e veuiſche engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. CLeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buthes wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 S Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. linbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 6 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und l beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Mr 50 Sf. 2 M Pf. 39 auf 1 Monat: 1 Nr e— Pf. 1 Mt. 50 Pf.„ Mi.— 3. Auswüärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und ristuin der Bücher auf Sihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Lefer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 1. — die Eroberung der Inſel Rhodus durch ——hͤͤͤͤͤͤͤͤöͤͤZöZö—ö—öͤöͤöͤͤſ „Die 3 Johanniter⸗ nitter, oder: die Tuͤrken im Jahr 1522. 1 t äa h. Eine Erzaͤhlung aus den letzten Jehen des eilften Jahrhunderts. Von E. F. Fröhlich Kathenow. 3 Bei Johann Friedrich Flick 1826.— —— 2—— — 8 Dem Herru C. A. Fuͤrſt in Nordhauſen ſo wie deſſen Gattinn a us Hochachtung gewidmet —— vom Verfaffer. * —— —44ñ— 4 1 4 . 8 8 Johanniter⸗Ritter — oder: die Eroberung der Inſel Rhodus durch die Tuͤrken im Jahr 1522. Was iſt der Tod, daß er mich ſchrecken ſollte? Giebt's etwas, das den Helden ſchrecken kann? Willkommen waͤr' er mir im Rauſch der Thaten, Willkommen nach geſchlag'ner Siegesſchlacht, Ich wollt' ihn freudig in die Arme druͤcken und hauchte jubelnd meine Seele aus! Th. Koͤrner. 1. Scgelfertig lag die Flotille der Johanni⸗ ter⸗Ritter, welche aus einer Galeere, zwet Galeotten und einer Fregatte beſtand, im Hafen. O, es war eine wahre Luſt, dieſe, von Feuer und Muth belebten Maͤnner zu ſehen, deren groͤßte Freude es war, ſich mit den Tuͤrken, den Feinden des Chriſtenthums, im ernſten Kampfe zu meſſen!— Das Haupt nachlaͤſſig in die Hand geſtuͤtzt, ſah der wuͤrdige Großmeiſter Villiers de L'Isle 8 Adam von ſeinem Schloſſe auf die Gaſcat⸗ tigen im Hafen. Unwillkuͤhrlich falteten ſi ch ſeine Haͤnde und der Mund lispelt tiger Gott, verleihe uns den Sie 1ab — 10— 4 Unglaͤubigen, zu deines Namens Ehr' und Ruhm, und du, heiliger Johannes, beſchuͤtze deine Kinder!“ Durch Aurora's letzte Pur⸗ purſtrahlen glich das Antlitz des Edlen bei ſeinen letzten Worten einem Verklaͤrten. Da trat der Page Dumero in das Gemach, den Ritter Wangenheim anmeldend.„Er mag kommen!“ laͤchelte er freundlich. Naach einigen Minuten erſchien der junge ditter Wangenheim in der blauen Ruͤſtung mit dem ſilbernen Kreuze und der rothen Schaͤrpe. Muth blitzte aus ſeinen Augen und um den ſchoͤnen Mund ſchwebte ein freundlich⸗ſtolzes Laͤcheln; doch ſah man auf der Stirn deutliche Spuren fruͤher Leiden. „Was iſt Euer Begehren?“ fragte der Groß⸗ meiſter recht freundlich. „Hochwuͤrdigſter,“ entgegnete der Be⸗ fragte,„ich bin gekommen, um Euch um Etwas zu bitten.“ 8ch errathe ſchon,“ ſagte der Groß⸗ meiſter,„Ihr habt Luſt, mit der Flotille — gegen bie Barbaresken, welche unſer waͤſſer unſicher machen, zu kreuzen?“ 1 „Ihr habt es errathen,“ erwiederte er. „Der Jugendmuth treibt mich fort, den Tuͤrken einmal wieder meine gute Klinge fuͤhlen zu laſſen. Auf Eure Guͤte bauend, Hochwuͤrdigſter, wage ich die Bitte, daß Ihr mich mitziehen laſſet.“ „Wackerer Deutſcher,“ rief der Gute, „ziehet mit Gott gegen die Unglaͤubigen und kehret geſund wieder heim. Ha! Wenn ſolche Kaͤmpfer, wie Ihr, unſer Orden noch viele zaͤhlt, dann iſt Rhodus unuͤberwindlich, und wenn der tuͤrkiſche Kaiſer Solyman mit hundert Tauſend ſeiner Soͤldlinge kaͤme!“ „O gewiß denken alle Bruͤder ſo wie ich,“ meinte er mit ernſter feierlicher Miene, „denn es iſt ja unſere Pflicht, freudig das Leben zu opfern zur Ehre und zum Ple des Ordens.“ „Brav geſprochen, junger deutſcher ni — 12— ter!“ rief der Großmeiſter und reichte ihm die Hand, welche dieſer dankbar kuͤßte. Aus dem angrenzenden Gemache trat jetzt der Kanzler, ein großer ruͤſtiger Mann, doch waren Spuren eines boͤſen Charakters in ſeinen Mienen zu leſen. Wangenheim konnte ihn nie leiden, weshalb er ſtets meidete mit ihm in Geſellſchaft zu kommen. Den Zweck ſeines Hierſeyns errathend, fragte er ſtolz: „Was iſt Euer Begehren?“„Mein Be⸗ gehren,“ erwiederte er empfindlich,„war an den Hochwuͤrdigſten Großmeiſter gerichtet und nicht an Euch.⸗„ Seinen Grimm nur mit Muͤhe verbergend,„ſchwieg er ſtill und ging. Auf einen Wink des Gebieters brachte der Page einen großen goldenen Pokal, ge⸗ fuͤllt mit dem koͤſtlichſten Rebenſafte.„Setzt Euch zu mir,“ ſagte er,„und trinkt, denn 1„ver weiß, ob wir uns ſo geſund wieder ſe⸗ hen! 174 „O gewiß,“ rief der Juͤngling ſchnell 7 — „Gott und der heilige Johannes ſind mit der gerechten Sache.“ „Dein Glaube iſt ſtark, junger Mann,“ erwiederte er,„doch glaube mir, der Er⸗ fahrung hat, nicht immer iſt der Sieg mit der gerechten Sache. Wurden nicht hundert Tauſende der Chriſten im heiligen Lande ge⸗ opfert, ohne es behaupten zu koͤnnen? Wurde unſer Orden, der ſo viele tapfere Maͤnner zaͤhlte, nicht auch mit verdraͤngt?“ „Ja! da habt Ihr voͤllig Recht,“ rief er feurig,„aber wenn die Mitglieder des Ordens damals nicht uneinig unter einander und ihre Loſung waͤre ſtets:„Sieg oder Tod!“ geweſen, ſo haͤtte der Feind unſert Vorfahren nicht vertreiben koͤnnen; aber jetzt glaube ich, daß wir unbeſiegbar ſind, und wenn jeder Stein auf Rhodus zu einem Tuͤrken wuͤrde.“ 3 „Gott gebe, daß Ihr wahr⸗ ſeufzte er aus tiefer Bruſt,„aber leider ſche ich ſchon die Gefahr vor uns, gleich einem — 14— Drachen, der alles verſchlingt, ſich naͤhern. Aus Europa haben wir wenig Huͤlfe zu er⸗ warten, denn die Großen der Laͤnder ſehen mit Neid auf unſere Land⸗ und Seemacht, und bemuͤhen ſich ſogar, den Divan in Con⸗ ſtantinopel gegen uns aufzuhetzen. Gaͤnz einig ſind des Ordens Bruͤder auch nicht, jede geringe Beleidigung muß nach ihren Grundſaͤtzen mit Blut abgewaſchen werden, ſtatt dieſes lieber vor dem Feinde zu ver⸗— ſpritzen. Selbſt der Kanzler, welcher eben hier war, iſt nicht ganz einig mit mir und ſucht ſtets meine Worte falſch auszulegen, um dadurch unter den Rittern Meuterei an⸗ uſtoͤren. Die Urſache davon liegt einzig in dem Grunde: daß ich von der Stimmen⸗ mehrzahl zum Großmeiſter gewaͤhlt wurde und nicht er.— So ſtehen jetzt die Sa⸗ chen.“ 8„Herrſchſuͤchtig und ſtolz iſt der Kanzler m höoͤchſten Grade,“ erwiederte er,„doch gewiß kein ſchlechter Menſch.“ — — Eben trat der Kanzler wieder ein, ſich freundlich mit an den Tiſch ſetzend. In der Ritterſtraße der Stadt Rhodus war es lebhaft, denn von daher ſchallte der Trompeten Schmettern und der Trommeln Wirbeln bis auf das Schloß. „Ich muß ſcheiden,“ ſagte Wangenheim, durch dieſen Ruf an ſeine Pflicht erinnert, „nehmt meinen innigſten Dank, Hochwuͤr⸗ digſter, und ſeyd verſichert, daß ich gern fuͤr Euch oder den Orden mein Blut ver⸗ ſpritze. Lebt wohl!“ „Geht mit Gott,“ erwiederte jener be⸗ wegt,„als Sieger ſehe ich Euch wieder!“ Mit einer leichten Verbeugung gegen den Kanzler, entfernte er ſich raſch. In Ordnung geſtellt ſtanden bereits die Ritter; zu beiden Seiten trugen Matroſen und Soldaten Pechfackeln, voran gingen die Trompeter und Trommelſchlaͤger, als Wan⸗ genheim ankam. Das Volk jauchzte laut durch die dunkte Nacht, welche durch die — 16— vielen Lichter erhellt wurde. Den wuͤrdigen Großmeiſter ſollte noch vor der Abreiſe ein Vivat gebracht werden. Als der Zug der froͤhlichen Menge vor dem Pallaſte ankam, traten 100 Mann, aus welcher die Leibwa⸗ che beſtand, in eine Linie, ließen ihre Cym⸗ beln und Pfeifen ertoͤnen und praͤſentirten das Gewehr. Der Großmeiſter erſchien ſelbſt in ihrer Mitte, reichte mehren alten Rittern die Hand, ihnen eine gluͤckliche Zuruͤckkunft wuͤn⸗ ſchend, und die jungen Ritter ermahnte er zur Tapferkeit und Ausdauer im haͤrteſten Kampfe. Den Reſt der Nacht hindurch war es lebhaft im Hafen. Kaum daß der Morgen graute, ſo erſchien auch ſchon der Großmei⸗ ſter in voller Ruͤſtung auf dem Waffenplatze Sant a Maria di Vittoria. An ſeiner Seite ſtanden der Admiral der Flotille und der Großcomthur. Mit Wuͤrde und Ernſt ſprach er zu den Rittern alſo, welche mit entbloͤß⸗ ten Großcomthur.— Der Herr verleihe Euern ten Schwertern einen weiten Kreis geſchloſ⸗ ſen hatten:„Freunde und Bruͤder! Die Zeit iſt wieder da, wo Ihr Euren Muth gegen die Feinde des Chriſtenthums zeigen koͤnnt. Die Barbaresken umſchwaͤrmen, durch unſere Ruhe kuͤhn gemacht, ſelbſt dieſe In⸗ ſet und fordern uns gleichſam auf, mit ih⸗ nen zu fechten; zeigt Euch daher den Namen Eurer Vorfahren und als Streiter des hei⸗ ligen Johannes wuͤrdig. Wer im Kampfe fuͤr den rechten Glauben faͤllt, erhaͤlt jenſeits den Lohn. Gern wollte ich mit Euch fech⸗ ten, doch meine Gegenwart iſt auf der In⸗ ſel zu noͤthig. Wie leicht koͤnnte Solyman eine Landung verſuchen und wenn dann die Inſel ganz von Streitern entbloͤßt waͤre, ſo haͤtte er einen gewiſſen und leichten Sieg. Zum Anfuͤhrer habe ich den Admiral er⸗ nannt; im Fall daß dieſer verwundet oder getoͤdtet wuͤrde, uͤbernimmt den Befehl der B — 18— Waffen den Sieg und laſſe Euch alle geſund wiederkehren!“ Nun erklang die kriegeriſche Muſik und wild ſtuͤrmten die Ritter nach dem Hafen. Ddie Koͤniginn des Tages entſtieg ihrem Bette, als die Flotille auslief. Die Kano⸗ nen auf den Schiffen donnerten jenen auf dem Fort ihr Lebewohl zu. Auf den Ver⸗ decken ſtanden Ritter und Soldaten, den Zuruͤckbleibenden noch aus der Ferne zuwin⸗ kend. Ein friſcher Wind ſchwellte die Se⸗ gel und bald war die Inſel nur noch ein blauer Punkt. Dcer junge Wangenheim ſah heiter in die blauen Fluthen, denn er hatte Hoffnung, bald mit dem aͤrgſten Feinde der Chriſten, und hauptſaͤchlich der Johanniter, die Schaͤrfe ſeines Schwertes zu verſuchen. 4, 14 Im ſchoͤnſten Garten in der Naͤhe von Rhodus ſaß eines Tages Jodoka, den ſchoͤ⸗ nen ſchwarzen Lockenkopf auf die weiße kleine Hand geſtuͤtzt und ſchaute ernſt in die neu erwachte Natur. Weder der Geſang der be⸗* fiederten Bewohner des Haines, noch der reine blaue Himmel, der faſt nirgends ſo 5 ſchoͤn iſt wie hier, oder die lieblichen Geruͤ⸗ che der Blumen, konnten ihr eine heitere Miene abgewinnen. Wie aus einem Traume erwachend rief ſie dann:„Allah ſey geprieſen! Das Kreuz ſoll von Rhodus verdraͤngt wer⸗ den und der halbe Mond ſoll ſiegen, oder ich will nicht mehr die ſchoͤne Jodoka heißen. Die Thoren zwangen mich eine Chriſtinn zu werden, aber ich will, als heimliche Ver⸗ ehrerinn des Allah und ſeines großen Pro⸗ 4 pheten Mahomed, den Blitz der Vernichtun uͤber die eifrigſten Verfechter der Seinnge Religion herabſchleudern!“ 1 ⁵ — 20— Mit einem triumphirenden Laͤcheln eilte ſie durch die bluͤhenden Citronen⸗ und Po⸗ meranzenbaͤume nach der Villa, wo einige Dienerinnen der Gebieterinn die Thuͤre oͤff⸗ neten. Haſtig ſetzte ſie ſich an einen Tiſch, ſchrieb wenige Zeilen und uͤberreichte dieſe ihrer Vertrauten, ſagend:„An den Jo⸗ hanniter Arnim. Sobald er kommt, ſo fuͤhre ihn in die dunkle Laube und ſorge da⸗ fuͤr, daß ſich Niemand naͤhere.“ Ueber das liebliche Geſicht einen Schleier huͤllend, ſeufzte ſie aus tiefer Bruſt:„ach! wenn mich doch Wangenheim lieben koͤnnte! Aber nein, dieſer wird ſeinem Geluͤbde nicht untreu, er verachtet mich. Ha! er ver⸗ ſchmaͤhet die Reize Jodokas, aber ſein Blut fließe auch dafuͤr.“*— Noch lange ſchwaͤrmte ſie mit Cabalen und Intriguen fort, bis Zaire den Ritter hereinfuͤhrte. Arnim, ein franzoͤſiſcher Ritter, wohl uͤber vierzig Jahre alt, trat traͤllernd in die Laube.„Goͤttliches Weib,“ rief er unter —— — 21— vielen Verbeugungen,„was ſteht zu Eurem Befehl? Euer unterthaͤnigſter Knecht liegt zu Euren Fuͤßen.“ Ein Knie beugend, er⸗ griff er die ſchoͤne Hand, heiße Kuͤſſe dar⸗ auf druͤckend. „Steht auf,“ ſagte ſie ſpoͤttiſch,„was wuͤrde Euer Großmeiſter ſagen, wenn er Euch in dieſer Stellung erblickte?“ „O, der wuͤrde ein Gleiches thun,“ rief er lachend,„denn Euren Reizen zu wider⸗ ſtehen waͤre uͤbermenſchlich.”“ „Das bezweifle ich ſehr,“ meinte ſie im veraͤchtlichen Tone. Laͤchelnd fuhr ſie fort: „Ich moͤchte nur wiſſen, ob es noch mehr ſolche verliebte Schmeichler unter dem ſo ge⸗ prieſenen Orden gaͤbe? Nur gut, daß die Barbaresken oͤfters erſcheinen, wo faſt alle Ritter mit fort muͤſſen.“ „Entſchuldiget, Goͤttliche,“ rief er mit Pathos,„die Haͤlfte von uns iſt hier geblie⸗ S ben. Der Großmeiſter verlangte, daß ich auch gegen die Tuͤrken kreuzen llte, aber 4 daraus wurde nichts. Ich ließ mich krank melden und blieb zuruͤck. Gelobt ſey des⸗ halb Gott und der heilige Johannes!“ „Veraͤchtliche Creatur,“ knirſchte Jo⸗ doka zwiſchen den Zaͤhnen. Laut ſprach ſie: „Ich habe einen Brief nach Conſtantinopel zu beſorgen, Ihr haͤttet wohl die Guͤte, Herr Ritter, und beſorgtet ihn.“ „Mit dem groͤßten Vergnuͤgen,“ rief er, „obgleich dieſes vom Großmeiſter ſtreng verbo⸗ ten iſt. Euch zu Liebe koͤnnte ich auch das Schlimmſte thun.— Aber“— fuhr er im Tone eines Verliebten fort,„Du Sonne mei⸗ ner Liebe, Du Goͤttliche die ich anbete, goͤnnet mir doch die hohe Wonne, Euer holdes Ant⸗ litz zu ſehen.“. „Du biſt der Mann, wie ich ihn brau⸗ che,“ ſprach ſie zu ſich und zog den Schleier in die Hoͤhe. Mit Ungeſtuͤm ergriff ſie jetzt eine Mandoline, welche neben ihr lag, griff einige volle Accorde und auf dieſen Ruf erſchien Zaire.„Wein und Konfect!“ befahl ſie. nach dem Hafen. Seiner harrte, wenn eine Antwort auf den Brief kam, vielleicht eine ſuͤße Schaͤferſtunde, der holden Minne ge⸗ weiht, aber, wenn es verrathen wurde, daß er einen Brief nach Conſtantinopel beſorgt habe, ſo harrte ſeiner auch Strafe. Gedan⸗ kenvoll ſchritt er endlich wieder nach ſeiner Wohnung, denn kein Schiff war fuͤr ihn da, und ſprach oͤfters halb laut:„der verdammte Schuß!“ 3. Staͤrker erhob ſich der Wind, das ſchoͤne Blau des Himmels wurde mit ſchwarzen drohenden Wolken umzogen und unruhig brauſ'te das Meer. Der Admiral der Flo⸗ tille theilte ſeine Befehle aus, allein ſie wur⸗ den nur auf ſeinem Schiffe befolgt, denn die uͤbrigen waren durch den Wind, welcher nach und nach ein Sturm wurde, von ein⸗ ander getrennt. Die einbrechende Nacht ver⸗ mehrte noch den Schrecken der Seefahrer, denn die Wellen riſſen einige Matroſen vom Verdeck in das naſſe empoͤrte Element. Wan⸗ genheim blieb ſich gleich; er verrichtete die geringſten Arbeiten und aiſe⸗ die Muth⸗ loſen. 8 Langſam entſchwand die Nuacht vom jun⸗ gen Tage verdraͤngt. Das Meer war blut⸗ roth, und viele Aberglaͤubiſche meinten: daß naͤchſtens von ihrem Blute auch das Meer geroͤthet werde; Wangenheim merkte den uͤblen Eindruck, welchen dieſe Worte verur⸗ ſachten und ſagte: daß er aus den Sternen erſehen habe, wie ſie Sieger uͤber die Tuͤr⸗ ken wuͤrden, bevor aber ein ſchreckliches Blutbad unter ihnen anrichten muͤßten. Man liebte und ſchaͤtzte den jungen Helden we⸗ gen ſeines Edelmuthes und ſeiner Tapferkeit, und da man dieſe Prophezeihung wuͤnſchte, ſo glaubte man ſie auch. Sorgſam ſchaute der Admiral auf den weiten Ozean umher, denn nicht allein, daß — — — 29— das Schiff ſich in einer ganz unbekannten Gegend befand, ſondern auch keine Spur von den uͤbrigen Schiffen aufzufinden war. Wie leicht konnten die einzelnen Schiffe, von dem tuͤrkiſchen Geſchwader entdeckt, mit we⸗ nig Muͤhe vernichtet werden. Der Schaden dadurch waͤre fuͤr den Orden unerſetzlich ge⸗ weſen. Nach und nach wurde das Meer wieder ganz ruhig, aber ein Nebel, welcher ſich wie ein Leichentuch ausgebreitet hatte, verhinderte in die Ferne zu ſehen. Der Sonne heiße Strahlen vermochten nicht den Nebel zu zer⸗ theilen, der Abend brach wieder herein und man mußte auf gut Gluͤck zuſteuern. Es war zu bewundern, daß das Schiff auf keine Klippe gerieth, da es deren in dieſer Ge⸗ gend ſo viele giebt. Der Admiral war die ganze Nacht hindurch beſchaͤftigt und Wan⸗ genheim ſaß am Steuerruder. Wiederum 6 erſchien der junge ſehnlichſt erwartete Tag. Ein friſcher Nordwind zertheilte die Wolken und Aurora druͤckte den Nebel nieder. Freu⸗ dig ſchauten die Ritter ſo weit das Auge reichte, und zwoͤlf raſch auf einander folgende Kanonenſchuͤſſe, das Zeichen der Noth, brummten vom Schiffe; aber keine Antwort erfolgte. Da verkuͤndigte der Matroſe, wel⸗ cher im Maſtkorbe ſaß, mit lauter Stimme: „Land! Land!“ Der Admiral ſah die Rit⸗ ter bedenklich an, denn wenn man darauf zuſteuerte, und es war eine Inſel unter tuͤr⸗ kiſcher Herrſchaft, ſo war es fuͤr ſie ſehr gefaͤhrlich.„Bruͤder Ritter,“ ſprach er nach einigen Minuten,„ſagt Eure Mei⸗ nung unverholen und waͤhlet unter zwei Uebeln das beſte.„Euer Wille,“ ſprach Wangen⸗ genheim,„iſt ja fuͤr uns Befehl, Ihr ſeyd der Kluͤgſte und Erfahrendſte unter uns, weshalb wir feſt auf Euch bauen.“„Brav geſprochen, wackrer Deutſcher,“ rief der Kriegscomthur, ein alter ehrwuͤrdiger Mann, welcher mit auf das Schiff gegangen war, um den Feind durch ſeine kalte Ueberlegung 4 und Beſonnenheit zu ſchaden, wo leicht ju⸗ gendliche Hitze alles verderben koͤnnte. Den blauen Punkt, welchen man fruͤ— her nur von dem Lande geſehen hatte, ver⸗ groͤßerte ſich von Minute zu Minute. Schon konnte man durch Fernglaͤſer Haͤuſer und Baͤume erkennen; da rief der alte Kriegs⸗ comthur:„Es iſt die tuͤrkiſche Inſel Cy⸗ pern!“ Dieſer Ruf verbreitete ein aͤngſtli⸗ ches Gefuͤhl bei Vielen. Der Admiral be⸗ fahl, ſogleich alle Segel beizuziehen, zu la⸗ viren und das Schiff zu wenden. Kein feindliches Schiff ließ ſich in der Naͤhe ſehen. Der Himmel war heiter und klar und die Ritter ſaßen in trauliche Ge⸗ ſpraͤche vertieft auf dem Verdecke. Die aͤl⸗ teren Ritter erzaͤhlten den juͤngeren von ih⸗ ren Schlachten und Abenteuern, wobei dieſe zuweilen begeiſtert davon aufſprangen und an die Schwerter ſchlugen. Sie waren hier das ganz, was ſie ſeyn ſollten— Bruͤder. Fleißig ging der Becher, gefuͤllt mit koͤſtli⸗ chem Nectar, in ihrer Mitte umher und hei⸗ tere Scherze erfreuten den Geiſt; da bat Wangenheim den Ritter Raymond, ſeine Abenteuer auf der Inſel Chios zu erzaͤhlen. Mehrere Ritter ſtimmten ſeinem Verlangen bei und er begann: „Es war im Jahr 1499, als unſer da⸗ maliger Großmeiſter eine anſehnliche Flotille ausruͤſten ließ. Ich war damals kaum zwan⸗ zig Jahre alt und haͤtte ſchier verbrennen moͤ⸗ gen vor Ungeduld mich nur einmal mit den Unglaͤubigen im ernſten Kampfe zu meſſen. Der Großmeiſter blieb auf der Inſel und uͤbertrug das Commando dem Drapier, wel⸗ ches ein tapferer, aber auch ein rachſuͤchti⸗ ger Mann war. Mit Jubelgeſchrei lief end⸗ lich die Flotille aus dem Hafen. Der Dra⸗ pier allein wußte den Zweck der Expedition. Unſere Fahrt war gluͤcklich. Wir ſegelten an den fuͤnf Felſen⸗Inſeln und an Samos vorbei. Hier ſtießen wir auf vier tuͤrkiſche Schiffe und eroberten dieſe ohne vieles Blut⸗ . vergießen. vergießen. In der Cajuͤte des groͤßten Schif⸗ fes beſchuͤtzte ich ein Maͤdchen gegen die Be⸗ gierden der Matroſen und dieſe ſchaͤndliche Creatur lohnte mich mit dem abſcheulichſten Undanke.— Der Zweck unſerer Expedition war: die Inſel Chios zu erobern. Hier den wir von den Unglaͤubigen den hartnaͤckig⸗ ſten Widerſtand. Zwei ſchoͤne Schiffe wur⸗ den von uns durch die Brander vernichtet, die anderen zwei ſchlugen jeden Angriff, wenn wir entern wollten, zuruͤck. Wenn das von uns ſo kuͤhne Unternehmen gelingen ſollte, ſo konnte nur Schnelligkeit in den Unterneh⸗ mungen an das Ziel fuͤhren. Unſere Bran⸗ der richteten nichts gegen jene Schiffe aus, und wuͤthend daruͤber, gab der Drapier Be⸗ fehl zum Entern. An Gehorſam gewoͤhnt ſchwiegen wir und bereiteten uns zum Tode. Die Enterhaken wurden angelegt, die Bruͤcke fiel, und wir ſtuͤrmten daruͤber hin auf das feindliche Verdeck. Hier fochten die Unglaͤu⸗ bigen, begeiſtert bis zur Raſerei vom Opium, E 3 welchen ſie vorher genoſſen hatten, aber viele ihrer von Mordluſt gefuͤhrten Hiebe prall⸗ ten an unſern Harniſchen ab. Es war ein ſchreckliches Gemetzel, nur mit Schaudern ke ich daran. Viele von uns waren ge⸗ e und alle verwundet. Der Kampf waͤhrte ſchon drei volle Stunden und noch war der Sieg nicht entſchieden. Ein großer reich geſchmuͤckter Tuͤrke ſchien der Engel des Todes zu ſeyn; wo ſein Schwerr hinfiel, da ſank jeder unter ſeinen Streichen. Der Drapier, obgleich ermattet, wagte den Kampf mit dem Schrecklichen, ſiel aber bald mit geſpaltenem Haupte⸗ Ein Angſtruf von un⸗ ſerer Seite begleitete des Anfuͤhrers Fall, waͤhrend die Tuͤrken wie raſend ihr„Al⸗ lah!“ riefen. Der Kriegscomthur, ein be⸗ ſonnener Mann, uͤbernahm ſogleich das Com⸗ mando. Feſt zuſammengedraͤngt ordneten wir uns wieder und das Schwert ſank an der ermatteten Hand zur Erde; auch die Feinde ruhten aus. Der Kriegscomthur gab bald * — — 35— das Zeichen mit der Pfeife zum neuen An⸗ griff. Ueber einen Haufen Todter und Ver⸗ wundeter durchbrachen wir den Feind, um Beſitzer vom Innern des Schiffes zu wer⸗ den. Die Wuth der Verwundeten war ſo groß, daß ſie auf der Erde liegend noch mit einander kaͤmpften. Ich ſelbſt ſah es, wie ein verwundeter Tuͤrke einem Ritter, deſſen rechter Arm fehlte, mit einem Dolche, den er vor Mattigkeit kaum noch fuͤhren konnte, die Augen ausſtieß und uͤberhaupt das Ge⸗ ſicht verſtuͤmmelte.“— „Wir wollen uns aber auch ſchrecklich raͤchen!“ rief ein Ritter und veile ſtimmten bei. Der Erzaͤhler fuhr fort:. „Der Donner der Kanonen, welche raſt⸗ los gegen einander wuͤtheten, der Pulver⸗ dampf, das Geſchrei der Kaͤmpfenden und Verwundeten bewegten mein Herz ſeltſam. Schon wollten wir in das Innere eindrin⸗ gen, da verwehrte uns der große furchtbare Tuͤrke den Eingang. Schrecklicher wuͤthete C 2 — 36— der Kampf, die letzte Kraft focht mit der letzten Anſtrengung.„ Gott mit uns!“ ſchrie ich und ſtuͤrzte auf den Furchtbaren ein. „Zuruͤck!“ donnerte mir der Kriegscomthur und begann nun ſelbſt den Kampf. Nur den Kampf der beiden Anfuͤhrer ſahen die Krieger und von ſelbſt ſanken wieder die Waffen, da zerſchellte des Kriegscomthurs Schwert an dem Harniſche des Feindes und er ſank, am Haupte verwundet, zur Erde. Die Tuͤrken jauchzten und wir ſchlugen wie Verzweifelte um uns. Nun wagte ich den Kampf mit jenem Furchtbaren. Die Agraffe an ſeinem Schwerte war mit großen Edel⸗ ſteinen beſetzt, welches er ſo ſchnell ſchwang, daß man es in der Luft kaum ſah.„Milch⸗ baͤrtiger verdammter Giaur,“ ſchrie er mir zu,„ich vernichte noch hundert Deines Glei⸗ chen!“ Tief fuͤhlte ich ſeine Worte und brachte ihm bald einen ſolchen Hieb in die rechte Schulter bei, daß ſeine Streiche nur noch matt fielen. Das Blut lief ihm au der Ruͤſtung herab, und wuͤthend hieruͤber, hieb er unſinnig auf mich ein. Dies ge⸗ wahrend, ſtieß ich ihm mein Schwert, durch die geoͤffnete Schiene, in den Hals, daß er augenblicklich mit einem fuͤrchterlichen Ge⸗ bruͤll niederſank.“— „Damals fochteſt Du aber auch mit uͤbermenſchlichen Kraͤften,“ rief ein alter ergrauter Degen, der dabei geweſen war, „und der Orden hat Dir viel zu verdan⸗ ken. „Ich that nur meine Pflicht,“ erwie⸗ derte er. Wangenheim ſeufzte:„Von jetzt an ſollt Ihr mein Muſter ſeyn!“ Jener friſchte mit einem Zuge Wein den Gaumen an und begann wieder: „Durch all unſer Kaͤmpfen war jedoch leider nichts gewonnen. Der Donner des Geſchuͤtzes ſchwieg, und ihre Stuͤcke verlaſe ſend ſtuͤrzten uns die Kanoniere entgegen. Wir wichen zuruͤck und wiederum begann der ſchreckliche Kampf auf dem Verdecke. Wir wurden ſo gedraͤngt, daß mehrere von uns ins Meer ſtuͤrzten, ohne errettet werden zu koͤnnen. Unſer aller Tod ſchien gewiß, denn die Arme waren erſchlafft; da ſchallte vom andern Schiffe das Siegesgeſchrei der Unſri⸗ gen zu uns. Wie neu belebt fochten wir wieder, indem erhielten wir auch Huͤlfe von ihnen, und der Sieg war auch bei uns ent⸗ ſchieden. Von einer ſonderbaren Ahnung ergriffen, folgte ich einem wuͤthenden Tuͤrken, und kam gerade noch zur rechten Zeit, denn er war eben im Begriff ſeine Buͤchſe in die Pulverkammer abzuſchießen, wodurch das ganze Schiff mit Mann und Maus eine Luftfahrt gemacht haͤtte. Ich riß ihn zuruͤck und uͤbet: gab ihn den Matroſen.— Die Gefangenen wurden gemißhandelt und viele mit Ketten belegt. Ich ſtand eben auf dem Verdecke bei einem Haufen Erſchlagener und bedauerte manchen Bruder und Freund, der mit dar⸗ unter war, da fielen zwei wuͤthende Tuͤrken, die man wahrſcheinlich pergeſſen hatte in den 8 1 — 39— untern Schiffsraum zu bringen, uͤber mich her, umſchlangen mit Rieſenſtaͤrke meinen Leib und wollten mich und ſich in das Meer ſtuͤrzen; aber gluͤcklicherweiſe hatte ich die eine Hand frei und hielt mich damit an dem Gelaͤnder des Vorkaſtells. Auf mein Rufen kamen mehrere der Unſrigen herbei. Eher ließen ſie ihre Beute jedoch nicht fahren, bis ſie getoͤbtet waren. Eine ſolche That iſt ge⸗ wiß ſelten in der Geſchichte. Wir waren durch dieſen Sieg Herren des Hafens; aber er war theuer erkauft. Hundert Ritter und dreihundert Soldaten lagen auf dem Kampf⸗ platze. Die Todten des Feindes beliefen ſich auf Tauſend. Von den Einwohnern freudig empfangen, zogen wir nach einiger Ruhe in die Hauptſtadt ein. Hier war es, wo ſich viele Ritter um Ehr' und Ruhm brachten. Von Mordluſt entbrannt, wurden die un⸗ gluͤcklichen Tuͤrken, welche hier wohnten, nie⸗ dergemetzelt, ihre Weiber und Kinder ge⸗ ſchaͤndet, und zwar von Rittern, die den — 40— Schwur der Keuſchheit in dieſer Zeit ſchie⸗ nen vergeſſen zu haben.“— „Noch jetzt leben einige dieſer Elenden,“ rief der Alte, welcher auch dabei geweſen war,„und ſind geehrt und geachtet.“ Rit⸗ ter Raymond ſprach weiter: „An allen dieſem Unfuge war weiter nichts Schuld, als daß uns ein tuͤchtiges Oberhaupt fehlre.— Die Beſatzung der Inſel hatte ſich in das Kaſtell gezogen, wel⸗ ches auf einem hohen Felſen lag. Wir for⸗ derten ſie ſogleich auf ſich zu ergeben; im Weigerungsfall wuͤrden wir ſie alle uͤber die Klinge ſpringen laſſen. Auf ihre Felſen trotzend, ſchnitten ſie dem Herolde Ohren und Naſe ab und ſchickten ihn ſo zuruͤck. Doch — nun will ich wieder etwas von meinen Abenteuern erzaͤhlen. Jenes tuͤrkiſche Maͤd⸗ chen, welches ich im Schiffe geſchuͤtzt hatte, gab mir zu verſtehen, daß ihre Eltern auf der Inſel wohnten. Ich brachte ſie dahin, wohin ſie mir den Weg zeigte. In einem —— — 41— abgelegenen Thale wohnten ſie, ſchienen aber wenig uͤber die Erſcheinung ihrer Tochter er⸗ freut. Sie baten mich hier zu bleiben und ich ließ mich zureden. Die Wirthinn be⸗ trachtete mich mit mordluſtigen Blicken. Ich verſprach ſie zu ſchuͤtzen, wogegen ſie mich trefflich bewirtheten. Am Abende wollte ich zuruͤck, denn der neue Großcomthur ſuchte Ordnung einzufuͤhren, doch ich blieb. Sie fuͤhrten mich hierauf in ein verſtecktes Ge⸗ mach und gingen hinaus; da wich der Bo⸗ den unter meinen Fuͤßen und ich ſank be⸗ taͤubt in eine ſchreckliche Tiefe.— Die Glocke, lieben Bruͤder, ruft zur Tafel, mor⸗ gen erzaͤhle ich weiter.“ 4. Der Wind hatte ſich gedreht und das Schiff durchſchnitt luſtig die Fluthen. Rit⸗ ter Raymond erzaͤhlte weiter: — 42— „Von oben herab erſchallte Gelaͤchter und deutlich hoͤrte ich die Worte von jenem Maͤdchen:„Verdammter Giaur, hier ſollſt Du verhungern.“ Ich fluchte und tobte, aber man ſpottete meiner, goß ſiedendes Waſſer auf mich herab und warf mich mit großen und kleinen Steinen, welche praſſelnd am Harniſche abſprangen. Endlich, da es ſchon ſehr ſpaͤt ſeyn mußte, verließ man mich. Ich ſuchte die ermatteten Glieder durch den Schlaf zu ſtaͤrken, aber er floh mich. Sehr fruͤh fingen die Nichtswuͤrdigen ihr Spiel wieder an, wobei das Maͤdchen am thaͤtig⸗ ſten war. Ich hatte ſchrecklichen Hunger und Durſt, wenn ich ſie aber um Etwas gebeten haͤtte, ſo waͤre ihre Freude dadurch vergroͤßert worden und ich fuͤgte mich denn in mein Schickſal und ſchwieg. Es konnte gegen Abend ſeyn, ſo wurde brennendes Holz auf mich herabgeworfen, welches bei ſeinem Verloͤſchen einen entſetzlichen Dampf verbrei⸗ tete, wodurch ich faſt erſtickt waͤre. Ich legte mich an die Wand und hoͤrte die Worte: „Der iſt nun in ſeiner Chriſten⸗Hoͤlle!