Leihbibliothek t deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für iglchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———,—— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — aA — t, 7. 1—„—, 1 9.—— 4. 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Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 — — Die Brautleute Sch oder . uld und Sdelmuth⸗ ——— Ein Roman von Regina Frohberg. vc, ee 8 4 Shauen, 3 4 N Wien bey Anton Pi 1 h ter 13 14. 1* *—f 8 Wein cilt ln lie, Wiede eele, 6 Vͤeed, 60 4 Schuld und Edelmuth. — — — ᷣ — — — — — — 9A Langſ von allen Menſchen zurückgezogen, die nicht ſein Erbarmen forderten, hatte Ewald ſich am Fuſſe eines Berges niedergelaſſen, wo ſein Blick mit immer neuem Entzücken an der ſchö⸗ nen Ausſicht hieng, die ſich vor ihm eröffnete, und wo ſein Herz, vergeblich nach Frieden rin⸗ gend, ſüſſern Schmerzes voll, der Vergangen⸗ heit ſich hingab. Die Tage ſeiner glücklichen Jugend, ſeiner erſten und einzigen Liebe ſtreif⸗ ten hier linder an ihm voruͤber; die Schuld, die ihn drückte und niederbeugte, ſchien in die⸗ ſer bezaubernden Gegend, wo alles Ruhe und Heiterkeit athmete, von ihrer zermalmenden Kraft verloren zu haben; freier hob ſich ſeine Bruſt, ſeitdem er dem Weltgetümmel entflo * hen, ſeine Stunden in Gebet, in Einſamkeit und mildthaͤtigen Handlungen zubrachte; und mit jeglicher Hoffnung für die Zukunft, war auch jegliches Verlangen aus ſeiner Seele ent— ſchwunden. Das Andenken an die Geliebte, die frühzeitig, wie eine Lilie vom Sturme ge⸗ brochen, dem Grabe zugetheilt worden, beſchäf⸗ tigte ihn hier minder peinlich, ja es kamen ſo⸗ gar Augenblicke, in welchen ſeine Phantaſie das Gute von dem Böſen, das in dieſer Erin⸗ nerung lag, rein zu ſondern vermochte, und jenes hell und klar vor ihn tretend, das Dun⸗ kel ſeines verfloſſenen Lebens magiſch erleuchtete. Inbrünſtiger Dank ſtieg für ſolche Momente unerwarteten Glückes aus ſeinem trüben Her⸗ zen zum Himmel empor, und vermehrte nur ſeinen Eifer im Wohlthun, die einzige Art, wie er vergelten zu können glaubte. Mancher Wandersmann klopfte, abweichend von der Heerſtraße, nach Schatten und Kühle ſpaͤhend, aan die niedere Thuͤr ſeiner kleinen Hütte, die man erſt bemerkte, wenn man ihr ganz nahe ——— —IV F um ihnen mit ſeinen mediziniſchen Kenntniſſe war, indem hohe, dicht verzweigte Bäume ſie in der Entfernung vor aller Augen verbargen, und keiner verließ ſie unerquickt und unbefrie⸗ digt; mancher Unglückliche, den, wie ihn, des Schickſals Welle an eine jähe Klippe geworfen, und den das Wilde, Romantiſche dieſer Gegend anlockte, ohne Wunſch oder Willen, in dieſer Einöde ein menſchliches Weſen anzutreffen, fand, ſobald er ſich ihm entdeckte, wo nicht Troſt, doch Theilnahme, und oft eine mitfüh⸗ lende Thraͤne, die des Buſens Laſt erleichterte. Aber nicht blos was das Ungefähr ihm zuführ⸗ te, genoß ſeiner hülfreichen Liebe. Er, der die Menſchen häͤtte haſſen ſollen, weil ſie ihm un⸗ ausſprechlich wehe gethan, er durchſchwärmte die entlegenſten Thäler, erklimmte die ſteilſten Anhöhen, Kranke und Dürftige aufzuſuchen und dem Reſte ſeines Vermögens beizuſtehen⸗ Wenn der Mann vom Bache ſich zeigte,(ſein men hatte er noch niemanden genannt) ſo fe Haͤuschen lag an einem Bache, und ſeinen Na⸗ — / — 8— das Roth der Freude die gebleichten Wangen der Leidenden; die Blicke ruhten mit Wonne und Erkenntlichkeit auf ihm. Seine ernſte, männliche Stimme, die ſie nie vernahmen, ohne für ihr Elend Worte der Linderung zu hören, war ihnen ſchon von weitem der Hoffnung ſtär⸗ kender Zuruf. Jung und Alt betete ihn an; Kinder’ umklammerten liebkoſend ſeine Knie, und er ſchloß ſie in unbeſchreiblicher Wehmuth an ſeine Bruſt; Greiſe neigten ſich in tiefer Ehrfurcht vor ihm, und ſeine Gedanken hafte⸗ ten ſchneidend auf einer Epoche, der er nur mit Vorwurf und bitterer Reue gedenken konnte. 3 So wurden haͤufig die Stunden, die ihn am meiſten erheitern, ihm ſeinen Gott wieder gnä⸗ dig machen ſollten, die haͤrteſten für ihn, und nicht ſelten kehrte er von ſolchen Gaͤngen im düſterſten Unmuthe heim. Eines Tages geſchah es auch, daß durch die Gegenwart ſchmerzlich erinnert an geweſene Zeiten, er trübſinnig ſei⸗ nen Weg nach Hauſe verfolgte, als eine ſchwere Gewitterwolke, die ſchon lange drohend am — — —* —— Horizonte geſtanden, ſich plötzlich in gewalti⸗ gen Schlägen und großen Tropfen entladete. Der Sturm brauſte in den hohen Wipfeln ur⸗ alter Baͤume, Blitz und Donner fielen krachend hernieder, und eine hundertjährige Eiche vor ſeinen Augen zerſchmetternd, warnten ſie ihn vor dieſem trügeriſchen Schutze; der Regen er⸗ goß ſich in heftigen Strömen über nackte Fel⸗ ſen, die ganze Landſchaft ſchwamm in Feuer und Waſſer, und keine Hütte, keine Höhle in der Nähe, die ihn haͤtte ſchirmen können! Ge⸗ faßt ſchritt er vorwaͤrts; ſein Fuß gleitete auf der ſchlüpfrigen Erde, er ſtützte ſich auf ſeinen 4 Knotenſtock.„Was iſt Wind und Wetter der Lüfte,“ rief er,„was der Aufruhr aller Ele⸗ mente gegen die Orkane des Gewiſſens, die ich, Armer, ſchon empfunden! Was dieſes mühſa⸗ me Wandeln auf glattem Boden gegen die ge⸗ fährlichen Pfade des menſchlichen Herzens!“ Durchnäßt bis auf die Haut, kam er in ſeiner Wohnung an, wo ein alter treuer Diener, der mehr ſein Freund, als ſein Diener war, 1 8 — 10— und der unter keinem Bedinge ſich von ihm trennen gewollt, als er hier ſich angeſiedelt, indeß die Gaſtfreundſchaft für ſeinen Herrn ausgeübt, und einem Reiſenden, der verirrt und vom Gewitter überraſcht, um ein Obdach gebeten, ſolches geſtattet hatte. Herzlich will. 3 kommen hieß Ewald den Fremden, den er er⸗ . ſuchte, ſich's bequem zu machen, worauf er ſelbſt ſich eine Minute beurlaubte, die Kleider zu wechſeln, und ſodann ſich wieder zu ihm 5 geſellte; ſeinem biedern Anton trug er auf, 1 eine gute Mahlzeit zu bereiten. 4 ——— Der Reiſende wußte nicht, was er von der Geſtalt, den Reden ſeines Wirthes, die ſo ſon⸗ derbar kontraſtirten mit ſeinem Aufenthalte und ſeiner Lebensweiſe, denken ſollte. Daß ſeine Erziehung ihn nicht für dieſe Abgeſchiedenheit beſtimmt hatte, ſah er bald; daß Unglücksfälle 4 ihn dahin gebracht haben mußten, die Welt zu Alehen, für die er geboren ſchien, zeigte ſeine Bläͤſſe, der melancholiſche Blick aus ſeinem — 1 1—— dunkeln Auge, die Trauer, die über ſein edles Außere ausgegoſſen war. Eine gewiſſe Scheu, die er ſich nicht erklärte, hielt ihn ab, auch nur eine einzige Frage zu thun, die ſeine auf⸗ geregte Neugierde geſtillt hätte; aber er begriff nicht, wie man in der Kraft der Jahre, mit ſo vielem Recht an Glück und Freude, allem menſchlichen Umgange entſagen, ſich in Bücher und Einſamkeit vergraben könne. Ewald er⸗ rieth des Jünglings Ideen und ſagte:„Sie ſtaunen, daß ich hier meinen Wohnſitz aufge⸗ ſchlagen?“ „Ich leugne nicht,“ entgegnete jener, „daß es mir auffällt, ſtatt eines Landmanns, den ich in dieſer, von außen unanſehnlichen Hütte um Schutz anzuſprechen gedachte, einen Mann zu finden, der die Zierde der Geſell⸗ ſchaft ſeyn würde.. „Ich kenne die Geſellſchaft,“ antwortete Ewald ſeufzend,„kenne ühre gerderungen, .“ — 12— und wollte, ſie wäre mir ewig unbekannt ge⸗ blieben!“ „Sie werden jedoch zu ihr zurückkehren?“ fragte der Reiſende forſchend. „Nie!“ erwiederte Ewald kalt, und ſchien das Geſprach ungern fortzuſetzen. Sein Gaſt bemerkte es 8 und ſchwieg. Der Regen ließ nach, das Wetter hatte ausgetobt, und der junge Mann ſchickte ſich an, ſeinem Wirthe In dankbares Lebewohl zu ſagen, als dieſer ihn bat, bey ihm zu übernachten, indem der Bach, an welchem er hart vorüber müſſe, durch den Wolkenbruch zu ſtark angeſchwollen ſey, um den Weg für heute ganz ſicher zu machen. Der Fremde der mit jeder Minute ein höheres In⸗ tereſſe für Ewald empfand, war leicht beredet, die Reiſe zu verſchieben, heimlich hoffend, daß ein längeres Beyſammenſeyn ihm die Gelegen⸗ heit geben würde, den frühern Verhaͤltniſſen des raͤthſelhaften Bergbewohners auf die Spur — — 13— zu kommen. Aber hatte des ernſten Mannes Erſcheinung auf den Jüngling einen tiefen Ein⸗ druck hervorgebracht: ſo regte durch ihn ſich auch manches in Ewalds Herzen. Exinnerun⸗ aus der Vergangenheit wehten ihn an, wie leiſe Zephir⸗Hauche, ſein Auge ſchwamm in Thränen, die er nicht bezwingen noch verbergen wollte; als aber jener ſeine Hand theilnehmend faßte und ſchweigend um ſein Vertrauen flehte, da ſtand er auf, umarmte ſeinen Gaſt, wünſch⸗ te ihm eine ruhige Nacht, und begab ſich hinweg⸗ Lange noch ſann der junge Mann über das Schickſal ſeines Wirthes nach, ehe Morpheus den Müden überwältigte. Er ſchlummerte end⸗— lich ein, und erſt die helle Morgenſonne, die ſein Lager beſchien, weckte den ſpäten Schläfer zu einem köſtlichen Tage. Er trat vor die Hüt⸗ te, aus den Bäumen heraus, die ſie umſchat⸗ teten, und erblickte die reizendſte Landſchaft. r ſich den Bach, der heute einem großen 8 nuſ glich, und auch mit ſeinem getruͤht— 1 —ᷓ einem Krankenbeſuche wiederkehrte und freund⸗ Arme des Ehrfurcht⸗Gebietenden und um⸗ .. 3 — 1 4— Spiegel, eine herrliche Wirkung that; jenſeits, in weiter Ferne, majeſtätiſche Felſen, auf de⸗ ren äußerſter Spitze ſich alte Schlöſſer und Kir⸗ chen erhoben; zu ihren Füſſen in den anmu⸗ thigſten Gründen die blühendſten Dorfſchaften, die mit dem Winde ein frommes Glockengelaͤu⸗ te herüberſandten; muntere Heerden, die in ihrer Nähe weideten, Vögel aller Art, die fröhlich herumflatterten und die Lüfte mit ih⸗ rem Geſange erfüllten. Der Regen des vori⸗ gen Abends glaäͤnzte in buntem Schmelz auf Laub und Gras, eine unbeſchreibliche Ruhe war verbreitet über der ganzen Gegend. Hin⸗ ter ſich ſah er die ſchwaͤrzeſten Waldungen, die kein Sonnenſtrahl durchdrang, und einen ſtei⸗ len, wild bewachſenen Berg, an den Ewalds Hutte ſich lehnte. Verloren in Bewunderung und Entzücken ſtand er da, als dieſer ſchon von lich auf ihn zukam. Mit nie gefühlter Rührung warf der feurige Jüngling ſich ſtumm in die 8 — N aus dem ich mich ſtets hinaus geſehnt. Hier iſt — 15— ſchlang ihn feſt.„O, ich begreife es,“ ſprach er endlich,„daß der fähig werden muß zu al⸗⸗ lem Guten, der ſich eines ſolchen Anblickes oft erfreut! Ich bin in einem einſamen, duͤſtern Waldſchloſſe aufgewachſen,“ fuhr er fort,„das von aller dieſer Pracht nichts gewahrt, und mir wohl, hier finde ich es natürlicher, daß 4 man die Menſchen entbehren kann!“ Ewald drückte ſeinem Gaſte liebreich die Hand, und leitete ihn ſodann eine verfallene ſteinerne Trep⸗ pe hinan zu einem alten Gemaͤuer, von dem der Ruf ſagte, daß es Geiſter beherberge, wo aber nur Tagſcheue Vögel hauſten, und von wo man dieſe ſchöne Natur in ihrer ganzen Vollkommenheit überſchaute. Hier hatte Ewald, deſſen Lieblingsplätzchen es war, ein ländliches Frühſtück auftragen laſſen, und dem Fremden behagte dieſe Anordnung ſehr, wie ihm noch kein Mahl beſſer geſchmeckt, als die ſes frugale. Je mehr nun der erfahrene Mann ſich mittheil⸗ te, je geſpannter hörte ihm der Jüngling zu. — 16—. Er ſollte die Welt betreten, von losgewunden, und die er i Farben ſchilderte! gen hatte er ſeine der jener ſich hm mit ſo ſchwarzen Voll der ſeligſten Hoffnun⸗ Reiſe nach einer der b teſten Hauptſtädte Europas begonnen, und mit Ungeduld das Ende derſelben erharrt, als der Zufall ihn in Ewalds beſcheide 1 führte. Seitdem war der zum Ziele getrieben, um viele den; ſeines Wirthes weiſe it, ſeine bedeutungsſchweren Außerungen, die kindliche Zuneigung, die er ihm einfloͤßte, die reizende Gegend, Ales wandelte plötzlich ſeinen Sinn, und wie er geſtern mit Vergnügen weiter geeilt waͤre: ſo ſah er heute mit Kummer ſeinen Wa⸗ gen und ſeine Leute, die im naͤchſten Dorfe, eine große Strecke von Ewalds Wohnung, über⸗ nachtet hatten, die Bergſtraße beraufkommen, ihn abzuholen. Er blickte auf ſeinen Wirth und ſagte:„Ich gehe mit Dank und Weh⸗ muth; mein Herz leidet wahrhaft bei dieſer Tren⸗ nung, wie neu auch unſere Bekanntſchaft iſt, rillan⸗ ne Hütte Drang, der ihn 5 vermindert wor⸗ Genügſamke 4 „A K die ausdrucksvollen Züge ihres ſchonen Geſich tes, die unnennbare Anmuth in allen ihren 4 Bewegungen und das Leidenſchaftliche ihres Ge⸗ müthes, mit der tiefſten Erſchütterung geſe⸗ hen; ſein Herz wurde entflammt zur heiſſeſten Liebe; aber ſeine verhaͤngnißvolle Lage erlaubte ihm nicht, ſich der kleinſten Hoffnung zu über⸗ laſſen, und je mehr er Sidonien ſah, je dü⸗ ſterer und ſchwermüthiger ward er⸗ Eine kleine Schilderung ſeines Charakters und bis⸗ herigen Lebens dürfte hier nicht am unrechten Orte ſeyn.— Theodor, Graf von Walter, w. der älte⸗ ſte Sohn des Feldmarſchalls dieſes Namens, eines ſtolzen, ehrgeizigen, unbiegſamen Man⸗ nes, der innigſt wünſchte, ſeinen Erſtgebor⸗ nen dieſelbe Carriere betreten zu ſehen, die ihn ſo hoch emporgehoben; doch Theodor weigerte ſich ſtets, und zog es vor, einſt im diploma⸗ tiſchen Fache ſich auszuzeichnen. Der Vater gab nach, weil er des Sohnes feſten Sinn und die Unmöglichkeit kannte, ihn von etwas abzu⸗ — 4 — 18— 8* 3 8 8. 465 4* bringen, das er ernſtlich wollte. Auch ver⸗ ſprach er ſich in ſeinen zwei andern Söhnen wenigſtens zwei Feldmarſchaͤlle. Theodor war immer der Liebling der Mutter geweſen, und ihre himmliſche Sanftmuth, ihre Güte, die Fürſorge und Klugheit, mit welcher ſie ihn leitete, hatten die Hefrigkeit ſeines Tempera⸗ mentes, das Störriſche ſeines Charakters ſchoͤn gemildert, und aus ihnen war eine Miſchung von Weichheit und Beharrlichkeit, von Hinge⸗ bung und Zurückhaltung, von Stolz und Freundlichkeit hervorgegangen, die ſchon in . früher Jugend ihn unterſchied, von ſeinen Brü⸗ dern und Gefährten. Muntere Laune, einen hellen Geiſt, und das Gefühl für Recht und Billigkeit, hatte er geerbt von ſeiner Mutter. Fehlte er einmal aus Uebereilung oder Leicht⸗ ſinn, gleichviel gegen wen, ſo ruhte er nicht, bis er ſeine Schuld verſöhnt, ſeine Vergebung geſichert wußte; und klagte auch Einer oder der Andere über ſeine, oft ungeſtüme, Lebhaftigkeit, ſo liebte ihn doch Alles. Neunzehn Jahre war .— 19— er alt, als er von der Univerſitaͤt zu ſeinen Eltern heimkam, ein ſchöner Jüngling und die Zierde der Geſellſchaft. Keine Mutter, die nicht ihr Auge auf ihn richtete und für ihre Tochter zum Gemahl ihn wünſchte; kein Vater, der ihn nicht ſeinen Söhnen zum Muſter aufſtellte. Stets begierig, ſich neue Kenntniſſe zu erwerben, bat Graf Theodor den Feldmarſchall, ihn auf fünf Jahre reiſen zu laſſen, um an fremden Höfen und in fremden Laͤndern, die Erfahrun⸗ gen zu ſammeln, die ihm für ſein künftiges Geſchäft nöthig ſeyn dürften. Der Vater be⸗ willigte des Sohnes Geſuch, und Walter reiſte ab. Er gieng zuerſt nach der Schweiz, von da nach Italien und wollte über Frankreich nach Deutſchland zurück kehren. Ein Jahr hatte er bereits in Paris zugebracht, und al⸗ les dort geſehen, was dieſe berühmte Stadt ſe⸗ henswerth und erfreulich macht. Doch nichts hatte bis jetzt ſein Herz recht eigentlich gefeſ⸗ ſelt, und er glaubte ſchon, Frankreich eben ſo 8 ½ — — 20—— heiter und zufrieden verlaſſen zu koͤnnen, als er es betreten hatte, und ausgerüſtet mit neuen Anſichten und vielfältigen Beobachtungen, ſeine ſelbſt gewählte Laufbahn zu beginnen, als ein Zufall ſeine Abreiſe verzögerte, und ſein gan⸗ zes Leben, ſo zu ſagen, untereinander warf. Man ſprach in Paris viel von Amalie Berg, einer kürzlich angekommenen Portrait⸗Male⸗ rin, die als ſolche groſſes Aufſehen erregte. Walter wollte ſchon läͤngſt ſeinen Eltern ſein Bildniß ſchicken, er nahm dieſe Gelegenheit wahr, und gieng zu Amalie Berg. Er ließ ſich melden. Eine edle Geſtalt, deren ganzes We⸗ ſen gleichſam wie mit einem Trauerflor über⸗ zogen war, trat ihm würdevoll entgegen, und ſprach mit ſanfter Stimme die gewöhnlichen Begrüßungsworte. Walter war überraſcht. Er hatte nicht geglaubt, ein ſo junges, reizendes Maͤdchen in Amalien zu finden. Dieſe ſah ſei⸗ ne Ueberraſchung und kam ihm zur Hülfe, in dem ſie ihn fragte, ob er in Oehl oder in Pa⸗ nen Ihrer gelungenſten, und wenn ich — 21— ſtell gemalt zu ſeyn verlange, und ob er von ihren Arbeiten etwas zu ſehen begehre. „Ich werde mich in Oehl malen laſſen,“ erwiederte Walter, und ſeine Blicke ruhten feſt auf der Künſtlerin.„Dürfte ich Sie bitten,“ fuhr er fort,„mir einige Bilder zu zeigen!“ „Mit Vergnügen!“ Hierauf führte ſie ihn in ein Seiten⸗Kabi⸗ net, wo mehrere ſehr ſchöne, zum Theil ange⸗ fangene, zum Theil beendigte Gemälde ſtan⸗ den. Der Graf hatte ſie alle der Reihe nach beſehen, und verſchiedentlich ſein Wohlgefallen und ſeine Bewunderung darüber geaäuſſert, als er an eines kam, das noch unausgepackt in einer Ecke des Zimmers auf einem Tiſche lag.„Iſt es erlaubt?“ fragte er, und hob den Deckel in die Höhe. Amalie war verlegen; der Graf bemerkte es nicht.„Es ſteht zu Befehl!“ ant⸗ wortete ſie, und half ihm, es aus dem Kaſten herausnehmen. Walter betrachtete es genau. „Dieſen Kopf,“ ſprach er,„halte ich für ei⸗ „ ——- 22—— nicht irre, muß ich das Original kennen. Uni⸗ form, Geſichtszüge, ſelbſt dieſe Narbe überm Auge, alles iſt mir nicht fremd. Lebt der Herr in Paris?“ „Es iſt der ſchwediſche Hauptmann, Ba⸗ ron von Felſenſtröm,“ erwiederte Amalie gepreßt,„und dies Bildniß ward in Wien ver⸗ fertigt.“ „Felſenſtröm! Ja, ganz richtig, der nichts⸗ würdige Bube! Ich traf ihn in Italien, und konnte mich jetzt nicht gleich ſeiner erinnern; auch haben Sie ihn ſehr verſchönert, Mademoiſelle!““ Nichtswürdige Bube!“ ſprach Amalie er⸗ blaſſend.„Woher wiſſen Sie, Herr Graf?.. Die Worte erſtarben ihr, und halb ohnmaͤch⸗ tig lehnte ſie ſich an den nächſten Schrank. „Gott im Himmel!“ rief Walter, und eilte ihr zur Hulfe.„Sie entfärben ſich, was iſt Ihnen? Haͤtte ich unbedachtſamer Weiſe etwas geſagt, das Sie verwundet? gien⸗ ge dieſer Felſenſtröm Sie näher an, als ichs ahnen konnte? O, wenn dem ſo iſt, meine —— 23— unglückliche Freundin— in dieſem Augenblick fühl ich, daß ich ihr Freund bin“—(hier faßte er ihre Hand und druͤckte ſie leiſe)„wenn dem ſo iſt; ſo ſegnen Sie das Geſchick, das mich vielleicht noch zur rechten Zeit zu Ihnen ſandte, Sie vor einem Menſchen zu warnen, der der Auswurf der Geſellſchaft geworden. Dieſe Bläſſe, dies Thränenſchwere Auge, die⸗ ſer gewaltſam gehobene Buſen, ſie zeigen nur zu deutlich, daß der Unwuͤrdigſte der Beglück⸗ teſte iſt: daß Sie ihn lieben! So ſeltſam es auch ſcheinen mag, daß ich, der ich Sie bis heute nie geſehen, mich zu Ihrem Vertrauten und Rathgeber aufdringe: ſo entſchuldigt mich doch das wahre Intereſſe, das Sie mir einſlöſ⸗ ſen, und die Kenntniß von Felſenſtröms ſchänd⸗ lichem Charakter. Ich würde mich bemühen, jedweden, wer es immer ſey, vor dieſem Bö⸗ ſewicht zu retten, um wie vielmehr nicht Sie, die Sie beim erſten Blick mein ganzes Dunee ſo mächtig erſchütterten.“— „Reden Sie, Herr Graf ſagte Ahaie — 2 4— und ein Strom von Zaͤhren entſtuͤrzte ihren Augen.„Reden Sie, und zermalmen dies unglückſelige Herz vollends! Ertödten Sie bis auf den letzten Funken, die ſchwache Hoffnung, die ich, Wahnſinnige, noch immer zu nähren geſucht. Ich bin gefaßt auf alles; denn nur eine Liebe, wie die meinige, konnte noch zwei⸗ feln wollen.“ „Ich will reden, will Ihnen erzählen, was ich weiß; aber werden Sie meiner Stimme nicht auf ewig gram, daß ſie Ihnen verkünde⸗ te, was Ihrem Herzen ſo verhaßt ſeyn muß!— Daß ein junger Menſch in der Fremde mehr ausgiebt, als er ausgeben ſoll, kann geſchehen; daß ſeine Gläͤubiger ihn verhaften und ins Gefaͤngniß ſtecken, bis er Rath geſchafft zu zah⸗ len, iſt nichts Unerhörtes, wiewohl jeder Mann von Ehre und Gefühl ſich davor hüten wird. allein, daß auch dieſe Züchtigung Felſenſtröm nicht beſſern, der Zorn ſeines braven Vaters ihn nicht abhalten konnte, Schlechtigkeit auf Schlechtigkeit zu begehen, und ſeinem alten Hauſe 7 einen unauslöſchliſchen Schandfleck aufzudruͤcken, verrath wenigſte ns keinen edlen Charakter. Der. alte Felſenſtröm hatte durch Tilgung ſeiner Schulden, den Sohn aus der Gefangenſchaft befreit, ihm aber dabei angezeigt, daß er zum letzten Mal für ihn zahle, und ſeine unverzüg⸗ liche Rückkehr nach Schweden, zum Bedinge ſeiner Vergebung mache. Der Sohn ward ſeines Arreſtes entlaſſen, kehrte aber nicht zu⸗ rück zum Vater. Ein junges Maͤdchen, das ihren verhafteten Oheim oft beſuchte, hatte er im Gefängniß kennen lernen. Er redete ihr von Liebe, von Heirath und unermeßlichem Reichthume vor. Das Mädchen war arm, von geringer Herkunft und verſprochen mit ei⸗ nem aältlichen Manne, den ſie nur nahm, weil er ihr eine kleine Verſorgung gab. Die Ausſicht, Frau Baronin zu werden, in Ue⸗ berfluß und Glanz zu leben, und vielleicht . auch Liebe für den Falſchen, verdrehten ihr t den Kopf und machten es ihm nicht ſchwer, zu ſeinem ſchändlichen Zwecke zu gelangen. —-——— 4 Als er die Unglückliche verführt hatte, ſagte er ſich los von allen Verſprechungen, und ſie mußte nun geſchwind ihren, jetzt mehr als je gehaͤſſigen, Braͤutigam, der von dem ganzen Vorfalle nichts ahnete, heirathen, um ihre Ehre einigermaßen zu ſichern. Kurz darauf ſtürzte ſich Felſenſtröm aufs neue in die größte Liederlichkeit. Ausſchweifungen jeder Art be⸗ gieng er, und bald ſtieg ſeine Dürftigkeit auf den Punkt, daß er in eine Untiefe von Nie⸗ drigkeiten, Lügen und ehrloſen Handlungen verſank, aus der er mit dem beſten Willen ſich nicht wieder herauszuarbeiten vermocht hätte. Freunde ſah ich ihn trennen, Geliebte ent⸗ zweien, Kinder mit ihren Eltern, Brüder mit ihren Schweſtern erzürnen, wenn es ſeiner Selbſtſucht frommte. Der Vater wollte nichts mehr von ihm wiſſen, ihm kein Geld mehr ſchicken, und ſo machte er ſich eines Tages bei Nacht und Nebel, auf, und entfloh. Es heißt, er gieng nach Wien. Vermuthlich treibt er dort das Metier eines Spielers oder läßt ſich unterhalten von der erſten beſten Frau, in die er ſich verliebt ſtellt; denn Liebe zu heucheln, iſt ihm ein Kleines, ſobald es ihm etwas ein⸗ trägt. Tauſend Züge ſeiner Unerzogenheit, ſeines völligen Mangels an Zartgefühl und ſei⸗ ner elenden Prahlſucht könnte ich Ihnen nen⸗ nen; allein Sie erlaſſen mir dieſe widerwärti⸗ gen Berichte, und glauben mir aufs Wort. Es fehlt ihm grade nicht an Verſtand, aber er übt ihn nur zu Raͤnken und Intriguen. Wah⸗ re Bildung möchte ich ihm ganz abſprechen, weil, muß man ihm auch Gewandtheit und eine gewiſſe äuſſere Politur zugeſtehen, die in den erſten Augenblicken für ihn beſtechen, man doch bald bei näherm Umgange findet, daß dieſe Gewandtheit und dieſe Politur, ſtatt aus innerer Vervollkommnung zu entſpringen, nur ein Firniß ſind, den die verſchiedenen peinlichen Lagen, in welchen er ſich ſchon befunden, ihm geliehen haben, und daß ſein Gemüth roh und ungeſchliffen geblieben. Von ſeinen geringen Kenntniſſen erſtaunlich eingenommen, halt er * — 28— ſich über einen jeden auf, der in ſeiner Na⸗ türlichkeit und Unbefangenheit, die Worte nicht wählt, ſondern frei wegſpricht, wie der Mo⸗ ment es mit ſich bringt. Er ſchriftſtellert ein wenig und hat die Dreiſtigkeit, oft dieſes und jenes für ſeine Arbeit auszugeben, wozu bald nachher ein Anderer als Verfaſſer ſich öffentlich bekennt. Lieſt er einem etwas von ſeinen mit⸗ telmäͤßigen— um nicht zu ſagen ſchlechten— Produkten vor, ſo unterbricht er ſich alle Au⸗ genblicke ſelbſt, indem er den gelangweilten Zuhörer frägt:„iſt das nicht göttlich?