Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — SLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— — ꝗMo—— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 2„—„ 3„=„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schnell wächſt der Baum, und weit verbreitet ſind Die Aeſte, aber ſchwach,— kein Blitzſtrahl ſchadet, Wohl aber Wind und Regen ihm, doch herrlich Wird einſt auf ihn gepfropft.“ Die ſterbende Eliſabeth Cotta. Vorwort. Uheer den zahlreichen Schriften, welche bisher Beiträge zur Reformationsgeſchichte lieferten, vermißte ich ein eigentliches Volksbuch, das Klarheit und Kürze mit einer edlen Dietion vereinigte, und beſonders Andeutungen zur fruchtbaren Benutzung der Reformationsgeſchichte lie⸗ ferte. Mit dieſer Anſicht vereinigte ſich die wiederholte Aufforderung meines Ver⸗ legers, für ihn eine kurze Darſtellung des Anfangs der Kirchenverbeſſerung und ihres großen Stifters zu verfaſſen; und ſo entſtand dieſes Büchlein, das, untrer dem Drange der Amtsverhältniſſe und an⸗— derer literariſchen Productionen verfertigt, keine anderen Anſprüche, als auf Ge⸗ meinverſtändlichkeit und hiſtoriſche Treue macht. Frankfurt a. M. im October 1617. G. Friederich, d. W. W. Dr. und evang. luther. Stadtpfarrer. Einleitung. —— Der Tag naht, o chriſtlichet Leſer! an welchem wir zum drittenmale das hundert⸗ jaͤhrige Jubelfeſt der evangeliſchen Kirche feierlich begehen werden. Ein Feſt, deſſen Urſprung wir als Chriſten die Freiheit un⸗ ſeres Forſchens, des Glaubens Reinheit und unſtreitig auch ein ſegenvolles Einwir⸗ ken auf ſittliches und buͤrgerliches Wohl, auf die Erziehung unſerer Jugend und die Anwendung religioͤſer Grundſatze fuͤr das Leben und Wirken der Erwachſenen danken. Bei dieſem Feſte feiern wir zugleich auch das Andenken an den Stifter der Kirchen⸗ verbeſſerung, an Luther. Er ward als ein ſeltenes aber herrliches Ruͤſtzeug von Gott erſehen, die alte Reinheit der Kirche wieder unter den Chriſten herzuſtellen, wel⸗ ſchen gäͤnzlich verſchwunden war. Wie er dieſes große Werk vollbrachte, das muß billig bei der Erneuerung ſeines Andenkens unter uns in dieſen Tagen zur Sprache kommen, und darauf wollen auch wir in dieſem Buͤchlein unſere Blicke richten. Daß Gott bei der Vollendung jenes Werkes mit ihm war, leuchtet dem chriſt⸗ lichen Forſcher, bei dem Blick auf die Ge⸗ ſchichte der Reformation ſehr bald ein. Wohl ziemt es ihm darum auch, in Schrift und Rede ſeine Bruͤder aufmerkſam zu ma⸗ chen auf die Spuren goͤttlicher Leitung, welche ſo glaͤnzend hervorleuchten aus dem Leben, den Schickſalen und Thaten jenes großen Mannes. Der Lebensgeſchichte unſeres kraftvol⸗ len Luthers ſoll jedoch hier eine kurze Dar⸗ ſtellung der wichtigſten Ereigniſſe voraus⸗ gehen, welche die Kirchenreformation vor⸗ bereiteten und in der That begruͤndeten, da dieſes zur Verſtaͤndlichkeit des Lebens und Wirkens jenes hohen Geiſtes vieles beitraͤgt. — Rein und klar wie die Sonne ging die Chriſtus⸗ lehre aus dem Geiſte ihres Stifters hervor, die Menſchheit erleuchtend und ſegnend. In edler Einfalt wurde ſie vor den Apoſteln und Jüngern des Herrn während des erſten Jahrhunderts nach ſei⸗ ner Geburt auf Erden verbreitet, wuchs und grün⸗ te, des Druckes, welchen ſie leiden mußte, ohn⸗ geachtet, ſtets herrlicher empor. Da galt es nicht den Rangſtreit ihrer Verkün⸗ diger, nicht Prunk und Gleisnerei. Vom Geiſte Gottes getrieben, ſprachen die Aelteſten und Wür⸗ digſten über die haten, Leiden und den Märty⸗ rertod des Erlöſers, gelobten ſich mit Thränen und Umarmungen, ſeinem Bilde nachzuſtreben und genoſſen dann in heiliger Andacht gemein⸗ ſchaftlich das Mahl der Liebe, welches er am Abend vor ſeinem Tode zum Gedächtniſſe deſſelben ſtiftete. Doch nicht lange ſtrahlte die Lehre des Ge⸗ kreuzigten in dieſem reinen Feuer. Der Men⸗ ſchen Geiſt, lüſtern nach Abwechslungen und dem Lieblingsſpiele mit veränderten Formen, Hüle — die Strahlende in ein irdiſches Gewand, das er nach menſchlicher Weiſe ſchmückte und modelte und das ach! nur zu bald die höhere Abkunft ganz ver⸗ kennen ließ. Wenige Jahrhunderte nachher, als der Herr in Knechtsgeſtalt auf Erden gewandelt hatte, erhoben ſich die Aelteſten der Gemeinen zu Prieſtern und Biſchöfen, kleideten ſich in Seide und Purpur, erſchienen ihrer eigenen Darſtellung gemäß, als ausſchließliche Bewahrer und Aus⸗ fpender der Geheimniſſe Gottes und ſtritten ſich, gleich den Jüngern Jeſu, ehe dieſe das Licht em⸗ pfangen hatten, um die erſten Stellen im Reiche geiſtlicher Weltherrſchaft(Hierarchie), und täuſch⸗ ten das arme, glaubensdürſtige Volk durch Mähr⸗ chen mancher Art, um Gold zu gewinnen, hier⸗ durch in irdiſchem Glanze zu prunken und ihrer Lüſte zu pflegen. Unter ihnen erhielt bald durch ein Zuſammen⸗ treffen günſtiger Umſtände der Biſchof zu Rom an Macht und Anſehen die erſte Stelle; von dem Herrſcher Europas, dem großen Kaiſer Karl(300 an. Ch. G.) und ſeinem Vater Pipin Volk und Land, und ward hierdurch ein hoher, weltlicher Fürſt, entgegen dem Ausſpruche Jeſu: mein Reich iſt nicht von dieſer Welt. Könige und Fürſten zit⸗ terten vor ſeinem Scepter, denn er gab vor, die Schlüſſel zum Himmel und ſeinen Freuden zu be⸗ ſitzen; an Chriſti Statt entſündigte er und ſprach — 353— heilig, beſeligte und verdammte, wie dieſes der Deutſchen tapferer und mächtiger Kaiſer Heinrich IV. empfand, der vor dem römiſchen Papſte Gre⸗ gor VII. drei Tage lang auf dem Schloßhofe zu Canoſſa in Ober⸗Italien, im härnen Gewande und bloßen Füßen, mitten im Winter Buße thun mußte, bis es dem Erzürnten geſiel, ihn wieder in die Gemeinſchaft der Gläubigen aufzunehmen. Mächtig wirkten zur Vergrößerung dieſes An⸗ ſehens die Mönchsorden und das geiſtliche Ke⸗ tzer⸗oder Inquiſitionsgericht. Die erſteren danken ihr Entſtehen chriſtlichen Einſiedlern, die ſich in Wäldern und Klüften von der Welt ſchie⸗ den, um dort ungeſtöhrt den Gebeten und religiö⸗ ſen Betrachtungen ſich überlaſſen zu können. Meh⸗ rere dieſer Eremiten vereinigten ſich ſpäterhin in ihren Klauſen oder Klöſtern, und zu Anfange des ſechsten Jahrhunderts n. Ch. Geb. gab zuerſt ein gewiſſer Benedikt ſolchen Mönchen oder Einſam⸗ lebenden, welches jenes griechiſche Wort Movcνᷣσ bezeichnet, eine feſte, geregelte Einrichtung, der ſie Lebenslang Folge zu leiſten, ſchwuren. Die Päpſte. unterſtützten die Mönchsorden im Vorge⸗ fühl ihrer Brauchbarkeit zur Verbreitung der päͤpſt⸗ lichen Gewalt, und dieſe erhoben aus Dankbar⸗ keit und Eigennutz die Macht des Papſtes den un⸗ wiſſenden Völkern. Doch nicht alle Geiſter unteywarfen ſich blinde lings jenen Satzungen von der Heiligkeit und Macht der Päpſte, der Sündenvergebung um Gold, dem Anſehen und der Gewalt der Prieſter über den Himmel, der Kraft ihrer Fürbitten für die See⸗ len der Verſtorbenen und ähnlichen Irrthümern. Schon im zwölften Jahrhundert n. Ch. Geb. eiferten Petrus, Waldus(LPierre Vaud) aus Lyon, in Frankreich, im vierzehnten Joh⸗ Wiklef in England gegen den Ablaßkram und ähnliche Mißbräuche; und dieſes, nebſt dem Ent⸗ ſtehen anderer, von der Hauptkirche abweichenden Religionsſekten veranlaßte die Errichtung eines geiſtlichen Ketzergerichtes unter der Leitung des Dominikaner⸗Mönchsordens, in der römiſchen Kirche, beſtimmt zur Ausrottung aller Irrglau⸗ bigen. Die Veruͤrtheilten wurden, nachdem ſie Schmach und Foltern*) der ſchrecklichſten Art er⸗ duldet hatten, im feierlichen Zuge zum Scheiter⸗ haufen gebracht und mit großem Gepränge öffent⸗ lich verbrannt. Spanien allein hat auf dieſe Weiſe binnen achtzehn Jahren(von 1462— 1500) über hun⸗ derttauſend ſolcher Unglücklichen geopfert. Noch hundert Jahre vor Luther ſtarben für die Rein⸗ *) S. das merkwürdige Werk über die Inquiſition. Wei⸗ mar, im Induſtriekomptoir, 1817, — 7— heit ihrer Ueberzeugung Johannes Huß und Hieronymus von Prag, beide böhmiſche Gottesgelehrte, zu Koſtnitz oder Konſtanz am Bo⸗ denſee, und der Mönch Savonarola zu Flo⸗ renz den Feuertod. Aber der Wahrheit Gottesflamme hatte ein⸗ mal die Gemüther entzündet, und erfüllt wurde, waß Huß noch in den Flammen, vom Sehergeiſte getrieben, geſprochen haben ſoll:„daß hundert Jahre nach ihm ein Schwan kommen würde, deß Himmelsgeſang keine Flamme tilgen könnte.“ Der Reinheit Sinnbild iſt ein Schwan und er war auch das Sinnbild Luthers. Hierzu kam noch, daß kurz vor dem Erſcheinen des kräftigen Reformators, die Hauptſtadt des prientaliſchen Kaiſerthumes, Konſtantinopel von den Türken unter Muhamed II.(1453) erobert und der erleſene Kreis griechiſcher Weiſen und Künſtler aus jener Stadt vertrieben ward. Dieſe verbreiteten ihres Wiſſens und ihrer Kunſt Schätze ſchnell über einen großen Theil Europas, die Buch⸗ druckerkunſt ward gleichfalls um dieſe Zeit(1440) erfunden, und durch ſie die ſchnellſte Mittheilung und Verbreitung jeder, Geiſt und Herz belebenden Wahrheit in der kürzeſten Zeit möglich gemacht. In allen Ländern regten ſich jetzt mächtig die Geiſter. In Deutſchland erleuchteten Männer, wie Reuchlin, Erasmus, Hutten u. g. — 3— durch ihre Schriften die Welt; auf der andern Seite verſielen die Sitten der hohen und niedern Geiſtlichkeit, beſonders in Italien, ſtets mehr, da das böſe Beiſpiel von oben kam*). Unſitt⸗ lichkeiten der ſchändlichſten Art von Prieſtern ver⸗ übt, entehrten die Menſchheit und noch tiefer die chriſtliche Kirche, deren Vertreter und Fürſprecher jene ſeyn ſollten. Licht und Schatten beruührten ſich alſo jetzt im ſchreiendſten Widerſpruche; der Ablaßkram, d. h. Vergebung der Sünden für Gold, ſelbſt derer, die man noch begehen wollte, ſaugte die unglück⸗ lichen Völker ſo ſehr aus, daß man allgemein, ſelbſt von Seiten der Römer annahm, zwei Drit⸗ theile alles Geldes in Europa flöſſen jährlich nach Rom. Die wenigen reinen und frommen Die⸗ ner Gottes und Jeſu in Italien und den umlie⸗ genden Ländern riefen laut: die Kirche bedürfe einer gänzlichen Aenderung an Haupt und Glie⸗ dern. Da erſchien zum Heil der Chriſtenwelt Martin Luther. *) So nannte ſich z. B. Pabſt Innocens(der Unſchul⸗ dige!) VIII,(geſt. 1492) öffentlich Vater ſeiner 16 unehelichen Kinder und überhäufte ſie mit Reichthümern und Ehren. Er ſtand im geheimen Bündniß mit dem türkiſchen Kaiſer und verkaufte doch öffentlich Ablaß unter dem Vorwande, Geld zu einem Türkenkriege zu ,— — — ,— — Wie Luther lebte, lehrte und ſtarb. Erſter Abſchnitt. Luthers Eintritt in, die Welt hat mit der Erſchei⸗ nung des Kindleins Jeſu auf Erden, Aehnlichkeit. Gleich Maria gebahr ihn ſeine Mutter fern von ihrer Heimath. In dem Dörflein Möra zwiſchen Eisnach und Salzungen wohnte ſein Vater Hanns Luther, ein armer Bergmann und ſeine Mutter Marga⸗ retha, eine geborne Lindemann aus Eisnach⸗ Beide Eltern wollten ihre Bedürfniſſe auf dem Jahrmarkte des Städtchens Eisleben in der Grafſchaft Mansfeld einkaufen und dort erhielt Martin Luther am noten November 1483, Nachts um 112 Uhr ſein Daſeyn und des andern Tages, auf Martini, in der h. Taufe den eben angegebenen Vornamen.