— Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b t6, Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für rchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — Khor.. oner. kueler: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Friedrich Fur Die Burg Rauhenſtein liegt hinter Ba⸗ 1 den im ſchoͤnen Helenenthale, ſchraͤg gegen⸗ uͤber liegt die Burg Rauheneck, auf den grotesken Vorſpruͤngen des Mitterberges.— Wahrhaft uͤberraſchend iſt die Ausſicht von ddeer jetzt in Truͤmmer liegenden Felſenburg. 1„ Durch ein hohes Thor, mit gut erhaltenen Bogen, gelangt man in den erſten Ooſtaum und dann duech e ein neres hoͤlzernes Thor in 4 einem unterirdiſchen Gan. d der dbe verſcha tet iſt. Der weſtlich gelegene Wartthurm u laderſteinen erbaut und zu Zinne fuͤhren gut erhaltene Treppen heat 81 Stufen bis zum Eingang — 4 Mauern muß man erſtaunen, und man kann vohl mit Recht annehmen, daß Rauhenſtein 4 6 faſt uneinnehmbar war. Vom Innern des Thurmes fuͤhren abermals 80 Stufen an den Waͤnden bis zur Zinne, die jetzt mit Gelaͤn⸗ der und Ruheſitzen verſehen iſt. Von hier aus genießt man nun eine bezaubernde Aus⸗ ſicht in das Helenenthal und in die vorne liegenden Ebenen.— Ach, es iſt hier ſo un⸗ endlich ſchoͤn, daß ſelbſt der Boͤſewicht ſeine 1 Verbrechen bereuen und knieend den Schoͤpfer anbeten würde, der dies alles ſo herrlich— ſo ſchön gemacht hat. Und an Fruͤhlings⸗ wenn die Sonne untergeht, fluͤſtert im Gruͤn der Baͤume,] in langgehal⸗ tenen Accorden floͤtet die Nachtigall und aus dem dunkeln Gruͤn ſcheinen die Geiſter der Vorzeit empor zu ſteigen. ——*—— „Was willſt Du hier?“ ſcheint mich dein Blick zu fragen, 4 „Was ſuch'ſt du im zerfallenen Geſtein? Die alte Kraft, ſie iſt zu Grab getragen Und nimmer kehrt ſie wieder bei mir ein!“ F Die Laute im Arm ſaß Helena von Rauhenſtein am geoͤffneten Fenſter ihres Gemaches und blickte mit thränenden Augen aach einem Thurme der Veſte Rauhenech 4 wo der Graf Hugo von Andr ſich al⸗ 8 1 Gefangener befand. Obgleich hoffnungslos, ſo liebte ſie doch dieſen Mann, denn er war in Paris verheirathet. Abentheuer auffuchend hatte er den giͤßten Theil Deutſchlands dure — — 6— Bei der Verfolgung eines Hirſches war er in die Waldungen des boͤſen Ritters von zur Rede, und da Graf Hugo als Antwort an ſein Schwert ſchlug, ſo ließ ihn der 5 Nauhenecker von ſeinen Reiſigen binden und in einen Thurm werfen. Mehrere Tage war man auf Rauhenſtein um ſein Schickſal ſehr beſorgt und Helena weinte um ihn im Stil⸗ len manche Thraͤne, bis man ſein Schickſal erfuhr. Noch immer blickte Helena nach dem „ ögleich es ſchon anfing finſter zu orten ſie die Fußtritte eines rich von Rauhenſtein, ihr Vater, ein noch ruͤſtiger Mann in voller Ruͤſtung trat bei ihr ein und warf unwirſch die beblechten Hand⸗ ſchuhe auf den Tiſch.„Ihr ſcheint ſo boͤſe, nun Vater,“ begann ſie ſchmeichelnd,„wer hat es dennt gewagt, Euch zu erzuͤrnen?“ Du rißt 66,“— Rauheneck gerathen, dieſer ſetzte ihn deshalb 8 Kommenden aus ihrem Nachdenken. Hein⸗ entgegnete er,„wie 4“ — , er glaubt, er habe Abſichten an ein Freundſchaft lebe, und doch zwingt mich jetzt die eiſerne Nothwendigkeit, einen Nachbar, den Rauhenecker, zu befehden, wenn er mei⸗ nen Gaſt und Freund, den Grafen Hugo, nicht frei giebt. Vor wenigen Stunden ließ ich ihn darum bitten, allein der Knappe brachte mir den Beſcheid, daß er ſeinen Ge⸗ fangenen nicht ausliefern wuͤrde.“ „Der boͤſe Rauhenecker muß den Gra⸗ fen frei geben,“ meinte Helena und ſenkte hocherroͤthet den Blick zu Boden. „ Morgen reite ich ſelbſt hinuͤber,“ fuhr der Ritter fort,„und will m mein Geſuch in aller Guͤte vorſtellen, will e ann hoͤren, ſo mag eine Fehde erticheiden. W es nicht bereits zu ſpaͤt, ſo wuͤrde ich noch heute hinuͤber reiten. Nun— viellei ſinnt er ſich uͤber Nacht anders und⸗ „Dies bezweifele ich,“ ſiel Hel denn der Rauhenecker haßt den Graſen — 8— „Der alte Geck wird doch nicht glauben, daß meine Tochter ſeine Gattin werde?“ rief er aus und ſtampfte mit dem Fuße. Den Kopf auf den Arm geſtuͤtzt, ſetzte er ſich ge⸗ gen ſeine Tochter uͤber, ſuchte ſein aufgereg⸗ tes Gemuͤth zu beſaͤnftigen und begann dann: „dHelena, ich weiß es, Du liebſt den Grafen, wenn auch ohne Hoffnung, doch rathe ich zu etwas Gutem kann ſie nicht fuͤhren. Be⸗ denke doch ſelbſt, der Graf iſt ja verheirathet. Waͤre ſeine Hand frei und er wuͤrbe um Dich, mit Freuden wuͤrde ich dieſen Bund ſegnen, allein ſeine Maitreſſe zu werden, da⸗ zu iſt meine Helena zu gut. Aus der Naͤhe und Ferne kommen ja der Grafen, Ritter und Herren und buhlen um Deine Gunſt, waͤhle Dir einen und mit Freuden will ich Dir meinen Segen geben, denn daß Du kei⸗ uͤberzeugt zu ſein. Beherzige meine Worte Dir als Vater, bekaͤmpfe dieſe Liebe, denn nen Unwuͤrdigen waͤhlſt, glaube ich von Dir und werde wieder ſo froh und heiter, als — fruͤher, da Du den Grafen noch nicht kann⸗ teſt.“ Geruͤhrt umarmte er die Tochter, wel⸗ che ſich an ſeine Bruſt ſchmiegte, druͤckte einen Kuß auf ihre Stirn und verließ ſie. Mit beiden Haͤnden bedeckte Helena das Geſicht, ſeufzte tief auf und ſagte dann: „Vergeſſen ſoll ich ihn, den ich uͤber Alles liebe! Guter Vater, Du kennſt die Gewalt der Liebe nicht mehr, oder haſt ſie wohl nie gekannt. Den Grafen André, dieſen ſchoͤnen Mann, ſoll ich vergeſſen und einem Andern meine Hand reichen! Nein!— Nie kann dies Helena, ihn oder keinen. Welch ein Unter⸗ ſchied zwiſchen dieſem praͤchtig gekleideten feinen Mann und allen Uebrigen! Und wenn ſie alle zuſammen geſchmolzen wuͤrden, dann entſteht doch noch kein André aus ihnen. Wie ich ihn das erſte Mal ſah, ſo liebte ich ihn auch ſchon. Dieſe Roſe M Geſchenk — 10— unausſprechlichen Liebe die Roſe brach, ſiel ein Blatt auf die Erde und ein Thautropfen ſank aus ihrem Kelche, und das Blatt brei⸗ lete ſich, Tauſende von Roſen bluͤhten daraus hervor und der Thautropfen ward zur Quelle, aus dem die Liebe ihre Thraͤnen ſchoͤpft.“— Nur an den Geliebten denkend, ſchwaͤrmte ſie ſo noch lange fort, bis ihre Zoſe ein Licht anzuͤndete. Als aber auch dieſe das Gemach wieder verlaſſen hatte, bemaͤchtigte ſich ihrer eine ſolche Angſt, daß ſie nicht laͤnger im Ge⸗ mache bleiben konnte. Ohne es zu wollen, betrat ſie die Warte, wo der Waͤchter ſich gar hoͤchlich wunderte, daß das Fraͤulein am ſpaͤ⸗ ten Herbſtabend noch hieher komme. Helena ſchien ihn nicht zu bemerken, blickte in die duͤſtere Nacht und ſtrich ſich die braunen Lok⸗ ken aus dem Geſichte. „Wie der Sturm im Walde ſauſ't,“ be⸗ gann ſie ſeufzend.„Wenn ich ihn hoͤre, wie er durch die Eichen faͤhrt und die Blätter auf ſeinen rauſchenden Schwingen mit ſich 2 5 fortführt und ſie ſich wirbeln, dann iſt es 8 mir, als ob des Schickſals Sturm üͤber ein Menſchenherz dahin fahre und alle ſeine Traͤume, ſein Sehnen und Hoffen mit ſich fortnaͤhme. Doch, wenn ich im Fruͤhlinge hiier ſtehe, die Saͤnger des Haines ihr Mor⸗ genlied ſingen und ein lieblicher Weſtwind ſchaukelt die Blaͤtter und die Thautropfen fallen nieder und alles iſt ſo ſchoͤn und herr⸗ lich, dann wird auch mein Herz wieder be⸗ ruhigt, denn die Hoffnung erwacht auf's f Neue.“ ⁵„Wollt Ihr nicht lieber in Euer Gemach gehen, Fraͤulein?“ begann der Waͤchter mit ſeiner tiefen Baßſtimme.„Es iſt heute ſo kuͤhl und leicht koͤnntet Ihr Euch erkaͤlten.“ ₰ ——..——— Unangenehm uͤberraſcht entgegnete ſie: „Sorge nicht fuͤr mich, trauter Kurt, di u gend hat mehr Feuer als das— hj Blut war indeſſen doch ctwas a — 12— 8 3 aber nicht um zu ruhen, ſondern um ungeſiöct an den Geliebten zu denken. 1 Nur von einem Knappen begleitet, ritt 5 4 am fruͤhen Morgen Heinrich von Rauhene ſtein nach Rauheneck, wo er auch ſogleich 3 eingelaſſen wurde. Albert von Rauheneck empfing ihn im Gelag⸗Gaden und reichte ihm ſogleich zum Willkommen einen Hum⸗ pen Ungarwein.„Nicht eher trinke ich einen Tropfen, bis Ihr meine Bitte, die Freilaſ⸗ ſung des Grafen Andr betrefend, erfuͤllt 5 habt.” „Nun, ſo trinkt nut, fuhr Albert fort, „der Graf iſt frei, aber nur aus dem Grunde, Euch gefaͤllig zu ſein, denn er verdient es, daß ich ihn noch einige Zeit im tngen G 4 wahrſam behielte.“ „Daruͤber laßt uns nicht ſtreiten,“ meinte Ritter Heinrich, und reichte ihm die Hand, „ich danke Euch herzlich, daß Ihr meine Bitte erfuͤllet.“ „Laßt uns nun aber auch wahre Freunde ſein,“ fuhr der Rauhenecker fort,„und ſeid verſichert, daß ich Euch in jeder Fehde ger 5 treulich beiſtehen werde. Hier, trinkt! Auf 1 getreue Nachbarſchaft!“ Beide ſtießen die Humpen an einander. „Verzeiht, daß ich Euch einige Minuten al⸗ lein laſſe,“ ſprach jetzt der Rauhenecker, wor⸗ * auf er ſich entfernte und bald darauf ver⸗ ſoͤhnt mit dem Grafen eintrat. Heinrich um⸗ armte ihn und der Graf dankte ihm fuͤr den neuen Beweis ſeiner Freundſchaft. Obgleich der Rauhenecker alles aufbot, um den Grafen André heiter zu ſtimmen. ſo wollte ihm dies doch nicht gelingen. Schon ſtand Heinrich bereit mit ſeinem . — 14— befreiten Freunde die Burg zu verlaſſen, als der Rauhenecker ſeine Gaͤſte bat, ihm nach der Ruͤſtkammer zu folgen, wo er eine neue ſilberne Ruͤſtung habe, die gewiß nirgends ſchoͤner anzutreffen ſei. Obgleich es hier eine bedeutende Anzahl Ruͤſtungen gab, ſo war Graf André doch erſtaunt uͤber die wahr⸗ haft ſchoͤn gearbeitete, ſilberne Ruͤſtung, doch erinnerte er ſich, eine aͤhnliche in Wien geſe⸗ hen zu haben, und als er dies dem Ritter ſagte, gerieth er in Verlegenheit, und fuͤhrte ſeine Gaͤſte nach einem Thurme, von wo aus 8 man eine ſchoͤne Ausſicht genoß; dann fuͤhrte er ſie in den kleinen Burggarten, wo auf einer Tafel bereits kalter Wildbraten und Wein aufgetragen war. So trefflich dem Ritter Heinrich auch alles mundete, ſo war dies doch der Fall bei dem Grafen nicht, denn er ſah immer nach dem Thurme, wo er gefangen geſeſſen hatte und eine unſicht⸗ bare Gewalt ſchien ihn ſtets nach Rauhen⸗ ſtein zu ziehen.„Ihr ſehnt Euch gewiß von 8 4 „ 5 —— — 15— hier hinweg, Herr Graf?“ fragte Ritter a bert hoͤhniſch. „Ich kann's nicht leugnen,“ lautete de Antwort,„und zwar aus mehreren Gruͤnden.“ 1 „Dieſe glaube ich zu kennen,“ fuhr jener fort,„denn wo eine Helena waltet, iſt es freilich ſchoͤner, als bei dem Rauhenecker.“ „Wenn ich auch dieſe holde Jungfrau gern ſehe,“ meinte der Graf,„ſo wird ihr doch meine Erſcheinung gleichguͤltig ſein.“ „Ob Ihr Helenen gleichguͤltig ſeid, weiß 8 ich nicht, aber daß ſie Euch nicht gleichguͤl⸗ tig iſt, mag wohl ſeine Richtigkeit haben.“ Der Graf wollte eben eine derbe Ant⸗ wort geben, als der Thorwart in das Horn ſtieß und ein Herold mit lauter Stimme et was vortrug, was man aber nicht verſtand. Der Burgherr erkundigte ſich nach dem An⸗ trage des Herolds und kehrte alsdann gaͤnz⸗ lich verſtimmt zu ſeinen Gaͤſten zuruͤck, wel⸗ che ſeine Einſilbigkeit benutzten und ſich hin⸗ wegbegaben.„Ich werde Euch näͤchſten, — 16— ſuchen,“ rief Albert dem Rauhenſteiner zu, als er bereits außerhalb der Mauern war. „Ihr werdet mir zu jeder Stunde willkom⸗ men ſein,“ entgegnete Heinrich und ſprengte mit dem Grafen hinweg. Da, wo ſich Klippe an Klippe reiht, und Rauhenfels ſich vor den Blicken der Reiter zeigte, ſtuͤrzte ploͤtzlch ein Baͤr von ungewoͤhnlicher Groͤße auf des Ritters MRofß, riß es nieder und fiel mit aller Macht aauf den Ritter ſelbſt, um ihn zu zerfleiſchen, ſchien. Heinrich war im erſten Augenblick erſchrocken geweſen und nun vermochte er es nicht mehr das Schwerdt zu ziehen, und ggeworden, wenn nicht Graf Hugo eilig ſein Schwerdt gezogen haͤtte, um ſeinem Freunde beizuſtehen. Sein Roß bebte jedoch vor Der Graf ſprang baher wobei er furchtbar brummte und mit ſeinen Tatzen die Ruͤſtung zermalmen zu wollen waͤre auf jeden Fall eine Beute des Baͤren Angſt und war nicht dahin zu bringen, vor⸗ ———— lein, eine Neuigkeit habe ich Euch mitzuthei⸗ len,“ begann er mit leuchtenden Augen,„die fuͤr mich ſehr ſchmerzhaft iſt. Ich muß von hier fort, ich muß die Gegend verlaſſen, die mir uͤber alles theuer iſt, ich muß ſogar Euch verlaſſen, Fraͤulein, ob mir dies gleich furcht⸗ barer iſt, als der Tod.“ „Ihr wollt uns verlaſſen?“ fragte nach einer kleinen Pauſe Helena.„Und wer zwingt.. Cich hierzu?“ Af„Vor einer halben Stunde kam ein Bote von Paris und brachte mir ein Schreiben voon meiner Gattin, worin ſie mir anzeigte, daß ſe taͤglich ihren Tod vor Augen ſehe und daß ſie 1 wuͤnſchte, mich vor ihrem Hinſcheiden nochmals zu ſprechen. Ihre Bitte will ich alſo erfuͤllen und morgen fruͤh abreiſen.“ Helena ſtand da wie vernichtet. Der Mann, den ſie uͤber alles licbte, ſtand im Be⸗ griff abzureiſen und nur zu gewiß ſchien es 3 ihr, daß er nimmer wiederkehren wu— Schnelle hob ſich der rLnce Buſen — auch noch hoffen, daß meine Erſcheinung Euch — 22— 5 ſchoͤnen Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, die ſie vergebens zuruͤckzudraͤngen ſich bemuͤhte. ¹ „Helena,“ fuhr er fort und ergriff ihre Hand, „ich werde Euch nimmer vergeſſen, denn ich verlebte in Eurer Geſellſchaft die ſchoͤnſten Tage meines Lebens, erſt ſeit ich Euch ſah, wurde mir die Welt zum Paradieſe. Nehmt meinen innigſten Dank fuͤr Eure Freundſchaft. Ich komme wieder hieher, ſobald es mir moͤg⸗ lich iſt, vielleicht ſchon in einigen Wochen, vielleicht aber auch erſt in Monden. Ihr wißt es, daß Ihr mir uͤber alles theuer ſeid, drum gebt mir auch ein kleines Andenken, ſei es auch, was es will.“ Und Helena neſte eine Bandſchleife vom Buſen und reichte ihm wehmüthig laͤchelnd. Der Graf verbar ſie ſchnell auf ſeiner Bruſt, kuͤßte ihre Hand ſtuͤrmiſch, und fuhr dann fort:„Helena, werde Euch wiederſehen, darf ich aber denn angenehm ſein wird?“ „„Immer, zu jeder Zeit,“ preßte ſie au — 23— der Bruſt hervor,„Ihr werdet mich ſtets ſo wiederfinden.“ „Dank Euch fuͤr dieſe Worte,/ jauchzte er, preßte ſie an die maͤnnliche Bruſt und druͤckte den erſten Kuß auf ihre Lippen. He⸗ lena aber draͤngte ihn von ſich, indem ſie mit Stolz ſprach:„Vergeßt nicht, Herr Graf, daß Ihr eine Gattin habt und daß ich eine Jungfrau bin. Jetzt bitte ich, verlaßt mich!“ „Sind dies Worte der Liebe und Freund⸗ ſchaft, Helena?“ fragte er. „Sie ſind es,“ entgegnete ſie feſt. Als aber der Graf mit bittendem Blick in ihre blauen Augen ſah, da laͤchelte ſie wehmuͤthig, reichte ihm nochmals die Hand zum Kuſſe und bat wiederholt:„verlaßt mich!“ worauf er ſich entfernte. Noch ſaß Helena in der Laube und hatte mißmuthig das Inſtrument bei Seite gelegt, als ein lieblicher Knabe mit lang herabhaͤngen⸗ den, lockigen, ſchwarzen Haaren und weiß und ſich tief und ehrrr: rothen Wangen erſchien, ☛ 4 — 24— bietig neigte und ihr ein Stuͤckchen Pergament uͤberreichte, worauf die Worte ſtanden: Treue uͤber alles!„Wer gab Dir dies, lieblicher Knabe?“ fragte ſie. „Mein Herr, der Graf von André gab es mir mit der Weiſung, ſolches der Schoͤn⸗ ſten der Schoͤnen zu geben.“ „Kommſt Du aber recht bei mir?“ fragte ſie erroͤthend, indem ſie dem Knaben die Lok⸗ ken aus dem Geſicht ſtrich. „Ich kann nicht irren,“ entgegnete er, „denn ſolch ein ſchoͤnes, weibliches Weſen wie Ihr, ſah ich noch nie, ſelbſt in Paris nicht.“ „Sprich, wer biſt Du?“ fragte ſie weiter und ſah ihn mit ihrem bezaubernden Laͤcheln an. Der Diener der Graͤfin André; ich brachte ein Schnaiben an meinen Herr und— . Graͤfin ft wohl ſehr krank,“ fiel Helena fragend ein, waͤhrend eine hoͤhere Roͤthe ihre Wangen faͤrbte. „Die Aerzte zweifeln an ihrem Aufkom⸗ men,“ antwortete er und ſetzte dann noch hin⸗ lispelte dann noch leiſe:„Treue uͤber Alles.“ zu:„Ich hoffe Euch bald wieder zu ſehen, ſchoͤnes Fraͤulein, und wenn es nicht eher iſt, in Paris gewiß.“ CEhe ſie es nur ahnete, hatte er ihre Hand ergriffen und gekuͤßt, wor⸗ auf er ſich freudig entfernte. Wenige Stunden ſpaͤter traf der Graf Helenen nochmals im Gelag⸗Gaden, aber in Gegenwart ihres Vaters. Man unterhielt ſich vom Adel Frankreichs und vom ſchoͤnen Paris. Obgleich es die Etiquette verlangte, daß ſich Helena entfernte, ſo zoͤgerte ſie doch immer noch, um nur in der Naͤhe des Gelieb⸗ ten noch laͤnger zu bleiben. Doch jetzt traf ſie ein Blick ihres Vaters, den ſie auch verſtand und nun dem Grafen ein Lebewohl wuͤnſchte. Dieſer ſchien geruͤhrt, ſagte nur wenig und — 26— 4. Kaum verbreitete ſich Ih de Umgegend die Kunde, daß der Graf die Burg Rauhen⸗ ſtein verlaſſen habe, ſo kamen auch Grafen und Ritter, ſich um die Gunſt der ſchoͤnen Helena bewerbend. Sie war gegen jeden freundlich, allein zu einer ehelichen Verbin⸗ dung ſchien ſie keine Neigung zu haben, ſo ſehr auch ihr Vater deshalb in ſie drang. Un⸗ ter den Bewerbern befand ſich auch Albert von Rauheneck, der ſich ſogar verlauten ließ, daß er demjenigen, welcher ihre Gunſt errin⸗ gen wuͤrde, auf einen Zweikampf auf Leben und Tod fordern wuͤrde. Obgleich Helena keinen der Freier auszuzeichnen ſchien, ſo machte doch vorzugsweiſe der Ritter Walther voon Merkenſtein durch ſein beſcheidenes Be⸗ tragen und durch ſeine ſchoͤne Geſtalt mehr als jeder andere einen Eindruck auf ſie. Eines Abends, da dreizehn Grafen und 4 Ritter auf Rauhenſtein verſammelt waren und — 27— dem Gotte Bachus reichliche Opfer gebracht 88 hatten, geſtanden ſie einander alle offenherzig die Urſache ihres Hierſeins. Helenens Vater entfernte ſich und ſtellte jetzt ſeiner Tochter vor, daß augenſcheinlich die blutigſten Fehden da⸗ durch entſtehen wuͤrden, wenn Helena ſich einen unter dieſen zum Theil wuͤſten Maͤn⸗ nern zum Gatten waͤhlen wuͤrde und doch wuͤnſche er ſie bald verſorgt zu ſehen. Nach einigem Nachdenken entgegnete ſie.„Hier heißt es, Zeit gewonnen, iſt alles gewonnen. Geht nur wieder zu den Herren, ich werde ſelbſt gleich kommen und meinen Antrag machen.“ Helena ſchmuͤckte ſich wahrhaft herrlich und blickte dann in einen Spiegel, wo ſie ihre lieb⸗ liche Geſtalt nochmals ſah.„Und dieſe Reize,“ ſprach ſie ſelbſtgefaͤllig,„ſollten fuͤr Wuſtlinge geſchaffen ſein? nein! nimmermehr! ſie ſind uur da für den praͤchtigen Grafen Andrs.“ Das geeſtand ſie ſich aber ſelbſt, daß ſie den Ritten Walther von Merkenſtein lieben koͤnne, wendt — 28— ſie den Grafen André nicht kennen gelertt haͤtte.— Stolz umherblickend ging ſie in den Gelag⸗Gaden, wo ihr vuf haighn einen allge⸗ meinen Jubel verbreitete. Mehrere Ritter ſtuͤrzten auf die Knie und ſagten mit ſtam⸗ melnder Zunge einige Worte von Liebe und Verehrung. Helena winkte aber um Ruhe und begann dann:„Der Zweck des Hierſeins dieſer edlen Herren iſt mir bekannt. Ich muß offen geſtehen, ich fuͤhle mich hierdurch nicht allein geſchmeichelt, ſondern bin ſogar ſtolz darauf, indeſſen jedem der Herren kann meine Hand nicht zu Theil werden, deshalb— „Gebt mir nur Euren Koͤrper und laßt die Hand weg!“ ſchrie im trunkenen Muthe Nitter Albert von Rauheneck. SHelena ſtrafte ihn mit einem veraͤchtlichen Blick und fuhr fort:„Wer ſich Hoffnung auf meine Hand machen will, ziehe nach Jeruſa⸗ lem zum Grabe unſers Heilandes und wer mir nach Ablauf eines Jahres von dorther das Nutzlichſte und Angenehmſte zugleich *.. 24 — 31— Abreiſe, die aber noch vier Monate Zeit hatte, in Stand zu ſetzen. Niemand war uͤber ihre Entfernung ſroher als Helena, denn bis auf Merkenſtein waren ihr ja alle verhaßt. Graf André war am Morgen ihr erſter und am Abend ihr letzter Gedanke. Nur in ſeinem Beſitze— nur in ſeinen Armen waͤhnte ſie gluͤcklich werden zu koͤnnen. Ach, wie ſehr taͤuſchte ſie ſich! 1 5. Der Winter entfloh und hin und wieder blickte ſchon ein Grashaͤlmchen kuͤhn aus der Erde empor; da war es, als die ſchoͤne Helena außerhalb der Burg nach allen Seiten umher⸗ ſchaute und mit Bangigkeit an den Grafen dachte, von dem ſie noch ohne alle Nachricht war. Noch ſchweiften ihre Blicke auf dem Wege, wo ſie ihn zum letzten Mal geſehen 3 — 32—. hatte, als eben dorther ein Reiter auf fluͤchtti: gem Roß ſprengte, in dem ſie trotz ſeiner ſchwar⸗ zen Kleidung gar bald den jeblichen Diener des Grafen André erkannte. Dieſer hatte auch ſie kaum erkannt, ſo legte er die Haͤnde kreuzweis uͤber die Bruſt und hoͤhere Roͤthe faͤrbte ſeine Wangen.