“ Und⸗ thut er einmal beſcheiden, ſo geſchieht es nur, um gelobt zu werden. Seine Eitelkeit über⸗ ſteigt jeden Begriff. Er haͤlt ſich für den ſchön⸗ ſten, den ausgezeichnetſten Mann, ſpielt dabei den Vorurtheilsloſen, den aufgeklärten Den⸗ ker; ſpricht aber ſtets von ſeinen Ahnen, will ſtets beweiſen, daß er eigentlich von fürſtlichem Geblüt abſtamme, und legt kein geringes Ge⸗ wicht auf ſeinen freiherrlichen Titel und ſein erkauftes Ordenskreuz. Nicht inen Heller in der — 29— Taſche, giebt er groſſe Gaſtereien, um die Ein⸗ geladenen zu überreden, er habe Schaͤtze, und ſie dadurch beſſer zu ſeinem Vortheile zu be⸗ nutzen, das heißt: ihnen beträchtliche Sum⸗ men abzuborgen, die er niemals wieder zahlt, wenn er gleich zehnmal ſeine Ehre dafür ver⸗ pfändet hat. Auf ahnliche Weiſe iſt er der Schuldner meines vertrauteſten Freundes in Neapel, des Marquis Alfari, geworden, und nicht genug, ihn um ſein Geld gebracht zu ha⸗ ben, betrog er ihn auch noch um ſeine Verlobte, und als mein Freund ihn deshalb auf Piſtolen forderte, entwich er heimlich aus der Stadt. Von dem Marquis ſelber, der ein glaubwür⸗ diger Mann, weiß ich dieſe Geſchichte, wie die meiſten Details, die ich Ihnen mitgetheilt. Jetzt meine Theure, kennen ſie Baron Felſen⸗ ſtröm, und hätten Sie ihn mit unpartheiiſchen Augen geſehen, es ware Ihnen manches nicht entgangen. Wie ich ihn geſchildert, ſo iſt er! Ich habe das Gemäalde nicht überladen, die Farben nicht zu hart aufgetragen; ihm gegen⸗ — 30— über würde ih dasſelbe behaupten. Kennte ich ihn und ſeine Familie nicht zu gut— ſein Va⸗ ter iſt ein ſtolzer, aber ſehr rechtlicher Mann;— haͤtte ich nicht Schweden geſprochen, die ihn kennen, ich müßte denken, er ſey der weggelau⸗ fene Bediente des Barons von Felſenſtröm, der das Wappen ſeines Herrn entwandt. Er iſt einer von denen, die in der Noth alles faͤhig ſind, nur nicht, ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen.“ 4 Amalie hatte den Grafen mit möglichſter Faſſung angehört, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen; hatte den Kelch des bittern Leidens ganz geleert, den matt daͤmmernden Stern ihrer Zukunft völlig verlöſchen ſehen, und lange ſchon ſprach Graf Walter nicht mehr, als ſie noch in jener Dumpfheit und Betaͤubung ſaß, worein ein durch Schmerz überraſchter Geiſt leicht verſinkt, und ohne Kraft zum Den⸗ ken, in Gedanken verloren iſt. Endlich weckte die Stille ſie aus ihrer Erſtarrung, und den zur Erde geſchlagenen Blick in die Höhe rich⸗ —— 31——— tend, fiel er auf den Grafen, der ſie mit feuch⸗ ten Augen und unausſprechlicher Rührung be⸗ trachtete, und nicht wußte, ob er ſie ihren Traͤumereien, die noch Angenehmes haben konn⸗ ten, überlaſſen, oder ſie zur ſchrecklichen Wirk⸗ lichkeit aufrütteln ſollte. „Verzeihung, Herr Graf!“ ſagte Amalie und fuhr mit der Hand vor die Stirn, als wollte ſie ſich ſammeln.„Verzeihung, daß ich mich ſo wenig zu beherrſchen weiß, und Dank Ihnen, vortrefflicher Mann, für die Thraͤne, die in Ihrem Auge glänzt. Die Theilnahme, die Sie mir, einer Fremden, be⸗ weiſen, fordert mein ganzes Vertrauen, und entſchloſſen bin ich, mein Geheimniß und mei⸗ ne unglückliche Geſchichte in Ihre Hände nie⸗ derzulegen, nur jetzt nicht! In dieſem Mo⸗ mente nicht, wo ich Mühe habe, mich heraus⸗ zufinden aus dem Chaos meiner Gefühle, und wo ich mich ſelbſt nicht recht verſtehe! Gönnen Sie mir Zeit und Ruhe. Ueberraſcht hat mich, was ich längſt muthmaſſen durfte, und faſſen * 4 35 —— 3³—— muß ich mich erſt in mir, ehe ich zu ſprechen im Stande bin. So vorbereiter wir auch immer auf ein drohendes Uebel ſeyn mögen, geſchieht es, ſo trifft uns der Schlag, als waͤren wir nicht vorbereitet geweſen, und ſchwer nur glaubt man an ein wahres Unglüͤck. Verlaſſen ſie mich jetzt, Herr Graf; aber kehren zu mir zurück, wann es Ihnen beliebt; Sie ſollen mich nicht wieder ſo ſchwach finden und ſtets mit erkennt⸗ lichem Herzen von mir empfangen werden. Sie in dieſer Stunde zu malen, iſt mir nicht mög⸗ lich; meine Seele, zu voll von einem einzigen Bilde, erlaubt mir nicht, ein zweites darin aufzunehmen, und um gut zu treffen, muß ich das Original ohne Zerſtreuung betrachten können.“ Der Graf entfernte ſich, indem er den andern Morgen wieder zu kommen ver⸗ ſprach und Amalien noch tauſend Entſchuldi⸗ gungen machte, ihr ſo unberufen wehe gethan zu haben. In der ſonderbarſten Stimmung verließ Graf Walter die junge Künſtlerin. War es — 33— Mitleid mit ihrem Schickſal, war es, daß er gleichſam wie vom Himmel zu ihrem Retter auserkohren, ſich erſchien, und eben deshalb ein höheres Intereſſe an ihr nahm, genug, er fühlte ſich belebt von neuen, angenehmen Em⸗ pfindungen und ohne eigentlich zu wiſſen, was er wollte, beſchloß er, ſeine Abreiſe noch zu ver⸗ ſchieben. Ein einziger Augenblick, den wir uns nachgeben, entſcheidet oft über alle unſere künf⸗ tigen Augenblicke!— Den naͤchſten Morgen gieng Graf Walter zu Amalien, und fand ſie noch reizender, als Tages zuvor, wenn gleich trüber, blaſſer und in ſich gekehrter. Des geſtrigen Geſpraͤches wurde nicht erwähnt; Amalie ſchwieg davon, und Walter wagte es nicht, ſie daran zu er⸗ innern. Nach vollendeter Sitzung zog Amalie einen Brief aus dem Buſen und ſagte:„Ich habe nicht vergeſſen, Herr Graf, daß ich Ih⸗ nen, als Beweis meiner Dankbarkeit, die Ge⸗ ſchichte meines Lebens verhieß. Hier, nehmen Sie! Zur mündlichen Erzaͤhlung bin ich nicht ſtark genug. Dieſe Blätter, die ich in vergan⸗ gener Nacht geſchrieben, werden Sie von allem unterrichten.“Y“ Der Graf empfieng die Zu⸗ ſchrift ſtillſchweigend, und eilte nach Hauſe, wo er ſich einſchloß, um ungeſtört leſen zu können, wie folgt: „Mein Name iſt Amalie Blum, nicht „Berg, und ich bin das einzige Kind ſehr „wohlhabender Eltern, die in Wien lebten. „Mein Vater, ein angeſehener Kaufmann „daſelbſt und wegen ſeines rechtlichen Charak⸗ „ters geſchätzt von allen, die ihn kannten, „ſtarb vor einigen Jahren. Nach ſeinem To⸗ „de ſchraͤnkte ſich meine Mutter ein„ und ſah „weniger Geſellſchaft bei ſich, als ſonſt. Ich „zählte damals ſechzehn Jahre, hatte eine ſehr „gute Erziehung genoſſen, mich früh zum „Denken gewöhnt, und mein Gemüth und „meine Neigungen zu ergründen geſucht. Da „lernte ich denn nur zu bald erkennen, daß, „nach meiner Art zu ſeyn und zu empfinden, hôich nicht an der rechten Stelle ſtand, und feſt 1 — 9◻— „war's in mir, oh grade nach dem höchſten „Range zu ſtreben, mich vor einem engen bür⸗ „gerlichen Leben zu hüten, und jeden Hei⸗ „rathsantrag auszuſchlagen, wo ich nicht ent⸗ „weder unendlich lieben oder jenen beſchraͤnkten „Verhaͤltniſſen entfliehen konnte. Mein Herz „mußte befriedigt werden oder meine Eitelkeit! „Beglückt mußte ich werden oder reich und vor⸗ „nehm! Meine gute Mutter bemerkte mit zaͤrt⸗ „licher Beſorgniß dieſen ſchädlichen Hang zur „Abweichung von dem, was in meiner Lage „ſich paßte, und machte mir oft Vorwuürfe und „ſtrenge Vorſtellungen darüber; doch umſonſt! „Seine Natur aͤndert man nicht, und meiner „Mutter nicht ſelten mit Bitterkeit und Schmerz „ausgeſprochenes:„Du wirſt noch ſitzen bleiben!“ „nöthigte mir jedes Mal ein geheimes Laͤcheln „ab, beſtimmte mich aber nicht, meine Anſich⸗ „ten den ihrigen aufzuopfern und ſo war ſchon „mancher redliche Handelsmann, mancher lie⸗ „benswerthe Civilbeamte mit ſeinem Heiraths⸗ „vorſchlage abgewieſen worden. Zu ſehr geliebt C 2 —— 36—— „von meiner Mutter, um mich zu irgend ei⸗ „nex Parthie zwingen zu wollen, klagte ſie „oft den Vater im Grabe an, daß er durch die „Manie, Leute über ſeinen Stand bei ſich zu „ſehen, an meiner Verkehrtheit, wie ſie es „nannte, Schuld ſey, und Gedanken und „Meinungen in mir erregt habe, die durchaus „für meine politiſche Exiſtenz nicht taugten. „Meiner Mutter Kummer betruübte mich, und „ich gab mir Mühe, ſie zu üͤberreden, daß über⸗ „haupt gar nicht zur Ehe geneigt, ich durch „„keine Verbindung ſo glücklich werden könnte, nals ichs an ihrer Seite waͤre. In meinem „Herzen aber klang es anders! Da ward das „Bedürfniß zu lieben und geliebt zu ſeyn, mit „jedem Tage lebendiger, da rief es immer lau⸗ „ter nach Mittheilung und Genuß. Meine „Sehnſucht ſtieg aufs Aeuſſerſte, und ohne „deutlich zu wiſſen, wonach ich mich ſehnte, zerfloß ich oft, wenn ich allein war, in Thräͤ⸗ „nen, und ſtürzte mit Inbrunſt auf die Knie, „Gott zu bitten, daß er mir Ruhe verleihe. „Mehr als je, beſchaͤftigte ich mich jetzt mit „der Malerei, die ich von Jugend auf mit „Leidenſchaft geliebt, nicht ahnend, daß ich „mir einſt mein Brod damit erwerben ſollte.— „Die ſitzende Lebensart, die Verfaſſung meiner „Seele, die Unzufriedenheit, die ich meiner „guten Mutter anſah, alles wirkte nacht heilig „auf meine Geſundheit, und ich ward bleich „und mager; Schlaf und Appetit waren laͤngſt „von mir gewichen. Meine Mutter, auſſerſt „beunruhigt über meinen Zuſtand, befragte „die geſchickteſten Aerzte, und da man mir „Veränderung der Luft als das Heilſamſte „anrieth, beſchloß ſie, mich eine Zeitlang zu neiner ihrer Freundinnen aufs Land zu ge⸗ „ben. Daß wir doch ſo oft dem Verderben „grade in die Arme laufen, wenn wir ihm „auszuweichen, am thätigſten befliſſen ſind! „O, wollte Gott, ich hätte das vaͤterliche „Haus nie verlaſſen, ware nie dahin geführt „worden, wo meines Lebens keimendes Un⸗ „glück aufſchoß in hohe Saat!— Meine — 383— „Mutter brachte mich ſelbſt zur Frau von Rohr⸗ bach— ſo hieß ihre Freundin— und weil ſie „mich bei ihr, wie bei einer zweiten Mutter „wußte, kehrte ſie nach einigen Tagen in die „Reſidenz zurück. Zu Rohrbach war es, wo jich die unglückliche Bekanntſchaft des Barons „von Felſenſtröm machte. Der Sohn meiner „Beſchützerin, ein junger ausſchweifender „Menſch, der Offizier war und in Wien mit nſeinem Regimente ſtand, hatte Urlaub ge⸗ nnommen, ſeine Mutter zu beſuchen. Er „brachte den Herrn von Felſenſtröm mit, und "ſtellte ihn ihr und ihren Hausgenoſſen, als „ſeinen beſten Freund vor. Ihn als Rohr⸗ „bachs Freund zu ſehen, hätte mir freilich „gleich keine gute Idee von ſeinem Charakter „einflößen ſollen; denn Rohrbach genoß eines „ſo übeln Rufes, daß meine Mutter, bei al⸗ lem Zutrauen zu mir, mich ſchwerlich bei ihrer Freundin gelaſſen häͤtte, wenn ſie ahnen „gekonnt, daß ihr Sohn kurze Zeit nach mir hebenfauls dort eintreffen würde, Sie kennen — 39— „Baron Felſenſtröm perſönlich, Herr Graf, es „iſt alſo überflüſſig, Ihnen von ſeiner Ge⸗ „ſtalt zu ſprechen; nur erlauben ſie mir, zu „bemerken, daß er wirklich hübſcher iſt, als „Sie ihn ſinden; oder vielleicht auch, daß ich „ihn hübſcher fand, als er wirklich iſt. Sein „Ausländiſches, ſeine Gewandtheit, die ſelbſt „Sie ihm zugeſtehen; die Tournüre ſeines Gei⸗ „ſtes, die Kenntniſſe, die ich in ihm vorausſetz⸗ „te, weil er oberflächliche Bildung hat und „von Literatur und Kunſt recht gut zu ſprechen „weiß; der Enthuſiasmus mit dem er mir von „Italien und ſeinen Merkwürdigkeiten erzählte; „alles nahm mich für ihn ein, und gab meinem „unruhigen Herzen endlich eine ſichere Rich⸗ „tung. Die beiden Fraͤulein von Rohrbach wa⸗ „ren verlobt; Fraulein von Tiefenſee, das „Mündel der Frau von Rohrbach, von Kind⸗ „heit an, für deren Sohn beſtimmt. Der Ba⸗ „rvon hielt ſich alſo in einiger Entfernung von „dieſen und näherte ſich mir. Die Auszeich⸗ „nung mit der er mich behandelte, war zu —— 4⁰—— „groß, als daß ſie nicht jedwedem haͤtte auffallen „ſollen. Frau von Rohrbach, die meine Mut⸗ „ter innig liebte, und natürlich dieſe Liebe auch „auf mich übertrug, ſagte mir eines Tages: „Dein Wohl, meine gute Amalie, iſt mir „theuer, wie das Wohl meiner eigenen Kinder, „darum laß mich offen zu Dir reden. Baron „Felſenſtröm ſcheint Dich zu lieben, und viel⸗ „leicht daß er auch Dir nicht gleichgültig, aber „niemand kennt hier dieſen Felſenſtröm, als „mein Sohn, und dieß, Dir ſei es geklagt, „iſt grade ſeine ſchlimmſte Empfehlung! So „viel Mühe ich auch angewandt, meines Soh⸗ „nes wilde Lebensweiſe; zu hemmen, ſo ſtreng ich „ſchon gegen ihn geweſen, umſonſt! Er folgt „dem Strome, der ihn fortreißt, verbringt ſei⸗ Ines Vaters Erbtheil, zerſtört ſeine Geſundheit. „Sein Herz, das bei allen dem nicht ſchlecht, „und die wachſende Liebe zu meinem ſchönen „Mündel, ſind meine einzigen Hoffnungen für ſeine Beſſerung; denn nie geſtatte ich dieſe „Heirath, wenn er nicht ein ganz anderer — 41—* „Menſch wird. Von Felſenſtröms Charakter, „von ſeiner bisherigen Aufführung, weiß ich „nichts. Daß er von einer guten Familie iſt, „bezweifle ich nicht, ſein Wappen verräth es, „und die ſchwediſchen Barone von Felſenſtröm „ſind ſehr bekannt; allein das reicht nicht hin „zum Glücke! Hüte Dich mein liebes Kind, „vor einer Leidenſchaft, die Dich verderben „kann! Der Baron ſieht aus wie ein Menſch, „der raſch gelebt hat, der nicht wahrhaft zu lieben „vermag. Er iſt hübſch, aber ſein Blick ſcheu, „ſeine Laune ungleich und oft finſter. Meine „groſſe Menſchenkenntniß müßte mich trügen „oder ſein Buſen verbirgt, was ſein Mund „nicht zu ſagen wagt. Mit ihm und ſeinem „Vater dünkt es mir nicht ganz richtig zu „ſeyn; es müſſen Verhaͤltniſſe zwiſchen ihnen „obwalten, die er verſchweigt. Bewahre Dein „junges, gefühlvolles Gemüth, Amalie, vor „einem Eindrucke, deſſen Folgen unberechen⸗ „bar ſind. Felſenſtröm ſpielt zwar den Aufge⸗ „klarten— alle leichtſinnige Menſchen haben — 4²— „mehr oder weniger dieſen Anſtrich;— doch „wer ſagt uns, ob er ſich je entſchließen wür⸗ „de, eine bürgerliche zu heirathen, ob ſein „Vater es erlaubte! Die Felſenſtrömſche Fa⸗ „„milie gilt für ahnenſtolz und ungebildet.² „Ich dankte Frau von Rohrbach mit ſchwe⸗ „rem Herzen für ihren mütterlichen Rath, und „nahm mir vor, mich zurückzuziehen. Je mehr „ich nun Felſenſtröm mied, je dringender ſuch⸗ „ite er mich; und eines Morgens, als ich mich „in einem einſamen Gange des Gartens allein „befand, ſtieß er unvermuthet zu mir, und „geſtand mir ſeine Liebe in den leidenſchaftlich⸗ „ſten Ausdrücken. Was ich ihm in dem erſten „Momente erwiederte, weiß ich nicht, denn ich „war zu beſtürzt, zu heftig bewegt. Felſen⸗ ſtröm ſah es, und deutete es zu ſeinen Gun⸗ „ſten.„Wenn ſte mich wirklich lieben, ſchöne „Amalie“ ſprach er und ergriff meine Hand,„wo⸗ „zu dieſe Schuchternheit, dies innere Kämpfen? „bete ich Sie nicht an, und bin ich nicht frei, „tnicht Herr meines ſehr betraͤchtlichen Mutter⸗ — — 43— „gutes? kann ich die Erwaͤhlte nicht gegen ei⸗ „ne ganze Welt behaupten? Aber hat mein Va⸗ „ter Sie nur erſt geſehen, ſo wird er die rei⸗ „zende Gemahlin des geliebten Sohnes gern als „ſeine geliebte Tochter anerkennen. Ein Blick „auf Amalien, und alle ſeine Vorurtheile müſ⸗ „ſen ſchwinden! Sprechen Sie, Theuerſte, was „hab' ich zu hoffen?“ O, warum warnte mich „damals nicht ein guter Gott vor des Menſchen „tückiſcher Bosheit! Warum mußte ich glauben „dürfen, daß er es ehrlich meine, und mit dieſer „liebeglühenden Bruſt an ſein verrätheriſches Herz „ſinken, mein Schickſal preiſend, das mich „endlich zuſammen finden ließ, was ich immer „nur einzeln geſucht: Liebe und äuſſeres Glück! „Dankerfüllt, verhehlte ich ihm meine zaͤrtliche „Neigung nicht und verwies ihn mit ſeinem „Antrage an meine Mutter, der ich unverzüg⸗ „lich dies freudige Ereigniß meldete, und ſie „bat, nach Rohrbach zu kommen. Sie kam, „und ertheilte mir ihren Segen. Felſenſtroͤm „wünſchte die Ehe ſogleich vollzogen, indeß — 44— „meine Mutter widerſetzte ſich, weil ſie ohne „ſeines Vaters Genehmigung ſie nicht geſche⸗ „hen laſſen wollte. Felſenſtrom ſchrieb an „ſeinen Vater, ſo ſagte er uns wenigſtens, „und wir giengen nach Wien zurück, dort die „Antwort zu erwarten. Frau von Rohrbach „ſchüttelte bedenklich den Kopf und ſprach beim Abſchiede zu mir:„Gebe der Allmaͤchti⸗ „„ge, daß Du dieſe Wahl nie bereueſt! Meine „Wünſche ſind beſſer, als meine Hoffnun⸗ „gen!“ Und meiner Mutter nannte ſie alle „ihre Zweifel, und flehte, ja in der Reſidenz 4 nerſt die gehörigen Nachforſchungen anzuſtel⸗ „len. Wir reiſten ab, begleitet von Baron „Felſenſtröm. Er war vergnügt oder ſchien nes; ſeine Zaͤrtlichkeit wuchs eher, als daß ſie „ſich verminderte. Meine Mutter ſaß ihm „„ſtill und ernſt gegenüber, und beobachtete ihn „genau; doch ihr Scharfſinn ſcheiterte an ſei⸗ „Iner Verſtellungkunſt. Ich war beglückt in Fel⸗ „ſenſtröms vermeinter Liebe, und Frau von „Rohrbach's Bedenklichkeiten hatten mich ge⸗ — 45— „kraͤnkt, mich verſtimmt gegen ſie, die mir ſo „wohl gewollt; aber nicht nur mich nicht über⸗ „zeugt von des Barons Unwuͤrdigkeit, ſon⸗ „dern auch nicht den geringſten Argwohn in „mir hervorgebracht. Lob geliebter Perſonen, „und käme es von dem Gleichgültigſten, kann „uns entzücken, Tadel hingegen, und waͤre „es der Verehrteſte, der ihn ausſpricht, uns „ſchwer wanken machen in unſerer Liebe. „Nach einer Tagereiſe erreichten wir Wien. „Meine Geſundheit hatte ſich merklich gebeſſert,* „und mit dem heiſſen Verlangen, meinen Ge⸗ „liebten gerechtfertigt zu wiſſen, harrte ich auf „die Antwort ſeines Vaters, an deſſen Einwil⸗ „ligung ich gar nicht zweifelte. Der Sohn hat⸗ „te mir ſo viel von des Vaters Güte, von „ſeiner Zaͤrtlichkeit für ihn geſagt, daß ich „natürlich das Befriedigendſte hoffen mußte. „Meine Mutter, zum Mißtrauen angeregt durch „ihre Freundin Rohrbach, erkundigte ſich in „Wien überall nach Felſenſtröms Familie und —— — 46— „ſeinem Lebenswandel. Aber er war erſt zu „kurze Zeit dort geweſen, als daß man Nach⸗ „„theiliges von ihm häͤtte wiſſen können. Seine „Familie kannte man als vornehm und reich. „Alles dies beruhigte jedoch meine Mutter, die „meine Leidenſchaft für Felſenſtrom mit wahrer „Herzensangſt ſah, nur halb, und das Si⸗ „icherſte zu erwählen, ließ ſie ſich beim ſchwe⸗ „diſchen Geſandten melden, ihn um Auskunft „über den Baron zu bitten. Es traf ſich grade, „daß der Graf von Rebenhorſt, ein bejahr⸗ „„ter Mann, ſchon zu lange aus ſeinem Va⸗ „terlande entfernt und an andern Höfen Ge⸗ ſandter geweſen war, um den jungen Felſen⸗ „ſtröm zu kennen; von ſeiner Familie ſagte er, „was wir ſchon wußten; und als einziges Mit⸗ „tel, ſchnell hinter die Wahrheit zu kommen, „rieth er meiner Mutter, ſich direkte an den „alten Felſenſteom zu wenden, und erbot ſich, ebenfalls aus Schweden Erkundigungen für ſie „einzuziehen. Mit Erkenntlichkeit für des Gra⸗ ifon freundlichen Empfang und den Antheil, „den er an ihrer Beſorgniß zu nehmen ſchien, „eilte meine Mutter nach Hauſe, und ſchrieb „ſogleich an des Barons Vater, ihm den ganzen „Vorfall anzuzeigen, indem ſie ſich auf den „Brief bezog, welchen ſein Sohn ihm vor „kurzem in dieſer Angelegenheit von Rohrbach „geſchrieben, und worin er um ſeinen Segen „zur Heirath mit ihrer Tochter gebeten hatte. „Als meine Mutter ſich von Felſenſtröm die „Adreſſe ſeines Vaters ausbat, und ihm von „ihrem Briefe an denſelben ſagte, da verän⸗ „derte er plötzlich— dies bemerkte auch ich— „die Farbe, und ward nachdenkend; doch ſeine „teufliſche Verſtellung gewann bald wieder die „Oberhand, er lobte den Schritt meiner Mut⸗ „ter, gab ihr die Adreſſe ſeines Vaters, und „war noch heiterer, als zuvor. So vergiengen „acht Tage, als ich eines Morgens meinen „Sekretair erbrochen, und die darin vorhande⸗ „ne Schatulle leer fand. Eine Menge von ei⸗ „ner Tante ererbter Juwelen, etwas baares „Geld und einige Staatspapiere waren ent⸗ — 48— „wandt. In meiner Beſtürzung lief ich zu „meiner Mutter, ihr den Diebſtahl kund zu „thun. Die Domeſtiken wurden ausgefragt, „die Polizei unterrichtet, aber fruchtlos! Dem „Thäter war nicht auf die Spur zu kommen. „Felſenſtröm erſchrack heftig, als er davon hör⸗ „te.„Man müſſe weder Mühe noch Unkoſten „ſparen, die Sache herauszubringen,“ ſprach „er mit vieler Warme;„denn nur jemand aus „dem Hauſe könne die That verübt haben, und ner wolle auch das Seinige zur Entdeckung „beitragen.“ Nach drei Tagen erhielt ich fol⸗ „gendes Billet von ihm: „„„Der unſelige Ehrgeitz meines ſtolzen Va⸗ „„ters verbietet mir aufs Strengſte, die meine „„Gemahlin zu nennen, die ich einzig lie⸗ „„be! Mich zu enterben hat er geſchworen, „„mit ſeinem Fluche mir gedroht, wenn ich „„ſeinem Verbote zu widerſtreben wage. „„Was bleibt mir übrig, als vor der Hand „„zu gehorchen? Aber darum gebe ich nicht „„falle Hoffnung auf, laſſe nicht nach, mei⸗ 7 3 3 7 7 7 „ 7 7 7 3 3 3 36 7 — — — — — — — — — — — — — — — nen Plan zu verfolgen! Zu ſeinen Füſſen „will ich hin, ihm mein Leid zu klagen, „und mildere Geſinnungen in ihm zu er⸗ „wecken. Meine Thränen werden ihn er⸗ „weichen. Unmög lich iſt es mir, meine „angebetete Amalie noch zu ſehen; der „Schmerz der Trennung würde mir die „Kraft rauben, mich von ihr loszureiſſen, „und dieſe, zu unſerm beiderſeitigen Glük⸗ „ke erforderliche Reiſe zu unternehmen; „denn nur durch meine Gegenwart, durch „den Anblick meiner Trauer, kann es mir „gelingen, den harten Vater nach meinen „Wünſchen zu ſtimmen. Leben Sie wohl, „ſchöne Freundin, und vergeſſen nicht „Ihren beklagenswerthen. . Felſenſtröm. „Wie vom Blitz getroffen war ich bei Leſung „dieſes Schreibens, und alles was ich Schlech⸗ „tes von Felſenſtröm gehöͤrt, drang jetzt in „Maſſe vor meine überraſchte Seele.„Sollte D — 50— „es möglich ſeyn!“ rief ich, und das Blatt „entfiel meiner Hand. Kalt und leblos ſaß ich „da, als meine Mutter ins Zimmer trat, und „mich zu mir ſelbſt brachte.„O, Mutter, „geliebte Mutter,“ ſprach ich ſchluchzend,„er „iſt fort, er hat mich verlaſſen!“ Die Frage „erſtarrte auf ihren Lippen, zitternd hob ſie „den unglücklichen Brief auf, ward blaß und „roth, als ſie ihn las, und Unwille kämpfte in ih⸗ „rer Bruſt mit dem zaͤrtlichſten Mitleid für mich. „Zwei Wochen nach Felſenſtroͤms Abreiſes 8 „wo ich immer noch nicht wußte, was ich ei⸗ „gentlich von ſeiner ſchnellen Flucht denken ſoll⸗ „te und Trotz alles Scheines wider ihn, ge⸗ „neigt war, für Ernſt zu nehmen, was er mir „in ſeinem letzten Billette geſagt, erhielt mei⸗ „ne Mutter die Antwort auf ihren Brief an „ſeinen Vater.„Ich bedaure, Madam,“ „ſchrieb der Baron,„daß mein Sohn verſpro⸗ „ſchen hat, was er nicht erfüllen kann. Ihn „binder ein alter Familien⸗Vertrag an ſeine „Couſine, das weiß er, und mit wahrer Be⸗ „kümmerniß lerne ich täglich mehr, daß er ganz „ſo leichtſinnig iſt, als ich Mühe hatte, es zu „glauben. Daß Ihre Demoiſelle Tochter ihm „gefaͤllt und er ſie zu heirathen wünſcht, habe „ich übrigens von Ihnen zuerſt erfahren ꝛc. c.“¹ „Jeder neue Beweis von Felſenſtröms „Falſchheit, war ein neuer Dolchſtich meiner „wunden Bruſt. Ich hatte ihn geliebt mit „aller Heftigkeit meines leidenſchaftlichen Ge⸗ „müthes, hafte in ihm meiner ſchönſten Traäu⸗ „me Wirklichkeit geſehen! Mein Hoffen und „Wünſchen war erfüllt, der Zweck meines Le⸗ „bens erreicht! Und nun mit einem Male zu⸗ „rückgeſtürzt in dies Meer von Sehnſucht, dem „ich nur eben entronnen war; ausgeſetzt einer „Unendlichkeit zerſtörender Empfindungen„ auf⸗ „geopfert von dem, der mir alles geweſen, in „deſſen Naͤhe ich Glück, Ruhe und Seligkeit „gefunden! Ich vermag nicht, Herr Graf, Ih⸗ „nen den Zuſtand meines Innern zu ſchildern! „Worte in ihrer lebendigſten Kraft, ſind matt „gegen meine Gefühle! Der ſtärkſte Ausdruck „gewaltſamen Schmerzes, ſchwach gegen mei⸗ „nen Schmerz! Die Nachricht, daß er geſtor⸗ „ben, haͤtte mich ſo nicht betrübt, wie ſein Ver⸗ „rath. Bei Verbindungen blos aus Conve⸗ „nienz geſchloſſen, ertraͤgt man wohl eher „Betrug, als Tod; doch bei einer Liebe, wie „die meinige, iſt getaͤuſcht werden weit har⸗ „ter, als den Geliebten in die Gruft geſenkt zu „wiſſen. Der Gedanke daß er die Treue mit „ins Grab nahm, hat Wohlthuendes, und „kann mit der Zeit die Trauer mildern; aber „hintergangen ſeyn von dem, was man am „meiſten geliebt auf Erden, laͤßt einen ewigen „Stachel zurück. „Um meine gute Mutter nicht noch un⸗ „glücklicher zu machen, als ich ſie durch meine „traurige Geſchichte ſchon ſah, bezwang ich „das namenloſe Weh meines beleidigten Her⸗ „zens, und erheuchelte eine Ruhe, die mir „fremd war. Ob es mir gelang, das wachſa⸗ nme Auge dieſer Kiebenden Mutter zu betrügen, nob ſie mich wirklich für ruhig hielt und für — 53—— 2* „„gefaßt, weiß ich nicht; indeß ſo viel iſt gewiß, „Felſenſtröms ward nur ſelten erwaähnt, und „oft drückte ſie mich mit unausſprechlicher In⸗ „nigkeit an ihre Bruſt, indem ſie mich ihre. „vernünftige, ihre ſtarke Tochter nannte, und „die hellen Zaͤhren ihr dabei über die Wangen „liefen. „Wiewohl der Brief des Vaters jeden noch „obwaltenden Zweifel über den Sohn haͤtte er⸗. „„ſticken ſollen, ſo— darf ichs geſtehen?