“ Starr und bewegungslos lag ich noch da, denn Rettung ſchien mir unmoͤglich, da hoͤrte ich ein Pochen und Reißen an einem Steine, ſo wie auch ein leiſes Fluͤſtern. Geſpannt ob der Dinge die da kommen wuͤrden, zog ich mein Schwert, welches ein Geraͤuſch verurſachte und nun war nichts mehr zu hoͤ⸗ ren. Ich tappte in der Dunkelheit an der Wand herum und fand einen großen Stein, welcher ſich bewegte. Mit der groͤßten An⸗ ſtrengung hob ich ihn heraus; ſo ging es bei dem zweiten, dritten und vierten, und vorſichtig kroch ich hindurch. Nun befand ich mich wahrſcheinlich in einem Keller, denn ich wanderte wohl eine viertel Stunde im Dunkeln und feuchter Luft. Einen langen Gang hatte ich eben durchſchritten, da ſchien es mir etwas heller zu werden; hoch auf ſchlug das Herz fuͤr Freude, denn nach we⸗ nigen Minuten befand ich mich im Freien, — 4— umgeben von Baͤumen und dichten Geſtraͤu⸗ chen. Ohne Saͤumen bahnte ich mir mit dem Schwerte einen Weg. Noch lag Ruhe in der ganzen Natur und war ſchwach daͤm⸗ merte der Tag. Meinen Huuger und Durſt ſtillte ich mit unreifen Citronen und wilden Feigen. So ſtreifte ich im Walde umher bis gegen Mittag, wo ich das freie Feld wirder ſahe Gluͤcklich war auch dieſe Ge⸗ fahr uͤberſtanden, denn zwei Bruͤder vom Orden begegneten mir eben und freuten ſich, mich, den ſie fuͤr verungluͤckt hielten, wie⸗ der gerettet zu ſehen. In Begleitung von mehreren der Unſrigen ging unſer Weg ſo⸗ gleich nach der Wohnung jener nichtswuͤrdi⸗ gen Tuͤrken, um ſie zu beſtrafen. Jedoch ſie waren entflohen und hatten nur das oͤde Haus hinterlaſſen, woran wir weiter keine Rache ausuͤben konnten, als daß wir es in Brand ſteckten.“ „Alle Tuͤrken verdienten den Feuertod, 45 rief ein alter Ritter im Eifer,„denn eine ſolche rohe Nation kennt den Edelmuth der civiliſirten Nationen nicht!“ Der Erzaͤhler ſeufzte und fuhr fort: „Auf dem Ruͤckwege beſuchten wir den Lieblingsaufenthalt des unſterblichen Dichters Homer. Ach, es war dort ein ſolch ſchoͤnes Plaͤtzchen, wie ich es nirgends wieder ange⸗ troffen habe. Man genießt von da aus eine herrliche Ausſicht auf das Meer. In der Mitte eines ovalen Platzes, umgeben von Trauerweiden und Cypreſſen, iſt ein Sphynx und eine Bank aus Marmor noch aus je⸗ ner Zeit zu ſehen. Ich ſtreckte die Arme in die Hoͤhe und rief von Begeiſterung er⸗ griffen:„Großer Gott, wie iſt deine Welt ſo groß und ſchoͤn!“— Wir fingen jetzt an die Veſte foͤrmlich zu belagern, und hatten bereits mehrere Vortheile errungen, da ver⸗ breitete ſich die Nachricht, daß eine große tuͤrkiſche Flotte unter Segel gegangen ſey, um uns zu vernichten. Wenn wir alſo nicht binnen einigen Tagen die Veſte einnehmen 3 — 46— konnten, ſo waͤre es Tollheit geweſen laͤnger zu bleiben und ſich unnuͤtz aufzuopfern. Ein Sturm wurde beſchloſſen und muthig erklet⸗ terten wir die ſteilen Felſen. Der Sonne erſte Strahlen fanden uns an dem erſten Walle. Die ausſtehenden Wachen wurden uns jetzt erſt gewahr und machten Laͤrm. Be⸗ gruͤßt von einem Hagel kleiner und großer Kugeln wichen wir zuruͤck; aber da ergriff ein Ritter die Ordensfahne und rief:„Fol⸗ get mir!“ Wie ein Sturm, der alles mit ſich niederreißt, ſo erſtuͤrmten wir den Wall und pflanzten die Fahne auf.“ „Vergeßt nicht,“ fiel der alte Ritter ein,„daß Ihr der Erſte auf dem Walle waret, Euch nur hatten wir dieſe Eroberung zu danken!“ „O, ſo ſchweigt doch davon,“ meinte die⸗ ſer, in ſeiner Erzaͤhlung fortfahrend: „Eine gut angelegte Batterie der Feinde noͤthigte uns den Wall bald wieder mit be⸗ deutendem Verluſte zu verlaſſen, wobei wir — 47— abermals unſern Anfuͤhrer verloren. Jetzr— hatten wir unter zwei Mitteln zu waͤhlen, uns hier begraben zu laſſen oder wieder zu Schiffe zu gehen; einſtimmig waͤhlten wir das letztere. Zum Gluͤck beunruhigten uns die feigen Tuͤrken nicht weiter, froh daruͤber, daß wir uns wieder zuruͤckziehen mußten. Am Abende luſtwandelte ich am Ufer des Meeres und ſah gedankenvoll in die Ferne, wo einige Fahrzeuge ſichtbar wurden; da packte mich ein Ungethuͤm des Waſſers und verſuchte mich mit in das naſſe Element zu Ziehen. Mit Kraft ſchleuderte ich es zuruͤck, zog das Schwert und verwundete es, doch dadurch noch wuͤthender, ergriff es mich wie⸗ derum und biß und kratzte ſchrecklich; ſchon hielt ich mich fuͤr verloren, als ich zum letz⸗ tenmal die Kraͤfte zuſammen nahm, es zur Erde ſchleudernd. Das gute ſcharfe Schwert fuhr bis in die Mitte des Kopfes. Es ver⸗ ſuchte zwar das Meer wieder zu erreichen, doch ich ließ es dahin nicht kommen. Zer⸗ kratzt und blutend war ich Sieger. Das Ungethuͤm war ein großes Seekalb. Aus ſeinem Felle ließ ich mir dieſe Muͤtze und dieſe Stiefeln machen. Wahrſcheinlich war dieſes Ungethuͤm durch einen Sturm aus Norden hierher getrieben worden, denn ſein wirkliches Vaterland ſind die kaͤlteſten Ge⸗ genden, als Rußland, Lappland und Groͤn⸗ land. Auch dieſer Gefahr war ich gluͤcklich entronnen.— In aller Stille verließen wir in der Nacht den Hafen und kamen nach ei⸗ auer kurzen Fahrt wieder auf Rhodus an. Die Expedition hatte uns manchen Braven gekoſtet, ohne unſern Zweck, die Eroberung der Inſel, erreicht zu haben. Wenn wir nur noch zwei Tage auf der Inſel verweilt haͤtten, ſo waͤren wir verloren geweſen; denn ſpaͤter erfuhren wir, daß die tuͤrkiſche Flotte ſchon den andern Tag nach unſerer Abfahrt in den Hafen eingelaufen ſey.“— Ernſthaft trat der Admiral eben auf das Ver⸗ Verdeck, als der Matroſe im Maſtkorbe rief: „Einige Schiffe kommen weſtlich!“ „Ach, wenn es doch die unſrigen waͤ⸗ ren,“ ſeufzte der Aomiral. „Nun, und wenn es feindliche ſind,“ rief Wangenheim begeiſtert,„ſo fallen wir wie es Johanniter⸗Rittern geziemt!“ — . Arnim hatte den Brief Jodoka's nach Conſtantinopel beſorgt, und heute war das Schiff mit einem koͤſtlichen Shawl, welcher als Antwort diente, wiedergekehrt. Er eilte froͤhlich ihrer Sommerwohnung zu. Ein Schwarzer meldete ihn bei der Gebieterinn. Bald darauf erſchien dieſer wieder und fuͤhrte ihn durch mehrere koͤſtliche Zimmer. In dem prachtvollſten ſaß Jodoka, wolluͤſtig geklei⸗ det, auf weichen ſeidenen Kiſſen. Seitwaͤrts ſtanden drei Sclavinnen mit kreuzweis uͤber d 1 4— 5⁰— der Bruſt gelegten Haͤnden. Mit einem zauberiſchen Laͤcheln ſah ſie den verlegenen Ritter an, der vor Erſtaunen ſeine glatten Worte vergeſſen hatte.— „Endlich genieße ich,“ begann er ge⸗ dehnt,„das hohe Gluͤck, die Schoͤnſte in Mahomeds irdiſchem Paradieſe wieder zu ſehen!“— 4 „Ihr bringt doch Antwort?“ fragte ſie raſch einfallend. „Hier iſt ſie,“ rief er,„und ich, Euer Knecht, uͤbergebe ſie Euch knieend.“ Ein ſchadenfrohes Lächeln zog ſich um den ſchoͤnen Mund, als ſi e den Shawl er⸗ blickte. Auf einen ihr inke entfernten ſich die drei Sclavinnen. „Ich danke Euch Hrgich.. ſege ſie, reichte ihm die Hand zum Kuſſe und bat ihn ſich zu ihr zu ſetzen. Indem ſervirte eine kleine runde allerliebſte Bruͤnette mit ſchwarzen Feueraugen einen Tiſch mir Wein und Confect. 4 4 — 51— „Ach Jodoka,“ begann nun der Ritter, 8 da er ſich erholt hatte,„ſo wie ich Euch liebe, ſo kann kein Sterblicher außer mir lieben. Wo ich gehe, wo ich ſtehe, iſt auch Euer holdes Bild; ſelbſt wenn ich bete, ſih nenne ich Euren Namen.“ „Ihr ſpottet, Herr Ritter,“ erwiederte ſie;„wenn Ihr Euer Geluͤbde ganz erfuͤl⸗ len wollet, ſo iſt es ſchon unrecht, daß Ihr Euch zu mir ſetzt, und ganz ſtrafbar iſt es, ſolche ſuͤndliche Gedanken ſelbſt in dem Hauſe Gottes zu haben.“ „Wer kann den Trieben, die Gott und die Natur in uns legte, widerſtehen?“ Bei dieſen Worten umſchlang er ſie und bedeckte die friſchen rothen Lippen mit ſeinen wuͤthen⸗ den Kuͤſſen. Den kraͤftigen Ritter konnte ſie nicht widerſtehen und ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden; da ſtuͤrmten Sclaven und Selavinnen in das Gemach. Erſchrocken ſprang der Ritter auf, nach dem Schwerte greifend. Auf ihren Wink entfernten ſie ſich D 2 — 52— wieder. Jodoka brachte den Faltenwurf am Mieder wieder in Ordnung und reichte dem Ritter gelaſſen einen Becher mit Wein. „Ach Gott, wenn Eure Sclaven nur nicht plaudern, was ſie geſehen haben,“ klagte Arnim,„denn unſer Großmeiſter Villiers iſt in dergleichen Sachen ſehr ſtreng.“ „Traget keine Sorge,“ meinte ſie ſpoͤt⸗ tiſch,„das Plaudern beſtrafe ich bei meinen Leuten mit ewigem Kerker oder— Tod.“ „Alſo auch mit ſolcher Strenge kann Jodoka, die ein Engel in Menſchengeſtalt iſt, verfahren?“ „Ich kann aber auch ſehr gut ſeyn,“ laͤchelte ſie, die kleine warme Hand auf ſeine Schulter legend.— — Der feurige Wein hatte ihre Herzen ent⸗ flammt. Jodoka gluͤhte und hoͤher hob ſich der halb entbloͤßte Alabaſter⸗Buſen. „Ihr ſagtet,“ begann ſie wieder,„daß Ihr mich liebtet, auch ich geſtehe es Euch frei, ich bin Euch nicht abgeneigt, obgleich wir an JIahren ſehr von einander entferne ſind; aber Proben Eurer Liebe muͤßt Ihr mir geben.“ „Fordert,“ rief er,„ich thue Alles fuͤr Euch!“ „Gut!“ erwiederte ſie,„ſo verlange ich von Euch, daß Ihr auf keine Art Eurem Orden nützen ſollt, denn dies kann unſere Wuͤnſche kroͤnen.“ „Selbſt gegen ihn zu handeln,“ rief er feurig,„verſpreche ich, wenn Ihr mich nur liebt.”“ „Wenn Euer Orden vernichtet werden ſollte,“ fuhr ſie fort,„dann bindet Euch kein Geluͤbde mehr und 1) werde die Eu⸗ rige.“ „So ſey es,“ anchee er, ſie unfäia, gend. Fleißig wurde der Becher geleert und wieder gefuͤllt, als Jodoka einen Spaziet⸗ gang im Garten vorſchlug. Es war dunkel geworden und nur nach .* — 54— die jungen Voͤglein zwitſcherten im Neſte unter ſicherem Schutze der Alten. Angenehm war die Luft, berauſchende Geruͤche der Pflan⸗ zen und Blumen des Morgenlandes wehten umher und Tauſende von freundlichen Sterz nen blickten herab; da wandelte Arnim am Arme der Schoͤnen im Garten. So gluͤck⸗ lich glaubte er noch nie geweſen zu ſeyn. „Aber,“ fing Jodoka ploͤtzlich an,„wenn ich nun wieder zum Islamismus uͤbergehen wollte, wuͤrdet Ihr dies auch thun?“ „Alles! Alles!“ rief er,„wenn ich nut von dem Orden nichts dabei zu zefüͤrchten de 1 Noch lange nandelten ſie in der Natur umßer, bis Jodoka zur Ruͤckkehr ermahnte. Das Gemach duftete von den beſten Speze⸗ reien und gierig wurden noch einige Becher Wein genoſſen. Jodoka ſpielte und ſang; Arnim's Liebkoſungen wurden feuriger. Duͤ⸗ ſter brannte im Hintergrunde des Gemaches eine Wachskerze, die mit jeder Minute zu . — 55— verloͤſchen drohte. Wild umtanzten die ſchwar⸗ zen ſchoͤnen Locken Hals und Buſen. Hingebend und ſchmachtend beſchauten ihre Augen den kraͤf⸗ tigen Ritter; er wurde kuͤhner, ſie duldete es und die Liebe feierte die koͤſtlichſte Stunde. Die Kerze erloſch, feſter umſchlan⸗ gen ſie ſich und das Leben zerfloß in ein— Ach! 27 6. Als Ritter Arnim vom Taumel der Liebe und des Weines erwachte, hatte ſich Jodoka bereits entfernt. Ein Schwarzer ſtand bei ihm.„Geh,“ rief er im barſchen Tone, „melde mich bei Deiner Gebieterinn!“ „Die iſt krank,“ erwiederte er,„und fuͤr heute von Niemandem zu ſprechen.“ Er laͤchelte und entfernte ſich dann mit der froͤhe lichſten Laune.„Ha!“ rief er aus, nach ihrer Wohnung zuruͤckblickend,„ dieſes Weib kann einen Teufel oder Engel aus mir ma⸗ — 36— chen, je nachdem ihre Laune iſt. Ich liebe ſie zum raſend werden. Mir gilt es gleich, wenn ich ihre Liebe beſitze, ob ich Tuͤrke oder Chriſt bin! Es iſt wahr: verbotene Fruͤchte ſchmecken am ſuͤßeſten!“— Zwoͤlf raſch auf einander folgende Kanonenſchuͤſſe weckten ihn aus ſeinen Gedanken und raſch eilte er dem Hafen zu. Ein großes Kriegsſchiff, geziert mit dem halben Monde, ging eben vor Anker, waͤh⸗ rend der Donner der Kanonen weithin krachte. Am Ufer hatten ſich Ritter, Sol⸗ daten und Buͤrger verſammelt, neugierig, was fuͤr eine Botſchaft das Schiff zu uͤber⸗ bringen habe. Bald darauf ſtieg in einem Boote ein Aga nebſt drei Janitſcharen an das Land. Mit keckem Trotze, ohne die Umſtehenden zu gruͤßen, gingen ſie nach dem Schloſſe des braven Großmeiſters. Die Leibwache mit ihren langen Spießen trat heraus, die Fremdlinge neckend. Der dienſtthuende Rit⸗ ☛☚‿ — 57— ter meldete ihre Ankunft. Die luſtigen Pa⸗ gen fuͤhrten den Aga durch jeden Gang des Schloſſes. Zwei Schuͤtzen oͤffneten endlich die Fluͤgelthuͤren zu dem Gemache des Groß⸗ meiſters. Umgeben von den Anfuͤhrern der Ritter ſaß der Großmeiſter auf einem reich mit Gold geſchmuͤckten Seſſel. Des Aga Arme kreuzten ſich uͤber der Bruſt zuſammen und er begann:„Abgeſchickt von meinem Herrn, dem Baſſa Ali, komme ich, um den tapfern und erleuchteten Großmeiſter der Jo⸗ hanniter zu fragen: wann dieſer eine Un⸗ terredung, die ſehr wichtig iſt, mit Euch ha⸗ ben kann?“ „Dieſen Nachmittag,“ rief der Befragte, „oder wenn es ſeyn kann, lieber gleich!“ „Heute iſt dies nicht mehr moͤglich,“ wendete der Aga ein,„denn es bedarf noch mancher Vorbereitung dazu.“— 4 „Morgen fruͤh aber doch?“ fragte Vile⸗ liers raſch.. „Euer Wille iſt uns Befehl,“ erwiederte — 538— er.—„Mein Herr laͤßt ferner bei Euch anfragen: ob die Mannſchaft des Schiffes das Land betreten darf?“ „Nein!“ rief der Gereizte heftig,„der⸗ jenige von Euch, welcher ohne Erlaubniß das Land betritt, wird geſpießt.“ Zu dem Anfuͤhrer der Leibwache gewandt, ſprach er: „Die ganze Nacht hindurch durchſtreift mit Euren Leuten die Inſel und nehmt Jeden feſt, der Euch verdaͤchtig ſcheint.“ Der Aga ſprach weiter:„Es iſt der Wille des unuͤberwindlichen Kaiſers der ho⸗ hen Pforte, daß wir Euch, Ihr tapferen Herren und Ritter alle Ehre erzeigen, demnach frage ich an: ob mein Herr mit ſeinem Ge⸗ folge erſcheinen darf?“ „ Wie ſtark iſt das Gefolge?“ fragte er. „ Dreißig Mann,“ erwiederte er,„mit Ausſchluß des Muſikchors der Janitſcharen.“ „Die moͤgen kommen,“ rief er laͤchelnd, „jedoch ſpaͤteſtens morgen fruͤh.“ Begleitet von einem Ritter entfernte er ſich uͤnd beſtieg unter Spoͤttereien des Poͤ⸗ bels mit ſeiner Begleitung das Schiff wieder. Nur mit Muͤhe konnten ſie vor Beleidigun⸗ gen durch die Wache geſchuͤtzt werden. Patrouillen durchſtreiften die ganze Nacht hindurch die Inſel nach allen Richtungen, ſelbſt der Großmeiſter ritt mit umher. Das Schiff der tuͤrkiſchen Geſandſchaft war am Abende auf das Herrlichſte illumi⸗ nirt, Tauſende von Laͤmpchen hingen daran; da erhob ſich auf dem Verdecke ein Sauſen und Ziſchen, und hoch in die Wolken flogen Raqueten und Leuchtkugeln. Das Volk am Ufer theilte ſeinen Beifall durch Haͤndeklat⸗ ſchen und Ahl aus. Dieſes dauerte bis ſpaͤt in die Nacht; zuletzt war das Bildniß des Kaiſers Solyman zu ſehen, wonach von meh⸗ reren der Umſtehenden mit Steinen gewor⸗ fen wurde. 18 Im großen Saale des Schloſſes verſam⸗ melten ſich ſehr fruͤh die Ritter in ihrer be⸗ ſten Kleidung. Am Ufer ſtand die Leibwa⸗ — 60— che, um die Geſandtſchaft ſicher zu geleiten. Mit Blicken, worinnen heimliche Freude un⸗ verkennbar war, ſtand der Kanzler in ſeiner ſchwarzen Kleidung und dem ſilbernen Kreuze, laͤchelnd nach dem Schiffe der Tuͤrken ſe⸗ hend, da. Sehr ſpaͤt beſtieg endlich der Baſſa Alt ein mit Gold verbraͤmtes Boot, an ſeiner Seite ſaßen zwei Aga. Er trug einen Zo⸗ belpelz und hohen Turban reich mit Edel⸗ ſteinen beſetzt, am Griffe des Degens wa⸗ ren neun große Rubinen in Form des hal⸗ ben Mondes gefaßt. Er glich ganz einem jungen Kriegesgotte; ſeine Geſtalt floͤßte Ehrfurcht ein. Ihm folgten in zwei andern Boͤten das Gefolge und die Janitſcharen⸗ muſik. Die Hafenbatterie begruͤßte durch ſechszehn Schuͤſſe, wogegen jene eben ſo viel erwiederten. Am Ufer anlangend, bewill⸗ kommte den Geſandten auf das Ehrfurcht⸗ vollſte der Kanzler; die Leibwache praͤſentirte und hatte ein Spalier gebildet. Die wildeſte — — 61— Janitſcharenmuſik rauſchte, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung nach dem Schloſſe. Mit Stolz nahte ſich der Baſſa dem Großmeiſter und gruͤßte fluͤchtig die Ver⸗ ſammlung der Ritter im großen Saale. Vil⸗ liers, in ſeiner vollen Ruͤſtung, blieb ruhig auf dem reich geſchmuͤckten Seſſel ſitzen, den Fremdling ſtarr anſehend. „Ich komme,“ ſprach der Baſſa mit ſtolzer Miene,„den Willen unſers unuͤber⸗ windlichen Kaiſers der hohen Pforte den Rittern vom Johanniter⸗Orden bekannt zu machen.“ Villiers Blut war durch dieſe Worte ſchon in Wallung gekommen und er erwie⸗ derte:„Johanniter ſind nicht gewohnt ſich vom Sultan oder Kaiſer der erleuchteten Pforte Vorſchriften machen zu laſſen.“ „Hochwuͤrdigſter,“ redete der Kanzler dazwiſchen,„maͤßiget Eure Hitze, denn es kann eine Zeit kommen, wo Ihr ſie bereuen muͤßtet. — 62— „Jetzt rede ich allein,“ rief jener hier⸗ durch gereizt,„im Capitel werden Stimmen geſammelt und nicht hier. Noch ein Wort und—“ Bei dieſen Worten wies er mit der Hand nach der Thuͤr. Der Kanzler knirſchte mit den Zaͤhnen, unverſtaͤndliche Worte murmelnd. „Mein gnaͤdigſter Kaiſer,“ fuhr der Baſſa fort,„wuͤnſcht dehaliczſt mit Euch in Freundſchaft zu leben—“ „Eine komiſche Zumuthung,“ rief der Großmeiſter nachdruͤcklich,„es iſt ja unſer Hauptgeſetz, gegen Feinde der Chriſtenheit Gut und Blut zu opfern!“ „Der unuͤberwindliche Herrſcher der Recht. glaͤubigen,“ erzaͤhlte der Baſſa weiter,„ver⸗ langt dagegen von Euch eine Kleinigkeit.“ „Und dieſe waͤre?“ fragte geſpannt Villiers. „Die freiwillige Abtretung dieſer Snſe an ihn,“ erwiederte jener. „Hoͤll' und Teufel!“ ſchnaubte der Groß⸗ —y— meiſter,„Euer Sultan wagt es, Johanni⸗ tern einen ſolchen Antrag zu machen?“ Der Baſſa blieb ſich gleich, er winkte einen Aga herbei, dieſem einige Worte ſa⸗ gend. Gleich darauf ertoͤnte die Janitſcha⸗ renmuſik vor dem Schloſſe, und auf einem ſeidenen Kiſſen mit goldenen Quaſten brach⸗ ten zwei Tartaren einen Brief. Der Baſſa beruͤhrte ihn mit ſeiner Stirn und gab ihn dann den Ueberbringern, welche die Siegel knieend kuͤßten. Die Muſik ſchwieg und dreißigmal donnerten die Kanonen auf dem tuͤrkiſchen Schiffe. Nun uͤberreichte er den großen Brief dem ungeduldigen Großmeiſter. Dieſer erbrach denſelben, wurde roth und immer roͤther, ſchmiß dann wuͤthend, den Brief zur Erde und trat mit den Fuͤßen darauf. „Verdammter unglaͤubiger Giaur,“ ſprach der Baſſa zu ſich, den Großmeiſter auf dieſe Beleidigung zornig anſehend. Ein Page hob auf einen Wint des 64 bieters den Brief wieder auf, denſelben dem Drapier uͤbergebend. „Bruͤder Ritter!“ rief jetzt der Groß⸗ meiſter, als der erſte Rauſch der Wuth vor⸗ uͤber war, der Sultan in Conſtantinopel wagt es im Ernſt zu verlangen, daß wir dieſe Inſel abtreten, widrigenfalls will er den Orden vernichten, und die, welche gefan⸗ gen werden, ſollen unter ſeiner Tafel ihren Platz ezälten und mit Ketten belegt wer⸗ den— „Rache an dem Stolzen! Rache! Ra⸗ che!“ ſchrieen die Ritter wild unterein⸗ ander. „Und wenn wir den Sultan fangen,“ ſagte zu den Umſtehenden ein luſtiger Fran⸗ zoſe,„ſo ſoll er eaſtrirt werden!“ Dieſe Aeußerung verurſachte ein allgemeines Ge⸗ laͤchter. Drohende Blicke warf der Baſſa umher. „Wann ſoll das Capitel ſeine Sitzung halten?“ fragte der Kanzler mit Unmuth. „Die „Die gute Stimmung hat ſich hier ge⸗ nug geaͤußert,“ erwiederte der Großmeiſter, „eine Sitzung iſt unnoͤthig—“ „Aber,“ wendete der Kanzler ein,„der Ordnung gemaͤß muß dieſes doch geſchehen.“ „Das waͤre eine unnoͤthige Muͤhe,“ rie⸗ fen mehrere Comthure,„unſere Antwort beſteht in drei Worten: ſiegen oder fallen!“ Scheu, daß dieſer Vorſchlag abermals miß⸗ gluͤckt war, ſah er nach dem Baſſa. Unter heftigen Geſpraͤchen ſtanden die Ritter in einzelnen Gruppen umher; mehrere waren der Meinung, das ſchoͤne Schiff mit Mann und Kaus ſogleich hier zu behalten/ aber Villiers verſagte ſeine Genehmigung zu dieſer Unge⸗ rechtigkeit, obgleich der Feind an ſeiner Stelle dieß gewiß gethan haͤtte. 4 „Iſt es Euer feſter Entſchluß, Bruͤder Ritter,“ rief er mit ſtarker Stimme,„zu ſiegen oder zu fallen?“ „Sieg oder Tod!“ erwiederten jene, die Schwerter freudig ſchwingend. Nur Ritter E — 66— Arnim und der Kanzler ſtimmten nicht in dieſen freudigen Ruf mit ein. Der Erſte hoffte, daß mit dem Erſcheinen der Tuͤrken der Orden vernichtet und Jodoka ſein Weib wuͤrde. Der Zweite war ein wahrer Judas Iſcharioth, denn durch ihn waren die Tuͤr⸗ ken von Allem unterrichtet. Der Großmeiſter bat um Ruhe und ſprach alsdann zum Baſſa:„Sagt Eurem Kaiſer, daß wir ſeine Drohungen verlachten. Die beleidigenden Worte im Briefe werden wir blutig raͤchen. Sollten wir von einer ge⸗ wiſſen Macht Europa's kraͤftig unterſtuͤtzt werden, wie man uns verſprochen hat, ſo ſoll Euer Kaiſer ſelbſt in Conſtantinopel zit⸗ tern.— Nun eilet und verlaſſet dieſe In⸗ ſel, noch eine Stunde ehre ich das Gaſt⸗ recht, aber wenn Ihr dann noch da ſeyd, ſo— „ Veah Euch volkkanmen, Hochwuͤr⸗ digſter,“ fiel der Baſſa raſch ein, verbeugte ſich und entfernte ſich wuͤthend. Pagen und Knappen lachten laut ihnen nach. Die Ja⸗ nitſcharenmuſik ertoͤnte wild, als der Baſſa aus dem Schloſſe trat, aber dieſer winkte mit der Hand um Ruhe. Geleitet von der Leibwache ging der Zug wieder nach dem Hafen, wo die Tuͤrken, verſpottet von dem Poͤbel, ſich eilig einſchifften. Kaum war eine halbe Stunde verfloſſen, als das Schiff ſchon aus dem Hafen lief. Der Donner der Kanonen verkuͤndigte zwar den Abſchied, doch wurde er von dem Fort nicht beantwortet. Mit ſchaͤumendem Munde ſchwur der Baſſa ſchreckliche Rache, ob den Beleidigungen der Uebermuͤthigen. Armes Rhodus, haͤtteſt du dein Schick⸗ ſal ahnen koͤnnen! Ach, es war da ſo ſchoͤn und herrlich, denn die Zierde der Ritter herrſchte dort, und dennoch war es der Be⸗ ſchluß der Vorſehung, daß das Blut dieſer edeln Maͤnner umſonſt fließen ſollte! All das Ringen und Kaͤmpfen ſollte umſonſt ſeyn. Verraͤther, der Namen der Chriſten E 2 — 683— unwuͤrdig, und Politik der uͤbrigen Maͤchte Europa's waren Schuld an deinem Unter⸗ gange. 7. Jene Schiffe, welche man in der Ferne wahrgenommen hatte, waren keine feindliche, ſondern von der zerſtreuten Flotille. Der Admiral freute ſich ſehr daruͤber, denn jetzt konnte man den Feind aufſuchen, obgleich noch die Galeere, mehrere kleine Fahrzeuge und Transportſchiffe fehlten. Auf einer kleinen felſigen Inſel landeten ſie, um friſches Trinkwaſſer zu ſchoͤpfen. Wangenheim ſtieg mit an das Land, welches wahrſcheinlich einem unterirdiſchen Feuer ſeine Entſtehung zu danken hatte, denn Stein und Felſen waren ſchwarz mit gelben ſchwe⸗ feligen Adern durchzogen. Die ganze Inſel ſchien oͤde und leer, doch fand man bald das Gegentheil. Am niedrigſten Theile ſpru⸗ — 69— delte eine klare erfriſchende Quelle, und eine weite Strecke Landes war mit Baͤumen an⸗ gepflanzt. Hier waren auch mehrere Huͤtten zu ſehen, welche die Kunſt der Menſchen gegen Unwetter erbauet hatte; aber noch ließ ſich kein menſchliches Weſen blicken. Waͤh⸗ rend ſeine Gefaͤhrten in Tonnen Waſſer ſchoͤpften, wandelte Wangenheim in tiefe Gedanken allein umher. Ofters entfuhren ſeiner gepreßten Bruſt tiefe Seufzer. Da ſtand wie hingezaubert ein Maͤdchen vor ihm, welches reifes Obſt pfluͤckte. Erſchrocken bebte der Held zuruͤck, waͤhrend der Mund lispelte: „„Aline! Aline!“ Das Maͤdchen gewahrte ihn jetzt auch und wollte eutfliehen, doch des Ritters freundliche Worte und die glaͤnzend⸗ ſchoͤne Ruͤſtung, wonach jedes Maͤdchen gern ſieht, floͤßten ihr Zutrauen ein.„Ach! Maͤdchen, Du biſt das Ebenbild meiner ge⸗ liebten Aline, die nun ſchon ſeit drei Jah⸗ ren im Lande der Unſterblichkeit wandelt! 3 rief er ſeufzend aus.„Gott! was fuͤr Ge⸗ — 70— fuͤhle erweckt die ſuͤße Erinnerung wieder in mir. Geliebtes Vaterland! Schoͤnes geſeg⸗ netes Thuͤringen und du mir ſo theures Ei⸗ ſenach, wo ich des Lebens Hoͤchſtes, die Liebe, kennen lernte! Dort ſah ich meine Aline, ſie entzuͤndete den heiligen Goͤtterfunken— Liebe in mir. Ihr koͤſtlichen Stunden, daß ihr ſo ſchnell entrinnen mußtet, um nie— nie wieder zu kehren!“ Das Maͤdchen ſchien ſeine inneren Ge⸗ fuͤhle zu bemerken, und hoͤher hob ſich ihr Buſentuch, waͤhrend der Blick zur Erde ſah. „ Sprich, trautes Maͤdchen„“ fing Wan⸗ — genheim wieder ganz zerſtreut an,„ſprich, wurdeſt Du hier geboren?“ „Ja, edler Herr,“ erwiederte ſie hoch⸗ erroͤthend,„mein Vater iſt ein Fiſcher.“ „Hal welche Aehnlichkeit zwiſchen meiner Aline und Dir,“ rief er mit Pathos aus. „Sollte dies ein Fingerzeig Gottes ſeyn, daß meine Aline noch lebte?— Und, wenn es waͤre, ſo iſt ſie doch fuͤr mich verloren, denn — 71— ich entſagte durch das Geluͤbde des Ordens den Freuden der Liebe, und ſchon ein ſolcher Gebanke iſt ſuͤndlich.“ „Ihr ſcheint ſehr krank zu ſeyn,“ ſagte gutmuͤthig das Maͤdchen,„und muͤſſet un⸗ gluͤcklich ſeyn; da nehmt dieſe Beeren, um Euer erhitztes Blut abzukuͤhlen.“ Laͤchelnd nahm er dieſe und aß einige. Der ſanfte Blick ihrer blauen Augen drang durch Stahl und Eiſen, bis mitten in das Herz.„Du mußt meine Aline ſeyn,“ rief er ploͤtzlich wild. Sie bebte erſchrocken zuruͤck, denn kuͤhn funkelten ſeine Augen; da kehrte Ruhe wieder bei ihm ein und er ſprach:„Ich bin ein Johanniterritter und halte feſt am Ge⸗ luͤbbde. Gute Nacht, Du ſuͤße Taͤuſchung.“ Indem erſchallte weit her die Signalpfeife zum Aufbruch, und raſch, nur fluͤchtig gruͤ⸗ ßend, entfernte er ſich. Auf den Schiffen herrſchte allgemeiner Frohſinn. Sie tanzten auf den Wellen da⸗ hin von einem erfriſchenden Winde getrieben. — 72— Die Ritter ſaßen beiſammen, ſich theils von ihren Thaten, theils durch Muſik unterhal⸗ tend; die Schwerter und Harniſche waren abgelegt, da gewahrte Wangenheim ganz in der Naͤhe fuͤnf große und feſte feindliche Schiffe. Der Matroſe ine Maſtkorbe war, ermuͤdet durch die Strahlen Aurora' s, ein⸗ geſchlafen und dadurch waͤren die chriſtlichen Schiffe beinahe verloren geweſen. Schneidend ertoͤnten die Pfeifen, doch fand ſich kaum ſo viel Zeit, alles in Ord⸗ nung zu bringen. Die Schiffe waren ſchuß⸗ weit nahe gekommen; auf den Verdecken war es lebhaft von den gelben Geſichtern der Afrikaner, die im voraus uͤber die ſichere Beute, wie ſie meinten, jauchzten. „Bruͤder!“ ſprach der Admiral,„wir ha⸗ ben hier unter Tod oder ſchmaͤchlicher Selaverei zu waͤhlen. Ich will es Euch nicht verhehlen, wir koͤnnen hier nicht ſiegen, wenn wir nicht unverhoffte Huͤlfe erhalten, denn die Macht der Feinde iſt zu groß. Drum laßt uns mit — dem Schwerte in der Hand fallen, wie es braven Johannitern geziemt.“ „Siegen oder fallen!“ riefen die Ritter. „Gott gebe das erſtere,“ ſprach leiſe der Admiral, ſchuͤttelte aber dabei unglaͤubig den Kopf. Die Feinde fragten jetzt durch ein Sprach⸗ rohr:„ob ſie ſich ergeben wollten.“„Kein braver Johanniter ergiebt ſich,“ antwortete der Admiral. Indem donnerten auch ſchon die Kanonen von beiden Seiten. Das ſchoͤne Blau des Himmels wurde durch den Pul⸗ verdampf verdunkelt und fort wuͤthete der raſende Donner; da hatten ſich zwei feind⸗ liche Schiffe, gedeckt durch den Dampf, ſo weit genähert, daß ſie leicht entern konnten, aber Wangenheim, der das Leben verachtete, weil Aline es nicht mit ihm theilen konnte, wagte ſich in einem Kahne mit zwei Bran⸗ der unter die feindlichen Schiffe, zuͤndete ſie an, ihren Lauf nach jenen des Feindes rich⸗ tend. Eilig ruderte er nun wieder zuruͤck, —— 8 — † — Kugeln und Pfeile flogen ihm nach, unver⸗ letzt wollte er eben das Schiff wieder beſtei⸗ gen, als eine Kugel ſeinen Kahn zerſchmet⸗ terte und er in das Meer ſiel. Schon ſank er mit der ſchweren Ruͤſtung unter, als ein Matroſe ſich in die Fluthen ſtuͤrzte und ſo ihn rettete. Vergebens bemuͤhten ſich die Afrikaner die Brander mit Stangen abzuhalten. Im⸗ mer graͤßlicher ſpieen ſie Feuer und Flam⸗ men aus und beide Schiffe geriethen in Brand. Der Himmel roͤthete ſich von den Flammen, die Kanonen ſchwiegen, fluchend und heulend ſtuͤrzten die Feinde ſich in's Meer, ihren Propheten vergebens um Huͤlfe anrufend. Es war eine graͤßliche Stunde. Der Admiral ließ ſein Schiff und die zwei Galeotten wenden, um ſich weiter zu entfer⸗ nen; denn wenn das Feuer die Pulverkam⸗ mer ergriff, ſo konnte es bei ihnen auch Un⸗ gluͤck anrichten. Was der Vorſichtige geah⸗ net, ging jetzt in Erfuͤllung, beide Schiffe flogen, faſt zu gleicher Zeit, mit dem ſchreck⸗ lichſten Gekrache in die Hoͤhe, und hoch in die Luft flogen Taue, Bretter, Arme, Beine und Koͤpfe. Wangenheim jauchzte und raſ'te. Nur das Anſehen des Admirals, der es nicht zu⸗ geben wollte, war vermoͤgend ihn abzuhalten, die andern drei Schiffe auch anzuzuͤnden.