beihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedemn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für inchentlich 2 Bücher: 4⁴. Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.—Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Abtrünniger Fünftes Capitel. Befreiung. Sechstes Capitel. Nur eine Tänzerin — Feuer. Scenen aus dem Leben einer fran⸗ zöſiſchen Schauſpielerin. Erstes Capitel. Eine Mädchenverſchwörung. Motto: Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht, Ewig verlor'nes Lieb! ich grolle nicht. H. Heine Jacob iſt ſo glatt, ſo gleiſend; Edom iſt ſo rauh, ſo rauh; Jacob aber ſtiehlt den Segen, Und die Lämmer ſtiehlt er auch. Hafis nach Daumer's Ueberſetzung. Henriette Koſenell war in den erſten Tagen des März von ihrer ausnahmenweiſe während der Theaterſaiſon ihr bewilligten Urlaubsreiſe nach M. zurückgekehrt. Daß ſie gegangen, daß ſie dieſe Ent⸗ fernung von Bogenfels gewünſcht und erzielt, war ſo gekommen. Der Baron, der den ungefähren Zu⸗ ſammenhang dieſer für ſein Lebensglück ſo verhäng⸗ nißvollen Kataſtrophe gar bald durchſchaute, hatte Frick, d. opfernden Götter II. 1 2 mit keinem Worte des Vorwurfs oder der Klage Henrietten geſtraft. Allein er mied ſie ſeit der Stunde ſeines letzten Beſuches bei Doris gänzlich, und be⸗ antwortete ein paar Billetchen, die ſie, irgend einen Vorwand aufgreifend, ihm ſchrieb, ſo höflich kalt, daß das unglückliche Mädchen jenen doch aus reiner Liebe gethanen Schritt faſt bereute. Endlich erfuhr ſie durch Bertha Leutner, die eine Verwandte von Doris Kammermädchen war, Lothar's Verbannung aus dem Hauſe ſeiner Braut. Nur von ſeiner in dieſen Tagen ebenfalls erfolgten Abreiſe erfuhr ſie nichts. Sie hätte in die Erde ſinken mögen vor Kummer und Scham über dieſen traurigen Erfolg ihrer Einmiſchung in Lothar's Schickſal und hätte ſich etwas Entſetzlicheres kaum denken können, als ihm vielleicht zu begegnen, in ſeinem vorwurfvollen Auge, in ſeinen gramerfüllten Zügen ihre Anklage zu leſen und dabei— Bejaderen Dienſt thun, auf die Sinne wohl mehr als auf den Kunſtſinn einer ſchauluſtigen Menge wirken zu müſſen, während viel⸗ leicht in der bekannten Loge im Theater der theure ewig geliebte Mann im Herzen ſie verwünſchte. Henriette hatte, von ihrem Herzen gefeſſelt, während des vergangenen Sommers von ihrem zwei⸗ 8 — — 3 monatlichen Urlaub keinen Gebrauch gemacht. Sie erbat ſich jetzt drei Monate, entſagte dagegen ihrem Urlaub für nächſten Sommer und opferte gern und willig die Hälfte ihrer Gage für die drei in Rede ſtehenden Urlaubsmonate. Das namentlich machte die Intendanz nachgiebig gegen die Wünſche ihrer gefeierteſten Solotänzerin. Die Koſenell reiste alſo und kehrte nach Ver⸗ lauf dreier Monate mit der reſignirenden Hoffnung zurück, Doris und Lothar nun vermählt oder we⸗ nigſtens verſöhnt und mit den Vorbereitungen zum Polterabend beſchäftigt zu finden. Gegen die Qual, welche den Entſchluß ihrer Abreiſe geweckt, war dieſer Gedanke ein wahrer Aeolsharfenton. So lei⸗ denſchaftlich auch das junge Mädchen ihren Milch⸗ bruder liebte, ſo ſelbſtlos war doch wiederum dieſe Liebe, ſobald ſie ſich überzeugt, daß Doris und nur ihr Beſitz allein das Glück ſeines Lebens machen könne. Kaum hatte Henriette ein paar Stunden ſich ausgeruht, ſo fuhr ſie nach der St. Annenvorſtadt in das öde abgelegene Gäßchen, wo die Geſchwiſter Leutner wohnten. Keine Nacht ſollte in der ihr ſo peinlichen Ungewißheit verſtreichen, ſie wollte Er— 1* 4 kundigungen über Lothar's Glück einziehen. Das bange Herzklopfen, womit ſie, vor dem ſtillen Hauſe angelangt, aus dem Wagen ſtieg, ließ ſich auf viel⸗ fache Weiſe erklären. Furcht und Hoffnung, die re⸗ ſignirende Selbſtentäußerung eines doch ſo heiß ſchla⸗ genden Herzens und der bittre Gedanke: nun gehört er für immer einer Andern— kämpften ſchwer und angſtvoll gegen einander. Auf der erſten Treppe mußte ſie einige Augenblicke ſtehen bleiben, um Athem zu ſchöpfen und ihre Bangigkeit ſo viel als möglich zu überwinden. Das ihr voran leuchtende Mädchen blickte ſcheu und ruhelos um ſich her, es war, als müſſe jeden Augenblick irgend etwas Grau⸗ envolles hinter dieſem Wandpfeiler oder aus jenem dunkeln Corridor hervortreten, ſo viel Abenteuerli⸗ ches war von Bertha Leutner im Hauſe der Koſe⸗ nell namentlich gegen die Dienſtleute geſchwatzt wor⸗ den. Mit ſtummer Geberde winkte endlich Henriette zum Weitergehen und ſchon hob die kleine Geſpen⸗ ſterſeherin den Fuß, um dem ſchweigend ausgeſpro⸗ chenen Befehle Folge zu leiſten, als die Vorſaal⸗ thür zu der Wohnung der erſten Etage ſich öffnete und ein bleicher junger Mann in der Oeffnung ſichtbar ward. Henriette warf einen ſchnellen miß⸗ 5 trauiſchen Blick auf ihn, und beſann ſich augen⸗ blicklich, das fahle Geſicht ſchon irgendwo geſehen zu haben; nur wo war ihr nicht ſogleich erinner⸗ lich. Sie wollte noch einmal ihrem überhaupt ſehr dankbaren Perſonengedächtniß zu Hülfe kommen und— ſich überzeugen, allein der junge Mann hatte die Thür wieder herangezogen, ſomit war jedes Zö⸗ gern und Umſchauen vergeblich. Als unſere Tänzerin das kleine ſaubere Dach⸗ ſtübchen betrat, aus dem ſo manches Prachtſtück ihrer Garderobe hervorgegangen, traf ihr erſter Blick auf eine in Trauer gekleidete Frauengeſtalt. Näher tretend erkannte ſie das Kammermädchen des Fräu⸗ lein von Hartenſtedt in der Trauernden, die ihr als eine Verwandte der Geſchwiſter Leutner vorgeſtellt wurde. Das Mädchen brach in Thränen aus, ſobald auch ſie Henrietten erkannte, deren raſche Frage nach Doris mit dem alle Hoffnung brechenden„todt“— beantwortet wurde. Beinahe eine Stunde verging, ehe die Wo⸗ gen des Schmerzes von Seiten Henriettens ſowohl als der treuen Dienerin einer unbeſchreiblich gelieb⸗ ten Herrin ſoweit ſich ebneten, daß es zu Frage und Erzählung kommen konnte. Und doch ſchien dieſe 6 Erzählung, als ſie endlich zihren Anfang nahm, dem leidenden Herzen wohl zu thun. Es war ein Mo⸗ nument der Dankbarkeit und Trauer, dieſes Wie⸗ der⸗ und immer Wieder⸗Aufreißen der ohnedies, noch friſch blutenden Wunde, es war ein Todtenopfer auf dem Grabe der Dahingeſchiedenen, deſſen die weib⸗ liche Gefühlsüberſchwenglichkeit ſo leicht nicht müde wird. Die treue Seele that mehr noch, als man einem gramerfüllten Gemüth bei derartigen Erzäh⸗ lungen eigentlich zumuthen darf, ſie unterdrückte mit heldenmüthiger Standhaftigkeit ſogar die Aus⸗ brüche ihres Schmerzes, ihre Thränen und freilich ſchon laut genug ſich kund gegebenen Klagen, um ruhig fort ſprechen zu können. Als Emilie— ſo hieß das Mädchen— des jungen Arztes gedachte, der anfangs mit ſo vielem Glück an dem Kranken⸗ lager ihrer Herrin gewaltet, ſteigerte ſich Henriet⸗ tens Aufmerkſamkeit zu einer kaum zu bewältigen⸗ den Unruhe. Sie ließ ſich das Aeußere des Man⸗ nes genau beſchreiben, und eine dunkle Röthe des Zornes färbte, während dies geſchah, das ſchöne Geſicht des Mädchens. Ein paar unverſtändliche Worte vor ſich hin murmelnd, bat ſie Emilien dann wieder um einen geregelten Fortgang ihrer Erzäh⸗ 2 7 lung, mahnte ſie aber dringend, ja nichts zu ver⸗ abſäumen, was etwa in Beziehung zu der Heilme⸗ thode des jungen Herrn Doktors ſtehe. „Nun darüber iſt eben nicht viel zu ſagen,“ erzählte das Mädchen im Tone herzbrechender Ent⸗ muthigung weiter.„Das größte Unglück war wohl, daß der Herr Doktor Salzmann bald nach der Einführung ſeines Herrn Collegen in unſer Haus ſelbſt am Nervenfieber erkrankte, und erſt vor ein paar Tagen wieder zum erſtenmale ausgegangen iſt. Der Herr Oberſt konnten den Herrn Doktor Guſtin immer nicht ſo recht leiden und hätten, als es ſich wieder mit dem Fräulein verſchlimmerte, gern eine Aenderung vorgenommen. Aber mein Fräulein bat ſo gar ſehr, nicht noch einen Dritten an ihr Krankenbett zu bringen, und vertröſtete auf die Geneſung des Herrn Doktor Salzmann. Es ſtehe ja auch gar nicht ſo ſchlimm mit ihr, ſuchte ſie den bekümmerten Herrn Vater zu überreden, das Frühjahr werde ihr ſchon die erſehnte Geſund⸗ heit bringen, das fühle ſie recht lebhaft. Der Herr Oberſt hofften das auch und hofften noch mehr, als von der Frühlingsluft, von der Rückkehr des Herrn Barons. Was meine arme Gebieterin litt, 8 wie ſie nur ihren qualvollen Seelenkämpfen unter⸗ lag, davon hatte der gnädige Herr keine Ahnung. Ich aber durfte ja nicht reden, mich band ein ſchauerliches Gelübde, das mein Beichtvater mir abgenommen, als ich die Gänge in die Frühmeſſe dem Herrn verrathen. Ungehorſam gegen meine Gebieterin lautete damals das Sünden⸗ regiſter, das ſie mir vorhielten; ach und ich war doch nur aus Liebe, aus wahrer Herzensangſt un⸗ gehorſam geweſen und ſpätere Zeiten haben bewie⸗ ſen, daß ich lieber meinen Eid hätte brechen als gegen den Herrn Oberſten ſchweigen ſollen. Oft belauſchte ich Nachts meine unglückliche Herrin durch eine Spalte der Tapetenthür, welche unſere Schlaf⸗ kabinete von einander trennte, wie ſie, die Schuld⸗ loſe, vor der Gebenedeiten auf den Knieen liegend, die Hände rang, und durfte nicht zu ihr eilen, und rufen: Gott iſt die Liebe— wie ſollten denn wir ſeine Kinder durch Liebe uns verſündigen?— O es war ſchrecklich, ſchrecklich mit anzuſehen, und ſeit des gnädigen Fräuleins Tode bin ich— mein Heiland verzeih' mir's— noch nicht wieder zu Meſſe und Beichtſtuhl gegangen.“ 9 „Kennen Sie meine Schweſter?“ unterbrach Henriette die Erzählerin. „Wie ſſollte ich nicht,“ war des Mädchens Antwort,„ſie unterrichtete ja das gnädige Fräu⸗ lein in—— „Richtig, ich beſinne mich. Sahen Sie Eber⸗ hardinen in der letzten Zeit bei Fräulein von Har⸗ tenſtedt?—¹ „Nur ein einziges Mal, wenig Tage vor ihrem Tode. Sie brachte ihr aus dem Schweſterhauſe zum Herzen Jeſu eine Reliquie der heiligen Apollonia zu küſſen und verſprach ſich viel von dieſem ſchon oft bewährten Heilmittel in Seelenkrankheiten. Frau Wolfgang blieb lange mit meiner jungen Herr⸗ ſchaft allein, aber der Beſuch ſammt der Reliquie hatte unſerer Kranken doch wenig Segen gebracht. Ich fand ſie, nachdem Ihre Frau Schweſter ſie verlaſſen, zum Tode matt und ſprachlos vor Er⸗ ſchöpfung. Die iſt jetzt, wie man ſagt, eine reiche Frau; ein lange in der Schwebe hängender Pro⸗ zeß iſt ihr gewonnen worden. Vorgeſtern iſt Ma⸗ dame Wolfgang von M. abgereist, ich weiß es von meinem Bruder, der mit ihrem Gepäck zu ſchaffen gehabt und mit ihr zum Bahnhof gefahren iſt.“ Gott gebe, daß wir einander niemals wieder begegnen, hieß der Wunſch, der in dem,Herzen ihrer Schweſter laut wurde. Dann bat ſie Emilien, ihre traurige Erzählung nun ohne Unterbrechung zum Schluß zu bringen. „Der Herr Baron waren angekommen und der gnädige Herr hatte die letzten vierzehn Tage, welche an der anberaumten Büßungszeit fehlten, noch glücklich von meinem lieben Fräulein abge⸗ handelt. Sie verſprach, ihn Tags darauf zu em⸗ pfangen und war oder ſtellte ſich ruhig und heiter, nachdem ſie das Verſprechen gegeben. „Allein welche grauſenvolle Nacht ſollte zwi— ſchen dieſem Heute und Morgen noch verſtreichen und welch' ein Morgen ſollten wir erleben!— „Der Herr Oberſt hatten den Herrn Baron am Bahnhofe empfangen und kamen heiterer als ſeit lange gegen Abend nach Haus. Friedrich über⸗ gab ihm einen Brief, der von weit her, ich glaube gar aus dem Schweizerlande gekommen, und als der gnädige Herr ihn geleſen, da war das Unge⸗ witter da. Mit einem Auge, wie ich es ſo ſchreck⸗ lich in meinem ganzen Leben noch nicht an ihm geſehen, trat er zu meiner jungen Herrſchaft in 11 das Zimmer und ein gebieteriſcher Blick hieß mich gehen. Aber ich zitterte wie Espenlaub, was nun mit Fräulein Doris geſchehen werde, und horchte — das geſtehe ich ganz offen.“ „Weiter, weiter,“ drängte Henriette, als das Mädchen wahrſcheinlich von der Erinnerung an jene peinliche Stunde überwältigt, eine Weile ſchwieg. „Es war doch gar zu traurig, ich kann's Wort für Wort nicht wieder erzählen, was ich hörte,“ geſtand Emilie, mit Anſtrengung ihre Thrä⸗ nen niederkämpfend.—„Jener Brief hatte eine Warnung gegen den Doktor Guſtin enthalten. Er ſei ein Pater Jeſuit, der unter dieſer Maske ſich eingeſchlichen, um aus der reichen Braut eine Klo⸗ ſterheilige zu machen und noch einen andern Zweck durch die unfehlbare Verzweiflung des Barons zu erreichen. Ich vergeſſe den Ton in meinem ganzen Leben nicht, womit der gnädige Herr zweimal ſeine Frage wiederholte: iſt es wahr Doris, daß Du mich ſo ſchmählich hintergangen und belogen?— rede Tochter— Kind meines braven Weibes, das mit keiner einzigen Falſchheit oder Lüge ſein Leben befleckt— ſage, daß der anonyme Briefſchreiber ein elender Verleumder iſt und ich will auf meinen Knieen Dich um Verzeihung bitten, daß ich einen Augenblick einer ſolchen Nichtswürdigkeit Dich fähig halten konnte. Ach ſie mußte ſich ſchuldig beken⸗ nen, das arme von tyranniſchen Prieſtern ſo ganz beherrſchte Opfer. Ohne ein einziges Wort der Er⸗ wiederung verließ ſie der zürnende Vater und nun wollte es noch das Unglück, daß Pater Auguſtin— dies war der eigentliche Name des vermeintlichen Arztes, dem Herrn Oberſten im Vorzimmer begeg⸗ nete, als er ſeinen gewöhnlichen Abendbeſuch ma⸗ chen wollte. Ich glaube er hätte ihn ermordet, wäre Friedrich nicht zwiſchen Beide geſprungen und wäre das gnädige Fräulein nicht mit einem Angſt⸗ ſchrei auf der Schwelle ihres Zimmers erſchienen. Zur Treppe hinunter hat er ihn aber geworfen, das bleibt ausgemacht, und wäre ich der gnädige Herr geweſen, ich weiß doch nicht, ob ich viel we⸗ niger gethan. „Aber ach, meine arme Herrin! Zwei, drei⸗ mal ſchickte ſie mich zu ihrem Herrn Vater und ließ flehentlich bitten, zu ihr zu kommen und ihre Rechtfertigung zu hören. Später— war ſeine ganze Antwort, dann verriegelte er die Thür. Nun raffte ſich das arme todtkranke Fräulein ſelbſt auf, 13 flehte nur um eine Viertelſtunde Gehör und brach, als ſie keine Antwort erhielt, an der Thür des zürnenden Vaters zuſammen. Die nun folgende Nacht war ſchrecklich. Bald quälten die ſchauerlich⸗ ſten Fieberträume die Kranke, bald weckte ſie ein heftiger Bluthuſten und färbte ihre Wangen mit einem hektiſchen Roth. Bald nannte ſie mit den innigſten Liebesworten den Namen ihres Bräuti⸗ gams und fluchte ſogar ihren Peinigern, beiden Prieſtern, von denen ſie in ihren Phantaſien ſo oft ſprach, deren Name jedoch nie über ihre Lippen kam, bald rang ſie wieder in heißen Gebeten der Selbſtpeinigung nach der, wie ſie wähnte, durch fündhafte Liebe verſcherzten Gnade Gottes. „Sobald der Tag graute, erſchien der Pater⸗ ſuperior der Metropolitankirche zu Unſer Lieben Frau, ein würdiger frommer Mann, nach dem der gnädige Herr geſendet, und auch ein Arzt. Beide gaben wenig Hoffnung für die Geneſung unſerer Kranken. Sie ſei fanatiſirt, ſagten Hochehrwürden, obgleich ich nicht weiß, was ſie damit gemeint, und ſie ſei auf ſeeliſchem Wege leiblich gemordet, meinte der neue Herr Doktor. Unſer Herr hatte eine lange Unterredung mit Beiden, darauf ging ein Brief an 14 den Herrn Baron ab, der ihn aber verfehlt haben muß. Friedrich konnte noch nicht zu ihm hin ſein, da war der Herr Baron ſchon im Vorzimmer ſei⸗ ner Braut. Als ich ſeine Stimme erkannte, eilte ich hinaus, um ihn zurückhalten, denn Fräulein Doris hatte die Augen geſchloſſen und ſchien ein wenig zu ſchlummern. Er aber hatte draußen von dem Stubenmädchen nur die unmotivirte Weiſung ge⸗ hört: er dürfe das gnädige Fräulein weder heute noch morgen ſprechen, und es brannte daher lichter⸗ loh in ſeinem Kopfe. Sehr unſanft und ungalant ſchob er mich bei Seite, hörte gar nicht auf mich und kniete bereits an dem Krankenlager ſeiner ſo lange entbehrten Braut, als ich mich noch beſann, ob ich ſie Beide allein laſſen oder zu dem Herrn Ober⸗ ſten gehen und ihm die Anweſenheit des Herrn Ba⸗ rons mittheilen ſolle. Ich wählte einen Mittelweg, ſchickte zu dem gnädigen Herrn zund trat ganz leiſe in ein Kabinet, deſſen Seitenthür ich offen wußte, und von wo aus ich das Krankenzimmer überſehen konnte.“ Jetzt aber ließen ſich die ſchon lange nur ge⸗ waltſam unterdrückten Thränen des treuen Mäd⸗ chens nicht länger bewältigen. Jeder Verſuch, wei⸗ 15 ter zu erzählen, ſcheiterte an der Gewalt der Na⸗ tur, die dem Schmerze die lindernde Wohlthat der Thränen gab. „Faſſen Sie ſich, liebe Emilie,“ nahm Hen⸗ riette, ſelbſt tief erſchüttert, endlich das Wort,— „Doris Mörder ſollen wenigſtens nicht ungeſtraft dieſen Frevel verübt haben, das ſchwöre ich Ihnen bei dem geſegneten Leibe des Herrn. Erſchreckt nicht Kinder, wenn ich gegen Euch die Vermuthung aus⸗ ſpreche, daß hier— hier in dieſem Hauſe der Hauptübelthäter vielleicht ſeine Höhle hat, daß hier vielleicht der Knoten geſchlungen worden iſt, der dieſes Lamm erwürgt.“ Die Mädchen alle drei drängten ſich aber doch erſchrocken und zaghaft um die muthige Tänzerin, die einen Kampf gegen die mächtige Kleriſei wagen wollte. Emiliens Thränen verſiegten. Sie war we⸗ niger zaghaft als ihre beiden Couſinen und hatte ihre junge Herrin zu innig geliebt, um nicht von dem Gedanken, ihren Tod gerächt zu wiſſen, ſich gehoben zu fühlen. „Die erſte Bewegung meines armen Fräuleins, als ſie ihren Bräutigam erkannte,“ ſo erzählte das Mädchen nun zu Ende,„war, ihn mit einem 16 herzzerreißenden Angſtſchrei von ſich abzuwehren und Gott um Beiſtand gegen ihn und gegen ſich ſelbſt anzuflehen. „Dann aber ſchaute ſie in ſein ſtarr auf ſie gerichtetes Auge und Thränen füllten das ihre. Sie umſchlang ihn und erwiederte ſeine Küſſe. In dieſem Augenblicke erſchien der gnädige Herr zwiſchen den Falten der Portière, ſchaute verſöhnt und er⸗ freut nach dem Paare hin, und— ahnte den darauf folgenden Auftritt wohl im Entfernteſten nicht. Als das gnädige Fräulein ihren Herrn Vater anſichtig wurde, ſtieß ſie den Verlobten aus ihren Armen zurück, bedeckte ihr Geſicht mit beiden Hän⸗ den und athmete plötzlich mit dem Röcheln einer Sterbenden. Ich eilte herbei und vergeſſe den An⸗ blick dieſes ſonſt ſo engelſchönen Antlitzes in mei⸗ nem Leben nicht. Ein Blutſtrom entquoll ihrem Munde— der eiligſt wieder herbeigerufene Arzt zuckte die Achſeln und ſprach— von Ergebung in den Willen des Höchſten. Noch einmal öffnete ſie ihre Augen in einer glänzenden Viſion. Sie ſah ihre verſtorbene Mutter, die Fürbitte bei der Ge⸗ benedeiten für ſie eingelegt, und verkündete nun mit lauter gehobener Stimme, daß alle Verzweif⸗ 17 lung, alle Zerriſſenheit ihres Herzens ſie verlaſſen, daß bereits der Vorgeſchmack himmliſcher Seligkeit ihr zu Theil geworden. O Lothar! halte feſt am Glauben, an der Hoffnung, an der Liebe— halte gläubig feſt an unſerer heiligen Kirche! damit wir dort jenſeits uns wiederſehen— das waren, als die Beſinnung ihres noch irdiſchen Daſeins zurück⸗ gekehrt, die letzten Worte der Sterbenden. Dann ſank ſie auf ihr Lager zurück, ergriff wie Verzei⸗ hung erflehend die Hand ihres Vaters, hatte aber nicht mehr die Kraft, dieſe theure Hand, wie ſie wollte, an ihre Lippen zu führen! Ach! ich kann, ich kann dieſe traurige Sterbeſtunde nicht weiter ausmalen und wozu auch. Vor drei Wochen begru⸗ ben wir den Engel und noch heute iſt unſer Herr einer ſtarren Leiche ähnlicher als die zarte Todten⸗ braut, da ſie unter Blumen und Lichtern dem Tage der Auferſtehung entgegen ſchlummernd auf dem Paradebett lag.“ „Und der Baron?“ fragte Henriette nach einer thränenreichen Pauſe weiter. „Er kniet an den Altären der Heiligen und man erzählt ſich von ihm, daß er Nachts ſtatt des Schlafes, der ihn flieht, Märtyrerlegenden und ſo⸗ Frick, d. opfernden Götter II. 2 — 18 gar die Geißel zu Hand nimmt. Man ſieht ihn nur in Geſellſchaft des neuen Predigers, von deſſen Lobe die ganze Stadt voll iſt und von deſſen Congrega⸗ tionen er keine verſäumen ſoll.“ In dieſem Augenblicke zog es ſo heftig an der Klingel, daß die Mädchen erſchrocken in die Höh⸗ fuhren. Agnes war es, die jüngſte der Geſchwiſter Leutner, welche aus einer Balletprobe heim kam. Aber das Kind ſah leichenblaß aus und zitterte am ganzen Körper. Der lange Maskenträger da un⸗ ten, der garſtige ſchwarze Vehmritter habe ſie er⸗ ſchreckt, erzählte das junge aufblühende Maädchen. Er ſei, als ſie die Treppe heraufgekommen, ganz plötzlich um die Ecke gebogen, die durch den Holz⸗ raum gebildet werde, und habe ſie bei der Hand ergriffen. Von ſchönen Kupfern und eingemachten Con⸗ fitüren habe er ihr vorgeſchwatzt, und habe ſie mit ſich in ſeine Wohnung nehmen wollen, allein ſie habe ſich gefürchtet und habe ſo laut geſchrieen, daß unten bei Sommerfeld's die alte Magd aus der Küche gekommen, und nun ſei ſie davon gelaufen. „Soviel iſt gewiß,“ ſagte Henriette, als Agnes, nachdem ſie ihren Thee getrunken, und ihr 19 Butterbrod verzehrt, ausnahmsweiſe früh zu Bett geſchickt worden war,„ſoviel iſt gewiß, daß Euer Hausgenoſſe ein Böſewicht iſt, dem man das Aergſte zutrauen darf. Als Emilie vorhin den ſaubern Dok⸗ tor Guſtin beſchrieb, kamen mir zwei Perſonen in den Sinn, die jetzt in meiner Erinnerung zu Eins verſchmelzen. Meine Schweſter— leider kann ich nichts Gutes von ihr rühmen— kehrte einmal von einem ihrer nächtlichen Geſangsfeſte, wie ſie es nannte, in heftigem Fieber nach Hauſe zurück. Tags darauf ſprach ein junger Arzt bei uns vor, das war der Beſchreibung nach niemand Anderer als Euer wackerer Doktor Guſtin, und war niemand Anderer als der bleiche junge Mann, den ich in der Thüröffnung geſehen, als ich vorhin über den Corridor der erſten Etage ging. Auch noch wo an⸗ ders habe ich ihn geſehen, aber nur zufällig und— an einem grauſenvollen Orte. Dort trugen auch alle Männer, außer Einem, den ſie als Novizen eines höhern Grades einweihten, die ſchwarzſeidene Maske vor dem Geſicht, ohne die Euer geheimniß⸗ voller Hausgenoſſe niemals ſichtbar werden zu wol⸗ len ſcheint. Auch ihn habe ich dort geſehen, dar⸗ über waltet kein Zweifel mehr, aber er iſt wenig⸗ 2* 20 ſtens einen Kopf größer als Doktor Guſtin oder wie der Elende eigentlich heißen mag. Dem riß damals ein Band an ſeiner Maske, ſo daß einen Augenblick lang ſein fahles Antlitz ſich enthüllt zeigte. Es war die gräßlichſte Nacht meines gan⸗ zen Lebens, jene— von der ich geſchwiegen bis heut, weil ich doch immer noch Scheu trug, als Anklägerin gegen meine Schweſter aufzutreten. Nun ſie dieſe unheilvolle Stadt verlaſſen und nun Er vielleicht nur durch Wahrheit noch zu retten iſt— nun will ich reden, und will Exequien halten auf Doris Grabe. Morgen ſchon fahre ich zum Poli⸗ zeipräſidenten und Sie, liebe Bertha und Sera⸗ phine, müſſen mir verſprechen, auf Ihre Hausge⸗ noſſen— den ſogenannten Herrn Sprachlehrer Bertrand ſo gut als auf den Unſichtbaren— ein wachſames Auge zu haben. Eines nur kümmert mich und dazu möchte ich Ihren Beiſtand, liebe Emilie, in Anſpruch nehmen, denn ich glaube, Sie ſind mit den Lokalitäten unſerer ſittſamen Stadt bekannter als ich.“ „Wie meinen Sie das, Fräulein Koſenell?“ fragte das ſchlichte Mädchen halb erſtaunt, halb verletzt.— 21 „Verſtehen Sie mich nur recht,“ erklärte die junge Tänzerin, wehmüthig lächelnd.„Es han⸗ delt ſich darum, ein Haus aufzufinden, in das meine Schweſter eines Abends mit verbundenen Augen im dicht verſchloſſenen Wagen mich geführt. Ich wollte wetten, daß es in der Nähe des Engliſchen Gar⸗ tens, vielleicht ohnweit der Wohnung des Baron Bogenfels iſt, denn ein paar Mal habe ich doch durch die Binde und die wollenen Gardinen des Wagenfenſters gelauſcht, allein etwas Beſtimmtes weiß ich durchaus nicht darüber anzugeben. Wie ich dorthin gekommen und warum ich meiner Schwe⸗ ſter in jene Wolfshöhle gefolgt bin— kommen Sie in den nächſten Tagen zu mir, liebe Emilie, ich will Ihnen einen Beweis meines Vertrauens geben, der Sie, wie ich hoffe, von der Achtung überzeugen ſoll, welche ich mein ganzes Leben hin⸗ durch Ihnen bewahren werde.“ 7 Sweites Capitel. Der Glaubensjünger. Motto: Lieben, Haſſen, Fürchten, Zittern, Hoffen, Zagen bis in's Mark Kann das Leben zwar verbittern, Aber ohne dieß wär's Quark. Reinhold Lenz. Mephiſtopheles: Laßt das, mein Gönner; lieber ſeht Den Burſchen hier Euch ſchärfer an, Im Knechteskittel angethan, Wie dem die Selavenmiene ſteht! Miniſter: Ihr habt Recht, Geboren ſcheint er mir zum Knecht. Nicolaus Lenau. Von Bogenfels hatte das treue Kammermäd⸗ chen ſeiner hingeopferten Braut leider die Wahr⸗ heit berichtet. Kein Wort tröſtender Zuſprache, keine Mahnung an den wahren Zweck des Lebens, kein 23 anderer Laut war ſeinem Ohr und ſeinem Herzen mehr zugänglich, als Doris letzte Mahnung: Halte feſt am Glauben, damit es ein Wieder⸗ ſehen für uns giebt. Halte feſt am Glauben!— Ach der Unglück⸗ liche fühlte nur zu lebhaft, daß der Glaube im Sinn jenes dahingeſchiedenen Engels erſt noch errungen werden mußte, um ihn feſthalten zu können. Was geſchah: „Es befand ſich um jene Zeit,“ heißt es in unſerer Vorlage„ein ſehr gefeierter Prediger in M., deſſen ſalbungsvolle Reden bereits auf Viele einen tiefen Eindruck gemacht hatten. Alles ſtrömte ihm zu, Jung und Alt, Vornehme und Niedrige, Freigeiſter und Strenggläubige. Es lag für Alle ein wahrhafter Zauber in ſeinen Predigten, und er beſaß die Kunſt, für Alle ſo anziehend zu ſein, daß ein Jeder etwas daraus mit nach Hauſe nahm. Die Strenggläubigen erbauten ſich an ſeiner reichen Beleſenheit in der heiligen Schrift, an den vielen und überaus ortgemäß angeführten Stellen aus der⸗ ſelben, während die Freigeiſter beit ihm eine geiſt⸗ reiche Vermiſchung des Chriſtlichen mit der Philo⸗ ſophie zu finden vermeinten. Den Lebensfrohen ſchreckte 24 er nicht durch die Mahnung an eine ewige Ver⸗ dammniß, und die, ſo zerriſſenen Herzens waren, verwies Pater Auguſtin auf das Gebet und die unendlichen Tröſtungen der Religion.— Ueber⸗ haupt hatte damals eine gewaltige Bewegung alle Stände ergriffen, Vornehme und Geringe, beſon⸗ ders aber die Frauen. Es gab gar viele Sünder in dieſer Stadt; kein Wunder, daß Bekehrer dort leichte Arbeit hatten. Böſe Gerüchte liefen aber hie und da um, und fanden bei einigen Glauben. Man wollte nämlich behaupten, daß die vielen Liebes⸗ ſteuern, deren ſich der Pater zu erfreuen habe, keines⸗ wegs, wie er vorgäbe, dazu beſtimmt würden, Un⸗ glückliche aller Art, beſonders arme Handwerker, entlaſſene Strafgefangene u. ſ. w. zu ermuntern und zu unterſtützen, ſondern die menus plaisirs des Paters zu beſtreiten. Ebenſo wollten boshafte Men⸗ ſchen behaupten, dieſer würdige Geiſtliche ſtehe in zu nahem, gar nicht mehr geiſtigem Verhältniſſe zu einigen vornehmen Damen und auch zu Frauen aus mittleren und unteren Ständen. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß ſeit vielen Jah⸗ ren kein Prediger ſolchen Zulauf von Andächtigen hatte, als Pater Auguſtin. Gerade in den höheren 25 Ständen hatte er ſeine andächtigſten und zerknirſch⸗ teſten Gönner, da überdies noch eine gewiſſe Em⸗ pfindelei zu jener Zeit Mode war. Die Pfarrer der verſchiedenen Kirchen in M. beklagten ſich bitter über die Zurückſetzungen, die ſie überall erfuhren, und begannen bereits von Petitionen zur Ausweiſung des Fremden zu reden. Man munkelte von Jeſuiten und glaubte in Pater Auguſtin einen Emiſſär der⸗ ſelben zu erblicken. Ja, viele von denen, welche durch des Paters ſalbungsvolle Reden ſich nicht hatten erbauen laſſen wollen, gingen ſo weit, ſchon von Einführung derſelben im Lande zu reden.“— Lothar verſäumte keine Predigt des Pater Au⸗ guſtin, deſſen reiche Mannichfaltigkeit in Anſchauung und Auffaſſung aller Zuſtände des Lebens einen tie⸗ fen Eindruck auf den ſeelenkranken Jüngling machte. Bald wurde er ſein Beichtvater, ſein geiſtlicher Freund und Berather. „Unthätigkeit heißt das Gift, das Ihrer Hei⸗ lung entgegen wirkt,“ ſagte Pater Auguſtin, als der Baron ihn zum Vertrauten ſeines Kummers gemacht.„Wählen Sie einen Beruf, mein jun⸗ ger Freund, der Ihnen und der Menſchheit Segen bringt, und Sie werden geſunden.“ 26 „Nennen Sie mir einen ſolchen und ich will Ihnen, als meinem Seelenarzt, danken. Künſtler müſſen geboren werden, und lebte eine ſolche in mir, ſo hätte ſich die Künſtlernatur ſchon durchge⸗ rungen. Ein Prediger wie Sie, Hochwürden, wäre, ſeit ich Sie gehört, das Ziel meines Strebens, wenn ich nicht— Gott ſei es geklagt, aber es iſt nun einmal ſo— Sätze und Glaubenslehren als ewige Wahrheiten vortragen müßte, an die ich doch ſelbſt im ſtrengſten Sinne des Wortes nicht glaube.“ „Es würde ſich auch fürs Erſte noch nicht um das Predigen, ſondern nur um das Studiren han⸗ deln,“ entgegnete Pater Auguſtin mild.„Forſchen Sie nach Wahrheit und ſie wird bei Ihnen einkeh⸗ ren. Der Glaube, junger Mann, iſt kein Kind der Ueberredung, ſondern er iſt die Frucht eigener Ueberzeugung.“ „Und doch ſagt man, daß der wahre Glaube ein Kind ſein ſoll, das weder prüft noch grübelt?“ „Die Vernunft ſchließt, urtheilt, ſpricht ab oder zweifelt; der Glaube aber weiß, deshalb ſteht er höher als die Vernunft, doch die Befähi⸗ gung: glauben zu können, dieſer köſtliche Ju⸗ wel eines chriſtlichen Herzens muß durch Gebet und 27 aufrichtigen Willen, er muß durch Hinleitung un⸗ ſerer Gedanken auf die rechte Bahn der Wahrheit errungen werden, und dazu helfe Ihnen Gott in ſeiner überſchwenglichen Gnade. Vielleicht kann ich Ihre heißen Seelenkämpfe durch einige Bücher, die ich Ihnen ſchicken werde, zu einem glücklichen Ende führen.“ Lothar las dieſe Bücher und las wieder. Er ſchlürfte in langen durſtigen Zügen das ſüße Gift unter dem Vorgeben heilſamer Arznei in ſeine kranke Bruſt. Seine eigenen Wunden ſah er blu⸗ ten und geheilt, ſeine eigenen Seelenzuſtände quä⸗ lender Zweifel ſah er in feſte Zuverſicht ſich löſen und nebenbei— der Ehrgeiz gewann, nun die Liebe für immer aus ſeinem Leben geſchwunden, eine von Tag zu Tag ſich ſteigende Gewalt in dem erſchütterten Gemüth des Jünglings. Die in der Geſellſchaft der opfernden Götter eingeſogenen Grundſätze von einer privilegirten, zum Herr⸗ ſchen geborenen Menſchenklaſſe, verbunden mit der Lehre von dem Aufgeben des eigenen Ich, für den höchſten Zweck— alle dieſe ſyſtematiſch in Lothar geweckten und genährten Prinzipien trugen jetzt ihre Früchte. 28 Dazu kam noch ein Brief von Warrenberg, den dieſer von der Schweiz aus an ſeinen Freund geſchrieben. Er hatte von dem Tode des Fräulein von Hartenſtedt gehört und bezeigte dem Baron die innigſte Theilnahme. Dann aber ging er ge⸗ fliſſentlich auf ſich ſelbſt und auf ſeine jetzige Be⸗ rufsthätigkeit als Mitglied des Jeſuitenordens über. „Der Ehrgeiz, zugleich zu nützen und zu herrſchen, hieß es unter Anderem in dem ſophiſtiſch⸗geglieder⸗ ten und geklügelten Briefe— hat uns Beide von jeher beſeelt, verbrüdert und mit gemeinſamen Plä⸗ nen für die Zukunft uns beſchäftigt. Zu nützen und zu herrſchen. Nenne mir eine Verbindung, einen durch viele Glieder gemeinſam erzielten Ge⸗ danken außer dem Jeſuitismus, der dieſen für den Mann immer doch würdigſten Lebenszweck in ſo hohem Grade erfüllt, wie der Jeſuitismus. In Lagen, wie die unſere, mein theurer Lothar, ſchiff⸗ brüchig an Lebensglück und Lebensfreudigkeit, fühlt man wohl, daß der ſinkende Muth zu dieſem ver⸗ ödeten Daſein einer Stütze bedarf, die unter keinen Stürmen irgend welcher Art wankt, und dieſe alleinige Stütze iſt— der Glaube. Ihn för⸗ dern, durch Lehre, Beiſpiel und Erziehung, ihn über 29 die ganze Erde verbreiten, die Menſchheit jener untadelichen Gewiſſensreinheit, mit der Deine Doris dahin ging und ſtarb— die Menſchheit der höch⸗ ſten Vollkommenheit Gottes näher bringen— das iſt die Aufgabe eines Ordens, der nur darum ſo viele Feinde unter den Zweifelſüchtigen zählt, weil dem Fürſten der Finſterniß, dem Geiſte der Nega⸗ tion nach dem unerforſchlichen Rathſchluſſe Gottes unendlich viel Macht über das menſchliche Herz ge⸗ geben iſt— u. ſ. w. Vergebens erprobte der alte Oberſt von Har⸗ tenſtedt ſeine ganze Macht, über das Herz des fa⸗ natiſirten Jünglings, den er einſt als Sohn zu umarmen gehofft. Hatte doch der Baron gar oft ſchon von Doris die Klage gehört, daß ihr ſonſt ſo guter milder Vater nur gegen die Prieſter des Herrn, die geſalbten Verkünder der Religion, ſo ſcharf und faſt feindſelig urtheile. Deshalb ſah er in allen über Pater Auguſtin ihm zugebrachten Ge⸗ rüchten nur den Heiligenſchein der Verleumdung, nur den giftigen Neid, der ſich zu allen Zeiten auf die Schwelle großer Männer gelagert. Die vom Pater Auguſtin gegründeten Congregationen fan⸗ den bald einen der eifrigſten Beſucher nicht allein, 30 ſondern auch Anwerber für dieſes„Reich des Glaubens“ in Lothar. Es wurde dort für die Vergrößerung dieſer gläubigen Heerde, für das Wachsthum der Kirche, für alle reuige Sünder und manches Andere gebetet. Jedem Mitgliede dieſer Congregation ward eine gewiſſe Anzahl von Gebe⸗ ten für die heilige Sache zu verrichten und na⸗ mentlich die Kirche und ihre Diener der feurigſten, inbrünſtigſten Andacht der Gläubigen empfohlen; nur irdiſche Gebete durften ſich in dieſe von himm⸗ liſchen Flammen durchglühten Herzen nicht ein⸗ ſchleichen. Es gab zu jener Zeit gar viele ſolcher Con⸗ gregationen in M. und Leute aus allen Ständen und jeden Alters, vom zehnjährigen Knaben bis zum erblindeten Greis, vom Geheimenrath bis zum Tagelöhner ſchaarten ſich zu dergleichen Verſamm⸗ lungen. Und dennoch: trotz Congregationen und Ka⸗ ſteiungen aller Art, trotz aller Märtyrerlegenden und Biographien Loyola's, die Bogenfels mit der Gier eines Heißhungrigen verſchlang, ach trotz aller jener nächtlichen Viſionen voll himmliſcher Gebilde, wie die ſogenannte Herzenszerknirſchung fanatiſcher 31 Askeſe in feurigen Phantaſien ſie hervorruft— ja trotz Gebeten und Abtödtungen aller Art wollte jener! Glaube, der Berge verſetzen kann, weil er ſelbſt feſt wie ein Fels gegen die Meeresbrandung der Zweifel ſich anthürmt— jener heiß erſehnte Glaube, der doch allein mit ſeiner Doris ihn wie⸗ der vereinigen konnte, wollte immer noch nicht ſeine Friedenspalme in Lothar's gequältes Herz herab⸗ ſenken. So beſchloß er denn es zu machen, wie ſo manche kluge Aeltern, die ihrer Tochter trotz deren Abneigung zu der reichen Heirath mit dem Troſte rathen, die Liebe werde ſich nach der Einſegnung ſchon finden. So meinte der verirrte übel bera⸗ thene Lothar auch den Glauben mit dem Ordens⸗ kleide als einen neuen Menſchen anziehen zu können, und nun ſein Entſchluß einmal gefaßt war, kam auch jene momentane Ruhe über den Unglücklichen, wie ein nach langen Kämpfen ſich durchgerungener Entſchluß— gleichviel ob die Zukunft Heil oder Unheil von ihm erntet— ſie erzeugt, jene momen⸗ tane Ruhe der Erſchöpfung kam über ihn, die er für Seelenruhe und Gluück des Sieges nahm. Durch dieſen Umſtand und durch eine Scene zwiſchen dem Oberſten und der Koſenell noch mehr 32 4 in ſeiner Oppoſition gegen Alles, was Vernunft hieß, beſtärkt, theilte er Pater Auguſtin ſeinen un⸗ wandelbaren Entſchluß mit, in den Orden der Jeſuiten einzutreten. Die ſcheinbaren Schwierig⸗ keiten und Hinderniſſe, welche der ſchlaue Prieſter ihm in den Weg ſtellte, befeſtigten dieſen Entſchluß zu einem unbeſiegbaren. Henriette hatte nicht geahnet und hatte nicht ahnen können, welche Schwierigkeiten bei Verfol⸗ gung ihres Zweckes: Enthüllung jener myſteriöſen Geſellſchaft— von deren Leitern ſie Lothar noch umgarnt wähnte— ſich ihr in den Weg ſtellen würden. Sie hatte, als ſie mit dem Polizeiprä⸗ ſidenten über die Sache geſprochen, eine ſcharfe Rüge hinnehmen müſſen, warum ſie erſt jetzt und nicht gleich nach dem abenteuerlichen Erlebniß da⸗ von Anzeige gemacht. Ihr reiner Sinn hatte an keine Möglichkeit gedacht, daß hier vielleicht Per⸗ ſönlichkeiten geſchont werden ſollten, die am Ruder der Staatsmaſchine eine Rolle ſpielten, oder auch Frauen, die einen mittelbaren Einfluß auf dieſe Lenker des Staatsruders übten. Als ſie mit Emi⸗ liens Hülfe das Haus, wo der verwirrende Auf⸗ tritt ſtattgefunden, der Ordnungsbehörde bezeichnete 33 und ihre Ausſage eidlich zu beſtätigen ſich erbot, ſprach man zunächſt von einer Confrontation mit ihrer Schweſter und anberaumte einen Termin, wo ſie Beide mit einander vor Gericht zu erſcheinen hätten. Henriette ſtampfte vor Ungeduld mit dem kleinen Fuße und weinte vor Unwillen, allein das beſſerte nichts und man bedeutete ihr ganz trocken, ſie dürfe froh ſein, einer vorläufigen Haft zu ent⸗ gehen, da ihre ſo ungemein verſpätete Anzeige wie geſagt ein ſehr verdächtigendes Licht auf ſie ſelbſt werfe. Jetzt ging Henriette zu dem alten Oberſten. Sie theilte ihm den Vorfall jener Nacht ganz offenherzig mit und knüpfte ihre Vermuthung, daß eine jeſuitiſche Propaganda hinter jener myſteriöſen Geſellſchaft ſich verbergen möge, an ihr freimüthi⸗ ges Geſtändniß. „O warum ſo ſpät, meine Tochter,“ war Alles, was der alte tief gebeugte Mann der jungen Tänzerin antwortete. Dann ging er mit ihr zu dem Baron und zog, als dieſer ſich verläugnen ließ, das bebende angſtvoll beklommene Mädchen ſich nach in Lothar’'s Empfangszimmer. Mit welch' bangem Herzklopfen ſah 1 e ihn Frick, d. opfernden Götter. II. 34— wieder— o nein, nicht ihn ſelbſt, nur der Schat⸗ ten ſeines blühenden lebensfriſchen Einſt. Ein Strom von Thränen brach unaufhaltſam aus ihren Augen, als ſein matter erloſchener Blick mit vorwurfsvoller Bitterkeit auf ihr haftete. Der Oberſt nahm jetzt das Wort. Er ver⸗ fuhr als operirender Arzt und brannte mit dem Höllenſtein derber Wahrheit ſo unbarmherzig auf Lothar's Seelenwunde los, daß Henriette, die die⸗ ſen Auftritt nimmermehr vorausgeſehen, mit ſchüch⸗ ternem Erröthen das Zimmer verließ. Dem alten Kriegshelden war das ganz recht. Was das Mäd⸗ chen hier geſollt, das hatte ſie gleich bei ſeinen erſten Worten erfüllt. Sie hatte die Identität aller dieſer im Dunkeln ſchleichenden Männer, ja die höchſt wahrſcheinliche Identität der von ihm ge⸗ flohenen Geſellſchaft der opfernden Götter mit ſei⸗ nen kirchlichen Freunden beſtätigen, hatte nament⸗ lich eine merkwürdige Thatſache erzählen ſollen, welche der angeſtrengten Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſchwiſter Leutner nicht entgangen.„Dein ſauberer Pater Wolfgang, in deſſen Geſellſchaft ich Dich jetzt häufiger noch ſehe als in der des Pater Augu⸗ ſtin,“ donnerte der Oberſt,„iſt mit dem Masken⸗ 35 träger in der St. Annenvorſtadt, den Fräulein Koſonell auch bei jenem berüchtigten! Feſte ge⸗ troffen, eine und dieſelbe Perſon, darauf verwette ich meinen, Gott ſei Dank! mit Ehren ergrauten Kopf. Das Seelnonnenhaus ſpeit faſt ſo oft als der lichtſcheue Maskenheld in ſein unterirdiſches Reich ſich begibt, eine oder ein paar Stunden dar⸗ auf einen Pfaffen aus, den der Teufel durch Gott weiß was für Kunſtſtückchen um einen halben Kopf kleiner gemacht, und dieſer Pfaffe heißt Pater Wolfgang.“ Bogenfels fuhr auf. „Schmähen Sie mich, Herr Oberſt,“ ſagte er ruhig und würdevoll,„ich führe noch im kräfti⸗ gen Arme die kräftige Waffe— nur jene Männer des Friedens laſſen Sie mir unangetaſtet. Ein ſo braver, im Kampfe bewährter Held und wehrloſe Hirten einer ohnedies in dem Sodom und Gomorra unſerer Tage zerſtreuten Heerde im Rücken angrei⸗ fen— wie reime ich mir dieſen Widerſpruch?