlichen Stelle befand ſie ſich nun, wo die Gedanken der Freundin ſie nicht mehr erreichten; wo Mathilde, ohne Kunde von ihr, nicht mehr wußte, auf welchem Wege ſie ſuchen mit ihrem Herzen, und Amalie ſeufzte ob dieſer traurigen Erkennt⸗ niß. Zwoͤlf Monde waren verſtrichen, ſeit Ed⸗ mond von Cederſtern ſeine Reiſe angetreten; er kehrte jetzo heim, in Geſellſchaft eines neu er⸗ worbenen Freundes, des Malers Guſtav El⸗ wangen, den er im Oriente gefunden, und an welchen er bruͤderlich ſich angeſchloſſen. Aus Liebe zu ihm hatte der junge Mann den Baron nach ſeiner Vaterſtadt begleitet. El⸗ — 159— wangen, im acht und zwanzigſten Jahre, groß, von ſehr edlem Aeußern, mit lichtbrau⸗ nem, lockigen Haar und dunkeln, vielſagen⸗ den Augen, mit ſchoͤn geformtem Mund, der aber ſeine Perlen, im nur wehmuͤthigen Laͤcheln, nicht ſehen ließ; mit ernſten, regel⸗ maͤßigen Zuͤgen und einer Blaͤſſe, die mehr auf Krankheit der Seele, als des Koͤrpers, hinweiſend, den guͤnſtigen Eindruck, den ſeine Geſtalt hervorrief, eher ſteigerte, als ſchwaͤchte. Dieſe Blaͤſſe ſchien eine duͤſtere Vergangenheit zu bergen, woran jedoch Nie⸗ mand zu ſtreifen wagte, aus Furcht vor Ver⸗ letzung; ſogar die Neugierde verſtummte vor dem ſeltſamen Intereſſe, das Elwangen ein⸗ floͤßte. Sein Betragen war das eines Man⸗ nes von Welt und feinem Anſtande; ſeine Kleidung von hoͤchſter Eleganz mit Einfachheit verbunden, wie ſein ganzes Weſen. Wer ihn oberflaͤchlich beurtheilte, mußte ſchon an — 160— ſeinem Geiſte, ſeinen Talenten ſich erfreuen; wer tiefer in ihn einging, ſeine ſcientiviſche Bildung bewundern. Seit mehreren Jahren fuͤhrt' er ein Nomaden⸗Leben, hatte bald in dieſe, bald in jene Gegend ſeine Schritte ge⸗ lenkt; doch kein Land verlaſſen, ohne den Schatz ſeiner Kenntniſſe zu bereichern, und obwohl dem Studium der Malerei hauptſaͤch⸗ lich gewidmet, beſchaͤftigte er ſich auch mit der Literatur aller civiliſirten Nationen, und Nichts blieb ihm fremd, was, im Gebiete der Kunſt und des Wiſſens, Bemerkens⸗ werthes ſich ereignete. Seine Geldmittel er⸗ laubten ihm jeden billigen Wunſch, und viele junge Kuͤnſtler hatt' er, in Deutſchland und Italien, unterſtuͤtzt, ohne nur auf ihren, oder irgend eines Menſchen, Dank zu rechnen; ja, er mied dieſen. Schwede von Geburt; aber von deutſcher Mutter, redete er ihre Sprache, wie die ſeinige. In der Reſidenzſtadt der Osmannen war Edmond dem genialen Kuͤnſtler begegnet, und hatte ſich ihm mit Offenheit genaͤhert. Der friſche Jugendmuth, der auch das Unmoͤg⸗ liche noch fuͤr moͤglich haͤlt, ging Beiden ab; doch ſchien Elwangen bereits den Streit in ſeiner Bruſt ausgefochten, und jenen Frieden errungen zu haben, der von den Sterblichen Nichts mehr erhoffend, ſo ganz dem Frieden des Kirchhofes aͤhnelt, der, auch auf Graͤ⸗ bern, noch Blumen zeigt, waͤhrend Edmond, noch im Kampfe mit ſich, zu keiner innern Staͤtigkeit und keiner klaren Anſchauung der Außenwelt gelangt war; finſter, wie ſein Lie⸗ bes⸗Geſchick, ſah er das Univerſum, und ver⸗ zagte, je zur voͤlligen Ruhe in ſich zu kom⸗ men. Die Ruhe des fremden Mannes aber, der nur um einige Jahre aͤlter, als er, und dem er, auf ungewohnte Art, ſich hinneigte, Elwangens Ruhe breitete zuerſt ihre ſchirmen⸗ I. 11 — 162— den Fittige uͤber ihn aus, wie Schlummer⸗ koͤrner ſtreuend in ſein nimmer raſtendes Herz. An dem Buſen des neuen Freundes ſtillten ſich die brauſenden Wogen des ſeinigen; der Liebe Schmerz beſaͤnftigte ſich allgemach, un⸗ ter dem Zureden Guſtavs, deſſen Worte Zau⸗ berkraft auf ihn uͤbten, und theilte zwar El⸗ wangen, in perſoͤnlichen Dingen, ſich nicht mit, wie Edmond, ſo lag das wohl blos an ſeiner ſchweigſamen Natur; denn wo es noͤthig ward, Jenen, zur Staͤrkung fuͤr ſein Leid, aus dem eigenen Leidenskelche trinken zu laſſen, da bot er ihm denſelben, und ſo ver⸗ nahm Cederſtern: daß Guſtav mit Heftigkeit geliebt und ſchmaͤligen Undank geerntet: eine viel herbere Erfahrung, als nie zu Freudi⸗ gem berechtigt geweſen zu ſein, oder vergeb⸗ lich zu ruͤtteln an irrigen Meinungen. Edmond eilte zu der Graͤfin Wernerode, und erſchrak bei ihrem Anblick. Was vor⸗ — 263 gegangen, ahnete er nicht; Amalie war auf dem Gipfel des Gluͤckes, als er fortzog. Ma⸗ rien glaubt’ er todt; die Frage erſtarb in ſeinem Munde, und Euphemia hob beklom⸗ men an:„Edmond erkennet mich faſt nicht mehr; es hat aber auch meine Mutterbruſt den Dolchſtoß empfangen....“ „So iſt Marie in die fruͤhe Gruft hin⸗ unter.. 2 4 „Sie lebt!“ „Oder in das weite Grab, das der lieb⸗ loſe Vater ihr geoͤffnet! Es konnte alſo ihre Jugend, ihre Schoͤnheit ſie nicht retten vor dem Tode des Kloſters?“ „Noch ſteht Marie unter meiner Obhut!“ entgegnete die Graͤfin.„Doch was Edmond Tod nennet, heiß' ich Leben; denn es be⸗ wahret vor irdiſcher Schwaͤche, und ſichert uns das ewige Heil.“ 11* — 164— „Welche Sprache aus dem Munde der Graͤfin Wernerode!“ „Sprache ſehr harten Leides! Ama⸗ lie..* 4 „Wie, Amalie!“ rief der junge Mann betroffen, jetzt erſt gedenkend, daß es Kum⸗ mervolleres fuͤr Euphemien gebe, als Mariens Verluſt.