8— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 3 Teih- und Jeſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Linterkegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 7 Mk.— Pf. „ 3„„. 3„.. 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf gufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. — N Der zerbrochene Poſtwagen im thuͤringer Walde. 1 Humoriſtiſche Erzaͤhlungen 8 1 von Guſtav Friedrichſohn. Eiſen berg, im Verlag der Schoͤne ſchen Buchhandlung. 1831. Der zerbrochene Poſtwagen. —— 8 — ———y— Di Deligence, die von O.... nach S.. geht, war lange nicht ſo reichlich beſetzt geweſen, als ſie es in den letzten Tagen des 2 Decembers 182* war. Ein etwas aͤltlicher K aufmann, der an ſeinem fremden Accent leicht fuͤr einen Frau⸗; *zoſen erkannt wurde, ob er gleich weit gelaͤufiger Deutſch ſprach als ſeine Landsleute in der Regel, ein junger preußiſcher Referendarius, ein bairi⸗ ſcher T Beamter und ein Herr der ſeinem Anzuge nach ein Geiſtlicher zu ſeyn ſchien, waren die Hauptinſaßen des Wagens. Zu ihnen hatten ſich noch einige Knaben geſellt, die aus einer r Nanon ach Hiſe in dem C Chriſ Ifeſte aaiin Der er aie nern der Kutſche zu finden, in Wa der Poſtillion ſchwang ſich auf, und ſ fuhr — 2— Geſellſchaft, von vier magern Kleppern gezogen/ bei Anbruch der Daͤmmerung langſam zur Stadt hinaus. Anfangs ging es ziemlich raſch vorwaͤrts, aber bald erreichten die Reiſenden den Fuß des Gebirgs, und nun mußte Schritt vor Schritt ge⸗ fahren werden. Zu allem Ungluͤcke erhob ſich auch noch ein Schneegeſtoͤber das immer heftiger wurde, und, da es den Pferden gerade entgegen kam, ſie oft zum Stillſtehen zwang. Der Poſti⸗⸗ lon fluchte uͤber das Wetter, der Condukteur ſeufte und die Geſellſchaft im Wagen huͤllte ſich dichter in ihre Maͤntel und verſank bald, nachdem das Geſpraͤch eine Zeitlang matt fortgeſchlichen war/ in eine gaͤnzliche Stille, die nur zuweilen durch das Fluͤſtern und Lachen der Knaben unterbrochen wurde. So mochten anderthalb Stunden verſtri⸗ chen ſeyn, die Nacht war ſtockfinſter, und blos die duͤſtere Laterne des Condukteurs warf ihr blei⸗ ches Licht in den Poſtwagen, der ſo langſam fort⸗ kroch, daß man ſeine Bewegung nur an den maͤch⸗ iigen Stoͤßen erkannte, die auf der ſteinigen Land⸗ ſtraße nicht ſelten waren. Endlich unterbrach der Franzoſe die Stille.„Wir ſind nun wohl ſchon „mitten im Walde?“ fragte er.„Ja wohl,“ antwortete der Refer endarius,„und zwar geben — 44 — 3— „ſich die Pferde die moͤg lichſte Muͤhe uns gerade „auf eine der ſteilſten Stellen des Gebirgs hin⸗ „aufzuziehen.“*—„Und iſt es auch ganz ſicher „hier?“ fuhr der Kaufmann fort,„„ man hoͤrt „ſoviel von der Unſicherheit dieſes Waldes erzaͤh⸗ „len, und dieſe Nacht iſt recht fuͤr Raͤuber ge⸗ „ſchaffen. Wir thaͤten doch wohl gut, unſere „Waffen hervorzuſuchen.“— Bei dieſen Worten zog er ein Paar Piſtolen hervor, zog die Kappe von jedem Schloße und unterſuchte vorſichtig, ob auch Pulver auf der Pfanne ſey. Als er alles in Ordnung gefunden hatte, ſteckte er die Piſtolen in die Wagentaſche, die ihm am naͤchſten war. „Ach hier giebts keine Naͤuber,“ ſagte einer der Knaben, der dem Franzoſen aufmerkſam zu⸗ geſehen hatte,„hier koͤnnen Sie ganz ruhig ſeyn. „Ich bin ſchon zu allen Jahreszeiten durch den „Wald gekoßmen, aber ich habe noch keinen Raͤu⸗ „ber geſehen.—„Der Kleine hat Recht,“ fiel der Referendarius ein,„hier iſt alles ſicher, und der „Herr Franzoſe braucht keine Furcht zu haben.“* „Furcht!“ rief dieſer aus, und ſein Auge flamm⸗ te:„Furcht! ich kenne keine Furcht, und kein Tranzoſe kennt ſie, aber Worſch iſt keine gurchte gegnete der Referendarlus,„aber das kein Fran⸗ „zoſe die Furcht kenne, daß iſt nicht wahr. Als „ſie der alte Bluͤcher 1813, 14 und 15 jagte, da „kannten ſie die Furcht gar wohl.““ Bei dieſen Worten waͤre es in dem innern Bezirke der Kutſche faſt zu Kaͤmpfen gekommen, denn der Kaufmann machte eine ganz unzweideutige Bewegung nach ſeinem Widerſacher hinuͤber, wurde aber von den 5 Geiſtlichen faſt mit Gewalt auf ſeinem Platze feſt⸗ 1 gehalten und mit beſaͤnftigten Worten zum Frie⸗ den ermahnt. Auch der Baier redete den Strei⸗ 4 tenden zu, und ſo gelang es ihnen, den Kauf⸗ mann zur Ruhe und eine Verſohnung zu Stande„ zu bringen. So wurde im Innern der Friede geſchloſſen, aber drauſſen ging es, wenigſtens in der Natur, um ſo ſtuͤrmiſcher zu. Je hoͤher man kam, um ſo furchtbarer brauſte der Sturm, um ſo dichter ſiel der Schnee; es gehoͤngg alle Orts⸗ kenntniß des Poſtillons dazu, um 4. aus dem Wege zu kommen, und doch mußte er oft anhal⸗ ten, abſteigen und ſich umſehen. Die Reiſe ging natuͤrlich nur ſehr langſam vorwaͤrts. Endlich ſchien man doch die Hoͤhe erreicht zu haben, denn ſoviel man in der Dunkelheit bemerken konnte, waren die Baͤume dicht am Wege jetzt viel nie * 4* . — J— driger als vorher, und bald darauf kam man auch auf eine freie Ebene. Der Poſtillon trieb die Pferde an, aber kaum waren dieſe einige hun⸗ dert Schritte im Trabe gelaufen, als die Kutſche von einem tuͤchtigen Stoße erſchuͤttert wurde, und ſich auf die Seite ſenkte. Der Schwager hielt an, der Condukteur ſprang fluchend aus dem Cabrio⸗ let, oͤffnete den Wagen und erklaͤrte den Reiſen⸗ den, daß ein Rad gebrochen ſey/ mit dem der Poſtillon an einen Stein angeſtoſſen habe.„Gluͤck⸗ „licher Weiſe,“ ſetzte er hinzu,„ ſind wir dicht „bei einem Dorfe, wo wir die Nacht bleiben koͤn⸗ „nen, denn an Weiterreiſen iſt vor morgen fruͤh „wohl nicht zu denken. Die Geſellſchaft ſtieg aus und erreichte nach einigen Minuten das Wirthshaus, deſſen uͤber⸗ heitzte Stube von mehreren Fuhrleuten in Be⸗ ſchlag genommen war. Ein oberes Zimmer wurde indeſſen hs und nach einer Stunde fand ſich die Geſellſchaft aus dem Poſtwagen bei einem fru⸗ galen Mahle zuſammen, daß blos durch einige Flaſchen Burgunder gewuͤrzt wurde, die der Fran⸗ zoſe aus ſeinem Flaſchenfutter gaſtfrei zum Beſten gab. Als das Eſſen geendet war und die ſellſchaft eine Streu beſtellen wollte/ erſchien Condukteur und verkuͤndete, daß unerwartet Huͤlfe gekommen ſey. Er hatte naͤmlich bei dem Wirthe ein gerade paſſendes Rad gefunden und wollte deshalb nur den Aufgang des Mondes abwarten, der in einigen Stunden erfolgen mußte, um die Reiſe fortzuſetzen.„Wenn er bei dem Schnee⸗ „geſtoͤber auch ſo hell nicht ſcheint als gewoͤhnlich/“ fuͤgte er hinzu,„ſo leuchtet er doch immer etwas, „und gut iſt es, wenn wir bald wegkommen, „denn wenn es bis Morgen ſo fortſchneet, ſo „wuͤrde der Weg kaum mehr zu paſſiren ſeyn.*— Die Geſellſchaft, durch den Burgunder ange— feuert, beſchloß munter zu bleiben, und der Geiſt⸗ liche ſchlug vor die Zeit dadurch hinzubringen, daß ein Jeder etwas aus ſeinem Leben oder aus dem Leben eines Bekannten erzaͤhle. Der Vor⸗ ſchlag wurde angenommen, und zur Erwaͤrmung ſchlug der Referendarius einen Punſch vor, zu dem er ein Paar Flaſchen Eſſenz 3 fuͤhrte. Sie wurden aus dem Wagen herbeige⸗ polt, und bald ſaß die Geſellſchaft an dem war⸗ men Ofen um dem dampfenden Punſchnapf her⸗ um; blos die Knaben hatten ſich zum Schlafen niedergelegt. Man looſte wer mit dem Erzaͤhlen ig bei ſich den Anfang machen ſollte, und das Loos traf den —,— 4 — — —. — 2— bairiſchen Beamten.„Ich kann,“ ſagte er, „Ihnen zwar aus meinem Leben nichts von Be⸗ „deutung mittheilen, doch darf ich Ihnen die „Heirathsgeſchichte meines Nachbars, des Land⸗ „richters Werner in O.... zum Beſten geben, „wie er ſie ſelbſt mir erzaͤhlt hat.”“ Er brannte ſeine Pfeife noch einmal an und begann dann wie folgt: 1. Der Commerzienrath Gieshuͤbel ſaß in der Daͤmmerſtunde eines kalten Februar⸗Abends ein⸗ ſam auf ſeinem wohlgepolſterten Lehnſtuhle. Sein Leib ſtack im großen brokatnen Schlafrocke, ſein Kopf in der Federmuͤtze und ſeine Fuͤße in den Podagraſtiefeln. Das Zipperlein, dieſer unartige Gaſt, hatte ſich ſeit einigen Tagen mit ſolcher Heftigkeit bei ihm eingefunden, daß nicht einmal ſeine taͤgliche EHombre Parthie bei ihm aushal⸗ ten konnte, ſondern ſich auf der Reſource nach einem anderen vierten Manne umſehen mußte. Der Commerzienrath war ein Junggeſelle, und die Tochter ſeiner verſtorbenen Stiefſchweſter, eine arme Waiſe, fuͤhrte ſeinen Haushalt. Dieſes gute Kind verließ in dieſer Leidenszeit den Oheim faſt nie, und nur manchmal beſuchte ſie gegen Abend eine Freundin auf ein Stuͤndchen. Heute hatte, zu ſeinem Ungluͤcke, der Oheim ſie ſelbſt zum Ausgehen ermahnt, da ſeine Schmerzen etwas nachgelaſſen hatten, aber kaum war ſie fort, als dieſe heftiger wieder kamen. Gieshuͤbel griff nach der ſilbernen Schelle, womit er ſeine Leute kom⸗ mandirte; aber ſie entſchluͤpfte ſeinen, vor Schmerz zitternden Haͤnden und rollte eine Strecke in der Stube fort. Umſonſt rief er jetzt: Johann! Chri⸗ ſtian! Heinrich! ſein Rufen verhallte in dem wei⸗ ten Hauſe, und jetzt ſchallten auch die Trommeln eines in die Stadt einmarſchierenden Regiments in ſeine Ohren. Richtig, dachte er, nun ſind hiig die Schlingel alle weggelaufen, um die Franzoſen einziehen zu ſehen, und du kannſt lange warten, bis ſich einer um dich bekaͤnmert. Und wer weiß wenn Julchen nach Hauſe kommt? wer weis in welcher Theegeſellſchaft ſie jetzt ſitzt. oder am Ende gar—. Er mochte den Gedanken nicht ausdenken. Der Commerzienrath war naͤmlich ſeiner Nichte nicht wenig gewogen, und manch⸗ mal ging er ſogar mit dem heroiſchen Plane um, ſeinem vier und fuͤnfzigjaͤhrigen Junggeſellenſtande zu entſagen und das zwanzigjaͤhrige Muͤhmchen c.. e 1* zu frelen. Jetzt ſiel es ihm ploͤtzlich ſchwer au 5 Jehl 9 ous die Urſache ho 83; O: eutigen Beſuche Ju liens bei der Raͤthin rner ſey, und er vergaß in ſeiner Angſt, daß ₰ 8₰ Der gute Commerzienrath hatte allerdings das rechte Fleck getroffen.— Indeſſen trug die Ausſicht auf Einquartierung auch nichts zur Verminderung ſeiner Unruhe bei, und er hoͤrte ſchon im Gedanken die Fluͤche der Offiziere uͤber ſeinem Haupte donnern, wenn nie⸗ mand zu ihrem Empfange und ihrer Bedienung bereit waͤre.— In dem Augenblicke hoͤrte er etwas leiſe uͤber den Vorſaal kommen und an ſeiner Stubenthuͤre anklopfen. Auf ſein: Herein! trat ein langer, ſchmaͤchtiger Mann in's Zimmer, um deſſen blaſ⸗ ſes Geſicht verworrene ſchwarze Haare wild herum hingen. Mit matter Stimme begann er: Guten Abend, Herr Commerzienrath; erlauben Sie mir guͤtigſt, daß ich mich ſetze und hier von meinem Schrecken ausruhe. Bei dieſen Worten ſchlich er langſam durchs Zimmer und pflanzte ſich dem ſie heute ſelbſt zum Ausgehen beredet hatte.— Podagraiſten gerade gegenuͤber. Dieſer, uͤber das ſonderbare Betragen des wild⸗fremden Menſchen — 10— nicht wenig erſtaunt, wollte ihm eben mit bar⸗ ſchen Worten die Thuͤre weiſen, als ihm ſeine huͤlfloſe Lage einfiel, und ſo fragte er blos etwas ſcharf: wen er die Ehre habe bei ſich zu ſehen, und womit er dienen koͤnne?— Ei, ei, mein verehrter Herr Commerzienrath, Sie ſind in der That ſehr zu bedauern, daß Sie die Ehre nicht haben, mich perſoͤnlich zu kennen, mich, von dem man taͤglich in der ganzen Welt ſpricht und hoͤrt, in Wien wie in Petersburg, in Paris wie in Rom. Ja Herr, ich bin der beruͤhmte Schwarz⸗ kopf, der große Kapellmeiſter, der goͤttliche Ton⸗ ſetzer, von dem das kleinſte Notenblaͤttchen mehr werth hat, als Ihr groͤßter Solawechſel zahlbar nach Sicht. In meiner neuſten Oper kommt eine Monfexina vor, gegen den Mozarts Menuet im Don Juan nichts, gar nichts iſt; merken Sie wohl, mein Herr, nichts, gar nichts, ſage ich. Ich werde Sie ſo gluͤcklich machen, Ihnen dieſelbe vorzuſpielen, und ich wette die ganze Oper ge⸗ gen lumpige tauſend Friedrichsd'or, daß er Sie zum tanzen bringt, trotz dem Podagra! Nach dieſer Rede erhob er ſich und ſchritt gravitaͤtiſch dem Fluͤgel zu, aller Proteſtationen des Commer⸗ zienraths ungeachtet, deſſen gereizte Nerven jetzt — 11— durchaus keine Muſik vertragen konnten. Als aber jener den Fluͤgel geoͤffnet hatte, ſah er eine Weile ſtarr auf die Claviatur, machte ihn dann langſam wieder zu, drehte ſich um und ſagte mit weh⸗ muͤthiger Stimme: Ach mein beſter Herr Com⸗ merzienrath Gieshuͤbel, es iſt Alles, Alles nichts; ich kann nicht ſpielen, die Verſchworenen leiden 4 es nicht; weder hier noch wo anders— ich kann nicht mehr ſpielen und nicht mehr komponiren! Die jetzt eintretende Pauſe benutzte der Podagraiſt zu der Bitte an den Kapellmeiſter, ihm doch die ilberne Schelle aufzuheben, die nicht weit von ihm auf dem Boden liege. Dieſer aber beachtete die Bitte gar nicht, ſondern fuhr fort: Ja die Verſchworenen, werther Herr, die ſpielen mir erſchrecklich mit. Denken Sie nur, daß allein in dieſer Stadt ſechzigtauſend Menſchen gegen mich auf den Beinen ſind, alle von den Verſchworenen gedungen, mich am Komponiren zu hindern! Mein Gott, dachte Gieshuͤbel, der Menſch muß verruͤckt ſeyn; ſechzigtauſend Menſchen! und unſere gute Stadt hat kaum zwanzigtauſend Ein⸗ wohner. Waͤre ich nur den goͤttlichen Herrn los. Sehen Sie, fuhr Schwarzkopf fort, ſo wie ich eine Note ſchreibe, ſo ſteht auch ſchon ein — —-— „* ——— — 4 Menſch vor mir, ſchreibe ich zwei Noten, ſo ſte⸗ hen zwei Menſchen vor mir, und immer ſo fort; je mehr ich ſchreibe deſto mehr Leute kommen; die tanzen dann um mich herum und ſpringen auf mein Papier, und laſſen nicht ab von mir, bis ich das Blatt ins Feuer werfe. Kaum be⸗ raͤhre ich die Taſten, ſo tanzen Maͤnner und Frauen um mich her im tollſten Gewirr, und immer toller und bunter, je laͤnger ich ſpiele, und es iſt dieſem muſikhaßenden Volke einerlei, ob es eine Kirchenmuſik oder ein Walzer, ein Adagio oder ein Allegro iſt. Vorhin ging es mir wiederg ebenſo; ich riß aus, hinunter auf die Straße; da hoͤrte ich von weitem Muſik, und auf dieſe lief ich zu. Als ich aber in ihre Naͤhe kam, hoͤrte ſie auf, und an ihre Stelle trat ein Teufelſpuk, den ein Dutzend Kerls mit Trommeln machten. Verwundert uͤber dieſen Wechſel der Dinge bleibe ich ſtehen, und ploͤtzlich ſehe ich mich von einer Maße bewaffneter Menſchen umgeben, die mich hin und herſtoßen, bis ich endlich Gelegenheit finde zu entwiſchen und durch ein Nebengaͤßchen in Ihr ſicheres Haus zu retiriren. Jetzt merke ich wohl, warum die ſchoͤne Muſik ſich hoͤren ließ; auch dieſe war veranſtaltet von den Ver⸗ „ nen Nath, kein Mittel, als dieſe Stadt zu ver⸗ — 13— ſchworenen, um mich zu locken und mich ſo in die Haͤnde der Bewaffneten zu liefern, die ſie ge⸗ gen mich gedungen haben. Denn kaum war ich ihnen entkommen, da begann auch die Muſik von neuem, aber ich ſtopfte mir die Ohren zu und hoͤrte nicht mehr auf die lockenden Sirenen. Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung war es dem armen Schmerzensmanne immer deutlicher geworden, wes Geiſtes Kind ſich zu ihm gefluͤchtet hatte. Das Bewußtſeyn ſeiner Huͤl floſigkeit, ſeine ein⸗ gewurzelte Scheu vor Verruͤckten bewogen ihn zu dem Verſuche, aufzuſtehen und ſich der Glocke zu bemaͤchtigen. Umſonſt; ein fuͤrchterlicher Stich des Podagra's warf ihn ſogleich wieder in den Lehn⸗ ſtuhl zuruͤck. Was wimmern denn der Herr Commerzienrath ſo klaͤglich? frug Schwarzkopf halb weinend, halb lachend: ja, ja, das liebe Podagra mag wohl manchmal unſauber mit ſeinen Patienten verfah⸗ ren, aber was iſt das gegen meine Leiden? Ich habe Melodien im Kopfe— Melodien, die das Chor der Engel mit Entzuͤcken ſingen wuͤrde, und darf ſie nicht zu Papiere bringen? Iſt das zu er⸗ tragen? Und wie iſt mir zu helfen? Ich weiß kei⸗ — 14— laſſen.— Ei, das thun Sie doch gleich, brummte der Patient.— Nicht wahr, mein Herr, fuhr der Kapellmeiſter fort, nicht wahr, Sie ſind mei⸗ ner Meinung? Ich ſollte dieſe Stadt verlaſſen, wo alles gegen meine Talente verſchworen iſt? Durch die Kabalen gegen mich, hat ſie das Gluͤck verwirkt, mich laͤnger zu beſitzen; darum werde ich den Staub von meinen Fuͤßen ſchuͤtteln und fuͤrbas wandern.— Aber— es fehlt mir an Geld, mein allervortrefflichſter Freund Gieshuͤbel, und wenn Sie mir nicht unter die Arme greifen und einige hundert Thaler vorſtrecken——— Aber Sie werden das gewiß gern thuen, um mich aus einer ſo verzweifelten Lage zu reißen! O, Sie thuen es gewiß mit Freuden, Sie kreuzbraver Mann! Und da Sie nicht aufſtehen koͤnnen, ſo will ich ſelbſt uͤber ihren Geldſchrank gehen, wenn Sie mir nur den Schluͤſſel dazu geben wollen!— Gottlob! dachte Gieshuͤbel, Gottlob, daß es dunkel iſt; der Schluͤſſel ſteckt dran, und wenn der Kerl den entdeckte, waͤre er im Stande vor meinen Augen mir den ganzen Schrank auszulee⸗ ren, ohne daß ich es hindern koͤnnte. Schwarz⸗ kopf aber ſtand auf und rannte mit zuſammenge⸗ tem Kopfe auf den * kruͤmmtem Leibe und vorgeſtreck V —ꝗ — 15— Commerzienrath zu, um ſich den Schluͤſſel zu er⸗ bitten. Der verbat ſich aber alle Zumuthungen dieſer Art, und rief unter Fluchen und Scheltwoͤr⸗ tern nach ſeinen treuloſen Chriſtians, Johanns und Heinrichs. Ei pfui doch, mein werther Herr Commerzienrath, wer wird denn ſo gottlos flu⸗ chen? Was iſt Ihnen denn? ich— hier verſtummte der Kapellmeiſter ploͤtzl ich, denn er hoͤrte Jemand kommen. Dem armen Kranken fiel ein Berg vom Herzen. Er hoffte, ein Bedienter werde ſein Rufen gehoͤrt haben und ihm zu Huͤlfe eilen; aber als die Thuͤre aufging, verkuͤndete das Klir⸗ ren eines Degens einen neuen ungebetenen Gaſt. Niemals iſt wohl eine Einquartierung mit mehr Freude von ihrem Wirthe empfangen wor⸗ den, als dieſer franzoͤſiſcher Offizier von unſerm Gieshuͤbel, obgleich jener im hoͤchſten Zorne in das Zimmer trat. Mein Herr, donnerte ihn der Offizier an, ſeit einer Viertelſtunde durchirre ich Ihr Haus, ohne einen Menſchen zu finden, der mir mein Zimmer anweißt. Sacre dieu! em- pfaͤngt man ſo die Krieger des großen Kaiſers? — Verzeihen Sie, mein Herr Oberſt(der Com⸗ merzienrath hatte die Gewohnheit, ſeine Einquar⸗ tierung immer zu befoͤrdetn), Sie ſehen ja wohl ſelbſt, daß ich durch das Podagra an dieſen Schmerzensſtuhl gefeſſelt bin und meine Bedien⸗ „ 8 ten ſind alle fortgelaufen, um Ihr Regiment ₰ einziehen zu ſehen, werden aber unſehlbar ſogleich zuruͤckkehren. Die Eſel haben mich in meiner huͤlfloſen Lage ganz allein gelaſſen, und ich armer Mann habe nicht einmal ein Licht, um meinen werthen Gaſt ordentlich ins Auge faſſen zu kdr nen. Wer iſt denn der Menſch, der eben aus Ih⸗ rer Stube lief? Iſt das kein Bedienter, oder konnte mich der nicht empfangen? Iſt der Kerl fort? erwiederte der Kranke, da⸗ fuͤr ſey Gott und Ihnen gedankt, Herr Oberſt— ach das war ein verruͤckter Muſikus, der, der Himimnel weiß wie, in mein Zimmer gekommen war, mir ſeit einer halben Stunde Unſinn vor⸗ ſchwatzte, und zuletzt ſogar— hier hielt er inne, denn dem Mißtrauiſchen fiel ein, daß der Fran⸗ zoſe vielleicht auch Luſt bekommen koͤnnte, ſeine huͤlfloſe Lage zu benutzen und ſeinem Geldſchranke zuzuſprechen. Doch der Offizier haͤtte ihm auch nicht Zeit gelaſſen, ſeine Rede zu vollenden. Er unterbrach den Kranken und bat ihn dringend, ihm ſein Zimmer anweiſen zu laſſen, damit er ſich auswaͤrmen und die Kleider wechſeln koͤnne. — 17— Wollten mir der Herr Oberſt wohl die Glocke ge⸗ ben, die dort zu Ihren Fuͤßen liegt? ich Armer kann mich weder ruͤhren noch regen. Dieſer Wunſch war kaum erfuͤllt, als Gieshuͤbel mit al⸗ ler Kraft zu laͤuten anfing. Sogleich kam auch ein Bedienter, der den Befehl erhielt, dem Herrn ſein Zimmer zu zeigen, und ihm ſelbſt einen an⸗ deren Diener mit Licht herauf zu ſchicken. Da ſaß der arme Patient wieder allein im Dunkeln, immer fuͤrchtend der Muſikus moͤchte zuruͤckkommen und ſeinen projektirten Angriff auf den Geldkaſten ins Werk ſetzen. Angſt und Schrecken hatten ſein Blut in Wallung gebracht und das Podagra tobte fuͤrchterlich. Endlich kam Johann mit Licht, und dieſer ſollte nun fuͤr alle Andere ausgezankt werden, haͤtte nur der Schmerz dem Commerzienrathe nicht die Bruſt zuſammen⸗ gezogen und die Luft benommen, die er noth⸗ wendig zum Schelten brauchte. Johann ſchien auch gar keine Luſt zu haben, ihre Ruͤckkehr ab⸗ zuwarten, und ſuchte ſich bei Seite zu druͤcken; aber des Herrn Glocke toͤnte ſobald er dazu Miene machte, und ſo blieb dem armen Schelme nichts uͤbrig, als geduldig dem Donnerwetter ent⸗ 2 S gegen zu ſehen, das ſich uͤber ſeinem Haupte zu⸗ ſammenzog. Indem erhob ſich im Hauſe Laͤrm. Das Ein⸗ quartierungszimmer zu heitzen war vergeſſen wor⸗ den, und der Offizier wollte ſich uͤber dieſe Nach⸗ läͤſſigkeit gar nicht zufrieden geben. Er kam in des Kranken Zimmer zuruͤck und beſchwerte ſich bitterlich uͤber die ſchlechte Behandlung/ die er nach einem langen und beſchwerlichen Marſche in einem ſo großen Hauſe erleiden muͤſſe. Der gute Gieshuͤbel ſtammelte vergeblich ſeine Entſchuldig⸗ ungen; da oͤffnete ſich die Thuͤre und gerade zur rechten Zeit erſchien die niedliche Nichte, um den Sturm zu beſchwoͤren. Sie, ſchon im Hauſe von der Urſache des Laͤrms unterrichtet, bat den Of⸗ fizier ſogleich wegen dieſer Saumſeligkeit um Ver⸗ zeihung, ſchob alle Schuld auf ihren Wunſch, das ſchone Regiment zu ſehen, und aus dem baͤrbeiſ⸗ ſigen Krieger wurde auf einmal ein galanter Franzoſe, der nun ſelbſt wegen ſeines unnuͤtzen Laͤrms um Verzeihung bat und ſich ruhig auf ſein Zimmer verfuͤgte, wo das Feuer ſchon luſtig im Zugofen brannte, und kurz darauf ein tuͤchtiges Abendeſſen und eine Flaſche guten Rheinweins alle Leiden des Tags vergeſſen machte. —— 019— Des alten Herrn Zorn legte ſich auch, als friſche Umſchlaͤge ſeine Schmerzen beſaͤnftigten, und beim Abendeſſen war ſeine Laune ſo gut, daß er Julien unter vielen Lachen den Auftritt mit dem Kapellmeiſter erzaͤhlen konnte. Am andern Morgen, als die Einquartierung abgezogen war, rekapitulirte der Commerzienrath in ſeinem Lehnſeſſel noch einmal die geſtern er⸗ lebten Abentheuer, und fuͤhlte ſehr lebhaft die Wahrheit des Satzes: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey. Dieſer Gedanke erhielt allemal neue Nahrung, wenn Julichen durch das Zimmer gehend, ihn bald„liebes Onkelchen”“ nannte, bald eine kleine Handreichung that, oder ihn auch nur freundlich anſah. Ja, ja, dachte er, ſo lange die noch bei mir iſt, mag alles gehen; aber wenn ſie nun einmal heirathet, dann(das Podagra gab ihm ſchon bei dieſem Gedanken einen Stich), dann bin ich ganz verlaſſen.— Er uͤberlegte ſich alles noch einmal und beſchloß bei naͤchſter Gelegenheit die gute Nichte ernſtlich zu fragen, ob ſie in wohl ehelichen wolle. Gut(ſagte er zu ſich ſelbſt) iſt mir die Kleine, das muͤßte ein Blinder ſehen, und ich bin ja auch, trotz meiner vier und fuͤnfzig Jahre, kein unebner Mann; ich habe Geld ge⸗ . 2* 8 — 20— nug meiner Zukuͤnftigen das Leben recht angenehm zu machen, bin, bis auf das Zipperlein, kern ge⸗ ſund, und weder ein Zaͤnker noch ein Murrkopf. Ich wuͤßte gar nicht, was das Maͤdchen an mir auszuſetzen haͤtte, und es bleibt dabei, noch heute bringe ich mein Wort bei ihr an. Nach dem Mittageſſen ſetzte ſich Julie, wie gewoͤhnlich, mit ihrer Arbeit zum Oheim, um ihm die Zeit zu vertreiben. Aus dem war aber heute gar nicht klug zu werden. Manchmal fing er eine Rede an, ſchwieg aber ſogleich wieder, und manch⸗ mal unterbrach er ihre Erzaͤhlungen durch ſolche Querfragen, daß ſie es endlich fuͤr beſſer hielt, ganz ſtill zu ſchweigen. Der Onkel kam nach ei⸗ nigen uUmſchweifen wieder auf das geſtrige Aben⸗ theuer und folgerte daraus, daß es beſſer fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, wenn, wenn— Wenn Sie eine Frau haͤtten, Onkelchen, fiel ihm die Nichte ins Wort. Nicht wahr ich habe es getroffen? Nun warum heirathen Sie denn nicht?— Da hatte nun Julchen dem verliebten Gieshuͤbel ſelbſt auf die rechten Spruͤnge geholfen. Schalkhaft laͤchelnd ſah er ſie an und fragte: Meinſt Du Schatzchen?— Ja, ja, lieber Onkel; ich an Ihrer Stelle haͤtte es ſchon laͤngſt gethan. „— à— — Ei, ſieh einmal! und wen meinſt Du denn, die ich ſo etwa heirathen koͤnnte? Ach, liebes Onkelchen, da gibt es eine Menge artige Maͤdchen, die ſich recht gut mit Ihnen ver⸗ tragen wuͤrden.— Da iſt z. B. Lottchen Herzig oder Linchen Gelbfuß. Biſt Du toll? fiel ihr der Oheim ins Wort, die beiden alten Naͤrrinen! Wenn Du nichts beſ⸗ ſeres fuͤr mich weißt.— Aber um Gotteswillen, ſagte Julie ganz verwundert, wen wollen Sie denn eigentlich heirathen? Ich daͤchte dieſe bei⸗ den Maͤdchen— Lottchen vier und dreißig und Linchen zwei und dreißig Jahre— die paßten recht gut fuͤr Sie; wenigſtens ſind ſie doch wohl nicht zu alt fuͤr Sie? Fuͤr mich, brummte Gieshuͤbel, fuͤr nich nicht zu alt, als ob ich ſiebzig Jahre alt waͤre. Nein liebes Kind, mit ſolchen Vorſchlaͤgen bleibe mir vom Halſe. Sieh, ich bin ein Mann in meinen beſten Jahren, und das weißt Du, das bischen Podagra abgerechnet, bin ich das ganze Jahr hin⸗ durch geſund und munter wie ein Fiſch im Waſ⸗ ſer; und ſo daͤchte ich, waͤre ich auch fuͤr ein Maͤdchen von zwanzig Jahren keine ſo ganz uͤble Parthie. Mit einem Worte, liebes Julchen, ich — à2— glaube, ich wuͤrde einen rechten guten Ehemann abgeben, und wenn Du Dich entſchlieſſeng koͤnn⸗ teſt, es mit mir zu verſuchen, ſo, ſo— Wie? rief Julie ſich verfaͤrbend, verſtehe ich recht? Sie wollen mich heirathen, mich, Ihre Nichte? Stiefnichte na. fiel der Oheim ein, Stiefnichte, liebes Kind, das aͤndert viel. Julie nahm ſich raſch zuſammen, und die alte Laune heuchelnd fing ſie an laut zu lachen und ſagte: wirklich Onkelchen, ich haͤtte mir gar nicht einge⸗ bildet, daß Sie in Ihren alten Tagen noch ſo ſpashaft waͤren. Sie mich heirathen? wirklich ein allerliebſter Spaß, und ich haͤtte mich beinahe verfuͤhren laſſen, es fuͤr Ernſt zu nehmen. Das muß ich doch gleich meiner guten Werner erzaͤh⸗ len.— Huſch, war ſie zur Thuͤre hinaus und fort aus dem Hauſe. Der arme Gieshuͤbel ſaß ganz verbluͤfft da und ſtoͤhnte: uͤber den Leichtfuß. Spaßl! ein ſchoͤner Spaß! So? die alte Gelbfuß oder die noch aͤltere Herzig ſoll ich nehmen? Wo nimmt nur der Gelbſchnabel den Muth her, ſei⸗ nen alten Oheim ſo einen Effront anzuthun? Sie meint— das merke ich wohl— ich waͤre zu alt fuͤr ſi ſie— hm! waͤre das denn wirklich wahr?— Und dieſes uͤberlegend, ſchlief er ein. — 23— Wir ſehen, daß der Commerzienrath ſich auf den Fall der Noth zu troͤſten wiſſen wird, und ſo laſſen wir ihn ruhig ſchlafen, um uns waͤhrend der Zeit mit Juliens Herzensangelegenheiten, die ein Maͤdchen von zwanzig Jahren doch nothwen⸗ dig haben muß, naͤher bekannt zu machen. Vor einem halben Jahre noch wuͤrde Julchen ſich nicht ſehr geſtraͤubt haben, dem guten reichen Oheim zum Traualtare zu folgen; denn damals war ihr Herz noch frei; ſeit dieſer Zeit aber hatte ſie den jungen Landgerichts⸗Aſſeſſor Werner ken⸗ nen und, wie ſich das zuweilen trifft, auch lieben gelernt. Wernern war es mit ihr gerade ebenſo ergangen, und ſo konnte es nicht fehlen, daß die Leutchen beſchloſſen, ſich ſo bald als moͤglich zu heirathen. Das ſtand aber noch in weitem Felde denn der arme Aſſeſſor hatte zwar Arbeit vollauf/ aber ſeine Einnahme war ſo gering/ daß ſelbſt Julie erklaͤrte: davon koͤnne kein Ehepaar leben; und ſolch' eine Erklaͤrung will bei Liebenden, die immer von Luft und Liebe zu zehren hoffen, ge⸗ wiß viel bedeuten. i Werners Eltern waren todt, und das wenige Vermoͤgen, das er von ihnen geerbt hatte, war auf Schulen und Univerſitaͤten bis auf einige — 24— hundert Gulden geſchmolzen, und dieſe mußte er jetzt nach und nach zuſetzen. Er hoffte zwar ſo gut als Julie, einſt einen wohlhabenden Oheim zu beerben; aber dieſer gab bei Lebzeiten keinen Kreutzer heraus, und hatte ſo wenig Luſt zu ſter⸗ ben als Gieshuͤbel. So waren die Hoffnungen der Verliebten fuͤrs erſte blos auf eine Befoͤrde⸗ rung Werners geſtuͤtzt, die aber in den naͤchſten Jahren auch nicht zu erwarten ſtand. Julie eilte vom Onkel weg zu der Raͤthin Werner, einer Verwandten des Aſſeſſors, wo ſie gewiß war, ihn um dieſe Zeit taͤglich zu treffen. Hier ſchuͤttete ſie nun ihr bekuͤmmertes Herz aus und erzaͤhlte unter Stroͤmen von Thraͤnen, daß der Oheim ſie heirathen wolle. Karl, ſo hieß der Geliebte, erſtarrte vor Schrecken, und als er die Sprache wieder gewann, deklamirte er in voller Wuth ſchoͤne Phraſen gegen den tyranniſchen Oheim. Er verglich den armen Commerzienrath mit dem Moloch, ſogar mit dem Saturn; wollte ihn bald umbringen/ bald fußfaͤllig um Abaͤnderung ſeines Vorhabens erſuchen, und war unerſchoͤpflich in verliebten Unſinne. Die Raͤthin Werner hatte alle Muͤhe, den toben Sturm nur ſo weit zu be⸗ ſchwoͤren, daß ſie zum Worte komſen konnte/ und — 27— 3 Nahrung verſchafft und die Zuſammenkuͤufte der Liebenden geduldet habe. Zuletzt befahl er Julien ernſtlich, jenes Haus nicht wieder ohne ſeine Er⸗ laubniß zu beſuchen, wenn ſie nicht das Seinige verlaſſen wollte, und verſicherte ihr noch einmal, daß, wenn er gleich bei ſo bewandten Umſtaͤnden ſeine Plaͤne auf ſie aufgaͤbe, doch an eine Heirath mit Herrn Werner nicht zu denken ſey. Das war nun frellich ſehr betruͤbt fuͤr die Ver⸗ liebten, aber es blieb nichts uͤbrig, als des On⸗ kels hartem Befehle zu gehorchen. Sein Haus war die einzige Freiſtaͤtte Juliens, und ſo mußte ſie ſich ſchon drein ergeben, jenes zu meiden, in welchem ſie, uͤckt durch Karls Liebe, ſo ſelige Stunden verlebt hatte. Sie blieb fortan immer zu Hauſe und klagte blos in Briefen dem Gelieb⸗ ten ihr Leid. Dieſer ſchrieb fleißig wieder, und 1 der Commerzienrath, zufrieden, daß ſeine Nichte jetzt immer um ihn war, ſeoͤrte dieſen Briefwech⸗ ſel nicht. Da er naͤmlich in ſeinem Leben nicht viele andere Briefe als Geſchaͤftsbriefe geſchrieben hatte, und immer froh geweſen war, wenn er dieſe Ar⸗ beit vollbracht hatte, ſo glaubte der gute Mann, wer nicht noͤthig habe zu korreſpondiren, werde es von ſelhſt bleiben laſſen, und Liebesbriefe, — 28— meinte er, moͤchten wohl blos in Romanen ge⸗ ſchrieben werden. So waren einige Wochen dem Podagraiſten⸗ ſowohl als den Verliebten, unter vielen Schmer⸗ zen verlaufen; da fing Gieshuͤbel an, ſich zu beſ⸗ ſern, und wie die heftigen Schmerzen aufhoͤrten, fand ſich auch die heitere Laune und die gewohnte Spielparthie wieder ein. Der Commerzienrath erkundigte ſichnnun unter der Hand bei ſeinen Mitſpielern angelegentlich nach dem jungen Wer⸗ ner, und erfuhr nichts als liebes und gutes von ihm. Jeder wußte etwas ruͤhmliches uͤber ihn zu ſagen und Alle kamen darin uͤberein, daß es hoͤchſt ungerecht ſey, einen ſo fleißigen brauchbaren Mann auf ſolcher ſu ſewirmlhir. zu laſſen; auch ſchimpfte das ganze Chor weidlich auf Wer⸗ ners geitzigen Oheim, der den armen Neffen ohne alle Unterſtuͤtzung laſſe. Dieſes alles ruͤhrte zwar des Alten Gemuͤth, aber dennoch blieb er feſt bei dem Gedanken: Herr Werner ſey keine Parthie fuͤr ſeine Nichte, und wenn dieſem das Gluͤck nicht beigeſtanden haͤtte, ſo wuͤrde er noch lange nach ſeiner Julie haben ſchmachten muͤſſen. Ein Zufall kam ihm zu Huͤlfe. Zu Anfang des Aprils, an einem heiteren Nach⸗ -— 29— mittage, ging der Commerzienrath mit ſeinem Nichtchen ſpazieren und trennte ſich von ihr am Eingange ins Reſouzeengebaͤnde. Hier war noch alles leer, und da der Geneſene am Morgen ſchon die Zeitungen geleſen hatte, die Sonne aber warm und freundlich ſchien, ſo beſchloß er, dem ſchoͤnen Wetter zu Ehren, noch einmal vor das benach⸗ barte Thor zu gehen. Er lockte, um nicht allein zu ſeyn, das Dachshuͤndchen des Wirths an ſich und ſchlenderte aus der Stadt hinaus. Unweit derſelben lag ein Vorwerk, das er ſich zum Ziele ſeines Spaziergangs erwaͤhlt hatte, und bald haͤtte er auch das Ziel ſeines Lebens dort gefunden.— An das Vorwerk, nach der Stadt zu, grenzte naͤmlich ein Grasgarten, der mit einem ſehr man⸗ gelhaften und gebrechlichen Zaune umgeben war. In dieſen Garten hatte man heute zum erſten Male das Vieh aus dem Vorwerke getrieben, das ſich in tollen Saͤtzen darin herumtrieb. Das Huͤndchen ſchluͤpfte zu ihm hinein und knaͤffte un⸗ ter den Kuͤhen herum. Der Ochſe ſchien das Uebel zu vermerken und lief brummend auf den Dachs zu; dieſer fluͤchtete ſich durch den Zaun, der Ochſe rannte wuͤthend durch eine Oeffnung ihm nach, und da der Hund beim Commerzienrathe Schutz . — 30— 3 ſuchte, ſo befand ſich dieſer bald in der groͤßten Gefahr, denn das wuͤthende Thier ſprang mit furchtbaren Saͤtzen auf ihn los.— Das Haus war zu entfernt, ein Baum, ſtark genug hinter ihm Schutz zu ſuchen, war nicht da, und ſchon ſah er ſich von den Hoͤrnern des Ungethuͤms durch⸗ bohrt, als die Ankunft eines furchtbaren Bund⸗ genoſſen die Lage der Sachen aͤnderte. Ein gewaltiger Bullenbeiſſer kam naͤmlich in vollem Laufe daher geſprengt und fiel dem Ochſen, der nur noch wenige Schritte von dem zitternden Commerzienrathe entfernt war, in die Flanke. Die⸗ ſer wandte ſich gegen den neuen Feind, und als jetzt auch ein junger Mann mi ſeſchwungenem Stocke auf dem Bullen— hielt es die⸗ ſer fuͤr beſſer/ ſeinen Nuͤckzug anzutreten. Der junge Mann aber, der Niemand anders als der Aſſeſſor Werner war, nahm den Tode er⸗ ſchrockenen Alten am Arme und fuͤhrte ihn nach der Stadt zuruͤck. Das Zuſammentreffen war uͤbrigens ſehr natuͤrlich geweſen; das ſchoͤne Wet⸗ ter hatte Wernern vor die Stadt gelockt, und er war eben auf dem Nuͤckwege begriffen, als er den Ochſen den Zaun durchbrechen und auf Gies⸗ huͤbeln zurennen ſah. Er hetzte ſeine Dogge ge⸗ — 31— gen das Thier und folgte, ſo ſchnell als moͤglich, als Reſerve.— Auf dem kurzen Wege bis zur Reſvurce ſpra⸗ chen Werner und Gieshuͤbel faſt kein Wort mit einander. Der Erſte, weil er nicht Urſache hatte mit Juliens Oheim zufrieden zu ſeyn; der Andere, weil er vor Schrecken keines Wortes maͤchtig war. Aber an der Thuͤre des Erholungsgebaͤudes an⸗ gekommen, nahm er den Aſſeſſor bei Seite und druͤckte ihm herzlich die Hand. Ich danke Ihnen mein Leben, braver Mann, ſagte er, und bleibe Ihnen ewig dankbar, aber Sie ſehen wohl ein, auf meine Julie hat das keinen Bezug. Wenn Sie rechtſchaffen denken, ſo verſchweigen Sie dieſe Rettungsgeſchichte ihr ganz, denn das arme Maͤd⸗ chen moͤchte ſonſt neue Hoffnungen darauf gruͤn⸗ den, die doch nicht zu erfuͤllen ſind. Der Aſſeſſor verſprach unwillig das Geforderte und verließ, nach kaltem Abſchiede, den Undankbaren nicht in der beſten Stimmung. Der Commerzienrath aber pielte heute ſo ſchlecht, wie noch nie zuvor, fiel einmal uͤber das andere Cotille, ſtach falſch ab, ließ dagegen An⸗ dere die leichteſten Spiele gewinnen und zahlte ſeine Beeten ſo ruhig laͤchelnd aus, als ob er ſie — 32— einſtriche. Seine Mitſpieler konnten aus ihm gar nicht klug werden.— Am andern Morgen ließ er einen Advokaten kommen und ſchloß ſich ſo lange mit ihm ein, und verkehrte ſo geheimnißvoll mit ihm, daß ſeinen Commis gar nicht wohl wur⸗ de, denn ſie fuͤrchteten, es moͤchte etwa gar dem Hauſe etwas menſchliches oder vielmehr kaufmaͤn⸗ niſches, d. h. ein Bankrut bevorſtehen. Der Ad⸗ vokat kam in den naͤchſten Tagen noch einige Mal, und der Buchhalter nahm Gelegenheit recht ver⸗ faͤngliche Fragen an ihn zu richten; aber dieſer entſchluͤpfte ihm wie ein Aal und gab weder Rede noch Antwort. Des alten Herrn Herz war naͤmlich erweicht worden, und ſchon an Werners Arme hatte er den Plan entworfen, die beiden Leutchen recht bald uunn zuthun. Aber uͤberraſcht ſollten ſie werden, und deshalb erhielt der ſſeſſor eine ſo bedingte Dankſagung, und Julie, die ihren Oheim beſſer kannte, durfte gar nichts von der Rettung aus Lebensgefahr erfahren. An ihrem Geburtstage, der in einigen Wochen einfiel, ſollte alles offenbar werden, und er wollte ihr an dem⸗ ſelben einem bedeutenden Capitalbrief als Ange⸗ binde uͤberreichen. Die Schenkung unter Leben *½ 3 .* — 33— den war es, die dem Advokaten im Hauſe zu thun gab.— Aber der Menſch denkt und Gott lenkt,, und der Geburtstag konnte nicht abgewartet werden. Eines Tages naͤmlich bemerkte Gieshuͤbel eine große Betruͤbniß und uͤbelverhaltene Thraͤnen in Juliens ſchoͤnen Augen, aber die Urſache ihres Kummers erfuhr er nicht; denn auf jede ſeiner Fragen antworte ſie: Es fehle ihr nichts. Blos in der Einſamkeit ihres Zimmers machte ſie ihrem Schmerze durch Thraͤnen Luft. Erſt am Abend auf der Reſource erfuhr der Oheim, daß Wernet auf zwei Monate Urlaub genommen habe, und nun waren ihm die Seufher ſeiner Nichte erklaͤrt. Aber der gute Oheim kannte nur den kleinſten Theil der Urſache von Juliens Thraͤnen. Der Aſ⸗ ſeſſor hatte zwar auf acht Wochen Urlaub genom⸗ men, aber er ging mit dem Vorſatze weg, ſobald nicht wiedellzu kommen. Er wollte naͤmlich von dem Wohnorte ſeines Oheims aus, um Verſetzung zu einem anderen Landgerichte anhalten, weil es ihm unertraͤglich ſchien, mit dem geliebten Gegen⸗ ſtande in derſelben Stadt zu wohnen, ohne mit ihm zu verkehren als durch Briefe, und ohne ihn anders zu ſehen als von weitem. Heuts hatte er — 34— Julien von ſeiner Abſicht unterrichtet, in einer anderen Stadt die Verbeſſerung ſeiner Lage ab⸗ zuwarten und dann ſein Wort zu loͤſen. Daher ihre Thraͤnen und Seußzer. In der Mitternachtſtunde deſſelben Tages ſaß der Kapellmeiſter Schwarzkopf in ſeinem ſpaͤrlich erleuchteten Zimmer und komponirte. Heute er⸗ ſchienen ihm keine Maͤnner bei ſeinen Noten, auch konnte er auf ſeinem alten Klaviere ſpielen was er wollte; kein Taͤnzer ließ ſich ſehen. Er trium⸗ phirte ob dieſes Siegs gegen die Verſchworenen ind wollte ſo eben einer Symphonie die Krone aufſetzen, die, ſeiner Meinung nach, alle Mei⸗ ſterſtuͤcke Beethovens und Mozarts in Schatten ſetzen mußte, als ſich unter ſeinem Fenſter ein ſo graͤuliches Hundegebell erhob, daß der arme Vir⸗ tuos erſchrocken vom Stuhle auffuhr. Fort wa⸗ ren alle Ideen. Wuͤthend griff er nach dem Stocke, hinunter flog er auf die Straße Hruten fuh⸗ ren die Hunde aus einander und Schwarzkopf ver⸗ folgte einen großen Fleiſcherhund durch die halbe Stadt, bis er ihn in einer engen Gaſſe aus den 3 Augen verlor. Dann kehrte er mismuthig nach Hauſe zuruͤck. 8 Von neuem ſammelte er die zerſtreuten Ge⸗ 1 23 — 35— danken; aber kaum war er auf dem Punkte, den abgeriſſenen Faden wieder anknuͤpfen zu koͤnnen, als ſich das Hundegebell wieder vor dem Hauſe erhob. Noch einmal ſprang der Komponiſt hin⸗ unter, und diesmal verfolgte er einen großen Bul⸗ lenbeiſſer, der nach der andern Seite hin floh und in dem noch offenſtehenden Hauſe unſeres Commerzienraths Schutz ſuchte. Der Kapellmei⸗ ſter pflanzte ſich nun, im hoͤchſten Grade erboſt, vor daſſelbe und rief mit Donnerſtimme: Gieshuͤ⸗ bel heraus! Gieshuͤbel heraus!