„Fraͤulein,“ ſprach er, vom Roſſe herabſpringend,„mein Herr, der Graf Andrè laͤßt Euch freundlichſt gruͤßen und ſendet Euch dieſen Brief.“ Und aus ſeinem Wehrgehaͤnge zog der zum Juͤngling heran⸗ gereifte Knabe ein zierlich uaammegee Briefchen, das von den lieblichſten Geruͤchen duſtete. Helena erbrach es zitternd. Er mel⸗ dete ihr den Tod ſeiner Gattin und ſchloß mit den Worten: Binnen vier Wochen bin ich wieder bei Euch, traute Helena, um mich nie wieder von Euch zu trennen. Jede Stunde, wo ich Euch vermiſſe, wird mir zur Ewigkeit. Auf den Fluͤgeln der Liebo werde ich zu Enz eilen. Treue uͤber Alles.“ Haen verbarg den Brief in ihrem Bu — 33— „Komm mit in die Burg,“ ſagte ſie zu ihm und erhole Dich von Deiner weiten Reiſe.“ „Ach, in Eurer Naͤhe wird man leichte er⸗ quickt,“ entgegnete er und legte die Hand auf das Herz. Die Ankunft dieſes Boten verbreitete un⸗ ter den Knappen und Reiſigen auf Burg Rauhenſtein allgemeine Freude, denn der ſchoͤne Jungling war unter ihnen beliebt. Ueber den Zweck ſeiner Sendung aber ſchwieg er. Auch an den Ritter Rauhenſtein hatte er einen Brief abzugeben, woruͤber auch dieſer erfreut war, denn durch den Tod der Graͤfin hoffte er nun bald auch ſeine Tochter gluͤcklich zu ſehen. An eben dieſem Tage war es auch, wo der Ritter von Merkenſtein nebſt einigen an⸗ dern auf Rauhenſtein erſchien, uim den Zug nach dem gelobten Lande anzutreten. Von den dreizehn Rittern, welche ſich hierzu bereit erklaͤrt hatten, erſchienen jedoch nur Neun Einigen gereute ihr Verſprechen, wegen den Sternen⸗Ritter. 3 — vielen Gefahren, mit denen dies Unterneh⸗ men verknuͤpft war und Ritter von Rau⸗ heneck ließ als Urſache ſeiner Nichttheilnahme eine anhaltende Kraͤnklichkeit angeben. Die Ruͤſtungen dieſer Ritter waren gruͤn, als Symbol der Hoffnung und auf der Bruſt trug jeder einen Stern, denn alle trachteten ja darnach, einen Stern zu erringen. Abend war's und noch unterhielt ſich Helena mit den Rittern und zauberte in di Bruſt eines Jeden das Kuͤhnſte zu unterneh⸗ men, um die herrlich duftende Roſe zu errin⸗ gen. Und als ſie ſich nun aus dem Kreiſe der Maͤnner entfernt hatte und der Rauhen⸗ ſteiner ſie ermahnte zum gefuͤllten Humpen zu greifen, ſo wollte der fruͤhere Frohſinn in ihrer Mitte nicht wiederkehren, denn es ahnete Manchem unter ihnen, daß ſie den Rau henſtein nicht wieder ſehen wuͤrden. A feoͤhlichſten war Walther von Merkenſtein, hin lächute die abanſe am hiteiſten un — 3— rauf ſie eben ſo ſchnell verſchwanden, als ſie erſchienen waren. Ritter und Knappen erſchienen, und ale erkannten mit Schrecken, daß die Geraubte Helena ſei. DOpbgleich den Raͤubern nachgeſetzt wurde, ſo hatten ſie doch einen zu weiten Vorſprung und vergebens war daher alle weitere Nach⸗ forſchung. Helena erholte ſich bald wieder. Ihre 4 Beſinnung hatte ſie erſt dann verloren, als Andrés Diener gefallen war. Der eine Vermummte war gefangen Man verband ihm ſeine Wunde, die nicht ge: faͤhrlich war, ſondern ihn nur ſehr ermatte hatte durch einen bedeutenden Blutverluſt ſien Pflege, weil er zu Hülems Rettu G aueſen bgetegen hatte; doch zweife 1 — 38— unterzog ſich ſeiner Pflege mit. Umgeben von den uͤbrigen Rittern fragte Heinrich von Rauhenſtein den Dirnen⸗Raͤuber: dungen?“ Keine Antwort erfolgte. kenne aber die Wahrheit.“ Wiederum erfolgte keine Antwort, ſon⸗ dern nur ein hoͤhniſches Laͤchennä. 4 die Hoͤhe. Hierauf band man ihm Haͤnde allein die Daumſchrauben wurden jetzt ni edle Theile mit verletzt hatte. Helena ſelbſt „Wer hat Dich zu dieſem Bubenſtuͤck ge⸗ 4 „Ich frage Dich nochmals, wer hat Oich zu dieſem Bubenſtuͤck gedungen? ohne Strafe ſollſt Du Deine Freiheit wieder erhalten, be⸗ „Dir will ich bald das Sprechen lernen,“ zuͤrnte der Rauhenſteiner, und befahl die Dau⸗ menſchrauben zu bringen. Ehe jedoch dies geſchah, riß der Verwundete den Verband wieder auf und luſtig ſprudelte das Blut in und Fuͤße, ſuchte das Blut wiederum zu ſtil⸗ en und legte den Verband wieder darauf, angewendet, weil man jeden Augenblick be⸗ fuͤrchten mußte, daß er ſterben wuͤrde. Gleich darauf fiel er in einen unruhigen Schlaf, wo⸗ bei die Phantaſie lebhaft beſchaͤftigt war. Ritter Heinrich ließ alle ſeine Leute zu⸗ ſammen treten, um zu erforſchen, ob einer ooon ihnen fehle. So entdeckte man denn gar bald, daß ein junger Knappe fehle, der wahr⸗ ſcheinlich den Schluͤſſel zur Pforte dem Burg⸗ voigte entwendet hatte. Indeſſen war es Tag geworden und die Rittter begaben ſich abermals zum Gefangenen. Kiitter Heinrich ließ ihm nun ſogleich die Daumſchrauben anſetzen. Der Gefangene . fluchte und ſchrie laut auf vor Laihmrrz, allein des Ritters Frage! beantwortete er nie Raub entdeck wuͤrde. 4 Noch feſter wurden ſchroben und das Blut ſpritzte umher. Schon wollte der Rauh — 40— Mitleld ergriffen, die Daumſchrauben abneh⸗ men laſſen, als einer der Ritter nochmals rief: „Bekenne!“ Und mit matter Stimme preßte er die Worte hervor:„Walther von Merken⸗ ſtein hat mich gedungen.“ „Das luͤgſt Du, Schandbube, er war ja der Retter des Fraͤuleins,“ ſchrieen die Ritter von Abſcheu ergriffen, waͤhrend Walther nur mit Muͤhe abgehalten werden konnte, ihn auf der Stelle zu toͤdten. Jetzt war alles Mitleid verſchwunden. Von neuem wurden die Schrau⸗ ben gedreht. Der Gefangene wuͤthete wie ein Raſender und nach zwei Stunden war er eine Beute des Todes. So ſehr man ſich auch demihte, den Thaͤter zu erforſchen, ſo wollte dies doch nicht gelingen, doch ſtand die Muthmaßung feſt, daß der Rauhenecker allein dieſer That faͤhig — ſei Er hatte alſo wahrſcheinlich den Rittern eigen wollen, daß es leichter ſei, Helena auf eine andere ar woollen 48 BBeg nach Palaͤſtina zu unternehmen et zu erringen, als den gefahr⸗ —— 41— und dort etwas Nuͤtzliches und Angenehmes zugleich aufzuſuchen. Der gut angelegte Plan war jedoch mißgluͤckt. 3 Ein Schaͤfer brachte auch noch die Kunde, daß in der Nacht viele Bewaffnete auf Rauhen⸗ eck eingezogen waͤren und nun ſetzte kein Rit⸗ ter mehr Mißtrauen in die allgemeine Meinung. 1 4 Er zwei Tage nach der mißglückten in Nanhenseir. Helena hatte jedem bei n ſchiede die Hand gereicht und d blaue S hle — 42— ſie ihn wieder ſehen wuͤrde, daran ſchien ſie nicht zu denken. Jeder Ritter hatte nur einen Knappen bei ſich, und dieſe kleine Schaar wollte es alſo wagen in ein fremdes Land einzudringen, wo jetzt wieder die Sarazenen maͤchtiger als je herrſchten, denn was die Kreuzfahrer durch Stroͤme von Blut errungen hatten, war ihnen Hereits ſeit faſt 80 Jahren wieder entriſſen worden. Das ſchoͤne Italien war von den Ster⸗ nen⸗Rittern erreicht. In recht heiterer Stim⸗ mung gelangten ſie in die Gegend von Ve⸗ nedig, wo ſie eine hoch gelegene Burg vor ſich erblickten.„Wollen wir da oben uͤber⸗ hten?“ fragte Walther ſeine Gefaͤhrten, b dieſe bejahten es. Ein breiter Weg h zur Burg hinauf, och ploͤtzlich wurde ihnen von oben herab ein Halt“ zugerufen und ſie ſahen deutlich, daß die Mauer mit Bewaffneten angefuͤllt wurde. Das s awhe Thor flog auf und ein M 3— mit einer weißen Fahne kam ihnen entgegen. „Mein Herr, der Graf von Montaldi, laͤßt Euch um die Urſache Eures Begehrens fra⸗ gen?“ begann er. „Wir ſind deutſche Ritter,“ entgegnete Walther,„die nach dem gelobten Lande zie⸗ hen wollen und um eine gaſtliche Aufnahme fuͤr dieſe Nacht bitten.“ Der Abgeſandte entfernte ſich und kehrte bald mit der Meldung zuruͤck, daß ſie dem Grafen willkommen ſein wuͤrden. Das gro⸗ ße Thor flog auf und die Ritter ritten mit ihren Knappen ein.* Der Graf war ein kleiner Mann mit braunem Geſicht und ſchwarzen Haaren, dem das Feuer aus den Augen blitzte. Er fuͤhrte ſeine Gaͤſte in den goßen reich verzierten Saal und ließ auftragen, was Kuͤche umdmd Keller am beſten lieferten. Bis ſpaͤt a die Nacht unterhielten ſich die Ritter mit dem Grafen und allgemeine Fröhlichkeit herpſchte unter ihnen, bis jeder ſein Lager ſuchte. — 44— Walther konnte nicht ſchlafen, er trat an das Fenſter, dachte an Helena und glaubte das reine Blau des Himmels, ſo wie den Glanz der Sterne noch nie ſo ſchoͤn geſehen zu ha⸗ ben. Er oͤffnete das Fenſter, wo ihm die lieblichſte Luft entgegen wehte und ein inni⸗ ges Gebet ſtieg zum Schoͤpfer der Welten empor. Da war es ihm, als ob ein Huͤlferf in ſein Ohr dringe, er lauſchte mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit, doch vernahm er weiter nichts und auch er ſuchte nun ſein Lager.„ Die Sonne ſtand bereits hoch am Firma⸗ ment, aber noch immer waren die Ritter im Saale, wo ſie noch weidlich zechten, als ein 3 MNaͤdchen mit fliegenden Haaren zu ihnen herein ſtuͤrzte und ſie um Schutz anflehte. Der Graf Montaldi habe ſie rauben laſſen und ſuche das mit Gewalt von ihr zu errin⸗ gen, was ſie ihm in Guͤte nicht gewaͤhren wolle.„Die erſte Pflicht der Ritter heißt: Schutz den Damen,“ ſprach Ludwig von Greifenſtein,„wir werden Euch gegen Jeder —— — — 45— mann zu vertheidigen wiſſen.“ Indem ſtürzte der Graf in den Saal.„Augenblicklich folgſt Du mir, Seraphine,“ ſchrie er und drang auf ſie wuͤthend ein. „Die Dame iſt jetzt in unſerm Schutz entgegnete Greifenſtein,„ruͤhrt ſie nicht an.“ „Wie, Elender, Du wagſt es, mir Vor⸗ ſchriften in meiner Veſte zu machen! Zuruͤck! die Dirne gehoͤrt mir.“ Einen Dolch zie⸗ hend drang er auf Greifenſtein ein. Dieſer aber entriß ihm denſelben und ſchleuderte den Grafen in eine Ecke. Eben ſo ſchnell ſprang er aber wieder auf, entfloh durch⸗ eine andere Fhuͤr und rief ſeine Leute zu den Waffen. Jetzt galt es. Die Ritter ſchwangen ſich auf die bereit ſtehenden Roſſe, Greifenſtein nahm das Maͤdchen vor ſich auf den Sattelknopf. die Knappen folgten und raſch ſprengten ſie gegen das wohlverwahrte Thor. Pbgleich die Beſatzung der Beſte a wenigſtens hundert Mann beſtand, ſo wagt ſie es doch nicht, die deutſchen Baͤren, wi 8— 46— man ſie nannte, foͤrmlich anzugreifen, ſondern nur aus ihren Verſtecken ſchoſſen ſie mit Pfei⸗ len und Bolzen auf die Deutſchen, welche hierauf wenig achteten und mit ihren Streit⸗ kolben das Thor zertruͤmmerten. Drei Ritter hatten indeſſen durch das Geſchoß der Feinde ihre Roſſe eingebuͤßt nud dieſe waren ſo dreiſt, ſich nach den Staͤllen zu begeben, wo ſie ſich andere hervorholten, und ihren Genoſſen folgten, die eben die Veſte durch das zertruͤmmerte Thor verließen. So ſehr ſie nun auch eilten aus der Naͤhe der Veſte zu kommen, ſo wurden ihnen doch Bal⸗ ken und Steine nachgeſchleudert, wodunch zwei Knappen das Leben einbuͤßten und nochh acht Pferde unbrauchbar wurden. Nooch an demſelben Tage erreichten ſie 3 Venedig. Das gerettete Maͤdchen dankte ihnen mit Thraͤnen und begann ihre Geſchichte zu erzaͤhlen, wie folgt: 3 „ Schon in fruͤher Jugend hatte ich das ungüc meine Eltern zu verlieren. Leider — 4,)— terließen ſie mir weiter nichts als einen Stamm⸗ baum, an dem viele Ahnen prangten Ich ſtamme aus einem der aͤlteſten Haͤuſer Ita⸗ liens; denn ein Borgia ſocht ſchon unter den Fahnen Carls des Großen. Ein Verwandter nahm ſich meiner an und ließ mich in allen weiblichen Arbeiten unterrichten. So erreichte ich mein dreizehntes Jahr, wo lei⸗ der mein Erzieher ſtarb, und von da an ſah ich mich genoͤthigt in Dienſte zu treten. Ein 4 reicher aber wuͤſter Edelmann nahm mich auf. Von jetzt an nahmen meine Leiden ihren An⸗ fang. Ich war den Launen dieſes Mannes,. ſeiner Gattin und Toͤchter preis gegeben. Ganze Naͤchte hindurch weinte ich uͤber mein Ungluͤck, aber alles half nichts. Schon entſchloß ich mich, mein Gluͤck an einem an: deern Orte zu ſuchen, als der Graf Montaldi erſchien. Im Anfange behandelte er mich aͤußerſt artig, doch bald bemerkte ich ſeine Abſichten und wieß ſie mit Abſcheu zuruͤck. Jetzt zeigte er ſeinen wahren Charakter u . „ — 48— verſpottete mich auf jede nur moͤgliche Art. Schon wollte ich heimlich die Villa verlaſſen, als Montaldi mich in der Nacht entfuͤhren ließ. Kaum graute der Tag, ſo erblickte ich ganz in der Naͤhe aus einem Gehoͤlz einen Ritter nahen. Ich flehte ihn um Rettung an und augenblicklich legte er ſeine Lanze ein und warf einige meiner Begleiter zu Boden, al⸗ lein ſeine Gegner waren zu maͤchtig. Von allen Seiten angegriffen, unterlag er den Streichen meiner Begleiter und wurde von ihnen gleichſam in Stuͤcken zerhauen, als ſie entdeckten, daß er ein deutſcher Ritter war. Den Voͤgeln zur Speiſe ließ man den Un⸗ gluͤcklichen liegen; mir aber wurde der Mund mit einem Tuche verbunden und auf den ungangbarſten Wegen erreichten wir die Veſte, wo Ihr mich befreitet. In der Nacht vor meiner Beſteiung wendete der ſchandliche geneigt zu machen, allein er erreichte ſie nicht. Am frühen Morgen erſchien er ſchon wieder 5 — 49— bei mir und unterließ es, die Thuͤr zu ver⸗ 46 riegeln. Dieſen Moment benutzte ich, entfloh und erreichte Euch, meine Erretter.“ S iee ſchwieg und weinte heftig. Am meiſten ſchien Ludwig von Greifenſtein von ihrer Erzaͤhlung ergriffen. Er nahte ſich ihr 4 unnd verſprach ihr ſeinen Schutz in den zaͤrt⸗ lcchſten Worten.„Freunde und Waffenbruͤ⸗ deer,“ ſprach er zu den Rittern,„unſere erſte Pflicht iſt es, Damen zu ſchuͤtzen, ich will ddies am Fraͤulein Borgia beweiſen. Hiermit entſage ich feierlich meinen Anſpruͤchen auf die Hand des Fraͤuleins von Rauhenſtein, brauche . alſo den Zug nach dem gelobten Lande nicht niizumachen, fondern werde dies Fraͤulein uf meine Burg geleiten und ihr Beſchuͤtzee ſein.“ Der Entſchluß des Greifenſteiners brachte allgemeines Erſtaunen hervor. Seraphit war jugendlich und ſchoͤn. Der Greifenſtei⸗ ner hatte ihr zu tief in die brennenden ſchwar⸗ Sternen ⸗Ritter. 4 — 60— zen Augen geſchaut und ſich vorgenommen, ſiie zu ſeiner Ehegeſponſin zu machen. „Nur ungern vermiſſen wir Euch unter uns, n ſprach Walther zu ihm, ndoch müſſen wir Euren Entſchluß billigen.“. Auch das Fraͤulein ſchien Greifenſteins 4 Worte gern gehoͤrt zu haben, denn ſie laͤchelte ſtill vor ſich, und als er ſie fragte: ob ſie 4 ihm folgen wolle, da ſah ſie ihn recht freund⸗ lich an und entgegnete:„Ihr ſeid gewiß ein edler Mann, deshalb folge ich Euch gern.“ Eine Woche ſpaͤter trat Ludwig von Grei⸗ fenſtein mit dem Fraͤulein von Borgia den — Ruͤckweg nach Deutſchland an. Nuͤhre vollen Reiſe. Seinem beſten Freunde We ther liſpelte er in das Ohr:„Meinen Ster habe ich ſchon hier errungen, moͤge Dir andere auf Rauhenſtein bei Deiner Zuruͤck 4 kunft zu Theil werden.“„ Ein venezianiſches Schiff lag ſcgeſertg im Golf von Venedig. Freudig beſtiegen es die Ritter mit ihren Knappen, denn ſie ka⸗ men ja ihrem Ziele naͤher. Die Anker wur⸗ den gehoben, die Segel gelichtet und bei dem ſchoͤnſten Wetter ſtach das Schiff in die See. So lange man die Kuͤſte von Italien ſehen konnte, waͤhrte auch die allgemeine Heiterkeit, als aber das Schiff erſt die hohe Seer er⸗ reichte und man weiter nichts als Himmel und Waſſer erblickte, fragten ſie einander: „Was fangen wir nun an, um bie Lange⸗ 8 weile zu vertreiben?“ Sh Warnen verging ein Tag 9 uas dem an⸗ 85 — 52— chaften und jeder ſchwur etwas zu wiſſen, was nüͤtzlich und angenehm ſei, um es He⸗ kenen zu uͤberbringen. In der Bruſt eines Jeden wohnte die Hoffnung und ſie war es auch, welche ſie zu den kuͤhnſten Thaten ent⸗ flammte. Ploͤtzlich ging die See hohl und Millio⸗ nen rothe Wuͤrmer erblickte man in jeder Woge. Der Capitain des Schiffes ſtand mißmuthig auf dem Verdecke, waͤhrend die Matroſen geſchaͤftig umher eilten. Der Him⸗ mel verſinſterte ſich und ein heſtiger Wind ſchleuderte das Schiff nach allen Richtungen. Noch ſaßen die Ritter in der heiterſten Stim⸗ mung in der Cajuͤte und wuͤrfelten, als der Capitain zu ihnen eintrat und ſprach:„Jetztt iſes keine Zeit, ſolch teufliſchss Spiel zu ¹ treiben, ſöndern zu beten, denn der furcht⸗ barſte Orkan naht ſich mit Rieſenſchritten.. Ddie Ritter eilten ſogleich bis an den Eingang vom Verdeck, wagten aber nich 3 daſſelbe zu betreten, weil ſie befuͤrchteten i — 53— 1 den Abgrund des Meeres geſchleudert zu wer⸗ den. Der Regen ſchoß in Stroͤmen herab und der Sturm ſchleuderte zuweilen das Schiff in eine ſolche Tiefe, daß ſie thurmhohe Wellen vor ſich ſahen. Obgleich auf alles gefaßt, ſo gingen ſie doch zagend wieder in die Cazuͤte zuruͤck, legten die Wuͤrfel bei Seite und jeder begann fuͤr ſich zu beten. . Das Furchtbare des Sturmes wurde noch dadurch erhoͤht, daß die Nacht einbrach und mit ihr ſchien ſich ſogar die Macht des Sturmes zu verdoppeln. Das Schiff kne⸗ terte beſtaͤndig und jeden Augenblick glaubte man eine Beute des Todes zu werden. So werging in Angſt und Sorgen die Nacht und mmit dem Morgen legte ſich der Sturm. . Das Schiff war von Feine Richtung zwar verſchlagen, allein nur zum Ve denn ein anderes Schiff zeigte dein auf ſeine Anfrage an. daß bis — 54— Wind b bleibe. Man denke ſich die Freude der Ritter bei dieſer Nachricht.— Das Wetter war und blieb indeſſe regneriſch und windig, bis ſie in nicht gerin⸗ ger Entfernung den Hafen von Acre erblike ten, wo viele Schiffe vor Anker lagen. Der Abend war nicht mehr fern und der Schiffs⸗Capitain ließ laviren, weil die Ritter waͤhrend der Dunkelheit das Land be⸗ treten wollten, denn ſie befuͤrchteten mit Recht, daß ſie entwaffnet wuͤrden, wenn entdeckt wuͤrde, daß ſie eine Wallfahrt nach Jeruſa⸗ lem unternehmen wollten. Nachdem es voͤllig dunkel geworden war, wurden zwei Fahrzeuge ausgeſetzt, welche MRiitter, Knappen, Roſſe und Gepaͤcke auf das Land brachten. Die Krieger fuͤhlten ſich wie neugeboren, als ſie wieder feſten Boden un⸗ ter ſich bemerkten, und ſelbſt die ziemlich ſteif gewordenen Roſſe gaben durch unauͤf⸗ hoͤrliches Wiehern ihre Freude zu erkennen. 5— Der Regen hatte gaͤnzlich aufgehoͤrt und gar freundlich leuchteten die Sterne herab. 3* So erreichten ſie eine herrliche Wieſe und entſchloſſen ſich, den Roſſen hier Erholung zu geſtatten. Schweigend ſahen einander die Ritter an, denn jede Bruſt war voll von Entzuͤcken, weil ſie binnen ſechs Tagen in 1 Jeruſalem einzutreffen hofften. Dort wo ten ſie dann fuͤr Helena alles Schoͤne 1n. fen. Jeder machte Plaͤne fuͤr die Zukunft. 8 als ob jede Gefahr uͤberſtanden ſer. Die Schatten der Nacht wichen allmaͤh⸗ iig. Baaſſer ſchimmerten die Sterne und im DSD dtten bildete ſich ein Purpurſtreif. Freunde,“ begann Walther von Merkenſtein,„endlich haben wir das Land betreten, was wir un⸗ ſerm Sterne— unſerer Helena gelobten.⸗ Jeder von uns wird ſich nun bemüͤhen, hier das zu erhalten, was ſie von uns verlangt Dee Ziel koͤnnen wir ne ne dann glanzende Steine Lebensmittel in Menge. — 56— den wir jedem Haufen Araber eine leichte Beute werden. Meine Meinung iſt doch 3 auch die Eurige??“ „Ja, ſie iſt es,“ antworteten alle freudig und umarmten einander. „ Nun, ſo laßt uns denn aufbrechen,“ rief Walther,„damit wir bald an das Ziel gelangen.