— „Sie iſt in's muͤtterliche Haus, in die mütterlichen Arme zuruͤckgekehrt....“ „Donheim geſtorben?“ Nur getrennt von ſeiner Gattin!“ „Getrennt? Donheim von Amalien, die er angebetet, die ihn ſo ſehr geliebt?“ fragte Edmond immer erſtaunter. „Amalie hat gefehlt, daher mein Gram, und lindert es ihn auch, daß ihre Strafe ihr Unrecht uͤberwiegt, ſo nagt doch das zerriſſene Gluͤck meines Kindes an meinem Daſein.“ — 165 „rme, gute Mutter!“ ſeufzte Edmond, und kuͤßte mit Sohnesliebe Euphemiens Hand, die ein Thautropfen des innigſten Mit⸗ gefuͤhles benetzte.„Das der Graͤfin Wer⸗ nerode!“ ſagt' er ſich, und vermochte keine Silbe der Beſchwichtigung hervorzubringen, ſo peinlich war er uͤberraſcht, ſo tief bewegt. Auch von Marien ſchwieg er, die Beruͤhrung jedes andern Gegenſtandes, als Amalien, deuchte ihm Verrath an der Mutter geheilig⸗ tem Schmerze. Stumm preßt' er noch ein⸗ mal die liebe Hand an ſeine Lippen, und wollte fort; da hielt ihn die Graͤfin auf, ſprechend:„Edmonds Verachtung hat Ama⸗ lie nicht verdient, und ſd darf ſie ihr auch nicht werden; wer ſie gering behandelt, der mehret die Noth ihrer Mutter.“ „Sie waͤre die Schuldigſte unter den Sternen, und, fuͤr mich, immer die Tochter der Graͤfin Wernerode, immer die theure — 166— Geſpielin meiner Jugend!“ antwortete Ed⸗ mond.„Weinen kann ich mit Amalien, daß ſie ihren Lebensſegen verſcherzt; weinen, daß ſie, auch nur mit einem Blicke, ſolche Mutter gekraͤnkt, doch lieben muß ich ſie ewig!“ Elwangen bemertke Cederſterns Verduͤſte⸗ rung, und ſchrieb ſie der wiedererwachten Leidenſchaft fuͤr Marien zu. Edmond ver⸗ hehlte ihm nicht, daß er ſein Auge in ein ſehr wundes Herz geſenkt, deſſen Trauer auf das ſeinige uͤbergefloſſen. Er verehre die Graͤfin Wernerode, wie ſeine Mutter, und ſie, die Herrlichſte ihres Geſchlechtes, ſei jetzt namenlos ungluͤcklich, weswegen er auch die Bitte, den Freund ihr vorzuſtellen, noch ver⸗ zoͤgert habe. Erſt nach einigen Tagen erneute Edmond ſeine Viſite bei der Graͤfin. Er mußte ſich ſammeln zu dem, was ſeiner harrte. Wie⸗ — 167— derſehen ſollt; er Marien, an deren Lage ſich Nichts gebeſſert, und wiederſehen die Graͤfin Donheim, bei der Alles ſich verſchlimmert. unterdeſſen pruͤft' er auch die oͤffentliche Stimme uͤber dieſe, und ſie gerechter, als ſonſt, verurtheilte Amalien nur halb; das Wort„ſchuldig“, in ſeinem ganzen Umfange, hoͤrt' er nicht uͤber ſie ergehen; ja, man miß⸗ billigte den Grafen, und mehr noch Burgau, der gern die Frauen verdaͤchtige, die ihm nicht zu Willen ſind. Edmonds Blül kochte, und wer weiß, was geſchehen waͤre, haͤtte der Fuͤrſt nicht, gleich nach ſeiner Vermaͤhlung, mit ſeiner jungen Gattin ſich auf Reiſen be⸗ geben, und noch im Auslande geweilt! Marie begruͤßte den Schuͤtzling der Frau von Wernerode, wie einen lieben Bekannten, mit deſſen Gegenwart vielleicht wieder Hei⸗ terkeit einziehe in das Haus, welches, in der letzten Zeit, jeder Heiterkeit entbehrt. 168— Es trat in demſelben Alles ſo leiſe auf, als handele es ſich von einem ſchweren Kranken, und die unheimliche Stille aͤngſtete ihre junge Bruſt. Oft flehte ihr Blick bei Euphemien, ſie ganz in ihrem Kummer aufzunehmen, wie ſie ſchon ganz in ihre Zaͤrtlichkeit ſie auf⸗ genommen; dann betrachtete ſie wieder Ama⸗ lien, die all dies Bittere veranlaßt, und wollte ihr zuͤrnen; doch ſie ſchlich ſo bleich, ſo niedergedruͤckt, ſo arm an Rede und Ruhe umher, ſo das Bild wahren Jammers, daß Marie ſie nur bedauern konnte. Edmond, eine Minute irre geworden an Fraͤulein Steinholms Empfang, kam wieder zu ſich, als ſie ihm ſagte: daß ſie auf ſeine Nuͤckkunft große Hoffnungen baue fuͤr das Gemuͤth der Graͤfin, die wohl ihm, dem Sohne, ſich mittheilen werde.„Ich,“ fuͤgte ſie, in naiver Anklage hinzu,„bin ihr im⸗ mer noch die Fremde, da ſie mir nicht — 169— entdeckt, warum dieſe Mauern, ehemals die Burg des Gluͤckes und der Froͤhlichkeit, nun ſich verwandelt in die Oede eines Leichen⸗ hauſes. Daß hier viel untergegangen, iſt mir deutlich, doch nicht auf welche Weiſe, und wuͤnſch' ich beſſer belehrt zu ſein, ſo iſt's, um beſſer troͤſten zu koͤnnen.“ Natuͤrlich, daß Edmond dieſer Belehrung ſich nicht vermaß; er gelobte aber Marien, Alles zu thun, Frau von Wernerode aus ihrem Truͤbſinne aufzuſtoͤren. Dreimal war Cederſtern bereits bei Eu⸗ phemien geweſen, ohne daß er noch die Tochter erſchaut. Er fand ſie endlich in den Gemaͤchern ihrer Mutter, die gerade nicht zugegen, und ſchluchzend hing Amalie an dem Halſe des treuen Jugendgefaͤhrten. Edmond umarmte ſie bruͤderlich; er haͤtte ſein Leben ihrer Ruhe geopfert, und ver⸗ mochte Nichts fuͤr ſie! o Ehe noch ein Wort unter ihnen gewech⸗ ſelt worden, trat die Graͤfin Wernerode herzu, und es brauchte eine Weile, bis man ſich faßte. Edmonds Auge haftete in Bangig⸗ keit auf der ſehr veraͤnderten Geſtalt Ama⸗ liens, und je tiefer es ſich einbohrte in das ihrige, je heller ward es vor ihm: daß es nicht blos der Wurm ſei, den man kenne, welcher ſo an ihrer Schoͤnheit zehre. Es wohnte in den kranken Zuͤgen ein Leid ganz eigener Beſchaffenheit; wer aber reichte ihm den Schluͤſſel hiezu? War ſie ſchuldiger, als man es dachte, und nun die Beute ih⸗ res Gewiſſens? Euphemia hatte ihm das Gegentheil verſichert; ſie thaͤt' es nicht, bei dem kleinſten Zweifel, ſo wenig Amalie ſich herablaſſen wuͤrde, die Mutter zu beluͤgen. Schmachtete die Ungluͤckliche noch in den Banden ihres Verfuͤhrers, und ſeine Falſch⸗ heit ſchnitt Wunden in ihre Seele, ſichtbar r auch an dem Koͤrper? Er mußte das um ſo leichter glauben, als ſelbſt die Graͤfin es befuͤrchtete; Troſt aber und Rath erſpaͤht er nirgend fuͤr ſie, die in wortloſer Vernichtung der Erde ſich zubeugte. 