— Von beiden Seiten geſchah kein Schuß mehr, man ſchien ſich mit Ernſt zu betrachten; ſchon wollte Aurora in's Meer der Ewigkeit ſinken, um nicht Zeuge von ſolchen Scenen ferner zu ſeyn, da erſchallte das wilde Gebruͤll der Afrikaner, die ihren Muth durch Opium bis zur Raſerei gebracht hatten, von Neuem, und alle drei Schiffe kamen mit vollen Se⸗ geln heran, um zu entern; doch gaben ſie ſich vergeblich Muͤhe darum, ehe nur ein Enterhaken angelegt wurde, war er ſchon vernichtet. Ermattung und Dunkelheit mach⸗ ten dem Kampfe fuͤr heute ein Ende, doch poſtirten die Feinde ſich ſo, daß keins der — 76— chriſtlichen Schiffe in der Nacht entwiſchen konnte. Faſt die ganze Mannſchaft blieb unter den Waffen. Die Fregatte des Admirals war zwar ſehr durchloͤchert, aber doch noch in ziemlich guten Umſtaͤnden; hingegen waren die Galeotten ſo zerfetzt, daß bei fernerem Kampfe ihr Sinken gewiß war. In Oſten roͤthete ſich der Himmel, als die ſehnlich gewuͤnſchte Galeere mit dem Kreuze in der Flagge ankam. Ein einſtim⸗ miges Freudengeſchrei der Johanniter hallte durch die Luft, wodurch die Afrikaner er⸗ wachten und kaum ihren Augen trauten. „Gott deine Guͤte iſt groß!“ ſagte der Ad⸗ miral und betete ſtill vor ſich hin. In⸗ dem fiel der erſte Kanonenſchuß, welche dem Anfuͤhrer auf der einen Galeotte den Kopf herabriß.„Geht Ihr,“ ſagte der Admiral zu Wangenheim,„und verſehet ſeine Stelle, der Orden hat Euch unſere Erhaltung zu danken!“„Laßt mich,“ bat Wangenheim,„die zwet uͤbrigen Brandenr auch anzuͤnden.“„ZJetzt nicht,“ erwiederte ernſt der Abmiral,„nur im aͤußerſten Noth⸗ fall. Geht und gehorcht!“ Obgleich ungern, ſo begab er ſich doch in die Galeotte, indem er meinte: das Alter iſt doch auch gar zu bedaͤchtig. Die Kanonen der Feinde donnerten ſchreck⸗ lich, wodurch die Schiffe der Johanniter ſehr beſchaͤdigt wurden, waͤhrend die feindli⸗ chen, wegen der kleinen Kanonenkugeln„we⸗ nig litten. Der Admiral ſah nun ein, daß er auf dieſe Art den Kuͤrzeren ziehen wuͤrde und gab Befehl zum Entern. Dieſer Befehl verbreitete eine allgemeine Freude. Wangenheim mit ſeiner elenden Galeotte enterte zuerſt, und war der, welcher das feind⸗ liche Verdeck allein beſtieg, weil die Uebrigen ihm nicht ſo ſchnell folgen konnten. Feſt, wie ein junger Kriegsgott, ſtand er mitten unter Feinden, ſein Schwert glich der Senſe des Schnitters; umſonſt war jeder Wider⸗ 8 ſtand. Raſch drang er, kraͤftig unterſtuͤtzt von den Seinigen, vor. Die Feinde, muth⸗ los ohne den Genuß des Opiums, warfen die Waffen bald von ſich, um Pardon fle⸗ hend. Die Kanoniere wurden gezwungen das Geſchuͤtz gegen ihre Schiffe zu richten und loͤſten es knirſchend.— Unruhig eilte Wangenheim in das In⸗ nere des Schiffes, wo mehrere Tuͤrken be⸗ ſchaͤftigt waren, den Boden des Schiffes zu durchbohren, wodurch das Schiff ſinken mußte und zwanzig Chriſtenſelaven erſaͤuft worden waͤren, welche im unterſten Raume angeſchmie⸗ det waren. Der Leck wurde verſtopft und die Chriſten von ihren Banden befreit, die durch anhaltende Arbeit und Hunger den Saern der Unterwelt aͤhnl: ch waren. Das andere Schiff der Feinde wurde mit Aufopferung der bravſten Ritter erobert, aber das dritte entfloh, ohne daß es die ſchnell ſegelnde Galeere einholen konnte. Ddie Beute, welche gemacht wurde, war außer den Schiffen, den Waffen und Kano⸗ nen unbedeutend. Der halbe Mond wurde herabgeriſſen und das Kreuz dahin gepflanzt. Der Admiral umarmte den tapfern Wan⸗ genheim und nannte ihn den Erretter, die uͤbrigen Ritter ſtimmten mit bei. Der Ad⸗ miral war gewiß ein guter Krieger, und doch hatte er gemeint: Tod oder Sclaverei iſt hier gewiß. Der Ruͤckweg nach Rhodus wurde ange⸗ treten, um die eroberten Schiffe in Sicher⸗ heit zu bringen und die beſchaͤdigten ausbeſ⸗ ſern zu laſſen.— Wir wollen ihnen eine gluͤckliche Fahrt wuͤnſchen und wieder einmal zuſehen, wie es den Liebenden ging. 3. Ritter Arnim ſaß mit der ſchoͤnen Jodoka auf der ſchwellenden Ottomane. Sein Arm — 80— hatte ihren Nacken umſchlungen und der Kopf ruhte am Buſen. Mit feurigen Kuͤſ⸗ ſen bedeckre er den Purpurmund, welche nicht unerwiedert blieben. „Ach Jodoka,“ klagte er,„wann wirſt Du doch mein Weib werden?“ „Thor, entgegnete ſie,„bin ich's nicht ſchon? Glaubſt Du, daß, wenn der Prie⸗ ſter ſeinen Segen geſprochen hat, die Liebe ſuͤßer ſey? dann haſt Du eine falſche Mei⸗ nung: verbotene Fruͤchte ſchmecken am ſuͤße⸗ ſten.“ „Du magſt recht haben,“ erwiederte er, ſie mit beiden Armen umſchlingend,„doch habe ich ſtets eine mir unerklaͤrbare Unruhe, die wahrſcheinlich daher koͤmmt, daß Du mein durch den Prieſter angetrautes Weib nicht biſt, oder— „Ey, ſchlag Dir dieſe Gedanken aus dem Sinne,“ rief ſie luſtig, ihm den gol⸗ denen Becher mit Wein kredenzend. „Jodoka! Jodoka!“ ſagte er, der Wein mundet mundet mir ſchlechter, als Waſſer. Meine Ideen ſind ſo verwirrt.— Ja, fuhr er fort, wenn ich mein Geluͤbde als Johanni⸗ ter nur nicht gebrochen haͤtte!“ „Du ſchwaͤrmſt, Arnim,“ lallte der Nund und ein zauberiſches Laͤcheln lag in ihren Mienen. Arnim ſah ſie an:„Teufel oder Engel,“ knirſchte er und leerte in ei⸗ nem Zuge den Becher. „So iſt's recht,“ meinte ſie, fuͤllte den Becher wiederum und ſtreichelte mit der klei⸗ nen weichen Hand die Wangen des Ritters. Er trank wieder rein aus, ſprang auf und trat an das Fenſter. Jodoka ſah ihn ſchmach⸗ tend an und von neuem umſchlang er ſie. Jemehr er trank, deſto beſſer ſchmeckte der Wein und unter freundlichem Koſen war der Abend erſchienen. Eine Sclavinn brachte Licht, indem ſie mit Verachtung den Nittat anſah. „Aber,“ begann die Schlaue, die Wir⸗ kung des Weines gewahrend,„wenn Dir 5 4 — 32— viel daran gelegen iſt, daß ich Dein Weib vor den Augen der Welt bald werde, ſo muͤſſen die Tuͤrken erſt Herren dieſer Inſel ſeyn, und dann iſt Euer Orden aufgeloͤſſt, wodurch Du Deines Geluͤbdes entbunden biſt.“— „Du traͤufelſt Balſam in mein Herz,“ erwiederte er wieder froͤhlich,„Du Krone des weiblichen Geſchlechts.“ „Iſt denn die Stadt und das Fort gut befeſtigt?“ fragte die Schlaue weiter. „ Die Stadt iſt ziemlich feſt,“ entgeg⸗ nete er,„und wird jetzt noch mehr befeſtigt; Greiſe, Weiber und Kinder arbeiten mit dar⸗ an. Das Fort iſt beinahe unuͤberwindlich, nur an der Weſtſeite ſind ſchwache Stellen, wweenn alſo dahin viel geſchoſſen wird, dann heäͤlt die Eroberung nicht ſchwer.“ „Da wird wieder vieles Menſchenblut 3 fließen,“ ſeufzte ſie,„freilich iſt Eure Macht ſehr gering; denn Ihr bringt doch kaum 10,000 Mann zuſammen, und der Sultan Solyman hat uͤber 100,000 kuͤhne Streiter, wobei 30,000 Mann Reiterei.“ „So viel bringen wir nicht zuſammen,“ erwiederte er nachdenkend,„hoͤchſtens 7000 Mann mit Ausſchluß der Buͤrgerſchaft. Hu! Hunderttauſend Mann, da wird es uns uͤbel ergehen.“ „Ich ſchuͤtze Dich,“ rief ſie, ihn kuͤſ⸗ ſend.„Fuͤr Munition und Lebensmittel,“ fragte ſie wiederum,„iſt gewiß bei Euch ge⸗ ſorgt?“ „An Munition,“ errdiederte er,„koͤnnte es leicht fehlen, denn das Geld macht ſi ſich jetzt ſo ſelten. Doch— vielleicht erhalten wir noch einen Transport aus Sicilien.— Ich weiß nicht, was das jetzt iſt, ich ſpuͤre wieder eine Angſt und Beklemmung im Her⸗ zen, als wenn ich der aͤrgſte Dieb oder Moͤ⸗ der waͤre.“— Nach einer Pauſe fuhr er 35 fort:„Nun bin ich auf der Bahn des La⸗ ſters und will darauf fortwandeln, und ſollte 4 ich Verraͤther am ganzen Orden werden, F 2 9* — 34— Deine diebe wird alles— alles wieder gut machen.“ „Du haſt Aindetpoſſn im Kopfe,“ rief das herrliche Weib mit trunkenem Blicke, „uͤberhaupt ſind mir manche Geſetze Eures Ordens laͤcherlich und ganz gegen den Willen des Schoͤpfers. So zum Beiſpiel: duͤrft Ihr Euch nie verehelichen, ja ſelbſt der Schwe⸗ ſter keinen Kuß geben. Waͤre es der Wille Gottes nicht, daß die Menſchen einander ſinnlich lieben ſollten, warum legte er denn dies Gefuͤhl in unſere Herzen? Ohne Liebe iſt das Leben todt. Wer die Liebe nies kannte oder kennen lernen wollte, hat nicht gelebt. Sie iſt es, die uns zu den Goͤttern der Vorwelt erhebt. Liebt und paart ſich nicht jedes Geſchoͤpf in der Natur? Gehen uns ſelbſt die Voͤgelein nicht mit dem herrlichſten Bei⸗ ſpiele voran?“ „O Jodoka, wer kann Deinen Worten widerſprechen,“ erwiederte er feurig und — — — —— Lippe hing an Lippe, als ſollte ſie nichts von einander trennen. Ploͤtzlich ſprang ſie auf, ſich den Umarmungen entwindend: „Morgen fruͤh,“ rief ſie,„erwarte ich Dich hier,“ und eilte in ein Seitenzimmer. Berauſcht von Wein und Liebe, ging Arnim furchtſam in der ſternhellen Nacht nach ſeinem Quartier. 9. So ungluͤcklich die Fahrt der Johanniter vom Anfange geweſen, ſo gluͤcklich war ſie zuletzt. Auf dem Ruͤckwege ſignaliſirte man eine tuͤrkiſche Fregatte von ſchwerfaͤlliger Bau⸗ art. Die Galeere nebſt den Galeotten wa⸗ ren durch das Rudern der ungluͤcklichen Scla⸗ ven am ſchnellſten und machten ſogleich Jagd darauf. Die Fregatte ſuchte zwar zu entfliehen, allein bald war ſie eingeholt und ſogleich aufgefordert, ſich zu ergeben. Wildes Allah⸗ Geſchrei und der Donner der Kanonen wa⸗ ren die Antwort. Begeiſterung, fuͤr Glauben und Religion zu ſtreiten, verleiteten Wan⸗ genheim zu einem raſchen unbeſonnenen An⸗ griff. Im Nu waren die Enterhaken ange⸗ legt und die Bruͤcke ſiel. Feurig blitzten ſeine Augen umher, das Schwert raſch ſchwin⸗ gend. Unaufhaltſam wie ein Strom drang er durch die Feinde, ihm folgten die Seini⸗ gen; doch in eben dieſem Moment trieb der feindliche Anfuͤhrer ſeine Leute, wie einen Keil in die kuͤhnen Johanniter, ſo daß viele 8 in das Meer ſtuͤrzten. In dieſem entſchei⸗ denden Augenblicke draͤngte die Mannſchaft der Galeere die Tuͤrken zuruͤck. „Gott mit uns!“ ſchrie Wangenheim, und durchbrochen waren die Glieder des Fein⸗ des. Jetzt war jeder Widerſtand vergeblich. Viele warfen die Waffen weg, die wenig⸗ ſten vertheidigten ſich noch, wurden aber bald entwaffnet. Wangenheim mit dem blutigen Schwerte eilte in das Innere der Fregatte — 87— dem Anfuͤhrer nach. Dieſer ſtand eben im Begriff drei Weiber zu ermorden, als Wan⸗ genheim dem Wuͤthenden den Dolch aus den Haͤnden riß.„Verdammter Giaur! weißer Chriſtenhund!“ ſchrie er, ergriff eine bren⸗ nende Lunte und eilte fort. Wangenheim eilte ihm nach, und kam eben noch zur rech⸗ ten Zeit, als jener das Pulver anzuͤnden wollte; ein kraͤftiger Hieb trennte die Hand vom Koͤrper.„Bewacht dieſen ſorgfäͤltig,“ herrſchte er ſeinen Leuten zu,„Ihr haftet mir dem Leben fuͤr ihn!“ Raſch eilte er nun nach der Cajuͤte der Weiber. Hier waren zwei Matroſen beſchaͤf⸗ tigt ihre Reize zu genießen.„Ihr Hallun⸗ ken,“ donnerte er, waͤhrend er das blutige Schwert ſchwenkte,„wollt Ihr zuruͤck, oder—“ Furchtſam ließen ſie die Beute im Stiche. Zwei der Weiber waren gebot rene Tuͤkinnen, ihre Haut war brann, das Haar ſchwarz und gekraͤuſelt, in den Ohren hingen lange Ringe von Gold, reich beſetzt —— 83— mit Edelſteinen, die Buſen waren faſt ganz entbloͤßt und die Naͤgel der Finger blau oder roth gefaͤrbt. Faſt leblos lag die dritte auf einer Ottomane. Ein Tuch verbarg zuͤchtig den Buſen und ein Schleier das Geſicht, „Eine Chriſtinn,“ dachte Wangenheim. In⸗ dem ſeufzte die Geſtalt, zog den Schleier in die Hoͤhe, und welche Feder beſchreibt ſein freudiges Erſtaunen, es war ſeine todt⸗ geglaubte Aline.„Aline! Aline!“ jauchzte er,„Du biſt es, Du mußt es ſeyn!“ Mit dieſen Worten lag er in ihren Armen, Mund ruhte an Mund. Indem trat der Admiral herein.„Was muß ich ſehen,“ rief er erſtaunt aus,„der tapfere Wangen⸗ heim in den Armen eines Weibes! Nur Euren großen Verdienſten um den Orden habt Ihr es zuzuſchreiben, daß ich dem Groß⸗ meiſter nichts von Eurem Vergehen ſagen will!“ „ Traͤume ich, oder iſt es Wahrheit,“ —X,, — — e — 89— ſchrie, aus ſeinem Taumel erwachend, Wan⸗ genheim,„Aline lebt! Sie iſt bei mir!“ „Ritter,“ ſagte ernſt der Admiral,„er⸗ innert Euch Eures Geluͤbdes!“ „Ach, ich traͤumte ſo ſuͤß,“ klagte dieſer, „mein Erwachen iſt ſchrecklich, aber,“ ſetzte er feierlich hinzu,„ich werde mein Geluͤbde halten, ſelbſt wenn das Herz darob brechen muͤßte.— „Gebt mir Euer ritterliches Wort, 44 ſagte jener ſtreng, nichts mit den Weibern vorzunehmen, was gegen das Geſetz des Or⸗ dens iſt.“ „Hier meine deutſche Hand,“ erwiederte er,„uͤbrigens was dieſe beide Weiher be⸗ trifft, ſo habe ich keinen Antheil an ihnen, laßt mich nur bei meiner Aline bleiben. Sie lebt, die Todtgeglaubte!“ „Die verdammten Weiber,“ meinte der Admiral vor ſich,„die koͤnnen ſelbſt den beſten Ritter zu einem Narren machen. Ja, vom Anfange der Welt richteten ſie Ungluͤck — 90— an, ſchon Eva verfuͤhrte den guten dummen Adam zur Suͤnde; wenn ſie nicht war, ſo waͤre die ganze Erde ein Paradies geblieben.“ Die Beute auf dem Schiffe war betraͤcht⸗ lich. Sie beſtand außer dem Schiffe in 6000 Altinen, koͤſtlichen Shawls, ſeidenen Teppichen und mehreren tauſend Pfund Reis. Der Degen des Anfuͤhrers war ſo ſtark mit Edelſteinen beſetzt, daß man dafuͤr eine deut⸗ ſche Grafſchaft kaufen konnte. „So muͤſſen wir uns wieder ſehen,“ klagte Wangenheim,„ich als Johanniter und Du—“ er wagte es nicht, das ſcees liche Wort auszuſprechen. „Noch bin ich rein,“ rief ſie felerlahh die Hand auf das blutende Herz legend,“ noch hat mir jener Wuͤthrich meine Un⸗ ſchuld nicht geraubt.“ „Dank dem Allguͤtigen!“ rief Whangen heim,„aber erzaͤhle, wie iſt es Dir ergan⸗ gen, ich habe Beüisken,: viel Helhtten um Dich Aline.“ 3. .— —*— ————nnN . * — —, ——õ—yꝑ— — — „Nun ſo hoͤre in aller Kuͤrze meine Ge⸗ ſchichte,“ entgegnete ſie und begann:„Es war den 1. Juni 1518, als ich mit meiner Mutter das liebe Eiſenach verließ, um in Cypern das Vermoͤgen eines Verwandten in Empfang zu nehmen. Du warſt damals ge⸗ rade in Rußland. Auf der Reiſe dachte ich ſtets an Dich, in jedem Baume, in jeder Hecke ſah ich Dein Bild. Wir durchreiſ'ten das herrliche Italien und gingen dann mit einem Schnellſegler zu Waſſer. Die ganze Fahrt war guͤnſtig, ſchon ſahen wir unſer Ziel, die Inſel Cypern; da uͤberzog ſich der Himmel mit ungluͤcksſchwangeren Wolken, der Wind wurde zum Orkan und warf das Schiff bald bis in die Wolken, bald wieder in eine grundloſe Tiefe, da zerſchellte das Schiff und krachend ſanken die Maſten. Ein einſtimmiges Geſchrei erſcholl, das Waſſer drang ſchon in unſere Cajuͤte, meine Mutter rang verzweiflungsvoll die Haͤnde und ich hielt fie feſt umſchlungen, da ergriff mich — 92— ein Matroſe und ſprang mit mir in ein Boot. Die Wellen ſpielten damit, wie Kin⸗ der mit einem Balle und bald war es voll Waſſer. Der junge Tag erſchien, eine Welle warf das Boot ſo gegen eine Klippe, daß es in mehrerer Stuͤcke zerkrachte. Ich lag ohnmaͤchtig in des Matroſen Arme, der mit mir gluͤcklich, das Ufer erreichte. Hier ſan⸗ ken wir vor Entkraͤftung in einen tiefen Schlaf.“ „Ich erfuhr, daß das ganze Schiff mit Mann und Maus untergegangen waͤre, un⸗ terbrach ſie der Ritter,„aus Verzweiflung daruͤber wurde ich ein Johanniter.— Ach, Aline, wenn ich nur eine Ahnung von Dei⸗ nem Leben gehabt haͤtte, ſo—“„Laß das,“ erwiederte ſie,„ich habe Dich noch einmal geſehen und will nun gern auf die Freuden des Lebens Verzicht leiſten.— Doch hoͤre weiter: Als ich erwachte war mein Erretter verſchwunden; aͤngſtlich rief ich ſei⸗ nen Namen, aber keine Antwort erfolgte. ——— — 93— Noch rang ich verzweiflungsvoll die Haͤnde, da erſchien er wieder und berichtete, daß wir uns in einer menſchenleeren Gegend befaͤn⸗ den. Hier fingen wir an, unſere Wohnung in einer Felſenhoͤhle aufzuſchlagen, allein betrauert von mir ſtarb mein Erretter ſchon nach einigen Tagen. Ich lebte nun hier, verlaſſen von der ganzen Welt, zwei Jahre in den traurigſten Umſtaͤnden. Das Leben friſtete ich mit Muͤhe durch wilde Datteln, Feigen und anderen Fruͤchten, die ſich mir ſparſam darboten. Meine Kleidungsſtuͤcke waren zerriſſen, die Geſundheit zerruͤttet, weshalb ich den Entſchluß faßte, weiter in das Land vorzudringen, denn ich wußte nicht mit Gewißheit wo ich mich befand. Die Felſen wurden nach und nach niedriger, und bald ſah ich zu meiner Freude eine frucht⸗ bare Landſchaft vor mir ausgebreitet. Ich jauchzte wie ein Kind, wenn es den Chriſt⸗ baum ſieht, und ſtieg vorſichtig den Felſen⸗ pfad hinab.— Lieber Wangenheim, es war— — 94— da unten ſo ſchoͤn, daß ich beſchloß, wieder unter Menſchen zu gehen, ſelbſt wenn ich eine Sclavinn werden muͤßte. Ich pfluͤckte einige Datteln, die weit lieblicher ſchmeckten als jene auf den kahlen Felſen, ſetzte mich unter einen Mazubaum und— entſchlief. Der weite Weg und die Strahlen der Sonne hatten mich ſehr abgemattet. Als ich er⸗ wachte, trauete ich meinen Augen kaum, denn ein vornehmer Tuͤrke in koſtbarer Klei⸗ dung ſtand vor mir, zu beiden Seiten ſeine Getreuen. Ich ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus; er laͤchelte, klopfte mich troͤſtend auf die Schulter und befahl den Dienern mich nach ſeiner Wohnung zu bringen. Ich wehrte mich zwar, doch war jeder Wider⸗ ſtand vergebens—“ „Ha,“ fiel hruueuiem ein,„wenn ich doch die Buben, die meine Aline antaſte⸗ ten, dafuͤr zuͤchtigen koͤnnte!“ „Der Mann war ſo boͤſe nicht, wie Du glaubſt,“ fuhr die Erzaͤhlerinn fort,„er d ließ mich in ſein Harem bringen, wo er noch dreizehn herrliche Weiber hatte. So erfuhr ich denn auch hier, daß ich mich in der Naͤhe der Stadt Crykus befand, die an der Kuͤſte der europaͤiſchen Tuͤrkei lag. Mein Herr behandelte mich gut, hielt mir drei Scla⸗ vinnen und ließ mir koſtbare Kleider reichen. Eines Tages kuͤndigte er mir an, daß ich mich zur Abreiſe nach Afrika bereit halten ſollte; ich bot ihm ein hohes Loͤſegeld an, wenn er mich nach Deutſchland zuruͤckkehren ließe, aber dieſes war umſonſt geredet.„Ich habe in Tunis einen Freund,“ ſagte er, „dem ich das Leben zu danken habe, er war mein Erretter in heißer Schlacht, dieſer iſt Kenner des ſchoͤnen Geſchlechts, und ich weiß, daß ich ihm mit Euch das beſte Geſchenk machen kann.“ Ich bat, ich flehte nochmals, aber umſonſt. Mit dieſem Schiffe, welches ein tuͤrkiſcher Kaper iſt, ſollte ich nach mei⸗ nem Beſtimmungsorte gebracht werden; da erhoͤrte der Allguͤtige mein Flehen, ich wurde — 96— gerettet und zwar durch meinen lieben Wan⸗ genheim.“— Beide ſahen einander ſeufzend an. Aber kein Klagelaut ertoͤnte von ihren Lip⸗ pen. An Alinens Wangen liefen Thraͤnen herab und Wangenheim ſchaute duͤſter in die Ferne. „Ein Schiff,“ berichtete jetzt der Ma⸗ troſe mit lauter Stimme,„auf der Back⸗ bordſeite.“„Das iſt mir willkommen,“ meinte der tapfere Deutſche, ſchnallte den Bruſtharniſch feſter und ſchlug an das vom Blute noch geroͤthete Schwert:„Ade, meine Aline,“ ſagte er, ihr die Hand reichend. „Ich will fuͤr Dich beten,“ ſagte ſie wei⸗ nend, indem er ging. Bald ſah man daß es nur ein Kanoe war, mit der Flagge der Johanniter. Der Befehlshaber uͤberreichte eine Ordre des Groß⸗ meiſters, welcher die ſchleunige Zuruͤckkunft der Flotille befahl, weil eine tuͤrkiſche Flotte aͤglich erwartet wurde. Aline ———— 2——— Aline war kraͤnklich, weshalb Wangen⸗ heim nicht von ihrem Lager wich. Der Ma⸗ troſe berichtete jetzt wieder: daß Rhodus zu ſehen ſey.„Was wird meine Aline fuͤr einen Entſchluß faſſen?“ fragte er zagend. „Der war ſchon gefaßt,“ erwiederte ſie, „als ich Dich in Ordenskleidung ſah; ich gehe in ein Kloſter auf Rhodus, damit ich Dir immer recht nahe bin.“„Treue See⸗ le,“ rief er geruͤhrt und kuͤßte ihr Gewand, „aber nein, das darfſt Du nicht, Du mußt einen Mann gluͤcklich machen, es waͤre ſchade, wenn ſolche Reize hinter duͤſtern Kloſter⸗ mauern verbluͤhen ſollten.“—„Mein Ent⸗ ſchluß ſteht feſt wie Felſen,“ entgegnete ſie, „Ihr Maͤnner habt von unſern Gefuͤhlen den wahren Begriff nicht, wir Maͤdchen koͤnnen nur einmal wahrhaft lieben und nie wieder.“ Seinen Augen entſielen Thraͤ⸗ nen, er verhuͤllte das Geſicht mit beiden Han den und ging hinaus. 1 G ————⸗—⸗x—;—:ꝛ——Crèõ— 93— 10. Gluͤcklich lief die Flotille, unter dem Donner der Kanonen und dem Gejauchze der Ritter und Soldaten, im Hafen von Rho⸗ dus ein. 15 Vieles hatte ſich hier geaͤndert, Arbeiter und Schanzgraͤber waren beſchaͤftigt. Auf dem Fort wurden die Mauern ausgebeſſert und hohe Thuͤrme ſtiegen in die Hoͤhe. In der Stadt waren mehrere Haͤuſer niederge⸗ riſſen. Die Buͤrger errichteten Waͤlle und doppelte Mauern um die Stadt, wo das Auge hinſah, erblickte es Kriegesgeräͤthe, jeder Poſten war beſetzt, die Verſammlung der Ritter zahlreich und ſaͤmmtlich in der kriegeriſchen Ruͤſtung; kurz— der furcht⸗ barſte Kampf war im voraus zu ſehen. Aber, was kuͤmmerte dieſes Alles den ſo verliebten Wangenheim; er blieb ruhig auf dem Schiffe bei ſeiner Aline und ſehnte ſich nicht einmal nach den Umarmungen ſeiner Freunde. So — 99— verſtrichen zwei volle Tage, da rief ihn ein Befehl des Großmeiſters zu ſich. Sonden bar bewegt ging er zu ihm. t Der wuͤrdige Großmeiſter reichte dem Juͤnglinge die Hand zum Kuſſe, betrachtete ihn wehmuͤthig und begann:„Der Orden iſt Euch ſehr verpflichtet fuͤr Eure geleiſteten Dienſte, der Admiral nennt Euch den Er⸗ retter und Erhalter der ganzen Flotille, nehmt daher im Namen Eurer Bruͤder den herz⸗ lichſten Dank und dieſe geringe Kette als ein Andenken von mir.“ Bei dieſen Worten hing er ihm eine goldene Kette um den Hals. Wangenheim beugte ein Knie, indem er ſprach:„Was ich that, Hochwuͤrdigſter, war Schuldigkeit, ich war verwegen und Fortuna mir diesmal guͤnſtig.“— Des Großmeiſters Pant wurde nun ernſter, er ſprach weiter: Mit Schrecken habe ich aber auch vernommen, daß Ihr mit einer gefan⸗ genen Dirne ein Liebesverſtaͤndniß haͤttet; iſt dies wahr?“ Wangenheim erzaͤhlte Al⸗— G 2 — 100—„ les der Wahrheit gemaͤß, waͤhrend der Groß⸗ meiſter oͤfters an das Fenſter trat, um ſeine inneren Gefuͤhle nicht zu verrathen.„Und was gedenkt Ihr mit dem Maͤdchen zu ma⸗ chen?“ fragte der Hochwuͤrdige.„Ich will ſie in ein Kloſter bringen, erwiederte er. „Aber ſogleich,“ befahl jener,„der Page Dumero ſoll Euch begleiten, denkt an Euren Schwur und—“. Er ſchien noch etwas ſagen zu wollen, eilte aber, von innern Ge⸗ fuͤhlen uͤberwaͤltigt, in ſein Cabinett. Wangenheim, treu dem Befehle, beglei⸗ tete Alinen in ein Fraͤulein⸗Kloſter. Er brachte dies Opfer, aber ſchon blutete auch die Wunde ſeines Herzens, nirgends hatte er Ruhe, weder bei den Freunden, noch bei vpoollen Bechern. Seine Gedanken waren nur bei ihr. Zum Gluͤck begannen bald kriege⸗ riſche Scenen, die ſeinen Geiſt beſchaͤftigten. Faſt taͤglich erſchienen noch Ritter, Knappen und Soldaten, um die Inſel gegen den Feind der Chriſten mit zu vertheidigen. — —;— Eine Woche nach der andern verging und noch ließ ſich die Flotte der Feinde nicht ſehen. Wangenheim ſprach in dieſer Zeit Alinen einmal mit Erlaubniß des Groß⸗ meiſters und der Aebtiſſinn im Sprachzim⸗ mer. Sie laͤchelte traurig in ſtiller Ergebung, ihre Wangen waren blaß und die ſonſt ſo freundlichen Augen truͤbe von den Thraͤnen. Sie haͤtten ſo viel mit einander zu ſprechen gehabt, aber eine uͤberfluͤſſige Perſon ſtand bei ihr und hoͤrte zu.„Wann wirſt Du eine Nonne?“ fragte er endlich kleinlaut. „Ein Probejahr muß ich halten,“ erwie⸗ derte ſie, den Blick zur Erde geſenkt,„bis jetzt waren meine Bitten um Abkuͤrzung um⸗ ſonſt.“ Bald ſchied er wieder von ihr, mit dem feſten Vorſatze, ſie nie wieder zu ſehen. Jedes ihrer Worte wiederholte er wohl zehn⸗ mal, ſeufzte und ſah gen Himmel. So in Gedanken vertieft, betrat er den Garten der ſchoͤnen Jodoka. Nachlaͤſſig gekleidet ſaß ſie auf einer Moosbank, den ſchwarzen Locken⸗ — 102— kopf auf den Alabaſterarm geſtuͤtzt. Sie ſah den geliebten ſchoͤnen jungen Ritter ſchon in der Ferne kommen und beſchloß ihn mit ih⸗ ren Netzen zu umſtricken. Wangenheim war ganz nahe, als ſein Blick auf die Reizende fiel. Ausweichen konnte er nicht mehr, er trat zu ihr, ſie um Entſchuldigung bittend, wenn er ſtoͤrte. Sie erwiederte darauf: daß ihr die Gegenwart eines ſo allgemein verehr⸗ ten Helden ſehr angenehm ſey. Dabei laͤ⸗ chelte ſie ſo holdſelig, der volle Buſen hob ſich hoͤher und die Augen gluͤhten. Auch Wangenheims Herz pochte ungeſtuͤm, er wurde uͤber und uͤber roth und ſenkte vor der ſchoͤ⸗ nen Geſtalt den Blick zur Erde. Mit in⸗ nerem Entzuͤcken bemerkte die Schlaue den Eindruck und ſprach mit der reinſten Stim⸗ me:„Wir leben hier doch in dem ſchoͤnſten Klima der Erde; der freundlich blaue Him⸗ mel lacht uns doch faſt ſtets, alles gedeihet hier gut, wenn es Euch daher gefaͤllig iſt, 1 1 —,— — — 103— Herr Ritter, ſo will ich Euch hier meine neuen Anlagen zeigen.“ „Es wird mir ſehr angenehm ſeyn,“ erwiederte er ſchuͤchtern und folgte der ſchoͤ⸗ nen Geſtalt. „Es muß doch ein herrliches Gefuͤhl ſeyn,“⸗ begann ſie, wenn ein ſo kraͤftiger Held, wie Ihr, dem Orden Schiffe und Hunderte von Menſchen errettet. Der Ruf nennt Euch einen zweiten Roland.“— „Ihr habt wahrlich heute große Luſt zu ſchmeicheln,“ erwiederte der Ritter etwas finſter,„ich, als ein Johanniter, bin keine Schmeicheleien gewohnt und kann ſie ſelbſt aus einem ſo ſchoͤnen Munde nicht wohl lei⸗ den.“ Er ſtockte uͤber ſeine letzten Worte und ſchlug ſich, wie aus einem Traume er⸗ wachend, vor die Stirn. Die Schlaue gab bald dem Geſpraͤche eine andere Wendung. „Ei, ſeht nur hier, Herr Ritter, die ho⸗ hen Palmen⸗ und Lorbeerhaine, dieſen kla⸗ ren Bach, dieſes gruͤne Ufer mit den Ro⸗ — 104— ſen⸗ und tauſend anderen Bluͤthen, wie die Sonne ihr klares Bild im Teiche ſpiegelt, wo die Fiſchlein munter umher ſchwimmen und das Chor der Voͤgel ſo froͤhlich zwitſchert und dort— dort,“— fuhr ſie mit ſteigen⸗ der Stimme fort,„zwei wilde Taͤubchen, wie ſie ſich ſo innig ſchnaͤbeln.“ Er ſchwieg und ſeufzte„Aline.“„Nun muͤßt Ihr auch jene Laube ſehen,“ ſagte ſie mit einer ſolchen Unbefangenheit, die nur dem weibli⸗ chen Geſchlechte eigen iſt,„Ihr werdet Euch gewiß daruͤber freuen.“ Sie ergriff ſeine Hand und zog den Zöoͤgernden mit ſich fort. Eine dunkle Laube bot ſich ihren Blicken dar, die Baͤnke waren mit Moos belegt, an den Seiten prangten die ausgeſuchteſten Blu⸗ men in voller Bluͤthe, ein unſichtbares Chor von Canarienvoͤgeln ſang, und im Hintergrun⸗ de lagen weiche ſeidene Kiſſen. Wangenheim laͤchelte wehmuͤthig. Sie wollte dies nicht bemerken, legte ein Kiſſen auf die Moos⸗ bank und bat den Helden recht gutmuͤthig, — — 105— ſich zu ihr zu ſetzen. Er ahnete nichts Ar⸗ ges und ſetzte ſich. Zwar ſaß er am Ende, aber ganz eigen wurde ihm doch zu Muthe, als er dem ſchoͤnen Weibe ſo nahe war, ja, der in Schlachten ſo Kuͤhne fing an vor ei⸗ nem Weibe zu zittern. Sie ſprach uͤber jede Sache ſo gruͤndlich, daß ſich Wangenheim uͤber ſie freute, ob er gleich nur die Haͤlfte ihrer Worte hoͤrte. Schon jauchzte ſie inner⸗ lich:„endlich habe ich den ſchoͤnen Juͤng⸗ ling gefangen, nach welchem ich ſchon ſo oft meine Netze ausgeſpannt habe.“ Leiſen Trittes erſchien eine Selavinn und berichtete der Gebieterinn auf tuͤrkiſch: daß Ritter Arnim ſie zu ſprechen wuͤnſche.„Ab⸗ gewieſen,“ rief ſie, dann leiſe zur Sclavinn ſagend:„Bringe Wein mit Opium und Confect.