“ Und alle ſchwangen ſich auf die Roſſe und trabten fort. 6 Die Gegend wurde immer ſchoͤner. Oii- den⸗ und Palmhaine, ſo wie liebliche Berge und Thaͤler wechſelten mit einander ab. Der aromatiſche Geruch, die heitere und erquickende Luft, ſo wie der Geſang der Voͤgel, erfreu⸗ ten die Sternen⸗Ritter und machten jedes Herz vor Freude in der Bruſt huͤpfen. Die Gegend ſelbſt war ziemlich menſchenleer und dieſe ſchienen friedlich geſtimmt, denn ſie Aberließen den Rittern fuͤr Glaskorallen und 3 Gegen Abend erreichten ſie das Darf Lubi, welches am Fuße des Berges Tabe 8 4 * 8 1 3 — 57 ˙— liegt. Reiter und Roſſe waren ermüdet, . weshalb auch hier Halt gemacht wurde. Nicht lange hatten ſie ſich hier gelagert, als einige Druſen, von einem ſehr kriegeriſchen Voͤlkerſtamme, ſich in der Naͤhe zeigten und dann wieder entfernten. Die meiſten Ritter * achteten zwar wenig darauf, allein Hinko v. Leitmeritz, der die Druſen aus fruͤhern Er⸗ zaͤhlungen kannte, rieth ſeinen Waffengefaͤhr⸗ ten, auf der Hut zu ſein, weil die Druſen wahrſcheinlich einen Überfall machen wuͤrden. Die Nacht verging ruhig, doch bemerkten ſſie recht gut, daß einige Druſen ſie beobach⸗ teten. Kaum waren Ritter und Knappen zur Abreiſe bereit, als ſich mehrere Druſen naͤherten.„Hier wird's wohl einen kleinen Strauß fuͤr uns geben,“ meinte Walther und ließ ſich von ſeinem Knappen die ſchwere Lanze reichen. Ungehindert gelangten ſie indeſſen bis zur Ausmundung des Thales Kana, wo ſie vor ſich wenigſtens hundert Druſen zu Roß G — 38— und zu Fuß erblickten. Die Ritter machten Halt, legten die Lanzen ein und machten die Schwerdter locker, waͤhrend die Knappen ihre Flammberge zogen.„Verzagt nicht, Knap⸗ pen,“ redete ſie Walther an,„durch Muth und Ausdauer werden wir uͤber dieſe wilden Horden gewiß ſiegen.„Ja, kaͤmpfen wollen wir,“ entgegnete einer von ihnen,„bis kein Fetzen mehr an uns i 5 Indem naͤherte ſi 15 einer der Druſen und machte den Rittern begreiflich, daß man ſie ungehindert weiter ziehen laſſen wolle, wenn ſie Waffen, Roſſe und Gepaͤcke freiwillig ab⸗ Uefetten.„Solche entehrende Antraͤge wiie ſen die Sternen⸗Ritter zuruͤck,“ entgegnete Walther, indem er an das Schwerdt ſchlug. Der Druſe rits zurüc und nach wenigen 1 Minuten wuͤrden auch ſchon Steine auf die Ritter geſchleudert und Pfeile abgeſchoſſen. „Drauf! Kumpane,“ ſchrie Walther und wie Spreu vom Winde ſtob das Geſindel aus⸗ einander. Hiet und da ſank ein Due doch dies entmuthigte ſie nicht, ſondern brachte 1 ſie in eine wahre Raſerei. Zwei Knappen anken von toͤdtlichei Geſchoß getroffen, wel⸗ che von den Drufen gleichſam zerriſſen wurden.. 13 Der Kampf artete in ein foͤrmliches Schlachten aus. Die Ritter waren gaͤnzlich mit Blut bedeckt; drei von ihnen fochten be⸗ reits zu Fuß und ihre Kraͤfte waren im Ab⸗ neehmen, waͤhrend die Druſen mit jeder Mi⸗ nute noch Verſtaͤrkung erhielten. Faſt zu gleicher Zeit fielen noch drei Knappen und zwei Ritter, ſo daß nur noch neun Mann gegen dieſe Übermacht kaͤmpften. Auch ſie waren augenſcheinlich verloren, wenn Gott nicht ſchnell Rettung ſendete; doch ſie war ihnen bereits ganz nah. Auf einem praͤchtigen arabiſchen Roſſe jagte ein Sarazene in reicher Kleidung wie der Sturmwind zum Berge Tabor herab indem er unaufſhoͤrlich ſchrie;„Haltet ein im Kampfe!“ Und kaum erblickten ihn 4 — 60— Druſen, ſo ließen ſie ab vom Kampfe und begruͤßten ihn in ſcheuer Ehrfurcht.„Ent⸗ fernt euch augenblicklich,“ gebot er ihnen, noder fuͤrchtet meine Rache.“ Nach allen Michtungen entfernten ſie ſich jetzt ſo ſchnell, daß die chriſtlichen Streiter kaum begreifen bomnten wohin ſie gekommen waren. „Ihr ſeid tapfere deutſche Ritter,“ ſprach der Sarazene in ihrer Sprache,„ich war Zeuge Eures Kampfes und lege Euch gern den Namen der Helden bei. Folgt mir nach meinem Schloſſe, dort pflegt Eure Wunden und bleibt bei mit ſo lange es Euch beliebt. Ihr zaudert? Bei dem Barte des großen Propheten, ich meine es redlich und fuͤhre keine Verraͤtherei im Schilde.“ 3„Wir vertrauen Eurem Wort,“ entgeg⸗ nete Walther,„ob mir gleich alles wie ein Traum zu ſein ſcheint,“ und nun erſt ſteckte er das von Blut geroͤthete Schweidt in die Scheide. Wohl dreißig Druſen bedeckten aBae — 61— platz und eben ſo viel waren theils 23 theils ſchwer verwundet. Die Koͤrper der gefallenen zwei Ritter, ſo wie die der Knappen, blieben unter den Druſen liegen. Der Sarazene verſprach, ſolche in ein nahes Kloſter bringen zu laſſen, wo ſie nach chriſtlichem Gebrauch begraben werden ſollten.. 8. 4 In einem ſohönen, nach orientaliſchem Geſchmack eingerichteten Gemache befanden ſich Ritter und Knappen. Jhre Wunder waren nicht bedeutend, aber ihre Trauer um die Getoͤdteten wahrhaft groß. Noch ana G ſie keine Aufklaͤrung, warum der Sarazene ſih ihrer ſo angenommen haut. doch 1 —— 62— ihnen dieſe dabzan bald zu Theil wer⸗ den. Mit lächeldder Miene trat eines Tages Ter Retter der Ritter in das Gemach.„Ihr werdet Euch wundern,“ begann er,„daß ich Euch ſo behandle, als ob ich Euer Glau⸗ bensgenoſſe ſei, doch glaubt mir, es hat dies den natürlichſten Grund.“ „Wir ſind erſtaunt über Eurn Edel⸗ muth, entgegnete Walther, nu bei unſerer Ruͤckkunft im Vaterlande zu ril⸗ men wiſſen.“ 3 „Auch ich ſtamm von einer Deutſchen ab,“ fuhr er fort. „Und verließt den Glauben Eurer Viä⸗ teren fiel Walther hibig ein. „Da irrt Ihr,“ meinte der Sakapen, „mein Vater ſah die Tochter eines deutſchen 1 KRitters am Grabe Eures Heilandes zu Je⸗ 5 ruſalem beten, verliebte ſich in ſie, machte die Bekanntſchaft ihres Vaters, auch 8i . ihezse i und zch wenigen Monaten ward ad ſit ſeine Gattin. Ich war und blied die einzige Frucht ihrer Ehe. Da mir meine Mutter oft und viel von ihrem Vaterlande erzaͤhlte, ſo wuͤnſchte ich gar oft, deutſche Ritter ken⸗ nen zu lernen. Mein Wunſch iſt nun ſo ploͤtzlich erfuͤllt und ich ſah, daß meine Mutter eher weniger als mehr von Euren Thaten mir mitgetheilt hat.“ 3 „Je nun, wir ſtreiten ſo lange als eine Sehne in uns ſtraff iſt,“ meinte Hans von Kirchfeld und ſah mit leuchtenaf Augen auf ſein Schwerdt. „Unſere Wunden ſind geheilt,“ 8 ſprach Walther,„und wir werden daher morgen mit Eurer Erlaubniß das Schloß verlaſſen, um nach Jeruſalem zu wandern.“ Dem Sarazenen that es wirklich leid, daß die Gaͤſte ihn ſchon wieder verlaſſen wollten. Er ließ vom ſchoͤnen berauſchenden Buſa auſtragen, wodurch die Ritter ſo redeluſtig wurden, daß ſie dem liebreichen Sarazenen den Zweck ihrer Reiſe erzaͤhlten. — 63— 8*— ₰— 64— Dieſer war wahrhaft erſtaunt daruͤber und meinte:„Daß in ſeinem Vaterlande die Da⸗ men leichter zu erringen waͤren, er ſelbſt halte ſich deren drei und er koͤnne taͤglich noch eim Dutzend dazu bekommen.“ Der Sarazene war Paſcha uͤber einen bedeutenden Strich Landes, gab den Rittern Rathſchlaͤge, wie ſie am leichteſten Jeruſalem erreichen koͤnnten und gab ihnen ſogar einen Schutzbrief, der ihnen aber nur im Lande 3 der Druſen Schutz gewaͤhren konnt. Der Paſcha bewog die Ritter durch Zureden noch einige Tage bei ihm zu bleiben, welches ſie ihm auch zuſagten, denn bei dem Genuß des DBuſa konnten ſie den deutſchen Wein ver⸗ geſſen. Bei dem auſchiede umarmte der Paſcha jeden Ritter, bat ſie auf dem Ruͤckwege wie⸗ 4 der bei ihm einzukehren, und gab ihnen außer dem noch zwoͤlf Mann zum Ehrenge eite mit. 5 Noch an demſelben Tage erreicht 2—„ 8 — 65— die Graͤnze des Landes der Druſen, wo auch ddas Chrengeleite den Ruͤckweg wieder antrat. Jetzt ſahen ſie vor ſich das Staͤdtchen Tia⸗ baria, welches am Jordan liegt. Ohne hier zu raſten, ſetzten ſie den Weg weiter fort, bis in das Thal von Nazareth, wo ſie we⸗ gen einbrechender Dunkelheit ihr Lager auf⸗ ſchlugen. Bald war nun das Ziel ihrer KReiſe erreicht und dieſer Gedanke ſchwellte vor Freude ihre Herzen hoͤher. 4 Am Morgen beſtiegen ſie den Berg Ta⸗ bor, wo man eine ſchoͤne Ausſicht genießt, Auf der einen Seite iſt eine ziemlich kahle Huüͤgelreihe, wovon ſich beſonders einer we⸗ gen ſeiner Hoͤhe auszeichnet. Dies iſt der Sage zufolge derſelbe, von welchem das er⸗ bitterte Volk den Heiland herabzuſtuͤrzen wachtete. Der fromme Glaube behauptet ner, b0 der Telſen ſich eher, als bie P ſichtbar ſind. Die Ritter erquickten ſich hier an der Koloquinte, welche zwiſchen den Stei⸗ nen ſich feſt gerankt hat, und mit unſer Gurken die meiſte Aehnlichkeit hat. In den engſten Felſenriſſen prangten in Fuͤlle weiße 3 Roſen, welche es damals in Deutſchland nur aͤußerſt ſelten gab, und aus dem Thale von Dhunnes ragte ſtolz die Palme empor. In ernſte Betrachtungen verſunken, ſtan⸗ den die Ritter auf dem Huͤgel. Gegen Nord⸗ weſt erblickten ſie das einſt ſo beruͤhmte Na⸗ zareth, das jetzt kaum noch aus aththundert Haͤuſern und Huͤtten beſtand. In der? 1 deſſelben ſahen ſie deutlich ein Fuanziskane ner⸗ kloſter mit dem Kreuze auf dem Do 3 Vorwaͤrts gegen Suͤdoſt erblickte das Auge das Thal von Fuli. Der Bach Kiſchon durchſtroͤmte dieſes Thal, aus deſſen Ae ſicch der Berg Tabor wie ein ſtumpfer Ke⸗ gel erhebt. Alles prangte damals im Schmucke des Fruͤhlings, als die 5 theu⸗ rer ſich dort beſanden⸗ — 6— „Hier waͤre ein Paradies,“ meinte Wal⸗ ther,„wenn auf jedem Huͤgel, ſo wie bei uns eine Burg prangte.“ „Ja wohl,“ entgegnete Caspar von Leob⸗ ſchuͤtz,„allein ohne Wein und Freunde wuͤrde uns gar bald dieſe ſchoͤne Gegend als Ein⸗ oͤde erſcheinen; drum laßt uns weiter eilen, damit wir bald unſer liebes deutſches Vater⸗ land wieder erreichen.“ 4 Schweigend und nach allen Seiten ſich umblickend ritten ſie weiter und erreichten das Ohurrafeld, wo rothe und weiße Roſen, Narziſſen, Lilien und Anemonen wie beſſet 4 umherſtanden. Gegen Abend geſellte ſich 3u dem Rit⸗ tern ein Mann, von kupferfarbigem Anſehen, der ſich ihnen als Wegweiſer nach Jeruſa⸗ lem anbot, denn, daß der Zweck ihrer Reiſe der Beſuch des heiligen Grabes ſei, nahm er 8 als gewiß an. Die Ritter nahmen dies An⸗: erbieten mit Freuden an und da dieſer Mann der deutſchen Sprache ziemlich michn war, 5 ſo konnten ſie ſich auch mit ihm unter⸗ halten.. Bei dem ſchoͤnſten Mondenſchein erreich⸗ ten ſie noch den See Genezareth. Die Phan⸗ taſie kann ſich Chriſtus vorſtellen, wie er uͤber denſelben ſchreitend, zu ſeinen Juͤngern eilte. Aus dem ſuͤdlichen Ende des See's fließt der Jordan aus, wo maleriſche Huͤgel durch ſchoͤne Thaͤler, mit reichem Raſenteppich, aber ohne Baͤume bedeckt ſind. Waͤhrend nun Ritter und Knappen ſich der Ruhe uͤberließen, entfernte ſich leiſe der arabiſche Wegweiſer. Walther, der dieſem Manne nicht viel Gutes zutraute, hatte ſich nur ſchlafend geſtellt und wurde daher ſein Entfernen ſogleich gewahr. Er weckte ſeine Gefaͤhrten und theilte ihnen ſeine Muthma⸗ ßung mit, naͤmlich, daß dieſer Bote eine Menge ſeiner Glaubensgenoſſen herbeihole, um ſie gefangen zu nehmen, oder ſie im Schlafe zu ermorden. Um alſo einen unnoͤ⸗ 5 — 69— thigen Kampf zu vermeiden, entſchloſſen ſie ſich zum Aufbruch. Noch ſchien der Mond heiter und klar, als ſie auf gut Gluͤck weiter ritten. So konnten wohl vier Stunden verfloſſen ſein, als der Mond vom Horizont verſchwand, ein kuͤhler Morgenwind ſich erhob und die Rit⸗ ter jetzt einige Haͤuſer erreichten. Sie mach⸗ ten zwar Laͤrm, um ſich nach der Gegend zu erkundigen, wo ſie ſich befaͤnden, allein kein menſchliches Weſen ließ ſich ſehen. Sie rit⸗ ten noch weiter, und fanden abermals eine ganze Reihe Haͤuſer. Hier fanden ſie Be⸗ wohner, allein leider verſtanden dieſe nur das Wort Jeruſalem von ihnen, und wieſen dann als Antwort nach der Gegend, woher ſie dem Schein nach gekommen waren. Bei dem Grauen des jungen Tages ge⸗ G langten ſie nun auf einen Berg, der mie ſpaͤrlich mit Baͤumen bepflanzt war. Kein Haus, keine Huͤtte war in der Gege 5 ehen.„Wir ſcheinen ganz auf Abwege ge — 70— rathen zu ſein,“ begann Walther,„und mein Magen knurrt auch gewaltig, aber nur mu⸗ thig weiter, ihr Sternen⸗Ritter, einen von uns wird die ſchoͤne Helena fuͤr alles Unge⸗ mach entſchaͤdigen.“* „Iſt dort nicht eine Einſiedlerhuͤtte?“ fragte Ernſt von Vinkenſtein. „Ja wohl,“ riefen die Uebrigen freudig, als ſie das Kreuz auf der Huͤtte ſahen, und ritten darauf zu. Der Sonne Strahlen hatten eben im Thale die Nebel beſiegt. Die Ritter ſahen unwillkuͤhrlich dahin und ſahen deutlich vor ſich eine große Stadt mit hohen Mauern und Thuͤrmen.„Wie mag dieſe Stadt hei⸗ ßen?“" fragten ſie einander und konnten ihre Blicke von derſelben nicht abwenden. „Der Klausner wird uns Auskunft ge⸗ ben,“ meinte Walther und ritt darauf zu. Betend lag derſelbe eben vor dem Bilde des gekreuzigten Heilandes, wurde aber freudig israaſcht als er chriſtliche Ritter gewahtte 5 — 71— Wie heißt jene Stadt mit den vielen Thüͤt⸗ men und hohen Mauern, ehrwuͤrdiger Va⸗ ter?“ fragte Walther. „Es iſt die heilige Stadt Jeruſalem,“ lautete die Antwort. Bei Nennung dieſes Namens ſprangen auch in einem Nu Ritter und Knappen von den Roſſen, knieten nie⸗ der, ſtreckten die Haͤnde aus, vergoſſen ſogar Thraͤnen und riefen oͤfters:„deruſalemd e Selbſt der Klausner war geruͤhrt. Lange/2*, 5 wagte es Niemand, die heilige Stille durch einen Laut zu unterbrechen, doch endlich ſprach= der Klausner:„Seid mir auf dem DAne⸗ r willkommen, chriſtliche Streiter, nn in⸗ meine Klauſe, Alles was ich habe gehort 5 Euer.“ Die Ritter traten bei ihm ein. Die Klauſe war ſo geraͤumig, daß ſie alle Platz darin hatten. Der erfreute Alte trug auf, was ſeine Vorrathskammer Gutes enthielt und ſchien erfreut über den guten Appetit Hei ner Gaͤſte. Er war ein großer Mann, n noch — ¹ 8— Klausner die Urſache ihrer Reiſe angezeigt. „Daran erkenne ich deutſche Ritter,“ rief der von Euch wird gewiß meinen Namen ſerra⸗ — 72— ungebeugt von der Laſt der Jahre und ſprach eben ſo gelaͤufig franzoͤſiſch als deutſch. Nachdem ſich alle geſaͤttigt hatten, wen⸗ dete ſich Walther an den Klausner und fragte ihn:„Ob er ſie wohl acht Tage. he gen Verguͤtigung beherbecgen wolle?“ Der Klausner verſprach dies mit Freude und ge⸗ lobte auch zugleich, ihnen auf jede nur moͤg⸗ liche Art gefaͤllig zu ſein mit Nath und That. Im Verlaufe des Geſpriches wurde dem Klausner freudig und blickte begeiſtert gen Himmel,„Ach,“ fuhr er dann wehmuͤthig fort,„es gab einſt eine Zeit, wo ich auch ſo handelte und dachte als Ihr, denn auch ich war ein Ritter und ein Bube vernichtete mein Gluͤck.— Vielleicht, nein gewiß einer then, wenn ich Euch meine ungluͤckliche Ge⸗ ſchichte Aitthelle Dah nicht heute, nich ich Euch Alles, jetzt muß ich wieder beten, um Ruhe in mein Herz zu bringenn. morgen, erſt am Tage Eurer Abreiſe erzähle Wir verlaſſen nun einſtweilen Ster⸗ nen⸗Ritter und wenden nns wieder zur Ghi⸗ nen Helena. Der Diener des Grafen André war wieder ſo weit hergeſtellt, daß er ſein Lager verlaſſen konnte, doch kannte man ihn kaum noch, ſo ſehr hatte ihn die Krankheit ange⸗ griffen. Helena ſaß heute an ſeinem Lager, weil er uͤber die heftigſten Schmerzen an ſei⸗ ner Wunde klagte. Sie ſtrich ihm die Lok⸗ ken aus dem Geſicht und ſtreichelte ihm die Wangen.„Trauter Laſalle,“ ſagte ſie zu ühm.„Du allein haſt mich in jener Nacht 8 1. 3 74— “ aus den Haͤnden der Raͤuber errettet, denn wareſt Du nicht, ſo konnten die Uebrigen zu mei ter Rettung nicht herbei eilen. Wuͤßte ich nur womit ich Dir meinen Dank bewei⸗ ſen koͤnnte. Deine Wangen ſind ſo llaß ge⸗ worden, aber es kleidet Dir gut—„ Laſalle laͤchelte ſchmerzlich und meinte: „Nur das ehe bedaure ich, daß ich nicht fuͤr Euch ſterben onnte.“ „Wer wird ſich den Tod wuͤnſchen,“ ſprach Helena,„Du haſt ja noch ſo viele gerechte Auſgrüche auf die Freuden bieſes Le⸗ bens.— „Die habe i9 nichk mehr,“ ſiel er trau⸗ rig ein,„mein Loos iſt aus der großen nne gezogen— ich bekam eine Niete. Euch aber, ſchönes Fraͤulein, ward ein beneidenswerthes Loos zu Theil, doch leider wird es Euch nicht lange begluͤcken.“ „Du biſt ein Schwaͤrmer, Laſall meinte ſie,„doch hoͤre ich Deine 8 2 gerne — 15— ſalle, und ſuchte ſich in die Hoͤhe zu richten. Helena war ihm hierzu behuͤlflich und beugte ſich uͤber ihn, daß ihr lieblicher Athem ſeine Wangen beruͤhrte. Nur noch eine Minute bleibt mir ſo nah,“ bat er und ſah ſie recht gutherzig mit ſeinen ſchwaͤrmeriſchen Augen an. Helena erroͤthete und ſtreichelte ihm ver⸗ legen die Wangen.„Koͤnnt ich jetzt ſterben,“ ſagte er zu ihr,„die Haͤlfte meiner Seligkeit wuͤrde ich darum geben.— Fraͤulein, Ihr ſeid ſo gut, als Ihr ſchoͤn ſeid, erfuͤllt mir noch eine Bitte, es ſoll die letzte ſein, die ich an Euch richte.“ „Ich weiß was ich Dir zu verdanken habe,“ entgegnete ſie,„deshalb ſei Dir Deine Bitte im Voraus gewaͤhrt.“ „So gebt mir nur einen Kuß,“ bat er verſchaͤmt. Dein Begehren iſt ungerecht,“ ſagte 3 erröͤthend und wollte gehn. 4 „Ihr gabt mir Euer Wort und lönu „O, ol dieſe Schmerzen!“ jammerte La⸗ 6 7 —- 76— mir die wenigen Tage, die ich noch zu leben habe, durch einen Kuß verſuͤßen; wird mich die edle Helena umſonſt bitten laſſen und ihr Wort nicht halten?“ Da nahte ſich ihm raſch die Jungfrau, blickte in die gluͤhenden Augen desjenigen, der fuͤr ſie geblutet hatte, beugte ſich uͤber ihn und druͤckte einen Kuß auf ſeine Lippen. Ein lautes Gelaͤchter erſchallte. Erſchrocken blickte Helena nach dem Fenſter, von wo ſich eben ein Ritter entfernte. Es war dies Nie⸗ mand anders, als Albert von Rauheneck, eben derſelbe, welcher ſie wahrſcheinlich hatte ent⸗ fuͤhren laſſen wollen. Er war mit ihrem Va⸗ ter auf der Jagd zuſammengekommen und war mit auf Rauhenſtein eingekehrt. Der Vorfall war indeſſen fuͤr Helena nicht an⸗ genehm, denn ihr guter Ruf konnte Abur gefaͤhrdet werden. Bei dem Abendimbiß ſuchte ſie ſi 5 Albert aauf eine wahrhaft zudringliche Art Helenen zu naͤhern.„Fraͤulein,“ lispelte er ihr zu,„wenn — 77— Ihr doch mir auch das gewaͤhrtet, was dem Diener des Grafen André zu Theil wurde.“ Helena antwortete ganz laut:„Dieſer Ddiener vergoß ſein Blut zu meiner Rettung, hatet Ihr dies ſchon?“ „Was wuͤrden aber die Ritter ſagen, die um Euch zu erringen nach Palaͤſtina zogen, wenn ſie das geſehen haͤtten, was ich ſah?“ fuhr Rauheneck leiſe fort. „ Sie wuͤrden beſſer urtheilen als Ihr,“ meinte das Fraͤulein,„jeden dieſer Ritter achte ich, aber Euch verachte ich.“ Stolz verließ ſie ihn. „Das ſollſt Du buͤßen,“ knirſchte Albert v. Rauheneck. Eine ſonderbare Muſik ließ ſich auf dem Burghoſe hoͤren. Helena trat an das Fen⸗ ſter und ſah, wie mehrere Zigeuner und ein Zigeunermaͤdchen zum Klange einiger Inſtrumente tanzten. Knappen und Reiſige wichen ehrerbietig auruͤck, als die Herrin im Burghofe erſchien. — 78— Das Zigeunermaͤdchen, ein liebliches braunes Maͤdchen des Suͤdens, nahte ſich Helenen und bat in zierlichen Worten um ihre Hand, indem ſie ihr wahrſagen wollte. Helena reichte ihr ſolche zagend. Die Zigeunerin betrachtete ſie genau, nahm eine ſehr ernſt⸗ hafte Miene an und ſagte dann:„Die Hoffnung, welche Euch begluͤckt, erhaͤlt die Roſen auf Euren Wangen, der wenige Kum⸗ mer, der Euch druͤckt, wird von der Zeit verſi lungen, und was ſie Euch bringt, das naͤhrt in Demuth in Eurer Bruſt.“ 4 „Das wollte ich wohl,“ meinte Helen. „wenn ich nur die Sehnſucht aus meiner Ben vertreiben koͤnnte.“ Die Sehnſucht vertreiben,“ wiedeiholte das Zigeunermaͤdchen,„nein! das wünſcht Euch nicht, denn ohne Sehnſucht nach ir⸗ gend etwas wuͤrde der Menſch verwaiſ't— unglüͤcklich in der Welt daſtehen. Die Seh ſucht begluͤckt und martert auch zuweilen Nenſchenherz bis zur Gruft. Wenn Jungfrau in ihr enges Bett zur Ruhe ge⸗ bracht wird, ſo ſchmuͤckt man ihr Haar mit Myrthe, dem Juͤngling aber reicht man eine halb erbluͤhte Roſe, damit ſie beide die Sehn⸗ ſucht noch mit hinuͤber nehmen nach dem Orte, wo allein die Sehnſucht geſtillt wird.“ „Welcher Geiſt ſpricht aus Dir?