— Dieſer, aus dem erſten Schlafen aufgeſchreckt, fuhr beſtuͤrt ans Fenſter, glaubend ſein Haus brenne, oder Raͤuber und Moͤrder waͤren eingebrochen. Als er aber den Kopf hinausſteckte, rief ihm eine halb bekannte Stimme zu: Ins Teufels Namen, mein Herr Commerzienrath, halten Sie doch Ihre Be⸗ ſtie von Hunde in beſſerem Gewahrſam Das ver⸗ dammte Thfer hat mich eben durch ſei 4 Gebelle in Komponiren geſtoͤrt, und ſo die Welt um eine Symphonie gebracht, die mir allein die Unſterb⸗ lichkeit errungen haben wuͤrde, wenn mir dieſe noch fehlte. Alſo, da die Verſchworenen ermuͤdet ſind, Maſſen von Menſchen gegen mich aufzuhe⸗ tzen, die meine goͤttlichen Meiſterwerke zerſ dren/ 3* 4 — 36— ſo ſchicken ſie nun gottloſe Hunde ab, die mit gräulichem Geheule mein Ohr zerreiſſen und den idealen Schwung meiner Phantaſie aufhalten muͤſ⸗ ſen! Und Sie, Wertheſter, ſtehen, wie ich jetzt merke, an der Spitze der Verſchwoͤrung, denn Ihr Hund war ja der lauteſte! Der Commerzien⸗ rath hatte bald ſeinen Mann erkannt, und ſich waͤhrend der langen Anrede nach und nach von ſeinem Schrecken erholt. Als nun jener ſchwieg/ rief er ihm zu: Herr! Sie ſind nicht bei Troſte. Wie kann mein Hund Sie geſtoͤrt haben? ich habe gar keinen Hund; gehen Sie zum Henker! — Was? Sie haͤtten keinen Hund? entgegnete Schwarzkopf, und doch iſt eben eine Beſtie der Art in Ihr Haus gelaufen, gerade hinein zu der Hausthuͤre!— Steht denn mein Haus offen? fragte Gieshuͤbel beſtuͤrzt; da ſind mir am Ende gar Diebe eingebrochen, oder die Eſel von Be⸗ dienten haben es offen gelaſſen, uſd nun kann jeder forttragen was er will. Erſchrocken warf er ſeinen Schlafrock aͤber und, ohne ſich weiter um den Muſikus zu bekuͤmmern, eilte er mit der Nachtlampe hinaus, um ſeine Leute zu rufen. Als er aber an das Ende des Vorſaals kam, ſah er durch ein Fenſter bei ſeiner Nichte Licht, deren 1 — 27— Stube im Hintergebaͤude, die Ausſicht auf den eben nicht ſehr breiten Hof hatte. Dieſer Um⸗ ſtand machte es ihm moͤglich, ziemlich deutlich zu ſehen, was darin vorging, und er bemerkte ſo⸗ gleich einen Herrn, den er fuͤr den Aſſeſſor er⸗ kannte. Zu ſeinem Troſte ſah er auch eine dritte Perſon, die ſich zwar ganz im Hintergrunde hielt, ihm aber doch die Raͤthin Werner zu ſeyn ſchien. Ueber dieſe Entdeckung vergaß der Commerzien⸗ rath die offene Hausthuͤre, und obwohl er richtig wußte, daß hier blos eine Abſchiedsſcene geſpielt wuͤrde, beſchloß er doch auf dem Gange hin an die Thuͤre zu ſchleichen und die zum Rendezvous verſammelten zu behorchen. Dieſer verraͤtheriſche Plan waͤre dem Armen aber faſt uͤbel bekommen. Der Hund, den Schwarzkopf in des Onkels Haus verfolgt hatte, war der uns bekannte Bullenbeiſſer Werners, und dieſes arme Thier in ſeinem Stell Dich ein geſtort, beſchloß nun, das ſeines Herrn zu bewachen. Als daher der Geuuerzienrath leiſe die Vorſaalthuͤre oͤffgete und behutſam nach dem ͤͤͤͤ 4 Zimmer ſeiner Nichte ſchlich, fuhr der Hund wuͤ⸗ thend auf ihn los und faßte ihn ſo derb an der Bruſt, daß er vor Schrecken faſt zu Boden ge ſunken waͤre. Da ſtand nun der arme Gieshuͤb ——— — — 38— o trotz der kuͤhlen Nachtluft, Angſtſchweiß ſchwitzend/ und konnke weder vor noch ruͤckwaͤrts. Endlich faßte er Muth und rief mit lauter Stimme: Jul⸗ chen!— Die Verliebten waren ſchon bei dem Bel⸗ len des Hundes zuſammengefahren; als ſie aber jetzt gar des Oheims Stimme hoͤrten, ſtieg ihre Verlegenheit auf den hoͤchſten Gipfel. Eine Hin⸗ terthuͤre gab es ſo wenig als einen Verſteck, und uͤbrigens fuͤrchteten ſie nicht mit Unrecht, daß der Oheim den fremden Eindringling ſchon bemerkt habe. Als ſich nun das Liebespaar noch verlegen anſah, rief es drauſſen: Machen Sie doch nur auf, Herr Aſſeſſor und rufen Sie Ihren boͤſen Hund ab; machen Sie um Gotteswillen auf; ich bin ja gar nicht boͤſe. Noth lehrt beten, dachte Karl, oͤffnete die Thuͤre und ließ beide, den Com⸗ merzienrath und den Hund herein. Der Onkel ſah ſich bedaͤchtig in der Stube um; mit niedergeſchlagenen Augen ſtand Julie da, aͤngſtlich den Erfolg der Sache abwartend, in der andern Ecke ſtand die Raͤthin, als Ehrenwaͤchte⸗ rin beſtellt, ebenfalls nicht wenig verlegen. Der, Aſſeſſor unterbrach endlich die Stille: Herr Com⸗ merzienrath, fing er an, Sie kommen hier— Wohl etwas unerwartet, fiel dieſer ein, und zu — 39— *. einem gaͤrtlichen Abſchiede. Aber mein beſter Af⸗ ſeſſor, warum ſagen Sie denn der Julie ein ſo feierliches Lebewohl, da Sie doch nach einiger Zeit wieder zuruͤckkommen? Julie und Karl, die einen ganz anderen Eingang erwartet hatten, konn⸗ ten ſich in des Oheims freundliches Weſen gar nicht finden, erzaͤhlten ihm aber doch verſchaͤmt und ſtotternd des Aſſeſſors ganzen Plan, und der Rath verzieh nun gern die heimliche Zuſammen⸗ kunft. Ei, ei, ſagte er, alſo ganz fort wollen der Herr Werner? das iſt ja Jammerſchade. Was wird denn mein armes Julchen dazu ſagen? Ich daͤchte Sie blieben da und daͤchten bei Zeiten dar⸗ auf, ſich zu verheirathen.— Karl hielt das fuͤr Spott und wollte unwillig werden. Nein, mein Herr, fuhr der Commerzienrath fort, ich meine das, was ich ſage, ganz ernſtlich. Wenn Sie Julien wirklich lieben, ſo kommen Sie nach voll⸗ endeten Urlaub zu uns zuruͤck und beſtellen das Aufgebot. Mit der Ausſtattung ſoll meine Nichte bis dahin fertig ſeyn. Werner hatte noch immer Luſt auch dieſe Rede fuͤr Spott zu halten, aber doch ſchien der Alte dafuͤr zu ernſt, ja er war ſo⸗ gar etwas feierlich. Er verſuchte daher ihn auf ſeine uͤble finanzielle Lage aufmerkſam zu machen, —— — 40— doch Gieshuͤbel ließ ihn nicht ausreden. Ich weiß recht wohl, was Sie ſagen wollen, aber das hat keine Noth. Julie iſt nicht ſo arm, als Ihr beide glaubt; ſie hat 18000 Gulden im Vermoͤgen, die ſicher ausgeliehen ſind. Sie ſollte das erſt an ihrem Geburtstage erfahren, ſo wie auch die nur uns(hier winkte er Wernern zu) bekannte Ge⸗ ſchichte. Aber nun darf ich doch nicht laͤnger ſchweigen, wenn ich Sie nicht von uns wegziehen laſſen will, und das faͤllt mir gar nicht ein. Fuͤr woas fuͤr einen Undankbaren, fuͤr was fuͤr einen Egoiſten muͤſſen Sie mich gehalten haben; aber nicht wahr nun denken Sie ſchon anders von mir, und wenn Sie den alten Gieshuͤbel erſt ordentlich kennen lernen, ſo werden Sie finden, daß er doch ſo uͤbel nicht iſt. Morgen aber duͤrfen Sie auf keinen Fall fort, denn Morgen iſt Verlobung, und da ſollen ſich alle Tiſche biegen. Jetzt gute Nacht.— Sie, Ihro Gnaden, wendete er ſich jetzt zur Raͤthin, Sie ſtanden zwar bei mir nicht zum beſten angeſchrieben, aber weil alles ſo ein gutes Ende nimmt, ſo denke ich wir machen auch Friede und Freundſchaft. Die Verliebten hiengen noch weinend an Gies⸗ huͤbels Halſe, der immer ſein: gute Nacht! Kin⸗ — 41— der, gute Nacht! wiederholte, als des Aſſeſſors Hund noch einmal laut aufbellte und nach der Thuͤre ſprang. Jetzt fiel dem alten Herrn auf einmal ſeine offene Hausthuͤre wieder ein, und ſeine Furcht vor Dieben erwachte von neuem. Als aber Karl ſeinem Hunde Ruhe geboten hatte, guckte der Kopf des Kapellmeiſters zur Thuͤre her⸗ ein und rief: Wuͤnſche viel Gluͤck, Herr Aſſeſſor, viel Gluͤck Fraͤulein Julie! Habe an der Thuͤre Alles mit angehoͤrt und waͤre gar nicht bemerkt worden, wenn ich nicht mit dem Fuße an die Schwelle geſtoſſen und ſo den muſikhaſſenden Hund geſtoͤrt haͤtte. Es thut mir aber ſehr leid, daß ich dem Herrn Aſſeſſor mit einer Polonaiſe zur Eroͤffnung des Hochzeitballs nicht aufwarten kann, da ich mir vorgenommen habe, fuͤr Niemanden etwas zu komponiren, der einen Hund haͤlt. Em⸗ pfehle mich beſtens. Damit ging er, und die gluͤckliche Nachtgeſellſchaft trennte ſich ebenfalls. Am andern Morgen aber gab der Oheim ein fei⸗ erliches Verlobungsfeſt und erzaͤhlte hier zum er⸗ ſten Male ſeine Rettungsgeſchichte aus den Hoͤr⸗ nern des Ochſen, zur Erbauung aller Anweſenden. Der Aſſeſſor aber reiſte Kin Paar Tage hernach zu ſeinem Oheim, blieb aber nur acht Tage ſtatt — 42— eben ſo vieler Wochen, weg, und kehrte dann zu ſeiner Julie zuruͤck. Ein Vierteljahr darauf war die Hochzeit und Gieshuͤbel tanzte mit der Frau Raͤthin Werner die Polonaiſe vor. Der arme Ka⸗ pellmeiſter aber haͤtte beim beſten Willen dieſe nicht komponiren koͤnnen, denn ſein Zuſtand hat⸗ te, nach ſcheinbar kurzer Beſſerung, ſich ſo ver⸗ ſchlimmert, daß er wenige Tage vor der Hochzeit in ein Irrenhaus gebracht werden mußte.— 4 Die Erzaͤhlung wurde mit Beifall aufgenom⸗ men, und man ſchritt zur zweiten Verlooſung. Diesmal zog der Referendarius den Treffer, und er wollte eben ſeine Rede beginnen, als der vo⸗ rige Erzaͤhler noch einmal um's Wort bat.„Es „iſt mir ſehr lieb,“ ſagte er,„daß die einfache „Begebenheit, die ich Ihnen mittheilte, Ihren „Beifall hat, und ich bitte Sie deshalb bei die⸗ nſer meiner Erzaͤhlung Gevatter zu ſtehen, und „dem armen Kinde einen Namen zu geben. In „Deutſchland haͤlt man einmal viel auf Ditel, und „ſo wuͤnſchte ich auch, daß dieſem Kinde ein recht „wohlklingender und angemeſſener zu Theil wuͤr⸗ „de. Aber ich ſinne hin und her und kann kei⸗ — 43— nen finden.“—„Haben Sie denn,“ nahm der Refrendarius das Wort,„haben Sie denn nicht ndie Vorrede zu Willibald Alexis Avellon ge⸗ leſen? Wenn man dieſe wohl begriffen hat, ſo kann man ja wegen eines Buͤchertitels gar „ nicht in Verlegenheit ſeyn. Nur friſch zugegrif⸗ „ fen, der erſte der beſte, mag er nun mit dem „Buche im Zuſammenhange ſtehen oder nicht.— „Nennen Sie die Erzaͤhlung: Den huͤlfreichen „Hund. Thierſtuͤcke ſind jetzt Mode, und ein „Hund kommt ja in der Erzaͤhlung vor.“*— „Oder:“ fiel der Geiſtliche ein, Der bekehrte Oheim.“„Oder:“ rief der Referendarius wie⸗ der,„Der Menſch denkt und Gott lenkt.“— „So ſoll es ſeyn,“ ſagte der Baier,„die Ge⸗ ſchichte heißt von heute an: Der bekehrte „Oheim, oder: Der Menſch denkt und „Gott lenkt. Und nun, Herr Reiſegefaͤhrte Re⸗ ferendarius, beginnen Sie die Ihrige.“— Wohlan,“ ſagte dieſer,„ich bin bereit. „Ich will Ihnen ein Bruchſtuͤck aus meinem Le⸗ „ben vortragen, und Sie ſollen ſehen, daß ich mir nicht ſchmeichle. Aber Sie muͤſſen erlauben, daß ich dieſe Erzaͤhlung ableſe, denn ich habe mſte in einem Staͤdtchen Pommerns, aus dem ich — d14— „jetzt komme, in muͤſſigen Stunden zu Papier „gebracht, um ſie in ſpaͤteren Zeiten einmal zum „Drucke zu befoͤrdern. Die Begebenheiten ſind „wahr, die Namen falſch, und daß ich in der „dritten Perſon auftrete, wird Ihnen nicht auf⸗ „fallen, da ich, wie geſagt, fuͤr den Druck ge⸗ „ſchrieben habe.“ Bei dieſen Worten zog er ein Paar Bogen aus ſeinem Mantel.„ Der Titel,“ fuͤgte er noch der Vorrede hinzu,„iſt geſtolen, „aber daran werden Sie ſich hoffentlich nicht „ſtoſſen.Ä“ Und nun las er: 2. Des Studenten Feliy Wege und Irrwege. —„Ja!“ rief der Student Felix Thuͤrheim ver⸗ zweiflungslos aus,„ja die Koͤnigin hat ganz „Recht gehabt: „Wer nie ſein Brod mit Thraͤnen aß, „Wer nie durch kummervolle Naͤchte 8 ſeinem Bette weinend ſaß,— Der kennt euch nicht, ihr ewigen Maͤchte! „Da 3 itze ich nun ſeit vier Wochen auf dem Kar⸗ „zer, getrennt von Alleſt was ich liebe; ohne „Geld, ohne Pump und ohne Hoffnung. Da „liegt der ſchreckliche Brief des tyranniſchen Vor⸗ „mundes, dieſer gemeinen, ſchmutzigen Kraͤmer⸗ „ſeele, dieſer Erz⸗ und Stock⸗Philiſters. Geld „hat er zwar geſchickt, aber ich darf es nicht ha⸗ ben, und ehe ich dieſes himmliſche Geſchoͤpf und „dieſe gute Stadt verlaſſe, eher bleibe ich zeitle⸗ „bens bei Waſſer und Brod auf dem Karzer „ ſitzen.— Dich ſoll ich meiden, holde Minona! „Dich aufgeben! Schrecklicher Gedanke, unmenſch⸗ „liche Zumuthung! Was kannſt denn Du dazu, „ daß Dein Vater nichts iſt als eine armſelige Philiſterhaut? Mit Deiner holden Geſtalt, mit „Deiner zartbeſaiteten Seele, waͤrſt Du der „Schmuck jeder Geſellſchaft, die Zierde jedes Hofs! „Freilich klingt es ſchrecklich, wenn Dein Vater mit ſchnarrender Stimme ruft: Miene! hol' beim „Schmidt das Buͤgeleiſen; aber leichtfuͤßiger als „die flinkſte Gazelle fliegſt Du dann uͤber die „Gaſſe, ſo daß Dein nettes Fuͤßchen kaum den „Straßenkoth beruͤhrt. Freilich wirſt Du oft von „Deiner liebloſen Mutter aus meinen Armen und „aus ſuͤßen Traͤumen aufgeſchreckt, wenn ſie Dich zur Waſchwanne ruft, aber dann klappſt Du nſo eifrig mit Deinen Pantoͤffelchen und weißt ner Mutter ſo artige Sihnunen aufkuheften, „daß ſie nie ahnet, wo Du die Zeit vertaͤndelſt. „— und von Dir ſoll ich ſcheiden!“— Als Felix ſich eben anſchickte eine Stellung zu nehmen, die ſeinem Grame angemeſſen war, um uͤber denſelben recht gemaͤchlich nachzudenken, da oͤffnete ſich die Thuͤre und ein altes Karzer⸗ inventarium trat aus einem Nebenbehaͤlter zu ihm ein. Dieſes war ein Student, der ebenfalls Schulden halber, aber jetzt ſchon ein Jahr, ſaß und ſich von ſeinen Glaͤubigern ſo ſchlecht als moͤglich ernaͤhren ließ. Da es ſich ergeben hatte, daß der ſchon muͤndige Gefangene weder Vermoͤ⸗ gen, noch Eltern, noch bemittelte Verwandte be⸗ ſaß, ſo hatten ſie zwar ſaͤmmtlich ihre Schuld verloren gegeben, aber ein Kaufmann, dem er durch Liſt eine nicht unbedeutende Summe Geldes abgeſchwatzt hatte, bezahlte noch Atzungskoſten fuͤr ihn, um ihn fuͤr den Betrug durch den Verluſt ſeiner Freiheit zu beſtrafen. Dieſer Student, der Neuthaler hieß, war uͤbrigens ein aufgeweckter Kopf, der ſich uͤber ſeine Lage leicht troͤſtete. Er unterrichtete die Kinder des Karzeraufwaͤrters, deſ⸗ ſen Frau fuͤr Studenten wuſch und verſchaffte ſich dadurch einiges Geld zu kleinen Ausgaben. Neu⸗ — 47— kuͤmmern an deſſen Tiſch und ſtopfte ſich aus ſei⸗ ner Tabacksdoſe eine Pfeife. Als er dieſe ange⸗ brannt hatte, ſah er dem Betruͤbten ins Geſicht und fragte was ihm fehle. Felix ſeufzte und zeigte auf ein ziemlich zerknuͤlltes Stuͤck Papier, das ehemals ein Brief geweſen war.„Aha, ſind Epi⸗ ſteln angekommen?““ ſagte jener aaͤchelnd,„Briefe „voll ſchoͤner Sentenzen und Ermahnungen ,aber „in qubio ohne Spieße. Na laß einmal ſehen!“ Er entfaltete den Brief und las wie folgt: P. P. „Sie haben waͤhrend Ihres Aufenthals in „Halle ſo ungemein viel Geld gebraucht, und allen Nachrichten zu Folge, ſo wenig Fort⸗ „ſchritte in den Wiſſenſchaften gemacht, daß ich es bei dem koͤniglichen Pupillenkollegio „nicht verantworten koͤnnte wenn ich noch fer⸗ Iner Ihren tollen Forderungen Gehoͤr gaͤbe. „Da Ihre Schulden indeſſen doch bezahlt wer⸗ den muͤſſen, ſo habe ich an den Herrn Doc⸗ „kor und Juſtizkommiſſair Weiſe, meinen al⸗ „ten Geſchaͤftsfreund, geſchrieben und ihm Voll⸗ „ macht ertheilt, Ihre ſaͤmmtlichen Glaͤubiger zu befriedigen, doch nur unter folgenden Be⸗ dingungen: 1) Sie beſtimmen beim Empfange —. 48— „dieſes Briefes ſogleich die Zeit Ihrer Abreiſe „ nach Berlin, die ſpaͤteſtens acht Tage nachher „erfolgen muß. Den Tag vor Ihrer Abreiſe „werden die vorher liquidirten und theilweiſe „moderirten Forderungen durch Herrn Weiſe „bezahlt werden. 2) Sie reiſen mit der Schnell⸗ „poſt direkt nach Berlin und ziehen dort zu „meinem ehemaligen Muͤndel, dem Doctor „Brandis, der die Aufſicht uͤber Sie fuͤhren „wird. 3) Fuͤr die Zeit, da Sie noch in Halle „bleiben, begnuͤgen Sie ſich mit einem Louis⸗ „d'or. Das Reiſegeld wird Ihnen Herr Weiſe „in dem Augenblicke uͤberreichen, wenn Sie „in die Schnellpoſt ſteigen.— „Ich habe auch noch gehoͤrt, daß Sie eine „Liebſchaft mit der Tochter eines Schneiders „haben, das ſind aber Kinderpoſſen, die mich „ nichts angehen, denn ich hoffe zu Gott, es iſt „ nichts Ernſtliches vorgefallen, und Sie werden „„ doch nicht ſo toll ſeyn und etwa ein ſchriftli⸗ ches Eheverſprechen von ſich geben!— Doch „wenn Sie das auch thaͤten, ſo hat es keine „Folgen, da Sie noch nicht majorenn ſind.— „ Wenn Sie meine Vorſchlaͤge nicht annehmen „ſollten, ſo wuͤrde ich mich genoͤthigt ſehen, — 49— „das koͤnigl. Pupillenkollegium zu erſuchen, „Ihnen einen andern Vormund zu beſtellen. Stettin, am 10.„Reinhard, April 18**.„Commerzienrath. „Nun,“ fuhr Neuthaler fort,„was gibt es „denn da zu lamentiren? Schreibe gleich an den „Doctor Weiſe, gehe alle Bedingungen ein und „reiſe morgen Abend nach Berlin. Mit dem „Brandis wirſt Du ſchon fertig werden. Vor „allen Dingen laß Dir den Louisd'or geben, den „verjuͤbeln wir heute Abend mit einander.— „Aber ich glaube gar, die Miene liegt Dir in den Gliedern? Pfui ſchaͤme Dich, und laß ſie „fahren, in Berlin gibt es tauſend andere.“ „Ach Neuthaler! Halle ſoll ich verlaſſen, Halle, „mein gutes Halle und Minona, das holde En⸗ 7 gelkind.“ „Ach Thuͤrheim! Halle moͤchte ich verlaſſen, „ Halle, das ſchnoͤde Halle mit allen Manichaͤern „und Karzerknechten,“ fiel jener parodirend ein. Herr Bruder, wozu das Gewinſele und Gepin: „ſele? Gleich ſchreibe und mache Dich frei. Heut „ Abend wird noch gejubelt und morgen Abend— 7 marſch nach Berlin! ———. g —ÿõõõõõÿʒõÿum — 50— Felix hatte noch tauſend Bedenklichkeiten, aber Neuthaler wußte ſie alle zu beſeitigen. Sein Be⸗ nehmen war nicht ganz ohne Eigennutz; er ſehnte ſich nach einem frohen Abend bei guten Eſſen und Wein, und um dieſen Preis verlor er um ſo lie⸗ ber einen guten Geſellſchafter, da er gewiß hoffen durfte, bald einen andern an ſeiner Statt zu be⸗ kommen. Der Brief war geſchrieben und eine Stunde darauf Thuͤrheim frei. Nachdem er hierauf mit Herrn Weiſe ſeine Schulden berechnet hatte, eine Arbeit die ihn ein Paar Stuͤndchen feſthielt, flos er mit ſeinem Louisd'or zu der holden Minona. Da traf er es aber heute ſchlecht. Ein Geſelle war davon gelaufen und die Traute mußte, da die Arbeit draͤngte, nolens volens ſeine Stelle einnehmen und naͤhen, daß ihr die Finger zu blu⸗ ten drohten. Sie konnte ihm nur durch Thraͤnen zulaͤcheln, als er unter dem Vorwande hereintrat mit ihrem Vater wegen ſeiner Rechnung zu re⸗ den, denn am Abend war Tanz in Poſſendorf, und ſie konnten nicht hingehen, ja ſie hatte ſo⸗ gar, weil ſie das Naͤhen beharrlich verweigerte, von dem Vater einige Fuchteln mit der Elle und von der Mutter ein Paar Ohrfeigen erhalten, wie — 51— ihm ſein Vertrauter, der Lehrburſche, berichtete. Grauſames Geſchick fuͤr die Geliebte eines Stu⸗ dioſen der Philoſophie! Fuͤr ſeinen verlaſſenen Gefaͤhrten aber war die Sache ſehr erſprieslich, denn wie haͤtte Felix zu ihm kommen koͤnnen, wenn die Geliebte in Poſſendorf geweſen waͤre? So aber entſann er ſich ſeines Verſprechens, eilte uͤber den Markt, hielt ſich nur einige Augenblicke an der Gevatter⸗ bude auf, kaufte in einer Weinhandlung drei Fla⸗ ſchen Franzwein, die er auf's Karzer ſchickte, aß bei Michaelis einige Stuͤcken Kuchen und trank ein Paar Glaͤſer Liqueur dazu und ging dann nach dem Karzer zuruͤck. Der Karzeraufwaͤrter wollte ihn anfangs nicht hineinlaſſen, aber ein halber Gulden und die Aus⸗ ſicht auf ein Glas Wein thaten Wunder. Bald waren alle Anſtalten zu einem leckeren Mahle ge⸗ troffen; Suppe, Fiſch und Braten aufgetragen, und die Tafel begann. Der ſauere Wein aͤuſſerte indeſſen ſeine Wirkung bei Felix ſehr ſchnell, waͤh⸗ rend die Gemuͤthsruhe ſeines Freundes unerſchuͤt⸗ tert blieb. Der Aufwaͤrter hatte auch ſein be⸗ ſcheidenes Theil erhalten und war freundlich wie ein rwuͤrmchen, ſo toll es auch Felix trieb; als 4* „„ — 52— dieſer ſich aber wieder entfernen wollte, da das Eſſen verzehrt und der Wein getrunken war, ſo erklaͤrte ihm derſelbe, nach einem andern halben Gulden luͤſtern, daß nach acht Uhr Abends nie— mand zum Karzer hinausgelaſſen werde, und er alſo uͤber Nacht hier bleiben muͤſſe. Dazu hatte der eben freigewordene nun durchaus keine Luſt; er beſtand auf der Oeffnung der Thuͤre und fiel endlich dem Aufwaͤrter in die Haare. Dieſer wuͤrde ſchnell mit ihm fertig geworden ſeyn, aber Neu⸗ thaler, der ſich um den ganzen Streit gar nicht. zu kuͤmmern ſchien, umfaßte den Aufwaͤrter ploͤtz⸗ lich von hinten und hielt ihn ſo feſt, daß er ſich kaum ruͤhren konnte. Thuͤrheim benutzte dieſe Huͤlfe weislich, riß die Schluͤſſel aus der Taſche des Tobenden, lief der Treppe hinab, ſchloß auf und eilte nach Hauſe. Der gewaltſam Beraubte ſchrie und klagte ſo laut uͤber Raub und Gewalt, daß ein Univerſitaͤts⸗Pedell aus der Nachbarſchaft herbei kam, um zu ſehen was es gaͤbe. Das war eine neue Noth. Der Pedell verlangte gebieteriſch die Oeffnung der Thuͤre, der Aufwaͤrter rief zum Fen⸗ ſter hinaus: der Schluͤſſelbund muͤſſe an der Thuͤre ſtecken, aber ach, dem war nicht ſo. Weder in⸗ nen noch auſſen am Schloſſe waren Schluͤſſel z — 33— ſehen.— Jetzt konnte der Pedell nicht herein und der Aufwaͤrter nicht hinaus. Jener drohte mit Anzeige beim Senate, dieſer bat um aller Heili⸗ gen willen, ihn nicht ungluͤcklich zu machen und beichtete endlich alles in der Angſt ſeines Herzens. Der Pedel ging kopfſchuͤttelnd fort. Als Felix die Karzerthuͤre zugeworfen hatte, ſchleuderte er die Schluͤſſel in ſeiner Wuth weit von ſich. Neuthaler und der Aufwaͤrter ſteckten jetzt feſt, und ſo gleichguͤltig dieſes dem Erſteren war, ſo erſchrecklich war es dem Andern, der durch die Hartherzigkeit, mit der er ſeinem Wein⸗ ſpender noch mehr Geld entreiſſen wollte, ſeine Exiſtenz bedroht ſah.— Unſer Held lief eilends nach Hauſe und begrub ſich in den Federn. Schreckliche Traͤume quaͤlten ihn in dieſer Nacht. Bald ſchleppten ihn die Teu⸗ fel, in Geſtalt der Univerſitaͤts⸗Pedelle in die Hoͤlle, die aber bei Lichte beſehen blos das Karzer war; bald druͤckte ihn der Doctor Brandis als Alp, und bald riſſen graͤßlich grinzende Daͤmonen ihn aus den Armen ſeiner Minona. Die graͤßlich grinzenden waren ſein Vormund und die alte Schneidermama.— Da wachte er auf, aber we⸗ mer hatte den Katzenjammer. Die Schnaͤpſer he! * — 54— bei Michaelis und der ſaure, mit Rum ange⸗ machte Franzwein hatte ihm ſchreckliches Kopfweh und Uebelkeiten zugezogen. Endlich ſtand er doch auf, und nach einigen Hausmitteln, wie Sar⸗ dellen und Magenſchnapps, konnte er halb her⸗ geſtellt zum Fenſter hinaus ſchauen.— Aber ach! ſein erſter Blick fiel auf die Werkſtatt ſeines Nach⸗ bars, und wieder ſaß die gute Minona unter den Geſellen und ſtocherte drauf los. Der Breslauer ſchien recht ſeufzende Blicke nach ihr zu werfen, und es kam ihm ſo vor, als ob auch ſie nicht eben ſelten nach ihm hinblinzelte.— Das fiel ihm wie ein Muͤhlſtein aufs Herz! Er zog ſich an und eilte auf dem Markt zur Gevatterbude, um dort ſeinen Schmerz zu zerſtreuen. Hier fand er Kneipluſtige, und ſo zog er noch einmal hinaus zur Bergſchenke und labte ſeine Gurgel mit eini⸗ gen Flaſchen ſprudelnden Breihans. Der Koffer war gepackt, noch ein verſtolner Abſchied von der Geliebten genommen, der Bres⸗ lauer perhorreszirt, ewige Treue einander ge⸗ ſchworen— und fort ging die Eilpoſt nach Berlin. Das Reiſen iſt jetzt ſo bequem, daß man von Bordeaux nach Petersburg und von der tuͤrkiſchen Grenze bis Calais reiſen kann, ohns ein einziggs Abentheuer zu erleben; aber es gibt Menſchen, die den Fuß nicht vor das Stadtthor ſetzen duͤr⸗ fen, ohne von Abentheuern erdruͤckt zu werden; zu dieſer Klaſſe gehoͤrte unſer Felix. Kaum hatte er den Fuß in den dunkeln Raum des Wagens geſetzt, ſo quickte ein Silberſtimmchen neben ihm, denn er hatte einer Dame auf den Fuß getreten. Felix entſchuldigte ſich tauſend Mal, nahm neben der Beſitzerin des gequetſchten Fußes Platz und gab ſich alle Muͤhe etwas von ihrem Aeuſſeren V zu errathen; umſonſt, die dunkele Nacht vereitelte ſeine Anſtrengungen. Er verſuchte ein Geſpraͤch mit ihr anzuknuͤpfen, aber ſie antwortete nur kurz, und bald lag die ganze Reiſegeſellſchaft im ſuͤßen Schlummer, der nur manchmal auf einige Minu⸗ ten unterbrochen wurde. Endlich brach der Tag an und, nachdem man ſich gegenſeitig betrachtet hatte, machte ein jeder mehr oder weniger ſeine Toilette. Ein dicker Herr im Fond des Wagens, zog ſeine Schlafmuͤtze ab und vertauſchte ſie mit einer eleganten Sammtmuͤtze; ein juͤngerer neben ihm durchſtrich die Haare mit ſeinen Fingern und ordnete das Toupée. Ein Offizier kaͤmmte ſich den Schnurrbart zierlich aus, und auch Felixens Nachbarin ließ ihre Locken durch die Finger lau⸗ — 36— 3 fen und band dann uͤber die natuͤrlichen noch ei⸗ nen Buſch falſcher, den ſie, die Nacht uͤber, ſorg⸗ faͤltig auf dem Schooſe gehalten hatte. Felix ſchob ſeine hohe Cravatte wieder zurechte, ſteckte den verknuͤllten Buſenſtreif unter die Weſte und ſtrich einige Faſern von ſeinen Ueberrocksklappen, die unter dem Mantel hervorſahen. Der Anblick ei⸗ ner Reiſegeſellſchaft am Morgen nach einer durch⸗ fahrnen Nacht, iſt nicht ſehr erfreulich; die mun⸗ terſte Geſichtsfarbe hat entweder einen Beiſatz von Fahlgelb erhalten, oder iſt durch den unru⸗ higen Schlaf, die Nachtluft und geiſtige Getraͤnke zu einem aͤngſtlichen Dunkelroth geſteigert worden. Jedermann fuͤhlt ſich verſtimmt, und erſt die hoͤ⸗ herſteigende Sonne belebt und erwaͤrmt die Rei⸗ ſenden wieder. Bald kam die Poſt an der Station an, wo ein Viertelſtuͤndchen gehalten und die Geſellſchaft mit Kaffee geſtaͤrkt wird. Alles ſtuͤrzte zum Wa⸗ gen heraus; der Eine rief nach Waſchwaſſer, der Andere nach Kaffee, der Dritte nach einer Ci⸗ garre; alles lief durch einander und jeder machte ſoviel Laͤrm als moͤglich. Nach einigen Minuten fand man ſich wieder beim Fruͤhſtuͤcke zuſammen, und jetzt, im Angeſicht der dampfenden Kaffee⸗ — 57— kanne, gewaͤhrten die Reiſenden einen ganz an⸗ deren Anblick als eine Stunde zuvor. Auch Felix⸗ ens Nachbarin kam wie neugeboren zum Vor⸗ ſchein. Welche blitzenden Augen, welch raben⸗ ſchwarzes Haar, welche glaͤnzenden Farben, welch regelmaͤſiges Geſich. Felixens Blicke waren auf ſie wie feſtgebannt, Minona vergeſſen, der Poſt⸗ wagen war jetzt ſein Elyſium. Als die Reiſe wie⸗ der weiter ging, bemuͤhte er ſich ihr alles ſo be⸗ quem als moͤglich zu machen, und ihr alle nur thunliche Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Er ver⸗ ſuchte noch einmal ein Geſpraͤch mit ihr anzu⸗ knuͤpfen und erfuhr, zu ſeinem Entzuͤcken, daß ſie aus Berlin ſey und von einem Beſuche in Eisleben wieder zu ihren Eltern zuruͤckkehre. Da die Schoͤne noch immer einſylbig blieb, ſo machte unſer Held den Plan der Sproͤden durch ſeine Genialitaͤt zu imponiren, und bemaͤchtigte ſich zu dieſem Zwecke der Unterhaltung. Er erzaͤhlte viel von ſeinen Halliſchen Suiten, und wie fein er es angegangen habe, von ſeinem Vormunde, dem alten Philiſter, immer neues Geld herauszupreſſen. „Aber,“ ſetzte er hinzu,„in Berlin ſoll es nun „noch ganz anders gehen. Da bin ich von dem lieben Vormund an einen gewiſſen Doctor Bran⸗ 5. —mõ éä õÿõmõʒõʒõÿÿʒÿ¼¼ 2—— — 58— „dis gewieſen, der mich ſo gleichſam behofmei⸗ „ſtern ſoll, aber der Patron ſoll ſich wundern⸗ „Ich will ihn anfangs ſo kirr machen, daß er „ keine Ahnung von dem Schalk⸗ haben ſoll, der „mir im Nacken ſitzt; aber nachher ſoll er den „Felix Thuͤrheim kennen lernen.”“—„Kennen „Sie denn den Doctor Brandis?“ fragte ein Herr aus dem Fond des Wagens.—„Wo ſollte „ich denn den Philiſter herkennen? Ich weiß nichts „von ihm, als daß er vor alten Zeiten ebenfalls „ein Muͤndel meines Vormundes war und jetzt „in Berlin kneipt. Aber daraus, daß er ſo ein „Herz und eine Seele mit dem alten Duckmaͤuſer „iſt, ſchließe ich, daß er eben ſo duck⸗ und kal⸗ „maͤuſert als der Alte; man kennt ja das „Spruͤchwort von gleich und gleich.“ 9 81 Nach dieſem Ausfalle gegen Herrn Brandis⸗ wendete er ſich wieder an ſeine Nachbarin, um zu ſehen, ob ſeine Genialitaͤt Fruͤchte getragen habe, aber dieſe blieb kalt und wortkarg, und nannte ihm nicht einmal ihren Namen oder ihre Wohnung, ſo ſehr er auch deshalb in ſie drang. Das iſt eine verzweifelt ſproͤde Schoͤnheit, dachte Felix, nun wir wollen ſehen, ob ich ſie nicht zahm machen kann.— Zu dieſem Behufe fing er 4 6- — 59— an von ſeinen Liebſchaften in Halle zu erzaͤhlen. Schneider's Mienchen verwandelte ſich in eine Dame aus einer der erſten Familie von Halle, und zu dieſer geſellte er noch ein halbes Dutzend andere Frauenzimmer, die aus Liebe zu ihm faſt naͤrriſch geworden waͤren.„Das muͤſſen rechte „Naͤrrinnen geweſen ſeyn,“ bemerkte der Offizier mit dem zierlichen Schnurrbarte, und die ganze Geſellſchaft lachte. Felix warf, ſeiner Meinung nach, einen vernichtenden Blick im Wagen umher, aber ſtatt das Lachen zu daͤmpfen, ſchuͤrte es ſein verzweifelt wildes Geſicht nur noch mehr an. „Warum lachen Sie?“ rief er ergrimmt.„Ich „habe die Wahrheit geſagt und die Damen wa⸗ „ren keine Naͤrrinnen, ſondern ſehr anſtaͤndige „Frauenzimmer, und ich haͤtte nicht uͤbel Luſt den „Herrn Lieutenant oder was er iſt, ſeiner Aeuſ⸗ „ſerung wegen, vor die Klinge zu nehmen.“— „Aber ich,“ antwortete der Offizier,„ich habe „ſehr wenig Luſt mich mit Jemandem zu ſchlagen, „ der noch eines Hofmeiſters bedarf.“— Da braußte Thuͤrheim in grimmiger Wuth auf.„Tod und Teufel!“ ſchrie er,„wer wagt es mir ſo wetwas zu ſagen?“ Aber in dem Augenblicke ſaß der Condukteur durch das Fenſterchen und gebot — c0— im Namen der koͤniglichen Poſtdirektion dem Herr Studioſen Ruhe.„Wie, ruhig ſoll ich ſeyn, ſchrie dieſer, ruhig, wenn ich hier beleidigt wer⸗ „de?! Donner und Doria!“—„Wenn der „Herr beleidigt iſt, dann klage der Herr auf der „naͤchſten Station,“ antwortete der gravitaͤtiſche Schirrmeiſter, aber ſein Gekroͤhle muß ich mir „ſtark verbitten!“— Felix wich der rohen Ge⸗ walt; er huͤllte ſich in ſeinen Mantel und wuͤr⸗ digte die Geſellſchaft keines Wortes mehr. We⸗ nige Stunden darauf rollte der Wagen zum Leip⸗ ziger Thore in Berlin hinein. Als die Geſellſchaft im Poſthofe ausſtieg, wußte unſer Held nicht wohin er ſich fuͤr den Augen—⸗ blick wenden ſollte. Erſt hatte er große Luſt dem Offizier zu folgen und Genugthuung von ihm zu fordern, aber dann wollte er doch auch ſeine ſchoͤne Nachbarin nicht aus dem Geſichte verlieren. Nach kurzem Ueberlegen beſchloß er letztere nach Hauſe zu begleiten, und ſchon wollte er ihr ſei⸗ nen Arm anbieten, als ein aͤltlicher Mann zum Thore hereinkam und mit den Worten:„ Meine „ Lea, mein theures Herzenskind!“¹ auf ſie zu⸗ ſprang und ſie in ſeine Arme ſchloß. Felix er⸗ ſtarrte, denn er hatte auf den erſten Blick einen — 61— Sohn Iſraels in dem Manne erkannt.„Wie iſt „es Dir gegangen in der Fremde?“ fuhr der Alte fort,„Du trautes Kind! gelobt ſey der Gott „Deiner Vaͤter der Dich zuruͤckfuͤhrte wieder „wohlbehalten. Wie wird ſich Rahel freuen, „Deine Mutter und Ruben Dein Bruder!“— Die ſchoͤne Lea antwortete nur mit Thraͤnen und verließ mit ihrem Vater den Poſthof. Der Student ſtaunte der Gruppe nach. Alſo eine Juͤdin, dachte er, ſchoͤn angefuͤhrt; der Teu⸗ fel hole doch Berlin und Eilpoſt, und.. hier wurden ſeine Gedanken unterbrochen, denn der Mann, der ihn im Eilwagen nach dem Doctor Brandis fragte, trat zu ihm und bat ihn mit auf die Seite zu gehen.„Herr Thuͤrheim,“ nahm er das Wort, ich muß Ihnen nur ſagen, daß „ich der Doctor Brandis ſelbſt bin, an den Sie „von dem Herrn Commerzienrath Reinhard ge⸗ wieſen ſind. Das zufaͤllige Zuſammentreffen mit „Ihnen, iſt mir in einer Art ſehr angenehm, „weil ich Sie bei dieſer Gelegenheit etwas ken⸗ „nen gelernt habe; auf der andern Seite iſt es „mir aber fatal, denn Sie koͤnnten glauben, ich „ſey ausdruͤcklich nach Halle gekommen, um Sie gewiſſermaßen abzuholen und unterwegs auszu⸗ — 62— „horchen. Das iſt aber nicht der Fall, und ich „„kann Ihnen zur Noth aus meinem Paſſe bewei⸗ „ſen, daß ich von einer Reiſe zuruͤckkehre, auf „ der ich ſechs Wochen zugebracht habe. In Halle „habe ich mich keine halbe Stunde aufgehalten, „und von den Plaͤnen Ihres Vormundes weiß „ich gar nichts. So ſehr ich uͤbrigens mich nun „auch dem Reinhard verpflichtet fuͤhle, ſo wenig „habe ich doch Luſt die Aufſicht uͤber Sie zu uͤber⸗ „nehmen, und hoͤchſtens will ich, wenn Sie mich „dazu auffordern, von Zeit zu Zeit ein Collegium „mit Ihnen repetiren und Ihren Kaſſirer im „Großen machen. Bei mir wohnen koͤnnen Sie „unter keiner Bedingung, das werde ich heute „noch dem Herrn Vormunde ſchreiben, und wenn „Geld fuͤr Sie bei mir deponirt ſeyn ſollte, ſo „koͤnnen Sie morgen fruͤh zu mir kommen und „ das Noͤthige bei mir abholen. Ich wohne in „der Kanonierſtraße Nummero 145. Sehen Sie „ſich dann nach einer Wohnung um, und fuͤr dieſe „Nacht koͤnnen Sie recht gut in irgend einen „wohlfeilen Gaſthofe bleiben. Leben Sie wohl! Mitt dieſen Worten ging der Doctor fort und ließ unſern armen Felix ſtehen. Das fehlt noch, brummte der ingrimmig, v Eilpoſt! o Berlin! 8 4 — 63— o Halle! o Minona! o Lea! o dreimal veriinch tes, ſchreckliches Geſchick! Unſer Held, noch im Beſitz einiger Thaler, ließ mehrere Tage hingehen, ehe er den Doctor Brandis aufſuchte; aber, als er nun endlich doch zu ihm mußte, da fand er ihn zu ſeiner Verwun⸗ derung um vieles milder geſtimmt, als er erwar⸗ tet hatte. Der Doctor hatte naͤmlich, hitzig wie er war, nach ſeiner Ruͤckkehr ſogleich einen Brief an den Commerzienrath geſchrieben, in welchem r Thuͤrheim Betragen unterwegs mit ſchwarzen Farben abgeſchildert hatte, und dieſer Brief war ſogleich nach Stettin abgegangen. Als er am an⸗ dern Morgen erwachte, war ihm dieſer Umſtand ſehr leid, ſo wie er auch ſein Benehmen im Poſt⸗ hofe gegen Felix unmoͤglich gut heißen konnte, da es unmoͤglich geeignet war, ſich deſſen Zutrauen zu erwerben. Er ſprach alſo jetzt mit ihm recht artig und freundlich, und that alles um den uͤblen Eindruck wieder zu verwiſchen, den ſein ſtraͤfliches Weſen auf ihn hervorgebracht haben mußte. Die⸗ ſer aber blieb kalt und trocken, und erſt als der Doctor mit ihm von den noͤthigen Ausgaben ſprach und fuͤr die Vorausbezahlung der Miethe, des Eſſens, der Matrikel u. ſ. w. ihm eine bettfcht, — 64— liche Summe aushaͤndigte, wurde auch er zutrau⸗ licher und freundlicher. Er empfahl ſich recht ver⸗ bindlich, verſprach bald wiederzukommen, und trat den Weg zum Rektor an, um ſich einen Matrikel geben zu laſſen.— Der Himmel hatte es anders beſchloſſen. Felix war im vollen Marſche nach der Woh⸗ nung des Rektors, als er ſich auf einmal rufen hoͤrte. Er drehte ſich um, und ſein Halliſcher Karzergenoſſe Neuthaler ſtand vor ihm.„Ein „wahres Gluͤck, daß ich Dich treffe,“ ſagte die⸗ ſer,„kann ich bei Dir kneipen? Ich komme rekta „aus dem Halliſchen Karzer. u„Ei Natur,“ rief Felix froͤhlich,„ich wollte eben zum Rektor ſtei⸗ „gen, aber jetzt will ich Dich erſt in meine Kneipe „bringen. Aber Kerl/ fuhr er ihn betrachtend fort/„ſage mir um alles in der Welt, wie ſiehſt „ Du aus? Wer hat Dich ſo herrlich ausſtaffirt? „Du ſiehſt einem Halliſchen Stockphiliſter ſo aͤhn⸗ „lich, wie ein Ey dem andern, und ich muͤßte „ mich ſehr irren, wenn ich dieſen modiſchen grauen „Ueberrock nicht ſchon an Jemanden geſehen haͤt⸗ nete, der nicht Neuthaler hieß.“—„Zerbrich „Dir den Kopf nicht,“ fiel ihm der Ankoͤmmling ins Wort,„ich will Dir alles erklaͤren; doch erſt — 65— „laß uns in die Kneipe gehen und ſchaffe etwas „zu leben, denn ich habe Hunger und Durſt.“ Als dieſe phyſiſchen Beduͤrfniſſe befriedigt wa⸗ ren, ſo zuͤndete ſich Neuthaler eine Pfeife an, ſchenkte ſich ein Glas Weisbier ein und begann wie folgt:„Den Tag nach Deiner Entlaſſung „kuͤndigte der Verſtockteſte der Manichaͤer dem „Senate an, daß er mich nicht laͤnger fuͤttern „wolle, und der Hochedle wuͤrde mich jetzt ſo⸗ gleich entlaſſen haben, wenn der Pedell nicht „etwas von der Karzerſcene erwaͤhnt haͤtte. Der „Karzerknecht hatte die Nacht in hoͤchſter Ver⸗ „zweiflung bei mir zugebracht, und erſt am an⸗ „dern Morgen wurde er durch ſeine Frau erlöoͤſt, ndie den Schluͤſſelbund nach langen Suchen in dem hohen Graſe des Hofes gefunden hatte.