Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und ffranzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher. den Tag von Morgens 7 Aibr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines T ges iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. Unbekannt⸗ Pelſonen. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Wertye deſſelben entſprechende Summe hinterlogen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Qwr 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . 1 Sr. e auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3 Auswärtige MWhonnenten häben für Sin⸗ und Zurückſer der Bächer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſi 6. Schadenersatz. 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Durch einen breiten Strich Sand und Haideland waren dieſe Orte von polniſchen Gütern getrennt, unter denen die des Herrn von Tarowski die nächſten waren. Im Weſten und Süden des Gutes grenzten Kreiſe mit gemiſchter Bevölkerung, die Deutſchen waren dort ſtark, reiche Grundherren und große Bauerndörfer ſaßen unter den Slaven. Im Norden hin⸗ ter Neudorf und Kunau war ein polniſcher Strich, viele kleine Rittergüter, zum Theil tief verſchuldet, mit herunter⸗ gekommenen Familien.. „Von dort droht uns die größte Gefahr,“ ſagte der Freiherr am Morgen nach dem Markttage zu Anton.„Die Bauerdörfer ſind unſere natürlichen Feldwachen. Wenn Sie die Dorfleute dazu bringen, einen regelmäßigen Wachtdienſt einzurichten, ſo müßten ihre Wachen die Kreisgrenze im Nor⸗ den beſetzen, wir würden dann verſuchen, eine regelmäßige — 4— Communication mit ihnen zu unterhalten. die Fanale und Alarmhäuſer nicht. ſchon ſo kameradſchaftlich verkehrt h am beſten beſorgen. Mir laſſen in den nächſten Kreis fahren und verſuchen, uns mit den Gutsbeſitzern dort in eben ſolche Verbindung zu ſetzen. Den jungen Sturm nehme ich mit.“ So ritt Anton nach Neudorf. Nacht neue Unglücksbotſchaften gekommen. Einige deutſche Dörfer waren von bewaffneten Banden beſetzt, die Hauſer nach Waffen durchſucht, junge Leute mitgeſchleppt worden. Niiemand arbeitete auf dem Felde, die Männer ſaßen in der Schenke oder ſtanden vor dem Hauſe des Schulzen, rathlos, jede Stunde einen Ueberfall erwartend. Antons Pferd wurde ſogleich von einem dichten Haufen umdrängt; als der Schulz die Männer in die Gemeindeſtube rufen ließ, war nach wenig Augenblicken die Gemeinde vollzählig verſammelt. Anton ſetzte ihr auseinander, was geſchehen könne, ihr Dorf vor dem Schrecken eines plötzlichen Ueberfalls zu ſchützen; Einrichtung einer Bauerwehr, regelmäßige Wachen an den Dorfwegen längs der Grenze, Lärmſtangen, Patrouillen, ein Alarmhaus im Dorfe, und Vorſichtsmaßregeln ähnlicher Na⸗ tur, wie der Freiherr ſte ihm angegeben hatte.„Ihr werdet dadurch,“ fuhr er fort,„unſere, der Nachbarn, Hilfe in kurzer Zeit herbeirufen, Ihr werdet im Stande ſe einen ſchwächern Feind gemeinſchaftlich zu vertheidigen, gegen einen ſtärkern ſchnell die Hilfe des Militärs herbeizurufen. Ihr werdet Eure Weiber und Kinder, was Euch von Eurem Hausrath am liebſten iſt, vielleicht auch Euer Vieh vor Plün⸗ Dorthin waren in der Vergeſſen Sie⸗ Da Sie mit den Bauern aben, ſo werden Sie das Sie anſpannen. Ich will. ein, Euch gegen dexung und Mißhandlung retten. Es wird keine kleine Be⸗ ſchwerde für Euch ſein, die Wachen bei Tag und Nacht zu ſtellen, aber Euer Dorf iſt groß. Vielleicht wird dieſe Ein⸗ richtung in kurzer Zeit durch die Behörden befohlen, es iſt ſichrer für uns Alle, wenn wir nicht darauf warten. Wir können ſchon in den nächſten Tagen wehrhaft ſein.“ Seine eindringlichen Vorſtellungen und das Anſehn des verſtändigen Schulzen brachten die Gemeinde zu einem ein⸗ muthigen Beſchluß. Mit dem Schulzen und einigen vom Ortsvorſtande beritt er die Grenzen und beſtimmte die Punkte für Wachen und Alarmzeichen. Unterdeß entwarf der Schulmeiſter das Regiſter der Bauerwehr, verzeich⸗ nete die, welche zu Pferde, und die, welche zu Fuß Dienſt thun konnten, und ließ ſich angeben, was von Waffen im Dorfe war. Nanche erklärten ſich bereit, ein Gewehr zu kaufen. Die jungen Leute des Dorfes faßten die Sache mit Feuer an, die Hausfrauen packten vorſorglich in Kiſten und Bündeln das Werthvollſte ihrer Habe zuſammen. Von Neu⸗ dorf fuhr Anton mit den Häuptern der Gemeinde hinüber nach Kunau; auch dort fand er guten Willen, ähnliche Ein⸗ richtungen wurden verabredet und zuletzt beſprochen, daß die jungen Leute aus beiden Dörfern jeden Sonntag Nachmittag auf das Gut des Freiherrn ziehn ſollten, um dort in Ge⸗ meinſchaft zu exerciren. 4 Als Antoß nach dem Schloß zurückkehrte, wurden die Vertheidigungsmittel des Gutes erwogen. Ein kriegeriſches Feuer entbrannte in der deutſchen Colonie. Jeder wurde davon ergriffen, auch die Friedfertigſten, der Schäfer und ſein Hund Krambow, welcher durch nächtlichen Vorpoſtendien —ööͤſͤſͤſͤͤͤͤͤ — 6— und Patrouillen in einen Zorn gegen fremde Waden gerieth, den er ſonſt an ſeinem jüngern Gefährten oft beknurrt hatte. Aller Gedanken waren auf gefährliche Werkzeuge gerichtet, was das Gut von Mordwaffen beſaß, wurde hervorgeſucht. Ach, die Geſinnung war vortrefflich, aber die Schaar war klein, es fehlte an dienſtthuender Mannſchaft. Dagegen war der Stab ausgezeichnet. Da war zuerſt der Freiherr ſelbſt, zwar Invalide, aber für alle Theorie ſchätzbar, dann Karl und der Förſter, als Führer der Reiter und des Fußvolks, und Anton, nicht zu verachten in der Intendantur und im Feſtungsbau.. Der Freiherr verließ jetzt täglich ſein Zimmer, um in der Mittagsſtunde Kriegsrath zu halten, er beſprach die Ein⸗ übung der Bauerwehr, er hörte Berichte über die Bewegun⸗ gen der Umgegend an und ſandte Boten nach den deutſchen Kreiſen. Ein Schimmer von militäriſchem Stolz glänzte auf ſeinem Geſicht, er ſchalt gutmüthig die Angſt ſeiner Ge⸗ mahlin, ſprach ermunternde Worte zu den Deutſchen, welche ihm nahe kamen, und drohte allen Uebelgeſinnten im Dorf, ſie ſofort bis auf Weiteres einzuſtecken und auf Waſſer und Brod zu ſetzen. Dem ganzen Hof war es beweglich anzu⸗ ſehen, als der blinde Herr hoch aufgerichtet mit einer Mus⸗ kete in der Hand da ſtand, um dem Förſter einige Griffe zu zeigen, und dann das Ohr auf ihn zu hielt, um aus dem Anſchlag der Hand zu erkennen, ob der Andere ihn recht ver⸗ ſtanden. Auch Anton umgürtete ſein Herz mit dem Panzer kriegeriſchen Zornes; er heftete eine Cocarde auf die Mütze, und ſeine Rede erhielt einen Anflug von militäriſcher Strenge; — er trug ſeit dem Tage von Rosmin ungeheure Waſſerſtiefeln, e — 7— und ſein Tritt fiel ſchwer auf die Stufen der Treppe. Er 3 ſelbſt würde über ſich gelacht haben, wenn man ihn gefragt hätte, zu welchem Zweck er die Erhebung ſeines Gemüths an den Beinen ausdrücke. Aber es frug ihn Niemand, Jeder erkannte, daß ſo etwas nothwendig war. Und vollends Karl! Er zeigte ſich nicht anders, als in den Ueberreſten ſeiner Ertrauniform, die er ſorgfältig aufgehoben hatte, in Mütze, Schnurrock und einem alten Soldatenmantel. Er kräuſelte ſeinen Schnurrbart und pfiff den ganzen Tag ſeine Soldaten⸗ lieder. Da von den zuchtloſen Menſchen des eigenen Dorfes am meiſten zu fürchten war, ſo rief er Alle, welche gedient hatten, in der Schenke zuſammen und hielt ihnen mit Hilfe des Förſters, der als Hexenmeiſter in großem Anſehn ſtand, eine mächtige Rede in Kalpak und Dolman, den Säbel an der Seite; er behandelte ſie als Kameraden, ſchlug auf den Säbel und rief: Wir vom Militär wollen hier unter den Bauern Ordnung halten. Dann ließ er einige Quart Branntwein aufſetzen und ſang mit ihnen leidenſchaftliche Kriegslieder. Zuletzt theilte er neue Cocarden aus und nahm ſte als Lanzknechte der Gutswehr in Pflicht. So befeſtigte er die rührigſten Leute wenigſtens für einige Zeit und erfuhr durch ſie, was von Verſchwörungsgedanken in der Schentke zu Tage kam. 4 Als am Tage darauf die Streitkraft des Gutes vor dem Schloſſe gemuſtert wurde, ſahen die Männer erſtaunt einan⸗ der an. Sie alle waren durch die letzten Tage umgewandelt. Der Herr Rentmeiſter ſah aus wie ein wilder Mann, der aus einem fremden Sumpflande heranzieht, wo er tagtäglich bis an die Hüften im Waſſer ſitzt und höchſtens mit der —— — 8— Oberleibe auf Raub ausgeht. Und die vom neuen Vorwerk kamen angezogen wie Geiſter aus einer untergegangenen Zeit. 3 Der Förſter mit ſeinem kurz geſchorenen Haar und dem lan⸗ 4 gen Bart, in einem ausgewetterten Rock, mit dem finſtern Geſicht voll Runzeln und ſeinen buſchigen Augenbrauen, glich* einem alten Söldling aus Wallenſteins Heer, der zweihun⸗ dert Jahr im tiefen Walde geſchlafen hat und jetzt wieder in die Welt ſchreitet, weil Unheil und Greuel mächtig werden. Und wenn verzweifelte Gedanken und trotziger Haß gegen den Feind zu einem Wallenſteiner machen konnten, ſo war er auch, was er ſchien. Wie ein frommer Huſſit marſchirte der Schä⸗ fer neben ihm. Die breite Krempe des runden Hutes hing ihm bis auf den Rücken herunter, ein breiter Ledergurt um⸗ ſchlang ſeinen Leib, in der Hand hielt er einen Hakenſtock, an den er eine glänzende Eiſenſpitze geheftet hatte. Sein phlegmatiſches Geſicht und der ſinnende Ausdruck ſeiner Au⸗ 8. gen machten ihn dem Waldmann ſo unähnlich als möglich. Alles in Allem war die bewaffnete Mannſchaft des Gutes nicht ſtärker als zwanzig Mann. Bei dieſer kleinen Zahl bräuchbarer Leute war es ſchwer, einen Wachtdienſt im Schloß und dem Dorfe einzurichten. Jedem Einzelnen mußten die größten Anſtrengungen zugemuthet werden, indeß Niemand klagte darüber, Alle, auch die Gedienten aus dem Dorfe, waren zu jeder Art von kriegeriſchem Werk bereit. Nachdem die Männer zuſammengebracht waren, dachte man an die Sicherung des Schloſſes. Um die Hinterſeite des großen Gebäudes vor nächtlichem Einbruch zu ſchützen, ließ Anton einen Zaun aus ſtarken Bohlen von einem Flügel bis zum andern ziehn. So wurde ein ziemlich großer Hof⸗ 4 —— den Boden erhob, die Fenſter deſſelben durch ſtarke Holzver⸗ — — 9— raum eingeſchloſſen und darin an die Mauer des Hauſes ein offener Schoppen angelehnt, wo Flüchtlinge oder die Pferde der Einquartierung im Nothfall auf kurze Zeit ein Obdach finden konnten. Da der Unterſtock des Hauſes ſich hoch über ſchläge geſchützt waren, und da alle Eingänge des Hauſes in dem neuen Hofraum lagen, ſo war der Zugang für Unberu⸗ fene ſo viel als möglich erſchwert. Der Schloßbrunnen lag außerhalb dem eingezäunten Hofe, mitten zwiſchen dem Wirth⸗ ſchaftshof und dem Schloſſe, deßhalb wurde ein großer Waſ⸗ ſerbottig in das Schloß geſtellt und alle Morgen neu gefüllt. Auch von Rosmin kam Nachricht. Der Schloſſer er⸗ ſchien nach einigen Tagen auf wiederholte Bitten, um die Thüren in der Thurmhalle und im Hofzaun zu beſchlagen und mit ſtarken Riegeln zu verſehen. Er brachte kriegeriſche Grüße von dem Bürgercapitän und die Nachricht, daß ein Commando Infanterie in die Stadt eingerückt ſei.„Es ſind der Soldaten nur wenige,“ ſagte er,„und auch wir Schützen haben ſchweren Dienſt.“ 4 „Und was habt Ihr mit Eurem Gefangenen gemacht d frug Anton. Der Schloſſer fuhr ſich hinter das Ohr und rückte ſeine Mütze, als er kleinlaut antwortete:„Alſo, Sie wiſſen noch nichts? Gleich in der erſten Nacht kam eine Botſchaft von den Feinden, wenn wir ihnen nicht den Edelmann auf der Stelle wieder herausgäben, würden ſie mit voller Macht an⸗ rücken und unſere Scheuren abbrennen. Ich ſprach dagegen, und unſer Capitän auch, aber wer eine Scheuer hatte, fing an zu lamentiren, und ſo kam's, daß ſich die Stadt mit dem 8 —-—— — von Tarow verglichen hat. Er mußte ſein Wort geben, daß er mit ſeinen Leuten nichts weiter gegen die Stadt unter⸗ nehmen wollte; darauf haben wir ihn über die Brücke ge⸗ führt und losgelaſſen.“— „So iſt er frei, der falſche Mann!“ rief Anton entrüſtet. „Freilich,“ ſagte der Schloſſer,„er ſitzt wieder auf ſei⸗ nem Gut und hat einen Haufen junger Herren um ſich. Sie reiten mit ihren Cocarden über die Felder, gerade wie vor⸗ her. Der Tarowski iſt ein ſchlauer Mann, der ſchließt Ih⸗ nen mit einem Federbart jedes Schloß auf, er wird mit allen Leuten fertig. Dem iſt nichts anzuhaben.“ Natürlich litt die Wirthſchaft unter ſolchen Rüſtungen. Zwar hielt Anton mit Strenge darauf, daß wenigſtens das Nothwendigſte gethan wurde, aber auch er fühlte, daß eine Zeit gekommen war, wo die Sorge um das eigene Wohl und Wehe ſchwindet über der Angſt um das Größte, das der p Menſch auf Erden beſitzt. Die Gerüchte, welche jeden Tag drohender wurden, erhielten ihn und ſeine Umgebung in ei⸗ ner fortwährenden Aufregung und brachten zuletzt einen Zuſtand hervor, in dem der Seele die fieberhafte Spannung Gewohnheit iſt. Man ſah mit einer wilden Gleichgiltigkeit in die Zukunft und ertrug das Unbehagen des Tages als etwas Natürliches. Mehr aber, als die Männer des Gutes alle zuſammen, wurde Lenore von dem allgemeinen Fieber ergriffen. Seit jenem Tage, wo ſie den abweſenden Anton erwartet hatte, begann für ſie ein neues Leben. Die Mutter trauerte und wollte verzweifeln über eine ſolche Zeit, das junge Herz der Tochter ſchlug kräftig dem Sturme entgegen, und die Auf⸗ * — 11— regung wurde ihr ein wilder Genuß, dem ſie ſich leidenſchaft⸗ lich hingab. Sie war den ganzen Tag im Freien, im rau⸗ heſten Wetter lief ſie in ihren Halbſtiefelchen zwiſchen dem Schloß und Wirthſchaftshof auf und ab, als Adjutant des Vaters oder als Parteigänger auf eigene Fauſt. An der Thür der Schenke wurde ſie in dieſer Zeit ſo oft geſehen, wie der ärgſte Schlemmer des Dorfes, denn täglich hatte ſie von dem Wirth und ſeiner Frau etwas zu hören. Seit Karl den Huſarenrock trug, behandelte ſie ihn mit kameradſchaftlicher Vertraulichkeit, und wenn er mit dem Förſter verhandelte, ſo beugte auch Lenorens Haupt ſich zur vertraulichen Bera⸗ Manche Stunde ſaßen die Drei im Kriegsrath zu⸗ in Karls Stube, oder auf dem Hofe; mit Achtung hörten die Männer auf den muthigen Rath des Fräuleins und verfehlten nicht, ihre Anſicht zu erbitten, ob es rathſam ſei, dem Ignaz, Gottlieb oder Blaſius aus dem Dorfe ein Gewehr anzuvertrauen. Vergebens bat und ſchalt die Ba⸗ ronin in die kriegsluſtige Tochter, vergebens ſuchte auch An⸗ ton ihr zu wehren. Denn ſo ſehr Anton ſelbſt im Eifer war, ſo wenig gefiel ihm dieſelbe Stimmung am Fräͤulein. Wieder erſchien ſie ihm zu dreiſt und h an; dann ſchmollte ſte ein weni Intereſſe vor ihm zu verbergen, aber ſie änderte ſich deßhalb nicht. Sie wäre ſo gern mit ihm nach Neudorf und Kunau gegangen, um auch bei den Nachbarn Krieg zu ſpielen, aber Anton, ſonſt über ihre Begleitung ſo glücklich, proteſtirte jetzt eifrig dagegen, ten am Ende des Dorfes umkehren. thung. ſammen, g und ſuchte ihr kriegeriſches An dem Tage, wo die erſte Uebung der Gutswehr ſein eftig, und er deutete ihr das und das Fräulein mußte auf ſeine Bit⸗ 2 * ſollte, kam Lenore mit einer Mütze und einem leichten Säbel aus dem Schloſſe, zog ihren Pony aus dem Stall und ſagte zu Anton:„Ich reite mit.“ „Thun Sie das nicht, Fräulein.“ „Ich will aber,“ entgegnete Lenore trotzig,„es fehlt Ih⸗ nen an Leuten, ich kann ſo gut Dienſt thun, wie ein Mann.“ „Aber, liebes Fräulein,“ bat Anton weiter,„es iſt ſo auffallend.“ „Es iſt mir gleichgiltig, ob es Jemandem auffällt,“ ſagte Lenore.„Ich bin ſtark, ich halte etwas aus, ich will nicht müde werden.“ „Aber vor den Knechten,“ ſtellte Anton vor;„Sie ver⸗ geben ſich etwas auch vor den Leuten.“ „Das iſt meine Sorge,“ erwiederte Lenore hartnäckig, „widerſprechen Sie nicht, ich will es, und damit gut.“ Anton zuckte die Achſeln und mußte ſich's gefallen laſſen. Lenore ritt neben Karl und machte die kriegeriſchen Bewe⸗ gungen mit, ſo viel der Damenſattel das erlaubte, aber An⸗ ton ſah aus der Reihe des Fußvolks unzufrieden nach der hellen Geſtalt hinüber. Sie hatte ihm nie ſo wenig gefallen. Wenn ſte wild mit den Andern vorſprengte, ihr Pferd her⸗ umriß und mit dem Säbel in die Luft ſchlug, wenn ihr hel⸗ les Haar ſich im Winde löſte und ihr Auge vor Kampfluſt ſtrahlte, ſo war ſie hinreißend ſchön. Aber was Anton beim leichten Spiel entzückt haͤtte, das kam ihm jetzt, wo dieſe Uebungen bitterer Ernſt waren, ſehr unweiblich vor; er mußte an eine Kunſtreiterin denken. Einſt hatte gerade dieſe Aehn⸗ lichkeit ſein ganzes Herz gefangen genommen, heut erkältete ſie ihm die Seele. Und als die Uebung vorüber war, und ——— . reiten und ihn lachend fragen:„Sie ſehen ſo mürriſch aus, mein Herr, wiſſen Sie, daß Ihnen das gar nicht gut ſteht?“ „Es gefällt mir nicht, daß Sie ſo wild ſind,“ erwiederte Anton. Lenore wandte ſich ſchweigend ab, übergab das Pferd einem Knecht und ging ärgerlich nach dem Schloß zurück. Seit der Zeit verzichtete ſie auf die Theilnahme an den Uebungen, aber ſie fehlte niemals, wenn die bewaffnete Macht ſich verſammelte; dann ſah ſie ſehnſuͤchtig von Weitem zu. Und wenn Anton nicht zugegen war, ſuchte ſie doch heimlich mit Karl auf die⸗Nachbardörfer zu reiten, oder ſie revidirte wohl auch auf ihren Spaziergängen aus eigener B Begeiſterung die Fanale, ſie ſtrich allein durch Feld und Wald, mit einem Taſchenterzerol bewaffnet, und war glücklich, wenn ſie einen Wanderer anhalten und ausfragen konnte. Auch darüber machte ihr Anton Vorſtellungen.„Die Gegend iſt unſicher,“ ſagte er;„wie leicht, daß Ihnen ein Strauchdieb etwas zu Leide thut. Und iſt's kein Fremder, ſo ſind's vielleicht gar Leute aus dem Dorfe.“ „Ich fürchte mich nicht,“ ſagte dann Lenore,„und die Männer aus rm Dorfe thun mir nichts.“ Und in der ein Anderer. Sie allein wurde von Jedem, auch heſten, hr rerbietig in polniſcher Weiſe gegrüßt; ſo oft ihre hohe Geſt alt durch die D Dorfgaſſe ſchritt, neigten ſich die Männer herab bis an ihr Knie, und die Weiber liefen an die Fenſter und ſahen ihr bewundernd nach. Lenore mit heißen Wangen in ſeiner Nähe hielt, damit er ſie anrede, da ſchwieg er, und Lenore ſelbſt mußte an ihn heran⸗ dſſie mit dieſen beſer fertig zu werden, als Anton — ſetzte und ihre Anſichten über den Lauf der Welt mit den — 14— Und ſie erlebte die Freude, daß die Leute ſelbſt ihr in Antons Gegenwart das ſagten. An einem Sonntag Abend ſaßen Karl, der Förſter und der Schäfer als Wachtpoſten im Wirthſchaftshofe, während die Bauern in der Schenke tran⸗ ken; denn der Sonntag war für die im Schloſſe am gefähr⸗ lichſten. Karl hatte im Amtmannshaus eine Stube für mi⸗ litäriſche Zwecke eingerichtet, einige Bund Stroh zum Schla⸗ fen, einen Tiſch, Bänke und Stühle hineingeſetzt. Heute trug Lenore mit eigener Hand eine Flaſche Rum und Citro⸗ nen aus dem Schloß zu den Wächtern hinüber und gab dem Amtmann den Rath, daraus einen Kriegspunſch zu ko⸗ chen. Der Schäſer und der Waldmenſch zogen beglückt über dieſe Aufmerkſamkeit den Mund von einem Ohr zum andern, Karl ſprang herbei, ſetzte dem Fräulein einen Stuhl zurecht, der Förſter begann ſogleich eine ſchreckliche Geſchichte von einer Räuberbande aus dem Nachbarkreis, und ſo machte ſich’s von ſelbſt, daß Lenore ſich auf einige Minuten nieder⸗ Getreuen austauſchte. Da trat, gerade als der Punſch fer⸗ tig war und von dem Fräulein ſelbſt in zwei Gläſer und ei⸗ nen Topf gegoſſen wurde, auch Anton herein. Er kam ihr ungelegen, das war wieder nichts für ihn. Indeß, er ſchalt nicht, ſondern wandte ſich zur Thür und winkte einem Frem⸗ den aus dem Hausflur herein. Ein ſchlanker Bauernburſch in blauem Rock mit hellen Wollſchnüren, eine Soldatenmütze in der Hand, die weiten Leinwandhoſen in die S iefeln ge⸗ ſteckt, trat ſtolz in das Zimmer. Da fiel ſein Auge auf das Fräulein. Wie der Blitz fuhr er zu ihren Füßen, küßte ihr das Knie, und blieb dann mit geſenktem Haupt, die Mütze in der Hand, die Augen auf den Boden geheftet, vor ihr ſtehn. Karl trat zu ihm.„Nun, Blaſius, was Neues aus der Schenke?“ 3 „O nichts,“ erwiederte der Burſch in dem melodiſchen Tonfall, mit dem der Pole ſein gebrochenes Deutſch ſpricht, „Bauer ſitzt und trinkt und iſt luſtig.“ „Sind Fremde hier, iſt Jemand von Tarow gekommen?“ „Nichts,“ ſagte Blaſius.„Niemand iſt da, als dem Wirth ſeine Muhme iſt gekommen, das Judenmädel, die Re⸗ becca.“ Dabei ſah er unverrückt Lenore an, als die Herrin, der er ſeine Meldung zu machen habe. Lenore trat zum Tiſch, goß ein Glas voll und reichte es dem Burſchen. Glückſelig nahm der ſchmucke Junge das Glas, wandte ſich zur Seite, trank ohne abzuſetzen aus, ſetzte das leere wieder auf den Tiſch und neigte ſich wieder auf Lenorens Knie, Alles mit einem Anſtand, um den ihn ein Prinz hätte beneiden kön⸗ nen.„Sie dürfen keine Furcht haben,“ redete er in plötz⸗ licher Begeiſterung das Fräulein an,„Keiner im Dorfe thut Ihnen was, wer ſich gegen Sie wagt, den ſchlagen wir todt.“— Lenore erröthete und ſagte, auf Anton ſehend:„Du weißt, ich fürchte mich nicht, am wenigſten vor Euch,“ und der Amtmann verabſchiedete den Kundſchafter mit dem Auf⸗ trag, in einigen Stunden wiederzukommen. Beim Herausgehen ſagte Lenore zu Anton:„Wie gut ſeine Haltung iſt.“ 9 „Er war bei der Garde,“ erwiederte Anton,„und iſt nicht der Schlechteſte im Dorfe, aber ich bitte Sie doch, ſich anicht zu ſehr auf die Ritterlichkeit des ehrlichen Blaſius und * — 16— ſeiner Freunde zu verlaſſen. Ich habe heut wieder den gan⸗ zen Nachmittag Sorge um Ihr Ausbleiben gehabt und habe Ihnen gegen Abend Ihr Mädchen anf den Weg nach Ros⸗ min entgegengeſchickt. Denn ein erſchrockener Handwerks⸗ burſche kam auf das Schloß gelaufen und erzählte, er ſei auf dem Wege von einer bewaffneten Frau angehalten worden und habe ihr ſein Wanderbuch vorzeigen müſſen. Nach ſei⸗ ner Erzählung hatte dieſe Frau einen ungeheuern Hund ſo groß wie eine Kuh hinter ſich; er klagte, ſie hätte ſchrecklich ausgeſehn. Der Mann war ganz außer ſich.“ „Es war ein Haſe,“ ſagte Lenore verächtlich.„Als er mich mit dem Pony ſah, lief er davon wie von böſem Ge⸗ wiſſen gejagt. Da rief ich ihm nach und drohte ihm mit meinem Taſchenpuffer.“ Unter ſolchen Vorbereitungen erwarteten die vom Gut täglich den Ausbruch der Empörung auch auf ihrer Wald⸗ inſel. Unterdeß verbreitete ſich die Gluth des Aufſtandes wie ein Waldbrand über die ganze Provinz. Wo die Polen dicht an einander ſaßen, ſchlug die helle Flamme zum Him⸗ mel, an den Rändern flackerte das Feuer bald hier, bald da, wie der Brand im grünen Holze. An mancher Stelle wurde gelöſcht, eine Zeit lang blieb Alles ſtill, dann loderte die Flamme plötzlich wieder auf. An einem Sonntag Nachmittag war große Uebung der werbündeten Dörfer. Mit ihren Fahnen kamen die von Neu⸗ dorf und Kunau herangezogen, das Fußvolk voran, die Bur⸗ ſchen zu Pferde hinterher, vom Schloßhofe ritt die kleine Reihe der Knechte, von Karl geführt, ihnen entgegen, außer⸗ dem einige Mann zu Fuß, denen der Förſter als Generaliſſimus — 1 der drei Heerſchaaren voranmarſchirte. Auch Anton hatte ſich unter das Commando des Förſters geſtellt. Als Lenore ihn aus dem Hauſe treten ſah, befahl ſte, den Pony zu ſatteln. „Ich will zuſehen,“ ſagte ſie zu Anton. „Aber nur zuſehen, gnädiges Fräulein,“ bat dieſer. „Schulmeiſtern Sie nicht,“ rief ihm Lenore nach. Am Rande des Waldes war der Exereirplatz. Der För⸗ ſter hatte ſich aus alten Erinnerungen und nach mehrfachen Berathungen mit dem Freiherrn ein Commando gebildet welches ungefähr ausreichte, die Leute zu dem zu bringen, was er wollte und Karl führte ſeine Gsradron mit einem Feuer, welches die Mängel in der Führung und in den Lei⸗ ſtungen erſetzen mußte. An der Seite war ein Kugelſang aufgeworfen, und Karl hatte mit dem Reſt ſeiner Oelfarbe eine Scheibe gemalt, auf welcher ein Drache mit drei Schwän⸗ zen und ſechs Beinen zwar rothes Feuer ſpie, aber wenn man von d dieſer Familienunart abſah, wieder durch die Gutmü⸗ thigkeit verſöhnte, mit der er ſein großes Herz den Schützen darbot. Es wurde eine Zeitlang marſchirt, geſchwenkt, ab⸗ gebrochen und zuletzt geladen. Luſtig knallten die blinden Schüſſe in den Wald. Lenore ſah den Uebungen von Wei⸗ tem zu, endlich konnte ſie der Luſt nicht widerſtehen, die Schwenkungen der Reiter mitzumachen; ſie trabte an die Züge heran und ſagte leiſe zu Karl:„Nur ein Paar Angen⸗ blicke.“ „Wenn's aber Herr Wohlfart ſeehta frug Karl ebenſo. „Er wird's nicht ſehen, erwiederte Lenore lachend. So ſtellte ſte ſich mit dem kleinen Pferd in die Reihe. Die Bur⸗ III.— 3 10 eine ſonore Männerſtimme neben ihr. Erſchrocken ſah Lenore ſchen ſahen neugierig auf die ſchlanke Geſtalt, welche neben ihnen trabte und als Vedette vorritt, wie ſie. Bei der Be⸗ wunderung, mit welcher ſie nach dem Fräulein ſchauten, exer⸗ eirten ſie ſchlecht, und Karl hatte viel zu tadeln.„Das Fräu⸗ lein macht's am beſten!“ rief in der Pauſe einer der Neu⸗ dorfer, die Bewunderer ſchwenkten die Hüte und brachten ihr ein Hoch aus. Lenore verneigte ſich und zwang den Pony zu einigen anmuthigen Beinbewegungen. Aber die Freude dauerte nicht lange, denn Anton kam über das Feld herüber und trat neben das Fräulein.„Es iſt wirklich nicht gut,“ ſagte er leiſe, im Ernſt erzürnt über ihre kriegeriſche Thä⸗ tigkeit,„Sie ſetzen ſich einer dreiſten Bemerkung aus, die gewiß nicht böſe gemeint iſt, die Sie aber doch verletzen würde. Hier iſt kein Ort für Ihre Reitkunſt.“ „Sie gönnen mir auch keine Freude,“„„ erwiederte Lenore aufgebracht und warf den Pony zur Seite. So tummelte ſie ihr Pferd allein, ließ es in der Nähe eines großen Birnbaums Volten machen und grollte in der Stille mit Anton.„Wie unzart, daß er mir das ſagt,“ dachte ſie,„der Vater hat Recht, er iſt ſehr proſaiſch. Da⸗ mals, als ich ihn zuerſt ſah, war es auch auf dem Pony, da gefiel ich ihm beſſer, damals waren wir beide Kinder, aber ſein Weſen war rückſichtsvoller.“ Der Gedanke ſchoß ihr durch die Seele, wie glänzend, ſchön und leicht das Leben früher geweſen war, und wie herb die Gegenwart. Und wäh⸗ rend ſie darüber träumte, ließ ſte das Pferd eine Achte nach der andern machen. „Nicht übel— aber mehr Fauſt, Fräulein Lenore,“ rief zur Seite. An dem Baume lehnte die ſchlanke Geſtalt eines fremden Mannes, die Arme übereinandergeſchlagen, auf dem edel geformten Geſicht ein ſpöttiſches Lächeln. Der Fremde ſchritt langſam auf ſie zu und griff an ſeinen Hut.„Es wird dem alten Herrn ſauer,“ ſagte er, auf das Pferd wei⸗ ſend.„Hoffe, Sie kennen mich noch.“ Lenore ſah ihm ſtarr ins Geſicht, wie einer Erſche heinung, und glitt endlich in ihrer Verwirrung vom Pfardet herunter. Ein Bild aus alter Zeit trat ihr leibhaftig entgegen, das kühle Lächeln, die elegante Geſtalt, die nachläſſige Sicherheit dieſes Mannes gehörten auch zu der Vergangenheit, an die ſie eben gedacht hatte.„Herr von Fink,“ rief ſie verlegen, „wie wird ſich Wohlfart freuen, Sie zu ſehn.“ „Und ich,“ erwiederte Fink,„habe ihn ſchon aus der Ferne betrachtet, und wenn ich nicht aus gewiſſen untrüg⸗ lichen Kennzeichen“— hier ſa er wieder auf Lenore—„er⸗ kannt hätte, daß er es iſt, dort als geharniſchter Mann durch den Sand watet, ich itt es nicht für möglich ge⸗ halten.“ „Kommen Sie ſchnell zu ihm,“ rief Lenore,„Ihre An⸗ kunft iſt die größte Freude, die ihm werden konnte.“ So ſchritt Fink neben ihr zu dem Schießplatz, wo jetzt die Männer ſich anſchickten, auf den Drachen zu zielen. Fink trat hinier Anton und legte die Hand auf ſeine Schulter. „Guten Tag, Anton,“ ſagte er. Anton drehte ſich erſtaunt um und warf ſich an den Hals des Freundes. Heftige Fragen und kurze Antworten flogen durcheinander.„Wo kommſt du her, du lieber Wieder⸗ gefundener?“ rief Anton endlich. 5 2* — 20 — „Ziemlich auf geradem Wege von drüben,“ erwiederte Fink, in die Ferne weiſend;„ich bin erſt ſeit wenigen Wo⸗ chen wieder im Lande. Der letzte Brief, den ich von dir erhielt, war aus dem vorigen Herbſt. Durch ihn wußte ich ungefähr, wo ich dich zu ſuchen hatte. Bei der Confuſion, die unter Euch herrſcht, halte ich es für ein merkwürdiges Glück, daß ich dich gefunden. Da i*ſt auch Meiſter Karl,“ rief er, als Karl mit lautem Freudenrufe heranſprengte⸗ „Jetzt iſt die halbe Firma verſammelt, und wir können auf der Stelle anfangen, Comtoir zu ſpielen. Ihr freilich macht Euch hier ein anderes Vergnügen.“ Er wandte ſich zu Lenoren und fuhr fort:„Ich habe mich dem Freiherrn vorgeſtellt und von der gnädigen Frau erfahren, daß ich die kriegeriſche Jugend im Freien finden würde. Jetzt möchte ich noch Ihre Fürſprache für mich erflehen. Ich kenne hier dieſen Mann ein wenig und würde gern einige Tage in ſeiner Nähe zubringen; ich fühle lebhaft, wie unbeſcheiden es iſt, in ſolcher Zeit ſelbſt von Ihrem gaſtfreien Hauſe die Auf⸗ nahme eines Fremden zu erbitten. Thun Sie um ſeinetwil⸗ len, der doch im Ganzen ein guter Junge iſt, ein Uebriges, und gönnen Sie mir die Freude, hier bleiben zu dürfen, bis ich über die Facon der unerhörten Jagdſtiefeln ins Reine gekommen bin, die der Knabe über ſeine Knie gezogen „ hat.“ Eben ſo artig erwiederte Lenore:„Mein Vater wird Ihren Beſuch ſtets für eine große Freude halten, in dieſer ; Zeit hat ein guter Freund doppelten Werth. Ich gehe auf der Stelle, unſern Leuten zu ſagen, daß ſie alle Stiefeln von Herrn Wohlfart in Ihrem Zimmer aufſtellen, damit Sie . — 21— recht lange über ihre Facon nachdenken müſſen.“ Sie ver⸗ neigte ſich und ſchritt, den Pony am Zügel führend, dem Schloſſe zu. Fink ſah ihr nach und rief:„Beim Zeus! ſie iſt eine Schönheit geworden, die Haltung iſt tadellos, ſte verſteht ſo⸗ gar zu gehn. Ich bezweifle durchaus nicht mehr, daß ſie Verſtand hat.“ Er ergriff Antons Arm und lenkte den Freund von dem Schießplatz ab bis unter den wilden Birn⸗ baum. Dort ſchüttelte er ihm herzhaft die Hand und rief:„Noch einmal ſei mir gegrüßt, du Treuer. Laß dir ſagen, daß ich vor Erſtaunen noch nicht zu mir kom⸗ men kann. Wenn mir Jemand geſagt hätte, daß ich dich als roth und ſchwarz bemalten Indianer, eine Streitart in der Hand und Scalplocken an der Hoſennaht, wiederfinden würde, ich hätte den Mann für wahnſinnig erklärt. Dich, den Ruhigen, Bedächtigen, geboren, eine Berloke zu tragen, dich finde ich hier auf wüſtem Haideland mit Mordgedanken im Buſen, und, bei meiner Seele, ohne Halsbinde. Wenn wir uns verändert haben, du haſt's nicht am wenigſten ge⸗ than. Nun, du kannſt dir die Veränderung gefallen laſſen.“ „Du weißt, wie ich hierher gekommen bin,“ erwiederte Anton. 5 „Ich denke mir's,“ ſagte Fink,„ich habe die Tanzſtunde nicht vergeſſen.“ Antons Auge umwllkte ſich.„Verzeih',“ fuhr Fink lachend fort,„und halte einem alten Freund etwas zu gut.“ „Du irrſt,“ entgegnete Anton ernſt,„wenn du glaubſt, daß mich ein leidenſchaftliches Gefühl hierher getrieben hat.. Durch eine Reihe von Zufällen bin ich mit der Familie des — 22— Freiherrn in Verbindung gekommen.“ Fink lächelte.„Ich ge⸗ ſtehe dir, daß ſie an mir vorübergegangen wären, wenn nicht mein Gemüth ſehr empfänglich für die Eindrücke von dort geweſen wäre. Doch darf ich mit Recht ſagen, daß ich durch Zufall in die Lage gekommen bin, ein großes Vertraun zu erhalten. In einer Zeit, wo der Freiherr in ſchwieriger Lage war, wurde ich von ſeinen Angehörigen für den Mann ange⸗ ſehn, der wenigſtens den guten Willen hatte, ihnen zu nützen. Sie ſprachen gegen mich den Wunſch aus, ich möchte eine Zeit lang für ihr Intereſſe thätig ſein. Als ich ihren Vor⸗ ſchlag annahm, iſt es erſt nach einem innern Kampfe geſche⸗ hen, den ich ſelbſt dir zu enthüllen kein Recht habe.“ „Das Alles iſt recht ſchön,“ entgegnete Fink,„aber wenn der Kaufmann ſich ein Feuergewehr und einen Säbel kauft, ſo muß er doch wiſſen, weßhalb er dieſe Ausgaben macht. Was willſt du Und deßhalb verzeihe mir die runde Frage: hier?“ 1 „Hier bleiben, ſo lange ich das Gefühl habe, daß ich hier nöthig bin, und mir dann einen Platz in einem Com⸗ toir ſuchen,“ erwiederte Anton. „Bei unſerm alten Prinzipal „Oder wo anders.“ „Teufel!“ rief Fink,„das ſieht nicht aus, wie ein ge⸗ rader Weg, und auch nicht wie ein offenes Geſtändniß; indeß muß man von dir in der erſten Stunde nicht zu viel verlan⸗ gen. Ich will ehrlicher gegen dich ſein. Ich ben frei gemacht. Und ich danke dir für deinen Brief und ꝛ frug Fink ſchnell. den Rath, welchen deine Weisheit mir gegeben. Ich habe, wie du vorſchlugſt, die Zeitungspreſſe benutzt, um meine Weſt⸗ . habe mich dort drü⸗ landcompagnie in die Luft zu ſprengen. Natürlich flog ich mit in die Luft. Für einige Tauſend Dollar erkaufte ich ein halbes Dutzend Federn und ließ die Blätter von Newyork und mehrere andere unaufhörlich mit haarſträubenden Be⸗ richten über die Nichtswürdigkeit der Geſellſchaft anfüllen. Aus jeder Tonart ließ ich gegen mich und meine Leute kla⸗ gen und fluchen. Die Sache machte Aufſehn. Bruder Jona⸗ than wurde aufmerkſam, alle unſere Nebenbuhler und Con⸗ currenten ſtießen in mein Horn. Und ich hatte das Ver⸗ gnügen, mich ſelbſt und meine Geſellſchaft als blutdürſtige Schwindler und Schinder täglich in einemeutzend Blätter portraitirt zu ſehn. Alles für mein ſchweres Geld. Es war eine tolle Hetzjagd. Nach vier Wochen war die Weſt⸗ landcompagnie ſo herunter, daß kein Hund ein Stück Brod von ihr genommen hätte. Da kamen meine Mitdirecto⸗ ren von ſelbſt zu mir und boten mir an, mich auszu⸗ zahlen und von ihrer Geſellſchaft zu befreien. Du kannſt denken, wie froh ich war. Uebrigens habe ich die Freiheit theuer erkauft und habe, nebenbei bemerkt, dort drüben das— Renommée hinterlaſſen, der leibhaftige Teufel zu ſein. Bah! es thut nichts, bin ich doch frei!— Und jetzt habe ich dich aufgeſucht aus zwei Gründen: erſtens, um dich wieder zu ſehn und mit dir zu plaudern, und zweitens, um mit dir Ei⸗ niges von meiner Zukunft ernſthaft zu beſprechen. Und, grade herausgeſagt, ich wünſche dich dafür zu werben. Du haſt mir gefehlt die ganze Zeit. Ich weiß nicht, was ich in dir finde, denn im Grunde biſt du ein trockner Burſch, und widerſpenſtiger, als mir manchmal recht iſt. Aber trotz alle⸗ dem empfand ich in der Fremde eine gewiſſe Sehnſucht nach dir. Ich habe mich auch mit meinem Vater auseinanderge⸗ ſetzt, es iſt nicht ohne heiße Kämpfe und darauf folgende Kälte abgegangen. Und jetzt wiederhole ich dir den alten Antrag: komm mit mir. An die See, nach England, über das Waſſer, je nachdem. Wir wollen uns zuſammenſetzen und überlegen, was wir anfangen. Wir ſind jetzt beide frei, und die Welt ſteht uns offen.“ Anton ſchlang den Arm um den Hals des Freundes. „Mein lieber⸗Fritz,“ rief er,„nimm an, daß alles Herzliche geſagt ſei, was ich bei deinem edelmüthigen Antrag fühle. Aber du ſtehſt, ich habe vorläufig hier Verpflichtungen.“ „Nach dem, was du mir ſo eben officiell mitgetheilt haſt, ſchließe ich, daß ſie nicht ewig dauern werden,“ entgegnete Fink. „Das iſt wahr, aber wir ſtehn doch nicht gleich. Sieh',“ ſagte Anton, die Hand ausſtreckend,„ſo reizlos dieſe Land⸗ ſchaft iſt, und ſo unangenehm ein großer Theil der Menſchen, welche hier leben, ſo ſehe ich ſie doch mit andern Augen an, als du. Du biſt viel mehr Weltbürger, als ich, du wirſt kein großes Intereſſe haben an dem Leben des Staates, von welchem dieſe Fläche und dein Freund Theile, wenn auch kleine ſind.“ „Nein,“ ſagte Fink, verwundert auf Anton blickend, „ein großes Intereſſe habe ich nicht, und was ich jetzt von der Wirthſchaft hier bei Euch höre und ſehe, das macht mir den Staat, als deſſen Bruchtheil'du ſo viel Selbſtgefühl em⸗ pfindeſt, durchaus nicht reſpectabel.“ nicht gezwungen wird, ſoll gerade jetzt nicht das Land ver⸗ laſſen.“ 3 „Was höre ich?“ rief Fink verwundert. „Ich aber denke anders,“ unterbrach ihn Anton.„Wer — 25— „Sieh',“ fuhr Anton fort,„in einer wilden Stunde habe ich erkannt, wie ſehr mein Herz an dem Lande hängt, deſſen Bürger ich bin. Seit der Zeit weiß ich, weßhalb ich in dieſer Landſchaft ſtehe. Um ums herum iſt für den Au⸗ genblick alle geſetzliche Ordnung aufgelöſt, ich trage Waffen zur Vertheidigung meines Lebens, und wie ich hundert An⸗ dere mitten in einem fremden Stamm. Welches Geſchäft auch mich, den Einzelnen, hierher geführt hat, ich ſtehe jetzt hier als einer von den Eroberern, welche für freie Arbeit und menſchliche Cultur einer ſchwächern Race die Herrſchaft über dieſen Boden abgenommen haben. Wir und die Sla⸗ ven, es iſt ein alter Kampf. Und mit Stolz empfinden wir, auf unſerer Seite iſt die Bildung, die Arbeitsluſt, der Cre⸗ dit. Was die polniſchen Gutsbeſitzer hier in der Nähe ge⸗ worden ſind— und es ſind viel reiche und intelligente Män⸗ ner darunter— jeder Thaler, den ſie ausgeben können, iſt ihnen direet oder indirect durch deutſche Intelligenz erworben. Durch unſere Schafe ſind ihre wilden Heerden veredelt, wir bauen die Maſchinen, wodurch ſie ihre Spiritusfäſſer füllen; auf deutſchem Credit und deutſchem Vertraun beruht die Geltung, welche ihre Pfandbriefe und ihre Güter bis jetzt gehabt haben. Selbſt die Gewehre, mit denen ſie uns jetzt zu tödten ſuchen, ſind in unſern Gewehrfabriken gemacht, oder durch unſere Firmen ihnen geliefert. Nicht durch eine ränkevolle Politik, ſondern auf friedlichem Wege, durch unſere Arbeit, haben wir die wirkliche Herrſchaft über dieſes Land gewonnen. Und darum, wer als ein Mann aus dem Volk der Eroberer hier ſteht, der handelt feig, wenn er jetzt ſeinen Poſten verläßt.“ —. 26— „Du ſprichſt ſo ſtolz auf fremdem Grund,“ erwiederte Fink,„und daheim bei Euch bebt der eigne Boden.“ „Wer hat dieſe Prooinz zu Deutſchland gebracht?“ frug Anton die Hand ausſtreckend. „Die Fürſten Eures Geſchlechts, ich leugne es nicht,“ ſagte Fink.— „Und wer hat die große Landſchaft erobert, in der ich geboren bin?“ frug Anton weiter. „Einer, der ein Mann war.“ „Ein trotziger Landwirth war's,“ rief Anton,„er und Andere ſeines Geſchlechts. Mit dem Schwert oder durch Liſt, durch Vertrag oder mit Ueberfall, auf jede Weiſe haben ſie den Boden an ſich gezogen, in einer Zeit, wo im übrigen Deutſchland faſt Alles todt und erbärmlich war. Als kühne Männer und gute Wirthſchafter, die ſie waren, haben ſie ih⸗ ren Boden verwaltet. Sie haben Gräben gezogen durch das Moor, haben Menſchen hingepflanzt in leeres Gebiet und haben ſich ein Geſchlecht gezogen, hart, arbeitſam, begehrlich, wie ſie ſelbſt waren. Sie haben einen Staat gebildet aus verkommenen oder zertrümmerten Stämmen, ſie haben mit großem Sinn ihr Haus als Miktelpunkt für viele Millionen geſetzt und haben aus dem Brei unzähliger nichtiger Souve⸗ rainetäten eine lebendige Macht geſchaffen.“ 1 „Das war,“ ſagte Fink,„das thaten die Ahnen.“ „Sie haben für ſich gearbeitet, als ſie uns ſchufen,“ fuhr Anton beiſtimmend fort,„aber wir haben jetzt Leben gewon⸗ nen, und ein neues deutſches Volk iſt entſtanden. Jetzt for⸗ dern wir von ihnen, daß ſie unſer junges Leben anerkennen. Es wird ihnen ſchwer werden, gerade ihnen, die gewöhnt 8 4 2 i 9 — 27— ſind, ihr zuſammengebrachtes Land als eine Domaine ihres Schwertes zu betrachten. Wer mag ſagen, wann der Kampf zwiſchen ihnen und uns beendigt ſein wird, lange vielleicht werden wir den häßlichen Erſcheinungen fluchen, welche dieſer Streit hervorruft. Wie er aber auch enden mag, da⸗ von bin ich überzeugt, wie von dem Lichte dieſes Tages, der Staat, den ſie geſchaffen, wird nicht wieder in die Trümmer zerſchlagen werden, aus denen er herausgewachſen. Wenn du gelebt hätteſt, wie ich in den letzten Jahren, in verſchie⸗ dener Thätigkeit, viel unter den kleinen Leuten, du würdeſt mir glauben. Noch ſind wir als Volk arm, noch iſt unſere Kraft ſchwach, aber wir arbeiten uns herauf, mit jedem Jahr wächſt mit unſerer Arbeit Intelligenz, Wohlſtand und das Gefühl, daß Einer zum Andern gehört. Und in dieſem Au⸗ genblick fühlen wir in dem Grenzlande uns zu einander wie Brüder. Wenn die weiter drinnen ärgerlich mit einander ſtreiten, wir ſind einig, und unſer Kampf iſt rein.“ „Wohlan,“ ſagte Fink Beifall nickend,„das war ge⸗ ſprochen, wie ein Deutſcher immer ſprechen wird. Je dürrer die Zeit, deſto grüner die Hoffnung. Aus Allem ſehe ich, Maſter Wohlfart, du haſt keine Luſt, jetzt mit mir zu gehen.“ „Ich darf nicht,“ antwortete Anton bewegt;„du zürne mir deßhalb nicht.“ „Höre,“ lachte Fink,„wir haben ſeit unſerer Trennung die Rollen getauſcht. Als ich vor Jahren von dir fortging, war ich wie ein Gaul in der Wüſte, der eine OQuelle riecht, ich hoffte aus dem langweiligen Leben bei Euch herauszukommen in fröhliches Grün, und was ich fand, war ein garſtiger Sumpf. Und jetzt komme ich ermüdet zu dir und ſehe dich keck mit Tod und Teufel Karten ſpielen. Du biſt friſcher, als du warſt. Das kann ich von mir nicht rühmen. Vielleicht kam's deßhalb ſo, weil du eine Heimath haſt, und ich keine. Jetzt aber genug der Weisheit, komm, belehre mich, auf welche. Weiſe du hier deinen Krieg führſt. Stelle mich den Squattern vor und zeige mir wo möglich einen Quadratfuß Land auf dieſer reizenden Beſitzung, wo man nicht bis an die Knöchel in den Sand verſinkt.“. Anton führte den Freund zu den Landleuten, dann durch den Wald bis zu den ausgeſtellten Poſten der Nachbardörfer, er zeigte ihm die Reihe der Lärmſtangen und die Alaxmhäuſer und erklärte ihm die Maßregeln, welche getroffen waren, das Schloß vor einem plötzlichen Ueberfall zu ſchützen. Fink ging mit Feuer in die Einzelheiten ein und ſagte endlich: „Die Hauptſache habt Ihr doch durchgeſetzt, Ihr erhaltet 4 Ordnung unter Euren Leuten und guten Muth.“ Unterdeß rüſtete man im Schloß für den fremden Gaſt. Der Freiherr ließ durch den Bedienten nachſehen, ob ein ge⸗ nügender Vorrath von weißem und rothem Wein im Keller war, und ſchalt auf den Knecht, der einen Schaden am Reitzeug nicht hatte ausbeſſern laſſen; die Baronin ließ ein Kleid her⸗ vorſuchen, das ſie ſeit der Ankunft auf dem Gut nicht mehr angeſehen hatte; auch Lenore dachte mit geheimem Bangen an den Uebermüthigen, der ihr ſchon in der Tanzſtunde ſo gründlich imponirt hatte, und den ſie ſeit dieſer Zeit oft wie ein Traumbild vor ſich geſehen hatte. Im Souterrain war die Aufregung nicht geringer, außer flüchtigen Geſchäftsbe⸗ ſiuchen war dies der erſte Gaſt. Die treue Köchin beſchloß, 1— — 29— eine künſtliche Mehlſpeiſe zu wagen, dazu fehlten ihr aber in dieſem unglücklichen Lande die wichtigſten Subſtanzen; ſie dachte daran, einige Hühner aus dem Wirthſchaftshofe zu ſchlachten, dagegen aber empörte ſich Suska, eine kleine Polin, die Vertraute Lenorens, ſie vergoß Thränen über den entſchloſſenen Charakter der Köchin und drohte das Fräulein zu rufen; bis die Köchin zur Beſinnung kam und einen barfüßigen Jungen in der größten Eile nach der Förſterei ſchickte, um von dort etwas Außergewöhnliches zu erlangen. Gegen Spinneweben und Staub wurde ein ſchneller Streifzug angeſtellt, und ein Zimmer neben Anton eingerichtet. Der kleine Divan Lenorens, der Sammt⸗ ſtuhl und Teppich ihrer Mutter wurden hineingetragen, um die Familie repräſentiren zu helfen. Fink ahnte wenig von der Unruhe, welche ſeine Ankunft im Schloſſe verurſachte, er zog neben Anton über die Felder in einer heitern Stimmung, wie er ſie lange nicht empfunden hatte. Er erzählte von ſeinen Erlebniſſen, von den raffinir⸗ ten Geldgeſchäften, und von dem rieſigen Wachsthum der neuen Welt. Und Anton hörte mit Freude, daß aus den Scherzen des Freundes eine tiefe Empörung über die Schlech⸗ tigkeit, die er erlebt hatte, hervorbrach.„Es iſt ein mäch⸗ tiges Leben dort,“ ſagte er,„aber ich habe in dem Gewühl erſt recht deutlich empfunden, daß Ihr hier auch etwas werth. ſeid.“ So kamen ſie in das Schloß zurück, ſie wechſelten ihre Toilette, Anton warf einen erſtaunten Blick auf die Einrichtung des Gaſtzimmers, bald wurden ſie durch den Bedienten zur Baronin hinübergeladen. Jetzt, wo die Sorge der Einrichtung überſtanden war und die Lampen ihren — 30— milden Glanz über die Zimmer breiteten, fühlte die Familie ſich durch den Beſuch des reichen Elegants doch heiter ange⸗ regt. Es war wieder wie ſonſt in ihrem Hauſe, der leichte Ton der flatternden Unterhaltung, die zarte Rückſicht, welche Jedem das Gefühl zu geben weiß, daß er das Behagen des Andern erhöhe, es waren die alten Formen, die ſie gewöhnt waren, zuweilen auch derſelbe Geſprächſtoff. Und Fink löſte die Aufgabe, welche dem Gaſt am erſten Abend eines Fa⸗ milienbeſuches wird, mit einer Fertigkeit, die dem Schelm wohl zu Gebote ſtand, ſo oft er wollte. Allen gab er das Gefühl, wie angenehm lhen Häuslichkeit ſei. Er behandelte den Freiherrn mit der achtungsvollen Vertraulichkeit eines jüngern Standesgenoſſen, die Baronin mit Ehrerbietung, Lenore mit einfacher Offenheit. Gern richtete er das Wort an dieſe und ſchnell hatte er ihre Befangenheit überwunden. Die Familie fühlte, daß er einer der Ihrigen war, es war eine ſtille Freimaurerei unter ihnen. Und auch Anton frug ſich, wie es möglich ſei, daß Fink, der neue Gaſt, ganz als ein alter Freund des Hauſes erſcheine, und er ſelbſt als ein Fremder. Und wieder kam Etwas von dem Reſpect in ſeine Seele, den er als Jüngling vor Allem gehabt hatte, das elegant, vornehm und exeluſiv erſchien. Aber dieſe Em⸗ pfindung war nur noch ein leichter Schatten, der über ſrin klares Urtheil hinflog. Als Fink aufbrach, verſicherte der Freiherr mit aufrich⸗ . tiger Wärme, wie gern er ihn als Gaſt recht lange bei ſich halten möchte, und ſelbſt die Baronin ſagte nach ſeiner Ent⸗ fernung, die engliſche Art kleide ihn gut, und er mache den Eindruck eines großen Herrn. Lenore dachte nicht über — 31— ſein Weſen nach, aber ſte war redſelig geworden, wie lange nicht. Sie begleitete die Mutter in das Schlafzimmer, ſetzte ſich noch auf eine Fußbank neben das Bett der Ermüdeten und fing luſtig an zu plaudern, nicht von dem Gaſt, aber von Vielem, was ſie ſonſt intereſſirte, bis die Mutter ihre Stirn küßte und ihr ſagte:„Jetzt iſt es genug, mein Kind geh zu Bett und träume nicht.“ Fink ſtreckte ſich behaglich auf dem Divan aus.„Dieſe Lenore iſt ein prächtiges Weib,“ rief er vergnügt.„Einfach, offen, kurz ab, nichts von der weichlichen Schwärmerei Eurer Mädchen.— Setze dich noch eine Stunde neben mich, wie ſonſt, Anton Wohlfart, freiherrlicher Rentmeiſter in einer ſlaviſchen Sahara. Höre, du biſt in einer ſo abenteuer⸗ lichen Lage, daß mir vor Verwunderung noch immer die Haare zu Berge ſtehn. Du haſt mir früher bei meinen Streichen manches liebe Mal als verſtändiger Schutzgeiſt beigeſtanden; jetzt ſteckſt du ſelbſt mitten in der Tollheit, und da ich gegenwärtig den Vorzug genieße, bei geſunden Sin⸗ nen zu ſein, ſo verbietet mir mein Gewiſſen, dich in dieſer Confuſion zu verlaſſen.“ „Fritz, lieber Freund,“ rief Anton freudig. „Schon gut,“ ſagte Fink.„Ich wünſche alſo die nächſte Zeit in deiner Nähe zu bleiben. Ueberlege, wie ſich das machen läßt. Mit den Frauen wirſt du wohl fertig werden, aber der Freiherr?“ „Du haſt gehört,“ erwiederte Anton,„auch er hält für einen günſtigen Zufall, daß gerade jetzt ein Ritter wie du in ſein einſames Schloß zieht, es iſt nur“— er ſah ſich be⸗ denklich im Zimmer um,„du wirſt vorlieb nehmen müſſen.“ ——— — 32— „Hm, ich verſtehe,“ ſagte Fink,„Ihr ſeid genaue Leute geworden.“ „So iſt es,“ ſagte Anton,„wenn ich den gelben Sand im Walde in Säcke füllen und als Weizen verkaufen könnte, ich müßte viele Säcke verkaufen, um in unſere Caſſe einen kleinen ſicheren Beſtand zu bringen.“ „Da du dich hier als Caſſenführer eingedrängt haſt, konnte ich mir denken, daß die Caſſe leer ſein würde,“ ſagte Fink trocken. „Ja,“ erwiederte Anton,„meine Haupteaſſe iſt ein alter Toilettenkaſten, und ich verſichere dich, es würde mehr hin⸗ eingehen, als darin iſt. Ich fühle jetzt manchmal einen un⸗ beſiegbaren Neid gegen Herrn Purzel und ſeine K Kreide im Comtoir. Wenn ich nur einmal das Glück hätte, eine Reihe grauleinener Beutel zu erblicken, an Banknoten und an eine Mappe mit Actien wage ich gar nicht zu denken.“ Fink pfiff einen Marſch.„Du armer Junge,“ ſagte er. „Es ſind aber doch große Güter und eine geordnete Wirth⸗ ſchaft, ſie müſſen entweder bringen oder koſten, wovon lebt Ihr denn?“ „Das,“ ſagte Anton,„iſt ein Geheimniß der Frauen, das ich kaum verrathen darf. Unſere Pferde kauen Dia⸗ manten.“ Fink zuckte mit den Achſeln.„Aber wie iſt es möglich, daß die Rothſattel ſo weit gekommen ſind?“ Mit Schonung ſchilderte Anton den Verfall des Frei⸗ hetrn. Dann ſprach er mit Begeiſterung von den Frauen, von der würdigen Reſignation der Baronin, der geſunden Kraft Lenorens. * V — 33— „Ich ſehe,“ ſagte Fink,„daß es noch ſchlechter ſteht, als ich annahm. Wie iſt es möglich, daß du eine ſolche Wirth⸗ ſchaft erträgſt? Die Vögel auf den Bäumen ſind ja Rentiers gegen Euch.“ „Wie die Sachen einmal liegen,“ fuhr Anton fort, „gilt es, bis zu ruhiger Zeit ſich durchzuſchlagen, zunächſt bis zur Subhaſtation des Familiengutes. Die Gläubiger werden jetzt nicht drängen, und die Gerichte ſind faſt ganz außer Thätigkeit. Der Freiherr kann ohne große Capita⸗ lien dieſen Beſitz nicht behaupten, er kann ihn jetzt nicht auf⸗ geben, ſonſt wird das Wenige verwüſtet, was einen Verkauf in Zukunft möglich macht, und die Familie hat kein Obdach für ihr Haupt. Alle meine Verſuche, ſie in dieſen unruhi⸗ gen Wochen zur Abreiſe aus dieſer Provinz zu bewegen, waren vergeblich, ſie ſind wie Verzweifelte entſchloſſen, hier ihr Schickſal zu erwarten. Der Stolz des Freiherrn ſträubt ſich gegen eine Rückkehr in den Kreis, in dem er einſt gelebt; und die Frauen wollen ihn nicht verlaſſen.“ „So ſchicke ſie doch wenigſtens nach einer größern Stadt in der Nähe und ſetze ſte nicht dem Anfall jedes betrunkenen Bauernhaufen aus.“ „Ich habe gethan, was ich konnte, in dem Punkte bin ich machtlos,“ entgegnete Anton finſter. „Dann, mein Sohn, laß dir ſagen, daß dein kriegeriſcher Apparat nicht ſehr ermuthigend iſt. Mit dem Dutzend Leute, das du in dieſem Dorfe erſt zuſammenblaſen mußt, wirſt du ſchwerlich eine Rotte Spitzbuben abhalten. Du kannſt damit picht den Hofraum vertheidigen, ja nicht III. 3 — 34— einmal die Flucht der Frauen decken. Habt Ihr keine Ausſicht, Militär zu erhalten?“ RKeine,“ erwiederte Anton. „Ein recht gemüthlicher, troſtreicher Zuſtand!“ rief Fink.„Und bei alledem habt Ihr Felder beſtellt, und die kleine Wirthſchaft ſchnurrt in ihrer Ordnung ab. Ich habe mir von Karl erzählen laſſen, wie das Gut ausſah, als er herkam, und was Ihr bis jetzt gebeſſert habt. Ihr habt Euch reſpeckabel benommen. Das hätte kein Amerikaner und kein anderer Landsmann durchgeſetzt, in ſo verzweifelter Lage lobe ich mir den Deutſchen. Die Frauen ſowohl, als Eure junge Wirthſchaft müſſen beſſer geſchützt werden. Miethe dir zwanzig Männer mit tüchrigen Fäuſten, ſie ſollen dieſes Haus bewachen.“ „Du vergißt, daß wir zwanzig müßige Brodeſſer ebenſo⸗ wenig beköſtigen können, wie der Kauz auf dem Thurme.“ „Sie ſollen arbeiten,“ rief Fink,„Ihr habt hier eine Bodenfläche, bei der hundert Hände nützliche Beſchäftigung finden. Haſt du keinen Sumpf zu entwäſſern und Gräben zu ziehen? Dort unten breitet ſich ja eine Reihe trauriger Waſſerlachen.“ 8 „Das iſt Arbeit für eine andere Jahreszeit,“ erwiederte Anton,„der Grund iſt jetzt zu naß.“ „Laß einige hundert Morgen Waldland beſäen oder be⸗ pflanzen. Hält der Bach im Sommer aus?“ „Ich höre, ja,“ erwiederte Anton. „So laß ſie irgend Etwas ſchaffen.“ „Vergiß nicht,“ ſagte Anton lächelnd,„wie ſchwer es ——— ſein wird, zuverläſſige Arbeiter, die noch außerdem kriege⸗ riſche Anlagen haben, gerade jetzt in unſerer berüchtigten Gegend zu werben.“ „Zum Henker mit deinen Bedenklichkeiten!“ rief Fink, „ſchicke den Karl in eine deutſche Gegend auf Werbung, er ſchafft dir Leute genug.“ „Wir haben kein Geld, du hörſt's ja. Der Freiherr iſt noch nicht im Stande, eine größere Melioration durchzu⸗ führen, die ſich erſt in einiger Zeit bezahlt macht.“ „Dann laß mich's thun,“ verſetzte Fink. „Du wirſt einſehen, Fink, daß das unmöglich iſt; der Freiherr kann von ſeinem Gaſt ein ſolches Opfer nicht an⸗ nehmen.“ „Ihr zahlt mir's zurück, wenn Ihr Geld habt,“ ſagte Fink. „Es iſt unſicher, ob wir jemals im Stande ſein werden, die Rückzahlung zu leiſten.“ „Nun denn, ſo braucht er's nicht gerade zu wiſſen, was die Leute koſten.“ „Er iſt blind,“ antwortete Anton mit leiſem Vorwurf, „und ich ſtehe in ſeinem Dienſt und bin verpflichtet, ihm Rechnung abzulegen. Er freilich wird ein Darlehn von dir nach einigen Cavalierbedenken wohl annehmen, denn ſeine Anſichten über ſeine Lage wechſeln mit der Stim⸗ mung. Die Frauen aber machen ſich ſolche Täuſchungen nicht. Du würdeſt ſie durch jede Stunde deiner Gegenwart demüthigen, wenn ſie die Empfindung hätten, daß ſie deinem Vermögen eine Erleichterung ihres Lebens danken.“ „Und das größere Opfer, das du ihnen gebracht, haben ſte doch angenommen,“ ſagte Fink ernſter. 3 3 „Vielleicht halten ſie meine beſcheidene Thätigkeit für kein Opfer,“ erwiederte Anton erröthend.„Sie haben ſich gewöhnt, mich als Rechnungsführer, als Beamten des Frei⸗ herrn in ihrer Nähe zu ſehen. Du biſt ihr Gaſt, ihr Selbſt⸗ gefühl wird ſie veranlaſſen, dir das Bedenkliche ihrer Lage nach Kräften zu verhüllen.— Um dir das Zimmer wohn⸗ lich einzurichten, haben ſie die eigenen Stuben geplündert, der Divan, auf dem du liegſt, iſt aus der Schlafſtube des Fräuleins.“⸗ Fink ſah ſich den Divan neugierig an und legte ſich wie⸗ der zurecht.„Da es mir nicht gefällt, auf der Stelle abzu⸗ reiſen,“ ſagte er,„ſo wirſt du die Güte haben, mir einen Weg anzugeben, auf dem ich mit Anſtand hier bleiben kann. Erzähle mir ſchnell Einiges über die Hypotheken und Aus⸗ ſichten des Gutes. Nimm an, ich wäre ein unglücklicher „ Käufer dieſes Paradieſes.“ Anton berichtete.⸗. „Das wenigſtens iſt ſo verzweifelt nicht,“ ſagte Fink; „jetzt höre meinen Vorſchlag: In der bisherigen Weiſe darf t das hier nicht fortgehen, dieſe knappe Wirthſchaft iſt zu un⸗ geſund für alle Betheiligten, zumeiſt für dich. Die Güter mögen furchtbar verwüſtet ſein, aber es ſcheint mir wohl möglich, etwas daraus zu machen. Ob Ihr die Leute ſeid,. das Gut zu behaupten, will ich nicht entſcheiden; wenn du Luſt haſt, noch einige Jahre deines Lebens dran zu ſetzen 4 und dich fernerhin für die Intereſſen Anderer zu ſacrificiren, ſo iſt auch das nicht unmöglich, vorausgeſetzt, daß Ihr in ruhigerer Zeit das nöthige Betriebscapital ſchaffen könnt.. Unterdeß gebe ich einige, vielleicht fünftauſend Thaler, und — 37— der Freiherr giebt mir dafür Hypothek auf dieſes Gut. Dieſe Anleihe wird Euch nicht viel ſchlechter ſtellen, und ſie wird Euch leichter machen, dies verrückte Jahr zu über⸗ ſtehen.“. Anton ſtand auf und ging unruhig in der Stube umher. „Es geht nicht,“ rief er endlich aus,„wir können deinen hochherzigen Antrag nicht annehmen. Sieh, Fritz, im vori⸗ gen Jahr, ehe ich dieſe Menſchen hier ſo genau kannte, als jetzt, habe ich lebhaft gewünſcht, daß unſer Prinzipal ein Intereſſe an den Verhältniſſen des Barons nehmen möchte, ich wäre damals ſehr glücklich geweſen, wenn du mir daſſelbe Anerbieten gemacht hätteſt. Wie ich jetzt den Freiherrn und ſeine Lage kenne, halte ich es für ein Unrecht gegen dich und gegen die Frauen, deinen Antrag anzunehmen.“ „Soll der Divan aus Lenorens Schlafſtube durch die Tabaksaſche Eurer Gäſte beſchmutzt werden? Jetzt thu' ich's, ſpäter werden es die polniſchen Senſenmänner thun.“ 28 „Wir müſſen es durchmachen,“ erwiederte Anton traurig. „Trotzkopf,“ rief Fink,„du ſollſt mich doch nicht los werden. Jetzt mache, daß du heraus kommſt, halsſtarriger Tony.“ Seit dieſer Unterredung erwähnte Fink ſein Anleihepro⸗ jeet nicht weiter, dagegen hatte er den nächſten Tag mehrere vertrauliche Unterredungen mit dem Huſaren. Und am Abend ſagte er zum Freiherrn:„Darf ich Sie für mor⸗ gen um Ihr Reitpferd bitten, es iſt ein alter Bekannter — 38— von mir. Ich möchte über Ihre Felder reiten. Zürnen Sie nicht, gnädige Frau, wenn ich morgen Mittag nicht erſcheine.“ „Er iſt reich, er kommt her, um zu kaufen,“ ſagte ſich der Freiherr im Stillen.„Dieſer Wohlfart hat ſeinem Freund gemeldet, daß hier ein Geſchäft zu machen iſt, die Speculation fängt an, nur vorſichtig!“ ** — 39— 2. Es war ein ſonniger Morgen im April. Einer von den ſchönen Tagen, wo eine feuchte Wärme die Knospen der Bäume entfaltet und das Menſchenherz zu ſchnelleren Schlä⸗ gen treibt. Lenore ging mit Hut und Sonnenſchirm aus dem Schloſſe nach dem Hofe und ſchritt in dem Rin⸗ derſtall die Reihe der gehörnten Häupter entlang. Mit großen Augen ſah das Volk der Kühe nach ihr hin, alle er⸗ hoben die breiten Mäuler, zuweilen brüllte eine luſtige Kuh und erbat etwas Gutes aus ihrer Hand.„Iſt Herr Wohl⸗ fart hier?“ frug Lenore den Amtmann, der am Stall vor⸗ über eilte. „Er iſt im Schloſſe, gnädiges Fräulein.“ „Sein Beſuch iſt doch wohl bei ihm?“ frug ſie weiter. „Herr von Fink iſt ſchon dieſen Morgen nach Neudorf geritten, der hat keine Ruhe in der Stube, er iſt am lieb⸗ ſten zu Pferde. Der wäre ein Huſarenoffizier geworden!“ Als Lenore ſo erfahren hatte, wohin Herr von Fink ge⸗ ritten war, ging ſie, um dem Gaſt nicht zu begegnen, lang⸗ ſam in anderer Richtung über den Bach und die Aecker dem Walde zu. Sie ſah nach dem blauen Himmel und auf die ſproſſende Erde. In dem klaren Morgenlicht glänzte die Winterſaat und die grünen Spitzen des Graſes ſo fröhlich, daß ihr das Herz lachte. Auf den Weiden am Bach lag * — 40— der Frühling wie ein durchſichtiger Hauch, die goldgelben Ruthen ſtrotzten von Saft, und aus den geſchwollenen Knos⸗ pen brachen die erſten Blätter hervor. Auch der Sand war ihr heut kein Aerger, ſie ſchritt mit leichtem Fuß über den breiten Gürtel, der den Wald umgab, und eilte auf dem Fuß⸗ wege durch die Kiefern dem Förſterhauſe zu. Im Walde tummelte ſich mit Geſchrei und Brummen die kleine Thier⸗ welt. Wo eine Gruppe Laubbäume unter den Nadeln ſtand, tönte jedesmal der kräftige Schlag des Finkenhahns, oder das eifrige Gezwitſcher eines neuvermählten Paares kleiner Waldvögel, welche mit einander zankten, auf welchem Zweig ſie ihr Neſt in dieſem Jahr erbauen wollten. In ihrem ſchwarzen Küraß ſchnurrten die Käfer um die Knospen der Birke, zuweilen ſummte eine wilde Biene, die früh aus dem Winterſchlaf aufgeflogen war, auch die braunen Schmet⸗ terlinge flatterten ſchon über den Beerenſtrauch, und wo der Grund tiefer war, leuchteten im Schatten die weißen Sterne der Anemone und gelbe Himmelſchlüſſel. Lenore nahm den Strohhut ab und ließ die warme Luft um ihre Schläfe ziehn, mit tiefen Zügen athmete ſie den Duft des Waldes ein, der um die jungen Stämme der Föhren ſchwebte. Oft ſtand ſie ſtill und horchte auf die Stimmen in ihrer Nähe, ſie ſah in das zarte Laub der Bäume und ſchlug mit der Hand auf die weiße Rinde einer Birke, ſie ſtand an dem murmelnden Quell vor dem Förſterhaufe und fuhr liebkoſend in die klei⸗ nen Fichten am Zaun, welche gedrängt und regelmäßig wie Bürſtenhaare ſtanden. Ihr war, als hätte ſie den Wald noch nie ſo lebendig geſehen. Die Hunde im Hofe des För⸗ ſters bellten wüthend, ſie hörte den Fuchs mit ſeiner Kette . 2 b 5 4 ““ — 41— 6 raſſeln und ſah hinauf zu dem Dompfaff, der in ſeinem Bauer auf⸗ und abſprang und wie die großen Herren, die Hunde, zu bellen verſuchte. „Still, Hector, ſtill, Bergmann,“ rief Lenore an die Pforte klopfend. Der ſtürmiſche Ruf der Hunde verwan⸗ delte ſich in freundliche Begrüßung. Als ſie die Pforte öffnete, kam ihr Bergmann, der Dachshund, breitbeinig ent⸗ gegen und wedelte unmäßig mit ſeinem Schwanz, und Hector umſprang ſie in kühnen Sätzen und roch nach ihrer Taſche, ſelbſt der Fuchs kroch in ſeine Hütte zurück, legte den Kopf lauſchend auf ſeinen Futtertrog und blinzelte ſie ſchlau an. An der andern Seite des Zaunes aber ſah ſie einen Pferde⸗ kopf über die Fichten ragen,— gerade er, den ſie vermeiden wollte, war in dieſer Einſamkeit. Sie ſtand einen Augen⸗ blick unſchlüſſig, und war im Begriff, ſich ſtill wieder zu ent⸗ fernen, als der Förſter auf die Thürſchwelle trat und ſie begrüßte. Jetzt konnte ſie nicht mehr zurück; ſte folgte dem Alten nach ſeiner Stube. In der Mitte des Zimmers ſtand Fink, hell beleuchtet von dem gelben Sonnenſtrahl, der durch die kleinen Scheiben fiel. Er trat ihr artig entgegen. „Ich ging aus, das Handwerk zu grüßen,“ ſagte er auf den Förſter deutend,„und bin gerade dabei, mich über Ihren trotzigen Vaſallen und ſeine heimliche Wohnung zu freuen.“ Der Förſter rückte einen Stuhl, Lenore mußte ſich ſetzen, Fink lehnte ihr gegenüber an der braunen Holzwand und ſah ſie mit unverhohlener Bewunderung an.„Sie ſind ein mächtiger Gegenſatz zu dem alten Knaben hier und die⸗ ſem Raume,“ ſagte er ſich umſehend.„Ich bitte, winken Sie nicht mit Ihrem Sonnenſchirm, alle dieſe ansgeſtopftan — 42— Vögel erwarten nur Ihren Befehl, um wieder lebendig zu werden und ſich zu Ihren Füßen niederzulaſſen. Dort der Reiher hebt ſchon ſeinen Kopf in die Höhe.“ „Es iſt nur der Schein von der Sonne,“ ſagte der Förſter beruhigend. Lenore lachte.„Dieſe Ausreden kennen wir,“ rief Fink, „Ihr ſeid mit im Complot, Ihr ſeid der Gnom dieſer Kö⸗ nigin. Wenn hier keine Zauberei getrieben wird, will ich alle Tage meines Lebens verſchlafen. Ein Zeichen mit die⸗ ſem Stabe, und die Deckbalken dieſes großen Vogelbauers klappen zurück und Sie fliegen mit Ihrem Gefolge aus der Hütte hinaus in das Sonnenlicht. Es iſt kein Zweifel, in dem Gipfel der Föhren draußen iſt Ihre Reſidenz, die luftige Halle, in welcher Ihr Thron ſteht, mächtige Herrin dieſer Hütte, blondlockige Göttin des Frühlings.“ „Mein Troſt iſt nur,“ ſagte Lenore etwas verwirrt, „daß nicht ich es bin, die Sie zu ſolchen Erfindungen ver⸗ anlaßt, ſondern die Freude an der Erfindung ſelber. Ich bin nur zufällig der unwürdige Gegenſtand Ihrer Lanne⸗ Sie ſind der Dichter.