“ Hartenſtedt mußte alle ihm zu Gebote ſte⸗ hende Selbſtbeherrſchung aufbieten, um nicht durch einen tüchtigen Soldatenfluch ſeinem Aerger Luft, aber das Uebel inſoferne noch ärger zu machen, als 3* 36 er ſich durch dieſes ungenirte Gebaren um alle Gel⸗ tung in den Augen des Barons gebracht haben würde. „Es wird ſich ja ſo Manches finden,“ ſprach der Oberſt mit tiefem Ingrimme,„wenn ich mor⸗ gen Früh die Keller der beiden Häuſer mit polizei⸗ licher Eskorte unterſuchen werde. Gib mir Dein Ehrenwort, daß Du von dieſem Beſuche nichts ver⸗ rathen willſt, ſonſt laſſe ich Dich heute nicht mehr aus den Augen. Wer das Licht nicht zu ſcheuen hat, kann die Kellergewölbe getroſt unterſuchen laſſen; das wenigſtens wirſt Du mir zugeben Der Baron gab das verlangte Verſprechen mit froſtigem Handſchlage. Einen Augenblick lang ſtan⸗ den die beiden einſt durch Liebe und freiſinnig bie⸗ dere Denkweiſe ſo innig mit einander verbundenen gegenüber und es war, als klopfe die Erinnerung, ach die Sehnſucht, wieder einmal an einem warmen Herzen ruhen zu dürfen, in mächtigen Schlägen an Lothar's umnachtete Seele.— Aber nur einen Augenblick— und der Verſucher, wie er die ihn übermannende Weichheit nannte, wich dem kämpfen⸗ 37 den Glaubenshelden. Mit kalter Ruhe zog er ſeine Hand aus der, die Doris Kindheit geleitet, und ſah die Thräne nicht, welche in der grauen Wimper des alten Mannes zitterte. Bald aber von dieſer un⸗ männlich geſcholtenen Wehmuth gegen ſich ſelbſt und gegen Bogenfels, als den Urheber dieſer weibiſchen Schwäche, erbittert, brach ſich ſein Unwille gegen die eingeſchlagene Frömmigkeitsrichtung ſeines jun⸗ gen Freundes eine ſo rückſichtloſe Bahn, daß Hen⸗ riette erſchrocken das Zimmer und die Wohnung des Barons verließ. „Wenn ein Wüſtling,“ fuhr der Oberſt nun ganz ungenirt in ſeiner Strafpredigt fort,„oder eine Buhldirne, nachdem ſie Geſundheit und Lebens⸗ kraft geopfert, mit ihren leergebrannten Herzen und dem zagenden Gewiſſen, mit einem von Eckel und Abſcheu überſättigten Magen der Frömmigkeit in Euerem Sinne, Ihr Abtödter des Fleiſches, zum Opfer fallen, das kann ich begreifen, denn jede Maßloſigkeit rächt ſich und ſpringt in das entgegen⸗ geſetzte Extrem der Unnatur über. Nur der geſunde, lebenskräftige Menſch, der ſchon ein Lob Gottes an und für ſich iſt, weil Kraft ſeinem Arme und Muth ſeiner Bruſt inne wohnt— der Menſch, der das 38. Glück ſeines Daſeins mit Daſeinsfreude und Dank⸗ barkeit gegen Gott nach den Geſetzen der Natur zu feiern berechtigt iſt, ein ſolcher Menſch höhnt Got⸗ tes Meiſterwerk: ſich ſelbſt, wenn er mit den Würmern um die Wette am Boden kricht, und die Berechtigung ſeiner Menſchennatur, den edlen Ge⸗ nuß des Lebens vornehm verachtet. Pfui! über Euch Weltverbeſſerer und Phariſäer, die Ihr den Herrn und ſeine ewigen Geſetze meiſternd hierhin den Le⸗ bensgenuß als Hölle und dorthin die augenverdre⸗ hende Entſagung als Himmel ſtellen möchtet und auch wirklich zu ſtellen Euch erdreiſtet. Für Euch, Ihr Selbſtpeiniger und Marterknechte der Menſch⸗ heit, iſt wahrlich dieſe ſchöne Erde zu ſchön, denn Ihr habt eine Marterkammer und habt aus dem Chriſtenthume, der Religion der Liebe und Dul⸗ dung, die Marterwerkzeuge moraliſcher Vernichtung gemacht, und es ginge dem Himmel wahrlich nicht beſſer, wenn der liebe Herrgott Euch, ſo wie Ihr ſeid, hinein verſetzte. Sinkt mit Euern Lebensge⸗ nüſſen nicht in den Schmutz der Gemeinheit herab, ſo wird Euer Seelenfriede hienieden und die Un⸗ ſterblichkeit Euerer Seele dort Jenſeits ganz gut nit dem Genuſſe irdiſcher Freuden ſich vereinbaren 39 aſſen, und ein beglücktes, freudevolles Herz lobt eien Schöpfer um ſo lauter. Oder war es nicht ſo, Lothar, mein armer, verirrter Sohn, als ich Doris Hand zum ewigen Bunde in die Deine legte und Dein Kuß ihre jungfräuliche Lippe berührte?“ Der Schmerz überwältigte den alten Mann, er konnte nicht weiter ſprechen. „Halte feſt am Glauben, damit es ein Wie⸗ derſehen für uns gibt—“ ſprach Lothar mit feier— lich gehobener Stimme.„Sie mußte hingehen für mich, die Reine, Heilige, als Maͤrtyrin dieſes ſo lange von mir verläugneten Glaubens, um ihn mir erringen zu helfen. Keine Verlockung, keine Sophi⸗ ſtik der Welt drängt mich wieder aus der Bahn, die ſie zu meinem ewigen Seelenheil mir eröffnet— Amen!“ „Ich hab's bei ihrer Erziehung verſehen,“ ſagte Hartenſtedt, mehr zu ſich ſelbſt, als gegen den Baron gewendet.„Ihre gute, fromme Mutter, Gott hab' ſie ſelig, nährte des Kindes Phantaſie mit dem loſen Manna der Mährchen und Legenden auf Un⸗ koſten der gefeſſelten Vernunft. Sie lernte zu wenig ſelbſt denken und zu viel bewundern, ſie betete an, wo ein wenig Kritiſiren nicht würde geſchadet ha⸗ 40 ben. Wäaͤre ihre vortreffliche Mutter noch am Leben geblieben, ſo würde ſich Alles noch ausgeglichen ha⸗ ben, denn ſie war ein echt weibliches Gemüth, de⸗ ren erſtes und heiligſtes Geſetz die Liebe war. So aber fiel dieſes arme Kind mit ſeinem opferſeligen Herzen in die Hände jener Prieſter, die ihre ſchwärmeriſche Frömmigkeit in ihrem Intereſſe zu nützen verſtanden. O, wenn ich—— ¹ „Scheiden wir,“ unterbrach Bogenfels den Eifernden, deſſen hochſchwellende Stirnadern wieder einen neuen Ausbruch des kochenden Vulkans zu verkünden ſchienen.„Wir verſtehen uns nicht mehr und wollen die letzte Stunde unſeres Beiſammen⸗ ſeins nicht zu einer düſtern Erinnerung unſeres Le⸗ bens ſtempeln.“ „Die letzte Stunde unſeres Beiſammenſeins?“ fragte Doris Vater geſpannt.. „Ich reiſe in nächſter Zeit zu der Fürſtin*nn und von da noch weiter,“ war Lothar's kühle Antwort.„Nach M. gedenke ich niemals wieder zurück zu kehren.“ Der Oberſt betrachtete den verſchloſſenen Jüng⸗ ling mit einem langen durchdringenden Blick, der die Wahrheit aus ſeinem erkalteten Herzen heraus 41 an das Tageslicht fördern zu woͤllen ſchien. Dann ſchloß er ihn lautlos noch einmal in ſeine Arme und ſtürzte aus dem Gemach. „Henriette ſoll den letzten Wunſch ihres ſchei⸗ denden Bruders ehren,“ rief der Baron ihm noch nach.„Sie ſoll den Tempeldienſt der Hölle ver⸗ laſſen.“ „Sage das Deinen Prieſtern,“ ſprach der alte Soldat zurück, und war aus Lothar's Augen verſchwunden. 1 Auch Oberſt von Hartenſtedt kam in ſeinem unterſuchungseifer gegen die myſteriöſe Geſellſchaft ſo ſchnell wenigſtens nicht zum Ziele, als er ge⸗ hofft. Die polizeiliche Behörde wollte zu einem ge⸗ waltſamen Aufbrechen der wohnlichen Räume jenes geheimnißvollen Mannes ſich nicht ohne Weiteres verſtehen, und zwei bis dreimal kam man deshalb verge⸗ bens. Der fragliche Bewohner ſei verreist, berichtete Monſieur Bertrand, der franzöſiſche Sprachlehrer, an den der Oberſt ſich um Auskunft wandte, und wann er zurückkehren werde, habe er nicht geſagt. Die Hüter der Ordnung zuckten die Achſeln, er⸗ 4² klärten, vor der Hand wenigſtens gegen den ſonſt in keiner Hinſicht verdächtigten Mann Entſcheiden⸗ des nicht unternehmen zu können, und Alles, was der Oberſt erlangte, war das Verſprechen, jenes Haus, wo die nächtlichen Orgien gefeiert wurden, allabendlich beobachten und bei der nächſten Ver⸗ ſammlung überrumpeln zu wollen. Allein auch hier ſchien Wochen lang Alles wie ausgeſtorben, und was den Oberſten vor Aerger beinahe um den Ver⸗ ſtand brachte, das war die tägliche Begegnung mit dem Pater Wolfgang, einem Geiſtlichen an der St. Eliſabethkirche, der im Rufe ſtand, ein eifriger Jeſuit zu ſein. Doris hatte nie eine andere als die ihrer Wohnung in der Mathildenſtraße ganz nahe gelegene Eliſabethkirche beſucht und hatte ſo⸗ gar einigemal flüchtig auf den Wunſch hingedeutet, dem damit verbundenen Kloſter der barmherzigen Schweſtern entweder ſich ſelbſt oder doch an ihrem Vermählungstage ihr ganzes Hab' und Gut über⸗ geben zu dürfen. Wie der alte prieſterfeindliche Soldat dieſem Wunſche geantwortet, kann man ſich denken; aber auch den Groll kann man begreifen, womit'er den angeblich fim Bereich der Kirche woh⸗ nenden Pater Wolfgangäfaſt täglich an ſich vor⸗ 43 über ſchleichen ſoah. Soll denn aber nach Gottes unerforſchlichem Rathſchluß das Laſter triumphiren und die Heuchelei Recht behalten?— fragte ſich der alte biedere Hartenſtedt eines Abends, als er bei ſeiner Nachhauſekunft Lothar's Abſchiedsbrief vorfand. Wäre nur gerade jetzt der Miniſter*** nicht in dieſer ohnehin fatalen diplomatiſchen Sen⸗ dung verreist, ich wäre ſchon lange am Ziele. Und während der Oberſt dies ſprach— war das Ziel bereits erreicht, aber zu ſpät und auf traurigem Wege. Am Tage nach Lothar's Abreiſe, der wie ge⸗ ſagt durch jenen Beſuch des Oberſten und ſeiner Milchſchweſter zur äußerſten Erbitterung gereizt worden, der namentlich aber durch die unabläſſigen, natürlich ſehr wohl berechneten Abmahnungen des Pater Auguſtin zur entſchiedenſten Oppoſition auf⸗ geſtachelt dem Pater Wolfgang als Jeſuitennovize ſich übergeben— am Tage nach Lothar's Abreiſe nach der Schweiz an den Sitz des Provinzials, wo⸗ Warrenberg den Freund mit offnen Armen erwar⸗ tete, brach die damals in M. ſo ungeheures Auf⸗ ſehen machende Epoche herein. Ein achtbarer, allgemein in Geltung’ ſtehender 44. Arzt, Dr. Salzmann, machte gerichtliche Anzeige von der gewaltſamen Verführung eines zwölf bis dreizehnjährigen Kindes,*) der uns bekannten Agnes Leutner. Hinter dieſer Anzeige ſtand als Engel mit dem Racheſchwert der unbeſtechliche Oberſt Harten⸗ ſtedt und, um die Begebenheit an dieſe unſchönſte Stelle nicht länger als unumgänglich nöthig zu feſſeln, mag der hierher gehörige Text der Vorlage dieſes Kapitel beſchließen und zugleich mit ihm den deutſchen Schauplatz dieſer traurigen Begebenheit verlaſſen. 7„ Jener Hoheprieſter,“ heißt es in der vor⸗ genannten Broſchüre„war Niemand Anderes, als Pater Wolfgang, der Beichtvater des Fräuleins von Hartenſtedt, ein ſehr eifriger Jeſuit, der vor Kurzem in ſeiner Heimath Polen ſtarb. Sein Name iſt Stapelzow. Wie es ſcheint, ward er gleich nach des Barons Abreiſe in Folge des Verbrechens, eine Unſchuld von zwölf Jahren verführt zu haben, aus M. verwieſen, und über die Grenze des König⸗ reiches transportirt. Mit ſeiner Entfernung löste *) Vorliegende Thatſache. 4⁵ auch jene myſteriöſe Geſellſchaft ſich auf, deren Thun und Treiben; nie ganz enthüllt worden iſt. Indeß ſtimmen alle Reſultate der ſehr im Geheimen gelei⸗ teten Unterſuchung darin überein, daß die Tendenz der Geſellſchaſt Vorbereitung zum Jeſuitismus und im oberſten Grade,„raffinirteſter Lebensgenuß“ ge⸗ weſen ſei. Söhne der vornehmſten Familien des Landes befanden ſich unter den Mitgliedern, deren die ganze Geſellſchaft etwa fünfzig hatte.— Wa⸗ ren die Adepten bis zum Herrengrade durchgedrun⸗ gen(ſich ſelbſt nannten ſie Knechte in dieſem Gra⸗ de), ſo waren ſie auch, wenn ſie überhaupt noch Sittenreinheit von Anfang an beſaßen, gehörig vor⸗ bereitet und bearbeitet, um das Anſtößigſte, Sitten⸗ loſteſte natürlich zu finden. Es wurden Orgien gefeiert(unter Beibehaltung der lächerlichſten Sym⸗ bole), welche nur die raffinirteſte, excentriſche Sinn⸗ lichkeit erfinden und ohne Erröthen anſchauen konnte. Hiezu trugen Damen, die ihrerſeits auch einen ähn⸗ lichen Orden gebildet hatten, und erſt im oberſten Grade ſich mit dem männlichen vereinigten, nicht wenig bei. „Lothar war zu ſeinem Glücke, oder wie viel⸗ 46* keicht Andere wollen, zu ſeinem Unglücke nicht„Herr“ oder„Knecht“ geworden; wir ſagen, vielleicht zu ſeinem Unglücke; denn es iſt ſchwierig, zu ſagen, ob es beſſer ſei, den Händen fanatiſcher, heimtücki⸗ ſcher Pfaffen und einer düſteren, überſpannten Fröm⸗ migkeit anheim zu fallen, die ihren Jünger zum Jeſuiten ſtempelt, oder zu einer Geſellſchaft gehört zu haben, deren Ziel es war, die Geſetze der Sitt⸗ lichkeit mit Füßen zu treten. „Es iſt wohl kaum nöthig, zu bemerken, daß Pater Auguſtin ebenfalls ein Jeſuit war, von dem General nach M. geſandt, um wo möglich nach allen Kräften auf das Volk zu wirken, Kongrega⸗ tionen zu ſtiften und für den Orden zu werben.“ Deutſchland— dieſes„Land des Gehor⸗ ſams“— wie es nach Dr. Rutenberg von den Jeſuiten lobpreiſend genannt wird, war bekanntlich um jene Zeit ein gar fruchtbarer Acker für die Be⸗ ſtrebungen der Jünger Loyola's. In Baiern, verſichert Rutenberg, ſuchte man in den zwanziger und dreißiger Jahren durch eine Aktiengeſellſchaft den Vätern der Geſellſchaft Jeſu Eingang und Niederlaſſung zu bereiten. Die 47 dort eingeſchmuggelten Prediger fanden die Pfade bereits geebnet. Sie fanden eine fruchtbare Stätte für den Saamen, der von der freien Schweiz, von dem Canton Freiburg, dieſem Centrum der jeſuitiſchen Wirkſamkeit, aus über die ganze Welt ſich verbreitet. Die Jeſuiten hatten durch zwar ver⸗ einzelte aber in ihrem Streben zuſammenwirkende Vorpoſten⸗Kolonien Deutſchland an ſeinen Süd⸗ grenzen umgeben. Auf Baiern richtete ſich nun die ganze Wirkſamkeit des Ordens. Mögen dieſe wenigen Andeutungen und na⸗ mentlich die thatſächlich erwieſene Aktiengeſell⸗ ſchaft zu Einführung der Jünger Loyola's den wunderbaren und oft märchenhaft klingenden Be⸗ richten über die myſteriöſe Geſellſchaft der opfern⸗ den Götter zu einiger Erklärung dienen. Alle Er⸗ treme des Irdiſchen berühren ſich im Kreislaufe ewiger Weltordnung. Während Frömmigkeit und in den Grenzen der Sittlichkeit und Schönheit ſich be⸗ wegender Lebensgenuß gar wohl verſchwiſtert ſein können, weichen Frömmelei und zügelloſe Ungebun⸗ denheit aus dem Gleiſe der Naturgeſetze, und ver⸗ lieren ſich in hyperboliſcher Bahn von einander. Erſt am Ende des rein Menſchlichen und menſchlich 48 Schönen: bei der Unnatur der Askeſe und der Erſchöpfung aller Genüſſe, die eben auf⸗ hören, Genüſſe zu ſein, verſchwiſtern ſich die trau⸗ rigen Lebensbahnen wieder, und predigen die Lehre von der gebotenen Demuth des menſchlichen Herzens. Brittes Cagitel. Liebe und Gehorſam. Motto:„Der Menſch ſei, unter der Hand ſeines Vorgeſetzten, wie ein Leichnam.“ Der ſterbende Ignaz von Loyola. unſere Leidenſchaften ſind die mächtigſten Hebel unſerer Erhaltung; es wäre alſo ein ebenſo fruchtloſes als lächerliches Unternehmen, ſie vernichten zu wollen, es hieße die Natur meiſtern, Gottes Schöpfung verbeſſern. 4 Rouſſeau's Emil. Der Kanton Freiburg-— ſagt Zſchocke in ſeinen Erläuterungen zu den klaſſiſchen Stellen der Schweiz— iſt dem großen Haufen umher ziehender Touriſten nicht namhaft genug und deshalb auch wenig mehr denn als Durchgangspunkt von Bern zum Genfer⸗ ſee bekannt. Der Reiſende ſtaunt wohl die wunder⸗ liche Bauart der Hauptſtadt an, wo Gebäude und Kapellen am Rande hoher ſenkrechter Sandſteinfelſen Frick, d. opfernden Götter. II. 4 50 * über dem wilden Strom der Saane ſchweben, dort ſich in Bergſchluchten verkriechen; allein vom Uebri⸗ gen kennt er wenig, wenn ich von dieſem Uebrigen, wie ſich von ſelbſt verſteht, die ſtolzen Bauten der Stadt, namentlich den Rieſenbau der berühmten Hängebrücke und den Pallaſt des Jeſuiten⸗Collegi⸗ ums ausnehme. Und doch iſt eben über dieſe an der reißen⸗ den Saane, und zwar theils in dem engen Thale des Flußes, theils auf einem dasſelbe begrenzenden Sandſteinfelſen gelegenen Stadt,— deren maleri⸗ ſcher Hintergrund die Alpen— eine Romantik ver⸗ breitet, die uns das Mittelalter in ſeiner ganzen ſchauerlichen Märchenhaftigkeit in die Gegenwart überträgt. Dieſe tauſend Häuſer mit der unverhält⸗ nißmäßig großen Anzahl von Kirchen, Klöſtern und Kapellen, hoch und niedrig, über ſteilen Felſen, tie⸗ fen Schlünden, Halbinſeln und Berghängen wun⸗ derlich zuſammen gedrängt, bilden etwa fünfzig Straßen, von denen vielleicht nicht Eine ſich findet, die das Gepräge der frommen Stadt verläug⸗ nete. Allenthalben das Kreuz, allenthalben Heiligen⸗ bilder an den Häuſern, in denen außer an Feſtta⸗ gen wenig Leben ſich regt. Die geringe Bevölke⸗ 51 rung von kaum achttauſend Seelen verliert ſich in der Menge von Gebäuden, da überdieß ein unver⸗ hältnißmäßig großer Theil der Bevölkerung in den Zellen der neun Klöſter eingeſchloſſen lebt. Auf den ſtillen Gaſſen wandeln von Morgens bis Abends, faſt zu allen Stunden des Tages, Andächtige, be⸗ ſonders weiblichen Geſchlechts, welche vom feierli⸗ chen Klange der Glocken zu Gebet und Gottes⸗ dienſt bald nach dieſer, bald nach jener der zwölf Kirchen oder neun Kapellen gerufen werden. Nur an Markt⸗ und Feiertagen erſchallen, neben der An⸗ dacht in den Tempeln, fünfzig bis ſechzig Kaffee⸗ oder Wirthshäuſer vom fröhlichen Leben. Die Lage der Stadt Freiburg iſt wie geſagt eine der pittoreskeſten der ganzen Schweiz. Theils auf einer kleinen Ebene erbaut, theils auf und an einer Reihe fortlaufender Felſen, deren Fuß die Saane in mäandriſchen Windungen beſpült, iſt ſie von den umliegenden Hügeln ſo ganz verborgen, daß zman nicht eher etwas von der Stadt erblickt, bist man die vorragende Anhöhe erreicht hat. Da viele Gebäude wie die Sitze eines Amphitheaters in regelmäßiger Stufenfolge über einander ſtehen, an⸗ dere wieder am Rande eines Abgrundes zu ſchwe⸗ 4* —— S——— 52 ben ſcheinen und mehrere Straßen faſt über einan⸗ der hinlaufen,— ſo daß z. B. die Häuſer du eourt chemin mit ihren Dächern an das Pflaſter der Straße de la grande fontaine ſtoßen, und die vorte de Bourguillon auf der Spitze der Felſen in der Luft zu ſchweben ſcheint— ſo gewährt die Stadt von vielen Seiten einen höchſt ſonderbaren Anblick. Zur Zeit, wo der Schauplatz dieſer Er⸗ zählung aus dem Süden Deutſchlands nach Frei⸗ burg verlegt wurde, war jener von IZſchocke flüch⸗ tig erwähnte Rieſenbau der neuen Drathbrücke, die 925 Fuß lang von Bergzu Berg, über Strom und Thal, über Kirchen,[Häuſer und Thürme 170 Fuß hoch gleich den Fäden eines Spinngewe⸗ bes in der Luft ſich hinzieht— dieſer koloſſale Bau war unllängſt vollendet, und gilt ſeitdem für eines der merkwürdigſten und intereſſanteſten Bau⸗ werke der ganzen Schweiz. Früher mündete die Berner Chauſſee in einen ſehr ſteilen und mühſa⸗ men Weg, welcher lange Zeit hindurch der Fre⸗ guenz beſchwerliche Schranken ſetzte, die jetzt dadurch beſeitigt ſind, daß die neue Hängebrücke,— ne⸗ benbei bemerktödie längſte überhaupt exiſtirende,— den gegenüber liegenden Schönenberg mit der Stadt 5³ verbindet, und ein ebenes Einfahren in dieſelb verſtattet. Zwei rieſige Pfeiler, zugleich Thorbogen, bil⸗ den die Hängepunkte. Jenſeit derſelben ſind die En⸗ den der Trageketten in Kammern mittelſt ungeheu⸗ rer Anker auf das Sorgfältigſte verwahrt. Die Tra⸗ geketten ſelbſt beſtehen aus zuſammengedrehten Draht⸗ ſeilen; dadurch iſt deren Haltbarkeit beſſer garan⸗ tirt, ſowie etwaige Reparatur ſehr erleichtert. Von den drei andern Brücken, welche außer dieſer berühmten Hängebrücke noch über die Saan⸗ führen, war die damals noch einzige ſteinerne di⸗ ſogenannte neue Brücke, wo man gegen Norde: einen Theil der Stadt kühn an den Seiten und au⸗ dem kahlen Rücken der faſt ſenkrecht aufſteigenden Felſenreihe, auf der entgegengeſetzten Seite aber die ſchlangenförmig ſich dahin windende Saane unte⸗ hohen, mit kümmerlichem Geſträuch bewachſenen Fel⸗ ſen erblickt— dieſe wildromantiſch gelegene Brück⸗ war gleichſam als die Grenzlinie zwiſchen Deutſche und Franzöſiſch, Alt⸗ und Neu⸗Freiburg zu betrach⸗ ten. Burg Aue, Neuſtadt und Platzpanner ſind in der Redeweiſe der Freiburger Bevölkerung ſo ziem lich von dem einfachern Ober⸗ und Unterſtadt ver 54 * drängt, und ſomit bilden Fels und Fluß hier die Grenzſcheide, wo: die, Nachkommen und Sprachen zweier Nationen, der Alemannen und Burgunden, ſich berühren, ohne in einander ſich aufzulöſen. Die Linie der Sprachentrennung zieht ſich von Südoſt über Freiburg nach Nordweſt, faſt quer durch den Kanton. Im Ganzen von neuerer Bauart hat Frei⸗ burg doch ſo manches Gebäude des klaſſiſchen Bau⸗ ſtyls aufzuweiſen, und beide— wenigſtens die dü⸗ ſtere Seite mittelalterlicher Romantik mit dem neu⸗ zeitlichen Dämon des Myſticismus— in Verbin⸗ dung bringend, beherrſcht von der höchſten Anhöhe herab das Jeſuiten⸗Collegium, einer. Citadelle nicht unähnlich, die ganze Gegend. Symboliſch wie that⸗ ſächlich, könnte man hinzufügen, da namentlich der Thurm der Kirche— obgleich im neuern Styl erbaut— doch auf dieſer Höhe einen impoſanten Anblick gewährt. Im Jahre 1584 hatte der weit⸗ läufige Bau des Collegiums begonnen, und 1596 hielt Pater Caneſius, der erſte Rektor und Grün⸗ der desſelben, ſeinen Einzug. In der Nähe des vielfach bethürmten Colle⸗ gium, der Kirche gegenüber, iſt das neue mit einem 55 Obſervatorium ausgeſtattete Lyceum erbaut. Hierher ſind die höhern Klaſſen für die Zöglinge und No⸗ vizen des Jeſuitencollegium verlegt, hier befinden ſich auch die nicht unbedeutenden, von dem Chor⸗ herrn Fontaine von St. Nicolas geſtifteten natur⸗ wiſſenſchaftlichen und archäologiſchen Sammlungen nebſt Bibliothek, hier befindet ſich endlich das The⸗ ater für die geiſtlichen Schauſpiele, welche die Zög⸗ linge des Collegium im Verein mit den Penſionä⸗ ren in der Ferienzeit zur Aufführung bringen. Eine kleine Brücke verbindet oder führt we⸗ nigſtens von den ſo eben beſprochenen Oertlichkei⸗ ten nach dem unter Leitung der Jeſuiten ſtehenden Erziehungshauſe für Knaben. Dieſes im neueſten Geſchmack mit breiter Fronte und zwei vorſtehenden Seitenflügeln erbaute Haus iſt ohnſtreitig eines der ſchönſten und geräumigſten Wohngebäude der Schweiz. Seine vier Etagen umſchließen allen nur erdenkli⸗ chen Comfort eines Erziehungshauſes, deſſen In⸗ ſaßen nach ihrem numeriſchen Gehalt gewöhnlich zwiſchen vier⸗ bis ſechshundert ſchwanken. Die vier geräumigen Höfe zu den Spielen und gymnaſtiſchen Uebungen der Knaben, das durch eine Gallerie mit der Wohnung des Rektors in Verbindung gebrachte 56 maison champéêtre mit ſeinen Muſik⸗ und andern für die Erholungſtunden benutzten Sälen, die große Reinlichkeit und Ordnung allenthalben bewirken einen wohlthuenden Eindruck, der freilich leider in das entgegengeſetzte Intereſſe, in das Bedauern über den eigentlichen Zweeck dieſes Inſtitutes um⸗ ſchlägt. Unter den älteren Gebäuden Freiburgs iſt die nach einem Modell der santa casa erbaute Kapelle der heiligen Jungfrau von Loretto vor dem Thore von Bürglen, dann das Rathhaus auf derſelben Stelle,— wo die Erbauer der Oberſtadt, die Her⸗ zöge von Zähringen ihre Burg hatten, und insbe⸗ ſondere die Kathedrale von St. Nicolaus zu nen⸗ nen. Sie ſtammt aus dem zwölften Jahrhundert und iſt im gothiſchen Styl erbaut. Ihr Thurm, der höchſte in der ganzen Schweiz— dritthalb hundert Berner Fuß hoch,— mit dem prachtvol⸗ len Geläute, der Orgel von Mooſer und den bei⸗ den herrlichen Gemälden von Suttes: das Abend⸗ mahl und die Geburt Chriſti darſtellend, iſt der Stolz des ganzen Kantons. Allein auch hier, an dem klaſſiſch⸗religiöſen Heiligthume ſogar, finden ſich die ſchroffen Gegenſätze in Lapidarſchrift ver⸗ 57 ewigt, welche, wie ſchon erwähnt, Freiburg im Allge⸗ meinen charakteriſiren. In der Vorhalle am Haupt⸗ eingange erblickt man durch die Kunſt der alten Meiſter das Weltgericht dargeſtellt, eine blutige Satyre auf die Gewaltigen jener Zeit, auf die Herrſcher vom Thron und Altar. Die Teufel zeigen ſich rührig, die Verdammten in das hölliſche Feuer zu ſchleppen. Man ſieht ſie gebeugt unter der Laſt von Kaiſern, Königen, Fürſten und Herren, von Päpſten und Kardinälen, von dickwanſtigen Prie⸗ ſtern und Mönchen, die ſie in Tragkörben zum Ab⸗ grund der Flammen bringen. Dieſe Verhöhnung hierarchiſcher Größe mitten in dem Rom des Je⸗ ſuitismus, mitten unter den gebeugten Kreuzträgern fanatiſcher Tyrannei ſcheint eine Nemeſis, die ihren Griffel mit eiſerner Hand führt. Pater Girard, der edle Franziskaner, der Freund und Genoſſe Peſta⸗ lozzis und Fellenbergs, war ja auch ein Freibur⸗ ger. Er lebte zu derſelben Zeit in der mährchen⸗ haften Stadt, als die beiden unrettbaren Zöglinge im jeſuitiſchen Erziehungshauſe, Damas und Clif⸗ ford, durch ein Stück vom Gewande Chriſti geheilt wurden.— Und nun wundere ſich noch, wer kann, über die mittelalterlich romantiſchen Gegenſätze, welche 58 Freiburgs Verfaſſung, beſonders bis zum Jahre dreißig, aufzuweiſen hatte. Die„Handfeſte“ des drei⸗ zehnten Jahrhunderts und die Halsgerichtsordnung Karl's V. ſpuken noch allenthalben durch die ariſto⸗ kratiſche Verfaſſung der Gegenwart hindurch. Der Adel, die Patrizier und die Bürger von Stadt und alter Landſchaft befehdeten ſich unter einander und blickten gar ſcheel auf die„heim⸗ lichen Bürger“, die im Patriziat von Freiburg eingeborenen regimentsfähigen Familien, denen bis zum Jahre Dreißig einzig und allein der Eintritt in den großen Rath, die eigentliche Landsbe⸗ hörde, geſtattet war. Man mußte als Bürger einer Kantonsgemeinde ein hundertjähriges Landrecht und ein Vermögen von zwanzig tauſend Franks nach⸗ weiſen können, um dieſes Vorrecht des eingeborenen Patriziats wenigſtens zum Wahlrecht in den großen Rath auszugleichen, obſchon der Eintritt in den dar⸗ aus erwählten kleinen— den Staatsrath und Appellationsrath— immer noch ſelten genug erfolgt ſein mag. Und was ließe noch Alles von den exkluſiven Vorrechten des Gerichtes der Heimlichen und von dem Ausſchuß des gefrei⸗ ten heimlichen Sonntags, dieſem auf drei 59 Jahre erwählten ſiebenköpfigen Cenſurgericht für die Mitglieder des großen und kleinen Rathes, was wiederum über die ſcharfen Gegenſätze in der Ge⸗ ſetzgebung, was über die noch bis heute dauernde Kalamität der Heimathloſen ſich ſagen! Jener unglücklichen Paria's des civiliſirten Lebens, denen Freiburgs Geſetze die Ehe unterſagen, weil ihre Zahl wie Blutegel an der Bevölkerung des Landes ſaugt, jener Unglücklichen, für die es keine Wohlthat, nur einen Fluch der Cioiliſation, für die es kaum die äußerſten Grenzen der Menſchenrechte giebt. Die beſte Ueberſicht der Stadt genießt man alſo, wie geſagt, von der Höhe des Schönenbergs. So viele Gießbäche und Waldſtröme von den Al⸗ pen und Jurat⸗Höhen niederſtürzen, ſo viele Thäler laſſen ſich zählen. Uberall verwandelt da die Natur ihre Geſtalt und Stimme. Sie ſpricht inmitten des Hochgebirgs, über ſchauerlichen Abgründen, zwiſchen Wolken und unerklimmbaren Felsgipfeln, unter dem Donner der Waſſerfälle und dem Geläute der Herden⸗ glocken die Sprache des Epos; zwiſchen den Hügeln, Gebüſchen, Dörfern, Seeufern, Kapellen und ro⸗ mantiſchen Burgen der Thalwelt die Sprache der Idylle, und in den öden Mooren jenſeits des Mur⸗ 60 tenſees die der Ibis, der ſchwarzgemäntelte Strand⸗ läufer und anderes Sumpfgeflügel belebt, die ruhigſte Proſa. Durch einen beſonders wild romantiſchen Charak⸗ ter zeichnet ſich das an der Nordweſtſeite der Stadt begin⸗ nende Galternthal aus. Es iſt eine Stunde lang. ſehr eng und auf beiden Seiten von hohen überhän⸗ genden Sandſteinfelſen begrenzt, deren mannigfaltige Schattirungen eine herrliche Wirkung hervorbringen. Eine Felſentreppe von mehreren hundert Stufen führt von den Stufen der Fontaine aus der obern Stadt nach einer Mühle, die unter einem überhän⸗ genden Felſen von einem in der Nähe hervorbrechenden Bache getrieben wird, der wenige Schritte davon in die Saane fällt. Dieſe pitoreske Mühle liegt ſo ein⸗ ſam, daß man ſich in ihrem Bereich weit eher in eine Einöde als in die Nähe einer bewohnten Stadt verſetzt glauben müßte, wenn nicht das ferne Ge⸗ räuſch einiger Fabriken, Eiſenſchmelzhütten und Mühlen, die von der in einem Felſenſtollen gearbei⸗ teten Waſſerleitung in Bewegung geſetzt werden, das einförmige Rauſchen des Mühlenrades zuweilen un⸗ terbräche. Selten nur kam zu der Zeit, von welcher hier die Rede iſt, ein Bewohner Freiburg's in dieſen — 61 abgelegenen, ſchauerlich wilden Thalgrund. Hier hört faſt jede Spur bewohnten Lebens auf, und eine Welt, die Gottes Allmacht und Größe in den ſchön⸗ ſten Trümmern verherrlicht, öffnet ſich dem Auge des Wanderers. Das durch überhängende Felſen ge⸗ bildete Thal verengt ſich dergeſtalt, daß das Flußbett es beinahe ausſchließlich einnimmt und man, um wei⸗ ter vorzudringen, einen Weg über und zwiſchen die umher liegenden Felſentrümmer ſich bahnen muß. Alte, unter den Stürmen der Zeit und des Wetters gleichſam mit den Felſen verſchwiſterte Tannen neigen zu beiden Seiten des Thales ihre Häupter wie von dem verewigten Geheimniß der Natur flüſternd ſo nahe zu einander, daß das Himmelslicht keine ſeiner Strahlen in dieſe öde Waldeinſamkeit herab ſenden kann. Die Bewohner jener vorhin erwähnten, von den übrigen ſo gänzlich abgeſonderten Mühle lebten ein einſiedleriſches Leben, deſſen Tagewerk Gebet und Arbeit im eigentlichen Sinne hieß; in der Einför⸗ migkeit dieſes Daſeins gab es für den Müller und ſein Weib außer dem feſttägigen Kirchgang und den dringendſten Einkäufen in der Stadt ſonſt keine Un⸗ terbrechung. Um ſo mehr mußte es den Müllerbur⸗ 6² ſchen und ſogar den alten halb tauben Müller be⸗ fremden, als eines Abends die noch ſehr rüſtige, etwas mannweibliche Müllerin in Begleitung eines blut⸗ jungen Bürſchchens von der Stadt herab kam. Der junge Deutſche werde dieſen Sommer bei ihnen woh⸗ nen, erklärte ſie kurzweg ihrem nicht allzufreundlich drein ſchauenden Ehegeſpons, und das kleine Hinter⸗ ſtübchen der Mühle wurde dem blaſſen Fremdling eingeräumt. Wie das gekommen, läßt ſich nur durch einen Vorfall erklären, der wenig Stunden vor dieſer Ueberſiedlung des Jünglings nach der ſtillen Thal⸗ mühle in der Nähe des Urſulinerinen⸗Kloſters ſtatt⸗ gehabt. Derſelbe junge Burſche hatte, die gewöhn⸗ liche Lederreiſetaſche über der Schulter und einen Karton unter dem Arme, ein kleines Rencontre mit einem Landjäger gehabt, der durchaus die in der Wohnung zurückgelaſſenen Papiere des Jünglings ſehen, überhaupt Schwierigkeiten machen zu wollen ſchien. Ein junger Jeſuitenprofeß hatte im Vorüber⸗ gehen, die Verlegenheit des armen Bürſchchens beob⸗ achtend, mit dem Landjäger ein paar Worte in fran⸗ zöſiſcher Sprache gewechſelt, worauf der Mann der Ordnung mit einem mürriſchen Geſicht ſich entfernt. — 63 „Wenn ein aufrichtiger Freund ihnen rathen ſoll,“ wandte der Jeſuit ſich alsdann zu dem Jüng⸗ ling zurück,„ſo hören Sie von dieſer Stunde an auf, Lothar zu ſein und werden Sie wieder Henriette Koſenell, wenn auch als ſchweizeriſches Landmädchen. Nein, nein, unterbrechen Sie mich nicht, denn es trifft ſich überraſchend gut, daß eben jetzt keine lebende Seele über den Platz geht. Mögen Sie, ſoviel Sie wollen, hinter den beliebten Tauſchhandel von ſei⸗ denen Bändern und Tüchern gegen Strohgeflecht und Kirſchwaſſer ſich verſtecken, mögen Sie die Knie in unſerer Kirche ſich wund knieen und alle Heiligenbilder der Stadt zu ihrem Schutze aufrufen, man vermu⸗ thet nun einmal ein abenteuerndes Mädchen, wo nicht etwas Schlimmeres in dieſer Burſchentracht, die ſich auf der Bühne beſſer tragen mag als in den Bergen, wo ſie heimiſch“ „Lothar!“ unterbrach die Geängſtete den Freund ihres Milchbruders.„O Herr von Warren⸗ berg— ich ſah ihn ſeit zehn Tagen nicht. Es muß etwas mit ihm geſchehen, er muß krank oder Gott weiß in welcher Gefahr ſein.“ „Lothar und Alphons von Warrenberg ſind Beide todt,“ entgegnete der Gefragte mit einem Aus⸗ — 64 druck ſchneidender Bitterkeit und Reſignation.— „Pater Cöleſtin aber, der mir, dem Pater Jouven, aufgetragen, Sie mein ſchönes Fräulein zu ihrer eigenen Sicherheit aus unſerer frommen Stadt zu entfernen— Pater Cöleſtin lebt und iſt geſund. Sprachen Sie ihn, ſeit Sie in Freiburg ſind?“ „O nein, nein— wie hätte ich das wagen, wie nur es hoffen können, als ich hierher kam.“ „Und warum kamen Sie dann?“ „Weil eine Todesangſt vom Herzen aus mich verzehrte, weil die Sehnſucht nach dieſen Bergen, wo ich ihn wußte, ſchlimmer als Schweizerheimweh an mir nagte, weil ich— ſein Grab ſehen— an dieſem Grabe mich ſelbſt todt weinen wollte.“ „Armes, armes Mädchen,“ ſprach Pater Jou⸗ ven halb laut vor ſich hin.„Nach einer Trennung von drei langen Jahren noch dieſes Herzeleid einer ſtill getragenen Liebe!“— „Erklären Sie mir nur, beſter Herr von— ach ehrwürdiger Pater, wollte ich ſagen,“ fuhr die Tänzerin, ihre Thränen heldenmüthig bekämpfend, zu ſprechen fort,„warum verläßt Lothar, nein Cö⸗ leſtin denn in Gottes Namen, ſein Gefängniß, den 65 ſtolzen, finſtern ſchauerlichen Pallaſt dort oben nicht mehr, wenn er nicht krank iſt?— Warum——* „Bitte, mein Fräulein,“ unterbrach der junge Profeß die ungeduldige Fragerin,„verlieren wir die Zeit nicht mit Worten, die ohne Reſultat bleiben müſſen. Das beſcheidene Häuschen, welches die from⸗ men Patres bewohnen, wird übrigens, von deren Demuth zeugend, in ihrem und des Volkes Munde Scheune genannt, das behalten Sie im Gedächt⸗ niſſe, mein armes Kind, wenn Sie nicht hie und da einen ſchelen Blick herausfordern wollen. Und nun merken Sie wohl auf das, was ich Ihnen noch ſo flüchtig als möglich mittheilen möchte, aber wirk⸗ lich ohne Unterbrechung, denn in langem Zwiege⸗ ſpräch wollen wir uns nicht betreffen laſſen. Der Zufall hatte Sie mit Arnold's Frau, der Müllerin aus der Thalgrunder Felſenmühle, bekannt gemacht, das weiß ich.“ „Ja wohl,“ beſtätigte Henriette,„aber die Frau iſt gar mürriſch und wortkarg.“ „Bei ihr ſuchen Sie ſich einzuquartieren, denn dort unten allein ſind Sie ſicher und können viel⸗ leicht— unſerem Freunde nützlich werden. Keine Exaltation, liebes Kind. Noch iſt keine Gefahr für Frick, d. opfernden Götter II. 3 5 66 ihn; doch kann in den nächſten Wochen ſeine Zu⸗ kunft vielleicht eine Wendung bekommen— nun wir ſprechen uns in einiger Zeit wieder, doch nirgend ſonſt, als unten im Thalgrunde an der kleinen Ka⸗ pelle, die ein paar hundert Schritte von der Mühle links höher nach dem Felſen hinan gebaut iſt. Die Rede geht, daß an dem dortigen Muttergottesbilde nur eine reine Jungfrau knieen und ihre Andacht verrichten dürfe, Andere verſcheuche ein unheimliches Sauſen in der Luft. Dort ſtört uns Niemand, und wenn Sie häufiger, als es Ihr Wunſch iſt, mich erwarten müſſen, ſo denken Sie, daß bindende Pflichten von dem Gange mich zurückhalten. Kom⸗ men aber werde ich, darauf verlaſſen Sie ſich, und zwar bald. Eine Stunde nach Mittag oder eine Stunde vor Sonnenaufgang iſt die geeignetſte Zeit, wo ich mein Verſprechen löſen und zugleich meinem eigenen Herzen genügen kann, denn Lothar heißt, ſo lange ich lebe, das einzige Loſungswort meiner Liebe.“ „Dafür ſegne Sie Gott!“ rief die Koſenell in feuriger Aufwallung, und bog ſich, ehe er es hin⸗ dern konnte, mit dankbarem Kuſſe auf die Hand des Jeſuiten. 67 „Um aller Heiligen willen verrathen Sie ſich nicht,“ flüſterte Warrenberg oder Pater Jouven, wie er auch in dieſen Blättern von nun an heißen möge.—„Dort kommen Leute, ich muß um unſerer Beider Sicherheit willen Sie verlaſſen. Die Mül⸗ lerin iſt eben heut in der Stadt und will un— gefähr in einer Stunde auf dem Lindenplatze mit einer Verkäuferin zuſammen treffen. Dort könnten Sie ihr aufpaſſen, ſie ein Stück Wegs begleiten und ungeſcheut in das Vertrauen ziehen. Nur muß Cö⸗ leſtin als Ihr Bruder in Wahrheit auftreten, Sie müſſen der Müllerin, die eine ſeltſame, vielleicht ein wenig zu viel denkende Frau iſt, von Cöleſtin's Braut erzählen, als er noch Lothar geweſen, und müſſen jenen Schlag des Herzens vor ihr verhehlen, der über die Schweſterliebe hinaus geht. Sie glaubt ein Recht zum Haß gegen unſern Orden zu haben — mehr kann ich kaum andeuten. Ihr einziger Sohn Bernard war der Bruder Paſtetenbäcker im Colle⸗ gium. Er iſt eines Morgens plötzlich verſchwunden, und nie wieder zum Vorſchein gekommen; darauf gründet ſich der Haß des armen Weibes.“ „Man mag in der Stadt ſo Manches über die Sache gemunkelt haben, wobei ſich Wahres und Fal⸗ 5* 68 ſches durch einander gemiſcht. Sie wird es Ihnen ſchon erzählen, nur wie geſagt verläugnen Sie die Schweſter niemals. Und nun, ſo Gott will, auf baldiges Wiederſehen.“— „Der Geiſt meines armen Bernard wird mich ſegnen, wenn ich ſeinen Hinwürgern vielleicht ein neues Opfer entreiße,“ ſagte Mutter Arnold, als ſie auf dem Heimwege Henrietten ihre ſchwielige Hand zum Willkommen reichte.„Sie ſollen Euch in unſerer Wildniß nicht auskundſchaften, darauf ver⸗ laßt Euch; nur bin ich zu blödſinnig, um einzuſe⸗ hen, was Ihr alſo dem Bruder nützen und wie Ihr das Haargeflecht ſeiner in Gott ruhenden Verlobten ihm zu Händen bringen wollt. Das laßt doch lieber ſein, denn todt iſt todt, und das geiſtliche Kleid deckt nun einmal die Bruſt, in der keine irdiſchen Gedanken mehr wach werden dürfen, ſollen es nicht ſündige ſein. Mein Bernard,„Gott ſchenke ſeiner armen Seele den ewigen Frieden,“ hätte ſich eher das Herz aus dem Leibe geriſſen, als daß er auf ein Weib mit dem Auge des Mannes geſchaut, und doch konnte ihn Chriſtus, unſer Aller Erlöſer, dem er die keuſche Treue ſo unſträflich bewahrt, er konnte oder wollte nicht vor dem ſchmählichen Tod den 69 unbefleckten Jüngling bewahren. Manchmal faßt das mein armer grauer Kopf nicht ſo ganz und ich murre wider den Herrn oder ſchaue mit Augen des Neides auf meinen Alten, der ſtumpfſinnig blöde die Dinge gehen läßt, wie ſie wollen, und der Geſellſchaft Jeſu die Hände küßt.“ „Aber ſeid Ihr denn ſeines Todes ſo gewiß,“ meinte Henriette,„da ihr den Leichnam des Soh⸗ nes doch nicht geſehen?— Es wäre doch ſchrecklich, wenn ſo etwas gewagt werden könnte, hier am Sitze des Biſchofs.“ „Schrecklich! o ja mein ſchönes Maidli, das war es freilich. Wie ſie mir erzählten, daß die ganze Nacht ein Hin⸗ und Herlaufen in dem ſonſt ſo ſtillen Profeßhauſe zu hören geweſen, daß man dann ein dumpfes halb unterdrücktes Jammergeſchrei und,„o Jeſus Maria ſchütze mich,“ gar deutlich durch das Geſchrei hindurch die Worte vernommen:„warum wollt ihr mir an das Leben,“ als ſie mir das er⸗ zählten und wie die jammervolle Klage immer ſchwä⸗ cher geworden und in die Kellergewölbe ſich verlo⸗ ren, bis ſie endlich ganz verſtummt ſei,— da da,— ich weiß nicht mehr, was ich da gethan, aber ich glaube, von chriſtlicher Verzeihung trug es kein Sonnenſtäubchen in ſich. Zwei Chorherren, die in jener verfluchten Nacht ich weiß nicht aus welchem Grunde in die Nähe des Profeßhauſes gekommen, haben Ehrwürden dem Biſchof erzählt, was ſie ſchau⸗ dernd vernommen, und man hat noch ſelbigen Ta⸗ ges eine Zählung in den weitläufigen Gebäuden der Jeſuitenſcheune vorgenommen. Es fand ſich, daß der Jeſuitenbruder Bernard, der Paſtetenbäcker, fehlte, aber die ehrwürdigen Väter antworteten mit der unerſchütterlichen Ruhe, die ſie, Gott verzeih' mir's, auch unter das Henkerbeil begleiten würde: man habe den Bruder Bernard ſchon geſtern entlaſſen, und aus Freiburg entfernt, weil es ſich ergeben, daß ein ketzeriſcher Feind des Ordens ihn für ſeine verdamm⸗ lichen Zwecke gewonnen. Gift ſollte er ſeinen Pa⸗ ſteten beigemiſcht, er ſollte ſich zum Mörder haben dingen laſſen, mein armer Bernard, das fromme ſanfte Herz, das ſich die Augen roth geweint, als er einmal den Gemſenjäger Arnaud mit guter Jagd⸗ beute heimkehren ſah.“ Henriette ſchauderte. Was konnte Lothar in die⸗ ſer Mörderhöhle zu erdulden haben, wenn vielleicht ſein Gewiſſen mit ſeiner Pflicht des unbedingten Ge⸗ horſams in Conflikt gerieth.„Arme arme Mutter 71 Arnold!