3 Cederſtern bat endlich um die Erlaubniß, ſeinen Freund praͤſentiren zu duͤrfen, und Euphemia bewilligte es, ſagte jedoch:„Lei⸗ der iſt mein Haus kein Aſyl der Freude mehr, und der junge Mann, wohl Anderes erwartend von der Graͤfin Wernerode, wird bei uns ſich nicht gefallen. Es iſt ſo ſchwer, eine lichte Seite herauszukehren, wenn in uns Alles dunkel, ſo ſchwer von Gleichguͤl⸗ tigem zu reden, wenn unſer Sinn auf dem Wichtigſten ruht! Darum oͤffne ich meine Thuͤr auch nur Denen noch, die fuͤhlen muͤſ⸗ ſen, was in dem gebrochenen Mutterherzen waltet, ſpricht gleich kein Laut es aus. Meinem Edmond allein geſtehe ich's: daß — 12— dies Herz blutet in Stroͤmen, als waͤre jeder Blick, der es trifft, ein Moͤrder deſ⸗ ſelben; blutet, um das entſchwundene Pa⸗ radies und den geſunkenen Stolz! Vielleicht erhob ich mein Haupt zu hoch bei den Vor⸗ zuͤgen meiner Tochter, triumphirte zu ſehr, wenn ſie die Palme errang vor den Uebri⸗ gen, und der Himmel ſtrafte nun Euphe⸗ mien, wo ſie am Meiſten geſuͤndiget: in der abgoͤttiſchen Liebe zu ihrem Kinde! Viel⸗ leicht war ich nicht milde genug bei den Schwaͤchen des Naͤchſten, und doch, wie oft, daß ich entſchuldigte, wo Alles verdammte! Aber Elwangen komme nur, und lerne an mir die Wandelbarkeit menſchlicher Geſchicke begreifen!“ „O, wie es mich ſchmerzt, edle Frau, Sie ſo zu ſehen!“ rief Edmond, der Thraͤ⸗ nen ſich nicht ſchaͤmend, die ihre Zaͤhren ihm entlockten.„Was die Graͤfin Wernerode — 172— mir iſt, empfind' ich jetzt erſt ganz, da ich, fuͤr ſie, jeder begluͤckenden Hoffnung freudig entſagte.“ „Guter Edmond!“ antwortete Euphe⸗ mia geruͤht.„Das eben iſt ja der Hohn des Lebens: daß, wo Huͤlfe moͤglich, die Freunde uns fehlen, und dort, wo ſchon der Ewige die Looſe unabwendbar geregelt, Menſchen helfen moͤchten. Ich murre nicht, Gluͤck und Ungluͤck, ſie fließen beide aus hoͤherer Quelle; ich bete nur zu Ihm, der die la⸗ chenden Gefilde meines Innern mir verwuͤ⸗ ſtet, der meine Seele geſpannt auf dieſe Marterbank, ich bete: daß er die harte Pruͤ⸗ fung mir zum Heile werden laſſe, wie es in ſeiner vaͤterlichen Abſicht liegt!“ „Ein kleiner Zuſatz noch uͤber Elwangen ſei mir geſtattet!“ unterbrach ſie Edmond. „Auch ihm hat des Schickſals eiſerne Hand — 474— ſeine unvergaͤnglichen Zeichen eingegraben, und nicht rauſchende Vergnuͤgungen ſucht' er, ſtille Sympathie blos fuͤr ungenanntes Leid. Die Gegenwart dieſes fremden Mannes wird wohlthaͤtig wirken auf meine zweite Mutter, und ſie ſich fuͤhlen, in ſeiner Geſellſchaft, wie mit einem Freunde, der uns erraͤth, auch wo wir ſchweigen. Elwangen wird dem Hinbruͤten der Graͤfin Wernerode ſteuern, und dennoch zu keinem Zwange ſie noͤthigen. Giebt es doch Menſchen, mit denen wir gleich ſo vertraut ſind, als haͤtten wir, ſeit unſerer Geburt, in geheimer Verbindung mit ihnen geſtanden; zu dieſen zaͤhl' ich ganz beſonders Sie, liebe Mutter, und meinen Guſtav.“ 8„Er komme!“ wiederholte Euphemia, und Cederſtern ſchied vergnuͤgt uͤber die Ge⸗ waͤhrung. Nur wenn Guſtav ſie Alle kannte, die in das Gemaͤlde ſeines Lebens gehoͤrten, glaubt' er ſelbſt von ihm gekannt zu ſein. — 14 Schon Elwangens erſte Erſcheinung im Wernerode'ſchen Hauſe war von dem guͤn⸗ ſtigſten Eindruck fuͤr ihn, wie er auch einen ſolchen mit hinwegnahm. Haͤufig, daß Per⸗ ſonen, die man uns ſehr angeruͤhmt, unſere Erwartung taͤuſchen; ſelten aber, daß ein erregtes Wohlgefallen nicht auch Wohlgefal⸗ len wecke.“ Inp⸗ „Und wie fandeſt Du die Damen?“ fragte nachher Edmond den Maler. „Die Graͤfin Wernerode,“ verſetzte Guſtav,„gleicht der Eiche, welcher der Sturm Nichts anhaben konnte, hat er auch die gruͤne Krone gelichtet. Beweinen mag ſie das Verlorne, doch der eingeborene Stolz laͤßt ſie nicht ſinken. Er iſt das Erd⸗ reich, in welchem ſie feſtgewurzelt, und das dem Baume Kraft und Nahrung ſchenkt; es ruht der muͤde Wanderer gut unter ſei⸗ nem Schatten. Anders Amalie! Was die — 176— Mutter erhebt im Schmerz, es reißt die Tochter zu Boden: ſie iſt der vom Blitz be⸗ ruͤhrte Stamm, deſſen welkes Laub ſich nicht wieder erneut, der nie mehr friſche Zweige treiben wird. Der nemliche Stolz, der die Mutter aufrecht erhaͤlt, untergraͤbt die Exi⸗ ſtenz ihres Kindes. Amalie erliegt dem Gedanken: daß ſie herabgeſtuͤrzt von ihrer fruͤhern Hoͤhe, indeß der kummervolle Blick der Mutter ſpricht, wie gern ſie von den ei⸗ genen Jahren ihr zutheilen moͤchte. Viel⸗ leicht,“ fuhr Elwangen fort,„haͤtt' ich Beide anders geſehen, wenn nicht Dein Auge das meinige geleitet!