“ „Pfui, wie können Sie mir ſo etwas nachſagen, 24 rief Fink,„ich ein Dichter! Außer einigen luſtigen Matroſen⸗ liedern, deren Text ein gütiges Geſchick ewig von Ihrem Ohr fern halten möge, kenne ich kein einziges Gedicht aus⸗ wendig. Was ich von Poeſie ſchätze, ſind nur einige Bruch⸗ ſtücke der ältern Schule, zum Beiſpiel:„Hurre, hurre, hop, hop, hop,“ in einem Gedicht, welches, wenn ich nicht irre, Ihren Namen trägt. Und ſelbſt an dieſer claſſiſchen Zeile habe ich noch auszuſetzen, daß ſie mehr den harten Trab — 43— eines Bauergaules, als den Carrierelauf eines Geiſterpfer⸗ des ausdrückt. Indeß man muß es mit den Herren von der Schreibſtube nicht ſo genau nehmen. Außer dieſer Zeile wird wenig Dichterarbeit in mir aufzufinden ſein. Etwa noch der anſprechende Reim des großen Schiller:„Potz Blitz, das iſt ja die Guſtel von Blaſewitz.“ In dieſer Stelle liegt viel Wahrheit.“ „Sie ſpotten über mich,“ ſagte Lenore gekränkt. „Wahrhaftig nicht,“ betheuerte Fink.„Wenn es Ihnen Freude macht, will ich gern noch einige poetiſche Kleinigkei⸗ ten einiger Dichter gelten laſſen, vorausgeſetzt, daß ich ſte nur ſelten leſen darf. Wie kann man in unſerer Zeit Gedichte leſen oder gar machen, wenn man alle Tage ſelbſt welche erlebt. Seit ich wieder in dieſem alten Lande'bin, vergeht kaum eine Stunde, wo ich nicht etwas ſehe oder höre, woran ſich in hundert Jahren die Herren von der Feder berauſchen werden. Glorioſe Stoffe für jede Art von Kunſtgeſchäft. Hätte ich das Unglück, ein Poet zu ſein, ſo müßte ich jetzt vor Begeiſterung hinausſtürzen und Kopf über zum Fuchs in die Hütte ſpringen, um dort in ſicherer Entfernung von der Leidenſchaft ein leidenſchaftliches Sonnett zu machen, während mich der Fuchs in die Beine beißt. Da ich aber kein Mann von der Feder bin, ſo ziehe ich vor, das Schöne, das ich hier ſehe, zu genießen, und nicht in Reime zu ſetzen. 9“ Und wieder ſah er bewundernd auf das Fräulein. „Lenore,“ rief eine grämliche Stimme aus der Tiefe des Zimmers. Lenore und Fink ſahen ſich erſtaunt um. „Er hat's gelernt,“ ſagte der Förſter auf den Ra⸗ ben weiſend“,„er lernt ſonſt nichts mehr, und ſitzt da, — 44— grimmig gegen alle Creatur, aber das hat er doch ge⸗ lernt.“ 5 Der Rabe am Ofen bog ſeinen Hals und ſah mit ſchar⸗ fen Augen auf die beiden Gäſte, er bewegte den Schnabel und ſchien ſtill in ſich hinein zu ſprechen, bald nickte er mit dem Kopf, bald ſchüttelte er ihn. „Schon fangen die Vögel an zu reden,“ rief Fink zu dem Raben tretend,„die Stubendecke wird ſogleich in die Höhe gehn, und ich werde allein zurückbleiben und mit Berg⸗ mann und Hector Ihnen traurig nachſehn. Nun, Hexenmei⸗ ſter, kocht das Waſſer?“ Der Förſter ſah in den Ofen.„Es kocht tüchtig,“ ſagte er,„aber was thun wir jetzt?“ „Wir bitten das Fräulein um Hilfe,“ erwiederte Fink. „Ich habe vor,“ ſagte er zu Lenore gewandt,„mit Ihrem Familientrapper durch den Wald bis nach der Brennerei zu ziehn, und von da weiter; hier habe ich mitgebracht, was mir auf Reiſen als Frühſtück und Mittageſſen dient.“— Er holte einige Tafeln Chocolade hervor.„Wir wollen daraus etwas machen, was einem Tranke ähnlich ſieht. Wenn Sie nicht verſchmähen, uns bei unſerm Unternehmen Geſellſchaft zu leiſten, ſchlage ich vor, daß wir dieſe Choco⸗ lade ſo gut als möglich mit dem Waſſer zu verbinden ſuchen. Es wäre reizend von Ihnen, wenn Sie eine Anſicht darüber ausſprächen, wie wir das anfangen ſollen.“ „Haben Sie ein Reibeiſen oder einen Mörſer?“ frug Lenore lachend den Förſter. „Dieſe Geräthe habe ich nicht,“ erwiederte der Wald⸗ menſch. 4 „Aber einen Hammer,“ frug Fink,„und einen reinen Bogen Papier?“ Der Hammer wurde ſchnell gebracht, der Bogen Papier fand ſich nach längern Forſchungen. Fink übernahm das Geſchäft, die Chocolade zu zerſchlagen, der Förſter holte friſches Waſſer aus dem Quell, Lenore ſpülte einige Gläſer aus, und Fink klopfte eifrig auf dem Tiſch herum. „Dies iſt antediluvianiſches Papier,“ ſagte er pochend,„leder⸗ artig, noch aus der Zeit, wo es keine Papiermaſchinen gab; es muß einige Jahrhunderte in dieſer verzauberten Hütte gelegen haben.“ Lenore ſchüttelte die zerſtampfte Maſſe in gden Topf mit Waſſer und brachte ſie durch einen Quirl in Bewegung. Dann ſetzten ſich alle drei an den Tiſch des Förſters und tranken mit großem Behagen aus den Gläſern ihrer Hände Werk. 5 Goldig drangen die Lichtſtrahlen in das Zimmer, ſie ſuchten die helle Geſtalt des ſchönen Mädchens und das kräf⸗ tige Antlitz des Mannes ihr gegenüber, dann fielen ſie auf die Wand, wo ſie den Kopf des Reihers mit buntem Glanz ſchmückten und die Flügel des Habichts. Der Rabe ſchloß . ſein Selbſtgeſpräch, er flatterte von ſeinem Sitz auf, hüpfte. vor die Füße des Fräuleins und dort von Neuem: Lenore, Lenore! Friedlich unterhielt ſich Lenore mit⸗ dem Gaſt, der Förſter gab zuweilen ein kluges Wort dazu. Sie ſprachen von der Landſchaft und den Menſchen darin. Wo ich die Polen in fremden Ländern geſ ſehen,“ ſagte 4 Fink,„habe ich mich immer gut mit ihnen vertragen. Jetzt de thut mir leid, daß die Spannung hier ſo ſchwer macht, ſie in ihrer Heimath aufzuſuchen, denn freilich lernt man ,,— 46— jrſe die Menſchen am beſten kennen, wenn man ſie in ihren Pfählen ſieht.“. „Es muß ein großes Glück ſein, ſo vieles Verſchiedene zu ſehen,“ rief Lenore. „Nur im Anfange fällt das Verſchiedene mächtig in die Seele. Wenn man allerlei Volk beobachtet hat, ſo iſt die letzte Empfindung, daß die Menſchen einander überall ſehr ähnlich ſind. Etwas Unterſchied in der Hautfarbe und andern Zu⸗ thaten, aber Liebe und Haß, Lachen und Weinen findet der Reiſende allerwegen, und dieſe Dinge ſehen überall ziemlich gleich aus. Es ſind jetzt zwanzig Wochen, da war ich ein halbe Erde von hier entfernt in der Holzhütte eines Ameri⸗ kaners auf öder Grasſteppe. Es war nicht anders als hier. Wir ſaßen an einem dicken Holztiſch wie dieſer, und mein Wirth ſah dem alten Herrn hier ſo ähnlich, wie ein Ei dem aandern. Und gerade wie hier fiel das Licht der Winterſonne durch die kleinen Fenſter.— Und wenn die Männer noch mehr haben, was ſte unterſcheidet, die Frauen vollends ſind in der Hauptſache überall dieſelben. Nur in einer Kleinigkeit ſind ſie verſchieden.“ „Und was iſt dieſes?“ frug der Förſter. „Etwas mehr oder weniger reinlich,“ ſagte Fink nach⸗ läſſig.„das iſt der ganze Unterſchied.“. Lenore erhob ſich empört, mehr über den Ton, als die Worte.„Es wird Zeit, daß ich zurückgehe,“ ſagte ſie kalt und band den Strohhut auf. „Da Sie aufſtehen, verſchwindet der Glanz aus der Stube,“ rief Fink. „Es iſt nur eine kleine Wolke vor die Sonne gelufen 64 4 * ſagte der Förſter zum Fenſter tretend,„dieſe macht den Schatten.“ „Unſinn,“ entgegnete Fink,„der Strohhut macht ihn, der das Haar des Fräuleins verſteckt, von den goldenen Lo⸗ cken ging das Licht aus.“ Sie traten aus dem Hauſe, der Förſter verſchloß die Pforte, in entgegengeſetzter Richtung entfernten ſie ſich von der Hütte. Lenore eilte nach Hauſe, der Zeiſig ſang, die Amſel pfiff, ſte achtete nicht darauf. Sie ſchalt ſich, daß ſte die Schwelle des Förſterhauſes betreten hatte, und doch konnte ſie nicht aufhören, daran zu denken. Der Fremde machte ſie unruhig und unſicher. War er frech, weil ihm nichts heilig war? War er nur ſo übermüthig ſicher? Mußte ſie ihm zürnen, oder war das Gefühl von Angſt nur die Thorheit eines un⸗ erfahrenen Mädchens: das frug ſie ſich unaufhörlich, ach und ſie fand keine Antwort! Als Anton gegen Abend dem Schäfer eine Beſtellung auftragen wollte, war weder Karl noch ein Bote zu finden, und da die Heerde in keiner großen Entfernung vom Schloſſe trieb, ſo ging Anton ſelbſt in dem Wege, welcher nach dem Brennereigute führte, auf den Schäfer zu. Er war nicht wenig verwundert, als er auf den letzten Aeckern an der Straße ſeinen Freund Fink zu Pferde entdeckte, Karl und den Vogt geſchäftig in ſeiner Nähe. Fink ritt wie ein Kunſt⸗ reiter kurze Strecken in Galopp, die Andern trugen ſich mit ſchwarz⸗ und weißbemalten Stangen, die ſie in den Bo⸗ den ſteckten und wieder herausriſſen. Und dabei ſah Karl durch ein kleines Fernrohr, das er über ſeiner Stange befeſtigt hatte.„Fünfundzwanzig Galoppſprünge,“ rief Fink. „Zwei Zoll Fall,“ ſchrie Karl von hinten. „Fünfundzwanzig, zwei, ſteht,“ ſagte der Vogt und ſchrieb die Zahlen in ſeine Brieftafel. „Kommſt du auch herangeſchlichen?“ rief Fink dem Freunde lachend zu.„Wart' eine Weile, wir ſind ſogleich fertig.“ Noch eine Anzahl Galoppſprünge, Blicke durch das Fernrohr und Notizen in der Brieftafel, dann nahmen die Männer ihre Stangen zuſammen, Fink ergriff die Brieftaſche des Vogts und rechnete eifrig. Endlich gab er die Taſche mit einem Lächeln zurück und ſagte:„Komm weiter herauf, Anton, jetzt will ich dir etwas zeigen. Stelle dich mit dem Geſicht gegen Norden auf den Bach und das Schloß zu. Dann bildet der Bach, wenn du ihn als gerade Linie anſiehſt, eine Sehne, die von Weſt nach Oſt Aäuft, der Rand des Waldes hinter dir einen Kreisbogen. Wald und Bach be⸗ grenzen einen Kreisabſchnitt.“ „Das iſt deutlich,“ ſagte Anton.. „In alter Zeit lief der Bach anderswo,“ fuhr Fink fort, „hier längs dem Walde in der Bogenrundung, das alte Flußbett iſt noch zu erkennen. Wenn man am Waldesrand in der alten Waſſerrinne hinaufgeht, kommt man dort oben in Weſten zu dem Punkt, wo das alte Bett von dem gegen⸗ wärtigen abgeht. Es iſt der Punkt, wo eine ſchlechte Brücke über den Bach führt, und das Waſſer in ſeinem jetzigen Bett einen Fall von mehr als einem Fuß hat, ſtark genug, die beſte Mühle zu treiben. Die verfallenen Gebäude eines Vor⸗ werks ſtehen daneben.“ — — 49— „Ich kenne den Punkt gut genug,“ ſagte Anton. „Unterhalb des Dorfes krümmt ſich das alte Flußbett vom Walde ab, wieder dem Bache zu. Es umſchließt eine mächtige Fläche, über fünfhundert Morgen, wenn ich mich auf die Sprünge dieſes Gauls verlaſſen kann. Dieſes ganze Terrain hat ſeinen Abfall von dem alten Flußbett nach dem neuen. Es ſind nur einige Morgen Wieſen und wenig er⸗ trägliches Ackerland darin, das meiſte iſt Sand und Wei⸗ deland, wie ich höre, der ſchlechteſte Theil Eurer Guts⸗ fläche.“ „Das Alles gebe ich zu,“ ſagte Anton neugierig. „Jetzt merke auf. Wenn man den Bach wieder in ſein altes Bett zurückführt und ihn zwingt, im Bogen zu laufen, ſtatt in der Sehne, ſo kann man mit dem W Waſſer, das jetzt zu Eurer Schande unnütz in die Welt fließt, die ganze F Fläche von fünfhundert Morgen berieſeln und den dürren Sand in grünes Wieſenland verwandeln.“ Du biſt ein Schlaukopf,“ rief Anton aufgeregt durch die Entdeckung. „Was koſtet Euch der Morgen im Durchſchnitt?“ frug Fink. „Dreißig Thaler.“ „Und ebenſoviel höchſtens betragen bei dieſem Boden die Koſten der Wieſenanlage. Macht zuſammen ſechzig Thaler, alſo drei Thaler jährliche Zinſen, dazu ſchlage an Unterhaltungskoſten, Abgaben u. ſ. w. für den 1 korgen jähr⸗ lich zwei Thaler, ſo haſt du fünf Thaler Koſten. Rechneſt du dagegen vom Morgen zwanzig Centner Heu zum halben Fhaler, ſo erhältſt du vom Morgen fünf Thaler Reinertrag, III.. 4 alſo bei fünfhundert⸗Morgen zweitauſend fünfhundert jähr⸗ lichen Gewinn. Um dieſen zu erhalten, iſt ein Anlagecapital von höchſtens funfzehntauſend Thalern nöthig. Das war's, Anton, was ich dir erzählen wollte.“ Anton ſtand überraſcht. Es war nicht zu verkennen, daß die Zahlen, welche Fink hingeworfen hatte, nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, weder die Koſten, noch die Er⸗ träge. Und die Ausſicht, welche eine ſolche Anlage dem Gut eröffnete, beſchäftigte ihn ſo, daß er lange in tiefem Schweigen neben dem Freund vorwärts ſchritt.„Du zeigſt mir in der Wüſte Waſſer und grüne Wieſen,“ rief er end⸗ lich bekümmert,„das iſt grauſam von dir, denn nicht der Freiherr wird im Stande ſein, dieſe Verbeſſerung zu ma⸗ chen, ſondern ein Fremder. Funßzehntauſend Thaler!“ „Vielleicht werden's auch zehn thun,“ ſagte Fink ſpot⸗ tend.„Ich habe dir dies Luftbild nur vor die Augen ge⸗ führt, um dich für deinen Trotz von geſtern Abend zu ſtrafen. Jetzt laß uns von Anderm reden.“ Am Abend rief der Freiherr mit wichtiger Miene ſeine Frau und Lenore:„Kommt nach meiner Schlafſtube, ich habe Euch etwas mitzutheilen.“ Er ſetzte ſich dort in ſeinem Lehnſtuhl zurecht und ſagte mit größerem Behagen, als er ſeit langer Zeit an den Tag gelegt hatte:„Es war leicht zu merken, daß dieſer Beſuch Finks nicht ganz zufällig war, und nicht durch Freundſchaft für Herrn Wohlfart veranlaßt, wie die jungen Männer ſich den Schein gaben. Ihr waret beide klüger als ich; ich habe doch Recht gehabt, der Beſuch hat einen Grund, der uns näher angeht, als unſern Rech⸗ nungsführer.“ Die Baronin warf einen erſchreckten Blic auf ihre Tochter, aber Lenorens Augen waren ſo groß auf den Vater gerichtet, daß die Mutter ſich wieder beruhigte. „Und was glaubt Ihr wohl, hat den Herrn aus der Fremde hierher geführt?“ fuhr der Freiherr fort. Die Frauen ſchwiegen. Lenore ſchüttelte den Kopf; endlich ſagte ſie:„Vater, Herr von Fink iſt von alter Zeit mit Wohlfart eng befreundet, ſte haben einander ſeit meh rern Jahren nicht geſehen. Es iſt ſo natürlich, daß Fink eine flüchtige Bekanntſchaft mit dir benützt, um einige Wochen bei ſeinem nächſten Freunde zuzubringen. Wozu wollen wir einen andern Grund für ſeine Anweſenheit ſuchen?“ „Du ſprichſt, wie die Jugend ſolche Verhältniſſe auffaßt. Die Menſchen werden weniger durch ideale Empfindungen und mehr durch Eigennutz regiert, als deine junge Weis⸗ heit annimmt.“ „Eigennutz?“ frug die Baronin. „Was iſt dabei zu verwundern?“ fuhr der Freiherr iro⸗ niſch fort;„beide ſind Kaufleute, Fink hat auch ſo viel von den Reizen des Handels kennen gelernt, daß er nicht um⸗ hin kann, ein gutes Geſchäft zu machen, wo ſich eine Ge⸗ legenheit dazu findet. Ich will Euch ſagen, wie er herge⸗ kommen iſt. Unſer vortrefflicher Wohlfart hat ihm geſchrie⸗ ben: Hier iſt ein Gut, und dieſes Gut hat einen Herrn, der gegenwärtig verhindert iſt, die Wirthſchaft ſelbſt zu über⸗ ſehen. Es iſt ein Geſchäft hier zu machen, du haſt Geld, komm her. Ich bin dein Freund, es wird wohl etwas für mich abfallen.“ Die Baronin ſah ſtarr auf ihren Gemahl, Lenore aber ſprang auf und rief mit der Energie eines tiefgekränkten 8 3 4* 3 3 — 52— Herzens:„Vater, ich will nicht hören, daß du ſo von einem Manne ſprichſt, der uns nie etwas Anderes gezeigt hat, als die größte Uneigennützigkeit. Seine Freundſchaft für uns geht ſo weit, daß er die Entbehrungen dieſes ein⸗ ſamen Aufenthaltes und das Peinliche, das ſeine Stellung vielen Andern verleiden würde, mit einer grenzenloſen Lang⸗ muth erträgt.“ „Seine Freundſchaft?“ ſagte der Freiherr;„auf einen ſo hohen Vorzug haben wir niemals Anſpruch gemacht.“ „Wir haben es gethan,“ rief Lenore in aufloderndem Eifer.„In einer Zeit, wo die Mutter Niemanden fand, der uns beigeſtanden hätte, da war es Wohlfart, der treu zu uns hielt. Er allein hat von dem Tage an, wo der Bruder ihn bei uns einführte, bis zu dieſer Stunde für uns geſorgt und dich vertreten.“ „Nun,“ lenkte der Freiherr ein,„ich ſage ja nichts gegen ſeine Thätigkeit, ich gebe gern zu, daß er die Rechnungen in Ordnung hält und für einen geringen Gehalt viel Fleiß beweiſt. Wenn du das Treiben der Menſchen mehr verſtän⸗ deſt, würdeſt du meine Worte ruhiger aufnehmen. Zuletzt iſt kein Unrecht bei dem, was er gethan,“ ſetzte er gedruͤckt hinzu.„Mir fehlt es gegenwärtig an Capitalien, und ich bin, wie Ihr wißt, auch ſonſt verhindert. Was iſt dagegen zu ſagen, wenn Andere mir Vorſchläge machen, die ihnen Vortheil bringen und mir keinen Schaden?“ „Um Gottes willen, Vater, was für Vorſchläge? Es ſt unwaßr, daß Wohlfart irgend ein anderes Intereſſe dabeit hat, als dein eigenes.“ 1* Die Mutter forderte durch eine Bandbewenung Lenore t 4 53— auf, zu ſchweigen.„Will Fink dir das Gut abkaufen,“ ſagte ſte,„ſo werde ich dieſen Entſchluß als ein Glück für dich ſegnen, als das größte Glück, das dir gerade jetzt wider⸗ fahren kann, geliebter Oscar.“ „Von Kaufen war vorläufig nicht die Rede,“ erwiederte der Freiherr,„ich würde mich auch unter den jetzigen Aus⸗ ſichten bedenken müſſen, das Gut ſo ſchnell wegzugeben. Fink hat mir einen andern Vorſchlag gemacht. Er will mein Pächter werden.“ Lenore ſank lautlos in einen Stuhl. „Er will mir fünfhundert Morgen von der Gutsfläche abpachten, um dieſelben in Kunſtwieſen zu verwandeln. Ich kann nicht leugnen, daß er offenherzig und als Ehrenmann mit mir geſprochen hat. Er hat mir mit Zahlen bewieſen, wie groß ſein Vortheil ſein würde, er hat ſich erboten, den Pachtbetrag für die erſten Jahre auf der Stelle zu zahlen, ja er hat ſich erboten, dies Pachtverhältniß nach fünf Jah⸗ ren aufzulöſen und mir die Wieſen zu übergeben, wenn ich ihm die Koſten der Anlage zurückerſtatte.“ „Großer Gott!“ rief Lenore,„du haſt dieſen edelmüthi⸗ gen Vorſchlag doch zurückgewieſen?“ „Ich habe Bedenkzeit verlangt,“ erwiederte der Freiherr behaglich.„Das Anerbieten iſt, wie geſagt, auch für mich nicht gerade nachtheilig, indeß wäre es doch unvorſichtig, einem Fremden durch fünf Jahre ſo große Vortheile einzuräumen, da Hoffnung iſt, daß ich ſelbſt in einem Jahre über Sum⸗ men verfügen kann, um dieſe Anlagen für unſere eigene Rechnung zu machen.“. 4 „Du würdeſt ſie niemals ſelbſt machen, mein geliebter, armer Mann,“ rief die Baronin unter Thränen, ſie um⸗ ſchlang den Hals ihres Gemahls und hielt ihre Hand über ſeine Augen. Der Freiherr ſank vernichtet zuſammen und legte wie ein Kind ſein Haupt an ihre Bruſt. „Ich muß wiſſen, ob Wohlfart von dieſem Plane weiß und was er dazu ſagt,“ rief Lenore entſchloſſen,„wenn du erlaubſt, Vater, ſchicke ich ſogleich hinüber und laſſe ihn holen.“ Da der Freiherr keine Antwort gab, klingelte ſie dem Bedienten und verließ das Zimmer, dieſen vor der Thür zu erwarten. Fink ſaß in Antons Stube, eifrig beſchäftigt, den Freund auszuſchelten.„Seit du nicht mehr Cigarren rauchſt, iſt dein beſſerer Genius von dir gewichen, nachdem er ſich alle Haare über deine Ungemüthlichkeit ausgerauft hat. Jetzt iſt er im Himmel unter den pſalmirenden Engeln durch eine Tour auffällig, und unſer Herrgott muß von Zeit zu Zeit den Hofmarſchall fragen:„Wer iſt denn dieſer unglückliche Genius mit der Perücke?“ dann antwortet Raphael:„Der Cavalier war früher dem Scheuſal Anton Wohlfart zuge⸗ theilt.“ Dann frägt der Herr:„Weßhalb hat er ihn ver⸗ laſſen?“ Und Raphael muß antworten:„Weil der Unſe⸗ lige die Trabuco's abgeſchworen hat.“ Und der Herr wird zornig ſprechen:„Fort mit ihm zur Hölle; ſeine Seele ſoll in ein Rübenblatt eingenäht und dort alle Tage von kleinen Speiteufeln verraucht werden.“ „Biſt du in Amerika Mitglied einer frommen Gemeinde geworden, daß du im Himmel ſo genau Beſcheid weißt?“ frug Anton von ſeiner Rechnung aufſehend. „Sahmeig. ſagte Fink,„ſonſt hattoſt dn doch noch 4 — — tE — 5P250— einige Stunden, wo du zu faullenzen verſtandeſt, jetzt ver⸗ führſt du eine ewige Buchrechnung, und beim Tantalus, um nichts und wieder nichts.“ Der Bediente trat ein und rief Anton zum Freiherrn. Als Anton an der Thür war, rief Fink ihm nach:„Apro⸗ pos, ich habe dem Freiherrn angeboten, die fünfhundert Morgen von ihm zu pachten. Zwei ein halb Thaler Pacht⸗ geld für den Morgen; nach fünf Jahren Rückgabe der Wieſen gegen Erſtattung der Anlagekoſten, Zahlung baar oder in Hypothek. Jetzt geh, mein Junge.“ Als Anton bei dem Freiherrn eintrat, ſaß die Baronin an der Seite ihres Gemahls und hielt ſeine Hand in der ihren, Lenore ging unruhig im Zimmer auf und ab.„Ha⸗ ben Sie von dem Vorſchlage gehört, den Herr von Fink meinem Vater gemacht hat?“ frug ſie. „In dieſem Augenblick hat er mir davon geſagt,“ er⸗ wiederte Anton. Der Freiherr verzog den Mund. „Und was iſt Ihre Meinung, darf mein Vater das An⸗ erbieten annehmen?“ Anton ſchwieg.„Für das Gut iſt es vortheilhaft,“ ſagte er endlich mit innerer Ueberwindung.„Die Anlage könnte die beſte Hilfe für dieſe Beſitzung werden.“. „Nicht das will ich wiſſen,“ entgegnete Lenore ungedul⸗ dig,„ſondern ob Sie als unſer Freund den Rath geben, dieſen Vorſchlag anzunehmen.“ „Nein,“ ſagte Anton. „Ich wußte, daß Sie ſo ſprechen würden,“ rief Lenore und trat hinter den Stuhl ihres Vaters. — 56— „Sie ſagen nein, und weßhalb? wenn's beliebt,“ frug der Freiherr. 3 „Die gegenwärtige Zeit, welche Alles in Frage ſtellt, ſcheint mir wenig geeignet für eine ſo große Speculation. Außerdem glaube ich, daß Fink bei ſeinem Anerbieten durch Rückſichten geleitet wurde, welche wielleicht ihm ſelbſt Ehre machen, die aber Ihnen, Herr Baron, die Annahme ſeiner Vorſchläge erſchweren müſſen.“ „Sie werden mir erlauben, ſelbſt darüber zu entſcheiden, was ich annehmen darf, und was nicht,“ erwiederte der Frei⸗ herr.„Das Unternehmen wäre als Geſchäft für beide Par⸗ teien vortheilhaft.“ „Das muß ich einräumen,“ ſagte Anton. „Und wie man die gegenwärtige politiſche Lage anſteht, iſt Sache der perſönlichen Auffaſſung. Wer ſich dadurch in ſeinen Unternehmungen nicht ſtören läßt, verdient doch wohl mehr Lob, als der, welcher in einer unbeſtimmten Furcht das Nützliche zu thun verſäumt.“ „Auch das muß ich zugeben.“ „Würde dies Unternehmen die Folge haben, daß Herr von Fink in unſerer Gegend ſeinen dauernden Aufenthalt nähme?“ frug die Baronin. „Das glaube ich nicht, gnädigſte Frau, die Arbeiten ſelbſt wird er jedenfalls einem Techniker übertragen; ſein lebhafter Geiſt wird ihn ſchnell genug wieder in die Welt treiben. Was ihn beſtimmt hat, dem Herrn Baron ſein Anerbieten zu machen, das kann ich nur muthmaßen. Ich glaube, daß großen Antheil daran die Verehrung hat, welche er gegen Ihr Haus empfindet, und der Wunſch, Ihnen und vielleicht 2 — 57— auch mir in dieſen unruhigen Tagen mit einigem Recht nahe zu ſein. Gerade das, was Andern jetzt dieſe Gegend ver⸗ leidet, die Gefahr, das hat für ſein kühnes Herz viel Lo⸗ ckendes.“ „Und würde Ihnen nicht lieb ſein, den Freund hier zu behalten?“ frug die Baronin weiter. „Ich habe dies bis heut noch nicht gehofft,“ erwiederte Anton.„In früherer Zeit war zuweilen meine Aufgabe, ihn von ſchnellen Entſchlüſſen zurückzuhalten, bei denen er um einer Laune willen Vieles auf das Spiel ſetzte.“ „Sie halten es alſo für vorſchnell,“ ſagte der Frei⸗ herr,„daß Ihr Freund mir einen ſolchen Antrag gemacht hat?“ „Sein Antrag iſt gewagt für ihn ſelbſt,“ antwortete Anton nachdrücklich,„und es iſt etwas darin, Herr Freiherr, was mir auch in Ihrem Intereſſe nicht gefällt, obgleich ich in Verlegenheit käme, wenn ich ausſprechen ſollte, was es iſt.“ „Wir danken Ihnen,“ ſagte der Freiherr,„und wollen Sie nicht weiter bemühen, die Sache hat ja keine Eile.“ An⸗ ton verbeugte ſich und verließ das Zimmer.“ Lenore ſtand ſchweigend am Fenſter, ein langer Blich folgte dem Abgehenden.„FIch kann nicht ausſprechen, was es iſt,“ wiederholte ſie Antons letzte Worte, und ein Heer von ängſtlichen Bildern und Ahnungen flog durch ihre Seele. Sie zürnte der Schwäche ihres Vaters, ſie war empört über Fink, der es wagte, ihnen Wohlthaten anzubieten. Ob der Vater annahm, ob er ablehnte, ihr Aller Verhältniß zu dem Gaſt war ein anderes geworden. Sie waren ihm ver⸗ * — 58— pflichtet, er war ihnen kein Fremder mehr, er ſelbſt hatte ſich als Vertrauter in ihre ſtillen Leiden eingedrängt. Sie dachte an das Zucken ſeines Mundes, an ſeine zuſammenge⸗ zogenen Augenbrauen, ſie hörte, wie er ſpottete über den Vater und über ſie. Keck war er in ihr Haus getreten und nach wenigen Tagen faßte er gleichgiltig wie im Scherz nach den Zügeln, um ihr Schickſal nach ſeinem Willen zu lenken. Seiner übermüthigen Laune ſollten ihre Eltern vielleicht die Rettung verdanken. Heut hatte ſie noch mit ihm, dem glän⸗ zenden Mann aus der großen Welt, ſcherzen können, er war ein Gaſt, mit dem man auf gleichem Fuß ſteht, wie ſollte ſie ihn anſehn von morgen ab? Von morgen war er ein großer Herr für ſie, und ihr Vater in Wahrheit ſein Untergebener. Ihr Stolz bäumte hoch auf gegen ſein Weſen, deſſen Macht ſte in dieſer Stunde ſo lebhaft fühlte; ſie nahm ſich vor, ihn mit Kälte zu behandeln; ſte grübelte über die Worte, die er zu ihr ſprechen könnte, und über ihre Antworten, und immer flog ihre Seele um das Bild des mächtigen Fremden, wie der aufgeſcheuchte Vogel um den Feind ſeines Neſtes. „Und was wirſt du thun, Oscar?“ frug die Baro⸗ nin. „Der Vater darf nicht annehmen,“ rief Lenore mit Energie. „Und was iſt deine Meinung?“ ſprach der Freiherr zu ſeiner Frau gewandt. „Wähle, was dich am erſten von dieſem Gute befreit, was die Sorge von dir nimmt, den Trübſinn, die Unſicher⸗ heit, die dich jede Stunde im Stillen quälen. Laß uns in die Ferne ziehn, wo die Leidenſchaften weniger häßlich ſind, weit — 59— weg aus dieſem Lande. In den engſten Verhältniſſen wer⸗ den wir ruhiger ſein, als hier.“ „Du räthſt alſo, ſeinen Vorſchlag anzunehmen,“ ſagte der Freiherr.„Wer den Theil gepachtet hat, übernimmt wohl auch das Ganze.“ „Und zahlt uns eine Penſton,“ rief Lenore. „Du biſt ein thörichtes Mädchen,“ ſagte der Vater,„Ihr regt Euch Beide auf, das iſt unnütz. Der Vorſchlag iſt zu bedeutend, um ihn kurz von der Hand zu weiſen, oder im Sprunge anzunehmen. Ich will mir das Nähere überlegen. Dein Wohlfart wird Gelegenheit haben, die Bedingungen zu prüfen,“ fügte er in beſſerer Laune hinzu. „Höre, mein Vater, auf das, was Wohlfart dir ſagt, und ehre auch, was er verſchweigt.“ „Ja, er ſoll gehört werden,“ ſchloß der Freiherr,„und jetzt gute Nacht, Ihr Beiden, ich werde mir's überlegen.“ „Er wird annehmen,“ ſagte Lenore im Zimmer der Baronin,„er wird annehmen, weil Wohlfart abgerathen hat, und weil der Andere ihm Geld giebt. Mutter, warum haſt du ihm nicht geſagt, daß wir Frauen dieſem Fremden nicht mehr ins Geſicht ſehen können, wenn er uns in un⸗ ſerm eignen Hauſe die Almoſen zutheilt?“ „Ich habe keinen Stolz, ich habe keine Hoffnung mehr,“ ſagte die Mutter leiſe. Als Anton langſam in ſein Zimmer zurückkehrte, rief Fink ihm luſtig entgegen:„Wie ſteht's, Procuriſt, darf ich Pächter werden, oder wird der Baron die Anlage ſelbſt ma⸗ chen? Er hatte große Luſt dazu. In dieſem Fall erhebe ich — 60— Anſpruch auf Finderlohn. Freie Station für mich und mein Pferd, ſo lange ſie hier Krieg ſpielen.“ „Er wird deinen Vorſchlag annehmen,“ erwiederte An⸗ ton,„obgleich ich ihm abgerathen habe.“ „Du?“ frug Fink;„ja, das ſieht dir ähnlich. Wenn eine ertrinkende Maus ſich an ein Holzklotz klammert, du hältſt ihr eine Rede über das Drückende moraliſcher Ber⸗ pflichtungen und ſchleuderſt ſie ins Waſſer zurück.“ „Du biſt nicht ſo unſchuldig, wie ein Holzklotz,“ ſagte Anton wider Willen lachend. „Höre,“ fuhr Fink fort,„ich habe keinen Ueberfluß an Sentimentalität, aber in dieſem Fall würde ich es doch nicht für freundſchaftlich halten, wenn du mich mit einer Strafrede erbauen wollteſt. Iſt dir's denn ſo unangenehm, wenn ich dir helfe, eine verrückte Zeit durchzumachen?“ „Ich kenne dich lange genug, du Schelm,“ ſagte Anton, „um zu wiſſen, daß deine Freundſchaft für mich an deinem Arnerbieten vielen Antheil hat.“ „Wirklich?“ ſpottete Fink,„und wie aroß war dieſer Antheil? Es iſt eine nichtsnutzige Zeit, man mag ſo tugend⸗ haft handeln, als nur irgend möglich, man wird ſo lange ſecirt, bis die Tugend ſich unter dem Meſſer der Bosheit in Egoismus verwandelt.“ Anton ſtreichelte ihm die Wangen.„Ich ſecire nicht,“ ſagte er.„Du haſt ein großartiges Anerbieten gemacht, und ich bin nicht mit dir unzufrieden, wohl aber mit mir. In der erſten Freude über deine Ankunft habe ich dir über die Verhältniſſe des Freiherrn und über den ſtillen Kummer der Frauen mehr mitgetheilt, als ſich mit meiner Pflicht vertrug, ich 4 * — — 61.— ſelbſt habe dich in die Geheimniſſe dieſes Hauſes eingeweiht, und du haſt dieſes Wiſſen auf deine behende Weiſe in An⸗ ſpruch genommen. So habe ich ſelbſt dich mit der Familie ver⸗ flochten und deine Capitalien mit dieſem unruhigen Lande. Daß dies ſo plötzlich geſchehen, iſt gegen mein Gefühl, und daß meine Unvorſichtigkeit die Veranlaſſung gegeben, das ärgert mich.“ „Natürlich,“ lachte Fink;„für dich iſt der ſüßeſte Ge⸗ nuß, wenn du dir um deine Umgebung Sorge machen kannſt.“ „Zweimal iſt mir begegnet,“ fuhr Anton fort,„daß ich, deſſen Vorſicht du ſo oft verſpotteſt, über die Lage der Familie ohne Beruf mit Freunden geſprochen habe. Das erſte Mal erbat ich Hilfe für die Rothſattel, ſie wurde mir verweigert, und dieſer Vorgang hat mich mehr als etwas Anderes aus dem Comtoir und in dies Haus getrieben; jetzt führt meine zweite Indiscretion die nicht mehr erbetene Hilfe in das Haus, was wird die Folge ſein?“ „Daß ſie dich wieder aus dem Hauſe und in das Com⸗ toir wirft,“ lachte Fink.„Hat man je einen ſo ſpitzfindigen Hamlet in Thranſtiefeln geſehn?— Wenn ich nur dahinter kommen könnte, ob du einen ſolchen logiſchen Ausgang in der Stille erſehnſt oder fürchteſt?“ Er zog ein Geldſtück aus der Taſche:„Kopf oder Schrift, Anton?— Blond oder ſchwarz?— Werfen wir!“ „Du biſt nicht mehr in Teneſſee, du Seelenverkäufer!“ erwiederte Anton wider Willen lachend. „Es ſollte ehrliches Spiel ſein,“ ſagte Fink gleichmü⸗ thig, das Geldſtück wieder einſteckend.„Ich wollte dir die Wahl laſſen.— Denke in Zukunft daran.“ 3. Der Freiherr nahm an. In der That war es ſchwer, dem Anerbieten Finks zu widerſtehen, ſelbſt Anton mußte zu⸗ geben, daß eine Zurückweiſung kaum erfolgen konnte, nachdem es einmal im Ernſt ausgeſprochen war. Allerdings kam der Freiherr zu ſeiner Einwilligung nicht auf der geraden Linie, in welcher der gemeine Menſchenverſtand ſonſt auf irdiſche Intereſſen losgeht. Seine Seele machte mehrere Querſprünge. Immer wieder fiel ihm ein, daß er einen anſehnlichen Ge⸗ winn aus ſeinem Gute auf einige Jahre einem Fremden laſſen ſollte; und wenn er ſich ſeufzend die Unmöglichkeit eingeſtan⸗ den hatte, dieſem Verluſte zu entgehen, ſo fiel ihm wieder ein, wie zudringlich es von dem Fremden ſei, ihm am dritten Tag nach ſeiner Ankunft einen ſolchen Antrag zu machen, und wie Lenorens fortgeſetztes Widerſtreben doch einen Grund habe. Dann erſchien er ſich armſelig, unſelbſtſtändig und unter Antons Vormundſchaft, und kam erbittert bis zu dem Gedanken, die Sache aufzugeben. Aber nach ſolchen Wal⸗ lungen ſchwankte er zuletzt doch immer wieder auf die Straße ſeines Vortheils zurück. Er wußte ſehr wohl, welche Hilfe die vorausbezahlte Pacht für das laufende Jahr ſein mußte, er ahnte, daß die Anlage in einigen Jahren den Werth des Gutes um die Hälfte erhöhen konnte. Ja, er gab zu, daß Fink ſelbſt in den Unruhen dieſes Jahres ein wünſt chenswerther 8 —— — 63— Bundesgenoſſe ſei. Gegen die Frauen beobachtete er ein hartnäckiges Stillſchweigen, Lenorens wiederholte Verſuche⸗ ihn zu beſtimmen, wies er mit einem auffallenden Anflug von guter Laune ab; ſein ganzes Weſen war in dieſer Pe⸗ riode der Ueberlegung gehobener. Nach einigen Tagen rief er den alten Diener und ſagte im engſten Vertrauen:„Gieb Acht, Johann, ob Herr Wohlfart im Laufe des Tages einmal ausgeht, und Herr von Fink allein in ſeinem Zimmer iſt, dann melde mich bei ihm und hole mich ab. Als er ganz in der Stille bei Fink einge⸗ führt worden war, ſagte er ihm in verbindlicher Weiſe, daß er ſeinen Vorſchlag annehme und ihm überlaſſe, gelegentlich mit dem Anwalt in Rosmin den Contract zu entwerfen. „Abgemacht,“ rief Fink, ihm die Hand ſchüttelnd;„ha⸗ ben Sie aber auch bedacht, Herr Freiherr, daß ich durch Ihre freundliche Einwilligung in die Lage kommen kann, noch auf Wochen, vielleicht auf Monate die Gaſtfreundſchaft Ihres Hauſes in Anſpruch zu nehmen? Denn ich halte meine Ge⸗ genwart für wünſchenswerth, wenigſtens bis die Arbeit in Gang kommt.“ „Es wird mir eine große Freude ſein,“ erwiederte der Freiherr aufrichtig,„wenn Sie in unſerm noch nicht einge⸗ richteten Haushalt vorlieb nehmen wollen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen einige Zimmer in dieſem Flügel wohnlich zu machen und ganz zu Ihrer Dispoſition zu ſtellen. Haben Sie einen Diener, an den Sie gewöhnt ſind, ſo bitte ich, ihn kommen zu laſſen.“ „Einen Diener nicht,“ ſagte Fink,„wenn Sie Ihrem Johann geſtatten wollen, meine Zimmer in Ordnung zu — 64— halten. Aber etwas Beſſeres habe ich, wovon ich mich nicht lange trennen möchte, ein Halbblut, das noch im Stall mei⸗ nes Vaters ſteht.“ „Sollte es nicht möglich ſein, das Pferd herzuſchaffen?“ „Wenn Sie das erlauben,“ ſagte Fink,„bin ich Ihnen ſehr dankbar.“ So beſprachen die Beiden im beſten Einvernehmen ihre Verbindung, und der Freiherr verließ Finks Zimmer mit dem Gefühl, daß er doch einen klugen Streich gemacht habe. 3 „Die Sache iſt in Richtigkeit,“ ſagte Fink zu dem ein⸗ tretenden Anton.„Jetzt lamentire nicht, ſondern finde dich darein, das Unglück iſt einmal geſchehen. In zwei Zimmer auf der Ecke dieſes Flügels werde ich mich einquartieren, die Einrichtung beſorge ich ſelbſt. Morgen fahre ich nach Ros⸗ min und von dort weiter. Ich bin einem geſchickten Mann auf der Spur, der das Techniſche der Anlage leiten ſoll; den Mann und einige Arbeiter bringe ich mit. Kannſt du mir unſern Karl auf acht Tage überlaſſen?“ „Er iſt hier ſchwer zu entbehren, indeß, wenn es ſein muß, werde ich ihn zu vertreten ſuchen. Laßt mir nur ein Bündel mit weiſen Lehren zurück.“ Am nächſten Morgen reiſte Fink in Begleitung des Hu⸗ ins ab, und die alte Ordnung im Schloß kehrte zurück. Die kleine Schaar Gutswehr hielt regelmäßig ihre Uebungen, Patrouillen wurden gemacht, wie früher; arge Gerüchte wur⸗ den eifrig erzählt und angehört; einmal kam die Meldung, daß auf der nächſten Landſtraße ein Haufe Senſenmänner marſchire, ein andermal betrat ein Trupp feindlicher Reiter die Feldmark, ritt aber, ohne das Dorf zu berühren, auf dem Waldwege vorüber. Auch Militär erſchien als Einquartierung auf einzelne Nächte, kleine Abtheilungen, welche weiter ins Land hineinzogen. Die Offiziere waren willkommene Gäſte des Schloſſes, ſte erzählten von dem Kampf der Leidenſchaf⸗ ten jenſeit der Wälder und beruhigten die Frauen durch das muthige Verſprechen, daß dem Aufſtand ein ſchnelles Ende bereitet werde. Nur Anton empfand die ſchwere Laſt, welche ſelbſt durch die kleinen Truppenmärſche auf das Gut gelegt wurde. Faſt vierzehn Tage waren vergangen, Fink und Karl wie verſchwunden. An einem ſonnigen Tage war Lenore bei ihrer Pflanzung beſchäftigt, ſie ließ durch einen Arbeiter Lö⸗ cher für die Wurzelballen kleiner Waldbäume ausgraben. Schon bildete ein halbes Hundert von Fichten und jungen Birken ein anſpruchsloſes Gebüſch, das zur Zeit einem Reb⸗ huhn mehr Schatten gab, als einem Menſchen. In ihrem Strohhut, einen kleinen Spaten in der Hand, erſchien Lenore dem vorübereilenden Anton ſo anmuthig, daß er ſich nicht enthalten konnte, ſtehen zu bleiben und ihr zuzuſehen. „Habe ich Sie endlich, treuloſer Herr,“ rief ihm Lenore zu.„Seit acht Tagen haben Sie ſich gar nicht um meine Bäume gekümmert, ich habe Alles allein begießen müſſen. Hier iſt Ihr Spaten, kommen Sie und helfen Sie mir Aücher graben.“ Anton ergriff ghorſan den Spaten und begann tapfer den Raſen auszuſtechen.„Ich habe im Walde junge Wach⸗ holder geſehen, vielleicht können Sie die brauchen.“ „An den Rändern,"antwortete Lenore verſöhnt. III. 5 66— „Ich habe in den letzten Tagen mehr zu thun gehabt, als ſonſt,“ fuhr Anton fort,„Karl fehlt uns überall.“ Lenore ſtieß ihren Spaten tief in die Erde und beugte ſich herab, den aufgeworfenen Boden anzufühlen.„Hat Ihr Freund immer noch nicht geſchrieben?“ frug ſie gleichgiltig. „Ich weiß nicht, was ich denken ſoll,“ ſagte Anton,„der Poſtenlauf iſt nicht unterbrochen, denn andere Briefe ſind angekommen. Faſt fürchte ich, daß den Reiſenden ein Un⸗ glück zugeſtoßen iſt.“ Lenore ſchüttelte den Kopf.„Können Sie ſich denken, daß Herrn von Fink ein Unglück zuſtößt?“ frug ſie weiter⸗ grabend. „Es iſt ſchwer zu denken,“ ſagte Anton lachend,„er⸗ ſieht nicht aus, als ob er ſich ein boshaftes Schickſal leicht über den Kopf wachſen ließe.“ „Das meine ich auch,“ erwiederte Lenore trocken. Anton ſchwieg eine Weile.„Es iſt merkwürdig, daß wir mit einander noch nicht über die Veränderung geſprochen haben, welche durch Finks Hierbleiben entſteht,“ ſagte er endlich nicht ohne Zwang, denn er empfand undeutlich, daß zwiſchen Lenore und ihn ſelbſt eine Befangenheit gekommen war, ein leichter Schatten auf goldgrünem Raſen, von dem man nicht weiß, woher er fällt.„Sind Sie auch nicht un⸗ zufrieden mit ſeiner Anſiedelung?“ Lenore wandte ſich ab und ließ einen Zweig durch ihre Finger gleiten.„Sind Sie zufrieden?“ frug ſie zurück. „Ich für meinen Theil kann mir die Anweſenheit des Freundes wohl gefallen laſſen,“ ſagte Anton. „Dann thu' ich's auch,“ erwiederte Lenore aufſehend. — 67— „Aber es iſt doch auffallend, daß auch Herr Sturm nicht geſchrieben hat. Vielleicht kommen ſie gar nicht wieder,““ rief ſie aus. „Für Karl leiſte ich Bürgſchaft,“ ſagte Anton. „Aber für den Andern? Der ſieht aus, als ob er ver⸗ änderlich wäre, wie eine Wolke.“ „So iſt er nicht,“ erwiederte Anton;„wenn er Schwie⸗ rigkeiten zu bekämpfen hat, erwacht alle Energie ſeines Le⸗ bens; nur was ihm keine Mühe macht, das langweilt ihn.“ Lenore ſchwieg und grub eifrig weiter. Da hörte man aus dem Wirthſchaftshofe das Geſumm von fröhlichen Stimmen, die Leute liefen von ihrem Mittags⸗ tiſch auf die Landſtraße,„Herr Sturm kommt,“ rief ein Knecht den Grabenden zu.— Ein ſtattlicher Zug bewegte ſich durch das Dorf auf das Schloß zu. Voran ſchritt ein halbes Dutzend Männer in gleicher Tracht; ſie trugen graue Jupen, breitkrempige Filzhüte, die an einer Seite aufge⸗ ſchlagen und mit einem grünen Buſch verziert waren, auf der Schulter eine leichte Jagdflinte, an der Seite ein Ma⸗ troſenmeſſer. Hinter ihnen kam eine Reihe beladener Wagen, der erſte voll von Schaufeln, Grabſcheiten, Hacken und Erd⸗ karren, welche zu kunſtvoller Symmetrie in einander geſetzt waren, dahinter andere Wagen mit Mehlſäcken, Kiſten, Kleiderbündeln und eingepackten Möbeln. Den Zug ſchloß wieder eine Anzahl Männer in grauer Uniform und denſel⸗ ben Waffen. In der Nähe des Schloſſes ſprang Karl mit einem Fremden von dem letzten Wagen herab. Karl ſtellte ſich an die Spitze des Zuges, ließ die Wagen an der Front des Schloſſes auffahren, ordnete die Männer in zwei Reihen .. 5* —— — 68— und commandirte mit einigem Erfolg:„Praͤſentirt das Gewehr!“ Hinter dem Zuge galoppirte Fink auf ſeinem Pferde heran. „Willkommen!“ rief Anton dem Freunde entgegen. „Sie bringen eine Armee mit Bagage,“ lachte Lenore ihn begrüßend,„ziehen Sie immer mit ſo ſchwerem Gepäͤck ins Feld?“ „Ich bringe ein Corps, das von heute ab in Ihrem Dienſt ſtehen ſoll,“ erwiederte Fink vom Pferde ſpringend. „Es ſcheinen ordentliche Leute,“ ſagte er zu Anton gewandt, „ſie ſollen den Stamm bilden für meine Arbeiter. Doch hat es Mühe gemacht, ſie zuſammenzufinden. Hände ſind jetzt rar, und doch wird nichts gearbeitet. Wir haben in deiner Heimath getrommelt und gelockt, wie Werbeoffiziere. Zur Arbeit allein wären ſie ſchwerlich gekommen. Die grauen Jacken und die Jäͤgerhüte haben's ihnen angethan. Einige gediente Männer ſind darunter, dein Huſar weiß ſie zuſammenzuhalten, wie ein geborener General.“ Der Freiherr und ſeine Gemahlin traten in die offene Halle. Die Arbeiter brachten auf Karls Commando ein drei⸗ maliges Hoch aus, dann zogen ſie auf die vordere Seite des Hauſes und lagerten ſich in der Sonne. „Hier ſind Ihre Pioniere, mein Chef,“ ſagte Fink nach den erſten Begrüßungen zum Freiherrn.„Da Ihre Güte mir erlaubt hat, für die nächſte Zeit Ihr Hausgenoſſe zu werden, ſo habe ich auch das Recht gewonnen, etwas für die Sicherung Ihres Schloſſes zu thun. Es ſieht bedenklich aus in dieſer Provinz. In Rosmin ſelbſt hält man ſich keinen Tag für ſicher. Ihre Einrichtung einer Bauerwehr 5 4 4 1 — 69— iſt auch dem Feind nicht entgangen und hat ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf Ihr Haus gelenkt.“ „Es iſt mir eine Ehre,“ unterbrach der Freiherr,„dieſen Herren zu mißfallen.“ „Gewiß,“ ſtimmte Fink höflich bei.„Um ſo mehr haben Ihre Verehrer die Verpflichtung, für Ihre und Ihrer Familie perſönliche Sicherheit zu wachen. Noch ſind Sie kaum ſtark genug, dies Schloß gegen abgeſchmackte Einfälle Ihrer Ortsangehörigen zu ſchützen. Das Dutzend Arbeiter, welches ich herbringe, könnte eine Schutzwache für Ihr Haus bilden, die Leute haben Waffen und wiſſen zum Theil damit umzugehen. Ich habe die Arbeiter auf ein Regle⸗ ment verpflichtet, welches ſo viel militäriſchen Anſtrich hat, daß es helfen kann, ſie in Ordnung zu halten. Sie ſollen täglich einige Stunden weniger arbeiten und ſich in dieſer, Zeit einexerciren, Patrouillen machen und, ſoweit Ihnen, Herr Freiherr, dies wünſchenswertherſcheint, eine regelmäßige Verbindung mit der Umgegend erhalten. Unterhalt und Beköſtigung der Leute liegen natürlich mir ob, ich habe vor⸗ läufig für die erſten Wochen geſorgt. Mein Wunſch iſt, für ſie ein leichtes Haus auf dem Felde zuſammenzuſchlagen; bis dahin aber wird es nöthig ſein, die Männer nahe bei einander zu halten, wo möglich in der Nähe des Schloſſes. Und deßhalb bitte ich Sie um vonlänſiges Quartier auch für dieſe Leute.“ „Alles, was Sie wünſchen, lieber Fink,“ rief der Frei⸗ herr fortgeriſſen von dem unternehmenden Geiſt des Jüngern; „was wir von Räumlichkeiten haben, ſtelle ich zu Ihrer Verfügung.“ — 70— „Danu erlaube ich mir den Vorſchlag,“ ſagte Anton, „im Schloß ein Zimmer des untern Stocks als Wachtſtube einzurichten. Dort werden die Waffen und Werkzeuge der Leute aufbewahrt, und jede Nacht ziehen einige dorthin auf Poſten. Die übrigen müſſen in dem Wirthſchaftshof untergebracht werden. Dadurch werden die Männer gewöhnt, dies Schloß als ihren Sammelplatz zu betrachten.“ „Vortrefflich„“ ſagte Fink,„wenn nur die Damen der Unruhe, welche dadurch auch in das Schloß kommt, nicht zu ſehr zürnen.“ „Die Frau und Tochter eines alten Soldaten werden die Maßregeln, welche für ihre Sicherheit getroffen werden, mit dem größten Dank aufnehmen,“ erwiederte der Freiherr mit Würde. So wurde von allen Seiten bereitwillig angegriffen, die neue Colonie anzuſiedeln. Die befrachteten Wagen wurden abgeladen. Die Techniker und die Arbeiter fanden vorläufig, eein nothdürftiges Unterkommen auf dem Wirthſchaftshofe. Die erſte Thätigkeit der Arbeiter war, Leinwand und Strohſeile von Möbeln abzuwickeln und dieſe in die Zimmer ihres neuen Brodherrn zu tragen. Die Dienerſchaft vom Schloſſe ſtand herum und ſah neugierig auf den einfachen Hausrath. Ein Stück aber erregte ſo laute Verwunderung, daß auch Lenore zu der Gruppe trat. Es war ein kleines Sopha von abenteuerlichem Ausſehen. Beine und Arm⸗ lehnen waren die Füße eines großen Raubthiers, die Polſter waren überzogen mit dem Fell derſelben Katzenart, gelbbrau⸗ ner Grund mit regelmäßigen ſchwarzen Flecken. Zur Rück⸗ lehne und den Seitenkiſſen waren drei ungeheure Katzenköpfe in Polſter verwandelt, das Geſtell war, ſiatt von Holz, von kunſtvoll geſchnitztem Elfenbein. „Wie allerliebſt!“ rief Lenore aus. Wenn das Ding Ihnen nicht mißfällt,“ ſagte Fint gleichgiltig,„ſo ſchlage ich Ihnen einen Tauſch vor. In meinem Zimmer ſteht ein kleiner Divan, in dem ſich's ſo bequem ruht, daß ich ihn gern behalten möchte. Erlauben Sie den Leuten, dies Ungethüm in einem andern Zimmer des Schloſſes niederzuſetzen, und überlaſſen Sie mir dafür den Divan.“ Lenore fand bei dieſer kurzen Weiſe nicht ſogleich eine Antwort, ſie verbeugte ſich zu ſtummer Einwilligung. Und doch war ſie unzufrieden mit ſich, daß ſie den Tauſch nicht im Augenblick ablehnte. Als ſie in ihr Zimmer kam, fand ſie das Katzenſopha darin aufgeſtellt. Darüber ärgerte ſie ſich noch mehr, ſie rief Suska und den Diener, das Möbel in eine andere Stube zu tragen, aber beide proteſtirten und erhoben großen Lärm, als ſie behaupteten, das prächtige Thier ſtehe nirgend beſſer als in dem Zimmer des gnädigen Fräuleins; bis endlich Lenore, um nicht Aufſehen zu verur⸗ ſachen, beide hinaustrieb und ſich leidend in den Tauſch ergab. So ruhte jetzt Lenorens ſchöner Leib auf den Ja⸗ guͤarfellen, die Fink in fernen Wäldern erbeutet hatte. Am nächſten Tage begann die neue Thätigkeit. Der Wieſenbauer zog mit ſeinen Inſtrumenten auf das Feld, die Arbeiter wurden an ihr Werk geſtellt. Karl ſuchte Tage⸗ löhner in den deutſchen und polniſchen Orten, auch im Dorfe waren einige Leute willig, nach wenig Tagen wurde ein halbes Hundert Arbeiter auf dem gepachteten Land ui 4 — 72— beſchäftigt. Nebenbei bemerkt, nicht ohne viele Störung, die Leute waren unruhig und zerſtreut, und die Arbeiter aus den nächſten Dörfern kamen unregelmäßiger, als wünſchenswerth war; aber der Stamm hielt doch feſt und Finks Einrichtung bewährte ſich, vielleicht deßhalb, weil ſowohl er als Karl die Leute zu bändigen wußten, er ſelbſt durch ſtolze Energie, Karl durch gute Laune, mit der er lobte und ſchalt. Die militäriſchen Nebungen zu leiten, kam der Förſter unermüd⸗ lich aus ſeinem Walde hervor, das Schloß wurde alle Nächte durch Wachen beſetzt, die Patrouillen nach den Nachbardör⸗ fern pünktlich verſehen. Der kriegeriſche Geiſt verbreitete ſich von dem Schloſſe über die ganze deutſche Umgegend. Schnell lebte in der Schaar mit aufgekrempten Hüten ein Corpsgeiſt auf, der die Handhabung der Disciplin erleich⸗ terte; nach wenig Tagen wurde Fink mit zahlreichen Bitten anderer Leute überlaufen, ſie ebenfalls mit einem Anzuge und einer Flinte, mit guter Koſt und Löhnung zu verſehen und in ſeine Garde aufzunehmen. „Die Wachtſtube iſt in Ordnung,“ ſagte Fink zu An⸗ ton,„in die Fenſterverſchläge des Unterſtocks laß noch Schießlöcher ſchneiden.“ So trug man im Schloß die Laſten der Zeit mit neuem Muth. In das Leben jedes Einzelnen kam durch den Gaſt ein neuer Zug, auch die Wirthſchaft empfand ſeine Gegen⸗ wart, und der Förſter war ſtolz, einem ſolchen Herrn die Honneurs des Waldes zu machen. Fink war viel mit An⸗ ton auf dem Felde, und dieſer wie Karl gewöhnten ſich, ihn um Rath zu fragen. Er kaufte zwei derbe Wagenpferde, wie er ſagte, für die eigene Bequemlichkeit und für die Wieſen, — 73— aber er ließ ſie tüchtig in der Wirthſchaft arbeiten und lachte den Freund aus, als dieſer ein beſonderes Conto für die beiden Roſſe einrichtete und ihnen alle Wochen ihre An⸗ zahl Pferdetage gut ſchrieb. Anton ſelbſt war glücklich, den Freund in der Nähe zu haben. Etwas von der fröhlichen alten Zeit war wiedergekommen, jene Abende, wo die beiden Jünglinge mit einander geplaudert hatten, wie nur junge Männer vermögen, bald in kindlicher Tollheit, bald weiſe über die höchſten Dinge. In Vielem hatte ſich Fink verän⸗ dert, er war ruhiger geworden und, wie Anton in der Sprache des Comtoirs ſich ausdrückte, ſolider. Aber er war freilich noch mehr als früher geneigt, andere Menſchen für ſeine wechſelnden Intereſſen zu benutzen und auf ſie her⸗ unter zu ſehen, wie auf ein Spielzeug. Seine Lebenskraft war noch dieſelbe. Wenn er den Morgen bei ſeinen Wieſen⸗ arbeitern geſtanden, mit dem Förſter den Wald durchſtreift hatte, wenn er am Nachmittag auf ſeinem Pferde, trotz An⸗ tons Vorſtellungen, meilenweit in das unſichere Land hin⸗ eingeritten war, um Nachrichten zu holen, oder Verbindun⸗ gen anzuknüpfen, und wenn er auf dem Rückwege die Poſten des Guts und der Bauerdörfer revidirt hatte, dann war er noch Abends am Theetiſch der Baronin ein heiterer Geſellſchafter, der unermüdlich aushielt, und oft durch An⸗ tons Winke erinnert werden mußte, daß die Kraft der Haus⸗ frau nicht ſo unzerſtörbar war, als ſeine eigene. Den Frei⸗ herrn hatte er bald vollſtändig überwunden. Gegen die gallige Laune, welche dem armen Herrn zur Gewohnheit ge⸗ worden war, zeigte er nicht die mindeſte Nachſicht, er geſtat⸗ tete ihm keine bittere Bemerkung, keinen Ausfall gegen — 74— Wohlfart oder gegen die eigene Tochter, ohne ihm ſein Un⸗ recht auf der Stelle fühlbar zu machen. So ſetzte er durch, daß der Gutsherr wenigſtens in ſeiner Gegenwart ſich gewal⸗ tig zuſammennahm. Dagegen that er ihm auch manchen Ge⸗ fallen, der ihm ſelbſt bequem war. Er half ihm dazu, eine Partie Whiſt zu ſpielen, indem er ihm den Rath gab, ſich in die Karten kleine Zeichen zu ſtechen, die er mit dem Fin⸗ ger fühlen konnte; er führte Lenore zu dem Whiſttiſch und brachte ihr die Anfänge des Spiels bei. Wie von ſelbſt machte ſich's, daß Wohlfart zur Partie herangezogen wurde. So half er dem Freiherrn über langſame Stunden weg und bewirkte, daß ſein Freund von jetzt ab faſt alle Abende in der Familie zubrachte und noch nicht zu Bett war, wenn Fink die Laune hatte, ein Nachtgeſpräch zu halten und in Geſellſchaft ein Glas Cognacpunſch und eine letzte Cigarre zu genießen. Nur die Frauen des Schloſſes ſchienen die Vortheile nicht zu empfinden, welche Finks Anweſenheit allen Uebri⸗ gen brachte. Die Baronin erkrankte. Es war keine heftige Krankheit, und doch kam ſie plötzlich. Noch am Nachmittag hatte ſie heiter mit Anton geſprochen und ihm einige Briefe abgenommen, die der Briefbote für den Freiherrn gebracht. Am Abend erſchien ſie nicht am Theetiſch; der Freiherr ſelbſt betrachtete ihr Unwohlſein als vorübergehend. Sie klagte über nichts, als Schwäche; der Arzt, welcher ſich von Ros⸗ 3 min auf das Gut wagte, wußte ihre Krankheit nicht zu nen⸗ naen. Lüächelnd wies ſie alle Arznei zurück und ſprach ſelbſt die feſte Zuverſicht aus, daß die Abſpannung vorübergehen werde. Um Lenore und ihren Gemahl nicht an das Kran⸗ kenzimmer zu feſſeln, äußerte ſie zuweilen den Wunſch, an den Familienabenden Theil zu nehmen, ſie vermochte dann nicht auf dem Sopha zu ſitzen und legte ihr Haupt auf das Kiſſen der Lehne. So war ſie die ſtille Geſellſchafterin der Andern, ihr Auge ſah dann unruhig auf den Freiherrn und prüfend auf Lenore, bis beide am Spieltiſch ſaßen, dann lehnte ſie ſich in die Kiſſen zurück und ſchien auszuruhen, wie von einer Arbeit. Anton ſah mit inniger Theilnahme auf die Kranke. Wenn er im Spiel einen Rubber zu pauſiren hatte, ver⸗ ſäumte er nie, leiſe zum Sopha zu treten und nach ihren Be⸗ fehlen zu fragen. Es war ihm eine Freude, wenn er ihr ein Glas Waſſer überreichen, oder einen Auftrag ausrichten konnte. Immer ſah er mit Bewunderung in das feine Ant⸗ litz, das noch jetzt, bleich und abgeſpannt, die ſchönen Umriſſe zeigte. Es war ein ſtilles Einverſtändniß zwiſchen ihm und der Kranken. Sie ſprach mit ihm noch weniger als mit den Andern. Denn wenn ſie in der Nähe ihres Gemahls oft in munterm Ton das Wort ergriff und den Erzählungen ihres Gaſtes mit den Augen und dem Haupt folgte, ſo bemühte ſie ſich nicht, vor Anton ihre Schwäche zu verbergen. Sie ſank dann in ſich zuſammen, oder ſtarrte theilnahmlos in das Zimmer hinein, aber wenn ſie ihn anſah, war es mit dem ruhigen Vertrauen, das man einem alten Hausgenoſſen ſchenit vor dem man Geheimniſſe nicht mehr zu hüten hat. Vielleicht war es, weil die Baronin den Werth ſeines Ge⸗ müths vollkommen zu würdigen wußte, vielleicht weil ſte ihn ſeit dem Tage, wo er ihr ſeine Dienſte anbot, bis zu dieſer — 76— Stunde immer als einen zuverläſſigen Diener ihres Hauſes angeſehen hatte. Aber wäre auch dieſe Auffaſſung unſerm Helden bemerkbar geworden, ſie hätte ſeine ritterliche Treue gegen die Edelfrau nicht erſchüttert. So wie ſie war, er⸗ ſchien ſte ihm fertig und in ihrer Art vollkommen, als ein Bild, welches das Herz eines Jeden erfreut, der ihr nahe tritt. Er konnte den ſtillen Verdacht nicht los werden, daß eine Einwirkung von außen, vielleicht eines von den Schreiben, die er ſelbſt übergeben, die Veränderung ihrer Geſundheit her⸗ ‚vorgebracht habe. Auf einem der Briefe hatte eine zitternde Hand die Adreſſe geſchrieben, der Brief hatte ein bösartiges Ausſehen gehabt, und Anton hatte ahnend empfunden, daß er Unwillkommenes enthalten müſſe. An einem Abend, als die Andern am Spieltiſch ſaßen, war der Kopf der Kranken von dem ſeidenen Kiſſen herunter geglitten. Als Anton das Kiſſen zurecht gerückt, und die Kranke ihr Haupt mit Mühe wieder darauf gelegt hatte, ſah ſte ihn dankend an und ſagte ihm leiſe, wie ſchwach ſie ſei.„Ich wünſche noch einmal allein mit Ihnen zu reden,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, „nicht jetzt, aber die Zeit wird kommen,“ nnd dabei ſah ſie mit einem tiefen Ausdruck von Schmerz in die Höhe, daß Anton voll trüber Befürchtungen wurde. Weder der Freiherr noch Lenore hatten ſo große Sorge. „Mama hat ſchon einige Mal an ſolcher Schwäche gelitten,“ ſagte Lenore,„immer war die Sommerluft ihre beſte Hei⸗ lung, ich hoffe Alles von der Zeit, wo es wärmer wird.“ enore ſelbſt war nicht unbefangen genug, ihre Umgebung mit ſcharfen Augen anzuſehen, auch ſie hatte ſich verändert. Manchen Abend ſaß ſie ſtumm am Theetiſch und fuhr auf, wenn das Wort an ſie gerichtet wurde, an andern war ſie ausgelaſſen heiter. Sie vermied Fink, ſie mied aber auch Antons Nähe, beiden gegenüber war ſte befangen. Ihre blühende Geſundheit ſchien erſchüttert, die Mutter ſelbſt trieb ſie oft aus der Krankenſtube ins Freie; dann ließ Lenore ihr Pferd ſatteln und ritt allein hinaus in den Wald, wo ſie ſtundenlang umhertrabte und zuletzt nicht darauf achtete, wenn ſie der erzürnte Pony, ohne ihren Befehl abzuwarten, nach dem Hofe zurückbrachte. Anton ſah dieſe Veränderung mit ſtiller Trauer. Er fühlte tief, daß es anders wurde⸗ zwiſchen Lenore und ihm, aber er vermied, mit ihr darüber zu ſprechen, und verſchloß in ſeinem Herzen, was er empfand. Es war ein ſchwüler Nachmittag im Mai. Ueber den Wäͤldern hingen dunkle Gewitterwolken, und die Sonne warf ihre Strahlen heiß auf das trockne Land, da kam der Mann, der als Patrouille nach den Bauerdörfern ausge⸗ ſchickt war, eilig nach der Wachtſtube des Schloſſes zurück und meldete, fremdes Volk laure im Kunauer Wald, die Kunauer ließen fragen, was zu thun ſei. Fink gab den Arbeitern das Lärmzeichen und ſandte Botſchaft zum För⸗ ſter und nach dem neuen Vorwerk. Während die Arbeiter das Geräth nach dem Schloſſe trugen und die Knechte mit ihrem Geſpann vom Felde heimritten und ſich zum Aufbruch rüſteten, jagte ein Reiter von Kunau mit der Nachricht heran, eine polniſche Bande ſei in ein Gehöft des Dorfes einge⸗ brochen, die Landleute ließen um Hilfe bitten. Alle Männer waren in der muthigen Aufregung, welche ein Alarm hervorruft, wenn er die Ausſicht auf Abenteuer bringt. — 78— „Behalte einige der Arbeiter zurück,“ ſagte Fink zu An⸗ ton,„und übernimm die Wache im Schloß und im Dorfe, den Förſter ſchicke mit der Gutswehr nach Kunau, ich reite mit dem Amtmann und den Knechten voraus.“ Er ſprang nach dem Stall des Schloſſes und ſattelte ſelbſt ſein Pferd, während Karl neben ihm das Reitpferd des Barons für ſich herausführte.„Sehen Sie nach den Wolken, Herr von Fink,“ ſagte Karl,„nehmen Sie Ihren Mantel mit, es giebt ein tüchtiges Gewitter. Heut Nacht regnet's Hafer für das Gut.“ Fink rief nach ſeinem Plaid, und die kleine Schaar raſſelte auf Kunau zu. Als ſie in den Wald kamen, merkten ſie, wie ſtickend die Schwüle war, ſelbſt die raſche Bewegung der Pferde ver⸗ mochte nicht das unbehagliche Gefühl zu bannen.„Sehen Sie die Unruhe in den Thieren,“ rief Karl,„mein Pferd ſpitzt die Ohren, es iſt etwas im Walde.“ Die Reiter hiel⸗ ten ſtill.„In dem Gebüſch trabt Einer, dort raſſelt's in den Aeſten.“ Das Pferd, welches Karl ritt, fuhr mit dem Kopf auf das Gehölz zu und ſchnaubte laut. —„Es iſt ein Bekannter, Einer von uns,“ ſagte Fink auf das Pferd ſehend. Die Zweige des jungen Holzes fuhren auseinander, auf ihrem Klepper kam Lenore herausgeſprengt und verlegte den Reitern den Weg.„Halt, wer da!“ rief ſie lachend. „Alle Wetter, das Fräulein!“ ſchrie Karl. „Die Loſung!“ rief Lenore martialiſch. Fink ritt vor, ſalutirte und ſagte leiſe:„Pot Blitz, das iſt ja die Guſtel von Blaſewitz.“ * Ac Lenore erröthete und lachte.„Paſſirt,“ ſagte ſie,„ich reite mit.“ „Natürlich,“ rief Fink,„nur vorwärts!“ Der Pony warf nach Leibeskräften ſeine Beine neben dem großen Pferde des Gaſtes durcheinander. So kamen ſie nach Kunau und hiel⸗ ten vor dem Alarmhauſe. Dort war die Bauerwehr aufgeſtellt, der Schmidt als Befehlshaber kam ihnen ſorgenvoll entgegen. „Was in unſerm Holze ſteckt, iſt verwettertes Volk,“ rief er,„bewaffnete Polacken. Heut in der hellen Mittags⸗ ſtunde iſt ein Haufe von zehn Männern mit Flinten an des Leonhard Hof gekommen, der dort hinausliegt auf den Wald zu, ſie haben die Hofthüren beſetzt, dann iſt der Anführer mit ſeiner Bande in die Stube getreten, wo die Leute gerade um den Tiſch ſaßen, und hat Geld verlangt und das Kalb aus dem Stall. Es war ein ſchändlicher Kerl mit einer langen Flinte, er hatte eine Pfauenfeder auf dem Hut, und die rothen Schnüre auf dem Rock, wie ein ächter Klopiec. Der Bauer hat ſich geweigert, das Geld zu geben, da haben ſie ihm ein Gewehr an den Kopf geſetzt, bis ſein Weib in der Angſt zu dem Kaſten gelaufen iſt und den Kerlen einen Säckel mit Geld hingeworfen hat. Darauf haben ſie das Kalb aus dem Stall geriſſen und vier Gänſe aus dem Hofe, und ſind mit ihrem Raube wieder nach dem Wald gezogen. Vier Schufte mit Flinten haben ſie im Hofe ſtehen laſſen als Wache, ſo daß Niemand herauskonnte, bis die Andern mit den ge⸗ ſtohlnen Sachen im Walde waren. Zuletzt haben zwei von dem Raubvolk ihre Gewehre in das Dach abgeſchoſſen, dann find auch die vier weggelaufen. Das Dach fing an zu glim⸗ men, aber wir haben's glücklich gelöſcht.“ —— — 80— „ Seitdem ſind Stunden vergangen,“ ſagte Fink,„die Schurken ſind über alle Berge.“. „Ich glaub's nicht,“ erwiederte der Schmidt.„Den Leonhard habe ich mit unſern Berittenen ſogleich um den Wald herumgeſchickt an die Grenze, damit ſie aufpaſſen, wenn das Räubervolk ſich aus dem Wald ſchleicht. Und eine Frau aus Neudorf, die im Wald war, hat noch vor zwei Stunden polniſche Leute geſehn, auf der Grenze von unſerm nach dem Neudorfer Wald, grade da, wo der Grenzſtein unter der alten Eiche ſteht. Sie hatten ein Vieh bei ſich, ob es ein Kalb war oder ein Hund, hat die Frau in ihrer Angſt nicht geſehen, wenn's das Kalb war, ſo haben's die Hungerleider lieber aufgegeſſen als fortgetragen. Ich komme eben von Neudorf, die Neudorfer ſind geſammelt wie wir. Wir möchten ein Treiben durch die Wälder anſtellen, wenn Ihre Leute uns von Ihrer Seite helfen, und wenn Sie uns die Richtung geben wollten.“ 1 „Gut,“ ſagte Fink,„friſch an's Werk. Er ſandte einen Boten dem Förſter entgegen, damit die aus dem Schloß gleich von ihrer Seite das Treiben begönnen, und beſprach mit dem Schmidt Aufſtellung und Richtung der Kunauer. Karl mit den Krecchten ſchickte er zu den Kunauer Reitern auf die entgegenge⸗ ſetzte Seite des Waldes, nach welcher der Trieb zugehen ſollte. „Machen Sie keine Umſtände mit den Schuften,“ rief er dem abreitenden Karl zu und klopfte auf die Piſtolen im Holfter. „Vorwärts!“ ſagte er zum Schmidt,„ich ſelbſt reite nach Neudorf. Wenn Ihr Euer Vorholz abgeſucht habt, erwar⸗ tet uns, dort ſoll die Neudorfer Kette ſich an Eure ſchließen.“ So zogen die von Kunau aus, den Diebſtahl zu rächen. 2 — — 81— Fink galoppirte von Lenore begleitet nach dem Nachbardorf. Auf dem Wege ſagte er zu ihr:„Hier werden wir uns trennen, Fräulein.“— Lenore ſchwieg. Fink ſah ſie von der Seite an.„Ich glaube nicht,“ fuhr er fort,„daß die Schelme uns die Freude machen wer⸗ den, unſern Beſuch im Walde zu erwarten. Und wenn ſie weglaufen wollen, der Abend iſt nahe, wir werden ſte ſchwer⸗ lich hindern. Aber die Jagd iſt eine gute Uebung für unſere Leute, und deßhalb ſoll ſie uns willkommen ſein.“ „Dann gehe ich mit nach dem Walde,“ ſagte Lenore itſchloſſen „Nothwendig iſt das grade nicht,“ erwiederte Fink;„ich fürchte zwar keine Gefahr für Sie, aber Ermüdung und viel⸗ leicht Regen.“ „Laſſen Sie mich mit,“ bat Lenore zu ihm aufſehend. „Ich habe verſtändig abgerathen, mehr iſt von einem Menſchen nicht zu verlangen, und im Vertrauen geſagt, mich freut's, daß Sie ſo muthig ſind. Galopp, Kamerad!“ In Neudorf ſtellte Fink die Pferde in den Hof des Schul⸗ zen und führte die Schaar der Neudorfer an den Waldrand. Die Linie ſtellte ſich auf, die Durchſuchung des Forſtes begann. In langer Kette betraten die Männer das Holz, die Entfernung zwiſchen den einzelnen Gliedern mußte größer ſein, als wünſchenswerth war, Fink ſchritt mit Lenore auf dem äußerſten rechten Flügel, wo der Anſchluß an die Linie der Kunauer geſchehen ſollte, der Nebenmann Finks hatte die Richtung anzugeben. Die Jäger gingen in tiefem Schweigen vorwärts und ſpähten mit ſcharfem Auge von Baum zu Baum. Als ſie den Wald betraten, rauſchte es in den Baumgipfeln, III. 3 3 6 — 82— durch die Lücken des Nadelholzes ſah man den bleiſchwarzen Himmel. Unten aber lag noch die Schwüle des heißen Ta⸗ ges, die Vögel ſaßen in die Zweige geduckt, die Käfer waren in die Heidelbeeren gekrochen. „Der Himmel ſelbſt kommt den Spitzbuben zu Hilfe,“ ſagte Fink, auf die Wolken deutend, zu ſeiner Begleiterin, „es wird ſo finſter dort oben, daß wir in einer halben Stunde hier unten nicht zehn Schritt vor uns ſehen werden.“ Das Holz ſchloß ſich dichter, das Tageslicht nahm ab, Lenore hatte Mühe, die Reihe der Männer zu erkennen. Der Grund wurde moraſtig, Lenore verſank bis an die Knöchel in dem Bruch.„Wenn's nur kein Katarrh wird,“ lachte Fink ſie aus. „Es wird keiner,“ erwiederte Lenore herzhaft, aber der Zug in den Wald erſchien ihr nicht mehr ſo harmlos, wie vor einer Stunde. Der Mann neben Fink blieb ſtehen, ſein leiſes Zeichen lief die Kette hinab, die lange Reihe hielt an, die Kunauer zu erwarten. Immer ſchwärzer wurde es über den Bäumen, immer dunkler im Holz. In der Ferne rollte der Donner, wie ein dumpfer Wirbel klang der Ton unter dem großen Dach von Nadeln. So ſtanden die Männer wohl eine Vier⸗ telſtunde, da tönte von rechts ein leiſer Ruf durch die Dun⸗ kelheit, die Treiber aus dem Nachbardorf kamen heran. Die Warnung:„Nebenmann rechts und links im Auge behal⸗ ten!