———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otfftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2) Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„ 3„=„,„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ſeu eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ———————— Au △‿ la I 2J14 — * e Men„ Ke 4* 4£ 7) 4½ bs 83 9 Dr H. 2½ 7 a 2eᷣn A. f 6. A . f ee L.. 2,- Gr U — V, e 8 a 1 O 47 7) 2. C c 39 0- „ 4 7 75 ν 155 4. Erſtes Buch. — 1. Oſtrau iſt eine kleine Kreisſtadt unweit der Oder, bis nach Polen hinein berühmt durch ihr Gymnaſium und ſüße Pfefferkuchen, welche dort noch mit einer Fülle von unver⸗ fälſchtem Honig gebacken werden. In dieſem altväteriſchen Orte lebte vor einer Reihe von Jahren der königliche Calcu⸗ lator Wohlfart, der für ſeinen König ſchwärmte, ſeine Mit⸗ menſchen— mit Ausnahme von zwei Oſtrauer Spitzbuben und einem groben Strumpfwirker— herzlich liebte und in ſeiner ſauren Amtsthätigkeit viele Veranlaſſung zu heimlicher Freude und zu demüthigem Stolze fand. Er hatte ſpät ge⸗ heirathet, bewohnte mit ſeiner Frau ein kleines Haus und hielt den kleinen Garten eigenhändig in Ordnung. Leider blieb dieſe glückliche Ehe durch mehrere Jahre kinderlos. Endlich begab es ſich, daß die Frau Calculatorin ihre weißbaum⸗ wollene Bettgardine mit einer breiten Krauſe und zwei großen Ouaſten verzierte und unter der höchſten Billigung aller größte Freude aber war, dem V überzeugt hatte, daß die Gardine von untadelhafter Wäſche war. Hinter der weißen Gardine ward der Held dieſer Er⸗ zählung geboren. Anton war ein gutes Kind, das nach der Anſicht ſeiner Mutter vom erſten Tage ſeiner Geburt die ſtaunenswertheſten Eigenheiten zeigte. Abgeſehen davon, daß er ſich lange Zeit nicht entſchließen konnte, die Speiſen mit der Höhlung des Löffels zu faſſen, ſondern hartnäckig die Anſicht feſthielt, daß der Griff dazu geeigneter ſei, und abgeſehen davon, daß er eine unerklärliche Vorliebe für die Troddel auf dem ſchwarzen Käppchen ſeines Vaters zeigte und das Käppchen mit Hülfe des Kindermädchens alle Tage heimlich vom Kopf des Vaters abhob und ihm lachend wieder aufſetzte, erwies er ſich auch bei wichtigerer Gelegenheit als ein einziges Kind, das noch nie dageweſen. Er war am Abend ſehr ſchwer ins Bett zu bringen und bat, wenn die Abendglocke läutete, manch⸗ mal mit gefalteten Händen, ihn noch umherlaufen zu laſſen; er konnte ſtundenlang vor ſeinem Bilderbuch kauern und mit dem rothen Göckelhahn auf der letzten Seite eine Unter⸗ haltung führen, worin er dieſen wiederholt ſeiner Liebe verſicherte und dringend aufforderte, ſich nicht dadurch ſeiner kleinen Familie zu entziehen, daß er ſich vom Dienſtmädchen braten ließe. Er lief zuweilen mitten im Kinderſpiel aus dem Kreiſe und ſetzte ſich ernſthaft in eine Stubenecke, um nachzudenken. In der Regel war das Reſultat ſeines Den⸗ kens, daß er für Eltern oder Geſpielen Etwas hervorſuchte, wovon er annahm, daß es ihnen lieb ſein würde. Seine ater gegenüberzuſitzen, die Beinchen über einander zu legen, wie der Vater that, und „ — — 5— 5— aus einem Hollunderrohr zu rauchen, wie ſein Herr Vater aus einer wirklichen Pfeife zu thun pflegte. Dann ließ er ſich allerlei vom Vater erzählen, oder er ſelbſt erzählte ſeine Geſchichten. Und das that er, wie die Frauenwelt von Oſtrau einſtimmig verſicherte, mit ſo viel Gravität und An⸗ ſtand, daß er bis auf die blauen Augen und ſein blühendes Kindergeſicht vollkommen ausſah, wie ein kleiner Herr im Staatsdienſt. Unartig war er ſo ſelten, daß der Theil des weiblichen Oſtrau's, welcher einer düſtern Auffaſſung des Erdenlebens geneigt war, lange zweifelte, ob ein ſolches Kind heranwachſen könne; bis Anton endlich einmaleden Sohn des Landraths auf offener Straße durchprügelte und durch dieſe Unthat ſeine Ausſichten auf das Himmelreich in eine behagliche Ferne zurückhämmerte. Kurz er war ein ſo ungewöhnlicher Knabe, wie nur je das einzige Kind warm⸗ herziger Eltern geweſen iſt. Auch in der Bürgerſchule und ſpäter auf dem Gymnaſium wurde er ein Muſter für Andere und ein Stolz ſeiner Familie. Und da der Zeichenlehrer behauptete, Anton müſſe Maler werden, und der Ordinarius von Tertia ſeinem Vater rieth, ihn Philologie ſtudiren zu laſſen, ſo wäre der Knabe ſeiner zahlreichen Anlagen wegen wahrſcheinlich in die gewöhnliche Gefahr ausgezeichneter Kinder gekommen, für keine einzige Thätigkeit den rechten Ernſt zu finden, wenn nicht ein Zufall ſeinen Beruf be⸗ ſtimmt, hätte. An jedem Weihnachtsfeſt wurde durch die Poſt eine Kiſte in das Haus des Calculators befördert, worin ein H des feinſten Zuckers und ein großes Packet Kaffe ſta Gewöhnlichen Zucker ließ der Hausherr durch ſeine Frau — 6— klein ſchlagen, dieſen Zuckerhut zerbrach er ſelbſt mit vielem Kraftaufwand in einer feierlichen Handlung und freute ſich über die viereckigen Würfel, welche ſeine Kunſt hervorzu⸗ bringen vermochte. Der Kaffe dagegen wurde von der Frau Calculatorin eigenhändig gebrannt, und ſehr angenehm war das Selbſtgefühl, mit welchem der würdige Hausherr die erſte Taſſe dieſes Kaffe's trank. Das waren Stunden, wo ein poetiſcher Duft, der ſo oft durch die Seelen der Kinder zieht, das ganze Haus erfüllte. Der Vater erzählte dann gern ſeinem Sohne die Geſchichte dieſer Sendungen. Vor vielen Jahren hatte der Calculator in einem beſtäubten Actenbündel, das von den Gerichten und der Menſchheit bereits aufgegeben war, ein Document gefunden, worin ein großer Gutsbeſitzer aus Poſen erklärte, einem bekannten Handelshauſe der Hauptſtadt mehrere Tauſend Thaler zu ſchulden. Offenbar war der Schuldſchein in kriegeriſcher und ungeſetzmäßiger Zeit in ein falſches Actenheft verlegt worden. Er hatte den Fund am gehörigen Orte angezeigt, und das Handlungshaus war dadurch in Stand geſetzt wor⸗ den, einen verzweifelten Rechtsſtreit gegen die Erben des Schuldners zu gewinnen. Darauf hatte der junge Chef der Handlung ſich angelegentlich nach dem Finder des Docu⸗ ments erkundigt und demſelben einen artigen Brief geſchrie⸗ ben, der Calculator hatte, wie ſeine Art war, ſehr beſtimmt jeden Dank abgelehnt, weil er nur ſeine Amtspflicht erfüllt habe. Von da ab erſchien an jeder Weihnacht die erwähnte Sendung mit einem kurzen herzlichen Begleitſchreiben und wurde jedesmal umgehend durch ein kalligraphiſches Kunſt⸗ werk des Calculators erwiedert, worin dieſer unermüdlich 3 8 — — — ſeine Ueberraſchung über die unerwartete Sendung aus⸗ drückte und der Firma zum neuen Jahr aus voller Seele Gutes wünſchte. Selbſt ſeiner Frau gegenüber behandelte der Herr die Weihnachtsſendung als einen Zufall, eine Kleinigkeit, ein Nichts, welches von der Laune eines Commis der Firma T. O. Schröter abhänge, und jedes Jahr prote⸗ ſtirte er eifrig, wenn die Frau Caleulatorin die zu erwartende Kiſte bei ihren Wirthſchaftsplänen in Rechnung brachte. Aber im Stillen hing ſeine Seele an dieſen Sendungen. Es waren nicht die Pfunde Raffinade und Cuba, es war die Poeſte dieſer gemüthlichen Beziehung zu einem ganz fremden Menſchenleben, was ihn ſo glücklich machte. Er hob alle Briefe der Firma ſorgfältig auf, wie die drei Liebesbriefe ſeiner Frau, ja er heftete ſie mit dem Ehrwürdigſten, was er 8 kannte, mit ſchwarz und weißem Seidenfaden in ein kleines Actenbündel; er wurde ein Kenner von Colonialwaaren, ein Kritiker, deſſen Geſchmack von den Kaufleuten in Oſtrau höchlich reſpectirt wurde; er konnte ſich nicht enthalten, den billigen Melis⸗Zucker und den Braſil⸗Kaffe als untergeord⸗ nete Erzeugniſſe der Schöpfung mit einer entſchiedenen Ver⸗ achtung zu behandeln; er fing an, ſich für die Geſchäfte der großen Handlung zu intereſſiren, und ſtudirte in den Zeitun⸗ gen regelmäßig die Marktpreiſe von Zucker und Kaffe, welche mit merkwürdigen'und für Nicht⸗Eingeweihte ganz unver⸗ ſtändlichen Bemerkungen hinter den politiſchen Nachrichten ſtanden; ja er ſpeculirte in ſeiner Seele mit als Aſſociẽ ſeines Freundes, des großen Kaufmanns, er ärgerte ſich, wenn der Kaffe in den Zeitungen flaute, und war vergnügt, wenn der Zucker als angenehm notirt war. — Das war ein unſcheinbares, leichtes Band, welches den Haushalt des Calculators mit dem geſchäftlichen Treiben der großen Welt verknüpfte; und doch wurde es für Anton ein Leitſeil, wodurch ſein ganzes Leben Richtung erhielt. Denn wenn der alte Herr am Abend in ſeinem Garten ſaß, das Sammtkäppchen in dem grauen Haar und ſeine Pfeife im Munde, dann verbreitete er ſich gern mit leiſer Sehnſucht über die Vorzüge eines Geſchäftes, welches die Fülle der herrlich⸗ ſten Sachen gewähre, und dann frug er ſcherzend ſeinen Sohn, ob er auch Kaufmann werden wolle. Und in der Seele des Kleinen ſchoß augenblicklich ein ſchönes Bild zuſammen, wie die Strahlen bunter Glasperlen im Kaleidoſkop, zuſammen⸗ geſetzt aus großen Zuckerhüten, Roſtnen und Mandeln und goldenen Apfelſtnen, aus dem freundlichen Lächeln ſeiner Eltern und all dem geheimnißvollen Entzücken, welches ihm ſelbſt die ankommende Kiſte je bereitet; bis er begeiſtert ausrief:„ja, Vater, ich will!“— Man ſage nicht, daß unſer Leben arm iſt an poetiſchen Stimmungen, noch be⸗ herrſcht die Zauberin Poeſie überall das Treiben der Erdge⸗ bornen. Aber ein Jeder achte wohl darauf, welche Träume er im heimlichſten Winkel ſeiner Seele hegt, denn wenn ſte erſt groß gewachſen ſind, werden ſie leicht ſeine Herren, ſtrenge Herren! 3 So lebte die Familie ſtill fort durch manches Jahr. Anton wuchs heran und lief mit ſeiner Büchermappe durch alle Klaſſen des Gymnaſtums bis in die ſtolze Prima. Wenn die Frau Calculatorin ihren Mann im Geheimen bat, über Antons Zukunft einen feſten Entſchluß zu faſſen, erwiederte der Hausherr mit einem ſiegesfrohen Lächeln:„der Ent⸗ — 9— ſchluß iſt gefaßt, er will ja Kaufmann werden. Erſt muß er mit dem Gymnaſium fertig ſein, dann ſteht ihm die ganze Welt offen.“ Und dann that der Calculator, als ob das Abiturientenzeugniß ein Schlüſſel zu allen Ehren der Welt ſei. Im Geheimen aber bangte ihm ein wenig davor, den Familientraum der Ausführung näher zu bringen. Unterdeß kam ein ſchwarzer Tag, wo die Fenſterladen des Hauſes lange geſchloſſen blieben, das Dienſtmädchen mit rothen Augen die Treppe auf und ab lief, der Arzt kam und den Kopf ſchüttelte, und der alte Herr am Lager ſeiner Frau das Sammtkäppchen in den gefalteten Händen hielt, wäh⸗ rend der Sohn ſchluchzend vor dem Bette kniete und ſeinen Lockenkopf darauf legte, welchen die Hand der ſterbenden Mutter noch zu ſtreicheln verſuchte.“ Drei Tage nach dieſem Morgen wurde die Frau Calculatorin begraben, und der alte Herr und Anton ſaßen am Abend nach dem Begräbniß bleich und einſam einander gegenüber. Anton ſchlich von Zeit zu Zeit hinter die Stachelbeeren, ſich dort in der Stille auszuweinen, und der alte Herr ſtand häufig von ſeinem Stuhle auf und ging in die Schlafſtube, wo die weiße Gar⸗ dine mit den beiden Quaſten hing, und weinte ebenfalls. Der Jüngling erhielt nach langem Weinen die rothen Backen wieder, der alte Herr kam nicht wieder zu Kräften. Er klagte über nichts, er rauchte ſeine Pfeife wie immer, er ärgerte ſich noch immer, wenn der Kaffe flaute, aber es war kein rechtes Rauchen und auch kein rechter Aerger mehr. Oft ſah er ſeinen Sohn nachdenklich und traurig an, und der junge Geſell konnte nicht errathen, was den Vater ſo beſorgt mache. Als der Vater aber an einem Sonnabend — 10— den Sohn wieder gefragt hatte, ob er noch Kaufmann wer⸗ den wollte, und Anton zum hundertſten Male verſichert hatte, daß er gerade dies gern wolle, und nichts Anderes, da ſtand der alte Herr entſchloſſen auf, rief das Dienſtmädchen und beſtellte zum nächſten Morgen eine Fuhre nach der Hauptſtadt. Er geſtand dem fragenden Sohne nicht, weshalb er die uner⸗ hörte Expedition vornahm. Und er hatte wohl Grund zum Schweigen, der arme alte Herr! Denn wenn er auch ſeit zwanzig Jahren ſtolz geweſen war auf ſeinen großen Handels⸗ freund, ſo hatte ihm doch immer der Muth gefehlt, ſelbſt vor den Kaufmann zu treten und für ſeinen Sohn einen Platz im Comtoir zu erbitten. Sein Wunſch kam ihm ſehr verwegen vor, und ſeine Anſprüche unermeßlich gering. Oft hatte er ſich's vorgenommen und ſtets hatte er's wieder aufgeſchoben, bis die Sorge um den Sohn größer wurde, als ſeine Scheu. Als er den Tag darauf ſehr ſpät aus der Hauptſtadt zuruckkehrte, war er in ganz anderer Stimmung, glücklicher als je nach dem Tode der Frau Calculatorin. Er begeiſterte ſeinen Sohn, der ihn in ahnungsvoller Spannung erwartete, durch ſeinen Bericht von der unglaublichen Annehmlichkeit des großen Geſchäftes und der Freundlichkeit des großen Kaufmanns gegen ihn. Er war zu Mittag geladen worden, er hatte Kibitzeier gegeſſen, er hatte griechiſchen Wein aus den Kellern ſeines Freundes getrunken, einen Wein, gegen welchen der beſte Wein im Gaſthofe zu Oſtrau nichtswürdi⸗ ger Eſſig war, er hatte das Verſprechen erhalten, daß ſein Sohn nach Jahresfriſt in das Comtoir eintreten könne, und einige Winke über die Vorbildung, die dafür wünſchenswerth ſei. Schon am nächſten Tage ſaß Anton vor einem großen — Rechenbuch und disponirte mit unbeſchränkter Vollmacht über Hunderttauſende von Pfunden Sterling, welche er bald in rheiniſche Gulden verwandelte, bald in Hamburger Mark Banko umſetzte, als braſilianiſche Milreis in die Welt flat⸗ tern ließ, und zuletzt ruhig in mexikaniſchen Staatspapieren anlegte, an denen er mit größter Sicherheit alle möglichen Intereſſen bis zu zehn vom Hundert zog. Hatte er auf dieſe Weiſe ein coloſſales Vermögen zuſammengeſcharrt, ſo ging er in den Garten, ein kleines dünnleibiges Buch in der Hand, welches auf dem Titel verſprach, ihn in vier Wochen zu einem fertigen Engländer zu machen. Dort bemühte er ſich zum Entſetzen der deutſchen Sperlinge und Finken, das A und andere ehrliche Buchſtaben auf jede Weiſe auszu⸗ ſprechen, welche dem Menſchen möglich iſt, wenn er einen Buchſtaben anders ausſpricht, als ſich mit der Natur und dem Charakter deſſelben verträgt. So ging wieder ein Jahr hin, Anton war gerade acht⸗ zehn Jahr alt und hatte ſeine Abiturientenprüfung beſtan⸗ den; da wurden wieder einmal an einem Morgen die Fenſter⸗ laden des Calculators nicht zu gehöriger Zeit geöffnet, wieder rannte das Dienſtmädchen mit verweinten Augen durch das Haus, und wieder ſchüttelte die Nachtlampe unzufrieden und kummervoll ihre feurige Mütze. Diesmal lag der alte Herr ſelbſt im Bett und Anton ſaß vor demſelben, beide Hände des Vaters haltend. Der alte Herr aber ließ ſich nicht feſt⸗ halten, ſondern ſtarb ſo eilig als möglich, nachdem er ſeinen Sohn vielmal geſegnet hatte. Nach einigen Tagen lauten Schmerzes ſtand Anton allein in der ſtillen Wohnung, eine Waiſe, im Anfange eines neuen Lebens. — 12— Der alte Herr war nicht umſonſt Calculator geweſen, ſein Haushalt war in muſterhafter Ordnung, ſeine ſehr geringe Hinterlaſſenſchaft in der geheimen Schublade des Schreibtiſches, in dem gehörigen Bündel Papier, zu Heller und Pfennig aufgezeichnet; Alles, was im letzten Jahre durch das Dienſtmädchen zerſchlagen oder verwüſtet worden war, fand ſich an der betreffenden Stelle bemerkt und abge⸗ rechnet, über Jedes war Dispoſition getroffen; auch ein Brief an den Kaufherrn fand ſich vor, den der Verſtorbene noch in den letzten Tagen mit zitternder Hand geſchrieben hatte; ein treuer Hausfreund war zum Vormund Antons beſtellt und mit dem Verkauf des Hauſes und Gartens und ſeines ganzen Inhalts beauftragt; und Anton trat, vier Wochen nach dem Tode des Vaters, an einem frühen Som⸗ mermorgen über die Schwelle des väterlichen Hauſes, legte den Schlüſſel deſſelben in die Hand des Vormundes, übergab ſein Gepäck einem Fuhrmann und fuhr durch das Thor des Städtchens auf die Hauptſtadt zu, den Brief ſeines Vaters an den Kaufmann in der Taſche. Schon welkte das friſch gemähete Wieſengras in der Mittagsſonne, als Anton dem Nachbar aus Oſtrau, der ihn bis zur letzten Station vor der Hauptſtadt mitgenommen hatte, die Hand ſchüttelte und dann rüſtig auf der Landſtraße vorwärts ſchritt. Es war ein lachender Sommertag, auf den Wieſen klirrte die Senſe des Schnitters am Wetzſtein und oben in der Luft ſang die unermüdliche Lerche. Vor dem Wanderer ſtrich die Landſchaft in hügelloſer Ebene fort, am Horizont hinter ihm erhob ſich der blaue Zug des Ge⸗ birges. Kleine Bäche von Erlen und Weidengruppen ein⸗. gefaßt durchrannen luſtig die Landſchaft, jeder Bach bildete ein Wieſenthal, das auf beiden Seiten von üppigen Getrei⸗ defeldern begrenzt wurde. Von allen Seiten ſtiegen die hellen Glockenthürme der Kirchen aus dem Boden auf, Mit⸗ telpunkt einer Gruppe von braunen und rothen Dächern, die mit einem Kranz von Gehölz umgeben waren. Bei vie⸗ len Dörfern konnte man an der ſtattlichen Baumallee und 8 dem Dach eines großen Gebäudes den Ritterſitz erkennen, welcher neben den Dorfhäuſern lag, wie der Schäferhund neben der wolligen Heerde. Anton eilte vorwärts, wie auf Sprungfedern fortge⸗ ſchnellt. Vor ihm lag die Zukunft ſonnig wie die Flur, ein Leben voll ſtrahlender Träume und grüner Hoffnungen. Nach — 14— langer Trauer in der engen Stube pochte heut ſein Herz zum erſten Mal wieder in kräftigen Schlägen; in der Fülle der Sugendkraft ſtrahlte ſein Auge und lachte ſein Mund. Alles um ihn glänzte, duftete, wogte wie in elektriſchem Feuer, in langen Zügen trank er den berauſchenden Wohlgeruch, der aus der blühenden Erde aufſtieg. Wo er einen Schnitter im Felde traf, rief er ihm zu, daß heut ein guter Tag ſei, und einen guten Tag rief jeder Mund dem ſchmucken Jüngling zurück. Im Getreidefelde neigten’ſich die Aehren am ſchwan⸗ ren Stiel auf ihn zu, ſie nickten und grüßten, und in ihrem Schatten ſchwirrten unzählige Grillen ihren Geſang: Luſtig, luſtig im Sonnenſchein! Auf der Weide ſaß ein Volk Sper⸗ linge, die kleinen Barone des Feldes flüchteten nicht, als er vor dem Stamm ſtehen blieb, ja ſie beugten die Hälſe her⸗ unter und ſchrieen ihn an:„Guten Tag, Wandersmann, wohin, wohin?“ Und Anton ſagte leiſe:„Nach der großen Stadt, in das Leben.“„Gutes Glück,“ ſchrieen die Sper⸗ linge,„friſch vorwärts!“ Anton durchſchritt auf dem Fußpfad einen Wieſen⸗ grund, ging über eine Brücke und ſah ſich in einem Wäld⸗ lchen mit gut erhaltenen Kieswegen. Immer mehr nahm „ das Gebüſch den Charakter eines gepflegten Gartens an, der Wandrer bog um einige alte Bäume und ſtand vor einem großen Raſenplatz. Hinter dieſem erhob ſich ein Herrenhaus mit zwei Thürmchen in den Ecken und einem Balcon. Wer auf dem Balcon ſtand, konnte über den Grasplatz hinüber durch eine Oeffnung in den Baumgruppen die ſchönſten Um⸗ iſſe des fernen Gebirges ſehen. An den Thürumchen liefen etterroſen und wilder Wein in die Höhe, und unter dem Baleon öffnete ſich gaſtlich eine Halle, welche mit blühenden welche ihn umgab, an ſich ſelbſt dachte, erſchien er ſich als. — 15— Sträuchern ausgeſchmückt war. Es war ein prächtiger Landſitz, und es gab viele größere und ſchönere in der Um⸗ gegend, aber es war doch ein ſtattlicher Anblick, ſehr impo⸗ nirend für Anton, der, in einer kleinen Stadt aufgewachſen, nur ſelten den behaglichen Wohlſtand eines Gutsbeſitzers in der Nähe geſehen hatte. Alles erſchien ihm ſehr präch⸗ tig und großartig! Die zierlich geformten Blumenbeete in dem geſchorenen Sammt des Raſens, die bunten Gruppen der Glashauspflanzen, all der fröhliche Schmuck, den die Hand des Gärtners um das Herrenhaus herum angebracht hatte, das ſah ihm in dem reinen Lichte und der Ruhe des Sonnentages aus, wie ein Bild aus fernem Lande. Der glückliche Jüngling gerieth in ein ſo träumeriſches Ent⸗ zücken, daß er ſich in den Schatten eines großen Flieder⸗ ſtrauches am Wege ſetzte und hinter dem Buſch verbor⸗ gen lange Zeit auf das anmuthige Bild hinſtarrte. Wie glücklich mußten die Menſchen ſein, welche hier wohnten, wie vornehm und wie edel! Auf dieſer Seite ſchöne Blüthen und große Bäume, auf der andern Seite wahrſcheinlich ein weiter Hofraum mit Scheuern und Ställen, viel Pferde darin, große Rinder und unzählige feinwollige Schafe. Denn ſchon vor dem Eintritt in den Park hatte Anton auf eingehegtem Wieſenraum eine Anzahl Füllen geſehn und ihre luſtigen Sprünge beobachtet. Der Reſpect vor Allem, was ſtattlich, ſicher und mit Selbſtgefühl in der Welt auftritt, war ihm, dem armen Sohn des Calculators, angeboren und wenn er jetzt in der reinen Freude über die Pra — 16— höchſt unbedeutend, als gar nicht der Rede werth, als eine Art geſellſchaftlicher Däumling, winzig, kaum ſichtbar im Graſe. Unwillkürlich fuhr er in die Rocktaſche, ſeine Hand⸗ ſchuhe herauszuholen. Sie waren von gelbem Zwirn, und noch ſeine gute Mutter hatte geſagt, ſie ſähen ganz aus wie ſeidene, und ſeidene Handſchuhe galten in Oſtrau für den höchſten Lurus. Der arme Junge zog mit ihnen die Ueber⸗ zeugung an, daß er durch ſie ſeiner jetzigen Umgebung doch um einige Gran würdiger werde. Lange ſaß er in tiefer Einſamkeit, endlich kam Bewe⸗ gung in das ſtille Bild. Auf den Balcon des Hauſes trat durch die geöffnete Thür eine zierliche Frauengeſtalt im hellen Sommerkleide mit weiten Spitzenärmeln und einer liebenswürdigen Friſur, wie ſie Anton von alten Rococobil⸗ dern her kannte; er konnte deutlich die feinen Züge ihres Geſichts erkennen und den klaren Blick des Auges, welches auf dem Raſenplatz unter ihren Füßen ruhte. Die Dame ſtand auf das Geländer geſtützt bewegungslos wie eine Statue, und Anton ſah ehrerbietig zu ihr hinauf. Endlich flog aus der offenen Thür hinter der Dame ein bunter Papagei, ſetzte ſich auf ihre Hand und ließ ſich von ihr liebkoſen. Dies glänzende Thier ſteigerte Antons Bewunderung. Und als dem Papagei ein faſt erwachſenes Mädchen folgte, welches ſchmeichelnd den Hals der ſchönen Frau umſchlang, und als die Dame zärtlich die Wange des Mäͤdchens an die ihre drückte, und als der Papagei auf die Köpfe der beiden Damen flog und laut ſchreiend von einer Schulter zur andern ſprang, da wurde das Gefühl der Verehrung in un⸗ ſerm Anton ſo lebhaft, daß er vor innerer Aufregung er⸗ 44 9 Ae Ih. 1 25, DeErere„ee. fs — h veh,en u. tuh — 19— 4 ſend,„ſo müſſen Sie auch auf die Punkte gehen, wo Aus⸗ ſichten ſind. Ich reite dorthin— wenn Sie mir folgen wollen.“ Anton folgte in der glücklichſten Stimmung. Das Fräu⸗ lein redete ihrem Pferde zu, im Schritt zu gehen, und machte den Erklärer. Sie zeigte ihm große Baumgruppen und freundliche Ausſichten auf die Landſchaft, legte dabei einen Theil ihrer Majeſtät ab und wurde geſprächig. Bald plau⸗ derten Beide ſo ungezwungen, wie alte Bekannte. Endlich ſtieg das Fräulein ab, als ihr einige Stufen eine ſchickliche Veranlaſſung gaben, und führte das Pferd am Zügel; da⸗ rauf wagte Anton den Hals des Schwarzen zu ſtreicheln, was der Pony wohlwollend aufnahm und ſeinerſeits deng Fremdling die Rocktaſchen beroch.. „Er hat Zutrauen zu Ihnen,“ ſagte das Fräulein, ver . iſt ein kluges Thier.“ Sie warf ihm die Zügel über den Kopf und gab ihm einen Schlag, worauf der Pony in kur⸗ zen Sprüngen davonrannte.„Wir kommen in den Blu⸗ mengarten, da darf er nicht hinein; er läuft zum Stall zu rück, er iſt's gewöhnt.“ „Dieſer Pony iſt ein Wunder von einem Pferde, —— — 15 ihm Anton nach. „Ich bin ſein Liebling,“ ſagte das Fräulein beiſtim mend,„er folgt mir aufs Wort.“ Anton fand die An⸗ hänglichkeit des Pony natürlich, ſetzte dieſelbe Empfindung 3 beim Papagei voraus und war geneigt zu behaupten, daß alle übrige Creatur der Erde eine ähnliche Stimmung gegen ſeine Führerin haben müſſe. „Ich denke, Sie ſind von Familic,“ frug die 3 4 4 2 — 20— Dame plötzlich, ſtemmte ihren Schirm gegen einen Baumaſt und ſah Anton mit altklugem Blick an. „Nein,“ ſagte der Sohn des Calculators traurig,„mein Vater ſtarb vor vier Wochen, es iſt ein Jahr, daß meine gute Mutter todt iſt, ich bin allein, ich gehe nach der Haupt⸗ ſtadt.“ Seine Lippen zuckten bei der Erinnerung an den jüngſten Verluſt. Erſchrocken ſah das Fräulein den Schmerz im Geſicht 5 des Fremden.„Sie armer, armer Herr!“ rief ſie gerührt 3 und verlegen.„Kommen Sie ſchnell, ich will Ihnen noch 2 4 4 etwas zeigen. Hier ſind die Frühbeete; hier iſt das Beet mit Erdbeeren, es ſind noch einige darin.— Franz, brin⸗ ggen Sie den Teller mit Beeren,“ rief ſie dem Gärtner zu. . eilte damit herbei. Eifrig ergriff das Fräulein den Teller und bot die Beeren unſerm Helden mit gütigem Lächeln:„Hier, mein Herr! Haben Sie die Güte, dies von mir anzunehmen. Vom Hauſe meines Vaters darf kein Gaſt. ſcheiden, ohne von dem Beſten zu koſten, das uns die Jah⸗ reszeit giebt. Bitte, nehmen Sie,“ bat ſie dringend. Anton hielt den Teller in der Hand und ſah aus feuch⸗ ten Augen heczlich nach der jungen Dame. „Ich eſſe mit Ihnen,“ ſagte das Fräulein und faßte zwei Beeren. Darauf leerte Anton gehorſam den Teller 5 Jetzt führe ich Sie noch aus dem Garten,“ ſprach die Dame. Der Gärtner öffnete reſpeetvoll eine kleine Seiten⸗ aich auf dem alte und junge Schwäne ruderten. „Sie kommen heran,“ rief Anton freudig. Sie wiſſen, daß ich etwas für ſie in der Taſche — 21— ſagte ſeine Begleiterin und löſte die Kette eines Kahns.— „Steigen Sie ein, mein Herr, ich fahre Sie hinüber, dort drüben iſt Ihr Weg.“ „Ich darf Sie nicht ſo bemüßſen⸗ ſagte Anton und zauderte einzutreten. „Ohne Widerſpruch,“ befahl das Fräulein,„es ge⸗ ſchieht gern.“ Sie ſetzte ſich auf die Steuerbank und drückte das Waſſer mit dem leichten Ruder geſchickt hinter den Kahn. So fuhr ſie langſam über den Teich, die Schwäne zogen ihr nach, ſte hielt von Zeit zu Zeit an und warf ihnen einige Biſſen zu. Anton ſaß ihr ſelig gegenüber. Er war wie verzauberte Im Hintergrund das 3 dunki Grün der Bäume, um ihn die klare Fluth, welche leiſe an dem Schnabel des Kahns rauſchte, ihm gegenüber die ſchlanke Geſtalt der Schifferin, die ſtrah⸗ lenden blauen Augen, das edle Geſicht, geröthet durch ein lieb⸗ liches Lächeln, und hinter ihnen her das Volk der Schwäne, das weiße Gefolge der Herrin dieſer Fluth.. Es war ein Aeue ſo lieblich, wie ihn nur die Jugend träumt. Der Kahn ſtieß an das Ufer, Anton ſtieg heraus und rief: Seeden Sie wohl!“ und unwillkürlich ſtreckte er ihr die Hand entgegen.„Leben Sie wohl,“ ſagte die Kleine und berührte ſeine Hand mit den Fingerſpitzen. Sie wandte den Kahn und fuhr langſam zurück. Anton ſprang über den Raſen bis auf den erhöhten Weg und ſah von dort auf das Waſſer. Der Kahn landete an einer Baumgruppe, das Fräulein wandte ſich noch einmal nach ihm um, dann ver⸗ ſchwand ſie hinter den Bäumen. Durch eine Oeffnung d Wanfes 64 Anton das Schloß vor ſich Aangen, vornehm ragte es über die Ebene. Luſtig flatterte die Fahne auf dem Thürmchen, und kräftig glänzte im Sonnenſchein das Grün der Schlingpflanzen, welche den braunen Stein der Mauern überzogen. „So feſt, ſo edel!“ ſagte Anton vor ſich hin. „Wenn du dieſem Baron aufzählſt hunderttauſend Tha⸗ lerſtücke, wird er dir noch nicht geben ſein Gut, was er hat geerbt von ſeinem Vater,“ ſprach eine ſcharfe Stimme hinter Antons Rücken. Dieſer wandte ſich zornig um, das Zau⸗ berbild verſchwand, er ſtand in dem Staube der großen Landſtraße. Neben ihm lehnte an einem Weidenſtamm ein junger Burſche in ärmlichem Aufzuge, welcher ein kleines Bündel unter dem Arme hielt und mit ruhiger Unverſchämt⸗ heit unſern Helden anſtarrte. „Biſt du's, Veitel Itzig!“ rief Anton, ohne große Freude über die Zuſammenkunft zu verrathen. Junker Itzig war keine auffallend ſchöne Erſcheinung, hager, bleich, mit röthlichem krauſem Haar, in einer alten Jacke und defecten Beinkleidern ſah er ſo aus, daß er einem Gensdarmen un⸗ gleich intereſſanter ſein mußte, als andern Reiſenden. Er war aus Oſtrau, ein Kamerad Antons von der Bürger⸗ ſchule her. Anton hatte in früherer Zeit Gelegenheit ge⸗ habt, durch tapfern Gebrauch ſeiner Zunge und ſeiner klei⸗ nen Fäuſte den Judenknaben vor Mißhandlungen muthwil⸗ liger Schüler zu bewahren und ſich das Selbſtgefühl eines Beſchützers der unterdrückten Unſchuld zu verſchaffen. Na⸗ mentlich einmal in einer düſtern Schulſcene, in welcher ei Knackwürſtchen benutzt wurde, um verzweifelte Empfindunge in Itzig hervorzurufen, hatte Anton ſo wacker für Itzig p — 23— 8 dirt, daß er ſelbſt ein Loch im Kopfe davontrug, während rannten und ſelbſt die Knackwurſt aufaßen. Seit dieſem Tage hatte Itzig eine gewiſſe Anhänglichkeit an Anton ge⸗ zeigt, welche er dadurch bewies, daß er ſich bei ſchweren Auf⸗ gaben von ſeinem Beſchützer helfen ließ und gelegentlich ein Stück von Antons Butterſemmel zu erobern wußte, und An⸗ ton hatte den unliebenswürdigen Burſchen gern geduldet, weil es wohlthat, einen Schützling zu haben, wenn dieſer auch im Verdacht ſtand, Schreibfedern zu mauſen und ſpäter an Begüterte wieder zu verkaufen. In erin Jahren hatten die jungen Leute einander wenig geſehen, gerade ſo oft, daß Itzig Gelegenheit erhielt, die vertraulichen Formen des Schulverkehrs durch gelegentliche Anreden und kleine Spöttereien außufriſchen. „Die Leute ſagen, daß du auch gehſt nach der großen Stadt, um zu lernen das Geſchäft,“ fuhr Veitel fort.„Du wirſt lernen, wie man Düten dreht und Syrup verkauft an die alten Weiber; ich gehe auch nach der Stadt, ich will machen mein Glück.“ Anton antwortete unwillig über die freche Rede und über das vertrauliche Du, das der Kamerad aus der Elemen⸗ tarſchule immer noch gegen ihn wagte:„ Glück nach und halte dich nicht bei mir auf.“ „Es hat keine Eil’,“ entgegnete Veitel nachläſſig, ich will warten, bis auch du gehſt, wenn dir meine Kleider nicht ſind zu ſchlecht.“ Dieſe Berufung auf Antons Huma⸗ nität hatte die Folge, daß Anton ſich ſchweigend die Gege wart des unwillkommenen Gefährten gefallen ließ. Er we So gehe deinem ſeine Gegner weinend und blutrünſtig hinter die Kirche g) 4 3 noch einen Blick nach dem Schloſſe und ſchritt dann ſtumm auf der Landſtraße fort, Itzig immer einen halben Schritt hinter ihm. Endlich wandte ſich Anton um und frug nach dem Eigenthümer des Schloſſes. Wenn Veitel Itzig nicht ein Hausfreund des Guts⸗ beſitzers war, ſo mußte er doch zum wenigſten ein vertrauter Freund ſeines Pferdejungen ſein; denn er war bekannt mit vielen Verhältniſſen des Freiherrn, der in dem Schloſſe wohnte. Er berichtete, daß der Baron nur zwei Kinder habe, dagegen eine ausgezeichnete Schafheerde auf einem großen ſchuldenfreien Gut. Der Sohn ſei auswärts auf einer Schule. Als Anton mit lebhaftem Intereſſe zuhörte und dies durch ſeine Fragen verrieth, ſagte Itzig endlich: „Wenn du willſt haben das Gut von dieſem Baron, ich will dir's kaufen.“. „Ich danke,“ antwortete Anton kalt;„er würde es nicht verkaufen, haſt du mir eben geſagt.“ „Wenn Einer nicht will verkaufen, muß man ihn dazu zwingen,“ rief Itzig. „Du biſt der Mann dazu,“ ſprach⸗Anton. „Ob ich bin der Mann, oder ob es iſt ein Anderer; es iſt doch zu machen, daß man kauft von jedem Menſchen, was er hat. Es giebt ein Recept, durch das man kann zwingen einen Jeden, von dem man etwas will, auch wenn er nicht will.“. „Muß man ihm einen Trank eingeben,“ frug Anton mit Verachtung,„oder ein Zauberkraut 27 „Tauſendgüldenkraut heißt das Kraut, womit man Vieles kann machen in der Welt,“ erwiederte Veitel„ab 7. 7 1 4 — 25— wie man es muß machen, daß man auch als kleiner Mann kriegen kann ſo ein Gut, wie des Barons Gut, das iſt ein Geheimniß, welches nur Wenige haben. Wer das Geheim⸗ niß hat, wird ein großer Mann, wie der Rothſchild, wenn er lange genug am Leben bleibt.“ „Wenn er nicht vorher feſtgeſetzt wird,“ warf Anton ein. „Nichts eingeſteckt!“ antwortete Veitel.„Wenn ich nach der Stadt gehe zu lernen, ſo gehe ich zu ſuchen die Wiſſenſchaft, ſie ſteht auf Papieren geſchrieben. Wer die Papkere finden kann, der wird ein mächtiger Mann; ich will ſuchen dieſe Papiere, bis ich ſie finde.“ Anton ſah ſeinen Reiſegefährten von der Seite an, wie man einen Menſchen anſteht, deſſen Verſtand in der Irre luſtwandelt, und ſagte endlich mitleidig:„Du wirſt ſte nir⸗ gend finden, armer Veitel.“ Itzig aber fuhr fort, ſich vertraulich an Anton drängend: Was ich dir ſage, das erzähle Keinem weiter. Die Papiere ſind geweſen in unſrer Stadt, Einer hat ſie gekriegt von einem alten ſterbenden Bettler, und iſt geworden ein mäch⸗ 4 tiger Mann; der alte Schnorrer hat ſie ihm gegeben in einer 3 Nacht, wo der Andere hat gebetet an ſeinem Lager, ihm zu vertreiben den Todesengel.“. „Und kennſt du den Mann, der die Papiere hat?⸗ frug Anton neugierig. „Wenn ich ihn weiß, ſo werde ich es doch nicht ſagen,“ antwortete Veitel ſchlau,„aber ich werde finden das Recept. Und wenn du haben willſt das Gur des Barons, und ſeine Pferde und Kühe und ſeinen bunten Vogel, und den Back⸗ 8 3 fiſch, ſeine Tochter, ſo will ich dir's ſcaſtn Freundſchaft, und weil du ausgehauen haſt die Bocher in der Schule für mich.“ Anton war entrüſtet über die Frechheit ſeines Gefährten. „Hüte dich nur daß du kein Schuft wirſt, du ſcheinſt mir auf gutem Wege zu ſein,“ ſagte er zornig und ging auf die andere Seite der Straße. Itzig ließ ſich durch dieſen guten Rath nicht anfechten, ſondern pfiff ruhig vor ſich hin. So ſchritten die beiden Reiſenden in langem Schweigen, welches Itzig unbefangen beim nächſten Dorfe unterbrach, indem er ſeinem Begleiter wieder Namen und Vermögensverhältniſſe des Ritterguts angab. Und dieſe belehrende Unterhaltung wiederholte ſich bei jedem Dorf, ſo daß Anton ganz betroffen wurde über die ausgebreiteten ſtatiſtiſc Endlich verſtummten Beide und legten die letzte Meile, ohne ein Wort zu ſprechen, neben einander zurück. 3. Der Freiherr von Rothſattel gehörte zu den wenigen Menſchen, welche nicht nur von aller Welt glücklich geprieſen werden, ſondern auch ſich ſelbſt für glücklich halten. Er ſtammte aus einem ſehr alten Hauſe. Ein Rothſattel war ſchon in den Kreuzzügen nach dem Morgenlande geritten. Wenigſtens wurde in der Familie ein Rococo⸗Flacon von buntem Glas alsorientaliſches Fläſchchen aufbewahrt, ein Be⸗ weis für die Exiſtenz des Ahnhern und zur Erinnerung an die ſchöne Zeit der Kreuzzüge. Ein anderer Rothſattel hatte einen Haufen Bergleute gegen die Huſſiten geführt und war mit dem ganzen Haufen zu ſeiner und des Herrn Chre er⸗ ſchlagen worden. Wieder einer war Fähnrich in dem Heere des Moritz von Sachſen geweſen, er galt für den Stifter der Linie Rothſattel⸗Steigebügel, und ſein kriegerifches Bild⸗ niß hing noch im Thurmzimmer des Schloſſes. Ein anderer und auf eigene Fauſt gerührt; die Familienſage meldete von ihm, er ſei ein ſehr dicker Herr und ein großer Trinker ge⸗ weſen, von kräftiger Suade und etwas freien Sitten. Er war als Erſter des Geſchlechtes in die Gegend gekommen, in welcher dieſe Erzählung verlaufen ſoll, und hatte eine Anzahl Landgüter auf irgend eine Weiſe in Beſitz genommen. Unter den Kinderfrauen der Familie beſtand ſeit alter Zeit di 85 dazu gekommen war, die neunzinkige Grafenkrone oder gar düſtere Ueberzeugung, daß dieſer dicke Herr zuweilen im Keller auf einer großen Krauttonne zu ſehen ſei, wo er als ruheloſer Geiſt ſitze und ächze, zur Strafe für ſchauderhafte Vergehungen gegen die Tugend ſeiner weiblichen Zeitge⸗ noſſen. Wieder ein anderer Vorfahr war kaiſerlicher Rath zu Wien geweſen; der Urgroßvater des gegenwärtigen Be⸗ ſitzers war von dem großen König der Preußen ſtarr ange⸗ ſehen und darauf mit Wohlwollen angeredet worden. Auch ¹ der Großvater war zu ſeiner Zeit ein unternehmender und vielbeſprochener Cavalier geweſen, der in der Armee keine Lorbeeren gefunden und ſich reſignirt hatte, dieſelben im Boudoir galanter Damen und am grünen Tiſch zu ſuchen. Leider waren ihm dabei ſeine Güter läſtig geworden und aus 4 den Händen geglitten. Sein Sohn endlich, der Vater des gegenwärtigen Beſitzers, war ein einfacher Landedelmann von 1 mäßigem Geiſte, der nach langen Proceſſen das eine ſtattliche Gut aus den Trümmern des Familienvermögens rettete und ſein Leben damit zubrachte, daſſelbe für ſeine Nachkom⸗ men ſchuldenfrei zu machen. Die Rothſattel hatten von je in dem Ruf geſtanden, ſtarke Nachkommenſchaft zu hinter⸗ laſſen, und alle ältern Damen aus der Familie erklärten dieſe Eigenheit— ſo höchſt achtungswerth ſte auch ſonſt ſei— doch für den einzigen Grund, daß das berühmte Haus nicht — den geſchloſſenen Reif eines. Titularfürſtenthums auf demn Wappenhelm ſeines Seniors zu ſehen. Gegenüber den alten Brauch ſeines Hauſes erwies der Vater auch da⸗ durch ſeinen beſcheidenen Sinn, daß er nur einen Sohn hinterließ. 7 — ſeine Ausgaben nicht größer waren, als ſeine Einnahmen. laſſen. Er war ein durchaus ehrlicher Mann, noch jetzt eine inpodihend ſchüne Geſtan 6 229— „ Der gegenwärtige Beſitzer des Gutes hatte in einem Garderegiment gedient, wie dem Sproß eines ſo kriege⸗ riſchen Hauſes ziemte. Er hatte dort den Ruf eines vollen⸗ deten Edelmannes erworben. Er war brauchbar im Dienſt und ein vortrefflicher Kamerad geweſen, wohlbewandert in allen ritterlichen Uebungen, zuverläſſig in Ehrenſachen. Er hatte bei Hofbällen ſtets ſchicklich dageſtanden, und ſo oft er von einer Prinzeß befohlen wurde, mit guter Haltung ge⸗ tanzt. Auch als Mann von Charakter hatte er ſich gezeigt, da er aus wirklicher Neigung ein armes Hoffräulein heira⸗ thete, eine liebenswürdige junge Dame, deren Abgang aus den Quadrillen des Hofes lebhafte Betrübniß in allen Männerherzen hervorrief. Mit ſeiner Gemahlin hatte ſich der Freiherr als verſtändiger Mann in die Provinz zurück⸗ gezogen, hatte durch eine Reihe von Jahren faſt ausſchließ⸗ lich für ſeine Familie gelebt und dadurch den Vortheil er⸗—* reicht, daß ſeine Regimentsſchulden ſämmtlich bezahlt unde Sein Haus war vortrefflich eingerichtet, die geringe Aus⸗ ſteuer ſeiner Frau war dazu benutzt worden, ihr durch Ein⸗ richtung des Parks eine große Freude zu machen. Der 3 Freiherr hielt einen W Weinkeller von guten Tiſchweinen, hatte zwei prächtige Wagenpferde und zwei elegante Reitpferde, ging jeden Morgen durch die Wirthſchaft und ritt jeden Nachmittag auf's Feld, hielt viel auf ſeine Schafheerde und ſetzte einen Stolz darein, ſeine feine Wolle gut waſchen zu zerſänd würdig zu wie in — 30— wo möglich noch mehr als in den erſten Monaten nach ſeiner Vermählung. Kurz er war das Muſterbild eines adli⸗ gen Rittergutsbeſitzers. Er war kein übermäßig reicher Herr, ungefähr das, was man einen Fünftauſendthalermann nennt, und hätte ſein ſchönes Gut in günſtigen Zeiten wohl um vieles höher verkaufen können, als der ſcharfſinnige Itzig annahm. Er hätte das aber mit Recht für eine große Thor⸗ heit gehalten. Zwei geſunde und fähige Kinder vollendeten das Glück ſeines Haushaltes, der Sohn war im Begriff, als MNiilitär die Familiencarriere zu beginnen, die Tochter ſollte 3 noch einige Jahre unter den Flügeln der Mutter leben, be⸗ vor ſie in die große Welt trat. 3. Wie alle Menſchen, welchen das Schickſal Familiener⸗ innerungen aus alter Zeit auf einen Schild gemalt und an⸗ die Wiege gebunden hat, war auch unſer Freiherr geneigt, diel an die Vergangenheit und Zukunft ſeiner Familie zu denken. An ſeinem Großvater war die trübe Erfahrung gemacht worden, daß ein einziger ungeordneter Geiſt hin⸗ reicht, das auseinander zu ſtreuen, was femſige Vorfahren an Goldkörnern und Ehren für ihre Nachkommen geſammelt haben. Er hätte deßhalb gern ſein Haus für alle Zukunft vor dem Herunterkommen geſichert, hätte gern ſein ſchönes Gut in ein Majorat verwandelt und dadurch leichtſinnigen Enkeln erſchwert, zwar nicht Schulden zu machen, aber die⸗ ſelben zu bezahlen. Doch die Rückſicht auf ſeine Tochter hielt 1 ihn von dieſem Schritte ab, es kam ſeinem ehrlichen Gefühl ungerecht vor, dies geliebte Kind wegen künftiger ungewiſſer Rothſattel zu enterben. Und er empfand mit Schmerz, daß ſein altes Geſchlecht in der nächſten Generation! in dieſelle — — Lage kommen werde, in der die Kinder eines Beamten oder eines Krämers ſind, in die unbequeme Lage, ſich durch eigene Anſtrengung eine mäßige Exiſtenz ſchaffen zu müſſen. Er hatte oft verſucht, von ſeinen Erträgen zurückzulegen, indeß die Gegenwart war dazu wirklich nicht geeignet; überall fing man an mit einer gewiſſen Reichlichkeit zu leben, mehr auf elegante Einrichtung und den zahlloſen kleinen Schmuck des Daſeins zu halten. Und was er in günſtigen Jahren etwa geſpart hatte, das war durch kleine Badereiſen, welche die zarte Geſundheit ſeiner Frau nach der Behauptung des Arztes nothwendig machte, immer wieder ausgegeben worden. Der Gedanke an die? Zukunft ſeiner Familie beſchäftigte den Fr 88 herrn auch heut, als er auf ſeinem Halbblut durch die große Kaſtanienallee dem Schloß zuſprengte. Es war eine ſehr kleine Wolke, welche unter dem Sonnenſchein ſeiner Seele dahinfuhr, ſie verſchwand im Nu, als er Gewänder vor ſich 13 flattern ſah und ſeine Gemahlin erkannte, welche mit de Tochter ihm entgegeneilte. Er ſprang vom Pferde, küͤßte ſein Lieblingskind auf die Stirn und ſagte vergnügt zu ſeie ner Frau:„Wir haben vortreffliches Wetter zur Heuerndte, es wird nach Kräften eingefahren, der Amtmann behauptet⸗ wir hätten noch nie ſo viel Futter gemacht. 77 ‚Du haſt Glück, Oscar,“ ſagte die Baronin zartich zu ihm aufblickend. „Wie immer ſeit ſtebzehn Jahren, ſeit ich dich heinige⸗ führt habe,“ antwortete der Gemahl mit einer eiigki. die vom Herzen kam. „Heut ſind es ſiebzehn Jahr,“ dief die Baroni ſind verdangen, wie ein Suumerfa 9. Wir⸗ find ſehr —: ——— 32— lich geweſen, Oscar.“ Sie ſchmiegte ſich an ſeinen Arm und ſah dankend zu ihm auf. „Geweſen?“ hug der Freiherr,„ich denke, wir ſind's noch. Und ich ſehe nicht ein, weßhalb es nicht weiter ſo fortgehen ſoll.“ „Berufe es nicht,“ bat die Baronin.„Mir iſt manch⸗ mal, als könnte ſo viel Sonnenſchein nicht ewig währen; ich möchte demüthig entbehren und faſten, um den Neid des Schickſals zu verſöhnen.“ „Nun,“ ſagte der Freiherr gutmüthig,„das Schickſal läßt auch uns nicht ungezauſt. Die Donnerwetter fehlen uns nicht, aber dieſe kleine Hand erhebt ſich zur Be⸗ ſchwörung und ſie ziehen vorüber. Haſt du nicht Aerger genug mit dem Haushalt, den Tollheiten der Kinder, und zuweilen mit deinem Tyrannen, daß du dir mehr er⸗ ſehnſt?“. „Du lieber Tyrann!“ rief die Baronin.„Dir danke ich dies Glück. Und wie fühle ich es. Nach ſtebzehn Jahren bin ich immer uoch ſtolz darauf, einen ſo ſtattlichen Haus⸗ herrn zu haben, ein ſo ſchönes Schloß und ein ſo großes Gut, wo jeder Fußbreit des Bodens auch mir gehört. Als du mich, das arme Fräulein, mit meinen Fähnchen und dem Schmuckkäſtchen, das ich der Gnade der Herrſchaft verdanke, in dein Haus führteſt, da erſt lernte ich erkennen, welche Seligkeit es iſt, im eigenen Hauſe als Herrin zu regieren, und dem Willen keines Andern zu gehorchen, als dem des geliebten Mannes.“ „Du haſt doch Vieles aufgegeben um meinetwillen,“ ſagte der Freiherr.„Qft habe ich gefürchtet, daß unſer Landleben dir, dem Günſtling der verſtorbenen Prinzeß, zu einſam und klein erſcheinen würde.“ „Dort war ich Dienerin, hier bin ich Herrin,“ ſagte die Baronin lachend.„Außer meiner Toilette hatte ich nichts, was mir ſelbſt gehörte. Immer in den langweiligen Stuben der Hoffräulein umherziehen, an allen Abenden zu der letzten Rolle verurtheilt ſein, und dabei die Angſt haben, daß das 3 immer ſo fortgehen ſoll, bis man alt wird in ewigen Zer⸗ ſtreuungen, ohne eigenes Leben! Du weißt, daß mich das oft traurig gemacht hat. Hier ſind die Ueberzüge unſerer Möbeln nicht von ſchwerem Seidenſtoff und in unſerm Saal ſteht keine Tafel aus Malachit, aber was im Hauſe iſt, gehört mir.“ Sie ſchlang ihren Arm um den Freiherrn:„Du gehörſt mir, die Kinder, unſere ſilbernen Armleuchter.“ „Die neuen ſind nur Compoſition,“ warf der Freiherr ein., „Das ſieht Niemand,“ erwiederte ſeine Gemahlin fröh⸗ lich.„Und wenn ich mein Porcellan anſehe, und am Rande dein und mein Wappen erblicke, ſo ſe hmecken mir unſere zwei Schüſſeln zehnmal ſo gut, als die vielen Gänge der Hofküche. Und vollends die großen Hoftage und unſere Marſchallstafel, wo Jeder den Andern zum Verzweifeln ge⸗ nau kannte, und Jeder dem Andern zum Verzweifeln gleich⸗ giltig war.“ 1 „Du biſt ein glänzendes Beiſpiel von Genügſamkeit,“ ſagte der Freiherr.„Um deinetwillen und wegen der Kin⸗ der wollte ich, dies Gut wäre zehnmal ſo groß, und unſere Einnahme ſo, daß ich dir einen Pagen halten könnte, Frau Marquiſe, und außer der Wirthſchafterin ein Pant Sof⸗ fräulein.. 1 5 — 34— „Nur kein Fräulein,“ bat die Baronin,„und was den Pagen betrifft, ſo braucht man keinen, wenn man einen Ca⸗ walier hat, der ſo aufmerkſam iſt, wie du.“ So ſchritt der Freiherr behaglich zwiſchen den beiden Frauen dem Schloſſe zu. Lenore hatte ſich unterdeß der Zügel ſeines Reitpferdes bemächtigt und redete dem Pferde freundlich zu, ſo wenig Staub als möglich zu machen. „Dort hält ein fremder Wagen, iſt Beſuch gekommen?“ frug der Freiherr, als ſie ſich dem Hofe näherten. „Es iſt nur Ehrenthal,“ antwortete die Baronin,„er wartet auf dich und hat bereits ſeinen ganzen Vorrath von ſchönen Redensarten an uns verſchwendet; Lenore ließ ihrem Uebermuth die Zügel ſchießen, und es war hohe Zeit, daß ich ſie wegführte; dem drolligen Mann wurde angſt bei der Koketterie des unartigen Kindes.“ Der Freiherr lächelte.„Mir iſt er immer noch der liebſte in dieſer Klaſſe von Geſchäftsleuten,“ ſagte er;„ſein Benehmen iſt wenigſtens nicht abſtoßend, und ich habe ihn in dem langen Verkehr ſtets zuverläſſig gefunden.— Guten Tag, Herr Ehrenthal, was führt Sie zu mir?“ Herr Ehrenthal war ein wohlgenährter Herr in ſeinen beſten Jahren mit einem Geſicht, welches zu rund war, zu gelblich und zu ſchlau, um ſchön zu ſein; er trug Gamaſchen an den Füßen, eine diamantene Buſennadel auf dem Hemd und ſchritt mit großen Bücklingen und tiefen Bewegungen des Hutes durch die Allee dem Baron entgegen. „Ihr Diener, gnädiger Herr,“ antwortete er mit ehrer⸗ bietigem Lächeln,„wenn mich auch nichts herführt von Ge⸗ ſchäften, ſo werde ich Sie doch bitten, Herr Baron, daß Sie — 35— mir manchmal erlauben, herumzugehen in Ihrer Wirthſchaft, damit ich in meinem Herzen eine Freude habe. Es iſt mir eine Erholung von der Arbeit, wenn ich komme in Ihren Hof. Alles ſo glatt und wohl genährt, und Alles ſo reichlich und gut eingerichtet in den Ställen und in den Scheunen. Die Sperlinge auf dem Dach ſehen bei Ihnen luſtiger aus, als die Sperlinge von andern Leuten. Wenn man als Geſchäftsmann ſo Vieles erblicken muß, was einen nicht erfreut, wo die Menſchen durch ihr Verſchulden in Un⸗ ordnung kommen und Verfall, da thut's einem wohl, wenn man ein Leben ſieht, wie das Ihre; keine Sorgen, keine großen Sorgen zum wenigſten, und ſo Vieles, was das Herz erfreut.“ „Sie ſind ſo artig, Herr Ehrenthal, daß ich glauben muß, etwas recht Wichtiges führt Sie her. Wollen Sie ein Geſchäft mit mir machen?“ frug der Freiherr gutmüthig. Mit einem Kopfſchuͤtteln, wie es dem biedern Mann an⸗ ſteht, wenn er einen ungerechten Verdacht von ſich abweiſen will, antwortete Herr Ehrenthal:„Nichts vom Geſchäft, Herr Baron! Die Geſchäfte, die ich mit Ihnen mache, ſind ſolche, wo man ſagt keine Artigkeiten. Gute Waare und gutes Geld, ſo haben wir es immer gehalten, und ſo wollen wir's mit Gottes Hilfe auch ferner halten. Ich kam nur herein im Vorbekfahren“— dabei bewegte er nachläſſig die Hand, um pantomimiſch zu bekräftigen, daß er nur im Vorbeifahren ſei,—„ich wollte fragen wegen des Pferdes, das der Herr Baron zu verkaufen haben. Es iſt Einer im Dorfe daneben, dem ich habe verſprochen zu fragen nach dem Preis. Ich kann's eben ſo gut mit de — 36— Amtmann abmachen, wenn der Herr Baron keine Zeit haben für mich.“ „Kommen Sie mit, Ehrenthal,“ 4 ſagte. der Freiherr,„ich führe mein Pferd ſelbſt in den Stall.“ Herr Ehrenthal machte den Frauen viele Bücklinge, welche von Lenore durch eben ſo tiefe Knire erwiedert wur⸗ den, und folgte dem Freiherrn zur Stallthür. Dort blieb er reſpectvoll ſtehen und beſtand darauf, daß das Pferd des Barons und der Baron ſelbſt vor ihm eintraten. Nach kur⸗ zer Beſichtigung und den üblichen Reden und Gegenreden führte der Freiherr Herrn Ehrenthal auch in den Kuhſtall, worauf Herr Ehrenthal den leidenſchaftlichen Wunſch aus⸗ ſprach, auch die Kälber zu ſehen, und endlich die Bitte zu⸗ fügte, auch bei den Zuchtböcken zur Audienz zugelaſſen zu werden. Er war ein erfahrener Geſchäftsmann, und wenn das Entzücken, welches er ausſprach, auch etwas handwerks⸗ mäßig und überſchwenglich klang, ſo war das, was er lobte, doch wirklich lobenswerth, und der Freiherr hörte das Lob mit Wohlgefallen an. Nach Beſichtigung der Schafe mußte eine Pauſe gemacht werden, denn Ehrenthal war zu ſehr ergriffen von der Fein⸗ heit und Dichtigkeit ihres Pelzes.„Nein, dieſer Stapel!“ ſeufzte er in träumeriſcher Begeiſterung;„ſchon jetzt kann man ſehen, was er ſein wird im nächſten Frühjahr.“ Er wiegte d den Kopf hin und her und zwinkerte mit den kleinen Augen nach der Sonne.„Wiſſen Sie, Herr Baron, daß Sie ſind ein glücklicher Mann! Haben Sie gute iegrichen von Ihrem Herrn Sohn?“ 4 „Danke, lieber Ehrenthal, er hat geſtern geſchrie. 8 8 — 37— ben und ſeine Zeugniſſe geſchickt,“ antwortete der Freiherr.. „Er wird werden, wie ſein Herr Vater,“ rief Herr Ehrenthal aus,„ein Cavalier von erſter Qualität, und ein reicher Mann, der Herr Baron weiß zu ſorgen für ſeine Kinder.“ 1 „Ich erſpare nichts, lieber Ehrathale erwiederte der Baron nachläſſig.. „Was erſparen?“ rief der Händler mit Verachtung ge⸗ gen eine ſo plebeje Thätigkeit;„was ſollen Sie ſparen? wenn ich mir erlauben darf, das zu bemerken als ein Ge⸗ ſchäftsmann, der ſchon lange die Ehre hat, Sie zu kennen. Was brauchen Sie zu ſparen? Sie werden doch dereinſt, wenn der alte Ehrenthal nicht mehr ſein wird, auch ohne Sparen hinterlaſſen dem jungen Herrn das Gut, welches unter Brüdern werth iſt ein und ein halbes Hunderttauſend, und dem gnädigen Fräulein Tochter außerdem eine Aus⸗ ſteuer von— mas ſoll ich ſagen— von funfzigtauſend Thaler baar.“ „Sie irren,“ ſagte der Freiherr ernſt,„ich bin nicht ſo reich.“ „Nicht ſo reich?“ rief Herr Ehrenthal mit ſittlicher Entrüſtung gegen jeden Menſchenſohn(den Baron ausge⸗ nommen), der ſo etwas behaupten könnte.„Es hängt doch nur von Ihnen ab, jeden Augenblick ſo reich zu ſein. Wer ein Vermögen hat, wie der Herr Baron, der kann in zehn Jahren verdoppeln ſein Capital ohne Gefahr.— Warum wollen Sie nicht Pfandbrirft der Landſchaf auf Ihr Gut Rehmen?— .— 38— Die„Landſchaft“ der Provinz war damals ein großes Creditinſtitut der Rittergutsbeſitzer, welches Capitalien zur erſten Hypothek auf Rittergüter auslieh. Die Zahlung er⸗ folgte in Pfandbriefen, welche auf den Inhaber lauteten und damals überall im Lande für das ſicherſte Werthpapier galten. Das Inſtitut ſelbſt zahlte die Intereſſen an die Beſitzer der Obligationen und erhob von ſeinen Schuldnern außer den Zinſen noch einen geringen Zuſchlag für Verwaltungskoſten und zu allmähliger Tilgung dei ſe henon enen Schuld. „Ich mache keine Geldgeſchaͤfte,“ antwortete der Frei⸗ herr ſtolz, aber in ſeiner Bruſt klang die Saite fort, welche der Händler angeſchlagen hatte. „Die Geſchäfte, welche ich meine, ſind ſo, wie ſie heut zu Tage macht jeder Fürſt,“ fuhr Herr Ehrenthal mit Feuer fort.„Wenn der gnädige Herr Pfandbriefe der Landſchaft aufnimmt auf ſein Gut, ſo kann er jeden Tag erhalten funßzigtauſend Thaler in gutem Pergament. Sie zahlen dafür der Landſchaft vier vom Hundert, und wenn Sie die Pfandbriefe liegen laſſen in Ihrer Caſſe, ſo erhalten Sie davon Zinſen drei und ein halb vom Hundert. Dann zah⸗ len Sie ein halbes Procent zu an die Landſchaft, und durch das halbe Procent wird noch amortiſirt das Capital.“ „Das heißt Schulden machen, um reich zu werden,“ warf der Gutsherr achſelzuckend ein. 3 „Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie 4 funßzigtauſend Thaler liegen hat, welche ihm jährlich koſten ein halbes Prorent, ſo kann er damit kaufen die halbe Welt. Immer giebt es Gelegenheit, Güter zu. erwerben zu einem Spottpreiſe, wenn man baar Geld oder Pfandbriefe hat zu 4 — 39— rechter Zeit. Da ſind Rittergüter, da ſind Waldungen, die man kann kaufen, oder Antheile von Bergwerken, oder Actien von einer ſoliden Societät. Oder der Herr Baron können ſelbſt anlegen ein Etabliſſement auf Ihrem Gut, wenn Sie wollen ſchaffen Zucker aus Rüben, wie der Herr v. Bergen am Gebirge, oder amerikaniſches Mehl, wie der Herzog von Löbau, oder bairiſches Bier, wie Ihr Nachbar, der Graf Horn. Was iſt dabei für eine Gefahr? Sie werden ein⸗ nehmen zehn, zwanzig, ja funfzig Thaler vom Hundert des Capitals, das Sie geliehen haben von der Landſchaft zu vier vom Hundert.“ Der Freiherr ſah nachdenkend vor ſich hin. Was ihm der Händler ſagte, war durchaus nichts Neues und Uner⸗ hörtes, er ſelbſt hatte oft Aehnliches gedacht. Es war ge⸗ rade die Zeit, wo eine Menge von neuen induſtriellen Un⸗ ternehmungen aus dem Ackerboden aufſchoſſen, wo durch die hohen Schornſteine der Dampfmaſchinen, durch neuent⸗ deckte Kohlen⸗ und Erzlager, durch neue landwirthſchaft⸗ liche Culturen große Summen erworben und noch größere Reichthümer gehofft wurden. Die vornehmſten Grundbeſitzer der Landſchaft ſtanden an der Spitze ausgedehnter Actien⸗ unternehmungen, welche auf einer Verbindung moderner Induſtrie und des alten Ackerbaues beruhten. Es war nichts Neues und Auffallendes in den Worten des Händlers, und doch ſchlugen ſie als zündender Blitz in die Seele des Freiherrn. Sie kamen im rechten Augenblick. Herr Ehren⸗ thal bemerkte die Wirkung, welche er hervorgebracht hatte, und ſchloß mit der Gemüthlichkeit, welche ſeine Lioblings⸗ ſtimmung war:„Wo habe ich das Recht, einem Herrn, — 40— wie Sie ſind, einen Rath zu geben? Aber jeder Gutsbeſitzer muß ſagen daſſelbe, daß ein ſolches Geſchäft mit Pfandbrie⸗ fen in unſerer Zeit die ſolideſte Art iſt, wie ein vornehmer Herr kann ſorgen für ſeine Kinder. Wenn einſt das Gras wachſen wird über dem Grabe des alten Ehrenthal, dann werden Sie an mich denken und bei ſich ſagen: der Ehren⸗ thal war nur ein einfacher Mann, aber er hat mir gerathen, was gut war und ein Segen für die Familie.“ Der Freiherr ſah immer noch vor ſich hin. Was er lange in ſich herumgetragen hatte, das war auf einmal zum feſten Entſchluß geworden. Dem Händler ſagte er mit einer Leichtigkeit, die ihm nicht gom Herzen kam:„Ich will mir's überlegen.“ Ehrenthal war damit zufrieden und bat um die Erlaubniß, ſich den Damen empfehlen zu dürfen, was er als Mann von Welt und Gemüth ſelten unterließ. Es war Schade, daß der Freiherr nicht das Geſicht des 3 Geſchäftsmannes ſah, als dieſer in ſeinen Wagen ſtieg und mechaniſch die Bourbonroſe ins Knopfloch ſteckte, welche ihm Lenore beim Abſchiede mit ſchalkhafter Artigkeit über⸗ reicht hatte. Auch Herr Ehrenthal machte ein luſtiges Ge⸗ ſicht, aber nicht aus Freude über die volle Roſe. Er ließ den Kutſcher langſam durch die Feldmark fahren und ſah wohlgefällig auf die Ackerſtücke, welche mit reifender Frucht zu beiden Seiten des Weges lagen. In langem Zuge kamen die Heuwagen des Gutes ihm entgegen. So oft er ſtill hielt, um einen Rieſenwagen vorbeizulaſſen, berupften ſeine Pferde das Heu, und ſein Kutſcher drehte ſich um und rief ſchnalzend:„Schönes Futter!“ — 41— „Ein ſchönes Gut,“ ſagte dann Herr Ehrenthal in tie⸗ fem Nachdenken.. Unterdeß ſaß die Baronin in einer Gartenlaube und blätterte in den neuen Journalen, welche der Buchhändler aus der nächſten Kreisſtadt zugeſchickt hatte. Sie derhc prüfend die Modekupfer und Taeß die kleinen Nippes der Tagesliteratur: Geſchichten von Menſchen, welche auf außer⸗ ordentliche Weiſe reich geworden, und von andern, welche auf ſchauderhafte Weiſe ermordet ſind, Tigerjagden aus Oſtindien, ausgegrabene Moſaikböden, rührende Schilde⸗ rungen von der Treue eines Hundes, hoffnungsreiche Be⸗ trachtungen über die Unſterblichkeit der Seele, und was onſt d das flüchtige Auge eleganter Damen zu feſſeln vermag. Die ſchöne Gemahlin des Freiherrn ſchaukelte während des Leſens die geſtickte Fußbank, ihre Seele war nur halb in den Bläͤ ättern, ſie ſah oft über den Raſenplatz nach ihrer Tochter, welche wieder mit dem Pony beſchäftigt d dieſem aus Blumen und Zeitungspapier eine groteske Halskrauſe und eine ge⸗ hörnte Mütze zurecht machte, was der Pony vergebens da⸗ durch zu vereiteln ſuchte, daß er ſo viel Blüthen und Zei⸗ tungspapier wegfraß, als er mit dem Maul erreichen konnte. Als die junge Dame, ſtolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Laube wandte und das Auge d er Mutter auf ſich gerichtet ſah, überließ ſie das Pferd dem herzueilenden Bedienten und flog wie eine Libelle zu den Füßen der Mutter. Sie ſetzte ſich auf die Fußbank, zog die Journale auf das Knie der Baronin, und fing an, ſich poſſenhaft mit den Herren und Damen der Modekupfer zu unterhalten. Da die Ge⸗ ſichter dieſer Ideale, wie bekannt, den Vorz zug haben, allen —“ 42— Menſchen ähnlich zu ſehen, von denen ſie ſich durch einzelne charakteriſtiſche Eigenheiten, durch merkwürdig kleine Lip⸗ pen, und zuweilen durch ein auf der Stirn oder dem Backen ſitzendes Auge unterſcheiden, ſo wurde der jungen Dame nicht ſchwer, zahlreiche Aehnlichkeiten mit Bekannten des Hauſes aufzufinden und die Bilder danach zu behandeln. Die Mutter lächelte über die kindiſchen Scherze der Tochter und ſagte endlich, ihre Gedanken laut fortſetzend:„Lenore, du wirſt jetzt ein erwachſenes Mädchen und biſt noch ſo ſehr Kind. Wir haben dich aufwachſen laſſen bei dem Unterricht der Bonne und des Candidaten; es wird Zeit, daran zu denken, daß du etwas Ordentliches lernſt, mein armes Kind.“ „ Ich dachte, das Lernen ſollte jetzt aufhören,“ antwor⸗ tete Lenore ſchmollend. „Deine franzöſiſche Ausſprache iſt noch ſchlecht, und dein Vater will, daß du dich im Zeichnen übſt, du haſt Anlage dazu.“ „Ich zeichne nur Karrikaturen,“ rief Lenore,„die ſind am leichteſten, man macht eine lange Naſe oder kurze Beine, 4 und das Kerlchen ſieht lächerlich aus.“ „Du ſollſt nicht Karrikaturen zeichnen,“ ſprach die Mut⸗ ter,„das verdirbt deinen Geſchmack und macht dich ſpöt⸗ tiſch.“ Lenore ließ das Köpfchen hängen.„Und wer war der junge Mann, mit dem du vorhin durch den Garten gingſt?“ fuhr die Mutter ſtrafend fort.„Du haſt ihm die Erdbeeren des Vaters gegeben.“ „Schilt nur nicht immer, liebe Mutter,“ rief die Tochter erröthend.„Der Fremde war ein hübſcher artiger Junge, er geht nach der Hauptſtadt, er hat weder Vater noch Mut⸗ — 43— ter, das that mir leid. Und ſo beſcheiden war er! Sei mir nicht böſe,“ ſchmeichelte ſie und flog an den Hals der Mut⸗ ter, in deren Augen mehr Liebe als Zorn zu leſen war. Die Mutter küßte das Kind auf den Mund und ſagte gütig:„Du biſt mein gutes, wildes Mädchen, ſuche mir jetzt den Vater, ſein Kaffe wird kalt.“ Als der Freiherr in die Laube trat, noch voll von ſeiner Unterredung mit Ehrenthal, legte die Baronin ihre Hände in die ſeinen und ſagte:„Oscar, ich habe Sorge um Le⸗ nore!“ „Iſt ſie krank?“ frug der Vater betroffen. „Sie iſt geſund und von Herzen gut, aber ſie iſt kecker und ungebundener, als ſich für ihre Jahre paßt.“ „Sie iſt auf dem Lande aufgewachſen und eine tüchtige Dirne geworden,“ erwiederte der Freiherr beruhigend. „Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefühl im Um⸗ gange mit Fremden,“ fuhr die Mutter fort„Ich fürchte, ſie iſt in Gefahr, ein Original zu werden.“ „Nun, das Unglück wäre nicht ſo groß,“ ſagte der Frei⸗ hert lachend. „Es giebt kein größeres für ein Mädchen aus unſerm Kreiſe.— Was in der Geſellſchaft auffällt, wird auch lächerlich; ein kleiner Zug von bizarrem Weſen kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie muß genöthigt werden, mehr auf ſich zu achten, und ich fürchte, hier auf dem Lande wird ſie das nicht lernen.“— „Wir ſollen das Kind von uns thun, wielleicht auf Jahre, und unter fremden Menſchen aufblühen laſſen?“ frug der Freiherr unwillig. — 44— „Und doch muß es ſein,“ ſagte die Baronin ernſt,„und es koſtet mich viel, dir das zu ſagen. Sie iſt unartig gegen Mädchen ihres Alters, rückſichtslos gegen Frauen, und Män⸗ nern gegenüber viel zu dreiſt.— Kannſt du dir ein Mäd⸗ chen von Lenorens Weſen am Hofe denken?“ frug die Ba⸗ ronin nach einer Pauſe. Der Gemahl konnte ſich das nicht denken, vielleicht deß⸗ halb nicht, weil ein Fürſtenhof überhaupt nicht der Ort iſt, wo ſchnell aufgeſchoſſene Fräulein die Schulbücher umher⸗ tragen und Katze und Maus ſpielen. „Sie wird ſich ändern,“ warf ex endlich ein. „Sie wird ſich nicht ändern,“ entgegnete die Baronin ſanft, die Hand auf ſeine Schulter legend,„ſo lange der Liebling mit ſeinem Vater zu Pferde über Gräben ſetzt und ihn ſogar auf dem Pürſchgang begleitet.“ „Ich kann mich nicht darein finden, beide Kinder zu entbehren,“ ſprach der Vater gutmüthig.„Das wäre ſehr hart für uns, am ſchwerſten für dich, du ſtrenge Haus⸗ frau.“ 8 „Vielleicht!“ ſagte die Baronin leiſe, und ihre Augen wurden feucht.„Aber wir dürfen nicht an uns denken, nur an die Zukunft der Kinder.“ Der Freiherr ſah die Bewegung der geliebten Frau, er zog ſie an ſich und ſprach entſchloſſen:„Höre, Elsbeth, wenn wir in früheren Jahren von dieſer Zeit ſprachen, da dachten wir uns Lenorens Erziehung anders. Wir wollten die Winter über ſelbſt in der Stadt leben, unter deinen Augen ſollte das Kind den letzten Unterricht erhalten und in die Geſellſchaft treten. Du ſollſt dich nicht von ihr tren⸗ — 45— nen. Wir ziehen ſchon dieſen Winter nach der Haupt⸗ ſtadt.“ Ueberraſcht erhob ſich die Baronin:„Guter Oscar!“ rief ſie gerührt aus.„Aber— verzeih die Frage, würde ein ſolcher Aufenthalt nicht in anderer Hinſicht für dich ein großes Opfer ſein?“ „Nein,“ ſagte der Freiherr fröhlich,„ich habe Pläne, die auch für mich wünſchenswerth machen, den Winter in der Stadt zuzubringen.“ Er erzählte; der Umzug nach der Hauptſtadt wurde be⸗ ſchloſſen. — 46— 4. Schon ſtand die Sonne niedrig am Himmel, als die beiden Wanderer bei den erſten Häuſern der Hauptſtadt an⸗ kamen. Erſt einzelne kleine Gebäude, dann zierliche Som⸗ merwohnungen mitten in blühenden Gärten; dann rückten die Häuſer dichter zuſammen, die Straße ſchloß ſich auf bei⸗ den Seiten, und mit dem Staube und dem Wagengeraſſel legte ſich bange Sorge um die Bruſt unſeres Helden. In dem Geflecht großer und kleiner Straßen wäre Anton rath⸗ los geweſen, wenn ihn nicht ſein Begleiter, der aus Achtung por dem beſſern Rock Antons hinter ihm geblieben war, durch laute Rechts und Links an den Straßenecken gelenkt für krumme Seitengaſſen und ſchmale Trottoirs. Hier und Thuren ſtanden, oder jungen Burſchen mit krummer Naſe unnd runden Augen, welche, die Hände in den Hoſentaſchen, auf der Straße herumlungerten. Zuweilen wurde ſein Gruß mit nachläſſigem Kopfnicken erwiedert, welches ungefähr be⸗ deutete:„er iſt ein gutes Geſchöpf, aber er hat kein Geld;“ da winkte er hinter dem Rücken ſeines Reiſegefährten mit frecher Vertraulichkeit geputzten Mädchen zu, die an den 5 hätte. Veitel Itzig aber hatte eine merkwürdige Vorliebe in der Rogel ward ſeine Zuvorkommenheit mit kalter Ver⸗ achtung hingenommen, welche der Pflaſtertreter der ſchnu⸗ tzigen Nebenſtraße da, wo nichts zu gewinnen iſt, eben ſo gut — 47— zu äußern weiß, als der ſchnurrbärtige Held der Granit⸗ platten im eleganten Stadttheil. Endlich bogen die jungen Männer in eine Hauptſtraße, wo große Häuſer mit Säulen⸗ portalen, elegante Kaufläden und ein Gewühl gut gekleideter Menſchen verriethen, daß hier der Wohlſtand einen entſchie⸗ denen Sieg über die Armſeligkeit davongetragen hatte. In dieſer Straße hielten ſie vor einem hohen würdigen Hauſe an. Itzig wies auf das Thor mit einer gewiſſen ſcheuen Achtung und ſagte kurz:„Hier wohnt er, hier wirſt du g ſag 3 3 werden bald ſo ſtolz, wie dieſe Gojim ſind; wenn du willſt wiſſen, wo ich zu finden bin, ſo kannſt du nachfragen im Geſchäft bei Ehrenthal auf der Gerbergaſſe. Gute Nacht!“ Er pfiff vor ſich hin und ſchlenderte die Straße hinab, ohne ſich umzuſehen. Anton trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur und lockerte den Brief ſeines Vaters in der Bruſſttaſche. Er war ſehr kleinmüthig geworden und ſein Kopf war ſo ſchwer, daß er ſich am liebſten einen Augenblick hin⸗ geſetzt hätte, um auszuruhen. Aber wie Ruhe ſah es in dem Hauſe nicht aus. Vor der Thür ſtand ein großer Fracht⸗ wagen, in dem Hauſe mächtige Fäſſer und Ballen, und rieſen⸗ große, breitſchultrige Männer mit Lederſchürzen und kurzen Haken im Gürtel trugen Leiterbäume, klirrten mit Ketten, rollten die Fäſſer und ſchnürten dicke Stricke durch künſtliche Knoten zuſammen; dazwiſchen eilten Commis, die Feder hin⸗ ter dem Ohr, Papier in der Hand, ab und zu, und Fuhr⸗ leute in blauen Blouſen nahmen die Papiere, die Ballen und die Fäſſer mit der geſchäftlichen Würde in Empfang, welche die Thätigkeit aller verantwortlichen Menſchen zu bezeichnen pflegt. Hier war kein Ort der Ruhe, Anton ſtieß an einen — 48— Ballen, fiel beinahe über einen Hebebaum und wurde durch das„Vorgeſehen!“ welches ihm zwei Enakſöhne mit Leder⸗ ſchürzen zuriefen, noch mit Mühe vor dem Schickſal bewahrt, unter einer großen Oeltonne platt gedrückt zu werden. Im Centrum der Bewegung, gleichſam als Sonne, um welche ſich die Fäſſer und Arbeiter und Fuhrleute herum dreh⸗ ten, ſtand ein junger Herr aus dem Geſchäft, ein Herr mit entſchloſſener Miene und kurzen Worten, welcher als Zeichen ſeiner Herrſchaft einen großen ſchwarzen Pinſel in der Hand hielt, mit dem er bald rieſige Hieroglyphen auf die Ballen malte, bald den Aufladern ihre Bewegungen vorſchrieb. Dieſen Herrn frug Anton mit klangloſer Stimme nach dem Prinzipal des Geſchäftes und wurde durch eine kurze Be⸗ wegung des Pinſelſtiels in den hintern Theil des Hausflurs nach dem Comtoir gewieſen. Zögernd trat er an die Thür, es koſtete ihm einen großen Entſchluß, den Griff mit der Hand zu drehen— er hat ſich ſpäter oft daran erinnert— und als die Thür geräuſchlos aufging und er in das Däm⸗ mer der großen Arbeitsſtube ſah, da wurde ihm ſo angſt, daß er kaum über die Schwelle ſchreiten konnte. Sein Ein⸗ tritt machte wenig Aufſehen. Ein halbes Dutzend Schreiber 8 fuhr haſtig mit den Federn über die blauen Briefbogen, um noch die letzten Züge vor dem Schluß des Comtoirs und der Poſt zu thun. Nur einer der Herren, welcher zunächſt der Chure ſaß, erhob ſich und frug in kühlem Geſchäftston: „Was ſteht zu Ihren Dienſten?“ Auf die ſchüchterne Erklärung Antons, daß er Herrn Schröter zu ſprechen wünſche, trat aus dem zweiten Comtoir ein großer Mann mit faltigem Geſicht, mit ſtehendem Hemd⸗ — 49— kragen, von ſehr engliſchem Ausſehen. Anton ſah ſchnell auf das Antlitz, und dieſer erſte Blick, ſo angſtlich, ſo flüch⸗ tig, gab ihm einen guten Theil ſeines Muthes wieder. Er er⸗ kannte Alles darin, was er in den letzten Wochen ach ſo oft erſehnt hatte, ein gütiges Herz und einen redlichen Sinn. Und doch ſah der Herr ſtreng genug aus, und ſeine erſte Frage klang kurz und entſchieden. Anton faßte ſchnell nach ſeinem Brief, nannte ſeinen Namen und erzählte haſtig und mit ſtockender Stimme, daß ſein Vater geſtorben ſei und daß er den Herrn von ſeinem Todtenbett grüßen laſſe. Wie ein freundliches Licht flog es über das Auge des Kaufmanns, er öffnete den Brief ſchweigend, las ihn lang⸗ ſam durch, reichte dem bewegten Anton die Hand und ſagte: „Seien Sie mir willkommen.“ Darauf wandte er ſich zu einem von den ſchreibenden Herren, welcher einen grünen Rock trug und einen grauen Ueberziehärmel um den rechten Arm gebunden hatte:„Herr Anton Wohlfart tritt von heut an in unſer Geſchäft.“ Einen Augenblick hörten die ſechs Federn auf zu rennen, und ihre Lenker ſahen im Tempo nach Anton hin; der Chef aber fuhr zu Anton gewandt fort. „Sie werden müde ſein, Herr Jordan wird Ihnen Ihr Zim⸗ 5 mer anweiſen, ruhen Sie heut aus, morgen das Weitere./ Nach dieſen Worten wandte er ſich mit leichtem K Kopf⸗ nicken ab und ging zu ſeinem Sitze im zweiten Comtoir zu⸗ rück, wo ebenfalls ſechs Federn über das blaue Papier fuh⸗ ren uü‚nd jetzt mit ſolcher Schnelligkeit, daß ſich der Federbart vor Entſetzen ſträubte, denn die alte Wanduhr hattr zum Sählage bereits ausgehoben. 3 Nur der Herr im grünen Rock ſtreifte den gcen Aermel ab, gtrich ihn ſorgfältig glatt, ſchloß ihn mit einem Haufen Papiere in das Pult und lud Anton ein, ihm auf das Zimmer zu folgen. Wieder ſchritt Anton durch die Thür des Comtoirs, in welchem er nur zehn Minuten gewe⸗ ſen war, aber er war ein anderer Mann geworden, ſein Schickſal war entſchieden, er hatte jetzt eine Heimath, er ge⸗ hörte in das Geſchäft. Deßhalb ſchlug er im Vorbeigehen herzhaft auf einen großen Ballen, wie man auf die Schulter eines guten Bekannten ſchlägt, wobei der grüne Herr ſich umwandte und mit wohlwollender Herablaſſung zu ihm ſagte:„Baumwolle;“ und drei Schritt weiter klopfte Anton Einlaß fordernd an ein rieſiges Faß, welches wohlhäbig in einer Ecke ſtand, wie ein dicker Pächter in ſeinem hellen Sommerrock; worauf ſich wieder der g grüne Herr umwandte und ebenſo wohlwollend ſagte:„Corinthen.“ Jetzt ſtieß unſern Anton kein Hebebaum mehr, ja er ſelbſt ſchob den einen mit kräftiger Fußbewegung bei Seite, und einen Rie⸗ ſen mit lederner Schürze, der ihm begeg nete, grüßte er mit d/ 9 9 8— ſicherer Vertraulichkeit und fühlte ſich behaglich, daß der Rieſe ihm artig dankte, beſonders als der grüne Herr wieder herablaſſend geäußert hatte:„der oberſte Auflader.“ Durch den Hofraum gingen ſte auf gewundenen Pfaden in ein Hintergebäude und ſtiegen drei ausgetretene Treppen hinauf. Dort öffnete Herr Jordan ein Zimmer und bemerkte gegen Anton, daß dies wahrſcheinlich ſeine künftige Woh⸗ nung ſein werde, es ſei die frühere Behauſung eines guten Freundes von ihm, der aus dem Geſchäft geſchieden ſei und ſich ſelbſt etablirt habe. Es war ein ſehr kleines Zimmer, die Möbeln einfach und nicht neu, aber ſaubere weiße Gar⸗ der Junker in den Stolpenſtiefeln lächelnd zu dem Führer. 8— 4 8L — 51— dinen und weiße Rouleaux vor den Fenſtern und auf dem Schreibtiſch eine ſchöne Katze von Gips, mit gelblicher Leder⸗ farbe lackirt, ſo daß ſie ausſah wie eine lebende. Dieſe Katze hatte der etablirte College zum Beſten ſeines Nachfolgers in der Stube zur ückgelaſſen. Herr Jordan eilte in das Comtoir zurück, in dem er der Erſte und Letzte ſein mußte, weil ihm ein Theil der Schlüſſel anvertraut war, und Anton blieb allein. Mit Hilfe eines freundlichen Bedienten, welcher ihm ſchnell das Zimmer wohnlich zu machen ſuchte, ordnete er ſeine Toilette und war eben damit fertig, als zahlreiche Tritte auf den Treppen verkündeten, daß ſeine Collegen aus dem Geſchäft in ihre Zimmer eilten. Wieder erſchien der grüne Herr und theilte ihm mit: Herr Schröter ſei zu einer Conferenz und heut nicht mehr zu ſprechen. Dagegen ſei ſe ine Anſicht, daß der Ankömm⸗ ling den einzelnen Herren ſe inen Beſuch machen müſſe, um die Bekanntſchaft mit ihnen auf anſtändige Weiſe einzuleiten. 4 Ein Frack ſei nicht nöthig. Anton ſtieg mit ſeinem Begleiter einige Treppen herun⸗ ter, und Herr Jordan war im Begriff, an eine Thüre anzu⸗ klopfen, als der Bewohner des Zimmers ihm entgegentrat, ein ſchöner ſchlanker Mann, von mäßiger Größe und einem Weſen, welches unſerm Helden ſehr imponirte. Er hatte ſeinen Anzug gewechſelt, trug kurze Beinkleider und Stol⸗ penſtiefeln, eine Jokeimütze auf dem Kopf und eine Reitgerte in der Hand, die er unternehmend ſchwenkte. „Führen Sie Ihr Füllen ſchon an der Leine?“ ſagte 5 — 52— Herr Jordan ſtellte ſich feierlich auf und präſentirte:„Herr Wohlfart, der neue Lehrling, ſoeben angekommen.— Herr von Fink, Sohn der großen Firma Fink und Becker in Hamburg.“ „Erbe des größten Thranvorraths von der Welt und ſo weiter,“ unterbrach ihn Herr von Fink nachläſſtg.„Jordan, geben Sie mir zehn Thaler, ich will den Reitknecht bezah⸗ len. Schreiben Sie's zu dem Uebrigen.“ Jordan holte bereitwillig ein Caſſenbillet aus ſeiner Brieftaſche und über⸗ reichte es dem Jokei, der es zuſammenknitterte und nachl äſſig in die Weſtentaſche ſteckte; worauf er mit einiger Höflichkeit zu Anton ſagte:„Wenn Sie mich beſuchen wollen, wie ich aus dem feſtlichen Geſicht Ihres Mercurs merke, ſo bedaure ich, heut nicht zu Hauſe zu ſein, ich will ein neues Pferd kaufen. Ihren Beſuch nehme ich als geſchehen an, ich danke Ihnen in aller Feierlichkeit dafür und gebe Ihnen meinen Segen zu Ihrem Eintritt.“ Er nickte gleichgiltig mit dem Kopf und ſchritt klirrend die Stufen hinab lund über die Steinplatten des Hofes.. Antons Behagen erlitt durch das kühle Benehmen des Herrn einen großen Stoß und er dachte verſchüchtert, wenn die andern Herren vom Geſchäft eben ſo ſind, ſo wird es mir ſehr ſchwer werden, mit ihnen umzugehen. Aug Herr Jor⸗ dan fand nöthig, das auffallende Benehmen des Jokei zu erklären, und ſagte mit vertraulicher W Bichtigkeit:„Fink ge⸗ hört nur halb in unſer Geſchäft, iſt erſt ſeit kurzer Zeit hier, von ſeinem Vater aus New⸗ York gezogen und hiether verſandt worden, um bei uns vernünftig zu werden.“ „Iſt er denn nicht vernünftig?“ frug Anton neugierig. „Nur zu wild, liebt den Spott, iſt aber ſonſt ein guter Geſellſchafter,“ ſagte Herr Jordan.„Die andern Herren habe ich zu mir auf die Stube gebeten, um Sie mit Allen bekannt zu machen; wir werden dort eine Taſſe Thee trinken. Morgen machenSie den Einzelnen Beſuch auf ihren Zimmern.“ Die Stube des Herrn Jordan war die größte unter den kleinen Wohnungen des Hinterhauſes, in welchem die Herren vom Comtoir einzeln oder zu zweien hauſten, und wurde deßhalb und wegen der anſprechenden Gemüthsart ihres Bewohners zuweilen als Salon benutzt; ſie genoß die Auszeichnung, ein Fortepiano und einige Armſtühle zu be⸗ ſitzen. An den Fenſtern hingen zahlreiche Biscuitbilder, in denen edle Weiblichkeit durch mittelalterliche Kirchengän⸗ gerinnen, Loreleys und Madonnen vertreten war. In dieſem Zimmer ſaßen und ſtanden die Herren und erwarteten die Ankunft des Neulings. Anton machte die Maſſenvorſtellung mit Erfolg durch, indem er jedem Einzelnen die Hand ſchüttelte und hinterdrein Alle zuſammen um ihr Wohl⸗ wollen und freundliche Hilfe bat, weil er im Geſchäft ganz unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter Menſchen geweſen ſei. Dieſe Offenheit verfehlte nicht, einen guten Eindruck hervorzubringen. Darauf ging eine friedfer⸗ tige Unterhaltung an, gewürzt mit kleinen Scherzen und An⸗ ſpielungen, welche für einen Neuling ſo unverſtändlich als möglich waren. Anton verhielt ſich ſchweigend und mühte ſich, das Weſen der einzelnen Herren zu erkennen. Da war der Buchhalter Herr Liebold, ein aͤltlicher kleiner Mann mit einer feinen Stimme und einem beſcheidenen Lächeln, durch welches er die Welt um Vergebung bat, daß er ſich die 3 Freiheit nehme, zu exiſtiren. Er ſprach wenig, hatte aber die Eigenſchaft, im Nachſatz das zurückzunehmen, was er im Vorderſatz behauptete; z. B.:„ich glaube faſt, daß dieſer Thee zu ſchwach iſt, aber freilich iſt ſtarker Thee ſehr unge⸗ ſund,“ und Aehnliches. Ferner war da Herr Pir, der tyranniſche Führer des ſchwarzen Pinſels in dem Hausflur, ein entſchloſſener Mann, welcher geneigt ſchien, alle menſch⸗ lichen Verhältniſſe wie Detailgeſchäfte zu betrachten: vielleicht reſpectabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im Zimmer fehlte, rückte er verächtlich einen kleinen Tiſch in die Nähe des Thee's, ſchwang ſich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf ſitzen. Ferner war da ein Herr Specht, welcher viel ſprach und ſtark in Behauptungen war, die von Jedermann beſtritten wurden. Er behauptete, China werde durch eine Conſtitution regiert, die von der engliſchen nur 3 wenig verſchieden ſei, und verfocht mit Leidenſchaft die An⸗ ſicht, daß Schneckenſuppe das Lieblingsgericht des ſeligen Kaiſers Napoleon geweſen ſei. Ferner war da ein ſchmäch⸗ tiger Herr Baumann mit kurz geſchorenem Haar und ſinni⸗ gem Weſen, welcher jeden Sonntag in die Kirche ging, allen Miſſionsvereinen Beiträge zahlte und, wie ſeine Collegen 5 ihm auf dem Kopf zuſagten, die Abſicht hatte, ſpäter einmal Miſſionär zu werden. Er ſchob das noch auf aus einer gewiſſen kindlichen Gewöhnung an Deutſchland und die Firma, zu deren Nutzen er gegenwärtig arbeitete. Anton bemerkte mit Freuden, daß im Ganzen ein artiger und rückſichtsvoller Ton unter den Herren herrſchte. Da er ermüdet war, empfahl er ſich in Kurzem, und weil er Nie⸗ mandem widerſprochen hatte und gegen Alle zuyorkommend — 55— geweſen war, ſo wurde nach ſeinem Abgange erklärt, daß er verſpreche ein guter College zu werden. 4 Unterdeß ſchritt Veitel Itzig mit der Gleichgiltigkeit eines Herumtreibers und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der Menſchen und Straßen. Das röth⸗ liche Licht der Abendſonne war von den Steinen der Straße an den Häuſern hinaufgeſtiegen, von einem Fenſterſims zu dem andern, bis hoch auf die Dächer, und das Dunkel des Abends erfüllte die engen Gaſſen des alten Stadttheils, welcher am Fluſſe liegt. In einer ſolchen Gaſſe ſtand ein großes Haus mit breiter Front. Die untern Fenſter waren durch Eiſenſtäbe vergittert, im erſten Stockwerk glänzten die weißen Rahmen, welche große Spiegelſcheiben einfaßten, unter dem Dach waren die Fenſter blind, ſchmutzig, hier und da eine Scheibe zerſchlagen. Es war kein guter Charakter in dem Hauſe, wie eine alte Zigeunerin ſah es aus, die über ihr bettelhaftes Coſtüm ein neues buntes Tuch geworfen hat. In dieſes Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputz⸗ ten Dienſtmädchen an der Thuͤr ſchnalzend einen Kuß zuwarf, den dieſe wie eine heranfliegende Wespe pPantomimiſch mit der Hand fortſchleuderte. Die unſaubere Treppe führte zu einer weißlackirten Entreethür, auf welcher in großem Meſſing⸗ ſchild der Name:„Hirſch Ehrenthal“ zu leſen war. Veitel faßte den dicken Porcellangriff der Klingel und ſchellte, ein altliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube öffnete einen ſchmalen Spalt und frug, die Naſe hinausſteckend, nach ſeinem Begehr, dann riß ſte die Stubenthür auf und rief in das Zimmer:„Es iſt Einer da, Itzig Veitel heißt er, aus Oſtrau, er will den Herrn Hirſch Ehrenthal ſprechen.“ Aus de — 53— Stube ſcholl die Stimme des Hausherrn:„Warten ſoll er!“ und das Geklirr von Tellern verrieth, daß der Geſchäfts⸗ mann erſt das Familienglück des Abendeſſens genießen wollte, bevor er dem zukünftigen Millionär Audienz gab. Die auf⸗ wartende Perſon warf mit mißtrauiſchen Blicken auf den Ankömmling die Thür wieder zu und ſperrte ihn aus. Veitel ſetzte ſich auf die Treppe und ſah mit ſtarrem Blick auf das Meſſingſchild und die weiße Thür, bewun⸗ derte die abgeſchrägten Ecken der Meſſingplatte und ver⸗ ſuchte ſich vorzuſtellen, wie der Name Itzig auf einer eben ſolchen Platte an einer ähnlichen weißen Thüre ausſehen würde. Darauf kam er auf gradem Wege zu der Betrach⸗ tung, wie viel ihm noch fehle, um ſo reich zu ſein, wie Hirſch Ehrenthal, er fühlte nach einem halben Dutzend Ducaten, welche ihm ſeine alte Mutter mit einem Lederfleck in das Futter ſeiner Weſte eingenäht hatte, und überlegte, wie viel er alle Tage dazu ſparen könnte, vorausgeſetzt, daß ihm der reiche Mann Gelegenheit ließe, etwas zu verdienen. Er war tief in Betrachtungen verſunken über den Werth von zwei Phantaſieſtiefeln, welche er ſich auf den Beinen eines jungen Elegants vorſtellte, und welche nach ſeiner Annahme den dreifachen Werth des Viergroſchenſtücks haben mußten, das er dem eleganten Herrn dafür bieten wollte; da wurde die Entreethüre mit ſtarker Hand aufgemacht, und Herr Ehren⸗ thal ſtand vor dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von heut Nachmittag, die anſchmiegende Freund⸗ lichkeit war verſchwunden, wie der Duft einer Roſe am Ende des heißen Tages, er war ganz Majeſtät, Selbſtgefühl, Des⸗ potismus; kein aſtatiſcher Kaiſer kann ſo ſtolz auf die 8⁵ 585 — 501— Creatur vor ſeinen Füßen herunterſehen, als er auf das Kind von Oſtrau zu blicken verſtand. Itzig fühlte das Be⸗ deutende in der Stellung des großen Mannes und ſeine eigene Nichtswürdigkeit trotz der ſechs Ducaten im Leder⸗ ſäckchen, er ſchnellte in die Höhe und ſtand demüthig vor ſeinem Meiſter.„Hier iſt ein Brief von Baruch Goldmann, bei welchem der Herr Ehrenthal mich hat verſchrieben für ſein Geſchäft,“ begann Veitel und hielt dem großen Mann einen Brief entgegen. „Ich habe dem Goldmann geſchrieben, er ſoll mir einen Menſchen ſchicken, den ich mir anſehe, ob ich ihn brauchen kann; abgemacht iſt noch nichts,“ ſprach Ehrenthal vor⸗ nehm und öffnete das Schreiben. „Ich bin doch gekommen, damit Sie mich anſehen,“ entgegnete Veitel. „Und was kommſt du ſo ſpät, junger Itzig? Es iſt keine Zeit mehr zur Rede vom Geſchäft,“ ſchnarrte ihn der Hausherr an. 1 „Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirſch Ehren⸗ thal zum Dienſt noch heut Abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag für morgen früh.“ „Davon iſt zu reden morgen früh,“ antwortete gereizt der Herr, welcher es für vortheilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an ſeiner Perſon gelegen ſei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmäßige dieſes Benehmens, und da er ſah, daß ſeine Stellung bei dem abzuſchließenden Ge⸗ ſchäftsvertrage bis jetzt keine günſtige war, ſuchte er ſie da⸗ durch zu verbeſſern, daß er tiefer auf die Sache einging und entgegenwarf:„Ich kann bielleicht leiſten einen Dienſt morgen 58— früh, wo Markttag iſt, weil ich kenne die meiſten Kutſcher von den Herren, welche hereinkommen mit Raps.“ „Was Raps? Was thue ich mit Raps? Was will er reden vom Geſchäft?“ ſchleuderte ihm Hirſch Ehrenthal noch grimmiger entgegen. Aber unerſchüttert fuhr Veitel fort ſich herauszuſtrei⸗ chen, wie ein ſeidenes Halstuch:„Ich bin auch ſonſt be⸗ kannt in der Stadt, ich kenne die Makler und die kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem⸗Geſchäft, das er machen will im Haus und außer dem Haus.“ Und um ſeinen Selbſtverkauf dem Abſchluß näher zu bringen, fügte er mit reſignirter Miene hinzu:„Ich bin nicht ſo ſtolz, daß ich will wohnen in dem Hauſe bei Herrn Hirſch Ehrenthal; wenn der Herr Ehrenthal für mich nicht hat eine Stelle in ſeinem Hauſe, ſo will ich mir ſuchen mein Lager in der Nähe bei einem Wirth.“ Herr CEhrenthal wurde durch dieſe Anſpruchsloſigkeit ſo weit gerührt, daß er den Burſchen noch einmal von oben bis unten anſah und mit mehr Herablaſſung frug:„Sind deine Papiere in Ordnung, daß du mich in keine Unan⸗ nehmlichkeiten bringſt mit der Polizei?“ Veitel beruhigte ihn über dieſen wichtigen Punkt; eine uralte. g große Brieftaſche flog plötzlich auf geheimnißvolle Weiſe aus den Falten ſeiner ſchlottrigen Jacke, aus ihr ſuchte er ſeine Legitimation hervor. Herr Ehrenthal Pnide das Papier mit einem ſehr ge⸗ ſchickt angenommenen Widerwiillen gegen die gelbliche Farbe 3 deſſelben und ſah es genau durch, Unterſchrift, Siegel und Alles, indem er es ſogar gegen das Licht hielt. Veitel .. 4* wartete geſpannt, ob er das Document behalten würde; wenn er es in der Hand behielt, ſo war das Geſchäft zum Abſchluß reif. Als Herr Ehrenthal das Document nachläſſig in der Hand wiegte, verſuchte Itzig mit unterwürfiger Vertraulich⸗ keit zu lächeln.„Wenn ich dich in meinen Dienſt nehme,“ ſprach der Hausherr,„ſo wirſt du machen Alles in meinem Hauſe, was ich dir werde auftragen, oder Madame Ehrenthal, oder mein Sohn Bernhard Ehrenthal; du wirſt putzen die Stiefeln am Morgen und die Schuhe meiner Frau, du wirſt holen in die Küche, was dir die Köchin ſagen wird, in mei⸗ nem Geſchäft wirſt du machen alle Gänge, die ich habe zu machen, und wirſt ausrichten alle Beſtellungen.“ „Ich will, Herr Ehrenthal,“ ſagte Veitel demüthig,„ich will Alles thun, daß Sie ſeien zufrieden mit mir.“ „Frühſtück und Mittageſſen wird dir geben die Köchin, am Abend von ſieben Uhr kannſt du ſein dein eigener Herr.“ — Veitel nahm mit derſelben Bereitwilligkeit auch dieſe Bedingung an und bemerkte nur:„Kann ich nicht haben am Morgen ein bis zwei Stunden für mich?“ „Nein,“ ſprach Ehrenthal ungnädig,„ich kann es nicht leiden, wenn Einer in meinen Dienſten iſt und macht Ge⸗ ſchäfte für eigene Rechnung.“. Da Veitel beſchloſſen hatte, unter allen Umſtänden Ge⸗ ſchäfte für eigene Rechnung zu machen, und Herr Ehrenthal das eben ſo gut wußte wie Veitel, ſo wurde auf dieſen zarten Punkt nicht weiter eingegangen. 5 „Dafür ſollſt du erhalten alle Monat zwei Thaler, und wenn ich mit deiner Hilfe ein Geſchäft mache, erhältſt du deinen Antheil davon.“ — 60— „Wie groß ſoll ſein dieſer Antheil?“ rief Veitel ſchnell. „Wie groß er ſoll ſein?“ frug Herr Ehrenthal unwillig, „was ich dir werde geben, wird ſein groß genug.“ „Groß genug für den Herrn, aber nicht für mich,“ ant⸗ wortete Veitel dreiſt, denn er fühlte, daß bei dieſem Haupt⸗ punkt Entſchloſſenheit nöthig ſei. „Das wird ſich finden, wenn du wirſt abgedient haben deine Probezeit. Vier Wochen dienſt du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden über deinen Verdienſt.