deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..— . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von o jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt: für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mkt. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 6 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird AEBUMNI. V Bibliothek dentſcher Originalromane. Siebenzehnter Jahrgang. Dreiundzwanzigſter Band.. —OEe Die opfernden Götter. J. N wien. 2 §. Markgraf& Comp. 1862. Die — Opfernden Götter. 12 Roman von Erſter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Inhalt. Seite Vorwort... VII — Erſtes Capitel. Nachtgeiſter““ 4 Zweites Capitel. Eine Tänzerin.... 28 Drittes Capitel. Das geheimnißvolle Haus. 44 Viertes Capitel. Die Emiſſärin.... 70 ¹ Fünftes Capitel. Freund und Geliebte.. 94 Sechstes Capitel. Schwarze Fäden... 119 Siebentes Capitel. Bekenntniſſe... 155 Zerſtreute Blätter aus Alphons von War⸗ renberg's Tagebuche..... 166 Vorwort. Im Jahre 1847 erſchien im Leipziger Ver⸗ lagsbureau eine fünf Bogen ſtarke Broſchüre, welche in kurzen Zwiſchenräumen vier Auflagen erlebte. Dieſe Schrift:„Eine wahre Ge⸗ ſchichte der neueſten Zeit“ betitelt, wurde mir vor mehreren Jahren von dem Herausgeber jener Tagebuchblätter mit dem wiederholt ausge⸗ ſprochenen Wunſche eingehändigt, dieſe durch ſein Ehrenwort verbürgte Begebenheit in Romanform dem Publikum übergeben zu ſehen. Noch einige ergänzende Briefe und örtliche Andeutungen— welche aus Schonung für die Betheiligten bei dem Drucke der Schrift zurückbehalten worden ſind— waren dem Hefte beigefügt. Allein, eben um dieſer VIII Pietät gegen— damals wenigſtens— noch Le⸗ bende wünſchte der Herausgeber die Erzählung der Begebenheit in der Form des Romans vor die Le⸗ ſewelt gebracht zu ſehen. Er wünſchte ſie eines Theils, weil die Berechtigung des Romans, als ein Gewebe von Wahrheit und Erfindung in dieſer Hinſicht ſo manche verletzende Spitzen für die in ihm auftretenden, noch lebenden Perſonen abzu⸗ ſtumpfen geeignet ſei— und wünſchte ſie ferner, weil er die größere Verbreitung jener draſtiſchen Thatſachen dadurch gefördert glaubte. Deshalb bleibt es denn auch der Annahme des geneigten Leſers überlaſſen, ob— wie es wohl ſcheinen möchte— München der Schauplatz dieſes ungewöhnlichen Ereigniſſes oder ob die Lokalitäten⸗ angaben vielleicht abſichtlich auf ein Irreführen berechnet ſind. Auf dieſe letzte Vermuthung hat — nächſt dem beharrlichen Schweigen des Heraus⸗ gebers über dieſen Punkt— noch der Umſtand mich geleitet, daß in den mir übergebenen Papieren der Name der deutſchen Hauptſtadt, von wo aus ſie größtentheils geſchrieben zu ſein ſcheinen, ſich doch nirgend angegeben findet. Neben bekannten, vielfach beglaubigten Zuſtänden und Oertlichkeiten laſſen IX ſich plötzlich wieder auf dem Münchner Boden ziem⸗ lich unheimatliche und, wie es ſcheint, willkürlich erdichtete oder doch nur mit Zuſätzen der ſtrengen Wahrheit dergeſtalt entfremdete erkennen, daß die Scenerie dem Auge des in München heimiſchen Leſers einigermaßen in das Nebelhafte entrückt wird. Allein, ich habe an dieſem Durcheinander örtlicher Wahrheit und Dichtung nichts eigenmäch- tig zu ändern mir erlauben mögen und etwas zu ändern auch ſchon aus dem Grunde nicht für nöthig erachtet, weil ich der Meinung bin, das Wo werde ſich bei Thatſachen vergeſſen laſſen, die in ihrer einfachen Wahrheit gleichwohl die kühnſte Phan⸗ taſie beſchämen. „So unerhört die hier erzählten Begebenhei⸗ ten,“ ſagt der Herausgeber in ſeinem Vorworte zu jener Schrift,„ſo unerhört die hier erzählten Be⸗ gebenheiten in unſerer Zeit auch ſcheinen mögen, ſo ſind ſie dennoch wahr. Noch leben mehrere Per⸗ ſonen, die theils ſelbſt in jenem merkwürdigen Drama eine Rolle ſpielten, theils in gewiſſer Hin⸗ ſicht Opfer dieſer Ereigniſſe wurden, und auf das Zeugniß jener Männer berufe ich mich, wenn ihnen jene Blätter zu Geſichte kommen.“ X Jener Männer und des edlen Mädchens müßte es heißen, das jene gewaltige Kataſtrophe mit durchlebt. Die Zeit, binnen welcher die in dieſen Blät⸗ tern erzählte Begebenheit ſich zugetragen, fällt in die erſten dreißiger Jahre. Der Verfaſſer. Die opfernden Götter. — Erstes Cagitel. Nachtgeiſter. Motto⸗ Laß' nicht den Flammenwunſch im Herzen lodern, Der Schöpfung ihr Geheimniß abzufodern, O wolle nicht mit Gott zuſammenfallen, So lang Dein Loos auf Erden iſt zu wallen. Nikolaus Lenau. Was iſt's?— Man ſpricht von unglücklicher Liebe, Wie ſie manch' armes Herz zu Staub zerriebe; Ich habe dieſe Liebe nie gekannt, Für's Erdenweib war nie mein Herz entbrannt; Die unglücklichſte, ewig hoffnungsloſe, Die Liebe für die Wahrheit iſt mein Schmerz. Nikolaus Lenau. Im Oſten glänzte es auf, das fahle, die Phan⸗ taſie ſo träumeriſch erregende Licht, deſſen märchen⸗ haft geheimnißvollen Zauberquell in die Tiefen der menſchlichen Seele und in die Welt der Ahnungen Frick, d. opfernden Götter I. 1 2 zurückführt. Eine warme blüthenduftreiche Mitter⸗ nachtſtunde, die ſtumme Vertraute o wie vieler Ent⸗ zückungen und Qualen, deren Heimath der enge Raum einer Menſchenbruſt ſein kann, hatte zwei junge Män⸗ ner im Düſter eines blühenden Boskets fern von der geräuſchvollen Hauptſtadt, fern auch von dem nicht minder geräuſchvollen Kreiſe der ſie vermiſſenden Freunde zurückgehalten. Schweigend mochten ſie viel⸗ leicht lange ſchon neben einander geſeſſen, und ein Jeder ſeinen Gedanken freien Spielraum gegönnt ha⸗ ben, Gedanken, die möglicherweiſe auf einem und dem⸗ ſelben Wege ihre ſtumme Wanderung verfolgten. Im⸗ mer ſtiller wurde es nah und fern, und je ſtiller, je muthiger ſchien das keuſche Licht der bleichen Königin der Nacht aus ſeiner dunklen Heimath ſich hervor zu wagen. Ihr Silberſchleier breitete ſich magiſch über die ganze Gegend, zitterte in den über einander hin⸗ gleitenden Waſſerperlen des Springbrunnens und wett⸗ eiferte mit den leuchtenden Johanniskäfern im ſchau⸗ kelnden Elfentanz auf Blüthen und Zweigen. Es war eine entzückende Nacht für den Glücklichen, ein Feen⸗ reich für Liebende und eine Nacht der Erregung und Sehnſucht für jedes phantaſievolle Weſen, das uner⸗ reichte Wünſche ſtill in ſeiner Bruſt mit ſich herum 4 3 ——— 3 trägt, Wünſche freilich, mit denen der Materialismus des Lebens nichts gemein haben darf. Plötzlich wurde es dunkler. Der Mond war hin⸗ ter eine das Bosket begrenzende Villa getreten, und hüllte die nächſte Umgebung in jenes halbdunkle Zwie⸗ licht, das nicht Abend⸗ noch Morgendämmerung und doch ein wonniges Gemiſch von Beiden iſt. Auch auf unſere Freunde— wenigſtens auf den Jüngeren der beiden Nachtwanderer— wirkte der plötzliche Ueber⸗ gang von voller Mondbeleuchtung zu mondhellem Dunkel ähnlich wie die Entfernung des Magnetiſeurs auf die Somnambüle. Er fuhr aus ſeiner etwas vor⸗ gebogenen Stellung in die Höhe, ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, und ließ ſein großes melan⸗ choliſches Auge wie ſuchend nach einer Richtung hin ſchweifen, die in dieſem Momente dem Lichte des Mondes völlig unzugänglich war. „Da ſieh— rief er, den neben ihm ſitzenden Freund leicht mit dem Arme berührend— es iſt wieder volle Erleuchtung.“ Der Angeredete machte, ohne ſeinen Blick der angegebenen Richtung folgen zu laſſen, ein gleich⸗ giltig bejahendes Zeichen, ſetzte, wie plötzlich von der kühlen Nachtluft etwas empfindlich berührt, ſeinen 1* 4 Hut auf und knöpfte den Rock bi zum Hals her⸗ an zu. 4 „Weißt Du, was ich mir denke?“— fuhr der Andere nach einer kurzen Unterbrechung in ſeiner Rede fort.—„Ich glaube nicht zu irren— fügte er, als keine Antwort erfolgte hinzu— wenn ich vermuthe, daß Du über jenes nächtliche Geheimniß da drüben mir Auskunft geben könnteſt, ſobald Du nur wollteſt. Warum Du aber nicht willſt, das iſt es eben, was ich nicht weiß. Wende mir das Herz im Leibe, jeden Gedanken in meiner Bruſt kehre am hellen Sonnenlicht um und Du wirſt keinen Schat⸗ ten eines Geheimniſſes heraus finden können, der trennend zwiſchen uns ſchwebte. Warum, War⸗ renberg, iſt das bei Dir anders?— Warum bin ich nicht ebenbürtig für Dein volles Vertrauen?“— „Weil Du zur Erkenntniß ſo mancher Hiero⸗ glyphen des Lebens zu edel und rein, zu glücklich in Deiner beneidenswerthen Unwiſſenheit biſt— ent⸗ gegnete Alphons von Warrenberg.— Eines aber laß' Dir geſagt ſein, lieber Bogenfels, und dann beſchwöre ich Dich, betrachte dieſes unſelige Thema als für immer zwiſchen uns abgethan.“ „Nun?— drängte der jüngere leicht zum Miß⸗ 5 trauen geneigte Freund, als Jener den Fortgang ſeiner Rede ein wenig unterbrach.— Reuet Dich vielleicht ſchon das halbe Vertrauen, auf das Deine Einleitung hinzudeuten ſchien?“— „Das Licht, das Du ſuchſt— fuhr Warren⸗ berg, ohne den Einwurf ſeines Freundes weiter zu beachten, in ſeiner Erklärung fort— das findeſt Du da drüben hinter jenen erleuchteten Fenſtern ſo wenig als ich das Goldkörnchen Liebe im Herzen eines Weibes. An meiner Hand betrittſt Du jene ge⸗ heimnißvollen Räume niemals, darauf mein Ehren⸗ wort, und nun forſche dem nächtigen Geheimniß, das ſeit vierzehn Tagen Deine Phantaſie erregt, nicht weiter nach, wenn Deine Ruhe Dir lieb iſt.“ „So beſchwichtigt man die Kinder, welche nach dem Knechte Rupprecht oder dem heiligen Chriſt fra⸗ gen— erwiderte Bogenfels bitter lachend.— Behalte in Gottes Namen Dein Geheimniß, für das ich Dir nicht reif zu ſein ſcheine; vielleicht begegnen wir uns aber doch ſpäter einmal auf jener terra incognita, wo ich nun einmal den Baum der Erkenntniß über ſo man⸗ che noch unerkannte Dinge in beſter Pflege mir denke.“ „Das verhüte Gott!“— rief Warrenberg er⸗ ſchrocken.—„Wer in jenes Labyrinth der Täuſchun⸗ 6 gen ſich Dir zum Führer erboten, den betrachte als Deinen Feind, als Deinen Verführer.“ „Egoismus des Wiſſenden.— Welcher Gelehrte gönnt auch dem Laien das mit tauſend ſchlafloſen Nächten erkaufte Licht der Wiſſenſchaft, und es wäre wahrlich ein Wunder zu nennen, wenn die Erkennt⸗ niß in den geheimſten Dingen des Lebens anders ver⸗ fahren ſollte.“ „War Graf Rauſchenbach in dieſen Tagen bei Dir?“— fragte Warrenberg nach einer Weile. Bogenfels verneinte und wünſchte die Veran⸗ laſſung zu dieſer ſich überſtürzenden Frage zu wiſſen. „Ihr ſollt ja Nebenbuhler bei der wirklich recht pikanten Koſenell ſein“— ſagte Warrenberg nach einer kleinen Zögerung. „Dann würden wir uns inſofern ganz gut ver⸗ tragen, als ich im mindeſten nicht darnach ſtrebe, von Henrietten begünſtigt zu werden, und als Rauſchen⸗ bach ſchon ſeiner abgeſchmackten Geſchenke wegen auf keine Begünſtigung rechnen darf. Das Mädchen will Phantaſie, will bizarre Erfindung in Allem, was es umgiebt, von den geringfügigſten Toilettengegenſtänden bis zu den Ueberſchwenglichkeiten des raffinirteſten Lu⸗ rus, der ihr leider zum Bedürfniß geworden. Dinge, von 7 denen ſie den Preis bis auf den Thaler abzuſchätzen weiß, weil ſie ſie an jedem Schaufenſter ausgeſtellt ſieht, dergleichen abgenutzte Freiwerber um Frauen⸗ gunſt verfehlen bei dieſem ungewöhnlichen Mädchen ihren Zweck.“ „Sie iſt ein Weib— unterbrach Alphons ſei⸗ nen jungen Freund mit einem ſo ſchneidenden Accent, daß es ſich wie die Schärfe eines Meſſers in Bogen⸗ fels' Ohr legte.— Nimm alle phantaſtiſchen Launen, denen der menſchliche Erfindungsgeiſt nur zugäng⸗ lich, ſchillere in tauſendfachen Schattirungen die ſie⸗ ben Urfarben des Prisma, denke Dir eine endloſe Pendelſchwingung— ein Ja und Nein, ein Wollen und Verweigern in Einem Athemzuge— und denke Dir noch eine ewige Negation, die mangelnde Kraft der Wahrheit hinzu, ſo haſt Du das Spiegelbild des Weibes, dieſe Selbſtironie der Schöpfung vor Dir.“ „Es wäre entſetzlich, wenn Du Recht hätteſt— ſprach Bogenfels düſter.— Zum Glück aber ſchil⸗ derſt Du mit Farben, die mehr Deiner verzweifel⸗ ten Stimmung als deinem guten Herzen entnommen ſind. Wir haben Mütter, Warrenberg, und wel⸗ cher Sohn möchte den Leib ſchmähen, der ihn gebo⸗ ren, wenn er auch unedel genug denkt, in dem ganzen Geſchlecht die Mutter ſeiner Kinder zu ver⸗ höhnen.“ „Sentimentalität, lieber Freund, weichliche Sieg⸗ wart⸗Romantik, der die ſchimpflichſte aller Sklave⸗ reien, die courtoiſirende Schleppenträgerei, entſtammt. Habe den Muth, das Weib zu erkennen, wie es iſt, nicht wie es ſich giebt— und Du biſt erlöſt von dieſer endloſen Qual des Hangens und Bangens, Sehnens und Wähnens. O Bogenfels— wenn ich Dir meine Erfahrungen, wenn ich den Faden des Knäuels Dir geben könnte, der durch das Labyrinth meiner Jugend mich geleitet— um Deine unbefan⸗ gene Lebensanſchauung, um Dein offenes harmloſes Gemüth wäre es geſchehen.“ „Dann ſchweige, mein armer Alphons— ent⸗ gegnete der Freund ernſt und traurig.— Du ſcheinſt mir ein Ertrinkender, dem ſich eine Kindeshand zur Rettung anbietet. Mir aber erhalte Gott den Glau⸗ ben an den reinen Perlenſchatz, den die Natur im Herzen eines edlen Weibes für den Mann niederge⸗ legt, der ihn zu heben verſteht.“ „Den hat die Lorelei der Gefallſucht und Intri⸗ gue, der Eitelkeit und Berechnung längſt geſtohlen und verpraßt— lachte Warrenberg wild auf.— 9 Was geblieben, iſt unächt— werthlos und— käuflich.“ „Komm laß' uns gehen— unterbrach Bogen⸗ fels, raſch aufſtehend, den eifernden Zeloten.— Du bleibſt doch zur Nacht bei mir?“— „Heute nicht— entſchied jener raſch.— Ich muß morgen mit dem Früheſten in der Stadt ſein, und zwar wo möglich in der Au und der Ludwigs⸗ vorſtadt zu einer und derſelben Stunde. Darum gute Nacht für heute, und noch einmal, lieber Freund: laß' Dich von dem Satan, der hinter dieſen hellen Fenſtern da drüben vielleicht ſchon auf Dich lauert, nicht beim Haare faſſen. Kommſt Du morgen zu Karmuzzi?“— „Möglich. Vielleicht auch nicht. Ich hatte ver⸗ ſprochen, mit Henrietten den Taſſo zu leſen, wenn ſie nicht im Theater beſchäftigt iſt.“ „Dann erhitze Dich nicht zu ſehr, wenn der dichteriſche Genius dem ſchönen Mädchen etwa zu Kopfe ſteigen und ihr Enthuſiasmus ſich in künſtleri⸗ ſchen Attitüden austummeln ſollte. Nochmals gute Nacht!“— Auch Bogenfels ging, doch nicht weit. Die vom Mondlichte durchglänzte Allee am Ufer der Iſar führte ihn zu einem Gebäude, das den Namen eines kleinen Schlößchens in Alt⸗ und Neubau⸗Styl recht wohl beanſpruchen dürfte. Auf dem eiſernen Ge⸗ länder des Perron, welcher zu dem gothiſchen, mit Wappen gezierten Eingangsportale führte, lehnte ein Mann, aus deſſen bleichen Zügen viel Ermüdung aber zugleich eine Feſtigkeit des Willens ſprach, die bei einer kräftigern Geſtalt vielleicht mehr imponirt haben würde, als ſie jetzt erſchreckte. „Ich erwarte Sie hier ſeit beinahe zwei Stun⸗ den— ſagte Graf Rauſchenbach, denn er war der unerwartete Gaſt— und bitte, daß Sie mich ohne umſtände fort ſchicken, wenn Sie jetzt lieber ſchla⸗ fen als noch plaudern wollen.“ Bogenfels zog, das Gegentheil verſichernd, die Glocke und entſchuldigte ſein heutiges Ausbleiben an dem verabredeten Orte mit Warrenberg's melancho⸗ liſcher Stimmung. Sie haben— erzählte er,— nach Pariſer Stunde zuſammen dinirt, haben dann den engliſchen Garten nach allen Richtungen durchſtreift und ſeines Freundes Schwärmerei für Mondſſchein⸗ beleuchtung ſei heute ſo unerſättlich geweſen, daß er ihn bis zur äußerſten Spitze des chineſiſchen Thur⸗ mes mit hinan geſchleppt, wo Warrenberg dann kaum 11 wieder herunter zu bringen geweſen. Nun habe es Er⸗ müdung in Form contemplativer Meditation gegeben, und ſo ſei die Zeit vergangen, bis Warrenberg vor einer halben Stunde ihn verlaſſen. Rauſchenbach erwiderte nichts. Er folgte, ſei⸗ nen Arm in den ſeines Wirthes legend, dem voran⸗ leuchtenden Diener durch die geräumige Hausflur, die breite, mit einer wahren Filigranarbeit von Eiſen⸗ geländer gezierte Treppe hinan nach dem Zimmer des Schloßherrn, das am Ende eines langen Corri⸗ dor's den Kommenden ſich öffnete. Es athmete hier ein Geiſt des Friedens und der Stille, von dem man mehr Ruhe hätte erwar⸗ ten ſollen, als ſie zwiſchen dieſen vier Wänden in der That heimiſch war. Die beiden Moderateur's mit den überhangenen Roſa⸗Schleiern verbreiteten ein ſo magiſch gedämpftes Licht, daß die Kerzen der ſilbernen Armleuchter, welche der Diener auf Befehl ſeines Herrn in das offenſtehende Nebenzimmer ent⸗ fernen mußte, im erſten Augenblicke mehr ſtörend als die Behaglichkeit fördernd wirkten. Durch die weit geöffneten Fenſter ſtrömte die balſamiſche, von dem Duft der blühenden Boskets geſchwängerte Nachtluft und blähte, als ſei ein neckiſches Elfenkind zwiſchen ihren Falten verſteckt, die blau ſeidenen Vorhänge in wogendem Spiel. Was den Geiſt, der hier zu wal— ten ſchien, vielleicht am treffendſten bekundete, das waren die allenthalben auf Schreibtiſch und Long⸗ chaiſe verſtreuten Bücher und Hefte, das waren die in größter Ordnung auf Flügel und Marmorcon⸗ ſole in rother Mappe zuſammen gebundenen Noten, das war endlich ein Blick in das halbgeöffnete Ne⸗ benzimmer mit kreuzgewölbter Decke. Angefüllt mit chemiſchem und phyſikaliſchem Apparate verhielt es ſich zu den nachbarlich ihm zugeſellten Muſikalien wie Fauſt zu ſeinem Gretchen, wie der ſchwermü⸗ thige Ernſt der Wiſſenſchaft, welche kein Ziel ihres Forſchens erkennt, zu der Poeſie der Liebe oder der Kunſt, die ſich Daſeinsfreude und Selbſtzweck ſind. Der Diener hatte Wein, Cigarren und einen in Abweſenheit ſeines Herrn abgegebenen Brief ge⸗ bracht. Bogenfels bat um die Erlaubniß, ihn leſen zu dürfen, und, als es geſchehen, warf er das Pa— pier unwillig zuſammendrückend in einen neben dem Schreibtiſch ſtehenden Makulaturkorb. „Man ſieht, daß das keine Einladung zu einem Rendezvous mit dem unterſtrichenen„Pünktlich“ umſo und ſo vieluhr iſt“— lachte der Graf, und wie 13 er lachte, überflog eine Secunde lang ein Ausdruck cyniſcher Genußſucht ſeine ſonſt ſo ſteinernen Züge. Das ging indeß ſchneller vorüber, als Bogenfels, der die Gläſer füllend ſeinem Gaſte ſich gegenüber ſetzte, es bemerken konnte. „Ein Pereat allen anonymen Briefſchreibern!— rief der Jüngling, das funkelnde Rubinglas erhe⸗ bend.— Es trifft keinen Ehrenmann dieſes Pereat, darum ſtoßen Sie an, lieber Graf.“ Der Aufforderung wurde Folge geleiſtet, doch hätte ein kälterer Beobachter, als Bogenfels in die⸗ ſem Augenblicke es war, ein leiſes Zittern des Gla⸗ ſes bemerken müſſen.„Wer wird ſich ärgern, lieber Baron— ſagte Rauſchenbach, von dem kräftigen Burgunder wie eine Penſionärin nippend.— Und vollends über dergleichen Bagatellen! Kal⸗ tes Blut, beſter Freund, Ruhe und vor Allem den gol⸗ denen Spruch beherzigt: viel Feind' viel Ehr'.“ „Anfangs war ich geneigt, die immer und immer ſich wiederholenden Briefe voll warnender Schmä⸗ hungen gegen die Koſenell auf Rechnung Warren⸗ berg's zu bringen. Seine Erfahrungen haben ihn gegen die Frauen erbittert, er haßt, wo er bewun⸗ 14 dern, ſchmäht, wo er als edler Mann ſchweigen ſollte. Dann aber folgten dieſelben Warnungen wie gegen Henriette auch gegen Warrenberg. Es wurden mir mannigfache Prüfungen ſeiner Freundſchaft an⸗ gerathen, es wurden mir Scheingründe in Menge vorgeführt, warum er nicht mein Freund ſein könne. Ich habe die Prüfungen wie die Gründe verwor⸗ fen, aber Ein Stachel iſt mir doch im Herzen zu⸗ rück geblieben.“. „Nennen Sie mir ihn, vielleicht kann ich ſeine Spitze abbrechen. Warrenberg iſt nicht mein Freund, aber er iſt ein Charakter, den zu verläumden keinem anonymen Briefe ſo leicht gelingen ſollte. Wäre er weniger verſchloſſen und weniger ſelbſtſüchtig aus Ehrgeiz, man wäre trotz ſeiner zum Weiberhaß füh⸗ renden Erfahrungen verſucht, an das Mährchen von einem vollkommenen Menſchen zu glauben.“ „Verſchloſſen und ſelbſtſüchtig aus Ehrgeiz— ſprach der Baron halblaut, wie in Prüfung der Wahrheit vor ſich hin.— Ja ja, da können Sie recht haben.“ „Oder ich kann auch irren. Sprachen Sie viel⸗ leicht heute mit Ihrem Freunde über die bewußte Sache?“— 15 „Ich deutete nur von Weitem darauf hin, und begegnete der frühern Abwehr. Warrenberg ging ſo⸗ gar noch weiter. Er warnte mich als vor einem Feind und Verführer vor dem Manne, der in jenem ge⸗ heimnißvollen Hauſe mich heimiſch machen wolle.“ „Eine ſolche Warnung, wenn ſie auch ſonſt kein Mißtrauen gegen die Uneigennützigkeit des War⸗ nenden zu erregen geeignet ſein könnte, ſetzt wenig⸗ ſtens eigene Kenntniß des Bodens voraus, an deſſen Betretung man Andere vielleicht aus Gründen mannigfacher Art hindern möchte. Oder wie denken Sie darüber, liebſter Baron?“ „Nicht anders als geſtern. Warrenberg iſt mein Freund, allein er möchte mich in dem geiſtigen Ab⸗ hängigkeitsverhältniß unſerer Kinderjahre fort und fort erhalten. Entweder gönnt er mir das nur We⸗ nigen ſich entzündende Licht geheimer Lehre und ge⸗ heimen Wiſſens ſo wenig, wie in der Regel der Lehrer ſeinem Schüler den Grad der Meiſterſchaft gönnt, oder er hält mich für die Gefahren, die deſſen Entzündung dem Schauenden bringen kann, noch nicht reif genug. Er irrt ſich aber, er irrt ſich wahr⸗ haftig in dieſem letzten Falle. Ich habe der Wiſſen⸗ ſchaft ein ſchwereres Opfer gebracht, als Warren⸗ berg es jemals über ſich vermocht— ich habe der Liebe zum Weibe, dieſer gegenwirkendſten aller Lei⸗ denſchaften, entſagt.“ „Wie vereinige ich das mit Ihren fleißigen Beſuchen bei der Koſenell?“— „Auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Henriette iſt ein edles ſeltenes Mädchen, das von mir weder geliebt noch begehrt, wohl aber mit einer Theilnahme betrachtet wird, die, halb Freundſchaft halb Mitleid, den lebhaften Wunſch erzeugt hat, ſie zu retten.“ „Ich denke nur, Sie ſind da in einer argen Selbſttäuſchung befangen— entgegnete Rauſchen⸗ bach, indem er, eine neue Cigarre andampfend, das ſatyriſche Lächeln, welches ſeine Lippen ein wenig hämiſch verzog, dabei verarbeitete.— Allein Sie haben ganz recht, wenn Sie die Neigung zu dem verführenden Geſchlecht die Antipodin der Wahr⸗ heitserforſchung nennen. Laſſen wir alſo die Koſe⸗ nell mit ihren leichtfüßigen Gefährtinnen für heute aus unſerer Berathung fort; ich denke, wir haben es in dieſem Augenblicke mit einer ſehr ernſten Frage zu thun.“ Bogenfels ſtand auf. Er that einige raſche — — 17 Gänge durch das Zimmer, warf die Cigarre zum Fenſter hinaus und ſetzte ſich dann wieder ſeinem Gaſte gegenüber. „Sie ſind noch unentſchloſſen?“— fragte die⸗ ſer nach einer kurzen ſtummen Pauſe. „Mir iſt, als ginge ich der entſcheidendſten Wendung meines ganzen Lebens entgegen,“— be⸗ ſtätigte der Gefragte. „So treten Sie zurück— ſagte der Graf— oder warten Sie, bis der Muth Ihnen kommt, den vielleicht Warrenberg für die Erkenntniß geheimer Dinge an Ihnen vermißt.“ „Herr Graf! rief Bogenfels aufſpringend— ich bin erbötig, Ihnen den Beweis meines Muthes auf die Spitze meines Degens oder, wenn Sie wollen, auch auf die Mündung meiner Piſtolen zu ſchreiben.“ „An dem Muth einer Waffenthat hat weder Warrenberg, noch habe ich jemals bei Ihnen gezwei⸗ felt. Hörten Sie aber nie von einem Helden erzählen, der das bleiche Geſpenſt der Furcht auf keinem Schlachtfelde geſehen und doch vor den S Schatten bebt, die ſeine nächtigen Träume beunruhigen?— „Wahr, o nur zu wahr— ſprach der Baron dumpf vor ſich hin.— Allein komme auch, was da Frick, d. opfernden Götter I. 2 18 wolle, ich ertrage dieſe Nüchternheit des Lebens, dieſe Sehnſucht nach einer Erkenntniß von Wahrheiten, die nur dem Eingeweihten ſich entſchleiern— ich ertrage ihn nicht länger, dieſen Materialismus des Lebens, ohne den vergeiſtigenden Glanz des höchſten Schauens— der höchſten Wiſſenſchaft.“ „Und Sie folgen in dieſem Drange nur den Anforderungen einer höhern Menſchennatur— be⸗ lehrte der Graf.— Schon das Kind, das ſein Spiel⸗ zeug zerbricht, um deſſen innern Mechanismus, das belebende Prinzip ſeiner Leierkäſtchen⸗ und Blaſebalg⸗ Automaten ſich erklären zu können, dieſes Kind ſchon — oft der unterſten Volksklaſſe angehörend und ab⸗ geſchloſſen von jeder äußern Anregung— folgt ſei⸗ nem Drange nach Erkenntniß der Wahrheit. Es iſt der erſte, inſtinktmäßig ſich kundgebende philoſophiſche und Fauſt'ſche Drang der Menſchennatur, die das Schöpfungsgeheimniß erlauſchen möchte. Das deutſche Element des Zweifels und der Myſtik, das Streben nach Erforſchung der Natur, nach Erfaſſung des letzten Grundes und endlichen Zweckes der Dinge iſt Gottes Geiſt, der, in der Menſchenbruſt ſich regend, die Seele zum Bau einer eigenen Welt, eines eigenen Schö⸗ pfungswerkes anfeuert. Ihnen, lieber Baron, der — 19 von den ſtreng orthodoxen Satzungen unſerer Kirche ſich weiter entfernt als ich, Ihnen gebe ich vor Allem zu bedenken, wie oft dieſer nur ſcheinbar myſtiſche Zug der Menſchennatur nach dem für Profane Unbe⸗ greiflichen zum lebendigen Griffel für die Tafeln der Weltgeſchichte geworden. Hören Sie mich, oder ſind Ihre Gedanken meinen trockenen Citaten von That⸗ ſachen abgewendet, die Ihnen nicht fremd, die es aber werth ſind, daß ich im Intereſſe der Wahrheit an ſie erinnere?—“ „Sprechen Sie nur, lieber Graf. Und wenn ich Ihnen vielleicht im Laufe Ihrer Rede geſchloſſenen Auges zuhören ſollte, ſo ſeien Sie dann erſt recht verſichert, daß mir keine Sylbe verloren geht.“ „Schon im hohen Alterthume— nahm Rau⸗ ſchenbach den Faden ſeiner Rede wieder auf— durchlief ein unwiderſtehlicher Drang die poetiſch ge⸗ bildeten Völker, die Natur der Dinge oder die Be⸗ ſchaffenheit der Weltordnung zu begreifen. Mit auf⸗ fallender Uebereinſtimmung wurden ſämmtliche For⸗ ſcher zur Unterſuchung der„Urſache des Uebels“ ge⸗ leitet und Alle fanden, daß dort der Schlüſſel für die Geheimniſſe des Lebens liege. Allein wie ſehr irrte man in Verfolgung des Weges, der den Den⸗ 2* 20 ker zu ſeinem erſehnten Ziele führen ſollte. Zu allen Zeiten, das iſt unläugbar, hat es in unſerm deut⸗ ſchen Vaterlande Männer gegeben, in deren Hände die Reſte der egyptiſchen, jüdiſchen und indiſchen Magie durch eine Art von Tradition übergegangen ſind. Allein ich meine damit natürlich nicht die tolle Hexenkunſt, die eine Ausgeburt des ſechszehnten, ſieb⸗ zehnten und achtzehnten Jahrhunderts war, ſondern ich deute auf die uralte Magie, die, verbunden mit genauer Kenntniß der Nekromantie, Cheomantie und Cabbala, aus einer tiefern, dem Laien unzugängli⸗ chen Beobachtung der Naturkräfte floß. Hierin aber, in dieſem erſchloſſenen Geheimniſſe der Naturkräfte lag auch der Apfel der Verführung, der von dem eigentlichen Ziele: von der Ergründung der Weltord⸗ nung ab⸗ auf Nebendinge lockte, welche nur Welt⸗ liches zum Zwecke hatten. Sie verſtehen mich ſicher, indem ich auf die mannigfachen Verirrungen der Chemie und Alchemie hindeute. An ihren verlocken⸗ den Ergebniſſen ſcheiterte das Streben aller prote⸗ ſtantiſchen Orden, als der Roſenkreuzer und Flud⸗ diſten, aber auch das Streben der älteſten Freimau⸗ rer. Die geheime Weisheit, welche durch Adam, Mo⸗ ſes, Esdras und namentlich durch Salomon im al⸗ 21 ten Teſtamente ſich fortgepflanzt findet, iſt durch Chriſtus ſeiner vertrauten Jüngerſchaft mitgetheilt, und im Evangelium Johannes, in den Pauliniſchen Briefen, in der Apokalypſe aufbewahrt worden. Der ſchon bei ſeiner Geburt für dieſe höchſten Natur⸗ offenbarungen Geweihte wird— darauf nehme ich den geſegneten Leib des Herrn— durch das Licht, welches jene Schriften in ſeinem Geiſte entzünden müſſen, mit den verborgenſten Kräften der Natur und ihrer Anwendung vertraut werden, er wird je⸗ nes göttliche Licht erblicken, das aus dem Oriente leuchtet, jenes Licht, das allein die Finſterniß, in welcher die Menſchheit befangen, aufzuhellen im Stande iſt. Eben dieſe geheime Weisheit war nun auch das unbeſtrittene Eigenthum der erſten Maurer, es war Ziel und Zweck ihrer Arbeit, war der Geiſt, der in ihren Tempeln wohnte. Mephiſtopheles blieb nicht aus. Die mit dieſen höheren Arbeiten verbun⸗ denen Entdeckungen im Gebiet der Naturkunde, die alchemiſtiſchen Experimente nach den Principien der Theoſophie und Cabbaliſtik führten zur Entdeckung eines ungeſuchten Geheimniſſes, zur Entdeckung der verderblichſten aller Kräfte, der Goldmacherei. 22 Wo man Anfangs nur das Innere der Natur im Ganzen hatte erforſchen, wo man das wahre Licht hatte ſuchen wollen, das die Gottheit durch Moſes, die Propheten und den großen Meiſter Chriſtus in der Bibel unter einer ſymboliſch⸗räthſelhaften Hülle geof⸗ fenbart, jenes Licht, das durch den Unverſtand, die Trägheit und Thorheit der Menſchen— mit Aus⸗ nahme weniger Erwählter— die ſich ihm von Zeit zu Zeit genähert hatten, wie ein Grubenlicht im tie⸗ fen Schachte ſchimmernd von den hellſehenden Geiſtern aller Zeiten zu Tage gefördert zu werden beſtimmt iſt — wo man zuerſt alſo nur das Licht urewiger Wahr⸗ heit zu finden bemüht war, da forſchte man bald nur nach dem Scheinquell des Glückes, dem ſchimmernden Golde nach. Das göttliche Licht offenbarte ſich dem Auge profaner Sucher nicht mehr, welche um den Schein geheimen Wiſſens dem Unkundigen gegenüber zu retten, eine ſogenannte vernünftige Religionsphilo⸗ ſophie ſtatt der geheimen bibliſchen Weisheit in dem unausgebauten Salomoniſchen Tempel heimiſch wer⸗ den ließen. Auf dieſem Irrthum, auf dieſen Trüm⸗ mern einer untergegangenen Welt geiſtiger Helden⸗ größe baute das Mittelalter und baute namentlich die Reformation ihr zugleich Segen und Unheil bringen⸗ des Werk— ſie baute den babyloniſchen Thurm, der trotz ſeiner himmelanſtrebenden Grundidee den Keim des Todes, der Selbſtvernichtung, der Zwie⸗ tracht in ſich trug. Was einzig und allein auf dem Wege der Natur und ihrer ewigen Geſetze zu errin⸗ gen iſt, das wurde als Lockſpeiſe für die nach ge⸗ heimer Offenbarung dürſtende Menge von den Phi⸗ loſophen und Theologen in die Hand genommen und auf myſtiſchem Wege ausgebeutet. Die Auguſtiniſch⸗ Lutheriſche Lehre über den freien Willen und mittelſt deſſen über die Urſache des Uebels, nannte das Meer der Zweifel und Widerſprüche, in welches ſie ihre gläubigen Bekenner verſenkte— eine Offen⸗ barung höhern Lichtes. Sie perſonificirte Poeſie und Mythus als die beiden Principien des Guten und des Uebels in mächtigen Gewalten— ſie verlangte gläubige De⸗ muth und demüthigen Glauben, wo man Beweiſe auf dem Wege der Forſchung verlangte, und über⸗ ſah, daß dieſer düſtere Weg nicht allein die Den⸗ ker aller Zeiten, ſondern auch alle jene kräftigen Naturen von ſich entfernen mußte, welche den Muth in ſich fühlen, das Leben mit kräftiger Hand zu packen, und ihm die Freuden abzuringen, welche ein gütiger Schöpfer— ein Gott der Liebe ſeinen Menſchen beſtimmt.