— „hoffte ich doch noch immer, und meine ganze 93 „Seele empörte ſich gegen meiner Mutter nie⸗ „drigen Verdacht, daß er der Entwender meiner„ „Juwelen und meines Geldes ſey. Auf meinen „Knien beſchwor ich ſie, dieſen gehaͤſſigen Ge⸗ „danken nie mehr auszuſprechen. Man giebt „ſo ungern auf, woran man mit Liebe gehan⸗ „gen! Und wie nur den Schlechten vom Gu⸗ „ten unterſcheiden, wenn jener ſich gebährden „ kann, wie dieſer? Hab' ich nicht Felſen⸗ „ſtröm in Thraͤnen zerfließen ſehen, als er von e ſeiner abgeſchiedenen Mutter ſprach; nicht mit „dem tiefſten Gefühl kindlicher Zaͤrtlichkeit ihn „von ſeinem Vater reden hören; war er nicht „heftig bewegt, wenn er von einer frühern un⸗ „glücklichen Liebe erzaͤhlte, nicht begeiſtert, als „ich ihm mein Jawort gab; malten ſich nicht „Dank und Freude auf ſeinem Geſichte, ſtürz⸗ „te er nicht entzückt zu meinen Füſſen und „ſchwor, nur für mich zu leben? Und dies al⸗ „les war erlogen? Gott, Allgütiger, kannſt „Du ſolche Mienen, ſolches Anſehen auch dem „Böſewicht verleihen? Giebt es kein Kennzei⸗ „chen, das den Unbefangenen warnte? keine „Stimme, die ihm ins Herz donnerte: du „gehſt ins Verderben!— O noch jetzt, wo „ich ſeine innere Geſtaltung ganz kenne, wo „ich uͤberführt bin von meinem ſchrecklichen „Irrthume, noch finde ich nicht, daß ſein Auſ⸗ „ſeres ihn verriethe, noch gefällt dies trügeri⸗ „ſche Antlitz mir! 3 „So wie ſelten das Unglück ohne Gefol⸗ „ge den Sterblichen heimſucht, ſelten in ein⸗ nzelnen Streichen ihn trifft: ſo fielen auch bald „noch grauſamere Schläge auf mich herab. Der „Kaufmann bei dem unſer Vermögen unterge⸗ „bracht war, machte Bankerott und wir ſahen „uns aus dem größten Wohlſtande plötzlich in „Armuth verſenkt. Meine Mutter, deren ein⸗ „ziger Troſt es bisher geweſen, daß ihr gelieb⸗ „tes Kind, wenn der Tod ſie einſt abriefe, „nicht in Dürftigkeit zurückbleiben müßte, war „auſſer ſich bei dieſem neuen Unfalle, und ih⸗ „re ſchwache Geſundheit widerſtand dem Gra⸗ „me nicht. Sie ſtarb nach wenigen Wochen in „meinen Armen. Laſſen Sie mich, Herr Graf, „hinwegeilen von dem ſchauerlichen Bilde, wel⸗ „ches ich Ihnen jetzt darzuſtellen hätte. Die „bloſſe Erinnerung daran, erfüllt mich mit „Grauen! Ich war nun allein auf Gottes wei⸗ „ter Erde; arm, unerfahren, mit einem zer⸗ „quälten Herzen! Frau von Rohrbach, die „treue Freundin meiner Mutter, ſchrieb mir ei⸗ „nen gütigen Brief und lud mich aufs Drin⸗ „gendſte zu ſich; in ihr ſollte ich eine zweyte „Mutter, in ihren Töchtern freundliche Schwe⸗ — 356— „ſtern finden. Aber eher ins tiefſte Elend, „dachte ich, als dahin, wo ich ihn zuerſt ge⸗ „kannt, wo alles mich mahnen würde an mei⸗ „Ine Liebe und ſeinen Verrath! Und ſo ſchlug „ich es aus, meiner vortrefflichen Gönnerin „den Grund meiner Weigerung nicht verheh⸗ „lend. Mir blieb nun nichts übrig, als durch „ein Talent, das ich früher ſehr geübt, und „welches ich in einiger Vollkommenheit beſaß⸗ „meinen Unterhalt zu gewinnen. In Wien „mochte ich nicht mehr leben, mich demüthigte „der Gedanke, da ums Geld arbeiten zu müſ⸗ ſen, wo ich ſonſt eine ganz andere Rolle ge⸗ „ſpielt, und ſo große Hoffnungen für mein „„ künftiges Glück genährt hatte. Paris, mir „als der Ort bekannt, der Künſte und Wiſſen⸗ „iſchaften beſchützt, zog mich an, und ich be⸗ „ſchloß, unter dem Nahmen Amalie Berg, „mit einer alten treuen Magd und einigen Em⸗ „pfehlungs⸗Briefen, dahin abzugehen. Ehe „eich meine Vaterſtadt verließ— faſt ſchaͤme ich „mich, dieſe Schwachheit zu geſtehen— 2 —— 97—— „ſchrieb ich an Felſenſtroͤm, der zur Zeit ſich „in Berlin aufhalten ſoll, ſchilderte ihm meine „betrübte Lage und die Nothwendigkeit, mich „von Wien zu trennen; ich beſchwor ihn bei „meiner Hülfloſigkeit, indem ich jeden Unwil⸗ „len unterdrückte und die Schuld einzig auf die „Umſtaͤnde warf, mich zu retten aus dieſem „Leide, zu retten vor dem Abgrund meines ei⸗ „genen Herzens; und kein Tag, keine Stunde „vergieng ſeitdem, daß dies Herz nicht an Ret⸗ „tung glaubte. Nicht klopfen hörte ich an mei⸗ „ne Thür, ohne zu wahnen, es ſey ein Brief „von ihm; keinen Wagen vorfahren, ohne mir „einzubilden, er ſey es ſelbſt. O, wer dies „peinliche Erwarten nicht kennt, nicht dies „Sinken und Steigen der Hoffnung; wer nie „von eines Menſchen Entſchluß ſeine höchſte „Seligkeit oder das tiefſte Elend hat abhangen „ſehen, der weiß nicht wie es ſtürmen kann in „eines Sterblichen Bruſt und welche namenloſe „Angſt ſie beherrſchen. „Drei Monate hatte ich etwa hier zuge⸗ „bracht, und an Arbeit fehlte es mir nicht— „der Reiz der Neuheit iſt groß— als das „Schickſal Sie, Herr Graf, zu mir fͤhrte. „Was ich litt bei Ihrer Erzählung, mögen „Sie jetzt ſelbſt beurtheilen. Ich hoffte, und „Sie haben dieſe Hoffnung ausgelöſcht! Sie „haben aus meinen himmliſchen Fantaſien mich „geweckt zu einem Daſeyn voll Jammer und „Weh, haben mich troſtlos hinausgeſtoſſen in „die öde Welt. Es war nothwendig, ich weiß „es wohl; aber der Patient zuckt unter der „Hand des Wundarztes und ſchreit, iſt er t„gleich überzeugt, daß der Schmerz, den die⸗ „ſer ihm verurſacht, ſein Leben ſichert.— Mei⸗ „nen Dank für Ihre Theilnahme ſpreche ich „am beſten durch die Anvertrauung dieſer Blät⸗ „ter aus. Daß Sie keinen Mißbrauch davon „machen werden, fühl' ich. Beklagen Sie „mich, Herr Graf, aber ſchonen Sie meiner, „indem Sie mich nie wieder auf einen Gegen⸗ „ſtand zurückleiten, der mir natürlich kum⸗ „mervoll ſein muß. Ich brauche Zeit und Ru⸗ — 59— „he, mich von den Erinnerungen zu erholen, „die ſeit geſtern auf mich eingedrungen ſind; „und ſo wohl es thun mag mit einem Freun⸗ „de— ich betrachte Sie als ſolchen— von „ſeinen geheimſten Angelegenheiten zu ſprechen: „ſo giebt es doch Stellen im Herzen, wo ſelbſt „der Freund uns verletzen kann“. Graf Walter hatte mit Rührung und Ver⸗ achtung, mit Schmerz und Mitleid Amaliens Bekenntniſſe geleſen. Seine ganze Seele em⸗ pörte ſich gegen den Nichtswürdigen, der den Frieden dieſes Engels ſo grauſam hatte ſtören können. Ihm war, als müſſe er ſie wieder ausſöhnen mit ihrem verhangnißreichen Schick⸗ ſale, ſie dem Leben wieder entgegenführen; aber was er ihr eigentlich ſeyn wollte, was ſie ihm ſeyn ſollte, darüber hatte er noch nicht nach⸗ gedacht, und er vermied es, denn ihn erſchreck⸗ te jeder ernſte Gedanke der Art. Doch konnte er ſich das lebhafte Intereſſe nicht verbergen, das die junge Künſtlerin ihm einflößte, und immer nur dem Triebe ſeines Herzens folgend, —— 6⁰— wenn es galt, einem Bedraͤngten beizuſtehen, überließ er ſich ſeinen Empfindungen, ohne ir⸗ gend etwas zu beſchließen oder deutlich zu wün⸗ ſchen. Er gieng zu Amalien, deren ſchönes Antlitz, als er ins Zimmer trat, eine leichte Röthe bezog, veranlaßt von der Vorſtellung, daß er nun alle ihre Verhaltniſſe wiſſe. Er fand ſie übrigens gefaßter und dem Schein nach X* ruhiger. Das Geſpraͤch ſiel auf Kunſt und an⸗ . 4 dere gleichgültige Dinge. Ihre feine Bildung, ihr richtiges Urtheil, ihre große Weiblichkeit, alles entzückte den Grafen an ihr. Seinen Lippen entfloh das Wort Liebe nicht; aber ſeine Bruſt entglomm von ſehnſüchtigen Gefühlen, und ohne die Achtung, die er vor ihrer Perſon und ihrem Unglücke gehabt, waͤre er zu ihren Füßen geſunken, und hatte um ihre Gunſt gefleht. So verſtrichen mehrere Wochen. Der Graf brachte oft halbe Tage lei Amalien zu, und in Paris hieß es, er ſey ihr Geliebter. Allein noch war kein Geſtaͤndniß ihm entſchlüpft, noch hat⸗ —— 6 1— te er ſich gehütet, ihr neues Elend zu bereiten. Heirathen konnte er ſie nicht, ohne ſich mit ſei⸗ ner Familie zu entzweien, das wußte er wohl. Was ſollte er ihr alſo bieten? Ein Leben voll Schmach und Verachtung für die Frau, die nicht mit ganzer Seele ſich ergiebt, nicht einzig athmet für den Erwahlten? Und durfte er ſich ſchmeicheln von der ſo unbedingt geliebt zu ſeyn, die noch vor kurzem eine heftige Leidenſchaft für einen Andern gehegt, daß ſie ſich über alles hinwegſetzen, und mit dem Nahmen Ge⸗ liebte ſich begnügen würde! Er kaͤmpfte mit ſich ſelber, und oft war er feſt geſonnen, Pa⸗ ris plötzlich zu verlaſſen, um der Gefahr zu entrinnen; dann aber hielten ihn wieder Ama⸗ liens ſtille Trauer und ihre überzeugenden Wor⸗ te, daß ſie ohne ihn noch viel unglücklicher wäre, daß er ihr einziger Troſt ſey, und ſeine Freundſchaft, ſeine erheiternde Gegenwart, Ah⸗ nungen der Ruhe in ihr Gemüth zurückgeführt hätten. Eines Tags wagte er's, ihr ſeine Ge⸗ fühle ſtärker, als bisher, aber doch nur leiſe —— 62— anzudeuten, da unterbrach ihn Amalie ſchnell, indem ſie ſagte:„Ich weiß, daß ſie mein Freund ſind, und halte Sie für unfähig, mir je dieſen ſüſſen Wahn zu rauben!“ Dieſe Wen⸗ dung hinderte alles weitere Erklaͤren; der Graf verſtand ſie nur zu gut, und fürchtete, ihr unangenehm zu werden; allein immer gewalt⸗ ſamer entbrannt von unüberwindlichem Verlan⸗ gen, ſieng ſeine Geſundheit an zu leiden, und Amalie ſah es mit Betrübniß, ohne die Urſach ganz zu errathen. Er ward finſter, ſeine Laune unſtäͤt, ſeine Bewegungen ſtuͤrmiſch. Blickte er ſie an, ſo war es mit einem bittenden Auge; drückte er ihr die Hand, ſo geſchah es mit aller Heftigkeit ſeines aufbrauſenden Temperamentes. Daß er ſie liebte, daran zweifelte Amalie nicht, und ihr Herz war dankbar gerührt; doch ge⸗ fliſſentlich wich ſie jeder Unterredung darüber aus, weil ſie noch immer hoffte, Felſenſtröm würde ihren letzten Brief beantworten, und liebreich ihr Schickſal ändern. Eiines Morgens fand der Graf Amalien nicht — 63——— zu Hauſe; ſie war zu einer vornehmen Dame gerufen worden, die bei ſich gemahlt zu ſeyn wünſchte. Er wollte ſie erwarten und ließ ſich ihr Zimmer aufſchließen. Auf ihrem Tiſche vor dem Sofa lag ein verſiegelter Brief an ſie ge⸗ richtet. Walter kannte die Handſchrift nicht, aber ihn durchflog ein banges Vorgefühl. Ne⸗ ben dem Briefe ſah er ein engliſches Buch auf⸗ geſchlagen, und aus ihm auf einem Blaͤttchen Papier, folgenden Anruf an die Hoffnung, von Amalien überſetzt: „O Du, die Du vermagſt Formen anzu⸗ „nehmen, die wir lieben, und Geſtalten zu „verſcheuchen, die uns mit Furcht und Kum⸗ „mer füllen, komm ſüſſe Hoffnung! Entferne „mit einem einzigen freundlichen Lächeln die „dauernden Leiden eines brechenden Herzens; „Deine Stimme, wohlthatige Zauberin, laß „mich hören! Sag' mir, daß für mich noch „Freuden blühen, daß helle Fantaſie, daß der „Freundſchaft köͤſtliche Zähre meine Schwer⸗ „muth verbannen oder lindern ſoll; aber komm 5 2—ê— 64 2AA „nicht glänzend in blendenden Strahlen, wie „Du ehemals betruͤgeriſch mein Auge ergötzteſt! „O, ſtreue nicht mehr, ſanfte Schmeichlerin, „Blumen auf meinen Weg, die ich, Alberne, „einſt zu herrlich zum Sterben wähnte! Er⸗ „ſcheinungen weniger ſchön, werden meiner „belaſteten Bruſt Erleichterung ſchaffen, mei⸗ „ner Bruſt, die nicht Glück fordert, die ſich „nur nach Ruhe ſehnt““. Der Graf hatte kaum ausgeleſen, als Amalie hereintrat. Sie begrüßte ihn mit un⸗ ausſprechlicher Freundlichkeit, legte Hut und Shawl ab, und wollte ſich zu ihm aufs Sofa ſetzen, als der Brief auf dem Tiſche ihr ins Auge ſiel.„Was iſt das!“ rief ſie haſtig und entfärbte ſich; ſie erkannte Felſenſtrms Hand. Zitternd erbrach ſie ihn und ſagte:„Gott, wie gewaltſam klopft mein Herz, wie ſchwinden al⸗ le meine Sinne! O, was gäbe ich jetzt darum, ich hatte den Brief, worauf ich ſo lange gehofft, nicht erhalten! Grade jetzt nicht, wo mir ſo angſt iſt, wo ich mich ſo ſchwach fühle! Ich werde ihn laut leſen, Graf Walter,“ fuhr ſie fort,„denn vor Ihnen hat die unglückliche Amalie kein Geheimniß.“ Und ſo entfaltete ſie den Brief und las mit bebender Stimme: „Zeiten veraͤndern die Umſtände! Es thut „mir leid, Mademoiſelle, wenn Sie noch auf „mich gerechnet haben. Sie ſind arm, und „ich nicht mein eigener Herr. Die Abhaͤngig⸗ „keit von meinem Vater zwingt mich, mein „Wort, das ich laͤngſt durch die Lage der Din⸗ „ge ausgelöſt glaubte, hiermit förmlich zurückzu⸗ „nehmen. Kann ich aber mit einer kleinen Geld⸗ „unterſtützung Ihnen behülflich ſeyn, ſo werde „ich dies aus Dankbarkeit für Ihre fortwah⸗ „rend guten Geſinnungen gegen mich, gern „thun, ob ich gleich ſelbſt nichts übrig habe. „Man will doch ſeinen Rang behaupten. „Ich verharre mit Achtung, Mademoiſelle, „Ihr treueſter Freund. Baron v. Felſenſtröm.“ —— 66— „Treueſter Freund! Ha, ha, ha!“ rief Amalie und ſank mit einem konvulſiviſchen Schrei ohnmaͤchtig auf den Sofa. Der Graf erſchrack heftig, und klingelte ihrem Mäaͤdchen. Das Maädchen war verſchickt. Walter nahm Eau de Cologne, rieb ihr Stirn und Schläfe damit, und ſuchte Hände und Füſſe zu erwär⸗ men; aber Amalie kam nicht zu ſich. Da wag⸗ „ te er es, die Baͤnder ihres Kleides zu löſen und ihren ſchönen Buſen ſeinen brennenden Blicken zu enthüllen. Eine namenloſe, unbe⸗ zwingliche Glut, die ihn alles Bewußtſeins beraubte, durchdrang jetzt mit zerſtörender Kraft ſein ganzes Weſen, und nicht maͤchtig ihr zu gebieten, benutzte er, zu ewigem Vorwurf, den Augenblick, wo die Tugend wehrlos in ſei⸗ nen Armen lag. Amalie erwachte, und ſah mit Schaudern Walters ſträfliches Beginnen. „Himmel!“ rief ſie, und groſſe Thränen ent⸗ ſtrömten ihren Augen.„Iſt es möglich 1 So gebiert die Natur nur Unmenſchen! Graf Wal⸗ ter, mein einziger, mein letzter Freund, auf — 67 22 den ich mit Troſt und Beruhigung hoffte, der mir erſetzen ſollte durch ſeine treue Anhaͤnglich⸗ keit, was mein Herz verloren hatte; der die Wunden meines Innern heilen, meinen ver⸗ ſchloſſenen Sinn der Freude wieder öffnen ſoll⸗ te: er wird auf ſo bübiſche Weiſe der Mörder meiner Unſchuld! Wehe mir, muß ich denn ſtets nur an ſchlechte Menſchen gerathen!“ Bei dieſen Worten verbarg ſie ihr Angeſicht in die Kiſſen des Sofa's, und ſchluchzte laut. Der Graf war beſchämt, verwirrt, er weinte, kämpf⸗ te, wußte ſich nicht zu faſſen; endlich ſiegte ſei⸗ ne edle Natur, und er warf ſich reuig zu Ama⸗ liens Füſſen, indem er ſprach:„Ich bin ein Verbrecher, ich weiß es, und weit entfernt mich entſchuldigen zu wollen mit der Leiden⸗ ſchaft, die ich ſeit lange zu beſiegen ſtrebte und die zuletzt mich fortriß. Daß es nicht Plan geweſen, rufe ich Gott zum Zeugen, und nie werde mir wieder ein freundliches Lächeln des Glückes, wenn ich lüge! Aber ſie iſt geſchehen, die Unthat, und ich will ſie vergüten! Ama⸗ E 2 — 68— lie, Du biſt mein Weib, wenn Du mich nicht haſſeſt!“ Amalie drückte ihn mit zärtlicher Rüh⸗ rung an ihre Bruſt, und den andern Tag war ſie ſeine Gattin—„ Das Loos war nun geworfen, Graf Wal⸗ ter in ſeinem vier und zwanzigſten Jahre ge⸗ bunden an eine Frau, die er zwar liebte, die . aber mehr ſeine Sinne gereizt, als ſein Herz getroffen hatte; an eine Frau, um derentwil⸗ ean er mit ſeinen Eltern, wenigſtens mit ſei⸗ 4 nem Vater, dem alle ſanften Regungen fremd waren, zerfallen, oder bis nach dem Tode deſ⸗ ſelben, ſeine Heirath geheim halten mußte. Und würde er dies Letztere können? Schrieb der Feldmarſchall ihm nicht jeden Poſttag, zu ihm zurück zu kommen, und, als alteſter Sohn ei⸗ nes erlauchten Hauſes, ſich nach einer Gattin umzuſehen, die ſeines Standes und ſeiner Per⸗ ſon würdig waͤre? Immer entſchuldigte Walter 4 ſich mit ſeiner Jugend und ſeiner Unluſt zur Ehe, bis der alte Graf ihm eines Tages mel⸗ dete, daß er eine auſſerordentliche Parthie für 4 5 — 69— ihn wiſſe, und ihm befahl ſeine Abreiſe zu be⸗ ſchleunigen, und auf dem naͤchſten Wege heim⸗ zukehren. Was ſollte Walter thun? Reiſen mußte er im jedem Falle und zurücklaſſen ſeine liebende Gattin, bis die Umſtaͤnde erlauben würden, ſie öffentlich anzuerkennen. Amalien war es nicht entgangen, daß Walter ſeit ihrer Heirath tiefſinnig und ernſt geworden, daß ſei⸗ ne heitere Laune völlig von ihm gewichen, und zu klug, um getäuſcht werden zu können, fühl⸗ te ſie mit Schmerz, daß er ſeine Wahl bereute, wohl gar den Moment verwünſchte, der dieſe Wahl ſeiner geoßmüthigen Seele nothwendig gemacht. Was in der Regel die Maͤnner er⸗ kaltet— der Beſitz— iſt bei den beſſern Frauen ein Grund mehr zur Liebe: und ſo liebte jetzt △ Amalie den Grafen mit aller Waͤrme ihres wei⸗ chen, hingebenden Gemüthes. Hatte er gleich nur gethan, was jeder Rechtliche an ſeiner Stel⸗ le gethan haben würde, ſo ſegnete ſie ihn doch für dieſe Rechtlichkeit, und ſegnete das Geſchick, das nicht einen zweiten Felſenſtröm ſie hatte finden ——;ʒꝙ;— — 70— laſſen. Alle Liebe, die ſie ſonſt für dieſen ge⸗ hegt, übertrug ſie nun auf ihren edlen Gatten, und nur Gleichgültigkeit und Verachtung wa⸗ ren ihr für den Baron geblieben. Aber je theu⸗ rer ihr Walter wurde, je mehr aͤngſtigte ſie ſein Trübſinn, und eine Feindin aller Verſtel⸗ lung, ſprach ſie offen mit ihm darüber, und erbot ſich zu jeder Aufopferung, die der Friede ſeines Innern erheiſchen dürfte. Der Graf be⸗ wegt, umarmte ſie mit Zärtlichkeit, und ge⸗ ſtand ihr, was ſein Vater von ihm begehre. „Zurückkehren muß ich, meine gute Amalie,“¹ fuhr er fort, ſie aufs neue umarmend,„aber fürchte nichts! Ich ſchwör's bei Gottes Zorne, daß ich treu bleibe meinem Eide, und daß kei⸗ ne Gewalt der Erde mich bundbrüchig machen ſoll! Ich liebe Dich, Du biſt mein Weib, und wirſt es ſeyn vor aller Augen! Die Beleidi⸗ gung, die ich im Taumel der Leidenſchaft Dir zugefügt, habe ich mit Beſonnenheit wieder auszulöſchen geſucht, und nicht brandmarken werde ich mich durch ein zweites, noch gröſſe⸗ — 7 1—— res Vergehen. Die ganze Welt ſoll Dich für Graf Walters Gemahlin anerkennen müſſen, dafür laß meinen Stolz und meine Liebe ſorgen! Von dem Feldmarſchall hoffe ich wenig, von meiner ſanften, gütigen Mutter alles! Von ihr kommt mir dies Gefühl für Recht und Tugend; ſie hat es erzeugt, genaͤhrt und befeſtigt, ſie wird es zu beſchützen wiſſen! Enterben kann mich mein Va⸗ ter, nicht mich zwingen zu einer Schandthat!““ Darauf traf der Graf die nöthigen Anſtal⸗ ten zur Reiſe und ſchied von ſeiner Gemahlin, nach wiederholten Verſicherungen einer ewigen Treue. Amalie trennte ſich mit ſchwerem Herzen von dem geliebten Gatten. Ihr war, als ſenk⸗ te ſich ein dunkeler Schleier hernieder über alle ihre künftigen Tage.„Walter,“ rief ſie ihm noch nach, als er ſich ſchon von ihr losgeriſſen, „Walter, mein Leben haͤngt an Deiner Liebe! Der Graf kam bei ſeinen Eltern an, und ward aufs Beſte empfangen; beſonders freute ſich die Mutter mit der Wiederkunft des gelieb⸗ ten Sohnes, der uoch an mäͤnnlicher Schön⸗ —— 72— ſie ihn zuletzt geſehen; aber ſie war es auch, die zuerſt bemerkte, daß es mit ſeiner Gemüths⸗ ſtimmung nicht richtig und ſeine Heiterkeit er⸗ künſtelt ſey. Sie ſuchte ihn zu ergründen, doch und vermied es eifrig, mit ihr allein zu ſeyn. Denn hatte er auch in der Entfernung gehofft, ſie durch ein freies Bekenntniß ſeiner Schuld und die Schilderung von Amaliens Lie⸗ benswürdigkeit, für ihre beiderſeitige Lage zu intereſſiren: ſo entſiel ihm doch in der Näͤhe der Muth durch die gewiſſe Ueberzeugung, daß er ihr Schmerz verurſachen würde, wäre es auch nur wegen der Auftritte, die ſie mit ſeinem Vater beſorgen mußte. Der Feldmarſchall, dem nichts ſo ſehr am griff bald nach deſſen Ankunft die Gelegenheit, mit ihm davon zu ſprechen; allein Walter un⸗ terbrach ihn, indem er ſagte:„Ein anderes Mal, mein Vater, ein anders Mal von die⸗ heit und Vollkommenheit gewonnen, ſeitdem Walter entzog ſich ihrem ſcharfen Blicke, Herzen lag, als ſeines Sohnes Heirath, er⸗ 4* — 73— ſer Sache! Laſſen Sie mich erſt, ehe ich an neue Verhaͤltniſſe denke, die Pflichten beobach⸗ ten, welche die alten mir auferlegen. Ich habe in dieſer Stadt ſo viele Verwandte und Be⸗ kannte, die ich beſuchen muß, ſo viele Jugend⸗ freunde, die auf einen Theil meiner Zeit An⸗ ſpruch machen werden, daß wir alles Uebrige noch bei Seite ſetzen wollen.“ Hier küßte er ſeinem Vater die Hand und war enteilt, be⸗ vor dieſer nur antworten konnte. Walter gieng zur Graͤfin Aarberg, die er als Kind gekannt, und als blühend ſchönes Maͤdchen verlaſſen hatte. Die Graͤfin war ihm immer gut geweſen, und empfieng ihn jetzt mit der reinen Freude einer zärtlichen Schweſter. Bei ihr ſah er die Gräfin Sidonia von Lich⸗ tenthal, und ſein Herz war überraſcht, wie ſeine Augen. Seufzend dachte er an Amalien, ſeufzend verglich er ſie beide, und ſein düſte⸗ rer Blick ſenkte ſich Thraͤnenſchwer zur Erde. Ahnend hatte er bisher empfunden, daß ſeine Heirath ſein Unglück mache; jetzt erfüllte ſich die —— — —x — — 74—— Ahnung und es ſieng fürchterlich an zu tagen in ſeiner Seele. Fliehen wollte er, ſich ent⸗ winden der Gefahr; aber dann ſagte er ſich wieder: ich bin ein Mann, und maͤnnlich werde ich ſtreiten gegen dieſes Heer von neuen Gefühlen, gegen dieſe Schaar feindſeliger Rei⸗ ze, und ſiegend aus dem Kampfe treten! So denkt ein jeder in ahnlichem Falle, doch wehe dem, der zu viel vertraut ſeinen eigenen Kraͤf⸗ ten! 4 War, Theodor bis jetzt Vater und Mutter ausgewichens, hatte er ſich geſcheut vor jeder geheimen Unterredung: ſo floh er ſie nun an⸗ gelegentlichſt. Er war der Gatte Amaliens, er glühte für Sidonien, und ſollte eine Drit⸗ te heirathen! Der Feldmarſchall, erzürnt daß ſein Sohn ſich immer mehr von ihm entfernte, daß er ſeinen Wünſchen nicht entgegen kam, ließ ihn eines Morgens in ſein Kabinet fordern. Es war an dem nämlichen Tage, als die Gräſin Aarberg jenen Zirkel bei ſich verſammelt hatte, — 75— der ſo viel über Walters veräͤnderte Laune ſprach. Der Graf bebte, und gieng zu ſeinem Vater. „Ich habe Deinen Grillen nachgegeben, Theo⸗ dor,“ redete ihn der Alte ſtreng an,„und Dir einige Wochen vergönnt, die ehemaligen Be⸗ kanntſchaften hieſigen Ortes zu erneuern. Jetzt iſt es Zeit, an ernſtere Dinge zu denken. Du biſt in Deinem fünf und zwanzigſten Jahre, ich will, daß Du Dich verheiratheſt!“ „Mein Vater!... 7 „Unterbrich mich nicht! Die Braut, die ich Dir erwaͤhlt, iſt eines Thrones würdig, und Du beneidenswerth, wenn ſie Dich nicht ausſchlägt. Reich, ſchön, und aus einem al⸗ ten Geſchlechte, huldigt ihr alles. Mehrere der bedeutendſten Parthien, weiß ich, hat ſie ſchon von ſich gewieſen; doch Du biſt jung, hübſch, hochgeboren, vielleicht gelingt es Dir, das Herz des Maͤdchens zu gewinnen; auf dieſen Fall hab' ich des Vaters Wort. Zwingen mag er die Tochter nicht.“ — 76— „Und Sie, mein Vater, Sie wollen Ih⸗ ren Sohn zwingen?“ „Ein groſſer Zwang, wenn ich ſein Gluck will!“ „Nicht was Andere unſer Glück nennen, mein Pater, iſt als ſolches zu betrachten. Wir ſelbſt müſſen darüber entſcheiden. Kein Dritter kann Einſpruch thun in die Rechte des Her⸗ zens!“ „Der Vater kann es!“ „Nim mermehr! Das iſt die Stelle, mein Va⸗ ter, wo ich mich frei fühle!“ „Welche Sprache, Theodor?