“ Mit befluͤgelten Schritten erſchien die Selavinn wieder, das Verlangte brin⸗ gend. Sie ſchenkte den goldenen Becher voll des Goͤttertrankes, und mit der Anmuth einer Bacchantinn bot ſie ihm dieſen. Er dankte, — 106— allein ſie ließ nie. Bittan nicht nach, legte die warme Hand auf ſeine Knie und— er ließ ſich zureden. Aurora war bereits in's Meer der Ewig⸗ keit geſunken, des Mondes Silberſtrahlen ſpielten zitternd im dunkeln Gezweige der Baͤume, und ohne dies zu bemerken, ſaß Wangenheim, durch den Wein geſchwaͤtzig, noch in der Laube. Er ſchien die treue Aline vergeſſen zu haben und mit jedem Zuge hei⸗ terer zu werden. Sonderbar genug, nach wenigen Stunden ſaßen beide ſo nahe zuſam⸗ men, daß die Knie ſich beruͤhrten; wer von beiden Theilen am mehrſten naͤher geruͤckt war, kann ich nicht entſcheiden; die Chro⸗ nik ſchweigt davon. Mit ihrem Handſchuh ſpielend ließ ſie ihn, von ungefaͤhr wie es ſchien, fallen.(Ob wohl manche der jetzi⸗ gen Damen Jodoka's Kunſtgriff zuweilen nicht auch gebrauchen?) Wangenheim, der fruͤheren Pflichten eingedenk:„verehre ei⸗ nen Gott und die Damen,“ hob den Hand⸗ — 107— ſchuh ſchnell auf und uͤberreichte ihn ihr knieend. Laͤchelnd bog ſie ſich zu ihm herab, und bei'm Scheine des Mondes ſah er in die Tiefe des Alabaſter⸗Buſens; ſchon wollte er die Liebliche umſchlingen, aber ein Ge⸗ danke an die treue Aline und an ſein Ge⸗ luͤbbde brachten ihn wieder zur Beſinnung. Er war ernſthaft geworden und vergebens bemuͤhte ſie ſich durch Scherze ihn wieder aufzuheitern; da dieſes nicht half, ſo um⸗ ſchlang ſie ſeinen Nacken und druͤckte die Purpurlippen auf ſeine Wangen. Aus ſei⸗ nem Taumel erwachend, riß er ſich los, ru⸗ fend:„Ich bin ein redlicher Johanniter, mein Geluͤbde iſt mir heilig. Lebt wohl!“ Eilig ſtuͤrzte er fort und konnte durch den Genuß des Opiums die Augen kaum offen erhalten. Schaͤumend vor Wuth ſiel Jodoka auf die Moosbank zuruͤck, ſah zum Monde und ſchwur mit aufgehobenen Fingern, ſchreck⸗ liche Rache an Wangenheim zu nehmen, weil er ihre Reize verſchmaͤht und ſeiner — 108— Pflicht treu war.— Ein jeder huͤte ſich vor der Rache eines Weibes! Am andern Tage ſtand ſie ſchon fruͤh am Fenſter; die ſchoͤnen Zuͤge des Weibes waren durch die Wuth nach Rache ſchrecklich ent⸗ ſtellt. Arnim ließ ſich ſchon anmelden. „Ha,“ rief ſie hieruͤber freudig aus,„der kommt ja wie gerufen, er muß ſich mit Wan⸗ genheim ſchlagen!“: Sich tief verneigend und der Dame die Hand kuͤſſend, trat er ein.„Ritter,“ ſprach ſie mit Wuͤrde zu ihm,„Ihr habt mir ſchon tauſendmal betheuert, daß Ihr Euer bischen Leben gern opfert, wenn ich es ver⸗ lange. Jetzt iſt die Gelegenheit da, die 8 Probe abzulegen.“ „Goͤttliches Weib,“ ſiel Arnim etwas betroffen ein,„Eure Wuͤnſche ſind mir Be⸗ fehl, fuͤr Euch gehe ich noch heute bur die Flammen.“ „Ich verlange von Euc,“ erwiederte. ſie,„daß Ihr den Ritter Wangenheim zum * — 109— ernſten Zweikampf auf Leben und Tod for⸗ dert. Eine Urſache dazu koͤnnt Ihr leicht finden. Wenn Ihr ſiegt, ſo wartet Eurer der hoͤchſte Lohn aus meiner Hand, und fallet Ihr, ſo weine ich eine Thraͤne auf Eurem Grabe. Erſt nach dem Kampfe duͤrft Ihr wieder vor mir erſcheinen. Nun geht mit Allah und ſeinem Propheten.“ Sie ſprachs und huͤpfte in ein Seitenzimmer. „Auch nicht einen Kuß zur Starkung gab ſie mir,“ klagte der Erſchrockene,„und ich armer— armer Arnim ſoll mich mit ei⸗ nem ſolchen Loͤwen auf Leben und Tod ſchla⸗ gen! Wie wird es mir da ergehen? Doch — um Jodoka muß ich alles wagen, mein Schickſal iſt ſchon zu feſt an das ihrige ge⸗ knuͤpft. Ich will und muß den Kampf wa⸗ gen, denn hoher Lohn wartet meiner, wenn ich ſiege!“ 8 — 110— 11. Eine große Flotte war zwar in Conſtan⸗ tinopel ausgeruͤſtet worden, lag aber bis jetzt noch im Hafen, weshalb Ritter und Sol⸗ daten auf Rhodus unbeſorgt die zutunfe erwarteten. Wangenheim ſaß eines Tages mit meh⸗ reren Freunden an einem Tiſche im Dome. Arnim horchte aufmerkſam auf die Geſpraͤche. „Die Inſel,“ begann Ritter Raymond nach einer Pauſe,„iſt jetzt gar nicht zu erobern, wenn nicht uͤberall Verraͤther umherſtreiften.“ „Der Meinung bin ich auch,“ erwie⸗ derte Wangenheim,„denn wir waͤren viel⸗ leicht noch jetzt auf der Inſel Cypern, wenn unſere Vorfahren nicht durch Verraͤther um⸗ geben geweſen waͤren.“ „Ihr glaubt doch nicht, deutſcher Degen,“ fiel Arnim ein,„daß unter uns Rittern Verraͤther ſind? 289 gut wie ich dieſes nicht behaupten 1 —— kann, entgegnete Wangenheim ernſt,„eben ſo gut koͤnnt Ihr es nicht widerlegen, uns beiden fehlen Beweiſe.“ „Ihr habt warlich ein ſchlechtes Zutrauen zu Euren Bruͤdern, rief hitziger der Fran⸗ zoſe,„und durch Eure Reden iſt der ganze Orden beſchimpft.”“ „Nur gemaͤchlich, Herr Bruder,“ meinte der Deutſche etwas bitter,„ich habe den Orden noch nie beſchimpft, denn ich hielt treu mein Geluͤbde, war nicht feig im Kampfe— „Ihr ſeyd die Zierde des Ordens, riefen die Uebrigen,„ein wahrer Held!“ „Auch war ich ſtets zum Kampfe bereit,“ fuhr er fort,„und ließ mich nie— nie krank melden, um lieber daheim zu bleiben, ſtatt mit den Bruͤdern zu fechten.“ Arnim verbiß den Grimm uͤber dieſe auf ihn paſſenden Worte und begann dann wie⸗ der hitziger:„Eure bewieſene Tapferkeit im letzten Gefechte kann Euch wohl niemand — 112— abſprechen, allein Ihr hattet ja auch nur zwiſchen Sieg, Sclaverei oder Tod zu waͤh⸗ len; der Ochſe pfluͤgt auch den Acker, aber nicht eher bis er muß. Was aber die treue Erfuͤllung der Geluͤbde betrifft, ſo ſeyd Ihr weit hinter jeden redlichen Bruder zuruͤck, denn Ihr habt Eure Wolluſt an einer ge⸗ fangenen Dirne ausgeuͤbt, die dann auf Be⸗ fehl des wuͤrdigen Großmeiſters Villiers in ein Kloſter gebracht wurde.“ „Ein Schurke ſagt ſo etwas!“ ſchrie Wangenheim und griff an das Schwert. „Stille,“ riefen die uͤbrigen Ritter,„der Großmeiſter kommt! 44 Nachdenkend ſchritt der Edle auf ſie zu, gruͤßte freundlich und ſprach:„So eben habe ich die Kunde erhalten, daß die tuͤrkiſche Flotte ausgelaufen iſt und in wenigen Tagen hier ſeyn wird. Laſſet uns freudig zum Kampfe gehen zur Ehre Gottes und des hei⸗ ligen Johannes. Seyd einig, meine Kin⸗ der,“ fuhr er feierlich fort, und hob die —— 8 — 113— Hand ſegnend in die Hoͤhe,„ſo werden wir ſiegen, ſelbſt wenn hundert Tauſend der Un⸗ glaͤubigen gegen dieſe kleine Schaar recht⸗ glaͤubiger Chriſten kaͤmpften. Einigkeit allein kann uns erhalten; denkt an Cortez, denn kuͤhnen Andaluſier, der im vorigen Jahre mit 500 Spaniern eine halbe Million Hei⸗ den in die Flucht ſchlug.— Gott ſey mit uns.“. Kaum war er einige Schritte entfernt, ſo begann Arnim wieder:„Morgen fruͤh um drei Uhr erwarte ich Euch in der Todes⸗ desgaſſe*). Laſſet Euch aber erſt die Abſo⸗ lution ertheilen, denn nur Einer von uns beiden verlaͤßt den Platz lebendig.“ „Ritter,“ ſagte Raymond zu Arnim, *) In fruͤheren Zeiten war der Zweikampf bei den Johannitern ſtreng verboten, doch ſpaͤter wurde er erlaubt, jedoch nur an einem beſtimm⸗ ten Orte und dieſer war hier die Todesgaſſe. A. d. V. H 12. 44 Noch hatte Aurora ihr goldnes Thor nicht geoͤffnet, als ſchon Wangenheim in der To⸗ esſtraße auf und ab ſchritt. Sein Freund Raymond hatte ſich mißmuͤthig an einen Pfei⸗ ler gelehnt.„Wenn ich falle,“ ſprach er nach einer Pauſe zu dieſem,„ſo melde meinen Tod der guten treuen Aline im Klo⸗ ſter. Weiter weiß ich nichts, hiermit waͤre meine Rechnung auf Erden abgeſchloſſen.“ „Faͤllſt Du, erwiederte der Freund, ſo raͤ⸗ che ich Deinen Tod.“ 1 Von dieſem Geſpraͤche trennte ſie ein ra⸗ ſcher maͤnnlicher Fußtritt. Arnim gruͤßte ſtolz und ſtellte ſich in Poſitur.„Entſchul⸗ 4 diget,“ ſprach er,„daß ich nicht fruͤher kam, ich leerte erſt einige Kruͤge Wein.*.☚¶mQ⅜ ich Euch betrachte, ſo dauert mich wie Euer junges Leben; aber ein ſo junger Milch⸗ bart, wie Ihr, darf aͤlteren Leuten nicht win H 2 „Ihr habt meinen Freund eher deleidigt, als er Euch, drum nehmet Eure Ausforde⸗ rung zuruͤck, ſparet das Blut fuͤr die Tuͤr⸗ ken auf; Einigkeit allein kann uns ja erhal⸗ ten.“ Wangenheim ſchwieg. Die uͤbrigen Ritter riethen dem ungeſtuͤmen Arnim zum Frieden, und ſchon wankte er, aber ein Ge⸗ danke an Jodoka, und haſtig warf er ſeinen Fehdehandſchuh zu Wangenheims Fuͤßen, in⸗ dem er wuͤthend rief:„Ein feiger Schurke der ihn nicht aufhebt!“ Wangenheim hob ihn ſchnell auf, ſeine Augen blitzten Mord ob dieſer Beleidigung. Jener entfernte ſich laut lachend und mit ſtolzem Tritte, indem er dachte:„Dieß waͤre denn gelungen, und zum Kampfe will ich mein Zauberſchwert nehmen, ſo wird mir gewiß der Sieg zu Theil.“ — 116— derſprechen, oder man nimmt dergleichen Fante vor die Klinge.“ „Neue Beleidigungen fuͤhren nicht zum Zwecke,“ fiel Wangenheim hitzig ein,„zieht! das Schwert entſcheide. „Gott und der heilige Johannes,“ ſprach Raymond,„moͤgen die gerechte Sache be⸗ ſchuͤtzen.“ Im Nu waren die beiden Klingen bloß und blitzten feindlich gegen einander. Bald bluteten beide Kaͤmpfer aus mehreren kleinen Fleiſchwunden und ſielen hierdurch gereizt 5 einander grimmiger an. Schlag fiel auf. Schlag, Arnim wurde zu hitzig, Wangen⸗ heim ſchien ſich gleich zu bleiben, er ſah fal⸗ ſche Hiebe des Gegners und hieb ihn das Schwert in die Schulter, daß er das ſeinige fallen ließ und aͤchzend zuruͤck ſank. Es wurde ihm ſogleich aller moͤgliche Beiſtand geleiſtet und dann langſam in ſein Quartier gebracht. Die Wunde war tief, aber fuͤr ſein Leben R nch zu beſorgen. — — 117— Nach einigen Stunden erſchien der Page Dumero, Wangenheim zu dem Großmeiſter zu entbieten. Schnell begab er ſich zu ihm. „Junger Deutſcher,“ ſprach der Groß⸗ meiſter ernſthaft,„was muß ich von Euch hoͤren? Euer Eifer zu kaͤmpfen geht jetzt ſo weit, daß Ihr Euch mit einem wuͤrdigen Ritter auf Leben und Tod herumſchlagt? Ihr wißt doch, daß ich den Zweikampf wie die Suͤnde haſſe?“ „Hochwuͤrdigſter,“ entgegnete Wangen⸗ heim,„wohl weiß ich dies, allein ich konnte nicht anders handeln, er beleidigte mich zu ſehr.“ „Poſſen,“ meinte dieſer,„Ihr konn⸗ tet zu mir kommen und ich verſoͤhnte Euch wieder; Ihr, als Streiter Chriſti, verſpritzt das Blut, von dem jeder Tropfen dem Hei⸗ land gehoͤrt, der Ehre, wie Ihr es nennt, zum Opfer.— Wenn wir uns ſo unter einander ſelbſt bekaͤmpfen, ſo haben die Un⸗ glaͤubigen einen leichten Sieg und wir fnd auf immer gebrandmarkt.“ — 118— „Arnim traͤgt die gande Schuld,“ be⸗ theuerte dieſer,„er reizte mich durch ſeine Reden, und dann hielt er ſich doch fuͤr den beleidigten Theil, warf mir den Fehdehand⸗ ſchuh vor die Fuͤße und rief:„ein feiger Schurke, der ihn nicht aufhebt!“ Konnte ich da wohl anders handeln? Ich war der beleidigte Theil, und dennoch war ich zur Verſoͤhnung geneigt, wenn er mich nicht ſelbſt herausgefordert haͤtte.“ „ Ihr habt ſonderbare Begriffe von der Ehre,“ ſagte kopfſchuͤttelnd der Gebieter, „ich denke hieruͤber nichr ſo.“— Indem ertoͤnten zwoͤlf dumpfe Schlaͤge von dem Dome, zum Zeichen einer außeror⸗ dentlichen Verſammlung. Der Großmeiſter ging eilig dahin. Jodoka erfuhr den ſchlechten Ausgang des Zweikampfes durch Arnims Knappen. Sie wuͤthete und verwuͤnſchte hundertmal ihre Sinnlichkeit gegen den Ritter. Wenn ſie ihn jetzt noch einmal in i ihr Revier bekaͤme, — 119— ſo wollte ſie ihn vergiften. Doch kam es nicht ſo, wie ſie dachte. Ein in der Naͤhe der Inſel ſtationirter Sahnellſegler lief jetzt im Hafen wieder ein, berichtend: daß die tuͤrkiſche Flotte ſchon ganz in der Naͤhe ſey. Der Großmeiſter ließ ſich den Harniſch anlegen und guͤrtete ſich das Schwert um.„Vater im Himmel,“ betete er,„wenn es dein Wille iſt, daß wir unter⸗ liegen ſollen, ſo laß mich enden auf dem 3 Schlachtfelde, Gefangenſchaft waͤre das Schreck⸗ 7 lichſte fuͤr mich!“ 6 41 Trompeten ſchmetterten, Trommeln wir⸗ belten und Roſſe wieherten. 6000 Soldaten und 650 Ritter von jeder Nation Europals hatten ſich auf dem Domplatze verſammelt. Da erſchien der Großmeiſter in Begleitung des wuͤrdigen Ritters Ramegos, welcheer die Ordensfahne trug. In ihrem rothen Felde prangte ein achteckiges ſilbernes Kreuz mit einem Roſenkranz umwunden. Die aus * 400 Mann beſtehende Leibwache folgte. —õÿ— des Krieges mit ihnen zu theilen.— Waͤhrend der großherzigs Vülliers ſeine Armee zur Tapferkeit und Ausdauer ermuy terte, hatte er den Maurern Befehl gegeben, 8 8 das Thor nebſt dem Pfoͤrtchen zu ſeiſem 5 Schloſſe zuzumauern, um jede Beſchwerde Einer ſchwimmenden Stadt gleich ſchien die feindliche Flotte. Es war bereits Abend, weshalb die Feindſeligkeiten noch nicht ihren. Anfang nahmen. Den andern Tag ankerte die Flotte an dem Capo von Monte di St. Stephano. Zwar ſuchten viele kühne Ritter 6 aſogtenen Beeanean a Pann 3 erreichten gluͤcklich das Ufer. Die Ritter metzelten viele nieder, doch kamen immet mehr herbei, und bald waren die guten Kaͤm⸗ pfer genoͤthigt ſich zuruͤckzuziehen. Jedoch zerſchmetterte die Barken der Feinde, ſo 635 Hunderte von ihnen im Meere ertrankenz allein was half dieſes? Mehrete Barken 8 jeden Schritt vorwakts mußten die Dürkan. mit ihrem Blute erkaufen, und uͤberall, wo Gefahr war, focht der wuͤrdige Großmeiſter. Durch ſein Beiſpiel ermuntert, fochten Rit⸗ ter und Soldaten wie Helden; er machte es nicht wie Fuͤrſten aͤlterer und neuerer Zeit und blieb in weiter Entfernung vom Schlacht⸗ felde, ſondern war ſtets im dichteſten Ge⸗ wöuͤhle, wo der Tod reiche Beute hielt. Sechszehn volle Tage verſtrichen, ehe die Landung der Feinde vollendet war. Tauſende. voon Zelten erhoben mit dem halben Monde ſtolz ihr Haupt, und in der Mitte prangte das ſchoͤnſte und groͤßte, welches dem An⸗ fuͤhrer Muſtapha Paſcha gehoͤrte. Es war mit koͤſtlichen Shawls und ſeidenen Stoffen zuſammengeſetzt, am Eingange ſtan⸗ den drei hohe vergoldete Stangen mit den halben Monden, und die Thuͤre war von ge⸗ diegenem Silber. Drei Roßſchweife flatter⸗ ten auf der Spitze des Zeltes, woran große und kleine Edelſteine mit allen Farben glaͤnz⸗ ten. Die innere Pracht abertraf nas bei — 122— weitem die aͤußere. Seitwaͤrts ſtanden die der uͤbrigen Anfuͤhrer mit weniger Pracht. Von jetzt an durchſtreiften die wilden Tar⸗ taren und Janitſcharen die ganze Inſel, und jedes Haus, jede Huͤtte wurde von ihnen angezuͤndet. Die Bewohner hatten ſich ſaͤmmt⸗ lich in die Stadt Rhodus gefluͤchtet. Hoher Muth beherrſchte die chriſtlichen Streiter. Sie brannten, wie man zu ſagen pflegt, vor Begierde ſi ich mit dem Feinde zu meſſen, und beſtuͤrmten den Großmeiſter, ſie gegen die Unglaͤubigen zur Schlacht zu fuͤh⸗ ren; doch ſeine Antwort blieb ſtets: daß ſie ihren Muth noch oft genug zeigen ſollten. In einer dunkeln Nacht, da der Wind brauſ'te, ließ er die umnutlichen Ritter wohl: bewaffnet zu ſich entbieten. Jetzt theilte er ihnen ſeinen Plan mit, den Feind in dieſer Nacht zu uͤberfallen. Ohne Geraͤuſch ver⸗ ließen ſie das Fort und die Stadt, und ge⸗ langten auf Umwege unentdeckt bis in den Nittelpunkt des feindlichen Lagers. Einige Waͤchter vor den Zelten ſchrieen:„Verrath! Feinde!“ wodurch die Muſelmaͤnner aufge⸗ weckt wurden. Jetzt entſtand das ſchreck⸗ lichſte Gemetzel; Tauſende der Feinde wur⸗ den im Schlafe erwuͤrgt; an Widerſtand dachte Niemand, jeder ſuchte ſein Heil in der Flucht. Wangenheim drang in das Zelt des Paſcha Muſtapha, allein wenige Minu⸗ ten fruͤher war dieſer entwiſcht. Die Beute, welche gemacht wurde, war ſehr groß, doch eben dadurch waͤre faſt der Untergang des kleinen Haͤufleins herbeigefuͤhrt worden. Sie verweilten ſich zu lange, nach Beute luͤſtern, ohne die errungenen Vortheile zu benutzen. Da die Muſelmaͤnner endlich ſahen, daß ſie nicht verfolgt wurden, ſo ſchaͤmten ſie ſich ihrer Feigheit, und bald ruͤckte ein Heer von 80,000 Mann, mit dem Geſchrei:„Al⸗ lah und Rhodus!“ gegen die 600 Ritter, welche ſich in Eile zuruͤckziehen mußten, je⸗ doch ohne den großen Geiſt des edeln Vil⸗ liers verloren geweſen waͤren, denn 6000 Mann Reiterei war ihnen bereits im Ruͤcken. Er befahl eine Flucht zum Schein nach dem Meere, wohin ſich ſogleich in uͤbertriebener Eile die Reiterei wendete, und fuͤhrte hier⸗ durch die Ritter wohlbehalten nach Rhodus. Einige von ihnen waren verwundet, getoͤdtet aber keiner. Ueber 3000 Feinde hatten ih⸗ ren Tod gefunden. Schoͤne Waffen, arabi⸗ ſche Pferde, drei halbe Monde und ſechs Karthaunen waren erobert. Am andern Morgen ſchmetterten Trom⸗ peten und Pauken von den Zinnen des Forts, und faſt die ganze Beſatzung dankte dem Hoͤchſten fuͤr den erfochtenen Sieg. 2 Haͤtte der Großmeiſter einen ſo gluͤckli⸗ chen Ausgang geahnet, er haͤtte die 6000 Soldaten mitgenommen, wodurch wahr⸗ ſcheinlich die Unglaͤubigen ganz vernichtet worden waͤren. Durch dieſen gluͤcklichen Coup wuchs die Erbitterung der Feinde. Jeder ſchwur die blutigſte Rache, und Muſtapha ließ 50 gefan⸗ gene Einwohner der Inſel, im Angeſichte der Ritter oͤffentlich enthaupten. Zwei fran⸗ zoͤſiſche Ritter, nur gut daß die Geſchichte ihre Namen aufbewahrt hat, Agrilmont und Dupuy ſchwuren feierlich: daß jeder 30 Muſelmaͤnner in der naͤchſten Schlacht in jenes Reich befoͤrdern oder auf dem Plat⸗ ſterben wollten. Am Abend war wieder der Horizont ge⸗ roͤthet von den brennenden Haͤuſern und Huͤtten, wobei man oͤfters das Freudenge⸗ ſchrei der Barbaren vernahm. Auch begann das Geſchuͤtz noch zu ſpielen, doch ohne den geringſten Erfolg. 13. Jodoka hatte ihre Guͤter verlaſſen und wohnte jetzt auch in Rhodus, von wo aus ſie den Tuͤrken jede Neuigkeit mittheilte. Sie ſah hier taͤglich den jungen Wangenheim, — 126— und wiederum erwachte ihr alter Haß; er ſollte durch ſie ſterben, dies war ihr feſter 2 Entſchluß, und da es ſchwer hielt, durch Gewalt bei ihm etwas auszurichten, ſo wollte ſie ihn vergiften. Aline lebte mit den uͤbrigen Nonnen in einem Hauſe. Ihre Beſtimmung war jetzt Kranke und Verwundete zu pflegen. Gewiß die ſchoͤnſte Beſtimmung fuͤr das weibliche Geſchlecht. Wangenheim hatte ſie ſehr lange nicht geſehen. Er war ſtill und ergeben in ſein Schickſal. Nur ſparſame Seufzer mach⸗ ten zuweilen der gepreßten Bruſt Luft; doch der Krieg zerſtreute oͤfters die finſtere Laune und gab dem Thatenreichen andere Gedan⸗ ken. Ein reines unbeflecktes Gewiſſen war ſein hoͤchſter Schatz; ſein Geluͤbde war ihm das Heiligſte. Alinens Roth auf den Wan⸗ gen entſchwand, matt blickte ihr Auge, und taͤglich betete ſie um ein baldiges Ende dieſes. irdiſchen Daſeyns, wo ihr vom Schickſal 4 — 127— des Lebens Hoͤchſtes— die Liebe— verſagt wurde. Arnim's Wunde war nicht gefaͤhrlich, denn ehe ihn Jodoka vermuthete, ließ er ſich ſchon bei ihr anmelden, verſteht ſich, aber des Abends. Fluchend trat er ein. Jodoka umarmte ihn feurig und druͤckte einen lan⸗ gen Kuß auf ſeine Lippen.„Du mein Al⸗ les,“ rief er aus,„wenn Du mich liebſt, ſo laß uns zu den Tuͤrken entfliehen, wir wer⸗ den gewiß gut aufgenommen, und ich— ich will alles verrathen von dieſem verfluchten Orden und will mich uͤber ſeinen Untergang ſo recht gemuͤthlich freuen!“ „Du biſt zu hitzig,“ erwiederte ſie, faſt erſchrocken zuruͤcktretend,„wir koͤnnen hier den Tuͤrken mehr nuͤtzen, als bei ihnen. Was Du Wichtiges erfaͤhrſt, theile mir mit; durch eine treue Sclavinn gelangt jede Nach⸗ richt ſicher im Lager an.— Du haſt red⸗ lich Wort gehalten,“ fuhr ſie mit ihrer alles bezaubernden Stimme fort,„und haſt Dich 4 — 128— mit dem Wangenheim geſchlagen. Ich ſehe hieraus einen abermaligen Beweis Deiner Liebe. Vielleicht kroͤnt nun bald der Gott der Liebe unſere hoͤchſten Wuͤnſche.“ Bei dieſen Worten legte ſie ihre Hand auf die ſeinige und kuͤßte ihn wieder. „Bei Dir,“ rief er aus,„vergißt man doch alle Leiden und Schmerzen; jetzt brennt meine tiefe Wunde nicht mehr, die mir der verfluchte Wangenheim ſchlug, aber raͤchen will ich mich und muͤßte ich ihn meuchlings morden!“ 4 „Theile mir nur jede Neuigkeit mit,“ ſagte ſie,„ſo kann es gar nicht lange mehr dauern, ſo iſt es mit Eurer Herrſchaft aus— „Wenn die Zeit doch erſt da waͤre,“ jauchzte er,„wo Du, goͤttliche Jodoka, aus Mahomeds ſchoͤnſtem Paradieſe, mein Weib auf ewig wuͤrdeſt.“ „ unſerer harren dann die groͤßten Be⸗ lohnungen,“ meinte die Schlaue,„Soly⸗ man ——,— — 129— man, der Prachtvolle, wird uns gewiß fuͤrſt⸗ lich belohnen. Wir ziehen dann mit nach Conſtantinopel—“ „Du bleibſt doch aber eine Chriſtinn?“ fragte er ploͤtzlich wie aus einem Traume erwachend. „Ich wurde gezwungen eine Chriſtinn zu werden,“ erwiederte ſie,„der Glaube meiner Vaͤter hat tiefe Wurzel geſchlagen; doch— was kuͤmmert uns dieſes, wir lieben uns und das iſt genug; wenn wir am Ziele ſind, laß uns weiter daruͤber ſprechen.“ Da⸗ bei ſtreichelte ſie freundlich ſeine Wangen und ſah mit den herrlichen Augen in die ſeinigen.. „Aus Liebe zu Dir,“ rief er aus, und umſchlang mit dem linken Arm ihren Nacken, „koͤnnte ich, wenn es ſeyn muͤßte, Heide oder Tuͤrke werden, Du biſt die Axe, woran das Rad ſich in Zukunft umdreht.“ „Du guter Arnim,“ lispelte ſie. „Jodoka,“ laͤchelte er,„ich liebe Dich — 130—* zum raſend werden, ſchier moͤchte ich Dich vor Liebe verſchlingen.“— „Sieh hier,“ ſagte ſie freudig, und zog einen großen Brief aus einem Kaſten,„ich ſorge fuͤr alles. Es iſt ein Sicherheitsbrief fuͤr uns vom Sultan eigenhaͤndig ausgefer⸗ tigt; denn, wenn die Stadt mit Sturm erobert wird, ſo werden alle Einwohner nie⸗ dergemetzelt, das iſt einmal bei uns ſo Sitte. Wir aber ſind geſchuͤtzt.“ Indem erfolgten drei raſch aufeinander folgende Kanonenſchuͤſſe.„Ich will mich nach der urſache erkundigen,“ meinte der Verraͤther und ſtuͤrzte eilig fort. Hoͤhniſch lachte ihm Jodoka nach:„Elen⸗ der Franzoſe,“ rief ſie,„Du glaubſt, Jo⸗ doka werde Dein Weib? Nimmermehr! Wenn wir ſiegen, ſo koſtet es Dir den Kopf, und ich— ich werde des Sultans erſtes Favorit⸗Weib. Der Sultan haͤngt dann von meiner Laune ab, denn er wird meinen Reizen huldigen, wie jeder Mann, und ganz — — 131— 3 Europa ſoll von mir ſprechen!“ Noch ſchwaͤrmte ſie fort, als Arnim wieder ein⸗ trat.„Morgen Mittag,“ ſagte er,„wird ein Ausfall gemacht, aus dem Neapelthore; benachrichtige davon den Paſcha Muſtapha. Mein feſter Vorſatz iſt, auch nicht einen Schwertſtreich gegen die zu thun, welche meine Befreier von dem Geluͤbde werden; die Wunde ſoll nie ganz zuheilen, wodurch es mir auch moͤglich iſt, ſtets in Deiner Naͤhe zu ſeyn.“ Haſtig ſchrieb Jodoka einige Worte an den Paſcha, uͤbergab den Zettel ihrer Scla⸗ vinn und ſetzte ſich dann mit Arnim auf die ſchwellende Ottomane. 14. Unterſtuͤtzt von 3000 Soldaten, ruͤckten am Mittage 250 Ritter aus, um den Feind, welcher in dieſer Zeit zu ſchlafen pflegte, zu J 3 aͤberfallen; denn nur ſparſam waren Poſten ausgeſtellt und auch dieſe ſchliefen zuweilen. Doch noch zur rechten Zeit entdeckten ſie, daß der Feind wohlgeruͤſtet ihrer harre. Der Plan war alſo verrathen; durch wen? wſſ ſen meine Leſer. Die ungeſtuͤmen Soldaten, nach Beute beglerig, verlangten gegen den Feind gefuͤhrt zu werden, und nur Villiers ernſten und gu⸗ ten Worten gelang es, die Ungeſtuͤmen zur Ruhe zu bringen. Langſam zogen ſie ſich zuraͤs„ wobei mit den verwegenen Janitſcharen kleine Schar⸗ müͤtzel vorſielen, jedoch zogen ſie jedesmal den Kuͤrzeren. Ein Soldat wurde gefangen und von den jubelnden Barbaren ſogleich ent⸗ hauptet. Die Nacht deckte ihre Schwingen uͤber Rhodus und vertrauend blickte jeder chriſt⸗ liche Kaͤmpfer zum Heilande, weil man ei⸗ nen Sturm beſorgte, da ſchlich ſich der Kanz⸗ ler des Ordens an die aͤußere Mauer und —,—— ——.,— ——;—.— * ſchoß einen Pfeil, woran ein Papier befe⸗ ſtigt war, nach einem Feuer des Feindes. Schon fruͤh fing das Geſchuͤtz an zu wuͤ⸗ then und dauerte unaufhoͤrlich bis am Abend, wodurch mehrere Stellen der Mauern ſehr beſchaͤdigt waren; doch die ganze Nacht wurde an der Ausbeſſerung gearbeitet, wobei die reichſten Buͤrger mit thaͤtig waren. Jetzt ſchaͤmte ſich keiner, die Mauerkelle zu ergrei⸗ fen, ſelbſt Weiber waren patriotiſch genug, ihren Maͤnnern mit einem guten Beiſpiel voran zu gehen. Der Morgen erſchien duͤſter und unfreund⸗ lich, was auf dieſer herrlichen Inſel ein äußerſt ſeltner Fall iſt. Die Janitſcharen verſammelten ſich im Lager und verlangten vom Paſcha Muſtapha einen Hauptſturm, oder ſie wuͤrden ſich au⸗ genblicklich wieder einſchiffen. Einige waren ſo trotzig, daß ſie laut riefen:„Nieder mit Muſtapha! wir verlangen einen andern Paſcha!“ Muſtapha's Geſicht wurde durch — 154— dieſe Reden braungelb, doch ſuchte er ſich zu faſſen, ſchilderte ihnen einen Sturm auf das Fort und die Stadt als ein Grab fuͤr ſie alle, und ließ an die Anfuͤhrer der re⸗ belliſchen Janitſcharen Geld austheilen, wo⸗ durch die Gemuͤther fuͤr diesmal beſanſtige wurden. „Jeder Tag war nun Zeuge der ſchreck⸗ lichſten Grauſamkeiten. Beſtaͤndig ſielen Scharmuͤtzel vor, welche natuͤrlich zu keinem Reſultate fuͤhrten, wohl aber die Erbitte⸗ rung beider Theile vergroͤßerten. Jeder fuß⸗ breit Landes mußte mit Blut errungen wer⸗ den. Das Geſchuͤtz der Johannniter zer⸗ ſchmetterte Tauſende der Feinde, waͤhrend das feindliche hoͤchſtens Mauern und Thuͤrme beſchäͤdigte. Die Stadt, das Fort und der Hafen war ſo eng eingeſchloſſen, daß kein Menſch entwiſchen konnte. Muſtapha Pa⸗ ſcha gab ſeinen Leuten Beſchaͤftigung, um nicht wieder auf die Idee zu kommen, f 4 gegen ihn zu empoͤren. Die chriſtlichen Streiter zeigten den groͤß⸗ ten Muth bei jeder Gelegenheit. Acht ge⸗ meine Soldaten griffen dreißig Tartaren an und ſchlugen ſie nach einer tapfern Gegen⸗ wehr in die Flucht. Der Großmeiſter hielt taͤglich mit dem Capitel Berathungen, aber niemals wurde ein kraͤftiger und feſter Entſchluß gefaßt. Zwar machte der tapfere Großmeiſter den Vorſchlag, des Nachts einen heftigen Aus⸗ fall zu thun, aber das Capitel gab ſeine Zuſtimmung nicht. Sie meinten: man muͤſſe den Ausgang einer ſo wichtigen Sache nicht auf eine ungewiſſe Schlacht ankommen laſ⸗ ſen, denn dieſe Mauern koͤnnten wenige tauſend Mann vertheidigen, waͤhrend der Fänd mit ſeiner großen Macht ſi ſie im freien Fede erdruͤcken wuͤrde. Woͤchentlich begab ſich der Großmeiſter. mit ſeinen Riterr P einat in den Tannhe um zu beten. Die koſtbare Zeit verſtrich, ohne daß v von beiden Seiten ein ernſter Kampf vorfiel, gleichſam als fuͤrchtete ſich jeder Theil vor dem Angriff. Tauſend Soldaten erhielten eines Tages den Befehl, des Morgens um zwei Uhr ei⸗ nen Ausfall zu machen. Wangenheim und Raymond waren zu Anfuͤhrern ernannt. Still und vorſichtig marſchirten ſie aus, uͤber⸗ fielen den Feind, hieben ſechshundert Mann nieder, machten zweihundert Gefangene, er beuteten einen halben Mond, Waffen um koſtbare Geſchirre. Ehe die uͤbrigen Tuͤrkn ſich ſammelten, hielten jene ſchon wieder ih⸗ ren Einzug in die Stadt. Allgemeines Lob erndtete Wangenheim ein, denn er allein. hatte 70 Feinde verfolgt und 12 davon gi⸗ toͤdtet. Er freute ſich daruͤber nicht und 3ug traurig in ſein Quartier. Am Mittage ſpeiſten die ſaͤmmtlichen Ritter auf dem Domplatze unter freiem Him⸗ mel in voller Ruͤſtung. Das Schmettern — — der Trompeten und Wirbeln der Pauken — 8 — 137— verkuͤndigte von der hoͤchſten Zinne den er⸗ fochtenen Sieg an. Die angeſehenſten Buͤr⸗ ger ſchloſſen ſich auch bald mit an. Die Becher gingen fleißig umher und Freude glaͤnzte auf jedem Geſichte. Arnim hatte ſich auch mit eingefunden, trug aber den Arm noch in einer Binde. Duͤſter ſah er zur Erde, und wenn er dann aufblickte, ſo konnte man es ihm anſehen, daß er kein gutes Ge⸗ wiſſen hatte.. Der Donner der Karthaunen verſtummte, allgemeine Ausrufungen der Freude ertoͤnten; da berichtete ein Soldat keuchend: daß die Feinde im raſchen Anmarſch und die See⸗ ſchanze bereits erobert haͤtten.„Gott mit uns, Ihr Bruͤder!“ rief Villiers, zog das Schwert, gab ſeine Befehle, und nach allen Seiten flogen die Kaͤmpfer freudig zur Ver⸗ theidigung.„Ha, jetzt ſeyd Ihr verloren,“ lachte Arnim wild.„Von der Seeſchanze aus kann leicht eine Breſche geſchoſſen wer⸗ den; nah bin ich dem Ziele, ſey mir nur diesmal gnaͤdig, Fortuna!