“— „Mit ſolcher Logik, mein lieber Graf— un⸗ terbrach Bogenfels ſeinen Freund— laufen Sie Gefahr, unſern Kirchenvater, den tiefen Denker Augu⸗ ſtin, dem Erasmus von Rotterdam, dem Manne des ſchaukelnden Syſtems und der Halbheit unterzuordnen. Darüber disputiren wir indeß ein anderes Mal, denn, wenn ich nicht irre, graut dort im Oſten ſchon der Morgen. Sie wiſſen, wie arg z. B. Spinoza hinſicht⸗ lich der angeblich in der Mitte des Gehirns ſchweben⸗ den Zirbeldrüſe als nervus probandi der menſchlichen Geiſtesthätigkeit über ſeinen ſonſt ſo hoch verehrten Carteſius ſich ereifert hat. Mit Hypotheſen dringen wir nimmermehr zur Wahrheit durch, und wäre die Jetztzeit, was ſie eben nicht iſt, mit lauter Spinoza und Carteſius geſegnet. Thatſächliche Beweiſe, lieb⸗ ſter Freund, Wahrheiten, die ſich in mathematiſchen Zahlen, in enthüllten Naturgeheimniſſen nachweiſen laſſen, das iſt es, was ich verlange, und in dieſer Hinſicht ſtimme ich mit Carteſius überein, von dem Spinoza rühmt, er ſei, dieſe fatale Zirbeldrüſe aus⸗ genommen, ein Philoſoph, der ſich vorgeſetzt, Alles aus durch ſich ſelbſt offenbarenden Principien abzu⸗ 25 leiten und nichts zu behaupten, als was er klar und beſtimmt wahrnähme. Da hören Sie, eben kräht der Hahn, von dem meine alte Gertrud behaup⸗ tet, er ſei als Erbſtück der guten ſeligen Mutter eine Art Schutzgeiſt für die Laren meines Hauſes. Laſſen Sie uns noch ein Paar Stunden Ruhe ſuchen, dann beginnt es vom Neuen das tolle Würfelſpiel dieſes räthſelhaften und an Räthſellöſungen doch ſo armen Lebens. Kommen Sie, lieber Rauſchenbach, ich habe die Leute zu Bett geſchickt und will Ihnen ſelbſt zum Führer dienen.“ „Noch Ein Wort— entgegnete der Graf, ſeinen Wirth am Arme zurückhaltend.— Ich habe verſpro⸗ chen, Ihren definitiven Entſchluß morgen oder nein heute Abend noch den Meiſtern zu überbringen. Wol⸗ len Sie die Entſcheidung noch um einige Stunden verzögern oder ſcheint Ihnen dieſe geſegnete Morgen⸗ ſtunde mit dem Dämmerlicht eines anbrechenden Tages nicht geeigneter zu einem Entſchluß, von deſſen Folge ſie das Licht ewiger Wahrheit erwarten?—“ Der Hahn krähte ein zweites Mal. Zum Aber⸗ glauben geneigt wie alle ſogenannten Freigeiſter, blieb dieſer Ruf des häuslichen Frühwächters nicht ohne Wirkung auf den Baron. Er wechſelte ein paar Mal 26 raſch nach einander die Farbe, that einige Gänge durch das Zimmer und ſchloß, plötzlich unangenehm von der einſtrömenden Morgenfriſche berührt, das Fenſter. Dann trat er zu dem Grafen undverſuchte, ſein offenes Auge, den reinen ſeelenvollen Blick, der kaum von einer menſchlichen Schwäche viel weniger von einer Schuld erzählte, prüfend in das Auge ſeines Gegen⸗ über zu verſenken. Wie von einem Marmor glitt er ab, dieſer austiefende, an ihm untergeordneten Natu⸗ ren doch ſchon ſo oft erprobte Blick. Was iſt das, dachte der Jüngling. Begegnet mir hier geiſtige Ueberlegenheit und höheres Wiſſen oder nur der kalte Trotz des negierenden Verſuchers?— „Sie zögern und können zu keinem Entſchluſſe kommen,— unterbrach Rauſchenbach den Zweifler. In dieſem Schwanken, mein beſter Freund, haben Sie ſich ſelbſt Ihr Urtheil geſprochen, und War⸗ renbergs Muthmaſſung vollkommen beſtätigt. Der Sucher einer höhern Wahrheit bedarf vor Allem eines feſten unbeugſamen Willens, er bedarf eines Muthes, der vor keiner möglichen Gefahr zurück⸗ ſchreckt. Nein, nein, fahren Sie nicht auf, ſondern beantworten Sie nicht mir, wohl aber ſich ſelbſt die Frage nach der Urſache Ihres Wollens und Nicht⸗ 27 wollens, und Sie werden meine Bitte gerechtfertigt finden, daß dieſes Abends und meiner vorhin ge— ſchehenen Anfrage als Etwas durch ſich ſelbſt Er⸗ ledigtes nicht weiter zwiſchen uns gedacht werden möge. Jetzt laſſen Sie mich aufbrechen lieber Ba⸗ ron, ich will die friſche Morgenkühle zur Rückkehr nach der Stadt benutzen.“ „In verbis, herbis et in lapidibus—“ ſprach Bogenfels, ſeine Hand an die des Grafen legend, mit feſter Stimme, und mit dieſem auf die unbekannten Naturkräfte anſpielenden Spruche der Roſenkreuzer war der Entſchluß des bisher noch Schwankenden gegeben. „Wollen Sie mich dieſen Abend noch begleiten, ſo treffe ich Tags über meine Vorkehrungen—“ ſprach der Graf nach einer mehr ſtürmiſchen als herz⸗ lichen Umarmung. „Ich möchte den nun einmal beſchloſſenen Schritt auch ſobald als möglich gethan wiſſen— erwiederte der Baron.— Ich werde mich heute zu Haus halten, um meine Correſpondenz wieder einmal zu ordnen; Sie treffen mich alſo ſicher.“ „Dann Adieu für jetzt und morgen um dieſe Stunde wahrſcheinlich mein„Bruder“ auf dem Wege der Wahrheitsforſchung.“ Sweites Capitel. Eine Tänzerin. Motto: II faut danser... danser tout près du gouffre. D'un pied peureux! „Die Ritter vom Landsknecht.“ In dem dritten Stockwerke eines mittelgroßen Hauſes am Max⸗Joſephplatze gab es einige Wochen nach dieſer für den Baron Bogenfels ſo verhängniß⸗ vollen Nacht ein Genrebild, das einem lebenden Räth⸗ ſel nicht unähnlich. Mitten in einem von phantaſtiſchen Garderobegegenſtänden überfüllten Zimmer, ſaß auf zweien über einander liegenden Kiſſen mit Goldbrokat überzogen, ein ſchönes junges Mädchen in idealer Haus⸗ kleidung. Der kaftanartige Ueberwurf von himmel⸗ blauer Seide über ein weißes Unterkleid mit ſilbernen Schnüren um die Taille befeſtigt, hob die zarte, ſchlanke Geſtalt des Mädchens, indem er zugleich den Vorzug einer ungekünſtelten, nur für die bequeme Morgen⸗ 29 toilette berechneten Gewandung gewährte. Unter dem ſilbernen Netz quoll in noch ungebändigter Fülle das reiche dunkelblonde Haar halb in Flechten halb in aufgelöſten Ringellocken hervor und beſchattete ein blühendes Antlitz mit träumeriſch ſehnſüchtigem Augen⸗ paar. Ihr zur Seite, an einem ovalen Säulentiſche mit Marmorplatte und vergoldeten Löwenköpfchen als Fußgeſtell, ſtand mit dem Ordnen eines Kartons voll künſtlicher Blumen und eines Heftes von Zeichnungen für Charakteranzüge beſchäftigt eine Frau, die ihrem Alter nach wohl die Mutter des jungen Mädchens hätte ſein können. Es war eine ſtattliche ungebeugte Geſtalt, deren Züge mehr das Gepräge des Trotzes und der Herrſchſucht als die Lineamente jenes edlen Stolzes trugen, ohne der eine junoniſche Schönheit, wie ſie ſich hier fand, nicht ſo leicht gedacht werden kann. Die ſchwarze einfache Kleidung der Dame, an der die Zeit vielleicht ſchonender vorübergegangen als dieſes von Leidenſchaften erzählende Auge hätte ſollen vermuthen laſſen— ihr gebietender Blick— ihre aufrechte Haltung doch ohne Hoheit und Würde, die Beſchäftigung, der ſie ſich mit peinlicher Genauigkeit unterzog und die doch ſo wenig mit ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung in Einklang zu bringen— das Alles waren 30 bunt durcheinander gewürfelte Contraſte, deren Löſung nicht leicht. Das dritte in dieſem weiblichen Kleeblatt war ein junges Mädchen, das emſig nähend an einem mit Bändern und Gaze bedeckten Tiſche am Fenſter ſaß, durch welches ſie nur von Zeit zu Zeit einen der Arbeit abgeſtohlenen Blick auf den belebten, vom Königsbau und dem Hof⸗ und Nationaltheater eingeſchloſſenen Platz herunter warf. „Haſt du denn deinen geheimnißvollen Hausge⸗ noſſen noch nicht von Angeſicht zu Angeſicht geſchaut?“ — ſprach nach der Näherin herüber die jüngere Dame auf dem morgenländiſchen Tabouret, in welcher wir dem Leſer die als Hofballettänzerin gefeierte Koſenell bezeichnen wollen. Die Gefragte verneinte mit der Bemerkung, daß ſie auch nicht das mindeſte Verlangen nach einer Be⸗ gegnung mit dem ſchwarzen Vehmritter, wie er im ganzen Hauſe genannt werde, trage. „Da denke ich nicht wie Du— erwiederte die ſchöne Henriette lachend.— Es wäre doch einmal etwas Ungewöhnliches, einen Mann zu ſehen, der nicht vor Liebe ſterbend wie eine Fliege im November zu unſern Füßen ſinkt,“ 31 „Bogenfels“— flüſterte die ſchwarze Juno in das Ohr ihrer Stiefſchweſter. Eine jähe Röthe flog über das Antlitz des be⸗ ſchämten Mädchens; ihr Auge ſenkte ſich zu Boden— unter einem ſchweren Athemzuge hob ſich die Bruſt. Allein plötzlich ſich ermannend ſprang ſie auf und trat, wie deren Arbeit prüfend, zu der blaß und kränklich ausſehenden Griſette.„Ich dachte, wir wollten das Leibchen anprobiren, ehe ich geſchnürt bin— ſagte ſie mit ein wenig vibrirender Stimme. Biſt du ſchon ſo weit, liebe Bertha?—“ „Die elaſtiſchen Bänder müſſen erſt noch einge⸗ heftet werden— entgegnete die Näherin, ihre Emſig⸗ keit verdoppelnd.— Laſſen ſie die Guttaperchaſchnüre doch lieber wieder aus Paris kommen, Fräulein Ko⸗ ſenell, es iſt nichts haltbares mehr in den deutſchen.“ „Unſere Bertha ſchwärmt gewaltig für Paris, ſeit der junge Franzoſe ihr Hausgenoſſe geworden— bemerkte die Tänzerin mit ſchnell zurückgekehrter mun⸗ terer Laune.— War nicht von Conſervationsſtunden die Rede geweſen, die zu Ehren weiterer Verbreitung der Weltſprache zwiſchen Euch hätten abgehalten werden ſollen?— Nicht, liebes Kind?—“ „Sie machen ſich über ein armes und noch dazu 32 unſchönes Mädchen luſtig— verſetzte die Griſette mit einem Anflug von Gereiztheit, der Henrietten zu Herzen ging.— Herr Bertrand iſt übrigens ein Schweizer, kein Pariſer, und iſt der einzige Menſch, nicht nur im Hauſe, ſondern überhaupt der einzige Menſch, der bei dem ſchwarzen Vehmritter ohne Ver⸗ hüllung ein und ausgeht; das macht ihn wahrhaftig nicht liebenswürdig, auch ohne ſein blaſſes blatternar⸗ biges Geſicht.“— „Ich denke nur, in den Köpfen der Annenvor⸗ ſtädter ſpuckt es ſelbſt, weil ſie allenthalben Geſpenſter ſehen— ſagte, das Heft mit den Zeichnungen und den Karton ſchließend, Henriettens Stiefſchweſter.— Ihr müßt doch einen Wirth haben, der Zins und Ausweis von ſeinen Miethbewohnern verlangt; was meint denn der?—“ „Das Haus wird adminiſtrirt— erzählte Ber⸗ tha.— Dem eigentlichen Beſitzer iſt ein Abweſenheits⸗ vormund gegeben und der wohnt gar nicht im Hauſe. Die Wirthſchafterin des Herrn Adminiſtrators hat mir aber erzählt, was ſie und ihr Herr von dem ſchwarzen Vehmritter wiſſen; es iſt wenig genug.“ „Nun—“ drängten beide Schweſtern, die jün⸗ gere mit echt weiblicher, die ältere mit jener Neugier, 33 die allenthalben den Faden einer Intrigue nachſpüren möchte, an dem ſich doch vielleicht im eigenen Intereſſe fortſpinnen ließe. „Ein Mann in den mittleren Jahren von der Bruderſchaft der Franziskaner— fuhr die Näherin in ihrer Erzählung fort— iſt zu unſerm Wirth ge⸗ kommen und hat den Miethcontrakt ich glaube auf zwei Jahre abgeſchloſſen. Nachts darauf war der Alte, den Einige für einen bekannten General in*** ſchen Dienſten, andere für einen Prieſter vom Libanon wollen gelten laſſen, in ſeine Wohnung eingezogen. An jedem letzten Tage des Monats, Mittags zwölf Uhr, kommt ein ſchöner brauner Hühnerhund mit einem Päckchen im Maule, worin der Zins befindlich. Das kluge Thier wartet, bis es die Quittung entgegen ge⸗ nommen, die ein an der Hausthür Wartender ihm dann abnimmt. Noch Niemand von uns, weder im Erdgeſchoß noch wir haben in dem Jahre, daß wir mit ihm zuſammen wohnen, den geheimnißvollen Mann ohne ſeine ſchwarzſeidene Maske geſehen, aus der ein paar graue ſtechende Augen gar grauenvoll heraus⸗ leuchten. Wie bei Nacht ein paar Lichter in einem hohlen Kürbiß, erzählte meine kleine Schweſter zitternd Frick, d. opfernden Götter 1. 3 34 wie Eſpenlaub, als ſie dem ſchrecklichen Manne einmal auf der Treppe begegnet.“ „Alſo geht er doch aus?—“ forſchte Frau Wolfgang, die Schweſter der jungen Tänzerin, weiter. „Niemals— war die Antwort.— Sein faſt beſtändiger Aufenthalt iſt das Laboratorium, das er, außer ſeiner Wohnung im erſten Stock, noch im Sou⸗ terrain unſeres Hauſes gemiethet. Jeden Abend in der Dämmerſtunde klopft eine tief verhüllte Perſon, ob Mann oder Weib ſoll nicht zu unterſcheiden ſein, an ſeine Thür und bleibt gerade eine Stunde. Dann hört man nicht ſelten lautes Gelächter, hin⸗ und her⸗ rennen oder ängſtliches Stöhnen, umgeworfene Stühle, auf⸗ und zugeſchlagene Thüren. Gewöhnlich iſt es dann Herr Bertrand, der den geheimnißvollen Gaſt wieder bis zur Hausthür geleitet und dann in ſeine Dachwohnung zurückkehrt. Oft iſt auch bei nächtlicher Weile ein ſeltſames Pochen, Hämmern und Pfeifen bald im Souterrain bald in der Wohnung, ſelbſt nach der Seite des Hauſes hin gehört worden, wo die Seel⸗ nonnen wohnen, deren Haus in der Herzogſpitalgaſſe baufällig geworden. Hin und wieder wird deshalb auch noch von anderem Gebräu als Lebenselixiren und der⸗ gleichen gemunkelt.“ 35 „Falſchmünzerei—“ ſchloß die Wolfgang. Bertha nickte bejahend.„Zu ſeinen Tafelfreuden würde er das gemünzte Gold wenigſtens nicht brau⸗ chen— fügte ſie noch hinzu.— Ein Krug Waſſer und ein Korb mit rohen Rüben und ſteinhartem Brod, den man zuweilen des Morgens vor der Thüre hat ſtehen ſehen, ſcheinen die einzigen Nahrungsmittel ſei⸗ nes klöſterlichen Lebens zu ſein.“ „Der Menſch iſt ein Tollhäusler oder einer jener Vampyre, die von dem Leben und dem Lebensglück Anderer ihre eigene gebrechliche Exiſtenz friſten— ſagte die Witwe mit einem leichten Beben der Stimme. — Ich möchte ihn doch einmal ſehen.“ Henriettens Laufer, ein Mohr, den einer ihrer Verehrer ihr geſchenkt, trat mit einer Vaſe auf ſilber⸗ nem Teller in das Zimmer. Es war, wie das beigege⸗ bene Billet auf duftendem Atlaspapier auswies, ein Geſchenk des reichen Grafen Pototzkwey, eines der dringendſten Bewerber um die Gunſt der reizenden Koſenell. Die Vaſe von feinſtem Gold mit Edelſteinen ausgelegt, war nicht allein ein wahres Kunſtwerk ge⸗ ſchmackvoller Arbeit, ſondern auch von ungeheuerm Werth. In die Anerkennung dieſer beiden Eigen⸗ ſchaften theilten ſich dann auch beide Schweſtern je 3* 36 nach der individuellen Eigenthümlichkeit ihrer Cha⸗ raktere. Die junge Tänzerin pirouettirte wörtlich um den Tiſch herum, auf welchem die Vaſe ſtand, und wurde nicht müde, die graziös verſchlungenen Ara⸗ besken und meiſterhaft in Relief gearbeiteten Blu⸗ men zu bewundern. Sie ſtand endlich, wie Mutter Eva vielleicht am Schöpfungstage vor der plötzlich in ihr Bou⸗ doir herein gebrochenen Herrlichkeit, und wie ſie das Kunſtwerk bewunderte, daran erkannte man die dem Schönen huldigende phantaſievolle Künſtlerin, nicht das Geſchenke liebende Weib. Die Wolfgang dagegen— obgleich hier nur von einem ihrer Schweſter überſendeten Geſchenk die Rede— bot ein ganz anderes Bild bewundernder Anerkennung. Auch ſie umkreiste die Vaſe, aber nicht mit Henriettens kindlicher Freude am Schönen, ſon⸗ dern wie der Raubvogel eine Beute. Mit prüfender Hand hob ſie das wahrhaft fürſtliche Geſchenk, klopfte und lorgnettirte daran hin und her. „Iſt ſie nicht prächtig?— fragte die Koſe⸗ nell mit leuchtenden Augen und wie ein Kind vor dem Chriſtbaume in die kleinen Hände ſchlagend.— Sahſt Du in Deinem Leben eine ſchönere Arbeit?“ 37 „Es iſt in der That nächſt Aſtenborn's Agraffe das erſte ſolide Geſchenk, das ich bei Dir heimiſch werden ſehe, ſeit ich es ſelbſt hier bin— entgeg⸗ nete die ältere Schweſter mit einem ſeltſamen Ge⸗ miſch von Ironie und befriedigter Anerkennung. Nur iſt eine Vaſe immer doch ein Luxusgegenſtand, deſſen halber Werth in der gekünſtelten Arbeit zu ſuchen. Ein meinem Geſchmack mehr zuſagendes Cadeau wäre denn doch ein gut eingerichtetes Landhaus mit Stall und Remiſe, worin es wiehert und rollt, Bril⸗ lanten, Kaſchemirs, ein vergoldetes Silberſervice— Du ſiehſt, ich bin nicht ungebührlich in meinen Wün⸗ ſchen— da iſt reeller Grund und Boden, der ſeine Früchte trägt, wenn die herbſtlichen Tage kommen, von denen wir ſagen, ſie gefallen uns nicht.“ „Du weißt doch, liebe Eberhardine, daß ich der⸗ gleichen Scherz nicht liebe— fiel die Tänzerin, vor Unwillen oder Scham erröthend, ihrer Schweſter in das Wort.— Dein Landhaus würde ich nicht be⸗ wohnen, denn ich kann die Miethe ſelbſt bezahlen. Ich würde auch Deinen Schmuck nicht tragen, und auf Deinem Service ſchmeckte mir kein Biſſen. Allein dieſe Vaſe kann ich nur bewundern, nicht nützen wie eine Sache, die ich auch außerdem wenn ſchon we⸗ 38 niger koſtbar mir kaufen müßte. Sie iſt ein Kunſt⸗ werk, kein Gegenſtand des Alltaglebens, ſie iſt klaſ⸗ ſiſch in ihrer Schönheit, ſie wirkt begeiſternd auf eine Künſtlerin, und ſeit ich ſie betrachte, iſt die geſtern noch ſo unverſtändliche Phraſe: Der reine Bauſtyl iſt gefrorne Muſik— mir wie durch ein Wunder erklärt.“” Der Spottpfeil, den die Wolfgang dieſer ex⸗ centriſchen Lobrede nachſenden wollte, blieb an ihrer Lippe haften, als Baron Bogenfels gemeldet wurde. „So früh!— rief Henriette freudig über⸗ raſcht. Das muß etwas zu bedeuten haben.“ „Einen Heirathsantrag nicht“— flüſterte Eber⸗ hardine zu dem Ohr ihrer Schweſter geneigt. Das junge Mädchen erröthete von der Stirn bis zu dem fein geäderten Halſe. Mit bebender un⸗ ſicherer Stimme befahl ſie, den Baron in das Em⸗ pfangszimmer zu führen, und klingelte dann ihr Kammermädchen zur Beſchleunigung ihres Anzugs herbei. Ohne daß Henriette es bemerkt, war die Vaſe auf Verfügung der Frau Wolfgang in das Em⸗ pfangszimmer gebracht worden, noch ehe der Baron es betreten. So ſtand er denn, als die Koſenell zu 39 ihm eintrat, ebenfalls bewundernd vor dem koſtbaren Gegenſtande und ſeine erſte Frage nach gegenſeitiger Begrüßung war, ob die Vaſe ihr zum Kauf angebo⸗ ten oder ob dieſelbe bereits ihr Eigenthum ſei. „Es iſt ein Geſchenk des Grafen Pototzkwey—“ entgegnete Henriette, zwar nicht ohne Verlegenheit, doch ohne einen Augenblick mit der Antwort zu zö⸗ gern. Bogenfels heftete einen langen durchdringenden Blick auf das junge Mädchen und fragte dann, warum ſie die kleinen Geſchenke, welche er ſelbſt ihr zuweilen dargeboten, bisher ſo entſchieden zurückgewieſen. „Weil ich— war die ſchnelle Antwort— einen wahren Freund weder ruiniren noch verlieren will.“ Der Baren lächelte. Allein das ſchöne kokette Mädchen kannte jenes Lächeln und zitterte. Sie hatte dem ernſten jungen Mann das Recht eingeräumt, ihr die bitterſten Wahrheiten zu ſagen, Wahrheiten, die ihr nicht ſelten Thränen in die leuchtenden Augen trieben, und dennoch ihre ſtille, kaum ſich ſelbſt ge⸗ ſtandene Liebe zu dem edlen Freunde, wie den jun⸗ gen Baum unter Stürmen, kräftigten. „Es ſcheint alſo doch, daß der Graf über ſeinen reichern Nebenbuhler den Sieg davon tragen wird— 40 ſagte Bogenfels— und ich wünſche dem ſchönen jungen Manne aufrichtig Glück dazu.“ Henriettens Auge blieb jetzt trocken, aber Stirn und Wange überzog eine Marmorbläſſe. Ihr Blick ſenkte ſich nicht beſchämt oder verlegen zu Boden, er haftete fragend und vorwurfsvoll an dem Auge des ſtrengen Moraliſten. „Ich habe mich noch dieſes frühen Beſuchs we⸗ gen, bei Ihnen zu entſchuldigen, mein Fräulein— lenkte der Baron von dem bisherigen Geſprächsſtoff ab— und ich hoffe auf Ihre Nachſicht, wenn ich—— „Sie haben mir vor allen Dingen zu erklä⸗ ren, wie ich Ihre vorhin gemachte Bemerkung zu deuten habe“— fiel die junge Tänzerin ihrem Men⸗ tor in die Rede. Er ſtutzte. Dieſer Stolz an dem ſonſt ſo ſchüch⸗ ternen Mädchen war ihm neu und imponirte.„Sie haben mir die Vaſe als ein Geſchenk beglaubigt, das Sie zu behalten geſonnen ſind, und wundern ſich, daß ich dem Geber zu ſeinem Siege über den Neben⸗ buhler Glück wünſche?“— „Und dieſer Nebenbuhler wer iſt er— ich bitte.“ 41 „Den Grafen Pototzkwey kann an reichen Geſchenken nur ein gewiſſer Ihnen wohlbekannter Aſtenborn überbieten.“ „Der alte Mehl⸗ und Pulver⸗Lieferant?“— rief die Koſenell mit einer zwiſchen Weinen und Lachen ſchwankenden Bebung ihrer klangvollen Stimme. „Ganz recht. Der Geber der prächtigen Dia⸗ mant⸗Agraffe in Form eines Kolibri, welche beim letzten großen Ballet den Neid des geſammten Hof⸗ ſtaats erregt. Graf Pototzkwey ſoll Tags darauf, wie man ſich erzählt, ſeine Equipage verkauft haben, um— nun wahrſcheinlich um dieſe Vaſe zu kaufen.“ 3 „Und dieſe Thoren bemitleiden Sie noch, wenn ſie den Lohn ihrer Geckenhaftigkeit ernten?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Fräulein Koſenell.“ „Nicht?— Wirklich nicht, Baron?— Iſt es eine ſo große Sünde, die Kunſt und Induſtrie mit dem Golde dieſer Thoren zu unterſtützen, und die Geber zu verachten, während man der geſchmackvollen Gabe ſich erfreut?“— „Iſt Diebſtahl Sünde?“— fragte Bogenfels mit einem eiskalten durchbohrenden Blicke zurück. 42 „Diebſtahl?— Wie denn ſo Diebſtahl?— gegenredete Henriette betroffen.— Glauben Sie etwa, daß Aſtenborn's Agraffe vielleicht noch dem Juwelier gehört?“— „Nein.“ „Nun und dann?“— „Nennen Sie es großmüthig und edel, Ge⸗ ſchenke zu nehmen, ohne das dadurch erzielte Ge⸗ gengeſchenk zu bewilligen?“— „Ein Gegengeſchenk?“— „Ich bitte Sie, liebſte beſte Fräulein Koſenell — fuhr der Baron jetzt wirklich ungeduldig heraus — glauben Sie denn, daß Graf Pototzkwey oder der alte Veteran aller Mehl⸗ und Pulverhändler Tauſende wegwerfen, nur um Sie dafür zu belohnen, daß Sie ſchöne Augen und ein paar Füßchen haben, welche die Tanzkunſt als die erſte und naturgemäßeſte Kunſt im ganzen Welttheater proklamiren?“— Henriette hörte ſchon die letzten Worte des Ba⸗ rons nicht mehr. Sie verhüllte ihr Antlitz, und ver⸗ ließ weinend das Zimmer. Bogenfels ward bald der Ungewißheit, ob er bleiben oder gehen ſolle, enthoben. Henriettens Kam⸗ mermädchen überbrachte ihm die gewöhnliche Ent⸗ 43 ſchuldigung eines plötzlichen Unwohlſeins ihrer Her⸗ rin, und übergab noch in Gegenwart des Barons dem Mohren die Vaſe nebſt einem Billet an den Grafen. Noch an demſelben Tage flatterte auch der Diamanten⸗Kolibri in die Mehl⸗ und Pulverkammer des beſtürzten Lieferanten zurück. Brittes Capitel. Das geheimnißvolle Haus. Motto: Welch' ein Geſicht, ſo fahl und grimmig kalt! Wie hat ſein Blick ſo ſchrecklich mir geſtrahlt! Nikolaus Lenau. Mögt euch des ſchönen Fanges freuen, Den Jüngling bildet euch als Mann. Goethe. An einem trüben regneriſchen Abend dieſes Spätſommers ſtrahlte das für den Baron Bogenfels ſo lange räthelhafte Haus ohnweit ſeines Stamm⸗ ſitzes in glänzender Erleuchtung. Auf dem ſonſt öden und vom Verkehr abgelegenen Platze vor dem großen alterthümlichen Gebäude fuhren Wagen auf und ab, und Fußgänger in lang verhüllenden Mänteln dräng⸗ ten ſich dazwiſchen. Allein die Fronte des Hauſes, in deſſen hochgewölbtem Portal die Gaͤſte verſchwanden, 45 blieb dunkel und zeigte keine Spur jenes regen Lebens, das durch ſo viele Ankömmlinge nothwendig hätte herbeigeführt werden müſſen. Nur die Fenſter, welche in der Hinterſeite des verwunſchenen Hauſes — wie man das Gebäude in deſſen nächſter Umge⸗ bung nannte— nach der Iſar und dem engliſchen Garten führten, waren vom erſten Stockwerk bis in das höchſte Giebelſtübchen glänzend erleuchtet. Eine Geſellſchaft von Naturforſchern, ſo wurde dem neugierigen Frager berichtet, hatte hier ihre Zuſam⸗ menkünfte und was man über die Myſterien dieſer Naturforſcher noch hin und wieder etwa munkelte, das blieb eben flüſternde Vermuthung. Die Polizei — das war bekannt— hatte eines Abends, als die angeblichen Naturforſcher ihre Berathung hielten, ihren Beſuch abgeſtattet und war von dem Pförtner des Hauſes Trepp' auf Trepp' ab, durch lange Kor⸗ ridore und Höfe in einen hell erleuchteten Saal ge⸗ führt worden, wo ſich ſtatt des erwarteten grünen Tiſches eine Tafel mit naturhiſtoriſchen Kurioſitäten aufgeſtellt wieß. Die Geſellſchaft, welche ſich um die⸗ ſelbe gereiht, beſtand aus Männern größtentheils der höhern Stände und von makelloſem Namen in der Geſellſchaft. Man forderte die Ritter vom Orden der 46 öffentlichen Sicherheit auf, ihre Schuldigkeit zu thun, und das Haus zu durchſuchen, was auch geſchah. Allein Schädel und Gerippe, Chonchylien⸗ und Mineralien⸗Sammlungen waren kein Roulette oder Lanzknecht, und mit dem ſtolzen Bewußtſein, ihrer Pflicht genügt zu haben, entfernten ſich die Männer des Rechtes und der Gerechtigkeit aus dem ſo unge⸗ recht verdächtigten Hauſe. Als die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen, kehrte der Pförtner auf einem etwas näheren Wege, als er vorhin mit den Poliziſten ge⸗ gangen, in den Saal zurück, wo bereits der dicke Fußteppich unter der Tafel, welche die naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Kurioſitäten trug, verſchwunden war. Eine kleine Fallthür hatte ſich auf derſelben Stelle geöffnet und auf der hinabführenden ſchmalen Wen⸗ deltreppe ſtand ein vorhin nicht Anweſender. „Sie haben das Zeichen wenigſtens um eine halbe Minute zu ſpät gegeben— fuhr er den eintre⸗ tenden Pförtner an.— Hätten wir heute große Opfe⸗ rung gehalten, ſo war eine Entdeckung unvermeidlich.“ „Ich habe den Draht in Bewegung geſetzt, ſo wie man draußen nur die Hand an die Hausglocke gelegt — entſchuldigte ſich der Getadelte.— Es muß nach⸗ geſehen werden, ich glaube, es iſt etwas in Unord⸗ —— 47 nung, vielleicht auch nur ein wenig Staub in die Maſchine gekommen.“ „Nun ich denke doch— ſprach ein ältlicher Kann von ungewöhnlicher Körperlänge— die Fürſtin D. ſoll uns von morgen an einen beſſern Schutz gewähren als alle Telegraphen des civiliſirten Europa. Ihr Siegelring und der Brief des Miniſters ſind unſchätzbare Documente.“ Heute ſtieg Bogenfels am Arme des Grafen Rauſchenbach dieſelbe Treppe hinan und durchſchritt dieſelben Höfe und Korridore, welche der Fuß jedes Laien in dieſem geheimnißvollen Hauſe betreten mußte. Eine kleine, in eine Grotte verkleidete, mit einer Am⸗ pel düſter beleuchtete Halle nahm die Angekommenen auf und Bogenfels verweilte hier etwa eine Viertel⸗ ſtunde lang allein. Eine namenloſe Bangigkeit, die er gleichſam mit der Luft dieſes engen Raumes zu athmen ſchien, übermannte den Jüngling. Hätte es ſein männlicher Stolz erlaubt, er wäre von dem un⸗ heimlichen Orte entflohen, ein ſo ahnungsvoller Geiſt hereinbrechenden Unglücks übermannte ihn. Rauſchen⸗ bach kehrte nicht zu ihm zurück, wie er verſichert. Statt ſeines Führers öffnete ſich von ſelbſt eine in dem Geſtein und Moos der Grotte verborgene Thür 48 und ein Verlarvter winkte dem Baron, über den Fel⸗ ſenblock hinweg in den Saal zu ſchreiten. Es war heut zum zweiten Male, daß Bogenfels dieſen Saal betreten, und doch ſchien ihm jetzt Alles noch fremdartiger aber auch wunderbarer als das erſte Mal. Alle Anweſenden trugen wie damals die ſchwarze Maske vor dem Geſicht; allein ihre Zahl war heute eine bei Weitem größere, und die Ruhe, welche in dem weiten Raum herrſchte, wirkte um ſo gewaltiger auf die erregte Phantaſie des Jünglings. Wieder, wie am Tage ſeines erſten Erſcheinens in dieſem Hauſe, führte man den jungen Novizen vor eine Art Altar, auf welchem ein mattes Kohlenfeuer vor einem Idol brannte, das der in der Geſchichte der Tempelherren ſehr wohl bewanderte Baron für das geheimnißvolle Symbol des Paphomet er⸗ kannte*). *) Der Orden der Tempelherren war Anfangs nur zum Kampfe gegen die Ungläubigen, die Anhänger Mahomet's, be⸗ ſtimmt. Er war inſofern im Dienſte der katholiſchen Kirche und focht für deren Intereſſe. Allein durch die Aufklärung, welche Einige der vornehmſten Ritter im Oriente über das Verhältniß ſich erwarben, worin der Papſt und die Kirche zu ihnen ſtanden, und durch den größern Reichthum, die Aus⸗ 49 Ein bejahrter, um eines halben Koyfes Laͤnge alle Anweſenden überragender Mann, den blauen Kaftan mit rothem Gürtel um die Lenden feſtgehal⸗ ten, ſtand an dem Altar und begrüßte den jungen Novizen als einen Forſcher der Wahrheit. „Zum zweiten Male denn, ſei mir willkommen— ſprach er mit gehobener und klangvoller Stimme— in dieſen Hallen, wo der Geiſt urewiger Wahrheit breitung und Macht des Ordens ſelbſt erzeugte ſich nach und nach bei dieſem ein eigenes Intereſſe, das zu dem Papſte und der übrigen katholiſchen Geiſtlichkeit in ebenſo entſchiedener Oppoſition ſich ſtellte, als zu Mahomet und ſeinen Anhängern. In dieſer Oppoſition gegen den Papſt lag das Geheimniß des Ordens und die obenerwähnte ſymboliſche Figur des Papho⸗ met.(Die erſten Buchſtaben von Papſt oder Papa und die letzten von Mahomet.) Beim Anblicke des Paphomet l(auch Baffomet) in den Generalkapiteln, oder auch außer denſelben, drückten die Ritter ihre geheime Unabhängigkeit von der Kirche und dem Kirchenglauben dadurch aus, daß ſie dem Kruzifix ihre Verachtung bezeigten und den einzigen Gott Himmels und der Erde anbeteten. Aus dieſem Grunde nannten ſie jeden in ihren Orden Eintretenden einen„Freund Gottes, der nun mit Gott reden könne, wenn er wolle,“ ohne dazu des Papſtes und der Kirche als Mittels⸗ perſonen zu bedürfen. Frick, d. opfernden Götter 1. 4 50 wohnet. Haſt Du, wie ich Dir angerathen, Dich auf⸗ richtig geprüft, ob Du auch ſtark genug ſein wirſt, die gefährlichen Irrwege, auf denen Du bis heute die Wahrheit geſucht, zu verlaſſen und die Räthſel, welche dem Wiſſensdurſtigen nur durch Offenbarung klar werden, den höheren Graden dieſes Ordens, der Zeit alſo zu überlaſſen, wo vor Deinem geiſtigen Auge der Kern ſich entfalten wird, deſſen Schale die Laien für den Inhalt nehmen?