“— rief ſie nach einer langen Pauſe des Schweigens mit thränenfeuchten Augen, die halb dem Gehörten halb der Bekümmerniß über Cöleſtin's mögliche Zukunft gefloſſen waren.„Da preiſe ich ſie doch glücklich, meines armen Bruders Verlobte, die durfte hingehen und ſterben.“ „Hingehen und ſterben,“ ſprach die Müllerin dem jungen Mädchen leiſe nach.—„Ach wenn es erſt ſo weit wäre!“— Um dieſelbe Stunde, als Henriette an der Seite ihrer ſo ſchnell gewonnenen mütterlichen Freundin dem wild romantiſchen Aſyl zueilte, ſtand Cöleſtin an der Schwelle einer Prüfung, die über „ſeine ganze Zukunft entſchied. Es bedarf jetzt eines flüchtigen Ueberblick's ſo zu ſagen der Technik des Jeſuitismus, wie dieſelbe in den„Conſtitutionen“ des Breitern ſich aus⸗ einander legt. In keinem Orden kann man auf ſo verſchie⸗ dene Art Mitglied ſein, als in der Geſellſchaft Jeſu. Es beſteht dieſer Orden erſtens aus Collegien, No⸗ viziat und Prüfungshäuſern und aus Reſi denzen; zweitens aus Miſſionen und drittens aus Profeß⸗ häuſern. Die auswärtigen Jeſuiten, welche nicht im 72 engern Verbande des Ordens leben, ihm aber durch ein Gelübde angehören, bilden eine beſondere Klaſſe. Deshalb nehmen Einige ſechs verſchiedene Klaſſen in dem Orden an, während die Conſtitutionen nur vier Klaſſen unterſcheiden. Und zwar erſtens im wei⸗ teſten Sinne alle diejenigen, welche unter dem Ge⸗ horſam des Generals leben, wohin alſo auch die Klaſſe der ſogenannten Affiliirten, der Jesuites à courte robe, zu zählen iſt, indem ſie kein weiteres Gelübde als des unbedingten Gehorſams gegen den General abzulegen brauchen. Dieſe Klaſſe der Je⸗ ſuiten trägt bürgerliche Kleidung, kann jedem Stande angehören und bildet ſo zu ſagen, die geheime Je⸗ ſuitenpolizei. Zweitens, im engern Sinne beſteht die Geſellſchaft aus Profeſſen, wirklichen Coadjutoren und angenommenen Schülern. Drittens, in einem mehr eigentlichen Sinne umfaßt ſie die Profeſſen und wirklichen Coadjutoren, und viertens, in der eigentlichſten Bedeutung enthält ſie blos die Pro⸗ feſſen, von denen die Profeſſen von vier Ge⸗ lübden“) die wirkliche Seele des Jeſuitismus ſind. ²) Zu den Gelübden der Armuth, Keuſchheit und des Gehor⸗ ſams tritt auch das Miſſionsgelübde. Es wird dem Papſte geleiſtet 73 Sie bekleiden die höchſten Aemter, ſie wählen den General, ſie ſind allein in die tiefſten Geheimniſſe des Ordens eingeweiht und ſie allein ſind wahl⸗ fähig. Nach den Conſtitutionen des Ordens muß der General in jeder Beziehung vollkommen, er muß ein durch die langen und ſchweren Prü⸗ fungen der vier Profeßgelübde geläutertes Ideal des Jeſuitismus ſein. Dieſe höchſte Würde der Je⸗ ſuitenmonarchie iſt lebenslänglich, ſeine Macht ohne Einſchränkung; er fordert von Allen Rechenſchaft, gibt aber ſelbſt keine. Dem General zur Seite ſtehen die Aſſiſtenten, welche für deſſen äußere Bedürfniſſe ſorgen, ihn in ſeinen Arbeiten unterſtützen, und ihn — überwachen. Doch hat er im Grunde nichts von ihnen zu befürchten, da er ſie auf ſeinen Wink ver⸗ ſchwinden laſſen kann. Wer in den Orden aufgenommen ſein will, muß ſich zwei Prüfungen unterwerfen, denen noch Keine vorläufige vorausgeht. Darauf legt er die Ge⸗ und rührt aus der Zeit der Stiftung des Ordens her, wo die Auf⸗ lehnung gegen den heiligen Stuhl unter den Mönchen und Welt⸗ geiſtlichen, wenn es Miſſionswanderungen betraf, gar häufig vorkam. 3 lübde ab, die ihn ſo lange binden, als die Ge⸗ ſellſchaft ihn behalten will. Seinem eige⸗ nen Wunſche des Ausſcheidens aus dem Orden kann der Jeſuit nur in dem Falle Genüge leiſten, wenn er in ein Karthäuſerkloſter, dem lebendigen Grabe ewigen Schweigens, ſich zurückzieht. Neben den geiſtlichen Coadjutoren, welche Prie⸗ ſter ſein müſſen, da ihnen vorzugsweiſe das Beichte⸗ hören obliegt— wenngleich dem Jeſuiten all' und je⸗ der Zutritt zu geiſtlichen Aemtern unterſagt iſt, weil der Orden eine Kirche in der Kirche bilden ſoll— neben dieſen geiſtlichen Coadjutoren gibt es noch weltliche, eigentliche Laienbrüder. Auch die Profeſſe von nur drei Gelübden brauchen weder dem Papſte Gehorſam zu ſchwören, noch Prieſter zu ſein. Nur zu dem Gelübde der Armuth, Keuſchheit und des Gehorſams ſind Profeſſe wie Coadjutoren verpflich⸗ tet. Ueberhaupt ſind die Beamten des Jeſuitenſtaa⸗ tes überaus zahlreich. Alle dieſe Aſſiſtenten, Pro⸗ vinziale, Präfekte, Rektoren, Examinatoren, Conſu⸗ lenten, Ermahner, Prokuratoren, Verweſer geiſtli⸗ cher Dinge, Präfekte der Geſundheit, der Biblio⸗ thek, des Speiſeſaales, der Oekonomien und der⸗ gleichen haben ihre beſonders klar und beſtimmt aus⸗ 1 75 geſprochenen Geſetze. Jeder von ihnen weiß, was er zu jeder Stunde des Tages thun wird, und wie jede Provinz die weitläufigen Gebäude ihrer Colle⸗ gien auf dieſe Weiſe regelt und überwacht, ſo um⸗ faßt eine Aſſiſtenz die Provinzen eines oder meh⸗ rerer Länder. In den Provinzen beſtehen als Anſtalten der Geſellſchaft zunächſt die Profeß- und die Prüfungs⸗ häuſer; die erſteren dürfen keine Einkünfte haben, wohl aber die letzteren. Daran ſchließen ſich als Un⸗ terrichtsanſtalten die Collegien, Seminarien und Con⸗ vikte. Wer in den Orden eintritt, entſagt der Welt und lebt für Chriſtus allein. Dieſer Chriſtus iſt aber in dem General, in dem Provinzial und in jedem von erſterem angeordneten Obern perſonificirt. Selbſt⸗ vernichtung durch einen die Vernunft abtödten⸗ den Gehorſam heißt das Herrenthum des Jeſuitis⸗ mus. Sie allein bahnt den Weg zu einer höhern Stellung im Orden ſowohl als zu der Würde der Heiligſprechung. Freiburg, wie ſchon erwähnt, verdient das Rom des Jeſuitismus, der ſtolzeſte Sitz ſeiner Macht und Herrlichkeit genannt zu werden. Die urſprüngliche Verfaſſung und Regierung Freiburg's geſtaltete ſich 76 von einer demokratiſchen bald zu repräſentativer und endlich ariſtokratiſch-olichargiſcher. Die Gewalt befand ſich in den Händen weniger Patriziergeſchlechter, welche als heimliche Kammer ein furchtbares Tribunal bil⸗ deten, ſo willkürlich als despotiſch, wie nur irgend eines jemals in den berüchtigten Zeiten der Blüte ita⸗ lieniſcher Städte. Durch alle möglichen Mittel und Gewaltthätigkeiten gelang es der heimlichen Kammer, ihre Macht und ihr Anſehen Jahrhunderte hindurch bis in die neueſte Zeit zu bewahren. Das Meiſte trug zu Befeſtigung derſelben der Klerus des Landes bei, welcher ſeit der Reformation mit kluger Umſicht ſeine Netze über das ganze Volk ausgeworfen hatte und ſich nach und nach einen Einfluß zu erringen wußte, der ſelbſt den weltlichen Machthabern manchmal gefähr⸗ lich zu werden drohte. Es hatte aber auch kein Gebiet der Schweiz ſeit dem ſechzehnten Jahrhundert eine ſolche Zahl von Geiſtlichen, Klöſtern, katholiſchen Congregationen und dergleichen aufzuweiſen wie Freiburg. Schon im Jahre 1580 war es den Je⸗ ſuiten geglückt, ſich daſelbſt anzuſiedeln. Sie erlang⸗ ten bald große Macht und ungeheure Beſitzthümer. Nicht allein maßten ſie ſich die Leitung der kirchli⸗ chen Intereſſen, der Erziehung und Bildung an, 77 ſondern ſie ſuchten auch nach und nach ihren Ein⸗ fluß in politiſchen Dingen geltend zu machen. Das aber bereitete ihren Sturz vor. Die heimliche Kam⸗ mer, beunruhigt durch das wachſende Anſehen und die Mittel des Ordens, ergriff endlich freudig die Gelegenheit der päpſtlichen Aufhebung desſelben, um ſogleich alle Güter der Jeſuiten einzuziehen, und ihnen jeden Aufenthalt im Lande zu verbieten. Allein die ſchlauen Jünger Jeſu gaben ihr Spiel nicht auf. Eine Anzahl derſelben blieb in dem Kanton, theils unter anderen Namen, theils ſcheinbar— wie dies gar häufig zu geſchehen pflegt— als von dem Orden Ausgeſtoßene. Natürlich wirkten ſie, ver⸗ bunden mit Schülern und Freunden, im Stillen für die Reaktion. Ihre geheimen Operationen wurden namentlich ſichtbar, als zur Zeit der helvetiſchen Republik und Napoleon's Herrſchaft das Volk von Freiburg ebenſowohl, wie das anderer Kantone aus langem, ſchwerem Schlafe erwachen zu wollen ſchien. Die Ariſtokratie, ſelbſt erſchreckt und gede⸗ müthigt, ſchloß ſich wieder an die Geiſtlichkeit an und arbeitete, vereint mit dieſer, an dem Werke des Rückſchritts in das Mittelalter. Mit der Periode der Reſtauration trat auch dieſes Bündniß an's Tageslicht und erreichte ſein Ziel. Die Gberfaſfung des Staates ward wieder in ihr altes Geleiſe ein⸗ gezwängt, das Patriziat zog Macht und Würden an ſich, eine Rechtsgleichheit exiſtirte bald nicht mehr. Die Stimmen ſo mancher Vaterlandsfreunde, die ſich warnend und eindringlich gegen die neue Geſtaltung der Dinge erhoben, verhallten in dem Lobgeſange der Prieſter, die alle Mittel anwandten, um ihre Heerden einzuſchläfern und ihnen das neue Joch ſanft und leicht darzuſtellen. So kam es denn, daß nach und nach nicht allein der alte klägliche Zuſtand des Freiſtaates ſich wieder einſtellte, ſon⸗ dern daß auch die Lage der Einwohner endlich ſo⸗ gar noch elender und knechtiſch abhängiger wurde, denn jemals. Das geheime Wirken der heimlichen Jeſuiten⸗Propaganda brachte jetzt die unerwartetſten Früchte. Die Ariſtokratie hatte einſehen gelernt, welche mächtige Bundesgenoſſen die Prieſter bei dem Werke der Verfinſterung ihnen werden könnten. Sie mußten dieſelben alſo jedenfalls in die verlornen Rechte wieder einſetzen, und ſo ward denn der Orden der Redemptoriſten nach Freiburg beru⸗ fen, um daſelbſt einen Theil der Volksbildung zu 79 keiten, ein ſogenanntes Muſterinſtitut zu gründen. Bekanntlich ſind aber die Redemptoriſten oder Li⸗ guorianer(nach ihrem Stifter Liguori) als ein Zweigorden der Geſellſchaft Jeſu dazu berufen, die Stätte zu bereiten, wo jene ihre Hütten bauen wollen. So auch in Freiburg. Sie wurden mit offe⸗ nen Armen empfangen, erhielten ihre früheren Rechte und Güter zurück, neue dazu, und befeſtigten ſich binnen kurzer Zeit dermaßen in der neuen Hei⸗ mat, daß ſelbſt die Revolution des Jahres 1830 ſie nicht berührte. Den politiſchen Stürmen jener Tage unterlag zwar das morſche Gebäude der alten gekünſtelten Verfaſſung. Vollkommene Rechtsgleich⸗ heit, Freiheit der Preſſe, Petitionsrecht und andere Früchte ſouverainen Volkslebens gingen aus der neuen Geſtaltung der Dinge, wenn auch nur ſcheinbar, hervor. Der Klerus, ſämmtlich jeſuitiſch geſinnt, hatte mit ſchlauem Eifer der ſiegenden Partei ſich angeſchloſſen. Er hatte ihr geſchmeichelt, ſie unter⸗ ſtützt und war nach dem Siege auch der Erſte, der die alten Machthaber, ſeine vormaligen Verbündeten, verhöhnte und verläugnete. Nun war das Volk zwar leiblich frei, allein deſto härter begann auf dem Geiſte deſſelben der Druck der hierarchiſchen Despotie, des Glaubenszwanges, der fanatiſchen Bi⸗ gotterie zu laſten und jede freie Richtung deſſelben zu dämpfen, zu vernichten. Mit einer furchtbaren Conſequenz iſt die Geiſt⸗ lichkeit Freiburgs zu Werke gegangen, um dieß arme Land gänzlich zu verfinſtern, zu unterjochen. Sie lenkt und leitet in der neuen Zeit das ganze Staatsgetriebe und ihr Einfluß iſt wahrhaft uner⸗ meßlich geworden. Freiburg oder vielmehr ſein Jeſuitenkollegium regierte in allen religiös⸗politiſchen Wirren die Stimme der katholiſchen Kantone und ſein Veto ver⸗ fehlte niemals, eine unüberſteigliche Schranke der Verſöhnung oder Vereinbarung entgegen zu ſtellen. Im Kanton ſelbſt gingen alle Grundzüge einer frei⸗ ſinnigen Verfaſſung in dem Willkür⸗Regiment des Klerus unter. Rechtsgleichheit der Bürger bedeutet nichts Anders mehr, als Unterwerfung unter die hier⸗ archiſche Gewalt. Wahlfreiheit exiſtirt nur dem Na⸗ men nach, denn keine katholiſche Gemeinde wagt einen andern Volksvertreter vorzuſchlagen als den, deſſen Name Pfarrer oder Beichtiger dem Wählenden in den Mund legt. Während Laſter und Verbrechen aller Art mittels Ablaſſes gegen geringe Buße getilgt 81 werden, belegt der Klerus mit Bann und Exkommu⸗ nikation alle in politiſchen Dingen Andersdenkende. Und in dieſe Welt des Scheines und der Heu⸗ chelei, in dieſe Marterkammer geiſtiger Freiheit trat Lothar mit ſeinen idealen Begriffen von Menſchen⸗ recht und ſittlicher Größe!— Er begann ſeine zweijährige Studien⸗ und Prüfungszeit mit dem redlichſten Willen und zugleich mit jener fanatiſchen Begeiſterung, welche Wunder zu wirken vermag, weil ſie Wunder ſchaut, weil die eigene Zelbſtvernichtung das unglaublichſte Wunder iſt, an das die Seele dennoch glauben muß, ſobald die Oppoſition des Verſtandes glücklich überwunden iſt. Was Loyola und mit ihm jeder durch Faſten und Kaſteiungen ſeine Phantaſie überreizende Fana⸗ tiker in der darauf folgenden höchſten Exſtaſe der Verzückung geſchaut, dieſe Gluth der Viſionen iſt von ihm in dem„Buche der geiſtlichen Uebun⸗ gen,“ in ein vollſtändiges Syſtem gebracht, ſeinen Schülern als ſelbſtſtändige Exercitien der Einbil⸗ dungskraft übergeben worden. Zu dieſen„Opera⸗ tionen,“ wodurch nach Loyola's Ueberzeugung Wille und Verſtand der Novizen gebrochen und für immer gefeſſelt unter die Herrſchaft des Glaubent ge⸗ Frick, d. opfernden Götter II. 82²2 bracht werden, ſcheinen ihm dreißig Tage hin⸗ länglich. Dreißig Tage in einer Zelle, die nur von der Decke aus oder durch mattes Lampenlicht erhellt, keine Art von Zerſtreuung geſtattet, ohne allen Ver⸗ kehr mit den Menſchen, außer dem Beſuch des ſtren⸗ gen Konſtruktors, und nur das verhängnißvolle Lehrbuch in der Hand— das iſt die erſte Bedin⸗ gung der Aufnahme in den Orden. Dieſes Buch der„geiſtlichen Uebungen“ iſt das Lebensprincip der Geſellſchaft Jeſu. Es iſt die neue Form des Den⸗ kens, in welche die Seele des Novizen ſich umgießen, es iſt der Athem des neuen Menſchen, den er anziehen muß. Unmöglich iſt es, dieſe Linien von verſchiedener Größe, welche der Größe der Gedanken entſprechen, dieſe Betrachtungen der Hölle, welche„zwei Prä⸗ ludien, fünf Punkte und ein Collegium“ begreift, hier näher zu verſinnbildlichen. Klagen, Geſchrei, Rauch, Schwefel, Wurm des Gewiſſens— Alles muß leibhaftig von dem Auge und den übrigen Sinnen des Heiligkeitscanditaten empfunden werden. Mehr noch. Die Methode zu den Religions⸗ geheimniſſen aufzuſteigen, den vielleicht doch einmal zu erſchütternden Glauben in ein unerſchütterliches: „ich weiß, weil ich mit eigenen Augen ſah,“ zu ver⸗ 8³ wandeln, dieſe den heidniſchen Myſterien gleichſam abgelauſchte Methode iſt auf alle Weiſe in dem Buche der geiſtlichen Uebungen verwendet. Der Jeſuitenſchüler muß in ſeinem Gedächt⸗ niß jede Oertlichkeit feſthalten und mit gewiſſem Flächenraum denſelben ſich einverleiben, jede Oert⸗ lichkeit, die— wie z. B. der Garten beim Blut⸗ ſchwitzen, die Grotte oder Höhle bei der Geburt Chriſti, ſogar das Wohnhaus der Maria, den großen gepflaſterten Speiſeſaal, wo Chriſtus den Apoſteln die Füße wuſch, und dergleichen— als Erinnerung an Selbſterlebtes in ſeiner Seele haften ſoll. Neben dieſer ſeeliſchſinnlichen Durchdringung der höchſten Myſterien lehrt das Buch der Uebungen den Novizen auch noch über die richtige Art des Seufzens oder Weinens, Schreiens, Sprechens oder Betens. Das Einathmen und Ausathmen iſt beſtimmt, die Pauſen, die Zwiſchenräunie des Schweigens ſind, wie in einem Muſikbuche, angegeben. Wie z. B.„dritte Art zu beten: indem man auf eine gewiſſe Art die Worte und die Zeit des Stillſchweigens mißt;“ oder:„Man bemerke wohl die gleichen Zwiſchen⸗ räume zwiſchen dem Athmen, dem Unterdrücken der Stimme und den Worten“ u. ſ. w. 6* 84 Lothar hatte ſich muthig gegen die in ihm an⸗ kaͤmpfende Vernunft vertheidigt. Es galt ja die Er⸗ reichung ſeines letzten Lebensziels hienieden, es galt der Verbreitung eines Glaubensreiches, das ihn ſeiner Doris, dem vorangegangenen Engel, wieder ver⸗ einen ſollte. Die Prüfungen der Selbſtverläugnung an den ekelhafteſten Krankenbetten ſowohl, als bei den niedrigſten Dienſtleiſtungen in der Küche, alle jene über den Novizen verhängten Prüfungen in der Schule ſklaviſchen Gehorſams, alle jene peinlichen Exercitien des Jeſuitismus, welche den„geiſtlichen Uebungen“ folgend, aus dem freien Menſchen einen chriſtlichen Automaten machen,— fanden in Cö⸗ leſtin, wie er nun genannt werden muß, ein willi⸗ ges Werkzeug.*) Nichts Unehrenhaftes ward ihm zugemuthet, und noch lange, nachdem er ſchon das bindende Profeß⸗Gelübde ausgeſprochen, ſah er nichts um ſich her, was ihn aus ſeinem fanatiſchen Traume zu erwecken geeignet geweſen. *) Von den ſechs großen Prüfungen, denen die Novizen unterworfen ſind, finden vier, wie z. B. das Betteln an den Thüren u. dgl., außerhalb des Profeßhauſes ſtatt. Nur die Generalbeichte und die geiſtlichen Uebungen verden in den Pro⸗ bationshäuſern vorgenommen. 8⁵ Nun wurde er aber eines Morgens zum Pa⸗ ter Provinzial gerufen, und es wurde ihm ange⸗ deutet, er habe auf die erſte Reiſe im Intereſſe des Ordens ſich vorzubereiten. Zugleich empfahl ihm der Vorgeſetzte noch eine geiſtige Vorbereitung zu beſſerer Erfüllung des hohen Zweckes dieſer Reiſe durch acht⸗ tägiges Beten und Faſten nebſt Wiederholung der geiſtlichen Uebungen. Cöleſtin gehorchte. Am neun⸗ ten Tage ſchlich er körperlich erſchöpft aber ein Rieſe an jener Willenskraft des Gehorſams, welchem der ſchwerſte aller Siege: die Selbſtbändigung vor⸗ ausgegangen, über den Corridor, der von ſeiner Zelle nach der Wohnung Pater Bonifaz des Provinzials führte. Der ſonſt ſo ernſte ſtrenge Mann mit den eiſernen Zügen ascetiſcher Frömmigkeit, die nur auf das Commandowort einer zum Zweck der Ueber⸗ redung hervorgerufenen Begeiſterung ſich belebten — dieſe finſtre Mumie einer nicht von Gott, ſon⸗ dern von Menſchen ausgeklügelten Religiöſität em⸗ pfing den jungen Profeß mit ſo freundlicher Her⸗ ablaſſung, daß dieſer befremdet und verlegen über dieſe ungewöhnliche Erſcheinung vor ſeinem Vorge⸗ ſetzten ſtand. 86 Nach den erſten geiſtlichen Begrüßungen, welche man gegenſeitig gewechſelt, und nachdem der Pater Provinzial einigemal im Zimmer auf⸗ und abgehend zuweilen einen unerwartet raſchen Blick nach Cöle⸗ ſtin geſchleudert, blieb er plötzlich vor ihm ſtehen, und bohrte ſein ſtechendes Auge in die offne Seele des Jünglings.„Streiter des Herrn!“— rief er mit jener Erxaltation, die der Jeſuit als künſtliche Be— geiſterung in ſeiner engen Zelle ſich einſtudirt und die des gewünſchten Erfolges nur über ein ſo un⸗ befangenes Gemüth ſicher ſein konnte, als das Cö⸗ leſtins trotz des Kleides, welches er trug, es immer noch war,„Streiter des Herrn! ich begrüße in Dir eine der ſchönſten Hoffnungen unſers Ordens.“ Cöleſtin, über dieſe ganz unerwartete Lobrede ſeines Vorgeſetzten, den er nur ſelten anders als rauh und hart ſich gegenüberſtehend gefunden, ganz außer Faſſung gebracht, ſtotterte erröthend wie ein Mädchen, das zum erſten Male von ſeiner Schönheit ſprechen hört, einige Worte von unbegrenztem Ge⸗ horſam und Opferfreudigkeit. „Vergeſſen Sie nicht Pater Cöleſtin,“ lenkte der Provinzial jetzt wieder in das Gleis einer ruhigen Beſprechung über die Intereſſen des Ordens zurück, 87 „daß das, was ich Ihnen ſagte, keine Schmeichelei, daß es kein Lob ſein ſoll, welches perſönlich von mir ausgehend, Ihr Antlitz freilich wohl mit der Röthe der Scham bedecken müßte, denn Aug' in Auge iſt jedes Lob, auch das gerechteſte, verdächtig. Durch meinen Mund ſpricht die Stimme des Ordens die Kritik Ihrer Handlungen, Ihres Betragens und deren Würdigung aus. Durch meinen Mund rühmt er Ihre bisherige Bereitwilligkeit, Ihre Treue und Gewandtheit, die ihn berechtigen, noch Größeres von Ihnen zu erwarten, ja vielleicht eine der ſchwierigſten Unternehmungen in Ihre Hände zu legen. Würde Ihnen,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe in ſeiner wohlüberdachten Rede fort,„kein Opfer im Dienſte und im Intereſſe des Ordens zu ſchwer, kein Unter⸗ nehmen, das menſchliche Kräfte nicht überſteigt, zu ſchwierig ſcheinen?—“ „Keines,“ antwortete Cöleſtin feurig, und fügte noch hinzu, daß er jetzt wie immer als ein ge⸗ horchendes treues Mitglied der Geſellſchaft Jeſu ſich bewähren möchte und überhaupt nichts ſehnlicher wünſche, als ununterbrochene Thätigkeit. „Prüfen Sie ſich wohl,“ nahm Pater Bonifaz, als Cöleſtin ſchwieg, wieder das Wort,„ob auch in 88 Ihnen, wie es ſein muß, jedes Atom eines dem Or⸗ den fremden Gedankens oder Gefühls getödtet, ob der Chriſtus ganz in Ihnen erſtanden iſt, der keine andere als eine der Erlöſung immer noch theilweis bedürftige Welt mehr kennt, der Chriſtus, deſſen allein würdiger Streiter die Geſellſchaft Jeſu iſt.“ Statt aller Antwort wiederholte Cöleſtin, ſeine Knie beugend, mit zum Himmel gehobener Hand das Gelübde des Jeſuiten⸗-Profeßen in lateiniſcher Sprache: „Allmächtiger, ewiger Gott! Ich Pater Cö⸗ leſtin, obwohl Deines göttlichen Anblickes durchaus unwürdig, jedoch vertrauend auf Deine unerſchöpf⸗ liche Güte und Barmherzigkeit und voll Eifers Dir zu dienen, gelobe vor der allerheiligſten Jungfrau Marie und vor dem geſammten himmliſchen Hofſtaate Deiner göttlichen Majeſtät Armuth, Keuſchheit und einen ewigen Gehorſam in der Geſellſchaft Jeſu, und verſpreche, in derſelben für alle Zeiten ganz nach den Geſetzen der Conſtitutionen dieſer Geſellſchaft zu leben. Durch Deine unermeßliche Güte und Huld und durch das Blut Jeſu Chriſti flehe ich Dich bittend an, dies Opfer wohlgefällig anzunehmen und 89 zu würdigen und mir Deine ſo reichlich verliehene Gnade, durch welche ich dies hoffen und vollbrin⸗ gen darf, auch zur wirklichen Erfüllung angedeihen zu laſſen.“ Ein langes Schweigen folgte dieſem laut und feierlich geſprochenen Gelübde. Lehrer und Schü⸗ ler empfanden den Druck der Ungewißheit, welche jeder wichtigen Entſcheidung voran zu gehen pflegt; doch Jeder empfand ihn auf ſeine Weiſe und gänzlich abweichend von dem Ideengange des An⸗ dern. Endlich forderte der Provinzial ſeinen jungen Mitbewerber in der Arena religiöſen Ehrgeizes zum Niederſitzen auf und nun entſchleierte ſich der eigentliche Zweck dieſer Unterredung von Viertel⸗ ſtunde zu Viertelſtunde immer mehr und mehr— immer nackter und— erſchreckender. Pater Bonifaz, der fromme Ascetiker, von dem man wußte, daß er täglich drei bis vier Stunden in Bußübungen und Gebeten verbrachte, ſollte jetzt die wichtigſte aller jeſuitiſchen Künſte: die Ueberredung, wo die Ueber⸗ zeugung fehlt— an einem Jünglinge erproben, der freudig für ſein Gelübde in den Tod gehen, aber durch dieſes Gelübde doch vielleicht nicht an das Leben ſich verlieren wollte. 90 „Der Orden,“ ſo begann der Provinzial ſeine einleitende Erklärung,„gedenke in dem Herzogthume *** eine Pflanzſchule von Zöglingen anzulegen, damit ſowohl die Macht der Kirche als die des Or⸗ dens in jenem Lande gefördert werde. Das Volk iſt gutmüthig,“ folgerte er in ſeinen Auseinanderſetzun⸗ gen weiter,„es hängt mit vieler Treue an ſeinem Fürſtenhauſe und birgt wenig oder keinen-revolu⸗ tionären Zündſtoff in ſich. Es würde nicht ſchwer ſein, das ganze Land, wenn wir einmal feſten Fuß dort gefaßt, dem leider! daſelbſt wuchernden Ketzer⸗ thume zu entfremden und der heiligen Mutterkirche zurückzuführen. Nun würde aber auch gerade dieſes Land zu Errichtung neuer Stationen ganz vortrefflich ſich eignen, da man von dort aus das Netz der Rechtgläubigkeit ſchon deshalb um ſo leichter nach allen Seiten hin ausbreiten könnte, als die größten⸗ theils zu unſerer Kirche gehörenden Nachbarn der Ausbreitung des Ordens, dem ſie die Ausrottung des Ketzerthums zu verdanken, auf alle Weiſe Vor⸗ ſchub leiſten würden. Bedenken Sie ferner, wie unſer Einfluß auf die europäiſche Politik, oft ſehr ſchwan⸗ kend, doch niemals ſtärker befeſtigt geweſen, als nach neuen Eroberungen und Erwerbungen,— ſo wird 94 Ihnen die Wichtigkeit des jetzt in Nede ſtehenden Un⸗ ternehmens immer einleuchtender werden. Zum neber⸗ fluß habe ich Ihnen in dieſem Memorial hier noch die vielen andern theilweis materiellen Vortheile, die dem Orden aus der Gewinnung des Herzogthums“** erwachſen müſſen, zu leichterer Ueberſicht auseinander geſetzt. Gehen Sie das Heft in Ihrer Zelle mit Aufmerkſamkeit durch, und ich bin überzeugt, daß dieſe großen, nach allen Seiten hin ſich aufthuenden Vortheile, welche der Geſellſchaft aus dieſem Vor⸗ haben erwachſen müſſen, Ihren Eifer, wenn das nöthig ſein ſollte, noch ſteigern werden.“ Pater Cöleſtin benutzte das momentane Schwei⸗ gen, welches jetzt in der wohlberechneten Rede ſeines Vorgeſetzten eintrat, zu einer Entgegnung, die deſſen Erwartungen doch weit zu überflügeln ſchien. Mit der feurigſten Beredſamkeit legte er in wohldurch⸗ dachter Reihenfolge alle die Vortheile, wie ſie in— den ihm eingehändigten Blättern des Breitern aus⸗ einander geſetzt waren, dem erſtaunten Provinzial vor Augen und bewies folglich, daß ſchon im Laufe dieſes kurzen Geſprächs ſeine Berechnungen dem ru⸗ higen Calkül der einſamen Zelle vorausgeeilt waren. Die bleichen aſcetiſch hohlen Wangen des Pater 92 Bonifaz röthete ſich, während Cöleſtin ſprach, immer fieberhafter. Die gekrümmte Geſtalt richtete ſich wie von Begeiſterung gehoben faſt zur Heldengeſtalt em⸗ por und ſeine Augen leuchteten wie von Blitzen durchglüht.„Geſegnet ſei die Stunde, in welcher Du der Unſere wurdeſt!“ rief er mit voller klangreicher Stimme.„Geſegnet ſei der Augenblick, da Du, Cö⸗ leſtin, die Zierde unſers Ordens, durch den Ent⸗ ſchluß Deiner Hingabe an uns die jahrelangen Mühen belohnteſt, welche wir Dich zu gewinnen verwandt. Fortan werden Aller Blicke auf Dich gerichtet ſein, Du eifriger Streiter unſers heiligen Glaubens! Gürte Dich mit dem Schwerte der Ueberredung und ſetze auf den Helm der Klugheit; trage den Harniſch der Verachtung und fülle den Köcher mit den Pfeilen der Armuth und der Liebe.“*) Pater Bonifaz, dieſer ſchlaue gewandteſte Ken⸗ ner des menſchlichen Herzens, Jahrzehnte hindurch in der Kunſt der Verſtellung ſo ſehr zum Meiſter heran gebildet, daß ſogar ſeine nächſte Umgebung im Jeſuitencollegium ihn für einen beſcheidenen de⸗ *) Eigene Worte des Pater Provinzial nach Chleſtin's Tagebuchblättern..V. 93³ müthigen Jünger Loyolas hielt, der aber hin und wider vom heiligen Ignatius begeiſtert werde— Pater Bonifaz ſchien doch noch nicht zu wiſſen, daß, wenn auch nicht alle Jeſuiten zum Jeſuitenthum wie der Künſtler zur Kunſt geboren werden müſſen, es doch auch Jeſuiten geben kann, die geboren worden ſind, um auch bei dem beſten Willen niemals Je⸗ ſuiten werden zu können. Zu dieſer Zahl gehörte unſtreitig Lothar, und wohl auch Warrenberg. Nach⸗ dem Cöleſtin mit der aufrichtigſten glühendſten Be⸗ geiſterung ſeine Verſicherungen wiederholt, daß er im Dienſte des Ordens voll Glaubensfreudigkeit dem Tode entgegen gehen würde, begann der Provinzial ſeine eigentlichen geheimen Mittheilungen. Er eröff⸗ nete dem jungen Profeßen, was dieſer von ſeinen Pflegeältern ſchon wußte, daß nämlich Beide in einer der glücklichſten Ehen lebten, welche das Familien⸗ leben der Privaten nur zu bieten vermöge, obgleich der Fürſt Katholik und ſeine Gemahlin Proteſtan⸗ tin ſei. Wenn man aber Collegien in jenem Lande bilden, wenn man die Streiter der Geſellſchaft Jeſu von dort ausbreiten wolle, ſei es zuförderſt nöthig, auf das Gewiſſen des Fürſten zu wirken. Man müſſe trachten, Einen des Ordens ihm als Beichtvater zu 94 geben, der dem Einfluße ſeiner Gemahlin— auf den durch frühere Ausſchweifungen zur Frömmig⸗ keit geneigten Mann— das Uebergewicht zu halten vermöge. Die Fürſtin der Kirche zuzuführen ſei nach allen den bereits angeſtellten, aber gänzlich geſchei⸗ terten Verſuchen zu ſchließen gar keine Hoffnung vor⸗ handen, und es bleibe deshalb kein anderer Ausweg, als die Ehe des fürſtlichen Paares zu trennen.„Nun kann zwar,— ſchloß Pater Bonifaz ſeine erbauliche Rede— ein kluger umſichtiger Beichtvater den Für⸗ ſten allmälig zu dieſem Zwecke leiten, allein ſchneller und ſicherer würde das Ziel zu erreichen ſein, wenn von Seiten der Fürſtin ſelbſt dieſe Trennung ihrer Ehe durch irgend eine, ich will nicht beſtimmen wie weit gehende Pflichtverletzung eingeleitet werden könnte. Sie iſt eine nicht mehr ganz jugendliche, aber noch ſehr ſchöne und lebensluſtige Frau. Gott hat Ihnen, lieber Cöleſtin, eine Geſtalt gegeben, die dem Auge des Weibes gefallen muß. Veredeln Sie dieſes Geſchenk durch Wucherzinſen zu ſeiner Ehre, zur Ausbreitung ſeines Reiches und ſeiner Kirche. Morgen werde ich Ihnen die ziemlich allge⸗ mein gehaltenen Inſtruktionen übergeben, wie der General in dieſer wichtigen Sache ſie mir zugeſandt. Dann treten Sie Ihre Reiſe nach der Provinz Deutſchland unverzüglich an. Für heute empfehle ich Sie und Ihr Gebet dem Schutze des heiligen Ignaz.“ Nach dieſem Zeichen der Entlaſſung wäre eine fernere Entgegnung wider die Subordination des Profeßen gegen ſeinen Vorgeſetzten geweſen. Cöle⸗ ſtin küße dem Pater Provinzial die Hand, und ent⸗ fernte ſich. Als er am folgenden Morgen zu dem im Colle⸗ gium allein gebietenden Herrn zurückkehrte, betrach⸗ tete ihn dieſer mit einem ſcharfen mißtrauiſchen Blicke. Die Spur der namenloſen Seelenkämpfe und innern Zerwürfniſſe, welche den Jüngling in dieſer, wie er ſelbſt geſteht, ſchwerſten Nacht ſeines ganzen Le⸗ bens heimgeſucht, war nicht zu verkennen. Es war die Verheerung zweier mit einander kriegführender Mächte, die gigantiſch hier gewaltet, und Bonifaz rüſtete ſich nun ebenfalls zum Streite. Mit feſten klaren Worten, die den Stempel eines unwiderruflich gefaßten Entſchluſſes in jeder Sylbe, in jeder Betonung kund gaben, bat Cöleſtin den Provinzial, ihn von der geſtern zur Sprache gebrachten Sendung zu dispenſiren, ihn nicht der 96 Gefahr auszuſetzen, ſein Gelübde brechen zu müſſen. Der Fürſt habe von früheſter Jugend an als Vater an ihm gehandelt und die jugendliche Fürſtin ſei ihm eine ältere Schweſter und zugleich eine mütter⸗ liche Freundin geweſen, die unendlich viel zur Bil⸗ dung ſeines Geiſtes und Herzens beigetragen. Er⸗ ziehung, Vermögen, angenehme Stellung, Alles, was Daſeinsfreude der Jugend heißt, verdanke er dem edlen Fürſtenpaare, dem er jetzt nicht durch ehrlo⸗ ſen Verrath, nicht durch eine Handlung der empö⸗ rendſten Schmach lohnen möge. Bei dieſen Worten Cöleſtins machte Pater Bonifaz das bekannte Zeichen mit der Hand, welches Schweigen und Hören bedeutete. Der junge Profeß gehorchte augenblicklich und unterbrach mit keiner Sylbe der Entgegnung ſeinen Vorgeſetzten, obgleich das, was er nun zu hören bekam, in ſeiner jetzigen Stimmung wie Verbrechen an der Menſchheit ihn gemahnte. „Ich will nicht daran erinnern,“ nahm Pater Bonifaz nach einer kleinen Pauſe der Sammlung das Wort,„daß nach Ablegung des Ordensgelüb⸗ des keine Rückſichten irgend welcher Art die unver⸗ brüchliche und ewige Verpflichtung des Gehorſams 97 auch nur lockern, geſchweige denn aufheben können. Gehorſam heißt der Schmuck unſers Ordens: Gehorſam heißt die unſichtbare Macht, durch welche Gott uns geſtattet, Wunder zu bewirken; Gehor⸗ ſam heißt die Kette, welche uns zu gemeinſamer Willenskraft unter einander verbindet. Das Glied aber, welches eigenmächtig den ſelbſtſüchtigen Gelü⸗ ſten nachgebend aus dieſer Kette gemeinſamen Wir⸗ kens herausbrechen und es ſelbſt ſein möchte, macht ſich des Hochverraths und der Treuloſigkeit, es macht ſich der Todſünde eines Eidbruches ſchuldig, für den es keine Abſolution, nicht auf Erden noch im Him⸗ mel, giebt. Wer will ſich vermeſſen, das Schwert tadeln und an ſeiner Form mäkeln zu wollen, deſſen Gott der Herr zu Bekämpfung des Antichriſten, zu Vertilgung des verhaßten Ketzerthums ſich bedient? — Frevel und Abtrünnigkeit iſt ſchon der bloße Gedanke daran. Was verlangt der Orden von Ihnen Anderes, als was Sie noch geſtern mir gelobt mit Seele, Mund und Herz?— Ausbreitung unſers Glaubens, Kampf gegen den Proteſtantismus, der dem Reiche Gottes ſeine eingeborenen Bürger ſchmä⸗ lert— ad majorem dei gloriam. Wiſſen Sie auch, in welcher Geſtalt der Proteſtantismus— dieſer Frick, d. opfernden Götter II. 7 98 hundertköpfige Feind, den wir bekämpfen— dem Auge des Rechtgläubigen ſich darſtellen muß?— Als eine Reaſſumtion von Irrlehren, wie ſie alle Zeitalter der Kirche durchzogen haben. Mit den Manichäern leugnet der Proteſtantis⸗ mus die Freiheit des menſchlichen Willens und die Lohnwürdigkeit der guten Werke, mit den Montani⸗ ſten den rechten Gebrauch der Buße, mit den Do⸗ natiſten verkehrt er den Ritus des Opfers, mit den Euſtachianern verwirft er die Faſten, mit den Aria⸗ nern die Leichengebete, mit den Eumonianern ſchreibt er den Nachlaß der Sünden lediglich dem Glauben zu; mit Jovinian verwirft er die klöſterliche Ent⸗ haltſamkeit, mit Neſtonius die Geltung der Schrif⸗ ten der Kirchenväter unnd der Concilienbeſchlüſſe, mit Photius das Verdienſt der Keuſchheit, die Würde des Prieſterthums und die Gewalt des Pap⸗ ſtes; mit Beranger nimmt er in der Euchariſtie nur die Subſtanz des Brotes und Weines an, mit den Waldenſern verwirft er die Abläſſe und die Wunder der Heiligen, mit Wyeleff und Huß die meiſten Sakramente der Kirche und die Autorität des apoſtoliſchen Stuhles; aber die größte doctrinale 99 Verwandtſchaft hat das Syſtem des Proteſtantismus noch mit dem Gnoſticismus.“*) Der Pater Provinzial ſchöpfte Athem. Man mußte Jeſuit ſein, und mußte namentlich die geiſtlichen Exercitien durchgemacht haben, um zu wiſſen, was von der Exaltation zu halten ſei, in welche der geiſtliche Herr ſich ſcheinbar hineingeſpro⸗ chen. Alles ſprühte Funken der Begeiſterung in ihm, der ganze Mann ſchien Eine ſtreitende Jubelhymne, Ein Schlachtgeſang zur größeren Ehre Gottes.— Aber der lauernde Blick, der unter den buſchigen Augenbrauen hervor nach Pater Cöleſtin züngelte, kehrte unbefriedigt von ſeiner flugartigen Sendung zurück— er war an marmorkalten Zügen ab⸗ geglitten. „Die Aufgabe und der Zweck des Ordens iſt die größere Ehre Gottes, es iſt das ewige, allen Seelen zu erringende Heil,“ fuhr der Provinzial nach kurzer Unterbrechung in ſeiner Rede fort. „Dieſer hohe Zweck umfaßt das ganze Menſchen⸗ geſchlecht. Die Streiter Jeſu ſtreben nach ſeiner Erreichung, indem ſie durch alle ihnen zu Gebote *) Citate des Jeſuiten Buß:„Die Geſellſchaft Jeſu.“ 1853. 7* 100 ſtehende Mittel ihren heiligen Glauben gegen Ab⸗ trünnige und Ketzer vertheidigen, die alleinſeligma— chende Lehre unter Heiden und Ketzern verbreiten und die treu gebliebene Gemeinde unabläſſig pfle⸗ gen. Hat der Orden die chriſtliche Eroberung voll⸗ endet, ſo iſt das Reich des ewigen Friedens, dieſes Problem des Völkerlebens iſt dann für immer be⸗ gründet und herabgeſtiegen zur Erde, wie einſt Got⸗ tes Sohn, iſt dann Gottes Reich. Kann bei ſo gewaltiger Aufgabe, bei dieſem Streben nach einem Siege, der ſeines Gleichen nicht hat, kann und darf der Orden da wohl ſich ſcheuen, Grashalme zu zer⸗ treten, über die hinweg ſein Fuß nach dem großen Ziele der Allgemeinheit ſchreiten muß?— Wahrlich nein, denn Zögerung wäre hier Verbrechen an der Menſchheit. Sie, mein lieber Pater Cöleſtin, ſind nicht in den Schulen unſerer Collegien gebildet, Gottes Geiſt allein hat Sie uns zugeführt, deshalb begreife ich die mannichfach abirrenden Skrupel nie⸗ derer Weltrückſichten, welche Ihren ſonſt in geiſti— gen Dingen ſo klar ſchauenden Blick periodiſch trü⸗ ben. Nur dürfen Sie Ihr Ohr der Stimme des Er⸗ löſers nicht verſchließen, der Stimme nicht, die durch den Mund ſeiner Streiter zu Ihnen redet und Ihren 10¹1 Arm zur Stütze ſeiner Kirche verlangt. Die Ab⸗ ſicht allein heiligt oder verwirft jede Handlung, jede im hellſten Sonnenlicht oder im Dunkel der Nacht vollzogene That vor dem Auge Gottes, denn an ſich böſe oder gut iſt nichts, was geſchieht. Nicht die äußere Handlung, ſondern— wie nicht genug wiederholt werden kann— die Abſicht des Han⸗ delnden iſt das Zurechnungsfähige, beziehungsweis Strafbare*). Iſt übrigens das Opfer, welches der Orden von Ihnen verlangt, kein dem Herrn wohl⸗ gefälliges, ſo werden eher die Pforten des Himmels ſich ſprengen und die Erde verſchlingen, als daß etwas auf ihr geſchähe, das wider Gottes Rath⸗ ſchluß wäre. Nur prüfen ſollen Sie, ob der Herr zu ſeinen Streiter Sie auserſehen, nur prüfen, ob er Sie gewürdigt, Ihr Liebſtes, Ihren ſchönſten Schmuck die kindliche Dankbarkeit— auf ſeinem Altar und zu ſeiner Verherrlichung zu opfern. Die 7) Die theoretiſchen Principien dieſer jeſuitiſchen Reini⸗ gungskunſt durch die Abſicht beſtehen vornehmlich: 1. Im Probalismus, 2. die Leitung der Abſicht, 3. der innere Vorbehalt, 1. die Zweideutigkeit. 10² Wurzel des Chriſtenthums aber iſt das Opfer, das in den guten Werken ſich vollzieht, wie die geiſt⸗ lichen Uebungen die erhabenſte Myſtik, wie ſie die unſterbliche Frucht der einſamen Ekſtaſe unſers hei⸗ ligen Ignaz in der Felſenhöhle von Manreſa ſind.“ Noch lange ſprach Pater Bonifaz in dieſem Sinne weiter und entfaltete, je länger er ſprach, eine immer duftendere Blüthe ſophiſtiſcher Beredt⸗ ſamkeit. Cöleſtin hörte und hörte auch nicht. Sein Ohr vernahm den Klang der Worte, denen er mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit folgte; allein zu ſeinem Herzen, zu ſeiner großmüthigen Seele fanden ſie keinen Zugang. Als er die Erlaubniß zu ſprechen erhielt, berief er ſich mit ſeiner beharrlichen Ableh⸗ nung auf den Papſt, dem er in ſeinem Profeßge⸗ lübde Gehorſam geſchworen. Dagegen ſtellte ihm der Provinzial die Autorität des Generals, die in An⸗ gelegenheiten des Ordens dem Ausſpruche des hei⸗ ligen Vaters voranſtehe. Weder Bitten noch Dro⸗ hungen, keine auch noch ſo ſchlaue Art jeſuitiſcher Vorſtellungen hatte den gewünſchten Erfolg. Da ging Pater Bonifacius— ſeine dem Ordensgeneral zu Rom kaum nachſtehende Autorität wohl kennend — noch um einen und zwar gewaltigen Schritt 103 weiter. Er übergriff die Ordensregel und verſprach dem jungen, für dieſe hohe Stellung noch unreifen Pater Cöleſtin das nächſte vakant werdende Rek⸗ torat. Ein ſtolzer freudiger Muth blitzte aus dem Auge des jungen Profeſſen. Er überlegte, ob nicht das viele Gute und Große, welches er in dieſer von den meiſten Profeſſen ſo heiß erſehnten Stellung wirken könne, die nur an einer einzigen Perſon ver⸗ übte, vielleicht auch nur verſuchte Uebelthat auf⸗ wiegen könne. Allein da trat das Bild ſeiner Pfle⸗ gemutter in ſeiner ganzen Lieblichkeit und Milde vor ſeine Seele. Er hörte die Melodie ihrer ſanf⸗ ten Stimme, womit ſie beim letzten Scheiden wie von banger Ahnung gequält ihm zugerufen: Bleibe unter allen Umſtänden Dir ſelbſt treu. Dieſe Viſion, ſeelenrettender vielleicht, als die des heiligen Ignaz in der Felſenhöhle von Manreſa— entſchied. Sie war auch Doris wärmſte Freundin, ſprach der Hartgeprüfte halblaut vor ſich hin, und lehnte nun die Anträge des Verſuchers mit einer Standhaftig⸗ keit ab, die deſſen Geduld erſchöpfte. Er bewilligte dem pflichtvergeſſenen Jünger Loyola's noch eine Woche Bedenkzeit und gab dann das von Cöleſtin 104 ſo heiß erſehnte Zeichen der Entlaſſung, doch unter Verweigerung des üblichen Handkuſſes. Aus der achttägigen Bedenkfriſt wurden vier Wochen, die Pater Cöleſtin in einem der tiefen feuchten Gefängnißkeller des Jeſuitencollegiums ver⸗ brachte. Sein Lager war ein Bündel feuchtes Stroh, ſeine Nahrung beſtand in hartem Brode, fadem Ge⸗ müſe und ſchlechtem Waſſer. Nach Verlauf der ſtrengen Buß⸗ und Selbſt⸗ prüfungszeit beſchied man ihn vor den verſammel⸗ ten Provinzialrath. Hier eröffnete ihm der allgebie⸗ tende Pater Bonifaz, als er ſtandhaft bei ſeiner Weigerung des Gehorſams hinſichtlich jenes Unter⸗ nehmens beharrte, daß ihm, in Berückſichtigung ſei⸗ nes früheren Verhaltens, noch drei Tage Bedenkzeit gewährt ſeien. Die Langmuth der Kirche werde ihm dann als Ausfluß einer ganz beſonderen Milde Abſolution ertheilen und die Rückkehr des verlore⸗ nen Sohnes feiern. Bliebe er jedoch wider Erwar⸗ ten von dem bisherigen finſtern Geiſte des Unge⸗ horſams und Starrſinns regiert, ſo ſei der verſam⸗ melte Provinzialrath gezwungen, das lebendige To⸗ desurtheil einer ewigen Einkerkerung über ihn zu verhängen. ————ᷣ—O—ͦ—᷑—Q—BQOꝑ˖——— 105 Cöleſtin antwortete durch eine Appellation an den Ordensgeneral in Rom. Ein lebhafter Tadel, daß er die Statuten des Ordens ſo wenig behalten habe, war die ganze Entgegnung auf dieſen Einwurf. Und in der That hatte Pater Cöleſtin, als er die Appellation an den General zur Sprache brachte, jenen der Intrigue freien Spielraum gebenden Pa⸗ ragraph der Ordensſtatuten vergeſſen, welcher ſo lautet:„Um die Disciplin kräftiger zu handhaben, ſoll von den Regeln des Ordens keine Appellation an irgend einen höhern Richter ſtattfinden, noch auch von einem ſolchen angenommen werden. Auch kann keine Losſprechung oder Befreiung von Or⸗ denspflichten jemals geſtattet werden.