“ Das war Alles, was Veitel billigerweiſe verlangen konnte, er hob ſein Bündel von den Treppenſtufen auf und ſagte unterwürfig:„Ich bin's zufrieden, wenn der Herr Ehrenthal mir noch will ſchenken eine alte Hoſe und Rock, daß ich ihm keine Schande mache vor den Leuten.“ „Keinen Rock und keine Hoſe,“ antwortete der Herr entſchieden. „Dann gebt mir Hoſe und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit zu Ende iſt.“ Dieſe Forderung war nach dem Cours der Trödlerbörſe gleich einem Geſchenk von drei bis vier Thalern, und Ehrenthal fand die Forderung mit Recht hoch, er warf noch einen prüfenden Blick auf den Bur⸗ ſchen, auf die Demuth ſeiner Stellung und die ungewöhn⸗ liche Frechheit ſeiner Augen, er ſchloß, daß der Menſch brauchbar ſein werde, und fühlte ſich bewogen, Großmuth zu zeigen:„So mag es ſein,“ ſchloß er,„in vier Wochen. Dein Nachtquartier kannſt du nehmen bei Löbel Pinkus an der Ecke, damit ich weiß, wo du biſt zu finden.“ Darauf öffnete Herr Ehrenthal die Entreethüre und rief Frau, Bernhard, Roſalie, kommt heraus. Zwei Stube hinein: nthüren — 61— und die Küchenthür öffneten ſich, und die Familie des Haus⸗ herrn wurde ſichtbar, dahinter die zerknitterte Köchin. Madame Ehrenthal war eine volle Frau in ſchwarzer Seide, mit ſtarken Augenbrauen und rabenſchwarzen Hän⸗ gelocken; ſie machte noch große Anſprüche zu gefallen und gefiel auch. Wenigſtens verſicherten ihr das mit mehr oder weniger Anſtand junge Herren vom Adel, welche zuweilen in den Morgenſtunden Herrn Ehrenthal beſuchten, um mit ihm Geſchäfte zu machen; und obgleich dieſe Verſicherungen um ſo wärmer zu ſein pflegten, je kühler Ehrenthal ſich ge⸗ gen das abzuſchließende Geſchäft verhielt, ſo galt doch, die Wahrheit zu ſagen, Madame Ehrenthal auch bei ſolchen Leuten, welche keine Sola⸗Wechſel zu prolongiren wünſchten, für eine ſehr ſtattliche Dame. Ihre Tochter aber war in der That eine Schönheit, eine große, edle Geſtalt mit glänzen⸗ den Augen, dem reinſten Teint und einer nur ſehr wenig gebogenen Naſe. Wie aber kam der Sohn in dieſe Familie? Er war faſt klein, mit einem bleichen, faltigen Geſtcht und gebückter Haltung; daß er noch ein Jüngling war, ſah man nur an ſeinem Munde und dem hellen Blick; auch war er nachläſſiger gekleidet, als einem Sohn des Herrn Ehrenthal geziemte, und in dem braunen Haar hingen noch jetzt am Abend einige Federn. Die Familie und Veitel ſahen ein⸗ ander ſtumm an, während Herr Ehrenthal mit Selbſtgefühl bemerkte:„Dieſes iſt der Veitel Itzig, ich habe ihn genommen in unſern Dienſt.“ Der vornehme Stolz der Mutter, der mißfällige Blick der Tochter und das zerſtreute Auge des Sohnes wurden von dem armen Bocher eben ſo gewandt aaufgefangen, wie die bunten Strahlen eines Prismas von einem beobachtenden Naturforſcher; er beſchloß auf der Stelle, gegen die Mutter ſehr, ſehr unterwürfig zu ſein, ſich in die Tochter zu verlieben und Bernhards Stiefel ſchlecht zu putzen und in den Rocktaſchen deſſelben beim Ausbürſten nachzuſe⸗ hen, ob nicht ein Geldſtück durch Nachläſſigkeit des Beſitzers in den Falten ſitzen geblieben. Nach dieſer Vorſtellung erklärte Herr Ehrenthal, Veitel könne gehen und ſolle am nächſten Morgen um ſechs Uhr im Hauſe ſein. Die Entreethüre ſchloß ſich hinter dem Bur⸗ ſchen, auch er ſtand auf der Treppe, ins Geſchäft aufge⸗ nommen, ein angehender Kaufmann. Er lächelte vergnügt, als er die Treppe hinunter ging, offenbar war er mit ſeinem Handel zufrieden. Hatte er ſich doch gemeſſen mit dem gro⸗ ßen Herrn im Geſchäft und hatte einen Vortheil davon ge⸗ tragen. Denn da er ſich auf jede Bedingung auch ohne Garderobenzulage engagirt haben würde, ſo betrachtete er den alten Rock und Hoſen zahlbar in vier Wochen mit Recht als eine angenehme Uebervortheilung ſeines neuen Prinzi⸗ pals. Die Ueberlegung:„Es wird nur ein Sommerrock 4 ſein,“ flog wie ein düſterer Schatten über ſeine Seele;„aber die Hoſe wird ſein von ſeinem Bernhard, welcher trägt Auchhoſen auch heut am heißen Sommertage.“ So trug er beruhigt ſein Bündel um die Ecke zu Löbel Pinkus. Löbel Pinkus war Hausbeſitzer und hielt zu ebener Erde einen kleinen Branntweinladen, welcher zahlreiche Kunden hatte. Doch war erſichtlich, daß weder die ſtarke, wie fettig glänzende Figur des ehrſamen Pinkus ſelbſt, noch die dicke Halskette ſeiner Frau ihre ſolide Pracht aus dem Brannt⸗ weingeſchäft allein herleiteten, und die Nachbarn zerbrachen — 63— ſich manchmal den Kopf darüber, wie Frau Pinkus es durch⸗ ſetzen könne, immer die theuerſten Gänſe zu braten, ja zuwei⸗ len ſogar Truthühner. Indeß da ihr Gemahl ein reſoluter Charakter war, in allen ſeinen Reden grob und entſchieden, da er Branntwein verkaufte, was immer für ein Zeichen volks⸗ thümlicher Geſinnung gelten wird, und da er außerdem Geld gegen ungewöhnliche Procente auszuleihen wußte, ſo war er unter den kleinen Handwerkern in der Nachbarſchaft doch ſehr reſpectirt und gefürchtet. Seine Reputation war gut. Die Straßenpolizei trank im Vorbeigehen gern in ſei⸗ nem Laden einen Liqueur, für den er das Geld zu nehmen ſtets verweigerte, er zahlte ſeine Abgaben pünktlich und galt für einen Freund, ja Vertrauten der executiven Macht. In Wahrheit aber war Herr Pinkus eine von den glücklichen Naturen, welche Honig aus allen Blumen zu ſaugen wiſſen, auch aus übelriechenden. Er hielt in dem erſten Stock ſeines Hauſes eine ſtille Herberge für Männer mit und ohne Bart, welche einen Haß gegen Alles, was von dem Geſchlecht der Schweine ſtammt, nicht überwinden konnten. Dieſe Männer von uralter Familie ſchätzten zuweilen ein billiges und ver⸗ 4 borgenes Nachtlager, bei welchem der Wirth keine hohen Rech⸗ nungen machte und keinen Paß abforderte; ſie kamen in der Regel am ſpäten Abend in die Herberge und ſchlichen am frü⸗ hen Morgen wieder hinaus in die Gaſſen der Stadt, oder auf die Landſtraße, beſcheidene Trödler und Schacherer, welche ihren Gewinn nach Groſchen und Pfennigen berechneten. Außer dieſen regelmäßigen Gäſten erſchienen zuweilen noch andere, unregelmäßig wie Kometen, von jedem Alter, Ge⸗ ſchlecht und Glauben, ſie verhandelten in größter Stille auf die Galerie hinaus. Da er auch hier keinen zeiten Gaſt — 64— mit dem Hausherrn und konnten es durchaus nicht vertragen; wenn man bei Nacht in der Nähe ihres Geſichtes ein Schwe⸗ felholz anzündete. Alte Gaſtfreunde des Pinkus hatten⸗über ſolche Eigenthümlichkeit allerdings ihre Anſichten, aber ſie fanden es nicht gerathen, darum diele Worte zu verlieren. In dieſem Hauſe tappte Itzig im Finſtern eine Treppe hinauf und unſaubere Wände entlang, ſtieß an eine ſchwere eichene Thür mit großem Schloß und trat, als er d durch einen ſtarken Druck geöffnet hatte, in einen wüſten Raum, der faſt die ganze Länge des Hauſes einnahm. In der Mitte ſtand ein alter Tiſch mit einer ſchlechten Oellampe, einige Schemel darum; gegenüber der Thurſeite war ein großer Wandverſchlag mit vielen kleinen Thüren, welche zum Theil offen ſtanden und verriethen, daß der ganze Ver⸗ ſchlag aus ſchmalen, von einander getrennten Abtheilungen mit hölzernen Kleiderhaken und Fächern beſtand. Vor den kleinen Fenſtern, welche auf die Straße führten, waren verblichene Rouleaux heruntergelaſſen, auf der gegenüber⸗ liegenden Langſeite fiel durch eine offene Thür das Abend⸗ licht in das Zimmer, dieſe Thür führte auf eine hölzerne Galerie, welche längs der Galiſtube an der Außenſeite des Hauſes fortlief. Itzig warf ſein Bündel in einen Wandſchrank und trat * vorfand, fing er an von der Galerie die Ausſicht zu be⸗ wundern mit demſelben Grad von Intereſſe, welchen ein— 8 niederländiſcher Architekturmaler gehabt haben würde, nur nicht ganz in derſelben Abſicht. Unten am Fuß des Banſss wäͤlz te ein Fluß ſein lehmiges Waſſer eilig vor — — 65— wärts und bildete eine ſchmale Waſſerſtraße, welche auf bei⸗ den Seiten mit verfallenen hölzernen Häuſern eingefaßt war. Faſt an jedem Hauſe, an jedem Stockwerk waren ähnliche hölzerne Galerien herausgebaut und durch gebräunte Balken geſtützt. Manchmal liefen drei, vier übereinander, dann war der Fußboden der obern das Regendach der untern. In lter Zeit hatte die achtbare Zunft der Gerber dieſe Straße Eevohnt, damals war das Holzwerk glatt und neu geweſen, und helle Lämmer⸗ oder Ziegenfelle hatten an den Geländern gehangen, bis ſie weich und geſchmeidig geworden waren, um Handſchuhe für die Patrizier und Ledertaſchen für ihre Frauen zu geben. Jetzt waren die Gerber nach entfernteren Stadttheilen hinabgezogen, und ſtatt der Thierfelle hing die Wäſche armer Leute an den hölzernen Balconen, über dem zerbrochenen Schnitzwerk und den wurmſtichigen Balken⸗ köpfen. Noch ſtach die weiße, rothe und blaue Farbe der Wäſche im Abendlichte ſeltſam ab von dem ſchwärzen Holz⸗ werk, und das Licht brach ſich auf wunderliche Weiſe an den Szulen und Vorſprüngen der Galerie, an rohen Arabesken der Einfaſſung und an den ſchwarzen Pfählen, welche hier und da aus dem gelben Waſſer hervorragten. Es war ein . unheimlicher Aufenthalt für jedes Geſchöpf, wßer für M Maler, Katzen oder arme Teufel. 8 Junker Itzig war ſchon früher ein und das ander Mal in dem Hauſe geweſen, aber immer in größerer Ge⸗ ſellſchaft. Heut bemerkte er, daß eine lange bedeckte Treppe vom Ende ſeiner Galerie bis hinunter an das Waſſer führte; er ſah, daß neben dieſer bedeckten Treppe eine ähnliche am Machbarhunſt hinaul, und ſchloß — 66— daraus, daß es möglich ſein müſſe, die eine Treppe hin⸗ unter und die andere hinauf zu ſteigen, ohne ſich mehr als die Schuhe naß zu machen; er entdeckte ferner, daß es bei dem niedrigen Waſſerſtand des Sommers möglich war, längs der Häuſerreihe am Waſſer weit hin fortzugehen, und er überlegte, ob es Menſchen geben könnte, welche bei Tag oder Nacht einen ſolchen Spaziergang für nützlich hielten, Nachtwächter und Polizeidiener wenigſtens waren dort nicht zu befürchten. Durch dieſe Betrachtungen wurde ſeine Phan⸗ taſte ſo aufgeregt, daß er in das Gaſtzimmer zurücklief, in die Wandſchränke kroch, welche offen ſtanden, und die Holzwände derſelben durch Klopfen und Schütteln unter⸗ ſuchte. Mit Erſtaunen entdeckte er, daß auch die Rückwand von Holz war und hohl klang. Da an dieſer Seite die Mauer laufen mußte, welche dies Haus vom Nachbargebäude trennte, ſo fand er den hohlen Ton auffällig und nicht in der Ord⸗ nung und war eben im Begriff, einen verſchloſſenen Wand⸗ ſchrank anzugreifen und zu ſehen, ob nicht ein Ritz in dem Holze der Rückwand weiteren Aufſchluß gebe, als ein dum⸗ pfes Knurren ſeine Hand von der Schrankthür zurückhielt. Err ſah ſich um und erkannte— ohne große Beſchämung — daß er nicht mehr allein war. In der entgegengeſetzten finſtern Ecke des Zimmers lag in ſeinen Kaftan gewickelt, eeiin ſchwarzes Käppchen im Haar, ein galiziſcher Handels⸗ mann zuſammengekauert auf einem Strohſack. Er hatte ſeine Sachen in dem angegriffenen Wandſchrank verſchloſ⸗ ſen und hielt für nöthig, gegen die Unterſuchungen des 8 Wißbegierigen zu proteſtiren. Itzig verſuchte ein Geſpräch mit dem Alten anzuknüpfen, da dieſer aber mehr Luſt zum — 67— Schlafen als zur Unterhaltung zeigte, ſetzte ſich Itzig in die gegenüberliegende Ecke auf einen andern Strohſack und ſaß dort mit ſeinem raſtloſen Geiſte rechnend und Geſchäfte aus⸗ denkend, wobei er zuweilen in lebhaftem Sinnen mit Händen und Beinen ſchlenkerte, bis die Dunkelheit der Nacht durch die Thür eindrang, und die kleine Oellampe zu kniſtern an⸗ fing und Miene machte auszugehen. Noch kam einmal Pin⸗ kus der Wirth ſelbſt herauf, ein Licht in der Hand; er un⸗ terſuchte den Beſtand ſeiner Gäſte, ſetzte einen Krug Waſſer auf den Tiſch und ſchloß beim Herausgehen die Thür von außen ab. Im Finſtern holte Itzig ein Stück trockenes Brod aus der Taſche und ſchlief endlich unter dem Schnar⸗ chen ſeines Stubengenoſſen ein, den Strohſack unter ſich, zugedeckt mit ſeiner alten Jacke. Zu derſelben Stunde wickelte ſich ſein Reiſegefährte im Patrizierhauſe in die geſteppte Decke ſeines Lagers, ſah noch einmal mit müden Augen in der Stube umher und bemerkte ſchlaftrunken, daß die gelbe Katze auf dem Schreibtiſch ihre Beinchen bewegte, ſich mit der Pfote zu ſtrählen anfing und ihm zuletzt ſogar mit beiden Pfoten Kußhändchen zuwarf. Bevor er Zeit hatte, über dieſe ungewöhnliche Freundlichkeit . des Gipſes nachzudenken, war er eingeſchlafen. Vor beiden Jünglingen ſenkte ſich das Gewebe von grauem Flor herab, auf welchem die Traumgöttin ihre bunten Bilder zu zeigen pflegt. Anton ſah ſich ſelbſt auf einem großen Waarenballen ſitzend durch die Luft fliegen, während eine gewiſſe junge Dame die Arme nach ihm ausſtreckte; und Veitel Itzig ent⸗ deckte mit Behagen, daß er ein Baron geworden war, wel⸗ cher von Hirſch Ehrenthal um ein Almoſen angeredet wurde. . 5* Er ſah, wie er dem alten Ehrenthal ſeine ſechs Ducaten als Geſchenk gab und wie dieſer ſich kläglich bedankte. Ueber dieſe Großmuth erſchrak er im Traume ſo, daß er mit Händen und Beinen um ſich ſchlug. Am nächſten Morgen begann jeder der beiden Jünglinge ſeine Thätigkeit. Anton ſaß auf ſeinem Platz im Comtoir und copirte Briefe; und Veitel ſtand, nachdem er ſämmtliche Stiefeln und Schuhe der Familie Ehrenthal gebürſtet und die Kleidertaſchen Bernhards durchſucht hatte, als Aufpaſſer vor dem größten Hotel der Stadt, um einen fremden Herrn vom Lande zu beobachten, welcher mit Herrn Ehrenthal un⸗ zufrieden geworden war und im Verdacht ſtand, ſich andere Geſchäftsfreunde auf ſein Zimmer beſtellt zu haben. Anton bekam durch das Copiren der Briefe Einſicht in Styl und Sprache ſeines Geſchäfts, und Veitel hatte während ſeines Lauerns vor dem Gaſthofe das Gluck, die Adreſſe eines vor⸗ übergehenden Studenten zu erhalten, welcher es für zeitge⸗— mäß hielt, ſeine ſtlberne Uhr zu verkaufen. In ſeinen erſten Mußeſtunden zeichnete Anton das Schloß, die Kletterpflanzen, den Balcon und die Thürmchen aus dem Gedächtniß auf das beſte Papier, das ihm die große Stadt liefern konnte. Er ließ das Bild in einen Goldrah⸗ 5 men faſſen und hing es über ſeinem Sopha auf. 8 — 69— 2 5. Anton hatte in den erſten Wochen Mühe, ſich in der neuen Welt zurecht zu finden, in die er verſetzt war. Das Gebäude, der Haushalt, das Geſchäft waren ſo alterthümlich, ſolid und großartig, daß ſie auch einem Weltbürger von mehr Erfahrung imponiren mußten. 1 1 Das Geſchäft war ein Waarengeſchäft, wie ſie jetzt im⸗ mer ſeltener werden, jetzt, wo Eiſenbahnen und Telegraphen See und Inland verbinden, wo jeder Kaufmann aus den Seeſtädten durch ſeine Agenten die Waaren tief im Lande verkaufen läßt, faſt bevor ſie im Hafen angelangt ſind, ſo ſelten, daß unſere Nachkommen dieſe Art des Handels kaum weniger fremdartig finden werden, wie wir den Marktverker 8 zu Tombuctu oder in einem Kaffernkral. Und doch hatte dies alte, weit bekannte Binnengeſchäft ein ſtolzes, ja fürſt⸗ liiches Ausſehen und, was mehr werth iſt, es war ganz ge⸗ macht, feſte Geſinnung und ein ſicheres Selbſtgefühl bei ſei⸗ nen Theilhabern zu ſchaffen. Denn damals war die See weit entfernt, die Conjuncturen waren ſeltener und größer, ſo mußte auch der Blick des Kaufmanns weiter, ſeine Spe⸗ eculation ſelbſtſtändiger ſein. Die Bedeutung eter Hand⸗ 5. kung beruhte damals auf den Maſſen der Waaren, welche ſie 4 mit eigenem Gelde gekauft hatte und auf eigene Gefahr vor⸗ räthig hielt. Auf den Packhöfen am Fluſſe lag in langen Speichern ein großer Theil der fremden Waaren aufgeſtapelt, ein kleinerer Theil in den Kellern und Gewölben des alten Hauſes ſelbſt, viele Vorräthe in Speichern und Remiſen der Nachbarſchaft. Ein großer Theil der Kaufleute in der Pro⸗ vinz verſorgte ſich aus den Magazinen der Handlung mit Colonialwaaren und den tauſend guten Erzeugniſſen der Fremde, welche uns ein tägliches Bedürfniß geworden ſind. Aber auch über die Grenzen des Landes hinaus, nach dem Süden und Oſten, bis an die türkiſche Grenze, ſaßen die Agenten des Hauſes, und dieſer Theil des Geſchäftes, viel⸗ leicht weniger regelmäßig und ſicher, galt zur Zeit für die gewinnreichſte Thätigkeit der Handlung. So bot der Verkehr des Tages dem neuen Lehrling eine Menge der vverſchiedenſten Eindrücke, Menſchen und Verhält⸗ niſſe aller Art. Außer den Agenten der Seeplätze, welche faſt täglich Waarenproben brachten, und außer den Senſalen der Börſe, welche die Geldgeſchäfte des Hauſes vermittelten, Wcecchſel anboten und verkauften, zog durch das vordere Com⸗ toir vom Morgen bis zum Abend eine bunte Proceſſion von allerlei Volk. Da kamen Materialhändler aus der Provinz, altväteriſche Männer mit jeder Art von Mützen und jedem Grade von Bildung und Zuverläſſigkeit; ſie kauften, drückten ſich die Hände, und veylangten als ſpecielle Freunde des Ge⸗ ſchäftes behandelt zu werden; ferner Gutsbeſitzer jedes Stan⸗ des aus der Landſchaft, welche die angebauten Handelsge⸗ wächſe, Farbekräuter, Gewürze u ſ. w. anboten; dann pol⸗ niſche Juden, ſchwarzlockige Geſellen im langen ſeidenen Kaf⸗ tan, die zuweilen einkauften, gewöhnlich aber die Producte ihrer Länder, Wolle, Hanf, Potaſche, Talg verkaufen wollten. Mit ihnen war der Verkehr am wenigſten geſchäftsmäßig, ihr Kommen erregte jedesmal unter den jüngern Leuten des Comtoirs ſtille Heiterkeit. Dazwiſchen kamen Bettler, Hilfe⸗ ſuchende aller Art, Geſchäftsfreunde des Hauſes, Fuhrleute, welche ihre Frachtbriefe forderten, Auflader und Hausknechte, welche Aufträge erhielten oder die Aufträge anderer Geſchäfte ausrichteten. Anton fand es ſehr ſchwer, bei dieſem ewigen Thüröffnen und Durcheinanderſprechen ſeine Gedanken zu⸗ ſammenzuhalten und die einfache Arbeit, welche ihm aufge⸗ tragen war, zu vollenden. Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines be⸗ freundeten Hauſes in Hamburg, und hatte aus ſeiner Taſche eine Anzahl Kaffeproben hervorgeholt. Während dieſe vom Prinzipal beſichtigt wurden, geſticulirte der kleine behende Agent mit ſeinem goldenen Stockknopf in der Nähe von An⸗ tons Augen umher und berichtete von einem Seeſturme und dem Schaden, den er angerichtet haben ſollte. Da knarrte die Thür, und eine ärmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht erhob ſich und frug:„Was wollen Sie?“ Man hörte klägliche Töne, welche mit dem Gepiep eines kranken Huhns Aehnlichkeit hatten, der Kaufmann griff ſchnell in die Taſche, und das Piepen verwandelte ſich in ein behagliches Gluckſen. „Haushohe Wellen,“ ruft der Agent.—„Gott vergelt es⸗ tauſendmal,“ gluckſt die Frau.—„Macht 550 Mark, zehn Schilling,“ ſagt Herr Baumann zum Prinzipal. Jetzt wird die Thür heftig aufgeriſſen, ein ſtarker Mann, mit einem Geldſacke unterm Arm, tritt ein, er ſetzt den Geldſack triumphirend auf den Marmortiſch und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute That vollbringt: 4 „Hier bin ich, und hier iſt Geld!“ Sogleich erhebt ſich Herr Jordan und ſagt vertraulich:„Guten Morgen, Herr Stephan, wie geht's in Wolfsburg?“—„Ein furchtbares Loch,“ klagt Herr Braun.—„Wo?“ frägt Fink.—„Es iſt keine ſchlechte Stadt, aber wenig Nahrung,“ ſagt Herr Stephan.—„Natürlich im Rumpfe des Schiffes,“ antwor⸗ tet Herr Braun.—„Fünfundſtebzig Sack Cuba,“ bemerkt der Prinzipal als Antwort auf die Frage eines Commis. Während nun Herr Stephan die Neuigkeiten ſeiner Stadt erzählt, darunter die traurige Geſchichte eines Lehrjungen, der ſich mit Hilfe einer Schlüſſelbüchſe erſchoſſen hat, und während Jordan dieſe nothwendige Eihleitung zu dem be⸗ vorſtehenden Einkauf geduldig durchmacht, öffnet ſich wieder die Thür, ein Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody. Der Diener bringt dem Kaufmann die Einladung zu einem Diner, und der Jude ſchleicht an die Ecke, wo Fink ſitzt. „Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles?“ frägt Fink kalt,„ich habe Euch ſchon geſagt, daß wir kein Ge⸗ ſchäft mit Euch machen wollen.“ „Kein Geſchäft?“ ruft der unglückliche Tinkeles kräch⸗ zend in abſcheulichem Deutſch, ſo daß Anton ihn nur mit Mühe verſteht.„Solche Wolle, wie ich bringe, iſt noch nicht geweſen im Landen“ „Wie hoch der Centner?“ frägt Fink ſchreibend, ohne den Juden anzuſehen. „Was ich doch habe geſagt,“ antwortet der Jude. „Ihr ſeid ein Narr,“ ſagt Fink,„fort mit Euch.“ „Kein Lootſe kann ihm helfen,“ ſagt Herr Braun. — 73— „Meine Empfehlung an Herrn Commerzienrath,“ ſagt der Kaufmann. „Mit einem Schwefelhölzchen hat er den Schlüſſel an⸗ gezündet,"ruft Herr Stephan zum Himmel blickend. „Wai!“ ſchreit der Mann im Kaftan,„was iſt das: Fort mit Euch? Mit Fort kann man machen keine Geſchäfte.“ „Was wollt Ihr alſo haben für Eure Wolle?“ „41“ ſagt Tinkeles. „Hinaus!“ bemerkt Fink. „Sagen Sie doch nicht immer hinaus!“ bittet der Jude in Verzweiflung,„ſagen Sie, was wollen Sie geben?“ „Wenn Ihr ſo unverſchämt fordert, gar nichts,“ ſagt Fink, eine neue Seite ſeines Briefes beginnend. „Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben?“ bittet der Jude wieder. „Nur wenn Ihr wie ein anſtändiger Menſch redet,“ ant⸗ wortet Fink den Juden anſehend. 1 „Ich bin anſtändig,“ ſagt der Jude leiſe,„was wollen Sie geben?“ „39 ſagt Fink. Jetzt geräth Schmeie Tinkeles außer ſich, ſchüttelt ſeine ſchwarzen Locken und verſchwört ſich bei ſeiner Seele Selig⸗ keit mit lautem Geſchrei, er könne nicht unter 41; worauf Fink ihm bedeutet, er werde ihn von einem Hausknecht hin⸗ ausführen laſſen, wenn er ſolchen Lärm mache. Darauf“* geht der Jude entrüſtet vor die Thür, ſteckt den Kopf wieder herein und ruft:„Alſo was wollen Sie geben??“ „39“ ſagt Fink und ſteht der aufgeregten Mimik des 4 — 74— Händlers ungefähr mit demſelben Intereſſe zu, mit dem ein Phyſiker die galvaniſchen Zuckungen eines Froſches be⸗ trachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele des Juden eine neue Exploſion, er tritt wieder vor, verſchwört ſeine Seele in den tiefſten Abgrund der Hölle und erklärt ſich ſelbſt für das nichtswürdigſte Scheuſal der Welt, wenn er für weniger als 41 ablaſſen könne. Als er ſich auf wiederholte Ermah⸗ nungen Finks, ruhig zu werden, dazu nicht entſchließen kann, wird der Hausknecht gerufen. Das Erſcheinen deſſelben wirkt ſo weit beruhigend, daß Herr Tinkeles erklärt, er könne allein gehen und werde allein gehen, worauf er ſtill ſteht und 40 ½ ſagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir ſind ſtill und hören der Verhandlung neugierig zu, während Fink dem armen Schmeie mit einer gewiſſen Herzlichkeit den Vorſchlag macht, er ſolle ſich ohne Weiteres entfernen, er ſei völlig Narr und mit ihm kein Geſchäft zu machen. Dar⸗ auf wendet ſich der Jude trotzig ab und geht hinans. Und wieder fährt Herr Braun fort:„Dieſer Sturm war ein ſeltenes Unglück, der Kaffe muß ſteigen;“ und Herr Stephan beweiſt, daß die Selbſtmorde und andere Unthaten ſeit Erfindung der Schwefelhölzer zugenommen haben; und Fink ſagt zum Prin⸗ zipal, der einen unterdeß erhaltenen Brief durchlieſt:„Er wird's laſſen, wenn ich ihm noch einen halben Thaler zulege. Wollen Sie mit 39 ½ abmachen? „Wie viel?“ fragt der Kaufmann. „ 120 Centner,“ ſagt Fink. „Nehmen Sie,“ ſagt der Kaufmann und lieſt weiter. Von Neuem wird die Thür aufgeriſſen, das Geſchwirr geht fort, und Anton müht ſich vergebens, zu verſtehen, wie — 75— man die Wolle kaufen könne, uachdem der Verkäufer in ſo entſchiedener Weiſe gegangen iſt. Da öffnet ſich, grade als wieder drei bis vier Stimmen durcheinander ſprechen, ganz leiſe die Thür, Tinkeles ſchleicht auf den Zehen herein bis hinter Finks Platz und ſagt, dieſem die Hand auf die Schulter legend, wehmüthig und vertraulich:„Was wollen Sie noch geben?“ Fink wendet ſich um und ſagt ebenfalls mit vertraulichem Lächeln:„Weil Ihr es ſeid, Tinkeles, 39 ½, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr kein Wort weiter ſprecht, ſonſt nehm’ ich das Gebot zurück.“ „Ich ſpreche nichts,“ antwortet der Jude,„ſagen Sie 40.“ Fink macht eine Bewegung der Entrüſtung und weiſt ſchweigend nach der Thür. Der Händler geht und dreht an der Thür um. Jetzt kommt's, ſagt Fink. Darauf kehrt der Händler zu⸗ rück und ſpricht mit mehr Haltung:„39 ½ wenn Sie es dafür wollen nehmen.“— Nach einigem Zögern bemerkt Fink wie gelegentlich:„Es mag ſein.“ Worauf Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt iſt, ſich als liebenswürdiger Freund der Handlung erweiſt und⸗ angelegentlich nach dem Befinden des Prinzipals erkundigt. 3 Und wieder knarrte nach dieſem Intermezzo die Thür, neue Käufer und Verkäufer kamen, die Menſchen ſprachen und Federn kniſterten, das Geld rollte unaufhörlich. Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehörte, erſchien ihm ſehr fremdartig und mäͤchtig. 8— Das Haus ſelbſt war ein altes unregelmäßiges Gebäude mit Seitenſlügeln, kleinen Höfen und Hinterhäuſern, voll von 4 — 76— Mauern und kleinen Treppen, von geheimnißvollen Durch⸗ gängen, wo kein Menſch welche vermuthete, von Corridoren, Niſchen, tiefen Wandſchränken und Glasverſchlägen. Es war ein durchaus künſtlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um ihn für ſpäte Enkel ſo ſchwierig und unverſtändlich als irgend möglich zu machen. Und doch ſah er im Ganzen betrachtet anſehnlich und behaglich aus und umfaßte mit ſeinen Mauern eine ganze Welt von Menſchen und Intereſſen. Der ganze Raum unter dem Gebäude und unter ſeinen Höfen war zu Kellern gewölbt und bis an die Gewölbgurte gefüllt mit Waaren; das ganze Parterre gehörte der Handlung und enthielt außer den Comtoirzimmern faſt nichts als Waarenräume. Darüber lagen im Vorderhauſe die Säle und Zimmer, in denen der Kaufherr ſelbſt wohnte.* Herr Schröter war nur kurze Zeit verheirathet geweſen, in. einem Jahr hatte er Frau und Kind verloren, ſeit dem Tode ſeiner Eltern war eine Schweſter Alles, was er von Familie beſaß. 1 1 Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch ſeiner Handlung. Alle Herren des Comtoirs, welche nicht verhei⸗ 4 rathet waren, wohnten in ſeinem Hauſe, gehörten ſeinem Haushalt an und aßen alle Mittage Punkt ein Uhr an dem Ti⸗ ſche des Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte 3 Herr Schröter nur wenige Worte mit ihm gewechſelt und ihn darauf Herrn Jordan und dem Provinzialgeſchäft übergeben. 2 Jetzt, einige Minuten vor der Mittagsſtunde, war Anton in die Zimmer des erſten Stocks beſtellt, um der Dame des Hauſes vorgeſtellt zu werden. Erwartungsvoll ſtieg er die. Texpichſtufen der breiten Treppe hinauf, der Bediente öffnete — 77— und führte ihn durch eine Reihe von Gemächern in das Empfangzimmer. Anton ſah auf ſeinem Wege mit Erſtau⸗ nen den ruhigen und ſoliden Glanz der Einrichtung, die großen Wandſpiegel, ſchwee⸗ Stoffe, Gemälde, Blumentiſche, zahlreiche Vaſen und Fruchtſchaalen von Stein und gemaltem Porcellan. Der Diener ſchlug eine Portiere zurück, und Anton machte auf dem glatten Parquetboden eine tiefe Verbeu⸗ gung, als der Prinzipal ihn einer jungen Dame vorſtellte und dazuſetzte:„Meine Schweſter Sabine.“ Fräulein Sabine zeigte über dem eleganten Sommerkleide ein feines bleiches Geſicht, von rabenſchwarzem Haar einge⸗ faßt. Sie war vielleicht nicht älter als Anton, aber ſie hatte die Würde und Haltung einer Hausfrau. Sie nöthigte Platz zu nehmen und frug ihn theilnehmend, wie er ſich eingerich⸗ tet habe und ob er noch irgend etwas vermiſſe. „Meine Schweſter regiert uns Alle,“ ſagte der Kaufmann mit einem freundlichen Blick auf die Dame,„machen Sie hier Ihre Bekenntniſſe, wenn Sie irgend einen wirthſchaft⸗ lichen Wunſch haben; ſie i*ſt die gute Fee, welche den Haus⸗ halt in Ordnung hält.“ Anton ſah zu der Fee auf und antwortete ſchüchtern: „Ich habe bis jetzt Alles weit glänzender gefunden, als ich von Hauſe aus gewöhnt bin.“ „Ihr Leben wird Ihnen bei alle dem mit der Zeit ein⸗ förmig erſcheinen,“ fuhr der Kaufmann fort,„es iſt eine ſtrenge Regelmäßigkeit in unſerm Hauſe, Sie haben viele Arbeit und wenig Zerſtreuung zu erwarten; meine Zeit iſt ſehr in Auſpruch genommen, auch nach dem Schluß des Comtoirs. Wenn Sie aber in irgend einer Angelegenheit behandelte, als waͤre die Ta — 8— Nath oder Hilfe wünſchen, mich zu wenden.“ Nach dieſer kurzen Audienz erhob er ſich und führte Anton nach dem Speiſezimmere Auf dem Wege ſetzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im Geſchäft auseinander. Anton fand ſeine Collegen bereits aufgeſtellt und in be⸗ ſcheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine und mit ihr eine ältliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem Fräulein in der Wirthſchaft half und ſehr gutmüthig ausſah. Die Herren vom Comtoir machten den Damen ihre Verbeugung, und Anton erhielt ſeinen Platz am Ende einer langen Tafel, zwiſchen den jüng⸗ ſten ſeiner Collegen. Ihm grade gegenüber ſaß Sabine, ne⸗ ben dieſer ihr Bruder, auf der andern Seite die Verwandte, neben dieſer Herr von Fink und dahinter alles Uebrige ge⸗ nau nach Rang und Alter im Geſchäft. Es war im Ganzen ein ſtilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nach⸗ barn ſprachen nur wenig und mit gedämpfter Stimme, das Geſpräch wurde faſt ausſchließlich von dem Prinzipal gelei⸗ tet. Nur der Jokei von geſtern benahm ſich mit größter 3 Unbefangenheit, erzählte kleine lächerliche Geſchichten, wußte 1 8 andere Leute vortrefflich in Stimme und Haltung nachzu⸗ ahmen und bewies ſeiner Nachbarin, der gutmüthigen Tante, eine faſt übertriebene Aufmerkſamkeit. Kurz Anton, deſſen Herz bereits voller Pietät und Ehrfurcht war, ſah mit einer 3 Art von frommem Entſetzen, daß Fink den ganzen Tiſch ſo fel nur ſeinetwegen gedeckt und deßhalb ſein Geſchäft, damit nige Scherze machen und alle ſo bitte ich, ſich vor Allem an trat ein * 25 als hätte der Kaufherr nur Fink, ſein Volontär, leichtſin * 4 — 179— Anweſenden dreiſt anreden könnte. Dabei glaubte er wahr⸗ zunehmen, daß der Kaufherr ſelbſt den jungen Herrn mit Kälte behandelte, und ferner, daß Fink ſich ſehr wenig um dies zurückhaltende Weſen des Hausherrn kümmerte. Der Diener im ſchwarzen Frack ſervirte mit größter Arautateſes und als ſich die Herren vom Geſchäft mit einer Verbeugung erhoben und ihre Stühle wegrückten, nahm Anton aus dem Speiſeſaal die Ueberzeugung mit hinaus, daß er noch nie ſo vornehm und feierlich ſein Mittagsbrod verzehrt habe. Mit Allen werde ich zurecht kommen, nur mit dieſem Herrn Fink nicht, ſagte ſich Anton den Tag über, er iſt zu dreiſt und zu ſtolz. Auch ſitzen blieb er, als Alle von unſe⸗ rem Geſchäft aufſtanden. Er paßt nicht hierher, entſchied der neue Ankömmling mit einer Weisheit, in welcher mehr Inſtinet als Erfahrung war. Seit der Zeit ſah Anton mit einiger Scheu auf Herrn von Fink, er mußte aber oft nach ihm hinſehen und ſich viel um ihn kümmern, denn das Weſen 3 3 des Gentlemans imponirte ihm doch ſehr; der edel geformte Köpf, ein ſchmales Geſicht mit feinen Zügen, die ſichere H Hal⸗ 3 tung und die kurze Entſchloſſenheit in Bewegungen und 8 Worten. Anton getraute ſich kaum ihn anzureden, und. 5 Fink gab ihm keine Veranlaſſung dazu, denn er ſchien von 4 der Anweſenheit des neuen Lehrlings nichts mehr zu wiſſen. Nur einmal, als Anton zufällig vor Fink die Treppe des Hinterhauſes hinauf ging, redete ihn dieſer an:„Nun Maſter Wohlfart, wie gefällt es Ihnen in dieſem Sauſe Anton blieb ſtehen und ſagte, wie ſich für einen g guten 3 Jungen ſchickt:„Ausgezeichnet! ich ſehe und höre ſo dicl Neues, d daß ich noch gar nicht zu mir ir ſethſt kommen Iann. — 80— „Sie werden das Alles gewohnt werden,“ lachte Fink, „wie an einem Tage geht es das ganze Jahr ohne eine Ver⸗ änderung fort. Am Sonntage ein Gericht mehr und ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden gut thun, dazu Ihren Leibrock anzuziehen. Sie ſind jetzt als Rad ein⸗ gefügt in die Maſchine, und es wird von Ihnen erwartet, daß Sie das ganze Jahr regelmäßig abſchnurren.“ „Ich weiß, daß ich fleißig arbeiten muß, um das Vertrauen Herrn Schröters zu erwerben,“ antwortete der kleine Phili⸗ ſter gereizt durch die rebelliſche Gefinnung des Volontairs. „Eine tugendhafte Bemerkung,“ ſpottete dieſer;„in we⸗ nigen Wochen werden Sie ſehen, mein armer Junge, welch' ein himmelweiter Unterſchied iſt zwiſchen dem Herrn des Geſchäfts und den Leuten, welche ſeine Briefe ſchreiben und ſeine Kunden abfertigen. Kein Fürſt auf Erden lebt ſo ſtolz und einſam unter ſeinen Vaſallen, als dieſer Kaffebe⸗ herrſcher in ſeinem Reiche. Laſſen Sie ſich übrigens durch meine Reden nicht ſtören,“ fügte er mit etwas mehr Gut⸗ müthigkeit zu,„das ganze Haus wird Ihnen ſagen, daß ich unzurechnungsfähig bin. Da Sie mir aber ausſehen, wie ein hoffnungsvoller Comtoriſt, ſo will ich Ihnen noch einen ehrlichen Rath geben. Kaufen Sie ſich einen engliſchen Sprachlehrer und machen Sie, daß Sie fortkommen, bevor Sie hier einroſten. Alles, was Sie hier lernen, wird Sie noch nicht zu einem tüchtigen Mann machen, wenn Sie anders das Zeug haben, überhaupt einer zu werden. Guten Abend!“ Mit dieſen Worten drehte Fink unſerm Anton den Rücken und ließ dieſen, wieder ärgerlich über den hohen Ton, den der Jokei angenommen hatte, zurück. Wohl empfand unſer Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauſchen des Geſchäftslebens die ewige Gleichförmig⸗ keit der Stunden und Tage; wohl ermüdete ihn das zuwei⸗ len, aber es machte ihn nicht unglücklich, denn durch ſeine Eltern war er an Ordnung und regelmäßigen Fleiß gewöhnt, und dieſe beiden Tugenden halfen ihm über manche langwei⸗ lige Stunde hinweg. Herr Jordan gab ſich redlich Mühe, den Lehrling in die Geheimniſſe der Waarenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerſt in das Magazin des Hauſes trat und hundert verſchiedene Stoffe und merkwürdige Bildun⸗ gen perſönlich mit allen Kunſtausdrücken kennen lernte, wurde für ſeinen empfänglichen Sinn die Quelle einer eigen⸗ thümlichen Poeſte, die wenigſtens eben ſo viel werth war, als manche andere poetiſche Empfindung, welche auf dem laärchenaüten Reiz beruht, den das Seltſame und Fremde in der Seele des Menſchen hervorbringt. Es uunr ein großes dämmriges Gewölbe im Parterre des Hauſes, durch Fenſter mit Eiſenſtäben nothdürftig er⸗ hellt, in welchem die Waarenproben und kleinen Vorräthe für den täglichen Verkehre lagen. Tonnen, Kiſten und Ballen ſtanden auch hier maſſenhaft durcheinander, und nur ſchmale gewundene Pfade führten dazwiſchen durch. Faſt alle Länder der Erde, alle Racen des Menſchenge⸗ ſchlechts hatten gearbeitet und eingeſammelt, um Nützliches und Werthvolles vor den Augen unſers Helden zuſammen⸗ zuthürmen. Der ſchwimmende Palaſt der oſtindiſchen Com⸗ pagnie, die fliegende amerikaniſche Brigg, die alterthümliche Arche der Niederländer hatten die Erde umkreiſt, ſtarkrip⸗ J. 6 r* —— — öönnnn—— — 82— pige Wallfiſchfänger hatten ihre Naſen an den Eisbergen des Süd⸗ und Nordpols gerieben, ſchwarze Dampfſchiffe, bunte chineſtſche Dſchonken, leichte malaiſche Kähne mit einem Bambus als Maſt, alle hatten ihre Flügel gerührt und mit Sturm und Wellen gekämpft, um dies Gewölbe zu füllen. Dieſe Baſtmatten hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiſte war von einem fleißigen Chineſen mit roth und ſchwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das Rohrge⸗ flecht hatte ein Neger aus Congo im Dienſt des virginiſchen Pflanzers über den Ballen geſchnürt; dieſer Stamm Farbe⸗ holz war an dem Sande herabgerollt, den die Wellen des merikaniſchen Meerbuſens angeworfen haben, jener viereckige Block von Zebra⸗ oder Jacarandaholz hatte in dem ſumpfi⸗ gen Urwald Braſiliens geſtanden, und Affen und bunte Papageien waren über ſeine Blätter gehüpft. In Säcken und Tonnen lag die grünliche Frucht des Kaffebaumes faſt aus allen Theilen der Erde, in rohen Baſtkörben breiteten ſich die gerollten Blätter der Tabakspflanze, das bräunliche Mark der Palme und die gelblichen Kryſtalle aus dem ſüßen Rohr der Plantagen. Hundert verſchiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre Rinde, ihre Knospen, ihre Früchte, das Mark und den Saft ihrer Stämme an dieſer Stelle vereinigt. Auch abenteuerliche Geſtalten ragten wie Ungethüme aus dem Chaos hervor, dort hinter dem offenen Faß, gefüllt mit oranger Maſſe— es iſt Palmöl von der Oſtküſte Afrikas ¹ — ruht ein unförmiges Thier— es iſt Talg aus Polen, . der i in die Haut einer ganzen Kuh eingelaſſen iſt,— daneben liegen, zuſammengedrückt in rieſigem Ballen, gepreßt mit Stricken und eiſernen Bändern, fünfhundert Stockfiſche, und — 83— in der Ecke gegenüber erheben ſich über einem Haufen Ele⸗ phantenzähne die Barden eines rieſigen Wals. Anton ſtand noch ſtundenlang, nachdem die Erklärungen ſeines Lehrmeiſters aufgehört hatten, neugierig und verwun⸗ dert in der alten Halle, und die Gurte der Wölbung und die Pfeiler an der Wand verwandelten ſich ihm in großblättrige Palmen, und das Summen und Geräuſch auf der Straße erſchien ihm wie das entfernte Rauſchen der See, die er nur aus ſeinen Träumen kannte, und er hörte die Wogen des Meeres in gleichmäßigem Tact an die Küſte ſchlagen, auf welcher er ſo ſicher ſtand. Dieſe Freude an der fremden Welt, in welche er ſo ge⸗ fahrlos eingekehrt war, verließ ihn ſeit dem Tage nicht mehr. Wenn er ſich Mühe gab, die Eigenthümlichkeiten der vielen Waaren zu verſtehen, ſo verſuchte er auch durch Lectüre deutliche Bilder von der Landſchaft zu bekommen, aus welcher ſte herkamen, und von den Menſchen, die ſie geſammelt hatten. So vergingen ſchnell die erſten Monate ſeines Lebens in der Hauptſtadt, und es war gut für ihn, daß er auch in ſeinen Freiſtunden dieſe lebhafte Unterhaltung mit der ganzen Welt zu führen hatte, denn in Einem hatte Fink Recht gehabt: Anton blieb trotz dem täglichen Mittagstiſch in dem parketirten Speiſezimmer doch dem Chef des Hau⸗ ſes und der Familie ſehr fremd und fühlte bald, daß eine Schranke gezogen ſei zwiſchen den Herren vom Comtoir und den Perſonen des Hauſes, die, ſo unbemerkbar ſte für Fremde ſein mochte, doch eiſenfeſt ſtand. Er war ſo ver⸗ ſtänhig, daß es ihm nicht einfiel, darüber zu murren, aber er er doch manchmal dadurch gedrückt, denn mit dem⸗ 4. 6* — 84— Enthuſiasmus der Jugend war er ſchnell bereit, ſeinen Prin⸗ zipal als das Ideal eines Kaufmanns zu verehren. Die Klugheit, Sicherheit und energiſche Kürze des Mannes und ſeine ſtolze Redlichkeit begeiſterten ihn; er hätte ſich gar zu gern mit ſchwärmeriſcher Innigkeit an ihn ange⸗ ſchloſſen, aber er ſah außer den Geſchäftsſtunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in Con⸗ ferenzen oder im Club war, ſo lebte er nur für ſeine Schweſter, an der er mit einer rührenden Zärtlichkeit hing. Für ſeine Schweſter hielt der Kaufmann Wagen und Pferde, die er ſelbſt nie benutzte, ihr zu Liebe be⸗ ſuchte er auch Abendgeſellſchaften und gab ſelbſt welche, zu denen Anton und ſeine Collegen nicht zugezogen wur⸗ den. Dann rollten die Equipagen vor das Haus, ga⸗ lonnirte Bediente flogen Trepp auf Trepp ab, und bunte Schatten ſchwebten an den erleuchteten Fenſtern des Vor⸗ derhauſes vorüber, während Anton in ſeiner Dachſtube ſaß und mit Sehnſucht auf das glänzende Leben des Haushaltes ſah, zu dem er doch auch gehörte: mit heißer Sehnſucht, denn unſer Held war kaum neunzehn Jahr alt und kannte die geſchmückte Geſelligkeit eleganter Kreiſe nur aus den trügeriſchen Schilderungen der Bücher, welche er geleſen hatte. Dann ſagte ihm zwar immer ſein Ver⸗ ſtand, daß er nicht in das Vorderhaus gehöre, und was daraus werden ſolle, wenn er mit ſeinem Dutzend Collegen, die ſo verſchieden an Bildung waren, bei ſolchen Geſellſchaf⸗ ten ſich ausbreiten wolle. Aber was der Verſtand, dieſer alte Herr, ſagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht immier ehrerbietig angehört, und Anton ſchlich maachuata —0 85— einem leiſen Seufzer vom Fenſter zu ſeiner Lampe und den Büchern zurück und bemühte ſich, die lockende Muſtk 8 der Quadrille zu vergeſſen, indem er auf das Geſchrei des Löwen und das Gurgeln des Brüllfroſches in irgend einem tropiſchen Land lauſchte. — 86— 6. Der Freiherr von Rothſattel hatte ſein Quartier in der Hauptſtadt ſelbſt eingerichtet. Es war nur von mäßiger Größe, aber die Form der Möbeln, die Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhängen und Teppichen waren ſo geſchmackvoll zuſammengepaßt, daß das Ganze in der guten Geſellſchaft als ein Muſter von Eleganz und Wohnlichkeit gerühmt wurde. Recht in der Stille hatte er das Alles vorbereitet. Endlich hielt der neugekaufte Wagen vor der Wohnung, der Freiherr hob ſeine Gemahlin heraus und führte ſie durch die Reihe der Zimmer bis zu ihrem kleinen Boudoir, das ganz mit weißer Gaze decorirt war, die Decke eine Sonne von weißen Fal⸗ een, und an allen Wänden weiß gefältelte Sterne. Da flog ihm die Baronin entzückt über ſo viel Aufmerkſamkeit in die Arme, und der gute Herr fühlte ſich zufrieden und ſtolz wie ein König. Schnell war die Familie eingelebt, die Ackerpferde führten vom Gut die unvermeidlichen Kiſten, Truhen u und Vorräthe von Lebensmitteln herbei, und nach⸗ 1 dem einige Tage hindurch zahlreiche Strohhalme von Trep⸗ pen, Fußböden und Teppichen abgefegt worden waren, konnte man daran denken, ſich außerhalb des Bauſes um zuſehen und die nöthigen Beſuche zu machen. 3 Ein großer Theil des Landadels Pſieze die Bgee 8 — 87— nate in der Hauptſtadt zuzubringen, und die Rothſattel fan⸗ den mehrere Gutsnachbarn, viele Bekannte und Verwandte. ehene Familie in der * Ueberall war man erfreut, die angeſ Stadt zu begrüßen, und nach wenigen Wochen fanden ſie ſich mitten in einem großen Kreiſe zu fröhlicher Geſelligkeit eingelebt. Der niedere Adel mit all ſeinen Titeln, welche ihm von den deutſchen Regenten freigebig ertheilt worden ſind, bildete eine ſtattliche, ziemlich abgeſchloſſene Corporation, und⸗ wenn in dem Völkchen auch nicht gerade ein Ueberfluß von geiſtreicher Bildung vorhanden war, ſo war doch das geſel⸗ lige Behagen, mit dem ſie unter einander verkehrten, viel⸗ leicht um ſo größer. Die Baronin wurde durch ihre ſichere Liebenswürdigkeit eine Hauptgröße der Frauenwelt; auch ihr Gemahl, der in den erſten Wochen manchmal die Wande⸗ rungen durch den Wirthſchaftshof und die Spazierritte in ſeinen Wald vermißt hatte, fand ſich bald unter ſeinen Ju⸗ gendfreunden nicht weniger wohl. Er wurde Mitglied einer adeligen Reſſource, ſuchte ſeine alte Virtuoſttät auf dem Bil⸗ lard hervor, ſpielte mit Anſtand Whiſt und Phombre und trieb in müßigen Stunden etwas Politik und ein wenig Kunſt. So verlebte die Familie eine behagliche und intereſ⸗ ſante Winterſaiſon, und der Freiherr und ſeine Gemahlin außerten einander ihre Verwunderung, warum ſie ihrem Leben nicht ſchon in frühern Jahren dieſe beſcheidene und anſtändige Abwechslung gegönnt hätten. Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die Befürchtung ihrer Mutter zu rechtferti⸗ gen, daß ſie ein Original werden könnte. Es wurde ihr ſchwer, den zahlreich en ältlichen Tanten der Familie eine * EEEEEEE“ —ʒʒ-x-xxGx— — 88— anmuthige Ehrerbietung zu bezeigen, und noch ſchwerer wurde ihr, luſtige Herren aus der Nachbarſchaft, gute Freunde ihres Vaters, die ſie vom Gut her kannte, hier in der Stadt nicht zuerſt anzureden, wenn ſie ihnen auf der Straße begegnete. Auch das Behältniß war ihr peinlich, in dem ſie die Bildung aus dem Mdcheninſtitut nach Hauſe tragen mußte. Es war ein Zwitter von Taſche und Mappe, voll von langweiligen Heften und Lehrbüchern. Da die Mutter nicht gern ſah, wenn der Bediente ihr die Schul⸗ bücher nachtrug, ſo ſchlenkerte ſie das Ding verächtlich am Arm, ſo oft ſie auf der Straße ging, blieb dabei von Zeit zu Zeit ſtehen und ſah wie eine Juno mit dreiſtem Blick auf die Gruppen der Marktleute, auf Eckenſteher, die ſich prü⸗ gelten, und auf andere Menſchenknäuel, welche ſich in den Straßen einer großen Stadt zuſammenballen. Einſt, als ſie ſo auf der Straße ſtand, die Mappe als Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen Regenſchirm in der Sand, ſiehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr entgegen, den ſie im Garten umhergeführt und über den Teich gefahren hatte. Sie freute ſich darüber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an ihren Pony⸗ und an das Volk der Schwäne. Noch war er eine Strecke entfernt, als ihre Falkenaugen ihn beobachteten. Er. kam näher und ſah ſie nicht. Da ihr die Mutter verboten hatte, ingend einen Herrn auf der Straße anzuſprechen, ſo blieb ſte in ſeinem Wege ſtehen und ſtampfte ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine. Anton, der im Geſchäfts⸗ trott war, blickte auf und ſah mit der höchſten Freude, daß das ſchöne Fräulein vom See vor ihm ſtand. Er zog er⸗ — — ——— ö — 89— röthend ſeinen Hut, und das Fräulein erkannte aus ſeinem ſtrahlenden Geſicht mit Befriedigung, daß trotz der Bücher⸗ taſche ihre Erſcheinung auf ihn noch eben ſo gewaltig wirkte, als früher. „Wie geht es Ihnen, mein Herr?“ frug ſie würdevoll das Köpfchen zurückwerfend. „Sehr gut,“ ſagte Anton;„wie bin ich glücklich, Sie hier in der Stadt zu ſehen.“ „Wir wohnen jetzt hier,“ ſprach das Fräulein weniger vornehm,„für den Winter Bäͤrenſtraße No. 20.“ „Darf ich fragen, wie ſich der Pony befindet?“ ſagte Anton ehrfurchtsvol. „Denken Sie, er hat zu Hauſe bleiben müſſen,“ klagte die Dame;„und was treiben Sie hier?“. „Ich bin in der Handlung von T. O. Schröter,“ ant⸗ wortete Anton mit einer Verbeugung. „Alſo Kaufmann?“ ſagte das Fraͤulein,„und womit handeln Sie?“ „Colonialwaaren und Producte; es i*ſt das größte Ge⸗ ſchäft in dieſer Branche hier am Platz,“ antwortete Anton mit Selbſtgefühl.* und haben Sie gute Menſchen gefunden, die auch fuͤr Sie ſorgen?“ Mein Prinzipal iſt ſehr gütig gegen mich,“ antwortete Anton,„in Kleinigkeiten muß ich für mich ſelbſt ſorgen.“ „Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie ſich amü⸗ ſiren?“ ſetzte das Fräulein ihr Eramen fort. „Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu thun, und in den Freiſtunden muß ich für mich lernen.“ ——-—— 3 — 90— „Sie ſehen auch etwas bleich aus,“ ſagte das Fräulein, ihn mit mütterlichem Wohlwollen betrachtend.„Sie müſſen ſich mehr Bewegung machen und fleißig ſpazieren gehen.— Es iſt mir angenehm geweſen, Sie hier zu treffen; ich werde mich freuen, wenn ich höre, daß es Ihnen wohlgeht,“ fügte ſte, wieder in Majeſtät übergehend, hinzu. Sie ſah ihn noch einen Augenblick an, grüßte mit dem Kopf und ver⸗ ſchwand in dem Menſchenſtrom, während Anton ihr mit ab⸗ gezogenem Hut nachſah. Lenore fand nicht für nöthig, über das zufällige Zuſam⸗ mentreffen viele Worte zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl frug:„Aus welcher Hand⸗ lung wollen wir die Waaren nehmen, die der Haushalt braucht?“ da ſah Lenore von ihrem Buche auf und ſagte: „Die größte Handlung hier am Platz iſt von T. O. Sihrater⸗ Colonialwaaren und Producte.“ „Woher weißt du das?“ frug der Vater lachend,„du ſprichſt ja wie ein gelernter Kaufmann.“— „Das kommt Alles von dieſem Mädcheninſtitut,“ ant⸗ wortete Lenore trotzig. Ueber den geſelligen Freuden vergaß der Freiherr nich den Hauptzweck ſeines Aufenthaltes in der Stadt. Er zog ſorgfältige Erkundigungen ein über die techniſchen Ge⸗ werbe, welche andere Gutsbeſitzer eingerichtet hatten, er be⸗ ſuchte die Fabriken der Stadt und bemühte ſich, gebildete Techniker kennen zu lernen. Er bekam eine Maſſe von Nach⸗ richten und erwarb einige Kenntniſſe in Maſchinen und Fa⸗ brikankagen. Aber die Nachrichten, welche er erhielt, waren ſo widerſprechend, und die Anſchauungen, welche er ſelbſt — 91— gewann, ſo unvollſtändig, daß er zuletzt für das Beſte hielt, nichts zu übereilen, und abzuwarten, bis ſich ein ge⸗ ſchäftliches Unternehmen von beſonderer und möglichſt ſiche⸗ rer Rentabilität fände. 3 Es darf nicht verſchwiegen werden, daß zu dieſer Zeit auch der Familienſchatz durch ein ſchönes mit vergoldetem Meſſing beſchlagenes Käſtchen vermehrt wurde. Es war von geflaſertem Holz mit Arabesken von mattem Metall und mit einem ſehr künſtlichen Schloß, welches für einen Spitz⸗ buben gar nicht zu öffnen war und den Dieb in die Noth⸗ wendigkeit verſetzte, das ganze Käſtchen zu ſtehlen. In die⸗ ſem Behältniß lagen finin ierigtauſend Thaler in neuen weißen Pfandbriefen der Landſchaft. Der Freiherr betrach⸗ tete die Pfandbriefe mit vieler Zärtlichkeit. Er ſaß in den erſten Tagen ſtundenlang vor dem geöffneten Käſtchen und wurde nicht müde, die Pergamentblätter nach den Nummern zu ordnen, ſich über den reinlichen weißen Glanz derſelben zu freuen und die Tilgungspläne für das Capital zu ent⸗ werfen. Auch als er das Käſtchen der Sicherheit wegen wieder ins Depoſitum der Landſchaft gegeben hatte, war der Gedanke daran eine von den kleinen Freuden, welche der ritterliche Freiherr im Stillen hatte. Ja, der Geiſt dieſes Käſtchens ſpukte in ſeinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert, wenn ihr Gemahl zuweilen anfing, da zu ſparen, wo er es ſonſt nicht gethan hatte; wenn er einige Male von Logenbilleten abrieth, weil man gute Wirthſchaft treiben müſſe, oder wenn er ihr mit einer gewiſſen Freude erzählte, daß er am vergangenen Abend zehn Louisd'or im Spiel gewonnen habe. Die verſtändige Dame wurde ernſt⸗ ——————— — 92— lich beſorgt, ob ihr Gemahl nicht durch einen Unfall in Geldverlegenheit gekommen ſei; indeß beruhigten ſie ſeine Verſicherungen vom Gegentheil und ein zufriedenes Lächeln, welches in ſolchen Stunden über ſeinem Geſicht ſchwebte, ſehr bald wieder. In der That waren die kleinen Anfälle von Sparſamkeit nicht conſequent und ergaben ſich als nichts Anderes, als eine unſchuldige Laune, denn in allen größern Dingen hielt der Freiherr in gewohnter Weiſe auf anſtändige Repräſentation, und ſein Auftreten war durchaus ſeiner Fa⸗ milie und ſeinem Wohlſtande entſprechend. Auch war es in der That nicht möglich, gerade jetzt zu⸗ rückzulegen. Das Leben in de nt die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen geſelligen Anſprüche ver⸗ ringerten natürlich die Ausgaben nicht. So kam es, daß der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf ſein Gut gereiſt war, ſehr verſtimmt nach der Stadt zurückkehrte. Er hatte große Rechnung ge⸗ macht, er hatte geſehen, daß die Ausgaben des letzten Jahres größer geweſen waren, als die Einnahmen, daß der Reve⸗ nüenanſchlag des nächſten Jahres keine Deckung des Defieits verſprach, daß faſt zweitauſend Thaler fehlten, welche ge⸗ ſchafft werden mußten. Der Gedanke griff ihm an das Herz, daß er dies Geld von den weißen Pergamenten nehmen ſollte, und dem Manne, welcher mit dem größten Anſtand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten hätte, wurde ſiedend heiß, wenn er dachte, daß er in dieſem Falle einige Tauſend Thaler wirklicher Schulden auf ſeinem Gute haben würde. Er war verſtändig genug, einzuſehen, daß in ſeiner Speculation ein Fehler geweſen war. Wenn man ein Vermögen durch jähr⸗ — 93— liche kleine Erſparniſſe erwerben will, muß man ſeine Aus⸗ gaben einſchränken; er aber hatte ſeine Ausgaben bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war dieſe Vermehrung ſehr noth⸗ wendig geweſen, aber es war ein unglücklicher Zufall, daß das ſo zuſammentraf. Seit ſeinen Lieutnanttagen hatte der gute Herr keine ſo peinliche Unruhe empfunden. Aus der Stadt zurück konnte er nicht, dafür gab es tauſend Gründe; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemiethet, was würden die Bekännten zu einer plötzlichen Abreiſe geſagt haben, wie hätte er ſeiner geliebten Frau und Lenoren das Opfer zumuthen können? So verſchloß er den Aerger in ſich. Er entſchuldigte gegenüber den beſorgten Fragen der Baronin ſeine Verſtimmung durch eine Erkäl⸗ tung auf der Reiſe, aber tagelang nagte der Gedanke an ihm, daß er einen Verluſt erlitten habe, daß er zurückgekom⸗ men ſei; und je ſanguiniſcher er vorher geweſen war, deſto niedergeſchlagener wurde er jetzt. Ja es geſchah, daß er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem Lotterieein⸗ nehnier eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gütiges Geſchick das gut machen möge, was ſchadhaft war. Zuwei⸗ len, beſonders am Abend, wenn er aus heiterer Geſellſchaft kam, lächelte er ſelbſt über dieſe Verſtimmung und ſchalt ſte thöricht. Das ganze Unglück war ſo unbedeutend, es war ja keine Lebensfrage; in wenigen Jahren konnten ſeine An⸗ gelegenheiten wieder aufs Beſte arrangirt ſein. Nur an den nüchternen Morgen kam ihm der langweilige Gedanke wieder, und er konnte ihn nicht los werden. 5 An einem ſolchen Morgen wurde Herr Ehrenthal gemel⸗ det, der ihm eine Summe für gekauftes Getreide zu zahlen — 94— hatte. Den Freiherrn überkam ein peinliches Gefühl, als der Bediente den Namen Ehrenthal ausſprach; der Mann hatte ihm den Rath gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Frei⸗ lich ſagte er ſich im nächſten Augenblick, daß derſelbe Mann ihm nicht den Rath gegeben hatte, nach der Stadt zu ziehen; aber er grollte ihm doch, und ſein Gruß mochte wohl kälter klingen als gewöhnlich. Herr Ehrenthal war ein viel zu guter Geſchäftsmann, um auf die Launen ſeiner Kunden viel zu geben. Er zählte ſein Geld auf und war dabei freigebig mit den Verſicherungen ſeiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb unzugänglich, bis Ehrenthal im Abgehen frug:„Und ſte ſind gekommen, die Pfandbriefe, gnädiger Herr Baron?“ „Ja,“ ſagte der Herr mürriſch. „Es iſt jammerſchade,“ rief Ehrenthal,„daß fünfund⸗ vierzigtauſend Thaler liegen ſollen ſo todt, als ob ſte nicht vorhanden wären in der Welt. Dem Herrn Baron iſts gleich, ob er einmal gewinnt ein Paar tauſend Thaler oder nicht, aber unſer Einem iſt es nicht gleich. Ich kann in dieſem Augenblick machen ein folides Geſchäft und ein ſiche⸗ res, und mein Geld iſt verſteckt, ich muß mir entgehen laſſen einen baaren Gewinn von viertauſend Thalern.“ Derr Freiherr hörte aufmerkſam zu, der Händler fuhr mit größerm Muthe fort:„Herr Baron, Sie kennen mich ſeit Jahren als einen ehrlichen Mann, Sie wiſſen auch, daß ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen Vorſchlag thun: Leihen Sie mir zehntauſend Thaler Pfandbriefe auf drei Monat; ich gebe Ihnen für das Capital einen Wechſel auf mich ſelbſt, welcher iſt wie baar Geld. Es ſind zu gewinnen viertauſend Thaler bei dem Geſchäft; was gewonnen wird, das theile ich mit dem Herrn Baron ſtatt der Zinſen zu glei⸗ chen Theilen. Sie ſollen kein Riſtco haben, und wir machen das Geſchäft zuſammen. Wenn verloren wird, trage ich's allein und zahle in drei Monaten dem gnädigen Herrn die zehntauſend Thaler zurück.“ Dieſe Worte des Händlers, ſo wenig aufregend ſie wahr⸗ ſcheinlich in das Ohr des Leſers dringen, klangen dem Frei⸗ herrn wie ein Alarmſignal beim unbehaglichen Bivouac. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude arbeitete in ihm. Kaum hatte er Ruhe genug, zu ſagen:„Vor Allem muß ich wiſſen, von welcher Art das Geſchäft iſt, das Sie mit meinem Geld machen wollen.“ Der Geldmann ſetzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine große Quantität Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flößplatz im obern Theile der Provinz. Der Händler holte die Berechnung der Holzmaſſe, der Trans⸗ portkoſten bis zur Hauptſtadt und des Werthes, den das Holz in der Hauptſtadt haben würde, aus ſeiner Taſche und bewies dem Freiherrn, daß dabei in ſechs bis acht Wochen ein ſicherer Gewinn von bedeutender Größe zu machen ſei. Der Freiherr ſah mit Aufmerkſamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die Berechnung richtig war, ſo war der Gewinn ſonnenklar, er that aber doch die bedächtige Frage: „Wie kommt es, daß der Eigenthümer des Holzes das Ge⸗ ſchäft nicht ſelbſt macht, und daß er ſich einen ſo ſichern Ge⸗ winn entgehen läßt?“ Der Händler zuckte die Achſeln.„Wer ein Geſchäft macht, kann nicht immer fragen, warum läßt der Andere die Waare ſo billig? Wer in Verlegenheit iſt, kann nicht warten — 96— zwei bis drei Monat, das Eis liegt auf dem Fluß, der Mann braucht das Geld binnen hier und drei Tagen.“ „Sind Sie ſicher, daß das Eigenthumsrecht des Verkäu⸗ fers unbeſtreitbar iſt?“ frug der Freiherr. „Der Mann iſt mir ſicher,“ ſagte der Händler;„wenn ich ihm das Geld bis heute Abend ſchaffe, iſt das Holz mein.“ Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines Andern zu benutzen, ſo ſehr ſich auch ſein Herz nach dem Gewinn ſehnte. Er ſagte mit Würde:„Ich halte es für unpaſſend, auf den Verluſt eines Andern zu rechnen.“ „Warum ſoll er haben Verluſt?“ rief Ehrenthal eifrig. „Er iſt Speeulant, jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein größeres Geſchäft; ſo muß er den Vortheil am kleinern überlaſſen einem Andern. Er hat ſich erboten, gegen Zehntauſend baar den ganzen Vorrath zu übergeben. Es iſt nicht meine Sache, zu fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde, als ich gewinnen kann durch ſein Holz.“ 3 d Was Herr Ehrenthal ſagte, war richtig; er verſchwieg nur Einiges. Der Verkäufer des Holzes war ein unglück⸗ licher Speculant, der, von ſeinen Gläubigern gedrängt, eine 1 Auspfändung fürchtete und die unbeſcheidenen Hoffnungen derſelben dadurch beendigen wollte, daß er ſeine Vorräthe an einen Fremden ſchnell und heimlich verkaufte und mit der erhaltenen Summe unſichtbar wurde. Vielleicht wußte Herr Ehrenthal das; vielleicht ahnte auch der Freiherr, daß es bei einem ſo leichten Gewinn eine Bewandniß haben müſſe, wenigſtens ſagte ſein Kopfſchütteln, daß ihm die Sache — 97— keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er wenig zu wagen und nichts zu verantworten; er lieh ſein Geld an einen ſichern Mann, den er ſeit vielen Jahren als wohl⸗ habend und pünktlich kannte, und gewann dadurch die Aus⸗ ſicht, in kurzer Zeit einen böſen Geiſt los zu werden, der ihn raſtlos quälte. Er war zu unruhig, um zu überlegen, daß er vielleicht einen Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Oberſten. Er klingelte nach ſeinem Wagen und ſagte vornehm:„In einer Stunde ſollen Sie das Geld haben.. Ehrenthal dankte in ſeiner feurigen Weiſe für dieſe große Gefälligkeit, ſchrieb auf der Stelle einen wohlverclauſulirten Sola⸗Wechſel über die Pfandbriefe und empfahl ſich mit einer Unterthänigkeit, die ſehr gegen das ſtolze Kopfnicken des Freiherrn abſtach. Seit dieſem Tage lebte der Freiherr in banger Erwar⸗ tung. Immer mußte er an die Unterredung mit dem Händ⸗ ler denken. Wenn er am Theetiſch neben ſeiner Gemahlin ſaß und über Theater und Concert geplaudert wurde, irrte ſeine Seele rathlos zwiſchen den Lücken der Holzklaftern um⸗ her oder wurde von langen rollenden Maſtbäumen gedrückt; und wenn er die Arbeitsbücher ſeiner Tochter durchſah, ſo ſtarrten ihm auf dem Deckel und am Rande zahlreiche Ge⸗ ſichter Ehrenthals entgegen, und jedes lachte ihn höhniſch an. So oft er auf ſeinem Jagdpferde ausritt, richtete ſich der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit finſterm Blick ſah der Reiter auf die gefrorene Fläche hinab, ſah die Eis⸗ ſchollen ſtromabwärts treiben und das hohe Frühlingswaſſer bis an die Steine des Randes fluthen. I. 7 — 98 Ehrenthal hatte ſich lange nicht ſehen laſſen. Endlich, an einem ſonnigen Morgen erſchien er mit ſeinen unver⸗ meidlichen Bücklingen, zog ein großes Packet aus der Taſche und rief triumphirend:„Herr Baron, das Geſchäft iſt ge⸗ macht! Hier ſind die Pfandbriefe zurück und hier ſind die zweitauſend Thaler als der Gewinn, welcher auf Sie fällt.“ 3 Die Hand des Freiherrn griff haſtig nach dem Packet. Es waren dieſelben weißen Pergamente, die er mit ſchwerem Herzen aus der Caſſette hervorgeholt hatte, und außerdem ein Bündel Caſſenſcheine. Diesmal hörte der Freiherr kaum auf den Wortſchwall des Händlers, eine Laſt fiel ihm vom Herzen, er hatte ſeine Pfandbriefe wieder, und der Ausfall an ſeinen Finanzen war gedeckt. Ehrenthal wurde gnädig entlaſſen, die Pergamente eingeſchloſſen, und der Freiherr durfte ſich heute keinen Zwang anthun, um ein liebenswür⸗ diger Geſellſchafter zu ſein. Noch an demſelben Tage kaufte er der Baronin einen Schmuck von Türkiſen, den ſte lange im Stillen gewünſcht hatte. Seit dem Tage war im Hauſe des Freiherrn heller Sonnenſchein, und wenn es eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, ſo äußerte ſie ſich nur in Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied ſeit dieſem Tage den Strom eben ſo ſehr, als er ihn früher geſucht hatte, und wenn der Reiter auf der Straße von Herrn Ehrenthal gegrüßt wurde, ſo regte ſich wieder ein lebhafter Widerwille gegen den glück⸗ lichen Geſchäftsmann in ſeiner Seele, und ſehr nachläſſig war der Gegengruß, welchen er von der Höhe des Roſſes zu⸗ rückgab. — 99— Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Ver⸗ gangenheit ſollte über den Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer ſeiner Frau die Zeitung, als ſein Auge auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verſchwundener Holzhändler wegen betrügeriſchen Bankerotts verfolgt wurde. Er legte das Blatt weg, ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. And er, der furchtloſe Cavalier, nahm das Zeitungsblatt vom Tiſch fort und verſteckte es tief unter die Bücher ſeines Arbeitstiſches. Wenn der Betrüger derſelbe Mann war— Ehrenthal hatte ihm keinen Namen genannt— aber wenn er, der Edelmann, durch ſein Geld und ſeinen Gewinn fremde wohlbegründete Anſprüche verkürzt hatte; wenn er Gehilfe eines Betrugs geworden war, und wenn er für dieſe Hilfe bezahlt worden war— dieſe Gedanken waren fürchterlich für ſein ſtolzes Herz. Der Herr ging in der Stube auf und ab und rang die Hände; er eilte zum Schreibtiſch, um den Gewinn einzupacken und fortzuſchaffen, er wußte ſelbſt nicht wohin, ſich von der Seele, weit weg aus ſeinem Hauſe. Mit Beſtürzung ſah er, daß nur noch ein kleiner Theil des Ge⸗ winns vorhanden war. Wie gelähmt ſetzte er ſich an den Tiſch und legte den Kopf auf ſeine Hände. Es war etwas in ihm entzwei gegangen, das fühlte er, und er fürchtete, für immer. Heftig ſprang er wieder auf, riß an der Klingel und ließ Ehrenthal zu ſich fordern. Zufälliger Weiſe war der Händler verreiſt. Unterdeß ſprachen zu dem Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menſchenbruſt mit klugen und gewählten Wor⸗ ten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu ſetzen wiſſen. Wie war die ganze Angſt ſo thöricht! Es gab viele hundert 7* 1 — 100— Leute am Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja ganz unwahrſcheinlich, daß gerade jener Betrüger der Mann Ehrenthals ſein ſollte. Und ſelbſt in dieſem Fall, Klein, ſehr klein, für einen Geſchäftsmann nicht zu erkennen. Ja ſelbſt Ehrenthal, was konnte er dafür, wenn der Verkäufer das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es war ja Alles ehrlich und geſetzlich gekauft worden.— So ſprach es fort⸗ während begütigend in dem Freiherrn, ach, und welche Mühe gab ſich der Herr, all dieſe Stimmen recht deutlich zu hören. Als Ehrenthal endlich ankam undehaſtig zum Freiherrn eilte, trat ihm dieſer mit einem Geſicht entgegen, das den Händler wirklich erſchreckte.„Wie heißt der Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben?“ frug der Freiherr heftig an der Thür. Ehrenthal ſtand betroffen, auch er hatte ſeine Zeitung geleſen und verſtand, was in der Seele des Edelmanns vor⸗ ging. Er nannte einen beliebigen Namen. „Und wie hieß der Ort, wo das Holz lag?“ klang die zweite Frage etwas ruhiger. Herr Ehrenthal nannte einen beliebigen Ort. „ Iſt das Wahrheit, was Sie mir ſagen?“ frug der Freiherr tief aufathmend zum dritteu Mal. 1. . Da Herr Ehrenthal ſah, daß er einen Kranken vor ſich hatte, ſo behandelte er ihn mit der Milde, welche dem Arzt ſo gut anſteht.„Was ſich der Herr Baron für Sorge machen!“ ſagte er kopfſchüttelnd.„Ich glaube, der Mann, mit dem ich habe gemacht das Geſchäft, hat ſeinen guten Vortheil dabei gehabt. Es ſind große Eichenlieferungen ausgeſchrieben, da⸗ wie groß war ſein eigenes Unrecht bei dem ganzen Ereigniß? 4 — 101— bei ſind für Einen, der dort oben wohnt, hundert Procent zu verdienen. Ich glaube, er wird ſte haben verdient. Das Geſchäft, welches ich mit ihm gemacht habe, iſt geweſen gut und ſicher, wie es kein Kaufmann von der Hand weiſen wird. Und wenn er auch ein ſchlechter Menſch wäre, was haben Sie, gnädiger Herr, darum zu ſorgen? Ich habe kei⸗ nen Grund gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes zu verbergen, ich habe Ihnen doch Beides damals nicht geſagt, weil nicht Sie gemacht haben das Geſchäft, ſon⸗ dern ich. Ich bin geweſen Ihr Schuldner, und ich habe Ihnen zurückgezahlt das Geld mit einer Proviſton. Mit einer guten Proviſion, das iſt wahr. Ich habe ſeit Jahren Vieles bei Ihnen verdient, warum ſoll ich nicht zuerſt gönnen Ihnen einen Vortheil, den ich jedem Andern auch gegeben hätte? Was machen Sie ſich Sorgen, Herr Baron, um Dinge, die nicht ſind!“ „Das verſtehen Sie nicht, Ehrenthal,“ ſagte der Guts⸗ herr freundlicher;„es iſt mir lieb, daß die Sache ſo ſteht. Wäre der Betrüger jener Mann zedeſen. mit dem Sie ge⸗ handelt haben, ſo hätte ich unſer Verhältniß abgebrochen, ich hätte Ihnen nie verziehen, daß Sie mich wider meinen Willlen zum Mitſchuldigen eines Betrugs machten.“ Ehrenthal wurde entlaſſen, und der Freiherr war von einer ſchweren Sorge befreit. Er beſchloß, ſich näher nach jenem beliebigen Namen und dem unbekannten Dorfe zu erkundi⸗ gen. Er erkundigte ſich aber nicht darnach; durch die über⸗ ſtandene Angſt war ihm die Erinnerung an das Geldgeſchäft ſehr peinlich geworden, und er mühte ſich, gar nicht mehr daran zu denken. — 192— Er war ein zartfühlender, guter Herr, und Ehrenthal war derſelben Meinung, denn als er die Treppe hinunter⸗ ging, murmelte er vor ſich hin: Er iſt gut, der Baron, er iſt gut! 7. Anton ſtand unter der gemeinſamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pir und entdeckte bald, daß er die Ehre hatte, kleiner Vaſall eines großen Staatskörpers zu ſein. Was die unerfahrene Außenwelt höchſt oberflächlich unter dem Namen Commis zuſammenfaßt, das waren für ihn, den Eingeweihten, ſehr verſchiedene, zum Theil Ehrfurcht gebie⸗ tende Aemter und Würden. Der Buchhalter, Herr Liebold, thronte als geheimer Miniſter des Hauſes an einem Fenſter des zweiten Comtoirs in einſamer Majeſtät und geheimniß⸗ voller Thätigkeit. Unaufhörlich ſchrieb er Zahlen in ein un⸗ geheures Buch und ſah nur ſelten von ſeinen Ziffern auf, wenn ſich ein Sperling auf die Gitterſtäbe des Fenſters ſetzte, oder wenn ein Sonnenſtrahl die eine Fenſterecke mit gelbem Glanz überzog. Herr Liebold wußte, daß der Sonnenſtrahl nach den alterthümlichen Geſetzen des Univerſums in keiner Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur Spitze des Fen⸗ ſterbrets, aber er konnte ſich doch nicht enthalten, ihm plötz⸗ liche Ueberfälle auf das Hauptbuch zuzutrauen, und beobach⸗ tete ihn deßhalb mit argwöhniſchen Blicken. Mit der Ruhe ſeiner Ecke contraſtirte die ewige Rührig⸗ keit in der entgegengeſetzten. Dort waltete in beſonderem Verſchlage der zweite Würdenträger, der Caſſirer Purzel, umgeben von eiſernen Geldkxſten⸗ ſchweren Geldſchränken — 104— und einem großen Tiſch mit einer Steinplatte. Auf dieſem Tiſch klangen die Thaler, klirrte das goldene Blech der Du⸗ caten, flatterte geräuſchlos das graue Papiergeld vom Mor⸗ gen bis zum Abend. Wer die Pünktlichkeit als allegorifche Figur in Oel malen wollte, der mußte ohne Widerrede Herrn Purzel abmalen und durfte höchſtens das antike Co⸗ ſtüm dadurch andeuten, daß er mit künſtleriſcher Licenz Herrn Purzel die Strümpfe über die Stiefeln und das weiße Oberhemd über den Comtoirrock herüber malte. Alles hatte in der Seele des Herrn Purzel eine eiſenfeſte unveränderliche Stellung, unſer Herrgott, die Firma, der große Geldkaſten, der Wachsſtock, das Petſchaft. Jeden Morgen, wenn der Caſſirer in ſeinen Verſchlag getreten war, begann er ſeine Amtsthätigkeit damit, daß er die Kreide ergriff und einen weißen Punkt auf den Tiſch malte, um der Kreide die Stelle zu bezeichnen, wo ſie ſich den Tag über aufzuhalten hatte. Er ſtand nicht allein in ſeiner wichtigen Amtsthätigkeit. Ein alter Hausdiener war ſeine Ordonnanz, die als Ausläufer mit Geldſäcken und Papiergeld den Tag über nach allen NRiichtungen der Stadt trabte. Es iſt wahr, daß die Ordon⸗ nanz an der Eigenthümlichkeit litt, gegen Abend ſehr feurig auszuſehen und in einer perſönlichen Abhängigkeit vom Kümmel zu ſtehen. Aber dieſe Eigenſchaft vermochte nicht, ihre Treue und Beſonnenheit zu erſchüttern, ja ſie ſchärfte die Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie hat eines Menſchen Gewand ſo viele geheime Taſchen mit Knöpfen und Schnallen gehabt, als der Rock des Ausläufers, und nach jedem Glaſe, das er getrunken, ſteckte er die Banknoten in einen noch geheimeren Verſchluß. e In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erſte Perſon, der Generalſtatthalter ſeiner kaiſerlichen Firma. Er war der Ariſto der Correſpondenten, erſter Commis des Hauſes, hatte die Procura und wurde von dem Prinzipal zuweilen um ſeine Anſicht befragt. Er blieb für Anton, was er ihm ſchon am erſten Tage geweſen war, ein treuer Rathgeber, ein Muſter von Thätigkeit, der geſunde Menſchen⸗ verſtand in Perſon. Von den Correſpondenten des Comtoirs, welche unter Anführung des Herrn Jordan Briefe ſchrieben und Bücher führten, war für Anton neben Herrn Specht, dem Sangui⸗ niker, am intereſſanteſten Herr Baumann, der künftige Apo⸗ ſtel der Heiden. Der Miſſionär war nicht nur ein Heiliger, ſondern auch ein ſehr guter Rechner. Er war untrüglich in allen Reductionen von Maß und Gewicht, warf die Preiſe der Waaren aus und beſorgte die Calculatur des Geſchäftes. Er wußte mit Beſtimmtheit anzugeben, nach welchem Münz⸗ fuß die Mohrenfürſten an der Goldküſte rechneten, und wie hoch der Curs eines preußiſchen Thalers auf den Sandwich⸗ inſeln war. Herr Baumann war Antons Stubennachbar und fühlte ſich durch die gute Art unſeres Helden ſo ange⸗ zogen, daß er ihm in kurzer Zeit ſeine Neigung zuwandte und in den Abendſtünden zuweilen ſeinen Beſuch gönnte. Den Uebrigen ſtand er fern und ertrug mit chriſtlicher Ge⸗ duld ihre Spöttereien über ſeine Pläne. Auch außerhalb des Hauſes hatte die Firma noch einige Würdenträger. Da war Herr Birnbaum, der Zollceommis, welcher nur ſelten im Comtoir ſichtbar wurde und nur des Sonntags am Tiſche des Prinzipals erſchien, ein exacter Mann, der draußen auf dem Packhof herrſchte. Er hatte die Zoll⸗Procura für die Geſchäfte nach dem Auslande, das gewichtige Recht, den Namen T. O. Schröter unter die Be⸗ gleitſcheine des Hauſes zu ſetzen. Wenn einer von den Herren der Handlung den Namen eines Beamten verdiente, ſo war es dieſer Hexr, er trug auch ſeinen Rock ſtets zuge⸗ knöpft, wie ſeine Freunde die Steuerofficianten. Ferner war da der Magazinier des Geſchäftes der die Controle über die verſchiedenen Magazine in der Stadt hatte, die Aſſecu⸗ ranzen beſorgte und auf dem Markt die großen Einkäufe in Landesproducten machte. Herr Balbus war durchaus kein feiner Mann, er war von Haus aus ſehr arm, und ſeine Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal behan⸗ delte ihn mit großer Achtung. Anton erfuhr, daß er ſeine Mutter und eine kranke Schweſter durch ſeinen Gehalt erhielt. Aber die größte Thätigkeit unter Allen, eine kriegeriſche, wahrhaft abſolute Feldherrnthätigkeit entwickelte Hexr Pir, erſter Disponent des Prodinzialgefchäfts. An der Thür des vordern Comtoirs begann ſeine Herrſchaft und erſtreckte ſich durch das ganze Haus, bis weit hinaus auf die Straße, Er war der Gott aller Kleinkrämer aus der Provinz, die ihre laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen für den Chef des Hauſes und erwies ihnen dafür die Ehre, ſich um ihre Frauen und Kinder zu bekümmern. Er hatte die ganze Spedition der Handlung unter ſich, regierte ein halbes Dutzend Hausknechte und eben ſo viele Auflader, ſchalt die Fuhrleute, kannte und wußte Alles, war immer auf dem Platz und verſtand es, in demſelben Augenblick einer 4 * 1 1 Krämersfrau zur Entbindung ihrer Tochter zu gratuliren, ei nen Bettler gröblich anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Zünglein an der großen Waage zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen Widerſpruch vertragen und verfocht ſeine Anſicht ſelbſt gegen den Prin⸗ zipal mit einer Hartnäckigkeit, welche unſerm Anton einige Male Entſetzen erregte. Außerdem beſaß Herr Pir als Ge⸗ ſchäftsmann zwei Eigenſchaften von wahrhaft wiſſenſchaͤft⸗ licher Bedeutung: er konnte von jedem Häufchen Kaffebohnen angeben, in welchem Lande daſſelbe gewachſen war, und ver⸗ mochte leere Räume im Hauſe und deſſen Umgegend eben ſo wenig zu vertragen, wie die Luft und die Philoſophie einen leeren Raum vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein Treppenverſchlag, ein Kellerloch aufzuſpüren war, da ſiedelte ſich Herr Pix mit Tonnen, Leiterbäumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen an, und wo er und ſeine Bande, die Rieſen, ſich einmal feſtgeſetzt hatten, ver⸗ mochte ſte keine Gewalt der Erde zu vertreiben, ſelbſt der Prinzipal nicht. „Wo iſt Wohlfart?“ rief Herr Schröter aus der Thür des vordern Comtoirs in den Hausflur. „Auf dem Boden,“ antwortete Herr Pix kaltblütig. „Was thut er dort?“ frug der Prinzipal verwundert. — In demſelben Augenblick hörte man oben im Hauſe leb⸗ hafte Stimmen, und Anton polterte die Treppe herunter, ge⸗ folgt von einem Hausknecht, beide beladen mit Cigarrenkiſten, hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und ſehr ärgerlich⸗ „Sie wollen uns oben nicht leiden,“ ſagte Anton lifrig zu Herrn Pix. — — 108— „Jetzt kommen ſie uns ſchon auf den Wäſchboden,“ ſagt die Tante eben ſo eifrig zum Prinzipal. 8 „Die Cigarren duͤrfen hier unten nicht ſtehen bleiben,“ erklärte Herr Pix dem Prinzipal und der Tante. „Unter den Wäſchleinen dulde ich keine Cigarren!“ rief die Tante;„kein Ort im Hauſe iſt mehr ſicher vor Herrn Pirx. Auch in die Kammern der Dienſtmädchen hat er Ci⸗ garren räumen laſſen; die Mädchen klagen, daß ſte es vor Tabakgeruch nicht mehr aushalten.“ „Es iſt trocken dort oben,“ agte Herr Pix zum Prin⸗ zipal.* „Können Sie die Cigarren nicht irgend anderswo unter⸗ bringen?“ frug der Prinzipal Herrn Pir rückſichtsvoll. „Es iſt unmöglich,“ antwortete Herr Pir beſtimmt. „Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wäſche noͤthig, liebe Tante?“ frug der Prinzipal die Dame. „Ich glaube, die Hälfte wäre genug,“ warf Herr Pir dazwiſchen. „ Ich hoffe, Sie werden ſich mit einer Ecke tegnügen,” entſchied der Prinzipal lächelnd.„Laſſen Sie ſogleich den Tiſchler einen Verſchlag machen.“ „Wenn Herr Pir erſt einmal auf dem Boden iſt, ſo wird er unſere Wäſche ganz verdrängen,“ klagte die erfah⸗ 4 rene Tante. „Es ſoll die letzte Bewilligung ſein, die wir hm machen;“ beruhigte ſie der Prinzipal. 8 Herr Pir lachte ſtill, wie die Tante oben behauptete, mit einem rebelliſchen Grinſen und gab unſerm Helden, ſobald ſich die beiden Autoritäten entfernt hatten, ſofort den Befehl, mit den Kiſten wieder hinauf zu ziehen. Anm größten aber war Herr Pir, ſo oft ſeine Vertrauten, die reiſenden Commis des Geſchäftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurückkehrten. Dann ſetzte ſich das Provinzial⸗ geſchäft im Hinterhauſe zuſammen und verarbeitete die Neuigkeiten des Landes. Dann entfaltete Herr Pir ſeine genaue Bekanntſchaft mit allen Geſchäftsleuten der Provinz, mit ihren Vermögensverhältniſſen und ihrer Gemüthsart und verfügte in kurzen, aber gewichtigen Worten, wie viel an Vertrauen und Credit den kleinen Handlungen zu ſchenken ſei. Dann wurde Punſch getrunken und Solo geſpielt, welches Spiel ſeines monarchiſchen Charakters wegen von Herrn Pix am meiſten geſchätzt wurde, doch behandelte er auch hier alle Compagniegeſchäfte mit Verachtung. Was aber Herrn Pir in dem Auge der Mitwelt das größte Anſehen gab, das waren die Rieſen, welche um die große Waage herum nach ſeinem Befehle ſchalteten, hohe breitſchultrige Männer mit herkuliſcher Kraft. Wenn ſie die großen Tonnen zuſchlugen und rollten und mit Centnern umgingen, wie gewöhnliche Menſchen mit Pfunden, ſo er⸗ ſchienen ſie dem neuen Lehrling wie die Ueberreſte eines alten Volkes, von dem die Mährchen erzählen, daß es einſt auf deutſchem Boden gehauſt und mit thurmhohen Felsblö⸗ cken Märmel geſpielt habe. Bald merkte Anton, daß ſie ſelbſt nicht einem Stamme angehörten. Da waren zuerſt ſechs Hausknechte, alle von der Natur aus zähem Holz übe Lebensgröße ausgeführt. Sie gehörten ganz der Hand an, waren die regelmäßigem Untergebenen des ſchm — 110— Pinſels, ja mehrere von ihnen wohnten im Hauſe ſelbſt und hatten allnächtlich der Reihe nach die Wache. Von neun Uhr ab ſaß dann Pluto, der Newfoundländer des Fräulein, neben einer rieſigen Geſtalt ſchweigend im Schatten eines großen Faſſes. Dieſe Hausknechte, wie groß ſie auch waren und wie ſtark, ſahen doch den Söhnen ſterblicher Menſchen noch in manchen Stücken ähnlich. Daneben aber bildeten die Auflader der Kaufmannſchaft eine beſondere Corporation, welche auf dem Packhof vor dem Thore ihr Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den großen Waa⸗ renhandlungen der Stadt ſchaffte oder abholte. Dieſe waren die mächtigſten unter den Rieſen, und Einzelne unter ihnen von einer Körperkraft, wie ſie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie hatten mit vielen Handlungen der Stadt zu thun, aber das alte angeſehene Haus von T. O. Schröter war die irdiſche Stätte, auf der ſie ſich am liebſten herabließen, mit der kleinen Gegenwart zu verkehren. Seit mehr als einem Menſchenalter war der Chef dieſes Hauſes der erſte Vorſtand ihrer Corporation geweſen. So hatte ſich ein Clientenverhältniß zu der Firma gebildet. Herr Schröter empfing am Neujahr als Erſter ihren Glückwunſch und wurde Pathe ſämmtlicher Rieſenkinder, welche im Lauf des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der dienſtthuenden Heb⸗ amme hinunterdrückten bis auf das Taufbecken und den Geiſtlichen durch ihre ungeheuren Köpfe ſo beunruhigten, ddaß er ſeine Stimme zur Stärke des Donners erhob, um en Teufel aus ihnen herauszutreiben. ainter dieſen Lederſchürzen war Sturm, ihr Oberſter, r der größte und ſtärkſte, ein Mann, der enge Hintergaſſen — 111— vermied, um ſeine Kleider nicht auf beiden Seiten der Mauer zu reiben. Er wurde gerufen, wenn eine L Laſt ſo ſchwer war, daß ſeine Kameraden ſie nicht bewältigen konnten, dann ſtemmte er ſeine Schulter an und ſchob die größten Fäſſer weg, wie Holzklötzchen. Es ging von ihm die Sage, daß er einmal ein polniſches Pferd mit allen vier Beinen in die Höhe ge⸗ hoben hätte, und Herr Specht behauptete, es gebe für ihn nichts Schweres auf der Erde. Ueber ſeinem großen Körper glänzte ein breites Geſicht von natürlicher Gutherzigkeit, welche nur durch die Würde gebändigt wurde, die ein. Mann von ſeiner Stellung beſitzen mußte. Er ſtand zur Firma in einem beſonders freundſch haftlichen Verhältniß und beſaß ein einziges Kind, an dem er mit großer Zärtlichkeit hing. Der Knabe hatte ſeine Mutter früh verlo⸗ ren, und der Vater hatte ihn als funfzehnjährigen Burſchen in der Handlung von T. O. Schröter untergebracht in einer eigenthümlichen Stellung, die er ſelbſt für ihn ausgedacht: Karl Sturm war unter den Hausknechten ungefähr daſſelbe, was Fink im Comtoir war, ein Volontair, er trug ſeine Le⸗ derſchürze und ſeinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes Verdienſt zu einem ausgedehnten Wirkungs⸗ kreis gekommen. Er genoß das Vertrauen aller Mitglieder der Handlung, wußte in jedem Winkel des Hauſes Beſcheid⸗ ſammelte alle Bindfaden und Schnüre, alle Nägel und alle Faßdauben, hob alles Packpapier auf, fütterte den Pluto und unterſtützte den Bedienten beim Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgend eine Tonne, ein Bret, ein alter Waarenreſt lag. Wenn ein Nagel einzuſchlagen war, ſo wurde Karl gerufen; ſo oft ein Stemmeiſen verlegt —— — 112— war, Karl wußte es zu ſchaffen; wenn die Tante den Win⸗ tervorrath von Schinken und Würſten aufhob, ſo verſtand Karl am beſten, dieſe Schätze einzupacken, und wenn Herr Schröter eine ſchnelle Beſtellung auszurichten hatte, ſo war Karl der zuverläſſigſte Bote. Zu Allem anſtellig, immer gu⸗ ter Laune und nie um Auskunft verlegen, war er ein Günſt⸗ ling aller Parteien, die Auflader nannten ihn„unſer Karl,“ und der Vater wandte ſich oft von ſeiner Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu werfen. Nur in einem Punkte war er nicht mit ihm zufrieden, Karl gab keine Hoffnung, ſeinem Vater in Größe und Stärke gleich zu werden. Er war ein hübſcher Burſch mit rothen Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem Gutachten aller Rieſen war für ſeine Zukunft keine andere als eine mäßige Mittelgröße zu erwarten. So kam es, daß der Vater ihn als eine Art Zwerg behandelte, mit unaufhörlicher Schonung und nicht ohne Wehmuth. Er verbot ſeinem Sohne, beim Aufladen ſchwerer Frachtgüter anzugreifen, und wenner plötzlich von einem Vatergefühl ergriffen wurde, ſo legte er die Hand vorſichtig auf den Kopf ſeines Karls in der unbeſtimmten Furcht, daß die Köpfe von Zwergen nur die Dicke einer Eier⸗ ſchale hätten und bei einem kräftigen Druckzerbrechen müßten. „Es iſt einerlei, was das Ding lernt,“ ſagte er zu Herrn Pir, als er den Knaben nach der Confirmation im Geſchäft einführte,„wenn er nur Zweierlei lernt: ehrlich ſein und praktiſch ſein.“ Dieſe Rede war ganz nach dem Herzen des Herrn Pirx. Und der Vater fing ſeine Lehre auf der Stelle damit an, daß er den Sohn in das große Ge⸗ wölbe unter die offenen Vorräthe führte und zu ihm ſagte: 4 — 113— „Hier ſind die Mandeln, und hier die Roſinen; dieſe in dem kleinen Faß ſchmecken am beſten, koſte einmal.“ „Sie ſchmecken gut, Vater,“ rief Karl vergnügt. „Ich denk's, Liliputer,“ nickte der Vater.„Sieh, aus allen dieſen Fäſſern kannſt du eſſen, ſo viel du willſt, kein Menſch wird dir's wehren; Herr Schröter erlaubt dir's, Herr Pir erlaubt dir's, ich erlaube dir's. Jetzt merke auf, mein Kleiner. Jetzt ſollſt du probiren, wie lange du vor dieſen Tonnen ſtehen kannſt, ohne hineinzugreifen. Je län⸗ ger du's aushältſt, deſto beſſer für dich; wenn du's nicht mehr aushalten kannſt, kommſt du zu mir und ſagſt: es iſt genug. Das iſt gar kein Befehl für dich, es iſt nur wegen dir ſelber und wegen der Ehre.“ So ließ der Alte den Kna⸗ ben allein, nachdem er ſeine große dreiſchalige Uhr heraus⸗ gezogen und auf eine Kiſte neben ihn gelegt hatte.„Ver⸗ ſuch's zuerſt mit einer Stunde,“ ſagte er im Weggehen, „geht'’s nicht, ſo ſchadet's auch nicht. Es wird ſchon wer⸗ den.“ Der Junge ſteckte trotzig die Hände in die Hoſentaſchen und ging zwiſchen den Fäſſern auf und ab. Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden kam er die Uhr in der Hand zum Vater heraus und rief:„Es iſt genug.“ „Zwei und eine halbe Stunde,“ ſagte der alte Sturm und winkte vergnügt Herrn Pix zu.„Jetzt iſt's gut, Kleiner, jetzt brauchſt du den übrigen Tag nicht mehr in das Gewölbe zu gehen. Komm her, du ſollſt dieſe Kiſte zuſammenſchla⸗ gen; hier iſt ein neuer Hammer für dich, er koſte zehn Groſchen.“ „Er iſt nur acht werth,“ ſagte Karl den Pamnmi be⸗ trachtend,„du kaufſt immer zu theuer.“ 1. — 114— So wurde Karl eingeführt. Am erſten Morgen, nach⸗ dem Anton gekommen war, ſagte Karl zu ſeinem Vater in dem Hausflur:„Es iſt ein neuer Lehrling da.“ „Was iſt's für einer?“ frug der Alte. „Er hat einen grünen Rock und graue Hoſen, es iſt Mitteltuch; er iſt nur wenig größer als ich. Er hat ſchon mit mir geſprochen, es ſcheint ein guter Kerl. Gieb mir“ dein Taſchenmeſſer, ich muß ihm einen neuen Holznagel in ſeinen Kleiderſchrank ſchneiden.“ „Mein Meſſer, du Knirps?“ rief Sturm auf ſeinen Sohn herunterſehend mit tadelnder Stimme,„du haſt ja dein eigenes.“ „Zerbrochen,“ ſagte Karl unwillig. „Wer hat's gekauft?“ frug Sturm. „Du haſt's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbärm⸗ liches Ding, wie für ein Wickelkind.“ „Ich konnte dir doch kein ſchweres kaufen für deine kleine Hand,“ frug der Vater gekränkt. „Da haben wir's,“ ſagte Karl, ſich vor den Vater hin⸗ ſtellend,„wenn man dich hört, muß man glauben, ich wäre eine Kaulquabbe von Gaſſenjungen, die ihre Hoſen noch an die Jacke knöpft und hinten ein weißes Schwänzchen trägt.“ Die Aufläder lachten.„Sei nicht aufſätzig gegen deinen Vater,“ ſagte Sturm und legte ſeine Hand behutſum auf den Kopf des Sohnes. „Sieh, Vater, da iſt der Lehrling,“ rief Karl und betrachtete Anton, der jetzt für ihn zum Invenkminm des Hauſes gehörte, mit prüfenden Blicken. Herr Pir ſtellte Anton dem Rieſen vor, und Anton di ³ 3 ³ 3 — 115— wieder mit Achtung zu dem Rieſen aufſehend,„ich war noch nie in einem Geſchäft, ich bitte auch Sie, mir zu helien wo ich nicht Beſcheid weiß.“ „Alles Ding will gelernt ſein,“ erwiederte der Rieſe mit Würde.„Da iſt mein Kleiner hier, der hat in einem Jahre ſchon hübſch etwas losgekriegt. Alſo Ihr Vater iſt nicht Kaufmann?“ „Mein Vater war Beamter, er iſt geſtorben,“ erwiederte Anton. „Oh, das thut mir leid,“ ſagte der Auflader mit be⸗ trübtem Geſicht.„Aber Ihre Frau Mutter kann ſich doch über Sie freuen.