“ flog durch die Reihe, dann ſetzte ſich der ganze Zug in Bewegung, die Führer aus den beiden Dörfern ſchritten jetzt nebeneinander, Fink und Lenore in ihrer Spur. Da fuhr ein ſtarker Donnerſchlag über den Wald, es pfiff und raſſelte — 83— in der Luft, der Regen rauſchte hernieder. Zuerſt klang der Tropfenfall nur in den Aeſten der Väume, bald drangen ein⸗ zelne ſchwere Tropfen herunter. Immer lauter ſchlug der Regen auf die Kronen der Bäume, immer ſtärker tropfte es von den Aeſten, endlich rauſchte die Waſſerfluth von dem Himmel und durch die Zweige herab auf den Boden; jeder Stamm, jeder Strauß Nadeln, jeder herabgebogene Aſt ver⸗ wandelte ſich in eine Waſſerrinne. Wie ein Flor verhüllten die Waſſertropfen die Ausſicht. Um jeden Einzelnen war ein enger Kreis gezogen durch Finſterniß und ſtrömenden Regen, die Männer riefen einander mit gedämpfter Stimme zu, um die Richtung nicht zu verlieren. Da ſtieß Lenore, als ſie auf Fink ſah, mit dem Fuße an eine Baumwurzel, ſie unterdrückte einen Schmerzensſchrei und ſank auf ein Knie; Fink eilte zu ihr. „Ich kann nicht weiter,“ ſagte ſie den Schmerz bezwin⸗ gend,„laſſen Sie mich hier zurück, ich beſchwöre Sie, und holen Sie mich auf dem Rückwege ab.“ „Sie in dieſer Lage verlaſſen,“ rief Fink,„wäre eine Barbarei, gegen welche das Menſchenfreſſen als unſchuldige Ergötzlichkeit erſcheinen müßte. Sie werden ſich ſchon meine Nähe gefallen laſſen. Vor Allem erlauben Sie, daß ich Sie aus dieſer Baumtraufe fortführe an eine Stelle, wo der Regen weniger unverſchämt iſt. Unſere Vordermänner habe ich ohnedies verloren, ich ſehe durchaus nichts mehr von den breiten Schultern der ehrlichen Knaben.“ Er richtete Le⸗ nore in die Höhe, ſie verſuchte mit dem verletzten Fuß auf⸗ zutreten, aber der Schmerz preßtte ihr einen neuen Klagelaut aus, ſte wankir und hielt ſich an Finks Schulter. Da ſchlug 6* — 84— dieſer ſeinen Plaid um ſie, hob ſte vom Boden und trug ſie eingewickelt, wie man ein Kind trägt, auf ſeinen Armen unter einige Tannen, welche mit ihren dichten Zweigen einen kleinen geſchützten Raum einſchloſſen. Wenn ein Menſch ſich beugte, konnte er darunter erträglichen Schutz finden. „Hier herunter müſſen Sie ſich ſetzen, liebes Fräulein,“ ſagte Fink und ſetzte Lenore vorſichtig auf den Boden.„Ich werde vor Ihrem grünen Haus Wache halten und Ihnen den Rücken zukehren, damit Sie Ihr naſſes Tuch um den unartigen Knöchel binden.“ Lenore drückte ſich unter das dichte Tannendach, Fink ſtellte ſich mit dem Rücken gegen ſie an einen Baumſtamm.„Es iſt doch nichts beſchädigt,“ frug er,„können Sie den Fuß im Gelenk bewegen?“ „Es thut etwas weh,“ ſagte Lenore,„aber es geht.“ „Das iſt brav,“ ſprach Fink hinter ſich,„jetzt binden Sie das Tuch um, ich hoffe, in zehn Minuten werden Sie auftreten können. Wickeln Sie ſich feſt in das große Tuch, es hält warm; ſonſt holt ſich mein Kriegskamerad noch das Fieber, und damit wäre die Jagd nach dem geſtohlenen Kalb doch zu theuer bezahlt. Sind Sie fertig mit dem Verband?“ frug er wieder,„darf ich mich herumdrehen?“ „ a,“ ſagte Lenore. „Dann erlauben Sie mir, Sie einzuwickeln.“ Verge⸗ bens proteſtirte das Fräulein gegen dieſen Ritterdienſt, Fink ſchlang das große Tuch um den ganzen Körper der Sitzen⸗ den und band es hinten in einen feſten Knoten.„Jetzt ſitzen Sie im Walde wie das graue Männchen.“ „Etwas Geſicht laſſen Sie mir frei,“ bat Lenore. „So,“ ſagte Fink,„jetzt wird Ihnen behaglich werden.“ Bald empfand Lenore eine wohlthätige Wärme; ſchweigend ſaß ſie unter ihren Zweigen, bekümmert um die ſeltſame Lage, in der ſie ſich befand. Fink hatte wieder ſeinen Platz am Baumſtamm eingenommen und kehrte ihr ritterlich den Rücken zu. Nach einer Weile rief Lenore aus dem Gebüſch:„Sind Sie noch da, Herr Kamerad?“ „Halten Sie mich für einen Verräther, der ſeinen Zelt⸗ genoſſen verläßt?“ frug Fink zurück. „Es iſt hier unten ganz trocken,“ fuhr Lenore fort,„nur auf meine Naſe fällt zuweilen ein Tropfen. Sie aber, armer Herr, werden da draußen ganz durchnäßt. Welch furchtba⸗ rer Regen!“ „Dieſer Regen flößt Ihnen Schrecken ein?“ frug Fink achſelzuckend,„der iſt nur ein ſchwaches K Kind! Wenn er einen Zweig vom Baume gerauft hat, meint er Wunder ge⸗ than zu haben. Da lobe ich mir den Regen in ſolchen Län⸗ dern, wo die Sonne heißer brennt. Tropfen wie Aepfel, nein, keine Tropfen mehr, armdicke Strahlen, das Waſſer ſtürzt aus den Wolken, wie ein Waſſerfall. Stehen bleiben kann man nicht, denn der Boden ſchwimmt unter einem fort, unter Bäume flüchten kann man auch nicht, denn der Sturm⸗ wind zerbricht die dickſten Baumſtämme wie Strohhalme. Man läuft auf das Haus zu, das wielleicht nicht weiter ent⸗ fernt iſt, als von Ihnen bis zu der nichtswürdigen Baum⸗ wurzel, die Ihren Fuß verletzte, und das Haus iſt verſchwun⸗ den, an der Stelle befindet ſich ein Loch, ein Strom, ein Haufe herangeſpülter Felſen. Vielleicht fängt dann auch die Erde an ein wenig zu beben und ſchlägt Wellen wie das Meer im Sturme. Das iſt ein Regen, der ſich ſehen laſſen ———— ———— — — — 86— kann. Kleider, die er durchnäßt hat, werden nie wieder trocken, was ein Oberrock war, iſt acht Tage nachher noch eine ſchwarze unförmliche Maſſe, welche das Ausſehen und die Feuchtigkeit einer Morchel hat. Behält man einen ſol⸗ chen Rock auf dem Leibe, ſo bleibt er feſt genug ſitzen, die Aufſchläge am Ellbogen, die Taille am Halſe, aber nie wird man ihn wieder ausziehen können, außer mit Hilfe eines Fe⸗ dermeſſers und in ſchmalen Streifen, die man abſchneidet wie Aepfelſchalen.“ Lenore mußte in ihrem Schmerz lachen.„Ich wünſche mir wohl einen ſolchen Regen zu erleben,“ ſagte ſie. „Ich bin uneigennützig, wenn ich mir nicht wünſche, Sie in ſolcher Lage zu ſehen,“ erwiederte Fink.„Die Frauen ſind am ſchlimmſten daran, Alles, was ſie zur Toilette rech⸗ nen können, verſchwindet in ſolcher Strömung vollſtändig. Iſt Ihnen das Coſtüm der Frau Venus von Milo bekannt?“ „Nein,“ antwortete Lenore ängſtlich. „Gerade wie dieſe Dame ſehen alle Frauen aus, die ein tropiſcher Regen getroffen hat, und die Männer wie Vogel⸗ ſcheuchen. Ja es ſoll vorgekommen ſein, daß Menſchen von ſolchem Regen platt geſchlagen wurden, wie Kupferdreier, nur mit einem Knopf in der Mitte, der bei näherer Betrach⸗ tung ſich als ein Menſchenkopf auswies und den Vorüber⸗ gehenden traurig zurief: O ihr Mitmenſchen, das kommt davon, wenn man ohne Regenſchirm ausgeht.“ Wieder mußte Lenore lachen.„Mein Fuß thut nicht mehr ſo weh,“ ſagte ſte,„ich glaube, ich kann jetzt gehen.“ „Das ſollen Sie nicht,“ entgegnete Fink,„noch läßt — 87— der Regen nicht nach, und es iſt ſo finſter, daß man kaum die Hand vor den Augen ſieht.“ „Dann thun Sie mir die Liebe und ſuchen Sie die Män⸗ ner auf. Mir iſt jetzt wohler, ich ſitze hier wie ein Reh ge⸗ ſchützt vor dem Regen und vor fremden Leuten.“ „Es geht nicht,“ ſprach Fink von ſeinem Baume zurück. „Ich bitte Sie flehentlich darum,“ rief Lenore angſtvoll und ſtreckte ihre Hände aus dem Tuch,„laſſen Sie mich jetzt allein.“ Fink wandte ſich um, ergriff ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lippen, dann eilte er ſchweigend in der Richtung fort, welche die Landleute genommen hatten. So ſaß Lenore allein unter den Tannenzweigen. Noch immer rauſchte der Regen herab, er ſchlug klatſchend an die Baumgipfel und ſtrömte von den Aeſten herunter auf den Boden. Dazu rollte oben der Donner, das Gewitter kam herauf; zuweilen fuhr ein grelles Licht durch die Dunkelheit, dann ſah Lenore die beleuchteten Baumſtämme in langen Reihen wie goldgelbe Säulen eines unabſehbaren Gebäudes vor ſich ſtehen und darüber ein ſchwarzes Dach mit hellen Lichtern geflammt. Dann erſchien der Wald wie ein ver⸗ wünſchtes Schloß, das aus der Erde ſteigt und im Nu wie⸗ der verſinkt. Durch den Regen klangen geheimnißvolle Töne, wie ſie zur Nachtzeit durch den Wald gehen. Ueber ihr ſchlug es an den Stamm mit regelmäßigem Klopfen, als wenn ein ſchlimmes Waldgeſpenſt an das Holz ihrer Hütte anpochte, ſie fuhr zuſammen und frug ſich gleich darauf, ob das ein Specht ſein könnte, oder ein Baumaſt. Aus der Ferne tönte der heiſere Klageſchrei einer Krähe, der das Waſſer in das Neſt gedrungen war und den erſten Schlaf geſtört hatte. — 88— der erſchrak Lenore; war es ein tückiſcher Kobold aus dem Walde, oder war es nur eine kleine Eule? In hundert melancholiſchen Lauten ſprach die Natur. Lenore empfand den wilden Reiz dieſer Einſamkeit bald mit Freude und gleich darauf wieder mit Angſt. Und dazwiſchen zogen andere Gedanken durch ihre Seele, wie thöricht ſie gehan⸗ delt hatte, ſich vom Hauſe fortzuſtehlen zu einem Zuge, der ein ſolches Abenteuer möglich machte, wie man ſie im Schloß ſuchen würde, und vor Allem, was er von ihr denken müſſe, der ſie auf ihre Bitten verlaſſen. Sie zog das Tuch von ihrem Ohr und lauſchte, es war nichts von Menſchen⸗ ſtimmen zu hören; nichts war zu hören, als der Fall des Regens und die Seufzer des Waldes. Aber neben ihr rauſchte es an dem Boden, zuerſt leiſe, dann vernehmlicher, das Regenwaſſer floß in einer kleinen Rinne zuſammen und murmelte, wenn es an einen großen Buſch von Waldbeeren ſtieß, an einen Wurzelſtock oder an die Knolle eines Farren⸗ krauts. Und hinter ihr raſſelten die Blätter und mit eili⸗ gem Sprunge kam es heran, ſie drückte erſchrocken ihr Haupt an den Baumſtamm. Etwas ſetzte ſich neben ſie nieder, und eine fremde Geſtalt rührte an dem Plaid, den ſie um hatte. Sie fuhr mit der Hand unter dem Tuch vorſichtig nach dem Nachbar und fühlte das weiche Fell eines Haſen, der, durch das rinnende Waſſer aus ſeiner Vertiefung aufge⸗ ſchreckt, unter den Bäumen Schutz ſuchte, wie ſie ſelbſt. Sie hielt den Athem an, um den kleinen Genoſſen ihrer Hütte nicht zu verſcheuchen; und eine Weile kauerten die Beiden nebeneinander, der Haſe drückte ſich dicht an das Tuch. Neben ihr lachte es ſchauerlich:„Huhu, huhu!“ und wie⸗ — 89— Da klangen in der Ferne durch Regen und Donner ein⸗ zelne Schüſſe, Lenore zuckte zuſammen, mit großem Satz fuhr der Haſe in die Finſterniß hinein. Dort kämpften Menſchen mit einander, dort wurde Blut vergoſſen auf dem ſchwarzen Boden. Ein Geſchrei wurde gehört, es klang noch aus der Ferne zornig und drohend, dann wurde Alles ſtill.„War er in einer Gefahr geweſen?“ So frug ſie ſich, aber ſie fühlte darum keine Angſt und ſchüttelte das Haupt unter ihrem Tuch. Wo er auch war, für ihn gab es keine Gefahr. Das Gewehr, das nach ihm zielte, ſchlug ein niederfallender Baum⸗ aſt in den Grund; das Meſſer, das gegen ihn gezückt wurde, zerbrach wie ein Span Holz, bevor es ihn traf; der Mann, der gegen ihn eindrang, mußte ſtraucheln und fallen, ehe er ſein ſtolzes Haupt berührte. Er war feſt gegen alle Gefahr und er war feſt gegen jede Furcht; er kannte keine Sorge, keinen Schmerz, ach, er fühlte nicht, wie andere Menſchen. Frei erhob er ſein Haupt, und heiter war ſein Auge, wo alle Andern gedrückt zur Erde ſahen. Keine Schwierigkeit ſchreckte ihn, kein Hinderniß verlegte ihm den Weg. Mit einer leich⸗ ten Bewegung des Fußes ſtieß er weg, was Andere erdrückte. So war er. Und der Nann hatte ſie jetzt ſchwach geſehen, vorſchnell und hilflos; durch ihre eigene Schuld hatte er das Recht erhalten, ſie mit flüchtiger Vertraulichkeit zu be⸗ handeln. Sie zitterte, daß er dies Recht benutzen könnte, durch einen Blick, ein übermüthiges Lächeln, ein ſchnelles Wort. So pochte ihr Herz, und ſo flogen ihre Gedanken wohl eine Stunde lang. Das Wetter verzog ſich. Statt der rauſchenden Güſſe fiel jetzt ein dauerhafter Landregen aus den Wolken, leiſer — 90— gurgelte die kleine Waſſerrinne, und häufiger tönte der Schrei der Eule; auf den Wechſel von ſchwarzer Finſterniß und feuriger Helle folgte ein mattes Grau am Himmel und in dem Walde. Aus dem einförmigen Dunkel hoben ſich nur die Säulen der nächſten Bäume als düſtere Schatten von dem Hintergrunde ab. Beängſtigend ſtieg das Gefühl der Ein⸗ ſamkeit in Lenore auf. Da drang wieder der ferne Ton von Menſchenſtimmen an ihr Ohr, Ruf und Gegenruf wurden laut, und die Stimme des Amtmanns rief:„Ueber den Bruch ſind ſie noch gegangen, dorthin, Ihr von Neudorf.“ Die Tritte der Sprechenden kamen näher, dicht an den Tan⸗ nen bewegte ſich die Geſtalt eines Mannes. Karl ſetzte die Hände an den Mund und johlte laut in den Wald hinein: „Halli, Fräulein Lenore!“ „Ich bin hier,“ rief eine feine Stimme zu ſeinen Füßen. Verwundert trat Karl einen Schritt zurück und ſchrie freudig:„Gefunden!“ Die Landleute umringten Lenorens Hütte mit lautem Ruf.—„Unſer Fräulein iſt hier!“ rief ein Burſch aus Neudorf und jauchzte in ſeiner Freude, wie bei einer Hochzeit. Lenore erhob ſich, noch ſchmerzte der Fuß, aber auf Karls Arm geſtützt, verſuchte ſie tapfer vor⸗ warts zu gehen.„Nur bis an den Bruch,“ ſagte dieſer,„dort ſtehen die Bäume dünner.“ Unterdeß brachen die jungen Männer einige Stangen ab und legten Nadelzweige darüber. Trotz ihrem Sträuben wurde Lenore von den Dienſtfertigen genöthigt, ſich auf die kunſtkoſe Trage zu ſetzen, während Ei⸗ ner in den Hof des Schulzen vorauslief, ihr das Pferd ent⸗ gegenzuführen. — 91— „Haben Sie die Diebe?“ fragte Lenore den Amtmann, der neben ihr ging. 3 „Zwei,“ erwiederte dieſer.„Das Kalb war geſchlachtet, wir bringen die Haut und einen Theil des Fleiſches, die Gänſe hingen mit umgedrehten Hälſen an einem Aſt, aber das Geld hatten die Schurken ſchon getheilt. Es iſt bei den Zweien nur wenig davon gefunden worden.“ „Es ſind Leute von Tarow, die wir gefangen haben,“ ſagte der Schulz finſter,„die ſchlechteſten Kerle im Dorfe. Und ich wollte doch, ſie wären wo anders her, denn es leben rachſüchtige Menſchen dort.“ „Ich hörte ſchießen,“ frug Lenore weiter,„iſt ein Un⸗ glück geſchehen?“. „Uns nichts,“ antwortete Karl.„Sie hatten in ihrem Uebermuth ein Feuer angemacht, hinten unweit dem Wald⸗ rand, wo wir zu Pferd Kette machten. Noch durch den Re⸗ gen glimmt der Brand; ſo haben ſie ſich ſelbſt verrathen. Wir ſtiegen von den Pferden, ſchlichen heran und fielen über ſie her. Sie ſchoſſen ihre Flinten ab und liefen ins Gebüſch. Dort verſchwanden ſie in der Finſterniß. Es dauerte lange, ehe die zu Fuß durch den Wald zu uns kamen; ohne die Schüſſe und den Lärm hätten ſie uns nicht gefunden. Herr von Fink hat uns die Stelle beſchrieben, wo wir Sie finden würden. Er führt die Gefangenen auf dem Fahrwege, ſie ſollen aufs Gut, morgen ſchaffen wir ſie weiter ins Deutſche.“ 5 „Aber daß Herr von Fink Sie im Walde ſo allein ge⸗ laſſen hat,“ ſagte der ehrliche Schulz kopfſchüttelnd,„das war doch ein gewagtes Stück.“ „Ich bat ihn, nicht zurückzubleiben,“ antwortete Lenore und ſchlug trotz der Dunkelheit die Augen nieder. Auf halbem Weg zum Dorf kam Lenorens Pony dem Zug entgegen. In Neudorf empfing Karl das Pferd des Freiherrn aus den Händen der Knechte zurück und geleitete das Fräulein nach dem Schloſſe. Es war ſpät am Abend, als ſie dort ankamen. Lenorens lange Abweſenheit hatte die Angſt der Mutter und die allerſchlechteſte Laune des Freiherrn hervorgerufen. Haſtig machte ſich die Tochter von den Fra⸗ gen los, die auf ſie eindrangen, und eilte auf ihr Zimmer. Eine Stunde ſpäter kam Fink mit dem Förſter aus Kunau „ zurück und brachte die beiden Gefangenen, welche mit ihren gebundenen Händen trotzig zwiſchen den Wächtern daher⸗ ſchritten und ihre Pfauenfeder ſo hoch trugen, als zögen ſie zum Tanz in die Schenke. 3 3„Ihr ſollt's uns bezahlen,“ ſagte der Eine von ihnen aauf Polniſch zu den begleitenden Männern und ballte die gefeſſelte Fauſt. — 93— Noch immer regnete es. Bei Anbruch des Tages hatte der Himmel eine Pauſe gemacht, aber nur, um ſeine feuchte Arrbeit mit doppelter Stärke fortzuſetzen. Die Wieſenarbeiter waren am frühen Morgen auf das Feld gezogen und bald wieder zurückgekehrt. Jetzt ſaßen ſie ſchweigſam in der Wacht⸗ ſtube des Schloſſes und trockneten ihre durchnäßten Kleider am Ofen. 4 Der Freiherr lag im Lederſeſſel ſeiner Hinterſtube; er ließ ſich von dem alten Johann aus den Zeitungen vor⸗ leſen, welche am Tage zuvor wieder einmal in das Schloß gedrungen waren. Die eintönige Stimme des Dieners mel⸗ dete nur Unwillkommenes, die Regentropfen klapperten an der Dachrinne, und der Sturmwind ſchlug heulend an die Hausecke, ſie begleiteten in Mißtönen die Worte des Leſenden. Anton war an ſeinem Schreibtiſch beſchäftigt. Vor ihm lag ein Brief des Juſtizrath Horn, er meldete, daß der Ter⸗ min zum gerichtlichen Verkauf des Familienguts auf die Mitte des nächſten Winters feſtgeſtellt ſei; gleich nach Bekanntma⸗ chung des Termins ſeien mehrere Hypotheken des Guts aus einer Hand in die andere übergegangen, wie er fürchte, auf⸗ gekauft von einem Speculanten, der ſich hinter verſchiedenen Namen zu verbergen wiſſe. So überdachte Anton in trüber Stimmung die gefährliche Lage des Freiherrn. 4 * — 94— In dem Zimmer daneben leiſtete Fink den Damen Ge⸗ ſellſchaft; die Baronin lag in die Kiſſen des Sophas gedrückt, zugedeckt mit einem Tuch Lenorens. Sie ſah ſchweigend vor ſich hin, und nur wenn die Tochter mit zärtlicher Frage zu ihr trat, nickte ſie ihr lächelnd zu und ſprach beruhigende Worte. Lenore war am Fenſter mit einer leichten Arbeit beſchäftigt und hörte mit Entzücken auf die Scherze, durch welche Fink das trübe Grau des Zimmers außzuhellen wußte. Er war heut trotz dem Regen in der übermüthigſten Laune. Zuweilen klang Lenorens Lachen durch die eichene Thür in Antons Ohr, dann vergaß Anton Güterkauf und Hypothe⸗ ken, ſah mit umwölktem Blick auf die Thür und empfand nicht ohne Bitterkeit, daß ein neuer Kampf für ihn und die Familie heranziehe. Draußen aber ſtrömte der Regen, ſtürmte die Luft. Laut rief der Wind vom Walde her ſeinen Klageruf nach dem Schloß. Im Kieferwald knarrten die Aeſte, und von den Wipfeln der Föhren wogten die Nadelbüſchel raſtlos auf das Schloß zu. In den Birnbäunten auf dem Ackerland fuhren die Blätter und die weißen Blüthen zitternd durcheinander. Zornig warf der Sturm die Blüthen herab zur Erde, ſchlug ſte mit ſeinen Regentropfen feſt auf dem naſſen Boden und heulte:„Herunter mit eurem lachenden Glanz, graue Trauer⸗ farbe ſoll heut tragen, was zum Schloſſe gehört.“— Von den Bäumen fuhr der Wilde an die Mauern des Schloſſes, er ſchüttelte die Fahnenſtange auf dem Thurm, er ſchleuderte das Waſſer der Wolken in ſchrägen Linien an die Fenſter⸗ ſcheiben, er fuhr ſtöhnend in den Schlot und donnerte an die Thüren. Zu jeder Oeffnung rief er herein:„Wahret — 95— euer Haus!“ So trieb er es ſtundenlang, aber die drin verſtanden nicht ſeine Sprache. So achtete auch Niemand auf den Reiter, der ſein ermü⸗ detes Pferd in eiligem Jagen durch das Dorf dem Schloſſe zutrieb. Endlich ſchlug der Hammer an das Pfahlwerk des Hofes, ungeduldig tönten die Schläge, und Stimmen wurden laut im Hofe und auf der Treppe. Anton öffnete die Thür, ein bewaffneter Mann, triefend von Waſſer, beſpritzt mit dem Koth der Straße, trat in die Stube. „Du biſt es!“ rief Anton erſtaunt.. „Sie kommen,“ meldete Karl, ſich vorſtchtig umſehend; „machen Sie ſich gefaßt, diesmal gilt es uns.“ „Die Feinde?“ frug Anton ſchnell;„wie ſtark iſt der Haufe?“ „Es iſt kein Haufe, den ich geſehen,“ erwiederte Karl ernſt,„es iſt ein Heer; an die tauſend Senſenmänner, wohl hundert Reiter. Sie ſind auf dem Zuge zum Hauptcorps. Ich höre, ſte haben Befehl, alle polniſchen Männer mitzu⸗ nehmen und die deutſchen Gemeinden zu entwaffnen.“ Anton öffnete die Thür des Nebenzimmers und bat Fink, hereinzukommen. „Ah,“ rief Fink eintretend, mit einem Blick auf Karl, „wer ſo die halbe Landſtraße mit ſich in die Stube trägt, bringt nichts Gutes. Von welcher Seite kommt der Feind, Sergeant?“ „Vom Neudorfer Birkenwald her zieht ſich's in hellen Haufen auf uns herunter. Die Leute hier im Dorf ſind in der Schenke verſammelt, trinken Branntwein und zanken.“ 3„Kein Fanal hat gebrannt, es iſt noch kein Rapport von — 96— den nächſten Dörfern gekommen,“ rief Anton am Fenſter. „Haben die Deutſchen in Neudorf und Kunau geſchlafen?“ „Sie ſind ſelbſt überraſcht worden,“ fuhr der Unglücksbote fort;„ihre Wachen hatten ſchon geſtern am Abend den Feind geſehen, er zog eine halbe Meile von Neudorf auf der großen Straße nach Rosmin zu. Als er paſſirt war bei der Stelle, wo der Weg nach Neudorf von der Straße abgeht, wurden die von Neudorf gutes Muthes. Ihre Reiter folgten von fern den Senſenmännern, bis ihnen der letzte Haufe aus dem Geſicht war. In der Nacht aber ſind die Banden umgekehrt, heut Morgen haben ſie das Dorf überfallen, ſte haben ge⸗ wirthſchaftet wie die Teufel. Der Schulz liegt auf dem Stroh voll Wunden, ein gelieferter Mann, das Alarmhaus iſt in Brand gerathen, dort über den Wald hin müßte man den Rauch ſehen, wenn dieſer dicke Regen nicht wäre. Jetzt haben ſich die Feinde getheilt, ſie durchſuchen die deutſchen Dörfer, ein Trupp zieht nach Kunau, ein Haufe auf unſer neues Vorwerk zu, ein großer Haufe kommt hierher.“ „Wie viel Zeit haben wir noch, die Herren zu empfan⸗ gen?“ frug Fink.. „Bei dem Wetter braucht das Fußvolk eine Stunde bis hierher.“ „Iſt der Förſter gewarnt,“ frug Anton,„und wiſſen ſie's auf dem Vorwerk?“ „Es war keine Zeit, ſie anzurufen, das Vorwerk liegt von Neudorf weiter ab, als das Gut, ich wäre zu ſpät hier⸗ her gekommen. Unſer Fanal habe ich angezündet, aber bei dieſem Wetter iſt weder Feuer noch Rauch zu ſehen, und jedes Signal iſt vergeblich.“ —x —,— „Wenn ſie nicht für ſich ſelbſt ausgeſehen haben,“ ſagte Fink beiſtimmend,„wir können nichts weiter für ſie thun.“ „Der Förſter iſt ein Fuchs,“ erwiederte Karl,„den fängt Keiner, aber der Vogt auf dem Vorwerk und des Vogts junge Frau, der Himmel ſei ihnen gnädig!“ „Retten Sie unſere Leute!“ rief eine flehende Stimme neben Fink; Lenore ſtand in der Stube, bleich, mit gefalteten Händen. 3 Anton eilte an die Thür, durch welche Lenore geräuſchlos eingetreten war.„Die gnädige Frau!“ rief er beſorgt. „Noch hat ſie nichts gehört,“ erwiederte Lenore haſtig; „ſenden Sie nach dem Vorwerk, helfen Sie unſern Leuten!“ Fink ergriff ſeine Mütze.„Führen Sie mein Pferd heraus,“ ſagte er zu Karl. „Du darſſt jetzt nicht fort,“ rief Anton ihm in den Weg tretend;„ich werde dein Pferd nehmen.“. „Um Vergebung, Herr Wohlfart,“ warf Karl dazwiſchen, „wenn ich das Pferd des Herrn von Fink reiten darf, — ich bin noch im Stande, den Weg zu machen.“ „Meinetwegen,“ entſchied Fink.„Den Förſter und wen Sie von Männern auftreiben können, ſenden Sie hierher, die Weiber, die Pferde und Schafe ſchicken Sie nach dem Wald. Der Vogt ſoll ſich mit dem Vieh tief in das Holz hinein ziehen und von den alten Kiefern an der Sandgrube das Schloß beobachten. Sie aber bleiben auf meinem Pferde, das ich leider Ihren Beinen für die nächſten Tage überlaſſen muß. Reiten Sie auf Rosmin zu und ſuchen Sie die nächſte Abtheilung unſerer Truppen, wir laſſen dringend um Hilfe bitten, wo möglich Cavalerie dabei.“ III. ₰ . — 98— „Unſere Rothmützen ſollen eine Stunde hinter Rosmin ſtehen,“ ſagte Karl im Abgehen;„der Schmidt von Kunau rief mir's zu, als ich bei ihm vorbeiritt.“ „Was Sie von Militär in Bewegung ſetzen, bringen Sie hierher. Während Sie das Pferd ſatteln, ſchreibe ich eine Zeile an den Commandirenden.“ Karl machte militäriſch grüßend Kehrt und ſprang hin⸗ unter, Anton mit ihm. Während Karl am Sattelgurt ſchnallte, ſagte Anton eilig:„Im Vorbeireiten rufe die Leute auf dem Hofe an, ich gehe ſogleich hinüber.— Armer Junge, du haſt heut noch kaum gefrühſtückt und haſt wenig Ausſicht, in den nächſten Stunden etwas zu bekommen.“ Er ſprang in das Haus zuruck, holte aus der Küche eine Flaſche Liqueur, ein Brod und Ueberreſte eines Schinkens, ſteckte den Pro⸗ viant in einen Sack und reichte dieſen mit dem Briefe dem Reiter, der grade im Begriff war, den Hofraum zu verlaſſen. „ Ich danke,“ ſagte Karl, Antons Hand ergreifend,„Sie ſorgen für Alles. Jetzt aber noch eine Bitte an Sie, denken Sie auch an ſich ſelbſt, Herr Wohlfart; dieſe ganz polniſche Wirthſchaft hier und da draußen iſt nicht werth, daß Sie Ihr Leben dafür in die Schanze ſchlagen; es giebt bei uns daheim Leute, die es ſchwer ertragen würden, wenn Ihnen etwas zuſtieß.“ Anton ſchüttelte herzhaft die Hand des Treuen.„Lebe wohl, ich werde meine Pflicht thun; vergiß nicht, den För⸗ ſter zu uns zu ſchicken, und rette vor Allem die Frau. Das Militär führe auf dem Waldwege hierher.“ „Keine Sorge,“ ſagte Karl luſtig,„der vornehme Braune ſoll heut merken, was ein Commisſchenkel durchſetzen kann... — 99— Bei dieſen Worten ſchwenkte er ſeine Mütze und verſchwand in geſtrecktem Galopp hinter den Gebäuden des Wirthſchafts⸗ hofes. 4 Anton verriegelte das Thor, dann eilte er in die Wacht⸗ ſtube und zog die Lärmglocke, er befahl dem Obmann, die Leute antreten zu laſſen, das Hinterthor zu beſetzen und Nie⸗ mand ohne Anfrage einzulaſſen, auch die Flüchtlinge nicht. „Eßt reichlich und trinkt mit Maaß, wir werden heut zu thun bekommen,“ rief er ihnen zu. Oben in ſeinem Zimmer ſtand unterdeß Fink am Tiſch und lud die Gewehre, Lenore — reichte ihm von der Wand, was er forderte, ſte war bleich, aber die Augen glühten ihr in einer Aufregung, welche dem eintretenden Anton nicht entging.„Laſſen Sie dieſe ernſten Spielereien uns allein beſorgen,“ bat er zu ihr tretend. „Es iſt das Haus meiner Eltern, das Sie vexrtheidigen,“ rief Lenore,„mein Vater iſt außer Stande, Sie anzuführen, Sie ſollen um unſertwillen Ihr Leben nicht auf das Spiel 6, ſetzen, ohne daß ich dabei bin.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte Anton,„Ihre erſte Pflicht iſt jetzt wohl, die Frau Baronin vorzubereiten und in den nächſten Stunden nicht zu verlaſſen.“. 39„Meine Mutter, meine arme Mutter!“ rief Lenore die Hände zuſammenſchlagend, legte das Pulverhorn hin und eilte in das Nebenzimmer. 3„Ich laſſe die Leute eſſen,“ ſagte Anton zu Fink.„Von jetzt ab übernimm du den Befehl.“ „Gut,“ erwiederte Fink,„hier iſt deine Ausrüſtung, dieſe Doppelflinte iſt leicht, ein Lauf Kugel, der andere Re⸗ poſt. Der Kugelſack liegt unter deinem Bett.“ 7* 6 — — 100— „Dugedenkſt eine Belagerung auszuhalten?“ frug Anton. „Wir dürfen uns entweder gar nicht zur Wehr ſetzen, und müſſen uns der freundlichen Discretion der heranzie⸗ henden Haufen übergeben, oder wir müſſen uns zu halten ſuchen bis zur letzten Kugel. Auf dieſen letzten Fall haben wir uns immer vorbereitet, vielleicht iſt Ergebung das Klügere, ich geſtehe, daß ſte nicht nach meinem Geſchmack iſt. Da aber noch ein Hausherr vorhanden iſt, ſo mag er ſprechen, geh zum Freiherrn.“. 4 Anton eilte durch den Corridor nach dem andern Flügel. Schon von Weitem hörte er im Zimmer des Barons heftig mit den Stühlen rücken. Auf ein zorniges Herein! trat er in das Zimmer. Der Freiherr ſtand hoch aufgerichtet in der Mitte der Stube und fuhr ihm entgegen.„Ich höre, daß etwas vorgehtz ich muß es als einen unverzeihlichen Mangel an Aufmerkſamkeit betrachten, daß man mich von nichts unterrichtet.“ „Verzeihung, Herr Baron,“ erwiederte Anton,„vor wenig Minuten iſt die Nachricht angekommen, daß ein feindlicher Haufe von Senſenmännern und Reitern gegen Ihr Gut heranzieht, wir haben in größter Schnelligkeit einen Boten nach dem nächſten Militärcommando geſchickt, dann haben wir das Thor verriegelt und erwarten jetzt Ihre Befehle.“ 1„Rufen Sie mir Herrn von Fink,“ erwiederte der Baron herriſch. 8 „Er iſt in dieſem Augenblick in der Wachtſtube.“ „Ich laſſe ihn bitten, ſich ſogleich zu mir zu bemühen,“ rief der zornige Herr,„mit Ihnen kann ich über militäriſche Maßregeln nicht ſprechen. Fink iſt Cabvalier und ein halber —,— Soldat, ihm will ich die nöthigen Inſtructionen geben. Was warten Sie noch?“ fuhr er rauh fort.„Glaubt Ihr jungen Leute mit mir ſpielen zu können, weil ich das Unglück habe, blind zu ſein? Wer bei mir in Brod und Lohn ſteht, der wenigſtens ſoll meine Befehle reſpectiren.“ „Vater!“ rief Lenore die Hände zuſammenſchlagend auf der Schwelle und ſah mit flehendem Blick auf Anton. „Sie haben Recht, Herr Baron,“ erwiederte Anton, „ich bitte Sie um Vergebung, daß ich in der Verwirrung meine erſte Pflicht vergeſſen habe. Ich werde Herrn von Fink im Augenblick herſchicken.“ Er eilte aus dem Zimmer und benachrichtigte Fink in der Vorhalle von der gereizten Stimmung des Freiherrn. 4 „Er iſt ein Narr,“ ſagte Fink. „Geh nur ſogleich hinauf,“ bat Anton,„die Frauen müſſen von ſeiner Laune leiden.“ Darauf hing Anton die Jacke eines Arbeiters um und ſprang durch die Hinterpforte hinaus in den Regen nach dem Wirthſchaftshofe. Auf dem Hofe ſah er ein wüſtes Durcheinander. Deut⸗ ſche Familien aus den Nachbardörfern hatten ſich in das Alarmhaus geflüchtet und ſaßen dort mit den Kindern und einigen Stücken ihrer Habe. Es waren wohl an zwanzig Perſonen auf der Tenne gelagert, Männer, Frauen und Kin⸗ der; die Weiber jammerten, die Kinder weinten, die Männer ſtarrten finſter vor ſich hin, mehrere gehörten zum Landſturm der Dörfer, einer oder der andere war mit ſeiner Flinte be⸗ waffnet. Auf dem Hofraum ſtanden die kleinen Wagen der Flüchtigen. Knechte, Pferde und Kühe rannten durchein⸗ ander. Anton rief den Techniker zu Hilfe bei der nöthigen — 102— Aufſicht. Dem zuverläſſigſten Knechte und der deutſchen Großmagd übergab er die Ackerpferde und die Rinderheerde. Er nahm den Knecht, einen entſchloſſenen Manu, bei Seite und beſprach mit ihm einige Stellen im Dickicht unweit der Sandgrube, wo für Menſchen und Thiere Verborgenheit und einiger Schutz vor dem Wetter zu hoffen war. Dorthin ſollte der Knecht die Heerde treiben, und fleißig nach dem Vogt vom Vorwerk ausſehen, der im Walde die Aufſicht zu führen hatte. Dann befahl er der Magd, eine Kuh zurückzulaſſen, öffnete der Heerde ſelbſt das Hinterthor und ſah, wie die Leute, mit Lebensmitteln bepackt, auf den Wald zutrieben. „Was aber thun wir mit den Pferden des Barons und der Fremden?“ frug der Techniker in Eile. „Sie müſſen mit einigen Wagen ins Schloß, wie es auch gehen mag. Wer weiß, ob wir nicht fliehen, wenn's zum Letzten kommt.“ So ließ Anton ſchnell in die neuangeſtrichenen Wagen Karls einige Säcke Kartoffeln laden, Mehl, Hafer und was von Heubündeln Raum hatte. Auch an die Feuertonne ließ er ein Geſpann haken und die Tonne mit friſchem Waſſer füllen. Noch immer goß es vom Himmel wie mit Kannen und in dem ſtrömenden Regen warfen die Knechte Säcke, Kaſten und Bündel auf die Wagen; Alles lief durcheinander, weinte und fluchte in deutſcher und polniſcher Sprache. Als⸗ Anton unter die Flüchtlinge trat, wurde das Geſchrei der Frauen noch lauter, die Männer umringten ihn und fin⸗ gen an ihr Unglück zu erzählen, die Kinder hingen ſich um ſeine Füße, es war ein trauriger Anblick. Anton tröſtete: „Vor Allem haltet Ruh, wir werden Euch ſchützen, ſo gut b — 103— wir können. Ich hoffe, daß Militär zu unſerer Hilfe kommt, unterdeß ſollt Ihr aufs Schloß in Sicherheit. Ihr habt treu zu uns gehalten in dieſer böſen Zeit; ſo lange wir Brod haben, ſoll es auch Euch nicht fehlen.“ Nach einer Viertelſtunde angeſtrengter Arbeit trieb An⸗ ton nach dem Schloſſe. Die Knechte fuhren mit den Wagen an der Hinterthür vor, der Trupp der Flüchtlinge folgte. Noch immer kamen Leute an, welche ſich aus den deutſchen Dörfern gerettet hatten, auch der Schmidt von Kunau ſtand mit einem Haufen ſeiner Dorfnachbarn vor dem Schloßthor. Der ganze Zug wurde jetzt geordnet und der Reihe nach her⸗ eingelaſſen, die Pferde abgeſchirrt, die Wagen entladen. Die Frauen und Kinder führte Anton in zwei Stuben des Unter⸗ ſtocks, welche zwar finſter, aber immer noch behaglicher wa⸗ ren, als die Alarmhäuſer oder das regendurchweichte Feld. Die größte Mühe machte das Unterbringen der Pferde; eng aneinander gedrängt ſtand ein Dutzend Thiere unter einem offenen Schoppen, nothdürftig geſchützt vor dem Regen und vor anſchlagenden Kugeln. In die Mitte des Hofraums wurde der Waſſerbottig geſtellt und die Kartoffelwagen an das Pfahlwerk geſchoben, um den Schützen im Nothfall einen Stand zu geben. Darauf wurden die wehrhaften Männer durch den Schmidt geſammelt, außer dem Wieſenbauer und vier Knechten waren es noch funfzehn deutſche Coloniſten, die meiſten bewaffnet. Wuchtig tönte ihr Tritt in dem lan⸗ gen Gange des Schloſſes; ſie zogen in die Vorhalle und ſtell⸗ ten ſich an die Seite der Arbeiter auf. Dort war die ſtreit⸗ bare Macht der Feſtung verſammelt, Fink ging in ſeinem Jagdrock vor ſeiner Arbeitercompagnie ruhig auf und ab. — 104— Anton trat an ihn heran und meldete, was bis jetzt geſche⸗ hen war. „Du bringſt uns Männer,“ erwiederte Fink,„das iſt in der Ordnung, aber auch einen ganzen Clan Weiber und Kinder, das Schloß iſt voll, wie ein Bienenkorb, über ſechzig Mäuler und faſt ein Dutzend Pferde, wir werden trotz deiner Kartoffelwagen noch vor vierundzwanzig Stunden die Steine anbeißen müſſen.“ „Konnte ich ſie draußen laſſen?“ frug Anton unwillig. „Sie wären im Walde ebenſo ſicher geweſen als hier,“ 8 ſagte Fink die Achſeln zuckend. „Möglich,“ erwiederte Anton,„aber die Leute im ſtrö⸗ 6 menden Regen nach dem Walde zu jagen, ohne Nahrung und in der furchtbaren Angſt einer Flucht ohne Ziel, das wäre eine Grauſamkeit geweſen, die ich nicht verantworten will. Und meinſt du, daß wir die Männer bekommen hätten ohne* die Weiber und Kinder?“ „Die Männer wenigſtens können wir brauchen, ſchloß 1 Fink, ſich zu den Angekommenen wendend;„ſorge du für Verproviantirung der Race.“ Fink gab den Unbewaffneten Gewehre und theilte die Mannſchaft in vier Sectionen, die eine für den Hof, zwei für den Unter⸗ und Oberſtock und eine 4 als Reſerve in die Wachtſtube. Dann ließ er ſich durch den Schmidt von Kunau und einige Andere genauen Bericht über den Feind abſtatten. Unterdeß war Anton in das Sou⸗ terrain geeilt, dort übergab er dem Wieſenbauer die Aufſicht über die Vorräthe und ließ durch den Diener des Freiherrn Holz und Waſſer zuſammentragen. Ein Sack Kartoffeln und einer mit Mehl wurde in der Nähe des Herdes aufgeſtellt 8 3 und der große Keſſel über das Feuer geſetzt. Im Heraus⸗ gehen vertraute er der Köchin, daß eine Milchkuh in den Stall gezogen war, wo das Pferd des Herrn von Fink ge⸗ ſtanden hatte, damit wenigſtens die Herrſchaft in dieſen Ta⸗ gen die Milch nicht entbehre. Der alten Babette flogen vor Angſt die Hände.„Ach, Herr Wohlfart, was für ein ſchreckliches Unglück,“ rief ſie,„die Kugeln werden in meine Küche fliegen.“ „Behüte,“ ſagte Anton,„das Fenſter liegt zu tief, es kann Sie keine treffen, kochen Sie ruhig fort. Die Leute ſind ausgehungert, ich werde Ihnen zwei von den fremden Frauen zur Hilfe herunterſchicken.“ „Wer wird eſſen bei ſolcher Gefahr!“ rief die Köchin. „Wir Alle werden eſſen,“ beruhigte Anton. „Befehlen Sie eine Suppe oder Kartoffelbrei?“ frug Babette in ihrer Verzweiflung und ſchwenkte mit dem Löffel fieberhaft hin und her. „Beides, Mütterchen.“ Die Köchin hielt ihn zurück.„Aber Herr Wohlfart, es fehlt an Eiern für die Herrſchaft, auch nicht ein Ei iſt im ganzen Hauſe. Gott erbarme, daß das Unglück gerade heute kommen mußte. Was wird der Herr Baron ſagen, wenn er heut Abend kein geſchlagenes Ei bekommt.“ „Zum Teufel mit den Eiern,“ rief Anton ungrduldig; „es wird heut nicht ſo genau genommen.“ Als er zurückkehrte, rief ihm Fink zu:„Die Poſten ſind aufgeſtellt, wir können jetzt ruhig den Anzug erwarten. Ich gehe auf den Thurm und nehme einige Schützen mit. Wenn etwas vorfällt, bin ich dort zu treffen.“ — 1096.— So wurde es leer in der Halle und wieder ſtill im Hauſe. Die Wachen ſtanden ſchweigend und ſtarrten auf den Saum des Waldes; in der Wachtſtube ſaß die Mannſchaft in leiſem Geſpräch, nur unten in den Kinderſtuben hörte der Lärm nicht auf; und ein emſiger Verkehr entſtand zwiſchen der Küche und den beſetzten Räumen des Unterſtocks. In un⸗ ruhiger Erwartung ſchritt Anton auf und ab, von dem Hauſe in den Hof und wieder in ſein Zimmer, wo er die Papiere des Freiherrn zuſammenband, und durch die Gänge und Stu⸗ ben, in denen die Bewaffneten ſtanden. So verſtrich eine Viertelſtunde nach der andern, endlich trat Lenore aus dem Zimmer der Mutter und rief:„Dieſe Ungewißheit iſt uner⸗ träglich!“ „Auch von dem Vorwerk kommt keine Nachricht,“ erwie⸗ derte Anton finſter;„aber der Regen hört auf, und was heut noch geſchehen ſoll, wird im Sonnenſchein vor ſich gehen. Dort zerreißen die Wolken, der blaue Himmel ſcheint durch. Wie geht es der Frau Baronin?“ „Sie iſt gefaßt,“ ſagte Lenore,„gefaßt auf Alles.“ Beide gingen ſchweigend im Vorſaal auf und ab. End⸗ lich trat Lenore vor Anton und rief mit leidenſchaftlichem Ausdruck:„Wohlfart, es iſt mir fürchterlich, daß Sie um unſertwillen in dieſe Lage gekommen ſind.“ Lächeln. „Für Ihr Gefühl vielleicht nicht,“ ſagte Lenore,„aber Sie opfern uns mehr, als wir verdienen. Wir ſind undank⸗ bar gegen Sie, Sie würden in andern Verhältniſſen glück⸗ licher ſein.“ Sie ſtellte ſich an das Fenſter und weinte bit⸗ 8ſ „Iſt dieſe Lage ſo ſchrecklich?“ frug Anton mit trübem „ terlich. Erſchrocken trat Anton heran, ſie zu beruhigen. „Wenn Sie die lebhaften Aeußerungen Ihres Herrn Vaters von vorhin meinen,“ ſagte er,„ſo iſt kein Grund, mich z bedauern, Sie wiſſen, was wir über dieſen Punkt bereits früher geſprochen haben.“ „Es iſt nicht das allein,“ rief Lenore weinend. Anton wußte, wie ſie, daß es nicht das allein war, er fühlte, daß ein Geſtändniß in den Worten lag.„Was es immer ſein mag,“ ſprach er heiter,„wollen Sie nicht auch mir die Freude gönnen, ein Abenteuer zu erleben? Freilich bin ich ein ungeſchickter Soldat, aber wie es ſcheint, wollen die Feinde mir auch nur wenid Gelegenheit geben, ihnen Schaden zu thun.“ 1 „Niemand dankt Ihnen, was Sie für uns ertragen, Niemand!“ rief Lenore wieder. „Niemand?“ frug Anton.„Habe ich nicht eine Freun⸗ din hier, welche nur zu ſehr geneigt iſt, das zu überſchätzen, was ich etwa thun kann? Lenore, Sie haben mir erlaubt, Ihnen näher zu treten, als in gewöhnlichen Verhältniſſen möglich wird. Rechnen Sie für nichts, daß ich einige von den Rechten eines Bruders an Sie gewonnen habe?“ enore ergriff heftig ſeine Hand und drückte ſie.„Auch ich bin in der letzten Zeit anders gegen Sie geweſen, als ich hätte ſein ſollen. Ich bin ſehr unglücklich,“ rief ſie leiden⸗ ſchaftlich aus.„Keinem Menſchen kann ich geſtehen, was in mir vorgeht, der Mutter nicht, auch Ihnen nicht. Alles Vertrauen habe ich verloren und alle Faſſung.“ Sie preßte ihr Tuch an die Augen. „Lenore!“ rief ungeduldig der Vater aus ſeinem Zimmer. — 108— „Es iſt jetzt keine Zeit zu Erklärungen,“ ſagte ſie ruhi⸗ ger;„wenn wir dieſen Tag überſtanden haben, will ich mir Mühe geben, ſtärker zu ſein, als jetzt. Helfen Sie mir dabei, Wohlfart.“ Lenore eilte nach dem Zimmer des Freiherrn, Anton blieb in trüben Gedanken zurück. Unterdeß fiel das helle Sonnenlicht auf den Hofraum des Schloſſes, die Männer gingen aus der Wachtſtube und ſtellten ſich auf der Schwelle auf, auch die Weiber drängten aus den finſtern Räumen unid mußten mit Ernſt zurückgewieſen werden. Nachdem der erſte Schreck überſtanden war, hatten die Leute wieder Muth und allerlei Gedanken.„Wer weiß, ob ſie das Schloß nicht vergeſſen haben,“ ſagten die Einen,„oder ob ſie den Muth haben, uns anzugreifen,“ die Andern, und ein kluger Schnei⸗ der bewies durch geſchicktes Zuſammenflicken der verſchiedenen Nachrichten, alle polniſchen Röcke ſeien längſt bis hinter Ros⸗ min gezogen. Aber ſo eifrig auch Jeder die Ueberzeugung ausſprach, daß die Gefahr vorüber ſei, ſo hörten doch Alle ängſtlich auf den Tritt der Wachen im Hauſe und ſahen im⸗ mer wieder nach dem Thurm hinauf, ob nicht von dort ein Signal komme. Auch Anton fand das Warten unleidlich, er ſtieg endlich auf den Thurm. Dort war auf der Platt⸗ form die befehlende Macht des Schloſſes verſammelt, der blinde Freiherr ſaß auf ſeinem Seſſel, hinter ihm lehnte die hohe Geſtalt Lenorens, welche ihren Sonnenſchirm über die Augen des Vaters hielt; in den breiten Schießſcharten ſaßen vier Büchſenſchützen, oben auf dem Mauerwerk ließ Fink die Beine in die freie Luft hinaushängen und blies die blauen Wolken einer Cigarre in den Wind. 1 5 4 8 4 — 109— „Nichts zu ſehen?“ frug Anton. „Nichts,“ erwiederte Fink,„als ein betrunkener Haufe unſerer Dorfleute, welcher dort auf dem Wege nach Tarow abzieht.“ Er wies auf eine dunkle Maſſe, welche grade im Walde verſchwand.„Es iſt gut, daß wir das Geſindel los ſind. Sie haben Furcht vor den grauen Jupen und ziehen vor, wo anders zu plündern. Noch iſt jede Stunde Ver⸗ zögerung ein Gewinn, wir haben eben berechnet, daß Hilfe im beſten Fall vor morgen Mittag nicht zu erwarten iſt. Für einen Beſuch von vollen vier und zwanzig Stunden ſind die Herren hinterm Walde nicht intereſſant genug. Ein vor⸗ trefflicher Punkt, Herr von Rothſattel, dieſes Dach hier. Zu ſehen iſt nicht viel, etwas Kieferwald, Ihre Felder und Sand. Aber eine glorioſe Höhe zur Vertheidigung. Daß es um das Schloß herum ſo kahl iſt und kein Baum und kein Strauch ſteht, iſt von gefühlvollen Herzen als unan⸗ genehm beklagt worden. Ich finde gerade das prachtvoll; mit Ausnahme der erſten Scheuer des Hofes, die immerhin in gerader Linie gegen dreihundert Schritt von dieſem Punkt entfernt iſt, giebt es für einen feindlichen Tirailleur keinen Verſteck, der größer wäre als ein Maulwurfshügel. So weit eine Büchſenkugel reicht, beherrſcht man hier die Ebene ſouverän. Nur das Gebüſch dort iſt im Wege, ich glaube, es iſt eine Anpflanzung von Fräulein Lenore.“ 1„Ich bekenne mich ſchuldig“, ſagte Lenore. „Wohlan,“ entgegnete Fink nachläſſig,„dann ſollen Sie die Curkoſten bezahlen, wenn wir getroffen werden. Ein halbes Dutzend Schützen findet Verſteck darin.“ 8 „Es iſt Lenorens Lieblingsplatz,“ ſagte der Freiherr en 8 ſchuldigend,„ſie hat dort eine Raſenbank, es iſt die einzige 8 Stelle, wo ſte im Freien ſitzen kann.“ „Ah,“ ſagte Fink,„das iſt etwas Anderes;“ er ſah ſich nach Lenore um, ſie war von der Seite ihres Vaters ver⸗ ſchwunden. Gleich darauf wurde das Hofthor geöffnet, Le⸗ nore eilte, gefolgt von einigen Arbeitern, auf den Buſch z Fink rief verwundert herunter:„Was wollen Sie, Fräu⸗ lein?“ Lenore machte mit der Hand die entſchloſſene Ge⸗ berde des Niederſchlagens, ſie ſelbſt faßte ein Fichtenſtämm⸗ chen und hob es mit Anſpannung aller Kräfte aus der Erde. Die Männer folgten ihrem Beiſpiel. Nach wenig Augen⸗ blicken war die junge Pflanzung ausgeriſſen. Dann nahm Lenore im Eifer ſelbſt die Hacke und ſchlug auf die Naſen⸗ bank, dieſe zu zerſtören. Anton hatte die Bäume mit dem Fräulein gepflanzt, Beide hatten ſich lebhaft über die gute Wirkung gefreut, die das Gebüſch hervorbrachte, täglich war ſeitdem Le⸗ nore dort geweſen, jeder von den kleinen Stämmen war ihr ein perſönlicher Freund. Jetzt ſah Anton ſchweigend der Vernichtung zu, zuletzt konnte er ſich nicht enthalten, mit einiger Kälte zu ſagen:„Die ſchwache Pflanzung hätte uns wenig geſchadet, du haſt ſicher eine unnütze Zerſtörung veranlaßt.“ „Ei,“ erwiederte Fink,„Fräulein Lenore handelt wie ein vorſichtiger Feſtungscommandant. Die erſte Bravour ſolcher Talente iſt immer, die Anlagen um ihre Feſtung; zu raſiren, und dieſes Gebüſch kann an jedem Frühlingstage wwieder geſetzt werden.— Tragt das Holz weiter ab nach m Wirthſchaftshofe,“ rief er den Männern zu,„werft auch — „Geh, mein Sohn,“ ſagte Fink,„nimm dir die ſt die hölzerne Einfaſſung des Brunnens auseinander, ſchafft die Bohlen nach dem Hof und verdeckt die Oeffnung.“ Als Lenore wieder hinter den Stuhl des Freiherrn trat, nickte er ihr zu wie ein älterer Genoſſe dem jüngern, nahm ſein Fernrohr und unterſuchte wieder den Rand des Waldes. So blieb die Geſellſchaft wohl eine Stunde lang, Nie⸗ mand hatte Luſt zu ſprechen, was Fink gelegentlich ſcherzte, fiel auf unfruchtbaren Boden. Anton ſtieg hinunter, die Leute in Ordnung zu halten, aber es trieb ihn wieder auf die Zinne, und wie die Andern ſah er unverwandt nach dem Waldwege. Endlich ſagte Fink nach längerm Stillſchweigen, ſeine Cigarre wegwerfend:„Es wird Abend, wir erweiſen unſern Gäſten zu viel Ehre, wenn wir dabei beharren, ſie in ſolcher ſtillen Andacht zu erwarten. Als die Nachricht von dem Anmarſch zu uns kam, waren Wohlfart und ich hier im Hauſe nöthig, und da Karl in der Ferne meinem armen Pferde die Beine bricht, ſo hatten wir Niemand, den wir als Patrouille zum Recognosciren ausſchicken konnten. Jetzt rächt ſich dieſe Unterlaſſungsſünde, wir ſitzen hier im Bau gefangen und die Leute ermüden, bevor der Feind kommt. Es wird unvermeidlich, daß ſich einer von uns mit ein Paar Leuten auf die Gäule wirft und weitere Nachricht über den Feind einholt. Dieſe Stille iſt unnatürlich, man ſieht auf dem ganzen freien Felde keinen Menſchen, keinen auf all den Feldwegen; es ſcheint mir ſeltſam, daß ſeit zwei Stunden keine Flüchtlinge mehr vom Walde herkommen, auch die Rauchwolke auf Neudorf zu iſt verſchwunden.“ 8 4 Anton ſchickte ſich ſchweigend an, den Thurm zu verlaſſen — 112— Leute mit, ſteh nach, wie es im Dorfe ſteht, und hüte dich vor dem Kieferwald. Halt, noch einen Augenblick; ich will den Wald noch einmal mit dem Fernrohr durchſuchen.“ Er ſah lange hin, betrachtete jeden Baum und ſetzte das Rohr end⸗ lich ab.„Es iſt nichts zu ſehen,“ ſagte er nachdenkend. „Truͤgen die Herren, die wir erwarten, etwas Anderes in der Hand als Bauernſenſen, ſo müßte man annehmen, daß eine Teufelei im Werk wäre. So aber iſt Alles Ungewißheit. Hüte dich vor dem Walde.“ Anton verließ den Thurm, rief den Techniker und zwei Knechte, ließ das Pferd des Barons und drei der ſchnellſten Ackerpferde losbinden und vom Schmidt das Thor öffnen. Die Reiter ritten zuerſt auf den Wirthſchaftshof. Alles war ſtill und im tiefſten Frieden. Die Hühner, welche Karl vor einigen Wochen gekauft hatte, ſcharrten auf dem Miſt, ſeine Tauben gurgelten auf dem Strohdach, ein kleiner Hund, der mit dem Schmidt aus Kunau gelaufen war, hatte ſich unter⸗ deß ſelbſt zum Wächter des verlaſſenen Hofes gemacht und bellte die Reiter argwöhniſch an. Geſchloſſen trabten ſie durch das Dorf vor die Schenke, die Schenkſtube war leer, Anton rief nach dem Wirth. Nach einer Weile kam der Mann bleich an die Thür geſtürzt und ſchlug die Hände zu⸗ ſammen, als er Anton ſah.„Gerechter Gott, Herr Wohl⸗ fart, daß Sie noch hier ſind; ich habe geglaubt, Sie wären längſt mit der Herrſchaft geflüchtet nach Rosmin oder unter unſere Soldaten. Gott, iſt das ein Unglück! Der Bratzky iſt hier in der Stube geweſen und hat die Leute aufgeredet gen die Herrſchaft im Schloſſe und gegen die Deut⸗ Er konnte ſie aber nicht dazu bringen, daß ſie vor — 113— das Schloß rückten. So iſt der größte Theil der Dorfleute auf Tarow zu den Polen gezogen, die zurückgeblieben ſind, haben ſich verſteckt; ich bin dabei, zu vergraben, was ich in der Eile wegſchaffen kann.“ „Wo ſtehn die Feinde jetzt?“ frug Anton. „Ich weiß es nicht,“ rief der Schenkwirth,„aber ich weiß, daß es iſt ein großes Heer, auch Uhlanen dabei in Uniform.“ „Wißt Ihr, ob der Wald ſicher iſt nach Neudorf zu?“ „Wie kann er ſicher ſein, es iſt in den letzten Stunden Niemand von Neudorf her gekommen. Wäre der Weg frei, ſo müßte jetzt das halbe Dorf hier ſein, in meiner Schenke oder bei Ihnen auf dem Schloß.“ „Ihr habt Recht. Wollt Ihr die Banden hier erwar⸗ ten?“ frug Anton, zum Abritt bereit;„Ihr ſeid im Schloſſe ſicherer.“ „Wer weiß!“ rief der Wirth.„Ich kann nicht fort; wenn ich gehe, wird mir verwüſtet der ganze Kretſcham.“ „Aber Eure Weiber?“ frug Anton, das Pferd anhaltend. „Ich muß Leute haben zur Hilfe,“ klagte der verzweifelte Wirth.„Wenn ſie auch jung ſind, ſie müſſen es durch⸗ machen. Da iſt die Rebekke, meiner Schweſter Kind, ſie iſt aus einer Familie, die gewöhnt iſt an den Handel. Sie verſteht das Weſen mit den Bauern, ſie weiß Geld zu kriegen, auch wenn einer ganz betrunken iſt. Rebekke,“ rief er zu⸗ rück,„der Herr Wohlfart laſſen dich fragen, ob du willſt aufs Schloß, daß du ſicher biſt vor den wilden Männern.“ Das volle Geſicht Rebekka's, von röthlichem Haar eingefaßt, tauchte aus dem Keller loch des Hauſes hervor. III. 8 — 114— „Was thu ich mit dem Schloß, Onkel?“ rief ſie ent⸗ ſchloſſen.„Wie heißt wilde Männer? Unſre Bauern ſind die wilden Männer in der ganzen Gegend, wenn ich mit den fertig werde, werde ich auch fertig mit den andern. Die Muhme hat verloren ihren Kopf, es muß doch ein Menſch da ſein, der mit den Gäſten hantirt. Ich bedanke mich, gnä⸗ diger Herr, ich fürchte mich nicht; die Herren, welche ſind bei den Haufen, werden nicht leiden, daß mir einer etwas an⸗ thut.“ „Vorwärts, Ihr Männer!“ rief Anton. Sie trabten weiter durch das Dorf, alle Thüren waren geſchloſſen, aus den kleinen Fenſtern ſah hier und da ein Frauenkopf verſtört den Reitern nach. So kamen ſie auf dem breiten Feldweg bis in die Nähe des Waldes.„Wo der Weg in den Wald hineinläuft,“ ſagte der eine Knecht zu Anton,„iſt zur linken Hand junges Holz. Dort können viele hundert Mann im Verſteck liegen, und wir ſehen ſie nicht, ſie werden uns weg⸗ putzen, oder den Weg nach dem Schloſſe abſchneiden.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Anton,„wir reiten über das Feld bis an die hintere Seite des jungen Schlages, dort ſtehen die Stämme einzeln, wir können hinein und wieder zurück. Von dort ſuchen wir zu Fuß das junge Holz ab.“ So lenkten ſie von der Straße, ritten über das Brachfeld, und ihre Pferde betraten in Schußweite von der Schonung den Wald.„Jetzt herunter von den Pferden,“ ſagte Anton zu den Knechten. Anton und die Knechte gaben die Zügel dem Techniker, nahmen die Gewehre in die Hand und ſchritten vorſichtig an das Buſchwerk.„Schießt hinein“, fahl Anton,„und dann zurück zu den Pferden, ſo ſchnell Ihr laufen könnt.“ Die Schüſſe raſſelten in das junge Holz, einige Secunden darauf antwortete ein unregelmäßiges Feuer aus mehrern Gewehren, ein lautes Geſchrei folgte. Die Kugeln pfiffen über den Kopf Antons, aber die Entfer⸗ nung war nicht gering, und im ſchnellen Lauf kamen die Männer unbeſchädigt zu ihren Pferden.„Galopp, wir wiſſen genug. Sie waren nicht ſo ſchlau, ruhig zu bleiben.“ Flüchtig raſſelte die kleine Schaar auf der Land⸗ ſtraße dem Schloſſe zu, hinter ihnen klang der laute Ruf ihrer Verfolger. Athemlos kamen die Reiter vor dem Schloſſe an, im Hofe fand Anton Alles alarmirt. Fink er⸗ wartete ihn am Eingange. „Du hatteſt Recht,“ rief ihm Anton entgegen,„ſte lagen im Hinterhalt, gewiß ſchon mehrere Stunden, vielleicht war ihnen zumeiſt daran gelegen, dich oder uns beide auf dem Wege nach Neudorf zu faſſen. Sie hätten dann das Schloß ohne Kampf in die Hände bekommen.“ „Wie viel mögen ihrer ſein?“ frug Fink. „Du ſahſt, wir hatten keine Zeit zum Zählen,“ entgeg⸗ nete Anton.„Sicher iſt ein Haufe vorgeſchoben und die größere Maſſe liegt weiter hinten im Walde.“ „Wir haben ſie aufgeſtört,“ entgegnete Fink,„jetzt können wir ihren Beſuch erwarten. Es iſt unſerer Leute wegen beſſer jetzt vor Sonnenuntergang, als bei Nacht.“ „Sie kommen,“ rief Lenorens Stimme vom Thurme herunter. Die Freunde eilten auf die Plattform. Als Anton über die Zinne des Thurmes ſah, neigte die Sonne zun 8 8* gang. Der Himmel ſtrahlte in blendender Goldfarbe und verwandelte das Grün der Wälder in bräunliche Bronze. Aus dem Waldwege trabte ein Trupp Reiter, etwa eine halbe Escadron, in geordnetem Zuge auf das Dorf zu, mehr als hundert Mann zu Fuß folgten, der erſte Zug mit Gewehren, — der andere mit Senſen bewaffnet. Das ſchöne Abendlicht umſtrahlte die Geſtalten auf dem Thurm. Ein Käfer ſummte luſtig um Antons Ohr, und oben in der Luft klang das 4 Abendlied der Lerche. Unterdeß zog unten die Gefahr heran. Immer näher wand ſie ſich auf dem gekrümmten Wege, eine dunkle langgeſtreckte Maſſe, unhörbar, nur dem Auge erkennt⸗ 4 lich. Vor dem Ohre ſummte unterdeß der Käfer fort, und die 9 Lerche ſang weiter in ihrem Freudenlied. Endlich verſchwand der Zug hinter den erſten Hütten des Dorfes. Es waren Augenblicke lautloſer Stille, Alle ſahen unverwandt auf die— Stelle, wo der Feind wieder ſichtbar werden mußte; neben Anton ſtand Lenore, ſie umklammerte mit der Linken ein 6 Gewehr und hielt die Rechte in einer Jagdtaſche, in der ihre Hand, ohne daß ſie es wußte, die Kugeln klappernd in Bewegung ſetzte. Als die Reiter in der Mitte des Dorfes † ſichtbar wurden, griff Fink an ſeine Mütze und ſagte feierlich „Jetzt auf unſere Poſten, Ihr Herren. Du, Anton, habe die 4 Güte, den Freiherrn herunterzuführen.“ Als Anton den Blinden ſtützend die Stufen hinabſtieg, wies er zurück auf enore, welche unbeweglich auf den heranziehenden Feind inſtarrte.„Auch Sie, gnädiges Fräulein, bitte ich, an hre Sicherheit zu denken,“ fuhr Fink fort. hoin am ſicherſten hier,“ erwiederte Lenore trotzig und dem Kolben ihres Gewehrs auf den Stein.„Sie ——— — 11— werden nicht verlangen, daß ich jetzt den Kopf in das Sopha drücke, wo Sie im Begriffe ſind, um das Leben zu ſpielen.“ Fink ſah voll Bewunderung in das ſchöne Antlitz und ſagte:„Ich habe nichts dagegen. Wenn Sie ſich entſchließen können, auf dieſem Seſſel Platz zu nehmen, ſo ſind Sie hier ſo ſicher, wie irgendwo im Schloß.“ „Ich werde vorſichtig ſein,“ erwiederte Lenore mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. „Und Ihr verbergt Euch hinter der Mauer, meine Knaben,“ ſagte Fink,„hütet Euch, eine Schulter oder den Zipfel Eurer Mütze zu zeigen; und feuert nicht eher, als bis ich Euch mit dieſem Schreihals ein Zeichen gebe, Ihr werdet den Ton auch hier oben hören.“ Er holte eine breite Pfeife von fremdartigem Ausſehen herbor.„Auf Wiederſehen,“ ſagte er, Lenoren mit ſtrahlendem Blick betrachtend. „Auf Wiederſehen,“ antwortete Lenore ihren Arm er⸗ hebend und ſah dem Herabſteigenden nach, bis die Thür hinter ihm zufiel. In der Vorderhalle fand Fink den Freiherrn. Der arme Herr war durch die Spannung des langen Tages und durch das Gefühl ſeiner Unbrauchbarkeit, da wo er thätig zu ſein für ein Vorrecht ſeines Standes hielt, in einen Wirbel von ſchmerzlichen Empfindungen verſetzt. In frühern Jahren hätte er jede perſönliche Gefahr mit der beſten Haltu durchgemacht. Wie ſehr ſeine Kraft gebrochen war, zeig ſich jetzt, wo es ihm nicht gelang, ſeine Faſſung zu bewahr Seine Hände griffen unruhig umher, als ſuchten ſie Waffe, und ein ſchmerzliches Stöhnen drang aus tie herauf.„Mein gütiger Gaſtfreund,“ redete Fit 8 .— 118— „da Ihre Unpäßlichkeit Ihnen noch unbequem machen muß, mit den Fremden zu verhandeln, ſo bitte ich Sie um Er⸗ laubniß, dies in Ihrem Namen zu thun.“ „Sie haben Vollmacht, lieber Fink,“ erwiederte der Freiherr mit heiſerer Stimme;„in der That iſt das Befinden meiner Augen nicht ſo, daß ich hoffen kann, etwas zu nützen. Ein jämmerlicher Krüppel!“ rief er laut und bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen. Fink wandte ſich achſelzuckend ab, öffnete einen Schieber in der eichenen Bohlenthür, welche beſtimmt war, auf die noch nicht aufgeſchüttete Rampe zu führen, und ſah hinaus. „Erlauben Sie mir,“ bat Anton den Freiherrn,„Sie an einen Platz zu führen, wo Sie den Kugeln nicht unnöthig ausgeſetzt ſind.“ „Bekümmern Sie ſich nicht um mich, junger Mann,“ ſagte der Freiherr;„es iſt heut an mir weniger gelegen, als an dem ärmſten Tagelöhner, der um meinetwillen ein Gewehr in die Hand nimmt.“ „Haſt du mir noch etwas aufzutragen?“ ſagte Anton zu Fink, ſein Gewehr ergreifend. „Nichts,“ erwiederte dieſer lächelnd,„als daß du deine Vorſicht nicht vergißt, wenn du ſelbſt ins Handgemenge kommſt. Gute Geſchäfte.“ Er ſtreckte ihm die Hand hin, Anton ergriff ſie und eilte in den Hof. „Aetzt begutachten die Feinde Ihre Wirthſchaft,“ ſagte k zu dem Freiherrn;„in wenig Augenblicken werden wir Herren hier haben. Da kommen ſie, Reiter und k. Sie machen Halt an der Scheuer, ein Reitertrupp es iſt der Stab, hübſche Jungen darunter, ein * 8 7 1 — ——— 8 ——— — 119— Paar elegante Pferde, ſie reiten außer Schußweite um das Schloß. Sie ſind vorſichtiger, als ich erwartete. Sie ſuchen einen Eingang, wir werden ſogleich den Hammer am Hinterthor hören.“ Alles blieb ſtill.„Merkwürdig,“ ſagte Fink.„Es ſcheint mir Kriegsgebrauch, die Beſatzung vor dem Angriff zur Uebergabe aufzufordern, dort aber kommen die Offtziere um das Schloß herum in Carriere zu ihrem Fußvolk zurück. Hat ihnen Wohlfart ſolchen Schrecken eingejagt, daß ſie ventre à terre geflohen ſind?“ Das Dröhnen der Pferdehufe und der dumpfe Tritt des Fußvolks wurde gehört. „Wetter,“ ſagte Fink,„das ganze Corps marſchirt wie zur Parade auf unſerer Seite des Schloſſes auf; wenn ſie von dieſer Seite Ihre Feſtung erſtürmen wollen, ſo müuͤſſen ſie merkwürdige Begriffe von Berennung eines feſten Platzes haben. Sie machen Front gegen uns, fünfhundert Schritt Diſtance. Das Fußvolk zwei Mann hoch in der Mitte, die Reiter an den Flügeln. Ganz römiſche Schlachtordnung, der reine Julius Cäſar. Seht, ſie haben einen Tambour, der Kerl tritt vor, das Geklapper, welches Sie hören, iſt ein Trommelwirbel.— Ah! der Anführer reitet vor die Front. Er kommt heran und hält gerade vor dieſer Thür. Die Artigkeit erfordert, daß wir nach dem Begehr dieſe Herrn fragen.“ Fink faßte den ſchweren Riegel der T und ſchob ihn zurück, die Thüre flog auf, Fink trat auf Schwelle, den Eingang deckend, die Doppelflinte nach 3 in der Hand. Als der Reiter die ſchlanke Geſtaltein — 120— ſein Pferd und griff an den Hut, Fink dankte durch eine ¹ leichte Neigung des Kopfes. „Ich wünſche den Beſitzer dieſes Gutes zu ſprechen,“ rief der Reiter hinauf.„ „Nehmen Sie unterdeß mit mir vorlieb,“ antwortete Fink,„ich ſtehe an ſeiner Stelle hier.“ „So ſagen Sie dem Gutsherrn, daß wir einen Befehl der Regierung in ſeinem Hauſe zu erfüllen haben,“ rief der Reiter. „Möge Ihre Ritterlichkeit mir die Frage erlanben, welche Regierung ſo leichtſinnig war, Ihnen einen Befehl für den Freiherrn von Rothſattel zu übergeben. Wie ich höre, ſind hier zu Lande die Anſichten über Regierung in Unordnung gekommen.“. 4 „Das polniſche Central⸗Comitsé iſt Ihre, wie meine vor⸗ 4 geſetzte Behörde,“ rief der Reiter. 4 „Es iſt ſehr artig von Ihnen, daß Sie einem Central⸗ Comité die Dispoſition über Ihren Hals einräumen; Sie werden uns erlauben, in dieſem Punkte der entgegengeſetten Anſicht zu ſein.“ 3 4 „Sie ſehen, daß wir die Mittel haben, Gehorſam für die Befehle des Gouvernements zu erzwingen, und ich rathe 3 Ihnen, uns nicht durch Widerſetzlichkeit zur Anwendung von Gewalt zu zwingen.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Rath, und würde Ihnen* och mehr verbunden ſein, wenn Sie in Ihrem Dienſteifer 1 9 ergeſſen wollen, daß der Grund, auf dem Sie ſtehen icher Marſtall, ſondern Privateigenthum iſt, un t Pferdehufe ihre Sprünge darauf nur r 3 ——ꝛ:— — — — 121— Bewilligung des Gutsherrn machen dürfen. So viel ich weiß, haben Sie dieſe nicht eingeholt.“ „Genug der Worte, mein Herr,“ rief der Reiter unge⸗ duldig;„wenn Sie in der That das Recht haben, den Be⸗ ſitzer dieſes Gutes zu vertreten, ſo fordere ich Sie auf, den Zugang zu dieſem Schloß ohne Verzug zu öffnen und Ihre Waffen auszuliefern.“ „Leider,“ erwiederte Fink,„bin ich in der unbequemen Lage, Ihren Wunſch nicht zu gewähren. Ich füge noch die Bitte hinzu, daß Sie, nebſt den Herren in zerriſſenen Stiefeln, welche dort hinten ſtehen, ſo ſchnell als möglich dieſen Ort verlaſſen. Meine jungen Leute ſind gerade im Begriff, zu unterſuchen, ob ſie die Maulwürfe unter ihren Füßen treffen können. Es würde uns leid thun, wenn wir dabei die nackten Zehen Ihrer Begleiter beſchädigen ſoll⸗ ten.— Gehen Sie, mein Herr!“ rief er, plötzlich ſeinen nachläſſigen Ton verändernd, mit einem ſo kräftigen Aus⸗ druck von Zorn und Verachtung, daß das Pferd des Rei⸗ ters bäumte und der Mann nach der Piſtole im Holfter griff. Während dieſer Unterredung hatten ſich die Reiter und einzelne Haufen des Fußvolks näher herangezogen, um die Worte des Geſprächs aufzufangen. Mehr als einmal ſenkte ſich ein Flintenlauf, er wurde aber jedesmal durch einzelne Reiter, welche ihr Pferd vor die Reihe der Bewaffneten drängten, zurückgeſchlagen. Bei den letzten Worten tte eine wüſte Geſtalt in einer alten Friesjacke die 5 Schuß knallte, die Kugel fuhr neben Finks len der Thür. In demſelben Augenbli —”“ 122— in der Höhe ein unterdrückter Schrei, an der Zinne des Thurmes flammte es hell auf, der vorſchnelle Geſell ſtürzte getroffen auf den Boden. Der Parlamentär warf ſein Pferd herum, die Angreifer fuhren zurück, und Fink verſchloß die Thür. Als er ſich umwandte, ſtand Lenore auf dem erſten Abſatz der Treppe, das abgeſchoſſene Gewehr in der Hand, die großen Augen verſtört auf Fink geheftet.„Sind Sie verwundet?“ rief ſie außer ſich. „Durchaus nicht, mein treuer Kamerad,“ rief Fink. Lenore warf das Gewehr weg und ſank zu den Füßen ihres Vaters nieder, ihr Geſicht auf ſeinem Knie verbergend. Der Vater beugte ſich über ſie, faßte ihr Haupt mit den Hän⸗ den, und die nervöſe Erſchütterung der letzten Stunden ver⸗ urſachte, daß ein convulſtviſches Schluchzen über ihn kam. Die Tochter umſchloß leidenſchaftlich die bebende Geſtalt des Vaters und hielt ihn lautlos in ihren Armen. So hielten ſte einander umſchlungen, ein gebrochenes Leben und ein anderes, in welchem die Gluth des Lebens zu hellen Flam⸗ men aufſchlug. Fink ſah zum Fenſter hinaus, die Feinde hatten ſich zurückgezogen, die Führer ritten außer Schuß⸗ weite zuſammen, wie es ſchien, zur Berathung. Schnell trat er zu Lenore, und die Hand auf ihren Arm legend, ſagte er:„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, daß Sie ſo ent⸗ ſchloſſen die Strafe an dem Elenden vollzogen. Jetzt bitte hSie, mit Ihrem Herrn Vater dieſe Stelle zu verlaſſen. Wir werden uns beſſer halten, wenn nicht die Sorge um uſer Auge vom Feinde abzieht.