“ Raſch eilte er auf einem Seitenweg nach Jodoka’s Woh⸗ nung. Die Tuͤrken wagten zwar einen Sturm, wobei ſie ſehr ſaumſelig waren; als aber Kugeln und Steine unter ihnen ſchrecklich wuͤtheten, ſo ergriffen ſie in Unordnung die Flucht. z, 6 Wangenheim ruͤckte ſogleich mit zweihun⸗ dert Mann aus, um die Seeſchanze wieder zu erobern. Die Kugeln der feindlichen Karthaunen verbreiteten uͤberall Tod und Verderben. Recht gut ſah es Wangenheim ein, daß er bei der geringſten Zoͤgerung ſeine Leute unnuͤtz aufopfere. Raſch ergriff er daher das Panier der Soldaten, hielt es hoch in die Hoͤhe und rief begeiſtert:„Ihr Streiter unſres Heilandes, folget mir zum Siege!“„Zum Siege!“ ſchrie die ganze Schaar, und ſtuͤrzte begeiſtert dem Fuͤhrer nach. Es entſtand ein ſchreckliches Blutbad, die Feinde kämpften wie Raſende, aber wo — 159— Wangenheim war, da mußten ſie weichen. Er war der Erſte auf der Schanze, pflanzte ſogleich das chriſtliche Panier auf und ver⸗ nichtete den Halbmond, der von ſeinem Traͤ⸗ ger ſchaͤndlich verlaſſen war. Es gab hier einen ſchrecklichen Anblick. Die Beſatzung der Chriſten lag ſaͤmmtlich ohne Kopf auf der Erde umher. Mancher erkannte an der Kleidung ſeinen Vater, Bruder oder Freund. Alle duͤrſteten nach Rache, und ohne daß es der tapfere und edle Anfuͤhrer verhindern konnte, wurden 122 gefangene Tuͤrken nie⸗ dergemetzelt. Die Kugeln aus der Schanze und dem Fort jagten den Feind weit zuruͤck. Wiederum war ein Sieg erfochten, wobei aber mancher brave Johanniter und Buͤrger der Stadt das Leben eingebuͤßt hatte. Ein Befehl des Großmeiſters rief Wan⸗ genheim zuruͤck. An ſeine Stelle kam ein alter erfahrner Kriegscomthur. In der Rit⸗ terſtraße umarmte ihn der Großmeiſter im Angeſichte ſeiner Umgebung, indem er ſprach: — 140— „Ihr habt brav gekaͤmpft, wackrer Deutſcher, Ihr werdet den Lohn dafuͤr noch hier ein⸗ ernten!“ Wangenheim ſeufzte und erwie⸗ derte traurig:„Hienieden kann ich keinen Lohn mehr erwarten!“„Mein Sohn,“ troͤſtete jener,„vertraue auf Gott, er wird noch Alles gut machen.“ 9 15. Um Wangenheims Quartier ſchlich ſich eines Abends eine braune Maͤnnergeſtalt; ſie ſchien ſchon alt zu ſeyn, doch ſah man keine Spur von einem Barte. Der Knappe putzte und ſchliff das Schwert des Herrn, ſah aber dabei immer aͤngſtlich auf die Straße. Kaum war er mit dieſer Beſchaͤftigung fertig, als er eilig die Hausthuͤr oͤffnete. Jene Maͤn⸗ nergeſtalt ſchritt haſtig auf ihn zu und fluͤ⸗ ſterte ihm leiſe zu:„Hier, mein Freund, habt Ihr ein Puͤlverchen, was damit zu thun —— —,-— iſt, wißt Ihr. Nehmt einſtweilen dieſe zwoͤlf Goldſtuͤcke; wenn Euer Herr das Puͤlverchen eingenommen hat, ſo erhaltet Ihr noch drei⸗ ßig Goldſtuͤcke. Uebermorgen um dieſe Zeit ſehen wir uns wieder.“ Mit dieſen Wor⸗ ten eilte er fort. Zitternd betrachtete der Knappe das Suͤn⸗ dengeld. Vor wenigen Tagen hatte er in betrunkenem Muthe jenem Fremdling verſpro⸗ chen, fuͤr eine geringe Summe ſeinen Herrn zu vergiften. Jetzt gereuete ihn dieſes Ver⸗ ſprechen, und ſchon wollte er das Suͤnden⸗ geld und das Puͤlverchen zum Fenſter hinaus⸗ werfen, da fuhr ein boͤſer Geiſt wieder in ihn; dieſer rieth:„verdiene das Geld, du wirſt dadurch ein reicher Mann./ 4 Wangenheim ſaß, ſtarr vor ſich blickend, am alten hoͤlzernen Tiſche, worauf eine Lampe ſtand, die mit jeder Minute zu verloſchen drohte. Der Knappe erſchien und brachte, zitternd wie ein Espenlaub, einen Humpen voll Wein und Waſſer zum Schlaftrunk. — 4 E. Indem fand das Licht noch neue Nahrung und flackerte hoch in die Hoͤhe.„Jeſus, Marie und Joſeph,“ ſchrie der Knappe, „ich bin verloren!“ Aufmerkſam durch dieſe Worte, ſprang Wangenheim auf:„Was haſt Du vor!“ rief er heftig. Weinend ſtuͤrzte jener auf die Knie, umklammerte die des Ritters und flehte:„Gnade! Gnade!“ „Menſch biſt Du raſend?“ fragte der Er⸗ ſtaunte.„Ja, ich war raſend,“ erwiederte der Knappe,„aber nun bin ich es nicht mehr, trinkt nicht aus dem Humpen, es iſt Gifft darin; edler Ritter, ſtoßt mich nieder, ich mag und kann nicht mehr leben.“— Indem erleuchtete ein heller Schein das ganze Zimmer, waͤhrend das Haus erſchuͤttert wurde. Einige Pulverkarren des Feindes waren in die Hoͤhe geflogen. „Sprich, Elender,“ fuhr der Gereizte fort,„wer hat Dich zu dieſem Dubenſge gedungen?“ 4 „Wie er mit Namen heißt, waß) — 143— » na. erwiederte jener,„ſo wahr ein Gott im Himmel lebt. Es war ein ſchwarzer Kerl, den ich nur zweimal geſehen habe; ſeht, dieſe Goldſtuͤcke gab er mir, nach der ſchrecklichen That ſollte ich noch 3o bekommen.“— „Aber ſprich, Menſch,“ herrſchte der Ritter,„womit beleidigte ich Dich je, daß Du ſo rachſuͤchtig ſeyn und mich um ein Paar elende Goldſtuͤcke vergiften wollteſt?“ „Ich bin ein ſchlechter Menſch,“ be theuerte jener noch immer knieend und ent⸗ bloͤßte ſich die Bruſt,„Ihr habt mir ſtets nur Gutes erwieſen, vollendet nun Eure Großmuth und ſtoßt das Schwert in meine Bruſt!“ „Ich mag mein Schwert nicht mit Dei⸗ nem Blut beflecken,“ erwiederte Wangen⸗ heim,„ich ſchenke Dir das Leben aber aus meinem Dienſte mußt Du!“ „EChe ich aus Eurem Dienſte gehe, edler Herr,“ betheuerte er,„ eher ſtuͤrze ich mich in das Meer. Ja, ich habe ſehr gefehlt, „ — 44— ich fuͤhle es, ich kann nie wieder in Eure redlichen Augen ſehen, aber ſetzt Eurer Groß⸗ muth die Krone auf und behaltet mich, Ihr ſollt es nicht bereuen, ich will mit feſter Treue Euch huͤten und ſchuͤtzen vor jeder Gefahr.“ Forſchend ſah Wangenheim den Bitten⸗ den an, dann ſprach er:„Du biſt ein Deut⸗ ſcher und konnteſt fehlen, aber nun wirſt Du Dich gewiß bemuͤhen, Deinen Schand⸗ fleck zu vertilgen und Deiner Nation keine Schande machen.“ „Tauſend Dank,“ ſchluchzte der Knappe, „edler Mann,“ bedeckte das Geſicht mit den Haͤnden und eilte zur Thuͤre hinaus. „Gewiß ein Bubenſtuͤck vom Ritter Ar⸗ nim,“ dachte er, und ſtreckte ſich wachend auf ſein Lager. 16. — — 145— 16. Wuͤthend ſchritt Arnim in Jodoka's Zim⸗ mer auf und ab.„Mißgluͤckt mir denn alles,“ rief er aus, und wild rollten ſeine Augen,„wann wird doch die Zeit kommen, wo meine Rache geſaͤtigt und meine Wuͤnſche befriedigt werden! Ein ſolches Leben iſt Qual.— Doch— bei meiner Jodoka vergeſſe ich jeden mißlungenen Anſchlag.“— Leicht wie ein Zephir ſchwebte eben Jo⸗ doka in das Gemach und bedeckte ſcherzend die Augen des Ritters mit den zarten weißen Haͤndchen.„Eine frohe Kunde,“ rief ſie lachend,„unſer gemeinſchaftlicher Feind, der Herr v. Wangenheim, ſoll geſtern Abend ſehr krank geworden und heute fruͤh geſtorben ſeyn.“ „Wenn Du Wahrheit ſpraͤcheſt,“ erwie⸗ derte er freudig,„ſo glaubte ich, daß Ma⸗ homed der einzig wahre Prophet ſey.“ Ein Gedanke preßte ihn gewaltig die Bruſt zu⸗ K 1 — 146— ſammen, indem er kleinlaut fragte:„Haſt Du ihn vergiften laſſen?“ „Wie kannſt Du ſo etwas von mir den⸗ ken!“ erwiederte ſie empfindlich. „Du forderteſt aber doch von mir,“ meinte er,„daß ich mich auf Leben und Tod mit ihm ſchlagen ſollte?“ „Das iſt Euch Maͤnnern erlaubt,“ zuͤrnte ſie,„aber uns Weibern nicht. Wo Ihr kalt mordet, da zittert uns ſchon das Herz.“ „Warum ſollte ich mich aber mit Wan⸗ genheim ſchlagen?“ fragte er ſie unterbre⸗ chend.. „Du biſt heute ſonderbar gelaunt,“ er⸗ wiederte ſie hoͤhniſch,„mein zukuͤnftiger Mann muß mir gehorchen und thun was ich verlange, ohne nach der Urſache zu fra⸗ gen. Merke Dir dies.“ „Ich bitte Dich, geliebte Jodoka,“ fiel er bittend ein,„lege meine Worte nicht falſch aus, es ſoll nie— nie wieder geſchehen.“ — 147— „Das erwarte ich,“ zuͤrnte ſie hoͤhnend, „oder wir ſind geſchiedene Leute auf ewig.“ „Meine uͤber alles geliebte Jodoka,“ ſtammelte der Elende,„vergieb! vergieb!“ Sie reichte ihm die Hand, die er kuͤßte, ſah ihr in die holden Augen und die Ver⸗ ſoͤhnung war abgeſchloſſen. Schweigend trat ſie an das Fenſter und ſank mit dem Schrei: „Allah! Allah!“ zuſammen. Arnim eilte ihr beizuſtehen, und ſah dabei von ungefaͤhr auf die Straße, wo eben der todtgeglaubte Wangenheim geſund und wohl daher kam. Bald erholte ſie ſich wieder, befahl dem Ritter ſich zu entfernen und ihre Dienerinn zu rufen.„Elende Dirne,“ rief ſie der Eintretenden zu,„Wangenheim lebt ja noch und iſt nicht todt!“ „Ich bin unſchuldig,“ bat ſie knieend; „wie ich Euch ſchon geſagt habe, dem Knap⸗ pen gab ich geſtern Abend die zwoͤlf Gold⸗ ſtuͤke als Handgeld, nebſt dem Puͤlverchen. Wahrſcheinlich hat den KRnapden ſein Ver⸗ K 2 — 148— ſprechen gereut und hat die Goldſtuͤcke ohne Dienſt fuͤr ſich behalten. Aus Vorſicht hatte ich auch maͤnnliche Kleidung angezogen.“ „Entferue Dich,“ gebot ſie,„ich will allein ſeyn.“— Alſo auch dieſer Plan ge⸗ ſcheitert,“ klagte ſie,„faſt ſcheint es, als waͤr' alles Gluͤck von mir gewichen, ſeit der kriechende Franzoſe bei mir iſt, und dieſer Wicht will die ſchoͤne Jodoka zum Weibe haben? Warte Du eingebildeter Geck, wenn die Tuͤrken Herren von Rhodus ſind, ſo laſſe ich Dich an den erſten Baum haͤngen; ver⸗ ſteht ſich, der ſchlechteſte Strick wird dazu genommen;— ich werde das Favorit⸗Weib des ſchoͤnen und großen Solymans. Aber fuͤr jetzt will ich den feigen Narren noch in Guͤte erhalten!“ 17. Es war am 24. Auguſt deſſelben Jahres, als Sultan Solyman in einer Galeere ſelbſt — 149— an das Land ſtieg. Auf allen Schiffen krach⸗ ten ihm zu Ehren die Stuͤcke und wilde Ja⸗ nitſcharenmuſik rauſchte. Der Paſcha Muſta⸗ pha und die Baſſa's zitterten fuͤr ihre Koͤpfe, doch der große Mann hatte Mitleid mit ih⸗ rer Unerfahrenheit Krieg zu fuͤhren.— Von jetzt an nahmen die Sachen eine ernſthaftere Wendung. Seine Armee war ſtets unter den Waffen und ſchadete den Johannitern auf jede nur moͤgliche Art. Unter ſeiner Leitung wurde eine Breſche geſchoſſen, denn uͤber 2000 Bomben waren dahin geflogen. Tag und Nacht ohne Aufhoͤren dauerte die Ka⸗ nonade fort. An der Stelle der eingeſchoſ⸗ ſenen Mauer erhob ſich durch raſtloſen Fleiß ein Wall, um dadurch den boͤſen Folgen vor⸗ zubeugen. Solyman befahl zu ſtuͤrmen. Die Lei⸗ tern wurden angelegt, aber von den Oben⸗ ſtehenden umgeworfen, oder ſiedendes Waſ⸗ ſer, Pech, Harz, kochendes Oel oder Steine auf die Tuͤrken herabgeſchleudert. Bolzen, — 150— Pfeile und Kugeln flogen nach den Verthel⸗ digern der Stadt, wovon aber wenige tra⸗ fen. Der Großmeiſter war an den gefaͤhr⸗ lichſten Stellen. Die franzoͤſiſchen Ritter Dupuy und Agrilmont ſtuͤrzten ſich von dem Fort aus mitten unter die Feinde, um ihr Wort zu loͤſen oder zu ſterben; das letztere ward ihnen zu Theil; noch im Sinken riß Agrilmont einen Tuͤrken zur Erde. Sultan Solyman war Zeuge ihrer Tapferkeit gewe⸗ ſen und rief aus:„Beim Allah und ſei⸗ nem großen Propheten, mit 3000 ſolcher Kaͤmpfer erobere ich die ganze Welt!“ Noch wurde der Kampf mit Erbitterung fortgeſetzt, als der Sultan Befehl zum Ruͤck⸗ zuge geben wollte, da erhielt er die Kunde durch Jodoka: daß bei den Johannitern die Munition zu Ende gehe. Noch heftiger wuͤthete nun der Kampf, blindlings ſtuͤrzten 7 F ſich die Krieger in einen Regen von Kugeln, um nur den Sieg zu erringen. Auch Wan⸗ genheim wagte ſich zu weit vor, hundert Degen blitzten zugleich uͤber ſeinem Haupte, aber dennoch focht er wie ein Raſender. Der Großmeiſter ſah ſeinen Liebling in Gefahr und bahnte ſich, von zehn Rittern begleitet, einen Weg durch die Feinde. Indem ſank Wangenheim, durch einen Schlag auf's Haupt, betaͤubt zur Erde; jubelnd banden ihm die Feinde die Haͤnde auf den Ruͤcken. Nur mit genauer Noth konnte ſich der Groß⸗ meiſter mit den Rittern einen blutigen Ruͤck⸗ weg bahnen. Waͤhrend ſo die Schlacht auf dem Lande wuͤthete, ging es noch weit graͤßlicher auf dem Meere zu. Hier kaͤmpfte die kleine Flotte der Johanniter gegen die zehnmal ſtaͤrkere des Feindes; doch der Admiral lei⸗ tete das Ganze mit Umſicht und Erfahrung. Hier flog ein feindliches Schiff, durch einen Brander angezuͤndet, in die Hoͤhe, und zer⸗ ſchmetterte die Gebeine derjenigen, welche ſich darauf befanden; dort hatte ein anderes Schiff einen Leck und ſank immer mehr und — 152— 4⁴ 4 mehr; rechts wurde ein Schiff geentert, wo auf dem Verdecke der ſchrecklichſte Kampf wuͤthete, und links wurden auf das Verdeck kleine Kaͤſtchen, gefuͤllt mit Pulver, gewor⸗ fen, um es dadurch in Brand zu ſtecken. Ungluͤckliche ſtuͤrzten ſich ins Meer, um ihr Leben durch Schwimmen zu retten, wurden aber von den hohen Wellen verſchlungen. Der Donner der Kanonen, das Geſchrei der Kaͤmpfenden, das Aechzen der Sterbenden und Verwundeten boten ein ſchreckliches Schau⸗ 4 ſpiel dar. Ermattung und Dunkelheit ver⸗ hinderten den ferneren Kampf. Eine tiefe grauenvolle Stille trat an die Stelle des geraͤuſchvollen Tages. Der Sieg war auf der Seite der Johanniter, denn ſie hatten nur zwei elende Galeotten eingebuͤßt, da hinge⸗ gen der Feind wohl zwanzig gute Sehiffe verloren hatte; aber dennoch war zu befuͤrch⸗ ten, daß bei der naͤchſten Schlacht die Ue⸗ bermacht ſiegen wuͤrde.— Nun, mein lie⸗ ber Leſer, wollen wir nachſehen, wie es dem — 153— tapfern Wangenheim bei den Unglaͤubigen ging. Als er aus ſeiner Betaͤubung erwachte. lag er auf einem Huͤgel; um ihn ſtanden ſechs Janitſcharen, mit mordluſtigen Blicken das Opfer betrachtend. Sie ſchienen ſich unter einander zu ſtreiten, wer das Amt des Executors verrichten ſollte. Endlich zog ein baͤrtiger Mann ſeine Damascenerklinge, die⸗ ſelbe luſtig in der Luft umherſchwenkend. Schon ſchwebte ſie in gerader Linie vom Halſe, da ſtuͤrzte athemlos ein Aga herbei: „Im Namen des großen Sultans haltet ein!“ rief er.„Die Belohnung fuͤr ſeinen Kopf wird Euch der Paſcha auszahlen,“ fuhr er fort,„und nun geleitet ihn mit nach dem Zelte.“— Indem ſchmetterten auf allen Seiten die Trompeten zum Ruͤckzuge. Viertauſend Tuͤr⸗ ken waren gefallen und zweitauſend verwun⸗ det. Die Johanniter zaͤhlten achthundert Todte; darunter neun Ritter, ſechshundert 82. — 154— d Soldaten und zweihundert Buͤrger. Der Sieg war alſo theuer erkauft. 8 Auf einem hohen Sitze in ſeinem koſtba⸗ ren Zelte ſaß der Sultan. Rechts zur Seite ſtanden ſeine Miniſter und Offiziere und links hundert Mann von der Leibwache, geziert mit hohen Turbanen und goldenen Spießen. Mit Anſtand und Wuͤrde trat der Inngling vor die Verſammlung, ſich fluͤchtig verbeu⸗ gend. Der Sultan betrachtete ihn mit Wohl⸗ gefallen und befahl, ihn von ſeinen Banden zu befreien und das Schwert wieder zu ge⸗ ben. Die Krieger ſahen einander betrof⸗ fen an.— „Was erwartet Ihr von mir?“ fragte der Gebietende durch einen Dolmetſcher. „Den Tod!“ erwiederte der Befragte ganz kalt. „Ihr ſeyd ein ſchoͤner kraͤftiger Juͤng⸗ ling,“ fuhr der Sultan ſort,„und es waͤre ſchade um Euch, ſo fruͤh zu ſterben, darum — 165— beantwortet meine Fragen, und das Leben iſt Euch geſchenkt. Wie ſtark iſt Eure Macht?“ „Auf dergleichen Fragen antwortet ein Johanniterritter nicht,“ erwiederte Wangen⸗ heim ſtolz,„ich will ſterben!“ „Aber es iſt doch ſo ſchoͤn auf der Welt,“ fuhr der Sprecher lebhaft fort,„und Ihr habt gewiß gerechre Anſpruͤche auf ihre Freu⸗ den, darum geſtehet, ich will Euch fuͤrſtlich belohnen.“ „Lieber todt, als Verrath an meinen Bruͤdern,“ rief er hitzig,„nur gemeinen Creaturen iſt ſo etwas zuzutrauen, aber wah⸗ ren Rittern nicht.“ „ Nun denn,“ zuͤrnte der Sultan,„ſo ſoll das Bekenntniß die Folter erzwingen.“ „Keine Qual wird mich zum Verraͤther machen.— Ihr waret großmuͤthig und ließet mir mein Schwert wieder geben; jetzt koͤnnte ich Gebrauch davon machen, doch— damit Ihr ſehet, daß auch ich großmuͤthig bin, ſo uͤbergebe ich es Euch freiwillig wieder.“ —— 156— Da entfiel dem Sultan eine Thraͤne, er ſtieg vom Throne herab, beugte ſich tief vor dem Ritter, reichte ihm die Hand und ſprach: „Ich wollte Euch nur pruͤfen, und wenn Ihr zum Verraͤther geworden waͤret ſo haͤtte ich Euch enthaupten laſſen. So aber ſeyd Ihr frei, und ich habe den groͤßten Sieg errungen, wenn ich Maͤnner beſiegg, wie Ihr. 2 Reichlich beſchenkt verließ Wangenheim bald das Lager der Feinde und wurde im Triumph nach der Stadt gebracht. Traurig ſchlich er in ſein Kaͤmmerlein und ſeufzte:„Aline! Aline!“ Sein Knappe hatte tapfer gekaͤmpft und war an ſeiner Seite gefallen. Ein gefangener Aga erhielt fuͤr Wangen⸗ heim ſeine Freiheit, um dem Beinde⸗ an Groß⸗ mut) nichts nachzugeben. * — So verſtrichen einige Monate, ohne daß der Feind einen Hauptſturm wagte; die Kraͤfte der Johanniter ſollten ſich durch die Zeit ſelbſt verringern. 23. In der Stadt fingen die Lebensmittel an im Preiſe zu ſteigen, Pulver fehlte und die Soldaten erhielten nur ſpaͤrlich ihren Sold. ’ Kein Schiff, keine Huͤlfe, keine Nachricht aus Europa erſchien. Wenn doch nur ein europaͤiſcher Fuͤrſt die Tapferen unterſtuͤtzt haͤtte, aber ſo ſahen ſie den blutigen Kampf ihrer Bruͤder gleichguͤltig zu; warum? weil ſie auf die Macht und die Thaten des Or⸗ dens neidiſch waren. So Mancher verpraßte Geld und Geſundheit in den Armen feiler Maitreſſen, ſtatt ſich um die fernen Bruͤder im Orient zu bekuͤmmern. Blutroth ging die Sonne auf, als So⸗ lyman den Befehl zum Sturm gab. Wieder⸗ um wurde tapfer geſtritten, beſonders that — 158— die Buͤrgerſchaft Wunder der Tapferkeit. Der Großmeiſter mit dem Kern der Ritter⸗ ſchaft vertheidigte die Truͤmmer des Boll⸗ werkes England, welches eine Mine zerſprengt hatte. Dreißig Janitſcharen hatten ſich beredet den Großmeiſter niederzuhauen, wenn ihnen der Sultan eine große Belohnung verſpraͤche. Dieſe wurde ihnen zugeſagt, und vom Opium begeiſtert drangen ſie durch die Ritter bis in die Naͤhe des Großmeiſters. Hier ent⸗ ſtand der ſchrecklichſte Kampf, jeder ſuchte das theure Leben des Anfuͤhres zu ſchuͤtzen, doch hatte er ſchon mehrere Wunden erhalten; aber die Kraͤfte der Tollkuͤhnen nahmen ab und ſie wurden ſaͤmmtlich niedergemetzelt. Geſchwaͤcht durch den Blutverluſt mußte man den Großmeiſter vom Kampfplatze wegtragen. Kaum waren ſeine Wunden verbunden, ſo ordnete, half und kaͤmpfte er auch ſchon wieder. Dieſer Sturm war der heftigſte: 10,000 — 259— Nuſelmaͤnner waren gefallen. Der Kampf auf dem Meere blieb wieder unentſchieden; der groͤßte Verluſt der Chriſten war der Tod des Admirals. Wangenheim hatte eine tiefe Wunde am Kopfe, weiche ihm Aline verband. Der Großmeiſter war zugegen, als ſie ihn mit thraͤnenden Augen einen neuen Verband auf⸗ legte.„Noch immer lieben ſie einander,“ klagte er,„o moͤchte mir das Schickſal vergoͤnnen, dieſen Tapfern wuͤrdig zu beloh⸗ nen! Ohne Liebe wird er verwelken, wie eine Roſe Meſſeniens vom Winde zerknickt. — Doch der Hoͤchſte im Himmel wird al⸗ les wohl machen, wer nur feſt auf ihn bauet!“ 19. Verdrießlich ſaß Arnim an Jodoka's Seite Der Wein wollte ihnen nicht munden, denn noch immer war der Sieg auf der Seite der Johanniter, und ihr Verrath hatte nichts bezweckt. Arnim blickte mißtrauiſch umher und ſah blaß und verſtoͤrt aus.„Trink doch, trauter Arnim!“ bat ſie ſuͤß, und mit den Zaͤhnen in den Becher beißend, leerte er ihn ganz.„Du ſiehſt ſo verſtoͤrt und vild aus,“ fuhr ſie fort,„was fehlt Dir denn?“ „Ach! mir fehlt viel,“ klagte er,„ich habe nirgends Ruhe, und in vergangener Nacht hatte ich einen entſetzlichen Traum. Hul wenn ich daran denke, moͤchte ich un⸗ ſinnig werden.“ „Traͤume ſind Schaͤume,“ entggnete ſie lachend,„ein Mann muß daruͤber lachen, aber nicht klagen und ſeufzen wie ein altes Weib. Trink und denke an die gluͤckliche Zukunft, welche unſrer wartet.“ „ Fuͤr mich,“ ſeufzte er, iſt jede Freude des Lebens dahin, denn ich habe ſehr ſchlecht gehandelt. Ich wurde Verraͤther meiner Kampfgenoſſen. Wo ich gehe und ſtehe, dro⸗ 4 hen hen mir meine gefallenen Bruͤder mit den 2 blutigen Haͤnden. Zuruͤck, von der einmal betretenen Bahn, kann ich nicht. Ohne Dei⸗ nen Anblick zu genießen, konnt⸗ ich nahe mehr leben.“— „Du ſchwaͤrmſt wieder,“ meinte ſie mit zagender Stimme,„trink nur, damit ſich Deine Furcht legt.“ 3 Dieſes bewaͤhrte Mittel verfehlte auch jetzt ſeinen Zweck nicht. Man ſcherzte, lachte und koſ'te bis nach Mitternacht.. Arnims Arm war geheilt, aber noch hatte er das Schwert nicht gegen die Unglaͤubigen gezogen, bis dieſes in Verzweiflung geſche⸗ hen mußte.„Liebe Jodoka,“ begann er 5 nach einer Pauſe,„wir kennen uns nun 4 ſchon ſo lange und noch weiß ich nicht, wie Du auf dieſe Inſel gekommen biſt.“— „Ich war in das Harem des Dey Algier beſtimmt,“ erwiederte die Befr „unſer Schiff wurde jedoch von Euch ge⸗ kapert. Ein alter ſteinreicher Chriſt ſah und 2 verliebte ſich in mich; ich wurde Chriſtinn, wozu man mich zwang, und heirathete ihn; aber kaum hatte ich ihn 14 Tage, als er ſchon ſtard und mir durch ein Teſtament ſein ganzes Vermoͤgen zuſicherte.“ „ Erzaͤhle mir doch Deine fruͤhere Ge⸗ ſchichte,“ bat der Ritter haſtig,„ich hoͤre ſo etwas gern.“ „Meine Geſchichte iſt ganz kurz,“ er⸗ wiederte ſie nachdentand,„Ich bin auf der Inſel Chios geboren—“ „ Auf Chios!“ rief er Seſaunt und bat fortzufahren. „Mein Vater war daſelbſt ein wohlha⸗ bender Kaufmann und lebte mit einer Frau in der gluͤcklichſten Ehe.“ „Ihr wohntet doch nicht am hohen Thur⸗ 3 fragte er ſie, und der Todesſchweiß n ihm von der Stirn. az recht,“ erwiederte ſie,„aber nrich, woher weißt Du das? Wareſt Du — 163— etwa bei jener Expedition, als die Johan⸗ niter Chios erobern wollten? „Ich war dabei,“ ſeufzte er klaͤglich, „doch erzaͤhle weiter.“ Erſtaunt ob ſeiner Angſt fuhr ſie fort: „Die Ritter ſollen damals ſchrecklich bei uns gehauſ't haben, viele waͤren in die Haͤuſer gedrungen und haͤtten die Jungfrauen ge⸗ ſchaͤndet.“— 8 „Sehr wahr,“ meinte Arnim ohne auf⸗ zublicken,„es ging damals ſchrecklich zu.“ Jenore fuhr fort:„Bal uns war denn meine Mutter und ich war die Frucht ihrer Umarmungen— 1 wie iſt mir? wo bin ich? was 8 en? mein Traum—“. So 1 nef die 1en e einer ſonderbaren gen. Er aber blickte ſie an, wie im 2 2 — 164— und fragte:„Haſt Du keine naͤhere Be⸗ ſchreibung von dem Schaͤnder Deiner Mut⸗ ter 7*„ß „Er ſoll ſchwarze krauſe Haare gehabt,“ entgegnete ſie aͤngſtlich,„und ein Medail⸗ lon auf der bloßen Bruſt getragen haben.“ „Es iſt richtig,“ ſchrie er mit Geiſter⸗ ton,„mein Traum iſt in Erfuͤllung gegan⸗ gen, Du— Du— Ungluͤckliche biſt meine Tochter und ich Dein Vater!“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er fort. Jodoka ſank leblos zur Erde. 2o. In voller Ruͤſtung eilte der ungluͤckliche Arnim laut kreiſchend durch die Straßen. Der Morgen daͤmmerte, und raſch ſtuͤrmte er an die Wachen vorbei nach dem Lager der Feinde. Drei Reiter, welche auf ihn einſtuͤrmten, hieb er nieder. Das ganze La⸗ in Aufruhr, weil man einen Ueber⸗ — 165— fall vermuthete. Den Wuͤthenden umring⸗ ten dreißig Janitſcharen und riefen ihm zu ſich zu ergeben, er aber focht wie ein Loͤwe, zerſchmetterte mehrere, wobei er graͤßlich lach⸗ te; da rutſchte er aus, die Feinde fielen uͤber ihn her, und nach einer Minute rollte das Haupt, des Schaͤnders der Tochter, zur Erde. Der wuͤthend⸗rohe Haufen ſteckte es auf eine Stange und trug es als Siegestrophaͤe umher.— So war das Ende dieſes Boͤſe⸗ wichts. Als Jodoka aus ihrer Ohnmacht erwachte, erinnerte ſie ſich ſchaudernd an Arnims Worte. Ihre Selavinn erſchien und uͤberreichte ein Papier, welches in der Nacht ein Tartar an einem Pfeile nach ihr abgeſchoſſen hatte. Zitternd und verſtoͤrt oͤffnete ſie es und las: „Durch ein Weib verlangt keine Nachrichten mehr, der Sultan Solyman!“—„Nun ſo iſt denn alles verloren,“ rief ſie mit ge⸗ rungenen Haͤnden,„und der ſchoͤne Traum, — 166— nen!“ Begeiſtert fuhr ſie fort:„Ich bin eine Tochter des Ungluͤcks und der Suͤnde, mir kann es nimmer— nimmer wohlgehen; b 9 aber ſchrecklich will ich auch enden, damit die Nachwelt noch von dem Muthe eines Weibes ſpricht!“ 5 Die Haare wild um den Kopf haͤngend, das Geſicht blaß und verſtoͤrt, lief ſie wie raſend nach dem Fort. Hier waren eben Weiber, Greiſe und Kinder beſchaͤftigt, ei⸗ nen doppelten Wall aufzufuͤhren. Sie er⸗ griff Schaufel und Karren und half ſo flei⸗ ßig, daß bald von den weichen Haͤndchen das Blut herabrieſelte. Auch hoͤrte ſie mit Ent⸗ ſetzen das Ende ihres Vaters.„Bald komme ich auch!“ lachte ſie wild und zog ein Glaͤs⸗ chen ſchnell toͤdtendes Gift aus dem Buſen hervor, es luſtig betrachtend. Viele Ritter verſammelten ſich; ſo er⸗ ſchien auch Wangenheim mit verbundenem Kopfe. Einige Pulverkarren wurden geoͤff⸗ net, 11 Soldaten Patronen erhiel⸗ 1 ten. Schnell keimte der Entſchluß in ihr, den Verhaßten mit zu vernichten. Haſtig leerte ſie das Glaͤschen, ergriff eine bren⸗ nende Lunte der Kanoniere und hielt ſolche in den Pulverkarren, als Wangenheim ganz nahe ſtand. Ein Soldat, der dabei ſtand, hatte Gegenwart des Geiſtes, nach ihr zu hauen. Der Hieb war kraͤftig, und weit weg flog die Hand mit der Lunte. Leb⸗ los ſtuͤrzte ſie nieder. Das Gift wuͤhlte ſchon ſchrecklich, kaum daß ſie noch zu erkennen war. Auch ihr Vorhaben war geſcheitert; das Laſter ſollte nicht triumphiren. Sie konnte nicht mehr ſprechen, nur lallen. Wan⸗ genheim bedauerte ſie, er wußte ja nicht, daß ſie ihn hatte aus Bosheit mitvernichten wollen.— Ihre ſonſt ſo ſchoͤne Huͤlle wurde unbeerdigt unter den Galgen gelegt, wo ſie den Raubvoͤgeln zur Speiſe diente.— Spaͤ⸗ ter verbreitete ſich die Sage: daß ſie des Nachts klaͤglich winſelnd umherſchleiche und 8 4 — 168— noch vor 40 Jahren wollten ſie mehrere Land⸗ leute geſehen haben. 21. Ein neuer heftiger Sturm ſollte nun ent⸗ ſcheiden, meinte der Sultan, wer in Zukunft Herr der Inſel ſeyn ſollte. „ Von neuem raſ'ten und wuͤtheten die Kanonen gegen einander. Mit dem groͤßten Ungeſtuͤm begann der Kampf. Auf den Lei⸗ chen der ihrigen erſtiegen die Tuͤrken an mehreren Stellen die Mauer; aber Villiers, uͤberall gegenwaͤrtig, wo es etwas Entſchei⸗ dendes galt, zwang ſie mit den tapferſten Rittern ſtets zur Flucht. Die Graͤben waren aangefuͤllt mit den Leichen der Erſchlagenen und das Meer roth vom Blute. Des Sul⸗ tans harter Sinn ſchien durch den Tod ſo vieler Menſchen gebrochen; ſchon wollte er 1— da erhielt er — 169— die Nachricht, den Kampf ferner fortzuſetzen, weil es den Belagerten an Munition fehle und die Buͤrger laut von der Uebergabe ſpraͤchen. Der Abend nahte; noch ſtritt man mit Erbitterung ſo viel es die Ermuͤdung und Strapazen erlaubten, da faßte der großher⸗ zige Villiers den kuͤhnen Entſchluß, einen Ausfall zu machen und den Feind im Freien anzugreifen. Begleitet von 300 Rittern und 3000 Soldaten ſtuͤrmte er mit einer ſolchen Haſt in das feindliche Lager, daß die uͤber⸗ raſchten Tuͤrken, alles im Stich laſſend, ohne nur an Gegenwehr zu denken, entflohen. Viele wurden niedergehauen und einige Tau⸗ ſend in das Meer getrieben. Der Sultan mit den vornehmſten Aga's, Baſſa's und Scheriffs rettete ſich mit Muͤhe in einer elen⸗ den Barke.— Die Stuͤrmenden und enrflohenen Tuͤrken, ohngefaͤhr 40,000 Mann, hatten ſich geſam⸗ melt, wagten es jedoch nicht, den kleinen — 170— Haufen der Johanniter anzugreifen. Mit Achtung betrachteten ſie die rohen Krieger. Mit Beute beladen zog die kuͤhne Schaar in die Stadt wieder ein. Die kleine Flottille der Chriſten war durch die vielen Kaͤmpfe faſt gaͤnzlich vernich⸗ tet. Doch verhinderte das Kanonenfeuer des fen der feindlichen Flotte im Hafen. Wuͤthend uͤber die Niederlage ſchwur der ſen. Wiederum wuͤtheten die Kugeln der Karthaunen. Sie ſielen ſo haͤufig, daß Nie⸗ mand auf den Straßen ſeines Lebens mehr ſicher war. Die Mauern und Thuͤrme waren ſaͤmmtlich faſt ganz in Ruin geſunken, doch Villiers Geiſt ſchaffte immer Rath. Hinter den eingeſtuͤrzten Mauern erhoben ſich hohe Waͤlle und unten tiefe Graben. Die Tap⸗ ferkeit haͤtte gewiß geſiegt, wenn Verrath die Bahn nicht gebrochen haͤtte.. 4 Forts, ſo wie verſenkte Schiffe, das Einlau⸗ Sultan: die Inſel nur als Sieger zu verlaſ⸗ Die Au itichen verlangten mit Unge⸗ — —— ſtuͤm vierfachen Sold, weil es ſchon ſo ſpaͤt im Jahre war. Des Sultans Anſehen war nicht vermoͤgend die Ungeſtuͤmen zu beſaͤnfti⸗ gen; er mußte ihnen den verlangten Sold auszahlen laſſen, wofuͤr ſie ſich verpflichteten, tapfer zu ſtreiten. 