“ „Sie iſt auch geſtorben,“ ſagte Anton wieder. „Oh, oh, oh!“ rief der Rieſe bedauernd und ſann er⸗ ſtaunt über das Schickſal Antons nach. Er ſchüttelte lange den Kopf und ſagte endlich mit leiſer Stimme zu ſeinem Karl:„Er hat keine Mutter mehr.“— „Und keinen Vater,“ erwiederte Karl ebenſo. „Behandle ihn gut, Liliputer,“ ſagte der Alte,„du biſt gewiſſermaßen auch eine Waiſe.“ „Na,“ rief Karl, auf die Schürze des Aufladers ſchla⸗ gend,„wer einen ſo großen Vater hat, der hat Sorge genug.“ „Weißt du, was du biſt? Du biſt ein kleines Unge⸗ thüm,“ ſagte der Vater und ſchlug luſtig mit dem Schlägel auf die Reifen eines Faſſes. Seit der Zeit ſchenkte Karl dem neuen Lehrling feine Gunſt. Wenn er am Morgen auf die Stiefelſohlen deſſelben No. 14 geſchrieben hatte, ſo ſtellte er die Stiefeln mit be⸗ ſhüdeen Sorüfälts zur Seite; er nähte ihm ſchadhafte Knöpfe . 8* 4 — 116— an die Kleider und war, ſo oft Anton an der Waage zu thun hatte, gern an ſeiner Seite, ihm etwas zuzureichen und die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben. Anton vergalt dieſe Dienſte durch freundliches Weſen gegen Vater und Sohn, er unterhielt ſich gern mit dem aufgeweckten Burſchen und wurde der Vertraute von manchen kleinen Lieb⸗ habereien des Praktikers. Und als die nächſte Weihnacht herankam, veranſtaltete er bei den Herren vom Comtoir eine Sammlung, kaufte dafür einen großen Kaſten mit gutem Handwerkszeug und machte dadurch Karl zu dem glücklichſten aller Sterblichen. Aber auch mit allen großen Herren der Handlung ſtand Anton auf gutem Fuß. Er hörte die verſtändigen Urtheile des Herrn Jordan mit großer Achtung an, bewies Herrn Pir einen aufrichtigen und unbedingten Dienſteifer, ließ ſich von Herrn Specht in politiſchen Combinationen unterrichten, las alle Miſſionsberichte, welche ihm Herr Baumann anver⸗ traute, erbat ſich von Herrn Purzel niemals Vorſchüſſe, ſon⸗ dern wußte mit dem Wenigen auszukommen, was ihm ſein Vormund ſenden konnte, und ermunterte oft durch ſeine leb⸗ hafte Beiſtimmung Herrn Liebold, irgend eine unzweifghafte Wahrheit auszuſprechen und dieſelbe nicht durch ſofortigen Widerruf zu vernichten. Mit ſämmtlichen großen Herren der Handlung ſtand er auf gutem Fuß, nur mit einem Ein⸗ zigen wollte es ihm nicht glücken, und dieſer eine war der Volontair des Geſchäftes. An einem ſinſtern Nachmittage ſah das Comtoir in der Dämmerung der kurzen Tage grau und unheimlich aus, melancholiſch tickte die alte Wanduhr und jeder Eintretende — 117— brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche den Raum nicht anmuthiger machte. Da gab Herr Jordan unſerm Helden den Auftrag, in einer andern Handlung eine ſchleunige Beſorgung auszurichten. Als Anton an das Pult des Procuriſten trat, um den Brief in Empfang zu nehmen, ſah Fink von ſeinem Platz auf und ſagte zu Jordan: „Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum Büchſenmacher, der Taugenichts ſoll ihm mein Gewehr mitgeben.“ Unſerm Helden ſchoß das Blut ins Geſicht, er ſagte eifrig zu Jordan:„Geben Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.“ „So?“ frug Fink und ſah verwundert auf;„und warum nicht, mein Hähnchen?“ „Ich bin nicht Ihr Diener,“ antwortete Anton erbittert. „Hätten Sie mich gebeten, den Gang für Sie zu thun, ſo würde ich ihn vielleicht gemacht haben, aber einem Auftrage, der mit ſolcher Anmaßung gegeben iſt, folge ich nicht.“ „Einfältiger Junge,“ brummte Fink und ſchrieb weiter. Das ganze Comtoir hatte die ſchmähenden Worte ge⸗ höra alle Federn hielten ſtill, und alle Herren ſahen auf Anton. Dieſer war in der größten Aufregung, er rief mit etwas bebender Stimme, aber mit blitzenden Augen:„Sie haben mich beleidigt, ich dulde von Niemandem eine Belei⸗ digung, am wenigſten von Ihnen. Sie werden mir heut Abend darüber eine Erklärung geben.“ „Ich prügele Niemanden gern,“ ſagte Fink friedfertig, „ich bin kein Schulmeiſter und führe keine Ruthe.“ „Es iſt genug,“ rief Anton todtenbleich,„Sie ſollen mir — 118— Rede ſtehen,“ ergriff ſeinen Hut und ſtürzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus. Draußen rieſelte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er fühlte ſich vernichtet, geſchmäht, gehöhnt von einem Stärkeren, tödtlich gekränkt in ſeinem jungen, harm⸗ loſen Selbſtgefühl. Sein ganzes Leben ſchien ihm zerſtört, er kam ſich hilflos vor auf ſeinem Wege, allein in einer fremden Welt. Gegen Fink empfand er etwas, was halb glühender Haß war, und halb Bewunderung; der freche Menſch erſchien ihm auch nach dieſer Beleidigung ſo ſicher und überlegen, und er ſelbſt empfand ſiche ſehr ſchwach. Es wurde ihm ſchwer ums Herz, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. So kam er an das Haus, wo er ſeinen Auf⸗ trag auszurichten hatte. Vor der Thür hielt der Wagen ſeines Prinzipals, er huſchte mit niedergeſchlagenen Augen vorbei und hatte kaum Faſſung genug, in dem fremden Comtoir ſein Unglück zu verbergen. Als er wieder heraus⸗ kam, traf er im Hausflur mit der Schweſter des Prinzipals zuſammen, welche im Begriff war, in den Wagen zu ſteigen. Er grüßte und wollte neben ihr vorbeiſtürzen, Sabine blieb an der Hausthür ſtehen und ſah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutſcher ſprach vom Bock nach der an⸗ dern Seite herab laut mit einem Bekannten. Anton trat erzu, rief den Kutſcher an, öffnete den Schlag und hob das Fräulein in den Wagen. Sabine hielt den Schlag zurück, den er zuwerfen wollte, und blickte ihm fragend in das ver⸗ ſtörte Geſicht.„Was fehlt Ihnen, Herr Wohlfart?“ frug ſie leiſe. „Es wird vorübergehen,“ erwiederte Anton mit zuckender 2 8 4 5 4 — 119— Lippe und einer Verbeugung und ſchloß die Wagenthür. Sabine ſah ihn noch einen Augenblick ſchweigend an, dann neigte ſie ſich gegen ihn und zog ſich zurück, der Wagen fuhr davon. So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Ge⸗ danken Antons eine andere Richtung. Sabinens Frage und ihr Gruß waren in dieſem Augenblick eine Beſchwörung ſeiner Muthloſigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag Achtung, und ein menſchlicher Antheil in ihren Worten. Die Frage, der Gruß, der kleine Ritterdienſt, den er der jungen Herrin des Hauſes geleiſtet hatte, erinnerten ihn, daß er kein Kind ſei, nicht hilflos, nicht ſchwach und nicht allein. Ja auch in ſeiner beſcheidenen Stellung genoß er die Achtung Anderer, und er hatte ein Recht darauf, und er hatte die Pflicht, ſich dieſe Achtung zu bewahren. Er erhob ſein Haupt, und ſein Entſchluß ſtand feſt, lieber das Aeu⸗ ßerſte zu thun, als den Schimpf zu ertragen. Erhielt die Hand in die Höhe, wie zum Schwur. Als er in das Comtoir zurückkam, richtete er mit ent⸗ ſchiedenem Weſen ſeine Beſorgung aus, ging ſchweigend und unbekümmert um die neugierigen Blicke der Herren an ſeinen Platz und arbeitete weiter. Nach dem Schluß des Comtoirs eilte er auf Fordans Zimmer. Er fand bereits die Herren Pir und Specht da⸗ ſelbſt vor, in dem gemüthlichen Eifer, welchen jede ſolche Scene bei Unbetheiligten zu erzeugen pflegt. Die drei⸗ Herren ſahen ihn zweifelhaft an, wie man einen armen Teu⸗ fel anſieht, der vom Schickſal mit Fäuſten geſchlagen iſt, et⸗ was verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verächtlich. Anton — 120— ſagte mit einer Haltung, die in Betracht ſeiner geringen Er⸗ fahrung in Ehrenſachen anerkennungswerth war:„Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden und habe die Abſicht, mir dieſe Beleidigung nicht gefallen zu laſſen. Sie Beide, Herr Jordan und Herr Pir, ſind im Geſchäft meine Vorge⸗ ſetzten, und ich habe große Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wünſche ich vor Allem zu wiſſen, ob Sie in dem Streite ſelbſt mir vollkommen Recht geben.“ Herr Jordan ſchwieg vorſichtig, aber Herr Pix zündete entſchloſſen eine Cigarre an, ſetzte ſich auf den Holzkorb am Ofen und erklärte:„Sie ſind ein guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat Unrecht, das iſt meine Meinung.“ „Meine Meinung iſt es auch,“ ſtimmte Herr Specht bei. „Es iſt gut, daß Sie ſich an uns gewandt haben,“ ſagte Herr Jordan;„ich hoffe, der Streit wird ſich beilegen laſſen; Fink iſt oft rauh und kurz angebunden, aber er iſt nicht mmalitiös.“ „Ich ſehe nicht ein, wie die Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn ich nicht die nöthigen Schritte thue,“ rief Anton finſter. Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen?“ frug Herr Jordan mißbilligend,„das würde allen Herren unangenehm ſein.“ „Mir am meiſten,“ erwiederte Anton,„ich weiß, was ich zu thun habe, und wünſche nur vorher noch von Ihnen die Erklärung, daß Fink mich unwürdig behandelt hat.“ „Er iſt Volontair,“ ſagte Herr Jordan,„und hat kein Recht, Ihnen Aufträge zu geben, am wenigſten in ſeinen Prioaͤtgeſchäften mit Haſen ünd Rebhühnern. 5 1 — 121— „Das genügt mir,“ ſagte Anton,„und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan, mich einen Augenblick unter vier Augen anzu⸗ hören.“ Er ſagte das mit ſo viel Ernſt, daß Herr Jordan ſtillſchweigend die Thuͤr ſeiner Schlafkammer aufmachte und mit ihm eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des Pro⸗ curiſten, drückte ſie kräftig und ſprach:„Ich bitte Sie um einen großen Dienſt; gehen Sie hinab zu Herrn von Fink und fordern Sie von ihm, daß er mir morgen, in Gegen⸗ wart der Herren vom Comtoir, das abbittet, was er von beſchimpfenden Ausdrücken gegen mich gebraucht hat.“ „Das wird er ſchwerlich thun,“ ſagte Herr Jordan kopfſchüttelnd. „Wenn er es nicht thut,“ ſagte Anton heftig,„ſo for⸗ dern Sie ihn von mir auf Degen oder Piſtolen.“ Wenn vor Herrn Jordan plötzlich aus ſeiner Tinten⸗ flaſche ein ſchwarzer Rauch geſtiegen wäre, wenn dieſer Rauch ſich zu einem fürchterlichen Geiſte zuſammengeballt hätte, wie in jenem alten Märchen, und wenn dieſer Geiſt die Abſicht ausgeſprochen hätte, Herrn Jordan ſofort zu erdroſſeln, ſo hätte dieſer Herr nicht beſtürzter daſtehen können, als er jetzt unſerm Helden gegenüberſtand.„Sie ſind des Teufels, Wohlfart,“ rief er endlich,„Sie wollen ſich mit Herrn von Fink duelliren, und er iſt ein toller Pi⸗ ſtolenſchütz, und Sie ſind Lehrling und erſt ſeit einem halben Jahre im Geſchäft, das iſt ja unmöglich!“ „Ich bin Primaner geweſen und habe mein Abiturien⸗ teneramen gemacht, und waͤre jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen hätte, Kaufmann zu werden!— Verwünſcht ſei das Geſchäft, wenn es mich ſo erniedrigt, daß ich meinen — 122— Feind nicht mehr fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu Herrn Schröter und erkläre ihm meinen Austritt,“ rief Anton mit flammenden Augen. Herr Jordan ſah mit größtem Erſtaunen auf ſeinen gut⸗ müthigen Schüler, der auf einmal als phantaſtiſcher Rieſe vor ihm umher flackerte.„Seien Sie nur nicht ſo heftig, lieber Wohlfart,“ bat er begütigend,„ich werde zu Fink hinunter gehen, vielleicht läßt ſich Alles im Guten ausgleichen.“ „Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir,“ rief Anton wieder,„Abbitte oder Satisfaction.“ Es war wohlthuend, unterdeß die beiden Herren in der Nebenſtube zu beobachten. Pir hatte als kluger Feldherr⸗ mit einem Ruck ſeinen Holzkorb in die Nähe der Kammerthür geſchoben und ſaß ſcheinbar gleichgiltig da, nur mit ſeiner Cigarre beſchäftigt, während Herr Specht ſich nicht enthalten konnte, das Ohr an die Thür zu legen.„Sie ſchießen ſich!“ flüſterte Herr Specht, entzückt über die großen Empfindungen, welche dieſer Streit hervorzurufen verſprach.„Paſſen Sie auf, Pir, es wird ein furchtbares Unglück; wir Alle müſſen zum Begräbniß gehen, Keiner darf fehlen. Ich wirke die Er⸗ laubniß aus, daß wir Junggeſellen die Leiche tragen dürfen.“ „Weſſen Leiche?“ frug Herr Pix verwundert. „Wohlfart muß daran glauben,“ rief Herr Spocht wie⸗ der in dumpfem Flüſterton. „Unſinn,“ ſagte Herr Pix,„Sie ſind ein Narr!“ „Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzüglich⸗ keiten,“ rief,Herr Specht wieder flüſternd und nach dem Beiſpiel Antons entſchloſſen, ſich nichts gefallen zu laſſen. „Schreien Sie mir nicht ſo ins Ohr,“ ſagte Herr Pir —— — 123— unbewegt,„man kann nichts verſtehen.“ In dem Augenblick öffnete ſich die Thür, Herr Specht ſprang an ein entferntes Fenſter und ſtarrte angelegentlich in die finſtere Regennacht, während Pix unſerm Anton die Hand ſchüttelte und ihm erklärte, er ſei ein tüchtiger Mann und das Provinzialgeſchäft ſei ganz auf ſeiner Seite.— Herr Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder herauf; Herr von Fink war nicht zu Hauſe. Wahrſcheinlich ſaß der Jokei ahnungslos in ir⸗ gend einer Weinſtube. Anton ſagte darauf:„Ich laſſe die Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm ſchreiben und den Brief durch den Bedienten auf ſeinen Tiſch legen laſſen.“ „Thun Sie das nicht,“ bat Herr Jordan,„Sie ſind jetzt zu zornig.“ 3 „Ich bin ſehr ruhig,“ erwiederte Anton mit heißen Wangen;„ich werde ihm nur das Nöthige ſchreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, daß Sie über Alles, was Sie hier gehört haben, gegen die Andern ſchweigen.“ 3 Das verſprachen die Herren. Darauf ging er auf ſein Zimmer und ſchrieb einen Brief, in dem er Herrn von Fink ſein Unrecht vorhielt und ihm ſchließlich die Wahl ließ, ob er durch Schläger oder Piſtolen das verletzte Selbſtgefühl Antons ausbeſſern wollte. Der Brief war für einen jungen Gentleman gut genug geſchrieben und wurde neben den Wachsſtock des Herrn von Fink in deſſen Stube niedergelegt, nachdem Herr Specht dem Bedienten noch auf der Treppe eingeſchärft hatte, mit Kreide drei groß Ausrufungszeichen auf den Tiſch zu malen; wahrſcheinlich ſollten ſie die Stelle der Späne vertreten, welche die Boten der heiligen Vehme aus dem Burgthor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton — 124— blieb den Reſt des Abends auf ſeinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab ſchritt, bald die Scene der Beleidigung, bald die zu erwartende Scene dramatiſch auseinander legte und jede Art von Gefühlen durcharbeitete, welche bei einem armen Jungen vor dem erſten Duell unvermeidlich ſind. Unterdeß wurde im Zimmer des Herrn Jordan große Sitzung des geſammten Geſchäfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht verſprochen hatten, zu ſchweigen, be⸗ ſchränkten ſie ſich auf ſo myſteriöſe und finſtere Andeutungen, daß bei einem Theil der Herren die Anſicht entſtand, ein Mord ſei entweder ſchon vollbracht, oder doch jeden Augen⸗ blick zu fürchten, bis endlich Herr Jordan das Wort ergriff: „Da die Differenz doch kein Geheimniß iſt, und die Sache uns Alle angeht, ſo iſt es am beſten, wenn wir ſie unter ein⸗ ander beſprechen und uns ſämmtlich Mühe geben, die nach⸗ theiligen Folgen zu verhüten. Ich werde aufbleiben, bis Fink zurückkommt, und ſogleich mit ihm reden. Unterdeß muß ich Wohlfart das Zeugniß geben, daß er ſich ſoſgewandt benommen hat, wie bei einem jungen Mann ohne Erfah⸗ rung nur möglich iſt.“ Alle ſtimmten eifrig bei. Darauf geriethen der Zollcommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine lebhafte Erörterung über die verſchiedenen Arten der Duelle, und Herr Specht behauptete, beim Schießen über das Schnupftuch würden den Duellanten mit einem ſeidenen Taſchentuch die Augen verbunden, und dieſelben auf ihren Standorten ſo lange im Kreiſe herumgedreht, bis der Kampf⸗ richter mit ſeinem Stock aufflopfe, worauf ihnen frei ſtehe, hinzuſchießen, wohin ſie wollten. Herr Baumann ſtahl ſich zuerſt aus der Geſellſchaft fort und ging zu Anton, drückte — 125— dieſem herzlich die Hand und bat ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menſchenleben auf das Spiel zu ſetzen. Nachdem er Abſchied genommen hatte, fand Anton auf ſeinem Tiſch ein kleines Exemplar des Neuen Teſtaments aufgeſchlagen und darin durch ein großes Ohr den heiligen Spruch bezeichnet:„Segnet, die euch fluchen.“ Anton war grade nicht in der Stimmung, den Sinn dieſer Worte zu befolgen. Aber er ſetzte ſich doch vor das Buch und las darin die Sprüche, welche er als Kind ſeiner guten Mutter ſo oft aufgeſagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieſer Stimmung zu Bette. Unterdeß drang das Gerücht von einem furchtbaren Er⸗ eigniß durch alle Schlüſſellöcher, Ritze und Kammern des alten Hauſes. Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich für einen Gaſt, aber für jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes Zimmer. An den Wänden ſtanden mächtige Schränke von Eichen⸗ und Nußbaumholz mit ſchöner eingelegter Arbeit, in der Mitte ein großer Tiſch mit geſchnörkelten Beinen, darum einige alte Lehnſtühle. Aus den geöffneten Schränken glänzten im Lampenlicht un⸗ zählige Gedecke von Damaſt, hohe Terraſſen von Wäſche, Linnen und bunten Stoffen, Kryſtallgläſer, ſilberne Pocale, Porcellan und Fayence im Geſchmack von mehr als drei Ge⸗ nerationen. Die Luft war mit einem kräftigen Duft erfüllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und friſcher Wäſche aufſtieg. Hier herrſchte Sabine allein. Nur ungern ſah ſie einen fremden Fuß eintreten; was aus den Schränken genommen wurde und wieder hineinkam, hob ſte mit eigenen 5 — 126— Händen; nur der treue Diener hatte das Vorrecht, ihr an ſchweren Tagen zu helfen, und zuweilen Karl Sturm, ſein Adjutant, der gewiſſe roſafarbene Pappkarten zum Zeichnen der Wäſche anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf ſchrieb. Heut ſtand Sabine noch ſpät vor dem Tiſch, der mit weißer Wäſche belaſtet war; ſie ſuchte die Nummern des fei⸗ nen Damaſts zuſammen, zählte und ſortirte Tiſchdecken und Servietten, band große Bündel mit Roſabändern zuſammen und hing die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt ſte ein Stück näher an das Licht und ſah mit Behagen auf die weißen Arabesken, welche die Kunſt des Webers hineinge⸗ würkt hatte. Da flog ein dunkler Schatten übar ihr Antlitz und traurig ſah ſie auf einige wunderfeine Servietten, in welche zahlreiche kleine Löcher geſtochen waren, je drei oder vier in einer Reihe. Endlich rief ſie den Bedienten.„Es iſt nicht mehr auszuhalten, Franz, auch in No. 24 ſind wie⸗ der drei Servietten mit der Gabel durchſtochen. Einer der Herren ſticht in das Tiſchzeug! Das iſt bei uns doch nicht nöthig.“ „Nein,“ ſagte der Vertraute tunmersoll„ ich ſelbſ habe ja das Silberzeug unter mir, ich weiß am beſten, daß es nicht nöthig iſt.“ „Wer von den Herren iſt ſo rückſichtslos?“ hend Sabine ſtreng.„Es muß einer der Neuen ſein.“ „Herr von Fink iſt es,“ klagte der Diener, wer ſiicht jedesmal vor dem Eſſen zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es giebt mir jedesmal einen Stich durch's Herz, Fräulein Sabine. Aber Herrn von Fint f kunn ich doch nichts ſagen.“ 1 ———y „— — 127— Sabine hing den Kopf über die zerſtochenen Servietten. „Ich wußte, daß er es war,“ ſeufzte ſie.—„Aber das darf nicht ſo fortgehen. Ich werde Ihnen für Herrn von Fink eine beſondere Nummer herausgeben, die müſſen wir opfern, bis ſich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, daß er von ſeinen Angriffen abläßt.“ Sie trat zu dem Schrank und ſuchte lange. Es war eine ſchwere Wahl. Zwar von den groben konnte ſie ohne Schmerz einige Dutzend miſſen, von den feinen aber war ihr jedes Gedeck ans Herz gewachſen. Eines freilich mehr als das andere.—„Dieſes mag hin⸗ gehen,“ ſagte ſie endlich betrübt,„hier fehlt ohnedies eine Serviette.“ Sie ſah noch einmal auf das Muſter, kleine Pfauen, welche kunſtvoll durch Blumengewinde ſchritten, und legte die Nummer auf den Arm des Dieners.„Herr von Fink bekommt keine anderen Servietten, als dieſe,“ befahl ſie. Franz zgerte zu gehen.„Er hat auch in ſeiner Schlaf⸗ ſtube eine Gardine angebrannt,“ ſagte er unruhig.„Der Flügel wird nicht mehr zu brauchen ſein.“ „Und ſie war ganz neu,“ klagte Sabine.„Morgen früh nehmen Sie die Gardine ab.— Was haben Sie noch, Franz? Iſt etwas vorgefallen?“— „Ach, Fräulein,“ erwiederte der Diener geheimnißvoll, „drüben bei den Herren geht Alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart ſehr beleidigt, Herr Wohlfart iſt wüthend, es wird ein Duell geben, ſagt Herr Specht, die Herren fürchten ein großes Unglück.“ „Ein Duell,“ rief Sabine,„zwiſchen Fink und Wohl⸗ fart?“— Sie ſchüttelte den Kopf.„Sie haben wohl Herrn Specht mißverſtanden,“ fügte ſie lächelnd hinzu. — 128— „Nein, Fräulein Sabine, diesmal iſt es ernſthaft. Die Herren ſind alle bei einander. Es wird ein Unglück geben, Herr Wohlfart ging im größten Zorn an mir vorüber, er hat ſeinen Thee nicht angerührt.“ „Iſt mein Bruder noch nicht zurück?“ „Er kommt heut ſpät nach Hauſe, er iſt im Comité.“ „Es iſt gut,“ ſchloß Sabine.„Sie ſchweigen gegen Jedermann, Franz, hören Sie?“ Sabine ſetzte ſich wieder an den Tiſch, aber ihr Damaſt war vergeſſen. Sie blickte ſtarr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenſtern des Volontairs.„Er ſticht durch die Servietten,“ klagte ſie leiſe,„er wird ſich auch kein Gewiſſen daraus machen, eine Menſchenbruſt zu durchbohren! Das alſo war der Schmerz des armen Wohlfart!— Er kam zu uns, der wilde Gaſt, wie ein Wirbelwind über den blühenden Buſch, wo er anſchlägt, fallen die Blüthen zur Erde. Sein Leben iſt Wirrwarr, Aufregung, Getöſe. Was ihm nahe kommt, zieht er in ſeinen tollen Tanz. Auch mich! auch mich! Du ſtolzer und verwegener Geiſt, auch mir haſt du die Seele aufgeregt. Ich mühe mich, ich ringe Tag für Tag, aber immer wieder erfaßt mich ſein Zauber. So ſchön, ſo glänzend, ſo ſeltſam iſt er! Er ärgert mich täglich, und alle Tage muß ich an ihn denken, um ihn ſorgen, über ihn trauern. O meine Mutter, hier war's, wo ich zum letzten Nal zu deinen Füßen ſaß, hier übergabſt du mir die Schlüſſel des Hauſes! Du hielteſt die Hände ſegnend auf mein Herz. „Der Himmel behüte dir jeden Schlag,“ ſagteſt du unter Thränen und Küſſen. Jetzt ſchütze die Tochter, Geliebte, du mein Vorbild für alle Ueberlegung, für die Ordnung deines — 129— Hauſes, für ſ ſicheres Pflichtgefühl, behüte mir das laut po⸗ chende Herz. I Mache mich feſt gegen ihn, gegen ſein verfüh⸗ reriſches Lachen, gegen ſeinen übermüthigen Spott.“ So betete Sabine. Lange ſaß ſie in feierlicher Berathung mit den guten Geiſtern des Hauſes, dann fuhr ſie mit dem Tuch über die Augen, trat entſchloſſen an den Tiſch und fuhr fort, den Damaſt zu zählen und außuheben. Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, ſein Licht auszulöſchen, als kräftig an die Thür geklopft wurde, und der Mann hereintrat, den er in dieſem Augenblick am wenigſten von allen Sterblichen erwartete. Es war Herr von Fink mit ſeiner Reitpeitſche und ſeinem nachläſſigen Weſen. „Ah, Sie ſind ſchon zu Bett,“ ſagte der Jokei und ſetzte ſich rittlings auf einen Stuhl in der Nähe,„laſſen Sie ſich nicht ſtören! Sie haben mir einen gefühlvollen Brief ge⸗ ſchrieben, und Jordan hat mir das Uebrige erzählt; ich komme, Ihnen mündlich zu antworten.“ Anton ſchwieg und ſah von ſeinem Kopfkiſſen finſter auf den Gegner.„Ihr ſeid hier alle ſehr tugendhafte und ſehr empfindliche Leute,“ fuhr Fink fort und ſchlug mit ſeiner Peitſche an das Stuhlbein.„Es thut mir leid, daß Sie ſich meine Reden ſo zu Herzen ge⸗ nommen haben. Es freut mich aber, daß Sie ſo entſchloſſen ſind. Sie haben den ehrlichen Jordan in einen wahren Wärwolf verwandelt,“ fügte er lächelnd hinzu. „Bevor ich Sie weiter anhöre,“ ſagte Anton grollend, „muß ich wiſſen, ob Sie die Abſicht haben, mir für Ihre Be⸗ leidigung eine Ehrenerklärung vor den übrigen Herren zu geben. Ich weiß nicht, ob nach der ſchweren Kränkung, die Sie mir zugefügt haben, ein Anderer, der mehr Erfahrung 1 — 130— in Ehrenſachen hat, ſich mit einer ſolchen Erklärung begnü⸗ 4 genszürde. Ich habe das Gefühl, daß ich damit zufrieden ſein muͤßte.“ a fühlen Sie richtig, ſagte Fink kopfnickend;„Sie tönn damit zufrieden ſein.“ „Wollen Sie mir morgen dieſe Erklärung geben?“ frug Anton. „Warum denn nicht?“ ſagte Fink gleichgiltig;„ich habe keine Luſt, mich mit Ihnen zu ſchießen, und will Ihnen gern vor ſämmtlichen Correſpondenten und Procuriſten der Firma die Erklärung ausſtellen, daß Sie ein verſtänbiger und hoff⸗ nungsvoller junger Mann ſind, und daß ich Unrecht gethan habe, Jemanden zu kränken, der jünger, und verzeihen Sie den Ausdruck, um Vieles grüner iſt, als ich.“ Unſer Held hörte dieſe Worte mit gemiſchten Empfin⸗ dungen; es wurde ihm doch leichter ums Herz; aber die Manier Finks ärgerte ihn wieder ſehr und er ſagte ſich im Bette aufrichtend entſchloſſen:„Ich bin mit dieſer Lrflirung noch nicht zufrieden, Herr von Fink.“ 4 „Ei,“ ſagte Fink,„was verlangen Sie noch?“ „Sie gefallen mir auch in dieſem Augenblick nicht,“ ſprach Anton,„Sie ſind wieder rückſichtsloſer gegen mich, als gegen einen Fremden ſchicklich iſt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und wenig von der Welt kenne, und ich glaube, daß Sie mich in vielen Dingen überſehen, aber eben deßhalb wäre es hübſcher von Ihnen, wenn Sie freundlich und gütig gegen mich wären.“ Anton ſagte dies mit einer Bewegung, welche ſeinem Gegner nicht entging. Fink ſtreckte ſeine geöffnete Hand gutmüthig über das Bett und ſprach: — 131— „Seien Sie nur nicht wieder böſe und geben Sie mir Ihre Hand.“ 8 „Ich möchte gern,“ rief Anton mit hervorbrechender 2 Rührung,„aber ich kann noch nicht; ſagen Sie mir zuvor, daß Sie den Streit mit mir nicht deßwegen ſo leicht behan⸗ deln, weil Sie mich für zu jung und zu gering halten, oder weil Sie von Adel ſind, und ich nicht.“ „Hört, Maſter Wohlfart,“ ſagte Fink,„Ihr ſetzet mir das Meſſer verzweifelt an die Kehle. Weil Ihr aber in Eu⸗ rem reinen weißen Hemdchen ſo unſchuldig vor mir liegt, ſo will ich ein Uebriges thun und wegen dieſer Punkte mit Euch capituliren. Was meinen deutſchen Adel betrifft, ſo viel darauf!“— hier ſchnalzte er mit den Fingern—„er hat für mich ungefähr denſelben Werth, wie ein Paar gute Glanzſtief feln und neue Glacéhandſchuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer Jugend und der hoffnungsvollen Würde eines Lehrlings betrifft, ſo will ich mich wenigſtens zu dem Be⸗ kenntniß verſtehen, daß ich nach dem, was ich heut Abend an Ihnen kennen gelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank, in den wir gerathen werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorſchlagen, jede mögliche Genugthuung geben will. Damit können Sie ſich begnügen.“— Nach dieſem Troſt hielt ihm Fink zum zweiten Mal die Hand hin und ſagte: „Jetzt ſchlagen Sie ein, es iſt jetzt Alles in Ordnung.“ Anton legte ſeine Hand in die dargebotene, und der Jokei ſchüttelte ſie ihm kräftig und ſagte:„Wir ſind heut ſo offenherzig gegen einander geweſen, daß es gut ſein wird, wenn wir eine Pauſe machen, ſonſt haben wir einander gar nichts mehr zu erzählen. Schlafen Sie wohl, morgen 3. 9* — 132— mehr davon.“ Dabei ergriff er ſeine Mütze, nickte mit dem Kopf und ſchritt klirrend zur Thür hinaus. Anton war, die Wahrheit zu geſtehen, über dieſen uner⸗ wartet friedlichen Ausgang ſo vergnügt, daß er lange nicht einſchlafen konnte. Herr Baumann, der in ſeiner Schlaf⸗ kammer das Bett an derſelben Wand hatte, konnte ſich nicht enthalten, nach Finks Abgang ſeinen Glückwunſch durch Klopfen an der Wand auszudrücken, und Anton beantwortete das Signal ſofort durch ein ähnliches Klopfen, welches ſeinen Dank für die Theilnahme anzeigen ſollte. Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelſtunde vor der Ankunft des Prinzipals vollzählig verſammelt. Fink erſchien als Letzter und ſagte mit lauter Stimme:„Mylords und Gentlemen aus dem Export⸗ und Provinzialgeſchäft, ich habe geſtern Herrn Wohlfart von hier in einer Weiſe behandelt, die mir jetzt, nach dem, was ich von ihm kennen gelernt habe, aufrichtig leid thut. Ich habe ihm geſtern be⸗ reits meine Erklärung gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart freiwillig nochmals um Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, daß unſer Wohlfart ſich bei dieſem Streit durchaus reſpectabel benommen hat, und daß ich mich freue, mit ihm in Geſchäftsverbindung getreten zu ſein.“ Das Comtoir lächelte, Anton ging auf Fink zu und ſchüttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan that mit beiden Parteien daſſelbe, und die Sache war abgemacht. 1 Doch blieb ſie nicht ohne Folgen. Auch die Kande von der ehrlichen Sühne, welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen Ausgleichung gelangte in das Vorderhaus. Und als Anton zuſammen mit Fink beim Mittagstiſch erſchien, — 133— ruhten die Blicke der Damen mit Theilnahme und Neugier auf ihm, und der Prinzipal verbarg nicht ein freundliches 1 Lächeln. Aber auch auf Fink fiel heut Sabinens Auge mit freudigem Glanz, und ſo oft ſie zu ihm aufſah, war ihr, als hätte ſie ihm etwas Großes abzubitten. Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohl⸗ farts auf einmal eine ganz andere geworden, er wurde von Allen mit einer Achtung behandelt, welche ein Lehrling ſonſt nicht durchzuſetzen pflegt; Herr Specht erkl ärte ihn bei ſämmt⸗ lichen Commis ſeiner Bekanntſchaft— und ſeine Bekannt⸗ ſchaft war groß— für einen modernen Bayard, für den letz⸗ ten Ritter Europa's, für einen furchtbaren Haudegen im Reiche der Conticurrenten; Herr Liebold wurde wahrhaft kühn in ſeinen Behauptungen, wenn er merkte, daß Anton auf ſeiner Seite ſtand, und ſogar Herr Pir gönnte ſeinem Zögling von dieſem Tage an augenſcheinliche Hochachtung, er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Zünglein der großen Waage machte, eben ſo feſt, wie ſeinen eigenen, und üͤberließ ihm zuweilen ſogar den ſchwarzen Pinſel, ſeinen— geliebten Scepter, das Zeichen ſeiner Herrſchermacht. Die größte Veränderung aber trat in Antons Verhält⸗ niß zu Fink ein. Denn einige Tage nach dem Streit, als 5 1 Anton hinter dem Jokei die Treppe des Hinterhauſes hinauf⸗ ſtieg, blieb Fink an ſeiner Thür ſtehen und frug:„Wollen Sie nicht bei mir eintreten? Sie ſollen mir heut Ihren Bee ſuch machen und meine Cigarren probiren.“ biontairs und blieb verwundert an der Thür ſtehen, denn s Zimmer ſah ſehr fremdartig aus. Elegante Möbel Zum erſten Mal überſchritt Anton die Sch welle des — 134— V ſtanden unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie Moos, bedeckte den Fußboden, und der ordentliche Anton ſah mit Betrübniß, wie rückſichtslos die Cigarrenaſche auf die prächtigen Blumen deſſelben geworfen war. An der einen Wand ſtand ein großer Gewehrſchrank, darüber ein ausländiſcher Sattel, und pfundſchwere ſilberne Sporen hin⸗ gen daneben herunter; die andere Wand verdeckte ein eben ſo großer Bücherſchrank aus koſtbarem Holz, voll von Büchern in braunem Lederband, und über dem Schrank reichten rieſige 4 Flederwiſche, die ſchwarzen Flügel eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur andern. „Welche Menge von Büchern Sie haben!“ rief Anton erfreut. „Es ſind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe,“ ſagte Fink.. „ uUnd dieſe Flügel, gehören ſie auch zu Ihren Erinne⸗ rungen?“ Za, Herr, es ſind die Fittige eines Condors; Sie ſehen, ich bin ſtolz auf dieſe Jagdbeute,“ antwortete Fink und hielt unſerm Anton ein Packet mit Cigarren hin.„Setzen Sie ſich, Wohlfart, laſſen Sie uns plaudern, und zeigen Sie, ob Herr Specht Recht hat, wenn er Sie als liebenswürdigen Geſellſchafter rühmt.“ Er ſchob unſerm Helden mit dem Fuße einen großen Fauteuil zu. Anton ſank behaglich in dir weichen Kiſſen und blies blaue Wolken nach der Decke, waͤhrend Fink die Lampe des ſilbernen Theekeſſels anzündete. ‚Sie haben mir neulich gefallen, Wohlfart,“ ſagte Fink, ſich der Länge nach auf dem Sopha ausſtreckend, V Sie ſich auf Pferde?“ daz — 135— „Nein,“ ſagte Anton. „Sind Sie Jäger?“ „Auch nicht.“ „Treiben Sie Muſik?“ „Nur wenig,“ ſagte Anton. „Nun alſo, in Teufels Namen, welche menſchliche Eigen⸗ ſchaft haben Sie denn?“ „In Ihrem Sinne wenige,“ antwortete Anton ärgerlich. „Ich kann die Leute lieben, welche mir gefallen, und ich glaube, ich kann ein treuer Freund ſein; wenn mich aber Jemand übermüthig behandelt, ſo empöre ich mich.“ „Schon gut,“ ſagte Fink,„von der Seite kenne ich Sie. Für einen Anfänger war Ihr Debut gar nicht übel. Ich ſehe, es iſt Race in Ihnen. Laſſen Sie hören, wer Sie ſind. Von welchem Volke der ſterblichen Menſchen ſtammen Sie, und welches Schickſal hat Sie hierher geſchleudert in dieſes traurige Mühlwerk, wo Jeder zuletzt voll Staub und Reſignation wird, wie Liebold, oder im beſten Fall, wie der pünktliche Jordan?“ „Es war doch ein gutmüthiges Schickſal,“ antwortete Anton und begann von ſeiner Heimath und ſeinen Eltern zu erzählen. Mit Waͤrme ſchilderte er den kleinen Kreis, in dem er aufgewachſen war, die Abenteuer ſeiner Schulzeit und einige närriſche Leute aus Oſtrau, mit denen er ver⸗ kehrt hatte.„Und ſo iſt für mich ein großes Glück, was Sie für ein Unglück halten,“ ſchloß er,„daß ich hierher gekommen bin.“ Fink nickte beiſtimmend und ſagte:„Zuletzt iſt der größte Unterſchied zwiſchen uns Beiden, daß Sie Ihre .. Mutter gekannt haben und ich die meine nicht. Uebrigens iſt es ziemlich gleichgiltig, in welchem Neſt Einer aufwächſt, man kann faſt unter allen Umſtänden ein tüchtiger Geſell werden.— Ich habe Leute gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhauſe gefunden haben, als Sie.“ „ Sie haben ſo viel von der Welt geſehen,“ ſagte Anton rückſichtsvoll,„ich bitte Sie, mir zu ſagen, wie Sie dazu ge⸗ kommen ſind.“ „Sehr einfach,“ begann Fink.„Ich beſitze einen Onkel in Newyork, der dort einer von den Ariſtokraten der Börſe iſt. Dieſer ſchrieb meinem Vater, als ich 14 Jahr war, ich ſolle eingepackt und herübergeſchickt werden, er habe die Ab⸗ ſicht, mich zu ſeinem Erben zu machen. Mein Vater iſt ſehr Kaufmann, ich wurde emballirt und abgeſchickt. In Newyork wurde ich bald ein gottverdammter kleiner Schuft und Taugenichts, ich trieb jede Art don Unſinn, hielt einen Stall von Racepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener Straße ihre Butterſemmel ver⸗ zehren und mit einem Papierdrachen ſpielen. Ich bezahlte Sängerinnen und Tänzerinnen und mißhandelte meine wei⸗ ßen und ſchwarzen Domeſtiken ſo ſehr durch Fußtritte und Haarraufen, daß mein Oheim genug zu thun hatte, um Ent⸗ ſchädigungsgelder an dieſe freien Bürger zu bezahlen. Sie meine Gefühle zu bekümmern; ich kümmerte mich jetzt den Teufel um die ihren. Uebrigens je toller ich's trieb, deſto mehr Geld bekam ich in die Hände. Ich war bald der ver⸗ rufenſte unter den jungen Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenſeit des Waſſers eultiviren. Einſt an meinem hatten mich aus meiner Heimath fortgeriſſen, ohne ſich um ——— — 137— Geburtstage kam ich um 6 Uhr früh aus, einem kleinen Souper nach Hauſe, bei dem ich aus Caprice den Spröden gegen einige zuvorkommende Damen geſpielt hatte, undunter⸗ wegs fiel mir ein, daß dieſe Wirthſchaft ein Ende nehmen müſſe oder ich ſelbſt würde ein Ende nehmen. Ich ging nach dem Hafen ſtatt nach Hauſe, ſteckte mich in grobe Ma⸗ troſenkleider, die ich unterwegs kaufte, und bevor es Mittag war, fuhr ich als Schiffsjunge auf einem dickbäuchigen Eng⸗ länder zum Hafen hinaus. Wir ſegelten einige tauſend Mei⸗ len fort um Cap Horn herum und auf der andern Seite des Feſtlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiſo anka⸗ men, erklärte ich dem Capitän, daß ich ihm für die Ueber⸗ fahrt dankbar ſei, tractirte die ganze Mannſchaft und ſprang ans Land, um mit den zwanzig Dublonen, die ich noch in der Taſche hatte, auf eigene Fauſt mein Glück zu machen. Ich traf bald einen verſtändigen Mann, der mich auf ſeine große Hazienda brachte, wo ich als Ochſenhirt und Reitkünſtler nicht geringe Lorbeeren erndtete. Ich war etwa anderthalb Jahr dort oben und befand mich ſehr wohl, ich wurde als eine Art dienſtthuender Gaſtfreund behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert als Jäger und tummelte mich tüchtig im Sattel, was fehlte mir?— Wir hatten ge⸗ rade großes Rinderſchlachten, und ich war fleißig beſchäftigt, von meinem Pferd die Kühe in den Schlachthof zu escorti⸗ ren, als plötzlich zwei Regierungsbeamte in unſer Feſt hin⸗ einritten. Dieſe behandelten mich ſelber mit vieler Artigkeit— wie ein junges Rind, nahmen mich ſammt meinem Pferd in die Mitte und führten mich zwiſchen ihren Steigbügeln Trott und Galopp nach der Hauptſtadt. Dort wurde ich — 138— beim amerikaniſchen Conſul abgeliefert, und da mein Oheim Himmel und Hölle in Bewegung geſetzt hatte, mich auszu⸗ ſpüren, und ich aus einem langen Briefe meines Vaters er⸗ kannte, daß der Herr ſich wirklich über mein Verſchwinden ängſtigte, ſo beſchloß ich, ihm den Gefallen zu thun und zurückzukehren. Ich unterhandelte mit dem Conſul und reiſte mit dem nächſten Schiff nach Europa ab. Als ich auf dieſem bejahrten Erdhaufen ankam, erklärte ich meinem Vater, daß ich nicht Kaufmann werden wolle, ſondern Landwirth. Dar⸗ über gerieth die Firma Fink und Becker außer ſich, aber ich blieb feſt. Endlich kam ein Vertrag zu Stande. Ich ging zunächſt auf zwei Jahr in eine norddeutſche Wirthſchaft, dann ſollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten, da⸗ durch hoffte man meine Capricen zu bändigen. So bin ich jetzt hier in Clauſur. Aber alle Mühe iſt umſonſt. Ich thue meinem Vater den Gefallen, hier zu ſitzen, weil ich merke, daß ſich der Mann viel unnützen Kummer um mich macht, aber ich bleibe nur ſo lange hier, bis er ſich überzeugt, daß ich Recht habe. Dann werde ich Landmann.“ „Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen?“ frug Anton neugierig. „Nein, Herr,“ antwortete Fink,„das will ich nicht. Ich würde es vorziehen, vom frühen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen Grenzſtein meines Landes zu ſtoßen.“ „Sie wollen alſo wieder nach Amerika zurücke „Oder anderswohin, Herr, ich bin in Erdtheilen nicht wähleriſch. Unterdeß lebe ich in dieſem Kloſter als Mönch, wie Sie ſehen,“ ſagte Fink lachend und goß aus einer großen 4 5 „» — 139— Flaſche eine Maſſe Rum unter ein geringeres Maß an⸗ derer Subſtanzen, rührte das Getränk um und trank zum geheimen Schreck Antons die feurige Miſchung ſehr behag⸗ lich hinunter.„Friſch, Mann,“ rief er, Anton die Flaſche zuſchiebend,„macht Euren Trank zurecht, und jetzt laßt uns* luſtig plaudern, wie ſich für gute Geſellen und verſöhnte Feinde ſchickt.“ 3 Seit dieſem Abend behandelte Fink unſern Helden mit einer Freundlichkeit, welche ſehr verſchieden war von dem nachläſſigen Weſen, das er den übrigen Herren vom Ge⸗ ſchäft gönnte. In Kurzem wurde Anton der Liebling des Mönchs in der Clauſur, oft rief ihn Fink in ſein Zimmer, ja er verſchmähte ſogar nicht, drei Treppen hoch in das Heiligthum der lederfarbenen Katze hinauf zu ſteigen, wenn er gerade gelaunt war, einen Abend im Hauſe zu verleben. Allerdings war das nicht oft der Fall. Anton merkte bald, daß ſein neuer Freund eine in der Stadt ſehr bekannte und vielbeſprochene Perſon war, daß er unter der eleganten Ju⸗ 4 gend mit einem wahren Despotismus herrſchte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und anderen nützlichen Thätig⸗ keiten ein Anführer und vielbegehrte Autorität war. Er war jung, gewandt, von Adel, galt für unermeßlich reich und beſaß eine Meiſterſchaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem Gewehrlauf und einem vergoldeten Thee⸗ löffel irgend in Verbindung gedacht werden können, und was über Allem ſtand, er behandelte Jeden, der in ſeine Nähe kam, mit der leichten Suffiſance, welche von je bei dem großen Haufen unſelbſtſtändiger Menſchen als Zeichen von überlegener Kraft gegolten hat. Fink war deßhalb viel in hindurch an die Fahrt gedacht. — 140— Geſellſchaft und kam oft erſt gegen Morgen nach Hauſe. Anton hörte ihn zuweilen ankommen, wenn er bereits vor ſeinem Buche ſaß; er bewunderte die Lebenskraft ſeines Freun⸗ des, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe ſeinen Platz im Comtoir einnahm und während des ganzen Vormittags keine Spur Lon Mattigkeit zeigte. Gegen die ſtrenge Ord⸗ nung des Hauſes ſtach Fink auch dadurch ab, daß er ſich die unerhörte Freiheit herausnahm, zuweilen eine Stunde nach Eröffnung des Comtoirs zu erſcheinen und ſich vor dem Schluß zu entfernen. Anton konnte nicht errathen, ob ſein Prinzipal dieſe gelegentliche Selbſtſtändigkeit für ein großes oder für ein kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls ſchwieg er dazu. So verging der Winter, und Anton merkte an untrüg⸗ lichen Zeichen, daß der Frühling und der Sommer über das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten nicht mehr Schnee⸗ flocken ins Comtoir, ſondern Regentropfen und braune Fuß⸗ tapfen, zuweilen wagte ſich ein Mädchen mit Veilchenſträußen in die Nähe der unermüdlichen Wanduhr, dann ſchien die Sonne Herrn Liebhold kriegsluſtig auf die Fenſterecke vor ſeinem Hauptbuche, dann kamen die Mäkler und erzählten von der gelben Blüthe der Oelfrucht draußen im Freien, und endlich erſchien Herr Braun und trug die erſte Roſe in der Hand. Ein Jahr war vergangen, ſeit Anton mit den Schwä⸗ nen über den See gefahren war. Er hatte das ganze Jahr „* * — 141— 8. Noch immer beſaß Veitel Itzig ſeine Schlafſtube in der ſtillen Caravanſerei, wo er ſich am Tage ſeiner Ankunft einquar⸗ tirt hatte. Wenn nach den Behauptungen der Polizei jeder Menſch irgendwo zu Hauſe ſein muß und nach der Anſicht aller verſtändigen Frauen vorzugsweiſe da zu Hauſe iſt, wo ſein Bett ſteht, ſo war Veitel merkwürdig wenig zu Hauſe. So oft er aus dem Geſchäft des Herrn Ehrenthal entſchlüpfen konnte, trieb er ſich auf den Straßen umher, ſah lauerſam auf jeden jungen Herrn, welcher ihm geneigt ſchien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen, und wußte aus der Haltung des Vorübergehen⸗ den genau zu erkennen, ob derſelbe für die Reize eines kleinen Handels empfänglich ſei oder nicht. Stets hatte er einige Paradethaler in der Taſche, mit welchen er in anmuthiger Nachläſſigkeit ſo lockend zu klappern verſtand, daß nur ein fühlloſer Menſch gleichgiltig gegen dieſe Zahlungsfähigkeit ſein konnte. Er wußte mit einem einzigen ſchnellen Blick die geheimſten Fehler eines Rockes oder einer Weſte zu erkennen, er hatte für ſeine Kunden eine bezaubernde Fülle von verbindlichen Redensarten, er ſprach aus Grundſatz zu keinem halbwüchſigen Primaner anders, als:„Wenn der gnädige Herr mir allergnädigſt erlauben,“ er verſtand, was ewig für das Höchſte in dieſem Geſchäft gelten wird, ſeiner 4 8 v.. 3; 8.. Unterthänigkeit einen ſeurrilen Anſtrich zu geben und war — 142— Meiſter darin, die allerabgeſchmackteſteu Bücklinge zu machen. Er beſaß die Wiſſenſchaft, altes Meſſing durch Katzenſilber blendend zu machen und altem Silber den allerhöchſten Glanz zu geben; er war ſtets bereit, abgelegte ſchwarze Fracke zu kaufen,— was von allen Eingeweihten als Symptom einer kühnen und waghalſigen Natur betrachtet wird,— er wußte das faſrige Tuch derſelben durch einen eigenthüm⸗ lichen Bürſtenſtrich mit einem Schein von Neuheit zu über⸗ ziehen, der gerade lange genug dauerte, um ſeine Käufer zu verblenden, welche er in armen Schulmeiſtern, hoch aufge⸗ ſchoſſenen Confirmanden und freigeſprochenen Lehrlingen zu finden bemüht war. Mit jedem Gange, welchen er für Herrn Ehrenthal that, ſuchte er einen andern zu ſeinem eigenen Nutzen zu verbinden und erwarb dadurch ſchnell eine Kundſchaft, welche den Neid graubärtiger Trödler erregte. Er beſchränkte ſein Geſchäft aber nicht auf gebrauchte Gegenſtände, obgleich er hierin ſeine erſten und zahlreichſten Erfolge durchgeſetzt hatte. Er wurde Agent von Pferdehändlern, trat in Ver⸗ bindung mit verſchwiegenen Geldverleihern und trieb ſolchen Ehrenmännern Kunden zu; ja er lieh ſein eigenes Geld aus und hatte das ungewöhnliche Zartgefühl, nie mehr als fünfzig vom Hundert zu nehmen; er lieh aber nur auf kurze Friſten und nahm am Zahlungstermin ſtatt des baaren Gel⸗ des mit großer Bereitwilligkeit jede Art von verkäuflichen Dingen zu einer Taxe, welche er als Sachverſtändiger am beſten ſelbſt machte. Dabei hatte er die Tugend, nie zu er⸗ müden, er war den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige Groſchen zehnmal denſelben Weg, freute ſich wie ein König zum einen eroberten Thaler, ſchüttelte jedes rauhe — — — 143— Wort— und er mußte oft welche hören— ab, wie der Pudel ſeine Schläge. Er gönnte ſich ſelbſt keine Stunde des Genuſſes, ſeine einzige Erquickung war, an den Fingern die Geſchäfte abzählen, welche er gerade im Gange hatte, und ſeinen Gewinn berechnen. Es war merkwürdig, wie wenig er brauchte, er aß am Abend ein Stück Brod, welches er zu Mittag aus Ehrenthals Küche in ſeine Taſche practieirt hatte; ein Glas Dünnbier gönnte er ſich im erſten Jahre nur einmal, und zwar an einem heißen Tage, wo er einem Gutsbeſitzer behilflich geweſen war, einen Wagen zu ver⸗ kaufen, und durch eine Thätigkeit von zwei Stunden eben ſo viel Thaler verdient hatte. Seine Kleider gewährte ihm ſein Geſchäft. Sommer und Winter ging er deßhalb in ſchwar⸗ zem Frack und den entſprechenden Pantalons; ja er fand es nützlich, über einer ſchwarzen Sammtweſte eine vergoldete Kette zu tragen, und erſchien ſtets als Gentleman unter ſeines Gleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder Ge⸗ ſchäftsmann müſſe ſo auftreten, daß ſich kein Menſch⸗ zu ſchämen brauche, mit ihm ein Geſchäft zu machen. Aus allen dieſen Gründen genoß er ſchon nach Ablauf des erſten Jahres die Freude, ſeine ſechs Ducaten um das Dreißigfache vermehrt zu ſehen. Im Geſchäft des Herrn Ehrenthal war er ſchnell ein unentbehrliches Mitglied geworden, ſeinem Scharfblick ent⸗ ging keine Perſon, kein Pferd, kein Getreidewagen; jedes Geſicht, das er einmal geſehen, erkannte er wieder, jeden Tag wußte er den Courszettel der Börſe auswendig, als ob er ſelbſt vereideter Senſal geweſen wäre. Noch bekleidete er die mehr nützliche als erhabene Stelle eines Laufburſchen, 1441— — noch putzte er Bernhards Stiefeln und aß vor der Küchen⸗ thüͤr; aber es war erſichtlich, daß ihm ein Schreibepult und ein Lederſtuhl in dem kleinen Comtoir, welches Herr Ehren⸗ thal der Form wegen hielt, nicht fehlen würden. Dies war das Ziel ſeiner Sehnſucht, es war für ihn die Pforte zum Paradieſe. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des Geſchäftes, noch wurde er weggeſchickt, ſo oft irgend ein wichtiger Kunde mit Herrn Ehrenthal verhandelte. Sehr bald ſah er ein, daß ihm ſelbſt noch Einiges fehle, um dies Glück zu verdienen; er gebrauchte die deutſche Sprache mit wieler Fertigkeit, aber es war ein öſtlicher Hauch darin, mehr Kehlkopf, als höhere Grammatik; er ſchrieb wohl auch Geſchäftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Glätte, kein Strich darin, die Buchſtaben waren ſo zu ſagen wider⸗ haarig, und die Perioden waren löchrig und geflickt; und was vollends die Geheimniſſe der Buchhaltung betraf, ſo war er darin wie ein unſchuldiges Kind. Dieſer Mangel drückte ihn ſehr. In ſeiner Herberge war er unterdeß ein angeſehener Mann geworden, ſelbſt Löbel Pinkus behandelte ihn mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit. Dies ſchöne Verhälniß verdankte Veitel ſeinem Scharfblick. Jene Breterwand in der Gaſtſtube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn ſeit dem Tage ſeines Einzugs beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, ſeine Unterſuchungen fort⸗ zuſetzen. Endlich an einem Sonnabend ſchützte er Unwohl⸗ ſein vor und blieb zu Hauſe, als der Hauswirth und ſeine Gäſte mit würdigem Schritt nach der Synagoge zogen. Da endlich gluͤckte es ihm, einen Ritz in der Hinterwand ſeines 2 Schrankes zu erweitern und etwas zu erblicken, was ihn (auß's Höchſte überraſchte. Er ſah in eine große, ſchmutzige Stube, welche ganz angefüllt war mit Koffern und Kiſten und einem Chaos begehrungswerther Artikel. Herren⸗ und Damenkleider, Betten, Wäſche, Stoffe, bunte Vorhänge lagen in großen Haufen durcheinander, auch metallene Ge⸗ räthe, ein Crucifix, Kelche, Kronleuchter glänzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende Speculationen, welche auch ſein ſcharfes Auge nicht erkennen konnte. Als Alad⸗ din den erſten Schritt in die Zauberhöhle that, gerieth er ſchwerlich in ſo große Aufregung, als Junker Itzig bei ſeiner Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurück und ſtarrte in das ſtaubige Dämmerlicht der geheimnißvollen Niederlage, bis die Gäſte aus der Synagoge nach Hauſe kamen. Er behielt die Entdeckung für ſich, aber er lag ſeit dem Tage auf der Lauer wie das Wieſel vor einem Mauſe⸗ loch. Einigemal hörte er bei Nacht Geräuſch in der geheim⸗ nißvollen Stube des Nebenhauſes; einmal gelang es ihm, ein Geflüſter zu vernehmen, bei welchem die tiefe Stimme des würdigen Pinkus unverkennbar war; einſt, als er ſpät nach Hauſe kam, ſah er am Nachbarhauſe Fäſſer, Kiſten und Bündel in eine kleine Britſchka laden, welche ſchamhaft mit weißer Leinwand verhüllt war, eine Maßregel, welche ſchon Sulamith im hohen Liede Salomonis als nützlich em⸗ pfiehlt, damit man nicht von den Wächtern des Königs in den Weinbergen angehalten werde. In derſelben Nacht ver⸗ ſchwanden zwei ſchweigſame Gäſte ſeines Herbergvaters, welche offenbar aus Polen ſtammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er den Schluß, daß ſein Wirth eine Art I. 710 — 146— Commiſſions⸗ und Speditionsgeſchäft von allerlei merk⸗ würdigen Waaren hielt, welche er aus guten Gründen lieber am Abend, als bei Tage fortſchaffte.— Wie ein Licht ging es unſerm Veitel auf. Die Waaren gingen nach dem Oſten, wurden über die Grenze geſchmuggelt und verbreite⸗ ten ſich bis tief in das ruſſiſche Reich, bis an die aſtatiſche Grenze, wo zuletzt der ſtrebſame Kirgiſe die Hemden und Schnürröcke aufträgt, welche vom deutſchen Schneider ge⸗ näht ſind. Alles nach dem Grundſatz, was in Deutſchland defect wird, fällt den Ruſſen zu. Veitel benutzte ſeine Entdeckung mit der Mäßigung eines Geſchäftsmannes und machte ſeinem Hauswirth gerade nur ſo viel Andeutungen, daß Pinkus ſich bewogen fühlte, ihn mit beſonderer Rück⸗ ſicht zu behandeln. Nach einem thatenreichen Tage ſchritt Veitel nachden⸗ kend in ſeine Herberge zurück und betrat mit dem üblichen Gruß die Gaſtſtube. Er ſetzte ſich ſtill in eine Ecke und ſuchte in ſeinen Gedanken nach einem Schriftgelehrten, wel⸗ cher geeignet war, ihn in die Geheimniſſe eines guten Styls und der Buchführung einzuweihen, gegen möglichſt geringes Honorar, ja vielleicht gegen einen ſchwarzen Frack, den er durchaus nicht los werden konnte, weil die Schöße deſſelben — er hatte einem rieſigen Leichenbitter gehört— bis auf den Boden hingen, wie die Aeſte einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtloſer Ueberlegung aufſah, erblickte er am Tiſche einen fremden Gaſt, welcher eine Feder in der Hand hielt und dieſe zuweilen in ein Tintenfaß tauchte; der Mann ſprach leiſe mit einem Händler und beugte ſich von Zeit zu Zeit auf das Papier, wahrſcheinlich um die Beſchlüſſe der —“ 147— geheimen Unterhaltung zu verewigen. Veitel ſah ſich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, daß die Groß⸗ väter dieſes Mannes nicht unter Moſes durch das rothe Meer gezogen waren. Der Herr war ſtark und klein, er hatte eine röthliche aufgeregte Naſe und ein rundes ältliches Geſicht, verworrenes Haar und eine alte Stahlbrille, die er zuweilen an den Ohren feſtdrückte, weil es ihr trotz ihrer langen Dienſtzeit ganz unmöglich war, auf der Stumpfnaſe Schluß zu gewinnen. Veitel bemerkte, daß dieſer Mann mit der Brille einen ungewöhnlich ſchlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer Zinndoſe ſchnupfte, wobei er jedesmal den Händler mit einem eigenthümlichen Schielblick anſah, mit einer Art von inquiſitoriſchem Blinzeln, welches ſeinem Geſicht einen gutmüthigen Ausdruck geben ſollte, dies aber nicht that. Offenbar war dieſer Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beſchloß, abzuwarten, ob er an ihn kommen könne. Endlich war die Verhandlung geſchloſſen, der Händler em⸗ pfing ein Papier und legte dafür ein Geldſtück, vor Veitels Adleraugen ein Achtgroſchenſtück, auf den Tiſch, welches von dem Herrn mit der Brille nachläſſig in die Taſche des Bein⸗ kleides verſenkt wurde. Der Händler entfernte ſich, der Fremde blieb, wie es ſchien, in gemüthlicher Stimmung ſitzen und goß ſich aus einer kleinen Flaſche Branntwein den letzten Reſt in das Glas. Veitel trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte ſchnell mißtrauiſch auf, aber als er die verbindliche Stellung Veitels ſah, fuhr ein vertrauliches Lächeln über ſein rothes Geſicht, und eine ſcharfe Stimme ſprach:„Nur näher, mein junger Freund, Sie wollen mich conſul tiren, ich ſtehe zu Dienſten.“ 5 10*† r — 148— Veitel begann zögernd:„Wenn der Herr bekannt iſt am Orte, ſo wollte ich ihn wohl erſuchen um etwas.“ .„Immer heraus, mein Sohn,“ ermunterte der Andere, indem er ſein Glas austrank und Veitel mit ſeinem gutmü⸗ thigen Blick anſah. „Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Jemand wüß⸗ ten, der gegen eine billige Vergütigung einem Manne von meiner Bekanntſchaft Unterricht geben würde im Schreiben und in den Aufſätzen, wie man ſie braucht zum Geſchäft.“ „So?“ frug der ſchäbige Herr,„wie man ſie braucht zum Geſchäft?— und dieſer Mann von Ihrer Bekanntſchaft ſind Sie ſelbſt, mein Sohn?“ „Was ſoll ich daraus machen ein Geheimniß?,, antwor⸗ tete Veitel aufrichtig,„ja, ich bin es ſelbſt; aber ich bin noch ein Anfänger und bin nicht im Stande, mehr zu geben als wenig.“ „Wer wenig giebt, erhält wenig, mein Lieber— wie war doch der Name?“ frug der Alte gleichgiltig dazwiſchen und drehte die Doſe. „Veitel Itzig heiße ich.“ „ Alſo, lieber Itzig,“ fuhr der Alte fort,„uuter Unter⸗ richt koſtet gutes Geld. Und was treiben Sie für ein Ge⸗ fchäft?“ forſchte er mit väterlicher Miene weiter. „Ich bin im Comtoir bei Hirſch Ghnenthal⸗ 44 erklärte Veitel mit Selbſtgefühl. Der Fremde wurde aufmerkſam.„Herr Ehrenthal iſt ein reicher Mann, ein kluger Mann; ich habe ſeiner Zeit viel mit ihm zu thun gehabt, er hat eine ſchöne Geſetzkenntniß. 3 Wenn Sie den Geſchäftsſtyl erlernen wollen und bei Herrn — 149— Ehrenthal ſind,“ fuhr er überlegend fort,„vielleicht kann da Rath werden. Welches Honorar würden Sie zahlen, wenn ſich Jemand fände?“. Veitel fand es gewiſſenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurückhaltend:„Ich weiß doch noch nicht, was er fordern wird für ſolchen Unterricht.“ „So will ich's Euch gerade herausſagen,“ erklärte der Herr mit der Brille.„Ich ſelbſt könnte Euch vielleicht den Unterricht geben, vielleicht auch nicht; man giebt ſolche An⸗ weiſung nicht Jedem, ich müßte mich erſt näher nach Euch erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen thue, ſo will ich Euch den Unterricht ertheilen in Erwägung, daß Ihr ein Anfänger ſeid, in Erwägung, daß Ihr arm ſeid, und in Er⸗ wägung, daß ich jetzt gerade einige freie Zeit habe und auf⸗ gelegt bin, mehr Theorie als Praxis zu treiben, wenn Ihr mir funfzig Thaler zahlt; fünfundzwanzig Thaler vor der erſten Lection und fünfundzwanzig Thaler in einem Schuld⸗ ſchein, den ich ſelbſt Euch ſchreiben werde, binnen vier Wochen.“ „Funfzig Thaler!“ rief Veitel entſetzt und ſank wie vom Schlag gerührt auf einen Schemel,„funfzig Thaler!“ wie⸗ derholten mechaniſch ſeine Lippen, als das Räderwerk ſeines Geiſtes bereits ins Stocken gerathen war. „Iſt Euch das zu viel,“ frug der Herr mit der Brille in ſcharfem Ton,„ſo laßt Euch ſagen, junger Itzig: Erſtens, daß ich mit keinem Gelbſchnabel handle, zweitens, daß ich meine Hilfe Andern noch nie ſo billig gegönnt habe, und drittens, daß ich mich den Teufel mit Euch befaſſen würde, Herr entſchieden, ſtand mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von ſeinem Platz auf und begab ſich auf der großen Rocktaſche und las eifrig dardin. wenn ich nicht große Luſt hätte, einige Wochen in dieſer Stube zu verweilen.“ „Funfzig Thalerſtücke!“ rief Itzig außer ſich,„ich habe geglaubt, es würde nicht koſten mehr als zwei, drei Thaler, ¹ wenn ich noch vielleicht wollte zugeben eine Weſte und ein Paar gute Stiefeln.“ Der alte Herr fuhr heftig nach ſeiner Brille—„und einen Hut, der noͤch iſt wie neu,“ fügte Veitel ſchnell hinzu, weil er einen Sturm herannahen ſah und bemerkt hatte, daß der Hut auf dem Tiſche ſehr ruppig ausſah. „Scher' dich. zum Henker, d dn Duffeukopf“"fuhr ihn der Alte mit einer Ueberlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herren mit großen däniſchen Doggen zu ertragen ge⸗ wohnt war.„Suche dir einen Schulmeiſter bei der Armen⸗ ſchule.“ „So iſt der Herr kein Schreiber? 2“ frug Itzig gedrückt, acber beharrlich. „Nein, du Narr,“ brummte der Alte.„Wie konnte ich denken, daß der Ehrenthal in ſeinem Geſchäft einen ſolchen Strohkopf hat,“ fügte er in lautem Monologe hinzu.„Er 3 hält mich für einen Schreibelehrer. 4 „Was ſind Sie denn ſonſt?“ frug Itzig gekränkt. „Etwas, das dich nichis angeht,“ ſprach der temdt den Söller des Hauſes. Dort drückte er ſich in eine Ecke wo er ausſah wie ein Kleiderbündel, zog ein Actenſtü⸗ k ſtand noch einen le Aagenblick derdubdin dem eiꝛ — — 151— ſamen Zimmer und faßte endlich den Entſchluß, ſich bei Pinkus Auskunft über den fremden Mann zu holen. Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und frug den Wirth mit möglichſter Unbefangenheit nach Namen und eſchäft des kleinen Herrn. „Ihr kennt ihn nicht?“ ſprach Pinkus mit ironiſchem Lächeln, von dem Veitel nicht recht wußte, ob es ihm oder dem Fremden galt.„Nehmt Euch in Acht, daß Ihr dieſen Mann nicht mit Schaden kennen lernt. Nach dem Namen fragt ihn ſelbſt, er wird ihn beſſer wiſſen als ich.“ „Wenn Sie auch mir kein Vertrauen ſchenken, ſo will ich es doch haben zu Ihnen,“ antwortete Veitel und erzählte ihm ſeine Unterredung mit dem Fremden. „Alſo er hat Euch Unterricht geben wollen?“ ſagte Pinkus erſtaunt und ſchüttelte ſeinen dicken Kopf.„Funfzig Thaler ſind viel Geld, aber mancher reiche Mann würde geben hun⸗ dertmal ſo viel, wenn er wüßte, was der weiß, das will ich Euch ſagen. Uebrigens geht's mich nichts an, ob Ihr was lernt und bei wem,“ ſchloß Pinkus grob und ging zu ſeinen Liqueurflaſchen. Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er herunter, 3 gekommen war, und ſetzte ſich wieder grübelnd in ſeine Ecke, indem er nachdachte, wie man für eine ſo gewöhnliche Sache, als der Geſchäftsſtyl iſt, ſo ungewöhnliches Geld fordern könne. Unterdeß war der Wirth heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tiſch geſetzt und eine einfache Abendkoſt für ddeen Fremden mitgebracht. Ganz gegen ſeine Natur war er dieſem gegenüber von großer Leutſeligkeit, ließ ſich von ihm auf den Altan führin u und hatte dort im Finſtern eine k rze Unterredung, deren Gegenſtand, wie Veitel merkte, ſeine Perſon war. Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, ſagte er zu Veitel:„Dieſer Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, daß man darüber ſpricht. Ihr wer⸗ det gegen Niemanden ſagen, daß er hier iſt, wer Euch auch deßwegen ausfragen mag.“ „Weiß ich doch gar nicht, wer der Herr iſt,“ ſprach Veitel,„wie kann ich Jemandem ſagen, daß er hier wohnt?“ „Sie können ſich auf den jungen Menſchen verlaſſen,“ bemerkte Pinkus gegen den Fremden, worauf dieſer gleich⸗ giltig mit dem Kopfe nickte. Der Wirth ließ diesmal das Licht brennend in der Stube zurück und ſchied mit einem Nachtgruß. Der Herr ſetzte ſich behaglich nieder, aß mit unangenehmem Schmatzen die Abendkoſt und ſah dabei von Zeit zu Zeit auf Veitel, ungefähr wie ein alter Rabe auf das gelbe Küchlein ſieht, welches ſich mit dem Leichtſinn der Ju⸗ gend in ſeine Nähe gewagt hat. . Während der Alte zwinkernd auf ſeine Beute ſah, fuhr dem jungen Itzig plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dieſe geheimnißvolle Perſon mit den ungeheuren Forde⸗ rungen iſt vielleicht einer von den Auserwählten, ein Be⸗ ſitzer der Recepte, durch welche ein armer Handelsmann un⸗ fehlbar Glück Golbd und alle Güter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glühend heiß bei dem Gedanken. Zwar ſah der Fremde durchaus nicht reich und glücklich aus, aber war es nicht möglich, daß er den alten Rock nur incognito trug, oder daß er übermäßig geizig war, oder daß er ſelbſt aus — 153— machen durfte? Vielleicht waren die funfzig Thaler der Preis für das Geheimniß. Veitel hatte jetzt Weltbildung genug, um einzuſehen, daß weder durch eine Salbe, noch durch einen Zauberſtein ſolche Wirkungen hervorgebracht werden, ſon⸗ dern daß Wiſſenſchaft dazu nöthig ſei. Er merkte, daß es darauf ankomme, ſchlauer zu ſein als andere Leute, und daß ſolche Schlauheit auch für den Inhaber nicht ohne Bedenken ſei; ja es kam ihm allerdings ſo vor, als ob man durch die Benutzung derſelben in Gefahr gerathe, ſich dem Satan zu verſchreiben. Aber ſeine Begier, etwas Näheres zu erfahren, war übermächtig. Seine Hände zitterten wie im Fieber, und ſein bleiches Geſicht glühte, als er aus ſeiner Ecke wieder zu dem Fremden trat und mit großem Eifer ſagte:„Ich wollte mir noch erlauben eine Frage zu thun an den Herrn. Ich habe gehört, daß man kann lernen die Kunſt, wodurch man Glück hat in allen Geſchäften, womit man kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu dem beſten Preiſe. Wenn es giebt eine ſolche Kunſt, wie mich hat verſichert einer von un⸗ ſern Leuten, ſo wollte ich den Herrn nur fragen, ob das die⸗ ſelbe Wiſſenſchaft iſt, die der Herr mich könnte lehren, wenn er wollte.“ Der Alte ſchob den Teller von ſich und ſah mit außer⸗ ordentlichem Augenzwinkern auf den Burſchen.„Du biſt der merkwürdigſte Menſch, der mir in praxi vorgekommen. Du biſt entweder ſehr dumm oder der abgefeimteſte Schau⸗ ſpieler, den ich je geſehen habe.“ „Nein, ich bin nur dumm, aber ich möchte werden klug. ſagte Veitel Itzig. „Ein merkwürdiger Kerl,“ bemerkte de alte Herr rück⸗ — 154— ſichtslos und rückte an ſeiner Brille, um Veitel genau anzu⸗ ſehen, dem bei dem kalten Glanz der Brillengläſer ſehr un⸗ heimlich wurde. Nach langer Prüfung ſprach der Alte, in⸗ dem er eine Gönnermiene annahm:„Was du Kunſt nennſt, mein Sohn, iſt weiter nichts, als Geſetzkenntniß und die Weisheit, das Geſetz zum eignen Vortheil zu benutzen. Wer das verſteht, der wird auf Erden ein großer Mann; es hin⸗ dert ihn nichts daran, denn er kann nicht gehangen werden.“ Bei dieſen Worten lachte der Alte in einer Weiſe, die ſelbſt unſerm Veitel einen bänglichen Eindruck machte, obgleich dieſer auf die mechaniſchen Bewegungen der Geſichtsmuskeln ſonſt nicht viel gab. 4 „Dieſe Kunſt, mit den Geſetzen umzugehen,“ fuhr der kleine Herr fort,„iſt nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehört lange Uebung dazu und ein anſchlägiger Kopf und Entſchloſſenheit im richtigen Augenblick und vor Allem das, was die Gelehrten Charakter nennen.“ Dabei lächelte er wieder. Veitel merkte, daß er bei einem wichtigen Punkt ſeines Lebens angelangt ſei, er fuhr mit der Hand in die Jacke nach ſeiner alten Brieftaſche und hielt ſte einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in dieſem Moment durch ſeine arme Seele fuhr,— und es war nur ein Moment— das waren wilde und ſchmerzhafte Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten ſie durch einander. Er dachte in dieſem Au⸗ genblick an ſeine alte Mutter in Oſtrau, ein ehrliches Weib, wie ſie ihre goldene Kette verkauft hatte, um ihm die ſechs Ducaten in die Ledertaſche zu nähen; er ſah ſie vor ſich, wie ſte ihn beim n Alſchiide mit Türdue irnih hatte un 1 — 155— lich dein Brod, Veitel!“— Er ſah ſeinen grauen Vater vor ſich auf dem Todtenbret liegen, wie ihm der weiße Bart herunterhing über den magern Leib— und tief holte er Athem. Auch an die funfzig Thaler dachte er, wie viel Mühe es ihm gekoſtet hatte, ſie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum gelaufen war, wie oft man ihn geſchmäht, ja als Ueberläſtigen mit Schlägen bedroht hatte. Als ihm der letzte Gedanke durch die Seele flog, riß er heftig die Brief⸗ taſche aus der Jacke, warf ſie auf den Tiſch, ſetzte die geballte Fauſt darauf und rief mit blitzenden Augen:„Hier iſt Geld!“ — und während er das ausſprach, fieberhaft erregt, in lei⸗ denſchaftlicher Haſt, ſelbſt in dieſem Augenblick, fühlte er deutlich, daß er daran ſei, etwas Böſes zu thun, und er fühlte, wie eine Laſt ſich unſichtbar auf ſeine Bruſt ſenkte. Aber er war entſchloſſen. Schwerlich hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen Judenknaben die Treppe hinunter⸗ wieſen, daran gedacht, daß ihre höhnenden Worte dereinſt in der armen verwilderten Menſchenſeele einen Dämon er⸗ wecken würden, der ihnen ſelbſt in ſpätern Jahren Elend und Verderben heraufbeſchwören ſollte. Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt und bei dem rothen Schein ſaß in dem wüſten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde, glänzenden Augen und gerötheten Wangen dem Vortrage des alten Mannes lau⸗ ſchend. Und der Alte ſprach doch über Dinge, von denen zu hören den meiſten Sterblichen ſehr langweilig iſt, über gewöhnliche Schuldverſchreibungen. Das Licht war verloſchen, der kleine Herr hatte die neu⸗ gefüllte Branntweinflaſche geleert und war ermüdet vom — 156— langen Sprechen auf ſeinem Strohſack eingeſchlafen, und noch immer ſaß Veitel auf dem Schemel. Heut dachte er nicht an ſeine Kunden a an ſein gezahltes Geld, ſon⸗ dern er ſchrieb. Schuldſcheine an die ſchwarzen Wände, in denen ſich der Ausſteller mit vielen Worten zu ſo wenig als wenig verpflichtete, und ſchrieb Empfangſcheine über geliehenes Geld, in denen er durch unſcheinbare Zuſätze die Kückzahlung der Summe von ſeinem Belieben abhängig machte. So ſaß er lange in bleiſchwarzer Finſterniß, und große Schweißtropfen rannen von ſeinen Schläfen. Dann öffnete er die Thür zur hölzernen Galerie, lehnte ſich auf das Geländer und ſah durch das Dämmerlicht hinunter in das Waſſer, welches wie ein rieſiger Strom von Tinte vorbei⸗ 4 fluthete. Und wieder ſchrieb er Schuldſcheine in die ſchwar⸗ zen Schatten der gegenüberliegenden Häuſer und ſchrieb Quittungen auf die dunkle Waſſerfläche, bis ſein müder Leib erſchöpft zuſammenbrach und er in einer Ecke einſch lief, das heiße Haupt an die Holzwand gelehnt. In kaltem Zuge fuhr der Nachtwind über das Waſſer und unten gurgelte die Fluth klagend an den Holzpfählen und Vorſprüngen der alten Häuſer. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrückte ſich, und was er auf das Waſſer geſchrieben, das zerrann, und doch hatte ſeine Seele einen Schuldſchein a nsgeſtellt in dieſer Nacht, der einſt von ihm eingefordert werden ſollte mit Zins und Zinſeszins. Der Wind heulte, und der Strom klagte, wilde Mahner an die Schuld, richtndſ Boten des Gerichts. Seit dieſer Nacht eilte Veitel alle Abende mit ſchnellem Schritt nach ſeiner Herberge, der Unterricht im Geſchäf — 157— ſtyl wurde regelmäßig fortgeſetzt. Der Herr mit der Brille war ein gründlicher Lehrer, die tiefſten Geheimniſſe des Wechſelrechts und der Hypothekenordnung waren ihm offen⸗ bar, er kannte jeden Schlupfwinkel, welchen das Geſetz dem gewandten Mann offen läßt, er war mit jedem Schleichwege vertraut, auf welchem man eine geſetzliche Verpflichtung um⸗ gehen kann. Seine Methode des Unterrichts war vortreff⸗ lich. Er ging bei allen auszuſtellenden Urkunden und bei jeder geſchäftlichen Verpflichtung von der gewöhnlichen Form aus, lehrte ſeinen Schüler die betreffenden Geſetze kennen und machte ſeine Lehre durch Beiſpiele deutlich und ange⸗ nehm. Dann erſt gab er bei jedem Geſetz, bei jedem einzel⸗ nen Fall, die kleinen Hilfsmittel an, durch welche man gegen⸗ über der Verpflichtung einen freien Standpunkt gewinnen konnte. Jeden Abend nahm Veitel einige koſtbare Recepte in ſeine Brieftaſche auf, Formulare zu Documenten, welche zu nichts verpflichteten, und wieder ſolche, welche zu weit mehr verpflichteten, als ſie den Anſchein hatten. Zuweilen ſchrieb der Alte ſelbſt ein ſolches Kunſtwerk vor, und ließ es 4 den Schüler abſchreiben, worauf er ſeine eigene Handſchrift ſorgfältig am Licht verbrannte. Wenn fremde Gäſte in der Herberge waren, zogen ſich Lehrer und Schüler in eine Ecke zurück und verhandelten in einem Flüſterton, welcher von den Anweſenden mit vieler Achtung angehört wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklären, daß er von dem Herrn Unterricht in der Buchführung und andern nützlichen Din⸗ gen erhalte.. Was Weitel nach und nach über die Perſon ſeines Leh⸗ 4 rers erfuhr, Namen und Schickſal, ſei hier in Kürz be⸗ — — 158— richtet. Herr Hippus hatte beſſere Tage geſehen. Er war einſt ein vielgeſuchter Rechtsanwalt in der Hauptſtadt gewe⸗ ſen, der es durchgeſetzt hatte, in wenig Jahren eine ausge⸗ breitete Praxis zu erwerben. Bei dem Geſchäfte treiben⸗ den Publikum einer großen Stadt erhält jeder Advocat ſehr bald einen beſtimmten Ruf, einen Ruf, welcher eben ſo unſicher ſein mag, als der Ruhm einer Sängerin oder Tänzerin, der aber auch durch eine große Claſſe von Men⸗ ſchen als anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieſer Claſſe galt Herr Hippus für ſehr gemandt und zuvorkommend im Verkehr mit den Parteien und für den entſchiedenſten und kühnſten Mann, um ein mißliches Recht in ein gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er ſo wenig, wie der gewiſſenhafteſte Staatsanwalt, den Trieb, ſeine Carriere dadurch zu machen, daß er Unrecht in Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches Gefühl von Unſicher⸗ heit, wenn er eine Partei vertrat, deren Sache er für ſchlecht hielt, er war von den ehrenwertheſten ſeiner Collegen nur ſehr wenig verſchieden, er hatte einige kleine Serupel weni⸗ ger und trank etwas zu gern guten Rothwein. Dieſe letzte ſo löbliche Eigenſchaft wurde bald eine Schwäche. Er war ein Mann, der mit Geſchmack zu frühſtücken wußte, ein Herr von kauſtiſchem Witz und ein vortrefflicher Geſellſchaf⸗ ter bei der Tafel. Er hatte einen ſubtilen Geiſt, freute ſich über geiſtreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu ſpal⸗ ten, die er ſeinen Gegnern ausriß. Mit Hilfe des Roth⸗ weins erlangte er die Fertigkeit, viel Geld auszugeben, und gerieth in die Lage, viel einnehmen zu müſſen. Die eitle Freude an Spitzfindigkeiten verlockte ihn einigemal, die — 159— ganze Energie ſeines glänzenden Geiſtes einer ſchlechten Sache dienſtbar zu machen und dieſe zum Siege zu führen. So erlebte er den Fluch, der häufig Advocaten trifft, welche Glück in verzweifelten Prozeſſen gehabt haben, es liefen ihm Alle zu, welche eine ſchlechte Sache zu vertheidigen hatten. Lange Zeit ärgerte er ſich darüber, und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um dieſe Spitzbubenpraxis, wie er ſelbſt ſie nannte, los zu werden; allmälig, ganz allmälig wurde er durch die ſchlechten Sachen, an denen er ſein nicht gemeines Talent geltend zu machen ſuchte, ſelbſt ſchlecht. Immer größer wurden ſeine Bedürfniſſe, immer lockender die Verführung, immer kleiner ſein Gewiſſen. So war er ſchon lange von innen ausgehöhlt und mit Gift⸗ ſtaub gefüllt, wie ein Boviſt, von außen ſah er noch ſtatt⸗ lich und glänzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, daß er mit der größten Praxis in der Stadt als einer der reich⸗ ſten Männer ſeine Laufbahn beſchließen werde. Da begeg⸗ nete ihm, dem Schlauen, dem Geſetzkundigen das Unglück, daß er in eine Unterſuchung gerieth, weil er bei einer Sache, welche nur durch die verzweifeltſten Mittel zu halten war, dem Geſetz eine Blöße gegeben hatte. Er wurde ereunihrile . Er 3ns 45 Wirklich⸗ efuſt m nur i ſchlech te Aunſörüche und i dofundelofe Ooeumants, deren Erwerb ihm all ſehr wenig gekoſtet hatte. Die Vnpund efate 8 21 — 160— eer jeßt zur Aufgabe ſeines Lebens; denn noch immer hatte er das Bedürfniß, viel auszugeben. Deßhalb war er durch mehrere Jahre als ewiger Kläger und Quereler eine den Gerichtshöfen wohl bekannte Perſon. Was er durch Pro⸗ zeſſtren erwarb, vergeudete er mit roher Sinnlichkeit in ſchlechter Geſellſchaft, er wurde ein Trunkenbold, ein lüder⸗ licher Schlemmer. Aber auch dieſe unſicheren Einnahmen „hörten endlich auf, ſein Name verſchwand allmälig aus den Prozeßacten, und ſeine Perſon ward auch in den Reſtaura⸗ tionen untergeordneten Ranges nicht mehr geſehen. Aber ſeine Thätigkeit hörte nicht auf. Er ſank zum Beſucher von Branntweinſtuben und zum Winkelconſulenten herab, der andere Leute zu Prozeſſen aufſtachelte und Schwindlern und Gaunern gute Rathſchläge ertheilte. In dieſer ſtillen Thä⸗ tigkeit verlebte er einige Jahre und ſtiftete ſo viel Unheil, als nöthig war, um ſeinen Grimm gegen nicht gefallene irdiſche Größen! und ſeinen Durſt, der ſehr gemeiner Natur wurde, zu befriedigen. Leider glückte es ihm auch jetzt noch nicht, ganz aus dem Auge des Geſetzes zu verſchwinden. Grade jetzt wurde ihm wegen unbefugter Praxis nachgeſtellt, und er fand für nöthig, unter dem Vorwand einer längern Reiſe en. Deßhalb hatte er ſich und Rechtsbeiſtand er zu⸗ und ſo Muße gewonnen, unſt zu lehren. oft er ſeinem Schüler ergend eine Schurkerei beibrachte, welche ne Arabeske an die gewöhn liche gerade Linie des Ge⸗ fehlte er nie mit einem haͤß⸗ pus nicht ohne Vorſicht. So — Die Aufmerkſamkeit Veitel Denn die Güte der menſchlichen Natur iſt unzerſtörb d rußer Corruption eines Menſch lichen Lächeln zu bemerken:„Dies Alles ſage ich dir nur, da⸗ mit du dich in Acht nimmſt.“ Dieſe Phraſe wurde ſtehend und eine anmuthige Quelle der Heiterkeit für Lehrer und Schüler, auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharf⸗ ſinn gezeigt hatte und alle Erforderniſſe des Charakters, welche für einen Apoſtel die heimlehre nöthig waren. F. 8* Der Unterricht wurde fü alten Mann ſehr bald ein Bedürfniß des Herzens. Ja, ſeines Herzens. Denn er war allerdings ein ſchlechter Menſch geworden, an dem etwas Gutes nur ſchwer aufzufinden geweſen wäre, aber die ſchwarze Schlacke, welche er ſtatt eines warmblütigen Menſchenherzens in der Bruſt trug, war doch noch nicht ganz ausgeglüht; er hatte ſehr das Bedürfniß, zu haſſen, aber eben ſo ſehr das Bedürfniß, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt Gelegenheit, ſein Wiſſen in längerer Rede zu ent⸗ wickeln, Geiſt zu zeigen und einem andern von eoetehinns rins zuizen. a wat war bei dem wäſfen Leben dehr ahue aber es ar noch genug vorhanden, was dem jungen W wilden imvonirenkonnts; und mit einer melanch oliſchen Freude, dem edelſten Gefüh das der verworfene Mann⸗ er vor den Jünglinge die verf ihn für ſein Geſchöpf f zu halten, Zuneigung zu dem Judenknaben, über di er llbſt eyniſche Witze machte. Und doch war ſte ein Schat für den Elenden. vermag nicht ihm zu verderben. Immer ſucht ſeine Lebenskraft die Stellen, wo ſie ſich geſund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer verderbten Natur iſt, daß auch ein gutes menſchliches Empfinden ſich ihm zu Unheil und Sünde verkehrt. Schnell wurde dem alten Mann ſein Schüler wichtiger, als irgend eine andere on auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Aben un e, in welcher der geſchäftige Bocher zur Vorleſung kam; ja es begegnete ihm, daß er von ſeiner Abendkoſt und von ſeinem Branntwein einige Reſte für Veitel übrig ließ, und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm ſaß und mit großem Appetit das kalte Fleiſch verzehrte, ſo konnte der Alte ihn ſchweigend anſehen und ſich darüber freuen. Und einſt als Veitel ſich bei rau⸗ her Wittexung herkältet hatte und fiebernd unter dünner 4 Strohſack lag, da ereignete ſich das Unglaub⸗ te ein Federbett, welches er als privile⸗ hh den Wirth erhalten hatte, von ſeinem trug und über den Burſchen breitete; und ihn dankbar anlachte, freute ſich das alte Geſchöpf ken von Freundſchaft, welche bezeigte ihm eine Vereh⸗ w Schüler gegen ſeinen berühmten Lehrer gefühlt hat. Er erbot ſich, ihm eine neue Garderobe zum Einkaufspreiſe zu beſorgen, und handelte ſtierköpfig um inen paſſenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann ſo ig als möglich verſchaffen wollte; er war ſtets zu der wwendung bereit, die Branntweinflaſche zu füllen, weil — 163— er wußte, daß dies die Schwäche ſeines würdigen Lehrers war; er machte ihn zum Vertrauten ſeiner kleinen Geſchäfte, ja er brachte ihm zuweilen am Abend Geſchenke mit und lief nach einem glücklichen Geſchäftstage ſogar in einen Fleiſch⸗ laden, um für Herrn Hippus eine verhaßte Zungenwurſt ein⸗ zukaufen. Allerdings war auch dieſe Herzensfreundſchaft nicht ohne kleine Stacheln. Der konnte es nicht laſſen, ſeine gallige Laune an dem Schüler zu üben, und Itzig nannte den Alten, wenn dieſer dem Branntwein zu viel einräumte, mit höchſt unzierlichen Namen, welche bewieſen, daß das Gefühl der Hochachtung in ihm nicht unerſchütterlich war. Im Ganzen aber ſtimmten die beiden Ehrenmän⸗ ner doch vortrefflich zuſammen und wurden einander unent⸗ behrlich. Veitel lernte in den Monaten, welche d der Alte in znr Verſteck zubrachte, auch noch Anderes als ſch lech werkskniffe; er lernte das Deutſche rich ſchreiben; ja er las zuweilen in den Bü Hiudde aus einer kleinen A uiu rnehet Durch ſeinen Lehrer erhielt er viele Aufſchlüſſ Leben der Menſchen und Völker, auch über den 2 dem er ſelbſt exiſtirte und von dem er bis dahin ſehr wenig gewußt hatte. So machte er in wenigen Monaten Verän⸗ derungen durch, welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen. Dieſer bemerkte nach und nach, daß Beitel weniger ar — 164— tesk ausſah, daß er richtiger ſprach und ſchrieb, und vor Allem, daß er in Geſchäften unwillkürlich eine Sicherheit und juriſtiſche Kenntniß entwickelte, die an einem Lehrling ſeiner Art ſehr ungewöhnlich waren. Herr Ehrenthal be⸗ ſprach dieſe Veränderung in ſeiner Familie ungefähr ſo, wie ein Landwirth das viel verſprechende Ausſehen eines Zucht⸗ ſtiers lobt, und kündigte am Ende des Vierteljahrs dem Burſchen freiwillig an, daß das Stiefelputzen und das Eſſen vor der Thür aufhören ſolle, und daß er bereit ſei, ihm einen Platz im Geſchäftslocal und außer dem Koſtgelde einen kleinen Gehalt zu bewilligen. Veitel empfing die Ankündigung, auf die er ſo lange gewartet hatte, mit großer Selbſtbeherrſchung, er dankte de⸗ müthig und verſprach alles Mögliche für die Gegenwart und Zukunft:„Noch eine Bitte habe ich an den Herrn, eine große Bitte, die nicht ungünſtig aufnehmen möchten. Wenn ich d könnte, einmal in der Woche am Tiſch il zu eſſen. Da Sie mir ſo viele Güte h kann ſehen in zuter Geſell llſchaft, wie man ſich be⸗ ,wenn man ißt mit vornehmen Leuten. Sie kön⸗ brechnen von meinem Koſtgeld, das Sie mir Ehrenthal ſchüttelte den Kopf und ſagte erſtaunt über 3 ddies Verlangen:„Zuerſt muß ich ſprechen mit meiner Frau, ob'’s ihr wird recht ſein, daß ug bildeſt in meinem Hauſe. Du kannſt warten, bis ich ge n. ſollte, daß ihm als einem ſo haben Sig auch dieſe Rückſicht auf mich, da⸗ ſchen habe.⸗ Er ging zu feiner Frau und trug ihr Veige 8 Wunſch vor, mit einem — 165— Mann von Welt die Forderung ungehörig erſcheine. Im Innern freilich wünſchte er, daß Itzigs Wunſch zu gewäh⸗ ren ſei, denn er hielt es für wichtig, den anſtelligen Mann ſeinem Geſchäft zu erhalten. Aber er wagte nicht ſeiner Hausfrau gegenüber dieſen Wunſch zu äußern, denn Ma⸗ dame Ehrenthal hatte noch viel mehr Welt und Bildung, als er ſelbſt, und war ihm in allen Dingen, welche vorneh⸗ mes Weſen betrafen, eine große Autorität. Sie war die Tochter eines großen Schnittwaarengeſchäfts aus der Reſi⸗ denz und hatte Geſchmack für das Neueſte und einen ſehr energiſchen Willen in Allem, was Theetrinken, Stutzuhren, Möbelſtoffe und andere Eigenheiten betrifft, durch welche ſich ein gebildeter Menſch von einem ungebildeten unterſcheidet. Wider Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunſch ohne Ueberraſchung auf. Dieſe Ueberraſchung wäre auch unnatürlich geweſen, da Veitel durch wahrhaft unmäßigen Dienſteifer, durch Verſchwiegenheit in einz zelnen kleinen Fäl⸗ len und durch die größte Höflichkeit das Wohlwollen der vornehmen Dame zu erwerben gewußt hatte:„Wenn der junge Mann ſich bilden will in unſerer Familie, ſo kann er keinen beſſern Ort finden. Da er brauchbar iſt im Geſchäft, wie du ſagſt, ſo wird es dir von Nutzen ſein, wenn er Anch zu eſſen und zu reden weiß mit den Leuten.“ Nach dieſer Entſcheidung wurde Veitel am nächſten Gunn⸗ tage, dem Tage einer gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erſcheinen. Und als er zu dem gedeckten Tiſche trat, angethan mit dem beſten unter den ſechs Leibröcken, welche er auf ſeinem Lager hatte, einen neuen weißen Hut in der Hand und ein baumwollenes Hemd mit liehenden Kra⸗ — 166— gen unter der ausgeſchnittenen Weſte, da wurde er von Herrn Ehrenthal mit den würdigen Worten eingeführt:„Der junge ig iſt aufgenommen in mein Geſchäft als Buchhalter. Es ſiſt nicht mehr anſtändig für ihn, in der Wirthſchaft zu hel⸗ fen, und es wird jetzt anſtändig ſein, daß wir ihn als einen gebildeten Menſchen behandeln. Sie können Platz nehmen dort unten am Tiſch, lieber Itzig.“ — 167— 9. An einem warmen Sonmerabend ſprach Fink nach dem Schluß des Comtoirs zu Anton:„Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Fluß ein Boot pro⸗ biren, das ich hier habe bauen laſſen.“ Anton war bereit. Die Jünglinge ſprangen in einen Wagen und fuhren an den Fluß oberhalb der Stadt, wo eine Colonie von Schiffern und Fiſchern in ärmlichen Hütten wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug, welches auf dem Waſſer ſchwamm, wie eine große Kürbisſchale, und ſagte melancholiſch:„Da liegt das Gefäß, es iſt ein Scheuſal! Ich ſelbſt habe dem Kahn⸗ bauer das Modell geſchnitzt, denn ein Kielboot bauen, iſt hier zu Lande etwas Unerhörtes, ich habe dem Strohkopf alle Verhältniſſe angegeben, und er hat ein ſolches Mövenei zur Welt gebracht.“ „s iſt ſehr klein,“ erwiederte Anton mit trüben Ahnungen. „Ich ſage Euch,“ rief Fink ſtrafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat und reſpectvoll die Mütze abnahm,„daß unſere Seelen auf Euer Gewiſſen kommen, wir werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel an Witz wird Schuld ſein.“ „Herr,“ ſagte der Kahnbauer kopfſchüttelnd,„ich habe das Boot ganz nach Ihrer Anweiſung gemacht.“ .— 168— „Den Teufel habt Ihr,“ ſchalt Fink,„zur Strafe ſollt Ihr mitfahren. Ihr werdet einſehen, daß es billig iſt, wenn Ihr mit uns ertrinkt.“ 3 „Nein, das thue ich nicht, lieber Herr,“ antwortete der Mann entſchieden,„bei dem Winde will ich's nicht wagen.“ „So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei voon Hobelſpänen. Gebt Maſt und Segel her.“ Fink ſetzte den kleinen Maſt ein, ſah nach, ob die Schoten der Segel glatt durch die Löcher liefen und ob das Geitau anzog. Sämmtliche nautiſche Erfindungen erwieſen ſich als befriedi⸗ gend. Dann hob er Maſt und Segel wieder aus, legte ſie der Länge nach in das Boot, warf einige Eiſenſtücke als Bal⸗ laſt auf den Boden, hakte das Steuer ein, ergriff zwei lange Streichruder und wies unſerm Helden ſeinen Platz an. Dar⸗ auf legte er die Ruder aus und fuhr mit der Kraft eines Ma⸗ troſen im Doppelſchlag vom Ufer ab. Er ließ den Kürbis auf der Waſſerfläche ua uh iſt ein elender Seelenverkäufer,“ rief Fink ärgerlich,„wir treiben unvermeidlich ab und werden nächſtens umwerfen.“ 3 — 169— „Wenn das iſt, ſo ſchlage ich vor, umzukeßren, 44 ſagte 8 Anton mit erheuchelter Leichtigkeit. „Es thut nichts,“ verſetzte Fink kaltblütig,„ich werde uns ſchon wieder ſo oder ſo an's Land bringen. Sie können doch ſchwimmen?“ 4 „Wie Blei,“ antwortete Anton;„wenn wir umwerfen, gehe ich ſicher auf den Grund, Sie weiden Mühe haben, mich herauszuziehen.“ „Faſſen Sie nur in keinem Fall nach meinem Körper, wenn Sie im Waſſer liegen,“ belehrte ihn Fink,„das wäre das beſte Mittel, uns Beide unten feſt zu halten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Höhe hebe. Uebrigens wird es nicht ſchaden, wenn Sie ſich Rock und Stiefeln ausziehen, es iſt gemüthlicher im Waſſer, wenn man im Negligé iſt.“ Anton that willig, wie ihm befohlen war. „So iſt's recht,“ ſprach Fink.„Im Grunde iſts ein* erbärmliches Vergnügen, hier t herum zu fahren. Keine Well len, kein Wind, und zuletzt auch kein Waſſer.— Da ſitzen wir wieder al uf dem Grund. Stoßen Sie ab.— He, Boots⸗ maat, was werden Sie ſagen, wenn dies garſtige Ufer plötzlich verſin—— Meer ſchaukeln, Waſſer en Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein herzha r Wind, der die Ohren abbläſt und die Naſe ſchräg an die Backen legt.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich es angenehm fände,“ er⸗ wwiederte Anton beſorgt. „Je nachdem,“ ſagte Fink, nes giebt wenig Lagen, die nicht noch viel ſchlechter ſein könnten. Bedenken Sie, es 1* wäre auch in pieſem Fal immer Pnoch ein glückliches Loos, — 170— daß wir dieſe nichtsnutzigen Faßdauben zwiſchen uns und dem Waſſer haben. Wie aber, wenn wir ſelbſt mit unſerm Leibe in der Fluth lägen, ohne Kahn, ohne Ufer, zwiſchen haushohen Wellen?