“ Lenore ſchreckte bei erührung zuſammen, und eine heiße Röthe ſtieg ihr gen und Stirn. — „Wir werden gehen,“ antwortete ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen,„komm, mein Vater.“ Sie führte den Frei⸗ herrn, der ihr widerſtandslos folgte, die Treppe hinauf in das Zimmer der Mutter. Dort rang ſie mit Hel⸗ denkraft nach Faſſung, ſie ſetzte ſich an das Lager der Kranken und erſchien den Abend nicht wieder in Finks Nähe. „Jetzt ſind wir unter uns,“ rief Fink den Wachen zu, „jetzt kurze Diſtance und ruhiges Zielen. Wenn ſie an die⸗ ſen Steinhaufen ſtürmen, ſo ſollen ſie ſich nichts als blutige Köpfe holen.“ So ſtand er mit ſeinen Genoſſen und ſah mit ſcharfem Auge auf die Reihen der Gegner. Dort war große Rührig⸗ keit, einzelne Abtheilungen zogen nach dem Dorf, die Reiter ritten auf der Straße hin und her, es war etwas im Werke. Endlich ſchleppte ein Trupp dicke Breter und eine Reihe leerer Wagen herbei. Die obern Theile derſelben wurden heruntergehoben und die Untergeſtelle in einer Reihe aufge⸗ fahren, die Deichſeln vom Schloß ab, die Hinterräder dem Schloß zugekehrt; dann wurden Breter auf dem Boden übereinander genagelt und Schirmdächer gemacht, welche, durch Stangen ſchräge an dem Hintertheil der Wagen be⸗ feſtigt, einige Fuß über das Wagengeſtell vorragten und fünf bis ſechs Männern erträglichen Schutz gaben. „Bittet Herrn Wohlfart, ſich hierher zu bemühen,“ ri Fink einem der Schützen zu. „Hier wurde geſchoſſen,“ frug Anton in die Halle tend,„iſt Jemand verwundet?“ „Dieſe dicke Thür, und einer von dem Geſ ni — 124— entgegnete Fink.„Sie gaben vom Thurme ohne Befehl Antwort auf den erſten Schuß der Feinde.“ „Im Hofe iſt kein Feind zu ſehen. Vorhin kam ein Trupp Reiter an das Thor, einer wagte ſich bis dicht an die Planken und verſuchte durchzuſehen. Als ich mich aber über den Zaun erhob, ſtob er wie entſetzt davon.“ „Sieh dorthin,“ ſagte Fink,„ſie machen ſich ein Fa⸗ milienvergnügen, kleine Barrikaden. So lange dies Abend⸗ licht uns zu ſehen verſtattet, iſt die Gefahr nicht groß. Aber in der Nacht können ſie mit dieſen Räderdächern nahe genug heran.“ „Der Himmel bleibt klar,“ ſagte Anton,„es wird eine helle Sternnacht.“ „Wenn ich nur wüßte,“ ſagte Fink,„weßhalb ſie die Tollheit haben, gerade die ſtärkſte Seite unſerer Feſtung an⸗ zugreifen. Es iſt nicht anders, dein friedliches Geſicht hat auf ſie gewirkt, wie das Haupt der Gorgo. Du wirſt von jetzt ab als Scheuche verſchrieben werden in allen Slaven⸗ kriegen.“ Es war dunkel geworden, als das Hämmern an den Wagen aufhörte. Ein Commando wurde gehört, die Be⸗ fehlshaber riefen einzelne Leute bei Namen an die Deichſeln, ſechs bewegliche Dächer fuhren mit großer Schnelligkeit etwa dreißig Schritt von der Vorderſeite des Schloſſes auf. „Jetzt gilt's,“ rief Fink.„Bleibe hier und wahre den nterſtock.“ Fink ſprang die Treppe hinauf, die lange Reihe es zum andern ſehen.„Hütet Eure Köpfe,“ rief Vorderzimmer war geöffnet, man konnte von einem Ende chen zu. Gleich darauf fuhr eine unregelmäßige 3 — 125— Salve nach den Fenſtern des Oberſtocks, der bleierne Hagel raſſelte durch die Glasſcheiben, klirrend flogen die Splitter auf die Dielen. Fink ergriff ſeine Pfeife, ein gellender Ton drang mit langen Schwingungen durch das ganze Haus, oben vom Thurm und aus beiden Stockwerken antworteten die Salven der Belagerten. Und jetzt folgten von beiden Seiten unregelmäßig die knatternden Schüſſe. Die Bela⸗ gerten waren im Vortheil, ihr Schutz war beſſer und die Dunkelheit in den Zimmern größer, als im Freien. In den kurzen Pauſen hörte man Finks laute Stimme:„Ruhig, Ihr Männer, deckt Euch!“ Er war überall, ſein leichter Tritt, der helle Klang ſeines Zurufs, zuweilen ein wildes Scherzwort, ermuthigten jeden Schützen des Hauſes. Sie erfüllten mit Entzücken und Schauer auch die Seele Leno⸗ rens, welche das Fürchterliche ihrer Lage kaum empfand und bei den krampfhaften Bewegungen des Vaters und dem leiſen Stöhnen der Mutter nicht verzweifelte, denn wie ein Gruß des Heils tönten die Worte des geliebten Mannes in ihr Ohr. 3 Wohl eine Stunde dauerte der Kampf um die Mauern des Hauſes. Finſter lag der rieſige Bau in dem matten Licht der Sterne, kein Licht, keine Geſtalt war von außen zu erblicken, nur der Feuerſtrahl, welcher zuweilen aus einer Ecke der Fenſteröffnungen herunterfuhr, verkündigte den draußen, daß tödtliches Leben im Schloſſe war. Wer durch die Zimmerreihe ſchritt, der konnte hier und da eine dunkle Geſtalt hinter dem Schatten eines Pfeilers erkenne er ſah vielleicht das Auge in Spannung glänzen; unde Haupt ſich vorbeugen, um eine Blöße des Fein — 126— ſpähen. Wohl keiner der Männer, welche jetzt Kriegsdienſte thaten, war an blutige Arbeit gewöhnt, vom Pfluge, von der Werkſtatt, aus jeder Art von friedlicher Thätigkeit wa⸗ ren ſie hier zuſammengekommen, und ängſtliche Spannung, fieberhafte Erwartung war den ganzen Tag über auch im Geſicht der Stärkſten ſichtbar geweſen. Jetzt ſah Anton mit einem düſtern Behagen, wie ruhig er ſelbſt und ⸗wie muthig die Leute waren. Sie waren in Thätigkeit, ſie arbeiteten; noch bei dem tödtlichen Werke der Zerſtörung war die Kraft zu erkennen, die jedes emſige Thun dem Menſchen giebt. Nach den erſten Schüſſen luden die auf der Vorderſeite ſo beſonnen, als übten ſte ihr gewöhn⸗ liches Tagewerk. Das Geſicht des Knechtes ſah nicht ſor⸗ genvoller aus, als wenn er zwiſchen ſeinen Ochſen hindurch auf die Ackerfurche hinſah, und der gewandte Schneider faßte Rohr und Kolben ſeiner Waffe mit derſelben Gleich⸗ giltigkeit, wie das Holz ſeines Bügeleiſens. Nur die Wa⸗ chen im Hofe waren unruhig, aber nicht aus Furcht, ſondern weil ſie mißvergnügt waren über die eigene Unthätigkeit. Zuweilen verſuchte ein kecker Geſell ſich hinter Antons Rü⸗ cken in das Haus zu ſtehlen, um auf der Vorderſeite ſeinen Schuß abzufeuern, und Anton mußte den Techniker an die Hofthür poſtiren, um das muthige Entweichen zu hindern. „Nur einmal, Herr Wohlfart, laſſen Sie mich auf das Volk ſchießen,“ bat ein junger Burſch aus Neudorf flehentlich. „Wartet,“ erwiederte Anton im Laden,„auch Ihr wer⸗ t daran kommen, in einer Stunde löſt Ihr die auf der rſeite ab.“ Zeß ſtiegen die Sterne herauf, immer höher, auf beiden Seiten wurden die Schüſſe ſpärlich, wie eine Ermü⸗ dung kam es über beide Theile. „Unſere Leute haben die beſſere Kraft,“ ſagte Anton zu dem Freunde,„die im Hofe ſind nicht mehr zu halten.“ „Das Ganze iſt nicht viel mehr, als blindes Schießen,“ erwiederte Fink,„ſie verſuchen zwar ehrlich zu zielen, aber es iſt doch zumeiſt Zufall, wenn eine Kugel Unglück anrichtet. undungen iſt uns kein Schade Außer einigen leichten Verw geſchehen, und ich glaube, die dort unten haben das Ver⸗ gnügen auch nicht viel theurer bezahlt.“ Man vernahm das Rollen der Räder.„Horch, ſie fahren ihre Streitwagen zurück.“ Das Feuern hörte auf, auf der ganzen Linie verſchwanden die dunkeln Maſſen in der Nacht. „Laß ablöſen,“ fuhr Fink fort,„und wenn du haſt, gieb ihnen etwas zu trinken, denn ſte haben ſich als brave Män⸗ ner gezeigt. Dann erwarten wir ruhig die Fortſetzung des Werks.“ Anton ließ eilig einige Stärkungen unter die Mannſchaft vertheilen, und durchſchritt das ganze Haus, die Mannſchaft ablöſend und die Räume vom Boden bis zum Keller unter⸗ ſuchend. Als er an die Frauenſtuben im Unterſtock kam, hörte er ſchon von Weitem ein klägliches Chaos von Stim⸗ and er die kahlen Wände durch eine men. Als er eintrat, fa kleine Küchenlampe nothdürftig erhellt, der Boden war mit Stroh bedeckt, und auf der Streu kauerten und lagen in kleinen Häufchen die Frauen und Kinder neben ihren Sachen. Die Frauen drückten ihre Angſt durch jede Art von leidenſchaft⸗ lichen Bewegungen aus, manche hoben unaufhörlich di Hände in die Höhe und riefen die Hilfe des Himm 42 82. ohne etwas Anderes zu empfinden, als unendliche Angſt, andere ſtarrten verzweifelt vor ſich hin, ganz betäubt durch die Schrecken der Nacht; den behaglichſten Eindruck machten noch die Kinder, welche mit ganzer Seele heulten und ſich um nichts weiter kümmerten. In dieſem Jammer lagen drei kleine Kinder, mit den Köpfen auf ein Bündel Betten gelehnt, und ſchliefen, die Händchen geballt, ſo ruhig, wie in ihrer Bettſtelle zu Haus, und eine junge Frau ſaß in der Ecke, wiegte ihr ſchlummerndes Kind in den Armen und ſchien alles Uebrige zu vergeſſen. Endlich trat ſie, immer auf ihr Kind ſehend, leiſe zu Anton heran und frug, wie es ihrem Mann gehe. Unterdeß zündeten die Feinde draußen große Feuer an, ein Theil der Bewaffneten ſaß an den Flammen, man ſah, daß ſie Töpfe an das Feuer trugen und ihre Abendkoſt koch⸗ ten. Auch in dem Dorfe ging es laut her, man hörte dort ſchreien und commandiren, und von der Höhe ſah man überall Lichter und ein ſtarkes Hin⸗ und Herlaufen auf der Dorfſtraße.„Das ſieht nicht aus, wie Ruhe,“ ſagte Anton. In dem Augenblick pochte laut der Hammer am Hinter⸗ thor; die Freunde ſahen einander an und ſprangen ſchnell in den Hof.„Rothſattel und Rebhühner,“ murmelte eine Stimme, die Loſung improviſtrend.„Der Förſter!“ rief Anton. Er ſchob die Verrammelung zurück und ließ den Alten ein.„Schließen Sie zu,“ ſagte der Förſter,„ſie ſind auf der Spur. Guten Abend allerſeits, ich komme 1, rief Anton,„dort erzählen Sie.“ ob Sie mich brauchen können?“—„Schnell ins den Kopf brennen; ich habe keine Zeit, mich mit Euch abe — 129— „Im Wald iſt Alles ſtill, wie in einer Kirche,“ ſagte der Förſter.„Auf der Waldwieſe am Erlenbruch liegt das Vieh, auch der Schäfer iſt mit ſeinen Creaturen dort. Der Vogt hält die Wache. Ich habe mich in der Finſterniß als Schleich⸗ patrouille in das Dorf gedrückt und komme Sie warnen. Da es mit dem Schießen nicht geglückt iſt, wollen's die Schufte mit Feuer verſuchen. Sie haben den Theer und die Wagen⸗ ſchmiere aus dem ganzen Dorf zuſammengeſucht, die Kien⸗ ſpäne der Bauerweiber aus den Höfen geholt, und wo ſie eine Oellampe fanden, haben ſie dieſe über Reißigbündel aus⸗ gegoſſen.“ „Sie wollen das Hofthor in Brand ſtecken?“ frug Fink. Der Förſter verzog ſein Geſicht.„Das Hofthor iſt es nicht, vor dem haben ſie eine Höllenfurcht. Weil Sie doch Artilleriewagen und eine Haubitze im Hofraum haben.“— „Artillerie?“ riefen die Freunde erſtaunt.„Ja,“ nickte der Förſter;„ſte haben durch die Schießlöcher des Zauns blaue Wagen geſehen und eine Lafette.“ „Karls neue Kartoffelwagen und die Beſpannung,“ rief Anton,„und die Feuertonne.“ „Dieſe wird wohl die Haubitze ſein,“ erwiederte der För⸗ ſter.„Auf meinem Wege hierher guckte ich von hinten in den Hof der Schenke und lauerte, ob ich einen Bekannten erwiſchen könnte. Da kam die Rebekka mit Waſſereimern in den Hof gelaufen, ich pfiff leiſe und rief ſie hinter den Stall.„Seid Ihr auch da, alter Schwede?“ ſagte das tolle Ding,„nehmt Euch nur in Acht, daß ſie Euch nicht eins ben, ich muß die Herren bedienen, ſie wollen Kaffe trin — 130— „Warum nicht gar Champagner,“ ſagte ich.„Sie ſind wohl recht artig, die Herren, du hübſches Schickſel,“ ſagte ich, denn mit Floretten gewinnt man die Weiber.„Ihr ſeid ſelber ein häßlicher Schekez,“ ſagte das Mädchen und lachte mich an,„macht, daß Ihr fortkommt.“„Sie werden dir doch nichts thun, kleine Rebekka,“ ſagte ich wieder und kniff ſie ein wenig in die Backen.„Das geht Euch nichts an, Ihr Hexenmeiſter,“ ſagte wieder der kleine Molch,„wenn ich ſchreie, kommt mir die ganze Stube zu Hilfe. Ich will nichts mit Euch zu thun haben.“„Sei nicht ſo widerſpen⸗ ſtig, mein Kind,“ ſagte ich,„ſei ein gutes Mädel, fülle mir die Flaſche hier und bringe ſie mir heraus. Man muß in ſchlechten Zeiten etwas für ſeine Freunde thun.“ Darauf riß mir das Ding die Flaſche aus der Hand und ſagte: „wartet, aber haltet Euch ſtill,“ und rannte mit ihren Ei⸗ mern zurück. Nach einer Weile kam ſie wieder und brachte mir die Buddel ganz gefüllt, Kümmel und Korn, es iſt ein gutmüthiges Geſchöpf. Und als ſie mir die Flaſche gab, rief ſte mir noch zu:„Wenn Ihr zu den jungen Herren im Schloß kommt, ſo ſagt ihnen, daß die dadrin große Angſt vor ihrer Artillerie haben, ſte haben uns ausgefragt, ob es wahr wäre, daß ſie eine Kanone hätten. Ich habe ihnen geſagt, ich wüßte wohl, daß ſo ein großes Ding auf dem Gut ſein müßte.“— So ſchlich ich mich wieder fort und kroch im Graben bei Kerlen mit Senſen vorbei, die hinter unſerm Hof auf Wache ſtehn. Als ich ihnen an die hundert Schritt vor war, riß ich aus, ſie ſakermenterten hinter mir her. So 13.7 3. Das mit dem Feuer iſt ein unbequemer Einfall,“ ſagte ————— — räuchern wie Dachſe.“ Fink;„wenn ſie das Handwerk verſtehen, können ſie uns aus⸗ „Dieſe Schwelle iſt von Stein und die dicke Thur iſt hoch über dem Boden,“ ſagte der Förſter. „Ich fürchte nicht die Flammen, ſondern den Rauch und die Helle,“ entgegnete Fink;„wenn ſie unſere Fenſter erleuch⸗ ten, ſo werden die Leute noch ſchlechter treffen. Unſer Glück iſt, daß die Herren auf engliſchen Sätteln, welche den Feind anführen, bis jetzt ſchwerlich andere Feſtungen eingenommen haben, als ſolche, die durch einen Unterrock verſchanzt waren. Wir wollen alle Leute ins Vorderhaus werfen und hinten nur die othmaydiſten Wachen halten, und wollen Rebekka's Lüge vertrauen.“ Neue Patronen wurden ausgetheilt und eine neue Ein⸗ theilung der Mannſchaft vorgenommen, in die Thurmhallen des Unter⸗ und Oberſtocks und oben auf die Plattform wurde mehr Mannſchaft geſtellt, unten commandirte der Schmidt, im Oberſtock Anton, der Förſter blieb mit einem kleinen Trupp in Reſerve. Und es war Zeit, denn wieder hörte man in der Ferne ein lautes Geſumm, Commandowörter, den Tritt der Heranziehenden und das Rollen von Wagen. „Haltet die Kugel im Lauf,“ riefFink,„und ſchießt nur auf das Volk, das ſich an die Thür herandrängt.“ Die Wagen mit dem Breterdach fuhren auf, wie vorher, ein polniſches Commando erklang und ein heftiges Feuer der Feinde begann, diesmal ausſchließlich auf die verhängniß⸗ volle Thuͤr und die Fenſter in der Nähe gerichter. Wie mäch⸗ tige Schläge donnerten die Kugeln an die Thür und das Mauerwerk, mehr als eine fand ihren Weg durch die Fenſt 9* — 132— öffnungen und ſchlug über den Häuptern der Vertheidiger an die Decke. Fink rief den Förſter:„Sie ſollen etwas wagen, Alter, ſtellen Sie Ihre Leute am Hinterthor auf, öffnen Sie die Pforte, ſchleichen Sie dicht am Haus herum und faſſen Sie die Geſellen hinter den drei Wagen links, die ſich zu nahe an das Haus gewagt haben, von der Seite. Rücken Sie ihnen nah auf den Leib, Sie können die Mannſchaft raſiren, wenn Sie gut zielen. Die Wagen haben keine Deckung, ehe das Geſindel von hinten herzuläuft, ſind Sie wieder zurück. Seien Sie ſchnell und vorſichtig, ich gebe Ihnen mit der Pfeife ein Zeichen, wenn Sie aus dem Schat⸗ ten der Mauer hervorbrechen ſollen.“ Der Förſter nahm ſeine Leute zuſammen und eilte in den Hof, Fink ſprang in den Oberſtock zu Anton. Immer hef⸗ tiger wurde das Feuer der Feinde.„Diesmal wird es grim⸗ 3 miger Ernſt,“ ſagte Anton.„Auch unſere Leute gerathen in Hitze.“„Dort kommt die Gefahr,“ rief Fink und wies durch die Mauerluke auf eine hohe unförmige Maſſe, welche ſich langſam näher ſchob. Es war ein Erntewagen, breit und zu mächtiger Höhe beladen, der von unſichtbarer Hand regiert gerade auf die Mitte des Schloſſes zufuhr.„Ein Brander! oben glänzen die gelben Strohſchütten. Ihre Abſicht iſt klar, ſie haben ſich an die Deichſel geſtemmt und ſtoßen den Wagen gegen die Thür. Jetzt gilt es zu zielen, keiner der Wichte, welche ihn heranſtoßen, darf zurück.“ Er flog die Treppe zum Thurm hinauf und rief den Leuten, die auf der Plattform poſtirt waren, zu:„Alles hängt jetzt von Euch ab; ſobald Ihr die Leute ſeht, welche den Wagen dort vorwaͤrts ſchieben, gebt Feuer; wo Ihr einen Schädel 4 12— ————— 1— 4— „ 27 — — E e,, B, 2₰ e ſe— 1 e. 7. Be.— Se, e ⸗ d. Ben 88 S.— ⸗—— e. Se 3 e ue. 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Wie ich den Fluch ertragen ſoll, weiß ich nicht, wie ich nach dem heutigen Tag leben werde, weiß ich nicht. Wenn ich noch wohin gehöre in der Welt, ſo iſt es in dieſes Zimmer. Laſſen Sie mich hier, Wohlfart, und ſorgen Sie nicht mehr um mich.“ 4 Sie wandte ſich ab und ſetzte ſich wieder auf den Sche: mel an das Strohlager. Anton deckte den Mantel über den todten Mann und verließ ſchweigend das Zimmer. Er ging nach der Wachtſtube und ergriff ſein Gewehr. „Ich gehe auf den Thurm, Förſter,“ ſagte er. „Jeder hat ſeine eigene Art,“ brummte der Alte.„Der Andere iſt klüger, er ſchläft aus. Aber es wird friſch dort oben, ohne Mantel ſoll er nicht bleiben.“ Er ſchickte einen Mann mit einem Bauernmantel hinauf und befahl ihm, bei dem Herrn oben zu bleiben. Anton ließ den Mann zum Schlaf niederſetzen, und wickelte ſich in die warme Hülle. So ſaß er ſchweigend und ſtützte ſein Haupt an die Mauer, uͤber welche ſich Lenore gebeugt hatte, als ſie hinunterſchoß. Und ſeine Gedanken flogen über die Ebene fort, aus der finſtern Gegenwart in die unſichere Zukunft. Er ſah über den Kreis der feindlichen Wachen und über den dunkleren⸗ — 142— Ring der Kieferwälder, welche ihn hier gefan ihn feſt bannten an Verhältniſſe, abenteuerlich vorkamen, gen hielten und die ihm jetzt ſo fremd und als läſe er ſie ab aus einem Buch. Seine eigenen Schickſale betrachtete ſein müder Blick gleich⸗ müthig, wie ein fremdes; und ruhig konnte er hineinblicken in die Tiefen ſeiner Seele, die ihm ſonſt das wogende Ge⸗ fühl des Tages verbarg. Er ſah ſein vergangenes Leben vor ſich vorüberziehen, die Geſtalt der Edeldame auf dem Balcon ihres Schloſſes, das ſchöne Mädchen auf dem Kahn unter ihren Schwänen, den Kerzenglanz im Tanzſalon, die traurige Stunde, wo die Edelfrau ihren Schmuck in ſeine Hände legte, alle Augenblicke, wo Lenorens Auge ſo liebevoll das ſeine geſucht hatte, alle dieſe Zeiten ſe ah er vor ſich und deut⸗ lich erkannte er den Zauber, den ſte um ihn gelegt hatten, Alles, was ſeine Phantaſte gefeſſelt hatte, ſein Urtheil be⸗ ſtochen, ſeinem Selbſtgefühl geſchmeichelt, das erſchien ihm jetzt als eine Täuſchung. Ein Irrthum war's ſeiner kindiſchen Seele, den die Eitel⸗ keit groß gezogen hatte. Ach ſchon längſt war der glänzende Schein zerronnen, der dem armen Sohn des Calculators das Leben der Ritterfamilie ſtark, edel, begehrungswerth gezeigt hatte. Ein anderes Gefühl war an die Stelle getreten, ein reeineres, eine zärtliche Freundſchaft zu der Einzigen, die in der Kreiſe ſich ſtark erhalten hatte, als die Andern zerbra⸗ 1. Und jetzt löſte auch ſte ſich von ihm. Er fühlte, daß es ſo war und immer mehr geſchehen mußte. Er fühlte das jetzt ohne Schmerz als etwas Natürliches, was nicht anders mmen konnte. Und er fühlte, daß er ſelbſt dadurch frei w ꝛde von den Banden, welche ihn hier feſt hielten. Er er⸗ — 143— hob ſein Haupt und ſah über die Wälder hinüber in die Ferne. Er ſchalt ſich ſelbſt, daß ihm dieſer Verluſt nicht mehr Schmerzen bereitete, und gleich darauf, daß er einen Verluſt fühlte. War im Grunde ſeiner Seele doch ein ſtilles Begehren geweſen, hatte er das ſchöne Mädchen für ſeine Zu⸗ kunft zu erwerben gedacht, hatte er davon geträumt, in der Familie, für die er jetzt arbeitete, heimiſch zu werden für immer? Wenn er in einzelnen Stunden der Schwäche dies Gefühl gehabt hatte, jetzt verurtheilte er es. Er war nicht immer gut geweſen, er hatte im Stillen eigennützig auch an ſich gedacht, wenn er Lenore anſah. Das war Unrecht ge⸗ weſen, und ihm geſchah ſein Recht, daß er jetzt allein ſtand unter Fremden, in Verhältniſſen, die ihn wund drückten, weil ſie nicht klar waren, in einer Lage, aus der auch ſein Entſchluß ihn nicht löſen konnte, nicht jetzt, und ſchwerlich in der nächſten Zukunft. Und doch fühlte er ſich frei.„Ich werde meine Pflicht thun und nur für ihr Glück ſorgen,“ ſagte er laut.— Aber ihr Glück? Er dachte an Fink und an das Weſen des Freundes, das ihm ſelbſt immer wieder imponirte und ihn ſo oft argerte. Würde er ſie wieder lieben, und würde er ſich feſſeln laſſen in dieſen Verhältniſſen?„Arme Lenore!“ ſeufzte er. So ſtand Anton, bis der helle Schein vom Nordrand des Horizontes herüber zog auf Oſten zu, und von dort ein fahles Grau am Himmel aufſtieg, der ſchauerbringende Vor⸗ bote der Morgenſonne. Da ſah Anton noch einmal auf die Landſchaft um ſich herum, ſchon konnte er die Wachen der Landleute zählen, die zu zweien das Schloß umſtanden; hier — 144— und da blinkte ein Senſenſpieß in hellerem Licht. Anton beugte ſich nieder und weckte den Mann, der neben der Blut⸗ lache des getödteten Kameraden eingeſchlafen war, dann ſtieg er herunter in die Wachtſtube, warf ſich auf das Stroh, das ihm der Förſter ſorgſam auseinander ſchüttelte, und ſchlief ein, gerade, als die Lerche aus dem feuchten Boden aufflog, um durch ihren fröhlichen Ruf die Sonne herbei⸗ zuholen. 5. Nach einer Stunde weckte der Förſter den Schlafenden. Anton fuhr auf und ſah verdutzt in die fremdartige Umgebung. „Es iſt faſt Sünde, Sie zu ſtören,“ ſagte der ehrliche Alte;„draußen iſt Alles ruhig, nur die Reiterei der Feinde iſt auf dem Wege nach Rosmin abgezogen.“ „Abgezogen?“ rief Anton,„ſo ſind wir frei.“ „Bis auf das Fußvolk,“ ſagte der Förſter,„es kommen immer noch zwei auf einen von uns. Sie halten uns feſt.— Und noch etwas habe ich zu ſagen. In der Tonne iſt kein Waſſer mehr. Die Hälfte haben unſere Leute ausgetrunken, das Uebrige iſt in's Feuer gegoſſen. Ich für meinen Theil mache mir nichts aus dem Getränk, aber das Schloß iſt voll Menſchen, ohne einen Trunk werden ſie ſchwerlich den Tag aushalten.“ Anton ſprang auf.„Das war ein ſchlechter Morgen⸗ gruß, mein Alter.“ „Der Brunnen iſt eaſſirt,“ fuhr der Alte fort,„aber wenn wir jetzt eine von den Frauen an den Bach ſchickten? Die Wachen würden den Weibern nicht viel thun, vielleicht würden ſie ihnen nicht wehren, einige Eimer Waſſer zu holen.“ „Einige Eimer,“ ſagte Anton,„die werden uns wenig nützen.“ „Es iſt doch etwas für's Herz,“ erwiederte der Alte, HII. 10 — 1146— „man müßte's eintheilen. Wenn die Rebekka hier wäre, die ſchaffte uns Waſſer. So müſſen wir es mit einer Andern wagen. Die Sacramenter dort ſind nicht ſchlecht gegen Frauenzimmer, wenn nämlich dieſe Dreiſtigkeit haben. Wenn es Ihnen recht iſt, will ich's mit einem von unſern Bälgern verſuchen.“. Der Förſter rief in die Küche hinunter:„Suska!“ Das Polenkind ſprang aus dem Souterrain herauf. „Höre, Suska,“ ſagte der Förſter bedächtig,„wenn der Herr Baron aufwacht, wird er friſches Waſſer verlangen; das Waſſer im Schloſſe iſt zu Ende,; zum Trinken haben wir Bier und Schnaps genug, aber welcher Chriſtenmenſch kann ſich in Bier die Hände waſchen? Nimm ſchnell die Eimer und hole uns Waſſer, lauf hinunter zum Bach, du wirſt ſchon mit den Nachbarn dort fertig werden. Schwatze aber nicht lange mit ihnen, ſonſt kriegen wir ein Donnerwetter vom Herrn.— Und hör', frage die Nachbarn doch, wozu ſie noch mit ihren Spießen daſtehn, ihre Reiter ſind ja ſchon abgeritten. Wir haben nichts dawider, wenn die dort unten ſich auch fortmachen.“ BVilliig ergriff das Mädchen die Waſſereimer, der Förſter öffnete die Hofthür und die Kleine trabte dem W Waſſer zu. Mit unruhiger Erwartung ſah ihr Anton nach. Das Mäd⸗ chen kam bis an den Bach, ungehindert und ohne ſich um den Poſten zu kümmern, der etwa zwanzig Schritt von ihr ſtand und ihr neugierig zuſah. Endlich ging einer der Senſen⸗ männer auf ſte zu, das Mädchen ſetzte die Eimer zu Boden, ſchlug die Arme übereinander, und beide fingen eine fried⸗ liche Unterhaltung an. Zuletzt ergriff der Senſenmann die — 147— Eimer, bückte ſich ſelbſt zum Waſſer hinunter und reichte die gefüllten dem Mädchen. Langſam brachte die Kleine ihre vollen Eimer zurück, der Förſter öffnete wieder das Thor und ſagte ſchmunzelnd:„Brav, Suſanne. Was hat denn die Wache mit dir geſprochen?“ „Dumme Dinge,“ erwiederte das Mädchen erröthend, „er hat mir geſagt, ich ſoll ihm und ſeinen Kameraden das Thor aufmachen, wenn ſie wieder an das Schloß kommen.“ „Wenn's weiter nichts war,“ ſagte der Förſter ſchlau. „Alſo ſie wollen wieder an das Schloß!“ „Freilich wollen ſie,“ ſagte die Kleine,„die Reiter ſind gegen das Militär nach Rosmin gezogen; wenn ſtie zurück⸗ kehren, laufen ſie alle zuſammen gegen das Schloß, ſagte der Mann.“ „Wir werden ſie ſchwerlich hereinlaſſen,“ erwiederte der Förſter,„keiner ſoll zum Thor herein, als dein Schatz dort unten. Du haſt’s ihm doch verſprochen, wenn er allein kommt und bei der Nacht?“ 1 „Nein,“ antwortete Suſanne aufgebracht,„aber ich durfte doch nicht böſe ſein.“ „Vielleicht können wir's zum zweitenmal probiren,“ frug der Förſter auf Anton blickend. „Ich zweifle,“ erwiederte dieſer;„dort reitet einer der Offiziere an den Poſten heran, der arme Burſch wird für ſeinen Dienſteifer einen rauhen Morgengruß erhalten. Kommt her, wir theilen den kleinen Vorrath. Der erſte Eimer zur Hälfte für die Herrſchaft, zur Haͤlfte für uns Männer, der zweite zu einer Morgenſuppe für die Frauen und Kinder.“ Er goß ſelbſt das Waſſer in die verſchiedenen Gefäße und 8 10* .2 — „ — 148— ſtellte den Schmidt als Wächter dazu. Beim Eingießen ſagte er zu dem Förſter:„Das iſt die ſchwerſte Arbeit, die wir während der Belagerung gehabt haben. Noch weiß ich nicht, wie wir den Tag aushalten wollen.“ „Es geht Vieles,“ erwiederte tröſtend der Förſter. Ein heller Frühlingstag begann, wolkenlos ſtieg die Sonne hinter dem Wirthſchaftshofe herauf, bald erwärmte ihr milder Strahl die Luft, welche feucht um die Mauern des Schloſſes lag. Die Leute ſuchten die ſonnige Ecke des Ho⸗ fes, in kleinen Gruppen ſaßen die Männer mit ihren Frauen und Kindern zuſammen, alle zeigten gute Zuverſicht. Anton trat unter ſte:„Wir müſſen uns gedulden bis Mittag, viel⸗ leicht bis Nachmittag, dann kommen unſere Soldaten.“ „Wenn die drüben nicht mehr thun als jetzt, ſo können wir's ruhig anſehn,“ erwiederte der Schmidt,„ſie ſtehn ſo hölzern wie eingegrabene Zaunpfähle.“ „Sie haben geſtern ihre Courage verloren,“ ſagte ein Anderer verächtlich.. 3„Es war Strohfeuer, der Schmidt hat ihnen die Bündel vom Wagen geworfen, ſie haben nichts mehr zuzuſetzen,“ rief ein Dritter. Der Schmidt ſchlug die Arme übereinander und lächelte ſtolz, und vergnügt ſah ſeine Frau zu ihm auf. Jetzt wurde es in dem oberen Stock lebendig, der Frei⸗ herr klingelte und forderte Bericht. Anton eilte hinauf, ihm und den Damen zu erzählen, dann trat er in Finks Zimmer und weckte den Freund, der noch im feſten Schlummer lag. „Guten Morgen, Tony,“ rief Fink und dehnte ſich be⸗ haglich;„ich komme im Augenblick herunter. Wenn du mir — 149— durch deine Connerionen etwas Waſſer verſchaffen könnteſt, würde ich dir ſehr dankbar ſein.“ „Ich will dir eine Flaſche Wein aus dem Keller holen,“ erwiederte Anton;„du mußt dich heut mit Wein waſchen.“ „Hui!“ rief Fink,„ſteht es ſo? Es iſt doch urnigſtens kein Rothwein?“ „Wir haben überhaupt nur wenige Flaſchen,“ fuhr An⸗ ton fort. „Du biſt ein Unglücksrabe,“ ſagte Fink ſeine Stiefeln ſuchend,„um ſo mehr Bier wird in Euern Kellern ſein.“ „Gerade ſo viel, als zu einem Trunk für die Mann⸗ ſchaft reicht; ein Fäßchen Branntwein iſt jetzt unſer größter Schatz.“ Fink pfiff die Melodie des Deſſauers.„Siehſt du wohl, mein Sohn, daß deine Zärtlichkeit für die Frauen und Kinder ein wenig ſentimental war? Ich ſehe dich im Geiſte vor mir, wie du mit aufgeſtreiften Hemdärmeln die magere Kuh ſchlach⸗ teſt und mit deiner alten Gewiſſenhaftigkeit dem hungernden Volk biſſenweis in den Mund ſteckſt. Du in der Mitte, fünfzig aufgeſperrte Mäuler um dich herum. Binde dir nur gleich ein Dutzend Birkenruthen, in wenig Stunden wird ein Geſchrei hungernder Kinder zum Himmel aufſteigen, und du wirſt genöthigt ſein, trotz deiner Menſchenliebe die ganze Bande auszuhauen. Uebrigens denke ich, wir haben uns geſtern nicht ſchlecht gehalten, ich habe ausgeſchlafen, und ſo mögen heut die Dinge gehn, wie ſte können. Und jetzt laß uns nach dem Feinde ſehn.“ Die Freunde ſtiegen auf den Thurm, Anton berichtete, was er erfahren hatte, Fink unter⸗ ſuchte ſorgfältig die Poſtenkette und ſah mit dem Fernrohr die hellen Bänder der Feldwege entlang, bis dahin, wo der dunkle Wald ſie verdeckte.„Unſere Lage iſt zu friedlich, um troſtreich zu ſein,“ ſagte er endlich, das Rohr zuſammen⸗ ſchiebend. „Sie wollen uns aushungern,“ ſagte Anton ernſt. „Ich traue ihnen dieſe Schlauheit zu, und ſie caleuliren nicht ſchlecht, denn im Vertrauen, ich habe ſtarken Zweifel, ob wir überhaupt Entſatz hoffen dürfen.“ „Auf Karl können wir uns verlaſſen,“ ſagte Anton. „Auf meinen Braunen auch,“ erwiederte Fink;„aber es iſt wohl möglich, daß mein armer Blackfoot in dieſem Augen⸗ blicke bereits das Unglück hat, das Geſäß irgend eines In⸗ ſurgenten zu tragen. Ob Junker Karl nicht einem der Hau⸗ fen, welche ſicher in der ganzen Gegend umher ſchwärmen, in die Hände gefallen iſt, ob er überhaupt die Regulären auf⸗ gefunden hat, ob dieſe ferner Luſt haben, uns zu Hilfe zu marſchiren, ob ſie endlich den Witz haben, zu rechter Zeit anzukommen, und ob ſie zu allerletzt ſtark genug ſind, die Schaar, welche ihnen den Weg zu uns verlegt, zu zerſtreuen, das, mein Junge, ſind alles Fragen, welche wohl aufgeworfen werden dürfen, und ich will lieber alle Brombeeren der⸗ Welt aufeſſen, als eine fröhliche Antwort darauf geben.“ „Wir könnten's mit einem Ausfall verſuchen, freilich er würde blutig werden,“ erwiederte Anton. „Bah,“ ſagte Fink.„Aber was ſchlimmer iſt, er würde nichts nutzen. Einen Haufen werfen wir vielleicht, die nächſte⸗ Stunde iſt ein anderer da. Nur ſtegreicher Entſatz kann uns aus der Klemme helfen. So lange wir in dieſen Mauern unſer Hausrecht wahren, ſind wir ſtark, auf freiem Feld 4 mit Weibern und Kindern werden wir von einem Dutzend Reitern überrannt.“— „Warten wir's alſo ab,“ ſagte Anton finſter. „Weiſe geſprochen, der ganze Witz des Lebens iſt zuletzt der, daß man ſich und Andern keine Fragen vorlegt, die nicht zu beantworten ſind. Die Sache droht langweilig zu werden.“ So ſtiegen die Freunde wieder herab, und ſo verſtrich Stunde auf Stunde, langſame Stunden bleierner Unthätig⸗ keit. Bald ſah Anton, bald Fink mit dem Fernrohr nach den Oeffnungen des Waldes, es war wenig Auffallendes zu ſehn, Patrouillen der Feinde kamen und gingen, bewaffnete Haufen von Landleuten zogen dem Dorfe zu und wurden nach verſchiedenen Richtungen wieder abgeſandt, die Poſtenkette wurde regelmäßig revidirt und alle zwei Stunden abgelöſt. Die Belagerer waren beſchäftigt, die Dörfer der Umgegend zu durchſuchen und zu entwaffnen, um die im Schloß zuletzt mit vereinter Kraft anzugreifen. Die Deutſchen waren in ihrem Steinbau umſtellt wie ein wildes Thier in ſeinem La⸗ ger, und die Jäger warteten mit ruhiger Sicherheit die Stunde ab, wo der Hunger oder Feuer und Waffen die Bezwungenen heraustreiben mußten. Unterdeß verſuchte Fink die Leute zu beſchäftigen, die Männer mußten Waffen und Armatur reinigen und putzen, ſie mußten antreten und Fink unterſuchte ſelbſt die einzelnen Gewehre; darauf wurde Pulver und Blei vertheilt, Kugeln gegoſſen und Patronen gemacht. Die Frauen wies Anton an, Haus und Hof zu reinigen, ſo weit dies ohne Waſſer mög⸗ lich war. Das hatte die gute Wirkung, die Eingeſchloſſenen durch einige Stunden in Thätigkeit zu erhalten.* — ͤͤ — 152— Die Sonne ſtieg höher und die Luft trug von dem näch⸗ ſten Dorf das leiſe Bimmeln der Glocke herüber.„Die erſte Mahlzeit iſt ſpärlich genug ausgefallen,“ ſagte Anton zu ſei⸗ nen Kameraden,„die Kartoffeln ſind in der Aſche gebraten, auch Fleiſch und Speck find zu Ende, die Köchin kann das Mehl nicht mehr verbacken, es fehlt wieder an Waſſer.“ „So lange wir die Milchkuh im Stalle haben,“ erwie⸗ derte Fink,„beſitzen wir immer noch einen Schatz, den wir dem hungrigen Volk vorzeigen können. Dann bleiben noch die Mäuſe des Schloſſes und zuletzt unſere Stiefeln. Wer in dieſem Lande verurtheilt war, bisweilen Beefſteak zu eſſen, der kann Stiefelleder für kein zähes Gericht halten.“ Der Förſter unterbrach das Geſpräch mit der Meldung: „Ein einzelner Reiter kommt vom Wirthſchaftshof auf das Schloß zu, hinter ihm geht ein Frauenzimmer; ich wette, es iſt die Rebekka.“. Deer Reiter näherte ſich, ein weißes Taſchentuch ſchwen⸗ kend, der Thür in der Vorhalle, er hielt neben den ver⸗ kohlten Trümmern des Erntewagens und ſah nach den Fenſtern des Oberſtocks. Es war der Parlamentär vom Tage zuvor.— „Wir wollen nicht ſo unhöflich ſein, den Herrn warten u laſſen,“ ſagte Fink, ſchob den Riegel zurück und trat un⸗ bewaffnet auf die Schwelle. Der Pole grüßte ſchweigend, Fink lüftete ſeine Mütze. „Ich habe Ihnen geſtern Abend geſagt,“ begann der Reiter,„daß ich heut das Vergnügen haben würde, Sie wieder zu ſehen.“. „Ei,“ erwiederte Fink,„Sie ſelbſt waren der Herr, der uns den Rauch verurſachte. Es war Schade um den Ernte⸗ wagen.“. „Sie haben geſtern Ihre Leute verhindert, auf mich zu feuern,“ fuhr der Pole in deutſcher Sprache mit hartem Ac⸗ cent fort,„ich bin Ihnen dankbar dafür und möchte Ihnen meine Erkenntlichkeit beweiſen. Wie ich höre, ſind Damen in dieſem Hauſe, das Mädchen bringt ihnen Milch. Wir wiſſen, daß man hier im Schloß kein Waſſer hat, und ich wünſche nicht, daß die Damen durch unſern Streit zu Ent⸗ behrungen genöthigt werden.“ „Du Racker,“ murmelte der Förſter. „Wenn Sie mir erlauben, Ihnen für die Milch einige Flaſchen Wein aus unſerm Keller zurückzugeben, ſo nehme ich Ihr Geſchenk mit Dank an,“ erwiederte Fink.„Ich ſetze voraus, daß Ihnen in der Schenke dieſe Flüſſigkeit ebenfalls nicht im Ueberfluß zu Gebote ſtehen wird.“ Es iſt gut,“ ſagte der Pole lächelnd. Rebekka eilte mit ihrem Krug nach der Pforte des Hofraums, gab die Milch ab und empfing durch den brummenden Förſter die Flaſchen mit Wein. Der Pole aber fuhr fort:„Wenn Sie auch mit Wein verſehen ſind, ſo kann dieſer doch nicht das Waſſer erſetzen, Ihre Garniſon iſt zahlreich, und wir hören, daß. Sie viele Frauen und Kinder im Hauſe haben.“ „SIch werde es für kein Unglück halten,“ erwiederte Fink, „wenn die Frauen und Kinder einige Tage mit uns Män⸗ nern Wein trinken, bis Sie uns den Gefallen erweiſen, um den ich Sie ſchon geſtern erſuchte, dies Gut und den Brun⸗ nen drüben zu verlaſſen.“ „Hoffen Sie darauf nicht, mein Herr,“ ſagte der Pole — 154— ernſt,„wir werden jede Gewalt anwenden, Sie zu entwaff⸗ nen; wir wiſſen jetzt, daß Sie keine Artillerie haben, und es iſt uns jede Stunde möglich, den Eingang in dies Haus zu erzwingen. Sie haben ſich aber als tapfere Männer gehalten, und wir wünſchen nicht weiter zu gehen, als wir müſſen.“ „Vorſichtig und verſtändig,“ verſetzte Fink beiſtimmend. „Deßhalb mache ich Ihnen einen Vorſchlag, der Ihr Ehrgefühl nicht verletzen wird. Sie haben auf keinen Ent⸗ ſatz zu hoffen. Zwiſchen Ihrem Militär und dieſem Dorf ſteht ein ſtarkes Corps unſerer Truppen, ein Zuſammenſtoß beider Armeen iſt an den nächſten Tagen einige Meilen von hier zu erwarten, und Ihre Commandeurs ſind deßhalb au⸗ ßer Stande, einzelne Corps zu detachiren. Ich ſage Ihnen keine Neuigkeit, denn Sie wiſſen das ſo gut als wir ſelbſt. Und ſo verbürge ich Ihnen und Allen, welche in dieſem Hauſe ſind, bei meinem Ehrenwort freien Abzug, wenn Sie Ihre Waffen und das Schloß übergeben. Wir ſind bereit, Sie und die Damen durch eine Escorte in jeder Richtung, welche Sie wünſchen, ſo weit zu geleiten, als wir das Terzaln behaupten.“ Fink erwiederte ernſthafter, als er bis dahin t enefen. „Darf ich fragen, aus weſſen Munde das Ehrenwort kommt, das mir ſoeben gegeben wurde?“ „Obriſt Zlotowsky,“ erwiederte der Reiter ſich leicht verneigend. „Ihr Vorſchlag, mein Herr,“ entgegnete Fink,„ver⸗ pflichtet uns zu Dank. Ich ſetze keinen Zweifel in die Auf⸗ richtigkeit Ihres Anerbietens und will auch annehmen, daß Igr Einfluß auf die Männer, welche Sie begleiten, groß — — 155— genug iſt, um dieſe Bedingungen aufrecht zu erhalten. Da ich aber nicht ſelbſt Herr dieſes Hauſes bin, ſo muß ich die⸗ ſem Ihre Vorſchläge mittheilen.“ „Ich warte,“ erwiederte der Pole, ritt auf eine Entfer⸗ nung von dreißig Schritt zurück und hielt der Thür gegen⸗ über ſtill.. Fink ſchloß die Thür und ſagte zu Anton:„Schnell zum Freiherrn! Was iſt deine Meinung?“ „Aushalten,“ erwiederte Anton. Sie trafen den Freiherrn in ſeinem Zimmer, den Kopf in ſeine Hände geſtützt, mit verſtörtem Geſicht, ein Bild des Leidens und nervöſer Unruhe. Fink trug ihm das Aner⸗ bieten des Polen vor und bat um ſeine Entſcheidung. Der Freiherr erwiederte:„Ich habe bis jetzt vielleicht mehr gelitten, als irgend einer der Braven, welche in dieſem Hauſe ihr Leben gewagt haben. Es iſt ein furchtbares Ge⸗ fühl, hilflos dazuſitzen, wo die Ehre gebietet, in der vorder⸗ ſten Reihe zu ſtehen. Aber eben deßhalb habe ich kein Recht, Ihnen Vorſchriften zu machen. Wer außer Stande iſt, zu kämpfen, hat auch kein Recht, zu beſtimmen, wann der Kampf aufhören ſoll. Ja ich habe kaum das Recht, Ihnen meine Anſicht zu ſagen, weil ich fürchte, daß ſie für Ihren hochher⸗ zigen Sinn beſtimmend ſein würde. Außerdem kenne ich Unglücklicher nicht die Leute, welche mich vertheidigen, ich habe kein Urtheil über ihre Stimmung und über ihre Kraft. Ich überlaſſe Ihnen Alles, und lege das Schickſal der Mei⸗ nen vertrauend in Ihre Hand. Der Himmel möge Ihnen 1 vergelten, was Sie für mich thun. Nicht für mich, um Got⸗ tes willen nicht für mich, das Opfer wäre zu groß,“ rief der — 156— erregte Mann, erhob ſeine gefalteten Hände und ſtarrte mit den glanzloſen Augen in die Höhe;„denken Sie an nichts als an die Sache, welche wir vertheidigen.“ „Wenn Sie uns ein ſo hohes Vertrauen ſchenken,“ ſagte Fink mit ritterlicher Haltung,„ſo ſind wir entſchloſſen, Ihr Schloß zu halten, ſo lange wir noch eine ſchwache Hoffnung auf Entſatz haben. Unterdeß ſind ernſte Zufälle möglich, die Weigerung unſerer Leute, ſich ferner zu ſchlagen, oder das gewaltſame Eindringen der Feinde.“ „Meine Frau und Tochter bitten, wie ich, daß Sie in dieſer Stunde auf ihr Wohl keine Rückſicht nehmen. Gehen Sie, meine Herren,“ rief der Freiherr ſeine Arme aus⸗ ſtreckend,„die Ehre eines alten Soldaten liegt in Ihrer Hand.“. Beide Männer verneigten ſich tief vor dem Blinden und verließen das Zimmer.„Es iſt doch Ehre in den Leuten,“ ſagte Fink auf dem Wege mit dem Kopfe nickend. Er öffnete die Thür, der Offtzier ritt heran. „Der Freiherr von Rothſattel dankt Ihnen für Ihr An⸗ erbieten, er iſt entſchloſſen, ſein Haus und das Eigenthum derer, welche ſich ihm anvertraut haben, gegen Ihre Angriffe zu vertheidigen bis zum Aeußerſten. Wir nehmen Ihren Vorſchlag nicht an.“ „So tragen Sie die Folgen,“ rief der Reiter zurück,„und die Verantwortung für Alles, was jetzt geſchehen muß.“ „Ich übernehme die Verantwortung,“ ſagte Fink.„An Sie aber noch eine Bitte. Es ſind außer den Frauen und Kindern der Landleute zwei Damen in dieſem Schloß, die Gemahlin und Tochter des Freiherrn von Rothſattel; wenn ein — 157— Zufall Ihnen doch Gelegenheit geben ſollte, die Räume dieſes Hauſes zu betreten, ſo empfehle ich die Wehrloſen Ihrem ritterlichen Schutz.“ „Ich bin ein Pole,“ rief der Reiter ſtolz, ſich auf ſeinem Pferde erhebend. Er nahm den Hut ab und ritt in kurzem Galopp nach dem Wirthſchaftshofe zurück. „Er ſteht aus wie ein kühner Burſch,“ ſagte Fink ſich umwendend zu den Leuten, welche aus der Wachtſtube herzu⸗ geeilt waren.„Aber meine Männer, wenn man die Wahl hat, ob man ſich verlaſſen ſoll auf die Verſprechungen eines Feindes, oder auf dies kleine Rohr von Eiſen, ſo bin ich alle⸗ mal der Meinung, daß man lieber dem vertraut, was man in der Hand hält.“ Er ſchüttelte ſein Gewehr.„Der Pole verſpricht uns freien Abzug„weil er weiß, daß in ein Paar Stunden ſeine Bande vor unſern Soldaten auseinanderlaufen wird. Wir wären für ihn ein guter Biſſen, an die dreißig Gewehre! Und wenn die Reiter kämen und uns nicht in dem Hauſe fänden, zu dem wir ſie gerufen, ſondern dies Ge⸗ ſindel mit ſeinen Krötenſpießen, ſie würden uns ein ſchönes Donnerwetter nachſchicken, und wir hätten den Schimpf für immer.“ „Ob er es ehrlich gemeint hat?“ frug einer der Leute zögernd. Fink faßte den Mann vertraulich an der Klappe ſeines Rockes:„Ich glaube, daß er es ehrlich meint, mein Junge, aber ich frage Euch, wie weit reicht bei dieſem Volk der Ge⸗ horſam? Wir wären noch nicht hinter der Waldecke dort unten, ſo käm' ein anderer Haufe über uns, und die Weiber und Eure Sachen würden vor unſern Augen maltraitirt. Und — V— —— — 158— deßwegen ealculire ich, thun wir am beſten, wenn wir ihnen die Zähne zeigen.“ Lebhafte Beiſtimmung der Hörer erfolgte, und einige Hoch! auf die jungen Herren im Schloſſe wurden ausgebracht. „Wir danken,“ ſagte Fink,„und jetzt Alle auf Poſten, ihr Männer, denn es kann wohl kommen, daß ſie ſich wieder blutige Köpfe holen.— Das hält ſie auf eine Stunde hin,“ fuhr er zu Anton gewandt fort.„Ich glaube nicht an einen Angriff bei Tage, aber auf Poſten ſtehen iſt beſſer für ſie, als die Köpfe zuſammenſtecken. Bei alle dem iſt quer, daß die Leute dieſe Verhandlung angehört haben.“ Auch der ſtrenge Dienſt, den Fink jetzt einrichtete, ver⸗ mochte nicht die Entmuthigung aufzuhalten, welche allmälig, je weiter die Sonne am Himmel ſtieg, über die kleine Gar⸗ niſon kam. Die Worte des Polen waren von Vielen gehört worden, auch die Weiber hatten neugierig ihre Thür geöffnet und ſich in die Halle gedrängt. Leiſe, nach und nach fiel die Furcht in die Herzen und anſteckend wie eine Krankheit erfaßte ſie Einen nach dem Andern. In der Frauenſtube brach ſie aus. Plötzlich empfanden Einzelne eine große Sehnſucht nach Waſſer, ſie klagten über Durſt, zuerſt ſchüch⸗ tern, dann lauter, ſie drängten ſich an der Thür der Küche zuſammen und begannen laut zu ſchluchzen. Nicht lange, ſo ſchrieen alle Kinder nach Waſſer, und Viele, die unter an⸗ dern Umſtänden nicht an Trinken gedacht hätten, fühlten ſich unſäglich elend. Anton ließ die letzten Flaſchen Wein aus dem Keller holen, zerſchnitt das letzte Brod, tauchte jedem Einzelnen einige Biſſen in den Wein ein, bis ſie ganz durchgeweicht waren, und vertheilte ſie mit der ernſthaften *. 1 3 4. Verſicherung, dies ſei das beſte Mittel gegen Durſt, wenn 8 man das in den Mund ſtecke, ſei man einen ganzen Tag lang nicht im Stande, Waſſer zu trinken, und wenn man Geld dafür bekomme. Das half auf eine Weile, aber die Angſt fand andere Thüren, durch welche ſie ſich einſchlich. Manche überlegten, was ſie denn zu verlieren hätten, wenn ſie ein altes Gewehr abgäben und dafür die Freiheit erhielten und das Recht, überall hinzugehen, wohin ſie wollten. Dieſe An⸗ ſicht wurde vorläufig durch den Förſter bekämpft, der ſich in die Mitte der Wachtſtube ſtellte und entſchloſſen erwiederte: „Ich will Euch ſagen, Gottlieb Fitzner, und Euch, Ihr dicker Bökel, daß das Weggeben des Gewehrs für uns Alle eine Kleinigkeit iſt, es iſt nur der Uebelſtand dabei, daß der von Euch, der auf dieſen canailleuſen Gedanken käme, ein ganz ge⸗ meiner feiger Schuft wäre, vor dem ich alle Tage ausſpucken würde, ſo oft ich ihn träfe.“ Darauf gaben Fitzner und Bökel dem Förſter eifrig Recht, und Bökel erklärte, er werde es mit jedem ſolchen Kerl eben ſo machen, wie der Förſter. Und auch dieſe Gefahr war beſeitigt. Aber die abgelöſten Wachen blieben in unruhiger Unterhaltung. Die Streit⸗ kräfte des Schloſſes wurden mit denen des Feindes verglichen; endlich wurde die geringe Stärke des Pfahlwerks im Hofe der herrſchende Gegenſtand einer furchtſamen Kritik. Es war klar, daß dort der nächſte Angriff erfolgen würde, und auch die Beherzten nahmen an, daß der Bohlenzaun nur ge⸗ ringen Widerſtand leiſten könnte. Sogar der treue Schmidt ſchüttelte mit der Hand an dem Zaun und fand keinen Ge⸗ fallen an der Art, wie er zuſammengenagelt war. In den Mittagſtunden waren dieſe Anfälle von Zaghaftigkeit noch — 160— nicht gefährlich, denn der größte Theil der Männer erwartete, das Gewehr in der Hand, jeden Augenblick den Anmarſch des Feindes. Als ſich aber die Sonne von ihrer Höhe neigte, ohne daß ein Angriff erfolgte und ohne daß der Poſten auf dem Thurm den Entſatz meldete, da wirkten Thatloſtgkeit und Abſpannung zuſammen, das Leiden allgemein zu machen. Die Mittagskoſt war ungenügend, Kartoffeln mit verkohl⸗ ter Rinde und etwas Salz dazu. Natürlich fingen die Leute wieder an zu durſten, wieder kamen die Frauen jam⸗ mernd zu Anton und klagten, ſein Mittel habe nur auf kurze Zeit geholfen. Und auch unter den Männern flog die Angſt um Hunger und Durſt von einem Pfeiler zum andern, aus der Wachtſtube in den Hof bis hinauf in den Thurm. An⸗ ton hatte die doppelte Ration Branntwein ausgetheilt, auch das half nicht bei Allen. Die Männer wurden nicht auf⸗ ſätzig, es war zu viel gute Art in ihnen, ſie wurden nur klein⸗ laut und ſchwächer. Fink ſah mit verächtlichem Lächeln auf dieſe Symptome eines Zuſtandes, der ſeinem elaſtiſchen Geiſt und ſeinen ſtählernen Nerven unbegreiflich war. Aber Anton, den Alle mit Bitten und Klagen überliefen, fühlte die ganze Verlegenheit dieſer Stunden. Etwas mußte geſchehen, um gruͤndlich zu helfen, oder Alles war verloren. So trat er in den Hof, entſchloſſen, die Kuh zu opfern. Er ſtellte ſich vor die Milchkuh, klopfte ſie auf den Hals:„Lieſe, armes Thier, du mußt jetzt daran.“ Als er ſie am Strick herauszog, fiel ſein Blick auf die leere Waſſertonne, und ihn überkam ein glücklicher Gedanke. Die Erhebung des Bodens über das Waſſer des Vaches betrug nur wenige Fuß, die ganze Gegend war quellenreich, es war wahrſcheinlich, daß man in geringer — 161— Tiefe Waſſer finden würde. Es war für die Beſatzung eine leichte Sache, ein Brunnenloch auszugraben. Wenn man die ausgegrabene Erde an das Pfahlwerk ſtampfte, ſo wurde die Feſtigkeit deſſelben beträchtlich vermehrt. Und was die Hauptſache war, die Arbeit ſetzte alle müßigen Hände in Be⸗ wegung, ſie konnte Stunden, ja Tage lang fortgeſetzt werden. Aus früheren Verſuchen wußte er, daß das Waſſer um das Schloß ſchlammig und in gewöhnlicher Zeit nicht zu brauchen war, aber darauf kam es heut nicht an. Anton ſah nach der Sonne, es war keine Minute zu verlieren. Er rief den Techniker in den Hof, und als dieſer freudig beiſtimmte, alle freien Hände des Schloſſes, auch die Weiber und ſtärkeren Kinder. Das Werkzeug der Arbeiter wurde herzugeholt, nach wenig Augenblicken waren zehn Männer mit Hacke und Spaten beſchäftigt, in der Mitte des Hofes ein großes Loch mit ſchräger Böſchung nach unten zu graben, die Frauen und Kinder mußten unter Aufſicht des Technikers die aufgegrabene Erde an dem Pfahlwerkfeſtſtampfen. Einige Männer, und was von Frauen noch zur Hand war, rief An⸗ ton zum Schlachten der armen Kuh, welche noch einmal dem Volk gezeigt wurde, bevor ſie dem Verhängniß des Tages er⸗ lag. Schnell war Alles in eifrigſter Thätigkeit. Das Brun⸗ nenloch, an der Oberfläche viel weiter, als für eine regel⸗ mäßige Röhre nothwendig geweſen wäre, vertiefte ſich zu⸗ ſehends, und an dem Bohlenzaun ſtieg ein Wall in die Höhe, wie durch die Kraft hilfreicher Gnomen aus dem Boden ge⸗ hoben. Die Leute griffen an, wie ſie in ihrem Leben nicht gethan hatten, im Wettkampf flogen die Spaten der Männer, barfüßige Beinchen ſprangen begeiſtert über die Erde, Holz⸗ III. 11 8 X 8 — 162— ſchuhe und Pantoffeln ſtampften ihre Spuren tief hinein. Jeder wollte mit angreifen, es waren mehr Hände zur Stelle, als der Raum zu bewegen erlaubte. Alle Bangigkeit war verſchwunden, luſtige Scherze flogen hin und her. Auch Fink kam herbei und ſagte zu Anton:„Du biſt ein Heiden⸗ bekehrer, du verſtehſt für das Seelenheil deiner Geme inde zu ſorgen.“ 1 „Die Gemeinde arbeitet,“ erwiederte Anton fröhlicher, als er in den letzten vierundzwanzig Stunden geweſen war. Das Brunnenloch vertiefte ſich, daß man mit einer kur⸗ zen Leiter hinabſteigen mußte, der Grund wurde feucht, die Männer arbeiteten in einem Sumpf, zuletzt mußte der Schlamm in Kübeln heraufgereicht werden, aber die Leute drängten ſich zum Tragen, die Eimer flogen aus einer Hand in die andere. Mit lautem Gelächter, wie Kinder, begrüßten ſie jeden Schmutzfleck, der aus den Eimern auf die Kleider der Ungeduldigen ſpritzte. Der Wall erhob ſich bereits fußhoch über das Pfahlwerk, und da es an Raſen fehlte, ſchlugen die Leute an der innern Böſchung Holz und Steine mit einer Kraft hinein, welche die Maſſe feſt machte, wie Stuck. Kaum, daß Anton die ſchmale Seitenpforte frei erhielt. Unter den feindlichen Poſten am Bach zeigte ſich eine unruhige Bewegung, Reiter ſprengten die Poſtenkette entlang und ſahen auf das neue Feſtungswerk, zuweilen wagte ſich einer näher heran, zog ſich aber zurück, wenn der Förſter ſein Gewehr uͤber den Wall erhob. So verrann Stunde — 163— Männer bis an den Leib im Waſſer. Es war eine gelbe ſchmutzige Flüſſigkeit, aber die Leute ſtarrten in die Oeff⸗ nung, als ob dort ein Schatz von flüſſigem Gold heraufquölle. Endlich, als ſchon die Schatten des Abends dunkel auf der Oeffnung lagen, befahl Anton den Arbeitern, aus der Grube zu ſteigen. Ein großes Tuch wurde gebracht und über den Waſſerbottich gelegt, man ſchöpfte das Waſſer in Eimern herauf und ſeihte es durch das Tuch. „Zuerſt meine Pferde,“ rief ein Knecht und riß die Ei⸗ mer für die dürſtenden Thiere an ſich.„Wenn ſich der Trank geſetzt hat, wird er ſo gut wie Bachwaſſer,“ rief der Schmidt vergnügt, die Arbeiter wurden nicht müde, ſich eine Probe auszuſchöpfen, und Jeder beſtätigte ſtegesfroh die Meinung des angeſehenen Mannes. Unterdeß ließ Anton oben auf dem Wall, der bis zum Fußboden des obern Stockwerks her⸗ aufgewachſen war, neue Pfähle einſchlagen und die ſtarken Breter der Kartoffelwagen als Schutzwehr daran befeſtigen. Als die Finſterniß der Nacht ſich über das Schloß legte, war das Werk vollendet. Die Frauen klärten unermüdlich über dem Bottich, große Stücke Fleiſch wurden nach der Küche geſchafft, dort kniſterte ein großes Feuer, und die anmuthige Ausſicht auf ein kräftiges Nachteſſen zog in die Seele aller Belagerten. Da raſſelte draußen im Felde wieder die feindliche Trom⸗ mel, und der ſchrille Ruf der Knochenpfeife zitterte durch die Räume des Hauſes. Einen Augenblick ſtanden die Männer im Hofe erſchrocken, ſie hatten in den letzten Stunden nur wenig an den Feind gedacht, dann ſtürmte Alles nach der Wachtſtube und ergriff die Gewehre. Schnell wurde den 5 11* — 164— Unterſtock mit doppelter Mannſchaft beſetzt, der Förſter eilte mit einer ſtarken Abtheilung nach dem Hofe und kletterte auf den neuen Wall. „Die Entſcheidung naht,“ ſagte Fink leiſe zu Anton, „in den letzten Stunden ſind ſtarke Banden ins Dorf ein⸗ gerückt, im letzten Abendlicht ein Haufe Reiter. Wir ver⸗ mögen eine zweite Nacht nicht zu widerſtehen. Sie werden auf allen Seiten zugleich angreifen, mit einem Schock kurzer Leitern dringen ſie in das Schloß. Und ſie wiſſen das, denn ſieh, jede Rotte, die aus dem Dorf heranzieht, iſt mit Art und Leiter verſehen. Laß uns gemüthlich durchmachen, was nicht zu ändern iſt, dein iſt das Verdienſt, wenn wir als Männer unterliegen, und nicht als Memmen. Ich war bei dem Freiherrn, er und die Frauen ſi ſind vorbereitet; ſie werden ſich zuſammen in ſeinem Zimmer halten. Haſt du noch einige Worte in der Kehle, wenn einer von den Meſſieurs der Bande über dich wegſteigt, ſo erinnere ihn an die Frauen. Gott befohlen, Anton, ich nehme die Hofſeite, du die Front.“ „Mir iſt's unmöglich,“ rief Anton,„daß wir unterlie⸗ gen ſollen, ich habe nie ſo frohe Hoffnung gehabt, als in dieſer Stunde.“ „Hoffnung auf Entſatz?“ frug Fink die Achſeln zuckend und wies durch das Fenſter auf die feindlichen Haufen,„und wenn er in einer Stunde kommt, er kommt zu ſpät. Seit 4 Rebekka's Kanone abgefahren iſt, ſind wir in den Händen des Feindes, ſobald dieſer einen ernſtlichen Sturm wagt. Und er wird ihn wagen. Man muß ſich keine Illuſtonen machen, die nicht länger glimmen, als eine Cigarre. Deine Band, mein Plieber 3 Junge, lebe wohl!“ Er drückte kraͤftig ⸗ 1 P.. — 165— Antons Hand, und das ſtolze Lächeln glänzte wieder auf ſei⸗ nem Antlitz. So ſtanden die Beiden nebeneinander, Jeder ſah liebevoll auf die Geſtalt des Andern, ungewiß, ob er ſie je wieder erblicken werde.„Fahre wohl!“ rief Fink und erhob die Büchſe, ſeine Hand aus der des Freundes löſend; aber er blieb wie eingewurzelt ſtehen und lauſchte, denn über dem Trommelwirbel der Feinde und dem Lärm der anrücken⸗ den Haufen fuhr ein heller Klang durch die Nachtluft, eine fröhlich ſchmetternde Fanfare, und als Antwort klang von dem Dorfe her der regelmäßige Sturmſchlag eines Tam⸗ bours der Linie, darauf eine ſtarke Gewehrſalve und ein fernes Hurrah. „Sie kommen,“ rief es aus allen Ecken des Schloſſes, „unſere Soldaten kommen.“ Der Förſter ſtürzte in die Halle.„Die Rothmützen,“ ſchrie er,„ſie reiten am Bach herauf zur Brücke, hinten im Dorf ſtürmt die Infanterie.“ „Alle in den Hof,“ rief Fink,„zum Ausfall, Ihr Män⸗ ner, vorwärts!“ Die Verrammelung der Pforte wurde weg⸗ geriſſen, die Mannſchaft war im Augenblick außerhalb der Verſchanzung, kaum daß Anton den Techniker und einige Knechte als Beſatzung des Hauſes in den Hof zurücktrieb. Der Förſter ſchritt die Reihe entlang und ordnete die Leute. Fink ſah nach dem Stand des Gefechts. Die Infanterie⸗ Colonne drang im Dorfe vor, das unaufhörliche Knattern des Gewehrfeuers verrieth die Erbitterung des Kampfes, aber das Feuer kam langſam näher, die Feinde wichen, ſchon rann⸗ 3 ten einzelne Flüchtlinge derſelben aus dem Wirthſchaftshof hervor. Unterdeß paſſirte eine Abtheilung Huſaren gegen⸗ über dem Schloſſe den Bach, ſie trieb kleine Haufen der Be⸗ — 166— lagerer vor ſich her. Fink führte ſeine Bewaffneten um das Haus herum und ſtellte ſie an der Ecke auf, die dem Dorfe zunächſt lag.„Geduld,“ rief er,„und wenn ich Euch vor⸗ führe, vergeßt Euren Kriegsruf nicht, ſonſt werdet Ihr in der Dunkelheit überritten und zerſtampft, wie die Feinde.“ Nur mit der größten Mühe waren die Ungeduldigen im Gliede zu halten. Vom Bache her flog ein einzelner Reiter auf ſie zu. „Hurrah, Rothſattel!“ riefer ſchon aus der Ferne.„Sturm!“ ſchrie ihm ein Dutzend Stimmen entgegen, Anton ſprang aus dem Gliede auf den treuen Mann zu.„Wir haben die Feinde,“ rief Karl,„der Feind hat die Straße von Rosmin beſetzt, ich aber führte unſere Leute auf Umwegen durch den Wald.“ Ein dunkler Haufe wurde an den letzten Häuſern des Dorfes ſichtbar, Berittene ſprengten vor, der feindliche Trupp machte Halt und ſammelte ſich am Wirthſchaftshofe. Dort ſetzte ſich der Kampf, die Führer trieben ihre Leute wieder zurück ins Gefecht.„ZJetzt gilt's,“ rief Fink. Im Schnell⸗ ſchritt zog die Schaar über den Anger, ſtellte ſich ſeitwärts vom Wege an der erſten Scheuer auf, und eine Salve aus fünfundzwanzig Gewehren drang in die Seite des Feindes. Dadurch kam Verwirrung in die gedrängte Schaar der Feinde, die Maſſe löſte ſich auf und ſtürzte in wilder Flucht über die Ebene. Wieder klang hinter denen vom Schloß die Trom⸗ pete, im vollen Roſſeslauf ſtürmten die Huſaren vor und hieben in einen Haufen ein, der noch Stand hielt. Karl warf ſich zu ihnen und verſchwand im Getümmel. So trieben 3 den Feind in die Felder.“ ⁸ — 167— Aus dem Dorf aber ſprengten jetzt die polniſchen Reiter, ihnen voran der Parlamentär, der ſeine Leute mit lautem Zuruf auf die Huſaren trieb. „Rothſattel,“ rief eine jugendliche Stimme vom Pferde dicht neben Anton, und vor einem Zug Huſaren ſtürmte ein ſchlanker Offizier den polniſchen Reitern entgegen. Fink richtete ſeine Büchſe gegen den polniſchen Oberſt. „Ich danke,“ rief dieſer, auf ſeinem Pferde wankend, und ſchoß mit letzter Kraft ſein Piſtol in die Bruſt des Huſars ab, der auf ihn einritt. Getroffen ſank der Huſar vom Pferde, mit dem Körper des Polen jagte das Pferd von dannen. Nach wenigen Minuten war die Umgebung des Schloſſes von Feinden gereinigt; die Nacht deckte die Flüchtigen, ſchützend breiteten die Waldbäume ihre Aeſte über die Söhne des Lan⸗ des. In kleinen Abtheilungen verfolgten die Sieger den letzten Haufen der Feinde. Vor dem Schloſſe kniete Anton am Boden und ſtützte das Haupt des gefallenen Reiters mit ſeinen Armen. Mit Thränen im Auge ſah er von dem Sterbenden zu dem Freund auf, welcher mit einer Gruppe von Offizieren theilnehmend zur Seite ſtand. Der Siegesjubel war verſtummt, die Land⸗ leute umgaben in düſterem Schweigen die Stätte. Langſam wurde der Regungsloſe auf den Händen der Männer nach dem Hauſe getragen. In der Vorhalle ſtand an der Treppe der Freiherr mit ſeiner Tochter, bereit, die willkommenen Gäſte zu be⸗ grüßen. Als Lenore den wunden Mann erblickte, ſtürzte ſie unter die Träger, welche ſchweigend den Körper vor de — 168— Freiherrn niederlegten, und ſank mit einem Schrei zu Boden. „Wer iſt es?“ ſtöhnte der blinde Mann und griff mit den Händen vor ſich in die Luft. Niemand antwortete, ſcheu traten Alle zurück. „Vater,“ murmelte der Verwundete, und ein Blutſtrom quoll aus ſeinem Mund.„Mein Sohn, mein Sohn!“ ſchrie der Blinde wie raſend, und ſeine Knie brachen zuſammen. Den Sohn hatte es aus ſeiner Garniſon fortgetrieben zu dem Heere, welches ſich nahe bei ſeinen Eltern zuſammenzog. Er hatte es durchgeſetzt, ein anderes Regiment zu begleiten, er hatte Erlaubniß erhalten, die Escadron zu begleiten, welche dem Vater zu Hilfe entſendet wurde. Er wollte ſeine Eltern überraſchen und brachte ihnen mit dem Entſatz ſeine blu⸗ tende Bruſt in das Haus und den Tod in die Herzen. Jetzt lag eine unheimliche Stille auf dem hohen Slaven⸗ ſchloß. Der Sturm hatte ausgetobt, von den Blüthenbäu⸗ men im Felde fielen lautlos die weißen Blätter und lagen im Sternenlicht am Boden, rein, wie ein weißes Todtentuch. Wo ſeid ihr, luftige Pläne des blinden Mannes, der gebaut, geſündigt, gelitten hat, um euch lebendig zu machen? Horche, du armer Vater, mit verhaltenem Athem; es iſt ſtill geworden im Schloß und auf den Gipfeln der Bäume, und doch ver⸗ magſt du nicht mehr zu hören den einen Ton, an den du immer gedacht haſt bei deinen Luftſchlöſſern, unter deinen Pergamenten, den Herzſchlag deines einzigen Sohnes, des erſten Majoratsherrn der Rothſattel. Sechſtes Buch. 2 —— — Traurige Tage kamen über das Schloß, ſchwer zu tra⸗ gen für Jeden, der in ſeinen Mauern wohnte. In der Familie des Freiherrn ſaß das Siechthum, wie der Wurm in einer Pflanze. Nach der ſchwarzen Stunde, wo man dem Vater den ſterbenden Sohn ins Haus getragen hatte, verließ der Freiherr nicht ſein Zimmer. Das Wenige, was noch von Kraft in ihm geweſen war, jetzt war es zerbrochen, der Schmerz zehrte an ſeinem Geiſt mehr als an ſeinem Körper, er brütete tagelang ſtill vor ſich hin, und nicht die Bitten Lenorens, nicht die Nähe ſeiner Frau vermochten ihn zu beleben. Als der Baronin die Unglücksbotſchaft gebracht wurde, zitterte Anton, daß das dünne Band zerreißen müſſe, welches das Leben noch an ihrem Körper hielt, und wochen⸗ lang ging Lenore nicht von ihrem Lager. Aber zur Ver⸗ wunderung Aller erfolgte das Gegentheil. Der Zuſtand des Gatten nahm bald ihre Sorge ſo ſehr in Anſpruch, daß ihr ſelbſt Schmerz und Schwäche zu ſchwinden ſchien. Sie zeigte ſich kräftiger, als ſie vorher geweſen war, nur auf di — 172— Pflege des Freiherrn bedacht, gewann ſie über ſich, ſtunden⸗ lang neben ſeinem Stuhl zu ſitzen. Der Arzt freilich ſchüt⸗ telte gegen Anton den Kopf und ſagte, daß dieſer plötzlichen Erhebung wenig zu trauen ſei. Lenore wurde in den erſten Wochen nach dem Tode des Bruders kaum von Jemandem geſehen. Wenn ſie einmal außer dem Krankenzimmer er⸗ ſchien, ſo waren es faſt nur Fragen nach dem Befinden der Kranken, die ſie beantwortete, oder Bitten nach dem Arzt, die ſie an Anton richtete. Unterdeß zog draußen ein wildes Frühjahr vorüber, ein ſtürmiſcher Sommer folgte. Zwar die Schrecken des Bür⸗ gerkrieges hatte das Gut nicht mehr zu fürchten. Aber die ſchweren Laſten der Zeit legten ſich erdrückend auf die Wirth⸗ ſchaft. In der ſtillen Waldinſel tönte jetzt täglich der Trommelſchlag des Tambours oder das Signal des Trom⸗ peters, Dorf und Schloß hatten Einquartierung, welche häufig wechſelte. Anton hatte mit allen Händen zu thun, Mannſchaft und Pferde unterzubringen und für ihre Ver⸗ pflegung zu ſorgen. Bald waren die geringen Kräfte des Gutes erſchöpft, ohne Finks vorausbezahlte Pachtgelder wäre es unmöglich geweſen, dieſe Zeit zu überſtehen. Auch in der Wirthſchaft nahmen die Störungen kein Ende. Mehr als ein Morgen war in den Tagen der Belagerung durch die Fußtritte von Roſſen und Menſchen zerſtampft worden, jetzt hielten requirirte Fuhren die Geſpanne auf, die Leute ſelbſt verwilderten in der unruhigen Zeit und verloren die Luſt zu regelmäßiger Thätigkeit. Aber im Ganzen wurde die Ordnung doch erhalten, die Arbeiten des Jahres nahmen nach dem Plan, der im Frühjahr gemacht war, ihren Fort⸗ —— — 173— gang. Noch beſſer ging es mit dem Wieſenbau. Nicht alle Arbeiter, welche Fink auf das Gut geführt hatte, hielten aus, aber ſie wurden durch andere Leute erſetzt, die ſich in die⸗ ſer Zeit bewährten. Ja, die Zahl der grauen Jacken und ſchwarzen Hüte vermehrte ſich, und die Garde des Herrn von Fink wurde in der ganzen Umgegend als eine trotzige Geſell⸗ ſchaft beſprochen, mit der nicht gut anzubinden ſei. Fink ſelbſt war jetzt oft abweſend, er hatte viele Offiziere kennen gelernt, alte Bekanntſchaften erneuert, er fuhr im Lande um⸗ her, verfolgte mit Eifer die kriegeriſchen Operationen und machte als Freiwilliger das Treffen mit, welches einige Mei⸗ len von dem Gut gegen die Inſurgenten gewonnen wurde. Seine Vertheidigung des Schloſſes hatte ihn in der Umge⸗ gend zu einer gefürchteten Perſon gemacht, welcher aller Haß der feindlichen Partei eben ſo ſehr zufiel, als die Bewun⸗ derung der Freunde. Es war einige Wochen nach dem Entſatz des Schloſſes, als Lenore in die Hofthür trat, vor welcher Anton mit dem Förſter verhandelte. Lenore ſah über den Hof, in welchem jetzt eine Pumpe ſtand, und über den Zaun, von dem der Erdwall abgefahren war, in die Landſchaft, welche jetzt in dem hellen Grün des erſten Sommers glänzte. Endlich ſagte ſie mit einem Seußzer:„Es iſt Sommer geworden, Wohlfart, und wir merken nichts davon.