— Schon im folgenden Jahre vertauſchte Luthers Vater ſeinen ärmlichen Auffenthalt zu Möra mit einem reicheren Erwerb in Mansfeld, wo er ſammeln. Ihm folgte der Spanier Alexander VI, den ſeine Zeitgenoſſen„den Liederlichſten aller Menſchen“"“ nennen; dieſem der Pabſt Juljus 11, der im Krieg 5 and Blutvergießen ſeine liebſte Sſhäſägeng f 5 — 410— ſpäͤterhin ſogar Mitglied des Rathes ward. Hier wurde Luther, vorzüglich auf Betrieb ſeiner got⸗ tesfürchtigen Mutter, ſo früh zur Schule ange⸗ halten, daß ihn ſein Vater Anfangs noch auf den Armen hinein tragen mußte und dem Lehrer Schär⸗ fe in der Zucht empfahl. Dieſer kam auch dem erhaltenen väterlichen Auftrage ſo treu nach, daß Luther ſelbſt einmal geſteht: er ſey funfzehnmal hinter einander wacker geſtrichen worden⸗ Im vierzehnten Lebensjahre vertauſchte der Knabe die niedere Schule in Mansfeld mit einer höheren zu Magdeburg, wohin er an der Seite ſeines treuen Jugendfreundes Johannes Rei⸗ necke geſendet wurde, deſſen er noch in ſpäten Jahren, mitten im Laufe ſeines thatenreichen Le⸗ bens mit inniger Liebe gedenkt. So früh empfand der Edle ſchon der Freundſchaft beſeligende Freu⸗ den. In Magdeburg blieb er indeſſen nur ein Jahr, da der Ruf berühmter Lehrer, auf der Schule zu Eisnach, beſonders eines Johannes Trebo⸗ nius ſeinen Vater beſtimmte, den talentvollen Knaben ſeine Studien dort fortſetzen zu laſſen. Wenn es ihm aber auch hier nicht an Geiſtes⸗ nahrung fehlte, ſo war dagegen für ſeine körperli⸗ chen Bedürfniſſe deſto weniger geſorgt. Im Schü⸗ lerchor mußte er vor den Häuſern ſingend ſein Brod verdienen, das von mancher Thräne befeuchtet ward⸗ *— *— — 11— die ſeinem unwürdigen Erwarb galt. Einſt hatte er ſchon manches Herz durch Geber und Lieder zu rühren geſucht; allein vergebens war ſein Streben. Inbrünſtig ſang er von neuem; da öffnete theil⸗ nehmend die gefühlvolle Gattin Konrad Cottas ihm Haus und Herz, und er fand bei ihr Unter⸗ kunft und Pflege bis zu ſeinem Scheiden nach Er⸗ furt. Dort bezog er im Jahr 1501 die hohe Schule, indem er ſich dem Willen ſeines Vaters gemäß, der Rechtswiſſenſchaft weihte. Schon ſeitdem Luther fühlen und denken konnte, dachte er auch mit frommer und froher Empfindung oft an Gott, begann und ſchloß jeden Tag mit andachtglühen⸗ dem Gebete. Sein Lieblingsſpruch in dieſer Be⸗ ziehung war: wohl gebetet iſt über die Hälfte ſtu⸗ diert! Unabläſſig war er beſchäftigt, ſich Vor⸗ kenntniſſe zu ſeinem künftigen Berufe zu ſammeln, und ſelten nur überraſchte ihn der Sonne Blick auf ſeinem nächtlichen Lager⸗ Seine Lieblingsbeſchäftigung waren Bücher, ſei⸗ ne Freude— das Fortſchreiten in Erkenntniß jeder Art. Bleich war darum auch das Ausſehen des Jünglings, aber feurig und escdegend ſein geiſtvoller Blick. Einſt, als er in dem Bücherſaale der Univer⸗ ſität ſich ſeinem gewohnten Geiſtesgenuſſe hingab⸗ — 12— da fand er—o der Freude! eine Bibel. Nie hat⸗ te er noch dieſes Buch in der ganzen Fülle ſeines Umfanges erblickt, ſtehts wähnend: es enthalte nur die gewöhnlichen Evangelien und Epiſteln. Mit welchem Entzücken verſchlang er jetzt ſeinen Inhalt, wie labte er ſich an den herrlichen Ge⸗ ſchichten des alten und neuen Bundes. Der Zu⸗ fall wollte, daß er zuerſt die Hiſtorie des frommen Samuel's und ſeiner Mutter Hanna aufſchlug. Das Gottvertrauen des ſchuldloſen Knaben, ſein nachheriger reiner Wandel und ſeine ganze ge⸗ weihte Beſtimmung ergriffen den edlen Jüngling ſo innig, daß auch in ſpäteren Jahren jener heili⸗ ge Seher ſtets ſein Liebling blieb, und er in je⸗ nem zufälligen Ereigniſſe, das ihn zuerſt gerade dieſe Geſchichte aufſchlagen ließ, Spuren der Vor⸗ ſehung ſah und gewiſſe Aehnlichkeiten in ſeinem Leben mit dem des Propheten fand. Hier, in dieſem Auffinden der Bibel lag un⸗ ſtreitig der erſte Keim zu Luthers nachherigen Re⸗ formatisnswerke, denn in ihr las er Gottes Wort, ach! und wie lauter, einfach und verſchieden war daſſelbe von den uͤblichen Satzungen und Glaubens⸗ lehren der herrſchenden Kirche. Seine Kenntniſſe waren indeſſen ſo ſehr gereift, daß er im Jahre 1505 die Würde eines Magiſters der Weltweisheit annahm und den übrigen Stu⸗ dierenden Vorleſungen zu halten begann, als — —— ———— —23— blötzlich ein höchſt trauriger Zufall ſeiner künfti⸗ gen Laufbahn eine ganz andere Richtung gab. Seit ſeiner Beſchäftigung mit der heiligen Schrift war das Studium der Theologie fur ihn Lieblingsſache geworden, obgleich er daſſelbe ſtets, wenn auch ungern, dem Befehle ſeines Vaters und der Beſtimmung ſeines gegenwärtigen Standes gemäß, unterordnete. Einſt hatte er in ſchoͤnen Sommertagen gemeinſchaftlich mit ſeinem Buſen⸗ freunde Alexis ſeine Eltern zu Mansfeld be⸗ ſucht. Rückkehrend aus der Heimath waren ſie in Erfurts Nahe an einem ſchwülen Abend eingetrof⸗ fen, da überfiel die müden Wanderer ein furcht⸗ bares Gewitter. Sie flüchteten unter einen hohen Baum, der Blitz zuckte und erſchlug an Luthers Seite ſeinen Freund. ½) Beſinnungslos war auch er von der Erſchütterung betäubt, niedergeſtürtzt! Als er wieder erwachte und neben ſich den Leich⸗ nam ſeines erkalteten Freundes erblickte, da that er in der Angſt ſeiner Seele Gott das Gelübde: ſich dem Himmel zu weihen, ein Mönch zu werden; und von dieſem Augenblick an nimmt Luthers Schickſal eine neue und höchſt wichtige Wendung. *) Für die Kritiker bemerke ich, daß mir die lactiones Variantes in dieſer Geſchichte ſehr wohl bekannt ſind, d. V. — 14— Luther wählte zur Erfüllung ſeines Gelübdes den Auguſtiner Barfüßerorden, von welchem ſich in Erfurt ein Kloſter befand. Noch einmal wollte er die Weltluſt ſchmecken und dann auf ewig von ihr ſcheiden. Er bat deshalb auf einen Abend ſei⸗ ne Freunde zu ſich, ergötzte ſich mit ihnen an Ge⸗ ſang und den Freuden der Tonkunſt und eilte dann mit anbrechendem Morgen*) ſtill in das Kloſter, wo er als ein bekannter, wiſſenſchaftlich gebilde⸗ ter junger Mann freudig aufgenommen ward. Seine weltlichen Kleider, ſeinen Magiſterring und ſeine Bücher ſandte er ſeinem Vater, dem er zugleich ſeinen Entſchluß Mönch zu werden, mel⸗ dete. Auch von ſeinen erſtaunten Freunden nahm er ſchriftlich Abſchied. Welches Schrecken für Hanns Luther, als er dieſen Entſchluß ſeines Sohnes vernahm! Sogleich reißte er ſelbſt nach Erfurt⸗ um ſeinen Liebling von dem unreifen Entſchluſſe wieder abzubringen und fragte ihn: ob er ſo we⸗ nige Achtung gegen das vierte Gebot hege? Doch Luther dachte damals in ſeiner Verblendung, man müſſe Gott mehr gehorchen als den Menſchen und blieb unerſchüttert auf ſeinen Gedanken. Da rief ihm der entrüſtete Vater zu: ſiehe zu, daß dein Schrecken nicht ein teufliſcher Betrug geweſen! und verließ ihn. Von dieſem Augenhlick an nann⸗ *) 1505 den 17ten July. — 15— ke er ſeinen Sohn wieder du, da er ihn früher aus Achtung für deſſen Gelehrſamkeit ſtets Ihr ge⸗ nannt hatte. 1 In der erſten Zeit ſeines Kloſterlebens ward ſein überſpanntes, ſchwärmeriſches Gefühl, das durch Alexis Tod ſo furchtbar aufgeregt war, durch die klöſterliche Stille und den äuſſeren Heiligen⸗ ſchimmer dieſer Anſtalt erhoben und befriedigt, aber bald gewann die Geſundheit ſeines Geiſtes neue Blüthe. Er ſah, daß der Mönche Gottesdienſt, ihr Leben und Wirken, den übertünchten Gräbern der Schrift glich, und daß rohe Sinnlichkeit beinahe die einzige Triebfeder ihrer Handlungen war. Darum verſtanden ſie auch nicht den edlen Geiſt, zogen ihn von den Büchern ab und zwangen ihn, die niedrigſten Kloſterdienſte, Reinigung der Ge⸗ mächer, Thürhüterſtelle, ja ſelbſt den Bettelum⸗ gang mit dem Sacke nach Brod und Eyern zu verrichten. Dennoch aber blieb er ſeinem Gelüb⸗ de treu und verrichtete die geiſtloſeſten Arbeiten mit der genaueſten Pünktlichkeit. Wie offen drückt er ſich über ſein Kloſterverhältniß aus, wenn er ſagt: ich ward nicht gern und willig ein Mönch, vielweniger um Mäſtung und des Baucheswillen, ſondern als ich mit Schrecken und Angſt des To⸗ des eilend umgeben war, gelobte ich einen gegzwune genen und gedrungenen Eid und Gelübde. Eben o 8 —16— erklärt er an einem andern Orte: wahr iſt's, ein frommer Mönch bin ich geweſen und habe ſo ſtreng meinen Orden gehalten, daß ich's nicht ſagen darf. Iſt nun ein Mönch gen Himmel kommen durch Mäncherei, ſo wollte ich auch hinein kommen ſeynz das werden mir zeugen alle Kloſtergeſellen⸗ die mich gekannt haben. Indeſſen wurde durch fortgeſetztes Studium der h. Schrift und beſonders des Kirchenvaters Auguſtin, der bald ſein Liebling ward und deſ⸗ ſen Anſichten er ganz in ſeinen Geiſt aufnahm, dieſer zwar ſtets mehr erleuchtet, aber in Verbin⸗ dung mit anſtrengenden Körperarbeiten und Nacht⸗ wachen ſein ganzes Weſen hierdurch auch ſo zer⸗ ſtöhrt, daß er allmählig in Schwermuth und Kör⸗ perſchwäche, und endlich in eine harte Krankheit fiel. In dieſer tröſtete ihn ein alter, ehrwürdiger Mönch des Kloſters, der ihm, gleichſam im Se⸗ hergeiſte zurief: getroſt, Bruder Martin! ihr werdet dieſes Lagers nicht ſterben und noch ein großer Mann werden, denn wen Gott liebt, dem legt er das Kreuz auf, welches gedultigen Leuten viel frommt. Zugleich hob der Edle jenen angſt⸗ vollen Kampf in Luthers Seele wegen ſeiner Un⸗ würdigkeit zur Seligkeit, durch die Worte des apoſtoliſchen Glaubensbekenntniſſes: ich glaube an eine Vergebung der Sünden, welche Worte er ihm alſo erklärte, daß dieſe Vergebuug aller — 127— Sünden uns umſonſt, allein durch Gottes Gnade zu Theil werde. Dieſe Worte zündeten ein neues Licht in Luthers Seele an und wirkten gewaltig auf ſein nachheriges inneres und äuſſeres Leben. Mit jenen Tröſtungen des Alten vereinigten ſich die Ermunterungen des trefflichen Staupitz, Generalvikars der Auguſtinermönche in Deutſch⸗ land, der Luthers ungemeine Vorzüge ennen und achten gelernt hatte. Staupitz erkannte ſehr bald wie wenig Luthers hochſtrebender, glaͤnzender Geiſt in die niedere Sphäre der Kloſtermauern ſich paſſe und ernannte ihn deshalb, dem Befehle des Chur⸗ fürſten von Sachſen, Friedrich des Weiſen gemaß, der im Jahre 1502 zu Wittenberg eine Univerſi⸗ tät angelegt hatte, zum Lehrer derſelben. Wie dem Gefangenen zu Muthe iſt, wenn er zum er⸗ ſtenmale wieder das Dunkel ſeines engen Kerckers mit der Freiheit unter Gottes blauem Sternen⸗ himmel vertauſcht, ſo war es Luthern, bei ſeiner Ankunft zu Wittenberg. Dort wurde er Anfangs als Profeſſor der Vernunftlehre und Naturgeſchich⸗ te angeſtellt(im Jahre 1508), nachdem er zwei Jahre zuvor, noch in dem Kloſter zu Erfurt zum Prieſter öffentlich geweiht worden war, bei wel⸗ cher Feier ſein verſöhnter Vater ſich in großer Be⸗ gleitung anweſend befand und dem Neugeweihten zwanzig Gulden ſchenkte. Die Philoſophie hatte indeſſen den Reiz nicht — 2 — 28— für ihn, welchen das Studium der Gsttesgelahrt⸗ heit und in ihr vorzüglich der h. Schrift ihm ge⸗ währte. Darum munterte ihn auch Staupitz auf, der hierin ſeinen Geſchmack kannte, ſich im Pre⸗ digen zu üben, um auch in dieſem Zweige der Get lehrſamkeit ſeine Fortbildung nicht zu vernachläſ⸗ ſigen. Und dieſes war gerade das Feld, in wel⸗ chem vor Tauſenden wirkſam zu werden, ihm von Gott gegeben war. Der Ruf ſeiner Beredſam⸗ keit drang bald zu den Ohren des Rathes von Wit⸗ tenberg, der ihn zum Stadtprediger ernaͤnnte⸗ Luther wollte, in der Ueberzeugung: er ſey geiſtig und körperlich noch zu ſchwach zum Prediger, je⸗ ne Stelle nicht annehmen, allein Staupitz nö⸗ thigte ihn mit den Worten dazu: wenn es dich auch das Leben koſtete! unſer Herr Gott hat große Geſchäfte und bedarf darum auch kluger Leute. Jetzt war Luther in ſeiner rechten Sphäre, und bald e bielt durch ihn als Lehrer und Prediger die neu errichtete gelehrte Anſtalt zu Wittenberg einen ungewöhnlichen Glanz und immer ſteigen⸗ de Blüthe. Im Innern des Auguſtinerordens, dem er auch in Wittenberg angehörte, waltete indeſſen Zwiſt wegen Eintheilung der Sächſi⸗ ſchen Klöſter in gewiſſe Sprengel, der unpar⸗ theiiſch zu Rom entſchieden werden ſollte. Auch wünſchten die Auguſtinermönche eine päpſtliche Vergünſtigung, gegen ihr Gelübde, bei höchſter Lei⸗ — —— 19 besſchwachheit, Fleiſch eſſen zu dürfen. Zur glück⸗ lichen Beendigung dieſer doppelten Angelegenheit würde mit Staupitzens Zuſtimmung, Luther von den Obern des Ordens gewählt, denn auf ihm ruhte einmal das allgemeine Vertrauen. Er trat alſo im Jahre 1510 ſeine Reiſe nach Rom an und wurde zur Erreichung des letztern Zweckes mit zehn Dukaten verſehen. Welche Erwartungen hegte er nicht von dieſer heiligen Stadt, wie ſtrah⸗ lend im Heiligenſchimmer dachte er ſich den Papſt⸗ wie fromm und andachtglühend das äuſſere und innere Leben der Prieſter im Purpur wie im Bett⸗ lerkleide! Doch wurden je die blühenden Träume des Feuergeiſtes durch die trübe Wirklichkeit ver⸗ drängt, ſo war es hier. Schon bei ſeinem Ein⸗ tritt in Italien traf er an einem Freitage auf einen Kreis jubelnder Mönche, welche in allen Sinnengenüſſen ſchwelgend, ſich beſonders die Fleiſchſpeiſen wohlſchmecken ließen. Luther, ſchon auf geweihter Erde, wie er wähnte, verwieß den Schwelgern ihre muthwillige Uebertretung der Regel, voll Feuereifers und erhielt dafür beinahe 3 den Tod zum Lohne. Nur das Mitleid des Thür⸗ hüters mit dem jungen Blute, entzog ihn den Dolchen der Mönche, die— Verweiß fürchtend— den unzeitigen Plauderer dem Untergange geweiht hatten. Zitternd und krank vor Schrecken ent⸗ floh er und kam, nachdem er die vorzüglichſten 20— Stadte Italiens, Mailand, Padua, Florenz be⸗ ſucht hatte, mit reichen Hoffnungen in Rom an⸗ Im hohen Glanze der Vorzeit, im Heiligenſchei⸗ ne der Gegenwart lag die Weltſtadt jetzt vor ſei⸗ nen Augen. Wie klopfte ſein Herz, wie eilte er zum Beſitz der erſehnten Genüſſe zu gelangen, die jetzt in mannigfaltiger Fülle ihn anſprachen! Aber wie täuſchte er ſich in dieſen Erwartungen. Je mehr er hier innern Gehalt, geiſtigen und ſittli⸗ chen Werth, von auſſerem Schimmer unterſchei⸗ den lernte, deſto ſchneller wandelte ſich ſeine Ehr⸗ furcht gegen den Papſt, deſſen Prieſter und Mön⸗ che in Gleichgültigkeit, und dieſe bald in die tiefſte Verachtung. Julius II. herrſchte damals auf dem Stuhle Peters, aber nicht als Frieden sfürſt, ſondern als ein blutiger Eroberer*) Dem Haupte ſtrebten die Glieder nach, und ſo kam es denn, daß keine, prunkloſe, werkthätige Frömmigkeit an jedem Orte der Chriſtenheit eher, als zu jener Zeit in Rom zu finden war. Das ganze Leben und Treiben der Geiſtlichen beſtand in mechani⸗ ſcher, geiſtloſer Thätigkeit, ohne die geringſte Spur von Andacht und frommer Erhebung. Auch Luther las in den Chriſtentempeln daſelbſt, Meſſe, aber nut zum Spotte der gewandten Mön⸗ che, die dem langſamen Deutſchen zuriefen: hur⸗ *) S. die Einleitung. —,— —,— 2xv 21 tig, hurtig, Brüderchen l und gieb Marien ſnel ihren geopferten Sohn zurück. Die fertigen Ita⸗ liener aber laſen, während Luther eine Meſſe be⸗ endigte, deren ſieben. In gleichem Geiſte wur⸗ de hier alles Göttliche und Heilige behandelt, als ein Broderwerb, den man mit möglichſtem Vor⸗ theile zu treiben, lerne müſſe. Nach dieſen ſchmerz⸗ lichen Erfahrungen, die den Getäuſchten von ſei⸗ ner geträumten Höhe ſchnell herabzogen, eilte er, da er überdieß den Zweck ſeiner Sendung glück⸗ lich beendigt hatte, ſehnſuchtsvoll nach Witten⸗ berg zurück.