— „Der Pedell machte es indeſſen gnaͤdig; er er⸗ waͤhnte von den Schluͤſſeln gar nichts, ſo we⸗ unig als von Dir, und erzaͤhlte blos von dem „Laͤrm, der im Karzer geweſen ſey. Ich ſchob „die ganze Schuld auf ein Paar Flaſchen Wein, „die Du mir geſchickt haͤtteſt, und ſo kam ich „mit einer Vorleſung uͤber das Laſter des Trun⸗ kes weg, die mit Artigkeiten fuͤr meine Perſon nuͤberfuͤllt war. Darauf kuͤndigte man mir an, 5 — 66— „daß ich mich ſpornſtracks in meine Heimath be⸗ „geben ſollte, die, wie Du weißt, einſt in Hin⸗ „terpommern war, und da ich weder Geld noch „Kleider hatte, ſo kaufte man mir dieſen alten „Rock, den des Pedells aͤlteſter Sohn; der Tiſch⸗ „ler, ſo eben abgelegt hatte, ließ mir ein Paar „Stiefeln vom Troͤdel holen, verſah mich mit „zwei Thalern Reiſegeld und ſchickte mich fort/ „nachdem ich eine Schrift unterzeichnet hatte, in „der ich mich verpflichtete, alle Koſten und Vor⸗ ſchuͤſſe einſt/ d. h. wenn ich in beſſere Umſtaͤn⸗ den waͤre, zu erſetzen. Mein Geld iſt rein alle „aber das Ziel meiner Reiſe iſt auch erreicht; „was ſoll ich in meiner Heimath machen, wo ich „nichts zu ſuchen habe, und wo die Erwerbs⸗ „quellen ſo ſparſam fließen, waͤhrend man ſich „hier ſo leicht forthelfen kann. Wenn ich mich „nur honorig kleiden koͤnnte und irgend einen „Bekannten von Einfluß haͤtte, der mir zum An⸗ „fange ein Paar Schuͤler zuwieſe, ſo ſollte es „mir nicht ſchwer halten, mich hier durch Unter⸗ „richt geben in Wolle zu bringen, denn ich ver⸗ „ſtehe mancherlei, und bin beſonders in der Ma⸗ „ thematik tacktfeſt. Vielleicht koͤnnte mir Dein „Doctor Brandis behuͤlflich ſeyn; was iſt denn ——— — 67— das fuͤr ein Schlag Menſch?“—„Ach Herr „Bruder,“ fiel der Andere ein,„mit dem iſt es „mir verzweifelt gegangen,“ und nun erzaͤhlte er ihm die Abentheuer des Poſtwagens, ſetzte aber hinzu, daß er ihn heute recht freundlich und artig gefunden habe.—„Gut,“ replicirte Neuthaler, „der Umſtand paßt in meinen Kram; der Herr „Doctor will Dich kirre machen, wie Du es ihm „zugedacht hatteſt, und ſchon darum empfiehlt er „ mich gewiß irgend einem Bekannten, ſobald wir „beide ihn darum bitten; die Art Menſchen ha⸗ ben immer viel Bekanntſchaft, und ich fuͤrchte „mich wahrlich vor keinem Examen.“ Hier wurde das Geſpraͤch durch einen jungen Burſchen unterbrochen, der nach Herrn Thuͤrheim fragte, ein ſchoͤnes Kompliment von der Frau Doctorin Brandis brachte und ihm einen Brief uͤberreichte, der ſo eben in Abweſenheit ihres Mannes von der Poſt eingelaufen ſey. Es war des Vormundes uͤbereilte Antwort auf des Doc⸗ tors uͤbereilten Anklagebrief, und Felix las wie folgt: 1* Stettin, am l9ten antit 187. P. P. „JIhr durchaus hlechtes Betragen Fegent. 5** — 68— „den Herrn Doctor Brandis, ſo wie Ihre bo⸗ „fen Vorſäͤtze uͤberſteigen alle Begriffe. Ich „habe ſchon einem Juſtizkommiſſair den Auf⸗ „trag gegeben, eine Vorſtellung an das koͤnig⸗ „liche Pupillenkollegium zu entwerfen, damit „dieſe hohe Behoͤrde Sie unter beſondere Auf⸗ „ſicht nehme und mich der ſchweren Pflicht „entbinde, einen ſolchen jungen Boͤſewicht wie „Sie ſind, zu bevormunden. Das iſt hoffente „lich der letzte Brief den ich an Sie zu ſchrei⸗ „ben habe. „Reinhard.“ Felix fiel wie aus den Wolken, und ſein ganzer Zorn entbrannte gegen den Doctor Brandis. „Der Heuchler! Der Nidertraͤchtige!”“ rief er aus, „vor einer Stunde war er noch ſo freundlich gee „gen mich, und doch hat er mich nur beim Com-⸗ „merzienrath verhetzt und mir den Dolch heim⸗ „tuͤckiſch in die vertrauende Bruſt geſtoſſen. Ha! „ich will mich furchtbar raͤchen!“ Haͤtte er gewußt, daß der Doctor ſchon wie⸗ der geſchrieben hatte, um den boͤſen Eindruck des erſten Briefes zu verloͤſchen, ſo wuͤrde er wohl milder geurtheilt haben. Leider aber hatte Brandis ihn nicht aufrichtig von dem benachrichtigt, was er — 69— gethan hatte, weil er hoffte, daß der Vormund ſeine Antwort nicht uͤbereilen, und ſein zweiter Brief noch vor Abgang derſelben in Stettin ein⸗ treffen wuͤrde. Ungluͤcklicherweiſe mußte er nun auch nicht zu Hauſe ſeyn, als der Poſtbote das Ungluͤcksſchreiben an Thuͤrheim, das bei ihm ab⸗ zugeben war, uͤberbrachte, denn ſonſt wuͤrde er, den Inhalt errathend, es entweder zuruͤckbehalten oder wenigſtens mit einer Erklaͤrung begleitet ha⸗ V ben. So aber ſiel es dem Nichtsahnenden ohne alle Milderung gerade an dem Tage in die Haͤn— de, an dem er zum erſten Male ſeit langer Zeit wieder den Vorſatz gefaßt hatte, fleißiger und ordentlicher zu werden. Felix hatte ſeine Pfeife beim Leſen des Briefes weit weg geſchleudert, Neuthaler dagegen blies den Dampf in großen Wolken aus der ſeinigen. „Ein uͤbler Caſus, allerdings,“ brummte er, „ein Fall der reiflich zu uͤberlegen iſt.— Nun „ringe und winde die Haͤnde nur nicht ſo klaͤg⸗ 2 „lich, ich ſehe noch gar keinen Grund zum ver⸗ 4 „zweifeln.“*—„Noch keinen Grund,“ ſchrie Fe⸗ lix,„„noch nicht einmal einen Grund! und ich bin doch unrettbar verloren, denn ich kann es „mir recht gut vorſtellen, wie mir das Pupillen⸗ — 70— „kollegium mitſpielen wird. Nein, ich will kein „Narre ſeyn und alles in Geduld abwarten. Ich „will dem Vaterlande Lebewohl! ſagen, Vermoͤ⸗ gen, Freunde, alles verlaſſen, und in Griechen⸗ „land oder Batavia ein neues Vaterland und „neues Gluͤck ſuchen.— Neuthaler geh' mit.“— „Nun, nur gemach, Herr Bruder,“ ermahnte dieſer, ,, nur nicht gleich ſo oben aus und nir⸗ „gends an. Wenn alle Hoffnung in Preußen „ verloren waͤre, dann moͤchteſt Du allenfalls an ſolch einen Deſperationsſtreich denken, aber jetzt iſt wahrlich noch keine Zeit dazu. In ein Paar „Jahren biſt Du muͤndig, und die werden doch „noch zu uͤberſtehen ſeyn, ſie moͤgen ſo elend aus⸗ fallen als ſie wollen. Denke doch, daß ich ein „ganzes Jahr auf dem Karzer geſeſſen habe, und rſo ſchlecht geht es Dir nun auf keinen Fall.“ Alle dieſe Beruhigungsgruͤnde wollten indeſſen bei Felix nicht Platz greifen. Er blieb dabei, er koͤnne und duͤrfe ſein Schickſal in Berlin und in Preußen nicht abwarten, er muͤſſe ſich ihm ent⸗ ziehen und den Sturm von ſeinem Hauple ab⸗ lenken.— „Nun,“ nahm Reuthaler! wieder das Wort, enna Du denn durchaus von hier weg willſt, wen „ſo waͤre mein Rath, Du gingſt zu irgend einer „Schauſpielertruppe ins Ausland, verlebeſt dort „ein Paar luſtige Jahre und warteſt die Zeit „Deiner Volljaͤhrigkeit ab. Du biſt kein uͤbler „Kerl, und ein Engagement kann Dir ſo wenig „fehlen als Gluͤck bei den Frauenzimmern. Dieſer Vorſchlag war unſerm Helden wie aus der Seele genommen; er ſprang auf, umarmte ſeinen Freund und konnte ſich nicht genug wun⸗ dern, daß ihm dieſer kluge Einfall nicht weit fruͤ⸗ her gekommen ſey. Er beſchloß ſeinen Vorſatz ſogleich auszufuͤhren und Berlin noch an demſel⸗ ben Tage zu verlaſſen. Zu dieſem Behufe packte er den beſten Theil ſeiner uͤberaus ſtarken Garde⸗ robe in einen Ranzen, ſchenkte Neuthalern als Beweis ſeiner Dankbarkeit, einen noch leidlichen Rock, etwas Waͤſche, Buͤcher und ein Paar We⸗ ſten, bezahlte ſeine Wohnung auf vierzehn Tage und trat ſie ebenfalls an ihn ab. Dann ließ er einen Troͤdler kommen, verkaufte dieſem den Reſt ſeiner Habſeligkeiten, und brach noch an demſelben Tag nach Mecklenburg auf. Ob es ihm gleich an Geld nicht fehlte, ſo beſchloß er dennoch die Reiſe zu Fuße zu machen, denn ihm ahnete, daß er mit dieſem Vorrath wohl ſparſamer als gewoͤhn⸗ — — 22— lich werde umgehen muͤſſen. Aber einen Mann, der ihm ſeinen Ranzen trug, mußte er doch mie⸗ then, denn er hatte ihn mit ſoviel Kleidungsſtuͤcken aller Art uͤberladen, daß er ihn kaum bis an das Thor ſchleppen konnte. Nach wenigen Tagen zog er in G ein, wo gerade eine herumziehende Truppe ihr Weſen trieb. Neuthaler hatte, noch an demſelben Tage da Felix Berlin verließ, wohl einſehend, daß er nun auf Brandis nicht mehr rechnen koͤnne, einen Be⸗ kannten aus fruͤherer Zeit aufgeſucht und ſeine Noth geklagt. Dieſer hatte ihm Huͤlfe verſprochen und einſtweilen einige Arbeit fuͤr ein Tageblatt uͤbergeben, und ſo ſaß er am andern Morgen ſehr wohlgemuth in ſeiner Stube, als ein wohl⸗ gekleideter Herr eintrat und nach Herrn Thuͤrheim fragte. Neuthaler ahnete ſehr richtig, daß dieſes niemand als der Doctor Brandis ſey, und er war auf deſſen Frage hinlaͤnglich vorbereitet. Er erzaͤhlte ihm alſo, daß jener nach Empfang eines Briefes aus Stettin, ſogleich dahin abgereiſt ſey, um ſich mit ſeinem Vormunde zu verſtaͤndigen. Seine Wohnung, die er voraus bezahlte, habe er ihm auf die Zeit ſeiner Abweſenheit abgetreten. Brandi war mit dieſer Antwort ſehr wohl zufrie⸗ 8 2 4½ den und entfernte ſich mit der Bitte, Herrn Thuͤr⸗ heim ſogleich nach ſeiner Ruͤckkehr zu einem Be⸗ ſuche bei ihm zu bereden. Das waͤre uͤberſtanden, ſagte Neuthaler ver⸗ gnuͤgt zu ſich ſelbſt, und fuͤr acht Tage wenigſtens haͤtteſt du Ruhe. Aber was dann? du koͤnnteſt zwar bei deiner Ausſage bleiben, aber das koͤnnte dir ſpaͤter uͤble Haͤndel zuziehen, und ſo iſt es h am Beſten du raͤumſt das Feld, bevor ſich Wirth und Polizei um deinen Namen und Paß kuͤm⸗ mern.— Gedacht, gethan. Nach zwei Tagen, als ihm ſein Freund, mit ſeinen Arbeiten zufrie⸗ den, neue uͤbertragen und einige Schuͤler zuge⸗ wieſen hatte, bezog er eine andere Wohnung am andern Ende Berlins, und war nun der etwaigen Nachforſchungen wegen auſſer Sorgen. Als Brandis nach einiger Zeit erfuhr, daß Felix nicht nach Stettin gekommen ſey, ſo wollte er zwar Neutha⸗ lern noch einmal aufſuchen, aber er fand ihn nicht mehr und konnte ihn, da er ſo wenig als der Wirth ſeinen Namen wußte, in den großen Ber⸗ lin auch nicht ausfindig machen. Des Commerzienraths erſter Gedanke, als er erfuhr, daß ſein Muͤndel wahrſcheinlich in alle Welt gegangen ſey, war: ihn mit Steckbriefen verfolgen zu laſſen, ſein zweiter aber: er wird ſchon wieder kommen, er iſt zu Brode gewoͤhnt. Da aber Wochen und Monate verſtrichen, und immer keine Nachricht von dem Fluͤchtling eintraf, da fing er doch an unruhig zu werden und zu fuͤrchten, er habe ihn durch ſeinen Drohbrief zu einem deſperaten Streiche verleitet. Er that alles um Kunde von ihm zu erlangen. Zuerſt fragte er in Halle an, ob man etwa den Studenten Felix Thuͤrheim dort wiedergeſehen habe; aber ach! weder der Wirth der Bergſchenke, noch Michaelis, noch der Gevatter wußten etwas von ihm. Jetzt forderte er ihn verbluͤmt in allen Zei⸗ tungen auf, in die Arme ſeines Vormundes zu⸗ ruͤckzukehren; aber Felix las jetzt blos ſeine Rol⸗ len und keine Zeitung mehr. Da wurde es ihm zur Gewißheit, der Ungluͤckliche ſey nach Grie⸗ chenland, Java oder Braſilien gegangen. Er ſchrieb nach Holland, nach Hamburg und an alle Griechenvereine in Deutſchland, Frankreich und in der Schweiz, aber von allen Seiten erſcholl die Nachricht: man habe von einem Felix Thuͤr⸗ heim weder etwas noch geſehen. Das Schlimmſte war, daß Felix ſeine Dienſtpflicht noch nicht erfuͤllt hatte, und daß er, wenn dieſes nicht 5. —— . 7 — 75— binnen zwei Jahren geſchehen war, ſtatt einem, drei Jahre zu dienen hatte. Waͤhrend ſich Herr Reinhard um das liebe Muͤndelchen abaͤngſtigte, von dem ihn/ ſeiner Meinung nach, Meere trenn⸗ ten, war dieſer in nicht allzugroßer Ferne von Stettin beſchaͤftigt die Zuhoͤrer zu entzuͤcken, und beſonders die Herzen der Damen zu ruͤhren. Als Thuͤrheim den Direktor der Schauſpieler⸗ Geſellſchaft in G.. aufſuchte, ſtellte er ſich ihm unter dem Namen Neuthaler vor, um durch Annahme dieſes Namens einer Entdeckung vorzu⸗ beugen. Der Direktor muſterte ihn mit einem wahren Feldherrnblicke und fragte, ob er ſchon fruͤher irgendwo geſpielt habe. Felix verneinte;— auch auf keinem Liebhaber⸗Theater? frug der Prinzipal weiter, und als Felix auch dieſe Frage mit: Nein, beantworte, ſo runzelte jener die Stirn, murmelte etwas von unbegreiflicher Vernachlaͤſſig⸗ ung der Erziehung und meinte: es ſey viel ge⸗ wagt, als ganz reiner Anfaͤnger gleich bei einer der erſten Truppen Deutſchlands auftreten zu wollen.„Ich,““ ſetzte er hinzu,„ habe lauter „ meiſterhafte Kuͤnſtler n her Ihrem Engage⸗ „ ment kann alſo wohl nichts werden.“*— So ernſthaft war das freilich nicht gemeint. Der — 76— uͤberdem ſehr gut angezogen war, ſtach dem Di⸗ rektor nicht wenig in die Augen, aber er wollte ihn gern zu billigen Preiſe erhaſchen. Sein Plan war G... bald zu verlaſſen und in groͤßeren Staͤdten ſein Heil zu verſuchen, und dieſer waͤre ihm durch den ploͤtzlichen Tod ſeines letzten ju⸗ gendlichen Liebhabers, den der Schlag beim Nach⸗ hauſegehen aus einer Liqueurſchenke vor einigen Tagen geruͤhrt hatte, bald vereitelt worden. Fe⸗ lix kam ihm alſo wie gerufen, und als er nun ob der abſchlaͤgigen Antwort tief betruͤbt vor ihm ſtand, ſo fragte er: ob der Herr etwa ſingen koͤn⸗ ne.—„Singen,“ antwortete jener,„in meiner Inten kann ich auch noch, aber meine Stimme „hat ſich ſeitdem ganz veraͤndert und iſt vom Alt „bis zum Bierbaß herabgeſunken.“—„Nun,“ „ja wohl nachhelfen. Wenn Sie ſich des Sin⸗ „gens befleißigen, kleine Rollen im Schauſpiele nuͤbernehmen und mit weniger Gage verlieb neh⸗ men wollen, ja da koͤnnten wir vielleicht Han⸗ „dels einig werden. Wie ſteht es denn mit Ih⸗ rer Garderobe? ¹—„Ach,““ erwiederte Felix 3 4 1* Adſpirant, der ein recht huͤbſcher Junge, und „Jugend habe ich es wohl gelernt, und die No⸗ antwortete der Prinzipal freundlich,„da ließe ſich — 7,— ganz dergnuͤgt,„meine Garderobe iſt in leidli⸗ chem Zuſtande. Ich konnte zwar nur das Neuſte „mit nehmen, aber ich habe doch auſſer dieſem gruͤnen Frack noch einen ſchwarzen, eine Pike⸗ ſche, einen Ueberrock, drei Paar Tuchbeinkleider und einige Paar von Sommerzeuge, ſo wie auch hinlaͤngliche Leibwaͤſche, auch kann ich mir al⸗ „lenfalls noch etwas anſchaffen. ¹ Als unſer Held den Beſtand ſeiner Garderobe aufzaͤhlte, veraͤnderte ſich des Direktors hochmuͤ⸗ thiges Geſicht; die Falten auf ſeiner Stirn glaͤt⸗ teten ſich und er wurde ſehr hoͤflich, denn der Candidat ſtieg hoch in ſeinen Augen. Einen Ue⸗ berrock, zwei Fracks und eine Pikeſche, ſoviel zu⸗ ſammen hatte er in ſeinem ganzen Leben noch nicht gehabt; und auch hinlaͤngliche Waͤſche— alſo nicht blos alles auf die aͤuſſere Schaale verwendet — und auch noch mehr anſchaffen will er ſich— das muß ein Menſch aus angeſehener Familie ſeyn. „Sie ſind reichlich, uͤberreichlich mit Garderobe verſehen,“ rief er ihm zu,„Sie brauchen ſich min Jahr und Tag nichts anzuſchaffen. Aber ha⸗ ben Sie doch die Guͤte und leſen Sie mir ei⸗ „nige Seiten vor. Es iſt Johanna von Mont⸗ n faukon,“ ſagte er, ihm ein Buch hinreichend „wir werden dieſes Schauſpiel naͤchſtens auffuͤh⸗ „ren, das Publikum verlangt es mit Ungeſtuͤm.“ Felix griff haſtig darnach und las einige Scenen mit ſolchem Pathos, daß dem Direktor die Freu⸗ denthraͤnen in die Augen zu kommen drohten. „Genug, genug,“ rief er,„ Sie ſind von heute „an bei mir angeſtellt, aber hole mich der Teufel „fuͤr's erſte kann ich blos vier Thaler woͤchentlich „geben; ſind Sie damit zufrieden, ſo ſchlagen „Sie ein.“ Felix ſchlug ein, wurde noch am ſelbigen Abende der Truppe hinter den Kuliſſen vorgeſtellt, und debuͤtirte acht Tage darauf als Philipp in Johanna von Montfaukon. Seine Gage war zwar aͤuſſerſt gering, da er aber noch fuͤnfzig Thaler im Vermoͤgen beſaß, ſo hoffte er ſich doch ſo lange hinzuhalten, bis er Zulage be⸗ kommen wuͤrde. Wenn ſich Felix haͤtte entſchlieſſen koͤnnen, dem nicht eben reizenden weiblichen Perſonale der Truppe etwas den Hof zu machen, ſo wuͤrde er wahrſcheinlich, wenigſtens fuͤr's erſte, von der Ka⸗ bale ungeneckt geblieben ſeyn, denn die Maͤnner, wenn ſie ihn auch, ſeiner Garderoben wegen/ be⸗ neideten, wurden durch die vier Thaler woͤchent⸗ lich zum Mitleid bewogen, und hatten die ſtille Hoffnung ihn in der Kuͤrze in derſelben uͤbelen Lage zu ſehen, in der ſie ſich ſelbſt befanden. Da er aber den Anlockungen der Damen feſt wieder⸗ ſtand, ſo zog er ſich bald den Haß ſaͤmmtlicher Schauſpielerinnen zu, die allen Einfluß aufboten, ihm das Leben ſo ſchwer als moͤglich zu machen, und wo moͤglich bei dem Direktor zu ſtuͤrzen. Wenn aber auch das Erſtere gelang, ſo war doch keine Ausſicht zu dem Zweiten, denn noch waren Thuͤr⸗ heims⸗Neuthalers Noͤcke zu neu, und als es ihm ein Paar Frauen einmal gar zu bunt mach⸗ ten, ſo bewog er den Direktor, mit Huͤlfe einiger Flaſchen Wein, ſogar eine der Hauptkabaliſtinnen auf der Stelle zu verabſchieden. Das half, und er hatte jetzt auf einige Zeit Ruhe. Indeſſen zog die Truppe ab und ſchlug in ei⸗ ner nicht unbedeutenden Stadt des Koͤnigreichs Hannover ihren Cothurn auf. Der Direktor that ſein moͤglichſtes das Publi ikum zufrieden zu ſtellen, aber leider fehlte es ihm an einem leidlichen Frau⸗ 1 enzimmer fuͤr Soubrettenrollen. Einſt klagte er unſeren Helden dieſe Noth, und da gedachte Fe⸗ lix ſeiner Minona in Halle. Schnell wurde ein Entfuͤhrungsplan reif, den er dem Direktor mit⸗ theilte; dieſer billigte ihn nicht nur, ſondern ver⸗ — 80— ſprach ſogar einen Theil der Koſten zu tragen, und I bald ging, aber aus einer andern Stadt datirt und zur Poſt befoͤrdert, folgender Brief an Mi⸗ nona ab, der durch den, bei der Abreiſe beſpro⸗ chenen, bis jetzt aber ungenuͤtzt gebliebenen Kanal richtig in ihre Haͤnde gelangte. „Geliebtes Maͤdchen! „Monate ſind verfloſſen, ſeit ich Dich nicht „geſehen, nichts von Dir gehoͤrt! Gewiß haſt „Du mich fuͤr treulos gehalten, aber wahrlich „ich war es nicht! Ein grauſames Schickſal hat „mich verfolgt, aber es war zum Heil und hat „mich durch ein gluͤckliches Ohngefaͤhr an den „Platz geworfen, an den ich gehoͤre. Ich bin „Schauſpieler! Kuͤnſtler! Wenn Du mein Loos „noch theilen, wenn auch Du den Cothurn be⸗ „ſteigen willſt, dann ruͤſte Dich zur Flucht und „gib mir auf dem bekannten Wege Antwort. „Sonntags, am 12ten Auguſt, Nachmittags „zwiſchen zwei und drei Uhr werde ich in Poſ⸗ „ſendorf Deiner warten. Wenn wir einſt ver⸗ „ eint auf dem erſten Theater Deutſchlands als erſtes Kuͤnſtlerpaar glaͤnzen, dann werden auch 3„Deine Eltern den Weg gnen, den Du zu — 81— „Deinem Gluͤcke eingeſchlagen haſt. Ewi B „Dein .„Felix.“ Schon wenige Tage darauf hatte dieſer fol⸗ gende Antwort in den Haͤnden: „Ewig Geliebter! „Ich folge Dir, denn der Breslauer iſt noch „immer da und ſtellt mir nach, und die Eltern „wollen's haben. Arbeiten muß ich den gan⸗ „zen Tag, und dafuͤr loſe Reden und Schlaͤge. „Ach Gott! nach Poſſendorf darf ich ſelten, waber am 12ten Auguſt kommt ganz gewiß „ Deine „Minona.“ Felix freute ſich ungemein uͤber dieſen naiven Brief und machte alles bereit, um den Coup nicht zu verfehlen. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt. Mienchen hatte ein Paar Tage uͤber immer ſoviel auf ihrer Kammer zu ſchaffen, und das kam der Mutter verdaͤchtig vor. Am Sonnabende, 3 kurz vor Feierabend, ſchlich ſie ihr einmal auf die 4 Kammer nach, und da ſah ſie ihr blaues Wun⸗ der. Mienchen hatte ſchon ihr ganzes bischen Ar⸗ 6 muth in ein Buͤndelchen zuſammengepackt, und war eben im Begriff es voraus nach Poſſendorf zu tragen und dort zu verſtecken. Die Mutter rief ſogleich den Vater, der Vater den Breslauer, und nun wurde ſcharf inquirirt. Mienchen wollte nichts geſtehen, trotz allen Puͤffen und Maulſchel⸗ len, da ſtoͤrte die Mutter das Buͤndel durch und fand den verhaͤngnißvollen Brief. Nun lag alles klar zu Tage.„Warte,“ rief die Mutter,„war⸗ „te, ich will Dir den Komoͤdiantenkitzel vertrei⸗ „ben.“ Und nun, o ſchreckliches Schickſal! nun wurde die arme Minona, das liebende Maͤdchen, die fluͤchtige Gazelle, von ihrer Mutter, die ſich waͤhrend der Exekution in eine wuͤthende Megaͤre verwandelte, auf's grauſamſte gemißhandelt. Als die Mama ihr Muͤthchen gekuͤhlt hatte, ſo ſchloß ſie die Kammer, die zwei Stockwerk hoch war getroſt zu und ließ ihre Tochter mit ihrem Doße pelſchmerz allein. Dem armen Kinde waren alle Gedanken ver⸗ gangen; ſie ſchluchzte, daß ſie der Bock ſtieß, und dieſes Weinen bezog ſich fuͤr's erſte blos auf die verurſachten koͤrperlichen Leiden, aber ſo wie dieſe Schmerzen nachlieſſen, erwachte auch der Gedanke an Felix wieder. Minona warf ſich troſtlos auf —— 83— das Bette und beklagte ihr boͤſes Schickſal, aber endlich ſchlief ſie doch ein und vergas Kummer und Schmerz.— Aber ihre Eltern und der Bres⸗ 2 lauer vergaſſen ihr Vorhaben nicht, und ſie mach⸗ ten einen Plan den Ver⸗ und Entfuͤhrer die Sache einzutraͤnken. Zu dieſem Ende zeigten ſie das ganze Entfuͤhrungsprojekt der Polizei an und ba⸗ ten um Verhaftung des Schauſpielers. Die Po⸗ lizei war dazu willig, weil aber die Diener der⸗ ſelben mit der Perſonlichkeit des Herrn Felix Thuͤr⸗ heim nicht bekannt waren, ſo gingen am andern Tage die Eltern und der Breslauer mit zweien * von ihnen nach Poſſendorf, um ihn dort abzulau⸗ ern. Mienchen wurde wieder eingeſchloſſen und mit der Verſicherung verlaſſen: ſie ſolle ihren Ge⸗ liebten bald im Zuchthauſe ſehen, und wenn ſie dann noch zu ihm wolle, ſo wuͤrde ſie niemand halten. 1 Die Geſellſchaft hatte noch nicht lange gewar⸗ tet, da kam unſer Feliy herangeſchlichen, aber zum Gluͤck fuͤr ihn, waren die Polizeidiener mit ſeinem Nebenbuhler eben hinabgegangen, um ſich zu uͤberzeugen, daß der Entfuͤhrer, wenn er ein⸗ mal im Hauſe ſey, durch keine Hinterthuͤre ent⸗ ſchluͤpfen konne. Die Mama konnte es nicht er⸗ — 6** 4 8 — 84— warten, den Verfuͤhrer ihrer Tochter in den Klauen der Polizei zu wiſſen, und ſie riß demnach, als ſie ihn kommen ſah, das Fenſter auf und rief: „Breslauer! kommen Sie man fix herbei, der „Kerl iſt da, der Schandkerl; traͤnken Sie ihm „man ſeine Schlechtigkeit ordentlich ein, dem „ſchlechten Kerl!“ Als Felix den Kopf ſeiner Ex⸗ nachbarin ſah, da wurde es ihm gleich ſo zu Muthe, als ob ſein Vorhaben mislungen waͤre, und ihre Worte benahmen ihm jeden Zweifel. Se⸗ lix drehte um und ſprang in ſeine Kutſche, die fuͤnfzig Schritte weit vom Wirthshauſe hielt und ſchon umgewendet war; der Kutſcher hieb auf die Pferde, fort flog der Wagen, und Eltern, ſammt Polizei und Liebhaber hatten das Nachſehen. Sie gingen brummend heim, und ihre verdrieslichen Geſichter waren der erſte Sonnenblick, der ſeit vier und zwanzig Stunden in Mienchens Herz fiel. Als Felix in halber Verzweiflung zu ſeinem Direktor zuruͤckkam, ſo war dieſem zwar das Mis⸗ lingen der Entfuͤhrung auch nicht angenehm, weil es ihn um eine junge Schauſpielerin und um ver⸗ ſchiedene Thaler Geld brachte, indeſſen war er doch ſehr froh, daß ſein Liebhaber wenigſtens den 1 Kaauen ſeiner Verfolger gluͤcklich entgangen war. gends ſeinen Theaternamen genannt hatte, dem de, ſo hieß das Maͤdchen, war in der That ſehr der beſte, obwohl ſie noch in der erſten Jugendbluͤthe — 85— Sehr lieb war es ihm uͤberdem, daß Felix nir⸗ Kutſcher unbekannt war und ſeinen Brief an Mi⸗ nona am dritten Orte auf die Poſt befoͤrdert hatte. Thuͤrheim⸗Neuthaler vergaß ſein Misgeſchick auch ſehr ſchnell, und ſah ſich unter den Schoͤnen der Stadt nach einem Erſatz fuͤr ſeine Halliſche Ge⸗ liebte um.— Der Erſatz fand ſich bald. Die jugendliche Friſche unſeres Helden zog die. Augen des weiblichen Publikums auf ſich, und 3 bald war die Tochter eines angeſehenen Kauf⸗ manns in romantiſcher Liebe zu ihm entbrannt, die zu erwiedern er nicht ermangelte. Kunigun⸗ huͤbſch, ja faſt ſchoͤn zu nennen: ein uͤppiger Wuchs, blendende Farben, ſchoͤne ſchwarze Augen und Haare zeichneten ſie vor allen andern Jungfrauen der Stadt aus, doch war ihr Ruf ſchon nicht mehr ¹ ſtand. Thuͤrheim brachte faſt jede freie Stunde bei der Geliebten zu, und ſie belohnte dieſe An⸗ haͤnglichkeit durch manches ſchoͤne Geſchenk, was. ihm um ſo willkommener war, da ſeine vorraͤthige Kaſſe ganz zu Ende und ſeine Gage immer erſt auf fuͤnf Thaler woͤchentlich geſtiegen war. Die — 86— ganze Stadt kannte dieſes zarte Verhaͤltniß und ſprach davon, blos Kunigundens Vater kannte es nicht oder wollte es nicht kennen, und als er end⸗ lich durch dienſtfertige Freunde davon unterrichtet wurde, ſo troͤſtete er ſich damit, daß mit dem Fruͤhling auch die Schauſpieler abziehen wuͤrden. Die Schauſpieler zogen ab, aber wenige Tage nach ihrer Entfernung war auch eines Morgens Kunigunde verſchwunden. Der Vater ſchuͤttelte den Kopf und blieb ruhig, aber als man ihm er⸗ zaͤhlte, daß nicht nur Kunigundens, ſondern auch ſeiner verſtorbenen Frau Kleider fehlten, als man ihm verkuͤndete, daß ſeine Leibwaͤſche und alles Silber verſchwunden ſey, und als er ſelbſt eine bedeutende Summe Geld vermißte, da entbrannte er in wilder Wuth und beſchloß die Fluͤchtlinge zu verfolgen. Die Guten waren noch nicht weit; wenige Stationen von ſeinem Wohnorte holte ſie der alte Herr ein und zog ſeine Dochter, allen Widerſtands ungeachtet, aus einem Kamin her⸗ aus, in das ſie bei der Ankunft des Herrn Pa⸗ pa's gefluͤchtet war. Welch' eine Freude fuͤr die⸗ ſen: Tochter, Geld, Silber und Waͤſche zugleich wieder zu finden, blos die Garderobe der Seligen war fort, ſie war ſchon vor der Flucht den Weg 1 f der aus ſicheren Verſteck alles mit anſah, gar keine Notiz. Als Felix bemerkte, wie wenig die ſchoͤne Kunigunde von ihrem grauſamen Vater be⸗ achtet wurde, da netzten ſich ſeine Augen, und als er das ſchwere Packet in den Wagen ſchleppen ſah, da floſſen die Thraͤnen reichlich.— Mein Gott, dachte er, was ſoll ich mit Kunigunden der Direktor iſt kapabel und nimmt ſie nicht ein⸗ mal an,— und wie er nun Kunigunden ſelbſt in den Wagen ſteigen ſah, da ſchluchzte er hoͤr⸗ bar, und gern waͤre er hingeſprungen, um ſie dem Vater zu entreiſſen, wenn der Kutſcher mit ſeiner Peitſche nicht gar ſo drohend ausgeſehen haͤtte.— Fort war die Geliebte, und noch ein⸗ mal kam Felix allein zum Direktor zuruͤck. Dieſer lachte uͤber das Ungluͤck ſeines Liebhabers im Ent⸗ fuͤhren, und Neuthaler durch dieſen Spott aufge⸗ regt, ſchwur Kunigunde muͤſſe ſein werde. Mancher Leſer wird denken, er habe zwar an des Vaters Stelle auch Geld, Silber und Waͤſche wiedergeholt, aber das Maͤdchen ſelbſt bei ihrem alles Fleiſches gegangen. In ſeiner Freude nahm er von der Tochter wenig, von dem Enkfuͤhrer, machen, wenn ſie weder Geld noch Kleider hat, Schatze gelaſſen, und ſo dachten die Einwohner — 88— in Kunigundens Vaterſtadt faſt alle. Man lachte allgemein uͤber die zuruͤckgebrachte Fluͤchtige, und der Vater kratzte ſich hinter den Ohren, denn er wußte nicht recht, was er mit ſeiner Tochter an⸗ fangen ſollte. Da kam ein Brief von Thuͤrheim, der unter dem Namen Neuthaler foͤrmlich um die ſchoͤne Kunigunde anhielt. Er theilte dem al⸗ ten Herrn einen Cheil ſeines Geheimniſſes mit, verſprach ſich mit ſeinem Vormunde zu verſoͤhnen und die Erlaubniß zur Trauung von ihm zu er⸗ preſſen. Der Vater beſtand zwar anfaͤnglich auf ſchleuniger Hochzeit, gab aber endlich den Bitten der Tochter und des ſchwiegerſohnes in Hoff⸗ nung nach und brachte das liebe Kind, mit Geld und Geldeswerth wohl verſehen, dem Entfuͤhrer auf halbem Wege entgegen. Neuthaler empfing ihn dort mit der Nachricht, daß er fuͤr ſich und ſeine Geliebte eine fixe Anſtellung bei dem Hof⸗ theater in S.... erhalten habe und ihrer Trau⸗ ung, ſobald ſie dort angekommen ſeyen, nichts mehr im Wege ſtehe. Ueber dieſe Nachricht war der Papa entzuͤckt und reiſte den Tag darauf wie⸗ der nach Hauſe, waͤhrend das Liebespaar angebe lich nach S..... aufbrach. Bald aͤnderte dieſer aber ſeinen Weg und ſchlug den nach R.... ein, — 89— wo die Truppe, bei der Felix noch immer enga⸗ girt war, gerade ſpielte. Das ganze Vorgeben wMmar eitel Lug und Trug geweſen, um den uten Schwiegervater zu beruhigen. Im erſten Nachtquartiere gab Felix Kunigen⸗ den fuͤr ſeine Frau aus, was ſie auch ohne Wi⸗ derrede geſchehen ließ, und darauf erzaͤhlte er ihr zum erſten Male ſeine ganze Geſchichte und ver⸗ traute ihr, daß ſie unter jetzigen Umſtaͤnden auf Einwilligung ihres Vormundes zur Trauung nicht rechnen duͤrften.„Aber was thut das,“ ſetzte er zaͤrtlich hinzu,„ſind wir darum weniger eng verbunden? Vor Gott ſind wir Eheleute und „vor den Menſchen auch, denn wir wollen ſagen, „wir waͤren geſtern, in Gegenwart Deines Vaters, „getraut worden.“ Kunigunde war ein ſtarker Geiſt und fuͤgte ſich in Alles; konnte 6 doch bei ihrem Geliebten bleiben. 3 Als das Liebespaͤrchen in R.... ankan, wurde es von dem Direktor mit großen Jubel empfangen; auch das ſpielende Perſonal ſtellte ſich uͤber die Erwerbung ihres Prinzipals ſehr ver⸗ gnuͤgt, und die Schauſpielerinnen erſtickten faſt Kunigunden, die ihnen allen ſchon aus ihrer Va⸗ terſtadt her bekannt war, mit ihren Umarmungen. — 90— Kunigunde war ihrer Seits ebenfalls ſehr ver⸗ gnuͤgt, ſich unter lauter Bekannten zu ſehen, und als ihr ihr Pſeudo⸗Neuthaler offenbarte, daß die meiſten dieſer Frauen ebenfalls ohne kirchlichen Segen mit ihren Maͤnnern zuſammen lebten, ſo verſchwand auch das letzte Reſtchen von unange⸗ nehmen Gefuͤhle, das ihr dieſer Umſtand bisher noch verurſacht hatte. Sie trat anfangs in klei⸗ nen, bald in groͤßeren Rollen auf, denn ſie hatte ihr Talent fuͤr die Buͤhne ſchon fruͤher auf einem Liebhaber⸗Theater ihrer Vaterſtadt auszubilden die Gelegenheit gehabt. Jetzt erſt ſah ſie den Nutzen der Privat⸗Theater recht ein, denn die Angſt, die den Anfaͤnger gewoͤhn lich druͤckt, kannte ſie gar nicht, und auch das Spiel hinter den Ku⸗ liſſen war ihr gar nicht fremd. Felix konnte ſeine Frau nicht genug bewundern; er mußte es ſich ſelbſt geſtehen, ſie war buͤhnenfeſter als er, und doch war er ſchon ſeit Jahresfriſt auf den Bret⸗ tern einheimiſch. Der Direktor ſah dieſes ſelbſt ein, und waͤhrend er nach vielen Bitten Neutha⸗ lers Gage bis auf ſechs Thaler erhoͤhte, ſo gab 8* er ihr ohne weiteres gleich ebenſoviel, und kurz pernach ſogar acht Thaler. Kunigunde und ihy MNann lebten, ſo lange das vaͤterliche Geld an⸗ 4 8* 5 aber der letzte Thaler fort war und Felix nun von Einſchraͤnken ſprach, da machte ſein Schatz nem alten Prinzipal wieder ein Engagement ge⸗ Wochen beſtimmt zum Ziele gefuͤhrt verden wuͤr⸗ — 91— hielt, herrlich und in Freuden, und ſo lange wa⸗ ren ſie auch blos ein Herz und eine Seele. Als ein ſehr graͤmliches Geſicht, und Neuthaler, zaͤrt⸗ lich bemuͤht, dieſe Falten wieder auszugleichen, ſchrieb dom Schwiegerpapa einen ruͤhrenden Brief und ſchilderte im Eingange ſein und Kunigundens Gluͤck ſo herzbrechend, daß ihm ſelbſt das Waſſer dabei in die Augen trat. Dann beklagte er ſehr, daß durch die Kabalen irgend eines Boͤſewichts ſeine feſte Anſtellung in S... verhindert wor⸗ den ſey, und er nur Gott danken muͤſſe, bei ſei⸗ funden zu haben. Kunigunde indeſſen bezaubere durch ihr goͤttliches Spiel alle Herzen, und eine baldige Berufung an die Berliner oder Hambur⸗ ger Biene koͤnne ihnen nicht entgehen. Gegen Ende des Briefes wuͤthete er gegen ſeinen Vor⸗ mund, der ihm noch immer die Erlaubniß zur Trauung, ſo wie ſeine Intereſſen zuruͤckhalte, ob er gleich mit Aufopferung des ganzen Geldvorraths ſeiner Trauten einige bedeutende Kanaͤle eroͤffnet habe, durch die ihre Angelegenheit in ein Paar —-— 92— de, und zum Schluſſe bat er den Herrn Schwie⸗ gerpapa— um Geld.— Der gute Vater kratzte ſich hinter den Ohren, aber er ſchickte doch eine nicht unbetraͤchtliche Summe, denn er wollte das Gluͤck ſeiner Tochter feſt begruͤnden. Das Geld kam an, und als nun Kunigunde die blanken Louisd'ors vor ſich liegen ſah, ſo be⸗ rechnete ſie in aller Eile wie viele Hauben, Huͤte, Baͤnder und Kleider ſie ſich davon kaufen koͤnne und beſchloß, das Geld ganz allein fuͤr ſich zu behalten. Felix errieth nichts von ihren Gedan⸗ ken, aber als er die Louisd'ors wegſchlieſſen woll⸗ e, da legte ſie ein Veto ein und verkuͤndigte ihm 5 mit duͤrren Worten, daß ſie das Geld in Beſchlag nehme.„Du haſt Dir zwar die Muͤhe genom⸗ „ men, meinen Alten durch einen Brief voller Luͤ⸗ „gen zu dieſer Sendung zu beſchwatzen,“ ſagte ſie,„ aber weiter haſt Du doch keinen Theil daran; „es iſt Geld von meinem Vater, alſo iſt es mein. „Fuͤr Deinen Brief aber, mein Felixchen, ſollſt „Du auch bezahlt werden, denn ich verlange nichts „umſonſt; hier haſt Du einen Louisd'or, mache „Dir einen vergnuͤgten Tag dafuͤr.“ Vergebens machte Neuthaler Vorſtellungen uͤber Vorſtellun⸗ gen, vergebens bat er wenigſtens um einen Theil .— 93— der Summe, mit dem er dringende Schulden be⸗ zahlen wollte, es blieb bei dem Beſchluſſe. Die Scene wurde immer lebhafter, waͤrmer und in⸗ tereſſanter. Felix warf Kunigunden Mangel añ Zaͤrtlichkeit vor, aber, ſie ſchlug ihm ein Schnip chen und lachte ihn aus.„Du armer 5 ſagte ſie,„wwas waͤrſt Du ohne mich? Ein ſchle iter, hoͤlzerner Liebhaber mit fuͤnf Thalern Gage, denn blos mir zu gefallen hat Dir der Direktor weinen Thaler zugelegt, und den neuen Frack „habe ich Dir auch gekauft. Dagegen habe ich „acht Thaler, und wie Du ſiehſt auch noch von „Hauſe Moſen und die Propheten. Schaffe doch „auch einmal ſo eine Sendung an!”“—„Ha! „Undankbare!“ rief Felix aus,„ Schlange, die ich an meinem Buſen naͤhrte, Du kennſt meine „ Lage und ſpotteſt ihrer noch! Wer hat Dir den „Weg zum Ruhme geoͤffnet? wer—„„Ach ich nbitte Dich/ ſchweig ſtille,¹ fiel ihm Kunigunde in die Rede,„was das fuͤr albernes Geſchwaͤtz. niſt. Ging ich nicht mit Dir, ging ich mit ei⸗ unem andern, das iſt alles gleich. Uebrigens „ kann jeder von Vermoͤgen und Vormund reden, nich muß ſehen um zu glauben. Dieſes Nae Liebesgekoſe wurde zu unſeres Helden Guück vom — 94— Direktor unterbrochen, und als dieſer Kenner ehe⸗ licher Scenen ihre Geſichter betrachtete, ſo ſah er gleich was vorgegangen war und ließ ſich die Ur⸗ ſache des Streits auseinanderſetzen. Dieſes ge⸗ ſchah, und ob er gleich Felixen ſeine Hitze ver⸗ wies, ſo verurtheilte er dagegen Kunigunden, die Schulden zu bezahlen, die ſie doch hauptſaͤchlich kontrahirt hatte. Frau Neuthaler wollte anfangs zwar von dieſer Entſcheidung nichts hoͤren, aber eeeeddlich gab ſie doch einen Theil der Goldſtuͤcke heraus und der Friede wurde wieder leidlich her⸗ geſtellt. Es waͤre aber wohl ein bloſer Waffen⸗ ſtillſtand geweſen, wenn die Eroͤffnung, die der Direktor unſeren Felix nach Beilegung des haͤus⸗ lichen Zwiſtes machte, Kunigunden nicht einige Ruͤckſichten gegen ihn aufgelegt haͤtte. Der Di⸗ ektor eroͤffnete ihm naͤmlich, daß der Schauſpie⸗ ler, der die Geſchaͤfte eines Regiſſeurs bisher be⸗ ſorgt habe, ploͤtzlich ſeinen Abſchied genommen haͤtte, und trug ihm die Stelle an. Neuthaler beſann ſich nicht ſie anzunehmen, ſo viel Arbeit ſie ihm auch verurſachen wuͤrde, denn ſeine Lage wurde dadurch gebeſſert und das druͤckende Ge⸗ haͤngigkeit von ſeiner Geliebten gemil⸗ 3 vert; ja r bekam durch dieſe Stelle ſogar ein — 95— Uebergewicht uͤber ſie, denn er hatte es in ſeiner Gewalt ihr Rollen zuzutheilen, in denen ſie nicht geglaͤnzt haben wuͤrde. Das Paͤrchen lebte nun wieder einige Wochen recht ruhig und zufrieden, und da waͤhrend des Sommers die Truppe ab⸗ wechſelnd in einem benachbarten Bade L.... und in R.. ſpielte, ſo hatte der neue Regiſ⸗ ſeur ſo viel zu thun, daß er oft Tage lang ſeine geliebte Kunigunde gar nicht zu ſehen bekam. Der Direktor hatte ſeine Wohnung ganz in L..... aufgeſchlagen, und auch Frau Neuthaler begab ſich dahin, um das Bad zu gebrauchen. Natuͤrlich war auch Felix ſo oft als moglich dort, doch hielten ihn ſeine Geſchaͤfte gewoͤhnlich in R..... feſt. Einſtmals ging er zu Fuße aus dem Bade fort, um in die Stadt zuruͤckzukehren; die Sonne brannte ſehr heiß, er hatte mit dem Di⸗ rektor einen kleinen Zank gehabt, und ſeine Frau hatte ihm Unrecht und dieſem Recht gegeben. Kein Wunder, daß er uͤbler Laune war. Er verglich ſein jetziges, oft ſorgenvolles und verdrußreiches Leben mit dem heitern, das er als Student ge⸗ fuͤhrt hatte, oder haͤtte fuͤhren koͤnnen; er beſeufzte ſogar ſeine Verblendung, die ihn von Berlin weg⸗ getrieben hatte, und ihn troͤſtete nichts als der — 96— Gedanke an ſeine ſchoͤne Geliebte, die zwar auch Fehler in Menge, aber auch viele Vorzuͤge hatte. Sie war zwar herriſch und hielt ihn etwas unter dem Pantoffel, aber ſie war doch auch zu Zeiten recht zaͤrtlich; ſie fuͤhrte zwar eine etwas luͤderli⸗ iche Komoͤdianten⸗Wirthſchaft, aber ſie war doch auch ſehr ſchoͤn; ſie brauchte zwar viel Geld, aber ſie bekam doch auch von dem Direktor und ihrem Papa genug; man machte ihr zwar ſtark den Hof, aber ſie war ihm doch treu wie Gold. Unter ſol⸗ chen Gedanken kam er in R.... an, und da nach vollbrachten Geſchaͤften die Hitze noch zu groß war, um den Ruͤckweg nach L... ſogleich an⸗ zutreten, ſo ging er in einen Garten, um ſich durch Speiſe und Trank zu ſtaͤrken. Er ſetzte ſich in eine Laube und aß ſeine Portion Braten in aller Ruhe, als einige Studenten in einer andern Laube, die mit der ſeinigen eine Ruͤckwand hatte, Platz nahmen. Der eine von ihnen kam eben von L.... und erzaͤhlte einige Badeneuigkeiten. Zu⸗ erſt wurden Nachrichten uͤber das Spiel mitge⸗ theilt. Der Graf M.... hieß es, habe faſt die Bank geſprengt, und ein anderer dagegen ſein halbes Vermoͤgen verſpielt. Der Student A. hatte ſei⸗ — 97— nen Wechſel verloren, B. dagegen ihn verdoppelt u. ſ. w. Darauf folgten die Neuigkeiten aus dem Gebiete Amors. Nachdem der Gereiſte alle Ba⸗ deſchoͤnheiten gemuſtert hatte, ſchloß er mit fol⸗ gender zierlichen Tirade:„Gott verdamme mich! „lauter huͤbſche Geſichter und anſtaͤndige Kada⸗ „vers, aber wahrhaftig, der Neuthalern reicht „doch keine das Waſſer. Sie zieht zwar eigent⸗ „„lich nur als Halbflor, aber alles was Spaͤne „hat, iſt um ſie her. Sie ſoll verflucht hoch im „Preiſe ſtehen, und jetzt iſt der Prinz von*** „ihr Erklaͤrter, und wenn ihr Kameel von Manne „hier ſpielt, ſo vertreibt ihr der Prinz dort die „Zeit. Der Direktor beguͤnſtigt die Pouſſade, „und deshalb darf das arme Thier von Manne „nicht zu Athen kommen, damit er die Suite „ nicht loskriegt.”