“ Biertes Capitel. Ein Abtrünniger. Motto:„Sie bleiben wie ſie ſind, oder ſie hören auf.“ Ordensgeneral Ricci. 1772. Ein Jeder geh' in ſich zu Hauſe, Und bet' um Kraft und reinen Sinn. Ich geh' in's Thal zu meiner Klauſe, Der Spielmann zeucht zum Vater hin. Zacharias Werner. Nein, auch Pater Jouven war keiner von den exkluſiven Streitern, denen das„in majorem dei gloriam“ an der Wiege geſungen worden. Was ihn in den Orden getrieben, war ein Mißverſtänd⸗ niß des Lebens und ſeiner Selbſt. Es war ein Mißverſtändniß jener ſittlichen Kraft, die einzig und allein den ſtärkeren Mann zum Schutz und Vorbild, wenn auch nicht zum Herrn des ſchwächeren, dem Reize der Verführung durch den ſchönen Irrthum —— 107 der Liebe ſo leicht zugänglichen Weibes ſanktionirt. Die Geſetze der Sittlichkeit und ſchönen Selbſtbe⸗ ſchränkung hatten ſich, von ihm übertreten, furcht⸗ bar gerächt, denn er war dem Fluche verfallen, dem jede edle Mannesnatur durch Anmaßung ge⸗ meiner Vorrechte vor den Frauen ſtets und unter allen Verhältniſſen verfällt. In den Armen der Proſtitution hatte er zuerſt dem heißen Dämon der Jugend gedankenlos und leichtſinnig geopfert, und als er klar über ſich ſelbſt und die unbefriedigten Wünſche ſeines Herzens mit Schauder aus den Ar⸗ men jenes grobſinnlichen Genuſſes ſich losriß, da hatte jener Fluch der Selbſtironie, von dem das Chriſtenthum in ſeiner ſittlichen Gleichſtellung beider Geſchlechter den Mann zu befreien ge⸗ ſucht— jener ſelbſtverſchuldete Fluch des modernen Lebens hatte mit einer ſo herzzerreißenden Grau⸗ ſamkeit ihn ereilt, daß ſeine Zukunft wie ein Irr⸗ garten ohne die Blumen der Liebe und Poeſie ihn angrinste. Sein Herz, ſeine ganze für alle Ideale des Lebens erglühende Seele ſehnte ſich nach der Liebe des Weibes, als nach der edelſten Ergänzung der männlichen Natur, und gleich neben dieſer Him⸗ melsblume im Garten ſeines Herzens ſproßte doch 108 das Unkraut der Frauenverachtung, ſproßten die Dornen des Zweifels an ihrer Befähigung zu einer andern als ſinnlichen und im beſten Falle poetiſch ſinnlichen Liebe. Weil er die weibliche Hingebung zuerſt durch Selſterniedrigung kennen ge⸗ lernt, weil er, an ſich und dem Zauber, in den er ſich verſtrickt, irre geworden, es bequemer fand, ſeine Schuld auf die Schultern derer zu laſten, die das ſchöne Vorrecht einzig und allein der Liebe zum Marktpreis eines thieriſchen Genuſſes herabgewür⸗ digt— darum rächte ſich die edlere ihm innewoh⸗ nende Natur auf erbarmungswürdige Weiſe an dem Unglücklichen. Er trug die Schmach jener weibli⸗ chen Geſchöpfe auf Gottes dichtungsreichſte Schöpfung, auf die edlere Hälfte des Menſchenge⸗ ſchlechts über. Indem er das Weib in den Aus⸗ wüchſen ſeiner Erſcheinung verachten lernte, machte ihn dieſer Zweifel an der durchgeiſtigten Frauen⸗ natur unglücklicher, ja elender ſogar, als er ſelbſt es wußte, und hätte er es gewußt, als er ſich es würde haben geſtehen wollen. Eberhardinen's Verrath und der Verrath ſo mancher gleich ihr unweiblichen Frauen be⸗ 2 ſtärkte ihn in ſeiner den Frauenwerth und die —-— 109 Frauenachtung negirenden Doctrin, und dennoch fühlte der Beklagenswerthe, daß nur die Liebe eines edlen Frauenherzens als Meſſias der Entſühnung zwiſchen ihn und ſeine Verzweiflung treten könne. Vergebens aber wartete er wie Israel— doch ungläubiger und troſtloſer als dieſer— auf die endliche Erlöſung von dem über ſich herabbeſchwo⸗ renen Fluche; vergebens klammerte ſich das aus ſeinem Herzen ſchwindende Vertrauen auf die irdiſche Erſcheinung Gottes in der Liebe an Lothar's Freundesherz; vergebens zwang er ſich zum Gottes⸗ leugner, indem er die Natur des Weibes profanirte. Kein Friede kehrte in ſein Herz, keine Verſöhnung in ſein Leben zurück. Als man eines Abends Ange⸗ lika's Gatten nach einer am Morgen angetretenen Jagdpartie im Walde, und zwar— wie die Aerzte verſicherten— nicht von ſeinem eigenen Gewehre getödtet gefunden, da triumphirte Freiburg, denn der Jeſuitenorden hatte durch ſeine fein geſponnenen Fäden ein, wie man damals wähnte, gar brauchba⸗ res und lenkſames Glied der großen Kette ſich er⸗ worben. Theils aus ſtumpfſinnig reſignirendem Ge⸗ horſam, theils in Folge ſeiner kaum zu bewältigen⸗ den Sehnſucht nach dem einzigen Freunde ſeines 110 ganzen Lebens ſchrieb er, wie wir wiſſen, an Lothar und wirkte fördernd auf deſſen unſeligen Entſchluß. Dieſe ſeine Einwirkung, dieſes egoiſtiſche Drän⸗ gen der Freundſchaft, die heißer denn jemals ein mitfühlendes Herz begehrt hatte, das war es denn auch jetzt, was Pater Jouven die doppelte Pflicht erkennen ließ, den Jugendfreund aus der großen ihm wohlbekannten Gefahr ſelbſt um den Preis des eigenen Lebens zu retten. Schlauer und umſichtiger, in Verſtellung und Combination weit geübter als Cöleſtin, gelang es Pater Jouven nach Verlauf einiger Wochen, den Aufſeher der Kellergewölbe, Pater Paver zu einer Pflichtverletzung zu verleiten und das Gelübde ewigen Schweigens durch eine Stunde in Cöleſtin's Gefängniß von ſich erkaufen zu laſſen. Er brachte dem Gefangenen Schreibmaterialien und half ihm ſie in den feuchten mit ekelhaften Rep⸗ tilien bevölkerten Erdboden vergraben. Genau merkte er ſich dann die Seite des Kerkers nach außen hin und zeigte dem fieberkranken Freunde eine Mauerfuge oben an dem Kreuzgewölbe der Decke, die ſein Arm erreichen konnte. Die Vorrichtung ward möglichſt verbeſſert und erweitert und ein Briefwechſel, der 111 zunächſt den Zweck ärztlicher Behandlung verfolgte, mit ungewöhnlicher Beſonnenheit und Umſicht vom Pater Jouven eingeleitet. Durch dieſe Vorkehrungen des Freundes wurden Cöleſtin's Tagebuchblätter, die Pater Jouven zu größerer Wahrung des Geheimniſſes Henrietten übergab, der Nachwelt erhalten und das Leben des Gefangenen gefriſtet. Der Arzt und die Arzneimittel, welche der Provinzial dem Anſuchen des Gefangenen verweigerte, erſetzte die Freundſchaft eines Mannes, der nur vermöge ſeiner Schlauheit dem Stande Ehre machte, in den er ſo willenlos als einſt Lothar getreten. Allein ſo ſorgſam auch Pater Jouven's umſichtige Klugheit den Schleier des Ge⸗ heimniſſes feſthielt, ſo aufmerkſam überwachten doch auch die Späher im Jeſuitencollegium den Freund ihres aus Widerſetzlichkeit Gefangenen. Pater Jouven wußte das wohl und ſah ſich oft wochenlang genö⸗ thigt, den nur ihnen Beiden bekannten Unterhal⸗ tungskanal unbenutzt zu laſſen. Dadurch verſchlim⸗ merte ſich natürlich die von ungeſunder Luft und mangelhaften Lebensmitteln erzeugte Krankheit des Freundes, und da auch die Briefe, welche Pater Jouven an den Ordensgeneral in Rom hatte abgehen laſſen, ohne Erfolg blieben, ſo ſchien ein Rettungs⸗ 112 verſuch durch Flucht das einzige noch einen Schimmer von Hoffnung gewährende Auskunftsmittel. Wie aber dieſer Weg einzuſchlagen, wie ein ſicheres Aſyl für den zum Tod erſchöpften Freund, ſelbſt wenn die Thür ſeines unzugänglichen Kerkers ſich öffnen ſollte, gefunden werden könnte, dies war zur Zeit ein noch ungelöstes Problem für den jungen Nicht⸗ jeſuiten. Ein Beſuch bei Henrietten an einem naßkalten Spätherbſttage gab den Ausſchlag, daß gehandelt, daß irgend etwas unternommen werden müſſe, ehe von Seiten des Provinzials vielleicht ſeine eigene Freiheit gefährdet und dem gefangenen Freunde der letzte Troſt, die letzte Hoffnung auf Erlöſung da⸗ durch entzogen werden möchte. Pater Jouven zürnte ſich ſelbſt deshalb, allein er konnte es ſich dennoch nicht abläugnen, daß ſein Auge mit unausſprechlichem, bei jedem Beſuche ſich ſteigernden Wohlgefallen an das ſchöne Mädchen ſich gefeſſelt fühlte, wenn ſie in der kleidſamen Landes⸗ tracht, die ſie, von verſchiedenen Gründen dazu be⸗ wogen, wieder mit der männlichen vertauſcht, wenn ſie in dem kurzen ſchwarzen Tuchröckchen, die feine Taille von einem mit ſilberner Kette geſchnürten Mie⸗ 113 der umſchloſſen, die langen Haarflechten bis auf die Hüften herabwallend in jener wildromantiſchen Um⸗ gebung ihm entgegen trat. Warrenberg liebte Hen⸗ rietten nicht, denn er war in Bezug auf die Frauen Egoiſt, wie jeder Genußmenſch, wie jeder Verächter des allzuviel begehrten Weibes eben aus Ueberſätti⸗ gung es wird. Er ſagte ſich nicht in ſittlich demü⸗ thiger Selbſterkenntniß: nur ein ſo edler ſeltener Mann wie Lothar verdient eine ſo treue aufopfernde, in idealſter Selbſtloſigkeit reine Liebe, wie die Hen⸗ rietten's es iſt. O nein! Er beneidete wenn auch mit einem Herzen ohne Mißgunſt dem Freunde eine ſo ſeltene noch dazu unerwiederte Liebe und murrte wi⸗ der die Vorſehung, daß ihm dem Ungläubigen dieſer Himmel reiner Liebe ſich nie geöffnet. Nicht ſo zu lieben, wie Henrietten lieben konnte, ſondern ſo geliebt zu werden, wie Lothar geliebt wurde, ſehnte ſich das ſelbſtſüchtige Herz des Unglücklichen. Er erkannte in ſeiner Verblendung nicht, daß ſo manche Schuld ausgeglichen, ſo mancher Leichtſinn geſühnt, ſo mancher Irrthum durch reuevolles Be⸗ kenntniß einen milden Richter dießſeits und jenſeits finden, daß aber niemals Liebe ernten kann, wer Haß ſäet, daß niemals ein edles Frauenherz an ihn Frick, d. opfernden Götter II. 8 114 glauben, daß es niemals dem Veraͤchter des Weibes in ſeinem ſonnenhellen Paradieſesfrieden ſich öffnen, daß zwar der Bereuende, doch nimmer mehr der trotzig feige Selbſtling, der mit ſeiner Verurtheilung, mit ſeinem phariſäiſchen„Steiniget ihn“ im vollſten Rechte ſich glaubt, daß er nie die göttliche Gewalt der Liebe in ihrer irdiſchen Erſcheinung an ſeinem Lebenshorizonte heraufbeſchwören kann. Jeder Fluch, jeder Frevel, der die infernaliſchen Mächte, die in des Menſchen Bruſt ſchlummern, wach ruft, erfüllt ſich. Am ſicherſten aber der kecke beſſerbürtige und heidniſche Uebermuth des Mannes, der wie ge⸗ ſagt Segen ernten möchte, wo er Fluch geſäet. Gott i*ſt gerecht. Auf irgend eine Weiſe— je unſichtbarer je ſchwerer oft— ſucht er den Frevler heim, der an ſeiner Meiſterſchöpfung geſündigt. uUnſer junger Jeſuitenprofeß fand Henrietten in Thränen und Angſt faſt vergehend. Marmorbleich und an allen Gliedern zitternd erzählte ſie ihm mit fliegender Haſt, daß ihr Aufenthalt auch jetzt wieder entdeckt ſei, daß ſie vor einigen Tagen einen Pater Jeſuiten um die Mühle herumſchleichen geſehen, und daß geſtern Abends unter dem Steine, wohin Pater Jouven in möglicher Abweſenheit Henriettens die 115⁵ Tagebuchblätter des Freundes zu legen mit ihr über⸗ eingekommen war, dieſes Blatt mit dem beängſtigen⸗ den Inhalt von ihr ſei gefunden worden. Pater Jouven nahm das Blatt und las, wie folgt: „Nachdem der Cardinal Ganganelli als Cle⸗ mens XIV. den päpſtlichen Stuhl beſtiegen, mußte er ſich den Forderungen der Bourboniſchen Höfe fü⸗ gen. Er hob den Jeſuitenorden auf. Als er Dominus ac redemptor noster unter die Bulle ge⸗ zeichnet, als er das inhaltreiche Breve aus der Hand gegeben, neigte er ſein Haupt wie Chriſtus am Kreuze und rief: es iſt vollbracht— mein Tod wird unvermeidlich ſein. „Acht Monate nach jener verhängnißvollen Un⸗ terſchrift verſpürte der Papſt vom Tiſche aufſtehend einen heftigen Schüttelfroſt. Bald darauf machten die ihn umgebenden Freunde von Stunde zu Stunde der beunruhigenden Beobachtungen mehr und mehr. Die immer ſo melodiſch volltönende Stimme des Papſtes wurde gänzlich von einer Heiſerkeit ganz eigenthümlicher Art belegt. Eine Entzündung, die ſich im Innern der ⸗Kehle entwickelte, zwang ihn, den Mund beſtändig offen zu halten, wiederholtes 8* 116 Erbrechen, Schwäche in den Beinen fand ſich ein. Sein bis dahin feſter Schlaf wurde unaufhörlich von ſchneidenden Schmerzen unterbrochen. Am Ende kannte er keine Ruhe mehr; eine gänzliche Er⸗ ſchlaffung aller Kräfte, eine vorzeitige Auflöſung folgten plötzlich auf die beinahe jugendliche Beweg⸗ lichkeit und Kraft und bald machte die ſchmerzliche Ueberzeugung von einem Frevel, den er ja kommen geſehen, Clemens XIV. in ſeinen eigenen Augen un⸗ kenntlich. Bei dieſem krankhaften Zuſtande ſeiner phyſiſchen Natur unterlag auch der geiſtige und moraliſche Menſch. Es war nichts mehr von Gan⸗ ganelli übrig; ſelbſt ſeine ſo klare Vernunft ſchweifte aus ihrer gewohnten Bahn. Spuckgeſtalten verfolg⸗ ten ihn in ſeinem Schlafe; mitten in der Nacht entriß er ſich ſchauerlichen Träumen und warf ſich zu Boden vor einem kleinen Madonnenbilde. Hier, im grauenvollen Glauben an ſeine ewige Ver⸗ dammniß, rief er unter Schluchzen: Gnade, Gnade! — man hat mir Gewalt angethan. Endlich nach länger als ſechsmonatlichen Qualen ſah Clemens XIV. die Stunde ſeiner Erlöſung nahen; auf einige Augenblicke wurde ihm die Vernunft zurückgegeben. In der Fülle ſeiner Geiſteskraft und ſeiner Schmer⸗ 117 zen trat er den Todeskampf an. Er wollte ſpre⸗ chen; ein Mönch flüſterte einige Worte in ſein Ohr. Alsbald erſtarrte das Wort auf ſeinen Lip⸗ pen und das Leben in ſeinen Adern. Die Männer vom Fach, die herbeigerufen wurden, um ihn ein⸗ zubalſamiren, fanden einen Leichnam mit blutfarbi⸗ gem Geſicht, ſchwarzen Lippen, aufgedunſenem Leibe, abgemagerten und mit blauen Flecken bedeckten Glie⸗ dern. Als man dem Todten ſeine päpſtlichen Ge⸗ wänder auszog, blieb ein großer Theil ſeiner Haut daran kleben, auch das Haar blieb vollſtändig an dem Sammtkiſſen hängen, worauf der Kopf lag, und bei einer einfachen Reibung fielen ſämmtliche Nägel von Finger und Zehen ab. Die Aerzte hat⸗ ten ſehr leiſe geſprochen, die Leiche ſprach allzu⸗ laut, und ganz Rom ſchrie: Clemens XIV. iſt durch aqua tofana von Perugia geſtorben. „Das aqua tofana von Perugia iſt aber im neunzehnten Jahrhundert und iſt in den Gefäng⸗ niſſen des Freiburger Jeſuitencollegiums noch ebenſo wirkſam, als es im achtzehnten Jahrhundert in den Gemächern des Vatikan war. Clemens XIV. konnte nicht dem päpſtlichſten Stuhle, doch ein armer Ge⸗ fangener kann bei weiſer Benutzung der räumlichen 118 Verhältniſſe mit Hülfe eines treuen Freundes dem ſonſt ſichern Tode entfliehen. Morgen früh wird Pater Cöleſtin, ob aus Menſchlichkeit, ob in Folge einigen Verdachtes, zu größerer Sicherheit in den nördlichen Gefängnißthurm gebracht. Freilich iſt die Höhe jener Gefängniſſe beträchtlich, freilich ſind Flüſſe tief und eine Flucht ohne ein langes Seil kaum denkbar. Doch jene Seite des Thurmes iſt eben ihrer Unzugänglichkeit wegen unbewacht, und wenn Pater Jouven ganz offen mit der Bitte um Zutritt zu dem Gefangenen an den Pater Provin⸗ zial ſich wendet, ſo wird er unter gewiſſen Vor⸗ ausſetzungen die erbetene Erlaubniß erhalten. Un⸗ ter gewiſſen Vorausſetzungen. Kann Pater Jouven ſich nicht entſchließen, bei ſeinem Profeß⸗ gelübde und mit den heiligſten Eiden des Ordens zu ſchwören, daß er alle Kunſt der Ueberredung, alle Herzenswärme einer freilich vormals weltlichen Freundſchaft aufbieten werde, um Pater Cöleſtin's ſtarren Widerſtand und mit ihm die Riegel ſeines Kerkers zu brechen, ſo erſpare er ſich jeden frucht⸗ loſen Verſuch zum Wiederſehen des Freundes, bis er ſeiner Leiche das letzte Geleit geben wird.“ Was war von dieſem auf ſo räthſelhafte in 119 Henriettens Beſitz gelangten Blatte zu halten. War es wirklich die Hand eines ungenannten, kaum zu denkenden Freundes, die es geſchrieben, oder war es nicht wahrſcheinlicher, daß irgend eine Falle, irgend ein Verrath unter dieſem ſcheinbaren Mitgefühl wie die Schlange unter den Blumen ſich verborgen hatte?— Und dennoch. Wenn er jetzt den Gefan⸗ genen ſprechen, wenn er den gewünſchten Rettungs⸗ apparat in ſeinen Kerker ſchmuggeln könnte— es wäre das— wie Pater Cöleſtins heutiges Tage⸗ buchblatt auswies— Rettung in allerhöchſter Noth. „Ich fühle mich entſetzlich ſchwach,“ ſchrieb Pa— ter Cöleſtin mit unſicherer Hand.„Einige Stunden dieſer langen ſchlafloſen Nacht mag ich wohl in Ohnmacht zugebracht haben, denn ich fühlte mich plötzlich ohne geſchlafen zu haben, wie in kaltem Schweiß gebadet. Ich glaube, man verſchlechtert ab⸗ ſichtlich meine Koſt. Vergebens habe ich den Un⸗ bekannten, der mir das Bischen Brod und Gemüſe und den Waſſerkrug täglich hinſtellt, gebeten, meinen Zuſtand dem Pater Provinzial zu melden, und einen Arzt kommen zu laſſen. Er entwich, noch ehe ich ausgeredet hatte.“ „Aber Gott redet durch Träume zu mir und 120 ſendet mir Troſt. Doris theilt meinen Kerker und verkehrt meine Leiden in himmliſche Wonnen.“ „Den 18. Oktober. Meine Beine ſind ſo ge⸗ ſchwollen, daß ich mich faſt nicht mehr bewegen kann. Kaum iſt es mir möglich, das ſchlechte und wenige Eſſen zu erfaſſen, das man mir hinſtellt. Unerträg⸗ liche Bruſtſchmerzen rauben mir den Schlaf, der ſonſt mein treueſter Freund im Kerker war.— Aber was iſt mir, daß ich ſo fröhlich bin, daß meine Gebeine ſich freuen und mein Fleiſch begeh⸗ ret, aufgelöſt zu ſein; daß die Wände dieſes Ker⸗ kers wie die eines Tempels mir erſcheinen und ein heller Lichtglanz ihn erfüllt? Sie iſt mir nahe, o ſie umſchwebt mich, ſie betet für mich am Throne der Mutter aller Gnaden. Ein Engel des Himmels hat ſie mir ſelbſt Botſchaft gebracht— ich ſehe ſie angethan mit ihren Lichtgewändern an meiner dunklen Pforte ſtehen.“ „Den 20. Oktober. Heute erſchien Pater Lar... t bei mir, ganz unerwartet. Es ward mir, als die Thür zu einer ſo ungewöhnlichen Zeit ſich öffnete, ganz warm um das Herz. Ich weiß nicht, auf was ich hoffte oder was ich fürchtete. Der Pater, den ich ſonſt nie leiden mochte, erſchien mir 121 als ein Friedensbote. Ich muß ſchrecklich ausſehen; denn wie er eintrat, ſtutzte er und rief: Mein Gott, iſt das Pater Cöleſtin? Dann ſtieg er langſam und mich immer fixirend herab; und als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, mußte ich ihm zurufen, wie er treten müſſe, um nicht zu fallen, denn es iſt ganz dunkel bei mir. Ich habe mich aber daran ge⸗ wöhnt und ſehe doch genug, um mich ſtündlich zu entſetzen.— Er ſetzte ſich auf mein Lager von faulem Stroh und ſchaute mich mit einem Blicke an, in welchem etwas von Mitleiden lag. Ich hatte noch nicht geſprochen. Er brach das Stillſchweigen. Der Pater Provinzial, ſagte er, hat mich zu Ihnen ge⸗ ſandt, um zu erfahren, welche Bedürfniſſe Sie haben könnten, und Sie zu benachrichtigen, daß man Ihnen die Freiheit geben wird, wenn Sie ſich entſchließen, ihm zu gehorchen. Er will Gnade vor Recht ergehen laſſen. Das Provinzial⸗Collegium wird ſeinerſeits das Urtheil zurücknehmen.— Wenn Sie auf Ihrem Willen beharren, bleibt es beſtätigt.— Er fügte noch hinzu, daß er ſeinerſeits mich herzlich bedauere und dem Pater Provinzial meinen Zuſtand ſo ſchildern wolle, daß mir ſchnelle Abhülfe werde.— Ich erwiederte kurz und beſtimmt, und ich glaube, 122 daß eine höhere Röthe mein Geſicht färbte, denn mein Herz zitterte vor Zorn: Sagen Sie dem Pater Provinzial, daß keine Macht auf Erden mich bewe⸗ gen ſoll, ein Verbrechen zu begehen. Ich ſtehe am Rande des Grabes, ich weiß es; aber wenn ich auch Geſundheit und Freiheit mir erkaufen könnte, ſo möchte ich nicht um dieſen Preis meine Ehre beſudeln. Sagen Sie dem Pater Provinzial, daß unſere Statuten es ihm verbieten, gegen einen Be⸗ ſchluß des Collegiums eigenmächtig zu handeln, und geſetzt auch, das Provinzial⸗Collegium hebe ſein Ur⸗ theil auf, ſo nehme ich es nicht an. Was die Be⸗ dürfniſſe betrifft, die ich habe, ſo bitte ich Sie, dem Provinzial zu ſagen, daß ich ſehr, ſehr krank bin und mich nach einem Arzt ſehne und nach reiner Luft. Ich würde hinzuſetzen: nach einem andern Kerker; aber ich weiß, daß es vergeblich wäre, einen beſſeren zu verlangen.— Pater Lar...t verließ mich, aber nicht ohne mir verſprochen zu haben, daß er ſeinerſeits das Möglichſte thun werde, um mir Hülfe und Erleichterung meiner Leiden zu erwirken.— Wird er es thun? Er war nie mein Freund. Er gehörte zu den heftigſten Bewun⸗ 123 derern und Verehrern des Provinzials und ſoll viel zu deſſen Erwählung beigetragen haben.“— Als Henriette dieſes inhaltſchwere Tagebuchblatt ihres theuern Freundes aus der Hand legte, glitt keine Thräne aus dem brennend trockenen Auge über die bleiche Wange herab, kein Klagelaut erzählte von ihrem Schmerz, kein Seufzer entwand ſich der gepreßten Bruſt.„Haben Sie den Muth zu dieſem falſchen Eide?—“ Fragte ſie endlich ſo tonlos, daß dieſer Accent ihrer Frage beinahe an Indif⸗ ferentismus grenzte. „Ja,“ erwiederte Pater Jouven entſchloſſen, „den noch bin ich Jeſuit und bin ja— fügte er leiſe vor ſich hinmurmelnd hinzu,— in dem ſchönen Geheimniß der Reinigungskunſt durch die Abſicht.“ „Nun und weiter, was weiter,“ drängte die Koſenell, jetzt plötzlich aus ihrer dumpfen Reſigna⸗ tion in eine fieberhafte Aufregung überſpringend. „Welche Pläne um Gotteswillen haben Sie— wo iſt ein Hoffnungsſtrahl, ach nur ein ganz matter.“ „Die Zeit drängt,“ nahm Cöleſtins Freund, als Henriette erwartungsvoll ſchwieg, wieder das Wort. „Deßhalb muß ich bitten, daß Sie mir es nach⸗ 124 ſehen, wenn ich mit einer leider ſehr proſaiſchen Frage die Ihre durchkreuze. Haben Sie noch hin⸗ längliche Subſiſtenzmittel, und zwar nicht allein für ſich, ſondern auch eine Zeit lang für Lothar, wenn ich den Geretteten Ihre Pflege übergeben kann?“ „Ich nenne Ihre Frage nicht proſaiſch, ſon⸗ dern vernünftig und ehrenvoll für mich,“ entgegnete Henriette ruhig.„Als ich bei meiner Abreiſe von M. meine Angelegenheiten geordnet, das heißt all⸗ jenen luxuriöſen Tand veräußert hatte, den In⸗ duſtrie und Civiliſation zur Friſtung ihrer Exiſtenz erfunden, da löſte ſich mir das Räthſel, warum ich oft Lothar's Mißbilligung zum Trotz mich nicht überwinden konnte, ſo manche Geſchenke eitler Tho⸗ ren zurückzuweiſen, die meine Gunſt erkaufen zu können meinten. Ich nannte ein Sümmchen mein Eigenthum, das Andere vielleicht als zinsbares Ca⸗ pital angelegt haben würden. Das that auch ich, aber nicht in Papieren. Ich trat eine Kunſtreiſe an, die, haushälteriſch wie ich von jetzt an mit meinen Finanzen umging, mein kleines Capital mehr als verzehnfachte. Die endlich von meinem drängen⸗ den Herzen ach, ſo gebieteriſch begehrte Reiſe hier⸗ her— zu ihm— zu dem Ziele meiner Leiden, 12⁵ dem ſichern Grabe, das ich hier zu finden hoffte, auch alle Einkäufe, die ich, um als Handelsmann hier auftreten zu können, machen mußte, ſogar den falſchen Paß, den zu kaufen ich Gelegenheit fand, mit eingerechnet, haben meine Kaſſe noch nicht zur Hälfte erſchöpft, denn hier in Freiburg habe ich wirklich von dem vortheilhaften Abſatz meiner ſeide⸗ nen Tücher und was ich ſonſt mitgebracht, meine beſcheidene Exiſtenz gefriſtet. Alſo weiter, um Gottes Willen nur weiter mit Ihren Befreiungsplänen für Lothar, denn es dämmert ſchon der Abend herein.“ „Kennen Sie die große Einſiedelei der hei⸗ ligen Magdalena?—“ „Ich habe noch vorgeſtern die Müllerin auf einem Gange dorthin begleitet. Sie meinte, es ſei klüger, mich nicht allzu geheimnißvoll abzuſchließen, denn das errege am leichteſten Verdacht und Ver⸗ muthungen dieſer und jener Art. Sie beichtet ſeit einigen Wochen dem Bruder Klausner, der dort ſchaltet und zuweilen Meſſe liest, und rieth mir ein Gleiches zu thun, denn der fromme Mann ſei ein geſchworener Feind der Jeſuiten, aber wie es ſcheine nicht ohne Einfluß auf den Pater Provinzial, von dem er vielleicht irgend ein Geheimniß zu ver⸗ 126 ſchweigen habe, was jenem die Hände gegen den in der ganzen Umgegend verehrten Mann binde. Ich wollte ſchon mit Ihnen über die Sache ſprechen.“ „Nun gut,“ fiel Pater Jouven dem jungen Mädchen in die Rede,„ſo treffen wir uns bei Ei⸗ nem Ziele. Der Pater Klausner kann morgen ſchon von Ihnen unter dem Siegel der Beichte in das Geheimniß gezogen werden. Lothars Vater rettete einſt ſeinem Bruder das Leben; vielleicht denkt der fromme Mann jetzt an Vergeltung. Möglich, daß er unſern Provinzial zu einem Bericht an den Ordensgeneral bewegen könnte, der die Ausſtoßung Pater Cöleſtin's aus dem Orden bewirkte, ohne daß er in ein Karthäuſerkloſter ſich zu vergraben brauchte. Doch ſcheint mir dieſer Weg bei der zerrütteten Geſundheit unſeres Freundes jetzt zu langwierig; wir müſſen auf Mittel zur Flucht denken. Der Pa⸗ ter Klausner beſitzt einen für unſere Zwecke koſtba⸗ ren Schatz, das erfuhr ich durch einen Zufall, der mir jetzt als ein Fingerzeig der Vorſehung er⸗ ſcheint. Es iſt ein ſeidenes Seil, dünn, dehnbar und feſter als ſonſt irgend etwas. Uebermorgen komme ich wieder hieher und wenn ich unter der Altar⸗ platte, die ſich, wie Sie wiſſen, mit leichter Mühe 127 verſchieben läßt, das Rettungsſeil finden könnte, ſo wäre ein entſchiedener Schritt zu Lothar's Befreiung gethan. Schon lange habe ich die Vorſicht ge⸗ braucht, meine in der letzten Zeit gar ſichtbar wer⸗ dende Abmagerung durch doppelte und dreifache Wäſche und Gewänder, die ich über einander zog, in das Gegentheil zu verkehren. Ich dachte, als ich die Idee zuerſt faßte, an eine ſeine Flucht fördernde Kleidung für Lothar, die ich zu möglicher Benützung des Augenblickes ſtets bei mir tragen wollte. Dafür wird ſich aber ſpäter wohl ſorgen laſſen, haben wir den Aermſten nur erſt in der Einſiedelei der heili⸗ gen Magdalena, wohin ich ihn zunächſt zu bringen hoffe. Jetzt könnte ich mir das dünne, ſeidene Seil, wenn ich nichts als dieſen ſchwarzen Rock darüber ziehe, ohne den mindeſten Verdacht zu erregen, um den Leib winden und Lothar würde es in ſeinem Lagerſtroh verbergen. Wollen Sie den Verſuch wagen, liebe Henriette?— 4 „Wenn der Pater Klausner in der Einſiedelei der heiligen Magdalena ein ſolches Seil, wie Sie meinen, wirklich beſitzt, ſo finden Sie es ſchon morgen Abend unter der Altarplatte dieſer Kapelle und ſollte ich,“ murmelte ſie dumpf und unhörbar —— 128 vor ſich hin,„meine Seele durch eine der ſieben Todſünden der ewigen Verdammniß weihen.“ „Gute Nacht dann für heut,“ grüßte Pater Jouven mit herzlichem Händedruck.„Mir iſt, als würden wir uns nur erſt am Ziele unſerer beider⸗ ſeitigen Wünſche oder— am Ziele unſerer Hoff⸗ nungen wieder ſehen. An meinem gebrochenen ver⸗ fehlten Leben iſt wahrlich wenig oder nichts verloren, daß ich es als Einſatz für die Rettung des einzigen Freundes biete, den mir die Vorſehung gegönnt. Aber Sie, Henriette, Ihre Jugend, Ihre Zukunft, Ihr ganzes liebenswerthes Ich werfen Sie für dieſes gebrochene Leben eines Mannes in die Wag⸗ ſchale, der— ja wie ſoll ich es nennen, ohne an Ihnen und Lothar mich zu verſündigen——“ „Der mich verſchmäht und niemals, wenn auch wieder von der goldenen Sonne der Freiheit um⸗ ſtrahlt, mich lieben wird“, ergänzte Lothar's Milch⸗ ſchweſter mit wehmüthigem Lächeln.„O daß Ihr Männer, die ihr das Weib in ſeinen Schwächen erkannt zu haben glaubt, doch deſſen eigentliche Natur niemals zu begreifen fähig ſeid. Liebe heißen die Pole unſerer ganzen Exiſtenz, Liebe iſt der Schlüſſel zu unſern Tugenden wie zu unſern 129 Irrthümern, Liebe iſt der Magnet, der in den Ab⸗ grund oder auf die Höhe einer Entſagung uns führen kann, für welche es keinen Maßſtab in Euern, in früheſter Jugend ſchon leer gebrannten Herzen geben kann Die günſtigen oder ungünſtigen Verhältniſſe, wie irrthümlicher Weiſe die Conflikte genannt wer⸗ den, in die unſer Herz, unſer inneres Leben mit der Außenwelt geräth, dieſe Schatten, welche die Wirklichkeit auf unſere Ideale wirft, und die Stufe der Achtung, auf die der Mann, unſerer Wahl uns ſtellt, öffnen unſerer Zukunft das goldene Himmels⸗ thor beglückender Liebe oder die eiſernen Pforten der Hölle, die eine Jede in ſich trägt, welche gegen die Geſetze ſündigt, die nicht die Kirche, wohl aber Natur und Liebe in unſer Herz geſchrieben. Nun gute Nacht, lieber Warrenberg— Gott ſegne Ihr Vorhaben.“ Als ein Denkmal eiſernen Fleißes und als ein Zeugniß deſſen, was menſchliche Beharrlichkeit ſchaffen kann, muß die große Einſiedelei der heiligen Magdalena, eine Stunde von Freiburg, mit Recht Frick, d. opfernden Götter. II. 3 9 130 bewundert werden. Jean du Prée von Gruyères brachte in der letzten Hälfte des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts mit einem einzigen Gehülfen, jede fremde Beihülfe zurückweiſend, nach fünf und zwanzigjäh⸗ riger ununterbrochener Arbeit dieſe nach dem ge⸗ wöhnlichen Maßſtabe der Eremitenzellen beiſpiellos geräumige Einſiedlerwohnung glücklich zu Stande. Sie iſt ganz in einem ungeheuren Felſen gehauen und beſteht aus einer Kapelle mit ihrem Thurme, einer Sakriſtei, einem Refektorium, einer Küche, einem Saale mit zwei Seitengemächern und einem Keller. Dieſe Räume ſtehen durch zwei Treppen mit einander in Verbindung. Der Thurm und die ſämmtlichen Räume der Eremitage empfangen die Tageshelle durch proportionirte Fenſteröffnungen. Unter dieſer Kunſtzelle brauſt in waldiger Tiefe die Saane ihr dumpfes geheimnißvolles Märchenlied von Zeiten, die kamen und vergingen und wieder kommen werden im ewigen Kreislauf der Dinge. Der ſtolze ſchäumende Fluß vollendet das Schauerliche in der Staffage dieſer wunderbaren Einſiedelei, deren Um⸗ gebung ganz den Charakter jener wilden Landſchaf⸗ ten Salvator Roſa's trägt, welche unwillkürlich 131 den Gedanken erzeugen: dieſe Gegend habe noch nie ein menſchlicher Fuß betreten. Der Pater Klausner in St. Magdalena⸗Ere⸗ mitage war ein dunkles, doch vielleicht mit nicht minder bedeutender Vergangenheit in Verbindung zu bringendes Geheimniß, als vormals der berühmte Pater Auguſtin, der Abt des Trappiſtenkloſters in der alten Karthauſe Val Sainte bei Gruyères am Fuße des höchſten Berges im Kanton Freiburg, des Moleſſon. Trotz der herben Ordensregel der Trap⸗ piſten, die in ſtummer Weltentſagung, in elfſtün⸗ digen Gebeten und Geſängen bei kärglicher Nah⸗ rung und harter Feldarbeit unter ihrem Memento- mori⸗Gruß nur Buße und Tod denken ſollen, war Pater Auguſtin doch der feinſte Weltmann. Er galt für einen Spion Napoleons und brachte einſt dem Marſchall Ney vom erſten Conſul einen gar hefti⸗ gen Verweis wegen ungebührlichen Benehmens gegen den vielgeltenden Abt von Val Sainte zu Wege, der doch ſeinerſeits dem Marſchall mit weit ſtolzerer Anmaßung entgegen getreten war, als Jener ihm. Henrietten erfaßte, als ſie vor dem Klausner ſtand, ein von Grauen und Ehrfurcht gemiſchtes 9½ 132 Gefühl. Mit mehr Stolz und Selbſtbewußtſein hätte kein König ſeinen Krönungsmantel tragen können, als dieſer Einſiedler ſeine Kutte mit dem härenen Strick. Das Auge eines Denkers, eines Feldherrn, eines Zauberers vielleicht leuchtete, von der Kapuze umſchattet, aus tiefliegender Höhle, prüfend, ſchreckend oder ermuthigend— ſie wußte ſelbſt kaum, was auf ſie eindrang— in die zagende Seele des Mäd⸗ chens. Endlich fiel ſie aber doch, gebeugt von der unendlichen Laſt ihres Jammers, vor dem geheim⸗ nißvollen Manne nieder und beichtete Alles— ohne Rückhalt Alles, ſelbſt das, was ſie eigentlich ver⸗ hehlen wollte, willenlos und von ſeinem beherr⸗ ſchenden Auge überwältigt. Als ſie vollendet, als ſie ſchweigend einer Entgegnung gewärtig, hoffend und bangend endlich den Blick zu ihm erhob, da ſtand der Klausner ihr abgekehrt, die Augen mit der Hand bedeckend. Kaum aber war dieſe Wahrneh⸗ mung geſchehen, kaum war ein flüchtiger Gedanke über das Warum ſo ungewöhnlicher Erregung eines von fremdem und eigenem Unglück gewiß oft ſchon heimgeſuchten Mannes durch Henriettens Seele ge⸗ glitten, als auch der feſte ernſte Mann mit den 13³³ eiſernen Zügen, der er ſtets war, wieder vor ihr ſtand.— Die Folge dieſes Beſuches in der Magdale⸗ nen⸗Eremitage war eine andere, als Henriette er⸗ wartet. Von dem ſeidenen Rettungsanker war keine Rede, und alle abenteuerlichen Pläne, die ſie, um des Seiles habhaft zu werden, noch auf dem Wege von der Felſenmühle zur Einſiedelei gefaßt, zerſto⸗ ben wie Spreu vor der einfachen Verſicherung des Klausner's, daß er ein ſolches Rettungsmittel weder beſitze noch, wenn er es beſäße, zu dem beabſichtig⸗ ten Zweck aus der Hand geben werde. Dagegen ver⸗ ſicherte er dem in Todesangſt vor ihm zuſammen⸗ brechenden Mädchen, daß er Lothar'’s Ausſcheidung aus dem Orden und ſeine Freilaſſung beim Pater Provinzial betreiben werde, und zwar heute noch. Mit welchem Erfolg— bleibe freilich dahingeſtellt; doch hoffe er gerade bei dieſer Angelegenheit das beſte Gelingen, dazu habe er gute Gründe. So kehrte denn das treue, von dem Märty⸗ rerthum einer ſeltenen Liebe geadelte Mädchen aus einer ſchauerlichen Waldeinſamkeit in die andere hoff⸗ 13⁴ nungsreicher und hoffnungsärmer, als ſie gekommen, zurück und keine entnüchternde Sehnſucht nach den bunten Freuden der Welt, die ſie verlaſſen, durch⸗ kreuzte ihre keuſche Phantaſie, ihre hingebende Liebe für einen Mann, der ihrer kaum mehr gedachte. Fünftes Capitel. Befreiung. Motto: Wir woll'n das Wort nicht brechen, Nicht Buben werden gleich. May von Schenkendorf. und doch ein lindes, leiſes Liebesthauen Bebt heimlich nieder durch das dunkle Grauen. Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Pater Jouven konnte den Tag nach ſeinem letzten Beſuche in der Felſenmühle, die ſogenannte Jeſuitenſcheune, nicht verlaſſen. Man wußte ihn auf alle Weiſe zu beſchäftigen und feſt zu halten— er fühlte ſich beobachtet, gehemmt auf Schritt und Tritt. So auch den zweiten Tag, wo er zu ſonſt ungewöhnlicher Beſchäftigung im Seminar verwen⸗ det wurde, und nun ſtieg ſeine Angſt um Lothar auf das Höchſte. Er ließ am Morgen des dritten Tages, als ihm eine umfangreiche Arbeit in der 136 Bibliothek aufgetragen wurde, in dringlichſter An⸗ gelegenheit um eine Audienz beim Pater Provin⸗ zial bitten. Sie wurde ihm bereitwillig gewährt, denn ſie war als letztes Mittel, den Trotz des Ge⸗ fangenen zu brechen, ſchon längſt gewünſcht wor⸗ den. Hätte freilich Pater Jouven ahnen können, welcher Auftritt Tags zuvor in der Zelle des Pro⸗ vinzials ſtattgefunden, er hätte ſeine bange Unge⸗ duld um den Freund noch einige Tage gezügelt. Der von allen älteren Profeſſen im Jeſuiten⸗ collegium gekannte und theilweis, wie es ſchien, auch gefürchtete Pater Klausner aus der St. Magdalenen⸗Eremitage war plötzlich im Pallaſt der Jünger Loyola's erſchienen und hatte den Pater Provinzial zu ſprechen verlangt. Der junge Pro⸗ feß, welcher die Meldung ſeinem Vorgeſetzten über⸗ brachte, wollte ein merkliches Erblaſſen in den ſonſt ſo eiſernen Zügen des Pater Bonifaz bemerkt ha⸗ ben; doch wurde der Klausner ſofort empfangen. . Der Beſuch dauerte lange. Mehr als eine Stunde verging und doch konnte der ängſtlich im Corridor lauſchende Profeß keinen Athemzug, viel weniger nur einen Laut vernehmen, der darauf hätte ſchließen laſſen, daß drinnen zwei Menſchen 137 ein vermuthlich nichts weniger als unwichtiges Zwie⸗ geſpräch gepflogen hätten. 3 Der Provinzial, ſowie der Einſiedler ihn ver⸗ laſſen, ſchloß ſich für den Reſt des Tages in ſeine Zelle, faſtete und verließ dieſe Zelle nur, um bis gegen Mitternacht im Geißelungsſaal zu bleiben. Allein am folgenden Tage ganz um dieſelbe Stunde wie geſtern erſchien der Pater Klausner wieder in der Zelle des Provinzials, und zwar gerade in dem nämlichen Augenblicke, als Pater Jouven der er⸗ haltenen Erlaubniß zufolge den ſchweren und doch ſo heiß erſehnten Gang zu ſeinem eingekerkerten Freunde antrat. Allein nicht, wie er erwartet, in die leichten Büßerzellen ähnlichen Gefängniſſe Trepp⸗ auf ging der Weg, welchen der Bruder Gefängnißwärter ihn führte, ſondern wiederum dieſelbe Treppe nach den düſtern und feuchten Kellergewölben, wie früher, ſtiegen ſie hinab. Pater Cöleſtin habe dieſen Kerker nicht ver⸗ laſſen wollen, war die Antwort ſeines Führers, als er in wohlberechneter Wendung die Frage aufwarf, warum der Gefangene nicht in das vom Pater 138 Provinzial ihm angewieſene Thurmgefängniß gebracht worden ſei. Die Riegel klirrten, die Schlößer ſprangen auf, eine dumpfige Moderluft ſtrömte dem Eintre⸗ tenden entgegen. Pater Jouven trat ein, die Thür ſchloß ſich hinter den Freunden. Keine Antwort erfolgte, als Pater Jouven den Gefangenen erſt bei ſeinem geiſtlichen, dann in ſteigender Angſt bei ſeinem weltlichen Namen rief. „Eine furchtbare Luft,“ heißt es in jener von War⸗ renberg dem Herausgeber in die Feder diktirten Broſchüre,„eine furchtbare Luft herrſchte in dieſem Schreckensaufenthalt, den der Unglückliche mit Un⸗ geziefer aller Art theilte. Nur ein ſpärliches Halb⸗ dunkel ward durch einzelne Mauerritzen und durch die Thürſpalten hervorgebracht. Das Waſſer troff von den Wänden herab. Nur eine dicke Leinwand diente dem Gefangenen zur Decke und auf einer gleichen, die über Stroh gebreitet war, lag Pater Cöleſtin. Neben ihm auf dem kaltfeuchten Erd⸗ boden ſtand ein Krug abgeſtandenen Waſſers. Der blühend kräftige Jüngling war zu einem Gerippe abgemagert. Ein ungeheuer verwahrloſter Bart floß ihm bis auf die Bruſt herab, und das ſonſt ſo 139 ſchöne, von durchgeiſtigter Jugendfriſche ſtrahlende Antlitz war bis zur Unkenntlichkeit entſtellt; v. W. ſtand tief erſchüttert an dem Lager ſeines in todten⸗ ähnlicher Ohnmacht dahin geſtreckten Freundes und weinte. Obſchon ſelbſt Jeſuit, begann von die⸗ ſer Stunde an ſein tiefer unauslöſchlicher Haß gegen eine Geſellſchaft, die ſich nach dem Stifter der Re⸗ ligion der Liebe nennt. Dieſer Haß hat ihm na⸗ menloſe Verfolgungen zugezogen, er hat ſeinen Aus⸗ tritt aus dem Orden und ſeine endliche Flucht in einen andern Welttheil herbeigeführt. Und dennoch kannte v. W. damals noch bei weitem nicht die ganze Ausdehnung der ungeheuern Frevel, denen Baron B. und ſeine Geliebte zum Opfer gefal⸗ len waren.