— Jetzt erſt, hatte er durch eigene klare Anſchau⸗ ung erkannt, daß der Geiſt der Chriſtuslehre nicht in dem Papſtthume zu finden ſey, und im Ge⸗ fühl von dem hohen Werthe dieſer Erfahrun⸗ gen, rief er noch in ſpätern Jahren aus; ich wollte nicht tauſend Gulden nehmen, daß ich Rom nicht ſollte geſehen haben! Ich müßte ſonſt immer beſorgen, ich thäte dem Pabſte Gewalt und Unrecht; aber was wir ſehen, das reden wir. Von nun an hielt er ſich ſtets eifriger an die heilige Schrift, da das Gewicht menſchlichen An⸗ ſehens ſeinen Werth in Glaubensſachen für ihn verlohren hatte. Die Bibel war für ihn allein die Erkenntnißquelle des Heiligen. Frei und kuühn trug er dieſe Grundſätze auf dem Lehrſtuhl wie in der Kirche vor. Die Welt ſtaunte ihn an, die Beſſeren, von der ſiegenden Wahrheit gefeſſelt, pflichteten ihm bei; vor allen ſein Landesherr Churfürſt Friedrich der Weiſe. Damals geſchah es auch, daß er dem Wunſche ſeines Freun⸗ des Staupitz gemäß, die theologiſche Doc⸗ torwürde annehmen mußte,(1512) wobei ihm der Eid, welchen er hierbei leiſtete: Das Wort Gottesmänniglich zu vertheidigen, tief in ſeine Seele drang, und es von dieſem Augen⸗ blick an, lebendiger, dauernder Vorſatz bei ihm ward, dieſe Eidespflicht in ihrem vollſten Umfan⸗ ge zu erfüllen. So wuchs und leuchtete an Er⸗ kenntniß der Wahrheit und des reinen Chriſten⸗ thumes, Luther immer größer und herrlicher. Chriſtliche Bemerkungen zu dem erſten Ab⸗ ſchnitte der Lebensgeſchichte Luthers. 1. Schon Luthers Abkunft, auf welche wir hier zuerſt unſere Blicke richten, belehrt uns, daß nicht immer ein hoher, glänzender Stamm, auch edle, große Thaten erzeugt. Nicht ſelten verdunkelt der Hohe ſeine glänzende Herkunft durch niedere Thaten, und der Niedere adelt ſich und ſeinen Stamm durch eine Reihe von Handlungen, welche die Menſchheit veredlen und beglücken. Aus dem Staube gingen ſchon die Würdigſten und Edelſten ihres Geſchlechts hervor. Moſes und David, die Apoſtel des Herrn, Luther, Melanch⸗ thon und ſo viele andere, deren Namen den Stolz unſeres Vaterlandes ausmachen, ſtammten von Eltern niederen Standes ab. 24 Welch ein Spiegel für Eltern iſt die Fuͤrſorge des alten Luthers für die frühe Bil⸗ dung ſeines Sohnes. Noch als einen hülfsbe⸗ dürftigen, kleinen Knaben trägt er ihn auf den Armen in die Schule und empfeehlt ihn der ſtren⸗ gen Zucht des Lehrers. Dieſe wurde angewen⸗ det und trug, wie der fromme Streiter Gottes nachher ſelbſt bekannte, die herrlichſten Früchte. Jung ſtark gebogen, alt wohl gezogen, ſagt ein Sprüchwort des Volkes und Luthers Bei⸗ ſpiel giebt den ſtärkſten Beleg zu der Wahrheit deſſelben. Wie kräftig und wahr drückt ſich der große Reformator über die Pflicht einer religiö⸗ ſen Erziehung der Jugend im 10. Thl. ſ. Schrif⸗ ten,/S. 73, f. aus, indem er ſagt: „Wollen wir feine geſchickte Leute haben, beide zu weltlichem nnd geiſtlichem Regi⸗ ment, ſo müſſen wir wahrlich keinen Fleiß⸗ Mü⸗ he noch Koſten an unſern Kindern ſparen, ſie zu lehren und erziehen, daß ſie Gott und der Welt dienen mögen, und nicht allein denken, wie wir ihnen Geld und Gut ſammeln. Denn Gott kann ſie wohl ohne uns nähren und reich machen, wie er auch täglich thut. Darum aber hat er uns Kinder gegeben, und uns befoh⸗ len, daß wir ſie nach ſeinem Willen aufziehen und regieren; ſonſt bedürfte er Vater und Mutter nirgend zu. Darum wiſſe ein jeglicher daß er ſchuldig iſt, bei Verluſt göttlicher Gnade, daß er ſeine Kinder vor allen Dingen zur Gottesfurcht und Erkenntniß ziehe, und wo ſie geſchickt ſind, auch lernen und ſtudiren laſſe, daß man ſie, wo⸗ zu es Noth iſt, brauchen könnte. Wenn man nun ſolches thate, würde Gott uns auch reichlich ſeg⸗ nen und Gnade geben, daß man ſolche Leute erzöge, derer(durch welche) Land und Leute gebeſſert mög⸗ ten werden; dazu feine gezogene Bürger, züchtige und häusliche Frauen, die dar⸗ nach fromme Kinder und Geſinde ziehen mögten.“ 3. Frühe Noth und ſelbſt der Kampf mit den erſten Lebensbedürfniſſen ſchaden ſelten dem Knaben und Jünglinge und ſtählen ihn zur würdigen Ertragung ſpäterer Leiden und größerer Kämpfe. So verhielt es ſich mit Luther. Er — — 2 5— mußte zu Magdeburg und Eiſenach im Brodrei⸗ gen, wie er es nannte, ſeinen Unterhalt ſingend vor den Thüren verdienen und ganze Nächte zum Erwerb ſeiner Schulkenntniſſe verwenden; aber gerade die⸗ ſer Kampf mit dem Leben gab ihm nachher die Kraft, auszuharren im höheren Streite mit der Welt und ihren Tirannen, mit dem Aberglauben und ſeinem geiſttödtenden Gefolge. 3 4. Daß Gott der Unſchuld frommes Ge⸗ bet, oder was eins iſt, innigen, andachtsvollen Geſang erhöret, beweißt des Knaben Luthers Bei⸗ ſpiel vor dem Hauſe der milden Eliſabeth Cotta. Sie erbarmte ſich des flehenden Knaben, der ſo ſeelenvoll ſein Auge zum Himmel ſchlug und von dorther Hülfe erwartete, da Menſchen ſie ihm zu verweigern ſchienen; und geendet wurde die Noth des Schmachtenden durch ſeinen Schutzengel, der ihm in der edlen Eliſabeth erſchien. 5, Eine kräftige Aufforderung ergeht durch das Beiſpiel der edlen Eliſabeth Cotta an alle Chriſten, die es vermögen, ſich beſonders der vielver⸗ ſprechenden dürftigen Jugend anzunehmen, die hoff⸗ nungsreichen Keime der Armen zu pflegen; denn —— 26— du kannſt nicht wiſſen, o Chriſt! ob nicht aus dem hungernden, nackten Knaben, den du mitleidsvoll ſpeiſeſt und kleideſt, einſt ein großer herrlicher Mann, der Retter ſeines Velkes, der Menſchheit Schutzgeiſt wird. So wirkte Cottas edle Gattin durch ihre Milde bedeutend mit zu der ſchnelleren Entwickelung von Luthers künftiger Größe. 6. Ein leuchtendes Vorbild iſt Luther für unſere lernende Iugend, vorzüglich durch ſeine raſtloſe Thätigkeit zur Erfüllung ſeines Berufs⸗ zwecks. Alles was er that, geſchah von Jugend auf, nur in dieſer Beziehung. Was er wollte, wollte er ganz. Daher, aus dieſem Grundſatze dem alle Großen und Guten auf Erden ihre gei⸗ ſtige und ſittliche Höhe danken, Luthers eiſerner Fleiß und ſeine Ausdauer in jedem begonnenen Werke. 7. Beſonders— und dies iſt eine der wichtigſten Bemerkungen zu der Ju⸗ gendgeſchichte jenes großen Mannes— gelte ſeine ungeheuchelte Frömmigkeit, ſein ſtilles aber brünſtiges Vertrauen auf Gott, ſein herzlie ches andächtiges Gebet, mit welchem er ſchon als Knabe und Jüngling jeden Lebenstag begann und 8 — 27— ſchleß, unſerer heranwachſenden Jugend als Bei⸗ ſpiel zur Nachahmung, aus welchem ſie lernen kann und ſoll, daß wahre Geiſtesgröße ſich nur mit ächter, prunkloſer Frömmigkeit verträgt. Unter allen Jünglingen, welche dieſe Worte leſen, wird wohl keiner je einen Wirkungskreis ausfüllen, wie Luther; mögen ſie ihm indeſſen wenigſtens an ſittlicher Größe, an Güte des Herzens und Reinheit der Abſichten ahnlich werden. 3. Der ehrwürdige Mönch tröſtete Lu⸗ thern kräftig auf ſeinem Krankenla⸗ ger und bewirkte hierdurch wenigſtens zum Theĩl die Geneſung des Seelenkranken, indem er ihn und ſeine Zweifel auf die Gnade Gottes anwieß. Viel läßt ſich mit Umſicht und Herzlichkeit zur Beſſerung der Gemüther und Leitung der See⸗ len zu dem Himmel bei Kranken wirken, da der Sinn der Erde mehr entzogen und für den Ein⸗ fluß des Göttlichen offener iſt. 9. Spanne deine Erwartungen nie zu hoch, o Chriſt! Du wirſt dann, wenn du dieſe Lehre treu befolgſt, weit weniger im Leben ge⸗ täuſcht. Auch Luther ließ ſich von dem Feuer ſei⸗ ner Einbildungskraft hinreißen, Rom für die Stadt der Heiligen, und ihre Prieſter für die En⸗ gel der Menſchheit anzuſehen. Aber furchtbar ward der Unerfahrne aus dieſem ſchönen Traume durch die traurige Wirklichkeit geweckt. — — 29— Wie Luther lebte, lehrte und ſtarb. Zweiter Abſchnitt. Luther wirkte im Geiſte ſeines geleiſteten Doctor⸗ eides:„die heilige Schrift ſein Lebenlang zu er⸗ forſchen, zu predigen und den darinn enthaltenen chriſtlichen Glauben kräftig zu vertheidigen“ auf Lehrſtuhl und Kanzel mit ſolchem Erfolge, daß die Univerſität Wittenberg zu einer eben ſo ſchnellen als umfaſſenden Größe gedieh. Jetzt kam die Zeit, wo es galt, dieſe Lehre auf das Leben über⸗ zutragen. Der Dominikaner Mönch Joh. Tetzel ver⸗ kündigte(von 1515— 1517) in der Nähe Wit⸗ tenbergs den Ablaß mit einer Frechheit, die keine Gränzen kannte. Er behauptete, daß die bezahlte Sündenvergebung ſo vollſtandig mit Gott verſöh⸗ ne, daß es keiner weiteren Buße beduͤrfe, daß er ſogar Macht beſitze, für künftige Sünden Ablaß zu ertheilen, ja, daß Chriſtus ſeit ſeiner Auffahrt zum Himmel keine Macht mehr über die Kirche beſitze, ſondern dieſe dem Papſte allein übertragen habe und was dergl. Schändlichkeiten mehr waren. Der große Kaſten, welcher noch in Jüterbogk zu — 30— ſehen iſt, und in welchem Tetzel ſeine Schätze auf⸗ bewahrte, hatte die einladende Aufſchrift: „Sobald das Geld im Kaſten klingt, „Sobald die Seel im Himmel ſpringt.“ Dieſer Ablaßhandel war ſo kaufmänniſch ein⸗ gerichtet, daß Tetzel eine feſtgeſetzte Taxe beſaß, nach welcher die verſchiedenen Sünden, dem Ver⸗ haltniß ihrer Schwere gemäß, vergeben wurden⸗ So koſtete z. B⸗ Die Erlöſung einer gewöhnlichen Seele aus dem Fegfeuer ſechs Groſchen, eine ſogenannte Zauberei zwei Ducaten, eine Vielweiberei ſechs Ducaten, ein begangener Mord acht Ducaten, ein Kirchenraub endlich neun Ducaten. Das Volk fand es bequemer, Geld zu miſſen, als ſein Leben zu beſſern, und Tetzels Waare fand daher eben ſo vielen Beifall als zahlreiche Abneh⸗ mer. Daher ſtröhmte auch die Menge aus Witten⸗ berg zu ihm, als er in deſſen Nähe predigte und Ablaß ſpendete, und Luther erhielt im Beichtſtuh⸗ le ſtatt reuiger Gemüther, gedruckte Ablaßzettel, welche die Stelle jener vertreten ſollten. Welch ein Aerger für den frommen, feurigen Prieſter! Er erklarte ſeinen Beichtkindern unumwunden, — 31— ihre Suͤnden ſeyen ihnen nicht eher vergeben, bis ſie Buße thäten und ihr Leben beſſerten. Zugleich verkündigte er von jetzt an in vielen ſeiner Predig⸗ ten die Lehre: Vergebung der Sünden könne nicht von Menſchen, ſondern nur von Gott ſelbſt, um⸗ ſonſt und aus Gnade denen Menſchen ertheilt wer⸗ den, welche ſich ernſtlich beſſern. Als Tetzel dieſe 1 Aeuſſerungen Luthers erfuhr, ſchalt er ihn einen Ketzer und zündete, um ſeine Gewalt anzuzeigen, ihn als ſolchen verbrennen zu dürfen, einen Schei⸗ terhaufen auf dem Markte zu Jüterbogk an. Lu⸗ ther verachtete dieſes marktſchreieriſche Beneh⸗ men, das er von einem ſo unſittlichen Menſchen wie Tetzel*) war, nicht anders erwarten konnte, und ſchlug, da indeſſen jenes Uebel ſtets mehr um ſich griff, am 31. Oktober 1517 fünf und neunzig Satze an die Schloßkirche zu Wittenberg gegen den Ablaßkram, worinn er ſeine Anſichten von der — *) Tetzel war ſchon wegen Abſcheulichkeiten mancher Art, vom Kaiſer Maximilian 1. verurtheilt worden, zu Ins⸗ bruck geſäckt zu werden, allein auf die Fürbitte des Churfürſten von Sachſen, wurde jene Straſe in ein ewi⸗ ges Thurmgefängniß zu Leipzig verwandeit. Doch auch hier kam er durch Fürſprache des Churfürſten Albrecht von Brandenburg, Erzbiſchofs zu Mainz wieder frei, und wurde unter dem Schutze des letzteren,— Aezer⸗ 2 richter und Ablaßprediger. — 32— Sündenvergebung vertheidigte, wie 3. B. folgen⸗ de Sätze beweiſen. Da unſer Meiſter und Herr Jeſus Chriſtus ſpricht: thut Buße, ſo will er, daß das ganze Leben ſeiner Gläubigen auf Erden ei⸗ ne ſtete oder unaufhörliche Buße ſey. 21. Die Ablaßprediger irren, daß durch des Pabſtes Ablaß der Menſch von aller Sün⸗ denſtrafe frei und ſelig werde. 