“. 9 Neuthaler erſtarrte; er wollte aufſpringem aber die Fuͤſſe verſagten ihm ihre Dienſte. Ein ande⸗ rer Student nahm jetzt das Wort.„Der Neu⸗ „thaler,“ ſagte er,„kommt mir bekannt vor, „und wenn ich nicht ganz irre, habe ich das Ka⸗ „meel in Halle geſehen, wo es ſich ſtudierenshal⸗ „ber herumtrieb; der Kerl war ſehr obſcur, und — — 98— „ich daͤchte er haͤtte dort anders geheißen. Der „Teufel kann ſich auf jedes Pferd beſinnen.“— Das fehlte noch, dachte Felix, daß Du auch noch erkannt und nach Stettin verrathen wuͤrdeſt; nein da waͤre es wahrlich geſcheiter, Du gingeſt freiwillig hin. Grauſames, ſchreckliches Misge⸗ ſchick! Er ſchlich ſich leiſe aus dem Garten in ſeine Wohnung und uͤberlegte was zu thun ſey. Men⸗ ſchen! rief er, Menſchen! falſche, heuchleriſche Crokodillenbrut! verrathen, verkauft, hingeopfert! Aber ich will mich blutig raͤchen, ich will ſie be⸗ lauſchen, und wehe ihm und ihr, wenn ich ſie ertappe. Sein Plan war geſchwinde entworfen. Er ſchrieb an Kunigunden, daß er heute nicht kommen koͤnnte, und ſchickte dieſen Brief durch ei⸗ nen Boten ins Bad hinaus, der, ſeiner Rechnung nach, gegen acht Uhr Abends dort eintreffen muß⸗ te; er ſelbſt wollte drei Stunden ſpaͤter aufbre⸗ chen, um um eilf Uhr vor ihrem Bette zu liahen und die Treuloſe zu entlarven.— Die Zeit, die er noch warten mußte, verſtrich ihm ſehr langſam. Erſt wuͤthete und tobte er, nachher wurde er ſtill und wehmuͤthig. Er de⸗ klamirte den Monolog Karl Mors aus den Raͤu⸗ bern und gebehrdete ſich ſehr klaͤglich dazu. End: 99— lich aber kam er doch wieder zu ſich ſelbſt und meinte: es ſtehe doch nicht ſo ganz ſchlecht mit ihm, und er koͤnne ja, im Falle, daß Kunigunde treulos ſey, ſie verlaſſen und nach Stettin zum Vormunde gehen. Der werde zwar anfangs to⸗ ben, zuletzt aber doch wieder gut werden. Das Pupillenkollegium, ſetzte er in Gedanken hinzu, beſteht doch auch aus Menſchen, und durch ein pater peccavi wird da gewiß auch viel wieder gut gemacht. In einem Jahre biſt du muͤndig, und das Jahr wird denn doch noch zu uͤberſtehen ſeyn.— Unter dieſen Gedanken ſchlug endlich die erwartete ſiebente Stunde, und Felix machte ſich auf den Weg.— Dieſer Tag ſollte wichtig werden, denn kaum war unſer Freund eine Stunde gewandert, als ihn ein eleganter Reiſewagen einholte, in dem Niemand anders als der Herr Commerzienrath Reinhard ſaß, der ſo eben nach L. wollte. Felix warf einen Blick auf ſeinen Vormund, der Vormund einen auf ſeinen entlaufenen Pflegbe⸗ fohlenen, und beide waren nicht wenig verwun⸗ dert. Was vor vier und zwanzig Stunden un⸗ ſerm Felix noch das groͤßte Ungluͤck geſchienen haͤtte, nahm er heute als ein Pfand des Gluͤckes 7* — Bee — 100— auf, und er folgte, zwar mit ſchwerem Herzen, aber doch nicht ungern, der Einladung des Herrn Vormundes bei ihm Platz zu nehmen. Der In⸗ halt ihres Geſpraͤchs iſt nie ſo recht bekannt ge⸗ worden, aber ſo viel iſt gewiß, daß Thuͤrheim al⸗ les beichtete und von dem Commerzienrathe eine derbe Strafpredigt hinnehmen mußte. Letzterer war uͤbrigens ſehr froh, den Fluͤchtling wieder zu haben, denn es war jetzt hohe Zeit, daß er ſein Dienſtjahr antrat, wenn dieſes nicht auf die ge⸗ woͤhnliche Dienſtzeit verlaͤngert werden ſollte.— Daß er mit Kunigunden nicht getraut und im Begriffe zu brechen war, nahm dem Vormunde eine große Laſt vom Herzen. Um eilf Uhr ſchlich Felix mit Herrn Reinhard nach ſeiner Wohnung; aber der Plan vor das Bette der Treuloſen zu treten, wurde durch einen groben Kerl von Jaͤger vereitelt, der vor der Thuͤre der Trauten Wache hielt. Die Liverée des Prinzen trug er zwar nicht, aber Thuͤrheim erinnerte ſich nur zu genau, ihn auf dem Wagen des Gnaͤdigſten geſehen zu haben.— Genau weiß man nicht, wie das Liebespaar aus einander kam, gewiß iſt es aber, daß Kunigunde noch in L. ⸗ war, waͤhrend Thuͤrheim ſchon beim Doctor Bran⸗ — 101— dis in Berlin ſeine Studien neu begonnen, und bei den Neuſchateler Jaͤgern ſein Dienſtjahr an⸗ getreten hatte. Unſichere Geruͤchte verkuͤnden, daß die ſchoͤne Kunigunde nach ein Paar Jahren mit einem Pfande ihrer verſchiedenen Lieben und et⸗ was blaͤſſer als ſonſt, zu ihrem Vater zuruͤckge⸗ kommen ſey. Die Halliſche Minona aber hat ih ren Breslauer geheirathet, und der wahre Neu⸗ thaler ernaͤhrt ſich noch immer in Berlin durch Privatſtunden. „Das waͤre ſo die Geſchichte meiner Wege und Irrwege,“ ſetzte der Erzaͤhler hinzu,„ aber „ich bitte, machen Sie keine Gloſſen daruͤber. „Sie ſehen, daß ich mich bekehrt habe, und daß ich jetzt wirklicher koͤniglich⸗ preußiſcher Referen⸗ „tarius bei dem Oberlandesgericht in N..... „ bin, der jetzt eine Commiſſionsreiſe thut, ſchon „ſein zweites Examen gemacht hat und der Befoͤr⸗ „derung zum Aſſeſſor entgegenſieht. Friſch ge⸗ „looſt, damit wir etwas vernuͤnftigeres als die „Geſchichte meiner Thorheiten zu hoͤren bekom⸗ „men!“— Der franzoͤſiſche Kaufmann kam an die Nei⸗ — 102— he, und nachdem er erklaͤrt hatte: er wolle eine kurze Begebenheit ſeiner fruͤheren Jahre mitthei⸗ len, ſo begann er folgende Erzaͤhlung. 1αφQ᷑ 3,Q☛ 1 3. Der Leuchtthurm von Eddyſtone. Die Geſchaͤfte, die mich gegen das Ende des Jahres 1802 nach London gefuͤhrt hatten, zogen ſich gegen alles Erwarten und zu meinem groͤßten Verdruſſe bis in den Mai des folgenden Jahres hin. Ich ſehnte mich unbeſchreiblich nach den Meinigen, von denen ich nun ſchon allzulange getrennt war, und die großen Verhaͤltniſſe, die ſich in meinem Vaterlande draͤngten, erhoͤhten das Verlangen der Ruͤckkehr in mir. Mein Geſchaͤft war alſo kaum geendet, als ich nach der Themſe eilte und mich auf ein franzoͤſiſches Schiff verdang, das mit dem erſten guͤnſtigen Winde in die See gehen ſollte. Aller Anſchein war da, daß wir nicht lange zu warten haben wuͤrden, und ich zaͤhlte ſchon mit unruhiger Freude die Tage, wo ich die Kuͤſten meines Vaterlandes und die Ufer der Garonne begruͤßen wuͤrde.— Aber meine Geduld ſollte noch etwas laͤnger — 103— gepruͤft werden. Waͤhrend mein Diener das Ge⸗ paͤck nach dem Hafen ſchaffte, trat ich in ein Kaf⸗ V fechaus, um mir die Zeit bei einem Glaſe Grog 2 8. und den Tageblaͤttern zu verkuͤrzen; und da ich hier immer deutlichere Anzeigen wachſender Span⸗ nung zwiſchen Frankreich und England fand⸗ wuͤnſchte ich mir von Herzen Gluͤck, der drohen⸗ den Gefahr noch eben zur rechten Zeit zu entrin⸗ b 1 nen. Es gibt wohl nicht leicht etwas/ das eine froͤhlichere Stimmung hervorbringt, als wenn ein gluͤckliches Zuſammentreffen von Zufaͤlligkeiten die Ausfuͤhrung eines uns lieben Vorhabens beguͤn⸗ ſtigt und unſern Plan flott macht; ſo wie auf der andern Seite nichts gewoͤhnlicher iſt, als daß dieſe Stimmung eben in dem Augenblicke ihrer 3 Kulmination, durch irgend einen Koboldſtreich des Zufalls, zerſtoͤrt wird. So ſollte es mir gehen. Waͤhrend ich noch an meinem Grog ſchluͤrfte, trat ein Gentleman in ſeemaͤnniſcher Kleidung herein und fluͤſterte einem andern etwas zu, was dieſen in großes Erſtaunen zu ſetzen ſchien. Derſelbe wandete ſich dann zu ſeinem Nachbar und raunte ihn die Worte:„franzoͤſiſche Schiffe!“ und/ Em⸗ „bargo in einer Verbindung zu, die mir uͤber das neuſte Ereigniß keinen Zweifel uͤbrig ließ. — 104— Voll toͤdtlichen Schreckens eilte ich dem Hafen zu und treffe hier mit meinem Diener zuſammen, der unbekannt mit den Abtheilungen des Hafens, mit den Traͤgern am Ufer herumirrte und den Kapi⸗ tain Noiret von Bourdeaux aufſuchte. Waͤhrend ich mit ihm ſprach, traten einige franzoͤſiſche See⸗ offiziere zu uns, bekraͤftigten die Wahrheit des Geruͤchtes, das mich in ſo große Beſtuͤrzung ge⸗ ſetzt hatte, und erzaͤhlten, daß ſo eben auf alle 3 Schiffe, welche franzoͤſiſche Flagge fuͤhrten, eine engliſche Beſatzung gelegt worden ſey. Jetzt war laͤlſo die Rechnung meiner Hoffnungen durchſtri⸗ und ich mußte mich nur noch gluͤcklich ſchaͤtzen, mein Gepaͤcke gerettet zu haben, das 14 unter andern Umſtaͤnden wahrſcheinlich mit meiner ganzen Baarſchaft verloren geweſen waͤre. Mein Verdruß war groß und tauglicher Rath zu finden, nicht leicht. Eine Landreiſe durch Deutſchland lag ganz auſſer meinem Plane; das chſte war alſo, auf einem ſpaniſchen Schiffe die Reiſe zu machen, und da auf der Themſe keines lag, das in kurzer Friſt nach der Heimath zu⸗ ruͤckkehren konnte, ſo wollte ich mein Gluͤck in Plymouth verſuchen. Aber auch hier waren die meiſten, aus Furcht vor dem Schickſale, das die . ihnen— ein Greis von hundert Jahren— mich — 105— franzoͤſiſchen Schiffe betroffen ha ſegelt; und eines, das mir a i zuſagte, da es nach St. Sebaſtian beſtimmt war, befand ſich in einem ſo ſchlechten Zuſtande, das unter vierzehn Tagen nicht an die Abfahrt zu denken war. Doch was war zu thun? Es blieb mir nichts uͤbrig, als mich in Geduld zu faſſen; und da ich an meinem Wirthe einen verſtaͤndigen und wohlunterrichteten Mann fand, und auch der ſpa⸗ niſche Kapitain mir oft Geſellſchaft leiſtete, ging mir die Zeit ſo gut hin, als es bei meiner Uu⸗ geduld nur immer moͤglich war. Waͤhrend dieſes Verzugs ſchlug mir mein faͤlliger Wirth vor, ihn an ein heiteren Da auf einer Luſtfahrt nach dem Le tthurme vo Eddyſtone zu begleiten, wo er unter den Wiͤch⸗ tern einen Freund und Verwandten hatte. Ich war ſogleich bereit, und ein guͤnſtiger Wind brachte uns in wenigen Stunden nach dem Orte unſerer Beſtimmung, weicher zwoͤlf engliſche Mei⸗ len von dem Ufer entfernt liegt. Wir wurden freundlich empfangen, und nachdem ich den drei Waͤchtern, die hier den Dienſt verſahen, vorge⸗ ſtellt worden war, uͤbernahm es der aͤlteſte von * — 106— mit der inneren Einrichtung dieſes wunderbaren Gebaͤudes bekannt zu machen.— Sein bewohn⸗ barer Theil beſteht aus vier Zimmern. Das oberſte wird von den Waͤchtern bewohnt; das zweite ent⸗ haͤlt die Kuͤche; und die beiden unterſten dienen zur Aufbewahrung der Lebensmittel. Denn da oft Wochen vergehen, ohne daß man ſich dem Churme naͤhern kann, ſo muß immer fuͤr hinlaͤng⸗ liche Vorraͤthe geſorgt ſeyn. Alles, ſagte ich zu maeinem gefaͤlligen Fuͤhrer, iſt hier ſo vollkommen weeckmaͤſſig eingerichtet und ſo bequem, als man in einem ſolchen Aufenthalte nur wuͤnſchen kann. Aber ich wuͤrde mich doch nicht wundern, wenn Sie oft die S hnſucht nach dem feſten Lande an⸗ undelte. Es iſt uns verſtattet, antwortete er, jaͤhrlich einen Monat dort zuzubringen; aber es iſt ſchon eine Reihe von Jahren vergangen, ohne daß ich von dieſer Verguͤnſtigung Gebrauch ge⸗ macht haͤtte. Man gewoͤhnt ſich an Alles, ſetzte er hinzu, und dann ſind mir in den erſten Zeiten meines Hierſeyns die Beſuche, die ich auf dem Lande zu machen pflegte, verleidet worden.— Wie ſo? fragte ich.— Durch ungluͤckſelige Zufaͤl⸗ le, antwortete der Greis, die, wie es zu geſche⸗ hen pflegt, durch einen Schein von Zuſammenhang 4 — 107— einen Aberglauben in mir abſetzten, der mich kommen von einem Verlangen geheilt hat, das in den erſten Jahren meines hieſigen Dienſtes oft nur allzuheftig war. In den erſten ſechs Mo⸗ naten nach meiner Anſtellung— es war im Jahre 1751— konnte ich kaum die Zeit erwarten, bis die Reihe des Urlaubs an mich kam. Meine Blicke waren immer nach dem feſten Lande ge⸗ richtet; ich traͤumte von nichts als von dem Wie⸗ derſehen der Meinigen, und verſprach mir tau ſendfaͤltige Freude davon. Aber gerade an dem Tage meiner Ankunft erkrankte mein Vater, und am letzten Tage meines Urlaubs ging ich zu Grabe mit ihm. Im naͤchſten Jahre druͤckte ich meiner Schweſter die Augen zu; und ſo war jedes Jahr die Zeit meines Urlaubs mit einem Todesfalle be⸗ zeichnet, der nur auf meine Ankunft gewartet zu haben ſchien. Das letzte Mal— es war 1760— ſollte ich bei meinem aͤlteſten und beſten Freunde wohnen, der ſich in der Vorſtadt von Portsmouth neu eingerichtet hatte. Er hatte viel in der Welt erfahren, und glaubte nun einen ſichern Hafen gefunden zu haben; aber um ſein Gluͤck recht zu genießen, meinte er, die treue Seele, daß ich, ſein aͤlteſter Freund, wenigſtens einen Monat lang — 108— Zeuge davon ſeyn muͤßte. Gefaͤllt es Dir bei mir, ſagte er, ſo koͤnmſt Du dann alle Jahre und bringſt Deine Ferien bei mir zu, und wir genieſ⸗ ſen in der Erinnerung die guten und boͤſen Ta⸗ ge, die wir vormals mit einander zugebracht ha⸗ ben. Dieſe einfache Rechnung ſchlug auf eine ſchmerzliche Weiſe fehl. Mein guter Richard wollte mich ſelbſt abholen. Schon ſah ich ſeine Barke von der Hoͤhe des Thurms; ſchon winkte er mir mit ſeinem Tuche; als durch einen un⸗ gluͤcklichen Zufall das Fahrzeug an eine der ver⸗ borgenen Spitzen des Felſens ſtieß, umſchlug und meinen trefflichen Freund mit ſeinen Begleitern vor meinen Augen in die Tiefe des Meeres be⸗ grub. Hier war keine Rettung moͤglich, und vier und zwanzig Stunden nachher, ward ſein Leich⸗ nam an dem Fuße des Thurmes gefunden. Ich brachte ihn ſelbſt an das Land, erwieß ihm die letzte Pflicht und kehrte nie wieder an das Ufer von England zuruͤck.. Trotz der zwei und vierzig Jahre/ die ſeit dieſem ungluͤcklichen Vorfalle verfloſſen waren, ſchien die Erinnerung daran den ehrwuͤrdigen Greis erſchuͤttert zu haben. Seinen Gedanken eine an⸗ dere Richtung zu geben, that ich einige Fragen — 109— an ihn uͤber den Bau des Thurmes und das Al⸗ ter deſſelben. Er iſt um vieles juͤnger als ich, antwortete der Alte; ich habe ihn vor meinen Au⸗ gen erwachſen ſehen, als der, welcher ſonſt an dieſer Stelle ſtand, abgebrannt war. Auch da⸗ mals ſchon war ich Waͤchter hier und wurde, wie durch ein Wunder, gerettet.— Wie! rief ich aus, ein Thurm hat hier geſtanden, der ein Raub der Flammen werden konnte?— Allerdings, erwie⸗ derte der Greis; und fruͤher ein anderer, der den Wellen zur Beute wurde, und mit ſammt den Waͤchtern, mit ſeinem Erbauer und mehrern Ar⸗ beitern in die Tiefe verſank. Da ich nun den Wunſch aͤuſſerte, von dem Schickſale der vorigen Thuͤrme genauer unterrich⸗ tet zu ſeyn, oͤffnete der gefaͤllige Waͤchter ein Fen⸗ ſter und auf eine Spitze der Felſenbank zeigend auf welcher ſich der Farus erhebt, ſagte er: Der Felſen, den Sie hier ſehen, iſt die hoͤchſte Spitze eines Riffs, das in einer Strecke von mehr als hundert Klaftern unter dem Waſſer weglaͤuft und den ein und auslaufenden Schiffen Gefahr droht. Es gleicht einer Mauer, die aus dem Grunde des Meeres emporſteigt, ſo daß das Meer dicht an dem Felſen noch eine Tiefe von hundert Klaf⸗ — 110— tern hat. An ihr brechen ſich die Schlagwellen der hohen See; und nach einem Suͤd⸗Weſtwinde dauert ihr Toben hier oft noch viele Tage fort, waͤhrend rund umher das Meer wieder glatt und eben liegt. Oft ſteigen dann die Wellen bis uͤber den Thurm hinaus, welcher doch hundert Fuß hoch iſt, und wenn ihr Ungeſtuͤm nicht durch den Kranz gebrochen wuͤrde, der ihn umgibt, ſo wuͤrde die Laterne bei ſo hoher See jedesmal in Truͤm⸗ mern gehen. Bei jeder Fluth verſchwindet, wie Sie bald ſelbſt ſehen werden, die Spitze der Klip⸗ pe, und dann ſcheint der Thurm ganz frei aus dem Meere emporgewachſen zu ſeyn. Unter dieſen Umſtaͤnden, fuhr er fort, werden Sie ſich leicht die Schwierigkeiten denken koͤnnen, welchen die Erbauung eines Thurmes an dieſer Stelle unterlag. Lange ſchien es unmoͤglich zu ſeyn. Der erſte, der den Elementen zu trotzen wagte, war ein Edelmann aus Eſſex, ein trefflicher Mechaniker, Winſtanley genannt. Er fieng da⸗ mit an, zwoͤlf Loͤcher in den Felſen hauen zu laſ⸗ ſen, in denen ebenſoviel eiſerne Strebepfeiler be⸗ feſtiget wurden, die dem Ganzen Halt und Si⸗ cherheit geben ſollten. Nachdem dieſe Vorarbeit im Laufe eines Jahres vollendet war, wurde im 4 5 1 — 111— zweiten eine cylinderfoͤrmige Maſſe von zwoͤlf Fuß Hoͤhe und ſechzehn Fuß im Durchmeſſer aufgefuͤhrt, und endlich im dritten das uͤbrige Gebaͤude dar⸗ auf geſetzt. Im Fruͤhjahre 1696 war der Bau begonnen worden, und den 14ten November 1698 wurde die Laterne zum erſten Male angezuͤndet. Aber bald uͤberzeugte ſich Winſtanley, daß die Hoͤhe von ſechzig Fuß, die er ſeinem Werke ge⸗ geben hatte, nicht hinreichte. Er verſtaͤrkte alſo die Mauern und ſetzte ein neues Stockwerk auf; das Gebaͤude ſchien jetzt hinreichend geſichert zu ſeyn. 4½ Kaum aber waren vier Jahre verfloſſen, als Winſtanley die Nachricht erhielt, daß der Thurm der Ausbeſſerung beduͤrfe, und da er deshalb nach Plymouth eilte, aͤuſſerten einige Freunde die Be⸗ ſorgniß, daß ſein Werk dem Ungeſtuͤm der Wellen und Stuͤrme ſchwerlich noch lange Widerſtand thun werde. Winſtanley erwiederte, er habe kei⸗ nen groͤßeren Wunſch, als ſelbſt bei einem hefti⸗ gen Sturme auf dem Leuchtthurme gegenwaͤrtig zu ſeyn, um die Wirkung deſſelben beobachten zu koͤnnen. Dieſer Wunſch ging nur allzubald in Erfuͤllung. In der Nacht vom 26ſten zum 27ſten November 1703— eben in dem Jahre und um — 112— die Zeit meiner Geburt— erhob ſich ein Sturm, der mit ungewoͤhnlicher Wuth die ganze Nacht hindurch tobte. Winſtanley befand ſich mit eini⸗ gen Arbeitern auf dem Thurme. Am Morgen, als der Sturm ſich legte und die Sonne glanzlos aufging, ſuchten die Einwohner von Plymouth mit Staunen und Schrecken den gewaltigen Farus — und ſuchten umſonſt. Die Fluthen hatten ihn ſammt ſeinem Erbauer verſchlungen; und ſo gaͤnz⸗ lich war er verſchwunden, daß nur einige eiſerne Strebepfeiler den Ort bezeichneten, wo er geſtan⸗ den hatte. Kein Stein war mehr zu ſehen; ja von den eiſernen Pfeilern ſelbſt waren einige mit Stuͤcken des Felſen aus dem Grunde geriſſen wor⸗ den. Ein ſonderbarer Zufall wollte, daß in der⸗ ſelben Nacht, die Winſtanley mit ſeinem Werke den Untergang brachte, auch das in ſeinem Hauſe aufbewahrte Modell zu Boden fiel und in Stuͤcken ging. 8 Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte ich unwill⸗ kuͤrlich bald hinauf nach dem Himmel, bald nach dem Meere hinabgeſehen, um mich zu uͤberzeugen, daß kein Sturm im Anzuge waͤre, der mir etwa ein gleiches Schickſal bereiten moͤchte. Dem alten Manne blieben meine Bewegung nicht unbemerkt, — 113— und nachdem er mir laͤchelnd verſichert hatte, daß er fuͤr den heutigen Tag einſtehe fuhr er in ſei⸗ ner Erzaͤhlung folgendermaßen fort: Der Leuchtthurm hatte ſich waͤhrend ſeiner kurzen Dauer allzu wohlthaͤtig bewieſen, als daß man nicht ſeine Wiederherſtellung haͤtte wuͤnſchen ſollen. Ein Seidenhaͤndler aus London, Namens Rudyard, unternahm das bedenkliche Werk und hatte es nach dreijaͤhriger Arbeit im Jahr 1709 zu Stande gebracht. Dieſer neue Thurm hatte die Geſtalt eines abgeſtumpften Kegels; ſeine Hoͤhe betrug zwei und neunzig Fuß; unten hatte er zwei und zwanzig, oben vierzehn Fuß im Durch⸗ meſſer; war von Holz/ und nur inwendig bis zur Haͤlfte von Steinen aufgefuͤhrt. In dieſen Thurm kam ich im Jahre 1751 als Invalid und habe ihn vier Jahre lang bewohnt. Die mechaniſche Einrichtung des Baues bewaͤhrte ſich, und obgleich bei ſtarkem Winde die Schwankung ſo heftig war, daß bisweilen alles Geſchirr von den Bretern fielz ſo ſchien er doch gerade hierdurch gegen den um⸗ ſturz geſichert zu ſeyn. Ihm war ein anderes Schickſal beſchieden. Nach 46jaͤhriger Dauer kam am 2ten December 1755 in der Kuppel der La⸗ terne Feuer aus, und in wenigen Stunden war 8 — 1414— das ganze Gebaͤude bis auf den Grund niederge⸗ brannt. Bei der drohenden Gefahr, gegen die wir keine Mittel hatten, denn unſer Waſſervor⸗ rath war in der erſten halben Stunde erſchoͤpft, ſuchten wir Waͤchter in einer kleinen Hoͤhle des Felſens Schutz; und doch wurde hier der aͤlteſte von uns, ein Mann von vier und neunzig Jah⸗ ren, durch geſchmolzenes Bley, das ſich den Weg in unſere Freiſtatt gebahnt hatte, ſo gefaͤhrlich verwundet, daß er kurz darauf ſtarb. Hoͤchſt merkwuͤrdig war es, daß man bei der Oeffnung ſeines Leichnams geſchmolzenes Bley in ſeinem Magen fand, ohne daß Jemand begreifen konnte, wie es hineingekommen war. Uebrigens war unſere Lage auch auſſerdem ſchrecklich genug. Der Rauch des verbrannten Holzes drohte uns zu erſticken, und jeden Augenblick ſahen wir der ſteigenden Fluth entgegen, die uns ohne Gnade im Meere begraben haͤtte. Aber noch zur rechten Zeit kam uuns ein Boot zu Huͤlfe, das Alle aufnahm und an das Ufer brachte. Aber kaum hatten wir den Fuß an das Land geſetzt, als der Dritte von uns ſpornſtreichs davon lief. Er iſt nie wieder zum Vorſcheine gekommen. Wahrſcheinlich hatte er bei Beſorgung des Feuers, die ihm an jenem Tage — 115— oblag, etwas verabſaͤumt, und ſo den ungluͤckli⸗ chen Brand durch ſeine Schuld verurſacht. Nach Verlauf eines Jahres— fuhr der Alte in ſeiner Erzaͤhlung fort— im Anfange von 1757 wurde der Bau des gegenwaͤrtigen Thurms un⸗ ternommen, und da das letztere Ereigniß Bedenk⸗ lichkeiten gegen den Holzbau erregt hatte, nach einem andern Plane gefuͤhrt. Von dieſem Baue bin ich Zeuge geweſen und habe ſelbſt ungefaͤhr ſoviel Antheil daran genommen, als Seine Gna⸗ den, der Herzog von Bedford oder Mylord Nort⸗ humberland, wenn er ſich einen neuen Palaſt baut. Der Architekt, welcher das Werk zum dritten Male unternahm, hieß Smeaton, und ein Schiffbau⸗ meiſter Jeßop war ſein Gehuͤlfe. Da einmal be⸗ ſchloſſen war, den Thurm von Steinen aufzufuͤh⸗ ren, ſo dachten ſie auf Mittel, die Steine unter einander ſo zu verbinden, daß ſie mit dem Felſen nur Eine Maſſe bildeten. Nachdem man alſo in den hervorragenden und abſchuͤſſigen Theil der Klippe Einſchnitte oder Stufen in Form von Schwalbenſchwaͤnzen gehauen hatte, ließ man die erſten nach derſelben Weiſe behauenen Steine in dieſelben ein und legte dann neue Schichten ſol⸗ chher Steine darauf, die alle auf Ahache Art in e 5* — 416.— einander gefugt waren. Gern haͤtte man noch groͤßere Bloͤcke zur Grundlage gewaͤhlt; da aber nur kleine Fahrzeuge der Klippe ohne Gefahr nahe kommen koͤnnen, ſo waren neunzehn Centner das groͤßte Gewicht, das ſie haben durften. Jeder Stein wurde in der Werkſtatt zu Ply⸗ mouth vollkommen fertig gehauen, mit den an⸗ dern, die ſich an ihn anſchlieſſen ſollten, zuſam⸗ mengefuͤgt, dann bezeichnet und abgezeichnet, ſo daß an Ort und Stelle alles wieder auf die naͤm⸗ liche Weiſe zuſammengeſetzt werden konnte. Die Auſſenſeite des Gebaͤudes beſteht aus Granit; das innere Mauerwerk aber iſt von Portlandſtein auf⸗ gefuͤhrt und Alles mit einem Kitte verbunden, der jetzt nicht minder feſt iſt, als der Stein ſelbſt. Der Kranz, welcher den Thurm dicht unter der Laterne umgibt, dient, wie ich ſchon geſagt habe, dazu, die Gewalt der Wellen zu brechen, die ſich bisweilen bis zu dieſer Hoͤhe erheben. Drei Jahre und neun Wochen koſtete der Bau des ganzen Werkes; die Arbeit auf der Klippe ſelbſt aber be⸗ trug, alles zuſammengerechnet, kaum ſechzehn Wo⸗ chen, und in dieſer Zeit wurden 1493 Steine ge⸗ legt. Nur Stundenweiſe konnte gearbeitet wer⸗ den; man mußte die Zeit erlauern; und oft ge⸗ — 117— ſchah es, daß Smeaton mit ſeinen Arbeiten acht, zehn, zwoͤlf, ja achtzehn Tage vor Anker lag, ohne landen zu koͤnnen. Uebrigens war nichts vergeſ⸗ ſen, was den Fortgang des Werkes beſchleunigen konnte. Die Arbeiter waren in zwei Haͤlften ge⸗ theilt, die ſich abloͤſten und durch einen ſtarken ſuͤndlichen Sold bewogen wurden, keine Gefahr zu ſcheuen, um nur ſo lange als moͤglich auf der Klippe auszuhalten. Zugleich wurde, um ihnen zu jeder Zeit eine ſichere Freiſtatt zu verſchaffen, ein Schiff von fuͤnfzig Tonnen ſo erbaut, daß es Sturm und Wellen trotzen konnte, und in der Naͤhe der Klippe vor Anker gelegt. Doch wurde dieſes Schiff einmal vom Anker losgeriſſen, waͤh⸗ rend ſich Smeaton eben darauf befand, der lange damit umhertrieb, und bei Mangel an Lebens⸗ mitteln in die groͤßte Gefahr gerieth. Sobald der Thurm vollendet war, bezog ich ihn wieder, und werde ihn nicht verlaſſen, bis mich der Tod von meinem Poſten abruft. Waͤhrend der Erzaͤhlung des Alten, hielt ich meine Doſe in der Hand. Der Alte nahm keinen Tabak, aber ſeine Augen waren auf die Doſe ge⸗ heftet und kehrte immer wieder darauf zuruͤck. Sie war von der Schale einer ſehr kleinen Art — 118— von Schildkroͤte mit ungemein zierlicher Zeichnung, ſehr einfach in Tomback gefaßt, aber ein Erbſtuͤck meines Großvaters, der ſie, wie mir meine Mut⸗ ter oft erzaͤhlt hatte, als das Geſchenk eines Man⸗ nes, dem er die Erhaltung ſeines Lebens dankte, in großen Ehren hielt. Die Aufmerkſamkeit, mit welcher der Alte ſie betrachtete, veranlaßte mich zu der Frage, ob ihm die Doſe gefiele? Er ant⸗ wortete: vor einer ziemlichen Reihe von Jahren habe er eine ganz aͤhnliche beſeſſen, und werde durch ſie an ein merkwuͤrdiges Abentheuer ſeines Lebens erinnert. Das Feuer, ſetzte er hinzu, hat mich auf meiner Laufbahn nicht blos einmal be⸗ droht; und die Geſchichte der Doſe, von der ich . ſpreche, haͤngt mit der eines Brandes zuſammen, welcher ſchrecklicher und verderblicher war, als der Brand dieſes Leuchtthurms. Mieine Aufmerkſamkeit war ſehr erregt. Ich gab dem Alten die Doſe in die Hand; er be⸗ trachtete ſie von allen Seiten, oͤffnete ſie beſah die Faſſung und ſagte endlich, indem er ſie zu⸗ ruͤckgab: Es iſt die naͤmliche. Ich bat ihn um die Erklaͤrung dieſer Worte. Von Herzen gern, erwiederte der gefaͤllige, ſprachluſtige Mann; aber die Geſchichte iſt lang, und ich ſehe, daß Ihr —-— 119— Begleiter im Begriffe iſt, von meinem Mitwaͤch⸗ ter Abſchied zu nehmen. Ich will mich kurz zu faſſen ſuchen. Es war im Jahre 1730, als auf unſerer Fahrt nach Calculta, ich weiß nicht durch welchen Zufall, auf unſeren Schiffe Feuer auskam. Alle Bemuͤhungen, es zu loͤſchen, waren umſonſt; und um die Flucht zu bewerkſtelligen, hatten wir nichts als eine ſchlechte Joͤlle, die kaum ausge⸗ ſetzt war, als ſich etwa zehn Mann ihrer bemaͤch⸗ tigten und das Weite ſuchten. Ich war einer der letzten geweſen die das Schiff verlaſſen hatten/ und ſchwamm nun zwiſchen Faͤſſern, Kiſten und Bretern, Maſten und Segelſtangen, die alle bis zum Verſinken mit jammernden Menſchen bedeckt waren, in keiner andern Abſicht/ als mich von dem Schiffe zu entfernen, das wie ein brennen⸗ der Vulkan mitten im Meere ſtand, und Glut und Rauch und, was gefaͤhrlicher als Alles war, Kugeln umherſtreute, deren ſich die von Feuer durchgluͤhten Kanonen von ſelbſt entluden. Als ich mich eben aus dem ſchlimmſten Gedraͤnge her⸗ ausgewunden hatte und nun meine Kraͤfte an⸗ ſtrengte, um die Joͤlle zu erreichen, wurde ich ploͤtzlich beim Fuſſe ergriffen und feſtgehalten. Im Schrecken hieruͤber, und um mich der nachſchlep⸗ — 120— penden Laſt zu entledigen, tauchte ich unter; aber der Unbekannte ließ mich nicht los und ſtieg wieder mit mir empor, und ſein Stoͤhnen ging mir durchs Herz. Es wird Euch nichts helfen, rief ich ihm zu, wenn ich mit Euch ertrinke; denn ſo kommen wir beide um.— Nun, ſo ſey Gott meiner Seele gnaͤdig, rief er und ließ mich los.— Ich wen⸗ dete mich nach ihm um und erkannte einen jun⸗ gen Franzoſen in ihm, den ſein munteres und gefaͤlliges Weſen bei der ganzen Mannſchaft be⸗ liebt gemacht hatte, und da mich ſein Schickſal unbeſchreiblich jammerte, ſchwamm ich hinter ihn, um ihn von Zeit zu Zeit durch einen Stoß vor⸗ waͤrts zu treiben. Aber ſchon verließ ihn die Kraft, und er war im Begriffe zu ſinken, als ſich, wie von Himmel geſendet, ein Huͤhnerkaſten ne⸗ ben uns hinwaͤlzte. Augenblicklich faßte ich mei⸗ nen Ungluͤcksgefaͤhrten um den Leib und legte ihn auf den Kaſten, waͤhrend ich mich ſelbſt daran feſt hielt, um wieder Kraͤfte zu ſammeln. Zugleich rief ich der Joͤlle zu, uns aufzunehmen; aber da dieſe ſelbſt von Allem entbloͤſt war, ſo hatten die Wenigſten Luſt, ihre Zahl zu vermehren; es ent⸗ ſtand Streit unter ihnen, und ſie wuͤrden uns unſerem Schickſale uͤberlaſſen haben, haͤtte nicht 4 —— „— ſem Eilande fand ich die kleine Schildkroͤte, aus — 121— einer von ihnen geſagt: Was hilft es uns nueß ein Paar Stunden zu arbeiten, nachher iſt es doch aus; denn von uns weiß mit dem Seewe⸗ ſen keiner Beſcheid. Jefferſon aber hat fuͤr Alles Nath und haͤlfe uns vielleicht aus der Noth.— So hielten ſie alſo an und naͤherten ſich uns. Nun entſtand aber ein neuer Streit uͤber den Franzoſen; den wollten ſie nicht aufnehmen. Aber ich beſtand darauf, und ich kann wohl ſagen, daß ihnen ihr Nachgeben nicht unvergolten blieb. Nachdem ich Sorge getragen hatte, von den um⸗ herſchwimmenden Guͤtern des Schiffes Einiges aufzufiſchen, was uns zu nothduͤrftiger Friſtung des Lebens dienen mochte, und noch Einiges an⸗ dere Noͤthige und Nuͤtzliche verſah ich die Joͤlle mit einem Maſte und Segel, und wandelte ſie in eine kleine Schaluppe um; wobei immer der anſtellige Franzoſe die beſte Huͤlfe leiſtete. Nach einer zehntaͤgigen Fahrt, auf der die Haͤlfte von uns vor Naͤſſe, Kaͤlte und Hunger ſtarb, gelangten wir, mit Gottes Huͤlfe, an ein unbewohntes fel⸗ ſiges Eiland, nahe bei Isle de France, von wo uns noch zur rechten Zeit Huͤlfe kam. Auf die⸗ der ich in Port⸗Louis die Doſe machen ließ, die — 122— ich jetzt zu meiner Verwunderung in Ihren Haͤn⸗ den ſehe. Mehr als einmal war ich ſchon im Begriffe geweſen, dieſe Erzaͤhlung zu unterbrechen. Jetzt rief ich aus: Sie ſind der Retter meines Groß⸗ vaters geweſen! Sie ſind der Mann, von dem ich in meiner Kindheit ſo oft habe ſprechen hoͤ⸗ ren! Hieß der junge Franzoſe, der Ihnen ſein Le⸗ ben dankte, nicht Saint Marſen? Allerdings war das ſein Name, antwortete der Greis, indem ſich eine große Heiterkeit uͤber ſein Angeſicht verbreitete; er bewies mir mehr Dankbarkeit als ich verdient hatte, und die Lands⸗ leute und Freunde, die er in Port⸗Louis hatte, nahmen ſich nun ſeinetwillen auch meiner mit großer Guͤte an; ſo daß ich nicht leicht frohere Tage als damals auf dem Lande zugebracht habe. Reichlich beſchenkt reiſte ich ab und ließ meinem Freunde, Saint Marſen, dieſe Doſe als Anden⸗ ken zuruͤck. Ich freue mich, von Ihnen zu hoͤ⸗ ren, daß er ſie in Ehren gehalten hat, und noch mehr, daß mir der Zufall die Bekanntſchaft ſeines Enkels durch dieſes geringe Geſchenk verſchafft habe. In der That glaube ich auch in Ihren Zuͤgen die ſeinigen wieder zu erkennen. Aber Unoerwandt ruhte mein Auge auf dem in der — 123— Ihr Begleiter erwartet Sie mit Ungeduld. Leben Sie wohl! und denken Sie bisweilen an den al⸗ ten Jefferſon und den Leuchtthurm von Eddyſtone. Bei dieſen Worten ſchuͤttelte mir der Alte die Hand mit großer Herzlichkeit. Ich war wunder⸗ bar bewegt. Haͤtten Sie nicht, ſagte ich, viel⸗ leicht einen Wunſch, den ich erfuͤllen koͤnnte, um Ihnen fuͤr Ihre gefaͤlligen Mittheilungen meinen Dank zu beweiſen?— Der Alte laͤchelte.— Ich bedarf jetzt wenig, und in kurzer Zeit werde ich gar nichts mehr noͤthig haben. Wollten Sie mir aber ein Dutzend Cigarren zukommen laſſen, ſo wuͤrde ich Ihnen dafuͤr dankbar ſeyn. Wir trennten uns, und bald ſah ich die aͤuſ⸗ ſerſte Spitze der Klippe von der Fluth bedeckt. Tiefe wurzelnden Rieſen, der mir jetzt, da ich ſeine Geſchichte wußte, als ein ſchoͤnes Denkmal menſchlichen Verſtandes und Willens, wichtiger, und als der Aufenthalt eines wohlwollenden Man⸗ nes, theuer geworden war. Nach wenigen Tagen ging ich mit dem Spa⸗ nier unter Segel, nachdem ich eine Kiſte der be⸗ ſten Havannah Cigarren und ein Dutzend Flaſchen Rum, von einem dankenden Briefchen begleitet, an den Neſter der Thurmwaͤchter hatte abgehen laſſen. Bald lag der Farus hinter uns, und mit dem beſten Winde liefen wir, nach einer beiſpiel⸗ los gluͤcklichen Fahrt, in dem Hafen von St. Sebaſtian ein. Meine Ungeduld verſtatteten mir kein langes Verweilen, und nach wenigen Tagen ſah ich von dem Gipfel der Pyreneen auf die ge⸗ ſegneten Fluren meines Vaterlandes herab, wo damals unter der Leitung des Mannes, der Frank⸗ reichs Stolz war, Werke aufſtiegen, auf welche die Nachwelt einſt mit nicht weniger Bewunde⸗ rung blicken wird, als wir auf den Farus von Eddyſtone. 3 Die Erzaͤhlung des Franzoſen war mit allge⸗ meiner Theilnahme angehoͤrt worden.—„Der „alte Jefferſon wird nun wohl ſchon lange todt ſeyn,“ ſagte der Geiſtliche,„aber wer haͤtte damals, als Sie die Bekanntſchaft dieſes Grei⸗ ſes machten, wer haͤtte damals denken ſollen, „daß der Mann, der, wie Sie ſagten, Frank⸗ „reichs Stolz war, ebenfalls ſein Leben auf ei⸗ 4 4 Inem Felſen beſchlieſſen ſollte, der noch gewalti⸗ ger in dem Meere daſteht als jene Klippe, auf —— — — 125— „der der Eddyſtoner Leuchtthurm ruht?“— Der Franzoſe druͤckte ihm hier die Hand und bat ihn durch einen Blick um Schweigen.„Die Reihe „zu erzaͤhlen,“¹ fuhr der Geiſtliche fort,„iſt jetzt „an mir. Aus meinem Leben Ihnen etwas mit⸗ „zutheilen, will ich nach der Erzaͤhlung meines „Vorfahrs nicht wagen, ich habe weder Aben⸗ „theuer noch ſogenannte Schickſale erlebt, aber „erlauben Sie mir, Ihnen etwas vorzuleſen, was „mir von einem alten Freund, den wir gewoͤhn⸗ „lich den Kalendermann nennen, anvertraut „worden iſt.!”"O een 4. Etzäblungen des alten Kalenderbotens. 2) Mein Haar iſt grau geworden, und je cönel ler die Zeit mit mir fortfliegt, um ſo langſamer werden meine Beine. Das iſt freilich eine uͤbele Sache fuͤr einen Mann, der gewohnt iſt, alliaͤhrig einen Theil von Deutſchland mit ſeinen Kalendern zu durchziehen, und der nun zu Hauſe ſitzen und ſelbſt Kalender machen ſoll. Im Winter laͤßt man ſich ſo etwas wohl gefallen, aber wenn 126.— Fruͤhjahr kommt, dann erwacht die Wanderluſt wieder, und ſie wurde im vorigen Jahre ſo ſtark, daß ich meinem Subſtituten den Ranzen wegriß und mich ſelbſt noch einmal auf die Beine mach⸗ te. Die Sache ging auch ganz leidlich, aber frei⸗ lich konnte ich die alten Tagemaͤrſche nicht mehr machen, und ſo kam ich uͤberall zu ſpaͤt, und ohne einen Extrafall, den ich unten erzaͤhlen werde, haͤtte ich beinahe alle meine Waare im Ranzen behalten. Das war mir nun ziemlich einerlei, denn Kalender ſind leichte Waare, und man traͤgt ſich nicht todt an ihnen, aber mein Prinzipal meinte: Er wolle es meiner alten Beine wegen nicht wieder auf einen Extrafall ankommen laſſen, und nun ſind mir nur noch kleine Ausfluͤge in die Nachbarſchaft erlaubt. Wer kann es mir nun verdenken, wenn ich mir die Zeit mit ſchreiben vertreibe, und wenn es auch wirtlich die Leſe langweilen ſollte. Fuͤnf und vierzig Jahre lang habe ich Deutſch land durchzogen, und in allen Staaten dieſes ſchoͤ⸗ nen Landes bin ich geweſen, nur in einem nicht, denn da waren unſere Kalender immer verbotene Waare. Ich habe mein Vaterland im Kriege und im Frieden geſehen, ich habe es in wohlfei⸗ — 127— len und theuern Zeiten durchreiſt. Wenn ich in eine Gegend kam, die die Kriegsfurie ſo eben durchtobt hatte, und ſah ſo die zertretenen Flu⸗ ren, die zerſtoͤrten Weinberge, die verbrannten Doͤrfer und verwuͤſteten Staͤdte, und hoͤrte den Jammer der armen Einwohner, da dacht ich; ter, den Menſchen waͤre es beſſer geweſen, die Soldaten haͤtten ſie gleich mit todtgeſchlagen, und ich konnte unſern Herr Gott oft nicht begreifen, wie er ſolchen Graͤulſcenen ruhig zuſehen konnte. Kam ich aber nach ein Paar Jahren wieder da⸗ hin, da wußte ich oft nicht, ob ich meinen Au⸗ 8 gen trauen ſollte. Die abgebrannten Doͤrfer wa⸗ ren ſchoͤner wieder erſtanden und der Landmann wohnte in einer hoͤhern, helleren, reinlichern Stube als vorher, und war ſelbſt reinlicher geworden, weil der alte Schmutz nicht mehr ins neue Haus paßte. Die Rebe rankte ſich wieder an dem Stabe empor, aber ſie trug beſſere Fruͤchte als vorher, denn der Bauer hatte neue Sproͤßlinge anſchaffen 1 muͤſſen, und hatte ſich nach einer edleren Gattung umgeſehen, und um ſeinen Verluſt zu erſetzen, war er mit verdoppelten Fleiße zu Werke gegan⸗ gen.— Da merkte ich denn wohl, daß auch das Uebel ſein Gutes mit ſich fuͤhre. 4— N — 428— Ich war achtzehn Jahre alt, da machte ich meine erſte Kalendertour. Ich durchzog Franken und Schwaben, die Pfalz und Baiern, und kam bis nach Muͤnchen, das damals noch das aͤltere, finſtere Moͤnchsneſt fuͤglich genannt werden konnte. Da hielt ich aber ſchlechten Markt, denn die Leute wollten blos Geſchichten von Heiligen kaufen, und davon hatte ich keinen Vorrath. Schlendere ich einmal, es war im April 1783, uͤber den Schran⸗ nenplatz, da lief und rannte Alles nach der Pe⸗ terskirche zu, und da ich weiter nichts zu thun hatte, ſo zog ich dem Strome nach. Die heilige Jungfrau, hieß es, ſollte die Augen verdreht ha⸗ ben, und Alles draͤngte ſich um das Bild her und ſchaute es an, und natuͤrlich ich auch. Ich hatte damals recht gute Augen, aber ich ſah nichts, und das mochte wohl daher kommen, daß ich den rechten Glauben nicht hatte, denn das Volk ſchrie wohl zwoͤlfmal:„Mirakel! Mirakel! jetzt verdreht „ſie wieder die Augen.“ Ich blieb noch an acht Tage in Muͤnchen, da erſchien ein Schriftchen, worin das Wunder beſchrieben wurde, und da ich in meinem Ranzen noch Platz hatte, ſo kaufte ich mir ein Paar hundert Exemplare, und die gingen ab wie warme Semmeln. Als die Nachfrage nach faſſer fand dann ſolgende Bedeutungen dhrne 9* der Wundergeſchichte immer groͤßer wurde, ſo ebe⸗ kam niemand mehr eins zu kaufen, der nicht auch einen Kalender mit erhandelte, und ſo traf es ſich/ daß ich mit leerem Ranzen und vollem Beutel nach Hauſe kam. Ein Exemplar der Wundergeſchichte aber, nahm ich mit nach Hauſe und las es den Bauern in der Schenke vor, die daruͤber Naſe und Maul aufſperrten. Das Schriftchen wird wohl vergeſſen ſeyn, aber ich habe es noch unter meiner Kalenderſammlung und will meinen Leſern einiges daraus zum Beſten geben. Der praͤchtige Titel lautet wie folgt:„Wunderſame Bege⸗ „benheit der mirakuloſen Augenwen⸗ „dung des gnadenreichen Vesperbildes „in der St. Peters⸗Pfarrkirche zu Muͤn: „chen. Auf Verlangen vieler Mariani „ſchen Verehrer und Pflegekinder zum „Drucke befoͤrdert: Als ein Schreckbild „allen Freigeiſtern vor Augen geſtellt.