“ fragte Helena, erſtaunt uͤber die Worte eines Zi⸗ geunermaͤdchens.* Mein Vater war der groͤßte Wahrſager in Syrien,“ entgegnete das Maͤdchen,„und von ihm lernte ich dieſe Kunſt. Der neue Gultan ließ uns aus dem Lande jagen, die Leute meines Vaters ſetzten ſich noch an der Graͤnze zur Wehre, allein wir wurden ge⸗ ſchlagen, mein Vater fiel in der Schlacht und ich mußte froh ſein, gluͤcklich zu ent⸗ kommen. Ausgeſtoßen vom vaterlaͤndiſchen Boden durchziehe ich nun mit dieſen fuͤnf Männem Deutſchland, Frankreich und Spu⸗ 3 — 80— Das Zigeunermaͤdchen ſah von neuem in Helenens Hand und fuhr dann fort: 1 „Ihr wendet den Blick jetzt oͤfter nach der Zukunft, als nach der Gegenwart und dieſe liegt Euch doch naͤher. Ihr fuͤrchtet, und wohl mit Recht, den Unbeſtand des Gelieb⸗ ten, Euch quält und martert die Eiferſucht. 3 O quaͤlte ſie Euch doch immer, kehrte er nie wieder zu Euch zuruͤck.“ „Wen meinſt Du?“ fragte Helena übers raſcht, und die ſchoͤnen Zuͤge hatten ſich ver⸗ finſtert. „Nun, wen anders, als den Grafen André,“ meinte das Maͤdchen ganz leiſe. Helena war erſtaunt; ſie fuͤhlte ſichvon dem Maͤdchen hinweggezogen und doch entfernte ſie ſich nur Schritt vor Schritt. Eilig nahte ſich ihr nun nochmals das Zigeunermaͤdchen. „Kennſt Du den Grafen André?“ fragte mit faſt bebenden Lippen Helena. „Den kenne ich recht gut,“ lautete die Antwort,„der Mann wird wahrhaft m — 81— irdiſchen Guͤtern uͤberſchuͤttet. Die reiche Graͤfin und Wittwe Iſabella v. Rosny hat ihm die Haͤlfte ihrer Beſitzungen geſchenkt und zwar nur deshalb, weil er in einem Ningelſtechen ihre Leibfarbe trug und fun ſie kaͤmpfte.“ Helena ergluͤhte und ſah vor ſich nieder. 8 Das Zigeunermaͤdchen fuhr fort:„Er wird zu Euch zuruͤckkehren und doch werdet Ihr nicht gluͤcklicher ſein, als jetzt. Hoͤrt nicht auf die Liebesworte dieſes ſchoͤnen, aber leichtſinnigen Mannes und geht bei Zeiten in ein Kloſter.“ „In ein Kloſter!“ rief Helena, und ihre* Blicke leuchteten.„Nein, nimmermnohr ge⸗ ſchieht dies.“ „Freilich waͤr's ſchade, wenn dieſe Reize in einem Kloſter begraben würden,“ meinte ſie,„aber— 8 Eben war nicht allein der Tanz der 3- geuner beendet, ſondern der Ritter von Rau⸗ heneck trat auch herzu und bat das„Ibengs 5 ernen Ritter. 3 maͤdchen, auch ihm den Schleier der Zukunſt zu luͤften, indem er ihr die linke Hand reichte „Des Mannes Schickſal,“ ſagte ſie,„iſt in der ſtarken rechten Hand zu leſen, waͤh rend die Jungfrau die linke reichen muß, di dem Herzen naͤher iſt, von wo aus at 1 Schickſal ſich geſtaltet.“— Kaum 3 44 nur in Rauhenecks Hand, ſo rief ſie aus: „Hier ſehe ich nichts als die Zeichen des Blutes. Hal es iſt entſetzlich.. „erein, entgegnete Rauheneck zornig, deha Euch vor dieſem,” eatgegnete ſie, er wird es mit ſein, der Euer Glück untet⸗ graͤbt. 85 8 — 83— „Hier auf der Burg nicht,“ entgegnete raurig das Maͤdchen.„Lebt wohl, Fraͤu⸗ 4 lein.“— Helena neſtelte ſchnell eine ſilberne Keette von ihrem Halſe und reichte ſie dem igeunermaͤdchen. Dieſes war geruͤhrt. Noch ſchien ſie etwas ſagen zu wollen, allein ſie ſchwieg und folgte eilig ihren Leuten. 10. Hoͤchſt verſtimmt uͤber die Prophezeihung 6 des Zigeunermaͤdchens ſaß Helena in ihrem Gemache und weinte⸗ Nicht der Geſang der Voͤgel und nicht das ſchoͤ e Gruͤn der neu erwachten Natur konnten ſie erfreuen. Der, den ſie uͤber alles liebte, hatte ſie vielleicht ſchon jetzt vergeſſen, ſpottete des leichtglaͤndie 6 22 8 — 81— gen Maͤdchens und ſchwelgte in den Reizen der reichen Graͤfin. Sie holte ſeine Brieſe hervor, las ſie nochmals durch und ſagte dann ſpoͤttiſch:„Maͤnnertreue.“ Wenn er ſie nun aber wirklich verließ und die Ster⸗ nenritter kehrten zuruͤck, wer waͤre ihrer dann wohl wuͤrdig geweſen? Keiner als Walther von Merkenſtein. Nein, auch ihn konnte ſie nicht lieben, nur achten, hatte ſie ſich doch ſchon die Zukunft im herrlichen Paris ſo ſchoͤn gemalt, und jetzt ſollte ſie auf die Burg eines Ritters ziehen.„Ach, wie un gllücklich bin ich,“ ſeußzte ſie, und bedeckte das ſchone Geſicht mit beiden Haͤnden. MPloͤhlich ſprang ſie auf, trat vor den Spiegel, trocknete die Thraͤnen, laͤchelte, als ob nichts vorgefallen ſei und eilte in das 4 Gemach Laſalle's. Schmerzlich lächelnd rich⸗ tete er ſich bei ihrem Eintritt; empor.„Vor wenigen Minuten war eine Zigeunerin hier,“ 1 begann Helena,„die Deinen Herrn recht gut kannte. Kennſt Du vielleicht auch eine Graͤ⸗ fin von Rosny?“ „Ich ſah und ſprach ſie oft,“ entgegnete er,„denn ſeine verſtorbene Gattin war eine Freundin von ihr.“ „Sie ſoll ſehr reich ſein?“ fragte He⸗ lena zagend. „Man nennt ſie nur die reiche Iſabella,“ lautete die Antwort.„Ja, ſeht, wie das Gluck ſo wunderbar ſpielt. Zu den Zeiten der Kreuzzuͤge fuͤhrten die Bruͤder Rosny Korn und Brod nach dem gelobten Lande, und dadurch wurden ſie in kurzer Zeit ſo reich, daß ſie große Guͤter und Meiereien in Frankreich ankauften. Da der Koͤnig in Geld⸗ veerlegenheit war, ſo wendete er ſich an Ros⸗ ny und erhielt es von ihm, wogegen ihn der SKonig in den Adelſtand erhob. Seit dieſer Seit hatte Rosny Zutritt bei Hofe und kaufte nun die verſchuldete Grafſchaft Trebaux. Waͤh⸗ eeend dieſe Familie auf eine wunderbare Weiſe ſo ſchnell ſtieg, ſank die meinige. Meine Vor⸗ auuee—— n2 — 86— fahren waren Ritter, allein ſie opferten ihr Vermoͤgen, um den Zug nach dem gelobten Lande mitmachen zu koͤnnen. Ich, der Nach⸗ komme der Laſalle, wurde in einer elenden Huͤtte geboren, meine Mutter ſtarb aus Gram und mein Vater fand ſeinen Tod in den Fluthen der Seine. Aus Mitleid nahm mich der Graf von André in ſeinen Dienſt. O, waͤre ich doch auch reich!“ „Reich,“ wiederholte Helena,„wuͤnſche 1 es Dir nicht zu ſein, denn es macht wahrlich nicht gluͤcklich.“ „Aber mich wuͤrde es gewiß gluͤcklich machen,“ rief er aus, ſeine Schwaͤche ver geſſend, ſetzte aber dann traurig hinzu:„Jett 4 wuͤrde es freilich zu ſpaͤt ſein, nun erwarte und bitte ich nur um einen baldigen Tod..“ Helena blickte auf ihn und wurde ge⸗ ruhrt, denn ſie ahnete es, daß ſie von La- ſalle geliebt werde. Eine große Thraͤne trat in ihr Auge, ſie wendete ſich ab, damit er ſi ie nich gewahre, ſetzte ſich ſcznha rühig 4 — 87— an ſein Lager und fragte dann:„Iſt die— Graͤſin Iſabella auch ſchoͤn?“— „O ja,“ lautete die gedehnte Antwort, ſchoͤn iſt ſie wohl, doch haͤlt ſie mit Euch keinen Vergleich aus. Wer Euch nur ein Mal ſah, wem Eure Augen nur ein Mal zu⸗ laͤchelten, der iſt an Euch gekettet füͤr dieſes Leben. Worte vermoͤgen meine Gefuͤhle nicht auszuſprechen.“— „Schweig, trauter Schwaͤrmer,“ bat He⸗ lena, als ſie ihr Lob vernahm, reichte ihm die Hand zum Kuſſe und entfernte ſich. Laſalle richtete ſich vom Lager in die Hoͤhe und oͤffnete ein Fenſter. In lang ge⸗ haltenen Accorden floͤtete die Nachtigall, ver⸗ . nehmbar toͤnte ihm das ſchmetternde Lied des Mannchens, welches ſein Gluͤck uͤber des Weibchens Sieg verkuͤndigte. Laſalle ſtuͤtzte das Haupt auf den Arm und ſchaute in die Nacht.„Wie ſchoͤn biſt du ſchweigende 8 Nacht,“ ſprach er gerührt.„Wie ſchoͤn iſt es unter deinem Daͤmmerungsſchleier. wie — 88— ſo erquickend warſt Du mir einſt, wie ſo ſanft breiteteſt du deine Schlummerfluͤgel uͤber mich aus, wehteſt mir Kuͤhlung zu und alltss war ſo unendlich ſchoͤn. Doch jetzt!— da rauſchen deine Fluͤgel ſturmiſch, Grabesluft weht mich an und ob ſie gleich eiſig iſt, ſo wird dennoch die Glut meines Herzens nicht gekuͤhlt. Nur Helenens Bild feſſelt mich noch an dieſe Erde, und ſo lange ich ſie ſehe, kann ich auch nicht ſterben.“. Das Knarren der Zugbruͤcke ſtoͤrte ihn in ſeinen Betrachtungen. Ein Reiter ſprengte in den Burghof, worauf es ziemlich lebhaft wurde, bald aber trat wieder die fruͤhere Stille ein. Es war ein Diener des Grafen Andre, derr einen Brief an den Ritter von Rauhen ſtein uͤberbrachte. Dieſer erbrach ihn haſtil. Der Graf zeigte ihm darin ſeine Ankunft bin⸗ nen zwei Wochen an. Die Regulirung der Hinterlaſſenſchaft ſeiner Frau, ſo wie andere wichtige Sachen, hatten ſeine Gegenwart ſo — 89— lange erfordert. Zugleich erkundigte er ſch nach ſeinem Diener Laſalle, von dem er keine Kunde erhalten hatte. Zugleich empfahl er ſich auch dem Fraͤulein Helena. Dieſe ver⸗ gaß gar ſchnell ihre Sorgen, als ſie vernahm, daß der Graf wieder komme. Im An⸗ fange entſchloß ſie ſich, mit ihm zu ſchmol⸗ len, aber gar bald verwarf ſie dieſen Gedan⸗ ken, denn ob er ihr untreu ſei, dazu fehlten ihr ja guͤltige Beweiſe. Schon wieder malte ſie ſich die Zukunft mit den ſchoͤnſten Farben aus und bis ſpaͤt in die Nacht ſchwaͤrmte ſie vom Lieblinge ihres Herzens. II. Auf Burg Nauhenſtein herrſchte ein un⸗ gewoͤhnliches Leben und Treiben. Hier putzten die Krapden ihre Waffen und unrecjinn — 90— ſi 5 mit heitern Geſpraͤchen, dort wurden Gemaͤcher ausgebeſſert oder geſchmuͤckt, Bu⸗ ben tummelten die muthigen Roſſe und blank geſcheuert wurden die großen ſilbern Pokale. Sogar ein Herold, in Begleitung von zwei Trompetern, verließ ſchoͤn geſchmuͤckt die Burg. Sollte vielleicht Helena ihre Verlobung mit irgend einem Ritter feiern wollen? nein, ge⸗ wiß nicht. Es ſollte nur ein großes Bankett mit einem Ringelſtechen gehalten werden, um 3 dadurch den Grafen v. André zu ehren, der durch einen abermaligen Boten den Tag ſeiner Ankunft beſtimmt angezeigt hatte. He⸗ lena ſchwamm in dieſer Zeit gleichſam in ei⸗ nem Meere von Entzuͤcken und wuͤnſchte, dgß jeder Tag auf den Schwingen des Sturmes 4 enteilen moͤge, damit nur der erſt nahe, wo der Geliebte erſcheine. Sie kleidete ſich taͤg⸗ lich ſorgfaͤltiger und die Freude ihres Herzen hatte ihr ganzes Weſen mit einem eeigenen lieblichen Zauber uͤbergoſſen. In dieſer Zeit wurde von ihr auch Laſalle vergeſſen, der ſich — 91— jedoch ſo weit erholt hatte, daß er langſam umher gehen konnte. So gern er auch die Laute ſpielte, ſo vermochte er dieß jetzt doch nicht; waren doch die Saiten ſeines Herzens ggeſprungen und konnten alſo nicht wieder ſchoͤn toͤnen. Der ſo ſehnlich herbeigewuͤnſchte Tag nahte. Aus der Naͤhe und Ferne waren be⸗ reits Ritter mit ihren Frauen und Toͤchtern auf Rauhenſtein angekommen und Jubel ſchall⸗ te aus allen Gemaͤchern. 1 Die doppelten Burgthore, ſo wie der Gelag⸗Gaden waren mit Guirlanden von Eichenlaub und Blumen geſchmuͤckt, die Mau⸗ ern der Burg waren weiß angeſtrichen und gglaͤnzten wie Silber, wenn die Sonne darauf ſcchien, waͤhrend Ritter und Damen, theils in der Burg, theils im Garten luſtwandelten und nicht genug die Schoͤnheit der Gegend ruͤh⸗ men konnten. Bis ſpaͤt in die Nacht war Helena noch beſchaͤſtigt, damit es dem Geliebe ten hier nur recht gefallen moͤgee. — 92— Kaum graute der junge Tag, ſo ſtand auch Helena bereits am, Fenſter und ſchaute trunken vor Wonne in die Gegend, woher ihr Hugo kommen muſſe, waͤhrend die uͤbrigen Bewohner der L Dnrg noch ruhig in den Armen des Schlafes lagen. Sie oͤffnete das Fenſter, um die brennenden Wangen durch die friſche Morgenluft abzukuͤhlen, da ſchmetterten Trom⸗ peten, Pauken und Cymbeln von der Warte und dieß uͤberraſchte ſie ſo ſehr, daß Thraͤ⸗ nen der Freude ihre Augen netzten. Der feſtliche Tag war alſo anghwchem und es fing nun wirklich ſchon an lebhaft in der Burg zu werden. Helenens Vater be⸗ merkte kaum, daß ſein Toͤchterlein auch bereits munter ſei, ſo begab er ſich in ihr Schlaf⸗ gemach. Geruͤhrt umarmte er die Tochter, 1 ußte ſi ſie auf die Stirn und ſagte:„Bald wird nun Dein und mein Wunſch erfuͤllt werden.“ Helena verbarg das ergluühende Tageſäht an die Buuſ des Bäters und — 93— ſchwieg, denn ſie hatte den Sinn ſeiner Worte vollkommen verſtanden. Im freundſchaftlichen Kreiſe verſchwan⸗ den gar ſchnell mehrere Stunden. Die Zug⸗ bruͤcke war herabgelaſſen und vom hoͤchſten Thurme wehte die Freudenfahne mit dem Wappen der Rauhenſteiner. Die Gaͤſte fuͤhl⸗ ten ſich natuͤrlich ſehr geehrt dadurch, denn nur einige ahneten die wahre Urſache. Der Thurmwart kuͤndigte eben die Ankunft eeines Fremden an und gleich darauf ſprengte ein Reiter in einer Kleidung, die von Gold ſtrotzte, in die Burg und kuͤndigte die Ankunft des Grafen von André binnen 2 Stunden an, indem er kaum noch 4 Feldwege von hier ent⸗ fernt ſei. Dieſe Kunde vermehrte noch die Froͤhlichkeit, nur der arme Laſalle war vielleicht der Einzige, der in den Juͦbel nicht mit ei: ſtimmte, ſondern traurig umherwankte. Helena ſtand mit ihrer Freundin Ida voon Inaim auf dem Soͤller und ſchaute in die Ferne, von woher der Geliebte kommen 8 — 94— mußte, aber noch ſah ſie keine Spur von aufſteigendem Staub. Wohl aber gewahrte ſie ihren Vater, der in der beſten Ruͤſtung, mit ſechs Knappen dem Grafen bis an die Grenze ſeines kleinen Reiches entgegen eilte. Jetzt hielt er bei dem Grenzſteine und deut⸗ lich gewahrten die beiden Jungfrauen Staub in der Ferne.„Er kommt!“ jauchzte Helena, ſtuͤrzte an die Bruſt der Freundin und druͤckte ſie ſo feſt, als ob es der Geliebte ſelbſt ſei. Jetzt wußte Ida gewiß, daß die Freundin den Grafen liebe und dieſe Entdeckung war ihr nicht lieb. Kaum noch zwei Feldwege vom Rau⸗ enſtein entfernt kehrte der Graf André in einer Huͤtte ein, um ſich hier gehoͤrig zu ſchmuͤt⸗ 95— ken, waͤhrend ſeine Begleitung außerhalb der⸗ ſelben blieb. Nur ſein Leibknappe folgte ihm und wappnete ihn mit der koſtbaren, ſilber⸗ nen Ruͤſtung, uͤber welche ein kurzer Man⸗ tel von himmelblauer Seide mit Gold durch⸗ wirkt, gehangen wurde.„Jedes Maͤdchen muß ſich in Euch verlieben, Herr Graf,““ meinte der Knappe. Dieſer laͤchelte und wollte ihm eben antworten, als der Ritter Albert von Rauheneck, deſſen Gefangener er fruͤher geweſen war, bei ihm eintrat.„Verzeihung, Herr Graf,“ begann er, ſich tief verbeugend, „wenn ich vielleicht ſtoͤre. Da ich hoͤrte, daß Ihr heute wieder auf den Rauhenſtein zuruͤck⸗ kehren wuͤrdet, ſo konnte ich unmoͤglich da⸗ heim bleiben und bin gekommen Euch dadurch einen Beweis meiner Achtung zu geben.“ „Wodurch ich mich ſehr geſchmeichelt fühle,“ entgegnete Graf Hugo raſch, und ceichte ihm die Hand. So folgten von bei⸗ den Seiten noch einige verbindliche Worte, — 96— worauf ſie die Hutte verließen, und ſich auf 4 die Roſſe ſchwangen. Die Begleitung des Grafen heſtand aus vier Rittern, welche ſeine Lehn⸗Vaſallen wa⸗ ren und zehn Knappen. Selbſt Letztere wa⸗ ren koſtbarer gekleidet, als die meiſten deut⸗ ſchen Ritter. Obgleich der Graf ſeit Rauhenecks Ge⸗ 5 genwart etwas verſtimmt war, ſo ſuchte er doch eine heitere Miene zu machen und das angeknuͤpfte Geſpraͤch im Gange zu erhalten. Graf v. André. Wißt Ihr nichts von meinem Diener Laſalle, den iih nac Rauhenſtein ſandte? 2 6 Ritter v. Rauheneck. Der it jetzt nooch da, es ſcheint ihm recht gut zu gefallen. Einige Monate hat er aber feſt gelegen, denn der arme Knabe mußte fuͤr ſelnen Borwiß gar hart buͤßen. Graf v. André. Ich bitte Euch, ärachß. was iſt undeialens ſen meiner er A9 — 97— reiſe weiß ich durchaus nichts, was auf Rau⸗ henſtein vorgefallen iſt. Ritter v. Rauheneck. Nur ungern ſpreche ich davon, indeſſen iſt mir Euer Wunſch Befehl. Laßt uns aber langſam reiten und etwas abſeits, damit Eure Beglei⸗ teer nichts hoͤren. Graf v. André. Ihr habt mich in ver That ſehr neugierig gemacht. 5 Ritter v. Rauheneck. Nun, wo fange ich denn meine Erzaͤhlung an? va Jfäͤllt mir es bei.— Kaum hattet Ihr den KRauhenſtein verlaſſen, ſo fanden ſich verſchie⸗ dene Bewerber um Helenens Hand. Da dies herrliche Maͤdchen aber doch nur einen vegluͤcken konnte, ſo verſprach ſie demjenigen ihre Hand und ihr Herz, der ihr aus dem gelobten Lande das Nuͤtzlichſte und Ange⸗ nehmſte zugleich uͤberbringen wuͤrde. Auch ich wollte um dieſen Preis den Zug nach dem uun Lande nünachen, allein⸗ nur 8 — 98.— nen Korb bekommen ſollten, waͤhrend Wal⸗ ther von Merkenſtein, Helenens Liebling, be⸗ reits dasjenige wußte, was er aus dem gelob⸗ ten Lande mitbringen ſollte. Kaum merkte ich dies, ſo ſtellte ich mich krank und blieb daheim. Neun Ritter hatten ſich indeſſen auf Rauhenſtein verſammelt, um von dort aus den abentheuerlichen Zug nach Palaͤſtina anzutreten und in eben dieſer Zeit kam Euer Diener Laſalle auch dort an. Dieſer Menſch hatte ſich in das Fraͤulein verliebt und ſchaute von ſeinem Gemache aus nach Helenens Zimmer, wo ſich bis gegen Mitternacht noch ein Mann befand. Ploͤtzlich erloͤſchte das Licht, Laſalle ging uͤber den Burghof, um ſeiner beaͤngſtigten Bruſt Luft zu machen, da kamen einige Maͤnner und trugen eine, Dirne auf den Armen, um ſie zu entfuͤhren. Laſalle ſchrie um Huͤlſe und zog ſein Schwerdt, aber ſein Gegner brachte ihm einen ſo furchtbaren Hieb in die Schulter bei, daß er zur Erde ſtuͤrzte. Sein J n — 99— hatte mehrere Bewohner der Burg ge⸗ weckt und Helena ward gerettet. An Laſal⸗ le's Leben wurde gezweifelt, doch erholte er ſich wieder allmaͤhlig. Aus Dankbarkeit war⸗ tete und pflegte den huͤbſchen Laſalle das Fraͤulein mit der zaͤrtlichſten Sorgfalt und Knappen und Reiſige waren oftmals Zeuge von— 4 „Wovon?!“ ſiel Graf Hugo hitzig ein, indem eine dunkle Roͤthe ſein Geſicht überzog. „ Je nun,“ erwiederte der Schaͤndliche ganz gelaſſen,„daß er oft an der Bruſt des ſchoͤnen Maͤdchens ruht, iſt gewiß, und daß ſie ihn ſelbſt gekuͤßt hat, davon war ich Zeuge.“ „ Das luͤgt Ihr!“ ſchrie der Graf Fornig,— und ſchlug an ſein Schwerdt.”“ 3 „Als Freund habe ich Euch den Charak⸗ ter des Fraͤuleins geſchildert,“ fuhr jener fort, aforſcht nach und Ihr werdet finden, daß ich reine Wahrheit ſprach. Übrigens, Herr — erlaube, daß bich zch entferne; nur dann 4— 100— 4 wenn Ihr mich dazu auffordert.“ Er ver⸗ beugte ſich und ritt auf das naͤchſte Waͤld⸗ chen zu. Graf Hugo war hoͤchſt verſtimmt.„Sollte dieſe herrliche Helena wirklich ſo leichtſindig und flatterhaft ſein, als die Pariſerinnen??“ fragte er ſich ſelbſt. Indem ritt er um ei⸗ nen Huͤgel und ſah vor ſich das ſchoͤne He⸗ lenenthal mit dem Rauhenſtein auf dem Ber⸗ ge. Kaum zwanzig Schritte vor ihm erkannte er den Vater Helenens. Im Galopp ſprengee er auf ihn zu.„Willkommen, edler Graf,„“ redete ihn Rauhenſtein an,„ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, Euch an der Grenze meines 4 Gaues empfangen zu koͤnnen.“ „Ihr erzeigt mir zu viel Ehre, ent⸗ gegnete der Graf, und umarmte den Ritter. Der einfache deutſche Ritter ſah mit ſeinem Gefolge gegen den reichen Grafen rech kuͤmmerlich aus. Er ſuchte den truͤben Ein⸗ druck zu verwiſchen, den Rauheneck durch ſeine Sene auf ihn gemacht hatte⸗ und ſchien — 1 — — 101— alſo recht heiter. Im wechſelſeitigen Geſprüch erreichten ſie den Burgpfad, Ritter Rauhen⸗ ſtein gab ein Zeichen und von der Zinne ſchmetterte nun die Muſik herab. Dieß uͤber⸗ raſchte den Grafen. Ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, reichte er dem Freunde die Hand. Je⸗ ner Elende hatte ja einen Stachel in ſein Herz gedruͤckt und ihm ſeine hoͤchſte Freude verbittert! Durch die Reihen der Gaͤſte ritt der ſchoͤne Graf von André durch die Burgthore in den Hof.„Faſt kennt man Eure Burg nicht mehr,“ ſagte der Graf laͤchelnd zu dem Ritter Nauhenſtein. Dieſer antwor⸗ tete ihm zwar, aber Graf Hugo verſtand nichts davon. Sie betraten jetzt den Gelag⸗ Gaden. Hier erblickte der Graf Helenen, die ſchoͤn gekleidet, in der Fuͤlle ihrer Reige auf ihn zueilte, um ihn zu begruͤßen, wäͤh⸗ rend er ruhig ſtehen Hlieh und die t naun 4 — 102— aufnahm. Ja, er konnte ſich kaum uͤber⸗ winden ihr die Hand zu kuͤſſen und eine Verbeugung zu machen, Worte hatte er heute nicht fuͤr ſie. Die Gaͤſte wurden ihm jegt nach der Reihe vorgeſtellt. Kaum erblickte er die lieb⸗ liche Ida v. Znaim, die er ſchon aus fruͤhe⸗ rer Zeit kannte, ſo flog er auf ſie zu, kuüßte ihr die Hand, ſagte ihr die groͤßten Schmeiche: leien und achtete nicht auf das Fluͤſtern der ſich in eine Fenſtervertiefung zuruͤck und legte die Hand auf das ſtuͤrmiſch pochende Herz, damit es die engen Feſſeln nicht durchbreche. Alle ihre Freude, ihr Entzuͤcken, war nun ſo plöoͤtzlich zertrummert.