“ Endlich erwachte Pater Cöleſtin aus der dumpfen Betäubung, die ſein Freund beim erſten Anblick für Tod genommen. Er erkannte den längſt erſehnten Gefährten glücklicherer Tage auf den erſten Blick und reichte ihm mit wehmüthig glücklichem Lächeln die Hand. Allein es währte lange, ehe der zum Tod Erſchöpfte ſeine Kräfte ſoweit zu ſam⸗ meln vermochte, um ſprechen und den vom höchſten 14⁰ Verzweiflungsſchmerz danieder gebeugten Freund mit Worten des Troſtes aufrichten zu können. Und ſie kamen in der That aus aufrichtigem, wenn auch von Todesſehnſucht zu einer unnatürlich krankhaften Reſignation gedrängten Herzen, dieſe Troſtgründe des in ſeiner chriſtlichen Ergebung ſo heldenmüthigen Dulders. Er miſchte— wie alle dem Tode mit Cöleſtin's Freudigkeit entgegen⸗ eilende Kranke— Wahrheit und Traumdichtung durcheinander, erzählte mit leuchtenden Augen von Doris himmliſcher Erſcheinung und von dem ſeiner nun wartenden Glücke: mit der Geliebten vereint die Gefilde der Seligen bewohnen zu dürfen.„Ein ewiger Frühling der Natur und ein ewiger Früh⸗ ling der Liebe,“ lispelte er ſchon halb verklärt, „ein Frühling, den keine Erinnerung an die irdi⸗ ſchen Trübungen ſinnlicher Leidenſchaft entnüchtert, das iſt ja das hienieden ewig unerreichbare Ziel der ſterblichen Menſchennatur, die ihre unerfüllten Ideale ſich voran in den Himmel entſchweben ſieht. Ich Glückſeliger habe dies ſchöne Ziel nun erreicht, und nur, daß ich Dich noch zurücklaſſen muß, in dieſem zeitweiligen Aſyle des Kampfes und des 141 Jammers, das macht mir das Herz vor Bangigkeit um Deine Zukunft ſchwer.“ Warrenberg kämpfte ſeinen faſt wahnſinnigen Schmerz mit heldenmüthiger Kraft in ſein innerſtes Leben zurück und zeigte dem ſcheidenden Freunde nur ſeine unendliche Liebe ‚nicht aber die wilde Verzweiflung, die in ihm tobte. Er fragte nach ſei⸗ nem Vermächtniß, nach einem letzten möglicherweiſe von ihm zu erfüllenden Willen. Cöleſtin deutete nach dem Orte, wo unter einem leicht zu verſchie⸗ benden Steine noch einige beſchriebene Blätter ſich vorfinden würden, und ergänzte ſo manches dem Papiere nicht Anvertraute mündlich. Dann ließ er ſich bei ihrer Freundſchaft und bei dem Erlöſungs⸗ tode des Herrn von Pater Jouven das Gelübde ablegen, Alles verſuchen zu wollen und namentlich den Weg der Flucht nicht zu ſcheuen, um aus dem Orden ſcheiden zu können. Als Pater Jouven in Uebereinſtimmung mit ſeinen eigenen Wünſchen die⸗ ſes heilige Verſprechen gegeben, breitete ſich ein faſt überirdiſcher Ausdruck von Zufriedenheit über das edle bleiche Antlitz des Gefangenen. Er ſchwieg wie von einer großen Angſt befreit und ſammelte, wie es ſchien, ſeine letzten Kräfte, um vielleicht 142 weiter ſprechen und über die Verwirklichung ſeines innigſten Wunſches mit dem Freunde ſich berathen zu können. Dieſen Zeitpunkt benutzte Warrenberg zu Er⸗ füllung einer Pflicht, die ihm je mahnender auf dem Herzen lag, je ſchwerer ihre Erfüllung in dieſem ernſten Augenblicke ihm wurde. Er erzählte dem Freunde von Henrietten, von ihrer aufopfern⸗ den reſignirenden Liebe, von ihrer freudeloſen Zu⸗ kunft, die, wie dieſelbe ſich auch geſtalten möge, in der Erinnerung an dieſe ihre erſte und unerwie⸗ derte Liebe den Keim der Vergiftung für alle Da⸗ ſeinsfreuden in ſich aufgenommen habe. Cöleſtin hatte der Erzählung des Freundes ein zwar aufmerkſames Ohr geliehen, doch vermißte Pa⸗ ter Jouven zu ſeinem höchſten Befremden die Kund⸗ gebung jener innigen Theilnahme an dem Unglücke des intereſſanten Mädchens, wie ſie doch ihm, dem Unbetheiligten, dem Ungeliebten wenigſtens, inne wohnte. „Du feiner Frauenkenner haſt dieſes junge Mädchen nicht durchſchaut?“ lächelte der Kranke, gutmüthig ſpottend.„Es ſoll eine Gattung weiblicher Individualitäten geben, ſo erzählte mir die Fürſtin, 143 meine bis zum Tod geliebte und verehrte Pflegemutter, einſt in einer traulichen Plauderſtunde, Frauen, die niemals und unter keinem Verhältniſſe des Lebens glücklich zu ſein vermögen, außer im Unglück. Eine ſolche durch Erziehung und perſönliche Anlage zu einer unheilvollen Originalität treibhausartig empor⸗ getriebene Natur iſt Henriette. Schon von ihrer früheſten Kindheit an reizte nur das Ungewöhnliche, das der Ordnung der Dinge zuwider Laufende ihre Einbildungskraft und ihr Begehrungsvermögen, und trieb ſie auf die abenteuerliche Kunſtlaufbahn, welche ſie beſſer vielleicht niemals betreten. Wenn ſie mit fröhlichen Kindern ſpielen ſollte, ging ſie in irgend ein dunkles abgelegenes Zimmer und las oder weinte. Wenn Sturm und Regen oder glühende Mittaghitze Jedermann in den Schutz der vier Wände bannte, lief ſie ſtundenlang im Walde oder auf einem abge⸗ legenen Spaziergange umher, und ſo trieb ſie es in allen Dingen. Der geliebteſte hingebendſte Mann würde ſie für die Dauer zu beglücken nicht im Stande ſein, wenn er es nicht verſtünde, ihr zugleich Thrä⸗ nen zu erpreſſen, und eben ſo gewiß iſt es, daß— hätte ich jemals von Liebe zu ihr geſprochen— das Steinbild des heiligen Wendelin vor ihrem elterlichen 144 Hauſe dem Herzen des Mädchens wärmere Empfin⸗ dungen eingeflößt haben würde, als ich, der nur aus Unerreichbarkeit Geliebte. Grüße ſie von mir mit dem letzten Gruße des Bruders und ſage ihr— doch nein— für Frauen und Mädchen wie Hen⸗ riette— behält das Irdiſche mit ſeiner ewigen Qual und ſeinem fruchtloſen Streben und Ringen doch eine Zeit lang ſeine volle Berechtigung. Do⸗ ris und Henriette ſind zu denken, wie der Engel mit der Friedenspalme, der verſöhnend durch die Welt geht, und wie der farbenſchimmernde Regen⸗ bogen, der zwar durch ſinnliche Wahrnehmung, aber nicht deſtoweniger von Gottes Herrlichkeit und Got⸗ tes Güte, wenn auch in leicht vergänglicher Sprache erzählt.— Und wenn wir es recht bedenken, lieber Al⸗ phons, ſo liegt hinter der ſcheinbaren Demuth und Reſignation der Verachtung des Irdiſchen eben der ſträflichſte Hochmuth der Menſchennatur verborgen. Sind doch das Weltliche und das Irdi⸗ ſche zwei ſo verſchiedene Dinge wie Kirche und Religion. Das Irdiſche, das Gott in ſeiner Liebe und Weisheit ſo ſchön geſchaffen, mit vornehmer Geringſchätzung verſchmähen, es verachten und ver⸗ 145 werfen zu wollen, ſcheint mir jetzt ſtrafbare Ueber⸗ hebung und Undankbarkeit gegen den Schöpfer.— Jetzt laß' mich eine Weile ruhen, denn ich bin des Sprechens entwöhnt und es gibt faſt nur noch zum Sterben ein wenig Athem in dieſer kranken Bruſt. Laß' meine Hand noch einmal in der Deinen ru⸗ hen, Du treuer ſchwergeprüfter Freund, vielleicht, daß ich ein wenig ſchlummern kann.“ O möchte ſein Todesengel ihn ſo und jetzt hinüberführen in das ſchöne Land der Verheißung, von dem er ſo gläubig träumt! ſeufzte Pater Jou⸗ ven im ſtummen innerlichen Gebet, als Lothar— es war ſchwer zu unterſcheiden, ob von Ohnmacht oder Schlaf umfangen— vor ihm auf dem ärm⸗ lichen Lager dahin geſtreckt lag. Aber noch eine ſchwere Stunde der Prüfung war dem Jüngling aufgeſparrt, der aus allen Ver⸗ ſuchungen ſeiner heißeſten Leidenſchaft— des Ehr⸗ geizes— als Sieger hervorgegangen war, jenes Ehrgeizes, der an die Stelle unbefriedigten Wiſ⸗ ſensdurſtes getreten, mit wahrhaft dämoniſcher Macht von des Jünglings ganzem Seelenleben Beſitz ge⸗ nommen. Die Liebe allein, eine reine edle, dem Weſen der Gottheit entſtammte Liebe konnte, ſo Frick, d. opfernden Götter. II. 10 146 lange ihre Beſeligung dauerte, den Stürmen gebie⸗ ten, welche unter den Verhältniſſen, in die ſein Mißgeſchick Lothar gebracht, bei ſeinem männlich feſten Charakter, bei ſeinem unbeugſamen Willen für das Rechte, nothwendig in jener Selbſtvernich⸗ tung enden mußten, die der höchſte Ausfluß der Sittlichkeit iſt. Der hier auf elendem Lager im feuchten dumpfigen Kerker langſam dahin ſterbende Kämpfer für ſeine Ueberzeugung hätte ja nur wollen dürfen, um mit Anſehen und Macht überhäuft, dem Gipfelpunkt ſeiner Wünſche von Stufe zu Stufe zuſchreitend leben zu können. Er hätte nur wollen dürfen, um den ſo lange vergebens nachge⸗ ſtrebten Lebenszweck nun endlich doch erreicht zu haben. Allein er ſtarb lieber auf dem verfaulten Stroh, das ſeinen brennenden Kopf wahrlich nicht ſybaritiſch bettete, als den Schritt zu thun, für deſſen gewünſchten Erfolg doch ſeine und ſeiner engelreinen Doris Kirche die vollgiltigſte Abſolution nicht allein, ſondern auch Anerkennung und Ehre vollauf geſpen⸗ det haben würde. Da war alſo wiederum ein Fall, wo die höhere Berechtigung der innern Ueber⸗ zeugung gegen das von außen her aufgedrungene Kirchengeſetz, wo die Freiheit des ſelbſtſtändigen 147 Geiſtes gegen die prieſterliche Bevormundung ſieg⸗ reich ſich geltend machte, ein Fall, wo das rein Menſchliche das kirchlich Doktrinaire, wo die geſunde Natur des innern Rechtsgefühls die künſtliche Com⸗ bination von Recht und Unrecht danieder beugte, wie David den ſtolzen Goliath.— Cöleſtin mochte vielleicht kaum eine halbe Stunde geſchlummert oder von ſeinen beglückenden Viſionen umfangen träumend geruht haben, als die Riegel und Schlößer des Gefängniſſes abermals klirrten, und eine Pater Jouven ſowohl als auch dem Ge⸗ fangenen ganz unerwartete Erſcheinung auf der oberſten Stufe ſich zeigte. Der Pater Provinzial ſchritt langſam und zögernd, gleichſam nur mit Widerſtreben einer höhern Macht gehorchend, die Treppe herab auf Cöleſtins Lagerſtätte zu. Sprach⸗ los ſchauten Beide, der Gefangene und der Ver⸗ treter des ſtarren Prinzips, dem jener Unglückliche zum Opfer gefallen, einander Aug' in Auge und Pater Jouven ſchwelgte gleichſam in der Wahrneh⸗ mung, daß ſein Vorgeſetzter dem Lager des hinge⸗ opferten Freundes nicht ſo weit ſich zu nähern wagte, daß Jener ihn mit der Hand hätte erreichen können. G 10*½ Endlich brach Cöleſtin zuerſt das dumpfe be⸗ deutungsvolle Schweigen. Er ermuthigte den Pro⸗ vinzial näher zu treten und betheuerte, daß er, an den Pforten des Jenſeits ſtehend, mit einem Herzen voll Verſöhnung Aller derer gedenken werde, die er in dieſer Zeitlichkeit zurücklaſſe. Ein Zeichen mit der Hand entfernte Pater Jou⸗ ven, ſo wie Cöleſtin zu ſprechen begann, aus dem Gefängniß. Dann näherte ſich Pater Bonifaz immer noch ſchweigend und wie es ſchien mit einem ſchwe⸗ ren Entſchluſſe kämpfend der Leidensſtätte des hel⸗ denmüthigen Dulders.- „Ich komme nicht mehr als Vorgeſetzter, mein Pater Cöleſtin,“ begann der Provinzial endlich zu ſprechen.„Als Freund und Berather zwar, doch namentlich und vor allen Dingen als Abgeſandter unſers Ordensgenerals ſtehe ich vor Ihnen und ver⸗ kündige Ihnen die Freiheit unter der Bedingung des Ausſcheidens aus dem Orden. Sie ſind untüch⸗ tig befunden worden, ein wahrer Jünger des hei⸗ ligen Loyola, ein Streiter für unſere erhabene Kirche dergeſtalt zu ſein, daß neben dem Ruhm und der größern Verbreitung dieſer hochgelobten Mutterkirche kein anderer Gedanke an weltliche Rückſichten auf⸗ 149 kommen darf. Eines aber,— mein abirrender Bruder in Chriſto— Eines thut Noth, Ihnen in die Seele zurückzurufen: Das Gelübde unverbrüchlichen Schwei⸗ gens, um es in ſeiner vollen Kraft zu erhalten: die vom Ordensgeneral Ihnen für die Dauer Ihres ganzen Lebens zur Pflicht gemachte Wiederholung des fünften Exercitiums*). Der Menſch an und für ſich, und namentlich der aus Gott geweihter Einſamkeit in das Weltleben zurückkehrende Menſch iſt viel zu tief an die Weltlichkeit dahin gegeben, als daß nicht ohne Meditation auch des ſtärkſten Willens Kraft und mit ihm ſeiner Seele Heil zu Grunde gehen ſollte. Stärkere Schnitte müſſen dieſe lüſternen Bande löſen; der Blick des Uebenden muß über das Grab in die furchtbare Nähe des ewigen Richters gehen; die Seele muß,— mag ſie wollen oder nicht— durch die Wüſte der Ewigkeit. Sie aber, mein armer Pater Cöleſtin, müſſen, um der Wie⸗ dervereinigung mit Ihrer verklärten Himmelsbraut theilhaftig zu werden,— ſei es nun als Kloſterbru⸗ der, ſei es als weltlich Büßender— ſo lange es Gott gefällt, dieſe irdiſche Büßungszeit zu verlängern, als *) Die Betrachtung über die Hölle. 150 Uebender für den Eintritt in die ewige Heimath ſich betrachten. Die Gefahr aber und die Schrecken, welche uns am ſicherſten drohen, in das Auge zu faſſen, iſt der alleinige Weg ſie zu vermeiden. Un⸗ ermüdlich im gemeſſenen Ablauf der Stunden,— Tag und Nacht— ſchreite die Meditation, den Geiſt tief hinab durch Tod und Gericht zur Hölle führend, in ihrer unabweisbaren Nothwendigkeit fort. Unſer Geiſt ſchaue und greife dieſe Hölle mit ſinnlichem Auge. Wider Willen weide er ſich an ihren Qualen, damit ihn, wenn die Vergeſſenheit der göttlichen Liebe ihn erfaſſen ſollte, die Furcht vor der Höllen⸗ ſtrafe den abtrünnigen Sinn bändige.*) Warum ſchließen Sie die Augen, mein Pater, vor dem Bilde der Wahrheit und Nothwendigkeit, das ich Ihnen da mit meiner ſchwachen Beredſamkeit aufgerollt?“ Es ſcheint eine Ohnmacht, ſprach der geiſtliche Zelot näher noch zu Cöleſtins Lager tretend leiſe vor ſich hin, und ich gab mein Wort, ihn hier nicht ſterben zu laſſen.. Der Gefangene kehrte auch bald zum Bewußt⸗ *) Eigene Worte des Jeſuiten Buß über das fünfte Exercitium. „Die Geſellſchaft Jeſu.“ Mainz 1853. 15¹ ſein zurück, und lehnte nun ſeiner Seits das An⸗ erbieten des Provinzials, ihm eine reinliche bequeme Wohnung anweiſen, und einen Arzt ſchicken zu wollen, mit ruhiger Feſtigkeit ab. Er fühle, verſicherte er voll heiterer Zufriedenheit, den Tod an ſeinem Her⸗ zen und wolle in dieſem Kerker, der ſeine Leiden, aber auch ſeine geiſtige Erlöſung geſehen, den er⸗ ſehnten Befreier freudigen Herzens erwarten. Der einzige Wunſch für die wenigen Tage, welche er noch zu leben habe, erſtrecke ſich auf die Geſellſchaft ſeines Freundes in der Eigenſchaft eines Beicht⸗ vaters. „Und haben Sie,“ fuhr Pater Bonifaz nach einer Pauſe gegenſeitigen Schweigens in ſeiner Rede fort,„haben Sie mit chriſtlicher Glaubensfreudig⸗ keit und Glaubensmuth allen Ihren Feinden ver⸗ ziehen?“ „So wahr ich ſelbſt auf die Vergebung meiner Sünden durch Gottes und meines Erlöſers Gnade hoffe,“ war Cöleſtins Antwort. „Mich bindet ein Gelübde, Ihnen über den Tod Ihrer früheren Verlobten eine Mittheilung zu machen, der Ihre moraliſche Kraft vielleicht doch noch unterliegt,“ nahm der Provinzial wieder das 15² Wort.„Prüfen Sie ſich noch einmal, ob Sie ſo gänzlich Herr Ihrer Leidenſchaft ſind, daß Sie nach Anhörung der vollen Wahrheit, die ich Ihnen ge⸗ ben werde, mit einem von unchriſtlichem Groll freien Herzen vor Gottes Richterſtuhl treten möchten.“ Und nun begann der Provinzial eine Erzäh⸗ lung, die mit der feurigen Beredtſamkeit jeſuitiſcher Sophismen den Tod der lieblichen Doris ganz un⸗ verhehlt als Nothwendigkeit für einen höheren Zweck, zwar nicht beabſichtigt, ſondern als göttliche Fügung, die dem beabſichtigten Kloſtergelübde vorgegriffen, proklamirte. „Um Sie dem Orden zu gewinnen, um dieſen regen Feuergeiſt, der nach Gottes ewigen Rathſchluß Ihre ſterbliche Hülle belebt, für unſere heiligen Zwecke verwenden zu können,“ erklärte Pater Boni⸗ faz ſchließlich,„war das Leben einer ohnedieß mehr für den Himmel als für die Erde erblühten Mäd⸗ chenblume wahrlich nicht zu koſtbar. Ihre Seele, die dem himmliſchen Bräutigam inniger ſich er⸗ ſchloſſen, als dem irdiſchen, den ſie freudigen Her⸗ zens jenem geppfert, ihre reine jungfräuliche Seele iſt den unendlichen Freuden des Jenſeits gerettet und iſt der endloſen Qual des Gedankens, einen 1⁵³ Sterblichen mehr zu lieben, als ihren Erlöſer, durch den freundlichen Todesengel enthoben worden. Nicht gegen jene holde, glückſelige Büßerin verdient das Verfahren des Ordens ein grauſames genannt zu werden, denn ſie hat geliebt mit der aufopfernden Liebe einer reinen Jungfrau und iſt geſtorben für den Erwählten ihres Herzens, deſſen glückliche und beglückende Gattin, wie dieſes ſeltene Mädchen nun einmal war, ſie niemals hätte werden können. Auch Sie, lieber Cöleſtin, mußten erſt durch dieſe Liebe zu einem ſo reinen Weſen, als Ihre Verlobte es war, geläutert, Sie mußten durch die zeitliche Trennung von ihr mit Sehnſucht nach der ewigen Vereinigung erfüllt werden. Sie waren, ehe Doris' Liebe den Geiſt unchriſtlichen Zweifels aus Ihrem Herzen gebannt, ein ſchönes, kryſtallnes Gefäß voll heidniſchen Wahnes, das erſt von Unrath geſäubert und zur Faſſung des ewigen Manna, das wir hinein fließen zu laſſen hofften, würdig vorbereitet werden mußte. Doris von Hartenſtedt würde, wenn der Rathſchluß des Ewigen nicht anders darüber be⸗ ſchloſſen, in dem Kloſter der Eliſabethinerinnen für Ihre Befreiung von ungläubiger Zweifelſucht und für Ihren Sieg als Streiter unſer heiligen Kirche 154 voll demüthig frommen Herzens gebetet haben, das hatte ihre keuſche Lippe gelobt.“ Ein geller Aufſchrei der Verzweiflung unter⸗ brach die wahrſcheinlich unfreiwillige Beichte des Jeſuiten. Cöleſtin verbarg, weinend wie ein Kind, ſein Geſicht in beide Hände und überließ ſich dem ganzen Schmerze der Erinnerung und namentlich dem Schmerze des Gedankens, daß er Doris ſchon verloren, daß ihr Herz ihm ſchon abgekehrt geweſen, noch ehe der Todesengel mit ſeiner kalten Lippe ſie berührt. Plötzlich aber verſiegten ſeine Thränen. Eine ungewöhnliche, bei der körperlichen Siechheit des Jünglings wahrhaft dä⸗ moöniſche Kraft kehrte in ſein Auge zurück. Er erhob ſich von dem feuchten Lager, und ſtand rieſengroß vor dem erbleichenden Prieſter. Dann rief er, die Hand wie. beſchwörend vor ſich hinſtreckend, auf den Pro⸗ vinzial, auf den ganzen Orden und den weltbeherr⸗ ſchenden Zweck des Jeſuitismus den ſchwerſten Zorn und die ewige Rache Gottes herab. „Und mit dieſem Herzen voll hölliſcher Rach⸗ ſucht wollen Sie ſterben?“ rief Pater Bonifaz, wie es ſchien mehr von Cöleſtin's augenblicklicher Auf⸗ regung, als von den heraufbeſchworenen Phanto⸗ men des Unglücklichen geängſtigt.„Iſt das die — 15⁵ chriſtliche Verſöhnlichkeit, womit Sie Ihren Fein⸗ den verzeihen?— Iſt das die Vorbereitung auf das Jenſeits, an deſſen Schwelle eine zur Heiligen verklärte Dulderin Sie erwartet?— Dem Lichte ſteht als Gegenſatz die Finſterniß, dem Himmel die Hölle zur Seite, und wohin der Fluch, der eine zum Tode erbleichende Lippe entweiht, führen muß, das ſage Ihnen Ihr eigenes Gewiſſen.“ Lothar näherte ſich, als Jener ſchwieg, mit feſtem Schritte ſeinem Vorgeſetzen. Er reichte ihm die Hand und ſprach mit klarer von keiner Bebung erſchütterten Stimme: „Ich verzeihe Ihnen wie Allen, die meine Feinde waren oder es noch ſind. So lange mir Gott das Leben noch friſten wird, will ich zu ihm beten, daß er Ihr Herz auf den Weg der Wahr⸗ heit und beſſerer Erkenntniß leite, damit die Stunde des Todes Ihnen keine ſchreckhafte ſei.“ Der Provinzial verließ ohne ein Wort der Erwiederung und mit der Haſt eines vor Geſpen⸗ ſtern Fliehenden das Gefängniß. Gleich nach ſeiner Entfernung kehrte Pater Jouven zu dem Freunde zurück, deſſen letzte Beichte die Unterredung mit dem Provinzial zum Gegenſtand hatte. Kaum aber war 15⁵⁶- ſie beendigt, ſo ſank Lothar, vom Hauche des Todes berührt, in die Arme ſeines Freundes. Noch einige unzuſammenhängende Worte ſtar⸗ ben mit ihm auf der erbleichenden Lippe, Worte und Namen, die auf das Schauen einer jener glän⸗ zenden Viſionen ſchließen ließen, wie ſie von Doris himmliſcher Erſcheinung verklärt, während der gan⸗ zen Zeit ſeiner Gefangenſchaft, das Glück des hin⸗ geopferten Jünglings geweſen waren. „Noch befand ſich v. W.“ ſo lautet der Schluß jener Broſchüre, die dem vorliegenden Romane zum Grunde gelegt iſt,„noch befand ſich v. W. in der Gefängnißzelle des dahingeſchiedenen Freundes, als ihn ein Bote zum Pater Provinzial beſchied. Dieſer ſchien es zu bereuen, dem jungen Profeß die Erlaubniß zum Beſuche des Gefangenen ertheilt zu haben, da er mit Recht Cöleſtin's vollſtändige Beichte fürchten mußte. Allein vergebens forſchte Pater Bo⸗ nifaz, ob ſeine Furcht gegründet und die kurze Zeit des Beiſammenſeins der Freunde ſchon die verderbliche Frucht einer gefährlichen Entdeckung gezeitigt haben 157 möge. v. W. war an Lothar's Sterbebett zum ent⸗ ſchloſſenen, die Waffen der Verſtellung mit Meiſter⸗ hand führenden Manne gereift. Er täuſchte den grei⸗ ſen Provinzial ſo gewandt und ſicher, daß dieſer wie ein rathloſes Kind dem erſt dreißigjährigen Jüngling gegenüber ſtand. „Allein von dieſem Tage an war W. Pater Bo⸗ nifaz' heimlicher und endlich ſein offener Gegner und nur der Schwachheit eines leicht bethörten Menſchen war es ſpäter zuzuſchreiben, daß das Collegium in F. eine drohende Kataſtrophe überſtand, die das gewaltige Gebäude des Jeſuitenordens in ſeinen unterſten Grund⸗ feſten erſchüttert haben würde. Das Mißlingen der⸗ ſelben trieb den Pater v. W. mit mehreren andern Verſchworenen nach Amerika.“ Der Gegner eines ſo mächtigen Feindes, als der vielvermögende Provinzial des Freiburger Jeſuiten⸗ collegiums es natürlich ſein mußte, bedurfte aber doch auch ſo ungewöhnlicher als namentlich unſichtbarer Waffen, und woher dieſe dem armen unbedeutenden Pater Jouven möchten in die Hände geſpielt wor⸗ den ſein, blieb Allen ein Räthſel, welche den Rie⸗ ſenkampf, den der junge Profeß unternahm, zu be⸗ 158 obachten Gelegenheit gehabt. Den Spionen jenes düſtern ſtolzen Palaſtes, wo dem Moloch des ſtar⸗ ren Gehorſams ſo mancher kräftige Geiſt zum Opfer gefallen, den Spionen des Jeſuitencollegiums war aber doch ein kurzes Zwiegeſpräch im Düſter eines naßkalten Herbſtabends auf der kleinen hölzernen Brücke, welche über die Waſſerleitung hinweg füh⸗ rend das Penſionat mit dem Erziehungshauſe in Verbindung bringt, ein kurzes aber in ſeinen Fol⸗ gen inhaltſchweres Zwiegeſpräch des Pater Jouven mit dem Pater Klausner der Magdalenen⸗Eremitage, damit aber jedenfalls der Schlüßel des Geheimniſſes verloren gegangen, welches den Provinzial in die Hände eines furchtbaren, jedem etwaigen Vergif⸗ tungsverſuche unzugänglichen Feindes gab. Es ſcheint dieſes wunderbare, von dem Einſiedler dem Pater Jouven mitgetheilte Geheimniß von dieſem zum Sturze des Provinzials auch benutzt, ganz zuver⸗ läßig jedoch ohne irgend welche Mittheilung mit hinüber in die neue Heimath genommen worden zu ſein. Ein dunkles Gerücht, das ſich 1848 bei dem Erſcheinen des Tagebuchs eines Luzerner Jeſuiten unter den Mitwiſſenden jener Freibur⸗ ger Ereigniſſe verbreitete, daß nämlich eine theil⸗ weiſe Vergangenheit des Pater Bonifaz unter ver⸗ änderten Namen und Jahreszahlen von Pater Jou⸗ ven dort niedergelegt worden ſei, dieſes flüſternd umlaufende Gerücht hat wenigſtens von Warren⸗ berg ſelbſt keine weitere Beſtätigung gefunden. —— Hechstes Capitel. Nur eine Tänzerin. Die Erdenwelt iſt eitel Schein Und Thoren nur ſie loben; Ob Glück Dir lacht, ob Thränen Dein, Trug iſt die Freude, Trug die Pein, und Wahrheit nur dort oben! So wandern wir durch's Jammerthal, Von Stürmen wild umſchnohen, Des Geiſtes Blitz, des Wiſſens Strahl Beleuchten nur die Erdenqual— Und Ruh' iſt nur dort oben! Th. Moore's„Heilige Geſänge.“ Vor dem Rathhauſe, auf einem ohnedieß durch die alte Zähringer Burg geſchichtlichen Boden, be⸗ findet ſich noch eine der ſchönſten, die großherzige Einfachheit ſchweizeriſcher Empfindungsweiſe in we⸗ nigen Erinnerungsſagen charakteriſirende Zierde der Stadt, eine alte prächtige Linde. Sie wurde— ſo 161 lautet die Ueberlieferung,— 1476 zum Gedächtniß an die Murtner Schlacht gepflanzt, und wird als ſtummer Zeuge eines der ſchönſten Siege, die Frei⸗ burg gefeiert, in frommer Dankbarkeit gegen den Lenker aller Völkerkämpfe verehrt. Nach der Schlacht bei Murten— ſo berichtet die Freiburger Chronik — kam ein junger Schweizer mit Blut und Staub bedeckt in die Stadt und ſeine keuchende Bruſt hatte, ehe er beſinnungslos zu Boden ſtürzte, nur noch ſo viel Athem, das glückſelige Wort„Sieg“ aus⸗ zuſprechen. Den grünen Lindenzweig, den er von weitem ſchon über ſeinem Haupte geſchwenkt, pflanzte man, ſo wie er der Hand des zum Tode erſchöpf⸗ ten Jünglings entfallen, auf heimathlichen Boden und aus jenem Zweige erwuchs die ſo viele Gene⸗ rationen überdauernde Linde, unter deren breitem Geäſt gar manche das allgemeine Wohl und die höchſten Intereſſen der Stadt oder des Vaterlandes beſprechende Verſammlung ſchweizeriſcher Männer zuſammengetreten iſt. Dieſe Linde— ſo erzählt die Chronik ferner— iſt ein ſo hoch gehaltener Gegen⸗ ſtand allgemeiner Verehrung, daß bei einer großen Feuersbrunſt im ſechszehnten Jahrhundert die Frei⸗ burger ihre Häuſer brennen ließen, und ſich wie Frick, d., opfernden Götter II. 11 auf Commando um die Linde zu Rettung jenes ſchweizeriſchen Ruhmes ſchaarten. Jedes Kind kennt und erzählt Euch von dem ſtolzen Tage, da ihre Wurzel in die Erde geſenkt ward, und Mann wie Greis ehren in ihr nicht allein das ſo ſchön gedie⸗ hene Denkmal der Nationalehre, ſondern auch— den Regulator der wechſelnden Jahreszeiten. Kein Freiburger legt die winterliche Kleidung ab, bis das prächtige Gezweig der Linde nicht mit dem jungen Grün des Frühlings ſich ſchmückt, und mit ihren ſinkenden Blättern iſt Freiburgs Einwohner⸗ ſchaft auch ihrer ſommerlichen Gewänder wieder entkleidet. So war es von je her und ſo war es auch heute noch, als unter den erſt wieder knospenden Zweigen des ſtattlichen Baumes, die Vorübergehen⸗ den kaum beachtend, ein junges Mädchen in ſchwarz⸗ wollenem Kleide nach deutſchem Schnitt, das ge⸗ ſenkte Köpfchen mit einfachem Strohhute bedeckt, auf und ab ging. Sie ſchien irgend eine Nachricht, ein Rendezvous vielleicht, doch ein glückverheißen⸗ des wohl kaum, zu erwarten, denn die Frühlings⸗ ſonne dieſes ſchönen Tages ſpiegelte ihren Glanz in kein helles Auge. 16³ Da trat eine weibliche Geſtalt auf die har⸗ rende zu, deren Aeußeres ein ſeltſames Gemiſch von Kloſter⸗ und Welttracht, doch die meiſte Aehnlich⸗ keit mit der Kleidung einer Urſulinerinnen⸗Novize hatte. Sie übergab der jungen Deutſchen ein zuſam⸗ mengefaltetes Blatt und trat, damit ſie ungeſtörter leſen könne, einige Schritte von ihr zurück. „Verſöhnt mit ſeinen Feinden,“ ſo las Hen⸗ riette, die wir in der Trauernden wiederfinden, „verſöhnt mit ſeinen Feinden ſtarb Lothar. Will ſeine Schweſter, will das treue, großmüthige Herz, das bis zum Tode des Geliebten über ihn ſich ſelbſt vergeſſen konnte, will ſie einer Sterbenden, die ſie einſt Schweſter genannt, den letzten Troſt ihrer Ver⸗ zeihung verſagen?— Lothars Vermächtniß an Hen⸗ riette it Milde und Verſöhnung. Tritt ſein Erbe an, Du edle aufopfernde Seele, und laß' mich noch einmal Dich ſehen und ſprechen. Die Ueber⸗ bringerin dieſer Zeilen wird Dich zu mir geleiten.“ Henriette wandte ſich, als ſie das Blatt zu⸗ ſammengefaltet, nach der Fremden, die jetzt wieder näher trat.„Iſt es weit von hier,“ fragte ſie nicht ohne leiſe aufſteigendes Mißtrauen,„wohin ich Ihnen 11* 164 folgen müßte, wenn ich(ſie konnte das Wort„Schwe⸗ ſter“ nicht über die Lippen bringen) wenn ich die Schreiberin dieſer Zeilen finden wollte?—“ „Kaum hundert Schritte,“ lautete die Antwort, „da drüben in dem breiten drei Etagen hohen Hauſe mit dem Altan werden wir ſie finden.—“ „Dieſen Brief,“ fuhr Henriette nach einer klei⸗ nen Pauſe in ihrem Fragregiſter fort,„deſſen feſte Schriftzüge ich gar wohl kenne, ſchrieb keine Todt⸗ kranke; wozu alſo das frevelhafte Gaukelſpiel mit dem letzten Ziele des Lebens, um mich zu einem Gange zu beſtimmen, den ich gerade herausgeſagt nur mit Widerſtreben thue?—“ „Nicht eine Todtkranke, mein edles Fräulein,“ erwiederte die geiſtliche Schweſter,„wohl aber eine der Welt und dem Leben Abſterbende werden Sie finden. Morgen ſchon tritt Frauz Wolfgang, wie ſie ſagt, um eine ſchwere Vergangenheit abzubüßen, in das Kloſter der heiligen Urſula. Gott ſchenke ihr den Frieden, der jeder Seele Noth thut und der doch hienieden in dem Getümmel des Weltlebens ſo gar nicht erjagt werden kann. Zum Frieden aber bedarf es vor Allem der Verſöhnung mit unſern 165 Feinden und der Verzeihung Derer, die wir gekränkt, ſonſt iſt keine Mauer heilig und kein Grab tief ge⸗ nug, um eine frevelnde Vergangenheit darein zu verſenken. Gewähren Sie die Bitte der armen Büße⸗ rin, damit Gott in Ihrer letzten Stunde die Er⸗ innerung an die heutige als Troſtengel an Ihr La⸗ ger ſenden kann.“ „Eberhardine konnte, um mich zu ſprechen, den geraden Weg wählen,“ wandte Henriette nur wenig noch ſchwankend ein.„Sie konnte zu mir kommen, konnte dieſen Brief, den ſie mir jetzt erſt durch Sie übergeben läßt, mir ſogleich ſchreiben, das hätte mein Vertrauen erweckt und wäre doch offenes Viſir gewe⸗ ſen. Statt deſſen erhalte ich ein geheimnißvolles Bil⸗ let, das mich hierher beſcheidet, um— den letzten Willen eines mir theuren Verſtorbenen zu vernehmen; das iſt ein grauſames Spiel mit der offenen Wunde meines Herzens.“ „O nicht doch, gnädiges Fräulein,“ beſänftigte die Abgeſandte Eberhardinens,„ſo wahrhaftig war es nicht gemeint. Das Vermächtniß eines edlen Tod⸗ ten iſt ja eben Liebe und Verzeihung, Milde und Verſöhnung, und dieſes Erbe antreten zu wollen, 166 fleht ja Ihre unnglückliche Schweſter auf ihren Knieen, wo ich ſie die Hände ringend in mancher ver⸗ zweiflungsvollen Stunde belauſcht. Oft hat Frau Wolfgang während Ihrer langen Krankheit, ſobald nur der Weg in die verödete Mühle nicht geradezu lebensgefährlich war, Sie beſucht, aber im⸗ mer iſt ſie von der rauhen feindſeligen Müllerin ſchnöde zurückgewieſen, einmal ſogar für den Fall der Wiederkehr ungebührlich bedroht worden. Der derbe dummdreiſte Müllerburſche hat dabei mit der Kette des zähnefletſchenden Hundes geraſſelt, und nun war es wohl Zeit davon zu bleiben.“ ..„Ich wußte davon nichts,“¹ ſprach Henriette wie mißbilligend vor ſich hin,„kann mir aber wohl die rauhe Abwehr der Frau Gertrude erklären.“ „Deshalb trug die Schweſter auch gerechtes Be⸗ denken,“ erläuterte die Fremde weiter,„ohne eine in ſolchem Falle erlaubte Liſt ihr Anliegen um ein mündliches Beſprechen dem Briefe anzuvertrauen, der doch wohl der gehäſſigen Müllerin nicht verhorgen geblieben wäre.“ „Gehen wir,“ ſagte die Koſonell jetzt raſch 167 entſchloſſen, und folgte der ſie geleitenden frommen Schweſter. Auf den Zug der Glocke öffnete ſich die Thür des ſtattlichen, in den letzten Jahren erſt und zwar in großartigem Style erbauten Hauſes, das als Eigen⸗ thum einer bekannten Patrizierfamilie Freiburgs un⸗ ter den modernen Bauten der Stadt einen nicht un⸗ bedeutenden Ruf einnahm. Henriette folgte ihrer Führerin über den Hausflur, die ſchöne breite Treppe und den langen Corridor entlang durch mehrere dü⸗ ſter gehaltene Zimmer zu einem kleinen ovalen Sa⸗ lon, wo die muthmaßliche Novize, Laienſchweſter oder Koſtgängerin des Urſulinerinnenkloſters mit geiſt⸗ lichem Gruße und mit der Bemerkung ſie verließ,⸗ Frau Wolfgang von ihrem Hierſein in Kenntniß ſetzen zu wollen. In dem Augenblicke aber, als die Thür— vielleicht mit einem im N ebenzimmer offen ſtehenden Fenſter in Verbindung gebracht— einen ungewöhnlich ſtarken Luftzug erregte, blähte ſich ein grün ſeidener, ein lebensgroßes Bild verdeckender Vorhang und ſchlug den untern Saum über den Rahmen des Gemäldes. Henriette warf einen Blick nach dem Bilde und ſo ſchuell und flüchtig dieß auch geſchah, ſo erkannte ſie doch augenblicklich in dem 168 ſprechend ähnlichen Porträt den Einſiedler in der St. Magdalenen⸗Eremitage. Nur mochte das Bild vor zehn bis zwölf Jahren vielleicht gemalt ſein, um ſo viel jünger erſchienen wenigſtens dem Auge des jungen Mädchens die ernſten und doch ſo milden Züge jener edlen Geſtalt, die in der eleganten Mode⸗ kleidung des zweiten Decenniums, mit Stern und Ordensband decorirt, aus dem reich vergoldeten Rah⸗ men herauszutreten ſchien. Noch weilte Henriettens Blick voll innigſter Theilnahme— ach er weilte mit aller Wehmuth der Erinnerung an die Stunde, als ſie dieſen Mann um Lothar's Rettung angefleht— auf dem Gemälde, nals die entgegengeſetzte Thür wiederum ſich öffnete und Eberhardine in dem Gewande einer Büßerin, die hänfene Geißel am härenen Gürtel herabhängend, auf der Schwelle erſchien. Es war ein ſchwerer Augenblick des Wieder⸗ ſehens für beide Schweſtern, die ſeit jenem myſteriö⸗ ſen Feſte im Hauſe der opfernden Götter ſich nie⸗ mals wieder begegnet. Eberhardinens Stolz, ihr von maßloſem Ehrgeiz erzeugter Frevelmuth war ge⸗ brochen wie ihre ſonſt ſo aufrechte Geſtalt. Ihr ſchönes 169 dunkles Haar war mit glanzloſem Grau mehr als zur Hälfte gemiſcht, ihr herriſcher Feuerblick erloſchen. Henriette ſah dieß Alles und empfand das ganze Chaos vielleicht unnennbarer Seelenleiden, die dieſe Geſtalt gebeugt, dieſe Stirn mit Gram gefurcht. Sie maß nach dem eigenen Herzeleid der letzten Jahre den Kummer der Schweſter, zu dem wohl vielleicht eine brennende Mahnung des Gewiſſens ſich geſellen mochte, und wenn auch nicht ganz verſöhnten, doch verzeihen⸗ den Herzens ging ſie, beide Hände ihr entgegenſtreckend, auf die Unglückliche zu. Mit einem lauten Aufſchrei ſank Eberhardine zu den Füßen ihrer Schweſter. Sie umklammerte ihre Kniee, ſchmiegte ſich wie an das Heilung bewirkende Gewand einer Heiligen an Henriettens Kleider und erſchöpfte ſich in all' jenen überſchwenglichen Kund⸗ gebungen des Schmerzes und der Reue, wie ſie in den von Natur ſtarren Gemüthern am verheerendſten dann hervorbrechen, wenn dieſe haltloſe Schutzmauer verkehrten Eigenwillens endlich geborſten iſt. In dem Herzen der bejammernswerthen Frau war es nun Tag— es war ſonnenheller aber ſchrecklicher Tag geworden. Das Licht, das ihr gekommen, beſchien 170 keinen Friedhof— nur eine Schädelſtätte. Von ihrem eigenen Ich geängſtigt, floh ſie zu der Mär⸗ tyrerin, die im höchſten Glanze weiblicher Schönheit, im Glanze der Liebe— der entſagenden und doch bis zum Grabe getreuen— der duldenden und verzeihenden Liebe vor ihr ſtand. Und dieſem Glanze eines verklärenden Märtyrerthums— dieſer helden⸗ müthigen Liebe, wie ſie als Madonna für die Religion des Herzens das irdiſche Daſein mit den Polen der Unendlichkeit verknüpfend in ihrer irdiſchen Erſchei⸗ nung nur in dem Weibe ſich offenbart— die ſer Ausſtrahlung der Gottheit gegenüber fühlte ſich Eberhardine als den finſtern Dämon der Verneinung, des Zweifels, der Abläugnung des Idealen in der Zeitlichkeit. Henriette faßte ſich zuerſt. Sie fand in ihrer natürlichen Gutherzigkeit von ihrem weiblichen Zart⸗ gefühl geleitet den rechten Weg der Annäherung an die im Grunde des Herzens ihr doch entfremdete Schweſter. „Laß' uns der Verzangenheit mit keinem Worte gedenken,“ ſagte ſie, die bleiche, wie vom Todes⸗ hauch berührte Frau vom Boden erhebend und ſie 171 zum Sopha führend.„Wir wollen in dieſer Scheide⸗ ſtunde, die vielleicht eine für's Leben ſein kann, noch einmal Hand in Hand zuſammenſitzen wie Schweſtern, die unter den Augen der Aeltern ſich denken, und wollen von der Zukunft ſprechen. Ueberlege Dir den Schritt, den Du thun willſt, doch recht reiflich, denn ihn bereuen wäre ſchrecklich. Du biſt nicht arm, Eberhardine. Du könnteſt in ländlicher Abgeſchieden⸗ heit mehr Segen um Dich verbreiten, mehr Thränen des Dankes ernten, als hier— hier hinter dieſen Kerker⸗ und Grabesmauern, die wie zum Hohne Gottes und ſeiner herrlichen Natur der eingeborenen Freiheit des Menſchen ſpottend erbaut ſind. Auch ich, — ach, es iſt ſo ſchwer, mit blutenden Herzen von der Wunde zu ſchweigen, der es entquillt— auch ich meinte dieſe Gegend, wo ich ſein Grab weiß, niemals verlaſſen, niemals meinen Schmerz ſo weit beherrſchen zu können, um in die Welt, die mit ihrem gleichgiltigen Treiben mich anekelt, zurückzu⸗ kehren, und doch reiſe ich ſchon in den nächſten Ta⸗ gen nach Deutſchland zurück, um den neuen Pflich⸗ ten, die ich übernommen, nun auch, ſo viel es in vc. meinen Kräften ſteht, zu genügen.“ 172 „Du willſt Freiburg, willſt mich, willſt dieſen Boden ſeiner Leiden und ſeines Heldenſieges wirk⸗ lich verlaſſen?“ fragte Eberhardine mit einem Aus⸗ druck des Jammers, der durch das weiche Herz der Schweſter ſchnitt.„Ich ſoll alſo nach Gottes ewi⸗ gem Rathſchluß als Buße meiner Sünden auch dieſe letzte Hoffnung noch begraben?“ „Dieſe letzte Hoffnung?“ wiederholte Henriette in fragendem Tone,„ich weiß nicht, was Du damit meinſt.“ Es entſtand eine Pauſe, da Eberhardine erſt Muth zu ſchöpfen und nach den rechten Worten für das, was ſie ſagen wollte, zu ſuchen ſchien. „Welche Pläne haſt denn Du für Deine Zu⸗ kunft?“ fragte ſie dann ſtatt der erbetenen Antwort zurück. „Die Fürſtin ns iſt Witwe geworden und hat mir in ihrer ländlichen Abgeſchiedenheit ein Aſyl eröffnet, das ich mit Dank angenommen. Für ſie ſtarb er. Ich kann meinem Daſein keinen edleren Zweck geben, als für die hohe, edle Frau, die ihm Mutter, Freundin und Schweſter war, zu leben.“ 173 „Das iſt ein Irrthum Deines guten Herzens,“ nahm die Wolfgang, ſowie Henriette ſchwieg, haſtig das Wort.„Du biſt nicht geſchaffen, in höfiſcher Abhängigkeit, wenn auch von der Fürſtin nicht, ſo doch von ihrem adeligen Hofſtaate, zu vegetiren und einen Modeartikel des höheren Geſellſchafts⸗ lebens, ein Mittelding zwiſchen Geſellſchafterin und Domeſtike, einen Prunkaufſatz für die noblen Ge⸗ ſinnungen Deiner hohen Gönnerin abzugeben. Nennſt Du das eine ſelbſtſtändige Exiſtenz?“ „Ach,“ ſagte Henriette in tiefſter Wehmuth, „ich werde mit der Fürſtin von Lothar ſprechen kön⸗ nen, ich werde von ihm erzählen hören und meine Trauer getheilt ſehen; welch' anderes Glück könnte ich denn in dieſer ausgeſtorbenen Welt noch er⸗ warten.“ „Den Segen künftiger Generationen.“ Die Koſonell lächelte bitter, faſt verächtlich. Offenbar mißverſtand ſie ihre Schweſter, was dieſe jedoch nicht zu bemerken ſchien. „Der Hauptzweck des Ordens der heiligen Ur⸗ ſula iſt die Heranbildung der weiblichen Jugend,“ fuhr Eberhardine in ihrer Rede fort,„und nun über⸗ 174 lege ganz unparteiiſch, welch' ein reicher Wirkungs⸗ kreis ſich Dir eröffnen könnte, wenn Du, abgekehrt von den täuſchenden Freuden dieſer Welt, wie Du es nun doch einmal biſt, den Frieden dieſer ſtillen, aber nicht in Müßiggang verſumpfenden Einſamkeit mit uns theilen wollteſt. O Henriette, ich wollte mehr als Deine Schweſter, ich wollte Deine Dienerin, wollte die allezeit fertige Hand ſein, die Deinen Wün⸗ ſchen die That folgen ließe, denn nur durch Dich, nur durch Sühnung meiner Schuld, ſoweit dieſe Sühnung möglich iſt, kann die Ruhe in mein quä⸗ lendes Gewiſſen zurückkehren— nur Du kannſt die Brandwunde meiner Seele mit dem Balſam Deines Troſtes kühlen.“ „Du forderſt das Unmögliche von mir,“ ver⸗ ſetzte Henriette, die Schweſter, die ſich ihr wiederholt zu Füßen geworfen, in ihre Arme nhfa„Habe Mitleid auch mit mir, wie mit Dir ſelbſt, und ge⸗ denke der namenloſen Leiden, die ich hier erduldet. Ich kann in kein Kloſter mich einſchließen, und wenn ich es könnte, hier auf dieſem unheilvollen Bo⸗ den des Jeſuitismus am wenigſten. Mir iſt, als ver⸗ höhnte ich Gott mit dieſer religiöſen Ueberhebung über meine Mitmenſchen, mit dieſem Kaſtengeiſt, der 175 für ſeine Exkluſiven mehr will als Beten und Arbei⸗ ten, weil er auch ſeinen Lohn dort jenſeits danach abmißt. Soll ich anbetend oder heuchelnd unter die⸗ ſelbe Hand mich beugen, die in Doris reines Leben das Kreuz des Märtyrerthums pflanzte und langſa⸗ mer aber qualvoller den edlen Jüngling hinopferte, deſſen Herz mit dem ihren verwachſen war?