“ 3. Wenigſtens ich wäre verloren,“ rief Anton mit auf⸗ 3 hhden Entſetzen. „SIch ſage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den ich mich in einer Kriſis gern verlaſſe, dem iſt ſo etwas begegnet. Der Mann ſchlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er beſchließt zu baden, wirft ſeine Kleider ab und geht in's Waſſer. Luſtig ſchwimmt er in die See hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu Thal, das Waſſer iſt wohlig warm, um ihn glitzert in der Abendſonne die Fluth von zehntauſend bunten Farben, und über ihm lodert das goldene Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor Vergnügen.“ „Und Sie ſelbſt waren der Mann?“ frug Anton. „Meinetwegen ja.— So ſchwamm ich eine Weile fort, Zeit war, mich aus der Waſſerſchaukel ans Land Ich wandte mich um und hielt a das Land zu, meint Ihr, Maſter Wohlfart, das ich ſah?“ „Ein Schiff,“ rief Anton,„einen Fiſch.“ „Nein,“ ſagte Fink,„nichts ſah ich, das Land war verſchwunden. Ich ſpähte nach allen Seiten in die Däm⸗ merung hinein, ich hob mich aus den Wellen, ſo hoch ich konnte, nichts war zu erblicken, als Waſſer und Him⸗ mel. Die Strömung, die vom Lande abwärts zog, hatte mich heimtückiſch fortgeführt, ich trieb in der hohen See. Ich lag hinein, noch immer kein Land zu ſehen. Ich wurde und die teufliſche Schwärze um mich herum gab mir — 171— im atlantiſchen Ocean zwiſchen Amerika und England. In⸗ ſofern wußte ich, wo ich war, aber dieſe geographiſche Kunde 4 4 erwies ſich in meiner Lage als unbefriedigend. Es wurde dunkler am Himmel, die Thäler der Wellen füllten ſich mit ſchwarzen ungemüthlichen Schatten, die Waſſerberge hoben ſich höher, ein kalter Luftzug fuhr über mein Haupt. Und nichts war zu ſehen, als das röthliche Grau des Himmels und die wilde rollende Fluth.“ „Das war ſchrecklich!“ rief Anton. „Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann, Hechte und andere Creaturen zu beneiden. Wo das Land zulag, erkannte ich natürlich am Himmel. Jetzt entſtand die Frage, wer ſtärker war, die Strömung des Mee⸗ res, oder mein Arm. Ein mörderiſches Ringen mit dem perfiden Schurken von Waſſergott begann. Durch die Stöße Eurer Schwimmſchule wäre ich nicht weit gekommen, ich rollte wie die Seekälber und die Wilden und griff Hand um Hand vorwärts. So konnte ich's im Nothfall ein Paar Stunden aushalten. Und jetzt arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der mächtigſte meines Lebens. Unterdeß wurde es finſter, die ſmaragdgrünen Wellen verwandelten ſich in eine Fluth von ſchwarzem flüſſigem Pech, nur ihre Häupter ſchimmerten noch von weißem Giſcht wie Todtenſchädel, welche um mi aufſtiegen und mich anſpukten. Der Himmel hing bleigrau tiber mir, zuweilen blinzte mir ein einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch zu, das war mein einziger Troſt. So ſchwamm ich zwiſchen Schwarz und Grau, ins Endloſe natt 8— — 172— len den Gedanken ein, die unnütze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank ſtieg höher, die Sterne verſchwanden, die Rich⸗ tung wurde zweifelhaft und meine Stellung durchaus un⸗ haltbar. Ich merkte, daß die Sache zum Ende kam; meine Bruſt keuchte, vor meinen Augen tanzten unzählige Funken, wie Leuchtkäfer auf dem Wege zur Hölle. Da, mein Junge, als ich halb beſinnungslos mit einer Welle hinabgeglitten war, da fühlte ich mit dem Fuße etwas, was nicht mehr Waſſer war.“ „Es war Grund,“ rief Anton. „Ja,“ nickte Fink,„es war feſter Sand. Ich kam eine Meile leewärts von meinen Kleidern an's Ufer und fiel dort n wie eine erſchlagene Robbe.“ Er brach ab und ſah prü⸗ fend auf Anton.„Und jetzt macht Ihr Euch fertig, Maat, 41 rief er,„nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen Schlag machen und zum Ufer wenden. Nur ruhig!“ In dieſem Augenblicke fuhr ein ſtarker Windſtoß über die Waſſerfläche, der Maſt knarrte, das Boot neigte ſich 1 die Seite und hörte mit der Schwankung nicht eher auf, bis ſein Kiel in die Höhe ſtand, wie die Rückenfloſſe eines Fiſches. Anton ſank ſeinem Verſprechen getreu ohne weitere Bem kungen in die Tiefe. Blitzſchnell tauchte Fink in die Strö⸗ mung, ſtieß ebenfalls, wie er verſprochen hatte, ſeinen Ge⸗ fährten über ſich nach der Oberfläche des Waſſers und ſchob ihn mit großer Anſtrengung auf eine ſeichte St möglich war, watend das Ufer zu erreichen.„Zum Henker, ſſen Sie doch meinen Arm,“ rief Fink keuchend. Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Maſſe Waſfe verſchluckt hatte, beſaß nicht mehr allzu viel Beſtnnung und machte nur eine abwehrende Bewegung mit der 1d. 3 — 173— „Ich glaube, er will noch einmal hinunter,“ rief Fink ärgerlich, faßte den Beſinnungsloſen um den Leib und ſchleppte ihn ans Ufer. ³ Eine Menge Menſchen hatte ſich hier verſammelt und ſtürzte jetzt an den Rand des Waſſers, wo Fink den jungen Ma⸗ troſen im Arme hielt und ihm lebhaft zuredete, doch wieder zu ſich zu kommen. Endlich öffnete Anton die Augen und be⸗ zeugte dadurch und durch einige andere Bewegungen die Ab⸗ ſicht, ſeine Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft noch nicht aufzugeben.„Wie geht's, Wohlfart?“ ſagte Fink und ſah ihm beſorgt in das bleiche Antlitz.„Sie haben ſich die Sach ſehr zu Herzen genommen! Poncho y Ponche!“ rief er heftig den Leuten zu,„einen Mantel und ein Glas Rum für den Herrn. Das wird Sie am ſchnellſten curiren.“ Ein Leiermann zog bereitwillig ſeinen alten Soldaten⸗ mantel vom Leibe, unſer Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach dem Hauſe des Zimmermanns geführt. Dort ſetzte man ihn auf einen Lehnſtuhl. „Da geht der Kürbis hin, Segel, Streichruder und Alles,“ ſagte Fink im Abgehen ſtrafend zum Schiffszimmer⸗ mann,„und unſere Röcke obendrein. Habe ich's Euch nicht 1 geſagt, daß das Ding nichts taugte?“ Eine Stunde lang pflegte Fink ſein Opfer mit der größten Zaͤrtlichkeit, er rührte ihm eigenhändig den Zucker in einem Glas Grog und drückte ihm zuweilen die kalte Hand. E war bereits dunkel, als Anton ſo weit hergeſtellt war, daß er nach Hauſe gehen konnte. Sie vervollſtändigten ihre Toilette: durch K Kleider und Schuhe des K Kahnbauers und lachten auf dem Nüctwege über ihre Ausrüſtung. Fink hatte wieder ſein — 174— gewöhnliches kühles Weſen angenommen, und unſer Held ſtolperte bleich, aber luſtig in hohen Thranſtiefeln neben ihm her.„Hören Sie, Fink,“ ſagte er ermahnend,„wenn Sie mich das nächſte Mal zu einer Partie auffordern, ſo möchte ich Ihnen andeuten, daß ich manches Andere lieber trinke, als dies lehmige Waſſer. Ich bin noch voll davon.“ „Wie konnte ich denken,“ antwortete Fink,„daß Sie mit ſolcher Vehemenz den halben Fluß einſchlucken würden, Sie Unſchuld! Ich habe in meinem Leben noch keinen Men⸗ ſchen mit ſolcher Kindlichkeit auf den Grund gehen ſehen. Sie ſind ein mährchenhafter Kerl!“ Deerr nächſte Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An dieſem wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden in den Zimmern des erſten Stockes, der Bediente präſentirte dann Kaffe und Cigarren. Als man ſich zu Tiſch ſetzte, ſagte die Tante zu Fink:„Die ganze Stadt iſt voll davon, daß Sie und Herr Wohlfart geſtern in einer ſchrecklichen Gefahr geweſen ſind.“ „Es war nicht der Rede werth, gnädige Frau,“ ant⸗ mortete Fink leichtſinnig,„ich wollte nur unterſuchen, wie ſich Maſter Wohlfart beim Ertrinken benehmen würde. Ich warf ihn ins Waſſer, nnd er wäre um ein Haar auf dem Grunde liegen geblieben, weil er es für indiseret hielt, mich durch ſeine Rettung zu beläſtigen. Einer ſolchen Reſignation iſt nur ein Deutſcher fähig.“ „Aber Herr von Fink,“ rief die Tante erſchrocken,„das hieß ja das Schickſal heransfördein, Es iſt jihanderhaſt, nur daran zu denken.“ büiche 1„ 8„Sodetheitwarurdiennſubetadiftrbehninnet 4 — 175— die man hier Fluß nennt. Es müſſen ſehr ſchmutzige Niren ſein, die auf dem Grunde dieſes Waſſers leben. Aber Wohll!.— fart ließ ſich durch ihren Lehm nicht ſtören. Er fiel ihnen begeiſtert in die Arme, gerade wie es in dem berühmten Liede Sr. Excellenz heißt:„Halb zogen ſie ihn, halb ſank er hin.“ Er warf beide Beine über den Rand des Kahns, noch bevor es nöthig war.“ „Sie hatten mich's ſo gelehrt, Sir!“ rief Anton zu ſei⸗ ner Entſchuldigung von unten dazwiſchen. „Ja,“ fuhr Fink gegen die Tante fort,„ich habe als Freund an ihm gehandelt. Ich trage keine Schuld, wenn er ſo viel Waſſer geſchluckt hat, daß der Waſſerſtand heut uner⸗ hört niedrig iſt, und die Zinkkähne der Handlung oben im Fluſſe auf einer Sandbank liegen bleiben. Ich habe ihm vorher noch jede Art von gutem Rath gegeben. Ich habe ihm eine lange Geſchichte erzählt, wie man ſich im Waſſer zu benehmen hat, ich habe ihn darauf aufmerkſam gemacht, welche Toilette man braucht, um mit Anſtand ins Waſſer zu. fallen. Man kann gegen einen Bruder nicht ſorgſamer ſein. Aber es half Alles nichts. Er fuhr wie aus einer Piſtole geſchoſſen auf den Grund und bohrte ſich dort mit der Be⸗ hendigkeit eines Karpfens ein. Ich verſichere Sie, es war eine mühſame Arbeit, ihn im Schlamm wieder außzufinden. Ich glaube, er war bereits in zärtlicher Unterhaltung mit einigen Waſſergeſchöpfen, als ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit der Hand, als wollte er ſagen: Störe mich nicht, ich gehe p dier meinem ſtillen Vergnügen nach.“ eSer arme e Der Maahlfart, 4 rief die Tante verundert. — 176— Polizeidiener, der das naſſe Bündel auf dem Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerſt das Unglück.“ „Die Röcke ſind heute früh unterhalb der Sundt aufge⸗ fiſcht worden,“ ſagte Fink,„Karl zweifelt daran, ſte je wie⸗ der zu trocknen. Unterdeß machen Wohlfarts Stiefeln eine Vergnügungsreiſe nach dem Weltmeer.“ Anton erröthete vor Aerger über die Weiſe des Freundes und ſah verſtohlen nach dem obern Ende des Tiſches. Der Kaufmann blickte finſter auf den gemüthlichen Fink, und Sabine ſaß bleich mit geſenkten Augen, nur die Tante war wortreich in aufrichtigem Bedauern der durchnäßten Röcke. Das Mittageſſen war noch feierlicher als gewöhnlich. Nach dem Braten erhob ſich Herr Liebold und verrichtete das ſchwere Stück Arbeit, wozu er durch ſeine hohe Stellung ver⸗ pflichtet war, er brachte die Geſundheit des Prinzipals aus. Er gab ſich redlich Mühe, die entſchiedenen Wünſche des Vor⸗ derſatzes nicht durch einen ſchüchternen Nachſatz zurü ichuneh⸗ men. Aber ſelbſt ſein Toaſt vermochte nicht, eine gewiſſe Spannung in den oberen Regionen des Tiſches zu beſeitigen. Nach aufgehobener Tafel ſtanden die Herren Kaffe trin⸗ kend in Gruppen um den Prinzipal herum, wobei kühne Naturen, wie Herr Pir, auch eine Cigarre anzubrennen wagten. Unterdeß trieb Anton in größter Muße durch die geöffnete Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand, blätterte in einem Album und hielt ſich durch ſolche Thätig⸗ keit die drohende Langeweile tapfer vom Halſe. Er beobach⸗ tete gerade das Muſter eines Teppichs und hoffte im Stillen, daß ſich hier oder da ein keckes Fünfeck von dem Zwange des Muſters lhemuhen und eigenwillig an einer uüpaſſenden an Anton vorüber. — 177— Stelle erſcheinen könnte. So war er an den Eingang des letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen ſtehen. Wenige Schritte vor ihm ſtand Sabine an einem Blumentiſch und hielt ſich mit beiden Händen an der Tiſchplatte feſt, während große Thränentropfen aus ihren Augen auf die Blumen herunterfielen. Es war ein lautloſes Sch hluchzen; wie von innerm Krampf wurde die ſchlanke Geſtalt erſchüttert; ſte bekämpfte den Ausbruch eines tiefen, lange unterdrückten Schmerzes mit einer Energie, welche ihn doppelt rührend machte. Anton war beſtürzt über den Zufall, der ihm einen ſolchen Anblick geſtattete, und fühlte doch wieder eine ſo warme Theilnahme, daß er darüber vergaß, ſich zurückzuziehen. Als er ſich umwandte, blickte Sabine nach dem Geräuſch hin. Sich ſchnell faſſend, drückte ſte das Tuch an die Augen und kehrte ſich ſogleich zu Anton.„Hüten Sie ſich, Herr Wohl⸗ fart,“ ſagte ſte herzlich,„daß die Tollkühnheit Ihres Freun⸗ des Sie nicht in neue Gefahren bringt; meinem Bruder würde es ſehr leid thun, wenn der Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachtheil brächte.“ „Fräulein Sabine,“ erwiederte Anton und ſah der Dame mit inniger Hochachtung in die feuchten Augen,„Fink iſt eben ſo edel als rückſichtslos. Er hat mich mit eigener Ge⸗ fahr aus dem Waſſer herausgeholt.“ 8 „O ja,“ rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verſtand,„Herr v. Fink liebt es, mit Allem zu ſpielen, was anderen Menſchen heilig iſt.“ In dieſem Augenblick eilte Herr Jordan herzu und bat das Fräulein, an den Flügel zu kommen. So rauſchte ſie 0 — 178— Anton war in mächtiger Aufregung. Sabine Schröter ſtand bei den Herren des Comtoirs in einem Anſehen, welches ſie über den Bereich der gewöhnlichen Discuſſion ſtellte und in die glückliche Lage brachte, daß im Hinterhaus nur ſelten von ihr geſprochen ward. Die meiſten der Jüngeren waren, wie ſich aus den Neckereien ihrer Collegen und gele⸗ gentlichen Geſtändniſſen merken ließ, während der erſten Mo⸗ nate ihres Aufenthalts leidenſchaftlich in das Fräulein des Hauſes verliebt geweſen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach heruntergebrannt war, hatte Jeder ein Häuflein glühender Kohlen vor den Spöttereien der Col⸗ legen in den geheimſten Winkel ſeines Herzens geſchoben, wo die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Sämmtliche Herren waren bereit, für die Tochter ihres Hauſes gegen jeden Feind loszurennen. Allen galt ſie für eine kalte Heilige, deren Heerz einer leidenſchaftlichen Schwäche unzugänglich war. Aber ihre ruhige Haltung that Allen ſehr wohl, und wenn Herr Pir ſie ſtolz nannte, ſo verfehlte er nie, dazuzuſetzen: „Aber ſie hat ein gutes Herz, ſie iſt eine tüchtige Wirthin.“ Ob Sabine ganz ſo war, wie das Comtoir einſtimmig annahm, darüber hatte auch Anton kein Urtheil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt, und doch fern, wie der Mond, den wir immer nur von einer Seite ſehen. Alle Tage ſaß er ihr gegenüber und ſah aus der Ferne auf das feine Oval ihres Geſichts, auf das dunkle Haar und den tiefen Glanz ihrer ſchönen Augen, täglich hörte er ihre Stimme in dem gleichförmigen Tiſchgeſpräch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er plötzlich, daß die Heilige nicht ſo ruhig und ſo gefühllos lebte, als das Hinterhaus annahm; durch einen 8 — — — 179— Zufall war er Vertrauter ihres ſtillen Wehes geworden. Ihr Schmerz, ſo lautlos und ſo ſchön getragen, ſteigerte ſeine Theilnahme zu leidenſchaftlicher Höhe. Er hatte nie eine Schweſter gehabt, und ſich wohl zuweilen danach geſehnt; heut empfand er eine wahrhaft brüderliche Zärtlichkeit für die Trauernde; er hätte ſein Leben hingeben können, um ſie von dieſem Schmerz zu befreien; er hätte es für das höchſte Glück gehalten, ihre Hand zu ergreifen, ihren Kopf an ſeine Bruſt zu legen und ihr die weinenden Augen zu küſſen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, daß ihr Kummer mit Fink in irgend einer Verbindung ſtand, es war ihm ſchon lange unzweifel⸗ haft geweſen, daß dieſe beiden Geſtalten zu einander in einer geheimnißvollen Beziehung ſtehen mußten, und oft hatte er prüfend nach Sabinens Geſicht hingeſehen, wenn Fink bei Tiſch etwas Liebenswürdiges erzählte. hatte nie etwas Anderes entdeckt, als daß ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink ſaß, und daß ſie den Jokei vielleicht noch ſel⸗ tener anredete, als einen der anderen Herren. Jetzt ahnete er allerlei Schmerzliches für die Gebieterin des erſten Stocks, er ſah im Geiſt wilde Leidenſchaften über den ruhigen Glanz des Hauſes T. O. Schröter heraufſtürmen. Wohl empfand er für Fink die hingebende Neigung, welche eine unverdorbene Jugend ſo gern dem kühnen und erfahrenen Genoſſen weiht, aber in dieſem Falle nahm ſeine Seele entſchiedene Partei gegen den Freund, er beſchloß, Fink genau zu beobachten und dem Fräulein irgend etwas zu werden, ein brüderlicher Schutz, ein Vertrauter, Alles, was dazu helfen konnte, ſie poon einem Schmerz zu befreien, der ihn n mit Rührung und — beiten Mitgefühl erfüllte. 4 — 180 Einige Stunden darauf ſaß Sabine in der Fenſterniſche. Die Hände über das Knie gefaltet, ſah ſte ſtill vor ſich hin. Das röthliche Abendlicht goß über ihr Antlitz einen Schim⸗ mer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blitt von ſeinem Armſtuhl ſorgenvoll auf die Regungsloſe, endlich trat er leiſe zu ihr und legte ſeine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob ſich und umſchlang den Bruder feſt mit beiden Armen. So ſtanden die Geſchwiſter eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche ſich ſo in einander hineingelebt haben, daß jeder ohne Worte verſteht, was den andern bewegt. Der Kaufmann ſtrich zärtlich die Locken ſeiner Schweſter zurecht und ſagte bekümmert:„Du weißt, wie groß die geſchäftlichen Verpflichtungen ſind, welche wir gegen den VaterFinks haben.“ „Ich weiß,“ erwiederte Sabine aufblickend,„daß du mit dem Sohne nicht zufrieden biſt.“ „ Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Geſtalt in unſern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geſchah.“ Sei nicht hart gegen ihn,“ bat die Schweſter und küßte die Hand des Kaufmanns.„Denke auch daran, wie viel Sdles in ſeinem Weſen liegt.“ „Ich thue ihm nicht Unrecht. Aber ob ſein Leben zum Heil für Andere werden wird, oder zum Unheil, das ſteht nooch dahin. Sein Selbſtgefühl, die großen Anlagen, ſelbſt die trotzige Kraft ſeines Egoismus, das zuſammen iſt Stoff genug, um einen großen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er ſeine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Thor⸗ heiten hat er bis jetzt ſeine Tage verbracht, der Zwang unſers — 181— Hauſes empört ihn innerlich. Auch iſt wahrſcheinlich, daß ein ſchlechter Ariſtokrat aus ihm wird, der ſeine Lebenskraft im raffinirten Genuß vergeudet, oder auch ein wucheriſcher Geldmann, wie ſein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwählt und mit frevelhaf⸗ tem Witz die Schwächen Anderer benutzt, um aus den Trüm⸗ mern ihres Glücks ſeine Paläſte zu bauen.“ „Er iſt nicht herzlos,“ murmelte Sabine,„auch ſein Verhältniß zu Wohlfart beweiſt das.“ 3 „Er ſpielt mit ihm, er wirft ihn ins Waſſer und zieht ihn wieder heraus.“ „Nein,“ rief Sabine,„er achtet den verſtändigen Sinn Wohlfarts, er fühlt, daß dieſer trotz ſeinem Mangel an Er⸗ . fahrung ein reicheres Gemüth hat, als er ſelbſt.“ „Täuſche dich und mich nicht,“ entgegnete der Kauf⸗ mann finſter,„ich weiß, wie es gekommen iſt, wie ſeine 5 Sicherheit, die Gabe, ſchön zu ſprechen und ſich in leichtem — Scherz über ſeine Umgebung zu erheben, dich gefeſſelt haben. 1 Nicht ohne brüderliche Eiferſucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich ſchwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch ſelbſt hingeriſſen von Manchem, was an ihm ungewöhnlich iſt. Auch als ich ſeine Härten unangenehm empfand, ſchwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogſt. Jetzt aber, wo ich ſehe, wie ſehr ſeine Art dich noch immer aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muß ich ſeine Entfernung für wünſchenswerth halten. Er ſoll fort aus unſerm Hauſe, fort auch aus deiner Nähe.“ „O’mein Gott!“ rief Sabine, die Hände ringend.— „Nein 4 Traugott, das ſoll, das darf nicht geſchehen. Um — 182— meinetwillen ſoll ein Verhältniß nicht gelöſt werden, welches zu ſeinem Nutzen beſchloſſen wurde. Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die ſeine Vergan⸗ genheit über ihn bringt, ſo iſt es das Leben in deiner Nähe. Deine raſtloſe Thätigkeit, die hohe Ehre deines Geſchäfts, die zu ſehen, daran ſich zu gewöhnen, das iſt Heilung für ſeine Seele. Ja, Traugott,“ fuhr ſie fort und faßte ſeine Hand, „ich habe kein Geheimniß vor dir! Du haſt eine thörichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher erkannt, als ich ſelbſt. Aber ich verſpreche dir, dies Gefühl ſoll ſein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich geleſen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort will ich verrathen, daß ich ſchwach war. O, zürne ihm nicht, löſe ihn nicht aus deinem Kreiſe, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.“ „Und darf ich zugeben, daß ſeine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf verurtheilt?“ frug der Bruder.„Unſer Verhältniß zu ihm iſt ohnedies ſchwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſein Vater beſtimmte Pläne mit ihm hat; es iſt ſicher, daß er ſelbſt für weit hinaus phantaſtiſch über ſeine Zukunft geträumt hat. Mir hat ſein Vater die af⸗ ſicht über ihn, den ſchwer zu Lenkenden, gegeben, weil er ver⸗ traut, daß ich in ſeinem Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine Annäherung zwiſchen euch Beiden auch nur durch Stillſchweigen zuließe. Leicht wird man uns auch die harmloſe Zuvorkommenheit ſo aus⸗ legen, als hätten wir einen Wunſch, den reichen Erben an uns zu feſſeln. Und er ſelbſt, der Uebermüthige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerſt einem ſolchen Gedanken Raum 8 — 183— gebe und geneigt ſein, über das zu triumphiren, was er ne Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich ihn darüber lachen und witzeln, und ſteh, Sabine, dage⸗ gen empört ſich mein Stolz.“ „Traugott,“ rief Sabine mit gerötheten Wangen,„ver⸗ giß nicht, daß ich deine Schweſter bin. Ich bin ein Bürger⸗ kind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich bin ſo ſtolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß zwiſchen ihm und mir eine Kluft liegt, ſo weit und tief, daß alle Liebe ſte nicht aufzuheben vermöchte. Vertraue mir,“ bat ſie unter Thrä⸗ nen,„ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebſt, ſei gütiger. Ertrage auch du das Läſtige in ſeinem Weſen. Bedenke, wie ſein Schickſal war. In der Welt umhergeſchleudert, in Lagen, welche jedem Gelüſt ſchmeichelten, immer unter Fremden, ohne Liebe und ohne Heimath, ſo iſt er aufgewachſen, in Manchem verdorben, aber im Grunde ſeiner Seele hochſinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.“ Wieder ſchlang ſie den Arm um den Hals ihres Bruders und ſah bittend zu ihm auf. 4„Vertraue mir und gegen ihn ſei gütiger.“ g„Er ſoll hier bleiben,“ ſagte der Kaufmann und blickte gekährt in die feuchten Augen der Schweſter.„Aber außer meinem Liebling iſt noch Jemand in unſerm Hauſe, der ſich vor dem Einfluß ſeines Weſens zu bewahren hat.“ Wcoohleart,“ rief Sabine heiter.„Für den bürge ich.“ „Du übernimmſt viel, du Vormund unſerer Herren. Alſo auch er iſt ein Günſtling?“ frug der Bruder. „Er iſt zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie treuherzig Sh er heut darein, als der — 184— Andere ſo ruchlos ſcherzte. Und er hat Muth! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig ſah ich ihn damals, als ihn Fink ſo gekränkt hatte. Er ſah ordentlich rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn ins Herz geſchloſſen.“ „Was hat Alles in dieſem Herzen Raum,“ rief der Kauf⸗ mann ſcherzend.„Zuerſt und vor Allem die große Vor⸗ rathsſtube, die Nußbaumſchränke der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in beſcheidener Seitenkammer der geſtrenge Bruder, dann“— „Dann im Vorzimmer alles Uebrige,“ unterbrach ihn Sabine. „Ja, und jetzt finde ich ſogar unſern Lehrling dort ein⸗ quartiert,“ fuhr der Bruder fort. Sabine nickte.„Er iſt ja auch mein Lehrling, er iſt ja ſchon von ſeinem Vater her ein Kind unſrer Handlung. Jetzt wünſcht er ſich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich wollen ſie beſorgen, Du mußt ſie ihm bei erſter Gelegenheit durch die Poſt ſen⸗ den. Er iſt von Haus aus an ſolche Ueberraſchungen ge⸗ wöhnt. Die Tante ſoll ihm einen geheimnißvollen Brief dazu ſchreiben.“ Sie lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Theeſerviette und rückte die Taſſen zurecht, bis alle drei in einer Reihe ſtanden. „So iſt's recht,“ rief der Kaufmann,„jetzt biſt du wie⸗ der du ſelbſt. Die Linie iſt untadelhaft, und die Symmetrie der Serviettenzipfel iſt außerordentlich.“ „Man muß doch ſeine Freude haben,“ ſagte Sabine, „Ihr Männer thut doch nichts Anderes, als uns ängſtigen.“ Zu derſelben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied — 185— trällernd, ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhauſe, und, die Wahrheit zu geſtehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte.„Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,“ rief er luſtig,„der Sou⸗ verain hat mich heut mit haarſträubender Gleichgiltigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag kei⸗ nen Blick gegönnt. Reſpectable Leute, aber bis zur Ver⸗ zweiflung hausbacken! Dieſe Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch ſie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege ſich im Kopfe kraut, ſo erregt das Erſtaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr anſtän⸗ dig ſei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. — Glück zu, Wohlfart, Sie ſind auf dem beſten Wege, der Mignon dieſes Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren böſen Genius. Thut nichts! Morgen gehen wir zuſammen in die Schwimmſchule.“ Und ſo geſchah es. Seit dieſer Zeit fand Fink ein Ver⸗ gnügen darin, den jüngern Freund in ſeine Künſte einzu⸗ weihen. Er ſelbſt lehrte ihn ſchwimmen, er beſtand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd beſtieg, und zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitkünſte zu üben. Ja, er ging in ſeiner Freundſchaft ſo weit, daß er ſich ſelbſt auf einen Miethklepper ſetzte,— etwas, wogegen eer großen Abſcheu hatte— und den Lehrling zur Uebung auf ſeinem eigenen feurigen Pferde reiten ließ. Er ſchoß mit Anton nach der Scheibe, und drohte ſogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verſchaffen, wogegen aber Anton mf das Aeußerſte proteſtirte. Anton ſahnte ſeinem Freunde dudch d die nößi nbe — 186— lichkeit; er war glücklich, einen Genoſſen zu haben, an dem der ſo Vieles verehren und bewundern konnte, und es that ſeinem Selbſtgefühl unendlich wohl, daß er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei; was zuerſt eine Laune geweſen war, wurde ihm ſchnell Bedürfniß. Es waren glückliche Abende für Beide, wenn ſie im Schatten der großen Condorflügel oder in dem beſcheideneren Quartiere der gelblackirten Katze zuſammenſaßen in ſeligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über nichts; dann erzählte 1 Fink oder trieb Poſſen, übermüthig, wie ein kleiner Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und 2 dem kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenſter ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, ſo daß der alte zottige Pluto, der ſich als Vogt des Hauſes betrachtete und von Jedermann als ein angeſehener Aſſocié der Firma betrachtet wurde, aus ſeinem leiſen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen ſeine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum erſten Mal für Beide, eine herzliche Jugendfreund⸗ ſchaft auf. 5 Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leiſen Unruhe zu beobachten, nie ſprach er mit ſei⸗ nem Freunde über das, was er ahnend vorausſetzte, immer aber erwartete er, daß ſich im Vorderhauſe etwas ereignen würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwiſchen Fink und dem Kaufmann, oder etwas anderes Außerordentliches. Aber 68 kam nichts dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahtzeiten an der langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es ſchien, als wenn die ernſte und emſige Thätigkeit des Geſchäftes jedes ungewöhnliche Familienereigniß, jede Leidenſchaft, jede ſchnelle Veränderung fern hielte von dem Leben der Hausgenoſſen. Verſtimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, Alles wurde niedergehalten durch den un⸗ abläſſigen gleichmäßigen Fluß der Arbeit. Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite ſeit dem Eintritt des Lehrlings, und wieder blühten die Roſen. An⸗ ton hatte beim Schluß des Comtoirs einen großen Strauß rother Centifolien gekauft und klopfte an die Thür von Herrn Jordan, um dieſem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu ſchmücken. Mit Ueberraſchung ſah er, grade wie am erſten Tage ſeiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer verſammelt und erkannte auf den erſten Blick, daß bei ſeinem Eintreten eine exeluſive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen Aller ſichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leiſen Verlegenheit entgegen und bat, er möge auf eine Stunde die Verſammlung ſich ſelbſt überlaſſen, es ſei etwas Wichtiges zu beſprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur ſelten empfinden laſſen, daß er ihnen an Würden nicht gleich ſtand, deßhalb demüthigte ihn die Verbannung doch ein we⸗ nig. Er trug den Strauß in das eigene Zimmer und ſtellte 15 ihn reſignirt mitten auf den Tiſch, ergriff ein Buch und ſah zuweilen darüber hinweg auf das Büſchel Roſen, welches ſogl eich eifrig bemüht war, ſeinen roſigen Schein bis in die Winkel der kleinen Stube auszubreiten. — 188— Unterdeß wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons pochte mit einem Lineal auf den Tiſch und eröffnete die Verhandlung:„Wie Sie Alle wiſſen, hat einer der Collegen das Geſchäft verlaſſen. Herr Schröter hat mir deßhalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt iſt, an Stelle deſſelben unſern Wohlfart als Correſpondenten in das Provinzialgeſchäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erſt in einem oder nach dem Uſo unſerer Handlung ſogar erſt in zwei Jahren zu Ende geht, ſo will er eine ſolche außerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten laſſen ohne die Beiſtimmung des Comtoirs. Deßhalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie an Wohlfart als unſern Lehrling haben, zu ſeinen Gunſten ſchon jetzt aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in un⸗ ſer Geſchäft aufnehmen? Ich erſuche Sie ſämmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter ſelbſt unſern Wohlfart für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für ſehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entſcheidung überläßt.“ Nach dieſen Worten des Herrn Jordan entſtand die im⸗ poſante Stille, welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix richtete ſich von der Sophalehne auf, an welcher er ge⸗ hangen hatte, und ſprach:„Vor Allem ſtimme ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer für die Theetrinker den Keſſel her, den Grog braue ich.“ Nach dieſer Erklärung zog ſich der Sprecher wieder in ſeine reitende Stel— lung zurück und brannte eine Manilla an, eine Art von Cigar⸗ ren, welche er in ſtetem Kampf gegen ſeine Collegen begünſtigte. 4½ — 189— Die andern Herren verharrten in genußreichem Schwei⸗ gen und ſahen feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fühlte die Wichtigkeit ſeiner bürgerlichen Stellung und ſeine Würde als Menſch und College. Als die Spiritusflamme um den Keſſel leckte und noch Niemand das Wort ergriff, erkannte der Vorſitzende die Noth⸗ wendigkeit, die Debatte auf irgend eine Weiſe zu fördern, und frug:„Wie wollen wir abſtimmen? Wünſchen Sie von unten nach oben oder von oben herab?“ „Bei der engliſchen Marine wird, ſo viel ich weiß, der Jüngſte zuerſt gehört,“ bemerkte Herr Baumann. „Wie bei der engliſchen Marine,“ entſchied Herr Pir. Specht war der jüngſte der anweſenden Collegen.„Ich muß vor Allem bemerken, daß Herr von Fink nicht anweſend iſt,“ ſprach er und ſah ſich aufgeregt um. Ein allgemeines Gemurmel entſtand:„Er iſt nicht zu Hauſe! er iſt Volontair!“ „Er gehört nicht zu uns,“ ſagte Herr Pix. „Er ſelbſt wird es ablehnen, mitzuſtimmen,“ ſagte Herr Jordan,„da er keiner von den Engagirten der Hand⸗ lung iſt.“ „In dieſem Falle bin ich der Meinung,“ fuhr Herr Specht fort, etwas herabgeſtimmt durch die allgemeine Oppoſition, welche ſeine erſte Bemerkung erfahren hatte,„daß Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich ſelbſt oder doch drei Jahre, wie unſer Baumann bei C. W. Strumpf und Knieſohl. Da er aber ein guter Kerl und nach Aller Anſicht im Geſchäft brauchbar iſt, ſo bin ich auch der Meinung, daß wir einmal eine Ausnahme machen — 190— und ihn ſchon jetzt als Collegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorſichtig zu ſein und ihm bemerklich zu machen, daß er eigentlich noch Lehrling ſein ſollte. Deßhalb ſchlage ich vor, daß er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr hindurch den Thee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling gethan. Außerdem halte ich für ſchicklich, daß er zur Erinnerung an ſeinen früheren Stand jedem der Collegen alle Quartale eine Feder ſchneidet.“ „Narrheiten,“ brummte Herr Pix;„Sie haben immer überſpannte Einfälle.“ 1 „Wie können Sie meine Einfälle überſpannt nennen,“ rief Herr Specht entrüſtet,„Sie wiſſen, daß ich mir von Ihnen nichts gefallen laſſe.“ „Ich muß um Ruhe bitten,“ ſagte Herr Jordan. Die nächſten Collegen gaben in runder Weiſe ihre Ein⸗ willigung, Herr Baumann mit vieler Wärme. Endlich griff Herr Pir nach dem Hahn des Theekeſſels und ſprach:„Meine Herren, was ſoll das lange Reden, ſeine Waarenkenntniß iſt nicht ſchlecht, wenn man berückſtchtigt, daß er noch ein junger Kauz iſt, ſein Benehmen iſt coulant, die Hausknechte haben Reſpect vor ihm, gegen meine Kunden iſt er noch zu zart⸗ fühlend und umſtändlich, aber es iſt nicht allen Leuten gege⸗ ben, andere Leute zu behandeln. Solo ſpielt er ſchlecht, und ſein Punſchtrinken iſt unbedeutend. So ſteht es mit ihm. Da dieſe letzteren Qualitäten aber nicht den Ausſchlag geben dürfen, ſo ſehe ich nicht ein, weßhalb er nicht vom heuiden Dato ab College werden ſoll.“. Der Caſſirer ſprach:„Es iſt nicht in der Ordnung, daß Einer mit zwei Jahren ſeine Lehrzeit abmacht, da es aber der — — 191— Prinzipal wünſcht, ſo werde ich nicht widerſprechen, denn ſein Wille muß zuletzt doch reſpectirt werden.“ Alle ſahen auf Herrn Liebold, den dieſe allgemeine Auf⸗ merkſamkeit ſehr beunruhigte, weil ſie ihn an die Verant⸗ wortlichkeit ſeines Votums erinnerte. Natürlich wollte er beiſtimmen, aber wenn er nicht beiſtimmte? wenn er jetzt widerſpräche, welcher Scandal müßte daraus entſtehen? wie würde ihn Wohlfart anſehen, und die Collegen und der Prin⸗ zipal ſebſt? So zog er an ſeinem Halskragen, lächelte ver⸗ bindlich nach beiden Seiten und räuſperte ſich wie vor dem Ausbruch einer kräftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die möglichen Folgen ſeines Veto ſchüchtern zurückſank und ſich mit Allem einverſtanden erklärte, was ſeine Collegen beſchließen würden.. „Abgemacht!“ ſagte Herr Jordan,„auch ich ſtimme bei und habe noch den Grund anzuführen, daß Wohlfart bei ſeinem Eintritt älter war, als ein Anderer von uns, und daß er an Jahren und Bildung nichts zu wünſchen übrig läßt. Deßhalb freue ich mich über unſere Einſtimmigkeit. Herr Schröter hat mir erlaubt, im Falle unſerer Einwilligung den Lehrling vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich ſchlage vor, daß dies auf der Stelle geſchieht. Wir wollen ihn herunterrufen.“ 1 5 „Ja, ja, gut, das wollen wir!“ riefen Alle, und Bau⸗ mann ſchickte ſich an, hinaufzugehen. Da aber ſprang Herr Specht auf und vertrat dem Colle⸗ gen Baumann den Weg.„Wir ſind keine Ferkel,“ rief er und ſtreckte die Hand abwehrend an der Thür aus,„wir ſind keine wilden Thiere, daß wir ſo ohne Ordnung durch⸗ 8. — 192— einander laufen und einen neuen Collegen aufnehmen, wie ein Stück von einer Heerde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des Geſchäfts. Es iſt nothwendig, daß wei von uns als Deputation hinaufgehen, es muß wenigſtens V eein Punſch gemacht werden, und Jordan muß ihn mit einer NRede begrüßen.“ 5 b Dieſer Vorſchlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt, den Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen in der Stube umher, er rückte den Tiſch zurecht, ordnete die Stühle im Halbkreis zu beiden Seiten, ſchleppte Gläſer und Flaſchen herzu und ſetzte einen grünen Ritter aus Papiermaché, der ein vergol⸗ 1 ddeetes Schwert trug, auf einen Tabakskaſten in die Mitte des 6 Kiſches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn zwiſchen die Thür und die Verſammlung, damit Wohlfart darauf ſtehe, wie eine Braut vor dem Altare. Darauf er⸗ ſchöpfte er ſeine ganze Beredtſamkeit, um die Lichter und Lampen aus den Zimmern ſeiner Collegen auf einen Haufen zu verſammeln. Endlich ließ er die Rouleaux herunter, ſchloß die bunten Gardinen und brachte zunächſt eine künſt⸗ liche Dämmerung und darauf einen ungewöhnlichen Lichter⸗ glanz und heftigen Lampengeruch zu Stande. So bewirkte er mit Hilfe der Andern, welche ihm zuerſt zuſahen und bald, durch ſeinen Eifer fortgeriſſen, thätig beiſtanden, daß der Salon in der That ein fremdartiges und myſteriöſes Aus⸗ ſehen erhielt. Jetzt erſt ließ er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den Kopf fuhr von dem imponirenden⸗Ausſehen des römiſchen Senates, welcher lautlos auf Stühlen ſaß, als die grimmigen Feinde in Rom — 193— einzogen, ſo beſchwor er leidenſchaftlich alle Zurückgebliebenen, ſich ſtumm und unbeweglich auf den Stühlen in der Runde feſtzuſetzen. Als ſich aber die Thür öffnete, und der erſtaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte ſeiner beiden Führer erſchien, von denen Herr Pir in practiſcher Umſicht die Zuckerbüchſe Antons, Herr Liebold feierlich das große Roſenbouquet getragen brachten, da verblich in der Phantaſie des Herrn Specht der römiſche Senat und die heiligen drei Könige, welche mit Büchſen und Gaben eintreten, Weih⸗ nachtsbeſcherung und chriſtliche Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er ſprang in Ekſtaſe von ſeinem Sitze auf und rief:„Alle müſſen ſtehen!“ Durch dieſe veränderte Anordnung ſtörte er leider ſich ſelbſt die Wirkung, denn nur ein Theil der Herren folgte ſeinem Beiſpiel, der Reſt blieb ſitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit ſagte:„Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben ſich Mühe gegeben, das Geſchäft kennen zu lernen, wir Alle haben Sie in dieſer Zeit lieb gewonnen. Es iſt der Wille des Prinzipals und unſer Aller Wunſch, daß die her⸗ kömmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweiſe abgekürzt werde. Herr Schröter beabſichtigt, Sie morgen als Comtoiriſten auf⸗ zunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies ſchon heute mit⸗ zutheilen. Wir wünſchen Ihnen von Herzen Glück und bitten. Sie, uns dieſelbe ehrliche Freundſchaft als College zu tunde. ren, die Sie uns bis jetzt bewieſen haben.“ So ſprach der gute Herr Jordan und hielt ſeinem Zöglinge die Hand hin. Anton ſtand einen Augenblick ſtarr, dann faßte er mit 8 beiden Häinden die dargebotene hhechee und fiel glücklich und .. 188 — 194— gerührt Herrn Jordan um den Hals. Die Collegen drängten ſich um ihn, und es entſtand ein Händeſchütteln und Umar⸗ men, welches in der Geſchichte des Salons beiſpiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und faßte ihn mit naſſen Augen beim Arm. Specht ſah ohne Betrübniß ſein Ceremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruinirt, Baumann ſaß, die Hände über das Knie geſchlungen, vergnügt in der Ecke, und Pir bot unſerm Helden binnen fünf Minuten zwei Mal ſeine Cigarren an und hielt ihm ſogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon anſteckte. Alles war in beſter Laune, die Collegen freuten ſich, weil ſie mit Selbſtgefühl etwas Bedeutendes ſchenken konnten, und Anton war ſelig, ſo viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklärt ſaß er in einem gepolſterten Seſſel, zu dem ihn Freund Specht genöthigt hatte, vor ihm ſtand der Ritter und ſalutirte mit ſeinem goldenen Schwert aus dem Roſenbuſch heraus, und um ihn lagerten ſeine Ge⸗ noſſen, heut alle bemüht, ihm Fröhliches zu ſagen. Wie ein Heros erhob ſich Herr Pir und brachte die Geſundheit An⸗ tons aus. Er ſchilderte mit einer Beredſamkeit, wie ſie vor⸗ her und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, daß Anton gewiſſermaßen als ein Säugling zu ihnen gekom⸗ men ſei, dem der Unterſchied zwiſchen Pennal und Kanehl eben ſo unbekannt war, als einem Zeiſig das Kaffekochen, und wie mit Hilfe der großen Waage, die als ſeine Wiege betrachtet werden müſſe, und der Auflader, welche Ammen⸗ dienſte an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung einiger anderer Perſonen, die der Sprecher aus Beſcheidenheit nicht nenne, in ſo kurzer Zeit ein ſo auffallendes Wachsthum des — 195— Unmündigen hervorgebracht worden ſei. Darauf erhob ſich. 5 Anton und brachte die Geſundheit ſeiner Collegen aus. Er erzählte, wie bange ihm damals geweſen war, als er zum erſten Male die Thür des Comtoirs geöffnet hatte. Er erin⸗ nerte Herrn Pir an den ſchwarzen Pinſel, mit welchem er ihm den Weg gewieſen, Herrn Specht an ſeine ſtehende Frage: Was ſteht zu Ihren Dienſten? und Herrn Jordan an den Ueberziehärmel, den er damals eingepackt, um den Neuling in ſein Zimmer zu führen. Dieſe Anſpielung auf die be⸗ * rühmten Attribute der drei Herren fand den höchſten Bei⸗ fall. Und jetzt folgte ein Toaſt auf den andern, und es ergab ſich zu allgemeinem Erſtaunen, daß der ſtille Herr * Birnbaum, der Zolleommis, von der Natur die außerordent⸗ liche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glas zwei, f ja ſogar vier Zeilen in Reimen zu ſprechen. Immer fröh⸗ 3 licher wurde die Geſellſchaft, immer feſtlicher glänzten die 3. Lichter, immer röther leuchteten die Wangen und die Roſen auf dem Tiſche.. Erſt ſpät trennten ſich die Collegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen, bevor er ſeinem Freunde Fink das Glück be⸗ richtet hatte. Er eilte dem Ankommenden entgegen und er⸗ zäͤhlte ihm im Mondſchein auf der Treppe das große Ereig⸗ 1 niß. Fink ſchrieb mit ſeiner Reitpeitſche eine luſtige Achte in die Luft und ſagte:„Es iſt brav, daß das Vorderhaus auf den Einfall gekommen iſt, ich hätte einen ſolchen Exceß unſerm Deſpoten nicht zugetraut. Jetzt kommſt du ein Jahr eher übers Waſſer in die große Welt.“ Am nächſten Morgen rief der Prinzipal den neuen Com⸗ mis in das kleine Zimmer hinter dem letzten Comtoir, in 46 13* — 196— das Allerheiligſte des Geſchäfts, und hörte lächend die Dan⸗ kesworte Antons an.„Ich habe ſo gehandelt,“ ſagte er, „weil Sie tüͤchtig ſind, und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geſchäft überbrachten, Ihnen einen Cre⸗ dit bei mir eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, daß Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Thätigkeit Ihr Leben zu erhalten vermögen. Sie treten von heut in die Stellung, alſo auch in den Gehalt des Ausgeſchiedenen ein.“ Zuletzt bei der Mittagstafel gratulirten auch die Damen dem nenen Geſchäftsmann, Sabine kam ſogar bis zum untern Ende des Tiſches, wo Anton hinter ſeinem Stuhle ſtand, und begrüßte ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente ſetzte heut jedem der Herren eine Flaſche Wein vor das Couvert, und der Kaufmann erhob das Glas und dem glücklichen Anton zuwinkend, ſagte er mit gütigem Ernſt:„Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!“ —— 2 5 Zweites Buch. p. 2 ſihan zu plaidiren.“ An einem Sonntagmorgen las Anton emſig in dem letzten Mohikaner von Cooper, während vor dem Fenſter die erſten Schneeflocken ihren Kriegstanz tanzten und ſich vergeblich bemühten, in das Aſyl der gelben Katze zu drin⸗ gen. Da trat Fink eilig in das Zimmer und rief ſchon an der Thür:„Anton, zeige mir deine Garderobe.“ Er öffnete den Kleiderſchrank, unterſuchte den Leibrock und die übrigen. Stücke mit großem Ernſt, ſchüttelte den Kopf und ſchloß ſeine Muſterung mit den Worten:„Ich werde dir meinen Schneider heraufſchicken, laß dir ein neues Gewand an⸗ meſſen.“ „Ich habe kein Geld,“ antwortete Anton lachend. a unſinn,“ verſetzte Fink, der Schneider giebt dir Credit, ſo viel du willſt.“ „Ich möchte aber nichts auf Eredit nehmen,“ erwiederte Anton und ſetzte ſich behaglich auf dem Sopha zurecht, um gegen ſeinen mächtigen Rathgeber zu Gunſten guter Wirth⸗ — 200— „Diesmal mußt du eine Ausnahme machen,“ entſchied 3 Fink,„es iſt Zeit, daß du mehr unter Menſchen kommſt. Du ſollſt in die Geſellſchaft treten, ich werde dich einführen.“ Anton ſtand erröthend wieder auf und rief eifrig:„Das geht nicht, Fink, ich bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die Sicherheit gieht, in großer Geſellſchaft aufzutreten.“ „Eben deßhalb, weil du keine geſellſchaftliche Courage haſt, ſollſt du unter Menſchen,“ ſagte Fink ſtrafend.„Dieſe jammervolle Schüchternheit mußt du los werden, ſo ſchnell als möglich; ſie iſt der dümmſte Fehler, den ein gebildeter Menſch haben kann. Verſtehſt du zu walzen? Haſt du eine Ahnung davon, was eine Tour in der Quadrille iſt?“ „Ich habe vor einigen Jahren in Oſtrau Tanzſtunde genommen,“ verſetzte Anton. „Einerlei, du ſollſt noch einmal Tanzſtunde nehmen. Frau von Baldereck hat mir geſtern vertraut, daß einige Familien für ihre flüggen Märzhühnchen einen Tanzſalon einrichten wollen, damit dieſe in Sicherheit vor Raubvögeln die Flügel bewegen lernen. Die Tanzſtunde ſoll in dem Hauſe der gnädigen Frau ſein, welche ihr eignes Küchlein darin für den Markt abrichten will. Das iſt erwas für dich, ich werde dich dort einführen.“ Antons Seele wurde durch dieſe Zumuthung heftig alarmirt, er ſetzte ſich erſchrocken wieder auf dem Sopha zu⸗ recht, ſchickte ſeinen Verſtand ins Vordertreffen und ſagte mit aller Ruhe, über die er in in dieſem Augenblick verfügen ronnte:„Fink, das iſt wieder einer von deinen tollen Ein⸗ fällen, es iſt unmoaliih⸗ daß ich darauf eingehe; Ira — — —-—,— w il er in einem Comtoir arbeitet.“ 14 — 201— von Baldereck gehört zu der hieſigen Ariſtokratie, und die Tanzgeſellſchaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demſelben Kreiſe ſein.“ „Ohne Zweifel,“ nickte Fink,„reines blaues Blut, die Urgroßmütter ſämmtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutſchen Urwald die Ehre gehabt, der Fürſtin Thusnelda die Nachthaube nachzutragen.“ „Siehſt du,“ ſagte unſer Held,„wie kannſt du den Ein⸗ fall haben, mich in dieſe Geſellſchaft zu bringen, du würdeſt mir nur das bittere Gefühl bereiten, zurückgewieſen zu wer⸗ den, oder, was noch ſchlimmer wäre, eine übeemütgtze Be⸗ handlung zu erfahren.“ „Soll man da nicht die Geduld verlieren?“ rief Fink entrüſtet.„Gerade du und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der größte Theil der Societät, welche dort zuſammenkommen wird. Und grade Ihr ſeid es, die durch ungeſchicktes Benehmen, bald durch Schüchtern⸗ heit, bald durch Kriecherei die Prätenſionen der Landjunker⸗ familien erhalten. Wie kannſt du dich ſelbſt für ſchlechter halten, als irgend jemand Anderen? Ich hätte nicht ge⸗ dacht, daß eine ſolche Niedrigkeit auch in deiner Geele Raum findet.“ „ Du irrſt,“ erwiederte Anton erzürnt,„ich halte m nnich 8 nicht für geringer, als ich bin, aber es wäre thöricht und an⸗ maßend, wenn ich mich in die Geſellſchaft Anderer eindrän⸗ gen wollte, welche mich aus irgend einem Grunde nicht gern ſehen. Gerade mein Selbſtgefühl verbietet mir, mit Solchen zu verkehren, welche einen Mann deßhalb geringer achten, 3 — 202— „FIch ſage dir aber, deine Perſon wird den guten Leuten nicht unangenehm ſein, ich ſtehe dir dafür,“ ſagte Fink überredend.„Du kennſt die Geſellſchaft nicht und denkſt dir Alles viel zu ſchwer. Es iſt Mangel an Herren, ich gelte etwas bei der Frau vom Hauſe— nebenbei geſagt, ich bin nicht ſtolz darauf;— ſie hat mich gebeten, einige junge Männer meiner Bekanntſchaft bei ihr einzuführen; ich führe dich ein, die Sache iſt ganz in der Ordnungz Sieh das Ge⸗ ſchäft doch etwas näher an. Was iſt dieſe Tanzſtunde? Es iſt eine Art Actienverein zur Verbeſſerung der Waden aller Theilnehmer, du bezahlſt deinen Antheil am Stunden⸗ geld wie jeder Andere, und ob du eine junge Comteſſe oder ein Bürgermädchen in der Mazurka herumſchwenkſt, Taille iſt Taille, die Bälger tanzen alle gern.“ „ Es geht doch nicht,“ antwortete Anton kopſſchüttelnd, „ich habe das Gefühl, daß es unpaſſend wäre, und möchte dieſem gehorchen.“ „Ich will dir einen Vorſchlag thun,“ ſagte Fink unge⸗ duldig;„du ſollſt in dieſen Tagen mit mir einen Beſuch bei Frau von Baldereck machen. Ich werde dich als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma„T. O. Schröter““ vorſtellen; du ſollſt kein Wort von der Tanzſtunde erwäh⸗ nen; du wirſt abwarten, wie die gute Dame dich aufnimmt, Wenn dieſe Tanzmutter etwas Anderes iſt, als eitel Liebens⸗ würdigkeit, wenn ſie dir auch nur die geringſte Hauteur zeigt, und nicht ſelbſt von der Tanzſtunde anfängt, ſo ſollſt du vollſtändige Freiheit haben, bei deiner Weigerung zu wenden.“ beharren. Dagegen kannſt du nichts Stichhaltiges ein⸗ 3 8 —— ———————— —— d 8 nicht mehr der Mann, kaltblütig zu prüfen und zu wählen. zogen. Es war der Lieutnant von Zernitz und Herr von — 203— Anton zauderte und überlegte. Die Sache ſchi keineswegs ſo einfach, wie Fink ſie darſtellte, aber er w Seit Jahren verbarg er einen Wunſch im Grund ſeiner Seele, die Sehnſucht nach dem freien, ſtattlichen, ſchmuck⸗ vollen Leben der Vornehmen. So oft er die Tanzmuſik im Vorderhauſe hörte, ſo oft er von dem Treiben der ariſtokra⸗ tiſchen Kreiſe las, ſehr oft, wenn er mit ſich allein war, wurde in ihm eine holde Erinnerung lebendig, das hohe Schloß mit Thürmen im Blumenpark und das adlige Kind, das ihn über den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder ſtieg das Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das ſeine Poeſie in jahrelanger Arbeit dazugethan. Er ſprang auf und willigte in den Vorſchlag des erfahrenen Freundes. Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink ge⸗ führt, und Fink beſtimmte ſelbſt das Detail der neuen Aus⸗ ſtattung mit einer Sachkenntniß, welche dem Schneider nicht weniger als Anton imponirte. Am Nachmittag leckte die Novemberſonne den Schnee 8 von den Steinen der Straße. Da ſteckte Fink einige merk⸗ würdig ausſehende Papiere in ſeine Bruſttaſche, ſchlenderte als müßiger Wanderer durch die lebhafteſten Straßen der Stadt und ſah ſich mit ſcharfem Blick um, wie ein Polizei⸗ beamter, der Beute ſucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem 3 Geſicht auf das Trottoir der entgegengeſetzten Straßenſeite und ſtieß dort auf zwei elegante Herren, welche, wie er, ein⸗ ſam durch das plebeje Treiben der Sonntagsſpaziergänger könnchen, beide von großem Unternehmungsgeiſt und unta⸗ delhaften Allüren. „Teufel, Fink!“— „Guten Tag, Ihr Herren!“— „Was treiben Sie ſo träumeriſch auf der Straße?“ frug Herr von Tönnchen. „Ich ſuche Menſchen,“ erwiederte Fink melancholiſch, „ein paar treue Geſellen, welche verdorben genug ſind, an dieſem langweiligen Sonntage bei Tageslicht eine Flaſche Portwein zu trinken und mir vorher in einem kleinen Geſchäft 1 als Zeugen zu dienen.“ „Als Zeugen?“ frug Herr von Zernitz.„Wollen Sie 3 ſich hinter der Kirche duelliren?“ 5 „Nein, ſchöner Cavalier,“ erwiederte Fink,„Sie wiſſen, ich habe dieſe Unart verſchworen, ſeit der kleine Lanzau meiner Piſtole den Hahn abgeſchoſſen hat. Gerade jetzt bin ich ſehr friedfertig, ein geplagter Geſchäftsmann, würdiger Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich ſuche Zeugen für eine notarielle Urkunde, welche eiligſt ausgeſtellt werden muß. 4 Ich finde wohl einen Notar, aber die gewöhnlichen Gerichts⸗— 9. zeugen ſind heut am Sonntag auf den Kegelſchub gelaufen.* Es wäre menſchlich von Ihnen, wenn Sie mir dieſen unglück⸗ lichen Nachmittag durchbringen hälfen, eine Viertelſtunde beim Notar, den Reſt beim Italiener.“ MNit Vergnügen waren die Herren bereit. Fink führte ſie zu einem bekannten Notar und bat dieſen, vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde auszuſtellen, da die Ceſſton ſofort erfolgen müſſe und die Sache von größter Bedeutung 8 ſei. Er überreichte ein ehrwürdiges, in engliſcher Sorache geſchriebenes Document, worin der Generaladvocat habe das Rohr ſatt, es wird bei Ihnen in guten Händen ſein.“ — 205— einer County im Staat New⸗York urkundlich offenbarte, Herr Fritz von Fink Eigenthümer des Territoriums Fowling⸗ floor, ſowol des Grund und Bodens als der darauf befind⸗ lichen Gebäude, Bäume, Gewäſſer und aller daran haftenden Nutzungen ſei. Darauf erklärte er vor dem Notar, daß er alle nach dieſer Urkunde ihm zuſtehenden Eigenthumsrechte an Herrn Anton Wohlfart, zur Zeit im Geſchäft von T. O. Schröter, cedire. Zahlung dafür ſei vollſtändig geleiſtet. Endlich bat er den Notar inſtändig, das Document ſchleunigſt auszuſtellen und über die ganze Sache Stillſchweigen zu be⸗ obachten. Der Herr verſprach das, und die beiden Zeugen unterſchrieben die Verhandlung. Beim Herausgehen bat er dieſe ebenfalls mit mehr Ernſt, als er ſonſt zu verwenden pflegte, dieſen Act als tiefes Geheimniß zu bewahren und vor Allem gegen Herrn Wohlfart ſelbſt ein unverbrüchliches Schweigen zu beobachten. Beide gelobten das mit einiger 3 4 Neugierde, und Herr von Zernitz konute nicht umhin, zu be⸗ merken:„Ich will nicht hoffen, Fink, daß Sie hier Ihr Te⸗ 3 ſtament gemacht haben, in dieſem Falle wäre ich Ihnen dank⸗ 8 bar geweſen, wenn Sie mir Ihre Büchſe vermacht hätten.“ „Wenn Sie die Büchſe von dem lebendigen Fink anneh⸗ men wollen,“ erwiederte Fink melancholiſch,„ſo werden Sie ihn ſehr glücklich machen.“ „Teufel!“ rief der gutmüthige Lieutnant faſt erſchrocken, „ſo war es nicht gemeint. Ich weiß doch nicht, ob ich das mit gutem Gewiſſen annehmen darf.“ „Thun Sie es immerhin,“ ſagte Fink freundlich, nich — 206—= „Es iſt ein koſtbares Geſchenk,“ warf der Lieutnant mit Gewiſſensbiſſen ein. „Es iſt ein altes Rohr,“ ſagte Fink,„und morgen müſ⸗ ſen Sie es ohne Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie ſollen mit mir zu Feroni. Was aber die geheimnißvolle Abtretung der Güter betrifft, ſo handle ich hier nicht ganz freiwillig. Es iſt eine Art politiſches 8 Geheimniß dabei, das ich auch Ihnen nicht mittheilen kann, ſchon deßhalb nicht, weil mir die Sache ſelbſt noch nicht 1 recht klar iſt.“ It denn das Gut groß, welches Sie abgetreten haben?“ frug Herr von Tönnchen. 4 „Ein Gut?“ frug Fink und ſah nach dem Himmel,„es iſt gar kein Gut. Es iſt eine Bodenfläche, Berg und Thal, Waſſer⸗ und Wald, ein freilich kleiner Theil von Amerika. Und ob dieſer Beſitz des Herrn Wohlfart groß iſt? Was 4 nennen Sie groß? Was heißt groß auf dieſer Erde? In Amerika mißt man die Größe des Landbeſitzers nach einem anderen Mah⸗ als in jdieſen Wiakel von Deucſchlande Ach dhdan iſt denn aber diefer Herr Wohlfart?⸗ frug auf 6 der anderen Seite der Lieutnant. „Sie ſollen nächſtens ſeine Bekanntſchaft machen,“ ante 3 wortkte Fink.„Er iſt ein netter Junge aus der Pro⸗ inz, Hüber dem ein merkwürdiges Schickſal⸗ ſchwubt, gon dem er ſelbſt, zur Zeit noch gar: nichts weiß und nichts wiſſen darf. Doch genug von Geſchäͤften.— Sch hobe für ieſtn T Winter ktwas mit: Iönen vor. Sie ſind zwei alte Knaben, aber Sie müſſen 09 nch einmal Tanzſtunde nehmen.“ Bei dieſen Worten traten ſie in die Weinſthr drs Ita⸗ lieners, wurden von Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften ſich ſchnell in Unterſuchungen über die Reize der ſchweren Weine von Portugal. Frau von Baldereck war eine Hauptſtütze der allerbeſten Geſellſchaft, welche durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und Offtziere gebildet wurde. Es war ſchwer zu ſagen, welche Vorzüge der Dame eine ſolche Achtung ge⸗ bietende Stellung verſchafft hatten; ſie war weder ſehr vor⸗ nehm, noch ſehr reich, noch ſehr elegant, noch ſehr geiſtreich,. 8 noch ſehr mediſant, aber ſie beſaß von allen dieſen Eigen⸗ ſchaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben ſtets ſo virl als irgend möglich auf Grundſätze gehalten und hatte das. * Selbſtgefühl gehabt, ſich den Anſpruchsvollen niemals Zudrängen. Wegen dieſer conſtanten Mäßigung war ſis von der öffentlichen Meinung erhöht worden. Sie beſaß eins ſehr ausgebreitete Bekanntſchaft, war vertraut mit allen Sets rathen und Verwandtſchaften aller Familien der Pr 35,, ſfuand in allen diſtinguirten Häuſern auf der erſten Seite der Einzuladenden und machte als Wittwe ſelbſt ein. mäßiges Haus, welchem der Hahnfederbuſch eines Jägers, und zwe fette Rappen zu anſtändigen Schmuck gereichten. Frau von Buäͤldereck war nach alledem eine regelrechte Dame, welche 8 Perſonen. und Ereigniſſe ſcharf und genau nach den Vorur⸗ thüilen der Geſellſchaft, in welcher ſie lebte, zu beurtheiken wußte; deßhalb wurde ihr Urtheil. überall mit großer Ach⸗ gehör Daß. ſee nuherdem nicht öb eennhihulen * 208— war, rechnete ihr die Geſellſchaft, für welche ſie lebte, wahr⸗ ſcheinlich nicht ſo hoch an, als der alte Engel des Gerichts, wwelcher im Himmel über die Thaten der Menſchen Buch führt, und welcher, nebenbei bemerkt, nach der Uſance ſeines heiligen Geſchäfts oben auf die Seiten des Buches ſtatt des irdiſchen Credit und Debet die Wörter Schaf und Bock zu ſchreiben pflegt und alle Creditpoſten auf die rechte Seite, die Böcke aber auf die linke ſetzt.— Frau von Baldereck hatte eine junge Tochter, welche ihr ſehr ähnlich zu werden ver⸗ ſprach, und bewohnte einen erſten Stock mit großen Zim⸗ maern, worin ſeit einer Reihe von Jahren häufige Proben von Aufzügen, dramatiſchen Vorſtellungen und lebenden Bildern abgehalten wurden. Ddite einflußreiche Dame war gerade in vertraulicher Be⸗ rathung mit einer Schneiderin zſieüberlegte, wie tief der Aus⸗ ſchnitt der Kleider eingerichtet werden dürfe, um die tadelloſe Büſte ihrer Tochter im beſten Licht zu zeigen, und doch wieder in der Tanzſtunde keinen Anſtoß zu erregen als Fink, ihr Liebling, gemeldet wurde. Eilig ſchob ſie die Tochter, die Schneiderin und die Kleider bei Seite und erſchien in dem Beſuchzimmer mit der Gemüthlichkeit einer Hausfrau, welche für ſich ſelbſt nicht mehr übermäßige Anſprüche macht. Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereigniſſe der letzten Abendgeſellſchaft und die langen Hängelocken der Comteſſe Pontak ſagte Fink, indem er angelegentlich einen Fußſchemel maltraitirte, auf welchem ein ſchlafender Pinſcher, von der Tochter des Hauſes geſtickt, unter den Fußbewegun⸗ gen des Gaſtes ſtöhnte:„Ich habe Ihren Auftrag ausgerich⸗ tet, Lady Patroneß, und bringe Ihnen vorläufig drei Herren Ruf, irgend einmal in ein Taſchenbuch eine Novelle geſchrie⸗ er die Eigenſchaft, Andere wild zu machen.“ ihren Beſuch unruhig an,„die Familie kenne ich nicht.“ giebt zu viele Leute mit und ohne Namen, als daß man ſich um Aus der Provinz hierher gekommen, um vorläufig die Geheim⸗ niſſe des Handels durch eigene Anſchauung kennen zulernen zer arbeitet im Geſchäft des Kaufmann Schröter, gerade wi ich — 209— * „Und wer ſind dieſe?“ frug die Dame vom Haufe er⸗ wartungsvoll, vergaß die Leiden 4 neſten Pinſchers und rückte näher an ihren Verbündeten. 1 „Zuerſt Lieutnant von Zernitz,“ ſagte Fink. „Eine gute Acquiſition,“ rief die gnädige Frau erfreut, denn der Lieutnant war, was man einen geiſtreichen Of⸗ fizier nennt, er machte niedliche Verſe in Familienalbunis und zu verlorenen Vielliebchen, war unübertrefflich im Ar⸗ rangement von mimiſchen Darſtellungen und ſtand in dem ben zu haben.„Herr von Zernitz iſt ein liebenswürdiger Geſellſchafter.“ „Ja,“ ſagte Fink, haber Portwein kann er nicht vertra⸗ gen. Der Zweite iſt Herr von Tönnchen.“ „Eine alte Familie,“ bemerkte die Frau vom Hauſe, „iſt er nicht etwas wild?“ fügte ſie ſchüchtern hinzu. 5 „Behüte,“ ſagte Fink,„die Familie hat immer viel Grundſatz gehabt; er iſt gar nicht wild, nur zuweilen Hat „Und der Dritte?“ frug die Dame. 5 „Der Dritte,“ ſagte Fink,„iſt ein Herr Wohlfärt,“ 47. „Wohlfart?“ frug die gnädige Frau befremdet und ſah „Das iſt ſehr möglich,“ erwiederte Fink kaltblütig,„es Alle kümmern könnte. Herr Wohlfart iſt vor einigen Jahren — 210— „Aber, lieber Fink!“ ſchaltete die Dame ein. Fink ließ ſich nicht ſtören, er legte ſich in den Armſtuhl zurück und blickte nach dem Grau der Arabesken an der Decke. „Herr Wohlfart iſt ein merkwürdiger und intereſſanter Ge⸗ ſell. Es hat mit ihm eine eigene Bewandtniß. Er ſelbſt iſt der beſcheidenſte und bravſte Mann, der mir je vorgekom⸗ men, er iſt hier aus einer Ecke der Provinz, aus Oſtrau, der Sohn eines verſtorbenen Beamten. Aber es ſchwebt ein Ge⸗ heimniß über ihm, von dem er ſelbſt noch nichts weiß.“ „Aber, Herr von Fink,“ verſuchte die Dame wieder ein⸗ zufallen. Fink ſah eifrig nach den Schnörkeln der Decke und fuhr fort:„Er iſt bereits in dieſem Augenblick Eigenthümer eines Landgebietes in Amerika, die Beſitzurkunde iſt durch meine Hände gegangen, und, im Vertrauen, er ſelbſt hat keine Ah⸗ nung von dieſem Beſitz, und die Sache ſoll ihm auch vorläu⸗ fig ein tiefes Geheimniß bleiben. Wie ich glaube, hat er alle Ausſicht, in Zukunft mehr als Millionen zu beſitzen.— Haben Sie den verſtorbenen Großfürſten, hier nebenbei, ge⸗ kannt?“ Fink wies mit der Hand bedeutſam nach irgend einer Himmelsgegend. „Nein,“ ſagte die gnädige Frau neugierig. „s giebt Leute,“ fuhr Fink fort,„welche behaupten, daß Anton ihm ſprechend ähnlich ſieht. Was ich Ihnen ſage, iſt übrigens mein Geheimniß, mein Freund ſelbſt lebt in vollſtändiger Unkenntniß aller dieſer Beziehungen, durch welche möglicher Weiſe ſeine Zukunft beſtimmt werden kann. Bekannt iſt nur der Umſtand, daß der verſtorbene Kaiſer bei ſeiner letzten Reiſe durch dieſe Provinz in Oſtrau angehalten 8 und ſich längere Zeit mit dem Geiſtlichen des Ortes leiſe und angelegentlich unterhalten hat.“ 4 Ddiieſe letzte Mittheilung war in der Hauptſache richtig, denn Anton hatte daſſelbe voy einiger Zeit dem Jokei erzählt, wie man eine Erinnerung aus der Kinderzeit zu erwähnen pflegt. Er hatte ſogar noch zugeſetzt, daß der Geiſtliche ſei⸗ ner Heimath in dem letzten großen Krieg Feldprediger ge⸗ weſen war, und daß der Kaiſer ihn gefragt:„Sie haben ge⸗ dient?“ und eine Weile darauf:„Bei welchem Corps?“ Fink hatte es nicht für nöthig gefunden, das kleine Er⸗ 1 eigniß ſo ausführlich darzuſtellen. Frau von Baldereck aber war durch dieſe perfiden Andeutungen in eine gewiſſe neu⸗ gierige Stimmung gebracht, ſie erklärte ſich bereit, Herrn Wohlfart in ihrem Hauſe zu empfangen. „Und jetzt noch eine Bitte,“ ſagte Fink, ſich erhebend: 4 „Was ich Ihnen über meinen Freund mitgetheilt habe, gü⸗ 8 tige Fee“— die Fee wog über ſieben Stein—„das laſſen 4 Sie ein Geheimniß zwiſchen uns Beiden ſein. Ihrem Zart⸗ gefühl durfte ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund als eine Indiscretion gegen mich und Herrn Wohl⸗ fart ahnden müßte.“ Er ſprach den Namen ſo ironiſch aus, daß die Dame faſt überzeugt war, der geheimnißvolle, in einem Comtoir verpuppte Herr werde nächſtens als Prinz der Aleu⸗ ten und Kurilen oder in irgend einer andern unerhüͤrten Würde auftreten. 4 „Wie aber ſoll ich,“ frug ſie beim Abſchied,„den Herrn bei unſern Bekannten einführen?“ „Nur als meinen beſten Freund, ich bürge in jeder Hin⸗ ſicht für ihn und hubs die Ueberzeugung, daß unſer Kreis 4 11. ——ÿ— ſich ſelbſt den größten Gefallen thut, wenn er den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.“ Als Fink auf der Straße war, murmelte er reſpectwidrig: „Dieſe alte Perſon fuhr wie eine Ente nach dem Köderfund tauchte bis zum Steiß in meine Lügen unter.] Als ehrlicher Leute Kind wäre der arme Junge von ihnen über die Achſeln angeſehen worden. Jetzt glauben ſie zu wiſſen, daß irgend ein fremder Potentat, vor dem zu kriechen ſie für eine Ehre halten, an dem Jungen Antheil nimmt. Jetzt werden ſte ihn mit einer Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen be⸗ zaubern wird. Ich hätte nicht gedacht, daß das alte Sand⸗ loch am Strande von Long⸗Island und die verfallene Vogel⸗ hütte darin mir je in meinem Leben zu einem ſolchen Spaß verhelfen würden.“ Der Same, welchen Fink ausgeſtreut hatte, war auf em⸗ pfänglichen Boden gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzſtunde auch ihre kleinen Pribatinter⸗ eſſen im Auge. Sie war doch einmal vor Allem Mutter und hatte es in der That auf niemand Geringeren, als Herrn von Fink ſelbſt abgeſehen. Ihre Tochter war fünfzehn Jahr alt, und Fink beſaß alle Eigenſchaften, welche ihr an dem künftigen Gemahl ihrer Tochter wünſchenswerth erſcheinen mußten; er war eine in jeder Hinſicht ungewöhnliche Partie, und ſie war deßhalb überzeugt, daß er ihre Tochter glücklich machen müßte. Aus langer Erfahrung wußte ſte, daß ſolche Privattanzſtunden ein vortreffliches Mittel ſind, erfahrenen, etwas blaſtrten Herren ſehr junge Damen im beſten Licht zu zeigen; neaptſchwirigkai Dnbei iſt nur, dieſe Art Ge —— — 213— heranzuziehen. Sie hatte eine durchaus nicht unnatürliche Angſt, daß Fink für die Tanzſtunde kein Herz haben würde. Zu ihrer Ueberraſchung hatte er ſich mit ziemlicher Wärme bereit erklärt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hauſe zu walzen, ja er hatte ſogar zur Bedingung gemacht, daß Fräu⸗ lein Eugenie ihn zum bevorzugten Tänzer im Voraus an⸗ nehmen ſolle. Und deßhalb hatte die triumphirende Mutter 8 ſich gerade ſo ſorgfältig mit dem Schnitt der Tanzkleider be⸗ ſchäftigt, als Fink ſeinen Schützling Anton bei ihr empfahl. Vielleicht hätte ſie auch ohne ſeine ungewöhnliche Empfeh⸗ lung ein Opfer gebracht und das Geſchöpf des Comtoirs in ihrer Tanzſtunde zu verantworten geſucht, indeß waren ihr die Andeutungen des Schelms doch ſehr willkommen. Wahr⸗ ſcheinlich hatte ſie ſelbſt einige Zweifel über die abenteuerlichen Verhältniſſe, denn Finks Weiſe war ſo, daß man ihm nie⸗ mals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb ſte, auch auf das Dunkle und Ungenügende Gewicht zu legen. Sie eilte in die befreundeten Familien, den Gewinn an Her⸗ 8 ren mitzutheilen und Herrn Wohlfart durch einige geheim⸗ nißvolle Andeutungen auszuſchmücken. Als das Wenige, was ſie ſagen konnte, auf einmal von anderer Seite durch eben ſo geheimnißvolle Andeutungen zweier Herren von Cha⸗ 8 rakter Beſtätigung erhielt, wurde ſie ſelbſt in dem Glauben. feſt, daß hier ein ungewöhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen durch die gute Geſellſchaft, daß in der Tanzſtunde ein bürgerlicher Herr von ungeheurem Ver⸗ mögen auftreten werde, für den der Kaiſer von Rußland in Amerika unermeßliche Beſitzungen gekauft habe.„ Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gnädigen Frau geführt, im neuen Frack, in regel⸗ rechten Glacéhandſchuhen, ein Opferlamm finſterer Mächte, welche im Begriff waren, den Frieden ſeines Innern zu zer⸗ ſtören. Sie lauerten in dem Hauſe der gnädigen Frau und ſchnürten dem eintretenden Anton ſchon im Hausthor die Bruſt zuſammen. Sie ſaßen auf der viereckigen Laterne, welche am Gewölbe des Hausflurs baumelte, ſie hingen mit ausgebreiteten Händen an dem Holzgeländer der Treppe und ſteckten durch die großen Bogenlöcher des Geländers ihre Geiſterzungen mit höhniſchem Lachen gegen ihn aus. Fink ſah mit unwilligem Blick, wie ſein Opfer den röthlichen Schimmer der Beklommenheit erhielt, er raunte ihm noch zu:„Unterſtehe dich nicht, vor dieſem Volke roth zu werden,“ warf dem Diener herablaſſend ſeinen Ueberrock zu und führte den Freund unter die Augen der gnädigen Frau. Dieſe war wirklich, wie Fink prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem gewiſſen menſchlichen Antheil ſah ſte auf den hübſchen ſchüchternen Jungen, der mit ſeinem treuherzigen Geſtcht vor ihr ſtand und vollſtändig geneigt ſchien, ihre Macht auf ſich wirken zu laſſen. Anton ſagte ihr mit einer tiefen Verbeugung:„Nur die Verſicherung meines Freundes, daß Sie, gnädige Frau, mir nicht zürnen werden, hat mir den Muth gegeben, Ihnen per⸗ ſönlich meine Ehrfurcht zu bezeigen.“ Und die Dame lä⸗ 1 chelte holdſelig, oder wie der Unhold Fink dieſe Thatſache auffaßte, ſie grinſte, und entgegnete:„Herr von Fink hat mir die Hoffnung gemacht, daß Sie dieſen Winter ein regelmäßi⸗ ger Gaſt bei unſern kleinen Tanzübungen ſein werden./ Darauf konnte ſich Anton nicht enthalten, zu erröthen, 1 — 213— ſehr glücklich auszuſehen und zu verſichern:„Ich würde mit Vergnügen theilnehmen, wenn ich die Meinung haben könnte, in der fremden Geſellſchaft nicht läſtig zu werden.“ Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Fräu⸗ lein Eugenie herein, Anton wurde auch dieſer vorgeſtellt, er⸗ hielt einen ſo ſchnippiſchen Knix, als fünfzehnjährige Damen fremden Herren zu machen pflegen, und ſtieg nach einer Vier⸗ telſtunde, ganz entzückt über die Anmuth der Familie, mit ſeinem Mentor Fink die Treppe herab. Der unſchuldige Junge hing ſich vergnügt an den Arm des Freundes und verſicherte dieſem auf der Straße ernſthaft:„Ich habe mir nicht vorgeſtellt, daß es ſo leicht iſt, mit eleganten Leuten zu verkehren.“ Fink brummte etwas in ſich hinein, was ebenſo gut eine Beſtätigung dieſer Anſicht als das Gegentheil ausdrücken konnte, und ſagte:„Im Ganzen bin ich mit dir zufrieden. Du haſt trotz deines neuen Fracks dageſeſſen, wie ein nackter kleiner Engel in einem durchſichtigen Battiſthemde. Indeſſen das nackte Weſen ſteht dir nicht ganz ſchlecht. Nur das ver⸗ fluchte Erröthen wirſt du dir dieſen Winter abgewöhnen müſſen, bei einer ſchwarzen Cravatte iſt es bekanntlich allen⸗ falls noch zu ertragen, aber über einer weißen Halsbinde ſieht es abſcheulich aus. Du ſiehſt dann aus, wie ein poplekti⸗ ſcher Amor.“— Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Stand⸗ punkt die Anſpruchsloſigkeit des geheimnißvollen Jünglings wahrhaft rührend, und als ihre Tochter mit Beſtimmt⸗ heit ausſprach:„Fink iſt ein ganz anderer Mann und gefällt mir viel beſſer,“ da ſchüttelte ſie den Kopf und ſagte lächelnd:: — 216— „Das verſtehſt du nicht, mein Kind, es iſt ein Adel und eine natürliche Grazie in den Bewegungen des Fremden, ein ge⸗ wiſſer Charme, der ganz bezaubernd iſt.“ Der große Tag, an welchem die Tanzſtunde feierlich er⸗ öffnet werden ſollte, war gekommen. Haſtig kleidete ſich Anton nach dem Schluß des Comtoirs an und trat in Finks Zimmer, dieſen abzuholen. Der Mentor unterſuchte mit prüfendem Blick den Anzug des Novizen.„Zeige dein Ta⸗ ſchentuch,“ ſagte er.„Bunte Seide? Schäm' dich. Hier iſt eines von meinen. Gieß dir etwas Parfüm darauf. Wo ſind deine Handſchuhe?“ Mit ſolchen Lehren führte er den Freund vor das er⸗ leuchtete Haus der Baronin. 3 Als Anton die Treppe des Hinterhauſes hinabſchritt, öffnete ſich die Thür von Jordans Zimmer, und Herr Specht ſteckte ſeinen Kopf am Ende eines langen Halſes über die Treppe und ſandte dem Collegen ſeinen neugierigſten Blick nach. „Er geht,“ riefer in die Stube zurück,„es iſt unerhört. So etwas hat ſich noch nicht ereignet, ſo lange die Welt ſteht. Es ſind lauter Adlige dort. Das wird eine ſchöne Geſchichte werden.“ „Zuletzt, warum ſoll er nicht gehen, wenn ſie ihn ein⸗ laden?“ ſprach der gutmüthige Herr Jordan, um den ſtum⸗ men Vorwürfen der Collegen zu begegnen. Keiner wußte etwas dagegen zu ſagen, nur Herr Pir rief ärgerlich vom Sopha:„Mir aber gefällt's nicht, daß er eine ſolche Ein⸗ ladung annimmt. Er gehört in das Comtoir und zu uns. Etwas Gutes wird er unter den Schwadronierern nicht ler⸗ — 217— nen. Fenſterglas ins Auge kneifen und Süßholz rihel. und das wird noch nicht das Schlechteſte ſein.“ „Es ſoll merkwürdig bei dieſen Tanzgeſellſchaften zu⸗ gehen,“ rief Specht.„Aeußerſt frivol, Liebesgeſchichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart hat immer einen Tik auf ſolche Dinge gehabt. Nächſtens wird er an einem Morgen mit ſeinen Piſtolen unterm Arm ausgehen, und wie er zu⸗ rückkommen wird, das will ich gar nicht ſagen. Auf ſeinen Füßen nicht, das iſt ſicher.“ „Unſinn,“ erwiederte Pix ärgerlich,„es Föbt dort nicht mehr Händel, als bei andern Leuten.“ „Und franzöſiſch muß er ſprechen,“ fuhr Specht unauf⸗ haltſam fort. „Warum nicht ruſſiſch?“ rief Herr Pix. Hier geriethen Herr Pir und Herr Specht in einen Streit über die Sprache, durch welche man ſich im Salon der Frau von Baldereck verſtändlich mache. Aber alle Collegen waren darin einig, daß dieſer Beſuch der Tanzſtunde für Wohlfart ein äußerſt gewagter und verhängnißvoller Schritt ſei, der unausſprechliches Unheil bereite und die geſammte monſche liche Ordnung ſtöre. 4 „Er iſt gegangen,“ rief die Tante, von einer Conferenz mit dem Bedienten zurückkehrend. .„Das iſt wieder ein Streich ſeines Freundes Fink, 4* ſagte der Prinzipal. Sabine ſah auf ihre Arbeit nieder.„Mich freut's,“ ſagte ſie endlich,„daß Fink ſeinen Einfluß dazu benutzt, dem Freunde ein Vergnügen zu machen. Er ſelbſt tanzt nicht gern, und ihm perſönlich iſt dies Kränzchen gewiß eher ei — 218— Opfer, als eine Freude.“ Der Bruder ſah die Schweſter prüfend an, ſte winkte ihm leiſe zu.„Und wie gönne ich's Wohlfart, daß er unter Menſchen kommt! Er iſt am mei⸗ ſten von allen Herren zu Haus. Faſt jeden Abend, wenn ich zu Bett gehe, ſehe ich bei ihm die Lampe brennen. Die Andern haben Verwandte oder gute Freunde von früher her, er iſt ganz allein, er hat nichts, als was dieſes Haus ein⸗ ſchließt. Es iſt hart, das ganze Jahr ſo zu leben.“ „Er hat ſich bis jetzt brav gehalten,“ ſagte der Prinzipal, „wollen ſehenmob das Dauer hat.“„ „Aber wie war es möglich, daß er in dieſe Geſellſchaft—“ rief die Tante.„Bedenkt doch, dieſe Frau von Baldereck—“ Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tiſchplatte. „Fink hat's ihnen befohlen,“ ſagte ſie,„und das war hübſch von ihm. Und zum Dank dafür ſoll er morgen trotz dem ernſten Geſicht meines Chefs ſein Lieblingsgericht er⸗ halten.“ „Alſo Schinken mit Burgunderſauce,“ rief die Tante. „Aber ich bitte dich, wie wird ſich Wohlfart unter dieſen Uniformen ausnehmen? Und wie wird er mit dieſen Lebe⸗ männern fertig werden? Er kann's ihnen nicht gleich thun. Dazu gehört doch wenigſtens Geld.“ „Dafür laß ihn ſorgen,“ erwiederte Sabine fröhlich. „um den grämen wir uns nicht.“. „Er iſt gegangen,“ ſagte Karl am Abend zu ſeinem Va⸗ .„Kleine lakirte Glanzſtiefeln, ich habe ſte geholt. Herr von Fink verbot ihm, Schuhe anzuziehen. Und ein neuer Hut, Alles vom Kopf bis zu Füßen neu. So alſo ſteht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.“ — 219— „Du möchteſt wohl auch tanzen gehen?“ frug der Vater. „Nein,“ erwiederte Karl,„aber ich möchte ſehen, wie ſte's auf einem Balle machen.“ X „Sieh in den blauen Mond nebenan, 8 uſt du es alle Sonntage ſehen; es iſt bei den Vornehmen auch nicht anders, nur daß ſie einander etwas behutſamer anfaſſen, und außerdem mit Handſchuhen.“ „Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben, ſagte Karl. „Es iſt ein ſtaubiges Vergnügen,“ der Rieſe. „Es beſteht im Umwenden, es beſteht im Springen, man dreht ſich zuerſt auf die eine Seite und hernach auf die an⸗ dere. Man verſucht ſich ſelber von der Erde zu heben, was immer unmöglich iſt. Man wird heiß, man trinkt ein Glas oder auch mehrere und zuletzt wird eine Kußpolonaiſe getanzt. Wenn man heirathen will, iſt das Ding nothwendig. So weit biſt du noch nicht, bis dahin hat's noch manches Jahr Zeit.“ „Aber Herr Wohlfart iſt auch noch nicht ſo weit,“ er⸗ wiederte Karl.„Das wäre eine ſchöne Geſchichte, wenn der jetzt ein Fräulein heirathete mit zwei Schimmeln und ver⸗ ſilbertem Pferdegeſchirr.“ „Ja, da wird wohl nichts helfen,“ ſagte der Vater kopf⸗ ſchüttelnd,„mit Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es iſt mir auch ſo gegangen.“ „ Dich hätte ich auch ſehen mögen,“ rief Karl. „Oho,“ rief der Rieſe,„ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreiſel, Walzer, Hopswalzer, ruſſiſchen Walzer und im Großvatertanz hatte ich nicht meines Gleichen.“ * —e 220— Karl ſah den Vater kopfſchüttelnd an.„Ja,“ fuhr der Rieſe vergnügt in der Erinnerung fort,„wenn der Fußbo⸗ den feſt iſt und gute Kameraden dabei, ſo laſſe ich mir die Arbeit ſchon gefallen.— Es war großer Ball im Bürger⸗ verein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein ſchmächtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und ſtand mitten im Saal und ſah auf die Geſellſchaft, die ſich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in die Au⸗ gen, ach, eimmiedliches Ding, wie eine Puppe ſaß ſte da; neben ihr ſaß ihr Vater als Schloſſermeiſter.„Guten Abend, Hans,“ rief der Schloſſer mich an,„biſt du auch da?“ „Ich ſollt's denken, Gevatter,“ ſagte ich und trat näher, und je mehr ich mir die Puppe beſah, deſto beſſer gefiel ſte⸗ mir.„Dies iſt meine Tochter,“ ſagte der Schloſſer,„du kennſt wohl das Mädel gar nicht mehr? Sie iſt zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme geweſen.“„Wie ſte huͤbſch geworden iſt,“ ſagte ich,„ſte iſt rund und ſie iſt nett, wie gedrechſelt.“ Die Kleine wurde roth, und auch ich wurde feurig.„Na,“ ſagte der Schloſſer,„wenn du mit ihr tanzen willſt, immerzu! Greif ſte nur nicht zu hart an.“„Nur zart,“ ſagte ich und führte ſie zum Tanz. Wir mochten wohl contrair ausgeſehen haben, das kleine Blitzmädel und ich, und ich glaube, die Leute lachten.“ 4 „Das hätteſt du nicht leiden ſollen,“ rief Karl, der ſich ihm gegenüber geſetzt und die Arme untergeſchla⸗ gen hatte. „Es war nicht böſe gemeint,“ ſagte der Alte,„und deine Mutter geſtand mir nach den erſten Tänzen, ſte mache ſich 6 1 4 . — 221— nichts daraus, wenn auch die Leute lachten. Ja, und ſie ſagte, es tanze ſich gut mit mir. Natürlich tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erſt recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwegen noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er ſah, daß ich mit ihr tanzte, wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er merkte, daß ich ihr den Hof machte und mich um ſie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und draußen vor dem Saale beim Blumenmädchen einen Strauß für ſie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch zwei Sträuße und drehte ſich um ſie herum wie ein Finken⸗ hahn, bis ich ihn zuletzt bei Seite zog und ihm ſagte:„Siehſt du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei jedem Faß, und bei jedem Collo ſollſt du deine Hand haben, wo ich meine habe, aber hier bei dieſer Schloſſerstochter nicht rühran!“„Warum nicht?“ frug er.„Warum,“ ſagte ich,„weil wir Freunde ſind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer geben möchte, und ich dich nicht abwalken möchte vor den Leuten.“„Weißt du was,“ ſagte er,„du biſt ſchalu.“ Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du wirſt merken, wie das thut. Es macht unruhig, und es bringt in Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu ſingen, man ſchreibt Briefe und kauft ſtch einen neuen Rock. So treibt's Jeder, und ſo habe ich's gemacht. Durch ſechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Großvater beſtand darauf, daß alle Auflader dazu geladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir Auflader mit einander eine Kegelquadrille, und ich war der erſte Kegel. Das Haus erſchütterte ſich wohl, aber es iſt kein Unglück geſchehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen. 2 * — 222— „Potz Wunder,“ rief Karl,„das hätte ich ſehen mögen; ſchade, daß ich nicht dabei war!“ „Du ungezogener Knirps,“ ſagte der Vater,„wie konn⸗ teſt du dabei ſein, an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, es war ja erſt die Vorbereitung.“ „Wenn Wohlfahrt nur nicht zu ſpät nach Hauſe kommt, das kann Herr Schröter nicht leiden,“ ſagte Karl. Unterdeß öffnete der Bediente die Flügelthüren zum Sa⸗ lon der Frau von Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer, in denen ſich eine große An⸗ zahl eleganter Damen und Herren Thee trinkend, ſchwirrend, und mit den Flügeln ſchlagend durcheinander bewegte. Die Mütter und Verwandten der jungen Damen waren geladen, um der Eröffnung der Tanzſtunde beizuwohnen. Fink raunte dem Freunde noch ins Ohr:„Sei nur ſo unverſchämt, als du kannſt, es iſt Alles dummes Zeug,“— und führte den Widerſtandsloſen vor das Angeſicht der Frau vom Hauſe. Anton wurde huldreich empfangen, machte ſeine Verbeu⸗ gung und ſah in ſeiner Angſt nicht, daß die Blicke des Krei⸗ ſes, in den er getreten war, ſich mit wahrhaft unverſchämter Neugierde auf ihn hefteten.„Ich werde Sie der Gräfin Pontak vorſtellen,“ ſagte ſeine gütige Patronin und führte den Schützling, der tief Athem holte, vor die Füße einer ha⸗ gern langen Frau von unbeſtimmtem Alter, welche auf einem erhöhten Platz, von Damen und Herren umgeben, thronte. „Liebe Betty, hier Herr Wohlfart.“ Anton ſah in dieſer Angſtſtunde, daß die liebe Betty eine lange pergamentene Naſe, wenig Lippen und ein recht hartes abſtoßendes Geſicht beſaß, er fühlte zwei ſtechende Blicke an ſeinem Geſicht herumpicken — 223— und ſenkte ſein Haupt halb zum Gruß, halb mit der Erge⸗ benheit eines Kriegsgefangenen. Die Gräfin ſaß kerzenge⸗ rade bei ſeiner Verbeugung und frug von ihrer Höhe mit gleichgiltiger Stimme:„Sie ſind ein Freund des Herrn von Fink?“ 3 „Zu Befehl, Frau Gräfin,“ antwortete Anton. „Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt?“ Jedes Geſpräch in der Nähe hörte auf, mehr als zwanzig Augen ſtachen den armen Anton. „Doch ſchon einige Jahre,“ antwortete Anton wieder. „Sie ſind ja wohl ein Ausländer?“ fuhr Betty in ge⸗ müthvoller Converſation fort. „Ich bin in dieſer Provinz geboren und erzogen,“ ant⸗ wortete Anton. Ein„So?“ kam eiſig von den Lippen der Dame.„Und woher? „Aus Oſtrau,“ erwiederte Anton ſchnell das Haupt er⸗ hebend. Das Verhör wurde ihm drückend, er wußte ſelbſt nicht, weßhalb, und ſeine Schüchternheit verflog vor dem aufſteigenden Aerger. „Mein Freund, ſtolze Herrin, iſt ein halber Slnue, ſagte Fink, zu rechter Zeit dazwiſchen tretend,„obgleich er leidenſchaftlich dagegen proteſtirt, wenn man an ſeiner deut⸗ ſchen Herkunft zweifelt. Dafür macht er Hoffnung, dereinſt ein guter Engländer zu werden. In dieſem Augenblick theilt er meinen Wunſch, Gnade vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben ſo eben eine Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menſchen Natur zu er⸗ forſchen; gönnen Sie jetzt meinem Freunde, was wir Alle — 224— an Ihnen bewundern, Ihre ſanfte Nachſicht mit fremder Un⸗ vollkommenheit.“— Die Frauen lächelten, einige der Herren wendeten ſich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty ſaß mit geſträubten Federn da, wie ein Raubvogel, dem ein größerer ſeine Beute abgejagt hat. Anton eilte ſich dem Blick dieſer Gruppe zu entziehen, er ſchlüpfte in eine andere Ecke und gedachte ſich durch ruhi⸗ ges Beobachten der Geſellſchaft von der Anſtrengung ſeiner Präſentation zu erholen. Da ſchlug ein Battiſttuch leicht an ſeinen Arm und eine dreiſte Mädchenſtimme frug:„Herr Wohlfart, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr? Es iſt das zweite Mal, daß ich Sie zuerſt grüßen muß.“ Anton wandte ſich ſchnell zur Seite. Vor ihm ſtand eine hohe ſchlanke Geſtalt mit blondem Haar und großen tiefblauen Augen, welche ihm lächelnd ins Geſicht ſah. So ſprechend war der Ausdruck des Entzückens auf Antons Antlitz, daß Lenore ſich nicht enthalten konnte, ihm freundlich zuzu⸗ nicken und zu ſagen:„Ich freue mich, daß Sie hier ſind. Die Herren ſind mir alle fremde Geſichter. Aber wie kom⸗ men Sie hierher?“ 3 Anton erklärte das in einer Stimmung, welche ihn faſt der Herrſchaft über ſeine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fräuleins, welches jahrelang, ohne es zu wiſſen, in ſeiner Dachſtube unumſchränkt geherrſcht hatte. Wie war ſie in der letzten Zeit groß, voll und ſchön geworden! Und das luftige weiße Kleid und der Blumenkranz von nie dage⸗ weſenen Blumen im Haar! Mächtig glänzte das Auge in dem enzückenden Geſicht, und ihre Haltung war die einer Fürſtin. Fink. — 225— Schnell waren Beide in eifrigem Geſpräch, es war zum dritten Mal, daß ſie einander ſahen, aber ſte hatten ſo viel zu erzählen, als hätten ſie Jahre gemeinſam verlebt. „Wir werden heut Allcedrcheinander tanzen und uns um unſern Tanzmeiſter gar nicht kümmern,“ ſagte endlich das Fräulein.„So iſt mir's am liebſten.— Sie dürfen jetzt nicht länger mit mir allein ſprechen, unterhalten Sie ſich mit andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Muſik anfängt, kommen Sie zu mir, ich werde Sie der Mama vorſtellen.“ So winkte ſie ihm gnädig zu und ſchritt majeſtätiſch durch den Saal in einen Kreis von Frauen. Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Geſell⸗ ſchaft, ſeine Befangenheit war verſchwunden, eine angenehme Begeiſterung erfüllte ihn. Was konnten ihm noch dieſe hell gekleideten, buntgebänderten Geſtalten ſein, welche um ihn hüpften, oder feſt gewurzelt ſtanden? Sie waren ihm gleich⸗ giltig, wie eine Schaar kleiner Vögel, oder wie die Pflanzen auf der Wieſe. Sie anreden und mit ihnen verkehren, war ihm eben ſo viel, als zu den Droſſeln in der Hecke ſagen: Still, ihr luftiges Geſindel! Er ſuchte ſchnell Fink auf und ließ ſich von ihm einem Dutzend Herren vorſtellen, ohne irgend einen Namen der Vorgeſtellten zu behalten, ſte waren ihm ſo gleichgiltig, wie die Blätter auf einer Pappel an der Landſtraße. Darauf bat er Fink ſofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen zu führen. „Haſt du mit der Tochter vom Hauſe geſprochen?