— Er ſchien ſie nicht mehr zu kennen, er hatte ja keine Worte, keinen Blick für ſie. Sollte denn dem rei⸗ chen Grafen nach noch mehr Reichthum ge⸗ luſten? da war Ida v. Inaim freilich ein Neide fuͤr ihn, denn ſie war ſehr iich Damen, die ihre Bemerkungen einander mit⸗ theilten. Helena war Zeuge hiervon, zog — 103— und auch ein recht liebliches Maͤdchen. Kaum vermochte ſie die Thraͤnen zuruͤck zu hal⸗ ten und wollte ſogar den Gaden verlaſſen, da traf ſie ein ſtechender Blick des Grafen und verſchaͤmt ſenkte ſie die Augen.„Er ver⸗ achtet mich,“ ſprach ſie leiſe zu ſich ſelbſt, „doch mein Gewiſſen iſt rein. Ich nahe mich ihm nicht wieder und ſollte mein Herz daruͤber brechen.“ 3. Die Spielleute erſchienen jetzt im Ga⸗ den. Die Tafel wurde mit den beſten Ge⸗ richten beſetzt und traurig lehnte Helena noch immer in der Fenſtervertiefung. Sie hatte die Blumen zerpfluͤckt, die ihre Bruſt ſchmuͤck⸗ ten, ohne es ſelbſt zu wiſſen und nach dem ungetreuen Grafen gar nicht hingeblickt. Die meiſten Gaͤſte ſaßen bereits an der Tafel, als ein junger Ritter ſich dem Fraͤulein Helena nahte, um ſie zur Tafel zu fuͤhren, welches ſie auch dankbar annahm. Ein heſtiger Schmerz durchzuckte aber ihre Bruſt, gls . ſie den Grafen und ihre Freundinn Ida gegen ſich uͤber ſitzen ſah. 1 Waͤhrend ſich nun alles der Freude uͤberliepßf, blickte nur ein Auge traurig umher, ſchlug nur ein Herz ſchmerzvoll, waͤhrend man haͤtte glauben ſollen, es gluͤhe vor Wonne und Ent⸗ zuͤcken. Ihr Ritter bemuͤhte ſich ſie zu unter⸗ halten, allein das Geſpraͤch gerieth gar oft 3 in Stockung, weil ſie ihm in der Zerſtreuung ganz verkehrte Antworten gab. Er hatte ja nicht einen Blick, nicht ein Wort fuͤr ſie ſondern beſchaͤftigte ſich ausſchließlich mit der lieblichen Jda v. Znaim. Die luſtigen Toͤne der Muſik klangen ihr wie Toͤne der Trauer und doch mußte ſie froͤhlich ſcheinen. Endlich wurde die Tafel aufgehoben. * Die juͤngern Ritter eilten mit ihren Damen in den Tanzſaal, waͤhrend die aͤltern ſich n den Spieltiſch ſetzten oder dem Gott Bachus noch ferner froͤhnten. Die Muſik begann. Der Ritter, welcher Helenen zur Tafel gefuͤhrt, eroͤffnete mit ihr — 105— den Tanz. Nach ihr folgte Graf André mit Ida und dann der groͤßte Theil der franzoͤ⸗ ſiſchen Ritter, die ſich alle durch ihren leich⸗ ten Tanz auszeichneten. Graf André verwen⸗ ddeete jetzt keinen Blick von Helenen, waͤhrend Wler nur muͤhſam einen Seufzer unterdruͤckte. Der Tanz war beendigt. Helena ſchuͤtzte die heftigſten Kopfſchmerzen vor und begab ſich dann in ihr Gemach. Als ſie ſich hier nun allein befand, brachen ihr die lang ver⸗ haltenen Thraͤnen hervor. Sie ſtuͤtzte das ſchoͤ⸗ ne Haupt auf ihren Arm, ſetzte ſich an das Fenſter und ſah uͤber das herrliche Thal, das vom Mondenſchein erglaͤnzte, nach dem We⸗ ge, den André gekommen war.„Taͤuſchung, wie bitter biſt du,“ ſagte ſie traurig, nahm ein kleines Kaͤſtchen aus einem Wandſchran und las einige Briefe nochmals, die ihr Andre geſchrieben hatte und deren Schluß immer lautete„Treue uͤber alles.“ 5 „Damals,“ fuhr ſie nach einer Pauſfe t fort,„waren meine Empfindungen vielleicht — 106— ſtrafbar, denn ſeine Gattin lebte noch, und jetzt, da ich nun glaubte, ſchuldlos in ſeinen Armen ruhen zu koͤnnen, verlangt er mein Herz und meine Umarmung nicht mehr. Die reiche Ida iſt ihm theurer, als die treue He⸗ lena. O Maͤnner! Maͤnner! wie ſpielt ihr mit den weiblichen Herzen!“ Haſtig ſprang ſie auf und ging in ihr Schlafgemach. Sie warf das feſtliche Ge⸗ wand, mit dem ſie ſich ſo ſorgfaͤltig geſchmuͤckt hatte, von ſich. Nun ſtand ſie in ihrem Nachtgewande da, wohl ſchoͤner und reizen⸗ der als im feſtlichen Gewande, aber auch weit trauriger. Sie oͤffnete das Fenſter und ſog begierig die Duͤfte ein, welche Blumen unnd Kraͤuter ausſtroͤmten. Allmaͤhlig wurde . ihr Gemuͤth beruhigter und ihr Schmerz ver⸗ Aor ſich in den lieblichen Traͤumen, die ſich aus der Vergangenheit hervorwanden. Ein allgemeines Vivat der Gaͤſte weckte ſie aus ihren Traͤumereien auf.„Reichthum und Ehrgeiz,“ fuhr ſie laut fort,„ſind die Goͤtzen r — 40 der Maͤnner, ſie ſchwaͤrmen, wo wir fuͤhlen, ſie taͤuſchen uns und ſich ſelbſt, die wir mit hoffnungsvollem Vertrauen in ein neues Le⸗ ben eingefuͤhrt zu werden glauben. Ach, ich liebte ihn ſo innig, haͤtte mich ſo gern fuͤr ihn aufgeopfert, da ſieht er ein reiches Maͤd⸗ chen und Helena iſt vergeſſen, mag ich dar⸗ uͤber zu Grunde gehen, was kuͤmmert es ihn? Auch ich will ihn zu vergeſſen ſuchen.“ Weh⸗ muͤthig blickte ſie nach ihrem Bette, wo ſie ſo oft und ſo ſchoͤn von ihm getraͤumt hatte. Da vernahm ſie die Tritte eines Kommenden und gleich darauf trat ihr Vater bei ihr ein. „Verzage nicht, Helena,“ ſprach er zutraulich, „der Graf liebt Dich noch mit demſelben Feuer, wie fruͤher. Verlaͤumdung— ſchaͤnd⸗ liche Verlaͤumdung hat ihn allein auf wenige Stunden von Deinem Herzen geriſſen.“ „Ich bin auf Alles gefaßt,“ entgegnete ſie, aber ein Strom von Thraͤnen ſtrafte dieſe Worte Luͤgen. Vergebens ſuchte ſie im Arm des Siuſe 3 ihr keiden zu vergeſſen, erſt gegen Morgen ſank ſie in einen leichten Schlummer. 13. Unten im Helenenthale war ein Pla zum Ringelſtechen auserſehen. Es war der⸗ ſelbe gut geebnet, mit rothem Sand beſtreut und mit einer Barriere umgeben, welche an zwei Seiten geoͤffnet werden konnte. Der eine Eingang war fuͤr die kampfluſtigen Rit⸗ ter und der andere fuͤr aͤltere Ritter und Da⸗ men, welche dem Ringelſtechen von erhoͤhten 3 Sitzen aus zuſehen wollten. Für Halenen, als Dankausſpenderin, war der hoͤchſte Siz bereitet. Die ſchoͤnſte Witterung ſchien den Genuß dieſes Feſtes noch erhoͤhen zu wollen. Waͤhrend die Gaͤſte auf Burg Rauhen⸗ ſtein noch ſchliefen und nur die Fnnxpan ſchaͤftig hin und her eilten, war Helena ſchon laͤngſt wach und befahl bereits ihrer noch müden Dienerin, ihr weißes geſticktes Kleid bereit zu legen. Sie hatte ſich entſchloſſen, ſich zu ſchmuͤcken wie eine Koͤnigin. Sie ſelbſt ordnete ihr kaſtanienbraunes Haar mit den zarten weißen Haͤnden und ließ die ſchwe⸗ reen Locken herab auf den blendend uͤppigen Nacken, und die Haare am Scheitel durch⸗ 1 flocht ſi ſie mit Baͤndern und Perlen. Unter einem eng anſchließenden Leibchen verbarg ſie die tobende Bruſt und ein goldener Guͤr⸗ l umſchloß den ſchlanken Lei.„Und we⸗ u dies alles?“ fragte ſie ſich jetzt, als ſie in den Spiegel ſah.„Wozu dies,“ fuhr ſie fort,„da es doch nicht fuͤr ihn iſt?“ Ihr Vater trat ein und wunderte ſich nicht wenig, die geliebte Tochter ſchon in vollſtändigem Anzuge zu ſehen. Bedenklich ſchuͤttelte er bei ſeinem Hinweggehen den Kopf und meinte:„Da werde einer 1n dem chen klug, geſtern graͤmt ſie ſih daß — 1101— ich denke, Helena wird krank, ſund heuke iſt ſie ſchon bei Sonnenaufgang geputzt, als ob der ſchoͤnſte Tag ihres Lebens erſchienen ſei.“ Der Graf von André hatte kaum ſein Lager verlaſſen, als ſich ſein Diener Laſalle bei ihm anmelden ließ.„Er moͤge kom⸗ men,“ ſagte der Graf, indem er hoffte durch ihn ſelbſt uͤber Helena etwas zu erfahren. Bleich mit eingefallenen Wangen, umm ganzen Koͤrper zitternd und auf einen Stock geſtuͤtzt, ein Bild des nahen Todes trat der fruͤher recht huͤbſche Juͤngling ins Gemach. Dieſer Bedauernswerthe ſollte alſo der Günſt⸗ ling Helenens ſein? Schon jetzt hielt er He⸗ lenen fuͤr ganz unſchuldig und die Erzaͤhlung Rauhenecks fuͤr eine ſchaͤndliche Lüge. 1. Der Graf war geruͤhrt. Er fuͤhrte ihn ſelbſt zu einem Seſſel, indem er ſagte:„So mußhich Dich wieder ſehen, Laſalei, e Wehmuͤthig laͤchelnd entgegnete er:„3ch wagte mein Leben, um das Fraͤulein Helena aus den Haͤnden ſchaͤndlicher Raͤuber zu — 111— ten. Und nun erzaͤhlte er ihm den ganzen Hergang mit einer Ausführlichkeit, daß der Graf nicht das geringſte Mißtyguen in ſeine Vorte ſetzte. 1 „Und welcher Lohn ward Dir von He⸗ lenen?“ fragte der Graf. „Um Lohn wagte ich mein Leben nicht,“ entgegnete Laſalle mit einem gewiſſen Stolze. „Fuͤr das Fraͤulein haͤtte ich gern, ohne die geringſte Gabe mein Leben geopfert, den f die Guͤte ſelbſt, ſie iſt ein Engel“.. inen Kuß wirſt Du doch als Lohn erhalten habens, ſuagte d der Graf ihn ſtatk fixirend. „Den erhielt e9,“ eitgegnete er mit leuchtenden Augen,„und mein gnaͤdiger Herr wiird darin gewiß nichts Strafbares finden. Die Schwatzhaftigkeit und Tuͤcke boͤſer Men⸗ ſchen hat Euch auch dieſes berichtet.“ Jetzt erzaͤhlte er dem Grafen, wie es ſich zugetra⸗ 1 en hatte, das⸗ er einen Auß eihiet. 4 — 112— traten ein und die Unterhaltung wurde ab⸗ gebrochen.„Nach dem Ringelſtechen erwarte ich Dich wieder bei mir,“ ſagte der Graf zu Laſalle und winkte ihm ſeine Entlaſſung zu. Noch war indeſſen der Graf von Hele⸗ nens Unſchuld nicht uͤberzeugt, wegen den Sternen⸗Rittern mußte er erſt Auskunft haben 3— und dieſe konnte ihm Laſalle wohl am Be⸗ ſten geben.— Der Graf ließ ſeinen Leibknappen ein 3 rreten, der ihm die ſilberne Ruͤſtung anlegen mußte, woruͤber er ein gruͤnſeidenes Gewand mit goldenen Troddeln zog. Er waͤhlte ein gruͤnes deshalb, weil dies Ida's Lieblings⸗ farbe war und auch ſie heute gewiß im gruͤ⸗ 4 nen Gewande erſcheinen wuͤrde. Die Ritter verſammelten ſich im Gelag Gaden, die Damen dagegen im Tanzſaal. Die Trompeten ſchmetterten als Zeichen zum Aufbruch. Helena warf noch einen Blick in den Spiegel und eilte dann mit be⸗ fuügelten Sehrittene nach dem Saale. Bei 3 — 113— ihrem Eintritt richteten ſich alle Blicke nach ihr und bei Muͤttern, deren Toͤchter mit ge⸗ genwaͤrtig waren, konnte man deutlich den Neid in allen Mienen leſen. Sie gruͤßte armte herzlich ihre gluͤckliche Nebenbuhlerin,— volle Liebe heute auch verſchoͤnert war. Und als ſie nun erſt Helenen von Kopf bis zu den Fuͤßen betrachtet hatte, ſagte ſie:„Wahr⸗ 3 lich, Helena, Du biſt heute ſehr ſchoͤn, weiß kleidet Dir weit beſſer, als Deine Lieblings⸗ Farbe blau. Schoͤner, lieblicher, ſah ich Dich nie, und ich wette, jeder Ritter vergißt ſeine Dame heute, wenn er teinen Blick auf Dich wirft.“ 1 Dieſe Worte dannen Helenen hoͤhniſch, weil ſie aus dem Munde der gluͤcklichen Ne⸗ Gedanken zu verſcheuchen. Nochmals ertoͤn⸗ ten die Trompeten. Die Damen ordneten Sternen⸗Ritter. freundlich nach allen Richtungen und um⸗ Ida von Znaim, welche durch ihre hoffnungs⸗ benbuhlerin kamen, aber doch ſchwieg ſie und ſuchte durch heitere Geſpraͤche ihre truͤben = 114— ſich Paar an Paar. Voran ging ein Knabe welcher auf einem ſeidenen Kiſſen, einen leich⸗ ten ſilbernen Helm mit Federn trug, als Prreis fuͤr den beſten Ringelſtecher. Kaum hatten ſie ihre Plaͤtze eingenommen, ſo ertoͤn⸗ ten zum dritten Mal die Trompeten, wo als⸗ dann die Ritter ſich auf ihre Roſſe ſchwan⸗ gen und nach dem Kampfplatz zueilten. An den zwei Seiten des innern Platzes waren zwei Pfaͤhle aufgerichtet, woraus aus jedem ein Ring von der Groͤße eines Tha⸗ lers hervorſah. In jedem Behaͤlter waren zwoͤlf Ringe und wer von den Rittern die Meiſten nach der Reihe mit der Lanze cb: ſtach, erhielt den Preis. 1 Kaum erblickte der Graf von André die herrliche Helena und gewahrte die Heiterkeit ihres Antlitzes, ſo waͤhnte er, daß ſie ihn— wirklich ſchon vergeſſen habe, ſprang von Roſſe und ging zu Ida von Znaim, um ſich mit dieſer zu unterhalten. Er wußte ja nie wie Helenen das Herz blutete. Aus — 415— Haͤnden wollte er in ſeiner jetzigen Stim⸗ 4 mung den Preis nicht erhalten, deſſen er ziemlich gewiß war, weil er ſich im Rin⸗ gelſtechen eine erſtaunliche Fertigkeit erworben hatte. Die Damen fluͤſterten mit einander dar⸗ uͤber, daß der ſchoͤne Graf André nicht Theil⸗ am Kampffpiel nehmen wollte und hatten die verſchiedenartigſten Muthmaßungen. Das Zeichen zum Anfang des Ringel⸗ ſtechens wurde durch Pauken⸗ und Trompe⸗ tenſchall gegeben. Ein Unger ritt in die Schranken. Zwei Mal ritt er erſt im Kreiſe umher, damit ſein Roß waͤhrend dem Ste⸗ chen keine Unarten begehe, dann erſt legte er die Lanze ein und im vollen Carriere reitend, ſtieß er fuͤnf Ringe ab, bei dem ſechsten fehlte er und verließ mißmuthig die Schran⸗ ken. Sein Nachfolger ſtieß nur drei Ringe ab und ſo ging es fort mit abwechſelndem 8 Gluͤck und Geſchick. Jetzt ſprengte Ludwig von Greifenſtein in die Schranken dbe de — 116— ſelbe, welcher die Sternen⸗Ritter verlaſſen und Seraphinen de la Borgia, als Gattin heimgefuͤhrt hatte. Ruhig und feſt legte er ſeine Lanze ein und ſtach nach der Reihe drei und zwanzig Ringe ab, ehe er den viet und zwanzigſten abſtach, ſtuͤrzte ſein Roß. Triumphirend blickte nun Greifenſtein im Kreiſe umher und rief:„Wer will noch ſtechen?“ Keine Antwort erfolgte, doch als er zum zweiten Mal rief, ſprengte der Graf André in die Schranken, der aͤrgerlich dar⸗ uͤber war, daß die uͤbrigen franzoͤſiſchen Rit⸗ ter nicht beſſer geſtochen hatten. „Welch ein ſchoͤner Mann,“ fͤſterten 4 ddie Damen einander zu und wuͤnſchten ihn als Sieger zu ſehen. Helena bebte, wven 1 ſie daran dachte, daß ſie ihm den Pahis rei⸗ Gen muͤſſe. Mit Gewandheit tummelte der Graf in⸗ . beſen ſein Roß und begann dann das Ste⸗ chen. Er ſtieß mit der groͤßten Sicherheit und holte zum allgemeinen Jubel auch drei — 117— und zwanzig Ringe herab, allein bei dem vier und zwanzigſten ſenkte er ſeine Lanze, und erkannte den Ritter von Greifenſtein als Sieger an. Dies erregte abermals Auf⸗ ſehen, doch ahnete Niemand den wahren Grund. Da ſich kein Kaͤmpfer mehr fand, ſo wurde dem Ritter von Greifenſtein der Preis zuerkannt, der denſelben aus den Haͤnden der zitternden Helena erhielt. Das Ringelſtechen war beendigt. Die Ritter ordneten ſich zum Ruͤckzuge nach der Burg. Voran ritten die Muſici, dann folgte der Sieger und an ſeiner Seite die Preis⸗ austheilerin und der Graf von André, dann erſt die uͤbrigen Ritter. Helena ritt auf einem herrlichen Zelter und bezauberte durch ihre Schoͤnheit und Anmuth alle Herzen. Der Graf ſprach zwar mit Helenen nicht, allein er ſuchte auch die Blicke Ida's zu vergzeiden. An der Thuͤr zum Gemache des Harn wartete bereits der treue Laſalle. Der Graf *.=— 118— ſtreichelte ihm die blaſſen Wangen, verſchloß ſein Gemach und ließ den Kraftloſen gegen ſich uͤber ſetzen. Er fragte ihn ohne Winkel zuͤge, wie es gekommen waͤre, daß die Ster⸗ nen⸗Ritter nach Palaͤſtina gezogen waͤren. Laſalle ſchilderte mit Feuer, daß Helena nur ihn, den Grafen liebe, und daß ſie nur des⸗ halb den Sternen⸗Rittern das Verſprechen gegeben habe, einem von ihnen ihre Hand zu reichen, wenn er das Nuͤtzliche und Ange⸗ nehme zugleich ihr uͤberbringen wuͤrde. Sie haͤtte hierdurch wenigſtens ein Jahr Zeit ge⸗ wonnen und wenn nun die Sternen⸗Ritter wirklich zuruͤckkehrten, ſo ſtaͤnde es ja immer och in ihrem Belieben, ob ſie ein Geſchenk anerkennen wolle, das die verlangten Eigen ſchaften beſitze.„Sie mußte ſo handeln,“ ſchloß er ſeine Erzaͤhlung,„denn ſonſt wuͤr⸗ den die aͤrgſten Fehden entſtanden ſein./. „Walther von Merkenſtein,“ meinte der — 119— „Daß dieſer Ritter dle meiſte Achtung ver⸗ diente, iſt gewiß,“ entgegnete Laſalle,„indeß habe ich nicht bemerkt, daß ſi ſie ihn gegen de* 1 uͤbrigen ausgezeichnet haͤtte. Solch ein Herz, wie das des Fraͤuleins, kann nur ein Mal lie⸗ ben, Ihr ſeid der Gluͤckliche, den es auserkohr.“ Der Graf ging mit großen Schritten im Gemache umher. Er ſchien gewaltſam mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, dann blieb er vor dem Diener ſtehen und ſagte:„Kennſt Du das Kammermaͤdchen des Fraͤuleins?“ „Ich ſpreche ſi ſ e taglich, lautete die Antwort. „So beſcheide ſe ſie nach aufgehobener Ta⸗ ffel zu mir,“ gebot der Graf.„Da nimm dieſe ſilberne Kette und trage ſie zu meinem Andenken.“ Laſalle verbeugte ſich, küͤßte dem Herrn die Hanb und wankte fort. ...... Die Freuden der Tafel hatten bereits ihren Anfang genommen, als der Graf in den Gelag⸗ Gaden trat. Helena, die von ihm vbe bannte Geliebte, prangte an des Siegers S te. Dieß Gluͤck konnte auch ihm zu Theil 4 geworden ſein, wenn er den Verlaͤumdungen des elenden Rauheneckers keinen Glaube geſchenkt haͤtte. Ida v. Znaim ſchien auf den ſchoͤnen Grafen gewartet zu haben, denn ſie trat aus einer Fenſtervertiefung auf ihn zu, wo er ſich 1 dann genoͤthigt ſah, ſie zur Tafel zu fuͤhren. Sda war etwas betroffen, als ſie auf ſeine 4 Kleidung ſah, d deln er trug nicht mehr das 3 3 grunſeidene Gewand, ſondern ein weißes, doch ſuchte ſie ihren Unmuth zu verbergen, welches ihr aber nicht gelingen wollte. De 8 4 lena aus meinem Herzen geriſen. Jeder Augenblick, wo ſie mir nicht vergeben hat, wird mir zur fuͤrchterlichſten Qual. Unmoͤg⸗ lich kann ich aber in der Geſellſchaft Heler nen um Verzeihung bitten, deshalb beſtehh meine Bitte darin: mich in dieſer Nacht, ſo 2 nach Selenen, die in einer bedeutenden Ent⸗ fernung von ihm ſaß und auch nach ihm oͤf⸗ ters heruͤber ſchaute. Kaum war die Tafel aufgehoben, ſo eilte der Graf wieder nach ſeinem Gemach, wo er La⸗ ſalle und das Kammermaͤdchen antraf. Er⸗ ſterem winkte er ſeine Entlaſſung zu ndin das Maͤdchen wandte er ſich mit den Wor⸗ ten:„Schoͤnes Maͤdchen, ich habe eine Bitte an Dich, willſt Du ſie wohl erfuͤllen?“ „Ich ſtehe ganz zu Eurem Seſeh 44 entgegnete ſie. Der Graf ſtreichelte ihre Wangen und fuhr fort:„Die Verlaͤumdungen eines ſchlech⸗ ten Menſchen hatten einen Tag Fraͤulein H — 122— bald das Fraͤulein die Geſellſhaft weuffa hat, zu ihr zu fuͤhren.“„ 8⸗ 8„Nur dies verlangt nicht von mir,“ bat ſie,„das Fraͤulein wuͤrde mir darob zuͤrnen.“ „Sie wird nicht auf Dich zuͤrnen,“ meinte der Graf,„erfuͤlle meine Bitte, liebes 5 ſchoͤnes Maͤdchen, Du kannſt doch gewiß bei Deinem guten Herzen nicht gleichgüͤltig bleiben, wenn Du ſiehſt, wie ich leide. Alle Verantwortung nehme ich auf mich.“ Das Maͤdchen haͤtte ſich indeſſen doch nicht zureden laſſen, wenn der Graf ſeinen Worten nicht durch einige Silberſtuͤcke Nach⸗ druck gegeben haͤtte. Befriedigt Iähiaden Ai beide Theile von einander.: 8 Kaum hatte der Graf den Saal wiedet 8 betreten, wo ſich Paar an Paar im luſtigſten Reigen drehte, als ein allgemeiner Angſtruf ertoͤnte. Es war naͤmlich Feuer in einem Theile der Burg ausgebrochen. Durch die Thaͤtigkeit einiger Knappen wurde jedoch das Feuer, welches durch einen Frevler angelegt — 123— woorden war, binnen wenigen Minuten ge⸗ daͤmpft. Allles uͤberließ ſi f ch nun wieder der Freude. Lange wollte es dem Grafen nicht gelingen, Helenen ſprechen zu koͤnnen, weil ſie immer von einem Heere Anbeter gleichſam belagert war. Jetzt zoglſie ſich aber in eine Fenſter⸗ bruͤſtung zuruck und auf dem Fuße folgte ihr der Graf.„Ich habe Euch verkannt, glaubte den Worten eines Elenden,“ begann er,„doch verzeiht mir, holde Helena, die Liebe verzeiht ja ſo gern— ſo willig—“ Mit Wuͤrde betrachtete ihn Helena und wollte antworten, allein ihre Freundin Ida kam lachend auf ſie zugehuͤpft und das Ge⸗ ſpraäͤch war beendigt. Der Tanz begann wieder. Der Graf 8 forderte Helenen auf, doch ſchien ſie ſeiner Einladung nur ungern zu folgen. Unmittel⸗ bar nach ihr folgte Ida, und es war daher dem Grafen unmoͤglich, ſeiner Taͤnzerin ſeine Neue darzuſtellen, voch als er eng mit ihr 4 — 124— verſchlungen dahin flog, fluͤſterte er ihr zu: „Zuͤrnet mir nicht, noch heute muß ic Euch allein ſprechen.