“ Anton ſah ihr beſorgt in das bleiche Geſicht.„Drau⸗ ßen im Walde iſt's jetzt hübſch, ich war geſtern beim Förſter; nach dem letzten Regen ſtehen Holz und Blüthen in vollem Saft. Wenn Sie ſich nur einmal entſchließen könnten, hinaus zu gehen.“ Lenore ſchüttelte 174— verneinend das Haupt.„Was iſt an mir gelegen!“ rief ſie bitter.:„ „Vor Allem hören Sie eine Nachricht, die mir ſoeben der Förſter zugetragen hat,“ fuhr Anton fort.„Der Mann, den Ihr Schuß getroffen, war der elende Bratzky. Sie haben ihn nicht getödtet. Wenn Sie ſich darüber einen Vorwurf machen, von dieſem Schmerz kann ich Sie befreien.“ „Gelobt ſei Gott!“ rief Lenore und faltete die Hände. „Schon damals, als der Förſter bei Nacht zu uns ins Schloß kam, ſah er, daß der Schurke mit verbundenem Arm in der Schenke ſaß. Geſtern wurde er von dem Militär als Gefangener in Rosmin eingebracht.“ „Ja,“ ſagte der Förſter dazutretend,„eine Kugel thut dem nichts, der denkt höher hinaus.“ Er griff mit der Hand an den Hals und machte die Pantomime des Hängens. „Es lag auf mir bei Tag und Nacht,“ ſagte Lenore leiſe zu Anton,„wie verdammt käm ich mir vor; in der Finſterniß quälten mich ſchreckliche Traumgeſichte, daß ich aus dem Schlaf auffuhr und ſchrie; immer ſah ich den Mann vor mir, wie er die Fauſt ballte, hinſtürzte und das Blut aus ſeiner Schulter floß. O Wohlfart, was haben wir erlebt!“ Sie lehnte ſich an die Thür und ſtarrte mit thränenloſen Augen vor ſich nieder. Vergebens ſuchte Anton ſie zu be⸗ ruhigen, ſie hörte kaum ſeine Worte. Der Huf eines Pferdes klapperte auf den Steinen, Finks Brauner wurde herausgeführt. „Wo reitet er hin?“ frug Lenore haſtig. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Anton,„er iſt jetzt viel 6 auswärts, ich ſehe ihn tagelang nicht.“ —— — 175— „Was ſoll er auch bei uns?“ rief Lenore;„das unglück⸗ liche Haus iſt kein Ort für ihn.“ „Wenn er ſich nur etwas in Acht nehmen wollte,“ ſagte der Förſter,„die Tarower ſind giftig auf ihn, ſie haben geſchworen, ihm eine Kugel nachzuſchicken, und er reitet immer allein und bei Nacht.“ „Es iſt umſonſt, ihn zu warnen,“ ſagte Anton.— „Sei endlich verſtändig, Fritz,“ rief er dem Freunde zu, der aus dem Hauſe trat,„reite nicht ſo allein, wenigſtens nicht über die Tarower Flur.“ Fink zuckte die Achſeln.„Ah, unſer Fräulein iſt hier. Wir haben ſo lange nicht die Freude gehabt, Sie zu ſehen, daß es uns hier bereits ſehr langweilig geworden iſt.“ „Hören Sie auf die Warnung des Freundes,“ erwie⸗ derte Lenore ängſtlich,„und hüten Sie ſich vor den böſen Menſchen.“ „Wozu?“ verſetzte Fink;„eine reſpectable Gefahr iſt nicht vorhanden, und vor einem dummen Teufel, der hinter einem Baum ſteht, kann ſich in ſolchen Zeiten Niemand bewahren, das würde zu viel Zwang auflegen.“ „Wenn Sies nicht um Ihretwillen thun, ſo denken Sie an die Angſt Ihrer Freunde,“ bat Lenore. „Habe ich noch Freunde?“ frug Fink lachend;„manch⸗ mal iſt mir's, als wären ſie untreu geworden. Meine guten Freunde gehören zu der Klaſſe, welche ſich pflichtgetreu zu beruhigen weiß. Hier unſer ehrenwerther Wohlfart wird ein reines Sacktuch in die Taſche ſtecken und ſeine feierlichſte Miene aufſetzen, wenn ich einmal mein Spiel verliere; und ein anderer Waffenkamerad wird ſich noch leichter — 176— 1 tröſten. Heran mit dem Pferde,“ rief er, ſchwang ſich hin⸗ auf und ſprengte mit kurzem Gruße davon. „Er reitet gerade auf Tarow zu,“ ſagte der Förſter, welcher ihm nachgeſehen hatte, mit Kopfſchütteln. Lenore ging ſchweigend in das Zimmer der Eltern zurück. Aber am ſpäten Abend, als die Lichter des Schloſſes längſt verlöſcht waren, bewegte ſich noch lange eine Gardine, und ein Weib lauſchte angſtvoll auf den Hufſchlag des heim⸗ kehrenden Roſſes. Stunde auf Stunde verrann, erſt gegen Morgen ſchloß ſich der Fenſterflügel, als ein Reiter vor der Pforte anhielt, und eine Melodie vor ſich hin trällernd, das Pferd ſelbſt in den Stall führte. Nach einer durchwachten Nacht verbarg Lenore ihr ſchmerzendes Haupt in die Kiſſen. So ging es durch Monate fort. Endlich kam der Freiherr, auf den Arm ſeiner Tochter und auf einen Stab geſtützt, wieder manchmal herunter ins Freie, dann ſaß er entweder ſchweigſam im Schatten der Schloßmauer oder er hörte mit galliger Laune auf jede Kleinigkeit, die ihm zu ſchelten mög⸗ lich machte. In ſolchen Stunden bogen die Leute gern in weitem Umweg aus, um ihm nicht nahe zu kommen, und da Anton dies nicht that, ſo war er nicht ſelten das Opfer, über dem ſich die Verſtimmung des Freiherrn Luft machte. Antons Verhältniß zu dem Kranken wurde bald ſo läſtig, daß nur ein ungewöhnlicher Grad von Geduld darüber weghelfen konnte. Täglich mußte der Freiherr hören, daß die Leute bei ſeinen Querfragen ſich damit entſchuldigten,„Herr Wohlfart hat es ſo befohlen,“ oder,„der Herr Rentmeiſter hat das nicht gewollt;“ mit Eifer ſuchte er die Aufträge, welche Anton gegeben hatte, durch ſeine Willensäußerung zu — 177— ſtören; aller Groll, alle Gehäſſigkeit, die ſich in der Seele des Unglücklichen aufgeſammelt hatte, concentrirte ſich in ein ſchwächliches Gefühl des Haſſes gegen ſeinen Bevollmäch⸗ tigten. Fink kümmerte ſich jetzt wenig um den Freiherrn, wenn er das Gezänk mit Anton bemerkte, verzog er ſchweigend die Augenbrauen und ſagte höchſtens:„Es mußte ſo kommen.“ Am beſten kam noch Karl mit dem Freiherrn aus; er nannte ihn nie anders, als Herr Rittmeiſter, und ſchlug kriegeriſch mit den Abſätzen zuſammen, ſo oft er ihm eine Meldung machte; das hörte der blinde Herr, und das that ihm wohl. Und das erſte Zeichen von Theilnahme, welches der Freiherr für das Befinden Fremder zeigte, wurde dem Amtmann zu Theil. Ein Gartenſtuhl war in der Sonne eingetrocknet und drohte auseinanderzufallen, Karl ergriff im Vorüber⸗ gehen den Stuhl und ſchlug ihn mit der geballten Hand zuſammen.„Sie ſchlagen doch nicht mit Ihrer rechten Hand, lieber Sturm?“ frug der Freiherr. 1 „Wie's kommt, Herr Rittmeiſter,“ erwiederte Karl. „Das ſollten Sie nicht thun,“ ermahnte der Blinde,„eine ſolche Wunde will geſchont ſein, es ſetzt ſich manchmal nach Jahren eine Krankheit hinein. Sie ſind gar nicht ſicher, ob das nicht in ſpäterer Zeit auch bei Ihnen der Fall ſein wird.“ „Luſtig gelebt und ſelig geſtorben, Herr Rittmeiſter,“ erwiederte Karl,„ich ſorge nicht um die Zukunft.“ „Er iſt ein ſehr brauchbarer Menſch,“ ſagte der Frei⸗ herr zu ſeiner Tochter. Die Aehren der Halmfrüchte blühten ab, die grünen III.— 12 — 178— Felder überzogen ſich mit hellem Gelb, das fröhliche Geräuſch der Ernte begann. Als der erſte Erntewagen in den Hof rollte, ſtand Anton bei der Scheuer und überwachte das Ein⸗ bringen. Da trat Lenore zu ihm:„Wie wird die Ernte?“ „So weit wir in dieſem Jahr ernten können, ſind die Ausſichten nicht ſchlecht. Wenigſtens mit der Garbenzahl iſt Karl zufrieden, ſie ſcheint größer zu werden, als unſer Anſchlag war,“ erwiederte Anton vergnügt. „So haben Sie doch eine Freude, Wohlfart,“ ſagte Lenore. „Es iſt eine Freude für Alle auf dem Hofe, Sie ſehen's aus der rührigen Geſchäftigkeit der Leute. Auch der Träge arbeitet jetzt mit doppelter Kraft. Wenn aber ich mich freue, ſo iſt's auch über Ihre Frage. Sie ſind dem Hofe und Allem, was zum Gut gehört, ſo fremd geworden.“ „Ihnen nicht, mein Freund,“ ſagte Lenore niederſehend. „Sie ſelbſt müſſen krank werden,“ fuhr Anton eifrig fort.„Wenn ich dürfte, möchte ich Sie ſchelten, daß Sie die ganze Zeit ſo wenig an ſich ſelbſt gedacht haben. Ihr kleines Pferd iſt im Stall ſteif geworden, Karl muß manchmal darauf reiten, damit es das Laufen nicht verlernt.“ „Nag es dahingehen, wie alles Andere,“ rief Lenore,„ich werde mich nicht wieder darauf ſetzen. Haben Sie Mitleid mit mir, Wohlfart, mir iſt manchmal, als verlöre ich die Beſinnung, es iſt mir Alles auf der Welt gleichgiltig ge⸗ worden.“ „Wozu ſo hart, Fräulein?“ ſprach eine ſpöttiſche Stimme hinter ihr. Lenore ſchrak zuſammen und wandte ſich um. 2 1 3 Fink, der länger als eine Woche verreiſt geweſen, trat zu 4 ihnen.„Mache, daß du den Blaſtus wegjagſt,“ ſagte er zu Anton, ohne ſich weiter um Lenore zu kümmern;„der Schlin⸗ gel iſt ſchon wieder betrunken, er peitſcht in die Pferde, daß die armen Thiere mit Schwielen bedeckt ſind. Ich hatte große Luſt, ſeinen Pferden eine Satisfaction zu verſchaffen und ihn vor ihren Augen abzuſtrafen.“ „Habe Geduld bis nach der Ernte,“ erwiederte Anton, „wir können ihn jetzt nicht erſetzen.“ „Iſt er nicht ſonſt ein gutmüthiger Menſch?“ frug Le⸗ nore ſchüchtern. „Gutmüthigkeit iſt ein bequemer Titel für alles mögliche Ungeſunde,“ erwiederte Fink.„Bei den Männern heißt's gutmüthig und bei den Frauen gefühlvoll.“ Er ſah Lenore an.„Was hat das arme Geſchöpf der Pony verſchuldet, daß Sie ihn nicht mehr reiten wollen?“ Lenore erröthete, als ſte zur Antwort gab:„Das Reiten hat mir Kopfſchmerz gemacht.“ „Ei,“ ſpottete Fink,„Sie hatten ſonſt den Vorzug, weniger weich zu ſein; ich kann nicht ſagen, daß dies lar⸗ mohante Weſen Ihnen zuträglich iſt, Sie werden den Kopf⸗ ſchmerz dabei nicht verlieren.“ Lenore wandte ſich gedrückt zu Anton:„Sind die Zei⸗ tungen angekommen? Ich kam, Sie für den Vater darum zu bitten.“ „Der Bediente hat ſie in das Zimmer der Frau Baronin getragen.“ 1 Lenore wandte ſich mit einer Verbeugung ab und ging nach dem Schloſſe zurück. 8. Fink ſah ihr nach und ſagte zu Anton:„Schwarz kleidet 12 5 5 — 8—ͤͤͤöIZöZöZöZIͤIſſͤſͤͤn — 180— ſie nicht, ſie ſieht ganz verſtört aus. Es iſt eins von den Geſtchtern, die nur gefallen, wenn ſie ſtattliche Fülle haben.“ Anton blickte finſter auf ſeinen Freund.„Dein Beneh⸗ men gegen das Fräulein war in den letzten Wochen ſo auf⸗ fallend, daß ich mich oft darüber geärgert habe. Ich weiß nicht, ob es in deiner Abſicht liegt, aber du behandelſt ſte mit einer Nachläſſigkeit, die nicht ſie allein verletzt.“ „Sondern auch dich, Maſter Wohlfart,“ ſagte Fink und ſah den Zürnenden groß an.„Ich habe nicht gewußt, daß du auch die Duenna dieſes Fräuleins biſt.“ „Dieſe Sprache hilft dir nichts,“ verſetzte Anton ruhiger. „Ich habe Recht, wenn ich dich erinnere, daß du ſchlimmer als unzart gegen ein ehrliches Gemüth handelſt, das jetzt jede Rückſicht mit doppeltem Recht verlangen kann.“ „Habe du die Güte, ihr dieſe Rückſicht zu gönnen, und kümmere dich nicht um meine Weiſe,“ erwiederte Fink kurz. „Fritz,“ rief Anton,„ich verſtehe dies Weſen nicht, es iſt wahr, du biſt rückſichtslos—“ „Haſt du das erfahren?“ unterbrach ihn Fink. „Nein,“ erwiederte Anton,„wenn du es gegen Andere warſt, mir haſt du dich immer gezeigt, wie du im Herzen biſt, hochgeſinnt und voll Theilnahme, aber eben deßhalb thut mir weh, mehr als ich ſagen kann, daß du gegen Lenore ſo verändert biſt.“ „Darum laß mich,“ verſetzte Fink,„Jeder hat ſeine eigene Weiſe, Vögel abzurichten. Nur nebenbei laß dir ſagen, wenn dein Fräulein Lenore nicht aus dieſem kränklichen Leben aufgerüttelt wird, ſo geht das Beſte an ihr in kurzer Zeit zum Teufel. Der Pony allein wird's nicht thun, —. & das weiß ich, aber du, mein Sohn, mit deiner wehmüthigen Theilnahme wirſt's auch nicht thun. Und ſo wollen wir den Dingen ihren Lauf laſſen.— Ich gehe heut noch nach Rosmin, haſt du etwas zu beſtellen?“ Dieſe Unterredung brachte zwar keine Entfremdung zwi⸗ ſchen den Freunden hervor, aber ſie wurde wenigſtens von Anton nicht vergeſſen. Er zürnte in der Stille der herri⸗ ſchen Weiſe des Andern und beobachtete unruhig jedes zu⸗ fällige Zuſammentreffen deſſelben mit Lenore. Fink ſuchte und vermied das Fräulein nicht. Die Familienabende wur⸗ den nicht wieder eingerichtet, auch als der Herbſt herankam. Wenn Fink auf dem Gut war, ſpeiſte er mit Anton auf ſei⸗ nem Zimmer, und nur im Freien traf er mit Lenoren zuſam⸗ men. Dann ſah man ihrem Benehmen den Zwang an, und Fink behandelte ſie ſeit der Unterredung mit Anton wie eine Fremde. Anton ſelbſt ſollte über ſeine eigene Stellung Erfahrun⸗ gen machen. So ſehr er vermied, dem Freiherrn Unange⸗ nehmes mitzutheilen, ſo gab es doch etwas, was er ihm nicht länger erſparen konnte, die Regulirung der Schulden, welche der verſtorbene Sohn gemacht hatte. Denn bald nach dem Tode deſſelben waren zahlreiche Briefe mit eingeſchloſſenen Forderungen auf dem Schloſſe angekommen. Lenore hatte ſie Anton übergeben und Anton hatte alle, unter ihnen auch den Schuldſchein Sturms, an den Juſtizrath Horn geſchickt und von dieſem redlichen Mann ein Gutachten und eine genauere Ermittelung der Forderungen erbeten. Dies Gutachten war jetzt angekommen. Der Juriſt verbarg ihm nicht, daß der Schuldſchein, welchen der junge Rothſattel dem Auflader — 182— ausgeſtellt hatte, in der Form ſo fehlerhaft war, daß er vor Ge⸗ richt nur als eine Quittung über empfangenes Geld betrachtet werden konnte. Eine geſetzliche Verpflichtung des Freiherrn, für den Sohn zu zahlen, war nicht vorhanden. Die Summe der Schulden war ſo groß, daß eine augenblickliche Tilgung ganz unmöglich war. Und Anton ſelbſt hatte dem jungen Verſchwender mehr als achthundert Thaler geliehen. Als er den Schuldſchein Eugens aus ſeinen Papieren heraus⸗ ſuchte, ſah er lange auf die Züge des Verſtorbenen. Das war die Summe, durch welche ſein eitler Sinn ihn in das Leben der Familie eingekauft hatte. Und was hatte ihm dieſer Kauf gebracht? Damals war ihm eine Ehrenſache geweſen, ſeinem vornehmen Freund aus der Verlegenheit zu helfen, jetzt erkannte er, wie vorſchnell er dem Leichtſinnigen leicht gemacht hatte, Geld zu erhalten. Finſter verſchloß er den eigenen Schein wieder in der Schublade. Mit ſchwerem Herzen ließ er den Freiherrn um eine Un⸗ terredung erſuchen. Schon bei der erſten Erwähnung ſeines Sohnes gerieth der Freiherr in heftige Bewegung, und als Anton in ſeinem Eifer den Verſtorbenen kurzweg beim Vor⸗ namen nannte, erhob ſich die Galle in dem verletzten Vater. Er unterbrach die Rede Antons durch die heftigen Worte: „Ich verbitte mir dieſe familiäre Bezeichnung meines verſtor⸗ benen Sohnes, lebend oder todt, iſt er für Sie immer der Freiherr von Rothſattel.“ Anton erwiederte an ſich haltend:„Herr Eugen, Frei⸗ herr von Rothſattel, hat bei ſeinen Lebzeiten etwas über vier⸗ tauſend Thaler Schulden gemacht.“ „Das iſt unmöglich,“ unterbrach ihn der Freiherr. — — 183— „Die beglaubigten Abſchriften der Schuldſcheine und Wechſel, ſowie die Einſicht in die Originaldocumente, welche Juſtizrath Horn gefordert hat, machen die Thatſache ſelbſt unzweifelhaft. Bei neunzehnhundert Thalern, dem größten Poſten, iſt die Wahrheit der vollen Zahlung um ſo weniger zu bezweifeln, als der Vater des Amtmann Sturm, welcher das Darlehn gemacht hat, ein Mann von der größten Red⸗ lichkeit iſt. Ein Brief des Verſtorbenen an mich erkennt dieſe Schuld ausdrücklich an.“ „ Sie alſo haben von dieſen Schulden gewußt,“ rief der Freiherr in ſteigendem Zorn,„und Sie haben mir ein Ge⸗ heimniß daraus gemacht? Iſt das Ihre vielgeprieſene Treue?“ Vergebens ſetzte ihm Anton die nähern Umſtände aus⸗ einander, der Freiherr hatte die Herrſchaft über ſeine Empfin⸗ dungen verloren.„Schon längſt habe ich erkannt,“ rief er laut,„wie eigenmächtig Ihr ganzes Verfahren iſt. Sie be⸗ nutzen meinen Zuſtand, um die Dispoſition über mein Ver⸗ mögen zu erhalten, Sie machen Schulden, Sie laſſen Schul⸗ den machen, Sie ziehen Geld ein, Sie verrechnen mir, was Ihnen gut dünkt.“ „Sprechen Sie nicht weiter, Herr Freiherr,“ rief Anton mit ſtarker Stimme.„Nur das Mitleid mit Ihrer Hilf⸗ loſigkeit verbietet mir, Ihnen die Antwort zu geben, welche Sie in dieſem Augenblick verdienen. Wie groß dies Mitge⸗ fühl iſt, mögen Sie daraus ſehen, daß ich mich bemühen will, Ihre Rede zu vergeſſen, und daß ich Sie jetzt um Ihre Er⸗ klärung bitte: Wollen Sie die Schulden, welche der Verſtor⸗ bene gemacht hat, anerkennen, und wollen Sie namentlich dem Auflader Sturm oder ſeinem Sohn, Ihrem Amtmanu 1 96 8 * — 184— durch dieſe Anerkennung eine Sicherheit geben, oder wollen Sie es nicht thun?“ „Nichts will ich thun,“ rief der Freiherr außer ſich, „was Sie mit ſolcher Prätenſton von mir fordern.“ „Dann iſt es unnütz, jetzt weiter mit Ihnen zu ſprechen. Ich bitte Sie, Herr Freiherr, noch einmal die Angelegenheit zu überlegen, bevor Sie Ihren letzten Entſchluß ausſprechen. Ich werde mir die E h e geben, heut Abend Ihre Entſchei⸗ dung entgegenzunehmen. Ich hoffe, daß bis dahin Ihr Gerechtigkeitsgefühl den Sieg über eine Verſtimmung davon⸗ tragen wird, deren Gegenſtand ich nicht zum zweiten Mal zu werden wünſche.“ Mit dieſen Worten verließ er den Freiherrn und hörte noch, wie dieſer im Zorn einen Stuhl umwarf und an die Möbeln ſtieß. Kaum war er in ſeinem Zimmer angekommen, ſo erſchien der vertraute Diener und forderte im Auftrage des Freiherrn die Acten und Rechnungsbücher, welche Anton bis dahin in ſeinem Zimmer aufbewahrt hatte. Schweigend übergab Anton die Papiere dem erſchrockenen Mann. Er war entlaſſen, in der roheſten Weiſe entlaſſen, ſeine Redlichkeit war bezweifelt, dieſer Bruch war unheilbar. Wohl mochte der Freiherr andern Sinnes werden, und Anton wußte, nach wenigen Stunden würden die Vorſtellun⸗ gen der Frauen den kranken Mann umſtimmen; aber für ihn ſelbſt gab es keine Rückkehr, er mußte fort. Welche Pflichten er auch gegen die Baronin und Lenore übernommen, jetzt ſprach die Pflicht, die er gegen ſich ſelbſt hatte, lauter als jede andere. Bitter war dieſe Stunde. Schon jetzt, wo er zornig ſeinem Zimmer auf und ab ſchritt, fühlte er, daß in der — 185— Beleidigung, die ihm zugefügt wurde, auch eine Strafe für ihn ſelbſt lag. Rein war ſein Wille, und unſträflich ſein Thun geweſen, aber die enthuſiaſtiſchen Gefühle, die ihn in dieſes Haus geführt, hatten nicht vermocht, zwiſchen ihm und dem Freiherrn ein ſittliches Verhältniß, das des Arbeit⸗ gebers und des Arbeiters, zu begründen. Nicht der freie Wille Beider, und nicht verſtändiger Entſchluß hatte ſie verbunden, ſondern der Zwang unklarer Verhältniſſe und ſeine eigene jugendliche Schwärmerei. Dieſe gaben ihm ſelbſt Anſprüche, die größer waren, als ſeine Stellung, und dem Andern einen Druck, der ihn einengte und ſchwächer machte. In dieſen Gedanken wurde er durch Lenore unterbrochen, welche haſtig in ſein Zimmer trat.„Meine Mutter wünſcht Sie zu ſprechen,“ rief ſie.„Was werden Sie thun, Wohl⸗ fart?“ „Ich muß gehen,“ ſagte Anton ernſt.„Daß ich Sie verlaſſen muß in dieſer Lage, Ihre Zukunft ſo unſicher, das hätte ich niemals für möglich gehalten. Nichts gab es, das mich hätte bewegen können, von hier zu ſcheiden, bevor ich ſtärkeren Händen die Verwaltung des Gutes übergeben konnte, nichts als Eines. Und dies Eine iſt jetzt eingetreten.“ „Gehen Sie,“ rief Lenore außer ſich.„Alles ſtürzt über uns zuſammen, es giebt keine Hilfe, auch Sie können uns nicht retten, gehen Sie und löſen Sie Ihr Leben von den Sinkenden.“ Als Anton bei der Baronin eintrat, lag die Leidende auf dem Sopha.„Setzen Sie ſich zu mir, Herr Wohlfahrt,“ ſagte ſie leiſe,„die Stunde iſt gekommen, in welcher ich Ihnen — 186— mittheilen muß, was ich um meinetwillen für die Zeit auf⸗ geſpart habe, wo man am offenherzigſten mit einander ſpricht, auf die letzte Stunde des Zuſammenſeins. Der Freiherr iſt durch ſeine Krankheit ſo weit gekommen, daß er Ihre treue Hilfe nicht mehr verſteht. Ja Ihre Gegenwart verſchlimmert den unglücklichen Zuſtand, worin er ſich befindet, mit jedem Tage. Er hat in ſeiner Aufwallung Ihr Zartgefühl ſo ſehr verletzt, daß ich eine Verſöhnung nicht mehr für möglich halte. Er würde durch Ihre Anweſenheit von jetzt ab nicht in der Einbildung, ſondern in Wahrheit gedemü⸗ thigt werden. Auch wir würden das Opfer, welches Sie uns von heut ab bringen müßten„für zu groß halten, als daß wir es annehmen könnten, ſelbſt wenn Sie vergeſſen wollten.“ „Ich habe die Abſicht, in den nächſten Tagen dies Gut zu verlaſſen,“ entgegnete Anton. „Was mein Mann gegen Sie verſehen, kann ich nicht gut machen, aber ich wünſche Ihnen eine Gelegenheit zu ge⸗ ben, ſich an dem Freiherrn in der Weiſe zu rächen, welche Ihrer würdig iſt. Der Freiherr hat Ihre Ehre angegriffen; die Rache, welche ich, ſeine Frau, Ihnen dafür biete, iſt die, daß Sie ihm ſeine eigene Ehre zu retten ſuchen.“ Sie hatte ruhig geſprochen, die Worte glitten ihr von den Lippen, wie bei der Unterhaltung in großer Geſell⸗ ſchaft, jetzt hielt ſie an und ſuchte die Worte.„Er hat vor Jahren ſein Ehrenwort gegeben, eine Verpflichtung zu er⸗ füllen, und hat in einem verzweifelten Augenblick ſein Wort gebrochen. Die Beweiſe, daß er es gethan, ſind wahrſcheinlich in der Hand gemeiner Menſchen, welche ihr Wiſſen benutzen — 187— können, ihn zu verderben. Daß ich Ihnen dies gerade jetzt mittheile, wird Ihnen ein Beweis ſein, wie ich Ihr Verhält⸗ niß zu unſerm Hauſe anſehe.“ Sie zog einen Brief aus den Kiſſen.„Mit dieſem Brief lege ich ſeine und unſer Aller Zukunft in Ihre Hand; wenn Einer uns davor ſchützen kann, daß ſeine Verfolger dieſe Waffe gegen ihn gebrauchen, ſo werden Sie es thun; wenn es noch möglich iſt, ſeinem verſtörten Gemüth einigen Frieden zurückzugeben, ſo werden Sie es thun.“ Sie ſtreckte ihre Hand aus und übergab Anton den Brief. Anton trat an das Fenſter und ſah mit Erſtaunen ein Schreiben Ehrenthals. Zweimal mußte er es durchleſen, bevor er den Sinn errieth. Es war eine zitternde Hand und es war ein ungeordneter Geiſt, welche die Feder geführt hatten. In einer hellen Stunde war dem kindiſchen Mann ſein Verhältniß zu dem Edelmann in die Seele gefallen. In der Angſt um ſeine Capitalien erinnerte er ihn an die ge⸗ ſtohlenen Schuldſcheine, er forderte das Geld von ihm und drohte. Und dazwiſchen kamen wieder Klagen über die eigene Schwäche und die Bosheit anderer Menſchen. Was der verworrene Brief nicht offenbarte, wurde klar durch die Abſchrift eines Schuldſcheins, wahrſcheinlich nach einem Concept, welches Ehrenthal und der Freiherr zuſammen ge⸗ macht hatten, denn Ehrenthal erwähnte in dem Briefe, das Original ſei von der Hand des Freiherrn, und er werde es gegen ihn benutzen. Anton faltete den Brief zuſammen und ſagte:„Die Drohungen wenigſtens, welche er an die mitgetheilte Ab⸗ ſchrift knüpft, dürfen Sie, Frau Baronin, nicht beunruhi⸗ 2 — 188— gen; es iſt gar keine Unterſchrift des Freiherrn unter dem Entwurf, und Ehrenthal, ſo unklar der Brief auch ſonſt iſt, würde die Unterſchrift nicht vergeſſen haben. Auch iſt die Summe, zu welcher dieſer einzelne Schein den Freiherrn verpflichten könnte, nicht bedeutend.“ „Und glauben Sie, daß der Brief die Wahrheit er⸗ zählt?“ frug die Baronin. „Ich glaube daran,“ ſagte Anton;„dies Schreiben er⸗ klärt mir Manches, was ich bis jetzt nicht verſtand.“ „Ich weiß, daß er Wahres enthält,“ ſprach die Baronin ſo leiſe, daß ihre Worte kaum bis zu Antons Ohr drangen. „Wie ich zu dieſer Gewißheit gekommen bin, nach und nach, das gehört nicht hierher.“ Ein matter Schimmer von Roth legte ſich auf ihre Wangen. „Uud Sie, Herr Wohlfart, wollen Sie übernehmen, für uns die geſtohlenen Papiere zurückzuſchaffen?“ frug ſie ſich aufrichtend. „Ich will,“ ſprach Anton ernſt.„Aber meine Hoff⸗ nungen ſind gering. An die geſtohlenen Schuldſcheine hat gegenwärtig der Freiherr noch gar kein Recht, ſie gehören Ehrenthal, und es iſt vor Allem eine Verſtändigung mit dieſem nothwendig. Sie wird ſchwierig ſein. Außerdem kann ich noch nicht einmal das Sachverhältniß genau über⸗ ſehen, und ich fürchte, ich werde auch Sie bemühen müſſen, mir Alles, was Sie etwa über den Diebſtahl ſelbſt erfahren können, mitzutheilen.“ „Ich werde verſuchen, Ihnen zu ſchreiben,“ ſagte die 85 Baronin.„Zeichnen Sie mir genau auf in beſtimmten Fragen, was Sie wiſſen müſſen, Sie ſollen Antwort haben, — 189— ſo gut ich ſie geben kann. Welchen Erfolg auch Ihre Mühe haben mag, ich danke Ihnen im Voraus aus voller Seele dafür. Wie groß Ihre Thätigkeit für unſer Wohl hier ge⸗ weſen iſt, die größte können Sie uns jetzt beweiſen. Die Schuld, welche unſer Haus gegen Sie hat, werden wir Ihnen niemals bezahlen. Wenn der Segen einer Sterbenden ein freundliches Licht auf Ihre Zukunft werfen kann, ſo nehmen Sie ihn mit auf Ihren Weg.“ Anton erhob ſich. „Wir ſehen uns nicht mehr wieder,“ ſagte die Kranke, „in dieſer Stunde nehmen wir Abſchied. Leben Sie wohl, Wohlfart, für dieſe Erde ſehe ich Sie zum letzten Male.“ Sie hielt ihm ihre Hand hin, Anton beugte ſich darauf und verließ bewegt, mit einer tiefen Verbeugung, das Zimmer. Ja, ſie verdiente eine Edelfrau zu heißen. Adlig war ihr Sinn, nicht klein ihr Urtheil über Andere, und vornehm war die Art, wie ſie Antons Dienſteifer belohnte. Sehr vor⸗ nehm! Er hatte in ihren Augen immer eine weiße Perücke und ſilberne Knieſchnallen getragen. Gegen Abend klirrte Finks Tritt auf dem Corridor, gleich darauf trat er in das Zimmer des Freundes.„Hallo! Anton, was iſt hier im Hauſe los? Johann ſchleicht ſo ſcheu herum, als hätte er die größte Porcellanvaſe zerbrochen, und als die alte Babette mich ſah, rang ſie die Hände!“ „Ich muß dies Haus verlaſſen, mein Freund,“ ſagte Anton finſter,„ich habe heut mit dem Freiherrn eine pein⸗ liche Scene gehabt.“ Er erzählte ihm, was vorgefallen, er erwähnte die Unterredung mit der Baronin, ſo weit er dies ohne Indiscretion durfte, und ſchloß mit den Worten:„Nie — 190— war die Lage der Familie ſo verzweifelt, als grade jetzt. Sie braucht jetzt wieder die freie Dispoſition über zwanzig⸗ tauſend Thaler, um ein neues Unheil abzuwehren!“ Fink warf ſich auf einen Stuhl.„Vor Allem hoffe ich, daß du dieſe ſchöne Gelegenheit, dich zu ärgern, ſo wenig als möglich benutzt haſt. Ueber die Scene ſelbſt wollen wir untereinander kein Wort verlieren, der Freiherr iſt nicht zu⸗ rechnungsfähig. Und im Vertrauen geſagt, der Vorfall überraſcht mich nicht. Daß ſo etwas kommen würde, war vorauszuſehen; daß du in dieſem ſentimentalen Verhältniß nicht bleiben konnteſt, habe ich den ganzen Sommer erwartet. Ebenſo klar iſt es, daß du als Beichtvater der Frauen und vertrauter Geſchäftsfuͤhrer der Familie den Leuten hier un⸗ entbehrlich biſt. Und daß mir dein plötzlicher Abgang einen dicken Strich durch mehrere Rechnungen macht, brauche ich dir nicht zu ſagen. Zuerſt alſo die Frage:„Was wirſt du ſelbſt thun?“ „Ich reiſe ſo bald als möglich nach unſerer Hauptſtadt,“ erwiederte Anton.„Dort werde ich noch einige Monate im Intereſſe der Rothſattel zu thun haben. Mein Dienſtver⸗ hältniß iſt vom heutigen Tage gelöſt; ſobald das Familien⸗ gut des Freiherrn verkauft iſt, betrachte ich auch die mora⸗ liſche Verpflichtung, die ich gegen die Familie eingegangen bin, als völlig aufgehoben.“ 3 „Gut,“ ſagte Fink,„das iſt in der Ordnung. Wenn du überhaupt noch eine Feder für dieſe Leute anſetzen willſt, ſo kann das jetzt nur ſo geſchehen, daß du ihnen als freier Mann dein Mitgefühl gönnſt. Ein anderer Punkt iſt, daß Roth⸗ ſattel durch ſeine Thorheit auch hier in eine Kriſis gekommen ich will erſt einige Worte mit Lenore ſprechen.“ — 191— iſt. Denn ohne dich kann es in der alten Weiſe auf dem Gut nicht vier Wochen fortgehen. Jetzt entſteht die Frage, Meiſter Anton, was ſoll hier werden?“ „Ich habe den ganzen Tag darüber geſonnen,“ erwiederte Anton,„ich weiß es nicht. Es giebt nur eine Möglichkeit: daß du ſelbſt den Theil meiner Geſchäfte übernimmſt, den Karl nicht beſorgen kann.“ „Ich danke,“ ſagte Fink,„dir für das gute Zutrauen, und im Uebrigen für das freundliche Anerbieten. Einem Narren, der noch nicht unter Curatel ſteht, die Geſchäfte be⸗ ſorgen, heißt ſich ſelbſt zum Narren machen. Nimm mir das nicht übel. Du biſt ein ſolcher guter Narr geweſen, ich habe nicht das Zeug dazu. Nach acht Tagen würde ich in der unangenehmen Lage ſein, den Mann maltraitiren zu müſſen. Weißt du keinen andern Rath?“ 3 „Keinen,“ rief Anton.„Wenn du dich nicht dieſes Guts mit aller Kraft annimmſt, ſo verdirbt, was wir in dieſem Jahre eingerichtet haben, und unſere deutſche Colonie geht zu Grunde. Das Gut fällt wahrſcheinlich den Seitenverwandten des vorigen Beſitzers zu, welche die Hauptforderung darauf haben, und die alte polniſche Wirthſchaft fängt wieder an.“ „So iſt's,“ ſagte Fink. „Und du, Fritz,“ fuhr Anton fort,„biſt durch dein Ver⸗ hältniß zu mir mit deinem Geld hier hereingezogen worden, auch du biſt in Gefahr, Verluſte zu erleiden.“ „Richtig,“ ſagte Fink,„geſprochen wie ein Buch. Du läufſt weg und läßt mich mit meiner Bande unter den Schlachteüczen zurück.— Weißt du was, erwarte mich hier, — 192— „Was willſt du thun?“ rief Anton, ihn feſthaltend. „Keine Liebeserklärung machen,“ erwiederte Fink lachend, „verlaß dich darauf, mein Junge.“ Er klingelte dem Be⸗ dienten und ließ Fräulein Lenore zu einer Unterredung in das Geſellſchaftszimmer bitten. Als Lenore eintrat, mit verweinten Augen, nur mit Mühe ihre Faſſung behauptend, ging er ihr artig entgegen und führte ſte zu dem Sopha. „Ich enthalte mich gegen Sie jedes Urtheils uͤber das, was heut vorgegangen iſt,“ begann er.„Wir wollen an⸗ nehmen, daß meines Freundes Aufenthalt in der Hauptſtadt in Ihrem Intereſſe noch wünſchenswerther iſt, als ſein Verweilen im Gut. Nach Allem, was ich höre, iſt dies in der That der Fall. Wohlfart wird übermorgen ab⸗ reiſen.“ Lenore verbarg ihr Geſicht hinter der Hand. Fink fuhr kaltblütig fort:„Unterdeß erfordert mein eigener Vortheil, daß ich mich um eine Sicherung der hieſigen Verhältniſſe bemühe. Ich habe mehrere Monate hier gelebt und einigen Antheil an dieſer Beſitzung gewonnen. Deßhalb bitte ich Sie, der Bote einer Mittheilung zu werden, die ich in dieſem Augenblick am liebſten durch Sie Ihrem Herrn Vater mache. Ich bin bereit, dem Freiherrn dies Gut für mich ſelbſt ab⸗ zukaufen.“ Lenore fuhr zuſammen und ſtand von ihrem Sitz auf. Mit gerungenen Händen rief ſte:„Zum zweiten Mal.“ „Haben Sie die Güte, mich ruhig anzuhören,“ fuhr Fink fort.„Ich beabſichtige durchaus nicht, gegenüber dem Frei⸗ herrn von Rothſattel die Rolle eines rettenden Engels zu — 193— ſpielen, ich habe weniger von einem Flederwiſch auf dem Rücken, als unſer geduldiger Anton, und vollends jetzt fühle ich mich durchaus nicht veranlaßt, Ihrem Herrn Vater etwas anzubieten, was irgendwie als leichtſinnige Behandlung mei⸗ nes eigenen Vortheils erſcheinen könnte. Betrachten Sie in dieſer Stunde uns als Gegner, und meinen Antrag, wie er iſt, als in meinem eigenen Intereſſe gemacht. Mein Anerbie⸗ ten iſt folgendes. Der Kaufpreis dieſes Gutes würde, wenn ihn der Freiherr ſo berechnen wollte, daß er ſelbſt keine Ver⸗ luſte leidet, jetzt mehr als hundert und ſechzig tauſend Thaler betragen. Ich biete Ihnen das Höchſte, was das Gut nach meiner Anſicht in der gegenwärtigen Zeit werth ſein mag: Uebernahme der Gutsſchulden und Auszahlung von zwan⸗ zigtauſend Thalern an den Freiherrn binnen vierundzwanzig Stunden; nach Ablauf dieſer Friſt wird das Gut an mich übergeben. Bis zu nächſtem Oſtern wünſche ich das Schloß in Ihren Händen zu laſſen und würde, wenn dies ohne bei⸗ derſeitige Inconvenienz geſchehen kann, mich bis dahin gern als Ihren Gaſt betrachten. Ich werde in der Regel abwe⸗ ſend ſein und Ihnen nicht zur Laſt fallen.“ Lenore ſah ängſtlich in ſein Geſicht, welches in dieſem Augenblick hart ausſah, wie das eines zähen Yankee; der Reſt ihrer Faſſung fiel zuſammen, ſie brach in dem Wider⸗ ſtreit ſtürmiſcher Gefühle in Thränen aus. Fink lehnte ſich ruhig in ſeinen Stuhl zurück, und ohne Rückſicht auf dieſe Stimmung fuhr er fort:„Sie ſehen, ich biete Ihnen einen Verluſt; was ich Ihnen nehmen will, iſt wahrſcheinlich die Hälfte Ihres Erbes, es iſt in der Ord⸗ nung, daß Sie das verlieren. Der Freiherr hat zu ſchnell IMI. 13 — 194— ſein Vermögen an dieſes Gut gewagt; daß Ihre Familie die⸗ ſen Mangel an Vorſicht bezahlt, wird nicht zu vermeiden ſein. Denn höher, als mein Gebot, iſt der Kaufwerth des Gutes in ſeiner gegenwärtigen Verfaſſung ſicher nicht. Ich würde unehrlich ſein, wenn ich Ihnen verſchweigen wollte, daß das Gut bei zweckmäßiger Behandlung in einigen Jahren das Doppelte werth ſein kann, ich habe aber die feſte Ueberzeu⸗ gung, daß es unter Verwaltung des Freiherrn dieſen Werth niemals erhalten wird. Wäre Anton hier geblieben, ſo hätte nicht er, aber die Verhältniſſe hätten es möglich gemacht, Ihnen dies Vermögen zu erwerben. Jetzt iſt auch dieſe Hoffnung für Sie dahin. Ich verberge Ihnen ferner nicht, Wohlfart hat mir ſoeben die Forderung geſtellt, daß ich an ſeine Stelle treten ſoll.“ Lenore machte noch in ihrem Schluchzen mit der Hand eine abwehrende Bewegung. „Es freut mich,“ fuhr Fink fort,„daß wir hierin einerlei Meinung ſind; ich habe dies Anerbieten ſehr beſtimmt und für immer zurückgewieſen.“ So ſchwieg er und ſah prüfend auf das Mädchen vor ihm, welchem ſeine Worte das Herz zerriſſen. Er ſprach ſo rauh zu ihr, der Mann, für den ſie Alles gethan hätte, um ein Lächeln, einen freundlichen Blick zu erhalten. Mit ſchlecht verhehlter Verachtung redete er von ihrem Vater, ſeine Worte waren die eines ſtarren Egoiſten. Und doch, als der herbe Ton, in dem er ſprach, in der Stube verhallt war, ſiel ihr in die Seele, daß ſein Anerbieten für ihre hilfloſe Lage immer noch ein Glück ſein konnte. Und mit der Sehergabe eines liebenden Herzens ahnte ſte hinter dem Antrag eine Meinung, die ſie nicht verſtand, die ihr — 195— aber wie ein ferner Hoffnungsſtrahl in die Tiefe ihres Schmer⸗ zes leuchtete. Wie er ſich auch ſtellte, es war kein gemeiner Sinn, der aus ſeiner Weiſe hervorbrach. Das krampfhafte Schluchzen löſte ſich in ein heftiges Weinen, ſie verſuchte ſich vom Sopha zu erheben und glitt hinunter auf den Boden. So lag ſte neben ſeinem Stuhl und ſtützte ihr Haupt auf die Lehne, ein Bild der leidenden Hingebung. Und unter ſtrömenden Thränen ſprach ſie:„Sie täuſchen mich nicht, machen Sie mit uns, was Sie wollen.“ Das ſtolze Lächeln flog über das Geſicht des Mannes, er beugte ſich zu ihr nieder, ſchlang ſeinen Arm um ihr Haupt, drückte einen Kuß auf ihr Haar und ſagte:„Mein Kamerad, ich will, Sie ſollen frei werden.“ Lenorens Haupt glitt an ſeine Bruſt, ſie weinte ruhig fort, er hielt ſie in ſeinem Arm. Endlich faßte er ihre Hand und ſchüttelte ſie herzlich.„Wir beide wollen von heut ab einander verſtehen. Sie ſollen frei werden, Lenore, mir gegenüber frei, und frei von allem Andern, was Sie hier einengt. Sie verlieren einen Mann, der die aufopfernde Zärtlichkeit eines Bruders für Sie gehabt hat, und mir iſt's recht, daß er ſich von Ihnen löſt. Ich frage heut nicht, wollen Sie als mein Weib ſich an mein Leben binden? denn Sie haben jetzt nicht die Frei⸗ heit, nach Ihrem Herzen zu entſcheiden. Ihr Stolz ſoll nicht nein ſagen, und das Ja ſoll Ihre Selbſtachtung nicht verrin⸗ gern. Wenn der Fluch gelöſt iſt, welcher über Ihrem Hauſe liegt, und wenn es Ihnen frei ſteht, bei mir zu bleiben oder zu gehen, dann hole ich mir Beſcheid. Bis dahin ehrliche Freundſchaft, mein Kamerad.“— Lenore erhob ſich. — 196— „Und jetzt denken wir an nichts, als an unſer Gut,“ ſagte Fink in verändertem Ton;„trocknen Sie die Thränen, die ich in Ihrem großen Auge ſehr ungern ſehe, und theilen Sie die officielle Hälfte meines Antrags dem Freiherrn und Ihrer Mutter mit. Wenn nicht eher, erbitte ich mir mor⸗ gen um dieſe Zeit Antwort.“ Lenore ging zur Thür, dort blieb ſie ſtehen, ſte wandte ſich noch einmal nach ihm um und reichte ihm ſchweigend die Hand. Langſam ſchritt Fink in Antons Zimmer zurück. Er trat zu dem Freund, der mit verſchränkten Armen am Fen⸗ ſter ſtand und auf die Felder ſah, welche im Dämmerlicht des Mondes vor ihm lagen.„Erinnerſt du dich an das, Anton, was du am Tage meiner Ankunft von deinem Pa⸗ triotismus erzählt haſt?“ „Es war ja ſeit der Zeit oft die Rede davon,“ erwiederte Anton trübe. „Ich habe mir's gemerkt,“ fuhr Fink fort.„Dies Gut ſoll nicht wieder unter den Scepter eines Herrn Bratzky kom⸗ men. Ich kaufe die Herrſchaft, wenn der Freiherr will.“ Anton wandte ſich überraſcht um.„Und Lenore?“ „Sietheilt das Schickſal ihrer Eltern, wir haben das ſoeben mit einander abgemacht.“ Er erzählte dem Freunde von ſeinem Anerbieten. „Jetzt hoffe ich, daß Alles gut wird,“ rief Anton. „Warten wir's ab,“ ſagte Fink.„Drüben brennt ein Fegefeuer für den Sünder, es iſt mir lieb, daß ich ſeinen Jam⸗ mer nicht anhören darf.“ Am u nichſte Morgen in der Frühe brachte der Bediente — 197— jedem der Freunde einen Brief aus dem Zimmer des Frei⸗ herrn; ſie waren von Lenorens Hand, ihr Vater hatte in zitternden Zügen unterſchrieben. In dem Briefe an Anton bat der Freiherr mit ſorgfältig gewählten Worten um Ver⸗ gebung, daß er ihn in einer krankhaften Aufwallung verletzt habe, und ſprach ſeinen Dank für die treuen Dienſte aus, die Anton ihm bis jetzt geleiſtet; in dem Briefe an Fink nahm er das Anerbieten an und bat, ihn, den Schreiber, ſo ſchnell als möglich von der Sorge zu befreien, die ihm die Verwaltung des Gutes bei ſeiner Krankheit machen müſſe. Schweigend tauſchten die Freunde dieſe Zuſchriften gegen einander aus. „So iſt es entſchieden,“ rief endlich Fink;„ich bin die halbe Welt durchlaufen und hatte überall etwas auszuſetzen, und jetzt wühle ich mich in dieſe Sandgrube ein, wo ich gegen die polniſchen Wölfe allnächtlich ein Feuer anzünden möchte. Du aber, Anton, erhebe dein Haupt und ſieh vor dich, denn wenn ich jetzt eine Heimath gefunden habe, auch du gehſt dorthin zurück, wo der beſte Theil deines Herzens iſt.“ „Und deßhalb, mein Junge, laß uns noch einmal deine Inſtruction überlegen. Du haſt die Aufgabe, gewiſſe geſtoh⸗ lene Papiere zu ermitteln. Denke auch an die zweite. Thu, was du kannſt, um der Familie das Wenige, was ſie hier gerettet hat, zu ſichern. Sieh zu, daß das alte Gut der Rothſattel bei der Verſteigerung einen Preis erhält, der die Anſprüche aller Hypothekengläubiger deckt. Du mußt fort, ich fordere dich nicht auf, jetzt noch hier zu bleiben, aber du weißt, daß unter allen Umſtänden da, wo ich wohne, auch du zu Hauſe biſt.— Und noch Eins. Ich würde den — 198— Amtmann ungern entbehren; wende deine Beredſamkeit an, damit dein treuer Sancho hier bleibt, wenigſtens über den Winter.“. „Noch weiß Niemand,“ erwiederte Anton aufſtehend, „daß ich dies Gut verlaſſe, er muß der Erſte ſein, der das erfährt. Ich gehe ſogleich zu ihm.“ Das unſaubere Zimmer, in dem einſt Herr Bratzky der Verräther gehauſt hatte, war durch Karls Hände in einen wohnlichen Raum verwandelt, der nur an dem einen Uebel⸗ ſtand litt, daß er zu voll von allerlei nützlichen Dingen war. Karl ſelbſt hatte die Stube mit ſchöner Roſafarbe angeſtrichen, an der Wand hing im goldenen Rahmen ein Bild des alten Blüchers und daneben eine große Sammlung von Geräth⸗ ſchaften des Krieges und des Friedens, Flinte und Pulver⸗ horn, Säge und Art, Lineal und Winkelmaß. Am Fenſter ar eine kleine Hobelbank aufgeſtellt, eine Anzahl Rothkehl⸗ chen flatterte hin und her, es roch ſtark nach Leim. Oft hatte Anton hier ausgeruht und ſich an Karls friſchem Muth erholt, wenn ihm in den letzten Monaten das Leben ſchwer geworden war. Als er heut auf die bekannten Wände ſah, fiel ihm mächtig aufs Herz, daß er auch von dem anſpruchsloſen treuen Mann ſcheiden müſſe. Er lehnte ſich an die Hobelbank und ſagte:„Lege deine Rechnung bei Seite, Karl, und laß uns ein ernſtes Wort mit einander reden.“ „Jetzt kommt's,“ rief Karl,„es iſt ſchon lange etwas im Werke; ich ſehe an Ihrem Geſicht, daß alle Bomben ge⸗ platzt ſind.“ „Ich gehe fort von hier, mein Freund.“ 4 . — — 199— Karl ließ die Feder aus der Hand fallen und ſah ſtumm in das ernſte Antlitz ihm gegenüber.. „Fink übernimmt dies Gut, er hat es heut gekauft.“ „Hurrah!“ rief Karl;„wenn Herr von Fink der Mann iſt, welcher— ſo iſt Alles gut. Ich gratulire von Herzen,“ ſagte er Antons Hand ſchüttelnd,„daß es ſo gekommen iſt. In dieſem Frühjahr hatte ich ſchon andere einfältige Gedan⸗ ken. Jetzt aber iſt's in der Ordnung. Und auch unſere Wirthſchaft iſt gerettet.“ 4 „Das hoffe ich auch,“ beſtätigte Anton lächelnd. „Aber Sie,“ fuhr Karl fort, und ſeine Miene wurde plötzlich ernſt. „Ich gehe nach unſerer Hauptſtadt zurück,“ erwiederte Anton;„dort habe ich für den Freiherrn noch einige Ge⸗ ſchäfte abzumachen, dann ſuche ich einen Stuhl in einem Comtoir.“ „Und wir haben hier ein Jahr zuſammen gearbeitet,“ ſagte Karl betrübt.„Sie haben die Plage gehabt, und ein Anderer wird ernten.“ „Ich gehe zurück, wohin ich gehöre. Aber, lieber Karl, nicht um mich, ſondern um deine Zukunft handelt ſich's jetzt.“ 2 „Ich gehe natürlich mit Ihnen,“ rief Karl. „Ich komme dich bitten, dies nicht zu thun. Könnten wir beide mit einander gemeinſam ein Geſchäft beginnen, ſo⸗ würde ich dich mit aller Kraft an meiner Seite feſthalten. Aber das iſt unmöglich. Ich muß mir eine Stelle ſuchen. Ich war nie in der Lage, durch mein eigenes Vermögen eine ſelbſtſtändige Stellung zu gewinnen. Ein Theil von dem Wenigen, was ich hatte, iſt darauf gegangenz; ich gehe nicht — 200— reicher von hier, als ich hergekommen bin. So würden wir uns trennen, ſobald wir nach der Heimath kämen.“ Karl ſaß mit geſenktem Haupte und dachte nach.„Herr Anton,“ fagte er,„kaum wage ich Ihnen von Etwas zu re⸗ den, wovon ich ſelbſt nichts weiß. Sie haben mir einige Mal geſagt, daß mein Alter ein Kauz iſt, der auf Geldſäcken ſitzt. Wie wär's?“ fuhr er zögernd fort und arbeitete mit ſeinem Stemmeiſen in den Stuhl.„Wenn Ihnen nicht zu wenig wäre, was in dem eiſernen Kaſten liegt— Sie nehmen das, und wenn’s etwas mit Producten ſein könnte,— es iſt zwar ſehr verwegen von mir,— vielleicht könnte ich Ihnen dann als Ihr Compagnon nützlich ſein. Es iſt nur ſo ein Gedanke, und Sie müſſen mir das nicht übel nehmen.“ Anton erwiederte bewegt:„Sieh, Karl, daß du mir einen ſolchen Vorſchlag machſt, iſt ganz in deiner uneigennützigen Weiſe; aber es wäre ein Unrecht, wenn ich ihn annähme. Das Geld gehört deinem Vater, und wenn auch er ſeine Einwilligung gäbe, und ich glaube, er würde es thun, ſo würde doch deine eigene Zukunft unſicherer, als ſte jetzt iſt. Jedenfalls wird dir das Vermögen deines Vaters in dem Berufe, in dem du heimiſch biſt, ein beſſeres Leben verſchaf⸗ fen, als in einem andern, in den du dich aus Liebe zu mir erſt einarbeiten müßteſt. Deßhalb iſt es nützlicher für dich, mein Freund, daß wir uns trennen.“ Karl griff nach ſeinem Taſchentuch und räuſperte ſich kräftig, bevor er weiter frug:„Und Sie allein wollten das Gild nicht benutzen? Sie würden uns ja gute Intereſſen geben.“ 3 4. „Es iſt unmöglich,“ erwiederte Anton. . — 201— „Dann gehe ich zu meinem Alten zurück und ſtecke meinen Kopf in einen Heuboden unſerer Gegend,“ rief Karl ärger⸗ lich. „Das darfſt du nicht,“ ſagte Anton.„Du haſt von dieſem Gute mehr kennen gelernt, als ein Anderer; es wäre unrecht, wenn das verloren gehen ſollte. Gerade Fink braucht jetzt einen Mann wie du, die Wirthſchaft kann dich bis zum nächſten Sommer gar nicht entbehren. Als wir herkamen, zogen wir nicht in das Land, um uns Gutes zu thun, ſondern um etwas zu ſchaffen. Mein Werk iſt zu Ende, du biſt mitten in deiner Arbeit. Du thuſt ein Unrecht gegen dich und deine Arbeit, wenn du jetzt ſcheideſt.“ Karl hing wieder den Kopf. „Was mir deinen Aufenthalt hier bisweilen ängſtlich machte, war der geringe Lohn, den das Gut geben konnte, das wird jetzt anders werden.“ „Reden wir nicht davon,“ ſagte Karl ſtolz. „Es ziemt ſich, davon zu reden,“ ſagte Anton,„denn der Menſch thut Unrecht, wenn er ſein Beſtes, ſeine Kraft, auf eine Arbeit verwendet, die ihm nicht in dem Grade lohnt, wie ſeine Thätigkeit verdient. Das giebt ein ungeſundes Leben, und der Menſch kommt dabei in Gefahr, unſicher zu werden. Mir kannſt du das glauben. Alſo ich bitte dich, hier zu bleiben, wenigſtens bis zum nächſten Sommer, wo bei der großen Ausdehnung, welche die Wirthſchaft jetzt er⸗ halten wird, ein erfahrener Inſpector an deine Stelle treten kann.“ „Und dann,“ frug Karl,„ſoll ich auch gehen?“— „Fink wird dich immer feſthalten; wenn du aber dann — 202— gehen willſt, Karl, ſo denke an das, was wir in dieſem Jahre oft mit einander geſprochen haben. Du haſt dich an das Leben unter den Fremden gewöhnt, du haſt alle Erforder⸗ niſſe eines Coloniſten auf neuem Grunde. Wenn dich nicht eine größere Pflicht forttreibt, ſo iſt deine Aufgabe, hier im Lande zu bleiben als Einer von uns. Wenn du von dieſem Gut fortgehſt, ſo kaufe dich unter den Fremden an. Es wird kein leichtes Leben für dich ſein, und vieles Behagen wirſt du entbehren, aber wir leben nicht in einer Zeit, wo ein tüchtiger Mann ſich zur Ruhe ſetzen ſoll, um gemächlich ſeine Garben zu ſchneiden. Du haſt ein muthiges Herz, du biſt nicht gewöhnt, zu genießen, ſondern zu erwerben. Du wirſt mit der Pflugſchar in der Hand hier ein deutſcher Soldat ſein, der den Grenzſtein unſerer Sprache und Sitte weiter hinausrückt gegen unſere Feinde.“— Er wies mit der Hand nach Morgen. Karl reichte dem Freunde die Hand und ſagte:„Ich bleibe.“ Als Anton aus der Wohnung des Amtmanns trat, ſtand Lenore vor der Thür.„Ich erwarte Sie,“ rief ſie Anton haſtig entgegen,„kommen Sie mit mir, Wohlfart; ſo lange Sie noch hier ſind, gehören Sie mir!“ „Wenn Ihre Worte weniger herzlich wären, erwiederte Anton,„ſo würde ich glauben, daß Sie ſich in der Stille darüber freuen, mich los zu werden. Denn, liebes Fräulein, ſeit lange habe ich Sie nicht ſo muthig geſehen. Aufge⸗ richtet und mit gerötheten Wangen treten Sie mir entgegen. auch das ſchwarze Kleid iſt verſchwunden.“ „Dies iſt das Kleid, das ich trug, als wir zuſammen im — 203— Schlitten fuhren, damals freuten Sie ſich darüber. Ich bin eitel,“ rief ſie mit trübem Lächeln,„ich will, daß der letzte Eindruck, den ich Ihnen hinterlaſſe, ein fröhlicher ſei. Anton, Freund meiner Jugend, was iſt das für ein Verhängniß, daß gerade wir ſcheiden müſſen an dem erſten ſorgenfreien Tage, den ich ſeit langer Zeit verlebe. Das Gut iſt verkauft, heut athme ich wieder.— Was war das für ein Leben in den letzten Jahren, immer gequält, gedrückt, gedemüthigt von Freund und Feind, immer etwas ſchuldig zu ſein, bald Geld, bald Dank, es war fürchterlich. Nicht Ihnen gegenüber, Wohlfart. Sie ſind mein Jugendfreund, und wenn Sie im Unglück wären oder in Noth, ſo würde ich glücklich ſein, wenn auch Sie mich riefen und zu mir ſagten: Jetzt brauche ich dich, jetzt komm her, du wilde Lenore!“— Ich will nicht mehr wild ſein. Ich will an Alles denken, was Sie mir geſagt haben.“ So ſprach ſie aufgeregt in ihn hinein, und ihr Auge leuchtete. Sie hing ſich an ſeinen Arm, was ſie nie gethan hatte, und zog ihn durch alle Räume des Hofes.„Kommen Sie, Wohl⸗ fart, den letzten Gang durch die Wirthſchaft, die unſer war!— Dieſe Kuh mit der Bläſſe haben wir zuſammen gekauft,“ rief ſie.„Sie frugen mich beim Kauf um meine Meinung, das hat mir ſehr wohlgethan.“ Anton nickte.„Wir wußten Beide nicht recht Beſcheid, und Karl mußte den Ausſchlag geben.“ „Ei was! Sie haben das Geld bezahlt, ich habe ihr das erſte Heu gegeben, folglich gehört ſie uns Beiden.— Sehen Sie ſich noch einmal das ſchwarze Kalb an. Es ſieht reizend aus. Herr Sturm droht, er will ihm die Ohren roth anſtreichen, damit es ganz ausſteht, wie ein kleiner Teufel.“ — 204— Sie kauerte vor dem Kalbe nieder, drückte es an ſich und ſtreichelte es; plötzlich ſtand ſie auf und rief:„Ich weiß nicht, warum ich ſo hübſch mit ihm thue, es iſt nicht mehr mein, es gehört einem Andern.“ Aber hinter ihrem Zorn klang es wie Schelmerei. Sie zog ihn weiter.„Kommen Sie zum Pony,“ bat ſte.„Mein armes kleines Thier! Es iſt alt geworden ſeit dem Tage, wo ich in unſerm Garten hinter Ihnen herritt.“ Anton liebkoſte das Thier, und der Pony wandte ſeinen Kopf bald zu ihm, bald zu Lenore. „Wiſſen Sie, wie es damals zuging, daß ich Ihnen auf dem Pony begegnete?“ frug Lenore über den Rücken des Pferdes herüber.„Es war gar kein Zufall. Ich hatte Sie unter dem Strauch ſitzen ſehen, heut darf ich's Ihnen ſagen, und ich hatte gedacht: Wetter! das iſt ein hübſcher Junge, den wollen wir uns doch einmal anſehen. So war es ge⸗ kommen, wie's kam.“* „Ja,“ ſagte Anton,„es kamen die Erdbeeren, es kam der See. Ich ſtand vor Ihnen und ſtopfte die Beeren hinein und war etwas weinerlich; aber bei alledem war mein Herz doch voll Freude über Sie, ſo ſchön und majeſtätiſch ſtanden Sie vor mir, ich ſehe Sie noch im flatternden Gewand mit kurzen Aermeln, und an dem weißen Arm ein goldenes Armband.“ „Wo iſt das Armband hin?“ frug Lenore ernſt und ſtützte ihr Haupt auf den Hals des Pferdes.„Sie haben's ver⸗ kauft, böſer Wohlfart.“— Die Thränen rollten ihr aus den Augen, ſie faßte mit beiden Händen über den Rücken des Pony nach der Hand des Freundes.„Anton, wir konnten — nicht Kinder bleiben.“ Dann ſtrich ſie mit der Hand über ſeine Wange und rief:„Mein Herzensfreund, lebe wohl. Ade, ihr Mädchenträume, ade, du leichte Frühlingszeit, ich muß jetzt lernen ohne meinen Schutz durch die Welt laufen.— Ich werde Ihnen nicht Schande machen,“ ſagte ſie ruhiger,„ich werde immer verſtändig ſein, ich werde auch gute Wirthſchaft treiben. Von morgen fange ich an, ich gehe jetzt zu Ba⸗ bette in die Küche, ich weiß, daß Ihnen das lieb ſein wird. Und ich werde ſparen. Ich will wieder das Buch machen mit drei langen Strichen auf jeder Seite, ich werde Alles aufſchreiben. Wir werden dieſe Sparſamkeit auch im Kleinen brauchen, Wohlfart. Ach, du arme Mutter!“ Sie rang die Hände und ſah wieder ſehr bekümmert aus. „Kommen Sie hinaus ins Freie,“ bat Anton;„wenn es Ihnen recht iſt, gehen wik nach dem Walde.“ „Nicht in den Wald, nicht in die Förſterei,“ ſagte Lenore feierlich;„aber auf das neue Vorwerk gehe ich mit Ihnen.“ So zogen Beide mit einander über das Feld.„Sie müſſen mich heut führen,“ ſagte Lenore,„ich laſſe Sie nicht los.“ „Lenore, Sie wollen mir den Abſchied recht ſchwer machen.“ „Wird er Ihnen ſchwer?“ frug Lenore erfreut und ſchüt⸗ telte gleich darauf den Kopf.„Nein, Wohlfart, es iſt nicht ſo, Sie haben ſich in der Stille oft von mir fort geſehnt.“ Anton ſah ſie überraſcht an. „Ich weiß es,“ rief ſte vertraulich und drückte ihn leiſe am Arm,„ich weiß es recht gut. Auch wenn Sie mit mir zuſammen waren, Ihr Herz war nicht immer bei mir. Manch⸗ mal, ja; damals im Schlitten wohl, aber häufiger noch dachten Sie in die Fremde. Wenn Sie gewiſſe Briefe bekamen, die laſen Sie mit einer Haſt— wie heißt doch der Herr?“ frug fr. „Baumann,"erwiederte Anton arglos. „Gefangen!“ rief Lenore und drückte ihm wieder den Arm.„Wiſſen Sie, daß mich das eine Zeitlang ſehr un⸗ glücklich gemacht hat? Ich war ein thörichtes Kind.— Wir ſind klug geworden, Wohlfart, wir ſind jetzt freie Leute und deßhalb können wir mit einander Arm in Arm gehen, o Sie lieber Freund!“. Als ſie auf dem neuen Vorwerk ankamen, ſagte Lenore zu der Frau des Vogtes:„Er geht fort von uns. Er hat mir erzählt, daß Sie ihm die erſte Freude auf dem Gute ge⸗ macht haben durch den Strauß, den Sie für ihr pflückten. Holen Sie ihm jetzt den letzten. Ich ſelbſt habe keine Blu⸗ men, in meiner Pflege gedeihen ſie nicht. Hier hinter der Scheuer hat Alles geblüht, was von Gartenblumen auf dem Gute war.“ Die Vogtin band wieder einen kleinen Strauß zuſammen, überreichte ihn Anton mit einem Knicks und ſagte dabei weh⸗ müthig:„Es iſt gerade wieder ſo, wie vor einem Jahre.“ „Er aber geht,“ rief Lenore, wandte ſich ab und drückte 9 ihr Tuch in die Augen. Dem Vogt und dem Schäfer ſchüttelte Anton herzlich die Hand.„Denkt freundlich an mich, Ihr braven Leute!“ „Sie haben uns immer ein gütiges Herz gezeigt,“ rief die Frau des Vogtes. „Und Jutter für Menſchen und Thiere,“ ſprach der Schäfer ſeinen Hut abnehmend,„und leeleoumnd⸗ und Ordnung vor Allem. 4 — 207— „Für Eure Zukunft iſt geſorgt,“ ſagte Anton;„Ihr erhaltet einen Herrn, welcher mehr vermag als ich.“ Zu⸗ letzt küßte Anton noch den krausköpfigen Knaben des Vogts, hieß ihn ſeine kleine Sparbüchſe holen, die in dem Schranke ſtand, und ſteckte ihm ein Andenken hinein. Das Kind hielt ihn am Rock feſt und wollte ihn nicht fortlaſſen. Auf dem Rückwege ſagte Anton:„Wenn mir etwas die Trennung erleichtert, ſo iſt es die Zukunft, welche das Gut jetzt hat. Und ahnend hoffe ich, daß auch in Ihrem Leben ſich glücklich löſen wird, was noch unſicher iſt.“ Lenore ging ſchweigend an ſeiner Seite, endlich frug ſie: „Darf ich mit Ihnen über den Mann reden, der jetzt Herr dieſes Gutes iſt? Ich möchte wiſſen, wie Sie ſein Freund geworden ſind.“ „Ich bin es geworden, weil ich mir ein Unrecht, das er mir zufügte, nicht gefallen ließ. Unſer Verhältniß iſt ſo feſt geblieben, weil ich ihm in allen Kleinigkeiten gern nachgab, in größern Dingen feſt auf meiner eigenen Ueberzeugung ſtand. Er hat eine hohe Achtung vor aller Kraft und Selbſt⸗ ſtändigkeit, er wird leicht hart, wo ihm Schwäche des Ur⸗ theils und des Willens entgegentritt.“ „Wie ſoll eine Frau Feſtigkeit gewinnen, gegenüber einem ſolchen Weſen?“ ſagte Lenore niedergeſchlagen. „Ja,“ erwiederte Anton nachdenkend,„einem Weibe, das ſich ihm mit Leidenſchaft ergiebt, wird das viel ſchwerer werden. Alles, was ausſieht, wie Trotz und Eigenſinn, wird er mit herber Strenge brechen, und die Beſiegte wird er nicht ſchonen. Aber wo ihm ein würdiger und gehaltener Sinn entgegentritt, wird er ihn ehren. Und wenn ich —— — 208— jemals in die Lage käme, ſeiner künftigen Gattin einen Rath zu geben, ſo wäre es der Rath, daß ſte gerade ihm gegenüber ſich vor Allem hüte, was bei Frauen für gewagt oder keck gilt. Was ihm eine Fremde angenehm macht, weil es ihm ſchnell leichte Vertraulichkeit geſtattet, gerade das wird er an ſeiner Hausfrau am wenigſten achten.“ Lenore lehnte ſich feſter an ihn an und ſenkte ihr Faupt. So kehrten beide in tiefem Schweigen auf das Schloß zurück. Am Nachmittage ging Anton an Karls Seite noch ein⸗ mal durch Feld und Wald. Immer hatte er das Leben auf dem Gute als einen Aufenthalt in der Fremde empfunden, und jetzt, wo er ſcheiden ſollte, erſchien ihm Alles ſo ver⸗ traut, wie in ſeiner Heimath. Ueberall fand er etwas, wor⸗ über er in dem Jahre geſorgt hatte; an den Ackerſtücken, den Häuſern, den Thieren und dem Geräth haftete ſeine Arbeit. Er hatte den Weizen gekauft, der auf dieſem Stück ſtand, er hatte die neuen Pflüge beſorgt, womit der Knecht, den er in Dienſt genommen, ackerte. Dort hatte er ein Dach ge⸗ deckt, hier eine ſchadhafte Brücke ausgebeſſert. Und wie Jeder, der neu in eine Thätigkeit hineinkommt, hatte er auf das friſcherworbene Wiſſen gern Pläne gebaut, über allen Theilen des Gutes ſchwebten Entwürfe, Hoffnungen und Glück verheißende Projecte. Stets hatte er beklagt, daß er zu wenig für die Geſchäfte vorbereitet war, die er ſo ſchnell übernommen hatte; jetzt, wo er ſich von ihnen löſte, empfand er nur, wie lieb ſie ihm waren.— In der Förſterei ſaß er noch eine Stunde mit dem ehrlichen Alten zuſammen. Drau⸗ ßen warf der Herbſt die Blätter von den Bäumen und ent⸗ färbte das luſtige Grün der Natur. Hier um den Alten — 209— 8 grünte der Wald, und in der vollen Kraft der ſpäten Man⸗ nesjahre ſaß der trotzige Waldmann ihm gegenüber. Beim Abſchied an der Pforte ſagte der Förſter:„Als Sie zuerſt die Hand an dieſe Thür legten, dachte ich nicht, daß die Bäume über uns ſo feſt ſtehen würden, und daß ich noch einmal anfangen ſollte, mit andern Menſchen zu leben. Sie haben einem alten Mann das Sterben ſchwer gemacht, Herr Wohlfahrt.“ Die Trennungsſtunde kam. Anton ſuchte den Freiherrn in ſeinem Zimmer auf und nahm von ihm einen kurzen und förmlichen Abſchied, Lenore war ganz aufgelöſt in weichem Gefühl, und Fink herzlich gegen ihn, wie gegen einen Bru⸗ der. Als Anton neben ihm ſtand und mit Rührung auf Lenore hinſah, ſagte Fink:„Sei ruhig, mein Freund, hier wenigſtens werde ich verſuchen zu ſein, wie du warſt.“ Fink und Lenore begleiteten den Scheidenden zum Wagen, noch einen Blick warf Anton auf das Schloß, das an dem grauen Herbſttage ſo finſter auf der öden Ebene ſtand, wie damals, wo er eingekehrt war. Dann ſprang er in den Wagen, ein letzter Händedruck, ein Lebewohl; Karl ergriff die Zügel, ſie lenkten bei der Scheuer in den Dorfweg, das Schloß war verſchwunden. Die Reihe der ſchlechten Dorf⸗ hütten, die Brücke am Bach, den Wald, Alles ſah er zum letzten Mal für lange Zeit. Am Ende des Waldes, an der Grenze des Gutes, dort, wo der Weg nach Kunau und Neudorf abgeht, hielt Karl an. Ein Trupp Männer ſtand am Grenzſtein. Es waren die Leute vom Gut, der Förſter, der Vogt und der Schäfer, dann der Schmidt von Kunau mit einigen Nachbarn, und der Sohn des Schulzen von Neudorf. III. 14 — 210— Erfreut ſprang Anton vom Wagen und begrüßte noch einmal die Genoſſen. „Der Vater ſchickt mich, Sie zu grüßen,“ ſprach der Schulzenſohn;„es geht beſſer mit ſeinen Wunden, aber er darf noch nicht aus der Stube;“ und der Kunauer Schmidt rief ihm als letztes Lebewohl nach:„Grüßen Sie unſere Landsleute da drin im Deutſchen, und ſie ſollen unſer nie⸗ mals vergeſſen.“ Schweigend, wie am Tage ſeiner Ankunft, fuhr Anton neben ſeinem Getreuen auf der Landſtraße dahin. Er war jetzt frei, frei von dem Zauber, der ihn hierher gelockt hatte, frei von manchem Vorurtheil, aber er war frei wie ein Vogel in der Luft. Er hatte ein Jahr raſtlos gearbeitet und er mußte ſich jetzt löſen von Allem, was ihn hier beſchäftigt hatte; er hatte die gerade Linie ſeines Lebens verlaſſen, um für Andere thätig zu ſein, und er ging jetzt, ſich ſelbſt neue Arbeit zu ſuchen, er mußte von vorn anfangen. Ob er ſeine eigene Zukunft durch dieſes Jahr ſtärker oder ſchwächer ge⸗ macht hatte, das war noch die Frage. Er hatte kennen ge⸗ lernt, wie hohen Werth ein ſicheres, geformtes und geſundes Leben in ſelbſtſtändiger Thätigkeit habe, und er fühlte jetzt, daß er dieſem Ziel ferner ſtehe, als vor einem Jahr. Er erkannte, daß er mit ſeiner eigenen Kraft ein keckes Spiel gewagt, und der Gedanke fiel wie ein trüber Hauch auf den Spiegel, in dem er die Geſtalten der letzten Vergangenheit ſah. Aber er bereute nicht, was er gethan. Er hatte Ver⸗ luſte gehabt, aber auch gewonnen, er hatte durchgeſetzt, daß auf uncultivirter Fläche ein neues Leben aufgrünte; er hatte geholfen, eine neue Colonie ſeines Volkes zu gründen, er — 211— hatte den Menſchen, die er liebte, den Weg zu einer ſichern Zukunft gebahnt; er ſelbſt fühlte ſich reifer, erfahrener, ruhiger. Und ſo ſah er über die Häupter der Pferde, die ihn ſeiner Heimath zuführten, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Vorwärts! ich bin frei, und mein Weg iſt jetzt klar.“ — 212— 2. Unterdeß ſtand Antons Hausgeiſt, die lederfarbene Katze, traurig auf ihrem Poſtament. Ein Jahr voll Grimm und Getöſe war vergangen, die Katze hatte nichts davon gemerkt. Mit geſenktem Haupte ſah ſie in die leere Stube. Die Rou⸗ leaur waren niedergelaſſen, und kein Sonnenſtrahl ſtreifte ihr an die kleinen Ohren. Nichts regte ſich in dem Zimmer, als der Staub, welcher zu den Fenſtern eindrang, eine Weile um die Katze wirbelte und endlich müde dahinſank auf ihr Gipsfell, auf den Schreibtiſch und den Teppich des Fußbodens. Es war ein ſchlimmes Jahr für den Gips, und er wäre in der Einſamkeit untergegangen, daß man ſeine ſchlauen Aeuglein und ſein glattes Fell unter mißfarbigem Staub nimmermehr erkannt hätte, wenn ihm nicht manch⸗ mal ein freundſchaftlicher Beſuch zu Hilfe gekommen we Denn an ſtillen Abenden vergoldete der Schein einer wan⸗ dernden Lampe das Barthaar der Katze. Dann fuhr eine weiche Hand ihr liebkoſend über das Fell, die Fenſter der Stube wurden auf eine Viertelſtunde geöffnet, etwas Mon⸗ denſchein drang in das Zimmer, und einige Schwämme und Bürſten dienſtbarer Mädchen fuhren ſchnell über den Fuß⸗ poden. Dann ſchnurrte die Katze ein wenig, aber gleich dar⸗ auf fiel ihr die Verlaſſenheit ſchwer aufs Herz, und ſie ver⸗ jant wieder in ihren regungsloſen Zuſtand. * 4 4 — 213— Heut iſt eine friſche Mondnacht, Alles im Hauſe ſchläft, in allen Stuben und Kammern ſind die Menſchen zur Ruh⸗ gegangen, Alles ſchläft und Niemand denkt daran, daß er ſich zur Heimkehr bereitet, der ſchon ein Kind der Handlung war, als ihn ſein alter Vater mit dem Sammtkäppchen noch auf dem Knie hielt. Kein Menſch im Hauſe denkt daran, und wer weiß, ob Viele es wünſchen. Aber das große Haus weiß es, und in der Nacht rührt ſich's in allen Winkeln. Und es kniſtert im Holz, und es ſummt in den Gallerien, und es arbeitet leiſe in allen Wandverſchlägen, der Mond⸗ ſchein überzieht heut alle Gänge mit mattem Silber, und in den deheinſton Winkeln zittert ein dämmriges Licht. Wer heut Nacht die gelbe Katze ſehen könnte, der würde ſich wohl wundern. Sie leckt ſich und ſtrählt ſich, ſie ſtreckt die ſteifen Beinchen und hebt den Schwanz luſtig in die Höhe; endlich ſpringt ſie vom Schreibtiſch herunter und zur Stubenthür hinaus in den Hof. Feierlich ſchreitet ſie durch alle Gänge und Löcher des Hauſes. Und wo ſie hinkommt, da wird es lebendig, und alles kleine Geſindel von Haus⸗ geiſtern, das in einem ſolchen Baue unvermeidlich iſt, das rührt ſich und fährt aufgeregt durcheinander. Graue, ſchat⸗ tenhafte Kerlchen kommen aus den Ofenlöchern und unter den Pulten der Schreibſtube hervorgeſchlüpft, ſie fegen die Treppen und die Gänge rein und fahren um den alten Pluto herum, der neben dem ſchlafenden Hausknecht die Wache hält, ſo daß der große Hund nicht einſchlafen kann und mit Knurren und leiſem Gebell auf die Arbeit der Heimlichen hinblickt. Und die Katze kommt bei der Schlafkammer Stbinens 214.