“ frug Nein,“ ſagte Anton luſtig. 12.. 15 — 226— „Schnell hin, Unſeliger,“ ermahnte Fink,„mache dich gefaßt auf ſchlechte Behandlung.“ „Iſt mir ganz gleichgiltig,“ ſprach Anton, den Arm ſei⸗ nes Freundes drückend, dieſent ins Ohr, während er vor Fräulein Eugenie aufgeſtellt wurde. Das Fräulein war ſo kalt gegen Anton, als ſich nach der langen Vernachläſſigung nur irgend erwarten ließ. Er hatte Mühe, einige kurze Antworten zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes beglückt ſobald Lieutnant pon Zernitz an ſie herantxat. Auch dieſe Niederlage war ihm ſehr gleichgiltig. In ſeiner Nähe waltete Frau von Baldereck und beobachtete mit einem Auge die Geſellſchaft, mit dem andern ihre Tochter und mit dem unnennbaren ſechsten Sinn, welchen die Fleder⸗ mäuſe in ſo ausgezeichnetem Grade beſitzen ſollen, Herrn von Fink. Schnell trat Anton an ſte heran und bat, ihn mit einem roſafarbenen Weſen, welches braunes Haar und ſilberne Kornähren zu tragen ſchien, bekannt zu machen. „Sie meinen Comteß Lara?“ frug die Dame vom Hauſe. Natürlich verneigte ſich Anton bejahend, Lara, Tara oder Gutgewicht war ihm in dieſem Augenblick ganz gleichgiltig. Die Comteß ſah ihn befremdet an, er aber ſprach mit gemüth⸗ licher Wärme in ſie hinein, von den Freuden der zu erwar⸗ enden Tanzſtunde, von der allerliebſten Decoration des Salons, und wie ſchön man jetzt Säle auszuſchmücken wiſſe, und von dem neuen Wintergarten in Paris, den er am Tage zuvor aus irgend einer Zeitung kennen gelernt hatte. Er ſchilderte ihr Springbrunnen und Glaskuppeln und vergol⸗ dete Gitter und künſtliche Felſen mit tropiſchen Pflanzen und — 227— kleine Salamander, welche zur Freude des Publikums dazwi⸗ ſchen umherſchlüpfen, Alles mit einem Feuer, daß die kleine Dame in Roſa nach und nach aufthaute und endlich, als er bei den Eidechſen angekommen war, ebenfalls beweglich wurde. und ihrerſeits von zwei Feuermolchen erzählte, die ſte einmal auf einem Stein geſehen, und von dem Entſetzen, das ſte ihr eingejagt. Wenn ſie Anton geſagt hätte, daß die beiden Molche mit untergeſchlagenen Beinen auf dem Felſen ge⸗ ſeſſen und Bier aus einem Deckelglaſe getrunken hätten, ſo wäre ihe auch das als ein alltägliches Ereigniß aus dem Nachtgebiete der Natur erſchienen. Da gerade, als Anton wieder den Uebergang machte vom Molch zu einer großen Ausſtellung von Kürbiſſen, welche einige Wochen zuvor in der Stadt geweſen war, da dröhnte die Pauke, da ſchmet⸗ terte die Trompete, und das roſafarbene Kleid ſo wie die ſil⸗ bernen Aehren verſanken vor ſeinen Augen in den Boden, er machte eine kurze Wendung und verließ das betroffene Fräulein, bevor er ſeine Rede geendet hatte. Dort ſtand ſeine Königin im Geſpräch mit ihrer Mutter, welche, jetzt kleiner als die hoch aufgeſchoſſene Geſtalt der Tochter, zu dieſer aufſehen mußte. Der kriegeriſche Trotz Antons verſchwand, als er vor die Baronin trat. Das waren die feinen Züge, das unausſprechlich vornehme We⸗ ſen, welches ihn einſt ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatte. Die letzte Vergangenheit hatte die Schönheit der Baronin nicht vermindert, und die Nähe, in welcher Anton ſie jetzt betrach⸗ tete, erhöhte den Zauber, den ihre Erſcheinung auf ihn aus⸗ übte. Die erfahrene Frau ſah mit dem erſten Blick in An⸗ ton einen Neuling der Geſellſchaft, ſeine Annäherung zeigte . 15 — 228— einen Ueberfluß von Hochachtung, und ſein Hut, den er im Arme hielt, war von dem Druck wollig geworden und ſah aus, wie mit einem Pudelfell überzogen. „Dies iſt Herr Wohlfart,“ ſagte Lenore mit einer em⸗ pfehlenden Handbewegung,„hier iſt der Herr, um deſſen willen du mich ſchon einmal ausgeſcholten haſt. Ja, mein Herr, ich habe damals, als ich Sie zuerſt ſah, von Mama Schelte bekommen, weil ich Sie ſo lange in unſerm Garten aufgehalten hatte.“ „Das macht mich ſehr unglücklich,“ erwiederte Anton mit dem Ausdruck eines unſäglichen Leidens.„Ach, Sie können nicht ahnen, Frau Baronin, wie glücklich ich damals durch die Theilnahme des gnädigen Fräuleins geworden bin, ich ging zu fremden Menſchen und in eine ungewiſſe Zukunft. Ihre freundlichen Worte haben mir Muth gegeben. Undoft ſind ſie mir ſeitdem in einſamen Stunden wieder in die Erinnerung gekommen, als eine gute Prophezeiung für meine Zukunft.“ „Sie wiſſen das ſo rührend zu ſagen, 15 rief Lenore ihn ungerwandt anſehend. Die Baronin hörte verwundert den Er rguß Antons und betrachtete den gefühlvollen Tänzer jetzt mit einer Neugierde, die nicht ohne leiſes Unbehagen war. Lenore aber unterbrach die beginnende Unterhaltung Antons mit ihrer Mutter, in⸗ dem ſie unruhig ſagte:„Man tritt an, wir müſſen zum Tanz.“ Anton ergriff ihre Hand mit den Fingerſpitzen und führte ſie in den Kreis der tanzenden Paare. „Er walzt erträglich, etwas ſpießbürgerlich, zu viel Zirkel, aber es iſt Haltung darin,“ brummte Fink. „Ein diſtinguirtes Paar,“ rief Frau von Baldereck . — 229— in der Nähe der Baronin von Rothſattel, als Anton unde me Lenore vorbei walzten. 1 „Sie ſpricht zu viel mit ihm,“ ſagte Frau von Roth⸗ ſattel zu ihrem Gemahl, welcher in dieſem Augenblick zu ihr trat. „Mit ihm?“ frug der Freiherr,„wer iſt der junge Mann? Ich habe das Geſicht noch nicht geſehen.“ „Er gehört zu den Pourſuivants des Herrn von Fink, er iſt nicht von Familie, er ſoll reiche Verwandte in Amerika oder Rußland haben. Mir gefällt das Entrée für Lenore nicht.“ 34 „Nun,“ erwiederte der Freiherr,„er hat das Ausſehen eines friſchen Jungen. Für dies Kindervergnügen iſt eine ſolche Geſtalt immer noch beſſer, als die alten Knaben, die ich hier im Kreiſe ſehe. Die Jüngeren amüſiren ſich und ihre Tänzerinnen, während Benno Tönnchen ſich nur be⸗ luſtigen wird, wenn er die Mädchen roth macht, oder ihnen das Rothwerden abgewöhnt. Lenore ſieht recht gut aus. Ich gehe zu meinem Whiſt, laß mich rufen, wenn du den Wagen befiehlſt.“ Anton hörte nichts von Allem, was über ihn und ſsine Tänzerin geſprochen wurde, und wenn die Geſellſchaft um ihn herum ſo laut geſummt hätte, wie die große Glocke am höchſten Kirchthurm der Stadt, er hätte nichts gehört. Der Erdball war für ihn ſehr klein geworden, nicht größer als der Kreis, den er mit ſeiner Tänzerin durchmaß, was etwa noch außerhalb exiſtirte, war Finſterniß, Oede, ein Nichts, nur was er im Arm halten durfte, das nahm alle ſeine Sinne gefangen. Das ſchöne blonde Haar, ſo nahe an ſei⸗ — 230— nem Haupt, daß er mit ſeinen Locken die ihren berühren konnte, ihr warmer Athem, der ſeine Wange ſtreifte, der unſägliche Reiz des weißen Handſchuhes, der ihre weiche Hand verſteckte, das Parfüm ihres Taſchentuches, die rothe Blüthe, welche vorn am Kleide befeſtigt war, das ſah und empfand er, und ſonſt nichts. Wenn ſie im Tanz ſich vertrauend von ſeinem Arm umſchlingen ließ, wenn ſie ihn fröhlich anſah auch während des Tanzes, wenn er ſie athemlos anhielt und ſie ſich langſam von ſeiner Hand löſte, ein Armband zurecht rückte oder ihr allerliebſtes Taſchentuch einen Augenblick an den Mund hielt, wie reizend waren nicht alle ihre Be⸗ wegungen. Wie bezaubernd der freundliche Gruß ihrer Augen oder ihr leiſes Lächeln, wenn Anton etwas ſogte, was ihr gefiel. Und er hatte das Glück, ihr zu gefallen; ſie ſagte ihm, er ſpreche allerliebſt und es höre ſich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war gleichgiltig, er hätte vielleicht nicht weni⸗ ger Erfolg gehabt, wenn er von Neuſeeländern oder dem Kaiſer von Japan geſprochen hätte. Denn nicht was er er⸗ zählte, ſondern wie er es ſagté, die ſtille Huldigung ſeiner Augen, der bebende Ton ſeiner Stimme, das drang ſchmei⸗ chelnd in die Seele ſeiner Tänzerin. 3 Ddie Pauke ſchwieg, der Trompeter ſetzte ſein Blech ab, der Erdball löſte ſich auf in ein lichtloſes Chaos.„Schade,“ 3 rief Lenore, als die letzte Note verklungen war. „Ich danke Ihnen für dieſes Glück,“ ſagte Anton, als er das Fräulein an ihren Platz führte. 4 Als er jetzt unter den fremden Menſchen umhertrieb wie ein ſteuerloſes Schiff unter rauſchenden Wellen, t — 231— Fink zu ihm und ſagte:„Höre, du Duckmäuſer, entweder haſt du ſüßen Wein getrunken, oder du biſt ein beimüchertt Don Juan. Woher kennſt du die Rothſattel? du haſt mir ja nie etwas von der Bekanntſchaft geſagt. Sie iſt eine hübſche Figur und ein elaſſiſches Geſicht. Hat ſie denn auch Verſtand?“ Anton hätte in dieſem Augenblick ſeinem Freund erklä⸗ ren können, daß er ihn aufs Tiefſte verachte. Eine ſolche Rohheit des Ausdrucks konnte nur aus einem ganz ent⸗ menſchten Gemüth kommen. „Verſtand?“ erwiederte er und ſah Fink mit einem Blick tödtlicher Feindſchaft an;„wer daran zweifeln kann, muß ſelbſt ſehr wenig beſitzen.“ „Nun, nun,“ ſagte Fink erſtaunt,„ich bin nicht in dieſer troſtloſen Lage. Ich finde das Mädchen, oder was ihrer würdiger ſein wird, das junge Fräulein ſehr einneh⸗ mend, ja, um in der Sprache eines gebildeten Menſchen die Wahrheit zu ſagen, ungewöhnlich liebenswürdig, und wenn ich nicht anderweitig kleine Verpflichtungen hätte, ſo weiß ich nicht, ob ich nicht genöthigt würde, das Fräulein, deſſen Namen ich ſo eben auszuſprechen wagte, für die Her⸗ rin meines Herzens zu erklären. So freilich bari ich ſie nur von fern bewundern.“ Fink war doch nicht ſo ſchlecht. Er war in ſeinen Aus. drücken nicht immer gewählt, aber er hatte im Grunde ein ſehr richtiges Gefühl und ein treues Gemüth. Deßhalb faßte Anton ſeinen Arm, drückte ihn kräftig und ſagte:„Du haſt Recht. Wirklich? 20 fuhr Fink wieder in ſeiner gew Wankelmüthiges Jahrhundert! Wiſſenſchaft und Staatskunſt — 232— 8 Weiſe fort.„Na! du fängſt gut an, ich will mich lieber mit eeinem Stück brennenden Schwefel in ein Pulverfaß ſetzen, Naals mit dir und deinem ſchüchternen Weſen. Uebrigens vergiß nicht, Fräulein Eugenie zum nächſten Tanz aufu⸗ fordern, du wirſt einen Korb bekommen, denn ſie iſt bereits engagirt. Du haſt dich bis jetzt gut gehalten, fahr' ſo fort, mein Sohn.“ Und Anton fuhr fort, ſeinem Lehrer Ehre zu machen. Wohl war er berauſcht, aber durch einen ſtärkern Trank, als ſüßen Wein. Die Muſik, die Aufregung des Tanzes und das fröhliche Geſchwirr um ihn herum ſteigerten ſeine Begeiſterung, er fühlte ſich den ganzen Abend ſicher, ja übermüthig, und betrug ſich, einige kleine Verſtöße abge⸗ rechnet, wie Einer, der täglich von Wachskerzen und ſervi⸗ renden Dienern umgeben iſt. Er wurde bemerkt, er machte als Fremder einiges Aufſehen. Dunkle Sagen von ſeinen ggeheimnißvollen Verbindungen flogen aus einer Ecke des Saals, wo Mütter prüfend und richtend zuſammenſaßen, bis in die andere. Es wurde unzweifelhaft, daß dies heitere und harmloſe Sichgehenlaſſen die Folge eines ganz beſondern Selbſtgefühls war. Er erfuhr Zuvorkommenheit von den Alteren Frauen, bald auch von einzelnen Herren. Und endlich kam der Cotillon. O du längſter und merk⸗ 4 6 würdigſter aller Tänze! du halb Spiel und halb Tanz! rei⸗ zend, wenn du die einzelnen Paare im Kreiſe umhertreibſt, noch reizender, wenn du ihnen erlaubſt, ungeſtört und ein wenig verſteckt zu plaudern. Wir hören, daß du dem Ge⸗ ſchlecht der Gegenwart für veraltet und ſpießbürgerlich giltſt. 85 — 233— werden nichts Neues erfinden, was ſo vielfachen Bedürfniſ⸗ ſen des Menſchengeſchlechts Genüge thut, als du. Da iſt das kindliche Gemüth, es kann ſich als Pyramide aufſtellen, es kann ſich in Schlangenwindungen umherdrehen, es kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltiſch zu Extratouren holen, es kann auf dem Stuhle ſitzend drei bis vier junge Damen verächtlich vor ſich ſtehen laſſen, es kann von Tanzluſt ergriffen plötzlich aufſpringen, irgend eine Dame ergreifen und im Kreiſe umhertanzen, und kein Menſch kann es ihm verwehren. Da ſind höher ſtrebende Naturen, welche Gefühle haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und Men⸗ ſchenhaß; allen biſt du gefällig. Du giebſt jedem Herrn das Recht, ſich mehr als einmal eine Tänzerin nach ſeinem Her⸗ zen zu ſuchen, du erlaubſt jeder Dame, in der allerzarteſten Weiſe anzudeuten, welche zwei oder drei Herren ihre höchſte Achtung genießen, du vertheilſt an ſtrebſame Cavaliere Schleifen und Orden, du hefteſt maſſenhafte Blumenſträuße vor die Bruſt der gefeierten Dame. Du läßt aber auch ver⸗ ſchmähte Herren zähneknirſchend umherlaufen und ſich irgend eine Surrogattänzerin ſuchen; du offenbarſt die Lieblinge der Geſellſchaft, aber du machſt den Unbekannten und Un⸗ beliebten noch einſamer und verlaſſener. Wenn du beginnſt, werden die Blicke der Mutter beſorgt, die Naſen vieler Tan⸗ ten ſpitz. Du kindiſcher, luſtiger, endloſer Tanz! wie viele Glückliche haſt du gemacht, wie viele ſtille Thränen haſt du verurſacht, wie manches Brautpaar haſt du zuſammengeführt, und welche Qualen der Eiferſucht haſt du erregt! Freilich haſt du auch endloſen Staub aufgerührt, zahlloſe Toiletten unſcheinbar gemacht, und manche grimmige Feindſchaft her⸗ — 234— * vorgerufen. So biſt du in deiner Blüthenzeit geweſen, die Freude der Jugend, die große Angelegenheit der Mütter, die Furcht der ermüdeten Väter, ein Greuel nur für die Muſiker. Als dieſer vielſeitige Tanz herankam, ſuchte Anton wieder in Lenorens Nähe zu kommen; er bat ſie um den Tanz. „Ich wußte, daß Sie: mit mir tanzen würden,“ ſagte ſte aufrichtig; er holte ihr einen Stuhl, ſchob ſich neben ſie 4 und war ſelig. Und als er die Aufgabe hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieſer etwas zu ſchenken, was in einem Körbchen mitten im Kreiſe aufgeſtellt war, und darauf mit ihr zu tanzen, da gab er der Welt die energiſche Erklärung ab, daß für keine andere Dame die Möglichkeit irgend einer Stellung in ſeinem Herzen vorhanden ſei; er holte ſein Geſchenk aus dem Korbe, wartete, bis ſeine Tän⸗ zerin auf ihren Platz zurückkam, und überreichte dann ihr die rothe Schleife. Das war für Beide der größte Augen⸗ blick in dem ganzen großen Abend. Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgeſicht. Er ſah ſich mit Fink Arm in Arm durch den Saal ſchlen⸗ dern, er hörte ſich mit ihm und andern Herren über Aller⸗ lei ſprechen und lachen, er bemerkte ſich vor der Dame vom Hauſe einen Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam ihm vor, als ob ihm ein Diener den Paletot über⸗ reichte, worauf er in die Taſche griff und ihm etwas in die Hand druͤckte. Schattenhaft und unklar waren alle dieſe Begebenheiten. Nur Eins ſah er noch deutlich, einen wei⸗ ßen Damenmantel mit einem ſeidenen Capuchon und einer — 235— Quaſte daran; o dieſe Quaſte, ſie war unſäglich entzückend! Noch einmal fiel ein Blick aus den großen Augen voll und glänzend auf ihn, und er hörte von ihren Lippen noch ein leiſes Flüſtern, wie„gute Nacht.“ Das Uebrige war wie⸗ der ein nichtsſagender Traum, daß er neben Fink die Treppe herunterſtieg und die ſpöttiſchen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr hörte, daß er in ſeiner kleinen Stube an⸗ kam, die Lampe anzündete und ſich umſah, ob er auch wirk⸗ lich hier wohne, und daß er ſich langſam entkleidete, ſich noch in ſeinem Bett wunderte, daß er all dieſe Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermüdet einſchlief. Und ein Traum war's, daß ſein Hausgeiſt, die gelbe Katze, ſich auf ihrem Poſtament hoch aufrichtete und den Kopf ſchüttelte über den langen Zug fremdartiger Bilder und Gefühle, welche in der friedlichen Stube eingekehrt waren. — 236— 2. Seit dieſem großen Abend hatte die Tanzſtunde regel⸗ mäßigen Verlauf. Als Anton das Fegefeuer der Einführung beſtanden hatte, fühlte er ſich unter den Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sophakiſſen mit geſtickten Wap⸗ pen bald heimiſch. Er ſelbſt wurde ein nützliches Mitglied des Kränzchens, und zwar durch die bürgerlichſten aller Tu⸗ genden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging ſo zu. Das Kränzchen war keine gewöhnliche Tanzſtunde, denn bei ſämmtlichen Theilnehmern wurden die erſten An⸗ fänge der Kunſt vorausgeſetzt; es hatte vielmehr den Zweck, einige neue Tänze einzuüben und nebenbei eine Vereinigung der befreundeten Familien in bequemer Facon hervorzubrin⸗ gen. Nun ergab ſich bald, daß die bequeme Facon allerdings nach Finks Herzen war, das Einſtudiren neuer Tänze aber von ihm und mehreren ſeiner Kameraden mit einer ſträflichen Lauheit betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanz⸗ ſtunde, er betrachtete den Salon nur als eine Gelegenheit, die jüngeren Damen zu necken und ſich mit den reiferen Schön⸗ heiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entſetzen des Tanzmeiſters den Grundſatz, wo man im Tanz nicht im 3 gewöhnlichen Schritt fortkomme, ſei das einfache Pas des Galopps für alle Falle gut genug, und das einzige Vergnü⸗ gen bei unſern Tänzen ſei, regelmäßig aus dem Takt und . ½ 4 Ungewöhnliches auf. Die einen wurden in der Ueberzeugung — 237— wieder hineinzukommen.„Aber, Herr von Fink,“ klagte der— Tanzmeiſter,„das heißt nicht mehr tanzen; dabei iſt keine Kunſt.“ „Es ſoll auch keine dabei ſein,“ ſagte Kine„was hat die Kunſt mit unſerm Tanzen zu thun? Was Sie die Ju⸗ gend lehren, iſt weiter nichts als eine geſellſchaftliche Rota⸗ 4 tion um einen imaginairen Mittelpunkt. f N m weilig, ich gehe deßhälb m Kömekenbahn.“ Und er blieb dieſer Anſicht getreu, er zwang die unglücklichen Opfer, welche er zu engagiren ſich herabließ, ſich quer durch die Reihe der Tanzenden zu ſtürzen, aus einer Ecke des Saals in die an⸗ dere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es ſeiner Laune paſſend ſchien. Gegenüber dieſer excentriſchen Auffaſſung, welche leider in dem Kränzchen zahlreiche Anhänger fand, zeigte Wohlfart die Regelmäßigkeit eines Mannes, der mit Entzücken ſeine Pflicht thut, er erſchien pünktlich, er machte jedes Pas, er tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin, vernachläſſigte junge Damen zu engagiren. Da bei der Sorgloſigkeit Finks und ſeiner Genoſſen ſchnell Mangel an Tänzern eintrat, wurde Anton in Kurzem eine anſpruchsloſe Hauptſtütze des Salons, Liebling des Tanz⸗ meiſters und ein Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wünſche von den hellen Rändern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er ſelbſt war in dieſen Stunden ein ſeliger Mann, und die freudige 2 Verklärung, welche auf ihm lag, fiel jungen wie älteren Damen als etwas beſtirt. daß er ein guter Junge ſei, umd die letztern in der — 238— keineswegs entgegengeſetzten Ueberzeugung, daß er ein unbe⸗ kannter Prinz ſei. Er ſelbſt wußte am beſten, warum er ſo glücklich war. Alle ſeine Gedanken und Bewegungen bezo⸗ gen ſich im Stillen auf ſie, die unbeſtrittene Herrin ſeines Herzens. Alle andern Tänze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete er nur als geſellſchaftliche Schnörkel, die er mit der Feder ſeines s Herzens um den einen Namen beſchrieb. Und er diente nicht ohne Erhörung. Er wurde oon ihr wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leiſe, einen oder den andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja ſie bat ihn ſogar einige Male, zu Gunſten eines neu an⸗ gekommenen Vetters auf ſeine Rechte zu verzichten. Und ſie freute ſich, als Anton über dies Ereigniß grenzenlos betrübt war, keine andere Dame aufforderte, ſondern ſtill den Tan⸗ zenden zuſah. Niemals entfernte er ſich eher, bis ſie den Saal verlaſſen hatte, dann ſtand er unweit der Thür, um nooch die letzten Aufträge, einen Gruß, einen Blick ihres glän⸗ zenden Auges zu erhalten. Und auch ihr Auge flog, ſo oft ſte in den Saal trat, ſuchend in den Kreis der ſchwarzrögkigen Herren, bis ſte Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erſt fühlte ſie ſich heimiſch in dem erleuchteten Raum. Auch mit vielen der Herren kam Anton in ein freundli⸗ ches Verhältniß. Fink beeilte ſich, ihn bei Feroni einzuführen. Zwar geſiel ihm Manches an ſeinen neuen Bekannten nicht, ihre Urtheile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zu ſein. Aber ihre Art zu ſprechen und ſich zu geberden imponirte ihm doch, vor Allem eine gewiſſe ritter⸗ liche Atmoſphäre, die ſie umgab, etwas Salonduft, etwas — — 239— Stallluft und viel von dem Aroma der Weinſtube. Da Anton eine harmloſe Laune bewies, der nächſte Bekannte des mächtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach Mitternacht gegen eine vorgeſchlagene letzte Flaſche proteſtirte, oder die abweſenden Damen gegen eine übermüthige Kritik mit frommemErnſt vertheidigte, ſo er⸗ hielt er unter den andern Herreii der Tanzſtunde. das Re⸗ nommée eines guten Kerls. Gleich in den erſten Wochen hatte Anton Gelegenheit, ſeine angebetete Tänzerin in einer Situation zu ſehen, welche die gewaltigſten menſchlichen Leidenſchaften aufregte. Die jüngern Damen des Kränzchens waren natürlich unter ein⸗ ander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verſtand ſich von ſelbſt, daß einige in der Stille andere nicht recht leiden konn⸗ ten. So entſtanden Parteien. Bald bildeten ſich zwei große Bundesgenoſſenſchaften, zwiſchen denen Einzelne hin lund her ſchwankten, die aber im Ganzen feſt zuſammenhiele⸗ dten und im Geheimen ſtarke Antipathien gegen die Gegen⸗ partei nährten. Es kam ſo weit, daß an einem Abend ſämmitliche Damen der einen Partei eine weiße Camellie in 5 5 1 der Mitte ihres Ballſtraußes trugen und ein ſehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strauß herunterhängen ließen; dies hatte zur nothwendigen Folge, daß die Gegenpartei am nächſten Abend mit rothen Camellien im Strauß erſchien und ein grünes Band darum wand. An der Spitze der Braunen ſtand Lenore, das Haupt der Grünen war Eugenie, die Tochter des Hauſes. Im Vertrauen geſagt, die Grünen waren unerträglich. Sie machten Anſprüche ohne Berech⸗ tigung, ſie waren moquant, ſie gaben ſich das Air, älter zu ddie alle Gefühle mit einander theilten, Beide ſangen, Beide eeinen unüberwindlichen Abſcheu vor Herren mit Kinnbärten, Beide ſaßen wie zwei Sympathievögel zuſammen und fanden, braunen Partei; Lenorens ſtattliche Größe ragte aus dem lings unter ſeinen Kriegern. Wenn ein Tanz beendet war, machte ſich s von ſelbſt, daß die Braunen zuſammentraten; — 240— ſein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den Winter zuvor in der Reſidenz geweſen waren und auf den Hofbällen getanzt hatten, und weil Fanny Mareſchalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargeſtellt hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bänder an die hölzerne Raſenbank feſtgebunden waren, deßhalb erhoben ſie ſolche Anſprüche. Zu den Braunen gehörten Theone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im Anfange des Winters geſchworen hatten, einander nie zu verlaſſen, ein Schwur, gegen deſſen Erfüllung ſich die einzige Schwierigkeit erhob, daß ihre Eltern den Sommer über in den beiden entgegengeſetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide waren ſchwärmeriſche Naturen, ſpielten den Flügel, Beide liebten dieſelben ichter, Beide hatten ihr höchſtes Glück darin, einander die Gefühle ins Ohr zu— fluſtern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder das melancholiſche Vorſpiel eines Walzers. Dieſe Beiden ſchloſſen ſich bald innig an Lenore Rothſattel; ſie, Valeska Panin und Hortenſe Leloup bildeten den Mittelpunkt der Kreiſe dieſer Getreuen hervor, wie die Geſtalt eines Häupt⸗ wenn ſie in der Quadrille gegen einander tanzten, ſo Ahoben ſie unmerklich ihren Strauß und grüßten einander. r — 241— Natürlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fuß, und als er über ſeine Gemüthsſtimmung ein offenes Bekenntniß ablegte, indem er an einem Abend in braun und weißgeſtreifter Ballweſte erſchien, wurde er in der erſten Tour des Cotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereigniß, welches ſogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons große Aufregung hervorbrachte. Es thut dem wahrhaftigen Geſchichtsſchreiber leid, zu melden, daß Fink unter die Grünen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie die Braunen behaupteten, ſeine grü⸗ nen Tänzerinnen ſehr nachläſſig, aber da Eugenie Baldereck ſeine Dienſte, vorzugsweiſe in Anſpruch nahm, ſo war es, wie Anton entſchuldigend ſagte, ſeinem Freunde nicht mög⸗ lich, ſich dem Einfluß dieſer Farbe ganz zu entziehen. Nun begab ſich Folgendes: Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das ſie ihre Empfin⸗ dungen mit einer ſchwarzen Krähenfeder durch winzig kleine Buchſtaben einzeichnete. Außer der bereits früher erwähnten Geſchichte von den zwei Molchen ſtand alles Andere darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Anſichten über Natur, die Menſchen und das Kränzchen. Es war ihr höchſter Schatz. In einer himmliſchen Stunde hatte ſie Hildegard Salt in die Geheimniſſe dieſes Buches eingeweiht, Beide hatten einander geküßt und viel geweint und über dieſem Buch ewige Freundſchaft beſchworen. Von da ab führ⸗ ten Beide das Tagebuch gemeinſchaftlich. Ihre vertrau⸗ 1 teſten Gefühle, die allergeheimſten Bemerkungen waren darin 3 aufgezeichnet. Nach einem Kränzchenabend, wo Lenore ſehr eit t gegen ſie geweſen war, ſchloſſen ſie ihr Herz auch gegen 16 6— 242— dieſe auf und zeigten ihr wenigſtens einige Blätter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vor⸗ zug gehabt, etwas hineinzuſchreiben. Da aber ihre Stärke nicht ſowohl war, Gefühle aufzuzeichnen, als vielmehr Ge⸗ ſichter und lächerliche Männchen zu malen, ſo hatte ſie einige Karrikaturen hineingeſetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bild einige Zeilen gedichtet. In dieſes theure Buch durfte kein fremdes Auge blicken, Niemand durfte das Heiligthum ſehen und berühren. Theone trennte ſich niemals davon. Am Tage und in der Nacht trug ſie es bei ſich. Bei Nacht lag es unter ihrem Kopf⸗ kiſſen, und während die Kammerjungfer ſie anzog, ſteckte ſie es heimlich oben in den Schnürleib hinein und trug es an ihrem warmen unſchuldigen Herzen. Es war ein ganz klei⸗ nes dünnes Buch in carmoiſine Seide gebunden. Wenn Hildegard ſie zärtlich anſah, oder Lenore ſie mit dem Ball⸗ ſtrauß auf den Arm ſchlug, ſo deutete ſte mit dem Finger heimlich auf ihre Bruſt. An dieſem Abend hatte ſie das Buch wieder an ſeine Stelle geſchoben, während der erſten Tänze hatte ſie es deutlich gefühlt. Nach einer Quadrille fühlte ſte danach, das Buch war verſchwunden. Es war verſchwunden, es war nicht mehr an ihr, es mußte während des Tanzes hinabgeglitten ſein bis auf den Fußboden. Wie ſo etwas möglich war, iſt ihr ſelbſt und allen Betheiligten ewig ein finſteres Räthſel geblieben.— Sie war einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte ſie Hildegard bei Seite zu ziehen und ihr das Schreckliche zu klagen. Hilde⸗ gard rief Lenoren, vernichtet ſtanden die Drei neben einander. Das as Bundeshelligthum war verloren, es war in fremde Hande — 243— gefallen, ja entſetzlich zu denken, vielleicht ſogar in die Hände der Grünen. Auf jeder der letzten Seiten waren ſchelmiſche Bemerkungen, ſämmtliche Herren waren darin aufgeführt, mit fremden Namen zwar, Fink hieß Zeiſig, Tönnchen Nuß⸗ knacker, aber wer konnte dafür ſtehen, daß ſie nicht dieſe Chiffreſprache herausbrachten? Und was mußte dann ge⸗ ſchehen! Es war Untergang! Ruin der Tanzſtunde, Fami⸗ lienzwiſt, Auflöſung aller menſchlichen Bande. Theone ſaß verſtört, ſie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit hinweg aus allen Ländern, in denen man tanzte. Lenore faßte ſich zuerſt.„Laß uns ſuchen,“ rief ſte, Hilde⸗ gard am Arm faſſend,„vielleicht liegt's noch irgendwo im Saale. Ich ſehe nach der Mitte, den Herren unter die Füße, du unter die Sitze der Damen.“ So zogen ſie mit einander durch den Saal, zußerlich luſtwandelnd, in dem Herzen die Hölle, ſcheinbar mit einan⸗ der plaudernd, innerlich weinend. Zuweilen redete ein lang⸗ weiliger Herr ſie an und zwang ſte, ſtill zu ſtehen und zu ant⸗ worten, während die fliegende Angſt in ihrem Haupte um⸗ herraſte:„jetzt vielleicht findet's ein Anderer.“ Sie kamen durch die Gruppe der Grünen, wo ſie nach allen Seiten an⸗ halten mußten, um zu lächeln und Freundliches zu ſagen, ſte kamen zu Eugenie Baldereck, die ſie frug, ob es nicht zweck⸗ mäßig ſei, noch einen Tanz anzuhängen, während ſte daran den⸗ ken mußten, daß in dem Buch ein unverkennbares Portrait zu ſehen war mit der Unterſchrift:„Naſeweis, gefühllos, keck iſt C. B.... z ſie kamen, wehe, Wehe! ſogar in Finks Nähe, von dem eine ſchreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Töunnchem in einem Rebenſtock ſaß, mit der Unterſchrift: 4 16* — 244— Ein Zeiſig und Nußknacker tranken ſich voll, Der Zeiſig ſang: mein Schnabel iſt ſpitz, Grün ſind meine Federn und grün mein Witz. Der Nußknacker ſeufzte: ich bin ſo hohl, Ich weiß nicht, was das bedeuten ſoll. So zogen ſie zwei Mal durch den Saal; ein drittes Mal trauten ſie ſich's nicht mehr, ſie hatten nichts gefunden. Troſt⸗ los kamen ſie zu Theone zurück. „Es giebt nur ein Mittel,“ rief Lenore.„Wo iſt Herr Wohlfart?“ 1 SKildegard hielt ſie zurück.„Du willſt doch nicht einem 3 Herrn—“ „ Ich übernehme die Bürgſchaft,“ na Lenore ſtolz;„e iſt treu, wo ſteht er?“ „Dort ſpricht er mit Frau von Baldereck.“ Die beiden Suchenden gingen langſam an Anton vorüber, er drehte ihnen zwar den Rücken zu, aber als ſie näher kamen, zog es ihn unwiderſtehlich, nach der Muſtk zu ſehen. Er wandte ſich um, Lenore ſtand vor ihm, ſie ſah ihn bedeutſam an, er löſte die Unterhaltung mit Frau von Baldereck, er ſprach zu ihnen, ſie hatten ihn.„Herr Wohlfart, ein kleines Buch in rother Seide, ſo groß, iſt hier im Saale von Theone Lara verloren. Es iſt uns unendlich viel daran gelegen, bitte, ſchaffen Sie es uns zurück.”“ „Iſt es gedruckt?“ „Nein, geſchrieben, auch Sie dürfen nicht hineinſehen, es ſind unſere Geheimniſſe darin. Schwören Sie mir, daß Sie mit keinem Auge hineinſehen, wenn Sie es finden.“ „Ich ſchwöre es Ihnen zu,“ erwiederte Anton feierlich. — 245— „Ich danke Ihnen, bitte, ſeien Sie vorſichtig.“ Anton eilte in das Gewühl und beſchäftigte ſich die nächſte halbe Stunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Bo⸗ den, nichts auf den Plätzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war verſchwunden. In tiefſtem Mitgefühl brachte er den Damen die traurige Nachricht. Der neue Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfſchmerz nicht ſich zu erheben, der innerſte Schrein ihres Herzens war geöffnet, ſein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor Jedermanns Auge, alle ihre Ge⸗ heimniſſe wurden Gemeingut einer rohen Außenwelt. Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteiſtandpunkt. Die Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der ſie ſich niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf einem Vulkan, der Boden war glühende Lava, jeden Augenblick konnte die Exploſion erfolgen. Je länger die Verbündeten über ihr Schickſal nachdachten, deſto ſchrecklicher wurden ihre Ausſichten; denn immer noch fielen ihnen neue Gräßlichkeiten ein, die in dem Buche ſtanden. r Als der Tanz beendigt war, begab es ſich, daß Fink im Vorbeigehen vor Hildegard mit dem Fuß auf dem Boden wippte und zu ihr gewandt ſagte:„Dieſer Boden klingt ſo hohl, ich weiß nicht, was das bedeuten ſoll, vielleicht liegt ein verlorner Schatz unter den Füßen.“ Sildegard ſtürzte zu Lenore und dem kranken Sympathie⸗ vogel und rief außer ſich:„Herr von Fink weiß es.“ Die braunen Bänder flatterten in einer Ecke, die Mädchenköpfe hra huſnnnan und hielten Berathung. Endlich wurde — 246— entſchieden, daß dieſe Aeußerung ſehr beunruhigend ſei, aber noch keine Gewißheit des Unglücks gebe. Doch auch dieſe letzte Unſicherheit ſollte verſchwinden, denn Finks Benehmen wurde auffallend. Er vernachläſſigte heut ſeine Partei, er ſuchte alle Braunen auf, er ſetzte ſich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbeſcene und den Untergang des Hauſes Capulet bereits drei Mal durchgekoſtet hatte und ihre Thränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Geſpräch mit ihr an, er zwang ſie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Ausſehen und ſchalt auf das heiße Zimmer. Er quälte ſie bis zur Ohnmacht und ſchloß end⸗ lich ſeine teufliſche Rache damit, daß er ſie auf Hulda Wer⸗ ner aufmerkſam machte und frug:„Wie gefällt Ihnen dies grüne Kleid? Sieht ſie nicht aus wie ein Zeiſig?“— Sein nächſtes Opfer war Lenore. Sie ſtand unter ihrer Schaar noch immer mit dem Stolz einer Fürſtin, aber einer ent⸗ thronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink ſie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem Leben, ſie preßte ihr Taſchentuch zuſammen, daß die Spitze riß, um ſein Lä⸗ cheln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Au⸗ genblick, wo er dem vorubergehenden Herrn pon Tönnchen mitten im Geſpräch zurief:„Benno, knacken Sie gern Nüſſe?“ Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, ſagte ver⸗ wundert:„Nein, wenn Fräͤulein Lenore uns eine aufgegeben hat, ſo fürchte ich, wird ſie für mich zu hart ſein. Jetzt war es entſchieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch. Die braunen Bänder rauſchten auseinan⸗ der, die Partei glich einem Schwarm entſetzter Küchlein, unter welche der Habicht ſtößt. Nur Lenore nahm ſich zuſammen — 247— und trat entſchloſſen auf Fink zu.„Sie haben das Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und iſt ſehr unglücklich darüber. Sein Inhalt iſt nicht für fremde Augen, er kann in dieſer Geſellſchaft großen Aerger verur⸗ ſachen. Ich bitte, daß Sie mir das Buch zurückgeben.“ „Ein Buch?“ frug Fink neugierig,„was für ein Buch?“ „Verſtellen Sie ſich nicht,“ ſagte Lenore,„es iſt uns Allen deutlich, daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich Ihnen über die Folgen geſagt habe, noch einen Augenblick behalten können.“ „Ich könnte es behalten,“ nickte Fink,„Sie ſind zu gü⸗ tig, wenn Sie mir ein ſo großes Zartgefühl zutrauen.“ „Das wäre mehr als unartig,“ rief Lenore. „Es würde mir das größte Vergnügen machen, mehr als unartig zu ſein, wenn ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer Freundinnen gehört, das möglicher Weiſe Ihre Handſchrift oder eine andere Erinnerung an Sie enthält, das werde ich Ihnen in keinem Fall zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde ich es ſtehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es Zeile für Zeile auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu ge⸗ fallen ſuchen, daß ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, ſo oft ich die Freude habe, Sie zu ſehen.“ Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten.„Wenn Sie das thun, Herr von Fink,“ rief ſie, „ſo werden Sie als ein Unwürdiger handeln.“ Fink nickte ihr freundlich zu:„Der Eifer ſteht Ihnen allerliebſt, Fräulein; aber wie können Sie Würde von einem luſtigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die Natur hat ihre — 248— Gaben verſchieden ausgetheilt, Manchem hat ſie verliehen, Verſe zu machen, Andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen ſpitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Ha⸗ ben Sie je einen würdigen Zeiſig geſehen?“ Er wandte ſich lachend ab, faßte Benno Tönnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Thür. Lenore eilte zu Anton:„Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an, ſchaffen Sie es uns zurück, er hat ſich ge⸗ weigert. Er darf nicht weiter darin leſen, es wäre Theonens Tod.“ 1 Anton ergriff haſtig ſeinen Paletot und ſprang dem Freunde nach, der bereits auf der Straße war.„Zu Feroni, Anton!“ rief ihm Fink im Arm des Benno Tönnchen zu. „Ich muß etwas im Vertrauen mit dir ſprechen,“ ſagte Anton an ſeiner andern Seite. „ ZJetzt nicht, du brauner Geſandter,“ ref din,„ich will nichts mit dir zu thun haben.“ „Ich bitte dich, Fritz,“ bat Anton ſich an ihn drückend, „gieb das Buch heraus, die Mädchen ingſigenſ ſich bis zum Vergehen.“ „Nur zu!“ ſagte Fink. „Keine thut heut Nacht ein Auge zu,“ tiefs Anton. „ Um ſo beſſer, wir wollen's auch nicht thun. Sie können ſämmtlich zu Feroni kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangſam wird. Wir bleiben bis zum Morgen zuſammen. Und du, Anton, wirſt dich heut Nacht nicht ohne mich nach Hauſe ſchleichen, ſondern du wirſt aushalten, und zvun in ſtiller Todesangſt.“ — 249— „Was iſt das für eine Geſchichte mit dem Buch?“ n Tönnchen am andern Arme. „Sage nichts,“ bat Anton leiſe. „Eine tolle Confuſion,“ erwiederte Fink,„Sie ſollen Alles erfahren.“ „Um Gottes willen, ſchweig,“ bat Anton. „Ich werde mich nach deinem Benehmen richten,“ ſagte Fink;„läufſt du weg, ſo leſe ich den Andern das ganze Buch vor.“ So kamen ſie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er ſich auf Fink werfen und dieſem mit Gewalt das Buch ent⸗ reißen ſollte. Aber der Erfolg war unſicher. Mit, Ernſt und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur Liſt konnte helfen. Während er darüber nachſann, lagerten ſich die Herren in dem kleinen Hinterzimmer, ihrer gewöhnlichen Trinkſtube. Es waren außer Anton und Fink noch Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Couſin Baldereck,(dieſer ein junger Herr mit hervorſtehenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfroſch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka⸗Hams, ſondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat iſt, Söhne des alten Majoratsherrn. „Was trinken wir?“ frug Fink. „Jeder ſeine Flaſche,“ erwiederte Zernitz. „Warum nicht gar!“ rief Fink. 4 „Nur nicht Ihren furchtbaren weißen Burgunder,“ rief Guido Tronka.„Von unſerer letzten Sitzung ſind mir noch heute die Adern geſchwollen wie Stränge.“ „Dann alſo Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Palb⸗“ſchlug Fink vor. — 250— „Superbos!“ rief der kleine Lanzau, welcher witzig war. „Das iſt eben ſo ein Höllengetränk,“ klagte Zernitz. „Küfer, Schenk, herbei!“ riefen die Herren und die Beſtellung wurde gemacht. 5 Unterdeß verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem Aufwärter einen Thaler und den Auf⸗ trag, den Ofen der kleinen Hinterſtube zu überheizen und ohne Rückſicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er ſelbſt ſetzte ſich ſo weit vom Ofen, als irgend möglich war, und ſah mit Freude, daß Fink ſich dicht an den eiſernen Cylinder gerückt hatte. Bald mußte ihm die Wärme unbequem werden, dann zog er ſeinen Rock aus, wie er ſtets in ſolchen Fällen that, dann war es möglich, das rothe Buch vor ſeinen Augen aus der Rocktaſche zu ziehen. „Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem großen Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen,“ begann Tönnchen.„Haben Sie Tronka's Alice geſehen, Fink?“ Nein,“ ſagte Fink ringießend/„iſt's ein Pferd oder ein Fnutnaiiner⸗ „Natürlich ein Pferd ¹“ rief Tönnchen. „Bah, laßt heut die Stalljacke zu Haus,“ ſagte Fink. „Es iſt aber verdammter Ernſt!“ rief Tönnchen.„Guido hat zum Herrenreiten eingeſetzt.“ „Zahlen Sie Reugeld,“ ſprach Fink zu Guido Tronka, „und bleiben Sie zu Haus. Den Aiar ſchlägt kein Traber in dieſem Erdenwinkel.“. „Sehen Sie ſich morgen meine Alice an,“ bat Tronka wieder,„ich möchte Ihr Urtheil hören.“ V — 251 — „Haben Sie die neue Liebhaberin geſehen?“ ſprach Zer⸗ nitz zu Anton,„ſie hat brillante Augen.“ „Sie trägt magnifique,“ rief der andere Tronka zu Fink herüber. „Sie hat ja eine Haſenſcharte,“ rief der Laubfroſch ver⸗ öchtlich dazwiſchen. „Wer iſt nun das wieder?“ frug Fink. „Die Seppi, ein grünäugiges Scheuſal,“ ſchrie wieder der Laubfroſch Baldereck.„Gehen Sie denn gar nicht mehr ins Theater?“ „Nein,“ verſetzte Fink,„aber ich ſchicke meinen Reit⸗ knecht hinein. Wenn Sie Gefühle haben, bei denen er Sie unterſtützen kann, ſo wenden Sie ſich nur an ihn.“ Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu beſchäftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komiſche Geſchichte im Volksdialekt, die ihm der Lieutenant neulich anvertraut hatte, er ſtimmte laut in das Lachen des Laubfroſches ein, er verführte den älteſten Tronka, ein Aben⸗ teuer mitzutheilen, welches den Tod eines Haſen und einer Schnepfe verurſacht hatte. Er griff nach der Kelle und goß die Gläſer voll. Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und riefen nach dem Aufwärter. „Es verfliegt ſogleich,“ tröſtete dieſer. „Ich finde es gar nicht ſo warm,“ ſagte Fink ruhig,„im Gegentheil, Sie können noch einlegen.“ „Aber die Hitze wurde unerträͤglich, die Herren geriethen in Zorn, Feroni ſelbſt wurde gerufen. Anton proteſtirte gegen das Oeffnen des Fenſters, weil man vom Tanze noch zu — 252— warm ſei. Fink erklärte die Temperatur für behaglich und behielt ſeinen Rock an. Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog ſeinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entſchluß anzuregen. Sofort that Fink daſſelbe, legte den Rock ſorgfältig über ſeinem Stuhl zuſammen und ſah lächelnd auf Anton, der mit großer Aufmerkſamkeit ſeine Bewegungen beobachtete. „Das Buch ſteckt nicht im Rock,“ nickte Fink ihm zu, „die Mühe war umſonſt, denke auf etwas Anderes.“ Anton öffnete das Fenſter.„Ich verſuche nichts mehr,“ ſagte er reſignirt,„du biſt mir zu ſchlau.“ „Halt aus,“ ſagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen erzählte lügenhafte Geſchichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau betrank ſich. Endlich pochte Fink auf den Tiſch.„Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es iſt nicht möglich, es ſchreit zum Himmel.“ Anton fuhr auf:„Ich bitte dich, Fritz.“ „Ruhig, Ofenheizer!“ rief Fink.„Hört, Ihr Herren, ich habe heut ein geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.“ „Hurrah, heraus damit!“ riefen ſämmtliche Herren. „Es ſind gewiß Verſe darin,“ rief Zernitz. „Es mag ein ſchöner Unſinn darin ſtehen,“ rief Tönn⸗ chen,„Phantaſie und Bosheit Unmündigorten 4 Anton war wüthend. „Allerdings ſteht Unſinn darin, und die Verſe ſüßeinen mir ſchlecht. Hören Sie, Zernitz, was aban Sie mit her kleinen Lara gehabt?“ „Nichts,“ ſagte der Lieutnant befremdet,„ich habe ein paar Mal mit ihr getanzt, das iſt Alles.“ „So muß es gekommen ſein,“ fuhr Fink nachdenkend fort.„Die arme Theone! Ich habe ein Lied geleſen, das die Comteß auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt ſind Sie kein übler Burſch, aber ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß man mit ſolcher Schwärmerei von einem Mann ſprechen kann.“ „Zeigen Sie her,“ bat Zernitz angelegentlich. „Hier?“ frug Fink vorwurfsvoll,„vor dieſer wilden Bande? Wenn Sie auch die Lara, die mir heute in ihrer Angſt allerliebſt vorkam, nicht gerade begünſtigen, ſo haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenſchaft des armen Mädchens hier zu profaniren.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Zernitz.„Aber unter vier Augen werden Sie mir's zeigen.“ „Gewiß,“ verſetzte Fink.„Ihr wißt, ich habe kein Ge⸗ fühl für alle Creatur, welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt giebt, was mich kalt läßt, ſo ſind es Backfiſche in Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit ſoll ihr Recht werden, die Mädchen, welche das Tagebuch mit einander geführt haben, ſind ſee⸗ lengute Dinger, es iſt auch nicht eine unartige Bemerkung darin.“ Er wandte ſich zum Couſin Baldereck:„Von Ihrer Couſine iſt auf jeder Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit geſprochen, die eben ſo verdient als rührend genannt werden muß.— Das ſtrengſte Urtheil wird über mich gefällt, ich werde ein Zeiſig genannt.“ — 254— „Auf die Art iſt das Heft ziemlich langweilig,“ ſagte Benno Tönnchen. „ a,“ erwiederte Fink,„wenn Sie nicht intereſſirt, was Hildegard Salt über Sie hineingeſchrieben hat.“ „Viel Gutes wird's nicht ſein,“ verſetzte Benno neu⸗ gierig. „Nein,“ ſagte Fink,„ſte ſpricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten wahrhaft betrübend vorkommen muß. Sie werden groß und ſtill genannt. Ihr Geſicht ein Muſter männlicher Kraft, die Dichterin findet Sie voll Kennt⸗ niſſe, voll Geiſt und voll Witz; ſie frägt, ob ein ſolcher Menſch nicht zu bedeutend ſei, um ſich zu einem weichen Mädchen hinabzuneigen. Nun frage ich Alle, wie kann ein geſcheidtes Kind, wie Hildegard Salt, ſich ſo weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn Sie ſind bei der letzten Flaſche ein ziemlich kurzweiliger Geſell, Benno, aber wenn ich ein Mäd⸗ chen wär' und mir ein Ideal ausſuchte, ich würde lieber einen Nußknacker zu meinem Götzen machen, als Sie.“ Tönnchen verzog den Mund. „Iſt von uns auch etwas darin?“ frug Herr von n Wer⸗ ner, auch einer der Grünen, ein Bruder von vier ſchönen Schweſtern, Nachbar der Rothſattel, von jungem Adel, aber reich, in Familieneiferſucht aufgewachſen. „Von Ihnen wenig,“ verſetzte Fink,„nur zwei Zeilen.“ Er nahm das Buch hervor und ſah hinein und ſuchte.— Anton ballte die Hände unter dem Tiſch.—„Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und ſucht vergebens ihr Herz zu verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an. O Geurg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufungs⸗ — 255— zeichen.“ Fink ſteckte das Buch wieder ein. Anton be⸗ ruhigte ſich, das konnte nicht in dem Buche ſtehen, auch ſah⸗ er, daß die Naſenflügel Finks ſich heftig bewegten, ein un⸗ trügliches Kennzeichen, daß er Schelmerei trieb. Zernitz ſchob ſein Glas weg und rief:„Es iſt indiseret, daß wir uns in dieſem Raume üben das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.“ „Ich bin derſelben Meinung,Arief Benno Tönnchen eifrig „Ich auch,“ Georg Werner. „Sie müſſen das Buch verſtegeln und zurückſchicken, 44 ſprach der Froſch. „O Ihr gemüthvollen Zettel,“ rief Fink in der glück⸗ lichſten Stimmung,„weil Eure haarigen Köpfe von feinen Händen gekraut werden, wird Euer Herz zartfühlend. Ich möchte Eure Geſichter ſehen, wenn ich aus dem Buche das Gegentheil herausgeleſen hätte.— Ei, ei! und Keiner kennt den Shakeſpeare!“ „Comteß Lara und Hildegard ſind zu feinfühlend, um das hineinzuſetzen, was Ihre Bosheit gern geſehen hätte,“ rief Zernitz. „Die Rothſattel iſt zwar ſtolz,“ rief Werner,„aber ſie hat keinen Grund, von mir etwas Anderes zu ſagen, als was wahr iſt. Ich habe ſie immer im Stillen für ein tüch⸗ tiges Mädchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.“ Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an die Decke.„Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieſer ſündigen Erde unter beſſere Ge⸗ ſchöpfe verſetzt? Ich bin ein Seraph, und Niemand merkt — 256— es, und Niemand wird es glauben, am wenigſten die Weiber. Hier, Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Ueberredung oder Zwang iſt es erobert; durch freiwilligen Entſchluß der tanzenden Herren wird es unge⸗ leſen zurückgeſchickt.“ 3 Anton ergriff d Buch, eilte in die Schreibſtube von Feroni, ſchrieb auf nen Zettel:„Fink hat einige Blätter geleſen, er wird ſchweigen, ſonſt Niemand eine Zeile.“ ſiegelte Zettel und Buch in ein Couvert und ſandte dies durch einen von Feroni's Leuten am ſpäten Abend nach dem Haus der Comteß Lara mit dem ausdrücklichen und durch eine Kette von Verſprechungen verſtärkten Befehl, der Bote müſſe unter allen Umſtänden durch Nachtwächter und Hausknechte in das Haus und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre ſchwarzen Locken durch Ströme von Thränen in träufelnden Bindfaden verwandelte. Das Gelag nahm ſeinen Verlauf. Das heiße Zimmer, der ſtarke Trank und ein gewiſſes nachdenkliches Weſen der meiſten Herren machten der Sitzung früher ein Ende, als Finks Abſicht war. Endlich brach er auf, weckte den ver⸗ ſchlafenen Küfer und ſagte zu Anton:„Bezahle die Rech⸗ nung.“ Als Fink mit Anton nach Hauſe ging, ſagte er: „Sei ruhig, Tony, natürlich war Alles gelogen, was ich aus dem Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin aufgeſammelt, deren eine Geſellſchaft Turtel⸗ tauben fähig iſt.“ „Ich habs gemerkt,“ ſagte Anton vergnügt,„in der nächſten Stunde werden deine Herren ſchön den Hof machen.“ — 257— 3. „Einer oder der Andere ſoll die Geliebte, die ich ihm heut zugetheilt habe, noch heirathen, ich will mich jetzt auf's Kup⸗ peln legen.“ Anton ſchwieg gekränkt.„Sei ruhig,“ fuhr Fink be⸗ haglich fort,„auch du ſollſt deine Einwilligung zu den Par⸗ tien geben. Sprich, wie gefallen dir meine Herren?“ „Sieh,“ ſagte Anton,„was ſie ſagen, erſcheint mir oft gewöhnlich, aber ſie haben Selbſtvertrauen und eine ſichere Haltung, die ſie auch dann nicht verlieren, wenn ſie ſich gehen laſſen.“ „Na,“ ſagte Fink,„es geht, ſie ſind in ihrer Clique, in dem müſſtgen Umherlaufen mit Couſinen und Sporen an den Beinen verkümmert, ſie ſollen im Ganzen genommen ein 1 Beiſpiel ſein, wie man nicht ſein muß, wenn man amüſant 4 1 ſein will. Ihre Liederlichkeit iſt nicht luſtig und ihre Luſtig⸗ keit iſt kläglich, in ein Paar Jahren ſind ſie ſchaal und un⸗ genießbar, wie ſchlechter Moſt. Dieſes Tönnchen wird ſchon ſäuerlich. Ich habe große Luſt, ſie dir näehſtens betrunken zu zeigen.“ „Sprich nicht ſo liederlich,“ bat Anton. „Ach, du armer Junge,“ ſagte Fink.„Schließ die bär. auf und gieb mir meine Geldbörſe zurück.“. 4„Du haſt heut wieder eine große Rechnung bezahlt, 44 ſagte Anton.„Ich bitte dich, ſei nicht ſo freigebig, du de⸗ müthigſt ja die Andern.“ 3 „Sei ruhig, Anton,“ erwiederte Fink,„ich halte mich über ſie auf, folglich iſt auch billig, daß ich für ſie bezahle.“ —„Ich hoffe, du wirſt niemals für mich bezahlen, ſagte Anton. 1. — 258— „Nein,“ entgegnete Fink,„du ſollſt das Prioilegium haben, dein eigener Caſſtrer zu ſein; ich bin zufrieden, daß du mir den Hausſchlüſſel trägſt und bei mir noch deine Ci⸗ garre rauchſt, während ich mich ausziehe.— Welche Stunde iſpse „Es iſt gegen zwei Uhr,“ erwiederte Anton vorwurfsvoll. „Dann ſind wir ſicher die Letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus ſolche Exeeſſe nicht vertragen. Als ich das 4 erſte Mal beim Frühlicht dieſen Rieſenſchlüſſel ins Schloß ſteckte, fürchtete ich, die alten Mauern würden über mir zu⸗ ſammenbrechen. Jetzt ſind ſte daran gewöhnt, der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deß⸗ halb länger aus, um dieſe ſchauderhafte philiſtröſe Hausord⸗ nung unzzudrehen.“ Als Hildegard Salt nach einer feuchten Thränennacht gegen Morgen die erſten Anſtalten zum Schlafen machte, purde ſie durch einen Brief von Theone Lara geweckt, in 3 deeſſen vorderem Theile Theon mit ſchwarzer Krähenfeder die 8 Anſicht ausſprach, daß für ſie auf dieſer Welt kein Raum mmnehr ſei, und in der zweiten Hälfte dieſe Anſicht dahin berichtigte, daß ſte Hildegard und Lenore für nächſten Nach⸗ mittag zur Chosalede einlud, um wegen der glücklichen Ret⸗ tung des Buches eine vertrauliche Feſtfeier zu begehen. Auf dieſer Conferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch Männeraugen lebhaft beſprochen. Schreck⸗ lich war, daß Fink hineingeſehen hatte. Aber auch Wohl⸗ fart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war ſehr zu⸗ fürchten, daß auch er es durchgeleſen hatte. Lenore war Aberzeugt, Wohlfart habe nicht darin geleſen. Hildegard ——=z — 259— dagegen behauptete, er ſei ein Mann, und kein Mann, auch der beſte nicht, ſei einer ſolchen Discretion fähig. Nach län⸗ gerer Debatte wurde beſchloſſen, ihn auf eine Probe zu ſtel⸗ len.„Wenn er hineingeſehen hat,“ ſagte Lenore,„ſo hat er doch zuerſt das Titelblatt angeſehen.“ „Das Titelblatt durfte er anſehen,“ warf ein brauner Vogel ein. 1 „ Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen,“ ſprach Lenore,„und ich weiß, er hat keine Seite angeſehen. Ihr Alle ſollt zuhören, wie er meine Fragen beantwortet.“ Als Anton in der nächſten Tanzſtunde erſchien, trat ihm Lenore an der Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen bemühten ſich, die Köpfe zu hängen und eben ſo traurig auszuſehen:„Ach Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone geſchickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brief⸗ taſche.“ 58 „Wie iſt das möglich?“ rief Anton beſtürzt. „Gleich auf der erſten Seite war eine Rechnung vom 29ten über einen Frack, vom 360ten eine Flaſche Rothwein. und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts hel⸗ fen.“ Alle Braunen ſchüttelten den Kopf und ſahen be⸗ 8 trübt zur Erde. Anton ſuchte ſich zu entſchul digen:„Fink zog das rothe Buch aus der Weſtentaſche und gab es in meine Hand, ich ſandte es ſogleich verſiegelt ab.“ „Dann muß Herr von Fink das Buch vertauſcht haben,“ fuhr Lenore fort.„Warum haben Sie denn nicht hineinge⸗ 17* — 260— ſehen?“ frug ſie vorwurfsvoll,„wenigſtens auf das Titel⸗ blatt.“. „Das durfte ich ja nicht,“ rief Anton,„ich hatte Ihnen ja verſprochen, keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.“ „Halt,“ rief Lenore,„noch einen Augenblick! Hat er hineingeſehen oder nicht?“ frug ſie ſiegreich zu ihrer Schaar gewandt. Ein bewunderndes„Nein“ kam von allen Lippen. „Bleiben Sie, Herr Wohlfart, es iſt das rechte Buch, das Sie zurückgeſandt haben. Einige von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob ſelbſt Sie das Tagebuch ungeleſen aus der Hand geben könnten, ich ſagte, Sie wären das im Stande, und habe meinen Freundinnen das ſoeben bewieſen.“ „Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen,“ rief Anton erfreut. Alles traue ich Ihnen zu, was bras und ehrlich iſt,“ ſagte Lenore und blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an. Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war Lbis zum Cotillon von einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen ſeines Fracks von oben bis unten beſteckt, und er ſah aus, wie der bunteſte Hofmarſchall des Continents. Aber noch Größeres begab ſich. Die Partei der Grü⸗-⸗ nen drohte zu zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen. Hilde⸗ gard Salt verlebte eine ſchreckliche halbe Stunde an der Seite des Nußknackers, welcher ſie wäͤhrend eines Walzers mit 1 der iſären, der ſie umgab.— Den ganzen Abend — 261— ritterlicher Artigkeit, ja man muß ſagen, mit Gefühl behan⸗ delte und dadurch in die allergrößte Verlegenheit ſetzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laub⸗ froſches, des Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche ſämmtlich auf einmal zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernſthaften Huldigungen nicht unwürdig ſei. Eugenie ſelbſt war heut gegen die Braunen von aufrichtiger Herzlichkeit, ſie hing ſich an Leno⸗ rens Arm und küßte beim Abſchiede Theone im überſtrö⸗ menden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner ſetzte ſich neben die Baronin Rothſattel, kündigte für die nächſten Tage ihren und ihrer Töchter Beſuch an, bat um die Erlaubniß, ihren Georg mitzubringen, und ſprach unauf⸗ hörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächſten Sommer darüber ſein würden, daß die Tanzſtunde ſie in ein ſo intimes Verhältniß zu Lenore gebracht habe. Kurz, das ganze Ausſehen der Tanzſtunde war verändert. Mit Aus⸗ nahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war Alles in einer gemüthvollen, von Men⸗ ſchenliebe gleichſam überfließenden Stimmung, deren Gegen⸗ ſtand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten dieſe die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernſthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genuß ihres Glückes konnten ſie nicht kommen, in ihrer Bruſt fühlten ſie die Nadelſtiche des böſen Gewiſſens, und um ſie herum bewegte ſich in weitem Kreiſe die furchtbare Geſtalt Finks, des Wiſ ſenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen — 262— hielt er ſich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch, erſt am Ende der Stunde trat er zu Lenore:„Iſt Fräulein Eugenie heut nicht allerliebſt? Ich gebe Ihnen zu, daß ſte gefühllos iſt, aber dieſe kleine Unart wird ſich möglicher Weiſe im Laufe der Jahre in eine ganz entgegengeſetzte Eigenſchaft verwandeln.“ Lenore ſah ihn verlegen an.„Kommen Sie mit zu Theone Lara,“ ſagte ſie endlich.„Herr von Fink hat ein Recht auf unſern Dank,“ rief ſie dort,„wir Alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch ſchweigt, wie er bis jetzt gethan.“ „Ich will mich dazu verpflichten,“ verſetzte Fink,„unter einer Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche den Vers unter einen gewiſſen Weinſtock geſchrieben hat. Ich muß Jemand haben, den ich haſſen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, Jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie ſo leichtſinnig waren, die Documente Ihres ſcharfen Witzes in meine Hände fallen zu laſſen. Nennen Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Verſprechen, daß ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.“ In der Gruppe entſtand eine ängſtliche Bewegung, Jede“ fürchtete die Beure des rachſüchtigen Indianers zu werden. Lenore ſah auf Hildegard, welche vor Schrecken verblich, und ſagte eifrig:„Ich habe die Zeichnung gemacht und ich habe die Verſe darunter meiner Freundin dictirt; da Sie's ge⸗ ſehen haben, ſo bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht thun; und wenn Sie jetzt die Abſicht haben, ſich an mir zu rächen, ſo werde ich Ihren Haß zu ertragen ſuchen. „Schön,“ ſagte Fink lächelnd,„ich werde mich rächen, ich werde Sie von heut ab haſſen. Uebrigens iſt mir ange⸗ nehm zu erfahren, daß auch das vergänglichſte aller Gefühle, Mädchenfreundſchaft, die Unglücklichen, welche davon befallen werden, zu heldenmüthigen Opfern begeiſtern kann.— Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind iſt? Auch ſeine Geſtalt iſt nicht ſchlecht. Etwas zu voll, werden Sie ſagen, aber grade dies volle Weſen macht ihn und ſeine Familie ſo anſprechend.“ Die letzte Folge dieſes glücklichen Abends war, daß auf einer neuen Conferenz der Braunen beſchloſſen wurde, den treuen Ritterdienſt Wohlfarts in außerordentlicher Weiſe zu belohnen. Nach längerer Ueberlegung wurde man einig, daß Theone gemeinſchaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börſe zu häkeln habe. Gleich am nächſten Mor⸗ gen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um ſich nicht auszuſchließen, die Kunſt des Häkelns eigens er⸗ lernen. Auch ſtrahlte bereits die erſte Kappe der Börſe in Braun und Gold, als ECreigniſſe eintraten, welche die Vollendung hinderten. 4 — 264—s 3. Es iſt eine traurige Erfahrung, daß die überirdiſchen Gewalten dem Menſchenkind das Glück einer hochgeſpannten Empfindung nicht lange unverkümmert laſſen. Sie haben die Sache ſo ſchlau eingerichtet, daß ſich faſt immer eine Saite unſers Innern abſpannt, ſo oft ſie den Wirbel einer andern zur Höhe herumdrehen. Natürlich entſteht daraus ein Mißklang. Dieſe ſchlechte Behandlung erfuhr auch An⸗ tons Seele. Zunächſt ereignete ſich, daß das Comtoir fortfuhr, die Veränderung in Antons Leben mit kritiſchem Blick zu be⸗ trachten. Jede Art von Befremden herrſchte in den verſchie⸗ denen Zimmern des Hinterhauſes, in allen aber war man einig, daß ſich Anton, ſeit er die Tanzſtunde rfuche. ſehr auffällig und nicht? zu ſeinem Vortheil verändere. In Wirklichkeit war dieſe Veränderung nicht groß. Es iſt wahr, Anton war in den Freiſtunden weniger mit ſeinen Collegen zuſammen, als ſonſt, er brachte viele Abende außer dem Hauſe zu, und wenn er einmal in Geſellſchaft der Hausge⸗ noſſen aushielt, ſo war er wohl zerſtreuter, ja vielleicht übte er auch geringere Nachſicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen Schwächen der andern Herren. Sein Verſtand be⸗ wahrte ihn davor, ſich wegen der plötzlichen geſellſchaftlichen Erfolge zu überheben und die Collegen durch Erzählung daß Herr von Berg Apfelſchimmel hat?“ oder:„Muß man — 265— ſeiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte ſich doch nicht enthalten, zuweilen Vergleiche anzuſtellen zwiſchen dem Ton und Benehmen ſeiner Umgebung, die er überſah, weil er ſte genau kannte, und dem Ton und Benehmen im Salon der gnädigen Frau, der ihm imponirte, weil er ihm neu war. Das Comtoir erklärte ſeine größere Schweigſamkeit für Stolz, ſeine häufige Abweſenheit für unziemlichen Leichtſtnn, und er, der ſonſt ein Liebling des Hauſes geweſen war, kam gerade deßhalb in die Lage, jetzt ſehr ſtreng beurtheilt zu werden. Er ſelbſt empfand die kühlere Haltung der Ge⸗ mäßigten, die auffallende Kälte der Entſchiedenen als liebloſe Behandlung. So kam es, daß er die Abende, an denen er keine Veranlaſſung hatte, auszugehen, faſt nur mit Fink ver⸗ lebte, und daß Beide zuſammen nach wenig Wochen als ariſto⸗ kratiſche Coterie den andern Herren gegenüberſtanden. Anton wurde durch dies Verhältniß mehr gedrückt, als er ſich ſelbſt geſtehen wollte; er fühlte es an ſeinem Arbeits⸗ pult, auf ſeinem Zimmer, ſogar beim Mittageſſen im Vor⸗ ddeerhauſe. Seltener redete ihn einer ſeiner Collegen an; wenn Jordan eine Auskunft forderte, wandte er ſich nicht mehr an ihn, ſondern an Baumann; wenn der Caſſtrer zur Frühſtücksſtunde in das vordere Comtoir kam, ſo trat er nicht mehr an Antons Sitz; und wenn Specht ſich von ſeinem Platz umwandte und mitten in den kaufmänniſchen Correſpondenzen eine auffallende Frage an die Umſitzenden that, ſo wandte er ſich zwar öfter als ſonſt an Anton, aber es erſchien dieſem als keine Verbeſſerung ſeiner Situation, wenn Specht ihm flüſternd ins Ohr ſchrie:„Iſt es wahr, — 266— bei Frau von Baldereck lackirte Stiefeln oder Schuhe tra⸗ gen?“ Am gewaltthätigſten wurde Anton von ſeinem alten Gönner Pix behandelt. Uebergroße Toleranz hatte niemals die Energie dieſes Herrn geſchwächt, und aus einem nicht recht verſtändlichen Grunde ſah er in dem gegenwärtigen Anton eine Art Verräther am Comtoir, an der großen Waage und am Solo. Es war ſeine Gewohnheit, den eigenen Geburtstag ſo feierlich als möglich zu begehen. Er lud dann ſeine Vertrauten, in deren erſter Reihe Anton ſtand, zum Abend auf ſein Zimmer und ſetzte ihnen an die⸗ ſem Tage ausnahmsweiſe Wein auf den Tiſch und einen Napfkuchen, den er eigens beim Bäcker beßtellte und den er in immer größeren Verhältniſſen zu liefern bemüht war. In dieſen Wochen kam wieder ſein Geburtstag heran, und Anton war, obgleich Herr Pir ſich in der letzten Zeit ſehr ſchweigſam gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den 5 Abend bei ihm zuzubringen, er hatte deßhalb eine Einla⸗ dung des Herrn von Zernitz bereits abgelehnt. Früh vor der Comtoirſtunde ging er auf das Zimmer von Herrn Pr und gratulirte dieſem. Herr Pix nahm den Glückwunſch ſehr kühl auf und gönnte ihm keine Einladung für den Abend. Nach Tiſche begegnete Anton dem coloſſalen Napf⸗ kuchen, welcher mit Hilfe eines Bäckerlehrlings mühſam die Treppen des Hinterhauſes hinaufſtieg, im Comtoir merkte er aus einer Aeußerung des Herrn Specht, daß diesmal ſämmtliche Collegen aufgefordert waren, den Tag feſtlich zu 6 begehen, an welchem Herr Pix durch ſein Erſcheinen eine Lücke der Schöpfung ausgefüllt hatte. Alle waren geladen, nur Anton und Fink nicht. 3 — 267— Mit Recht empfand Anton dieſe Zurückſetzung als eine Unart. Er empfand ſie aber tiefer, als wohl nöthig geweſen wäre. Und zum Ueberfluß theilte ihm Specht im Vertrauen mit, daß Pix die Erklärung abgegeben habe, ein junger Herr, der mit Lieutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen Tiſche ſitze, ſei kein paſſender Geſellſchafter für einen ſoliden Kaufmann. Als er an dieſem Abend einſam auf ſeiner Stube ſaß und unter ſich die luſtige Unterhaltung der Col⸗ legen hörte, da überkam ihn eine bange und gedrückte Stim⸗ mung, und keines von den glänzenden Bildern, welche in der letzten Zeit ſeine Mußeſtunden ausgefüllt hatten, auch das kce nf war mächtig genug, durch die dichte Wolke des Mißmuths durchzudringen, welche ihn umhüllte. Er ſelbſt war nicht zufrieden mit ſich und ſuchte ſelbſt⸗ quäleriſche Anklagen gegen ſich zu ſammeln. Er war ein Anderer geworden. Er war nicht gerade nachläſſig in den Arbeitsſtunden, aber ſeine Thätigkeit machte ihm wenig Freude, ſie war ihm oft eine Laſt. Es war ihm begegnet, daß er in ſeinen Briefen Wichtiges vergeſſen hatte, ja er hatte ſich ein paar Mal ſogar in den Preiſen verſchrieben, und Jordan hatte ihm mit einer kurzen Bemerkung die Briefe zurückgegeben. Es fiel ihm ein, daß der Prinzipal in der letzten Zeit ſich gar nicht um ihn gekümmert, und daß Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe kälter gegrüßt hatte, als gewöhnlich. Und neulich, als die Tante über Störung ihrer Nachtruhe klagte, weil Jemand ſo ſpät und geräuſchvoll die Hausthür geöffnet, da hatten alle Collegen vorwurfsvoll auf ihn geſehen. Sogar der treue Karl hatte ihn vor der letzten Tanzſtunde, wie Anton jetzt meinte, ironiſch 4 8 — 268— gefragt, ob er auch ſeinen Hausſchlüſſel bei ſich habe. In ſolcher Stimmung ging Anton an ſeinen Schreibtiſch und fing an, ſein kleines Caſſenbuch durchzuſehen. Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben eingeſchrieben, ängſtlich faßte er die Feder und ſuchte Rechnungen und Erinnerungen zuſammen, um das Verſäumte nachzuholen. Mit Schrecken entdeckte er, daß ſeine Schulden zuſammen eine Summe aus⸗ machten, welche er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hin⸗ terlaſſenſchaft ſeiner Eltern anzugreifen. Er fühlte ſich ſehr unglücklich. Hohe Töne hatten lange Zeit in ihm geklungen. Das Schickſal hatte auf einer Saite die feinſte Melogfge⸗ ſpielt, jetzt ſchnurrte die andere. Der Mißton ſolllioch größer werden. An demſelben Abend kam der Kaufmann verſtimmt aus der Reſſource nach Hauſe, er beantwortete kurz Sabinens Gruß und ging mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und ab. „Was haſt du, Traugott?“ frug die Schweſter. Der Bruder trat an ihren Stuhl.„Willſt du wiſſen, wie Fink ſeinen Schützling bei Frau von Baldereck einge⸗ führt hat? Du warſt ſo bereit, dich über ſeine Freundſchaft zu freuen. Er hat ein Syſtem von Lügen geſponnen und hat den unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchloſen Aben⸗ teurer gemacht.“ Er erzählte darauf, daß ihn ein älterer Offizier nach den Verhältniſſen Antons gefragt hatte, und was dabei zu Tage gekommen war. „ Iſt denn auch gewiß, daß Fink dieſe abgeſchmackten Mährchen erfunden, und daß Wohlfart darum gewußt hat?“ frug Sabine ſchüchtern. „An Finks Betheiligung iſt kein Zweifel. der Streich ſieht ihm zu ähnlich. Das iſt der leichtſinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet, nicht einmal den Ruf des Freundes.“ Sabine lehnte ſich an den Stuhl und nickte mechaniſch mit dem Haupt. Ja, ſo war er. Wieder einmal empörte ſich ihr Herz gegen ihn.„O wie traurig!“ ſagte ſie vor ſich hin.„Aber Wohlfart iſt unſchuldig, Traugott, das weiß ich beſtimmt. Eine ſolche Lüge iſt nicht in ſeinem Weſen.“ „Ich werde es morgen erfahren,“ ſagte der Kaufmann. „Um ſeinetwillen wünſche ich, daß du Recht haſt.“ Aun folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das ſtube. Da dies ſelten geſchah, ſo folgte Anton mit der Ah⸗ nung, daß irgend etwas Unheimliches heranziehe. Der Prin⸗ zipal ſchloß hinter ihm die Thür, ſetzte ſich recht ernſthaft vor ihm auf den Lederſtuhl und begann mit ſtrenger Miene: „Lieber Wohlfart, ich halte es für, meine Pflicht, mit Ihnen über einige Gerüchte zu ſprechen, die ſich in der Stadt verbreitet haben. Man hält Sie für einen reichen jungen Mann von geheimnißvoller Herkunft, erzählt ſich, daß Sie große Beſitzungen in Amerika haben und daß vornehme Per⸗ ſonen ſich im Stillen lebhaft für Sie intereſſiren. Ich ſetze voraus, daß auch Ihnen dieſe Gerüchte zu Ohren gekommen ſind, und wünſche zu wiſſen, was Sie gethan haben, dieſelben zu widerlegen.“ Anton erwiederte erſtaunt, aber mit Entſchloſſenheit: „Ich weiß nichts von einem ſolchen Gerücht, ich habe einige Male von Fremden ſonderbare Anſpielungen auf mein Ver⸗ mögen gehört, ich habe ſtets widerſprochen.“ de Comtoir und rief Anton zu ſich in die kleine Hinter⸗ — 270— „Haben Sie mit der nöthigen Entſchiedenheit wider⸗ ſprochen?“ frug der Kaufmann ſtreng. „Ich glaube, ja,“ antwortete Anton ehrlich. „Es wäre an dem müßigen Geſchwätz wenig gelegen,“ fuhr der Prinzipal fort,„wenn nicht Ihr eigener Chakakter dadurch verdächtigt würde. Denn die Welt wird geneigt ſein, anzunehmen, daß Sie ſelbſt aus irgend einem Grunde bei der Verbreitung dieſes Gerüchts thätig geweſen ſind; für das Renommée eines Kaufmanns aber giebt es keinen ſchlim⸗ meren Argwohn, als den, daß er durch niedrige Mittel ſich einen Credit geben will, den zu beanſpruchen er kein echähat 4 Anton ſtand ſtarr. Der Kaufmann fuhr fort:„Außerdem wird durch dieſes Geſchwätz auch der gute Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wiſſen, daß Sie der heimliche Sohn eines ſehr voornehmen Mannes ſind.“ „” meine Mutter!“ rief Anton, rang die Hände und die Thränen rollten aus ſeinen Augen. Er war ſo ergriffen, 2 und endlich begütigend ſagte:„Faſſen Sie ſich, lieber Wohl⸗ fart, Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit dieſer Er⸗ zählungen nachzuweiſen. Sie werden Ruhe und männliche Haltung dazu brauchen.“ „Am ſchrecklichſten iſt für mich der Gedanke,“ rief An⸗ ton noch immer außer ſich,„daß Sie ſelbſt vielleicht glau⸗ ben, ich hätte dieſe Unwahrheiten hervorgerufen, oder ich hätte ſte mir gefallen laſſen, um mich wichtig zu machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu dieſer Stunde nichts davon gewußt... daß ihm der Prinzipal Zeit laſſen mußte, ſich zu beruhigen,— „Ich glaube Ihnen gern,“ ſagte der Kaufmann freund⸗ licher,„aber Sie haben doch Manches gethan, um ſolchen Erzählungen Raum zu geben. Sie ſind fortwährend in ei⸗ nem Kreiſe geſehen worden, welcher ſich ſonſt gegen junge Männer in Ihrer Stellung ſehr ſpröde verhält. Sie haben hier und da Ausgaben gemacht, welche Ihre Mittel offenbar überſteigen und jedenfalls unpaſſend für Sie waren.“ Anton hatte die dunkle Empfindung, daß er ſich im Mittelpunkt der Erde viel behaglicher befinden würde, als auf der Oberfläche.„Ja,“ ſagte er endlich verzweifelnd, „Sie haben Recht, ich habe ſehr Unrecht gethan, über meine Verhältniſſe hinauszugehen, ich habe das während der ganzen Zeit empfunden; ſeit einigen Tagen, wo ich Caſſe gemacht habe und geſehen, daß ich in Schulden gekommen bin“— hier lächelte der Kaufmann faſt unmerklich—„iſt's mir klar geworden, daß ich auf unrechtem Wege bin, ich habe nur nicht gewußt, wie ich zurück ſoll. Jetzt werde ich nicht mehr zaudern,“ fuhr er ſehr traurig fort,„und Sie mö⸗ gen die Güte haben, zu entſcheiden, ob ich mich jetzt verſtän⸗ dig benehme.“ 8. „Nicht wahr, Fink hat Sie in die Geſellſchaft der Frau von Baldereck eingeführt? Ich dachte es,“ ſagte der Prinzi⸗ pal lächelnd,„vielleicht weiß er auch mehr von den Gerüch⸗ ten, welche Sie gegenwärtig ſo beunruhigen.“ 8 „Erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart ſein Zeug⸗ niß fordere, daß ich nichts von allen dieſen Nachreden ge⸗ wußt habe, und daß ich ſelbſt wohl leichtſinnig geweſen bin, aber nicht niedrig. Fink iſt mein Freund und kennt mein ganzes Verhalten.“ 1 — 272— „Wenn es Sie beruhigt,“ ſagte der Prinzipal und ließ Herrn von Fink rufen. Fink ſah im Eintreten auf den aufgeregten Anton mit verwundertem Blick und ſagte, ohne auf die Gegenwart des Prinzipals ſonderlich zu achten:„Was Teufel, du haſt geweint?“ „Ueber Verleumdungen,“ ſprach der Kaufmann ernſt, „welche ſeine Solidität als Geſchäftsmann und die Reſpecta⸗ bilität ſeiner Familie angegriffen haben.“ Darauf ſagte er kurz, worum es ſich handle. Fink lachte und rief:„Er iſt ein Kind; wozu ſich um das müßige Geſchwätz der Leute kümmern?“ „Er hat kein Recht, dies Geſchwätz zu verachten, denn er hat es durch ſeinen Verkehr in den Kreiſen, in die Sie ihn einführten, genährt.“. „Vor Allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schrö⸗ ter zu bezeugen, daß ich keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennſt mich genug, um zu wiſſen, daß ich keinen Fuß in die Geſellſchaft der Frau von Baldereck geſetzt hätte, wenn ich für möglich gehalten, daß ſo etwas von mir geſagt werden kann.“ „Er iſt ganz unſchuldig,“ ſagte Fink mit überzeugender Gutmüthigkeit zum Prinzipal.„Unſchuldig und harmlos wie das Veilchen, das ſtill im Verborgenen blüht; wenn irgend Jemand Schuld hat bei dieſer lächerlichen Geſchichte, ſo bin ich es und außerdem die thörichten Menſchen, welche ſo etwas verbreitet haben. Gieb dich zufrieden, Anton, wenn dir die Sache leid iſt, ſo wollen wir fte bald wieder in Ord⸗ nung bringen. 6 ——— — 273— „Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mittheilen, daß ich die Tanzſtunden nicht mehr be⸗ ſuchen kann.“ „Auch ich halte das für das beſte Mittel,“ ſagte der Kaufmann.— „Ich fürchte, es wird nicht viel helfen,“ bemerkte Fink weiſe. „Dann habe ich wenigſtens das Meinige gethan,“ rief Anton. „Wie du willſt,“ ſagte Fink.„Tanzen haſt du doch ge⸗ lernt und deinen Hut verſtehſt du auch mit Anſtand zu bewegen.“ Gegen Mittag ſagte der Kaufmann zu ſeiner Schweſter: „Du haſt Recht gehabt, Wohlfart war in der Hauptſache unſchuldig, Fink hat in ſeinem Uebermuth die ganze Intrigue angezettelt.“ „Ich wußte es,“ rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre Stickerei.—„Wenn es möglich iſt, Traugott, ſo verhüte jetzt eine neue Unbeſonnenheit.“ 8 „Sie müſſen die Geſchichte ſelbſt abmachen,“ antwortete der Kaufmann,„ich bin neugierig, wie ſie das zu Stande bringen werden.“— Anton arbeitete den Tag über wie Einer, der ſich betäu⸗ ben will, ſprach nur das Nöthige und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, ſich anzukleiden, als ein Mann, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat. Fink ſah ihn den Tag über mißtrauiſch an und frug ſich ſelbſt:„Was hat der Junge vor? Er geberdet ſich, als ſollte er das erſte Duell abmachen.“ Und hätte er in Antons J. 3. 18 — 274— Seele ſehen können, vielleicht hätte auch ihn erſchüttert, den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen fraß. Es war nicht verletzter Stolz allein, nicht die Scham, wie ein Abenteurer und Betrüger zu erſcheinen, denn dieſe beiden Empfindungen gingen in einem größeren Weh unter, in dem Gedanken an den Abſchied von ſeiner geliebten Tänzerin. Fink ſprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits angekleidet fand, ſah das bleiche Geſicht des Freundes, das heute um ein Paar Jahre älter ausſah als gewöhnlich, und frug, ſeine Kand ergreifend:„Biſt du böſe auf mich?“ „Nicht auf dich und auf keinen Andern,“ ſagte Anton aufgeregt.„Höre mich an; wie das Gerücht entſtanden iſt, will ich nicht wiſſen. Es iſt möglich, daß du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht haſt.“ „Mit dir nicht, mein Kind,“ ſagte Fink. „Jedenfalls haſt du um das Geſchwätz gewußt und mir nichts davon geſagt, das war nicht recht von dir, ich ſage dir das jetzt und werde dir's nicht nachtragen, und wir wollen— mit einander uͤber dieſe Geſchichte niemals wieder reden.“ „Höre,“ ſagte Fink,„ich habe die Notion, du nimmſt das Geſchwätz viel zu tragiſch.“ „Laß mich,“ fuhr Anton fort,„nur heut meiner Weiſe handeln.“ „Was willſt du denn thun?“. „Frage mich nicht, ich empfinde ſehr deutlich, was ich thun muß. Laß uns gehen.“ „So thu', was du nicht laſſen kannſt,“ ſagte Fink gutmüthig, p„aber vergiß nur Eines nicht: daß jede Art von Scene, die 5 — 275— „ du vor den Leuten aufführſt, ſie nur amüſtren wird, um ſo mehr, je aufgeregter du dich zeigſt.“ 1 „Vertraue mir,“ ſagte Anton,„ich werde ruhig ſein.“. Es war große Geſellſchaft in den erleuchteten Zimmern, kleine Balltoilette, viel Lichterglanz, ſämmtliche Familien⸗ mütter und mehrere Väter; einige eingeübte Tänze ſollten zum Beſten gegeben werden. Als ſie in den gefüllten Saal traten, ſah Fink beſorgt auf ſeinen Freund und fand, daß Anton verſtört ausſah, aber mit großer Energie vorwärts ſchritt. Er machte ſich von Fink los und trat ſogleich zu Lenore, mit der er ſich zum erſten Tanz bereits engagirt hatte. Das Fräulein ſah heut ſo reizend aus, als möglich, ſie hatte ihr erſtes Ballkleid an, und die großen Augen ſtrahlten vor Luſt; ſie kam ihrem Tänzer einige Schritte entgegen und ſagte ihm mit freundlichem Vorwurf:„Sie kommen ſo ſpät, 5 der Ball wird gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile zu plaudern. Papa iſt auch hier. Ich werde Sie ihm vorſtellen.— Aber was haben Sie? Sie ſehen ja ſo feierlich aus!“ „Gnädiges Fräulein,“ erwiederte Anton mit einer Ver⸗ beugung,„mir iſt heut ſehr traurig zu Muthe, ich kann nicht die Ehre haben, den nächſten Tanz mit Ihnen zu tanzen.“ „Und warum nicht?“ frug die junge Dame faſt er⸗ ſchrocken.*. „Hören Sie mich an, Fräulein, ich werd dieſer Geſellſchaft bleiben und komme heut nur, Ihnen und der Dame vom Hauſe wegen meines 2 zu entſchuldigen.“ 4 48* — 276— „Aber Herr Wohlfart,“ rief Lenore die Hände zuſam⸗ menſchlagend. „Viel mehr als an der Meinung der Uebrigen liegt mir an Ihrer guten Meinung,“ ſagte Anton erröthend,„und vor Ihnen will ich mich zuerſt rechtfertigen.“ „Sie ſollen ſich aber nicht rechtfertigen, ich verſtehe Sie nicht,“ rief die junge Dame. Anton aber erzählte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von ſeinem Prinzipal gehört, und verſicherte ſie eifrig, daß er von dem Gerücht nichts gewußt habe.„Das glaube ich Ihnen gern,“ ſagte Lenore vertrauensvoll,„Papa hat auch geſagt, daß es wahrſcheinlich ein müßiges Geſchwätz ſei.“ — Sie hielt inne, denn ſie dachte in dem Augenblick daran, daß ihr Vater zugeſetzt hatte, dieſer Herr Wohlfart möge ein recht guter Mann ſein, aber er paſſe doch nicht in die Geſell⸗ ſchaft.„Und weil Sie erfahren haben, was man ſich über Sie erzählt, wollen Sie ganz aus der Tanzſtunde aus⸗ ſcheiden?“ „Ja, ich will,“ ſagte Anton,„denn wenn ch hier bliebe, würde ich mich der Gefahr ausſetzen, für einen Eindringling oder gar für einen Betrüger gehalten z zu werden.“ Lenore warf das Köpfchen zurück und ſagte gekränkt und heftig:„So gehen Sie, mein Herr.“ Dies war das ſte Mittel, das Gehen unſers Anton — 277— das Geſicht ſeiner zornigen Dame und ſagte mit zitternder Stimme:„Sagen Sie mir wenigſtens, daß Sie nicht ſchlecht von mir denken wollen.“ „Ich werde gar nicht an Sie denken,“ rief Lenore mit ſchneidender Kälte und wandte ſich ab. Der arme Anton ſtand einen Augenblick wie vernichtet es war ein bitterer Schmerz, der ſeine unerfahrene Seele durchbebte. Wäre er zehn Jahre älter geweſen, ſo hätte er ſich dieſen heftigen Zorn vielleicht günſtiger ausgelegt. Der Gedanke, daß er noch nicht fertig war, gab ihm ſeine Kraft wieder, er ging aufgerichtet, ja mit ſtolzem Schritt zu dem Kreiſe, in welchem Frau von Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle die auserwählteſten Damen der Geſellſchaft. Die lange hagere Gräfin ſaß da eine Taſſe Thee trinkend, Eugeniens Mutter und neben ihr eine große Männer⸗ geſtalt; Anton wußte, ohne daß es ihm Jemand geſagt hatte, daß der ſtattliche Herr Lenorens Vater ſein müſſe. In dem Augenblick, wo er vor die Frau vom Hauſe trat, ſeine Ver⸗ beugung zu machen, flog ſein Blick über die ganze Geſellſchaft. Jahre ſind ſeitdem vergangen, aber noch lebt der Augenblick in ſeinem Gedächtniß, und noch heut weiß er die Farbe von jedem Kleide, er könnte noch die Blumen aufzählen, welche in dem Strauß der Baronin Rothſattel waren, ja, er erinnert ſich noch an das Bild, das auf der gemalten Taſſe war, aus welcher die Gräfin trank. Die Hausfrau empfing die Ver⸗ beugung unſers Helden mit herablaſſendem Lächeln und war im Begriff, ihm etwas Freundliches zu ſagen, als Anton ſie unterbrach und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, aber laut durch den ganzen Saal tönte, ſeine Rede begann, ſo — 278— daß nach den erſten Worten eine allgemeine Stille entſtand: „Gnädige Frau, ich habe heut erfahren, daß in der Stadt erzählt wird, ich ſei reich, ich beſitze Güter in Amerika, und vornehme Herrſchaften nehmen im Geheimen ein Intereſſe an mir. Ich erkläre dies Alles für Unwahrheit, ich bin der Sohn des verſtorbenen Calculator Wohlfart aus Oſtrau; ich habe von meinen Eltern faſt nichts geerbt, als einen ehrlichen, unbeſcholtenen Namen. Ich bin dem Andenken an meine guten Eltern und mir ſelbſt ſchuldig, das hier 8 öffentlich zu erklären. Sie, gnädige Frau, haben die hohe Güte gehabt, einen fremden und unbedeutenden Menſchen ſo freundlich in Ihrem Hauſe aufzunehmen und mich zur Theil⸗ nahme an den Tanzſtunden dieſes Winters aufzufordern. Ich darf nach dem, was ich heut gehört habe, nicht mehr daran Theil nehmen, weil mein fernerer Beſuch der Tanz⸗ ſtunde den Unwahrheiten, welche man über mich verbreitet 8 hat, Nahrung geben würde, und weil ich gar in den Verdacht ommen könnte, ein Betrüger zu ſein, welcher die Gaſtfreund⸗ ſchaft Ihres Hauſes mißbraucht. Deßhalb ſage ich Ihnen meinen innigen Dank für Ihre Güte und bitte Sie, mir ein freundliches Gedächtniß zu bewahren.“ Die Rede war etwas zu pathetiſch für den Kreis, chem ſie wirken ſollte, aber ſie wirkte doch. Es entſt einige Augenblicke tiefes Stillſchweigen; die Gräfin hielt w 1 erſtarrt ihre Taſſe in der Luft zwiſchen Schooß und Mund, 3 und die Frau vom Hauſe ſah verlegen vor ſich nieder. Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Thür. Da eilte aus der ſtarren Gruppe mit beflügeltem Schritte eine helle Geſtalt dem Scheidenden nach, faßte mit ihren Hän⸗ — 279— — den ſeine beiden Hände; Anton ſah in Lenoreus weinende Augen und hörte noch, wie ſie mit weicher Stimme unter 3 Thränen zu ihm ſagte:„Leben Sie wohl!“ Dann ſchloß ſich die Thür hinter ihm, und Alles war vorbei. 3 Anton ging langſam nach Hauſe. Es war ſo ruhig und ſtill in ſeiner Seele, als wäre er nie in dem Hauſe hinter ihm geweſen; er ſah auf die großen Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute ſich über die Spur, welche die Fußgänger in den weichen Schnee gedrückt hatten. Wenn er Schmerzen fühlte, ſo waren ſie doch ohne Bitterkeit. Er trug ſein Haupt ſtolz und dachte an alles Mögliche, woran ein unbefangener Spaziergänger denkt, an ſeine Eltern, an die Briefe, die er heut im Geſchäft geſchrieben hatte, an ſeinen Prinzipal und auch an den närriſchen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir hinausgewieſen hatte. Aber in ſeinem Ohr klang fortwährend eine Melodie, die neben allen Gedanken forttönte, es waren die Worte Lenorens:„Leben Sie wohl!“ In dem Salon der gnädigen Frau kehrte das Leben zu⸗ rück, als er das Zimmer verlaſſen hatte. Das erſte Wort, welches gehört wurde, war der ſtrafende Ruf der Mutter, die ihre Tochter zu ſich forderte, welche in der vergangenen Seene eine ſo auffallende Rolle improviſtrt hatte.„Lenore, du haſt dich vergeſſen!“ ſagte die Mutter leiſe und be⸗ kümmert. 3 „Laß ſte,“ ſagte der Freiherr mit Geiſtesgegenwart laut, „die Tochter hat gethan, was der Vater hätte thun ſollen, der junge Mann hat ſich brav gehalten, und wir werden ihm unſere Achtung nicht verſagen.“ 4 — 280— Unter den übrigen Gruppen aber erhob ſich ein Gemur⸗ mel, die Einleitung zu lebhafter Unterhaltung. ja eine wahre Theaterſeene,“ ſagte die Dame v mit nicht ganz natürlichem Lächeln;— denn geſagt—“ „Ja, wer hat denn geſagt?— chen ein. Aller Augen richteten ſich auf Fink. „Sie ſagten ja doch, Herr von Fink,⸗— fing Frau von Baldereck wieder an, ſich majeſtätiſch erhebend. 2 „ Ja wohl,“ fiel Herr von Zernitz ein,„und es iſt doch etwas an dem Gerücht, mein Wort darauf! Ich ſelbſt habe bei einem notariellen Act als Zeuge gedient,“ fuhr er un⸗ vorſichtig heraus.„Erklaͤren Sie doch, Fink.“ 3„Auch ich muß um Erklärung bitten, Herr von Fink,“ fuhr die Hausfrau gereizt fort. Nich? gnädige Frau,“ ſagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein Unrecht geſchieht.„Was ſoll ich von dieſem Gerücht wiſſen? Ich ſelbſt habe ihm widerſprochen, ſoviel ich nur konnte.“— „Ja, das haben Sie,“ ließen einzelne Stimmen ſich hören, „aber Sie kließen merken—“ „Sie ſagten doch—“ fiel Frau von Baldereck ein. „Was? g nädige Frau,“ frug kalt der unerſchütterliche Fink. „Das war om Hauſe naber, wer hat uns “ fiel Herr von Tönn⸗ —„daß dieſer Herr Wohlfart auf geheimnißvolle Weiſe mit dem— dem Kaiſer— in Verbindung ſtehe.“ „Das iſt unmöglich,“ antwortete Finkmit größtem Ernſt. „Das iſt ein arges Mißverſtändniß! Ich habe Ihnen die — 281— Perſon des Herrn beſchrieben, der Ihnen damals noch un⸗ bekannt war; es iſt möglich, daß ich dabei eine zufällige Aehnlichkeit erwähnt habe.“— „Aber was iſt das mit den Gütern?“ fiel Herr von Tönnchen ein,„Sie ſelbſt haben ja die Herrſchaft an ihn cedirt, und dieſer Verkauf war von auffallenden Umſtänden begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als tiefes Ge⸗ heimniß zu bewahren.