37. Ein jeder ächter Chriſt iſt theilhaftig aller Güter Chriſti und der Kirche, aus Gottes Geſchenk, auch ohne Ablaßbrief u. ſ. w. Dieſe Sätze, in Sanftmuth und Liebe, allein zur Verbreitung der Wahrheit verfaßt und ver⸗ kündigt, durchflogen, wie von Engelsfittigen ge⸗ tragen, binnen kurzer Zeit ganz Deutſchland, er⸗ regten großes Aufſehen und wurden von Beſſeren geprieſen, von den Eigenſüchtigen und Anhängern des römiſchen Hofes hingegen auf's heftigſte ver⸗ dammt. Unter dieſen letzteren zeigte ſich Tetzel auf mancherlei Art thätig, und ließ, da er es ſelbſt nicht vermochte, von dem Profeſſor der Theo⸗ logie zu Frankfurt au der Oder, Konrad Wim⸗ pina eine ſogenannte Widerlegungsſchrift der Lutheriſchen Sätze verfertigen, welche die lächer⸗ lichſten Anpreißungen des Ablaſſes und Erhebun⸗ gen des Papſtes enthielten und zugleich alle diejeni⸗ — 33 gen verdammte, deren Meynung nicht mit den herrſchenden Anſichten übereinſtimmte. Zugleich verrbrannte Tetzel Luthers Saͤtze zu Frankfurt a. d. O. wogegen die Studierenden Wittenbergs daſſelbe mit Tetzels Schriften thaten Nicht ohne Grund kann man das Beginnen des Ablaßſtreites den äuſſeren Anfang der Kirchen⸗ verbeſſerung nennen, daher wir ihr Andenken auch am 31ten Oktober, als dem Verkündigungstage der Lutheriſchen Sätze feiern, obgleich der Wahr⸗ heit Geiſt unſtreitig ſchon früher Luthers Seele für die Wiedererhebung der geſunkenen Kirche und die Läuterung ihrer Formen entzündet hatte. Für Luthern, welcher jenen Streit mit Tetzel Anfangs nur als Privatſache des einen Gelehrten gegen den andern behandelt hatte, war jedoch der⸗ ſelbe von den wichtigſten Folgen. Die Dominika⸗ nermönche, welche in der Perſon ihres Ordens⸗ bruders Tetzel den ganzen Orden beleidigt glaub⸗ ten und ſchon früher in Streitigkeiten mit den Au⸗ guſtinern verflochten waren, predigten auf allen Kanzeln gegen Luther und brachten es endlich dahin, daß der Schuldloſe von dem Papſte nach Rom ge⸗ fordert wurde, um ſich daſelbſt von dem Verdachte angeſchuldigter Ketzerei zu reinigen. Allein Friedrich der Weiſe, an den der Papſt die ſchriftliche Bitte ergehen ließ: Luthern ſein geiſtlich Kleid nehmen und d elben 3* gefangen nach Rom bringen zu laſſen; fand nicht für gut, dieſen Wunſch des heiligen Vaters zu gewähren, ſondern verlangte als deut⸗ ſcher Reichsfürſt, daß Luther in ſeinem 2 Vaterlan⸗ de gerichtet werden ſolle. Der Papſt, welcher aus Klugh heit nicht gern die bisherigen freundſchaftlichen Verhältniſſe mit Sachſens Churfürſten gewaltſam ſtöhren wollte, erfüllte hierauf das Anſinnen des letzteren, und Luther erhielt die Weiſung: ſich vor dem päpſtli⸗ chen Geſandten, Kardinal Kajetan, der ſich damals in Augsburg befand, perſönlich zu ver⸗ antworten. Dahin reißte Luͤther von Wittenberg ab, kehrte bei dem Prior der Auguſtiner Dr. Wenzeslaus Link in Nürnberg ein; borgte von dieſem ein neues Kleid, Um mit Anſtand vor ſei⸗ nem Gegner auftreten zu können und kam in Links Begleitung am 7. Oktober frohen Muthes in Augsburg an. Heftig und unbefangen, wie Luther beſonders in früheren Jahren war, ließ er ſogleich dem Kardinal ſeine Ankunft melden, der ihn auch alsbald durch einen verſchmitzten Italiäner, den Pater Urban dvon Serra⸗ longa auf den andern Tag zu einer Unterredung einladen ließ. Luther ſagte zu, allein ſeine Be⸗ ſchutzer, an die er von dem Churfürſten von Sach⸗ ſen ne nders empfohlen war, die Augsburger Pa⸗ tricie Thriſtoph Langemantel und, Konrad 1 Peutinger gaben es nicht zu, daß er früher den Kardinal beſuchte, ehe er durch einen kaiſer⸗ lichen Schutzbrief perſönlich geſichert war. Schon dieſe Zögerung entrüſtete den ſtolzen Kajetan auf's höchſte. Doch als der Schutzbrief erfolgt war und Luther hierauf ſich dem Kardinal perſönlich geſtellt hatte, ſo war dieſer wider Vermuthen den offenen Deutſchen heuchleriſch höflich beim Empfan⸗ ge des verhaßten Mönches. Er erklärte ihm hier⸗ auf, der Papſt verlange dreierlei von ihm: näm⸗ lich: er ſolle ſeine Irrthümer widerrufen, kunf⸗ tig davon abſtehen und endlich alles vermeiden, wodurch neuer Zwiſt in der Kirche erregt werden könnte.. Luther erwiederte mit gewohnter Standhaf⸗ tigkeit: er wolle ſeine Lehre ſogleich widerrufen, ſobald dieſelbe aus der Bibel als falſch erwieſen werde. Kajetan warf ihm hierauf vor: er habe gelehrt, das Verdienſt der Leiden Chriſti ware nicht der Schatz, aus welchem die Ablaßprediger die Vergebung der Sünden verkaufen könnten. Auch hier bat Luther um Beweiß aus dem Worte Gottes, doch ſtatt deſſen berief ſich der Kardinal auf eine Verordnung des Pabſtes Ele⸗ mens VI., der zuerſt die Lehre aufgeſtellt hatte: der Schatz des Ueberfluſſes der guten Werke Jeſu und der Heiligen, befände ſich in den Handen des Papſtes und dieſer vermöge es: allen denen, wel⸗ chen gute Werke zur Erlangung der Seligkeit fehl⸗ ten, ſo viel davon mitzutheilen, als ihnen noch mangelte. Luther fühlte ſchon jetzt ſeine Ueberlegenheit über den Legaten, verſtand ſich durchaus nicht zum Widerruf, und erbitterte hierdurch jenen ſo ſehr, daß er ihn mit der Erklärung entließ: er werde das ſchon noch thun muſſen. Luthern folgt des Lega⸗ ten Unterhändler Urban und verweißt ihm ſeine Heftigkeit, indem er ihn fragt: glaubſt du denn, der Churfürſt von Sachſen werde wegen deiner einen. Krieg beginnen, und wenn nun auch dieſer dich verſtößt, wo willſt du dann bleiben? Luther ant⸗ wortete mit freudigem Blick zum Himmel: ws nicht hier auf Erden, doch dort! und brachte durch dieſes Kraftwort den beſchämten Mönch zum Schweigen. Dieſer Unterredung folgte am kommenden Tage die zweite, bei welcher Luther mit einem Notarius und mehreren Zeugen erſcheint und dem erſtaun⸗ ten Kardinal erklärt: er ſey ſich nicht bewußt, ir⸗ gend etwas gelehrt zu haben, das der Wahrheit und dem reinen chriſtlichen Glauben widerſpräche; da Irren jedoch menſchlich ſey, ſo erbiete er ſich hier vor allen Anweſenden, ſeine Grundſätze aus der heiligen Schrift zu erweiſen und zu verthei⸗ digen. Uebrigens wolle er über den Ablaßkram ſchweigen, wenn ſeine Feinde gegen ihn daſſelbe zu thun verſprächen. Entrüſtet über die Kühn heit Luthers, winkte ihm der Kardinal, ſich zu entfernen und nie wieder vor ihm zu erſcheinen, es ſey dann, daß er widerrufen wolle. Da ſich Staupitz nach Lurhers Entfernung ſeiner annahm und den Legaten bat: er möge Luthern wenigſtens noch eine Unterredung vergönnen, ſo erwiederte die⸗ ſer er wolle nichts weiter mit dem Ungeſchliffenen zu ſchaffen haben, denn dieſer Mönch habe tiefe Au⸗ gen und verzweifelte Gedanken im Kopfe.*) Hierauf machte er dem erhaltenen päpſtlichen Auf⸗ trage gemäß, Anſtalten, Luthern heimlich verhaf⸗ ten und nach Rom liefern zu laſſen. 8 Doch Luthers Freunde erhielten von dieſem Unternehmen bald Kunde, und dieſer mußte heim⸗ lich(am 20. Oktober 1518) Augsburg verlaſſen und ohne Stiefel und Waffen auf Staupitzens harttrabendem Roſſe, begleitet von einem treuen Wegweiſer, den ihm die Edlen des Rathes mit⸗ gaben, ſchnell entfliehen. Er ritt an dieſem Tage ſechszehn Stunden, ward aber nach ſeiner eige⸗ nen Ausſage ſo müde, daß er Abends, als er vom Pferde ſtieg, nicht mehr ſtehen konnte, ſondern auf das Stroh des Stalles herab fiel. Jetzt war die Abſicht des ſchlauen Prieſters durch der Deutſchen Vorſicht und Klugheit vereitelt —— *) Habot profundos oculos ac mirabiles specula- tiones. 3 1 — 38— Welch ein Schmerz für den Legaten! Dar⸗ um beſchloß er: Luthern in der Ferne zu verderben und ſchrieb deshalb einen heftigen, verläumderi⸗ ſchen Brief an den Churfürſten von Sachſen, worinn er dieſen bei dem Ruhme ſeiner Vorfah⸗ ren beſchwor: einen ſo allgemein verhaßten Ketzer nicht langer in ſeinem Lande zu dulden; auch ließ er ihn des Kaiſers und des Papſtes Rache fürch⸗ ten. Friedrich, der allerdings von dieſem Verein der höchſten geiſtlichen und weltlichen Macht, Ge⸗ fahr fur ſich und ſein Land fürchtete und uͤberdies nach ſo manchem Zwiſt Ruhe wünſchte, ließ durch ſeinen Hofprediger und Geheimſchreiber Spala⸗ tin, der jedoch Luthers Freund war, dieſem an⸗ deuten: er möge ſich entweder gründlich gegen ſei⸗ ne Feinde vertheidigen, oder Wittenberg meiden; überhaupt mußte dieſer ihm zu verſtehen geben, der Churfürſt ſehne ſich nach Frieden in der Kirche und fande dieſen nur in Luthers Entfernung aus ſeinem Lande⸗ Luthers hoher Geiſt war ſogleich bereit, den erhaltenen Winken zu folgen, fern von der Hei⸗ math die Wahrheit zu vertheidigen und ſein Schick⸗ ſal abzuwarten. Schon hatte er die Freunde zum Abſchiedsmahl geladen, ſchon feierten ſie mit ihm in ſtiller Wehmuth der Trennung Stunde und gelobten ſich wechſelſeitiges Ausharren in der Wahrheit und dem reinen Glauben. Da kommt . 39— von Spalatin ein zweiter Brief, der die harte Frage enthalt; warum er noch ſo lange weile, da ferneres Zögern dem Lande ſchaden könne? Schmerzlich gebeugt, ruft Luther: Vater und Mutter haben mich verlaſſen, aber du o Herr, nimmſt mich auf! und iſt im Begriff, ſogleich Wittenberg zu verlaſſen. Da keucht ein dritter Bote mit dem Befehl: einſtweilen noch in Witten⸗ berg zu bleiben. Die Veranlaſſung zu dieſer ſchnellen Aenderung der Geſinnungen Friedrichs lag zum Theil in der Verwendung der Univerſi⸗ tät für ihren geliebten Lehrer und die Fortdauer ſeines Auffenthalts zu Wittenberg, zum Theil aber in dem Tode des alten Kaiſers Maximilian I, durch welchen der Churfürſt Reichsverweſer und ſein Einfluß in die Verhältniſſe Deutſchlands und ſelbſt Europas von hoher Bedeutung ward. Auch den Papſt durfte er jetzt nicht mehr fürchten und konnte deshalb ungeſtört den Neigungen ſeines Herzens folgen. Dieſes aber zog ihn ſtets zu Luther. 3 Ppapſt Leo X, der vorzüglich in dieſem Zeit⸗ punkte nicht gern mit dem Churfürſten brechen wollte, verſuchte jetzt die Guͤte und ſandte im Januar 1519 ſeinen Kämmerer, Karl von Miltitz, einen Meißniſchen Edelmann, nach Deutſchland, um mit Luther in Altenburg zu un⸗ terhandeln und dieſen durch freundliches Zureden * — 40— zum Widerruf zu bewegen. Zugleich brachte der⸗ ſelbe als Geſchenk vom Papſte, dem Churfürſten eine geweihte goldne Roſe, mit welchen die Päpſte gewöhnlich nur die vorzüglichſten Herrſcher Euro⸗ pas beehrten. Beides jedoch ohne Erfolg. Luther blieb ſanft aber ſtandhaft, verſtand ſich zu keinem Widerrufe, verſprach jedoch zu ſchweigen, wenn auch ſeine Feinde daſſelbe thäten. Der Churfürſt hingegen nahm das päpſtliche Geſchenk ſehr kalt⸗ ſinnig auf, da er überdies dem Ueberbringer eine bedeutende Geldſumme für Reiſekoſten, Auslagen u. ſ. w. vergüten mußte. Jetzt brach plötzlich Dr. Eck, Prokanzler zu Ingolſtadt und Ketzermeiſter durch Baiern und Franken, gegen Luther und deſſen Freunde los, und forderte ſie zu einer Disputation nach Leip⸗ zig. Seine Zeitgenoſſen ſchildern dieſen gelehrten Klopffechter alſo: Eck, ſagen ſie, iſt von dickem und breitem Leibe, grober, gewaltiger Stimme, dichten und ſtarken Lenden. Sein Geſicht, Au⸗ gen und Anblick iſt ſo beſchaffen, daß man eher einen Cariſchen Soldaten, als einen Theologen aus ihm machen ſollte. Er hat ein vortreffliches Gedächtniß, aber wenig Verſtand. Dabei iſt er voell Frechheit und Verſchmitztheit, und ſpringt ſogleich auf etwas anderes ab, wenn er merkt, daß er *) G. Löſchers vollſt. Ref. acta III, 248. mit einer Behauptung nicht durchkommen kann.*) —.— △ 41— Dr. Ecks Wunſch wurde erfüllt. Luther und Karlſtadt trafen am 27. Juny in Leipzig ein, woſelbſt ſie bis zum 13. July verweilten. Zuerſt ſprach Karlſtadt, dann Luther. Eck ſtelle te den Satz von der Unfehlbarkeit und dem gött⸗ lichen Anſehen des Papſtes auf und vertheidigte ihn, um dadurch, daß er das Herz der römiſchen Kirche berührte, Luthern entweder zum Schwei⸗ gen zu bringen, oder ihm den Untergang zu be⸗ reiten. Allerdings mußte Luther entweder dieſen Satz als wahr erkennen, oder ſich auf die furcht⸗ bare Rache des römiſchen Hofes gefaßt machen. Doch ihm galt die W eit mehr, als jede andere Rückſicht. Er klärte deshalb laut und kühn: Chriſtus ſey das einzige Oberhaupt der chriſtlichen Kirche, der Papſt habe ſeine Macht nur von Menſchen, nicht von Gott erhalten und dieſe angemaßte höchſte Macht des Papſtes ſey der Geſchichte, den Concilien(Kirchenverſammlungen) und vorzüglich der h. Schrift entgegen.