—“ Der Baron ſchwieg. Der Inlhalt dieſer Rede verfehlte ihren Zweck, das Mißtrauen erwachte. Allein der Alte, deſſen ſcharfes Auge jede geheime Regung in der Bruſt des Jünglings zu durchdringen ſchien, ſprach, anſtatt ſein Anverlangen einer augen⸗ blicklichen Antwort zu wiederholen, immer weiter, und je länger er ſprach, je feuriger leuchtete das be⸗ gehrte„Ja“ aus den von Begeiſterung ſtrahlenden Augen des jungen Novizen. Dieſe Innigkeit des Ausdrucks, dieſe Wärme vollſter Ueberzeugung konn⸗ ten nur reiner Ausfluß eines tiefbegeiſterten Gemü⸗ thes, nur Inſpiration jener Wahrheit ſein, deren Prieſter er ſich nannte. Aus dem ſalbungsvollen Ton, der ſich wie ſchmerzſtillender Balſam an das Herz des Jünglings legte, war die Rede des alten Mannes 51 zu jener Kraft erwachſen, wie einſt die Phantaſie des Knaben ſchon die gottbegeiſterten Propheten ſich ge⸗ dacht. Von den Verheißungen der Väter, von dem Urquell aller Dinge, von dem Gotte, der in jedem Menſchen im Kleinen die Welt wieder baue, von der Kraft des menſchlichen Geiſtes, der bei feſtem Willen ewig ſchaffend, erneuernd und erzeugend zum Gottmenſchen werden könne— und von ſo vielen titaniſchen Hieroglyphen des Lebens, deren Löſung verheißen wurde, war die Rede, daß Bogenfels, halb betäubt, halb von dem begeiſternden Rauſch einer ſel⸗ tenen Ueberredungsgabe hingeriſſen, ſeine Hand in die dargebotene Rechte des Prieſters legte und die vorgeſprochene Eidesformel nachſprach und unter⸗ zeichnete. Jetzt verband man dem Novizen die Augen und führte ihn eine kleine Stiege hinab in den Raum, wel⸗ cher ſich unmittelbar unter dem Saale befand. Hier ließ man ihn allein und er hörte die Thür hinter ſich verſchließen. Als erſte Probe des Muthes und der⸗ Selbſtbeherrſchung hatte der Baron verſprechen müſſen, die Augenbinde unter keiner Bedingung zu lüften, und er war zu ſtolz gegen ſich ſelbſt, um ſein Wort zu brechen. Da drangen aber plötzlich durch die 4* 5² Nacht, welche ihn umgab, Töne zu ſeinem Ohr, denen der Schlüſſel ſeines eigenen Seelenzuſtandes inne zu wohnen ſchien. In den Tagebuchblättern des Barons iſt die Muſik jener dunklen Stunde ſein in Muſik geſetzter Lebenslauf genannt und folgender⸗ maßen beſchrieben.„Es war mir ſonderbar zu Muthe bei dieſen Tönen, die Anfangs ſo wehmüthig als un⸗ harmoniſch, ſo zitternd als ſehnſuchtsvoll zu mir her⸗ über drangen. Die Muſik wurde immer zerriſſener; bunt gemiſcht und flog aus den tiefſten Accorden in die höchſten, bis ſie plötzlich in eine unendlich ſüße Wehmuth überging. Sie ſprach aber ganz den Zuſtand meines. Innern aus und, war es muſikaliſcher In⸗ ſtinkt oder Divinationsgabe ohne Harmonie, kurz ich errieth zum Voraus, welche Accorde nach einander folgen mußten.“ Als die Muſik verſtummt war und die Thüre ſeiner Zelle ſich öffnete, nahm man dem Novizen die Binde von den Augen und vor ihm ſtand wieder der greiſe Prieſter am Altar, auf dem diesmal eine helle Flamme loderte, in welche er Räucherwerk ſtreute. Rings um das Feuer waren die Attribute der Frucht⸗ barkeit: Aehren, Eier, Erde und mancherlei Gethier, nebſt den Symbolen des Helenenthums aufgeſtellt. 53 In einem mit Waſſer gefüllten Gefäß ſchwamm ein Fiſch. „Erkenne in dieſen Symbolen der Schöpfung — belehrte nun der Rabbi Cohne, wie der Alte ge⸗ nannt wurde— den erſten Schlüſſel des Schöpfungs⸗ geheimniſſes, das erſt im Meiſtergrade vollſtändig ſich Dir enthüllen wird. Das Feuer iſt Licht und Träger der Fruchtbarkeit. Das Licht iſt Spiegel der Welt und des Bewußtſeins. Fruchtbarkeit ohne Bewußtſein iſt Sterbliches gebärend, mit dem Bewußtſein ge⸗ paart gebiert ſie Unvergängliches. Du ſiehſt auf die⸗ ſem Altar lauter Erzeugniſſe des Feuers, aber keines trägt in ſich das Bewußtſein, darum iſt keines der⸗ ſelben unſterblich. Allein der Menſch iſt dieſes Be⸗ wußtſeins fähig, weil ihm mit der ewig brennenden Flamme höchſten Wiſſensdurſtes auch das Licht ge⸗ geben iſt und das Vermögen, es zu empfinden. Doch nur wenig Auserwählte ſtehen auf jener höhern Rang⸗ ſtufe der Schöpfung, wo der Menſch befähigt iſt, das Licht in ſich aufunehmen; denn überall, wo Du hin⸗ blickeſt, ſiehſt Du die Kraft gegenüber der Schwäche, Du ſiehſt Kampf, Sieg, Tod.“ „Wem es aber gegeben iſt, zu herrſchen, der herrſche, und verlange den Tribut, welchen die Natur ihm angewieſen. Und ſo übergebe ich, zum Zeichen, daß mir und Euch die Vollmacht ward, zu gebieten über das Lebende, aber nicht Fruchtbringende, über das Fruchtbringende, aber nicht Lichttragende, über das Lichttragende, aber nicht Herrſchende, dieſes Waſſer und dieſe Erde, dieſen Fiſch und dieſes Men⸗ ſchengebild dem Gotte der Fruchtbarkeit, des Lichtes und der Kraft, dem Feuer und opfere auf dem Altare der opfernden Götter im Namen Eurer Aller. So weihe ich denn Kraft meines Amtes dieſen Götter⸗ ſohn ein in die Geheimniſſe der Tafel der dreißig Götter.“ Bei den letzten Worten des Prieſters erfüllte die Halle ein ſüß berauſchender Duft, der auf die erreg⸗ ten Sinne des Barons ſo betäubend wirkte, daß er bewußtlos in die Arme des Grafen ſank. Bald aber kehrte ſeine Beſinnung ſoweit zurück, daß ſie den jetzt an ihm vorüberziehenden Phantasmagorien nur allzu zugänglich war. Mitten aus dem dichten Nebel, der in Wolkenſchichten auf und ab wogte, erhob ſich rie⸗ ſengroß eine Geſtalt in langem, feuerfarbenen Ge⸗ wande. Ihr Antlitz glich einem Sterne und die Augen waren anzuſehen, wie ein Meer von Strahlen. Allmählig erweiterte ſich noch der Geſichtskreis des 55 Schauenden. Er ſah in eine unendliche Ferne von Erden und Sonnen, aber in all' dieſer Unendlichkeit war kein Troſt. Der rieſengroße Mann ſchritt durch die Ferne hin ruhig und erhaben, aber er würdigte ſeine Schöpfung keines Blickes. In die Seele des Jünglings zog bei all' dieſer Schöpfungsherrlichkeit ein namenloſes Weh, es ſchien ihm das Nahen des Todes. Alle hellen Farben des Frühlings erblichen, die Vegetation erſtarb, alle lebenden Weſen ſchliefen in Zuckungen ein, ein eiſiger Hauch berührte die Stirn des Schauenden. Ueber ihm rauſchte es wie ein Heer vorſündfluthlicher Raubvögel, Donner roll⸗ ten und ein weites blendendes Lichtmeer flammte auf über der ganzen Welt. Allein es beleuchtete nur Lei⸗ chen und Verwüſtung; doch ſtand über den Trüm⸗ mern dieſer verſunkenen Schöpfung ein kleines Häuf⸗ lein Menſchen, ruhig lächelnd und triumphirend. Der junge Novize ſah ſich ſelbſt unter ihnen ganz nahe am Feuer und fühlte doch ſeine eigenen Glieder vom Fieberfroſt geſchüttelt. Doch jetzt gruppirte ſich um den Schöpfer oder doch Beherrſcher dieſer Fabelwelt eine neue, welche das Auge des Schauenden wie mit dem Feuer eines Wiedergeborenen durchglühte und ſein Blut aus der 56 Erſtarrung löſend bis zum Siedepunkt erhitzte. Leicht verſchleierte Darſtellungen aus den Myſterien der Ve⸗ nusfeier verdrängten die erſtorbene Welt und als Kö⸗ nigin dieſer neuen Schöpfung tauchte plötzlich aus einer ſchimmernden Muſchel eine Jungfrau empor, ſo vollendet in ihrer Schönheit, wie nach dem Urtheil des Barons die feurigſte Phantaſie ſie nicht zu ſchaffen vermocht hätte. Dieſes reizende, ſinnenberauſchende und doch die Idealität edler Weiblichkeit in höchſter Potenz verkörpernde Weſen ſchwebte auf den Baron zu und er fühlte in dieſem Augenblicke, wie ſein gan⸗ zes Ich in einem Seufzer der Sehnſucht ſich ihr zu eigen gab. Jetzt ſtand ſie vor ihm. Der Strahl ihres Auges weckte ein neues, nie geahntes Leben in der Bruſt des Jünglings. Unwillkürlich beugte ſich ſein Knie vor der Königin ſeines Herzens— ihr Athem — o ihr Kuß berührte wie zu einem heiligen Weihe⸗ bund ſeine Stirn. Verlangend breitete er ſeine Arme nach der Geliebten aus und heiß brannte die Lippe nach ihrem Kuß— da fiel ein Nebelſchleier zwiſchen ihn und ſie. Er wollte die magiſche Scheidewand durchdringen und kämpfte wie ein ermattender Schwimmer gegen die ſchäumende Woge. Kraftlos und wie von langer Krankheit gelähmt, fühlte er ſeine 57 Glieder, in kaltem Schweiß gebadet brach er beſin⸗ nungslos zuſammen. Als der Baron wieder zum Bewußtſein erwachte, ſtand— wie Mephiſtopheles am Lager des Fauſt— der Rabbi Cohne an ſeinem Lager und beglück⸗ wünſchte ihn als„„pfernden Gott.“ Alle Brü⸗ der reichten ihm ihre Rechte und lüfteten, mit Aus⸗ nahme des Prieſters, ihre Masken und legten die Linke auf ſein Haupt und ſeine Lenden. Der Alte ſpritzte ein wenig Blut, das dem geritzten Daumen entquoll, in das Feuer; dann erklärte er die Cere⸗ monie der Aufnahme in den erſten Grad als voll⸗ zogen. Mit dieſem Tage begann in Bogenfels' Leben ein neuer Zeitabſchnitt, obgleich in anderem Sinne, als ſeine Bundesbrüder wähnten. Das Myſterium des Lebens, das lange geſuchte und noch von keinem Sterblichen gefundene, ſchien ihm plötlich klar ge⸗ worden. In ſeiner Bruſt, in des Jünglings unent⸗ weihter Phantaſie hatte ein junger Schöpfungsmor⸗ gen getagt und ihm ſchien, daß einzig die Liebe, jene harmoniſche wechſelſeitige Ergänzung durch das an und für ſich einander fliehende, den Zwieſpalt in des 58 Mannes Bruſt zu löſen befähigt ſei. Bis dahin hatte er das Weib nicht verachtet, wohl aber als Hemmniß auf dem Wege des Denkers es verſchmäht. Liebe und Leidenſchaft hatten ihm gleichbedeutend geſchienen, und weil er den Leidenſchaften den feſten Willen, die ſelbſtſtändige Kraft des Mannes entgegenſetzte, des⸗ halb floh er als einen Sirenengeſang die Liebe in jeder Schattirung. Am ſicherſten aber ſchlägt jedem reinen keuſchen Herzen ſeine Stunde, und wo er auch das Urbild jener nächtlichen Phantasmagorie geſchaut haben möchte, er wäre dem natürlichen Zauber dieſes für ihn geſchaffenen Weſens erlegen. Jetzt umhüllte ſie noch der Schleier des Geheimnißvollen und Räth⸗ ſelhaften; was Wunder, wenn zu dem begeiſterten Seelenleben auch die entflammte Phantaſie ſich ge— ſellte und all' ſein Fühlen und Denken gefangen nahm!— Mit ihr vereinigt ſchien ihm die Aufgabe ſeines Lebens erfüllt, ſein unbeſtimmtes Sehnen zur. Ruhe geſprochen. In dem rein menſchlichen Zweck des Daſeins: eine Familie zu gründen und in dieſer Welt im Kleinen einen dankbaren Wirkungskreis ſich zu ſchaffen, das ſchien ihm von jetzt an eine ſo edle und ſich ſelbſt veredelnde Beſtimmung, daß, darüber hinaus gehen zu wollen, ihm frevelhafter Hochmuth, 59 Ueberhebung des begrenzten Menſchenwillens gegen den Schöpfer ſchien. Dennoch beſuchte er die Verſammlungen der opfernden Götter faſt unausgeſetzt. Das Verbot des Rabbi Cohne, den myſteriöſen Erſcheinungen jener Nacht auch nur mit einer einzigen Frage gegen die Brüder nachzuforſchen, ſchien jede ſchon an ſich un⸗ ſichtbare Brücke zwiſchen ihm und der ungekannten Geliebten abzubrechen. Nur Warrenberg, der ſeit ſeiner Aufnahme in den geheimnißvollen Bund ſeinen Freund oft lange mit einem namenloſen Ausdruck ſchmerzlichen Mitleidsbetrachtete, ließ ihn ahnen, daß das Original zu jener nächtlichen Phantasmagorie in der Hauptſtadt lebe und keine Ahnung davon habe, daß man ſeine Züge zu einem alchemiſtiſchen Trugbilde gemißbraucht. Er hoffte mehr noch von dem theilneh⸗ menden früher ſo ſchwer verkannten Freunde zu er⸗ fahren; allein Warrenberg verſchwand plötzlich wie von unſichtbarer Hand entführt aus der Stadt, ohne daß irgend Wer das Warum ſeines Gehens oder den Ort ſeines jetzigen Aufenthaltes zu enträthſeln ver⸗ mochte. Jene myſteriöſe Geſellſchaft, deren Bundesglied er geworden, erregte von Woche zu Woche das Miß⸗ 60 frauen des Barons in immer höherem Grade. Wenn es ihn anfangs ſtutzig gemacht, daß man als einzige Pflichten des erſten Grades dieſer Brüderſchaft nächſt einer ſteten Wachſamkeit auf das Wachsthum der den Menſchen innewohnenden Geiſteskräfte auch den Ehr⸗ geiz förmlich ſanktionirte, wenn die wunderlichen Benennungen und Göttertitel, die hyperboliſche Gleich⸗ nißrede des Hohenprieſters und ſo manches kleinlich Myſteriöſe ein Spottlächeln auf ſeine Lippen lockte, ſo gab es bei einer je längeren je ſchärferen Beobach⸗ tung der Bundeseigenthümlich keiten noch ſo Manches, das über Mißtrauen und Spottlächeln hinaus den ſittenſtrengen Jüngling mit einer Ahnung von den Myſterien der höheren Grade erfüllte, die ihn erbeben ließ. Warum— ſo fragte er ſich oft— müſſen die Novizen bis zu den deis majoribus sed minoris aetatis ſich alle entfernen, ſobald der Hahn auf der Apollo⸗ ſtatue kräht?— Warum werden Extraopfer gehalten, allwöchentlich zweimal, zu denen uns der Zutritt auf das Strengſte unterſagt iſt?— Warum ſah noch Keiner der Novizen das Antlitz dieſes räthſelhaften Rabbi Cohne ohne Maske?— Wozu endlich dieſe enormen Geldbeiträge ohne ſichtbares Reſultat noch Zweck?— Wenigſtens, ſprach er zu ſich ſelbſt, ſind 61 die Eierſpeiſen und grünen Gemüſe mit dem kreiſen⸗ den Becher friſchen Waſſers bei den Gaſtmählern der opfernden Götter nicht eben darauf berechnet, die an⸗ ſehnlichen Contributionen, denen der Ephebagos ohne Berechnung uns unterwirft, genügend zu erklären. Allein, wie ſchon geſagt, der Baron verſäumte ſelten oder nie eine Verſammlung der opfernden Götter. Nächſt dem Hauptbeweggrund dieſes An⸗ ſchließens an die Bundesbrüder, nächſt der Hoffnung alſo, den Namen des Originals jener nächtlichen Viſion zu erfahren, waren es auch unläugbar die un⸗ gewöhnlichen naturwiſſenſchaftlichen Kenntniſſe, über⸗ haupt die auf alle Weiſe ſich kundgebende Thätigkeit des Geiſtes, was Bogenfels zu dieſer myſteriöſen Ge⸗ ſellſchaft hinzog. Namentlich war es ein an das Wunderbare grenzendes Experimentiren mit Natur⸗ kräften, welche für den Baron trotz ſeiner chemiſchen Kenntniſſe dennoch Geheimniß geblieben, wodurch er wie in einem Zauber ſich feſtgehalten fühlte. Dazu kam noch, daß man ihn, den Jüngſten der Bundes⸗ brüder, früher als es ſonſt üblich, zu den Gaſtmählern der opfernden Götter zog, und daß man ihm ſogar das Wort bei dieſen oder jenen philoſophiſchen Dis⸗ cuſſionen geſtattete. Zwar konnte er ſich des Lächelns 62 nicht erwehren, als er den Ephebagos mit einer Begei⸗ ſterung, als gälte es Todte zu erwecken, die Hymne zu Ehren der Iſis anſtimmen hörte und den feierlichen Ernſt beobachtete, womit er dreimal das Haupt der erhabenen Egyptierin beſprengen ſah; allein, das Spottlächeln wich von ſeiner Lippe, und in ſein Auge kehrte eine wahrhaft andächtige Aufmerkſamkeit zurück, als Hermes und Caſtor, nach dem Hohen⸗ prieſter die Aelteſten in der myſteriöſen Geſellſchaft, eine naturhiſtoriſch⸗philoſophiſche Beſprechung über die Urſchöpfungsfrage mit ſo gewandter als ſcharfſin⸗ niger Dialektik in Anregung brachten. Der alte Prieſter, der wohl irgend einen geheimen Grund haben konnte, den Baron an das Bundesintereſſe zu feſſeln, hatte den Jüngling ſehr richtig erkannt. Ehrgeiz hieß das Haar, an welchem Mephiſtopheles, wenn er es geſchickt anfing, ihn faſſen konnte, und dieſer Prieſter ſchien nicht der Mann leichter Mißgriffe. Er durch⸗ ſchaute auch das Mißbehagen, an all' dieſen unweſent⸗ lichen Nebendingen, durchſchaute den immer reger ſich kundgebenden Argwohn in der Seele des jungen No⸗ vizen und hielt für nöthig, die Schlinge noch etwas feſter zu ziehen. Eines Morgens— es war im fünften Monate 8 63 nach ſeiner Aufnahme in den geheimnißvollen Götter⸗ bund— hielt ein Wagen vor Bogenfels Wohnung. Bald darauf ließ Graf Rauſchenbach ſich bei ihm mel⸗ den und kündete etwas Unerhörtes, nämlich den Beſuch des Rabbi Cohne an. Er ſaß unten im Wagen und wollte, ehe er ausſtieg, erſt durch den Grafen von der Anweſenheit des Barons verſichert ſein. Auch jetzt trat er mit der ſchwarzſeidenen Maske vor dem Geſichte in das Zimmer und ſprach den übli⸗ chen Gruß. Er verkündete dem über dieſes beharrliche Maskengeheimniß etwas ungeduldigen Novizen, deſſen Aufrücken in einen höheren Grad, nannte ihn jetzt zum erſten Male„Bruder“ und bemerkte zugleich, daß Bogenfels von nun an bei den Opfern als Sän⸗ ger dienen werde. Ein wenig gleichgiltiger und kälter, als dem Ueberbringer dieſes Avancements erfreulich zu ſein ſchien, verbeugte ſich der Baron und ſchwieg. „In vier bis fünf Monaten wirſt Du hoffentlich reif ſein für den Lehrerſtand,“ fuhr der Prieſter in ſeiner Glücksbotſchaft fort,„dann ſollſt Du in die er⸗ ſten der hohen Bundesmyſterien eingeweiht werden. Im Laufe des nächſten Sommers trittſt du dann wohl 64 Deine Miſſionsreiſen an, von denen ich mir viel ver⸗ ſpreche, für Dich und den Bund.“ Dieſe eigenmächtige Verfügung über ſeinen freien Willen, dieſe herriſche Anmaßung eines Mannes, der ihm doch eigentlich ſo ganz fremd war, verſtimmte und reizte den Baron. Er ſprach davon, daß er näch⸗ ſtes Frühjahr wahrſcheinlich ſeine hohe Gönnerin, die Fürſtin von*ss, zurück zu ihrem erlauchten Gemal geleiten werde, denn ihr Augenübel beſſere ſich von Tag zu Tag. „Gut, daß Du mich an eine Frage erinnerſt,“ unterbrach der Rabbi ſeinen Schüler,„die ich über Deine perſönliche Angelegenheit beinahe vergeſſen. Du ſtehſt zu der Fürſtin**s im Verhältniſſe eines Sohnes, wie ich weiß.“ „Der regierende Fürſt**s hat Vaterſtelle an mir vertreten,“ entgegnete Bogenfels mit Wärme.— Ich, frühverwaister Knabe, habe keine Liebe, keine Fürſorge anderer Eltern kennen gelernt, als die des edlen Fürſtenpaares. Meine liebſten Wünſche, mein Herzblut würde ich ihnen opfern, könnte ich irgend ein Unglück dadurch von ihren Häuptern wenden!“ „Laß' mich offen gegen Dich ſein, lieber Bru⸗ der, und ſei Du es auch,“ nahm nach einer kleinen 65 Stockung in dieſem aus Zurückhaltung und gegenſeiti⸗ gem Mißtrauen gepflogenem Zweigeſpräch, der mas⸗ kirte Alte wieder das Wort.„Das geiſtige Intereſſe des Bundes verlangt die Zuziehung intelligenter Kräfte nach allen Seiten hin. Könnteſt Du den Für⸗ ſten*er bei Deinem längeren Aufenthalte an ſeinem Hofe für die Geſellſchaft der opfernden Götter gewin⸗ nen, ſo würde dieß als Meiſterprobe Deiner in Aus⸗ ſicht geſtellten Miſſionsreiſen zu betrachten ſein. Wirke im Intereſſe des Bundes, ſo viel nur in Deiner Macht ſteht, mein Bruder, und denke, daß jeder Schritt, welchen Du zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit thuſt, zugleich ein Schritt iſt, der Dein eigenes Stre⸗ ben nach dem Geheimniſſe der Weltordnung fördert. Laß' mich nicht denken, daß Du bei der erſten Prü⸗ fung Deiner Kräfte ſchon ermüden wollteſt, ſondern verliere unter der Mühſeligkeit des Emporſtrebens das herrliche, belohnende Ziel nicht aus den Augen.“ „Nur möchte ich,“ verſetzte der Baron freimü⸗ thig,„bei dieſem Streben nicht in Lagen gebracht werden, wo mein Rechtsgefühl und mein Gewiſſen, mein Herz und meine Ueberzeugung nicht ganz mit dem übereinſtimmen könnten, was man von mir for⸗ dert. Ich vielleicht am wenigſten von allen unſern Frick, d. opfernden Götter. I. 5 66 Brüdern eigne mich zur Proſelytenmacherei und wollte Dich bitten, edler Uranos, von Sendungen mich zu dispenſiren, die ich nimmermehr zu Deiner und des Bundes Zufriedenheit vollführen würde.“ „Du ſprichſt eben nur wie der Laie von den höchſten Myſterien,“ erwiederte der Götterſohn mit milder Hoheit.„Lerne das Licht erſt kennen, gewöhne Deine jetzt noch blöden Augen an die Herrlichkeit, die ſie bisher noch nicht zu ſchauen gewagt, und Du wirſt Dich mit jauchzendem Entzücken zu dem Meſſias be⸗ kennen, der allein dem Geiſte Erlöſung bringen kann von der Qual des Zweifels und der Unwiſſenheit.— Wer den Muth hat, nach dem Schlüſſel der höchſten Wahrheit zu ſtreben, der ſoll auch nimmer ſich wei⸗ gern, ein Prophet dieſer urewigen Wahrheit unter die Menſchen zu treten und die kleine Schaar der Auserwählten um ſich zu ſammeln. Bei der nächſten Opferung ſprechen wir mehr über dieſe ſo wichtige Miſſionsfrage; jetzt laß' mich noch auf etwas, das im innigſten Zuſammenhange damit ſteht, Dich aufmerk⸗ ſam machen.“ Die Stirne des jungen Bruders auf dem Wege der Wahrheit verfinſterte ſich immer drohender, doch ſchwieg er und hörte. 67 „Deine Beſuche bei der Koſenell ſind weder Dei⸗ nem eigenen, noch dem Intereſſe des Bundes förder⸗ lich,“ fuhr der Alte in ſeiner Mentorrede fort.„Sie iſt eine Cosmopolitin, eine Prieſterin der Sinnen⸗ welt, und ſomit eine natürliche Feindin jenes Reiches, das die Geiſter einander verbrüdert. Wie willſt Du Höheres durch Verkehr mit dem Gemeinen, das Unver⸗ gängliche dureh Vergängliches fördern?— Wie willſt Du Trauben leſen von den Diſteln, würde die glor⸗ reiche Mythe der Bibelwelt fragen, und warum ver⸗ geudeſt Du Deine Zeit, ſtatt den Lorbeer zu pflegen, der einſt Deine Stirne umgrünen ſoll, mit Blumen aus Flittergold, die unter Deiner Hand in Staub zerfallen?“ „Ich verſtehe Deine Rede nur halb,“ entgegnete Bogenfels, als der Bundesbruder ſchwieg,„doch wird mir ſo viel darans klar, daß Du über mein Verhält⸗ niß zu der jungen Tänzerin in einem argen Irrthume befangen zu ſein ſcheinſt. Das liebliche, wahrhaft edle Mädchen iſt in meinen Augen einz ſchuldloſes Kind, das Blumen ſuchend über einem Abgrund ſchwebt. In meiner Macht ſteht es vielleicht, ſie der Tugend und ſich ſelbſt zu retten; ich nenne dasskeine Zeitvergeudung. Einſt vielleicht wird ſie mir danken, 5* 68 ihr Gatte wird mir als Freund und Bruder die Hand drücken, der Geiſt ihrer guten, braven Mutter, an de⸗ ren Bruſt ich die erſte Lebensnahrung getrunken, wird mich ſegnen; das iſt, fühle ich, auch eine Pflicht, von deren Uebung ein dem Höchſten zugewandtes Streben wahrlich nicht ſchamroth ſich abzukehren braucht.“ „Es iſt heute ſchwer, ſich mit Dir zu verſtändi⸗ gen,“ ſagte der Hoheprieſter aufſtehend und ſeinen Hut nehmend.„Ich würde irre an Deinem forſchen⸗ den Geiſte werden, ſäheſt Du Tag für Tag die Dinge um Dich her mit dieſem Auge der Alltagswelt. Auf übermorgen dann; zum großen Opfer Deiner Auf⸗ nahme in den Bruderbund zu Ehren.“ Schon hatte er den Drücker der Thüre in der Hand, als Uranos noch einmal zurück nach dem Ba⸗ ron ſich wandte: „Haſt Du vielleicht,“ fragte er mit anſcheinen⸗ der Gleichgiltigkeit,„eine Einladung zu dem heutigen Maskenball beim ſpaniſchen Geſandten erhalten?“ Der Baron bejahte. „Und Du gehſt hin?“ „Möglich; möglich auch nicht.“ „Du wirſt dort vermuthlich mit dem Obriſten Hartenſtedt zuſammentreffen, der ſeit einem halben 69 Jahre mit ſeinem Regimente in die Reſidenz verſetzt iſt. Vielleicht findeſt Du Gelegenheit, dem alten, bie⸗ deren Helden von Braga Dich vorſtellen zu laſſen, und es wäre mir lieb, wenn Du ihm ſo viel Intereſſe einflößen könnteſt, als er Dir ſicher ſchon in der erſten Stunde Eueres Bekanntwerdens abgewinnen wird. Habe kein Arg, lieber Bruder, Du ſollſt keinen Bun⸗ desſchüler an dem alten Haudegen werben; die Män⸗ ner von Säbel und Epauletten ſind keine Aſpiranden im Reiche der Gedankenforſchung. Allein, dem Manne thut ein Warner Noth, der ihn von einem unglückli⸗ chen Heiratsplan hinſichtlich ſeiner Tochter abräth. Das Mädchen ſcheint in dieſem Punkte ſcharfſichtiger als der Vater, und verneint, wie ich aus guter Quelle weiß, trotz ihrer kindlichen Liebe, mit muthiger Be⸗ harrlichkeit. Nun, Du wirſt ja ſehen, wie Vater und Tochter Dir gefallen, und ob Du Dich wirſt ent⸗ ſchließen können, im Intereſſe der allgemeinen Men⸗ ſchenliebe, die Dich zur Rettung einer Ballettänzerin anfeiert, ein edles und ſchönes Mädchen von einem Bewerber zu befttien, der ihr ſo unerwünſcht, als ihrer unwerth iſt. Der alte Obriſt iſt übel berathen in dieſer Sache. Und nun, mein Bruder, den Frieden der rauſchenden Ceder auf Libanon über Dein Haupt!“ Biertes Gagitel Die Emiſſärin. Motto: Mephiſtopheles: Am Menſchen iſt's ein mir beliebter Zug, Daß, wenn's Geſchick ihm eine Wunde ſchlug, Wenn ein Verdruß die Seele ihm erweicht, 1 Der Sinnenreiz viel freier ihn beſchleicht, Als wären alsdann ſeine Tugendwächter— Die doch am Ende nur gedung'ne Fechter Vom Schmerz berauſcht, verſchlafen an der Pforte. Nicolaus Lenau. Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg! Wieland. Das Haus in der Annenvorſtadt, deſſen Manſar⸗ denſtübchen Bertha Leutner mit ihren beiden jüngern Schweſtern bewohnte, war von jener nachbarlichen Spionage, die in großen wie in kleinen Städten Be⸗ ſchäftigung zu finden weiß, ſo gut wie gänzlich befreit. Das ganze Gegenüber des engen Gäßchens bildete der königliche Holzgarten, der im Winter mit Eintritt der 71 Dämmerung ſelbſt von den darin beſchäftigten Arbei⸗ tern nicht mehr betreten werden durfte, abgeſehen noch davon, daß die hohe Ringmauer jedes Beſtreichen der jenſeits mündenden Hausthüren unmöglich machte.— Rechts grenzte das vorerwähnte Haus an einen düſtern Garten, deſſen beiderſeitige Beſitzer oder Nichtbeſitzer in einen Proceß gerathen, der eine vorläufige Verwil⸗ derung des fraglichen Beſitzthums zur Folge hatte. Das niedere, breite Haus links bewohnte eine von den drei Ordensverzweigungen der ſogenannten Seel⸗ Nonnen, welche von milden Stiftungen leben und ſich einzig der Beſorgung der Todten widmen. Geſchloſſene dunkle Vorhänge wehrten hier der Sonne und faſt dem Tageslichte, um wie viel mehr nicht dem Auge der Neugier den eindringenden Blick, unbekümmert darum, daß ein ſolcher Eindringling geradezu unmöglich. Nur ſelten öffnete ſich die ſtets verſchloſſene Thüre, und wenn es geſchah, wendeten die Bewohner des Nachbar⸗ hauſes kaum mehr den Kopf nach dem Fenſter, denn aus dem geöffneten Thore trat doch nur ein Ordens⸗ geiſtlicher, eine mumienhaft verwitterte Seel⸗Nonne oder höchſtens ein Bote hervor, der die Hilfe der geiſtlichen Schweſtern beanſprucht. Das Haus, welches die Geſchwiſter Leutner be⸗ 72 wohnten, ſtand theilweiſe in geſpenſtigem Verrufe. Die zweite Etage vermiethete ſich nun ſchon ſeit einem Jahre nicht, weil die Rede ging, ein vormals dort geendeter Selbſtmörder treibe allnächtlich ſein Weſen in den Räumen, die ſein Verbrechen keimen, wachſen und zur Reife der That ſich entfalten geſehen. In der erſten Etage hauste jener geheimnißvolle Fremde, von dem Bertha bei der Koſenell erzählt, und das Erdge⸗ ſchoß bewohnte ein kinderloſes Ehepaar, das mit der Außenwelt in keinem großen Verkehr zu ſtehen und dieſe abgelegene Wohnung aus Neigung zur Ruhe und Iſolirung gewählt zu haben ſchien. Die Dach⸗ wohnung hatten Leutner's und ein franzöſiſcher Sprach⸗ lehrer, Namens Bertrand inne. Allein in dieſem friedlichen, ſcheinbar von lauter Freunden der Ruhe bewohnten Hauſe gab es nicht deſtoweniger recht ernſtlichen Unfrieden. Das Erdgeſchoß beklagte ſich bei dem Sequeſter des Hauſes über nächtliche Ruheſtörung, theils im er⸗ ſten Stockwerke, theils im Souterrain, und dem Uebel war ſchon aus dem Grunde nicht ſofortige Abhilfe zu ſchaffen, weil der Partikulier Sommerfeld ſowohl, als der angebliche Profeſſor der Chemie, Antoine Clair⸗ mont aus Freiburg, noch einen zweijährigen Mieth⸗ 73 contrakt auszuhalten oder ſich darauf zu ſtützen hatten. Daß der ſchwarze Vehmritter, wie er in Leutner's Manſardenſtübchen und von Sommerfeld's altjüngfer⸗ lichen Dienſtmädchen genannt wurde, nicht in der hei⸗ ligen Taufe, ſondern wer weiß wie zu dem ſchön klin⸗ genden Antoine Clairmont gekommen, darüber war man längſt einig, und ſelbſt der Herr Vieewirth warf mit leichtem Achſelzucken die Bemerkung hin, daß, da der fragliche Herr ſeine Zinszahlung promt leiſte und mit ſeinen ſonſtigen Ausweiſen in Ordnung ſei, das Uebrige ihn nichts angehe. Er habe das Souterrain zu ſeinen chemiſchen Präparaten gemiethet, und die Zeit, binnen welcher dieſelben vorgenommen werden müſſen, laſſe ſich ſo genau nicht auf die Stunde be⸗ ſchränken. „Allein auch über uns, in der eigentlichen Woh⸗ nung des ſogenannten Herrn Profeſſors, geht es zu⸗ weilen des Abends nicht viel ruhiger zu, als wenn das Haus demolirt werden ſollte,“ klagten die Sommer⸗ feld's, auf Abhilfe ihrer Beſchwerden dringend. Der Sequeſter zuckte wiederum die Achſeln, ver⸗ ſprach, dem Angeklagten, der ja niemals zu ſprechen ſei, eine ſchriftliche Notiz zu geben, bemerkte indeß zu⸗ gleich, daß ein jeder Mitbewohner das Recht habe, 74 allabendlich Gäſte bei ſich zu empfangen, die es mit der erſten Pflicht eines guten Bürgers— der Ruhe— nicht ſo genau nähmen. Bertrand dagegen, der junge franzöſiſche Sprach⸗ lehrer ohne Schüler, doch nicht ohne Schülerinnen, war das Muſter eines friedfertigen, ſtillen Hausge⸗ noſſen. Mit höflichem Gruße an den Nätherinnen ſo⸗ wohl, wie an den Sommerfeld's, bis zur mürriſchen Köchin vorübergehend, konnte man an ihm, dem ſtillen Bewohner ſeiner Klauſe, kaum etwas Anderes tadeln, als daß er keinen Geſchmack an jenem traulichen Ge⸗ ſtänder auf Corridor und Hausflur zu finden ſchien, das gewöhnlich bei der intereſſanten Wetter⸗ und Temperaturfrage beginnend, zu dem noch intereſſante⸗ ren Austauſch nachbarlicher oder ſtädtiſcher Neuigkei⸗ ten führt. Es war nicht unbemerkt geblieben, daß Bertrand's Schülerinnen meiſtens dich tverſchleiert zu ihm kamen oder von ihm gingen, und daß nicht ſelten die Lection, welche in den ſpätern Nachmittagsſtunden ihren Anfang nahm, in der Dämmerſtunde bei dem maskirten Fremden in der erſten Etage fortgeſetzt wurde. Allein kein Antlitz, außer das ruhig freund⸗ liche Bertrand's— der nach Ablauf einer Stunde den weiblichen Beſuch bis jenſeits der Hausthüre geleitete— 75 war jemals geſehen, keine verrätheriſche Stimme war gehört worden. Im Zwielicht desſelben Tages, wo Bogenfels den ganz unerwarteten Beſuch des Rabbi Cohne er⸗ halten, ſtand der junge franzöſiſche Sprachlehrer, einem heftigen Schneegeſtöber Trotz bietend, doch bis über die Oberlippe in einen Mantel gehüllt, an der Ecke des Gäßchens ſeiner Wohnung. Bald hielt auch der wahrſcheinlich erwartete Wagen, und die in Man⸗ tel Hut und Schleier förmlich eingepuppte Dame, welche ausſtieg, ging ſchweigend neben Bertrand bis zu dem Hauſe, deſſen Parterrebewohner man vermuth⸗ lich nicht auf den an der Thüre haltenden Wagen hatte aufmerkſam machen wollen. Ohne bemerkt zu werden, ſtiegen beide die Treppe hinan und Bertrand öffnete nun mit einem bei ſich getragenen Schlüſſel die äußere Vorſaalthüre zu der Wohnung des alten Chemikers, Naturforſchers oder Falſchmünzers. Nachdem er die Thüre wieder ſorgfältig verſchloſſen, ſchlug er mit einem Klopfer von Meſſing auf eine an der Wand hängende Metallplatte. Als das Zeichen von innen erwiedert wurde, er⸗ ſuchte Bertrand ſeine Begleiterin, ihre Umhüllung ab⸗ 76 zulegen, und muthig einzutreten, er ſelbſt werde hier ihre Rückkunft erwarten. Die Fremde folgte auch, wie es ſchien, ohne Zaghaftigkeit der erhaltenen Weiſung, und trat durch die von ihrem Führer ihr geöffnete Thüre in ein matt erleuchtetes, mit allerhand optiſchen, phyſikaliſchen und theilweiſe ihr gänzlich unbekannten Inſtrumenten über⸗ fülltes Gemach. Am obern Ende desſelben ſtand unter einem ge⸗ hobenen Vorhange von rothem Wollſtoff, die durch ihre Länge mehr erſchreckende als im edlern Sinne des Wortes imponirende Geſtalt des Bewohners die⸗ ſer Räume. Die Dame folgte nicht ganz ſo muthigen Schrittes wie bisher dem Winke des maskirten Unbe⸗ kannten, allein ſie folgte doch ohne Zögern. Nun ſtand ſie in einem kleinen faſt ſybaritiſch ausgeſtatte⸗ ten Kloſet dem Manne gegenüber, bei dem eingeführt zu werden ihr eigener Wunſch geweſen, und deſſen äußere Erſcheinung dieſes Wunſches ungeachtet, die ſonſt ſo entſchloſſene Frau jetzt doch einigermaßen ein⸗ ſchüchterte. „Unſer Loſungswort?