“ „Heute nicht mehr,“ entgegnete ſie feſt, und konnte nicht unterlaſſen, einen triumphi⸗ renden Blick auf ihre Nebenbuhlerin zu werfen. Der Tanz war beendigt und von jetzt an war es dem Grafen unmoͤglich, die Ge⸗ liebte nochmals zu ſprechen, weil ſie ſtets in Idas Begleitung war, die hierdurch die An⸗ naͤherung der Liebenden verhindern wollte. Siemlich ſpaͤt verließ Helena den Platz der Freude mit der Hoffnung, daß ſie den Geliebten wieder errungen habe. Ida von Znaim ſuchte nun den Grafen noch zu feſſeln, damit er noch laͤnger bleibe allein er ſchuͤtzte ein Uebelbefinden vor und begab ſich hinweg. 1 In einem dunkeln Gange, der nach d den Gemaͤchern des Fraͤuleins fuͤhrte, harrte Graf Hugo ungeduldig auf die Ankunft der Zofe. In ſeiner Ungeduld erppte er in der Dur kelheit mit leiſen Schritten vorwaͤrts. Da vernahm er raſche maͤnnliche Tritte und in der Angſt fluͤchtete er ſich hinter einen Pfei⸗ ler. Die Schritte kamen naͤher, der Glanz eines Lichtes ward ſichtbar und deutlich ſah er Helenens Vater und die Zofe leuchtend von der Tochter kommen. Gleich darauf kam die Zofe wieder zu⸗ ruck. Sie hatte den Grafen hinter dem Pfei⸗ ler bemerkt und winkte ihm jetzt, ihr zu folgen. Sie traten in das Gemach der Zofe, dieſe oͤffnete vorſichtig eine zweite Thuͤr, wel⸗ 4 che ſie nach des Grafen Eintritt ſogleich ver⸗ riegelte. André fuͤrchtete Verrath und zog ſein Schwerdt. Seitwaͤrts ſchimmerte ihm aus einer Spalte Licht entgegen. Er kam an eine Thür, welche er ſogleich offnete Da ſaß die ſchoͤne Helena, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, vor ihm. Das Schwerdt flog in die Scheide, er ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder, ergriff die Hand der Eiſgrcenan bnd bedeckte ſie mit 8 — 126— ſeinen Gluthkuͤſſen. Gern haͤtte ſie ihm dieſe antzogen, aber es fehlte ihr an Kraft.„Ich bitte Euch, Graf Hugo,“ ſtammelte ſie,„ent fernt Euch.“ „ Ich ſoll mich entfernen?“ entgegnete er, und das liebliche Laͤcheln, was alles um ihn her bezauberte, verbreitete ſich uͤber ſein Ge⸗ ſicht,„das ſprach die Liebe nicht aus Enkem Herzen.“ „Was that ich Euch,“ fragte Helens ſchmerzlich„daß Ihr ſeit Eurer Wiederan⸗ kunft auf Rauhenſtein mich nicht ohr zu kennen ſchienet?“ „Der ſchaͤndliche Rauhenecker hatte Euch bei mir verlaͤumdet, aber er ſoll ſeiner Strafe nicht entgehen,“ antwortete der Knieende, ich machte Eurer Freundin den Hof, um Euch wehe zu thun und Euch zu zeigen, daß ich Euch verachte.“ „Und etwas Boͤſes konntet Ihr von mir glauben?“ fragte weinend Helena. „Mußt ich nicht da der Schein geg — 122— Luch war? Mein Diener Laſalle gcb mir aber Auskunft uͤber alles.. 8 „Der gute Menſch,!“ ſagte Helena nachdenkend.„Doch— ſteht auf, Graf, ich verzeihe— ich vergebe Euch. Nun⸗ aber bitte ich Euch nochmals, entfernt Euch von mir, damit mein guter Ruf nicht leide. Bitte, geht, wenn Ihr mich wirklich liebt, wenn Ihr mich achtet.“ „Ich kann ja nicht!“ „Laßt nur Euer Herz ſprechen, es wird CEunch ſagen, was Ihr mir ſchuldig ſeid.“ „Helena, traute Helena,“ rief er ſie um⸗ ſchlingend,„Ihr ſeid grauſam.“ „Ich muß ja,“ entgegnete ſie bebend. „Nur einen Kuß gebt mir von Euren. wuüͤrzigen Lippen,“ bat er. Konnte ſie dies dem Geliebten verwei⸗ gern? Sie lag lange in ſeinen Armen und ein Kuß ward ihm zu Theil, der ſo voll Feuer war, wie er ihn noch von keinem Mäde 5 — 128— Die Toͤne einer Laute weckten das lie⸗ bende Maͤdchen aus dem Taumel beglückter 3 Liebe; ſie wand ſich aus ſeinen Armen und trat an das Fenſter. Der ungluͤckliche La- ſalle griff zitternd in den Saiten ſeines In- ſtruments umher. Helena hatte indeſſen Muth⸗ geſchoͤpft. „Wir muͤſſen uns trennen, Herr Graf,“ ſagte ſie ſanft, und legte ihre Hand auf ſeine Schulter.„Warum Ihr mich batet, gewaͤhrte ich Euch mit einer bedeutenden Zulage. Zum Abſchiede gebe ich Euch noch einen Kuß. Erlaubt, daß ich meine Zofe rufe.“ Der Graf erwiederte nichts, ſondern zog ſtillſchweigend einen koſtbaren Ring mit Dia⸗ manten beſetzt von ſeiner Hand und reichte denſelben der Geliebten. Dieſe flog entzuͤckt in ſeine Arme und von neuem ruhte! Mund auf Mund. Helena war nachgebender ge⸗ worden, doch weckten ſie die Toͤne der Laute nochmals aus ihrem Taumel. Sie rief haſtg ihre Zofe herbei. — 129— „Wenn eher ſpreche ich Euch wieder?n fragte ſtuͤrmiſch der Graf. „Die reine Jungfrau Helena ſprecht dhe eu, hier nicht Meder,“ entgegnete ſie. „Und auf ewig ſoll ich mich von Euch entfernen?“ fragte der Graf, ihrs Hand kuͤſſend. „Nein, das ſollt Ihr nicht,“ entgegnete ſie,„ſo lange Ihr meinem Herzen feſt ver⸗ traut, wird es auch fuͤr Euch ſchlagen. Tan gute Nacht.“ „Treu werde ich Dir und meiner Liebe ſein,“ rief der Graf. Die Zofe trat mit einem Lichte ein. Helena druͤckte ſelbſt den Abſchiedskuß auf ſeine Lippen. Die Zoſe leuchtete ihm durch den langen dunkeln Gang. bis zur großen Treppe. Helena war wieder gluͤcklich, ſie hatte den Geliebten wieder errungen. Ein ſuͤßer Schlum⸗ mer deckte bald die Augen der Muͤden Sternen⸗Ritter. Der Ruf zur Fehde hallte durch alle Gemaͤcher der Burg und weckte auch Fraͤu⸗ lein Helenen auf.. Der Graf von André hatte am fruͤhen Morgen dem Ritter Heinrich von Rauhen⸗ ſtein die Verlaͤumdungen des ſchaͤndlichen Al⸗ bert von Rauheneck mitgetheilt. Da nun voraus zu ſehen war, daß der Rauhenecker einen Zweikampf nicht annehmen wuͤrde, ſo wurde die Fehde beſchloſſen, weil jetzt der guͤnſtigſte Zeitpunkt zu ſein ſchien, denn die meiſten Gaͤſte wuͤrden gewiß an der Fehde mit Theil nehmen. 1 Der Burgpfaffe mußte den Fehdebrief aufſetzen, den der Graf von André, der Rit⸗ ter von Rauhenſtein, ſo wie die meiſten der Gäͤſte unterzeichneten. Jetzt war die Ver⸗ nichtung des Rauheneckers augenſcheinlich. — Nach allen Richtungen flogen Boten uufen weil binnen drei degrn die dahde 5 be⸗ ginnen ſollte. Auf Rauhenſtein herrſchte ein wiſtes kriegeriſches Getuͤmmel, das die allgemeine Freude und den Pomp verdraͤngt hatte. Ver⸗ geblich war Helenens Bemuͤhen, alles in Guͤte auszugleichen, damit nur die Fehde unterbleibe.„Der Bube hat Euch gelaͤſtert,“ ſagte der Graf in Gegenwart ihres Vaters zu ihr,„und wer dies thut, der muß vor 4 meine Klinge.“ „Und wenn Ihr im Kampfe ſi eiet?n fragte ſie ihn leiſe. „ Dann würde Helena meinem Andenken ne Thraͤne weihen,“ entgegnete er duͤſter. „und was wuͤrde aus Eurer Helena werden? O Maͤnner, wie kalt t ſuid Eure Herzen!“ „Ihr waͤhltet Euch einen Afbande Gelt n,“ meinte er, und ſah ſie forſchend an. Er hatte ihr mit dieſen Worten wel — 132— than, ihre Augen füllten ſich mit Thraͤnen und ſie wendete ſich von ihm ab. Ihre Freundin Ida trat eben ein und gewahrte recht gut, daß unter den Liebenden etwas vorgegangen ſein muͤſſe, deshalb ſchopfte ſie von neuem Hoffnung, wendete ſich an den Grafen und dieſer begann wieder ſich recht eifrig mit ihr zu unterhalten, nur um auch in dieſem Herzen noch einen vollſtaͤndigen Sieg davon zu tragen.. Stuͤndlich kamen Streiter auf dem Nau⸗ henſtein an und zwar ſo zahlreich, daß ſie die Gemaͤcher der Burg nicht alle zu faſſen vermochten, ſondern mehrere hundert auf dem Burghofe uͤbernachten mußten. Albert v. Rauheneck war von einem nicht 3 geringen Schrecken uͤberfallen worden, als er Kunde erhielt von der Maſſe der Streiter auf Rauhenſtein. Zur Vertheidigung ſeiner Burg vermochte er nicht mehr als hoͤchſtens vierzig Mann zuſammen zu bringen, er ſah 6 alio recht gut ein, baß ſeine Burg erober — 133— werden wuͤrde und dießmal durch Gewalt der Waffen kein Heil fuͤr ihn zu erwarten ſei. Durch Liſt wollte er ſich der nahenden Ge⸗ fahr entziehen und alsdann ſeine Feinde ein⸗ zeln vernichten, welches ihm gewiß auch zum Theil gelungen waͤre, wenn des Schickſals Hand ihn nicht ergriffen haͤtte. Doch wir wenden uns wieder nach dem Rauhenſtein. Spaͤt am Abend vor dem Beginn der Fehde ſaßen die Ritter noch bei den blinken⸗ den Pokalen. Die Damen hatten ſchon laͤngſt ihre Ruheſtellen aufgeſucht, um nicht laͤnger Zeuge vom unmaͤßigen Trinken der Ritter zu ſein. Graf Hugo entfernte ſich aber auch, als Helenens Zofe ihn bei Seite winkte und ihm im Namen ihrer Herrin ein koſtbar geſtick⸗ tes Wehrgehaͤnge von himmelblauer Seide mit Silber durchwebt reichte.„Ich muß Deine Herrin noch heute ſprechen,“ ſagte er zu ihr. 1 „Das iſt unmoͤglich,“ entgegnete ſie, mei⸗ ne Herrin ruht bereits ſeit zwei Srunden 8 den Federn.“ — 134— „Schadet nichts,“ meinte er,„fuühre mich nur zu ihr, ich gebe Dir Perlen und Gold.“ „Die Thuͤr des Fraͤuleins bleibt heute 1 fuͤr Euch verſchloſſen,“ ſagte ſie ernſt,„bei dem erſten Verſuch, wo Ihr Gewalt anzu⸗ wenden ſucht, ſchreie ich um Huͤlfe.“ Der Graf war durch ihre Worte zum rich⸗ tigen Bewußtſein zuruͤckgekommen. Er ließ deem Fraͤulein fuͤr ihr Geſchenk danken, druͤckte der Zofe ein Silberſtuͤk in die Hand und ging hinweg.. Kaum graute der junge Tag, ſo wurde luch ſchon das Zeichen zum Aufbruch in aller Stille gegeben. Die zahlreichen Streiter ſetz⸗ ten ſich unter Anführung ihrer Ritter in Be⸗ wegung und ruͤckten ſo gegen Burg Rauheneck. Als die Strahlen der aufgehenden Sonne die Gipfel der Berge beſchienen, war bereits die Burg von allen Seiten umringt. Kein Feind ließ ſich weder auf den Mauern, noch auf den Wachthuͤrmen blicken, aber aus dem Innern deer Burg wirbelte eine Rauchſaule kerzenge⸗ — 135— rade in die Hoͤhe, die mit jeder Minute an Umfang zunahm. Ein Herold, der bis zum Burgthor vorritt und zur Übergabe der Burg aufforderte, er⸗ hielt keine Antwort. Jetzt drang auch Feuer aus den hohen Fer⸗ ſtern und man muthmaßte, daß die Burg vom Feinde verlaſſen ſei, der ſich durch einen unter⸗ irdiſchen Gang gerettet habe. In wilder Haſt ſtuͤrzten nun die Krieger nach dem Thore, wel⸗ ches gar. bald den vereinigten Anſtrengungen wich. Das Feuer hatte indeſſen ſchon ſo um ſich gegriffen, daß bereits die Haͤlfte der Burg in Flammen ſtand. An der Pforte fand man ein Pergament angeſchlagen, welches dem Rit⸗ ter von Rauhenſtein eingehaͤndigt wurde. Die⸗ ſer ergriff es und las:. iDieß Mal bin ich genoͤthigt, der Über⸗ macht meiner Feinde zu weichen, allein meine Rache wird nicht ausbleiben. So lange ich das Schwerdt noch fuͤhren kann, werde — 136— ich auch ein Schrecken meiner Feinde blei⸗ ben und ſie nach der Reihe vernichten. Bald werde ich im Beſitz einer neuen ſchoͤnern Burg ſein. Ritter A. v. Rauheneck.“ Obgleich alle Gegenſtaͤnde von Werth aus der Burg hinweg geſchafft worden waren, ſo fanden Knappen und Reiſige doch noch Mancherlei, das ihnen gefiel und als Beute 4 hinweg gebracht wurde. Hitze und Rauch vertrieben die Sieger gar bald aus der Burg, doch vergroͤßerten ſie an der einen Seite noch vorher das Feuer, ſo daß bald nur noch das Mauerwerk der Macht des Feuers widerſtand. Vergeblich waren alle Nachſuchungen, dem entflohenen Feinde auf die Spur zu kommen, weshalb gegen Mittag der Ruͤckweg nach Rau⸗ henſtein auch angetreten wurde und zwar unter lautem Jubel und dem Klange der Muſik. Dieſer Sieg hatte zwar Niemanden das Keben gekoſtet und der Feind war ſogar aus Burg vertrieben, allein er war maͤchtiger — 137— wie früher, weil er wahrſcheinlich die Bur⸗ 3 gen ſeiner Feinde in der Nacht uͤberfallen und ſie einzeln zuͤchtigen wollte. Die meiſten Ritter ließen daher aus Beſorgniß ihre Leute ſogleich wieder aufbrechen und den Ruͤckweg antreten, ſo daß am Abend nur die Gaͤſte noch auf Rauhenſtein ſich befanden, wo man ſich bei dem Becher von den ausgeſtandenen Strapazen und Gefahren erholte. In eben dieſer Nacht wollte der Ritter von Rauheneck die Butg Greifenſtein uͤber⸗ fallen, die Beſatzung niederſaͤbeln und die Burg ſelbſt den Flammen preisgeben. Als er aber am Rande eines Felſens vorbei ritt, gleitete ſein Pferd aus und riß den Reiter in eine jaͤhe Tiefe mit hinab. Seine Leute fan⸗ den ihn am Fuße des Felſens ohne Bewe⸗ gung. Der Helm wurde ihm abgenommen und ein Blutſtrom drang ihm aus dem Munde. Alle Mittel, ihn zu neuem Leben zu erwecken, blieben fruchilos⸗ Der pon ſeinen Leuten nicht — 138— um deren einzelne Stucke ſich die Knappen mit den Flammbergen ſchlugen. Der faſt nackte Koͤrper blieb unter freiem Himmel als Speiſe der Voͤgel liegen. Knappen und NReiſige trennten ſich noch in derſelben Nacht und faſt jeder ſchlug einen. andern Weg ein, um einen neuen Herrn auf⸗ zuſuchen. Der Tod des Ritters von Rauheneck 1 konnte wirklich von den verbuͤndeten Rittern als eine Wohlthat betrachtet werden, denn ihm waͤre es ein Leichtes geworden, die meiſten Burgen ſeiner Feinde in der Nacht zu erobern. Der Name eines Raubritters hatte fuͤr ihn s Abſchreckendks. Rache und Begierde eute leiteten ihn ausſchließlich. Gott mate je gar hnel gerichtet. — 139— 16. Der Graf v. André erhielt am ſpaͤten Abend durch einen zuruͤckkehrenden Boten von Wien die beſtellten goldenen Armbaͤnder und wenige Minuten darauf ſprach er Helenas Zofe, die ihm fuͤr einige Silberſtuͤcke gelobte, ihn wieder in das Gemach der Herrin zu fuͤhren. Ida v. Znaim bemuͤhte ſich wieder mit dem ſchoͤnen Grafen in Beruͤhrung zu kommen, allein dieſer ſuchte ſie zu vermeiden und un⸗ terhielt ſich faſt ausſchließlich mit Helenen; da aber faſt ſtets alle Blicke auf ihn gerich⸗ tet waren, ſo huͤtete er ſich doch, ihr das zu ſagen, was er unter vier Augen gern gethan haͤtte und deshalb bat er ſie leiſe, ihm doch zu erlauben, daß er ſie wieder i in dieſer Nacht beſuchen duͤrfe. Helena ſchlug es ihm ab. Kaum bemerkte indeſſen Ida von Znaim, daß etwas Wichtiges zwiſchen dem Gra fen änd Helenen abgehahdalt wunde⸗ ſe 1 — 140— trat ſie zwiſchen Beide und wendete ſich an Helena, mit den Worten:„So eben ſagt mir mein Vater, daß ich morgen mit ihm aach Wien reiſen ſollte. Es wird mir wirk⸗ lich recht ſchwer, mich von Dir zu trennen.“ „Laß Deinen Vater abreiſen und bleihe Du hier,“ meinte Helena, weil ſie die Neben⸗ buhlerin nicht mehr zu fuͤrchten noͤthig habe, wie ſie waͤhnte. Die Damen entfernten ſich allmäͤhlig vom Gelage, welches der Graf mit wahrer Sehn ſucht erwartete. Helena und Ida verließen den Gelag⸗Gaden zugleich, um noch im 88 Burggarten zu luſtwandeln, waͤhrend der Graf die Armbaͤnder herbeiholte und im fin⸗ 4 ſtern Gange auf die Ankunft der Zofe harrte. Sie erſchien aber nicht und mit jeder Minute vermehrte ſich ſeine Ungeduld. Weibliche Stimmen ſtoͤrten ihn endlich, er trat wieder hinter den ſchutzenden Pfeiler und ſah nun Idas af mit einem Lichte, welche den beiden — 2— 141— Fraͤulein von Jnaim und Rauhenſtein nach ih⸗ en Schlafgemaͤchern leuchtete.. Der Graf befand ſich wieder im Dun⸗ Leln, doch bald erſchien die erwuͤnſchte Zofe und winkte ihm, eilig zu kommen. Moͤglichſt leiſe folgte er ihr, doch ging eben unverhofft eeine Thuͤr auf und heraus trat Ida's Zofe, Bei dem Anblick eines in einen Mantel ge⸗ äͤllten Mannes begab ſie ſich ſchreiend in das Gemach zuruͤck und ſtattete ihrer Gebie⸗ terin ſogleich Bericht ab. Da Helenens Zofe erkannt worden war, ſo zweifelte man nicht laͤnger, daß der Herr der ſchoͤne Graf ge⸗ * we en ſei. Der Graf zöͤgerte die e Thür zu öffnen, er ſcheute ſich in ſeinen Himmel einzutreten. 8 Jetzt, ein leiſer Druck, die Thuͤr oͤffnete ſich und ein Schrei entfuhr Helenen, denn ſie ſaß am Tiſche im Nachtgewande. „Ohne meine Erlaubniß betretet Ihr, 8 85 Her Graf, dies Gemach alſo nochm 24 — 12— fragt ſi ſie nach Uebergang des erſten kens. ir „Zuͤrnet nur nicht,“ bat der Graf,„und elaubt, daß ich Euch hier ein kleines Ge⸗ . ſchenk uͤberreichen darf.“ Dankend nahm es Helena an, dann rich⸗ tete ſie aber ernſte Worte an den Grafen, indem ſie begann:„Warum gabt Ihr mir dies Geſchenk nicht in Gegenwart meines Vaters? Warum kommt Ihr in ſpaͤter Nacht zu mir? Wollt Ihr meinen guten Ruf auf das Spiel ſetzen?“ Der Graf ſchwieg verlegen, auf ſolche Fragen zu antworten, war er nicht gefaßt. „, SIch bitte Euch herzlich, Graf, verlaßt mich, und wenn Ihr mich liebt, ſo beweiſet es durch die Achtung, die ich wohl ver⸗ diene.. Der Graf ſand unſchlüſſig vor dem ſchoͤnen Maͤdchen. Er füͤhlte das Gewiht 1 ihrer Worte und daß ſie Recht habe.„He⸗ lena⸗n begann er mit innigem Lone, Iw hl⸗ —— 143— follte ich gehen, aber kann ich denn? bin ich nen uͤber nicht wie feſt gebannt? wird es mir denn moͤglich Euch am Tage ſo traulich, ſo allein zu ſprechen? Nur hier iſt es mir ja vergoͤnnt, Euch das zu ſagen, was ich fuͤr Euch fuͤhle, wie unaus nechlich ich Euch liebe, ich ſchwoͤre— „Haltet ein! Graf,“ fiel ihm Helena in die Rede, ich verlange weder Betheuerun⸗ gen, noch Schwuͤre. Setzt Euch an meine Sceeite, ich erwarte keine Unzartheit und bitte Cuch, hoͤrt mich ruhig an, ich habe auch an Cunch einige Worte zu richten. Ihr liebt mich? ich will es glauben, obgleich ich wohl lhurſache haͤtte, auch etwas an das Gegentheil zu glauben. Was ich fuͤr Euch empfinde, haben Euch mein Auge, mein Mund ſchon damals geſtanden, als Eure Gattin noch lebte. Die Jungfrau Helena v. Rauhenſtein hat nichts zu bieten als einen edlen Namen und ein reines Herz. Aber was iſt jener. wenn nicht der Schimmer des Golde — 144— 4 Bilder der Ahnen erhaͤlt. Ich beſitze Fein Gold wie Ida v. Inaim oder Iſabella v. Rosny, ich vermag Euch dies nicht zu bieten. Es ſcheint faſt als ob Ihr mir nur meine Ruhe rauben wolltet, doch gebe ich Euch mein Wort, 4 daß ich nur dann ganz die Eurige bin, wenn meine Pflicht es mir erlaubt.“ 3 Der Graf war hierauf um keine Antwort verlegen, doch horchten beide einige Augen⸗ blicke auf die Toͤne einer Lauke, wozu ma Laſalle's ſchwache Stimme erkannte. Sie verſtanden von ſeinem Geſange nur die letzte Worte„Treue uͤber⸗alles.“ „Treue uͤber alles!“ wiederholte Helen dumpf vor ſich hin und legte die Hand auf das Herz.. „ ,a, Treue uͤber alles,“ ſagte der Gin laut und reichte Helenen die Hand,„vertraue — 145— Erdenleben!“ Er kuͤßte ihre Hand, druͤckt Qdas liebende Maͤdchen ans ſein Herz, bedeckte ihren Mund mit unzaͤhligen Kuͤſſen und al⸗ les duldete ſie jetzt, weil ſie feſt aif ſeine Worte baute. „Nun, ſo will ich denn Euren Worten Vertrauen ſchenken,“ liſpelte ſie ſanſt und ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt.„Ach, 1 ſchon damals liebte ich Euch ja, als Eure LGattin noch lebte.— Ach, was habe ich gelitten, als Ihr mich nicht mehr zu kennen ſchienet und nur Augen fuͤr Ida hattet!“ Indem verloͤſchte das Licht. Der Gaß hob ſeinen Arm und ſtreckte ihn hinaus zum* 3 othiſchen Fenſter.„In dieſem feierliche Augenblicke ſchwoͤre ich Dir, Helena, uner⸗ ſchuͤtterliche Treue, keine Macht ſoll mih von Dir trennen.“ Helena ſeufzte aus tiefer Bruſt. Eine trüͤbe Ahnung hatte ſich ihrer bemaͤchtigt.„Die Wonne, das Gluͤck, welches ſich mir zeigt iet ſch gewiß nur in der Sehnſucht — 146— und nicht in der Wirklichkeit, denn mein Herz wird nur zu bald brechen.“ „Laß dieſe ſchwermuͤthigen Gedanken,“ meinte er,„ich nehme Dich bald mit nach Paris, wo ich dann hoffe mit Huͤlfe einiger Freunde mich in den Beſitz eines Herzog⸗ thums zu ſetzen.“ „Wohl durch Fehde?“ fragte Helena, waͤhrend ihre Zofe aufgefordert ein janderes Licht brachte. 1 „Ja wohl, die Waffen müͤſſen entſchei⸗ 1 den, entgegnete er,„ich muß Hezog werden.“ „O armes Herz,“ dlagte leiſe Helena „ſchon biſt du vergeſſen,“ und mit beide Haͤnden hielt ſie die klopfende Bruſt. „ Ich werde fuͤr Dich in jeder Lage mei⸗— nes Lebens ſorgen,“ ſagte er, um ſie damit zu beruhigen. 