— 3 vorbei und miaut leiſe, für Menſchen unhörbar; aber das Wichtelmännchen, das dort in der Höhlung von Sabinens Lampe wohnt, kommt nicht heraus, es ſchüttelt mit dem Kopf und murmelt:„Wir wollen uns nicht freuen“; und im Zimmer des Kaufmanns iſt auch kein guter Wille, die Ankunft des Entfernten zu feiern, ja was von dem ſtillen Volke dort wohnt, das iſt ſtolz und ſchimpft durchs Schlüſ⸗ ſelloch auf die Katze. Aber der Gips läßt ſich nicht ſtören; und das ganze übrige Haus läßt ſich nicht ſtören. Und auf der großen Waagge ſitzt eine zahlreiche luſtige Geſellſchaft. Was von Wichtelmännchen im Hauſe iſt, und es giebt viel ſolches Zeug in dem fleißigen Hauſe, das iſt heut zu großer Feſtfeier verſammelt, und in der Mitte ſitzt die Katze, ſchnur⸗ rend und glänzend, und ſie leckt ſich vor Freude, und die Lu⸗ ſtigſten der Societät klettern hinauf zu dem Balken der Waage und ſchneiden von da Geſichter gegen die Stube des Prinzipals, ja auch gegen ihren Liebling Sabine. Kein Menſch weiß, daß er zurückkommen wird, aber das Haus merkt es, und es ſchmückt ſich und öffnet ſeine Thüren, den heimkehrenden Freund zu empfangen. Es iſt den Tag darauf gegen Abend, Sabine ſteht in ihrer Schatzkammer vor den geöffneten Schränken, ſte ordnet die neue Wäſche und bindet wieder roſafarbene Zettel um die Nummern der Gedecke. Natürlich weiß ſie von nichts und ſie ahnt nichts. Ihr weißer Damaſt glänzt heut wie Sil⸗ ber und Atlas; der geſchliffene Glasdeckel, den ſte von dem alten Familienpokal hebt, giebt einen fröhlichen Klang gleich einer Glocke, und lange noch zittern die Schwingungen in dem Holz des großen Schrankes nach. Alle gemalten Köpfe auf ihren Porcellantaſſen ſahen heut ausnehmend luſtig aus, Doctor Martinus Luther und der Schwarzkünſtler Fauſt verziehen die Geſichter und lachen, ſogar der Göthe lächelt, und es iſt gar nicht zu ſagen, wie ſehr der alte Fritz lacht. Es blinkt und ſchimmert in allen Fächern der Schränke, je⸗ der alte Glasnapf verſpürt ein heimliches Ziehen und Klin⸗ gen; nur Sabine merkt nichts, die kluge Herrin des Hauſes weiß gar nicht, was alle Kleinen wiſſen. Oder ahnt ſie doch etwas? Horch! ſie ſingt. Lange iſt kein fröhliches Lied von ihren Lippen geflogen, heut aber iſt ihr leicht ums Herz, und wenn ſie auf das glänzende Heer von Glas und Silber ſieht, das vor ihr im Schranke aufgeſtellt iſt, fällt etwas von dem bunten Glanz in ihre Seele; ihre Lippen bewegen ſich, und leiſe, wie der Geſang eines Waldvogels, klingt ein Lied aus der Kinderzeit in der kleinen Stube. Und von dem Schrank tritt ſie plötzlich ans Fenſter, wo das Bild ihrer Mutter über dem Lehnſtuhl hängt, und ſie ſteht das Bild fröhlich an und ſingt vor dem Angeſicht der Mutter daſſelbe Kinderlied, das die Mutter vom Lehnſtuhl aus einſt der kleinen Sabine geſungen. Da gleitet eine verhüllte Geſtalt durch den Hausflur. Im offenen Waarengewölbe ſteht Balbus, der jetzt im Kreis der großen Waage befiehlt, er ſteht mit halbem Blick auf die Geſtalt und denkt verwundert:„Der ſieht ein wenig Anton ähnlich.“ Die Hausknechte ſchlagen eine Kiſte zu, und der älteſte wendet ſich zufällig herum und ſieht einen Schatten, der durch die Laterne auf die Wand geworfen wird, und hält einen Augenblick mit Schlagen inne und ſagt:„Das war faſt, als wenn's Herr Wohlfart wäre.“ Und hinten im — 216— Hofe hört man ein lautes Bellen und das Springen des Hundes, und Pluto kommt außer ſich zu den Hausknechten gelaufen und ſchlägt mit dem Schwanze, bellt und leckt ihre Hände und erzählt in ſeiner Art die ganze Geſchichte. Aber auch die Hausknechte wiſſen von nichts und einer ſagt:„Es war ein Geiſt, man ſieht nichts mehr.“ Da öffnet ſich die Thür zu Sabinens Kammer.„Sind Sie's, Franz?“ frägt Sabine ſich unterbrechend. Niemand antwortet. Sie wendet ſich um, ihr Auge blickt geſpannt und ängſtlich auf die Männergeſtalt, welche an der Thür ſteht. Da zittert ihre Hand und faßt nach der Lehne des Stuhls, ſte hält ſich feſt und er eilt auf ſie zu, und in leidenſchaft⸗ licher Bewegung, ohne daß er weiß, was er thut, kniet er neben dem Stuhl nieder, in den ſie geſunken iſt, und legt ſein Haupt auf ihre Hand. Das war Anton. Keines ſprach ein Wort. Wie auf reine holde Erſcheinung ſah Sabine auf den Knieenden nie⸗ der, und leiſe legt ſie die andere Hand auf ſeine Schulter. Und in dem Raume blinkt und klingt es fort; die Lampe 3 wirft ihren hellen Schein auf die beiden Kinder der Hand⸗ lung, und das Bild der Hausfrau über dem Armſtuhl ſieht freundlich auf die Gruppe herab. Sie frug nicht, weßhalb er kam, nicht ob er frei war von dem Zauber, der ihn fortgetrieben hatte. Als er vor ihr kniete und ſte in ſein offenes Auge ſah, das ängſtlich und voll Zärtlichkeit das ihre ſuchte, da verſtand ſte, daß er zu⸗ rückkehrte zu dem Hauſe, zum Bruder, zu ihr. „So lange waren Sie in der Fremde,“ ſagte ſie klagend, aober mit einem ſeligen Lächeln auf ihrem Antlitz. — — 217— „Immer war ich hier,“ rief Anton leidenſchaftlich. „Schon in der Stunde, wo ich von dieſen Mauern ſchied, wußte ich, daß ich Alles aufgab, was für mich Friede und Glück heißt. Jetzt treibt es mich unwiderſtehlich in Ihre Nähe, ich muß Ihnen ſagen, wie es in mir ausſteht. Sie habe ich verehrt wie ein geweihtes Bild, ſo lange ich in Ih⸗ rer Nähe lebte. Der Gedanke an Sie war auch in der Fremde mein Schutz. Er behütete mich in der Einſamkeit, in einem ungeordneten Leben, in großer Verſuchung. Ihre Geſtalt ſtellte ſich rettend zwiſchen mich und eine Andere. Oft ſah ich Ihr Auge auf mich gerichtet, wie damals, wo ich bei Ih⸗ nen Hilfe ſuchte vor mir ſelbſt; oft erhob ſich Ihre Hand, ſte winkte und warnte vor der Gefahr, die mich lockte. Wenn ich mich nicht verloren habe, Ihnen, Sabine, danke ich das.“ Wieder beugte er ſich über ihre Hand. Sabine hielt ihn feſt und ſprach leiſe über ſeinem Haupt:„Mein Freund, mein lieber Freund! beide mußten wir daſſelbe erfahren, wir haben geträumt, und mit unſerem Gefühl gerungen, und wir haben uns entſchloſſen, beide haben wir überwunden. Was müſſen Sie gelitten haben, mein Freund!“ „Nein,“ rief Anton,„es war nicht daſſelbe Leid und nicht dieſelbe Kraft. Ich habe Sie damals geſehen und an⸗ gebetet, während Sie in ſtiller Faſſung ſich ſelbſt vertrau⸗ ten. Ich war ein ſchwacher, begehrlicher Mann, und ich weiß nicht, wohin ich gekommen wäre, wenn nicht die Er⸗ innerung an Sie in meiner Seele gelebt hätte. In der Ferne wurde die Macht, die Ihr Weſen auf mich ausübt, immer größer, und nur weil ich an Sie dachte, wurde ich frei.“ — 218— „Und wiſſen Sie denn, ob es bei mir nicht eben ſo war?“ frug Sabine und ſah ihn zärtlich an. „Sabine!“ rief Anton hingeriſſen. „Ja, das iſt Ihr ehrliches Angeſicht,“ rief das Mädchen. „Ach, auch in Ihren Zügen finde ich die Spur der eiſernen Zeit.“— Sie erhob ſich.„Wir haben von Ihren Helden⸗ thaten gehört, obgleich Sie in dem langen Jahr nichts für uns hatten, als einen kurzen Gruß.“ „Durfte ich anders?“ unterbrach ſte Anton eifrig. Sabine nickte ihm zu.„Wie habe ich auf jede Nachricht gelauſcht, die uns durch Ihre Vertrauten kam. Wenn ich in dieſen ſichern Mauern an den Freund dachte, der draußen unter erbitterten Feinden lebte, jedem Angriff der Wüthen⸗ den ausgeſetzt— Wohlfart, Wohlfart, ich freue mich, daß ich Sie wiederſehe.“ „Ein Anderer hat jetzt das Gut und die Sorge für die Schutzloſen,“ erwiederte Anton. „Es iſt eine Fügung des Schickſals, daß es ſo gekom⸗ men iſt,“ rief Sabine und ſah mit holder Freude auf den Wiedergefundenen. In dem gleichförmigen Leben des Hauſes hat ſie jahre⸗ lang eine herzliche Neigung zu Anton herumgetragen. Seit er von ihr gezogen, weiß ſie, daß ſie ihn liebt, mit ſtiller Faſſung hat ſie wieder den Schmerz in ſich verſchloſſen. Weder ihre Liebe, noch ihre Entſagung iſt in dem regelmä⸗ ßigen Hauſe ſichtbar geworden. Kaum durch einen Blick, durch keine Miene hat ſte verrathen, was in ihr vorgeht; wie ſich für das Kind einer Handlung ſchickt, in welcher das Soll und Haben der Menſchen pünktlich und ohne alles — 219— Gefühl gebucht wird. Jetzt, in der Freude des Wieder⸗ ſehens bricht aus ihrem gehaltenen Weſen die Blüthe der Leidenſchaft. Sie ſteht in ſtrahlender Freude vor dem Mann und denkt an nichts, als das Glück, ihn wieder zu haben, und ſie merkt in ihrer Freude nicht, daß in An⸗ tons bleichen Zügen noch eine andere Empfindung zuckt. Er hat ſie gefunden, aber nur, um ſte für immer zu ver⸗ lieren.* Noch immer hält ihn Sabine an der Hand und ſie zieht ihn fort durch die Glasgalerie über den Flur bis an das Ar⸗ beitszimmer des Bruders. . Was thuſt du, Sabine? Dies Haus iſt ein gutes Haus, aber es iſt keins, wo man poetiſch fühlt und ſich leicht rüh⸗ ren läßt, die Arme ſchnell öffnet und den ans Herz drückt, der grade kommt, um herein zu fallen. Es iſt ein nüchter⸗ nes, proſaiſches Haus! Mit kurzen Worten wird hier ge⸗ fordert und verweigert. Und es iſt ein ſtolzes und ſtrenges Haus! Denke daran! Kein zärtlicher Willkommen wird es ſein, zu dem du deinen Freund führſt. Das empfand auch Sabine, und ihr Fuß zögerte einen Augenblick, ehe ſie die Thür öffnete, aber ſie entſchloß ſich ſchnell, und Antons Hand feſthaltend, zog ſie ihn über die thwede und mit glücklichem Antlitz rief ſte dem Bruder :„Hier iſt er, er kommt zu uns zurück!“ Der Kaufmann erhob ſich von ſeinem Arbeitstiſch, aber er blieb am Tiſch ſtehen, und was er zuerſt ſprach, ruhig, kalt im Ton des Befehls, das waren die Worte:„Laſſen Sie die Hand meiner Schweſter los, Herr Wohlfart.“ Sabine trat zurück, Anton ſtand allein in der Mitte deß — 220— das nicht in dieſer Stunde fühlen.“ düſter nach und wandte ſich zu Anton. ihm dort im Wege waren?“ Zimmers und ſah erſchüttert auf den Kaufmann. Die kräf⸗ tige Geſtalt des Mannes war in dem letzten Jahr gealtert, ſein Haar ergraut, die Züge noch tiefer gefurcht. klein war der Kampf geweſen, der ihn ſo verändert hatte. „Daß ich auf die Gefahr, Ihnen unwillkommen zu ſein, hier eintrete,“ ſprach Anton,„wird Ihnen zeigen, wie ſtark meine Sehnſucht war, Sie und die Handlung wiederzuſehen. Habe ich einſt Ihre Unzufriedenheit erregt, laſſen Sie mich Der Kaufmann wandte ſich zu ſeiner Schweſter:„Ver⸗ laß uns, Sabine, was ich mit Herrn Wohlfart zu beſprechen habe, will ich ohne Zeugen abmachen.“ Sabine eilte auf den Bruder zu und ſtand ihm aufgerichtet gegenüber. Sie ſprach kein Wort, aber mit hellem Blick, in dem ein feſter Ent⸗ ſchluß zu leſen war, ſah ſie in ſeine zuſammengezogenen Au⸗ gen, dann verließ ſte das Zimmer. Der Kaufmann ſah ihr uns zurück, Wohlfart?“ frug er;„haben Sie auf dem Lande nicht erreicht, was Ihr jugendlicher Eifer träumte, und kom⸗ men Sie jetzt her, in dem Bürgerhauſe das Glück zu ſuchen, das Ihnen einſt für Ihre Anſprüche zu leicht ſchien? Ich höre, Ihr Freund Fink hat ſich auf dem Gut des Freiherrn feſtgeſetzt, hat er Sie in unſer Haus zurückgeſchickt, weil Sie Antons Stirn umwölkte ſich.„Nicht als Abenteurer, welcher das Glück ſucht, trete ich vor Ihre Augen. Sie ſinder ungerecht, wenn Sie einen ſolchen Verdacht ausſprechen, und mir ziemt nicht, ihn zu ertragen. Es gab eine Zeit, wo Sie reundlicher über mich. urtheilten, an dieſe Zeit dachte ich, — 221— als ich Sie aufſuchte; ich denke jetzt daran, um Ihre krän⸗ kenden Worte zu verzeihen.“ „Sie haben mir einſt geſagt,“ fuhr der Kaufmann fort, „daß Sie ſich in meiner Handlung und in dieſem Haus fühl⸗ ten, wie in Ihrer Heimath. Und Sie hatten hier eine Hei⸗ math, Wohlfart, in unſeren Herzen und im Geſchäft. In einer leichten Wallung haben Sie uns aufgegeben, und wir, trauernd und mit ſchwerem Herzen, haben mit Ihnen daſ⸗ ſelbe gethan. Wozu kehren Sie zurück? Sie können uns kein Fremder ſein, denn wir haben Sie lieb gehabt, und ich per⸗ ſönlich bin Ihnen tief verpflichtet. Sie können uns der alte Freund nicht mehr ſein, denn Sie ſelbſt haben gewaltſam das Band gelöſt, das Sie an uns feſſelte. Sie haben mich, gerade als ich ſo etwas am allerwenigſten erwartete, daran erinnert, daß nur ein einfaches Contractverhältniß Sie in meinem Comtoir feſthielt. Was ſuchen Sie jetzt? Wollen Sie wieder einen Platz in meinem Comtoir, oder wollen Sie, wie es den Anſchein hat, noch mehr?“ 4 „Ich will nichts,“ rief Anton in überſtrömendem Ge⸗ fühl,„nichts, als die Verſöhnung mit Ihnen. Ich will keinen Platz im Comtoir, und nichts Anderes. In der Stunde, wo ich das Gut des Freiherrn verließ, ſtand in mir feſt, daß mein erſter Weg in Ihr Haus ſein mußte, und mein nächſter wieder hinaus, um mir wo anders eine Thätigkeit zu ſuchen. Was ich auch in dieſem Jahr verloren habe, meine Selbſtachtung habe ich nicht verloren, und wenn Sie mir ſo freundlich entgegengekommen wären, wie mein Herz mich zu Ihnen zog, ich würde Ihnen in der erſten Stunde daſſelbe ge⸗ ſagt haben, was Sie jetzt von mir hören wollen. Ich weiß, daß 1 — 222— ich nicht hier bleiben kann. Ich habe es ſchon in der Fremde gefühlt, ſo oft ich an dies Haus dachte. Seit ich dieſe Mauern betreten habe, und ſeit ich Ihre Schweſter wiedergeſehen, ſeit⸗ dem weiß ich, daß ich nicht hier bleiben darf, ohne unehrlich zu handeln.“ Der Kaufmann trat an das Fenſter und ſah ſchweigend in die Nacht hinaus. Als er ſich umwandte, war die Härte von ſeinem Geſicht verſchwunden, er ſah mit prüfendem Blick auf Anton.„Das war ehrlich geſprochen, Wohlfart,“ ſagte er endlich,„und ich will hoffen, auch ehrlich gedacht; und eben ſo offen will ich Ihnen ſagen, es thut mir noch jetzt leid, daß Sie von uns gegangen ſind. Ich kannte Sie, wie ſelten ein älterer Mann den jüngern kennen lernt; unter meinen Augen waren Sie in der Handlung heraufgekommen, ich konnte auf die Reinheit Ihrer Empfindungen vertrauen, ich wußte, daß kein unehrenhafter Gedanke in Ihrer Seele hei⸗ miſch war. Jetzt, lieber Wohlfart, ſind Sie mir ein Frem⸗ der geworden. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen das ſage. Ein ungeregeltes Begehren hat Sie in Verhältniſſe gelockt, welche nach Allem, was ich davon weiß, ungeſund ſein müſſen für Jeden, der darin lebt. Sie haben in einer Landſchaft, wo die Gewiſſen oft weiter ſind, als bei uns, und die menſch⸗ lichen Verhältniſſe weniger feſt geordnet, die Verwaltung eines zerrütteten Wohlſtandes gehabt, Sie ſind der Vertraute eines bankrotten Schuldners geweſen, der manche Eigenſchaft eines braven Mannes bewahrt haben mag, der aber in ſchlechten Ge⸗ ſchäften mit verzweifelten Menſchen das verloren hat, was in meiner Handlung Ehre heißt. Gern nehme ich an, daß Ihre Redlichkeit ſich geweigert hat, dort etwas zu thun, was gegen — 223— Ihre Ueberzeugung war; aber, Wohlfart, ich wiederhole Ihnen jetzt, was ich Ihnen ſchon früher geſagt habe: jede fortgeſetzte Thätigkeit unter Schwachen und Schlechten bringt auch den Ehrenmann in Gefahr. Allmälig, und ohne daß er es merkt, erſcheint ihm erträglich, was ein Anderer in ſichrerer Lage von ſich fern halten wird, und die gebieteriſche Nothwendig⸗ keit zwingt ihn, in Maßregeln zu willigen, die er anderswo mit kurzem Entſchluß abgewieſen hätte. Ich bin überzeugt, daß Sie geblieben ſind, was die Welt einen ehrenhaften Ge⸗ ſchäftsmann nennt, aber die ſtolze Reinheit Ihrer kaufmänni⸗ ſchen Ehre, die leider bei Vielen in unſerer Geſchäftswelt für eine Pedanterie gilt, ob Sie die ſich bewahrt haben, das weiß ich nicht; und daß ich in der Stunde, wo ich Sie wiederſehe, daran zweifeln muß, und daß ich Ihnen das ſagen muß, ſehen Sie, das macht mir dieſe Zuſammenkunft ſchmerzlich.“ Anton wurde bleich wie das Tuch, das er in der Hand hielt, und ſeine Lippe zitterte, als er antwortete:„Es iſt ge⸗ nug, Herr Schröter: Daß Sie mir in der erſten Stunde das Bitterſte ſagen, w 3 man einem Gegner ſagt, iſt mir ein Be⸗ weis, daß ich Unrecht gethan habe, dies Haus wieder zu betreten. Ja, Sie haben Recht. In dieſer ganzen Zeit hat mich das Gefühl nicht verlaſſen, daß die Gefahr, die Sie er⸗ wähnen, um meine Seele ſchwebte. In dem ganzen Jahr habe ich als das größte Unglück empfunden, daß die Geſchäfte, für welche ich mich intereſſiren mußte, mir nicht erlaubten, den Mann hochzuachten, für den ich arbeitete. Ihnen aber darf ich, nicht weniger ſtolz als Sie, antworten, daß die Rein⸗ heit des Mannes, welche ſich ängſtlich vor der Verſuchung zurückzieht, nichts werth iſt, und wenn ich etwas aus einem — 224— Jahr voll Kränkungen und bitterer Gefühle mir gerettet habe, ſo iſt es gerade der Stolz, daß ich ſelbſt geprüft worden bin, und daß ich nicht mehr wie ein Knabe aus Inſtinct und Ge⸗ wohnheit handle, ſondern als ein Mann, nach Grundſätzen. Ich habe in dieſem Jahr zu mir ein Vertrauen gewonnen, das ich früher nicht hatte; und weil ich mich ſelbſt achten gelernt habe, ſo ſage ich Ihnen jetzt, daß ich Ihren Zweifel ſehr wohl verſtehe, daß ich aber, ſeit Sie ihn ausgeſprochen, das Band für zerriſſen halte, welches mich auch in der Fremde an Ihr Haus feſſelte. Ich gehe, um dieſe Stätte nicht wieder zu betreten. Leben Sie wohl, Herr Schröter!“ Anton wandte ſich zum Gehen, der Kaufmann eilte ihm nach, und ſeine Hand legte ſich auf Antons Schulter. „Nicht ſo ſchnell, Wohlfart,“ ſagte der Kaufmann weich; „der Mann, welcher den Streich des polniſchen Säbels von mir abgewandt hat, ſoll nicht gekränkt und im Zorn mein Haus verlaſſen.) „Erinnern Sie uns beide nicht an die Vergangenheit,“ ſagte Anton, das iſt jetzt unnütz. Nicht ich, Sie ſelbſt haben Kränkung und Zorn in unſer Wiederſehen gebracht. Und Sie, nicht ich, haben vernichtet, was uns aus alter Zeit an⸗ einander feſſelte.“ „Nein, Wohlfart,“ ſagte der Kaufmann.„Wenn ich Sie durch meine Worte mehr verletzt habe, als ich wollte, ſo ſehen Sie das meinem grauen Haar nach, und einem Herzen, welches Jahrelang voll ſchwerer Sorgen war, auch voll Sor⸗ gen um Sie. Wir ſehen uns beide nicht ſo wieder, wie wir uns getrennt haben, und wenn zwei Männer etwas gegen ein⸗ ander auf der Seele haben, ſo ſollen ſte das in der Stunde — 225— des Wiederſehens ehrlich ausſprechen, damit ihr Verhältniß klar werde. Wären Sie mir weniger werth, ſo hätte ich mein Bedenken wohl zurückgehalten, und mein Gruß wäre höflicher geweſen. Jetzt aber biete ich Ihnen den Willkom⸗ men. Schlagen Sie ein.“ Anton legte ſeine Hand in die des Kaufmanns und ſprach:„Leben Sie wohl.“ Der Kaufmann aber hielt die Hand Antons feſt und ſagte lächelnd:„Nicht ſo ſchnell; ich laſſe Sie noch nicht fort.— Denken Sie, daß es Ihr älteſter Bekannter iſt, der Sie jetzt erſucht, zu bleiben,“ fügte er ernſt hinzu, als Anton noch immer an der Thür ſtill ſtand. „Ich bleibe heut Abend, Herr Schröter,“ ſagte Anton mit Haltung. Der Kaufmann führte ihn zum Sopha.„Manches habe ich von Ihren Abenteuern gehört, aus Ihrem Munde möchte ich das vollſtändiger erfahren. Und auch Sie werden Inter⸗ eſſe daran nehmen, wie es uns gegangen iſt, davon zuerſt.“ Er begann zu erzählen, was unterdeß in der Handlung ge⸗ ſchehen war. Es war kein heiteres Bild, das er Anron zeigte, aber ſein Bericht bannte aus Antons Herzen einen Theil der Kälte, welche der herbe Empfang des Prinzipals angeſam⸗ melt hatte, denn Anton verſtand, welches Vertrauen der Kaufmann ihm durch ſeine Worte ſchenkte. Dieſer erwähnte Manches, was der Geſchäftsmann nur ſelten ſeinen Freunden mittheilt, alle wichtigeren Geſchäfte, den geringen Gewinn und die großen Verluſte des letzten Jahres. Naach und nach zog wieder Friede und ein Schimmer von Behagen durch das Haus, alle guten Hausgeiſter, die währen III. 15 „—. — 226— der Unterredung zwiſchen den beiden Männern erſchreckt in die Mauſelöcher gekrochen waren, ſteckten jetzt muthig die Köpfe hervor, und die unter dem Geheimbuch fingen an, gegen die andern vertraulich zu werden. Unvermerkt war Anton in das Geſchäft zurückverſetzt, ſchnell machte er alle Stimmungen des Jahres noch einmal durch, wieder röthete ſich ſeine Wange, ſein erloſchenes Auge erhielt Glanz, und unwillkürlich begann er von den Geſchäf⸗ ten der Handlung zu ſprechen, als gehörte er noch dazu. Da hielt ihm der Kaufmann wieder mit trübem Lächeln die Hand hin, und jetzt ſchlug Anton herzhaft ein, die Verſöhnung war geſchloſſen. „Und jetzt ſprechen wir von Ihnen, lieber Wohlfart,“ fuhr der Kaufmann fort;„Sie haben mir einſt über Ihre Thätigkeit für den Freiherrn Mittheilungen gemacht, die ich damals ungeduldig zurückwies, jetzt bitte ich Sie, mir zu er⸗ zählen, was Sie dürfen.“ Anton berichtete, was kein Geheimniß war; der Kaufmann hörte geſpannt, ja ängſtlich auf Alles, was Anton von den Geſchäften des Freiherrn und ſeiner eigenen Arbeit erwähnte. Anton ſprach mit Zurückhaltung, denn ſein Stolz bäumte in der Stille gegen das Ausfragen auf. Aber er gönnte dem Kaufmann doch Manches, was dazu half, dieſen getro⸗ ſten Muths zu machen. „Erlauben Sie mir auch über Ihre Zukunft zu reden,“ be⸗ gann der Kaufmann endlich und erhob ſich von ſeinem Stuhl. „Nach dem, was Sie mir angedeutet haben, fordere ich Sie nicht auf, die nächſten Jahre in meinem Geſchäft zuzubringen, ſo willkommen Ihre Hilfe mir gerade jetzt wäre. Aber ich 3 bitte, daß Sie mir überlaſſen, eine Stellung zu ſuchen, die für Sie paßt. Wir wollen gemeinſam prüfen und uns darin nicht übereilen. Unterdeß bleiben Sie in den nächſten Wochen bei uns. Ihr Zimmer iſt leer, Alles darin unverändert. Wie ich höre, haben Sie in den nächſten Monaten ohnedies noch eine Verpflichtung zu erfüllen. Da⸗ von werden Sie ſich unterdeß befreien können. Und wenn Sie Zeit und Luſt haben, mir nebenbei im Comtoir zu helfen, ſo wird mir das ſehr willkommen ſein.— Was Ihr Ver⸗ hältniß zu meinem Hauſe betrifft,“ fuhr er ernſter fort,„ſo vertraue ich Ihnen vollſtändig. Es iſt mir Bedürfniß, Ih⸗ nen das zu beweiſen, auch deßhalb mache ich Ihnen dieſen Vorſchlag.“ Anton ſah ſchweigend vor ſich nieder. „Ich muthe Ihnen nichts Peinliches zu,“ ſagte der Kauf⸗ mann;„Sie wiſſen, wie es in unſerm Haushalt zugeht, man muß manchmal die Gelegenheit ſehr ſuchen, mit einander zu ſprechen. Für Sabine und für Sie wünſche ich auf einige Wochen das Zuſammenleben in der alten Weiſe, und wenn die Zeit kommt, ein ruhiges Scheiden. Ich wünſche das auch meiner Schweſter wegen, Wohlfart,“ fügte er mit Of⸗ fenheit hinzu. „Dann,“ ſagte Anton,„bleibe ich.“ Unterdeß ging Sabine unruhig in ihrem Zimmer umher und lauſchte auf einen Ton aus der Arbeitsſtube des Bruders. Aber wie oft ihr traurige Gedanken kamen, heut ver⸗ mochten ſie ſich nicht feſtzuſetzen. Wieder kniſterte das Feuer, und wieder lauſchte ſte auf den Schlag der Uhr, aber das Tannenholz knackte und roiſin heut luſtig im Ofen 15* 3 4 — 228— und machte einen ungewöhnlichen Lärm. Unaufhörlich fuh⸗ ren kleine Freudenraketen in der Gluth umher, und die Funken flogen durch das Zugloch der Ofenthür mitten in die Stube. Sie konnte nicht traurig werden und ſie konnte ſich nicht ängſtigen, denn immer wieder tickte die Uhr in ihre Gedanken: Er iſt gekommen, er iſt da! Die Thür öffnete ſich, die Tante trat eilig herein.„Was höre ich!“ rief die Tante.„Iſt es möglich? Franz behauptet, daß Wohlfart bei deinem Bruder iſt.“ „Er iſt da,“ ſagte Sabine abgewandt. „Was iſt das wieder für ein geheimnißvolles Benehmen!“ fuhr die Tante unzufrieden fort.„Warum bringt Traugott ihn nicht herüber? Und in ſeiner Stube iſt noch nichts zu⸗ recht gemacht. Wie kannſt du ſo ruhig hier ſtehen, Sabine? Ich begreife dich nicht. „Ich warte,“ ſagte Sabine leiſe, aber ſie ſelbſt faßte mit einer Hand nach der andern und hielt ſie am Gelenk feſt, denn die Hand zitterte. Da näherten ſich Männerſchritte dem Zimmer, der Kaufmann trat mit Anton ein und rief ſchon an der Thür: „Hier iſt unſer Gaſt.“ Und als Anton und die Tante ein⸗ ander freudig begrüßten, ſagte der Kaufmann:„Herr Wohlfart wird einige Wochen bei uns wohnen, bis er eine Stelle gefunden hat, wie ich ſie für ihn wünſche.“ Höchlich erſtaunt hörte die Tante dieſen Beſchluß, und Sabine rückte ſtark mit den Taſſen, um ihre Unruhe zu derbergen. Aber keine der Frauen machte eine Bemerkung, und die eifrige Un⸗ terhaltung an der Abendtafel überdeckte die Bewegung, welche in Allen nachzitterte. Jeder hatte viel zu fragen und viel zu — 229— erzählen, denn für Alle war das letzte Jahr reich an großen Begebenheiten geweſen. Wohl war ein Zwang bemerkbar auch in Antons Haltung, als er von ſeinem Leben in der Fremde ſprach, von Fink und von der deutſchen Colonie, die ſich auf dem Gute feſtgeſetzt hatte. Und mit geſenktem Haupt hörte Sabine auf ſeine Worte. Aber der Kaufmann wurde immer heiterer, und als Anton ſich erhob, um nach ſeinem Zimmer zu gehen, da lag auf dem Angeſicht des Kaufmanns faſt das gütige Lächeln von ehedem, kräftig ſchüttelte er An⸗ tons Hand und ſagte im Scherz:„Schlafen Sie wohl und achten Sie auf Ihren Traum in der erſten Nacht; man ſagt, ein ſolcher Traum geht in Erfüllung.“ Und als Anton ſich entfernt hatte, zog der Kaufmann die Schweſter in das dunkle Nebenzimmer, dort küßte er ſie auf die Stirn und ſprach ihr leiſe ins Ohr:„Er iſt brav geblieben, das hoffe ich jetzt mit ganzer Seele!“ und als er mit ihr wieder in das Helle trat, da glänzte es feucht in ſeinem Auge, und er fing an die Tante mit ihrer ſtillen Neigung für Wohlfart zu necken, ſo daß die gute Tante endlich die Hände zuſammenſchlug und ausrief:„Der Mann iſt heut ganz ausgelaſſen.“— Ermüdet und angegriffen warf ſich Anton aufs Lager. Freudenleer erſchien ihm ſeine Zukunft, und der Gedanke an die bittern Empfindungen des Abends und an den ſtillen Kampf der nächſten Wochen lag ſchwer auf ſeinem Herzen. Und doch ſank er kurz darauf in ruhigen Schlummer.— Und es wurde wieder ſtill in dem Patricierhaus.— Es war ein nüchternes altes Haus mit vielen Ecken und mit einigen ver⸗ borgenen Winkeln. Es war gar kein Ort für glühende — 230— Schwärmerei und auflodernde Leidenſchaft. Aber es war auch ein gutes Haus und es deckte ſicher Jeden, der in ſeinen Mauern ſchlief. Und wieder waren die kleinen Heimlichen heut Nacht geſchäftig, ſie fuhren durcheinander und ſchwatz⸗ ten und lachten, und in alle Winkel ſummte die Nachricht, daß das Kind der Handlung zurückgekehrt war, und der Gips auf dem Poſtamente ſah ſtolz auf den ſchlafenden Anton nieder, hob feierlich ſeinen hübſchen geringelten Schwanz in die Luft und ſchnurrte die ganze Nacht hindurch. ——— 3. Am nächſten Morgen eilte Anton zu Ehrenthal. Der Kranke war für ihn nicht zu ſprechen, die Frauen empfingen ihn ſo feindſelig, daß er für ſchädlich hielt, ihnen irgend etwas über die Abſicht ſeines Beſuches zu ſagen. Er ließ deßhalb an demſelben Tage dem Anwalt Ehrenthals durch Juſtizrath Horn anzeigen, daß zwanzigtauſend Thaler bereit lägen, um die Anſprüche Ehrenthals auf dieſe Summe zur Stelle zu tilgen, für die übrigen Forderungen, welche Ehren⸗ thal— ohne Berechtigung— gegen den Freiherrn erhoben hatte, ſollte richterliche Entſcheidung abgewartet werden. Der Anwalt des Gläubigers weigerte ſich, dieſe Zahlung anzu⸗ nehmen. Sofort ließ Anton bei Gericht die nöthigen Schritte thun, um Ehrenthal zur Annahme der Summe und zum Ver⸗ zicht auf die Anſprüche, die er ihretwegen erhob, zu zwingen. Es war gegen Abend, als Anton einen alten Comtoir⸗ rock anzog und mit eiligem Geſchäftsſchritt in das Haus von Löbel Pinkus trat. Durch das Fenſter ſah er in die kleine Branntweinſtube. Er fand den würdigen Pinkus hinter ſeinem Schenktiſch und richtete eine kurze kaufmänniſche Frage aus:„Herr T. O. Schröter läßt fragen, ob Schmeie Tinkeles aus Brody angekommen iſt, oder ob er erwartet wird. Er ſoll ſich ſogleich wegen eines Geſchäfts in der Handlung einfinden.“ 3 — 232— Pinkus erwiederte vorſichtig, Tinkeles ſei nicht anwe⸗ ſend, und er wiſſe nicht, ob und wann derſelbe kommen werde. Tinkeles ſpreche manchmal bei ihm vor, manchmal auch nicht, die Sache ſei unſicher. Er werde übrigens den Auftrag ausrichten, wenn er den Mann ſehe. Am andern Tage öffnete der Diener die Thür Antons, und Schmeie Tinkeles ſchlüpfte in das Zimmer.„Will⸗ kommen, Tinkeles,“ rief Anton ihm entgegen und ſah mit ſtillem Lächeln auf den Mann im Kaftan. Der Händler war überraſcht, als er ſich Anton gegen⸗ über fand. Ueber ſein ſchlaues Geſicht flog ein Schatten, und eine innere Unruhe wurde aus dem lebhaften Gewirbel ſichtbar, womit er ſeine Freude über das Wiederſehen aus⸗ zudrücken ſuchte.„Gottes Wunder, daß ich Sie leibhaftig wiederſehe, ich habe mich oft erkundigt im Geſchäft bei Schröter, und habe nicht können erfahren, wo Sie hingereiſt ſind. Ich habe immer gern mit Ihnen zu thun gehabt, wir haben doch zuſammen gemacht manchen ſchönen Kauf.“ 5„Wir haben auch Krieg mit einander geführt, Tinkeles,“ warf Anton dazwiſchen. „Es war ein ſchlechtes Geſchäft,“ ſagte Tinkeles ablen⸗ kend,„es ſieht jetzt traurig aus mit dem Handel, da Gras wächſt auf den Landſtraßen. Es iſt geweſen eine böſe Zeit im Lande. Der beſte Mann, wenn er ſich ſchlafen gelegt, hat er nicht gewußt, ob er morgen noch wird Beine haben zum Stehen.“ „Ihr habt es doch durchgemacht, Tinkeles, und ich nehme an, die Zeit iſt Euch nicht ſchlecht bekommen. Setzt Euch, ich habe mit Euch zu reden.“. — 233— „Wozu ſetzen?“ frug der Jude mißtrauiſch, als Anton nach der Thüre ging und dieſe verriegelte,„beim Geſchäft hat man keine Zeit zum Sitzen. Verzeihen Sie, was ver⸗ riegeln Sie die Thür? Man braucht keinen Riegel, wenn man machen will Geſchäfte, es ſtört uns Niemand.“ „Ich will mit Euch etwas im Vertrauen beſprechen,“ ſagte Anton vor den Händler tretend,„es ſoll Euer Schade nicht ſein.“ „So ſprechen Sie,“ ſagte Tinkeles,„aber laſſen Sie offen die Thür.“ „Hört mich an,“ begann Anton. Ihr erinnert Euch an die letzte Unterredung, die wir uedeuuas als wir auf der Reiſe zuſammentrafen.“ „Ich erinnere mich an nichts,“ ſagte der Händler kopf⸗ ſchüttelnd und ſah unbehaglich nach der Thür. „Ihr gabt mir damals einen guten Rath, und als ich mehr von Euch erfahren wollte, war't Ihr aus der Stadt verſchwunden. 4 „Das ſind alte Geſchichten,“ antwortete Tinkeles immer unbehaglicher.„Ich kann mich jetzt nicht erinnern, ich habe auch zu thun auf dem Markt, ich dachte, Sie wollten mit mir reden von einem Geſchäft.“ „Es iſt ein Geſchäft, von dem wir ſprechen, und es kann für Euch ein gutes Geſchäft werden,“ ſagte Anton nach⸗ drücklich. Er ging an ſeinen Schreibtiſch und holte eine Geldrolle heraus, die er vor Tinkeles auf den Tiſch legte. „Dieſe hundert Thaler gehören dem, welcher mir eine Nach⸗ richt giebt, die ich brauche.“ Tinkeles ſah mit einem ſcheuen Seitenblick auf die Rolle und erwiederte:„Hundert — 234— Thalerſtücke ſind gut, aber ich kann keine Nachricht geben, ich weiß von nichts, ich kann mich nicht beſinnen. So oft ich Sie ſehe, fangen Sie an von ärgerlichen Sachen,“ ſchloß er unwillig,„es iſt mir kein Glück, wenn ich habe mit Ihnen zu thun, ich habe immer nur gehabt Noth und Kummer.“ Anton ging ſchweigend zu ſeinem Pult und holte eine zweite Geldrolle, die er neben die erſte legte.„Zweihundert Thaler,“ ſagte er, ergriff die Kreide und ſchloß die Rollen⸗ durch vier Striche ein.„So viel iſt Euer, wenn Ihr mir die Auskunft geben könnt, die ich haben will.“ Die Blicke des Galiziers hefteten ſich ſehnſuͤchtig auf das Viereck. An⸗ ton ſtand daneben und wies ſchweigend mit dem Finger dar⸗ auf. Der Händler kämpfte einen ſchweren Kampf, er ſah auf Anton und verzog ſein Geſicht zu einem harmloſen La⸗ chen; er verſuchte unbefangen auszuſehen und blickte wie gleichgiltig in der Stube herum; aber immer wieder fiel ſein Blick auf Antons Zeigefinger und das weiße Viereck auf dem Tiſche. Keiner ſprach, das ſtumme Schweigen dauerte einige Augenblicke, und doch war es eine lebhafte und be⸗ redte Unterhandlung. Immer glänzender wurden die Augen des Galiziers, immer unruhiger ſeine Geberden, er zuckte mit den Schultern, hob die Brauen in die Höhe und rang heftig von dem Zauber loszukommen, der ihn feſtbannte. Endlich wurde ihm der Zuſtand unerträglich. Er griff mit der Hand nach den Rollen. „Erſt redet,“ ſagte Anton und hielt die Hand über das Geld. „ Seien Sie nicht ſo hart gegen mich,“ bat Tinkeles. ——— — 235— „Hört mich an,“ ſagte Anton.„Ich will nichts Unrech⸗ tes von Euch, nichts, was ein ehrlicher Mann einem andern verweigern dürfte; ich könnte vielleicht Eure gerichtliche Ver⸗ nehmung durchſetzen und ohne Koſten zu ſicheren Geſtänd⸗ niſſen kommen; ich weiß aber von früher, welchen Wider⸗ willen Ihr gegen das Gericht habt, und nur deßhalb biete ich Euch das Geld. Verſtündet Ihr eine andere Sprache, ſo würdet Ihr mir ſagen, was Ihr wißt, wenn ich euch erzähle, daß eine Familie unglücklich geworden iſt dadurch, daß Ihr mir früher nicht Alles geſagt habt. Dieſe Sprache aber würde bei Euch nichts nützen.“ 1 „Nein,“ ſagte Tinkeles ehrlich,„ſie würde nichts nützen. Laſſen Sie ſehen das Geld, das Sie haben hingelegt für mich. Sind es richtig zweihundert Thalerſtücke?“ fuhr er fort, auf die Rollen ſtarrend.„Es iſt gut, ich weiß, ſie ſind richtig. Fragen Sie mich, was Sie wollen wiſſen.“ „Ihr habt mir geſagt,“ begann Anton,„daß Itzig, der frühere Buchhalter Ehrenthals, darauf arbeite, den Freiherrn von Rothſattel zu ruiniren.“ „Iſt es nicht geweſen, wie ich habe geſagt?“ fing Tin⸗ keles. „Ich habe Grund, anzunehmen, daß Ihr wahr geſpro⸗ chen. Ihr habt damals Zweie erwähnt, wer iſt der Andere?“ Der Händler ſtockte; Anton griff nach den Geldrollen. „Laſſen Sie liegen,“ bat Tinkeles die Hand bewegend; „der Andere heißt Hippus, wie ich habe vernommen. Er iſt ein alter Mann und hat gewohnt lange Zeit bei dem Löbel Pinkus.“ „Iſt er vom Geſchäft?“ frug Anton. — 236— „Er gehört nicht zu unſern Leuten und iſt nicht vom Geſchäft, er iſt vertauft, er iſt geweſen Sachwalter.“ „Habt Ihr mit Itzig in irgend einem Geſchäft zu thun?“ frug Anton weiter. „Soll mich bewahren der gerechte Gott vor dieſem Men⸗ ſchen,“ rief Tinkeles.„An dem erſten Tage, wo er iſt ge⸗ kommen in die Stadt, hat er mir wollen aufmachen den Schrank, worin ſind geweſen meine Sachen. Ich habe ge⸗ abt meine Mühe, ihn zu verhindern, daß er mir nicht hat genommen meine Kleider. Er nimmt's von den Lebendigen. Ich mag nichts zu thun haben mit einem ſolchen Menſchen.“ „Um ſo beſſer für Euch,“ antwortete Anton;„jetzt hört mir zu. Dem Freiherrn iſt ein Kaſten geſtohlen worden, in welchem wichtige Papiere aufbewahrt wurden. Der Dieb⸗ ſtahl iſt in dem Comtoir Ehrenthals verübt worden. Habt Ihr zufällig etwas über den Diebſtahl gehört, oder habt Ihr Argwohn, wer der Dieb ſein könnte?“ Der Galizier ſah unruhig in der Stube umher, auf An⸗ ton und die Rollen, und ſagte endlich entſchloſſen, die Augen zudrückend:„Ich weiß von nichts.“ „Und gerade dies will ich von Euch erfahren; und dies Geld iſt für den, der mir darüber Auskunft giebt.“ „Wenn ich alſo muß reden,“ ſagte der Galizier,„ſo ſoll es geſagt ſein. Ich habe gehört, daß der Menſch, welcher heißt Hippus, als er iſt geweſen betrunken, hat geſchrien und hat geſagt:„Jetzt haben wir den Rothſchwanz, er iſt gelie⸗ fert, wegen der Papiere iſt er geliefert.“ „Und weiter wißt Ihr nichts?“ frug Anton in angſtli⸗ cher Spannung. 4 —— — 237— „Nichts,“ ſagte der Galizier,„es iſt lange her, und ich habe nur wenig können verſtehen, was ſie haben mit einan⸗ der geſprochen.“ „Ihr habt das Geld, welches hier liegt, Euch nicht ver⸗ dienen können,“ entgegnete Anton nach einer Pauſe,„was Ihr mir geſagt habt, iſt wenig. Damit Ihr aber ſeht, daß mir daran liegt, von Euch Auskunft zu erhalten, ſo nehmt hier dieſe hundert Thaler; das zweite Hundert iſt Euer, ſobald Ihr mir irgend eine Spur des geſtohlnen Käſtchens oder der entwendeten Papiere ſchaffen könnt. Vielleicht iſt das Euch nicht unmöglich.“ „Es iſt nicht möglich,“ ſagte der Galizier beſtimmt, die empfangene Geldrolle in der Hand wägend und die zweite betrachtend.„Was der Itzig thut, thut er nicht ſo, daß ein Anderer auf ſeinen Weg ſehen kann, und ich bin doch nur ein Fremder im Ort und mache keine Geſchäfte mit Spitz⸗ buben.“ „Verſucht es doch,“ entgegnete Anton.„Sobald Ihr etwas erfahrt, bringt mir Nachricht, dies Geld hebe ich für Euch auf. Ich habe nicht nöthig, Euch zu ſagen, daß Ihr ſehr vorſichtig ſein und unter allen Umſtänden vermeiden müßt, dem Itzig oder ſeinen Spießgeſellen Argwohn zu geben. Verrathet gegen Niemand, daß Ihr mich kennt.“ „Ich bin kein Kind,“ antwortete Tinkeles beiſtimmend, „aber ich fürchte, ich werde Ihnen nichts dienen in dieſer Sache.“ So entfernte ſich der Galizier, nachdem er die Geldrolle in die Taſche ſeines Kaftans verſenkt hatte. Anton hatte den Namen deſſen erfahren, der vielleicht den — 238— Diebſtahl verübt hatte. Es war ihm die Möglichkeit gegeben, an dieſen Namen weitere Nachforſchungen zu knüpfen. Aber die Schwierigkeit, die fehlenden Documente ohne Hilfe der Behörde wieder zu erlangen, wurde immer größer. Unter dieſen Umſtänden faßte er den Entſchluß, welcher einem Kauf⸗ mann näher lag, als einem Beamten. Es war ein gewagter Schritt, aber er bot die Möglichkeit, in kurzer Zeit und ohne Aufſehen die Papiere in die Hände des Barons zurückzu⸗ bringen. Er wollte mit Itzig ſelbſt in Verbindung treten und das We⸗ nige, was er durch den Galizier erfahren hatte, dem Verſchla⸗ genen, Gewiſſenloſen gegenüber ſo gut als möglich zu be⸗ nutzen ſuchen. Wohl fühlte er, wie unſicher der Schritt ſei⸗ und daß ein harter Kampf mit Itzig bevorſtehe. Hätte er Alles gewußt, was der unternehmende Geiſt des Agenten in ſich herumtrug, er hätte noch mehr Bedenken gehabt, den Weg zu machen. Itzigs verſchmitzter Burfch öffnete die Thür. Anton ſtand ſeinem Schulkameraden gegenüber. Der Agent wußte bereits, daß Anton von dem Gut bei Rosmin nach der Stadt zurück⸗ gekehrt war, und hatte ſich auf dieſen Beſuch vorbereitet. Einen Augenblick betrachteten die beiden Männer einander, Beide bemüht, in Geſicht und Haltung des Gegners zu leſen, und ſich zu dem beginnenden Kampf zu rüſten. Beiden hatte ein vieljähriger vorſichtiger Verkehr mit Menſchen und den Intereſſen des Handels einiges Gleichartige gegeben. Beide waren gewöhnt, den Schein kaltblütiger Ruhe zu behaupten und das Ziel, das ſte erreichen wollten, zu verbergen, Beide waren gewöhnt an ſchnelle Ueberlegung, an behutſames Spre⸗ — — 239— chen, an kühle Haltung, Beide zeigten auch in Sprache und Geberde etwas von der Form, welche der kaufmänniſche Ver⸗ kehr dem Geſchäftsmann verleiht, Beide waren heut in einer großen innern Aufregung, welche die Wange Antons röthete und die Backenknochen Veitels mit einem hellen Schimmer überzog. Aber dem klaren Blick Antons begegnete das Auge des Gegners unruhig und lauernd, dem herben Ernſt ſeiner Haltung eine Miſchung von Trotz und Unterwürfigkeit; Beide erkannten im erſten Augenblick, daß der Gegner gefährlich und ſchwer zu beſtegen ſei, und Beide ſammelten ihre ganze Kraft. Der Kampf begann. Itzig eröffnete ihn in ſeiner Weiſe.„Es iſt mir eine Freude, auch Sie einmal bei mir zu ſehen, Herr Wohlfart,“ ſagte er mit plötzlicher Freundlich⸗ keit;„es iſt lange her, daß ich nicht das Vergnügen gehabt habe, Ihnen zu begegnen. Ich habe doch immer ein großes Intereſſe genommen an Ihnen. Wir ſind zuſammen in der Schule geweſen, wir ſind an einem Tag hierher gekommen, wir haben uns beide vorwärts gebracht in der Welt. Ich hatte gehört, daß Sie ſeien gegangen nach Amerika. Die Leute reden ſo Vieles. Ich hoffe, daß Sie jetzt wieder in der Stadt bleiben. Vielleicht treten Sie auch wieder in das Ge⸗ ſchäft des Herrn Schröter, man ſagt, er hat ſehr bedauert Ihren Abgang.“— So floſſen ihm die Worte von den Lip⸗ pen, aber ſein Blick ſuchte von allen Seiten durch die Außen⸗ ſeite Antons durchzudringen in das, was den Beſuchenden beſchäftigte. Er hatte eine Blöße gegeben, als er ſich anſtellte, nicht genau zu wiſſen, wo Anton in der letzten Zeit geweſen war. Denn daß er den Namen Rothſattel zu nennen ver⸗ — 240— mied, gab Anton die feſte Ueberzeugung, er habe Grund, bei Nennung dieſes Namens ungewöhnliche Vorſicht zu beobachten. 3 Anton erwiederte, dieſen Fehler Veitels benutzend, ſo kalt, als ob der Andere ſeine ganze Rede in die Luft geſpro⸗ chen hätte:„Ich komme, Herr Itzig, um in einer Geſchäfts⸗ angelegenheit mit Ihnen Rückſprache zu nehmen. Sie ſind mit den Verhältniſſen des Familiengutes bekannt, welches dem Baron Rothſattel gehört und jetzt im Wege der noth⸗ wendigen Subhaſtation verkauft werden ſoll.“ „Im Allgemeinen bin ich damit bekannt,“ antwortete Veitel und lehnte ſich entſchloſſen an die Ecke des Sopha's, „wie man bekannt iſt mit ſo etwas; ich habe Manches dar⸗ über gehört.“ „Sie haben im Comtoir von Ehrenthal die Geſchäfte deſſelben mit dem Baron, welche Jahre lang verliefen und die Geldverhältniſſe des Gutes betrafen, geleitet, und müſ⸗ ſen, wie ſich vorausſetzen läßt, dadurch genaue Einſicht er⸗ halten haben. Da gegenwärtig mit Ehrenthal ſelbſt ſeiner Krankheit wegen ein geſchäftlicher Verkehr nicht möglich iſt, ſo erſuche ich Sie um einige Auskunft.“ „Was ich etwa in Ehrenthals Comtoir erfahren habe als Buchhalter,“ ſagte Itzig,„das habe ich im Vertrauen erfahren und kann es einem Andern nicht mittheilen. Ich wundere mich, daß Sie ſo etwas von mir verlangen,“ ſchloß er mit einem malitiöſen Blicke. Anton erwiederte kaltblütig:„Ich verlange nichts, wo⸗ durch das Pflichtgefühl, welches Sie äußern, verletzt werden könnte. Es liegt mir daran, zu erfahren, in welchen Händen 7 — — 241— die Hypotheken gegenwärtig ſind, welche auf dem Gute haften.“— „Das können Sie leicht erfahren durch einen Auszug aus dem Hypothekenbuch,“ ſagte Veitel mit wohlangenom⸗ mener Gleichgiltigkeit. „Sie werden vielleicht gehört haben,“ fuhr der angrei⸗ fende Anton fort,„daß einige der Hypotheken in den letzten Monaten am hieſigen Platz aus einer Hand in die andere gegangen ſind; die gegenwärtigen Beſitzer ſind jedenfalls im Hypothekenbuche nicht eingetragen. Es iſt anzunehmen, daß die Inſtrumente aufgekauft ſind, um einem Kaufluſtigen bei der Subhaſtation den Kauf entweder zu erleichtern, oder auch zu erſchweren.“ 3 Bis hierher war das Geſpräch eine alltägliche Vor⸗ bereitung zum ernſten Gefecht geweſen, etwa wie die erſten Züge im Schach, oder wie der Anfang eines Wett⸗ rennens. Itzigs Ungeduld führte durch einen Sprung wei⸗ ter hinein. „Haben Sie Auftrag, das Gut zu kaufen?“ frug er plötzlich. 1 „Nehmen Sie an, ich habe einen ſolchen Auftrag,“ er⸗ wiederte Anton,„und ich wünſchte mir dabei Ihre Mitwir⸗ kung zu ſichern. Sind Sie im Stande, mir in kürzeſter Zeit Auskunft zu verſchaffen? und wollen Sie die etwa nöthigen Verhandlungen wegen Ankaufs der Hypotheken übernehmen?“ Itzig überlegte. Es war möglich, daß Anton nur deß⸗ halb kam, um dem Freiherrn oder ſeinem Freunde Fink bei der Subhaſtation das Gut zu ſichern. In dieſem Fall war I. 3 16 — 242— er in Gefahr, das ſtille Ziel langer Arbeit, gefährlicher Tha⸗ ten verrückt zu ſehen. Wenn Fink durch ſein Vermögen den Freiherrn deckte, ſo verlor Itzig das Gut. Dann mußte er einen andern Weg einſchlagen, ſich von dem Baron Geld zu machen. Während er dies in ſtürmiſcher Bewegung überleg te, er, wie forſchend Anton auf ihn blickte. Er is daraus mit dem Scharfſinn eines böſen Gewiſſens, daß Anton etwas von ſeinen Plänen errathen habe und daß er noch Anderes von ihm wolle. Wahrſcheinlich war dieſer Antrag nur eine Finte. Er beeilte ſich daher, mit großer Geläufigkeit ſeine Mitwirkung zu verſprechen, und äußerte die Hoffnung, daß ihm wohl gelingen werde, die gegenwärtigen Beſitzer der Hypotheken noch zu rechter Zeit zu ermitteln. Anton ſah, daß der Schurke ihn verſtanden hatte und auf ſeiner Hut war. Er änderte den Angriff. „Kennen Sie einen gewiſſen Hippus?“ frug er ſchnell und ſah ſeinem Gegner ſcharf ins Geſicht. Einen Moment zuckten die Augenlider Itzigs, und die leiſe Röthe zeigte ſich wieder auf ſeiner Wange. Zögernd, als ſuche er den Namen in ſeinem Gedächtniß, antwortete eer:„Ja, ich kenne ihn. Er iſt ein heruntergekommener, nichtsnutziger Mann.“ Anton merkte, daß er den rechten Punkt getroffen hatte. „Vielleicht erinnern Sie ſich, daß vor ein und einem halben Jahr aus dem Comtoir Ehrenthals eine Caſſette des Frei⸗ herrn mit Papieren und Documenten geſtohlen wurde, welche für den Freiherrn große Wichtigkeit hatten.“ ig ſaß ruhig, nur ſeine Augen fuhren unſicher hin und her. Kein Fremder würde dies Zeichen eines böſen Ge⸗ — 243— wiſſens erkannt haben, aber Anton ſah in den veränderten Zügen deutlich das alte Geſtcht des Oſtrauer Schulknaben, daſſelbe Geſicht, welches der Knabe Veitel gemacht hatte, wenn ihm der Diebſtahl einer Feder oder eines Bogens Pa⸗ pier vorgeworfen wurde. Itzig wußte um rirganine er wußte um den Diebſtahl. 3 Endlich erwiederte der Agent gleichgiltig:„Ich e. von der Caſſette gehört, es war kurz bevor ich Ehrenthals Geſchäft verließ.“ 4 „Wohl,“ fuhr Anton fort,„dis geſtohlenen Papiere konnten für den Dieb keinen Werth haben. Es iſt aber Grund, anzunehmen, daß dieſelben auf irgend eine Weiſe in die Hände eines Dritten hier am Ort gekommen ſind.“ „Das iſt nicht unmöglich,“ antwortete Itzig,„aber für wahrſcheinlich halte ich nicht, daß Jemand werthloſe Papiere ſo lange aufhebt.“ „Ich weiß,“ fuhr Anton fort,„daß die Papiere vor⸗ handen ſind, ja ich weiß, daß ſie dazu benutzt werden ſollen, von dem Baron auf irgend eine Weiſe Vortheile zu er⸗ langen.“. Itzig bewegte ſch unruhig auf ſeinem Stuhl, er ſah vor ſich nieder, und die Flecke auf ſeiner Wange wurden röther, aber er ſchwieg, auch Anton machte eine Pauſe. Ueberlegend ſtanden Beide einander gegenüber. Endlich wurde dem An⸗ gegriffenen das Schweigen unerträglich, er rückte ſich mit feſtem Entſchluß zurecht, zwang ſich, ſeinen Gegner anzuſehen, und frug mit heiſerer Stimme:„Und wozu wwihnen Sie gegen mich dieſe Sache?“ „Sie ſollen über das, was ich will, nicht in Gwaße 16* 8 — 244— 4 bleiben,“ ſagte Anton.„Ich weiß, daß die Papiere hier vorhanden ſind, ich habe Grund, anzunehmen, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit möglich ſein wird, den Beſitzer der⸗ ſelben zu ermitteln, Sie werden durch jenen Hippus die Auskunft hhſi können, welche Sie etwa noch brauchen.“ arum durch dieſen?“ frug Veitel ſchnell. „Er hat in Gegenwart von Zeugen Aeußerungen gethan, welche die ſichere Ueberzeugung begründen, daß er mit dem Inhalt jener Papiere genau bekannt iſt.“ Itzig preßte die Zähne zuſammen, und nur ein Murmeln wurde vernehm⸗ lich, welches, bis zu Worten verſtärkt, ungefähr gelautet hätte:„Der betrunkene Schuft!“ Anton fuhr fort:„Der Freiherr hat die Rechte, welche Ehrenthal an die geſtohlenen Schulddocumente hat, durch gerichtliche Depoſttion der betreffenden Summe bereits ab⸗ gekauft. Die Caſſette und ihr Inhalt ſind Eigenthum des Freiherrn. Wenn durch Ihre Hilfe die Papiere geſchafft und den Händen des Freiherrn oder ſeines Bevollmäch⸗ tigten übergeben werden können, ſo würde der Freiherr, dem weniger an der Verfolgung des Diebes, als der Wiederer⸗ langung der Papiere gelegen iſt, bereit ſein, eine Summe an denjenigen zu zahlen, der ihm die Documente wieder ſchafft.“ Wohl hatte dieſer Antrag für Itzig viel Lockendes, ſelbſt er hatte in der ganzen Zeit den Druck des Verbrechens ge⸗ fühlt, mit ſteigendem Widerwillen hatte er die Kameradſchaft des trunkenen Hippus ertragen. Wenn jetzt fremdes Geld dem Baron zu Hilfe kam, wenn er ſelbſt die Ausſicht, das Gut zu erwerben, aufgeben mußte, ſo war der Augenblick gekom⸗ — 245— men, wo er gegen eine gute Summe das verhängnißvolle Papier in die Hände des Freiherrn zurückgeben konnte. Aber das angebotene Geſchäft war auch gewagt, wenn Anton nach Auslieferung der Papiere noch an Verfolgung des Diebes dachte. Deßhalb frug Itzig:„Wenn dem Baron ſo viel daran liegt, die Caſſette wieder zu erhalten, wie kommt es, daß damals, als ſie verſchwunden war, ſo wenig Lärm gemacht wurde, weder von Ehrenthal noch von dem Baron ſelbſt? Ich habe nicht gehört, daß der Polizei Anzeige zuge⸗ kommen iſt, und daß man Nachforſchungen angeſtellt hat.“ Dieſe Frechheit empörte Anton. Er antwortete gereizt: „Der Diebſtahl war von Umſtänden begleitet, welche für Ehrenthal eine Unterſuchung peinlich machen mußten, die Caſſette verſchwand aus ſeinem verſchloſſenen Comtoir, viel⸗ leicht unterblieb aus ſolchen Rückſichten die gerichtliche Nachforſchung.“ Itzig erwiederte:„Wenn ich mich recht erinnere, ſagte Ehrenthal damals zu ſeinen Bekannten, daß die Unterſu⸗ chung unterbliebe aus Rückſicht auf den Baron.“ Anton empfand tief dieſen Hieb des Gauners, er dachte an Lenore, an die große Zahl demüthigender Empfindungen, welche die Familie in dem letzten Jahr gehabt hatte, und vermochte nur mühſam ſeine Ruhe zu behaupten, als er ſagte:„Vielleicht hatte der Baron noch andere Gründe, damals die Sache fal⸗ len zu laſſen.“. Jetzt war Veitel ſicher. An Antons unterdrücktem Aerger erkannte er, wie lebhaft dieſer die Nothwendigkeit fühlte, den Freihern zu ſchonen; ſein Anerbieten war ernſtlich gemeint, der Freiherr hatte Angſt vor dem Diebe. Und von dieſem — 246— Augenblick bekam er alle Ruhe wieder, ſein Benehmen wurde ſo kalt und ſicher, daß Anton empfand, er ſei in Nachtheil geſetzt, und ſein ſchlauer Gegner entſchlüpfe ihm unter den Händen, denn ruhig begann Itzig:„Soweit ich den Hippus kenne, iſt er ein unzuverläſſiger Menſch, der ſich oft betrinkt. Wenn er im Trunke etwas geſagt hat, ſo fürchte ich, wird es uns nicht viel helfen, zu den Papieren zu kommen. Hat er Ihnen denn ſichere Anzeige gebracht, worauf wir ihm Anerbietungen machen können?“ t Jetzt hatte Anton Urſache, auf ſeiner Hut zu ſein.„Er hat vor Zeugen Ausſagen gethan, welche die Ueberzeugung geben, daß er die Papiere kennt, daß er weiß, wo ſich dieſel⸗ ben befinden, und die Abſicht hat, ſie zu ingend einem Zweck zu gebrauchen.“ „Vielleicht iſt das genug für die Juriſten, aber nicht genug für einen Geſchäftsmann, um mit ihm zu unter⸗ handeln,“ fuhr Veit fort;„wiſſen Sie genau, was er geſagt hat?“ Anton Parirts und ſchlug auf ſeinen Gegner, indem er ſagte:„Seine Mittheilungen ſind mir und mehreren andern Perſonen genau bekannt, ſie ſind der Grund, daß ich Sie aufgeſucht habe.“ Itzig mußte dies gefährliche Thema weriafſen.„Und welche Summe will der Baron daran wenden, die Papiere wieder zu erlangen? Ich will ſagen,“ verbeſſerte er einlenkend, „iſt es ein Geſchäft, auf welches Mühe und Zeit zu verwen⸗ den lohnt? Ich habe jetzt vieles Andere, was mir zu thun macht. Sie werden nicht verlangen, daß ich wegen ein Paar Louisd'or meine Zeit verbringe, um etwas zu ſuchen, was ſo — 247— unbedeutend iſt und ſo ſchwer zu faſſen, wie Papiere, die Einer verſteckt hält.“ Vor Jahren, als die Beiden mit einander nach der Haupt⸗ ſtadt zogen, welche ſich jetzt als Feinde gegenüber ſtanden, da war es der Judenknabe, welcher nach Papieren ſuchte, von denen er in kindiſchem Unverſtand das Glück ſeiner Zukunft abhängig glaubte. Damals war er bereitwillig geweſen, das Gut des Freiherrn für Anton zu kaufen. Und jetzt war der Andere ausgegangen, geheimnißvolle Documente zu ſuchen, der Andere forderte jetzt das Gut des Freiherrn von ihm, und er war ein Wiſſender geworden. Er hatte die geheim⸗ nißvollen Recepte gefunden, er hielt das Gut des Freiherrn feſt in ſeiner Hand für ſich ſelbſt, und ſein Schickſal näherte ſich der Erfüllung. Beide Männer dachten in demſelben Augenblick an den Tag ihrer gemeinſamen Reiſe. Anton antwortete:„Ich habe Vollmacht, über die Summe mit Ihnen zu verhandeln; ich bemerke Ihnen aber, daß die Angelegenheit eilt. Deßhalb erſuche ich Sie, mir vor Allem zu erklären, ob Sie geneigt ſind, die Documente an den Baron von Rothſattel zu überliefern und bei Ankauf der. Hypotheken in unſerm Intereſſe thätig zu ſein.“) „Ich werde Erkundigungen einziehen und mir überlegen, ob ich Ihnen dienen kann,“ erwiederte Veitel kalt. Anton frug ebenſo:„Welche Zeit verlangen Sie, um ſich zu entſcheiden?“ „Drei Tage,“ erwiederte der Agent. „Ich kann Ihnen nur vier und zwanzig Stunden be⸗ willigen,“ ſprach Anton beſtimmt;„wenn mir in dieſer Zeit 6— 248— Ihre Erklärung nicht wird, ſo werde ich im Auftrage des Freiherrn jedes, auch das äußerſte Mittel anwenden, die Papiere wieder zu erlangen, oder mich von Vernichtung der⸗ ſelben zu uͤberzeugen. Und Alles, was ich über die Ent⸗ wendung und den gegenwärtigen Verſteck der Documente weiß, werde ich benutzen, um die zu entdecken, welche das Verbrechen verübt haben.“ Er zog ſeine Uhr und wies auf das Zifferblatt:„Morgen zu derſelben Stunde werde ich mir Ihre Antwort holen.“ So verlief die verhängnißvolle Unterredung. Als Anton die Thür hinter ſich zuzog, ſtand Itzigs Entſchluß feſt. Er warf noch einen Blick auf den Davoneilenden, einen Blick voll Furcht und Haß. Sein Schulkamerad war ſein gefähr⸗ lichſter Feind geworden. Er wußte jetzt, wie ſehr Anton im Intereſſe des Freiherrn handelte. Er hatte eine dunkle Ahnung davon, daß die Verbindung Antons mit der Fami⸗ lie des Freiherrn an jenem Tage begonnen hatte, wo die Tochter des Freiherrn den Andern über den Teich ruderte und er im Staube der Landſtraße zuſah. Er war geneigt, anzu⸗ nehmen, daß Anton auf einem ganz andern Wege als er nach dem Beſitz deſſelben Gutes ſtrebe. So erwachte aller Trotz ſeiner ſelbſtſüchtigen Seele und machte ihn feſt.„Noch acht Tage,“ murmelte er,„bis zur Verlobung mit Roſalie. Den Tag darauf finde ich die Schuldſcheine in einem Winkel von Ehrenthals Comtoir. Dann ſollen der Rothſattel und ſeine Freunde den Vergleich ſuchen auf die Bedingungen, die ich ihnen ſtelle. Durch die einzige Drohung, daß ich die Aus⸗ einanderſetzung gerichtlich machen laſſe und das Verfahren des Barons unter die Geſchäftsleute bringe, zwinge ich dieſen — — — 249— Wohlfart zu Allem, was ich will. Nur noch acht Tage! So lange halte ich ihn hin und dann hab' ich gewonnen.“ Als Anton nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden an Itzigs Wohnung kam, fand er die Thür verſchloſſen. Er kehrte an demſelben Abend zweimal wieder, Niemand war für ihn zu Hauſe. Am nächſten Morgen empfing ihn der ſchlaue Burſch und erwiederte auf Antons Frage: Herr Itzig ſei verreiſt, es ſei möglich, daß er ſchon in dieſer Stunde zurückkomme, es ſei auch möglich, daß er erſt in einigen Tagen wieder zu ſprechen ſei. Aus dem geläufigen Geſchwätz erkannte Anton, daß der Knabe nach Anweiſung redete. Von der Thür Itzigs ging Anton zu einem Beamten, welcher in dem Ruf ſtand, das thätigſte Mitglied der Ent⸗ deckungspolizei zu ſein. Er theilte dieſem mit Vorſicht das Köthigſte über die geſtohlene Caſſette und deren Inhalt mit, und bat um ſeinen Rath; er äußerte ſeinen Verdacht, daß der Diebſtahl durch den Advocaten unter Mitwiſſen des Agenten Itzig verübt ſei, und verſchwieg nicht die unvollſtän⸗ digen Warnungen, welche der ehrenwerthe Tinkeles gemacht hatte. Der Beamte hörte mit Antheil auf Antons Bericht und ſagte endlich:„Bei dem ungenügenden Material, wel⸗ ches Sie geben, hat mir der Name Hippus das meiſte In⸗ tereſſe. Er iſt ein ſehr gefährliches Subject, das ich bis jetzt immer noch nicht recht habe faſſen können. Wegen Schwin⸗ delei und kleiner Betrügereien iſt er öfter beſtraft und ſteht unter polizeilicher Aufſicht. An die andere Perſon, welche Sie mir nennen, habe ich allerdings nicht dieſelben Rechte. Uebrigens ſind die Indicien, auf welche Sie hinweiſen, — 250— ſo gering, daß eine amtliche Verfolgung der Sache kaum thunlich erſcheint. Iſt doch der Diebſtahl ſelbſt, der vor Jahresfriſt verübt ſein ſoll, der Behörde noch nicht einmal officiell angezeigt.“ „Rathen Sie mir,“ frug Anton,„nach dem, was Sie von dieſem Hippus wiſſen, ihn aufzuſuchen, und vielleicht im Wege der Unterhandlung die verſchwundenen Documente zu erwerben?“ Achſelzuckend erwiederte der Beamte:„Von meinem Standpunkt darf ich einen ſolchen Rath nicht ertheilen, ich fürchte aber auch, dieſer Schritt würde keinen Erfolg haben. Denn wenn der Verdächtige die Documente zum Nutzen eines Andern verwendet hat, ſo werden ſie nicht mehr in ſeinen Händen ſein. Und daß er ſeinen Mitſchuldigen verrathen ſollte, iſt wenigſtens vorläufig nicht anzunehmen.“ „Und ſind Sie unter ſolchen Umſtänden ganz außer Stande, mir zur Wiedererlangung der Documente behilflich zu ſein?“ frug Anton. „Da die erſte Bedingung für meine Thätigkeit ſein muß, daß der Diebſtahl angezeigt, und in der Anzeige die geſtoh⸗ lenen Sachen ſo genau als möglich angegeben ſind, ſo kann ich Ihnen jetzt noch bei Ihren Nachforſchungen keine directe Hilfe leiſten. Da Sie aber gerade Herrn Hippus, an dem ich ein perſönliches Intereſſe nehme, zum Gegenſtand Ihrer Verfolgung erwählt haben, ſo will ich thun, was ich irgend vermag. Ich will noch heut bei ihm Hausſuchung vorneh⸗ men. Ich ſage Ihnen im voraus, daß wir nichts finden werden. Ich bin ferner bereit, dieſe Hausſuchung einige Tage darauf zu wiederholen, auf die Gefahr, meinen guten 8 — — —— 4 Ruf in den Augen des wackeren Hippus einzubüßen. Denn der Kunſtgriff, Diebe durch eine oberflächliche Hausſuchung ſicher zu machen, iſt zwar bei Neulingen wirkſam, aber bei dieſem erfahrenen Mann ſo wenig angebracht, daß er mir deßhalb möglicherweiſe ſeine Verachtung gönnen wird. Ganz ſicher iſt, daß wir auch bei der zweiten Hausſuchung nichts finden werden.“ „Und welchen Vortheil kann dieſe Maßregel für mich haben?“ frug Anton reſignirt.. „Einen größern, als Sie glauben. Da Sie den Weg der Verhandlung mit dem Agenten Itzig bereits eingeſchla⸗ gen haben, ſo werden Sie möglicherweiſe durch unſer Ein⸗ greifen leichteres Spiel gewinnen. Denn eine Hausſuchung hat in der Regel die Wirkung, die Betroffenen zu beunru⸗ higen. Und obgleich ich gar nicht ſicher bin, wie Hippus eine ſolche Heimſuchung aufnehmen wird, ſo glaube ich doch, daß ſie auch ihm ein gewiſſes Unbehagen einflößen wird. Das kann Ihre Bemühungen unterſtützen. Ich will zum Ueberfluß dafür ſorgen, daß die Hausſuchung das erſte Mal ungeſchickt und mit Oſtentation gemacht wird. Glücklicher Weiſe hat er jetzt wieder eine feſte Wohnung, er hat eine Zeitlang Ruhe vor uns gehabt und iſt ſicher geworden. Auch höre ich, daß er alt und kränklich wird, das Alles mag Ihnen helfen, den Mann auf irgend einem Wege zu fangen.“ Mit dieſem Beſcheide mußte ſich Anton entfernen. —“ 252— 4. Es war ein finſterer Novemberabend; der Nebel lag auf der Stadt, er füllte die alten Straßen und Plätze und drang durch die offenen Thüren in die Häuſer. Er ballte ſich um die Straßenlaternen, deren Licht in einer röthlichen Dampf⸗ kugel flackerte und nicht drei Schritt weit den Boden erleuch⸗ tete. Er ſchwebte über dem Fluſſe und wälzte ſich dort in dicken Maſſen durcheinander. Eine Schaar langſchleppiger, grauer Geſtalten zog über den ſchwarzen Strom dahin, über die alten Waſſerpfähle, unter den Brücken durch, eine ge⸗ ſpenſtige Bande von giftigen Dünſten! Sie rollten an den Treppen hinauf, hefteten ſich an die Holzpfeiler der Galerien und wogten geſchäftig durcheinander. Zuweilen entſtand eine Lücke zwiſchen den Gebilden des Nebels, dann konnte man auf das ſchwarze Waſſer hinabſehen, welches wie ein unterirdiſcher Strom des Verderbens an den Wohnungen der Menſchen dahinfloß. Die Straßen waren leer, hier und da ſah man eine Geſtalt in der Nähe einer Laterne auftauchen und ſchnell wieder in der Finſterniß verſchwinden. Unter dieſen dämmerigen We⸗ ſen war auch ein kleiner zuſammengedrückter Mann, der mit unſicherem Schritte vorwärts ſtrebte und unter den Laternen fortſchlüpfte, ſo ſchnell ihm dies die wankenden Füße erlaub⸗ ten. Durch den Hausflur wankte er in den Hof, in welchem — . 3 „ Cuch die Polizeidiener auf der Ferſe ſind?“ — 253— Itzigs Comtoir war, und ſah nach den Fenſtern des Agenten hinauf. Die Vorhänge waren heruntergelaſſen, aber durch die Ritzen drang ein Lichtſchimmer. Der kleine Mann ver⸗ ſuchte feſtzuſtehen, ſtarrte nach dem Licht, ſtreckte die geballte Fauſt nach der Höhe und ſchüttelte ſie drohend; dann ſtieg er die Treppe hinauf und klingelte heftig zwei, drei Mal. Endlich hörte man einen leiſen Schritt, die Thür wurde geöffnet, der Kleine fuhr hinein und lief durch das Vor⸗ zimmer, welches Itzig hinter ihm abſchloß. Veitel ſah noch bleicher aus als gewöhnlich, und ſein Auge fuhr unſtät über die Geſtalt des ſpäten Gaſtes. Hippus aber war nie ein einladendes Bild männlicher Schönheit geweſen, heut ſah er wahrhaft unheimlich aus. Seine Züge waren tief ein⸗ gefallen, eine Miſchung von Angſt und Trotz ſaß in dem häßlichen Geſicht, und tückiſch ſahen ſeine Augen über den angelaufenen Brillengläſern auf den fruͤheren Schüler. Sicher war er wieder betrunken, aber eine fieberiſche Angſt hatte ſeine Lebensgeiſter alarmirt und für den Augenblick die Wirkung des Branntweins gelähmt. „Sie ſind mir auf dem Nacken,“ rief er und fingerte mit ſeinen Händen unruhig in die Luft.„Sie ſuchen mich!“ „Wer ſoll Euch ſuchen?“ frug Itzig, aber er wußte, wer ihn ſuchte. „Die Polizei, du Schuft,“ ſchrie der Alte.„Um dei⸗ netwillen ſtecke ich in der Klemme. Ich darf nicht mehr zu Hauſe, du mußt mich verſtecken.“ „So weit ſind wir noch nicht,“ antwortete Veitel mit aller Kälte, die ihm zu Gebote ſtand;„woher wißt Ihr, daß 33 — 254— „Die Kinder auf der Straße erzählen einander davon,“ rief Hippus;„auf der Straße hab ich's gehört, als ich in mein Loch kriechen wollte, Es war ein Zufall, daß ſie mich nicht in meiner Stube fanden. Sie ſtehen an meinem Hauſe, ſte ſtehen auf der Treppe, ſie warten, bis ich zurückkomme. Du ſollſt mich verſtecken, Geld will ich haben, über die Grenze will ich; hier iſt meines Bleibens nicht mehr; du mußt mich fortſchaffen.