“— fragte der alte Klausner unter dem Spitzenbart ſeiner ſchwarzſeide⸗ nen Maske hervor. 77 „Demeter und Libanon“— war die Antwort. „Ihre Bürgſchaft?—“ Die Fremde zog einen Siegelring vom Finger und überreichte ihn dem Frager. „Ach ſo, die Gräfin Clairmont; ja ja, ſie ſprach mit mir von Ihnen und der unglücklichen Prozeßangelegenheit, die ſie beide zu einem gemein⸗ ſchaftlichen Intereſſe verbindet. Laſſen Sie uns ſitzen, meine Gnädigſte, denn dieſe Unterredung dürfte nicht im Handumkehren abgethan ſein. Sie haben, verſichert mir die Gräfin, Muth und Unternehmungsgeiſt trotz einem Manne, und Schlauheit, das verſteht ſich von ſelbſt, denn Sie ſind eine Frau. Wohlan denn, ich werde dieſen Muth prüfen, und, beſteht er die Probe, den Unternehmungsgeiſt und die Schlauheit vielleicht noch dieſen Abend. Wie Sie mich da gegenüber ſehen, bin ich weder Ihr Feind noch Ihr Freund, ſicher in⸗ deß eines von Beiden, wenn der Zeiger dieſer Uhr um eine Stunde weiter gerückt iſt. Dem Freunde wird vielleicht ein förderndes Einwirken auf Ihre Zukunft und Verhältniſſe nicht ganz unmöglich ſein, allein des Feindes Hand wird noch ſicherer Sie ſtürzen, als des Freundes Arm Sie ſtützt, darauf 78 mein Wort als Mann und Prieſter, wenn Sie wollen.“ „Sie kennen das Weib nicht, wenn Sie es mit dem Popanz der Kinderwelt, mit leeren Drohungen zu ſchrecken meinen,“ entgegnete die Dame mit kal⸗ ter Ruhe.„Worte, die nicht an das verſchloſſene Thor unſerer Vergangenheit klopfen, ſchrecken nim⸗ mermehr, und wären Sie aus Feuerſtoff gewoben.“ „Ohne Phraſen, wenn ich bitten darf, die Ueberſchwenglichkeit iſt meine Sache weder in Wort noch That. Ich bin zu jedem Menſchen, der dieſe Schwelle überſchritten— ſei er nun Mann oder Weib— Scheerenhälfte oder Hammer, niemals Amboß. Bilderreichthum iſt deshalb meine Sache eben nur ſoweit, als ſich zuweilen mit einem einzigen Worte wie Hammer und Scheere ein Charakter oder eine Thatſache in ſo ſcharf abgegrenzte Form bringen läßt, als wenn ich zu deren Veranſchaulichungzmeine Lunge halbe Stunden lang in Echauffement brächte. Jetzt hören Sie. Vor etwa zwölf Jahren— auf ein paar darüber oder darunter kommt es hier nicht an — lebte in einer kleinen norddeutſchen Reſidenz ein Ehepaar, wie es deren zu Hunderten in unſerm Zeit⸗ 79 alter der Convenienzheirathen geben mag. Er aus Ueberſättigung und innerem Nichts mit dem Leben zerfallen, ſie die Genüſſe des Lebens um der Betäu⸗ bung willen ſuchend, die ſie ihr bieten. Koketterie und Vergnügungsſucht, Aufregung der Sinne und Zerſtreuung des Geiſtes durch Tand und Schlimmeres als Tand— das iſt ihr Element. Das ſeine Haß und Verfolgung, Mißgunſt gegen die viel jüngere, dem Leben und ſeinen Freuden noch mit vollſter Kraft angehörende Gattin. Nicht aus Eiferſucht oder Mannesſtolz, aus Neid, Rachgier und gemeinem Trotz bewacht er mit Argusaugen die Wege, welche ſie im Dunkeln wandelt. Sie ſprach von Scheidung — er verweigerte der Mittelloſen dieſen Ausweg aus einem Verhältniß, das von Tag zu Tage peinlicher für die nach unumſchränkter Freiheit Verlangende ſich geſtaltete. Endlich zkam die Kataſtrophe zu einer Löſung. Sie entfloh mit dem Manne, dem ſie die ſchiffbrüchigen Trümmer ihrer Ehre anvertraute. Der Gemal holte ſie ein, beſchimpfte ſie im Angeſicht Fremder, und mehr noch als dies— im Angeſicht ihres Entführers. Hierauf brachte er ſie in ſichere Gewahrſam auf ein altes Jagdſchloß und zwang end⸗ lich den in Führung der Waffen gänzlich unerfahre⸗ 80 nen Galan ſeiner Frau zu einem Duell, deſſen Fol⸗ gen von dem geübten Fechter voraus zu ſehen waren.“ Die bisher regungsloſe Zuhörerin fiel jetzt plötzlich aus ihrer ſtummen Rolle. Sie ſprang auf, ſtand rieſengroß vor dem alten Manne und zuckte wie von einer unwiderſtehlichen Verſuchung gereizt, mit der Hand nach der ſchwarzſeidenen Maske. Da ſtreckte ſich ſein Arm nach ihr hin und ſein Blick entwaffnete durch die Augenhöhlungen der Maske hindurch die in ihrem tiefſten Geheimniſſe an das Licht Gezogene. Schweigend nahm ſie ihren Platz wieder ein, kreuzte die Arme über der Bruſt und verlor ſich eine Zeit lang mehr in dumpfes Hinbrüten als daß ſie eine aufmerkſame Zuhörerin des ferner Geſpro⸗ chenen hätte genannt werden können. „Der unglückliche Liebhaber ſtarb an der Wunde jenes erzwungenen Duells— fuhr der Er⸗ zähler mit eiskalter Ruhe fort.— Sein Mörder, kann man in dieſem Falle wohl ſagen, verbüßte ſeine zwei Jahre Gefängniß und die Unheilſtifterin verlebte ſie gewiß trauriger noch als ihr Peiniger unter der Aufſicht eines tyranniſch gewiſſenhaften Haushofmeiſters auf jener mitten im Walde gele⸗ 81 genen Beſitzung. Kein menſchliches Antlitz, außer dem ihres Hüters und einer mürriſchen wortkargen Dienerin, erfreute die Gefangene, der man kaum die friſche Luft in dem umfriedigten Bereich der halb verfallenen Villa vergönnte. Endlich ſah ſie ihn wieder, den Mann, der ſo viel an ihr, und an dem ſie doch noch mehr, als er an ihr, geſündigt.“ Bei dieſen Worte hob die Fremde ihren Kopf, ſtolz und funkelnden Auges.„Wer dieſe Worte ſprach— ſagte ſie ruhig und faſt würdevoll—— der lügt, und wäre es ein Prieſter, der ſie geſpro⸗ chen. In den zwei Jahren penſilvaniſcher Einſam⸗ keit, wo jene Unglückliche den einzigen Mann, den ſie jemals geliebt, als einen Todten beweint und ſeinem Mörder geflucht— in jenen zwei fürchter⸗ lichen Jahren der Unthätigkeit und Abgeſchiedenheit von der Welt, ja bei Gott! in dieſem ſchauerli⸗ chen Grabe verwilderte ihre Natur zur Unweiblich⸗ keit und noch— noch tiefer herab. Rache an ihm war der einzige Lebensfaden, der ihren Geiſt vor Wahnſinn, ihre Hand vor Selbſtmord ſchützte, und Heuchelei war die Schwelle zu dem Tempel der Gottheit, der ſie ſich von nun an geweiht.“ „Ja doch, ja— unterbrach der Alte die Frick, d. opfernden Götter. I. 6 82 Selbſtvertheidigerin mit kalter Ironie— ich weiß recht wol, wie dieſe allezeit dienſtfertigen Nothhel⸗ fer des ſchlaftrunkenen Gewiſſens namentlich beim Weibe ihre Schuldigkeit zu thun pflegen. Unter⸗ brechen Sie mich aber ſo ferner als bisher, ſo geht mein Vertrauen zu Ihrer Selbſtbeherrſchung und mit dieſem Vertrauen wahrſcheinlich auch Ihr Pro⸗ zeß verloren.“ „Da ich nicht wiſſen kann, wie viel Sie von meiner Vergangenheit wiſſen, ſo erzählen Sie nur weiter. Nur wenn Sie falſches berichten, werde ich Sie noch unterbrechen.“ „Dann kommen wir ungeſtört zu Ende. Zum Erſtaunen Aller, welche die ſcandaleuſe Duellge⸗ ſchichte kannten, erſchien das vielbeſprochene Ehe⸗ paar wieder auf dem ſtädtiſchen Schauplatz ſeiner frühern Abenteuer. Seine zerrüttete Geſundheit be⸗ durfte der ehelichen Pflegerin und dieſe ſchöne bleiche Magdalena mit der abgehärmten Geſtalt und dem von fanatiſcher Reue erzählenden Auge wich nicht mehr von der Seite ihres kränkelnden Gatten. Dank ihrer unermüdlichen Sorge genas er ſoweit, um die vom Arzte verordnete Badereiſe antreten zu können, und natürlich begleitete ihn die pflichtge⸗ 83 treue Pflegerin, nachdem er zuvor ſein Teſtament gemacht. Nach Verlauf von drei vier Monaten kehrte indeß die ſchöne Büßerin als Witwe nach ihrem bisherigen Wohnort zurück und nahm Beſitz von ihrem reichen Erbe.“ Ein tiefer ſchwerer Seufzer rang ſich aus der Bruſt der unfreiwilligen Zuhörerin los; allein ſie ſchwieg und benutzte die momentane Pauſe, welche der Erzähler machte, nur zu einem feſtern Zuſam⸗ menziehen ihres Ueberwurfs um Bruſt und Schultern. „Wer gelobt werden will, muß ſterben— fuhr der geheimnißvolle Maskenträger fort— und wer verleumdet werden ſoll, muß erben, ſagt das Sprich⸗ wort. Man munkelte bald nach dem Tode des ar⸗ men Wolfgang— da entfuhr mir der Name des grämlichen Erblaſſers— abenteuerliches und wider⸗ ſinniges Zeug genug durcheinander. Unſere arme Witwe kam zu keinem recht ruhigen Genuß ihres wohlerworbenen Eigenthums. Die zahlreiche Ver⸗ wandtſchaft des Heimgegangenen griff das Teſta⸗ ment an und man ging in ſeinen ungerechten Ver⸗ muthungen ſogar noch um einen Schritt weiter. Es kam eine ſeltſame Geſchichte über die Todesart 6* 84 des Erblaſſers in Umlauf— ich weiß nicht, ob—— 4 „Ob ich den Muth haben werde, dieſe Ge⸗ ſchichte mit anzuhören?— Wenn Ihnen die Zeit dazu nicht zu koſtbar dünkt, warum nicht?— Ich wurde verdächtigt, meinem Mann einen Schlaftrunk gegeben, ihm dann die Haut geritzt und ein ſchnell wirkendes Gift in die Wunde geätzt zu haben. Ein alter italieniſcher Arzt, der uns ſchon in der Hei⸗ mat Dienſte geleiſtet und die Unterſchiebung eines falſchen Teſtamentes— ich glaube durch chemiſche Tinte— bewirkt haben ſoll, mußte mir das Gift gegeben haben. Daß Wolfgang im Traume mit den Armen um ſich werfend das Glas, welches ſei⸗ nen Nachttrunk enthielt, zerſchlagen und ſich dabei an Hand und Arm verletzt, das klang den prozeßlu⸗ ſtigen Verwandten meines Mannes zu unwahrſchein⸗ lich oder vielleicht zu natürlich.“ „Freilich, freilich. Der alte Arzt ſollte ſich nach Wolfgang's Tode gar plötzlich in einen jungen Grie⸗ chen verwandelt haben, der von ſeinem alchemiſtiſchen Vater ein paar ſchlafbringende Mittel übererbt. Phan⸗ taſtiſches Zeug das Alles, woran das einzig Reele die ſehr bedeutende Erbſchaft war. Schwerfällige Ver⸗ —— 8⁵ wandte das, die nicht begreifen konnten oder wollten, wie der dankbare Gatte ſeine treue Gefährtin zur al leinigen Erbin und nur dem wildfremden ausländi— ſchen Arzte ein Legat von Zehntauſend Thalern be ſtimmt haben ſollte! Es machte auch nicht beſſer, daß der menſchenfreundliche Schüler Aeskulap's ſein Legat in gerichtlicher Schenkung ſeiner Adoptiv⸗Schwe⸗ ſter, der verwitweten Gräfin Clairmont übergab, und ſpurlos wie ein ausgeputztes Licht verſchwand. Man ſprach von der edlen Gräfin als von einer dritten im Bunde, und verfolgte den unheilvollen Teſtaments⸗ prozeß mit einer Beharrlichkeit, die einer beſſern Sache werth geweſen.“ „Bleiben wir bei den Thatſachen, ohne die höh⸗ nende Kritik einzumiſchen. Dieſer unſelige Prozeß, der bald von dem Einen meiner Gegner fallen ge⸗ laſſen, bald von einem Andern wieder aufgenommen wurde, hat mir ein Jahrzehnt meines Lebens geſtoh⸗ len. Giebt es ein Mittel, ihn zu gewinnen, ſo möchte ich es genannt wiſſen, denn was eine Frau mit männ⸗ lichem Sinn und weiblicher Gewandtheit zu leiſten vermag, das vollführt Eberhardine Wolfgang, ob⸗ ſchon die erſte Runzel bereits ihre Stirn furcht.“ „Wiſſen Sie auch, daß Alphons von Warren⸗ N 86 berg in dieſem Augenblicke mit Ihnen unter einem Dache weilt?— Ach ſo, hier treffe ich ja ſchon auf die Grenze des männlichen Muthes in einer Weiber⸗ bruſt. Ein Erbleichen, meine Gnädigſte, iſt bei einem weiblichen Ahasver von Ihren Erfahrungen nicht minder thöricht und ſogar tadelnswerth als das Er⸗ röthen des Mannes, wenn bei der Flaſche die Rede auf Frauen kommt.“ „Weiß Warrenberg, daß ich hier bin?“ „Hier?— Was heißt hier?— In dieſer Stadt oder in dieſem Hauſe?“— „Beides.“ „Das letztere auf keinen, das erſtere auf jeden Fall, denn Baron Bogenfels iſt ſein Intimus.“ „Verwünſchter Zufall. Ich möchte meine Wege mit denen Warrenbergs nicht gekreuzt wiſſen.“ „Glaube das gern, und wird ſich hoffentlich auch vermeiden laſſen. Aber laſſen wir Warrenberg, der ja in dieſem Augenblicke in dem Manſardenſtübchen dieſes Hauſes eine beſſere Unterhaltung ſucht, und findet als wir Beide ihm gewähren können. Ich nannte Ihnen vorhin Bogenfels.“ Eberhardine horchte auf und machte ein Zei⸗ chen der Bejahung. 87 „Dieſer Name, meine beſte Frau, iſt der Knoten, der uns verknüpft. Er iſt das Codizill zu Wolfgangs Teſtament, das Ihnen Erlöſung brin⸗ gen kann von einem Prozeß, der ſonſt gar leicht noch auf Ihre Nachkommen ſich vererben möchte. Beſucht Bogenfels Ihre Schweſter noch fleißig?“ „Seine Milchſchweſter, ja; das ſagt Alles.“ „Merkwürdig. Eine ſchöne junge Operntän⸗ zerin, die doch im Grunde keine Prüde iſt, und ein junger phantaſtiſcher Narr, der in Hyperbeln um⸗ her ſchweift— begreife das, wer kann.“— „Ich begreife es.“ „Sie?— fragte der Alte faſt verächtlich nach. Henriettens Schweſter hin.— Sie begreifen das?“ „Ja ich. Beide ſind ſie noch Kinder, die vor einem verbotenen Gericht ſtehen, und Bogenfels ge⸗ hört weder zu den Männern, die verführen noch verführt ſein wollen.“ „Ach Poſſen das. Aber jetzt doch vielleicht um ſo beſſer. Die höhere Beſtimmung, deren der junge Mann gewürdigt worden, verlangt zu ſeiner erſten Weihe immer doch eine reinere Hand, als die einer Bajadere im Tempel künſtleriſchen Sin⸗ nenreizes.“ 88 „Ein reineres Herz und eine reinere Phan⸗ taſie— entgegnete die Wolfgang ſtolz— möch⸗ ten die ariſtokratiſchen Salons dieſer Reſidenz wohl ſchwerlich auf den Geſellſchaftsmarkt bringen.“ „Eines ſicher ausgenommen, und dieſes Eine ſollen Sie den Baron erringen helfen.“ „Meine Schweſter liebt ihn mit aller Gluth und Innigkeit einer erſten, obſchon unerwiederten Liebe. Soll meine Hand es ſein, die ihr dieſe erſte heiße Wunde ſchlägt?“ „Das Kind, dem der Arzt die Blattern impft, weint auch, und doch dankt es ihm der Erwachſene ſpäter, daß er das unheilvolle Gift in früheſter Zeit ihm aus dem Körper hat bluten laſſen.“ „Wahr, o nur zu wahr!— Auch läugne ich nicht, ich war ſtets die Gegnerin dieſer ſentimenta⸗ len Liebe, die Henrietten zu einer Träumerin,— und wahrlich nicht einmal zu einer glücklichen Träu⸗ merin macht.“ „Sie haben Zutritt im Hauſe des Oberſten von Hartenſtedt?“ „Fräulein Doris iſt ſeit einem Monat meine Schülerin in der Porzellanmalerei; die Gräfin Clair⸗ mont führte mich ein.“ 89 „Weiß das. Nun errathen Sie nichts?“— „Ich wußte Alles in dem Augenblicke, als Sie Hartenſtedts Namen nannten.“ „Dioinationsgabe iſt Ihnen nicht abzuſprechen, meine Gnädigſte, und das iſt ſchon viel. Allein die Stunde, welche Sie bleiben dürfen, wird bald um ſein und noch fehlen die nöthigſten Inſtruktionen.“ „Alſo merken Sie wohl auf. Doris von Har⸗ tenſtedt muß von dem Baron enthuſiasmirt werden. Sie wiſſen, ſagt mir die Clairmont, gut zu erfin⸗ den, noch beſſer zu erzählen, und das Erfundene in das Mäntelchen der Wahrheit zu hüllen. Machen Sie Gebrauch von dieſem ſchänen ſltenen Talent, meine beſte Wolfgang, zu Gunſten des Barons, und zwar den ausgedehnteſten, der ſich auf das Funda⸗ ment der Wahrſcheinlichkeit nur baſiren läßt. Zu⸗ vörderſt aber nehmen Sie hier dieſe Karte zum heu⸗ tigen Maskenball beim ſpaniſchen Geſandten. Der Baron muß auf die Hartenſtedt aufmerkſam gemacht werden, noch ehe man ſich demaskirt. Das gewährt uns den Vortheil des Myſteriöſen, und bringt uns in einer Stunde weiter, als wir ohne dieſes Relief vielleicht in zwei Monaten kommen würden.“ „Deuten Sie auf eine mitternächtige Viſion und 90 damit Sie nicht zuviel von jener geheimnißvollen Phantasmagorie verathen können, ſcheint es mir das Beſte, Ihnen nicht mehr davon zu ſagen.“ „Das heißt Ihrer Verbündeten ein Meſſer ohne Heft in die Hand geben, und einen Meiſterſchnitt von ihr verlangen. Aber gleichviel; ich löſe meine Aufgabe bei ihm heute und ſpäter bei ihr.“ „Doch nun drängt die Zeit. Sie finden,— da der Domino von den Parquets des ſpaniſchen Geſandten verbannt iſt— in ihrer Wohnung den Anzug einer ägyptiſchen Zauberin. So verpackt, wie Sie ihn finden, ſiegeln Sie ihn morgen früh wie⸗ der in den Carton und übergeben ihn dem Mann, der Schlag neun Uhr die Glocke ziehen wird. Ihre Schweſter iſt heute im Theater beſchäftigt und der Anzug kann ohne Hilfe einer Dienerin angelegt werden, darauf iſt Alles berechnet. Jetzt gute Nacht und glückliche Vollführung.“ „Noch Eins— ſagte der geheimnißvolle Mas⸗ kenträger, als Eberhardine raſch aufſtand, um ſich zu entfernen.— Haben Sie einige Gewalt über Ihre Schweſter?—“ „Darauf— entgegnete die Gefragte— iſt 91 weder mit Ja noch mit Nein zu antworten. Sie fürchtet meinen Einfluß auf Ihr Thun und Laſſen, auf ihre Grundſätze und ihren Hang zu jenem leicht⸗ ſinnigen Verkehr mit einer gewiſſen Klaſſe von Maännern, deren Geckenhaftigkeit zum Narrenſeil wird, woran kluge und kokette Frauen ihre Opfer nach Gefallen lenken. Henriette hat keine Ahnung davon, daß ſie ſchweigend verheißt, was ſie niemals ſelbſt dem geliebteſten Manne nicht gewähren würde. Nur die Mentorſchaft des Baron's klärt ſie manch⸗ mal über dieſe unbewußte Sünde gegen die Weib⸗ lichkeit, wie Bogenfels es nennt, auf ſo unbarm⸗ herzige Weiſe auf, daß ſie ſtundenlang weint wie ein geſchlagenes Kind.“ „Nun darin kann ſich doch viel, wo nicht Alles auf des Baron's Verlobung mit der Harten⸗ ſtedt ändern. Ihre Schweſter könnte, von dieſer Krankheit geheilt, auf manche Weiſe uns nützlich werden. Schönheit iſt auch ohne Combinationsgeiſt ſchon viel, ſobald nicht verliebte Schwärmerei den Zauber ſtört. Etwas Leidenſchaft— Genußſucht wollte ich ſagen, könnte wohl geweckt werden, und ein verſchmähtes Herz iſt, richtig bearbeitet, ein gar fruchtbarer Boden zu gewiſſen Zwecken, die wir in 92 unſerer nächſten Unterredung beſprechen wollen. Nun ernſtlich gute Nacht.“— Als Bruder Uranos, wie wir den maskirten Ein⸗ ſiedler von jetzt an mit ſeinem Götternamen begrüßen wollen, wieder allein war, ſchnippte er wie eines ge⸗ lungenen Streiches ſich freuend mit den Fingern und begab ſich, alle Thüren wohl verſchließend, hinab in das Souterrain. Hier legte er die ſeidene Maske, und das talarähnliche Prieſtergewand ab, und nahm aus einem in das Kellergewölbe eingefügten Schranke eine durch nichts auffallende bürgerliche Kleidung. Die ſchneeweiße Haartour wurde mit einer kurz geſchnitte⸗ nen braunen vertauſcht, die Kleider angelegt, eine ziemlich große Brille mit breitem Horngeſtell aufge⸗ ſetzt, und die Löwenhaut des Bruders Uranos in dem Wandſchrank verwahrt. Als alles dies geſchehen, und ein kleiner Handſpiegel dem Manne des Geheimniſſes die Verſicherung gegeben, die Metamorphoſe ſei wie⸗ derholt gelungen, zog er einen kleinen bei ſich getra⸗ genen Schlüßel hervor. Er fiel klirrend zu Boden und machte Uranos, indem er, um ihn aufzuheben, ſich bückte, auf eine Verſäumniß aufmerkſam, die ihres Gleichen noch nie zuvor gehabt. Mit raſcher Hand entkleidete er ſich nochmals, und als er jetzt auch die 93 Stiefeln gewechſelt, war der die gewöhnliche Man⸗ nesgröße um einen halben Kopf überragende Mann mehr als zwei Zoll gekürzt. Mit krummen Knieen und ſchleppendem Gange ſchlüpfte er jetzt nach einem hohen Schranke im Hin⸗ tergrunde des Gewölbes. Als der Schlüſſel ihn geöff⸗ net, zeigte ſich ſtatt weitern Inhaltes, und zwar als Rück⸗ wand des Schrankes, eine kleine Thüre, welche derſelbe Schlüſſel öffnete. Durch beide Thüren ſchlüpfte unſer Gott, verſchloß ſie dann wieder vorſichtig und ſtieg nun eine ſchmale, ebenfalls zu einer Thüre führende Treppe hinan, an deren oberſter Stufe er ſeine Laterne verlöſchte. Als er endlich mittels ſeines Schlüſſels die⸗ ſes letzte Hemmniß zur Außenwelt durchbrochen, ſtand er auf der Hausflur des Nachbarhauſes. Zwei Seel⸗Nonnen, die eben von ihrem trauri⸗ gen Berufe nach Hauſe zurückkehrten, beugten ſich, wie zum Kuſſe, auf ſeine Hand. Er berührte mit dem übli⸗ chen Friedensgruß ſeiner Kirche ihre Häupter, und verließ, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechſeln, das ſtille Haus. Fünftes Capitel. Freund und Geliebte. Motto: Verwandelt iſt ſein ganzes Weſen In jedem Zuge iſt zu leſen, Was ich nicht wage laut zu nennen. Als wär' er innerlich zerbrochen, Wich alle Freude von ihm fort! Nic. Lenau. So lange dieſer flücht'ge Zauber hält! Berauſchet euch in ihrem Odem, Lüfte! Verſucht, beglückte Blumen, eure Düfte! O, eilet ſchneller aus den Himmelsfernen Herüber, gold'ne Strahlen von den Sternen, Und ſtrömet eure Küſſe auf ſie nieder, So holde Jungfrau findet ihr nicht wieder! Nic. Lenau. Der Maskenball beim ſpaniſchen Geſandten war eines der glänzendſten und beſonders originellſten Feſte des ganzen Carnevals. In dem zu einem ungeheueren Kiosk umgeſchaffenen Ballſaal vereinigten ſich Orient und Occident in jenem Wirbel des Tanzes, der zuwei⸗ 9⁵ ken die Grazien von den Bacchantinen verſcheuchen läßt. Die Leidenſchaft ſchien auf den Wellen der Mu⸗ ſik gleich Silphen im Kelche der Blumen ſich zu ſchau⸗ keln, ſie ſchien geathmet zu werden unter dieſen Vege⸗ tationen einer heißern Zone, ſchien, der ſchützenden Maske ſpottend, die magiſche, unheilvolle Brücke zwi⸗ ſchen Auge und Herz auf das gebrechliche Fundament der Ahnungen ſo ſicher zu bauen, als gäbe es keine Enttäuſchung und keine Reue. Flüſternde Gruppen hier und da, von der ſchattenden Palme oder dem Troſte des orientaliſchen Proletariats, der geſegneten Dattel, umrahmt, tanzende Paare vom Geheimniß der Naske geſchützt, Freude allenthalben— auch als Feſt⸗ mantel über trauernde Herzen gebreitet— das uns noch weit mehr, als ein Paar armſelige Worte ſchil⸗ dern könnten— das war die lebenvolle Staffage des Ballſaales. Die in Ausſicht ſtehende ſpaniſch⸗franzöſiſche Heirat hatte den Geſandten auf eine Ausſchmückung der Nebengemächer gebracht, die um ſo überraſchender wirken mußte, als nur eine wahrhaft verſchwenderiſche Freigebigkeit dieſer phantaſievollen Idee die Ausfüh⸗ rung hatte können folgen laſſen. Man hatte— natür⸗ lich im Duodezmaßſtab— die zwölf Boskets im Parke 96 zu Verſailles, in deren Schatten die Vermählungs⸗ feierlichkeiten des franzöſiſchen Hofes im achtzehnten Jahrhundert waren begangen worden, in eben ſo viel geräumige Salons nach dem deutſchen Süden ver⸗ ſetzt. Ballſal, Kronleuchter und Colonade waren zur Aufführung kleiner, exkluſiver Quadrillen beſtimmt und offen gehalten worden, wobei freilich bemerkt werden muß, daß die zweiundreißig Marmorſäulen des zirkelförmigen Periſtyls in der Colonade ſich auf ſechs reducirt hatten, ſo wie die berühmte weiße Marmor⸗ gruppe von ſieben Figuren in den Bädern des Apollo zu einer ſchönen Marmorſtatue des Muſengottes von Schwanthaler beſchränkt worden war. Auf ähnliche Weiſe waren natürlich auch Kuppel, Endeladus und Obelisk, der Stern und das Waſſeertheater, die drei Fontainen und der Triumphbogen im verjüngten Maßſtabe metamorphoſirt. Nur das ſpäter in einen engliſchen Garten verwandelte Labyrinth hatte der Ausführung dieſer mehr pikanten als ſinnreichen Idee inſoferne geſpottet, als der Name ſchon die Unmöglich⸗ keit bedingte. Man hatte ſich nun mit einem ziemlich kühnen Sprunge über die Schwierigkeit der Erfindung dadurch hinweggeholfen, daß man der vaterländiſchen Hauptſtadt der hier verſammelten Gäſte eine Reverenz 97 gemacht. Eine Partie des an die Reſidenz grenzenden engliſchen Gartens, und zwar die bei dem Eintritte in denſelben vom Hofgarten her, war gruppirt; es war die dort aufgeſtellte Marmorſtatue eines Harmlos benamſeten Jünglings in Gyps reproducirt worden, und ſo hatte denn dieſer Salon als vaterländiſcher Grund und Boden den Vorzug, am wenigſten beſucht, folglich auch am wenigſten von der drückenden Hitze der andern Räume beläſtigt zu werden. Auf einer künſtlichen Moosbank am Fußgeſtell des Götterknaben ſaß ein Johanniter, vielleicht gedan⸗ kenlos, vielleicht in ſehnſüchtige Träumereien nach je⸗ nem unerreichbaren Glücke verſunken, das die Theolo⸗ gen Sehnſucht nach dem Ewigen, und die Philoſophen Drang nach dem Wiſſen nennen. Eine Magierin im feuerfarbenen Gewande, die myſtiſchen Hiroglyphen mit Schwarz und Gold auf Gürtel und Kleidſaum durcheinander geſchlungen, hatte den Sinnenden ſchon lange aus der Ferne beobachtet. Endlich ſprach ſie, die Hand auf ſeine Schulter legend, mit einem auf ſeine Maske bezüglichen Gruße ihn an. Bogenfels— denn wer wollte ihn und die Wolf⸗ gang in dieſer Begegnung verkennen— wandte ſich Frick, d. opfernden Götter I. 7 98 nach ihr zurück und ſuchte, verſtimmt über die unwill⸗ kommene Störung, noch dazu durch eine Frau, einen Vorwand, um ſich zu entfernen. „Sprich nicht, Maske,“ fuhr die Magierin nach einer kleinen Unterbrechung in ihrer Rede fort.„Ich⸗ leſe heute in Deinen Gedanken, wie geſtern um die⸗ ſelbe Stunde in Deinem Sterne. Du möchteſt mich fort haben, um Deine Träumereien, dieſe Kinder einer ermüdeten Seele, beſſer pflegen zu können. Doch ſie eben, dieſe erſchlaffenden, thatloſen Träumereien, ſind die Feinde Deines Glückes, Deiner Zukunft. Rhodus iſt noch zu erkämpfen, und zwar in dieſer klaſſiſchen Walpurgisnacht oder niemals. In dieſer Nacht, wo die Viſionen zur Wahrheit werden, wo die Zweifel ſich löſen, wo Fauſt ſeine rettende Helena finden kann.— Schau' dorthin am Springbrunnen rechts die Grie⸗ chin, welche in jungfräulich kindiſchem Spiele die feine Hand mit dem duftenden Naß ſich netzen läßt. Er⸗ kämpfe Deinen Feinden zum Trotze Deinen Frieden und das Geheimniß menſchlicher Glückſeligkeit, oder laß', o Ritter, das Schwert ſelbſtſtändiger Mannes⸗ kraft und ſelbſtſtändigen Wollens für immer in ſeiner Scheide roſten. Denke der Nacht Deiner Aufnahme in den Götterbund und nun— walte Dein guter 99 Stern ſo mächtig, als er rein und ſtrahlend in dieſer Stunde über Deinem Haupte funkelt!“ Ein Schatten warf ſich zwiſchen Beide. Die überragende Geſtalt eines Mephiſtopheles deckte die Magierin und als er vorübergeſchritten, war ſie dem ſuchenden Auge des Barons entſchwunden. Allein das berauſchende Gift geheimnißvoller Verheißung hatte in der nach Ungewöhnlichem dür⸗ ſtenden Seele des Jünglings gewirkt. Gar bald ſtand er an der Seite der ſchönen Griechin, die, vertieft in ihr Spiel und in die Beobachtung der Lichtwellen, die ihre glänzenden Strahlen in dem plätſchernden Spring⸗ brunnen badeten, ihn nicht bemerkte. „Wenn die Grazien,“ ſprach er leiſe und ſchüch⸗ tern zu ihr,„den Tempel Terpſichores verlaſſen, ſo iſt das ein Unrecht gegen den Feſtgeber, der ihrer Mitwir⸗ kung bedarf. Wolle mir doch vergönnen, ſchöne Maske, Dich zu Deiner Pflicht zurückzuführen.“ Die Griechin verneigte ſich ſchweigend und offen⸗ bar nur um die Form einer Ablehnung verlegen. Bogenfels bot ihr den Arm. Sie traten in den Ballſaal, als eben die Paare zu einem Contretanz ſich ordneten. Der Johanniter legte ſeinen Mantel ab und 100 führte ſeine ſchöne am Springbrunnen erbeutete Tän⸗ zerin in die Reihen. Er konnte das Auge nicht von 1 ihr wenden, wenn ſie, gleich der ſchimmernden Libelle, vor ihm her, an ihm vorüber oder an ſeiner Seite da⸗ hinſchwebte. Ich wußte wohl, dachte er bei ſich, daß der Tanz und namentlich die phantaſievolle Francaiſe zur Ro⸗ manze oder zum Epos ſich geſtalten, daß ſie Leben, Poeſie und Wahrheit werden, oder zum bacchantiſchen Kultus entarten kann. Heute aber lerne ich durch dieſe Griechin, daß der Tanz auch im chriſtlichen Zeitalter noch Religion ſein, daß er veredeln kann, wie einſt b Apollo's Leier die genußſüchtigen Helenen. Als der Tanz zu Ende, bat die ſchöne Najade ihren Ritter, ſie zurück zu geleiten nach den drei Fon⸗ tainen. Sie habe ſich mit ihrer Tante dort zuſammen zu treffen verabredet, da die Hitze im Ballſaal der Matrone nicht zuſage. Der Baron gehorchte, obſchon ungern. Auf dem Wege dorthin knüpfte ſich zwiſchen ihm und dem Anfangs ſchüchternen, bald aber harmlos plaudernden Mädchen ein Geſpräch über den zunächſt liegenden Gegenſtand, über die Tanzmuſik, an. „Nächſt der Kirchenmuſik der älteren Zeit,“ be⸗ 101 merkte Bogenfels,„ziehen mich die heutigen Walzer und Galoppweiſen, aufrichtig geſtanden, am mei⸗ ſten an.“ Die Hand der⸗Griechin zuckte in ſeinem Arme. „Das iſt,“ entgegnete ſie ernſt,„eine wahrhaft heidniſche Zuſammenſtellung.“ „Durchaus nicht,“ erwiederte ihr Begleiter. „Beide Arten von Muſik ſprechen zum Herzen, berüh⸗ ren alſo die rein menſchliche Saite. Iſt nicht die An⸗ dacht, die durch feierliche, innige Choräle geweckte Andacht, iſt ſie nicht nahe verwandt mit der Liebe, der wahren, begeiſterten Liebe, die Andacht in jedem Gedanken, jedem Athemzuge iſt?— Nun, ich bekenne meine Ketzerei, wenn das eine zu nennen iſt, ganz offen, daß ein ſanfter, melodienreicher Walzer ähnliche Gefühle der Ruhe und Verſöhnlichkeit in mir weckt, als die Kirchenmuſik, und ich möchte wohl behaupten, daß gewiſſe Tanzweiſen ſich ewig erhalten werden, ſo gut, wie manche ausgezeichnete Oratorien, Sympho⸗ nien oder auch Opernarien.“ „Ich kann— verſetzte die Griechin— die jetzt leider zur Mode gewordene Toleranz, welche Reli⸗ gion, Tanz und Oper bunt durch einander wirft, nicht billigen. Welch' eine ſterile Gleichgiltigkeit gegen un⸗ 102 ſere heiligſten Intereſſen liegt dieſer ſogar unkünſtle⸗ riſchen Toleranz zu Grunde! Es ſcheint mir unzwei⸗ felhaft, daß eben jene ſchöne innige Feierlichkeit der Kirchenmuſik bald gänzlich untergehen wird in dem immer weiter verheerenden Strome der Opern⸗ und Ballmuſik. Ach es iſt nicht gut, es iſt gewiß nicht gut, daß es ſo gekommen und daß es ſo kommen konnte.“— Bogenfels fühlte, wie der Arm des ſchönen Mädchens in dem ſeinen zitterte. Er begriff dieſe ge⸗ ſteigerte Theilnahme für eine ſeiner Meinung nach doch immer nur die Geſchichte der Muſik angehende Frage nicht ſo ganz, allein er ahnete das höhere ſen⸗ ſitive Leben dieſer Pſyche.„Die Religion— ſagte er — iſt meiner Anſicht nach ein zu tief in das Herz edler Menſchen gewurzelter Baum, als daß ein paar Tonwellen ihn ſollten erſchüttern können. Wie der Gedanke die That, ſo adelt auch der Geiſt des Hörers die Muſik.“ „Wahr, ſehr wahr— entgegnete die Unbe⸗ kannte mit einer Gefühlsinnigkeit, die zu dem Herzen des Barons drang, wie dem Schweizer auf heimat⸗ loſem Boden ſein Alpenlied. Doch ſprechen Sie nur von dem kleinen Kreiſe der Ausnahmen, während ich 103 den Geiſt beklage, welcher die Allgemeinheit be⸗ herrſcht. Die Religion— ich kann es mir nicht verhehlen— iſt eine ſchöne edle Fremde, der die Völker eine Zeit lang gehuldigt haben, die aber bald fliehen wird, wenn ſie erkannt, unter welch' einer frivolen, in Nichtigkeit verſunkenen Geſellſchaft man ſie heimiſch machen will. Es verſtimmt und ernüchtert mich, ſo oft ich Walzermelodien als Präludien in der Kirche höre, und in den Conzerten erſchrecke ich vor dem Applaus eines Publikums, das variirte Choräle oft vor oder nach dem wildeſten Galopp begrüßt. Es iſt, ſagen die Vertreter dieſer Richtung, wie ſonſt allenthalben im Leben. Des Vormittags beſuchen wir die Kirche, des Abends den Ball, denken wol auch in der Kirche ſchon ein wenig an den Ball und blei ben dabei doch gute Chriſten, wenn wir nur überall den chriſtlichen Geiſt mitbringen. Allein mir unge⸗ lehrtem Mädchen klingt das wie Sophiſterei und hinkt wie alle Gleichniſſe. Ich liebe die Muſik un⸗ beſchreiblich; allein jetzt liebe ich ſie als eine unglück⸗ liche Freundin, die auf ſchlimme Abwege zu gerathen in Gefahr ſteht, obgleich ich weiß, daß zu ihrer Ret⸗ tung noch des Himmels Geiſt und der Seele höchſte Kraft ihr zu Gebote ſtehen. Die römiſche Matrone dort iſt meine Tante. Erlauben Sie, Herr Ritter, daß ſie Ihnen für das Geleit ihrer Nichte durch dieſes Labyrinth von Sälen dankt.