— Soll ich mich demüthigen, wo ich— Gott verzeih' es mir, aber ich kann nicht anders— wo ich verachte und der Hand fluche, die mit kraftloſem Segen auf meinem Haupte ruhen würde? Der Geiſt, der hier waltet, erſchreckt mich, ſtatt Frieden meinem gequälten Her⸗ zen zu bringen— ich bitte, laß' uns davon ab⸗ brechen.“ „Entſetzlich, o enkſetzlich!“ jammerte Eber⸗ hardine die Hände ringend.„Ich kann Dich nicht widerlegen, ich kann nichts als Dir ſchwören, daß ohne Dich dieſes gottgeweihte Aſyl mir qualvoller als das Fegefeuer ſcheint und daß ich ihm doch nicht entfliehen kann, zöge auch ein Engel den Weg mir zeigend voran?“ „Armes Weib!— binden Dich denn ſchon Gelübde?“ 176 „Mehr denn Eines, und die unverbrüchlichſten gab ich mir ſelbſt und nahm Gottes Majeſtät zum Zeugen.“ „Darfſt Du ſprechen, ſo erleichtere Dein Herz und erkläre mir das mannigfach Dunkle in Dei⸗ nem Leben. Vielleicht verfährſt Du ſelbſtquäleriſcher gegen Dich als Gottes unerſchöpfliche Milde und Güte es von den Menſchen verlangt.“ Die Unglückliche bewegte verneinend den Kopf. „Meine Zunge iſt durch ſchreckliche Gelübde des Schweigens gebunden,“ ſprach ſie tonlos vor ſich hin. Und wäre das auch nicht, ich würde durch meine Geſtändniſſe vielleicht noch ſtrafbarer in Deinen Augen erſcheinen, als ich ohnedieß es bin. Mein er⸗ ſtes Unglück war die frühzeitige Verachtung der Män⸗ ner, die in ihrer jetzigen Entartung dieſen Namen nicht mehr verdienen; mein zweites— daß ich als Weib meine Beſtimmung verfehlt, daß ich niemals eine liebende und geliebte Gattin, daß ich namentlich nicht Mutter war. Wohin mit dem heißen Drange des Herzens, das etwas doch mit aller Gluth der Seele, mit aller Begeiſterung unſerer ſchöpferiſchen Phantaſie zu umfaſſen begehrte, wenn nicht an das 177 Herz eines Mannes, der dieſe Gluth der Empfindung, die er niemals theilt, doch wenigſtens nicht verſpotte — oder— zur Wiege des Kindes?— In die Hallen der Kunſt oder— in das Wirrſal der In⸗ trigue. Ich gehörte nicht zu jenen glücklichen Frauen, die im Nichts der ſchaalen Converſations⸗ arbeit, die ſie Freundſchaft nennen, einen Erſatz für die Leerheit ihres Herzens finden, nicht zu jenen, die im geſchäftigen Müßiggang der vergeudeten Zeit ein ſtilles Wohlbehagen emfinden, auch nicht zu jenen, die im ſtillen Dulden eine giltige Anweiſung auf den Himmel dahin nehmen. Ich kämpfte gegen mein Miß⸗ geſchick wie der Schwimmer gegen den ſeinen Kräften überlegenen Strom, bis— die gewaltige Woge mich verſchlang. Das Qu'en dira-t-on, jener erbärm⸗ liche Götze unſerer Zeit, der das Weib zur Heuch⸗ lerin, den Mann zu einem muthloſen, den Lebens⸗ genuß im Schlamm der Gemeinheit ſuchenden Feig⸗ ling gemacht— dieſer lebloſe Abgott, den die fana⸗ tiſche Eitelkeit der Menſchen auf den Thron geſetzt, ward auch mein Richter. Ich beugte mich ſeinem Spruche und ward dafür in die Myſterien eingeweiht, durch welche ſeine Bekenner in den Schatten der Nacht ſich zu entſchädigen wiſſen.“ Frick, d. opfernden Götter II. 12 178 „Laß' uns abbrechen Eberhardine,“ ſprach Henriette raſch aufſtehend.„Geſchieden muß es denn doch ſein, wenn Du mich nicht nach Deutſch⸗ land begleiten kannſt oder willſt. Die Vergangenheit — ich flehe Dich um dieſe letzte Schweſterliebe— die Vergangenheit laß zwiſchen uns abgethan ſein. Ich weiß nicht und will es nicht wiſſen, wieviel Du an Doris und Lothar geſündigt, aber was Du an mir verſchuldet zu haben glaubſt, das ſei Dir verzie⸗ hen aus vollem aufrichtigen Herzen, denn wir Alle bedürfen der Gnade und Verzeihung Gottes, an deſſen Throne jetzt für ihre Feinde betend die beiden ver⸗ klärten Seelen ſtehen. O Eberhardine, Du ſchmäheſt eine Welt und eine Geſellſchaft, aus deren Schooße ein Mann wie Lothar und eine Jungfrau wie Doris von Hartenſtedt zum Himmel aufgeſtiegen ſind— wie könnte——“ „Zum Himmel aufgeſtiegen ſind— ja ja das iſt es eben. Sie waren für dieſe Welt des Truges und der ehrgeizigen Stände zu gut— ſie mußten ſterben. Sterben wie Romeo und Julia, eh ihre Liebe erloſch, ſterben wie Desdemona, ehe ihr Auge ſich über den ſchönen Irrthum geöffnet, daß ſie die Bewunderung männlichen Heldenmuthes für Liebe 179 genommen, ſterben wie Taſſo und Carlos, ehez die Gemeinheit ihre Schatten auf das Edle geworfen. Aber Herr mein Heiland, wohin verirre ich mich!— rief ſie plötzlich mit allem Ausdruck ſelaviſcher Angſt ſich unterbrechend.— Statt in der chriſtlichen Reli⸗ gion und in den Legenden unſerer Heiligen, wo die Lehre von der Vergänglichkeit alles Irdiſchen und von dem Fürſten der Finſterniß, der unſer zeitliches und ewiges Wohl gefährdend die Welt durchzieht, auf jedem Blatte mit feurigen Lettern eingegraben iſt— ſtatt in der ewigen Wahrheit göttlicher Offen⸗ barung ſuche ich die Beweiſe für dieſe Wahrheit in— faſt heidniſchen Dichtern. Siehſt Du nun wohl Henriette, welche Gefahr es für mein Seelenheil wäre, in Eure Welt, verlockender Täu⸗ ſchungen, in Euer Sodom und Gomorra, das wahn⸗ witzige Dichter mit dem Roſenſchein poetiſcher Ver⸗ klärung umdämmern, zurückzukehren?— O verlaſſe auch die Schwelle dieſer heidniſchen Götzenengel, fliehe die Verſuchungen— entreiße Dich der Ge⸗ fahr, ehe ihr ſüßer Duft Dich berauſcht und Deine Willenskraft lähmt— denn keine entrinnt ihr, die ein warmes Herz in der Bruſt trägt.“ 12* 180 „Arme, arme Schweſter, Du biſt ſehr krank an Geiſt und Seele—“ entgegnete Henriette nach einer kleinen Pauſe des Schweigens.—„Dringen⸗ der noch als vorhin beſchwöre ich Dich: kehre zurück, denn hier kannſt Du nimmermehr geſunden. Ich will für Dich eine Einſamkeit ſuchen, die ſtiller noch als Deine klöſterliche ſein ſoll, und ich will zwiſchen Dir und Lothars Pflegemutter meine ſtillen, wahrlich auch dem Herrn geweihten Tage theilen. So gottbegeiſtert wie Du hier vor dem Bilde des Erlöſers oder der Madonna knieeſt, kannſt Du auch in Deiner ſtillen Kammer oder im ſchönen Tempel der Natur zu unſerer Aller Vater im Himmel beten, und wahr⸗ lich ich ſage Dir: ſein Name wird Dir geheiligt ſein hier wie dort, wenn er nur in Deinem eigenen Herzen es iſt. Zu Dir wird ſein Reich des Frie⸗ dens kommen und ſein Wille wird an Dir geſche⸗ hen, wie Himmel und Erde die Zeugen ſeiner Herr⸗ lichkeit ſind. Er wird das ewige Brod des Lebens Dir reichen, wie er das leibliche Dir beſchieden, und der Segen ſeiner Verzeihung wird die aufrich⸗ tig Bereuende erquicken, wenn Du mit verſöhntem Herzen Deiner Feinde gedenkend als ein Segen auch 181 für Deine Mitmenſchen unter ihnen wandelſt. Dann wird die Verſuchung zum Siege über das Böſe ſich verkehren, denn Gottes Reich voll Kraft und Herr⸗ lichkeit thront ſchon auf Erden und zieht ein für alle Ewigkeit in jedes verirrte Herz, das ſich der Reue und Buße öffnet— Amen!“— Eberhardine war zu den Füßen ihrer Schwe⸗ ſter geſunken. Sie kniete weinend und mit gefalte⸗ ten Händen vor dem jungen Mädchen, deſſen bleiche Wangen mit dem zarten Roth der kaum erblühten Roſe überhaucht dem ſchönen Antlitz einen wahrhaft verklärenden Ausdruck verlieh. Henriette hatte ſich — ſie wußte kaum ſelbſt, wie das gekommen— in eine faſt überirdiſche Begeiſterung hineingebetet und erſchrack beinahe, als ſie jetzt ſchwieg, vor ihrer geiſtlichen Anmaßung. Da hob aber die unglückliche Schweſter ihr Antlitz zu ihr empor, und ein ande⸗ rer der Seelenruhe mehr verwandter Geiſt war dar⸗ über verbreitet.„Habe Dank Henriette, daß Du mich zurückgeführt zu dem einfachen unter Roſenkranz und Litanei faſt vergeſſenen Gebete meiner Kindheit. Es hat Wunder gewirkt und wird meine Heilung voll⸗ enden, das fühle ich. Jetzt meine liebe theure Schwe⸗ 182 ſter, jetzt laß' uns ſcheiden und ſchnell, denn die Trennung von Dir iſt doch das Härteſte, was Gott noch über mich verhängt. Wäre Lothar's Rettung aus der ſchmählichen Kerkerhaft mir gelungen, oder wäre, nachdem ſie durch meine Vermittelung bewirkt war, ſeine Geſundheit noch nicht vom Wurme des Todes angenagt geweſen, ſo wäre ich mit Euch der Sonne der Freiheit zugezogen, das hatte ich gelobt. Gott wollte es anders, und wie es nun gekommen, muß ich mein zweites Gelübde auch halten, denn ich ſehe Gottes Fügung darin. Lebe wohl, Hen⸗ riette, und wenn Dein Geiſt in Sehnſucht und Wehmuth an Lothar's Grabe weilt, ſo gedenke auch des Grabes Deiner Schweſter, in das ſie jetzt lebend, aber nicht mehr ohne himmliſchen Troſt verſinkt. Bitte für uns, Du Reine, am Throne der Mutter Gottes!—“ Noch eine ſtumme heiße Umarmung— dann riß ſich Eberhardine aus den Armen ihrer weinen⸗ den Schweſter und war verſchwunden, noch ehe Hen⸗ riette ſich ſammeln und mit erneueten Bitten ſie von hier fort zu begleiten in ſie dringen konnte. Ein alter ergrauter Hüter des anſcheinend un⸗ 183 bewohnten Hauſes trat bald nach Eberhardinens Entfernung in den Salon und geleitete das junge Mädchen bis zur Schwelle des vorhin mit ganz an⸗ deren Empfindungen betretenen Hauſes. Der Herausgeber jener vielfach in dieſen Blättern angezogenen Broſchüre iſt Henrietten ſpä⸗ ter in Begleitung ihrer Gönnerin, der Fürſtin**⸗ in einem Seebade begegnet. Sie hatte, ernſt und melancholiſch ſich abſondernd, immer die einſamſten Spaziergänge aufgeſucht, und keiner der jungalten oder altfungen Stutzer, die ſich berufen fühlen, durch ihre banalen Phraſen und Courmachereien jedem ſchönen Mädchen ihre eigene Schönheit um der Trivialitäten, die ſie um derenwillen hinnehmen muß, verhaßt zu machen— keiner dieſer eingebildeten Halbgötter des faſhionablen Modelebens wagte ſich mit ſeinen dutzenweis fabricirten und verbrauchten Huldigungen an die ſchöne, ernſte Niobe, die der Schmerz und das Unglück der vergangenen Jahre noch veredelt. Auch Warrenberg hatte ſie ſpäter auf dem Wege ſeiner Flucht nach Ameriks wieder geſehen 184 und bei der Fürſtin ſelbſt um ihre Hand geworben. Sie blickte ihm ſtarr und wie irre an ſeinem Her⸗ zen werdend, in das Geſicht— nannte noch einmal Lothar's Namen mit einem Ausdruck, der allen Schmerz und alle Wonne der Vergangenheit in einen armſeligen Laut zuſammenpreßte, und kehrte ſich dann mit vorwurfsvollem Blick für immer von ihm ab. Allein Henriette war tiefinnerſte Künſtlernatur und war es um ſo mehr, ſeit die tiefſte aller Wun⸗ den— verſchmähte Liebe— ihrem Herzen geſchlagen war. Auf wiederholtes Anrathen der Fürſtin, die mit ihrem zart weiblichen Sinn den innerſten Quell von Henriettens ſtill getragenem Schmerz wohl ahnen mochte und die klöſterliche Einſamkeit ihres kleinen Witwenſitzes für ungeeignet zu deſſen Linderung hielt— auf die dringende wiederholte Mahnung der Fürſtin kehrte die junge Künſtlerin zu der ſo manches Jahr unterbrochenen Laufbahn, die ihr eigenſter Beruf war, zurück. Sie gedachte der Worte ihrer nun auch aus dem Leben geſchiedenen Schweſter in der düſtern Abſchiedſtunde: „Wohin ſoll das heißſchlagende Herz des Weibes ſich retten, wenn nicht an die treue Bruſt eines 185⁵ geliebten Mannes oder an die Wiege eines Kindes oder in die Hallen der Kunſt.“ Henrietten's Name, der, wie ſchon geſagt, in dieſen Blättern eine Abänderung hat erfahren müſſen, iſt bei allen das Ballet cultivirenden Bühnen Deutſchlands ſowohl, als beim Publikum von gutem Klange, obgleich wohl oft in dem weiten gedrängt vollen Saale, der von den Kundgebungen des ihr geſpendeten Beifalls erſchallt, vielleicht nicht Ein Auge in dem ihren zu leſen und die epiſche Tiefe oder die klagende Lyrik ihrer künſtleriſchen Leiſtun⸗ gen zu würdigen verſteht. Die unendliche Sehnſucht ihres echt weiblichen Herzens nach Liebe und Poeſie ſtrömt unerfüllt, wie ſie geblieben, in der Dichtung ihres Tanzes dahin, ſo wie die Sehnſucht und der Schmerz des gefangenen oder gar des geblendeten Vogels den menſchlichen Quälern die reizendſten Lieder ernten läßt. Nirgend aber verweilt ſie lange, denn nirgend fühlt ſie ſich heimiſch, und ſo gleicht die anmuthig dahinſchwebende Sylphide dem Mäd⸗ chen aus der Fremde, das allenthalben den Früh⸗ ling bringt und wieder entſchwindet. Dieſer feen⸗ hafte Zauber, der die außerhalb der Bühne gänzlich unnahbare Künſtlerin umgibt, mehrt die überſinnliche 186 Einwirkung, welche ihr jedesmaliges Erſcheinen auf den äſthetiſcheren oder das Gefühl als Maßſtab auch an die Tanzkunſt legenden Theil des Publikums übt. Dennoch würde Henriette vielleicht die Bühne für immer fliehen, ſie würde lieber den Vögeln des ein⸗ ſamſten Waldes als den Menſchen, auf deren Mit⸗ gefühl das Unglück doch angewieſen iſt, ihr Leid klagen, wenn ſie ſo manche flüſternde Stimme in den Logen wie im Paterre, auf den Gallerien jeden Ranges belauſchen könnte. Denn nicht das Kunſt⸗ gefühl in jeder Form und Geſtaltung, das Ver⸗ gnügen von der Urform natürlicher Schönheit bis zu der Abnormität des Barocken und Ueberſchwengli⸗ chen, das Pikante von dem Originellen oder Un⸗ gewöhnlichen bis zu dem groben Sinnenreiz ſubtiler unſittlichkeit herab iſt das Loſungswort unſerer Tage, und iſt der Dämon, der verheerend durch die Hallen der Kunſt ſchleicht. Und vollends eine Tänzerin!— „Sie ſoll es mit ihrer Tugend doch wirklich ernſt nehmen.“ „Poſſen, man kennt ja das. Um ſo beneidens⸗ werther ſind die heimlich Glücklichen.“ „Ja, wenn es deren in der That gäbe!“ 187 „O, wie lange ſind Sie denn erſt aus der Schule, daß Sie ſo naiv philoſophiren?— Un⸗ ſere Theater ſind Muſentempel; wer läugnet das? Nur haben ſie aus dem glücklichen Heidenthume mehr von den Bajaderen als den Prieſterinnen der Veſta auf unſere Zeit gebracht. Und vollends eine Tänzerin!“ Ende. Feuer! Scenen aus dem Leben einer franzöſiſchen Schauſpielerin von Ida Frick. J. Beſeligende Einfachheit!— Mutter der Zu⸗ friedenheit und des Glückes, Mutter der meiſten Tu⸗ genden, die nach der Bürgerkrone ſo gut, wie nach dem ſchlichten Bewußtſein ſtreben, das häusliche Scepter Anderen, nicht ſich ſelbſt zur Genüge ge⸗ führt zu haben, o holde freundliche Tochter beſchei⸗ dener Größe!— biſt Du denn auf Nimmer⸗Wie⸗ derkehr von uns gewichen?— Da leſen wir in einem Pariſer Touriſtenjour⸗ nal von 1806 folgende naive Anpreiſung einer Landpartie im beſten Geſchmack, denn— wie die Folge lehren wird— iſt das ſchöne Vorrecht der wohlhabenden Stände: ein Gourmand ſein zu dürfen— bis zu den äußerſten Spitzen gaſtro⸗ nomiſcher Berückſichtigung bei dieſer ſchlichten Land⸗ partie im Auge behalten worden. 192 „Die Damen nebſt den Körben“— ſo lautet die betreffende Stelle zum Erſchrecken proſaiſch— „die Damen nebſt den Proviantkörben packt“ „man in eine große Berline, wo auf jedem“ „Sitze bequem drei Perſonen Raum haben, wenn“ „ihre Circumferenz—(im Jahr 1806)— nicht“ „das erlaubte Maß ſehr überſchreitet. Die Män⸗“ „ner machen ſich, je nachdem die Entfernung, zwei“ „oder drei Stunden früher als gute Fußgänger auf“ „den Weg, um bei der Ankunft der Damen ſich“ „ſchon auf dem Sammelplatz zu befinden.“ „Hier wird nun alles abgeladen. Die Pferde“ „und den Kutſcher läßt man an dem Rendezvous“ „warten und die Körbe mit den Viktualien und“ „dem Tiſchgeräth werden von den Männern an“ den Ort getragen, wo die Mahlzeit gehalten wer⸗“ „den ſoll. Die Wahl dieſes improviſirten Speiſe⸗“ „ſalons wird natürlich auf einen möglichſt ſchat⸗“ „tigen angenehmen Platz in der Nähe einer guten“ „Quelle fallen, und nun ſchreitet die Geſellſchaft“ „zur Bereitung der mitgebrachten Mahlzeit. Die“ „Einen machen Feuer, die Anderen holen Waſſer“ „an der Quelle, noch Andere packen das Tiſchzeug“ „und die Viktualien aus, decken den Tiſch auf“ 193 „Gottes lieber Erde, machen das Weingeiſt⸗Rechaud“ „zurecht, um den Kaffee wärmen zu können, und“ „nun ſchreitet man zur Befriedigung eines vierund⸗“ „zwanzigſtündigen Appetites, der nach einem Marſche“ „von fünf bis ſechs Stunden nüchternen Magens“ „ganz reſpektabel ſein muß u. ſ. w.“ Noch vier Jahre früher, als dieſer naive Weg⸗ weiſer vergänglicher Naturſchwelgerei auf Unkoſten der Männer⸗Füße und Frauen⸗Rippen geſchrieben wurde— alſo an einem vorzeitig warmen April⸗ tage des Jahres 1802 finden wir eine heitere, vom Geiſt geſunden Mutterwitzes belebte Geſellſchaft im Begriff, die Anhöhe herabzuſteigen, welche, um die berühmte Waſſermaſchine von Marly einer näheren Beſichtigung zu unterwerfen, nicht ohne ſo manchen, in bitterſüßen Scherz gekleideten Seufzer erklommen war. Die damals ſchon mit dem Beinamen„Rö⸗ merbau“ beehrte Waſſerleitung, welche in kunſtvollen Windungen das ſchäumende brauſende Element den Berg hinantreibt, um die weltberühmten Spring⸗ brunnen und hydrauliſchen Künſte von St. Cloud und Verſailles zu ermöglichen— dieſe ſo oft be⸗ wunderte als in ſtumpfſinniger Neugier verblüfft genug angeſtaunte Waſſermaſchine war beſi Hudt Die Frick, II. 194 entzückende Ausſicht auf das Seinethal von der Höhe der Arkaden herab war nach Verdienſt bewundert worden und noch hingen die Blicke und Rückerin⸗ nerungen an dem berühmten und berüchtigten Pa⸗ villon Luciennes, der von Ludwig XV. für die Dü⸗ barry erbauten Sommervilla. Damals hatte Ale⸗ xander Dumas mit ſeiner lüſtern und zauberhaft colorirenden Feder die Schöpfung der ſechs Millionen Franken, welche durch die Errichtung jener niedlichen Bonbonniere in Umlauf gebracht worden, noch nicht ſo plaſtiſch für den Beſchauer und Nichtbeſchauer in die Oeffentlichkeit gebracht, als es heute der Fall iſt. Allein deshalb eben blieb der eigenen Phantaſie namentlich der Beſchauerinnen auch mehr Spiel⸗ raum als jetzt, die Verwüſtungen, welche die Revo⸗ lution an dieſem reizenden Beſitzthum eines unter ihrem Richtbeil gefallenen Opfers verübt, nach Gut⸗ dünken zu ergänzen. Während alſo ein paar ältere, ihrem Phantaſieleben entwachſene Theilnehmer unſe⸗ rer Landpartie von den Opfern an Menſchenleben ſprachen, die dieſer Rieſenbau gekoſtet, während ſie des unternehmenden Mannes gedachten, der dieſe be⸗ rihmte Maſchine zum Trockenlegen der Sümpfe fünf undert Fuß über den Spiegel der Seine er⸗ 195 hob damit Ludwig XIV. ſein Marly gründen konnte — während ſie in warmer, von Erbitterung und Wehmuth gemiſchter Rede der Tauſende gedachten, die den Verſailler Waſſerkünſten zum Opfer gefal⸗ len, der armen Soldaten namentlich, die, Jahre lang an den Kanälen zu arbeiten gezwungen, dann hinſtarben wie die Fliegen, ohne daß davon die Rede ſein durfte, wenn auch jede Nacht Karren voll Todter und Kranker heimlich fortgeſchafft wurden— wäh⸗ rend dieſer und anderer trauriger Citate aus der glanzvollen ECpoche des ſiebzehnten Jahrhunderts malten ſich die rüſtig voranſchreitenden Damen den vielbeſprochenen Kamin der Dübarry, ihr Cabinet von indiſchen Teppichen und Shwals aus, bekrit⸗ telten ihre kindiſchen Liebhabereien für Kolibri's und Papageien, lebendige und künſtliche Neger und fan⸗ den die Feigheit ihres Todesganges der leidenſchaft⸗ loſen Nichtigkeit ihres Lebens würdig. Doch nicht allein die Phantaſie und das far⸗ benfunkelnde Erinnerungsleben, auch die unſäglich proſaiſche Materie, der ganz gemeine, aber ſehr tyranniſche Magen behauptete ſein Recht. Der zum Speiſeſalon ſchon vor dem Erſteigen der Anhöhe auserwählte Platz war erreicht. Im Schatten einer 13⸗ 196 ſchön bewaldeten Hügelkette— ob nach St. Ger⸗ main oder Montmorency hin, iſt uns nicht überlie⸗ fert worden— lagerte ſich ohne Furcht vor rheu⸗ matiſcher Erkältung die etwa acht bis zehn Perſo⸗ nen ſtarke Geſellſchaft auf dem friſchen Raſenteppich und— wartete der Dinge, die da kommen würden. Allein noch lange nicht der erſte Akt, nur das Vorſpiel zu dem gaſtronomiſchen Drama, das hier aufgeführt werden ſollte, begann. Madame Bour⸗ ſault, von der oft genug gerühmt worden iſt, daß ſie noch mit vieler Grazie mit ihren Enkeln getanzt, trat vor und erſuchte— als Unternehmerin des kleinen Pique-nique champêètre— die Herren um die Gefälligkeit, die Körbe von dem am Waldes⸗ rande haltenden Wagen herbei zu ſchaffen. Zehn behende Beine machten ſich denn auch mit rüſtiger Kraft und gutem Willen an die ſchnelle Ausfüh⸗ rung des gegebenen Tagesbefehls und bald dampfte, nach eingenommenen coup d'avant, an dem luſtig flackernden Feuer gewärmt die erſte Schüſſel ms dem ausgebreiteten Damaſt. „Lemoine’s Crème d'Abſinthe iſt als coup d'avant dieſem zweifelhaften Wermuths⸗Extrakte ohne 2 allen Zweifel vorzuziehen,“ flüſterte der größte Gour⸗ 197 mand der Geſellſchaft ſeinem ähnlich geſinnten Nach⸗ bar in's Ohr. „Zweifelhafter Wermuths⸗Extrakt?—“ fragte der Angeredete zurück.„Was in aller Welt iſt daran anzuzweifeln?—“ „Herr Tailleur als Lieferant.“ „Möglich; aber ich verſpüre doch die probate Wirkung recht paſſabel, mag nun Tailleur oder Faloppe dieſen coup d'avant fabricirt haben.“ „Faloppe iſt nur in ſeinem weißen Garus⸗ Elixir unvergleichlich,“ entgegnete der Gourmand mit jenem Lächeln der Geringſchätzung, wie es der Kenner dem Laien gegenüber ſo gern annimmt; „doch iſt dieſer Genre von coup d'avant mehr nach dem Geſchmack der Damen. Dieſes Hühner⸗ Fricaſſée iſt aber ganz ſicher ein Meiſterſtück des Meiſters aller Rotiſſeurs, es iſt, darauf wette ich, aus Biennait's Atelier rue St. Anne in den aus⸗ gehöhlten Laib Brod gefloſſen, der uns zum Manna⸗ quell in dieſer Wüſte geworden. Wiſſen Sie, ob die Galantine aus einer Ochſenzunge oder aus einer von Perrier's unvergleichlichen Haſenpaſteten beſte⸗ hen wird?—“ Noch ehe der Gefragte über dieſen wichtigen 198 Punkt gaſtronomiſcher Erwägungen Auskunft geben konnte, wurde ſchon Beides zugleich ſervirt und im Hintergrunde als nächſte kalte Schüſſeln ein ſchöner gebratener Calecut nebſt Bayonner Schinken auf⸗ geſtellt. „Statt zweier von dieſen Truthennen eine ein⸗ zige gedämpfte Gans von Dumont, rue Mariväux!“ ſeufzte unſer Gaſtronom mit der Sehnſucht eines Verliebten, der ein ſchnäbelndes Brautpaar belauſcht. „Dieſer Wein von Jurangon iſt preiswürdig zwar im Jahrgange, doch nicht ganz in der Behand⸗ lung.— „Ach, Beſter, ſehen Sie nur, wie appetitlich Mademoiſelle Fouchard den Salat behandelt,“ be⸗ deutete der Jüngere der beiden gaſtronomiſchen Nach⸗ barn dem kritiſirenden Gourmand.„Anmachen läßt ſich das gar nicht nennen.“ „Ein zuckerſüßes Deſſert allerdings, dieſe lie⸗ benswürdige Fouchard,“ beſtätigte der Feinſchmecker nach einem flüchtigen Blick, mehr auf die Quan⸗ tität des verbrauchten Oeles als auf die Beſitzerin der ſchönen Hand, die den Salat in die Serviette rangirte.„Allein noch zu früh, viel zu früh dazu. Ich rechne ſtark auf einige Wachteln, die der 199 Poularden⸗Paſtete— hoffentlich von Leblanc— beigegeben werden müßten. Mir ſcheint, wenn ich an das große Picknick vom vorigen Herbſt in Ver⸗ ſailles zurückdenke, daß Madame Bourſault den Tim⸗ balles und Entremets nicht die gehörige Aufmerk⸗ ſamkeit zuwendet.“ „Mein Mißgeſchick müßte einmal über Sie hereinbrechen, Sie unverbeſſerlicher Gourmand,“ lachte die ſo ſchwer angeklagte Unternehmerin, die nicht ganz ohne Ohr für die gegen ſie erhobene Anklage geblieben zu ſein ſchien;„mir verdirbt der Brand von Troja von ſechs Hammelkeulen wenig⸗ ſtens vier.“ „Wie, was?“ riefen die gutgelaunten Natur⸗ ſchwelger wie aus Einem Munde. „Iſt denn der Herd unſerer wackern Madame Bourſault den Flammen, welche die ſchöne Helena entzündet, ſogar nachbarlich verwandt?“ fügte Flo⸗ rence, ein ziemlich beliebter Schauſpieler am Theater Francais mit gutmüthiger Neckerei hinzu. „Wir bitten um nähere Erklärung,“ klang es nun von allen Seiten und mit Ausnahme Herrn Bourſault's, der leider im Geheimniſſe des häusli⸗ chen Miſère, von welchem ſeine Lebensgefährtin 200 heimgeſucht war, zu ſein ſchien und mit Ausnahme unſeres Gaſtronomen, gönnten alle Anweſenden ihren Gabeln eine kleine Raſt. 4 „Nun ja doch,“ eiferte die arme Bourſault, von einigen, wie es ſchien, nicht ganz angenehmen Erinnerungen überwältigt, weiter;„unſer Racine hat es zu verantworten, daß meine ſonſt recht brauchbare Köchin in eine Stümperin verwandelt iſt. Die Domeſtiken, von denen ſie natürlich oft genug belauſcht wurde, haben mir ſo märchenhafte Dinge von ihrer Deklamationsmanie erzählt, daß ich mich endlich entſchloß, mich mit eigenen Augen von dem Motiv meiner verdorbenen Gerichte zu überzeugen.“ „Sie belauſchten das Mädchen in Gemeinſchaft mit Ihrer Dienerſchaft?“ fragte der Abgott der Frauenwelt, der Dichter Legouvé, mit einem leiſen Anklang der Mißbilligung. „Nein, ich ließ ſie ganz einfach zu mir kom⸗ men, erzählte ihr, was ich gehört, und wünſchte noch etwas Anderes von ihr zu hören, als was ich leider beim Abnehmen meiner ſo oft verbrannten Hammelkeulen mit ihr erlebt: „Brules de plus de feux, que je n'en allumai.“ 4 201 „Vortrefflich! vortrefflich!“ rief Capitan Fou⸗ chard, der Oheim der ſchönen Salatmacherin,„un⸗ ſere witzige Madame Bourſault ſoll hoch leben, und nochmals hoch und immer höher, uns Allen zur Freude ſoll ſie leben.“ „Und das Mädchen willfahrte Ihrem Befehle ohne die natürliche Befangenheit ihres Standes?“ fragte, als dem Toaſte vollends Genüge geleiſtet war, Madame Lebrun, die Witwe eines dem Dich⸗ ter Lebrun nahe verwandten Horn⸗Virtuoſen. „Iſt ſie ſchön?“ ſtürmte ein junger Offtzier dazwiſchen, der ſeit vierzehn Tagen ſeine Epaulet⸗ ten trug. „Behalten können Sie dieſe dramatiſche Saucen⸗ verderberin in keinem Falle,“ ſchrie der oft bei Bourſault dinirende Zungenariſtokrat ganz entſetzt. „Ich mache der Geſellſchaft einen Vorſchlag, den ich in meinem Intereſſe als annehmbar von ihr erachtet wünſche,“ nahm die von dem Durcheinander dieſer Fragen ganz wirr gewordene Dame das Wort.„Wenn wir dieſen Abend von unſerer Partie zurück ſind, bitte ich die übliche Bowle Punſch in meinem kleinen Salon einnehmen zu wollen. Den — 202 brauen wir dann ſelbſt und meine Joſephine ſoll kommen und uns etwas deklamiren.“ „Angenommen, angenommen,“ beſtätigten die Picknickers einſtimmig und thaten jetzt mit friſchem Muthe der gut garnirten timballe de perdreaux aus dem Atelier des berühmtem Paſtetenbäckers Rouget ihr volles Recht an. „Wir könnten ſie brauchen beim Theater Fran⸗ gais, dieſe neue Dumesnil⸗Clairon, welche vielleicht in Ihrer Küchenprinzeſſin mit dem Bratſpieß⸗Scepter ſteckt,“ meinte Florence nach einer kleinen Pauſe ausſchließlicher Kinnbackenarbeit.„Ich gönnte es auch unſerer lieben, braven Bourſault wahrlich tau⸗ ſendmal lieber, als meiner ſehr hochgeſchätzten Col⸗ legin Raucourt, dieſen höchſt benöthigten jungen Nachwuchs zum Theater Francais zu liefern.“ „Es ſoll aber ein außerordentliches Talent ſein, das Mademoiſelle Raucourt bildet,“ warf Legouveé, durch die anmuthigen Koketterien der reizenden Louiſon Fouchard mehr amüſirt als gefeſſelt, zwi⸗ ſchen Florence's Rede. „Mehr Körper als Seele, viel, ſehr viel Studium, doch um ſo weniger Inſpiration,“ ant⸗ wortete der Künſtler.„Sie berauſcht, ohne zu be⸗ —— 203 geiſtern, aber ihr Erfolg wird, wie ich glaube, un⸗ zweifelhaft ſein.“ 3 „Sie ſcheinen mir Partei, liebſter Florence,“ lächelte Legouvé und hob ſein Glas.„Der erſten großen Bühnenkünſtlerin, die durch unſere Hallen ſchreiten, die unſern unſterblichen Racine den Herzen der Franzoſen wieder näher bringen wird!“ rief er in aufflammender Begeiſterung.„Ihr unſern ritter⸗ lichen Schutz, unſere Ergebenheit, und Fehde ihren Widerſachern. Das erſte Glas des ſchäumenden Champagners Ihr, der noch Ungenannten und Unbekannten, der Prieſterin der ſchönſten Kunſt, weil ſie am treueſten das Leben abſpiegeln, am innigſten mit der Wahrheit Hand in Hand ge⸗ hen muß.“. 4 Die⸗ Becher klangen, die Augen funkelten, die Herzen der Frauen ſchlugen höher, ihre Wangen glühten heißer. Legouvé blickte träumeriſch vor ſich hin. In ſeinem Auge zuckte einer jener ahnungsvollen Blitze, wie ſie zumeiſt gerade in Momenten der höchſten Begeiſterung gleich einem Dilirium der Prieſterin von Delphi aus dem Blick des Dichters leuchteten, deſſen letzte Lebenstage Geiſteszerrüttung umnachtet. 204 Seit einem Jahre war er durch die Herausgabe ſeines Lehrgedichtes„Frauenwerth“ zum Abgott des unterdrückten Geſchlechts, dem er ſo zart ge⸗ huldigt, erhoben. Doch ſchien ſein Herz von Idealen gefeſſelt, für die jede Form der äußern Erſcheinung zu rauh, zu alltäglich. Legouvé verehrte das Weib in der Idee, deshalb feſſelte ihn kein Weib, und die Weiber im Allgemeinen floh er. Madame Le⸗ brun, die Vorleſerin der Frau von Monteſſon, von welcher ſpäter die Rede ſein wird, war ihm unter den Frauen ſeiner Bekanntſchaft der liebſte Umgang, da das weihevolle Andenken, das ſie ihrem verſtor⸗ benen Gatten bewahrte, als das poeſievolle Element des ewig Weiblichen von dem reinen Dichtergemüth erkannt und hochgeſchätzt wurde.— Beide alſo, die Witwe und ihr Freund, ſahen, als am Abend der kleine Kreis im Salon der Ma⸗ dame Bourſault um die dampfende Bowle ſich reihte, dem verſprochenen Erſcheinen der von Racine begei⸗ ſterten Köchin mit einem Gefühl entgegen, das der Wehmuth über den Scherz, welchen man ſich zwei⸗ felsohne erlauben wollte, näher kam, als der Neu⸗ gier. Während die geſchäftige Wirthin des Hauſes in der Eile die beaux restes des Nachtiſches: den zar⸗ 20⁵ ten Biscuit de Savoye und die runden Macronen auf den Confekttellern ordnete, während unſer Fein⸗ ſchmecker dem Capitän Fouchard eine wiſſenſchaftliche Abhandlung über die Pflege des Frantignan⸗ und Malagaweines, welche dieſen Mittag ſeinen Beifall eben nicht gehabt, in die Ohren geflüſtert, von den Kaffee⸗Liqueurs aber mit unverhehlter Verachtung geſprochen, während der zarte Lieutenant wohl zum ſechſten Male ſeine Frage nach der Schönheit der zu erwartenden Köchin wiederholt, ohne ſie beantwortet zu hören, während er ſich fruchtlos bemühte, die allerliebſten Koketterien von Mademoiſelle Louiſon Fouchard von Legouvé ab auf ſich zu lenken, ſahen der Dichter und ſeine Freundin in herzklopfender Spannung dem Oeffnen der Thür entgegen, durch welche Racine im Küchencoſtüme erſcheinen ſollte. Da ſtand ſie denn, die Erwartete, und ein leiſes Ach! des Erſtaunens war bei ihrem Anblick nament⸗ lich auf den Lippen der Männer kaum zurückzuhalten. Eine lange, magere Geſtalt mit vorgebogenem Nacken, aufwärts geſtülpter Naſe und breitem Munde— wie uns das bekannte Porträt der Joſephine Rafin⸗ Duchesnois überliefert worden iſt— ſtand furcht⸗ los, doch mit beſcheidener Zurückhaltung vor ihrer 206 Herrin. Nichts, als das dunkle, doch faſt zu weit ge⸗ öffnete Auge verrieth an dem jungen Mädchen jene geheimnißvolle Inſpiration der Seele, die dem Athem Gottes gleich ein Künſtlerdaſein aus dem Chaos der Unbewußtheit zu erwecken vermag. „Wir möchten uns ein wenig an Deiner Liebe für unſern unſterblichen Racine erfreuen,“ nahm Madame Bourſault in ihrer Verlegenheit um den Eingang des zu Sagenden ziemlich ungeſchickt das Wort.„Sprich uns doch, liebe Joſephine, den Mo⸗ nolog noch einmal, den Du mir vorgeſtern Nachmit⸗ tag zu hören gabſt.“ Das Maädchen trat ohne alle Befangenheit einige Schritte zurück. Ihre Wange röthete ſich, ihr Auge entflammte in einem ungekünſtelten Feuer, ihr Arm hob ſich mit der klaſſiſchen Ruhe der An⸗ tike. Nicht mehr die arme ungebildete Joſephine Duchesnois— Phädra mit ihrem ſeelenzermalmenden Schmerz ſtand vor dem erſtaunten Zuhörerkreiſe. Legouvé erhob ſich athemlos vor Spannung von ſeinem Sitze. Sein Auge folgte mit der Angſt des Künſtlers, der jeden Augenblick ein Meiſter⸗ werk durch die Materie gemeiner Proſa zertrüm⸗ mert zu ſehen fürchtet, den maßvollen Bewegungen, 207 dem unbewußten Rhythmus in der Sprachweiſe der jungen Köchin. Seine Hände ſtreckte er vor, als wolle er ein Kind vor dem wahrſcheinlichen Falle behüten, und faltete ſie unwillkürlich wie zu einem Dankgebet, als Joſephine mit ihrem klangvollen, ausgiebigen Organ den gewaltigen Monolog der Phädra mit den Worten: Un reste de chaleur tout prèêt à s'exhaler— zu Ende geſprochen. Die Folge dieſes für die Geſchichte des Theater Frangais ſo bedeutungsvollen Abends war, daß das bisher noch Unerhörte geſchah, daß nämlich ein Dichter, und zwar ein Dichter von Legouvé's Gel⸗ tung, Lehrer einer Schauſpielerin wurde. Florence fügte ſeinen Unterricht in der Technik des Bühnen⸗ lebens hinzu und Madame Lebrun beſtürmte Frau von Monteſſon ſo lange mit ihren Bitten um Protek⸗ tion, bis dieſe ihr verſprach, der vormaligen Köchin des Bourſault'ſchen Hauſes einen Abendzirkel zu widmen.. Frau von Monteſſon, deren Namen in der da⸗ maligen Zeit ſo klangvoll ohne eigentliche Berühmt⸗ heit geweſen, als er für die Nachwelt bedeutungslos geworden— Frau von Monteſſon ſei hier nur ganz 208 flüchtig mit den Worter einer der glaubwürdigſten Biographinnen, der Kaiſerin Joſephine, ſkizzirt. „Ihr Haus,“ ſo lautet die betreffende Stelle,„war“ „um jene Zeit das einzige, wo man die zurückgekehr⸗“ „ten Emigranten, wo man Frankreichs letzte grands“ „seigneurs, ſowie die auf ihre Unkoſten bereicherten“ „Emporkömmlinge und wo man die berühmten“ „Männer aller Gattung, ſowie die ſchönſten und in⸗“ „tereſſanteſten Frauen zu finden wußte. Ludwig XVI.“ „hatte Frau von Monteſſon— die Gemahlin des“ „Herzogs von Orleans— in den Tutlllerien als“ „ſeine Couſine begrüßt und ſo oft er ſeine Par⸗“ „tie Trictrac mit ihr ſpielte, ſie nie anders genannt.“ „Sobald Bonaparte zum Conſulat gelangt“ „war, beſchied er Frau von Monteſſon, die durch“ „ein Wunder dem Tode Entgangene, in die Tuille⸗“ „rien. Als er ihrer anſichtig wurde, ging er auf ſie“ „zu und bat ſie, ihm mittheilen zu wollen, womit er“ „ſie nur irgend wie erfreuen könne.“ „Aber General, antwortete die erſtaunte Frau,“ „ich habe kein Recht zu irgend einer Bitte.“ „So haben Sie alſo vergeſſen, Madame, daß“ „ich Ihnen meine erſte Krone verdanke?“ „Ihre Krone?“ 209 „Sie kamen mit dem Herrn Herzog von Or⸗“ „leans nach Brienne, um die Preiſe zu vertheilen.“ „Möge er Ihnen Glück bringen, ſagten Sie damals,“ „als Sie mir den précureur de quelques autres-“ „Lorbeer auf das Haupt ſetzten. Ich habe dieſe be⸗“ „deutungsvollen Worte nie vergeſſen, denn ich bin“ „ja, ſagt man, Fataliſt. Ich werde ganz glücklich“ „ſein, Ihnen irgend wie nützlich ſein zu können.“ „Ueberdies iſt der Ton unſerer guten Geſellſchaft“ „ziemlich ausgeartet. Frankreich ſoll ſich in dieſer“ „Hinſicht regeneriren und zwar durch Sie und bei“ „Ihnen. Wir brauchen Ueberlieferungen, welche“ „Sie gefälligſt meiner Frau mittheilen werden. Den“ „einflußreichen und hervorragenden Gäſten Frank⸗“ „reichs wünſche ich Feſte von Ihnen bereitet, die“ „den alten Ruhm franzöſiſcher Anmuth und Liebens⸗“ „würdigkeit wieder auffriſchen ſollen.“ „Dies war die Quelle des großen Einfluſſes,“ „welchen Frau von Monteſſon zur Zeit des Conſu⸗“ „lats, doch ohne intriguanten Mißbrauch oder klein⸗“ „lichen Rachedurſt, übte. Mit Einſchluß ihrer Pen⸗“ „ſion von hundertſechzigtauſend Francs, beliefen ſich“ „ihre Renten auf zweimalhunderttauſend Livres, eine“ „für den damaligen Geldwerth ziemlich beträchtliche“ Frick. II. 14 210 „Summe.(Sie ging nie aus, empfing jedoch alle“ „Abende. Auf einem Canapeeſitzend, gebrauchte ſie die“ „vornehme Liſt, ihre auf einem Tabouret ruhenden“ „Füße mit einem Teppich zu umhüllen, um mit An⸗“ „ſtand ſelbſt beim Empfange der Damen höchſten“ „Ranges ſitzen bleiben zu können. Nur für Madame“ „Bonaparte ſtand ſie auf oder wenn es galt, eine“ „Perſon, die niemals wiederkehren ſollte, zur Thür“ „zu geleiten. Dieſen höfllichſten aller Abſagebriefe“ „verſtand auch jeder damit Befehdete und gehorchte“ „ſchweigend, was niemals eine Abänderung erlitt.“ „Die Badebekanntſchaften von Plombières u. ſ. w.“ „erlebten unwiderruflich dieſes Schickſal. Gewöhn⸗“ „lich gab ſie wöchentlich ein großes Diner und jeder“ wihrer vertrauten Freunde wußte ſein Couvert an“ „ihrem Tiſche. In den Abendeirkeln machte man“ „Muſik und trieb Lektüre, am liebſten und häufig⸗“ „ſten aber plauderte man. Talleyrand, Garat, Ar⸗“ „nault, Després, Iſabey und Andere waren die“ „faſt täglichen Gäſte des Hauſes.“ Nach dem Geſagten wird es ſich dem Leſer als eine ſehr einfache Thatſache herausſtellen, daß der Zutritt der ehemaligen Köchin in dem Hauſe der Frau Monteſſon für deren Zukunft von unbeſchreiblicher 211 Wichtigkeit war. Ihre neue Gönnerin empfing das wenn auch ſchüchterne, doch keineswegs verſchüchterte Mädchen zwar mit unverkennbarem Wohlwollen, doch ebenfalls nicht ohne jene mißtrauiſche Betroffenheit, die ihr unſchönes Aeußere bei Allen erregte, welche Legouvé's Schülerin ſahen, ohne ſie noch ſprechen gehört zu haben. Sie ſtellte das j junge Mädchen auf die ſchwierigſte Probe, welche es für eine Anfän⸗ gerin auf der dramatiſchen Laufbahn nur geben konnte, ſie ließ ſie ein eben beendetes Manuſecript aus ihrer eigenen Feder leſen; der Stoff war alſo Joſephinen gänzlich unbekannt. Erſt nachdem die junge Elevin dieſe äußerſt ſchwierige Aufgabe, wie es ſchien, zu großer Zufrie⸗ denheit der Frau von Monteſſon gelöſt, durfte ſie Stellen aus ihrer geliebten Phädra und Roxane ſpre⸗ chen. Der Erfolg war ein ſo zufriedenſtellender, daß Frau von Monteſſon verſprach, Mademoiſelle Jo⸗ ſephine Duchenois unter ihren Schutz nehmen zu wollen. Legouvé jubelte. Was durch ihn ſelbſt auch bei den hervorragendſten Fähigkeiten vielleicht nie⸗ mals für ſeinen Zögling erreicht worden wäre, das ebnete ſich jetzt zu einer nur noch von überwindlichen Schwierigkeiten gehemmten Laufbahn. Allerdings 5 14* 212 weigerte ſich Chaptal, der Miniſter des Innern, ganz entſchieden, die ehemalige Köchin des Bourſault'ſchen Hauſes einerſeits, dann aber auch das unläugbar häßliche Mädchen, deſſen Geſichtsausdruck, wenn es nicht ſprach, ganz ausdruckslos genannt werden mußte, zum Debut auf das Theater Frangais zuzu⸗ laſſen. Allein Madame Bonaparte, die von Frau von Monteſſon für ihre Namensſchweſter gewonnen war, erlaubte, daß deren Schützling ihr vorgeſtellt werde, und verſprach, als dies eines Abends bei Frau von Monteſſon geſchehen, das Debut von Ma⸗ demoiſelle Duchenois auf der kleinen Verſailler Hof⸗ bühne, Herrn Chaptal zum Trotz, zu bewerlſtelligen. Es war in den erſten Tagen des Juli, als Frau von Monteſſon, vielleicht um die letzte Probe mit ihrem Schützling zu wagen, eine Geſellſchaft von mehr als zweihundert Perſonen in ihrem Sa⸗ lon verſammelt. Auch Joſefine Bonaparte erſchien und wie ſie an dem ihr angewieſenen Ehrenplatze ſtehend die dargebrachten Huldigungen entgegennahm, war es allen Anweſenden, als ſeien nun erſt die Kerzen entzündet und der Glanz des ſchönen Feſtes aufgegangen. Man hat ſo oft vergeblich den Ein⸗ druck zu ſchildern verſucht,— ſagt die Biografin der 213 Kaiſerin Joſeſine— den dieſe ſeltene Frau bei ihrem bloßen Erſcheinen hervorgebracht. Wie wäre dies möglich!— Wie den rührenden Zauber dieſer melo⸗ diſchen Stimme, dieſer ſeelenvollen Blicke, dieſer Grazie in jeder Bewegung ſchildern!