22. Unfreundlich und kalt wehte der Wind. Der Mond prangte in vollem Glanze am Firmamente. Es war uͤberall ruhig und ſtill. Wie bleiche Geiſtet⸗ wandelten die Poſten in Rhodus umher; da ſchlich ſich leiſe und aͤngſtlich ein Knappe von der Seite ſeines Kameraden nach der Bruſtwehr des Forts, klatſchte zwei Mal in die Haͤnde, befeſtigte ein Papier an einen Pfeil, legte dieſen auf den geſpannten Bogen, um ihn nach einem Baume zu ſchießen, wobei ſich eine Maͤnner⸗ geſtalt bewegte; indem riß ihn ſein Kamerad, der ſich herbei geſchlichen hatte, zu Boden, * „Habe ich Dich endlich ertappt,“ ſchrie er, „Du biſt gewiß ein Verraͤther!“ Auf die⸗ ſes Geſchrei kamen Ritter und Soldaten her⸗ bei. Das Papier wurde ſogleich zum Groß⸗ S meiſter gebracht und der Knappe verhaftet. Deer Knappe zitterte und bebte. Auf dem Papier ſtanden die Worte:„Die Mauer am Bollwerke Frankreich iſt ganz zertruͤm⸗ mert, wo man leicht unbemerkt eindringen kann.“ Die Unterſchrift fehlte. Die Nacht verſtrich in Unruhe, weil man einen Ueberfall vermuthete. Villiers unter⸗ ſuchte die Poſten ſelbſt, und kaum erbleichten die Sternlein, als ſich die Ritter auch ſchon in der Kapelle zum heiligen Grabe verſam⸗ melten, um uͤber den verraͤtheriſchen Knap⸗ pen Gerichr zu halten. In der Mitte der Kapelle ſaßen an einer langen ſchwarzen Tafel: der Großmeiſter, der Kriegscomthur, der Drapier, der Kanzler, zwei Prälaten, der Obriſt der Leibwache u. a. m. Auf der Tafel brannten zwei Wachs⸗ — 173— kerzen und zwei Schwerter lagen kreuzweis uͤber einem Todtenkopf. Rund herum ſtanden die Ritter. Zwei Schergen fuͤhrten den Ge⸗ feſſelten, der, blaß wie die Suͤnde, ſich um⸗ ſah. Der Kanzler raͤuſperte ſich und ruͤckte aͤngſtlich auf dem Stuhle hin und her. „In weſſen Dienſt biſt Du?“ fragte der Großmeiſter den Knappen. „Im Dienſt des Herrn Kanzlers,“ er⸗ wiederte er. „Wer gab Dir dieſes wier und was wollteſt Du damit machen?“ fragte der Exa⸗ minator weiter. „Ich erhielt es vom Ritter Wangen⸗ heim,“ ſagte er zagend,„mit der Weiſung, es an einem Pfeile nach einem Baume zu ſchießen.“. „Von Wangenheim! von Wangenheim! Unmoͤglich! Der iſt kein Verraͤther!“ ſagten die Ritter erſtaunt zu einander. „Wo iſt Wangenheim?“ fragte der 6— Großmeiſter. — 174— „Er iſt noch nicht hier!“ riefen mehrere Stimmen. Dieſen guͤnſtigen Moment zu benutzen, erhob ſich der Kanzler von dem Sitze, raffte allen Muth zuſammen und ſprach:„Lieben Bruͤder! Schon ſeit einem Monat habe ich bemerkt, daß Wangenheim mit dem Feinde correſpondiren muß, denn zuweilen ſchleicht er des Nachts umher— „Das ſind keine Beweiſe,“ fiel der Großmeiſter ein,„einem ſo braven Ritter hinter ſeinem Ruͤcken Boͤſes nachzureden iſt teufliſch.—“ Gluͤhend vor Scham und Wuth ſchwieg der Kanzler.„Kannſt Du leſen?“ fragte Villiers den Knappen. Er ſchuͤttelte aͤngſtlich den Kopf, denn eben er⸗ ſchien Wangenheim. „Nach Ausſage dieſes Knappen,“ ſprach der Großmeiſter mit Wuͤrde zu ihm,„habt Ihr ihm dieſes Papier mit der Weiſung uͤbergeben, ſolches an einem Pfeile nach dem Vorpoſten der Tuͤrken zu ſchießen.“ — 175— 8 „Ich!“ rief der Erſtaunte aus,„das ſagt ein Schurke, ein elender Wicht!“ Zu dem Knappen gewendet, ſprach er zornig: „Geſtehe die Wahrheit, Bube, wer gab Dir das Papier? Du ſchweigſt. Elende Kreatur, man ſieht es Dir an, daß Du luͤgſt. Rede, oder ich ſtoße Dich nieder!“— „Die Folter ſoll die Wahrheit von ihm erpreſſen,“ meinte der Großmeiſter und winkte einigen Dienern. „Das Signal iſt gegeben, rief todten⸗ bleich der Kanzler aufſpringend,“ die Feinde ſtuͤrmen!“ „Nicht doch,“ eiferte der Großmeiſter, „das Signal ſind drei Schuͤſſe und nicht einer. Setzt Euch nur wieder.“ Eben wurde die Folter herbeigehracht. „Gnade! Gnade!“ ſchrie der Knappe auf einmal wild,„ich will die Wahrheit reden. Ich bin unſchuldig! Man hat mich beredet.“ „Wer, wer hat Dich beredet!“ donnerte Villiers. — 176— „Mein Herr, der Kanzler,“ rief er wei⸗ nend,„gab mir das Papier!“ Erſtaunt und unwillig ſahen alle Anwe⸗ ſende nach ihm. Der Kanzler zitterte und brachte nur mit Muͤhe die Worte hervor: „Bube, Du luͤgſt!“ „Ich luͤge nicht,“ ſchrie der Knappe dreiſt,„wohl zehn ſolcher Papiere habe ich wegſchießen muͤſſen, wofuͤr Ihr mir jedesmal eine Belohnung gegeben habt. Ich will den hoͤchſten Eid ſchwoͤren, daß ich Wahrheit rede!“ Starr ſah der Kanzler zur Erde. „Warum nannteſt Du aber fruͤher Wan⸗ genheim?“ fragte der Großmeiſter. „Wenn ich ja entdeckt wuͤrde,“ erwiederte der Befragte„„ſo ſollte ich Wangenheim nen⸗ nen, befahl mir der Kanzler, und ſelbſt ſchwoͤ⸗ ren, wenn es ſeyn muͤßte; allein da mich der 1 Ritter ſo ſtarr anſah, da erwachte mein Ge⸗ wiſſen und ich ſprach die Wahrheit.“. „So beſchware deine Aus ſage,“ befahl Villiers —— —ᷣ — 177— Villiers. Der Knappe ſprach den furchtbar⸗ ſten Eid aus, daß er Wahrheit rede. Sich zu dem Kanzler wendend, fragte ihn Villiers: „Geſteht Ihr nun ein, daß Ihr ein Verraͤ⸗ ther ſeyd?“ „Nimmermehr,“ meinte er, wie Espen⸗ laub zitternd,„der Knappe hat falſch geſchwo⸗ ren, ich bin unſchuldig.“ „Nun ſo ſoll die Folter die Wahrheit von Euch erpreſſen!“ rief der erzuͤrnte Gebie⸗ ter. Vier Diener ſtanden zum Dienſt in Be⸗ reitſchaft. Die Fingerſchrauben, woran noch Blut klebte, ſollten den Anfang machen. „Zum letzten Mal,“ rief der Groß⸗ meiſter,„ſprecht die Wahrheit Kanzler, oder—“ „Ja, ich bin ſchuldig,“ rief erzuͤrnt der Kanzler mit veraͤchtlicher Miene,„Ihr ſollt die Brande nicht haben mich martern 45 laſſen—“ „Der Kanzler des Ordens alſo wirklich ein Verraͤther!“ rief mit edlem Unwillen der M 4. — 176— Gebieter,„dann— dann iſt es freilich um Rhodus geſchehen.“— „Das war eben mein Wille,“ lachte der Kanzler,„Euch, den ich haßte, wollte ich verderben.— Verflucht ſeyd Ihr und Euer ganzer Anhang!“ polterte er wuͤthend. „Nehmt ihm das Schwert und die Zei⸗ chen ſeiner Wuͤrde,“ befahl der Großmeiſter⸗ Knirſchend mit den Zaͤhnen ließ er ſich dieß gefallen. Unter Schimpfreden und Beleidi⸗ gungen jeder Art wurde er einſtweilen in ein tiefes Loch gebracht. Den andern Tag um dieſelbe Zeit ver⸗ ſammelten ſich die Ritter wieder, um das Urtheil uͤber den Verraͤther zu faͤllen. Das urtheil war nach der damaligen Sitte grau⸗ ſam, aber gerecht. Auf oͤffentlichem Markte wurden dem Elenden Arme und Beine mit Keulen entzwei geſchlagen, wobei er ſchreck⸗ lich ſchrie. Der Henker machte hierauf vier Schnitte in den entbloͤßten Koͤrper, riß das wiarme dampfende Herz aus der Bruſt und — A —— hielt es dem noch Lebenden in das Geſicht. Sein Geſchrei wurde nun zum Todesroͤcheln, wofuͤr ſich die Anweſenden entſetzten. Hier⸗ auf wurde ſein Koͤrper geviertheilt und auf Stangen auf dem Walle des Forts aufge⸗ ſteckt. 8 3 Dem Knappen wurde zwar das Leben ge⸗ ſchenkt, weil er nur die Befehle ſeines Herrn vollzogen hatte; da er jedoch ſo viel gewußt hatte, daß er gegen den Orden handle, ſo wurde das Urtheil uͤber ihn gefaͤllt, daß ihm die rechte Hand abgehauen werden ſollte, welches auch oͤffentlich geſchah. Dieſes war am Tage der Geburt unſers Herrn und Hei⸗ landes 1522. Der Sultan, des Kampfes muͤde, ſchickte noch an dieſem Tage einen Herold mit veo theilhaften Bedingniſſen des Friedens, wo⸗ mit der Großmeiſter faſt zufrieden geweſen waͤre, haͤtten ihn die Ritter nicht bere et den Kampf ferner fortzuſetzen. Die 3 densunterhandlungen wurden nicht gleich ab⸗ 4 M 2 — 180— gewieſen, weshalb die Feindſeligkeiten einge⸗ ſtellt wurden. 8 Uebelgeſinnte verbreiteten am anderen Tage die Nachricht: daß die Johanniter ei⸗ nen vortheilhaften Frieden mit den Tuͤrken abſchließen wollten, ohne daß von den Buͤr⸗ gern die Rede waͤre; auch ſagten ſie: wenn ſelbſt der Kanzler ein Verraͤther iſt, ſo ſind 1 wir verloren, und es iſt beſſer wir uͤbergeben die Stadt. Erbittert hieruͤber verſammelten ſie ſich, waͤhlten eine Deputation, welche ſie an die Muſelmaͤnner ſchickten, um mit ihnen zu ihren Gunſten zu unterhandeln. Villiers ſuchte dies zu verhindern, allein vergebens; ſelbſt die Soldaten ſchlugen ſich auf die Seite der Buͤrger. Die Noth in der Stadt war aber auch ſchon ſehr hoch geſtiegen. Die Lebensmittel konnten nur von Wohlhabenden und Reichen gekauft werden; der Arme mußte betteln oder vor Hunger ſterben. Verlaſſen von den Buͤrgern und Solda⸗ ten, ſah ſich der große Villiers nun gezwun⸗ gen einen Unterhaͤndler in das feindliche La ger zu ſchicken, mit dem Auftrage: daß de Großmeiſter mit den geſtern uͤberſandten Be⸗ dingungen zufrieden ſey. Der Sultan, wohl merkend, daß Zwietracht in der Stadt herr⸗ ſche, ſprach:„Geſtern waret Ihr Chriſten mit meinen Bedingungen nicht zufrieden, heute nehme ich ſolche zuruͤck und ſpanne die Saiten hoͤher.“ Gezwungen durch die Noth ſahen die kuͤhnen Ritter wohl ein, daß ſie hier nach⸗ geben mußten. Die Hauptbedingungen wa⸗ ren folgende: 1) Die Kirchen der Chriſten ſollten ver⸗ ſchont und von der Leibwache des Sultans beſchuͤtzt werden. 2) Die Kinder bei den Eltern bleiben und keins gezwungen werden, die Lehre des Propheten anzunehmen. 3) Die Unterthanen 5 Johre von Zuaſen frei ſeyn. 4) die alten Privilegia anerkannt und reſpektirt werden, 5) jedem Einwohner die Auswanderung frei ſtehen, und 6) den Rittern mit Galeeren, Geſchuͤtze, Gepaͤcke und allen Effekten ein ſicherer und freien Abzug geſtattet werden. Schon nach wenigen Stunden mußten ſie die Stadt verlaſſen. Mit fliegendem Pa⸗ niere, kriegeriſcher Muſik, Geſchuͤtz und Mu⸗ nition in der Mitte, zogen ſie ſtolz durch die große Menge der Feinde. Ein Vertrag wurde von den ttreuloſen Tuͤrken ſchon jetzt gebrochen. Wie wilde Naubthiere ſtuͤrzten ſie in die Stadt, pluͤn⸗ derten die Haͤuſer und raubten ſogar aus der Hauptkirche einige goldene Gefaͤße. Der kraͤftige Wille des Sultans war kaum hin⸗ reichend die Stadt vor groͤßerem Ungluͤck zu ſchuͤtzen.— Es ſah hier wirklich recht trau⸗ rig aus. Die Thuͤrme und Mauern waren zerſchmettert, die Daͤcher der Häͤuſer, ſo wie dieſe ſelbſt theils ſehr beſchaͤdigt, theils ganz ruinirt. Es herrſchte eine anſteckende Krank⸗ heit und Todte lagen auf den Straßen um⸗ her. Das Steinpflaſter war aufgeriſſen und jedes Haus glich einer Feſtung, wenn es auch noch ſo ſehr beſchaͤdigt war. Ueberall ſah man Graͤben mit Palliſaden geſpickt, Schan⸗ zen und Bollwerke. Der Sultan rief aus, als er dieſes alles ſah:„Noch ſind die tap⸗ feren Johanniter unbeſiegt; nur durch die Treuloſigkeit der Buͤrgerſchaft mußten ſie nachgeben, doch iſt mir dieſe Inſel lieber, als ein großes Reich.“ Die Muſelmaͤnner jubelten und laͤrmten, daß die Felſen davon wiederhallten, doch be⸗ trachteten ſie den uͤberwundenen Zeind mit Achtung. Der Sultan hatte den kuͤhnen Großmer ſter Villiers noch nicht in der Naͤhe geſehen, weshalb er ihn bitten ließ, zu ihm zu kom⸗ men. Begleitet von Wangenheim und einigen Pagen begab ſich der Held dahin. Me „ A — 184— einer leichten Verbeugung, die Haͤnde uͤber die Bruſt kreuzend, trat er mit Wuͤrde in des Sultans Zelt. Dieſer betrachtete den chriſtlichen Helden lange mit Wohlgefallen, ſtieg von ſeinem Sitze auf, reichte ihm die Hand und ſprach:„Geſiegt habe ich, doch nicht durch meine Waffen, ſondern dur Eure Uneinigkeit!“ Noch lange weilte ſein Blick huldreich auf ſeiner hohen kraͤftigen Maͤnnergeſtalt, und entließ ihn dann reich⸗ lich beſchenkt. Auch den Rittern ſchickte die⸗ ſer große tuͤrkiſche Held, der ſpaͤter ganz Europa durch ſeine Siege in Furcht und Schrecken ſetzte, zum Zeichen ſeiner Huld und Achtung bedeutende Geſchenke. Drei tauſend Auswanderer, welche nicht unter tuͤrkiſcher Herrſchaft leben wollten, verließen die Inſel. Durch des Sultans Vorſorge waren die Galeeren mit Lebens⸗ mitteln im Ueberfluß verſehen. Nach einigen Tagen gingen Ritter, Sol⸗ daten und Auswanderer in die See, wor⸗ ——— y— unter auch Aline war. Luſtig ſchwellte der Wind die Segel, doch traurig ſteuerten ſie nach Candia zu.— Dies war der 1. Ja⸗ nuar 1025. 23. Deu Kopf ſchwermuͤthig in die Hand ge⸗ ſtuͤtzt, ſaß eines Tages Ritter Wangenheim in ſeinem Quartier zu Rom. Aline, ſein geliebtes Maͤdchen, war in einem Nonnen⸗ kloſter zu Candia geblieben. Nach ihrem letzten Schreiben war heute der Tag, wo ſie als Braut Chriſti eingekleidet werden ſollte.* Viele der Ritter waren heimgekehrt zu den ihrigen, weil ſie jetzt keinen feſten Platz hatten und in Unthaͤtigkeit leben mußten. Bald war der Reſt daher in Venedig, Rom, Vi⸗ terbo, Nizza und Syracuſa. Das alte krie⸗ geriſche Leben fehlte, und mancher Ritter verſank hier in Ueppigkeit und Schwelgerei, „— 186— verfuͤhrt durch Unthaͤtigkeit und heißes Blut der Italienerinnen. Der Page Dumero beſchied Wangenheim haſtig in des Großmeiſters Pallaſt. Der Großmeiſter reichte dem Eintreten⸗ den recht freundlich und huldreich die Hand. An einer langen Tafel ſaßen die Aelteſten des Ordens.„Ritter Wangenheim,“ be⸗ gann der Held, indem ſein Auge freudig funkelte,„ich bin Euch, wegen Eurer vielen Verdienſte, immer gewogen geweſen; zeigt es jetzt wieder, daß Ihr noch der Alte ſeyd.“— 5 Eure Zufriedenheit zu erringen und zu erhalten,“ erwiederte Wangenheim,„iſt das einzige Ziel, wornach ich ringe.“ „Ihr ſollt in einer wichtigen Angelegen⸗ 8 heit,“ fuhr der Sprecher fort,„eine Reiſe andia machen.“— ach Candia!“ rinf er freudig und er⸗ ſta t aus. „Sttſe Reiſe ſcheint Euch willkommen — 18372—. zu ſeyn,“ laͤchelte Villiers,„ich merke ſchon, warum? Aline iſt aber auch huͤbſch und gut.“— „Die iſt fuͤr mich auf ewig verloren,“ entgegnete er wie im Traume und ſcehlug ſich vor die Stirn,„heute iſt der Tag wo ſie eine Braut Chriſti wird.— Ich darf meine Liebe nicht ausſprechen,“ fuhr er be⸗ geiſtert fort, denn jedes Wort von Liebe wird in dem Munde eines Johanniters zur Suͤnde; gebe nur Sott und der heilige Jo⸗ hannes, daß ich bald— bald ausgerungen habe.“— „Juͤngling, frevle nicht,“ rief feierlich der Großmeiſter,„Du liebſt das Maͤdchen noch innig, das merke ich, daher iſt es am Beſten, Ihr bleibt hier und ich gebe einen— Andern den Auftrag.“— „O bitte, laßt mich wieder in das Land wo meine Aline lebt,“ bat er,„mein Rit⸗ terwort buͤrgt Euch dafuͤr, daß ich ſie weder ℳ — — 188— ſehen noch ſprechen will; nur die Luft die ſie einathmet, will auch ich einathmen!“ Geruͤhrt blickten die Anweſenden nach dem Juͤngling, der wider die Regel des Or⸗ dens ſo frei von ſeiner Liebe ſprach. Vil⸗ liers ergriff nun ſeine Hand und ſprach: Der Orden hat Euch viel— ſehr viel zu verdan⸗ ken; durch Euren Muth rettetet Ihr nicht allein unſere Flotille, ſondern erobertet auch noch einige feindliche Schiffe. Ihr waret es, der die Feinde haufenweis von der ſchon erſtiegenen Mauer zu Rhodus herabſtuͤrzte, Ihr waret ſtets der Tapferſte und Bravſte; fordert daher eine Belohnung; wenn ich kann, ſo ſey Euch die Gewaͤhrung im voraus zu⸗ geſagt!“ „ Nur meine Schuldigkeit that ich,“ er⸗ wiederte der Deutſche freudig,„doch wenn Ihr mich belohnen wollt, ſo gewaͤhrt mir zwei Bitten; erſtens: ſchenkt mir ſtets Eure Huld, und zweitens: ſchickt mich nach Can⸗ —,.,———— ——— — 189— dia; nochmals buͤrgt Euch mein Ritterwort, daß ich Alinen nicht ſehen will.“ „Habt Ihr weiter keine Bitte?“ fragte Villiers. „Nein, weiter keine!“ erwiederte er ſeufzend. „Ihr ſeyd nicht aufrichtig,“ meinte der Großmeiſter;„wenn Ihr denn die hoͤchſte Bitte nicht ſagen wollt, ſo muß ich ſie erra⸗ then und uͤbergebe Euch hier zwei beſchrie⸗ bene Pergamente.“ Mit dieſen Worten reichte er ihm ſolche. Der Juͤngling betrach⸗ tete die Siegel; das eine war mit dem Or⸗ denskreuze und dem Roſenkranze beſiegelt, das andere mit St. Peters Fiſcherringe. Wangenheim las, las noch einmal und rieb ſich wie geiſtesabweſend die Stirn. Es war die Dispenſation des Papſtes von dem Ordensgeluͤbde, und ſeine neue Charge, als Hauptmann bei der Leibwache des Groß. meiſters. „Wie finde ich Worte, Hochwuͤrdigſter — 190— Herr,“ rief er aus,„Euch zu danken; aber— ſeufzte er dann erſchrocken, was hilft es mir, heute wird ja meine Aline eine Braut Chri⸗ ſti!“ Da riß der Page Dumero eine Tape⸗ tenthuͤr auf, und Aline, die Getreue, im neuen herrlichen Glanze, den Myrthenkranz in den ſchwarzen Haaren, flog dem Erſtaun⸗ ten und Gluͤcklichen in die Arme. O es war eine herrliche Scene! Kein Auge blieb von Thraͤnen trocken, ſie alle waren ja auch jung geweſen und hatten doch wenigſtens einmal geliebt! „Seyd Ihr mit dieſem Geſchenk zufrie⸗ den, trauter Wangenheim?“ fragte der wuͤr⸗ dige Mann nach einigen Minuten den Juͤng⸗ ling. Dieſer beugte vor ihm ein Knie und ſtammelte:„Ihr habt mich uͤberſchwenglich belohnt.“„An mein Herz,“ ſagte der Edle bewegt, den Juͤngling umarmend. Umarmungen und Kuͤſſe der Liebenden wechſelten mit einander ab. „Seht Kinder,“ ſprach der Großmeiſter, d „dies iſt der Lohn der Rechtſchaffenheit und des Edelmuths. Ich weiß gewiß, daß Ihr Euch immer lieben werdet. Unſer große Gott und der heilige Johannes moͤgen Euch vor jedem Ungluͤck ſchuͤtzen.— Wenn mir nun der Todesengel naht, ſo betet fuͤr meine Seele, auf daß ich freudig eingehen kann in jenes Reich des Lichts, Amen!“—„Folgt mir Kinder,“ fuhr er geruͤhrt fort,„ſchon brennen die Kerzen, und der Prieſter harret Euer, um Euch auf ewig zu verbinden!“”“ „Wir folgen!“ riefen Beide mit einem unbeſchreiblichen Entzuͤcken. —= S. — — — α½ h. Eine Erzaͤhlung aus den letzten Jahren des eilften Jahrhunderts. ——, E⸗ war im Fruͤhlinge des Jahres 1096, als der Ritter Carl von Ehrenfels mit ſeiner Hausfrau Gertrud am geoͤffneten gothiſchen Fenſter ſtand und wohlgefaͤllig die ſchoͤne Gegend uͤberſchaute.„Sieh nur, traute Gertrud,“ ſprach er nach einer Pauſe, „wenn man dort in das freie Feld ſieht, iſt es nicht, als ob mit Blitzesſchnelle der Vorhang von der Schoͤpfung weggezogen wuͤrde?! Hier, zu unſern Fuͤßen der maje⸗ ſtaͤtiſche Rhein, dort, die freundlichen Städte und Doͤrfer, Burgen und Kloͤſter, Kirchen und Kapellen mit den ſchoͤnen gruͤnen Ber⸗ gen und Weinhuͤgeln. Und hier den Keben N 3 — 196— Rhein weiter hinunter, nach Bacharach zu, in kurzer Entfernung von einander auf den hervorſpringenden Gipfeln an einander ge⸗ eeihter Berge, die Burgen meiner Kumpane: der Vautsberg, Rheinſtein, Sonneck, Heimburg und Reichenſtein. Ha! dort im Suͤden die lachenden Gefilde, wo ſich der Donnersberg erhebt und etwas oͤſtlicher in blauer Ferne der Speſſart daͤmmert und der abenteuerliche Odenwald.“ „Du ſprichſt heute ſchier ſo romantiſch wie ein Minneſaͤnger,“ erwiederte Gertrud, „ haſt gewiß den Humpen wieder fleißig ge⸗ leert.“ „ Du weißt doch,“ rief er lachend, und umſchlang ſie mit den Armen,„daß ich drei Sachen uͤber Alles in der Welt ſchätze, nämlich: Liebe, Wein und Fehden. Das fagte ich Dir ſchon, da Du noch meine Braut warſt.“ Indem Suhl⸗ auch ſchon 3 Mund auf Mund. 8 „Es iſt woht bald ein Jahr,“ böhen —. — 197— nach einer Pauſe der Ritter wieder,„daß Du mein Weib biſt?“ „In zwei Monden,“ entgegnete ſie, „wird es ein Jahr.“ Tiefer ſeukte ſie jetzt das Lockenkoͤpfchen, um die Roͤthe ihrer Wan⸗ gen nicht merken zu laſſen und fuhr dann fort:„Ach, wenn doch die ſchoͤne Zeit des Brautſtandes wiederkehrte, wo wir armen unerfahrnen Maͤdchen im Braͤutigam einen Engel zu finden glauben.“— „Aha,“ brummte Ehrenfels,„Du koͤmmſt wieder auf das alte Capitel! Nun, wenn ich ſterbe, ſo kannſt Du wieder in den Brautſtand kommen. Traute Gertrud,“ ſagte er hierauf ſanfter,„Du biſt gut— ja recht gut,“ ſetzte er hinzu,„aber Deine verdammte Eiferſucht bringt mich noch ein⸗ mal in Harniſch gegen Dich. Ich habe es nun ſchon ſo oft betheuert, daß ich nur Dich liebe, aber da ſcheint es, Nipreͤiane 69 tauben Ohren.“ „Erzuͤrne Dich nur nicht, Carl,“ bat .— 193— ſie,„eben weil ich eiferſuͤchtig bin, ſo ſiehſt Du daraus meine graͤnzenloſe Liebe fuͤr Dich; denn meine ſelige Mutter, Gott verleih' ihr eine froͤhliche Urſtaͤdt, ſagte gar oft: Ohne Eiferſucht iſt keine wahre Liebe. Und nimm's mir nicht uͤbel, Du biſt flatterhaft, dies ſcheint ein Erbfehler bei dem maͤnnlichen Geſchlechte zu ſeyn. Als neulich die ſchoͤne Agneſe von Vautsberg mit ihrem Vater hier war, da hatteſt Du nur Augen fuͤr ſie, und lachteſt innerlich vor Freude, wenn ſie Dich recht freundlich mit ihren roßen Prünen Au⸗ gen anſah. „Ey, wenn ein huͤbſches Maͤdchen mit einem Ehemanne lacht,“ erwiederte er,„Don⸗ ner und Blitz, da freut man ſich ſo recht innerlich.“ „Diesmal,“ klagte die Eiferſͤchtige, „haſt Du die Geſinnungen Deines Herzens deutlich genug ausgeſprochen. Warte, ich will mir von meinen Freundinnen aber auch — † —. — — — 199— allen Beſuch verbitten, damit mein Eheherr ſich ſo leicht in keine Andere vergaffen kann.“ „Donner und Blitz,“ rief er, hieruͤber herzlich lachend, indem er einen vollen Hum⸗ pen des köͤſtlichſten Rheinweines ausleerte, „wenn die huͤbſchen Dirnen nicht mehr zu Dir kommen, beſonders die blauaͤugige Ag⸗ neſe, ſo beſuche ich ſie, denn Du mußt wiſ⸗ ſen, ein ſo huͤbſcher und junger Ehemann wird auch von ihnen gern geſehen.“ „Blauaͤugig,“ wiederholte Gertrud, und hoher Purpur roͤthete ihre Wangen,„nun, wer dieſe Augen fuͤr blau haͤlt, ſieht nicht gut, ſie ſind ſo gruͤn wie das Waſſer des Rheins.— Du biſt heute ganz offenherzig, trauter Carl,“ meinte ſie, das Naͤschen et⸗ was ruͤmpfend,„aber ich hoffe gewiß, daß ſich Dein Flatterſinn giebt. Mache es ſd wie ich, wenn Deine Kumpane kommen, ſo gehe ich in mein Gemach, bis ſie wieder fort ſind, auch Du ſollteſt lieber jedem Frauen⸗ zimmer aus dem Wege gehen, aber— — 200— Der Ritter bat ſich jetzt in allem Ernſte Ruhe aus, ergriff die Laute und wollte eben ein Lied beginnen; da ſah er zufaͤllig den Burgberg hinunter und erblickte ſeinen Burg⸗ pfaffen Hilarius, der, wegen ſeiner unge⸗ woͤhnlichen Fleiſchmaſſe, kaum den Berg er⸗ klimmen konnte. Der Ritter legte nun wie⸗ der die Laute weg, rief dem Moͤnch zum Fenſter heraus ein:„Willkommen“ zu und wies ihm den großen Humpen. Etwas ſchmol⸗ lend ſtand Gertrud von ihrem Sitze auf und entfernte ſich, doch bald beſann ſie ſich, holte die Leibbinde, welche ſie fuͤr ihren Eheherrn ſtickte und kam wieder, als eben der feiſte Moͤnch, ganz durchnaͤßt vom Schweiße, ein⸗ trat.„Gelobt ſey Jeſus Chriſtus!“ ſprach er, und ſchielte mit ſeinen kleinen tiefliegen⸗ den Augen nach dem vollen Humpen.„In Ewigkeit, Amen!“ erwiederten die jungen Cgheleute auf ſeinen Gruß.„Nun ſetzt Euch, hrwuͤrdiger Vater,“ jauchzte der Ritter, —õ——/QCOę˖—QO—ę˖—— —.——— —= 8 —jj—— vom Weine begeiſtert,„wir wollen Schach ſpielen und einige Humpen dabei leeren!“ „Heute,“ antwortete der Moͤnch, nach Luft ſchnappend,„heute ſpielen wir kein Schach; ich habe Euch, Herr Ritter, weit wichtigere Sachen zu entdecken.“ „Nun ſo beichtet los,“ entgegnete Eh⸗ renfels, und reichte ihm einen Humpen, den eben der Kellner gebracht hatte. „Unſer ehrwuͤrdiger Abt,“ begann er, den rinnenden Schweiß vom Geſichte und Glatze abwiſchend, entbietet Euch ſeinen ſchoͤn⸗ ſten Gruß durch mich, und laͤßt Euch den reichlichſten Segen unſers Herrgottes, des Heilandes Jeſu Chriſti und der heiligen Maria verkuͤndigen, wenn Ihr das Kreuz auf Euch nehmt und nach Jeruſalem ziehet, das heilige Grab unſers Herrn und Heilan⸗ des zu erobern aus der Gewalt der Heiden. Helfet, edler Ritter, daß die mit dem rei⸗ nen Blute befleckte Staͤtte nicht mehr ent⸗ weihet werde, und daß die Pilger ohne — 202— Stoͤrung ihre Andacht da verrichten koͤnnen, wo der Sohn Gottes gewandelt hat. Ihr ladet eine große Suͤnde auf Euch, wenn Ihr hier Eure Tage im Muͤßiggang zubringt und den hoͤchſten Schatz der Chriſtenheit in den ungeweihten Haͤnden der Unglaͤubigen laßt. Ihr ſeyd jung und ſtark—“ bei die⸗ ſen Worten leerte er den Humpen mit eini⸗ gen Zuͤgen, und ſprach dann begeiſtert wei⸗ ter:„Auf! benutzt Eure Kraͤfte und er⸗ werbt Euch den Himmel und die Vergebung der Suͤnden. Der Herr der himmliſchen Heerſcharen iſt mit Euch! auf; wappnet Euch!“ „Der Vorſchlag iſt nicht ganz zu ver⸗ werfen,“ polterte der Aufgereizte;„mein Schwert mit dem Blute der Unglaͤubigen zu faͤrben, dazu haͤtte ich ſchier Luſt. Donner und Blitz! Wenn doch meine Kumpane den Zug mitmachten!“ „ Schlag Dir ſolche Gedanken aus dem Sinn,“ bat recht gutmuͤthig die gelbgelockte 44 .— Gertrud und druͤckte den Ehegeſpan an den wogenden Buſen,„bedenke nur, was wuͤrde dann aus Deinem Haab' und Gut, und ich — wuͤrde vor Gram ſterben!“ „Redet Eurem Herrn und Gemahl nicht davon ab,“ rief zuͤrnend der Burgpfaffe, „ſonſt kommt Ihr einſt in den Pfuhl der ewigen Verdammniß! Eure zeitlichen Guͤter uͤbergebt einem Kloſter bis Ihr wiederkehrt, und Frau Gertrud kann ſo lange in ein Frauenkloſter gehen.“ Die feurige junge Gertrud unmſchlang den Gatten feſter, waͤhrend Thraͤnen den Augen entquollen. „Ziehet gen Worms,“ ſagte der Moͤnch im gebieteriſchen Tone,„dort verſammeln ſich viele tauſend Kreuzfahrer, und der hoch⸗ wuͤrdige Herr Erzbiſchof von Mainz heftet jedem Streiter Chriſti das Kreuz eigenhaͤndig auf. Indem verkuͤndigte der Thurmwart durch mehrere Stoͤße in ein Muſchelhorn die An⸗ kunft einiger Fremden. Ehrenfels erkannte in den Angekommenen ſogleich ſeine Freunde und Waffenbruͤder.„Ziehe nicht gen Pa⸗ laͤſtina,“ bat aͤngſtlich Gertrud nochmals mit leiſen Worten,„denn, wenn Du wirklich wiederkehrſt, lebendig triffſt Du mich nicht wieder an. Die Heidendirnen koͤnnten ſich in Dich verlieben—“. Eben polterten die Ritter ſchon zur Stiege herauf, weshalb ſie ſich eiligſt entfernte. Die wildeſten Ritter der Nachbarſchaft, Uſo von Rheinſtein, genannt der Keu⸗ ler, Hugo von Reichenſtein und Has⸗ par von Son neck traten gleich darauf in das Gemach.„Humpen her!“ ſchrie der Burgherr einigen Knappen zu, und dieſe konnten kaum ſo viel herbei ſchaffen, als die durſtigen Ritter tranken. Nachdem die Ge⸗ muͤther davon erhitzt waren, kam das Ge⸗ ſpraͤch auch auf den Kreuzzug, den die edel⸗ ſten Maͤnner und Juͤnglinge aus Deutſch⸗ land, Italien und Frankreich mit machten, unter Anfuͤhrung des tapfern und klugen Gottfried von Bouillon. Der Moͤnch ſprach dabei von der ewigen Seligkeit im himmliſchen Reiche Gottes, fuͤr denjenigen, der mit gegen die Unglaͤubigen kaͤmpfen wuͤrde. Uſo, der Keuler, zupfte ſich als er dies hoͤrte wohlgefaͤllig am Barte, und rief dann: „Kumpane! wenn einer von Euch ſein Schwert mit Sarazenenblut faͤrben will, ich bin ſein Gefaͤhrte!“„Der Herr ſegne Euch,“ ſagte der Moͤnch zu ihm und legte ſegnend ſeine Hand auf das Haupt des wil⸗ den Uſo.„Ich bin Dein Gefaͤhrte!“ ſchrie Hasper.„Ich auch! ich auch!“ ſchrieen Hu⸗ go und der Burgherr. Sie reichten einan⸗ der alle die Haͤnde, fragten den Moͤnch, wann der Erzbiſchof das Kreuz austheilen wuͤrde, und zechten ſo lange bis ſie ihr La⸗ ger fanden, wo ſie waren. Am Morgen erwachten ſie verdrießlich, und erinnerten ſich mit Widerwillen an den Kreuzzug, den ſie in Gegenwart des Mon⸗ ches gelobt hatten, mit zu machen.„Was wird mein Weib ſagen?“ klagte Ehrenfels, waͤhrend Uſo den Humpen ſchon wieder flei⸗ ßig leerte. Als der Sonne heiße Strahlen jedes Plaͤtzchen erwaͤrmte, ſchieden die Ritter, ſich ewige Treue und Freundſchaft gelobend. Vor Erſtaunen ſchlug Gertrud die Haͤnde zuſammen, als ſie in das Gemach trat. „Nun wahrhaftig, hier ſieht es nicht viel beſſer aus als in den Staͤllen,“ zuͤrnte ſie, „Ihr muͤßt den Wein wieder im Uebermaaß hinunter gegoſſen haben.“— „Laß es immer ſeyn, meinte der Ritter, „es war vielleicht das letzte Mal, daß wir ſo vergnuͤgt beiſammen waren. Es iſt von uns unwiderruflich beſchloſſen worden, daß wir gen Palaͤſtina ziehen, um uns die ewige Seligkeit zu erringen.— Weine nicht, Traute, das Weib eines deutſchen Ritters — 207— darf nicht klagen. Wir ſtehen uͤberall in Gottes Hand, doch hoffe ich geſund wieder zu kommen, um dann ungeſtoͤrt in den Ar⸗ men meiner heiß geliebten Gertrud ruhen zu koͤnnen.