“ Mit welcher Ungeduld der Baron das Heran⸗ nahen der Mitternachtſtunde erwartete, iſt leichter er⸗ rathen als beſchrieben. Daß er die junge Griechin nicht aus den Augen verlor, verſteht ſich von ſelbſt. Als endlich ihre Maske fiel, als er in der zarten Nymphengeſtalt wirklich die Erſcheinung jener nächt⸗ lichen Viſion im Bundeshauſe erkannte, fand er ihre Schönheit noch ſtrahlender, noch vergeiſtigter als da⸗ mals, und ohne zu grübeln, in welch' einem Zu⸗ ſammenhange jenes! Luftgebild mit der Wahrheit ſtehen könne, gab er ſich vertrauend wie unter dem Schutz eines Engels den ſüßen Feſſeln hin, in die ihr Anblick ihn ſchlug. Der Friede, der von dieſem rei⸗ nen Jungfrauenantlitz ausſtrahlte, die himmliſche leidenſchaftsloſe Milde, deren Abglanz dieſes Auge war, die Worte des Troſtes und der Liebe, die gleich ſeligen Geiſtern umſdieſe Lippen zu ſchweben ſchienen — der ganze Himmel eines reinen, von keinem Zwei⸗ fel, keiner Kümmerniß geängſteten Herzens kam über ihn, je länger er,Is hinter einem künſtlichen Bosket verborgen, das ſchöne Mädchen, das Ideal ſeiner 10⁵ Träume, betrachtete. Da trat ein Götz von Berli⸗ chingen auf beide Damen zu, reichte ihnen den Arm und alle Drei entfernten ſich. „Ich bitte Sie, liebſter Baron— flüſterte Jemand zu ſeinem Ohr geneigt— es gibt Karrikatur⸗ maler in dieſen Sälen, kommen Sie zu ſich.“ „Wer iſt die Griechin dort, die ſich am Arme des Ritters entfernt?—“ fragte Bogenfels den Gra⸗ fen Rauſchenbahh ſtatt aller Antwort. „Sind Sie kalter Stoiker nun doch auch einmal gefangen— neckte der Graf.— Ihr Vater, der Obriſt von Hertenſtedt mag ſich als einen recht tapfern Soldater erwieſen haben; aber er hat ſchwer⸗ lich in ſeinem genzen Leben ſo viele Siege erfochten, als ſeine ſchöne Tochter in den wenigen Monaten, ſeit ſie hier iſt.“ „Kann ſie ſich denn unſichtbar machen, dieſe ſchöne Heilige— ſprach Bogenfels, mehr zu ſich ſelbſt als zu den Grafen gewendet.— Weder bei Hofe noch ſonſt in unſern gewählteſten Salons habe ich ſie geſehen, udd nun, nun— o mein Gott, ſie ſcheint das Feſt ſckon zu verläſſen.“ „Wahrſcheinich, denn es iſt ſo eigentlich ihr erſtes Debut. Bei dofe iſt ſie erſt ſeit vierzehn Tagen 106 vorgeſtellt und ſie hat bisher nur die kleinen Kreiſe ihrer Familie und die Oper beſucht. Auch ſoll ihre Geſundheit eine zarte Schonung erfordern. Nun die Koſenell ſchmollt ja recht ernſtlich, daß Sie das Theater kaum mehr betreten; das Eine thun und das Andere nicht laſſen, lieber Baron. Dort ſehe ich den Oberſt von Hartenſtedt wahrſcheinlich von der Be⸗ gleitung ſeiner Damen zurückkehren, wollen Sie ihm vielleicht vorgeſtellt ſein?—“ „Ob ich will, mein Gott, ob ich will!— Fragen Sie die Seele, ob ſie nach dem Himmel ſtrebt, und nun keinen Augenblick Zeit mehr ver⸗ loren.“ Alles fügte ſich glücklich. Der alte joviale Sol⸗ dat gewann ſchon in der erſten umerredung den Ba⸗ ron ſo lieb, daß er ihn auf übermargen in ſein Haus zu einem Balle einlud, welcher ſine Tochter in die größere Geſellſchaft einführen ſollt. Bogenfels fühlte ſich überglücklich. Er mußte, je linger er den Ober⸗ ſten betrachtete und ſprechen hörte, unabläſſig an ſein Ideal eines Kriegers, an den Prnzen Eugen denken. Ueberdieß glich Doris ihrem Vaer und es gewährte einen eigenen Reiz, dieſelben Zihe, welche dort den Stempel holdeſter Unſchuld, Saftmuth und Fröm⸗ 107 migkeit trugen, hier von männlicher Feſtigkeit und Willenskraft, von ſoldatiſchem Muth und energiſcher Selbſtſtändigkeit gehoben zu ſehen. Von Liebe und Hoffnung berauſcht, verließ er zugleich mit dem alten Hartenſtedt das für ihn zum Lebensfeſt gewordene Maskenfeſt des ſpaniſchen Geſandten und erwachte erſt aus ſeinen Träumereien, als— Alphons von Warrenberg ihn auf der Schwelle ſeiner Wohnung begrüßte. Die Ueberraſchung, den fern geglaubten Freund hier und um dieſe Stunde zu ſehen, wich bald der Beſtürzung über deſſen entſtellte Züge. Hier mußte viel, mußte vielleicht etwas geſchehen ſein, das nie⸗ mals wieder gut zu machen, niemals auszugleichen war, im Buche einer ewigen Abrechnung. Warren⸗ berg erwachte wie aus einem wüſten Traume, als die Geſtalt des Freundes ihren Schatten an die Wand warf. Faſt erſchreckt fuhr er empor, wurde noch ein wenig bleicher als Marmorbläſſe eben werden kann, und verweigerte dem Baron die dargebotene Hand. „Willſt Du mich beleidigen oder habe ich Dich beleidigt?“— fragte Bogenfels halb gereizt, halb beſtürzt. „Sieh' mich an, Lothar— entgegnete der un⸗ 4 „ 108 heimliche Gaſt düſter und plötzlich wie von einer Fie⸗ bergluth übergoſſen— mich hat ein Mädchen ver⸗ ſchmäht. Ein armes, von ſeiner Hände Arbeit leben⸗ des Kind aus dem Volke, das ich zum Liebchen mir gut genug gedacht, hat mich als Gatten verſchmäht. Lache nicht, Menſch— es gibt eine Saite im Her— zen des Mannes, die tönt gar ſchrill und häßlich, wenn ſie berührt wird, und dieſen Abend iſt ein voller Accord darauf gegriffen worden.“ „Gieb mir Deine Hand, Alphons— ſprach der Baron nach einer kleinen Pauſe.— Ich verſtehe jetzt Deine Weigerung von vorhin.“ „Vielleicht doch nicht.“ „Doch, doch. Du biſt der Freundſchaft eines braven Menſchen ſo werth als der Liebe eines edlen Weibes; glaube nur wieder muthig an Dich ſelbſt.“ „An mich ſelbſt!— O wenn ich noch Ich wäre. Das hat ein Weib verſchuldet und— jene weltbeherrſchende Kette, in der auch Du ein Glied bildeſt oder bilden wirſt. Gott verhüte es und laſſe den Engel, den ſie als buntgefiederten Lockvogel wollen vor Dir herflattern laſſen— Gott laſſe den Engel als Schutzengel Dir zur Seite ſtehen.“ „Alphons! Alphons!— rief der Baron, den 109 Freund am Arme rüttelnd— ich glaube, Du re⸗ deſt irr.“ „Nimm's, wie Du willſt. Ich kann Dir nicht deutlicher werden, denn auch gegen Schurken gilt des Mannes Eid ſelbſt dann noch, wenn es ein über⸗ eilter war. Kannſt Du das Herz der edlen Doris von Hartenſtedt Dir gewinnen, ſo erbitte es als erſten Beweis ihrer Liebe, daß ſie die ſpröde Jungfräulich⸗ keit den gebietenden Verhältniſſen unterordnet. Laß' Dir verſprechen, daß ſie jeden Tag, jede Stunde bereit ſein wolle, Dir zum Altar zu folgen, und dann feiere wo möglich noch am Verlobungstage den Polterabend zum Vermählungsfeſt. So wahr Gott im Himmel lebt, ich ſcherze nicht. Im Verzuge droht Gefahr, und zwar die äußerſte für Dich, für ſie— für den armen alten Vater vielleicht, dem ſie die Tochter—— Genug zur Warnung, wenn Du ſie beherzigen willſt; zu viel ſchon, wenn ein unbeſon⸗ nenes Wort jenem furchtbaren Manne mich verrathen könnte, der als ein lebendes Beiſpiel der Macht un⸗ ter uns wandelt, die das Böſe auf Erden hat. In Dir, Lothar, liebe ich des Lebens Licht und der Seele Reinheit. Ich liebe in Dir den Mann, der ich werden wollte und der ich hätte werden können ohne 110 — den Dämon der Jugend. Durch Dich möchte ich mit der Vorſehung mich verſöhnen und ſagen können: auch ein edler Menſch kann glücklich werden. Jetzt gut Nacht und ein Lebewohl für lange, vielleicht für ewig.“ Bogenfels ſchloß den Freund in ſeine Arme. „Muß es denn geſchieden ſein?— rief er, nur mit Mühe gegen eine ihn überwältigende Rührung ankämpfend.— Mir iſt ſo bang, daß ich wahrlich ru⸗ fen möchte: bleibe bei mir, Du oft bewährter Freund, denn Abend wird es ſicher in meinem Leben.“ „Ermanne Dich, Lothar. Ein halber Sieg liegt ſchon in dem Gedanken, des Glückes noch werth zu ſein. O hätte ich doch dieſen Troſt!“— „Armer Freund!— Du biſt ſtrenger als ge⸗ recht gegen Dich. Bin ih denn Deines Weertranins ſo ganz unwerth?“— 38 „Ich kann's nicht— kann nicht Aug' in Auge Dir erzählen, Dir beichten wie einem Richter, ich der ältere dem jüngern Manne, dem beſſern edlern Men⸗ ſchen. Unmöglich, und wäre das Paradies damit zu gewinnen. Aber etwas muß geſchehen, und auf eine Weiſe ſoll meine traurige Vergangenheit Dir wenig⸗ ſtens nützen. Mein Tagebuch iſt der Wahrheit getreu 111 geſchrieben und ſoll, was bis geſtern Abend noch fehlt, in dieſer Nacht vollendet werden. Verſprich mir nun Lothar, daß Du mein Andenken ehren und ſeinem In⸗ halt nicht früher nachforſchen willſt, bis Du hörſt, ich ſei geſtorben oder“—— „Oder?“— fragte der Baron, die ſchwüle Pauſe in höchſter Spannung unterbrechend. „Bis Du von meinem Eintritt in den Jeſuiten⸗ Orden hörſt und mich deshalb verdammeſt.“ Den Baron überrieſelte ein eiſiger Schauder. Er glaubte zu träumen oder den zerrütteten Verſtand des Freundes beklagen zu müſſen. In dieſem aufre⸗ genden Wirrwar der Gefühle, in dieſem Tumult ſo vieler einander durchkreuzender Fragen fühlte er ſich von zwei nervigen Armen umſchlungen an das Herz des ſcheidenden Freundes gedrückt und zum eigentli⸗ chen Bewußtſein dieſes herben Scheidemomentes erſt gekommen, als der Diener eintrat, um ſeinem Herrn beim Entkleiden behülflich zu ſein. Der Freund hatte Wort gehalten. Als Bogen⸗ fels etwas ſpät am Morgen nach dem Frühſtück klin⸗ gelte, ward ihm ein ſtarkes Packet und ein Brief über⸗ geben. Letzterer enthielt Warrenbergs Abſchied, und eine nochmalige Wiederholung der geſtern Abend ſchon geſtellten Bedingung, unter welcher allein das beifol⸗ gende Tagebuch geleſen werden durfte. Auch der gan⸗ zen inhaltſchweren Unterredung von geſtern Abend geſchah flüchtig Erwähnung, dann ſchloß der Brief mit der Bitte, das Blatt, ſo wie es geleſen, zu ver⸗ nichten. 4 In ſeiner jetzigen Stimmung haftete keine trübe Färbung allzu lange in Lothar's Gemüth. Ueber ihn war jene zauberiſche Epiſode des Lebens herein gebro⸗ chen, die jeden guten Menſchen in der That darüber belehrt, daß ihm ein Gott innen wohnt. Nicht mehr dem ewig unerforſchlichen Schöpfungsgeheimniſſe der Welt, nicht mehr den dunklen Myſterien des Werdens, Beſtehens und Vergehens opferte er die Kräfte ſeines Geiſtes und ſeine Zeit; ſondern an den belebenden lichtvollen Gedanken, ſie zu verdienen, die Ein⸗ zige, Unerreichbare— gab er mit der ganzen Gluth unentweihter Sehnſucht ſich hin. Wie viel beſſer müßte ich werden, um Gott für dieſes Glück, wenn es errungen werden könnte, zu danken, und wie viel Glück müßte ich um mich verbreiten, ſollte dieſer Dank an meinen Nebenmenſchen ſich verlebendigen!— Sol⸗ cher Gedanke war die himmelanſtrebende Blüthe und war Blüthe und Frucht an einem und demſelben 4113 Stengel, die Lothar's Liebe zu der reizenden Doris getrieben. Er ſah ſie oft in Geſellſchaft, dann auch im Hauſe des Vaters im engern Familienkreiſe, denn der alte biedere Oberſt gewann den Phan bald lieb wie einen Sohn. Er wünſchte überdieß die Vermäh⸗ lung ſeiner Tochter, deren ideal⸗religiöſe Richtung ihn zuweilen beſorgt machte. Von dem Einfluß eines edlen geliebten Gatten, von den neuen ſich geltend⸗ machenden Pflichten als Lebensgefährtin des Mannes und als Mutter hoffte er viel, und glaubte nur auf dieſem Wege eine große Gefahr von der liebenswür⸗ digen Schwärmerin gewendet zu ſehen. Auch Doris liebte den Baron ſchon lange, ehe er ſein Glück ahnete. Die einſchmeichelnde Beredſam⸗ keit jener ſchlauen Emiſſärin war noch hinzu getreten, und hatte das ihm zu geneigte Herz des jungen Mäd⸗ chens mit einer Gluth der Begeiſ ſterung erfüllt vor der ſie ſelbſt erſchrack. Wer dieftn edlen hochherzigen Jüngling, dieſes vollendete Ideal eines Mannes— hatte Eberhardine Walfaadg oft wiederholt— wer dieſem braven Bo⸗ genfels d das Eine noch geben könnte, was ihm fehlt, der würde ſich rühmen dürfen, die Welt um einen vollkommenen Menſchen bereichert zu haben. Frick, d. opfernden Götter J. 8 114 Dieſes Eine aber, was auch die junge Harten⸗ ſtedt als zu ihrem Ideale fehlend oft unter heißen Thränen an Lothar vermißte, war— religiöſer Glaube. Der Baron war zu ſtolz und zu aufrichtiger Natur, um ſein höchſtes Ziel, das einzige Glück, das ihm jetzt noch dieſen Namen zu verdienen ſchien, einer Heuchelei verdanken zu ſollen. Er hatte freimüthig, doch nicht trotzig, ſeine rationelle Richtung geſtanden, und die Kluft, welche in dieſer Hinſicht zwiſchen den Liebenden ſich öffnete, war von beiden Seiten in das Auge gefaßt worden. Zu Bogenfels größter Ueberra⸗ ſchung fand er die Geliebte eines Abends, als er um die übliche Theeſtunde zu ihr eintrat, mit einem da⸗ mals viel geleſenen, viel angefeindeten und viel ver— theidigten Buche: les paroles d'un croyant— be⸗ ſchäftigt. „Dieſes Buch in ihren Händen?“— war Lo⸗ thar's erſter Ausruf des Erſtaunens, als er den Titel geleſen. Sie lächelte wie eine Heilige, als ſie das Buch⸗ zuſchlug, und bei Seite legte.„Ich wollte doch— entgegnete ſie mit unbeſchreiblicher Beſcheidenheit— 115 den Feind kennen lernen, der unſere ſonſt in allen Dingen harmonirenden Anſichten ſo oft ſpaltet.“ „So werden Sie mir nun doch zugeben müſſen, — verſetzte der Baron, daß für einen denkenden Geiſt das Leſen freigeiſtiger Bücher wenigſtens jenes Inte⸗ reſſe gewährt, das Kampf und Sieg dem Streiter, ſei es nun des Armes oder des Verſtandes, immer ge⸗ währen.“ 2. „Sie wollen— ſagte Doris— auf Umwegen zu dem Geſtändniß mich führen, daß etwas Verführe⸗ riſches, eine ſogenannte Gefahr mit dem Leſen derar⸗ tiger Bücher verbunden ſei. Das aber muß ich ent⸗ ſchieden verneinen, ja ich muß ſogar, will ich den Ein⸗ druck ſchildern, den dieſes geiſtvoll geſchriebene Buch auf mich gemacht, noch einen Schritt weiter gehen, und Ihnen verſichern, daß ich nie ſo glaubensſtark und glaubensmuthig, als nach dieſer mir ganz neuen Lek⸗ täre mich gefühlt. Wohl weiß ich, daß die unerſchüt⸗ terliche Kraft eines unbedingten Glaubens ein Ge— ſchenk des Himmels iſt, das nicht zu erringen, ſondern nur durch die Gnade des Erlöſers als unverdientes Geſchenk zu erflehen iſt, und darum verdamme ich Andersdenkende nicht. Ich beklage nur das Laby⸗ rinth, in dem ſich ihre Seele verwirrt. Hier in dieſem 8*½ 1 3 8 116 Buche, dem Produkte des haarſpaltenden Verſtandes, verwirft man Alles, was nicht durch die Geſetze der Vernunft geregelt iſt. Man konſtruirt ſich Weltſy ſteme, nur um nicht die Beſchämung zu erdulden, daß man glaube, was nicht mit Augen zu ſehen, nicht mit Händen zu faſſen oder nach dem gebrechlichen Maß⸗ ſtabe des Verſtandes abzumeſſen iſt. Der Verfaſſer dieſes Buches— ich wollte mein Leben verwetten— verwirft das Gebet nur mit dieſer negirenden Grau⸗ ſamkeit, weil, nachdem die glückliche Kinderzeit vor⸗ über, wo ſeine Mutter ihm die Händchen gefaltet, der Strom des Lebens das Bedürfniß nach dem Gebet in ſeiner Seele überflutet. Sein Gebet wird ihn troſtlos laſſen, weil es ohne Hingebung iſt, ſein Gott kann ihn nicht zu ſich empor ziehen, weil er ihn zu ſeiner klei nen Menſchennatur herabgezogen, ſeine Welt kann ihm nicht gnügen, denn ſie liegt innerhalb der Gren⸗ zen des Vergänglichen. Unglücklicher Mann!— er hat keine gute fromme Mutter gehabt, wie ich, die den Samen eines Glaubens in mich gepflanzt, der jeden Feind meines innern Friedens zu überwinden ver⸗ mag.“ „Jeden Feind Ihres innern Friedens— ſprach Lothar von einem unwillkührlichen Schauer ergriffen, * 417 leiſe nach.— Den halte Gott und ſeine Heiligen von Ihnen fern.“ „Ohne Prüfung keine Tugend, ohne Kampf kein Sieg, aber auch ohne Demuth keine Chriſtin. Ohne eifriges Gebet und ohne Gottes Beiſtand wäre ich in den Gefahren dieſes Lebens ein ſo ſchwaches Geſchöpf wie— ja wie jener Verfaſſer der paroles d'un eroyant.“ „Oder wie Sie, lieber Baron wollten Sie ſa⸗ gen. Hab' ich es errathen?— Dieſes Erröthen iſt weniger mitleidig als die verſtummende Lippe, hinter der doch ein Ja wohnt. Ach Doris, Sie denken wohl recht gering, recht ſchlimm von mir? „O nein, nein—“ war ihre ſchnelle Antwort. „Sie verwerfen den Menſchen, der auf ſeine Weiſe nach den Höhen des Lebens trachtet, wenn er nicht Chriſt in Ihrem Sinne iſt.“ „Ich verwerfe nur den Heuchler und Phariſäer, den Feigling, der die Welt und ſich ſelbſt belügt, ſtatt zu prüfen und das Beſte zu behalten. Sie ſind frömmer, Sie ſind des kindlichen Glaubens bedürfti⸗ ger, als Sie von ſich ſelbſt ahnen; aber nur auf Um⸗ wegen ſcheint Gott Sie zu dem großen Ziele der Er⸗ kenntniß führen zu wollen, einem Ziele, das Männer, 118 wie Sie, ſelbſt ihrem eigenen verkehrten Willen zum Trotz endlich doch erreichen müſſen.“ „O Doris, Doris— rief der Baron, die zit⸗ ternde Hand des jungen Mädchens an ſeine Lippen ziehend— wenn die Liebe, die ſanfte duldſame Liebe, wenn dieſe zarte Hand mich leiten, dem gemeinſchaft⸗ lichen Ziele mich zuführen und dagegen meinem Schutze in Allem ſich vertrauen wollte, wo kräftiger Mannes⸗ wille eine Gefahr von dem geliebteſten Weſen abzu⸗ wenden vermag— ach es wäre doch wohl des Glückes zu viel.“— Sie ſank weinend in ſeine Armee und— er⸗ laubte dem ſtürmiſch drängenden Jüngling, ihr ſüßes Geheimniß dem Vater zu vertrauen. Srchstes Cagitel. Schwarze Fäden. Motto: Sprich nicht: des Weibes Herz iſt leicht Erkauft mit eitlen Schätzen; Sprich nicht: in Weibes Herz man ſchleicht Durch weltliches Ergötzen. Wenn Weibes zarte Bruſt erſt kennt Die Lieb', dann wankt ſie nimmer, Im Herzen tief die Glut dann brennt, Sie liebt und liebt für immer. Thomas Moore. N 1 In den Lüften, in den Wogen, Im Gefild', auf Baum und Strauch, Alles iſt beglückt und ſelig, Menſchenherz, o ſei es auch! Hafis. Nach Daumer’ Ueberſetzung. Bogenfels Verlobung mit der ſchönen viel um⸗ worbenen Doris von Hartenſtedt machte Aufſehen in der Reſidenz. Der Neid— da die Braut auch nicht zu der leiſeſten Verläumdung Stoff bot— forſchte nach — — den Privatverhältniſſen des Bräutigams, und erging ſich in Vermuthungen über ſein friberes Verhältniß zu der ſchönen Henriette Koſenel d Der alte Oberſt ſo— wohl als ſeine Tochter empfingen anonyme Briefe, die ſie, ohne dem Baron ein Wort davon zn ſagen, den Flammen übergaben, und ſo wurde auf des Ba⸗ rons Bitten der Tag der Vermählung fe ſtgeſetzt. Aber Ein Herz ſchlug in dieſen Tagen des Glückes für Lothar unter namenloſen Qualen. Es war das treue dem Milchbruder mit der erſten Liebe eines durch ihn veredelten Weſens ergebene Herz der unglücklichen Henriette. Rette ihn Dir und ſich ſelbſt, hatte Eberhardine eines Abends geſagt, als ſie die Schweſter in heißen Thränen fand. Durch jene fana⸗ tiſche Schwärmerin, wird er ſo unglücklich als das Kind der Bibelwelt, das die wahnſinnige Mutter dem feurigen Moloch in die Arme legte. Dieſe Mahnung, wieder und immer wiederholt, umnebelte Henriettens ſonſt ſo klaren Sinn bis zu je⸗ nem Grade der Selbſtironie, daß ſie ſich vorlog: nicht die brennende Eiferſucht, ſondern die Sorge für Lo⸗ thars Glück laſſe ſie der ſonſt ſo beargwöhnten Schwe⸗ ſter ein aufmerkſames da leihen. Was ſie bis dahin immer noch entſchieden abgelehnt, ihre Begleitung zu 124 einem nächtlichen Gange, den Eberhardine im Monat ein paar Mal unternahm, darein wülige ſie jetzt als in das dinzige Mittel, den Freund, den Geliebten ſich zu retten 3 Seit ſeiner Berlob. ung mit Doris hatte Bogen⸗ fels die Geſellſcha ſernden Götter nicht nur gindlich gemieden, ern er hatte auch bei dem Rabbi Cohne ſeinen beabſichtigten Austritt angezeigt. wa ſolches Ausſcheiden konnte jedoch nach bundesg zlichen Uebereinkommen erſt nach Ablauf von fünf sr von dem Tage der Aufnahme an gerechnet er⸗ folgen, und ſo wurde dem Baron vorläufig nur der Tag des nächſten großen Opfers als derjenige ange⸗ zeigt, wo er vor voller Verſammlung der Bundes⸗ glieder ſeinen Entſchluß des Ausſcheidens kund zu ge⸗ ben, und dem darauf folgenden Opfer beizuwohnen habs. agegen war keine Einwendung vorzubringen, und ſo betrat d der Baron das geheimnißvolle Haus mit dem feſten Entſchluſſe, daß es heut das letzte Mal ſein werde, wo die Vorhänge jener dunklen Gemächer hinter ihm zuſammen rauſchten. Er hatte trotz ſeiner Erkaltung für die geheime Tendenz des Bundes im Laufe der letzten Wochen den zweithöchſten, alſo den 122 Lehrergrad erlangt, und mußte ſich, als die übliche Ce⸗ remonie und die magiſchen Bilder vorüber, innerlich doch geſtehen, daß die Lehren, welche der Rabbi vor⸗ trug, einen klarern, freiern, und lebenskräftigeren Geiſt athmeten, als bei den Verſammlungen des drit⸗ ten Grades ſich kundgegeben. Der Schleier des Nyſti⸗ ſchen, des Dunkeln, vielerlei Deutung Zulaſſenden hob ſich auf wunderbare Weiſe, hob ſich ſo, daß wirk⸗ lich jeder Bundesbruder dieſes Grades als ein Gott⸗ menſch in jenem zauberhaft wirkenden Willen ſich füh⸗ len mußte, der das mit dem Glauben gemein hat, daß er Berge verſetzen und Geiſter beſchwören kann. Die Lehre von der geiſtigen Beſſerbürdigkeit Einzelner, zum Herrſchen Berufener, die ariſtokratiſche Lehre von dem Geſetzgeber, der gleich Gott vor der Maſſe der zum Gehorſam Geborenen noch unerſchaffen, doch dem Geiſte nach ſchon geſchaffen ſei, bis in einer würdigen Form des Körpers dieſer waltende Geiſt ſeinem irdi⸗ ſchen Berufe nachlebe— dieſe vielfach variirte, bald im Sinne Loyola's, bald Macchiavel's und endlich ſo⸗ gar im ſocial⸗philoſophiſchen Sinne zur Geltung ge⸗ brachte Lehre ſchmeichelte ſich, nach allen Seiten hin ausgebeutet, in die Herzen der aufmerkſamen Zuhörer. Schien es doch, wenn er den Rabbi ſprechen hörte, 123 einem Jeden außer allen Zweifel, daß er ſelbſt ein zum Herrſchen Berufener, losgelöſt von der großen zum Gehorſam geborenen Menge, daß er ein von Urzeit her zum Lenker fremden Willens geſchaffener Geiſt ſei.— Lothar's Stirn glühte wie im Fieber. Der in der letzten Zeit durch ſeine Liebe zu Doris eingeſchlä⸗ ferte Ehrgeiz, erwachte wie ein plötzlich entfeſſelter Rieſe. Großes vollbringen, um ſie zu verdienen, um auf andere Weiſe, als ſie, die Reine, Heilige, ihr würdig zur Seite zu ſtehen— das war der Knoten, in dem die beiden mächtigſten Triebfedern menſchlicher Handlungen: die Liebe und der Ehrgeiz— ſich kreu⸗ zend verknüpften. Waren es einſt die höchſten Geheim⸗ niſſe der Natur geweſen, deren Entfeſſelung in dem erſten oder dem ſogenannten Meiſtergrade des Bundes ihn mit magiſcher Gewalt angezogen, ſo war es in dieſem Augenblicke ein anregender, ſeine Geiſteskräfte in Thätigkeit ſetzender Wirkungskreis, den er als ſei⸗ nen Antheil an der großen weit umfaſſenden Kette dieſes ihm ſelbſt noch geheimnißvollen Bundes hätte beanſpruchen mögen. Er konnte ſeinen Gedanken nicht ſo nachhängen, wie der Augenblick es begehrte. Die erſten hohen My⸗ 124 ſterien, denen er beiwohnen durfte obgleich es noch nicht die nur dem Herrengrade vorbehaltenen höch⸗ ſten Myſterien waren, nahmen jetzt ihren Anfang. Ein ſüßer berauſchender Duft duͤrchzog die immer mehr ſich erweiternden Räume. Die Drapperien von Seidenſtoff und Gaze, welche nur beſtimmt ſchienen, die kahlen Wände zu verkleiden, löſ'ten ſich aus einander und ſchwebten als duftiges Gewölk an dem hohen Plafond. Immer wei⸗ ter und weiter breitete der Raum vor Lothar's über⸗ raſchten Blicken ſich aus, immer heißer ſtrömte das Blut durch ſeine Adern und der kühlende Trank, den die üppige Hebe ihm reichte, bewirkte das Gegentheil. Wohin auch ſein Auge ſich wandte, wohin der Fuß ihn trug, überall boten neue verführeriſche Erſchei nungen den berauſchten Sinnen des Jünglings ſich dar. Der ganze Olymp ſchien herabgeſtiegen; die viel beſungenen Nymphenbäder, Aphroditens Triumphzug und all' jener Zauber des Helenenthums, der ſo ſitt⸗ lich ſchön, nur vorchriſtlich, nur durch den gehei⸗ ligten Spruch der Sitte und Sittlichkeit einer unter⸗ gegangenen Weltordnung wirken konnte— die ganze poetiſche Mythenwelt des klaſſiſchen Helenenthums, umkreiste den wachen Träumer. Nichts Gemeines, kein 12⁵ zu bacchantiſchem Genuß verlockendes Auge, kein wil⸗ der Geſang maßloſer Freude vernichtete den Zauber, der die Phantaſie des Jünglings in berauſchende Träumereien wiegte. Eine ſanfts Lebensluſt und Froh⸗ ſinn weckende Muſik trat zu den einlullenden Freuden dieſes Abends noch hinzu, und unterſtützte die Wir⸗ kung ſowohl der dampfenden Opferſchaalen als des kreiſenden Bechers, der nicht mit Wein, aber mit nüch⸗ ternerem Getränk als Rebenſaft ſicher nicht gefüllt war.— Wo blieb nun die Rettung, die ihm kommen mußte, wollte er nicht morgen beim Erwachen den Strahl der Sonne verwünſchen, der ihn zur Selbſt⸗ anklage wecken konnte?— Ein Nichts— ein einfa⸗ cher Gegenſtand der Erinnerung an ſeine Doris brachte dieſe Rettung. Ueber Lothar's Haupte ſchwebte plötzlich wie von un ſichtbarer Hand geſpendet ein Kranz der ſelten⸗ ſten wunderdar duftenden Blumen. Als er den Kopf hob, um dem Geber dieſes arkadiſchen Geſchenkes nach zuſpähen, begann er zu zweifeln, ob püicht alles an die ſem Abend Erlebte, ein phantaſtiſcher Traum ſei, den der erſte Hahnenſchrei verſcheuchen miße Auf ihren Blumenthron vom Zephir und den Grazien getragen, 126 ſchwebte Flora, den Kranz in ihrer Hand, zu ihm herab. Durfte er aber wohl ſeinen Augen trauen, konnte er das Unerklärliche ſich erklären, daß er in dieſer reizenden unbeſchreiblich verführeriſchen Erſchei⸗ nung der Blumengöttin die ſtrahlend ſchöne Henriette Koſenell zu erkennen glaubte?— Ein verlangender Blick verſchlang faſt die herrliche Erſcheinung, als ſeine Hand ſich hob, um den ihm dargereichten Kranz in Empfang zu nehmen. Noch trug er den feinen wei⸗ ßen Handſchuh, der den Mann der Salons ſo ſelten verläßt. Allein er fühlte auch, daß dieſen duftenden Kranz nur die unbekleidete Hand berühren, daß die eingebürgerte Sitte des civiliſirten Lebens der Urſchön⸗ heit dieſer Fabelwelt weichen müſſe. Raſch ſtreifte er den Handſchuh ab und— Doris Verlobungsring fiel klirrend zu Boden. Was geſchah nun. Nichts und doch Alles, was in der Seele des Barons den künſtlich ernſten Rauſch in eine heilſame Nüchternheit verwandeln und Hen⸗ rietten zum Bewußtſein des unheilvollen Schrittes führen mußte, den ſie am Gängelbande der Leiden⸗ ſchaft gethan. Die Verwirrung der nächſten Stunde zu beſchreiben iſt unmöglich. Dieſes convulſiviſch angſt⸗ volle Suchen nach dem Ringe, der ſich nicht finden 127 wollte und doch ſich finden mußte, dieſe Verwirrung eines auf berauſchte Sinne berechneten Feſtes, dieſe Thränen eines von dem finſtern Dämon ſeiner Liebe irre geleiteten Mädchens, dieſe allenthalben ſich geltend machende Störung von Plänen, die ſo vortrefflich ein⸗ geleitet und dem Gelingen ſo nahe ſchienen— Nie⸗ mand, als Uranos, das leitende Princip ſo vieler ge⸗ heimer Machinationen, deren Triebfeder niemals ent⸗ deckt worden war, behielt die Beſinnung. Plötzlich erloſch der blendende Lichtglanz des weiten durch Spiegel und nebelhaftes Gewölk faſt un⸗ abſehbar ſcheinenden Raumes.— Ein Klirren und Schwirren, ein Flüſtern und Rauſchen, von den zer⸗ riſſenen Akkorden einer rauſchenden Muſik durchſchnit⸗ ten, machte ſich vernehmbar, und als endlich das däm⸗ mernde Licht einer matten Ampel vom Plafond herab⸗ fiel, ſah ſich Bogenfels mit den Brüdern des Lehrer⸗ grades in dem gewohnten Raume des Beſprechungs⸗ ſaales allein. Der Rabbi trat zu ihm, übergab ihm ſeinen Ring und bedauerte nur Eines— daß er nämlich zerbrochen ſei. Auch Henriette war, ſie wußte kaum wie, in das kleine, elegant ausgeſchmückte Cabinet zurückgekommen, welches ſie bei ihrem Eintritte in dieſes verhängniß⸗ 128 volle Haus zuerſt mit ihrer Schweſter betreten. Noch brannte hier die Lampe unter der mattgeſchliffenen Glaskugel, die ihr zu der Metamorphoſe ihrer Ge⸗ wandung geleuchtet. Da ſtand auch der Limonadenbe⸗ cher noch, den ſie, von einem brennenden Durſte ge⸗ quält, in einem Zuge geleert, und, da der ungewöhn⸗ liche Durſt auch jetzt noch nicht weichen wollte, trat ſie zu der Conſole, wo das Glas ſtand, und wollte nachſehen, ob noch ein Paar Tropfen darinnen geblie ben. Doch nur ein bräunlicher, Mohnkörnern ähnli⸗ cher Bodenſatz fand ſich in dem Glaſe, und Henriette begriff nicht, wie Limonade eines ſolchen Zuſatzes be dürfe. Gleichviel. An das, was geſchehen, mochte das getäuſchte Mädchen überhaupt nicht mehr denken. Nur fort— fort von hier aus dieſem verzauberten Hauſe, und dann, dann— ihn retten, ob ſie ihn auch verlieren müſſe. „Die ſentimentale Geſchichte mit des Barons Ring hätte uns können theuer zu ſtehen kommen,“ ſagte die Wolfgang, nachdem ſie eine Zeit lang verge⸗ bens auf die Anſprache ihrer Schweſter gewartet. „Alle Welt half dem girrenden Täuberich ſein Kleinod ſuchen, und darüber ward das Zeichen überhört, daß ◻ 129 die äußere Thüre einem Uneingeweihten habe geöffnet werden müſſen.“ „Einem Uneingeweihten?“ fragte die Tänzerin überraſcht.„Ich will doch nicht fürchten, daß Ihr in dieſem tollen Hauſe mich zu den Eurigen zählt?“ „Nein. Aber für Dich habe ich gebürgt, und für Dein Schweigen bürgt mir Dein Verſprechen und die Gefahr, welche für uns Beide damit verbunden ſein würde, wenn Deine Schwatzhaftigkeit größer ſein ſollte, als mein Vertrauen auf die Zuverläſſigkeit Deines Wortes. Warum ich Dich hier eingeführt, warum ich die äußere Schale des Kernes, aus dem einſt der Menſchheit eine heilſame Frucht reifen wird, Dir preisgegeben, das weißt Du. Bogenfels geht an dieſer frömmelnden, ſentimental ausſchweifenden Liebe zu der bigotten Hartenſtedt zu Grunde, und geht dem großen Zwecke verloren, dem er ſein Streben geweiht, ehe er dieſe Schwärmerin fand. Ihn vor ſolchem moraliſchen Tode zu retten, ſeinen weltumfaſſenden Plänen ihn zurückzugeben, wäre ein gar verdienſtli⸗ ches Werk geweſen. Ich hätte den Gedanken, es voll⸗ führt zu haben, Dir wohl gönnen mögen.“ „Laß' uns gehen, ich bin nun fertig,“ ſagte Hen⸗ riette ſtatt aller Antwort. Frick, d. opfernden Götter I. 9 130 „Das iſt ſchneller geſagt als gethan,“ entgegnete Eberhardine mit eiskalter Ruhe.„Die Polizei, die jetzt in jeder nur einigermaßen geheim gehaltenen Geſell⸗ ſchaft einen politiſch revolutionären Klubb wittert, hat uns dieſe Nacht mit ein Paar Gäſten beehrt, die nicht ſo leicht abzuſchütteln ſind, wie die vorzeitigen Schnee⸗ flocken von unſern Kapuzen, als wir hier herein traten.