— Alle ihre Portraits, jede Beſchreibung dieſer unbeſchreiblich liebenswürdigen Perſönlichkeit ſind unſäglich weit hinter der Wahrheit zurückgeblieben. Die Anmuth iſt ſo flüchtig, ſie iſt ſo ganz Hauch der Seele, daß es unmöglich iſt, ihren auf uns wirkenden Zauber durch Worte oder Pinſel verſinnlichen zu wollen. Die Grazie aber und der Ausdruck reinſter Seelengüte in dem ſchönen klaren Auge, das waren, nächſt einer unerſchütterlichen Gemüthsheiterkeit, die Roſenketten, womit die Witwe des Generals Beau⸗ harnais ſchon im Gefängniß alle Herzen ſich unterthan gemacht. Die finſtern Mauern des Ker⸗ kers— erzählt einer ihrer Mitgefangenen— wurden durch die anmuthige und maßvolle Heiterkeit, durch die Witzfunken des anſpruchloſen Verſtandes dieſer unvergleichlichen Frau belebt. Sie war der Abgott ihrer Unglücksgefährten. Napoleon Bonaparte, der oft zum Beſuch eines ſeiner Freunde in das Ge⸗ fängniß kam, wurde von dem beſcheidenen Reiz und 214 der Feſtigkeit Joſefinens, die auch im Unglücke, ja ſelbſt mit dem Nacken unter der Gulllotine noch Muth und Heiterkeit zu Milderung des Unglücks Anderer hatte, in tiefſter Seele ergriffen und von ſoviel perſönlichem Liebreiz gefeſſelt. Als die Witwe Beauharnais aus dem Gefängniß in die Freiheit zurückkehrte, hatte ſie einen Gefangenen gemacht, auf den ſo viel Tauſende als auf den Retter Frank⸗ reichs ſahen. Sie hatte ihm lihr Bild geſchenkt, er trug es lebendiger noch in ſeinem Herzen. Madame Lebrun hatte Frau von Monteſſon erſucht, ihren Schützling die Partien der Phädra und Roxane im Coſtüm ſprechen zu laſſen, was dieſe auch aus eigenem Ermeſſen gern zugeſtand. Ja ſie machte der natürlich ganz unbemittelten Debütantin ſogar ein Geſchenk mit den Coſtümen beider Rollen. Madame Lebrun übernahm es als⸗ dann, die wirklich abſchreckende Magerkeit,— wovon, Dank ihrer früheren Beſchäftigung, wenigſtens die Arme verſchont geblieben;— künſtleriſch zu über⸗ kleiden. Es gelang ſo ziemlich und furchtlos trat nun Joſeſine Duchesnois vor ein Kennerpublikum erſten Ranges. „Ich kann's nicht ergründen,“ flüſterte Legouvé 215 in das Ohr ſeiner Freundin,„was dieſen Funken in der Bruſt des unſchönen Mädchens geweckt. Beim Küchenfeuer hat ſie doch unmöglich dieſe Weihe ihres höheren Genius empfangen.“ „Wenn ich Euch Männer um nichts ſonſt beneide,“ antwortete Madame Lebrun gedankenvoll, „ſo iſt es um die Befähigung zur Künſtlerweihe, ohne daß Schuld oder Unglück ſie Euch bringen. Arme Joſefine! was muß dieſes treue Herz gelitten haben, daß ohne alle Grundlage feinerer Geſittung und Kultur ſolche Blüthe ſich entfalten konnte.“ Anders nahm es Joſefine Bonaparte. Sie war Poeſie und Glück man könnte ſagen durch und durch, deshalb geſtand ſie den Seelenſchmerz, den ſie bis auf dieſe Stunde noch nicht kennen gelernt, auch jene produktive Berechtigung zur Kunſtweihe, wie ſie ſo oft ſich erprobt, gar nicht zu. Lachend hatte ſie oft zwiſchen den weißen Mouſſelindraperien vor ihrer goldenen Toilette, dem reichen Brautgeſchenk der Stadt Paris, ſitzend von den Entbehrungen ihrer Vergangenheit erzählt. Sie hatte erzählt, wie Madame Dumoulin bei den Freitiſchen, welche die Hülfs⸗ bedürftigeren ihrer Freundinnen erhalten, es ihr er⸗ laſſen, das Brod, ſo eine Jede mitzubringen hatte, 216 — da Brod damals ein großer Luxus war— auch ihrerſeits mitzubringen, weil Madame Beauharnais doch unbeſtritten die Aermſte von Allen geweſen ſei. Nur zuweilen flog ein leichter Schatten über Joſeſinens heitere Stirn, nur zuweilen, wenn ein ihr lieb gewordenes Weſen ſich verheiratete und die kirchliche Weihe empfing. Ihre Ehe mit Napo⸗ leon war damals noch einzig Civilakt und iſt als kirchliches Sakrament niemals veröffentlicht worden. Als von Seite Marie Louiſens die Frage an die Kaiſerin Joſefine erging, ob ſie durch die in Aus⸗ ſicht ſtehende Vermählung mit Napoleon auch in der That keinen kirchenräuberiſchen Akt begehe, ver⸗ wies Joſefine ihre Nebenbuhlerin mit ſelbſtverläug⸗ nender Großmuth auf den Moniteur. Napoleon wollte nicht,— ſo erklärt man den befremdlichen Umſtand allgemein— daß eine ſo verſpätete Ceremonie, als die Einſegnung des kaiſerlichen Paares um Mit⸗ ternacht in der Kapelle der Tuillerien durch den Cardinal Feſch, in dem offiziellen Blatte veröffent⸗ licht werden ſollte. Chaptal, der bisher ſo beharrliche Gegner der armen Joſefine Duchesnois, war eines Theilz doch ein zu aufrichtiger Freund der Kunſt, welche er 217 beſchützte, andern Theils aber auch ein zu warmer Verehrer der Gemahlin des erſten Conſuls, um nach dem unzweifelhaften Erfolg dieſes Abends nicht nachgiebiger für Legouvé's Schülerin zu werden. Nur auf dem Theater Francais ſollte das junge Mädchen ihre Kunſtſchwingen nicht zum erſten Male entfal⸗ ten; darin blieb er beharrlich. Denn— recitirte er launig ſich an ſeine Dränger wendend: Tel brille au second rang qui s'eclipse au premier. „So werden wir in Verſailles dieſen second rang für unſere Duchesnois in Anſpruch nehmen,“ rief Joſefine entſchloſſen.„Uebermorgen ſchon ſpielſt Du uns Deine Phädra, mein Kind, und nun ſage: Haſt Du noch einen beſondern Wunſch für dieſen Tag?—“* Joſefine Duchesnois ſchlug das dunkle durch⸗ geiſtigte Auge zu ihrer liebreizenden Namensſchweſter auf. Ihre Wange röthete ſich höher, eine lebhafte Bewegung durchzuckte wie von elektriſchen Funken geweckt ihren ganzen Körper— allein ſie ſchwieg. „Sag' es mir leiſe, was Du wünſcheſt,“ er⸗ muthigte Joſefine,„oder ſage es, wenn Du das lieber willſt, unſerer guten Lebrun, ſie ſteht hinter 218 Dir. Ich möchte Dich ſo gern recht frohen Herzens den erſten Schritt auf Deiner neuen ſchwierigen Lauf. bahn thun ſehen.“ „Wenn dieſer kecke Wunſch unſerer kleinen Debütantin nichts als ein Gelüſt kindiſcher Eitel⸗ keit iſt,“ ſagte Frau von Monteſſon eine Stunde ſpäter zu ihrer Vorleſerin,„ſo haben wir uns in unſerer Erwartung getäuſcht. Sie iſt dann keine echte Künſtlerin, wird keine Zukunft und das Theatre Frangais keine zweite Dumesnil oder Clairon an ihr haben.“ „Ich kann es nicht denken,“ antwortete Madame Lebrun aber doch ein wenig verſtimmt,„daß der Schöpfer in Eine Menſchenbruſt ein dieſelbe ver⸗ nichtendes Etwas neben einer Fülle von Reichthum ſollte gelegt haben.“ „Unkraut neben einer Heilpflanze,“ meinte Frau von Monteſſon achſelzuckend;„was wäre da auch zu verwundern, da die Natur in jeder Licht⸗ und Schattenſtufung ſo überreich iſt. Vielleicht hätte man die Hand ſein müſſen, die den überwuchernden Miß⸗ wachs beſeitigt.“ 1 „Madame Bonaparte hat den ſeltſamen Wunſch nun einmal gewährt, ſie wird und kann ihr Wort nicht zurücknehmen wollen.“ Wenn wir durch die aus lünſtlih beſchnittenen Hecken und Bäumen gebildeten Alleen des Verſailler Parks nach der Auß zenſtie rechts hin ſchreiten, fin⸗ den wir uns in Petit Trianon, das Ludwig XV. für die Dulari hatte bauen laſſen. Nach dem Tode dieſes viel geliebten und viel gehaßten Königs, der hier in den Armen der Tochter des Concierge von den Blattern angeſteckt dem Leben entführt wurde, kam Klein Trianon in den Beſitz Marie Antoinet⸗ tens, die den engliſchen Park mit ſeinen Schlan⸗ genpfaden und üppigen Wieſen, ſeiner künſtlichen Felsgrotte und Liebesinſel daſelbſt anlegte. Von den Verwüſtungen der Revolution, die natürlich dieſen Lieblingsaufenthalt der verhaßten Königin nicht ver⸗ ſchont hatte, war es in dieſem Frühjahr wieder her⸗ geſtellt worden. Das ſogenannte Schweizerdörfchen, wo Marie Antoinette ſich darin gefiel, die Landwirthin zu ſpielen, enthielt ohnweit des bekannten Marlbo⸗ roughthurmes ein bisweilen vom Hofe benutztes Som⸗ mertheater. Bekanntlich blieb der reich dekorirte Opernſaal im nördlichen Flügel des Verſailler Schloſſes, der die Hochzeit Ludwigs XVI. und die 220 Geburt des Dauphins, aber auch das unglückliche Banket der Leibgarden vom 3. Oktober 1789 in ſeinen Mauern gefeiert, ſeit jenem Unheilstage bis zu Eröffnung des Nationalmuſeums am 17. Mai 1837 geſchloſſen.— Am 4. Juli 1802 bot die kleine Hofbühne von Verſailles in ſeinem Zuſchauerraume einen vor und nach dieſem Tage nimmer erlebten Anblick. Dem wunderlichen Wunſche der Debütantin war gewill⸗ fahrt worden, ihre zahlreiche Verwandtſchaft hatte ſich, auf die erſten Plätze des Saales geladen, mit nicht geringem Stolze eingefunden,*) und ſtaunte mit ganz verblüffter Verwunderung die ungewohnte Pracht um ſich her und das prächtigſte erſtaunens⸗ würdigſte aller Wunder, ihre unſchöne Joſefine in Diadem und königlicher Gewandung an. Was aber geſchah nun, als Phädra nach dem allgemeinſten und entſchiedenſten Beifall des in alle Schattirungen bunt gemiſchten Zuſchauerkreiſes in ihrem Ankleidezimmer ſtand, und die derben Hände⸗ drücke, die herzlichen aber oft ſehr unäſthetiſchen Glückwünſche ihres umfangreichen Verwandteneyklus *) Thatſache. 221 entgegen nahm? Als ſie Alle die Geladenen an das Büffet im anſtoßenden Salon, wo man ihnen Er⸗ friſchungen anbot, die nicht verſchmäht wurden, als ſie Alle ſich dorthin zurückgezogen, blieb ein junger kräftiger Burſch mit ehrlichen aber lebhaft ſprechen⸗ den Augen— Etienne Barrot— bei ſeiner Baſe zurück. Lange ſtanden ſie ſprachlos vor einander. Sie ſeinen Blick fühlend und davor in ihres Herzens tiefſter Tiefe erbebend; Er befangen wie noch nie, ohne ſo eigentlich zu wiſſen warum, froh aber, doch ebenfalls ohne ſo recht zu wiſſen warum, daß ſeine junge Frau im Nebenſalon ganz Auge und Zunge für die ihr unbekannten Herrlichkeiten des Gaumens war, der ganz verwundert über das Unerhörte, das er erlebte, die günſtige Stunde trefflich nützte. „Mir träumte einmal von einer Fee,“ begann Etienne endlich doch ſeine Rede,„die ſah aus gerade wie Du heute, meine gute Joſefine. Darf ich Dich denn noch ſo nennen?—“ ſprach er mit immer wachſender Befangenheit weiter.„Du biſt unſern armen Hütten ſo ganz entrückt.“ „O Etienne!“— ſtotterte die Gefragte mit einem ſo ſchüchternen Erröthen, daß die Darſtellerin der Phädra von vorhin und das arme unſchöne 222 Bauernkind, das da vor ſeinem ſtill Geliebten ſtand, zwei gänzlich einander entfremdete Perſönlichkeiten zu ſein ſchienen. „Weißt Du noch, kleine Joſephine,“ ſprach der junge Landmann nach einer kurzen Weile muth⸗ faſſenden Schweigens nicht ohne jenes Stocken, das der Sprache der Liebe ſo eigen als es dem Ohre der Liebe wohlgefällig iſt,„weißt Du wohl, daß ich als ganz junger Burſche es immer im Hirn gehabt, wir könnten einmal ein Paar werden?“ „Herr Gott des Himmels, was redeſt Du da!“ fuhr die Debutantin wie von einem elektri⸗ ſchen Schlage getroffen von ihrem Vetter zurück. „Nun, nun,“ beruhigte der junge Dörfler ſeine Baſe mißverſtehend und deshalb die Hand, welche er gefaßt hatte, fahren laſſend,„wir ſind ja nur Ander⸗Geſchwiſterkind. Damals warſt Du auch noch nicht einmal Pariſer⸗Köchin, viel weniger Theaterprinzeſſin und gar Frau eines griechiſchen Königs. Ich vertheidigte Dich immer, wenn ſie meinten, Anderen ſtehe der Kranz beim Tanze beſſer und Du habeſt Augen, vor denen man ſich fürchten könne.“ „Guter Etienne— o treues Herz!“ rief die 223 arme Joſephine, ihrer nicht mehr mäͤchtig in Thrä⸗ nen ausbrechend. 3 „Laß' gut ſein, Baſe,“ beruhigte Barrot, ſei⸗ ner Verwandten wieder näher tretend, die Weinende. „Du biſt nun vornehmer geworden als ſie und wir Alle— Gott laſſe Dich auch glücklicher werden,“ fügte er nach einer kleinen Pauſe hinzu. Mademoiſelle Duchesnois trocknete ihre Thrä⸗ nen.„Aber Du— Du Etienne, Du biſt doch wohl glücklich, ſehr glücklich— Du mußt es ja ſein.“ „O ja,“ antwortete der Gefragte ziemlich la⸗ koniſch,„glücklich wie ich auch ſatt war, wenn meine gute Mutter ſelig mir eine derbe Quarkſchnitte reichte und bei dem Gelüſt nach einer zweiten mir ſagte: Du mußt nun ſatt ſein, Junge.“ „Eine ſo ſchöne Frau, wie Du haſt,“ ſtotterte Joſephine über und über erglühend mit zu Boden geſenktem Blick. „Ja ſchön, das iſt aber auch Alles.“ „O ja!— Es iſt Euch Männern Alles.“ „Du ſagſt das ſo ſonderbar, Baſe, daß ich wei⸗ nen könnte wie ein geſchlagener Schuljunge, und wußte doch im Grunde nicht zu ſagen warum. Du ſahſt ſchöner heute aus, wie meine Margot, aber 224 auch vornehmer, und ich fühlte, wie man Dich von ganzen Herzen lieb haben und doch nicht als ſeine Frau denken kann.“ „Ich glaube Dir's, ach ich glaube Dir's gar wohl, mein guter Etienne!“ rief die Aermſte im ſchmerzlichſten Mißverſtehen der Worte ihres Ver⸗ wandten.„Gott hat nicht gewollt, daß eines Man⸗ nes Lebensglück in meine Hände gelegt werden ſoll. Sei gut mit Deiner Margot, mein Vetter, ſie wird Dir's an Liebe vergelten und treuer Sorgfalt, denn Dankbarkeit iſt ein reicher Schatz jedes Frauen⸗ herzens.“ „Nicht Margot's,“ entgegnete Barrot kleinlaut. „Sie nimmt Alles wie ſchuldigen Zins für ihre Mit⸗ gift an Schönheit und Ausſteuer, obgleich ſie auch Gott und ihrem Vater nicht dafür gedankt haben mag. Wäre mein kleines Bübchen nicht, ich meine, es könnte mir zu Stunden aus dem Sinn kommen, daß ſie mein Weib iſt.“ „O nein Etienne, nein.— An dem Knäbchen halte und denke Dir Dein Kind nicht ohne ſeine Mutter. Weißt Du noch, wie wir als Kinder,“ fügte Joſephine in ihren Erinnerungen ſchwelgeriſch ſich vergeſſend hinzu,„Vater und Mutter ſpielten 225 und unſer Morgen⸗ und Abendbrod mit der armen kleinen Annette theilten, die von der kargen Stief⸗ mutter hart gehalten wurde und oft hungern mußte? Mutterpflege iſt der Kindespflanze Sonnenſchein und Thau, die darfſt Du Deinem Bübchen nimmer ent⸗ ziehen.“ „Ach ja, Joſephine, Du warſt immer das beſte Herz im ganzen Dorfe,“ ſeufzte der junge Landmann aus recht beklommener Bruſt.„Ein treueres Lieb' hätte kein Burſch finden können; allein heute mein' ich, es muß etwas in Dir geweſen ſein, daß wir uns nicht an Dich gewagt, wie an Margot und ihres Gleichen.“ „Ja, ja, guter Etienne, meine Häßlichkeit,“ verſetzte das junge Mädchen mit trübem Lächeln. „Gott ſchuf mich, um die Liebe vielleicht mit bluten⸗ dem Herzen zu ſchildern, nicht aber, um ſie zu wecken. Ein Feuerbrand, der nie zu löſchen iſt,“ fügte ſie zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu. „Aber Du wirſt doch Deinen Mann einmal recht glücklich machen!“ rief Barrot mit dem un⸗ verkennbaren Ausdruck eiferſüchtigen Schmerzes. „Nie, niemals!“ ſprach Joſephine mit ſo feier⸗ lichem Ernſt, ſo flammenden Auges und ſtolzer Frick. 15 226 Stirn, daß in dieſem Augenblicke jeder Zoll an dem Mädchen athenienſiſche Königin war.„Mit dieſer Stunde ſcheidet mein Liebesleben für immer von mir — ich habe nun doch eine Erinnerung. Lebe wohl, Etienne, lebe wohl für ewig.“ Sie war verſchwunden, noch ehe der arme Barrot ſich beſinnen konnte, was er denn eigentlich geſagt, das dieſe erſichtlich ſo ungeheuere Wirkung auf ſeine Verwandte hervorgebracht. „Brulée de plus de feux que je n'en alumais!“ rief die junge Debutantin, als ſie ſich allein ſah, und heißere Thränen der Verlaſſenheit und Sehnſucht ſind wohl niemals an dem Abend eines ſo erfolgrei⸗ chen Debuts von einer werdenden Künſtlerin geweint worden, als ſie den Augen der armen Joſephine Duchesnois jetzt entſtrömten.„Und dennoch, den⸗ noch,“ jubelte es in ihr,„Er glaubt an Glück durch meinen Beſitz— dafür, o Du allmächtiger Gott,— laß' mich Dir und ihm dankbar bleiben mein ganzes Leben lang.“ 227 II. Das Jahr 1802 war für Frankreich— oder ſprechen wir zunächſt lieber von Paris— ein Jahr der Wiedereinſetzung in ſo manche verfallene Rechte. Wie die Kirchen dem katholiſchen Kultus zurückge⸗ geben wurden, ſo wurden auch der Contretanz und die Grazien wieder in die verwilderte Geſellſchaft zu⸗ rückgeführt. Die Genien des ſchönen Ebenmaßes und der feinern Geſittung verdrängten die Göttin der Vernunft von den entweihten Altären und das Theatre Francçais kehrte zu ſeinen Nationaldichtern zurück. Bonaparte erinnerte ſich zuweilen der angenehmen Stunden in dem kleinen Hauſe der rue de la Vietoire, das der junge General bis zu ſeiner Abreiſe nach Aegypten bewohnte, wenn er, den Kopf an Joſephi⸗ nen's Schulter gelehnt, die Füße auf einem Tabou⸗ ret ruhend, mit Talma und David plaudernd, ſeine hochfliegenden Pläne über dem Flügelſchlag vater⸗ ländiſcher Kunſt und Poeſie vergaß. Allein die Gra⸗ zien, der Tanz und das Nationaltheater, hatten ihre wilden Schößlinge ſo gut als die Kirche und der Staat die ſeinen. Sophie Arnoult, die allbekannte 15* 228 Tänzerin der großen Oper, welche laut Contractes von dem Fürſten H... jeden Monat eine neue Equi⸗ page und neues Meublement erhielt, war jetzt eine alte zurückgezogen lebende Frau, aber ihren Nach⸗ folgerinnen blieb ſie ein erhabenes Vorbild der Nach⸗ eiferung. Die berühmte Clotilde, die in Folge der Freigebigkeit eines italieniſchen Fürſten und eines ſpaniſchen Admirals zwei Millionen jährlicher Ein⸗ künfte, dabei aber noch regelmäßig fünfmalhundert⸗ tauſend Franes jährlicher Schulden aufzuweiſen hatte, erregte unbeſchreiblich viel Nacheifer, den fanatiſchen Prieſtern und den geſänftigteren Sitten des Conſu⸗ lates, auch dem wieder in ſeine Rechte eingeſetzten Tanze der Grazie und des Anſtandes zum Trotz. Was aber der ſpäter ſo vernachläßigte und gänzlich ausgeartete Contretanz ſein, wie er mit Seele und Phantaſie getanzt werden kann, das mußte man von Madame Hamelin lernen. Die glühende Tropenſonne hatte den Teint der ſchönen Creolin ge⸗ bräunt, ſie glich tanzend mit ihrer zarten Taille, mit den ſchwellenden Lippen, dem von zwei Ebenholz⸗ bogen umſchatteten Feuerblick— wenn„Gleichen“ hier überhaupt ein anwendbares Wort iſt— einer Granatblüthe, die vom Zephyr geſchaukelt die ge⸗ 229 heimnißvolle Welt des Wunderbaren nur bis zur Ahnung erſchließt. Aus dem Pavillon Richelieu auf einige Zeit nach Raincy entflohen, war gerade um jene Zeit Madame Hamelin in eine eigenthümliche Uebergangsperiode ihres Lebens getreten. Die Pariſer Chronik hat nie ganz klar in dieſer Sache geſehen, nie darüber ſich einigen können, warum man den Namen Bonaparte's ſo oft mit dem der reizenden Creolin Madame Hamelin in Einem Athemzuge nennen hörte. Es fehlte ſogar nicht an geheimniß⸗ voll verbreiteten Spottliedern auf die muthmaßliche Vertraute und theilweiſe Egeria des Conſuls, der es ihr ſpäter zur Zeit des Kaiſerreichs möglich machte, neben dem Hofhalt der Tuillerien noch im Pavillon Richelieu einen nicht minder glänzenden, auf Un⸗ koſten namentlich der Armeelieferanten und Generäle zu halten. In der kurzen Uebergangsperiode, von welcher alſo hier die Rede, bewohnte Madame Hamelin das Hotel Theluſſon, das dem Boulevard gegenüber die rue Cerutti im quartier d'Antin abſchloß. Es war ein feenhafter Anblick, dieſer Palaſt, der ſich nach der rue Provence hin mit einer unge⸗ heueren halbkreisförmigen Arkade öffnete. Durch 230 dieſe Arkade hindurch ſah man von der Straße aus in einen reizenden Garten, in deſſen Hintergrunde eine Art Tempel in Geſtalt einer Rotunde mit zier⸗ lichen Säulen auf ſchön gebauter Unterlage von Fels⸗ ſtücken einen höchſt pittoresken Anblick gewährte. Die künſtliche Gruppirung ausländiſcher und doch überaus gut gedeihender Blumen und Geſträuche— die reichen Springbrunnen und gut placirten Sta⸗ tuen— kurz der Totaleindruck des Ganzen rechtfer⸗ tigte den ihm ſo oft beigelegten Namen: Feenpalaſt. An einem ſpätſommerlich ſchönen Herbſttage, denn es war ſchon volle vier Monate nach dem erſten Auftreten der Mademoiſelle Duchesnois im Theatre Français— das am zehnten Tage nach ihrem Debut in Verſailles erfolgt war— finden wir bei Madame Hamelin eine geiſtreich heitere Geſellſchaft im Gar⸗ ten verſammelt. Die ſchöne Wirthin des Hauſes feierte ein originelles Weinleſefeſt und praͤſidirte da⸗ bei in dem idealeſten Winzerinnen⸗Coſtüm, das wohl jemals erſonnen worden iſt. Was aber waren alle die funkelnden Juwelen, die als Attributenſchmuck des Weinbaues verwendet um die ſchön gewölbte Stirn ſich ſchlangen, was war der ganze ſinnreiche Apparat des ſymboliſchen Feſtes gegen ſie ſelbſt, die ihr eigenes Werk überſtrahlende Fee, wie ſie in ihrem Thyrſusſtabe den Zauberſtab der Herrſchaft über jedes Männerherz zu ſchwingen ſchien!— Und nun ſei es denn mit Einem Worte geſagt das an ſich Komiſche, ſo oft im Leben von Motiven der Selbſtſucht in die Erſcheinung Gerufene: die Schönheit capricirte ſich darauf, die Häßlichkeit in ihren beſonderen Schutz zu nehmen.— Madame Hamelin capricirte ſich darauf, durch ihre Partei⸗ nahme für Joſephine Duchesnois einmal mit Joſe⸗ phine Bonaparte in großmüthigem Protektionseifer rivaliſirend übereinſtimmen zu können. Und ſie konnte ihn brauchen, unſere Debütan⸗ tin, den Schutz einer ſo mächtigen, das halbe Theater⸗ publikum beherrſchenden Frau, wie Madame Hame⸗ lin es war, denn ſchwere Unwetter zogen an dem Horizont ihrer beginnenden Künſtlerlaufbahn herauf. Legouvé's Schülerin hatte geſtern am 18. Brümair des Jahres XI(9. November 1802) die ein und zwanzigſte und letzte ihrer Debütvorſtellungen(acht⸗ mal Phädra, fünfmal Hermione, viermal Roxane im Bajazet, zweimal Semiramis und zweimal Dido) dem Publikum vorgeführt. Man hatte ihr unſchönes Aeußere über ihre künſtleriſchen Leiſtungen vergeſſen; 232 das war wohl der unfehlbarſte Prüfſtein ihrer Be⸗ fähigung zu hochtragiſchen Geſtaltungen. Ihr edler königlicher Anſtand, ihr ſeelenvolles Organ, die Gewalt ihres wunderbar mächtigen Auges riſſen den Zuſchauer zu eine Gefühlsſchwelgerei hin, die ihn Joſephinens eckiges Profil, ihre abſchreckende Ma⸗ gerkeit, ihren breiten Mund, ihre häßliche Naſe und die Ausdruckloſigkeit ihrer Mimik, ſobald ihre Rolle ein ſtummes Spiel erheiſchte, vollſtändig überſehen ließ. Der weibliche Zuſchauerkreis liebte es ſogar, ihren ſchönen vollen Arm, die ſchlanke Taille und die nicht gänzlich vernachläßigte Büſte anerkennend hervorzuheben, denn hier war ja von keiner per⸗ ſönlichen Gefahr die Rede. Woher alſo kam dem harmloſen, nur in dem himmelanſtrebenden Elemente ihrer Kunſt ſich heimiſch fühlenden Maädchen die furchtbare Schaar der Widerſacher, welche ſich gegen ſie waffnete?— Wir werden ja ſehen. Seit dreißig Jahren— ſie hatte 1772 als Dido debütirt— beherrſchte Mademoiſelle Raucourt das Theatre Frangais, wenn auch Anfangs mehr durch ihre Freundin Sofie Arnoult und überhaupt mehr durch Protektion als durch wahre künſtleriſche Weihe. Der erſte Platz am Hofe Melpomene's— 233 ſagt ihr Biograph— dieſer erſte, von ihr beanſpruchte Künſtlerrang gebührte ihr keineswegs. Mit ihrer prächtigen Geſtalt, ihrer edlen würdevollen Haltung, mit ihrem ſchönen flammenſprühenden Auge war ſie allerdings, was die äußere Erſcheinung anlangt, eine geborene Semiramis und Kleopatra, Athalie und Léontine. Sie war Meiſterin in allen Reprä⸗ ſentations⸗ und Force⸗Rollen dieſes Genre's, obgleich ihr die innere Seelenwärme, ohne welche man die Mutterliebe niemals zur Erſcheinung bringen kann, gänzlich fehlte. Ihr Organ war nichts weniger als angenehm. Sie hatte langgezogene, oft ausdruckloſe, harte Töne und war überhaupt wahrhaft tragiſch nur in Handlungen der Wuth und Verzweiflung. Der langſame, monotone Pathos, womit ſie in der Regel die Verſe ſcandirte, ihre ernſte, feierliche Diktion ermüdeten das Publikum, ſeit in Joſephine Duchesnois der friſche Quell naturaliſtiſcher Be⸗ geiſterung ihm entgegen ſprudelte. Man fand plötz⸗ lich ihre emphatiſchen Geſten, die verbrauchten Ab⸗ gänge, welche ihr Spiel oft in Widerſpruch mit der Abſicht des Dichters brachten, mehr als alltäg⸗ lich, man begriff gar nicht, wie man dreißig lange Jahre hindurch für alle dieſe Fehler, für die häß⸗ 234 lich langen Arme, für ihre ſchiefe, die ſchönſten Attitüden ſtörende Haltung des Körpers, für ihr falſches Spiel und ihren Mangel an Gefühlsinnig⸗ keit habe blind ſein können. Allein Mademoiſelle Raucourt war die Perſon nicht, ſich ohne Schwertſtreich von dem ſo lange behaupteten Ehrenplatze am Theatre Frangais ver⸗ drängen zu laſſen. Sie hatte ſchon ſeit drei Jahren die Idee, in einer durch ſie gebildeten Nachfolgerin fortleben, durch ihre Schülerin die Bühne dauernd beherrſchen zu können, in das Auge gefaßt. Sie hatte einen Haupt⸗ und Staatsſtreich vor, der ihre Feinde zu ihren Bewunderern, ihre Freunde aber zu Poſaunenträgern ihres Ruhmes machen ſollte. Bei einem Gaſtſpiel in Amiens hatte Mademoiſelle Raucourt ein ideal ſchönes junges Mädchen, Made⸗ moiſelle Georges Weymer, die Tochter eines Muſikers von bedeutendem Ruf, deren Mutter überdieß eine ſehr beliebte Soubrette war, kennen gelernt. Sie prüfte das ſtrahlend ſchöne Mädchen in dem Ver⸗ ſtändniß der tragiſchen Claſſiker, erſtaunte über den Fund, welchen ſie gemacht, und nahm alsdann mit Einwilligung der Eltern die junge Georges als ihre Schülerin mit ſich nach Paris. 235 Nach dreijähriger Studienzeit, gegen das Ende von Joſephinens Debüt⸗Vorſtellungen, kündigte Made⸗ moiſelle Raucourt die junge Debütantin, welche ſie gebildet, dem Miniſter des Innern an. Ihr Auf⸗ treten am Theatre Frangais wurde acht Tage nach dem beendigten Debüt von Mademoiſelle Duchesnois in der Rolle der Klytemneſtra in Iphigenie in Aulis feſtgeſetzt. Mademoiſelle Raucourt triumphirte. In Joſe⸗ phine Duchesnois hatte ſie ein Talent erkannt, das ſogar die Häßlichkeit zur Schönheit verklärend zur Alleinherrſchaft über die Gemüther geboren ſchien. In Joſephinens Stern mußte der ihre erbleichen, wenn man ſeinen Glanz vollſtändig ſich zu entfalten geſtat⸗ tete— da konnte nur eine Schönheit, wie die von Mademoiſelle Georges, die einem ſeltenen Talent ſich zugeſellte, rettend entgegen wirken, denn die Schön⸗ heit iſt ja Siegerin, wo ſie ſich zeigt— dachte Made⸗ moiſelle Raucourt mit der ſo oft erprobten Phraſe ſich tröſtend. Als Joſephine Duchesnois in der Rolle der Phädra ihren Debüt⸗Cyklus beendigt, brach ein wahr⸗ haft fanatiſcher, zum ausſchweifendſten Enthuſiasmus geſteigerter Beifallsſturm über das beſcheidene junge 236 Mädchen los. Als ſie dem Rufe folgend, von Florence geleitet, auf der Bühne erſchien, wurde ihr ein Kranz zugeworfen und Florence bedeutet, die beſtürzte Debü⸗ tantin im Namen des Publikums damit zu ſchmücken. Die Verſe, welche dem Kranze beigeſellt waren, er⸗ muthigten zum Kampfe gegen die gefürchtete, noch unſichtbare Feindin und zur Verachtung der Pfeile hämiſcher Kritik, welche der treueſte Verehrer von Mademoiſelle Raucourt, der Abbé Geoffroi, Feuille⸗ toniſt des Journal des Debats, gegen die arme Debütantin Duchesnois abgeſchoſſen. Und in der That, Joſephinens Geſundheit begann unter den moraliſchen Mißhandlungen, deren eigent⸗ lichen Quell ſie kaum begriff, außerordentlich zu leiden. Sie glaubte an allen Tadel, den ſie über ſich aus⸗ geſprochen las, als an die vollgültigſte Wahrheit, und das Aergſte, was einer in ihrer Entwickelung begriffenen Bühnenkünſtlerin nur geſchehen kann, geſchah ihr— ſie zweifelte an ihrer inneren Be⸗ fähigung zu ihrer Laufbahn, die ihr des höchſten Strebens werth, ja die ihr das Heiligſte ſchien, dem nur in prieſterlicher Weihe zu dienen ſei. Madame Lebrun und ihr Lehrer theilten den Schmerz des armen Mädchens. Sie ſannen vergeblich auf Heil⸗ 237 mittel, die— ohne jenen feinen Blüthenſtaub, der Seele, wie er als Liebe zur Menſchheit in jeder edlen Künſtlernatur ſich offenbart, von ihr abzu⸗ ſtreifen— doch das ſtolze Selbſtgefühl: auch ich bin ein Künſtler— in ihr aufrufen ſollten. Da aber ſtets des Weibes entſagende Liebe ihr heiliges Feuer der ganzen Menſchheit, ſei es nun auf dem Wege der Kunſt oder auf der dornenvollen Pilgrim⸗ ſchaft der Pflege menſchlichen Elendes zuwenden wird, ſo war auch Joſephine moraliſch durch den Opferaltar, an welchem ſie ſtand, ſchon gerettet. Nur der Zweifel, wie geſagt, ob ſie würdig zu der Prieſterſchaft dieſes Allerheiligſten ſein möge, dieſer Vampyr war es, der ihren Nächten den Schlaf, ihren Tagen die Ruhe und ihren Berufsſtudien jene heitere Seelenſtimmung raubte, die in der Kunſt zur Erkenntniß des Wahren und Schönen ſo unentbehr⸗ lich iſt. Sie floh aus Scham über die verletzenden Angriffe, welche ſie im Journal des Debats zu erdul⸗ den hatte, jede größere Geſellſchaft, ihr Auge erloſch, ihre Züge erſchlafften. Legouvé war untröſtlich. Es ſchien ihm jetzt unmöglich, auf geradem Wege mit ſeiner talent⸗ vollen Schülerin weiter auf der Bahn ihres aner⸗ 238 kannten Strebens vorzudringen. Madame Hamelin oder kein lebendes Weſen ſonſt, vermochte eine Par⸗ tei in das ſtreitende Lager zu führen, die mit der Raucourt⸗Geoffroi⸗Partei es aufnehmen konnte. Madame Hamelin, in mehr denn Einer Hin⸗ ſicht durch das ihr angetragene Patronat ſich geehrt fühlend, hatte die Angelegenheit der Mademoiſelle Duchesnois mit einem Eifer zu der ihren gemacht, die der Gegenpartei doch einiges Stirnrunzeln verurſachte. Sie ſah heute namentlich ſo triumphi⸗ rend aus, ſobald die Converſation über das Thema der nun zu erwartenden Bühnenkämpfe hinrollte, daß die in der Geſellſchaft reich vertretenen Freunde der armen Joſephine wieder friſchen Muth ſchöpften. „Und nun noch eine Neuigkeit, die meinen lieben Gäſten beſſer munden wird, als dieſe armen verſchmähten Sorbetièren und Eisfrüchte,“ rief die ſchöne Creolin, mit einem kleinen Bacchantismus wilder Freude in den gerade jetzt enger geſchloſſenen Kreis der Duchesnoisiſten ſpringend:„Hören Sie, hören Sie!“ und man hörte, man ſtaunte, man machte ſeine ſtummen Frag⸗ und Ausrufungszeichen. „Der erſte Conſul,“ begann Madame Hamelin 239 ihre ſtaunenerregende Neuigkeit,„wacht bekanntlich über dem Gedeihen unſerer Manufakturen, wie er nur über dem Lichte ſeiner Augen wachen könnte.“ „Und über Alles, was dieſem Augenlichte an⸗ genehm iſt,“ warf ein kritiſirender Schalk da⸗ zwiſchen. „Unterbrechen Sie mich nicht,“ ſchalt die Er⸗ zählerin, ein wenig burſchikos mit dem kleinen Fuße ſtampfend.„Der Befehl, daß alle in den Tuillerien empfangenen Damen nur in inländiſchen Stoffen als zutrittfähig zu betrachten ſeien——“ „Iſt eine Gewaltmaßregel, die ſtreng genom⸗ men ſogar die Handelsfreiheit beeinträchtigt,“ ſchloß der Oppoſitionsmann ſeine Rede, die mannigfache Unterſtützung ſo gut als Widerſpruch fand. „Ich möchte aber doch wieder ein wenig zu Worte kommen,“ rief die feurige Creolin endlich mit allen Zeichen lebhafteſter Ungeduld.„Ich habe nicht von den Beſchlüſſen des Conſuls, ſondern von Madame Bonaparte und Mademoiſelle Duches⸗ nois zu ſprechen.“ „Nun und zwar?“ rief der Hörerkreis jetzt in höchſter Spannung. 240 „Joſephine Bonaparte,“ erklärte die ſchöne Wirthin des Hauſes weiter,„beſitzt eine wahre Flut von indiſchen Stoffen mit der wundervollſten Gold⸗ und Silberſtickerei.“ „Sehr glaublich, wo Geſchmack und Pracht⸗ liebe neben einer gutgefüllten Kaſſe die Einkaufs⸗ fragen in die Hand nehmen. Will ſie die prächtigen Stoffe etwa verſteigern?“ „Jugend und Schönheit bedürfen keiner indi⸗ ſchen Gold⸗ und Silberſtoffe, um die Augen zu blenden und die Herzen zu feſſeln,“ flüſterte ein junger Doktor der Rechte der reizend koketten Fra⸗ gerin ins Ohr. „Mademoiſelle Duchesnois wird in dieſen Ta⸗ gen zur Gründung ihrer Bühnengarderobe mit die⸗ ſen Stoffen beſchenkt,“ ſprach Madame Hamelin, mit ſtolzem Siegesblick im Kreiſe ſich umſchauend. „Ein prachtvoller Topasſchmuck, das Geſchenk des portugieſiſchen Geſandten, wird noch hinzugefügt werden, und nun ſoll irgend eine Bühnengröße, die jemals gelebt hat oder noch lebt, kommen und ſa⸗ gen, ſie habe eine Garderobe aufzuweiſen, die an 241 Echtheit und Reichthum mit der unſerer Debütantin ſich meſſen gekonnt*) oder kann.“ „Unſere ſchöne Wirthin ſcheint ihre intereſſan⸗ ten Details aus der beſten Quelle geſchöpft zu haben,“ bemerkte der durch ſeine Abhandlung: Ge⸗ wölbe unter einem Flußbett zu bauen— ſpäter ſo berühmt gewordene Ingenieur Brunel. „Es datiren dieſe Details auch ohne allen Zweifel von einer Madame Bonaparte ganz nahe ſtehenden Perſon,“ fügte ein Kammervirtuos hinzu, der einige Rechte zur Eiferſucht auf die feurige Creolin zu haben ſchien oder zu haben affektirte. „Ich wünſche nur, daß Mademoiſelle Duchesnois das Fach der tragiſchen Königinnen, welches ſie beanſprucht, auch wirklich behaupten könne.“ „Gegen die Cabale oder nach ihrer Befähi⸗ ung?“ fragte Legouvé ein wenig gereizt. „Von beiden Standpunkten aus,“ lautete die Antwort. „Der Cabale ſtellen wir eine kleine Armee Gutgeſinnter entgegen,“ tröſtete Madame Hamelin *) Dieſe Gründung der werthvollen Coſtümgarderobe von Madame Duchesnois iſt laut Joſephinens zuverläßlichſter Bio⸗ graphin eine ganz entſchieden beglaubigte Thatſache. Frick. 16 24² mit überzeugendem Eifer.„Die Studenten der Me⸗ dizin und der Rechte, den größten Theil der gar⸗ niſonirenden Offiziere und Armeelieferanten— auch ein kleines Advokatencorps, nicht wahr, liebſter Duprez— ſteht unbedingt auf unſerer Seite, und was die Befähigung anlangt, nun ich denke, unſere Joſephine hat in dem Herzen der Franzoſen Wur⸗ zel gefaßt*). „Ach, ich fürchte, die übermächtige Schönheit der Mademoiſelle Georges wird noch tiefer in die Herzen der applaudirenden Männerwelt wurzeln,“ ſeufzte eine niedliche Soubrette vom Theater Fran⸗ Lais ziemlich kleinlaut.„Sie ſoll ja ein wahres Wunder von Lieblichkeit ſein.“ „Die Wunder wirken eben nicht lange,“ trö⸗ ſtete Florence lachend.„Iſt ſie eben nur eine wun⸗ dervolle Schönheit, ſo iſt ihr Einfluß mit dem Reize der Neuheit entſchwunden. Nicht dieſes Arme⸗ ſündercolorit, liebſter Legouvé,“ fügte er, den Freund unter den Arm nehmend und mit ihm nach einer der einſamſten Seitenpartien des Gartens einbiegend, „) Ein damals von Joſephine Duchesnois bekanntes Bon-mot: Elle a pris racine— das über ihre naturaliſtiſche Begeiſterung für Racine in Umlauf gekommen. 243 hinzu,„wir ſchwören ja Beide zu Einer Gottheit, wir ſuchen die Wahrheit in der Natur.“ „Gerade heraus, Florence, was fürchten Sie?“ drang der Dichter, als er ſich mit dem Freunde allein ſah, in Joſephinen's Mitbildner.„Sie ſteht ſchutzlos unter einer Schaar von Wölfen.“ „Sie ſoll den Schutz, deſſen ſie freilich wohl bedarf, in ſich ſelbſt ſuchen und finden lernen, doch zum Finden müſſen Sie ihr behilflich ſein; mich ſtellt ſie nicht hoch genug, um meinen Rath ſo zu beherzigen, wie den Ihren!“ „O, Florence, ſie iſt wahrlich nicht un⸗ dankbar.“— „Nein, aber Alles an ihr iſt ſenſitive Inſpi⸗ ration und ſie hat Recht, mich tiefer zu ſtellen, als ich ſtreng genommen in ihrer Hochſchätzung ſtehen möchte. Aber hören Sie, man könnte uns bald wieder ſtören. Die Georges wird bei ihrem Erſchei⸗ nen auf der Bühne halb Paris in einen Taumel des Entzückens verſetzen. Sie iſt keine ſchöne Statue, ſie iſt Leben und Poeſie vollauf, obgleich Joſephi⸗ nen's innere Wahrheit, obgleich die ſchmerzvoll ge⸗ heiligte künſtleriſche Weihe unſerer Schülerin ihr 16* 244 fehlt. Joſephine liebt und weiß ſich ungeliebt, weil ſie ihre Reizloſigkeit kennt. Die ſtolze Seele der Georges liebt nichts, als ihren werdenden Ruhm, und läßt ſich lieben, wie das Bild, das auf dem Schämel ihrer Füße in Seide genäht, von ihr ge⸗ treten wird, obgleich es ihr nützt. Flüſtern Sie Joſephinen, wenn ihr Geiſt unter Geoffroi's unbarm⸗ herzigen Geißelhieben zu erliegen droht, den Namen Etienne Barrot zu— oder nein, um Gotteswillen nein— aber ſagen Sie ihr: Deine Valencienner verdienen, daß ſie mit Stolz auf ihre Landmännin ſehen. Das unſelige Brulée de plus de feux que je n'en allumai, das durch Geoffroi's hämiſche Kritik gleichſam als Motto ihrer Vergangenheit wie ein höhnendes Ge⸗ ſpenſt die arme Joſephine umtanzt, ſoll ihr zum Heil, es ſoll ihr ein Segen werden. Lehren Sie ſie, auch ſchweigend ihr Ich, die kleinlichen Verhältniſſe, in denen ſie gelebt, lehren Sie ſie überhaupt, den Druck jener Verhältniſſe über den Anforderungen vergeſſen, die Racine an die Künſtler macht, welche ſeine unſterblichen Schöpfungen plaſtiſch geſtalten ſollen. Joſephinen's Arme ſind zu lang, um dieſer Geſte des Vorſtreckens und vor ſich her Bewegens 245 ihrer an ſich ſchönen Arme jene Berechtigung zuzu⸗ geſtehen, welche der Leidenſchaft, ſobald ſie die Schranken des Selbſtbewußten durchbricht, über die Regeln der Aeſthetik hinaus zuweilen zugeſtanden werden. Dieſe unerlaubte Geſte iſt ein Theil jener Joſephine am Herde von Madame Bourſault, ſie muß ihren Feinden ſolche Waffe gegen ſich aus den Hän⸗ den ſpielen, ſi muß von der Ueberzeugung durchdrun⸗ gen werden, daß die Leidenſchaft auf der Bühne in die Feſſeln äſthetiſcher Form ſich zu ſchmiegen hat. Wenn Geoffroi ſagt:„ſie ſie dann ſo erſchrocken aus, als ſei ihr die Milch an„dem allzu großen Feuer übergekocht“— ſo iſt das jene ſchamloſe Kritik, die ſich ſelbſt mit der Fauſt in das Auge ſchlägt. Wenn ich aber, Joſephinen's wärmſter Freund, Sie bitte: laſſen Sie das Mädchen einige Monate lang die Bühne nicht wieder betreten und wecken Sie bis dahin den ſelbſtbewußten Stolz der Künſtle⸗ rin in ihr, die ſiegen will, weil Gott ihr die Waffen zum Siege gegeben, die Waffen, die ſie nur muß führen können, ſo denke ich doch, daß Sie mich nicht mit einem Geoffroi in die Klaſſe parteiwüthiger Tadler werfen werden. Noch einmal Legouvé, lehren Sie Joſephinen ſich ſelbſt vergeſſen, die Form ehren 246 und ihrer ſchweigenden Liebe einen unvergänglichen Tempel bauen— ſo iſt ſie gerettet und bleibt Siegerin in dem bevorſtehenden Kampfe mit ihrer glänzenden Nebenbuhlerin. Gute Nacht, mein Freund, dort ſehe ich die Hamelin mit Bourſault und dem Capitän Dupré auf uns zukommen. Ich bin jetzt nicht in der Stimmung, ein Witzfeuer ſchöner Worte als Ehrenſalve loszubrennen. Wer vermißte auch mich, wenn man Sie hat.“ III. Die Prophezeihung des Schauſpielers Florence in Bezug auf Mademoiſelle Georges Weymer ging vollſtändig in Erfüllung. Dieſe von Joſephinen's Partei ſchon vor ihrem Erſcheinen ſo ſehr gefürchtete Neben⸗ buhlerin betrat am achten Frimaire, zwölf Tage nach dem Schluß von Joſephinen's Debüt⸗Vorſtellun⸗ gen das Theatre Frangais, wie die Referate über die damaligen Bühnenzuſtände lauten, mit einer Führerin, die von ſich rühmen durfte: 247 Nourrie dans le serail, j'en connais les détours.— Es war, wie ſchon geſagt, die Rolle der Klytemneſtra(Iphigenie in Aulis), in welcher Made⸗ moiſelle Raucourt dem Publikum ihren Zögling vor⸗ führte. Die Erſcheinung der jungen Debütantin auf der Bühne erregte Anfangs ein ſtummes Staunen der Ueberraſchung, dann brach ein unwillkürliches Gemurmel der Bewunderung ſich Bahn. Aus dem Gemurmel wurde ein Ruf der Begeiſterung im ganzen Saale:„Wie ſchön, o wie ſchön iſt ſie“*)— und kaum konnte die Debütantin vor dem ihr geſpen⸗ deten Applaus zu Worte kommen. Aber auch welch' eine edle und doch gleichſam ſchwebend die Bühne beherrſchende Geſtalt! Welch' feiner biegſamer Wuchs, welch' ein Auge voll Klarheit und Lebhaftigkeit, ein Auge, deſſen beweglicher Ausdruck die geheimſten Tiefen edler Leidenſchaften auszudrücken verſprach. Dabei eine unbeſchreibliche Anmuth aller Bewe⸗ gungen, eine ſeltene Zartheit des Ausdruckes, ein biegſames volltönendes Organ. Man glaubte die V——ix *) Thatſache. 248 Schönheit Aphroditens und die Majeſtät der Juno unter Melpomene's Diadem vereinigt zu ſehen. Einer aus jenem Heere der Duchesnoiſten, von denen das oft bewährte Sprichwort galt: „Schütze mich Gott vor meinen Freunden, mit den Feinden will ich ſchon fertig werden“— beging die unverzeihliche Taktloſigkeit, während dieſer erſten Debütvorſtellung der Mademoiſelle Georges Zeichen des Mißfallens hören zu laſſen. Die allgemeine Ent⸗ rüſtung darüber war nur allzu gerecht und hatte die ganz natürliche Folge, den Triumph der jungen De⸗ bütantin nur um ſo glänzender zu machen. Daß ſie nach beendigter Vorſtellung mit einer wahren Jubel⸗ hymne des rauſchendſten Enthuſiasmus gerufen wurde, bedarf eigentlich kaum der Erwähnung. Daß aber auch Mademoiſelle Raucourt auf die Bühne verlangt und mit den ſchmeichelhafteſten Beifallsbezeigungen über die Bildung dieſer Schülerin überhäuft wurde, verdankte ſie vielleicht nur dem ſo unklugen als unge⸗ rechten Parteifanatismus der Duchesnoiſten; denn daß man durch dieſe Ehrenbezeigungen, welche Joſe⸗ phinens ärgſte Widerſacherin erfuhr, deren ganze Partei am tiefſten verwunde— das fühlte das Par⸗ terre ſehr wohl heraus. 