“ „Und von Marien ſagſt Du kein Wort?“ rief Edmond ungeduldig. „Marie iſt noch Knospe; was die Zeit aus ihr ſchaffet, muß ſie lehren, ihr Herz iſt juͤnger, als ihre Geſtalt, ihre Vernunft reifer, als dieſe; ihre Unſchuld ſteht uͤber — 177— Herz und Vernunft. In dem Kelche dieſer Wunderblume ſchlummern noch alle beſeli⸗ genden, alle verderblichen Empfindungen. Der Froſt des Kloſters wird die Bluͤte in ihrem Keim erſtarren, und wer weiß, ob es ſo nicht gluͤcklicher fuͤr ſie, als wenn der heiße Wind des Lebens ſie raſch entfaltete, wohl gar entblaͤtterte! Liebe nur zu Gott thronet bis jetzt in ihrem Buſen; beklagens⸗ werth ſie, herbergt' er je die Liebe zu einem Sterblichen! Ein ſehr ſchwerer Kampf wuͤrde beginnen fuͤr die Aermſte, und welche Liebe immer ſiegte, ſie nicht froh werden. Marie eile, die dunkeln Pforten hinter ſich zu ſchließen, ehe noch der Tag eines andern Himmels eindringt in ihre keuſche Bruſt! Es waͤre Jammerſchade um ſie!“ Das guͤtige Anerbieten der Graͤfin Wer⸗ nerode, ihr Haus zu dem ſeinigen zu machen, benutzte Elwangen mit Freuden. I. 12 — 178— Die Atmosphaͤre der Trauer, die man hier athmete, ſchreckte ihn nicht ab. Wie die ſchwache Lunge beſſer ein feuchtes Klima vertraͤgt, als ein zu warmes, ſo Guſtav's krankes Gemuͤth leichter die Nebel fremder Geſchicke, als ihren hellen Sonnenglanz, den er Allen goͤnnte, der aber ihm wehe that. Das Gluͤck hatte ihn geflohen, und nur wo keines, war er noch an ſeinem Platze: ein wackerer Streiter Jedwedem, der ſein bedurfte; dem Gluͤcklichen konnt' er Nichts leiſten. Schwarz behangen waren die Waͤnde ſeines Herzens, der Katafalk fuͤr den ent⸗ ſchlafenen Glauben an die Menſchheit, auf ewig, darin errichtet, und kein Lichtſtrahl, der nicht das Schauerliche des Ganzen noch verſtaͤrkte. Waͤhrend nun der junge Maler ſich willig dem Zuge hingab, der ihn an die neuen Bekannten feſſelte, der Graͤfin Wer⸗ nerode ein Sohn, der troſtberaubten Tochter — 9— 4 ein treuer Freund, Marien ein Bruder, waͤhrend deſſen zerbrach Frau von Forville ſich den Kopf, warum Amalie ihren Brief nicht erwiedere, und ſandte einen zweiten, an die Mutter addreſſirt. Dieſe uͤberreichte ihn ihrer Tochter, ohne weitere Bemerkung. Amaliens Verſtummen gegen die Jugend⸗ geſpielin erklaͤrte ſie ſich ja! Hart fiel der Graͤfin Donheim die Ant⸗ wort. Was ſollte ſie Mathilden ſagen, das nicht Beider Herzen zerriß! Und doch mußte ſie das bange Raͤthſel loͤſen, der Mutter nicht zumuthend, ihres Kindes Schmach der fernen Freundin ſelbſt zu enthuͤllen; mußte dieſe ihrer Unruhe uͤberheben. Und ſo ſchrieb ſie denn: „Deine Beſorgniß um mich, meine ge⸗ „liebte Mathilde, zwingt mir endlich die Fe⸗ „der auf. Du waͤhneſt mich krank oder „todt. Sieh', krank bin ich auch, doch nur 12 — 180— „an der Seele; bin auch geſtorben, aber ſie „rechnen mich noch unter die Lebendigen, „und haben blos die Leiche meiner irdiſchen „Wohlfahrt und meines guten Namens be⸗ „graben! Erſchrick nicht allzu ſehr! Noch „ſteh' ich eben ſo rein da, wie hundert An⸗ „dere, die nur gluͤcklicher waren, als ich, die „Gottes Zorn nicht geſtraft, wie mich, ſetz⸗ „ten ſie gleich nicht minder der Gefahr ſich „aus, als Deine arme Amalie. Weißt Du „nun noch nicht, wie es mit mir geworden, „ſo weiß ich nicht, wie ich es Dir beibrin⸗ „gen ſoll. So viel iſt gewiß, waͤreſt Du „mir zur Seite geweſen, dahin waͤr' es nicht „gediehen, und doch hat es mir an War⸗ „nungen nicht gemangelt. Aber wie geht es „nur zu: daß, bei aller Verehrung der Toͤch⸗ „ter fuͤr ihre Muͤtter— und wer verdiente „dieſe mehr, als die Graͤfin Wernerode?— „daß ſie dennoch, haben ſie einmal den — 181— „muͤtterlichen Zuͤgel abgeſtreift, ihnen ſel⸗ „ten die Gewalt uͤber ſich einraͤumen, die „ſchnell eine ganz Fremde uͤber ſie gewinnt? „Ihrer Selbſtſtaͤndigkeit fuͤrchten ſie zu ver⸗ „geben, und ihr Gluͤck bedenken ſie nicht. „Haͤtt' ich meiner klugen Mutter gefolgt, „haͤtte geachtet auf ihren Zuruf, der ja keine „Einmiſchung war in meine Rechte, nur „der Schrei des gequaͤlten Mutterherzens, „ich befaͤnde jetzt mich nicht an dem Rand „eines Abgrundes, deſſen unermeßliche Tiefe „auch ſie nicht ahnet. Wiſſe denn, meine „theure Mathilde, weil ich es doch aus⸗ „ſprechen muß, um Dich vollſtaͤndig einzu⸗ „weihen in mein Elend, daß Donheim ſich „von mir geſchieden! Du erblaſſeſt? Du „kannſt es nicht begreifen? Kann ich es doch „ſelber kaum! Ein Anderer— ihn naͤher „zu bezeichnen, erſpare mir— hatte, einen „Moment, meiner Gefuͤhle oder beſſer, mei⸗ 182— „ner Eitelkeit, ſich bemaͤchtigt; fortgeriſſen „vom Strom, erwog ich nicht das Ende. „Mein Leichtſinn autoriſirte den kuͤhnen „Mann zu jeglicher Hoffnung; er durfte, „meine Knie umſchlingend, ſtuͤrmiſch ver⸗ „langen, was, zu gewaͤhren, mir nie einge⸗ „fallen. Sein dreiſtes Wollen aber nahm „plötzlich die Binde von meinem Aug'; ich „erbebte, und waͤre mir Zeit geblieben, es „haͤtte wohl Alles ſich wieder zum Guten— „gefuͤgt; doch es ſollte nicht ſein! Lothar „traf ſeinen Nebenbuhler zu meinen Fuͤßen; „er forderte ihn, und verſtieß die Gattin, „auf immerdar, aus ſeinem Angeſichte, ohne „ſie nur zu hoͤren, ohne nur die betruͤbte „Mutter vor ſich zu laſſen. Mit einem „Streiche zerhieb er meine und ſeine See⸗ „lenruhe, gab mich Preis den ſchimpflich⸗ „ſten Gereden. Daß ich nicht auch ein „Menſchenleben zu beweinen, und Donheim — O;OOOO:OnOO——Q—Q,:—— — 183— „mit geringer Verwundung losgekommen, „iſt eine beſondere Gnade Gottes. Zu mei⸗ „ner Mutter bin ich heimgekehrt; ihr An⸗ „blick aber toͤdtet mich vollends; denn ſie „hab' ich gemordet, entſchluͤpft ihr gleich „kein Vorwurf. Zierde der Geſellſchaft, hat „ſie ſich gaͤnzlich daraus zuruͤckgezogen, und „empfaͤngt bei ſich nur noch die genauern „Bekannten. Von ihnen faͤllt bisweilen ein „Strahl des Mitleids auf Deine Amalie, „der, ich bekenn' es zu meiner Schande, „mich mehr verwundet, als alle ihre Laͤſte⸗ „rungen; dieſe luͤgen doch zum Theil. Mit⸗ „leid aber mir, der Tochter der Graͤfin Wer⸗ „nerode, der Gemahlin des Grafen Donheim, „der fruͤher ſo viel Geprieſenen, viel Benei⸗ „deten! Mitleid Amalien! O, das Gewicht „dieſes einen Wortes zerſchmettert mich! „Sehr gedemuͤthiget bin ich auch von der „ſchnellen Heirath Desjenigen, der mir den — 184— „tiefen Sturz bereitet, und muͤßte ſchon „darum ihn haſſen. Schwor er nicht tau⸗ „ſend Mal: daß er nie geliebt, wie er „mich liebe; daß er meine Ungunſt nicht „uͤberleben koͤnne; verſicherte nicht tauſend „Mal: daß, waͤre Amalie frei, er mit „ſeinem letzten Blutstropfen ſie erkaufen „wuͤrde! Der Falſche! Meine Mutter glaubt, „ich liebe ihn; ſie verharre bei dem Wahn, „er iſt das Aergſte nicht fuͤr ſie! „Erfahren haſt Du nun meine traurige „Geſchichte, gute Mathilde, und beklagſt „mich aufrichtig, nicht wahr? Ja, Du „darfſt mich ſchon beklagen! Dein Mitleid „hat nichts Verletzendes, iſt blos das Echo „des meinigen; Du darfſt es ſchon grauſam „nennen: daß eine einzige Minute meine „ganze Zukunft verſchlungen, und von der „ſchoͤnen Vergangenheit mir Nichts gelaſſen, „als, was die Gegenwart noch duͤſterer — 185— „geſtaltet! Ja, Du fuͤhlſt mit mir, und „wuͤnſcheſt mir zu helfen! Doch, wie „dann erſt, wenn ich Dir ſage: daß Du „bis jetzt nur die Lichtſeite dieſes Nacht⸗ „ſtuͤckes geſchaut; daß Du noch nicht all „die Ironie meines Schickſales, noch nicht „das wirklich Tragiſche davon weißt; Dir „ſage: daß es nicht jener Kaltherzige iſt, „an dem mein Herz langſam ſich verblutet, „ſondern Er, der klein denkend von Ama⸗ „lien, ſie aus ſeiner Naͤhe verwies! Es iſt „heraus, ich liebe ihn; liebe Donheim, und „Deiner treuen Bruſt allein, meine Ma⸗ „thilde, vertrau' ich dies Geheimniß an; „die Mutter argwoͤhnt es nicht, wiewohl ihr „Blick zuweilen ſo truͤbe und ſpaͤhend auf „mir haftet, daß ich ungewiß werde, ob ſie „noch zweifelt an meiner Unſchuld, und mit „der Angel dieſes Blickes, die Wahrheit her⸗ „aufziehen will aus meinem Buſen, oder — 136— „ob eine andere Wahrheit aufgetaucht in dem „ihrigen. Hieruͤber muß ich ſchweigen, ſoll „ihr Jammer nicht noch wachſen; ſie aber „muß fuͤhlen: daß Amalie eher ihre Zaͤrtlich⸗ nkeit einbuͤßen wuͤrde, als ſie hintergehen. „Die Schuld, die ich zu verantworten, kennt „ſie; das Unbekannte iſt hier auch das Un⸗ „geſchehene! Ein kleiner Moment noch vom „haͤmiſchen Geſchicke mir verwilligt, und es „waͤre Alles nicht ſo; denn unumſtoͤßlich lebt „es in mir: daß ich nimmer meinem Ver⸗ „derber nachgegeben haͤtte. Gerettet hab' „ich aus dem Schiffbruche meines Gluͤckes „nur dies Bewußtſein; es troͤſtet mich, wenn „die Menſchen mein Unrecht vergroͤßern; doch „nicht, daß auch Er das Uebelſte glaubt, „an dem meine Seele nicht gehangen, da „ich mich ihm verband, wie nun, wo er „die, ſonſt geliebte, Gattin von ſich geſto⸗ „ßen. Was iſt die Herzenstaͤndelei des 2 „ſiebzehnjaͤhrigen Maͤdchens gegen die ge⸗ „reifte Liebe der aͤltern Frau« Was jene „milde Fruͤhlingsſonne, jener Mondlichts⸗ „thau auf die zarte Pflanze gegen die, unter „Gewitterſtuͤrmen, raſch erwachte Bluͤte, die, „ mit dem Leben, auch den Tod gewonnen? „So mußte der abgedroſchene Satz: daß „wir den Werth eines Gutes erſt ganz „ſchaͤtzen lernen, wenn es fuͤr uns dahin iſt, „ſo muß er an mir ſich neu bethaͤtigen, und „ich jetzt erſt einſehen, was ich beſeſſen, „und was verloren in dem unvergeßlichen „Freunde! Er, proteſtantiſcher Religion, „waͤhlet ſicher auf's Neue; ihm gebricht „es noch an dem Erben ſeines Namens „und Vermoͤgens, mich aber ſoltert der „Gedanke. Keiner goͤnn' ich den Mann, „den ich doch zu den gewaltſamſten Schrit⸗ „ten getrieben, und nicht bruͤſten will ich „mich mit einem Edelmuthe, der nicht in — 188— „mir: die Nachricht ſeiner Vermaͤhlung waͤre „mein Tod! Ach, ich bin ſo voller Reue, „meine Mathilde, ſo voller Liebe; ja, ich „ſpraͤche: ſo voller Verzweiflung, ſchuͤtzte „meine Gottesfurcht mich nicht vor der „Suͤnde, daß mein Herz ſich faſt ſchon blind „geweint, entquillet zwar meinem Auge „keine Thraͤne; dieſe Linderung iſt mir ver⸗ „ſagt; nur, wenn es Perlen findet in den „Augen meiner edlen Mutter, wird ſeine „Wimper feucht; denn Perlen ſind die Krank⸗ „heit ihrer Muͤtter, und ich der Schmerz der „meinigen, und kann nie wieder zum Schmuck „ihr werden. „Zu Dir, Geliebte, moͤcht' ich eilen; „doch, wie ſoll ich fort, ohne die Mutter, „und was finge ſie an mit Marien, die nicht „beſtimmt fuͤr die Welt, auch nicht taugte „in die große Weltſtadt, weniger noch bei „ihrem Vater, deſſen rauher Fuß das holde — 189— „Veilchen zertreten wuͤrde. Wie konnte „meine ſanfte, guͤtige Mutter jemals dieſen „Mann lieben? Mir floͤßt' er ein wahres „Grauen ein. „Augenblicke kommen, wo der Vorſatz „in mir aufſteigt, gleich Marien, meine „Tage im Kloſter zu beendigen; dann aber „empſind' ich wieder den ganzen Unterſchied „zwiſchen uns Beiden, und mir entſinket „der Muth auch dazu. Marie bringt den „Gottverliehenen Frieden mit in die geweih⸗ „ten Mauern; nur, was ihr dort wird, be⸗ „gehret ſie; die Tiefen des menſchlichen „Daſeins haben ſich vor ihr noch nicht er⸗ „ſchloſſen; ſie ruhet noch auf ſeinen lichten „Hoͤhen, iſt noch getragen von den Fittigen „der Jugend und Unſchuld; wie die Mor⸗ „genroͤthe ihres Lebens, ſo auch ſeine Abend⸗ „roͤthe! Ich aber fuͤhrte den Orkan der „Leidenſchaft in meine einſame Zelle, und — 190— „je ſtiller hier Alles, je lauter muͤßt' ich „ſein Toben vernehmen. Und ſo giebt es „denn nicht außerhalb der Welt, nicht in „ihr mehr, giebt einzig an dem Orte noch „Ruhe fuͤr Deine Amalie, wo alle Wuͤnſche „und Hoffnungen in ewiger Ruhe beiſam⸗ „men ſchlummern. „Unter die Wenigen, die jetzt Zutritt „haben bei meiner Mutter, gehoͤrt ein Freund „unſers Edmond, der, in Paris, auch der „Graͤfin Forville begegnet, und ſie ungemein „lobt. Der Landſchafter Elwangen iſt's, nein ſchoͤner Mann; aber auch von ſeinem nedlen Angeſichte leuchten die Feuermale „des Schmerzes. Er ſpricht nicht uͤber ſich, „und ſelbſt Edmond kennt ſeine Verhaͤltniſſe „kaum; allein, wenn man ihn ſieht, moͤchte „man ſchwoͤren, daß er nur Unrecht erlit⸗ „ten, keines begangen, und nicht aus „muͤßiger Neugierde, aus wirklichem Inter⸗ — 191— „eſſe fuͤr ihn, ſehnt man ſich nach Aufſchluß. „Indeß er oͤffnet nur die Schatzkammer ſei⸗ „nes Geiſtes, die ſeines Herzens nie; und „doch, welcher Reichthum muß auch hier „verborgen liegen! Ein ganzes Pompeji „verſchuͤttet in dieſem Herzen! Wer da „nachgraben duͤrfte, und die koſtbaren Truͤm⸗ „mer herauffoͤrdern an's Licht des Tages! „Elwangen aber wehret jede fremde Hand „von ſich, und verſuchte ich's, der er, von „uns Allen, am Meiſten ſich zuneigt— „vielleicht, weil er von Allen mich die Un⸗ „gluͤcklicſſte weiß!— verſuchte ich's, an „ſein Ungluͤck zu ruͤhren— und ſchweres „traͤgt er unfehlbar— er wuͤrde auch Ama⸗ „lien fliehen! Einmal erlaubte ich mir „eine leiſe Anſpielung, und er rief:„Von „dem Krater meines Buſens bleibe ja fern, „wer nicht aus ſeiner Naͤhe mich verbannen „will!“ Das will ich nun nicht, und ſo „betrachte ich den neuen Freund wie einen, „von Außen, ſchoͤn verzierten Schrank, der „auf innere Wunder deutet, wozu jedoch „der kunſtreiche Schluͤſſel verloren ging, den „einſt der Zufall wohl wieder auffinden laͤßt. „Waͤr' ich noch die Graͤfin Donheim von „ſonſt, es haͤtte mich gereizt, den Tiefſin⸗ „nigen zu bekehren, und meine Eitelkeit „Alles an den Sieg geſetzt; jetzt haſſ' ich „ſolche Siege! Erinnerſt Du Dich Elwan⸗ „gens noch, ſo wirſt Du mir Deine Mei⸗ „nung uͤber ihn ſagen. „Edmond kuͤmmert mich ebenfalls. Er „liebt Marien, die ihn nicht liebt, nicht „lieben darf, und wohin der Blick auch „ſchweift, er ruhet nicht auf Freudigem aus. „Es iſt ein ſehr langer Brief, den ich „Dir geſchrieben, gute Mathilde, und doch „nicht lang genug fuͤr meinen Schmerz. — 193= „Gruͤße Dich Gott, und lenke Deine Ge⸗ „danken, in Liebe, zu der ungluͤcklichen Amalie.“ So hart es der Graͤfin Donheim ange⸗ kommen, ihr Schweigen gegen Frau von Forville zu brechen, ſo wohl that ihr jetzt die volle Ergießung. Was am Druͤckendſten auf ihr laſte, hatte Amalie der Mutter ver⸗ heimlicht, und daß es endlich den Weg aus ihrer Bruſt zu der Freundin Bruſt ſich ge⸗ bahnt, ſie um Vieles erleichtert. Mathildens waͤrmſter Theilnahme war ſie gewiß, und zaͤhlte die Stunden, bis ſie wieder von ihr hoͤren konnte. Unterdeſſen hatte im Hauſe der Graͤfin Wernerode, dem Anſcheine nach, ſich wenig oder Nichts geaͤndert, nur auf Mariens kla⸗ res Antlitz ein duͤnner Wolkenſchleier ſich herabgelaſſen, und Euphemia forſchte um die Urſache. Marie nannte, als dieſelbe, J. 13 — 194— den nahen Sterbetag ihrer Mutter, der jedes Mal, wie unerwartet, zu ihr trete, und Frau von Wernerode ſtoͤrte durch keine Frage weiter, durch kein Ermahnen dieſe heiligen Regungen in der Tochter. Sah ſie doch nur zu oft ſolche Tage aus dem Gedaͤchtniſſe der Nachgebliebenen entweichen, und