“ „Da Sie mein Geheimniß ſo gut bewahrt haben, daß Sie es überall und jetzt hier vor der ganzen Geſellſchaft er⸗ zählen,“ entgegnete Fink lachend,„ſo tragen Sie⸗und Zer⸗ nitz offenbar die Schuld, wenn ſich dies thörichte Gerücht verbreitet hat. Merken Sie auf, meine theuern Herren. Mein Freund Wohlfart hatte einmal in fröhlicher Stimmung geäußert, er wünſche wohl, Grundbeſitz in Amerika zu haben. Ich machte mir einen Scherz und ſchenkte ihm zu Weihnach⸗. ten eine Beſitzung, die ich auf Long⸗Island bei Newyork hatte. Dieſe Beſitzung, meine Herren, beſteht in einer Sand⸗ grube, welche mit Geſträuch bewachſen iſt und in welcher eine breterne Vogelhütte zum Schießen von Strandvögeln ſteht. Wenn ich Sie gebeten habe, nicht davon zu ſprechen, ſo war das ganz in der Ordnung; daß Sie aber aus dieſer Kleinig⸗ keit ein Tau geſponnen haben, welches einen liebenswürdigen Mann von unſerer Geſellſchaft ſcheiden ſoll, thut mir ſehr leid.“ Ein kalter Hohn legte ſich auf ſein Geſicht, als er fortfuhr:„Mit Freuden ſehe ich, wie ſehr Sie alle dieſe Empfindung theilen, und wie ſtark Sie den gemeinen Bedien⸗ tenſinn verachten, welcher einen Mann deßwegen für ſalon⸗ fähig hält, weil irgend ein fremder Potentat ſich um ihn ge⸗ — 282— kümmert haben ſoll. Da wir aber den heutigen Ball mit Erklärungen angefangen haben, ſo will auch ich die Erklärung abgeben, daß Herr Anton Wohlfart legitimer Sohn des ver⸗ ſtorbenen Herrn Calculator Wohlfart in Oſtrau iſt, und daß ich jede fernere Erwähnung dieſer Mißverſtändniſſe für eine Beleidigung meines nächſten Freundes halten werde.— Und jetzt, gnädige Frau, ſchenken Sie mir auf's Neue Ihre Huld, ich bin mit Fräulein Eugenie zur erſten Quadrille engagirt und fühle mich außer Stande, länger zu warten.“ In Frau von Baldereck kämpfte eine Weile verletztes Selbſtgefühl und mütterliche Sorgfalt, endlich ſtegte, wie bei einer guten Natur zu erwarten war, die letztere; ſie ſagte, Fink vorwurfsvoll anblickend, leiſe:„Ich fürchte, Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben!“— Fink aber ſchüttelte den Kopf und erwiederte mit großer Aufrichtigkeit:„Man ſpielt nicht, wo man fühlt.“ Darauf führte er Fräulein Eugenie zum Tanze. Beim Antreten ſagte ihm Lieutnant von Zernitz:„Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben, Fink, ich bedaure, dar⸗ über noch eine Erklärung von Ihnen fordern zu müſſen.“ „SeienSie verſtändig und fordern Sie nichts,“ entgeg⸗ nete Fink,„wir haben ſo oft mit einander um die Wette ge⸗ ſchoſſen, daß es ſehr thöricht wäre, wenn wir einer auf den andern zielen wollten.“ 5 Da Fink bei weitem der beſte Schütz in der Geſell⸗ ſchaft war, ſo ſah Herr von Zernitz doch zuletzt ein, daß Fink Recht hatte. Und eine kleine Spannung von eini⸗ gen Wochen abgerechnet, welche an einem ſtillen Abend bei der zweiten Flaſche Burgunder durch Händeſchütteln aus⸗ — 283— geglichen wurde, hatte die Sache keine weitern Folgen. Doch erkaltete ſeit dem Abgange Antons das Intereſſe, wel⸗ ches Fink an der Tanzſtunde genommen, und weder Theone Lara noch Lenore hatten Urſache, ſeine Anſpielungen zu fürchten, denn wenn er im Salon erſchien, ſo begnügte er ſich, der Tochter vom Hauſe und einigen erfahrenen Frauen ſeine Huldigung darzubringen, um die aufſtrebende Jugend kümmerte er ſich nicht mehr. Anton aber war wie ein erlöſchender Stern aus der Ge⸗ ſellſchaft geſchieden. Er wurde nicht wieder darin geſehen. Frau von Baldereck erkannte etwas ſpät, daß es paſſend ſei, den jungen Mann, der doch einmal in ihrem Hauſe auf⸗ genommen war, gelegentlich wieder einzuladen, um ihm und Andern zu zeigen, daß man ſeine Gegenwart nicht blos deß⸗ halb für anſtändig halte, weil er— ſondern auch um ſeiner ſelbſt willen.— Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenſo; da aber, wie bemerkt, alle dieſe Einladungen etwas ſpät kamen, und Anton ſein Nichterſcheinen ent⸗ ſchuldigte, ſo geſchah ihm in Kurzem, was viel bedeutenderen Größen der Geſellſchaft zu begegnen pflegt, er wurde ver⸗ geſſen. Die früheren Eideshelfer bei der großen Urkunde, Herr von Zernitz und Herr von Tönnchen, redeten ihn noch eine Weile auf der Straße an, wenn er ihnen begegnete, dann grüßten ſte ihn noch ein Jahr, und Fudlich kunnten ſch ſie ihn nicht mehr. Unſerm Anton kam wenig darauf an. Er ſtürzte ſich jetzt mit Leidenſchaft in die Arbeiten des Geſchäfts. Gleich am andern Morgen klopfte eran die Thür des kleinen Com⸗ toirs und trat in das Allerheiligſte des Prinzipals ein. — 284— Er erzählte ihm, was er geſtern zu Frau von Baldereck geſagt habe, und fügte hinzu:„Ich werde nicht mehr in die Ge⸗ ſellſchaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn ich in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollſtändig gethan habe, ich werde von heut an ſorgfältiger ſein.“ „Ich habe keinen Grund, über Sie zu klagen,“ erwiederte der Kaufmann freundlich;„geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedürfen, um Ihre Verhältniſſe in Ordnung zu bringen.“ Anton zog einen Zettel aus der Taſche, auf dem er gewiſſenhaft ſein Debet aufgezeichnet hatte, Herr Schröter rief den Caſſirer, ließ die Summe an Anton zahlen und die⸗ ſem zur Laſt ſchreiben, und auch das war abgemacht. Fink ſagte am nächſten Tage zu Anton:„Du biſt mit einem Knalleffect ausgetreten und haſt von den ältern Herren der Geſellſchaft das Zeugniß bekommen, daß du dich ange⸗ meſſen benommen haſt.“ „Wer hat das geſagt?“ Fink erzählte ihm die Aeuße⸗ rungen des Freiherrn von Rothſattel und that, als bemerkte er nicht, daß Antons Geſicht eine tiefe Röthe überflog.„In⸗ deß wäre doch klüger geweſen,“ fuhr Fink fort,„wenn du die Angelegenheit nicht ſo auf die Spitze getrieben hätteſt. Wozu die ganze Geſellſchaft meiden, in der doch Einige ſind, die dich perſönlich lieb gewonnen haben?“ 85 „Ich habe gehandelt,“ ſprach Anton,„wie es mir mein Gefühl eingab, ein Anderer, der älter iſt und mehr Welt hat, wird es vielleicht geſchickter anfangen. Du kannſt mir nicht zürnen, daß ich in dieſer Sache nicht deinem Rath ge⸗ folgt bin.“ „Es iſt merkwürdig,“ dachte Fink, die Treppe hinunter⸗ . ſteigend,„bei welchen Gelegenheiten die verſchiedenen Menſchen lernen, den eigenen Willen zu gebrauchen. Dieſer Knabe iſt über Nacht ſelbſtſtändig geworden, und was ihm das Schickſal jetzt von größern Dingen bing⸗ er wird ſicher Alles anſtändig durchmachen.“ Für Anton ſowohl, als ſeinen Freund, war ein autes Zeichen, daß ihr Verhältniß durch dieſe Scene nicht geſtört wurde. Ja, es gewann an innerm Werth. Fink behandelte 3 ſeinen jüngern Freund mit größerer Achtung, und Anton be⸗ wegte ſich mit mehr Freiheit und gewöhnte ſich, auch Fink gegenüber einen eigenen Willen zu haben. Und das richtige Urtheil des Jüngern trug allmälig dazu bei, den Aelteren von manchem loſen Streich abzuhalten und ſeinen Ueber⸗ muth zu bändigen. Anton erfüllte ſeine Pflichten im Com⸗ toir mit der größten Pünktlichkeit, ſein Dienſteifer war un⸗ endlich, und ſeine Zuvorkommenheit gegen die Collegen grö⸗ ßer als jemals. Fink gewöhnte ſich dadurch, ohne daß er es ſelbſt merkte, auch ſeinerſeits regelmäßiger im Geſchäft zu er⸗ ſcheinen und die Arbeitsſtunden beſſer auszuhalten. Nur einen Gegenſtand gab es, über den er mit ſeinem Freunde nie ſprach, obgleich er wußte, daß Anton immer an ihn dachte, das war die junge Dame der Tanzſtunde, welche ſo viel el Herz und Muth gezeigt hatte. Vögel ſo luſtig geſungen, als in dieſem Sommer auf dem ren wochenlang die Gäſte Lenorens, ſie hatten kein Mittel Zimmern des Schloſſes und auf dem runden Raſenplatz einander die zarteſten und höchſten Gefühle durch, ſie tanz⸗ 3 verſtanden, ſo beſtiegen dieſe den Kahn, ergriffen die Streich⸗ ruder und zogen ſich vom Feſtlande zurück in eine unan⸗ ——— — 286— 4. Nie hatten die Blumen ſo reichlich geblüht und nie die Gut des Freiherrn. Die Winterſaiſon hatte die Familie mit einem großen Kreis des Landadels verbunden, und die Be⸗ kanntſchaften des Theetiſches und Ballſaales ſpannen ſich jetzt unter dem blauen Himmel weiter. Faſt immer war Beſuch auf dem Schloß. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit Eugenie, zuweilen auch der Laubfroſch, Zernitz und Benno Tönnchen, von ihrem Gut Frau von Werner mit einem Sohn und vier Töchtern. Theone und Hildegard wa⸗ — gefunden, ihren Schwur zu halten, und trafen jetzt wenig⸗ ſtens auf befreundetem Gebiet. wieder zuſammen. Das Haus ſchien manchmal zu klein, die Gäſte zu faſſen. In allen tummelten ſich die zierlichen Geſtalten der Mädchen. Sie laſen Theaterſtücke mit vertheilten Rollen, ſte fühlten mit ten, ſie ſchlugen den Dritten ab, oder ließen ſich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mädchen nicht — 287— greifbare Stellung mitten auf dem Waſſer. Wie ſüß wurde dort geſchwärmt, wenn das Ruder leiſe in der Fluth plätſcherte und der Mond über den Bäumen des Parks heraufzog. Um den Kahn hoben die Seeroſen ihr weißes Haupt aus dem Waſſer, erfreut, daß ihre Feinde, die Schwäne, zur Ruhe gegangen waren, das Bild des Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen, die Nachtigall ſchmetterte im Buſch, und ein warmer Windeshauch trieb den Duft blü⸗ hender Sträucher über den See. Dann ſangen Theone und Hildegard zweiſtimmige Lieder, oder Hulda Werner geſtand eine holde Erinnerung aus der Reſtdenz, oder Eugenie machte ſpöttiſche Bemerkungen über die unglücklichen Herren, welche am Uferrand auf⸗ und abliefen und vergeblich durch Liſt und Gewalt in den Beſitz des Kahnes zu kommen ſuchten. Aber die prächtigſten Stunden waren am Sonnng Abend; dann wurde das Winterkränzchen fortgeſetzt, der Reihe nach im Schloß der Rothſattel, bei Werners, bei Bal⸗ derecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man ſchelmiſche Poſ⸗ ſen. Man verkleidete ſich. Mit Mänteln, Shawls und Tüchern drapirte ſich die junge Geſellſchaft in der lächerlich⸗ ſten Weiſe, dann ſtellte Zernitz, der in ſolchen Dingen ein Meiſter war, ſchnell ein Tableau, und die Väter und Mütter mußten als Publikum z zuſehen. Oder man führte Charaden in dramatiſchen Scenen auf, entweder aus dem Stegreif oder ſo, daß die Rollen der Einzelnen auf kleine Zettel ge⸗ ſchrieben wurden, die man während der Aufführung in der Hand hielt. Die ganze Woche hindurch dachten die Mäd⸗ hen auf hübſche Wörter, und wie man ſie darſtellen könnte. . 4 -——,— — 288— Claſſiſche Wörter wurden dort aufgeführt, zum Beiſpiel: „Referendarius,“ als Reh, als Fee, als Wettrennen und als König Darius, wo Benno Tönnchen als todter Darius auf dem Boden lag, und die ſchöne Hulda Werner als Alexander der Große mit gerungenen Händen hinter ihm ſtand, worauf Lenore als Ganzes mit einer Brille auf der Naſe und Acten unter dem Arm erſchien und über den Laub⸗ froſch, welcher ein Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm.— Und erſt als das treffliche Wort Parthenia dargeſtellt wurde. Zuerſt ein feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger Thee, dann ein ſchüchterner Liebhaber, welcher täglich ſeiner Dame einen Liebesantrag machen will und niemals damit zu Stande kommt, ſondern immer ſitzen bleibt, ſo daß die Dame zuletzt mit einem Seufzer die Er⸗ klärung ausrufen kann,„nie, nie!“ und dann eine andere Brautwerbung, bei der ein verſchämtes Bauermädchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka, zuletzt ein leiſes Ja zuflüſtern muß.— Theone Lara war als Bauermädchen bezaubernd, nur das Ja ſprach ſie nicht aus, ſte ſchämte ſich.— Und am Schluß erſchien Lenore wieder als Ganzes, als eine griechiſche Jungfrau, und der Laubfroſch, der Nußknacker und der kleine Lanzau ſaßen als Wilde in ſchwarzhaarigen Schlittendecken um ſie herum, und wurden von ihr ach! ſo ſchlecht behandelt. Wie glücklich war Lenore in dieſer Zeit! Zwar ein weenig Original war ſie geblieben, und die Mutter ſchüttelte zuweilen den Kopf über einen kecken Einfall oder einen naliigen Ausruf, der den Lippen des ſchönen Mädchens 4 — 289— entſchlüpfte. Natürlich tanzte Lenore immer als Herr, ſo 2 oft es an Herren fehlte; ſte war die Anführerin bei einigen entſchloſſenen Thaten, welche die Mädchen verübten, ſie führte ihre ganze Geſellſchaft einmal wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo eine gute Ausſicht ſein ſollte, ſte zwang ſie dann, in die Schenke des nächſten Dorfes einzukehren und Milch und Schwarzbrod als Abendkoſt zu genießen, und brachte die Todtmüden am ſpäten Abend auf einem Leiterwagen zurück, den ſie gemiethet hatte und auf dem ſie ſtand und ſelbſt kutſchirte. Sie behandelte die jüngeren Herren fortwährend gönnerhaft, wie kleine Jungen, die ein Butterbrod in der Hand halten, ſie ließ ſich von ihnen Pferdegeſchichten erzählen, und trat bei einer dramatiſchen Scene zum Schrecken der Mutter ſogar ſelbſt als Herr auf, mit einer Reitpeitſche und einem kleinen Bart von Wolle, den ſie allerliebſt zu drehen wußte. Dabei ſah ſte aber ſo wunderhübſch aus, daß auch die Baro⸗ nin nicht im Ernſt zürnen konnte. Wieenn Jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz zufrieden war, ſo war's die Baronin. Ueber ihren Gemahl war Zerſtreuung und Geſchäftigkeit ge⸗ kommen, die wolkenloſe ruhige Heiterkeit früherer Jahre ſchien aus ſeiner Seele verſchwunden. Auch jetzt im Som⸗ mer fuhr er oft nach der Stadt, manchen Abend brachte er in der Reſſource zu, und luſtige Regimentskameraden, welche eine Frau zu nehmen vermieden hatten, zogen ihn häufig aus den Zimmern der Hausfrau in ihre Rauchſtuben. Er ver⸗ handelte mit Ehrenthal und gefiel ſich in lauter Geſellſchaft, von der er ſonſt wenig gehalten hatte. Es war eine ſehr geriug ge V eründerueng des Freiherrn, nur für das Auge der 3 19 „. Gattin erkennbar. Und auch die Baronin ſah ein, daß ſie Unrecht thue, über dieſe Veränderung zu trauern. Aber auch ihr wurde in dieſer Zeit große Freude. Eu⸗ gen beſtand ſein Offizierexamen und kündigte ſeinen Beſuch an, um die Schnüre auf ſeinen Achſeln zu zeigen. Die Mut⸗ ter ließ ihm ſein Zimmer neu einrichten, und der Vater ſtellte einen Gewehrſchrank und eine neue Jagdausrüſtung hinein, die er ihm zum Geſchenk beſtimmte. Als die Stunde kam, wo Eungen eintreffen ſollte, konnte der Freiherr die An⸗ kunft gar nicht erwarten, er ließ ſatteln und ritt dem Sohn bis zum nächſten Dorf entgegen. Und als eine kleine Staub⸗ wolke auf der Landſtraße das Nahen des Reiters verkündete, und der Vater die ſchlanke Geſtalt des Huſarenlieutnants vor ſich erblickte, das Geſicht, welches der geliebten Frau ſo ähnlich ſah, da ſprang er wie ein Jüngling vom Pferde, der Sohn that im Nu daſſelbe, und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Geſtalten einander auf der Heer⸗ ſtraße umarmten. Und ſtattlich anzuſehen war's, als ſie naeeben einander dem Schloſſe zutrabten. „Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment, 6 begann Eugen nach dem erſten Austauſch freudiger Fragen und Antworten.„Zuerſt läßt dich der Oberſt grüßen.“ „Er war ſeiner Zeit ein toller Junge,“ ſagte der Vater. „Jetzt iſt er ein Brummbär,“ ſagte der Sohn.—„Un⸗ ſer Avancement wird magnifique. Waldorf wird ausſchei⸗ den müſſen, weil ſeine Bruſt immer ſchlechter wird; Balduin 6 Tronka will ſich verſetzen laſſen, er hat mit dem Rittmeiſter einen famoſen Streit gehabt, die Geſchichte muß ich dir noch erzaͤhlen, und Stallinger bekommt das Majorat ſeines. * Onkels, der auf dem Tode liegt. Er wird ein fanatiſch rei⸗ cher Kerl. Man ſagt, Zwanzigtauſend Revenüen.“ „Das iſt ſehr übertrieben,“ ſagte der Vater,„das Ma⸗ jorat iſt wenig größer, als unſer Gut.“ „Jedenfalls wird er ſeinen Wallach dem Wachtmeiſter ſchenken,“ ſagte der Sohn.„Er hat dem Tiſch einen ſü⸗ perben Satz verſprochen. Wie gefällt dir mein Brauner, Vater?“ Sie hielten vor dem Hofe an, der Lieutnant ritt das Pferd vor. Der Freiherr unterſuchte als Kenner und ſprach im Allgemeinen ſeine Billigung aus.„Wir wollen die Frauen überraſchen,“ ſagte der Freiherr. Vor dem Pfer⸗ deſtall hielten ſie noch einmal an. Als der Reitknecht die 8 Pferde abnahm, konnten Vater und Sohn ſich nicht enthal⸗ ten, auf einen Augenblick einzutreten. Zuerſt prüften ſie die M Reitpferde des Freiherrn, dann gingen ſie die Reihe der Ackergäule durch. Mit Gönnermiene ſchlug der Lieutnant das eine oder andere, einen perſönlichen Bekannten, an den Hals und ſprach zur Freude des Vaters mit militäriſcher Kürze entſchiedene Urtheile über die Tüchtigkeit aus. Die Knechte ſtanden ehrerbietig herum, Vater und Sohn gerie⸗ then in Eifer und theilten, einander nicht aufzuſchiebende Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten 4 Roßbändigers, der Lieutnant mit jugendlichem Feuer, ſeelenvergnügt, vor der erprobten Weisheit des Vaters auch ſeine luſtig grünende Wiſſenſchaft zu zeigen. Bei Lenorens Pony erinnerten ſich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die Frauen des Hauſes und eilten ſchnell aus dem Stall nach dem Schloſſe. In der Roſenlaube hielt die Baronin ihren Sohn 4 19* 7 — 292— umſchlungen, während Lenore ihm liebkoſend auf die Schul⸗ tern klopfte.— Jetzt erſt begann die rechte Freude auf dem Schloß.— Die Augen der Eltern glänzten, ſo oft ſie auf die hohe Geſtalt des Reiters ſahen. Wenn einzelne ſeiner Ausdrücke und Geberden noch an die Reitbahn erinnerten, ſo ertrug auch die Baronin das mit freundlichem Lächeln. Denn ſeit alter Zeit iſt der Stall die Vorhalle, durch welche der Cavalier zu den gefälligen Formen des Salons hinauf⸗ ſteigt. Im Kreife der Mädchen eroberte ſich Eugen ſofort die Herrſchaft, wenigſtens in allen luſtigen Stunden wurde er ihr bevorzugter Gefährte. Er machte ſeine Beſuche in der Umgegend, man lud ein und wurde geladen, ein fröh⸗ liches Feſt folgte dem andern. Das Behagen an dieſem bunten Treiben wurde dem Frei⸗ herrn nur durch einen Umſtand beeinträchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit ſeinem Gelde auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch möglich geweſen war, erwies ſich jetzt als völlig unmöglich. Das Winterquartier in der Stadt, die größere Ausdehnung ſeiner geſellſchaftlichen Ver⸗ pindungen, die Cpauletten ſeines Sohnes, die Florkleider und Spitzen Lenorens, ſogar die Zuſchüſſe, welche er zu den jährlichen Zinſen ſeiner Pfandbriefe machen mußte, um die Intereſſen an die Landſchaft zu zahlen, das Alles zuſammen wurde ihm unbequem. Die Erträge des Gutes wurden zu⸗ weilen ungeduldig erwartet und ſchnell in Anſpruch genom⸗ men, ſie wurden dadurch nicht größer und nicht ſicherer; und mancher verſtändige Vorſatz früherer Zeiten blieb unausge⸗ führt. Er hatte den Plan gefaßt, eine ſterile Sandfläche an der Grenze ſeines Gutes mit Kiefern zu beſäen, ſogar die — — 293— unbedeutenden Koſten dieſer Verbeſſerung wurden ihm läſtig, und der gelbe Sand glänzte ungefurcht das ganze Jahr in der Sonne. Wieder war er mehr als ein Mal in die Lage ge⸗ kommen, die zierliche Caſſette, welche ſeine geliebten Pfand⸗ briefe beherbergte, zu öffnen und einzelne Nummern des ſchönen Pergaments herauszunehmen; wieder umwölkte ſich ſeine Stirn, und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe ſein in der Regel ſo würdig gehaltenes Weſen. Aber es war nicht mehr die quälende Angſt einer früheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geſchäften erworben und ſah die Sache ein wenig kaltblütiger an. Es mußte einen Weg geben, aus dieſen Verlegenheiten herauszukommen, im ſchlimmſten Falle lebte er noch einen, höchſtens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens Erziehung vollendet war, und zog ſich dann mit Energie in ſeine Landwirthſchaft zurück. Er fühlte, daß ihm das kein großes Opfer koſten würde. Und dann führte er ſeine induſtriellen Projecte aus, als gu⸗ ter Wirth nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unter⸗ deß beſchloß er, ſich gelegentlich auch darüber bei Ehrenthal Rath zu holen. Der Mann war im Ganzen doch wohl ein ehrlicher Mann, ſoweit ein Negociant einem Edelmann ge⸗ genüber ſo erwas ſein kann; und was die Hauptſache war, er kannte die Verhältniſſe des Freiherrn ziemlich genau, und der Herr fühlte ihm gegenüber nicht die Scheu, welche ihn abhalten mußte, einem Fremden Bekenntniſſe zu machen. Wie immer, erſchien auch diesmal der Händler zu rech⸗ ter Zeit. Seine diamantene Buſennadel blitzte, ſeine un⸗ teerwürfigen Complimente gegen die Baronin waren lächer⸗ licher als je, und ſeine Bewunderung des Gutes zeigte ſich — 294— wahrhaft grenzenlos. Der Freiherr führte ihn in guter Laune durch die Wirthſchaft und ſagte endlich:„Sie ſollen mir einen Rath geben, Ehrenthal.“ Ehrenthal zuckte mit den Augen und ſah den Freiherrn ſchlau an. Es waren nur wenige Jahre vergangen, ſeit ſie einen ähnlichen Gang durch die Gebäude des Hofes gemacht hatten, und ſehr hatten ſich die Zeiten geändert! Damals mußte der Händler ſeinen guten Rath dem ſtolzen Baron ſo vor⸗ ſichtig und in Süßigkeiten eingehüllt anbieten, wie man dem unartigen Kinde eine Arznei einflößt, und jetzt kam derſelbe Herr bereits Hilfe ſuchend zu ihm. Der Freiherr fuhr mit möglichſt leichtem Tone fort: „Ich habe in dieſem Jahr größere Ausgaben gehabt, als früher, ſelbſt die Pfandbriefe verlangen Zuſchüſſe, ich muß darauf denken, meine Einnahmen zu vermehren. Was iſt nach Ihrer Meinung für dieſen Zweck am beſten zu thun?“ Die Augen des Händlers glänzten, aber er erwiederte mit gebührender Demuth:„Was zu thun iſt, werden der Herr Baron beſſer wiſſen, als ich.“ .„Nur keins von Ihren Geſchäften, Ehrenthal,“ warf der Freiherr vorſichtig ein.„Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Compagnie treten.“ Kopfſchüttelnd antwortete Ehrenthal:„Es iſt auch nicht immer zu machen ein ſolches Geſchäft, welches ich mit gutem Gewiſſen dem Herrn Baron empfehlen kann. Der gnädige Herr hat fünfundoierzigtauſe end Thaler liegen in Pfandbriefen. Wozu ſich halten die Pfandbriefe, welche ſo wenig Zinſen geben? Wenn Sie bafür kauſen eine ſichere Hypothek zu fünf — 293— Procent, ſo werden Sie davon zahlen vier Procent an die Landſchaft und ein Thaler vom Hundert bleibt Ihnen als Vortheil, ein jährlicher Vortheil von vierhundertfünfzig Thaler für Ihre Caſſe. Und Sie können dabei haben noch einen größeren Vortheil. Manche ſichere Hypothek zu fünf Procent wird angeboten zum Kauf mit großem Profit für den Käufer, welcher baar Geld bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtauſend Thaler zahlen, vielleicht noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten, welche Ihnen bringt fünf Procent Zinſen von fünfundvierzigtauſend Thalern.“ Der Freiherr antwortete:„So war auch mein Gedanke, aber mit der Sicherheit ſolcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Händen von Euch Händlern ſind, ſieht es ſchlecht aus, und ich kann mich darauf nicht einlaſſen.“ Ehrenthal wälzte durch eine Handbewegung jeden Bruch⸗ theil dieſes Vorwurfs, welcher ihn perſönlich hätte treffen* können, von ſich ab und ſagte ärgerlich über den unſoliden Schacher mit ſolchen Inſtrumenten:„Ich mache nicht gern Geſchäfte mit Hypotheken; was ſo iſt auf dem Markt in den Händen der Händler, das iſt nichts für den Herrn Baron; Sie müſſen ſich wenden an einen zuverläſſigen Mann. Sie haben einen Rechtsanwalt, welcher gute Geſchäſtskenntniß hat, vielleicht kann der Ihnen ſchaffen eine ſichere Sh⸗ pothek.“ „Sie wiſſen alſo keine?“ frug der Freiherr prüfend und doch mit dem ſtillen Wunſche, daß Ehrenthal ihm die Mühe erleichtern möchte. 83 „Ich weiß keine,“ ſagte der Händler mit zrößter Ent⸗ ſchiedenheit.„Aber wenn Sie wünſchen, will ich mich er⸗ — 296— kundigen unter der Hand; es ſind immer welche zu haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen ſagen, was er für ſicher hält. Solche Herren geben ſich nur keine Mühe bei den Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie werden beim Rechts⸗ anwalt voll einzahlen müſſen die ganze Summe für dieſelbe Hypothek, welche Sie durch einen Geſchäftsmann können erhalten mit einem Vortheil von einigen Tauſend.“ Da in der Seele des Freiherrn dieſer Vortheil bereits die größte Wichtigkeit erlangt hatte, ſo faßte er in der Stille ſeinen Entſchluß. Er wollte ſehr vorſichtig ſein, aber wo möglich lieber eine bereits vorhandene Hypothek kaufen, als durch ſeinen Rechtsfreund das Geld anlegen laſſen. Und dem Händler ſagte er:„Es eilt nicht, falls Sie etwas Paſ⸗ ſendes finden, benachrichtigen Sie mich.“ „Ich will mir Mühe geben,“ ſprach der Händler mit Zurückhaltung,„aber es wird am beſten ſein, wenn auch der Herr Baron bei dieſem Geſchäft Erkundigungen einziehen, denn ich mache ſonſt keine Geſchäfte mit Hypotheken.“ Weernn dieſe Aeußerung auch nicht wahrhaftig war, ſo arfällt ſie doch ihren Zweck, denn die kühle Unſchuld des Händlers ſteigerte das Zutrauen des Freiherrn zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrenthal aber ſuchte eilig von dem Gute wegzukommen; er vernachläſſigte diesmal die feinwolligen Sprungböcke, überſah das runde Ausſehen der Sperlinge auf dem Dache und grollte ſeinem Kutſcher, weil dieſer zu langſam fuhr.„Wenn ich der Schnecke binde die Zügel an ihre Hörner, ſo wird ſie mich ſchneller fahren als Ihr,“, zankte er ärgerlich und rückte auf ſeinem Sitze hin und her. Der Kutſcher peitſchte verdrießlich die Pferde und warf 5 — 297— grob über die Schulter zurück:„Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden ſie mehr ſein wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp auf ſteinigem 48 Wege!“ Der Freiherr fuhr am nächſten Tage nach der Stadt und erſuchte ſeinen Rechtsfreund, die nöthigen Anſtalten zur Er⸗ werbung einer Hypothek zu machen. Er verbarg ihm nicht, daß er dieſelbe gern mit einigem Vortheil erhalten würde. Der verſtändige Juriſt rieth ihm dringend, auf ſolchen Vortheil zu verzichten, weil keine Ausſicht ſei, daß er eine ſichere Anlage um weniger als den Nennwerth bewirken werde. Grade dieſer Rath machte den Freiherrn nur noch mehr ge⸗ neigt, ſich beim Erwerb der Hypothek ſeinem eigenen Urtheil zu überlaſſen. Einige Tage darauf meldete ſich beim Baron ein ſtarker 1 großer Mann mit röthlichem, glänzendem Geſicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptſtadt. Der würdige Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons geführt und be⸗ eilte ſich, ſein Erſcheinen zu entſchuldigen. Er hatte ge⸗ hört, daß der gnädige Herr Geld anzulegen wünſchte, und wußte eine ausgezeichnet ſichere, höchſt empfehlenswerthe 8 Hypothek von vierzigtauſend Thalern auf eine große Herrſchaft. in der benachbarten Provinz, Eigenthum des reichen Gra⸗ fen Zaminsky, der im Ausland lebte. Die Güter, auf wel⸗ chen die Hypothek haftete, hatten alle möglichen Vortheile; es waren drei, vier Güter, es war eine Waldfläche dabeiee von mehr als zweitauſend Morgen, und reiner Urwald war das nach den Schwüren des Berichterſtatters. Vier Dörfer waren zu Spann⸗ und Handarbeit verpflichtet, hundert N 1 — 298— Stellen in vier Dörfern hatten baares Geld an die Herrſchaft zu zahlen, kurz es war eine Beſitzung, welche dem größten Fürſten keine Schande gemacht hätte. Und dieſe Hypothek von vierzigtauſend Thalern ſtand mit ihrem Pfandrecht gleich hinter dem erſten hunderttauſend Thalern. Hinter ihr waren noch fünf oder ſechs kleinere, aber immerhin anſehnliche Ca⸗ pitalien eingetragen. Die Hypothek war gegenwärtig im Beſitz des Grafen Zaminsky ſelbſt. Er hatte dieſelbe ſeinem Geſchäftsträger zum Verkaufe cedirt. Und dieſes vortreff⸗ liche Inſtrument war, wie Pinkus geheimnißvoll andeutete, möglicher Weiſe für neunzig Procent, alſo für ſechsunddreißig. tauſend Thaler zu haben. Es war unbequem, daß die Herr⸗ ſchaft in einer benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirthſchaft noch viele alterthümliche Eigenſchaften hatte. Aber die Grenze war höchſtens zwei Meilen entfernt, die nächſte Kreisſtadt war durch eine Chauſſee mit der Welt ver⸗ bunden, kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener Betrachtung an der Hypothek einnehmend erſchienen wäre, und Pinkus würde ſich nie entſchloſſen haben, einen ſolchen Schatz irgend einem fremden Käufer zu gönnen, wenn dieſer nicht in ſo ausgezeichneter Weiſe alle Tugenden in ſeiner Perſon vereinigte, wie der Freiherr. Der Gutsherr verhielt ſich gegenüber dieſen Anpreiſun⸗ gen würdig, wie einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor ſeinem Abgange zog Pinkus ein dickes Actenbündel, welches das Document ſelbſt vorſtellte, aus einer Ledertaſche hervor und legte daſſelbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn auf den Tiſch, damit dieſer mit Muße die Richtigkeit aller r Angaben prüfen könnte. — 299— Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Docu⸗ ment zu ſeinem Rechtsfreund, erſuchte ihn, daſſelbe durchzu⸗ ſehen und die nöthigen Ermittelungen anzuſtellen. Er ſelbſt ſtieg die ſchwarze Treppe zur weißlackirten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf. Ehrenthal war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf ſeinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und beſtand darauf, der Herr Baron möge ihm die unendliche Ehre erweiſen, bei ihm zu frühſtücken. Der Freiherr war human genug, das nicht ganz auszuſchlagen; er wurde in das diſtinguirte Putzzimmer des Hauſes geführt und ſah mit innerer Heiterkeit über die auffallenden Farben der bun⸗ ten Vorhänge, den rothen Plüſch des Sophas, den unſau⸗ bern Fußboden und die zahlreichen ſchlechten Oelbilder an den Wänden, dicke Farbenmaſſen, welche wahrſcheinlich auf dem Trödel gekauft waren und ſchwärzlichen Baumſchlag aus irgend einem unreinlichen Welttheil darſtellten. Die ſchöne Roſalie trat nach einer Weile ſelbſt herein mit raben⸗ ſchwarzen Hängelocken, in rauſchendem Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und beſetzte den Frühſtückstiſch. Es war dem Freiherrn eine ſtille Unterhaltung, zu beobach⸗ ten, wie die gezierte Haltung der Tochter mit dem krie⸗ chenden Weſen des Vaters contraſtirte, und der gute Herr freute ſich ſchon darauf, wie er auf den Abend beim Thee⸗ tiſch der Baronin und ſeiner Lenore dies wunderliche Ge⸗ miſch von Luxus und Unbehilflichkeit ſchildern würde. So ſaß er auf dem Sopha und ſah mit freundlichem Lächeln auf den Händler. Herr Ehrenthal ſaß ihm gegenüber und freute ſich auch und ſein Mund lächelte verbindlich. Endlich ſagte — 300— der Freiherr, nachdem er der ſchönen Tochter des Hauſes einige artige Worte gegönnt hatte:„Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?“ Die Tochter verſchwand bei dieſen geſchäftlichen Andeutun⸗ gen, der Vater rückte ſich auf ſeinem Stuhle zurecht.„Ja, ich kenne ihn,“ ſagte er kühl,„er iſt ein kleiner Geſchäftsmann; ich glaube auch, daß er iſt ein ehrlicher Mann. Er iſt nicht von Bedeutung, er macht ſeine Geſchäfte nach Polen zu.“ „Haben Sie dieſem Herrn etwas von meinem Wunſche geſagt, eine Hypothek zu kaufen?“ frug der Freiherr weiter. „Was ſollte ich es ihm ſagen?“ antwortete Ehrenthal; „iſt er geweſen bei Ihnen wegen einer Hypothek,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort,„ſo hat er es erfahren von einem andern Geſchäftsmann, mit dem ich darüber geſprochen. Der Pinkus iſt ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek für Sie?“ Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewe⸗ gung an, wie klein Pinkus ſei, und hob die Augen in die Höhe, gleichſam um die unermeßliche Höhe des Barons an⸗ zudenten.— Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypothek der UMInterhändler ihm angeboten habe, und frug nach den Gütern und Verhältniſſen des Grafen. Herr Ehrenthal wußte nichts Näheres, beſann ſich aber, daß ein reſpectabler Geſchäftsmann aus jener Gegend in der Stadt ſei, und erbot ſich, dieſen Mann aufſuchen zu laſſen und in die Wohnung des Freiherrn zu ſenden. Das nahm der Freiherr an und erhob ſich. Ehren⸗ thal begleitete ihn die Treppe hinunter bis in den Haus⸗ flur und ſagte beim Abſchiede:„Seien Sie vorſichtig 2 — 301— mit der Hypothek, Herr Baron, es iſt ſchönes Geld, und es giebt viele ſchlechte Hypotheken, aber es giebt auch gute Hy⸗ potheken, und es wird viel geſchwatzt von manchen Geſchäfts⸗ leuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus betrifft, ſo iſt er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geſchäft, aber er iſt, ſo weit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek ſagen, ſcheint gut, aber doch bitte ich unterthänig, Herr Baron, ſeien Sie vorſichtig.“ Da der Freiherr durch dieſe wortreiche Rede um nichts klüger geworden war, ſo ging er in ſeine Wohnung und er⸗ wartete mit Ungeduld die Ankunft des fremden Geſchäfts⸗ manns. Dieſer ließ nicht lange auf ſich warten. Diesmal war es ein Herr Löwenberg, in ſeiner Erſcheinung ein Sei⸗ tenſtück zu Ehrenthal und Pinkus. Nur war er etwas hagerer und trug als Mann aus der Provinz ein ſchwe⸗ res ſpaniſches Rohr und in der Hand eine Mütze. Er gab ſich als einen Weinkaufmann zu erkennen und zeigte ſich über die betreffenden Güter und die Verhältniſſe des Grafen ſehr gut unterrichtet. Er erzählte, daß der gegen⸗ wärtige Beſitzer noch jung ſei und im Auslande lebe, daß der verſtorbene Vater deſſelben etwas bunt gewirthſchaftet habe, ⸗ dagegen ſei jetzt beſſere Ordnung eingeführt, man erzähle Gutes von dem Erben, und wenn auch Capitalien auf den Gütern ſtänden, ſo habe die Familie doch ſo viele Mittel, daß an eine Gefährdung ihres Beſitzes gar nicht zu denken ſei. Die Güter ſeien noch nicht auf hoher Culturſtufe, jeden⸗ falls ſei aber viel daraus zu machen, und er hoffe, der junge Graf werde der Mann dazu ſein. Alles, was er ſagte, war — 302— nicht übertrieben, es klang recht nüchtern und verſtändig. Das Ganze war entſchieden günſtig, und als der Fremde den Baron verließ, war dieſer faſt entſchloſſen, das Geſchäft zu machen. Um nichts zu verſäumen, ging er noch zu einem ſeiner Bekannten und zog Erkundigungen ein. Was er er⸗ fuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungünſtig. Die Haupt⸗ ſache war, daß die Familie eine ſehr alte und in ihrer Pro⸗ vinz angeſehene Familie war, und daß der verſtorbene Graf Zaminsky wild gewirthſchaftet hatte. Bevor er nach Hauſe fuhr, erhielt er einen Gegenbeſuch des Herrn Ehranthal, welcher ihn benachrichtigte, daß die Wolle der Schafe auf dieſen Gütern allerdings nicht fein ſei, und dagegen vom Freiherrn erfuhr, daß er vor Allem noch das Gutachten ſei⸗ nes Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er ſich entſchließe. Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte ſeinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr Ehrenthal in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch weißen Briefpapiers ſaß und die Ankunft ſeines Meiſters ſeinen Stock auf den Tiſch, vergaß aber ſeinen Hut abzuneh⸗ men und ſchritt unruhig in dem Raume auf und ab. Itzig dachte:„Was thut der Mann? Was hat er, daß er ſo in Sorgen iſt?“ Da trat Ehrenthal vor Itzig und ſagte mit Eifer:„Itzig, heut werden Sie zeigen, ob Sie verdienen, daß Sie Brod bei mir haben und den Mittags⸗ tiſch, den ich Ihnen gebe wegen Ihrer Bildung.“ „Was ſoll ich thun?“ ſprach Veitel und erhob ſich von ſeinem Sitz. erwartete. Ehrenthal war in großer Aufregung, er legte — 303— „Erſt werden Sie mir rufen den Löbel Pinkus, dann werden Sie mir beſtellen eine Flaſche Wein und zwei Gläſer, und dann gehen Sie fort, ich brauche Sie heut nicht mehr. Sie ſollen mir aber gehen und herausbringen, an wen der Juſtizrath Horn, welcher wohnt am Markte, heut geſchrieben hat nach Rosmin, außerhalb der Provinz, und wenn er heut nicht geſchrieben hat, an wen er morgen ſchreibt. Ich werde Ihnen geben fünf Thalerſtücke, damit Sie das können erfah⸗ ren. Wenn Sie mir heut Abend noch Antwort bringen, ſo ſollen Sie außerdem haben einen Ducaten.“ 4 Veitel erglühte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Kälte:„Ich kenne keinen von den Schreibern des Juſtiz⸗ raths und brauche Zeit, bis ich machen kann ihre Bekannt⸗ ſchaft. Morgen Abend ſollen Sie Antwort haben, Sie kön⸗ nen mir aufheben den Ducaten auf morgen.“ „Wenn Sie Beſcheid bringen, kommen Sie zu ſeder 8 Zeit, und wenn es wäre nach Mitternacht,“ rief ihm Ehren⸗ thal nach. Itzig ſprang die Treppe hinauf, beſtellte in der Küche eine Flaſche Wein und lief dann als Spürhund auf die Straßen. Unterdeß ſchritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hände auf dem Rücken, immer noch auf dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit dem Haupt wie eine Pagode. So ſah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus wie ein dickes ſchwarzes Geſpenſt, das ſeinen abgeſchlagenen Kopf nicht feſt auf den Schultern halten kann. Veitel führte auf ſeinem Gange lebhafte Unterhaltung mit ſich ſelbſt.„Was iſt los?“ frug er,„es muß ein großes Geſchäft ſein und ſoll mir bleiben ein Geheimniß. Ich ſoll — 304— den Pinkus holen. Der Pinkus iſt geweſen vor einigen Tagen beim Ehrenthal, und den Tag darauf iſt er gefahren aufs Land zum Baron Rothſattel. Das Geſchäft iſt alſo über den Baron. Und der Ehrenthal will Einem vorſetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt keinen Wein, es muß 3 ſein ein Anderer, es wird nicht ſein der Baron ſelbſt, denn den Edelmann führt er nicht aufs Comtoir, der muß oben hinauf zum rothen Plüſch.— Wenn der Pinkus zu thun bei dem Geſchäft mit dem Baron, ſo kann er nur haben eellt das Sprenkel für den Rothſchwanz, und der jetzt Abends kommt, den ich nicht ſehen ſoll, der muß ſein der Treiber,— und der Ehrenthal ſelber? Als er heut herunter ging mit dem Baron, habe ich gehört, wie er ſagte:„Seien Sie vorſichtig!“ Folglich iſt der Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal ſcheucht, ſo muß es ſein ein großes und ein elicates Geſchäft.“ Bei dieſem Punkte ſeines Monologs . war Veitel vor der Herberge angekommen, er beſtellte ſeinen Wirth, der eilig aus dem Laden in ſeine Stube lief, ſich einen beſſeren Rock anzuziehen, und, ging dann im Selbſt⸗ geſpräch weiter.„Wenn der Schreiber, der die Briefe aus 4 dem Geſchäft des Juſtizraths trägt, um ſteben Uhr zur Poſt geht, und ich die Adreſſe von den Briefen leſen könnte, ſo würde ich mir erſparen die fünf Thaler,“ überlegte er weiter.„Es geht nicht,“ ſetzte er bekümmert hinzu,„er giebt die Briefe in einem Haufen in das Poſtloch hinein, der Poſtmann iſt zu ſchnell, ich werde nicht leſen können die verkehrten Adreſ⸗ ſen.— Vielleicht kann ich's doch möglich machen; der die Briefe auf die Poſt trägt, iſt in der Regel ein junger Menſch; vielleicht kann ich über ihn kommen. Und geht’s nicht ſo, —= 305— ſo geht's anders, ich kenne einen Schreiber von einem Ju⸗ ſtizmann, welcher ſchon manchen Groſchen von mir ver⸗ dient hat. Die Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei Thaler gebe, beſorgt er mir das Verzeichniß der Briefe von ſeinem Collegen, drei Thaler will ich ſparen.“ Nachdem Veitel dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ging er in das Haus des Rechtsanwalts und ſtellte ſich, wie Jemand erwartend, ſo auf, daß er das Amtslocal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schluß der Sprechſtunde; mehrere Menſchen, welche! den vielbeſuchten Notar conſultirt hat⸗ ten, kamen die Treppe herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger Mann ſtürzte mit einem Packet Briefe zum Hauſe hinaus. Veitel ſetzte ihm in langen Schritten nach, machte an der nächſten Ecke eine Schwenkung und ſtand vor dem Schreiber. Er berührte ſeinen Hut:„Sie ſind aus dem Geſchäft des Juſtizrath Horn?“—„Ja,“ ſagte der Schreiber eilig und wollte weiter gehen. „Ich bin aus der Provinz und warte ſeit drei Tagen auf einen dringenden Brief vom Herrn Juſtizrath, ich bin heut gekommen, um ihn zu ſprechen, vielleicht haben Sie ſelbſt einen Brief an mich aufzugeben auf der Poſt.“ 1 Mißtrauiſch ſah der Schreiber ihn an und frug:„Wie heißen Sie?“ Veitel griff in die Taſche, holte ſchnell ein Achtgroſchenſtück hervor und ſagte:„Ich will nichts Unxech⸗ tes von Ihnen, junger Mann, ich will nur, daß Sie die Ge⸗ fälligkeit haben und mich laſſen nachſehen, ob ein Brief fü für mich da iſt.“ „Ich kann Ihr Geld nicht nehmen erwiederte der Schrei⸗ ber rluns, de Begriffweiter zu gehen.„Wie heißen Sie denn 2 22 — 306— „Bernhard Magdeburg aus Oſtrau,“ ſagte Veitel ſchnell, „es kann aber der Brief auch ſein an meinen Onkel.“ „Es iſt kein Brief für Sie darunter,“ antwortete der Schreiber, flüchtig die Adreſſen auseinanderhaltend. Veitels Augen ſtarrten auf die Briefe, als wollten ſie das Papier durchbrennen, es war ihm aber nicht möglich, mit den Augen der Handbewegung des Schreibers zu folgen. Er faßte daher mit ſchnellem Griff das Bündel Briefe, und während der erzürnte Schreiber ihn von der andern Seite packte und rief:„Was fällt Ihnen ein, Herr, wie können Sie ſich unterſtehen!“ las er mit fliegender Eile die Auf⸗ ſchriften, gab die Briefe in einer verzweifelten Ruhe zu⸗ rück und ſagte, an den Hut greifend:„Ich danke Ihnen, es iſt nichts für mich darunter.“ Der empörte Schreiber wollte ihn halten:„Herr, wie können Sie dieſe Unver⸗ ſchämtheit haben!“— „Verſäumen Sie nicht die Poſt,“ ſagte Veitel gutmüthig, jjich gehe jetzt ſelbſt zum Herrn Juſtizrath.“ Damit drehte er ſich ſchnell auf das Haus zu und entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erſtarrt über die Frechheit da⸗ ſtand und endlich nach der Poſt ſtürzte, die verſäumte Zeit nachzuholen. Veitel hatte nur wenig Adreſſen in ſeinem Gedächtniß behalten trotz ſeiner ſchnellen Beobachtungsgabe.„Vielleicht iſt damit der Ducaten verdient,“ ſagte er;„wo nicht, ſo ſcha⸗ der z auch nichts.“ Er ſchlich langſam an den Häuſern auf umwegen nach dem Comtoir zurück, ſtellte ſich an die Thür und horchte. Der würdige Pinkus ſprach, aber es wurde leiſe geredet, und Veitel konnte nur wenig verſtehen. End⸗ — — 307— lich wurden die Stimmen lauter und es klang wie Zank zwiſchen den beiden Herren. „Wie können Sie fordern eine ſo große Summe für den einen Weg?“ rief Ehrenthal zornig;„ich habe mich in Ihnen getäuſcht, wenn ich Sie habe gehalten für einen zuber⸗ läſſigen Mann.“ „Ich will zuverläſſig ſein,“ klang die Stimme des Pin⸗ kus dazwiſchen,„aber ich muß vierhundert Thaler aben, oder es wird nichts aus dem Geſchäft.“ „Wie können Sie ſagen, daß nichts aus dem Geſchäft wird? Was wiſſen Sie von dem ganzen Geſchäft? Wer ſind Sie, daß Sie etwas davon wiſſen können?“ „Ich weiß ſo viel, daß ich mir kann die vierhundert Tha⸗ ler geben laſſen von deni Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm ſage, was ich weiß,“ ſchrie Pinkus mit lauter Stimme. „Sie ſind ein ſchlechter Menſch,“ rief Ehrenthal im Zorn.„Sie ſind ein Spion! Sie ſind mir verächtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch. Wiſſen Sie, wen Sie ſo behandeln? Mich behandeln Sie ſo,“ fuhr er immer zorniger fort.„Ich kann Ihnen nehmen Ihren Credit und werde Sie bekannt machen als ein ſchlechtes Subject bei allen Geſchäftsleuten.“ „Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie. ſind für ein ſchlechter Mann,“ rief ſeinerſeits Pinkus erzürnt. Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thür, Veitel tauchte mit einem Sprung in den Schatten der Treppe. 8 „Ich will Ihnen Zeit laſſen zur Ueberlegung bis morgen frůͤh,“ ſchrie der abgehende d Pinkus ins Comtoir zurück und rannte hinaus. 20*† oorhaben, ich hätte Ihnen den Löbel billiger verſchafft.“ — 308— Veitel trat mit der größten Unbefangenheit in das Com⸗ toir und wurde von ſeinem Patron, der in dem kleinen Raume auf und ab ſtürmte, wie ein wildes Thier im Käfig, gar nicht geſehen.„Gerechter Gott, daß dieſer Löbel ſein kann ein ſolcher Verräther! Er wird Alles ausſchwatzen auf dem Markte, er wird mich ruiniren,“ jammerte Herr Ehren⸗ thal und ſchlug die Hände zuſammen. „Wozu ſoll er Sie ruiniren?“ frug Veitel und warf ſeinen Hut auf das Pult. „Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehört?“ ſchrie ihn Ehrenthal zornig an. „Alles habe ich gehört,“ ſagte Veitel kaltblütig,„Sie haben ja Beide geſchrieen, daß man es hören mußte in dem Hausflur. Warum haben Sie mir ein Geheimniß gemacht aus dem Geſchäft? Wenn Sie mir geſagt hätten, was Sie —— Herr Ehrenthal ſah ſtarr auf den kecken Burſchen und konnte nichts hervorbringen, als die Worte:„Was iſt das?“ „Ich kenne den Pinkus,“ fuhr Veitel fort, entſchloſſen, ſich zum Mitſpieler in dem Stück zu machen, welches jetzt aufgeführt wurde.„Wenn Sie ihm geben hundert Thaler, ſo wird er Ihnen als treuer Mann verkaufen eine gute en pothek an den Baron.“ 85 „Was wiſſen Sie von der Hypothek?“ fuhr Herr Eh⸗ 8 renthal beſtürzt heraus. „ Ich weiß genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will,“ antwortete Veitel.„Und ich will Ihnen hel⸗ fen, wenn Sie haben Vertrauen zu mir.“ Herr Ehrenthal ſtarrte immer noch verwundert in das — 309— Geſicht ſeines Buchhalters, es dämmerte ihm die Anſicht, daß ſein Gehilfe mehr kaltes Blut und Entſchloſſenheit haben könnte, als er ſelbſt. Endlich rief er zwiſchen Freude und Sorge:„Sie ſind ein braver Menſch, Veitel, ſchaffen Sie mir den Pinkus zurück, er ſoll haben die hundert Thaler.“ „Ich habe auch geleſen die Aufſchrift von den Briefen, welche der Juſtizrath zur Poſt gegeben hat. Es iſt ein Brief daruxfer an den Juſtizcommiſſarius Walther.“ „Ich hab's gedacht,“ rief Herr Ehrenthal erfreut;„es iſt gut, Itzig, ſchaffen Sie mir den Löbel!“ „Dem Schreiber des Juſtizraths habe ich zu zahlen fünf Thaler und ich ſoll bekommen einen Ducaten, macht acht Thaler 5 ½,“ fuhr Veitel fort, ohne ſich von der Stelle zu rühren. „Es iſt ſchon gut,“ beſchied ihn Ehrenthal durch eine nachläſſige Handbewegung;„Sie ſollen haben das Geld, aber vor Allem muß ich haben den Pinkus.“ Veitel eilte hinüber in die Herberge und ſuchte nach dem entflohenen Geſchäftsmann. Dieſer hatte ſich in ſeine Stube zurückgezogen, in welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete. Veitel öffnete die Thür und ſagte! mit Energie:„Pinkus, ich komme vom Ehrenthal, ich will, daß Sie nehmen hundert Tha⸗ ler und helfen meinem Rebb; ich will, daß Sie nicht als ſchlech⸗ ter Menſch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm wiſſen, was ihm ſchaden kann bei dem Baron, ſo weiß ich etwas von Ihnen, was Ihnen ſchaden wird bei der Polizei.“ Der Pinkus ſtand ſtill und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel auf ſeinen Lirptn hatte.„Ich bin ein ehr⸗ — 310— licher Mann,“ rief er trotzig,„und brauche mich vor der Polizei nicht zu fürchten.“ „Sie wird fragen, was Sie für ein Waarenlager halten in dem Hauſe daneben, und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waaren. Ich ſoll Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal ſoll Ihnen geben hundert Thaler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hauſe eine Stube und ein Bett gegen billige Miethe, und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, ſondern als Geſchäftsmann, welcher ſo gut iſt wie Sie.“ Pinkus war überraſcht, beſiegt, gefangen; er ſprudelte noch eine Weile auf, focht mit Händen und Füßen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen Widerſtand leiſtete; er beſchwor häufig ſeine Ehrlichkeit und miſchte ſtarke Kla⸗ gen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen ſeiner ſittlichen Entrüſtung allmälig kleiner und kürzer wurden, und zuletzt in ſeiner Seele ein anmuthiges Wellengekräuſel entſtand, als Zeichen, daß ſie brauchbar geworden für alle Puten Werke des Friedens. Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, dieſe Uunvandelung ruhig abgewartet und führte jetzt den Verſöhnten im Triumph zu Ehrenthal zurück. Hier maßen die beiden würdigen Män⸗ ner einander zuerſt mit feindſ eligen Blicken, dann ſchüttelten ſie einander die Hände und verffcherten ſich gegenſeitig ihrer Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des Friedens daneben ſtand und Beide mit einem Gefühl betrachtete, welchts der entſchiedenſte Gegenſatz von Hochachtung war. Pinkus ſteckte ein Caſſenbillet von hundert Thalern ein und empfahl ſich, da ſeine Bilſ bei der reßen Dweration ichtmehrnbus trank das Glas Liqueur und aß das Bratenſtück, welches Frau in Ihrem Orte. Iſt etwas zu machen mit dieſem Mann?“ ſelbſt nicht ſo gut wiſſen wie wir, wie es ſteht mit dem Kauf ———˖—᷑—ÿ—x—x—x— — 311—„ ſchien, und Veitel öffnete kurz darauf die Thür für Herrn Löwenberg, den Geſchäftsmann aus der Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrenthal faſt bittend ſagte:„Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.“ Er ging diesmal, ohne am Schlüſ⸗ ſelloch zu horchen, zufrieden nach Hauſe und bezog noch den⸗ ſelben Abend ein kleines Zimmer im erſten Stock des Pinkus, Pinkus ihm vorſetzte. Unterdeß ſagte Herr Ehrenthal zu Löwenberg, als Beide bei einem Glas Wein gemüthlich einander gegenüber ſaßen: „Ich habe erfahren, daß der Juſtizrath Horn ſich Auskunft holt über die Hypothek bei dem Juſtizcommiſſarius Walther „Es iſt nichts zu machen mit Geld,“ erwiederte der Mann aus der Provinz nachdenklich,„aber es wird etwas zu machen ſein auf andere Weiſe. Er weiß nicht, daß ich ſelbſt von dem Bevollmächtigten des Grafen den Auftrag habe, zu ver⸗ kaufen dieſe Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in mei⸗ nen Geſchäften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm 8 zu loben das Gut und die Verhältniſſe des Grafen; vielleicht ſage ich ihm ſogar, daß ich Luſt habe zu kaufen dieſe Hy⸗ pothek.“ Kopfſchüttelnd ſagte Ehrenthal:„Wenn er kennt den 1 Grafen und ſein Gut, ſo wird Ihr Lob noch nicht helfen daß er einen günſtigen Brief hierher ſchreibt.“ „Es hilft doch, dieſe Juſtizcommiſſarien müſſen bei uns Erkundigungen einziehen über die Verhältniſſe; ſte können und Verkauf der Wolle und des Getreides. Wir müſſen — 312— thun, was wir können, und ich glaube, es wird helfen für das Geſchäft.“ Ehrenthal ſtützte ſchwermüthig den Kopf auf die Hand und ſagte mit einem Seufzer:„Sie können glauben, Löwen⸗ berg, es macht mir ſchwere Sorge.“ „Es wird auch ſein ein ſchöner Vortheil,“ tröſtete der Andere.„Neunzig Proeent zahlt der Käufer, den Sie ha⸗ ben, und dem Grafen werden geſchickt nach Paris ſiebenzig Procent; von den zwanzig Procent Differenz zahlen Sie fünf an den Bevollmächtigten des Grafen, und fünf an mich für meine Bemühung, und zehn Procent bleiben Ihnen. Vier⸗ tauſend Thaler ſind ein ſchöner Gewinn bei einem Geſchäft, zu dem man braucht kein Capital.“ „ Aber es macht Sorge,“ ſprach Herr Ehrenthal gebeugt; „glauben Sie mir, Löwenberg, ich bin ſo aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine Nacht, wo ich ſchlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn meine Frau mich frägt: Schläfſt du, Ehrenthal? ſo muß ich ihr immer ſagen: Ich kann nicht ſchlafen, Sidonie, ich muß denken an die Geſchäfte.“ Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapoſt zum Thore hinaus. Am nächſten Morgen erhielt der Juſtizeom⸗ miſſarius Walther einen Geſchäftsbeſuch des Herrn Löwen⸗ berg und wurde durch die kühle und überzeugende Weiſe die⸗ ſes Herrn allerdings zu der Anſicht gebracht, daß die Ver⸗ hältniſſe des Grafen Zaminsky doch nicht ſo zerrüttet waren, als man in der Umgegend erzählte. Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothfattel einen Brief ſeines Rechtsfreundes und darin die Copie eines Schreibens vom Juſtizcommiſſarius Walther. Das Gutach⸗ als ein Geſchäft dar, von dem wenigſtens nicht unbedingt abzurathen war. Und als den Tag darauf Ehrenthal auf dem Gut ſeine Beſuch machte, hatte der Freiherr ſeinen t, die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, d, unwiderſtehlich, das war der ſchnelle Gewinn von einigen tauſend Thalern. Es war ein Segen der Praxis, die ex in dem früheren Geſchäft mit Ehrenthal erworben hatte Er wollte die Hypothek gut finden, und hätte ſie vielleicht genommen, auch wenn ſein Rechtsfreund ihm ent⸗ ſchieden abgerathen hätte. Ehrenthal erbot ſich mit großer Uneigennützigkeit, da er doch eine Geſchäftsreiſe in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn anzunehmen und für ihn den Kauf mit dem Bevollmächtigten abzuſchließen. Der Freiherr war gern damit zufrieden, denn ſein Zartgefühl ſträubte ſich dagegen, daß er in eigener Perſon eine Zahlung machen ſollte, deren Betrag geringer war, als die Summe, welche er durihi das Hoypothekeninſtrumemt dafür kaufte. Acht Tage ſpäter war er im Beſitz einer Hypothekvon vierzig⸗ 1 tauſend Thalern, für welche er nur ſechsunddreißigtauſend Tha⸗ ler gezahlt hatte, und Ehrenthal und ſeine Freunde hatten oben⸗ drein ein ſchönes Geſchäft gemacht, das beſte von Allen Itzig, denn er hatte ein Uebergewicht über ſeinen Meiſter erhaltenund war Rathgeber und Vertrauter geworden bei den geheimniß⸗ vollſten Unternehmungen. Alle Parteien waren zufrieden. Der Freiherr holte ſelne reich ausgelegte Caſſette hervor und legte aan die Stelle der ſchönen weißen Pergamente das dicke, gelb⸗ liche, durch viele Hände abgegriffene Actenbündel, welches ten beider Rechtsverſtändigen ſtellte den Kauf der Hypothek — 314— von jetzt ab ſein Vermögen vorſtellte. Er ſah nicht mehr mit der frohen Aufmerkſamkeit hinein, welche er früher den Pfandbriefen gegönnt hatte, er warf den Deckel des Käſtchens ſchnell zu und ſchob es in den Seeretair, ganz wie ein alter ermüdeter Geſchäftsmann, wie Einer, der froh iſt, eine Ar⸗ beit hinter ſich zu haben. Er eilte in die Zimmer der Da⸗ men und beſchrieb dort mit Laune die Glückwünſche und Bücklinge Ehrenthals. „Ich mag ihn nicht leiden,“ ſagte denonn,„er ſieht aus wie ein kleiner fauchender Hamſter. 22 2 „Diesmal wenigſtens hat er ſich in feiner Weiſe un⸗ eigennützig gezeigt,“ antwortete der Vater.„Es iſt wahr, alle dieſe Geſchäftsleute haben etwas Karrikirtes, und es iſt bei aller Gutmüthigkeit für unſer Einen nicht immer mög⸗ lich, bei ihren Bücklingen das Lachen zu unterdrücken.“ An demſelben Abende ging Herr Ehrenthal bei ſeiner Frau Sidonie im langen Schlafrocke ſehr vergnügt auf und ab, er verſuchte ein kleines Lied zu ſingen, klopfte ſeine Toch⸗ ter Roſalie auf den weißen Nacken und warf ſeiner Frau von Zeit zu Zeit einen ſchlauen und zärtlichen Blick zu, ſo daß ihn Madame Ehrenthal endlich frug:„Du haſt abgemacht dein Geſchäft mit dem Baron?“ „Ja,“ rief Ehrenthal luſtig. „Er iſt ein ſchöner Mann, der Baron,“ bemerkte die Tochter. „Er iſt ein guter Mann,“ ſagte Ehrenthal, aber er er hat ſeine Schwächen. Er iſt einer von den Menſchen, welche G verlangen tiefe Bücklinge und unterthänige Reden und welche Geeld bezahlen, damit Andere für ſte denken. Er würde lieber — 315— verlieren Eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm ſpricht mit gebogenem Rücken, den Hut in der Hand. Es ſind auch ſolche Leute nöthig in der Welt, was ſollte ſonſt werden d aus unſerm Geſchäft?—“— Und an demſelben Abend ſaß auch Veitel in ſeiner Stube, und der Advocat neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunſtſprache über das abgeſchloſſene Geſchäft und ſagte: „So iſt der Rothſchwanz gefangen in dem Sprenkel, und der Ehrenthal hat dabei gewonnen viertauſend Thaler.“ Hippus hatte ſeine Brille abgenommen und ſah in dem viereckigen Holzkaſten, welchen Frau Pinkus ein Sopha nannte, gerade aus wie ein weiſer ältlicher Affe, der den Weltlauf verachtet und ſeinen Wärter in die Beine beißt. Er hörte— mit kritiſchem Ernſt auf den Bericht ſeines Schülers, ſchüt⸗: telte hin und wieder den Kopf, oder lächelte, wenn etwas nach ſeinem Geſchmack war.“ Als Veitel ſeinen Bericht mit den Worten ſchloß:„Der Ehrenthal hat keine Courage, er verliert den Kopf bei großen Geſchäften,“ da rief Herr Hippus verächtlich:„Der Ehrene⸗ thal iſt ein Gimpel. Er ſetzt nichts Großes durch, er iſt ein kleinlicher Mann. Es iſt ihm immer ſo gegangen; wo es darauf ankam, hat er gezaudert und iſt ſtecken gebliebe. Wenn er den Edelmann durch Trinkgelder kirren wil die er ihm zukommen läßt, ſo wird ihn der Nrriherr zule die Treppe hinunter werfen.“ „Was ſoll er aber mit ihm thun?“ frug Veit „ Sorgen muß er ihm machen,“ ſprach Hippus im Eifer aufſtehend,„Sorgen durch Arbeit. Große Arbeit, immer⸗— währende Uinenihe tägliche Sorgen, die nicht aufhören, da — 316— iſt das Einzige, was der Freiherr nicht aushalten kann. Dieſe Leute ſind gewöhnt, wenig Arbeit zu haben und viel Vergnügen, Alles wird ihnen zu leicht gemacht im Leben von Klein auf. Es giebt Wenige, die den Kopf nicht verlieren, enn eine große Sorge das ganze Jahr in ihrem Schädel um bohrt. Das ruinirt ſte. Iſt ſo Einer höchſtens zwei Mal im Tage durch ſeine Wirthſchaft gelaufen, ſo denkt er, er hat gearbeitet, während der Amtmann das Beſte thut und manchmal noch die Dummheiten des Herrn ausbeſ⸗ ſern muß.— Will der Ehrenthal den Baron unter ſich bringen, ſo muß er ihn in große Geſchäfte verwickeln, er muß ſelbſt etwas wagen, und dazu hat er keine Entſchloſſenheit und keinen Verſtand, er iſt nur ein Gimpel, der ſein gelern⸗ tes Stückchen pfeift und hinterher mit dickem Kopfe daſttzt.“ Soſ lehrte der Advocat, und Veitel verſtand die klugen Worte und ſah mit einer Miſchung von Achtung und Scheu auf den kleinen häßlichen Teufel, welcher heftig vor ihm ge⸗ ſtieulirte. Endlich ergriff Herr Hippus die Branntwein⸗ flaſche, ſtampfte ſte auf den Tiſch und rief:„Heut noch eine Füllung extra, aber wenigſtens Kümmel! Was ich dir jetzt habe, du junger Galgenvogel, iſt mehr als eine Flaſche pelten werth.“ 4 — 1 „Ich bin heut achtzehn Jahr,“ ſagte Karl zu ſeinem Vater, der an einem Sonntag zufrieden in ſeiner Stube ſaß und nicht müde wurde, den ſtattlichen Jüngling anzuſehen. „Das iſt richtig,“ erwiederte der Vater,„achtzehn Lich⸗ ter ſtehen auf dem Kuchen.“ „Alſo, Vater,“ fuhr Karl fort,„es iſt Zeit, daß ich etwas werde.“ „Du?“ frug der Vater verwundert,„was willſt du denn noch anders werden, als du biſt? Ein Knirps biſt du und 8 wirſt in deinem Leben nichts Anderes.“ „Sei jetzt einmal ſtill mit deinem ewigen Knirps,“ ent⸗ 8 gegnete Karl.„Ich will Auflader werden.“ 38 „Ei ſo hört doch,“ rief der Alte,„alſo Auflader! warum nicht lieber gar Bürgermeiſter, oder König oder ſo e „Ich habe Kräfte genug,“ fuhr Karl entſchloſſen „Ich will mir etwas verdienen. Ich will ein ordent Mann werden. Herr Wohlfart iſt jetzt ſchon ſeit⸗ Jahre frei geworden, und ich bin noch immer ein Junge. „ Du willſt etwas verdienen?“ wiederholte der Alte und ſah mit immer größerem Erſtaunen auf ſeinen Sohn. „Verdiene ich nicht genug und mehr, als wir brauchen? Wozu willſt du als Geizhals an uns handeln?“ „Ich kann doch nicht immer an deiner Le — 318— hängen,“ ſagte Karl,„und wenn du tauſend Thaler verdien⸗ teſt, würde ich dadurch ein ordentlicher Menſch? Und wenn ich dich einmal verlieren ſollte, was ſoll dann aus mir werden?“ 3 1 1 „Du wirſt mich verlieren, Junge,“ ſagte der Rieſe mit dem Kopf nickend,„das verſteht ſich, in einigen Jahren,“ ſetzte er hinzu,„nachher kannſt du werden, was du willſt, nur nicht Auflader.“ „Aber warum ſoll ich nicht werden, was du biſt? Sei doch nicht ſo hartnäckig.“ 5 „Das verſtehſt du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige Leute kann ich nicht vertragen.“ „ Und wenn ich nicht Auflader werden ſoll,“ rief Karl wieder,„ſo muß ich doch etwas Anderes lernen, ſieh das dSoch ein, Vater.“ Du willſt nichts gelernt haben?“ rief der Alte beküm⸗ miert.„Ach, du armes Kind, was haben ſie dir nicht Alles in deinen kleinen Kopf hineingetrieben! Da war die Klipp⸗ ſcchule, zwei Klaſſen, und die Stadtſchule, vier Klaſſen, und die Gewerbeſchule, zwei Klaſſen, acht Klaſſen haſt du gelernt und kennſt alle Waaren ſo gut wie ein Commis, iſt das hts? Du biſt ein nimmerſatter Junge!“ „Ja, ich muß doch aber etwas Beſtimmtes wiſſen für einen Beruf,“ verſetzte Karl,„Schuſter, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.“ 8 „Darum mache dir keine Sorge,“ ſagte der Vater mit Ueerlegenheit,„dafür habe ich bei deiner Erziehung ge⸗ 5 orgt, du biſt praktiſch— und ehrlich,“ fügte er hinzu. „Das denke ich,“ ſagte Karl,„aber kann ich Paar Stiefeln machen? kann ich einen Rock zuſchneie den?“ „Du kannſt'’s,“ erwitderte der Alte ruhig,„verſuch's, und du wirſt's können.“ „Na, warte, du Brummbär, morgen kaufe ich Leder und nähe dir ein Paar Stiefeln, du ſollſt fühlen, wie ſie drücken.“ „Weißt du was,“ entgegnete der Vater,„ich werde dieſe Stiefeln nicht anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich werde warten, bis du das dritte Paar gemacht haſt, die werden nicht drücken.“ „Mit dir wird man nicht fertig,“ ſagte Karl aärgerlich, „ich weiß ſchon, wo ich mir Rath erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir Jemand auf den Saſs ſchicken, der dir daſſelbe ſagen ſoll.“ „Sei nur nicht ehrgeizig, Karl,“ ſagte der Alte kof. ſchüttelnd,„und verdirb mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gieb mir die Bierkanne her und ſei ein guter Junge.“ Karl ſetzte die große Kanne vor den Vater, nahm bald— darauf ſeine Mütze und verließ das Zimmer Der Vater blieb bei ſeinem Bier ſitzen, aber ſein Behagen war geſtört, er ſah iminer wieder nach der Thür, zu welcher Karl hinaus⸗ gegangen war, er ſah ſich in der Stube um, die ohne das fröhliche Geſicht ſeines Sohnes ſo einſam war. Endlich ging er in die Kammer nebenan, ſetzte ſich dröhnend auf dem Bette nieder und zog unter der Bettſtelle einen ſchweren eiſernen Kaſten hervor. Er öffnete ihn mit einem Schlüſſel, den er aus der Weſtentaſche zog, nahm einen Beutel Geld 3 nach dem andern heraus und ſtellte eine Kopfrechnung an, — 320— dann ſchob er den Kaſten wieder unter das Bett und ſetzte ſich beruhigt zu dem Haustrunk. unterdeß ging Karl in ſeinem Sonntagsſtaat mit eiligen Schritten in die Stadt und trat in Antons Zimmer.„Gu⸗ ten Morgen, Karl,“ rief ihm Anton entgegen,„was bringſt du?“ Karl begann feierlich:„Ich komme, Sie um Rath zu fragen, was aus mir werden ſoll. Mit meinem Vater iſt darüber nicht zu reden. Ich will Auflader werden, und der Alte will's nicht leiden; ich will etwas Anderes werden, und er vertröſtet mich auf die Zeit, wo er nicht mehr leben wird. Ein ſchöner Troſt! Er iſt gerade wieder ein rechter Goliath. Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding muß mit mir unders werden, ich greife hier im Hauſe überall mit an, aber das iſt P nirgend etwas Ordentliches.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Anton verſtändig. Vor Allem aber gratulire ich dir zu deinem Geburtstage, und warte, hier iſt ein Buch für dich, das nimm zum Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinſchreiben.“ „Seinem getreuen Karl,Anton Wohlfart,“ las der er⸗ freute Karl.„Ich danke Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe ſthon fünfundſechzig Bücher. Jetzt wird die zweite Reihe voll.“ „ und ſo ſetze dich her zu mir und laß uns Rath hal⸗ 8. teen. Vor Allem ſage, was kann ich dir helfen? Iſt's nicht beſſer, wenn du mit Herrn Schröter ſelbſt ſprichſt? Er iſt ja dein Pathe.“ „Das wird mir zu groß,“ entgegnete Karl ernſthaft, „der Vater könnte denken, ich wolſte ihn perilagen. De 1 Ihnen iſtd das kug ſchafilicher 443 K — —: 321— „Gut,“ ſtimmte Anton bei. 1 „Und ſo wollte ich Sie bitten, daß Sie gelegentlich mit meinem Vater über mich ſprechen. Er hat zu Ihnen ein großes Zutrauen und er weiß, daß Sie's mit mir gut meinen.“ „Das will ich gern,“ ſagte Anton,„aber was gedentſ du zu werden?“ „Das iſt mir gleich,“ erwiederte Karl,„nur etwas Ordentliches.“ Am nächſten Sonntage ging Anton nach dem Pauſe d des Vater Sturm. Die Wohnung des oberſten Aufladers war ein kleines Haus am Fluſſe, unweit des Packhofes; es war ſein Eigen⸗ thum und zeichnete ſich durch die Roſafarbe ſeines Anſtrichs vor den Nachbarhäuſern ſchon von Weitem aus. Anton. öffnete die niedrige Thür und wunderte ſich, wie dem Rieſen überhaupt möglich ſei, ſich in einen ſo kleinen Bau einzupacken. Und als der alte Sturm aufſtand, ihn zu be⸗ grüßen, da wurde ihm klar, daß eine unaufhörliche Geduld des mächtigen Mannes nöthig war, um dieſe Wohnung zu ertragen. Denn wenn er ſich mit aller Kraft ausſtreckte, ſo mußte er unfehlbar Decke und Wände zerreißen und mit Kopf und beiden Fäuſten in die freie Luft hineinragen. Der rie⸗ ſige Mann ſtand vergnügt über den Beſuch ohne Rock und Weſte vor ihm und hielt ihm grüßend ſeine Hand entgegen, welche wohl im Stande war, einen Kürbis von näſiger Größe. zu umſpannen. „Ich freue mich ſehr, Sie in meinem Hauſe zu jehen, 8 Herr Wohlfart,“ ſagte Sturm und faßte ſo zierlich als es ihm mögliche war, Antons Hand. 1 — 322— „Es iſt etwas klein für Sie, Herr Sturm,“ antwortete Anton lachend,„Sie ſind mir noch nie ſo groß vorgekom⸗ men, als in dieſem Zimmer.“ „Mein Vater war noch größer,“ antwortete Sturm wohlgefällig und richtete ſich hoch auf, ſo daß ſein Kinn auf dem obern Rand des Ofens ruhte,„ſo groß war mein Va⸗ ter,“ ſagte er und wies auf den bunten Farbenſaum längs der Decke, an welchem mehrere Marken mit Bleiſtift ge⸗ zeichnet waren.„So groß war er und noch breiter. Er war Aelteſter der Auflader und der ſtärkſte Mann am Orte, und doch hat ihn ein Faß, nicht halb ſo hoch als Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie Platz, Herr Wohlfart.“ Er rückte ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der ſo ſchwer war, daß Anton Mühe hatte, ihn von der Stelle zu heben, und ſetzte ſich mit Geräuſch auf eine Bank.„Mein Karl hat mir geſagt, daß er Sie beſucht hat, und daß Sie ſehr freundlich gegen ihn waren. Er iſt ein guter Junge und ich habe meine Freude an ihm, aber er iſt doch aus der Art ge⸗ ſchlagen. Seine Mutter war eine kleine Frau,“ ſetzte Herr Sturm traurig hinzu und griff nach einem Glaſe Bier, wel⸗ ſches mehr als ein Quart faßte, ſetzte das Glas an und nicht eher wieder auf den Tiſch, bis der letzte Tropfen daraus ver⸗ ſchwunden war. „Es iſt Faßbier,“ ſagte er entſchuldigend,„darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Es iſt Herkommen bei unſerm Geſchäft, kein anderes zu trinken; dies freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unſere Arbeit macht warm.“ 4 „Ihr Sohn hat, wie ich höre, Luſt, in Ihre Gorporation zu kreten, lenkte Anton ein. — I . — 323— „Unter die Auflader?“ frug der Rieſe.„Nein, dies wird er nicht, niemals.“ Er legte ſeine Hand vertraulich auf Antons Knie.„Er wird es nicht, meine Selige hat mich auf dem Todtenbette darum gebeten. Warum? Darum! Unſere Arbeit iſt reſpectabel, Sie wiſſen das ſelbſt am be⸗ ſten, Herr Wohlfart. Wir ſind Männer, welche ein Ver⸗ trauen haben, wie wenig andere. Es iſt eine Ehre, Aufla⸗ der der Kaufmannſchaft zu werden, um die ſich Hunderte bei mir bewerben, und nicht Einen laſſen wir zu. Es giebt Wenige, welche die Kraft haben, und noch Wenigere, welche etwas Anderes haben.“ „Die Ehrlichkeit,“ ſagte Anton.. „Ganz recht,“ nickte Sturm,„daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage jede Art Waare in Tonnen und Ki⸗ ſten in größter Quantität vor ſich zu haben und darum zu hantieren, wie um eigenthümliche Sachen, und niemals die Hand hineinzuſtecken, das iſt leider nicht Jedermanns Gewohnheit. Alſo Sie wiſſen, wir halten auf uns. Und die Einnahmen ſind nicht ſchlecht, ja, ſie ſind gut. Meine Se⸗ lige hielt noch auf Sparbüchſen und Strümpfe und ſolches Zeug. Als ſie ſtarb, fand ich den ganzen Grund ihres Ka⸗ ſtens mit zugebundenen Strümpfen zugeſtopft, die neben einander ſtanden, wie die fetten Lerchenſteiße in der Schach⸗ tel. Alles für unſern Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold dabei. Sie war eine ſparſame Frau und hob Alles auf. Das iſt nun meine Art nicht. Denn warum?— Wer praktiſch iſt, braucht um das Geld nicht zu ſorgen, und der Karl wird ein praktiſcher Menſch. 21 † Aber nicht als Auflader,“ fügte er kopfſchüttelnd hin⸗ zu,„meine Selige wollte das nicht haben, und ſie hat Recht.“ 1 „Ihre Arbeit iſt ſehr anſtrengend,“ ſtimmte Anton bei. „Anſtrengend?“ lachte Sturm,„ſte mag wohl anſtren⸗ gend ſein für Einen, der nicht die Kraft hat, ſo anſtren⸗ gend, daß ihm der Rücken darüber zerbrechen kann; aber es iſt nicht die Anſtrengung, es iſt noch etwas Anderes. Dies iſt es!“ Bei dieſen Worten holte er einen großen Krug aus der Ecke und goß ſein Glas voll.„Das Faßbier iſt es.“ Anton lächelte.„Ich weiß, Sie und Ihre Collegen trin⸗ ken viel von dem dünnen Getränk.“ „Viel,“ ſagte Sturm mit Selbſtgefühl,„es iſt bei uns Geſchäftsbrauch, es iſt Herkommen, es iſt von je bei den Aufladern ſo gehalten worden; ſie müſſen Kräfte haben, ſie müſſen treue Männer ſein und ſie müſſen Faßbier trinken. Es iſt Bedürfniß bei unſerer Arbeit, wer's nicht thut, hält's nicht aus; Waſſer trinken macht uns ſchwach, und Wein und Branntwein gleichfalls, nur Faßbier thut's, dies und Provenceröl. Sehen Sie, Herr Anton, ſo:—“ Der Rieſe ſtreckte den Arm aus und holte ein kleines Glas von dem Geſtell, füllte es zur Hälfte mit feinem Baumöl, zur andern Hälfte mit Bier, that eine Maſſe Zucker in die Mi⸗ ſchung und trank zu Antons Schrecken die widerwärti e Flüſ⸗ ung 3 9 ſigkeit aus.„Das macht ſtark,“ ſagte er,„es iſt ein Ge⸗ heimniß unſerer Zunft, es erhält die Kraft und macht ſolche Arme,“ er legte ſtolz ſeinen Arm auf den Tiſch und ver⸗ ſuchte ihn mit ſeiner Hand vergebeng zu umſpannen.„Aber es iſt ein Haken dabei,“ fügte er leiſer hinzu.„Es wird — 325— Keiner von uns über funſzig Jahre alt. Haben Sie ſchon einen alten Auflader geſehen? Sie haben keinen geſehen, denn es giebt keinen. Funfzig Jahre iſt das Höchſte, was einer erreicht, länger duldet's der Biergeiſt nicht. Mein Vater war funßzig, als er ſtarb; der, den wir neulich begra⸗ ben haben,— Herr Schröter war mit beim Begräbniß,— der war neunundoierzig. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin,“ ſetzte er wie zur Beruhigung hinzu. Anton blickte beſorgt in das ehrliche Geſicht des Aufla⸗ ders.„Aber Sturm, wenn Sie das wiſſen, warum ſind Sie nicht mäßiger?“ 3 einem Tage iſt nicht viel, wenn man's nicht merkt.“ Anton ſah den Auflader ungläubig an. neulich begraben haben, konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch ſtärker war, als ich. nach dem Willen der Seligen lieber etwas Anderes werden. nur dummes Zeug. Auch von den Menſchen, welche keine Auflader ſind, werden die wenigſten älter als funfzig. Sie fortwährend dahin, und an lauter Krankheiten, die wir Auflader nicht kennen. Aber meine Selige hars einmal ſo gewollt, und ſo mag's drum ſein.“ 4„ und haben Sie Anton weiter.„Kar Söar im Gethäfe ſehr uish „Mäßig?“ frug Sturm verwundert,„was iſt mäßig?. Es ſteigt Keinem von uns in den Kopf. Vierzig Halbe in „So viel trinke ich,“ ſagte Sturm.„Der, den wir Sehen Sie, Herr Wohlfart, deßhalb aber ſoll mein Karl Es iſt, unter uns Männern geſagt, mit dem ganzen Alter ſterben an allen möglichen Krankheiten von den Windeln an aan etwas Anderes gedachte⸗ frug — 326— und wir Alle werden ihn vermiſſen, wenn er im Hauſe fehlen ſollte.“— „Das gerade iſt es,“ unterbrach ihn der Auflader,„das war das Richtige, was Sie geſagt haben. Sie werden ihn vermiſſen, ich auch. Ich bin allein im Hauſe, ſeit meine Selige todt iſt; wenn ich die rothen Backen meines Kleinen in dieſen Wänden ſehe, ſo bin ich zufrieden; wenn ich in Ihrem Haus ſeinen kleinen Hammer höre, ſo fühle ich die Luſtigkeit in meinem Herzen. Wenn er weggeht von mir, und ich einſam in dieſer Stube ſitze, ich weiß nicht, wie ich's ertragen ſoll.“ Die Züge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. „Aber muß er ſich denn ganz von Ihnen trennen?“ frug Anton endlich,„vielleicht kann er noch Jahre lang hier wohnen.“ Sturm ſchüttelte bedeutungsvoll den Kopf.„Ich kenne ihn, er kann's nicht; wenn er erſt einmal etwas anfängt, ſo iſt er hinterher, wie ein Teufel, dann denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe mir's überlegt in den letzten Tagen. Ich will Ihnen ſagen,“ fuhr er vertraulich fort,„ich habe Unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge hat nicht für mich ſeinen Kopf in die Welt geſteckt, ſondern für ſich ſelber. Er ſoll etwas werden. Und nun frage ich, was meine Selige ſich für den Jungen wünſchen würde, wenn ſie noch lebte. Dieſe Frau hatte einen Bruder, wel⸗ cher mein Schwager iſt, und dieſer Schwager iſt auf dem Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Waſſer her⸗ kommt; ein geſetzter Mann, er tauſcht nicht mit manchem 4. Rittergut. Der beſucht mich alle Jahre, wenn ſie ihre 8 — 327— Wolle geſchoren haben. Der kennt mich und kennt den Karl, dem möchte ich meinen Kleinen übergeben, wenn ich ihn nicht behalten ſoll. Es iſt weit von hier,“ ſchloß er traurig, „aber es iſt Verwandtſchaft.“ „Das iſt ein guter Gedanke, Herr Sturm,“ ſagte Anton, erfreut, auf ſo wenig Hinderniſſe zu ſtoßen,„aber ich habe immer gehört, daß der Landwirth auf eine ſelbſtſtändige Thätigkeit in der Regel nur dann hoffen kann, wenn er nicht ganz ohne Vermögen iſt.“— „Das paßt,“ ſagte der Rieſe ſeinen Finger erhebend geheimnißvoll,„er iſt nicht ganz ohne Vermögen. Von ſei⸗ ner Mutter her, und auch etwas von ſeinem Vater. Er weiß aber von gar nichts, denn ich wollte, er ſollte praktiſch wer⸗ den. Und ſagen Sie ihm auch nichts.“ „Da Sie ſo väterlich für Ihren Sohn ſorgen,“ rief An⸗ ton,„ſo laſſen Sie ihn nicht länger in Unſicherheit; es iſt brav von ihm, daß er das Ungenügende ſeiner jetzigen Arbeit empfindet.“ „Er kann es ſogleich hören,“ ſagte der Alte aufſtehend, „er ſteckt im Garten. Sie ſollen dabei ſein.“ Sturm trat in das Haus und rief mit ſeiner mächtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrüßte Anton und ſah erwar⸗ tungsvoll bald auf dieſen, bald auf den Vater. Der Alte hatte ſich wieder ruhig hingeſetzt und frug in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Ton:„Kleiner Knirps, willſt du ein Oekonom werden?“ 3 „Landwirth?“ rief Karl,„daran habe ich noch gar nicht ggedacht. Dann müßte ich ja fort von dir, Vater.. „Er denkt auch daran,“ ſagte der Alte, Anton zunickend. ein paar Jahren.“ — 328— „Iſt denn dein Wille, daß ich von dir ſoll?“ frug Karl erſchrocken. „Allerdings, mein Kleiner,“ ſagte der Vater ernſthaft, „dieſes muß mein Wille ſein, weil es nothwendig iſi wegen deiner ſeligen Mutter.“ „Ich ſoll zum Onkel!“ rief der Sohn. „Nur zu dieſem,“ ſagte der Vater.„Widerrede nutzt nichts, die Sache iſt abgemacht, natürlich vorausgeſetzt, daß dich der Onkel haben will. Du ſollſt Oekonom werden, du ſollſt etwas Ordentliches lernen, du ſollſt deinen Vater ver⸗ laſſen. 41 „Vater,“ ſagte Karl niedergeſchlagen,„wenn ich von dir weg gehen ſoll, iſt mir's nicht recht.“ „Es ſoll dir aber recht ſein, du ehrgeiziger Knirps,“ rief der Alte. „Dann komm mit aufs Land,“ ſagte der Sohn. „Ich ſoll auf's Land kommen? ho ho!“ Sturm lachte, daß die Stubenthür zitterte.„Mein Knirps will mich in die Taſche ſtecken und mit ſich auf dem Lande herumtragen.“ Er lachte ſo lange, bis er mit der Hand über die Augen fuhr.„Komm her, mein Karl,“ ſagte er endlich, zog den Sohn an ſich und hielt den Kopf deſſelben lange zwiſchen ſeinen großen Händen.„Du biſt mein guter Junge, und Trennung muß ſein auf Erden, wenn nicht jetzt, dann in So ſchied Karl aus der Handlung. Vergeblich verſuchte 3 er in den letzten Tagen ſeine Bewegung hinter leiſem Pfeifen 4 3 zu verſtecken. Er ſtreichelte zärtlich Freund Piuto und die Katze, welche er in das Haus g — 329— ſeine kleinen Arbeiten mit maßloſem Eifer und hielt ſich da⸗ bei ſo viel wie möglich in der Nähe ſeines Vaters; auch dieſer ſah den Tag hindurch immer wieder auf ſeinen Sohn und verließ manchmal ſeine Tonnen, um langſam auf ihn zuzu⸗ gehen und ihm die Hand ſchweigend auf den Kopf zu legen. „Es iſt nicht ſchwer bei der Landwirthſchaft?“ ſagte Vater Sturm vor der großen Waage zu Anton und blickte ihm fragend ins Geſicht. „Leicht iſt es nicht,“ erwiederte Anton,„es siſ vielleicht noch mehr dabei zu lernen, als bei unſerem Geſchäft.“ 1 „Lernen!“ rief der Alte,„je mehr er lernen muß, deſto lieber iſt es ihm, das thut nichts; nur ob es ſehr ſchwer iſt?“ „Nein,“ ſagte Herr Pix, der die Sprache des Rieſen beſſer verſtand.„Schwer iſt dort nichts; das Schwerſte iſt der Sack Weizen, hundertundachtzig Pfund, und Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht er nicht zu heben, das thun die Knechte.“ „Wenn das bei der Landwirthſchaft ſo iſt,“ rief Sturm verächtlich und richtete ſich hoch auf,„ſo iſt mir ganz egal, ob er das hebt. Zweihundert Pfund trägt auch mein Zwerg.“ — 330— 6. Anton war jetzt der pflichtgetreueſte Correſpondent ſeines Comtoirs. Gegen die ritterlichen Künſte ſeines Freundes verhielt er ſich kühl. Nur ſelten vermochte ihn Fink, des Sonntags ſein Begleiter zu Pferde oder am Piſtolenſtand zu werden. Dagegen benutzte Anton Fink's Bücherſchrank mehr als dieſer ſelbſt. Es war ihm nach langem Bemühen gelungen, in die Myſterien der engliſchen Ausſprache einzu⸗ dringen, und eifrig ſuchte er die Gelegenheit, ſein Sprech⸗ talent an Fink zu üben. Da aber dieſer den Uebelſtand hatte, ein ſehr unregelmäßiger und gewiſſenloſer Lehrer zu ſein, gab Anton ſeine Zunge in die Zucht eines gebildeten Eng⸗ länders. Einſt ſah er von ſeinem Platze i im Comtoir auf, als ſich die ie Thür öffnete, und erkannte mit der größten Verwunde⸗ rung in dem Eintretenden Veitel Itzig, den Genoſſen aus der Bürgerſchule von Oſtrau. Er war bisher nur ſelten mit ihm zuſammengetroffen. Das freche Weſen des Burſchen und die Furcht vor dem vertraulichen Du, mit dem dieſer ihn leicht anreden mochte, hatten ſein Auge auf allerlei andere Gegenſtände gelenkt, ſo oft er Veitels Naſenſpitze im Gedränge der Straße erkannte. Noch mehr erſtaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn Specht⸗„Was ſteht zu Ihren Dienſten?“ artig erwiederte, er wünſche Herrn Wohlſari zu ſprechen. — 331— Anton ſtieg von ſeinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel redete ihn an:„Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an mir vorbeigegangen ſind, ohne mich zu grüßen.“ „Wie geht es Ihnen, Itzig?“ frug Anton mit Kälte. „Schlecht,“ antwortete Itzig, die Achſel zuckend;„es iſt kein Verdienſt im Geſchäft.— Ich ſoll Ihnen dieſen Brief vom Sohn des Ehrenthal übergeben und Sie fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard ſeinen Beſuch machen kann.“* „Mir?“ frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels Händen. Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage, ob Anton an einer 3 4 Lehrſtunde Theil nehmen wolle, in welcher Herr Ehrenthal ältere engliſche Schriftſteller in einer literar⸗ hiſtoriſchen Reihenfolge durchzunehmen beabſichtige.. „Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal?“ frug Anton. „Im Hauſe bei ſeinem Vater,“ erwiederte Veitel und verzog das Geſicht.„Er ſitzt den ganzen Tag auf ſeiner Stube.“ „Ich werde den Herrn ſelbſt aufſuchen,“ ſagte Anton. 3 —„Guten Morgen, HerrAnton!“—„GutenMorgen, Itzig.“ Anton empfand keine große Neigung, auf den Antrag des Lehrers einzugehen. Der Name Ehrenthal hatte in ſei⸗ nem Comtoir keinen guten Klang, und das Erſcheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten annehmlicher zu machen. Doch die ironiſche Art, in welcher Itzig vom Sohne feeines Brodherrn ſprach, und Einzelnes, was er auf ſeine Erkundigungen über Bernhard hörte, bewog ihn, die Sache — 332— wenigſtens in Erwägung zu ziehen. So ſuchte er einige Tage darauf nach dem Schluß des Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entſchloſſen, ſich durch den Eindruck, den der Sohn auf ihn mache, beſtimmen zu laſſen. Er trat an die weißlackirte Thüre, zog den dicken Por⸗ cellangriff und wurde durch die ſtruppige Köchin ohne weit⸗ läufige Anmeldung in die Stube des jungen Ehrenthal ge⸗ führt. Es war ein langes ſchmales Zimmer mit alten Möbeln und ſchmuckloſen Büchergerüſten, auf welchen eine Menge großer und kleiner Bücher unordentlich durcheinander lag. Bernhard ſaß tief über ſeine Arbeit gebeugt am Schreib⸗ tiſch und ſah erſt auf, als Anton bereits im Zimmer ſtand. Eilig knöpfte er den Hausrock über ſeinem Hemd zuſammen und trat dem Fremden mit der Unſicherheit entgegen, welche Herren mit kurzem Geſicht bei der Begrüßung Eintretender eigen iſt. Neugierig ſah Anton auf den Sohn des Händlers. Es waren feine Züge und ein zarter Körper, kaſtanienbrau⸗ nes krauſes Haar, und zwei graue Augen von freundlichem Ausdruck. Bernhard nöthigte ſeinen Gaſt auf ein kleines Sopha. Anton erwähnte den Zweck ſeines Beſuches, und Bernhard antwortete ſchüchtern, daß er ſich in Allem nach den Wünſchen ſeines Beſuches richten wolle. Und als Anton nach dem Preiſe der Stunden frug, erſtaunte er, daß der Sohn Ehrenthals mit einiger Verlegenheit ſagte:„Ich weiß es wirklich in dieſem Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf beſtehen, auch den Lehrer zu bezahlen, ſo will ich mich ſogleich danach erkundigen.“ Darauf konnte ſich Anton nicht ent⸗ halten zu fragen:„Sind Sie nicht i im Geſchäft Ihres Herrn Vaters? 2. — 333— „Ach nein,“ erwiederte Bernhard, dieſen Uebelſtand ent⸗ ſchuldigend,„ich habe ſtudirt, und da einem jungen Mann von meiner Confeſſion die Anſtellung im Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben kann, ſo beſchäftige ich mich mit dieſen Büchern.“ Dabei warf er einen Blick voll Liebe auf ſein Büchergerüſt, ſtand auf und trat in ihre Nähe, als wollte er ſie ſeinem Gaſt vorſtellen. Anton las einige goldene Titel und ſagte mit einer Verbeugung:„Das iſt für mich zu gelehrt.“ Es waren Ausgaben orientaliſcher Werke. Bernhard lächelte:„Durch das Hebräiſche bin ich zu den andern aſtatiſchen Sprachen gekommen. Es iſt viel fremd⸗ artige Schönheit in dem Leben dieſer Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch Pandſchriſem wenn es Sie intereſſirt, dieſe zu ſehen.“ Er ſchloß einen Schub auf und holte ein Bündel faltſam ausſehender Manuſcripte heraus. Mit glänzenden Augen öffnete er das oberſte, im Einband von grünem Seiden⸗ ſtoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt war; er ließ Anton die Schrift betrachten und war vergnügt, als dieſer erklärte, er könne nicht einmal angeben, welcher Sprache dieſe Schriftzüge angehörten. „Es iſt arabiſch, aber freilich iſt gerade dieſe Handſchrift . ſehr ſchwer zu leſen. Und hier iſt mein Lieblingsdichter, Firduſt, ich habe aber nur ein kleines Bruchſtück ſeines Ge⸗ dichtes in der Handſchrift.“ Anton ſagte ihm:„Es muß Gebrſontei dann ge⸗ hören, das Alles zu verſtehen.“ Nur etwas Geduld,“ antwortete Bernhard leſced 4E amnn—— — 334— „wer ein Herz hat für das Schöne, der findet es bald überall heraus, auch unter dem fremdartigen Kleide, welches die Sänger aus dem Morgenlande tragen. Ich arbeite an einer Ueberſetzung perſiſcher Gedichte; wenn Sie ſpäter einmal Muße haben, und Sie ſo etwas nicht langweilt, möchte ich Sie um Erlaubniß bitten, Ihnen eine kurze Probe vorzuleſen.“ Anton hatte die Höflichkeit, ſogleich darum zu bitten, der junge Ehrenthal griff nach einem Papier auf ſeinem Schreib⸗ tiſch und las ſchnell und etwas ungelenk ein kleines Liebes⸗ gedicht vor. Es war eins von den zahlloſen Gedichten, in denen rin weiſer Trinker ſeine Geliebte mit allerlei hübſchen Dingen vergleicht, mit Thieren, Pflanzen, der Sonne und andern Weltkörpern, und daneben einem zelotiſchen Pfaffen Naſenſtüber giebt. Dem ehrlichen Anton imponirte die verſchlungene Form und der zugeſpitzte Ausdruck ſehr, aber es war ihm doch komiſch, als der Vorleſer ausrief:„Nicht wahr, das iſt ſchön? Der Gedanke, meine ich; denn die Schönheit der Sprache im Deutſchen wiederzugeben, bin ich zu ſchwach.“ Bei dieſen Worten ſah er begeiſtert vor ſich, wie ein Mann, der alle Tage fünf bis ſechs Flaſchen Schi⸗ raswein trinkt und alle Abend ſeine Suleika küßt. „Muß man denn aber trinken, um recht lieben zu kön⸗ nen?“ ſprach Anton,„das iſt bei uns doch auch ohne Wein möglich.“ „ Bei uns,“ erwiederte Bernhard,„iſt das Leben ſehr nüchtern,“ dabei legte er das Blatt ernſthaft auf den Tiſch, „Ich denke, es iſt nicht ſo,“ erwiederte Anton eifrig; „ich kenne noch wenig vom Leben, aber ich ſehe doch auch wir haben Sonnenſchein und Roſen, die Freude am Daſein, ——.,— große Leidenſchaften und merkwürdige Schickſale, welche von 8 den Dichtern beſungen werden.“ „Unſere Gegenwart,“ erwiederte Bernhard weiſe, mM zu kalt und einförmig.“ „Ich habe das ſchon einige Male in Büchern geleſen aber ich kann nicht verſtehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer in unſerm Leben unzufrieden iſt, der wird es mit dem Leben in Teheran oder in Calcutta noch mehr ſein, wenn er längere Zeit dort lebt. Es muß dort viel einförmiger und langweiliger ſein, als bei uns. Ich leſe das auch aus Reiſebeſchreibungen heraus. Was den Reiſenden reizt, iſt das Neue; wenn das Fremde alltäglich geworden iſt, ſieht es gewiß ganz anders aus.“ „Wie arm an großen Eindrücken unſer civiliſirtes Trei⸗ ben iſt, entgegnete Bernhard,„das müſſen Sie ſelbſt in Ihrem Geſchäft manchmal empfinden, es iſt ſo proſaiſch, was Sie thun müſſen.