“ „Fortſchaffen,“ wiederholte Veitel finſter,„und wohin?“ „Dahin, wo mich die Polizei nicht einholt, über die Grenze, nach Amerika!“ „Und wenn ich nicht will,“ ſprach Itzig feindſelig und überlegend. „Du wirſt wollen, Einfaltspinſel. Biſt du noch ſo grün, daß du nicht weißt, was ich thun werde, wenn du mir nicht aus der Klemme hilfſt, du Taugenichts? Sie werden auf dem Criminalgericht Ohren haben für das, was ich von dir weiß.“ „Ihr werdet ſo ſchlecht nicht ſein und einen alten Freund verrathen,“ ſagte Itzig in einem Tone, der ſich vergebens be⸗ mühte, gefühlvoll zu ſein.„Seht die Sache ruhiger an, was iſt zuletzt für Gefahr, wenn ſie Euch arretiren? Wer kann Euch etwas beweiſen? Sie müſſen Euch aus Mangel an Beweis wieder loslaſſen. Ihr kennt das Geſetz ja ebenſo. gut, wie die vom Gericht.“ „So?“ ſchrie der Alte giftig,„meinſt du, daß ich ins Loch kriechen werde um deinetwillen, um eines ſolchen Hans⸗ wurſtes willen! daß ich bei Waſſer und Brod ſitzen werde, während du hier Gänſebraten ißt und den alten Eſel von 4 V 1 Hippus auslachſt. Ich will nicht ins Loch, ich will fort, und bis ich fort kann, ſollſt du mich verſtecken.“ „Hier könnt Ihr nicht bleiben,“ antwortete Veitel fin⸗ ſter,„hier iſt keine Sicherheit für Euch und für mich; der Jakob wird Euch verrathen, die Leute im Hauſe werden mer⸗ ken, daß Ihr hier ſeid.“ „Das iſt deine Sorge, wo du mich unterbringſt,“ ſagte der Alte,„aber von dir verlange ich, daß du mir heraus⸗ hilfſt, oder—“ „Halt Euer Maul,“ ſagte Veitel,„und hört mir zu: Wenn ich Euch auch Geld geben will und dafür ſorgen, daß Ihr mit der Eiſenbahn nach Hamburg und über das Waſ⸗ ſer kommt, ſo kann ich es doch nicht machen gleich und nicht machen von mir aus. Ihr müßt bei Nacht ein Paar Mei⸗ len bis zu einer kleinen Station der Eiſenbahn geſchafft werden, ich darf Euch die Fuhre nicht miethen, das könnte Euch verrathen, und wie Ihr hier vor mir ſteht, ſeid Ihr zu ſchwach zum Gehen. Ich muß Euch mit einer Gelegen⸗ heit fortbringen, von der ich erſt ſehen muß, ob ich ſie finde. Unterdeß muß ich Euch an einen andern Ort ſchaffen, wo die Polizei nicht weiß, daß ich ſelbſt hinkomme, denn ich fürchte, ſte wird Euch bei mir ſuchen. Wenn Ihr nicht nach Hauſe kommt, ſo wird ſie Euch ſuchen bei mir vielleicht ſchon heut Nacht. Ich will gehen und nachſehen, Daß ich Euch eine Fuhre verſchaffe und einen Ort, wo Ihr bleiben könnt. Unterdeß ſollt Ihr bleiben in der hintern Stube, bis ich zurückkomme.“ Er öffnete die Thür, Herr Hippus 6 ſchlüpfte wie eine geſcheuchte Fledermaus hinein. Veitel wollte die Thür hinter ihm ſchließen, aber das alte Geſchöpf — 256— klemmte ſeinen Leib zwiſchen die Thüre und ſchrie in voller Entrüſtung:„Ich will nicht im Finſtern bleiben, wie eine Ratte, du wirſt mir Licht hier laſſen. Ich will Licht haben, du Satan!“ ſchrie er laut. „Man wird unten ſehen, daß Licht in der Stube iſt; das wird uns verrathen.“ „Ich will nicht im Finſtern ſitzen!“ ſchrie der Alte wieder. Mit einem Fluch ergriff Veitel die Lampe und trug ſte in das zweite Zimmer. Dann ſchloß er die Thüre und eilte auf die Straße. Vorſichtig näherte er ſich dem Hauſe des Löbel Pinkus. Dort war Alles ruhig; von dem Hausflur ſah er durch das kleine Schiebefenſter in den Branntweinladen, wo Pinkus und einige Gäſte in der Sorgloſigkeit eines guten Bewußt⸗ ſeins zuſammenſaßen. Er ſchlich die Treppe hinauf nach ſeiner frühern Stube, holte dort aus einem verſteckten Win⸗ kel einige verroſtete Schlüſſel, betrat vorſichtig den Schlaf⸗ ſaal und ſah mit Freude, daß dieſer nicht erleuchtet und leer war. Er eilte auf die Galerie. Dort blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen und ſah auf die rollenden Nebelmaſſen und die dunkle Fluth. Der Augenblick war günſtig, es war hohe Zeit, ihn zu benutzen, denn unregelmäßig ſtrich ein Luftzug über das Waſſer; ſchon war am Nachthimmel ein unruhiges Treiben ſichtbar, zerriſſen flogen die dunkeln Wogen über dem Strome dahin, in kurzer Zeit mußte der Wind auch den Strom, die Umriſſe der Hauſer und die Laternen freimachen, welche an der Straßenecke wie rothe Punkte glänzten. — 257— Itzig eilte an das Ende der Galerie und ſteckte einen Schlüſſel in die Thür, welche den Eingang zur Waſſer⸗ treppe verdeckte. Knarrend flog die Thür auf, er ſtieg bis an den Rand des Fluſſes hinab und unterſuchte die Höhe der Fluth. Hohl gurgelte das Waſſer und ſtaute ſich an den letzten Stufen der Treppe. Der Fußſteig war überſchwemmt, welcher längs den Häuſern am ſeichten Rande des Strom⸗ bettes faſt das ganze Jahr ſichtbar war. Aber nur wenige Schritte durfte man im Waſſer gehen, um von dieſer Treppe zu der Treppe des Nebenhauſes zu gelangen. Veitel ſah ſtarr auf das Waſſer und ſteckte ſeinen Fuß in die eis⸗ kalte Fluth, um zu fühlen, wie tief man zu ſteigen habe, um auf den Grund zu kommen. So beſorgt war er für die Ret⸗ tung des alten Mannes, daß er die Kälte an ſeinem Bein nicht beachtete; er empfand ſie nicht einmal. Das Waſſer reichte ihm bis an die Knie. Noch einen Blick warf er auf die Häuſer in der Nähe. Alles war Finſterniß, Dampf, Grabesſtille, nur das Waſſer und der Wind murmelten klagend. Unterdeß verſuchte Hippus ſich in der verſchloſſenen Stube häuslich einzurichten. Nachdem er den abgehenden Veitel durch gottloſe Flüche und geballte Fäuſte, die er ihm nachſchleuderte, auf ſeinem Gange geſegnet hatte, wandte er ſeinen verſtörten Geiſt auf Unterſuchung des Zimmers. Er wankte zu einem niedrigen Schrank, drehte den Schlüſſel und ſuchte nach einer Flüſſigkeit, die ihm die ſinkende Kraft und den trockenen Gaumen erfriſchen könnte. Er fand eine Flaſche mit Rum, goß ihren Inhalt in ein Bierglas und ſchlürfte ihn mit ſo großer Haſt hinunter, als das ſcharfe III. 17 8 — 258— Gift möglich machte. Ein kalter Schweiß trat dem unglück⸗ lichen Geſchöpf ſogleich auf die Stirn, er zog die Reſte eines Taſchentuchs hervor, wiſchte ſein Geſicht eifrig ab und ging breitſpurig mit trunkenen Schritten und mit ſchnell wach⸗ ſendem Muth in der Stube auf und ab, indem er laut dazu phantaſirte. „Er iſt ein Lump, ein ſchuftiger, feiger Haſe, ein jäm⸗ merlicher Schacherer iſt er; wenn ich ihm ein altes Taſchen⸗ tuch verkaufen will, er muß es kaufen, es iſt ſeine Natur, er iſt ein varechtliches Subject. Und mir will er trotzen, mich will er ins Gefängniß ſtecken, und er ſelbſt will hier ſitzen auf dieſem Sopha und bei dieſer Rumflaſche, der Hunds⸗ fott!“ Dabei ergriff er die leere Flaſche und warf ſie zor⸗ nig gegen das Sopha, daß ſie an dem Holz der Lehne zer⸗ ſprang.„Wer war er?“ fuhr er in ſteigendem Zorne fort. „Ein ſchachernder Hanswurſt. Durch mich iſt er geworden, was er iſt; ich habe ihn pfeifen gelehrt, den Gimpel. Wenn ich pfeife, muß er tanzen, er iſt nur mein Lockvogel, ich bin der Vogelſteller. Dein Vogelſteller bin ich, du ruppiges Scheuſal.“ Hier verſuchte der Alte zu pfeifen:„Freuet euch des Lebens,“ erhob die Beine und machte einen Ver⸗ ſuch, luſtig umher zu ſpringen. Wieder ſtrömte ihm der kalte Schweiß von der Stirne, er zog wieder den Lappen aus der Taſche, trocknete ſich das Geſicht ab und ſteckte das Tuch ſorgfältig wieder ein.—„Er wird nicht zurückkommen,“ rief er plötzlich;„er läßt mich hier ſitzen, ſie werden mich finden.“ Er rannte nach der Thür und rüttelte heftig dar⸗ an.„Eingeſchloſſen hat mich der Schuft, ein Jude hat mich eingeſchloſſen,“ ſchrie das Geſchöpf kläglich und rang — 259— die Hände.„Ich muß verhungern, ich muß verdurſten in dieſem Gefängniß. Oh, oh! er hat ſchlecht an mir ge⸗ handelt, niederträchtig an ſeinem Wohlthäter, er iſt ein un⸗ dankbarer Böſewicht, ein Rabenſohn iſt er.“ Dabei fing er an zu ſchluchzen.„Ich habe ihn gepflegt, als er krank war, ich habe ihn Kunſtſtücke gelehrt, ich habe ihn zu einem Manne gemacht, und ſo lohnt er ſeinem alten Freund.“ Der Advocat weinte laut und rang die Hände. Plötzlich blieb er vor dem Spiegel ſtehen, auf welchen der helle Glanz des Lichtes fiel, erſchrocken ſtarrte er die Geſtalt an, welche ihm in dem Spiegel gegenüber ſtand. Immer zorniger wurde ſein Blick, immer grauſtger der Glanz ſeiner Augen, er ſah von dem Spiegelglas auf den Rahmen, ſchob ſich die verbo⸗ gene Brille zurecht und bewegte ſuchend den Kopf den Rah⸗ men entlang. Der Spiegel kam ihm bekannt vor. Hatte der Zufall ein Möbel aus ſeinem frühern glänzenden Leben in den geheimen Trödel des Pinkus und von da in Itzigs Wohnung geführt, oder täuſchte den Trunkenen nur eine Aehnlichkeit?— aber die Erinnerung an ſein Schickſal er⸗ füllte ihn mit Wuth.„Es iſt mein Spiegel,“ ſchrie er laut,„mein eigener Spiegel iſt es, den der Schurke in ſei⸗ ner Stube hat;“ toll fuhr er durch das Zimmer, packte ei⸗ nen Stuhl in wahnwitziger Kraft und ſtieß ihn mit den Bei⸗ nen gegen das Spiegelglas. Klirrend zerbrach die Platte in Scherben, aber immer und immer wieder ſtampfte der Be⸗ trunkene mit dem Stuhle gegen das Holz und ſchrie dabei wie raſend:„In meiner Stube hat er gehangen, der Schurke hat mir den Spiegel geſtohlen, er hat mein Glück geſtohlen, zur Hölle mit ihm!“ 17* — 260— In dem Augenblicke ſtürzte Veitel herein, ſchon auf dem Vorſaal hatte er wüſten Lärm gehört und fürchtete das Aergſte. Als der Advocat den Eintretenden ſah, ſtürzte er mit gehobenem Stuhle auf ihn zu und ſchrie:„Du haſt mich ins Elend gebracht, du ſollſt die Zeche bezahlen!“ Da⸗ bei führte er einen Schlag nach Itzigs Haupt. Dieſer fing den Stuhl auf, warf ihn bei Seite und faßte den Alten mit überlegener Kraft. Hippus ſträubte ſich zwiſchen ſeinen Hän⸗ den wie eine wilde Katze und rief alle Flüche, die er finden konnte, auf ſeinen Bändiger herab. Veitel drückte ihn mit Gewalt in eine Ecke des Sopha's und flüſterte, ihn feſthal⸗ tend:„Wenn Ihr nicht ruhig ſeid, alter Mann, ſo iſt's um Euch geſchehen.“ Der Alte ſah aus den Augen Itzigs, welche dicht vor den ſeinen ſtarrten, daß er von dem Empörten das Aergſte zu fürchten hatte, der Parorysmus verließ ihn, er ſank kraftlos zuſammen und wimmerte nur leiſe, am ganzen Körper ſchauernd:„Er will mich tödten!“ „Das will ich nicht, Ihr betrunkener Narr, wenn Ihr ruhig ſeid; welcher Teufel treibt Euch, mir meine Stube zu verwüſten?“ 3 „Er will mich tödten,“ wimmerte der Alte,„weil ich meinen Spiegel wiedergefunden habe.“ „Ihr ſeid verrückt,“ rief Veitel, ihn ſchüttelnd,„nehmt Eure Kraft zuſammen, Ihr dürft hier nicht bleiben, Ihr müßt fort, ich habe ein Verſteck für Euch.“ „Ich gehe nicht mit dir,“ wimmerte der Alte,„du willſt mich umbringen.“ Veitel that einen gräßlichen Fluch, packte den ſchäbigen Hut des Alten, drückte dieſen auf den Kopf, faßte den Alten — 261— am Nacken und rief:„Ihr müßt mitkommen oder Ihr ſeid verloren. Die Polizei wird Euch hier ſuchen und wird Euch finden, wenn Ihr noch zögert. Fort oder Ihr zwingt mich, Euch ein Leids zu thun.“ Die Kraft des Alten war gebrochen, er wankte, Veitel faßte ihn unter dem Arme und zog den Widerſtandloſen fort. Er zog ihn aus den Zimmern die Treppe hinunter, ängſtlich ſpähend, ob ihnen Niemand begegne. Alles war ſtill. Der Advocat gewann in der kalten Luft einen Theil ſeiner Beſinnung wieder, und Veitel raunte ihm zu:„Seid ſtill und folgt mir, ich werde Euch fortſchaffen.“ „Er wird mich fortſchaffen,“ murmelte ihm der Advocat mechaniſch nach und lief an ſeiner Seite vorwärts. Als ſie in die Nähe der Herberge kamen, ging Veitel vorſichtiger, zog ſeinen Gefährten in den finſtern Hausflur und flüſterte: „Faßt meine Hand und ſteigt leiſe mit mir die Treppe hin⸗ auf.“ So kamen ſie in das große Gaſtzimmer, ſie fan⸗ den das Zimmer noch leer, wie es zuvor geweſen. Erleich⸗ tert ſagte Veitel:„Nebenan im Hauſe iſt ein Verſteck, Ihr müßt hinein.“ 3 „Ich muß hinein,“ wiederholte der Alte. „Folgt mir,“ rief Veitel und zog den Advocaten auf die Galerie und von da die bedeckte Treppe hinunter. Der Alte wankte unſicher die Stufen hinab und klam⸗ merte ſich feſt an den Rock ſeines Führers, der ihn halb hinunter trug. So kamen ſie Stufe für Stufe bis hinun⸗ ter zu der letzten, über welche die Strömung dahinrauſchte. Veitel ging voraus und trat rückſichtslos bis an die Knie ins Waſſer, bemüht, den Alten nachzuziehen. — 262— Der alte Mann fühlte das Waſſer an ſeinem Stiefel, er ſtand ſtill und ſchrie laut:„Waſſer!“ „Still,“ flüſterte Veitel zornig,„ſprecht kein Wort!“ „Waſſer!“ ſchrie der Alte;„Hilfe! er will mich um⸗ bringen.“ Veitel packte den Schreienden und hielt ihm den Mund zu, aber der Todesſchreck hatte noch einimnal das Leben des Adoocaten aufgeſtört, er hob die Füße auf die nächſte Stufe zurück, klammerte ſtch, ſo gut er konnte, an die Seitenbreter und ſchrie wieder:„Zu Hilfe!“ „Verrückter Schuft!“ knirſchte Veitel, durch den hart⸗ näckigen Widerſtand in Wuth geſetzt, drückte ihm mit einem Schlage den alten Hut bis tief über das Geſicht, faßte ihn mit aller Kraft am Halstuch und ſchleuderte ihn hinunter in das Waſſer. Die Fluth ſpritzte auf, das Geräuſch eines fallenden Körpers und ein dumpfes Gurgeln wurde gehört; dann war Alles ſtill. Unter den bleigrauen Nebeln, welche mit langen Schlep⸗ pen längs dem Waſſer hinzogen, wurde noch einmal eine dunkle Maſſe ſichtbar, welche 3 Strome fortzog. Bald war ſie verſchwunden. Die Geſpenſter des Nebels bedeckten ſie, die Strömung zog darüber hin. Das Waſſer brach ſich klagend an den Holzpfählen und Treppenſtufen, und oben heulte der Nachtwind ſein eintöniges Lied. Der Thäter ſtand einige Augenblicke regungslos in der Finſterniß, an das Holzwexk gelehnt. Dann ſtieg er lang⸗ ſam hinauf. Im Aufſteigen fühlte er an das Tuch ſeiner Kleider, um ſich zu überzeugen, wie weit er durchnäßt war. Er dachte daran, daß er ſie am Ofenfeuer trocknen müſſe, — 263— noch heut Nacht; er ſah das Ofenfeuer in ſeinem Zimmer brennen und ſich im Schlafrock davor ſitzen, wie er ſo gern that, wenn er über ſeine Geſchäfte nachdachte. Wenn er jemals in ſeinem Leben des Gefühls behaglicher Ruhe genoſſen hatte, ſo war es in ſolchen Stunden geweſen, wo er müde von den Gängen und Sorgen des Tags das Holz in den Ofen ſteckte und davor ſaß, bis ihm die müden Augen zufielen. Er fühlte deutlich, wie müde er auch jetzt ſei, und wie wohl es ihm thun würde, am warmen Feuer einzuſchlafen. In die⸗ ſen dämmrigen Träumen blieb er wieder einige Augenblicke ſtehen, wie Einer, der einſchlafen will, und fühlte dabei einen dumpfen Druck irgendwo in ſeinem Innern, einen Schmerz, der ihm ſchwer machte, Athem zu holen, und ſeine Bruſt wie mit eiſernen Bändern zuſammenzog. Da dachte er an den Ballen, den er jetzt in das Waſſer geworfen hatte, er ſah ihn eintauchen in die Fluth, er hörte das Rauſchen des Waſſers und erinnerte ſich daran, daß der Hut, den er dem Manne über das Geſicht gezogen, noch zuletzt uͤber dem Waſſer zu ſehen geweſen war, als ein rundes wunderliches Ding. Er ſah den Hut deutlich vor ſich, abgegriffen, die Krämpe halb abgeriſſen und oben auf den Deckel zwei alte Oelflecke. Es war ein ſehr ſchäbiger Hut geweſen. Als er daran dachte, merkte er, daß er jetzt lächeln könnte, wenn er wollte. Er lachte aber nicht. Während ſeine Seele ſo in halber Erſtar⸗ rung um die Stelle herumflatterte, die ihn in ſeinem In⸗ nern ſchmerzte, war er heraufgeſtiegen. Als er die Trep⸗ penthür herumlegte, ſah er noch einmal in die ſchwarze Röhre, in welche vor wenig Augenblicken Zweie hinunter⸗ geſtiegen waren, während jetzt nur Einer zurückkehrte. ſah auf den grauen Schimmer des Waſſers, und wieder fühlte er einen dumpfen Druck. Eilig huſchte er durch das große Zimmer die Treppe hinunter, im Hausflur ſtieß er auf einen der fremden Gäſte, welche in der Caravanſerei wohn⸗ ten; Beide eilten ſchnell, ohne ein Wort zu ſprechen, an ein⸗ ander vorüber. Dieſe Begegnung brachte die Gedanken des Heimkehren⸗ den in andere Richtung: War er ſicher? Noch immer lag der Rebel dick auf den Straßen, Niemand hatte ihn mit dem Advocaten hereingehen ſehen, Niemand hatte ihn beim Her⸗ ausgehen erkannt. Und wenn man den alten Mann im Waſſer fand, dann fing die Unterſuchung an. War er dann noch ſicher? Alles das dachte der Mörder ſo gleichgiltig, als läſe er die Gedanken aus einem Buche ab. Dazwiſchen kam ihm wieder die Idee, ob er ſeine Cigarrentaſche bei ſich habe und warum er keine Cigarre rauche. Er grübelte darüber län⸗ gere Zeit und kam endlich in ſeiner Wohnung an. Er ſchloß auf; als er das letzte Mal aufgeſchloſſen hatte, war in der zweiten Stube ein wüſter Lärm geweſen. Er blieb ſtehen und horchte, ob derſelbe Lärm nicht wieder zu hören ſei. Er wollte ihn durchaus hören. Vor wenig Augenblicken war er geweſen. O was hätte er darum gegeben, wenn die letz⸗ ten Augenblicke nicht geweſen wären! Wieder fühlte er den dumpfen Schmerz, aber ſtärker, immer ſtärker. Er trat in die Zimmer, die Lampe brannte noch, die Scherben der Rum⸗ flaſche lagen noch um das Sopha, das Queckſilber des Spie⸗ els glänzte auf dem Boden wie ſilberne Thaler. Veitel zte ſich erſchöpft auf einen Stuhl und ſah ſtarr auf die — 265— glänzenden Trümmer ſeines Spiegels. Dabei fiel ihm ein, daß oft ſeine Mutter eine Kindergeſchichte erzählt hatte, in welcher ſilberne Thaler auf die Dielen eines armen Mannes fallen. Er ſah die alte Judenfrau am Herde ſitzen und ſich als kleinen Jungen daneben. Er ſah ſich ſelbſt neugierig auf die ſchwarze Erde blicken und erwarten, ob die weißen Thaler nicht auch vor ihm niederfallen würden. Jetzt wußte er, bei ihm in der Stube ſah es gerade ſo aus, als hätte es ſilberne Thaler geregnet. Er fühlte wieder etwas von dem unruhigen Entzücken, das er als kleiner Veitel bei dieſer Erzählung der Mutter gehabt hatte, und mitten in dieſer Erinnerung kam plötzlich wieder der dumpfe Druck, den er in ſeinem Innern merkte, er wußte nicht wo. Schwerfällig ſtand er auf, kauerte auf dem Boden und ſuchte die Glas⸗ ſplitter zuſammen. Die Splitter trug er in die Ecke eines Schranks, den Rahmen des Spiegels löſte er von der Wand ab und ſtellte ihn verkehrt in eine Ecke. Dann nahm er die Lampe und das Glas, welches er mit Trinkwaſſer für die Nacht zu füllen pflegte, aber als er das Glas faßte, über⸗ lief ihn ein Fieberſchauer und er ſetzte es wieder hin. Der, welcher nicht mehr war, hatte aus dem Glaſe getrunken. Er trug die Lampe zu ſeinem Bett und zog ſich aus. Die Bein⸗ kleider verſteckte er in den Schrank und holte ſich ein Paar andere herzu, deren Fußenden er an ſeinen Stiefeln rieb, bis ſie ſchmutzig wurden. Darauf löſchte er die Lampe aus, und als das Docht noch einmal aufflackerte, bevor es verlöſchte, da fiel ihm ein, zufällig als etwas Gleichgiltiges, daß die Leute die Flamme des Lichts mit dem Leben eines Men⸗ ſchen verglichen. Er hatte eine Flamme ausgedreht. Und — 266— wieder fühlte er den Schmerz in ſeiner Bruſt, aber undeut⸗ lich, ſeine Kraft war erſchöpft, ſeine Nerven abgeſpannt, er ſchlief ein. Der Mörder ſchlief. Aber wenn er erwacht! Dann wird die Schlauheit ver⸗ loren ſein, mit der ſein verſtörter Geiſt wie im Wahn⸗ witz umhergriff nach allen kleinen Bildern und Gedanken, die er in der Finſterniß auffinden konnte, um den einen Ge⸗ danken zu vermeiden, das eine Gefühl, welches von jetzt ab immer in ihm drückt und preßt. Wenn er aufwacht! Dann wird er ſchon im Halbſchlafe fühlen, wie die Ruhe abzieht und die Angſt, der Jammer wieder einziehen in ſeiner Seele, er wird noch im Traume fühlen, wie ſüß die Bewußtloſigkeit iſt, und wie furchtbar das Denken, er wird ſich ſträuben ge⸗ gen das Erwachen, aber in ſeinem Sträuben wird ihm der Schmerz immer ſtärker kommen, immer nagender. Bis er in Verzweiflung die Augen aufreißt und hineinſtarrt in die gräßliche Gegenwart, in eine gräßliche Zukunft. Und wieder wird ſein Geiſt anfangen, die Spukgeſtalt mit feinen Fäden zu überziehen, und alle möglichen Gründe wird er zuſammentragen, ſich das Ungeheuer unkenntlich zu machen, er wird daran denken, wie alt der Todte war, wie ſchlecht, wie elend, er wird ſich vorzuſtellen ſuchen, daß es nur ein Zufall war, der den Tod herbeiführte, ein Schwung ſeiner Arme, den plötzliche Wuth verurſacht, welch' unglück⸗ licher Zufall war es, daß der Alte mit ſeinen Füßen nicht feſten Grund gefunden! Dann wird ihm plötzlich einfallen, ob er auch ſicher ſei, und eine heiße Fieberangſt wird ſein bleiches Geſicht roth färben, der Tritt des Dieners auf der Treppe wird ihm Entſetzen einjagen, das Klirren einer Eiſen⸗ — 267— ſtange auf den Steinen des Hofes wird er für das Getöſe der Waffen halten, welche das Geſetz gegen ihn ausſchi Und wieder wird ſein Geiſt arbeiten, während er verſtö Zimmer auf und ab rennt, er wird jeden Schritt, den er ge⸗ ſtern that, jede Bewegung der Hand und jedes Wort, das er geſprochen, noch einmal durchleben, und wird bei jedem Einzelnen, was geſchehen iſt, zu beweiſen ſuchen, daß es un⸗ möglich entdeckt werden kann. Niemand hat ihn geſehen, Niemand gehört, der traurige alte Mann, halb verrückt, wie er war, hat ſich ſelbſt den Hut über die Augen gezogen und hat ſich ſelbſt erſäuft. So wird er auch von dieſer Seite um die Geſtalt des alten Mannes ſeine Fäden ziehen. Und immer fühlt er die furchtbare Laſt, bis er endlich erſchöpft von dem innern Kampfe ſich herausſtürzt aus ſeiner Wohnung, in ſeine Geſchäfte, unter die Menſchen, voll Sehnſucht, etwas zu fie den, was ihn vergeſſen macht. Wer ihn auf der Straße anſieht, der wird ihn quälen; wenn er einen Beamten der Polizei erblickt, muß er ſchnell in ein Haus treten, um ſei⸗ nen Schreck vor den ſpähenden Augen zu verbergen. Wo er Menſchen findet, die er kennt, wird er ſich in den dickſten Haufen drängen, er wird überall den Kopf hinhalten, an Allem Theil nehmen, er wird mehr ſprechen und lachen als ſonſt, aber ſeine Augen werden unruhig umherirren, und ſeine Seele wird in beſtändiger Furcht ſein, etwas zu hören von dem Getödteten', und wie die Leute über den plötzlichen Tod deſſelben denken. Er täuſcht ſeine Bekannten, ſie werden ihn vielleicht für beſonders aufgeweckt halten, und zu⸗ weilen ſagt Einer:„Der Itzig iſt guter Dinge, er hat große — 268— Geſchäfte gemacht.“ Er wird ſich an manchen Arm hängen, den er ſonſt nicht berührt, und wird den Leuten luſtige Ge⸗ ier erzählen und ſie nach Hauſe begleiten, weil er weiß, daß er nicht allein ſein kann. Er wird in die Kaffe⸗ häuſer eilen und in die Bierſtuben, um Bekannte aufzu⸗ ſuchen, und wird ſich zu ihnen ſetzen und wird trinken und aufgeregt werden, wie ſie, weil er weiß, daß er nicht allein ſein darf. Und wenn er am Abend ſpät nach Hauſe kommt, ermüdet bis zum Umſinken, erſchlafft und abgearbeitet von dem furchtbaren Kampfe, dann fühlt er ſich leichter, er hat durchgeſetzt, das, was in ihm iſt, undeutlich zu machen, und er findet ein trübes Behagen an der Mat⸗ tigkeit und der Bewußtloſigkeit, und erwartet den Schlaf, als das einzige Glück, was er auf Erden noch hat. Und wieder wird er einſchlafen, und wenn er am näch⸗ ſten Morgen erwacht, werden alle die Spinneweben zer⸗ riſſen ſein, und von Neuem wird die furchtbare Arbeit be⸗ ginnen. So ſoll es gehen einen Tag, viele Tage, im⸗ mer, ſo lange er lebt. Nicht mehr lebt er, wie andere Menſchen, ſein Daſein iſt fortan ein Kampf, ein gräß⸗ licher Kampf gegen einen Leichnam, ein Kampf, den „Niemand ſieht, und der doch allein ſeinen Geiſt beſchäf⸗ tigt. Was er thut in ſeinem Geſchäft, in Geſellſchaft mit Lebenden, iſt nur ein Schein, eine Lüge. Wenn er * lacht und wenn er Anderen die Hand ſchüttelt, und wenn er auf Pfänder leiht und Funfzig vom Hundert nimmt, Alles iſt nur eine Täuſchung für Andere. Er weiß, daß er ausgeſchieden iſt aus der Geſellſchaft der Menſchen, daß 6. —— — 269— Alles leer und verächtlich iſt, was er angreift; nur Eines iſt es, was ihn beſchäftigt, wogegen er arbeitet, weßhalb er trinkt und ſchwatzt und ſich unter Menſchen ungher⸗ treibt, und das Eine iſt der Leichnam des alten Mannes im Waſſer. — 270— * 5. Außer dem Gips auf Antons Schreibtiſch feierten noch andere lebende Weſen des Hauſes einen ſtillen Triumph. Wer dieſes Haus und die Menſchen darin ſo von Grund aus kannte, wie zum Beiſpiel die Tante, der durchſchaute die Täuſchungen, welche gewiſſe Leute ſich ſelbſt und Andern vor⸗ ſpiegelten. Es war möglich, daß Fremde über Vieles den Kopf ſchüttelten, was jetzt in der Familie vorging; die Tante that das eben ſo wenig, als die übrigen guten Hausgeiſter. Daß Anton ſtill, wortkarg, mit bleichen Wangen im Comtoir ſaß und außer am Mittag niemals in der Familie erſchien, daß Sabine jetzt in Gegenwart ihres Bruders eine Neigung zum Erröthen zeigte, die ſte früher nicht gehabt hatte, daß ſte ſtun⸗ denlang, ohne ein Wort zu ſprechen, bei ihrer Arbeit ſaß und danach auf einmal durch das Haus fuhr, übermüthig, wie ein kleines Kätzchen, welches mit einem Zwirnknaul ſpielt, und daß endlich der Hausherr ſelbſt immer auf Anton hin⸗ ſah, mochte dieſer ſprechen oder ſchweigen, und dabei von Tag zu Tag luſtiger wurde, ſo daß er gar nicht aufhörte, die Tante zu necken, das Alles ſchien allerdings ſehr ſeltſam, aber wer ſeit vielen Jahren genau wußte, was dieſe Menſchen am liebſten aßen, und was man ihnen alle Monate nur ein⸗ mal auf den Tiſch ſetzen durfte, ja wer ihre Strümpfe geſtrickt hatte und ihre Halskragen eigenhändig ſtärkte, wie die Tante — 271— bei mehreren von dieſen Dreien that, der ſollte doch wohl hinter ihre Schleichwege kommen. Natürlich kam die Tante dahinter.— Die gute Tante ſchrieb ſich allein das Verdienſt zu, daß Anton zurückgekehrt war. Sie hatte dem Comtoir den Herrn zurückgeben wollen, der ihr ſelbſt am liebſten war, weiter hinaus hatte ſie nicht gedacht, wenigſtens hätte ſte das in den erſten Tagen nach Antons Rückkehr Jedem abgeleugnet. Denn trotz dem roſafarbenen Futter der Ueberzüge wußte ſie auch, daß das Haus, zu dem ſie gehörte, ein ſtolzes Haus war, welches ſeinen abſonderlichen Willen hatte und ſehr ſubtil behandelt ſein wollte. Und als ſie erfuhr, daß der niederge⸗ ſchlagene Anton nur als Gaſt bei ihnen bleiben ſollte, da wurde ſelbſt ſte auf einige Wochen recht zweifelhaft. Bald aber erhielt ſie das ſtille Uebergewicht über den Kaufmann und ihre Nichte zuruͤck, denn ſie machte Entdeckungen. Der zweite Stock des Vorderhauſes war ſeit vielen Jah⸗ ren unbewohnt. Der Kaufmann hatte zur Zeit ſeiner Eltern mit ſeiner jungen Frau dort oben gelebt. Als er kurz hin⸗ ter einander die Eltern, ſeine Frau und den kleinen Sohn verloren, war er heruntergezogen, und ſeit der Zeit hatte ſein Fuß den obern Stock nur ungern betreten. Graue Jalouſten hingen das ganze Jahr vor den Fenſtern, Möbel und Bilder waren grau überhangen. Ein verzaubertes Schloß Dorn⸗ röschens war der ganze Stock, und unwillkürlich wurde der Tritt der Frauen leiſer, wenn ſte über den Flur des ſchlum⸗ „ mernden Reiches gehen mußten. 6 3 Jetzt kam die Tante vom Boden herab. Aus dem end⸗ loſen Kriege mit Pir hatte ſie nur noch einen kleinen Raum für das Trocknen der Wäſche gerettet. Sie dachte eben daran, daß die bürgerliche Stellung den Menſchen doch ſehr verän⸗ dert, denn Balbus, der Nachfolger von Pix, auf deſſen be⸗ ſcheidenes Weſen ſte große Hoffnungen geſetzt hatte, erwies ſich in ſeinem neuen Amte eben ſo geneigt zu Uebergriffen, als ſein Vorgänger. Wieder fand ſie einen Haufen Cigar⸗ renkiſten außerhalb der drei Kammern aufgeſtellt, welche Pir gewaltthätig in ihr Gebiet hineingebaut hatte, und eben war ſie im Begriff, Herrn Balbus deßhalb eine Kriegserklärung zu machen. Da ſah ſie mit Schrecken eine Zimmerthür des zweiten Stocks weit geöffnet. Sie dachte einen Augenblick an Diebe und wollte gerade Hilfe ſchreien, als ihr der ver⸗ ſtändige Gedanke kam, die auffallende Erſcheinung vorher zu unterſuchen. Sie ſchlich ſich leiſe in die verhangenen Zim⸗ mer. Aber ſie kam in Gefahr, aus Verwunderung zu ver⸗ ſteinern, als ſte ihren Neffen ſelbſt ganz allein in der Woh⸗ nung ſah. Er, der ſeit dem Tode ſeiner Frau dieſe Räume nicht betreten hatte, ſtand jetzt in dem Zimmer, in welchem die Verſtorbene gewohnt hatte. Mit gefalteten Händen, in tiefen Gedanken, ſtand der Mann da und ſah auf ein Bild, welches ſeine Frau als Braut darſtellte, im weißen Atlas⸗ kleide, den Myrtenkranz in dem Haar. Die Tante konnte ſich nicht enthalten, mitfühlend zu ſeufzen. Ueberraſcht wandte ſich der Kaufmann um.„Ich will das Bild in meine Stube herunternehmen,“ ſagte er weich. „Aber du haſt ja das andere Bild von Marie darin, und dieſes hat dich immer verſtimmt,“ rief die Tante. „Die Jahre machen ruhiger,“ erwiederte der Kaufmann, „und hierher wird doch mit der Zeit ein anderes kommen.“ ₰ — 273— Die Augen der Tante glänzten wie Leuchtkugeln, als ſie frug:„Ein anderes?“ „Es war nur ſo ein Gedanke,“ ſagte der Kaufmann ausweichend und ſchritt mit muſterndem Blick durch die Reihe der Zimmer. Stolz und mit innerm Achſelzucken ging die Tante hinter ihm her. Dieſe Leute mochten ſich verſtellen, ſo viel ſie wollten, es half ihnen nichts mehr. Und der vorſichtigen Sabine ging es nicht beſſer. Anton hatte am Mittag ſchweigſam neben der Tante ge⸗ ſeſſen. Als er ſeinen Stuhl rückte und ſich erhob, ſah die Tante, daß Sabinens Auge mit leidenſchaftlicher Sorge auf ſeinem bleichen Geſtcht ruhte und ſich mit Thränen füllte. Nachdem er das Zimmer verlaſſen, ſtand auch Sabine auf und trat an das Fenſter, welches in den Hof führte. Die Tante zog ſich in ihre Nähe und ſpähte hinter der Gardine durch. Sabine blickte mit großer Spannung in den Hof, plötzlich lächelte ſie und ſah ganz verklärt aus. Behutſam ſchlich die Tante näher und ſah ebenfalls in den Hof hinab. Dort war aber gar nichts zu ſchauen, als Anton, der ihnen den Rücken zukehrte und den Pluto liebkoſte. Er gab dem Hund einige Semmelbrocken, und Pluto bellte um ihn herum und ſprang luſtig nach ſeinem Rock. „Oho,“ dachte die Tante,„der Pluto iſt's nicht, über den ſie in einem Athem weint und lacht.“ Und kurz darauf, als einmal der Neffe die Thür des Damenzimmers öffnete, ſah die Tante im Vorſaal einen Mann mit einem großen Packet ſtehen. Ihr ſcharfer Blick erkannte den Ausläufer der großen Schnittwaarenhandlung. Der Kaufmann rief ſeine Schweſter in die Nebenſtube, die III. 18 — 274—* d Tante horchte. Zuerſt ſprach der Neffe, dann Sabine, aber ganz leiſe, dann hörte die Tante ein Gemurmel, welches große Aehnlichkeit mit unterdrücktem Schluchzen hatte.„Was dieſes Mädchen weinerlich wird,“ dachte ſte verwundert. Sie war gerade im Begriff, in das Zimmer einzudringen, als die Geſchwiſter ihr entgegentraten. Sabine hing im Arm des Bruders, ihre Wangen und ihre Augen waren ſtark geröthet, und doch ſah ſte glücklich und ſehr verſchämt aus. Als die Tante nach einer längern Pauſe, wie ſie der Anſtand nöthig machte, in das Nebenzimmer ging, um etwas zu ſuchen, fand ſte das große Packet auf einem Stuhl liegen. Sie ſtieß zu⸗ fällig mit der Hand daran, und da das Papier nicht zuge⸗ bunden war, ging es natürlich auseinander, und ſie erblickte prachtvolle Möbelſtoffe, und unten noch eine andere Erfin⸗ dung, die ſo heftig auf ihre Nerven wirkte, daß auch ſie ſich hinſetzen und auf der Stelle einige Thränen vergießen mußte. Es war die weiße Robe vom ſchwerſten Stoff, welche das Weib nur einmal in ihrem Leben, an einem feierlichen Tag voll Andacht und frohen Schauers zu tragen pflegt. 3. Fortan behandelte die Tante ihre Umgebung mit der Sicherheit einer Hausfrau, welche Andern verzeiht, wenn ſie ſich eine Weile närriſch gebehrden, weil ſte recht gut weiß, daß das letzte Ende von ſolchem künſtlichen Weſen eine ſtarke Bewegung in ihrem eigenen Gebiete ſein wird, heftige Arbeit in der Küche, ein langer Speiſezettel, großartiges Schlachten von Geflügel und ein vernichtender Angriff auf alle Ge⸗ fäße mit eingemachten Früchten. Auch ſte wurde geheimnißvoll. Alle Tönnchen und Töpfe mit Conſitüren wurden plötzlich einer außerordentlichen Reviſion unterworfen, und bei — 275— der Mittagstafel erſchienen zuweilen ausgezeichnete Verſuche von neuen Speiſen. Die Tante kam an ſolchen Tagen mit gerötheten Wangen aus der Küche und war ſehr empfindlich, wenn nicht Jedermann das neue Gericht vortrefflich fand, obgleich ſie nie verfehlte, hinzuzuſetzen:„Es iſt nur ein vor⸗ läufiger Verſuch der Köchin.“ Und dabei ſah ſie ihren Neffen und Sabine mit einem triumphirenden Ausdruck von Ueberlegenheit an, welcher deutlich ſagte:„Ich habe Alles errathen,“ ſo daß der Kaufmann die Brauen zuſammenziehen und der Tante einen ſtrengen Blick zuwerfen mußte. Aber der Kaufmann ſelbſt ſah in der Regel nicht ſtrenge aus. Sabine und Anton wurden mit jedem Tag ſtiller und verſchloſſener, er wurde zuſehends heiterer. Er war jetzt ge⸗ ſprächiger als ſeit Jahren und wurde nicht müde, bei Tiſche Anton in die Unterhaltung zu ziehen. Er zwang ihn, 3 erzählen, und hörte mit Spannung auf jedes Wort, das von Antons Lippen kam. In den erſten Wochen ſah er oft prüfend auf Antons Pult, nach kurzer Zeit that er auch im Geſchäft, als wäre ſein Verhältniß zu Anton noch das alte. Mit munterm Schritt ging er durch die vordern Comtoire. Noch war im Geſchäft viel Flauheit, ihn kümmerte das wenig. Wenn Herr Braun, der Agent, ſein belaſtetes Herz ausſchüttete, lachte er dazu und ließ einen kurzen Scherz fallen. Anton gewahrte dieſe Veränderung nicht. Wenn er im Comtoir arbeitete, ſaß er einſtlbig Herrn Baumann ge⸗ genüber und mühte ſich, an nichts zu denken, als an die Briefe. Die Abende brachte er häufig allein auf ſeinem Zimmer zu, dann ſenkte er ſein Haupt in die Bücher, welche . 18† — 276— Fink ihm vermacht hatte, und verſuchte ſeinen finſtern Ge⸗ danken zu entrinnen. Er fand die Handlung nicht ſo wieder, wie er ſie ver⸗ laſſen. Durch viele Jahre war hier Alles feſt geweſen, jetzt war das Geſchäft in unruhiger, ſchwankender Bewegung. Viele von den alten Verbindungen des Hauſes waren ab⸗ geſchnitten, mehrere neue waren angeknüpft. Er fand neue Agenten, neue Kunden, mehrere neue Artikel und neue Arbeiter. 3 Auch im Hinterhauſe war es ſtill geworden. Außer den Würdenträgern des zweiten Comtoirs, Herrn Liebold und Herrn Purzel, welche niemals aufregende Elemente der bürgerlichen Geſellſchaft geweſen waren, traf er von ſeinen nähern Bekannten nur noch den treuen Baumann und Specht; und auch dieſe dachten daran, das Geſchäft zu ver⸗ laſſen. Baumann hatte gleich nach Antons Rückkehr dem Prinzipal geſtanden, daß er zum nächſten Frühjahr fort müſſe, und auch Antons ernſtliche Vorſtellungen prallten diesmal von dem feſten Entſchluß des Miſſtonärs ab.„Ich kann den Termin nicht verlängern,“ ſagte er;„mein ganzes Gewiſſen ſchreit dagegen. Ich gehe von hier auf ein Jahr nach Lon⸗ don in die Miſſtonsanſtalt, und von dort, wohin man mich ſchickt. Ich geſtehe, daß ich eine Vorliebe für Afrika habe. Es ſind dort einige Könige,“— er nannte ſchwer auszu⸗ ſprechende Namen—„die ich nicht für ganz ſchlecht halte. Dort muß mit der Bekehrung etwas zu machen ſein. Noch iſt bei ihnen eine elende Wirthſchaft. Den heidniſchen Selavenhandel hoffe ich ihnen abzugewöhnen. Sie können⸗ ihre Leute zu Hauſe brauchen, um Zuckerrohr zu pflanzen * und Reis zu bauen. In ein paar Jahren ſchicke ich Ihnen über London die erſten Proben von unſerm Plantagen⸗ bau.“ Und auch Herr Specht kam zu Anton.„Sie haben mir immer gute Freundſchaft gezeigt, Wohlfart. Ich möchte Ihre Meinung wiſſen. Ich ſoll heirathen, ein ausgezeichne⸗ tes Mädchen, ſie heißt Fanny und iſt eine Nichte von C. Pix.“ 8 „Ei,“ ſagte Anton,„und lieben Sie die junge Dame?“ „Ja, ich liebe ſte,“ rief Specht begeiſtert.„Aber ich ſoll auch in das Geſchäft von Pir treten, wenn ich ſie hei⸗ rathe, und deßhalb wollte ich Sie fragen. Meine Geliebte hat etwas Vermögen und Pir meint, das würde am beſten in ſeinem Geſchäft angelegt. Nun wiſſen Sie, Pix iſt im Grunde ein guter Kerl, aber ein anderer Compagnon wäre mir doch lieber.“ „Ich dächte nicht, mein alter Specht,“ ſagte Anton. „Sie ſind ein wenig zu eifrig, und es wird immer gut für Sie ſein, einen ſichern Compagnon zu haben. Pir wird Sie zwingen, ſeinen Willen zu thun, und das wird kein Schade ſein, denn Sie werden ſich gut dabei ſtehen.“ „Ja,“ ſagte Specht,„aber denken Sie, die Branche, die er gewählt hat. Kein Menſch hätte es für möglich gehalten, daß unſer Pir ſich zu ſo etwas entſchließen könnte.“ „Was hat er denn Alles?“ frug Anton. „Vieles durcheinander,“ rief Specht,„was er vorher niemals angeſehen hätte; außer Fellen und Häuten jede Art von Pelzwerk, vom Zobel bis zum Maulwurf, und außerdem Filz und dergleichen, ganz nach ſeiner Natur, Alles, was — 278— haarig und borſtig iſt.— Es ſind gemeine Artikel darunter, Wohlfart.“. „Seien Sie kein Kind,“ verſetzte Anton,„heirathen Sie, mein guter Junge, und begeben Sie ſich unter die Vormund⸗ ſchaft des Schwagers, es wird Ihr Schade nicht ſein.“ Den Tag darauf trat Pir ſelbſt in Antons Zimmer. „Ich habe Ihre Karte gefunden, Wohlfart, und komme Sie auf Sonntag zum Kaffe einladen. Cuba und eine Manilla. Sie ſollen meine Frau kennen lernen.“ „Und Sie wollen Specht zum Compagnon nehmen?“ frug Anton lächelnd.„Immer hatten Sie einen großen Wi⸗ derwillen, ſich zu aſſociiren. 2 „Ich thät's auch mit keinem Andern als mit ihm. Im Vertrauen geſagt, ich bin in einer Schuld gegen den armen Kerl, und ich kann für mein Geſchäft die zehntauſend brauchen, die er ſich erheirathet. Ich habe ein Detailgeſchäft mit übernommen, verdammte Kürſchnerwaaren, da ſtecke ich ihn hinein. Das wird ihm Spaß machen. Er kann alle Tage gegen die Weiber artig ſein, die in den Laden kommen, und alle Jahre einen neuen Pelz um ſich hängen. Er wird Adort brauchbarer ſein, als hier im Comtoir.“ „Wie kommt's, daß Sie gerade dies Eenhäſ gewählt haben?“ frug Anton. „Ich mußte,“ erwiederte Pir,„ich fand noch ein großes Waarenlager von meinem Vorgänger vor; in traurigem Zu⸗ ſtande, das verſichere ich Ihnen; und ich ſah mich auf ein⸗ mal in einer großen Geſellſchaft von Leuten, welche Haſen⸗ felle und Schweinsborſten für preiswürdig hielten.“ 8 — 279— „Das allein hat Sie doch nicht beſtimmmt,“¹ erwiederte Anton lachend. „Vielleicht war's noch etwas Anderes,“ ſagte Vir. „Hier am Orte mußte ich bleiben, wegen meiner Frau, und Sie werden einſehen, Anton, daß ich, der ich in dieſem Hauſe Disponent des Provinzialgeſchäfts geweſen bin, mich nicht an dieſem Platz in derſelben Branche aufthun konnte. Ich kenne das ganze Provinzialgeſchäft beſſer, wie der Prin⸗ zipal, und alle kleinen Kunden kennen mich beſſer, als den Prinzipal. Ich hätte dieſem Geſchäft geſchadet, obgleich meine Mittel kleiner ſind; ich hätte leicht gute Geſchäfte machen können, aber dies Haus hätte den Schaden gehabt. So mußte ich etwas Anderes ergreifen. Ich ging deßhalb zu Schröter, ſobald ich mich entſchloſſen hatte, und beſprach das mit ihm. Ich werde mit Euch nur in Einem concur⸗ riren, und das ſind Pferdehaare, und darin werde ich Euch todtmachen. Ich habe auch das dem Prinzipal geſagt.“ „Das wird die Handlung ertragen,“ ſagte Anton und ſchüttelte dem Borſtenhändler Pir die Hand. Aber nicht im Comtoir allein, auch unter den Arbeitern an der großen Waage war eine Veränderung eingetreten. Vater Sturm, der treue Freund des Hauſes, drohte die Handlung und dieſe kleine Erde zu verlaſſen. Eine der erſten Fragen Antons nach ſeiner Rückkehr war Vater Sturm geweſen. Sturm war ſeit einigen Wochen un⸗ paß und verließ das Zimmer nicht. Voll Beſorgniß eilte Anton am zweiten Abend nach ſeiner Ankunft zu der Wohnung des großen Mannes. Schon auf der Straße hörte er ein merkwürdig tiefes — 280— Geſumm, als wenn ein Schwarm Rieſenbienen ſich in dem roſafarbenen Haus häuslich niedergelaſſen hätte. Als er in den Flur trat, klang das Summen wie das ferne Gemurr einer Löwenfamilie. Verwundert klopfte er an, Niemand antwortete. Als er die Thür geöffnet hatte, mußte er auf der Schwelle anhalten, denn im erſten Augenblick ſah er in dem Zimmer nichts, als einen grauen undurchdringlichen Rauch, in welchem ein gelber Lichtpunkt mit bleichem Dunſt⸗ kreis ſchwebte. Allmählig unterſchied er in dem Rauch einige dunkle Globuſſe, welche um das Licht herum wie Planeten aufgeſtellt waren, zuweilen bewegte ſich, was ein Männer⸗ arm ſein konnte, aber einem Elephantenbein ſehr ähnlich war. Endlich brachte die Zugluft der offnen Thür den Dampf in Bewegung, und ihm gelang, durch die Wolken einzelne Blicke in die Tiefen der Stube zu thun. Nie war eine Men⸗ ſchenwohnung einer Tabagie von Cyelopen ähnlicher. An dem Tiſch ſaßen ſechs rieſige Männer, drei auf der Bank, drei auf Cichenſtühlen, alle hatten Cigarren im Mund, und auf dem Tiſch hölzerne Bierkrüge; das dröhnende Brum⸗ men war ihre Sprache, die ſo klang, weil ſie leiſe ſprachen, wie ſich für eine Krankenſtube ſchickt. „Ich rieche etwas,“ rief endlich eine mächtige Stimme, „ein Menſch muß hier ſein, es kommt eine kühle Luft, die Thür ſteht offen. Wer hier iſt, der melde ſich.“ „Herr Sturm!“ rief Anton von der Schwelle. Die Globuſſe geriethen in rotirende Bewegung und ver⸗ finſterten das Licht. „Hört Ihr’s,“ rief die Stimme wieder,„ein Menſch iſt gekommen.“. — 281— „Ja,“ erwiederte Anton,„und ein alter Freund dazu.“ „Dieſe Stimme kenne ich,“ rief es haſtig hinter dem Tiſch hervor. Anton trat näher an das Licht, die Auflader erhoben ſich und riefen laut ſeinen Namen. Vater Sturm fuhr auf ſeiner Bank bis auf die äußerſte Ecke und hielt Anton beide Hände entgegen.„Daß Sie hier ſind, wußte ich ſchon durch meine Kameraden. Daß Sie geſund zurückgekommen aus dieſem Lande, von dieſen Senſenmännern und von dieſen Schrei⸗ hälſen, welche ihre Tonne mit Sauerkraut in der Stube ſtehen haben, dieſes iſt mir eine angenehme Freude.“ Antons Hand ging zuerſt in die Hände des alten Sturm über, der ſie kräf⸗ tig drückte und dann wieder zurecht ſtreichelte, und dann in die Hände der fünf andern Männer, und kam wieder heraus, geröthet, aufgelaufen, im Gelenk erſchüttert, ſo daß Anton ſie ſogleich in die Rocktaſche ſteckte. Während die Auflader einer nach dem andern ihre Begrüßungen mit Anton aus⸗ tauſchten, frug Sturm plötzlich dazwiſchen:„Wann kommt, mein Karl?“ „Haben Sie ihm denn geſchrieben, daß er kommen ſoll?“ frug Anton. „Geſchrieben?“ wiederholte Sturm kopfſchüttelnd,„nein, dies habe ich nicht gethan, von wegen ſeiner Stellung als Amtmann darf ich es nicht thun. Denn wenn ich ihm ſchreibe: Komm, ſo würde er kommen, und wenn eine Mil⸗ lion Senſenmänner zwiſchen ihm und uns aufmarſchirt wäre, aber er könnte dort nöthig ſein bei den Herrſchaften. Und deßwegen, wenn er nicht von ſelber kommt, ſoll er nicht kommen.“ —e 282— „Er kommt zum Frühjahr,“ ſagte Anton und ſah prü⸗ fend auf den Vater. Der Alte ſchüttelte wieder den Kopf:„Zum Frühjahr wird er nicht kommen, zu mir nicht; es iſt möglich, daß mein kleiner Zwerg dann herkommt, aber zu ſeinem Vater nicht mehr.“ Er ſetzte den Bierkrug an und that einen langen Zug, klappte den Deckel zu und räuſperte ſich kräftig; dann ſah er Anton mit einem entſchloſſenen Blick an und drückte die Fauſt als Stempel auf den Tiſch.„Funßzig,“ ſagte er,„noch vierzehn Tage, dann kommt's.“ Anton legte ſeinen Arm um die Schultern des Alten und ſah fragend den Andern ins Geſicht, welche ihre Cigarren in der Hand hielten und vor der Gruppe ſtanden, wie ein griechiſcher Chor in der Tragödie.„Sehen Sie, Herr Wohlfärt,“ begann der Chorführer, der, als Menſch be⸗ trachtet, groß, als Rieſe kleiner war, denn ſein Oberſter: „das will ich Ihnen erklären. Dieſes Mannes Meinung iſt, daß er ſchwächer wird, und daß er immer ſchwächer werden wird, und daß in einigen Wochen der Tag kommt, wo wir Auflader eine Citrone in die Hand nehmen müſſen und einen ſchwarzen Schwanz an unſere Hüte ſtecken. Solches iſt unſer Wille nicht.“ Alle ſchüttelten den Kopf und ſahen mißbilli⸗ gend auf ihren Oberſten.„Es iſt nämlich ein alter Streit zwiſchen uns und zwiſchen ihm wegen der funßzig Jahre. Jetzt will er Recht behalten, das iſt das Ganze, und unſere Meinung iſt, daß er nicht Recht hat. Er iſt ſchwächer ge⸗ worden, dieſes iſt möglich. Manchmal hat Einer mehr Kraft, manchmal weniger. Was braucht der Mann aber deßhalb daran zu denken, dieſen Platz zu verlaſſen? Ich will Ihnen ſagen, — 283— Herr Wohlfart, was es iſt, es iſt eine Ausſchweifung von ihm.“ Alle Rieſen beſtätigten durch Kopfnicken die Worte des Sprechers. „Alſo er iſt krank?“ frug Anton beſorgt.„Wo ſitzt die Krankheit, alter Freund?“ „Es iſt hier und dort,“ erwiederte Sturm,„es ſchwebt in der Luft, es kommt langſam heran, es nimmt zuerſt die Kraft, dann den Athem; von den Beinen fängt's an, dann ſteigt es herauf.“ Er wies auf ſeine Füße. „Wird Ihnen das Aufſtehen ſauer?“ frug Anton. „Gerade das iſt es,“ erwiederte der Rieſe,„es wird mir ſauer, und mit jedem Tag mehr. Und ich ſage dir, Wilhelm,“ fuhr er gegen den Sprecher fort,„in vierzehn Tagen wird auch das aufhören; dann wird nichts ſauer ſein, als Eure Citronen, und ich hoffe auch Eure Geſichter, ein Paar Stunden, bis zum Abend; dann ſollt Ihr wieder hierher kommen und Euch an dieſer Stelle niederſetzen. Ich werde dafür ſorgen, daß die Kanne hier ſteht, wie heut, dann könnt Ihr von dem alten Sturm reden, als von einem Kameraden, welcher ſich zur Ruhe gelegt hat, und der nichts mehr haben wird, was eine Laſt iſt; denn ich denke mir, da, wo wir hinkommen, wird nichts mehr ſchwer ſein.“ „Da hören Sie's,“ ſagte Wilhelm bekümmert,„er ſchweift wieder aus.“ „Was ſagt der Arzt zu Ihrer Krankheit?“ frug Anton ſchnell. „Ja, der Doctor,“ ſagte der alte Sturm,„wenn man den fragen wollte, er würde genug ſagen; aber man fraͤgt ihn * — 284— nicht. Es iſt, unter uns geſprochen, auf die Aerzte kein Verlaß. Sie können wiſſen, wie es in manchem Menſchen iſt, das leugne ich nicht ab; aber woher wollen ſie wiſſen, wie es in einem von uns iſt? Es kann keiner ein Faß heben.“ „Wenn Sie keinen Arzt haben, lieber Herr Sturm, ſo will ich ſogleich anfangen, Ihr Arzt zu ſein,“ rief Anton, eilte an die Fenſter und öffnete alle Flügel.„Wenn das Athmen Ihnen ſchwer wird, ſo iſt dieſe dicke Luft Gift für Sie, und wenn Sie an den Füßen leiden, ſo ſollen Sie auch nicht mehr trinken.“ Er trug die Bierkanne auf den an⸗ dern Tiſch. „Ei, ei, ei,“ ſagte Sturm, dem geſchäftigen Anton zu⸗ ſehend,„die Meinung iſt gut, aber es nutzt nichts. Etwas Rauch hält warm, und an das Bier ſind wir einmal gewöhnt. Wenn ich den ganzen Tag allein ſitze auf dieſer Bank, ohne Arbeit, ohne einen Menſchen, ſo iſt es mir eine Freude, wenn meine Kameraden des Abends ihre Bequemlichkeit bei mir haben. Sie reden dann zu mir, und ich höre doch ihre Stimme wie ſonſt und erfahre etwas vom Geſchäft, und wie es in der Welt zugeht.“ „Aber Sie ſelbſt ſollen dann wenigſtens das Bier meiden und ſich vor Tabakrauch hüten,“ erwiederte Anton.„Ihr „Karl wird Ihnen daſſelbe ſagen, und da er nicht hier iſt, ſo⸗ erlauben Sie mir, ſeine Stelle zu vertreten.“ Er wandte ſich zu den andern Aufladern.„Ich will ihm zu beweiſen ſuchen, daß er Unrecht hat, loſſene Sie mich eine halbe Stunde mit ihm allein.“ Die Rieſen entfernten ſich, Anton ſetzte ſich dem Kranken — — 285— gegenüber und ſprach über das, was dem Vater am meiſten Freude machte, über ſeinen Sohn.. Sturm vergaß ſeine finſtern Ahnungen und gerieth in die glücklichſte Stimmung. Endlich ſah er Anton mit zuge⸗ drückten Augen an und ſagte, ſich zu ihm herüberlegend, ver⸗ traulich:„aumzehnbundedt Thaler. Er iſt noch einmal hier geweſen.“ „Sie haben ihm doch nichts gegeben?“ frug Anton beſorgt. „Es waren nur hundert Thaler,“ ſagte der Alte ent⸗ ſchuldigend.„Er iſt jetzt todt, der arme junge Herr, er ſah ſo luſtig aus mit ſeinen Schnüren am Rocke. So lange ein Menſch Sohn iſt, muß er nicht ſterben, das macht zu großes Herzeleid.“ „Wegen Ihres Geldes habe ich mit Herrn von Fink ge⸗ ſprochen,“ ſagte Anton,„er wird vermitteln, daß man die Schuld an Sie bezahlt.“ „An den Karl,“ verbeſſerte der Alte auf ſeine Kammer ſehend.„Und Sie, Herr Wohlfart, werden es übernehmen, meinem Karl das in die Hände zu geben, was dort in dem Kaſten iſt, wenn ich ſelber den Kleinen nicht mehr ſehen ſ ollte.“ „Wenn Sie dieſen Gedanken nicht aufgeben, Sturm,“ rief Anton,„ſo werde ich Ihr Feind, und ich werde von jetzt ab mit größter Härte gegen Sie verfahren. Morgen früh komme ich wieder und bringe Ihnen den Arzt des Herrn Schröter mit.“ „Er mag ein guter Mann ſein,“ ſagte Sturm,„ſeine Pferde haben ſehr gutes Futter, ſie ſind ſtark und dick, aber mir kann er doch nicht helfen.“ Am andern Morgen beſuchte der Arzt den Patienten. — 286— „Ich kann ſeinen Zuſtand noch nicht für gefährlich halten,“ ſagte er,„ſeine Füße ſind geſchwollen, und das mag ſich wieder geben, aber das unthätige, ſitzende Leben iſt für dieſen ſtarken Körper ſo ungeſund, und ſeine Diät iſt ſo ſchlecht, daß die ſchnelle Entwickelung einer gefährlichen Krankheit leider ſehr wahrſcheinlich iſt.“ Anton ſchrieb dies ſogleich an Karl und fügte hinzu: „Unter dieſen Umſtänden macht mir der Glaube Deines Va⸗ ters, daß er ſeinen funßzigſten Geburtstag nicht überleben wird, große Sorge. Am beſten wäre, wenn Du ſelbſt um dieſe Zeit her kommen könnteſt.“ Seit Anton dies an Karl geſchrieben, war längere Zeit vergangen, er hatte unterdeß den Kranken täglich beſucht. In dem Befinden Sturms war keine auffallende Aenderung eingetreten, aber er hielt hartnäckig an ſeinem Entſchluß feſt, den Geburtstag nicht zu überleben. An einem Morgen kam der Bediente in Antons Zimmer und meldete, der Auf⸗ lader Sturm wünſche ihn dringend zu ſprechen. „Iſt er kränker?“ frug Anton erſchrocken,„ich gehe ſogleich zu ihm.“ „Er iſt ſelbſt mit einem Wagen vor der Thür,“ ſagte der Diener. Anton eilte vor das Haus. Dort hielt ein Fuhrmannswagen, über das Weidengeflecht waren große Tonnenreifen geſpannt und über dieſe eine weiße Decke gezo⸗ gen. Ein Zipfel der Leinwand ſchlug ſich zurück und der Kopf des Vater Sturm fuhr mit einer ungeheuern Pelzmütze heraus. Der Rieſe blickte auf Anton und die Hausknechte, welche ſich um den Wagen drängten, von der Höhe herunter, wie der große Knecht Ruprecht auf die erſchrockenen Kinder. — 287— Aber ſein eigenes Geſicht ſah ſehr bekümmert aus, dem her⸗ 8 antretenden Anton hielt er ein Blatt Papier entgegen:„Le⸗ ſen Sie dieſes, Herr Wohlfart. Einen ſolchen Brief habe ich von meinem armen Karl bekommen. Ich muß ſogleich zu ihm.— Auf das Gut hinter Rosmin,“ erklärte er dem Kutſcher, einem ſtämmigen Fuhrmann, der neben dem Wagen ſtand.. Anton ſah in den Brief, es waren die ungeſchickten Buch⸗ ſtaben des Förſters; erſtaunt las er den Inhalt:„Mein lieber Vater, ich kann nicht zu Dir kommen, denn ein Senſenmann hat mir jetzt abgehauen, was von der Hand noch übrig war. Deßhalb bitte ich Dich, ſogleich nach Empfang dieſes Briefes zu Deinem armen Sohn zu reiſen. Du nimmſt einen großen Wagen und fährſt damit bis Rosmin. Dort hältſt Du vor dem rothen Hirſch. Im Hirſch wartet ein Wagen und ein Knecht vom Gute auf Dich. Der Knecht verſteht kein Wort Deutſch, iſt aber ſonſt ein guter Kerl, er wird Dich ſchon erkennen. Zu der Reiſe kaufſt Du Dir einen Pelz, auch Pelzſtiefeln, dieſe müſſen bis über die Knie gehen und unten mit Leder beſetzt ſein. Wenn Du für Deine großen Beine keine Stiefeln findeſt, ſo muß der Gevatter Kürſchner Dir noch in der Nacht über Deine Füße einen Pelz nähen. Grüße Herrn Wohlfart. Dein getreuer Karl.“ Anton hielt den Brief in ſeiner Hand und wußte nicht gleich, was er daraus machen ſollte. „Was ſagen Sie zu dieſem neuen Unglück?“ frug der Rieſe traurig. „ ZJedenfalls müſſen Sie ſo dleich zu Iören Sohn, er⸗ wiederte Anton. — 288— „Natürlich muß ich hin,“ ſagte der Auflader.„Das Unglück trifft mich hart, gerade jetzt, übermorgen ſind's funfzig.“ Anton merkte den Zuſammenhang.„Sind Sie denn aber auch vorbereitet, wie Karl will?“ „Ich bin's,“ ſprach der Rieſe und ſchlug die Leinwand⸗ decke zurück,„es iſt Alles in Ordnung, der Pelz und auch die Stiefeln.“ Anton ſah in den Wagen und hatte Mühe, ernſt zu bleiben. In einen großen Wolfspelz eingewickelt nahm Sturm die ganze Breite des Wagens ein. Auch ſeine Füße waren mit einem Wolfsfell übernäht; wenn er jemals einem Ungeheuer ähnlich geweſen, ſo war er es jetzt. Er ſtieß mit ſeiner Mütze oben an die weiße Leinwand, und die Säulen ſeiner Füße füllten den ganzen Wagenraum zwiſchen Vorder⸗ und Rückſitz. Er ſaß auf einem Bettſack und hatte einen Futterſack zur Rücklehne. Das Wenige, was 3 noch von leerem Raum in dem Wagen übrig war, wurde in Anſpruch genommen durch allerlei Ballen und Eßkober, welche die Kameraden ihrem ſcheidenden Oberſten kunſtvoll zuſammengeſchnürt und angebunden hatten, kleine Tonnen und Kiſten waren um ihn herum eingeſtaut und gerade vor ihm hing eine geräucherte Wurſt und eine Reiſeflaſche von dem Reifen herab. So ſaß er wie ein Bär der Urwelt in ſeinem Winterlager. Ein großer Säbel lehnte an ſeiner Seite:„Gegen dieſe Senſenmänner,“ ſagte er und ſchüttelte ihn zornig.—„Jetzt habe ich noch eine große Bitte an Sie. Den Schlüſſel zu meinem Hauſe verwahrt der Wilhelm, dieſe Kiſte bitte ich Sie zu übernehmen, hierin ſteckt, was unter meinem Bett ſtand; heben Sie's auf für den Karl.“ —y ☛—————— — 289— „Ich werde die Kiſte Herrn Schröter übergeben,“ erwie⸗ derte Anton, er iſt nach dem Bahnhof gefahren und muß jeden Augenblick zuruͤckkehren.“ „Grüßen Sie ihn,“ ſagte der Rieſe,„ihn und Fräulein Sabine, und ſagen Sie Beiden, daß ich ihnen von Herzen danke für alle Freundlichkeit, die ſie in meinem Leben mir und dem Karl bewieſen haben.“— Bewegt ſah er in den Hausflur hinein.„Manches liebe Jahr habe ich dort drin⸗ nen hantiert; wenn die Ringe an Ihren Centnern glatt ſind wie polirt, meine Hände haben redlich dazu geholfen. Was dieſes Geſchäft durchgemacht hat ſeit dreißig Jahren, das habe ich mit durchgemacht, Gutes und Trauriges; aber ich kann wohl ſagen, Herr Wohlfart, wir waren immer tüch⸗ tig. Ich werde Eure Fäſſer nicht mehr rollen,“ fuhr er zu den Hausknechten gewandt fort,„und ein Anderer wird Euch helfen, die Leiterbäume an den Wagen ſetzen. Denkt manchmal an den alten Sturm, wenn Ihr ein Zuckerfaß an⸗ bindet. Es kann nichts ewig bleiben auf der Welt, auch wer ſtark iſt, geht zum Ende; aber dieſe Handlung, Herr Wohlfart, ſoll ſtehen und blühen, ſo lange ſte einen Chef hat, wie dieſen, und Männer, wie Sie, und ehrliche Hände an der Waage. Dieſes iſt meines Herzens Wunſch.“ Er fal⸗ tete ſeine Hände auf dem Weidengeflecht und Thränen roll⸗ ten über ſeine Wangen.„Und jetzt leben Sie wohl, Herr Wohlfart, geben Sie mir Ihre Hand.“ Er zog einen gro⸗ ßen Fauſthandſchuh aus und ſteckte ſeine Hand aus dem Wa⸗ gen heraus.„Und Ihr, Peter, Franz, Gottfried, Ihr Haus⸗ knechte alle, lebt wohl und denkt freundlich an mich.“ Der Hund Sabinens kam wedelnd an den Wagen und ſprang an III. 19 —— 290— dem Weidenkorb herauf.„Da iſt auch der alte Pluto,“ rief Sturm und fuhr mit der Hand auf den Kopf des Hundes. „Pluto, adjes.“ Der Hund leckte ihm die Hand.„Adjes Alle!“ rief der Scheidende.„Nach Rosmin, Kutſcher!“ So zog er ſich in den Wagen zurück. Der Frachtwagen raſſelte über das Pflaſter, nach einer Weile öffnete ſich noch einmal die weiße Leinwand, der große Kopf Sturms ſah noch einmal zurück, und ſeine Hand winkte. Anton war durch mehrere Tage in lebhafter Beſorgniß um das Schickſal Sturms. Endlich kam ein Brief von Karls Hand. „Lieber Herr Wohlfart,“ ſchrieb Karl,„Sie werden wohl gemerkt haben, weßhalb ich die letzten Zeilen an meinen Goliath ſchrieb. Er mußte fort aus ſeiner Stube, und ich mußte ihn von ſeinem Eigenſinn wegen des Geburtstages abbringen. Deßhalb erdachte ich in meiner Angſt eine Nothlüge. Es kam alſo folgendermaßen. „Am Tage vor ſeinem Geburtstag erwartete ihn der Knecht zu Rosmin im Hirſch. Ich ſelber war in die Schenke gegenüber geritten, um zu ſehen, wie der Vater ankam und wie er ausſah. Ich hielt mich verſteckt. Gegen Mittag kam der Wagen langſam angeraſſelt. Der Fuhrmann half dem Vater vom Wagen, denn das Abſteigen wurde ihm ſehr ſauer, ſo daß ich wegen der Beine große Furcht bekam, es war aber mehr der Pelz und das Schütteln des Wagens Schuld. Der Alte nahm auf der Straße einen Brief in die Hand und las darin, dann ſtellte er ſich vor den Jaſch, der zum Wagen gelaufen war und der thun ſollte, als verſtehe er kein Wort Deutſch, und machte vor ihm verſchiedene Zeichen und er⸗ — 291— ſchreckliche Bewegungen mit den Händen. Er hielt ſeine Hand zwei Fuß vom Steinpflaſter, und als der Knecht mit dem Kopf ſchüttelte, duckte der Alte ſich ſelbſt auf die Erde. Dies ſollte ſo viel bedeuten, als„mein Zwerg,“ aber der Jaſch konnte es nicht verſtehen, dann packte der Vater das Gelenk ſeiner einen Hand mit der andern und ſchüttelte die Hand heftig vor Jaſchu Naſe, ſo daß der Knecht, der ohne⸗ dies über den großen Mann erſchrocken war, beinahe wegge⸗ laufen wäre. Endlich aber wurde der Vater mit ſeinen Sachen in unſern Korbwagen geſchafft, nachdem er noch einige Mal um den Wagen herumgegangen war und ihn mit Miß⸗ trauen befühlt hatte. So fuhr er ab. Dem Knecht hatte ich geſagt, er ſollte auf geradem Weg nach der Förſterei fahren, und hatte mit dem Förſter Alles verabredet. Ich ritt auf einem Seitenwege vor, und als. der Wagen gegen Abend ankam, ſprang ich in des Förſters Bett und ließ mir die Hand unter der Bettdecke feſtbinden, um ſie nicht in der Freude herauszuſtecken. Als der Alte zu meinem Bett trat, war er ſo ſehr gerührt, daß er weinte, und es that mir in der Seele weh, daß ich ihn täuſchen mußte. Ich erzählte ihm, daß es ſchon wieder beſſer wäre, und daß mir der Arzt erlaubt hätte, am nächſten Tag aufzuſtehen. Darauf wurde er ruhiger und ſagte mir mit wichtiger Miene, das wäre ihm lieb, denn morgen wäre für ihn ein großer Tag, morgen müßte ich an ſein Bett. Somit fing er wieder von ſeinem Unſinn an. Aber nicht lange, ſo wurde er luſtig, der Förſter kam dazu, und wir aßen, was das gnädige Fräulein mir vom Schloß ge⸗ ſchickt hatte. Ich ſetzte dem Alten Bier vor, welches er ſehr ſchlecht fand, darauf machte der Förſter Punſch, und 19*„ — 292— wir tranken alle Drei recht tapfer, der Vater mit ſeinen ver⸗ zweifelten Gedanken, ich mit der abgehauenen Hand, und der Förſter. „Von der langen Reiſe, der warmen Stube und dem Punſch wurde der Vater bald ſchläfrig. Ich hatte für eine große Bettſtelle geſorgt, die in des Förſters Stube aufgeſtellt war. Er küßte mich beim Gutenachtgruß noch auf den Kopf, klopfte auf die Bettdecke und ſagte:„Alſo morgen, mein Zwerg.“ Gleich darauf war er eingeſchlafen. Und wie feſt ſchlief er. Ich fuhr aus des Förſters Bett und wachte die Nacht bei ihm in der Stube, es war eine bangſame Nacht, und ich mußte immer wieder auf ſeinen Athemzug hören. Spät am andern Morgen wachte er auf. Sobald der Alte ſich im Bett rührte, trat der Förſter in die Stube, und ſchon an der Thür ſchlug er die Hände zuſammen und rief einmal über das andere:„Aber Herr Sturm, was haben Sie ge⸗ macht!“„Was habe ich denn gemacht?“ frug mein Goliath noch halb im Schlaf und ſah ſich ganz erſtaunt in der Stube um. Es war ein großes Geſchrei der Vögel, und die ganze Wirthſchaft kam ihm ſo fremd vor, daß er gar nicht wußte, ob er noch auf der Erde war.„Wo bin ich denn?“ rief er, „dieſer Ort ſteht nicht in der Bibel.“ Der Förſter aber rief immer zu:„Nein, ſo etwas iſt noch nicht erhört worden!“ bis der Alte ganz erſchrocken wurde und ängſtlich frug:„Na, was denn?“—„Was haben Sie gemacht, Herr Sturm?“ rief der Förſter,„Sie haben eine Nacht, und einen Tag und wieder eine Nacht geſchlafen.“„Warum nicht gar,“ ſagte mein Alter,„heut iſt der dreizehnte, es iſt Nittwoch.“„Nein,“ ſaggte der Förſter,„heut iſt der vierzehnte, es iſt donnerstag.“ — 293— So zankten die Beiden mit einander. Endlich holte der Förſter ſeinen Kalender, in welchem er alle vergangenen Tage ausgeſtrichen hatte und auch die gegenwärtige Mittwoch mit einem dicken Strich, und hatte zum Dienstag unter ſeine Be⸗ merkungen geſchrieben:„Heut 7 Uhr iſt der Vater des Amt⸗ mann Sturm angekommen, ein großer Mann, kann viel Punſch vertragen,“ und Mittwoch:„Heut hat dieſer Vater den ganzen Tag über geſchlafen.“ Mein Alter ſah hinein und ſagte endlich ganz verwirrt:„Es iſt richtig. Hier haben wir's ſchriftlich. Dienstag, um ſieben Uhr bin ich gekommen, die Größe und der Punſch, Alles ſtimmt, die Mittwoch iſt quittirt, es iſt heut Donnerstag, es iſt der vierzehnte.“ Er legte den Kalender hin und ſaß ganz betreten in ſeinem Bett. „Wo iſt mein Sohn Karl?“ rief er endlich. Jetzt trat ich in die Stube, ich hatte meine Hand unter den Rock gebunden und verſtellte mich ebenſo wie der Förſter, bis der Alte endlich. rief:„Ich bin wie behert, ich weiß nicht, was ich denken ſoll.“„Siehſt du denn nicht,“ ſprach ich,„daß ich außer Bett bin? Geſtern, als du ſchliefſt, war der Doctor hier und hat mir erlaubt, aufzuſtehen. Jetzt bin ich ſchon ſo ſtark, daß ich den Stuhl hier mit ſteifem Arm heben kann.“ „Nur nichts Schweres mehr,“ ſagte der Alte.„Und auch deinetwegen habe ich mit dem Doctor geſprochen,“ redete ich weiter,„er iſt ein kluger Mann und hat uns geſagt, entwe⸗ der— oder; entweder er geht drauf, oder er ſchläft ſich durch. Wenn er den ganzen Tag ſchläft, hat er's überſtanden. Es iſt gefährlich für ihn, es kommen manchmal ſolche Zufälle bei den Menſchen vor.