“ — Darin wird nun erzaͤhlt, daß die fromme Dienſtmagd eines Fleiſchers das Mirakel zuerſt geſehen habe, nach ihr aber noch viele tauſend Menſchen, die meiſt alle erboͤtig waͤren, die Wahr⸗ heit deſſelben zu beſchwoͤren. Der fromme Ver⸗ — 130— 1)„Den Willen des Sohnes Gottes, daß wir Menſchenkinder auf Erden ſeine ſeligſte und hei⸗ ligſte Jungfrau und Mutter Maria verehren, lo⸗ ben und preiſen ſollen; dererhalben er an den Bildniſſen dieſer ſeiner heiligſten Jungfrau und Mutter ſo haͤufige, ja ich will ſagen uͤberfluͤſ⸗ ſige, Wunder ertheilt.“ 2)„Die unendliche Guͤtigkeit und anbetungs⸗ wuͤrdige Barmherzigkeit Gottes, welche uns ſogar in unſerer Vaterſtadt Muͤnchen durch ein unbe⸗ greifliches Mirakel zu erkennen gibt, daß Gott unendlich gnaͤdig, barmherzig und zugleich gerecht iſt. Darauf ſchließt der Verfaſſer ſo ſchoͤn als chriſt⸗ lich mit den Worten:„Nun ſehet, ihr gottloſen Freidenker! Quis contra torrentem? Sehet ob ihr ſo eine Menge Zeugen uͤberwerfen koͤnnt, da es in der Schrift heißt: In eines oder zween Zeu⸗ gen Munde beſtehet die Wahrheit. Wie werdet ihr nun einen ſo großen Haufen von ſehr anſehn⸗ lichen und glaubwuͤrdigen Zeugen(der Verfaſſer fuͤhrt ein Hundert namentlich an) widerſprechen koͤnnen?! Es geſchiehet daher billig und recht, wenn muthwillige junge Frevler aus den Kirchen 9 3 — 131— hinausgeſtoſſen und zur verdienten Strafe gezogen werden.“— Meine Zechgenoſſen ſchuͤttelten die Koͤpfe und wunderten ſich, aber als ich ihnen erzaͤhlte, daß ich beim Bilde geſtanden und nichts geſehen ha⸗ be, da wußten ſie gar nicht, wie ſie dran waren, und ob ſie der Schrift oder meinen Augen mehr glauben ſollten. Damals traute ich natuͤrlich mei⸗ nen Augen allein, aber als ich nach zwei Jahren in Muͤnchen ein hoͤlzernes Marienbild wirklich weinen ſah, und zwar eins, das ſchon lange Zeit immerfort weinte, da wurde ich doch zweifelhaft. Das weinende Mutter⸗Gottesbild machte uͤbrigens bei weiten das Aufſehen nicht, das das Augen⸗ wendende gemacht hatte, denn es war damals ge⸗ rade der Illuminatenorden entdeckt worden, und da fand man es ſehr natuͤrlich, daß die heilige Jungfrau uͤber jene Frevler und Boͤſewichter in einemfort Thraͤnen vergieſſen muͤſſe. Als ich dies⸗ mal wieder nach Hauſe kam und meinem Prinzi⸗ pal erzaͤhlte, was ich geſehen hatte, ſo ſchuͤttelte der gewaltig mit dem Kopfe, und das naͤchſte Jahr gab er mir eine andere Gegend zu bereiſen, wo 5 blos proteſtantiſche aͤnder berührte, in de⸗ 9⸗ 3 Morgens, als ich in die Wirthsſtube herunter —-— 132— nen bekanntlich zu jener Zeit niemals Wunder geſchahen. Erſt im Jahre 1807, alſo zwei und zwanzig Jahre nachdem ich die thraͤnenreiche Mutter Gottes geſehen hatte, betrat ich Muͤnchen wieder. Ich hatte mich in der Zeit ſehr veraͤndert, denn ich war aͤlter geworden, Muͤnchen aber hatte ſich noch mehr veraͤndert, und zwar mehr zu ſeinem Vor⸗ theile als ich, denn es war juͤnger geworden. Die Waͤlle um die Stadt herum waren abgetra⸗ gen, kein Moͤnch war mehr zu ſehen, die Kloͤſter waren weggeriſſen oder zu anderen Zwecken ver⸗ aͤndert. Wo das Franziskanerkloſter geſtanden hatte, war jetzt der große Max⸗Platz entſtanden; das Auguſtinerkloſter hatte einer ſchoͤnen Straße Platz gemacht, und in der Kirche deſſelben war die Mauth; das Kapuzinerkloſter war die Artille⸗ riekaſerne geworden, ja nicht einmal das Aller⸗ heiligſte wurde mehr oͤffentlich durch die Straßen getragen, und von Wundern war keine Spur mehr zu finden. Ich wohnte in dem Brauhaufe in dem mein Vorgaͤnger immer eingekehrt war, und ich muß ſagen, ich befand mich da recht wohl. Eines — 133— ging, hoͤrte ich im Hauſe einen ziemlich lebhaften Streit zwiſchen dem Brauherrn und ſeiner Mut⸗ ter. Die alte Frau war im hoͤchſten Staate und Eifer, der Sohn im Hauskleide und beſcheiden. Es war ein aufgehobener Feiertag, und die Mama zankte mit ihrem Sohne, weil er dennoch arbei⸗ ten wollte. Endlich ſiegte zwar die Mutter inſo⸗ fern, als ſie das Schlachtfeld behauptete und der Sohn ſich zuruͤckzog/ aber der Ruͤckzug ging auf den Malzboden und die Arbeit ihren Gang. Ich ſetzte mich zur Alten und fragte ſie uͤber die Ur⸗ ſache ihres Zorns.„ Ach,“ ſagte ſie„mein gu⸗ „ter Kalenderbot, in unſerer Stadt geht es jetzt „halt zu, wie bei den Ketzern; und iſt's halt „ein Wunder? Haben wir nicht gar eine luthe⸗ „riſche Koͤnigin, die ihre eigne Kirche hat? Ach „wenn das unſer hochſeliger Churfuͤrſt haͤtte erle⸗ „ben ſollen! und wenn er's weiß, Kalenderbot, „im Grabe dreht er ſich um. Haben wir nicht „gar einen Miniſter, der ein Illuminat war, „Gott ſey's geklagt, und das iſt noch zehnmal „ſchlimmer als ein Ketzer. Hat der nicht uͤber „die Haͤlft' von den Feiertaͤgen abgeſchafft, die „Kloͤſter aufgehoben! d die mirakuloſen Wunder⸗ „bilder abgeſchafft.— ber Maria und Joſeph/* — 134— „Kalenderbot', Er ſitzt ja ganz trocken da, ſchafft „Er nicht eine Maas und ein Brod? Ich dankte und ſie fuhr fort.—„Ja wie ſie die Kloͤſter „aufhoben, da hat die heilige Maria in Sankt „Peter, die heilige Maria auf'm Geſteig, die „heilige Maria auf'm Kreutz und die heilige „Maria in der Aue, die haben in einsweg ge⸗ „grinzt, daß es einen Stein in der Erde haͤtt' „erbarmen moͤgen, aber bei Leib' keinen Illumi⸗ naten. Statt in ſich zu ſchlagen, was thaten „ſie? aufpacken und wegſchaffen lieſſen ſie die „ mirakuloſen Bilder und andere ſtellten ſie dafuͤr hin. Das Muͤnchen iſt ein anderes Sodom ge⸗ „worden, und ich will nur ſchauen, wenn ſich die Erde aufthut und alle Gottloſen verſchlingt, „oder wenn der Kochelſee auslaͤuft und Alles mit „ſich fortſchwemmt.“— Ich unterbrach hier den Fluß ihrer Rede und erzaͤhlte, daß ich 1783 die Augenwendung in St. Peeter mit angeſehen und 1785 die heilige Maria auf dem Kreutze habe weinen ſehen.„Das hat „Er geſehen, Kalenderbot'?“ rief ſie aus,„ja „ſchau Er, da war's halt noch gute Zeit in Muͤn⸗ chen. Da lebte der hoͤchſtſelige Churfuͤrſt noch, 6 pein frommer, gattesfütchäger Herr. Ja die — 135— „ mirakuloſe Augenwendung— ach, ich weiß „noch wie heute wie s geſchah. Die Walpurga „Bruckbraͤu ſah es zuerſt, ſie diente beim Muk⸗ „kerl Obermeyer, dem Metzger im Grotenthale, „ich weiß Alles noch wie heute. Wurde doch „ein Aufhebens mit der Dirn gemacht, als ob „unſer eins ſo was nimmer paſſiren koͤnnte. Aber „eine gute Zeit war es, und eine fromme Frau „konnte ihrem Herr Gott doch ordentlich dienen; „da hoͤrte man die Mette bei den Franziskanern, „die Meſſe bei den Auguſtinern, das Hochamt „in der Theatinerkirche, und die Vesper bei den „Kapuzinern. Und zu Oſtern, wie zog man da „umher! den ganzen ſtillen Freitag und Samſtag „hatte man zu laufen, um die ſuͤßen Wunden des „Heilands zu kuͤſſen, die uͤberall den Andaͤchtigen „ausgeſtellt waren. Da ging's zuerſt in die Lieb⸗ „frauenkirche, dann in die Auguſtinerkirche, von da in die Jeſuiterkirche, von dort in den Buͤrger⸗ „ſaal, dann in die Kapelle auf'm Kreutz/ dann „ zu den engliſchen Frauen, dann in die Peters⸗ „kirche, von da in die St. Blaſienkirche, dann „zu den Franziskanern, dann in dier Theatiner⸗ „kirche/ und zuletzt in di Hofkapelle. Am ant „dern Tage ging's in d aͤdten herum, das — 6— „dauerte bis nach fuͤnf Uhr, dann lief man in ndie Liebfrauenkirche und ſah dort die Auferſte⸗ „hung mit an.— Aber itzt, Kalenderbot', itzt leb' Er wohl! ich muß in die Meſſe.“ Damit erhob ſie ſich und ließ mich, erſtaunt uͤber ihr flin⸗ kes Mundwerk, zuruͤck. Kurz darauf ſprach ich mit ihrem Sohne, dem Brauherrn, uͤber die Veraͤn⸗ derungen in Baiern, und der war mit Allem ſehr wohl zu frieden, und nur eins gefiel ihm nicht, daß der Koͤnig ſo viel Auslaͤnder nach Baiern be⸗ rufe.„Wir Baiern,“ ſagte er,„ſind doch halt „auch nicht auf'n Kopf gefallen, und da moͤcht' „ich wiſſen, wozu wir die Fremden brauchten.“ Uebrigens gab mir mein Wirth noch eine ſehr ge⸗ nuͤgende Erlaͤuterung uͤber die weinenden Marien⸗ bilder. Die Koͤpfe dieſer Wunderbilder waren naͤmlich, ſeiner Erklaͤrung nach, hohl, und in die Augen waren kleine Loͤcher gebohrt. Sollte nun die Maria weinen, ſo hob man den hintern Theil des Kopfes ab und fuͤllte Waſſer hinein, das na⸗ tuͤrlich zu den Loͤchern in den Augen langſam wieder hinauslief; ſollte die Madonna noch aͤrger weinen, ſo that man ein Paar Schmerln ins Waſſer, und die machten dunch i re — 137— noch thrüͤnenreichere— Mir fiel es wie Schapgen von den Augen.— Ich bin nachher noch oͤfters in Mämchen ge⸗ weſen, und jedes Jahr fand ich es verſchoͤnert und vergroͤßert wieder. Aber wie ſtaunte ich, als ich im vorigen Fruͤhjahre, nach einer Abweſenheit von ſieben. Jahren, das Weichbild der ſchoͤnen Koͤnigs⸗ ſtadt wieder betrat. Kaum konnte ich mich in die alte Stadt wieder hineinfinden, ſo hatte ſich in der Schwabingervorſtadt alles veraͤndert. Da war Palaſt uͤber Palaſt entſtanden, und die neuen Straßen zogen ſich herum bis ſchier ans Sandlingerthor. Und immer wurde noch fleißig gearbeitet; da wurde der Grund zu einem neuen Hauſe gelegt, dort ein Dach gehoben, hier ein⸗ gedeckt/ dort die Facade eines Hauſes vollendet, hier eins abgeputzt, es war als wenn man in ei⸗ nen Ameiſenhaufen hineinſieht/ uͤber den ſo eben ein Hanns Taps geſtolpert iſt. Als ich das Neue ordentlich beſchaut hatte, wollte ich mir nun auch das Alte wieder anſehen, und ſo marſchirte ich durchs Thal hindurch, zum Iſarthor hinaus und nach der Au zu. Aber auch da war Alles neu und ſchoͤn, von der Butike der Aepfelhoͤcken bis ur Iſarbruͤcke. Als lich aber von dort wieder zu⸗ — 138— ruͤckging und nach dem Lechel umwendete, da bot ſich mir etwas dar, was ich ſeit 1785 nicht mehr geſehen hatte: ein Pater Franziskaner ſchritt vor mir her und ganz demuͤthig in die Artillerieka⸗ ſerne hinein, die aber jetzt nicht mehr die Kaſerne der Artilleriſten, ſondern der Juͤnger des heiligen Franz von Aſiſſi iſt.— Ich wiſchte mir die Au⸗ gen aus und ſah ordentlich hin, denn anfangs dachte ich, meine alten Augen haͤtten mir ein Blendwerk vorgemacht, aber der Franziskaner blieb ein Franziskaner, und die Kaſerne war wirklich ein Kloſter geworden. Ich druͤckte mich ſtille bei dieſen heiligen Mauern vorbei, damit man den Ketzer nicht ſpuͤren moͤchte, und machte, daß ich wieder in meine Herberge kam.— Zu Hauſe bei meiner Maas Bier kamen mir ganz wunderliche Gedanken in Kopf. Da von den Schwabinger⸗ thore bis zum Sandlinger, dachte ich, da geht Alles raſch vorwaͤrts, aber vom Sandlinger bis wieder hin zum Schwabinger, da faͤngt man ſachte an, wieder ruͤckwaͤrts zu marſchiren. Ei! ei! was wuͤrde Max Joſeph ſagen, wenn er ſaͤhe, daß die braunen, ſchmutzigen Kutten, ſeine netten dunkel⸗ blauen Kanoniere vertrieben haͤtten?— Eine Uni⸗ verſitaͤt haben ſie errichtet und beruͤhmte Leute in 8 — 139— Menge herbeigerufen, und nun daneben ein Fran⸗ ziskanerkloſter, wo hoffentlich blos unberuͤhmte Maͤnner darin ſind! Sind etwa die guten Paters ſo eine Art von Gewicht, das man der zu raſch vorſchreitenden Aufklaͤrung anhaͤngt, wie Muͤnch⸗ hauſens Schnelllaͤufer, bekannten Andenkens, eins am Fuße trug?— Als ich in dieſe Gedanken ver⸗ tieft zum Fenſter hinausſah, fielen mir einige junge Maͤnner auf, die mit langen Haaren und großen Baͤrten verunziert waren und ſogenannte altdeutſche Roͤcke trugen. Fuͤr Studenten waren ſie mir doch etwas zu alt, und ſo fragte ich mei⸗ nen Wirth, was es fuͤr Leute waͤren.„Maler,“ antwortete der,„Schuͤler von dem Herrn 2 Direk⸗ tor von Cornelius, die unter ſeiner Leitung die „Glypthotek ausmalen.“ Indem traten zwei von ihnen ein und verlangten eine Maas Bier und Brod; waͤhrend ſie dieſes verzehrten, ſprachen ſie viel von ihrem Meiſter, das war der Herr von Cornelius.„Aber meine Herren,“ unterbrach ich ſie beſcheiden/ der Wirth ſagte mir, ſie waͤren „Schuͤler, und zwar Malerſchuͤler; nun ſehen Sie „mir aber doch ein bischen alt aus, und da „wundere ich mich daruͤber, daß Sie noch nicht „ſelbſt Meiſter ſind. Iſt denn das Malen ſo „ — 140— „ſchwer, daß man ſo lange in der Malerſchule „bleiben muß?— Die baͤrtigen Schwarzroͤcke lachten wie die Kobolde und fragten mich, ob ich nicht auch der Schuͤler meines Schulmeiſters ſey, und als ich das bejate, ſo meinten ſie, ſie waͤren eben ſo die Schuͤler ihres großen Meiſters, und wuͤrden es bis an ihr ſeliges Ende bleiben. Jetzt, ſetzten ſie hinzu, malten ſie freilich noch ganz unter ſeiner Anleitung und bekaͤmen dafuͤr taͤglich einen Gulden und fuͤnf und vierzig Kreu⸗ zer, aber wenn die einmal bedungene Arbeit fertig waͤre, ſo hindere ſie nichts in alle Welt zu gehen und ſelbſt als Meiſter aufzutreten. Als ſie fort waren, klagte der Wirth bitter uͤber dieſe Gaͤſte.„Die Leute koͤnnen geſchickt „ſeyn,“ ſagte er, aber ſie ſind auch theuer und „hoͤlliſch langſam. Seit vielen Jahren malen ſie ſchon an der Glypthotek, und immer ſind ſie „noch nicht gar. Ja, und wenn's noch Baiern „waͤren, aber nein, halt nichts als Auslaͤnder, „wo allemal zwei an einer Maas trinken. Meine „Stuben ſind doch auch ſchoͤn gemalt, und da „kriegt der Maler blos acht und vierzig Kreutzer „des Tags, und in ein Paar Tagen iſt ſo ein „Stuͤble fertig. Und was vermalen die Fremden * —- 141— „erſt fuͤr Farben! Nichts als Karmin und Ultra⸗ „karmin oder Marin, wie das Zeug heißt, was „ſo theuer iſt als Gold.— Aber doch heißts der „Koͤnig ſpare, weil ſeit ſeiner Regierung ein Paar „Schock Schildwachen im Lande weniger ſtehen, „ und das iſt auch gut weil doch da ein Paar „hundert arme Teufel im Koͤnigreiche in den kal⸗ „ ten Winternaͤchten weniger frieren.*— 4 Ich hatte das Baierland wieder hinter mir, und ſchritt mit meinen alten Beinen den ſchoͤnen Rheinſtrome hinab, immer meine Kalender aus⸗ bietend, aber leider immer zu ſpaͤt kommend. Einſt ſaß ich vor einem Wirthshauſe, dicht am Rhein gelegen, und hatte mein Schoͤpplein Moſeler vor mir und lehnte mich betruͤbt auf den vollen Ran⸗ zen und ſchaute ins Rheinthal hinab. Wer aber mit einem ⸗guten Gewiſſen dort ſitzt und ein Gluas Moſeler Sorgenbrecher trinkt, deſſen Truͤbſal muß von einer beſondern Art ſeyn, wenn es in jener herrlichen Natur nicht ſchwinden ſoll. Bald ging mein Herz auf, und Ranzen und Kalender wa⸗ ren vergeſſen. Mir gegenuͤber lagen die Reben⸗ huͤgel des Siebengebirgs, mir zu Fuͤſſen waͤlzte der Strom ſeine blauen Fluthen. Kaͤhne und Schiffe zogen wie Schwaͤne auf ihm hin, und 8 1 3— 142— mancher Nachen trug eine froͤhliche Geſellſchaft, die jubelnd und ſingend Gottes Gaben prieſen und wohl auch reichlich genoſſen. Ich jubelte im Her⸗ zen mit ihnen, und fuͤhlte mich ſo froh wie ſeit langen Jahren nicht. Da trat ein junger Mann zu mir, reinlich zwar nicht, aber doch ziemlich elegant gekleidet, mit ſchwach⸗roͤthlichen Haaren und ſehr ernſtem Angeſicht; er dankte freundlich auf meinen Gruß, ließ ſich eine Flaſche Wein ge⸗ ben und fragte mich, wer und woher ich ſey. Als ich ihm nun erzaͤhlte, daß ich Niemand ſey, als der Kalendermann aus S...., da ſchien ein Strahl von Freude ſein Geſicht zu beleuchten, und bald freute ich mich auch, denn er kaufte mir meine ſaͤmmtlichen Kalender ab, ohne zu dingen, und bezahlte alles in blanken preußiſchen Thalern. Als ich ihm nun dankte, da erhob er ſeine Au⸗ gen gen Himmel, und feierlich nahm er das Wort: „Nein, guter Kalenderbote,“ ſagte er,„ich habe „Ihm eine Gefaͤlligkeit erwieſen, und ich hoffe Er „wird mir gleiches mit gleichem vergelten. Doch „nicht mir ſoll Er dienen, ſondern ſeinen Gott „und Heiland, der doch auch ſein Blut fuͤr ihn „vergoſſen, auch fuͤr ſeine Suͤnden mit gebuͤßt „hat, dem Erloͤſer unſer Aller ſoll Er dienen. — 143— „Er geht nach S.... S.... aber liegt in „Argen, Freidenker und Spoͤtter fuͤhren dort das „Kirchenregiment, die wenigen frommen und treuen „Diener des Herren und Heilands aber, leben „unter dem Drucke der Boͤſen, ihre Schritte ſind „bewacht und ihre Wirkſamkeit gelaͤhmt. Er aber „iſt unbeobachtet, Er kann wirken, ihn wird Nie⸗ „mand in Verdacht haben. Ich will ihm ſeinen „RNanzen mit kleinen frommen Schriften anfuͤllen, „die Er in ſeiner Heimath vertheilen kann; „Schriften— Weltmenſchen nennen ſie ſpottweis „Traktaͤtchen— die ſchon Tauſende von ewigen „Verderben gerettet und von dem Orte befreit „haben, wo da ſeyn wird, Heulen und Zaͤhne⸗ „klappern in aller Ewigkeit. Dieſe Schriftchen „enthalten freilich keine Spaͤſſe, wie die gottloſe „Dorfzeitung, ſie ſpotten nicht und ſchmeicheln „dem Weltmenſchen nicht, wie der freche Erxemit „und das giftige Mitternachtsblatt, aber lernen „koͤnnen alle Menſchen daraus, und auch Ihn, „Kalendermann, auch Ihn koͤnnen ſie zum Heile „fuͤhren, denn auch Er gehoͤrt zu der Zahl der „Freidenker, auch Er iſt ein Spoͤtter und Gott⸗ „loſer. Ja, ſeh' Er mich nur an und laͤchle Er „nur, das Lachen wird ihm vergehen, wenn Er — 144— „in den ewigen Schwefelpfuhl hinabgeſchleudert „wird. Er denkt weil Er Niemanden betruͤgt, be⸗ „luͤgt und beſtiehlt, weil er ſeine Geſchaͤfte or⸗ „dentlich beſorgt, ein guter Mann und Vater iſt „will er dem Almoſen gibt, der noch weniger hat „als Er, mit dem Betruͤbten weint und mit dem „Frohen ſich freut, weil Er alle Jahre etwa zwei „Mal zum heiligen Abendmahle und Sonntags „zur Kirche geht, Er habe gethan, was ihm ob⸗ „liegt. Aber ich rathe Ihm, glaube Er das ja „ nicht. Denke Er fleißig an das Kreutz, an dem „unſer Herr und Heiland geblutet, an die Wun⸗ „den, die er fuͤr die ſuͤndhafte Welt erhalten, an „die Schmerzen, die er erduldet hat. Wenn Er „dann einſieht, was fuͤr ein großer Suͤnder Er „iſt, wenn Er die innigſte Liebe und die bruͤn⸗ „ſtige Sehnſucht nach Chriſtus empfindet und den „heißeſten Drang, ſeine Suͤnden zu den Fuͤſſen „Chriſti, ſeines Herrn und Heilands, niederzule⸗ „gen, dann vielleicht kann auch Ihm noch gehol⸗ „fen werden. Komm Er jetzt, ich will Ihm ſei⸗ „nen Ranzen wieder fuͤllen.“— Ich ging ganz verdutzt dem Manne nach, der mir, ohne mich zu kennen, ſo derb den Text ge⸗ leſen hatte, aber unterwegs kam ich doch wieder — 145— zur Beſinnung, und nun fiel mir Alles ein, was ich von den Traktaͤtchensleuten gehoͤrt und geleſen hatte, und ich beſchloß ſeinen Befehlen nicht nach⸗ zukommen. Der Mann fuͤhrte mich in ſein Zim⸗ mer und zeigte mir einen ungeheuren Packt, den ich einladen ſollte.„Ach! lieber Herr,“ ſagte ich,„die Schriftchen alle ſoll ich mitnehmen, die „kann ich nicht fortbringen, und wenn ich ſie „auch ſchleppen koͤnnte, ſo waͤre doch mein Ran⸗ „zen viel zu klein fuͤr den großen Packt.“„Gott!“ rief der Fromme hier pathetiſch,„Gott wird Ihm „Kraft geben, die Laſt zu tragen, und was die „Kleinheit ſeines Ranzens betrifft, ſo mache Er ſes wie ſein Landsmann, der fromme Pfarrer „N..., bitte Er Gott, daß er ihn groͤßer ma⸗ iche, und wenn ſein Gebet Kraft hat, ſo wird „Gott dieſe Bitte erfuͤllen.— Lache Er nicht, Ka⸗ „lenderbote!— weiß Er nicht das Wunder, das „Gott in ſeinem Vaterlande ausgeuͤbt hat, zu „Gunſten des Gebets jenes frommen Seelenhir⸗ „ ten? Er weiß es nicht, ich will es Ihm erzaͤhlen. „Der Pfarrer N.... faͤhrt mit ſeiner Fa⸗ milie uͤber Land, und da dieſe groß, der Wa⸗ „gen aber klein iſt, ſo muß der aͤlteſte Sohn, mein ſchwaͤchlicher Knabe von 10 bis 11 Jahren, 10 — 146— „ſich auf den Bock ſetzen. Unterwegs ſehen die „Reiſenden ein furchtbares Gewitter heranziehen, „kein Haus bietet Obdach, und der Mutter faͤngt „es an um ihren Sohn zu bangen, und ſie ſpricht: „Ach koͤnnten wir den Fritz doch mit in den Wa⸗ „gen nehmen.“*—„Da wird es noch Huͤlfe ge⸗ „ben,“ ſagte der Vater, und er wendet ſich zu Gott, dem Herrn, und fleht ihn an, Platz zu ſchaffen fuͤr den Sohn auf dem Bocke; und ſiehe da— der Wagen erweitert ſich ſichtbar, die Fa⸗ milie ruͤckt zuſammen und Fritz findet ſein Plaͤtz⸗ chen im Wagen, noch ehe das Wetter ſeinen An⸗ fang nimmt.—„Ich glaub's,“ fuhr es mir heraus,„fromme Schafe gehen viel in einen Stall, „warum nicht auch in eine Kutſche; aber Ihre „Traktaͤtchen kann ich nicht mitnehmen, denn „wenn mein Prinzipal erfuͤhre, daß ich ſolche „Schriftchen einſchwaͤrzte, er jagte mich auf „der Stelle aus dem Dienſte, und das mag ich „doch nicht wagen, ob ich gleich als Halbinva⸗ „lide nur Ausnahmsweiſe groͤßere Reiſen mache. „Werden Sie nur nicht boͤſe uͤber meine Weige⸗ „gerung, ich will Sie nicht betruͤgen und ſpreche „friſch von der Leber weg, ſonſt packte ich mei⸗ „nen Ranzen voll und ſchmiß im naͤchſten Wirths⸗ — 147— „hauſe die ganze Ladung ins Feuer, und Sie „glaubten immer, ich haͤtte ſie in S..... ver⸗ „theilt. Uebrigens danke ich Ihnen noch viel⸗ „mals, daß Sie mir meine Kalender abgekauft „haben, und ſo leben Sie recht wohl!“ Mit dieſen Worten war ich zur Thuͤr hinaus und fort gings, der lieben Heimath zu.— Mit Wundern, dachte ich, begannen Deine Reiſen, mit Wundern hoͤren ſie wieder auf. Vor fuͤnf und vierzig Jah⸗ ren ſollte ein gottesmutter Bild von Holz die Augen verdrehen, und heut zu Tage betet ein proteſtantiſcher Pfarrer eine hoͤlzerne Kutſche groͤ⸗ ßer.— Dummheiten und kein Ende, aber Dumm machen laſſen wir uns nicht, Wir wiſſen, daß wir's werden ſollen. ) Mein Sohn iſt ein Studierter, aber er hat 1 doch auch etwas von meiner Wanderluſt angeerbt, und wenn's auf der Univerſitaͤt Ferien gab, da flogen Corpus juris und Pandekten in die Ecke und der Herr Studioſus zog mit einigen Comili⸗ tonen oder allein, wie es ſich eben fuͤgte, zum Thore hinaus.— Solche Reiſen machten zu Ende 10* — 148— des Jahres allemal einen Nachſchuß von einigen Thalern noͤthig, aber ich gab das Geld gern, denn ich erhielt doch allemal recht huͤbſche Reiſeberichte dafuͤr, und ich bin entſchloſſen dem lieben Pu⸗ blikum einige Bruchſtuͤcke daraus zum Beſten zu geben. Mein Sohn darf das freilich nicht wiſſen, denn der nennt dergleichen Dinge Allotria, aber im Vertrauen, daß er ſeine Reiſeberichte nicht zu leſen bekommt, will ich es darauf wagen. Bruchſtuͤcke einer Reiſe auf den Thuͤrin⸗ gerwald von dem Sohn des Kalender⸗ boten. Am Phingſtſonntage 1818 verließen wir Saal⸗ feld bei guter Zeit, folgten dem Lauf der Saale bis Rudolſtadt, und wandten uns dann links ge⸗ gen Schwarzburg. Wir haͤtten den Weg dahin zwar naͤher haben koͤnnen, aber Einer aus unſe⸗ rer Geſellſchaft war noch nicht in dem freundlichen Rudolſtadt geweſen, und ihm zu Gefallen ſcheu⸗ ten wir den Umweg nicht. Eine Stunde vor Mittag erreichten wir Schwarzburg, beſahen uns das fuͤrſtliche Stammſchloß mit ſeiner Gewehrkam⸗ mer und ſeinem Kaiſerſaale, und kehrten dann ins Wirthshaus zuruͤck, wo uns nach dem ſechs⸗ — 18— ſuͤndigen Marſche das Mittagseſſen trefflich— ſchmeckte. Das gute Lagerbier erhoͤhte unſere Froͤhligkeit, und wir dachten ſchon mit Kummer daran, daß unſer Reiſeziel fuͤr heute noch weiter geſteckt war. Gar zu gern haͤtten wir einen Abend in dieſer herrlichen Gegend zugebracht, aber die Kuͤrze der Zeit erlaubte uns ſo kleine Tagemaͤrſche nicht. Wir ließen uns den Kaffee vor den Gaſt⸗ hof bringen, und kaum hatten wir unſere Pfeifen angezuͤndet und die Taſſen gefuͤllt, da ſchritt uns gegenuͤber ein Menſch aus dem Walde heraus, der zu den Zeichen der Zeit gehoͤrt. Sein Haupt war blos mit langen Haaren bedeckt; ſchmutzige Leinewandhoſen nebſt einer Jacke von demſelben Stoffe, bildeten ſeine Kleidung, ſein Bart flat⸗ terte in den Luͤften, und ein kleines gruͤnes Raͤnz⸗ chen, mit einem Steine beſchwert, hieng auf ſei⸗ nen Schultern. Es war ein Turner aus der ech⸗ ten Schule, das heißt ein Schuͤler eines Berliner Vorturners, und er ſelbſt war ſchon einmal in Berlin auf der Haſenheide geweſen und hatte den „Doktor Jahn ſelbſt geſehen und geſprochen. Jetzt war er im Dauerlaufe von Jena bis nach Schwarz⸗ burg gerannt, und kam ſchweißtriefend bei uns an.„Gruß und Handſchlag zuvor, deutſche Bruͤ⸗ — 150— „ der,“ rief er uns von weiten zu, aber er drehte ſich verdruͤßlich um, als er die dampfenden Pfei⸗ fen und den Trank der leventiſchen Bohne er⸗ blickte und ſtuͤrmte neben uns ins Wirthshaus hinein. Es lag uns weiter nichts an der Geſell⸗ ſchaft dieſes Turnhelden, und ſo war es uns nicht angenehm, als er wieder aus dem Gaſthofe her⸗ austrat und ſich zu uns ſetzte. Ein Junge brachte ihm ein Stuͤck Brod und ein Glas Milch, die einzige Erquickung, die er ſich nach der großen Strapatze goͤnnte, und nachdem er ſich uͤber un⸗ ſern Tabacksqualm hinweggeſetzt hatte, eroͤffnete er uns, daß er heute noch mit einer Turnfahrt, die er hier erwarte, uͤber Paulinzelle nach Ilme⸗ nau wolle, was auch unſer Reiſeziel war. Die Turnfahrt kam von Cahla, er aber war mit grau⸗ endem Tage von Jena ausgelaufen, hatte ſie in Rudolſtadt uͤberholt und wollte ſie hier uͤberra⸗ ſchen. Wir fragten nach dem Gaſthofe, in dem ſie in Ilmenau uͤbernachten wuͤrden, in der Ab⸗ ſicht, dieſen zu vermeiden, aber er vertraute uns, daß die ganze Fahrt dort bei einem Turnfreunde kneipen werde, ein Vorzug, den wir ihnen gern goͤnnten.„Wißt Ihr, was mir das Merkwuͤr⸗ „digſte an Schwarzburg iſt?“ bruͤllte er uns nach — 151— einer Pauſe an„daß kein Franzoſe bis hierher „gedrungen iſt; hier ſind ſie zuruͤckgeſchaudert vor „ den Urbildern deutſcher Kraft, die da aufge⸗ „haͤngt ſind im Kaiſerſaale!“— „Ach, glauben Sie das ja nicht,“ unterbrach der Wirth, der hinter uns geſtanden hatte, ſeine Rede und unſer Lachen./ Was wollten ſich die „Franzoſen vor den gemalten Kaiſern gefuͤrchtet „haben, fuͤrchteten ſie doch die lebenden nicht groß. „Aber das Dorf iſt ſo klein und ſo abgelegen, „und da ließ man uns fuͤr doppelte Fourage und „Vorſpannlieferung gern von aller Einquartierung „ frei. 4=. Gemeine Knechtsſeele,“ murmelte der Turner, aber ploͤtzlich wendeten ſich ſeine Au⸗ gen, und indem ſchlug die Weiſe eines bekannten Turnlieds, vom Walde her toͤnend, an unſere Ohren. Der Langhaarige ſprang auf und tram⸗ pelte ſeinen Seelenfreunden entgegen; der Wirth brummte uͤber die Gaͤſte, die blos Milch und Brod verzehrten, wir aber bezahlten unſere Zeche und zogen fort, um der Geſellſchaft aus dem Wege zu gehen, deren heiſeres:/ Darum frei, Turne⸗ „rei, ſtets geprieſen ſey!“— ſich immer deutli⸗ cher und mistoͤnender hoͤren ließ. Aber das wilde Heer verfolgte uns/ und wir 422— hatten Paulinzelle noch nicht erreicht, als zehn Jahnianer, den oben geſchilderten an der Spitze, ei uns voruͤberſtuͤrmten.— Alle trugen dieſelbe Uniform, grau in grau, und ob es gleich erſter Pfingſtfeiertag war, ſo waren doch weder ihre Kleider noch ſie ſelbſt gewaſchen. Als ſie eine Strecke an uns voruͤber waren, kam ein Nach⸗ zuͤgler hinterdrein gekeucht, bei dem Haare und Bart noch im wachſen waren. Er war mit eini⸗ gen von uns bekannt, und als er eine Zeitlang mit uns gegangen war, ſo faßte er ſich ein Herz und ſagte:„Es iſt mir recht lieb, daß ich Euch getroffen habe, und wenn Ihr nichts dagegen „ habt, ſo will ich mich an Euch anſchließen; jene „ laufen gar zu toll, und die ewige Milch behagt „mir gar nicht. In Ilmenau wollen ſie alle bei einem Herrn einkehren, deſſen Namen mir ent⸗ „fallen iſt, und an den ſie, Gott weiß von wem, „empfohlen ſind. Nun ſeine Frau wird eine „ſchoͤne Freude haben; alle zehn haben Hunger „wie die Loͤwen und denken ſich an ſeinem Bra⸗ iten und Wein fuͤr Milch und Brod zu entſchaͤ⸗ n digen. In den andern Staͤdten wollen ſie auch „uͤberall das Handwerk begruͤßen, aber ich ſchaͤme „mich wahrlich immer die Leute zu belaͤſtigen, die — 153— „ man noch dazu kaum den Namen nach kennt.“ Wir nahmen das junge Fuͤchslein gern unter un⸗ ſere Fluͤgel und kamen mit ihm bei der herrlichen Ruine an, aus der uns wieder ein furchtbares Gebruͤll entgegenſchallte. In das hohe Gras, zwiſchen den Mauern der alten Kirche, gelagert, ließen die Turn⸗Bruͤder ihren Geſang ertoͤnen; gluͤcklicherweiſe hatten wir alle die Ruine ſchon ofters beſucht, und ſo goͤnnten wir derſelben die⸗ ſesmal nur wenige Blicke und ſchritten dann der Muͤhle zu, in der ein vortreffliches Bier alle Durſtigen erwartet. Das verlorne Schaͤfchen er⸗ klaͤrte dem Vorturner, daß es hier ausruhen und trinken, auch in Ilmenau mit uns im Gaſthofe bleiben wolle. Der Angeſprochene ſah ſeinen Schuͤ⸗ ler mit wilden Blicken an, und wuͤrde wahrſchein⸗ lich in ſchreckliche Donnerworte gegen uns, als Vexfuͤhrer der Unſchuld, ausgebrochen ſeyn, wenn ſeine Blicke nicht auf Einen von uns gefallen waͤren, der an dem Ausgange der Ruine geblie⸗ ben war, um zu hoͤren, was die Leutchen ſagen wuͤrden. Er erklaͤrte alſo jetzt dem Abtruͤnnigen, daß er hinziehen koͤnne, wohin er wolle, daß er aber ihren Geſetzen nach, das Geld in der Rei⸗ ſekaſſe laſſen muͤſſe, das er einmal eingezahlt haͤtte. „ — 154— Der Ungetreue that gern auf dieſe wenigen Gro⸗ ſchen Verzicht und kam vergnuͤgt hinter uns drein geſprungen. Als die ſchaͤumenden Kruͤge vor uns ſtanden ihr wuͤrziges Naß unſere durſtigen Kehlen gelabt hatte, nahm Gotthard, ſo hieß der Turner, das Wort und bat uns, ihn in unſere Reiſegeſellſchaft aufzunehmen, was ihm gern bewilligt wurde. „Ich bin recht froh,“ ſagte er,„daß ich von „ihnen los bin, denn es hat mir ſchon lange „nicht mehr unter ihnen gefallen, und ich haͤtte „mir laͤngſt einen andern Umgang gewaͤhlt, wenn hich mich in Jena von ihnen haͤtte losmachen „koͤnnen. Was iſt das fuͤr eine Thorheit ſich „Turner zu nennen, als ob das ein beſonderer „Stand waͤre. Ich hatte mich in Cahla als Stu⸗ „dent ins Fremdenbuch geſchrieben, aber S.. „ſtrich den Studenten aus und ſchrieb Turaer „hin, als ob ich blos des Turnens halber auf „die Univerſitaͤt gegangen waͤre. Ich aͤuſſerte ſo „etwas, aber da kam ich ſchoͤn an. Das Turnen/ „ſagten ſie, ſtehe eben ſo hoch als das Studiren; „es ſtehe als Inbegriff der koͤrperlichen Ausbil⸗ „dung, dem Studiren als Inbegriff der geiſtigen „Ausbildung zur Seite, und da es ſich von ſelbſt — 155— „verſtuͤnde, daß ein jenaiſcher Turner ſtudiere, „nicht aber daß ein Student turne, ſo muͤßte „ſich der Turner auch ſtets Turner nennen und „ſchreiben.“— Nun, ſagte Einer von uns, wir gehen doch auch zuweilen auf den Turnplatz und machen unſere Kuͤnſte, aber wir ſind anderer Mei⸗ nung.—„Darum,“ fuhr Gotthard fort,„ſteht „Ihr auch ganz ſchlecht bei jenen angeſchrieben, „ und ſie moͤchten Euch gern von dem Turnplatze „mit Gewalt wegtreiben, wenn das moͤglich waͤre. „Ihr haltet Euch nicht zu ihnen, Ihr zieht die „Turnkleidung blos zu den Uebungen an, be⸗ „trachtet die Turnkunſt blos als Nebenſache, raucht „Taback und treibt noch tauſend andere Dinge, „die den Jahnianern ein Graͤuel ſind. Mir ha⸗ „ben ſie meine Pfeifen auch abdisputirt, aber „morgen will ich mir wieder eine kaufen, denn „ich rauche ſehr gern.“ Als ich dieſes hoͤrte, ſchnallte ich meinen Ranzen auf und reichte ihm eine geſtopfte Reſervepfeife. Er nahm ſie mit Dank an, ſetzte ſie in Brand und blies die Dampf⸗ wolken mit ſichtbarem Wohlgefallen in die Luft. „Der Hochmuth,“ fuhr er fort,„mit dem ſie „auf alle Nichtturner herabſehen, hat mich oft 1 „empoͤrt, und eben ſo die Art von Vormund⸗ — 156— „ ſchaft, die ſie uͤber ihre juͤngeren Genoſſen aus⸗ „ uͤben. Sie ſchreien zwar uͤber Beſchraͤnkung der „Freiheit, wenn Ihr einen neuen Ankoͤmmling „Fuchs nennt und Schlaͤger ſchleppen laßt, aber „bei ihnen thaͤt es Noth, man gaͤbe ihnen von „ jeder Viertelſtunde des Tags Rechenſchaft. Ich „will mich auch ganz von ihnen losſagen.“— Ei, entgegnete Einer aus unſerer Mitte, das iſt ein raſcher Entſchluß, iſt denn die Vernunft auf einmal bei Dir zum Ausbruche gekommen?— „Eigentlich ja,“ antwortete Gotthard,„zwar „gefiel es mir ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr „unter ihnen, aber heute kam mein Entſchluß „auf einmal zur Reife. Es ſchien mir gar zu „zudringlich, eilf Mann ſtark bei einem ſogenann⸗ „ten Turngaſtfreund einzufallen; es ſchien mir „gemein, auf dieſe Gaſtfreundſchaft los zu hun⸗ „gern, und waͤhrend ich dieſes bei mir uͤberleg⸗ „te, fiel mir Alles wieder ein, was mir von je⸗ „her an ihnen misfallen hatte. Nun begegnete „ich Euch und fand ſo Gelegenheit, mich von ih⸗ „nen los zu machen, die ich mir nicht entſchluͤp⸗ „ fen ließ.— Ich habe Oſtern einmal mit M.... y bei einem Manne in G.... gekneipt, der Mit⸗ „ vorſteher der dortigen Turnanſtalt iſt, und da — 157— „habe ich mit Verwunderung geſehen, was fuͤr „ein Unterſchied zwiſchen einem Vorturner iſt, „der fuͤr ſein Geld, und einem, der umſonſt zehrt. „Im erſten Falle iſt Alles, auſſer Waſſer, Milch „und Brod, Ueberfluß, im zweiten aber ſind die „ſtaͤrkſten Weine, das beſte Bier, Punſch, Ku⸗ „chen, Paſteten und Braten fuͤr ihn gerade gut „genug, und er gibt ſich das Anſehen, als ob „ihm das Alles was ganz alltaͤgliches waͤre.“— Wir laſſen gern jeden ſeine Straſſe gehen, ſagte Einer von uns, indem er Gottharden die Hand reichte, aber wir freuen uns allemal, wenn Einer der Ueberſchwenglichen auf den Weg der Vernunft zuruͤckkehrt. Wir loben uns die Mittelſtraſſe zwi⸗ ſchen Euch und der Euch entgegenſtehenden Par⸗ thei, denn wir glauben, der Zweck des Univerſi⸗ taͤtsleben wird von beiden Partheien verfehlt, ſie moͤgen nun den Turnplatz oder das Wirthshaus zu ihren Tummelplatz erwaͤhlt haben.—„Ja „wohl,“¹ fiel Gotthard ein, er wird auch von „den Turnern rein verfehlt; ich habe das in den „wenigen Wochen, die ich in Jena bin, mit „Schrecken gemerkt und oft mit Angſt an meine „Zukunft gedacht. Jahns Volksthum und Turn⸗ „buch ſind ihre Orakel, die Welt wollen ſie ver⸗ — 158— „beſſern, aber was ordentliches, gruͤndliches ler⸗ „nen wollen ſie nicht. Sie werfen mit philoſo⸗ „phiſchen Floskeln um ſich, die ſie ſelbſt nicht „verſtehen, und ich habe mit Erſtaunen bemerkt, „daß ſie, bis auf wenige Ausnahmen, grund⸗ „ſchlechte Lateiner ſind.“ Wir brachen auf und kamen gegen Abend an dem Ziele unſeres Tagemarſches an. Der Extur⸗ ner ſtand am andern Morgen ganz veraͤndert vor uns. Sein Haar war unter der Scheere des Fri⸗ ſeurs gefallen, ſein Kinn glatt, und ſtatt der ſchmutzigen Turnjacke trug er einen ſaubern gruͤ⸗ nen Sommerrock, den er aus dem Ranzen genom⸗ men hatte. Eine ſchwarze Muͤtze mit Silber be⸗ ſetzt, von dem Kellner des Gaſthofes erhandelt, deckte ſein Haupt, um ſeinen Hals war ein ſeid⸗ nes Tuch ſo nachlaͤſſig als moͤglich geſchlungen, und dazu hatte er ſich die burſchikoſte Pfeife zu⸗ gelegt, die in der Stadt nur zu finden geweſen war. So veraͤndert durchzog er mit uns froͤhlich das Waldgebirge bis Eiſenach, wo wir wieder umkehrten, um uͤber Bad Liebenſtein nach dem Inſelsberge zu wallfahrten. Der Inſelsberg iſt zwar niedriger als der fruͤher beſtiegene Schnee⸗ kopf, gewaͤhrt aber eine weit freiere und ſchoͤnere — 4159— Ausſicht. Nach Suͤden und Weſten ſieht man das ganze Gebirge vor ſich ausgebreitet, an das ſich die Rhoͤn anſchlieſſen, und gegen Norden und Oſten blickt man weit hinein in Thuͤringens ge⸗ ſegnete Fluren. Als wir auf der Hoͤhe des Bergs ankamen, waͤr die Sonne eben im Untergehen begriffen und vergoldete noch mit ihren Strahlen die Fenſter des Friedenſteins und die Zimmer der Wartburg. Noch zeigte ſich uns der Brocken in grauen, nebelhaften Umriſſen, naͤher der Kyfhaͤu⸗ ſer und Ettersberg, und die Thurmſpitzen des nachbarlichen Erfurts blickten, von der Sonne be⸗ leuchtet, noch einmal zu uns herauf. Bald aber huͤllte die Nacht mehr und mehr alle Gegenſtaͤnde in ihren duͤſtern Schleier, die Luft wurde kuͤhl und erinnerte uns, da wir leicht gekleidet waren, in dem kleinen Hauſe ein Unterkommen zu ſuchen, das zum Beherbergen der Fremden daſteht. Der Reiſende iſt zu beklagen, der hier die Be⸗ quemlichkeiten ſucht, die er im Brockenhauſe ge⸗ funden hat. Eine Stube und Kammer zu ebener Erde und ein Paar Kammern unter dem Dache, iſt der ganze Raum, den das Haus enthaͤlt. Der Wirth, ein muͤrriſcher Jaͤger, hatte ſtatt Betten blos Stroh, ſein Keller enthielt nichts als Bier — 160— und Brandewein, und ſeine Speiſekammer bot nichts dar als Schinken, Eyer, Butter und Brod. Wir waren eben im Begriffe uns zu einem koſt⸗ baren Abendeſſen, aus obigen Ingredienzen be⸗ ſtehend, niederzuſetzen, als ſich die Thuͤre oͤffnete und eine ſonderbare Geſtalt eintrat, die wie der Vorturner in Schwarzburg, mit zu den Zeichen der Zeit gehoͤrte. Die eintretende Figur ſchien ein Troubadour aus dem ſelig entſchlafenen Mittelal⸗ ter zu ſeyn; ein ſchwarzes Barett mit Federn be⸗ deckte ſein geſcheiteltes Haar, das in langen Locken auf die Schultern herabfiel; er trug einen ſoge⸗ nannten altdeutſchen Rock von ſchwarzem Sammt mit einem breiten Spitzenkragen; eine eiſerne Kette mit Kreuz, hieng auf ſeiner Bruſt, und von ſei⸗ ner Schulter herab ſchwebte am breiten, buntſei⸗ denen Bande eine Guitarre. Er bot uns einen mild⸗freundlichen guten Abend und erzaͤhlte, wie fatal es ihm ergangen ſey, ihm, der blos den Inſelsberg beſtiegen habe, um den Sonnenunter⸗ gang zu begruͤſſen und zu beſingen. Unterwegs habe er ſich auf weiches Moos geſetzt, ſeinen Ruͤcken an eine deutſche Eiche gelehnt und ſeinen, die volle Bruſt zu ſprengen drohenden Gefuͤhlen, durch freundliche Sangesweiſen Luft gemacht; da habe — 161— 8 ihn der Schlaf uͤbermannt, er ſey erſt in der Daͤm⸗ merung wieder erwacht und habe kaum den Weg herauf finden koͤnnen. Ach! der Arme kannte noch nicht einmal die Haͤlfte ſeines Elends; denn als er ſich umwendete, bemerkten wir einen gewalti⸗ gen Harzfleck auf dem Nuͤcken ſeines Sammtge⸗ wandes.