laute Vergnuͤgungen die gebuͤhrende Trauer ver⸗ draͤngen. Sie ſelber aber hielt derlei Erinne⸗ rungen feſt, und brachte hauptſaͤchlich den Todestag ihres Gemahles ſtets in groͤßter Zuruͤckgezogenheit und Andacht zu, nicht aus leerer Empfindelei, die ihr ein Greuel, ſon⸗ dern, weil ſie ihn hochgeachtet, wie Keinen, und ihrer Seele Beruhigung ihm verdankte. So begriff ſie auch Mariens Wehmuth ganz; denn liebte ſie gleich Steinholms Tochter, wie die eigene, immer war ſie nicht ihre rechte Mutter; nicht ſie, die mit dem Tode gerungen, als das junge Leben ſich dem — 195— muͤtterlichen Schooß entrang; nicht ſie, die, in ihrer Kindheit, Tage und Naͤchte an ihrem Siechbette gewacht und geſorgt, und aus jedem ſchweren Athemzuge der Kranken neuen Schmerz, aus jedem freiern neues Daſein geſchoͤpft; nicht ſie, die, mit jeglicher Huͤlfeleiſtung, ein friſches Reis der Dankbar⸗ keit in ihres Kindes friſches Herz gepflanzt, das nun hier, mit den Jahren hoch empor⸗ geſchoſſen, unter ewig gruͤnem Dache, die Mutter barg in jugendlicher Schoͤne. Sie von dieſer geweihten Staͤtte entfernen wollen, hieße Graͤber aufwuͤhlen und ſie berauben. Das liebe Maͤdchen auf die Stirne kuͤſſend, ſprach Euphemia:„Segne Dich Gott, meine Marie, und bewahre Dir das Bild Deiner trefflichen Mutter in ſeiner ganzen Reinheit. Moͤge kein Staͤubchen der Zeit es Deinen frommen Tochterblicken anders darſtellen! Moͤgeſt Du bei ihm Troſt ſuchen und finden, 13* — 196— wenn Du ſeiner benoͤthigeſt! Die Mutter unſers Heilandes wird ſolcher Liebe freund⸗ lich laͤcheln; ſie thut ihr keinen Eintrag, erweitert vielmehr Deine Bruſt fuͤr ihren Altar. Immer enger ſchmiegte Marie, unter dieſen Worten, ſich an die Graͤfin an; immer raſcher hob ſich ihr Buſen, die neuen Sproͤß⸗ linge deſſelben in Thraͤnenbluͤten hervortrei⸗ bend.„Iſt Dir ſonſt Etwas?“ rief Euphe⸗ mia, betroffen von der ungewoͤhnlichen Stim— mung ihres Kindes. 1 „Nichts, als ein ſehr volles Herz, das wohl im Gebete ſich Luft macht!“ verſetzte Marie, auf die Hand der theuern Frau ſich neigend, und enteilte. Eine ſeltſame Unruhe aber ließ ſie in Euphemien zuruͤck; ihr duͤnkte, als habe ſie Marien ſo noch nicht geſehen, und doch war — 197— es nicht das erſte Mal, daß die Tochter den Sterbetag ihrer Mutter hier verlebte; das erſte Mal nur, wo das ſanfte Eolorit ihrer Betruͤbniß eine hoͤhere Faͤrbung angenom⸗ men; das erſte Mal, daß ihr„volles Herz“ ſich nicht geoͤffnet vor ihrer muͤtterlichen Freundin; heute war es mehr, als bloße Schauer der Vergangenheit, war wohl ein Hauch der Zukunft, der ſie angeweht. Un⸗ aufhoͤrlich mußte nun die Graͤfin das Aug' auf ihre Pflegbefohlene richten; allein ſie entdeckte keinen Grund fuͤr ihre Sorge. Elwangen war mittlerweile in Euphe⸗ miens und der Ihrigen Gunſt ſo geſtiegen, daß man ihn ſehr vermißte, blieb er einen Tag weg; noch aber hatte man ihn nicht gefragt, wann er ſcheide, theils aus Furcht, dadurch das Signal zu geben; theils, weil ſeine ganze Art keine perſoͤnliche Frage an ihn geſtattete. Niemand wagte, ihn zum — 198— Sprechen uͤber ſich aufzufordern; Niemand, das geheimnißvolle Gewebe, womit er ſich umſponnen, durch dreiſtes Betaſten zu ver⸗ letzen. Man ahnete dahinter allerdings Mancherlei, doch Boͤſes nicht. Da verkuͤndete ploͤtzlich der junge Maler, bei der Graͤfin Wernerode, ſeine Abreiſe, und rief ein allgemeines Bedauern hervor. Je kleiner der Zirkel, in welchen ein geiſtreicher und talentvoller Menſch, ſo zu ſagen, hinein⸗ gewachſen, je groͤßer die Luͤcke, wenn er ſich losreißt. Elwangen ſelbſt war heftig bewegt, und geſtand: daß mit ſeinem Aufbruche von hier, wo er ungleich mehr gefunden, als er je noch erhofft, der letzte Stern ſeines truͤben Horizontes verloͤſche, und fortan nur Dun⸗ kel ihn umfließen koͤnne. Dabei ward ein ſolcher Kummer, ein ſo lange bezwungenes Weh in ſeinen Mienen ſichtbar, daß ſie allein die tiefſte Ruͤhrung geweckt haͤtten. Er zog — 199— hierauf, aus ſeiner Mappe, die Bildniſſe Ama⸗ liens und Mariens, die er, ohne ihr Wiſſen, meiſterhaft entworfen, und uͤberreichte ſie der Graͤfin Wernerode. In freudiger Ueberra⸗ ſchung und ſtummen Dank druͤckte ſie des lieben Spenders Rechte. Fuͤr die Tochter des Hauſes hatt' er eine herrliche Landſchaft des Orientes verfertigt; fuͤr Marien, aus dem Gedaͤchtniſſe, die Villa auf der Pyre⸗ naͤiſchen Halbinſel, wo ſie geboren, und in heiterer Unſchuld, mit ihrer Mutter, auch die ſchoͤnere Jahreszeit des Lebens geweilt. Ihm, der alle Himmelsgegenden durchſtreift, der auch Spanien kannte, und den reizenden Punkt, der an ihre Kindheit ſie mahnte, ihm hatte Marie oftmals von ihrem Vaterlande erzaͤhlt, und er jetzt, ganz eingehend in ihre Gefuͤhle, ein Kunſtwerk vor ihre Sinne ge— zaubert, das ſie mit zitternden Haͤnden, mit uͤberſtroͤmenden Augen, aus ſeiner Hand, — 200— zum Abſchiede, empfing. Ihrer frohen Roͤ⸗ the war die Blaͤſſe des Todes gefolgt, und halb ohnmaͤchtig fluͤchtete ſie auf ihr Zimmer. Dort traf Euphemia, die, erſchreckt, ihr nachgegangen, ſie knieend vor dem Bilde des Erloͤſers, und ſo in ſich verſunken, daß Frau von Wernerode ſie anrufen mußte. Schnell erhob ſich Marie, ſchwere Ge⸗ wittertropfen auf der bleichen Wange; aber des Gebetes ſel'gen Frieden ausgegoſſen uͤber ſie.