“ „Ich habe es Dir aber doch geſagt,“ murrte ſie,„daß ich vor Gram und Sehn⸗ ſucht ſterben werde, oder,“ ſetzte ſie ſpoͤt⸗ tiſch hinzu,„ſtecken Dir die Dirnen der Heiden im Kopfe; aber— nimm Dich in acht, wenn Du ſie umarmen willſt, werden es Ungeheuer, die Feuer ſpeien und ſchrecklich krallen.“ „Deine Eiferſucht,“ laͤchelte der gedul⸗ dige Ehemann, iſt graͤnzenlos. Laß nur hier ſchleunig wieder aufraͤumen.“ Am Nachmittage ſtickte ſie wieder fleißig an der Feldbinde, waͤhrend Ehrenfels Knap⸗ pen und Reiſige um ſich verſammelt hatte, und ſie fragte: wer von ihnen mit gen Pa⸗ laͤſtina ziehen wollte. Faſt alle waren bereit dazu, doch ſuchte ſich der Ritter nur zwoͤlfe — 208— von ihnen aus, die uͤbrigen mußten zuruͤck bleiben, um die Herrinn und die Burg vor jeglicher Gefahr und Ueberfall zu ſchuͤtzen. — Gertrud wollte ſeine Ruͤckkunft hier erwarten und nicht in einem Kloſter, wozu ſie der Moͤnch zu bereden ſuchte. Recht lebhaft war es in der Burg. Schwerter wurden geſchliffen, Lanzen geſpitzt, Beulen aus den Harniſchen geklopft und Roſſe umher getummelt. Die Mauern und Thuͤrme wurden ausgebeſſert oder erhoͤht, Lebensmittel in Menge herbei geſchafft, ſo, daß die Burg mit wenigen Reitern verſe⸗ hen, dem ſtaͤrkſten Feinde Trotz bieten konnte. Begleitet von ſeinen Kumpanen und Knappen ritt Karl von Ehrenfels, am 25. Mai alten Styls, nach Worms. 2 Hier hatten ſich mehrere tauſend Kaͤm⸗ pfer eingefunden. Der Erzbiſchof, ein gat wuͤrdiger Mann, hielt an die verſammelte Menge eine Rede, worin er daſſelbe ſagte, was der Burgpfaffe auf Ehrenfels bereits den ——y—— ———— den Rittern mitgetheilt hatte. Hierauf hielt er das Bildniß des gekreuzigten Heilandes in die Hoͤhe, wovor die verſammelte Menge niederkniete, andaͤchtig betend, dann reichte er es den ihm zunaͤchſt Stehenden, um es zu kuͤſſen. Nun folgte, vom Erzbiſchof an⸗ geſtimmt und von den anweſenden Moͤnchen begleitet, ein lateiniſcher feierlicher Geſang. Jedem Kreuzfahrer wurde hierauf ein Kreuz an Mantel oder Ruͤſtung geheftet und der Segen der Kirche ertheilt. Ks 3 Am Tage des Abſchiedes ſpielte Carl der ſtill weinenden Gertrud auf der Laute noch einige Schlachtgeſaͤnge vor und hing ſie dann an ihren alten Platz zur immerwaͤhrenden Ruhe. Vergebens ſprudelte der Wein im goldenen Becher, der nur bei außerordentli⸗ chen Gelegenheiten hervor geholt wurde. Still und einſylbig betrachtete er jeden Gegenſtand. Hierauf beſuchte er das Begraͤbnißgewoͤlbe — 210— ſeiner Ahnen, wo er feierlich und innig be⸗ tete. Auch die ehrwuͤrdige Eiche im Burg⸗ garten beſuchte er noch einmal, wo er des Knaben unſchuldige Spiele geſpielt hatte, ſetzte ſich darunter auf jedes theure Plaͤtzchen und uͤberſchaute mit beklemmtem Herzen die ganze Gegend. Faſt gereuete es ihn, daß er ein Streiter Chriſti geworden war; da ſchmetterten Trompeten und ſeine Gefaͤhrten ritten in die Burg ein. Geſattelt ſcharrte ſein wilder Streithengſt, mit Ungeduld den Herrn erwartend. Alle ſeine Dienſtmannen hatten ſich im Hofe verſammelt. Bewegt trat er in ihre Mitte, reichte den Aelteſten die Hand und ſprach alſo:„Ich muß von Euch ſcheiden, Ihr treuen Gefaͤhrten, mit denen ich ſo oft den blutigen Sieg erfocht. Berufen ſvom Geſchick in das ferne Aſien, kann ich nicht mehr mit Euch kaͤmpfen. Nehmt meinen Dank fuͤr Eure ſtets bewie⸗ ſene Treue, und ſeyd auch ferner treu. Ich uͤbergebe Euch die hoͤchſten Guͤter meines Le⸗ — bens, mein Weib und meine Burg; bewah⸗ ret und bewachet ſie, als ob ich hier waͤre. Sollte ich wiederkehren, ſo will ich Eure Treue belohnen und nun: Lebt alle wohl!“ Einige kuͤßten ihm die Kleider und andere die Haͤnde, waͤhrend die Aelteſten ſi ſich iche ſchaͤmten zu weinen. 4 Blaß und verſtoͤrt reichte die treue— frau dem Ehegeſpan die Leibbinde. Auch der ſonſt ſo ungeſtuͤme Ritter zerdruͤckte eine Thraͤne im Auge und umſchlang Gertend recht innig. 14 Uſo, der Keuler, war der Eindcge unter ihnen, der ſingend die gefuͤllten Humpen leerte; die uͤbrigen waren ernſt und feierlich, es ſchien ihnen zu ahnen, daß ſie die hei⸗ mathlichen herrlichen Fluren am Rhein nim⸗ mer wieder ſehen wuͤrden. Dieſer Ungeſtuͤme 27 es auch, der das Zeichen zum Aufbruch Die Trompeten ſchmetterten Noch di trank jeder Ritter vom deutſchen Wein, waͤhrend die Herzen unruhiger pochten. O 2 — 212— „Ade, meine Gertrud,“ ſagte Carl zoͤ⸗ gernd, ſie mit den beblechten Armen umſchlin⸗ gend,„denke mein, in wenigen Jahren ſe⸗ hen wir uns, mit Huͤlfe Gottes und der heiligen Maria, wieder.“ „Denke mein und bleib mir treu,“ lis⸗ pelte ſie, beſinnungslos auf einen Seſſel ſin⸗ kend. Von den Wuͤnſchen der Zuruͤckbleibenden begleitet, ſprengten die vier Ritter mit ſieb⸗ zig Knappen und Reiſigen uͤber die herabge⸗ laſſene Zugbruͤcke dem Verſammlungsorte des Hauptheeres der Kreuzfahrer zu. Bei Ingolſtadt waren bereits auf 40,000 Ritter und 260,000 Knappen, Reiſige, Moͤn⸗ che, Weiber und Kinder verſammelt. Ein ſolches Heer hatte Eurova noch nicht beiſam⸗ men geſehen. Niemand bezweifelte jett ih⸗ ren Sieg uͤber die Unglaͤubigen Die beſten Anfuͤhrer und die tapferſten Ritter befanden ſich dabei, doch hatte Gottfried von Bouillon keine geringe Muͤhe, dieſe Leute, . 15 . aus mehreren Nationen, in Eintgkeit zu er⸗ halten und ſie zu einem Zweck anzufeuern. Er war aber auch der einzige Mann im gan⸗ zen Heere, der uͤber alle an Geiſt, Herz und edlem Betragen hervorragte. Wohlgemuth und in guter Ordnung durchzog das Heer im Auguſt Deutſchland und Ungarn, und kam nach vielen beſchwerlichen Maͤrſchen in die Gegend von Conſtantinopel. Hier wa⸗ ren bereits noch andere Kreuzfahrer verſam⸗ melt, die zu Waſſer hier angekommen waren. Der griechiſche Kaiſer Alexius gerieth bei Ankunft dieſes großen Heeres, fuͤr welches viele Lebensmittel von ihm verlangt wurden, in eine unbeſchreibliche Verlegenheit, denn dieſe Leute konnten nach ſeiner Anſicht ſeinem Reiche hoͤchſt gefaͤhrlich werden. So herrſchte auch unter ſeinen Soldaten und dem Kreuz⸗ heere! die hoͤchſte Spannung. Eines Tages durchſtrich Carl von Ehren fels mit den drei Freunden die Straßen Con⸗ ſtantinopels, als eine laut ſchreiende Dirne lich vor, und mancher Brave wurde meu⸗ von einem reich geſchmuͤckten Griechen ver⸗ folst wurde. Ehrenfels nahm ſie ſogleich in ſeinen Schutz, es kamen mehrere Griechen zuſammen und verlangten mit Ungeſtuͤm die Herausgabe der Dirne. Sie wurde ihnen verweigert. Jene drohten Gewalt zu ge⸗ brauchen. Die Ritter zogen die Schwerter. Dies war das Zeichen zum allgemeinen Kam⸗ pfe. Wohl hundert Griechen drangen wuͤ⸗ thend auf die vier Kern⸗Ritter ein. Uſo, der Keuler, focht wie ein Loͤwe; er allein jagte beinahe die feigen Griechen in die Flucht, waͤhrend die Dirne freiwillig zu ihnen wie⸗ der uͤberlief.„Dieſe elende Metze,“ ſprach Uſo verdrießlich, das Schwert beiſteckend, „war nicht werth, daß ein deutſcher Ritter das Schwert zog und dadurch mit Blut ei⸗ niger Feigen befleckt wurde. Begleitet von einer Menge Poͤbel, der aber ſtets in einer gewiſſen Entfernung folgte, traten ſie den Nuͤckweg an.— Solche Exzeſſe ſielen taͤg⸗ —— ——— chelmoͤrderiſch von der Menge angefallen und ſeiner Kleidungsſtuͤcke beraubt. Die alten Helden der Griechen waren nicht mehr, ihre Nachkommen waren feige wolluͤſtige Creatu⸗ ren, und dieſe Laſter wurden noch vergroͤßert, als die Tuͤrken ihrer Herrſchaft ein Ende machten. Endlich— nach vier Jahrhunder⸗ ten— fuͤhlten ſie das Entehrende ihrer Knecht⸗ ſchaft, und muthig ſchwangen ſie die Schwer⸗ ter fuͤr Vaterland und Freiheit. So kaͤm⸗ often ſie jetzt, und vielleicht erhoͤrt der Vater aller Menſchen ihre Gebete; das viele Blut, mas vergoſſen wurde, floß dann nicht ver⸗ gebens und Griechenland wird frei! Der Leſer verzeihe dieſe kleine Abſchweifung. Gottfried von Bouillon, der Held dieſes Kreuzzuges, ſchiffte ſich zuerſt mit denjenigen 3 Truppen nach Aſien hinuͤber, die mit ihm von Deutſchland aus hierher gezogen waren, und unter dieſen waren auch die Kumpane vom Rhein. Die Fahrt dahin ging gut von ſtat; ten. Der Wind war ſtets guͤnſtig, und ſo landeten ſie bald an Aſiens Kuͤſten. Peter„ der Einſiedler, welcher zwei Jahre fruͤher ſchon einen Kreuzzug unternommen hatte, ſtieß gleichfalls mit 4000 Mann, der Reſt von 150,000 Mann, hier zu ihnen. 4 Es war im Mai des folgenden Jahres, als die Kriegsoperationen damit angefangen wurden, die Feſtung Nieaͤa zu belagern. Die Tuͤrken wehrten ſich in dieſer Stadt wie Verzweifelte. Uſo, der Keuler, wurde bei dem erſten Sturme von der Seite ſeiner Freunde durch einen Balken, der ihn zerſchmetterte, geriſſen. Vergebens ſuchten ſie ſeinen Tod zu raͤchen; auf der hohen Mauer, wohin kein Pfeil reichte, waren die Tuͤrken ſo ſicher, als in der Moſchee. Am Abend wurde das Zeichen zum Ruͤckzuge gegeben. Ueber 4000 Kreuzfahrer lagen todt auf dem Wahlplatze. Mit Gewalt konnte hier nichts ausgerichtet werden, weshalb der Beſchluß gefaßt wurde, die Stadt ſo eng als moͤglich einzuſchließen, um ſie durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen. Eine Seuche, welche unter dem Kreuz⸗ heere ausbrach, raffte manchen Braven hin⸗ weg; von den zwoͤlf Knappen des Ritters von Ehrenfels lebren nur noch drei. Die Haͤlfte des großen Heeres war nicht mehr. Endlich knuͤpften die Tuͤrken Unterhandlun⸗ gen wegen der Uebergabe der Stadt an. Man wurde daruͤber einig, und nach einigen Tagen wurde ſie an die Truppen des grie⸗ chiſchen Kaiſers uͤbergeben, ſo wie noch ei⸗ nige Eroberungen in Bythinien; denn nur durch ſolche Verſprechungen und Vortheile erlaubte der Kaiſer dem fremden Heere den Durchgang durch ſeine Staaten und lieferte die Lebensmittel, aber— fuͤr Geld. Hierauf ſetzte das Kreuzheer ſeine Unter. nehmungen in Aſien fort, ohne den gering⸗ ſten Widerſtand zu finden. 4 Eines Tages ſtieß der Vortrab auf ei⸗ nige hundert bewaffnete Tuͤrken, die ſogleich — 218— die Flucht ergriffen. Die chriſtlichen Strei⸗ ter, kampfluſtig, verfolgten die Fliehenden über Berge und Gebuͤſche; da erſchallte ploͤtziich von allen Seiten das Allah⸗Geſchrei, und der aus einigen tauſend Mann beſte⸗ hende Vortrab ſah ſich von einem großen Heere der Unglaͤubigen umringt. In dem un⸗ guͤnſtigſten Terrain vertheidigten ſie ſich vom 30. Juni Abends bis zum 1. Juli Mor⸗ gens, alſo die ganze Nacht hindurch. Nur einige Mann auf fluͤchtigen Roſſen entran⸗ nen, durch die Dunkelheit beguͤnſtigt, dem ſchrecklichen Blutbade. Beide Heere ſtießen am 1 Juli zuſammen. Der Angriff begann ſogleich mit der groͤßten Erbitterung. Des Feindes in zwei Kolonnen zuſammengedruͤckte Knaͤuel ſollten ſich im chriſtlichen Heere erſt ausbreiten, um jede Abtheilung zu trennen, aber die geharniſchten Ritter mit ihren lan⸗ gen Lanzen drangen in dieſe unbehuͤflichen Knaͤuel ein, alles vor ſich niederſtoßend. Mit Entſetzen ſahen die Feigen die tapfern Rit⸗ ter; ehrerbietig ſenkten ſogar viele die Waf⸗ fen, vergebens ermahnten die Anfuͤhrer ſie 3 zur Tapferkeit. Noch zur rechten Zeit ſtuͤrmte ihre leichte Reiterei, mit den ſchnellen arabi⸗ ſchen Pferden, gegen die Truppen zu Fuß und brachte dieſe in Verwirrung. Gottfried von Bouillon ſah es, ſtellte ſich an ihre Spitze, ſchlug ſie zuruͤck, toͤdtete viele und machte auch Gefangene. Jetzt ergriffen die Tuͤrken die Flucht. Sie wurden verfolgt; da ſtieß Hasper von Sonneck auf einen reich geſchmuͤckten Tuͤrken, der den Tod einer ſchimpflichen Flucht vorzog und wuͤthend, auf einem ſtolzen Araber ſitzend, den Feind er⸗ wartete. Hasper legte ſeine Lanze auf ihn ein, aber ſie zerſplitterte, ohne daß er wankte, und ehe er das Schwert ziehen konnte, ſtieß ihn der Tuͤrke mit dem Griffe des Schwer⸗ tes ſo heftig gegen das Viſir, daß es zer⸗ brach und ſein Kopf zerſchmettert wurde. Ohne einen Laut ſank er vom Roſſe.„Hier⸗ her,“ ſchrie Ehrenfels ihm wuͤthend zu, um den Tod des Freundes zu raͤchen. Schlag ſiel auf Schlag, viele Krieger ſtanden umher, dem Kampfe zuſehend, da ſtieß der deutſche Kaͤmpfer dem Feinde das Schwert durch die geoͤffneten Schienen in die Seite, daß er laut bruͤllend vor Schmerz vom Roſſe ſank. Auch Ehrenfels hatte einige leichte Wunden, die den Harniſch ganz mit Blut gefaͤrbt hatten. Der Tod des Freun⸗ des war geraͤcht. 3 1 Ein großer Sieg war erfochten und die Beute ſehr betraͤchtlich. Das ganze feindli⸗ che Heer war vernichtet. 45 1 Begleitet von den zwei Freunden und ſei⸗ nen Knappen wurde Hasper feierlich zur Erde beſtattet. Der heiterſte Himmel laͤchelte herab, als die Kreuzfahrer weiter zogen, um ihre Ero⸗ berungen fortzuſetzen. Mißmuthig und ſtill —— ritt Ehrenfels neben dem Rheinſteiner her, denn oͤfters fuͤhrte der Weg ganze Tage durch Wuͤſten, ohne daß am Abend ein Trunk friſches Quellwaſſer oder ein Stuͤck trocknes Brod ſie erquickt hatte. „Donner und Blitz,“ begann endlich Ehrenfels, um ſeinen Mißmuth laut werden zu laſſen,„in dieſem Heiden⸗Lande muͤſſen wir ſchier noch alle verdurſten.“ „Es iſt ſchrecklich,“ klagte Rheinſtein, „daß wir armen Ritter hier ſo durſten muͤſ⸗ ſen, waͤhrend wir daheim den koͤſtlichſten Wein haͤtten.“ „Nun, wenn es nur bald beſſer wird,“ meinte jener,„denn Menſchen und Thiere muͤſſen hier verſchmachten; der ganze Weg den wir machten wird davon bezeichnet.“ „Und Muthloſigkeit herrſcht dabei unter uns,“ fiel duͤſter der Rheinſteiner ein,„wenn jetzt der Feind mit 10,000 Mann uns an⸗ griffe, wir waͤren alle verloren.“ Waͤhrend ſie das Geſpraͤch noch fortſetzen wollten, ent⸗ — ſtand ein unruhiges Treiben und Draͤngen. Die Anfuͤhrer ſprengten hin und her, uͤberall die Truppen zur Schlacht ordnend. Angſt und Muthloſigkeit war in jeder Miene zu leſen; doch zog ſich der ſchon genahte Feind wieder zuruͤck. Viele Eroberungen wurden noch gemacht, mußten aber ſtets mit Blute erkauft werden, ſo daß das Heer immer geringer wurde. So erreichten ſie endlich in demſelben Jahre, den 21. October, die Stadt Antiochien. Sie war damals naͤchſt Conſtantinopel und Rom die groͤßte*) Sie hatte 4 Meilen im Umfange, war mit einer hohen und ſtarken Mauer um⸗ geben, ſo wie auch 400 Thuͤrme, jeder ſie⸗ ben Geſchoß hoch. Als die chriſtliche Ar⸗ mee ankam, wurde ein Kriegsrath gehalten: ob man die Belagerung gleich anfangen, oder ob man eine beſſere Jahreszeit abwarten *) Jetzt liegt dieſe Stadt ganz in Ruinen und hat von einigen Anbauern den Namen Auta⸗ bia erhalten, A. d. V. — 223— wollte. Die erſte Meinung behielt die Ober⸗ hand und die Blokade begann ſogleich. Auf der Mauer ließ ſich in den erſten Tagen Niemand blicken, welches man fuͤr Muthloſigkeit hielt; doch wagte man ſich bis an die Mauer, welche an allen Seiten gleich ſtark 7o Fuß dick war. Unbeſorgt uͤberließ ſich die groͤßere Häͤlfte den groͤbſten Ausſchweifungen und ſetzte jede Wachſam⸗ keit hintenan. Die Doͤrfer in der Naͤhe wurden verbrannt, Gaͤrten und Baͤume ver⸗ heert und die Gefangenen mit der groͤßten Marter zu Tode gequaͤlt. Poſten wurden beinahe gar nicht mehr ausgeſtellt, und viele gingen unbewaffnet umher, oder berauſchten ſich in dem Weine, welcher hier in Menge vorhanden war. Vergebens ſprach der Hauptanfuͤhrer und der weiſe Erzbiſchof da⸗ gegen. Die Ritter, welche den uͤbrigen zum Muſter dienen ſollten, waren die aͤrgſten Saͤufer. Das ganze Lager glich einem Hau⸗ fen Trunkenbolde, Geſang und wilde Aus⸗ rufungen der Freude erſchallte von allen Sei⸗ ten, und die Zelte der Ritter lagen voll Be⸗ rauſchter, ſelbſt Karl von Ehrenfels und Hugo von Rheinſtein machten hiervon keine Ausnahme. Dieſe Unordnung bemerkten die Blockirten recht gut, machten eines Tages einen Ausfall, hieben Viele nieder, eroberten Paniere, Pferde und Waffen und machten viele Gefangene. Ungeſtoͤrt zogen ſie mit der Beute in die Stadt wieder ein. Nun wur⸗ den die Kreuzfahrer vorſichtiger und wach⸗ ſamer, doch war die alte gute Ordnnng noch nicht wieder eingefuͤhrt, Jeder wollte befehlen, Niemand gehorchen. Dergleichen Ausfaͤlle geſchahen von jetzt an haͤufiger, doch wurden ſie oͤfters mit blu⸗ tigen Koͤpfen zuruͤckgeſchlagen. In einem die⸗ ſer Ausfaͤlle wurde der junge unvorſichtige Alberon, ein Verwandter des griechiſchen Kaiſers, nebſt ſeiner ganzen Umgebung gefan⸗ en und mit fort gefuͤhrt. Auf oͤffentlichem Markte wurde vor ſeinen Augen ſeiner Maie⸗ creſſe — 225— treſſe den Kopf abgeſchlagen und dann hatte er ein gleiches Schickſal. Die verwuͤſtete Gegend bot nun keine Lebensmittel mehr. Hunger trat an die Stelle des vorigen Ueberfluſſes, ſo daß man⸗ cher Brave daran ſtarb. Um das Heer da⸗ durch nicht aufzureiben, zogen zwei Unteran⸗ fuͤhrer, Boemund und Robert, mit der Haͤlfte des Heeres in öͤſtliche Gegenden, um Lebens⸗ mittel herbei zu holen. Die Belagerten merkten dies, und machten mit ihrer Mann⸗ ſchaft einen allgemeinen Ausfall, wurden aber durch die Tapferkeit der Ritter mit vielem Verluſt zuruͤckgeſchlagen, wobei Ehrenfels einen halben Mond erbeutete. Bewegliche Thuͤrme wurden verfertiget, um einen Sturm zu verſuchen. Unter Gott⸗ frieds weiſer Leitung wurde dieſer auch wirk⸗ lich unternommen, aber durch die Tapferkeit der Belagerten zuruͤckgeſchlagen. Der Winter war vorbei, der Fruͤhling wieder da und noch die Stadt nicht erobert. P I — 226— Carl Ehrenfels war zum Anfuͤhrer einer Abtheilung des Fußvolks ernannt worden, denn in mehreren Gefechten hatte er ſich durch Tapferkeit und Geiſtesgegenwart aus⸗ gezeichnet. In einer duͤſtern Nacht unter⸗ ſuchte er die Poſten, als ein großer Mann in tuͤrkiſcher Kleidung ſich unbewaffnet naͤherte. „Fuͤrchtet nichts,“ ſagte er,„fuͤhrt mich zu Eurem Hauptanfuͤhrer, ich habe wichtige Dinge mit ihm zu ſprechen.“ Ehrenfels fuͤhrte ihn ſogleich nach deſſen Zelt.„Herr!“ ſprach er zu Gottfried mit fuͤrchterlich rollenden Augen, „ich will Dir die Stadt uͤbergeben, denn ich bin von meinem Anfuͤhrer ſchrecklich be⸗ leidiget worden.“ „Darf ich Dir trauen?“ fragte Gott; fried mißtrauiſch. „Beim Allah!“ betheuerte er,„Du kannſt mir trauen. Heute uͤber vier Tage habe ich die Wache am weſtlichen Thore. Du laͤßt an der entgegen geſetzten Seite zum Schein ſtuͤrmen, waͤhrend Deine Leute ſicher uͤber dem Thore die Mauer erſteigen. Was mich betrifft, ſo begebe ich mich mit meinen 1000 Mann an einen andern Po⸗ ſten. Geld verlange ich fuͤr die That nicht, aber zwei Bedingungen habe ich:„Schonet mein Leben und liefert den Ali Tuarſch an mich aus.“ Dies wurde ihm zugeſtanden. Mit Verachtung betrachtete Gottfried die ſchaͤndliche Rache des elenden Moslem. „Es iſt die hoͤchſte Ziit, daß Du Herr der Stadt wirſt,“ ſetzte der Moslem noch hinzu,„denn wir haben die ſichere Nach⸗ richt, daß ein großes Heer aus Egypten uns zur Huͤlfe eilt.“ Man beſprach ſich noch lange daruͤber, und der Verraͤther, um ſein Leben ſicher zu ſtellen, ließ ſich einen Mantel mit dem Kreuze geben, und wollte dieſen, ſobald die Belage⸗ rer in der Stadt waͤren, umhaͤngen. Die Vorbereitungen zum Sturme wur⸗ den gemacht, der ſchon lange gewuͤnſcht wurde.— P 2 Es war am 3. Juli 1093 in einer herr⸗ lichen Sommernacht, als der Sturm ſchein⸗ bar unternommen wurde, waͤhrend die aus⸗ erleſenſte Schaar ſicher an Leitern uͤber dem weſtlichen Thore auf die Mauer ſtieg. Wohl 6000 Mann waren ſchon oben und ſtiegen nun vorſichtig in die Stadt und verſuchten das feſt verrammelte Thor zu oͤffnen. Dies hatte viele Schwierigkeiten. Die Einwohner gewahrten ſie kaum, als ſie auch ſchon wuͤ⸗ thend von mehreren Seiten angegriffen wur⸗ den. Der Verraͤther wurde als ein Feind angeſehen, und wurde mit einem giftigen Pfeile in die Bruſt geſchoſſen, als er ſich eben zu den Kreuzfahrern fluͤchten wollte. Er erhielt eine Strafe, die fuͤr einen Ver⸗ raͤther noch zu gut war. Nach einer Stun⸗ de hauchte er ſeine verraͤtheriſche Seele waͤh⸗ rend der ſchrecklichſten Fluͤche aus. Endlich war das Thor geſprengt, und wie ein reißender Strom flutheten die chriſtli⸗ hhen Streiter hinein. Greiſe, Weiber und 2 —4jj— .4 ———— — Kinder wurden von dem tollen und wuͤthen⸗ den Haufen niedergehauen, Jungfrauen ge⸗ ſchaͤndet und dann ermordet, doch erreichten viele Bewaffnete die Citadelle. Mit Abſcheu betrachteten dieſe grauſen Mordſcenen die Beſſeren, und ſuchten uͤberall zu helfen. Ritter Carl von Ehrenfels ſah ſich bald von ſeinen Truppen verlaſſen, um ihre ver⸗ ſchiedenen Leidenſchaften zu befriedigen. Aus einem großen Pallaſte am Thore toͤnte ihm ein Huͤlfsgeſchrei entgegen. Mit blankem Schwert eilte er zur Treppe hinauf, ſah in einem Zimmer acht ſeiner Leute, die bereits zwei Maͤdchen getoͤdtet, und die dritte mit gebundenen Haͤnden auf die Erde gelegt hat⸗ ten.„Boͤſewichte, elende Buben!“ donnerte er ihnen zu und ſchleuderte einige zuruͤck, „werdienet Ihr auch den Namen als Strei⸗ ter Jeſu Chriſti? Entfernt Euch augenblick⸗ lich oder ich ſtoße dem, der ſich mir oder dem Maͤdchen nahet, zu Boden!“„Herr Ritter,“ ſchrie ihm Einer trotzig zu und — 250— trat keck gegen ihn,„wißt Ihr nicht, daß der Sieger mit dem Beſiegten ſchalten kann, wie er will?“ Da ergrimmte der Ritter, umſchlang ihn mit den kraͤftigen Armen und wollte ihn zum Fenſter hinauswerfen. „Gnade fuͤr ihn!“ flehte das Maͤdchen mit lieblicher Stimme. Ehrenfels ließ ihn los. „Da,“ herrſchte er ihm zu,„kniee nieder und danke dieſem Maͤdchen fuͤr Dein Leben, denn nur ihr haſt Du Schurke es zu ver⸗ danken.“ Mit den Zaͤhnen knirſchend that er es, und entfernte ſich dann eilig mit ſei⸗ nen rohen Gefaͤhrten. „Herr Ritter,“ begann das Maͤdchen mit weicher Stimme in deutſcher Sprache,„Allah ſegne Euren Edelmuth, denn Ihr habt mir mehr als mein Leben, Ihr habt auch meine Unſchuld errettet.“ „Da verdiene ich keinen Dank, trautes Maͤdchen,“ entgegnete er, und ſtreichelte ihr die braunen mit roth untermiſchten Wan⸗ gen,„ich that nur das, was jedes Ritters 8 4 — 231— Pflicht iſt. Aber ſprich, wer lehrte Dich un⸗ ſere Sprache?“ „Ein Sclave meines Vaters,“ erwiederte ſie, und ſetzte dann noch recht gutmuͤthig hinzu,„von den Herrn Rittern hat er mir auch recht viel Gutes erzaͤhlt.“ „Wie heißt Du denn, ſchoͤnes Maͤd⸗ chen?“ fragte er ganz leiſe, und ſah in die feurigen ſchwarzen Augen. „Sittah iſt mein Name,“ entgegnete ſie erroͤthend. Indem ſtuͤrzte ein alter Mann mit blutigem Haupte zur Thuͤr herein.„Euer Vater iſt todt!“ ſchrie er, ſich die weißen blutigen Haare aus dem Haupte raufend. Jetzt erſt erblickte er den Ritter, ſank mit uͤber der Bruſt gekreuzten Haͤnden zur Erde, um ſein Leben bittend.„Steht auf, Alter,“ rief Ehrenfels,„ich thue Euch nichts!“ Weinend hatte ſich Sittah auf den buntge⸗ ſchnirkelten Boden des Zimmers niedergelaſſen. „Troͤſte Dich, traute Sittah!“ bat Ehren⸗ fels, mit der Hand in ihren Haaren ſpielend. 4 „Was ſoll nun aus mir werden, da ich elternlos bin?“ fragte ſie, duͤſter nach der Decke blickend. „Ich will Dich ſchuͤtzen wo ich kann,“ erwiederte der Ritter,„und wenn Du mir folgen willſt nach Deutſchland und eine Chri⸗ ſtinn werden, ſo—“ „Ach,“ fiel ſie raſch ein,„der Sclave hat mir viel von der chriſtlichen Religion erzaͤhlt, beſonders von dem Stifter, der am Kreuze geſtorben iſt, um mit ſeinem Blute die Suͤnden der Menſchen zu tilgen.“ Sie trat an das Fenſter, denn ein wilder Troß zog eben jubelnd mit Beute belaſtet zum Thore wieder hinaus.„Das ſind wilde Menſchen,“ meinte ſie,„und faſt kann ich gar nicht glauben, daß es Chriſten ſind.“ „Sie ſind verblendet durch zu viel Eifer fuͤr ihre Religion,“ ſagte der Ritter, ihre Vertheidigung uͤbernehmend,„denn ſie glau⸗ ben, es ſey unſerm Herrgott ein Wohlgefal⸗ len, wenn ſie die Unglaͤubigen auf jede Art zu vertilgen ſuchen; aber die in der Reli⸗ gion beſſer Unterrichteten wiſſen recht gut, daß Sanftmuth gegen Feinde unſer Heiland geboten hat.“ Die Sternlein wurden immer blaſſer, denn der junge Tag erſchien im Oſten. Eh⸗ renfels konnte nicht laͤnger hier bleiben, die Pflicht rief ihn auf den Verſammlungsplatz. Er druͤckte ſein Wappen mit dem Schwert⸗ knopfe auf ein Stuͤck naſſes Pergament, ihr ſagend: daß ſie dieſes vorzeigen ſollte, wenn ſie wieder in Verlegenheit komme. Es war ein ſchrecklicher Anblick, als er durch die Straßen ging, wo ihn uͤberall blutige Leichname angrinzten. Eine lange Reihe Haͤuſer war abgebrannt und viele andere niedergeriſſen, weil die Feinde ich 5 darin vertheidigt hatten. Finſter blickte Gottfried von Bouillon nach der eroberten Stadt, wo in dieſer Nacht ſo viel unſchuldiges Blut vergoſſen worden war.„Die Einnahme der Citadelle,“ ſprach ℳ er halb laut,„wird noch mehr Blut koſten. Muß denn der Boden hier ſtets mit Blut geduͤngt werden, ehe wir das heilige Grab erobern?“ Da ſprengte auf ſchaͤumendem Roſſe ein Ritter in ſtaubiger Ruͤſtung daher und meldete: daß eine große tuͤrkiſche Armee nur noch einige Feldwege von hier entfernt . ſey... Der ernſte Ton der ehernen Trompete rief das Heer unter die Waffen. Gottfried ließ die Stadt nur duͤrftig beſetzen und mit 3000 Mann die Citadelle bewachen. Durch die Reihen der baͤrtigen Krieger reitend, er⸗ munterte er ſie zur Tapferkeit und lieber hier zu ſterben auf dem Felde der Ehre, als auf ſchimpflicher Flucht in den Wuͤſten. Kund⸗ ſchafter berichteten, daß der Feind habe Zelte aufſchlagen laſſen und Poſten nach allen Seiten ausſtellen. 8 „Da ſind wir heute vor den traͤgen Tuͤr⸗ ken ſicher,“ hieß es allgemein, und faſt jeder that was ihm beliebte. Regneriſch und truͤbe war der Abend her⸗ eingebrochen. Froͤhlichkeit herrſchte im chriſt⸗ lichen Lager; da erſcholl ploͤtzlich das Ge⸗ ſchrei: Feinde! Feinde! Und mit Blitzes⸗ ſchnelle waren ſchon einige tauſend Mann auf den arabiſchen Pferden mitten im Lager. Ein anderer Haufe drang in die Stadt. Ehrenfels focht wie ein Raſender; da ſprang die Klinge des Schwertes vom Griffe, und eilig ging er, von Feinden umgeben, in Sit⸗ tahs Wohnung, die Thuͤr ſogleich verram⸗ melnd. Die Haͤnde ringend kam Sittah ihm ent⸗ gegen. Das Allahgeſchrei vermehrte ſich, die fluͤhtigen Streiter des Kreuzheeres wurden auf allen Seiten verfolgt.„Wir ſind ver⸗ loren, ſchrie Ehrenfels vom Fenſter zuruͤck⸗ tretend.„Ich will Dich retten,“ ſagte Sit⸗ tah mit einer ſonderbaren Stimme,„folge mir.“ Seine Hand ergreifend, zog ſie ihn in einen unterirdiſchen Gang. Wohl eine Viertelſtunde wandelten ſie in der Dunkel⸗ heit fort, endlich wurde die Luft reiner, und bald erreichten ſie das Ende, welches mit Geſtraͤuchen bewachſen war. Ehrenfels raͤumte dieſe mit vieler Muͤhe hinweg und war nun im Freien, Sittah folgte ihm eilig.„Hoͤrſt Du,“ ſagte ſie,„das Siegesgeſchrei der Unſrigen und ſiehſt Du dort das Feuer in der Stadt?“ „Leider ſehe ich es,“ entgegnete er duͤ⸗ ſter,„wenn mir nur die Klinge nicht von dem Griffe gebrochen waͤre, dann haͤtte ich doch mit meinen Bruͤdern ſterben koͤnnen.“ „Und Sittah waͤre vor Gram geſtorben,“ ſagte ſie recht treuherzig,„denn ohne den Retter meines Lebens ferner zu ſehen, waͤre ſchlimmer als der Tod.“ „Trautes Maͤdchen,“ ſagte er ſchmeichel⸗ haft,„wie gut meinſt Du es mit mir.“ „Kommt nur eilig,“ ſagte ſie, aͤngſtlich nach den Feuerſaͤulen, die uͤber die Stadt in die Hoͤhe ſtiegen, ſehend,„in wenigen Tagen ſind wir durch die Wuͤſte und wieder — 237— bei den Eurigen, die gewiß nicht zu weit zuruͤckfliehen werden.