“² „Die meiner tiefſten Ueberzeugung! Ich verehre Sie, theuerſter Vater, ich will mich allem unterwerfen, nur verlangen Sie nicht, daß ich meine Hand verſchenke ohne meine Nei⸗ gung; daß ich heirathen ſoll, wo ich nicht zu lieben vermag! Gewähren Sie Ihrem Sohne die Bitte, noch einige Jahre ſo zu leben. Ich habe Deutſchland noch nicht geſehen, laſſen Sie mich reiſen! vielleicht kehre ich dann mit — — — 77— — beſſerm Sinn für hausliches Glück in meine 8 Heimath wieder.“. „Von haͤuslichem Glück iſt hier nicht die Rede, mein Sohn! überlaſſen wir das dem niedern Stande! Hier handelt ſich's von glaͤn⸗ zender Carriere, von ehrenvollen Poſten, von Auszeichnung und Reichthum! Dein künftiger Schwiegervaker gilt viel bei unſerm Monar⸗ chen, er wird für Dich ſorgen und ſeine Toch⸗ ter Dir ſchon gefallen, ſie, um deren Beſitz die ganze Welt ſchmeichelnd wirbt.“— „Bin ich nicht reich genug mein Vater, nicht geehrt durch Ihre Verdienſte? Wozu auf Unkoſten meiner Ruhe, Anſtellungen ſuchen, die bei meiner Denkart mir nur läſtig waren? Und gefallen kann mir jetzt keine....“ Er ſeufzte und ſchwieg. „Sieh' nur erſt Deine Braut, lerne ſie kennen, die hochberühmte Sidonia von Lich⸗ tenthal, und dann antworte mir. Du würdeſt der Einzige ſeyn....“ „Sidonia von Lichtenthal!“ unterbrach —yÜÜI — — — 78—— 4— ihn Walter heftig und ward bleich, wie der Tod.„Sie meine Braut?“ fragte er mit be⸗ bender Stimme, und entfaͤrbte ſich immer mehr. „Ja, Sidonia von Lichtenthal, dies göttliche Mädchen, ſie ſoll Deine Gemahlin werden, ſoll Deinen alten Namen noch herrli⸗ cher machen; ſoll.... Aber was iſt Dir? Du erblaſſeſt, deine Knie wanken! Iſt dies Freude oder Beſtürzung? Kennſt du die Graäͤfin?““ „Ich habe ſie bei Frau von Aarberg geſe⸗ hen,“ ſagte Walter mit erborgter Faſſung. „Wie, Du haſt ſie geſehen, Theodor, und ſinkeſt nicht dankbar zu meinen Füſſen für das Heil, das ich Die zugedacht? Du haſt die⸗ ſe blühende Schönheit geſehen, dieſe Krone der Frauen; Du weißt, wie reich ſie iſt, wie alt ihr Adel, und Du biſt nicht entzückt? Theodor, Theodor, das mißfaͤllt mir ſehr!“ „Gott im Himmel!“ rief Theodor auſſer . — 79—— ſich, und verſchwand wie ein Blitz aus dem Zimmer. Der Vater gieng ihm nach, aber weg war er. Er floh zu ſeiner Mutter, ſtürzte ihr halb ohnmächtig in die Arme, und rief unter Thränen. Wehe mir, welch namenloſe Wonne hat ihr unglückſeliger Sohn ſich ſelbſt verſcherzt!“ Hierauf bekannte er der erſchreck⸗ ten Mutter das laſtende Geheimniß ſeiner Bruſt und übergab ſich ihrem Schutze und ihrer Hül⸗ fe. Die Mutter hatte ihn ruhig angehoͤrt, hat⸗ te ihn mit Zartlichkeit an ihr Herz gedrückt, dann ſagte ſie:„Du haſt gehandelt wie ein leidenſchaftlicher Menſch, mein Sohn, aber wie ein Menſch von Ehre, und um ſo lieber biſt Du mir. Daß Amalie Dein Weib werden mußte, thut mir leid. Sidonia von Lichten⸗ thal haͤtte Dich beglückt, und zum erſten Mal im Leben treffen meine Wünſche mit den Wün⸗ ſchen Deines Vaters zuſammen, wenn auch aus andern Gründen. Mein Gemahl wollte bei dieſer Verbindung die glänzende Auſſenſeite, ich ſah auf die innere Glückſeligkeit meines ge⸗ ——y—— ———— —õ liebten Theodors. Sidoniens Schönheit, ihre geiſtige Bildung, ihr Gemüth, alles bürgt mir für den Segen, den ſie über ihren Gatten ver⸗ breiten muß. Mit Schmerz gebe ich dieſe ſüſſe Hoffnung auf; doch aufgegeben muß ſie wer⸗ den, da Du bereits vermählt biſt. Weit ent⸗ fernt, Dich noch wankender zu machen, als ich Dich ſchon ſehe durch Sidoniens Reize, ru⸗ fe ich Dir laut zu: daß keine andere, als Ama⸗ lie, Deine Gattin ſeyn kann. Sie verſtoſſen, hieſſe auf einen leichtſinnigen Streich einen ſchlechten begehen. Hüte Dich, Theodor, vor einem Schritte, der Dir in der Folge Dein ganzes Leben verbittern dürfte. Du biſt nicht geſchaffen, ein ſolches Unrecht zu verüben, oh⸗ ne daß es ſich an Dir ſelbſt räͤchte. Sidonia iſt für Dich verloren. Bekaͤmpfe dieſe ſtrafba⸗ re Leidenſchaft, und laß uns jetzt nur auf Mit⸗ tel ſinnen, Deinen Vater hinzuhalten, oder ihn nach den Umſtaͤnden zu ſtimmen.“ Walter verließ ſeine Mutter wenig beru⸗ higt durch ihre Vorſtellungen. Was an Ama⸗ 4 — 8¹— liens Seite ihm Troſt und Hoffnung gewährte: die Billigkeit der alten Gräfin und ihr Tackt für Schicklichkeit und Recht, vernichtete ihn hier. Er haͤtte gewünſcht, ſie anderer Meinung zu finden, und dennoch würde ſein weicher Charakter ihm nicht erlaubt haben, einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, der ihn haͤtte in Sidoniens Beſitz bringen können. Er floh und ſuchte zu⸗ gleich den Anblick ſeiner Geliebten; ihm war wohl und weh in ihrer Naͤhe, aber er ver⸗ rieth durch keine Miene, was er für ſie em⸗ pfand. Zur heiligſten Pflicht hatte er es ſich gemacht, die Ruhe dieſes jungen Herzens auf keine Weiſe zu ſtören, und je überzeugter er ſich hielt, ihr nicht gleichgültig zu ſeyn, je weniger wollte er Erwartungen in ihr erregen, die früher oder ſpaͤter durch die Entdeckung ſeiner Heirath mit Amalien, auf das Grau⸗ ſamſte niedergeſchlagen werden mußten. Ja, er verſtellte ſich ſo gut, daß er den Zirkel der Frau von Aarberg ſtillſchweigend überredete„ er liebe dieſe ſchöne Frau, und komme nur ihrentwe⸗ ð — 8²— gen ſo oft. Graf Lichtenthal, in der gewiſſen Vorausſetzung, Walter werde ſein Schwieger⸗ ſohn, und genöthigt zu verreiſen, vertraute ſeine geliebte Tochter den Haͤnden der Grafin an, die ſie zu ſich ins Haus nahm, ohne zu ahnen, daß er durch dieſe Einrichtung zwei Her⸗ zen immer enger verknüpfte, die das Schickſal von einander trennte, und daß er eben dadurch Sidoniens Glück zertrümmerte, wodurch er'’s auf ewige Zeiten zu ſichern glaubte. Der Feldmarſchall, aͤußerſt gereizt gegen Theodor wegen ſeiner letzten Unterredung mit ihm und der Art, wie er davon geeilt war, drang in ihn, ſich zu entſchließen, und drohte ihm mit Fluch und Enterbung, wenn er Luſt haͤtte ſich ungehorſam zu zeigen.„Ich bin’'s zufrieden, mein Vater,“ ſagte Walter beäͤng⸗ .. ſtigt,„nur bitte ich noch um einigen Aufſchub und um Geheimhaltung dieſes Bündniſſes, bis ich meine Braut erſt genauer kenne. Der alte Graf ließ ihn gewähren, und Sidonia erfuhr nichts von der Abſicht beider — 83 5— Valer; denn auch Graf Lichtenthal hatte ſeiner Tochter das Verlangen, ſie mit Walter zu vermählen, verſchwiegen; er wollte ihr Urtheil über ihn nicht beſtechen; wollte auch nicht, daß bekannt mit ſeinem Vorhaben und dadurch verlegen in ihres künftigen Gatten Gegenwart, ſie dieſem weniger unbefangen und liebens⸗ würdig erſchiene; er wollte, daß dies ſchöne Paar, zuſammengefügt von Menſchen, auch wie von Gott vereinigt wäͤre durch die reinſte, freiſte Liebe. Kein Gedanke an Zwang, keine Rückſicht auf ihres Vaters Wünſche, ſollte die gehorſame, gute Tochter in ihrer Wahl be⸗ ſtimmen. Ungebunden, wie die Empfindung, ſollte der Entſchluß ſeyn. Nur allzu ſehr war ſein Zweck erreicht: Sidonia liebte mit voller Kraft ihrer Seele!— So waren mehrere Wochen verſtrichen ſeit Walters Ankunft im elterlichen Hauſe. Sei⸗ ne Leidenſchaft ward immer heftiger, ſeine La⸗ ge immer peinlicher. Er mied den Vater, weil er anders dachte, als er, und mied die F 2 —— —— 84—d Mutter, weil ſie ihn zu befeſtigen ſuchte in der Tugend. Seine Brüder ſtanden bei ihren Regimentern, fern von der Hauptſtadt; auch haͤtte er es nicht gewagt, ſich ihnen zu eröff⸗ nen, ſie glichen zu ſehr ihrem Vater. Keinen Freund im Orte, dem er ſich ohne Rückhalt mittheilen konnte, keine Ausſicht, ſein Schick⸗ ſal geaͤndert zu ſehen, fühlte er ſich täglich un⸗ glücklicher und verlaſſener. Er ſchrieb an Ama⸗ lien, er zwang ſich, der Näaͤmliche zu ſcheinen, der er ſonſt geweſen; aber ſeine Briefe alle waren kalt und abgebrochen, und Verlegenheit gieng aus jeder Zeile hervor. Amalie bemerkte es. Die Liebe ſieht ſcharf, mag auch die Welt das Gegentheil behaupten und ſagen, ſie ſey blind; blind zuweilen, iſt wahr, doch blos wie ein angelaufener Stahl oder Spiegel, nicht kurzſichtig! Wir überſehen die Fehler des ge⸗ liebten Gegenſtandes nicht, wir lieben ſie nur mit ihm, und wollen ihn nicht anders, als grade ſo wie wir ihn lieben; ſeine Fehler wahnen wir im genauen Einklange mit ſeinen Tugenden, und nicht ſtreichen koͤnnen wir die einen, ohne daß die andern ſinken. Auch wer⸗ 8 den wir oft mit unerklärlicher, ja übernatürli⸗ cher Gewalt zu Perſonen hingezogen, deren ganzes Betragen von Unfreundlichkeit und Kaͤl⸗ te gegen uns zeigt; die durch ihre Haͤrte, ihren Egoismus jede gute Aufwallung unſerer lieben⸗ den Bruſt, tief in ihr Inneres zurückdräͤn⸗ gen ſollten. Taͤuſchen können wir uns nicht, allein unſer Herz treibt uns fort zu immer neuen Ausbrüchen von Zartlichkeit, wiſſen wir gleich, daß wir nur Lachen oder höchſtens Mitleid erregen. Wir ſind gefeſſelt, fühlen es; doch unſer Geiſt iſt frei; betrogen ſind wir nicht, blos gebunden! Und es gilt die⸗ ſe Tyrannei nicht allein von der Liebe, ſie gilt auch von der Freundſchaft; nur mit dem Unterſchiede, daß Freundſchaft ſich auf irgend eine vortheilhafte Vorkenntniß des Charakters gründen, daß in ſolchen Fällen, irgend ein trüge⸗ riſcher Wahn ſtatt gefunden haben muß; denn Freundſchaft iſt ein freiwilliges Gut, ein Gut, das “ — 4 7 — 386— man nicht ohne Bedacht verſchenkt, und die ehler unſerer Freunde ſehen wir meiſt dann Perſt ein, wenn wir ſchon durch Vertrauen und Hiagebung, und jenen unwiderſtehlichen Zauber, feſt an ſie gekettet ſind. Liebe hingegen kann ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne alle Kenntniß des Charakters, ja ſelbſt mit dem Bewußtſeyn der Unwürdigkeit des Gegenſtan⸗ des, empor keimen; ſie iſt ein Eindruck, deſſen wir eben ſo wenig mächtig, als wir zu verhin⸗ dern im Stande, daß uns ein Blitzſtrahl trifft oder ein Dachſtein uns den Kopf zerſchmettert. Unſere Sinne werden gefangen, ehe noch ein Wort der Vernunft ſich hat vernehmen laſſen können, und alles was die Vernunft nachher ſpricht, iſt wie nicht geſprochen: wir lieben, und müſſen die Empfindung ablaufen laſſen, wie das Raͤderwerk einer Uhr;, nur daß dieſe wieder aufzuziehen, und jene nicht! Man iſt eben ſo wenig Herr, immer zu lieben, als man es war, nicht zu lieben. Amalie fühlte Walters Kälte, und ſie — 87— durchdrang ihre Seele mit bitterm Schmerz. Sonſt ſprach er viel von der Wahrſcheinlichkeit, ſeinen Vater nach und nach für ſich zu gewin⸗ nen, uns von ihrer unausbleiblichen Wieder⸗ vereinigung. Sein letzter Brief enthielt nichts davon, oder nur flüchtig hingeworfene Aeuſſe⸗ rungen. Eine Hoffnung blieb der unglücklichen Gattin noch für die Rückkehr des geliebten Man⸗ nes, ihr, die ſie dazu beſtimmt ſchien, ewig in ihren ſchönſten Neigungen ſich gekränkt zu ſin⸗ den: nämlich die Ausſicht Mutter zu werden. Noch wußte es Walter nicht, denn noch hatte ſie es bis jetzt ſelbſt nicht recht gewußt; aber nun, wo jeder Zweifel ſchwand, ſchrieb ſie ihm Folgendes: „Ob ich glücklich bin, Theodor, magſt Du „entſcheiden, da Du meine Liebe für Dich „kennſt, und ich getrennt von Die leben „muß. Doch wie gern ertrüge ich dieſe „Trennung, wüßte ich nur, daß Du ſie „nicht gern ertraͤgſt! Vergebens ſucht mein „Herz mich zu bereden, es werden beſſere ——4ü ͤ — ———— — 87— „Zeiten fuͤr mich kommen; meiner Vernunft „dünken dieſe Zeiten hinausgerückt in die „unabſehbarſte Ferne. Nein, Theodor, „nein, Du haſt mich nie geliebt, wie ich's „verdiene! Reizen konnte ich Deine Sinne, „und ein Moment der Vergeſſenheit, aus „Edelmuth, Dich an mein Schickſal feſſeln; „aber Liebe war das nicht! Daß Du Deine „Heirath bereuteſt, ſah ich nur zu bald, und „damals, obgleich das Band geknüpft war, erbot ich mich zu jedem Opfer, erbot mich, „es ſelbſt wieder zu löſen, dies ehrwürdige „Band, wenn Dein Glück es heiſche. Jetzt, „Theodor, iſt es anders! Jetzt verſchlingt ein „Drittes den Knoten feſter, und eine ſchul⸗ „dige Mutter wäre ich, und nicht werth des „Troſtes, Mutter zu ſeyn, wenn ich mit „kalkem Blute meinem Kinde ſeinen Vater „zu rauben, es vor der Geburt ſchon ins „Unglück zu ſtoſſen vermöchte! Für mich „konnte ich das Liebſte entbehren wollen, „fuͤr ihn, das unter meinem Herzen ruht, —- 3839— „nichts! Alles fordere ich nun, worauf der „Name Deiner Gemahlia mir Anſpruch giebt, „und nicht laſſen kann ich von Dir, mein „Geliebter, bis der Tod uns ſcheidet. Mit „ffalſchen Hoffnungen mir ſchmeicheln, will „ich nicht; ich weiß, daß ich Dir nie ſeyn „werde, was du mir biſt; aber die zaͤrtliche „Mutter Deines Kindes hat Rechte auf Dich, „und die innig liebende Gattin darf um „Deine Freundſchaft bitten. Kamſt Du doch „ehemals mir ſo wohlwollend entgegen, „hatteſt Du doch eine mitleidige Zaͤhre für „mich, als verrathen von dem Falſchen, ich „mein Leben troſtlos verweinte! Wer ſoll mich „jetzt beruhigen, wer mir beiſtehen„ wenn „auch Du Dich von mir wendeſt? Dir al⸗ „lein, mein Theodor, konnte es gelingen, „den Sturm in mir zu beſchwöt. Sollte „er nur beſchworen worden ſeyn, um fürch⸗ „terlicher, als je, von neuem loszubrechen? „Sollte dies junge, herrliche Glück mir nur „einen Augenblick geleuchtet haben, um —y— ——I8ſͤſͤſͤſͤſſſͤſͤſͤſͤſͤͤn — 90—— „alle Qualen meines Innern gewalt⸗ „ſam wieder anzufachen? Um einen Un⸗ „ſegen über die Gegenwart und grauen⸗ „volles Dunkel über meine Zukunft zu ver⸗ „breiten? Sollte das, was ich ſchon verlor, „mir nur ein Kinderſpiel erſcheinen ge⸗ „gen das, was zu verlieren, mir noch be⸗ „vor ſteht? Den nichtswürdigen Geliebten „Ilernte ich vergeſſen, den edelgeſinnten kann „ich niemals aufgeben, nie! O, ende mei⸗ „ne Pein, theurer Freund! Kehre zu mir „zurück, oder laß mich zu Dir eilen! Dein „treues Weib weiß von keiner Freude, wenn „iſie Dich vermißt.“ Theodor empfieng dieſen Brief, als er Abends von der Graͤfin Aarberg zurückkam, und wieden Stundenlang in Sidoniens An⸗ ſchauen ſich berauſcht hatte. Wie ein Donner⸗ ſchlag trafen ihn die Worte ſeiner Gattin. Tauſend Empfindungen, von deren keiner er ſich Rechenſchaft zu geben wußte, beſtürmten — — 9¹—— ſeine Bruſt. Lieber und verhaßter zugleich ward ihm Amalie nun! Dies neue Band, das ihn enger an ſie ſchlieſſen ſollte, es entfern⸗ te ihn von ihr, eben weil es ein Band mehr war; und doch liebte er ſie in dem Gedanken an ſein Kind. Dann durchflog ihn plötzlich der wilde Wahn, daß dies Kind vielleicht einen andern Vater habe, und voll von eiferſüchtiger Wuth, beſchleh ihn eine geheime Freude. In⸗ deß nicht lange wahrte dieſe Freude, und er ſchämte ſich ſeines Argwohns. O, wie gern haͤtte er Amalien ſchuldig gewußt! Ihre Liebe rührte ihn, ihre Lugend mußte er verehren; aber der Trotz mit dem ſie auf ihren Rechten beharrte, die Beſtimmtheit mit der ſie ſich er⸗ klaͤrte, brachten ihn auf gegen ſie, und ſtörten ſeine guten Geſinnungen.. Gezwungen wollte er nicht anders ſeyn, als durch ſeine Natur; Amalie ſollte ihn nicht zwingen, ſein Herz al⸗ lein! Aber grade dieſes Herz ließ es auch jetzt nicht zu, wider ſie zu verfahren. Kalt fieng er ſeine Antwort an; doch er ſchloß liebreich und — 9²— zärtlich, ſchloß mit der Ausſicht eines baldigen Wiederſehens, mit der Betheurung ſeiner un⸗ verbrüchlichen Anhaͤnglichkeit, und machte ihr, um ſich einander zu naͤhern, den Vorſchlag, Paris zu verlaſſen, und in einer kleinen Stadt, zehn Meilen von ſeinem Aufenthalte, ihre Entbin⸗ dung abzuwarten. Von ſeiner Mutter ver⸗ ſprach er ſich alle Hülfe für ſie. Kurz nach dieſem Briefe bekam Walter von einem ſeiner Onkel, deſſen Erbe er war, und der ſeit vielen Wochen krank lag, die Aufforderung, ihm ſeine letzten Stunden durch die Gegenwart des geliebten Neffen zu verſüſ⸗ ſen. Walters Menſchlichkeit reichte weit uüͤber ſeinen Eigennutz, und ohne alle Nebenabſicht, hätte er ſeinem ſterbenden Oheim den Wunſch nicht verſagt, ihn in ſeiner Todesſtunde um ſich zu haben; und ſo hart es ihm auch ſiel, ſich von Sidonien zu trennen, ſo ſtand er dennoch keinen Augenblick an. Er nahm Abſchied von ihr und der Gräfin Aarberg, unterrichtete ſeine Mutter von dem Plane, Amalien in ihrer Naͤ⸗ 85 — 9³— he zu etabliren, gelobte dem Feldmarſchall, nach ſeiner Rückkehr Sidonien ſein Herz zu öffnen— mit dieſer zweideutigen Zuſage rettete er ſich vor einer falſchen— und reiſte auf das Gut ſeines Onkels. Im Aarbergſchen Hauſe gieng inzwiſchen manches vor. Sidonia, die von dem Vertrag der Graͤfin mit dem Herrn von Hochfeld nichts wußte, die eben ſo wenig Walters Verheira⸗ thung ahnete, und dieſen ſo emſig bemüht ſah um jene, muthmaßte ſchon lange, daß er die. Graͤfin liebe und geſonnen ſey, ihre Hand zu fordern. Die Zuvorkommenheit, mit der Frau von Aarberg ihn behandelte, die Auszeichnung, die ſie, vor ſo vielen andern, ihm allein angedei⸗ hen ließ, beſtaͤrkte ſie in ihrem Glauben, und je weniger ſie an der Wahrheit dieſes Verſtaͤnd⸗ niſſes zweifeln durfte, je abgeneigter wurde ih⸗ re Seele der Graͤfin. Von Natur verſchloſſen. und in ſich gekehrt, ward ſie es jetzt noch mehr. Sie floh die Geſellſchaft der liebens⸗ würdigen Frau, und vermochte es ſogar über ——— — —— 94—— ſich, oft nicht zu erſcheinen, wenn Walter da war. Auch bei geringerm Scharfblick und we⸗ nigerer Menſchenkenntniß, waͤre es der Gräfin nicht ſchwer geworden, die Urſach davon zu er⸗ rathen. Es ſchmerzte ſie Sidoniens Mißgriff, der dem Herzen des guten Mäͤdchens ſo wehe thun mußte, und er ſchmerzte ſie doppelt, da ſie Walter nur an ſich zog, um ihn ihr naͤher zu bringen. Hatte ſie bisher geſchwiegen und Sidonien in ihrem Irrthume gelaſſen, ſo war das blos, weil ſie oft ſelber an dem Grafen irre ward, und haufig mit allen Uebrigen glauben mußte, er habe wirklich Abſichten auf ſie. War⸗ um, dachte ſie, würde er ſich verbergen, wenn er meine junge Freundin liebte? Warum nicht ſeine Liebe bekennen, und um die ihrige wer⸗ ben? Iſt er nicht gleichen Standes mit ihr, nicht reich und frei? Sollte ſie Sidonien Hoff⸗ nung machen, indem ſie ſie einweihte in das Geheimniß ihrer Verlobung mit Hochfeld, und ihr dadurch plötzlich zeigte, daß ſie nie Walters Gemahlin werden könnte? Eine Hoffnung, die der Graf vielleicht ſelbſt wieder vereiteln dürf⸗ te, wenn er bei ſeinem räthſelhaften Schwei⸗ gen verbliebe! Und würde ein Herz, wie Si⸗ doniens, ſich auch mit einer zweiten Liebe be⸗ gnügen, falls Theodor ſich nun von ihr, zu der Freundin wenden wollte? Alles dies bewog ſie, die Sache unerörtert zu laſſen. Doch ei⸗ nes Tages, gerührt von Sidoniens tiefem Schmerz, war ſie auf dem Punkte, ſich ihr zu entdecken, als dieſe bei dem Namen Wal⸗ ter die Farbe wechſelte, ſchnell aus dem Zim⸗ mer entfloh, und nachher jeder Gelegenheit ängſt⸗ lich auswich, die zur Erklärung hätte führen können. Sidonia wähnte, die Graͤſin wolle ſie zur Vertrauten ihrer Zaͤrtlichkeit für Wal⸗ ter machen, wolle ihr von ihren Erwartungen für die Zukunft ſprechen, und dazu fühlte ſie ſich weder aufgelegt noch Freundſchaft genug für die Gräfin. Nicht daß ſie Frau von Aar⸗ bergs groſſe Eigenſchaften verkannte, o nein, ſie ſchaͤtzte ihre Gutmüthigkeit, ſchaͤtzte ihren Verſtand, den Andere ſo oft auf Koſten ihres —— 96— Herzens beſitzen, und der das Herz der Gräfin nur veredelte; aber ſie haßte in ihr die vermein⸗ te Nebenbuhlerin, und barrte mit Sehnſucht und Furcht auf die Leenkehr ihres Vaters: mir Sehnſucht, ſie zurückzunehmen aus einem Hauſe, wo ſie ſich ſo unausſprechlich mißſiel, und mit Furcht, daß ſie Walter dann viel⸗ leicht gar nicht mehr ſähe oder nur in der groſ⸗ ſen Welt. Noch feſter ward ſie in ihren fal⸗ ſchen Muthmaßungen, als der Zufall es füg⸗ te, daß grade in der Zeit, als Theodor ſeine Abreiſe ankündigte, die Grafin einen Brief von ihrem Verlobten erhielt, der ihr anzeigte, daß er Krankheits halber nicht ſo geſchwind zu ihr kommen könne, wie er's gewünſcht. Er hatte ihr einen Beſuch verſprochen. Recht ſehr be⸗ trübt daruͤber, verhehlte Frau von Aarberg ihre Unruhe nicht, und Sidonia glaubte ſie veranlaßt durch Graf Walters nothwendige Enrfernung. Sie ſah den Grafen mir bedrück⸗ tem Herzen ſcheiden; aber wurde er ihr ent⸗ riſſen, ſo mußte auch die Graͤfin ihn entbehren und dieſer Gedanke hob ihren Muth. Lie⸗ ber ihn nicht ſehen, als bei ihrer Feindin! Nicht lange nach Walters Abreiſe, ließ ſich bei der Graͤfin ein junger Baron, Namens Friedheim, einführen. Der Baron, ohne ſehr hübſch zu ſeyn, präͤſentirte ſich gut; er war ge⸗ wandt, hatte viel gereiſt, hatte manches Ta⸗ lent geübt, ſich manche Kenntniß erworben, und ſprach hauptſäͤchlich mit groſſer Fertigkeit Italieniſch, die Lieblingsſprache der Gräſin. Erſt ſeit kurzem in der Reſidenz, pries er ſich glück⸗ lich, gleich in einem ſo angenehmen Hauſe den Zutritt erhalten zu haben. Sein Anſehen war blaß, ſeine Stimmung ernſt, und er klagte über eine ſchwache Geſundheit. Die Gräfin Aarberg geſiel ihm ſehr, das ſah man auf den erſten Blick, und er gefiel der Graͤfin ebenfalls. Sie hatte durch Walter einen geiſtreichen Menſchen ihres Zirkels verloren, durch Friedheim glaub⸗ te ſie ihn am beſten erſetzt. Auch kannte ſie ſo wenig Maͤnner, mit denen ſie im Geſpräͤch ſich über das Alltägliche erheben konnte, und ihr 3 G — 9⁸ι 4—— 1 war es ein ſo hohes Beduͤrfniß, gebildete und aus⸗ gezeichnete Leute um ſich zu verſammeln, daß jeder neu Ankommende, der nicht zu der gewöhn⸗ lichen Menſchenklaſſe zu gehören ſchien„ ihr ein willkommener, lieber Gaſt war. Der Graͤfin freundliches Benehmen gegen den Baron, bewog ihn bald, ihr Haus täglich zu be⸗ ſuchen. Immer mehr ſchloß er ſich an ſie an, immer mehr bereute er, bis jetzt ein wildes Leben geführt, und nicht ſchon früher eine Frau gefunden zu ha⸗ ben, die durch ihren Geiſt, ihre ruhige Vernunft, ihr ſanftes, wohlgefaͤlliges Weſen, ihn auf beſſere ſich ſo feſt vor, nie wieder in aͤhnliche Aus⸗ um ſo lieber ward. Sie bemühte ſich, ihn in ſeinen guten Vorſätzen zu beſtärken, und verſchaffte ihm die Gelegenheit, genauer bekannt zu wer⸗ den mit mehreren ſehr verdienſtvollen Män⸗ nern, die bei ihr aus⸗ und eingiengen, die ſie ihm ſtillſchweigend zum Muſter aufſtellte, und Wege geleitet haͤtte. Er geſtand ſeine Jugend⸗ ſchweifungen zu derfallen, daß er der Graͤſfin nur 4 . ſünden mit ſo ſeltener Unbefangenheit, nahm 3„„„ aru He,che der. . 85 f S. Aeee die er auch als ſolche zu betrachten ſchien. Be⸗ ſonders dußerte er viel Verehrung vor dem alten Staatsminiſter von Mirbach, dem vertrauten Freunde der Graͤfin, und ſtrebte, ſich auf alle mögliche Weiſe bei ihm einzuſchmeicheln. Si⸗ donia, weit entfernt, neidiſch oder eiferſüchtig zu ſeyn auf den Vorzug, den Baron Fried⸗ heim der Gräfin ſo unlaͤugbar vor allen Frauen ihrer Geſellſchaft gab, ſah mit der in⸗ nigſten Befriedigung, daß ihre Laune ſich wie⸗ der erheiterte— ſie hatte Nachricht von der Beſſerung des Grafen Hochfeld— und welche Fortſchritte der Baron in ihrer Gunſt machte. Sie hielt dies für das einzige Mittel, Walters Andenken bei ihr zu verlöſchen, und befand ſie ſich mit Friedheim allein, ſo ergoß ſie ſich in Lobeserhebungen über die Gräfin, und ſag⸗ te ihm oft, daß eine Frau, wie dieſe, jeden Gatten beglücken müſſe. Dies ſprach ſie leider nur mit allzu groſſer Ueberzeugung! Eines Tages machte die Graͤfin mit Sido⸗ nien eine Spazierfahrt. An dem Orte, wo G 2 * * — 10— ſie ausſtiegen, trafen ſie viele Bekannte, und Sidonia wünſchte mit einer ihrer Jugendfreun⸗ dinnen in die Stadt zurück zu kehren. Die Gräfin fuhr alſo allein mit Friedheim, der dieſen günſtigen Augenblick benutzte, ihr ſeine Liebe zu bekennen, und um ihre Hand zu bitten. Frau von Aarberg war überraſcht„Stehen Sie gleich auf einer höhern Stufe des Ranges, als ich,“ fuhr er fort,„und mögen Grafen und Fürſten ſich um Sie bemüht haben, ſo darf ich mich doch dreiſt mit einem Jeden meſſen in Betreff meiner Empfindungen und meiner gren⸗ zenloſen Achtung für Sie. Auch iſt meine Fa⸗ milie von altem Adel und ſehr reich.