5 1 Helena aber fuhr fort:„O Ihr muhen Männer, wir legen unſer Herz vertrauensvoll an das Eure, allein Ihr achtet nicht dara 4 — 147— unnſere reine Liebe glaubt an der Gluth der Eurigen ſich zu erwaͤrmen, aber Ehrgeiz iſt allein Euer Goͤtze. Die wilde Gluth der Leidenſchnft flackert auf und verzehrt das Herz, doch nicht die Liebe. Ob Ihr unter⸗ geht iſt Euch gleichviel, was faͤngt aber He⸗ lena dann an? Doch— es iſt hohe Zeit, daß wir ſcheiden, wenn uns der Morgen nicht uͤberraſchen ſoll.“ „Schon ſcheiden?“ fragte der Graf und ſtand von ſeinem Sitze auf. Sie laͤchelte ihm freundlich zu. Er ſank in ihre ausge⸗ preiteten Arme und druͤckte heiße Kuͤſſe auf ihre Lippen. Beide Theih ſchieden zufrieden von einander. Ida v. Znaim hatte ihren Vater zu be⸗ r wegen gewußt, daß er ihr laubte noch ei⸗ — N——— = 4 nige Wochen auf Nauhenſtein zu bleiben, in dieſer Zeit hoffte ſie, daß es ſich beſtimmt auswieſe, ob der ſchoͤne Graf ſie oder Helena zur Gattin erkieſen würde. Beſon⸗ ders baute ſie viel darauf, daß ſich Helena ſo herabließ, dem Grafen eine Zuſammen⸗ kunft in der Nacht zu bewilligen. Ddie naͤchſten Tage wurden wieder der Freude gewidmet, als ſich die Kunde vom Tode des Ritters von Rauheneck verbreiteet. Jetzt erfuhr man auch mit Gewißheit, daß der Raͤuber Helenens Rauheneck mit t ſeinen Ge⸗ 1 noſſen geweſen war. Durch die taͤglichen Gelage ſchwand nicht allein Rauhenſteins baares Geld, ſon⸗ dern er mußte ſogar eine Waldung an ein nahes Kloſter verpfaͤnden, um dieß angefan⸗ gene Leben nur fortfuͤhren zu koͤnnen. 3 Der Graf von André reiſte mit ſeiner Begleitung wenige Tage darauf nach Wien, woo er fuͤr Helenen wahrhaft praͤchtige und — 149— koſtbare Geſchenke einkaufte und ſi ch damm ſchleunig wieder zuruͤckbegab. Helena nahm mit Entzuͤcken die Ge⸗ ſchenke vom Grafen an und galt nun oͤffent⸗ lich als ſeine Braut. Ida hatte keine Hoff⸗ nung mehr, die Liebe des Grafen zu errin⸗ gen, aber dennoch blieb ſie noch bei der Freundin und dieſe ahnete nichts von ihrer hoͤlliſchen Bosheit. Heleng und André, Ida und Rochault, Burggarten und trieben der Liebe ſuͤßes Ge⸗ koſe, als ganz unerwartet ein Bote mit einem Briefe an den Grafen von Paris erſchien. Dieſer erbrach ihn mit Haſt, wurde verle⸗ gen und ſagte dann traurig:„Ich muß ſpaͤ⸗ teſtens morgen fruͤh nach Paris zuruͤckreiſen, meine Gegenwatt iſt hoͤchſt noͤthig. Einige Ortſchaften haben ſich gegen die Ritter em⸗ port und bedeutender Verluſt wüͤrde für mich entſtehen, wenn ein ſolcher Auſtuhr weſter 3 um ſich griffe.“ ein Begleiter des Grafen, luſtwandelten i im 7 — 150— „Ihr wollt uns alſo ſchon wieder ver⸗ laſſen?“ fragte Helena traurig. „Muß ich nicht,“ entgegnete er,„dolh glaube mir, bald bin ich wieder hier.“ „Ich gehe in ein Kloſter,“ lispelte ſie ihm zu,„bis Ihr wiederkommt.“: „Wenn Alles in der Burg ſchlaͤft, komme ich noch einige Stunden zu Dir, darf ich?“ Konnte ſie dies Verlangen dem beſchei⸗ denen Geliebten wohl abſchlagen? Sie gab zwar weder mit Ja noch Nein eine Ant: wort, aber in ihren Augen konnte man die Genehmigung deutlich genug leſen. Sda hatte vom Geſpraͤch der Liebenden zwar nur einige Worte gehoͤrt, die aber hin: reichend waren, ihr einen Zuſammenhang zum Ganzen zu liefern, worauf ſi ie lhren Plan baute. Die nahe bevorſtehende Abreiſe des Grafen ſetzte Ritter und Knappen in Bewe⸗ — 151— gung, um alles in den noͤthigen Stand zu. ſeetzen. 1 Ida von Znaim hatte ſich von Wien aus ein Glaͤschen Lebenswaſſer kommen laſ⸗ ſen, das weiter nichts war, als unſer Brannt⸗ wein, den die Kreuzfahrer in Palaͤſtina hat⸗ ten kennen lernen. Unter dieſes Lebenswaſ⸗ ſeer troͤpfelte ſie betaͤubende Saͤſte. Gegen Abend bat ſie ihre Freundin Helena, ſie zu beſuchen, indem ſie etwas vorzuͤglich Schoͤ⸗ nes von Wien erhalten habe. Dies wirkte. Die angeborne weibliche Neugierde ſiegte, und fuͤhrte ſie gegen Abend nach Ida 8 Gemach. Recht vergnuͤgt ftog ſie der Freundin entgegen, druͤckte einen ſuͤßen Kuß auf ihre Lippen und ſagte recht zutraulich:„Ich bin Dir wirklich vielen Dank ſchuldig, daß Du noch zu mir kommſt, da Dein Trauter im Begriff ſteht abzureiſen.“ „Der Graf wird bald genug wieder hier — fein,“ entgegnete ſie,„vielleicht ſchon i in drei Wochen.“ Jetzt oͤffnete Ida ein Kaͤſtchen und zeigte der Freundin ein neues Kleid, das ſie von Wien aus erhalten hatte. Helenen gefiel es, ſie wuͤnſchte ſich ein aͤhnliches und beneidete darum wirklich die Freundin, doch troͤſtete ſie der Gedanke, nun bald im Beſitz vieler ſol⸗ cher Kleider zu ſein. Gewiß brachte ihr der Graf viele Geſchenke von Paris mit. „Nun rathe aber,“ rief Ida und hielt ein Glaͤschen in die Hoͤhe, nwas in dieſem Glaͤschen iſt?“ „Wohlriechendes Waſſer,“ entgegnete die Befragte ziemlich gleichguͤltig. „ Falſch gerathen,“ lachte jene,„Lebens⸗ waſſer iſt darin. Sieh, wenige Tropfen da⸗ von verlaͤngern nicht allein unſer Leben, ſon: dern erhalten auch die Schoͤnheit des Koͤrpers.„ Mit dieſen Worten nahm ſie zwei fein ge⸗ ſchliffene, ganz feine Glaͤschen, die aus Aſien nach Wien gekommen und dort fuͤr ſie ge⸗ — 153— kauft worden waren, füllte ſie bis zur Haͤlfte mit dem Lebenswaſſer und reichte nun das eine Glaͤschen Helenen. Dieſe wollte nicht trinken, allein als Ida das Glaͤschen mit den Worten hob:„Auf eine gluͤckliche Ruͤckkehr des Grafen von André,“ da vermochte Helena nicht zu wiederſtehen und haſtig, als hinge hiervon die gluͤckliche Ruͤckkehr ab, ſchluͤrfte ſie den ganzen Inhalt des Glaͤschens hinab. Ida dagegen nippte nur daran, weil ſie vor⸗ ſchuͤtzte, ein alter Pater habe ihr geſagt, daß man das Lebenswaſſer nur Tropfenweis ge⸗ nießen muͤſſe, um den beabſichtigten Zweck zu erreichen. Helena, die von der Buͤberei der Schaͤndlichen nicht die geringſte Ahnung hatte, trank noch einige Tropfen. Jetzt erſt ſpuͤrte ſie, daß ihr Blut ſchneller durch die 3 Kanale eilte, reichte der Freundin zur guten Nacht die Hand und dieſe fluͤſterte ihr zu: „Moͤge es Dir recht wohl gehen in bieſer Nacht.“ 4. Helena merkte den Sinn Phrers Warie nigh. — 154— und flog gleichſam uͤber den dunkeln Gang nach ihrem Gemache. Wirre, phantaſtiſche Bilder umgaukelten ihre Sinne, auf keinen Stelle hatte ſie Ruhe, jede Minute duͤnkte ihr eine kleine Ewigkeit und immer kam der Geliebte noch nicht. Sie vermochte vor Muͤ⸗ digkeit kaum die Augen offen zu erhalten, ſetzte ſich auf einen Stuhl und lehnte den Kopf auf ein Kiſſen. So entſchlummerte ſie und ward nur erſt durch des Grafen Kuͤſſe geweckt. /Sie laͤchelte ihm zu und duldete jede Liebkoſung des eeeer Der 1 denn des Grafen kuͤhnſte Huftung⸗ erfuͤlt und nichts feſſelte ihn mehr auf Burg Rau⸗ yeernſtein. Der Graf ließ das Zeichen zum Auf⸗ 1 55 3 bruch geben und kaum war eine halbe Stunde 4 verfloſſen, ſo waren auch ſeine Begleiter ſchon bereit. Der Graf umarmte ſeinen Schwieger⸗ vater in spe und ſagte bei dem Abſchiede zu ihm:„Gruͤßt freundlichſt die ſchoͤne Helena Eure Tochter, und ſeid verſichert, daß ich ſchneller wieder zu Euch zuruͤckkehre als Ihr nur glaubt, wo ſich dann manches anders hier geſtalten wird, ich hoffe, Ihr werdet dann meinen Vorſchlag annehmen. Lebt in⸗ deſſen wohl und ſeid verſichert, daß ich die Ehre und Freude, ſo Ihr mir bier bereitet L : nie vergeſſen welde. 44 In groͤßter Eile verließ der Graf mit ſeiner Begleitung die Burg. 3 18. Helena erwachte eben noch, um den Ab⸗ zug des Grafen mit anzuſehen. Sie weinte heftig, denn an ihrer wuͤſten Phantaſie ſchwebte ihr vor, was zwiſchen ihr und dem Grafen vorgefallen war. Nur fluͤchtig klei⸗ dete ſie ſich an, um den Geliebten nochmals zu ſehen, und eilte auf die Warte. Da zog er hin, der herrliche Mann mit ſeinen Be⸗ gleitern, ohne auch nur einen Blick nach der Wohnung der Geliebten zuruͤckzuſenden. Faſt haͤtte ſie ihm Unrecht gethan, jetzt hielt er ſein wildes Roß an, betrachtete noch ein Mal die Burg, wo er ſo viel Wonne gehabt hatte, erblickte Helenen und warf ihr Küſſe zu. 8 Ach, es ſollten die letzten ſein! Sie ſtreckte— die Arme nach ihm aus, weinte heftig und trat ſo nah an den Rand, daß der Waͤchter beſorgt ſie zuruͤckhielt, indem ſie leicht herabe ſturzen kpunte. Der Graf ſiag ſeu vr eilenden Begleitung nach, das Ende des Hes lenenthales war erreicht und das liebende Maͤdchen ſah nur noch eine Staubwolke. Sie trocknete ihre Thraͤnen, ging auf ihr Gemach, ließ ſich gehoͤrig ankleiden und be⸗ gab ſich dann zur Freundin Ida. 1 Das Fraͤulein und ihre Zofe waren eben beeſchaͤftigt Kleidungsſtuͤcke einzupacken, denn dem Fraͤulein geſiel es nicht mehr hier, weil 1 ſowohl der Graf, wie auch ſein reizender Begleiter Rochault die Burg verlaſſen hat⸗ ten.„Was iſt Dir begegnet?“ fragte Ida. „Du biſt bleich wie der Tod! Du weinſt!“ 1 Helena ſchwieg, ſah auf gen Himmel und faltete die Haͤnde. „ um aller Heiligen willen, was iſt Dir?“ fuhr Ida fort.„Weg mit dieſen Thraͤnn, damit dieſer Thau Deine Bluͤthe nicht ver: giſtet. O ſo ſprich doch, ich bitte Dich!“ Wie eine Verzweifelte ſtuͤrzte ſie in rme, doch ſchwieg ſie. Ida ſelbſt den Grund ihrer Verzweiflung recht 158— gut, ſie ſelbſt trug ja davon die Schuld, doch machte ſie ſich jetzt ſelbſt uͤber ihre That die bitterſten Vorwuͤrfe. So ſehr aber auch Helena die Freundin bat, hier laͤnger zu blei⸗ ben, ſo ließ ſich dieſe doch nicht uͤberreden, das boͤſe Gewiſſen trieb ſie hinweg. Helena faßte den Gedanken wieder auf, ſo lange der Graf abweſend ſei, in ein Car⸗ meliter⸗Kloſter zu gehen. Ihr Vater billigte ihren Antrag und in ſeiner und einiger Knap⸗ pen Begleitung begab ſich Helena nach dem Kloſter. Im Verlauf der Geſchichte werden wir erfahren, ob ſie es wieder verlaſſen hat. Graf von André langte gar ſchnell wie⸗ der in Paris an, reiſte auf ſeine Guter und brachte durch Gewalt der Waffen die aufrüͤh⸗ reriſchen Bauern wieder zum Gehorſam zu⸗ rück. Kaum war ihm dies gelungen, ſo ſtuͤrzte er ſi ich in den Strudel der Vergnuͤgun⸗ gen, die ſich ihm in ſo reichem Maaße dar ten. Helena war, wenn auch nicht von ihm — 159— Er ſtellte einen Vergleich zwiſchen dem Leben in Paris und auf der Burg Rauhenſtein an. Ja, er wunderte ſich jetzt ſelbſt, wie es ihm moͤglich geweſen war, die Vergnuͤgen der Pa⸗ riſer ſo lange zu entbehren und auf Rauhen⸗ ſtein eine ſtill blühende Roſenknospe zu pfle⸗ gen. Haͤtte ſie ſich ihm in jener Nacht nicht ergeben, er waͤre gewiß zu ihr zuruͤckgekehrt. Obgleich die Graͤfin von Rosny alle Netze von neuem aufſpannte, um den Gra⸗ fen zu fangen, ſo wollte ihr dies doch nicht 4 elingen, ſondern die reiche Tochter des Stall⸗ — Peiss vom Koͤnig trug den Sieg davon. Niach vollzogener Verbindung brachte der Graf wirklich durch ſein großes Vermoͤgen ein Herzogthum an ſich und ſein ſehnlichſter Wunſch war hiermit erreicht. Laſalle wurde taͤglich elender, die Sehn⸗ ſcht nach Helenen zehrte den Reſt der Kraͤfte auf und nach einem kurzen Krankenlager wurde er eine Beute des habgierigen Todes. Sein letzter Laut war„Helena.“ vor Wuth mit den Zaͤhnen, ſetzte ſich auf 1 ihr jetzt die ſchreckliche Kunde mit. Zwar weinte 8 ſe im Anfange heftig deriber, Alein — 160— Nach Verlauf von ſechs Monaten, wo man auf Rauhenſtein nicht die geringſte Kunde vom Grafen André vernommen hatte, kehrte unverhofft ein rheiniſcher Ritter ein, der ſich laͤngere Zeit in Paris aufgehalten hatte. Rit⸗ ter Heinrich forſchte nach dem Grafen An⸗ dré und erfuhr nun ſeine Verbindung mit der Tochter des Stallmeiſters. Er knirſchte ſein Roß und ſtuͤrmte nach dem Carmeliter⸗ loſter, um Helenen, die er nun in drei No⸗ 5 naten nicht geſehen hatte, dieſe Kunde zu uͤberbringen und um ſie mit nach Mauher⸗ ſtein zuruͤck zu nehmen. Deer Ritter fuhr entſetzt zuruͤck, als die geliebte Tochter am Sprachgitter erſchien. Erloſchen war der Glanz der feurigen Augen, vom Weinen geroͤthet ſtarrten ſie ihn an und blaß und eingefallen waren die ſonſt ſo bluͤ⸗ henden Wangen. Mit Schonung theilte er — 161— bald war ſie wieder gefaßt.„Das habe ich ſchon lange gedacht,“ ſagte ſie, njetzt weiß ich doch nun woran ich bin und mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt.“ „Komm nun wieder mit nach RNauhen⸗ ſtein,“ zfuhr der Vater fort,„die Kloſterluft ſchadet Deiner Geſundheit. Die Sternen⸗ Ritter erwarte ich auch zuruͤck und werde Dich nun bald als Ehegeſponſin eines Ster⸗ 8 nen⸗Ritters ſehen.“ Helena laͤchelte bitter.„3ch. wrafet d dieſe Mauern jetzt nicht,“ ſagte ſie beſtimmt, a heilige Pflichten verlangen dies von mir. Lebt wohl!, trauter Vater. Bin ich auch kein Stern mehr fuͤr die Ritter, ſo wuͤnſche ich doch ihre Nuͤckkunft zu erfahren. Pis dahin pbeeibe ich aber hier.“ Das Gloͤcklein zum Gebet ertoͤnte ben. Helena reichte dem Vater die Hand, zog den Schleier uͤber das Geſicht und entfernte ſich angſam. Der Ritter rieb ſich die „War dies auch meine Tochter⸗ Sternen⸗Ritter. 11 — 162— „Trotz ihres kraͤnklichen Ausſehens iſt ſie dennoch im Koͤrper ſtaͤrker geworden.“ Der wahre Grund hiervon flog ihm durch den Sinn. Er ſchlug ſich vor den Kopf und ſtürzte in die winterliche Landſchaft hinaus. 19. 4 Die fernern Thaten und Schickſale der Stemen⸗nitte moͤgen jetzt forlgeen. Die Ritter hatten mit den Knappen am Gnde des Erloͤſers gebetet. Geſtaͤrkt und 1 freudig trennten ſie ſich und jeder von i hnen ſuchte das zu kaufen oder ſich zu verſchaffe wovon er hoffte, daß es die Eigenſchafte 2 beſitze, die Helena davon verlangte. 4 Nach wenigen Tagen trafen ſ e Rae wie der bei dem Einſiedler ein. In j jeder Miene bronte die Fiuube⸗ nun bald im Beſtt der 4 G ſchoͤnen Helena zu gelangen, indem jeder glaubte, daß er das verlangte Geſchenk be⸗ ſitze. Schon jetzt wuͤrden ſie wieder aufge⸗ brochen ſein, wenn der Ritter von Vinken⸗ ſeein nicht ploͤtzlich erkrankt waͤre Der Ein⸗ ſiedler wendete ſeine ganze Kunſt an, um die Geneſung ſchnell herbei zu fuͤhren, allein die Krankheit ſpottete ſeiner, denn ſie nahm Nan Heftigkeit zu, ſo daß man fuͤr ſein Leben beſorgt wurde. Sein Geiſt redete irre und beſorgt ſtanden ſeine Gefaͤhrten an ſeinem Lager. Plöͤtzlich holte er tief Athem, fing dann an zu roͤcheln und ein Strom Blat ſtuͤrzte ihm aus dem Munde. Allmaͤhlig doͤrte, das Bluten auf, der Verſtand kehrte wieder, nur klagte er uͤber eine große Mat⸗ iigkeit und verfiel in einen ſanften Schlummer. „Jetzt hoffe ich, daß der Kranke gerettet wird,“ ſprach der Einſiedler zu den Nittern⸗ Moͤgen alle Heiligen geben, daß dies geſchieht,“ entgegnete Walther v. Merkenſtein Der Abend kam herbei. Die Ritter 11 — 164— 2⁴ ſetzten ſich um das Lager des Kranken und erinnerten den Einſiedler, ihnen ſeine Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen.„Erſt am Tage Eurer Abreiſe verſprach ich dies zu thun und nicht eher,“ entgegnete er.„Bis dahin muͤßt Ihr Euch ſchon gedulden.“. Unter verſchiedenen Geſpraͤchen, der Ver⸗ gangenheit entlehnt, verſchwanden einige Stun⸗ den und die Ritter wollten ſich nun zur Ruhe begeben, als ganz unverhofft der Kranke an⸗ ſing zu huſten. Ein neuer und ſo heftiger Blutſturz erfolgte nun, der ſeinem Leben ein Ziel ſetzte. Wahrhaft ruͤhrend war die Trauer der Ritter um ihren Gefaͤhrten. Sie wen⸗ deten alle Verſuche an, um ihn zu neuem Leben zu erwecken, aber alle Bemuͤhung war vergebens. Er hatte ausgerungen; der Be⸗ ſ itz Helenens konnte ihm nicht zu Theil werden. Am Grabe fuͤr den Freund und Waft b gefihrten arbeitete nicht allein der 6 dler, ſoondern auch Ritter und Knappen, wobei 3 manche Thxüne den Boden naͤßte. 1 — 165— Ehe der Mittag erſchienen war, wurde der Todte bereits in voller Ruͤſtung und mit dem Geſchenke, das er fuͤr Helenen beſtimmt hatte, in das Grab gelegt. Alle beteten an⸗ daͤchtig fuͤr das Heil ſeiner Seele und bes deckten dann den Koͤrper mit der Erde eines fremden Landes. Einer der Ritter erklaͤrte, daß er ſein fuͤr Helenen beſtimmtes Geſchenk als unpaſ⸗ ſend vernichtet habe und daß er geſonnen ſei, in einer entfernten Stadt ein anderes zu holen, und bat daher ſeine Genoſſen, daß ſie auf ſeine Ruͤckkunft harren moͤchten. Obgleich ungern, ſo gelobten ihm dies doch die Rit⸗ ter, ſetzten aber als laͤngſten Termin zwei Wochen feſt, wenn er dann noch nicht zu⸗ ruͤckgekehrt ſei, ſo wuͤrden ſie ohne ihn de Ruͤckreiſe nach dem Vaterlande antreten. Dder Ritter hun⸗ ſich in das Gewand eines Ein⸗ ſtedlers. In dieſer Zeit beſuchten die Ritter jeden Ort, wo der Heiland gewandelt hatte. 1— 166— Einſiedler diente ihnen hierbei faſt ſtets als Wegweiſer. So entſchwanden denn die Tage und noch kehrte der Ritter nicht zuruͤck. Der Tag der Abreiſe nahte und um den Einſiedler ſaßen die vier noch uͤbrigen Ritter und Knap⸗ pen, um der Erzaͤhlung des Einſiedlers zu⸗ zuhoren, als Walther von Merkenſtein einen Einſiedler am Fuße des Oelberges gewahrte, der ſich mit eiligen Schritten naͤherte. Noch⸗ mals warf er einen Blick dahin und rief dann freudig aus:„Da kommt Ritter Al⸗ fred.„ Jauchzend eilten ſie ihm entgegen und freuten ſich ſeiner gluͤcklichen Ruͤckkunft. Unter ſeinem Gewande zog er behutſam ein Saͤckchen hervor, in welches er ſeine Koſübare keiten verborgen hatte. Der Einſiedler reichte ihm zur Starkung einen aus Kraͤutern bereiteten Saft und begann dann ſeine Erzaͤhlung wie folgt:„Am Rhein, nicht weit von der uralten Stadt Straßburg, erblickte ich das Licht der Welt auf einer klei⸗ nen, aber feſten Burg und wuchs zur Frende — 167— meiner Eltern empor. Der Voigt auf der Burg 5 8 ertheilte mir Unterricht in Fuͤhrung der Waffen und bald hatte ich es darin ſo weit gebracht, daß ich dreiſt mit jedem Ritter kaͤmpfen konnte. In dieſer Zeit ließ ein Graf v. Kehl ein Tur⸗ nier fuͤr Junker, die alſo keine Ritter waren, bekannt machen. Auch ich fand mich dabei ein, um Proben meiner Kraft abzulegen. Den Tag des Turniers werde ich nie vergeſſen. Altere Ritter unterrichteten uns, was wir bei dem Kampfe zu beobachten haͤtten, und gleich 8 darauf ritten neunzehn Junker in die Schran⸗ ken. Der Sohn des Grafen ritt zuerſt auf den Kampfplatz und ſetzte vier Junker auf den Sand. Jetzt kam die Reihe an mich. Feſt legte ich die Lanze an, rannte mit aller Kraft und faſt uͤber die Schranken hinweg flog mein Gegner, wobei er jedoch keinen Schaden genommen haite. Ein gleiches Schickſal hatten die uͤbrigen Kaͤmpfer oder 1 ſie wurden wenigſtens buͤgellos. Ich war alſo und blieb Sieger mit der Lanze⸗ D — — 168— gleich ich noch ermattet war, forderte mich doch jetzt der Sohn des Grafen zum Schwerdt⸗ kampfe auf. Vergebens waren jedoch ſeine hageldichten Streiche, und da er ermattet mir eine Bloͤße gab, ſo ſchlug ich ihm das Schwerdt aus der Hand. Mit den uͤbrigen Junkern wurde ich noch weit leichter fertig. Aus den Haͤnden einer lieblichen Dirne er⸗ nem Wehrgehaͤnge beſtand. Wer war gluͤck⸗ licher als ich! Dies Turnier legte den erſten Grund zu meinem nun folgenden Ungluͤck. Den Namen der Preis⸗Austheilerin laßt mich verſchweigen. Das Maͤdchen hatte einen tie⸗ fen Eindruck auf mein Herz gemacht. Sie gelobte mir, da ich von nun an taͤglich mit ihr zuſammenkam, Liebe und Treue, und ich zog freudig in die Welt, um mir erſt die Ritterſpornen zu verdienen. Sie wurden mir zu Theil, und mit den wonnigſten Gefuͤhlen eilte ich zur elterlichen Burg. Die erſte rauerbotſchaft, die mich hier erwartete, be⸗ — hiielt ich nun den erſten Preis, der aus ei⸗ ſtand darin, daß mein Vater geſtorben. Als ich aber nun nach meiner Geliebtrn forſchte, erfuhr ich, daß der Sohn des Gra⸗ fen ſie entfuͤhrt und bei ſich auf der Burg gefangen halte. Wuͤthend begab ich mich da⸗ hin und verlangte trotzig meine Geliebte. Eine hoͤhniſche Antwort wurde mir zu Theil. Mit dem Schwerdte verlangte ich Genug⸗ thuung. Der Graf ſelbſt gebot mir, das Schwerdt beizuſtecken, und als ich ihm keine Folge leiſtete, ſo ließ er mich durch eine Schaar ſeiner Diener entwaffnen und ins Verli werfen. Der Sohn des Grafen, der nun auch zum Ritter geſchlagen worden war, trat an die Offnung des Verließes und ſagte hoͤh⸗ nend zu mir:„Nun, gewaltiger Ritter, willſt Du nicht die Riegel Deines Gefaͤngniſſes ſprengen? glaubſt Du, ich haͤtte jenes Tur⸗ nier vergeſſen, wo Du mir den erſten Preis entzogſt? Deine Geliebte iſt jetzt meine Buhldirne und Du biſt mein Gefangener!