“ „Thu' was Du willſt,“ entſchied Henriette, in ihren Mantel ſich hüllend.„Ich bleibe keine Minute länger hier, und werde den Ausgang auch ohne Dich zu finden wiſſen.“ Doch keine Thüre ließ ſich öffnen. Die Tapeten⸗ thüre, durch welche die Wolfgang eingetreten, hatte weder Drücker noch Schloß von innen, und der Ein⸗ gang, durch welchen beide Schweſtern gekommen, war von außen verſchloſſen. „Verrätherin!“ ſchrie das ſo hinterliſtig gefan⸗ gene Mädchen, und ſah ſich vergebens nach einem Fen⸗ ſter um, durch welches ſie nach Hilfe hätte rufen können. „Sei doch kein Kind,“ tröſtete die ältere Schwe⸗ ſter mit einem eiskalten Lächeln,„und ſieh' nicht Ge⸗ ſpenſter, wo nichts als die verhaßte Uniform von ein 131 Paar Polizeiſbirren zu fürchten iſt. Das iſt der Vor⸗ ſteher dieſer geheimen Bundesgeſellſchaft ſich und dem ganzen Bunde ſchuldig, daß er ungeduldige Gäſte, wie Dich, ſo lange unſchädlich macht, als dem Ganzen eine Gefahr durch ſie gebracht werden könnte. Er ſelbſt wird uns benachrichtigen, ſobald unſerer Entfernung kein Hinderniß mehr entgegenſteht, darauf verlaß' Dich!“ Henriette trat zu ihrer⸗ Shüofſen Sie war bleich und ernſt, aber kein zaghaftes Bangen durchzitterte ihre Glieder. „Hüte Dich, Eberhardine!“ ſprach ſie mit feſter Stimme.„Hüte Dich, in Deinen Vorausſetzungen zu weit zu gehen. Meine Pflicht des Schweigens hat ſeine Grenzen, wenn dieſe Nacht noch freier Dich mir entlar ven ſollte, als es bereits geſchehen. Vielleicht weißt Du nicht, was es heißt, eine Liebe, und wenn auch eine hoffnungsloſe, als Paladimm gegen ſinnliche Verfüh rung in ſich tragen— aber Du wirſt mich verſtehen, wenn ich bei dem Andenken meiner guten, frommen Mutter Dir ſchwöre, daß das Mädchen, das mit der erſten Nahrung ſeines Lebens den Quell ihrer Liebe getrunken, ihre Verſchmähung zwar, aber nicht den Gedanken überleben will, ſie verdient zu haben. 9 13² Gott ſei Dir und mir gnädig, wenn Du aus dieſem furchtbaren Hauſe mich nicht zurückführſt, ohne daß ein Haar auf meinem Haupte gekrümmt worden!“ Um den Mund der Witwe zuckte ein ſpöttiſches Lächeln. „Nun ja doch,“ ſagte ſie,„Ihr Heidinnen von den Brettern, die nimmermehr das Leben abſpiegeln, wie es wirklich iſt, Ihr könnt den tragiſchen Pathos nun einmal nicht überwinden; auch dann nicht, wenn er, wie bei Dir, mehr in den Füßen, als in dem Kopfe ſpuken müßte. Armes, herriſches Kind, das Fallſtaf's Waffen mit ſich umherſchleppen möchte, weil es die Laſt nicht kennt, die es ſich aufbürdet!— Weißt Du, was es heißt, mit ſeinem Herzblut den Geier einer verſchmähten Liebe nähren, die Phantaſie mit dem Glücke der geliebteren Nebenbuhlerin abquälen, eine Leidtragende auf Gottes ſchöner Erde wandeln, und den Himmel verklagen, daß er die Sonne ſo hell ſcheinen, und doch keinen Strahl der Freude davon in unſer Herz fallen laſſe?— Weißt Du, was es heißt, die Erinnerung an die wenigen, glücklichen Stunden, da eine täuſchende Hoffnung uns noch aufrecht erhielt, zu Harpien der Gegenwart machen, zu einem Wer⸗ muthstropfen für jede armſelige Freude das Jetzt ſich 133 geſtalten zu ſehen; weißt Du, was Hoffnungsloſigkeit heißt, wenn ſie nicht den Muth hat, als ſelbſt eigener Arzt ihrer verzweiflungsvollen Krankheit zu begegnen? — Thränen!— armes Geſchöpf! Auf dieſem Wege iſt keine Heilung möglich. Trockne ſie, ſchau' um Dich, lerne die Männer kennen und frage Dich dann, ob ſie den Wahnſinn einer Liebe verdienen, wie das Weib ſie empfindet, ſie gewährt und niemals erwiedert ſieht. Leider dichten wir armen Mädchen und Frauen unſer Ideal in den Mann unſerer Liebe hinein und heben ihn ſo auf eine poetiſche Höhe, wo nicht er ſelbſt, ſondern jenes in unſerer Seele heimiſch gewordene Spiegelbild unſerer Sehnſucht, unſerer eigenen Liebes⸗ befähigung ſteht. Dieſer Abglanz weiblicher Idealität trägt freilich die Züge des geliebten Mannes, aber iſt doch nicht er ſelbſt. Früher oder ſpäter muß der Zau⸗ ber ſchwinden, und die Reichskleinodien des entthron⸗ ten Herrſchers müſſen wieder in den Tempel zurückge⸗ bracht werden, der ihm ſeine Schätze geliehen. Dieſer Tempel iſt das weibliche Herz, das oft enttäuſcht und oft verwundet, doch an die Verwirklichung ſeiner Ideale durch das Leben nimmermehr glauben will. Der Mann aber, dieſer Tyrann und Splitterrichter der weiblichen Gefühlsempfänglichkeit und ſogenannten 134 Gefühlsexaltation, dekretirt gar ſchnell mit Wankel⸗ muth, Treuloſigkeit und Entartung. Er weiß freilich nicht, oder will nicht wiſſen, daß die Untreue der Frauen von der prinzipiellen Unbeſtändigkeit der Män⸗ ner ſo himmelweit entfernt iſt, wie der am Himmels zelt ausgeſpannte Regenbogen von dem ſumpfigen Irrlichte. Wo die Genußſucht, wie bei ihnen, nur dem flüchtigen Reize der Neuheit nachſtrebt, da ſchwinden die Ideale zu leeren Schattengebilden, und die Wirklichkeit macht ihr volles, von dem weiblichen Herzen ſo oft beſtrittenes Recht vollſtändig geltend. Die Liebe des Mannes iſt kein Suchen und Enttäuſcht⸗ werden, wie das arme Herz der Frauen in ſeinem Ver zeiflungsſchmerz ſie kennen lernt. Die Liebe des Mannes iſt ein Finden und Wiederaufgeben aus Be⸗ dürfniß nach ſtets neuer Erregung der Phantaſie und der Sinne bei den Meiſten, des Geiſtes und des Ge⸗ müthes bei den Beſſern. Darum liegt das ganze Ge⸗ heimniß der weiblichen Verführungskunſt im 3 urück⸗ weichen und in der Täuſchung über das Motiv die⸗ ſes Zurückweichens. Die Männer unterſcheiden ſich weſentlich nur durch ſolche, die v erführen oder die verführtſein wollen, und Du wirſt über beide Klaſſen dieſer ſelbſtſüchtigen Epikuräer triumphiren, 13⁵ wirſt ſie beide beherrſchen können, ſobald Du in den Schleier Deiner paſſiven Sirenennatur Dich hüllſt. Zwinge ſie, ſich ſelbſt zu belügen; zwinge ſie, an die Gewalt eines tiefern vor ſich ſelbſt zurückſchreckenden Gefühls s zu Klauben und durch dieſen Glauben in das märchenhafte Netz von Wahrheit und Täuſchung, von Hoffnung und Zweifel ſich zu verſtricken, und ihre Eigenliebe macht ſie zu Deinen Seclaven. Zeige den Männern Dein Inneres, Dein Lieben und Deine Treue, und ihre Ermüdung wird Dein unautbleibli⸗ cher Lohn ſein. Schlinge aber das Netz koketter Be⸗ rechnung, genialer Prüderie um ſie, und laß' die Furcht, Dich zu verlieren, nie einſchlafen, ſo haſt Du das Geheimniß, ſie zu feſſeln, gefunden.“—— „Bei Deinen klugen und vielleicht erprohten Lebensregeln haſt Du nur Eines vergeſſen— erwie⸗ derte Henriette, als ihre Schweſter eine kleine Weile ſchwieg.— Du ſprichſt von den Männern im Allge⸗ meinen, während ich, ſeit ich mein Denken und Em⸗ pfinden, ſeit ich mich ſelbſt, wie ich ſein möchte, in Lothar gefunden, nur von dem Einen Manne weiß, der hoch über der Alltagswelt ſteht und nichts mit den Marionetten gemein hat, die ein kokettes Weib an ihren Fäden könnte tanzen laſſen. In Lothar's Wün⸗ 136 ſchen wür mein Wille, in ſeinen Gedanken würde die Welt meiner Empfindungen aufgehen. Für ſein Glück den Stolz meines jungfräulichen Bewußtſeins opfern, würde mir ein ſüßes, ein heiliges Gebot der Natur ſcheinen. Für ihn könnte ich ſündigen, wenn Liebe und Sünde überhaupt mit Einem Gedanken zu⸗ ſammengebracht werden können. Für Lothar bin ich Henriette, für den andern Troß der Männerwelt die Hofoperntänzerin des Nationaltheaters. Sie ſehen und bewundern, ſie applaudiren oder kritiſiren uns, aber unſere Perſon bleibt ihnen in jedem Falle unerreichbar. Ich tadle die Andersdenkenden, ich tadle die Schülerinnen der Lehre nicht, für welche Du Propagande machſt, nur unfähig fühle ich mich, ſie zu befolgen, unfähig vielleicht auch dann noch, wenn ich Lothar nicht liebte.“* „Lothar, der Dich verſchmäht und verlacht!“ „Aber doch nicht verachtet. Ich ertrüge es nicht.“ „Verachtet!— Sklavin des Vorurtheils— ſei mir ſchön willkommen auf der großen Heerſtraße der Alltäglichkeit.“ „Wir verſtehen uns nicht Eberhardine, laß' uns abbrechen. Du warſt geſtern im Theater?“— 137 „Ja wohl. Bogenfels war in der Loge ſeiner Braut.“ „Nicht von ihm, von dem Stücke wollte ich ſprechen. Die Kritik nennt es theilweis unſittlich und nennt es dann wieder einen Sermon, ein reflektiren⸗ des Machwerk, einen Schatten, der wie ein grinſen⸗ des Geſpenſt über die Bretter ſchreite. Das mag ſein, aber mich hat es doch tief ergriffen. Der Fluch, den dieſe unglückliche Gräfin Apollonia mit ſich herum trägt, beſteht in der äußerſten Troſtloſigkeit ihres Bewußtſeins, daß ſie bei Männern von Frauenkennt⸗ niß auch da, wo ſie wirklich empfindet, wo ſie die Kraft, treu ſein zu können, in ſich lebendig fühlt, keinen Glauben mehr findet. Es iſt das durch Lüge verſcherzte Paradies der Herzensreinheit, aus dem der Engel der Wahrheit mit dem Schwerte der Gerechtigkeit ſie vertrieben, es iſt die Hölle auf Er⸗ den. Sie fühlt ſich als falſche Lorelei den Untiefen des Lebens verfallen und wählt, da der Maler Hohen⸗ brandt ſich von ihr wendet, den Giftbecher, um dem Wahnſinn oder— etwas noch Schlimmerem zu ent⸗ gehen. Dahin, Eberhardine, könnteſt Du mich brin⸗ gen, wenn meine Verzweiflung meine Liebe verläug⸗ 138 nen, wenn ich die Lehren befolgen könnte, deren be⸗ redter Apoſtel Du biſt.“ „Deine Sprache iſt die eines von Beichtvater⸗ moral eingeſchüchterten unfreien Geiſtes— entſchied die Wolfgang.— Du biſt mehr Sklavin des Pfaffen⸗ despotismus, als ich mir Dich dachte, und biſt über⸗ haupt muthloſer, um nicht zu ſagen feiger, als die Natur ein künſtleriſch befähigtes Weſen eigentlich er⸗ ſchaffen ſollte.“ „Eberhardine— unterbrach die Koſenell ihre Schweſter, indem ſie aufſtand und nach der Thüre zuging— ich disputixe nicht mit Dir, denn wir Beide gehen mit unſern Anſichten der Dinge von zu verſchiedenen Geſichtspunkten aus, um uns jemals verſtändigen zu können. Wenn die freie Liebe jemals — hörſt Du nichts?— Schon vorhin klang es wie ein unterdrückter Schrei— jetzt wieder— Gott im Himmel, in welche Tiegerhöhle bin ich denn ge⸗ rathen!—* „Still Närrin!— eiferte die Witwe, ihre Schweſter beim Arme faſſend.— Ich höre Schritte in der Nähe, komm von der Thüre fort. Eine Lau⸗ ſcherin ſpielt dem Eintretenden gegenüber ſtets eine klägliche Rolle.“ 139 Gemach. Ihr folgte ein gleichfalls verlarvter Diener, ein Servicebret mit Wein und Backwerk auf den Tiſch ſtellend. Nur einen Augenblick leuchteten die funkelnden Augen des fremden, ihr bis dahin noch nicht zu Ge⸗ ſicht gekommenen Mannes die junge Tänzerin an, als auch wie ein erhellender Gedankenblitz Bertha's Er⸗ zählung von dem geheimnißvollen Hausgenoſſen in ihr Gedächtniß zurückkehrte.„Maskenträger aus der St. Annenvorſtadt neben den Seelnonnen— rief ſie dem Beſtürzten zu— die Stunde, wo Du entlarvt wirſt, ſchlägt Dir bald.—“ Der Unbekannte zuckte einen Augenblick wie er⸗ ſchreckt zuſammen und fuhr in raſcher unwillkürlicher Bewegung mit der Hand nach dem Geſicht, als wolle er die ſchützende Maske feſt halten oder die verrätheri⸗ ſchen Augen gegen die ſcharfſichtige Feindin decken. Dieſen Moment unbeobachteter Freiheit benutzte Hen⸗ riette auch ſofort. Mit Gazellenleichtigkeit eilte ſie, von ihrem glücklichen Ortsſinn unterſtützt, ein paar Korridore und Treppen herab, über den Hof und die 140 Hausflur. Der hier aufgeſtellte Portier erhielt das bei ihrem Eintreten von der Schweſter ihr mitgetheilte Loſungswort und ſo öffnete ſich dem geängſtigten Mädchen das äußere Eingangsthor in demſelben Augenblick, als von oben herab dem Pförtner das Zeichen gegeben wurde, daß es nicht geſchehen ſolle. Allein, von dem Dunkel, der Nacht begünſtigt und von ihrer Angſt beflügelt, war das Opfer einer ziemlich ſchlau eingeleiteten Intrigue ſeinen Häſchern ſchon entflohen, als man nach allen Seiten hin nach ihm ſpähete. An dem trüben kalten Novembermorgen, der dieſer verhängnißvollen Nacht folgte, wurde Doris von Hartenſtedt aus ihren bräutlichen Träumen mit der überraſchenden Botſchaft geweckt, daß ein bleiches, vor Kälte und Erſchöpfung zitterndes Mädchen von einem Polizeioffizianten hierher geleitet worden ſei. Sie bitte um ein augenblickliches Zwiegeſpräch mit dem Fräulein und wolle ſich nur ihr ſelbſt nennen. Doris zögerte. Ihr Vater war ſeit einigen Ta⸗ gen verreist und wollte erſt übermorgen zurückkehren; ſein Rath war alſo nicht einzuholen. Die Begleitung des Polizeibeamten, der ſich freilich ſchon wieder ent⸗ fernt, machte das unerfahrene junge Mädchen bedenk⸗ 141 lich, ſie verneinte endlich den Empfang dieſes Beſuches. Bald jedoch kehrte die Zofe mit einem verſiegel⸗ ten Blatte zurück, das den Namen der unbekannten Bittſtellerin um Zutritt enthalten ſollte. „Schnell in mein Zimmer,“ rief Doris, ſobald ſie es erbrochen, aus dem Bett ſpringend.„Sorge Du nur für das Mädchen, ich komme allein zurecht und bin gleich bei euch“.. Niemand hat die Unterredung dieſer beiden in Liebe zu Lothar verſchwiſterten Mädchen belauſcht. Aber als nach Verlauf einiger Stunden Henriette Koſenell die Verlobte ihres Milchbruders verließ, war ihr Antlitz marmorbleich und ihre ſchönen Augen von vergoſſenen Thränen entzündet. Sie ließ ſich in ein Hotel der Stadt fahren und ihre ſämmtlichen Effekten dorthin bringen. Jeder Verſuch der Ausſöhnung, den Eberhardine ſpäter wagte, ſchlug fehl, die Schwelle ihrer Schweſter blieb ihr ſeit jener geheimnißvollen Nacht unzugänglich. Auch Doris verſchloß ſich nach Henrietten's Ent⸗ fernung in ihr Zimmer bis gegen Mittag. Dann ſen⸗ dete ſie nach Pater Auguſtin, ihrem Beichtvater, und blieb mit ihm zuſammen bis zu der Stunde, wo Bo⸗ 142 genfels gewöhnlich ſeine Braut zu beſuchen pflegte. Nun aber entfernte ſich Pater Auguſtin und ertheilte dem Kammermädchen ſeiner Beichttochter die Wei⸗ ſung: den Herrn Baron, wenn er dieſen Abend noch kommen ſollte, auf morgen Früh zu beſcheiden; das Fräulein habe gebeichtet und wolle für heut in ihrer religiöſen Stimmung nicht weiter geſtört ſein. Dem vollgültigen Ernſt dieſer Abwehr ſeines Beſuchs kannte Lothar auch recht wohl und ſetzte dem unwillkommenen Gebot keinen Widerſtand entgegen. Nur befremdete es ihn, daß Doris geſtern nicht eine Sylbe von ihrem frommen Vorhaben erwähnt, allein er beſchied ſich. Wer kennt nicht die bleierne Schwere, womit in Stunden unbeſtimmten Bangens die Zeit ihre dem Glücklichen ſo beflügelten Schritte hemmt! — Dem traurig verlebten Abend folgte eine Nacht voll unruhiger Träume, und immer noch viel früher, als es eigentlich die Sitte erlaubte, ſtand Lothar im Vorzimmer ſeiner Braut und ließ ſein frühes Kom⸗ men durch ſeine ungeduldige Sehnſucht entſchuldigen. Sie erwartete ihn ſchon, er durfte eintreten. Doch ſei das Fräulein heut ſehr leidend, ſagte ihr Mädchen, und es ſei ihrer Meinung nach eigentlich geſtern ſchon beſſer geweſen, nach dem Arzte als nach 143 dem Beichtvater zu ſchicken, nur dürfe man das dem gnädigen Fräulein niemals ſagen. Erſchrocken eilte Bogenfels in Doris Zimmer und fand ſie allerdings in halb liegender halb ſitzen⸗ der Stellung, einer weißen Roſe gleich, zwiſchen den grünen Kiſſen ihrer Cauſeuſe. Mit einem Lächeln, das von Liebe und Schmerz, von Ergebung und Todesweh erzählte, reichte ſie dem Verlobten ihre fieberheiße Hand, entzog ſie ihm aber wieder, als ſeine Küſſe allzu glühend darauf brannten. Die erkünſtelte von religiöſen Troſtgründen in urſi hinein philoſophirte Ruhe hielt nicht länger das unglückliche Mädchen brach in einen Strom von Thränen aus. Lothar zitterte vor der Enthüllung dieſes Ge⸗ heimniſſes wie das Kind vor den Geſpenſtern, die es nicht ſieht, die aber von einer abergläubiſchen Wär⸗ terin heraufbeſchworen ſeine Phantaſie quälen. Lange bat und ſchmeichelte er vergebens, ihm das finſtere Mißgeſchick zu nennen, das zwiſchen ihre Liebe ge⸗ treten, Doris konnte vor Jammer nicht ſprechen. Da fielen ihre Augen plötzlich auf die Hand ihres Ver⸗ lobten, an der ihr bräutlicher Ring fehlte. Nun ver⸗ ſiegte wie auf einen Zauberſpruch der Quell ihrer 144 Thränen und die Todtenbläſſe ihres Antlitzes wich einen Augenblick lang einer jähen Röthe.„Wo haſt Du meinen Ring, Lothar?“— hauchte ſie mit ver⸗ ſagender Stimme. Eine kurze Pauſe der Verlegenheit, die der Ba⸗ ron nicht ganz zu beherrſchen vermochte, folgte dieſer Frage. Dann entgegnete er ausweichend:„Du wirſt ihn noch dieſen Abend wieder an meiner Hand ſehen. 4 „Und wo, ſprich Lothar, wo iſt er jetzt?— drängte Doris mit krankhafter Ungeduld. „Beim Goldarbeiter; es war eine Kleinigkeit daran zerbrochen.“ „Eine Kleinigkeit?— Wirklich nur eine Klei⸗ nigkeit— nicht der ganze Ring?—“ „Doris— Du weißt mein Geheimniß— ſtam⸗ melte Lothar, trotz ſeiner Unſchuld doch mit dem Herz⸗ klopfen banger Erwartung.— Allein von wem Du es auch wiſſen magſt— die Lüge hat mich unmöglich ſo weit in Deinen Augen anfeinden können, um den zerbrochenen Ring mit irgend einem Gedanken der Untreue in Verbindung zu bringen. Nenne mir meinen Ankläger, ich möchte ihm Aug' in Auge gegenüber ſtehen.“ „Du haſt keinen Ankläger mein guter Lothar 145 — ſprach Doris mit all' jenem hinreißenden Zauber der ſchüchternen Sanftmuth, die ihr ſein Herz gewon⸗ nen.— Deine Milchſchweſter, die edle Henriette Ko⸗ ſenell war geſtern Morgen bei mir, und flehte hier auf dieſer Stelle fußfällig mich an, ich möge zu Dei⸗ nem Herzen ſprechen und das Gelübde von Dir erbit⸗ ten, eine gewiſſe myſteriöſe Geſellſchaft zu meiden. Gefahren aller Art, verſicherte mir das liebe ſchöne Mädchen, bedrohen Dich dort, und Schlingen der ge⸗ ſchickteſten Art ſeien Dir gelegt, um den Bund unſe⸗ rer Herzen zu trennen. Schon ſeit Wochen empfing mein Vater und ich anonyme Warnungen, auf die wir nichts gaben, und darum ſchwieg ich. Deine Gönnerin ſogar, die Fürſtin von***, als ſie vor ihrer Abreiſe mich noch einmal mit meinem Vater zu ſich beſchied, ſprach von einer dunklen Beſorgniß, von einer War⸗ nung, die ſie Dir ſelbſt ſchon ertheilt, und ließ ſich von meinem Vater wiederholt die Verſicherung geben, daß er nicht Freimaurer ſei. Sie bat, ich möge mit Dir über die Sache ſprechen, und von jeder im Dun⸗ keln wirkenden Verbindung Dich zurückhalten. Ich that es nicht, weil ich unbedingt Dir vertraute, und weil ich über den eigentlichen Zweck des Bundes, dem Du, wie ich leider jetzt beſtimmt weiß, Dich zugeſellt, Frick, d. opfernden Götter I. 10 146 nicht die leiſeſte Ahnung haben konnte. Da kam ge ſtern Henriette. Sie machte mich zur Mitwiſſerin eines Geheimniſſes, das nur ſie betrifft, und in mei⸗ uer Bruſt ſein Grab finden ſoll. Lothar!— das edle hochherzige Mädchen hat mich verantwortlich ge⸗ macht, für den Frieden Deiner Zukunft und Deines Herzens— für Dein zeitliches und ewiges Wohl. Ich weiß, wie es kam, daß der Ring von Deiner Hand ſtreifte, und zerbrach.— Es war eine böſe Vorbe⸗ deutung, allein von ganzem Herzen verzeihe ich Dir Nein nein, lieber Lothar, unterbrich mich noch nicht, ich habe das Wichtigſte Dir noch zu ſagen. Mit meinem Herzen in Widerſpruch, rathlos und im Ge⸗ bet keinen Troſt findend, berieth ich mich mit meinem Beichtvater, und öffnete dem frommen aber ſtrengen Prieſter mein ganzes Herz.“ „Dann ſchütze Gott uns und unſere Liebe rief Bogenfels, an ſeines Freundes Warnung ſich er⸗ innernd. „Haſt Du Furcht vor dem Diener des Herrn?“ „Nein, aber vor den Knechten der Kirche,“ war des Barons übereilte Antwort. „Alſo doch, doch,“ jammerte das unglückliche Opfer der Prieſterherrſchaft in thränenloſer Ver⸗ 11 147 zweiflung.„Sieh' hin Lothar, dort iſt das Crucifir mit einem ſchwarzen Flor umhangen. Das bedeutet, daß Gottes Antlitz mir abgewendet, daß ſeine Gnade aus meinem ſchuldigen Herzen geflohen iſt, ſeit— ach ſeit ich Dich mehr liebe als ihn, Dich, der in den Orgien jenes heidniſchen Bundes Gott verläugnet, und vor einem Götzenbilde opfert.“ 8 3 ein, Du Arme, Unglückliche, Getäuſchte! rief Lothar, das in krankhaftes Weinen ausbre chende M dldchen in ſeine Arme ſchließend. Dein Gott iſt mein Gott und Dein Glaube der meine, das ſchwöre ich Dir bei den Wunden des Heilandes und den Wundern unſerer Religion. Jene myſteriöſe Ge ſellſchaft, die einen von Deiner Vermuthung ganz ab weichenden Zweck verfolgt— ſoll niemals wieder in ihrer Mitte mich ſehen, das gelobe ich Dir bei meiner unſterblichen Liebe. Beruhige Dein Herz, mein armes, ach ſo ſehr geliebtes Mädchen, denn die Thräne, die Du über mich weinſt, brennt ja wie ewiges Feuer auf meinem Gewiſſen.“ Sie lächelte wie der matte Sonnenſchein beim Gewitter, und duldete mit bräutlicher Hingebung ſeine Küße, doch ohne ſie zu erwiedern. „Biſt Du nun wieder meine Doris?“ 10* 148 ſchmeichelte der Baron mit innigem Blick und ſanftem Händedruck. Da zog ein Schatten tiefer Wehmuth über die reine Stirn der Jungfrau.„Ach Lothar— ſprach ſie mit herzzerreißender Bekümmerniß— ich liebe Dich allzu ſehr und das iſt mein Verbrechen vor Gott und ſeiner Stellvertreterin, der heiligen Kirche. In mein Gebet drängt ſich, auf irdiſche Gedanken, auf das Glück unſerer Zukunft mehr als auf mein Seelenheit es lenkend, Dein geliebtes Bild, und wenn ich den ge benedeiten Leib des Herrn an meine Lippen drücke, denke ich— o Gott verzeihe mir die Sünde— zu⸗ weilen an Deinen Kuß. In einem ſündhaften Traume miſchte ſich vorgeſtern Nacht ſogar das Bild der hei ligen Madonna, das über meinem Betaltar hängt, der Gedanke an— ach Lothar, ich kann Dir das nicht ſa⸗ gen, nur gebeichtet habe ich die große Sünde meines verbrecheriſchen Herzens.“ „Für eine leichtere ward wohl niemals Abſolu⸗ tion ertheilt,—“ ſagte Bogenfels, von dem Glücke dieſer bräutlichen Geſtändniſſe berauſcht. „Unglücklicher Frevler! ſie iſt mir verſagt wor⸗ den, und dort das Crucifix verhangen,— klagte Do⸗ ris, die Hände ringend.— Durch Buße und Reue 149 muß ich den Himmel verſöhnen, muß Deinen Anblick drei lange Monate hindurch mir verſagen, muß beten und faſten, damit ein gläubiges Herz und ein reinerer Sinn deine Gattin zum Altare begleite,— ich hab' es gelobt in die Hand meines Beichtvaters.“ Der Baron verſtummte. Warrenberg, mahnte eine düſtere Ahnungsſtimme in ihm, und bange Muth⸗ loſigkeit vor einer unſichtbaren und deshalb ſo ſchwer zu bekämpfenden Gefahr beſchlich ſeine Seele.„Laß' Deinen Vater über die Haltbarkeit eines ſolchen, vom Fanatismus Dir abgerungenen Opfers entſcheiden,— flehte Lothar mit dem ſüßeſten Schmeichelton der Liebe.— Du weißt Doris, er iſt ein ernſter und ſtrenger Mann und erkennt er Dein ſelbſtquäleriſches Gelübde für gerecht, ſo wird er Dich darin beſtärken, auch gegen ſeinen Wunſch. Nur heute beſchließe noch nichts und wenn Du mich jemals geliebt, ſo beichte einem andern Prieſter.“ Doris ſchüttelte wehmüthig mit dem Kopfe. „Pater Auguſtin hat mir nun einmal das Licht der Wahrheit entzündet,— ſprach ſie leiſe aber feſt, ich kann das nicht wieder verlöſchen machen, ſelbſt nicht durchf den Mund eines andern Dieners unſerer heili⸗ gen Kirche. Sieh' Lothar, im Reiche aller Möglich⸗ 150 keiten liegt kein Gedanke, keine That, für die ich, von Dir begangen, nicht Verzeihung hätte. Ich habe die vorgeſtrige Nacht, ich habe Alles, was ihr voran ge gangen ſein könnte, Dir verziehen, inſoweit kein Fre⸗ vel gegen die Majeſtät Gottes und die Erlöſungs⸗ glorie meines Heilandes darin begriffen iſt,— denn mein Geliebter! an Deine Treue und an die Reinheit Deiner Gedanken glaube ich wie an das Licht der Sonne. Das aber ſei Abgötterei, ſagt Pater Augu ſtin, es ſei die der Selbſtdemüthigung vor dem Herrn entgegengeſetzte Knechtſchaft des Geiſtes, der ſich ſkla⸗ viſch in den Banden der Leidenſchaft vor einem ſterb⸗ lichen Weſen beugt. Ach Lothar,— der fromme ernſte Prieſter hat Recht,— ich fürchte, ich fürchte, o Du entſetzlicher Menſch, ich liebe Dich mehr als Gott, mehr als meinen Erlöſer, der doch für mich den Mar⸗ tertod geſtorben, und flehe Dich an,— hier auf mei⸗ nen Knieen,— gieb mich nicht dem verzweiflungs vollen Gedanken zum Raube, durch Dich mein Seelen⸗ heil zu gefährden, durch Dich die Sünde,— und wäre es nur die Sünde des Gedankens— lieben zu lernen.“ Sie war von den Polſtern herab zu Lothars Füßen geſunken, ohne daß er es hatte hindern können. Nun lag ſie zitternd, und in ihrer jungfräulichen 151 Blüthe vom Wurm der Verzweiflung angenagt, vor ihm auf dem weichen mit Blumen beſäeten Teppich wie eine geknickte Lilie unter ihren farbenreicheren Schweſtern. Ihr Haupt ruhte wie das eines ſieber⸗ kranken Kindes an ſeiner Bruſt, ihre Pulſe ſtockten, ihr Athem flog fieberheiß. Lothar fühlte, daß ihrem Willen längern Widerſtand leiſten ſie namenlos elend machen, vielleicht ſie tödten heißen würde. Die kurze Spanne Zeit eines Glücks, das ja dann für immer ſein eigen bleiben werde, der geliebten Schwärmerin zu opfern ſchien ihm Pflicht, und ſo gab er denn von Stolz und Liebe zugleich erregt das Verſprechen, wel⸗ ches Doris verlangte, das unſelige Verſprechen, binnen dreier Monate ſie nicht zu ſehen und ſogar das Haus ihres Vaters zu meiden. „Ich werde in dieſer Zeit leben wie der einge⸗ puppte Schmetterling, der dem Tage ſeines eigentli⸗ chen Lebens entgegenſchlummert— ſprach er noch zu⸗ letzt.— Weine nicht mein theures Mädchen, die Thrä⸗ nen, die ich Dir erpreſſe, fallen ja wie vergoſſenes Blut auf meine Seele. Du ſollſt Dein Gelübde hal⸗ ten, da es Dein frommes Gemüth beruhigen kann; nur Eines verſprich mir als Belohnung.“ „Gern mein Lothar— hauchte Doris, den Arm 152 um ſeinen Nacken ſchlingend.— Du gibſt mir heut einen Beweis Deiner Liebe, der größer und reiner iſt, als alle Deine Liebesworte, Deine Küſſe und Schwüre. Glaube nur, daß ich mit Dir die Größe Deines Opfers empfinde, mit Dir die Tage und Wochen, welche uns trennen, mit bangem Herzklopfen abzählen werde, wie der verzweifelnde Sünder die Perlen ſeines Roſen⸗ kranzes— o Gott mein Heiland, verzeihe mir das frevelhafte Gleichniß.“ „Sicher, meine Doris, hat er Dir's verziehen — lächelte der Baron wehmüthig. Und nun gieb mir Deine Hand, daß mit Deines Vaters Genehmi⸗ gung der Tag unſers Wiederſehens der Vorabend un⸗ ſerer Vermählung ſein ſoll.“ „So bald ſchon,“ rief die Jungfrau mit bräut⸗ lichem Erröthen,„ich möchte doch erſt mit Pater Auguſtin—— ¹. „Doris, Doris— ſpiele nicht mit meinem treuen Herzen, nicht mit Deinem Gelübde in die Hand Deines edlen Vaters und in die meine, nicht mit Deiner Pflicht als meine anverlobte Gattin— denn Gott ſelbſt hat durch das Naturgeſetz der Liebe und durch das kirch⸗ liche Sakrament der Ehe dieſe Pflicht geheiligt.“ 153 „Ich verſpreche Dir, den Willen meines Vaters und den Deinen zu erfüllen.“ „Nicht auch zugleich Deinen eigenen Wunſch, mein geliebtes Mädchen?“— Sie ſank erglühend an ſeine Bruſt, und erwie⸗ derte ſeinen Kuß. „Nun aber laß' uns ſcheiden— ſagte ſie, aus den Armen des Geliebten ſich los ringend.— Ein verlängerter Abſchied iſt eine Qual, die meine Kräfte überſteigt und meine Geſundheit erſchüttert. Meine Liebe und mein Dank, meine Segenswünſche und das Vertrauen meines treuen bis zum Tode an Dir han⸗ genden Herzens begleiten Dich. Leb' wohl, mein Lo⸗ thar, auf Wiederſehen! 8* „Auf Wiederſehen!—“ wiederholte der Schei⸗ dende, die Hand der Verlobten noch einmal an ſeine Lippen ziehend. Dann entfernte er ſich mit dem Hel⸗ denmuth des Mannes, der ſein heißes Verlangen dem Gebote der Pflicht oder mit Einem Worte: ſeine füßeſten Wünſche dem von reifer er Erkenntniß gekräf⸗ tigten Willen unterordnet. Selbſtbeherrſchung war ſeit ſeinen früheſten Jünglingsjahren das ſtreng befolgte Sittengeſetz des Barons geweſen. Er hatte dieſer ſchönſten aller männlichen Tugenden die dämo⸗ 154 niſchen Leidenſchaften der Jugend mit dem Stolze des Mannes geopfert, dem Selbſtachtung die erſte Bedin⸗ gung des Glückes iſt. Heut opferte er mehr noch als in dem ganzen letztverfloſſenen Jahrzehnt ſeines Jünglingsalters, er opferte ihr drei Monate ſeines Lebens und brachte gewaltſam eine düſtere, von Warrenberg herauf beſchworene Ahnungsſtimme zum Schweigen. Allein Doris war es ja, es war die erſte und einzige Liebe dieſes ſtolzen und feurigen Herzens, welche ſolch' ein Opfer verlangte. So brachte er es denn willig, wenn auch nicht freudig. Siebentes Cupitel. Bekenuntniſfe Motto: Ich möchte einen ſelt'nen Menſchen ſehen. Such' einen fünfzigjähr'gen Menſchenfreund. Joſ. Freiherr v. Auffenberg. Der du von dem Himmel biſt, Alles Leid und Schmerzen ſtilleſt, Den, der doppelt elend iſt, Doppelt mit Erquickung fülleſt— Ach! ich bin des Wogens müde Banger Schmerzen, wilder Luſt. Gottes Friede, Gottes Friede— Komm' und wohn'’ in meiner Bruſt! Goethe im Bremiſchen Geſangbuche von 1812. Der Oberſt Hartenſtedt, als er, von ſeiner kurzen Dienſtreiſe zurückkehrend, aus Doris Munde das zwi⸗ ſchen ihr und Bogenfels getroffene Uebereinkommen erfuhr, ließ ſich zum erſten Male in ſeinem Leben vom Zorne gegen die ſo ſehr geliebte Tochter übermannen. 156 Henriettens Beſuch und was damit in Verbindung ſtand, hatte das liebende Mädchen aus Schonung ge⸗ gen den Verlobten natürlich verſchwiegen, und ſo ge⸗ wann die Verbannung Lothar's ein noch überſpannte⸗ res, ja ein gahäſſiges Anſehen. Der in ſeinen Vater⸗ rechten von einem herrſchſüchtigen Prieſter beinträch⸗ tigte Soldat vermaß ſich hoch und theuer, dieſer Pater Auguſtin ſolle ſein Haus nicht wieder betreten, und es werde ſich überhaupt zeigen, ob noch Recht und Ge⸗ rechtigkeit unter dieſer Horde von Wölfen in Schafs⸗ kleidern zu finden ſei. Die Nachgiebigkeit des Barons konnte er durchaus nicht begreifen, und wenig fehlte, daß er den Jüngling des Mangels an Liebe zu ſeiner Verlobten im Stillen wenigſtens angeklagt hätte. Als er aber zu ihm ging, ihn ſah, ihn ſprach und den würdevollen Kummer um Doris Gram und Doris Machtſpruch von des Jünglings Stirne las, da mur⸗ melte er ſtatt eines auf der Zunge zum Losbrechen fer⸗ tigen Soldatenfluches und daran zu knüpfender Straf⸗ rede nur ſtill vor ſich hin: „Ein Schwaͤrmer, ſo gut wie ſie, nur in ande⸗ rem Genre.“ Der Oberſt hielt Wort und Bogenfels auch. Pater Auguſtin durfte in den drei Monaten ihrer Pö⸗ . 