“ „Weder Ihr Stand noch Ihr Reichthuunm, Baron Friedheim,“ erwiederte die Graͤfin, „kann auf mich den mindeſten Einfluß haben; und Sie trauen mir zu, daß ich die Wohlfahrt meines Lebens keinen nichtigen Vorurtheilen aufopfern würde. Ich beſitze Vermögen genug, um nach Neigung zu heirathen, und auf Ge⸗ burt, dies zufällige Gut, hab' ich immer nur in —— 101— ſo fern einigen Werth gelegt, als es in der Geſellſchaft manches Vorrecht giebt, nicht wie zum Glücke des Menſchen durchaus erforderlich. Aber ich bin verſagt! Herz und Hand gehören einem edlen jungen Manne, und ſo groß auch Ihre Verdienſte ſeyn mögen, Herr Baron, ich würde bei dieſem Tauſche, wie bei keinem, gewinnen. Es thut mir leid, daß es ſo mit uns kommen mußte; nur ihre Freundin wünſchte ich zu ſeyn, und haͤtte ich ahnen können, daß Sie andere Hoffnungen nähren, ich würde längſt mit Ih⸗ nen über meine Verhältniſſe geſprochen haben. Umſtande verhinderten mich bisher, meine Ver⸗ lobung öffentlich kund zu machen, und meine Ehe zu vollziehen; allein kein Umſtand in der Welt kann mich bewegen, mein Wort zu bre⸗ chen. Ueberdies liebe ich meinen künftigen Gatten von ganzer Seele.““. Friedheim hörte die Gräfin ruhig an, ohne ſie zu unterbrechen, und ſie ſprach ſchon lange nicht mehr, als er noch immer ſchwieg. Fin⸗ ſter ſaß er in die Ecke des Waͤgens gedruckt, 8 —x 102—=V und ſah ſtarx vor ſich hin. Frau von Aarberg faßte ihn freundlich bei der Hand, und ſagte ihm ſanft:„Nicht ſo gedankenvoll, Baron Friedheim!“ Da ſtürzten ihm Thraͤnen aus den Augen, er wandte ſich ab, zog ſeine Hand zuruͤck, und fiel in konvulſiviſche Bewegungen. Der Grafin ward bange, ſie befahl dem Kut⸗ ſcher, raſcher zu fahren. Beim Ausſteigen nö⸗ thigte ſie den Baron zu ſich hinauf; er wollte erſt nicht, folgte ihr dann aber doch langſam nach. Sie ſank, erſchoͤpft von Angſt und peinli⸗ chen Gefühlen, aufs Sofa; er ſtand leblos, mit zur Erde geſenktem Blick, in der Mitte des Zimmers. Endlich naͤherte er ſich ihr feier⸗ lich und ernſt, ſprach, er könne ſie niemals wiederſehen, bat um einen erſten und letzten Kuß, den ſie ihm bewilligte, und verſchwand, indem er ſich mit Gewalt von ihr losriß. Die Graͤfin blieb mit ſchmerzlichen Em⸗ pfindungen zurück. Schon einige Mal war es ihr geſchehen, daß ſie Maͤnnern eine heftige Lie⸗ be eingefloͤßt, für die ſie keine Gegenliebe ge⸗ . 7 4— 5 ½ — 103— fühlt, und nie konnte ſie ſich zufrieden geben, wenn ſie an dem Unglücke irgend eines Men⸗ ſchen Schuld zu ſeyn glaubte. Sie eilte zu ih⸗ rer Freundin, der Baronin von Willingshau⸗ ſen, die ſeit acht Tagen von einer Reiſe aus der Gegend, nach Hauſe gekommen. Ihr ent⸗ deckte ſie alles. Charlotte von Willingshauſen war eine Frau von beinah funfzig Jahren, groß, imponirend und mit vielen Spuren ehe⸗ maliger Schönheit; ihr Geiſt durchdringend und lebhaft, ihre Fantaſie ewig jung. Einer tiefen d d niheit fihi⸗ aber keiner Freund⸗ ſchaft, konnte ſie dem unbedeutendſten Manne die größten Dufen alngen, der ausgezeichnet⸗ ſten Frau keines! Von Dankbarkeit wußte ihr Herz nichts, ſie verlangte auch keine von An⸗ dern! Alles Gute, das man ihr erzeigte, nahm ſie hin, als müßte es ſo ſeyn; alles was ſie den Leuten erzeigte, weil ſie es wollte, nicht weil ſie das Individuum liebte. Wie eine barm⸗ herzige Schweſter, die es ſich zum Geſetz ge⸗ macht, Kranke zu pflegen, ſtand ſie einem Noth⸗ 104— leidenden bei, nicht aus beſonderm Intereſſe für ihn, und ſo wie die ihr gleichgültig blieben, denen ſie Erkenntlichkeit hatte, ſo empfand ſie auch nichts für diejenigen, die ihr verpflich⸗ tet waren. Mit ihrem Gatten hatte ſie in Un⸗ einigkeit gelebt, und nach ſeinem frühen Tode, ſich zu keiner zweiten Ehe entſchließen kön⸗ nen. Sie hielt ihre Freiheit über alles hoch; aber nothwendig war es ihr, irgend einen Mann an ſich gefeſſelt zu ſehen, und da fiel denn ihre Wahl oft auf die unwürdigſten Ge⸗ genſtände. Sie, die niemanden ein Recht über ſich einräumen wollte, ſie ließ ſich von den erbaͤrmlichſten Männern unterjochen, ſobald ſie ihr nur ergeben ſchienen. Vorſtellungen von ihren beſten Freunden halfen nicht; eher moch⸗ ten Feuer und Waſſer ſich in Liebe begegnen, als daß ſie ein Unrecht eingeſtand. An der Meinung der Welt lag ihr ſo wenig, wie an deren Werthſchäͤtzung, denn ſie verachtete die Welt. In ihren Aeuſſerungen uͤber Menſchen und menſchliche Verhältniſſe, war ſie hart und — 1 05— ſchneidend. Für groſſe Weltbegebenheiten konn⸗ te ſie ſich mir Waͤrme intereſſiren, von Litera⸗ tur und Kunſt mit Begeiſterung ſprechen; aber alles was ſich in der Geſellſchaft zutrug, ließ ſie kalt. Was ſie wahr ſeyn nannte, war oft nur Erbitterung ihres Herzens, die aus man⸗ cherlei Erfahrungen und Unglücksfällen ent⸗ ſprungen, ihr ganzes Weſen gleichſam mit Gal⸗ le ſtempelte, und denen natürlich unangenehm an ihr ſeyn mußte, die ſie nicht genau kannten. Zu achtzehn Jahren liebte ſie mit grenzenloſer Leidenſchaft einen Menſchen, der ſie verrieth; in ihrem vier und zwanzigſten heirathete ſie den Baron von Willingshauſen„der ſie ſchlecht be⸗ handelte und in mißlichen Vermögensumſtän⸗ den zuruck ließ; dann verlor ſie ihre einzige ſieb⸗ zehnjährige Tochter, die von ihr angebetet wur⸗ de, und ſo haͤufte ſich Unfall auf Unfall, bis ihre weiche Natur nach und nach zu Grunde gieng, und nur der achtſamſte Forſcher ſie aus dem Schutte der Widerwaͤrtigkeiten heraus zu finden vermochte. Dieſe Frau war die Freun⸗ — 1 06—— din der Graͤſin Aarberg, in ſo fern ſie es ſeyn konnte, und die Gräfin, die zwar alle ihre Fehler einſah, und oft darunter litt, liebte ſie dennoch über jeden Ausdruck, und war nicht im Stande von ihr zu laſſen. Im Bade hat⸗ ten ſie ſich kennen lernen, und die Baronin der Gräfin, die damals ſehr kränkelte, unge⸗ mein viel Theilnahme und Fürſorge bewieſen. Das geſiel dieſer, und Dankbarkeit feſſelte ſie zuerſt an Frau von Willingshauſen; aber der helle Verſtand der Baronin, ihre ausgebreiteten Kenntniſſe, ihre Einſicht in alle Verhaͤltniſſe des Lebens, und beſonders das hingebende Wohl⸗ wollen, das ſie der Frau von Aarberg bezeig⸗ te— neue Menſchen hatten ſtets den größten Reiz für ſie— verwandelte dieſe Dankbarkeit bald in wahre Zuneigung, und erſchloſſen die liebende Bruſt der jungen Gräͤfin, die, geſchmei⸗ chelt von dem Vorzug, den eine ſo originelle Frau ihr vor vielen andern gab, und wirklich zu ihr hingezogen, ihr mit dem unbeſchränkte⸗ ſten Vertrauen, ja mit Leidenſchaft vergalt, — 107— wenn dies Wort bei Freunden anzuwenden iſt. Keine Falte ihres Innern, die ſie ihr nicht enthüllte, obſchon die Baronin ihre Mutter ſeyn konnte und ſo ungleiches Alter oft Zwang und Scheu hervor bringt. Frau von Willingshau⸗ ſen las in der Seele ihrer Freundin, wie in ih⸗ rer eigenen, und alles was in ſolchem Verhält⸗ niſſe zu leiſten möglich, hatte die Graͤfin ge⸗ leiſtet; dies Zeugniß konnte ſie ſich vor Gott und der Welt ablegen. Die Baronin war ihr unentbehrlicher geworden, als irgend ein Menſch, und fühlte ſie ſich auch oft gekraͤnkt durch ihre anſcheinende Kälte, und nahm ſie ſich auch hundert Mal vor, auf ewig mit ihr zu bre⸗ chen: ſo kehrte ſie doch immer mit neuer Lie⸗ be zu ihr zurück, und ein ſanftes Wort von Frau von Willingshauſen löſte ihren Groll in Thränen auf, und verwiſchte jede Spur davon im Herzen. Sah die Gräfin ihre Freun⸗ „ din nicht, ſo war ſie zuweilen ordentlich ge⸗ neigk, ſie zu haſſen; doch kaum trat dieſe ins Zimmer, weg war aller Haß; ihre bloſſe Ge⸗ ——— ſſcchen Frauen geht es nicht beſſer! Noch tauſend 2—2 108— gn genwart verſöhnte ſie ſchon. Die Baronin heu⸗ chelte wenigſtens nicht. Nie ſagte ſie der Graͤ⸗ fin bei naͤherer Bekanntſchaft etwas Verbindli⸗ ches; nie gab ſie ihr auch nur von weitem zu verſtehen, daß ſie ihr nothwendig ſey. Im Gegentheil, ſie antwortete nicht ſelten, wenn Frau von Aarberg ihr Vorwürfe über ihre Lieb⸗ loſigkeit machte, und ſie verſicherte, daß ſie eine ſolche Freundin im Leben nicht wieder be⸗ käme: Wer ſagt Dir Sophie— ſie nannte ſie du— daß ich eine Freundin brauche? Ich brau⸗ che keine!“ Als die Graͤſin jetzt ganz verſtört zu ihr kam, und ihr den Vorfall mit dem Baron er⸗ zählte, verſetzte ſie kalt:„Wirſt Du denn nie⸗ mals geſcheidt werden; niemals aufhören, Dich über dergleichen Dinge zu qualen? Allen hüb⸗ Mal wird es Dir begegnen, daß Männer Dich lieben, die Du nicht magſt; willſt Du Dich alle tauſend Mal graͤmen? Glaub' mir, Fried⸗ heim thut ſich kein Leids an! Du kannſt ohne er muß.“ — 109— Sorgen ſchlafen! Ihn zu Dir zurückzuführen, ſey übrigens meine Sache. Es hat ſchon man⸗ cher geſagt:„ich kann Sie nicht wiederſehen,“ und iſt doch wiedergekommen, und hat nachher mit einer Andern die namliche Comödie ge⸗ ſpielt. Kenne ich denn das alles nicht aus ei⸗ gener Erfahrung? Mir ſoll niemand mehr etwas einreden, dafür ſteh' ich! Ich weiß nur leider zu gut, wie es mit ihnen allen iſt! Der Baron wird ſich ſchon beruhigen, wenn er ſieht, daß Die Graͤfin fuhr erleichtert nach Hauſe; aber ſie war nicht heiter, nicht unbefangen ge⸗ nug, daß Sidonia nicht hätte merken ſollen, daß ihr etwas zugeſtoſſen; Spuren von Thraͤnen ſah man deutlich. Theilnehmend fragte jene ſie nach der Urſach ihres Kummers. Da erzählte ihr Frau von Aarberg alles, und auch„ daß ſie längſt mit dem Grafen von Hochfeld verſpro⸗ chen ſey. Hier fiel Sidonia ihr um den Hals, laut ſchluchzend vor Freude. Mit dem einzigen Worte verſprochen, kehrte ihre ganze ehe⸗ — 110— malige Liebe zu der Grafin zurück. Sie druckte ſie mit Heftigkeit an ihre Bruſt, und rief:„O, warum erfuhr ich das nicht früher? Wie viel Angſt und wie viel gehäſſige Empfindungen wä⸗ ren dann mir erſpart geweſen!“ „Sie mochten mich ja nicht hören, als ich mich Ihnen entdecken wollte,“ ſagte die Grä⸗ fin ſanft,„und blieben ſtets verſchloſſen ge⸗ gen mich, wie ſchweſterlich ich Ihnen auch entge⸗ gen kam. Ich weiß, daß Sie Graf Walter lieben, und ohne ſein finſteres Anſehen, ohne das Zweideu⸗ tige ſeines Betragens, würde ich glauben, daß er auch Sie liebt. Aber iſt dies, warum erklaͤrt er ſich nicht; und liebt er mich, was ich oft auf Mo⸗ mente waͤhnte, warum ſchweigt er, da meine Verbindung mit Graf Hochfeld ihm ein Ge⸗ heimniß iſt? Es muß irgend etwas dahinter ſtecken, das ich nicht zu errathen vermag. Die Zeit wird es erhellen, liebe Sidonia,“ ſetzte ſie hinzu,„und ich hoffe zu Ihrem Glücke!““ Tiefſinnig verließ die Gräͤfin Lichtenthal ihre Freundin. Den folgenden Tag begab ſich Friedheim zu Frau von Willingshauſen, ihr ſein Leid zu klagen. Dieſer war nichts fataler, als ſolche Jeremiaden; ſie hatte im Leben ihrer ſo viele von gleicher Art gehoͤrt, daß ſie ihr ekelten, und ſprach man ihr noch von Liebe, ſo ſollte es für ſie ſelbſt, nicht für Andere ſeyn. Doch bot ſie alle ihre Beredſamkeit auf— und niemand redete kraͤf⸗ tiger und überzeugender, als ſie— den Baron zu tröſten, und ihn zu bewegen, daß er ſie zur Grafin begleitete. Frau von Aarberg war erſchüttert bei ſeinem Anblick, aber froh, daß er ihre Geſellſchaft nicht mied. Die Klugheit der Baronin kam der allerſeitigen Verlegenheit zu Hülfe, und das Gleichgewicht ward bald wie⸗ der unter ihnen hergeſtellt. Die Graͤfin nahm mit Wohlgefallen wahr, daß Friedheims ſtiller Ernſt ſich nach und nach in ruhige Geſpraͤchig⸗ keit auflöſte, und daß beſonders Frau von Wil⸗ lingshauſen gut auf ihn zu wirken ſchien. Nichts konnte ſie mehr entzücken, als wenn ſie ſah, daß man den großen Eigenſchaften ihrer Freun⸗ —— — —— b — 112— din Gerechtigkeit wiederfahren ließ, und ſtets bemüht, dieſe allen Menſchen ſo ange⸗ nehm zu machen, wie ſie es ihr war, freute ſie ein Lob der Baronin, als hätte man ſie ſelbſt gelobt. So gieng alles ungeſtört ſeinen Gang. Friedheim war täͤglich bei der Gräfin; man las, man muſicirte— Frau von Aarberg ſang ſehr ſchön— man unterhielt' ſich mit allerlei. Die Baronin kam fleißiger, als ſonſt, und hatte tauſend Aufmerkſamkeiten für den Baron, die ihm klar beweiſen mußten, daß er ihr lieb ſey. Friedheim war geſchmeichelt, vorzüglich durch ihren ſehr günſtigen Ausſpruch über ein höchſt mittelmäßiges Luſtſpiel, das er geſchrieben. Zum erſten Mal bemerkte die Graͤſin eine gewiſſe Par⸗ theilichkeit an der Baronin. Partheiiſch war ſie ſonſt nie, hauptſächlich nicht, wenn es Literatur betraf, da galt Freund und Feind ihr gleich! Keine Meinung ließ ſie ſich aufdringen, kein Urtheil jemals unterſchieben; Lob und Tadel floſſen immer nur aus der tiefſten Ueberzeugung* —— 1 13—— bei ihr. Ein Billet, das ſie dem Baron über ſein Luſtſpiel ſchrieb, und welches er der Graͤ⸗ fin zeigte; die darin enthaltenen Worte:„Ich „weiß nicht, Baron Friedheim, ob ich Sie lie⸗ „be, weil Ihre Dichtung mir gefällt; oder ob „ich Ihre Dichtung liebe, weil Sie mir gefal⸗ „len!““ alles verrieth der Gräfin nur zu deut⸗ lich den Zweck ihrer Freundin: Friedheim an ſich zu ziehen. Frau von Aarberg mißbilligte das Betragen der Baronin im höchſten Gra⸗ de; ſich einem Manne an den Kopf werfen, war ihr ein unleidlicher Gedanke; allein ſie ſchwieg, bis der alte Miniſter Mirbach, der bei a ll ſeinen Eigenheiten und Prätenſionen an Ehrer⸗ bietung, an Reſpekt vor ſeinem Range und ſei⸗ nen Jahren, gewiß in Rückſicht ſeines recht⸗ ſhaffenen, biedern Charakters, und der ächten Anhaͤnglichkeit für ſeine Freunde, ein ſehr aus⸗ gezeichneter Mann war, ihr im Vertrauen ſag⸗ te; daß Friedheim ſtark ſpiele, und ſich ſchon manchen leichtſinnigen Streich habe zu Schul⸗ den kommen laſſen.„Je vous en préviens, bel- „ ——— 11 4—— le comtesse,“ fügte er hinzu,„weil ichs für meine Pflicht erachte. Friedheims Phiſiognomie gefällt mir nicht; soyez sur vos gardes, na bonne amie.““ Beſtärkt in der Wahrheit dieſer Ausſage durch die Anleihe von hundert Piſtolen, die der Baron kürzlich bei ihr machen wollte, und die ſie ihm verweigern mußte, indem ſie gerade nicht bei Kaſſe war, warnte die Graſin ihre Freundin vor des Barons Forderungen. Sie kannte Frau von Willingshauſens groſſe Gut⸗ müthigkeit in ſolchen Fäͤllen, und wußte, daß oft ſelbſt in Verlegenheit ſie keinem etwas ab⸗ ſchlug, der in Noth ſich an ſie wandte. Die Baronin nahm dieſe Warnung ſehr gleichgültig auf, und antwortete blos:„Ich bin ſelber arm, übrigens glaube ich nicht, daß Friedheim ſpielt oder Geld braucht.“ Ob Frau von Willings⸗ hauſen ihre Unterredung mit der Grafin, dem Buaron wieder erzaͤhlte, und ihn dies beleidigte, oder ob ungehalten, daß ſie ihm die oben ge⸗ nannte Summe nicht geben konnte, genug, er 7 — 115— entfernte ſich von der Zeit an immer mehr aus ihrem Hauſe und verlebte ſeine Tage bei der Baronin. Frau von Aarberg ſah es mit Be⸗ dauern, that aber durchaus nichts, es zu än⸗ dern, oder die Sache zur Erklärung zu brin⸗ gen. Sie hatte ihn einmal erinnert, daß er ihr verſprochen, nie wieder zu ſpielen, und er dieſen leiſen Vorwurf ſo verdrießlich und auf⸗ fahrend erwiedert, daß ſie beſchloß, ihn ſeinen Schickſale zu überlaſſen. Auch wart anderer Vorfall, deſſen wir ſpakterhin erwähnen werden, Gelegenheit zu einer beiderſeitigen in⸗ nern Verſtimmung geweſen, und mehr aus Liebe zur Baronin, als aus eigenem Vergnü⸗ gen, empfieng ſie ihn noch mit ihrer gewohnten Zuvorkommenheit. Frau voff Wlllingshauſen lohnte ihrer Freundin dieß Anfnerkſamkeit mit der äuſſerſten Kaälte. Indeß war die junge Gräfin Walter von Paris abgereiſt und an dem Orte, den ihr Gemahl für ſie gewählt, ohne Unfall angelangt. Theodor hatte, ehe er ſich zu ſeinem Oheim begab, 3 4 H 2 & — 116— ſelbſt eine Ausflucht dorthin gemacht, und zu Ama⸗ liens Empfange alles aufs Beſte angeordnet. Seine Mutter, durch ihn von der Gattin An⸗ kunft benachrichtigt, eilte, unter dem Vorwan⸗ de, eine Freundin in der Nachbarſchaft zu beſuchen, zu ihrer Schwiegertochter, die ſie weit über ihrer Erwartung hübſch und liebens⸗ würdig fand. Wie wohl that es der leidenden 4Graͤfin in den Armen der Mutter ihres Gelieb⸗ ruhen! Wie wohl, ſich an ihre Bruſt geſchloſſen zu fühlen, und ſanſte Worte, Wor⸗ te der Liebe und des Troſtes aus ihrem Mun⸗ de zu vernehmen! Eine glückliche Vorbedeu⸗ tung für die Zukunft, ſchien ihr dieſe unver⸗ doffte Freude. Konnte der Sohn ſie aufgeben, wenn die Muüttel ſie ſo zart und liebreich be⸗ handelte? Konnke, der dieſe Mutter ver⸗ ehrte, wie ein höheres Weſen, der ſich ſtets in allen ihren Anſichten und Meinungen ihr Eben⸗ bild nannte, ſie hier verleugnen wollen? Muß⸗ te ihr beiderſeitiger Edelmuth ſich nicht auch jetzt, wie immer, zum ſchönſten Vereine begeg⸗ —— 11 7— nen? Ein neues herrliches Leben, ein Leben voll ewiger Wonne gieng auf vor ihrem dunkeln Sinne, und mit ſchwaͤrmeriſchem Entzücken, mit leidenſchaftlicher Dankbarkeit fiel ſie ihrer Wohl⸗ thaͤterin zu Fuſſen, umſchlang ihre Knie, und gelobte unter heiſſen Zaͤhren, ihre himmliſche Milde zu verdienen. Es bedurfte dieſes rüh⸗ renden, herzerſchütternden Auftrittes nicht, um die vortreffliche Grafin ganz für das liebe 4 Kind zu gewinnen, es war in ihren Zuͤ⸗ gen, in ihrer Haltung ein gewiſſes Etwas, das jedes Gemüth für ſie beſtach. Feſt be⸗ ſchloſſen hatte nun Walters Mutter, dem Va⸗ ter, nach des Sohnes Rückkehr, alles zu entdecken, und ſollte er grauſam genug ſeyn können, Theodor deshalb zu verſtoſſen, und zu enterben, ihn durch ihr eigenes ſehr be⸗ trächtliches Vermögen zu entſchädigen. Das Bewußtſeyn, gethan zu haben, wie ein recht⸗ ſchaffener Mann, dachte ſie, wird ihn für das Uebrige tröſten. Ob ſein Herz ihn gleich nicht hinzog zu — n8— Amalien, ſo fühlte Walter doch, daß es Pflicht ſey, ſie zu ſehen, und bat ſeinen Oheim, der an einer Bruſtkrankheit darnieder lag, und durch die Sorgfalt ſeiner Aerzte noch Mona⸗ te lang hingehalten werden konnte, ſich auf einige Wochen von ihm entfernen zu durfen. Der alte Mann bewilligte es. Theodor kam grade in dem Momente bei Amalien an, als ſeiner Mutter durch einen Eilboten— eine ver⸗ traute Kammerfrau wußte um ihren Aufent⸗ halt— die Nachricht wurde, daß der Feldmar⸗ ſchall vom Schlage getroffen, nur noch wenige Tage zu leben habe. Walter hatte blos Zeit, ſeine Gemahlin zu umarmen, die mit unaus⸗ ſprechlicher Zartlichkeit an ihm hieng; dann ſtieg er mit ſeiner Mutter in den Wagen, und fuhr der Reſidenz zu. Er fand ſeinen Vater ohne Sprache und faſt ohne Beſinnung. Doch erkannte dieſer ihn und gab durch Zeichen zu verſtehen, daß man ihm Tinte und Feder rei⸗ chen ſolle. Mit Mühe aufgerichtet, ſchrieb er. zitternd, in entſtellten Schriftzügen, die Wor⸗ — 1 19—— te:„Will Theodor die Graͤfin von Lichtenthal nicht heirathen, ſo...“ Hier entfiel die Feder ſeiner kraftloſen Hand, und er ſank ohne Leben zurück. Wahrſcheinlich ſollten dieſe letzten Zeilen einen ſtrengen Befehl enthalten, wahrſcheinlich ſollte über Theodor alles Böſe verhäͤngt werden, wenn er die Verbindung mit der Graͤfin Lich⸗ tenthal ausſchlüge, iend die liebende Mutter athmete freier, als ſie ihres Gemahles harten Vorſatz unausgeführt ſah. Sorgſam verſchloß ſie die Zeilen in ihren Schrank, um ſie einſt ihren abweſenden Söhnen, die davon hören dürften, vorzeigen zu können, damit dieſe, argwöhniſch wie ſie waren, und neidiſch auf die Liebe ihrer Mutter zu Theodor, nicht glauben möchten, der Pater habe noch einen andern Willen, als ſein laͤngſt gemachtes Teſtament, hinterlaſſen. Der Tod des Feldmarſchalls hob jedes Hinderniß, Amalien öffentlich als Gräͤfin Wal⸗ ter anzuerkennen. Theodor, angebetet von ſei⸗ —= 120— ner edlen Mutter, die auch der Gattin ſo gern Mutter ſeyn wollte, war jetzt ein freier Mann, und in dem Beſitze anſehnlicher Guter und ei⸗ nes großen Vermögens, aber eben dieſe Frei⸗ heit drückte ihn. Zwar hätte er ſeinem Vater nie nachgegeben, hätte nie von Amalien gelaſ⸗ ſen; doch fand er bisher einen Troſt darin, daß der alte Graf ſeine Heirath mißbilligen würde, wenn er ſie wüßte. Im Streite mit ſich ſelber, und angetrieben von ſeiner Mut⸗ ter, die den Kampf in ihres Sohnes Bruſt nur zu gut gewahrte, die ihr eigenes Daſeyn geopfert hätte, ihren Liebling zu beglücken, die aber die Tugend über alles ſchätzend und jede Ungerechtigkeit verabſcheuend, als der Schutz⸗ engel Amaliens auftrat, ſchrieb Theodor end⸗ lich an ſeine Gattin, daß er ſie binnen kurzem nach der Reſidenz abholen, und der Welt als ſeine Gemahlin vorſtellen würde. Er gieng indeß zur Graͤfin Aarberg, die er ſeit ſeiner Rück⸗ kunft noch nicht beſucht hatte. Seine ganze Seele war Sidonien entgegen geſpannt. Er —— 121—— ſollte ſie wieder ſehen! Aber unter welchen Um⸗ ſtänden? Um ſie auf ewig zu verlieren! Sein Herz klopfte gewaltſam, es drohte die Bruſt zu zerſprengen. Zitternd betrat er die Treppe. Sein Vorſatz war, noch heute Abend ſeine Heirath anzukündigen; ein Zufall hinderte ihn daran. Gewohnt, unangemeldet vorgelaſſen zu werden, ließ er ſich auch heute nicht melden. Als er die Thür öffnete, ſah er die Gräfin, die eben den Thee bereitete, auf dem Sofa ſitzen; ihr zur Rechten Sidonia, zur Linken Frau von Willingshauſen; ihnen gegenüber, den Rücken nach der Thür gewandt, ein Mann mit einem Buche in der Hand, aus dem er vorlas. Die Graͤfin ſtand auf, bewillkommte den Grafen, und ſagte, indem ſie auf den andern Herrn zeig⸗ te:„Erlauben Sie, Herr Graf, daß ich Ih⸗ nen den Baron von Friedheim vorſtelle.“ Der Graf verneigte ſich, blickte auf, ſah den Ba⸗* ron an, und rief erblaſſend, mit bebender Stimme:„Tod und Teufel, Sie hier Baron Felſenſtrom! Ein Höllengeiſt unter Engeln!“ Felſenſtröm— denn er war es wirklich— ent⸗ färbte ſich.„Felſenſtröm?““ ſprach die Graͤfin, „nicht Friedheim? und Sie in ſolcher Wuth, Herr Graf! und Sie ſo beſtürzt, Herr Baron? Was bedeutet das 2 „Was es bedeutet?“ antwortete der Graf zähneknirſchend, was es bedeutet? Daß Sie, meine Damen, den elendeſten Buben vor ſich haben, den je die Erde getragen! Einen Verführer, einen Lügner, einen Menſchen ohne Ehre, ohne.... „Halten Sie ein, Herr Graf, ſagte der Baron,„wenn Sie nicht wollen, daß ich mei⸗ ne Maͤßigung vergeſſe, und Sie fordere.“ „Ha, ha, ha!“ rief Walter. Es braucht alſo noch mehr, die Memme zum Duelle zu bewegen? So kommen Sie nicht davon, mein Herr Baron! Morgen früh um acht Uhr vor dem neuem Thore! Hiermit ſtürzte er in der heftigſten Bewegung aus dem Zimmer, und ließ die Damen in A ngſt und Unruhe zurück. Der Baron war in der peinlichſten Verlegen⸗ heit; mit erzwungener Faſſung verſicherte er: — 123— daß zwar gewiſſe Verhaͤltniſſe ihn genöthigt haͤt⸗ ten, ſeinen Namen zu veraͤndern, daß er aber nicht ahnete, was der Herr von Walter, den er in Italien viel bei dem Marquis Alfari ge⸗ ſehen, wider ihn haben könne; daß durchaus ein Irrthum obwalten müſſe, den er gleich jetzt berichtigen wolle. Und ſo eilte er hinweg. Der Grafin, die längſt Verdacht gegen den Ba⸗ ron geſchöpft, ſchien das nicht klar„Ich kann mir nicht denken,“ ſagte ſie,„daß Graf Walter eine ſolche Scene machen würde, wenn er nicht ein Recht dazu haͤtte. So außer ſich ſah ich ihn nie. Mit ſei⸗ nen argſten Feinden pflegt er ſonſt ſchonend umzugehen.“ „Des Barons Phiſiognomie, als Graf Walter ihn anredete, war der treuſte Spiegel ſeiner Schuld!