„Freund,“ rief Einer von uns,„an „was fuͤr eine Eiche ſind Sie geraden? Ihr gan⸗ „zer Buckel iſt voll Harz. Sie haben doch in „der Begeiſterung eine Tanne fuͤr eine Eiche an⸗ „geſehen?“ So wie der friedliche Buͤrger er⸗ ſchrocken auffaͤhrt, wenn unerwartet eine Bombe in ſein Haus ſchlaͤgt, ſo auch der Minneſaͤnger. Er riß die Guitarre, die eiſerne Kette ab, zog den geliebten Rock aus und betrachtete mit ſtieren Augen die graͤßliche Verheerung.„„ Wo kommen „denn der Herr her?“ fragte der Jaͤger pflegma⸗ tiſch.—„Von Leipzig, oder jetzt vielmehr von „Gotha,“ ſtoͤhnte der Betaͤubte.„Nun ſehen „Sie,“ fuhr jener fort,„da iſt es doch wohl, „wie hier der Herr ſagte, da haben Sie ſich an „eine Tanne gelehnt, denn auf der Seite des „Berges ſteht keine einzige Eiche. Das iſt ja eben mein Wahrzeichen des Thuͤringerwaldes, daß die „Vorderſeiten der Berge, nach dem Lande zu, 11 „alle mit Nadelholz und blos die Ruͤckſeiten hie „und da mit Laubholz bepflanzt ſind. Nun meine „Frau weiß vielleicht Rath.“ Die Herbeigerufene ſchuͤttelte bedaͤchtig den Kopf und meinte, wenn der Rock von Duch waͤre, ließe ſich leicht helfen, aber der Sammt behielte wohl einen Schandfleck; indeſſen verſprach ſie ihr Moͤglichſtes zu thun, um den Schaden zu heilen, und waͤhrend der Rede ſchon fing ſie an, den Harzfleck mit Butter einzuſchmieren. Wir ſetzten uns zu Tiſche, der Alldeutſche aber griff nach der Guitarre und hauchte in ſchauerli⸗ chen Weiſen ſeinen Schmerz aus; wir legten uns auf die Streu, aber noch immer toͤnten die Kla⸗ gelaute des armen Saͤngers in ſchmelzenden Ak⸗ korden in unſere Ohren. Ich hatte mehrere Stunden recht ſanft geſchla⸗ fen, als ich von einem Strohhalm an der Naſe gekitzelt, aufwachte. Nicht der Schabernack eines Freundes, ſondern blos ein naſeweiſes Stuͤckchen Stroh war an dem Ungluͤcke Schuld, aber um meinen Schlaf war es geſchehen. Eine Lampe brannte duͤſter im Stuͤbchen, ich ſchlich mich zu ihr und fand auf dem Tiſche dabei einige Blaͤt⸗ ter, die mit Bleiſtift beſchrieben waren. Es war ““ — 163— ein Kraͤnzlein von ſechs Sonnette, die der Leipi ger Muſenſohn verfertigt haben mußte, und zwar in derſelben Nacht, denn ſie enthielten auch ſchon Klagen uͤber den verdorbenen Sammtrock. Es war ſchrecklich proſaiſche Poeſie mit einigen Kling⸗ klangworten verbraͤmt, und da ich weiter nichts zu thun hatte, ſo riß ich ein Blatt aus dem Frem⸗ denbuche und ſchrieb ſie ab.— Ich war kaum damit zu Ende, als der Jaͤger hereintrat und mir erzaͤhlte, daß der Herr mit dem Sammtrocke noch lange in der Nacht drauſſen umhergewandert, zu⸗ letzt aber von dem Regen in das Haus getrieben worden ſey. Dann habe er noch einiges geſchrie⸗ ben, vier große Glaͤſer Rum dazu getrunken und endlich ſey er auf die Streu getaumelt. Ich zog meine Stiefeln an und ging hinaus. Der Regen hatte aufgehoͤrt und Alles verſprach einen heitern Sonnenaufgang; ein friſcher Wind wehte, die Wolken zogen ſich zuruͤck und bald verkuͤndete, die in Oſten beginnende Daͤmmerung, daß der Augenblick des Aufgangs nahe ſey. Ich ging ins Haus zuruͤck und weckte meine Gefaͤhr⸗ ten, die ſogleich auf den Beinen waren, aber dem Wirthe gelang es, aller Muͤhe ungeachtet, nicht, den Troubadour auf die Fuͤſſe zu bringen. 11* — 164— Der reichlich genoſſene Rum mochte noch in ſei⸗ nem Kopfe ſpuken, denn er wendete ſich jedesmal, wenn er geſchuͤttelt wurde, auf die andere Seite, verſicherte: Er habe den Guckuck von der Sonne, und ſchlief wieder ein. Wir traten hinaus, und ſchon verkuͤndeten einzelne Strahlen, die am Ho⸗ rizonte hinauf ſchoſſen, die Annaͤherung des er⸗ warteten Augenblicks, ſchon ſtrahlten die einzelnen Wolkenſtreifen, die noch am Himmel waren, in der herrlichſten Vergoldung, jetzt waͤlzte ſich der Feuerball herauf und— die Sonne ging auf.— Als wir wieder in die Herberge zuruͤckkehrten und nach dem Kaffee ausſchauen wollten, ſtuͤrzte der Leipziger wuͤthend heraus. Er hatte die ſanfte Saͤngernatur abgeſtreift und tobte wie ein Par⸗ ſarker, ja er ſchimpfte ſo auf den Wirth, weil ihn dieſer nicht mit Gewalt zu dieſem Goͤtterſchauſpiele geſchleppt haͤtte, daß dieſer, aller Gelaſſenheit un⸗ geachtet, große Luſt zeigte, ihn derb durchzupruͤ⸗ geln. Er zahlte ſeine Zeche und ſtuͤrzte mehr als er ging, den Berg herab, um in Gotha ſeinen Rock kurriren zu laſſen und bei den Fleiſchtopfen 1 des Mohren die Entbehrungen auf dem Inſelsberge zu vergeſſen. Nach eingenommenem Kaffee bra⸗ — 1465— chen auch wir auf und lenkten unſere Schritte dem thuͤringiſchen Kandelaber zu. Der nachſichtige Leſer aber, der uns bis daher gefolgt iſt, erhaͤlt zur Belohnung die ſechs Son⸗ nette des Leipzigers als Zukoſt. 1.. Beim Erſteigen des Inſelbergs. Hinan! hinan zu jenes Berges Spitze Mein Herz ſehnt lang' ſich ſchon nach dieſer Wonne; Dort oben ſeh' ich untergeh'n die Sonne 1 Dann legt ſich auch die moͤrderliche Hitze. Man glaubt es kaum, wie ich entſetzlich ſchwitze, Und trotz des Raths von meiner alten Bonne, Leert ich des Bieres eine ganze Tonne— Ja traͤnk ich ſelbſt das Waſſer einer Pfuͤtze. Allein hier winkt, ſo weit umher er ſchaut Kein gaſtlich Dach dem halbverdurſt ten War Und keine Quelle rieſelt aus dem Sande. Drum immer vorwaͤrts; wer nur Gott vertraut Erſteigt den Berg, ſo gut auch wie ein Anderer; Es iſt ja noch der hoͤchſte nicht im Lande. 2. Beim Ausruhen. Ins weiche Moos ſtreck ich mich jetzo nieder, Den Ruͤcken leg ich hier an dieſe Eiche, Mein Antlitz ſchirmt der Schatten ihrer Zweige/ Weich wie im Bette liegen meine Glieder. — 166— Spo ruhend toͤnen jauchzend meine Lieder; Ich ſing von Eichen, von Orang' und Feige, Ich ford're»raus des Schickſals aͤrgſte Streiche, Den Saͤnger wirft kein Unfall je darnieder. Ich glaube gar, mich will der Schlaf umſtricken! So ſchweig't denn, der Guitarre leiſe Toͤne, Bald werd' ich mich ganz neugeſtaͤrkt erheben. Schon wird es truͤb' vor meinen hellen Blicken, Mein Koͤrper will, daß der Natur ich feoͤhne— Im Traume wird ſuͤße Myſtik mich umſchweben. 3. Beim Erwachen. Welch' finſterer Geiſt umnebelt meine Sinne? Ich glaube gar die Sonne ging ſchon unter, Nicht mehr erſchau' ich dieſes Glutmeers Wunder, Mir winkt das Dunkel blos mit ſeiner Minne. Es iſt ſehr wuͤſt in meinem Kopfe drinne, Ich ahn' das ſind die Geiſter vom Burgunder, Ich ſchluckte in Gotha ihn zu raſch hinunter, Und leider werd' ich dieſes jetzt erſt inne. Erſcheine mir du blitzender Karfunkel, Und leuchte mir hinauf zum Inſelsberge, Daß ich mich dort durch Speiſ' und Trank erhole. Glaub', Lieb' und Hoffnung leiten mich durchs Dunkel, Ich ſteige auf wie fruͤh am Tag' die Lerche, und zieh' dann weiter fort von Pol zu Pole! Der Kaufmann fuͤhrt ja wohl noch alte Reſter. — 167— 4. An den mit Harz befleckten Saümtrock. Da haͤngſt du Rock, von aͤchtem Sammtmancheſter, Du einſt mein Stolz, ſo glaͤnzend ſchwarz und rein; Die Wirthin ſchmirt den Fleck mit Butter ein, Allein ſie ſpricht:/ Es hilft wohl nichts, mein Beſter!“ Der Schmerz umſchnuͤrt die Bruſt mir feſt und feſter/ Der Schneider wird der einzige Retter ſeyn, Er ſetzt mir einen neuen Ruͤcken ein— Du tuͤckiſches Schickſal, das ich„rausgefordert! Du lehnt'ſt den Ruͤcken mir an eine Tanne, Ich hielt ſie glaͤubig fuͤr die deutſche Eiche. Ich fuͤhle wie der Zorn empor mir lodert/ Ja, haͤtt' ich Dich, ich hieb Dich in die Pfanne/ Ich bin ein Held! lieb' Nordlands Reckenſtreiche. 5. An den Karfunkel. Da ſitz ich denn auf dieſes Berges Hoͤhen, So liebeathmend wolluſtvoll im Dunkeln/ Ich ſah den Mondglanz und der Sterne Funkeln So nah', wie ich noch niemals ſie geſehen. Bald werd' ich wieder in die Thaͤler gehen; Im Fichtenſchatten iſt ein trefflich Munkeln, Da blitzen leuchtend glaͤubige Karfunkeln, Wie mir's im Leben ofter ſchon geſchehen. — 168— Karfunkeln leuchten heller noch als Sterne, Und Myſtik iſt die allerhellſte Klarheit, Die nur durch Dunkel zu den Augen dringet. Schon winket mir in nicht zu großer Ferne Der Glaube, als der Grundſtein aller Wahrheit, Und die Natur, die jauchzt mir zu und klinget. 6. 3 Als es regnete. Am Himmel ziehen maͤchtige Geſtalten. Ich werde naß, ich glaube gar es regnet, Das iſt mir, leider, oͤfters ſchon begegnet, Wollt' ſich mein Geiſt im Glutenmeer entfalten. Spruͤh' Regen zu, es bleibet drum beim Alten, Ich bin mit Dichterfeuer reich geſegnet, Und dichte fort, wenns noch ſo graͤslich regnet, Der Myſtik Glut laͤßt nimmer ſich erkalten. Doch will ich, um den Sammtrock mir zu ſchonen/ Hin in des Jaͤgers ſchuͤtzend warme Huͤtte, Und mich am gaſtlichen Kamine waͤrmen. Wenn in dem Hauſ' auch Proſaiſten wohnen Sie liegen auf des Strohes rauher Schuͤtte, Und wegen ihnen will ich mich nicht haͤrmen. c) Des Troubadours Kur und ſonſtige Abentheuer. Es mochten wohl ein acht Jahre ſeit meiner — 169 7 Univerſitatszeit verfloſſen ſeyn, ich lebte als ſtatt⸗ * Junggeſelle in meiner Geburtsſtadt und ) te den Advokatenſpieß ſo tapfer als Einer, zur großen Freude meines Vaters, des Kalenderboten. Da erhielt ich einſt von meinem Freunde Arnold eine Einladung zum Mittagseſſen mit dem Zu⸗ ſatze, daß ſein alter Leipziger Univerſitaͤtskumpan, Kaiſer, angekommen ſey, auf den er alle ſeine Bekannten ſchon lange neugierig gemacht hatte. Ich freute mich den Mann kennen zu lernen, aber ſonderbarer Weiſe war der Vielgeruͤhmte, immer heiter ſeyn Sollende, gerade an dieſem Tage ſtill und wortfaul, und unſer Wirth mußte ihm jedes Wort abkaufen. Alle angeſchlagenen Saiten woll⸗ ten nicht fortklingen; der Mann ſchien mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen und ließ ſich endlich, waͤhrend einer Pauſe, wie folgt vernehmen: „Die Herren ſehen mich alle erwartungsvoll an, und ich merke wohl, Sie ſind auf meine Anek⸗ doten und Schnurren eingeladen; das iſt ſo eine alte Caprice von Arnolden/ die er nicht laſſen kann. Dieſe Situation iſt nie ſehr angenehm, und dann um ſo weniger, wenn man ſich, wie ich, auſſer Stande fuͤhlt, die gehegten Erwartun⸗ gen zu befriedigen. Ach meine Herren! heute iſt — 170— ein merkwuͤrdiger Tag fuͤr mich, es iſt der Jahrs⸗ tag einer Spuckgeſchichte, die ich vor zehn Jahren in Leipzig erlebte, und die meinen ganzen Sim veraͤnderte. Erſt ſpaͤter lernte ich Dich kennen, Arnold, und wurde ein luſtiger Burſche, fruͤher war ich ein truͤbes, melancholiſches Maͤnnlein, mehr Troubadour als Student, und ein ſo ſchlech⸗ ter Reimſchmidt, wie jemals einer gelebt hat. Ich kam eben mit Sonnette reich beladen von ei⸗ ner Wanderung nach dem Thuͤringerwald zuruͤck und wartete ſehnſuchtsvoll auf den erſten poeti⸗ ſchen Kraͤnzchensabend, um meinen Vorrath aus⸗ zupacken. Doch ich will mich kuͤrzer faſſen.“ Der Herr Kaiſer hatte mir gleich etwas Be⸗ kanntes gehabt, und jetzt wurde es mir klar, daß er und der Troubadour vom Inſelsberge ein und dieſelbe Perſon waren. Ich habe ein vortreffliches Gedaͤchtniß, und mit dem Manne erinnere ich mich ſogleich an den Anfang eines ſeiner Sonnette und brach in die Verſe aus: Da haͤngſt du Rock von aͤchtem Sammtmancheſter Du einſt mein Stolz, ſo glaͤnzend ſchwarz und 1 rein,— Der Fremde ſchaute mich mit großen Augen an:„, Warum beſchwoͤren Sie die Todten herauf?0 — 11— ſagte er,„laſſen Sie die alten Suͤnden ruhen. „— Aber wie kommen Sie zu dieſen Verſen? . ren Sie etwa Einer der Jenenſer/ e ich „vor zehn Jahren auf dem Inſelsberge traf? ¹ So iſt's, entgegnete ich, und ich ſchrieb Ihre Sonnette in der Nacht heimlich ab.—. „Ach da iſt es gut,““ rief er,„nun erzaͤhle „ich Ihnen die Geſchichte noch einmal ſo gerne, „die mir das Herz bald abdruͤckt und die Allen „Aufſchluß geben wird, wie ich aus einem Trou⸗ „badour ein vernuͤnftiger Menſch geworden bin. „Ich muß mit der Bemerkung anfangen, die „ſchon Hamlet gemacht hat: Es gibt zwiſchen „Himmel und Erde noch Manches, wovon ſich „unſere Philoſophen nichts traͤumen laſſen. „Vielen iſt ſchon Graͤßliches vorgekommen, in Ues Denkbare zu uͤberbieten ſchien; Zigeu⸗ „„ nerſprüche, Harfenſaitenſpringen, Ahnfrauen, „Freikugeln, Schalttage ſind mit allen ihren „Schrecken an unzaͤhligen Menſchen voruͤberge⸗ „gangen und haben oft mit eiskalter Hand zer⸗ „reiſſend eingegriffen ins warme Leben, aber al⸗ „les das wird Ihnen als leichter Spuk, als ſtu⸗ „riles, dummes Zeug erſcheinen, wenn Sie ge⸗ — 2— „hoͤrt haben, was mir und drei meiner Commi⸗ „litonen begegnet iſt. 61 ſten Jahre, das ich in Leipzig zub te, lebte ich, trotz meines nicht kleinen Wechſels, ſehr eingezogen. Von allen Vergnuͤgungsorten beſuchte ich blos das Theater; ich war faſt taͤglich da zu finden und fehlte gewiß niemals, wenn ein Trauerſpiel gegeben wurde; die neuſten, die graͤß⸗ lichſten Schauertragoͤdien gingen mir, wie jedem zartfuͤhlenden Gemuͤthe, uͤber Alles. Ich fand mich zu einigen Geiſtesgenoſſen, und unſer vier vereinigten ſich zu einem Kraͤnzchen, in welchem, bei Thee und Zwieback, die neuſten Meiſterwerke durchgegangen und ihre Schoͤnheiten ſo recht con amore durchgefuͤhlt werden ſollten. Bald genuͤgte uns fremdes Gut nicht mehr, ſondern wir fingen an, eigene Fabrikate/ als Sonnette, Triolette, ja ſelbſt Gloſſen zum Beſten zu geben, und es wurde zum Geſetz, daß Jeder an einem Kranzchens bend wenigſtens Ein neues Produkt des eigenen Geiſtes vorleſen ſollte. Als ich von meiner Thuͤringer Reiſe zuruͤckkam, ſiel in der erſten Verſammlung die Erndte beſonders reichlich aus. Ich ſelbſt hatte einige Dutzend Sonnette mit zuruͤckgebracht, die Andern waren auch nicht faul geweſen, und es — 173— wurden wenigſtens ein Schock Sonnette, gegen hun⸗ dert Triolette und der Entwurf zu ein ben Dutzend Trauerſpielen der Reihe na en. Wir ſchwebten und ſchwammen in einem Meere von Wonne. Schiller, Wieland, Klopſtock, ſelbſt Goͤthe, Tieck und die Schlegels wurden mit Fuß⸗ tritten vom Parneß heruntergejagt, um uns Platz zu machen; wir ſtanden allein auf dem Gipfel deſſelben, wir umarmten uns Freudetrunken und ſtaunten uns wechſelsweiſe als die gekroͤnten diche ter aller Zeiten an. „Gewoͤhnlich endeten unſere Sitzungen um zehn Uhr, aber heute beſchloſſen wir einmuͤthig, laͤnger zu bleiben; ein neuer Theeaufguß wurde befohlen/ ja ich, bei dem gerade das Kraͤnzchen war, ließ ſogar eine Flaſche Rum holen, um dem Thee doch auch etwas von unſerer Begeiſterung mitzutheilen. Wir tranken erſt Thee mit Rum, dann Rum mit Thee. Durch dieſen ungewohnten Genuß erhitzte ſich unſere Phantaſie mehr und mehr, ein unge⸗ kanntes Dichterfeuer loderte in uns auf/ wir durch⸗ brachen alle gewohnten Schranken und improvi⸗ ſirten— ja wir improviſirten, Einer immer ſchd⸗ ner als der Andere, und waren die Verſe auch 4 — 174— hoͤlzern genug, ſo ſollten es doch keine Knittel⸗ . in dieſer ernſtern, unentweihten Be⸗ geiſterung ſchlug es zwoͤlf Uhr. Beim letzten Schlage fuhr die Doppelthuͤre des Zimmers kra⸗ chend auf, die Lichter drohten von dem raſchen Windzuge zu verloͤſchen, und herein trat eine Ge⸗ ſtalt, die mir jetzt noch, nach zehn Jahren, das lut in den Adern erſtarren und die Haare zu 33 erge ſtraͤuben macht, 12 oft ich daran denke. Ddie Geſtalt, uͤber acht Fuß hoch, ſtieß faſt an der Decke des Zimmers an, ein grauer Mantel von Rhinozeroshaut umgab ſie und bedeckte Kopf und Geſicht. Das Horn ſchien aus der Stirn heraus⸗ gewachſen zu ſeyn und ſchwankte majeſtaͤtiſch auf und nieder; blos die Augen funkelten aus zwei Hoͤhlen uns entgegen. Wenn ſie vorſchritt und ihre nackten Beine ſich enthuͤllten, ſo ſah man, daß die Haut daran fehlte und alle Muskeln blos lagen. Entſetzt fuhren wir auf und ſtarrten das grauenhafte Weſen an. Langſam ſchritt es bis in die Mitte des Zimmers und ſchwang in der ent⸗ fleiſchten Rechten eine Geißel, die einem Kantſhn ziemlich aͤhnlich war.“ „„ Ihr Buben!“ℳ ſchrie, nein, donnerte es — 175— uns an,„„ich bin der arme Marſyas, der nicht zum zehnten Theile ſich ſo an Apollo adigt hatte, als Ihr es an Euren großen G te und faſt ein Jahr hindurch gethan habt. Ich wurde, meiner Anmaßung wegen, lebendig ge⸗ ſchunden; nun ſagt, was verdient Ihr?“"⁰„ „Wir waren nicht ohne Muth, und ob es uns gleich deutlicher war, daß wir es mit keinem ſterblichen Weſen zu thun hatten, ſo griffen wir doch nach Rappieren und Ziegenhainern, ja Einer faßte ſogar das Zuckermeſſer, fuhr wuͤ⸗ thend auf den Geiſt los und ſtach nach ihm. Aber eine furchtbare Ohrfeige ſchleuderte ihn weit in die Stube hinein, zugleich fuhr der Kantſchu auf uns nieder, alle Waffen entfielen unſern Haͤn⸗ den, und wir fanden uns Alle hinter meinem Buͤreau zuſammen. Keiner weiß, wie er dahin kam. „„Da ſteht ganz ſtille,“ fuhr das Geſpenſt fort,„„ganz ſtille, Ihr Lumpen, bis ich Euch rufe, damit jeder nach der Reihe ſeine Strafe empfange; zwar noch lange nicht die verdiente, denn Ihr muͤßtet wenigſtens geſchunden werden, wie ich es bin, aber doch eine Strafe, die Euch das Verſe machen auf lange Zeit verleiden ſoll.ℳ — 476— „Wir zitterten in unſerer Ecke, daß die Zaͤhne kla⸗ Nun rief Marſyas Einen vor, der m zu ihm hinwankte. Das Geſpeſt ſchob einen Stuhl mitten in die Stube und legte ihn daruͤber; die Geißel ſaußte durch die Luft, der Deliquent ſchrie, daß die Fenſter bebten. Ich laſſe einen Schleier uͤber dieſe Scene fallen, nur muß ich noch erwaͤhnen, daß ich zuletzt an die Reihe kam und die Strafe alſo faſt vierfach litt. Das geſchah, ſagte der grauſe Zuchtmeiſter, weil ich durch den Ankauf des Rums am meiſten zur Erhitzung der ſchwachen Koͤpfe beigetragen haͤtte. „Als die furchtbare Exekution vorbei war, er⸗ hob Marſyas noch einmal ſeine Stimme und rief: „„ Wehe uͤber den von Euch, der es wagt vor Verlauf von zehn Jahren auch nur einen einzigen Vers zu machen, er wird dann noch ſchrecklicher gezuͤchtigt werden als heute! ¹— Bei dieſen Wor⸗ ten verſchwand der Spuk.— Da ſtand nun das expoetiſche, vierblaͤtterige Kleeblatt, noch immer winſelnd und weinend, daß es der Bock ſtieß und kaum im Stande ein Bein vor's andere zu ſetzen. Endlich ermannte ich mich inſoweit wie⸗ der, daß ich einen Blick auf die Rumflaſche wer⸗ fen und bemerken konnte, es ſey noch ein gut Theil darin vorhanden. Sogleich ſchlich ich zum Tiſche, ſchenkte mir ein Glaͤschen voll, Zalet der edlen Dichtkunſt bringend, ſtuͤrzte s hin⸗ unter. Die Andern folgten meinem Beiſpiele, wir entſagten auf zehn Jahre der Poeſie und be⸗ ſchworen Verſchweigung des Vorgefallenen bis nach Verlauf der Friſt.“ „Eine herrliche Geſchichte! eine koͤſtliche „Schnurre!“ riefen wir durcheinander,„ und „heute vor zehn Jahren iſt Ihnen die zugeſtoſſen?“ „Ja wohl,“ ſagte Kaiſer, gerade heute vor zehn „Jahren, und an dieſem Tage zerſtob auch unſer „poetiſcher Klubb, unſere Verſe erſchienen uns nerbaͤrmlich, wir beſuchten von nun an die Com⸗ „mershaͤuſer, die Billards, den Fechtboden und „lernten trotz dem mehr als fruͤher, wo wir un— „ſere Zeit im dumpfen Hinbruͤten zubrachten. „Stoßt an, Marſyas ſoll leben!“— Wir ſtieſſen an und Kaiſer fuhr fort: „Von dem Augenblicke an, da mich Marſyas kurirt hatte, war es, als ob ich dem Einfluſſe ei⸗ nes tuͤckiſchen Kobolds entzogen waͤre/ der mich fruͤher tauſend ungeſchickte Streiche begehen ließ und mir oft einen lang erſehnten Genuß in dem Augenblicke entzog, in dem er mir eben zu Theil 12 — 178— werden ſollte. Ich will die Misgriffe und Toͤl⸗ weengn nicht erwaͤhnen, die mir immer in den Geſell en unterliefen, in denen ich gern ge⸗ glaͤnzt haͤtte, aber laſſen Sie ſich von dieſem Herrn hier(er zeigte auf mich) erzaͤhlen, wie ich den Auf⸗ und Untergang der Sonne auf dem Inſelsberge verſchlief, ob ich gleich blos dahin gezogen war, um beide anzuſtaunen; laſſen Sie ſich erzaͤhlen, wie bei dieſer Gelegenheit mein neuer ſchwarzer Sammtrock zu Schanden wurde. Ein gewoͤhnli⸗ ches Schickſal wuͤrde fuͤr eine ſo kurze Reiſe ſeine Tuͤcke erſchoͤpft gehabt haben, nicht ſo das meini⸗ ge.— Ich nahm, von der ungluͤcklichen Inſel⸗ bergsparthie zuruͤckkehrend, meinen Weg uͤber Jena; Goͤthe lebte damals in dieſer Stadt, und meine beſcheidenen Wuͤnſche beſchraͤnkten ſich darauf, ihn zu ſehen. Ich kam eines Vormittags bei guter Zeit nach Jena und ſtieg im Gaſthofe zum ſchwar⸗ zen Baͤren ab, weil ich gehoͤrt hatte, Goͤthe wohne nicht weit davon. Meine erſte Frage an den Wirth war, ob der beruͤhmte Mann manchmal hier vorbeiſpaziere und man ihn ſehen koͤnne.— Nun, ſagte der Wirth, wenn Sie den Herrn von Goͤthe ſehen wollen, da kommen Sie eben noch zur rechten Zeit; in einem Viertelſtuͤndchen reiſt die — — — 179— Erzellenz nach Karlsbad ab, und da iſt vor acht Wochen an kein Wiederkommen zu denßn. Be⸗ lieben Sie nur hier zu verweilen, die xzellenz faͤhrt im offenen Wagen, nicht allzuraſch, hier vorbei. „Meine Ungeduld litt mich nicht im Zimmer; ich ging hinaus und ſpazierte auf dem Graben auf und ab. Ich brauchte nicht lange zu warten, da kam eine rothe, etwas altmodiſche Chaiſe, von zwei Rappen gezogen, langſam, dahergerollt. Ein alter ehrwuͤrdiger Mann mit weißen Haaren ſaß darin; das iſt Goͤthe, dachte ich, und ihn hoͤflichſt gruͤßend, trabte ich neben dem Wagen her, ſtarr den ehrwuͤrdigen Greis anſtaunend. Ich rechnete es fuͤr nichts, daß ich uͤber einen Stein fiel und mir die Hand aufſchlug, konnte ich doch Goͤthen recht mit Muſe anſehen. Um die halbe Stadt war ich ſo mit dem Wagen gelaufen, als dieſer in eine Vorſtadt einbog und, wie ich meinte, den Weg nach Karlsbad einſchlug; da erſt fiel es mir auf, daß kein Koffer auf dem Wagen war, und daß Goͤthe ohne Bedienten reiſte, aber was ging mich das an; ich kehrte vergnuͤgt in den ſchwarzen Baͤ⸗ ren zuruͤck. Wo ſtecken Sie denn? rief mir der Wirth entgegen, eben iſt die Exzellenz hier vor⸗ 12* — 180— beigefahren; Tauſend Saperlot! der Poſtmeiſter hat ſeine beſten Pferde hergegeben, die Thiere waren ordentlich ſtolz, ſolch' einen Herrn zu zie, hen; haben Sie ihn nicht geſehen?— Ich ſtand wie vom Donner geruͤhrt; ich wollte zweifeln und beſchrieb dem Wirthe die rothe Chaiſe und die zwei Rappen. Der Kerl lachte recht haͤmiſch und erklaͤrte, ich habe den Herrn Rath Salzmann fuͤr Goͤthen angeſehen. Jeder Jenenſer ſieht das Schreckliche dieſer Verwechſelung ein, mir wurde es zwar erſt ſpaͤter klar, aber des Wirthes rohes Lachen und ſeine Begierde, jedem, der ſein Haus betrat, die Geſchichte bruͤhwarm mitzutheilen, trie⸗ ben mich noch vor dem Mittagseſſen wieder zum Saalthore von Jena hinaus, wo ich ſo nichts mehr zu ſuchen hatte.“ ze Das Geſpraͤch wurde, vom Weine belebt, lau⸗ ter und allgemeiner, und ich wendete mich mit der Gewiſſensfrage an Kaiſer, ob er jetzt, nach⸗ dem der Termin verfloſſen ſey, zur edlen Dicht⸗ kunſt zuruͤckkehren wolle.—„Fragen Sie mich „nicht,“ antwortete er ſeufzend,„ſeit zehn Jah⸗ ren iſt mir kein Vers in den Kopf gekommen, „und von heute Morgen an, plagt und zwickt „es mich uͤberall; ich muß mir Gewalt anthuen, „die Reime aus meiner Rede zu verbannen, und „ich fuͤrchte, ich bin nicht ſtark genug, der allge⸗ „waltigen Anreizung zu widerſtehen. Das iſt es, „was mich quaͤlt und verſtimmt, und ich will „nur hoffen, daß ich es uͤber mich gewinne, nichts „drucken zu laſſen, denn dann kommt mir, wenn „auch nicht Marſyas, doch gewiß ein Recenſent „uͤber den Hals, der noch ſchlimmer iſt als der „Geſchundene.”“ Als ſich die Geſellſchaft getrennt hatte, ſo for⸗ derte mich Arnold auf, ihn und ſeinen Gaſt auf einem Spaziergange zu begleiten. Ich folgte die⸗ ſer Einladung mit Vergnuͤgen, und nachdem wir uͤber eine Stunde umhergeſchlichen waren/ mach⸗ ten wir am Eingange zu einem Vergnuͤgungsorte Halt und beſchloſſen, hier eine Taſſe Thee zu trin⸗ ken. Luſtig geſtimmt/ wie wir waren, konnten Arnold und ich nicht umhin, die Geiſterſeher zu plagen, und er ging gern auf unſere Scherze ein. „Ihr habt gut ſcherzen,“ ſagte er„Ihr habt. „Muth, aber ich habe keinen, und das iſt kein „Wunder, denn mir begegnet alle Augenblicke „ein Abentheuer, wie es nur in Hoffmanns Se⸗ „rapiensbruͤdern vorzukommen pflegt. Darum bin nich auch aberglaͤubig wie ein Weib aus dem vo⸗ „rigen Jahrhundert, und in der Nacht am lieb⸗ ſten in meinem Bette, denn die iſt uͤberhaupt keines Menſchen Freund. Auf der Leipziger „Meſſe 1827 hatte ich dieſe Vorſicht auſſer Acht gelaſſen, aber ich wurde auch dafuͤr beſtraft. „Bekanntlich war zu Anfange jener Meſſe ein ſo reges Leben, wie es ſeit vielen Jahren nicht ge⸗ weſen war, und in den Hotels wie in den Kel⸗ „lern war es alle Abend ſo voll, daß kaum ein „Apfel zur Erde konnte. Ich kam eines Abends aus dem Theater und folgte faſt mechaniſch ei⸗ Inem Manne, der in einen grauen Mantel ge⸗ huͤllt/ raſch vor mir herſchritt; ſein Hut war „altmodiſch, denn er war oben viel ſpitziger als unten und hatte ungewoͤhnlich breite Krempen. „Er hatte in einem ſehr weinerlichen Luſtſpiele i vor mir geſeſſen und fleißig geſeufzt, oft ſchien „er ſogar zu weinen; aber wenn die Situationen am ruͤhrendſten waren, dann ſchlug er eine halb⸗ „laute ſchroffe Lache auf. Der Mann war mir aufgefallen, und da ich ihn am Ausgange des Schauſpielhauſes wieder fand und fuͤr den Abend nichts weiter vorhatte, ſo beſchloß ich ihm zu „folgen. So ſchritten wir durch mehrere Straßen „und ſtiegen endlich in einen, mir Han unbe⸗ — 183— „kannten Keller hinab, der im Gegenſatze zu al⸗ „len andern, leer war. Mein Mann legte ſeinen „Mantel ab, und nun erſt hatte ich Muſe, ihn „genau zu betrachten. Ich wuͤrde ſein Geſicht „fuͤr eine Maske gehalten haben, wenn es ſich „nicht in einem fort bewegt haͤtte, ſo ſeltſam tief „lagen die ſchwarzen Augen/ ſo ſtachelten ſeine „grauen Augenbrauen/ ſo weit ſtreckte das grau⸗ „behaarte Kinn ſich vor. Er trug weite, weiße „Pluderhoſen, einen hellgruͤnen Frack, rothe Weſte „und an ſeinem langen, duͤnnen Halſe flatterte ein blauſeidnes Halstuch. Ich nahm in ſeiner „Naͤhe Platz und trank, wie er, eine Flaſche Bier/ „aber ob wir gleich die einzigen Gaͤſte waren/ ſo „war doch lange Zeit mein Bemuͤhen, mit ihm „ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen/ vergebens. Erſt ge⸗ „gen Mitternacht ſchien ſich ſein Herz Luft machen „zu wollen, und er begann mit komiſchem Pathos „etwa folgendes Selbſtgeſpraͤch: Verzweifeltes „Leipzig! ſchaͤndliche Stadt! du meine alte Erb⸗ „ feindin, mit deinem zuſammengeflickten Laden⸗ „ſchwengel Bon Ton und deiner Putzmacherinn „Empfindſamkeit! Warum kann ich nicht von dir w laſſen, warum zieht mich jeder große Meßtumult „mit erneuter Gewalt hinein in dieſes undankbare — 184— „Neſt? Neunzig Jahre ſchon verbannt; neunzig „lange Jahre, vergeſſen von allen Verehrern, „ verlacht, verſpottet, ich, der ſonſt allein das Privilegium hatte zu ſpotten und lachen zu ma⸗ chen. Grauſamer Gottſched! klaͤglicher Pedant! und Du undankbare, leichtglaͤubige Friederike „Neuberin, die Du dem hartherzigen Reforma⸗ tor folgteſt und mich fortjagteſt mit unerhoͤrter Grauſamkeit, mich, Deinen Schuͤtzer und Ernaͤh⸗ rer, und mit Dir Dein Gluͤck. Ihr ſeyd laͤngſt vermodert, aber uͤber meinem Haupte gehen ſpurlos die Jahre hin, ich bleibe ewig in mei⸗ Inen beſten Jahren und bin jetzt heimathlos wie „Ahesverus, der arme Jude. Sind Sie heute Rin der Komoͤdie geweſen mein Herr? wendete 'ſich der Naͤthſelhafte zu mir, und auf mein Be⸗ jahen fuhr er fort: Haben Sie in Ihrem Leben mein erbaͤrmlicheres Luſtſpiel geſehen? Weinerliche „Spaͤße, ſpashafter Ernſt, ſchaler, hochtrabender, nichtsſagender Witz. Kein derber Spaß, keine ſchallende Maulſchelle, kein klatſchendes Pritſch⸗ holz mehr! Seit neunzig Jahren iſt das deutſche Theater muthwillig zerſtoͤrt und vernichtet wor⸗ „den, und ich mit. Mit Dekorationenprunk, mit „ unſinnigen, betaͤubenden Opernſpuk muß man * 7 — 483— „das Publikum locken, und doch bleibt das Haus „leer und die Prinzipale wandern in den Schuld⸗ „thurm, ſtatt daß zu meiner Zeit, ohne Muſik „und ohne alle Pracht der Dekorationen, taͤglich „der Saal gefuͤllt war und des Prinzipals Boͤrſe „mit. Mit wem, nahm ich jetzt das Wort, mit „wem habe ich denn das Vergnuͤgen zu ſprechen? „Mit einem Ungluͤcklichen, Namen; und Heimath⸗ „loſen, antwortete der Unbekannte mit Jammer⸗ „toͤnen, mit einem Ausgeſtoſſenen, Verachteten, „den man vor hundert Jahren nicht entbehren „zu koͤnnen glaubte; mit einem Bilde des uͤber⸗ „lebten Spaßes, mit einem Worte: mit dem „deutſchen Hannswurſt! Meine Scherze, ſo derb „ſie waren, waren doch noch zu fein fuͤr den gro⸗ „ben Gottſched, und darum mußte ich weichen. „Als mir vor neunzig Jahren die alberne Neu⸗ „ berin, die damals hier figurirende Theaterprin⸗ „zipalin, den Abſchied gab, ſo verließ ich das „ anaͤſthiſirende Leipzig hohnlachend und trieb in „Suͤddeutſchland mein froͤhliches Leben. Aber „auch dort verdraͤngte man mich vom Theater, „und ein italieniſcher Burſch, Harlekin genannt, „nicht werth mir den Schuriemen außzuloͤſen, „ſchlich ſich in ſchalen Pantomimen ein und ohne — 186— den Mund zum Sprechen zu oͤffnen, blos durch laͤppiſche Spruͤnge und Grimaſſen gelang es ihm, das vaterlaͤndiſche Genie zu unterdruͤcken. Da ſank der freie Hanswurſt in ſchmaͤhliche Dienſt⸗ n barkeit und zog— ich ſchaͤme mich faſt es zu „ſagen— mit Quackſalbern als Poſſenreiſſer im „Lande umher, oiele, viele Jahre lang, bis ihn mendlich der Neid der Schuͤler Aeskulaps auch „von dieſem Brettergeruͤſte verjagte. Da warf ich die ſchmaͤhlich verkannte bunte Jacke ab und „zog als ſolider, langweiliger Komikus nach Wien, „wo ich einige Zeit als Kasperle figurirte; doch „hier war meines Bleibens nicht lange. Ich war „ dem Prinzipal nicht fein, er mir nicht gemein genug, und ſo ſchied ich von ihm und wendete mich nach Muͤnchen, wo damals der wahren „Komik ein Tempel in der Bretterbude des be⸗ ruͤhmten Franz Schweigger eroͤffnet wurde. Ich „ trat in die Truppe, unter dem Namen Philipp „Schweigger, ein, und wer mich als Lipperl ge⸗ ſehen hat, der weiß was ich geleiſtet habe. „Bei dieſen Worten fiel es mir wie Schuppen y von den Augen und ich erkannte meinen alten „Freund Lipperl wieder, der mich in der Jugend ſo oft entzuͤckt hatte. Iſt es moͤglich! rief ich — 187— „aus, ja ich erkenne Sie, Sie ſind Philipp „Schweigger; aber ich hoͤrte ja, Sie waͤren ge⸗ „ſtorben?— Geſtorben, fiel er ein, ja ſo heißt „es, aber leider darf ich nicht ſterben, ein tuͤcki⸗ „ ſches Schickſal verlangt, daß ich noch lange als „Bild des uͤberlebten Spaßes herumwandere. „Aber Sie haben mich als Lipperl gekannt; Sie „haben mich wohl gar ſpielen ſehen? ach nennen „Sie mir. doch geſchwind ein Paar Stuͤcke, in denen Sie mich bewundert haben.—— „Ich konnte mich auf ſeine verzweifelten Pa⸗ „ radepferde nicht beſinnen und nannte ihm die „Teufelsmuͤhle am Wienerberge und den Tyroler „Waſtel.— Ach nichts da, erwiederte er ver⸗ „drießlich, das iſt albernes Zeug. Die Haupt⸗ „ſtuͤcke ſchrieb mein angenommener Bruder Franz „eypreß fuͤr mich. Ja Herr! in Blunzen und Sau⸗ „erkraut haͤtten Sie mich ſehen ſollen, und vor „allem in dem Hoͤllenkamm der Proſerpina, da „ſtand ich groß und unerreichbar da. Aber die „Kabale ſtuͤrzte mich auch von dieſen Brettern „herab. Ich mußte todt ſeyn, um das Publikum K nicht zur Wuth zu bringen, und heimlich brachte „man mich bei Nacht und Nebel uͤber die Grenze⸗ „Alle froͤhlichen Muͤnchner Seelen beweinten mei⸗ — 188— Inen Tod und folgten dem Sarge mit Steinen, die ſtatt meiner verſenkt wurden. Ach haͤtte ich „darin gelegen! die andern Buͤhnen in Muͤnchen triumphirten, denn ſo lange ich dort war, kam „keine recht auf; ich aber irre ſeitdem troſtlos „herum, immer auf beſſere Zeiten hoffend, und „doch verzweifelnd beſſere Zeiten kommen zu ſehen. „Bei dieſen Worten ſtand der Naͤthſelhafte „auf, huͤllte ſich in ſeinen Mantel, ſtuͤlpte den „ſpitzen Hut aufs ſtruppigte Haupt und ſtieg ſo ſchnell die Kellerſtufen hinauf, daß ich ihm kaum „folgen konnte. Als ich auf die Straße kam, „hatte er ſchon einen großen Vorſprung und ſchritt dem Grimmaiſchen Thore ſo eilig zu, daß ich verzweifelte, ihn einholen zu koͤnnen. Dennoch „lief ich eine Strecke hinter ihm her, aber bald breitete ſich ſein grauer Mantel im falben Lichte des Mondes weit und weiter aus, und ploͤtzlich war er meinem Auge ganz entſchwunden. Ich neilte nach dem Keller zuruͤck, um mich nach ndem, wie es ſchien, dort einheimiſchen Gaſte zu erkundigen, aber ein tuͤckiſcher Kobald fuͤhrte y mich in der Irre herum, und ſo gut ich auch ndas Haus gemerkt zu haben glaubte, dennoch „ konnte ich es nicht wieder ausfindig machen. — 489— „Meine Freunde, denen ich am andern Tage „mein Abentheuer mittheilte, lachten mich aus, „ſchalten mich einen Phantaſten und behaupteten, hes gaͤbe in jener Gegend der Stadt gar keinen „Keller, wie ich ihn beſchriebe. Nur ein alter „Mann wollte wiſſen, daß vor fuͤnfzig oder ſechzig „Jahren allerdings ein Keller in einem jener Haͤu⸗ „ſer geweſen, aber, weil es darin geſpukt habe, „verbaut worden ſey.“ Als Kaiſer jetzt ſchwieg, ſo wuͤnſchten Arnold und ich uns Gluͤck, einen ſo wackern Geiſterſeher kennen gelernt zu haben. Lebt doch mancher hun⸗ dert Jahre, ſagte ich, haſcht immerfort nach Gei⸗ ſtern und erhaſcht niemals nur etwas ihnen aͤhn⸗ liches.—„Das iſt ja eben das Schickſal,“ fiel Kaiſer ein;„wer unruhig nach Abentheuern ſucht/ den fliehen ſie, wer aber gern ruhig ſeine Straße wandelt und den furchtbaren unbekannten Maͤch⸗ ten ſo weit wie moͤglich aus dem Wege geht/ den ſtellen ſie an jeder Ecke hoͤhnend ein Bein. Ich hatte die Geſpenſter, ſo ſehr ich auch an ſie glau⸗ fär furchtſame Haſen, die eben blos ihren ten, Unglaͤubigen zu begegnen. Aber deſto ſchlim⸗ mer fuͤr uns.— Ja es erſchlieſſen ſich die Gei⸗ —— eerglaͤubiſchen Getreuen erſcheinen und ſich fuͤrch⸗ — 190— ſterwelten, doch denen nur, die treulich an ſie glauben; und moͤgen Andere auch vor Ingrimm ſchnauben und aberglaͤubiſch, frei und dumm uns ſchelten, doch werden ſie bei uns beſtaͤndig gelten, wir laſſen uns, was wir erlebt haben, nicht rau⸗ ben und mag man uns, ſo viel man will, auch ſchrauben, wir fragen nichts nach Hans und Kunz und Velten.— Bemerken Sie aber gefaͤl⸗ ligſt, wie mir die Phantaſie mitſpielt, da habe ich ganz unverſehens den Anfang eines Sonnetts gemacht.” Beendigen Sie es, riefen Arnold und ich zu gleicher Zeit, aber der Begeiſterte war nicht dazu zu bewegen, denn es ſchuͤttelte ihn, wenn er daran dachte, daß er unwillkuͤhrlich in Verſen ſprach. Ich aber zog Pergament und Bleiſtift hervor, um den Anfang niederzuſchreiben und es zu beendigen, aber kaum merkte Kaiſer meinen Plan, ſo ſprang er auf und riß mir die Schreib⸗ tafel weg.„Der Menſch will mir durchaus den Marſyas auf den Pelz hetzen,“ rief er aus, und mit komiſchen Spruͤngen lief er zum Garten hin⸗ aus. Wir aber folgten ihm lachend und kehrten ſehr vergnuͤgt nach Hauſe zuruͤck.— —————x — 191— Dieſe Erzaͤhlungen wurden mit großem Bei fall aufgenommen und zugleich der Wunſch ge⸗ auſſert, daß er noch etwas vorleſen oder erzaͤhlen ſolle; weil der Poſtwagen noch nicht ganz taktfeſt ſey. Der Geiſtliche zog, um den Wunſch Aller zu erfuͤllen, ein Paar beſchriebene Bogen Papier aus ſeiner Rocktaſche und las dann wie folgt: 5. Die Maͤnnerfeindinnen. Novelle. 4. Eines Tags erſchien in dem Intelligenzblatte einer bedeutenden Stadt Norddeutſchlands folgende Ankuͤndigung: „Ich Endesunterzeichnete gebe mir hiermit die Ehre, einem verehrlichen Publikum anzuzeigen, daß ich eine Erziehungsanſtalt fuͤr junge Frauen⸗ zimmer der hoͤheren Staͤnde zu eroͤffnen Willens bin, ja daß ich ſie inſofern ſchon eroͤffnet habe, als mir bereits einige junge Damen zur Erziehung anvertraut worden ſind. Ich wuͤrde mich bei dem gebildeten, uͤber alle Vorurtheile erhabenen Pu⸗ blikum dieſer Stadt ſchlecht empfehlen, wenn ich — 192— ſagte, es ſey meine Abſicht, die mir anvertrauten Fraͤuleins zu guten Hausfrauen und Muͤttern zu bilden. Dieſer Zweck iſt mir fremd und meine Abſicht vielmehr, ſie ſo zu erziehen, daß ſie nicht nur des Eheſtandes leidlich entbehren, ſondern ſo⸗ gar ihr Gluͤck nur auſſerhalb deſſelben zu finden wiſſen werden. Der Raum dieſes Blattes iſt zu beengt, um meine Anſicht hier ganz zu entwickeln, aber ich bin erboͤtig dieſes ſowohl ſchriftlich als muͤndlich zu thun, ſobald es in reeller Abſicht gefordert wird. N.... am 17ten Adele von Falk,“ Mai 1 wohnhaft in der großen Straße 8 3 Numero 396. Man kann ſich vorſtellen, daß dieſe Ankuͤndig⸗ ung nicht wenig Aufſehen erregte. Die Maͤnner lachten uͤber die neue Erſcheinung; die jungen Frauen und Muͤtter lachten ebenfalls, aber er⸗ bitterter, denn ſie fuͤhlten ſich in ihrer neuen Wuͤrde verletzt; die vernuͤnftigen, aͤlteren Damen ſchuͤttelten die Koͤpfe, und nur einige alte Jung⸗ fern ſteckten dieſe triumphirend zuſammen und be⸗ ſccloſſen die Sache naͤher zu beleuchten. „ En verité,“ ſagte das Fraͤulein von Habicht, ganz die Maximen meiner hochſeligen Fraͤulein — 1493— 3 „Tante. Urſula, ſagte dieſe unzaͤhlige Male zu „mir, Urſula, bedenke: Eheſtand iſt Weheſtand! „Vier der reichſten Kavaliere, alle ſchoͤn wie die „Adoniße, lagen nach einander zu meinen Fuͤßen, „aber nein— ich erhoͤrte keinen und man nannte „mich deshalb Fraͤulein Kieſelherz; o Urſula! „folge meinem Exempel!