*) Eck ward von ihm beſiegt, Luther verließ mit ſeinen Freun⸗ den Leipzig, ihm folgten viele Studierende aus die⸗ ſer Stadt; Eck hingegen reißte rachedurſtig nach Rom und brachte es bald durch Erzählung des Vor⸗ gefallenen, Verläumdungen der heftigſten Art und 1 ähnliche verwerfliche Mittel bei dem Papſte dahi d *) Mark. 10, 35— 45. Luk, 22, 24— 27 u. a. Stellen, * — 42— daß Luther feierlich im Oktober 1520 zu Rom in den Bann gethan wurde. Mit dieſer Bannbulle kehrte Eck triumphirend nach Deurſchland zuruck, verbreitete dieſelbe an allen Orten, die er durchreißte und verkündere laut den Untergang des Ketzers Luther; aber ſein Eifer hatte einen höchſt ungünſtigen Erfolg. Das Polk riß ſie in den meiſten Städten, wo ſie an⸗ geſchlagen wurde, in Stücken, und gerieth gegen Eck, als den Stifter dieſes Unheiles, ſo wie ge⸗ gen die Anmaßungen des römiſchen Hofes in den heftigſten Unwillen⸗ Luthern konnte die Ankunft der Bannbulle in Deutſchland weder ſchrecken noch ſchaden. In ſei⸗ ner Bruſt geſtählt durch den Glauben an Gottes Vaterhülfe, ſein Recht und die Wahrheit ſeiner Lehre, in der Auſſenwelt unterſtützt durch den täglichen Zuwachs mächtiger Freunde, erklärte er laut:„die elenden Menſchen wüthen wider migh und ſuchen mein Leben, aber Chriſtus herrſchet und lebet. Was ſie machen, mag Chriſtus ſe⸗ hen."4— Jetzt glaubte er, den Pabſt nicht länger ſcho⸗ nen zu dürfen. Deshalb ſchrieb er zuerſt ein Büchlein gegen Eck„Von den neuen Eck'ſchen Lügen und Bullen“, hierauf gegen den Papſt ſelbſt, unter dem Titel:„Gegen die Bullen dos 3 — —ꝑ 45— Antichriſts“ und endlich die kraftvolle Schrift an den deutſchen Adel“, worinn er mit Flam⸗ menzügen den Mißbrauch der päpſtlichen Gewalt zum Schaden der armen Deutſchen darſtellte. Er ging noch weiter. Als man ſeine Schriften dem päpſtlichen Befehle gemäß zu Rom, Mainz, Köln und Löwen verbrannt hatte, ſo eröffnete er der hohen Schule zu Wittenberg am 10. Dezember 1520 durch einen öffentlichen Anſchlag ſein Vor⸗ haben:„die päpſtliche Bulle mit dem kanoniſchen Recht um neun Uhr vor dem Elſterthore zu ver⸗ brennan, und führte daſſelbe, bei der Anweſenheit einer ungeheueren Volksmenge aus. Dieſe kühne That empörte den Papſt und deſſen Anhänger auf's Aeuſſerſte, und ſchnell mußten zwei Geſandte deſſelben, Carraccioli und Aleander ſo⸗ wohl bei den Churfürſten von Sachſen, als bei dem neugewählten Kaiſer Karl W ſelbſt, ernſtlich und dringend um Luthers Gefangennehmung und Auslieferung nach Rom anhalten. Zugleich wurden Mörder und Giftmiſcher gegen ihn ausgeſendet, doch alles vergebens. Karl, der weder dem Papſte entgegen handeln⸗ noch gegen den Churfürſten von Sachſen, dem er hauptſäch⸗ lich die Kaiſerkrone dankte, undankbar erſcheinen wollte, erwählte einen Mittelweg, wobei er ſelbſt glänzen konnte, und lud mit Zuſtimmung Frie⸗ derichs, den kühnen Mönch ver den Reichstag nach — 44— Worms. Zugleich ſandte er ihm auf Verwen⸗ dung ſeines Landesfürſten ein ſicheres Geleite. So ſehr Luthers Freunde ihn von dem Zuge dahin abzuhalten ſtrebten, ſo furchtbar ſeine Fein⸗ de ſein nahes, gewaltſames Ende vorausſagten, Luther erklärte öffentlich:„ſo viel an mir iſt, will ich mich eher krank laſſen hinführen, wenn ich nicht geſund kommen kann: denn es iſt nicht zu zweifeln, daß ich von Gott berufen werde, da mich der Kaiſer ruft. Der lebt und herrſcht noch, der die drei Männer im glühenden Ofen erhalten hat. Verſeht euch zu mir Alles, nur nicht, daß ich fliehen oder widerrufen werde.“. Kaspar Sturm, der kaiſerliche Herold er⸗ ſcheint, geſchmückt mit dem Doppeladler in Wit⸗ tenberg, das Volk ſtröhmt lautklagend über den Verluſt ſeines treuen Lehrers zuſammen, doch die⸗ ſer nimmt männlich von ſeinen Freunden, beſon⸗ ders dem treuen Melanchthon, dem er des reinen Glaubens Vertheidigung noch einmal em⸗ pfiehlt, Abſchied und fährt auf einem offenen Wa⸗ gen*) mit ſeinem Rechtsfreunde Dr. Schurf, ſeinem Bruder Jakob und ſeinen beiden Amts⸗ genoſſen, Amsdorf und Jonas, der Entſchei⸗ dung ſeines Schickſals wohlgemuth entgegen. *) am Aten April 1521. An allen Städten, durch die er kam, ſtröhmte das Volk jauchzend dem Märtyrer für Wahrheit entgegen, an vielen Thoren aber fand er auch des Papſtes Bulle angeheftet, die er indeſſen nur be⸗ lächeln konnte, da ſie der tapfere und geiſtvolle Ritter Ulrich von Hutten, Luthers Freund mit den treffendſten Bemerkungen herausgegeben und widerlegt hatte. Freudetrunken erblickt er endlich den herrlichen Rhein und im Morgenſtrahl das alte Worms. Vor der Stadt eilt ihm ein Bote ſeines Freun⸗ des Spalatin(des Sächſiſchen Kanzlers) ent⸗ gegen und räth zur Umkehr. Ihm entgegnete Luther:„und wenn ſie ein Feuer machten, das zwiſchen Wittenberg und Worms bis an den Him⸗ mel reichte, ſo will ich doch, weil ich vorgefordert worden, im Namen des Herrn erſcheinen, und dem Behemot in ſein Maul zwiſchen ſeine großen Zähne treten, Chriſtum bekennen und ihn wal⸗ ten laſſen. Im Thore noch, wollen ihn ſeine Freunde zum Weichen bereden, indem der Papſt und ſeine Genoſſen zu mächtig auf dem Reichs⸗ tage ſeyen.„Nein!“ ſagt Luther„und wenn ſo viele Teufel in Worms wären, als Ziegel auf den Dächern, ſo will ich doch hinein. Iſt ſchon Huß zu Aſche verbrannt, ſo iſt doch die Wahrheit nicht mit verbrannt worden!“ Mit dieſem Felſenglauben an Gottes walten⸗ — 46— de Vorſehung und an die Wahrheit ſeiner Lehren, fährt er am 16. April 1521, Morgens in Worms ein.— Die Volksmenge wogt in den Straßen, Alles will den kühnen Mönch ſehen, der es wagt, ſich der geglaubten Allmacht des Papſtes entgegen zu ſtellen. Häuſer nicht, noch Straßen und Thür⸗ me fiſſen die Menſchenmaſſe. Sie decken die Dacher ab, um ihn zu ſchauen, und er— der gottergebene ſchlichte Mann— fährt ruhig auf ſeinem offenen Wägelchen, im Vertrauen auf den Herrn, ein, ſteigt am deutſchen Ordenshauſe mit ſeinen Genoſſen ab und erwartete die Ladung vor den Reichstag, die auch durch den Reichserbmar⸗ ſchall Ulrich von Pappenheim am an⸗ dern Morgen erfolgt, der ihm im Namen des Kaiſers gebeut, ſich am 17. April Nachmittags 4 Uhr vor dem Reichstage zu ſtellen, wohin er ihn um jene Stunde ſelbſt abholen würde. Chriſtliche Bemerkungen zu dem zweiten Abſchnitte der Lebensgeſchichte Luthers. 4. Laſſe dich nie durch den äuſſeren Schein beſtechen, o Chriſt! ſondern drin⸗ —.,— —.,— 4 auf den Grund der Sache. Je mehr des Gaukelſpiels, deſto weniger des dauernden Ge⸗ haltet. So bezweckten auch Tetzels feierlicher Aufzug, ſeine öffentlichen Proceſſionen, ſeine prahleriſchen Behauptungen von den Wirkungen des erkauften Ablaſſes nichts weiter, als das leicht zu täuſchen⸗ de Volk um Geld und Gut zu betrügen, ſich und ſeine Oberen zu bereichern. 3 In feinen Widerlegungen e⸗ liſchen Ablaßlehre unterſchied L Be ſehr genau die Sache von der Perſon. Mit unwiderſtehlichen Gründen bewieß er aus Vernunft und h. Schrift die Unzuläſſigkeit der Sündenvergebung für Gold. Dagegen zeigte er durch Sanftmuth und Beſcheidenheit in ſeinen Behauptungen, wie ſchon der Anfang ſeines Auf⸗ ſatzes:„aus Liebe und Eifei für die Aufhellung der Wahrheit“, daß es ihm nur um das Gute, und nicht um eitlen Ruhm und Verkleinerung des Gegners zu thun ſey. Wie ganz anders beginnt dagegen Tetzel ſeine verſuchte Widerlegung Lu⸗ thers, die mit den Worten anfängt: Nachgeſchrie⸗ bene Sprüche wird Bruder J. Tetzel zu Frank⸗ furt a. d. O. äffentlich vertheidigen, aus wel⸗ chen bald im erſten Anblick erkannt werden ſoll⸗ wer ein Ketzer, Abtrünniger, Hals⸗ ſtarriger, Verſtockter, Irriger, Auf⸗ rühreriſcher, Plauderer, Frevler und Ungerechter zu achten ſey. Gott zu Eh⸗ ren und den h. apoſtoliſchen Stuhl zum Preiß.— 3. Die ſeichteſten, unwiſſendſten Men⸗ ſchen erregen gewöhnlich das größte Geſchrei von ſich und der Güte ihrer Werke. Tetzel war ſo kenntnißlos, daß er ſich nicht einmal im Stande befand, auch nur eine Widerlegung jener 95 Punkte Luthers gegen den Ablaß zu ſchreiben, ſondern es dem Lehrer Kon⸗ mußte. Wie wahr und kraͤftig ſingt in dieſer Beziehung einer der Unſterblichen unſeres Volkes: „Rauſchet der Strom, o dann iſt er ſicher nicht tief“! 4. Es iſt der Wahrheit Schickſal auf Erden, daß ſie häufig kämpfen, bis⸗ weilen auch eine Zeitlang unterlie⸗ gen muß, allein zuletzt trägt ſie doch gewöhnlich den Sieg davon. So auch bei Luther; er wurde auf Tetzels Veranlaſſung nach Rom gefodert, aber geſchützt durch ſeinen Landesfürſten, rad Wimpina zu Frankfurt a. d. O. auftragen ———;— in Deutſchland verhoͤrt) von dem Kardinal Kaje⸗ tan bei dieſem verlaumdet, jedoch durch eine gründ⸗ liche Auseinanderſetzung ſeiner Lehre gerechtfer⸗ tigt, ſollte in Augsburg heimlich verhaftet und gen Rom geliefert werden, entwich aber glücklich, unter dem Schutze treuer und mächtiger Freunde, den gefahrlichen Schlingen der Römer⸗ 5. Sichtbar und herrlich erſcheinen auch in dieſem Lebensabſchnitte Luthers die Spuren höherer göttlicher Leitung und einer beſonderen Obhutüber ſeine Erhaltung, Ausbildung und Vollkom⸗ menheit. Hätte z. B. Tetzel nicht gerade in Wittenbergs Nähe ſeinen ſchändlichen Ablaßhan⸗ del getrieben, dadurch Luthers Beichtkinder ver⸗ führt und deſſen Aufmerkſamkeit beſonders erregt, nie würde dieſer wohl den Kampf mit jenem Domi⸗ nikanermönche begonnen haben. Er wäre alsdann nicht von Zeit zu Zeit in größere Kämpfe verwik⸗ kelt und die Wahrheit von ihm eifriger und anhal⸗ tender unterſucht und ergründet worden. Schon hatte Luther dem ſchlauen Miltitz ewiges Still⸗ ſchweigen über Religionsgegenſtände zugeſagt, unter der Bedingung, daß auch ſeine Gegner ſchwiegen, da trat Eck plötzlich gegen ihn in die Schranken; der Grundſtein des Papſtthumes 4 “ 22. 50—, die Unfehlbarkeit und göttliche Macht des Papſtes wurde durch jene Unterredung zu Leipzig vor den Augen und Ohren der ſtaunenden Welt erſchüttert, und— Luther ſiegte. ——— Er iſt dndd— Der Tag der Freiheit, den ſich manch Jahr. hundert Erſeufzt hätt', aber ihn nicht ſah! Zürn oder traure; denn man wird, nicht mehr Gebein zu kaufen, als ob's heilig wäre, O Rom, zu deinen Catacomben*) wallen! Wo iſt nun, Völkerkönigin, Dein Bann und Wucher und Gewinn? Es iſt die Königin gefallen!**) 6. Gott ſchützt das Gute und deſſen Vertheidiger oft augenſcheinlich ge⸗ gen die Hinterliſt und Bosheit ſeiner Feinde. So mußte Luthern an der Abendtafel des Churfürſten Richard von Trier, das Glas, in welchem ſich die Giftmiſchung befand, in dem⸗ ſelben Augenblick ſpringen, als er es an den Mund ſetzen wollte. So erzählt ferner Luther ſelbſt: als er eiumal 4) Grahmäler geglaubter chriſtlicher Märtyrer zu Rom. **) u. Eramer. 4 — 35—- aus ſeinen Vorleſungen in ſein Kloſter(zu Witten⸗ berg) zuruͤckgegangen ſey, habe ein Fremder fin⸗ ſteren Angeſichtes ſich ihm genähert und ihn ge⸗ fragt, wie er ſo kuhn ſeyn, und jedermann ſo freundlich begegnen und die Hand bieten möchte. Es könnte ja einer ein Gewehr bei ſich haben und ihn ermorden. Luther antwortete:„Wie wollte einer davon kommen, der ſolches thäte? Er mußte ſein Leben dennoch auch daran ſetzen und ſterben. Wenn ich euch erwürgte, erwiederte der Frem⸗ de, und gleich darüber auch umkäme, ſo machte mich der Papſt zu einem Heiligen, und euch zu einem Ketzer, den er dem Teufel uͤber gäbe⸗ Hier⸗ auf verließ der Verdächtige die Stadt. So erzählt man auch, ein Fremder ſey in ſei⸗ ner Kuche angetroffen worden, der eine Zündbüchſe (Schießgewehr) im Aermel getragen und Luthern vor dem Kloſter gefragt habe: warum er ſo allein gehe? Ich ſtehe in Gottes Händen, brach Luther, der iſt mein Schutz; was kann mir ein Menſch thun? Darüber ſey der Meuchelmörder erblaßt, und zitternd zum Thore hinausgegangen. So ſchirmt der Herr die Seinen! — 52— Wie Luther lebte, lehrte und ſtarb⸗ Dritter Abſchnitt. Jetzi alſo befand ſich Luther in Worms der Ent⸗ ſcheidung ſeines Schickſals nahe. Seine Feinde jubelten, es zitterten ſeine Freunde; nur er blieb ru⸗ hig, im Vertrauen auf Gott, die feſte Burg.*) Der Seele Zweifel und Angſt ſcheuchte er in der Frühlingsnacht, die ſeinem Erſcheinen auf dem Reichstag voranging, durch Saitenklang und Flö⸗ tentöne, deren Meiſter er war, und mit hohem Gott⸗ vertrauen folgte er am 17. April, Nachmittags 4 Uhr dem Reichsmarſchall vor den Thron des Kai⸗ ſers. Zuvor aber warf er ſich einſam vor Gott auf ſein Antlitz nieder und betete. Die Geſchichte hat uns jenes inbrünſtige Ge⸗ bet, das völlige Ergebung in den göttlichen Wil⸗ len und kühne Todesverachtung athmet, aufbe⸗ halten**). Auf gewöhnlichem Wege zum Reichs⸗ allaſte zu gelangen, war unmöglich. Das Volk ) Das kraſtvolle Lied, welches mit jenen Worten beginnt, ſoll Luther zu dieſer Zeit gedichtet haben. **) S. Seckendorfs Geſchichte der Reformation, Thl. 1. 