„Hat das Andenken an die Heimath Dich ſo bewaͤltigt?“ fragte Euphemia, die weiße Roſe an ihren Buſen nehmend. „Es hat mich faſt vernichtet!“ erwie⸗ derte, mit ſchwacher Stimme, Marie, und barg ihr Angeſicht an der Graͤfin Schulter. „Es kam ſo unvermuthet!“ fuͤgte ſie noch leiſer hinzu. „Und will mein gutes Kind dieſe ſchaͤd⸗ liche Weichheit nicht bezaͤhmen lernen? Waͤre 83 — 201— die Welt Dein kuͤnftiger Tummelplatz, ich muͤßte bangen um Dich; denn die Welt iſt unſanft im Angreifen, und ein Gebilde, wie Du, zerbricht ſie leicht. Wohl Dir, daß Deine Wege keine irdiſchen ſind: daß Du ruhen wirſt an der Bruſt, die keinen Glau⸗ ben zu Schanden macht! Elwangen wollte Dich erfreuen mit der Erinnerung aus dem Jugendlande, nicht durch Uebermaß Dir die Luſt daran vergaͤllen. Wir ſehen ihn noch, bevor er geht, und Du dankeſt ihm alsdann wohl ruhiger. Er iſt kein gluͤcklicher Menſch, und, daß er die Grabespforten ſeines Innern niemals aufthut, nie einen friſchen Luftzug fremden Gefuͤhles einlaͤßt; daß er dort unten ſitzet Tag und Nacht ohne Freundestroſt; ſitzet bei den modernden Leichen ſeiner Ge⸗ danken, vielleicht ihrer Auferſtehung harrend, oder ſeiner Aufloͤſung, ſieh', das Alles wuͤrde ihn als einen Schuldigen ſtempeln, truͤg' er nicht das Gepraͤge eines durchaus edlen Man⸗ nes an ſich.“ „O, nur ihn nicht ſchuldig waͤhnen!“ entgegnete Marie, mit großer Lebhaftigkeit. „Wem waͤre noch zu trauen, koͤnnten ſolche Zeichen luͤgen! Der Ungluͤcklichſte auf Er⸗ den mag er ſein, der Beſte iſt er ſicher!“ Ein Blick der Graͤfin Wernerode ver⸗ wirrte Marien ſo, daß ſie den ihrigen zu Boden ſenkte. „Und Wer,“ ſagte Euphemia ſpaͤhend, „unterwies Dich, dieſe Zeichen zu deuten?“ „Mutter Natur, die in Jedweden die Faͤhigkeit gelegt, mit ſeinem Herzen das Herz des Naͤchſten zu erkennen.“ „Ein ſehr falſcher Maßſtab, mein Kind! Wo blieben alle Taͤuſchungen, die unſer Le⸗ ben vergiften— und hier mußte ſie unwill⸗ kuͤrlich an Mariens Vater denken— wo all der bittere Gram des Irrthumes, waͤr' es, — 203— wie Du behaupteſt? Ja vermoͤchten wir, mit der Magnetnadel unſers Herzens, andere Herzen zu pruͤfen, dann freilich gaͤb' es keine vereitelten Hoffnungen, keine Wunden der Treuloſigkeit, die oft im Tode erſt vernar⸗ ben! Ich weiß es auch, meine Marie, was es heißt: urtheilen nach ſich, und hab' ein ſchweres Lehrgeld dafuͤr gezahlt. Dem Vater lieh ich keinen Glauben, und das reich befrachtete Schiff meiner Jugend ſchei⸗ terte an meiner Thorheit. Es hat viel ge⸗ braucht, bis ich von dem Schlage mich er⸗ holt.“ „Welcher Barbar,“ rief Steinholms Tochter, die Mutter zaͤrtlich umſchlingend, „konnte an das Gluͤck eines ſo Gottgelieb⸗ ten Weſens ſeine verbrecheriſche Hand legen? Wer die Liebe eines ſolchen Gemuͤthes nicht fuͤr das Hoͤchſte erachten, nicht ſeine Ruhe heilig halten? O, daß ich nie den Namen 15 14 — 204— Desjenigen erfahre, der dieſe Ruhe geſtoͤrt! Ich muͤßt' ihn haſſen, und Haß iſt ja Suͤnde, auch gegen den Feind.“ „Sie waͤre hier eine doppelte,“ ſprach die Graͤfin.„Dem Widerſacher verzieh ich laͤngſt durch die That; mehr wird ſelbſt der Ewige nicht fordern, und Marie einſt vor ſeinem Richterſtuhle bekraͤftigen: daß nur Milde und Verſoͤhnlichkeit in Euphemien ge⸗ wohnt!“ Darauf kuͤßte ſie die Tochter, und ging, eh' ein Wort zu viel uͤber ihre Lippen drang.— Steinholm hatte indeß ſeinen Plan mit Frau von Wernerode noch immer nicht auf⸗ gegeben. Was fruͤher vielleicht blos Laune, war nun Eigenſinn und unbeugſamer Stolz geworden. Weigerung empoͤrte ihn, und ſo wie er Seraphinen die ihrige noch nachtrug in dem Sohne, der von ihm nicht wohlge⸗ litten, ſo ſollte auch Euphemiens Beharrlich⸗ — 205— keit ſchwinden vor der ſeinigen, und, ſie zu ſtrafen, haͤtt' er Marien bereits in's Kloſter geſteckt, wenn er damit nicht das einzige Band geloͤſt, das die Graͤfin an ihn feſſelte, die Gebote ſeiner verſtorbenen Gattin nur ehrend, in ſo fern ſie zu ſeinen Abſichten taugten. Je naͤher aber die Epoche kam, die ſeine Tochter der Außenwelt entruͤckte, je beſtimmter erklaͤrte ſich die Witwe des Gra⸗ fen Wernerode gegen die Verbindung mit Mariens Vater. Edmond, der an ſeinem Freund Elwan⸗ gen ſich zu erheben ſuchte, mied vorſaͤtzlich das Haus der Graͤfin, Mariens Zauber noch weit mehr fuͤrchtend im engen Beiſammen⸗ ſein, als im bunten Gewuͤhl der Menge. Frau von Wernerode konnt' es nur billigen; es zeigte von dem Ernſte, ſich zu ermannen, und wie gern ſie auch gerade jetzt den Kreis der ihr Theuern recht dicht um ſich geſchloſſen, — 206— ſo durfte ſie doch Cederſtern um ſo weniger zu einem andern Benehmen ermuntern, als in Marien kein Fuͤnkchen jener Liebe fuͤr ihn gluͤhte, die noch Beider Schickſal wenden mochte. Ende des erſten Theiles. Gedruckt bei P. T. Meltzer in Wurzen. ——“