157 nitenz die unglückliche Braut nicht mehr beſuchen; aber eben ſo gewiſſenhaft mied auch Lothar, ſeinem gegebe⸗ nen Worte treu, ihr Haus. Beide ahneten freilich nicht, daß Doris, noch ehe der Vater ſeinen Diener mit dem erſten friſchen Morgentrunk herbeiklingelte, ſchon aus der Frühmeſſe und von Pater Auguſtin's Beichtſtuhle zurückgekehrt war. Doch nach Verlauf von vier bis ſechs Wochen überſtiegen dieſe Frühgänge mitten im Win⸗ ter die täglich mehr ſchwindenden Kräfte der Jungfrau. Ihre Zofe verrieth ſie aus Liebe zu der Gebieterin dem Vater, und von dieſem Tage an blieb Doris eine von Vaterliebe überwachte Gefangene. Auch dieſen Fall hatte der ſchlaue Prieſter ſchon vorausgeſehen. Der Zeitpunkt war nun gekommen, wo er ſeinen Einfluß über dieſes arme, auserwählte Opfer der Prieſterherrſchaft andern Händen anvertrauen mußte. Es war nicht ſchwer, dem bisherigen Hausarzte des Oberſten auf den Wunſch der Kranken einen andern, im weiblichen Nervenleiden mit beſonderem Glücke verfahrenden jungen Arzt beizugeben. Bewährte ſich doch die Kunſt des erſteren ſo wenig, das die Hinzu⸗ ziehung eines zweiten dem ſorgenvollen Vater ohnedieß am Herzen lag. 158 Er kam, der von Vater und Tochter, obgleich aus ganz verſchiedenen Gründen, erſehnte Helfer in der Noth und Doktor Salzmann, der frühere Arzt, bewunderte nach der erſten Conſultation am Sopha der Kranken den Scharfblick, die richtige Diagnoſe des noch ziemlich jungen Arztes, der durch ſeine belebende Unterhaltung dem Geiſte der Leidenden neue Anre gung zu geben ſchien. Salzmann beſuchte das Harten ſtedt’ſche Haus ſeit dieſem Tage gemeinſchaftlicher Be⸗ rathung nur noch ſelten. „Sie iſt in den beſten Händen,“ beruhigte er den beſorgten Vater.„Mein junger College iſt ganz der Mann dazu, unſerer Kranken die phantaſtiſchen Gril len aus dem Kopfe fort zu philoſophiren, und das wäre in der That die beſte Arznei.“ Anfangs ſchien es auch, als wollte ſie Wunder wirken, dieſe vielleicht oft ſchon erprobte Heilmethode des neuen Arztes. Doris war wenigſtens in Gegen⸗ wart des Oberſten heiterer und kräftiger als ſeit lange; ſie beantwortete auch Lothar's Briefe, nur nahm ſie ihrem Vater das Verſprechen ab, den Tag ihrer Ver mählung nicht vor ihrer völligen Geneſung anzuberau men. Dieſe Bitte fand der Oberſt auch ganz vernünf tig und übernahm es, ſeinen künftigen Schwiegerſohn — 159 von dieſem ſehr natürlichen Wunſche ſeiner Braut in Kenntniß zu ſetzen. Bogenfels hatte die Trennung von der Geliebten in einer und derſelben Stadt mit ihr nicht ertragen können. Er hatte die Vorbereitungen, welche in ſeinem Hauſe zum Empfang der jungen Herrin getroffen wer⸗. den ſollten, einem in dergleichen Aufträgen ſehr erfah⸗ renen Commiſſionär übergeben und war an den fürſt⸗ lich“ iI Hof zu ſeinen Pflegeeltern und Gön⸗ nern gereiſt. — Allein auch dort quälte ihn, namentlich ſeit Em⸗ pfang jenes Briefes, in welchem der Oberſt von einem kurzen Aufſchub ſeiner Verbindung mit Doris ſprach, eine nicht zu bewältigende Unruhe. Keine von der Fürſtin veranſtaltete Zerſtreuung, keine Troſt⸗ noch Vernunftsgründe wollten anſchlagen, der Baron reiſte etwa drei Wochen vor Ablauf ſeiner Pönitenzzeit nach M. zurück. Noch während der Reiſe ging ihm eine Nachricht zu, die ſein Herz mit immer bängerer Ahnung erfüllte. Alfons von Warrenberg, ſo lautete die überra⸗ ſchende Neuigkeit, ſei in Freiburg in den Jeſuiten⸗ orden getreten. Das Unwahrſcheinlichſte, was er ſich 160 nur als Möglichkeit hatte denken können, war alſo zur traurigen Wahrheit geworden, und er konnte nun kaum den Augenblick erwarten, wo die zurückgelaſſenen Papiere des Freundes entſiegelt vor ihm liegend, Aus⸗ kunft über dieſen wahnſinnigen oder verzweifelten Schritt eines ſonſt ſo geiſtesſtarken Mannes geben würden. Am Bahnhofe erwartete der alte Hartenſtedt den Verlobten ſeiner Tochter. Das kummervolle Geſicht des ſonſt ſo eiſenfeſten Soldaten weißſagte wenig Gu⸗ tes. Doch hielt er mit der vollen Wahrheit von Doris Geſundheitszuſtand noch zurück, um nicht die erſte Stunde ihres Wiederſehens allzu trübe zu geſtalten. „Ich habe mit ihrem beichtkindlichen Gewiſſen unterhandelt,“ ſagte der Oberſt, als ſie miteinander im Wagen ſaßen.„Sie hat eingewilligt, Dich über⸗ morgen bei ſich zu ſehen. Aber die vierzehn Tage, welche ſie ihrem überſpannten Gelübde abknappt, wird ſie ſchon, der Himmel mag wiſſen, durch ir⸗ gend welche Kaſteiung dem lieben Gott zu Gute kommen laſſen. Du oder Niemand ſonſt auf der ganzen Erde wirſt ihr Arzt ſein.“ Der Wolf in Schafskleidern, wie Doris Vater die Beichte hörenden Prieſter gewiß mit großem 161 Unrecht in ſeiner ungenirten Soldatenſprache nannte, ſtand allerdings in Geſtalt des jungen Arztes am Lager der ſeeliſch und körperlich Leidenden. In der Maske des Arztes hatte er ſich zu dem ſeinen Wür⸗ gern geduldig ſich überliefernden Opferlamm ge⸗ ſchlichen und das Gift, welches er ihr in der Form des vom Vater ihr verweigerten geiſtlichen Zuſpru⸗ ches reichte, wirkte wunderbar ſchnell und kräftig. Es war ein junger, ſchöner, mit ungewöhnlichem Phantaſiereichthume ausgeſtatteter Prieſter, den Pa⸗ ter Auguſtin zur Vollendung ſeines Werkes ſich aus⸗ erwählt. In ſeinem Munde nahmen die Anpreiſun⸗ gen des freiwilligen Märtyrerthums natürlich noch weit unparteiiſcher und deshalb verlockender ſich aus, als im matten Redefluße des ergrauten Prieſters, der von allen Leidenſchaften, welche Rouſſeau die mäch⸗ tigſten Hebel der Selbſterhaltung nennt, vielleicht nur den Ehrgeiz kennen gelernt. Pater Wolſgang, dieß war der Name ſeines Sub⸗ ſtituten, ſchilderte der Jungfrau die Freuden der Entſa⸗ gung ſo hinreißend und mit einem ſo begeiſterten Fluge der exaltirteſten, bigotteſten Einbildungskraft, er ver⸗ dunkelte ihren ſonſt ſo klaren, vorurtheilsfreien Blick ſo gänzlich durch Aufzählung der Verdienſte, welche Frick, d. opfernden Götter. I. 11 ſie um ihr, um Lothar's und ihres Vaters Seelen⸗ heil ſich erwerben könne, daß der Gedanke, ſich als keuſche Braut ihrem göttlichen Erlöſer zu weihen, bald zu einem unerſchütterlichen Entſchluß in ihr reifte. Was Doris bei dieſen moraliſchen Geißel⸗ ſchlägen ihrer Peiniger litt, iſt nicht zu beſchreiben. Sie liebte ihren Lothar mit aller Glut, aller In⸗ nigkeit, womit ein keuſcher, reiner Sinn, womit das an ſeinen Idealen hängende Herz einer edlen Jung⸗ frau ihre erſte und einzige Liebe verherrlicht. Bei allem Gebete und Selbſtkaſteiungen vermochte ſie nicht, das Bild ihres Geliebten auch nur auf Stun⸗ den oder Minuten aus ihrer Seele zu bannen. Es blieb ihr ſteter Begleiter und ſchlich ſich ſtörend in ihre Andacht. Wenn ſie des himmliſchen Bräutigam's gedachte, der ihr, nach den Verſprechungen des Pa⸗ ter Wolfgang, dereinſt zu Theil werden ſolle, ſo dachte ſie ſich dieſen himmliſchen Bräutigam doch immer nur mit Lothar's geliebten Zügen. Wohl be⸗ tete die Unglückliche dann nur um ſo eifriger, daß Gott vor dieſem ſündhaften Gedanken ſie ſchützen möge, wohl legte Pater Wolfgang, durch eine ſchrift⸗ liche Beglaubigung von Pater Auguſtin dazu er⸗ mächtigt, die härteſten Bußübungen ihr auf— doch 163 umſonſt. Die Liebe zu ihrem Lothar war zu tief in der Seele des jungen Mädchens gewurzelt, als daß Machtſprüche und Ermahnungen, Buße und Legen⸗ denlektüre, welche ſie von jeher geliebt, und welche ihr die Märchenwelt ihrer Kindheit erſetzt, dieſe Liebe zu bannen vermocht hätten. Da faßte namen⸗ loſe Verzweiflung die Gequälte. Sie wähnte ſich von Gott verlaſſen, verſtoßen— ewiger Sündenſchuld hingegeben und ewiger Verdammniß. Dieſer entſetz⸗ liche Wahn ward von Pater Wolfgang, der ihr die Qual ewig Verdammter in den glühendſten Farben ſchilderte, und noch eifriger in brieflichen Mitthei⸗ lungen von Pater Auguſtin genährt. „Die Kirche,“ ſo ſchrieb er ſeiner Beichttoch⸗ ter,„hat keine Gebete mehr für eine Gottloſe, die ſich von ihrem Erlöſer abgewandt, hartnäckig in ihren Sünden verharrt. Sie hat ihre Langmuth er⸗ ſchöpft und vermag jetzt nur noch die Rechte, die ihr über die Gewiſſen der Menſchen gegeben ſind, geltend zu machen.“ So raubten zwei unbarmherzige Prieſter einem armen, ſchuldloſen Mädchen ihren heiligſten Troſt: die Hoffnung auf die Gnade Gottes. Sie gaben ihr Steine ſtatt dem Brote des Lebens, ſie machten Gott 11* 164 zu einem furchtbaren Zuchtmeiſter und die chriſtliche Religion, die Zufluchtſtätte bedrängter Seelen, ver⸗ wandelten ſie in einen Quell des ewigen Zornes und der irdiſchen Verzweiflung. Endlich war in Doris phyſiſchem und pſychi⸗ ſchem Leben jener Zeitpunkt der Erſchöpfung einge⸗ treten, der die Kraft des Widerſtandes lähmt. Sie verſprach zu gehorchen, verſprach ihrem Lothar ein ewiges Lebewohl zu ſagen, nur ſehen wollte ſie ihn noch einmal, wollte noch einmal den Blick ſeiner Liebe in ihre Sele trinken, um davon zehren zu können für den Reſt ihres Lebens. Dazu erhielt ſie endlich vom Pater Wolfgang die Erlaubniß, unter der Be⸗ dingung, daß ſie als letztes Wort die Mahnung an den Baron richten wolle, als ein treuerer Sohn der Kirche ſich zu bewähren, denn bisher, damit ſie der⸗ einſt ſich wiederſehen könnten in den Gefilden des ewigen Lichtes. Ahnungslos, welch ein trauriges Wiederſehen ihn bei ſeiner Braut erwarte, lehnte Bogenfels am Vorabende dieſes ſo heiß erſehnten Tages in ſeinem Schlummerſopha und ging daran, Warrenberg's weltliche Verlaſſenſchaft zu eröffnen. Das Gerücht ſeines Eintretens in den Jeſuitenorden hatte ſich be⸗ 165⁵ ſtätigt, und ſomit glaubte Lothar im Sinne des Freundes ſowohl, als vielleicht in ſeinem eigenen Intereſſe zu handeln, wenn er die geiſtige Erbſchaft ſeines vom Weltleben abgeſchiedenen Freundes an⸗ trat. Die Siegel ſprangen, die Bänder lösten ſich und— auf des Barons Augen ſenkte ſich dieſe Nacht kein Schlummer. Zerſtrente Blätter aus Alphons von Warren⸗ berg's Tagebuche. Ich möchte frei ſein wie der Vogel, der in den Lüften ſeine willkürliche Bahn durchſchneidet, frei wie der Denker, der ſeinen eigenen Weg wan⸗ delt, unbekümmert um das Geſchrei der gläubig nachbetenden Menge. Frei möchte ich ſein, wie das ſiegende Panier nach beendigtem Kampfe, und bin mir doch ſo ſehr ein Räthſel, daß ich nach den ſchimpf⸗ lichſten Feſſeln ſchmachte, die nur ein Mann tragen mag, nach den Feſſeln, die Glaube, Liebe und Hoff⸗ nung unſerem freien Aufſtreben hemmend in den Weg legen. Mit magiſchem Drange zieht es mich zu der katholiſchen Kirche, die in ihrem ſymboliſchen Ritus gleichſam die Myſterien des Gemüthlebens 167 feiernd, die geheimnißvolle Brücke zwiſchen Himmel und Erde— Geiſt und Sinne— Seele und Leib mir aufbaut. Allein ich dichte nur, wo ich glauben ſoll; ich möchte nicht an der Hand dieſer Prieſter meine Bahn wandeln, möchte dem Geiſte folgen dürfen, der leitend vor mir herzieht, wie Jakob's Stern. Und wenn nicht in dem Glauben, ſo dachte ich einſt, dann finde ich wohl in der Liebe die Feſſel, die in der Selbſtbeſchränkung eine ſüße Pflicht, in der freiwillig geopferten Freiheit die Stimme der Natur erkennt. Der erſte Kuß des Weibes berauſchte mich mit Träumen des Glückes, wie den Spieler ſein erſter Gewinn. Doch bald erwachte der Mann, der als Jüngling in den Armen der Omphale ent⸗ ſchlummert war, und ſchämte ſich der Bande, die ihn gefeſſelt. O, das Weib, das Weib!— Wer ſeine Natur ergründen, wer das Räthſel löſen könnte, das uns zu und von ihm zieht, das Räthſel, das den trotzigen Knaben zur Feindſeligkeit gegen das ſchüchterne Mädchen, den Jüngling mit namenloſer Sehnſucht und den Mann mit ſpöttiſcher Gering⸗ ſchätzung oft ſogar gegen die Genoſſin ſeines Lebens erfüllt— ich denke, wir ſtehen am Grabe noch vor 168 dieſem Lebensräthſel, das uns äfft, ſo lange wir von ſeiner Löſung Erlöſung für uns ſelbſt hoffen. Höchſtes oder Gemeinſtes, Edelſtes oder niederſte Potenz ihres Sinnenlebens, ein poetiſcher Traum oder ein gemeiner Rauſch— dieß Alles und noch weit mehr, als ſich nur denken, viel weniger ſagen läßt, erſchöpft ſich in der Natur des Weibes was iſt da wahr, was falſch?— Und wo der Glaube der innern Befriedigung, die er verheißt, nicht Wort hält, und wo die Liebe kein dauernd Glück gewährt, da mußte man die Hoffnung als ein täuſchendes Irrlicht, als ein Ba⸗ ſtardkind des knechtenden Glaubens und der mit Demüthigungen für den Mann ſo verſchwenderiſchen Liebe verachten. Erwarte nichts mehr von dem Le⸗ ben und es wird ſeine ſchärfſte Spitze, es wird ſeine bitterſten Enttäuſchungen, wird all' jene Schmerzen für Dich verloren haben, die geſcheiterte Hoffnungen erwecken. Hoffnung! o Du grauſames, kokettes, Du ſüß verlockendes und dann uns verhöhnendes Weib! Du biſt ein Salzquell in der Wüſte, ein Irrlicht für den Wanderer im Labyrinthe des Lebens, biſt eine Sirenenſtimme für den Schiffbrüchigen. Schande über den Mann, der Deine Feſſeln trägt— und 169 doch— wo wäre er, der nicht im heimlichſten Winkel ſeines Herzens dennoch einen Altar Dir bauen möchte?— Widerſpruch heißt unſere ganze Natur und wir nennen uns Gott ähnlich?— Frevel oder Wahnſinn. Was iſt das?— Bin ich noch ich ſelbſt oder träumte ich vielleicht nur von meinen Erfahrungen, die mich an jene Grenze erotiſcher Lebensanſchauung geführt, wo es bis zur Mißachtung des Weibes nur noch Ein Schritt?— Dieſe Angelika— ach daß die⸗ ſes herrliche einzige Weſen einen irdiſchen Namen, ein Etwas an ſich tragen muß, das ſie mit vielen An⸗ dern theilt!— So dachte ich mir— pfui welch' eine Entweihung, daß ich hinſchreiben wollte, die Houri's in Mahomet's Paradies. Was hat dieſe reine Him⸗ melsblume mit irdiſchen Gedanken, was dieſe verkör⸗ perte Seele mit Wünſchen gemein, die ein Flammen⸗ blick aus weiblichem Auge in der Bruſt des Mannes entzündet?— Was Flammen erweckte, verlodert wie die Flamme, was Genuß verheißt, verliert ſeinen Werth nach der Sättigung. Sie— o wahrlich Du 170 keuſcher Mondſtrahl, Du biſt überboten durch dieſen ſanften Himmelsblick ihrer Augen. Es muß klar in mir werden, ich muß wiſſen, was ich will— was ich hoffe— wünſche— er⸗ ſtrebe. Erſtrebe?— Nein wahrlich, das war doch zuviel geſagt. Noch bin ich ich ſelbſt, kein ſentimen⸗ taler Siegwart. Iſt meine Erkenntniß des Weibes eine am Born der Wahrheit geſchöpfte Erfahrung, iſt ſie die gerechte Nemeſis, welche der Schuld unter jeder Geſtalt folgt, ſo iſt meine Liebe zu Angelika eine Lächerlichkeit, die den Keim der Enttäuſchung in ſich trägt. Wie aber, wenn ich in meinem bisherigen Verkehr mit Weibern das Weib doch noch nicht kennen gelernt. Wie, wenn dieſer Himmel ſchuldlo⸗ ſer Natur, der aus Angelika's Auge leuchtet, doch wahrlich und wahrhaftig der Spiegel einer Seele wäre, deren Paradieſesfrieden keine Schlange der Verführung ſtören kann— dann, dann erſt wäre meine Liebe ein Verbrechen, eine Entweihung des Heiligſten, ein Frevel gegen Gott und ſein ſchönſtes Meiſterwerk— o die achte Todſünde. Fliehe ſie denn, Unglücklicher. In beiden Fällen droht Dir Selbſtent⸗ 171 zweiung, alſo moraliſche Vernichtung durch dieſes himmliſche Weſen, das ſeines Gleichen nicht hat. Es iſt nun ernſtlich beſchloſſen und ſoll morgen noch vollführt werden. Sie liebt mich nicht, ſie kann mich niemals lieben. Aus meinem Leben iſt ſie ge⸗ flohen die zarte beglückende Liebe, von der unſer Dich⸗ ter der Ideale ſo bezaubernd ſingt!— Geflohen iſt ſie aus meinem Daſein, wie die Grazien und das Glück das Reich der Uunterwelt fliehen; aber ich möchte nun doch wiſſen, ob all' das Elend meines zerklüfteten Daſeins in Folge der Prädeſtination über mich gekommen, oder ob ich nur durch eigene Schuld den Fluch meines verarmten Lebens mit mir umher trage. Seltſam. Indem ich dieſe Hypotheſe da vor mir auf das Papier werfe, fällt mir ein, daß ich etwas Aehnliches ſchon einmal gegen Pater Auguſtin — einen der aufgeklärteſten denkendſten Männer, die im Beichtſtuhle unſere Gewiſſen kontroliren— ge⸗ äußert haben mag. Er zeigte mir damals den einzigen freien Hebel der freien Selbſtbeſtimmung des Mannes im Ehrgeiz und in der Befriedigung des Dranges, 172 einzugreifen in die Weltereigniſſe. Der ſklaviſche Ge⸗ horſam, den alſo die Jeſuiten zur erſten Bedingung der Aufnahme in ihren Bund feſt ſtellen, wäre auf dieſe Weiſe betrachtet doch immer nur ein erlaubtes Mittel zum Zweck einer gewaltigen, in ihren Folgen doch wohl ſegensreichen Totalbewegung. Muß nicht der rechte, wahre, tief eingewurzelte Glaube— wenn man die Gegenſätze einmal ganz unparteiiſch gegen einander aufwiegt— ſo innerlich befriedigt, ſo ſelig machen, als Zweifel und Unglauben un⸗ ſelig machen?— Glaube!— Ja wer die Hoff⸗ nung feſthalten könnte. Gottlob, daß ich dieſen Blick erhaſcht— er war mir eine wohlthätige Arznei. O daß ſie ihn lieben kann, dieſen Stillen im Lande dieſen fröm melnden Harmani!— Freilich iſt er ein geſchmeidiger chevaleresker Frauenknecht, ein aller Welt Angeneh⸗ mer und von untadelichem Rufe. Ich dagegen- nun ſoviel iſt denn doch gewiß, daß der Mann zum Schleppenträger des Weibes ſich nimmermehr ernie⸗ drigen, daß er ſogar in jeder Stunde und in allen Situationen Herr ſeiner Gefühle bleiben ſoll. Wir 4 173 ſchwächen unſere Willenskraft, ja wir entehren uns im Auge ſelbſt des Weibes, wir machen uns zum Narren und ſentimentalen Weichling durch jene über⸗ ſpannte Huldigung oder Exaltation unſerer Gefühle, wie die Frauen alle ſie von uns begehren. Darum helfe ich mir durch Lachen oder Spott, wenn das Ge⸗ fühl mich überwältigen, wenn es zu einer Kundge⸗ bung mich zwingen will, welche die Vernunft und meine beſſere Ueberzeugung verwerfen. Fahre wohl Angelika— ſchönes unfaßbares Ne⸗ belbild— die Pole unſerer Weſenheit konnten ſich doch nimmermehr berühren. Du warſt das erſte Weib, das mich mit Scham vor mir ſelbſt erfüllt, Du ſollſt auch das letzte ſein, denn die Realität des Lebens hat mich wieder.— Dieſe Wolfgang iſt eine prächtige Erſcheinung und— ich liebe ja die Räthſel. Iſt ſie eine kalte Kokette, eine heißblütige Sirene, eine Lorelei, die ihre eigene Natur nicht kennt?— Das wohl am we⸗ nigſten. Aber etwas von den erſten beiden ſteckt hinter dieſen mit ſo verführeriſcher Anmuth geſenkten Augen⸗ wimpern, und ich denke, ich werd's ergründen. Er⸗ 174 gründen?— Ein Weib ergründen?— Und doch iſt Alles nur Oberfläche und erborgter Schein an dieſen lockenden Najaden für die Untiefen des Lebens— wie paßt da ergründen? Auf dem geſtrigen Balle beim Kommerzienrath Walther war ſie bezaubernd, ſo weit der Zauber wir⸗ ken kann, der nur durch das Auge thätig iſt. Sie ge⸗ hört zu jenen Frauen, die nur geliebt werden, ſo lange man bei ihnen iſt, die aber, ſobald der Nim⸗ bus, den ihre Nähe um ſich verbreitet, entſchwunden, ein Mißbehagen nachlaſſen wie Kopfſchmerz und Katzenjammer nach einem Rauſche, nach einer Orgie, der ſogenannten Liebe, die eben nur eine ſoge⸗ nannte iſt. Dieſe Frau verſteht zu quälen, durch Verſagung, wo ſie doch verheißt, durch Eiferſucht, wo ſie gewährt, und das iſt ja doch am Ende das ganze Räthſel, wodurch wir Männer gefeſſelt werden. Im Zurückweichen allein ſind die Frauen Sie⸗ gerinnen im Gegenſatz zu den Männern, und darin liegt im Grunde auch die Löſung des Räthſels, das nur für Unerfahrene ein ſolches iſt: warum die Liebe des Weibes ſo ſelten uns feſſelt, denn Liebe, die noch verſagen kann, iſt eben keine Liebe. 6 175 Ein weniger kokett wünſchte ih mir Eberhar⸗ dinen denn doch. Es iſt nicht Liebe, die uns an ein⸗ ander feſſelt, ich weiß es. Allein die Illuſion, ich möchte ſagen die Dehors der Leidenſchaft möchte ich mir doch gern bewahren. Durch die Würde, womit ein ſolches Verhältniß der freien Liebe ſich vor ſich ſelbſt zu behaupten weiß, hebt es ſich nicht allein in den Augen der Geſellſchaft, ſondern vor ſeinem eige⸗ nen Splitterrichter. Ich ſage: vor ſeinem eige⸗ nen Splitterrichter, und zwar mit gutem Grunde. Die freie Liebe, die ſich der verurtheilen⸗ den Welt gegenüber zu ſtellen den Muth hat, muß durch um ſo größeres Zartgefühl, durch eine ma⸗ kelloſe Treue, durch Rückſichtnahme jeder Art die ſogenannten glücklichen Ehen überbieten. Bei ihnen macht ſich dergleichen Schönthuerei entweder eine Zeit lang von ſelbſt oder, wenn ſie ſich nicht macht, wird ſie von guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen ohne Zweifel vorausgeſetzt. Die Liebe, welche es nicht vermeidet, ſich im Schlafrock ſehen zu laſſen, unterzeichnet ihr Todesurtheil ſo gewiß als die Sinnlichkeit, welche nicht zu verſa⸗ gen und die Leidenſchaft, welche keine Furcht zu erwecken weiß. Allein die Extreme berühren ſich auch 176 hier wie überall. Das ſtete Paradekleid der Liebe ermüdet ſo gut, wie die ſtete Prüderie oder die ſtets in Athem gehaltene Beſorgniß, an einen Glücklicheren zu verlieren, was man eben nur zur Hälfte oder vielleicht auch gar nicht beſitzt. Dieſer Baron Rabenau iſt mein Nebenbuhler, ich kann nicht länger daran zweifeln. O Eberhar⸗ dine, Du haſt mich tiefer verwundet, als Du Dir magſt träumen laſſen. Ich hatte Deinem heißen Blute, Deinem unbefriedigten Herzen eine ſo leicht⸗ ſinnige Vergangenheit verziehen als wohl ſelten ein Mann den Muth und die Großmuth haben wird, ſie ſeiner Geliebten zu verzeihen. Was ich anfangs nicht für möglich hielt, geſchah endlich doch. Ich öff⸗ nete Dir nicht nur meine Arme, ſondern auch mein Herz. Ich glaubte an die entſühnenden Thränen Deiner Reue, gab Dir mein beſſeres Selbſt und weihte Dir, wenn nicht meine ſeligſten, doch meine innigſten Gefühle. Weißt Du auch, Du kaltes grau⸗ ſames Weib, daß ich mich verachtet haben würde, hätte auch nur Ein Gedanke der Untreue gegen Dich, die beinahe um zehn Jahre ältere Frau, meine Phan⸗ taſte befleckt?— 177 Eberhardinens Vergnügungsſucht und Kokette⸗ rie ſind nicht nur ihre zweite, ſie ſind wahrhaftig ihre ganze Natur vom Scheitel bis zur Zehe. Viel⸗ leicht entſchuldigt das viel und erklärt auch den Schein der Untreue, den ſie auf ihr Verhältniß zu mir ge⸗ worfen. Aber klar muß es werden zwiſchen uns— ich muß eine ernſte Unterredung mit ihr haben, ich muß wiſſen, wie tief dieſe ſchöne bunte Schlange mein Herz verwunden kann. Verzeih mir, Du reizen⸗ des, immer noch unſäglich geliebtes Weib— wenn ich Dir Unrecht thue. Die Eiferſucht iſt eine Krank⸗ heit, die ihr ätzendes Gift aus der Wurzel des eige⸗ nen Liebesglückes ſaugt. Trauriges Räthſel, das des menſchlichen Herzens, in Verhältniſſen wie das un⸗ ſere. Wir wiſſen, was wir verlieren und wiſſen doch nicht, was wir beſitzen. Baron Rabenau hat mich nicht aus ihrem Herzen verdrängt— ich habe es niemals beſeſſen, dieſes falſche farbenſchillernde Chaos weiblicher Eitelkeit und weiblichen Wankelmuthes. Was habe ich geſtern erlebt und um welche ſchmerzvolle Ent⸗ täuſchung iſt mein Leben reicher geworden. Frick, d. opfernden Götter. I. 12 178 Rabenau iſt einer von jenen Männern, die von dem zarten Geſchlecht vergöttert werden, weil ſie es zu brüskiren verſtehen. Auge um Auge, Gunſt um Gunſt, wo es nämlich die Mühe lohnt — das iſt ſein Wahlſpruch. Er bittet um nichts, was ohne Bitte doch ſo gern gewährt wird und was käuflich unter allen Umſtänden iſt; ſei es um werthvolle Geſchenke oder um ſüßen Weihrauch, dem das eitle Herz des Weibes noch weniger wi⸗ derſteht als funkelnden Steinen. Der Frauen ſoge⸗ nannte Tugend iſt Eitelkeit, ihre Liebe und Treue — doch ich wollte mich ja nur an Eberhardinens Perfidie erinnern. Er ſchien ſie lange zu ignoriren, das verwun⸗ dete ihre Eigenliebe. Sie gab ſich viel Mühe mit dem Anſchein, dieſes Ignoriren nicht zu bemerken, allein Rabenau durchſchaute ſie, das las ich in ſeinen lauern⸗ den ſchadenfroh ſinnlichen Blicken, womit er ſie ver⸗ folgte. Da kam das ſentimental beginnende Schäfer⸗ feſt, das in eine ziemlich ungebundene Maitrank⸗Or⸗ gie ausartete. Rabenau wollte ſeine Villa nicht dazu hergeben, was ich ihm nebenbei geſagt gar nicht ver⸗ denken konnte. Vergebens hatten alle blond gelockten und braun geſcheitelten Huldinnen ſeiner Bekannt⸗ — 179 ſchaft ihre Verführungs⸗ und Ueberredungskünſte ver⸗ ſucht, er hatte beharrlich widerſtanden. Ich kann ja nicht wortbrüchig werden, hatte er mit höflich kaltem Achſelzucken ſich entſchuldigt. Die erſte ſehr achtbare Dame, der ich die Unmöglichkeit, ihrem Wunſche zu genügen, auseinander geſetzt, wird alle meine ſpätern Weigerungen entſchuldigen. Es wäre eine Beleidigung der gröbſten Art, wollte ich einer andern Dame das gewähren, was ich der erſten verweigert. Man würgte die impertinente Pille hinunter, und gab die Hoffnung auf das ſo ſchön geträumte ländliche Feſt unter dem duftenden Trifolium blühen⸗ der Orangen, Mandeln und Aklazien mit trauernden Herzen auf. Eberhardine hatte kein Wort der Bitte gegen den Baron verloren, das erfüllte mich närriſchen Menſchen mit Freude. Als ob es der Worte bedürfte, um die Perfidie eines Weibes vorzubereiten. Sie tanzten eine einzige Polka⸗Mazurka zuſammen, das war Alles, und am Schluſſe dieſes hübſchen kleinen Thee dansant erklärten der Herr Baron Rabenau, daß die gnädige Frau— er küßte Eberhardinens Hand— ihn überzeugt, wie es gegen die Geſellſchaft, welche ihn, den Fremden, ſo oft in ihrer Mitte empfangen 12* 180 und erfreut, als eine Beleidigung aufgenommen wer⸗ den könne, wenn er länger ſich weigern wollte, dem Comité des Frühlingsfeſtes ſeine Villa zur Dispoſi⸗ tion zu ſtellen. Ei wie war denn das ſo ſchnell gekommen?— Meine Augen hafteten feſt an dem Paare, es war mir, als wanke der Boden unter meinen Füßen. Eberhar⸗ dine ſah mich,— ſie erröthete und ſenkte die Augen. Ich weiß nicht, ob abſichtlich oder abſichtlos, allein ihr Handſchuh fiel zu Boden. Der Baron hob ihn auf, ſein Blick fragte: darf ich ihn behalten?— und der ihre— bejahte. Gieb mir den andern, flüſterte ich ihr zu, als ſie an meinem Arme die Treppe herab nach ihrem Wa⸗ gen ging, damit Vergangenheit und Zukunft Dir keine weitern Skrupel machen. Komm mor⸗ gen Vormittag zu mir, entgegnete ſie ein wenig ge⸗ zwungen lachend, ich kann mich rechtfertigen, wenn Du vernünftig biſt. Wenn ich vernünftigbin. Nun ja doch, ich weiß ſchon, was das ſagen will, und habe mich überwunden, fünf lange Tage ihre Schwelle nicht zu betreten. Erſt geſtern, am Tage jenes ominö⸗ ſen Feſtes, ſah ich ſie wieder, und wie ich erwartet, las ſie mir den Text über meine angeblich grundloſe 181 Eiferſucht. Biſt Du denn gar nicht eitel auf meinen Beſitz?— ſophiſticirte ſie,— biſt Du nicht ſtolz dar⸗ auf, Dein eigen zu nennen, was Andere Dir beneiden? Sie hatten ſich Alle mit Bitten, Vorſtellungen und Koketterien aller Art gegen dieſen aimable roué er⸗ ſchöpft, und hatten ſich vergebens damit blamirt, das machte mich lachen. Nun die Hoffnung, ihn zu be⸗ rücken aufgegeben war, nun ſetzte ich mir in den Kopf, ohne ein Wort der Bitte dieſe dreizehnte Herkulesar⸗ beit zu vollbringen. Iſt dieſe kleine weibliche Eitelkeit nicht ſehr verzeihlich, weil es eben eine rein weibliche iſt? Sage nur Ja, lieber Alphons, denn in Deinem Herzen giebſt Du mir doch Recht. O die Schlange, wie reizend ſie war, alſo ſie ſo ziſchte. Nun höre, wie ich es anfing, um, ohne mir eine Blöße zu geben, zum Ziele zu gelangen. Während des Tanzes ſprach ich nur von Dir und was ich damit be⸗ zweckte, geſchah. Der Baron erlaubte ſich kleine An⸗ ſpielungen und Neckereien in Bezug auf unſer Ver⸗ hältniß. Ich läugnete, wie ſich von ſelbſt verſteht, er lachte boshaft ungläubig. Beweiſe, ſchöne Kaſſandra, ſpottete er, ſonſt glaubt man Ihnen das Unglaubliche nicht. 182 Warrenberg hat kein Recht zur Eiferſucht, er⸗ wiederte ich mit eiskalter Ruhe, das iſt Beweis genug. Darf ich ihn auf die Probe ſtellen? Soviel Sie wollen, doch bleibt es eben nur bei der Probe. Erklären Sie z. B. daß Sie auf mei⸗ nen Wunſch Ihre Villa zu dem beabſichtigten Früh⸗ lingsfeſte zur Dispoſition ſtellen werden, ich denke, das iſt Probe genug. Er ſtutzte, betrachtete mich eine Weile mit prü⸗ fendem Blick, dem ich natürlich die höchſt mögliche Doſis Unbefangenheit entgegenſetzte, dann willigte er unter der Bedingung ein, daß er vor Deinen Augen irgend ein Zeichen weiblicher Gunſt, eine Schleife, Blume oder etwas dergleichen Idylliſches in Empfang nehmen dürfe. Deſſen konnte ich mich natürlich nicht weigern, ſonſt wäre mein ganzes ſo ſchön eingeleitetes Projekt an einer lächerlichen Ziererei geſcheitert. Nun ſage ſelbſt Alphons, iſt mein Verdienſt bei dieſer närriſchen Angelegenheit nicht ein dreifaches?— Ja ja, ſprach ich, mit meinen Gedanken einen ganz andern Weg verfolgend, halb laut vor mich hin, es iſt ſicher ſo. Erſtens, fuhr ſie ganz harmlos zu plaudern fort, habe ich mir ein Verdienſt nicht geringer Art um —— —.— 183 die Frühlingsfeiernden erworben; dann habe ich einen eitlen Thoren geäft, dem es ſeiner Meinung nach niemals bei den Frauen fehlen kann, und dann gebe ich Dir ſchließlich noch einen gar nicht gering an⸗ zuſchlagenden Beweis meiner Aufrichtigkeit und Treue. Vergilt mir das, Alphons, und quäle mich künftig etwas weniger mit Deiner Eiferſucht. Wir compro⸗ mittiren uns und verbittern uns nebenbei das Leben. 4 Mir war kläglich zu Muthe. So lange ge⸗ narrt worden zu ſein von einer Frau, die dieſes Streiches fähig, war doch ein gar zu erbärmliches Gefühl. Welche Gemeinheit niſtet doch in weibli⸗ chen Köpfen, wenn es ſich um Erfindung einer In⸗ trigue handelt, die ihrer Eitelkeit oder noch etwas Schlimmerem einige Ausbeute verſpricht.