“ „Da widerſpreche ich,“ erwiederte Anton eifrig,„ich weiß mir gar nichts, was ſo intereſſant iſt, als das Geſchäft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe von zahlloſen Fäden, die ſich von einem Menſchen zu dem andern, über Land und Meer aus einem Welttheil in den andern ſpinnen. Sie hängen ſich an jeden Einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen, und Alles, was uns umgiebt, führt uns die merkwürdigſten Begeben⸗ heiten aller fremden Länder und jede menſchliche Thätigkeit vor die Augen; dadurch wird Alles anziehend. „und da ich das Gefühl habe, daß auch ich mithelfe, und ſo wenig ich auch vermag, doch dazu beitrage, daß ——— — 336— jeder Menſch mit jedem andern Menſchen in fortwährender Verbindung erhalten wird, ſo kann ich wohl vergnügt über meine Thätigkeit ſein. Wenn ich einen Sack mit Kaffe auf die Waage ſetze, ſo knüpfe ich einen unſichtbaren Faden zwi⸗ ſchen der Coloniſtentochter in Braſilien, welche die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauerburſchen, der ſie zum Frühſtück trinkt, und wenn ich einen Zimmtſtengel in die Hand nehme, ſo ſehe ich auf der einen Seite den Malayen kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der andern Seite ein altes Mütterchen aus unſerer Vorſtadt, das ihn über den Reisbrei reibt.“ 4 „Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und ſind glücklich, weil Sie Ihre Arbeit als nützlich empfinden. Aber was der höchſte Stoff für die Poeſie iſt, ein Leben reich an mächtigen Gefühlen und Thaten, das iſt bei uns doch ſehr ſelten zu finden. Da muß man wie der engliſche Dichter aus den cioiliſirten Ländern hinaus unter Seeräuber gehen.“ „Nein,“ verſetzte Anton hartnäckig,„der Kaufmann bei uns erlebt ebenſo viel Großes, Empfindungen und Thaten, als irgend ein Reiter unter Arabern oder Indern.— Je ausgebreiteter ſein Geſchäft iſt, deſto mehr Menſchen hat er, deren Glück oder Unglück er mit fühlen muß, und deſto öfter iſt er ſelbſt in der Lage, ſich zu freuen oder Schmerzen zu empfinden.— Neulich hat hier ein großes Haus Bankerott gemacht.“ „Ich weiß es,“ ſagte Bernhard,„es war ein trauriger Fall.“ „Wenn Sie die Gewitterſchwüle eurpſunden hätten, welche guf dem Geſchäft lag, bevor es fiel ie furchtbare Beuriſtns intereſſant, Herr Wohlfart, ſo beſuchen Sie mich doch 837— des Mannes, den Schmerz der Familie, die Hochherzigkeit ſeiner Frau, welche ihr eigenes Vermögen bis zum letzten Thaler in die Maſſe warf, um die Ehre ihres Mannes zu retten, Sie würden nicht ſagen, daß unſer Geſchäft arm an Leidenſchaften und großen Gefühlen iſt.“ „Sie ſind mit ganzer Seele Kaufmann,“ ſagte Bernhard freundlich,„ich möchte Sie beneiden um die reine Preude, die Sie über Ihre Arbeit haben.“ „Ja,“ entgegnete Anton.„Auch der Kaufmann hat trübe Erfahrungen in Menge zu machen. Der kleine Aerger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte muß er erleben, aber der ganze Handel iſt doch ſo ſehr auf die Redlichkeit Anderer und auf die Güte der menſchlichen Natur berechnet, daß ich bei meinem Eintritt in dieſe Thätigkeit erſtaunt war. Wer ein ehrliches Geſchäft hat, kann von unſerm Leben nicht ſchlecht denken, er wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Großartiges darin zu finden.“ Bernhard hatte mit geſenkten Augen zugehört, jetzt blickte er ſchweigend zum Fenſter hinaus; und Anton bemerkte, daß er verlegen und bekümmert ausſah. Endlich wandte ſich Bernhard um und ſagte, das Geſpräch abbrechend, mit bittender Stimme:„Wenn es Ihnen recht iſt, Herr Wohlfart, ſo möchte ich mit Ihnen ſogleich zum Sprachlehrer gehen. Es iſt ein weiter Weg, wir ſprechen im Freien mehr mit einander.Ä“A Wie alte Bekannte traten die beiden Jünglinge aus dem finſtern Haus in die warme Abendluft. Und als ſie nach einer Stunde von einander ſchieden, ſagte Bernhard ange⸗ legentlich:„Iſt Ihnen der Verkehr mit mir nicht zu un⸗ I. 22 — 338— manchmal in Ihren Freiſtunden.“ Anton verſprach das. Beide hatten Behagen an einander gefunden. Anton wun⸗ derte ſich noch immer, daß ein Sohn Ehrenthals ſo wenig Geſchäftsmann ſein konnte, und Bernhard war glücklich, einen Menſchen zu treffen, mit dem er über Vieles reden konnte, was er ſonſt ſchweigend mit ſich herumtrug. Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienſtube und ſtellte ſich hinter den Rücken der Schweſter, welche auf einem koſtbaren Flügel ein neues Modeſtück einübte und dabei eine große Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder küßte ſte leiſe an das Ohr, ſie drehte ſich ſchnell um und rief:„Laß mich in Ruh, Bernhard, ich muß das Stück einüben, denn auf den Sonntag iſt große Soirée, und ſie werden mich auffordern, zu ſpielen.“ „Ich weiß, daß ſie dich auffordern werden,“ ſagte die Mutter, als Bernhard ſich ſchweigend auf das Sopha niederſetzte und ein aufgeſchlagenes Buch in die Hand nahm. „Es iſt keine Geſellſchaft, wo man nicht das Verlangen hat, die Roſalie zu hören. Wenn du nur einmal dich entſchließen könnteſt, mitzukommen, Bernhard, du biſt ein Mann von ſo viel Geiſt, du biſt gelehrter als Alle aus der ganzen Bekannt⸗ ſchaft. Neulich hat der Profeſſor Starke von der Univerſität mit großer Hochachtung über dich geſprochen und hat geſagt, du würdeſt ein Stolz werden für die Wiſſenſchaft. Es iſt erfreulich für eine Mutter, wenn ſie ſtolz ſein kann auf ihre Kinder. Warum kommſt du nicht in die Geſellſchaft, ſte wird ſo auserleſen ſein, wie ſte in unſerer Stadt nur ſein kann. 5 „Du weißt, Mutter, ich gehe nicht gern zu ſenden Leuten,“ ſagte der Sohn.. nach Roſalie und mir frägt er manchmal den ganzen Tag nicht.“ — 339— „Und ich will, daß mein Sohn Bernhard hat ſeinen ei⸗ genen Willen,“ rief der Vater aus einer Nebenſtube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört hatte, da in dieſem Augenblicke Roſalie von ihren ſchweren Paſſagen ausruhte. Herr Ehrenthal trat in ſeinem verſchoſſenen Schlafrocke zu der Familie:„Unſer Bernhard iſt nicht, wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer ſein ein guter Weg. Du ſtehſt aus ſo bleich,“ ſagte er zum Sohne und ſtrich mit der Hand über ſeine braunen Locken.„Du ſtudirſt zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Geſundheit, der Doctor hat geſagt, daß dir Bewegung nöthig iſt, und hat dir gerathen zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willſt du nicht nehmen ein Pferd? Ich kann es haben, daß mein Sohn Bernhard auf dem theuerſten Pferde reitet, das in der Stadt zu haben iſt; thu, was der Arzt ſagt, mein Vernhard, ich will dir kaufen ein Pferd.“ 5 „Ich danke dir, lieber Vater,“ erwiederte Bernhard, „es würde mir keine Freude machen, und wie ich fürchte, deßhalb nicht viel helfen.“ Er drückte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmüthig in das faltige Geſicht ſah. „Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu eſſen, was er gern hat? Laß ihm Pfirſichen holen, Sidonie, es ſind neue Pfirſichen angekommen beim Fruchthändler, das Stück koſtet zwei gute Groſchen; oder willſt du haben irgend etwas Anderes, ſo ſag's. Du ſollſt haben, was du gern haſt; du biſt mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.“ „Er will ja nie etwas annehmen,“ ſprach die Mutter dazwiſchen,„er hat keine andere Freude, als an ſeinen Büchern; 22* — 340— „Liebe Mutter!“ warf Bernhard bittend ein. „Er lieſt zu viel in den Büchern und kümmert ſich nicht um die Menſchen,“ fuhr die erfahrene Frau fort,„deßhalb ſieht er aus ſo bleich und verfallen, wie ein Mann von ſech⸗ zig Jahren. Warum will er nicht gehen auf den Sonntag in die Soirée?’”’ „Ich werde mitkommen, wenn du es wünſcheſt,“ ſagte Bernhard traurig und ſetzte nach einer Weile hinzu:„Iſt Euch ein junger Mann bekannt, ein Herr Wohlfart, der in Schröters Geſchäft iſt?“ „Den kenne ich nicht,“ ſprach der Vater mit beſtimmtem Kopfſchütteln. „Vielleicht du, Roſalie? Er iſt ein hübſcher Mann von gentilem Ausſehen. Er ſcheint mir ein guter Tänzer und Geſellſchafter zu ſein. Biſt du nicht irgendwo ihm be⸗ gegnet? Ich glaube, er müßte dir aufgefallen ſein.“ „Iſt er blond?“ frug die Schweſter, indem ſie ihr Haar vor einem kleinen Handſpiegel zurecht ſtrich. „Er hat dunkles Haar und blaue Augen.“ „Wenn er aus einem Comtoir iſt, werde ich ihn wohl ſcchwerlich kennen,“ ſagte Roſalie, das Haupt zurückwer⸗ fend. „Unſere Roſalie tanzt meiſt mit Offizieren und Künſt⸗ lern,“ ſchaltete die Mutter erklärend ein. „Er iſt ein tüchtiger und liebenswürdiger Menſch,“ fuhr Bernhard fort;„ich will mit ihm zuſammen Engliſch treiben und freue mich ſehr, daß ich lius Bekanntſchaft gemacht habe.“ „Er ſoll eingeladen werden in uns," decretirte Herr — 341— Ehrenthal vom Sopha aufſtehend;„wenn er unſerem Bern⸗ hard gefällt, ſo ſoll er willkommen ſein in meinem Hauſe. Laß einen guten Braten machen auf den Sonntag, Sidonie, und laß mir einladen Herrn Wohlfart zum Nittagseſſen, nicht um ein Uhr, ſondern um zwei Uhr! Er ſoll von jetzt gebeten werden zu allen Geſellſchaften, die wir geben; wenn er ein Freund iſt von Bernhard, ſo ſoll er auch ein Freund ſein von unſerem Hauſe.“ „Er hat ja noch nicht ſeinen Beſuch gemacht,“ ſagte die Mutter wieder,„wir muͤſſen doch abwarten, bis er ſein Entrée mndeht bei der Familie?“ „Wozu Entrée,“ fuhr der Vater auf,„wenn er be⸗ kannt iſt mit unſerm Bernhard, wozu ſoll er erſt Entrée machen bei uns?“— „Ich will noch in dieſer Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubſt, liebe Mutter, ihn auffordern, auf den Sonntag bei uns zu eſſen.“ Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Roſalie ſetzte ſich jetzt zum Bruder und frug ihn mit größerem Intereſſe über Perſon und Weſen des neuen Bekannten aus. Bernhard ſchilderte mit Wärme den angenehmen Ein⸗ druck, den Anton auf ihn gemacht hatte, ſo daß die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die großee Silbervaſe heraus⸗ zugeben und aufputzen zu laſſen. Roſalie überlegte, in wel⸗ chem Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung ſie auf den Fremden Eindruck machen wolle, und der Vater erklärte wiederholt, daß er Herrn Wohlfart zu jeder Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenſtck i in ſeinem Hauſe zu ſehen wünſche. 3 — 342— Wie kam es doch, daß Bernhard ſeiner Familie nicht den Inhalt des Geſprächs mittheilte, welches ihm den neuen Bekannten ſo lieb gemacht hatte? Wie kam es doch, daß er kurz darauf wieder in trübes Schweigen verfiel und in ſein Arbeitszimmer zurückging? daß er dort ſeinen Kopf über eine alte Handſchrift lehnte und lange auf die krauſen Züge hinſtarrte, bis ihm große Thränen herabfielen, welche die Tuſche der Buchſtaben, auf die er ſo viel hielt, auflöſten und verdarben, ohne daß er's merkte? Wie kam es doch, daß der junge Mann, auf den die Mutter ſo ge n ſtolz ſein wollte, und den der Vater ſo ſehr verehrte, allein in ſeiner Stube ſaß und die bitterſten Thränen vergoß, die ein guter Menſch weinen kann? Und woher kam es, daß er endlich mit rothgeweinten Augen am ſpäten Abend ſich zuſammen⸗ faßte und eifrig den Kopf in ſeine Bücher ſenkte, während ſeine ſchöne Schweſter in der andern Ecke der Wohnung noch immer mit ihren runden Fingern über die Taſten fuhr und das ſchwere Stück einübte, welches beſtimmt war, bei der nächſten Soirée zu wirken? Nit dieſem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältniß, welches für Beide Werth erhielt. Bei der Un⸗ terhaltung über das Schöne, welches die Kraft eines fremden Volkes geſchaffen hatte, genoſſen ſte die Freude, auch das Gute lieb zu gewinnen, das Jeder in dem Andern fand. Bernhards Sprachkenntniſſe waren größer, und ſein Gefühl für das Reizende in fremder Poeſie bis zum Uebermaß Wenn Bernhard für Byron kämpfte, ſo vertrat Anton fein, in Antons Seele war Alles geordnet und ſicher. die ruhige Klarheit Walter Seotts, und Beide waren — 343— glücklich, als ihre Begeiſterung ſich vor dem größten dra⸗ 3 matiſchen Dichter vereinigte. Anton ſchilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgiltigen Fink. Er freute ſich darauf, Beide mit einander bekannt zu machen, und als er einſt Bernhard zu ſich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen. „Wenn dir's Spaß macht, Tony,“ ſagte Fink achſel⸗ zuckend,„ſo will ich kommen. Ich ſage dir aber im Voraus, daß ich unter allen Creaturen Büchereulen am wenigſten leiden kann. Es giebt kein Volk, welches ſelbſtgefälliger über alles Mögliche aburtheilt, und keines, das ſich thörichter benimmt, wenn es ſelbſt etwas thun ſoll. Und vollends ein Sohn des würdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht Äbel= wenn ich Euch bald entlaufe.“ Bernhard ſaß erwartungsvoll auf dem Sopha Antons und ſah mit Befangenheit der Ankunft des berühmten Man⸗ nes entgegen, über welchen manche Sage ſogar in ſeine ſtille Studirſtube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beant⸗ wortete, ſich einen Stuhl zum Tiſch zog und den ſchwachen Thee, den Bernhard ſo erbeten hatte, durch allerlei Zuthaten trinkbar zu machen ſuchte, da empfand Anton mit Betrübniß, daß dieſe Beiden ſchwerlich zu einander paſſen würden. Kein größerer Gegenſatz war möglich, als ihr Weſen. Die magere durchſichtige Hand Bernhards und der kräftige Fleiſchton in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des Einen, die elaſtiſche Kraft des Andern, dort ein faltiges Geſicht mit träumeriſchen Augen, hier ſtolze Züge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das paßte nimmermehr — 344— zuſammen. Doch ging es beſſer, als Anton gedacht hatte. Bernhard hörte mit Achtung an, was der Jokei erzählte, und da Anton eifrig bemüht war, das Geſpräch auf ein Ge⸗ biet zu bringen, wo auch Bernhard Theil nehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluß. „Fink hat auch Indianer geſehen,“ ſagte Anton zu Bernhard. „Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?“ frug der Gelehrte. „ch habe ſie einige Mal gehört. Möglich, daß klü⸗ gere Leute etwas Erbauliches in ihrem Geſange finden, mir iſt er nie anders vorgekommen, als kläglich. Schla⸗ en Sie auf ein altes Buch und ſingen Sie dazu durch die Naſe mit allerlei Nebentönen:„Tum, tum, te— ticke, ticke te,— Och, och, tum, tum te,“ ſo haben Sie ihren Geſang, der auf Deutſch ungefähr bedeuten würde:„Guter Geiſt, gieb Büffel, Büffel, Büffel. Dicke Büffel gieb uns, guter Geiſt.“— Seine Zuhörer lachten—„Und wozu ſollen dieſe Geſchöpfe kunſtvolle Lieder machen? Entweder ſind ſie auf der Jagd, oder ſie ſuchen Scalpe, oder ſie eſſen und ſchlafen, oder ſie halten Parlamentsreden, wozu ſie aller⸗ dings große Neigung haben.“ 3 Aber die Frauen?“ frug Bernhard lächelnd. „Wie es bei den mit der Poeſie ſteht, weiß ich nicht, mir rochen ſie immer zu ſehr nach Fett. Iruh wenn man 3 nichts Anderes hat, gewöhnt man ſich auch daran. Doch iſt mit den Männern noch beſſer zu verkehren. So ein nackter „ Die erſte Begegnung muß doch ſehr imponiren, ihre Burſch auf ſeinem halb wilden Pferde iſt kein übler Anblick.“ — 345— auffallende Tracht und ihr ſtolzes Weſen,“ warf Bern⸗ hard ein. „Das kann ich nicht ſagen,“ verſetzte Fink.„Vor Jah⸗ ren machte ich mit meinem Onkel eine Reiſe nach der Agen⸗ tur einer Pelzwaaren⸗Compagnie, bei der er betheiligt war. Als wir aus dem Dampfer ans Ufer ſtiegen, fanden wir am Landungsplatz eine Geſellſchaft der röthlichen Herren, welche ſtark betrunken war. Ein langer Schlingel ſchritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dol⸗ metſch erklärte, die Verſicherung enthielt, daß ſie ſämmtlich große Krieger wären, und nach jedem Satz bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache ſo viel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüße.“ 5„Es waren Sioux,“ verbeſſerte Bernhard beſcheiden. Fink legte den Theelöffel hin und ſah Bernhard groß an. „Ich calculire, Herr, es waren Schwarzfüße.“ „Es waren doch wol Siour,“ wiederholte Bernhard. „Bei den Schwarzfüßen lautet das Ja anders.“ 4 „Wetter,“ rief Fink,„wenn Sie mit den rothen Teu⸗ feln ſo bekannt ſind, wozu laſſen Sie mich hier meine Jagd⸗ geſchichten erzählen?“ „Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache be⸗ kümmert,“ erwiederte Bernhard,„es iſt ein Zufall, daß ich vor Kurzem einige Wörterverzeichniſſe verſchiedener Stämme durchgeſehen habe.“ „Und wozu haben Sie ſich die unnütze Mühe gemacht⸗ 5 Es wird dort drüben ſchnell aufgeräumt; bevor Sie eine 3 Sprache erlernen, iſt der Stamm ausgerottor, der ſie ſprach. 74 3 — 346— Jetzt wurde Bernhard beredt. Er ſagte, daß die Kennt⸗ niß der Sprachen für die Wiſſenſchaft die beſte Hilfe ſei, um das Höchſte zu verſtehen, was der Menſch überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker. Die vom Geſchäft hörten aufmerkſam zu. Als Bernhard ſich entfernt hatte, rief Fink noch immer verwundert:„Er geht mit unſerm alten Herrgott um, wie mit einem Dutz⸗ bruder, und konnte vorhin rechts und links nicht unter⸗ ſcheiden.“ Die Folge dieſes Abends war, daß Bernhard einige Tage ſpäter ſogar auf den Polſterſtuhl Finks zu ſitzen kam und daß er ſelbſt den Muth faßte, mit Anton auch Fink zu ſich einzuladen.„Es iſt keine Geſellſchaft,“ fügte er hinzu,„ich möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer ſehen.“ Fink ſagte zu. Darüber entſtand in der Familie Ehrenthal große Auf⸗ regung. Bernhard ſtäubte ſelbſt ſeine Bücher ab und ſtellte die verkehrten zurecht, und es geſchah das Unerhörte, daß er ſich um die Wirthſchaft kümmerte.„Es muß Thee ſein, Abendeſſen, Wein, auch Cigarren.“ „Du ſollſt um nichts ſorgen,“ beruhigte ihn die Mutter; „wenn der Herr von Fink dein Gaſt iſt, ſo ſoll er ſehen, wie es in unſerm Hauſe zugeht.“ 1 „Die Cigarren werde ich dir kaufen,“ rief der Vater, „wie ſie rauchen die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch beſorgen den Wein. Laß Faſanen holen, Sidonie.“ „Wir wollen einen Lohndiener annehmen,“ ſagte die Nutter. „ — 347— „So will ich's nicht,“ widerſprach Bernhard ängſtlich, „die Herren kommen zu mir als gute Freunde, und ſo ſollen ſie aufgenommen werden in meiner Stube und ohne fremden Diener.“ Und als die Stunde des Beſuchs herankam, wie wurde da Bernhard fiind ja er wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung.„Wo iſt der Theekeſſel? Noch ſteht kein Keſſel in meiner Stube,“ rief er der Mutter zu. „Ich werde dir den Thee eingießen und hineinſchicken, wie ſich's bei Herrengeſellſchaft paßt,“ ſagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf⸗ und abrauſchte. „Nein,“ entgegnete Bernhard eigenſinnig,„ich ſelbſt will den Thee machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.“ „Der Bernhard will ſelbſt den Thee machen!“ rief die Mutter verwundert Roſalien zu.„Ein Wunder, er will ſelbſt den Thee machen!“ rief Ehrenthal in ſeiner Schlaf⸗ ſtube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte.„Er will Thee machen!“ rief die Köchin in der Küche und ſchlug die Hände zuſammen.— Und wieder kam Bernhard in die Wohnſtube gerannt, eine geſchliffene Flaſche in der Hand.„Was iſt das hier?“ frug er im Eifer. 4 „Arak,“ ſagte die Mutter. „Es muß Rum ſein. Fink trinkt keinen Arak im Thce. 6 „Ich werde ſelbſt gehen, Rum holen,“ rief Ehrenthal, ergriff ſeinen Hut und lief mit der Flaſche zum Machbar Goldſtein, dem Weinhändler. Auf dem Wege ſagte Anton zu Fink:„Es 8 bsſo — 348— von dir, Fritz, daß du mitkommſt. Den große Freude darüber haben.“ „Der Menſch muß Opfer bringen,“ er diederte Fink. „Ich habe mir die Freiheit genommen, im Voraus zu Abend zu eſſen, denn ich habe einen Abſcheu vor Gänſe Aber das ſchönſte Mädchen der Stadt iſt ſchon e werth. Ich habe ſie neulich wieder im Concert eſehen prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelſtein unter ſeinen Händen ge⸗ habt, der ſo funkelt.“ „Wir ſind zu Bernhard eingeladen,“ verſetzte Anton mit leiſem Vorwurf. „Jedenfalls wird doch die Schweſter zu ſehen ſein,“ ſagte Fink,„wo nicht, ſo zwingen wir ihn, ſte vorzu⸗ führen.“ 8 „Ich hoffe, ſte wird unſichtbar ſein,“ ſeufzte Anton. Die Thür öffnete ſich, das Entrée war durch zwei pracht⸗ volle Lampen erleuchtet, Bernhards Stube war feſtlich ge⸗ ſchmückt. Eine große Blumenvaſe ſtand auf dem Tiſch, da⸗ neben buntes Poreellan, vergoldete Löffel auf ſeidener Tiſch⸗ decke, und ein großes Bund Imperiales von rieſigem Format, wahre Stangen, die man ohne Stütze zwiſchen den Lippen nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet, es war Alles ſehr anſtändig. Und wie lie⸗ benswürdig war Bernhard als Wirth. Er machte den Thee. Er bat in rührender Hilfloſigkeit Fink um Rath, wie viel Thee er einſchütten ſolle, er drehte den Hahn ſo künſtlich herum, daß lange Zeit gar nichts aus der Oeffnung floß, und dann wieder die Fluth nicht zu bändigen war. Erröthend — 349— ſcherzte er über ſeine eigene Ungeſchicklichkeit, und ſeine 2 gen leuchteten vor Freude, als Fink entſchied, der Thee ſe vortrefflich. Eifrig bot er die Cigarren, andächtig hörte er die Belehrung, die ihm Fink über das ſchickliche Maß hielt, in welchem dieſe Erfindung menſchlichen Scharfſinnes ge⸗ formt werden müſſe. Und ganz glücklich wurde er, da An⸗ ton endlich bat, dem Freund ſeine Bücherſchätze zu zeigen, und da Fink über das Ausſehen der fremden Buchſtaben humoriſtiſche Gloſſen machte. Als gute Leute ſaßen die Drei zuſammen und plauderten eine Stunde in beſter Eintracht. Fink war in der menſchenfreundlichſten Stimmung, und An⸗ ton bat die Götter im Stillen, die ſchöne Schweſter nur heut von ihrem Tiſch fern zu halten. 5 Doch Punkt neun Uhr öffnete ſich die Thür des Nebere zimmers, und Frau Sidonie nberſchritt majeſtätiſch die Schwelle.„Bathſeba tritt ein zu König David,“ ſagte Fink leiſe zu Anton; erzürnt drückte ihm Anton den Fuß. Bernhard ſtellte verlegen vor, die Frau vom Hauſe lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Roſalie präſentirten ſich. Fink trat zu dem ſchönen Mädchen, nannte ſie gnädiges Fräulein und erzählte ihr, daß er eine alte Bekanntſchaft erneuere, da er ſie bereits in der Academie geſehen habe. Er ſetzte ſich zwiſchen Mutter und Tochter zu Tiſch, er ſagte ihnen im gleichgiltigſten Ton ſo viele Artigkeiten, daß Beide bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Reſidenz, gegen welche dieſe Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelſteinen ſei, er ließ ſich mit Roſalien in eine lebhafte 1 Unterhaltung über Muſik ein, für die er ſonſt weni Wdhatte, er verſpräch ihr beim äͤchſte Weitrenne nen — 350— Platz auf der Tribüne, er erzählte kleine Geſchichten aus der beſten Geſellſchaft, in denen er mit Humor die Schwächen derſelben karrikirte. Er entzückte dadurch die Frauen, die mit Eiferſucht auf die Kreiſe hinſahen, die ſich gegen Leute von Bildung ſo ſehr abſe oſſen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf dieſe erichte lauſchte, wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürſtin die Rede, welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgend einmal vorgeſtellt worden und fand, daß ſie dem Fräulein vor ihm zum Verwechſeln ähnlich ſah, etwas kleiner war die Fürſtin, die Geſtalt weniger edel; er bewunderte dreiſt eine Moſaikbroche an der Bruſt von Frau Sidonie und verglich ſie mit einem koſtbaren Kunſtwerk in einem Mu⸗ ſeum. Nur Vater Ehrenthal war für ihn nicht vorhanden. Nach den erſten Begrüßungen mit Anton machte der Händler einige vergebliche Verſuche, mit Fink eine Unterhal⸗ tung anzuknuͤpfen. Aber Fink ſprach über ihn weg, als ob ein Stück Luft auf dem Stuhl des Hausherrn ſitze. Und doch war er nicht unartig, Jedem war, als müßte es ſo ſein. Ehrenthal ſelbſt fand ſich mit Demuth in die beſcheidene Rolle, zu der er verurtheilt war, und rächte ſich dadurch, daß er einen ganzen Faſan verzehrte. Als Fink merkte, daß es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter Theilnahme an der Unterhaltung heran⸗ zuziehen, fing er an, in ſeiner Weiſe mit Worten zu phan⸗ taſtren. Die NMutter klagte gegen ihn über Bernhards Stu⸗ f benſitzen. „Er iſt ein Ariſtokrat,“ antwortete Fink gutmdeg g. — 351— „Der zehnte Menſch iſt ihm nicht recht. Die Herren Ge⸗ lehrten haben alle dieſe Eigenthümlichkeit. Wenn ich mei⸗ nem Schöpfer für etwas dankbar bin, ſo iſt es dafür, daß er mich zu einem einfachen beſcheidenen Mann gemacht hat, deſſen Kopf nicht ſtark genug iſt, große Weisheit zu vertragen. Uns gewöhnlichen Menſchen wird es am leichteſten, mit dieſer Welt fertig zu werden, wir ſind genöthigt, uns in Andere zu ſchicken. Wer aber berechtigt iſt, große Anſprüche zu machen wegen ſeines Wiſſens oder wegen ſeiner Schönheit“ — hier neigte er ſich mit überzeugender Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hauſe—„der findet leicht die Welt nicht ſo, wie er ſie fordert, während ich und meines Gleichen die Ueberzeugung haben, daß ſie ganz vortrefflich einge⸗ richtet iſt.“.n ⸗ „Es iſt doch viel Gemeines auf der Erde,“ ſagte Ma⸗ dame Ehrenthal. „Daß ich nicht wüßte,“ rief Fink lachend.„Ich gebe Ihnen zu, daß einige Inſecten einen gemeinen Character haben, und daß es gemein iſt, ſich in Branntwein zu betrinken. Im Uebrigen kommt Vieles auf Anſichten an. Sehen Sie dieſe Auſter. Ich wette, es giebt zahlreiche Fiſche und Erdbe⸗ wohner, welche dies holde Geſchöpf für etwas Gemeines halten, mir erſcheint ſie als eine der vornehmſten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auſter hat Alles: ſie iſt ruhig, ſie iſt ſtill, ſie ſitzt feſt auf ihrem Grund und Boden. Sie ſchließt ſich ab gegen die Außenwelt, wie kein anderes Geſchöpf. Wenn ſie ihre Schalen zuklappt, ſo deutet ſie auf das Entſchiedenſte an: Ich bin für Niemand zu Hauſe; wenn ſie ihr perlmutternes — 352— Haus öffnet, ſo zeigt ſie den bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Weſen. Wenn der Menſch das Recht hat, etwas Geſchaffenes zu beneiden, ſo iſt es die Auſter. Sie werden ſagen, daß das Seewaſſer kein anſprechendes Ele⸗ ment iſt. Aber da muß ich widerſprechen. Wer auf die ſchlechte Gewohnheit verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu ſchnappen, wie wir leider thun müſſen, für den muß es dort unten auf dem Meeresgrund ſehr gemüthlich ſein.“ Er wandte ſich zu Roſalie:„Nur die muſtkaliſche Bildung der Auſter iſt, wie ich fürchte, ungenügend. Außer dem Heulen des Sturmwinds und dem Geraſſel des Dampfſchiffs dringen nicht viele Töne in ihre Behauſung.“ „Treiben Sie Muſik?“ frug Roſalie. „Kaum darf ich das zugeben,“ erwiederte Fink verbind⸗ lich.„Ich klimpere ein wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu ſingen verſuche, meide ich Menſchenwohnungen. Aber ich ſtehe zur Muſik in dem Verhältniß eines unglück⸗ lichen Liebhabers. Ich habe ein Inſtrument, das ich ſchwär⸗ meriſch verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich im Stande wäre, daſſelbe mit Meiſterſchaft zu ſpielen.“ „Die Violine?“ frug Roſalie. „Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heißt ſpielen auf den andern Inſtrumenten? Es iſt ein ewiges unruhiges Umherraſen von der Höhe zur Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemüthliche Anſtrengung in allen möglichen Schnel⸗ ligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolo's und wie die Quäle⸗ reien alle heißen. Nur ſelten erſcheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein ſolider Ton, welcher aushallt und nicht von der nächſten Note ſeinen Fußtritt bekommt. Nehmen — 353— Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erſt der Glückliche, dem ein ſolches Inſtrument anvertraut wird! Man ſagt den übrigen Virtuoſen nach, daß ſie reizbar und empfindlich ſind, der Pauker wird ein Held, ein großer Charakter, er be⸗ kommt eine Weltanſchauung, wie ſie nur auf dem erhabenſten Standpunkt möglich iſt. Er pauſirt dreißig, funfzig Tacte, unterdeß rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne durch⸗ einander, wie die Mäuſe, wenn die Katze nicht zu Hauſe iſt. Er allein ſteht in einſamer Größe, ſcheinbar mit nichts be⸗ ſchäftigt, er nimmt vielleicht eine Priſe oder ſucht ſich lächelnd die ſchönſten Damen im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges Notengeſindel, 28, ich werde euch ſogleich eins auf den Kopf geben, 29, dieſe Geige wird naſeweis, 30, bum! er ſchlägt auf, und die andern Inſtru⸗ mente fahren aufgeregt zuſammen, ſie fühlen die Sprache ihres Herrn und Meiſters, und alle Zuhörer athmen tief auf, das große Wort iſt geſprochen.“— Roſalie lachte. „Ich laſſe mir nächſtens ein Paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben, ein Duet für Pauke und Forte⸗ piano zu ſchreiben und Ihnen, mein Fräulein, zu widmen, am liebſten ein gefühlvolles Notturno.— Beim Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft.“ „Es iſt ein Ungarwein, alter Menes,“ rief Vater Ehrenthal über den Tiſch,„er hat funfzig Jahre gelegen im Keller.“ „Kennen Sie die Sorte, Herr Vernhmnde⸗ frus Fink, die Worte des Vaters üherhürend⸗ 8 23 — 354— „Ich verſtehe wenig vom Wein,“ ſagte Bernhard. „Schade,“ erwiederte Fink.„Wer ein Gönner der Poeten iſt, wie Sie, der ſollte auch etwas auf ſeinen Wein⸗ keller halten. Aber da wir von Muſik ſprechen, müſſen Sie uns wenigſtens ſagen, wie Ihre perſiſchen Freunde, die Her⸗ ren Juſſuf und Sadi, ihre Lieder den ſchwarzäugigen Schönen vorſingen. Bitte, recitiren Sie uns ein Gedicht auf perſiſche Weiſe?“ Bernhard ſetzte ernſthaft auseinander, daß die Muſik des Orients für unſer Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu thun, um die angelegentlichen Bitten Finks abzu⸗ wehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalſprache und Melodie von ihm hören wollte. So zog er die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mußte Roſalie ſich an den Flügel ſetzen, dann fuhr auch. er mit den Fingern über die Taſten und ſang ein wildes Lied in ſpaniſcher Sprache. Als die Gäſte ſich entfernten, war die Familie entzückt. Roſalie eilte wieder an den Flügel und ſuchte die Melodie des fremden Gaſſenhauers zu wiederholen, die Mutter war unerſchöpflich im Ruhme des vornehmen We⸗ ſens; auch der von den Stühlen der Menſchheit geſtrichene Vater war über den Beſuch des reichen Erben begeiſtert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, daß er über eine Million ſchwer ſei. Selbſt Bernhards unſchuldige Seele war durch die Art des gewandten Mannes mächtig gefeſſelt. Wohl hatte er bei den Reden Finks zuweilen ein leichtes Mißbehagen gefühlt, es war ihm vorgekommen, als mache der Fremde ſich über ihn und die Seinen luſtig, aber er war 3 zu unerfahren, um das vollſtändig zu überſehen, und beruhi⸗ 5 ſich damit, daß ſolche Gleichgiltigkeit zum Weſen der Welt⸗ leute gehöre. Nur Anton war unzufrieden mit dem Preunben und ſagte ihm das auf dem Heimwege. „Du haſt geſeſſen wie ein Stock,“ erwiederte Fink,„ich habe die Leute unterhalten, was willſt du mehr? Laß dich in eine Maus verwandeln und kriech in die Löcher der auf⸗ geputzten Stube, und du wirſt hören, wie ſie jetzt mein Lob ſingen. Kein Menſch kann mehr verlangen, als daß man ihn ſo behandelt, wie ihm ſelbſt behaglich iſt.“ „Ich meine,“ ſagte Anton,„man ſoll ihn ſo behandeln, wie es der eigenen Bildung würdig iſt. Du haſt dich be⸗ nommen, wie ein leichtſinniger Edelmann, der morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.“ „Ich will leichtſinnig ſein,“ rief Fink luſtig,„vielleicht will ich auch eine Anleihe bei dem Hauſe Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit deinen Bußpredigten, es iſt ein Uhr vorüber.“ Einige Tage ſpäter erinnerte ſich Anton nach dem Schluß des Comtoirs, daß er dem jungen Gelehrten die Ueberſen⸗ dung eines Buches verſprochen hatte. Da Fink ſchon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft that, den Paletot Antons mitgeführt hatte, ſo wickelte dieſer ſich in Finks Bur⸗ nus, der auf ſeiner Stube lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er trat an die weiße Thür und war nicht wenig verwundert, als die Thür geräuſchlos aufging und eine verhüllte Geſtalt herausſchlüpfte. Ein weicher Arm legte ſich in den ſeinen und eine leiſe Stimme ſprach:„Kommen Sie ſchnell, ich erwarte Sie ſchon nlange. 4 Anton erkannte Roſaliens Stimme. 23*† ſchloſſen, noch irgend etwas Anderes war als täppiſch. Warum Er ſtand ſtarr wie eine Bildſäule und erwiederte endlich mit dem Erſtaunen, das in ſolcher Lage verzeihlich iſt:„Sie ver⸗ kennen mich, mein Fräulein.“ Mit einem unterdrückten Schrei huſchte die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat kaum weniger erſchrocken in Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den Mantel nicht abgenommen, und er⸗ lebte jetzt das Leid, daß der kurzſichtige Bernhard auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein ſchrecklicher Verdacht ſtieg in ihm auf, er ſchützte gegen Bernhard große Eile vor und trug den unglücklichen Mantel ſchnell nach Hauſe über einem Herzen voll Schmerz und Aerger. Wenn es Fink war, der von der ſchönen Tochter Ehrenthals zu ſo vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je länger Anton auf den Abweſenden wartete, deſto höher ſtieg ſein Unwille. Endlich hörte er Finks Tritt auf den Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel zu ihm hinab. Er erzählte kurz, was ihm begegnet war, und ſchloß mit den Worten:„Sieh, ich hatte deinen Mantel um, und es war dunkel, ich habe den häßlichen Verdacht, daß ſie mich für dich gehalten hat, und daß du das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weiſe gemißbraucht haſt.“ „Ei, ei,“ ſagte Fink kopfſchüttelnd,„da ſieht man, wie ſchnell der Tugendhafte bereit iſt, ſeine Steine auf Andere zu werfen. Du biſt ein Kindskopf. Es giebt mehr weiße Maäntel in der Stadt, wie kannſt du beweiſen, daß es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann erlaube mir die Bemerkung, daß du ſelbſt dich bei dieſem Abenteuer in einer Weiſe benommen haſt, die weder artig, noch ent⸗ 2 — 357— haſt du nicht das Fräulein die Treppe herunter geführt? Und wenn die Verwechſelung unten nicht mehr zu verbergen war, konnteſt du nicht ſagen: Zwar bin ich nicht der, für den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in Ihrem Dienſt zu ſterben, und ſo weiter.“ „Du täuſcheſt mich nicht,“ erwiederte Anton.„Ich traue nicht, daß du mir die Wahrheit ſagſt. Wenn ich mir Alles recht überlege, ſo kann ich, trotz deinem Leugnen, den Verdacht nicht los werden, daß du doch der Erwartete warſt.“ „Du biſt ein kleiner Schlaukopf,“ ſagte Fink gemüth⸗ lich,„du wirſt mir aber ebenfalls zugeſtehen, daß ich, da eine Dame im Spiel iſt, nichts Anderes thun kann, als leugnen. Denn ſiehſt du, mein Sohn, wenn ich dir Geſtändniſſe machte, ſo würde ich ja die ſchöne Tochter des ehrenwerthen Hauſes compromittiren.“ „Leider fürchte ich,“ rief Anton,„daß ſie ſich ohnedies compromittirt fühlt.“ „Na,“ ſagte Fink ruhig,„ſie wird's ertragen.“ „Aber Fritz,“ rief Anton die Hände ringend,„haſt du denn gar keine Empfindung für das Unrecht, das du an Bernhard begehſt? Du verleiteſt die Schweſter eines gebil⸗ deten und feinfühlenden Menſchen zu Thorheiten, die für ſie verhängnißvoll werden müſſen. Gerade daß ſein reines Herz in einer Umgebung ſchläͤgt, die er nur ertragen kann, weil er ſo voll Vertrauen iſt und ſo wenig erfahren, gerade das macht dein Unrecht für mich ſo bitter.“ „Deßhalb wirſt du am klügſten thun, wenn du das große Iartgefühl deines Freundes ſchonſt und ſeiner Schweit Verſchwiegenheit gönnſt.“ — 358— „Nein,“ erwiederte Anton zornig,„meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich zu etwas Anderem. Ich muß von dir fordern, daß du dein Verhältniß zu Roſalie, von welcher Art es auch ſei, auf der Stelle abbrichſt und dich bemühſt, in ihr nur das zu ſehen, was ſie dir immer hätte ſein ſollen, die Schweſter meines Freundes.“ „So?“ entgegnete Fink ſpöttiſch,„ich habe nichts da⸗ wider, daß du dieſe Forderung ſtellſt. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer vorausgeſetzt, was ich überhaupt leugne, daß ich der glückliche Erwartete war.“ „Wenn du nicht darauf eingehſt,“ rief Anton in großer Bewegung,„ſo kann ich dir dieſen Streich niemals verzeihen. Das iſt nicht mehr Mangel an Zartgefühl, es iſt etwas Schlimmeres.“ „Und was, wenn's beliebt?“ frug Fink kalt. „Es iſt ſchlecht,“ rief Anton.„Es war ſchon ſchlimm genug, daß du die Koketterie des Mädchens benutzteſt, aber es iſt doppelt ſchlecht, daß du auch jetzt nicht daran denken willſt, wie du ſie kennen gelernt haſt, nicht an ihren Bruder und nicht an mich, der ich dieſe unglückliche Bekanntſchaft vermittelt habe.“ „Und du laß dir ſagen,“ erwiederte Fint, die Lampe ſeiner Theemaſchine anzündend,„daß ich dir durchaus nicht das Recht einräume, mir ſolche Vorträge zu halten. Ich habe keine Luſt, mit dir zu zanken, aber ich wünſche über die⸗ ſen Gegenſtand kein Wort weiter von dir zu hören.“ „Dann muß ich dich verlaſſen,“ ſagte Anton,„denn es iſt mir unmöglich, mit dir über Anderes zu ſprechen, ſo lange ich die Empfindung habe, daß du frevelhaft handelſt.”“ — 359— Er ging zur Thür.„Ich laſſe dir die Wahl, entweder du brichſt mit Roſalie, oder, ſo furchtbar mir iſt, das auszu⸗ ſprechen, du brichſt mit mir. Wenn du mir bis morgen Abend nicht die Verſicherung giebſt, daß deine Intrigue zu Ende iſt, ſo gehe ich zu Roſaliens Mutter.“ „Gute Nacht, du dummer Tony,“ ſagte Fink. Anton verließ den leichtſinnigen Freund. Es war der erſte ernſthafte Streit zwiſchen ihm und Fink. Er war ſehr unglücklich über Finks Leichtſinn und ſchritt bis tief in die Nacht in ſeinem Zimmer troſtlos auf und ab. Dem harm⸗ loſen Bernhard etwas zu ſagen, erſchien ihm bei der Per⸗ ſönlichkeit des Gelehrten bedenklich, er fürchtete, ihn im tief⸗ ſten Herzen zu verwunden, und traute ihm wenig Einfluß auf die Schweſter zu. Auch Fink war ärgerlich über den Zufall. Er trank ſeinen Grog diesmal allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als an den Schreck der ſchönen Roſalie. Der nächſte Tag war grau für Beide. Sonſt, wenn Fink ins Comtoir trat, nickte er dem Freunde, der ihm ſeit einiger Zeit gegenüber ſaß, freundlich zu, und Anton kam dann ſchnell an den Stuhl des Andern und frug leiſe, wie Fink den letzten Abend verlebt hatte. Heut ſaß Anton ſtumm auf ſeinem Platz und beugte ſich tief auf den Brief hinab, als Fink ſich ihm gegenüber ſetzte. Jeder mußte, wenn er aufſah, in das Geſicht des Andern blicken, heut hatten Beide die Aufgabe, zu thun, als ob ihnen gegenüber ein leerer Raum ſei. Es war Fink leicht geweſen, den Vater Ehren⸗ thal als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das läſtig, und Anton, der keine ſolche Gewandtheit im Ueber⸗ — 360— ſehen fremder Körper hatte, fühlte ſich höchſt unglücklich, wenn er nach rechts und links ausſchauen mußte, bei dem Kopf des Andern vorbei, über ihn weg, immer gleichgiltig, wie der Kriegsbrauch zwiſchen Schmollenden nöthig macht. In der Mitte des Vormittags kam das Frühſtück in das Comtoir, dann wurde eine kurze Pauſe gemacht, die Herren ſtanden von ihren Plätzen auf und traten zuſammen. Heut blieb Anton ſitzen, weil ſein Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berührung mit Fink ſicherte. Alles ver⸗ ſchwor ſich, Beiden ihre Rolle ſchwer zu machen. Schmeie Tinkeles erſchien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine lächerliche Verhandlung. Alle Herren ſahen auf Fink und ſprachen mit ihm; ſonſt hatte Anton dem Freunde fröhliche Zeichen des Einverſtändniſſes gemacht, jetzt ſtarrte er vor ſich hin, als ob Tinkeles hundert Meilen entfernt wäre. Herr Schröter gab Anton einen Auftrag, bei dem er Fink um Aus⸗ kunft fragen mußte. Anton war genöthigt, ſich vorher ſtark zu räuspern, damit ſeine Stimme nicht gepreßt klang, und als Fink eine kurze Antwort gab, kränkte ihn das, und ſein Zorn gegen den Verſtockten loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum Mittageſſen waren die Beiden immer zuſammen gegangen, Fink hatte regelmäßig gewartet, bis Anton ihn ab⸗ holte. Heut kam Anton nicht. Fink ging mit Herrn Jordan ins Vorderhaus, ſo daß Jordan verwundert frug:„Wo bleibt denn Wohlfart?“ und Fink mußte ſagen:„Wo er will.“ Mal heimlich von ſeinem Briefe aufzuſehen und den Kopf t3 Am Nachmittag konnte ſich Anton nicht enthalten, einige und das ſtolze Angeſicht des Andern zu betrachten. Dabei Anton in ſeiner Spießbürgerlichkeit zu Roſaliens Mutter — 361— mußte er denken, wie fürchterlich es für ihn ſei, von jetzt ab dem Manne fremd zu werden, an dem er ſo ſehr hing. Aber er blieb feſt. Auch jetzt, wo der erſte Zorn verraucht war, fühlte er, daß er nicht anders handeln konnte. Dieſe Ueber⸗ zeugung rührte ihm das Herz. Und in ſolcher Stimmung vermied er nicht mehr auf den Platz des verlornen Freundes zu ſchauen. Als Fink aufblickte, ſah er das Auge Antons voll Trauer auf ſeinem Geſicht ruhen. Der ſchmerzliche Ausdruck beunruhigte den Rückſichtsloſen mehr, als der frü⸗ here Zorn. Er erkannte daraus, daß Anton feſt war, und die Waagſchale, worin Roſalie ſaß, fuhr in die Höhe. Wenn ging, ſo wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn der Mutter kümmerte er ſich wenig, Roſalie mochte ſehen, wie ſte mit ihr fertig wurde, aber der Gedanke an den harmloſen Bernhard war ihm unbehaglich. Und was das Schlimmſte war, ſein eigenes Verhältniß zu Anton war für immer zerſtört, ſobald dieſer erſt mit einer dritten Perſon über die Liaiſon geſprochen hatte. Dieſe Erwägung zog ihm die Stirn in Falten. Kurz vor ſieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Pa⸗ pier. Anton ſah auf, Fink hielt ihm ſchweigend einen klei⸗ nen Brief über das Pult, die Aufſchrift war an Rſolie 1 Anton ſprang von ſeinem Sitz auf.. „Ich habe an ſie geſchrieben,“ ſprach der Andere mit eiſiger Kälte;„da deine Freundſchaft mir nur die Wahl läßt, entweder das Mädchen zu compromittiren oder meine Stu⸗ dien über eine intereſſante Völkerſeele aufugeben, ſo muß ich mich zu dem Letzteren verſtehen. Hier iſt der Brief. d1 — 362.— habe nichts dagegen, daß du ihn lieſt. Es iſt ihr Lauf⸗ paß.“ Anton nahm den Brief aus der Hand des Sünders, ſtegelte ihn in der Eile mit dem kleinen Comtoirſtempel und übergab ihn einem Hausknecht zur ſchleunigen Abgabe auf der Stadtpoſt. So war die Gefahr beſeitigt, aber es blieb ſeit dieſem Tage eine Spannung zwiſchen den beiden Verbündeten. Fink grollte, und Anton konnte nicht vergeſſen, was er Verrath an ſeinem Freund Bernhard nannte. Und Fink trank durch einige Wochen ſeinen Thee nicht in Antons Geſellſchaft. ſem Feſt zum erſten Mal trug. 7. Das Haus von T. O. Schröter hatte einen Tag im Jahre, an dem es ſich unabänderlich dem Vergnügen ergab. Dies geſchah zur Erinnerung an die Stunde, in welcher Herr Schröter als Theilhaber in das Geſchäft ſeines Vaters ein⸗ getreten war. Wenn dieſer Tag durch die Tücke der Kalen⸗ dermacher unter die Wochentage geſetzt wurde(und es war ſechs gegen eins zu wetten, daß ſie dem Geſchäft den Poſſen ſpielten), ſo wurde das Feſt am nächſten Sonntag gefeiert. Es war keine Feſtfeier, welche übermäßig aufregte, ſte hatte einen ruhigen regelmäßigen Verlauf und einen leiſen Anflug von Ge⸗ ſchäftlichkeit. Zuerſt war großes Diner des Comtoirs beim Prin⸗ zipal, dann fuhr die Geſellſchaft nach einem nahe gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus beſaß, und eine Anzahl öffentlicher Gärten und Sommerconcerte die Stadtbewohner anzogen. Dort wurde Kaffe getrunken, Natur genoſſen, und am Abend zur Bürgerſtunde nach der Stadt zurückgefahren. In dieſem Jahr feierte der Kaufmann das fünfundzwan⸗ zigjährige Jubiläum ſeines Eintritts. Schon am Morgen gratulirten Deputationen der Auflader und Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Collegen im höchſten Staat verſammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle Prachtſtücke ſeiner Garderobe, ſeit vielen Jahrin an die⸗ „ — 364— Nach dem NMittageſſen ſuhren einige Wagen vor das Haus, die Geſellſchaft ins Freie zu ſchaffen. Herr Schröter ſtieg mit Sabine in den erſten Wagen, und da die Tante als Kran⸗ kenpflegerin einer Verwandten abweſend war, ſah ſich der Prinzipal unter den Herren um, welche maſſenhaft um den „Wagen ſtanden und das Einſteigen Sabinens durch heftige Dienſtbefliſſenheit wenigſtens moraliſch unterſtützten. Fink ſaß bereits auf ſeinem Reitpferd, und ſo rief der Prinzipal Herrn Liebold und Herrn Jordan auf den Rückſitz des Staats⸗ wagens. Beide Herren verneigten ſich, Herr Liebold nahm mit feierlichem Lächeln gegenüber dem Fräulein Platz. Ach, aber ſeine Freude war nicht ohne den Bodenſatz heimlicher Angſt. Es war allen Collegen wohl bekannt und ihm am beſten, daß er das Rückwärtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach Ehrenplätzen geſtrebt, ſein ganzes Leben durch war er auf der Rückſeite von Fortuna's Caroſſe fortgeſchafft worden, aber in einem gewöhnlichen Wagen em⸗ pörte ſich augenblicklich ſein ganzes Innere, wenn er nicht vornehm im Fond ſaß. Auch heut ſah er das Unglück kom⸗ men, gerade heut, wo er der angebeteten Herrin des Hauſes gegenüber ſaß. Wie gern hätte er ſeinen Platz geopfert, aber das war unmöglich, die Ehre war zu groß, und ſeine Wei⸗ gerung wäre ihm falſch ausgelegt worden. So ſaß er als Märtyrer, auf das Aergſte gefaßt, dem Fräulein gegenüber, er verſuchte vergebens unbefangen auszuſehen und auf die Seite zu blicken, wo Häuſer und Bäume, Menſchen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies fürchterliche Tanzen kannte er, das war immer der Anfang. Er mußte alſo gerade vor ſich hin ſehen, und da es unpaſſend geweſen wäre, dem Fräulein — 365—. ins Geſicht zu blicken, ſo ſtarrte er über ſte weg. Noch lächelte ſein Mund, aber ſein Auge ſah ſtier und ſeine Wangen wur⸗ den blaß, blutlos, erdfarben. Jordan ſah ihn von der Seite an und konnte das Lachen nicht verbergen. Das brachte Sabine zu der beſorgten Frage:„Fehlt Ihnen etwas, Herr Liebold?“ Da Liebold die Augen nicht vom Himmel weg⸗ wenden durfte, ſo bohrte er ſie an einer ruhigen Wolke feſt und murmelte die Verſicherung, daß ihm ſehr wohl ſei. Da⸗ bei erhielt ſein Geſicht aber den Ausdruck ſtumpfer Ver⸗ zweiflung, ſo daß Sabine ſich ängſtlich an Herrn Jordan wandte. „Er kann nicht vertragen rückwärts zu ſitzen,“ ſagte dieſer.. „Dann wechſeln wir die Plätze,“ rief Sabine. Herr Liebold ſchüttelte erſchrocken den Kopf und machte ſchweigend allerlei Bewegungen, um ſeinen Abſcheu gegen eine ſolche Zumuthung auszudrücken.„Bitte, Herr Jordan, laſſen Sie den Kutſcher halten,“ rief Sabine. Der Wagen ſtand, das Fräulein erhob ſich.„Schnell, Herr Liebold,“ rief ſie. Dieſer verſuchte noch zu proteſtiren, aber Jordan rückte ihn kräftig in die Höhe, und ehe er wußte, wie ihm geſchah, ſaß er im Fond, und das Fräulein ihm gegenüber auf dem Rückſitz. Die Spannung in ſeinen Zügen ließ nach, eine feine Röthe— zog verklärend über ſein Geſicht. Aber in welcher Lage war er! Was mußten die Vorübergehenden von ihm und ſeiner Stellung zum Hauſe denken! Fremde konnten ihn für den Onkel der Dame halten, aber Jeder, der ſte kannte,— und wer kannte die ſchöne Sabine Schröter nicht?— der mußte auf die abenteuerlichſten Gedanken kommen. Daß er mit ihr ver⸗ — 366— 4 lobt ſei, war noch viel zu wenig, als Verlobter hätte er nicht im Fond ſitzen dürfen, nein, er ſaß da, wie mit ihr verhei⸗ rathet. Der Gedanke trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, er ſah demätbin auf das Fräulein und bat ſie mit leiſer Stimme um Verzeihung wegen des Scandals, den er verur⸗ ſache. Sabine ſtreckte zur Antwort ihre Hand aus und ſchüttelte ihm die ſeine kräftig. Da übermannte ihn die Freude, er beugte ſich ſchon ein wenig herab, in der kühnen Abſicht, ihr den Handſchuh zu küſſen. Und in demſelben Augenblick fuhren ſie bei dem Buchhalter von Strumpf und Knieſohl vorüber, Herr Liebold ſchnellte ſtracks in die Höh, jetzt war das Unglück geſchehen, Sabine und er waren das Opfer eines unerhörten Irrthums. Es war unnütz, noch gegen das Schickſal anzukämpfen. Er ſaß fortan verklärt und ſtill ſelig, bis die Wagen vor der großen Reſtauration des Dorfes anhielten. Man ſtieg aus, die Herren ſammelten ſich um das ſeidene Gewand ihres Fräuleins, rauſchende Muſik ſcholl ihnen entgegen, ſie traten in die Buchengänge des geſchmückten Gartens, welcher heut mit den glänzenden— Toiletten der Städter angefüllt war. Sabine ſchwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es iſt möglich, daß dieſer wandelnde Hof mancher Mitſchweſter größere Freude gemacht haben würde, als ihr. Jedenfalls ſah es ſtattlich aus, als ſie am Arm des Bruders durch die Gänge ſchritt, auf beiden Seiten und hinter ihr dienſteifrige Herren, alle bemüht, ſich mit ihr als dem Mittelpunkt in Verbindung zu halten, zumal heut, wo das Haus in Maſſe unter der Faſhion der Stadt auftrat, und jeder Einzelne als Mitglied des berühmten Geſchäfts zu repräſentiren hatte. „ — 367— 4 Liebold war in einem beſtändigen Lächeln begriffen, welches er auf der Außenſeite ſeines Geſichts allerdings zu bewältigen ſuchte, um bei den Vorübergehenden nicht den Argwohn zu erregen, daß er ſie auslache. Aber um ſo ſtärker arbeitete es in ſeinem Innern und fuhr zuweilen im gleichgiltigen Ge⸗ ſpräch wie ein Wetterleuchten über ſein Geſicht, dehnte ihm plötzlich Naſe und Mund aus, und machte die Augen klein und glänzend. Er trug heut als Bevorzugter den Shawl des Fräuleins, ſchritt in angemeſſener Entfernung hinter ihr her und bezeichnete ſo die zweite von den Linien, welche die Firma heut im grünen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine kühne Handbewegung hatte ſich Herr Specht in Beſitz des Sonnenſchirms geſetzt und umgab mit dieſem Sabine von allen Seiten, in der Regel marſchirte er wie ein Fähnrich voran am Rand des Gehölzes. Mit verlangendem Blick ſah er in das Gebüſch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein Schmetterling Veranlaſſung geben könnten, mit dem Fräu⸗ lein eine Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das nicht leicht, denn Fink ging neben ihr. Dieſer war heut in boshafter Stimmung, und wider Willen lachte Sabine über die unbarmherzigen Gloſſen, welche er auffallenden Geſtalten unter den Spaziergängern gönnte. Auch den maſſenhaften Aufmarſch der Firma machte er lächerlich, aber er ſelbſt ver⸗ ſchmähte nicht, etwas von dem ereluſtden Stolz der Hand⸗ lun zu empfinden. Um ſie herum zogen, trippelten und rauſchten die Schwärme der Luſtwandelnden. Es war ein unaufhörliches Anſtarren, Grüßen, Ausweichen, der Kaufmann mußte im⸗ mer wieder nach dem Hut greifen, und ſo oft er grüßte, ge⸗ — 368— * riethen die vierzehn Hüte der Collegen ebenfalls in Bewegung und erregten in der Luft zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen großartigen Eindruck. Als die Hausgenoſſen einige Zeit in der Strömung fort⸗ geſchwommen waren, äußerte Sabine den Wunſch, auszuru⸗ hen. Sogleich flogen Tirailleure der Herren unter die Bank⸗ reihen und belegten einen Tiſch. Man nahm Platz, die Kellner ſchleppten eine rieſige Kaffekanne mit der entſprechen⸗ den Anzahl Taſſen herbei. Jetzt war eine Freude, der Hand⸗ lung zuzuſehen, wie jeder der Herren bemüht war, dem Fräu⸗ lein das Eingießen abzunehmen, weil die Kanne für ſie zu ſchwer war, wie Sabine ſich Anton zum Adjutanten erwählte, weil er im Salon der Collegen das Geſchäft des Eingießens verrichtete, wie die Collegen ſich freuten, daß man im Vor⸗ derhauſe auch das von ihnen wußte, ferner, wie verbindlich Sabine jedem der Herren den Kuchen präſentirte, und wie ſie immer ein Auge darauf hatte, daß die Zuckerſchaale und der Sahntopf in ihrem Laufe um den Tiſch nicht unterbro⸗ chen wurden, und endlich, wie alle Collegen den braunen Trank des Wirths mit der ſtillen Ueberlegenheit von Leuten einnahmen, welche beſſer wiſſen, was guter Kaffe iſt. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine hatte viel zu thun, die vorbeiziehenden Bekannten zu grüßen und den Freunden des Bruders, welche an ſie herantraten, Rede zu ſtehen. Sie war allerliebſt in dieſer unaufhörlichen Bewegung. Mit einer ruhigen hausmütterlichen Haltung ſprach ſie mit den Herren vom Comtoir, und mit einfacher Herzlichkeit erhob 4 ſcherz zte und waltete über dem Kaffebret, ſte ſah auf die Smn. ſie ſich und bewillkommnete die Herantretenden. Sie gr — 369— ziergänger und hatte noch Zeit, prüfende Blicke in das Innere der Taſſen zu werfen, welche ſte Anton zureichte. Anton und Fink, Beide empfanden, wie gut ihr das ſichere Weſen ſtand, und Fink ſagte ihr das:„Wenn dies ein Tag der Erholung iſt, Fräulein Sabine, ſo beneide ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage. Keine Prinzeß hat im Empfangſaal ſo viele Rückſichten zu nehmen, ſo viel mit dem Kopf zu nicken, zu lächeln und Artiges zu ſagen, als Sie. Es geht vortreff⸗ lich, Sie haben das jedenfalls einſtudirt. Da kommt der Bürgermeiſter ſelbſt, er wird Sie ſogleich anreden. Jetzt thun Sie mir leid, mit dem Ohr ſollen Sie auf mich hören, in der Hand halten Sie Liebolds Taſſe und mit den Augen müſſen Sie achtungsvoll den Großwürdenträger em⸗ pfangen. Ich bin neugierig, ob Sie noch meine Worte ver⸗ ſtehen“ „Nehmen Sie nur den Käfer aus Ihrer Taſſe, ich werde Ihnen ſogleich eingießen,“ ſagte Sabine lachend und ſtand auf, den Bekannten des Hauſes zu begrüßen. Unterdeß beluſtigte ſich Anton, die Urtheile der Vor⸗ übergehenden über ſeine Geſellſchaft zu erlauſchen.„Da iſt Herr von Fink,“ wisperte eine junge Dame ihrer Begleiterin zu.„Ein nettes Geſicht, famoſe Taille,“ ſchnarrte ein Lieut⸗ nant.„Was iſt ein Fiſch unter ſo viele Hungerige?“ brummte ein Ruchloſer.„Still, das ſind die von Schröters,“ ſtieß 1 ein Commis den andern an. Als er ſo aufblickte, ſah er zwei hohe üppige Geſtalten langſam heranziehen. Es waren Dame Chrenthal und Roſalie, Roſalie ging auf der Seite ddees Liſches. Ihr Geſicht überzog ſich langſam mit einer dunkeln Röthe, als ſie in dem Gedränge dicht an ſeinem und 4 . — 370— Finks Platz vorüberkam. Unruhig ſah er auf Fink, der wieder in lebhaftem Geſpräch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken. Anton erhob ſich grü⸗ ßend, der unerſchütterliche Fink griff nachläſſig an ſeinen Hut und blickte von ſeinem Sitze ſo kalt auf die beiden Frauen, als hätte er nie die Armbänder an dem weißen Arm der ſchönen Roſalie bewundert. Der Gruß Antons, die auffallende Schönheit Roſaliens, vielleicht einiges Auffallende ihrer Toilette bewirkten, daß auch Sabine die beiden Frauen aufmerkſam anſah. Die Tochter Ehrenthals achtete nicht auf Antons Gruß, ihre dunkeln Augen hefteten ſich feſt auf Sabine. Ein Flam⸗ menblitz voll Haß und Zorn fiel auf das Mädchen, welches ſie fuͤr ihre glückliche Nebenbuhlerin hielt, ſo daß Sabine ſich erſchrocken zurückbeugte, wie um dem Anfall eines Raub⸗ thiers zu entgehen. Nit zuſammengepreßten Lippen, unſäglichen Widerwillen auf allen Zügen fuhr Roſalie vorüber. Finks Lippen kräu⸗ ſelten ſich und er zog ſeine Schultern ein wenig in die Höhe. Als die Frauen vorüber waren, ſah Sabine erſtaunt auf Anton und Fink, und frug:„Wer war das?“ „Eine von den Bekanntſchaften Antons,“ ſprach Fink höhnend. „Madame Ehrenthal und ihre Tochter,“ erwiederte Anton verlegen,„die junge Dame iſt die Schweſter des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich erzählt habe.“ Aber unwillkürlich ſah er auf Fink, während er ſprach, und Beide tauſchten einen finſtern Blick mit einander aus. Sabine ſchwieg und rückte ſich auf ihrer 55 Bank urüg, 2 — 371— ihre frohe Laune war dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Fluß, und als der Bruder von einem Beſuch bei dem nächſten Tiſch zurückkehrte, erhob ſich das Fräulein und lud die Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von Neuem zog ſte mit ihrer Wolke dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite des Fräuleins. Der glühende Blick voll Haß hatte die grünen Ranken verſengt, welche ſich wieder von ihr zu ihm gezogen hatten. Sabine wandte ſich zu Anton und ſprach mit dieſem; ſie mühte ſich, heiter zu bir aber Anton merkte ihr den Zwang an. Der große Garten des Kaufmanns mit einem hübſchen Gartenhaus und Glashäuſern war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr ſie hinaus, wenn das Wetter es irgend erlaubte, und beſprach mit dem Gärtner alle Einzelnheiten der Einrichtung und Blumenzucht. Die Colle⸗ gen beſtürmten ſie daher mit Fragen über Namen und Cha⸗ rakter ihrer Blumen; und während der Kaufmann mit Fink ein benachbartes Grundſtück betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte Sabine der übrigen Geſellſchaft, was ſie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie führte die Herren durch die Blumen, die Raſenſtücke, in das Warmhaus. Der Bruder hatte ihr eine hohe Palme geſchenkt, und die Palme, große Piſangblätter, tropiſche Farren und blühende Cacteen waren in eine Gruppe zuſammen geſtellt, eine zierliche Bank und ein Tiſch ſtanden davor, es war ein aller⸗ lieb er Wintergarten. Wäͤhrend Sabine erzählte, daß ſte hier an ſonnigen Wintertagen den Kaffe trinke, und wie ſchön es ſich dann unter den großen Blättern ſitze, brachte ihr der Gärtner auf einem Teller er Kuchenbwocken und Vogel⸗ 3 1 24* — 372— futter.„Auch. wenn ich nicht ſo große Begleitung habe, bin ich hier nicht aklein,“ ſagte ſte lächelnd. „Wir bitten, ſtellen Sie uns den Vögeln vor,“ rief Anton. „Sie müſſen aber in das Gartenhaus treten und hübſch ſtill ſein,“ bat Sabine,„das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren würden ihm doch Schrecken ein⸗ jagen.“ Die Collegen zogen nach dem Gartenhaus, Pir lenkte den aufgeregten Specht am hinterſten Rockknopf zurück und drehte die Glasthür herum, Sabine ſtreute das Futter einige Schritt von der Thür auf den Kies und ſchlug in die Hände. Dem Klatſchen antwortete mehrſtimmiger Ruf von den nächſten Bäumen und dem Dach des Hauſes. Eine Menge kleiner Vögel ſchoß herzu und hüpfte mit luſtigem Geſchrei um die Krumen, ſie waren ſo zahm, daß ſie bis an die Füße Sabi⸗ nens herankamen. Es war keine vornehme Geſellſchaft, einige Finken, Hänflinge und ein ganzes Volk Spatzen. Sa⸗ bine trat leiſe zur Thür und frug durch den Spalt:„Können Sie die einzelnen unterſcheiden? ſo ähnlich auch die Herr⸗ ſchaften einander ſehen, ſie ſind doch verſchieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem Weſen. Mehrere davon kenne ich⸗ perſönlich.“ Sie wies auf einen großen Sperling, ein ſchö⸗ nes Männchen mit ſchwarzem Kopf und feurigem Braun auf dem Rücken:„Sehen Sie den dicken Herrn dort?“ „Er iſt der größte von allen,“ ſagte Anton erfreut. „Er iſt mein älteſter Bekannter, er hat ſich zuerſt an mich gewöhnt, von meinem Kuchen iſt er ſo ſtark geworden. Er iſt ausgefüttert und ſatt. Wie ſiher er töunnhehiſ und — 373— wie vornehm er in die Brocken pickt! Gleich einem reichen Bankier geht er unter den Andern umher. Hören Sie ihn ſchreien? Seine Stimme klingt wegwerfend und ariſtokratiſch. Er betrachtet dies Ausſtreuen als eine Verpflichtung, welche die Welt gegen ihn hat. Da kräht er wieder. Wiſſen Sie, was er ſagt: Mein Kuchenmädel iſt da. Dies ewige Gebäck! Was ich nicht aufeſſen kann, will ich den Andern laſſen. Ich glaube, es hängt ihm eine Berlocke an ſeinem kleinen Bauch herunter.“ „Es iſt eine Feder,“ flüſterte Herr Specht. „Ja,“ fuhr Sabine fort,„ich fürchte, die hat ihm ſeine Frau ausgehackt. Denn, ſo gewichtig er ausſieht, er ſteht unter dem Pantoffel. Das graue Weibchen dort, das hellſte von allen, iſt ſeine Frau. Sehen Sie, daß ſie ihn weghackt?“ Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier, welcher gerade vornehm in einen ungewöhnlich großen Brocken pickte, bekam von ſeiner Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu raiſonniren, die Nachbarn flogen herzu, ein heftiges Geſchrei begann, der allgemeine Unwille war gegen den Bankier gerichtet. Er wurde aus dem Haufen bei Seite gejagt und hüpfte zerzauſt, mit dem Kopfe ſchüttelnd, einige Schritt von den Brocken auf und ab, während ſeine Frau über dem eroberten Biſſen ſtand und laut triumphirte. Die Herren lachten. „Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf!“ rief Sabine freudig. Unbehilflich, mit ausgebrei⸗ teten Flügeln tappte ein kleiner Sperling heran, ganz wie ein Kind, welches Mühe hat, im Gehen das Gleichgewicht — 374 zu behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau, ſperrte den Schnabel weit auf, ſchrie und ſchlug mit den Flügeln auf die Erde. Die Mutter zerhackte den großen Biſſen, faßte die Theile und ſteckte ſie in den aufgeſperrten Schnabel des Kleinen. Mitten unter der ſchwirrenden, tanzenden, hacken⸗ den Geſellſchaft fütterte die Mutter den Schreihals. Ein Stück des eroberten Biſſens nach dem andern ſteckte ſie ihm in den Hals, während der Vater einige Schritt davon ſelbſt⸗ gefäͤllig auf und ab hüpfte und zuweilen von der Seite miß⸗ trauiſch auf die energiſche Hausfrau hinſah. „Wie allerliebſt!“ rief Anton. „Nicht wahr?“ ſagte Sabine.„Auch bei den Kleinen ſind Charaktere und ein Familienleben.“ Aber die Scene wurde auf gewaltſame Weiſe unterbrochen. Ein leichter Schritt kam um das Haus, die Vögel flatterten auf, nur die Mutter und das Junge waren ſo eifrig beſchäf⸗ tigt, daß ſie zögerten. Endlich flog auch die Sperlingsfrau auf den Baum und rief angſtlich ihr Kind. Doch der Kleine, vom genoſſenen Kuchen ſchwer und betäubt durch die Fülle des Genuſſes, vermochte nicht ſo ſchnell die ſchwachen Flügel zu heben. Ein Schmiß von der Reitpeitſche Finks erreichte ihn, der Körper flog als Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von ſämmtlichen Herren wurde gehört, und finſter blickten alle Geſichter des Comtoirs auf den Mörder. Fink, der auf die Gruppe an der Salonthür geachtet hatte, ſah verwundert auf den Sturm, der nendgh hereinbrach. Sabine eilte an ihm vorbei nach dem Beet, auf 4 dem der Vogel lag, ergriff dieſen, küßte den kleinen Kopf n ſprach mit klangloſer Stimme:„er iſt todt.“: S 2* 375— ſich auf die Bank an der Thüre und deckte ihr Taſchentuch über den Todten. 1 Ein unbequemes Stillſchweigen folgte.„Es war der Lieblingsvogel von Fräulein Sabine, den Sie erſchlagen haben,“ ſagte endlich Herr Jordan vorwurfsvoll. „Das thut mir leid,“ erwiederte Fink und rückte ſich einen Stuhl zum Tiſch.„Ich habe nicht gewußt, Fräulein, daß Sie Ihre Theilnahme auch auf dieſe Klaſſe von Spitz⸗ buben ausdehnen. Ich habe im beſten Glauben gehandelt, und dachte den Dank des Hauſes zu verdienen,als ich den Dieb aus der Welt ſchaffte.“ „Das arme Kleine,“ ſprach Sabine traurig,„die Mut⸗ ter ſchreit auf dem Baum, hören Sie?“ „Sie wird ſich tröſten,“ entgegnete Fink.„Ich halte es für unzweckmäßig, einem Sperling mehr Gemüth zu gönnen, als ſeine eigene Verwandtſchaft hat. Aber ich weiß, Sie lieben, Alles, was Sie umgiebt, mit Rührung und Gefühl zu betrachten.“ „Wenn Sie dieſe Eigenſchaft nicht haben, weßhalb ver⸗ ſpotten Sie dieſelbe bei Andern?“ frug Sabine mit zucken⸗ dem Munde. „Weßhalb?“ frug Fink.„Weil ich dieſer Gewohnheit überall begegne. Dies ewige Gefühl, mit dem hier Alles überzogen wird, was des Gefühls nicht werth iſt, macht zu⸗ leetzt ſchwach und kleinlich. Wer ſeine Empfindung immer an allen möglichen Tand he ftet, der hat zuletzt keine, wo eine große Leidenſchaft ſeiner würdig iſt.“ „ und wer nie etwas Anderes thut, als mit herber Käͤlte zubetrachten, was ihn umgiebt, wird dem zuletzt nicht auch die 13 — 376 2 Empfindung fehlen, wo eine große Leidenſchaft Pflicht wird?“ frug Sabine mit einem ſchmerzlichen Blick auf Fink. „Es wäre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte,“ ſagte Fink achſelzuckend.„Jedenfalls wird es einem Mann beſſer anſtehen, hart zu ſein, als zu weichlich.“ „Aber ſehen Sie das Volk hier an,“ fuhr er nach einer un⸗ behaglichen Pauſe fort.„Das liebt ſeinen Strickbeutel, den Kupferkeſſel, in dem die Mutter Würſte gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen fadenſcheinigen Rock, und ebenſo alle Mißbräuche, die zehntauſend verrotteten Gewohnheiten ſeines Lebens; überall liegen phantaſtiſche Grillen, Liebha⸗ bereien und ſchwache Gemüthlichkeiten herum und hängen ſich wie Blei an die Menſchen, wenn es einmal gilt, friſch vor⸗ wärts zu gehen. Achten Sie auf die deutſchen Auswanderer. Welche Maſſe unnützen Krames ſchleppt dies Volk übers Waſſer, alte Vogelbauer, zerbrochene Holzſtühle, wurmſti⸗ chige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl gekannt, der in brennender Sonnenhitze acht Tagereiſen machte, um einmal Sauerkraut zu eſſen. Und wenn ſich ſo ein armer Teufel irgendwo niedergelaſſen hat und nach einem Jahre entdeckt, daß er in einer Fiebergegend ſteckt, ſo hat er ſeine ganze Umgebung mit Gemüthlichkeit überſpon⸗ nen wie mit Spinnweben und iſt oft nicht mehr aus dem Sumpf zu bringen, und wenn er und Weib und Kind dar⸗ über zu Grunde gehen. „Da lobe ich mir das, was Sie die te Gemüthloſigkeit des Amerikaners nennen. Er arbeitet wie zwei Deutſche, aber er wird ſich nie in ſeine Hütte, ſeine Fenz, in ſeine Zugthiere verlieben. Was er beſitzt, das hat ihm gerade nur den Werth, der ſich in Dollarn ausdrücken läßt. Sehr gemein, werden Sie mit Abſcheu ſagen. Ich lobe mir dieſe Gemein⸗ heit, die jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie wenig ein Ding werth iſt. Denn dieſe Gemeinheit hat einen mächtigen freien Staat geſchaffen. Hätten nur Deutſche in Amerika gewohnt, ſie tränken noch jetzt ihre Cichorie ſtatt Kaffe unter der Steuer, die ihnen eine gemüthliche Regie⸗ rung von Europa aus auflegen würde.“ „Und fordern Sie von einer Frau denſelben Sinn?“ frug Sabine. „In der Hauptſache, ja,“ erwiederte Fink.„Keine deutſche Hausfrau, die nicht in ihre Servietten verliebt iſt. Je mehr eine von den Lappen hat, deſto glücklicher iſt ſie. Ich glaube, ſie tariren einander in der Stille, wie wir die Leute an der Börſe: fünfhundert, achthundert Servietten ſchwer. Die Amerikanerin iſt kein ſchlechteres Weib, als die Deutſche, aber ſie wird über eine ſolche Liebhaberei lachen. Sie hat, ſo viel ihr für den täglichen Gebrauch nöthig ſind, und kauft neus, wenn die alten zu Grunde gehen. Wozu ſein Herz an ſolchen Tand hängen, der Dutzendweiſe für etwa vier bis ſechs Thaler in tjeder Straße zu haben iſt?“ 8 „O es iſt traurig, das Leben in ein ſolches Rechenerem⸗ pel aufzulöſen!“ erwiederte Sabine.„Was man erwirbt und was man hat, verliert ſeinen beſten Schmuck. Tödten Sie die Phantaſie und unſere gute Laune, die auch den leb⸗ loſen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des Menſchen? Nichts bleibt, als der be⸗ täubende Genuß, oder ein egoiſtiſches Princip, dem er Alles — 378— opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man ſchafft, das Alles geht dann verloren. Wer ſo farblos denkt, der kann vielleicht groß handeln, aber ſein Leben wird weder ſchön, noch freudenreich, noch ein Segen für Andere.“ Un⸗ willkürlich faltete ſie die Hände und warf einen Blick voll Trauer auf Fink, deſſen Geſicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt. Die Collegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düſterm Schweigen zugehört und nur durch Mimik ihren Abſcheu gegen Finks Behauptungen ausgedrückt. Der Geiſt des ge⸗ mordeten Sperlings hob ſich vor Aller Augen fortwährend über die Tiſchplatte neben Finks Stuhl, und ſie ſtarrten auf den Macbeth des Comtoirs, wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begütigend das Wort: „Vor Allem muß ich bemerken, daß Fink ſelbſt ein glänzendes Beiſpiel gegen ſeine eigene Theorie iſt.“ „Wie ſo, Herr?“ frug Fink, von der Seite auf Anton ſehend. Das wird ſogleich offenbar werden, ich will nur erſt uns Alle zuſammen loben. Wir Alle, die wir hier ſitzen und ſtehen, ſind Arbeiter in einem Geſchäft, das nicht uns gehört. Und Jeder unter uns verrichtet ſeine Arbeit in der deutſchen Weiſe, die du ſo eben verurtheilt haſt. Keinem von uns fällt ein zu denken, ſo und ſo viel Thaler erhalte ich von der Firma, folglich iſt mir die Firma ſo und ſo viel werth. Was etwa gewonnen wird durch die Ar⸗ beit, bei der wir geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verluſt erlitten hat, ſo iſt es allen Herren ärgerlich, — 379— vielleicht mehr, als dem Prinzipal. Wenn Liebold ſeine Ziffern ins große Buch ſchreibt, ſo ſieht er ſte mit Genuß an und freut ſich über den ſchönen kalligraphiſchen Zug, und wenn er Poſten einträgt, welche der Hand⸗ lung beſonders vortheilhaft waren, ſo lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt thut.“ 3 Liebold ſah verlegen aus und rückte an ſeinem Hemd⸗ kragen. „— Da iſt ferner College Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die Greuel des Heidenthums an der afrikaniſchen Küſte und ſagte in tiefſter Seele erſchüttert: „Es wird Zeit, Wohlfart, ich muß hin.“„Wer ſoll die Calculatur beſorgen?“ frug ich,„und wie ſoll es mit dem Krappgeſchäft werden, das Sie und Balbus ſo feſt halten, daß Sie keinen Andern darüber laſſen?“„Ja,“ rief Bau⸗ mann,„an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich muß es noch aufſchieben.“ Die Herren ſahen lächelnd auf Baumann, der leiſe vor ſich hin ſagte:„Es iſt auch unrecht.“ „— Und von dem Tyrannen Pirx will ich gar nicht ſprechen, da er ſelbſt in vielen Stunden zweifelhaft iſt, ob die Handlung ihm gehört oder Herrn Schröter.“ Alle lachten. Herr Pir ſteckte wie Napoleon die Hand in ſeime Bruſttaſche.—„Du biſt ein perfider Advocat,“ kk,„du regſt perſönliche Intereſſen auf.) „Du haſt daſſelbe gethan,“ erwiederte Anton.„Und jetzt will ich von dir reden. Vor etwa einem halben Jahr — 380— iſt dieſer Amerikaner zu Herrn Schröter gegangen und hat ihm geſagt: Ich wünſche nicht mehr Volontair zu ſein, ich bitte um eine feſte Stellung im Geſchäft. Warum? frug Herr Schröter. Natürlich hatte Fink nur die Abſicht, ſo und ſo viel Thaler feſten Gehalt von der Handlung zu be⸗ ziehen.“ Wieder lächelten Alle und' ſahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht mehr feindlich, es war etwas von Ach⸗ tung und fröhlicher Billigung darin, denn es war Allen be⸗ kannt, daß Fink geſagt hatte:„Ich wünſche einen regelmä⸗ ßigen Antheil an der Arbeit, ich wünſche die Verantwor⸗ tung, welche bei feſter Thätigkeit iſt; die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.“ „Und ferner,“ fuhr Anton fort,„wer einmal das Be⸗ hagen geſehen hat, mit welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der weiß, wie viel von dem ſchwächlichen deut⸗ ſchen Gemüth auch bei ihm zu Tage kommt. Es iſt ſo viel drollige Laune in ſeinem Weſen, daß das Comtoir durch ſolche Stunden entzuͤckt wird, und, was die Hauptſache iſt, Tinkeles ſelbſt iſt geradezu in ihn verliebt.“ „Weil er maltraitirt wird, Herr,“ verſetzte Fink. „Nein, ſondern weil er hinter deinen kräftigen Worten daſſelbe behagliche Wohlwollen bemerkt, mit dem ein An⸗ derer ſein Hündchen oder ſeine Vögel liebkoſt.— Und wenn irgend ein Geſchäft des Prinzipals glänzenden Erfolg ge⸗ habt hat, ſo iſt Niemand von uns fröhlicher darüber, als Fink ſelbſt. Neulich, als die Kriſis im Zinkgeſchäft eintrat, und Herr Schröter gegen die ſtille Anſicht des ganzen Com⸗ tooirs, auch gegen Finks Anſicht, och zu rechter Zeit in — àt Hamburg verkauft und die Handlung dadurch vor einigen tauſend Thalern Verluſt bewahrt hatte, da triumphirte der⸗ ſelbe Fink lauter, als Einer von uns, und zwang Jordan und mich, denſelben Abend ins Weinhaus zu gehen.“. „Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr,“ naß Fink. „Natürlich,“ rief Anton,„deßhalb ſtießeſt du auch bei dem erſen Glas auf das Wohl der Handlung an und nann⸗ teſt ſie eine glorreiche Firma.“ Fink ſah vor ſich nieder. Sabine blickte mit leuchten⸗ den Augen auf Anton. Wieder lächelten die Herren freund⸗ lich und rückten näher heran, die kleine Spannung war ge⸗ hoben. „Und,“ fuhr Anton ſiegreich fort,„auch in andern Fäl⸗ len hat er ganz dieſelbe armſelige Gemüthlichkeit, die er jetzt ſo angreift. Er liebt, wie wir Alle wiſſen, ſein Pferd per⸗ ſönlich, es iſt ihm durchaus etwas Anderes, als die Summe von fünfhundert Dollar, repräſentirt durch ſo und ſo viel Centner Fleiſch mit einer Haut überzogen. Er iſt beſorgt um das Thier, wie um einen Freund.“ „Weil es mir Spaß macht.“ „Verſteht ſich,“ ſprach Anton,„die Servietten machen unſern Hausfrauen auch Spaß, das iſt's ja eben. Und ſeine Condorflügel, die Piſtolen, Reitpeitſchen, die rothe Rum⸗ flaſche, das ſind Alles a Dinge, die ihm ſo gut Spaß machen, Ja er es kurz zu alt er iſt in Wahrheit eben ſo fehr ein armer gemüthlicher Deutſcher, als irgend Einer.“ . — 382— Sabine ſchüttelte leiſe den Kopf, aber ſie blickte jetzt freundlich auf den Amerikaner. Auch Finks Geſicht hatte ſich verwandelt. Er ſah ernſt vor ſich hin, und es lag etwas auf ſeinen ſtolzen Zügen, was man bei einem Andern Rüh⸗ rung genannt hätte.„Na,“ begann er endlich,„das Fräu⸗ lein und ich, beide haben wir zu ſehr auf einer Seite geſtanden.“ Er wies auf den todten Sperling.„Vor dieſem ernſten Fact ſtrecke ich die Waffen und bekenne, daß ich den Wunſch habe, der kleine Herr wäre noch am Leben und erreichte unter den Kirſchen und Kuchen der Firma das höchſte Greiſenalter. Und ſo ſind Sie mir nicht mehr böſe, Fräulein.“ Sabine nickte zu ihm herüber und ſagte herzlich: „Nein.“ „Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du haſt mit Glanz plaidirt und von der deutſchen Jury ein Nichtſchuldig erſchwindelt. Nimm die Feder und ſtreiche in unſerm Kalender vierzehn Tage aus. Du verſtehſt mich.“ Anton drückte ihm die Hand und legte den Arm um ſeine Schulter. Wieder war die Geſellſchaft in der beſten Stimmung, Hetr Schröter kam heran, Cigarren wurden angezündet, Jeder beſtrebte ſich; ſo unterhaltend als möglich zu ſein. Herr Liebold ſtand auf und erbat ſich vor em Fräulein und dem Prinzipal die Erlaubniß, wenn es Fnan ſtöre, und wenn ſte an dem ſchönen Abend nichts Beſſeres vorzuſchlagei hätten, in welchem Falle er ergebenſt bitte, ſeine Wo ungeſprochen zu betrachten, ſo wollten er und eini⸗ ſich die Freiheit nehmen, vierſtimmige Lieder zu ſingen. Da er ſeit mehreren Jahren an dieſem Tage regelmäßig eine . —— — 383— ſolche Mittheilung machte, und Alles darauf vorbereitet war, ſo rief ihm Sabine zu:„Das verſteht ſich, Herr Lie⸗ bold, wenn das Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.“ Die Sänger holten Notenbücher herzu und rückten zuſammen, Herr Specht als erſter Tenor, Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bäſſe. Dieſe vier bildeten den muſtkaliſchen Theil des Comtoirs und hielten trotz kleiner Zwiſtigkeiten, welche durch ihr muſtkaliſches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die Uebrigen feſt zuſammen. Herr Specht krähte etwas zu laut, und Herr Liebold ſang etwas zu leiſe, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderſchön. Im farbigen Licht glänzten die großen Blätter des Nußbaums vor dem Gartenhauſe, die Grillen ſchwirrten und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne Noten herunter, die Natur ſelbſt flüſterte. und ſtimmte, bis die volle Kraft der Menſchenſtimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens übertönte. Dann ſchwie⸗ gen die Vögel, die Heimchen und Mücken, aber ſo oft die Sänger anhielten, klang das leiſe Summen der Natur wie zum Wechſelgeſange wieder durch.„Alle hörten erfreut zu. „Wir danken, wir danken!“ rief Sabine, als ſie aufhörten, und klatſchte in die Hände. „Es iſt eine närriſche Sache,“ begann Fink,„daß eine gewiſſe Folge von Tönen das Herz erſchüttert und Thrä⸗ nen hervorruft auch bei Menſchen, welche ſonſt für weiche Stimm gen abgeſtorben ſind. Jedes Volk hat ſolche einfache Weiſen, bei denen ſich Landsleute an dem Ein⸗ druck erkennen. den die Melodie auf ſie macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin ſprachen, Alles — 384— verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande, ſelbſt den geläufi⸗ gen Ausdruck ihrer Mutterſprache, die Melodien der Hei⸗ math leben unter ihnen länger, als alles Andere, und man⸗ cher Narr, der in der Fremde ſeinen Stolz darein ſetzt, ein naturaliſirter Fremder zu ſein, fühlt ſich plötzlich wieder deutſch, wenn er ein Paar Tacte ſingen hört, die ihm in ſeiner Jugend bekannt waren.“ Der Kaufmann ſagte:„Sie haben Recht. Wer aus ſeiner Heimath ſcheidet, iſt ſich ſelten bewußt, was er Alles aufgiebt; er merkt es vielleicht erſt dann, wenn die Erinne⸗ rung daran eine Freude ſeines ſpäteren Lebens wird. Dieſe Erinnerung iſt wohl auch dem verwilderten Mann ein Hei⸗ ligthum, das er oft ſelbſt entehrt und verſpottet, das er aber in ſeinen beſten Augenblicken immer wieder aufſucht.“ „Mit einiger Beſchämung bekenne ich, daß ich ſelbſt von dieſer Freude nur wenig empfinde,“ ſagte Fink.„Ich weiß nicht recht, wo ich zu Hauſe bin. Wenn ich die Jahneamei⸗ nes Lebens zuſammenzähle, ſo habe ich freilich den g Theil in Deutſchland verlebt, aber die mächtigſten Eindrücke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schickſal wieder ausgeriſſen, bevor ich irgendwo feſtgewurzelt war. Und jetzt in Deutſchland fühle ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landſchaften zum Beiſpiel ſind mir faſt ganz unverſtändlich. Ich habe zu Weihnachten immer mehr Geſchenke erhalten, als mir gut waren, aber der Zauber der deutſchen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern, die Sie ſo rühmen, klingen nur mein Ohrz; noch heut bin ich unſtcher, wann man Karpfen eſſen muß, und Hörnen und Mahnkuchen, und ich Sſehe — 385— einen entſchiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des Bleigießens und Pantoffelwerfens.— Und außer dieſen Kleinigkeiten giebt es noch Anderes, worin ich mich unter der deutſchen Art fremd und arm fühle,“ fuhr er ernſter fort.„Ich weiß, daß ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anſpruch nehme. Ihrem Hauſe werde ich zu danken haben,“ ſchloß er, ſich gegen den Kauf⸗ mann verneigend,„wenn ich von einigen reſpectablen Seiten der deutſchen Natur Kenntniß erhalte.“ Das war ein männliches Bekenntniß, er ſprach die letzten Worte mit einem Gefühl, das ſelten bei ihm durch⸗ brach. Sabine war glücklich, der Sperling war vergeſſen, ſie rief mit überſtrömendem Gefühl:„Das war edel ge⸗ ſprochen, Herr von Fink.“ Der Diener lud zum Abendeſſen. Im Saal des Garten⸗ hauſes war die Tafel gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als Fink ſich neben ſie ſetzte.„Mir gegenüber, Herr Liebold,“ rief der Prinzipal. α wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs Anerkennung 1 ſchuldig bin, Ihnen bin ich die größte ſchuldig. Fünfund⸗ ſtets ein treuer, zuverläſſiger Gehilfe!“ Er hielt ihm Glas über die Tafel entgegen:„Stoßen Sie an, alter Freund; ſo lange unſere Stühle neben ein Heut muß ich Ihr treues Geſicht vor mir ſehen. Heut ſind's fünfundzwanzig Jahr, daß wir mit einander in Ver⸗ bindung ſtehen.— Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Aſſo⸗ cié aufgenommen wurde,“ erklärte er den Jüngeren.„Und 4 zwanzig Jahre im Geſchäft, zehn Jahre beim Hauptbuch, ſein — 386— nur durch eine dünne Wand getrennt, ſoll es zwiſchen uns bleiben, wie bisher, ein feſtes Vertrauen ohne viele Worte.“ Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals ſtehend angehört und blieb ſtehen. Er wollte eine Geſundheit aus⸗ bringen, das ſah Jeder, aber er brachte kein lautes Wort g aus ſeinem Munde, er hielt ſein Glas in die Höhe und ſah auf den Prinzipal, und ſeine Lippen bewegten ſich ein wenig. Endlich ſetzte er ſich ſchweigend wieder hin. Statt ſeiner erhob ſich zu Aller Erſtaunen Fink und ſprach in tiefem Ernſt:„Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deut⸗ ſchen Geſchäfts, wo die Arbeit eine Freude iſt, wo die Ehre eine Heimath hat; hoch unſer Comtoir und unſer Prin⸗ zipal!“ Ein donnerndes Hoch der Collegen ſolgitz Sabine ſtieß mit Allen an, der Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen.— Der Reſt des Abends war ungeſtörte Freude. Das Quartett ſang noch ein Paar luſtige Trinklieder, und es war heut lange nach zehn Uhr, als die Geſellſchaft in der Stadt ankam. 88 An der Treppe des Hinterhauſes ſagte Fink zu Anton: „Heut, mein Junge, darfſt du nicht an meiner Stube vorbei. Es iſt mir langweilig genug geweſen, dich ſo lange zu ent⸗ 3 behren.“ Und bis ſpät in die Nacht ſaßen die verſöhnten Freunde bei einander, beide bemüht, einander zu zeigen, wie froh ſie über die Verſöhnung waren. Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billet von unbekannter Hand. Ein ſtarker MNoſchusgeruch und die gekritzelten Züge verriethen, daß es von einer Dame kam. — 387— „Wer hat den Brief gebracht?“ frug Sabine. „Ein fremder Mann,“ antwortete das Mädchen,„er wollte den Namen nicht nennen und ſagte, Antwort ſei nicht nöthig.“ früh. Sie haben durch Ihre Koketterie einen Herrn an ſich gelockt, welcher gewöhnt iſt, zu verführen, zu vergeſſen und die, welche auf ſeine Worte hören, unverſchämt zu behan⸗ deln. Vor Kurzem hat er einer Andern Geſtändniſſe ge⸗ macht, jetzt hat er Sie bethört. Er wird auch Ihnen heu⸗ cheln und Sie verrathen.“ Das Billet hatte keine Unterſchrift, es war von Roſalie. Sabine wußte, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze und ſchleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend ſah ſie zu, wie die lodernde Flamme kleiner wurde und verlöſchte, und wie die glimmenden Punkte auf der verkohlten Fläche umherfuhren, bis auch der letzte ver⸗ den Blick auf das Häufchen Aſche gerichtet. Ohne Thränen, lautlos, hielt ſte die Hand auf ihr zuckendes Herz. Sabine las:„Mein Fräulein, triumphiren Sie nicht zu ging. Lange ſtand ſie da, ihr Haupt an das Geſims gelehnt, 8. Veitel Itzig war in der größten Aufregung. Er, der Nüchterne, Enthaltſame, glich in allen ſeinen Freiſtunden einem Trunkenbold. Seine Lippen bewegten ſich in lebhaftem Selbſtgeſpräch, und eine fieberiſche Röthe lag über ſeinen ſpitzen Backenknochen. Auf der Straße war er ſchon von Weitem kenntlich durch die allerauffälligſte Weiſe der Fuß⸗ 4 und Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas, das er 1 kaum dem Namen nach kannte. Und das Alles, weil eine verwitwete Geheimräthin ihren Lieblingshund verloren hatte. Dieſer Mops war an einem heitern Frühlingsmorgen, verführt durch den Sonnenſchein oder durch das Aroma eines Fleiſcherjungen, mühſam zwei Treppen bis auf die Straße hinab geſtiegen. Und dort war er verſchwunden, im Waſſer ertrunken, von Gaunern geſtohlen, von Bandi⸗ ten geſchlachtet, kurz er war verſchollen; und keine Zeitungs⸗ annonce vermochte die runde Geſtalt des Flüchtlings in die Räume zurückzuführen, in denen er ſo lange als Tyrann ge⸗ herrſcht hatte. Aus Aerger über dieſen Verluſt war die Räthin gefährlich erkrankt, und Veitel nahm einen ſo leb⸗ haften Antheil an ihrem Leide, daß er ſelbſt in Gefahr ſeine Geſundheit einzubüßen. Leider waren Veitels Hof nungen nicht auf das Leben der würdigen Dame gerichtet. Er hatte ein Rieſengeſchäft gewagt, er hatte es unternommen. 2 — 389— nach vielen Verabredungen mit ſeinem Rathgeber Hippus, und nachdem er oft in ſtillen Nächten ſeine Brieftaſche her⸗ vorgeholt und ſein Vermögen überrechnet hatte. Die Spe⸗ culation war eine der ſchönſten, welche ein Mann von Vei⸗ tels Grundſätzen unternehmen konnte, ſie war vielleicht ein wenig gewagt, aber ſo ſauber, wie ein Wickelkind unter dem Badeſchwamm. Ein armer Teufel von Rittergutsbeſitzer hatte ſchlecht gewirthſchaftet und war ſo lange betrogen worden, bis er ſein Gut auf dem traurigen Wege der nothwendigen Sub⸗ haſtation verloren hatte. Bei dieſem Verkauf war ein Hypothekeninſtrument von zwölftauſend Thalern ausgefallen. Der Gläubiger, deſſen Forderung durch die Verkaufsſumme des Gutes nicht gedeckt werden konnte, hatte vergebens ver⸗ ſucht, ſich an die Perſon des verarmten Gutsbeſitzers zu halten. Der Schuldner war ohne alle Mittel, das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen w Er war frustra excussus, wie unſere Juriſten ſagen, und empfand das Be⸗ hagen des Elends, ſeine Gläubiger nicht mehr zu fürchten; dies verzweifelte Glück war für ihn nach trüben Jahren eine Art grönländiſcher Sonnenſchein. Der Eigenthümer der Hypothek aber ſah wehmüthig auf ſein zerſchnittenes Docu⸗ ment, welches unter dieſen Umſtänden fuͤr ihn faſt nur den Werth von Maculatur hatte. Den Spürungen Itzigs blieb dies Sachverhältniß nicht unerforſcht. Er ſtand mit dem Sens fſe wohl ein Jahr lang in inniger Verbindung, er hatte di ie Gefälligkeit, ihm alte Röcke abzukaufen, ja ſogar Geld vorzuſchießen, und wurde in manches kleine Geheim⸗ niß dieſes verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch — 390— erſpäht, daß ſein Kunde alles Segelwerk ſeines lecken Fahr⸗ zeugs aufſpannte, ſich in die Gunſt und das Teſtament einer alten Tante zu ſetzen, und kam allmählig zu der Ueberzeu⸗ gung, daß ihm dies gelingen werde. Zwei ſeidene Hals⸗ tücher und ein Paar vergoldete Ohrringe mußte Veitel an die Dienſtmädchen der Räthin wenden, um genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der Tante Mordgeſchichten aus den Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn die Tante ihr Lieblingsgericht kochen ließ, die Tante ſprach davon, ihn zu verheirathen, that es aber nicht, und endlich, als aller Lebensmuth der Tante durch einen vierwöchentlichen Regen fortgeſchwemmt worden war, ließ ſie Gerichtsperſonen kom⸗ men, trieb ihren Neffen, der, zum Weinen gerüſtet, ſein Taſchen⸗ tuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und zwang durch dieſe auffallenden Maßregeln das Dienſtmädchen, an der Kammerthür zu erlauſchen, daß ſie ihr Teſtament machte und des armen Neffen darin ehrenvoll gedachte. Als Veitel dies erkundſchaftet hatte, that er den zweiten großen Schritt und kaufte dem Beſitzer des ausgefallenen Inſtruments die Urkunde und alle Rechte, welche dieſelbe an der Perſon des Schuldners gab, um vierhundert Thaler ab. Jetzt war der Mops verſchwunden, die ſchwer geärgerte Tante lag zu Bett, acht Tage darauf war ſie geſtorben, und der Neffe erbte den größten Theil ihrer Hinterlaſſenſchaft. Veitel unterzog ſich übermenſchlichen Anſtrengungen, um zu verhindern, daß ſein Schuldner nicht durch eins von den kleinen Manövern, welche Veitel alle perſönlich kannte, die Erbſchaft unſichtbar machte. Wie ein Geſpenſt verfolgte er den unglücklichen Erben; kaum hatte dieſer ſich in die — 391— erſten Träume über ſein künftiges Glück hineingelebt, ſo ſtand Veitel als unerbittlicher Mahner an eine finſtere Ver⸗ gangenheit vor ihm und ſchlug durch die eiſige Kälte ſeiner Forderungen allen warmen Dampf nieder, welcher aus der hoffnungsvollen Seele des Erben aufſtieg. Es war unmög⸗ lich, ihm zu entkommen, mit eiſernen Zangen hielt er ſeinen Schuldner feſt, und das Geſetz half ihm ſo energiſch, daß der Erbe nach vielen Winkelzügen capituliren mußte. Durch achttauſend Thaler, den größten Theil ſeiner Erbſchaft, kaufte er ſich von Veitel frei. Heut war der glückliche Tag, wo der junge Geſchäfts⸗ mann ſein großes Capital in der Taſche nach Hauſe trug. Er flog über die Straße, er flog die Treppe hinauf in ſeine Hinterſtube, ganz unſinnig vor Freude. Der Zwang, den er ſich lange angethan, kalt zu ſcheinen, während ihm ſein Herz in Angſt und Erwartung wie ein Schmiedehammer pochte, war überwunden, er war wie ein Kind, wenn auch nicht ſo unerfahren; er ſprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freuden und frug Herrn Hippus, der ihn ſeit einigen Stunden erwartete:„Welche Sorte Wein wollen Sie trinken, Hippus?