“ Bei dem Scheine der Sterne wanderten die Fluͤchtlinge, ſtets im Sande badend, der von der Hitze des Tages noch heiß war, weiter vorwaͤrts. Ungewohnt und ſauer wurde das Gehen dem Ritter in der Ruͤſtung, waͤh⸗ rend Sittah munter und leicht an ſeiner Seite huͤpfte. Sie ſprachen wenig, den Weg eilig fortſetzend. Der junge Tag verdraͤngte die duͤſtern Schatten der Nacht, und jetzt erſt ſchauderte der Ritter vor der finſtern und todten Erde. Die unermeßliche Ebene, durch die ſie zo⸗ gen, war wie eine ungeheure große Land⸗ ſtraße anzuſehen, wo weiter nichts als Him⸗ mel und Sand war. Und als dieſe ein Ende hatte, kamen ſie auf einen hart gebrannten Boden, der in entſetzlichen Spalten ausein⸗ ander klaffte. Den Horizont umgrenzten kahle, hohe, wunderlich und ſeltſam geformte Felsgebirge, die mit ihren Spitzen und Zin⸗ nen, gleich ſchwarzen Burgen in die Thaͤler drohend herabſchauten. Es war Mittag, aber noch hatten ſie kein lebendes Geſchoͤpf geſehen. Ueber dieſer ungluͤcklichen Gegend brannte, wie eine boͤſe That, der gluͤhende, trockne, aſiatiſche Him⸗ mel, der gerade in der Jahreszeit, die den Regen ſo dringend bedurfte, keinen herab⸗ ſendete. Ehrenfels Kraͤfte verließen ihn ſicht⸗ bar, der durch die eiſerne Ruͤſtung den zu⸗ ruͤckprallenden Strahlen der Sonne ganz aus⸗ geſetzt war, waͤhrend die erhitzte Erde oder der gluͤhende Sand ſeine Fuͤße wie Kohlen brannte. Er klagte nicht, denn auch Sittah that es nicht; er legte ſtillſchweigend die laͤſtige Ruͤſtung ab und wanderte dann leich⸗ ter weiter.— Am Mittage erfriſchte ſie des Hungrigen 6 und Durſtigen Gaumen mit Brot und M lonen, der aber zu ihrem Shranen h ganzen Vorrath erſchoͤpfte. e hatte ht 5 deutſche uͤndeten Halſe zu kuͤhlen — 239— Ritter viermal mehr aß, wie ſie. Nun war guter Rath theuer. Der Sonne Strahlen brannten nun noch gluͤhender. Vergebens hoben die ungluͤckli⸗ chen Fluͤchtlinge die von der Hitze entzuͤnde⸗ ten Augen flehend nach dem klaren Azurge⸗ woͤlbe empor. Keine Wolke zog am Hori⸗ zonte herauf und mit jeder Minute vermehrte ſich ihr Durſt. Endlich ſank die hier mit ſo vieler Hitze erſcheinende Aurora in das Meer der Ewigkeit. Obgleich ganz entkraͤftet, wan⸗ derten ſie noch weiter, in der Hoffnung, eine Quelle oder einen Sumpf zu finden, um damit den wuͤthenden Schmerz in dem ent⸗ aber vergebens. erſinkend, ſchlugen ſie ihr Lager in dem heißen Sande auf un⸗ ter Gottes freiem Himmel. Der Schlaf forderte zwar ſein Recht, aber er war nicht erquickend, ſondern unruhige Traͤume und ſeltſames Roͤcheln weckten ſtets den Ritter, — 940— waͤhrend Sittah, an dies Klima eher gewoͤhnt, ruhig und ſanft ſchlief. Nach Luft ſchnappend, und dabei vor Schmerz, im geſchwollenen Halſe, bruͤllend, erwachte der Ritter am Morgen und durch ihn Sittah. Beſorgt ſtreichelte ſie ihm die baͤrtigen Wangen und weinte recht innig, da ſie ihn nicht helfen konnte; indem ſank er ohnmaͤchtig zur Erde. Verzweiflungsvoll raufte ſie ſich die Haare aus und warf drohende Blicke gen Himmel; dann fiel ihr Blick auf das Tuch, worin ſie die wenigen Lebensmit⸗ tel gehabt hatte, und langte die letzte ſchon ziemlich trockne Melone. In kleine Stuͤck⸗ chen ſie reißend und den Saft dem Ohnmaͤchti⸗ gen in den geoͤffneten Mund floͤßend, er⸗ wachte er endlich zu neuem Leben, und nach einer Stunde ſetzten beide ihren Weg fort. Wiederum brannte die Sonne und weder ein Wind noch eine Wolke erſchien. Ehren⸗ — fels * fels wurde mit jeder Minute matter, er roͤ⸗ chelte ſchon wieder; da wies Sittah freudig nach einem ſchwarzen Sumpfe. Mit An⸗ ſtrengung gelangten ſie dahin, aber der Rit⸗ ter ſank dabei, von den unerhoͤrten Beſchwer⸗ den zu ſehr angegriffen, leblos nieder. Er wurde ganz blaß und kalter Schweiß rann von dem Antlitze. Neuer graͤßlicher Schrek⸗ ken fuͤr Sittah! Der Sumpf war durch die ungeheure und anhaltende Hitze ganz aus⸗ getrocknet und in tauſend Spalten zerriſſen. Das ſtinkende Schlammwaſſer, welches ſie ihm mit dem Haͤndchen einfloͤßte, ihre Kuͤſſe und Liebkoſungen weckten ihn wieder zu neuem Leben. Matt ſchlug er die Augen auf, die treue Gefaͤhrtinn recht freundlich anlaͤchelnd. Etwas geſtaͤrkt und durch Sittah's Troſt⸗ worte: daß das Ende der Wuͤſte nicht mehr fern ſeyn koͤnne, ermuthigt, ſetzte er mit zit⸗ ternden Knieen den Weg durch dieſe Sand⸗ wuͤſte weiter. Sittah unterſtuͤtzte ihn, ſo viel es ihre ſchwachen Kraͤfte erlaubten; aber QA — 242— noch war kein Ende aus dieſer ſchrecklichen Gegend zu finden. Auch Sittah verlor all⸗ maͤhlig den Muth, denn auch ihre Kraͤfte wichen, da erblickte ſie abermals einen Sumpf. Mit der letzten Anſtrengung folgte ihr der Ritter.„Hier will ich ſterben,“ ſagte er laͤchelnd zu ihr und ſank mit gebrochenen Knieen, die treue Gefaͤhrtinn mit ſich nieder⸗ reißend, in das ſchlammige truͤbe Waſſer, wobei einige todte Thiere lagen.— Dies war eine ſichere Anzeige, daß das bewohnte Land nicht mehr fern ſey. Sittah wand ſich mit Muͤhe wieder in die Hoͤhe. Sie ruͤttelte und ſchuͤttelte an den Ritter herum, aber er ſchien todt, denn das Herz ſchlug nicht mehr. Verzweiflung er⸗ griff bei dieſem Anblick die Arme, und hier mit ihm ſterben, oder durch ihr Blut ſein Leben zu erretten, war ihr ſchneller Ent⸗ ſchluß. Mit einem blanken Stahl ſtieß ſie in die ſtaͤrkſte Ader am Arm, und luſtig ſprudelnd ließ ſie das warme Blut in ſeinen — a245— Mund. Die gute Natnr ſiegte. Der Ritter erhielt wieder neues Leben; erſt athmete er leiſe, dann ſtaͤrker und ſchlug die Augen wie⸗ der auf. Sittah hielt nun wohlweislich mit ihrem Liebesmahle inne, ſich den Arm ſorg⸗ ſam verbindend.„Sittah,“ ſagte er recht gutmuͤthig laͤchelnd,„ich glaubte Dich hie⸗ nieden nicht wieder zu ſehen, ſondern erſt jenſeits, doch— ſo iſt es beſſer. Aber, wo ſind wir denn? immer noch in der ſchreckli⸗ chen Wuͤſte? es wird mir ganz dunkel vor den Augen.“ „Die Sonne iſt wieder in Mahomeds Paradieſe,“ entgegnete ſie,„und hinter jenen Bergen entſchwunden.— Allah ſey gelobt, daß Ihr wieder lebt.“ „Ich habe Dir mein Leben zu verdan⸗ ken, Du treue Seele,“ ſprach er ernſt und feierlich,„und das iſt viel— ſehr viel, wenn ein Mann dieſes zu einem Maͤdchen ſagt. Wenn ich Dich doch belohnen koͤnnte!—“ „Ihr koͤnnt es!“ rief ſie raſch. Indem 22 — 244— ertoͤnte das fuͤrchterliche Bruͤllen und Heulen eines Tigers.„Donner und Blitz,“ ſagte der Ritter alle Kraͤfte zuſammenraffend,„am Ende werden wir noch vor dem Hafen die Beute irgend eines wilden Thieres, drum wollen wir weiter wandern.“ Am Arme der zitternden Sittah ſchritt er langſam vorwaͤrts. Das Bruͤllen des Tigers verlor ſich immer weiter, und beide uͤberließen ſich der Ruhe, der ſie ſo ſehr bedurften. Ihr Schlaf war ſanft und erquickend, bis der helle Tag ih⸗ nen das wolkenloſe Firmament wieder zeigte. Muthig ſchritten ſie dem Ziele zu. Hin und wieder ſproßte ſchon ein Grashaͤlmchen oder ein Strauch. Der Sand verlor ſich, und der Boden wurde feſter. Ha, welche Won⸗ ne! Hier ſprudelte friſch und klar eine Quel⸗ le, woran ſie den Durſt ſtillten. Das Waſ⸗ ſer ſchmeckte dem Ritter beſſer— viel beſſer als der Rheinwein. Geſtaͤrkter verfolgten ſie den Weg. Hier ſtanden kleine Baͤume in voller Bluͤthe, und weiterhin ein ganzer ———— hatte. Wald. Sie freuten ſich wie Kinder daruͤber, und da Ehrenfels ſeitwaͤrts an einem Fel⸗ ſen ein Haus ſah, knieete er nieder, dem Herrn der Heerſchaaren fuͤr die Rettung dankend; auch Sittah betete recht innig. Vor der Huͤtte ſaß ein Mann mit wei⸗ ßem Barte, emſig die Weiden zu einem Korbe flechtend.„Ehrwuͤrdiger Vater,“ re⸗ dete ihn Sittah an,„wir ſind ganz ver⸗ ſchmachtet in der Wuͤſte, erbarmet Euch und gebt uns zu eſſen.“ „Gerne, meine Tochter,“ erwiederte der Alte,„kommt in meine Huͤtte.“ Freundlich oͤffnete er ihnen die Thuͤr und ſie traten in ein kleines reinliches Gemach. Der Alte trug Brot, Sorbet und Milch auf. Seine Gaͤſte ließen es ſich gut ſchmecken und aßen ſoviel, daß der Alte ſeine Freude daran „Ihr ſeyd wohl kein Mahomedaner?“ fragte er den Ritter. 3 „Ich bin ein Chriſt,“ erwiederte er, „Deutſchland iſt mein Vaterland; aber meine Begleiterinn hat die mahomedaniſche Re⸗ ligion.“ „Aber wie kommt Ihr zuſammen?“ fragte er weiter,„doch glaubt nicht, daß ich eine boͤſe Abſicht habe.“ „Ich rettete ihr,“ erwiederte der Befrag⸗ te,„das Leben, bei der Eroberung der Stadt Antiochien, und da die Sarazenen unſer La⸗ ger am Abend uͤberfielen, kaͤmpfte ich am Thore; da ſprang die Klinge von meinem Schwerte, und von ihnen verfolgt erreichte ich das Haus, wo dieſes Maͤdchen wohnte. Mit ihr entfloh ich durch die Wuͤſte, weil unſer Heer geſchlagen war und ich es nicht errei⸗ chen konnte, ohne den Feinden in die Haͤnde zu fallen.“ „Da beluͤgt Ihr mich,“ rief der Alte ſpoͤttiſch,„oder Ihr ſeyd uͤbel berichtet. Euer Heer verlor zwar viele Todte und wich im Anfange zuruͤck, doch bald ſammelte es ſich —.,— wieder und die Tuͤrken wurden auf's Haupt geſchlagen.“ „Dank Euch fuͤr dieſe Nachricht,“ jauchzte Ehrenfels,„da mußte ich dabei ſeyn! Donner und Blitz, wie haͤtte ich mein Schwert ſchwingen wollen!“ „Nur bei mir ſagt ſo etwas,“ warnte der Alte,„wo anders kann es Euch den Tod bringen. Ich ſelbſt bin ein Mahome⸗ daner, aber ſo wie ich denken Wenige; bei mir gilt es gleich: Chriſt oder Moslem. Der groͤßte Theil bei uns hält es fuͤr eine gute That, einen Feind unſerer Religion, auf welche Art es auch ſey, umzubringen.“ „Da da ike ich Euch fuͤr den guten Rath, lieber Alter, denn wir Ritter ſagen ſtets unſere Meinung gerad' heraus, und wer das nicht thut iſt ein Hofſchranz.“ „Beim Allah!“ rief der Alte,„wenn alle Menſchen daͤchten wie Ihr, ſo waͤre manches Ungluͤck weniger in der Welt.“ Da der gute Alte ſah, daß es ſeinen Gaͤſten ſo gut ſchmeckte, ſo brachte er noch einmal ſo viel herbei. „Meine Lebensretterinn,“ rief luſtig der Ritter, das Maͤdchen umſchlingend und einen gluͤhenden Kuß auf ihre Lippen druͤckend, „ich weiß es recht gut, daß Dein Blut mich vom Tode errettet hat.“ .„Was ich that, war weiter nichts als Bezahlung der Schuld,“ laͤchelte ſie,„und ohne Euch moͤchte ich nicht mehr leben.“ „Nun, wenn das iſt,“ fragte der Ritter, zufrieden am Barte ſtreichend,„dann mußt Du mit nach Deutſchland und eine Chriſtinn werden.“ „Herzlich gern,“ rief ſie froͤhlich,„denn man muß Euch achten, Ihr Ritter, wenn man Euch nur ſieht.“ „Donner und Blitz,“ ſprach Ehrenfels vor ſich,„was wird aber meine Gertrud ſa⸗ gen, wenn ich eine Heidendirne mitbrin⸗ — ge?“ Laut ſprach er:„Duſollſt es auf meiner ——— — 249— Burg gut haben, und mein Weib ſoll Dich zu den Bankets und Turnieren mitnehmen.“ „Ihr habt ein Weib,“ klagte Sittah, und die hellen Thraͤnen rannen ihr aus den feurigen Augen. Betruͤbt ſah ſie ihn dann an, legte das Koͤpfchen an ſeine Bruſt und weinte heftiger. Der Ritter ehrte ihren Schmerz, denn er wußte warum ſie weinte. Nach und nach wurde ſie wieder ruhiger. Ehrenfels kuͤßte ihr die letzten Spuren der Thraͤnen vom bluͤhenden Antlitz, taͤndelte mit ihren unordentlichen Rabenlocken und wurde kuͤhner, da trat der Alte wieder ein. Die Liebenden fuhren erſchrocken von einander. Der Ritter wurde blaſſer und fing an heftig zu zittern. Beſorgt brachte ihn Sit⸗ tah auf ein Lager von Moos und Baumblaͤt⸗ tern. Sein Zuſtand wurde bedenklicher, denn bald fing er an zu raſen, ſprang auf und wollte fort; nur der Anſtrengung der ſorgſam wachenden Sittah und des Alten gelang es, ihn wieder zur Ruhe zu bringen. — 250— So verſtrichen mehrere Tage. Der Alte bereitete aus Kraͤutern und Wurzeln ein Ge⸗ traͤnk, reichte es ihm, und von dieſer Zeit an war er auf dem Wege der Beſſerung. Die gute unverdorbene Natur ſiegte, und nach einigen Wochen war er ſo weit hergeſtellt, daß er wieder langſam umher gehen konnte. Von den Segenswuͤnſchen des Alten be⸗ gleitet, wanderte der Ritter mit der treuen Sittah der Stadt Antiochien wieder zu. Im naͤchſten Staͤdtchen kaufte er ſich zwei Pferde, eine Ruͤſtung und fuͤr Sittah maͤnnliche Kleidungsſtuͤcke. Auf dem Wege trafen ſie Nachzuͤgler und griechiſche Truppen, mit welchen ſie die Reiſe, welche mit mancherlei Gefahren verknuͤpft war, antraten, doch gelangten ſie endlich in „8 Antiochien wieder an. 1 In der Stadt ſah es ſchrecklich wuͤſte aus. Einige Straßen waren abgebrannt, viele —— —— — Haͤuſer demolirt, und Todte lagen zerſtreut umher, die Luft durch ihren Geruch verpe⸗ ſtend. Die Folge davon war eine anſteckende Seuche, welche bereits viele chriſtliche Strei⸗ ter hinweg gerafft hatte. Das Haus, worin Sittah gewohnt hatte, war in einen Stein⸗ haufen verwandelt worden, woruͤber ihr Thraͤ⸗ nen entfielen. 1 „Bruder, biſt Du's oder iſt's Dein Geiſt?“ fragte Hugo von Rheinſtein, ihn mißtrauiſch betrachtend. „Ich bin's leibhaftig,“ ſchrie Ehrenfels und umarmte den Freund. „Komm in mein Gezelt, dort ſollſt Du mir Deine Abenteuer erzaͤhlen,“ ſprach der Rheinſteiner recht froͤhlich, reichte ihm den Arm und Beide gingen dahin. Ehrenfels winkte ſeiner Sittah zu folgen. Bei dem gefuͤllten Pokale erzaͤhlte Eh⸗ renfels dem Freunde was der Leſer bereits weiß. Wegen Sittah vereinigten ſie ſich: daß ſie ſtets in maͤnnlicher Kleidung bleiben 2 ſollte, um ſich vor den Zudringlichkeiten der rohen Krieger zu ſchuͤtzen. Rheinſtein er⸗ zaͤhlte: daß in jener Nacht der Feind ſchon den Sieg in den Haͤnden gehabt habe, aber die Entſchloſſenheit der Ritter haͤtte ihn die⸗ ſen wieder entriſſen. Nachdem die Schlacht bis am fruͤhen Morgen gedauert habe, waͤren die Feinde nach allen Seiten entflohen. Die⸗ jenigen, welche unvorſichtig und tollkuͤhn in die Stadt gedrungen, waͤren entweder ge⸗ fangen oder getoͤdtet worden. Den dritten Tag habe ſich auch die Beſatzung der Cita⸗ delle ergeben, welche von den wuͤthenden Italienern faſt ganz niedergemetzelt worden waͤre. Die Sachen der Kreuzfahrer ſtanden ziemlich gut, obgleich das Heer taͤglich ſchwaͤ⸗ cher wurde. In den letzten Tagen des Jahres 1098 zog der groͤßte Theil des Heeres nach der 1 — dig am Kreuze ſtarb. Das ganze Heer ſank 6. Juni 1099. heiligen Stadt Jeruſalem; doch blieb eine ſtarke Beſatzung in Antiochien zuruͤck. Nach vielen kleinen Gefechten und nach den groͤßten Beſchwerden ſahen ſie endlich die erſehnte Stadt. Ein andaͤchtiger Schauer ergriff ſie.„Jeruſalem! Jeruſalem!“ rie⸗ fen ſie mit vereinter Stimme, und ſelbſt rohe Krieger vergoſſen bei dieſem Anblick Thraͤ⸗ nen. Mit dem Gefuͤhl der Freude vereinigte ſich die Dankbarkeit gegen den Vater im Himmel und das Gefuͤhl der Ehrfurcht vor dem Erhabenen, der in dieſer Stadt unſchul⸗ auf die Kniee und kuͤßte den heiligen Boden, auf dem Jeſus Chriſtus einſt wandelte. Un⸗ ter lautem Singen und Beten ruͤckte nun das Heer vor die Stadt. Dieſes war der Von jenen 300,000 Mann waren hoͤch⸗ ſtens noch 40,000 uüubrig. Davon waren 10,000 Mann in Antiochien geblieben und nur 30,000 kamen vor Jeruſalem an, um 4 dieſe ſtark befeſtigte Stadt, welche von 60,000 Mahomedanern vertheidigt wurde, zu erobern. Aber der Glaube belebte ſie zu den kuͤhnſten Thaten. Nur mit den groͤßten Muͤhſeligkeiten konnte Holz zu den Belagerungszeugen her⸗ beigeſchafft werden, weil die Baͤume in der ganzen Gegend vernichtet worden waren. Am fuͤnften Tage wagte man wirklich einen Sturm. Der Angriff war heftig, wurde jedoch vom Feinde abgeſchlagen Eh⸗ renfels kaͤmpfte wie ein Loͤwe.„Gott will es!“ ſchrie ſein Freund Rheinſtein, kuͤhn eine Leiter erſteigend. Aber ſchon war ſein Loos gefallen, ein großer herabgeworfener Stein zerſchmetterte ihn. Die Trompeten blieſen zum Ruͤckzuge, aber nur ungern folg⸗ ten die Krieger dieſem Rufe. Betruͤbt grub Ehrenfels dem Freunde ſein Grab und legte ihn in voller Ruͤſtung hinein. Nur er war von den Rittern am Rhein noch uͤbrig, und wohl ihm, wenn er hier gefallen waͤre. — — 255— Mangel an Waſſer und Brod wirkte nachtheilig auf das ganze Heer, denn Miß⸗ muth und Reue ſtellte ſich ein. Aber, als die Noth am groͤßten war, erhielten ſie von Jappe aus neue Truppen und Lebensmittel, wobei viele Zimmerleute waren. Die Ver⸗ fertigung der Maſchinen wurde eifrig betrie⸗ ben und hoͤlzerne Thuͤrme und Leitern in Menge verfertigt. Die Prieſter riethen: daß man einen feierlichen Umzug um die Stadt halten ſollte, ehe man wieder einen Sturm wagte. Dies geſchah. Die Geiſtlichkeit ging voran, weiß gekleidet, Reliquien, Kreuze und Bilder der Heiligen tragend. Ihr folgten die Anfuͤhrer und Ritter, alle mit Waffen, aber zu Fuß. Trompeten ſchmetterten, der Geſang ver⸗ ſtummte und einige Anfuͤhrer hielten kraͤftige Reden. Auf den Mauern der Stabt ſtan⸗ den waͤhrend des Umzuges viele Mahome⸗ daner, die Kreuzfahrer verfpoͤttend und ihre 8 Geſaͤuge nachaͤffend. 1 — 256— Kaum erſchien das Morgenroth, als der Sturm mit Lebhaftigkeit begann. Auf bei⸗ den Seiten wurde mit Erbitterung geſtritten. Die Belagerten warfen auf die Stuͤrmenden brennende Balken, deren Feuer ſich mit Waſſer nicht loͤſchen ließ, ſo wie auch Toͤpfe voll von dieſer brennenden Materie. Schon war mancher Brave gefallen und noch nichts entſchieden, da wurde abermals das Zeichen zum Ruͤckzuge gegeben. Aber jetzt zeigte ſich auf dem Oelberge ein Ritter in goldner Ruͤ⸗ ſtung, mit dem Schwert winkend, den Kampf fortzuſetzen. Dieſe Erſcheinung hielten ſie fuͤr einen Abgeſandten Gottes, Der Kampf begann von neuem. Die erſte Mauer wurde niedergeriſſen und die zweite mit Huͤlfe ei⸗ nes hoͤlzernen Thurmes, worin eine Fall⸗ bruͤcke angebracht war, erſtiegen. Ehrenfels ſchien den Tod zu ſuchen, waͤhrend Sittah fuͤr ſeine Erhaltung im Zelte betete. Er war der Erſte, der ſeitwaͤrts vom Oelberge die Mauer erſtieg. Schrecklich wuͤtheten ihre “ — — 257— ihre Schwerter unter Mahomedanern und Juden. Die Geſchichte erzaͤhlt: daß an die⸗ ſem Tage 30,000 Menſchen das Leben ver⸗ loren haͤtten. Um nicht laͤnger Zeuge dieſer Grauſamkeiten zu ſeyn, wallfahrtete der edle Ehrenfels mit bloßen Fuͤßen nach der Kirche des heiligen Grabes. Hier betete er ſechs Stunden, und ging dann geſtaͤrkt und mit einem guten Gewiſſen nach dem Zelte, wo ihn Sittah mit Sehnſucht erwartete.„Wenn es Dein feſter Entſchluß noch iſt, traute Sittah,“ ſprach er zu ihr,„mir nach Deutſch⸗ land zu folgen und eine Chriſtinn zu werden, ſo wollen wir in einigen Tagen abreiſen. Mein Zweck iſt erreicht; ich betete da, wo mein Heiland fuͤr mich ſtarb.“„Ich folge Euch,“ laͤchelte ſie, ihn an die wogende Bunſ druͤckend. Der Wind war guͤnſtig. Ein genueſiſches Schiff lag ſegelfertig im Hafen zu Jappe, N — 258— als Ritter Carl von Ehrenfels und Sitteh ankamen. Eine leichte Barke brachte ſie dar⸗ auf. Nach einigen Stunden wurden die Anker gelichtet und raſch durchſchnitt es die wogenden Fluthen. Ernſt und ſchweigend ſtand Sittah neben dem Ritter auf dem Verdecke, nach dem heiligen Lande zuruͤck⸗ blickend. Sittah verließ ihr Vaterland, wel⸗ ches ihr durch manche Erinnerung ſo theuer war, und folgte einem Manne, den ſie in⸗ nig liebte, aber fuͤr ſie verloren war, in ein fernes kaltes Land, wo ſie die Religion ih⸗ rer Eltern abſchwoͤren wollte, um eine Chri⸗ ſtinn zu werden. Ehrenfels hatte in dieſem Lande ſeine drei Jugendfreunde verloren, fern von der geliebten Heimath ruhten ſie in un⸗ geweihter Erde. Lebte wohl auch Gertrud noch, und was wird dieſe Eiferſuͤchtige zu der Heidendirne ſagen? Dieſe und aͤhnliche Betrachtungen brachten gar tiefe Runzeln auf der ſonſt glatten Stirn hervor. Die ganze Mannſchaft auf dem Schiffe beſtand aus zuruͤckkehrenden Kreuzfahrern, wovon der groͤßte Theil nicht einmal am hei⸗ ligen Grabe gebetet hatte, ſondern nur ein oder zwei Jahre hier geweſen war. Der Wind war und blieb guͤnſtig. Ein heiterer Himmel lachte ſtets und ſo landeten ſie nach einer monatlichen Fahrt, ohne das geringſte Ungluͤck, an Italiens Kuͤſte. Sit⸗ tah war entzuͤckt uͤber dieſes ſchoͤne Land. Sie mußten beide die Reiſe nach dem Rhein zu Fuß antreten, welches dem Ritter in der Ruͤ⸗ ſtung ſehr ſauer wurde. Zuweilen begegneten dem Paare italieniſche Ritter und lachten verſtohlen den deutſchen Lumps, ſo wurden die Ritter von ihnen genannt, recht weid⸗ lich aus. Es war im October, als ſie den deutſchen vaterlaͤndiſchen Boden betraten. Sittah kniete hier weinend nieder, kuͤßte die Erde und rief mit gen Himmel gewandtem Blicke: „Vater im Himmel, gieb mir in dem neuen Vaterlande die Ruhe meiner Seele wiedert 174 4 R 2 — 260— Ehrenfels betete an ihrer Seite, wobei ſeine Augen ſich mit maͤnnlichen Thraͤnen fuͤllten. Das Wetter wurde jetzt unguͤnſtig. Der Himmel hatte ſich mit weiß⸗grauen Wolken überzogen, die einen kalten Regen fallen lie⸗ ßen und der Wind pfiff ungeſtuͤm dazwiſchen. Die Weinleſe war vorbei; ſelten daß noch in einem Berge Trauben vorhanden waren, wo dann aber die Winzer und Winzerinnen ein großes Feuer gemacht hatten, das vom Winde nach allen Richtungen getrieben wurde. Auf dem majeſtaͤtiſchen Rheine zogen duͤſtere Nebel in wunderlichen Geſtalten.„Euer Vaterland,“ klagte hier Sittah,„gefaͤllt mir nicht. Ach! bieſe Angſt, dieſe Beklem⸗ mung, die ich, auf der Bruſt habe! Ich ſtehe hier aber auch ganz allein in der gro⸗ ßen Schoͤpfung, ohne Vaterland, ohne Freun⸗ de—.„Ich bin Dein Freund,“ rief Ehrenfels,„und werde es immer bleiben, drum ſey außer Sorgen, traute Sittah!“ Bei dieſen Worten umſchlang er das Maͤd⸗ *4 5 chen, ſie auf die Stirn kuͤſſend.„Mir iſt's ſchon leichter um das Herz,“ erwiederte ſie, „wenn Ihr nur gut mit mir ſeyd. Da lagen ſie, die Burgen ſeiner Freunde, die im fernen Lande ruhten, und ſchienen ihn zu fragen: Wo ſind unſere Herren und die Knappen und Reiſige, die mit ausgezo⸗ gen ſind? Ach! nur er kehrte allein zuruͤck. Das Herz pochte ihm hoͤrbar, ehe er ſeine Burg ſah. Jetzt bog er um einen Huͤgel, und— da ſtand ſie noch, an deren Felſen ſich der Rhein ſchaͤumend brach. Sittah konnte ſich aber nicht mitfreuen, ſie ſah aͤngſtlich dahin und weinte heiße Thraͤnen. Da Sittah noch in maͤnnlicher Kleidung war, ſo nahm ſie der Ritter ſogleich mit auf ſeine Burg. Mit geſchloſſenem Viſir ver⸗ langte er von dem Thorwaͤrtel vor die Burg⸗ frau gefuͤhrt zu werden, indem er wichtige Kunde aus Palaͤſtina mitbraͤchte. Ein Knappe fuͤhrte ihn hierauf in das Geſellſchaftszimmer. Sittah mußte an der Thuͤr harren. Hier war alles noch ſo, als er es verlaſſen hatte. Da hing ſeine Laute noch, auf der er zuletzt geſpielt, und ſchnell nahm er ſie herab, um bei dem Eintritte ſeines Weibes ihr ſogleich ein ihr bekanntes Lied zu ſpielen. Er klimperte und ſtimmte noch, da erſchien Gertrud, und mit einem⸗ mal ſprangen alle Saiten.„Ha! welche Bedeutung hat dies!“ rief der Ritter aus, und ließ die Laute fallen, wodurch ſie in viele Stuͤckchen zerſprang.„Hoͤr ich recht,“ rief Gertrud freudig aus,„taͤuſchen mich meine Augen nicht, ſo mußt Du mein Carl ſeyn!“„Ich bin's,“ ſagte er,„Du mußt fleißig an mich gedacht haben, ſonſt wuͤrdeſt Du mich nicht gleich erkannt haben, denn das Viſir verhuͤllte ja mein Geſicht!“„In dieſen ſchrecklichen drei und einem halben Jahre habe ich nur an Dich gedacht, ſelbſt im Gebete—“. Sie ſprach nicht mehr aus, Mund ruhte auf Mund und Herz an Herz. Als ſich die Kunde verbreitete, der Rit⸗ ter ſey wiedergekehrt, da erſcholl ein lautes Vivat im Burghofe. Ehrenfels zeigte ſich am Fenſter, ihnen dankend. Der Weinkel⸗ ler wurde fuͤr ſie geoͤffnet und noch lauter ertoͤnten die Ausrufungen der Freude. Gertrud ließ den Geliebten nicht von ih⸗ rer Seite, und dieſer glaubte, daß es jetzt die beſte Gelegenheit ſey, ſie zu unterrichten, daß er einem tuͤrkiſchen Maͤdchen, welches mit hier ſey, das Leben zu verdanken habe. Er erzaͤhlte ihr die ganze Geſchichte ausfuͤhr⸗ lich und ſchilderte des Maͤdchens Edelmuth, als ſie ihn in der Wuͤſte mit ihrem Blute ernaͤhrt und errettot habe, mit den lebhafte⸗ ſten Farben.„Nur ihr habe ich mein Le⸗ ben zu verdanken,“ fuhr er mit Begeiſterung fort, ohne auf die verdrießliche Miene Ger⸗ truds zu achten,„ohne ſie wäre ich nicht maehr. Du ſchweigſt und dankſt ihr wohl nicht im Herzen? Ich bin dankbarer, ich habe ſie mit hierher gebracht, Du ſollſt ihre Freundinn ſeyn!“„Was! ſie mit hier!“ — 264— ſtotterte Gertrud, und alle Farbe wich ihr vor Zorn aus dem Geſichte. Ehrenfels oͤffnete die Thuͤr und fuͤhrte die zitternde Sittah an ſeiner Hand in das Gemach. Als die Eiferſuͤchtige das ſchoͤne Maͤdchen, mit den gluͤhend ſchwarzen Augen und dem Rabenhaar, in der maͤnnlichen Klei⸗ dung ſah, da entbrannte ihr Zorn, und wie eine Furie ſchleuderte ſie Sittah zuruͤck, die ihr die Hand kuͤſſen wollte, und ſchrie: „Elende, nichtswuͤrdige Buhl⸗ und Heiden⸗ dirne, entferne Dich, oder ich kratze Dir Deine ſchwarzen Teufelsaugen aus!“„Ver⸗ giß nicht,“ ſagte Ehrenfels zu der Wuͤthen⸗ den,„daß dieſes Maͤdchen die Retterinn meines Lebens iſt, ſie iſt keine Buhldirne!“ Bei dieſen Worten faßte er Sittah bei der Hand. Hierdurch wurde die Eiferſuͤchtige in die graͤnzenloſeſte Wuth verſetzt. Sie ſpie der Geaͤngſtigten in das Geſicht, uͤberhaͤufte ſie mit Schmaͤhungen, und zeigte große Luſt, der Nebenbuhlerinn die Schaͤrfe ihrer Naͤgel fuͤhlen zu laſſen. Sittah war ſprachlos und ſtarrte verzweiflungsvoll bald zur Erde, bald auf das wuͤthende Weib. Da ermannte ſie — 265— ſich, ſah den Ritter mit einem unausſprech⸗ lichen Blick an und ſagte leiſe:„Sittah wird Euch ewig lieben, aber den haͤuslichen Frieden hier nimmer ſtoͤren. Lebt ewig wohl!“ Mit dieſen Worten floh ſie aus dem Gemach, erſtieg einen Felſen, der ſchon halb in den Rhein hing, und ſtuͤrzte ſich ſchnell in die tobenden Fluthen, ehe es der Ritter, welcher ihr gefolgt war, verhindern konnte. Der Leichnam der Ungluͤcklichen wurde ge⸗ funden. Der Ritter kniete bei ihr nieder und ſchwur feierlich: Sein Bett nimmer wieder mit ſeinem Weibe zu theilen; er hielt Wort. In aller Stille wurde ihr Koͤrper unter je⸗ ner Eiche begraben, bei der Ehrenfels ſo oft als Knabe geſpielt hatte. Hier ſaß er zuweilen den ganzen Tag, ohne zu eſſen oder zu trinken, und blickte ſtarr auf eine Stelle. Auf der Burg herrſchte von jetzt an tiefe Trauer, kein Freudengeſchrei erſchallte mehr, denn der ſo geliebte Herr wankte taͤglich dem Grabe zu. Erloſchen war ſein feuriger Blick, die Augen lagen hohl und tief, und muͤhſam konnte er ſeinen Koͤrper nur noch fortſchleppen. Am 1. Januar 110o fanden ihn ſeine Ge⸗ — 266— treuen vor Kaͤlte erſtarrt, mit einem Stuͤck der zerſprungenen Laute, auf dem Grabe Sittahs. Seine Dienſtmannen folgten weinend ſeiner Leiche, die im Familiengewoͤlbe beigeſetzt wurde. Mit ihm erloſch der Stamm Ehrenfels. Sein eiferſuͤchtiges Weib ging in ein Klo⸗ ſter, dem ſie ihre Guͤter vermachte. Die Burg wurde zwar verkauft, doch ver⸗ ſiel ſie nach und nach. Hohes Gras wucherte uͤppig empor und Epheu ſchlang ſich traulich um die Ruinen. Die Eule und das Raub⸗ thier ſchlugen hier ihr Lager auf und traurig ſenkten ſich die hohen Thuͤrme. Noch jetzt betrachtet der Wanderer mit Erſtaunen und Burg, und ſieht hieraus, daß hienieden Al⸗ les— vergaͤnglich iſt. —õõ—õ—ℳ— Grauen die Ruinen dieſer ſonſt herrlichen Bei J. F. Flick in Rathenow iſt fer⸗ ner erſchienen und in jeder Buchhand⸗ lung zu haben: Exempeltafeln zur Uebung des Rech⸗ nens mit den neuen Preuß. Silbergro⸗ ſchen, als Anhang zu den Junkerſchen und Wilbergſchen Exempeltafeln, bearbeitet von einem praktiſchen Schulmanne. 10 ſgr. oder 8 gr. Cour. Vorlegeblaͤtter zur Uebung des Kopf⸗ rechnens in Elementarſchulen, mit Be⸗ ruͤckſichtigung der Silbergroſchen. 12 ſgr. oder 10 gr. Cour. (Dieſe Exempeltafeln und Vorlegeblaͤtter eignen ſich nicht bloß zum Schulgebrauch, ſondern auch, um die Kinder außer der Schule darnach rechnen zu laſſen und nuͤtzlich zu beſchaͤftigen. Da bis jetzt noch keine in dieſer Art erſchie⸗ nen ſind, und doch haͤufig deren Beduͤrfniß gefuͤhlt worden, ſo werden Lehrer ſolche ſich gewiß gern anſchaffen.) Vaterlaͤndiſche Declamationsuͤbun⸗ gen fuͤr Deutſchlands Soͤhne, als Geſchenk an Geburtstags⸗ und anderen Feſten. Mit Umſchlag geheftet. 10 ſgr. oder 8 gr. Cour. 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Da nun dieſe Augen⸗ und Zeichenſprache noch mehr Stoff zu geſellſchaftlichen Unter⸗ haltungen geben kann, ſo wird ſie gewiß ei⸗ nen nicht geringen Beifall erhalten.) Schickſalsmacht oder das menſchliche Ungeheuer, und die Huͤtte am See. Zwei Novellen von Th. Hildebrand. 1 rthlr. 3 Rache und Verhaͤngniß. Novelle von Otto von Billau. 1 rthlr. Gedruckt bei J. F. Flick in Rathenow. n 8 — 2. ———— ———