— Nun hatte ich aber doch meine Gründe, das auf Unkoſten meines Herzens verſchönte Frühlings⸗ feſt zu beſuchen, und ohne mich Eberhardinen mehr als der Anſtand es verlangte, zu nähern, beobach⸗ tete ich ſie ſcharf. Sie gab ſich kokett aber zurück⸗ haltend, wie gegen alle Männer, ſo auch gegen den Baron, nur weiß ich leider aus Erfahrung, was von dieſer wohlberechneten Zurückhaltung zu halten 184 iſt. Das müßte ein Marmorblock ſein, den ſie nicht mit heißem Verlangen berauſchte. Ich ſelbſt muß nach dieſem grellen Lichte, das mir gekommen, noch allen Mannesſtolz und alle Selbſtbeherrf ſchung in mir aufrufen, um Siecger, nicht über meine Liebe darf ich ſagen, wohl aber über meine Leidenſchaft zu bleiben. O Weiber Weiber! Fangeiſen für die Hölle, die wir auf Erden ſo lange in uns tragen, bis wir — durch Vernichtung von Euch frei ge⸗ worden. Ich mußte dieſe Stadt, die mein Glück und meine Beſchämung geſehen,— ich mußte die Luft, die ſie athmet, meiden, ſonſt wäre dieſe fürchter⸗ liche Frau zu verlaſſen eine Unmöglichkeit geweſen. O Eberhardine, Du haſt einen Menſchenhaſſer mehr der Welt vererbt. Dieſer Rauſch— die gemeinſte aller menſch⸗ lichen Leidenſchaften— hat mir zwar keine ſüßen Früchte, aber zum Hellſehen verhelfende Früchte hat er mir eingetragen. Pfui doch mein ſchöner von den Weibern verhätſchelter Baron, wie kann man 185⁵ ein ſo erfahrener Weltmann, und ſo ſchwatzhaft bei ſchwerer Zunge ſein. Meine philiſterhafte Treue, meine langweiligen Moralſermone ſind ihr alſo lä⸗ ſtig, ſind ihrem wankelmüthigen Sinn, ihren genuß⸗ ſüchtigen Sinnen eine zu eng begrenzte Pflicht ge⸗ worden. Wenigſtens die Koketterie gegen Andere⸗ wünſchte ſie von dieſen Verpflichtungen gegen mich ausgenommen und ich Pedant war ſchwerhörig ge⸗ nug, das nicht begreifen und, wenn ich's begriffen hätte, nicht toleriren zu wollen. Großer Gott iſt es denn nur möglich, daß eine Frau ſo ſehr weib⸗ licher Satan ſein kann, um die Untreue des Man⸗ nes, der ſich mit Seele und Leib ihr gewidmet, um ſeine Untreue zu wünſchen, ja ſyſtematiſch ſie vor⸗ zubereiten? Und wozu dieſe teufliſchſte Intrigue? Einzig um dieſen Mann moraliſch ſich gleichgeſtellt, um des läſtigen Sittenpredigers ſich enthoben zu wiſſen!— Ach ich würde ja ſo gern an dieſer Scheußlichkeit zweifeln, wäre Zweifel nur noch mög⸗ lich. O Angelika! Angelika! vergieb, daß ich mit, dieſer Circe zugleich Deinen geheiligten Namen zu denken wage! Hätte ich den Muth und die Kraft gehabt, in ſchweigender Entſagung Dein Andenken zu ehren, die Erinnerung an Deine Lichterſcheinung 186 in meinem Herzen zu bewahren, wie der Pilger ſein Amulet oder ſeine Reliquie— dieſe Stunde fürchterlicher Enttäuſchung, wäre mir erſparrt ge⸗ blieben. Traurige Schwachheit der menſchlichen Na⸗ tur, daß ſie im Rauſche ſo gern Vergeſſenheit ſucht und mit dem Vergeſſen an die Stunde des Er⸗ wachens— die doch jedem Rauſche einmal ſchlägt — ihre Täuſchung beginnt. Mag er denn meinetwegen Baron Rabenau oder Graf Rauſchenbach heißen, er hat nun in zwei der peinlichſten Situationen meines Lebens als wahrer aufrichtiger Freund ſich bewährt. Auch daß er in dieſe myſteriöſe Geſellſchaft mich eingeführt, kann ich ihm— aus dem Geſichtspunkte, aus dem wir Beide die Dinge betrachten— nur Dank wiſſen. Sonſt freilich— aber ich will mein Ge⸗ lübde nicht brechen. Nicht mündlich noch ſchriftlich; weder in Briefen noch in der vertrauteſten aller Mittheilungen, in dem ſelbſtbiographiſchen Tage⸗ buche über dieſen geheimnißvollen Götterbund irgend welche Gedanken zu verlautbaren— das habe ich gelobt und deshalb dieſen Blättern die erſte und letzte Andeutung, ich möchte lieber ſagen Mah⸗ nung an mein gegebenes Wort hiermit an⸗ vertraut. Wenn das nicht jeſuitiſche, auf den Ehrgeiz der Jugend und die Prieſterherrſchaft, welche das Alter ſo gern ausübt oder duldet, berechnete Leh⸗ ren ſind, die ich geſtern vortragen hörte, ſo gab es wohl niemals Schüler Loyola's, die ihr Thun und Treiben in ſiebenfache Nebelſchleier hüllen. In- travimus ut agni, regnavimus ut lupi, ejiciemur ut canes, renovabimur ut aquilæ.*) Ich muß, wenn ich dieſen Alten höre, immer wieder an die Redem⸗ toriſten oder Ligorianer denken, deren Geſchichte mir vor ein paar Jahren in die Hände fiel. Das war ein gar ſchlauer Jeſuitenſtreich, in dieſer Maske zu agiren. O Ariſtoteles, du armer gemisbrauchter Lieblingsklaſſiker meiner Studienzeit!— das hätteſt *) Wie Lämmer haben wir uns eingeſchlichen, als Wölfe re⸗ gieren wir, wie Hunde wird man uns vertreiben, aber als Adler verjüngt werden wir zurückkehren.(Franziskus Borgia, dritter Jeſuitengeneral.) 188 Du Dir wohl nimmer mehr träumen laſſen, daß dieſe wölfiſchen Lämmer und hündiſchen Adler der⸗ einſt auf Deine Schultern treten und von dort herab die Welt zu reformiren und zu regieren ver⸗ ſuchen würden. „Kein Volk kann ohne Religion beſtehen,“ ſo lautete ohngefähr der Vorwurf dieſer populären Apoſtrophe.„Sie iſt ein geiſtiges Bindemittel und zwar das ſtärkſte von allen. Allein es gibt in je⸗ dem Volke zwei Religionen. Eine für die Gebil⸗ deten, die zum herrſchen beſtimmt ſind, die andere für das Volk, das gehorchen lernen ſoll, weil es durch Gehorſam am glücklichſten iſt.“[O Mac⸗ chiavell!!„Die erſte dieſer Religionen iſt immer einfach, dem Leben angepaßt und leicht auszuüben, die zweite muß dunkel, geheimnißvoll und ſtets ge⸗ waffnet erſcheinen. Denn das Volk will auch im Heiligſten nur Ahnungen, nur Offenbarung. Es kann ſich ſeinen Gott nur mit einem Nimbus von Wundern umgeben denken. Darum haben auch bis jetzt alle Prieſter und oberſten Lenker der Völker durch Furcht und indem ſie ſich mit den Attributen der Gottesnähe umgeben, zu herrſchen gewußt. Auf ihnen ruhete die Vollmacht, zu löſen und zu bin⸗ 189 den, wie es in der Schrift heißt, nämlich zu ver— zeihen und zu ſtrafen. Aus ihnen ſprach wirklich und wahrhaftig ein Gott, darum unterwerfen ſich ihnen die Völker freiwillig. Haben ſie nun aus Muthloſigkeit oder mißverſtandener Aufklärungsma⸗ nie, aus Trägheit oder Schwäche ihre urſprüngli⸗ chen Rechte aufgegeben, ſo ſind ſie eo ipso der Herrſchaft verluſtig. Denn es gibt, wie geſagt, nur zwei Klaſſen im Staate: Herrſchende und Gehorchende. Der Staat ſelbſt iſt nur ein todter Körper, ſo lange er nicht ſeine Kräfte gel⸗ tend macht. Alle Bürger zuſammen bilden aber eben den Staat, deſſen Mehrzahl Gehorchende im Intereſſe des Ganzen ſein müſſen. Folglich ruht die Herrſchaft in den Händen der wenigen Regie⸗ renden. Wer aber ſind dieſe?— Wer anders als die Prieſter, da ſie die Vertreter, die Erklärer und Formengeber der Religion ſind. Deshalb ſteht auch die Religion über dem Staate, deſſen Fürſten und Beamte zuerſt Diener der Religion ſind. Sie aber, in deren Händen das Scepter der Geiſtesherrſchaft ruht, die Ausleger religiöſer Geheimniſſe haben auch Gewalt über jene, die zwar ſcheinbar die Völker beherrſchen, die aber dennoch von ihnen abhängig 190 ſind. Denn das Volk hat das unbeſtreitbare Recht, zu ernennen, zu behalten oder zu verwer⸗ fen, von wem es regiert ſein will.“ Von wem es regiert ſein will. O weiſer König Salomo! Das heißt doch wohl nur mit andern Worten: das Volk möge ſo geleitet werden, daß es lieber von ſeinen Prieſtern als von ſeinen Fürſten ſich regieren laſſe. Welche Aehnlichkeit— dieſe Seraphine Leut⸗ ner— mit meiner unvergeßlichen Angelika! Mit meiner Angelika?— o bittre Ironie! Sie iſt ja verheirathet. Wie man ſagt an einen ungelieb⸗ ten rauhen Mann. Ein Opfer kindlicher Pflicht und kindlichen Gehorſams iſt ſie hingegangen— da hat denn ihr ſchöner Name nicht gelogen. Mein Bogenſels paßt nicht für dieſen Bund, Gott verhüte, daß wir ihn jemals den unſern nen⸗ nen. Dieſe Opferhallen ſollten nur heimatloſe Le⸗ benswanderer betreten, nur müde Pilger, die ſchwer zu tragen haben an der Bürde einer ungeſühnten Schuld oder eines verfehlten Lebens. Lothar, dieſer Götterſöhn von Rechtswegen, ſoll ſeine Weihe als 191 Ephebengott nicht aus befleckten Händen empfangen, ſo lange meine treue Freundſchaft noch Macht über ihn behält. Graf Rauſchenbach— o der Verräther — ich darf ihn ja nicht entlarven. So oft ich Seraphinen wiederſehe, wird mir ſo wohl und ſo bang um das Herz, als beſuchte ich ein theures Grab. Darf ich aber dieſer Fried⸗ hofsſtimmung wohl nachgeben?— Darf ich ver⸗ geſſen, daß mir kein Weib auf Erden und ich kei⸗ nem mehr etwas ſein kann?— Der Augen⸗ blick allein iſt der freundliche Gott, aus deſſen Füllhorn noch zuweilen ein paar Blumen auf meine Stirn herabfallen— das möge ich doch nie ver⸗ geſſen. Mein Lothar, der einzige Freund, der einzige Menſch, an den ich glauben gelernt— iſt ein Opfer ſeines Dranges nach ungewöhnlichem Wiſſen, er iſt ein Opfer der uns Deutſchen innewohnenden Fauſtnatur geworden. O Vorſehung, nimm mir Alles, was dieſes verarmte Leben noch zu verlieren 192 hat, und laß' nur ihn ſein rettendes Gretchen finden. Täuſchten mich meine Augen nicht, ſo ſah ich geſtern Eberhardinen in der Hartenſtedt'ſchen Equi⸗ page an mir vorüberfahren. Iſt es wirklich ſo, lenkt ſie die Fäden dieſer Liebeskataſtrophe, ſo er⸗ barmen ſich alle Heiligen meines armen Lothar und des ſchuldloſen Weſens, das vielleicht allein ihn noch zu retten vermag. Und morgen ſchon muß ich abreiſen, muß Wochen, vielleicht Monate lang fern bleiben; was kann unterdeß nicht alles geſchehen! — Nir ſcheint, der Bund hat es ſehr eilig mit dieſer Miſſionsreiſe, die mich über Hals und Kopf entfernt. Sie wird mich wieder viel Geld koſten dieſe„ehrenvolle!“ Reiſe, und der Lohn, der mir dafür verſprochen, iſt eben auch keine Lebens⸗ rente. Der Eintritt in den Herrenſtand; ganz gut. Nur fürchte ich, daß meine beiden verſchulde⸗ ten Güter durch dieſe Standeserhöhung nicht in beſſern Zuſtand kommen werden. Der Ephebagos ſcheint allerdings ein rechtlicher, frommer, ſtiller Mann, allein die Rechnungen, welche er vorlegt, ſind zwar ſehr ſchön und reinlich linirt und voll gut klingender runder Summen, nur ſcheint mir, 193 daß ſie trotz ihrer vollendeten Ausführung doch darauf berechnet ſind, daß ich faſt der einzige Pe⸗ dant bin, der einen mehr als flüchtigen Blick dar⸗ über hingleiten läßt. Der Bund hat weit verzweigte Verbindungen, ſagte Rauſchenbach, als er mich zu einem Gliede dieſer Kette machte. Die Thätigkeit, welche Sie ihm zuwenden, wird in der Folgezeit zehnfache Zinſen tragen. Für meine etwas deran⸗ girten Finanzen wäre der Eintritt dieſer„Folge⸗ zeit“ nun ziemlich wünſchenswerth. O Weiber Weiber!— In welchem unzu⸗ rechnungsfähigen Rauſche befand ſich doch unſer Dichter der„Ideale,“ unſer wahrlich unſterblicher Schiller, als er ſein„Ehret die Frauen“— an uns Männer apoſtrophirte! Angelika! Du En⸗ gelstraum meiner Jugend— errötheſt Du nicht, wenn ſie bei dem ſchönen engelreinen Namen Dich rufen, während Du Wortbrüchige auch von ihm, von dem Buben ſo Dich nennen läßt, dem Du Deine Ehre, Deinen Glauben, Deinen ach ſo un⸗ befleckten Ruf geosfert Wie war mir, als ich ſie ſchmähen hörte, ſie, die heiligſte reinſte Erinnerung meines ganzen Le⸗ bens. O wie war mir, als ich ſie wieder ſah, von Frick, d. opfernden Götter 1. 13 194 Kummer, nein von Schuld gebeugt und gebleicht, geſenkten Hauptes, mit gebrochener Geſtalt neben ihm hergehen— o neben ihm— ich hätte ihn ermorden können. Eine Stimme zwar erhob ſich und ſprach von namenloſen Leiden und Demüthigungen, welche die unglückliche in ihrer kinderloſen Ehe erduldet, bis ſie dieſe Stadt, mit ihrem Jugendfreunde dem zwing⸗ herrlichen Kerker entflohen, auf der Reiſe berüh⸗ ten.— Bis dahin ſei ihr Wandel unſträflich rein geweſen und nur, um ihren Fehltritt vor dem Forum der Geſellſchaft wieder einigermaßen auszu⸗ gleichen, habe ſie die Scheidung eingeleitet und ſei zur proteſtantiſchen Kirche geflüchtet. Dieſer Schritt macht ihr freilich eine zweite Ehe möglich; allein welche Unmoral liegt in dieſem Concubinat einer Frau, deren angetrauter Gatte noch lebt!— Schaudernd müßte die weibliche Sittſamkeit und die weibliche Tugend von ſolch' einem unnatürli⸗ chen Bündniß ſich abwenden und— Angelika bebt nicht davor zurück?— Räthſelhaftes Labyrinth des weiblichen Herzens!— Der Faden, der Dich ergründen möchte, iſt wohl noch nicht geſponnen. — — 195 Wäre ich nicht ein Thor, wenn ich mir dieſe Seraphine Leutner, das Spiegelbild jener ſchuld⸗ loſen! Angelika, weniger gefällig denken wollte, als ſie, o ſie nun doch gegen Einen Mann in der Welt ſich gegeben?— Die Seraphine und Angelika von heute ſind freilich noch immer Engel, daß iſt nun ein⸗ mal ſo hergebracht. Allein durch allzuviel Luſt am Gefallen ſind ſie gefallen, alſo gefallene Engel, und gefallen deshalb den Meiſten von uns um ſo beſſer. O Schmerz!— daß du zum Lachen reizen kannſt, das iſt der Humor, der unter mancherlei zuſammenwirkenden Umſtänden in das Tollhaus füh⸗ ren kann. Bacon von Verulam— dieſer außer⸗ ordentliche von der Natur ſo überreich ausgeſtattete Geiſt— dieſer Reformator faſt aller wiſſenſchaft⸗ lichen Syſteme, der zweifelnde reflektirende Prote⸗ ſtant— Denker durch und durch— vertheidigt die Jeſuitenſchulen mit dem regſten Eifer und zollt ihrer Lehrmethode die wärmſten Lobſprüche. Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als 13* 196 ich das las, und ſchaͤme mich von dieſer Stunde an meiner eigenen Zuneigung zu den Lehren und der Thätigkeit dieſes weltbewegenden Bundes nicht mehr. Uebrigens ſcheint mir, man könne als Ephe⸗ bengott ſich etwas darauf zu Gute thun, wenig⸗ ſtens moraliſch die Probe durchgemacht zu haben, welche der edle Paver durch ſein eigenes Beiſpiel den Novizen des Ordens auferlegte. Die niedrigſten Dienſte bei den Kranken in Spitälern ſteigerten ſich damals— in der Mitte des ſechszehnten Jahrhun⸗ derts— bis zur Verleugnung des erſten aller phy⸗ ſiſchen Naturgeſetze: des Ekel's. Paver's Beiſpiel machte es zu einem beſonderen Ehrenpunkt der geiſt⸗ lichen Ritterſchaft, die ekelhafteſten Geſchwüre der Kranken in den Hospitälern aufzuſaugen. Auch die Civiliſation hat ihre moraliſchen Ge⸗ ſchwüre und ſeit ich geſtern den erſten Myſterien des Herrenſtandes beigewohnt—— Lothar, Lothar, Gott verhüte, daß Du jemals zu dieſer höchſten Würde eines Ephebengottes gelangen mögeſt. Armer, armer Freund! Immer dichter ſchlin⸗ gen ſie das Netz der verderblichen Fäden über Dei⸗ nem Haupte zuſammen und ich— muß ſchweigend 197 es geſchehen laſſen. Noch denke ich des Abends— es war beim zweiten Gaſtmahl, dem er als Sän⸗ gerbruder beiwohnte. Sein wiſſeenſchaftlicher Eifer hatte ihn weit über die Grenzlinie fortgeriſſen, welche die Geſetze des Bundes dem Schülergrade zugeſtehen. Ach, er gebrauchte das ſchöne Vorrecht der Jugend, in Idealen ſich zu berauſchen, im voll⸗ ſten Maaße, allein er war auch wirklich anzu⸗ ſchauen wie ein Gott, der die Gemeinheit der irdi⸗ ſchen Menſchennatur von ſich abgeſtreift. Könnte nicht eine Zeit kommen, ſprach er mit flammendem Auge, wo die Herrſchaft des Geiſtes, der unſere Denkraft belebt, ein edleres Ziel erreicht, als die Beherrſchung der Menſchen?— Könnten wir nicht einſt dahin gelangen, die Natur und ihre eigenen Schöpfungen ſo gut zu beherrſchen, wie wir jetzt, freilich nur theilweis, die Elemente uns dienſtbar gemacht?— Freilich wäre dieſer Kampf des Menſchengeiſtes mit der Na⸗ tur nur in einer geſunden kräftigen Republick im engſten Sinne des Wortes möglich. Denn wo es ſich noch um Erwerbung und Beſitz zu arrondiren⸗ der Staaten handelt, da verbirgt ſich die in der Natur ſchlummernde Geheimkraft. Es verbirgt ſich 198 der Urſtoff allen Sein's— nicht vor dem ergrün⸗ denden, dem austiefenden Geiſte, ſondern vor dem nutznießenden Herrſcher, vor dem gemeinen Materialismus. Erſt wenn ſie von den Kriegen der Völker nur noch in alten Büchern leſen, wenn Pro⸗ feſſoren über die Titel, wie Graf, Baron, Fürſt u. ſ. w. lächeln werden, wenn das einzige Geſetz⸗ buch die Menſchenliebe und das beglückende Band allgemeiner Kultur die Völker umſchlingen wird— dann— Der Ephebagos ſchlug dreimal an ſeinen Teller — das Gaſtmahl war beendet. Bei dem folgenden Opfer bedeutete man dem allzu feurigen Schüler: es ſchicke ſich nicht, bei den Gaſtmahlen des Götterbundes über irdiſche Dinge allzu beredt zu werden. Jeder Schüler habe den Geiſt auf göttliche Dinge zu richten, als da ſeien: Gewinnung möglichſt vieler Anhänger von geiſtiger Befähigung, Erforſchung der höchſten Kraft und überhaupt Erfüllung der Pflichten eines Epheben⸗ gottes. Dieſe beſtehen in ſtrengem Gehorſam gegen die Brüder, Lehrer und Herren, im häufigen Be⸗ ſuch der Opferungen, in Belehrung des Volkes, namentlich aber im vielfachen Verkehr 199 mit dem weiblichen Geſchlecht, um deſſen Geiſt auf höheres zu leiten und es heran zu bil⸗ den zu Müttern einer glücklicheren Generation. Bogenfels verſtand den Geheimſinn dieſer über⸗ reichen Admonition nicht zur Hälfte, darauf wollte ich ſchwören. Er hatte kein Arg, keine Ahnung der Wahrheit kam in ſeine Seele. Freilich wie ſollte es auch. Kam ſie ja doch aus geweihtem Munde. Unſer Ephebagos Pluton iſt ein allgemein geachte⸗ ter Prieſter an der St. Eliſabethkirche und neben⸗ bei— einer der Götter majorum gentium. O rette ihn Dir Du höchſte Macht des Him⸗ mels und der Erde dieſen ſittlich ſelbſtſtändigen Charakter. Rette Dir dieſen edlen Jüngling, der Sinnenrauſch und Sünde gleich bedeutend als Ne⸗ gation Gottes klaſſificirt, verwirft und flieht. Ge⸗ dankenreinheit und Selbſtachtung ſind ihm Lebens⸗ elemente, ſind ihm die einzigen Bedingungen mög⸗ lichen Glückes, und wie ſtreng verfährt er in ſeinen Selbſtprüfungen. An meinen Freund Lothar. Wenn jemals die unheilvolle Stunde ſchlagen ſollte, wo Du Deinem Worte treu dieſe Blätter entſiegeln und leſen darfſt, dann, Freund meiner Seele, ſind wir für die Dauer dieſes Lebens ge⸗ trennt. O denke meiner Lothar als eines in der Wüſte des Lebens Verirrten, als eines Wanderers, der nicht die Kraft gehabt, dem Sirenengeſange zu widerſtehen, womit der Dämon der Jugend die Welt um vorwurfsfreie, kraftvoll handelnde Männer be⸗ ſtiehlt. Was Du mir geweſen, Du einziger Freund meiner Jugend— davon ſage ich Dir nichts. Ein⸗ zelne Stellen meines Tagebuchs werden es Dir viel⸗ leicht andeuten, allein auch wirklich nur andeu⸗ ten. Gott ſei mit Dir und ſende Dir den Engel, deſſen Gebet aus ſchlimmen Händen Dich zu erret⸗ ten vermag. O hätteſt Du meiner Warnungsſtimme Gehör gegeben, wärſt Du jenem Bunde fern ge⸗ blieben!— Du weißt am beſten, welch' ein Ge⸗ lübde mich bindet. Vielleicht brach ich es ſchon, als ich heute bei unſerm Lebewohl eine Warnung laut werden ließ, die zu beherzigen ich Dich dennoch wiederholt bitte. 201 Was ich Dir noch zu ſagen hätte, würde ein Buch ausmachen; was ich Dir noch ſagen kann — iſt wenig. Auch drängt die Zeit, denn keine Sonne ſoll mich mehr in dieſem verruchten Baby⸗ lon begrüßen. In welcher Gemüthszerrüttung Du mich fan⸗ deſt, als Du vom Balle heimkehrteſt, brauche ich Dir nicht erſt zu ſchildern. Ich las in Deinen er⸗ ſchrockenen Mienen die Verſtörtheit meiner Züge deutlicher als in einem Spiegel. Ein Mädchen, das einen leichtſinnigen Genußmenſchen in die ihm ge⸗ bührenden Grenzen zurück gewieſen— was wäre das auch weiter geweſen. Wer ſeinen Nacken im Dienſte ſeiner Leidenſchaften beugt, muß es ſich ge⸗ fallen laſſen, wenn er den Fuß eines Stolzeren darauf fühlt. Aber nein, das war es nicht, mich traf eine härtere Demüthigung. Unter dem Vorwande eines Arbeitgebers hatte ich mich bei den drei Geſchwiſtern Leutner, von de⸗ nen ich Dir ſchon erzählt, einzuſchmuggeln gewußt. Bertha, die älteſte, arbeitet faſt immer außer dem Hauſe und die junge Anna, ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, iſt von der Koſenell zum Balleteorps einrangirt worden. So kam es denn, 202 daß ich Sevaphinen häufig allein traf und ihrer Unterhaltung mich erfreute. Ihre Aehnlichkeit mit dem einzigen Mädchen, das ich jemals geliebt, ihr natürlicher Verſtand und namentlich die ſchuldloſe Unbefangenheit, womit ſie meine Beſuche geſchehen ließ, ohne mich auch nur zu einem annähernden Schritt zu ermuthigen— dieß Alles machte mir das Mädchen werth. An jenen heilloſen, mich mehr als ſie entehrenden Schritt, den ich geſtern Abend gethan, dachte ich nicht entfernt. Seraphine war mir dazu zu lieb, wie eine Schweſter trotz ihrer Schönheit. Da kam die unſelige Reiſe. Angelika's Schuld — wenn ich ihren Fehltritt ſo nennen darf— weckte den Dämon des Zweifels an jeder weib⸗ lichen Tugend mit fanatiſcher Stärke in mir. Ich kehrte zurück, ſuchte Seraphinen mit einem von Bitterkeit und Hohn überquellenden Herzen auf und — mein Unſtern wollte, daß ich ſie allein fand. Zum erſten Male, ſeit ich bei ihr ein und aus⸗ gehe, näherte ich mich ihr ſo weit, daß ich ihre Hand erfaſſen, dann ihre Tallle umſchlingen und ſie an mich ziehen konnte. Als ich das Heiligſte der Liebe— den Kuß— entweihen und in dieſer fre⸗ 203 velhaften Stimmung Seraphinen feſter umſchlingen wollte, begegnete ich einem kalten aber vorwurf⸗ freien Auge. Halb ernüchtert halb beſchämt ſtam⸗ melte ich einige Worte von Liebe, und verwirrte mich wie ein Schulbube im Examen. Seraphine hatte ſich mit einer leichten Bewe⸗ gung meinem Arme entwunden. Es iſt gut, ſagte ſie, ſich mir gegenüber gerade unter ein Madon⸗ nenbild nach Murillo ſetzend, daß endlich zwiſchen uns zur Sprache gekommen, was Ihnen und mir vielleicht ſchon lange auf dem Herzen gelegen. Gott behüte Sie, Herr von Warrenberg, daß Sie eine Frau in Ihr Haus führen, die Sie nicht liebt und niemals lieben wird. Ich bin ein armes von meiner Hände Arbeit lebendes Mädchen, und könnte ohne Gottes Kraft und ohne mein tägliches Gebet viel⸗ leicht ſo gut wie eine Andere zu dem begehrten Ja und zu einer Heuchelei verführt werden, die mich zu einer vornehmen Frau, Sie aber wahrlich zu keinem glücklichen Gatten machen würde. Sie ſagen, daß Sie mich lieben, und ich will Sie nicht zum Lügner machen, obgleich Sie mich doch im Ganzen nur wenig kennen. Ich aber, Herr von Warren⸗ berg, ich habe mich ſchon lange ernſtlich geprüft, 204 denn Ihre Beſuche machten meine Schweſter auf⸗ merkſam und ſie prophezeite mir die heutige Stunde. Sei es denn geſagt, was Ihnen jetzt wohl ein we— nig Schmerz verurſachen, was aber vielleicht in ein paar Tagen ſchon von Ihnen vergeſſen ſein wird. Ich könnte nimmermehr das Vertrauen zu Ihnen faſſen, das der Liebe vorangehen muß, könnte nie⸗ mals Herr werden über ein gewiſſes Grauen, das mich erfaßt, wenn Ihre Augen an mir haften, wenn der wüſte unheimliche Geiſt, der aus ihnen ſpricht, mir die Bruſt zuſammen ſchnürt— und das heute Abend, wo Sie zum erſten Male von Ihrer Liebe ſprachen, mehr denn je. Was könnte es Ihnen hel⸗ fen, wenn ich vielleicht von Ihrem Reichthum be⸗ rückt den Weg zum Altar mit Ihnen ginge?— Mein Herz bliebe doch daheim bei der Schweſter, deren leidenden Augen ich wohl gern die Sorge um des Lebens Nothdurft abnehmen möchte. Aber nicht durch Täuſchung eines Dritten, nicht durch eine Lüge, die ein ganzes Leben lang ausdauern müßte. Und nun Gott befohlen, lieber Herr von Warrenberg, Sie können den frommen aufrichtigen Wunſch für Ihren Frieden wohl brauchen.— Ich weiß nicht Lothar— aber nein nein— V V —— 20⁵5 Du mit Deinem reinen Sinn und Deiner ſtrengen Moral kannſt nicht begreifen, was es für den Mann ſagen will, von einem Weibe gedemüthigt— be⸗ ſchimpft zu werden. Noch hatte das ſchuldloſe Ge⸗ ſchöpf keine Ahnung von der ganzen Beleidigung meiner Liebeswerbung und verwarf dennoch, was ſie in Ehren ſich geboten glaubte— verwarf meine Hand und meinen Namen um des wüſten un⸗ heimlichen Geiſtes willen, der aus meinen Augen ſie erſchreckt. Welch' ein Gedanke! In jenem Augenblicke und ſeit jener Stunde fühle ich mich ärmer als der Bettler, der auf der Schwelle des Hoſpitals von ſeinen Leiden erdrückt zuſammen bricht. Diees unheimliche grauenhafte Weſen, das aus meinen Blicken leuchtet, wird jedes jungfräulich reine Weſen von mir zurückſcheuchen. Nie wird der Kuß einer edlen Liebe mich und meine Vergangen⸗ heit entſühnen, nie wird es eine Zukunft, nie ein Glück der Selbſterhebung und des Selbſtvertrauens für mich geben— ich bin ein Paria am häusli⸗ chen Familienherde, ein Ausgeſtoſſener aus der Ach⸗ tung edler Frauen und fühle jetzt erſt, was das ſagen will. In dieſer Stimmung ſuchte ich Dich auf, um 206 Dir Lebewohl zu ſagen. Mir war, als brenne das Kainszeichen auf meiner Stirn, als bringe jede Be⸗ rührung meiner Hand dem edlen Freunde Unheil. Von Seraphinen zurückkehrend hatte ich einen Brief gefunden, der mir über Angelika's Schickſal die traurigſten Mittheilungen machte. Ihr Tyrann von einem Gatten weigert ihr die geſetzliche Scheidung, und die Unglückliche— im Begriff Mutter zu wer⸗ den— ſoll der Verzweiflung nahe ſein. Sie iſt eines jenen Weſen, die zur Tugend geboren, und durch eine unſelige Prädeſtination vielleicht be⸗ ſtimmt ſind, unter dem Drucke der Schuld dahin zu leben. Mein alter Zweifel— ob dieß nicht auch mein Fall— regt ſich wieder ſtärker und peinli⸗ cher, denn je. Vielleicht wäre es beſſer, ich ſtellte meinen Willen, von dem ich doch einen ſo üblen Gebrauch gemacht, unter fremde Obhut. Genug, ich verlaſſe dieſe Stadt, in der ich durch ein einfaches, kaum beachtetes Bürgermädchen eine ſo ſchmachvolle Demüthigung erlitten, für immer. Ich will die einzige gute, kraftvolle That vollbrin⸗ gen— ich will der armen Angelika zu ihrem Rechte verhelfen. Weißgich gdoch nun aus Erfahrung, wie tief erlittene Beſchimpfung in unſer innerſtes Sein 207 ſich einkrallt. Angelika ſoll dem Manne, den ſie liebt, ſie ſoll dem Vater ihres Kindes geſetzlich ſich ver⸗ binden, und müßte ich— wenn dies Ungeheuer eines herzloſen Gatten ſich nicht fügſam zeigt— ſie erſt zur Witwe machen. Was dann geſchieht— ich weiß es nicht. Lieſeſt Du aber dieſe Blätter jemals — ſo iſt geſchehen, was zuweilen, wie ein dunkler Nachtvogel, mir durch die Gedanken ſchwirrt. Ich habe dann aufgehört Menſch zu ſein, und bin das willenloſe Glied einer Kette geworden, die von einem Pole der Erde bis zum andern reicht. O Lothar, welch' eine geheimnißvolle, im erſten frevelnden Jugendübermuthe von uns geleugnete Macht liegt doch in dem Wunſche des Mannes, von edlen Frauen ſich geachtet, geliebt, mit Vertrauen geehrt zu wiſſen. Warum zertrümmern wir uns die⸗ ſen Himmel ſo leichtſinnig, warum bewegen wir uns mit unſerem Denken und Thun, mit unſerem Ver⸗ dammungsurtheil über Andere und unſerer über⸗ großen Nachſicht gegen uns ſelbſt in Widerſprüchen, die zu einer Löſung gewöhnlich erſt im Alter oder im Zuſtande jener Blaſirtheit kommen, die ſchlimmer iſt, als ein rüſtiges Alter. Verzeih' mir, Lothar, daß ich geſchrieben„Wir“. Du und ich wir ſind Frühling und Herbſt, reines Erz und unlautere Schlacke. Wären alle Männer wie Du, es gäbe keine Frauenverächter, denn wer Anders demoraliſirt das Weib als wir? Ja wir, die wir die Stimme der Natur in ihnen wecken, nur um dieſe an ſich geheiligte Stimme zu unſerem Vortheil zu benutzen, um durch die Sprache der Liebe ihr Herz zu täu⸗ ſchen, ihre Vernunft einzuſchläfern und dafür ihre Sinne zu wecken. Wären alle Männer wie Du, es gäbe keine käufliche Liebe vom Brillantſchmuck bis zu dem verfluchten Goldſtück, daß den ſtolzen, edlen, ehrenhaften Mann wie eine glühende Kohle in der Hand brennen ſollte. Hier iſt einer von jenen Fäl⸗ len, wo Geben wahrlich nicht ſeliger macht, als Nehmen, denn das arme Ding, dasnimmt, wird unter hundert Fällen ſicher neunundneunzig Mal eine ſchon verlaſſene Geliebte oder ein rath⸗ und familienloſes Geſchöpf ſein, daß durch heuchelnde Bethörung den Weg des Laſters betreten— es weiß kaum wie. O Lothar, Lothar! wären wir Alle wie Du— die Welt wäre doch ſchön und die Liebe waltete noch als ſchützender Genius über den Bewohnern dieſer ſchönen Erde. Welch' ein Wahnſinn, welch' eine Feigheit, daß wir von dem Weibe Schutz gegen 209 uns ſelbſt, daß wir einen Widerſtand, eine kalt⸗ ſinnige Selbſtbeherrſchung von ihm verlangen, die wir weder ſelbſt beſitzen, noch an der Geliebten uns wünſchen. Eine Selbſtbeherrſchung, die wir aus allen Kräften bekämpfen und die wir doch, ſobald ſie ſchwindet, zum Vorwand unſerer Verdammniß, un⸗ ſerer Erkaltung und Untreue nehmen, während wir, anſtatt den Stab zu brechen, an unſere Bruſt ſchla⸗ gen und rufen ſollten: Gott ſei mir Sünder gnä⸗ dig! O, wie gemein! Aber wahrlich, Lothar, ich ſage Dir: der Stein, den wir werfen, fällt mit verdoppelter Schwere auf uns ſelbſt zurück. Ich ſchließe dieſe Zeilen mit einigen Strophen, die ich im Laufe vorigen Sommers, von einer weib⸗ lichen Hand geſchrieben— ſeltſam genug— in einem Fremdenbuche auf dem ſächſiſchen Oywin fand. Die mangelhafte Form und drei bis vier orthogra⸗ phiſche Fehler, welche ſich in dem kleinen Gedichte finden, laſſen in der Verfaſſerin eine auf niederer Bildungs⸗ ſtufe ſtehende Tochter des Volkes vermuthen, und eben deßhalb ſollten die ſchmerzerfüllten Worte des Inhaltes von uns Männern beherzigt werden. Von uns wenigſtens, die wir ſo gerne um fremdes Frick, d. opfernden Götter I. 14 210 Unglück das flüchtige Glück einer heißen Stunde er kaufen. Das ſind die beſten Männer nicht, Die an dem Weibe mäckeln, Und was ein Gott ſo weiſe ſchuf, 8 Auf niedre Weiſe deuteln. Der gute Menſch, der edle Mann— Uebt Nachſicht gegen Schwache, Der Selbſtling nur, der eitle Wicht, Er ſieht im Aug' den Balken nicht— Verdammend ohn’ Erbarmen. O, kenntet ihr des Weibes Herz, Den reichen Schatz an Liebe!— Verſchwendern gleich vergeudet ihr Des Schatzes edle Perlen. Ihr ſtreuet ſtatt der Perlen klar Der Thränen bittre Saaten; Streut Täuſchung aus und wundert euch, Wenn Täuſchung keimt, wenn ſtarr und bleich Des Weibes Herz ward Leiche. Der ſtolze Mann, das ſtolze Weib Ergänzen ſich durch Liebe. Der Haß verzehrt, die Liebe hebt. Gott gleich den Erdenwaller. VWas ſtreitet ihr und müht euch ab, Dem Herrn Geſetze gebend?— 211 Veredelt euch, veredelt uns Durch Zähmung eurer Schwächen. Auf Berg und Thal, in Wald und Flur, In jeder Stimme der Natur, Da ſpricht ein Gott der Liebe. 1* 8 4* O, könntet ihr die Thränen zählen, Die unſern Augen ihr entlockt! Und könntet ihr die Schmerzen ſehen, Das Leid, das quälende verſtehen, Das Gott durch euch uns auferlegt. Des erſten Traumes Jugendglühen, Dcer erſten Liebe Frühlingsglück— Entblättert ihr mit kaltem Hohne, 2* Naubt uns des Lebens Blütenkrone, 4 Den Glauben an des Mannes Herz. Du, mein Lothar, darfſt kühn Dein Haupt er⸗ heben, darfſt an Deine Bruſt ſchlagen und rufen: ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin wie dieſe! — Nimm meinen Dank Du edler, reiner Menſch, Du treues Herz, das ich lieben durfte, wie der aus⸗ geſtoßene Engel das in ſeiner Erinnerung lebende 14* 212 Paradies— nimm meinen Dank für Deine Liebe und Freundestreue. Du haſt den Funken in mir erhalten, der nun vielleicht Morgenſtrahl ſein fahles Licht in die Nacht, welche oft täuſchenden Hoffnung— auf Wiederſehen— von Dir ſcheiden. Im Leben und im Tode Dein Alphons von Warrenberg. Ende des erſten Theiles. — Druck von F. B. Geitler. — fffiffffſſfffrnfffffffſifffffffffnſfnnfrnſrnffinſſfſſſſnſffſſſſiſſſiſ 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19