4 S, 8. “ — 55— hatte, wie beim Einzuge Luthers in Worms, Straßen, Dächer und Thürme erfüllt; nur auf geheimen Nebenpfaden, durch Gäßchen und Häu⸗ ſer kamen ſie zum Ziel. An der Pforte des Reichs⸗ ſaales wachte des Kaiſers Feldherr, der greiſe Marſchall Freundsberg. Als dieſer Luthern erblickte, umfaßte er ihn traulich und rief ihm zu:„du gehſt o Mönchlein! jetzt einen ſchwerern Gang, als ich und mancher Obriſter auch in der ernſteſten Schlachtordnung nicht gethan haben. Biſt du aber auf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, ſo fahr in Gottes Namen fort und ſey getroſt, Gott wird dich nicht verlaſſen.“ Jetzt rauſchten des Saales Flügelthüren; Lu⸗ ther! rief eine Stimme und der einfache Mönch trat vor den Kaiſer und die Herrſcher ¼) der Erde furchtlos und mit dem feſtem Willen: treu ſeiner Ueberzeugung zu leben und zu ſterben. Eine Todtenſtille herrſchte bei ſeinem Eintritt in dem Saal; aller Blicke waren auf ihn gerich⸗ tet. Darauf brach der Kanzler des Churfürſten von — Außer dem Kaiſer befanden ſich daſelbſt der Erzherzog Ferdinand, deſſen Bruder; 6 Kurfürſten, 24 Her⸗ zoge, 95 Grafen, 5 königliche Abgeſandte, 30 Bi. ſchöffe und Prälaten, und eine große Zahl Saeian Ritter. — 54— Trier Dr. Joh. von Eck*) das Schweigen durch die Frage an ihn: ob er die vor ihm lig⸗ genden Bücher für die ſeinen erkenne? Luthers Rechtsfreund Dr. Schurf, der ihm zur Seite ſtand, bat um Nennung der Titel und als dies geſchehen war, bejahte Luther dieſelbe. Weiter fragte Eck: ob er deren Inhalt wider⸗ rufen wolle? Zur Beantwortung dieſer wichtigen Frage er⸗ bat er ſich bis zum kommenden Tage Bedenkzeit, die ihm auch von dem Kaiſer unter der Bedin⸗ gung geſtattet wurde, daß er ſich mündlich verantworte. Hierauf ſchied Luther, der Lieb⸗ ling des deutſchen Adels, vom Volke im Jubel umgeben, wieder nach ſeiner Herberge⸗ Am Abende des nächſten Tages trat er aber⸗ mals in den Reichsſaal, wandte ſich alsbald an den Kaiſer, a als dem Einzigen, welchem hier über ihn zu richten gebühre, und eröffnete ſeine mit der Entſchuldigung, man möge dem ein⸗ fachen Mönche den Mangel an Hofſitte, Titel⸗ kenntniß und feinen Gebräuchen nicht verargen. Darauf erklärte er, warum er ſeine Lehre, die er in dreifacher Hinſicht unterſchied, nicht wider⸗ rufen könne, erbot ſich indeſſen, wenn man ihn —— *) Welcher wohl zu unterſcheiden iſt, von Eck, den Gegner Luthers zu Leipzig. ——— ——— aus der h. egheif eines Sretbunes zu überfüh⸗ ren vermöge, ſeine Schriften ſelbſt zu verbrennen Als hierauf Eck ihn ſtrafend unterbrach und in kurzer Antwort verlangte: ob er widerrufen wolle? entgegnete Luther; ſo will ich denn eine runde und klare Antwort geben die weder Hörner noch Zähne haben ſoll!„Dem Papſte und den Concilien(Kirchenverſammlun⸗ gen) glaube ich nicht, denn beide haben oft geirrt und ſich ſelbſt widerſprochen, aus heil. Schrift überwieſen bin ich nicht, widerrufen kann ich darum nicht, in dem es weder ſicher noch gerathen iſt, gegen das Gewiſſen zu handeln. Hier ſtehe ich,— ich kann nicht anders.— Gott helfe mir. Amen! Dieſe Kraft, mit welcher Luther ſeine Rede ſchloß, machte einen hohen Eindruck auf die Ge⸗ müther der Anweſenden und gewann ihm viele Herzen. Selbſt Karl ſprach:„der Mönch redet unerſchrocken und mit getroſtem Muthe!““ Als Luther die Verſammlung abermals verlaſſen wollte, wurde ihm eine Wache zugegeben, die ihn gegen den Andrang der Menge ſchützen ſollte. Da dies die Glieder des Adels bemerkten, wähnten ſie, man wolle ihn gefangen nehmen, ein Getümmel erhob ſich, und ſie eilten herbei, um ihn zu ſchüz⸗ zen. Doch beruhigte die Entrüſteten die Erklä⸗ rung, daß jenes nur zu ſeinen Schutze geſchähe. Luther eilte in ſeine Wohnung zurück und er⸗ freute ſich noch deſſelben Abends der Gegenwart vieler Fürſten und Edlen, denen die Würde und Kühnheit des edlen Kämpfers Hochachtung und neues Intereſſe an ihn eingeflößt hatte. Unter ih⸗ nen glänzte Philipp, Landgraf zu Heſſen, Wilhelm, Herzog von Braunſchweig, der Graf zu Henneberg und andere. Auch ſein weiſer Churfürſt erklärte ſich noch an demſel⸗ ben Abend gegen Spalatin, ſeinen Kanzler: „wie ſchön hat Pater Martin heute ge⸗ ſprochen vor dem Herrn Kaiſer und dem Reich. Er iſt mir nur zu muthig.“ Die römiſchen Nuntien(Geſandten des Papſtes), und wenn man dem Geruüchte trauen darf, mit ihnen ſelbſt einige deutſche Fürſten, ſuchten indeſſen den jungen Kaiſer dahin zu be⸗ ſtimmen, daß er Luthern das ſichere Geleit brechen und ihn gleich Huß,„zum erbaulichen Exempel für alle Ketzer“ dem Feuertode übergeben möge. Doch hier ſiegte deutſche Treue. Die Erſten des Reichs, Ludwig, Churfürſt der Pfalz, ſelbſt Luthers unverſöhnlicher Feind, Herzog Georg von Sachſen erklärten laut: Deutſch⸗ lands Fuͤrſten dürften ſolche Treuloſigkeit, zumal auf des neuen Kaiſers erſtem Reichstage nimmer⸗ —— — 3537— mehr zulaſſen, ſie ſey der deutſchen Redlichkeit entgegen, denn was man verſprochen habe, müſſe man halten. Karl that den hohen Ausſpruch:„und wenn auch nirgends mehr Wort und Treue gälten, ſo müßten ſie doch bei einem deutſchen Kaiſer ſich ſinden“, und Luther war hierdurch gerettet und ſchied den 26. April 1521 aus Worms mit ſeinen alten Reiſegefahrten. Zuvor wagte der Churfürſt von Trier, Ri⸗ chard von Greifenklau noch einen ſchwachen Verſuch. Luthern durch Güte zum Widerruf, wenn auch nur von einigen Artikeln zu bringen; allein vergebens! Dieſer erwiederte ihm mit Ga⸗ maliel aus der Schrift:(Apoſtelgeſ. 5, v. 38. 39.) iſt das Werk von Menſchen, ſo wird es bald vergehen, iſt es aus Gott, dann werdet ihr es nicht dämpfen!, worauf der ſanfte Richard nicht weiter in ihn drang⸗ ſondern ihn zur Abendtafel zog. Hier trug es ſich zu, daß Luthern, als er eine ihm von dem Kanz⸗ ler Eck gebrachte Geſundheit erwiedern wollte/ der Becher ſprang, gerade da er ihn an den Mund ſetzte. Gift! murmelten die Anweſenden, doch der Unerſchrockene beruhigte ſie mit den Worten: iſt der Trunk entweder nicht geſund oder nicht be⸗ ſcheert geweſen, und wahrſcheinlich ſprang das Glas, weil es zu ſchnell abgekühlt wurde. Wahrlich⸗ — 56— nur das unerſchütterlichſte Vertrauen auf Gottes Schutz, kann dieſen Gleichmuth der Seele ſchaf⸗ fen! Als er Worms verlaſſen hatte, wurde er von dem Kaiſer in die Reichsacht erklärt. Das von dem päpſtlichen Geſandten Aleander zu die⸗ ſem Zweck verfaßte Dekret, nennt Luther einen Teufel in der Mönchskutte und befiehlt: ihn le⸗ bendig oder todt auszuliefern, wo man ihn fände. Riuhig ſetzte dieſer indeſſen ſeine Reiſe nach Wittenberg fort, ſandte den Herold Sturm, als er ſich im He ſſiſchen ſicher glaubte, mit Dankſa⸗ gungsſchreiben an den Kaiſer und die Reichsſtän⸗ de zurück und zog am 1. Mai in Eisnach ein. Von hieraus beſuchte er ſeine Verwandten in Möra, weshalb ihn ſeine bisherigen Begleiter verließen. Nur Amsdorf und ſein Bruder Jakob blieben bei ihm. Nachdem er ſich des Umgangs mit ſeiner noch lebenden Großmutter und ſeinem Oheim, Heinrich Luther erfreut hatte, ſetzte er am 4. Mai ſeine Reiſe fort, und da ge⸗ ſchah es, daß ſein Wagen in einem Walde zwi⸗ ſchen Schweina und Altenſtein plötzlich von fünf Reitern umringt wurde, die aus einem Dickicht bei einer wüſten Kirche heranſprengten, Luthern vom Wagen zogen und mit ihm davon eilten. Im Dunkel des Waldes mußte ſich Luther um⸗ —j— kleiden und das Mönchshabit mit einem ſtattlichen Ritteranzuge vertauſchen. Dann gaben ſie ihm Roß und Schwerdt und ſo gelangte er in ihrem Geleite um Mitternacht auf dem kurfürſtlichen Bergſchloſſe Wartburg an⸗ Schon in Worms hatte Luther kurz vor ſeiner Abreiſe einen Wink von ſeinem Landesfürſten über dies Ereigniß er⸗ halten, das ihn vor dem erſten Feuer der Reichs⸗ acht ſchützen ſollte. Die Geſchichte nennt den Burgvogt zu Wartburg, Johann von Ber⸗ lepſch und den Ritter Burkhard Hund zu Altenſtein als ſeine Entführer. Luther befand ſich auf ſeinem Pathmos, wie er es mit dem Evangeliſten Johannes ſehr paſ⸗ ſend nannte, äuſſerlich überaus wohl. Der Jun⸗ ker Görge,— dies war ſein angenommener Rittername— wurde von ſeinem Knappen köſt⸗ lich bedient und von dem Treuen ſters ermahnt, die Bücher zu fliehen, des Schwerdtes und der Jagd zu pflegen, auf daß er nicht für einen Wichreif ber angeſehen werde. Wirklich verſuchte es auch Luther, zu jagen und mit ritterlichem Schmuck und Barte, die nach⸗ barlichen Herbergen heimzuſuchen; beides aber ge⸗ währte ihm nur kurze Luſt. Theologiſche Gedan⸗ ken beſchäftigten ihn auch hier. Unter den Jagd⸗ hunden dachte er ſich die Verfolgungen des Teu⸗ fels, die armen Häslein waren ihm der Men⸗ — 60— ſchen geängſtete Seelen; und kam er bei einem Gelage mit Fremden zuſammen, ſo begann er bald Religionsgeſpräche zu führen, und mußte einigemal ſchnell entweichen, um ſich nicht der Enrdeckungsgefahr preiß zu geben. Mit deſto größerem Eifer weihte er ſich jetzt der deutſchen Ueberſetzung des N. Teſtamentes und erwarb ſich hierdurch um die religiöſe Volks⸗ bildung unſterbliches Verdienſt, da das Volk frü⸗ her den Sinn und Inhalt der Gottesverehrungen nur ahnen konnte, indem derſelbe in fremden Sprachen vorgetragen wurde. Seine mit dieſer Arbeit verbundene Geiſtesanſtrengung zog ihm Blutanhäufung in Kopf und Bruſtgefäßen zu, und ängſtigte ihn bisweilen ſo ſehr, daß er wähn⸗ te: dies ſeyen Anfechtungen des Satans. Auch ſah er dieſen einſt leibhaftig in ſeiner Einbildung vor ſich ſtehen und warf dem Höhnenden, voll heili⸗ gen Eifers das Dintenfaß an den Kopf. Noch jetzt wird auf Wartburg der aufgefriſchte Fleck gezeigt, welchen damals Luthers Eifer an der Wand ſeines Zimmers verurſachte. Doch kaum dreiviertel Jahre lang war es ihm vergönnt, ſich ſelbſt und ſeiner Muſe auf Wartburg zu leben. Neue Stöhrungen verdun⸗ kelten das kaum wieder erſchienene Licht der rei⸗ nen Lehre, und zwar gingen dieſe Stöhrungen jetzt gerade von Luthers Anhängern aus. Doctor — 6— Karlſtadt, der früher als Freund und Amtsge⸗ noſſe Luthers ſo mannhaft für das Evangelium geſtritten hatte, ging in ſeiner Neuerungsſucht zu weit, und wollte das durch Gewalt erzwin⸗ gen, was der weiſe Luther als Frucht der Zeit langſam reifen laſſen wollte. Er drang mit wil⸗ den Studenten, erhitztem Volkshaufen und meh⸗ reren berüchtigen Schwärmern, z. B. dem Tuch⸗ macher Nicolaus Storch und dem Prediger Thomas Münzer aus Zwickau, in die Schloß⸗ kirche zu Wittenberg, entfernte geräuſchvoll Ge⸗ mälde, Beichtſtühle, der Heiligen Bildſäulen und ſelbſt das Altargeräthe aus derſelben, verkündete ein neues Gottesreich, deſſen Grundſtein Gleich⸗ heit aller Stände ſey und wollte den Grund zu allen dieſen Thorheiten in der Bibel ſinden. Welcher Donnerſchlag für Luthern, als er die⸗ ſen Unfug in ſeiner Einſamkeit vernahm. Schnell eilte er*), dem Gebote des Churfürſten entge: gen, nach Wittenberg, betrat die Kanzel und zeigt mit hoher Kraft, den Irrthum der Schwärmer. Es gelingt ihm, den gutmüthigen Feuerkopf Karl⸗ ſtadt wieder auf die rechte Bahn zu bringen, die Irrgeiſter Storch, Münzer und ihren Anhang aber mit obrigkeitlicher Hülfe aus der Stadt zu treiben. Unermüdet durchzog er jetzt Sachſen⸗ *) am 5ten März 1522. land und predigte den Unruhigen Gehorſam, Liebe und reinen Glauben. Bald waren auch durth ſeine raſtloſen Bemühungen dieſe Unruhen geſtillt und der vorlaute Triumph ſeiner Feinde hierdurch ver⸗ eitelt. 1. Mit doppelter Kraft arbeitete hierauf Luther in Gemeinſchaft mit Melanchthon an der Vol⸗ lendung und Herausgabe ſeines deutſchen N. Te⸗ ſtaments. Zugleich ſchrieb er auch— unter den vielen Schriften, die er im Jahre 1525 heraus⸗ gab— eine kräftige Widerlegung der Schmäh⸗ ſchrift, welche der König von England Hein⸗ rich VIII. aus gelehrter Ruhmſucht gegen ihn er⸗ gehen ließ. Immer mehr wuchs indeſſen die Zahl reiner evangeliſcher Chriſten in Sachſen, Preu⸗ ßen, Schleſien u. a⸗ a. O. Selbſt auf dem, im obenbenannten Jahre zu Nürnberg gehaltenen Reichstage, der an des abweſenden Kaiſers Stelle, von dem Erzherzoge Ferdinand gehalten wurde, gewann die evangeliſche Lehre durch die Kraft, mit welcher ſie von ihren Anhängern gegen die Anmaßungen des römiſchen Hofes unterſtützt wur⸗ de. Leo X war indeſſen(den 13. Dezember 1521) plötzlich geſtorben; ihm folgte der achtungswerthe Papſt Adrian VI, ein gebohrner Deutſcher, wel⸗ cher öffentlich erklärte: eine allg emeine Kir⸗ chenverbeſſerung ſey höchſt nothwen⸗ dig, und der römiſche Hof ſelbſt ſey 18* * 4 — — — Haupturſache an allen bisher entſtan⸗ denen Verwirrungen. Indeſſen drang auch er auf Vollziehung des Wormſer Ediktes, wie⸗ wohl vergebens. Das N. Teſtament war indeſſen erſchienen, bald als Volksbuch in aller Händen und jetzt ar⸗ beitete Luther an der Ueberſetzung des alten Te⸗ ſtamentes. Auch fühlte er ſchon längſt zu ſehr das Geiſtloſe, Mechan iſche der aäuſſeren Formen der Gottesverehrungen, um nicht auch hier ernſt⸗ lich auf Veredlung derſelben zu ſinnen. Er be⸗ gann mit Herausgabe mehrerer rrefflichen deut⸗ ſchen Kirchengeſänge,*) bei welcher ihn der chur⸗ ſächſiſche Kapellmeiſter Johann Walther, durch paſſende, herzerhebende Melodien eifrig un⸗ terſtützte. Mehrere Singweiſen ſind jedoch von Luther ſelbſt. Bei dieſem erſten Geſangbuche wa⸗ ren die bibliſchen Stellen, auf welche ſich die Ge⸗ ſänge bezogen, untergedruckt, die Singnoten aber ſtanden über den Worten. Bei allen dieſen Verbeſſerungen ging er undef⸗ ſen von dem Grundſatze aus, daß ſie langſam, mit *) unter dieſe Lieder gehören:„Komin heiliger Geiſt!