“ verſetzte Sidonia, der Felſenſtröm ſtets unangenehm geweſen. Gleichſam als hätte ein gewiſſes Vorgefühl, daß er es eigent⸗ lich ſey, der Theodor an Amalien geknüpft, ſie mit Gewalt von ihm entfernt, ſo erblickte ſie in ſeinen Worte immer nur Trug und Un⸗ = 1 24— wahrheit; in ſeinem Aufwande erbaͤrmliche Prahlſucht, in ſeinem ganzen Betragen ein kon⸗ ſequentes Lügen; und nun da er ihren Geliebten in die Gefahr eines Zweikampfes brachte, nun konn⸗ te ſie ihn beinah haſſen. Ihr graute vor dem kommenden Tage. Mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit hatte ſie dem Streite zugehört, mit Sehnſucht ihn beendigt gewünſcht, und viel⸗ leicht wäre es ihrem flehenden Auge gelungen, ihn gütlich beizulegen, hätte Walter ſie nicht. ſo ſchnell verlaſſen. Die Baronin Willingshau⸗ ſen allein tadelte den Grafen, und nahm Fel⸗ ſenſtröms Parthie.„So arg wird es nicht ſeyn,“ ſprach ſie,„Wie der Herr von Wal⸗ ter es macht. Wer weiß, was man dem in den Kopf geſetzt hat! Uebrigens beſteht die gan⸗ ze Geſellſchaft aus Schuften und ich begreife. nicht, warum man grade gegen einen Einzel⸗ nen ſo hart verfahren ſoll! Mir gefällt Fel⸗ ſenſtröm, ich liebe ſein Gemüth, ſein empfäng⸗ liches Herz; man muß ihn nur zu behanden wiſſen.“ 4 „Wie geht es zu, liebe Charlotte, entgegnete die Graͤfin ſanft,„daß ſie grade dieſem Men⸗ ſchen ſo die Wage halten, daß Sie, ſo zu ſagen, mit Blindheit geſchlagen ſind für ſeine Fehler, da Sie doch ſonſt hell ſehen, und oft über An⸗ dere, die es weit weniger verdienen, ſich mit Haärte und Bitterkeit äuſſern? Es iſt Ihnen nicht unbekannt, wie eingenommen ich ſelbſt im An⸗ fange für Felſenſtröm war, wie es mich freute, daß Sie ihn gut fanden; abe ſeit lange ſchon durch mancherlei Vorfälle von meiner günſtigen Meinung zurückgekommen, duldete ich ihn nur noch, weil ich glaubte, Sie damit zu verbinden.“ „Meinetwegen,“ unterbrach ſie die Baronin heftig,„haſt Du nicht noͤthig, jemanden bei Dir zu dulden; denn ich danke es Dir nicht, Sophie! Auch wirſt Du mir nicht einreden, daß Du ſelber veranſtaltet, was nur Zufall geweſen: Deinen eigentlichen Bruch mit ihm. Jetzt benutzeſt Du dieſen, weil er Dir gelegen iſt. „Nicht alſo, liebe Charlotte! Freilich war, was mich haupſachlich mit Felſenſtröm entzwei⸗ — 126—— te, nur zufaͤllig, wenn zufäͤllig genannt wer⸗ den kann, was aus einem gehäͤſſigen Charakter entſpringt, und früher oder ſpäter, ſich doch entdecken muß; aber gebrochen haͤtte ich immer mit ihm. Daß er kaͤlter gegen mich wurde von dem Angenblick an, als ich ihm Geld verſagte, verzieh ich ſeiner Verlegenheit; daß er auf mei⸗ nen beſten Freund, den alten Baron Mirbach, den er zuvor in den Himmel erhoben, in un⸗ gebührlichen Ausdrücken in meiner Gegenwart loszog, ohne meine Freundſchaft für denſel⸗ ben im Geringſten zu berückſichtigen, und das bloß, weil er bei einer bedeutenden Schuld nicht hatte Bürgſchaft für ihn leiſten wollen, das natürlich verzieh ich ihm nicht, und der Unwille reizte mich, ihm damals grade heraus zu ſagen: daß der Grund ſeines plötzlichen Haſſes gegen den Herrn von Micach, das Gemeine in ihm ſey. „Das hat er Dir auch ſehr übel genom⸗ men,“ ſprach die Baronin. Daran iſt mir wenig gelegen!“ erwieder⸗ —— 127— te die Graͤfin.„Ich verachte den ganzen Men⸗ ſchen 17 5 „So aufgebracht, Sophie, warſt du doch noch auf niemanden:“ entgegnete die Baronin, und ſah ſie forſchend an.„Es muß dieſe Abneigung eine ganz beſondere Urſach haben.“ „Keine, als die Schlechtigkeit des Barons! Uebrigens müßte ich ihm ſchon gram ſeyn, hät⸗ te er auch nichts gethan, als Sie ſo kalt und unfreundlich gegen mich gemacht. Sie wiſſen, wie ſehr jede Vernachläͤſſigung von Ihnen mich ſchmerzt....“ „Wieder die alte Leier! fiel ihr die Baro⸗ nin verdrießlich ein.„Wie oft ſoll ich Dir ſa⸗ gen, daß ich dies Zaͤrtlichſeyn haſſe!“ Ich kann mich nun einmal nicht zur Liebe zwingen, und genieren will ich mich nicht....““ „Laſſen ſie uns abbrechen, liebe Charlot⸗ te!“ rief die Graͤfin„Sie ſind aufgereizt, und ich möchte nicht immer langmüthig ſeyn. Auch will ich mir meine heitere Laune nicht durch Erörterungen ſtören, die mir wehe thun müſſen. 9⁴ — 128—— Graf Hochfeld kommt morgen; ich freue mich unendlich, ihn wieder zu ſehen, Sie kennen meine iebe für ihn! Der alte Oheim, den wir bis jetzt gefürchtet, willigt in unſere Ver⸗ bindung, und bald wird der Theure mir auf ewig angehören. A ber wo iſt denn Sidonia geblie⸗ ben?“ fragte die Graͤfin ſich nach ihr umblickend. „Sidonid giend, als wir zu ſtreiten anfiengen“ antwortete die Baronin,„und ich will auch gehen. Der morgende Tag liegt mir ſchwer auf.“ 4 „Mir nicht minder,“ verſetzte die Grä⸗ fin, und ich werde, ſobald ich Sidonien geſpro⸗ chen habe, an Walter ſchreiben, und ihn um Schonung bitten. Vielleicht ſehen Sie Felſen⸗ ſtröm heute noch, daß Sie auch ihn zur fried⸗ lichen Ausgleichung bewegen können. Darauf trennten ſich die beiden Damen, 3 und die Graͤfin gieng, Sidonien aufzuſuchen, die den Kopf auf die Hand geſtüͤtzt, nachden⸗ kend, mit groſſen, herabrollenden Thraͤnen, in ihrem Kabinette ſaß. Beim Eintritt der Graäͤ⸗ fin ſtand ſie auf und fiel ihr ſchluchzend in d —2 1 2 9— die Arme.„Ich begreife Ihre ſchmerzliche Un⸗ ruhe,“ ſagte Frau von Aarberg theilnehmend, und ſchloß ſie mit Liebe an ihre Bruſt;„und wenn ſie es wünſchen, ſchreibe ich in Ihrer Gegenwart an Graf Walter, daß er die Sa⸗ che ohne Blutvergießen abmache. Ich werde ihm ſagen:„daß zwei ſcöne Jugen ſeinetwe⸗ te ſie lächelnd em Haͤnde⸗ druck, einem Blicke, worin ihr ganze Seele lag, und wollte reden, als man der Graäfin ein Billet von Walter brachte. Sie öffnete es und las: gen in Thraͤnen ſchwimmen/4 f hinzu. Sidonia dankte ihr „Billig ſollte ich mich entſchuldigen, meine „gnädige Frau, wegen der in Ihrem Bei⸗ „ſeyn geduſſerten Heftigkeit gegen den Ba⸗ „ron von Felſenſtröm; nichts aber, fühl' „ich, kann mich entſchuldigen, als eine ge⸗ „naue Schilderung ſeines Charakters, und „ſeiner Unthaten; dieſe behalte ich mir auf „morgen vor. Heute, Frau Graͤfin, em⸗ — 1 30—= „pfangen Sie nur die Verſicherung, daß „ich den Bitten des Herrn von Felſen⸗ „ſtröm nachgegeben und das Duell aufge⸗ „hoben habe. Ich weiß dieſe Bothſchaft wird „Ihnen willkommen ſeyn, darum eile ich, „ſie Ihnen zu ſenden. Meine Empfehlung „an die ſchöne Graͤfin Sidonia. Theodor v. Walter.“ Der Graf war in der groͤßten Erſchütte⸗ rung nach Hauſe gegangen. Felſenſtröms An⸗ blick hatte ſein tiefſtes Innere in Aufruhr ge⸗ bracht. Ihm verdankte er ſein jetziges Unglück; hätte er nicht treulos an Amalien gehandelt, ſie waͤre nicht ſeine Gattin! Mitleid mit ihrem Schickſale hatte ihn zuerſt für ſie intereſſirt, und zuletzt die Wirkung jenes unſeligen Brie⸗ fes, ſein Leben unwiderruflich beſtimmt. O, Aber es war nicht dieſer Haß allein, der ihn ſo gegen den Baron entrüſtete; nicht allein die Ueberzeugung, daß er der Störer ſeines Glüc⸗ — — 131— kes ſey, es war auch das Gefühl für Tugend, was ſeinen Zorn zur hellen Flamme angefacht. Er konnte ihn, den Abſchaum menſchlicher Ge⸗ ſellſchaft, in ſo guter Geſellſchaft nicht ſehen, ohne daß alles in ihm ſich empörte. Auch hat⸗ te er, trotz ſeiner Heftigkeit, Sidoniens Span⸗ nung wohl gewahrt, und wie ſie die Farbe wechſelte bei dem Zwiſte, wie ihr Buſen ſich krampfhaft hob, und dies vermehrte nur ſeine Hitze, und ſtürzte ihn in ein Chaos wilder Gedanken und Empfindungen. Er wünſchte, in dem Zweikampfe zu unterliegen. Ihm war das Leben ſo widerwaͤrtig, ſeine Seele ſo mü⸗ de von dem ewigen Wollen und Nichtwollen, daß er am liebſten ſich hätte begraben laſſen. Vor ſeiner Mutter verbarg er das Vorgefal⸗ lene, verſchloß ſich mit einem Notar in ſein Zimmer; ſetzte ſein Teſtament auf, das Ama⸗ lien und ihrem Kinde ſein ganzes Vermögen zuſicherte, und legte die gültigſten Zeugniſſe ſeiner Ehe bei; er ſchrieb an ſeine Gattin, ohne ihr jedoch ſeinen Gegner zu nennen; ſchrieb an & — 2 — 132—— ſeine Mutter und an die Graͤfin Aarberg, der er ſeine ganze Geſchichte, ſeine Liebe zu Sidonien und alles mittheilte, was er von Felſenſtröm wußte, und befahl ſeinem vertrauten Kammer⸗ diener die Briefe nur dann abzugeben, wenn man ihn todt zurückbraͤchte. Das Billet, wel⸗ ches er an Frau von Aarberg ſchickte, war blos um ſie und Sidonien, deren Angſt er errieth, für die Nacht zu beruhigen, und damit ſie nicht etwa ſein Vorhaben vereitel⸗ ten, indem ſie es anzeigten. Zwar hatte der feigherzige Felſenſtröm ſich wirklich bei ihm bemüht, den Zweikampf zu verhindern; al⸗ lein Walter beharrte auf ſeinem Entſchluſſe. Er war es Amalien ſchuldig, er wollte ihr Rä⸗ cher ſeyn! So wechſelten ſtets in ſeinem Her⸗ zen gute und ſchlechte Gefühle für ſie; aber eben dieſer Wechſel rieb ihn auf. Wie viel wohler ware ihm geweſen, er hätte ſie haſſen können, hätte Urſach dazu gehabt! Gerechtfertigt wäre er ſich dann vorgekommen, ſtatt daß er ſich nun ſtrafbar fand. — 1 33— Der Morgen brach an. Walter eilte mit dem Lieutnant Rabener vors Thor. Felſenſtröm ließ nur kurze Zeit auf ſich warten. Sie loſten um den erſten Schuß. Felſenſtröm hatte ihn, und fehlte. Walter ſchoß und verletzte ſeinen Gegner in der rechten Schulter; ohnmaͤchtig ſank er nieder. Beim Anblick ſeines Blutes, milderte ſich des Grafen Zorn, er gieng an ihn heran, half ihn aufrichten und in den Wagen bringen, und reichte ihm verſöhnend die Hand. Die Wunde war nicht gefährlich, und ſo kehrte er ſelbſt, ohne Beſorgniß, nach der Reſidenz zurück. Sein erſter Gang war zu ſeiner Mutter, ſein zweiter zu Frau von Aar⸗ berg; er traf dieſe nicht zu Hauſe, wohl aber Sidonien, die ihn verlegen empfieng, eben weil ſie allein war. Walter ſah es, und ſagte: „Komm ich zur Unzeit, meine ſchöne Graͤfin?““ „Kann Graf Walter je Kur Unzeit kom⸗ men?“ antwortete ſie erröthend.„Menſchen, die uns einmal wahrhaft lieb, ſind es uns immer!“ — 134——— „Doch mehr oder weniger!“ entgegnete Walter.„Es giebt Tage, wo wir unſere lieb⸗ ſten Freunde minder lieben. Es hängt ſo viel von Stimmung ab! Aber ich vergeſſe ganz, weshalb ich eigentlich kam. Wiſſen Sie wohl, Grafin Sidonia, daß ich mich dieſen Morgen⸗ duellirt habe!“ „Alſo doch?" rief ſie erſchreckt, und ward ſo bleich, als ſollte er erſt in den Zweikampf. „Sie entſetzen ſich, Graäͤfin! Gilt das dem Herrn von Felſenſtröm? Er iſt nicht tödt⸗ lich verwundet.“ „Welche Frage?“ ſprach ſie, und ihre Au⸗ gen füllten ſich mit Thraͤnen.„Felſenſtröm war mir unangenehm, ehe ich Schlechtes von ihm wußte, ehe er Sie der Gefahr..... Sie hielt inne und ſchlug den Blick zur Erde. Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort:„Weg mit der Ziererei, wo mein Glück und meine Ruhe auf dem Spiele ſtehen! Der Augenblick kommt vielleicht nimmer wieder, und den Au⸗ genblick ergreifen, iſt die Kunſt des Lebens! . 44 — 1 3⁵5— Waͤre ich auch zu ewigem Leid verdammt, mit einem edlen Manne hab' ich wenigſtens zu thun, dafür bürgt mir mein Herz; mit einem Man⸗ ne, der dies ſeltene Vertrauen nicht mißbrau⸗ chen wird. Und was liegt mir am Ende an der Welt und ihren Reden, wenn ich elend ſeyn muß! Graf Walter, ich liebe Sie! Liebe Sie mit dem ganzen Vermögen meiner glühenden Seele! Von Ihnen haͤngt meines Daſeyns höchſte Wonne ab, oder aller meiner Tage tiefſter Schmerz. Mit Ihnen würde das Le⸗ ben mir zu einem unvergaͤnglichen Freudenreiche, ohne Sie der Himmel ſelbſt mir zum Grabe! Die Erklärung, die ich an Sie richte, hätte ich freilich von Ihnen erwarten ſollen, und ich überſteige — o, ich weiß es!— die Barriere des gewöhnlichen Herkommens, indem ich zuerſt ſpreche; allein meine Liebe iſt auch ſo ungewöhnlich, daß ich mich freier dünke, als alle Übrigen meines Ge⸗ ſchlechtes, und mich da nicht in Form und Sitte einzwängen laſſen kann, wo meine Lei⸗ denſchaft ſchon jede Grenze überſchritten hat. — 136—— Der Mann, der mir ſolche Liebe einzuflößen ge⸗ wußt, wird um dieſer Liebe willen, mich nicht verachten, ſelbſt wenn er ſie nicht zu erwie⸗ dern vermöchte.“ Mit klopfendem Herzen und ſchüchternem Blicke, hatte ſie dieſe letzten Worte geſagt, als Walter zu ihren Füſſen ſtürzte, ih⸗ re Knie umſchlang, und mit dem Tone des un⸗ ausſprechlichſten Schmerzes rief: O, nur dies Geſtändniß fehlte meiner jammervollen Lage noch! Gott, muß das namenloſe Glück, von Sidonien geliebt zu ſeyn, mir zur unnennbar⸗ ſten Qual werden! Mußte ich der überirdiſchen Seligkeit ſo nahe kommen, um die Verzweif⸗ lung meines gepeinigten Herzens noch lebendi⸗ ger zu fuͤhlen! Sidonia, himmliſches Weſen, das von der erſten Minute an, mein ganzes Gemüth mit Zauberkraft an ſich band, das ich anbetete, in deſſen Nahe ich einzig noch ath⸗ mete, glaubſt Du, Engel des Lichts, daß ich nicht ſchon vor Wochen ſo zu Deinen Füſſen gelegen, Dir die Glut meines Innern be⸗ — 137— kannt, und um Deine Gegenliebe gefleht hät⸗ te, wenn.... „Enden Sie, Walter!“ ſagte Sidonia in angſtvoller Erwartung und kaum vernehmbaren Tönen. „Wenn ich nicht unauflöslich gebunden, nicht verheirathet wäre!....“ 3 „Ah!“ rief Sidonia, und lag ohnmachtig in ſeinen Armen. Da öffnete ſich die Thür, und Frau von Aarberg trat herein. Sie kam von Walters Mutter, die ſie hatte zu ſich nö⸗ thigen laſſen, um ihr ihres Sohnes Heirath zu eröffnen, und ſie zu bitten, daß ſie ſein haͤu⸗ figes Zuſammentreffen mit der Gräfin Lich⸗ tenthal verhindere. Die kluge, feinfühlen⸗ de Mutter wußte nur zu gut, was in ihres Lieblings Bruſt vorgieng, und ſchwieg er auch gegen ſie, ſchien er auch beruhigt über ſein Schickſal: ſie tauſchte er nicht! Frau von Aar⸗ berg, aufs Peinlichſte überraſcht von dieſer Nachricht— ſie haͤtte ſo gern Sidonien glück⸗ lich geſehen— verſprach der Gräfin, ihre Freun⸗ — 1 38— din von allem zu unterrichten, und ſie ſo viel, als möglich, vom Grafen zu entfernen. In dieſer Abſicht fuhr ſie ſchnell nach Hauſe. Sie zitterte, als man ihr ſagte, Walter ſey bei Sidonien, und als ſie ins Zimmer trat, und die Grafin bewußtlos in ſeinen Armen fand, errieth ſie, was ſich ereignet.„Warum ſpra⸗ chen Sie auch nicht fruͤher, Graf Walter?“ hob ſie im Tone des Vorwurfs an, und bat ihn, ſie mit der Unglücklichen allein zu laſſen. „Sie handelten leichtſinnig, junger Mann,“ ſetzte ſie hinzu,„denn Sie mußten laͤngſt ſchon bemerkt haben....“ „Umſtande, Frau. Gräfin,“ unterbrach Walter ſie tief bewegt,„veranlaßten einzig dieſe ſcheinbare Schuld, nicht mein Wille! Nur einen leichtſinnigen Streich hab' ich im Leben begangen, und den bezahl' ich theuer! Mit die⸗ ſen Worten flog er hinaus. Sidonia kam zu ſich, wie aus einem ſchweren Traume.„Iſt es wahr?“ rief ſie wild und zerſtört,„wirklich wahr, daß Wal⸗ —— 1 39—— ter für mich verloren? O, reden Sie, Graͤ⸗ ſin! Sagen Sie, daß es nicht wahr iſt, daß Ihre Freundin hoffen darf, die ſchwarze Nacht. des jetzigen Momentes werde vor der aufge⸗ henden Sonne ihres künftigen Glückes ſchwin⸗ den, und ein nie zu trübender Tag dem ſchau⸗ erlichen Dunkel folgen! Sagen Sie, daß Wal⸗ ter frei iſt, daß er mich liebt, daß ich die Sei⸗ nige bin! Sagen Sie's, und müßte auch jedes Wort eine zehnfache Lüge ſeyn! Betrügen Sie mein Herz, Sophie, wenn es nicht brechen ſoll!“ Schluchzend ſank ſie an die Bruſt der Gräaͤſin. 1 „Arme Liebe!“ ſprach dieſe und küßte ih⸗ re bleiche Wange.„O, daß es bei mir ſtaͤnde, Ihnen Troſt und Ruhe zu verleihen, daß ich Ihnen Hoffnung machen dürfte! Aber das hieſ⸗ ſe den Abgrund, der jetzt ihren Blicken enthüllt iſt, vor dem Ihr ſtarker Geiſt ſich vielleicht noch retten kann, das hieſſe ihn mit Blumen beſtreuen, um Sie deſto ſicherer in ſeine fin⸗ ſtern Tiefen zu locken! Walter iſt vermäͤhlt, —— 1 4⁰— und hat eine liebenswürdige Gattin.““ Darauf erzählte ſie der aͤngſtlich zuhörenden Sidonia, die ſich nicht zu athmen getraute, aus Furcht, es möchte ein Wort ihr entgehen, das eine fer⸗ ne Ausſicht enthielte, alles was ſie von des Grafen Verbindung mit Amalien, durch ſeine Mutter erfahren, und beſchwor ſie bei dem Heiligſten, eine Leidenſchaft zu beſiegen, aus der nur Unglück erwachſen könne. Sidonia verſprach's in dumpfer Verzweiflung, wie Ei⸗ ne, die von der Fruchtloſigkeit aller Bemü⸗ hungen überzeugt, ſelbſt nicht weiß, was aus ihr werden ſoll. Bald wollte ſie Walter flie⸗ hen und auf das entlegenſte Gut ihres Va⸗ ters eilen, bald durch eine ſchnelle Heirath, zwiſchen ihrer Liebe und ihrer Pflicht, eine ewige Scheidewand ziehen; bald an des Gra⸗ fen Gemahlin ſchreiben, ihr alles bekennen, und ihre Großmuth anrufen. Dann verſank ſie wieder plötzlich aus dieſem heftigen innern Treiben in die höchſte Abſpannung, aus dieſem Thätigſeynwollen in kraftloſes Hinbrüten. Ihr Schmerz war ſo rieſenmäßig, daß er ihr ganzes Weſen gefangen hielt, und ſie, wie angeſchmie⸗ det an ihn, nicht die Freiheit hatte, ein Gefühl oder einen Gedanken zu bewegen. Alle ihre Geiſteskräfte waren wie vom Schlage getroffen; ſie wußte von nichts. Nur in dunkeler Erin⸗ nerung gieng das Geſchehene gleich einem Schat⸗ tenſpiele an ihrer düſtern Seele vorüber, und wie im Schattenſpiele, verſchwanden die Ge⸗ ſtalten, ohne Freude oder Weh, ohne Luſt oder Wunſch zurückzulaſſen. Erſcheinungen waren's, die ſie nicht feſthalten konnte noch mochte. Frau von Aarberg ſtrebte vergebens, ihre leidende Freundin von dem gefährlichen Pfade abzuzie⸗ hen, auf dem ſie, ihrem Verderben entgegen, gleichgültig hinwandelte; Sidonia verſchloß ſich in ihr Zimmer und die Gräfin fand ſie jedes Mal, entweder in Thränen aufgelöſt, mit dem Ausdrucke der gewaltſamſten Gemüthserſchütte⸗ rung, oder ſtarr vor ſich hinſehend, faſt ohne Beſinnung. Ihre Bitten, ſich den Menſchen wieder zu nähern, blieben fruchtlos.„Ich bin — 1 4²— verloren für alle, ſeit ich mich ſelbſt verlor!“ ſprach ſie mit finſterm Ernſte, und flehte die Grafin an, ſie ihrer Einſamkeit zu überlaſſen. Und ein anderes Mal ſagte ſie wieder.„Was können mir Menſchen frommen, liebe Sophie, da von Gott allein meine Rettung kommen kann! Vermag der Anblick geputzter Herren und Damen meine erſtorbenen Hoffnungen neu zu beleben? Können alle Sterne und Ordens⸗ baͤnder, kann das leere Geſchwaͤtz gefallenwol⸗ lender Greiſe, der fade Wortklang affektirter Jünglinge mein Herz beruhigen, meine un⸗ nennbare Sehnſucht ſtillen? Giebt es auf der Welt einen Menſchen, der mir Walter ſeyn kann? Einen einzigen, den ich ſelbſt im Wahn⸗ ſinne, nur einen Moment dafür halten könnte? 0 Sophie, ſo wenig zwei Sonnen je am Himmel leuchten werden, ſo wenig wird je ein zweiter Theodor meiner Seele erſcheinen! Und dies iſt doch Ihr Zweck, gute Grafin! Darum doch nur wünſchen Sie, mich der Ge⸗ ſellſchaft zurückzugeben! Sie hoffen, neue Ge⸗ 5 — 143— genſtaͤnde ſollen neue Einpfindungen in mir her⸗ vorbringen, indem ſie die alten vernichten. O, wie wenig kennen Sie mein Herz, wie wenig mein Leid und meine Liebe, wenn Sie das möglich glauben! Waͤre ich denn ſo grenzen⸗ los elend, wenn es noch Troſt für mich gaͤbe? Nein, es giebt keinen! Und wie ein Todter, der noch über der Erde, den Lebenden zuge⸗ hört; ſo gehöre ich jetzt den Menſchen an: kalt, entſtellt, zum Verſinken bereit!““ Die Graäfin, auſſerſt beunruhigt über Si⸗ doniens Zuſtand, ſah ſich endlich genöthigt, den ganzen Vorfall dem Grafen Lichtenthal zu melden; aber es war nicht dieſe Unruhe, nicht dieſer Kummer allein, der ſie jetzt unſäglich betrübte, und den nur die Anweſenheit ihres geliebten Hochfelds zu mildern vermochte. Frau von Willingshauſen wurde die Urſach eines tief gefühlten Schmerzes. Wir haben dieſe genug⸗ ſam geſchildert, um zu wiſſen, was ſie der Grafin, und was die Grafin ihr ſeyn konnte. Frau von Aarberg hatte ſich nie über die wah⸗ ren eſinnungen der Baronin uund uüber ihr Verhältniß zu einander, getaͤuſcht? ſie wuͤßte, welchen geringen Platz ſie in ihrem Herzen vin⸗ nahm, und wußte zugleich, wie unmöglich es war, ſelbſt durch die größten Beweiſe von Lie⸗ be und Anhaͤnglichkeit, je einen Schritt weiter mit ihr zu kommen; doch waͤhnte ſie, daß Ge⸗ wohnheit, langes Zuſammenſeyn, gegenſeitige Dienſtleiſtungen, Vertrauen und manche Aehn⸗ lichkeit im Geiſte an die Stelle wirklicher Freundſchaft getreten waͤren, und ſie der Ba⸗ ronin nothwendig gemacht hätten; und beklag⸗ te ſie auch, nicht von ihr geliebt zu ſeyn, wie ſie's um ſie verdiente, ſo dachte ſie doch zu. billig, und kannte das menſchliche Herz zu ge⸗ nau, um die Schuld ganz ihrer Freundin beizumeſſen. Sie hatte aus eigener Erfahrung gelernt, daß Liebe und Freundſchaft nicht zu erzwingen ſind, und daß wir uns oft immer mehr von denen wegwenden, die ſich uns mit aller Gewalt nähern; indeß an Schonung ließ ſie in ſolchen Faͤllen es niemals fehlen, und Scho⸗ — 1 46— nung verlangte ſie von einem Jeden. Mußte ſie zuweilen geforderte Empfindungen verweigern, ſo geſchah es ſtets mit Zartheit und Güte; und war ſie auch manchmal im erſten Augen⸗ ¹ blicke ſtreng, weil es ihr nöthig dünkte, ſo verrieth doch ihr nachheriges Betragen, daß es ihr leid ſey, und ſie durch Freundlichkeit und ein gefalliges Weſen, es wieder gut zu machen ſuche. Von dieſer Delikateſſe wußte die Ba⸗ ronin nichts! Sie ſagte ihre Meinung in har⸗ ten Ausdrücken, unbekümmert, ob es den An⸗ dern verletze oder nicht, und unbemüht, die geſchlagene Wunde durch lindernde Worte wie⸗ der zu heilen; und ſo berechnete ſie ihr ganzes Seyn immer nur nach ihren eigenen Gefüh⸗ len, nie nach der innern Beſchaffenheit des⸗ jenigen, mit dem ſie zu thun hatte. Egoiſtiſch in einem hohen Grade, war der Punkt von dem ſie ewig ausgieng und worauf ſie ewig hinzielte, ſie ſelbſt! Jeder ſchönen Handlung fäͤhig, wenn es ohne Aufopferung für ihre Perſon ſeyn konnte, mußten alle ſanftern Em⸗ — —= 1 4 7— pfindungen ſtets der Perſönlichkeit weichen, ſo⸗ bald ihr Intereſſe es heiſchte. Wir haben ſchon bemerkt, daß ſie den Herrn von Felſenſtröm ſehr auszeichnete, daß ſie ſich Mühe gab, ihn zu gewinnen. Bei ihrem Verſtande, ihren Re⸗ ſten von Schönheit und ihrer Liebenswürdigkeit, beſonders wenn ſie gefallen wollte, waͤre es ihr gelungen, auch jeden andern, als dieſen er⸗ barmlichen Menſchen, an ſich zu ziehen. Nach dem Duelle zwiſchen ihm und dem Grafen, hatte Frau von Aarberg dem Baron das Haus verboten. Durch Walters Brief, den er vor dem Zweikampfe auf den Fall ſeines Todes an ſie geſchrieben, und den er ihr, nach jener Un⸗ terredung mit Sidonien, zu ſeiner Rechtferti⸗ gung geſandt, war ſie von allem belehrt wor⸗ den. Die Graͤfin theilte der Barorin den Brief mit und den gegebenen Befehl, Felſenſtröm nicht mehr vorzulaſſen; ſie hoffte Frau von Willingshauſen würde endlich ſeinen Unwerth einſehen, und ihrem Beiſpiele folgen. Aber ſtatt ihrer Freundin zu danken, entfernte die —— 148—— Baronin ſich jetzt gänzlich von ihr und ihrem Zirkel, und nahm zur Entſchaͤdigung— den edlen Felſenſtreöm zum einzigen Freunde auf. Verwandte und Bekannte baten ſie dringend, ſich, wegen eines ſo unverdienten Gegenſtandes, nicht ins Gerede zu bringen; allein alles Bitten blieb ohne Erfolg.„Ich habe niemanden Rechen⸗ ſchaft üͤber mich abzulegen!“ ſagte ſie, und ließ ſich nicht irre machen. Der Bruch zwiſchen ihr und der Gräfin war nun unheilbar geſche⸗ hen. Frau von Aarberg hatte ihr im Herzen manches Unrecht verziehen, hatte ſich oft durch einen ſchwachen Schein von Freundſchaft ſchad⸗ los gehalten für manche unzart geaͤuſſerte Lieb⸗ loſigkeit; hatte ſich auf Momente ſelbſt zu hin⸗ tergehen geſucht; doch, daß ſie ihr jetzo Fel⸗ ſenſtröm vorzog; daß ſie ſeinetwegen ſie aufgab, die mit ſo treuer Zaͤrtlichkeit an ihr hieng; ge⸗ ſtattete, daß er ſich deſſen rühmte und öffentlich ſchlecht von ihr ſprach, das konnte ſie ihr nicht verzeihen, und mit dieſer letzten Schuld, fiel die letzte Tauſchung. Lieben mußte ſie ſie frei⸗ K 2 == 14 9— lich noch immer, denn ſie war wie durch höhere Gewalt an ſie gefeſſelt; aber ſie that keinen Schritt; die verlorene Freundin zu ſich zurückzuführen, im Gegentheil, ſie beſtrebte ſich, ſie zu vergeſſen. Kraͤnkung und Sehnſucht, Wehmuth und Unwille, wechſelten in ihrer Bruſt. Hochfelds endliche Ankunft, die ſo oft war verſchoben worden, zerſtreute ihren Schmerz, und ſeine heiſſe Liebe, die ſie ihm ſo innig ver⸗ galt, erſetzte ihr die treuloſe Freundin.