— und mes dames, „wie Sie ſehen, bin ich dieſem noblen Exempel „gefolgt. „Mir aus der Seele geſprochen,“ fiel das Fraͤulein von Taube ein.„Ach fruͤher dachte ich „nicht ſo, aber die Niedertraͤchtigkeit der Maͤnner „hat mich radikal kurirt. Sie werden es kaum „glauben wie es mir gegangen iſt, und mir iſt „blos unerklaͤrbar, daß ich es uͤberlebt habe. „Zweimal war ich Braut, ach, und beide Mal „wurde ich boshaft verlaſſen, ein Mal ſogar am „Hochzeitmorgen, als ich im vollen Staate mit⸗ „ten unter den Gaͤſten ſtand und auf einmal, ſtatt „des Braͤutigams der Abſagebrief kam.— Da „ſchwor ich dem Maͤnnergeſchlechte Rache heiße „Nache! und ich habe meinen Schwur gehalten. „„Ich habe, wie Sie wiſſen, zwei Nichten bei „ mir, fuͤr deren Edukation ich ſorge. Taͤglich, na ſtuͤndlich predige ich ihnen vor: verſchließt — 4 1 13 ———y — 194— „eure Herzen, verhaͤrtet ſie zu Stahl, ſeyd kalt „wie Marmor gegen die Maͤnnerbrut, aber das „hilft zu nichts. Die Fraͤuleins haben niedliche „Affengeſichter und ihr Dichten und Trachten geht „— pfui— aufs Heirathen. Aber ich werde „ mich kurz entſcheiden und ſie zur Falk thun. ¹— Jetzt nahm eine dritte Dame das Wort, die ſich in der gelehrten Welt einen Namen als Ro⸗ manſchriftſtellerin gemacht hatte:„Endlich,“ fing ſie an,„endlich hat man das ausgeſprochen, was „ſchon lange in meiner Seele lag: Eheloſigkeit iſt „das hoͤchſte Ziel unſeres Geſchlechts. Haͤtte man „vor hundert Jahren dieſen Grundſatzt aufgeſtellt und die weibliche Jugend darnach erzogen, wie „ viel Thraͤnen waͤren weniger gefloſſen? Wenn „man ein Gemaͤlde des Lebens liefern will und „ man ſieht ſich zu dieſem Behufe in der Welt „um, ſo trifft man uͤberall gebrochene weibliche „Herzen, gebrochen durch Entſagung. Entſagen „iſt ſo unzaͤhlige Male das Loos der Jungfrau, daß „es weit beſſer iſt, ſie von Jugend auf darauf 7 vorzubereiten und es ihr durch Erziehung zu 7„erleichtern.“ „Aber meine Beſte, ¹ fiel iht jetzt plöͤtzlich der ——— ———— 8 — 195— Baron Stein in die Rede,„ das waͤre doch ein „großer Verluſt fuͤr Sie geweſen.“— Die Schriftſtellerin, wir wollen ſie Artemiſia nennen, fuhr etwas erſchrocken herum, denn der Baron war unvermerkt beim Beginn ihrer Rede eingetreten. Er machte oft den vierten Mann die⸗ ſer drei Maͤnnerfeindinnen— im Whiſt, und war als ein loſer Spoͤtter, von der gutmuͤthigen Art, bekannt. Artemiſia konnte kaum ein: Wie ſo? herausſtottern. „Sie fragen noch?“ fuhr der Baron fort, „wo haͤtten Sie denn den Stoff zu Ihren Ro⸗ „manen hergenommen, in denen das Entſagen „aus Edelmuth ſo oft die Hauptrolle ſpielt?— „Und der Edelmuth faͤllt doch weg, wenn das „Entſagen ſo leicht wird als Sie es wuͤnſchen.“ „Beliebt?”“ rief das Fraͤulein Habicht und reichte dem Baron und Artemiſien die Karten hin. So wurde das peinliche Geſpraͤch ſchnell geendigt und die Schriftſtellerin gab eilig herum, ohne ſich daran zu ſtoßen, daß ihre feinen Finger die Spu⸗ ren ihrer Berufsarbeit an ſich trugen. Aber rechte Andacht war heute nicht beim Spiele. Stein be⸗ ſann ſich auf einmal, daß er zum Abendeſſen ver⸗ ſprochen ſey und ſaß/ da a gendynüih die Parthie 13* 196 ſtch lange hinauszog, wie auf Kohlen; die Taube war mit ihren Gedanken in dem Falkiſchen Jung⸗ fern⸗Philantropin; Artemiſia konnte die erfahrene Kraͤnkung nicht verſchmerzen und die Habichten berechnete im Stillen, um wie viel ihre theuren Karten an dem heutigen Tage ſchlechter werden wuͤrden. Kein Wunder alſo, daß man nach dem ſechsten Rubber ſchon das Spiel endigte und al⸗ les nach Hauſe eilte. 2. Tante Taube kam zu ſehr ungelegener Zeit nach Hauſe. Ihre beiden Nichten, zwei niedliche Maͤdchen von 17 und 16 Jahren, lebten bei ihr unter hartem Drucke und nur die Abendſtunden, die die gnaͤdige Tante taͤglich beim Spiele hin⸗ brachte, dienten ihnen zur Erholung. Eine Kam⸗ merjungfer, aͤuſſerlich zwar die Sproͤdigkeit ſelbſt, und deshalb bei ihrer Herrin in hohen Gnaden, unterſtuͤtzte ſie treulich, und durch ihre Huͤlfe wa⸗ ren die freien Abendſtunden ein Paar weitlaͤufti⸗ gen Vettern von ihnen, den Herren von Dolz, bekannt geworden, die den Fraͤuleins eben die Lehren der Tante vergeſſen machten und deshalb aus dem Hauſe derſelben verwieſen worden wa⸗ — — — 197— ren. Karl und Bertha, Eduard und Klara hießen die Paͤrchen, die zu der Zeit gewoͤhnlich in den ſchattigen Gaͤngen des Gartens herumſpazierten, oder bei ſchlechtem Wetter auf dem Divan zuſam⸗ menſaßen. Heute hatte ſie auch ein Regenſchauer in den Salon getrieben, und ſie waren eben uͤber die Ankuͤndigung des Fraͤuleins von Falk im hoͤch⸗ ſten Lachparoxismus, als die Thuͤre auffuhr und das Fraͤulein Taube hereintrat. Sie aber hatte nichts Taubenartiges an ſich ſondern glich mehr einem Laͤmmergeier oder wenigſtens einem Stoͤßer. „Was ſehe ich,“¹ rief ſie aus,„ ſind das die „Fruͤchte meiner ſorgſamen Edukation. Doch mit „Euch, Fraͤulein, werde ich ſpaͤter reden, jetzt „ein Wort zu Ihnen, hochverehrteſte Herren Vet⸗ „ tern. Ich habe Ihnen ja ſchon vor einem Mo⸗ „nate begreiflich zu machen geſucht, daß mein „Haus zu gering iſt, um ſolche hochgelehrte Re⸗ „ferendarien, wie Sie ſind/ aufzunehmen, und „dennoch erzeugen Sie demſelben die Ehre wie⸗ 8„derzukommen und zwar in meiner Abweſenheit! „Fuͤrwahr, ich haͤtte Ihnen mehr p int d'honneur „zugetraut, aber ich ſehe wohl die Zeit iſt vor⸗ „bei, in der Ehre das Hoͤchſte der Nobleſſe war.“ „Ereifern Sie ſich nicht aͤdige Tante, Sie 3 1 — 198— „koͤnnten ſich ſchaden,““ fiel ihr Vetter Karl in's Wort;„ich will Ihnen die Kammerjungfer mit einem niederſchlagenden Pulver holen.“*—„Und ich,“ rief Eduard,„ich will nach ihrem Leib⸗ arzte ſpringen“— und fort waren beide.— „Hélas! lés impolis,“ rief das Fraͤulein entſetzt aus und ſank auf den Divan. Bertha und Klara waͤren dem Beiſpiele der Liebhaber gar zu gerne gefolgt und wirklich machten ſie den Verſuch, aber ein:„Dageblieben!“ das aus Tantchens Lippen ertoͤnte, machten ſie zu Salzſaͤulen. Nachdem ihre Lunge ſattſam Luft eingeſogen hatte, ergoß ſie ſich in einen Strom von Schelt⸗ worten und wollte zum Beſchluß eben zu einigen Thaͤtlichkeiten uͤbergehen, als die Kammerjungfer eintrat, um den jungen Herren anzuzeigen, daß es nun Zeit ſey, Abſchied zu nehmen. Sie war halb des Todes, als ſie das Fraͤulein erblickte, denn ſie hatte die freie Zeit ebenfalls zu einem Rendezvous mit ihrem Geliebten benutzt und glaubte jene noch tief im Spiele begriffen. Fuͤr die armen Fraͤulein er ſchien ſie aber zur rechten Zeit, denn ſie diente als Ableiter, und ihr wurde reichlich zu Theil, was den Nichtchen zugedacht geweſen war. Die Kammerjungfer erhielt ſgleich * — 199— den Abſchied, Bertha und Klara wurden auf ihre Kammer verwieſen und fuͤr dieſen Abend zum Fa⸗ ſten verdammt, ſchließlich auch ihnen noch ange⸗ kuͤndigt, daß ſie in das Falkiſche Philantropin wandern muͤßten. Als die beiden Maͤdchen von der Tante hoͤchſt⸗ eigenhaͤndig eingeſchloſſen worden waren, ſaßen ſie eine Zeitlang ſchweigend auf ihren Betten; an⸗ fangs umwoͤlkten einige Thraͤnen ihre Augen, nach und nach aber wurden die Geſichter freundlicher und endlich brachen beide in ein leiſes Kichern aus. „Alſo zur Falken,“ ſagte Bertha lachend, eine „ſchoͤne Zuſammenſtellung, die Taͤubchen zum Fal⸗ „ken. Nun wenn ſie ihrem Namen nicht mehr entſpricht/ als Tantchen dem ihrigen, ſo kann „ſie ſo ſchlimm nicht ſeyn.“—„Ich moͤchte nur „wiſſen,“ nahm Klaͤrchen das Wort/„wie ſie es „dahin bringen will, uns das Heirathen aus den „Koͤpfen zu bringen; das wird Kappen koſten.“¹ —„Eigentlich,“ meinte Bertha altklug,„ eigent⸗ „lich darf der Staat ſolche Erziehungsanſtalten „ gar nicht dulden, ſo wenig als Kloͤſter, und ich „ hoffe auch er wird Notiz davon nehmen. Ich „bitte Dich um alles in der Welt, was ſollte „denn aus der Welt werden, wenn kein Maͤdchen „, mehr heirathen wollte?“—„Ja das weiß der Himmel,“ antwortete Klara;„ nun füͤr's erſte Ihat es noch keine Noth, ich wenigſtens”“— „Ja Du,“ fiel Bertha Bichend ein und beide lachten um die Wette.— 1 Jetzt wurden ſie durch ein biſes Klopfen an der Thuͤre unterbrochen. Die Kammerzofe war drauſſen und meldete, daß ſie, alles Flehens un⸗ geachtet/ morgen aus dem Hauſe muͤſſe, bot aber ihre Dienſte an. Die Schweſtern hatten in ihrem Arreſte weder Feder, noch Papier, noch Bleiſtift, noch kichr, und ſo mußten ſie ſich alſo auf eine muͤndl iche Botſchaft beſchraͤnken. Dem edlen Re⸗ ferendarienpaar ſollte die Dienſtfertige verkuͤnden, daß ſie in das neue Erziehungsinſtitut kommen ſollten, und daß es von dort aus, wo moͤglich, neue Inſtruktionen erhalten wuͤrde, wenn ihnen erſt das Lokale und Perſonale hinlaͤnglich bekannt waͤre. Nachdem dieſer Auftrag einige Male wie⸗ derholt und die Beſorgung deſſelben mehrfach ver⸗ ſprochen worden war, zogen die Maͤdchen ſich aus, legten ſich ins Bette und ſchliefen nach einigem Hin⸗ und Herreden flugs und froͤhlich ein. — 201— Am andern Morgen wurden zwar die Straf⸗ faͤlligen fuͤr den Augenblick ihres Arreſtes entle⸗ digt, aber das Nachgewitter des tantlichen Zorns tobte noch ſo fuͤrchterlich aͤber ihren Haͤuptern/ daß ſie immer in aͤngſtlicher Erwartung dem Ein⸗ ſchlagen deſſelben entgegen ſehen mußten. Die Kammerjungfer war fort, und ſo wurde nach ein⸗ genommenem Kaffee Bertha zum Anziehen des Tant⸗ chens kommandirt, waͤhrend Klara Befehl erhielt/ waͤhrend der Toilette aus dem Gebetbuche vorzu⸗ leſen. Haͤufiges Schelten uͤber die Ungeſchickte unterbrach zwar oft das Leſen, aber endlich er⸗ reichte doch beides ſein Ende.„Ich gehe jetzt zur „Falk,“ verkuͤndete ihnen die Marſchfertige, um „wegen Euch Nuͤckſprache mit ihr zu nehmen, und „ſo lange geht Ihr wieder in Eure Kammer.“ Als ſie dort wohl verſchloſſen waren/ eilte das Fraͤulein zu ihrer Buſenfreundin, Artemiſia, die ſie zu der neuen Paͤdagogin begleiten wollte. Bei ihrem Eintritte fand ſie die Dichterin hoͤchſt entruͤſtet. Sie hatte ſoeben eine Literatur⸗ zeitung erhalten, in der ihr neueſter Roman, na⸗ tuͤrlich aus Neid, nicht gelobt worden war. Man hatte ihr vorgeworfen, ſie wiſſe keinen maͤnnlichen = 202— Charakter darzuſtellen; ſie ſchildere alle, auch wi⸗ der ihren Willen flach und ſchwankend, und blos ihre Boͤſewichter waͤren im Stande Theilnahme einzufloͤßen. Sie dachte auf eine geharniſchte An⸗ tikritik, und ſchon lagen mehrere Federn zerkaut vor ihr. Die Freundin beklagte ſie von Herzen, ſchimpfte auf den Brodneid der Recenſenten, ſchlug ein Literaturblatt vor, an dem blos Damen ar⸗ beiten ſollten und zog endlich die Dichterin mit ſich fort. Die Erziepungskünſtlerin ließ die Damen im Audienzzimmer etwas lange warten, ſie ſey, ſo hieß es, noch mit ihren Zoͤglingen beſchaͤftigt, wuͤrde aber ſogleich erſcheinen. Auf einmal rauſchte ſie zur Thuͤre herein.— Ihre große Geſtalt, ihr maͤnnliches Geſicht, ihre blitzenden Augen, Alles war geeignet ſelbſt die Tante Taube in Furcht zu ſetzen, um wie viel mehr nicht ihre Nichten, und dieſes Gefuͤhl beſtaͤrkte dieſe in ihrem Vorſatze. „Man hat mir zwei Damen gemeldet,“ rief den Harrenden die Eintretende zu,„ein Fraͤulein von „ Taube und die goͤttliche Artemiſia, erlauben Sie, „daß ich die Letztere ſelbſt herausſuche.“ Jetzt ließ ſie ihr rollendes Auge von Einer zur Andern ſchweifen und plöͤtzlich ſiel ſie der Dichterin um —-— 203— den Hals.„„Du biſt es, Geiſtesgenoſſin, erha⸗ „benes Weſen! ſo wie Du jetzt vor mir ſtehſt, ſo „biſt Du mir tauſend Mal im Traume erſchie⸗ „nen.“ Sie redete in dieſem Style noch eine Zeitlang fort, zum großen Aergerniß der Taube, die ſich ganz unheachtet ſah und vergebens mit dem Faͤcher rauſchte. Sie warf ein pruͤfendes Auge auf die Fremde.— Ihr etwas maͤnnliches Geſicht war, trotz ſeines braͤunlichen Schimmers, nicht haͤßlich, hatte aber um den Mund einen unangenehmen Zug; ihre Geſtalt war koloſſal, aber voll und ihr Nacken und Hals von ziemlicher Weiße. Ihre Kleidung dagegen aͤhnelte der der goͤttlichen Artemiſig und war nicht eben reizend. Sie trug eine ſchmuzige Haube, aus der ihr ſchwarzes Haar dorzen hervorſah; eine ſchwaͤrz⸗ liche, urſpruͤnglich weiße Krauſe bedeckte den hal⸗ ben Nacken und Hals und erhoͤhte den Taint die⸗ ſer Theile; ihr blauſeidner Ueberock aber, ſo wie ihre Schuhe, trugen das Gepraͤge langiaͤhriger Dienſte. Letztere harmonirten in der Farbe mit den Stüümpfen. Das Fraͤulein Taube bat ihr waͤhrend dieſer Muſterung den Gedanken ab, ſie einer Luͤge faͤhig gehalten zu haben. Sie hatte naͤmlich, als ſie ſo lange warten mußte, geglaubt, die Falk ſey nicht mit ihren Schuͤlerinnen, ſondern mit der Toilette beſchaͤftigt geweſen; jetzt ſah ſie ein, daß ſie ihr Unrecht gethan hatte. Indeſſen war es Artemiſien gelungen, ihre Aufmerkſamkeit auf Fraͤulein Taube zu lenken, in⸗ dem ſie der Paͤdagogin die Abſicht derſelben mit⸗ theilte. Man wendete ſich jetzt gegeneinander; anfangs war die Ueberſehene etwas pikirt, bald aber oͤffneten ſich die Herzen mehr und mehr und Artemiſia bat endlich die Erzieherin, ihnen die Anſichten, auf denen ihre Erziehungsgrundſaͤtze ba⸗ ſirt waͤren, ausfuͤhrlich mitzutheilen. Die Befragte ſetzte ſich zurechte und begann mit Pathos:„ Ich „ gehe von dem Grundſatze aus: daß die Ehe in „dem jetzigen Zuſtande der 6. Geſellſchaft nicht mehr „Naturgebot, ſo wie auch das M dutterwerden n blos in dem rohen Naturzuſtande die Beſti mung des Wejbes iſt. Die Maͤdchen muͤſſe en Izur Eheloſigkeit erzogen werden. Einige Muͤtter „entgegneten mir zwar, daß die Eheloſigkeit ein „Stand ſey, den das Maͤdchen nur wider Willen „waͤhle, und daß ſie ſich in demſelben ungluͤcklich „faͤhle, aber wenn ich dieſes auch zum groͤßten „CTheile zugebe, ſo iſt dieſes ja eben die Folge „der bisher ſo unverantwortlich vernachlaͤſſigte — 295— „Erziehung. Bisher erzog man die Jungfrauen „immer blos zum Heirathen und gab ſich alle „Muͤhe ſie ſo zu bilden, daß ſie das Gluͤck der „Maͤnner machen und dieſen gefallen ſollten, ohne „zu bedenken, daß die ſklaviſche Unterwerfung „unter den Mann und unter den allgemeinen ſo⸗ „genannten Naturzweck, wenn auch fruͤher noth⸗ wendig/ jetzt, in unſerer hochgebildeten Zeit, „der hoͤhern geiſtigen Beſtimmung des Weibes „total unwuͤrdig iſt. Durch Veredlung der Gefuͤhle „muß die Sinnlichkeit unter die Herrſchaft des „Verſtandes gebracht werden; die Jungfrauen „muͤſſen freiwillig den eheloſen Stand, als den „der weiblichen Beſtit ng angemeſſenſten, waͤh⸗ „len und ſich in dieſem fuͤr die Ideale ihres Ge⸗ „ſchlechts halten, was ſie, bei ſolcher Ueberzeug⸗ „ung, auch ſind. Und worin laͤge denn ein Un⸗ „gluͤck?— Iſt die Trennung von den rohen „Maͤnnern nicht vielmehr ein Gluͤck, da ein ge⸗ „bildetes Maͤdchen doch keinen Mann finden kann/ „der ihrer wuͤrdig iſt? Ja, kann man es einem bhuhi dee Maͤdchen nur zumuthen/ Gattin „zu werden, ohne ſie zu beleidigen? ich glaube: „Nein, und um ſo weniger koͤnnen wir alſo eine „Verpflichtung dazu haben. Eine andere Frage „iſt es: Ob wir nicht in Anſpruch genommen „werden koͤnnen, Muͤtter zu ſeyn, und dieſe Frage „ließe ſich vielleicht nicht abſolut verneinen, doch „glaube ich, daß wir dieſer Verpflichtung, wenn „ſie wirklich beſteht, dann am beſten Genuͤge lei⸗ „ſten koͤnnen, wenn wir ſelbſt keine Muͤtter ſind. „Die eigentliche Mutter der Kinder iſt ja doch „die Erzieherin, und ſind wir nicht am geei⸗ „gentſten, Kinder partheilos zu erziehen, en „wir ſelbſt keine haben? Und iſt das nicht um ſo „mehr der Fall, da das Muttergefuͤhl der natuͤr⸗ „lichen Mutter doch blos ein roher, thieriſcher „Trieb iſt und fuͤr das ſittlich ausgebildete Weib „doch blos der veſng dut der Mutterſchaft „Beduͤrfniß ſeyn kann und darf?"— Ar Die Rednerin wollte jetzt Athem ſchoͤpfen, aber ſie kam nicht dazu, denn Artemiſia ſprang auf und preßte ſie zaͤrtlich an ihr Herz.„Mir aus „der Seele genommen,“ rief ſie aus,„ganz „meine Meinung, aber es gehoͤrt Ihr Muth dazu „es oͤffentlich auszuſprechen! Man maſe ver⸗ „ketzern und alle Journale werden grimmig uͤber „Sie herfallen.“—„Tant mieux,“ ſtoͤhnte die Belobte,„dann mache ich Aufſehen und von allen 5 — 207— „Weltenden ſtroͤmen Aufgeklaͤrte herzu, mir ihre „Toͤchter zu uͤberbringen.“ Das Fraͤulein von Taube hatte bis jetzt in ſtummen Erſtaunen da geſeſſen. Obgleich in den Vierzigen ſtark vorgeſchritten, beklagte ſie innerlich doch ſehr, daß ihre Ungetreuen ſie verlaſſen hatten, ja ſie warf noch manchmal in der Stille ihre An⸗ gel aus, um einen jungen, armen Officier oder Referendarius von guter Familie mit dem Koͤder ihrer Goldſtuͤcken zu locken, denn im Innern hatte ſie ſtets bei dem Gedanken: alte Jungfer, einen leiſen Schauder empfunden. Jetzt wurde von ei⸗ nem Fraͤulein, das noch juͤnger als ſie war, der Jungfernſtand als der ehrenwertheſte, der natuͤr⸗ lichſte geprieſen, und das mußte ihr natuͤrlich um ſo mehr zuſagen, je geringer ihre Hoffnungen wa⸗ ren, noch aus demſelben erldſt zu werden. In ihrem Innern ging eine foͤrmliche Revolution vor ſich; ſie erfuhr, daß ſie weit erhabener in der menſchlichen Geſellſchaft daſtehe als ſie bisher ge⸗ glaubt haͤtte, und das gab ihr ein Hochgefuͤhl, daß ſi niemals, ſelbſt nicht bei der Ueber⸗ rechnung ihrer Kapitalien empfunden hatte. Sie brach in ein langes und ungemein breites Lob aus und wuͤrde ſogleich uͤber die Bedingungen, unter — 298— welchen die Falk ihre Nichten zu ſich nehmen wol⸗ le, zu unterhandeln begonnen haben, wenn nicht die Dichterin mit der Frage dazwiſchen getreten waͤre: durch welche Mittel jene ihren hohen „Zweck zu erreichen gedenke.“— „Ueber dieſe Mittel,“ antwortete die dal⸗ „bin ich nach vielem Studium mit mir einig ge⸗ „worden.— Sie ſind einfach und zweckdienlich. „Die Hauptſache iſt, daß man die Jungfrauen „von den Naͤnner fern haͤlt. Dieſes geſchieht „ſtens dadurch, daß ich den Maͤdchen einen ſehr „hohen Begriff von ihrer weiblichen Wuͤrde bei⸗ „bringe und ihnen lehre, die Maͤnner uͤber die „Achſel anzuſehen und zu verachten; und 2tens „dadurch, daß ich die Jungfrauen den Maͤnnern „verleide. Beide Mittel arbeiten einander in die „Haͤnde. Die Maͤdchen mache ich ſtolz und hoch⸗ „ muͤthig, wobei mir die Froͤmmigkeit treffliche „Dienſte thut; denn glauben Sie mir, meine „Damen, nichts ſchmeichelt der Eigenliebe mehr „und nichts macht ſtolzer als der Gedanke: Du „ biſt beſſer, erhabener, eenase als „das andere Volk. Die Sinnlichkeit ertoͤdte ich, „wenn Vernunftgruͤnde nicht ſattſam anſchlagen, „vollends durch magere Koſt, doch das nur im — 209— „Nothfalle. Die Eitelkeit ſuche ich ganz zu un⸗ „terdruͤcken, und das iſt denn auch das Mittel, „die Augen der Maͤnner von ihnen abzuziehen. „Ich ſtelle ihnen vor, wie weit der aͤuſſere „Menſch hinter dem innern zuruͤckſteht, wie gleich⸗ „guͤltig es iſt, wie die aͤuſſere Huͤlle beſchaffen, „wenn nur das Innere fleckenrein iſt. Alle weib⸗ „lichen Arbeiten ſetze ich in ihren Augen ſo tief „als moͤglich herab, es iſt dies ja auch blos Be⸗ „helf fuͤr ſeelen⸗ und geiſtloſe Geſchoͤpfe.(Hier druͤckte Artemiſia ihre Hand.)„Dadurch habe ich es nun ſchon dahin gebracht, daß meine zwei „Pflegebefohlenen, ſie ſind mir von einer geiſtes⸗ „verwandten Freundin anvertraut worden, das „Stricken, Naͤhen u. ſ. w. wie den Tod haſſen „und wohlgemuth in ſchmutziger und zerriſſener „Waͤſche einhergehen. Auf den Kopfputz duͤrfen „ſie auch nicht viele Zeit verwenden, und ſo ha⸗ „ ben ſie ſich oft auf Promonaden mit ſtruppigten „Haaren, niedergetretenen Schuhen, zerriſſenen „und ſchmutzigen Struͤmpfen gezeigt und ich ver⸗ „ ſicher gleich ihre Geſichter recht nied⸗ „lich ſind, ſo geht ihnen doch jeder Herr aus dem „Wege, denn nichts iſt den Maͤnnern mehr zu⸗ „wider als Nachlaͤſſigkeit gerade in dieſen Klei⸗ . 144— * — 2140— „dungsſtuͤcken. Dieſes Ausweichen der jungen „Herren hat natuͤrlich ihr Selbſtgefuͤhl gereizt, „und ich habe nun Gelegenheit gehabt von der „geiſtigen Leere der Maͤnner zu reden, die nur „auf die Auſſenſeite ſehen, von ihrer Tyrannei, „mit der ſie die Weiber an den Strickſtrumpf „das Spinnrad, in die Kinderſtube und Kuͤche „verweiſen wollen und von der laͤcherlichen An⸗ „maßung derſelben allein im Gebiete des Geiſti⸗ „gen zu herrſchen. Damit nun aber meine Pfle⸗ „gebefohlenen nicht Urſache haben zu klagen und „zu behaupten, ſie ſtaͤchen zu ſehr gegen andere „Maͤdchen ab, ſo habe ich ihnen immer Kleider „und Huͤte nach der neueſten Mode machen laſ⸗ „ſen, wohl wiſſend, daß dann die oben bemerk⸗ „ten Maͤngel um ſo mehr auffallen. Ihre Lek⸗ „tuͤre waͤhle ich mit Sorgfalt ſelbſt; es ſind ent⸗ „weder Erbauungsbuͤcher oder Romane voller un⸗ „gluͤcklichen Ehen und roher Naͤnner, die meinen „Zweck trefflich befoͤrdern. Leider gehen noch die „meiſten dieſer Buͤcher auf das Heira hinaus f Sie, geliebte Artemiſia, inſofern gerechne abe, als „Sie mich durch Ihre treffliche Feder unterſtuͤtzen „koͤnnen. Bitte, liefern Sie uns ein Paar Ro⸗ — 211— „mane, wo die Maͤnner recht zur Schlachtbank „getrieben werden und das Abſurde des Heira⸗ „thens klar an den Tag gelegt wird.“— Hier ſagte Artemiſia mit einem Haͤndedrucke zu und die Erzieherin fuhr fort:„Meine Damen! ich bin „aufrichtig gegen Sie geweſen und habe Ihnen „Zweck und Mittel klar vor Augen gelegt. Sie „ſehen daraus, daß ich das Urtheil der Welt nicht „ſcheue, und ob ich gleich vorausſetzen kann, daß „man mich von der einen Seite verlachen und „von der andern, meiner Mittel wegen, als Je⸗ „ſuiten verketzern wird, ſo mache ich mir doch 8 bald waren die Partheien einig. Klara von Taube ſollten mit naͤchſtem— der nahe vor der Thuͤre war, in die Anſtalt des Fraͤuleins von Falk uͤberliefert und dort zu kuͤch 1 gen Maͤnnerfeindinnen abgerichtet werden. Dar⸗ auf ſprach man ſich recht oft wiederzuſehen und ſchied aühet von einander. 3 4. Die beiden Bruͤder, Karl und Eduard von Dolz, hatten am Morgen nach dem verungluͤckten 14 85 8 — 212— Abentheuer einen Brief von ihrem Vater bekom⸗ men, der nicht eben zur Erhoͤhung ihrer guten Laune beitrug. Neben einigen arithmetiſchen Be⸗ rechnungen uͤber das Misverhaͤltniß ihrer Einnahme und Ausgabe, die erſte ſetzte Papa gleich Null, die andere etwas uͤbertrieben gleich unendlich, machte er ihnen noch einige verſteckte Lobeserhe⸗ bungen uͤber die Sorgfalt fuͤr ihre Geſundheit, die ſie durch haͤufiges Studieren gewiß nicht zerruͤtte⸗ ten und kuͤndigte ihnen ſchließlich an, daß ſie ſich ſogleich zum anderweitigen Examen zu melden haͤtten, wenn er ihnen den Brodkorb nicht noch einmal ſo hoch als bisher haͤngen ſollte.— Zu dieſem ngläete nun noch die Trauerbotſchaft Fraͤu; doch da dieſe fuͤr den Au⸗ ten 16 ſch auf das Examen nach Keaͤf⸗ vorzubereiten. Die beſtaͤubten Hefte wurden Wnns ehrenvoll aus ihrem Exile zuruͤckgerufen d nach langer Vergeſſenheit wieder eines Blicks 2 gewuͤrdigt; die Wein⸗ und Kaffeehaͤuſer wurden verlaſſen und nach Moͤglichkeit tapfer ibir. Zu gleicher Zeit wurden die Examinationsgeſuche ein⸗ gereicht und der Beſtimmung dieſer, fuͤr einen Referendarius wahren Schreckenstage, mit ſtilleer — 213— Beklommenheit entgegengeſehen. Wir laſſen das edle Bruͤderpaar in ſeiner Einſamkeit den Studien obliegen und ſehen uns nach den beiden geliebten Taͤubleins um, die aus dem Kammerkerker mit angſtvoller Erwartung der Erloͤſung entgegenſeufz⸗ ten. Dieſe blieb lange aus. Nach dem Beſuche bei Fraͤulein Falk naͤmlich mußte die Tante Ar⸗ temiſien in ihre Wohnung geleiten, um ſich von ihr den Anfang eines neuen Romans vorleſen zu laſſen, der nun nach den Anſichten der neuen Freundin gemodelt werden ſollte. Dieſe Vorle⸗ ſung dauerte lange, um ſo laͤnger, da die Dich⸗ terin fuͤr gut fand, ein Fruͤhſtuͤck auftragen zu laſſen, damit der Magen der Zuhoͤrerin nicht an die herannahende Mittagszeit mahnen und dem ſtets aus ihrem Munde ſtroͤmenden Lohe einen bittern Beiſatz geben moͤchte. Endlich ging, wie Alles, auch das Romanbruchſtuͤck zu Ende und das Fraͤulein eilte nach Hauſe, um die Nichtchen zu erloͤſen. Die armen Maͤdchen hungerten ſehr. Die Eßſtunde hatte ſchon lange geſchlagen und war von ihnen um ſo deutlicher gehoͤrt worden, je weniger Tantchen beim wohlverſagten Fruͤhſtuͤcks⸗ tiſche davon vernommen hatte. Als noch eine Stunde und noch eine halbe verſtrichen war, da — 214— wurde es den armen Kindern gar traurig zu Muthe und ſchon fuͤrchteten ſie, wie Ugolino zum Hun⸗ gertode beſtimmt zu ſeyn, als ſich endlich— es war drei Viertel auf drei Uhr— die Kammer oͤffnete und ſie zu Tiſche gerufen wurden. Hunger war noͤthig, um das, durch das lange Stehen, verdorbene Eſſen ſchmackhaft oder auch nur genießbar zu finden. Die Suppe war einge⸗ kocht und verſalzen, der Kalbsbraten halb zu Kohle verbrant und in das Gemuͤſſe war der Rauch ge⸗ ſchlagen. Um ihre Eßluſt noch mehr zu reizen, eroͤffnete ihnen die Tante, daß ſie mit dem Be⸗ ginn des kuͤnftigen Monats dem Fraͤulein Falk uͤberliefert werden wuͤrden und ermahnte ſie, ſich auf dieſem wichtigen Schritt, der ihren ganzen Leben eine andere Richtung geben ſollte, gehoͤrig vorzubereiten. Die Schweſtern nahmen dieſe Nach⸗ richt mit leidlicher Faſſung hin; ſie waren ja zum Theil auf dieſe Veraͤnderung ſchon vorbereitet, ja als ſie ſich einmal beide recht ins Geſicht faßten, ſo konnten ſie das Lachen nicht mehr unterdruͤcken. Dieſe Ausgelaſſenheit zog ihnen eine lange Straf⸗ predigt, mit einigen Redefiguren des Fraͤuleins von Falk ausſtaffirt, zu, die ſie eben nicht ſehr angriff. Betruͤbter war es, daß ſie gegen ſechs — 215— Uhr wieder in ihre Kammer kriegen mußten, um darin bis zum andern Morgen auszuhalten, denn Tantchen war heute zum Spiele und Abendeſſen verſagt und kehrte vor Mitternacht nicht heim. Etwas Butterbrod wurde ihnen mitgegeben, ſo wie auch das Geſangbuch/ aus dem ſie ſich er⸗ bauen koͤnnten.— Wir verlaſſen die armen Gefangenen und fol⸗ gen der Kerkermeiſterin zu ihrem Spiele. Hier war eine andere Geſellſchaft als Tages zuvor und von gelehrten und politiſchen Sachen wurde gar nicht, deſto mehr aber von Putz, von Moden, den Wechſelfaͤllen des Spiels und den Angelegen⸗ heiten des lieben Naͤchſten geſprochen. In dieſer Geſellſchaft befand ſich das Fraͤulein von Taube am wohlſten, obgleich ſie die Einzige von Adel war, die ſie beehrte. Sie beſtand gewoͤhnlich aus acht Damen, Verheiratheten und Unverheiratheten, und die Maͤnner waren ganz ausgeſchloſſen. Man ſpielte, klatſchte und ſchmauſte oft wahrhaft ſybe⸗ ritiſch, und ſo war es auch heute. Bouillon und Paſtetchen/ Faſane, Cottelets Braten aller Art, marinirter Aal, geraͤucherter Lachs, Butterbrod nach dem Pariſer Modejournal zugerichtet u. ſ. w. bedeckten den Tiſch, um den vier Sorten der feinſten Weine kreiſten. Da war Liebfrauenmilch und Nuͤdesheimer, weißer Burgunder und Fron⸗ tignac; je nachdem man ſuͤß oder ſauer beliebte, und als das Deſſert aufgetragen wurde, da kam oeil de pertrix mit und die acht Damen leerten noch ganz wohlgemuth drei Flaſchen dieſes koͤſtli⸗ chen Champagners. Naturlich oͤffneten ſich jetzt alle Herzen und auch das Fraͤulein konnte dem Drange des ihrigen nicht laͤnger widerſtehen: ſie mußte von ihrer neuen intereſſanten Freundin, dem Fraͤulein von Falk, erzaͤhlen. Anfangs hoͤrte man ihr ruhig zu, als ſie aber einige Sentenzen derſel⸗ ben gegen den Eheſtand ſo gut als moͤglich wiedergab, da empoͤrten ſich die Verheiratheten und nannten im Eifer die neue Paͤdagogin eine Naͤrrin und ihre Weisheit altes Jungferngeſchwaͤtz. Das ver⸗ droß die Taube ſchon deshalb, weil die Beſchimpfte von Adel war, und da eben die dritte Flaſche des oeil de pertrix ihr Ende erreichte und keine neue anzukommen ſchien, ſo empfahl ſie ſich und ging nach Hauſe. Die Zuruͤckgebliebenen fielen nun, nach alter Sitte, uͤber die Fortgegangene her und die Wirthin gab, um ſie in Feuer zu erhalten, ihnen noch eine Flaſche zum Beſten. „ Es iſt doch wahr,“ brummte auf dem Heim⸗ * wege das Fraͤulein fuͤr ee ich,„es iſt doch waßr „wer Pech angreift, beſudelt ſich, und wenn das „Volk nicht ſo gut zu eſſen und zu trinken gaͤbe, „auf Ehre! ich ging mit keinem Schritte zu ih⸗ „nen. Aber Karl!“ rief ſie ihrem leuchtenden Bedienten, einen baumſtarken jungen Manne zu, „komm doch und fuͤhre mich, ich bin etwas ſchwindlicht, denn dort habe ich mich geaͤrgert und nun weht mich die kalte Nachtluft an.“*— Karl kannte dieſen Schwindel, faßte ſie mit ſtarkem Arme und leitete die Stolpernde nach Hauſe. Wenn man dem Geſchwaͤtze der verabſchiedeten Kammerjungfer Glauben beimeſſen wollte, ſo koͤnnte man, im Bezug des Fraͤuleins zu ihrem Bedienten, hier Dinge einſchalten, die dem Rufe dieſer Dame hoͤchſt nachtheilig ſeyn koͤnnten, aber Gott bewahre! wer wird einer ſo mißguͤnſtigen Kreatur, als eine fortgejagte Kammerzofe iſt, et⸗ was nacherzaͤhlen. 5. Wir uͤberſpringen hier einige Wochen und wen⸗ den unſere Augen nach Nr. 396 in der großen Straße, wo die Fraͤuleins, Bertha und K lara, nun ſchon ſeit vierzehn Tagen eingezogen waren. Anfangs hatten die armen Maͤdchen ſehr viel * Thraͤnen vergoſſen, aber jetzt war das Ungewohnte der neuen Lage ſchon ziemlich uͤberwunden und ſie ſuchten mit dem natuͤrlichen, leichten Sinn der Jugend derſelben ſo viel Angenehmes, oder we⸗ nigſtens Komiſches, als nur moͤglich, abzugewinnen. Ihr Tag war folgendermaßen eingetheilt. Punkt drei Viertel auf ſieben Uhr, keine Minute fruͤher oder ſpaͤter mußte das Bett verlaſſen werden, und mit dem Schlage ſieben Uhr alles beim Fruͤhſtuͤcke erſcheinen, das in duͤnnen Kaffee beſtand. Zur Ertoͤdtung der Eitelkeit war ihnen nur eine Vier⸗ telſtunde zum Waſchen und Anziehen bewilligt. Sobald der Kaffee getrunken und einige wenige Zwiebacke dazu verzehrt waren, wurde bis um acht Uhr in einem Andachtsbuche geleſen, zu welcher Stunde ein alter Magiſter erſchien, der fuͤr eine Kleinigkeit bis um eilf Uhr unterricht ertheilte. Er trug den Maͤdchen Engliſch, Geometrie, Al⸗ gebra und Logik vor; Franzoͤſiſch hatte ſich das Fraͤulein ſelbſt vorbehalten. Um eilf Uhr mußten ſie ihre Toilette raſch vollenden, denn mit dem Glockenſchlage ein Viertel auf zwoͤlfe ging Adele mit ihnen ſpazieren, wenn das Wetter nur ertraͤg⸗ lich war, im entgegengeſetzten Falle war Rekrea⸗ tion in hanſ die in Converſation mit der Er, „ 6 — 219—— zieherin beſtand. Von halb ein Uhr bis eins wurde wieder gebetet und dann ging es zu Ti⸗ ſche, wo es vielerlei, aber nicht eben viel zu eſ⸗ ſen gab. Nach Tiſche verſchwand die Paͤdagogin, um etwas zu ruhen, doch pflegte ſie vorher erſt noch etwas Nachhaltiges zu genießen und ein Glaͤs⸗ chen Wein zu trinken. Die Maͤdchen hatten waͤh⸗ rend deſſen freie Zeit; ſie konnten leſen, arbeiten, ſchlafen, ſpringen und thun was ſie wollten, ja ſogar ihren Anzug ordnen, wenn ſie Luſt dazu hatten. Aber die verging ihnen bald, denn wenn Eins der Maͤdchen reinlich und ordentlich angezo⸗ gen war, ſo konnte es gewiß ſeyn, daß ſie unter irgend einem Vorwande von der Abendpromonade zuruͤckgelaſſen, oder dieſe ganz aufgehoben wurde. Um drei Uhr erſchien die Falk ſelbſt, verſammelte ihre Kuͤchlein um ſich und hielt entweder eine phi⸗ loſophiſch-moraliſche Vorleſung uͤber die Gegen⸗ ſaͤnde, die ihr bei der weiblichen Bildung am noͤthigſten ſchienen, oder ſie uͤbte ſie im Franzoͤſi⸗ ſchen. Von vier bis fuͤnf Uhr mußten die Maͤd⸗ chen, die von dem Magiſter aufgegebenen Arbei⸗ ten fertigen oder einem franzoͤſiſchen Aufſatz uͤber ein Lieblingsthema des Fraͤulein von Piheeuenn beiten. Um halb ſieben Uhr wurde er pro⸗ 8 — 220— menirt, entweder in Begleitung der Gnaͤdigen oder des Magiſters, wenn, wie gewoͤhnlich, die Erſtere eine Abhaltung hatte, und ſo kam acht Uhr her⸗ bei, wo es zur Abendtafel ging, die maͤßig mit Butterbrod beſetzt war. Bei ſchlechtem Wetter oder im Winter, wurde ein franzoͤſiſches Buch oder ein deutſcher Entſagungsroman vorgeleſen. Nach dem Abendeſſen vertrieben Gebet und geiſtreiche Unterhaltung die Zeit bis zum Schlafengehen, das Punkt zehn Uhr erfolgte. Die guten Schweſtern hatten zwar bei ihrer Tante Taube auch nicht wie im Himmel gelebt, aber, im Vergleich zu ihrer jetzigen Lage, doch goͤttliche Tage genoſſen. Kein Wunder alſo, daß ſie anfangs auſſer ſich waren und Plaͤne zur Flucht entwarfen; aber wo ſollten ſie hinfliehen?— Zur Tante? die haͤtte ſie am andern Morgen wieder hingebracht; zu ihrem Vormunde? der wohnte in der Reſidenz, zwanzig Meilen von ihnen; und zu den Bruͤdern Dolz? das wollte ſich doch nicht ſchicken.— Briefe durften, der Regel des Inſti⸗ tuts gemaͤß, nicht abgeſandt werden, bevor ſie nicht von der Bonne geleſen waͤren; alſo durfte man auch da ſeine Noth nicht klagen, und was blieb deiitalſo uͤbrig, als ſich ſo gut als moͤgich — 221— jin ſein Schickſal zu ergeben? Die beiden andern Maͤdchen, die ſie in dem Halbkloſter vorgefunden hatten, waren ſchon laͤnger bei dem Fraͤulein, dem ſie ihre Stiefmutter anvertraut hatte. Sie waren gut und harmlos, aber von den Meinungen der Falk ſchon einigermaßen angeſteckt. Sie rechneten es ſich ſehr hoch an, daß ſie taͤglich dreimal be⸗ teten und an Sonntagen zweimal die Kirchen be⸗ ſuchten, und daß letzteres nicht aus der Sucht geſehen und bewundert zu werden, entſprang, da⸗ dafuͤr buͤrgte ja der dicht vergitterte K dechenfeuhh in dem ſie ihre Eulenfriſur der Welt verbar⸗ Die Unreinigkeit war ihnen bereits bequem ge⸗ worden und das war ſchlimmer als die Verach⸗ tung, die ſie gegen das Maͤnnergeſchlecht zu em⸗. pfinden vorgaben. Die Vernachlaͤſſigung der Toilette war den Neuaufgenommenen ein Greul. Sie ſcheuten ſich mit ihren Gefaͤhrtinnen zuſammengeſehen zu wer⸗ den, aber was half ihnen alles Schaͤmen, ſahen ſie doch dem Augenblicke entgegen, in dem ſie um nichts beſſer ausſehen wuͤrden. Ihr Haar, von dem Kamme verſaͤumt und der Pomade entbehrend/ fing ſchon an zu ſtacheln, ihre Schuhe wurden denen ihrer Gefaͤhrtinnen immer aͤhnlicher und die — 222— Waͤſche allein zeichnete ſich noch durch Reinlichkeit aus. Aber ſchon hatte man ihnen verkuͤndet, daß ſie dieſe nicht zu oft wechſeln ſollten, weil das Fraͤulein nur hoͤchſt ſelten waſchen ließ. In der erſten Zeit war es auf allen Spaziergaͤngen ihre groͤßte Furcht, Jemanden aus ihrer Bekanntſchaft zu begegnen, bald aber wuͤnſchten ſie, ungeachtet der ſchlechten Coiffuͤre, wenigſtens einen der Bruͤ⸗ der von Dolz anzutreffen, um dieſem einen Wink geben zu koͤnnen. Wer maͤßig wuͤnſcht, wird oft erhoͤrt, und ſo auch hier. Als ſie eines Abends unter der Obhut des Magiſters auswanderten, erblickte Bertha auf ein⸗ mal ihren Karl nicht weit hinter ſich. Sie blieb, wie botaniſirend, einen Augenblick ſtehen und ge⸗ wann ſo Gelegenheit einige Worte mit ihm zu wechſeln. Als ſie den Namen des Magiſters nannte, ſo bat ſie Dolz, es wo moͤglich ſo einzu⸗ richten, daß ſie heute noch bei dem großen Kaf⸗ feegarten vorbeikaͤmen; er wolle dann den Magi⸗ ſter aufzuhalten und mit ihr ferner zu ſprechen ſuchen.— Bertha ſprang ihrer Geſellſchaft nach und fing mit dem Magiſter ein Geſpraͤch an, in dem ſie ſein Lieblingsthema: daß jedes Frauen⸗ zwme Riemmis ſtudieren muͤſſe, beſtritt; da⸗ bei wurde der Alte hitzig, und ſo fuͤhrten ſie ihn richtig, nach einigen kleinen Umwegen, an den Eingang des Kaffeegartens. Sie wollten ſo eben daran vorbeigehen als zwei junge Leute im leb⸗ haften Streite auf den Magiſter loskamen.„Hier,“ ſchrie der Eine,„hier kommt ja der gelehrte Herr „Doktor Breitwort wie gerufen, er ſoll unſer „Schiedsrichter ſeyn. Biſt Du das zufrieden?“ —„Ich verlange keinen gelehrtern und weiſern,“ rief der Andere, er moͤchte auch ſo ſchwer zu „finden ſeyn.“*— Hoͤren Sie, liebſter, beſter „Herr Doktor! Sie muͤſſen einen philoſophiſchen „Streit zwiſchen uns entſcheiden,“ riefen jetzt alle beide. a Der nicht wenig verwunderte, aber eben ſo geſchmeichelte Alte, gab ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen und erſuchte ſie, ihm morgen die Frage vorzulegen, aber damit kam er ſchlecht an.„Sie „wollen uns entgehen, gelehrter Herr!“ ſchrien beide durcheinander,„aber das geht nicht. Sie „muͤſſen ſo guͤtig ſeyn und gleich entſcheiden. ,— „und was iſt denn die Frage? was ſoll ich denn „entſcheiden?“ fragte der, an beiden Armen er⸗ griffene Magiſter, der ſich vergeblich ſtraͤubte und wider Willen mit in den Kaffeegarten gezogen — 224— wurde.—„Warten Sie nur einen Augenblick,“ rief er ſeinen Damen zu„ich komme gleich wie⸗ „der.“— Er kam aber nicht ſobald wieder, ſon⸗ dern an ſeiner Stelle erſchien von der andern Seite Karl, und waͤhrend Bertha's drei Gefaͤhr⸗ tinnen ihrem Beſchuͤtzer nachſahen, hielt ſie mit ihm ein kurzes Zwiegeſpraͤch, in welchem, neben vielen Betheurungen von Liebe, er ihr ſeine mor⸗ gende Abreiſe in die Reſidenz, ſie ihm dagegen die Einzelnheiten ihrer Lage mittheilte. Er verſprach, mit ihrem Vormunde zu reden und ihnen Erloͤ⸗ ſung zu ſchaffen. Die beiden angehenden Maͤn⸗ nerfeindinnen bemerkten nach einer Weile mit Schaudern den Verkehr Bertha's mit einem jun⸗ gen Herrn, aber die Schlaue fuͤhrte, dies gewah⸗ rend, Karln ſelbſt auf ſie zu und ſagte:„„Dieſer „Herr, ein naher Verwandter des Fraͤuléins von „Taube, unſerer Tant, geht jetzt in den Garten „und wird uns den Herrn Magiſter Breitwort ſo⸗ „gleich herausſenden; auch er kennt und verehrt „den Herrn.