249 Es unterliegt wohl keinem Zweiſel, daß eine ehrenwerthe unparteiiſche Kritik, wie man ſie von dem Redakteur des Feuilletons im Journal des De⸗ bats wohl eigentlich hätte erwarten müſſen, die beiden Debütantinnen einander genähert und einer Jeden das Rollenfach angewieſen haben würde, das ihren Ta⸗ lenten angemeſſen, denn Beider Talente wichen ſo gänzlich eines von dem andern ab, daß die Natur der Dinge auf eine Ergänzung, keineswegs aber auf eine Vergleichung beider Künſtlerinnen hinwies. Was aber that Geoffroi?— Er beſchränkte ſeine Beobachtungen ganz auf das Allgemeine, ſchürte das Feuer der Parteiwuth und ließ ſeine brillanten Witz⸗ funken eigentlich nur leuchten, um das Küchenfeuer in Erinnerung zu bringen, an dem Mademoiſelle Duchesnois noch vor acht bis zehn Monaten geſtan⸗ den. Mit Recht muß man dieſem gewiſſenloſen Feuil⸗ letoniſten den größten Theil der Schuld an den ſpäter ſogar in Thätlichkeiten ausgearteten Parteikämpfen und der immer weiter zwiſchen beiden Künſtlerinnen ſich öffnenden Kluft zuſchreiben. Nicht weniger un⸗ vorſichtige, obgleich weit weniger tadelnswürdige Schriftſteller ergriffen nun auch für Mademoiſelle Duchesnois die Feder und kämpften mit den ſchärf⸗ 250 ſten Waffen der Satyre gegen Geoffroi's parteiwü⸗ thige Gemeinheit. Der jüngere Theil der regel⸗ mäßigen Theaterbeſucher reihte ſich kampfluſtig unter die verſchiedenen Fahnen dieſer Kritik. Das Par⸗ terre des Theatre Francais artete in einen wahren Kriegsſchauplatz, mit wohl formirten Reihen partei⸗ wüthiger Kämpfer, aus. Nach mehreren kleinen Gefechten, deren Verlauf auf das Genaueſte in den Journalen beider Parteien referirt wurde, kam es zu einer Hauptſchlacht, deren Erfolg wenigſtens inſofern ein günſtiger zu nennen war, als nun auch von Seiten der Intendenz etwas geſchehen mußte, die eingeriſſene Unordnung in die Grenzen anſtändiger Parteinahme und den geſitteten Kunſtfreund in das von ihm verlaſſene Parterre zu⸗ rück zu führen. Mademoiſelle Georges ſpielte zum zweiten Male die Rolle der Phädra. Die Armee der vom Publikum ſcheinbar ganz aufgegebenen Joſephine Duchesnois hatte ſich der erſten Bänke des Parterre bemächtigt; ſie bildete wie immer das Hauptceentrum unter dem großen Kronleuchter und es wird ſich ſpäterhin aus⸗ weiſen, wie gut dieſe Stellung gewählt war. Da⸗ gegen dehnte die Kriegsſchaar der Mademoiſelle 251 Georges ihre Reihen viel weiter aus, denn ſie war an Zahl den Duchesnoiſten außerordentlich überlegen. Sobald Mademoiſelle Georges erſchien, wurde ſie mit einer dreifachen Applausſalve empfangen, die ſo gewaltig in den Räumen des ganzen Saales wie⸗ derhallte, daß ein anderer Laut gar nicht aufzukom⸗ men vermochte. So oft Phädra nur Athem holte, oder gar zum Sprechen den Mund öffnete, wieder⸗ holte ſich dieſer Beifallsenthuſiasmus mit immer ſtei⸗ gender Wuth bis zu Ende der Vorſtellung. Schon war das Siegesgeſchrei der Georgiſten in gar nicht zu dämpfender Stimmenmehrheit erklungen, als die Partei Joſephinens, welche man im Rückzug wähnte, mit ſo drohender Entſchiedenheit den Wöchner des franzöſiſchen Schauſpiels vor die Rampe forderte, daß an ein Verweigern dieſes ſo ſtürmiſch kund ge⸗ gebenen Verlangens gar nicht zu denken war. Flo⸗ rence, der Semainier perpetuel der damaligen Schau⸗ ſpielergeſellſchaft vom Theatre Francais, leiſtete alſo — vielleicht nicht ſo ganz unvorbereitet, als es den Anſchein haben mochte— dem diktatoriſchen Rufe augenblicklich Folge. Man ertheilte ihm jetzt kurz und bündig den Befehl, die Rolle der Phädra von morgen ab an Mademoiſelle Duchesnois übergehen 252 zu laſſen, und verlangte das Erſcheinen Joſephinens mit einer Feſtigkeit, die dem Wahnſinn nahe kam. Die Künſtlerin erſchien aber nicht und Florence be⸗ ſchied ihre Partei, daß Phädra für Mademoiſelle Georges auf dem Repertoir ſei. Jetzt erreichte der zur Raſerei ſich ſteigernde Unwille den höchſten Gipfel. Den bedrohlichſten Schmähungen folgten Thätlichkeiten, wie ſie nur auf die Barrikaden gehö⸗ ren. Die Armee der Mademoiſelle Duchesnois— deren Loſungswort„Feuer“— vertheidigt, ihre Stellung behauptend, die Barrière, welche das Par⸗ terre vom Orcheſter trennt, und wirft, während man ſich unten ſchlägt, durch eine ihrer Colonnen eine Abtheilung Georgiſten— deren Feldgeſchrei„Blair“ — welche die Bühne erſtiegen, gleichſam im Sturme zurück. Die Bühne war den Eroberern nicht wieder zu nehmen. Nicht allein Fetzen von Kleidern und Hüten, auch ganze Büſchel Haare und Blutflecken allenthalben gaben das Zeugniß, wie ernſt dieſer im Grunde lächerlich traurige Kampf gemeint ſei. Endlich erſcheint die bewaffnete Macht, und zwar in einem Augenblicke des grimmigſten Zerflei⸗ ſchens beider Parteien. Ein junger Literat, halb Juriſt, halb Philolog, ohne Eines von Beiden, ohne überhaupt etwas Anderes zu ſein, als Geoffroi's Geſchöpf und Geoffroi's Organ, hielt den Kampf an der Barrière durch ſein heiſeres Geſchrei„feu reste keu“**) mit den gefährlichſten aller Waffen, mit der des Spottes, aufrecht. Die Schlachthymne der Georgiſten:„Brulé de plus de feux, que je n'en allumai“— wurde mit erneuerter Wuth angeſtimmt und die die Bühne behauptende Colonne Duchenoiſten machte ſich ſchon fertig, das eroberte Terrain zu ver⸗ laſſen, um den hart bedrängten Freunden an der Barrière zu Hülfe zu kommen. Da— mit der Schnelligkeit eines Augenblicks— erſcheint eine hohe kräftige Männergeſtalt auf der oberſten der amphitheatraliſch über einander gethürmten Orcheſter⸗ bänke. Mit der Behändigkeit eines Jongleurs iſt er auf der andern Seite wieder herab, bricht ſich mit unwiderſtehlichen Fauſtſchlägen Bahn durch das Parterre bis zu Geoffroi's Schildträger, packt das ſchwächliche Männchen mit einem ſichern Griff um die ſchlanke Taille und wirft es ſich über die Schulter. Schon hatte Etienne Barrot— denn er *) Unüberſetzbares Wortſpiel, da feu auch„ſelig verſtorben“ bedeutet. 254 war Joſephinens erbitterter Rächer— mit ſei⸗ ner zappelnden Beute das Gros der„Feuer⸗Armee“ erreicht, ſchon ſchien es, als ob das Komiſche der Situation, in welche der arg bedrängte Parteiführer der Georgiſten ſich gebracht ſah, die Lachluſt an⸗ regen und der Zerfleiſchungswuth damit Einhalt thun wolle, als eine ſchwere Hand auf Etienne Barrot's Schulter ſich legte. Er war der Erſte, den man verhaftete. Die ſchwer errungene Beute wurde ihm abgenommen, doch nach Art der Skorpione rächte ſich der Befreite an ſeinem Centauren noch durch einen Fauſtſchlag in das Auge, deſſen Folge ein jähes Nachrieſeln des Blutes war. Auch von Seiten der Bühnenverwaltung ge⸗ ſchah nun— wenn auch wie bei ſo vielen wichtige⸗ ren Veranlaſſungen ein wenig zu ſpät— etwas, das die kampfesheißen Parteien wenigſtens für den Augen⸗ blick beruhigte. Florence erſchien abermals auf der durch ſo widerwärtige Scenen entweihten Bühne. Er hatte im Namen der Intendanz die Meldung zu thun, daß Mademoiſelle Duchesnois die Amenaide im Tancred als Antrittsrolle ſpielen werde, Anderer⸗ ſeits wollte man aber auch die Debutrollen von Ma⸗ demoiſelle Georges mit der heutigen als beendigt 25⁵ anſehen, ſie werde unmittelbar nach Mademoiſelle Duchesnois' Antrittsrolle die Mérope als die ihrige ſpielen. Die Gemüther beruhigten ſich nun inſofern, als jede der beiden Parteien ſich den Sieg zu⸗ ſchrieb, und als die Hauptführer des Kampfes von ihrer Anſtrengung im Gefängniß ausruhten. IV. „Dies alſo iſt die Pforte, o Du göttliche er⸗ habene Kunſt, durch welche ich in Deinen Tempel treten ſoll!“ rief Joſephine Duchesnois, als ſie von den greuelhaften Scenen im Theater hörte, „O könnte ich entſagen, könnte ich es nur; allein es hält mich feſt wie mit tauſendfach unzerreißbaren Banden, und wiederum bin ich es doch eigentlich nicht, die ſich nach dem Erhabenen drängt, dem ich nur demüthig als Magd diene. „Was iſt es nur, das mich in dieſe mir ſo fremde Welt geworfen, was iſt es, das allüberall, wo nicht die Hallen der Kunſt ſchirmend über meinem Haupte ſich wölben, mich anweht wie eine Luft, die nicht 286 meiner Heimath entſtammt?— Mir iſt, als wär' ich überall allein, haltlos, verlaſſen, wo nicht des Dichters Geiſt mich umſchwebt, mich trägt und ſchützt. O Etienne! Etienne! ich habe mich in Dir verloren, aber die heilige Jungfrau war mir eine gnädige Für⸗ ſprecherin und ich ward wiedergeboren in der Erkennt⸗ niß des göttlichen Racine.—“ Florence hatte ängſtlich Sorge getragen, daß Jo⸗ ſephine von Barrots Gefangennehmung nichts erfahre. Wer beſchreibt alſo ihren Schreck, als eines Tages Etienne’s Frau mit zornfunkelnden Augen bei ihr einbrach, um die beſtürzte, auf das Aeußerſte erſchrockene Künſtlerin über die Verhaftung ihres Mannes und überhaupt über das Einmiſchen Bar⸗ rot's in einen Skandal zur Rede zu ſetzen, der einen ſchlichten Häusler gar nicht kümmern dürfe. Die Valencienner Burſchen, nicht die Männer braver Frauen, möchten ſich immerhin für ſie, das Valen⸗ cienner Kind, die Hälſe brechen, wenn ſie der Meinung ſeien, daß es ſich der Mühe lohne, lachte ſie mit wilder Rohheit auf. Etienne ſolle fortan ſchön zu Haus bleiben und ſeinen Kohl bauen; was zum Verkauf in die Stadt müſſe, werde ſie nun ſelbſt mit dem Knechte dorthin ſchaffen. Jetzt zuför⸗ derſt habe ſie ihren Vetter aus der Haft loszu⸗ machen. Joſephine, von dieſer Scene roheſter Eiferſucht, wie ſie doch der ſchönen Margot gegen die reiz⸗ loſe Verwandte ſo ſchlecht anſtand, in tiefſter Seele verletzt, war doch über Etienne's Schickſal noch weit mehr bekümmert, als über die ihr zugefügte Krän⸗ kung erbittert, und noch mehr beglückt über dieſen erneuerten Beweis der Theilnahme ihres Vetters, als ſie bekümmert und gekränkt war. Sie beruhigte Margot mit der Verſicherung, daß Etienne wahr⸗ ſcheinlich dieſen Abend noch mit ihr heimkehren werde, und fuhr, als ſie Margot ziemlich getröſtet an einen wohl beſetzten Tiſch plaeirt, geradewegs zu Frau von Monteſſon, um den Rath und Beiſtand dieſer vielvermögenden Frau zu erbitten. Ohnweit der Wohnung ihrer Gönnerin, auf dem Wege der Heimkehr nach ſeinem Dörſchen begegnet ihr Vetter Barrot, ein Tuch um das linke Auge gebunden. Joſe⸗ phine, die der Schreck über dieſe Wahrnehmung ganz überwältigt, läßt augenblicklich halten, ſpringt aus dem Wagen, ruft Etienne mit dem Ausdruck der höchſten Angſt zu ſich heran und achtet es nicht, Frick. II. 17 25⁸ daß die Vorübergehenden der befremdlichen Scene einen zweifelhaft lächelnden Beifall ſpenden. Barrot erblickt, auf den Ruf ſeines Namens ſich umſchauend, ſeine Baſe in der großen Toilette einer Audienzviſite bei Frau von Monteſſon auf ſich zueilend. Er erräth wenigſtens zur Hälfte die Wahr⸗ heit und hat Takt genug, die arme Joſephine nur ſo ſchnell als möglich den kritiſirenden Blicken der Umſtehenden zu entziehen. Mit raſcher Hand ſie in den Wagen hebend, ſchwingt er ſich, ihre Einrede nicht beachtend, neben den Kutſcher auf den Bock, und beſtimmt dieſen zur Rückfahrt nach Mademoiſelle Duchesnois' Wohnung. Margot war nach beendigter Mahlzeit in ihrem weichen Lehnſtuhl mit der ſchönen Berechtigung einer ſo verdauungskräftigen als verdauungsbedürftigen Natur ſanft und feſt entſchlummert. Sie erwachte auch weder durch das Geräuſch der Eintretenden noch durch das halb laute Geſpräch, das Barrot und Joſephine, in das offen ſtehende Nebenzimmer ſich zurückziehend, mit einander pflogen. „Etienne! um Gottes Barmherzigkeit willen, wie iſt das nur ſo gekommen und was iſt mit Deinem armen Auge geſchehen!—“ rief das geängſtete Mäd⸗ 259 chen, die Hände ihres Vetters mit ſtürmiſcher Leiden⸗ ſchaftlichkeit faſſend.„Um mich! um nich! das iſt ja entſetzlich..— Sie brach in heiße Thränen aus und warf ſich ihrer Gefühle nicht mehr mächtig, vor dem ſtill Geliebten auf die Kniee. „Nimm es nicht ſo hoch auf, Baſe,“ ſprach Etienne, ſie mit ſtarkem Arm vom Boden erhebend. „Und wenn einer jetzt käme und ſagte: es gilt Deine beiden Augen, Barrot, wenn Du das Geſchehene nicht bereueſt, ich müßte mich mein Lebelang am Blindenſtabe forthaspeln. Der Menſch hat nur Ein Herz, das muß frei klopfen, es muß der Fauſt manchmal ein wenig auf die Sprünge helfen dür⸗ fen, wo ſie zuſchlagen und dem Rechte zum Rechte verhelfen ſoll. Die Kanaille, ſo Dir und mir es angethan, ſollte nur ein wenig an die Luft geſetzt werden und Schweigegeld beſehen, wie ſie's ver⸗ dient, das hatten wir Valencienner ihr zugeſchworen, und daß wir's noch halten, darauf kann ſie Gift nehmen.“ „Etienne, Du weißt nicht, wie wehe Du mir thueſt mit dieſem wilden Zorneseifer, der nicht in Deiner Natur liegt,“ klagte Joſephine, die Hände bittend zu ihrem Vetter gefaltet.„Du haſt Frau 3 17* 260 und Kind und denkſt nicht daran, mit welchen Schmä⸗ hungen Dein Weib mich überhäufen muß, wenn ſie Dein Auge Gott weiß in welchem gefährlichen Zu⸗ ſtande erblicken wird.“ „Nein, Baſe, nein und tauſendmal nein,“ ent⸗ gegnete der junge Bauer, trotzig mit dem Fuße ſtampfend.„Ich habe nichts bedacht und nichts über⸗ legt, als daß ſie Dich ſchmähten, Dich, den Stolz Deiner Valencienner, Dich, die wir verloren, weil Du über unſere Häupter emporgeblüht biſt wie die Blume aus dem Kraute, das ſie unter ſich zurückläßt. Doch weil wir Dich verloren, weil Du unſers Gleichen nimmermehr werden kannſt oder wohl nie⸗ mals warſt, ſo ſollſt Du glücklich ſein in der Region, dahin Gott durch die Dir verliehene Gaben Dich geſtellt. Dein Glück ſoll das unſere ſein, es ſoll uns Dich erſetzen, es ſoll die Sonne ſein, welche uns tröſtet, wenn wir in der Heimath trauernd Deiner gedenken. Du, Joſephine, und mein Büb⸗ chen, ihr ſeid Etienne Barrots Leuchte in dem trüben Regentag ſeines Lebens.“ „O Vetter, Vetter! mache mir das Herz nicht ſchwerer als es ſchon iſt!—“ rief Joſephine in 261 Wehmuth faſt vergehend.„Ich hab's ja noch ſo gar ſchwer auf dem Herzen, was ich Dir ſagen muß.“ „Und was iſt’s?— Lauere nicht damit im Hin⸗ terhalt, wie ein Feind, der erſt trifft, wenn man den Rücken zum Gehen wendet.“ „Wir ſehen uns heute zum letzten Mal. Du darfſt mich nicht mehr beſuchen, wenn Du zur Stadt kommſt,“ „Kommt das aus Deinem Kopf und Herzeu oder— iſt's die Eiferſucht, die das verbietet?—“ „Du ſchneideſt mir in das Herz mit Deinen Fragen,“ antwortete das unglückliche Mädchen aus⸗ weichend.„Wie würde ich dieſe Bitte thun, wenn es nicht ſein müßte?—“ „Die Pariſer Valencienner erzählen ſich, die Hamelin wolle Dich ermorden laſſen, weil ihr Spiel⸗ pächter mehr Geſchmack an Dir finde, als an dieſer Mameluckin. Hörte ich die Wahrheit, Joſephine! hörte ich ſie?—“ „Ach guter Etienne, mich läßt Niemand aus Eiferſucht ermorden,“ antwortete die Gefragte mit einem ſo herzzerſchneidenden Lächeln, daß ihr Ver⸗ wandter ſeine Frage ſchmerzlich bereuete.„Selbſt Mademoiſelle Raucourt, vielleicht meine einzige wahr⸗ 262 haft erbitterte Feindin, nimmt ſich die Mühe nicht. Sie bekämpft mich ſicherer mit den Waffen von Made⸗ moiſelle Georges unwiderſtehlicher Schönheit. Doch nicht von mir Vetter, von Dir laß' uns reden und dann— ſcheiden.“ „Niemand löſcht in kalter Winternacht ſein Licht, eh' er ſchlafen geht, und Du biſt mein Licht und meine Lebenstage ſind kalt wie die Nächte im Januar. Ich ſage nicht Ja zu Deinem harten Gebot. Noch einmal Joſephine, was iſt's, das mir Dein Herz ſo ganz entfremdet?—“ „O Etienne, hätte ich tauſend Leben und ich könnte ſie alle nur für ein Haar auf Deinem Haupte opfern, an dem Dein Glück hinge, ich gäbe ſie freudig hin. Aber dort iſt Dein Weib, ſie hat Rechte und ſchenkte Dir Deinen Knaben. Betrübe ſie nicht um meinetwillen, ich würde nicht mehr ruhig und bedarf doch der Ruhe ſo ſehr. Aber noch Eines mein Vetter, und dieſe Bitte ſchlage mir nicht ab. Schicke mir zuweilen Dein Söhnchen und laß' das Bübchen manchmal einen Tag oder zwei bei mir verweilen. Es ſoll Dir ja ähnlich ſein, ſoll Deine treuen Augen und Dein herziges offnes Lachen haben, ich will es mich lieben lehren und will mir erzählen laſſen von 263 ſeinem Vater— o ſchlag' mir die Bitte nicht ab, denn ich brauche doch auch ein wenig Sonnenſchein zum Leben.“ 4 Der arme Barrot ſtierte von dem Augenblicke an, als Joſephine ſeines Weibes gedachte, mit dem Ausdrucke finſterer Schwermuth zu Boden. „Führe uns nicht in Verſuchung, ſondern er⸗ löſe uns von allem Böſen,“ betete er ſtill vor ſich hin, und der ſchwere Sieg über ſich ſelbſt war er⸗ rungen. „Du ſchickſt mich in die Verbannung,“ ſprach er nach einer langen Pauſe des Schweigens ernſt und düſter,„aber Dich ſelbſt kannſt Du doch nim⸗ mer aus meinem Herzen verbannen. Den Buben ſollſt Du haben, ſo oft Du nur willſt, und ſeinen Vater auch, ſobald Du ſeiner bedarfſt; ſonſt will er nicht in zudringlicher Freundſchaft Dir eine Laſt werden. Sei glücklich, Joſephine, und vergiß doch nicht ganz des lieben Dörfchens, wo Etienne Bar⸗ rot Dein glücklicher Spielgefährte war!“ „O, Etienne! Etienne!— wäre das noch ſo!“ rief Joſephine, von der Qual des Scheidens ganz erdrückt und aller Selbſtbeherrſchung bar.„Lebe 264 wohl, kebe tauſendmal wohl, ich bewahre Dir ein treues Angedenken!“ Er umſchlang ſie ſtürmiſch— ſein erſter und letzter Kuß glühte auf ihren Lippen. Dann riß er wie ſinnlos ſein Weib aus ihrem Schlafe empor und war mit ihr verſchwunden, noch ehe das in Schmerz vergehende Mädchen ſich beſinnen und über⸗ legen konnte, was geſchehen ſei oder was um Mar⸗ got's willen noch geſchehen müſſe. VW. Nach einem Zwiſchenraume von drei Monaten — ſeit dem Abſchluß ihrer Debütvorſtellungen bis zu ihrer Antrittsrolle als Amenaide— betrat Ma⸗ demoiſelle Duchesnois die Bühne zum erſten Male wieder, und zwar als eine in dieſem Zeitraume um drei Jahre gereifte Künſtlerin. Er ſoll nicht mehr um mich bangen oder gar um meinetwillen ſich ge⸗ fährden, das war nächſt dem heilſamen Wermuth ihrer unglücklichen Liebe die Wurzel von Joſephi⸗ nen's gereifter Künſtlerſchaft. Hatten ſchon ſogar die 26⁵ fanatiſchen Anhänger der reizenden Georges die all⸗ gemeine Beinerkung, daß unſtreitig mehr innere Künſtlerweihe Joſephinen's Spiel durchglühe, we⸗ nigſtens gegenſeitig ſich zugeſtanden, ſo iſt nament⸗ lich die der Amenaide folgende Ariadne der Made⸗ moiſelle Duchesnois als ein in den Annalen des Theater Frangais Epoche machendes Meiſterwerk aufgezeichnet worden. Joſephine ſchuf, was ſie gab, mit dem ſchmerzdurchglühten Feuereifer ihrer reinen, tief empfindenden Seele. Ihr Lehrer war ein Dich⸗ ter, kein Bühnenkünſtler geweſen, das unterſchied ſie von Mademoiſelle Georges, die nur eine talentvolle und überaus gelehrige Schülerin von Mademoiſelle Raucourt war. Nicht allein die Partei der Duches⸗ noiſten, auch die ihrer Rivalin, geſtand es ganz leiſe ſich zu, was jene laut und triumphirend in ihren Journalen anpries, die ausgemachte Thatſache nämlich, daß die Georges Weymer in ihrer Auf⸗ faſſung, ihren Stellungen und Geſten nur eine ſela⸗ viſche Nachahmerin ihres Profeſſors, nur eine ideal verjüngte Mademoiſelle Raucourt ſei. Ueberhaupt dauerten die Feindſeligkeiten beider Parteien ſo lange fort, als beide Künſtlerinnen zu⸗ gleich, und zwar eine Jede in der ihr eigenen 266 Sphäre, Zierden des Theatre Frangais waren. In den Journalen, der Arena jener Athleten— wie es in den Referaten der damaligen Zeit lautet— jener Athleten, deren Degen die ebenſo ſpitze Feder, deren Stütze ſchaukelnde Sophismen, deren Ver⸗ bündete die maßloſeſte Uebertreibung— in den von Beleidigungen und gemeinen Schimpfreden be⸗ ſchmutzten Journalen entzündete ſich ein ſo zornes⸗ wüthiger Parteienkrieg, als er nur jemals um eine Krone geführt worden iſt. Umſonſt war es, daß Joſephine, deren friedliebender Sinn außerordentlich unter dem Druck dieſer widerwärtigen Verhältniſſe litt, wenigſtens einen Waffenſtillſtand der Feind⸗ ſeligkeiten dadurch anzubahnen ſuchte, daß ſie ſich öffentlich bereit erklärte, mit Mademoiſelle Georges zugleich auf der Bühne zu erſcheinen. Die ganz von Mademoiſelle Raucourt beeinflußte Georges willigte in dieſes Zuſammenſpiel nur unter der Bedingung, daß es in der Rolle der Dido geſchehe, daß aber dieſe zum Repertoir der Mademoiſelle Duchesnois gehörende Titelrolle von ihr, die Prin⸗ zeſſin hingegen von ihrer Rivalin geſpielt werden müſſe. Auch darein willigte Joſephine, doch gab eben gerade die ſeltene Vollendung dieſer Dar⸗ — 267 ſtellung der Dido wiederum Veranlaſſung zu den hitzigſten Debatten in den Journalen. Die gif⸗ tigſten Artikel darüber, ob Mademoiſelle Duches⸗ nois, Mademoiſelle Raucourt und Mademoiſelle Georges in den Königinnenrollen, und ob Made⸗ moiſelle Georges, Mademoiſelle Fleury und Ma⸗ demoiſelle Duchesnois in den Prinzeſſinnen alter⸗ niren ſollten oder dürften, erhitzten die Gemüther und riſſen das Publikum in die unerquicklichſte aller kritiſirenden Parteiwüthigkeiten: in die zer⸗ ſetzende Rollenmonopol⸗Manie mit hinein. Wenn die Georgiſten die Hermione, Alzire, Amenaide u. a. als in das Mademoiſelle Georges zugetheilte Rollen⸗ fach der Königinnen gehörig ihr ausſchließlich er⸗ halten wiſſen wollten, ſo behauptete dagegen Joſephinens Partei: dieſe Damen ſeien doch eigent⸗ lich nur mehr oder weniger von dem höchſten Range der Königinnen ſich entfernende Prinzeſſinnen und gehören deshalb in das Rollenfach von Mademoiſelle Duchesnois. Es half nur wenig, daß einige redlich geſinnte, unparteiiſche Journale das Urtheil des Pu⸗ blikums zur Wahrheit zu leiten ſuchten. Der Skandal bewährt ſeine Anziehungskraft dadurch, daß er amü⸗ ſirt, daß er beſſer unterhält, als die trockene, erſt 268 auf Unkoſten des Nachdenkens mühſam aufzuſuchende Wahrheit. Die Rollenfächer, worin beide Künſt⸗ lerinnen ſich auszeichnen, ſagte die aufrichtige Kritik, ſind ſo verſchieden, als eben die Art ihrer Talente es iſt. Mademoiſelle Duchesnois, deren ſchlanker, zarter Wuchs und deren ganzes äußere Gepräge mehr An⸗ muth als Majeſtät ausdrückt, hat mehr Pathos und iſt überhaupt in den Gefühlsrollen unübertrefflich. Schon ihr biegſames, harmoniſches Organ, ihr wei⸗ ches, obgleich lebhaftes Muskelſpiel, der Ausdruck der Sanftmuth und Güte, welcher ihre Züge be⸗ herrſcht, machen ſie geeigneter für die Gefühlspar⸗ tieen als für die Force⸗ und Repräſentationsrollen. Zwar erhebt ſie ſich, ſobald der tragiſche Genius ihre Seele durchglüht, zu der hoheitvollen Würde, welche Melpomene von ihren Prieſterinnen verlangt; zwar ſcheint ſie dann gleichſam vor den Blicken der er⸗ ſtaunten Zuſchauer zu wachſen, allein jener majeſtaͤ⸗ tiſche Stolz, jener Adel der Repräſentation, mit Einem Worte jene Königinnen⸗Natur, womit Made⸗ moiſelle Georges ihre Kleopatra, Leontine, Semi⸗ ramis u. a. ausſtattet, iſt ihr nicht eigen. Wenn Mademoiſelle Duchesnois in ihrer Ariadne, Rodo⸗ gune und vor Allem in der neuerlich von ihr ge⸗ —— — — —— 269 ſchaffenen Maria Stuart uns die Natur zeichnet, wie ſie iſt, ſehen wir ſie in den Leiſtungen der Mademoiſelle Georges durch die Kunſt ver⸗ ſchönt. Aus einer feurigen, tief und wahr em⸗ pfindenden Seele ſtrömet der überwältigende Ein⸗ druck des Spieles der Mademoiſelle Duchesnois uns zu. Sie iſt überreich an erhabenen und unvorher⸗ geſehenen Blitzen momentaner Inſpiration und die⸗ ſer Zweig ihres ſchönen Talentes erhebt ſie zu der Höhe, auf der in dieſer Hinſicht einzig und allein Mademoiſelle Dumesnil geſtanden. Der Ausdruck einer ſich ſelbſt verzehren⸗ den Liebe iſt das Gefühl, welches von dieſer Künſtlerin am treueſten abgeſpiegelt wird; ſie ſcheint in dieſen Rollen nur ein dem Sohne der Venus fallendes Opfer. Der Ausdruck der Rache, der Verzweiflung, des Schreckens ſelbſt ſcheinen oft durch die Art, wie ſie dieſelben ausdrückt, das Er⸗ gebniß dieſer täuſchenden und in ihrer Täuſchung ſo fürchterlichen Leidenſchaft zu ſein. Während ſie in ihrer Phädra, Dido, Ariadne u. a. geradezu Vollkommenes leiſtet, während ihre Maria Stuart eine ihrer Schöpfungen iſt, welche die Unſterblich⸗ keit anſtreben, erhebt ſie ſich als Agrippine, Athalie, 270 Camilla u. a. nicht allzuweit über die Mittelmäßig⸗ keit. Freuen wir uns der neuen Dumesnil, die zum Stolz des franzöſiſchen Theaters an ſeinem Horizonte aufgegangen, und denken wir nicht ſo gering von dem Sternenhimmel unſers Bühnenlebens, daß wir unſerer Dumesnil⸗Duchesnois nicht ebenſo freudig die neue Clairon in Mademoiſelle Georges gegen⸗ überſtellen ſollten. Beinahe zwei Jahre waren unſerer Joſephin unter dieſen gehäßigen Kämpfen mehr ſchmerzensreich als freudevoll verſtrichen. Das einzige Glück der ein⸗ ſamen vier Wände, zwiſchen denen ihr häusliches Leben ſich abſpann— Barrot's lieblicher Knabe— war geſtorben. Etienne, den ihr feſt ausgeſprochener Wille fern von ſich hielt, grollte ihr nach Art ſchlichter Naturmenſchen, die das Warum eines Moralgeſetzes mit unbewaffnetem Auge ſehen müſſen, um es ohne Murren befolgen zu können. Er hatte neuerlich in einem Schreiben, daß ſein Bruder, der Schullehrer des Dorfes, ihm angefertigt, von Theaterprinzeſſinnenſtolz geredet, und nun war es abgethan zwiſchen ihm und ihr, wie ſie meinte, für immer. Einſamer wurde ihr Leben von Tag zu Tag, denn auch der Kummer traf ſie noch, ihren Lehrer „— —— 221 und Freund, den edlen Legouvé allmälig in Geiſtes⸗ zerrüttung verfallen zu ſehen, und oft ſtand ſie, große Thränen in dem offenen ausdrucksvollen Auge, und fragte ſich: wozu, o Du allweiſer Gott, haſt Du uns empfänglich für das Schöne und für die Liebe gemacht, wenn Geiſt und Herz dadurch nur um ſo kränker werden? Endlich kam das Publikum, dieſer Anfangs von der Schönheit der Mademoiſelle Georges eingeſchlä⸗ ferte, dann von dem Parteigebrüll der Journale übertäubte Löwe, der faſt Entmuthigten zu Hülfe. Sie hatte dem allgemein ausgeſprochenen Wunſche: beide Koriphäen des Theatre Frangais möchten häu⸗ figer, als es geſchehe, zugleich auf der Bühne ge⸗ ſehen werden, mit Hintanſetzung ihres Rollenmono⸗ pol's bereitwillig nachgegeben. Mademoiſelle Rau⸗ court, die ſich durch ihre Schülerin immer noch in den erſten Partieen zu behaupten wußte, theilte Joſephinen, die gewöhnlich von einer Confidente ge⸗ ſpielte Sabine in Corneille's Horaziern zu, während ſie die Camilla für ſich behielt. Wie aber Made⸗ moiſelle Duchesnois dieſe Rolle auffaßte, ſchien ſie dem aufmerkſamen Publikum unter der Scene zu wachſen. Es rief nach beendigter Vorſtellung die Duchesnois ohne Mademoiſelle Raucourt, was zur Folge hatte, daß dieſe, empört über ſolche Zurück⸗ ſetzung, die Camilla an Mademoiſelle Georges über⸗ gehen ließ, die nun auf Joſephinens ausdrückliches Verlangen zu großer Befriedigung des Publikums wechſelweis mit ihrer Rivalin die Camilla und Sa⸗ bina ſpielen mußte, was im Allgemeinen zum Vor⸗ theil der Duchesnois ausſchlug. Die von ihrer Lehrerin nicht zum Beſten be⸗ rathene Georges wollte nun auch ihrerſeits das ſo oft erprobte Gängelband der Künſtlerlaune einmal an dem undankbaren Publikum verſuchen. Sie wei⸗ „gerte ſich eines Tages, als Raynouard's Tempel⸗ ritter— ein in ſeiner Neuheit fabelhaft ſich be⸗ waͤhrendes Kaſſenſtück— bereits auf den Anſchlag⸗ zetteln ſtand, ihre Königinrolle dieſen Abend zu ſpielen. Krankheit oder Indispoſition der Stimme war nicht vorhanden, und ſo lebte das Comité bis zur Eröffnung der Kaſſe der guten Hoffnung, Ma⸗ demoiſelle Georges werde ſich nur koſtbar machen, und mit dieſer kleinen Kriegsliſt irgend einen in Bereitſchaft gehaltenen Wunſch durchſetzen wollen. Als jedoch Zeit und Stunde der Entſcheidung kam, mußte man den Irrthum und das Vertrauen in 273 den echten Künſtlerſtolz der Mademoiſelle Georges bereuen. Sie erſchien nicht nur nicht, ſondern fer⸗ tigte auch die nach ihr ausgeſendeten Boten mit hochmüthigen, allgemeinen Floskeln ab. Das gedrängt verſammelte Publikum machte den Zweck ſeiner Anweſenheit auf ſehr ſtürmiſche Weiſe geltend, denn ſchon war die Stunde, die den ſteten Vorhang zwiſchen den Spielenden und Schauenden entfernen mußte, längſt vorüber. Da hob er ſich endlich und— ſtatt des beginnenden Stückes erſchien der Ueberbringer zumeiſt fataler Ereigniſſe, Florence, auf der Bühne. Der Tumult, die leidenſchaftlichen Kundgebungen des Unwillens, welche ſeiner Meldung: Mademoiſelle Georges ſei nicht anweſend und habe ſich ohne Angabe beſon⸗ derer Gründe heute zu ſpielen geweigert— un⸗ mittelbar folgten, überſtieg alle Beſchreibung. Das Publikum war damals in ſeiner Geduld gegen Künſtlerlaunen noch um ein halbes Jahrhundert zurück. Da kehrte Florence auf die ſo ſchnöde ver⸗ laſſene Bühne zurück. Es trat eine augenblickliche Stille ein, der nach geſchehener Anfrage, ob das Publikum Mademoiſelle Duchesnois, die gerade ge⸗ genwärtig ſei, erlauben wolle, mit dem Buche in Frick. II. 18 274 der Hand aufzutreten und die Rolle der Mademoi⸗ ſelle Georges, die ſie nicht einſtudirt habe, zu leſen— ein ſtürmiſches Bravorufen, ja die leiden⸗ ſchaftlichſten Beifallsäußerungen folgten. Mit dieſer improviſirten Leſerolle Joſephinen's, die einen alle Erwartung übertreffenden Erfolg ge⸗ habt haben ſoll, war ihr Sieg über Mademoiſelle Georges beim Publikum entſchieden. Als wenige Tage nach dieſer Improviſation— am 11 Flo⸗ real XII(1. Mai 18 4)— bei einer Vorſtellung der Iphigenie in Aulis Mademoiſelle Raucourt die Klytemneſtra, die Duchesnois aber die Eriphile ſpielten, geſchah etwas, das Joſephine, ſo ſchmerz⸗ lich es auch von ihr empfunden wurde, doch zu einigen Jahren ruhiger Kräftigung ihres Talentes verhalf. Das Erſcheinen der Raucourt, deren ganz entſchiedener Einfluß auf Mademoiſelle Georges und deren zornwüthiger Haß gegen Mademoiſelle Duches⸗ nois kein Geheimniß waren, wurde mit der ſchnei⸗ denden Muſik einiger Sackpfeifen empfangen. Ge⸗ danke und That der Beleidigten waren Eins. Mit furienhaftem Grimm ſtürzte die koloſſale Geſtalt der Raucourt ſich auf die zitternde, dieſes gräßlichen Augenblicks kaum ſich bewußt werdende Joſephine, 275 die ohne aulem Zweifel der muskulöſen Feindin er⸗ legen, wahrſcheinlich aber nachhaltig an ihrer Ge⸗ ſundheit gefährdet worden wäre, wenn nicht bereit⸗ willige und namentlich ſchnelle Helfer zwiſchen die Hyäne und das vor Entſetzen ganz wehrloſe Lamm ſich geworfen hätten. „Mitten im Anlaufe der großen Fortſchritte,“ „welche Mademoiſelle Georges in dieſer letzten Zeit“ „machte,“ ſagt eine biographiſche Skizze dieſer Künſtlerin,„entfernte ſie ſich plötzlich mit ungeſtü⸗“ „mer Reizbarkeit vom Mittelpunkte der Aufklärung“ „und des Geſchmackes, um in Petersburg jene“ „dürren Lorbeeren zu pflücken, wie ſie unter dem“ „Eiſe des Nordens nun eben wachſen können.“ Mademoiſelle Raucourt benutzte das von Bo⸗ naparte ihr ertheilte Privilegium als Vorſteherin der franzöſiſchen Theatergeſellſchaften im Königreiche Italien. Sie verließ Paris auf ſehr lange Zeit, wußte aber doch durch Ränke aller Art ihre Stel⸗ lung am Thédâtre frangais wenigſtens dem Namen nach bis zu ihrem Tode— 1815— zu behaup⸗ ten. Sie lebte in den letzten Jahren ihres Lebens faſt nur in dem Departement Loire am Ufer der Loire. Ihr Leichenbegängniß zeichnete ſich durch einen . 18* —— 276 Skandak aus, an dem der Angabe nach über fünf⸗ zehntauſend Menſchen ſich betheiligten. Die Geiſt⸗ lichkeit verweigerte ihr die religiöſen Ceremonien, und das Volk erzwang ſie unter dem Schutze des Geſetzes. Seltſame Nemeſis!— Bei jenen widerwärti⸗ gen Parteikämpfen, welche Mademoiſelle Raucourt und ihr Ehrenritter Geoffroi im Théatre frangais angeſtiftet, hatte ſie für ſich und ihre Schülerin eine Kluft zwiſchen ihnen und dem redlichen Theil des Publikums geöffnet, die ſich nie wieder ſo ganz ſchloß, und die namentlich die ganze Zukunft der Mademoiſelle Georges gefährdete. Jetzt mußten ihre ſterblichen Ueberreſte die widerwärtigſte aller Unge⸗ rechtigkeiten: die Zwangherrſchaft hierarchiſchen Wah⸗ nes gegen einen der ſchönſten Kunſtzweige, ſie mußten eine That des Haſſes erdulden, die ein fanatiſcher Prieſter im Namen der Religion der Liebe an ihr verübte.— Als Mademoiſelle Georges von Petersburg zurückkehrte, war Joſephine Duchesnois laut eines ausdrücklichen Arrété du Préfet du Palais im Beſitz faſt aller Rollen, die ſie nur ſpielen wollte. Die wier bisher ganz von einander getrennten Fächer — 277 von Königinnen, von Müttern, von großen und von jungen Prinzeſſinnen lauteten auf die vom Publikum faſt ein wenig überſchätzte Künſt⸗ lerin. Die gerechtfertigte Kritik, welche der Duches⸗ nois einfachere aber weniger eintönige Diktion an⸗ wünſchte und einige falſche Geſten rügte, kam zu⸗ weilen übel weg, mochte ſie auch die Wahrheit ihres Spieles, namentlich aber die Richtigkeit ihrer Auf⸗ faſſung nach Gebühr würdigen. Doch bewirkte Ma⸗ demoiſelle Duchesnois ſelbſt, daß die Georges, welche in Petersburg, wie man ſehr wohl wußte, nur geringen Erfolg und ſo gut, wie keine Gele⸗ genheit, ihr Talent zu zeigen, gehabt, in der von ihr gewünſchten Rolle der Merope das Pariſer Publikum begrüßen durfte. Sie geſiel, doch empfing man die verwöhnte Künſtlerin im Grunde nur als ein unartiges Kind, das reuig bittend zu ſeiner Familie zurückkehrt. Die Fortſchritte, welche ſie gemacht, waren unläugbar, und wurden von Niemanden aufrichti⸗ ger anerkannt, als von Joſephinen, ihrer hochher⸗ zigen Rivalin. Allein Mademoiſelle Georges ver⸗ langte und erhielt ſchon nach einigen Monaten ihrer Anweſenheit einen längeren Urlaub zu einer Kunſt⸗ 278 reiſe in die mittägigen Provinzen. Eine Krankheit befiel ſie, ihr Anſuchen um verlaͤngerten Urlaub wurde durch Schweigen verweigert. Sie zahlte die ihr nun auferlegte hohe Geldbuße ebenfalls nicht, ein ſeltſamer, ja ungerechter Prozeß hatte bis auf Weiteres ihre Entlaſſung, nebenbei aber auch das aufrichtige Bedauern aller Derer zur Folge, die ohne Parteienhaß in dem Wetteifer zweier ſo außerordentlicher und doch ſo verſchiedener Talente als Joſephine Duchesnois und Made⸗ moiſelle Georges Weymer es waren, einen Stolz des Theatre Frangais und einen Ruhm ihres Va⸗ terlandes ſowohl, als der Kunſt im Allgemeinen erblickten. Es war in den erſten Jahren ihres ruhigeren und geſicherten Künſtlerlebens, als an einem trüben Novemberabend eine Frau in Trauer, die ihren Namen zu nennen ſich beharrlich geweigert, bei Made⸗ moiſelle Duchesnois eintrat. „Du kennſt mich wohl nicht mehr oder willſt mich nicht kennen,“ nahm die Fremde das Wort und„Margot“ ſchrie Joſephine in demſelben Augen⸗ blicke laut auf.„Was iſt's mit Etienne— o rede, rede um Gottes und der heiligen Jungfrau willen!“ —ö— —nm 279 „Todt, todt!“ ſchrie das Weib mit der gan⸗ zen exaltirt maßloſen Leidenſchaftlichkeit der rohen Materie, die vom Bauer und Handwerker bis zur Créme der Geſellſchaft, bis zu den exkluſiven Regionen aller Lebensverhältniſſe hinanreicht.„Geſund und todt in vierundzwanzig Stunden durch eine wilde Beſtie von Pferd!“ Joſephine hatte den letzten ſo überaus proſaiſchen Zuſatz in dem Wehgeſchrei der Frau gar nicht gehört. Ihre Phantaſie ſchwang ſich in lichtvoller Befreiung zu dem Verklärten empor.„Nun biſt Du mein o Etienne!“ klang es mit Aeolsharfenton in ihr— „nun biſt Du mein und keine Margot, keine Houri des Paradieſes kann Dich mir rauben, denn unſere Seelen waren Eins vom erſten Lallen der Kindheit bis zu dem Tage der Trennung für dieſes Leben. Geleite mich Gott dereinſt in Deine ewige Heimath, o Du guter, Du beſter aller Menſchen, dem ich jemals Aug' in Auge geſchaut.“ „Du warſt ſein letzter Gedanke, ſein letztes Wort,“ ſchluchzte Barrot's Witwe in den abge⸗ brochenen Lauten des überwältigenden Schmerzes. „Ich habe ihm verſprechen müſſen, unſer kleines Töchterchen, das in der Taufe Deinen Namen er⸗ 280 halten, Dir zu bringen, ſobald es dieſen lieben Namen lallen kann. Du ſollſt das Kind lieb haben, und ſeines Vaters dabei gedenken, läßt Etienne Dich bitten— ach, gute Joſephine, ich bin wohl ein recht unvernünftiges ſtörriſches Weib geweſen gegen Dich und ihn— laß' das meine kleine Joſephine nicht entgelten, damit ihr armer Vater doch Ruhe finde in ſeinem Grabe.“ „O Margot, wo wäre der Menſch, der nicht irrend und bereuend auf Gottes Vaterhuld und Gnade zu hoffen hätte,“ rief Joſephine, die Ver⸗ wandte ſtürmiſch in ihre Umarmung ziehend.„Komm Du Aermſte, die Du in ihm Dein Alles verloren, und nenne mich Schweſter und laß' mich Theil haben an Deinem, an Seinem Kinde. Ach, es drängt mich, dieſe Nacht noch an ſeinem Bettchen für den heimgegangenen Vater zu beten. Reich geſegnet und hoch begnadigt hat Gott die verein⸗ ſamte Tochter des Volkes; ſei Du gütig und lieb⸗ reich, wie Er. Laß' Deiner Joſephine eine zweite Mutter mich ſein, denn nimmer koſte ich ſonſt das Glück der Mutterliebe.“ Wenn Dir, Du geduldiger Leſer dieſer biogra⸗ phiſchen Skizze einer aus den untern Schichten des 281 Volkslebens emporgeſtiegenen Künſtlerin, vielleicht irgend ein„Pariſer Führer,“ wenn Dir„Pariſer⸗ Theater⸗Notizen“ oder ähnliche Blätter in die Hände fallen, ſo wirſt Du vielleicht verwundert ſein, der Joſephine Duchesnois gar nicht, oder nur obenhin gedacht zu finden. Es fällt mir ſoeben ein Beweis für dieſe traurige Wahrnehmung in die Hände: möge er mit Einſchaltung einer kleinen hiſtoriſchen Abſchwei⸗ fung hier ſeinen Platz finden. „Das Theatre Frangais vertrat bis zu dem“ „Tage, wo die romantiſche Schule ſich Anerkennung“ „errang, in ſtrengſter Genauigkeit, um nicht zu“ „ſagen Pedanterie die Klaſſicität der Zeit Ludwig's“ „XIV. und noch jetzt iſt es im Styl der Stücke, wie“ „in der ſtreng angepaßten Form der Aufführungen“ „tonangebend. Hier in dem weltberühmten Theatre“ „der rue Richelieu waren die größten Schauſpie⸗“ „ler, die Frankreich aufzuweiſen hat, Talma, Da⸗“ „zincourt, Lafont, die Mars, Clairon, Contat,“ „Naucourt, Georges, Rachel heimiſch.“ „Mademoiſelle Duchesnois hat den Erwartun⸗“ „gen, welche man von ihr hegte, nicht ganz enſpro⸗“ chen“— heißt es auch in der ſchon oft citirten Bio⸗ graphie der Kaiſerin Joſephine. . Nach Barrot's Tode brach ihr Künſtlerſtreben an der Sehnſucht der Wiedervereinigung mit ihm, der das Licht ihrer Seele, die Schwungkraft ihrer Phantaſie, der ſchmerzensreiche, poetiſche Quell ihrer wunderbaren Erkenntniß für die Tiefe des Liebelei⸗ dens geweſen war. Sie ſtand ermüdet auf ihrer Künſtlerlaufbahn ſtill, blickte nach dem Jenſeits und überließ ſich einer träumeriſch reſignirenden Apathie. Da aber unläugbar in jedem, namentlich in dem Streben der Kunſt jeder Stillſtand ein Rück⸗ ſchritt iſt, ſo gewann, wenn auch erſt nach Jahr⸗ zehnten des Ringens, die jüngere und ſchönere Georges vom Odeon, dem zweiten Pariſer Theater, auch ſo viel Terrain, um Joſephinen Duchesnois, die jetzt nur noch ihre kontraktlichen Rechte geltend machte, eine Partei eifriger Anhänger ge⸗ genüber zu ſtellen. Ende. Druck von F. B. Geitler.