“ „Wir glauben all' an einen Gott!“„Herr Gott, dich loben wir!“„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!*⸗ „Aus tiefer Noth ſchrei' ich zu dir!“„Vater unſer im Himmelreich!“”“„Chriſt lag in Todesbanden! „O Herre Gott dein göttlich Wort u. ſ. w. 1 Vernunft und Liebe, ſchriftgemäß und beſonders durch die veredelte Jugend eingeführt werden müß⸗ ten. Darum ſorgte er vorzüglich füͤr deren Aus⸗ bildung in zweckmäßigen Schulen. Jedoch beginnt er die Veredlung des Aeüſſerlichen auch bei ſich. So vertauſchte er z. B.(am gten Oktober 1524) ſeine Mönchskutte mit einem Prieſterrock, wozu ihm ſein gnädiger Fürſt das Tuch geſchenkt hatte, und hielt in dieſem Kleide zum erſtenmal an genanntem Tage ſein kirchliches Amt. Dann übergab er das von allen Mönchen verlaſſene Au⸗ guſtinerkloſter zu Wittenberg ſeinem Landesherrn, welcher deſſen Einkünfte zu einem andern wohl⸗ thätigen Zweck beſtimmte. 4 Abermals war indeſſen das Feuer des Aufruhrs das bisher unter der Aſche fortgeglüht hatte, in mehreren Gegenden Deutſchlands wieder ausge⸗ brochen. Bei dem harten Druck, unter welchem die Landleute fortwährend ſeufzeten, verwechſelten ſie die Freiheit der Gewiſſen und des Glaubens von der Tirannei geiſtlicher Herrſcher, mit der politiſchen, leiblichen Freiheit vom Zwange ihrer weltlichen Herrn. Luther that, was in ſeinen Kräften ſtand, dieſem ſtets weiter greifenden Un⸗ weſen zu ſteuern. 3 Er durchreißte abermals die benachbarten Ge⸗ genden, predigte, vermahnte, ſtrafte überall X —— — — —— X —— — — —— — 65— mündlich und durch Schriften, und wlrde noch mehr gewirkt haben) wenn ihn nicht der Tod des Churfürſten Friedrich des Weiſen*) veranlaßt hätte, wieder nach Wittenberg zurück zu kehren, um nebſt Melanchthon Vorkehrungen zur würdigen Beſtattung des Entſeelten zu treffen. Indeſſen ſtanden die Fürſten Johann Chur⸗ fürſt, und Herzog Georg von Sachſen, Land⸗ graf Philipp von Heſſen, Herzog Heinrich von Braunſchweig un a. gegen die aufrühre⸗ riſchen Bauern auf, ſchlugen ſie bei Frankenhau⸗ ſen auf's Haupt und zerſtreuten ſie völlig. Friedrich dem Weiſen folgte ſein Bruder, Johann der Beſtuändigenin der Churwürde, der ſich ſogleich als öffentlicher Freund und Be⸗ kenner der evangeliſchen Lehre erklärke. Deshalb konnte jetzt Luther ſchon kräftiger und ſchneller in Sachſen wirken. Er veranſtaltete alsbald bei der Ordination des M. Georg Röhr zum Diako⸗ nus, einen feierlichen Gottesdienſt, der zum erſten⸗ mal nur in deutſcher Sprache gehalten wurde. Schon früher hatte Luther, Melanchthon, Karl⸗ ſtadt u. a. die Unzweckmäßigkeit des Eheverbotes bei den Prieſtern eingeſehen, dagegen gepredigt und geſchrieben und ihre Genoſſen ermuntert, ſich in den Eheſtand zu begeben, wie auch von meh⸗ 5 geſt, den 5. Mai 1535. reren geſchehen war. Luther, ſtets gewohnt, in Sachen ſeiner Ueberzeugung ſelbſt mit gutem Bei⸗ ſpiel voranzugehen, heirathete darum am 13. Ju⸗ ny 1525(Dienſtags nach Trinitatis) ein Fräu⸗ lein Katharina von Bora, aus dem adelichen Geſchlechte derer von Haugwitz, von mütterli⸗ cher Seite. Früh kam die Jungfrau in das ade⸗ liche Fräuleinkloſter Nimtſchen, unfern Grim⸗ ma an der Mulda. Als aber in reiferen Jahren die Gefühle ihrer eigentlichen Beſtimmung in ihr und mehreren Jungfrauen ihres Alters erwachten, da wurde der Wunſch nach Befreiung aus dieſem Zwinger in ihnen rege. Dieſe Befreiung wurde da das Licht der evangeliſchen Lehre auch zu ihnen gedrungen war, von einem Torgauiſchen Bürger, Namens Leonhard Koppe mit noch einigen Gehülfen bewerkſtelligt, und hierdurch Katharina von Bora nebſt acht ihrer Gefährtinnen, dem bürgerlichen Leben wiedergegeben. Luther brach⸗ te dieſe Jungfrauen in den Häuſern der Vornehm⸗ ſten Wittenbergs unter. Katharina ſelbſt wohnte bei dem damaligen Bürgermeiſter, Philipp Reichenbach. Dort gewann Luther Neigung zu ihr, fand eine gleiche Stimmung in„Kät⸗ chens“ Seele und verheirathete ſich mit ihr. Dieſe Ehe war, was auch Feinde und Verläum⸗ der von ihr lügen mochten, eine der glücklichſten, nach Luthers eigenen und ſeiner innigſten Freun⸗ de Geſtändniß. Ihr entſproßten ſechs Kinder, drei Knaben und drei Töchter. Luthers Gattin, funfzehn Jahre jünger als er,(ſie war geboren am 29ten Januar 1499) überlebte ihren Gatten um ſechs Jahre, denn ſie ſtarb erſt am 20ten De⸗ zember 1552. Neu ſchienen ſeine Geiſteskräfte in dieſem ſchönen Verhältniſſe aufzuleben, da er voon früher Jugend auf vielen Sinn für häusliche Freuden verrathen hatte. Als im Jahre 1527 die Peſt ſo ſtark in Wit⸗ tenberg wüthete, daß ſelbſt die Univerſität nach Jena verlegt werden mußte, blieb Luther allein unter den Lehrern daſelbſt, um der ihm anvertrau⸗ ten Seelen zu warten und die wenigen zurückge⸗ bliebenen Studierenden fortzubilden. Immer deutlicher ward es ihm indeſſen, daß die Jugend und das unterſte Volk durch das Evan⸗ gelium mehr veredelt und alſo zuvor mit demſel⸗ ben bekannt gemacht werden müſſe, um wahren Gewinn für Geiſt und Leben von der gereinigten Chriſtuslehre zu erhalten. Er nahm deshalb gemeinſchaftlich mit ſeinem Buſenfreunde Melanchthon, beauftragt von ſei⸗ nem Fürſten, eine allgemeine Unterſuchung der Kirchen und Schulen in Sachſen vor, welche im Jahre 1528 beendigt ward, Hier bot ſich ihm und ſeinem Gehülfen oft ein herzzerreiſſender Anblick der tiefſten Unwiſſen⸗ heit und Rohheit des Volkes und beſonders der Jugend dar, und im Gefühl dieſer Ueberzeugung bearbeitete Luther ſeinen großen und kleinen Katechismus, die er im Jahre 1529 her⸗ ausgab. 3 Luther hatte jedoch, bei ſo manchen trüben Ereigniſſen, die ſeine große Seele verſtimmten, die Freude, daß die reine Lehre des Evangeli⸗ ums ſtets mehr und mehr ſich verbreitete. Schwe⸗ den und Dännemark, Holland, Preußen, Polen, Schleſten, vorzüglich aber die Schweiz zahlte ſchon viele Freunde und Bekenner derſetben. In letztgenanntem Lande trat nicht lange nach dem Kampfe Luthers mit Tetzel, der Pfarrer Ulrich Zwingli in Zürch zu gleichem Zweck gegen den Ablaßprediger Samſon in die Schranken. Die Denkenden der Schweiz pflichteten ihm bei; er empfahl Luthers Schriften, eiferte gegen die Mißbräuche in der katholiſchen Kirche und trieb das h. Werk der Kirchenverbeſſerung mit großem Fleiße. Allein im Jahre 1524 trat er mit einer Anſicht vom Ahendmale hervor, welche der Mey⸗ nung Luthers nicht beipflichtete. Mit ihm vereinte ſich im Jahre darauf Oeko⸗ lampadius,(Hausſchein) Prediger zu Baſel, und jetzt begann ein Schriftenwechſel über dieſe Materie, der immer heftiger ward und die Ge⸗ müther der Deutſchen und Schweitzer Reforma⸗ —.,.— toren mit jedem Jahre mehr von einander ent⸗ fernte. Da beſchloß Philipp, Landgraf zu Heſſen, dieſen Zwiſt durch ein Geſpräch zwiſchen Luther und Zwingli, das er in Marburg(1529 vom 1.— 3. Oktober) veranſtaltete, zu beendigen. Beide Thei⸗ le kamen zuſammen, vereinigten ſich über alle Punkte ihrer Lehre, nur die einzige vom Abend⸗ male ausgenommen, und ſchieden hierauf wieder mit dem Verſprechen; ſich ſtets freundſchaftlich zu vertragen und gemeinſam gegen die Anmaßun⸗ gen der katholiſchen Kirche zu vertheidigen. In⸗ deſſen entſtanden durch dieſe Verſchiede nheit von jetzt an zwei geſonderte Religionspartheien, die der Lutheraner und Reformirten. Merkwürdig iſt noch der zu Speier in dem⸗ ſelben Jahre veranſtaltete Reichstag, auf wel⸗ chem gegen die Evangeliſchen beſchloſſen ward: daß an den Orten, wo bisher das zu Worms aus⸗ gegangene Edict beobachtet worden wäre, nie⸗ mand Luthers Lehre annehmen, und da keine Rieligionsneuerung weiter zugelaſſen werden ſoß⸗ te, wo jene ſchon gelehrt würde. Dieſem Beſchluſſe ſetzten die evangeliſchen Stände 9 im Geiſte Lnthers die Erklarung ent⸗ *) Churfürſt Johann von Sachſen, Herzog Georg vn rr denburg, die Herzoge Ernſt und Franz von Aineuag 79— gegen: Gottes Wort wolle ungebunden ſeyn, und dieſes göttliche Wort, nicht aber der römiſche Bi⸗ ſchof ſey des chriſtlichen Lebens und Lehrens ein⸗ zige, ſichere Regel. Ueber das Religionsweſen in einem jeden Lande zu wachen, ſey nicht des Biſchofs zu Rom, ſondern eines jeden, einzelnen Landesherrn eigene Sache, und der übrigen Re⸗ gentenpflichten höchſte und heiligſte. Deshalb wurden ſie denn ſeit dieſer Zeit die proteſtirenden Stände und ihre Anhän⸗ ger die Proteſtanten genannt. Chriſtliche Bemerkungen zu dem dritten Abſchnitte der Lebensgeſchichte Luthers. 1. Der unverdorbene, ſchlichte Sinn des Volkes beobachtet gewöhnlich rich⸗ tiger und urtheilt wahrer, alsder durch manche Nebenrückſichten befangene Geiſt der höhern Stände. So ward auch Luther bald der Liebling des deutſchen Volkes, wie die Ereigniſſe auf dem Reichstage zu Worms beweißen. Daher wohl das freilich oft mißver⸗ Landgraf Philipp von Heſſen und Wolfgang, Fürſt von Anhalt, ſo wie die Reichsſtädte Nürnberg, Ulm, Straßburg, Coſtniz, Reutlingen, Memmingen, Kemp⸗ ten, Nördlingen, Heilbronn u. a. m. —.,— — 7¹— ſtandene Sprüchwort: Volks⸗Stimme, Gottes⸗ Stimme! 5 Dankbarkeit und Treue im Wort⸗ halten ſind zwei der edelſten Züge im menſchlichen Charakter. Ihnen verdankt Luther mit hoher Wahrſcheinlichkeit ſeine Ret⸗ tung zu Worms, wie Karls und mehrerer deut⸗ ſcher Fürſten Beiſpiel beweißt. Auch am Feinde ehre das Gutel Dies that der Kaiſer durch ſeine Erklärung auf dem Reichstage zu Worms, indem er laut rief: wahr⸗ lich! der Mönch hat unerſchrocken und mit getro⸗ ſtem Muthe geredet. Auch Luther ließ ſeinem unverſöhnlichſten Feinde, dem Herzoge Georg von Sachſen, Gerechtigkeit widerfahren, da dieſer auf dem Worthalten der Sicherheit Luthers feſt beſtand, und Treuebruch, der deutſchen Fürſten unwürdig erklärte. 4. Mit einem guten Gewiſſen darf der Chriſt auch bei den ungewöhnlichſten Erſcheinungen nichtzittern. Iſt Gott für mich, wer mag wider mich ſeyn! So Luther bei ſeinem Eintritt in die hohe, glänzende Reichs⸗ verſammlung. 5 Langſam und mit Vorſicht muß das Gute ausgebildet und verbreitet wer⸗ den, eine Frucht der Zeit, die gewolt⸗ ſam oder unreif gebrochen, mehr ſcha⸗ det, als nützt. Das belehrendſte Beiſpiel hiervon giebt Luthers weiſes Benehmen gegen Karl⸗ ſtadt und die Bilderſtürmer in Sachſen, welche alle alten Formen und Gebräuche plötzlich und tumultuariſch vernichten wollten. Willſt du dich Ge das Wohl der Menſchheit am gründlichſten verdient machen, ſo ſorge für zweckmäßige Ju⸗ gendbildung, ſey es auch nur bei bei⸗ nen eigenen Kindern. Welchen Saamen des Göttlichen hat Luther nur allein durch ſeinen Katechismus ausgeſtreut! 7.. Häusliche Freuden ſind die reinſten und tragen gerade dann, wenn alle Sinnengenüſſe zu fliehen oder ſtumpf zu werden beginnen, die herrlichſten Früchte. Luther hatte hohen Sinn für häus⸗ liches Glück, dies beweißt ſeine Ehe, dies die Luſt an ſeinen Kindern und die Art, wie er ſich um ihre Spiele wie um ihren Unterricht, im höch⸗ ſten Drange der Amtsthätigkeit, kümmerte. ——;— 4 Wie Luther lebte, lehrte und ſtarb. Vierter Abſchnitt. Nos dieſe Verwahrung der proteſtantiſchen Staͤnde dem Kaiſer in Italien durch ihre Geſandten über⸗ reicht wurde, ließ er dieſelben ſogleich einkerkern, und beſchloß, in Gemeinſchaft mit dem neuen Papſte Clemens VII.,„die halsſtarrigen Lutheraner mit Gewalt der Waffen zur Wiederannahme der alten Lehre zu zwingen.“ Doch verhüthete die Staats⸗ klugheit des kaiſerlichen Kanzlers, Mercurino Gattinora, und die herandrohende Macht der Türken dieſesmal noch den Ausbruch des Krieges der Deutſchen unter ſich, wie ihn Alean⸗ der teufliſch beim Abfaſſen der Reichsacht zu Worms gewünſcht hatte, und beſtimmten den herriſchen Karl abermals, auf einem Reichstage(zu Aug 3. 