“— Karl von Dolz empfahl ſich und wirklich kam der Magiſter kurz darauf wieder. Er war ſehr erhitzt und etwas erboſt.„Die al⸗ „berner Menſchen,“ erzaͤhlte er,/ zerren ſie mich „von Ihnen fort, um mich zu fragen, wer ein „groͤßerer Philoſoph ſey: Plato oder Hegel. Eine „ſo alberne Frage, als wenn Jemand fraͤgt: wer „iſt ein groͤßerer Dichter: Homer oder Fried⸗ rich Tietze? oder was ſchmeckt beſſer: Auerhahns⸗ „paſtete oder Reisbrei?“ Reisbrei /“ ſchrien alle vier Maͤdchen in einem Athem,„Reisbrei „ſchmeckt beſſer als Paſtete.„De gustibus non „est disputandum,“ ſagen wir Lateiner, brummte der Magiſter vor ſich hin und zog mit ſeinen vier Kuͤchlein nach Hauſe.— Dort war die Paͤdagogin jetzt nicht zu finden, denn ſie war zum Fraͤulein Taube geladen und mehreren Damen ihres Schlags praͤſentirt worden. Der Magiſter konnte ihr alſo ſein Abentheuer fuͤr heute nicht mittheilen, er⸗ zaͤhlte aber ſeinen Schuͤlerinnen noch, daß ihn blos ein junger, wohlgebildeter Mann aus den Haͤnden der Narren befreit habe.„„Ich moͤchte „ nur wiſſen,“ ſetzte er hinzu, /„woher mich die „Leute alle kannten? ich erinnere mich kaum einen „von ihnen geſehen zu haben, aber es geht doch „daraus hervor, daß man nicht ſo unberuͤhmt iſt „als manche Leute denken, und Fraͤulein Falk „koͤnnte mir in dieſer Ruͤckſicht immer eäalich „ein Paar Groſchen zulegen.— „Sie guter Hr. Magiſter,“ loue dee bömmei⸗ — 226— chelnd,„Sie ſind recht uͤbel daran. Sie ſollen „uns armen Dingern die Logik und Mathematik „einlehren, wozu wir doch gar kein Geſchick ha⸗ „ben, und muͤſſen dann Ihre koſtbare Zeit noch „mit uns verlaufen. Aber wenn ich Ihnen ra⸗ „then darf, ſo verſchweigen Sie den heutigen „Vorfall der Gnaͤdigen, ſie waͤre im Stande und „gaͤbe Ihnen auf der Stelle den Abſchied, blos „darum, weil Sie bei Maͤnnern bekannt und be⸗ „ruͤhmt ſind, und das waͤre gar zu traurig fuͤr „uns. Wir, wir wollen ſchweigen wie das Grab.“ — Der Magiſter fand, daß ſie recht habe; das vierblaͤtterige Kleeblatt verſprach Schweigen, denn langes Zuhauſebleiben waͤre die unausbleibliche Folge von der Entfuͤhrung des Magiſters gewe⸗ ſen, und ſo blieb dieſe Geſchichte d der 4 unbekannt. 6. 2 363 Der Baron von Stein war mit dem Vater der jungen Fraͤuleins von Taube bekannt geweſen unnd intereſſirte ſich fuͤr die armen Waiſen/ denen zwar keineswegs irdiſche Gluͤcksguͤter, wohl aber muͤtterliche Liebe und vaͤterlicher Rath fehlte. Er war nicht wenig erſtaunt, als er hoͤrte, daß die armen Maͤdchen dem neuen Jungfernhospital, wie — 227— er es nannte, einverleibt worden waͤren und er nahm ſich vor, deshalb an ihren Vormund zu ſchreiben, der ihm, dem Namen nach, bekannt war. Doch das Briefſchreiben war ſeine Sache nicht und da er ſich vornahm, erſt genauere Nach⸗ richten uͤber die Zwecke des Philantropins einzu⸗ ziehen, dieſe aber nicht ſogleich erhalten konnte, ſo ſchob er das Schreiben des Briefes von Tag zu Tage auf. Eines Abends wurde ihm ganz unerwartet aus ihrem eigenen Munde der hohe Gang der Falkiſchen Ideen klar. Ein Zufall fuͤhrte ihn eines Abends zur Fraͤulein von Taube, und da er den Vorſaal leer findet, ſo tritt er ſogleich in das Spielzimmer, das aber heute, zu ſeiner großen Verwunderung, oͤde und leer, ja ſogar dunkel iſt. In dem hellerleuchteten Nebenzimmer ſieht er mehrere Damen um eine Unbekannte her⸗ umſitzen und ihrem Vortrage lauſchen. Einige Worte laſſen ihn errathen, daß die Fremde die Falk ſey, und da ihn Niemand bemerkt, ſo bleibt er ſtehen, um ihre Rede mit anzuhoͤren. Sie ent⸗ wickelte ſo eben vor dieſem erleſenen Kreiſe ihre, uns ſchon bekannten Erziehungsprinzipien, die den Baron in ein um ſo groͤßeres Erſtaunen ſetzten, da ſie, von Punſch und Wein belebt, ihre Plaͤne 15* — 228— fuͤr die Zukunft mit noch mehr Feuer und noch weiter als gewoͤhnlich ausſpann. Ihre Hoffnun⸗ gen gingen dahin, daß ihre Schuͤlerinnen, zur Eheloſigkeit gebildet, fortfahren ſollten, wo ſie einſt enden wuͤrde; ſie ſollten ſich, den Apoſteln gleich, uͤber Europa verbreiten und uͤberall leh⸗ ren: daß Eheloſigkeit das hoͤchſte Ziel des Weibes ſey. Wenn dann die Zahl der Ehen bis zur Haͤlfte herabgedruͤckt waͤre, wenn die heirathsluſtigen Maͤnner an zehn Thuͤren anklopfen muͤßten, bevor eine ſich oͤffnete, dann hoffte ſie nicht nur die Wuͤrde des Weibes in hoher Verklaͤrung zu er⸗ ſchauen, nein, ſie hoffte dann auch das wirkſamſte Mittel gefunden zu haben, um der drohenden Uebervoͤlkerung Europa's zu begegnen.— Das iſt ja wahrlich ein weiblicher Weinhold, dachte der Baron und biß ſich auf die Zunge, um nicht laut zu lachen, aber die Falk fuhr fort: 1 „Der groͤßte Triumph fuͤr uns waͤre es, und „gewiß er iſt mit der Zeit zu erreichen, wenn „wir es dahin braͤchten, daß kein Frauenzimmer „von Bildung ſich mehr zum heirathen herabwuͤr⸗ „digen wollte. Dann wuͤrden die Maͤnner, die „ihr Geluͤſte nicht zaͤhmen koͤnnten, genoͤthigt in „die niedern Regionen herabzuſteigen und ihre „Frauen aus ihnen zu waͤhlen und dann waͤre „ja unſer Uebergewicht auf das entſchiedenſte be⸗ „ gruͤndet. Keine Verheirathete wuͤrde dann fer⸗ „ner in unſeren Kreiſen geduldet, wir allein be⸗ „hielten es uns vor, den guten Ton anzugeben. „Dann koͤnnten wir in den Staͤdten Stifte an⸗ „legen, worin die Armen unter uns aufgenom⸗ „men und verpflegt wuͤrden; wir gaͤben das Ge⸗ „ſetz, daß das Vermoͤgen einer jeden von uns, „nach ihrem Tode, dieſen Stiften anheim fiele, „ja wir fuͤhrten ſogar eine gewiſſe Gemeinſchaft „der Guͤter ein, indem die Reichen gehalten waͤ⸗ „ren, den Armen von ihrem Ueberfluſſe mitzu⸗ „ theilen.“ Hier hielt die Rednerin erſchoͤpft inne und ſchaute triumphirend umher; Artemiſia fiel ihr ſchluchzend um den Hals, die Taube ſaß da mit offenem Munde, die Habicht aber klatſchte in die duͤrren Haͤnde und rief einmal uͤber das ander⸗ mal:„herrlich! goͤttlich! ſublime!“— Der Baron hatte genug gehoͤrt, er ſchlich ſich leiſe, wie er gekommen, wieder zur Thuͤre und zum Hauſe hinaus.—„Iſt das Weibsbild ver⸗ ruͤckt?“ fragte er ſich unten,— /„ohne Zweifel/ „wie kaͤme ſie ſonſt auf ſolche tolle Gedanken. — 230— „Altjungfern⸗Spitaͤler will ſie anlegen, nun „Gluͤck auf den Weg, der Andrang wird nicht „groß werden, denn wer will wohl eine alte „Jungfer ſeyn? Wenn uͤbrigens die Idee nur neu „waͤre, aber das iſt nicht einmal der Fall, denn „ich erinnere mich geleſen zu haben, daß ſchon „vor vierzig oder fuͤnfzig Jahren in Hamburg ein „aͤhnlicher Verein von Naͤnnerfeindinnen beſtan⸗ „den hat.“ Als er nach Hauſe kam, ſetzte er ſich ſogleich zum Schreiben nieder und fertigte einen Brief an den Geheimenrath Schwabe, der, wie er wußte, der Vormund der Taͤubchen war. Er erzaͤhlte ihm darin, was man in der Stadt von dem Falkiſchen Philantropin ſagte und was er ſo⸗ eben ſelbſt gehoͤrt hatte, und zum Ueberfluſſe legte er ihm ein Exemplar des Intelligenzblattes bei, in dem die Ankuͤndigung Adelens von Falk abge⸗ druckt war. Zufrieden dieſe Arbeit vollbracht zu haben, rieb er ſich die Haͤnde als wolle er ſie in Unſchuld waſchen und trank eine Flaſche Ruͤdes⸗ heimer, die ihm trefflich mundete.— Der Brief kam gerade zur rechten Zeit, um den Gebruͤdern von Dolz in der Reſidenz in die Haͤnde zu arbeiten. Dieſe hatten das etwas ge⸗ ſunkene Wohlwollen ihres Vaters ſchnell wieder — 231— auf den Kulminationspunkt gehoben, denn ſie hat⸗ ten ein ſehr gutes Examen gemacht. Wenn ſie auch manchmal weder fleißig noch ſparſam gewe⸗ ſen waren, ſo fehlte es ihnen doch weder an Ver⸗ ſtand noch an Kenntniſſen, und das eifrige Stu⸗ dieren in den letzten Wochen, hatte die Luͤcken in dem Vorrathe derſelben wieder ausgefuͤllt. Als nun das letzte, ſchreckliche Examen gluͤcklich uͤber⸗ ſtanden und ſie von ihrem Vater an die entzuͤckte Bruſt gedruͤckt worden waren/ da erinnerten ſie ſich auch der armen Leidenden und Liebenden und erzaͤhlten ihm von der Penſion, in der Bertha und Klara ſchmachteten. Der Vater lachte uͤber das neumodiſche Philantropin und verſprach mit ſeinem Kollegen, dem Geheimenrath Schwabe, zu reden; ein Verſprechen/ das er auch nach einigen Tagen erfuͤllte. Schwabe zog ihn eiligſt in eine Ecke und fragte: ob er auch ſchon davon gehoͤrt habe?„da erhielt ich,“ ſetzte er hinzu/„ ſo eben „einen Brief von einem Baron von Stein in „N..., dem ich vor einigen Jahren einen Dienſt „zu leiſten die Gelegenheit hatte und der ſchreibt „mir, daß er durch Zufall die verſchrobenen An⸗ „ſichten des Fraͤuleins von Falk aus ihrem eige⸗ „nen Munde vernommen habe. Ich weiß gar — 232— „nicht wo die Tante meiner Muͤndeln hingedacht „hat, ſie dort hinzuthun, ſie war doch ſonſt keine „ſo abſolute Feindin des Heirathens.”“„Viel⸗ „leicht,“ nahm der Geheimerath von Dolz das Wort,„vielleicht koͤnnen meine Soͤhne, die mir „die Nachrichten uͤberbrachten, einige Auskunft „uͤber die Gruͤnde geben, die das Fraͤulein von „Taube bewogen haben, ſo grauſam gegen ihre „Nichten zu ſeyn. Sch n vwill ſie doch einmal be⸗ — 12 90 Geſagt, gethan. Der alte Praktikus— die Herren Soͤhne des Nachmittags einzeln ins Examen und bald wußte er wenigſtens die letzte Veranlaſſung zu der Verweiſung in das Falkiſche Inſtitut, die auch dem Herrn Kollegen mitgetheilt wurde. „Nun,“ ſagte der Bormund,„die Parthien „waͤren ſo uͤbel nicht. Die Herren Soͤhne haben „ſich die große Carriere eroͤffnet und in ein Paar „Jaͤhrchen werden ſie ſchon weich und warm „ſitzen; meine Muͤndeln haben, wie Sie wiſſen, „ein artiges Vermoͤgen und ich daͤchte, Herr Kol⸗ „lege, wenn die jungen Leutchen in ein Paar „Jahren noch eben ſo denken”—„Vor allen „Dingen,”“ fiel Dolz lachend ein,/ befreien Sie „nur erſt ihre Muͤndelchen aus dem Altjungfern⸗ Aittaha das Uebrige findet ſich dann wohl von „ ſelbſt. 42f Der Gcheiueratß Schwabe beſchloß in Perſon nach N... zu reiſen, die Penſion mit eigenen Augen zu beſehen und die Muͤndeln daraus zu entfernen, wenn auch nur ein kleiner Theil von dem wahr ſey, was er von dem Baron oder den Herren von Dolz gehoͤrt haͤtte. Der Tante wollte er bei dieſer Gelegenheit den Kopf auch wieder zurechte ſetzen und die Maͤdchen, die er ihrer Auf⸗ ſicht nicht mehr ferner anvertrauen mochte, mit ſich in die Reſidenz und zwar in ſein eigenes Haus nehmen. Den Gebruͤdern von Dolz, die auch nach N.... zuruͤckkehren mußten, machte er den Antrag, ihn zu begleiten, und man kann ſich vor⸗ ſtellen, wie gern ſie das thaten, da es ihnen nicht ganz verſchwiegen worden war, wie guͤnſtig der Geheimerath fuͤr ihre Wuͤnſche geſtimmt ſey. Ue⸗ berhaupt war, nach gluͤcklich vollendeter Pruͤfung, die Liebe zu ihren Kouſinen wieder ſehe ridomi nirend geworden. Abs ſie auf der letzten Station vor N.ge an⸗ kamen, fuhr, faſt zu gleicher Zeit mit ihnen, ein — 234— eleganter Reiſewagen vor, aus dem ein Mann, anſcheinend etliche vierzig Jahre alt, ſtieg. Der Poſtmeiſter hatte gerade keine Pferde bei der Hand, und ſo mußten ſich die Reiſenden gedulden. Man nahm gegenſeitig wenig Notiz von einander, doch wuͤrde es einem aufmerkſamen Beobachter nicht entgangen ſeyn, daß der Fremde uͤberraſcht auf⸗ ſah, als der Name des Fraͤuleins von Falk von einem Inſaßen des andern Wagens genannt wurde. „Haben Sie denn nicht gehoͤrt,“ fragte nach ei⸗ ner Pauſe der Geheimerath dem aͤlteſten Dolz, „wie die andern Maͤdchen heißen, die ſie bei ſich „hat? ¹1—„Ja ſie ſind mir auch genannt wor⸗ „den,“ entgegnete dieſer,„und irre ich nicht, „ſo heißen ſie Leithold.— Hier ſprang der Fremde auf und trat eiligſt zu Karln hin.„Ver⸗ „zeihen Sie, meine Herren, daß ich Ihr Geſpraͤch „ unterbreche; ſprachen Sie nicht von einem Paar „Maͤdchen, die Leithold heißen?“—„Ja, mein „Herr,“ antwortete der Befragte uͤberraſcht.— „ Und darf ich fragen, wo dieſe ſind?“—„In „N.. bei einer Fraͤulein von Falk in Penſion.““ — Der Fremde ging einige Male im Zimmer auf und ab und trat dann wieder zu ihnen.„Ich „ muß Ihnen ſonderbar vorkommen, meine Her⸗ —-— 235— „ren,“ fuhr er fort/„aber erlauben Sie mir „noch eine Frage: ſind die Leitholds vielleicht aus „Hamburg?“—„Das wiſſen wir nicht, aber „fremd ſind ſie in N.— Und das Fraͤu⸗ „lein von Falk, iſt das aus N. 2—„Ich „glaube nicht, mein Herr,“ antwortete Karl, „aber Sie haben mich ſo viel gefragt, erlauben „Sie, daß ich jetzt auch einige Fragen an Sie „richte.— Haben Sie ſchon fruͤher ein Fraͤulein „Adele von Falk gekannt?“—„ Adele von Falk! „Leider habe ich ein Weſen dieſes Namens ge⸗ „kannt.*— War dieſes Fraͤulein groß, hatte „ſie ſchwarzes Haar/ braͤunliches, etwas maͤnnli⸗ iches Geſicht?*¼—11 Ja.”—„Nun dieſes Fraͤu⸗ „lein hat vor kurzer Zeit in N... ein Erzie⸗ „hungsinſtitut fuͤr junge Maͤdchen aus den hoͤ⸗ „heren Staͤnden errichtet und wohnet in der gro⸗ „ßen Straße Nro. 396.4 „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ nahm der Fremde hier wieder das Wort/ ich danke Ihnen „ herßlich fuͤr Ihre Nachrichten. Sie ſind mir von „Gott zugefuͤhrt! Wahrſcheinlich finde ich bei der „Falk Alles was ich ſuche und wenn ich Ihnen „nicht begegnete, ſo verließ ich N... wahrſchein⸗ — — 236— z lich morgen ſchon wieder, da ach einer fullhen 1 Spur folgte.“* Der Geheimerath, bisher ein ſeummer aben theilaehmender Zuhoͤrer, miſchte ſich jetzt in das Geſpraͤch und bat die Wortfuͤhrer deſſelben, lieber mit ihm in ein Nebenzimmer zu treten, als ihre Geſchaͤfte hier in der oͤffentlichen Wirthsſtube zu verhandeln. Als dieſer Rath befolgt war, ſo wen⸗ dete er ſich gegen den Fremden und meinte: ſie waͤren wohl zu gleichem Zwecke auf einem Rit⸗ terzuge begriffen, denn auch er ſtaͤnde im Begriff/ das Falliſche Inſtitut zu beſehen, weil zwei Muͤn⸗ deln von ihm demſelben, ohne ſein Wiſſen, anver⸗ traut worden waͤren. Waͤre nun der Herr, der ſo großen, wenn gleich nicht eben freundſchaftli⸗ chen Theil an der Falk zu nehmen ſchien, in aͤhn⸗ licher Abſicht unterwegs, ſo moͤchte es wohl gut ſeyn, wenn man ſich gegenſeitig erklaͤre, damit man, im Fall der Noth, gemeinſchaftlich handeln koͤnne und nicht etwa der Eine oder der Andere durch ihre Raͤnke getaͤuſcht werde.— Als jetzt der Fremde auch uͤber ſeine Reiſezwecke Auskunft ge⸗ ben wollte, kamen die Pferde an. Der Geheime⸗ rath bat ihn den vierten Platz in ſeinem Wagen einzunehmen und ihnen unterwegs Alles zu erzaͤh⸗ — 237— len. Dieſer Vorſchlag wurde mit Dank angenonn⸗ men, und als der Geheimerath ihn noch mit ſei⸗ nem und ſeiner Begleiter Namen und Stand be⸗ kannt gemacht hatte, ſetzte man ſich im Wagen zurechte und der Fremde begann wie folgt: „Ich heiße Leithold und bin aus Hamburg, „wo ich vor mehreren Jahren ein ſolides Han⸗ „delsgeſchaͤft hatte. Leider ſtarb meine erſte Frau „vor zehn Jahren und ließ mir zwei Toͤchter, von „acht und ſieben und einen Knaben von vier Jah⸗ „ren zuruͤck, die es noͤthig machten, daß ich an eine zweite Ehe dachte.“—„Johann!“ rief hier der Geheimerath ſeinem Bedienten auf dem Bocke zu,„ unſer Wagen iſt zu ſchwer, ſetze Dich „auf den Bock des andern, der Herr Leithold er⸗ „laubt es Dir.— Der Menſch iſt treu und ehr⸗ „„lich,“ fuhr Schwabe fort als Johann ſeinen Be⸗ fehl befolgt hatte,„aber er hat ein feines Gehoͤr „und eine plauderhafte Zunge. Sie haben doch „nichts gegen meine Anordnung?— eeithold dankte fuͤr des Geheimeraths Vorſorge und fuhr fort:„Ich fand ein armes, aber ſehr gutgearte⸗ „tes Maͤdchen, das mir zum Altare folgte und „die erſten zwei Jahre mir eine treue Gattin, „meinen Kindern eine liebevolle Mutter war. Da — 238— 1 fiel ihr, ganz unerwartet, eine reiche Erbſchaft „zu, die ſie noͤthigten, ſelbſt nach Amſterdam zu „reiſen und da ich gerade damals ſie unmoͤglich „begleiten konnte, ſo mußte ſie blos in Geſell⸗ „ſchaft eines Rechtsconſulenten ihre Reiſe antre⸗ „ten. In Amſterdam lernte ſie das Fraͤulein von „Falk kennen und beredete ſie, mit nach Hamburg „zu ziehen und einen Zufluchtsort in unſerem „Hauſe anzunehmen. Mit ihr zog der Unfrieden „und das Ungluͤck in meine, ſonſt ſo ruhige und „gluͤckliche Wohnung ein. Zuerſt erkrankte und „ſtarb mein Sohn, dann erlitt ich mehrmals be⸗ „traͤchtliche Verluſte, die mir um ſo ſchwerer zu „verſchmerzen waren, da meine, ſonſt ſo einfa⸗ „che, Frau, ich weiß nicht ob von ihrer Geſell⸗ „ſchafterin oder ihrer Erbſchaft verleitet, einen, „der letztern ganz unangemeſſenen Aufwand zu „machen begann. Vergebens entfernte ich das 1 Fraͤulein aus meinem Hauſe, meine Frau nannte „das Tyrannei und ſchwaͤrmte den groͤßten Theil des Tages mit ihr umher. Vergebens waren 2 alle Bitten und Vorſtellungen, ſie kam mit je⸗ „dem Tage verbitterter gegen mich zuruͤck; meine „Kinder behandelte ſie nicht ſchlecht, ſie nahm ſich — — — 239— „ihrer eben ſo thaͤtig an als vorher, aber ſie war „ſo kalt gegen ſie wie gegen mich „Indeſſen haͤuften ſich die Ungluͤcksfaͤlle und ich „ſah ein ſchlimmes Ende voraus, wenn nicht bald „Aenderungen in meinem Hausweſen vorgingen. „Ich ſprach mit meiner Frau, ſtellte ihr meine „Lage vor und bat ſie um Einſchraͤnkung ihres „Aufwandes. Sie hoͤrte mir zwar mit Erſtaunen zu, aber ſtatt auf meine Bitte einzugehen, for⸗ „derte ſie die 40,/000 Mark zuruͤck, die von ih⸗ „rem Vermoͤgen in meiner Handlung ſtanden. „Ich wollte ihre Forderung als einen Scherz be⸗ „handeln, aber ich merkte bald, daß es ihr bit⸗ „terer Ernſt war. Sie ſprach mit ihrem Anwal⸗ „te, machte ſchonungslos meine uͤbele Lage be⸗ „kannt und erweckte durch ihr Gerede die Auf⸗ „merkſamkeit meiner Glaͤubiger. Ein neuer Ver⸗ „luſt, durch den Bruch eines Rotterdamer Hau⸗ „ſes herbeigefuͤhrt, entſchied mein Ungluͤck. Alles „ſauͤrzte auf mich ein und ich mußte meine In⸗ „ſolvenz anzeigen. Meine Frau griff nach ihren „vierzigtauſeltd Mark, meine unmuͤndigen Kinder „erhielten ihr Vermoͤgen, die Glaͤubiger retteten „aus dem Konkurs einige fuͤnfzig Procent und „ich war— ein Bettler.... — 240— „Da es mir unmoͤglich war, mich von mei⸗ „ner Frau oder meinen Kindern ernaͤhren zu laſ⸗ „ſen, ſo wendete ich mich an einen Freund mei⸗ „ ner Jugend, der mich mit einem Vorſchuß un⸗ „terſtuͤtzte und mir die beſten Empfehlungen nach „Mexiko gab. Dort war damals gerade eine neue „Handelsthaͤtigkeit erwacht; Schiffe aus allen „Theilen Europa's, brachten die Fabrikate aller „Laͤnder dahin. Die Waaren wurden oft ver⸗ „ſchleudert, oft wieder geſucht, denn die Bewoh⸗ „ner kauften damals wie raſend. Ich legte den „Reſt meiner Baarſchaft in Waaren an und ge⸗ „wann betraͤchtlich; der Gewinnſt wurde ebenſo „verwendet und wiederum gewonnen. Wie in „Europa mich in den letzten Jahren das Ungluͤck „verfolgte, ſo jetzt das Gluͤck, und bald war ich im Stande, mich in groͤßere Unternehmungen neinzulaſſen. Damals wurden in England die „ mexikaniſchen Bergwerkspapiere ſehr geſucht und „eine kuͤhne Spekulation darin gelang ſo uͤber „alles Erwarten, daß ich durch ſie ein reicher „Mann wurde, wie ein Jahr ſpaͤter in Europa „durch eben dieſe Papiere Tauſende von Menſchen arm wurden. Nach einer oiertehalbjaͤhrigen Abwe⸗ „ſenheit konnte ich nach Europa zuruͤckkehren/ Waͤhrend dieſes Ungewitter ſchon in ſolcher dem Sturme, der ſie bedrohte. Ihr Anſehen hatte — 241— „meine Glaͤubiger vollends befriedigen und mir „blieb immer noch ſo viel, um mich entweder in „Ruhe zu ſetzen oder ein neues Geſchaͤft zu beginnen. „Aber denken Sie ſich meinen Schrecken, als ich „bei meiner Ankunft in Hamburg erfuhr, daß „meine Frau mit meinen Kindern dieſe Stadt „ſchon ſeit zwei Jahren verlaſſen habe. Der Ban⸗ „quier, der ihre Geſchaͤfte beſorgt hat, hatte ihr „Vermoͤgen eingezogen und nach Augsburg an ei⸗ „nen andern Banquier gezahlt. Dorthin wollte „ich jetzt, als Sie mich auf eine andere Spur „leiteten und mir Hoffnungen gaben, meine Kin⸗ „der ſchon in N.... wiederzufinden. Das Falk⸗ „iſche Philantropin moͤchte wohl nun im Entſte⸗ „hen wieder zerſtoͤrt werden, denn ich habe Be⸗ „weiſe gegen ſie in den Haͤnden, die ihr im Noth⸗ „falle ein anderes Plaͤtzchen als an der Spitze eie „ner Erziehungsanſtalt verſchaffen koͤnnten.“ nbi 3 8. Naͤhe gegen das Fraͤulein Adele heranzog, war ſie noch ganz wohlgemuth und ohne Ahndung von unter einem Theile der Einwohner von N.... faſt den Kulminationspunkt erreicht; ſie war tote 16 — 242— devot geworden, uͤberließ dem Magiſter ihre Jung⸗ fernanſtalt jetzt ganz allein und brachte ihre Zeit faſt ganz in Geſellſchaft gottſeliger Menſchen, d. h. von Betſchweſtern und Betbruͤdern, zu. Fraͤulein von Taube folgte ihr unbedenklich darin nach; ſie brach alle Spielkraͤnzchen ab, las Traktaͤtchen und die Bibel und hoͤrte den Reden zu, die der hei⸗ lige Geiſt den wahren Chriſten eingab. Artemiſia war zu weltklug, um Adelens Beiſpiel unbedingt zu befolgen; ſie nahm zuvor mit ihrem Verleger Ruͤckſprache.„Fromme,“ ſchrieb dieſer zuruͤck, „kaufen keine Romane und Weltmenſchen wenig⸗ „ſtens die einer Frommen nicht. Wenn Sie alſo „zu den Devoten ſich fluͤchten, ihre etwaigen Ju⸗ „gendſuͤnden dort abbuͤßen und dennoch fort ſchrei⸗ „ben wollen, ſo ſehen Sie ſich fuͤr's erſte nach „einem andern Verleger um, auf mich duͤrfen „Sie dann nicht mehr zaͤhlen.“ 4 Solche Drohung verfehlte ihren Zweck nicht. Die Schriftſtellerin zog ſich zuruͤck und verließ wenige Tage vor der Kataſtrophe N...., um ſich in Leipzig niederzulaſſen, und ſo allen Draͤn⸗ gen ihrer alten Freundinnen zu entgehen. Urſula von Habicht widerſtrebte auch einige Zeit dem Zu⸗ reden der Falk und Taube; ſie ſtieß ſich haupt⸗ — 243— ſaͤchlich an die gemiſchte Geſellſchaft/ die in den Konventikeln herrſchte. Als ſie aber erſt einmal einen beſucht und geſehen hatte, mit welcher De⸗ muth man ihr begegnete/ da war ihr widerſtre⸗ bender Geiſt bezwungen und ſie nun eine eben ſo eifrige Beterin als ſie fruͤher Kartenſpielerin u. ſ. w. geweſen war. Der Baron von Stein lach⸗ te, aͤrgerte und freute ſich durch einander. Er kam eben von dem Fraͤulein Taube nach Hauſe, bei der, nach alter Ordnung, heute Whiſtkraͤnz⸗ chen geweſen waͤre, und hatte, wie er vorausge⸗ ſehen, ſie in Begriff gefunden in den Konventikel zu gehen. Sie hatte ihm einen verachtenden Blick zugeworfen und wiederholt: daß ſie nie wieder ſpielen wuͤrde. Der Baron war ſeit Jahren ge⸗ wohnt, mit dieſen Damen alle Woche ein Paar Abende beim Whiſt zu verleben, und ein Gewohn⸗ heitsmenſch, wie er war, wußte er nun noch nicht wie er dieſe Abende ausfuͤllen ſollte, ob er ſich gleich auf der andern Seite freute, dem alten Jungferntrio auf gute Art entgangen zu ſeyn. Wie er nun ſo truͤbſelig da ſaß, wurde ihm der Geheimerath Schwabe gemeldet, der ſo eben an⸗ gekommen war. „Dein Brief hat gewirkt,“ dachte der Baron 16* — 24— und eilte dem Eintretenden feoͤhlich entgegen. „Ich habe zwar nicht die Ehre Sie perſoͤnlich zu „kennen,“ rief er ihm zu,„ aber ich freue mich „wie ein Kind uͤber Ihre Ankunft. Sie kommen „gerade zur rechten Zeit. Die Tante Taube iſt „devot geworden und die Falk dazu, es iſt eine „Heidenwirthſchaft in unſerer guten Stadt.“— Waͤhrend dieſer Anrede hatte er den Gaſt auf das Sopha gefuͤhrt und nach den gewoͤhnlichen Ein⸗ gangkomplimenten wandte ſich das Geſpraͤch wie⸗ der auf das Falkiſche Inſtitut. Der Baron er⸗ zaͤhlte das uns ſchon Bekannte und ſetzte dann noch Folgendes hinzu:„das ſchleunige Eintreten „Ihrer Muͤndeln in das Philantropin ſchien dem „Fraͤulein ein Pfand, daß ihr Plan Beifall fin⸗ „den werde und ſie erwartete nun, daß von al⸗ „len Seiten Eltern und Vormuͤnder herbeiſtroͤ⸗ „men wuͤrden, um ihre Toͤchter und Muͤndeln „unter ihre Zucht zu geben. Die Arme ſah ſich „aber betrogen; kein einziges Anerbieten wurde „ihr gemacht, wohl aber mußte ſie oft Spott er⸗ „tragen. Jetzt warf ſie ſich den frommen Cote⸗ „rien hier in die Armen und zog auch meine al⸗ „ten Freundinnen mit ſich fort; die Froͤmmigkeit, „die ihr fruͤher nur als Mittel dienen ſollte/ * „wurde ihr nun Zweck. Sie ſoll ſich großen Ein⸗ „ fluß unter den Stillen erworben haben, und ich „denk immer mit dieſen im Vereine wird ihr In⸗ „ſtitut bald bevoͤllert ſeyn.“(„Kann wohl ſeyn,““ fiel der Geheimerath ein,„aber fuͤr's erſte ſoll nes wieder ganz entvoͤlkert werden, denn nicht „nur meine Muͤndeln ſollen es wieder verlaſſen, 4 „ſondern auch der Erloͤſer der beiden Stammkin⸗ „der iſt, wenn mich nicht Alles truͤgt, mit mir „hier angekommen.“ Der Baron horchte hoch auf, und echwabe ihm das Abentheuer auf der letzten Station er⸗ zaͤhlte/ ruhte er nicht eher als bis er ihm ver⸗ ſprach, ein kleines Junggeſellen Abendeſſen mit ſeinen Reiſegefaͤhrten bei ihm einzunehmen. Der Geheimerath empfahl ſich und Stein hatte nun mit ſeinem Bedienten alle Haͤnde voll zu thun, um in der kurzen Zeit, die ihm blieb, von allen Italienern und aus den Gaſthoͤfen der Stadt ein Abendeſſen zuſammen zu trommeln, das ihm Ehre machen ſollte. Waͤhrend die vier Reiſenden mit dem Baron ſchmauſten und wohlgemuth den Angriffsplan fuͤr den andern Morgen bereden, wenden wir unſere Blicke auf Adelen, die heute vom heiligen Geiſte — 246— „beſonders angeregt, hoͤchſt wunderſame Dinge zum Beſten gab und in den Augen ihrer Geiſtesge⸗ noſſen auf einer ſchwindelnden Hoͤhe ſtand, die ſchwer zu erreichen, noch ſchwerer aber zu be⸗ haupten war. 1 In einem Gartenſaale der Vorſtadt, in dem man eine kuͤnſtliche Dunkelheit durch das matte Licht einer Beinglaslampe faſt noch erhoͤhte, ſaßen die vermeintlichen Schooßkinder Gottes verſam⸗ melt; die Sonne war zwar noch nicht unterge⸗ gangen, aber es war ihre Gewohnheit durch das Schließen der Laden ihr Element, die Dunkelheit, hervorzubringen; eine Oellampe gab das noth⸗ duͤrftige Licht, wenn es gleich wohlfeiler und beſ⸗ ſer in der Naͤhe zu haben war. In dieſer Daͤm⸗ merung ſaßen etwa vierzig Perſonen, beiderlei Ge⸗ ſchlechts, unter denen man auch einige unſerer al⸗ ten Bekannten, als die Falk, die Habicht und die Taube erkannte. Letztere hatte heute zum er⸗ ſten Male ihre vier Kuͤchlein hier um ſich ver⸗ ſammelt; die armen Maͤdchen ſaßen auf einer, fuͤr die Jugend beſtimmten Bank und warteten aͤngſt⸗ lich der Dinge, die da kommen ſollten. Nachdem ein langes Gebet geſprochen war, dem ein nicht kuͤrzeres Lied folgte, erhob ſich ein junger Geiſtlicher und ſprach lange Zeit: uͤber das Verdienſtliche, das darin laͤge, Gott mehr als den Menſchen zu gehorchen. Er ſtellte ſich und ſeine — 247— Zuhoͤrer als Verfolgte dar, weil ſie dieſem Grund⸗ ſatze nachlebten und ſich hier verſammelten; denn wenn ihnen dieſe Zuſammenkuͤnfte auch nicht ver⸗ boten waͤren, ſo ſaͤhe doch weltliche und geiſtliche Obrigkeit, die in Satans Stricken laͤge, ſcheel dazu und warte nur auf Gelegenheit, ſie mit Feuer und Schwert zu bekaͤmpfen. Er ſprach darauf mit Entzuͤcken von dem Zeitpunkte, in dem die Ver⸗ folgungen gegen ſie beginnen wuͤrden, er ermahnte ſeine Zuhoͤrer feſt an dem zu halten, was ſie als wahr erkannt haͤtten und verſprach ihnen, an ih⸗ rer Spitze um die Maͤrtyrerkrone zu ringen. Zum Schluße erklaͤrte er noch, wahrſcheinlich um ſchneller zum erwaͤhlten Ziele zu kommen, daß es gottlos ſey, einer Regierung zu gehorchen, die Soldaten aushebe und Schauſpielhaͤuſer baue. Als der Geiſtliche ſchwieg, erhob ſich Adele von Falk, um auch, vom Geiſte getrieben, einige Worte zu reden. Sie gab zuerſt dem Bruder in Chriſto, der vor ihr geſprochen, inſofern Recht, als nichts verdienſtlicher ſey als fuͤr den wahren Glauben zu leiden, doch, meinte ſie, daß nicht Deutſchland, nicht Europa der ihnen beſtimmte Leidensort ſey. In fremde Welttheile muͤßten ſie gehen, ohne An⸗ ſehen des Geſchlechts und der Perſon, und Heiden bekehren; das waͤre die wahre Art fuͤr den Glau⸗ ben zu dulden, und ſo bald ſie ihre Erziehungs⸗ anſtalt ſicheren Haͤnden anvertraut habe, wolle ſie — 248— den chriſtlichen Frauen als Beiſpiel vorangehen und Miſſionaͤrin werden. Die noͤthigen Kennt⸗ niſſe an Sprachen u. ſ. w. wuͤrde der heilige Geiſt ſchon zur rechten Zeit ihr mitzutheilen nicht ermangeln. Als ſie verſtummte, ſaß die ganze kleine Ge⸗ meinde anfangs wie verdutzt da. Selbſt der Geiſt⸗ liche war etwas beſchaͤmt, weil ihn ein Weib an frommer Zuverſicht ſowohl als an kuͤhnen Gedan⸗ ken uͤbertraf, und er ſtoͤhnte:„Wahrlich! ſolchen Glauben habe ich in Ifrael noch nicht funden!“ Endlich loͤſte ſich ein allgemeines, dumpfes Bei⸗ fallsgemurmel von den Herzen der Glaͤubigen los, und als nach einem nochmaligen Gebete die Ge⸗ meinde aus einander ging, da begleitete ein Theil derſelben Adelen faſt im Triumphe nach Hauſe. Die Gute ahndete wohl nicht, daß ſie der laͤſtigen Aufſicht uͤber ihr Inſtitut ſo bald enthoben und ihren heiligen Beruf ganz hingegeben werden ſollte. 9. 1 Am anderm: Morgen, als die Maͤdchen in den Mathematikſtunde ſchwitzten und ihre Erzieherin eben ein nahrhaftes Fruͤhſtuͤck einzunehmen im Be⸗ griff ſtand, wurde dieſer der Geheimerath Schwabe aus der Reſidenz gemeldet. Der Name war Ade⸗ len fremd, und da ſie keine Ahndung von den Gefahren hatte, die ihre Anſtalt bedrohten, ſo nahm ſie ihn unbefangen, ja ſelbſt mit Freuden auf, denn ſie hoffte, es ſey ein Mann, der ihr —- 249——. ſeine Tochter anvertrauen wolle. Ihre Vermu⸗ thungen wurden beſtaͤrkt, denn der Geheimerath erkundigte ſich genau nach ihrem Inſtitute und wuͤnſchte ihre Pflegetoͤchter zu ſehen. Dieſe Zumu⸗ thung brachte das Fraͤulein in Verlegenheit.„Ich „weiß nicht, Herr Geheimerath,“ fing ſie an, „ob Ihnen die Grundſaͤtze, nach welchen ich er⸗ „ziehe, hinlaͤnglich bekannt ſind?“—„O! ja, „ſo ziemlich,“ antwortete dieſer und machte Miene aufzuſtehen. Das Fraͤulein hielt ihn feſt.„Herr „Geheimerath,“ ſprach ſie dringend,„ich weiß nicht— meine Pflegetoͤchter ſind nicht gewohnt auſſer ihrem Lehrer mit Maͤnnern zuſammen zu kommen und uͤberdieß weiß ich auch nicht, ob ſie ordentlich genug angezogen ſind, um ſich vor „Ihnen produciren zu koͤnnen.“*—„Ach, Lari⸗ „fari,“ antwortete der Geheimerath, das nehme „ich nicht ſo genau,“ doch erſchrack er in der That etwas, als er jetzt einen pruͤfenden Blick auf Adelen warf und ihren unordentlichen Anzug bemerkte. Das Fraͤulein nahm noch ein Mal das Wort, aber die Apologie ihrer Erziehung wollte ihr nicht uͤber die Zunge, denn der Herr Gehei⸗ merath hatte ſo etwas ſtattliches, daß ſie es fuͤr gut hielt, vorſichtig zu ſeyn, um ſo mehr, da ſie den Zweck ſeines Beſuchs noch nicht einſah. Sie. ſagte ihm alſo, daß ſie zur Ertoͤdtung der Eitel⸗ keit, die ihr anvertrauten Fraͤuleins ſich nicht eben —— 4— 250— ſehr herausputzen laſſe. Der Geheimerath gab ihr Recht und bat ſie, ihn zu den Maͤdchen zu gelei⸗ ten. Mit zoͤgernden Schritten fuͤhrte ſie ihn ei⸗ nen Gang entlang zu dem Zimmer, in dem Ma⸗ giſter Breitwort ſeine Weisheit auspackte.„Wir „ſind nun,“ ſo ſcholl es den Ankommenden ent⸗ gegen,„wir ſind nun ſeit vierzehn Tagen bei der „Kongruenz der Dreiecke und noch immer wiſſen „Sie nicht, unter welchen Bedingungen zwei „Dreiecke einander kongruent, d. h. einander „gleich und aͤhnlich ſind oder ſich decken. Fraͤu⸗ „lein Klara, in welchen Faͤllen decken ſich die „ Dreiecke?“— Hier oͤffnete Adele die Thuͤre und Klara antwortete:„Ich weiß es nicht.*—„Fraͤu⸗ „lein Bertha wiſſen Sie es?“—„Ja, wenn ſie „einander konkurrent ſind.“— Der Magiſter wollte eben ſeinem Zorne freien Lauf laſſen als er den Fremden erblickte und mit tiefen Verbeug⸗ ungen bewillkommte. Die vier Maͤdchen wendeten ſich nun auch um, erhoben ſich von ihren Plaͤtzen und machten dem anſtaͤndig gekleideten Manne mit ſeinem Orden tiefe Knixe. „Schließen Sie gefaͤlligſt, Herr Magiſter,“ ſagte das Fraͤulein,„dieſer Herr hier, der Herr „Geheimerath Schwabe aus der Reſidenz, wuͤnſcht „ meine Penſionairinnen kennen zu lernen.“ Der Magiſter gehorchte und ſchob ſich mit tauſend Komplimenten zur Thuͤre hinaus. Als Bertha 1 1 — 251— 4 und Klara den Namen ihres Vormunds hoͤrten, ſo nickten ſie einander zu und Klara rief:„Ach! „der Herr Vormund.“— Bei dieſen Worten ſchreckte das Fraͤulein von ſelbſt etwas zuſammen. „Wie, mein Herr!“ ſagte ſie ſich faſſend,„wie, „Sie ſind der Vormund der Fraͤuleins von Tau⸗ „be, und das erfahre ich erſt jetzt?“„Hat Ih⸗ nen das die Tante derſelben nicht fruͤher ge⸗ ſagt?“ antwortete dieſer kalt—„„das thut mir „leid, ich kann nichts dafuͤr. Alſo das ſind meine „Muͤndeln,“ fuhr er, ſich zu Bertha und Klara wendend, die ſchuͤchtern zu ihm getreten waren, fort,„ich haͤtte Euch nicht wieder erkannt, ſo „ groß ſeyd Ihr geworden, ſeit Ihr mein Haus „mit Eurer Tante verließt. Ihr erinnert Euch „meiner auch wohl kaum mehr, denn es ſind „ſchon ſieben Jahre, daß Ihr hier ſeyd.“— Die Schweſtern ſchmigten ſich traulich an ihn und verſicherten, ſie wuͤrden ihn nimmer wieder er⸗ kannt haben; ſie fragten nach ſeiner Frau, die ſie eine Zeitlang bemuttert hatte, nach ſeinen Kindern und manchen andern Dingen, deren ſie ſich erinnerten. Das Fraͤulein Falk ſtand wie auf Kohlen. Jetzt betrachtete er auch das andere Schwe⸗ ſternpaar, das ſich ſchuͤchtern in einen Winkel zu⸗ ruͤckgezogen hatte.„„Das ſind Ihre andern Pen⸗ ſionairinnen? mein Fraͤulein,“ fragte er,, und — 252— „ wie ich hoͤre, zwei Demoiſelles Leithold aus Hamburg? Iſt es nicht ſo, meine Damen?— Die Maͤdchen bejahten es ſchweigend.—„Ihr „Herr Vater,“ fuhr er fort,„verließ vor etwa „vier Jahren Hamburg, und Sie haben ſeitdem „wenig oder gar nichts von ihm gehoͤrt?“— „Unſer Vater iſt todt,“ antwortete die aͤlteſte Tochter.„In Weſtindien geſtorben,“ ergaͤnzte die Falk,„ſchon vor zwei Jahren.“—„Ei, „ſind Sie denn deſſen ſo gewiß?“¹ fragte Schwa⸗ be,„man kann ſich leicht irren. Ich ſelbſt habe „erſt ganz vor Kurzem einen Herrn Leithold aus „Hamburg geſprochen, der vor einigen Wochen „aus Weſtindien zuruͤckgekommen iſt und ſeine „Frau nebſt zwei Toͤchtern ſucht, die ſich waͤhrend „ſeiner Abweſenheit nach Suͤddeutſchland oder „ der Schweiz gewendet hat.“— Die Maͤdchen waren waͤhrend dieſer Rede aus ihrer Ecke her⸗ vorgekrochen und ſtaunten den Fremden an. Das Fraͤulein war vor Schrecken halb des Todes und ſie konnte kaum die Worte herſtammeln:„Un⸗ „moͤglich! das muß ein Betruͤger ſeyn.“„Nun, „das muß ſich ſchnell ausweiſen; da er, wie er „ſagt, von Ihnen gekannt iſt, mein Fraͤulein, ſo „werden Sie ſogleich ſelbſt beurtheilen koͤnnen, „ob. er der rechte Leithold iſt oder nicht.“— Nach dieſen Worten verließ der Geheimerath ſchnell das Zimmer, und ehe ſich die Paͤdogogin wieder faſſen konnte, trat er mit Leithold ins Zimmer.„Gott! Gott! die Todten ſtehen wie⸗ „der auf!“ rief Adele entſetzt, und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden. Der Vater ſtuͤrzte auf ſeine Toͤchter zu und umarmte ſie laut wei⸗ nend; die Fraͤuleins von Taube draͤngten ſich um ihren Vormund und fragten leiſe, was dieſer Auf⸗ tritt zu bedeuten habe? aber dieſer winkte ihnen Stillſchweigen zu und fuͤhrte die Falk auf ihr Zimmer, wohin ihnen Leithold nach einigen Mi⸗ nuten folgte.— Was dort vorgegangen iſt, wiſ⸗ ſen wir nicht genau, ſoviel aber iſt bekannt, daß die Paͤdagogin nach einigen Tagen N.... ganz ſtille verließ. Sie hat ſich, ſichern Nachrichten zufolge, nach Genf begeben, wohin ihr auch Leit⸗ holds Frau ſchon vorausgegangen war, und dort ſollen ſich beide zu der Sekte der Momiers be⸗ kennen. Im Publikum trug man ſich einige Zeit mit ſehr unerbaulichen Geſchichten, die der fremde Kaufmann der Falk vorgeworfen haben ſollte, und der Baron von Gtein ſoll nicht das Wenigſte zur Verbreitung derſelben beigetragen haben.— Tante Taube mußte ebenfalls ein Zwiegeſpraͤch verdrießlicher Art mit dem Geheimerath gehabt haben; ſie reiſte einige Tage nach der Falk ab und begab ſich nach Karlsbad, um dem verdrieß⸗ lichen Gerede aus dem Wege zu gehen. 5 Die jungen Taͤubchen hatte der Vormund mit * in die Reſidenz genommen, wo ſie in ſeinem Hauſe bald Alles wieder verlernten, was ihnen die Falk eingetrichtert hatte, und die Demoiſelles Leitholde ſind einer braven Frau in Hamburg in Penſion gegeben worden, die aber, der Sage nach, anfangs viele Noth mit ihren Grillen ge⸗ habt haben ſoll; jetzt hat ſich die Maͤnnerſcheu gelegt und die Aelteſte ſoll die Braut eines jun⸗ gen Doktors der Rechte dort ſeyn. Die Bruͤder von Dolz aber, jetzt in der Reſidenz angeſtellt, beſuchen das Haus des Geheimeraths Schwabe ſehr fleißig, und man munkelt dort mancherlei von einer bevorſtehenden Doppelheirath So weit hatte der Geiſtliche geleſen/ als der Condukteur hereintrat und meldete, daß alles zur Fortſetzung der Reiſe bereit ſey. Der Punſch wurde geleert, der Condukteur erhielt den Reſt in einem großen Glaſe, das er auf einen Zug aufs Wohlſeyn der Geſellſchaft austrank, die Knaben wurden geweckt und die i weis beſtieg die Poſtkutſche, allerſeits mit den verfloſſenen Stun⸗ den ſehr zufrieden. Das Schneegeſtoͤber hatte aufgehoͤrt, der Mond ſchien hell, die Pferde hat⸗ ten ausgeruht und ſo ging die Reiſe raſch vor⸗ waͤrts und die Kutſche kam wohlbehalten in S.... an, wo ſich die Geſellſchaft trennte. 1 3 1 1. ſſſffſſſſnſnfſſſſſſſſſfniſfIIiſſſſſſſſſſſ ffff 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 ——