“ In ohnmaͤchtiger Wuth ruͤttelte ich an den — 170— eiſernen Staͤben, vermochte ſie aber nicht zu zerbrechen. Noch war jedoch die Nache des Grafen v. Kehl nicht geſaͤttigt. Er uͤberfiel mit einer Schaar ſeiner Genoſſen in einer dunkeln Nacht die Burg meiner Vaͤter, machte ſie der Erde gleich und jagte meine Mutter hinweg. Die Ungluͤckliche ſtarb bald darauf vor Hunger und Elend. Dies alles erfuhr ich jedoch erſt ſpaͤter. Der Graf und ſein nichtswuͤrdiger Sohn hatten mich indeſ⸗ ſean bei unſerm ſchwachen Kaiſer als einen gemeinen Moͤrder geſchildert, der Vater und Sohn ermordet haͤtte, wenn die Diener nicht herbei gekommen waͤren, wovon einige Elende durch Beſtechungen als Zeugen gegen mich auftraten. Jetzt erklaͤrte mich der Kaiſer fuͤr vwogelfrei. Es konnte mich alſo Jeder miße handeln oder toͤdten, ohne daß er zur Ver⸗ 4 antwortung gezogen werden konnte. AInI meinem Tode lag jedoch dem Grafen nichts; er wollte mich entehren, und dies war ſchlin⸗ mer fuͤr mich, als der Tod. Mit Ketten — 171— belaſe wurde ich eines Tages in den Burg⸗ 5 hof gefuͤhrt, wo Knappen, Reiſige und Troß⸗ buben verſammelt waren. Der Burgvoigt las mir die Achterklaͤrung des Kaiſers vor, ich ertrug es ruhig. Jetzt wurde mein Schild und Schwerdt zerbrochen und ein Troßbube — denkt Euch, ein Troßbube, entehrte mich, indem er mich mit der geballten Fauſt in das Geſicht ſchlug. Ein Gelaͤchter aus den obern Gemaͤchern der Burg zog meine Blicke da⸗ hin und ich erkannte— noch jetzt moͤchte ich raſend daruͤber werden— die Grafen von Kehl und meine Geliebte. Ohne Widerſtand ließ ich mich an den Schwanz einer Stute binden, die Sinne vergingen mir und erſt an der Grenze des Gaues wurde ich vom Schweife losgebunden und liegen gelaſſen. Gegen Abend erwachte ich, von Blut ganz bedeckt, und erinnerte mich nur allmaͤhlig des Vorgefalle⸗— nen. Auf Handen und Fußen kriechend er⸗ eeeichte ich die Huͤtte eines Landmannes, d mich gaſtfreundlich aufnahm und pflegte. Hi — 172— erfuhr ich auch das Schickſal meiner Mutter und meiner Burg. Ich war entehrt, was ſollte ich noch im Vaterlande? Durch feigen 4 * Meuchelmord wollte ich mich an den Grafen nicht raͤchen. Gott ſollte mein Raͤcher ſein. Kaum fuͤhlte ich nur etwas meine Kraͤfte wiederkehren, ſo zog ich nach Italien, beſtieg ein Schiſf und gelangte gluͤcklich durch ſo viele Gefahren hierher und wurde— Ein⸗ fiedler.”¹ 8 „Ihr ſeid der ungluͤckliche Heinrich von Eſchenbach!“ rief Walther. „Ich bin es,“ ſeufzte er und vannache nicht mehr die Thraͤnen zurück zu halten. „Gott hat die Buben gerichtet,“ fuhr Walther fort, waͤhrend der unglückliche vor Freude von ſeinem Sitze aufſprang,„d Vater endete durch die Hand eines Hröeere den er durch unerhoͤrte Grauſamkeiten dazu gebracht hatte, und der Sohn ertrank im „Got iſt gerecht, ihm ſei Eh und — 13— Preis!“ rief der Einſiedler mit gefalteten Haͤnden, fiel auf die Knie und betete. Die Ritter waren tief ergriffen vom Un⸗ gluͤck dieſes Mannes und baten ihn dringend, in das liebe Vaterland mit ihnen zuruͤck zu kehren, ſie wollten Sorge tragen, daß die Achterklaͤrung zuruͤckgenommen wuͤrde, allein ihre Bemuͤhungen waren vergebens, er be⸗ harrte darauf, hier zu bleiben. Der Schlummer floh ſie in dieſer Nacht, ſie erblickten ſich ſchon alle im Geiſte im ge⸗ liebten Vaterlande wieder und dachten nicht daran, daß ein Fremdling die Roſe ſchon ggeepfluͤckt habe, um die ſie ſich ſo vielen Ge⸗ fahren ausgeſetzt hatten. Oer Ruf zum Aufbruch ertoͤnte. Mu⸗ thig wieherten die Roſſe, ungeduldig ihre Her⸗ 8 1 ren erwartend. Walther dankte dem ungluͤck⸗. I lchen Einſiedler im Namen Aller fuͤr ſeine freundliche Aufnahme, und wüͤnſchte ihm noch alles Gute, dann ſtüͤrzte er an die Bruſt des Ungluͤcklichen und ſchaͤmee ſich der Throͤnen “ 5 und Druſen. Unbemerkt wollten ſie den — 14— nicht, die uͤber ſeine gebraͤunten Wangen herabfloſſen. Der Einſiedler umarmte jeden, konnte aber vor Wehmuth kein Wort her⸗ vorbringen. Noch ein Lebewohl, dahin flo⸗ gen Ritter und Knappen der lieben Heimath zu, die den Ungluͤcklichen ausgeſtoßen hatte. Bebend warf er ſich vor dem Bilde des Ge⸗ kreuzigten nieder, um Faſſung durch das Ge⸗ bet zu erringen. Noch denſelben Tag ſtießen die Aben⸗ theurer auf eine Horde Araber, die aber bald nach allen Richtungen die Flucht ergriffen. Am dritten Tage verirrten ſie ſich jedoch und erreichten einen faſt undurchdringlichen Wald, in welchem ſie aber dennoch eindrangen, er wurde bald lichter und ſie gewahrten auf einem freien Platze wenigſtens tauſend Araber Rüͤckweg antreten, allein ſie waren bexeits entdeckt und mit wildem Geſchrei ſtüͤrzten ihnen jene nach. Durch den Wald wurden ſie von einander getrennt. Walther v. Mer⸗ Ein Loͤwe waͤre hinreichend geweſen, ihn zu Beute konnte ihnen ja doch nicht entgehen. ſagen und unter den Orden der Templer zu barer Strahl der Hoffnung beleb — 177— fuͤrchterlichſte Art, wozu ſich auch der Hun⸗ ger noch geſellte. Seine Feinde wichen nicht von der Stelle und die hoͤchſte Ermattung tellte ſich ein. Am Nachmittage vermochte er ſich nicht mehr auf den Fuͤßen zu erhal⸗ ten und ſetzte ſich wieder auf den Felſen. zermalmen, denn alle Kraft war von ihm gewichen, allein ſie ſchienen es als hinrei⸗ chend zu halten, ihn zu beobachten, ihre In dieſer furchtbaren Lage that Walther das Geluͤbde, die Anſpruͤche auf Helenen zu ent⸗ gehen, wenn ihn Gott und alle Heiligen aus dieſer Gefahr erretteten. Die Sonne ging unter und Neuem, freilich eine traurige Hoff heite ja den Freuden dieſes Lebene Sternen⸗Riter. legen. Er ſtand auf und hob das große Schwerdt, um zu verſuchen, ob er es wohl noch mit Kraft fuͤhren koͤnne, da ſprangen auch die Loͤwen auf, bruͤllten, daß das Ge⸗ toͤſe des Meeres uͤbertoͤnet wurde und ent⸗ fernten ſich mit eiligen Sprüͤngen. Walther ſeufzte tief auf, verließ den Felſen und wan⸗ derte dahin, wo die Sonne untergegangen war. Sorgfaͤltig verwahrte er aber das Ge⸗ ſchenk an Helena, er wollte doch venigſtens die Geliebte noch ein Mal ſehen 8 Noch an demſelben Abend erreichte er eine Quelle, wo er den ſchrecklichen Durſt 1 oͤſchte und ausruhte. Geſtaͤrkt erhob er ſich 8 und wanderte die ganze Nacht hindurch m Ufer des Meeres fort, in der Hoffnung eine Seeſtadt anzutreffen, von wo aus er ſich nach Europa einſchiffen koͤnne. Im Strudel der Vergnuͤgungen bekuͤm⸗ merte ſich der Herzog von André nicht dar⸗ um, ob ſeine Unterthanen ihn liebten oder verachteten. Seine Lehnvaſallen benutzten dies und erlaubten ſich die ſchaͤndlichſten Er⸗ preſſungen, eine Folge hiervon war ein all⸗ gemeiner Aufſtand. Die Bauern bewaffne⸗ ten und rotteten ſich zuſammen. Ritter, Knappen und Reiſige mußten ihnen weichn, i, die Aufwiegler gingen ſo weit, die Burg 5 eines Lehnvaſallen zu erobern und der Erde gleich zu machen. Als Herzog Hugo dieſen Vorfall erfuhr, zog er ſeine Macht zuſan men, um mit Gewalt der Waffen den Auf⸗ ruhr zu daͤmpfen. 4 Die Empoͤrer ſchickten einen Abgeſand ten an ihn, um mit ihm zu unter⸗ handeln und ihm die Erpreſſungen der vaſallen vorzuſtellen. Der Herzog erklar 4 — 180— jedoch, daß er mit Empoͤrern nicht unter⸗ handele, ſie ſollten die Waffen niederlegen und ſich auf Gnade und Ungnade erge⸗ ben. Hieruͤber geriethen die Bauern in Wuth und beſchloſſen das Aeußerſte zu wa⸗ gen. Die Schlacht begann mit der groͤßten Erbitterugg. Der Herzog wagte ſich zu weit vor und ein Pfeil drang ihm durch den Helmſturz in das Auge.„Faſt zu glei⸗ cher Zeit ſtuͤrzte auch ſein Roß und die wuͤ⸗ thenden Bauern toͤdteten ihn auf der Stelle. Ddie Lehnvaſallen wurden in die Flucht geſchlagen und ließen auf dem Kunngſplaßr viele Todte zuruͤck. Die ungluͤckliche Wittwe hörte nun die Beſchwerde ihrer Unterthanen, ſchaffte die Erpreſſungen ab und die Bauern kehrten zu ihrer Pflicht zuruͤck. So hatte denn der Verführer Helenens ſchon jetzt die gerechte Strafe erhalten. Sein gaͤnzlich entſtellter Leichnam ward in ſtiner Bumitengruft beigeſett. — 181— An eben dieſem Tage, wo dies geſcha entwand ſich dem Schoße Helenens ein tod⸗: ter Knabe, Ses war dies die Knospe einer hoffnungsloſen Liebe. Auf ausdruͤckliches Ver⸗ langen Helenens ſollte der Knabe nicht eher der Erde uͤbergeben werden, bis ſie das Lager verlaſſen konnte. Einſtweilen wurde er daher in einer Schachtel an einem kuͤhlen Orte aufbewahrt. Schon nach acht Tagen verließ Helena das Lager und bat nun ſelbſt, ihr Kind zu beerdigen. Dicht an der Mauer des Kloſters 4 war ein Grab gemacht und die Schachtel hineingeſetzt. Eben wollte der Todtengraͤber die erſte Schaufel voll Erde darauf werfen, da trat eine hohe verſchleierte Geſtalt aus dem Kloſter— es war Helena, und ehe noch die erſte Scholle herabrollte, ihren Tribut zu empfangen, ſtreute ſie die erſten Blumen des Früͤhlings in das Grab, damit die Erde das Herz nicht drücke und Bluthen es ſanſt auch dort unten deckten.„Schlumun 3 — 182— ſprach ſie weinend und ſchritt nach dem Klo⸗ ſter zuruͤck. Wenige Tage nach dieſer Begebenheit kam Helenens Vater nach dem Kloſter und verlangte die Tochter zu ſprechen. Sie reichte ihm recht freundlich die Hand, und er freute ſicch uͤber ihr gutes Ausſehen.„Nun, Toch⸗ ter,“ begann er,„ich komme, um Dich wieder auf die Burg abzuholen, recht ſchmerzlich vermiſſe ich Deine Abweſenheit.“ 4„Laßt mich hier, Vater,“ bat ſie,„nur dann kann ich mich entſchließen, in den Stru⸗ del der Welt zuruͤckzukehren, wenn die Ster⸗ nen⸗Ritter ankommen, um einen von ihnen fuͤr die vielen Gefahren ſo viel zu begluͤcken, als es in meiner Macht ſteht.“ a Alſo die Bitte des Vaters willſt Du aicht erfuͤllen?“ fragte er wehmůthig. „Ich habe bittere Erfahrungen gemacht,“ meinte ſie weinend.„Wenn mir hier auch die Freude fehlt, ſo harren meiner doch auch käne Taͤuſchungen; wir bewegen uns nur in — 183— unſerer eigenen kleinen Welt, die uͤbrige iſt todt fuͤr uns.“ 4 „Du magſt recht haben,“ entgegnete der Vater,„indeſſen vergiß nicht, daß Du durch Erfuͤllung meiner Bitte mir die wenigen Jahre, die ich noch zu leben habe, verſuͤßen kannſt.“ „Und wenn ich nun wieder zu Euch zu⸗ rüͤckkehren wollte, ſo wuͤrde dies die gnaͤdige Aebtiſſin vielleicht nicht gern ſehen.“ „Mit der laß mich allein ſprechen,“ ſagte er und griff unwillkuͤhrlich an das Schwerdt. Helena beruhigte ihn jedoch mit den Worten, daß er die Aebtiſſin heute nicht ſprechen koͤnne, indem ſie krank ſei. Vater und Tochter ſchie⸗ den alſo wieder von einander. Kaum hatte Helena ihre Zelle betreten, ſo wuͤnſchte ſie ſchon wieder Jemand zu ſpre⸗ chen. Neugierig eilte ſie an das Sprachgit⸗— ter und ſah hier das junge Zigeunermaͤ⸗: chen, welches ihr ſchon einmal prophezeiht hatte, deſſen ſich der geneigte Leſer ch erin⸗ nern wird. Schmerzlich betrachtete das Zukunft.“ 48 — 184— chen Helenen.„So muß ich Euch alſo wie⸗ derſehen,“ rief ſie aus, doch ſchnell faßte ſe ſich, nahm eine heitere Miene an und ſprac mit ihr von den Freuden der Zukunft, die ih⸗ rer vielleicht noch harrten. Da Helena be⸗ merkte, daß ſie nicht beobachtet wurde, ſo . reichte ſie dem Maͤdchen die Hand und bat leiſe::„Sieh hinein und ſage mir aus ihr die Das Stgeuneemnädehen wieß dieſen An⸗ trag jedoch zuruck, indem ſie bat:„Laßt den Schleier der Zukunft unaufgerollt, es mag dies zu Eurem Gluͤck etwas beitragen.— — Fraͤulein,“ fuhr ſie dann nach einer kleinen uiſe fort,„ich komme von Paris, ſoll ich — Euch manches Neue mittheilen?“ Helena ſchien mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, aber doch ſiegte die Neugierde und bald wußte ſie Al⸗ les vom Grafen oder Herzog, ſ wie auch ſein Ende. Die Aebtiſſin hatte bereits fruͤher alle Pretioſen Helenens erhalten, damit ihre Nie⸗ —— 185— derkunft verſchwiegen bliebe, welches auch gelang. — 21. Walther von Merkenſtein erreichte am folgenden Tage eine bewohnte Gegend und fand uͤberreife Beeren und Wurzeln zur Stil⸗ lung ſeines Hungers. Geſaͤttigt wanderte er weiter und ſah in geringer Entfernung neun Araber mit Spießen, Schwerdtern, Pfeil und Bogen bewaffnet auf ihn zukommen. Mu⸗ thig ſchritt er ihnen entgegen, ohne eine feind⸗ liche Abſicht zu verrathen. Jetzt redeten ſie ihn von weitem an.„Wer biſt Du?“— „Hier meine Antwort,“ entgegnete er und zog das Schwerdt. Nochmals gelobte er nun im Stillen feſte Haltung ſeines bereits gethane⸗ nen Geluͤbdes. 1 Drei Araber, welche mit langen Spie⸗ ßen bewaffnet waren, ſchienen der Meinung zu ſein, daß ſie allein hinreichen wuͤrden den einen Mann zu beſiegen, allein ſie irrten ſich ewaltig. Walther hieb ihre Lanzen entzwei-. treckte im Nu vier Feinde zu Boden und die ubrigen fuͤnf ergriffen eiligſt die Flucht nach einem nahen Walde. Eiliger als zuvor ſetzte der Ritter ſei Weg fort.““ — 186— „ Ddie Zeit des Winters trat hier jetzt ploͤtz⸗ lich ein. Die Sonne wurde von Wolken ver⸗ dunkelt, ein feiner kalter Regen fiel herab und ein furchtbarer Sturm erhob ſich. In den zerſtreut umher liegenden Huͤtten oder Haͤu⸗ ſern waͤre der Ritter gern eingekehrt, allein er wagte es nicht, obgleich die hoͤchſte Ermattung dies noͤthig machte. Ein neuer freudiger An⸗ blick ward ihm jetzt zu Theil, denn er erblickte am Meere eine Stadt mit hohen Thuͤrmen und Haͤuſern. Den Reſt der Kraͤfte zuſam⸗ men raffend, erreichte er ſie endlich und wurde noch freudiger uͤberraſcht, als er an der Klei⸗ dung der Bewohner erkannte, daß viele Chri⸗ ſten hier wohnten. Es war die reiche Stadt Apollonia. 5 Der Laden eines italieniſchen Kaufmanns noͤthigte den Ermatteten daſelbſt einzukehren, und Um etwas Eſſen zu bitten. Der redliche Kaufmann verſorgte ihn mit allem Noͤthigen und als er erſt die Schickſale der Sternen⸗ Ritter vernahm, ſo ſagte er zum Ritter: „Bleibt bei mir ſo lange Ihr wollt. Zum Peüjahr ſorge ich fuͤr Eure Ueberfahrt nach zuropa.“ Dankbar nahm Walther dies An⸗ erbieten an. Viier lange Monate mußte Walther hier auf die Ruͤckkunft des Fruͤhlings harren, wo in damaliger Zeit die Schiffahrt erſt wieder ihren Anfang nahm, doch verfloß ihm dieſe Zeit ſchneller als er glaubte, weil die reichſten 13. zeige, daß der Fruͤhling nahe. von Italien wieder zu betreten, allein es war — 187— chriſtlichen Bewohner der Stadt ſich beſtrebe. ten, dem Gaſte die Zeit zu verkuͤrzen. da man ihm rieth nicht in der Ruͤſtung durch die Straßen zu gehen, ſo ließ er ſich fuͤr den Reſt ſeines Geldes eine Kleidung anfertigen, wie ſie die dortigen Bewohner zu tragen pflegten. Die Stuͤrme hoͤrten auf zu wuͤthen, der Regen ließ nach und freundlich blickte die Sonne durch den zerriſſenen Wolkenſchleier, eine An⸗ Ein Schiffchen von Apollonia, deſſen Be⸗ ſtimmung nach Neapel in Italien war, lag ſegelfertig im Hafen. Walther v. Merkenſtein wurde vor ſei⸗ ner Abreiſe von der Gattin des Kaufmanns mit Geld reichlich verſehen; uͤberhaupt beſtreb⸗ ten ſich alle feine Belanmtit ihm noch ein An⸗ denken mit auf den Weg zu geben. Wohl manches Herz ſchlug hoͤher nach der Heimath und ſehnte ſich dahin, wo Jugendfreunde und Verwandte lebten, aber Verhaͤltniſſe feſſelten ſie an den fremden Boden. Der Abſchied des Ritters erzeugte manche Thraͤne im Stil⸗ len. Ein Boot brachte ihn auf das Schiff⸗ chen und langſam ging es in die hohe Secr. Nach einer etwas langen aber gluͤcklichen Fahrt landete Walther im Hafen von Nea⸗ pel Er freute ſich ſo vielen Gefahren gluͤcklich entronnen zu ſein und den Boden eeinkehrte. — 188— jene Freude nicht mehr, die ſich ſeiner bemaͤch⸗ tigt hatte, als er Italien verließ. In Neapel kaufte er ſich ein Pferd und begab ſich nach Rom, wo er im Orden der Tempel⸗Ritter nach einigen Wochen aufgenom⸗ men wurde. Der Ordens⸗Comthur heftete ihm ſelbſt das blutrothe Kreuz auf den weißen Mantel. Mit ſchwerem Herzen beſchwor er die Statuten des Ordens; war doch Helena⸗ nun auf ewig fuͤr ihn verloren. Der Ordens⸗Comthur erlaubte ihm nach ſeinen Beſitzungen zu reiſen, um daſelbſt das⸗ Noͤthige in Ordnung zu bringen, wozu er ihm zwei Monate Zeit gab. 5. Mäin flog Walther v. Merkenſtein dem Vaterlande zu. Nirgends raſtete er laͤnger als es fuͤr die Erhaltung des Roſſes noͤthig war, und ſo erreichte er in der kuͤrzeſten Friſt die Stadt Linz, wo er in dem erſten Gaſthofe — Sinnend ſtand er am Fenſter, als zwei Ritter ſeine Aufmerkſamkeit erregten. Sie kamen naͤher, es waren ſeine Gefaͤhrten, es waren Sternen⸗Ritter. Eine Minute ſpaͤter lag er in den Armen Schernowitz und Ger⸗ ſtens. Nachdem das erſte Entzuͤcken des Wieder⸗ ſehens voruͤber war, theilten ſie einander ihre gluͤcklich beſtandenen Gefahren und Aben⸗ theuer mit.„Ich bin Templer“, ſagte Wal⸗ —y—ꝑ 3 — 189— ther am Schluſſe ſeiner Erzaͤhlung,„Helena kann alſo mir nicht zu Theil werden, aber ich muß dieſen Engel noch ein Mal ſehen und ihr mein Geſchenk uͤbergeben. Einer von Euch beiden wird alſo ihre Hand erhalten.“ Von acht Rittern und eben ſo viel Knap⸗ pen, die nach dem gelobten Lande gezogen waren, kehrten alſo nur drei Ritter zuruͤck und auch dieſe hatten ihre Rettung dem Zu⸗ fall zu verdanken. Walther bat ſeine Freunde bei ihrer ALn- kunft auf Rauhenſtein nichts davon zu ſagen, daß er Templer geworden ſei und um dieß zu verhindern, befeſtigte er leicht ein ſchwar⸗ 8 zes Tuch uͤber das rothe Kreuz am Mantel. Von den verſchiedenartigſten Gefuͤhlen * durchdrungen ſetzten die Ritter ihre Reiſe nach dem erſehnten Ziele fort. 22. Die Freude des Ritters v. Rauhenſtein war ſo groß uͤber die Ankunft der Sternen⸗Ritter, daß er ſich ſelbſt auf ein ungeſatteltes Pferd ſchwang und nach dem Kloſter ſprengte, dn ſeine Tochter abzuholen und ihr die freudig Kunde zu uͤberbringen. Helenens Antlitz erheiterte ſich ſichtbar die erhaltene Kunde„Wie heißen denn die Zu⸗ ruͤckkommenden? fragte ſie. Und als nun der Vater auch Merkenſteins Namen nannte, da uͤberzog hohe Roͤthe ihre Wangen und freudig rief ſie:„Ich folge Euch, mein Vater.“ Vier Stunden ſpaͤter befand ſich Helena nicht allein auf der Burg, ſondern ſie hatte ſich auch wieder geſchmuͤckt wie in den Tagen der Freude. Hoͤrbar klopfte ihr das Herz in der Bruſt, denn ein aͤngſtliches Gefuͤhl war in ihr eingezogen. Wurde ſie doch von jedem Plaͤtz⸗ chen an die Vergangenheit erinnert, wo Graf André ihr das Leben verſchoͤnert hatte. Ihre Zofe wollte ihr das Haar mit einem Myrthen⸗ zweig ſchmuͤcken, allein ſie warf ihn unwillig bei Seite. Noch einen Blick warf ſie in den Spiegel und begab ſich dann in den Gaden, wo ihrer Erſcheinung die Ritter mit Sehnſucht entgegen ſahen. Sie verbeugte ſich tief und reichte jedem die Hand.„Willkommen auf Rau⸗ henſtein,“ ſagte ſie recht herzlich.. Die Ritter erzaͤhlten ihr in Kuͤrze die Be⸗ ebenheign auf der Reiſe.„Alſo fuͤnf Ritter ſtuͤrzte ich durch mein thoͤrichtes Verlangen in den Tod,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt. Walther v. Merkenſtein wendete ſich jetzt an ſie mit den Worten:„Fraͤulein Helena, wir ſind bereit Euch Geſchenke aus dem Morgen⸗ lande zu uͤberbringen, wovon vielleicht eins da⸗ von die Eigenſchaften beſitzt, die Ihr verlangt.“ ſſſ ſſſſffffſff unuuunuRunuuRxuünrEEREEVEEEEVNEM 8 9 10 11 12 14 15 16 17