„Kann man verlieren, was man nie beſeſſen!“ ſagte ſie zu ſich ſelber, und wollte die überläſtigen Empfindungen durch Raiſonnement los werden. Frau von Willingshauſen kannte das Gemüͤth der Gräfin; ſie wußte, was ſie bei ihrer Behand⸗ lung leiden mußte; doch zum Zorn gereizt, daß Frau von Aarberg Felſenſtröm nicht mehr bei ſich empfangen mochte; daß ſie eines Tages auf ſein wiederholtes, unbeſcheidenes Kommen, ihm ſelbſt erklärte, daß ſie für ihn niemals mehr zu Hauſe ſey, beſchloß ſie, alle ehemaligen Ver⸗ hältniſſe aufzuheben, um nur ihn nicht verlie⸗ gieng die Grafin mit ihrem Verlobten auf eines — 150— ren zu duͤrfen. Seinem Charakter gemaͤß hat er ihrer Liebe gelohnt. Als er ihr geringes Ver⸗ mögen durchgebracht, verließ er ſie, heirathete ein öffentliches Mädchen, verließ auch dieſe, und gieng nach England. Dort von Noth und Schlechtigkeit getrieben, geſellte er ſich zu einer Rotte falſcher Münzer, wurde ertappt, und dem Strafgericht überliefert. Frau von Aarberg fühlte zu fein, als daß ſie Sidoniens Leid hatte vermehren ſollen durch lebhafte Aeuſſerungen ihrer Freude über Hoch⸗ felds Anweſenheit, und ihre nahe Verbindung mit ihm. Zwar wußte ſie, daß Sidoniens ſchö⸗ ne Seele, unter allen Umſtänden, nur das Gluck ihrer Freundin wünſchen könne; allein eben dies Glück mußte ſie nothwendig auf ihre eige⸗ ne unabanderliche Lage zurückführen, und der Gedanke an die Möglichkeit des beneideten Loo⸗ ſes, nach dem ſie vergeblich rang, durch den Anblick zweier glücklich Liebenden, zur Verzweif⸗ flung in ihr werden. Um dies zu verhüten, —— 15 1— ihrer nahen Güter, ließ ſich dort trauen, und kam nach wenigen Wochen zu ihren Freunden zurück. Keine Feierlichkeit, kein feſtliches Mahl ſollte Sidoniens ſtillen Schmerz beleidigen und ihre eigene tief empfundene Zufriedenheit ent⸗ weihen. Sidonia erkannte dieſe zarte Schonung mit Dank und Liebe. Indeß dies alles vorgefallen, war Graf Walter zu ſeinem ſterbenden Onkel gereiſt, der in ſeinen Armen verſchieden, und von da zu Amalien, ſie nach der Reſidenz zu begleiten. Sein Vermögen hatte ſich bedeutend vermehrt durch die Erbſchaft ſeines Oheims, doch das rührte ihn nicht! Er wurde zum Bothſchafter an einem großen Hofe ernannt, er ſchlug es aus unter dem Vorwande von Kraͤnklichkeit und Geſchaften in ſeinem Vaterlande; aber es ge⸗ ſchah dies nur aus Unmuth und der Ueberzeu⸗ gung, in ſeiner jetzigen Verfaßung zu nichts tauglich zu ſeyn: denn es gehörte zu ſeinen Grundſätzen, keine Stelle anzunehmen, der er nicht mit Ehren vorſtehen könne. Uebrigens 85 4 —= 192—— war er wirklich ſeit einiger Zeit ſo bleich und mager geworden, hatte ſich ſo ſehr veraͤndert, daß es ihm nicht ſchwer fiel, die Welt zu über⸗ reden, er leide phiſiſch; und Amalie erſchrack, als ſie ihn wiederſah. Das war der blühen⸗ de Walter nicht mehr, den ſie in Frankreich gekannt, nicht mehr der zärtlich beſorgte, auf⸗ merkſame Freund! Tiefſinnig, zerſtreut und kalt, verbarg er nur ſchlecht, was in ihm vor⸗ gieng.„Was fehlt Dir, mein Theodor?“ fragte Amalie ſanft und ſchüchtern, nach der erſten Umarmung.„Nichts!“ erwiederte er dumpf, und lang verhaltene, glühende Thrä⸗ nen ſtürzten aus ſeinen trüben Augen. Abge⸗ wandt ſagte er:„Ich glaube meine Bruſt iſt angegriffen!“ Darauf ſammelte er ſich ſchnell, umarmte ſeine Gattin aufs neue, und rief: „Sey unbeſorgt, mein gutes Weib, mir wird wieder beſſer! Jetzt laß uns zu unſerer theuern Mutter eilen!“ Amalie kam in der Hauptſtadt an. Ein koſtbar und geſchmackvoll eingerichtetes Hotel— f2 — 153— empfieng ſie; eine zahlreiche Dienerſchaft von Gold und Silber ſtarrend, begrüßte ſie ehrer⸗ bietig; überall herrſchte Pracht und Zierde; überall erblickte ſie Glanz und Herrlichkeit, die Zeichen ihres Ranges und Reichthums; aber überall trat Walters Trauer, die ſo ſcharf kon⸗. traſtirte mit dieſem aͤuſſern Glücke, geſpenſter⸗ artig ihrer Zufriedenheit in den Weg, und nichts konnte ſie wahrhaft freuen, als die herz⸗ liche Aufnahme der alten Graͤfin, die ſie mit Liebe an ihre Bruſt ſchloß, und ihren Segen über ſie und Theodor ſprach.„O, wollte Gott,“ ſagte Amalie,„daß meine Zaͤrtlich⸗ keit, meine dankbare Treue Theodors Ruhe zu ſichern vermöchten, daß ich ihn zu beglücken im Stande waͤre, wie er durch ſeine Liebe mich beglücken kann! Ddiie elte Gräͤfin beſchenkte ihre Tochter mit einem überaus ſchönen Perlenſchmucke, und Wal⸗ ter ſie mit koſtbaren Diamanten.„Ein einziges heiteres Laͤcheln meines theuern Gatten,“ ſagte Amalie zu dieſem, als er ihr die Juwe⸗ — 1 54—— len überreichte, waͤre mir lieber, als alle Schaͤtze Indiens!“ Die halbe Stadt verſammelte ſich im Wal⸗ terſchen Hauſe, der jungen Gräfin das Kom⸗ pliment zu machen; theils aus Neugierde, theils aus wahrem Intereſſe für den Grafen und ſei⸗ ne Mutter. Man fand Amalien unendlich lie⸗ benswürdig, und alles, was vorher auf dieſe ſogenannte Mißheirath losgezogen, änderte die Meinung bei der Graͤfin Anblick und ihrem Be⸗ nehmen. Man hatte eine Frau erwartet, die unbekannt mit der Welt und ihren Gebräuchen, ſich gegen Standesperſonen nicht zu betragen wiſſen würde, und man ſah eine Dame, die dazu geboren ſchien, den höchſten Rang zu be⸗ kleiden, dabei ſanft, zuvorkommend, liebreich! Alle Manner verziehen dem Grafen die began⸗ gene Uebereilung, und nur die Frauen, welche auf ſeine Hand gerechnet, tadelten ihn und ſei⸗ ne Gemahlin. Die nach bevorſtehende Nieder⸗ kunft der Grafin erlaubte ihr zwar noch, die gehabten Beſuche zu erwiedern, aber nicht große Geſellſchaften bei ſich zu geben, ſie verſchob dies bis nach ihrer Entbindung. Es war Wal⸗ ters Wunſch, offenes Haus zu halten. Ihm dünkte Zerſtreuung das einzige Mittel, ſeine Leidenſchaft zu übertäuben. Seitdem er Sido⸗ niens Geſtändniß vernommen, fühlte er ſich noch weit elender. Zwar that das Bewußtſeyn, von ihr geliebt zu werden, ſeinem kranken Herzen un⸗ ſäglich wohl; doch ſtürmte es auch zugleich alle Glur dieſes verlangenden Herzens gewaltſam auf, zog Seele und Körper mit verderblicher Kraft unwiderſtehlich zu ihr hin; und all ſeiner Tage Wachen, all ſeiner Nachte Schlaf war ein ewiges fieberhaftes Traͤumen, ein Verſinken in die ſüſ⸗ ſeſten Gedanken und in ein peinliches Zuſam⸗ menfahren aus ihnen. Und Sidoniens Unglück! Dieſe Vorſtellung konnte ihn wahnſinnig ma⸗ chen. Noch hatte er ſie nicht wiedergeſehen, und dachte ſie ewig zu meiden. Die Graͤfin Aar⸗ berg— jetzt Hochfeld— hatte Amalien bewill⸗ kommt; Sidonia nicht! Wie gern hätte Wal⸗ ter die Graͤfin nach ſihrer Freundin gefragt, doch — 5 1 56—— die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen, ſo oft er davon anfangen wollte. Frau von Hochfeld ſah den Streit in ſeinem Innern, und ſchwieg vorſätzlich, bis der ſchlaue Wendhorſt, der Ab⸗ ſichten auf Sidonien und Verdacht gegen Walter hatte, das Geſpräch ſo lenkte, das Frau von Hochfeld erzählte: die Gräfin ſey unpaß, und wer⸗ de nun zu ihrem Vater, den man in einigen Tagen in der Reſidenz erwarte, zurückkehren. Dieſe Nachricht beſtürzte den Grafen. Eine Minute zu⸗ vor feſt geſonnen, Sidonien nie wieder aufzu⸗ ſuchen, und einen Triumph darein ſetzend, es zu vermögen, war er zufrieden, ſo lange es von ihm abhieng, ſie zu ſehen oder nicht; Graf Lichtenthals Ankunft aber wurde eine Barriere, die auch ohne ſein Zuthun entſtand, und das ertrug ſein widerſpänſtiges Gemüth nur ſchwer. Sidoniens Vater war der Freund ſeines Va⸗ ters geweſen; ſie hatten unter ſich den Vertrag gemacht, ihre Kinder mit einander zu verheira⸗ then; dur efte Walter jetzt, nachdem was vorge⸗ fallen, ſich noch beim Grafen Lichtenthal prä⸗ —— 1 57— ſentiren, und würde dieſer erlauben, daß Si⸗ donia ſich da zeigte, wo ſie ihn treffen konnte! Bleich und mit thranenſchweren Augen eilte Sidonia ihrem guten Vater entgegen, und ſank bewegt an ſeine Bruſt.„Muß ich ſo Dich wiederfinden, geliebtes Kind!“ ſprach der Graf, und war nicht Herr ſeiner Rührung.„Wie ganz anders hoffte ich alles hier zu ſehen!“ „Dieſe Hoffnung war ein ſchoͤner Traum, mein Vater,“ ſagte Sidonia mit dumpfer Faſ⸗ ſung,„wir ſind erwacht und müſſen in die kar⸗ ge Wirklichkeit uns ſchicken. Der einzige Blick, den ich in die mögliche Seligkeit gethan,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe lebhafter fort,„das Geſtaͤndniß ſeiner Liebe, das ich von ihm ge⸗ hört, ſie ſind eines Schmerzes werth, mein Vater! Dieſe Namenloſe Leidenſchaft unerwie⸗ dert, ware der höchſte Jammer! Aber ich habe ſeine Thräͤnen flieſſen, ich habe ſeinen Buſen in Kampf geſehen, hab' es aus ſeinem Munde vernommen, daß er mich liebt, und einen Mo⸗ ment waͤhnen drfen, es fey kein unüberſteig⸗ 4 — 158—— liches Hinderniß zwiſchen unſerer Liebe und un⸗ ſerm Glücke. Jetzt bin ich ruhig! Edler waͤre es freilich, ich könnte wünſchen, er liebte mich nicht; wünſchen, er wäre beglückt mit ſeiner Gattin; aber ſo edel, mein Vater, bin ich nicht! Sein Unglück muß die Stütze des mei⸗ nigen werden; waͤre er glücklich, ich ertrüg' es nimmer!“ Hier verſank ſie in tiefes Nachden⸗ ken, und ſah ſtier mit gebeugtem Haupte vor ſich hin. e „O, nicht dieſen wilden Blick, Sidonia, mein geliebtes Kind! Nicht dieſe finſtere Ruhe, ſie tödtet Deinen Vater! Oeffne Dein gebroch⸗ nes Herz mildern Eindrucken; laß ſie fließen, die Zaͤhren, die der düſtere Schmerz Dir jetzt zurückhält, und die Deine viel beladene Bruſt erleichtern werden! Bahne ihnen den Weg zu Deinen brennenden Augen durch den Zuruf: daß Dein troſtloſer Vater vor Gram über Dich in die Gruft gehen muß! Weine, bis die kalte Verzweiſlung, die Dich vernichtet, ſich in ſanf⸗ 8 — 159—— kere Trauer auflöͤſt, und Du wieder Du ſelbſt wirſt! Finde Deine Thraͤnen in Walters Liebe.“ Der Name Walter weckte ſie aus ihrer Erſtarrung.„O, mein guter Vater!“ rief ſie und ſiel ihm ſchluchzend um den Hals, wie ſchlecht belohne ich Ihre Zaͤrtlichkeit, wie wenig entſpreche ich Ihren großen Hoffnungen! Aber iſt es meine Schuld, daß dieſe unſelige Leiden⸗ ſchaft wie ein ſchnell verzehrendes Feuer über mich kommen, und mein Leben und ihren Stolz vernichten mußte! Meine Schuld, daß der erſte Blick auf Walter, die letzte frohe Stunde mei⸗ nes Herzens, und der Anfang endloſer Qual geworden! Meine Schuld, daß es Gott in ſeinem Zorne gefallen, dieſe fürchterliche Noth mir zuzuſchicken, und ohne Rettung mich zu 3 laſſen! O, wo iſt meine Jugend hin? Wo mei⸗ ne glückliche Sorgloſigkeit? Sie kehren nie⸗ mals wieder, bis die Glut meines Innern ge⸗ ſtillt, und wie ſie ſtillen, als durch des Gra⸗ bes Kühle, da Walter für mich verloren iſt? Doch kort von hier, mein Vater, fort in die —— 1 60—— weite Welt, wenn ich noch zu retten ſeyn ſoll! Fort von dem Orte, der Theodor und ſeine Gemahlin umfaßt! Wo die Gräfin Walter athmet, muß Sidonia zu athmen aufhoͤren. Je liebenswürdiger ſie, je unausſprechlicher mein Haß, je tiefer mein Leid! Dahin laſſen Sie uns fliehen, mein Vater, wo Amaliens Name nicht genannt wird; wo niemand ſie kennt, nie⸗ mand ſie geſehen hat! Noch hab ich ſie ſelbſt nicht geſehen, und nie will ich ihr Angeſicht ſchauen! Ha, wie es in mir wüthet, wie meine ſtürmi⸗ ſche Liebe verheerend zuſammenſchlägt in meiner tobenden Bruſt, wie ſie jeden Damm der Ver⸗ nunft umreißt, und alles menſchliche Gefühl in mir erſtickt! Ich haſſe dieſe Amalie, haſſe ſie bis in den Tod! Ruhig glaubte ich mich, wehe, wie weit bin ich von Ruhe entfernt! Aber wie wird mir? Meine Sinne ſchwinden, vor mei⸗ nen Augen iſt ein ſchwarzer Flor!“ Erſchöpft lehnte ſie ſich an den Vater, der ſie ſanft auf ein Ruhebett trug, und ihre Frauen rief, ſie zu entkleiden. In der Nacht 4 — 1 6 1—* zeigte ſich ein ſtarkes Fieber, und der Arzt mach⸗ te eine bedenkliche Miene. Das Fieber wuchs mit jedem Tage, und Graf Lichtenthals gren⸗ zenloſe Angſt konnte nur mit Walters vergli⸗ chen werden, als dieſer von der Gefahr hörte, in der Sidoniens Leben ſchwebe.„Auf die Hül⸗ fe der Kunſt, mein würdiger Gönner,“ ſagte einer der Aerzte zu dem betrübten Vater, deſ⸗ ſen Hausfreund er war, und der von der gan⸗ p 4 zen Lage ſeiner unglücklichen Tochter wußte, „auf die Hülfe der Kunſt, iſt nichts mehr zu rechnen! Ein einziges Mittel, die Graͤfin zu retten, bleibt uns noch! Es iſt gewagt, doch wo alles zu verlieren und alles zu gewinnen ſteht, da darf man wagen! In ihren Fantaſien hat die Gräfin oft verrathen, was ihr Buſen geheimnißvoll verſchließt; oft einen Wunſch ge⸗ außert, den ſie in geſunden Tagen vielleicht nie mehr entdeckt hätte, naͤmlich ihren Gelieb⸗ ten noch ein Mal zu ſprechen. Laſſen Sie ihn kommen, Herr Graf! Wir halten uns verſteckt im Zimmer, und beobachten genau die Wirkung * 4 daß er aber eine Andere liebe, wußte ſie nicht, 4 lie gehabt, die mit den Jahren ſich vermehre. — 1 61— dieſer Zuſammenkunft. Erkennt die Grafin ih⸗ ren Geliebten, nun ſo bin ich des guten Er⸗ folges gewiß.“ Graf Lichtenthal ſandte ſogleich nach dem verheiſſenen Retter ſeines Kindes. Im Walterſchen Hauſe hatte ſich inzwi⸗ ſchen manches zugetragen. Daß Theodor nicht glücklich war, ſah Amalie deutlich, und der Friede ihrer Seele floh mit dieſer Ueberzeugung; und hatte auch bisher dieſem Gedanken keinen Raum geſtatten wollen, wenn er ſich ihr näher⸗ te. Befragte ſie den Grafen um ſeinen nicht zu verbergenden Kummer, ſo klagte er über Schmerz in der Bruſt, und ſchob ſeinen Miß⸗ muth einzig darauf, indem er hinzufügte, daß er von jeher eine ſtarke Neigung zur Melancho⸗ Seine Mutter beſtätigte dieſe Ausſage, ihre Tochter zu beruhigen, und Amalie glaubte ihr gern. Aber je finſterer Walter ward, je beſorg⸗. ter ward auch die zärtliche Gattin, und um alle Zweifel zu löſen, beſchloß ſie— ein kühner 8 — 162— 8 4 Schritt, der nur mit ihrer Liebe zu entſchuldi⸗ gen— ihres Gemahles Papiere zu unterſuchen. Sie wußte, daß er mit dem Marquis Alfari, ſeinem Buſenfreunde in Italien, einen Brief⸗ wechſel unterhielt, daß er oft halbe Näͤchte lang an ihn ſchrieb und Bogen voll von ihm zur Ant⸗ wort bekam. Dieſer Briefwechſel ſollte ihr Licht ge⸗ ben, als ein Zufall ihr die Mühe erſparte, und ſie plötzlich erleuchtend, ihr ganzes Leben ver⸗ dunkelte.. i Graf Wendhorſt, deſſen wir ſchon einige Mal erwähnt, ein Mann von dreiſſig Jahren, haͤßlich und eingebildet, liſtig, ſpöttiſch und bos⸗ haft, der ewig glaubte, jede Frau ſey in ihn verliebt, und der nie verzieh, die ihn zurück⸗ wies, noch dem, der es veranlaſſen mochte, hatte ſeine Augen auf Sidonia von Lichtenthal geworfen, nicht, weil er ſie wirklich liebte— er liebte nichts auſſer ſich ſelbſt— ſondern weil es ihm eine vortheilhafte Parthie in aller Hin⸗ ſicht ſchien. Sidonia hatte ſeinen Antrag unter dem Vorwande, fürs Erſte noch unverheitathet 2— 163— bleiben zu wollen, höflichſt abgelehnt. Dies geſchah im Anfang ihrer Liebe zu Walter. Wend⸗ horſt, beleidigt über den erhaltenen Korb, und zu ſehr von ſich eingenommen, um denken zu können, daß man ihn ausſchlagen würde, wenn man nicht einen Andern vorzöge, belauerte al⸗ le Schritte und Blicke von Sidonien, und den ie umgebenden Männern. Viele warben um Gunſt, doch da ſie niemanden Gehör ver⸗ ind ihre Liebe zu Walter tief in ihrem „ erzen da Walter ſelbſt ſich meiſter⸗ haft verſtellte: gieng ſie Wendhorſts arg⸗ liſtigen Beobachtungen, der nur deſto ergrimm⸗ ter auf ſie war. Als Walters Heirath bekannt wurde, und die Gräfin Lichtenthal von Schreck und Schmerz hingeriſſen, ſich nicht einmal mehr bemühte, ihre Leidenſchaft zu verheimli⸗ chen, wenn ſie auch den nicht nannte, der ſie erregte, ſiel Wendhorſts Verdacht plötzlich auf den wahren Gegenſtand, und durch ein Ge präch mit Sidonien, ſchwand der letzte Zweifel. Nicht —— 164—= beruhigt, daß die Gräfin ihn ſchon abgewieſen, verſuchte ers aufs neue, ſie für ſich zu gewinnen. „Ich liebe einen Andern, Graf Wend⸗ horſt,“ ſagte Sidonia kalt,„und nie wird es Ihnen gelingen, dieſen Andern zu verdräͤngen.“ „Aber dieſe Liebe iſt unerwiedert, ſchöne Graͤfin?“ fragte Wendhorſt höhniſch.„Woher ſonſt Thraͤnen in dieſen herrlichen Augen?““ „Ob unerwiedert oder nicht, Herr Gra ob verhängnißvoll oder beglückt, für Si daſſelbe! Ihnen kann keine ſen aus meinem Herzen! We liebt, den ich vergöttere, wer dieſer Liebe Wahn⸗ ſinn gefühlt, wie ich, der kann niemals wieder lieben! Glücklich darf ich nicht ſeyn, denn er iſt gebunden; aber ſo unglücklich werde ich mich nicht machen, je einem Andern anzugehören. In meiner Freiheit liegt mein letzter Troſt!“ Und als er, deſſen ungeachtet, es ein drit⸗ tes Mal wagte, ſie um die Gewaäͤhrung ſeines Wunſches zu bitten, da rief ſie empört.„Wie oft ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Graf, daß ich — 165— keine zweite Liebe in mir aufzunehmem ver⸗ mag! Auch habe ich nie gehört, daß man um Gegenliebe bettelt, wie um ein Allmoſen. Sie ſind mir gleichgültig, und werden es mir ewig bléiben! Trüge ich auch nicht dieſe ungeheure Leidenſchaft im Buſen, Sie könnte ich nimmer lieben!“ Dies war zu viel für Wendhorſts unbe⸗ ggrenzte Eitelkeit! In Haß verwandelte ſich ſchnell ſeine vermeinte Liebe, und konnte er auch Sidonien nicht ſchaden— was lag ihr, die ſie nur noch für eine einzige Empfindung lebte, an ſeinen etwanigen Reden!— ſo wollte er ſich doch rächen an ihrem Geliebten. Er gieng zu Amalien. Sie ließ ſich mit Unpäßlichkeit ent⸗ ſchuldigen. Wendhorſt war ihr immer zuwider geweſen, und hatte ihre natürliche Abneigung gegen ihn, durch haͤufige Anſpielungen auf Walters finſtere Laune und ſeine Kälte für ſie, noch vermehrt. Als er nach oft vergeblichen Beſuchen ſich eines Tages wieder melden ließ, und Amalie ihn abermals nicht annehmen woll⸗ — 1 66—— te, ſagte Walter, der grade zugegen war:„Laß ihn hereinkommen! Er hat ſich bei mir beklagt, daß er die reizende Amalie nie ſehen könnte. Wendhorſt iſt einer von denen, die man ſich nicht zu Feinden machen muß. Seine bos⸗ hafte Zunge, ſein kaltes, gleisneriſches Herz ſind zu allem faͤhig, wenn ſeine Eigenliebe be⸗ leidigt wird. Noch hab' ich ihn von Nieman⸗ den Gutes ſprechen hören; ſeine beſten Freun⸗ de verſchont er nicht mit ſeinem Geſpötte. Ein leiſer Wink ihres Gatten war Amalien ſtets Geſetz. Wendhorſt kam, ward höflich em⸗ pfangen, und erwiederte dieſe Höflichkeit mit falſchem Freundlichſeyn. Walter bat um die Er⸗ laubniß, ſich empfehlen zu dürfen, und ließ den Grafen mit ſeiner Gemahlin allein.„Der Herr von Walter ſind heute wieder ſehr truͤbe,“ ſag⸗ te Wendhorſt eindringend, als dieſer ſich ent⸗ fernt hatte, und faßte Amalien ſcharf ins Auge. „Er iſt es von Natur!“ antwortete die Graͤfin gleichgültig. „SIch bitte um Verzeihung, meine gnaͤdi⸗ 8 ge Frau, ſo war Graf Walter ſonſt nicht! ErE — 1 67— 7 hat ſich ſeit einiger Zeit ungemein veränderts Es koſtet wahrlich Mühe, ihn wieder zu er⸗ 4* kennen.... 7 „Eine Bemerkung, Herr Graf, die Sie ſchon oft gemacht,“ unterbrach ihn Amalie ver⸗ drüßlich,„ſie führt zu nichts!“ Es entſtand eine lange Pauſe. Wendhorſt wußte nicht wie er es anfangen ſollte, das vor⸗ zubringen, was er im Sinne hatte, und Ama⸗ lie ſchwieg, weil ſie ſich ihm gegenüber immer verlegen und ängſtlich fühlte. Endlich nahm ſie wieder das Wort und ſagte:„Werden der Herr Graf dieſen Abend den Hofball beſuchen?“ „Einen Augenblick! Die ſchönſte Zierde aller Feſte wird fehlen: die Graͤfin Sidonia von Lichtenthal!“ „Sie iſt bedeutend krank, wie ich höre,“ verſetzte Amalie,„doch hoffe ich, der Him⸗ mel hat nicht ihren Tod beſchloſſen. Sie muß wirklich äuſſerſt liebenswürdig ſeyn, da es in der ganzen Stadt nur eine Stimme über ſie giebt, . —— 168— und alles mit Entzücken und Bedauern von ihr ſpricht. Es thut mir leid, daß ich ſie nicht kenne, oder vielmehr es freut mich jetzt recht ſehr; meine Theilnahme an ihrem Zuſtan⸗ de würde ſonſt nur in peinliche Beſorgniß über⸗ gehen; für unbekannte Perſonen können wir uns unmöglich mit der Wäͤrme intereſſiren, mit welcher wir an dem Schickſale bekannter Men⸗ ſchen Antheil nehmen. Viele Damen ſind bei mir geweſen, als ich hier ankam, und grade ſie nicht! Sie will ſich ſuchen laſſen, wie es ſcheint; ſie hat nicht Unrecht, und meine Umſtan⸗ de allein hielten mich ab, ihr zuvorzukommen, und um ihre Freundſchaft zu bitten. Nach meiner Entbindung und Sidoniens Herſtellung, ſoll es mein Erſtes ſeyn!“ „Wer weiß, wie die Graͤfin dies freundliche „Entgegengehen aufgenommen hätte!“ ſagte Wend⸗ borſt.„Sie war ſchon viele Wochen vor dem Aus⸗ bruche ihrer Krankheit ſehr ſchwermüthig, und man ſchreibt dieſe Schwermuth einer unglückli⸗ chen Leidenſchaft zu, ſo wie man ihr jetziges — 169— Fieber für eine Folge derſelben haͤlt. Haben die Frau Graͤfin nie davon gehört?“ „Nie!“ antwortete Amalie,„und ich ge⸗ ſtehe, daß dieſe Neuigkeit mich befremdet. Ei⸗ ne unglückliche Leidenſchaft! Kann die Gräfin Sidonia von Lichtenthal, jung, ſchön, reich und bewundert von allen, unglücklich lieben?“ „Unglücklich, nein!“ ſprach Wendhorſt, „wenn Sie glücklich lieben nennen, daß ihre Leidenſchaft aufs Heftigſte erwiedert wird. Aber können nicht Verhältniſſe die Liebenden tren⸗ nen, meine ſchöne Gräfin, wie es hier in der That der Fall iſt?““ „Wahre Liebe kennt keine Verhaͤltniſſe, läßt ſich nicht ſtören durch Hinderniſſe!“ ent⸗ gegnete die Graͤfin lebhaft. „Geſetzt nun, der Geliebte wäre verheira⸗ thet,“ ſagte er langſam und mit Nachdruck; „haͤtte eine junge, zaͤrtliche, treffliche Gemah⸗ lin, eine Gemahlin, die, obgleich von bürger⸗ licher Herkunft, er nicht verſtoſſen dürfte, ohne ſich den Tadel der ganzen Welt zuzuziehen; die — 170— ſanft und gütig, nachſichtsvoll und... Aber Sie erblaſſen, meine gnaͤdige Frau! Himmel, was iſt Ihnen? Hat dies eine Wort, hat dieſe allgemeine Vorausſetzung ſchon die Lebensgei⸗ ſter ausgelöſcht in Ihrem reizenden Geſichte, o, wie ſehr beklage ich Sie dann! Ich rufe Ihre Frauen, und laſſe Sie.“ 2 „Nein, Teufel!“ ſchrie die Gräfin, und es ſtürmten in ihrer Bruſt Zorn und Verach⸗ tung, Liebe und Schmerz.„Nein, Sie ſol⸗ len bleiben, und das freſſende Gift Ihrer ſchwarzen Seele bis auf den letzten Tropfen in mein wundes Herz gieſſen! Sie ſollen enden, was Sie ſo hölliſch begannen!“ „Die Frau Graͤfin ſind auſſer ſich, Sie bedenken nicht Ihren Zuſtand. Ich thue beſſer, ich gehe.“ „O, daß der Allmäͤchtige gewollt, Du waͤreſt nie gekommen, Du Feind, dem Fege⸗ feuer entlaufen, um ſchon hienieden einen Vor⸗ ſchmack zu geben von dem unſeligen Aufenthal⸗ te der Verdammten! Du böſer Geiſt, der in* — 171¹— ſeines Geſichtes Haͤßlichkeit geſchrieben traͤgt, was ſein Herz Niedriges bewahrt, der das Kind im Mutterleibe nicht ſchont! Fort aus meinen Augen, und mein Fluch auf ewig mit Dir!““ „Ich verzeihe der gekränkten Gattin die⸗ ſen ungemäßigten Ausbruch blinden Zornes,“ ſagte Wendhorſt ſtolz.„Was kann ich dafür, daß Sie allein nicht wußten, was die ganze Stadt weiß! Ich dafür, daß der tugend⸗ hafte Graf Walter ſich in Liebe und Sehn⸗ ſucht verzehrt um die ſchöne Graͤfin, die mit dem Tode ringt? Vergeben Sie, daß ich ſo un⸗ berufen Ihnen die Augen pöͤffnete, und glau⸗ ben, daß ich es bereue,“ ſetzte er verſtellt hin⸗ zu. Hierauf ergriff er ſeinen Hut und em⸗ pfahl ſich. Amalie blieb wie vernichtet zurück. Wend⸗ horſt traf auf der Treppe ihre Kammerfrau. „Der Graͤfin iſt nicht wohl!