“„Bei uns Aufladern,“ ſagte darauf der Alte. So brachten wir ihn dazu, daß er aus dem Bett — 294— aufſtand. Und er war recht munter. Aber ich hatte doch den ganzen Tag große Sorge und ging ihm nicht von der Taſche. Er durfte nicht aus dem Hof heraus. Und doch wäre am Nachmittag bald Alles verloren geweſen, als der Vogt ankam, mich zu ſprechen. Glücklicher Weiſe hielt der Förſter die Hofthür verſchloſſen, er ging hinaus und unter⸗ wies den Vogt. Als dieſer hereinkam, rief ihm mein Vater ſchon von Weitem entgegen:„Welcher Tag iſt heut, Kame⸗ rad?“„Donnerstag,“ ſagte der Vogt,„der vierzehnte.“ Da lachte der Vater über das ganze Geſicht und rief:„Jetzt iſt's ſicher, jetzt glaub' ich's.“ Noch eine Nacht ſchlief er beim Förſter, bis der Geburtstag überſtanden war. „Am nächſten Morgen ließ ich den Wagen kommen und fuhr ihn nach dem Hof und führte ihn in die Stube, gegen⸗ über der meinen, wo der Techniker gewohnt hat. Ich hatte ihm die Stube ſchnell eingerichtet, Herr von Fink, welcher von Allem wußte, hatte handfeſte Möbel aus dem Schloß herüberſchaffen laſſen, ich hatte dem Vater den alten Blücher hereingehängt, hatte die Rothkehlchen hereingelaſſen, die Ho⸗ belbank hereingeſtellt und einiges Werkzeug dazu, damit die Stube für ihn bequem war. Und jetzt ſagte ich ihm:„Dies iſt deine Wohnung, Alter. Du mußt jetzt bei mir bleiben.“ „Oho,“ ſagte er,„dieſes geht nicht, mein Zwerg.“„Es wird nicht anders ſein,“ ſagte ich wieder,„ich will es, Herr von Fink will es, Herr Wohlfart will es, Herr Schröter will es. Du mußt dich ergeben. Wir werden uns jetzt nicht mehr trennen, ſo lange wir Beide noch zuſammen auf dieſer Erde ſind.“ Und darauf zog ich meine Hand aus dem Rock und hiel lt ihm eine tüchtige Strafrede, wie ungefund ſein Le⸗ ben geweſen ſei, und daß er ſeiner Einbildungen wegen mich verlaſſen wolle, ſo lange, Pis er Inz weichherzig wurde und amir Aüles eeniag Gute R 8 fan Serr pon 4 eirtor maddn MS dc Vater in Finer luſtigen Weiſe, ud am Nach ane t bun das Fräulein und brachte den Herrn 4 Baron geführt. Der blinde Herr freute ſich außerordentlich über den Vater, ſeine Stimme gefiel ihm ſehr, und er fühlte oft nach der Größe, und beim Abſchied nannte er ihn einen Mann nach ſeinem Herzen. Und das muß wohl ſein, denn der Herr reide ife nitage zum Vater in die kleine Stube und hört zu, wie der Vater ſchnitzt und pocht. „Noch iſt der Vater verwundert über Alles, waser hier ſieht, auch mit dem Tage, den er verſchlafen hat, iſt er noch nicht ganz im Reinen, obgleich er's wohl merkt, denn er faßt mich manchmal mitten in der Unterredung beim Kopf und nennt mich einen Spitzbuben. Dieſes Wort wird er jetzt 3 wohl füͤr den alten Zwerg in ſeiner Rede einführen, obgleich es für einen Amtmann noch ſchlimmer iſt. Er wird ſich auf die Stellmacherei legen, er hat heut ſchon über Radſpei⸗ chen geſchnitzt. Ich fürchte nur, er wird ſehr ins Schwere arbeiten. Ich bin froh, daß ich ihn hier habe, und daß Alles ſo abgelaufen iſt, wenn er nur erſt den Winter überſtanden hat, wird er die Schwäche in ſeinen Füßen ſchon auslaufen. Das kleine Haus will er verkaufen, aber nur an einen Auf⸗ lader. Er läßt Sie bitten, daſſelbe dem Wilhelm anzutragen, welcher zur Miethe wohnt, er ſoll's billiger haben, als ein Fremder.“ 8 Acht Tage nach dem Untergang des Advocaten ſaß An⸗ ton in ſeinem Zimmer und ſchrieb an Fink. Er theilte dieſem mit, daß man denaeichngm des, Advocaten am Ende 5 der Stadt beim Wehr aus dem Waſſer gezogen habe, die Urſache ſeines Todes ſei nicht klar. Ein Kind aus dem Hauſe, in welchem der Mann wohnte, hatte erzählt, daß es ihm am Abende der Hausſuchung nahe bei ſeiner Wohnung auf der Straße begegnet war; ſeitdem war der Todte nicht 6 wieder erblickt worden. Unter dieſen Umſtänden ſei ein Selbſtmord nicht unmöglich. Der Polizeibeamte jedoch halte die Anſicht feſt, daß der herabgeſchlagene Hut eine fremde Hand indicire. Beim Durchſuchen der Wohnung habe man die Papiere nicht gefunden. Die weitern Nachforſchun⸗ gen der Polizei ſeien bis jetzt ohne Erfolg geweſen. Seine eigene Meinung über den furchtbaren Zwiſchenfall gehe da⸗ hiizn, daß Itzig auch hierbei eine Schuld habe. 3 Da wurde die Thür geöffnet, der Galizier trat haſtig in das Zimmer und legte, ohne zu ſprechen, eine alte Brille mmit roſtiger Stahleinfaſſung vor Anton auf den Tiſch. An⸗ eon ſah in das verſtörte Geſicht des Mannes und ſprang auf.. „ Seine Brille,“ flüſterte Tinkeles in heiſerem Tone, „ich habe ſie gefunden beim Waſſer. Gerechter Gott, daß man muß erleben ſolchen Schreck!“ 3 — 297— „Weſſen iſt die Brille, und wo habt Ihr ſie gefunden?“ frug Anton; ihm ahnte, was der Galizier zu ſagen ni die urde hatte, Wei Auge ſah⸗ ſcheu nach den trüb 3 Nen.„F Faßt juch, Tinkeles, und ſprecht.“ 5 kann nicht bleiben verborgen, es ſchreit zum Him⸗ mel,“ rief der Galizier in heftiger Bewegung.„Sie ſollen hören Alles, wie es verlaufen iſt. Zwei Tage, nachdem ich habe geſprochen mit Ihnen wegen der hundert Thaler, bin 19. gegangen des Abends zu Löbel Pinkus in die Schlafſtelle. Wie ich bin in das Haus getreten, iſt ein Mann im Finſtern an mich angerennt. Ich habe gedacht, iſt das der Itzig, — oder iſt er's nicht? Ich habe mir geſagt, es iſt der Itzig; es iſt ſein Laufen, wie er läuft, wenn er in Eile iſt. Als . ich bin gekommen hinauf in die große Stube, iſt Alles ge⸗. 4 weſen leer, und ich habe mich geſetzt zum Tiſch und habe nach⸗ geſehen in meiner Brieftaſche. Und wie ich ſitze, geht drau⸗ ßen der Wind und es klopft an das Geländer, und es klopft immer fort, als wenn Einer draußen ſteht, der herein will, und kann nicht öffnen die Thür. Ich habe mich erſchreckt und habe meine Briefe eingepackt und habe gerufen: iſt Je⸗ mand hier, ſo ſoll er ſagen, daß er hier iſt. Es hat Keiner geantwortet, aber es hat an der Thüre geklappert ohne Auf⸗ hören. Da habe ich mir gefaßt ein Herz, ich habe genom⸗ men die Lampe und bin gegangen an das Geländer und habe geleuchtet in alle Winkel. Ich habe Niemand geſehen. Und . wieder hat's geklopft dicht vor mir und hat gegeben einen großen Krach; da iſt aufgeflogen eine Thür, welche niemals offen geweſen iſt, und von der Thür hat eine Treppe hinun⸗ tergeführt ins Waſſer. Als ich nun habe geleuchtet auf der. . — 298— Treppe, habe ich geſehen, daß ein naſſer Fuß hat getreten auf die Stufen und iſt heraufgekommen; die Spuren von dem Fuße ſind geweſen zu ſehen bis in die Stube, naſſe, Flecke kuf dem Boden. Und ich habe mich gewundert und habe zu mir geſagt: Schmeie, habe ich geſagt, wer iſt gegangen bei der Nacht aus dem Waſſer herauf in die Stube, und hat offen gelaſſen die Thür, wie ein Geiſt? Es kümmert dich nicht, habe ich mir geſagt, es iſt nicht dein Geſchäft. Und ich habe mich gefürchtet.— „Und eh' ich zuſchließe die Thür, habe ich mit der Lampe noch einmal auf die Treppe geleuchtet, und da habe ich unten am Waſſer auf der letzten Stufe etwas geſehen, das gefun⸗ kelt hat im Licht. Und ich habe mich hinuntergewagt eine Stufe nach der andern, weh, ich kann Ihnen ſagen, Herr Wohlfart, es iſt geweſen eine ſchwere Arbeit. Der Wind hat geheult und hat geblaſen um meine Lampe, und der Weg die Treppe hinunter iſt geweſen ſo finſter wie ein Brun⸗ nen. Und was ich aufgehoben habe, iſt geweſen dieſes da,“ — er wies auf die Brille—„das Glas, das er vor ſeinen Augen getragen hat.“ „Und woher wißt Ihr, daß es die Brille des Todten iſt?“ frug Anton geſpannt. „Sie iſt zu erkennen an dem Gelenk, das verbunden iſt mit ſchwarzem Zwirn. Ich habe ihn mit dieſer Brille beim Pinkus in der Stube geſehen mehr als einmal. Darauf habe ich die Brille zu mir geſteckt, und ich habe gedacht, ich will dem Pinkus nichts ſagen von der Geſchichte und will das Glas geben dem Hippus ſelbſt und ſehen, ob es mir kann nützen für unſer Geſchäft. Und ich habe die Brille bei mir — 299— getragen bis heut und habe auf den Hippus gewartet, und als er nicht gekommen iſt, habe ich den Pinkus gefragt, und dieſer hat mir geantwortet:„Weiß ich doch auch nicht, wo er ſteckt.“ Und heute zum Mittag, als ich gekommen bin in d Herberge, iſt mir der Pinkus entgegengelaufen und hat mir geſagt:„Schmeie, hat er geſagt, wenn Ihr den Hippus noch ſprechen wollt, ſo müßt Ihr gehen ins Waſſer; er iſt gefunden worden im Waſſer.“ Das iſt mir geweſen wie ein Schuß in mein Herz, als er mir geſagt hat: geh ins Waſſer und ſuch dir ihn. Und ich habe mich halten müſſen an die Wand.“ Anton eilte an den Schreibtiſch, ſchrieb einige Zeilen an den Beamten, der erſt vor Kurzem das Zimmer verlaſſen hatte, klingelte und gab dem Diener den Auftrag, das Billet eiligſt abzugeben. Unterdeß war Tinkeles wie gebrochen auf einen Stuhl geſunken, er ſtarrte auf die Tiſchplatte und murmelte vor ſich in unverſtändlichen Tönen. Anton ging nicht weniger ergriffen im Zimmer auf und ab. Es war ein trauriges Schweigen. Nur einmal wurde es unterbrochen, als der Galizier von ſeinem Gemurmel zu lauten Tönen überging und fragte:„Glauben Sie, daß die Brille werth ſein wird die hundert Thaler, die Sie für mich haben in Ihrem Schreibtiſch?“ „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete Anton kurz und ſetzte ſeinen Weg durch die Stube fort. Schmeie verfiel wieder in Abſpannung und Seufzen, ſchlug manchmal ſeine zitternden Hände in einander und gurgelte vor ſich hin. Endlich blickte er wieder auf und ſagte:„oder zum wenigſten doch funfzig?“ „ 3 3 9 519 — 300— „Schweigt jetzt mit Eurem Schacher,“ erwiederte An⸗ ton ſtreng. „Was ſoll ich ſchweigen,“ rief Tinkeles entrüſtet,„ich ſtehe aus eine große Angſt, ſoll das ſein um gar nichts?“ Und wieder verſank er in ſeinen Schmerz. 1 Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft des Beamten unterbrochen. Der gewandte Mann ließ den Händler noch einmal ſeinen Bericht wiederholen, nahm die Brille, beſtellte einen Wagen für ſich und den widerſtrebenden Tinkeles und ſagte beim Abſchiede zu Anton:„Machen Sie ſich gefaßt auf eine ſchnelle Entwickelung; ob ich meinen Willen durchſetze, iſt noch zweifelhaft; für Sie iſt aber jetzt einige Ausſicht da, die Documente, welche Sie ſuchen, aufzufinden.“ „Um welchen Preis!“ rief Anton ſchaudernd. Die Zimmer im Hauſe Ehrenthals waren hell erleuchtet, durch die herabgelaſſenen Vorhänge fiel ein trüber Schimmer in den Sprühregen, der aus der dicken Nebelluft auf die Straße ſank. Mehrere Räume waren geöffnet, ſchwere ſil⸗ berne Leuchter ſtanden umher, glänzende Theekannen, bunte Porcellanſchaalen, alles Schaugeräth war gebürſtet, gewa⸗ ſchen und aufgeſtellt, der dunkle Fußboden war neu gebohnt, ſogar die Küchenfrau trug eine neu geplättete Haube; das ganze Haus hatte ſich gewaſchen und gereinigt. Die ſchöne Roſalie ſtand mitten unter dieſer Herrlichkeit in einem Kleid von gelber Seide mit purpurrothen Blüthen geſchmückt, ſchön wie eine Houri des Paradieſes, und bereit wie dieſe, den Auserwählten zu empfangen. Die Mutter ſtrich ihr die Falten des ſchweren Stoffes zurecht, ſah triumphirend auf ihr Werk und ſagte in einer Anwandlung von mütterlichem Gefühl: —— — 301— „Was du heut ſchön biſt, Roſalie, mein einziges Kind.“ Aber Roſalie war zu ſehr gewöhnt an dieſe Huldigungen der Mutter, ſie achtete wenig auf das Lob und neſtelte unwirſch an einem Armband, welches auf ihrem vollen Arm durch⸗ aus nicht feſthalten wollte.„Daß der Itzig mir Türkiſe ge⸗ kauft hat, war wieder recht unpaſſend von ihm, er hätte auch wiſſen können, daß ſie nicht in der Mode ſind.“ „Sie ſind gut gefaßt,“ ſagte die Mutter beruhigend,„es iſt ein ſchweres Gold, und die Facon iſt nach dem neuſten Geſchmack.“ 4 „Und wo bleibt Itzig? Heut ſollt' er doch kommen zur rechten Zeit; die Familie wird da ſein, und der Bräutigam wird fehlen,“ fuhr Roſalie ſchmollend fort. „Er wird zur Stunde kommen,“ antwortete Itzigs Pa⸗ tronin, du weißt, wie er ſich müht und arbeitet, damit du ein glänzendes Haus machen kannſt. Du biſt glücklich,“ ſchloß ſte ſeufzend.„Du trittſt jetzt in das Leben, und wirſt eine angeſehene Frau. Ihr werdet nach der Trauung zuerſt auf einige Wochen nach der Reſidenz reiſen, wo der Itzig dich vorſtellen wird meiner Familie, und wo Ihr mit einander in aller Ruhe die Flitterwochen verleben könnt. Unterdeß werde ich Euch dieſes Quartier einrichten, und ich werde hinauf⸗ ziehen in den obern Stock. Ich werde den Reſt meines Lebens den Ehrenthal pflegen und mit ihm ſitzen in der leeren Stube.“ „Soll der Vater heut in die Geſellſchaft kommen?“ frug Roſalie. „Es muß ſein wegen der Familie, daß er hereinkommt; er muß als Vater den Segen über Euch ſprechen.“ .. 5„ — 302— „Er wird uns einen Affront machen und wieder thö⸗ richtes Zeug reden,“ ſagte die kindliche Tochter. „Ich habe ihm geſagt, was er ſprechen ſoll,“ antwortete die Mutter,„und er hat mir zugenickt zum Zeichen, daß er es hat verſtanden.“ Es klingelte, die Thür öffnete ſich, die Verwandtſchaft erſchien. Bald füllten ſich die Zimmer. Damen in ſchweren ſeidenen Kleidern mit Goldſchmuck, blitzenden Ohrringen und Ketten beſetzten das große Sopha und die Stühle der Runde. Es waren meiſt volle Geſtalten, hier und da ein brennendes dunkeles Auge, eine impoſante Geſtalt. Sie ſaßen in getrennter Verſammlung wie ein buntes Tulpenbeet, in welches der Gärtner vermieden hat, eine dunkle Blüthe zu ſetzen. Und wieder in Gruppen ſtanden die Männer, ſchlaue Geſichter, die Hände in den Hoſentaſchen, weniger feierlich und weniger behaglich. So harrte die Verwandtſchaft des Bräutigams, der immer noch zu. kommen ſäumte. Endlich erſchien er, der gezeichnet war. Argwöhniſch fuhr ſein Auge umher, unſicher klang ſein Gruß an die Braut. Er ſtrengte ſich an bis aufs Aeußerſte, nur einige Redensarten zu finden, die er dem ſchönen Mädchen hinwer⸗ fen konnte, und er ſelbſt hätte grimmig lachen mögen über die Leere, die er in ſich fühlte. Er ſah nicht ihr glänzendes Auge, nicht den ſchönen Hals und die Pracht des Leibes; als er zu ihr trat, mußte er auf einmal an etwas Anderes denken, woran er jetzt immer dachte. Er wandte ſich ſchnell von Roſalie ab und trat in den Haufen der Herren, der nach ſeiner Ankunft geſprächiger wurde. Einige gleichgiltige Redensarten der Jüngern wurden gehört, als:„Fräulein — 303— Roſalie ſieht bezaubernd aus“ und:„ob der Ehrenthal kommen wird?“ und:„dieſer lange Nebel iſt ungewöhnlich, er iſt ungeſund, man muß Jacken von Flanell tragen,“ bis aus einem Munde die Worte kamen:„Vier ein halbprocen⸗ tige.“ Da hörten die Fragen auf, es war ein Geſpräch gefunden. Itzig war einer der Lauteſten, er geſticulirte nach allen Seiten. Man redete von den Curſen, von der Wolle und von dem Unglück eines Geſchäftsmannes, der in Papieren ſo viel gemacht hatte, daß er gefallen war. Die Frauen waren vergeſſen, und an ſolche Iſolirung gewöhnt, hielten ſte feierlich die Theetaſſen in der Hand, ſtrichen die Falten an ihren Gewändern zurecht und bewegten anmuthig Hals und Arm, daß ihre Ketten und Armbänder im Kerzenlicht blitzten. Da ward die Unterhaltung durch ein Geräuſch unter⸗ brochen, eine Thür ging auf, allgemeine Stille entſtand, ein ſchwerer Armſtuhl wurde in das Zimmer gerollt. 4 Auf dieſem Armſtuhl ſaß ein alter Mann mit weißem Haar, ein dickes aufgedunſenes Geſicht, zwei glotzende Augen, welche vor ſich hinſtarrten, der Leib gekrümmt, die Arme ſchlaff über die Lehne herabhängend. Das war Hirſch Ehrenthal, ein blödſinniger Greis. Als der Stuhl in die Mitte der Verſammlung niedergeſetzt war, ſah er ſich langſam um, nickte mit dem Kopf und wiederholte die eingelernten Worte: „Guten Abend, guten Abend.“ Seine Frau beugte ſich zu ihm herab und rief mit lauter Stimme in ſein Ohr:„Kennſt du die Herrſchaften, welche hier ſind? Es iſt die Verwandt⸗ ſcha t. „Ich weiß,“ nickte die Geſtalt,„es iſt eine Soirée.— — 304— * Sie ſind Alle gegangen zu einer großen Soirée, und ich bin allein geblieben in meiner Stube.— Und ich habe geſeſſen an ſeinem Bett. Wo iſt der Bernhard, daß er nicht kommt zu ſeinem alten Vater?“ Die Anweſenden, welche den Lehn⸗ ſtuhl umringt hatten, traten verlegen zurück, und die Haus⸗ frau ſchrie dem Alten wieder ins Ohr:„Bernhard iſt ver⸗ reiſt, aber deine Tochter Roſalie iſt hier.“ „Verreiſt iſt er?“ frug der Alte traurig,„wohin kann 'er doch ſein verreiſt? Ich habe ihm wollen kaufen ein Pferd, daß er kann darauf reiten, ich habe ihm wollen kaufen ein Gut, damit er ſoll leben als ein anſtändiger Menſch, was er immer iſt geweſen. Ich weiß,“ rief er,„als ich ihn habe geſehen das letzte Mal, iſt er geweſen auf einem Bett. Auf dem Bett hat er gelegen, und er hat ſeine Hand erhoben und hat ſie geſchüttelt gegen ſeinen Vater.“ Er ſank in den Stuhl zurück und wimmerte leiſe. .„Komm her, Roſalie,“ rief die Mutter, geängſtigt durch dieſe Phantaſie des Schwachſinnigen.„Wenn dich der Va⸗ ter ſteht, mein Kind, kommt er auf andere Gedanken.“ Die Tochter trat heran und kniete, ihr Taſchentuch unterbreitend, vor dem Stuhl des Vaters.„Kennſt du mich Vater?“ rief ſte. „Ich kenne dich,“ ſprach der Alte,„du biſt ein Weib. Was braucht ein Weib zu liegen auf der Erde? Gebt mir meinen Gebetmantel und ſprecht die Gebete. Ich will knieen 4 an deiner Stelle und beten, denn es iſt gekommen eine lange Nacht. Aber wenn ſie wird vorüber ſein, dann werden wir anzünden die Lichter und werden eſſen. Dann wird es Zeit ſein, daß wir die bunten Kleider anziehen.— Was trägſt dlud 86 6 einen bunten Rock, jetzt, wo der Herr zuͤrnt auf die Ges meinde?“— Er begann ein Gebet zu murmeln und ſank wieder in ſich zuſammen. Roſalie erhob ſich unwillig; die Mutter ſagte in großer Verlegenheit:„Es iſt heut ärger mit ihm, als es jemals geweſen iſt. Ich habe gewollt, daß der Vater gegenwär⸗ tig ſein ſollte beim Ehrentage der Tochter, aber ich ſehe, daß er die Pflichten des Hausherrn nicht erfüllen kann. So werde ich als Mutter der Geſellſchaft eine frohe Mitthei⸗ lung machen.“ Sie faßte feierlich die Hand ihrer Toch⸗ ter:„Treten Sie näher, Itzig.“ Itzig hatte bis dahin ſtumm unter den Andern geſtanden und auf den Alten geſtarrt. Er hatte zuweilen mit den Achſeln gezuckt und mit dem Kopfe geſchüttelt über den Un⸗ ſinn des Kranken, weil er fühlte, daß das bei ſeiner Stel⸗ lung in der Familie ſchicklich war. Aber vor ſeinem Auge ſchwebte eine andere Geſtalt, er wußte beſſer als die Andern, wer jammerte und ſtöhnte, er wußte auch, wer geſtorben war und nicht verziehen hatte. So trat er mechaniſch neben die Frau vom Hauſe, den Blick ſtier auf den Alten gerichtet. Die Gäſte umringten im Kreiſe ihn und Roſalie, die Mut⸗ ter ergriff ſeine Hand. Da fing der Alte in ſeinem Lehnſtuhl wieder an zu ſchwatzen.„Seid ſtill,“ ſagte er vernehmlich,„dort ſteht er, der Unſichtbare. Wir gehen heim vom Begräbniß, und er tanzt unter den Weibern. Wen er anſteht, dem ſchlägt er die Glieder. Dort ſteht er,“ ſchrie er laut und erhob ſich aus ſeinem Stuhl.„Dort— dort.— Stuͤrzt Eure Waſſerbecken um und flieht in die Hauſer.— III. 20 * Denn der da ſteht, er iſt verflucht vor dem Herrn. Ver⸗ flucht!“ ſchrie er und ballte die Hände und wankte wie ra⸗ 6 ſend auf Itzig zu. Itzigs Geſicht wurde fahl, er verſuchte zu lachen, aber ſeine Züge verzogen ſich in grimmiger Angſt. Da wurde ſchnell die Thür aufgeriſſen, ſein Laufburſche ſah ängſt⸗ lich herein. Itzig warf nur einen Blick auf den Knaben, und er wußte Alles, was der Andere ihm ſagen wollte. Er war entdeckt, er war in Gefahr. Er ſprang zur Thür und war verſchwunden. Lege deinen Brautſchmuck ab, ſchöne Rofalie, wirf das goldene Armband mit Türkiſen in die finſtere Ecke des Hau⸗ ſes, wo der Moder an den Wänden ſitzt und nie ein Licht⸗ ſtrahl auf Gold und Edelſteine blitzt. Die Steine ſollen verbleichen und das Gold unſcheinbar werden im Laufe der Jahre, die Kelleraſſeln ſollen in den Gliedern des Arm⸗ rings ihr Lager aufſchlagen und durch das goldene Ketten⸗ gelenk ſchlüpfen. Langbeinige Spinnen werden darüber krie⸗ chen und werden ihre Röhre daran ſpinnen, um einfältige Fliegen in der Finſterniß zu überraſchen. Wirf das Arm⸗ band weit weg von dir, denn jeder Gran Gold daran iſt durch eine Schurkerei bezahlt. Zieh dein hochzeitlich Gewand aus und hülle deinen ſchönen Leib in Trauerkleider, und von den Blumen in deinem Haar pflücke die Blätter ab und wirf ſte hinaus in die Nacht, dem kalten Nachtwind zum Spiele. Sieh ihnen nach, wie ſie im Lichtſcheine des Fenſters flat⸗ teern und in dem Dunkel verſchwinden; ſte fallen hinab in den Schmutz der Straßen, und der Fuß der Vorübergehen⸗ den bedeckt ſie mit Schlamm. Du wirſt keine Verlobung, * — 307— kein Hochzeitsfeſt feiern mit deinem vielverſprechenden Bräu⸗ tigam; du wirſt in den nächſten Tagen mit geſenktem Haupt über die Straßen eilen, und wo du vorübergehſt, werden die Leute einander anſtoßen und flüſtern:„Das iſt ſeine Braut.“ Und wenn die Zeit kommt, wo die Hoffnung der Mutter dich in der Reſidenz ſah, in luſtigen Flitterwochen, da wirſt du in einer fremden Stadt ſttzen, wohin du fliehſt, um dem Spott der Boshaften zu entrinnen. Du gehſt nicht im Schmerz unter, und deine Wange erbleicht nicht; du haſt ein glän⸗ zendes Ausſehen, und dein Vater hat viel Geld zuſammen⸗ geſcharrt; du findeſt mehr als Einen, der bereit iſt, der Nachfolger von Itzig zu werden. Dein Loos iſt, Einem heim⸗ zufallen, der dein Capital heirathet und deine Glieder mit vergnügtem Lachen in Kauf nimmt, und du wirſt ihn vom erſten Tage deiner Ehe an verachten, und wirſt ihn ertragen, wie man einen Schaden trägt, den der Arzt nicht wegſchaffen kann. Neue Gewänder von glänzender Seide wirſt du tra⸗ gen, und ein anderer Goldſchmuck wird an deinem Arm klir⸗ ren, und der Inhalt deines Lebens wird ſein, als geſchmückte Puppe umher zu wandeln und deinen Mann höhniſch mit andern Männern zu vergleichen. Das Geld aber, welches der alte Ehrenthal durch Wucher und Schlauheit mit tau⸗ ſend Sorgen für ſeine Kinder zuſammengebracht hat, das wird wieder rollen aus einer Hand in die andere, es wird dienen den Guten und Böſen, und wird dahinfließen in den mächtigen Strom der Capitalien, deſſen Bewegung das Men⸗ ſchenleben erhält und verſchönert, das Volk und den Staat groß macht und den Einzelnen ſtark oder elend, je nh ſel⸗ nem Thun. — 308— Draußen war finſtere Nacht, durch die dicke Luft rieſelte ein kalter Sprühregen, und die Haut der Fußgänger ſchauerte unter den dichten Herbſtkleidern. Itzig ſprang die Treppe hinab. Er hörte noch auf den Stufen eine bebende Stimme: „Die Polizei iſt in der Wohnung, ſie ſtehen im Hofe, ſie lauern auf der Treppe, ſie brechen die Stubenthür auf.“ Dann hörte er, nichts mehr, eine furchtbare Angſt überſchüt⸗ tete ſeine Seele. Mit raſender Schnelligkeit fuhren die Ge⸗ danken durch ſein Haupt. Flucht, Flucht, ſchrie Alles in ihm. Er fühlte nach ſeiner Taſche, worin er ſeit der letzten Woche einen Theil ſeines Vermögens herumtrug. Er dachte an die Züge der Eiſenbahn, es war nicht die Stunde, wo ein Zug abging, der ihn zum Meere führen konnte. Und auf allen Bahnhöfen fand er Verfolger, die auf ihn lauer⸗ ten. So rannte er hinein in die Nacht durch enge Gaſ⸗ ſen in entlegene Stadttheile. Wo eine Laterne brannte, fuhr er zurück. Immer flüchtiger wurde ſein Gang, immer verworrener der Zug ſeiner Gedanken. Endlich verließ ihn die Kraft, er kauerte in eine Ecke und preßte die Hände an ſeinen Kopf, um die Gedanken zuſammenzuhalten. Da hörte er das dumpfe Horn des Wächters in ſeiner Nähe, wenige Schritte von ihm ſtand der Mann, und ſeine Helle⸗ barde klapperte an den Schlüſſeln, die er am Gürtel trug. Tief zur Erde beugte ſich der Flüchtige, die Angſt ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen, daß er ſtöhnte, obgleich es ſein Leben galt. Auch hier war die Gefahr. Wieder ſtürzte er zwiſchen den Häuſerreihen vorwärts auf den einzigen Ort zu, der noch deutlich vor ſeiner Seele ſtand, vor dem er ſich graute, wie vor dem Tode, und zu dem es ihn doch hinzog, als zu dem letzten Verſteck, das er auf Erden noch hatte. Als er in die Nähe der Herberge kam, ſah er einen dunklen Schatten vor der Thür. Dort hatte der kleine Mann oft in der Dunkelheit geſtanden und auf den heimkehrenden Veitel gewartet. Auch heut ſtand er dort und wartete auf ihn. Der Unſelige fuhr zurück und wieder näher heran, die Thür war frei. Er fuhr mit der Hand nach einem verbor⸗ genen Drücker und ſchlüpfte hinein. Aber hinter ihm hob ſich wieder drohend der Schatten aus dem Dunkel eines vor⸗ ſpringenden Kellers, er glitt hinter ihm an die Thür und blieb dort regungslos ſtehen. Der Flüchtling zog ſeine Stiefeln aus und huſchte die Treppe hinauf. Er fühlte ſich im Finſtern an eine Stubenthür, öffnete ſie mit zitternder Hand und griff mach einem Schlüſſelbund ag des Wand. Mit den Schlüſſeln eilte er durch den Saal auf die Galerie, wie in weiter Ferke hörte er die Athemzüge ſchlafender Men⸗ ſchen. Er ſtand vor der Treppenthür. Ein heftiger Schauer ſchüttelte ſeine Glieder, wankend ſtieg er hinunter, Stufe auf Stufe. Als er den Fuß in das Waſſer ſetzte, hörte er ein klägliches Stöhnen. Er hielt ſich an die Holzwand, wie der Andere gethan, und ſtarrte hinunter. Wieder ſtöhnte es aus tiefſter Bruſt, er merkte, daß er es ſelbſt war, der ſo Athem holte. Mit dem Fuß ſuchte er den Gang im Waſſer. Das Waſſer war geſtiegen ſeit jener Zeit, es ging ihm hoch über das Knie, er hatte Grund gefunden und ſtand im Waſſer. Finſter war die Nacht, immer noch rieſelte der Regen durch die ſchwere Luft, der Nebel überzog Häuſer und Gale⸗ rien längs dem Fluſſe, nur undeutlich trat eine Waſſertreppe, ein ſtützender Pfeiler oder das Giebeldach eines Hauſes aus — 310— der dunkelgrauen Maſſe hervor. Das Waſſer ſtaute ſich an den alten Pfählen, den Treppen und den Vorſprüngen der Häuſer und murmelte eintönig. Es war der einzige Laut in der finſtern Nacht, und er drang wie Donnergetös in das Ohr des Mannes. Alle Qual der Verdammten fühlte er jetzt, wo er watend, mit den Händen fühlend, durch Waſſer und Regen ſeinen Weg ſuchte. Er klammerte ſich an das ſchlüpfrige Holz der Pfähle, um nicht zu ſinken. Er ſtand an der Treppe des Nachbarhauſes, er fühlte nach den Schlüſſeln in ſeiner Taſche, noch ein Schwung um die Ecke, und ſein Fuß berührte die Stufen der Treppe. Da, als er ſich wenden wollte, fuhr er kraftlos zurück, der gehobene Fuß ſank in das Waſſer, vor ſich auf dem Pfahlwerk üher der Fluth eine dunkle, gebückte Geſtalt. e Umriſſe des Alten Hutes erkennen, ordſa trotz der Finſter⸗ niß die häßlichen Züge eines 1eg n Geſichts. Un⸗ beweglich ſuß die Erſcheinung vor ihmt. r'fuhr mit der Hand an ſeine Augen und in die Luft, als wollte er ſie weg⸗ wiſchen. Es war keine Täuſchung, das Geſpenſt ſaß wenige Schritt vor ihm. Endlich ſtreckte das Schreckliche eine Hand aus nach Itzigs Bruſt. Mit einem Schrei fuhr der Ver⸗ brecher zurück, ſein Fuß glitt von dem Wege herunter, er fiel bis an den Hals ins Waſſer. So ſtand er im Strom, über ihm heulte dier Wind, an ſeinem„Ohr rauſchte das Waſſer immer wilder, immer drohender. Er hielt die Hände in die Höhe, ſein Auge ſtarrte noch immer auf die Erſchei⸗ nung vor ihm. Langſam löſte ſich die fremde Geſtalt von dem Balken, es rauſchte auf dem Wege, den er ſelbſt gegan⸗ gen war, das Geſpenſt trat ihm näher, wieder ſtreckte ſich — die Hand nach ihm aus. Er ſprang entſetzt weiter ab in den Strom. Noch ein Taumeln, ein lauter Schrei, der kurze Kampf eines Ertrinkenden, und Alles war vorüber. Der Strom rollte dahin und führte den Körper des Lebloſen mit ſich. An dem Rand des Fluſſes wurde es lebendig, Pech⸗ fackeln glänzten am Ufer, Waffen und verhüllte Uniformen blinkten im Schein der Lichter. Der Zuruf ſuchender Men⸗ ſchen wurde gehört, und vom Fuß der Treppe watete ein Mann längs dem Ufer und rief hinauf:„Er iſt fortgetrie⸗ ben, bevor ich ihn erreichen konnte, morgen wird er aum e zu finden ſein.“ —C—VVC— — 312— 7. Die Herberge des Löbel Pinkus wurde durchſucht, das geheime Magazin im Nebenhauſe mit Beſchlag belegt; und da man die Beute zahlreicher alter und neuer Diebſtähle darin angeſammelt fand, wurde der Herbergsvater ſelbſt ins Gefängniß geſetzt. Unter den gefundenen Gegenſtänden war auch die leere Caſſette des Freiherrn; in einem ver⸗ ſchloſſenen Schrank der geheimen Höhle lagen zuſammen⸗ gepackt AKes cheine des Freiherrn undadie Kide Hy⸗ pothekeninſttlmeſt über die erſten und Ne letzten zwan⸗ zigtauſend Thaler Glen In der Wohnung des Agenten Itzig fand ſich Document, in welchem Pinkus verſicherte, daß Veitel Itzig Eigenthümer der erſten Hypothek ſei. Der harte Sinn des Pinkus wurde durch die Unter⸗ ſuchungshaft erweicht;, er geſtand, was zu leugnen er nicht mehr großes Intereſſe hatte, daß er nur im Auftrage des Er⸗ trunkenen dem Freiherrn das Geld gezahlt, und daß dieſer in der That von Itzig nicht mehr als zuſammen ungefähr zehntauſend Thaler erhalten habe. So gewann der Freiherr auch ſein Anrecht an die Hälfte der erſten Hypothek zurück. Pinkus wurde zu langer Gefängnißſtrafe verurtheilt. Die ſtille Herberge ging ein, und Tinkeles, der das zweite Hundert gleich nach Itzigs Tode von Anton gefordert hatte, trug fortan ſein Bündel und ſeinen Kaftan in einen andern — 313— Schlupfwinkel. Sein Gefühl für die Handlung erhielt durch die letzten Ereigniſſe eine Wärme, welche die Handlung ver⸗ anlaßte, ihm gegenüber ungewöhnliche Vorſicht zu beobach⸗ ten und einige große Geſchäfte zurückzuweiſen, die er jetzt durchaus mit ihr unternehmen wollte. Die natürliche Folge dieſer Kälte war, daß Tinkeles um ſo höhere Achtung vor der Klugheit des Geſchäfts erhielt und fortfuhr, dem Comtoir ſeine Beſuche e zu gönnen, ohne daß eine neue kühne Specula⸗ tion das gute Verhältniß unterbrach. Das Haus des Pin⸗ kus wurde verkauft, ein ehrlicher Färber zog hinein, und von der Galerie, an welcher einſt die hagere Geſtalt des jungen Veitel gelehnt hatte, hing jetzt blau und ſchwarz gefärbtes Garn hinunter bis in die trübe Fluth. Nach langen Verhandlungen mit dem Anwalt und der gedrückten Familie Ehrenthals empfing Anton im Wege des Vergleichs die Ehrenſcheine und die letzte Hypothek gegen Zahlung der zwanzigtauſend Thaler zurück. Unterdeß kam der Subhaſtationstermin des Familien⸗ gutes heran. Noch vor dem Termin ſuchte ein Kaufluſtiger Anton auf, und Anton traf mit ihm unter Zuziehung ſeines Rechtsbeiſtands und mit Einwilligung des Freiherrn das Ab⸗ kommen, daß der Käufer im Termin wenigſtens eine Kauf⸗ ſumme zu bieten habe, welche dem Freiherrn auch die letzte für Ehrenthal ausgeſtellte Hypothek rettete. Bei dem noch immer niedrigen Güterpreiſe war eine höhere Verkauf⸗ ſumme für das Gut nicht zu hoffen, und im Termin, deſſen Ende Anton in großer Spannung abwartete, erſtand der neue Käufer in der That das Gut zu dem vorher beſproche⸗ nen Preiſe. — 314— Am Tage nach dem Termin ſchrieb Anton der Baronin, er überſandte ihr die Schuldſcheine des Freiherrn und ſeine Vollmacht. Er ſtegelte den Brief mit dem frohen Gefühl, daß er aus all der Verwirrung für Lenore doch ein Erbtheil von ungefähr dreißigtauſend Thalern gerettet hatte. Auf dem Dach des Staroſtenhauſes lag wieder der weiße Schnee, und die Krähen drückten die Spur ihrer Füße hin⸗ ein. Das glänzende Feſtkleid des Winters war über Flur und Wald ausgebreitet, in tiefem Schlaf lag die Erde, kein Schäferhund bellte auf den Feldern, das Ackergeräth ſtand unthätig in einem Schoppen des Hofes. Und doch war auf dem Gut ein heimliches Leben ſichtbar, und über den weiten Hofraum eilten geſchäftige Arbeiter mit Zollſtab und Säge. Der Boden in dem Wirthſchaftshof war uneben, denn der Grund für neue Gebäude war ausgegraben, und in den Stu⸗ ben, und ſogar draußen im Sonnenſchein arbeitete eine Schaar Handwerker aus der Stadt, Zimmerleute, Tiſchler und Stell⸗ macher. Luſtig pfiff der Geſell ſein Lied bei der Arbeit, und die gelben Späne flogen weit in den Hof hinein. Es war eine neue Kraft auf dem Gut ſichtbar, und ein neues Leben, und wenn das Frühjahr kommt, wird eine Schaar Arbeiter ſich über den polniſchen Grund verbreiten und den ausge⸗ ruhten Boden zwingen, emſiger Arbeit Früchte zu tragen. In ſeiner warmen Stube ſaß Vater Sturm auf der Schnitzbank unter Tonnenreifen und Faßdauben, und ſein Eiſen arbeitete mächtig in das Eichenholz hinein. Und ihm gegenüber auf dem einzigen Polſterſtuhl der Stube lehnte der blinde Freiherr, den Krückſtock in der Hand, ſein Ohr auf den alten Sturm gerichtet. — 315— „Sie müſſen müde ſein, Sturm,“ ſagte der Freiherr. „Ei,“ rief der Rieſe,„mit den Händen geht es noch wie ſonſt. Das hier wird eine kleine Tonne für das Regenwaſſer, es iſt bloße Kinderarbeit.“ „Auch er hat einmal in einer kleinen Tonne geſteckt,“ ſagte der Freiherr vor ſich hin.„Er war ein ſchwaches Kind, die Amme hatte ihn zum Baden hineingeſetzt, und er hatte ſeinen Rücken darin gebogen und vorn die Knie angeſtemmt, ſo konnte er nicht mehr heraus. Ich mußte die Reifen der Tonne abſchlagen laſſen, um den Knaben aus ſeinem Ge⸗ fängniß zu erlöſen.“ Der Rieſe räuſperte ſich⸗„Waren es eiſerne Reifen?“ frug er theilnehmend. „Es war mein Sohn,“ ſagte der Freiherr mit zuckendem Antlitz. „Ja,“ ſagte Sturm leiſe,„er war ſtattlich, er war ein hübſcher Mann, es war eine Freude, zu hören, wenn ſein Säbel raſſelte, und zu ſehen, wie er ſeinen kleinen Bart drehte.“— Ach, er hatte daſſelbe dem blinden Vater ſchon oft geſagt, alle Tage mußte er es wiederholen, wenn der Freiherr ihm gegenüber ſaß! „Es war des Himmels Wille,“ ſagte der Freiherr und faltete die Hände. „So war es,“ wiederholte der alte Sturm,„unfer Herr⸗ gott wollte ihn zu ſich nehmen, grade als er bei ſeiner beſten Arbeit war. Das war ehrenvoll für ihn, und kein Menſch kann ſchöner die Erde verlaſſen. Für ſein Vaterland und für ſeine Eltern zog er in ſeinem Schnurrock aus, und er war ſiegreich und jagte die Polacken in die Felder, als der — 316— Herr ſeinen Namen rief und ihn unter ſeine eigene Garde verſetzte.“ „Ich aber mußte zurückbleiben,“ ſagte der Freiherr. „Und mich freut's, daß ich unſern jungen Herrn noch gefehen habe,“ fuhr Sturm mit großer Beredſamkeit fort, „denn wie Sie wiſſen, war er damals unſer junger Herr. Sie vertrauten meinem Karl die ganze Wirthſchaft an, und ſo war es für mich eine Ehre, auch Ihrem Herrn Sohn ein Vertrauen zu zeigen.“ „Es war unrecht, daß er zu Ihnen kam Geld zu bor⸗ gen,“ ſagte der Freiherr kopfſchüttelnd. Und er ſagte ſo, weil er die troſtvolle Antwort Sturms ſchon oft gehört hatte und ſie wieder hören wollte. Der Rieſe legte ſein Schnitzeiſen weg, fuhr ſich in die Haare und bemühte ſich, recht unternehmend auszuſehen, als er in leichtſinnigem Tone begann:„Wiſſen Sie was, man muß mit einem jungen Herrn auch Nachſicht haben. Jugend will austoben. Es borgt ſich Mancher Geld in jungen Jah⸗ ren, und vollends wenn einer einen ſo luſtigen Rock hat, mit Quaſten und Silber. Wir waren auch keine Geizhälſe, Herr Baron,“ fuhr er bittend fort und klopfte mit ſeinem Eiſen leiſe an die Knie des Blinden.—„Und der Herr Offizier war ſehr artig, und ich glaube, er war etwas verle⸗ gen. Und als ich ihm das Geld gab, ſah ich ihm an, wie leid es ihm that, daß er es brauchte. Ich gab's ihm um ſo lieber. Und als ich ihm in die Droſchke half und er ſich aus dem Wagen beugte, ich verſichere Ihnen, da war er ganz bewegt, er griff mit beiden kleinen Händen heraus und ſuchte meine Fauſt, um ſie noch einmal zu ſchütteln. Und f wie er ſo da ſaß, fiel das Licht der Straßenlaterne in ſein Geſicht. Es war in dieſem Augenblick ein freundliches liebes Geſicht, etwa wie das Ihrige und noch mehr wie das der Frau Baronin, ſoweit ich dieſes geſehen habe.“ Auch der Blinde ſtreckte die Hände aus und ſuchte die Fauſt des Aufladers. Sturm ſchob die Schnitzbank vor, faßte mit ſeiner Rechten die Hände des Freiherrn und ſtrei⸗ chelte ſie mit der Linken. So ſaßen Beide ſtumm neben einander. Endlich begann der Freiherr mit gebrochener Stimme: „Sie ſind der letzte Menſch geweſen, der meinem Eugen Freund⸗ lichkeit bewieſen hat— ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von Herzen. Es iſt ein unglücklicher zerſchmetterter Mann, der Ihnen das ſagt. Aber ſo lange ich noch auf dieſer Erde lebe, werde ich den Segen des Höchſten für Sie erflehen. Es ſollte nicht ſein, daß mein Sohn mir in meinen alten Tagen den wankenden Schritt ſtützte, Ihnen aber hat der Himmel einen guten Sohn erhalten. Was ich von Friede g hn erh und Glück für meinen armen Eugen wünſchen würde, das, flehe ich zu Gott, ſoll Ihrem Sohne werden.“ Sturm fuhr ſich über die Augen und umſchloß gleich darauf wieder die Hände des Freiherrn. So ſaßen die Väter wieder ſtumm neben einander, bis der Freiherr ſich mit einem Seufzer erhob. Behutſam faßte Sturm den Arm des Blinden und führte ihn über Hof und Anger bis auf die Rampe des Schloſſes. Jetzt iſt ein Weg zu der Thurmthür aufgeſchüttet, er hat eine Vormauer von großen Quaderſteinen, und man kann zu Fuß und zu Wagen 3 zie Thurmthür erreichen. Und Sturm zieht den Draht einer — 318— Glocke, der Diener des Freiherrn eilt herzu und führt ſeinen Herrn die Schloßtreppe hinauf, denn das Treppenſteigen wird dem Vater Sturm noch ſauer.— In den Wirthſchaftshof fuhr unterdeß ein Wagen, Karl eilte reſpectvoll aus ſeiner Stube, der neue Gutsherr ſprang herab. „Guten Tag, Sergeant,“ rief Fink,„wie ſteht's im Schloſſe und in der Wirthſchaft? Was macht das Fräu⸗ lein und die Frau Baronin?“ „Alles in Ordnung,“ meldete Karl,„nur mit der Frau Baronin geht's ſchwach. Wir erwarteten Sie ſchon ſeit vier⸗ zehn Tagen. Die Herrſchaften im Schloß haben alle Tage gefragt, ob keine Nachricht von Ihnen gekommen ſei?“ „Ich wurde aufgehalten,“ ſagte Fink,„und ich wäre vielleicht noch nicht zurück, aber ſeit dem Schneefall iſt nicht mehr viel an den Gütern zu ſehen. Ich habe Dobrowitz gekauft.“ „Alle Wetter!“ rief Karl erfreut. „Mächtiger Boden,“ fuhr Fink fort,„fünfhundert Mor⸗ gen Laubwald, in dem die Baumaſche faſt einen Fuß hoch liegt. In dem polniſchen Loch daneben, das ſie dort Kreis⸗ ſtadt nennen, fuhr das Schachervolk wie Ameiſen durcheinan⸗ der, als es erfuhr, daß von jetzt unſer Sporn täglich über ihren Markt klirren ſoll. Sie aber, Amtmann, werden ſich freuen, wenn Sie das neue Gut ſehen. Ich habe Luſt, Sie im erſten Frühjahr hinzuſchicken.“ „Was halten Sie in der Hand? ein Schreiben von An⸗ ton? Geben Sie her.“ Er brach den Brief haſtig auf.„Iſt das Fräulein i Schloß?—„FJa, Herr von Fink.“—„Gut. Heut — 319— Abend geht ein Bote zum Paſtor nach Neudorf.“ Mit ſchnellen Schritten ging er nach dem Schloß. Lenore ſaß in ihrem Zimmer, um ſie herum lag zer⸗ ſchnittene Leinwand, ſte nähte. Emſig ſtach ſie mit der Nadel in den harten Stoff, legte zuweilen die Naht auf das Knie, glättete mit dem Fingerhut und betrachtete dann mißtrauiſch die einzelnen Stiche, ob ſie auch klein und regelmäßig waren. Da klang auf dem Corridor der ſchnelle Schritt, ſie ſprang auf, und krampfhaft preßte ihre Hand die Leinwand zuſam⸗ men. Aber ſie faßte ſich mit kräftigem Entſchluß und ſetzte ſich wieder zu ihrer Arbeit. Es klopfte an ihre Thür. Ein tiefes Roth ſtieg ihr langſam über Hals und Wange, und ihr Herein! gelangte kaum bis an das Ohr des Gaſtes. Der eintretende Fink ſah ſich neugierig in dem ſchmuckloſen Raume um; an der Wand einige Kreidezeichnungen Lenorens, ſonſt nur der unentbehrlichſte Hausrath. Das kleine Sopha aus Pantherfellen ſtand nicht mehr darin. Als Fink ſich vor Lenore verneigte, frug ſie in gleichgil⸗ tigem Ton:„Hat etwas Unangenehmes Sie aufgehalten? Wir Alle machten uns Sorge.“ „Ein Gut, das ich gekauft habe, verzögerte die Rückkehr. Jetzt komme ich in Eile, mich bei meiner Herrin zu melden; zugleich bringe ich Ihnen ein Packet, welches Anton für die Frau Baronin geſandt hat. Wenn das Befinden der gnä⸗ digen Frau mir erlaubt, ſie zu begrü äßen, wünſche ich ihr meine Aufwartung zu machen.“ Lenore nahm den Brief:„Ich gehe ſogleich zur Mutter, Lerzeihen Sie!“ Mit einer Verbengmn 8 fuchte f ſie bei ihn vorbeizukommen. 8 — 320— Fink hielt ſie durch eine Handbewegung zurück und ſagte ſcherzend:„Ich ſehe Sie hausmütterlich mit Scheere und Nadel beſchäftigt. Wer iſt der Glückliche, für den Sie dieſe keilförmigen Stücke zuſammennähen?“ Lenore erröthete wieder:„Das iſt Frauenarbeit, und ein Herr darf danach nicht fragen.“.. „Ich weiß doch, der Fingerhut ſteht ſonſt nicht in Ihrer Gunſt,“ ſagte Fink gutmüthig.„Iſt es denn nöthig, liebes Fräulein, daß Sie ſich die Augen verderben?“ „Ja, Herr von Fink,“ erwiederte Lenore in feſtem Tone, „es iſt nöthig und es wird nöthig ſein.“ „Ei, ei,“ rief Fink kopfſchüttelnd und ſtützte ſich gemäch⸗ lich auf eine Stuhllehne.„Glauben Sie denn, daß ich Ihre geheimen Feldzüge mit Nadel und Scheere nicht ſchon längſt gemerkt habe? Und dazu Ihr ernſtes Geſicht und die wahr⸗ haft glorreiche Haltung, mit der Sie mich dreiſten Knaben behandeln. Wo iſt das Katzenſopha? Wo iſt die brüderliche Offenheit, die ich nach unſerm Vertrage erwarten durfte? Sie haben unſer Abkommen ſchlecht gehalten. Ich ſehe deutlich, mein guter Freund iſt geneigt, mich aufzugeben, und zieht ſich mit beſtem Anſtande zurück. Aber geſtatten Sie auch mir die Bemerkung, daß Ihnen das ſchwerlich etwas nützen wird. Sie werden mich nicht los.“ „Sein Sischohm Herr von Fink,“ unterbrach ihn Lenore in hefeiz ang;„machen Sie mir nicht noch ſchwerer, masltchatz) muß. Ja, ich bereite mich vor, von hier zu ſche 1, u emeen auch von Ihnen.“ „Sie weige n ſie lſoxthier bei mir auszuhalten?“ ſagteFink mit gefurchter Stii„Wohlan, ich werde wiederkommen 3 * —.————y4—— — und ſo lange bitten, bis Sie mich erhören. Wenn Sie mir entlaufen, reiſe ich Ihnen nach, und wenn Sie Ihr ſchönes Haar abſchneiden und in ein Kloſter fliehen, ich ſprenge die Mauern und hole Sie heraus. Habe ich nicht um Sie ge⸗ worben, wie der Taugenichts im Märchen um die Königs⸗ tochter? Um Sie zu gewinnen, ſtolze Lenore, habe ich Sand in Gras verwandelt, und mich ſelber in einen ehrbaren Haus⸗ wirth. Dieſe Wunderthaten haben Sie verſchuldet. Darum, geliebte Herrin, ſeien Sie geſcheidt und quälen Sie uns nicht durch mädchenhafte Launen.“ „O ehren Sie dieſe Launen,“ rief Lenore in Thränen ausbrechend.„In der Einſamkeit dieſer Wochen habe ich jede Stunde mit meinem Schmerz gerungen. Ich bin ein armes Mädchen, das jetzt die Pflicht hat, für ihre leidenden Eltern zu leben. Die Mitgift, welche ich in Ihre Zukunft bringen würde, heißt Krankheit, Trübſinn und Hilfloſtgkeit.“ „Sie irren,“ unterbrach ſie Fink ernſt.„Unſer Freund / 2 hat für Sie geſorgt. Er hat zwei Schurken ins Waſſer ge⸗ jagt und die Schulden Ihres Vaters bezahlt; dem Freiherrn 4 bleibt ein hübſches kleines Vermögen, alle Noth iſt zu Ende, und Sie ſelbſt, Trotzkopf, ſind gar keine ſchlechte Partie, wenn Ihnen daran etwas liegt. Der Brief, den Sie in der Hand halten, ruinirt Ihre Philoſophin“ Lenore ſtarrte auf das Cousert 6. u Brief von ſich weg.„Nein,“ rief ſie außer ſich. Wi mmer zerriſſen an Ihrem Herzen lag, damals etee a, ich ſollte Kraft gewinnen auch Ihnen ge r. And jeden Tag fühle ich, daß ich Ihnen gegenr K te Kraft habe, keine Ueberzeugung und keinen Willen. Was Sie ſagen, erſcheint IMII. 21 4 mir wahr, und ich vergeſſe, was ich ſelbſt anders gedacht; was Sie von mir fordern, das muß ich thun, widerſtands⸗ los, wie eine Sklavin. Die Frau, welche neben Ihnen durch das Leben geht, ſoll Ihnen ebenbürtig ſein an Geiſt und Kraft, und ſicher ſoll ſie ſich fühlen in dem eigenen Kreiſe. Ich bin ein ungebildetes, hilfloſes Mädchen. In thörichter Leidenſchaft habe ich Ihnen verrathen, daß ich um Ihretwillen wagen kann, was ein Weib nie wagen ſollte. Sie finden in mir nichts, was Sie ehren können. Sie wer⸗ den mich küſſen und— werden mich ertragen.“— Lenorens Hand ballte ſich und ihre Augen flammten. So ſtand ſie vor ihm und ihre Geſtalt erbebte in dem Kampf von Stolz und Liebe. „Reut Sie ſo ſehr, daß Sie für mich eine Kugel in die Schulter des Mordgeſellen ſandten?“ frug Fink finſter. „Was ich ſehe, ſieht nicht aus wie Liebe, eher wie Haß.“ „Ich Sie haſſen!“ rief das Mädchen und ſchlug die Hände vor das Geſicht. Er nahm ihr die Hände vom Antlitz, zog ſie an ſich und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.„Vertraue mir, Lenore.“ „Laß mich, laß mich,“ rief Lenore ſich ſträubend, aber ihr Mund hing wieder heiß an dem ſeinen, ſie umſchlang ihn feſt und zu ihm aufſehend mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck von Liebe und Furcht, glitt ſie zu ſeinen Füßen nieder. Erſchüttert. zugte ſich Fink herab und hob ſie auf. „Mein biſt du, und ich halte dich feſt,“ rief er.„Mit Büchſe und Blei habe ich dich erbeutet, du ſtürmiſches Herz! — In einem Athem ſagſt du mir Liebevolles und Hartes. Alle Wetter, bin ich denn ein ſ ſolcher Sklavenvogt, daß ein — — 323— braves Weib fürchten muß, unter mein Joch zu kommen? So wie du biſt, Lenore, entſchloſſen, kühn, ein kleiner Teufel von Leidenſchaft, gerade ſo will ich dich haben und nicht anders. Wir ſind Waffenbrüder geweſen und wir werden es in dieſem Lande bleiben. Der Tag kann wiederkommen, wo wir beide in unſerm Hauſe den Kolben an die Wange legen, und das Volk um uns verlangt einen Sinn, der eher einen Schlag giebt, als einen erträgt. Und wäreſt du nie⸗ mals die Sehnſucht meines Herzens geweſen, und wäreſt du ein Mann, ich würde dich für mein Leben zu gewinnen ſuchen als meinen Genoſſen. Denn, Lenore, du wirſt mir nicht nur ein geliebtes Weib ſein, auch ein muthiger Freund, der Ver⸗ traute meiner Thaten, mein treueſter Kamerad.“ Lenore ſchüttelte den⸗Kopf, aber ſie hielt ihn feſt um⸗ klammert.„Ich ſoll deine Hausfrau werden,“ klagte ſte. Fink ſtrich ihr liebkoſend über das Haar und küßte die glü⸗ hende Stirn.„Gieb dich zufrieden, mein Herz,“ ſagte er zärtlich,„und finde dich drein. Wir haben mit einander in einem Feuer geſeſſen, das ſtark genug war, um ein großes Gefühl zur Reife zu bringen. Und wir kennen Eines das Andere. Unter uns geſagt, wir werden manchmal einen Wirbelwind in unſerm Hauſe haben. Ich bin kein bequemer Geſell, am wenigſten für ein Weib, und du wirſt deinen eigenen Willen, deſſen Verluſt du jetzt beklagſt, recht gemüth⸗ lich wiederfinden. Sei ruhig, Liebchen, du wirſt wieder ein Trotzkopf werden, wie du geweſen biſt, du brauchſt dich deß⸗ halb gar nicht zu grämen. Alſo auf einige Stürme mache dich gefaßt, aber auch auf herzliche Liebe und auf ein fröh⸗ liches Leben. Du ſollſt mir wieder lachen, Lenore. Meine 21* Hemden brauchſt du nicht zu nähen, wenn du das Wirth⸗ ſchaftsbuch nicht führen willſt, ſo läßt du es bleiben. Und wenn du deinen Söhnen zuweilen im Eifer einen Backen⸗ ſtreich giebſt, er wird unſerer Brut nicht ſchaden. Alſo ich denke, du giebſt dich.“ 1 Lenore ſchwieg, aber ſie drückte ſich feſt an ſeine Bruſt. Fink zog ſte fort.—„Komm zur Mutter,“ rief er. Ueber das Bett der Kranken beugten ſich Fink und Le⸗ nore. Um das bleiche Geſicht der Mutter flog ein heller Schein, als ſie die Hände auf das Haupt des Mannes legte und ihm ihren Segen gab. „Sie iſt weich und noch immer ein Kind,“ ſagte ſie zu dem Manne.„In Ihren Händen, mein Sohn, liegt es, eine gute Frau aus ihr zu machen!“ Sie trieb die Kinder aus dem Zimmer.„Geht zum Va⸗ ter,“ bat ſie,„führt ihn dann zu mir und laßt uns allein.“ Als der Freiherr neben ſeiner Gemahlin ſaß, zog die Baronin ſeine Hand an ihre Lippen und ſprach leiſe:„Heut will ich dir danken, Oscar, für viele Jahre des Glücks, für aall deine Liebe.“ „Armes Weib!“ murmelte der Blinde. „Was du erfahren und gelitten haſt,“ fuhr die Baronin fort,„das haſt du erfahren und gelitten für mich und mei⸗ nen Sohn, und Beide laſſen wir dich allein zurück in einer freudeloſen Welt.— Dir ſollte das Glück nicht werden, dei⸗ nen Namen in der Familie zu vererben. In deinem Haus biſt du der Letzte, welcher den Namen Rothſattel trägt.“ Der Freiherr ſtöhnte. 8„Aber der Ruf⸗ den wir hinterlaſſen, ſoll ohne Flecken ſein, 7 — 325— wie dein ganzes Leben war,— bis auf zwei Stunden der Verzweiflung.“ Sie hielt die Hand des Blinden an das Bündel Schuldſcheine und riß jeden einzelnen durch, ſie klin⸗ gelte dem Diener und ließ die Papiere Stück für Stück in den Ofen werfen. Die Flamme flackerte hell auf und warf ein rothes Licht über das Zimmer, es rauſchte und kniſterte, bis der Brand verglommen. Die Dämmerung des Abends füllte die Stube, und an dem Bett der kranken Frau lag der Freiherr und drückte das Haupt in die Decken, und ſie hielt ihre Hände über ihm gefaltet, und ihre Lippen bewegten ſich im leiſen Gebet.. Im Morgengrau flattern die Krähen und Dohlen über dem Schnee des Schloßdaches. Die ſchwarzen Vögel ſchweben um die Zinne des Thurms, und ſie brechen mit lautem Ge⸗ ſchrei nach dem Walde auf und erzählen ihrem Volk, daß im Hauſe eine Braut ſei und eine Todte. Die bleiche Frau aus der Fremde iſt in der Nacht geſtorben, und der Blinde, welcher jetzt zuſammengeſunken in den Armen ſeiner Tochter liegt, hat in ſeinem Schmerz nur ein tröſtendes Gefühl, daß er ihr, die endlich Ruhe gefunden, in Kurzem nachfolgen wird. Und die Unglücksvögel rufen in alle Lüfte, daß auch die fremden Einwanderer dem alten Slavenfluch verfallen ſind, der auf dem Schloſſe und auf dem Grunde liegt. Aber den Mann, welcher jetzt im Schloß gebietet, kümmert es wenig, ob eine Dohle ſchreit, oder die Lerche; und wenn ein Fluch auf ſeinem Boden liegt, er bläſt lachend in die Luft und bläſt ihn hinweg. Sein Leben wird ein unaufhörlicher ſtegreicher Kampf ſein gegen die fin⸗ ſtern Geiſter der Landſchaft; und aus dem Slavenſchloß — 326— wird eine Schaar kraftvoller Knaben herausſpringen, und ein neues deutſches Geſchlecht, dauerhaft an Leib und Seele, wird ſich über das Land verbreiten, ein Geſchlecht von Co⸗ loniſten und Gröbepern⸗ MNit wenigen herzlichen Worten zeigte Fink dem Freund ſeine Verlobung und den Tod der Baronin an. Ein ver⸗ ſtegelter Brief an Sabine lag dem Schreiben bei. Es war Abend, als der Poſtbote den Brief in Antons Zimmer brachte. Lange ſaß Anton den Kopf auf die Hand geſtützt vor der Botſchaft, endlich ergriff er den Brief an Sabine und eilte nach dem Vorderhaus. Er traf den Kaufmann im Arbeitszimmer und übergab dieſem den Brief. Der Kaufmann rief ſogleich Sabine herrein.„Fink iſt verlobt, hier die Anzeige an dich.“ 3 Sabine ſchlug erfreut die Hände zuſammen und eilte auf Anton zu, aber ſie hielt erröthend auf dem Wege an, trug den Brief zur Lampe und öffnete. Es mußte nicht Vieles d darin ſtehen, denn ſie war im Augenblick zu Ende; ſie mühte ſich ernſthaft auszuſehen, aber der Mund gehorchte ihr nicht, ſie vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Anton hätte zu anderer Zeit dieſe Stimmung mit leidenſchaft⸗ lichem Intereſſe beobachtet, heut achtete er kaum darauf. „ Sie bleiben doch heut Abend bei uns, lieber Wohlfart?“ frug der Kaufmann. Anton erwiederte:„Ich ſelbſt wollte Sie bitten, mir einige Minuten zu ſchenken. Ich habe Ihnen etwas mitzu⸗ theilen.“ Er ſah unruhig auf Sabine. Maſſen Sie hören!— Bleib, Sabine,“ rief der Kauf⸗ mann der Schweſter zu, welche nach Antons Worten ent⸗ ſchlüpfen wollte.„Ihr ſeid gute Freunde, Herr Wohlfart wird an deiner Gegenwart keinen Anſtoß nehmen. Sprechen Sie, Freund, womit kann ich Ihnen dienen?“ Anton preßte die Lippen zuſammen und blickte wieder auf die Geliebte, welche an den Thürpfoſten gelehnt vor ſich nieder ſah.„Darf ich fragen, Herr Schröter,“ begann er endlich mit Ueberwindung,„ob Sie die Stelle gefunden haben, welche Ihre Güte mir vermitteln wollte?“ Sabine bewegte ſich unruhig, auch der Kaufmann ſah verwundert auf.„Ich glaube, Ihnen etwas anbieten zu können, aber eilt das ſo ſehr, lieber Wohlfart?“ „Ja,“ erwiederte Anton feierlich.„Ich habe keinen Tag zu verlieren. Meine Beziehungen zu der Familie Roth⸗ ſattel ſind jetzt völlig gelöſt, die furchtbaren Ereigniſſe, welche noch in den letzten Wochen durch meine Thätigkeit herbeigeführt wurden, haben auch meinen Körper ange⸗ griffen. Ich ſehne mich nach Ruhe. Regelmäßige Arbeit in einer fremden Stadt, wo mich nichts mehr an die Ver⸗ vangerheit erinnert, iſt mir jetzt Bedürfniß.“ Wieder bewegte ſich Sabine, ein ernſter Blick des Bru⸗ ders hielt ſte zurück. „Und dieſe Ruhe, die auch ich für Sie wünſche, können Sie bei uns nicht finden?“ frug der Kaufmann. „Nein,“ erwiederte Anton mit klangloſer Stimme,„ich bitte Sie mir nicht zu zürnen, wenn ich heut von Ihnen Ab⸗ ſchied nehme.“ 8. „Abſchied!“ rief der Hausherr verwundert.„Ich ver⸗ ſtehe nicht, weßhalb das ſo eilig iſt. In unſerm Hauſe ſollen trat an das Fenſter. — 328— Sie ſich erholen, die Frauen ſollen beſſer für Sie ſorgen, als ſie bisher gethan. Wohlfart beklagt ſich über dich, Sabine. Er ſieht blaß und angegriffen aus. Du und die Tante, Ihr dürft ſo etwas nicht leiden.“ Sabine antwortete nichts. „Ich muß fort, Herr Schröter,“ ſprach Anton feſt, „morgen reiſe ich ab.“ „Und wollen Sie Ihren Freunden nicht ſagen, weßhalb dies ſo plötzlich ſein muß?“ frug der Kaufmann ernſthaft. „Sie wiſſen, weßhalb.— Ich habe mit meiner Vergan⸗ genheit abgeſchloſſen. Ich habe bis jetzt ſchlecht für meine Zukunft geſorgt, denn ich bin in der Lage, mir in der Fremde als Dienender erſt Zutrauen und gute Geſinnung erwerben zu müſſen.— Ich bin auch an Freunden ſehr arm geworden. Von allen Menſchen, welche mir lieb ſind, muß ich mich entfernt halten auf Jahre, auf lange Zeit. Ich habe einige Urſache, mich allein zu fühlen, und da ich mein Leben von Neuem geſtalten muß, ſo ſoll das ſo bald als möglich ge⸗ ſchehen, denn jeder Tag, den ich hier verlebe, iſt fruchtlos, er macht meine Kraft geringer und die nothwendige Tren⸗ nung ſchwerer.“ So ſprach er mit tiefer Bewegung; die Stimme bebte ihm, aber er verlor nicht ſeine ruhige Haltung. Er trat auf Sabine zu und faßte ihre Hand.„In dieſer letzten Stunde ſage ich Ihnen, in Gegenwart Ihres Bruders, was zu hören Sie nicht beleidigen kann, weil Sie auch das ſchon längſt wiſſen.— Die Trennung von Ihnen ſchmerzt mich mehr, als ich ſagen kann. Leben Sie wohl.“ Jetzt übermannte ihn die Rührung, er wandte ſich ſchnell ab und — 1——õmmmmö— E Der Kaufmann begann nach einer Pauſe:„Daß Sie ſo eilig von uns gehen, lieber Wohlfart, kommt auch meiner Schweſter ungelegen. Sabine hatte gerade jetzt den Wunſch, Sie um einen Ritterdienſt zu erſuchen, wie ihn die Schweſter eines Kaufmanns verlangen kann. Auch ich wünſche ſehr, daß Sie dieſe Bitte nicht abſchlagen. Sabine bittet, daß Sie ihr einige Blätter durchſehen und dabei ihr Intereſſe mir gegenüber wahrnehmen. Es iſt keine große Arbeit.“ Anton wandte ſich mit Ueberwindung um und machte ein Zeichen der Einwilligung. „Zuvor aber erfahren Sie einen Umſtand, der Ihnen vielleicht noch nicht bekannt iſt,“ fuhr der Kaufmann fort. „Sabine iſt ſeit dem Tode meines Vaters mein ſtiller Aſſo⸗ cié; ihr Rath und ihre Willensmeinung hat in unſerm Com⸗ toir öfter den Ausſchlag gegeben, als Sie wohl meinen. Sie iſt auch Ihr Chef geweſen, lieber Wohlfart.“ Er winkte der Schweſter und verließ das Zimmer. Erſtaunt ſah Anton auf den Chef im hellan Frauen⸗ gewande mit ſchwarzen Haarflechten. Manches Jahr hatte er, ohne es zu wiſſen, auch ihr gehorcht und ihr zu Dienſten gehandelt. Und wie in alter Zeit ſich der reiſtge Vaſall ſeiner jungen Lehnsherrin neigte, ſo verneigte auch er ſich unwillkürlich vor der jungfräulichen Geſtalt, welche jetzt mit gerötheten Wangen auf ihn zutrat. „Ja, Wohlfart,“ ſprach Sabine ſchüchtern.„Auch ich habe ein kleines Anrecht an Ihr Leben gehabt. Und wie ſtolz war ich darauf!— Schon um die Weihnachtskiſte, welche in Ihr Haus kam, wußte ich, und mein war der Zucker und Kaffe, den der kleine Anton trank. Als Ihr guter Vatet zu uns kam und eine — 330— Stelle für Sie ſuchte, da war ich's, die den Bruder be⸗ ſtimmte, Sie zu uns zu nehmen. Denn Traugott frug mich Ihretwegen, und er ſelbſt hatte Bedenken, er meinte, Sie wären zu alt, um noch bei uns zu lernen. Ich aber erbat Sie für uns. Seit der Stunde nannte Sie der Bruder im Scherz meinen Lehrling.— Ich war's, die Ihrem Vater verſprach, hier im Hauſe für Sie zu ſorgen. Ich war ſelbſt noch ein unerfahrenes Kind, und das Vertrauen des fremden Herrn machte mich glücklich. Ihr Vater, der würdige alte SHerr, wollte bei uns ſein Sammtkäppchen nicht aufſetzen, das ihm aus der Taſche guckte, bis ich es ihm herauszog und auf die weißen Locken drückte; damals dachte ich, wird mein Lehr⸗ ling auch ſo hübſche Locken haben?— Und als Sie zu uns kamen und Allen gefielen, und der Br der Sie den beſten unter den jüngeren Herren nannte, da war ich ſo ſtolz auf Sie, wie nur Ihr guter Vater hätte ſein können.“ Anton ſtützte ſich auf das Pult und verbarg ſeine Augen mit der Hand. „uUnd an jenem Tage, wo Fink Sie beleidigt hatte, und damals nach der Waſſerfahrt, da verletzte mich nicht nur, daß er ſich ſo gewaltthätig benommen hatte, ſondern mein Herzeuskummer war auch, daß er gerade Sie, meinen getreuen Lehrling, in ſolche Gefahr brachte.— Und weil ich immer empfand, daß Sie ein wenig mir gehörten, bat⸗ ich 3 den Bruder, Sie auf der gefährlichen Reiſe mitzunehmen; ich wußte Sie bei ihm und fühlte mich nicht ganz von ihm gettennt. Auch für mich haben Sie in der. Fremde gearbeitet, Wohlfart, und als Sie in der Schre⸗ 4 ckensnacht unter Feuer und Waffenlärm auf den Fracht: 8 — — — — 331— wagen ſtanden, da waren mein die Waaren, die Sie retteten. Und deßhalb, mein Freund, komme ich auch jetzt als Kauf⸗ mann zu Ihnen und noch einmal bitte ich Sie, eine Arbeit für mich abzumachen. Sie ſollen mir ein Conto durchſehen.“ „Ich will, Fräulein,“ erwiederte Anton abgewandt, „aber nicht in dieſer Stunde.“ Sabine griff in den Schrank, ſie legte zwei Bücher mit goldenem Schnitt, in grünes Leder gebunden, auf das Pult. Und Anton bei der Hand faſſend bat ſie mit zitternder Stimme:„Kommen Sie doch, ſehen Sie mein Soll und Haben an.“ Sie öffnete das erſte Buch. Unter kunſtvollen Schnörkeln ſtanden die Worte:„Mit Gott.“„Geheimbuch von T. O. Schröter.“ Anton trat erſchrocken zurück:„Es iſt das Gehrimbush der Handlung,“ rief er,„das iſt ein Irrthum.“ „Es iſt kein Irrthum,“ ſagte Sabine,„ich wünſche, daß Sie es durchſehen.“ „Das iſt unmöglich, Fräulein,“ rief Anton.„Nicht Ihr Herr Bruder und nicht Sie können das im Ernſte wollen. Verhüte Gott, daß ſich ein Anderer an dieſes Buch wage als die Herren des Geſchäfts. So lange eine Handlung ſteht, ſind dieſe Blätter für keines Menſchen Auge, als für die Augen der Herren, und nach ihrem Tode für die nächſten Erben. Wer in dies Buch geſehen hat, der weiß, was nie ein Fremder erfahren darf. Und dieſem Buch gegenüber iſt auch der treuſte Freund ein Fremder. Als Kaufmann und redlicher Menſch darf ich Ihren Wunſch nicht er⸗ füllen.“ Sabine hielt ſeine Hand feſt„Sehen Sie doch ne S Wohlfart,“ bat ſie,„ſehen Sie wenigſtens die Aufſchrift an.“ Sie ſchlug den Deckel zurück.„In dieſem Buche ſteht: T. O. Schröter,“ ſie fuhr mit der Hand über die Blätter.„Es ſind nur noch wenige leere Seiten darin, dies Buch geht mit dem letzten Jahr zu Ende.“ Sie ſchlug den Deckel des zweiten Bandes auf und ſprach:„Dies Buch iſt leer, hier aber ſteht eine andere Firma. Was ſteht hier?“ Aunton las:„Mit Gott.“„Geheimbuch von T. O. Schröter und Compagnie.“ Sabine drückte ſeine Hand und ſprach leiſe und bittend: „Und der neue Compagnon ſollen Sie ſein, mein Freund.“ Anton ſtand regungslos, aber ſein Herz pochte laut, und hell ſtieg die Röthe auf ſeine Wangen. Noch immer hielt 8 Sabine ihn an der Hand, er ſah ihr Antlitz nahe an dem ſeinen, und wie einen Hauch fühlte er ihren leiſen Kuß 8 auf ſeinen Lippen. Da ſchlang er den Arm um die Geliebte und lautlos hielten die Glücklichen einander um⸗ faßt. Die Thür öffnete ſich, der Kaufmann ſtand auf der Schwelle.„Halt ihn feſt, den Flüchtling!“ rief er.„Ja, 5 Anton, ſeit Jahren habe ich dieſe Stunde erſehnt. Seit du in der Fremde an meinem L bandeſt, trug ich im Herzen den Wunſch, dich für immer i Als du von uns gingſt, 1 ffnung zerſtört. Jetzt hal⸗ dich, du Schwärmender, in den Blättern des Ge⸗ im uchs und in unſern Armen.“ Er zog die Liebenden —, Anton am Herzen des neuen Bruders. gung exhält. kraft und einen geprüften Sinn. Stuhl rückteſt, war mir, rens Bräutigam hat doch Alles gewußt.“ — 333— „Du haſt dir einen armen Compagnon gewählt,“ rief „Nein, mein Bruder, Sabine hat als kluger Kaufmann gehandelt. Beſitz und W Vohlſtand haben keinen Werth, nicht für den Einzelnen und nicht für den Staat, ohne die geſunde Kraft, welche das todte Metall in Leben ſchaffender Bewe⸗ Du bringſt in das Haus die rüſtige Jugend⸗ Sei willkommen in dieſem Hauſe und in unſern Herzen.“ und ſtrahlend vor Freude hielt Sabine beide Hände dees Verlobten feſt.„Kaum konnte ich länger ertragen, dich ſo— ſtill und traurig zu ſehen. Jeden Mittag, wenn du den als müßte ich dir nachfliegen und dir ſagen, daß du zu uns gehörſt für immer.— Du haſt nicht geſehen, du Blinder, was in mir vorging, und Leno⸗ Er?“ frug Anton.„Ich habe zu ihm niemals von dir geſprochen.“— „Sieh her,“ rief Sabine und zog den Zettel Finks 8 aus der Taſche. Es ſtand nichts darin, als die Worte: „Gute Freundſchaft, Frau Schwägerin.“ 4 Und wieder ſchloß der glückliche Anton die Geliebte in ſeine Arme. 2 Schmücke dich, du altes Patricierhaus, freue dich, ſorgliche Tante, tanzet, ihr fleißigen Hausgeiſter im däm⸗ merigen Flur, ſchlage Vnkzelbäume auf deinem Schreib⸗ tiſch, du luſtiger Gips! Die poetiſchen T. aume, welche der Knabe Anton in ſeinem Varerhndſe uns den Segenswünſchen guter Eltern gehegt hat, ſind h * — 334— Träume geweſen. Ihnen wurde Erfüllung. Was ihn ver⸗ lockte und ſtörte und im Leben umherwarf, das hat er mit männlichem Gemüth überwunden. 4 Das alte Buch ſeines Lebens iſt zu Ende, und in eurem Geheimbuch, ihr guten Geiſter des Hauſes, wird fortan„mit Gott“ verzeichnet: ſein neues Soll und Haben. mrefffffffrfffffnfff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1 1 1 8