4 burg 1530.) die Güte zu verſuchen. Hülfe gegen die Türken und Vermittelung des Religionszwiſtes waren die Beweggründe zu dieſer Verſammlung. Um ſich kräftig auf dieſen Reichstag vorzubereiten, verſammelte Johann der Beſtandige die evangeli⸗ ſchen Fürſten in Schwabach, und ließ von Luther die ſtreitigen Lehrpunkte aufſetzen, die dieſer hierauf ſelbſt nach Torgau überbrachte, von 6 —— — 74— welcher Stadt ſie den Namen der 17 Torgauer Artikel erhielten. Luther durfte ſeiner Sicherheit wegen nicht ſelbſt in Augsburg anweſend ſeyn, ſondern wohnte auf dem feſten Schloſſe Coburg, von welchem aus er ſeine Freunde auf dem Reichs⸗ tage mit Rath und Troſt unterſtützte. Da das Beginnen deſſelben durch Abweſenheit des Kaiſers ſich noch verzögerte, ſo erweiterte wäh⸗ rend dieſer Zeit Melanchthon die Torgauiſchen Ar⸗ tikel, ſo daß ſie die Geſtalt einer Schutzſchrift für die Evangeliſchen erhielten, ſandte ſie Luther zur Genehmigung, der Melanchthons ſanftes Auftre⸗ ten bewunderte, und ließ ſie hierauf von den evan⸗ geliſchen Ständen unterzeichnen. In dieſer Geſtalt ſind ſie dem chriſtlichen Foeſcher unter dem Namen der Augsburgiſchen Confeſſion bekannt. Der Kaiſer traf endlich ein(am 15. Juni), und nach vielen Schwierigkeiten wurde den Prote⸗ ſtanten am 25. Juni 1530. verſtattet, ihr Glau⸗ bensbekenntniß öffentlich in deutſcher Sprache vor Kaiſer und Reich vorleſen zu dürfen. Dieſes ge⸗ ſchah durch den churſächſiſchen Kanzler, D. Baier, welcher daſſelbe mit ſolchem Ton und Ausdruck vor⸗ trug, daß jeder Satz deutlich auf dem Schloßhofe verſtanden werden konnte. Welcher Triumph für Luther! Er ſelbſt er⸗ klärt ſich hieruͤber in folgenden Kraftworten: Der Reichstag von Augsburg iſt mit keinem —— —!— — 5— Gold zu bezahlen: denn die Unſern haben da das Evangelium öffentlich frei bekannt, und haben die Wider⸗ ſacher, die Papiſten aufs höchſte zu Schanden gemacht. Und in der That drang der Wahrheit ſiegende Macht vielen Gegnern ſelbſt das Geſtändniß ab: „das iſt die lautre Wahrheit, wir können's nicht läugnen; wir hören wohl, die Lutheriſchen ſitzen in der heiligen Schrift und wir— daneben“ u. ſ. w. Indeſſen traf auch hier ein, was man ſo oft im Leben wahrnimmt, je größer das Unrecht, deſto heftiger der Eifer. Die geängſteten Prieſter be⸗ ſtürmten den Kaiſer mit Bitten: um endliche Ausrottung der lutheriſchen Ketzereien, und die Folge davon war der Reichstagsſchluß:„wer, weß Standes er ſey, Allem, was bisher in der römiſch⸗katholiſchen Kirche geordnet, geſetzt und gebraucht worden, ſich nicht gehorſam bezeigen, ſondern in Neuerungen verfallen werde, ſolle ge⸗ ſtraft werden um Leib, Leben und Gut. Dieſen Drohungen ſetzte der Churfürſt Johann der Beſtändige die heldenmüthige Antwort entge⸗ gen:„auch die Pforten der Hölle werden nicht widerſtehen unſerm Bekenntniſſe!“ und ſchied mit den Seinen aus Augsburg, feſt entſchloſſen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Zu dieſem Zweck verſammelten ſich ſchon im December d. J. die evan⸗ — 75— geliſchen Fürſten zu Schmalkalden, und ver⸗ banden ſich mit Gut und Blut zur Vertheidigung der reinen Lehre. Dieſe Einigung iſt unter dem Namen des Schmalkaldiſchen Bundes in der Geſchichte bekannt. Doch, noch war ein ſol⸗ cher Waffenverein nicht nöthig. Neue Einfälle der Türken in die Erbſtaaten des Kaiſers nöthig⸗ ten dieſen, ſeine und des Reiches Macht zur end⸗ lichen Beſiegung dieſes ewigen Feindes der Chri⸗ ſtenheit zu verwenden; um nun auch die evan⸗ geliſchen Fürſten dafür zu gewinnen, ſo kam am 23. July 1532. zu Nürnberg der erſte Religionsfriede zu Stande, vermöge deſſen bis zum nächſten Reichstage keine Religionsparthei die andere anfeinden ſollte. Wenige Wochen nach demſelben(den 16. Auguſt) ſtarb Johann der Beſtandige, jener kühne Beſchutzer des Evan⸗ geliums. Ihm folgte ſein Sohn, Johann Friedrich, der den feurigen Muth für Wahr⸗ heit und Recht von ſeinem Vater erbte, und ihn noch— in der Todesgefahr erhielt. Luther arbei⸗ tete indeſſen gemeinſchaftlich mit ſeinen Freunden an der Vollendung ſeines Meiſterwerkes, der Ueber⸗ ſetzung des Alten Teſtamentes, und ſo gelang es ihm, daß er im Jahr 1535. zum erſtenmale die ganze Bibel deutſch herausgeben konnte. Sie bleibt ein hohes klaſſiſches Muſter, ſelbſt von Seiten des Styles. Welche einfache Größe, welche 8 * ꝙ Erhabenheit waltet nicht in der Sprache der Pſalmen! —— Wie ſie,*) daß er nicht ſeines Zieles fehle, Auch aller ihrer Feſſeln Zwang beſiegt Und frei den hohen Flug mit ſeiner Seele Geflügelten Gedanken fliegt; Bald Donner und bald ſanfte Melodey Und was er wil Des Wahnes Barbarey, Bethört nicht mehr mit fremden Zauber⸗ ſtimmen!*) Noch einmal verſuchte es der Nachfolger Cle⸗ mens VII., der Pabſt Paul III., Luthern auf dem Wege gütlicher Unterhandlungen zu gewin⸗ nen, und ſandte deshalb ſeinen Geſandten Ver⸗ gerius nach Wittenberg, der indeſſen nach Ab⸗ handlung weniger unweſentlicher Gegenſtände bald einſah, daß gegen Luthers felſenfeſte Glaubens⸗ kraft nichts auszurichten ſey, eine hohe Achtung für die evangeliſche Lehre mit nach Rom nahm, und in der Folge ſelbſt zu derſelben in Deutſch⸗ land übertrat. Jetzt machte der Papſt die Er⸗ öffnung einer allgemeinen Kirchenverſammlung zu Mantua in Italien auf den 23. Mai 1537. be⸗ kannt, deren Zweck die Ausrottung aller und vor⸗ züglich der Lutheriſchen Ketzereien ſeyn ſollte. Die *) Die Sprache.**) A. Cramer. evangeliſchen Fürſten, ſtets wachſam, verſammel⸗ ten ſich alsbald zu Schmalkalden und verwarfen eine Kirchenverbeſſerung, die vor der Unterſuchung ſchon verdammte. Um jedoch auf jeden Fall ge⸗ faßt zu ſeyn, ſo befahl der Churfürſt: Luther ſolle in bündiger Kürze die Hauptpuncte der evangeli⸗ ſchen Lehre klar und kräftig niederſchreiben, damit dieſe auf Verlangen den Gegnern vorgelegt wer⸗ den könnten. Dies gab Veranlaſſung zur Faſ⸗ ſung der Schmalkaldiſchen Artikel, welche von allen evangeliſchen Ständen angenommen wur⸗ den. Er reiſte hierauf ſelbſt nach Schmalkalden, um mit Kraft und Rath perſönlich anweſend zu ſeyn, allein bald überſiel ihn hier eine heftige Krankheit,(Steinſchmerz), die ihn nöthigte, zu Ende Februars wieder nach Wittenberg zurück⸗ zukehren, wo er ziemlich wiederhergeſtellt ankam. Von jetzt an ſchwanden jedoch ſeine Körper⸗ kräfte ſtets mehr; mit ihrem Sinken, ſank auch bei ihm die Luſt am Leben, und ſchwermüthig ward ſein Geiſt. Er ſah die Früchte nicht, die er bei feiner Anſtrengung ſchon jetzt zu finden gehofft hatte; die Studierenden wurden zügelloſer, das Volk that nicht nach ſeinen Lehren, ſelbſt die Ver⸗ haltniſſe in der politiſchen Auſſenwelt trübten ſich aufs Neue; da beſchloß er, Wittenberg ganz zu verlaſſen, beſuchte ſeinen alten Freund, den Biſchof N. Amsdorf in Zeiz, und verkündete von hier — aus ſeiner Gattin, er wolle die wenigen Tage ſei⸗ nes Lebens auf ſeinem Gute Zeulsdorf in Ruhe verleben. Doch das Flehen der Wittenberger und der innige Wunſch ſeines Churfürſten, der ſchleu⸗ nige Abſtellung ſeiner Beſchwerden verſprach, rief ihn noch einmal zurück.(Im Auguſt 1545.) Allein ſeine von Gott erbetene Scheideſtunde, ſein Aufflug in die Gefilde des Lohnes war nahe. Er war von denen Grafen von Mansfeld auf⸗ gefordert worden, gewiſſe unter ihnen entſtandene Familienſtreitigkeiten perſönlich zu ſchlichten. Mit⸗ ten im Winter,(den 23. Januar 1546.) trat er unpäßlich die Reiſe dahin an, begleitet von ſei⸗ nen drei Söhnen, Hans, Martin und Paul. Zu Halle weilte er bei ſeinem alten Kampfgenoſ⸗ ſen Jonas einige Tage, da die aufgeſchwollene Saale ihm die Ueberfahrt verwehrte. Im Geleite dieſes Mannes kam er am 28. Januar krank in Eisleben an, ſchlichtete glücklich die entſtandenen Streitigkeiten, wurde aber täglich ſchwächer. Dennoch blieb ſein Geiſt heiter und ſeine Unter⸗ haltung kraftvoll und belebend. Er ſchrieb mun⸗ tere, tröſtende Briefe an ſeine Gattin in Witten⸗ berg. Schon konnte er das Haus nicht mehr ver⸗ laſſen, und dennoch beſchäftigte er ſich noch mit der Verbeſſerung der Mansfeldiſchen Kirchenord⸗ nung und Eislebiſchen Schulen. Dann kam am Abend des 17. Februars des Todes Nähe über ihn. — 380— Er eilte zu Bette, und als er daſſelbe beſtieg, ſprach er:„in deine Hände o Golt! befehle ich meinen Geiſt! Hierauf ermunterte er ſeinen Freund Jonas: zu beten, damit die Sache des Evangeliums geſchützt werde. Gegen Eins, nach Mitternacht erwachte er aus unruhigem Schlum⸗ mer, und rief dem Doctor Jonas zu:„ich werde zu Eisleben, wo ich gebohren ward, auch ſterben, denn mir wird gar zu übel!“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſank er auf ſein Lager zurück. Man rief ſo⸗ gleich Luthers Söhne, die Aerzte nebſt denen Gra⸗ fen von Mansfeld herbei. Alles wurde ange⸗ wendet, um das fliehende Leben aufzuhalten. Dies gelang jedoch nur für Augenblicke. Noch hörte man ihn vernehmlich die Worte beten: „O mein himmliſcher Vater! feſt glaube ich, daß wenn auch mein Leib ſtirbt, ich bei dir ewig leben werde.“ Hierauf flüſterte er noch dreimal hinter⸗ einander ſchnell auf Lateiniſch:„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geiſt! worauf er ruhig blieb. Seein Leidensgefährte Jonas rief ihm hierauf zu:„ehrwürdiger Vater! wollt ihr auf Jeſum und die Lehre, welche ihr lehrtet, auch jetzt ſter⸗ ben? Hierauf erwiederte er ein lautes Ja! wandte ſich auf die rechte Seite, und verſchieden war der größte Mann ſeines Zeitalters. Die Hülle des Edlen, von dem Churfürſten abgefor⸗ * 4* „ W dert, ruht in der Schloßkirche zu Wittenberg. Sein Denkmal aber ſteht mit Flammenzügen in den Herzen aller evangeliſchen Chriſten. Nie, nie darf er von uns vergeſſen werden; Er wird's nicht ſeyn, er ſoll's, er kann's nicht werden; Sein Name ſpottet der Vergänglichkeit, Wo noch ein Deutſcher iſt, ein Chriſt auf Erden, Der frei und fromm zu ſeyn ſich freut. Thuiskons*) Volk ſpricht keinen fremden Hohn; Reich ohne Stolz, ehrt jede Nation, Wenn auch der Neid von ſeinem Werthe ſchweiget: Doch einen freiern, edlern Mann, Als Luther war, der edle Mann, Hat keine Nation gezeuget! Chriſtliche Bemerkungen zu dem vierten Abſchnitte der Lebensgeſchichte Luthers. 1. Treue, uneigennützige Freundſchaft iſt der Güter Edelſtes. Dies beweißt das *) Bekanntlich der alte Name der Deutſchen. Verhältniß zwiſchen Luther und Melanchthon. Melanchthon gab Licht und Liebe, Luther Feuer und Kraft; vereint wirkten ſie das Unvergaͤng⸗ liche. Wie zart drückt ſich Luther in dieſer Hin⸗ ſicht über die von Melanchthon gefaßte Augsbur⸗ giſche Confeſſion aus, indem er ſein Wohlge⸗ fallen daran erklärte; nur geſtand er, er hätte nicht ſo ſanft auftreten können. 2. Nicht Worte allein für das aner⸗ kannte Gute geſprochen, können dau⸗ ernd nützen, ſondern nur von Hand⸗ lungen begleitet, erhalten ſie erſt Ge⸗ wicht. So ſchwur Johann der Beſtändige nicht bloß in Augsburg, die reine Lehre auch gegen die Hölle zu vertheidigen, ſondern machte auch ſo⸗ gleich zu Schmalkalden durch einen Verein der evangeliſchen Stände, Anſtalten, dieſen Worten den kräftigſten Nachdruck zu verleihen. 3. Ausdauer im Guten, mit kluger Beſonnenheit verknüpft, macht oft das Unmöglichſcheinende, wirklich. Es ſchien die höchſte Vermeſſenheit, gegen den heftig zürnenden Kaiſer Karl und ſeine unermeßliche Macht, ankämpfen zu wollen, und dennoch erran⸗ — 33— gen durch ihre Feſtigkeit die evangeliſchen Stände ſich von ihm den Nürnbergiſchen Reli⸗ gionsfrieden. 4. Luthers Bibelüberſetzung war für das ſechszehnte Jahrhundert ein Rie⸗ ſenwerk des menſchlichen Geiſtes. Noch in Erfurt wähnte er: die ganze Bibel beſtehe nur aus den gewöhnlichen Sonntagsevangelien und Epiſteln, und jetzt— ward er der zweite Schö⸗ pfer dieſes herrlichen Werkes für ſein Volk. So weit kann es der Menſch durch anhal⸗ tenden Fleiß in der Veredlung ſeines Geiſtes bringen. 5. Wenn die Menſchheit dicho Chriſt! in ſpäteren Jahren, bei zerrütteter Geſundheit nicht mehr ſo glänzend an⸗ ſpricht, wie in deinen Bluͤthentagen, ſo gieb nicht der zunehmenden Verſun⸗ kenheit des Geſchlechts, ſondern dei⸗ nem Mangel an Empfänglichkeit die Schuld. Hierin fehlte Luther, als er aus Ver⸗ druß über mißlungene Plane, Wittenberg ver⸗ ließ. 6. Luthers Leidenskraft, ſeine Ruhe und Standhaftigkeit im Tode, ſein feſtes Vertrauen auf Gottes hohen Lohn in beſſeren Welten, ſeine Freudigkeit, mit der er, ſchon ſterbend, mit kalten Lippen noch Chriſtum und die reine evangeliſche Lehre bekannte,— welch ein großes, herrliches Beiſpiel iſt dieſes alles für uns, wie auch wir leiden, ſterben ſollen! Und ſo ſey dann ſein Leben und Wirken, ſein Leiden und ſein Tod fuͤr einen jeden Chriſten ein Vorbild, wie er durch Ausdauer und Gottvertrauen die Krone erringen kann. pf — — Gladaunbruablrrauuuwuauauwunwumuwwxwumuanuvcuuadau 7 8 9 10 11 12 13 .