“ ſprach er, und ſtürzte hinunter. Die Kammerfrau flog zu ih⸗ rer Gebieterin, und fand ſie ohnmächtig nie⸗ dergeſunken. Man ſchickte um Hülfe, und nach 8. — 172— einigen Stunden gebar ſie einen todten Knaben. Walter, der von dem Vorgefallenen nichts ah⸗ nete, und durch Sidoniens Krankheit gänzlich zu Boden gedrückt war, kam tiefſinnig nach Hauſe, und wollte auf ſein Zimmer, als ſeine Mutter ihm entgegentrat, und ihn von Ama⸗ liens Niederkunft unterrichtete. Er eilte zu ſeiner Gattin, die in ſtarke Convulſionen ver⸗ ſiel, als ſie ihn erblickte, und für ihr Leben zit⸗ tern machte. Theodor zog ſich zurück; aber ſo oft er ſich ihr naͤhern wollte, gerieth ſie in die naämlichen Zuckungen; und nannte man ſeinen Namen, ſo durchfuhr es ſie wie ein Blitz, und ein lauter Schrei drang aus ihrer krampfge⸗ preßten Bruſt. Die Aerzte der Meinung, daß nur die größte Ruhe ſie zu heilen vermöge, gebo⸗ ten dem Grafen aufs Strengſte. ſich fern von ihr zu halten. Walter, der nicht begriff, was ſeine Gemahlin zu dieſer ſonderbaren Abnei⸗ gung gegen ihn veranlaßt haben konnte, oder vielmehr, was dieſen Eindruck des Schmerzes bei ihr hervorbräͤchte, fragte bei allen Dome⸗ — 173— ſtiken nach, was ſich waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit zugetragen, und wen die Gräfin bei ſich geſehen. Nichts wußte man ihm zu ſagen, als daß man Amalien ohne Beſinnung gefunden, als Graf Wendhorſt ſie verlaſſen. „Graf Wendhorſt!“ rief er, und kehrte düſter in ſein Kabinet zurück.„Wendhorſt! Er liebt Sidonien, ſollte er mein Geheimniß er⸗ ſpürt, ſollte er meiner Gemahlin?... Nein, ſo ſchlecht kann er nicht ſeyn! Muß er auch 4 mich haſſen, was hat Amalie ihm gethan?““ Nachdenkend gieng er mit großen Schritten auf und ab, und fühlte ſich namenlos beklemmt durch Sidoniens gefährliches Fieber und ſeines guten Weibes beunruhigenden Zuſtand, als die Bothſchaft vom Grafen Lichtenthal kam, ſich ſogleich zu ihm zu verfügen. Walter zitterte.„Ich komme den Augenblick,“ ſagte er, und hatte nicht den Muth, den Lakaien zu fragen: lebt die Gräfin noch? Mit klopfenden Herzen betrat er zum erſten Male Graf Lichtenthals Haus, und was dies Haus unter andern Umſtäͤnden ihm haͤtte ſeyn „ —— 174— 7 können, erfullte ſeinen trüben Geiſt mit un⸗ ausſprechlicher Angſt, und lähmte ſeine Kräfte vollends. Bebend ſtieg er die Treppe hinan. Der Bediente, der ihn erwartete, meldete ihn ſeinem Herrn. Graf Lichtenthal, verſtört und von Gram gebeugt, empfieng Waltern ernſt, ber freundlich.„So war es nicht,“ ſprach er bewegt,„wie ich einſt hoffte, Sie zu begrüßen⸗ Nicht Trauer und Sorge, nur Freude ſollte Graf Walter mir geben!“ Walter vermochte nicht zu antworten.„Kommen Sie, Graf,“ ſagte der unglückliche Vater,„kommen Sie, daß ich Sie in das Gemach meines armen Kindes füh⸗ re! Vielleicht, daß dieſelbe Hand, die ſie dem Tode überlieferte, ſie ihm wieder entreißt!““ Stillſchweigend ließ Theodor ſich leiten. An Sidoniens Zimmer begegneten ſie dem Arzte. „Es iſt alles beim Alten!“ rief dieſer bekümmert⸗ „Nur von Graf Walters Näahe hoffe ich noch einiges.“ Begleitet von Vater und Arzt, be⸗ trat Walter das Krankengemach. Es war fin⸗ ſter; der Arzt öffnete eine Jalouſie, und Theo⸗ — 175— dor ſieng laut zu ſchluchzen an, als er ſeine heißgeliebte Sidonia von Leiden entſtellt, doch immer noch ſchön, als er ſie bewußtlos und mit dem Tode ringend, da liegen ſah. Vater und Arzt ſprachen vergebens mit ihr, ſie hörte nicht, antwortete nicht! Walter nahte ſich ihr, und faßte ihre Hand. Da zuckte ſie gewaltſam, ſchlug die Augen auf, ſchloß ſie aber gleich wie⸗ der, und blieb wie vorher. Dem Arzte wurde bange. Walter und Lichtenthal athmeten kaum vor angſtvoller Erwartung. Endlich ward Si⸗ donia unruhig, warf ſich von einer Seite zur andern, klagte über Durſt und Hitze; dann ward ſie wieder ſtiller, und die Umſtehenden hörten deutlich, wie ſie den Namen Theodor nannte. Graf Lichtenthal und ſein Freund ent⸗ fernten ſich etwas, und Theodor gieng an ihr Bett.„Sidonia!“ ſagte er leiſe. Dieſer einzige Ton aus des Geliebten Munde, berührte har⸗ moniſch ihr krankes Gemüth„Theodor!“ ſprach ſie mit ſchwacher Stimme, öffnete die Augen, ſtreckte ihre matte Hand nach ihm aus, und — 176—— * Theodor lag auf ſeinen Knien, und benetzte ihre Hand mit heiſſen Thränen, dem Glücke kaum trauend, das er jetzt genoß.„Walter!“ rief ſie mit verſtärktem Tone,„Walter, o komm an meine Bruſt! Nur ein einziges Mal an die⸗ ſe glühende Bruſt, an dies ſehnſüchtige Herz; nur einmal in dieſe verlangenden Arme, und ich entſage dem Licht des Lebens gern auf im⸗ mer!“ Walter umfaßte ſie mit Leidenſchaft, und drückte einen brennenden Kuß auf ihre blei⸗ chen Lippen.„Gott, welche Seligkeit, Dir anzugehören, mein Theodor!“ ſprach ſie und umklammerte ihn ſo feſt, als wollte ſie ihn nie mehr laſſen.„Aber biſt Du nicht verhei⸗ rathet?“ rief ſie plötzlich, und als Theodor ſeufzte, ſank ſie ohnmaͤchtig zurück. Hier tra⸗ ten Arzt und Vater wieder vor, und Erſterer beruhigte die Beſorgten, indem er ſie verſicher⸗ tee, daß er jetzt alle Hoffnung habe, die Kran⸗ ke herzuſtellen. Er bat Walter, ſich nun wegzu⸗ begeben, und die genaueſten Nachrichten von ihm zu erwarten. Walter gieng; unten traf er —2 187— die Gräfin Hochfeld, die niedergeſchlagen, mit ſchwerem Herzen, zu Sidonien wollte.„Es geht beſſer, gute Gräfin!“ rief Walter freudig, und eilte fort, beſeelt von der himmliſchen Em⸗ pfindung, daß er die gerettet, die für ihn da⸗ hinſtarb, und zermalmt von dem tödtenden Gefühle, ſie auf ewig verloren zu haben, die allein ihm das Daſeyn werth machen konnte, und die nur für ihn lebte. Als Walter nach Hauſe kam, verſchloß er ſich in ſein Zimmer, und wollte ſelbſt vor ſeiner Mutter nicht ſichtbar ſeyn; doch Unruhe über Amalien zwang ihn endlich, die alte Gräͤ⸗ fin und den Arzt zu ſprechen. Amalie war noch immer ſehr ſchwach, indeß ſchien die Ge⸗ fahr vorüber. Dieſe Nachricht erleichterte ihn um ein Groſſes; denn mußte er gleich ſeine Gattin als das einzige Hinderniß zu ſeinem Glücke betrachten: ſo entſetzte ihn doch der Ge⸗ danke, durch ihren Tod dies Glück zu erkau⸗ fen. Er hatte ja gar keine Klage über ſie; ſie war ſo gut, ſo fromm, ſie liebte ihn mit M 4 — 188— ſo treuer, zäͤrtlicher Liebe! War es ihre Schuld, daß ſein Unglücksſtern ihm Sidonien in den Weg geführt! Die Graͤfin Lichtenthal genaß von ihrer ſchweren Krankheit, und nach einigen Wochen war auch Amalie hergeſtellt. Dieſe hatte ſich wieder an den Anblick ihres Gatten gewöhnt; aber Walter bemerkte eine tiefe Melancholie und ein ſtilles Sinnen an ſeiner Gemahlin, das ihr ſonſt nicht eigen geweſen. Ihr Gemüth ſchien in Aufruhr und Kampf. Umſonſt beſtreb⸗ te ſich Theodor, ſie zu erheitern; umſonſt durch Aufmerkſamkeit und Liebe, ihren etwanigen Argwohn zu zerſtreuen; ſie blieb ernſt und nach⸗ denkend, und alles, was er durch ſanftes Zu⸗ reden gewann, war, daß ihre Thraͤnen floſſen. Walter hatte Sidonien nach ihrer Gene⸗ ſun nicht wiedergeſehen, aund wollte es auch nicht. Jeder neue Blick auf ſie, erfüllte ihn mit neuem Schmerz. So beſchloß er denn, den ihm angetragenen Geſandtſchaftspoſten in Wien, anzunehmen, und ſeine Gemahlin ſo lange zu⸗ — 189— rückzulaſſen, bis er dort eingerichtet ſeyn wür⸗ de. Doch Amalie ſelbſt ſtörte ſein Vorhaben. Als ſie ſich ſtark genug fühlte, ausfahren zu können, befahl ſie anzuſpannen, und begab ſich nach Graf Lichtenthals Hotel. Ungemeldet ſtieg ſie aus, und fragte nach den Zimmern der Graͤ⸗ ſin; man wies ſie hinauf. Ein Lakai wollte ſie anſagen.„Iſt nicht noͤthig!“ ſprach ſie, und gieng weiter. Im Vorzimmer befand ſich Si⸗ doniens Kammerfrau, die ſich weigerte, ſie ſo gradezu hineinzulaſſen.„Ich bin Graf Walters Gemahlin,“ entgegnete Amalie,„und muß Ih⸗ re Grafin ſprechen!“ Einen Augenblick!“ erwie⸗ derte die Kammerfrau, öffnete eine Thür, und rief ihrer Gebieterin zu:„Die junge Graͤfin Walter!“ Sidonia entfarbte ſich und ſagte: „Die Gräfin Walter! bei mir? Auguſtine, ich kann ſie nicht ſprechen, um Gotteswillen nicht!““ „Sie müſſen mich ſprechen, Gräfin!“ rief Amalie, die es gehört hatte, hineindrang und plötzlich vor Sidonien ſtand, die bleich und matt auf einem Ruhebette lag, und ſich bei M 2 3 — 1 9⁰— Amaliens Eintritt beſtürzt in die Höhe richtete. „O, jetzt begreife ich,“ hob Walters Gemah⸗ lin an, und naͤherte ſich ihr,„jetzt begreife ich, daß Sie meine gefährlichſte Feindin werden mußten! Hätte ich Sie früher geſehen, Grä⸗ fin Sidonia, ich würde errathen haben, was man grauſam genug war, mir zu ſagen. Nicht treulos iſt Walter, nur bezwungen von dieſem Zauber!“ 1 Amalie ſchwieg und Sidonia wußte kein Wort hervorzubringen. Endlich ſagte ſie be⸗ klommen und mit naſſen Augen: Durch welches Ungefäahr wird mir der Beſuch der Grafin Wal⸗ ter, Sie, die ich niemals ſehen wollte? Was ſteht zu Ihren Dienſten? kommen Sie, meines Elendes zu ſpotten oder mich zu beklagen?“ „Ihnen zu helfen, Gräfin!“ antwortete Amalie entſchloſſen, und umarmte ſie.„Trock⸗ 5 nen Sie Ihre Thränen, geben Sie der Hoff⸗ nung Raum in Ihrem Buſen: Sie ſind be⸗ glückt! Nicht meines Gemahls verlorenes Herz von Ihnen zu erbetteln, kam ich her, ſondern 1 7 1 A— 191— das Ihrige ihm auf ewig zu ſichern; nicht mit ſuͤſ⸗ ſen Erwartungen für mich ſelbſt, mit Segen für Sie!“ „Was höre ich!“ rief Sidonia, und alle ihre Pulſe klopften gewaltſam. „Die reinſte Wahrheit!“ verſetzte Amalie. „Sie lieben Graf Walter, er betet Sie an, ganz natürlich bei ſo viel gegenſeitigem Lieb⸗ reiz! Ich bin das einzige Hinderniß zu Ihrem und ſeinem Glücke, und nur ich ſelber kann es aus dem Wege raumen. Als ich noch hoffen durfte, Mutter zu ſeyn, da ſtraͤubte ſich mein Herz wider den Gedanken einer Trennung; denn daß Walter nicht zufrieden war, wußte ich längſt, ohne die Urſach zu wiſſen. Jetzt, da der Schöpfer mir den Troſt geraubt, ein Kind zu beſitzen, jetzt erkenne ich ſeinen Wink, mich aufzuopfern für Sie und den Ge⸗ liebten. Ich entſage meinen Rechten an Wal⸗ ter, und übertrage ſie auf ſeine glücklichere Ge⸗ mahlin. Sidonia von Lichtenthal wird dieſe —— 192— Stelle würdiger erfüllen, als die von Gott verlaſſene Amalie!“ 3 „Allgütiger, iſt es möglich!“ rief Sido⸗ nia, und umſchlang die Gräfin mit Leiden⸗ ſchaft und dem Ausdrucke des heiſſeſten Dankes. „Engel des Himmels, Retterin meines Lebens, welcher Edelmuth! Mein armes Herz ertraͤgt die Wonne nicht, die Sie ihm ſchenken; mein Geiſt kann den ſchnellen Wechſel nicht faſſen, der mich plötzlich aus dem tiefſten Elend zur höchſten Seligkeit emporhebt! Mir ſchwindelt vor dieſer jähen Veränderung! Theodor mein, er, der mir alles iſt! Graͤfin, darf ichs glau⸗ ben? Wirklich glauben, daß Sie Ihren Gat⸗ ten aufgeben, ihn den ſchönſten, den edelſten Mann, um Ihre Nebenbuhlerin zu beglücken?“ „Um Walter zu beglücken! Halten Sie mich nicht für beſſer, Graͤfin Sidonia, als ich bin,“ ſagte Amalie und trocknete ihre Augen. „So ſehr auch Ihr erſter Blick mich beſtochen hat, ſo ſehr ich von Ihren bisherigen Leiden gerührt, von Ihrer Geſtalt eingenommen bin; . 1. — 1 93 A—2 ein ſolches Opfer konnte ich nur Waltern brin⸗ gen, und deshalb ſehen Sie mich hier. Mit der leiſeſten Hoffnung, ihn zu mir zuruͤckzu⸗ führen, der kleinſten Ausſicht, ihn noch zu be⸗ glücken durch meinen Beſitz, hätte ich ihn nicht aufgegeben. Doch wer einmahl liebt, wie er, iſt nur durch die Unwürdigkeit des Gegenſtan⸗ des von ſeiner Liebe zu heilen; und Sidonia von Lichtenthal verdient dieſe Liebe in ihrem ganzen Umfange.“ „Er wird Ihre Großmuth nicht anneh⸗ men,““ ſprach Sidonia, er darf ſie nicht an⸗ nehmen!“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen! Er muß ſie annehmen, oder der unzugangbarſte Auf⸗ enthalt verbirgt mich auf ewig. Und nun le⸗ ben Sie wohl! Beglücken Sie Theodor, wie er geliebt iſt, und der Himmel ſelbſt hat keinen ſeligern Menſchen!“ Bei dieſen Worten entſchwand ſie, ohne daß Sidonia ſie ereilen oder ihr noch danken konnte. In heftiger Gemüthsbewegung,⸗ doch ru⸗ — 194—— higer, als zuvor, fuhr ſie zu Walters Mutter, ihr ihren unumſtößlichen Entſchluß zu eröffnen, und um ihre Mitwirkung zu bitten. Die alte Grafin erſchrack ungemein, dann aber drückte ſie Amalien an ihren Buſen, und rief mit Rührung:„O, nicht umſonſt, mein gutes Kind, mußte ich Dich gleich ſo innig lieben! Alles was Dein edles Gemüth zu vollbringen im Stande iſt, erkannte ich alsbald in dieſen ſchö⸗ nen Zügen. Nicht befremdet bin ich von Deinem hochherzigen Vorhaben und nicht hindern will ich die Ausführung deſſelben. So lange Theo⸗ dors Geheimniß Dir verſchwiegen blieb, ſo lan⸗ ge konnteſt Du auch ruhig ſeine Gattin blei⸗ ben; allein nachdem was geſchehen, wird Dei⸗ ne zarte Seele nur Frieden finden im Opfer. Ich lobe Deinen Entſchluß, wie ſchmerzlich er auch iſt! Hierauf kamen Mutter und Tochter über⸗ ein, dem Grafen vor der Hand nichts von ih⸗ rem Plane zu ſagen. Amalie wollte heimlich nach Berkenhauſen reiſen, einem entfernten — — 195— Gute, das Walter ihr geſchenkt, und das ſie auch zu behalten geſonnen war, und ſeiner Mutter einen Brief für ihn zurücklaſſen, der ihm alles entdecken ſollte; doch bat ſie, den Brief ihm nicht eher zuzuſtellen, bis ſie auf ih⸗ rem Gute angelangt wäre, damit er ihr nicht nachſetze, und ſie auf dem Wege einhohle. Von Berkenhauſen konnte ſie leicht, wenn er ihr etwa dorthin folgte, ſich in das ganz nah gele⸗ gene Nonnenkloſter, das jeder Unglücklichen Schutz gewährte, vor ſeinem gefährlichen An⸗ blicke retten, und er, von der Fruchtloſigkeit ſeiner Bemühungen überzeugt, mußte am En⸗ de in die Reſidenz zurückkehren, und ſie ih⸗ rem Schickſale überlaſſen. Gleich nach ihrer Abreiſe ſollte man ihm nur einige Zeilen ein⸗ händigen, die einen ſcheinbaren Grund dieſer Flucht enthielten.. Amalie ſah Theodor jetzt nicht ohne die duſſerſte Erſchütterung; aber ſie ſtellte ſich hei⸗ terer, als zeither, und was in ihren Innern Fürchterliches vorgieng, bemerkte Walter nicht, — 196— Nur am letzten Abend vor ihrer Abreiſe, war ſie nicht Meiſterin ihres Schmerzes, und als Walter ihr eine gute Nacht wünſchte, um ſich auf ſein Zimmer zu begeben, da ſank ſie ſchluch⸗ zend an ſeine Bruſt, und ſagte mit erſtickter Stimme:„Deinen Segen, mein Geliebter!“ „Was faͤllt Dir ein, mein gutes Weib? antwortete der Graf bewegt, und ſchloß ſie mit Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme.„Woher dieſe Thränen, dieſe Angſt? Bin ich nicht Dein Theodor? „Wehe!“ rief Amalie beklemmt, und machte ſich los von ihm. Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort:„Wir ſind alle ſterblich, mein Freund, und ich weiß nicht, welch ſon⸗ derbare Vorempfindung mich ergriff, als Du jetzt von mir wollteſt. Mir war, als ſaͤhe ich Dich nimmer wieder... Aber geh' nur,“ ſetzte ſie mit einem erkünſtelten Läͤcheln hinzu, „es iſt ſchon vorüber, und war blos ein lei⸗ ſer Nervenanfall, noch eine Folge meiner Ent⸗ bindung.“ — — 197— Walter entfernte ſich mit der Bitte, ihn ja unverzüglich rufen zu laſſen, wenn ihr erwa in der Nacht nicht wohl würde.„Du haſt mich angſtlich gemacht,“ ſagte er und umarmte ſie noch einmal. Ihrer Kammerfrau befahl er, ihn auf der Stelle zu wecken, wenn der Gräfin etwas zuſtieſſe. Kaum war er aus dem Zimmer, ſo bra⸗ chen Amaliens Thraͤnen mit Gewalt hervor, und es bedurfte aller ihrer Stärke, ihren hel⸗ denmüthigen Entſchluß auszuführen. Als Wal⸗ ter ſchlief, gieng ſie von ihrer Kammerfrau und zwei Bedienten begleitet, zu ſeiner Mutter, wo, um alles Aufſehen und jeden Verdacht zu ver⸗ meiden, der Reiſewagen in einem verſchloſſenen Hofe ſtand. Nach dem rührendſten Abſchiede und der Verſicherung der alten Gräfin, ſie bin⸗ nen kurzem in ihrer Einöde zu beſuchen, ſtürz⸗ te Amalie in den Wagen, und der Vorhang ihres Lebens— fiel! Walters erſte Frage am andern Morgen, war nach dem Befinden der Gräfin. Da uber⸗ ———— .— — — 1 98—— reichte man ihm ein Billet. Er erkannte die Handſchrift, erblaßte und las: „Zum erſten Male, mein geliebter Theo⸗ „dor, fehle ich gegen Dich, indem ich einen „Schritt thue, den Du nicht kennſt; doch es „entſpringt dies Vergehen einzig aus der Ue⸗ „berzeugung Deiner allzugroßen Güte, nicht „aus Mißtrauen! Mich verlangt nach Einſam⸗ „keit, und ich fürchtete, Du möchteſt bei mei⸗ „Iner jetzigen ſchwermüthigen Stimmung, aus „Beſorgniß für mein Wohl, mir dieſen Genuß „verſagen, darum, mein geliebter Freund, ent⸗ „fliehe ich heimlich nach Berkenhauſen, dieſem „Geſchenk Deiner Großmuth! Die Lage des Orts „iſtreizend, die Witterung günſtig„ und mein „Herz verſpricht ſich, dort ſeine jüngſt entſchwun⸗ „dene Heiterkeit wieder zu finden. Ja gewiß, „zufriedener kehre ich nach der Hauptſtadt zu⸗ nrrick, als ich ſie verlaſſe. Das Reiſen ſelbſt, „tauſend fremde Gegenſtaͤnde, die Beſchaͤfti⸗ „gung mit meinen neuen Unterthanen, alles — 199—— „verheißt mir den beſten Erfolg für meine Ge⸗ „ſundheit, und alſo auch Deine Vergebung, „mein theurer Walter! Leb' wohl und gedenke „Deiner Amalie.“ 3 „Der Graf war überraſcht. Mannigfaltige Ideen kreuzten ſich in ſeinem Kopfe; indeß die Wahrheit ahnete er ſo wenig, daß er bald aufhörte, Amaliens Flucht ſonderbar zu finden; und vergnügt, daß etwas ihr lieb ſeyn konnte, auch beruhigt durch ſeiner Mutter anſcheinende Ruhe, ſchrieb er ihr noch am naͤmlichen Tage: daß ſo ungern er ſie auch miſſe, er ihr doch von ganzem Herzen verziehe, ſobald dieſe Reiſe zur Wiederherſtellung ihres Frohſinns beitra⸗ gen könne, und daß er ihrer Abweſenheit keine Schranken ſetzen wolle.„Ich komme zu Dir, mei⸗ ne gute Amalie,“ fügte er hinzu,„wenn Du mir zu lange bleibſt!“ und übermachte ihr eine anſehnliche Summe Geldes, ſie unter die Ein⸗ wohner ihres Dorfes zu vertheilen.„Ich will⸗ — 200—* daß ſie Dich lieben, wie Du es verdienſt,““ ſchloß er,„und nichts, weiß ich, beglückt das edle Herz meiner Amalie mehr, als Armen wohl zu thun, und von ihnen geliebt ſeyn.“ So verfloſſen vierzehn Tage. Walters Mutter war zu Sidonien geeilt, ihr von der Verabredung zwiſchen ihr und Amalien zu ſa⸗ gen, und ſie zu bitten, ſich nicht zu verrathen, falls Theodor zu ihr kaͤme; Theodor aber kam nicht. Es war ſein feſter Wille, ſie zu meiden, und er gewann es über ſich, wie er ſich vorge⸗ ſetzt, die ſchon erwähnte Ambaſſade, anzuneh⸗ men, und nach vollendeten Geſchäften in ſeinem Vaterlande, aufs Gut ſeiner Frau zu reiſen, und von da mit ihr nach dem Orte ſeiner Be⸗ ſtimmung, als plötzlich die Nachricht von Ama⸗ liens Ableben erſcholl. Nicht weit von dem Dorfe Berkenhauſen, der Weg geht durchs Ge⸗ birge, ſtürzte ihr Wagen um, und verletzte ihre Bruſt. Beſinnungslos brachte man ſie aufs Schloß Berkenhauſen. Der Fall, die bis⸗ her gehabte Seelenangſt, das tief empfundene ———* Weh, von Walter getrennt ſeyn zu müſſen, alles zog ihr ein heftiges Fieber zu, und Man⸗ gel an gehöriger Hülfe vielleicht, den Tod. Sanft entſchlief ſie und ihre letzten Worte wa⸗ ren:„Da ich ihn verlieren mußte, ſterbe ich gern!“ Walter vernahm mit Grauſen dieſe fürch⸗ terliche Bothſchaft, und er ſchaͤmte ſich der Thräͤ⸗ nen nicht, die er vergießen mußte. „Beruhige Dich, mein Sohn!“ hob die alte Gräfin an, und holte aus einem Schran⸗ ke Amaliens ihr anvertrauten Brief.„Beruhi⸗ ge Dich, oder vielmehr danke dem Schöpfer, der es ſo gefügt! Amalien iſt wohl, daß ſie im Grabe ſchläft. Ich liebte ſie, wie mein Kind, und dieſer frühe, unerwartete Hintritt betrubt mich ſtärker, als ichs zu ſagen vermag; allein je mütterlicher ich ſie liebte, je weniger darf ich ihren jetzigen Frieden ihr mißgönnen. Für ſie war kein Glück mehr zu hoffen auf dieſer Welt, und ſelbſt lebend, mußteſt Du ſie wie geſtorben betrachten. Hier lies mein Theodor, und Jerne die Vortreffliche ganz kennen. — 202— Der Graf hatte ſeiner Mutter mit ahnen⸗ der Verwunderung zugehört; dann erbrach er den Brief, und las in ſchmerzlicher Bewe⸗ gung, was folgt: 4. —,. „Wahrer Liebe iſt kein Opfer zu groß! „Das beweiſe ich Dir jetzt, mein Theo⸗ „dor, indem ich auf ewig von Dir ſcheide. „Argliſt hatte mir endlich verrathen, was „Deine Gütigkeit mir verſchweigen woll⸗ „te. Du liebſt Sidonia von Lichtenthal, und „ſie liebt Dich. Ich habe die geſehen, die ich „haſſen ſollte, die durch ihre himmliſche Ge⸗ „ſtalt, durch ihre hohen Reize, als unver⸗ „ſöhnliche Feindin auftrat zwiſchen Dir und „mir, und ich verzeihe Deinem Herzen, wie „ich die nur lieben kann, die Dich zu beglü⸗ „icken weiß. Da Amalie Dir gleichgültig wer⸗ „den mußte, gönne ich Sidonien am erſten „das beneidenswerthe Loos, die Deinige zu „ſeyn. Ich entſage hiermit feierlich allen Anſprü⸗ chen an Dich und Deinen Namen, und will 2 — 203— „mich künftighin nach meinem Gute, Graͤfin Berkenhauſen, nennen⸗ „So kehrt nicht ſelten der Pfeil, den Bos⸗ „heit losdrückt, auf den Schützen ſelbſt zurück. „Wendhorſt, der Dir zu ſchaden ſuchte, weil „er für Sidonien brannte, die ihn von ſich wies, „wie man mir erzählte, Wendhorſt entdeckte „mir Deine Leidenſchaft zu ihr, und ward ſo „der Stifter Eures beiderſeitigen Glückes.“ „Jetzt keine falſche Delikateſſe, mein ge⸗ „liebter Theodor! Ich beharre unwiderruflich „auf meinem Entſchluſſe, und ſtraͤubſt Du „Dich, ſo begraͤbt mich das verborgenſte Klo⸗ „ſter, aus dem nie eine Kunde zu Dir kom⸗ „men ſoll. Deine gute Mutter iſt von allem „unterrichtet; ſie hat meine Liſt ausführen hel⸗ „fen, die einzige, die ich mir jemals gegen „Dich erlaubt, und die Du mir vergeben wirſt. „Nicht, um in unbekannter Einſamkeit mich „zu verſtecken, entfloh ich; nicht, um Ruhe zu „ſuchen, die nur in der Erde Schooß für mich m Platz zu machen der „zu finden, nein, u N ———— ——— —— — 8 — 204— „glücklichern Gattin! Deine Mutter wird die „geſetzliche Trennung einleiten, und iſt mein „Herz beſänftigt, kann ich mich erſt freuen „meines Werkes, erſt Deine Seligkeit an Si⸗ „doniens Seite ohne Neid anſehen: ſo kehre „ich zu Euch zurück, und theile Euer frohes „Schickſal! Leb' wohl! Leb’ ewig wohl! Jetzt „von mir zu verlangen! Nachdem was ich voll⸗ „bracht, iſt nichts mehr Opfer! Schreibe mir „nicht, mein Theodor! Briefe von Dir wuͤr⸗ „den mich nur weich machen, und weich darf „ich jetzt nicht werden. Deine Einwilligung in „mein Begehren, iſt alles was ich brauche!— „Leb' wohl! Gottes Segen über Dich und Si⸗ „donien, und des Grabes Stille Deiner treuen. Amalie!““ „O Verhaͤngniß!“ rief Walter, und ſank weinend in ſeiner Mutter Arme. „fordere ich den Himmel heraus, noch ein Opfer — — In der Pichler'ſchen Verlags⸗Buchhand⸗ lung ſind noch nachſtehende empfehlungs⸗ werthe Unterhaltungsſchriften zu haben. ——— Frohberg, Regina, Darſtellungen aus dem menſchlichen Leben. Mit Kupf. 814. — Beſtimmung. Ein Roman, 2 Theile mit Kupf. 814. — die Brautleute, oder Schuld und Edel⸗ muth. Mit 1 Kupf. 814. —— das Opfer. Ein Roman. Mit 1 Kupf. 315. Müller, Gottl., Auguſt und Johanne, oder die Geſchichte der Familie Wallenberg. 2 Theile mit Kupfer 804. 3 —— Julius und Julie, oder das unſichtbare Mädchen. 2. Theile mit Kupfer 805. Muſeum des Witzes und der Laune. 4 Bande mit 2 ſchwarzen und 2 illum. Kupf. 810. Pichler, Carol., Agathokles. 3 Theile. 808. — Erzählungen. 2 Thl. mit Kupf. 812. Scenen aus dem Menſchenleben. Zur Unterhal⸗ tung und zur Würdigung der Tugend. Von F. E. 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