“ „Wein allein wird's nicht thun,“ erwiederte Hippus vorſichtig.„Indeß iſt es lange her, daß ich keinen Ungar gekoſtet habe. Hole eine Flaſche alten Oberungar, oder halt, es iſt draußen finſter genug, ich will ſie ſelbſt holen.“ „Was koſtet's?“ rief Veitel. „Zwei Thaler,“ antwortete Hippus. 3 „Das iſt viel Geld,“ ſagte Veitel,„aber es iſt einerlei, hier find ſie.“ Mit kühner Handſchwenkung holte er einen — 392— Doppelthaler aus der Taſche ſeines Veinkleides und warf ihn auf den Tiſch. „Schön,“ nickte Hippus und griff haſtig nach dem Geld⸗ ſtück.„Aber dies allein wird's nicht thun, mein Sohn. Ich verlange Procente von deinem Gewinn. In Erwägung, daß wir alte Bekannte ſind, und daß man ſeine Freunde nicht drücken ſoll, will ich zufrieden ſein mit fünf vom Hundert des Capitals, das du heut eingenommen haſt.“ Veitel ſtand ſtarr, ſein ſtrahlendes Geſicht wurde plötz⸗ lich ſehr ernſt, mit offenem Munde ſah er auf den ſchwarzen Mann im Sopha. „Rede nichts,“ fuhr Hippus kaltblütig fort und warf über ſeine Brille hinweg einen böſen Blick auf Veitel,„un⸗ terſteh' dich nicht, auch nur ein Wort von deinem Geſchacher gegen mich vorzubringen, wir kennen einander;— ich habe gemacht, daß du das Geld gewinnen konnteſt, ich allein. Du brauchſt mich, und du ſiehſt, daß auch ich dich ge⸗ brauchen kann. Gieb mir auf der Stelle vierhundert on deinen achttauſend.“ Veitel wollte ſprechen. „Kein Wort,“ wiederholte Hippus und ſchlug mit dem Geldſtück im Tact auf den Tiſch,„gieb her das Geld.“ Veitel ſah ihn an, griff endlich ſchweigend in die Taſche ſeines Rocks und legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tiſch. „Noch zwei,“ fuhr Hippus in demſelben Tone fort. Veitel legte hundert Thaler dazu.„Und jetzt das letzte, mein Sohn,“ nickte der Alte ermunternd und ſchlug mit dem Thaler wieder auf den Tiſch. — 393— Veitel zögerte einen Augenblick und ſah ängſtlich auf den Alten, in welchem eine boshafte Freude mächtig gewor⸗ den war. Auf dieſem Antlitz war nichts Tröſtendes zu fin⸗ den; wieder griff Veitel in die Taſche, ſchob das vierte Per⸗ gament auf den Tiſch und ſprach mit klangloſer Stimme: „Ich habe mich in Euch geirrt, Hippus.“ Und darauf holte er ſein Taſchentuch hervor, wandte ſich ab, ſchneuzte ſich und wiſchte ſich die naſſen Augen. Hippus achtete wenig auf die elegiſche Stimmung ſeines Schülers. Er befühlte das Pergament, wie man eine Koſt⸗ barkeit in der Hand umwendet, die man vor langer Zeit ver⸗ loren hat und unerwartet wiederfindet. Endlich ſagte er ſeine Beute einſteckend:„Wenn du dir's ruhig überlegſt, wirſt du einſehen, daß ich als guter Freund an dir gehandelt habe. Ich hätte diel mehr fordern können.“ Veitel ſtand noch immer am Fenſter und ſah in die Nacht hinaus. Ihm war jämmerlich zu Muthe. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den Alten gedacht und den Entſchluß gefaßt, auch dieſem eine Freude zu machen; er hatte ihm eine neue Schnupftabakdoſe von Silber kaufen und zehn Ducaten hineinlegen wollen. Und jetzt kam ihm dieſer Hippus ſo! 3. 3 Da er vor Schmerz über das Benehmen ſeines Lehrers kein Wort ſagte, ſtand Hippus gemächlich auf und ſagte wohlwollend:„Laß dir's nicht zu Herzen gehen, du dumm⸗ kopf, ſollte ich eher ſterben als du, ſo mache ich dich zu meinem Erben. Dann wirſt du dein Geld wieder bekommen, wenn noch etwas davon übrig iſt. Jetzt gehe ich, den Wein koſten. Auf deine Geſundheit werde ich ihn trinken, ge⸗ 2 — 394— fühlvoller Itzig.“ Bei dieſen Worten ſchlich der Alte zur Thür hinaus. Noch einmal fuhr Veitel nach ſeinem Taſchentuch und wiſchte eine bittere Thräne ab, welche an ſeiner Wange her⸗ unterrann. Seine Freude über den Gewinn war verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines Gefühl, das ihn bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlore⸗ nen Pergamente dabei. Aber er hatte noch mehr verloren, als ſein koſtbares Geld. Der einzige Menſch auf Erden, gegen den er eine Anhänglichkeit fühlte und von dem er gute Freundſchaft erwartete, hatte ſich gefühllos, eigennützig, feindſelig gegen ihn benommen. Zu allen andern Menſchen ſtand er auf Kriegsfuß und erwartete auch von ihnen nichts Anderes, als Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er ſein Herz offen gehalten. Und dies warme Gefühl hatte der Alte durch ſeine rohe Forderung tödtlich beſchädigt. Es war vorbei zwiſchen ihm und Hippus, er konnte den Mann nicht entbehren, aber von dieſer Stunde ab trug er einen Groll gegen ihn mit ſich herum, der Alte hatte ihn einſamer und ſchlechter gemacht. So erfuhr Veitel den Fluch der Argen, daß ſie elend gemacht werden nicht nur durch ihre Miſſethaten, ſondern auch durch ihre beſſern Neigungen. Doch nicht lange dauerte die Schwermuth des Geſchäfts⸗ mannes, bald griff er entſchloſſen in die Taſche, holte den übrig gebliebenen Schatz hervor, unterſuchte jedes einzelne Porgament von allen Seiten und notirte die Nummern zu⸗ erſt in ſeine Brieftaſche und dann auf einen Zettel. Den Zettel verſteckte er in einem Ritz der Diele. Dieſe Beſchäfti⸗ gung tröſtete ihn wieder etwas. Und jetzt wandte er ſeine 8 8 — 395— Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zim⸗ mer auf und ab und machte Pläne. Seine Weltſtellung war mit einem Schlage geändert. Als Eigenthümer von baaren achttauſend Thalern— ach, es waren nur ſiebentauſend ſechshundert— ſtand er unter den Geſchäftsleuten ſeiner Art da als ein kleiner Cröſus. Viele Andere machten Ge⸗ ſchäfte mit Hunderttauſenden, ohne ſo viel Vermögen zu be⸗ ſitzen als er; die Welt lag widerſtandslos vor ihm, wie eine Perlmuſchel auf dem Teller, es kam nur darauf an, mit welchem Hebel er ſte öffnen wollte. Wie ſollte er ſein Capital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen? Jetzt mußte er wählen, und er mußte dies allein thun. Es gab wohl zehn verſchiedene Wege für ihn: er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Intereſſen zu leihen, er konnte in Actien ſpeculiren, er konnte das Woll⸗ oder Getreidegeſchäft betreiben, und mit einem Gefühl von Stolz ſagte ſich der Schelm, daß er auf jedem von dieſen Wegen ſo gut vorwärts kommen könnte, wie der verſchlagenſte unter ſeinen Genoſſen. Aber jede von dieſen Thätigkeiten brachte ihm das geliebte Capital in Ge⸗ fahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er konnte aber auch Alles verlieren; und dieſer Gedanke war ihm ſo ſchrecklich, daß er ſofort alle dieſe Pläne bei Seite warf. Eine Beſchäftigung gab es, bei der ein ſchlauer Mann viel gewinnen konnte, und bei der es wohl möglich war, große Verluſte zu vermeiden. Von ſeiner Heimath aus war er als umherziehender Trödler auf die Höfe der Gutsherren geken⸗ men, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den Straßen der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordens⸗ band ſeine Dienſte angeboten, im Comtoir ſeines Brodherrn — 396— hatte er ſich unaufhörlich mit dem Vermögen und den Geld⸗ geſchäften des Landadels beſchäftigt. Wie genau kannte er die ſtille Sehnſucht des alten Ehrenthal, ein gewiſſes Rit⸗ tergut zu beſitzen, wie oft hatte ihm der Mann mit der Brille in höhniſchem Scherz gerathen, er ſolle ſich zum Ritterguts⸗ beſitzer machen. Und wie kam es doch, daß ihm in ſeinem Schmerz über den Alten plötzlich ſein Schulkamerad Anton einfiel und der Tag, wo er zum letzten Male mit dieſem ver⸗ kehrt hatte? Auch damals, als er zur Stadt zog und mit Anton zuſammentraf, war er auf dem Gute des Freiherrn umhergeſtrichen, hatte vor der Thür des Kuhſtalls geſtanden und die lange Doppelreihe der gehörnten Rinder abgeſchätzt, bis die Großmagd ihn herriſch wegwies. Und wie ein heißer Strahl ſchoß es in ſeinen Kopf: er ſelbſt konnte der Ritter⸗ gutsbeſitzer werden, ſo gut wie Ehrenthal, er ſelbſt konnte Andere ſeine weiße Wolle waſchen laſſen und mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den Hän⸗ den heftig in die Tiſchplatte und rief laut:„ich werde es thun!“ ſetzte ſich auf dem Stuhl feſt und ſchlug die hagern Arme übereinander. Und von dem Augenblick an wollte er etwas und begann ſeine Arbeit. Und er ſpeculirte ſchlau. Er hatte nach ſeiner Meinung ein Recht an das Gut des Freiherrn gewonnen durch ſeinen Entſchluß, er wollte dies Recht auch erwerben durch ſein Geld, er wollte für ſich eine Hypothek auf dem Gute des Barons. So wollte er ſein Capital ſicher ſtellen auf Jahre, ruhig wollte er arbeiten, bis der große Tag käme, wo er mit ſeinem Capital das ganze Gut in ſeine Hände brächte. Und im ſchlimmſten Falle, wenn. Plan nicht — 397— gelang, der jetzt der ſtille Zweck ſeines Lebens werden ſollte, dann war wenigſtens ſein Geld nicht verloren. Unterdeß wollte er Agent und Commiſſionair werden; er wollte Käufe und Verkäufe vermitteln, wie ſo viele Andere thaten, arme Teufel, die einander die halben Procente gegenſeitig benei⸗ deten, und vornehme Herren mit großen Titeln, welche den Güterſchacher ins Große treiben und Hunderttauſende da⸗ bei gewinnen durch Liſt, Beſtechung und Schleichwege. Veitel wußte, daß es wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er anfangen, zunächſt mußte er als Factotum bei Ehrenthal bleiben, ſo lange er den Alten benutzen konnte. Die Roſalie war ſchön und ſie war reich, denn Bernhard war nicht zu rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht wollte er werden der Schwiegerſohn des alten Ehrenthal, vielleicht wollte er auch nicht; dies Geſchäft hatte keine Eile. Und noch Einer war, mit dem er ſich ſtellen mußte: der kleine ſchwarze Mann, welcher jetzt drüben in der Gaſtſtube ſeinen theuren Wein trank. Auch mit ihm mußte er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen für jeden Dienſt, den ihm der Alte that, und wollte ihm nur ſo weit ſein Vertrauen geben, als es nöthig war. Das waren die Entſchlüſſe, zu denen Veitel kam, und als er ſeinen Plan überlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er ſchreiben will, da trug er ſeine Pfandbriefe unter das Kopfkiſſen, verſchloß ſeine Thüre, lehnte einen ſchweren Stuhl dagegen und warf ſich erſchöpft durch die Anſtrengung des— Tages auf ſein hartes Lager, er, der neue wild aufgeſchoſſene Agnat der Rothſattel, der Mitbeſitzer ihres ſchönen Gutes. — 398— Vielleicht war es die aberwitzige Phantaſie eines Thoren, was- der Händler auf ſeiner ärmlichen Stube in unruhiger Seele umhergewälzt hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von entſchloſſenen und conſequenten Thaten, ein finſte⸗ res Schickſal für den Freiherrn und ſeine Familie. Der Freiherr ſelbſt ſollte darüber entſcheiden. An demſelben Abend ſaßen die Baronin und ihre Toch⸗ ter in der Roſenlaube des Parks, Beide waren allmählig ver⸗ ſtummt. Die Nutter ſah in tiefen Gedanken auf den Tanz eines Nachtſchmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke ſtieß, welche das Licht vor der Nacht⸗ luft ſchützte. Verwundert flatterte er in das Dunkel zurück, vergaß im nächſten Augenblicke das Unbehagliche des Stoßes und ſuchte von Neuem eine Oeffnung im Glaſe. Lenore beugte ſich über ein Buch und warf zuweilen einen forſchen⸗ den Blick in das ernſte Geſicht der Mutter. Da knirſchte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat haſtig mit abgezogener Mütze heran und frug nach dem gnädigen Herrn. „Was bringen Sie?“ frug Lenore den Graukopf,„iſt eetwas vorgefallen?“ „Mit dem alten Rappen geht's zu Ende,“ antwortete der Amtmann beſorgt,„er hat wüthend um ſich geſchlagen und in die Krippe gebiſſen, jetzt liegt er und keucht wie im Sterben.“ 4 „Das wäre der Teufel!“ rief Lenore aufſpringend. „Lenore!“ ſchalt die Mutter. „Ich komme, ſelbſt nachzuſehen,“ ſagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten nach dem Hofe. „ — 399— Das kranke Pferd lag auf ſeiner Streu triefend von Angſtſchweiß, und ſeine Flanken hoben und ſenkten ſich in keuchendem Athemholen. Beim Schein der Stalllaterne ſtanden die Knechte umher und ſahen phlegmatiſch auf das leidende Thier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen Hilfe ſuchend nach dem Fräulein. „Es kennt mich noch,“ rief ſie und winkte den ſtämmi⸗ gen Großknecht bei Seite. „Er hat ſich abgearbeitet,“ ſagte der Mann,„jetzt iſt er ruhig.“ „Werft Euch ſogleich auf ein Pferd und reitet zum Thierarzt,“ befahl Lenore dem Knecht. Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Mei⸗ len zu reiten, er antwortete zögernd:„Der Doctor iſt nie⸗ mals zu Hauſe; ehe er kommt, iſt's mit dem Pferde zu Ende.“ „Gehorcht!“ befahl Lenore kalt und wies nach der Thüre. Der Knecht ging widerwillig hinaus. „Was iſt das mit dem Großknecht?“ frug Lenore, als ſie mit dem Amtmann aus dem Stall trat. „Er thut nicht mehr gut und müßte fort, ich habe es dem gnädigen Herrn ſchon oft geſagt. Aber gegen den Herrn Baron iſt der Schlingel bethulich wie ein Ohrwurm; er weiß, daß er einen Stein im Bret hat; gegen alle andern Leute iſt er widerhanrid, und ich habe täglich meinen Aerger mit ihm.“ „Ich will mit dem Vater ſprechen,“ erwiederte Lenore die Stirn faltend. Der alte Diener blieb ſtehen und fuhr zutraulich fort: „Ach, gnädiges Fräulein, wenn Sie ſich der Wirthſchaft * . — 400— etwas annehmen wollten, das wäre ein wahres Glück für das Gut. Mit dem Kuhſtall bin ich auch nicht zufrieden. Die neue Wirthſchafterin verſteht die Mägde nicht zu tractiren, ſte iſt zu flatterhaft, Bänder hinten und Bänder vorn. Sonſt war's beſſer im Gange, da kam der Herr Baron manchmal ſelbſt und beſah das Butterfaß. Jetzt hat er wohl andere Geſchäfte, und wenn die Leute wiſſen, daß der Herr nachſich⸗ tig iſt, ſo ſpielen ſie dem Amtmann Trumpf aus, wenn er ſie ſcharf behandelt.— Sie können ſcharf ſein mit den Leu⸗ ten, es iſt jammerſchade, daß Sie kein Herr ſind.“ „Ja, Sie haben Recht, es iſt jammerſchade,“ nickte Le⸗ noöre beiſtimmend ihrem alten Freunde zu.„Aber man muß es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich mich küm⸗ mern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern ſein. Wie ſteht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der Stadt gefahren.“ , a,“ ſagte der Alte gedrückt,„der gnädige Herr hatten ſo befohlen, ich weiß nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden ſchon im Winter an Händler verkauft auf Lieferung. Sehen Sie,“ fuhr er bekümmert fort und ſchüttelte ſeinen weißen Kopf,„ſonſt verkaufte ich, und ich ſchrieb's ins Buch und ſtrich das Geld ein und zählte es dem Herrn Baron auf. Jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notiren; wenn die Seite zu Ende iſt, mache ich einen Strich, aber ich dieh keine Summe mehr.“ Lenore hörte, die Hände auf dem Rücken, die Klage theil⸗ nehmend an.„Hm:! Es wird eine von den neuen Einrich⸗ tungen ſein. Grämt Euch nur nicht darüber, mein Alter. — 401— Ich will, ſo oft Papa nicht da iſt, Nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufſuchen. Sie ſollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie ſchmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?“ „Er iſt dick angeraucht,“ ſagte der Amtmann ſchmun⸗ zelnd und zog zur Bekräftigung ſeine kurze Pfeife halb aus der Taſche.„Aber um wieder auf den Rappen zu kommen, der Herr Baron wird ſehr böſe ſein, wenn er das Malheur erfährt, und wir können doch nichts dafür.“ „Ei was,“ ſagte Lenore,„wenn wir nichts dafür kön⸗ nen, wollen wir's ruhig abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurück zu dem Pferde.“ „Zu Befehl, gnädiges Fräulein, und gute Nacht auch für Sie,“ ſagte der Amtmann. Noch immer ſaß die Baronin allein unter den ſchwellen⸗ den Knospen der immergrünen Roſe, auch ſie dachte an ihren Hausherrn, der ſonſt ſelten an ihrer Seite gefehlt hatte, wenn ſie die warmen Frühlingsabende im Freien zubrachte. Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und liebe⸗ voll gegen ſie, wie immer, aber er war oft zerſtreut und ab⸗ geſpannt und wieder reizbarer und durch Kleinigkeiten ver⸗ ſtimmt, ſeine Fröhlichkeit war lauter, und ſein Bedürfniß nach Herrengeſellſchaft größer als vordem. Sein Haus, ja ſie ſelbſt, übte geringere Anziehungskraft aus als ſonſt, und ſie frug ſich immer wieder, ob ſolche Veränderung die trübe Folge davon ſein konnte, daß der roſige Hauch der Jugend von ihrer Stirn ſchwand. Mit dieſem Gefühl rang ſie und ſuchte ängſtlich nach andern Gründen für die e hauſigr d weſtuhi des geliebten Mannes. — 4⁰²2— „Iſt der Vater noch nicht zurück?“ frug Lenore zu ihr tretend.„Es fuhr ein Wagen auf der Landſtraße.“ „Nein, mein Kind,“ ſagte die Mutter,„er hat wohl in der Stadt zu thun, es iſt möglich, daß er erſt morgen zurück⸗ kommt.“ „Ich bin nicht zufrieden damit, daß Papa jett ſo viel in der Stadt iſt und bei den Nachbarn umherfährt,“ ſagte Le⸗ nore;„es iſt lange her, daß er uns des Abends nicht mehr vorgeleſen hat.“ „Er will, daß du meine Vorleſerin wirſt,“ ſagte die Mutter lächelnd.„Du ſollſt es auch heut Abend ſein, hole ein Buch und ſetze dich artig neben mich, du Un⸗ geduld.“ Lenore verzog ſchmollend den kleinen Mund und ſtatt das Buch zu ergreifen, ſetzte ſie ſich neben die Baronin, umſchlang ſte mit beiden Armen und ſagte, das Haupt der Mutter an ſich drückend und ihr das Haar ſtreichend:„Liebes Herz, auch du biſt traurig, du haſt Kummer; haſt du Sorge um den Vater? Er iſt nicht ſo, wie er früher war. Ich bin kein Kind mehr, ſage mir, was er treibt.“ „Du biſt thöricht,“ antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme.„Ich habe nichts vor dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn von uns fortzieht, ſo dürfen wir Frauen nicht darnach fragen, es iſt an uns, zu warten, bis die Stunde kommt, wo der Herr des Hauſes uns ſein Herz öffnet.“ „Und unterdeß ſollen wir uns angſtigen, vielleicht um ein Nichts,“ rief Lenore. 34 „Wir ſollen uns mühen, ruhig zu ſein, und wenn wir vertrauen, wo wir lieben, iſt es nicht ſchwer,“ antwortete die Baronin, ſich aus dem Arm Lenorens aufrichtend. „Und doch ſind deine Augen feucht und du verbirgſt mir deine Sorge,“ ſprach die Tochter.„Wenn du ſchweigen willſt, ich werde es nicht thun, ich werde den Vater fragen.“ „Das wirſt du nicht,“ ſagte die Baronin in beſtimm⸗ tem Ton. 4 „Der Vater!“ rief Lenore,„ich höre ſeinen Tritt.— Die ſtattliche Geſtalt des Freiherrn kam mit ſchnellen Schrit⸗ ten auf die Laube zu.„Guten Abend, ihr Heimchen,“ rief er ſchon von Weitem mit heller Stimme. Er ſchloß Frau und Tochter zugleich in ſeine Arme und ſah ihnen ſo fröhlich in die Augen, daß die Baronin ihren Schmerz, und Lenore die Frage vergaß.„Es iſt hübſch, daß du ſo früh zurück⸗ kommſt,“ ſagte die Hausfrau mit heiterem Lächeln,„Lenore wollte dich heut Abend durchaus neben uns ſehen. Der Abend war ſo ſchön.“ Der Freiherr ſetzte ſich zwiſchen die Frauen und frug be⸗ haglich:„Kinder, bemerkt Ihr keine Veränderung an mir?“ „Du biſt heiter,“ ſagte die Baronin ihm ins Auge ſe⸗ hend,„ſonſt wie immer.“ 3 „Du haſt deine Uniform angehabt und Beſuche gemacht,“ ſagte Lenore,„ich ſehe es an der weißen Cravatte.“ „Ihr habt Beide Recht,“ antwortete der Baron,„aber ich bringe doch noch etwas: der König hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den der Vater und Großvater getragen haben; es freut mich, daß das Kreuz in unſerer Fa⸗ milie faſt erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gnä⸗ diges Schreiben des Prinzen, worin er mir Glück wünſcht 26* und ſich ſehr freundlich an die Jahre erinnert, die ich in ſei⸗ ner Nähe verlebte, und auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes. Ich wollte, er ſähe dich wieder; er wird es für unmöglich halten, daß Jahre vergangen ſind, ſeit er dein Taͤnzer war.“ „Welche Freude!“ rief die Baronin und umſchlang den Hals ihres Mannes,„ich habe deiner Toilette den Stern ſchon ſeit Jahren gewünſcht.“ Lenore öffnete unterdeß das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin und her.„Wir machen ihm die Decoration um.“ Die Baro⸗ nin hing ihm das Kreuz um den Hals und küßte lohal erſt ihn und dann das Kreuz. „Nun, wir wiſſen ja,“ ſagte der Baron,„was in unſerer Zeit von ſolchem Schmuck zu halten iſt. Doch geſtehe ich, daß gerade dieſe Standesdecoration mir die liebſte von allen iſt. Unſere Familie iſt eine der älteſten, und in unſerer Linie ſind, was freilich ein Zufall iſt, niemals Mißheirathen vor⸗ gekommen. Dies Kreuz iſt gegenwärtig ſo ziemlich die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man auf dergleichen noch großen Werth legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die Stelle unſerer Privilegien, das Geld. Und auch wir ſind in der Lage, uns darum bemühen zu müſſen, wenn wir unſere Familie in Anſehen erhalten wollen. In dem Briefe des Prinzen iſt das Alter der Familie erwähnt und der Wunſch ausgeſprochen, daß ſie noch viele Generationen, wie bisher, in muſterhafter Gentilität, ſo ſind die Worte des Briefes, blühen möge. Du, Lenore, und dein Bruder, Ihr habt da⸗ für zu ſorgen.“ „Ich lebe in muſterhafter Gentilität,“ antwortete Lenore, 4 4 —. 405— die Arme übereinander ſchlagend.„Und für die Ehre der Familie kann ich nichts thun. Wenn ich heirathe, wozu ich gar keine Luſt habe, ſo muß ich doch einen andern Namen annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rüſtung, der oben im Erkerzimmer hängt, ziemlich gleich ſein, wen ich zu meinem Herrn mache. Eine Rothſattel kann ich doch nicht bleiben.“ Der Vater lachte und zog die Tochter an ſich.„Wenn ich nur wüßte, woher mein Kind dieſe Ketzereien hat.“ „Sie iſt allmählig ſo geworden,“ ſagte die Mutter. „Das wird ſich geben,“ antwortete der Vater und küßte die Tochter herzlich auf die Stirn.„Hier lies den Brief des Prinzen, ich ſehe nach dem Pferde, dann eſſen wir zu⸗ ſammen im Freien.“ „Ich komme mit dir zu dem Kranken,“ ſagte Lenore. Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund geiſtlicher Ritter, welche Länder erobert und ein eigenes Reich gegründet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles Licht, ſo gleichgiltig er ſich auch dagegen ſtellte. Die Glückwünſche ſeiner zahlreichen Be⸗ kannten thaten ihm wohl, und ſeine Selbſtachtung erhielt dadurch eine geheime Stütze, deren ſte manchmal bedurfte. So fand ihn nach Verlauf einer Woche auch Ehrenthal, der Händler, als er auf ſeinem Wege nach einem nah gelegenen Dorfe anhielt, nur um dem Freiherrn zu gratuliren. Er hatte bereits ſeine Abſchiedsverbeugung gemacht, als er noch einmal anhielt und die Worte hinwarf:„Der gnädige Herr hatten früher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rüben anzu⸗ legen. Ich höre, es iſt jetzt im Werk, eine Compagnie zu — 406— bilden, welche eine ſolche Fabrik ganz in Ihrer Nähe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem Geſchäft Theil zu nehmen, und wollte doch erſt fragen, wie der Herr Baron es noch gedenken zu halten in dieſer Sache.“ Dem Freiherrn war die Nachricht ſehr unangenehm. Seit Jahren hatte er ſich mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf ſeinem Grund und Boden zu errichten, er hatte eine Anzahl ähnlicher Unternehmungen beſucht, hatte ſich Anſchläge machen laſſen, mit Technikern verhandelt, ja er hatte ſchon den Platz bezeichnet, auf dem das Etabliſſement am wenigſten unſchön geweſen wäre. Er hatte dieſen Plan eine Zeit lang mit großem Eifer verfolgt, allmählig war er ihm weniger lockend erſchienen. Die Scheu eines vorſich⸗ tigen Mannes vor der neuen und noch unſichern Induſtrie, die Klagen einiger Bekannten über die Menge der Koſten und vor Allem über die Unruhe und vielen Inconvenienzen, die ein ſolches Unternehmen in das Leben eines Gutsbeſitzers und die Verwaltung ſeines Gutes bringe, das Alles hatte ihn bewogen, das Projeet liegen zu laſſen und für die näch⸗ ſten Jahre eine ruhige Anlage ſeines Capitals mit allerdings mäßigem Zinſengenuß vorzuziehen. Jetzt ſollte eine Anlage, wie er ſich doch für die Zukunft vorbehalten hatte, von Andern ausgeführt werden; es war klar, daß ſein eigenes Project dadurch zerſtört wurde.. Denn zwei gleiche Fabriken in unmittelbarer Nähe mußten ſich zuverläſſig hindern. Geärgert rief er:„Gerade jetzt, wo ich mir auf einige Jahre die Dispoſition über die Capitalien genommen habe.“ „Herr Baron,“ ſagte der Händler mit Herzlichkeit,„Sie ſind ein reicher Mann und angeſehen in der Gegend. Wenn 4 — 407— Sie erklären, daß Sie ſelbſt anlegen wollen dieſe Fabrik, ſo geht der Actienverein auseinander an demſelben Tage.*. „Sie wiſſen, daß ich das jetzt nicht kann,“ erwiederte der Ireiherr unwillig. „Wenn Sie wollen, gnädiger Herr, ſo können Sie auch,“ entgegnete der Händler mit ehrerbietigem Lächeln.„Ich bin nicht der Mann, der Ihnen zuredet zu einer ſolchen Fabrik. Was haben Sie nöthig, Geld zu verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu mir ſagen, Ehrenthal, ich will anlegen eine Fabrik, ſo ſteht Ihnen Capital zu Gebot, ſo viel Sie haben wollen. Ich ſelbſt habe eine Summe von ſieben⸗, von zehntauſend Thalern vorräthig, Sie können dieſe erhalten jeden Tag.— Und ich will Ihnen einen Vorſchlag thun. Ich ſchaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen, zu billigen Zinſen. Für die Summe, die ich ſelbſt Ihnen gebe, laſſen Sie mir einen Antheil am Geſchäft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurück⸗ zahlen mein Geld. Für das übrige Geld, das Sie brauchen, beſtellen Sie Hypothek auf Ihr Gut, bis Sie zurückzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.“ Der Vorſchlag erſchien uneigennützig, ja freundſchaftlich, aber der Freiherr fühlte zu lebhaft die große Veränderung, welche ein ſolches Geſchäft in ſeinem ganzen Leben hervor⸗ bringen werde, er ſah mit banger Sorge und einem Miß⸗ trauen ſowohl gegen ſich ſelbſt, als gegen Ehrenthal in eine „Zukunft von Verwickelungen. Er verhielt ſich deßhalb ſehr kühl gegen Ehrenthals Antrag.„Ich danke Ihnen für das Zutrauen,“ ſagte er,„aber ich will nicht mit fremdem Gelde einrichten, was doch nur aus den Ueberſchüſſen der eigenen Einnahme mit Segen erbaut wird.“ 3 . — 408— Ehrenthal mußte ſich mit dieſem Veſcheide entfernen und ſagte nur noch an der Thür:„Der gnädige Herr können ſich ja die Sache überlegen, ich getraue mir durch vier Wo⸗ chen das Actiengeſchäft aufzuhalten, damit in dieſer Zeit nichts weiter geſchieht.“ Nur wer einmal in ſeinem Leben eine gefeierte Sängerin ggeweſen iſt, kann ſich eine Vorſtellung von der Fülle unbe⸗ kannter kleiner Briefe, Packete und Sendungen machen, welche der Freiherr in den nächſten vier Wochen aus der Stadt empfing. Zuerſt ſchrieb Herr Ehrenthal:„Ich habe die Actionäre vier Wochen aufgehalten;“ dann ſchrieb Herr Karfunkelſtein, ein Actionär:„Ich höre, daß Sie wollen anlegen eine Fabrik, in dieſem Fall ſtehe ich Ihnen nach.“ Dann ſchrieb wieder Herr Ehrenthal:„Hier iſt eine Jah⸗ resberechnung einer ähnlichen Fabrik, woraus man kann ſehen, was zu gewinnen wäre.“ Dann ſchrieb wieder ein Herr Wolfsdorf:„Es verlautet, daß der Herr umgehe mit einer FSabrik; ich habe Capitalien auszuleihen gegen mäßigen Zins⸗ fuß und würde glücklich ſein, wenn ich eine Hypothek er⸗ hielte oder am liebſten einen Antheil am Geſchäft.“ Zuleetzt ſchrieb gar ein undeutlicher er Itzigveit:„Der Herr Ba⸗ ron ſoll das Geſchäft nicht machen mit Ehrenthal, wie man in der Stadt erzählt, Ehrenthal iſt ein reicher, aber ein intereſſirter Mann, er ſoll ihn wenigſtens nicht annehmen zum Compagnon; ich der Briefſchreiber will ihm viel beſſere Capitalien verſchaffen und ganz andere Theilnehmer,“ wo⸗ rauf Herr Ehrenthal wieder genöthigt war zu ſchreiben:„Es werden Intriguen geſpielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem gnädigen Herrn anderes Geld zu ſeinem ſchönen 8 — *⁴ — 409— Unternehmen zu verſchaffen; Sie können thun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und dränge mich nicht vor.“ Der Freiherr war erſtaunt zu ſehen, wie leicht und maſ⸗ ſenhaft ſeinem Namen die Capitalien zurollten, und daß ganz unbekannte Menſchen bereit waren, das Unternehmen auf ſeinem Grund und Boden für ein unfehlbares, glänzendes, beneidenswerthes zu halten. Er hatte in ſeinen Speculatio⸗ nen bis jetzt entſchiedenes Glück gehabt, er hatte die Abnei⸗ gung vor Geldgeſchäften ziemlich vollſtändig überwunden, ja er hatte ſich gewöhnt, einen gewiſſen Anſpruch an die Capitalien Anderer zu machen. Jetzt wurde er allmählig mit dem Gedanken vertraut, das Geld zur Anlage ſeiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur Eines widerſtand ſeinem Stolz, den zuvorkommenden CEhrenthal als Theilnehmer an⸗ zunehmen; ſo weit wirkte der Brief des undeutlichen Schrei⸗ bers. Und er beſchloß, im Fall das Unternehmen zu Stande kommen ſollte, dem Händler für ſein geliehenes Geld feſten Zinsfuß zu gewähren. Vier Wochen kämpfte der Freiherr mit innerer Unentſchloſſenheit, oft war ſeine Stirn umwölkt, oft ſah die Baronin wieder mit ſtillem Schmerz die Aufre⸗ gung ihres Gemahls, oft fuhr dieſer nach der Stadt oder auf die Güter ſeiner Bekannten, um ähnliche Anlagen zu beſichtigen und ſich die möglichen Vortheile aus verſchiede⸗ nen Anſchlägen herauszunehmen. Ueber die projectirte Actiengeſellſchaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger günſtigen Nachrichten, welche er über die Erfolge einzelner Fabrikanten einſammelte, ſchrieb er auf Rechnung einer natürlichen Furcht vor ſeiner Concurrenz oder auf die unvortheilhafte Anlage ihres Geſchäftes. 1 . — 410— Vier Wochen waren vergangen, und ein neuer Brief von Ehrenthal erſchien, worin der Baron dringend gebeten wurde, ſeinen Entſchluß mitzutheilen, weil einzelne von den Actionären gar nicht mehr zu halten wären. Es war der Abend eines heißen Tages, als der Freiherr unruhig aus dem Wirthſchaftshof ins Freie trat. Tief un⸗ ten am Himmel glänzte ein gelbes blendendes Licht hinter ſchwarzem Dunſt hervor, dicht zuſammengeballt hingen die Wolken über ſeinem Scheitel, wie dunkle Felſen der Luft mit eiſigen Gipfeln. Rings um den Herrn des Guts war Schwüle, Muthloſigkeit und bange Ahnung. Im Getreide ſchwirrten die Grillen lauter als ſonſt, unaufhörlich tönte ihr warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen Vögel auf den Bäumen der Landſtraße kreiſchten in den Zweigen, flatterten von einem Baum auf den andern und riefen ein⸗ ander zu, daß etwas Furchtbares über ihre Felder herein⸗ breche; wir Kleinen werden es überſtehen, ſchrieen ſte, aber die Großen mögen ſich hüten. Die Schwalben ſtrichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn vorüber, als ſei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er ſtand. Die wilden Blattpflanzen am Wege ließen ſaftlos ihre Blätter hängen, ſie waren mit häßlichem Staub überzogen und ſahen aus wie Gewächſe einer untergegan⸗ genen Welt, die vor vielen Jahren einmal grün war und Blüthen trug. Eine dicke Staubwolke rollte die Landſtraße entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Geſpanne zo⸗ gen an ihm vorüber. Schwerfällig ſchritten die Pferde vor⸗ wärts und ſenkten ihre Köpfe in den Geſchirren. Die häß⸗ liicche gelbe Wolke wälzte ſich mit ihnen fort und verhüllte die — 411— Umriſſe ihres Leibes, daß nur die Hälſe hervorragten und ſie dem Freiherrn ausſahen wie ſchattenhafte Geſtalten, welche in der Luft dahinfahren. Nach ihnen kam langſam in drei Haufen die Schafheerde, wieder in Wolken des erſtickenden Staubes gehullt. Die Glöckchen der Thiere klangen dumpf in der dicken Luft, und wie aus weiter Entfernung tönte im Wirbel am Boden bald hier bald dort die Stimme eines geiſterhaften Schäferhundes. Und als der Schäfer ſeinen Herrn grüßend vorüberſchritt, ſaeh der Mann ſo grau und ſchattenhaft aus, wie ein Geſpenſt aus dem Grabe, das einſt auf der grünenden Erde wirkliche Schafe über das Brachfeld getrieben hatte. Der Gutsherr blieb ſtehen an den Pferden und Schafen, er ſtand vor der welken Königskerze am Grabenrand, er hörte auf die Vögel im Laube, es waren unheimliche Gedan⸗ ken, die ſie ihm gaben. Er ging weiter auf dem Damm am Teiche, wo einſt Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus geworfen hatte. In rothem Feuer ſtand das Schloß mit ſeinen Thürmen und Mauern vor dem Freiherrn, helle Flämmchen brannten auf den Spitzen der Thürme in die Wolken hinein, im Brand leuchteten alle Fenſterſcheiben des Schloſſes, und wie Blutstropfen lagen die roſigen Blumen⸗ büſchel auf dem ſchwarzgelben Lauf der Kletterpflanzen. Ueber dem Schloſſe aber in der Luft ballte und wälzte ſich's, und immer näher kam's in ſchwarzen Maſſen heran, um mit Nacht den glänzenden Bau zu verhüllen. Kein Blatt der Bäume bewegte ſich, keine Kreiswelle furchte die dunkle Waſſerfläche, todt lag ſie da, wie ein See der Unter⸗ welt. Der Herr beugte ſich hinab und ſuchte ein Zeichen — 412— des Lebens, nur eine Waſſerſpinne, eine Libelle, welche in dem finſtern Schweigen um ihn herum ſich leibhaftig regte;— da ſtarrte ihm aus der Tiefe ein bleiches Menſchengeſicht ent⸗ gegen, daß er zurückfuhr und ein zweites Mal hinſehen mußte, um zu lächeln und zu erkennen, daß es ſein eigener Wieder⸗ ſchein war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwüle, Muthloſigkeit und bange Ahnung. Er lehnte ſich an den hohlen Weidenſtamm und ſah unverwandt auf ſein Haus und auf die Fenſter, wo ſeine Lieben wohnten; er ſuchte nach einem Umriß ihrer Geſtalt, er horchte nach einem Ton von dem Flügel der Varonin, er wünſchte, daß nur ein helles Band Lenorens niederflattern möchte von dem Balcon ihres Zimmers; aber kein Zeichen des Lebens war in dem Hauſe zu erſpähen, das Schloß war ausgeſtorben, wüſt, wie ein Bau aus uralter Zeit, durch geiſterhaftes Licht beleuchtet;— noch wenig Augenblicke, und es mußte verſchwinden in dem Boden. Dann konnte das Waſſer darüber hinfluthen, und die Leute konnten ſich erzäh⸗ len, daß hier einſt ein ſchönes Schloß war, in dem ein ſtol⸗ zer Baron lebte, das ſei aber lange, lange her.— Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie!— Wenn die Zeit kam, wo ein fremder Mann an ſeiner Stelle ſtand und ein neues Haus anſah, das er ſich erbaut, dann lag die Waſſerfläche vor dem Fremden, wie jetzt vor ihm, dieſelbe Erdſcholle, die ſein Pflug aufwarf, trug auch dem Spätern bereitwillig Frucht. Dann gaben die Körner aus ſeinem Korn noch weißes Mehl, die Lämmer von ſeinen Schafen ſprangen um denſelben ſteinernen Waſſertrog, die Ackerfläche lag vor dem Neuen da, wie jetzt vor ihm, an derſelben Stelle — 413— liefen vielleicht die Waſſerrinnen durch das Feld, die Bin⸗ ſenwurzel unter ihm trieb ebenſo ihren Schaft aus dem Waſ⸗ ſer: nur er und ſein Geſchlecht, die jetzt über Alles geboten, ſte ſollten dann verſchwunden ſein, verſchwunden bis viel⸗ leicht auf eine gleichgiltige Erinnerung! So ſtand der Herr des Gutes, gelähmt durch den böſen Zauber, der auf der Erde und auf ſeiner Seele lag, er holte tief Athem und trocknete den Schweiß von der Stirne, er war rathlos und wie gebrochen. Da fuhr ein ſcharfer Ton durch die Wipfel der Bäume, es war ein Jagdruf der Lüfte. Noch einmal wurde Alles ſtill, dann raſte der Sturmwind plötzlich hernieder von der Höhe, er rauſchte durch die Baum⸗ wipfel, er ziſchte über das Waſſer; tief beugten die Weiden ihre grauen Aeſte, und die Staubwolken der Straße fuhren in tollen Wirbeln nach der Höhe; der gelbe Schein an den Mauern des Schloſſes verſchwand, bleigraue Dämmerung überzog die Landſchaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finſterniß, und lang und majeſtätiſch rollte der Donner her⸗ auf. Der wilde Jäger der Luft hielt ſeine Hetzjagd über die Fluren der Menſchen. Der Freiherr richtete ſich hoch auf und öffnete ſeine Bruſt dem Zuge des Sturmwindes. Blätter und Baum⸗ zweige flogen um ihn und große Regentropfen ſchlugen auf ſein Haupt, er aber ſtarrte nach den Wolken in das Wetter hinein und auf die Blitze, welche ſich kreuzten, als erwartete er von da oben eine Entſcheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der Straße und eine fröhliche Männer⸗ ſtimme rief von der Höhe herab:„mein Vater!“ Ein jun⸗ ger Reiterofftzier khiel auf der Straße. — 414— „Mein Sohn, mein geliebter Sohn,“ rief der Vater mit bebender Stimme,„du kommſt zur rechten Zeit.“ Er drückte den Jüngling feſt an ſich, und als er ihn aus der Umarmung los ließ, hielt er noch lange ſeine Hände feſt und wurde nicht müde, ihn anzuſehen. Auch der Reitersmann vor ihm war mit grauem Staube bedeckt, aber ein jugendliches Ge⸗ ſicht und zwei kecke Augen ſprachen in dieſem Augenblick ent⸗ ſcheidende Worte zu dem Vater. Die Unſicherheit, alle trübe Ahnung war verſchwunden, er fühlte ſich wieder feſt, wie dem Chef ſeines Hauſes geziemte. Vor ihm ſtand in blühender Jugend die Zukunft ſeines Geſchlechtes. Daß dieſe Erinnerung ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entſchluß faſſen ſollte, das galt ihm für einen Befehl des Schickſals.„Und jetzt komm nach Haus,“ ſagte er, „es iſt kein Grund mehr, daß wir unſere Begrüßung im Regen abmachen.“ Während die Baronin ihren Sohn auf das Sopha zog und nicht müde wurde, ſich über ſein männliches Ausſehen zu freuen, und während Lenore ſogleich mit dem Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der Freiherr in der Fa⸗ milienſtube auf und ab und ſah zuweilen durch den ſtrömenden Regen in die Landſchaft hinaus. Immer ſchneller fuhren die Blitze durcheinander, und immer kürzer wurden die Pau⸗ ſen, in denen der Donner dem Zucken des Feuerſtrahls folgte. „ Schließe das Fenſter. bat die Vnrnin„das Wetter kommt herauf.“ „Es wird unſerm Hauſe nichts thun,“ antwortete der Freiherr beruhigend.„Der Leiter ſteht oben auf dem Dach, . 5 *— 415— er glänzte vorhin hell wie ein Licht durch die dunkeln Wolken. Sieh dorthin, wo die Wolken am ſchwärzeſten zuſammengeballt ſind, dort über der hellgrünen Eſche.“ „Ich ſehe die Stelle,“ ſagte die Baronin. „Mache dich gefaßt,“ fuhr der Freiherr lächelnd fort, „daß dein blauer Himmel dort für immer durch graue Wolken bedeckt wird, dort wird der Schornſtein der Fabrik über die Bäume ragen.“ „Du willſt bauen?“ frug die Baronin beſorgt. „Du willſt eine Fabrik errichten?“ rief der Lieutnant vorwurfsvoll. „Ja,“ ſagte der Freiherr zu ſeiner Gemahlin,„das Un⸗ ternehmen wird viel Unbequemes haben für dich und mich, und wird meine Kräfte in jeder Beziehung in Anſpruch neh⸗ men. Wenn ich es doch wage, ſo geſchieht es nicht um unſertwillen, ſondern für die Kinder, für die Familie. Ich will das Gut befeſtigen bei unſerm Hauſe, ich will ſeine Einkünfte ſo vermehren, daß der Herr dieſes Schloſſes in der Lage iſt, auch für die Zukunft der Lieben zu ſorgen, de⸗ nen er nach dem alten Recht der Erſtgeburt und der männ⸗ lichen Nachfolge das Gut nicht überlaſſen kann. Es hat mich langen Kampf gekoſtet, heut hab' ich mich entſchloſſen.“ — 416— 1 449 . 14* 21 i; 9. 32 5 DU. Zch aer Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage ſeiner Fabrik. Er ſuchte wenigſtens einen Theil der Ziegeln ſelbſt zu bren⸗ nen, er bezeichnete die Stämme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geſchlagen werden ſollten. Ein Baumei⸗ ſter wurde durch Ehrenthal empfohlen, und ein Techniker von dem Freiherrn ſelbſt angeworben. Er erkundigte ſich ſorg⸗ fältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Ein⸗ richtung und Betrieb ſeiner Fabrik übergeben wollte, und wünſchte ſich Glück, als er nach langem Suchen einen red⸗ lichen Mann fand, der eine ungewöhnliche theoretiſche Bil⸗ dung beſaß. Vielleicht war gerade dieſe letztere Eigenſchaft vom Standpunkt des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem Erwählten wurde von zähen Praktikern nachgeſagt, daß er nie eine Fabrik in ruhigem Betriebe laſſen könne, ſondern durch haſtige Einführung neuer Erfindungen die tägliche Ar⸗ beit zu oft ſtöre. Daher galt er für koſtſpielig und unſicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und Redlichkeit des Man⸗ nes natürlich die Hauptſache, mehr noch als jedem Andern, veeil er im Stillen die Empfindung hatte, daß dieſe Eigen⸗ ſchaften des Technikers die Mängel ſeiner eigenen Leitung ausgleichen müßten. 1 So froh aber dieſe Ausſichten waren, ein Uebelſtand war doch dabei. Ordnung und Behagen waren auf dem Gut kenlin 1 uih — 417— nicht mehr zu finden, ſie waren mitten im Sommer fortge⸗ flogen, wie die Störche, welche ſeit vielen Jahren hinter der großen Seheuer geniſtet hatten. Alle Welt wurde durch die 8 neus lläſtigt. Die Baronin ve⸗ eine Ecke des 4 I ete das Herzeleid, daſ Dutzend mäch⸗ aume niedergeſchlagen wurden in Haufe frem⸗ der Arbeiter zog mit Hacke, Schaufel und Karren wie ein Heuſchreckenſchwarm über das Gut. Sie zertraten die Gras⸗ plätze des Parks, ſie lagerten in ihren Eßſtunden in der Nähe 6 des Schloſſes und genirten die Frauen oft durch ihren Mangel an Rückſicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahl⸗ reichen Diebſtähle an Obſt und Gemüſe. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die Unordnung, welche in ſeiner Wirthſchaft einriß. Die neuen Leute, welche er an⸗ genommen hatte, erſchwerten ihm die Aufſtcht über das Ge⸗ ſinde. Die neuen Zugthiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, 3 wenn er ſie am nothwendigſten im Felde brauchte, ſeine guten Zugochſen waren für ihn gar nicht mehr vorhanden. Der Bedarf der Wirthſchaft wurde größer, die Einnahmen droh⸗ 3 ten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für— die Rübencultur beſtimmt war, machte dem alten Mann 1 ſchwere Arbeit. In der Fruchtfolge mußte Vieles geändert, 8 die Taglöhner ſollten für den neuen Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu tröſten und brachte ihm manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er ſeinen Kummer mit den blauen Wolken in die Luft blaſen konnte. Die ſchwerſte Laſt trug natürlich der Freiherr ſelbſt. Sein Arbeitszimmer, ſonſt nur von einzelnen Bittſtellern oder dem Amtmann beſucht, L 1 27 3 — 418—. wurde jetzt ein Gemeinplatz, wie der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten ſollte er Rath ſchaffen, Aufſchluß geber Schwierigkeiten überwinden. Faſt täglich jagte er nach d Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war, erſchien er in dem Familienkreiſe ſorgevoll, mürriſch, abgeſpannt. Es war eine große Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war ſehr ſchwierig, ſie in Wirklichkeit zu verwandeln. Einigen Troſt fand der Freiherr in der lebhaften Anhäng⸗ lichkeit Ehrenthals. Dieſer wußte ſich überall nützlich zu machen, hatte ſtets einen guten Rath bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Er erſchien jetzt oft auf dem Gut, dem Baron ein willkommener Gaſt, weniger den Frauen. Dieſe gönnten ihm den Argwohn, daß ſeine Beſchwörung die Fluth von Geſchäften heraufführe, welche ſich jetzt durch alle Fenſter und Thüren des Schloſſes ergoß. Glücklicher⸗ weiſe dauerten ſeine Beſuche immer nur kurze Zeit, und wenn man ihm auch anſah, daß er ſich jetzt auf dem Gut nicht unnbehaglich fühlte, ſo war ſein Benehmen in Betreff der Ehrerbietung doch durchaus untadelhaft. 1 An einem ſonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillant⸗ nadel und Buſenkrauſe in das Zimmer ſeines Sohnes. „Willſt du heut mitfahren auf das Gut der Rothſattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron geſagt, daß ich dich mit⸗ bringen werde, um dich zu präſentiren der Familie.“ Bernhard ſprang von ſeinem Sitze auf. Aber Vater, ich bin den Herrſchaften ja ganz fremd!“. „Wenn du das Gut geſehen haben wirſt, wird es dir nicht mehr fremd ſein, und wenn du geſprochen haben wirſt — 419— den Baron, die Baronin und das Fräulein, ſo wirſt du ſie kennen. Es ſind gute Leute,“ fügte er wohlwollend hinzu. Der Sohn hatte noch viele ſchüchterne Bedenken, aber der Vater ſchlug ſie durch die beſtimmte Erklärung nieder, daß der Freiherr ihn erwarte. Bernhard ſaß im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die Pappeln an der Landſtraße ſchnurrten wie durch ein Band gezogen hinter ihn, lachend ſchien die Sonne in ſein bleiches Geſicht und frug: wo kommſt du her, Mann, dich kenne ich nicht; er rückte ſich auf ſeinem Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger, ſeit er ſeine Dichter las, hatte er von der kleinen einſamen Stube ſehnſüchtig auf das fröhliche Treiben Sol⸗ cher geſehen, welche darauf los leben und unnützes Grübeln haſſen. Heut kam ihm vor, als ob er ſelbſt ein wenig darauf los lebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem unbe⸗ kannten Edelmann, in das Haus einer berühmten Schönheit, die er ſich anſehen wollte. Er zog ſeinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut entſchloſſen in die Stirn und ſchlug die Arme unter. Mit ſcharfem Blick muſterte er die vorübergehenden Reiſenden, und die Frau vom Zollhauſe, welche das Geld abnahm, fixrirte er ſo unternehmend, daß ſie ihr Bruſt⸗ tuch zurecht zog und ihn lächelnd anblinzte. Unterdeß floß das Herz des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und ſeine Familie über.„Noble Leute,“ rief er;„wenn du geſehen haben wirſt dieſe Varonin, wie ſie iſt, wenn ſie iſt in ihrer Spitzenhaube, Alles ſo fein und Alles ſo honett! Zu honett für die Welt, wie dieſe Welt einmal iſt! Die Stücke 271— — 420— Zucker ſind zu groß, und der Wein, den man bei Tiſche trinkt, iſt zu theuer, aber es iſt ihre Qualität, es ſteht ihnen gut.“ „Fräulein Lenore ſoll eine große Schönheit ſein,“ frug Bernhard.„Iſt ſie ſo ſtolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu ſein pflegen?“— Mein armer Bernhard kannte nicht viel junge Damen, weder aus dieſem, noch aus einem andern Stande. „Sie iſt ſtolz,“ ſagte der Vater,„aber es iſt wahr, ſie ſiſt ſchön. Unter uns geſagt, ſie gefällt mir beſſer, als die Roſalie.“ „Iſt ſie blond?“ Herr Ehrenthal dachte nach.„Was ſoll ſie anders ſein, als blond oder braun, freilich hat ſie blonde Augen. Du kannſt dir auch anſehen die Heerde auf dem Gute und vergiß nicht herumzugehen im Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findeſt, wo du gern ſitzen möch⸗ teſt mit deinem Buche.“ Der argloſe Bernhard ſchwieg und ſah mit glänzenden Augen auf die dunkeln Umriſſe des Parks, der am Horizont aufſtieg. Der Wagen hielt vor dem Schloſſe. Der Bediente trat an den Schlag. Die Gäſte erfuhren, daß der Freiherr in ſeinem Zimmer und die gnädige Frau im Augenblick nicht zu ſprechen war, das Fräulein aber ſpazierte im Garten. Eh⸗ renthal ſchritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm her. Ueber den Grasplatz kam die hohe Geſtalt Lenorens langſam auf die Fremden zu. Ehrenthal ſtellte ſich auf, bog ſeinen linken Arm zu einem Kreiſe zuſammen, ſteckte ſeinen Hut hinein und präſentirte:„Mein Sohn Bernhard, dies iſt das gnädige Fräulein.“ Bernhard verneigte ſich tief. Es war nur ein kühler Gruß, den Lenore dem Gelehrten ſchenkte. „Wenn Sie zu meinem Vater wollen, er iſt oben in ſeinem Zünmer. 14 „Ich werde hinaufgehen,“ ſagte Ehrenthal gehorſam. „Bernhard, du kannſt unterdeß zurückbleiben bei dem gnä⸗ digen Fräulein.“ In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tauſend Thaler auf den Tiſch und ſagte:„Hier iſt das erſte Geld. Und wie wollen der Herr Baron es mit der Sicher⸗ heit halten? „Nach unſerer Verabredung muß ich Ihnen dafür Hypo⸗ thek auf das Gut geben,“ erwiederte der Freiherr. „Wiſſen Sie was, Herr Baron, um jedes Tauſend Thaler, das ich Ihnen zahle, können Sie mir nicht immer beſtellen eine Hypothek, das macht viel Koſten und bringt das Gut in ſchlechtes Renommée. Laſſen Sie vom Gericht ausſtellen ein Hypothekeninſtrument, welches auf eine große Summe lautet, ich will ſagen auf zwanzigtauſend Thaler. Laſſen Sie es ausſtellen auf den Namen der gnädigen Frau Baronin, ſo haben Sie eine Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und Ihr Gut wird noch nicht belaſtet durch ein neues Capital. Und mir geben Sie jedes Mal, ſo oft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldſchein, worin Sie mir auf Ihr freiherrliches Wort verſichern, daß ich für den Betrag der Summe, die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben ſoll an dieſe Hypothek von zwanzigtauſend Thalern, weelche im Hypothekenbuche ſteht zunächſt hinter den Pfand⸗ Das iſt einfach, und es bleibt ian wiſchen uns briefen. — 422— beiden. Und wenn Sie keine weitern Vorſchüſſe brauchen, dann machen wir die Sache feſt vor dem Notar. Sie cedi⸗ ren mir dann die Hypothek ſelbſt, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldſcheine zurück und zahle Ihnen nach, wenn noch et⸗ was fehlt an den zwanzigtauſend Thalern. Ich verlange nichts von Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Pa⸗ pier, welches nicht größer iſt, als dieſes Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat das Hypotheken⸗ wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hauſe.“ Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig anfſah, legte Ehrenthal ſeine Hand auf den Arm des Herrn und ſagte vertraulich:„Seien Sie ruhig, Herr Baron; dage⸗ gen„daß ich ſelbſt aufheben will das Hypothekeninſtrument, durfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen Mißbrauch damit treiben, und es iſt mir eine Beruhigung. Jeder Juriſt vird Ihnen ſagen, daß ich in dieſer Sache gegen Sie ver⸗ aahre, wie es ſelten vorkommt im Geſchäft. Oft wird ein Wort gebrochen, das Einer dem Andern gegeben hat, aber wenn es etwas giebt, was feſt iſt auf dieſer Welt, ſo iſt es fr mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Iſt es nicht geſchäftlich, Herr Baron, daß ich ſo denke, ſo iſt es doch freundſchaftlich.“ Ehrenthal ſagte das mit einem Ausdrucke von Herzlich⸗ keit, der nicht ganz erlogen war. Was er anbot, zeigte in der That ein großes Vertrauen. Nach vielen Berathungen † mit Veitel Itzig war er auf dieſe Maßregel gekommen. Er wußte, daß der Freiherr außer den zwanzigtauſend Thalern nooch manches andere Capital für die Fabrik brauchen würde. inſtrument von zwanzigtauſend Thalern, ſo wäte mir's lieb, — — 423— Es lag im Intereſſe auch des Händlers, daß der Freiherr— noch andere Summen ohne Schwierigkeit erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte einen feſten Glauben an den adligen Sinn des Andern. Auch wenn ihn Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwer⸗ then Charakter des Gutsherrn aufmerkſam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in ſeiner Seele noch Raum hatte, das war dem Freiherrn zu Theil geworden. Der Herr war ſeit langer Zeit der Gegenſtand ſeiner Sorge, ſeiner Arbeit, ſeiner eiferſüchtigen Wachſamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirth ſein Acker, der Hausfrau ihr Lieblingsthier iſt. Es war ein allerliebſter kleiner Theil von gemüthlicher Zuneigung in dem Verhältniß. Auch die Haus⸗ frau vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleg⸗ lings, ſie betrachtet ihn mit Freude und findet ſein Tempe⸗ rament ungewöhnlich ſanft. Sie iſt geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichſte Stück ſeiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergießt ſie vielleicht eine Thräne. Aber, beim heiligen Antonius! ſo leih es ihr auch thut, ſie wird das arme Ding doch ſchlachten.— Unterdeß ſagte unten Lenore zu Bernhard:„Iſt I gefällig, unterdeß in den Park zu gehen?“ Bernhard folgte ſchweigend und ſah ſcheu auf die Ariſtokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von ſeiner Anwe⸗ 5 ſenheit erbaut ſchien. An dem grünen Platz, der einſt An⸗ ton ſo entzückt hatte, blieb ſie ſtehen und wies auf den Kies⸗ weg.„Dort hinab geht es zum See, und hier weiter hinein 4 in den Garten.“ Sie erhob die Hand zu einer verabſchie⸗ — — 424— denden Bewegung. Bernhard aber ſah ſtaunend auf den Platz, auf die Thürmchen des Schloſſes, die Schlingpflanzen des Balcons und rief:„Das habe ich ſchon einmal geſehen, und ich bin doch noch nie hier geweſen.“ Lenore blieb ſtehen:„Das Haus iſt nicht nach der Stadt gekommen, ſo viel ich weiß; es mag wohl andere geben, die ähnlich ausſehen.“ „Nein,“ erwiederte Bernhard ſich beſinnend,„ich habe das Schloß auf einer Zeichnung im Zimmer eines Freun⸗ des geſehen. Er muß Sie kennen,“ rief er freudig,„und er hat mir doch nie etwas davon geſagt.“ „Wie heißt dieſer Herr, der Ihr Freund i: „Es iſt ein Herr Wohlfart.“ Das Fräulein wandte ſich lebhaft zu dem Gelehrten: „Wohlfart? Ein Kaufmann bei T. O. Schröter, Colonial⸗ waaren und Producte? Iſt's dieſer Herr?— Und dieſer Herr iſt Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der Bekannt⸗ ſchaft?“ frug ſie ſtreng und ſtellte ſich vor Bernhard auf, die Hände auf dem Rücken, wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen geſtohlener Aepfel ins Verhör nimmt. Bernhard erzählte, wie er Anton kennen gelernt hatte und wie lieb ihm der tüchtige Freund geworden war. Darü⸗ ber verlor er etwas von ſeiner Befangenheit, und das Fräulein viel von ihrer Strenge.. „Ja, wenn Sie ſo ſind,“ ſagte Lenore noch immer ver⸗ wundert.„Alſo wie geht es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geſchwind, wie ſieht er aus, iſt er luſtig? Er hat wohl recht viel zu thun?“ Bernhard erzählte, er wurde immer kerner. Lenure — —— — 425— ſetzte ſich in die Roſenlaube und winkte ihm herablaſſend, gegenüber Platz zu nehmen. Als er geendet hatte, ſagte ſie freundlich:„Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund iſt, ſo gra⸗ tulire ich Ihnen, er iſt ein guter Menſch; ich will hoffen, daß Sie das auch ſind.“ Bernhard lächelte:„Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit, meinen guten Willen dafür zu weiſen. Ich lebe ſtill vor mich hin und zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht unnütz vor.“ .„Das viele Studiren wäre nicht meine Sache,“ erwie⸗ derte Lenore.„Man ſieht Ihnen auch an, daß Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen Sie, mein Herr, ich werde Sie herumführen. So ſetzen Sie doch Ihren Hut auf.“ Der Bediente trat mit dem Theebret aus der Halle. Le⸗ nore winkte ihm und ſah wohlwollend zu, als Bernhard den heißen Trank ſo eilig einſchlürfte, wie ein Ritter ſeinen Steig⸗ bügeltrunk.„Verbrennen Sie ſich nicht,“ ermahnte ſie. Sie führte ihn durch den Park, wie ſie einſt Anton ge⸗ leitet hatte. Bernhard war ein Sohn der großen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen, nicht die blühenden Beete im grünen Raſen, auch nicht die Thürmchen des Herrenhauſes waren ihm etwas Ungewöhnliches, ſein Auge hing nur an dem Fräulein. Es war ein ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel ſchräge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und dunkeln Schlagſchatten. So oft ein Sonnenſtrahl durch die Blätter auf Lenorens Haupt ſchoß, glänzte ihr Haar wie Gold. Das ſtolze Auge, der eine Mmund bie ſchlanken Glieder des krüftigen Mahchens — 426— nahmen die Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weißen kleinen Zähne, und er war entzückt; ſie brach einen Zweig ab und ſchlug damit an die Büſche am Wege, und ihm war, als neigten ſich die Zweige und Blät⸗ ter vor ihr auf den Boden. Sie kamen an die Brücke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige Mädchen liefen an Lenore heran, knix⸗ tten und küßten ihr die Hände, ſie nahm dieſe Huldigung der Unterthanen wie eine Königin an. Zwei kleine Dirnen hat⸗ ten die hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder zu⸗ ſammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, ſte ſtellten ſich verſchämt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor. „Hinweg, ihr unartiges Volk!“ rief Lenore.„Wie könnt Ihr uns den Weg verſperren, der Herr kommt ja aus dem Schloß.— Sie lernen dies Wegelagern von den fremden Arbeitern.“ Und Bernhard fühlte mit Stolz, daß er in dieſem Augenblicke zu ihr gehörte. Er griff in die Taſche und löſte ſich von den Mädchen.„Es iſt lange her, daß ich eine ſolche Kette nicht geſehen habe,“ ſagte er.„Dunkel erinnere ich mich, daß ich als kleiner Knabe auch einmal auf einem grü- nen Platz ſaß und die Stiele zuſammenſteckte.“ Er pflückte einige Stengel des Löwenzahns und verſuchte die Kinderarbeit. „Haben die gelehrten Herren auch an ſolchen Spielen Freude?“ frug Lenore lächelnd.. „O ja,“ erwiederte Bernhard.„Ich habe auch die ſpitzen Blüthen von Akley und Ritterſporn zu runden Kränzen in einander geſteckt und in meinen Büchern gepreßt, dann trock⸗ nete ich Blätter und ganze Blumen, dann legte ich ein Her⸗ — 427— barium an. Was uns als Erwachſene intereſſirt, das knüpft ſich häufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kinde, das zufällig einige bunte Kryſtalle in die Hand be⸗ kam, wird vielleicht ein Mineralog, und ſchon mehr als ein berühmter Reiſender iſt durch den Robinſon Cruſoe zu— Entdeckungen gekommen. Es iſt immer eiue Freude, zu er fahren, wie ein bedeutender Mann zu dem gekommen iſt, was ſeine Seele erfüllt.“ 5 „Wir Frauen ſehen das ganze Leben hindurch die Ratur an wie die Kinder,“ ſagte Lenore,„wir ſpielen mit den glänzenden Steinen und Blüthen noch in unſern alten Ta⸗ gen, gerade ſo wie die Mädchen vor uns. Und die Kunſt iſt ſo gefällig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur niemals das Spielzeug entbehren.— Wenn Sie ſo gut mit den Kinderſpielen Beſcheid wiſſen, dort iſt etwas für Sie,“ ſie wies auf einen großen Klettenſtrauch am „ Weg.„Haben Sie ſich jemals eine Mütze aus Kletten ge⸗ macht?“ „Nein,“ erwiederte Bernhard mit bangen Ahnungen. *„Sie ſollen ſogleich eine haben,“ ſagte Lenore. Sie ggingen zu dem Klettenſtrauch. Bernhard pflückte die runden 4 3 Köpfe ab und reichte ihr einige Hände voll hin. Sie neſtelte die Kletten an einander und machte eine Kappe mit zwei kleinen Hörnern daraus.„Das können Sie anfſrben. ſagte ſie gnädig. Bernhard hielt das kleine Monftrumin in der Hand.„Allein wage ich's nicht,“ ſagte er,„die Vögel auf den Bäumen würden mich zu ſehr anſchreien. Wenn Sie auch eine Haube aufſetzen wollten—“ 4 — 428— „Kletten können Sie nicht verlangen,“ erwiederte Le⸗ nore,„aber Sie ſollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich zeige Ihnen, wie wir als Mädchen unſere Mützen gemacht haben.“ Sie führte ihn an eine Stelle, wo eine Gruppe Sonnenroſen mit ſchwarzen Geſichtern und gelben ide am Rande des Gebüſches ſtand. Dort ſchnitt ſie mit einem kleinen Trennmeſſer einige Blumen ab, durchſtach die Stengel und band ſie zu einem Helm zuſammen, den ſie ſich lachend aufſetzte. Es war ein fremdartiger Schmuck und gab dem ſchönen Geſicht ein wildes Anſehen.„Zetzt ſetzen Sie Ihre Kappe auf,“ befahl ſie. Bernhard gehorchte, und ſein ehrbares faltiges Geſicht, der ſchwarze Frack und die weiße Cravatte erſchienen unter der Klettenmütze ſo abenteuer⸗ lich, daß Lenore ihr Lachen nicht verbergen konnte und ver⸗ gebens den Mund hinter ihrem Taſchentuch verbarg.„Sie ſehen ſchrecklich aus.“ Bernhard nahm den Kopfputz ſogleich wieder ab.„Kommen Sie zum Waſſer, dort ſollen Sie Ihr Spiegelbild ſehen.“ 1 Sie führte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrik⸗ gebäudes ausgegraben wurde. Es war ein wüſter Platz. Erdhaufen, einige tauſend Ziegel, Baumſtämme und Balken waren zuſammengefahren. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht und den Platz verlaſſen, nur einige Kin⸗ der aus dem Dorfe kauerten unter dem Holz und ſammelten die Späne zum Abendfeuer. Wenige Schritt hinter der Bauſtelle zog ſich eine Bucht des See's heran, durch Gebüſch eingefaßt und mit grünen Waſſerlinſen überdeckt.„Wie wüſt es hier ausſteht,“ klagte Lenore,„die Zweige der Sträu⸗ cher ſind geknickt, auch die Bäume ſind beſchädigt. Das — 429— Alles macht der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur ſelten hierher. Auch die Kinder vom Dorfe ſind dreiſt geworden, ſie haben hier einen Spielplatz aufge⸗ ſchlagen, und es iſt ihnen gar nicht zu wehren.“ In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorſprr des Gehölzes hervor. Ein kleines Bauernmädchen, ein baus⸗ bäckiges rundes Ding, ſtand darin und wankte ängſtlich bei der raſchen Bewegung des Kahnes, den ihr älterer Br der mit einer Stange vom Ufer abſtieß.„Sehen Sie,“ rief Lenore ärgerlich,„die Krabben haben auch unſern Kahn genommen. Wollt Ihr ſogleich ans Land!“ Die Kinder erſchraken über den Zuruf, dem Knaben ſiel die Stange ins Waſſer, das kleine Mädchen ſchwankte in der Angſt des böſen Gewiſſens an den Rand des Kahnes, ſie verlor das Gleich⸗ gewicht und fiel ins Waſſer. Der Knabe trieb hilflos mit⸗ ten in der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus ſeiner Kehle folgte dem Fall der Kleinen.„Retten Sie das Kind!“ rief Lenore außer ſich. Bernhard lief gehorſam in den See, ohne daran zu denken, daß er nicht ſchwimmen konnte, er watete einige Schritt vor und ſtand gleich darauf hilflos bis unter die Arme im Schlamm und Waſſer. Er ſtreckte die Hände nach der Stelle aus, wo das Kind verſun⸗ ken war, aber der Punkt war noch einige Klaftern von ihm entfernt. Unterdeß war Lenore ſchnell wie der Blitz hinter einen Strauch geſprungen. Nach wenig Augenblicken trat ſte hervor und eilte an einen Vorſprung des Ufers. Aus der Tiefe der grünen Waſſerlinſen ſah Bernhard mit Ent⸗ ſetzen und Wonne auf die hohe Geſtalt. Noch haftete die phantaſtiſche Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige — 430— Kleid floß jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herun⸗ ter, aus dem entſchloſſenen Geſicht ſtarrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des Kindes wieder ſichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt und 6 zte ſich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel or ihrem Haupt, in langen Stößen ſchwamm ſie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock, noch zweimal griff ſte mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt ſich dann feſt, ſte ſpannte alle Kraft an, das Kind hineinzuheben, ſie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter ſich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anſtren⸗ gung zugeſehen hatte, kämpfte ſich an das Ufer zurück, er reichte ihr die Hand und zog den Kahn ans Land. Lenore ergriff das bewußtloſe Kind, Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten Beide zu der nahen Gärtner⸗ wohnung, der Knabe lief mit gellendem Geſchrei hinter ihnen her. Das naſſe Gewand legte ſich dicht an Lenorens Leib, die ſchönen Formen des Körpers wurden in der raſchen Bewe⸗ gung dem Auge ihres Begleiters faſt unverhüllt ſichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn haſtig wieder hinaus. Mit Hilfe der erſchrockenen Gärtnersfrau entklei⸗ ddeete ſie das Kind und ſuchte das bewußtloſe durch Reiben ins Leben zurückzubringen. Unterdeß lehnte Bernhard drau⸗ ßen vor der Thür vor Kälte klappernd und in einer Aufre⸗ gung, welche ſeine Augen glühen machte wie Kohlen.„Lebt das Kind?“ rief er durch die Thür. „Es lebt,“ rief Lenore vom Bett zurück. —— „Gelobt ſei Gott!“ rief Bernhard und ſchlug die Hände — 431— zuſammen; aber der Gott, an den er in dieſem Augenblick dachte, war das ſchöne Weib dadring von deſſen Reizen ſein Auge mehr geſehen hatte äͤls irgend ein ande er Mann. Lange ſtand er ſo, ſchauernd und vor ſich hin träum eine hohe Geſtalt in wollenem Rock und Mieder an BSHauſe trat. Es war Lenore in den Kleidern der Gi noch ergriffen von der Anſtrengung, aber mit e chen Lachen auf den Lippen. Außer ſich griff 1 in ſtürmiſcher Bewegungnmach ihrer Hand und küßte ſie mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie fi 5 mögen. uun 5 „Sie ſehen ſchön aus, mein Herr,“ ſagte Lenore heiter, 5 „Sie werden ſich Perkälten.“ 4 Er ſtand vor ihr, naß, am ganzen Körper triefend, mit Waſſerlinſen und Schlamm überzogen.„Ich fühle nichts von Kälte,“ rief er, aber ſeine Glieder ſchütterten. „Schnell in das Haus,“ trieb Lenore. Sie öffnete die Thür und rief der Frau zu:„Geben Sie dem Herrn Kleider . des Gärtners zum Wechſel.— Dort in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.“ Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was ſie von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen Bauerburſchen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendſonne mit ſchnellen Schrit⸗ ten auf und ab ging.„Kommen Sie nach dem Schloß,“ ſagte das Fräulein, welche wieder ihre ruhige Gönnermiene angenommen hatte. „Noch einmal möchte ich das Kind ſehen,“ bat Bernhard. Sie traten an das Bett, auf welchem das Mädchen lag, mit 1 1 4 1 . 2* 4 4 —————— — r ſich üb Lager beugte und ihr die Stirn das Kin eines Pagelöhners aus dem Dorfe,“ Bernhard legte hinter Lenorens Rücken e auf das Bett. chritten Lenore und Bernhard dem Schloſſe zu, al an ſeinem Wagen ungeduldig die Rückkunft es erwartete und mit maßloſem Erſtaunen in dem Geben Sie dem Herrn einen Mantel,“ befahl Lenore Bedienten,„er friert. Wickeln Sie ſich gut ein, Sie könnten fonſt lange an Ihren Marſch unter die Waſſerlinſen denken.“ 4 Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte ſich in den Mantel und drückte ſich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bad folgte brennende Gluth, ſtürmiſch rollte ſein Blut durch die Adern. Er hatte das ſchönſte Weib der Welt geſehen, er hatte etwas erlebt, was für ihn größer und hinreißender war, als jeder Dichtertraum in ſeinen Pergamenten. Mit Scham dachte er daran, wie unbe⸗ hilflich er ſelbſt geweſen war, und wie von ſeinem tiefen Stand im Waſſer ſah er zu der Heldin auf, welche ſo entſchloſſen und ſtark geweſen war. Nur kurze Antworten vermochte er auf die Fragen ſeines Vaters zu geben. So ſaßen Vater und Sohn neben einander, kalte Argliſt und die Gluth der Leidenſchaft. Beidehatten auf dieſer Fahrt erreicht, wonach ſich ihr Herz ſo lange geſehnt, der Vater ein Anrecht an das ſchöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das ſeinem Leben einen neuen Inhalt gab. 1— 8 3 4 — 433— 1 Auf dem Gut ſtieg das Fabrikge . die Höhe, in dem Geldſchrank Ehrenthals Caſſette des Freiherrn mit ſeinen Schuld und dem neuen Hypothekeninſtrument, und w hards zarter Leib an den Folgen des kalten b berauſchte ſich ſeine Seele in ſüßen Mhantäſ — 434— 10. im Nachmittage brachte der Briefbote einen ggelten Brief an Finks Adreſſe. Fink öffnete den ief und ging ſchweigend auf ſein Zimmer. Als er nicht wieder herunterkam, eilte Anton beſorgt zu ihm hinauf. Er fand Fink auf dem Sopha ſitzend, den Kopf auf die Hand geſtützt. „Du haſt eine traurige Nachricht erhalten?“ frug Anton. .„Mein Oheim iſt geſtorben,“ erwiederte Fink,„er, viel⸗ leicht der reichſte Mann der Wallſtreet in Newyork, iſt auf einer Geſchäftskeiſe mit der Naſchine eines Miſſiſippiboots in die Luft geflogen. Er war ein unzugänglicher Mann; mir hat er in ſeiner Art viel Güte erzeigt, und ich habe ihm als thörichtes Kind mit Undank vergolten. Dieſer Gedanke macht mir ſeinen Tod bitter. Außerdem wird das Fact ent⸗ ſcheidend für meine Zukunft.“ 4 „Du willſt fort von uns?“ fiel Anton erſchrocken ein. „Ich werde morgen abreiſen. Mein Vater iſt zum Uni⸗ verſalerben des Verſtorbenen ernannt, mir hat dieſer ſeinen Landbeſitz in den weſtlichen Vereinsſtaaten als Legat ver⸗ macht: Mein Oheim war ein großer Landſpeculant, und es gilt jetzt ſchwierige und verworrene Verhältniſſe zu löſen. Deßhalb will mein Vater, daß ich ſo ſchnell als möglich nach Newyork gehe, und auch ich merke, daß die perſönliche An⸗ . 4 — 435— weſenheit der Erben dort nöthig iſt. einmal ein großes Zutrauen zu meiner Umſicht un kenntniß bekommen. Lies ſelbſt ſeinen Brief.“ Anton zögerte den Brief zu nehmen.„Lies, Anton,“ 1 ſagte Fink mit trübem Lächeln,„in meiner Familie ſchreiben Vater und Sohn einander keine Geheimniſſe.“ Ante ſah auf eine Stelle:„Die vortrefflichen Zeugniſſe, welche Herr Schröter mir über deinen praktiſchen Sinn und deinen. Scharfblick im Geſchäft eingeſendet hat, veranlaſſen mich, dich zu erſuchen, daß du ſelbſt hinübergehſt. Ich würde dir in dieſem Fall Herrn Weſtlock aus unſerem Geſchäft zur Hilfe mitgeben.“ Anton legte den Brief ſchwei Fink frug:„Was ſagſt du zu dem Lob, welches mir der Prinzipal ſo freigebig ertheilt? Wie du weißt, habe ich. einigen Grund, zu glauben, daß ich nicht in ſeiner Gunſt ſtehe.“ gend auf den Tiſch, und „Und doch halte ich das Lob für für richtig,“ erwiederte Anton. „Gleichviel aus welchen Gründen es gegeben iſt,“ er⸗ wiederte Fink,„es entſcheidet mein Schickſal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewünſcht habe, Grundbeſitzer jenſeit des Waſſers.— Auch wir müſſen uns trennen, lieber Anton,“ fuhr er fort und hielt dem Freunde die Hand hin,„ich habe nicht geglaubt, daß das ſo ſchnell kommen würde. Doch wir ſehen uns wieder.“ „Vielleicht,“ ſagte des jungen Erben feſt. gerecht und ſein Urtheil Anton traurig und hielt „Jetzt aber geh zu Herr er ha das er Anrecht, zu erfahren, daß du uns verlaſſen er weiß es bereits,“ ſagte Fink,„auch er hat einen Brief meines Vaters erhalten.“ „Um ſo mehr wird er erwarten, daß du mit ihm wuigſt. „Du haſt Recht, laß uns gehen!“ / Anton eilte auf ſeinen Platz zurück, und Fink trat in das kleine Zimmer des Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernſt entgegen und ſagte, nachdem er in würdiger Weiſe ſeine Theilnahme ausgedrückt hatte: „Es verſteht ſich, daß von dieſer Stunde an Ihr Verhältniß zu meinem Geſchäft gelöſt iſt; während der Tage, welche Sie noch hier zubringen, bitte ich Sie, ſich als einen Gaſt meines Hauſes zu betrachten, dem ich für ſeine Thätigkeit in meinem Intereſſe zu vielem Danke verpflichtet bin. Nehmen Sie BVlatz, Herr von Fink, und laſſen Sie uns ruhig beſprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.“ Fink ſagte vom Sopha aus mit ebenſo großer Artigkeit: „Die Beſtimmungen, welche mein Vater über meine Zukunft getroffen hat, ſtimmen ſo ſo ſehr mit dem zuſammen, was ich mir ſelbſt für meine künftige Thätigkeit gewünſcht habe, daß ich Ihnen darüber meinen Dank ausſprechen muß. Ihre Urtheile über mich ſind günſtiger geweſen, als ich es nach Manchem, was vorgefallen iſt, erwartet habe. Waren Sie in der That zufrieden mit mir, ſo wird es mich freuen, wenn ich aus Ihrem Munde daſſelbe höre.“ Ith war es nicht ganz, Herr von Fink,“ erwiederte der Kaufmann mit Haltung,„Sie waren hier nicht an Ihrem 1 — 437— Platz. Das durfte mich nicht verhindern, zu beurtheilen, K daß Sie für eine andere, immerhin größere Thätigkeit vor⸗ zügliche Befähigung haben. Sie verſtehen ausgezeichnet zu disponiren und die Menſchen unter Ihre Herrſchaft zu brin⸗ gen, und beſitzen eine ungewöhnliche Energie des Willens. Für ſolche Natur iſt das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.“ Fink verneigte ſich.„Es wäre demungeachtet meine Pflicht geweſen, dieſe Stelle ganz auszufüllen; ich bekenne, daß ich das nicht immer gethan habe.“ „Sie kamen her, ohne an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt zu ſein, und haben ſich in den letzten Monaten nur noch ſehr wenig von einem fleißigen Comtoiriſten unterſchie⸗ den. Deßhalb und weil ich die Ueberzeugung habe, daß Sie Ihrem Weſen nach nicht ſowohl zum Kaufmann als zum Fabrikanten paſſen, habe ich Ihrem Herrn Vater ſo über Sie berichtet, wie ich berichtet habe.“ 4 „Sie halten mich für geeignet, Fabrikant zu werden?“ frug Fink mit einer Verbeugung, welche für die gute Mei⸗ nung danken ſollte. „Im weiteſten Sinne des Wortes,“ erwiederte der Kauf⸗ mann.„Jede Thätigkeit, welche neue Werthe ſchafft, iſt zu⸗ letzt Thätigkeit des Fabrikanten; ſie gilt überall in der Welt für die ariſtokratiſche. Wir Kaufleute ſind dazu da, dieſe Werthe populär zu machen.“ „In dieſem Sinne laſſe ich Ihre Anſicht gern gelten,“ antwortete Fink und erhob ſich von ſeinem Plaz. „Ihr Abgang wird für einen unſerer Freunde ein großer Verluſt ſein,“ ſprach der Kaufmann, den Erben begleitend. * * 3 ſſ — — 438— Fink blieb ſtehen und ſagte ſchnell:„Geben Sie mir ihn mit nach Amerika. Er hat das Zeug, dort ſein Glück zu machen.“ „Haben Sie bereits mit ihm darüber geſprochen?“ frug der Kaufmann. „Nein,“ ſagte Fink. „So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart iſt jung, und die beſcheidene und regelmäßige Thätigkeit des Binnengeſchäfts erſcheint mir noch auf Jahre hinaus für die Bildung ſeines Charakters wünſchenswerth. Uebrigens wiſſen Sie, daß ich durchaus kein Recht habe, den freien Entſchluß deſſelben zu beſtimmen. Ich werde ihn un⸗ gern verlieren; wenn er aber die Ueberzeugung hat, in Ihrer Nähe ſchneller ſein Glück zu machen, ſo werde ich nichts da⸗ gegen einwenden.“ „Geſtatten Sie mir, ihn ſogleich darüber zu fragen,“ ſagte Fink. Er rief Anton in das Comtoir und ſagte zu ihm:„An⸗ ton, ich habe Herrn Schröter gebeten, dich mit mir zu ent⸗ laſſen. Es würde mir viel werth ſein,, dich mitzunehmen; du weißt, daß ich an dir hänge, wir werden in den neuen Verhältniſſen zuſammen tüchtig vorwärts kommen, du ſelbſt ſollſt die Bedingungen feſtſetzen, unter denen du mit mir gehſt. Herr Schröter überläßt deinem freien Entſchluß die Entſcheidung.“ Anton ſtand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche ſich ſo plötzlich vor ihm aufrollten, erſchienen ihm ſehr lachend, aber er faßte ſich ſchnell, ſah auf den Prin⸗ — 190— zipal und frug dieſen:„Sind Sie der Meinung, daß ich gu thue, wenn ich gehe?“— „Nicht ganz, lieber Wohlfart,“ erwiederte der Kauf⸗ mann ernſt. „Dann bleibe ich,“ ſagte Anton entſchloſſen.„Zürne mmir nicht, daß ich dir nicht folge, ich bin eine Waiſe und habe 85 jetzt keine andere Heimath als dies Haus und dies Geſchäft; ich will, wenn Herr Schröter mich behalten will, bei ihm bleiben.“ 4 Durch dieſe Worte faſt gerührt, ſagte der Kaufmann: „Denken Sie aber auch daran, daß Sie mit dieſem Ent⸗ ſchluß Vieles aufgeben. In meinem Comtoir können Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in großen Verhältniſſen kennen lernen; unſer Geſchäft iſt begrenzt, und es werden wohl die Tage kommen, wo die Beſchränkung deſſelben auch Ihnen peinlich erſcheinen wird. Alles, was eine Selbſtſtändigkeit Ihrer Zukunft ſichert, Vermögen und Bekanntſchaften, vermögen Sie drüben leichter zu erwerben, als bei mir.“. „Mein guter Vater hat mir oft geſagt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Ich will nach ſeinen Worten leben,“ antwortete Anton mit einer Stimme, die vor innerer Be⸗ wegung leiſe klang. „Er iſt und bleibt ein Philiſter,“ rief Fink in einer Art von Verzweiflung.* „Ich glaube, daß dieſer Bürgerſinn eine ſehr reſpeetable Grundlage für das Glück des Mannes iſt,“ ſprach der Kauf⸗ 3 mann, und die Sache war abgemacht. Fink ſprach nicht weiter über den Vorſchlag, 2 — 440— bemühte ſich, durch zahlreiche kleine Aufmerkſamkeiten dem ſcheidenden Freunde zu zeigen, wie lieb er ihm ſei und wie ſchwer ihm der Abſchied werde. Am Abend ſagte Fink zu Anton:„Höre, mein Sohn, ich habe Luſt, mir eine Frau mit hinüber zu nehmen.“ Erſchrocken ſah Anton den Freund an, und wie Einer, der eine mächtige Erſchütterung ſich und dem Andern ver⸗ bergen will, frug er in gezwungenem Scherz:„Wie? du willſt Fräulein von Baldereck—“ „‚Nichts da,“ rief Fink muthwillig,„was ſoll ich mit einer Frau machen, die keine anderen Gedanken hat, als ſich mit dem Geld ihres Mannes zu amüſtren?“ „An wen denkſt du denn ſonſt? Du willſt doch nicht der Tante vom Geſchäft deinen Antrag machen?“ „‚Nein, mein Schatz, aber dem Fräulein vom Hauſer 4 „Um Alles nicht,“ rief Anton beſtürzt aufſpringend, das wird eine ſchöne Geſchichte werden.“ „Gar nicht,“ verſetzte Fink kaltblütig,„entweder nimmt ſte mich, und dann werde ich ein wohlberathener Mann, oder ſte nimmt mich nicht, dann werde ich ohne Frau abreiſen.“ „Du wirſt ohne Frau abreiſen,“ rief Anton.„Haſt du denn je daran gedacht, Fräulein Sabine für dich zu wählen?“ frug er unruhig. „Zuweilen,“ ſagte Fink,„im letzten Jahr oft, ſie iſt die beſte Hausfrau und das edelſte uneigennützigſte Herz von der Welt. 4 Anton ſah erſtaunt auf ſeinen Freund. Nie hatte Fink durch eine Andeutung verrathen, daß ihm Sabine mehr gelte 82— 8 — 441— als eine andere Dame ſeiner Bekanntſchaft.„Aber du haſt 8 mir ja nie etwas davon geſagt?“ „Haſt du mir etwas von deinen Empfindungen für eine andere junge Dame erzählt?“ antwortete Fink lachend. Anton erröthete und ſchwieg. „Daß ſie mich wohl leiden mag, glaube ich,“ fuhr Fink fort„ob ſie mit mir geht, weiß ich nicht; dies wollen wir ſogleich erfahren; ich gehe jetzt hinunter, ſte zu fragen.“ Anton ſprang zwiſchen ſeinen Freund und die Thür: „Noch einmal beſchwöre ich dich, überlege, was du thun willſt.“— „Was iſt da zu überlegen, du Kindskopf,“ lachte Fink, aber eine ungewöhnliche Haſt wurde in ſeinen Geberden ſichtbar. „Liebſt du denn Fräulein Sabine?“ frug Anton. „Das iſt wieder eine ſpießbürgerliche Frage,“ verſetzte Fink.„Meinetwegen ja, ich liebe ſie!“— „Und du willſt ſie mitnehmen in die Anſtedelungen und Wälder?“. „Gerade deßhalb will ich ſte heirathen; ſie wird ein hoch⸗ herziges ſtarkes Weib ſein, ſie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie iſt nicht liebenswürdig, wenigſtens iſt nicht ſo bequem mit ihr zu plaudern wie mit mancher An⸗ dern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, ſo brauche ich eins, das mich überſehen kann, und glaube mir, der Schwarz⸗ kopf iſt dazu gemacht! Jetzt aber laß mich los, ich muß 8 erfahren, wie ich daran bin.“ „Sprich nur erſt mit dem Prinzipal,“ rief Anton dem Stürmenden nach. — 442— Zuerſt mit ihr,“ ſagte Fink und ſprang die Treppe hinab. Anton ging mit gefalteten Händen die Stube auf und ab; Alles, was Fink an Fräulein Sabine rühmte, hatte guten Grund, das fühlte er lebhaft; er wußte, daß ſie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, daß ſein Freund mit unbekannten Hinderniſſen zu kämpfen habe. Und dieſe Haſt, dies Ueberſtürzen war ihm unheimlich, es war zu ſehr gegen ſeine eigene Natur. Und noch etwas mißfiel ihm. Fink hatte nur von ſich geſprochen, hatte er denn auch an das Glück des Fräuleins gedacht, hatte er auch Sinn dafür, was es ſte koſten würde, den geliebten Bruder zu verlaſſen, aus der Heimath zu ſcheiden, ſich in ein fremdes Volk, viel⸗ leicht in ein wildes Leben zu wagen? Ja, er war über⸗ zeugt, Fink war der Mann, alle Blüthen der neuen Welt vor ihre Füße zu ſtreuen, aber er war auch unruhig, ſtets viel beſchäftigt, würde er immer ein Herz haben für die Ge⸗ fühle ſeiner deutſchen Frau? Unwbillkürlich nahm unſer Held in Gedanken wieder Partei gegen ſeinen Freund; es ſchien ihm, als dürfe Sabine nicht fort aus der Handlung, er fühlte tief die Leere, welche entſtehen würde, wenn ſte ver⸗ ſchwunden wäre, vom Mittagstiſch, aus dem Haushalt, und vor Allem aus dem Leben ihres Bruders. So ging er un⸗ ruhig und kummervoll auf und ab. Es wurde dunkel, aus den gegenüberliegenden Fenſtern fiel ein matter Lichtſchein in das finſtere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht zurück. e AUnnterdeß ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm haſtig entgegen, und ihre Wangen waren röther als gewöhn⸗ —. — 443— lich, als ſie ihm ſagte:„Mein Bruder hat mir geſagt, ß Sie uns verlaſſen müſſen.“ Fink begann in lebhafter Bewegung:„Ich muß, ich kann aber nicht ſcheiden, ohne offen gegen Sie geweſen zu ſein. Ich kam hierher ohne Intereſſe an dem ſtillen Leben, welches meinem zerſtreuten Geiſt ungewohnt war; ich habe hier das Glück und die Innigkeit eines deutſchen Haushaltes kennen gelernt. Sie, mein Fräulein, habe ich immer als den guten Geiſt dieſes Hauſes verehrt. Sie haben mich bald nach meinem Eintritt in einer Entfernung zu halten geſucht, welche mir oft ſchmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu ſagen, wie ſehr mein Blick und meine Seele an Ihnen ge⸗ hangen hat; ich fuͤhle, daß mein Leben glücklich ſein würde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hören, und wenn Ihr Geiſt den meinen begleiten könnte auf den Wegen meiner Zukunft.“ Sabine wurde ſehr bleich und trat zurück.„Sprechen Sie nicht weiter, Herr von Fink,“ ſagte ſte bittend und be⸗ wegte halb bewußtlos die Hand, als wollte ſie abwehren, was ihr bevorſtand. „Laſſen Sie mich ausreden,“ fuhr Fink ſchnell fort; „ich würde es für mein höchſtes Glück halten, wenn ich die Ueberzeugung mit mir nehmen könnte, daß auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht die An⸗ maßung, Sie zu bitten, daß Sie mir jetzt folgen ſollen in ein ungewiſſes Leben, aber geben Sie mir die Hoffnung, daß ich in einem Jahr zuruͤckkehren und Sie bitten darf, mein Weib zu werden.“ 4 Kehren Sie nicht zurück,“ ſagte Sabine unbeweglich . Scchmerz und Zärtlichkeit, daß der wilde Mann ganz aufge löſt wur ſt von Ihnen ſcheiden, geben Sie mir eine Antwort; auch die ſchmerzlichſte iſt beſſer, als dieſes Schweigen.“— 3„ So hören Sie,“ ſprach Sabine mit einer unnatü chen 8 Ruhe, während ihre Bruſt ſich hob und ihre Hand zitterte. „ Ich bin gut geweſen ſeit dem erſten Tage Ihrer An⸗ kunft; als ein kindiſches Mädchen habe ich mit Entzücken auf den Ton Ihrer Stimme gehört und auf das, was Ihr MNund ſo einſchmeichelnd ſchilderte. Aber ich habe das Ge⸗ fühl bekämpft. Ich habe es bekämpft,“ wiederholte ſte.„Ich darf Ihnen nicht angehören, denn es würde mein Unglück ſein.“— 3 „Weßhalb?“ frug Fink in aufrichtiger Verzweiflung. „ Fragen Sie mich nicht,“ ſagte Sabine kaum ver⸗ nehmlich. 6 4 —, ——— — — 8 8 — 445— 4 bet 85 0.;;I n 4— 4 „Ich muß aus Ihrem Munde mein Urtheil hören,“ rief e Fink 2„Sie haben geſpielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben Anderer; Sie werden einſt ſchonungslos handeln o für Ihre Pläne. Sie werden Großes und Edles unterneh⸗ mmen, das glaube ich; aber die Menſchen werden Ihnen da⸗ be ii hts gelten. Ich kann einen ſolchen Sinn nicht ertra⸗ 1. un= Sie würden gütig gegen mich ſein, das glaube ich, Sie en mich überall ſchonen, aber Sie würden mich immer 1* in müſſen, und das würde Ihnen eine Laſt werden; 14 ich, ich wäre in der Fremde allein.— Ich bin weich, 1., in verwöhnt, mit hundert Fäden bin ich feſtgebunden 1 da an en Brauch dieſes Hauſes, an die kleinen Pflichten des 8 Haushaltes und an das Leben des Bruders.“ te Fink ſah finſter vor ſich nieder.„Sie ſtrafen in dieſer „ Stunde ſtreng, was Ihnen an mir mißfallen hat.“ n Nein rief Sabine die Hand gegen ihn ausſtreckend, .„ve t ſo, mein Freund! Wenn ich Stunden hatte, wo Sie⸗ 4 2 m. Schmerz machten, ich hatte eben ſo viele, wo ich mit n Bew underung zu Ihnen aufſah. Und ſehen Sie, das eben 1 driſt, was uns für immer auseinander hält. Ich kann niwn ruhig werden in Ihrer Nähe, immer fühle ich mich aus eige Gefühl in das andere geſchleudert, jetzt in banger Sch u und wieder in mächtiger Freude. Ich bin unſicher 1 Ihn n gegenüber, und das würde ewig ſo bleiben. Ich imüf? dieſen Kampf in mir verbergen, in einem Verhält⸗ niß, vo ich mich mit all meinem Gefühl an Sie anſchließen ſollte. Und Sie würden das erkennen und würden mir h deßhalb zurnen.“ Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte ſich tief auf— die kleine Hand und drückte einen Kuß darauf. „Segen über Ihre Zukunft,“ ſagte Sabine am ganzen b Körper bebend.„Wenn Sie eine Stunde hatten, wo Sie 3 gern unter uns waren, ſo denken Sie in der Fremde daraau. Wenn Sie in dem deutſchen Bürgerhaus, in dem Tu 84 meines Bruders je etwas gefunden haben, was Ihnen hhen⸗ 3 werth erſchien, o ſo denken Sie in der Fremde daran. In⸗ dem großartigen Leben, das Sie erwartet, unter den mäch⸗ tigen Verſuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie führen werden, denken Sie niemals gering von unſerer Art zu ſein.“ 8 Sie hielt die Rechte über ſein Haupt, wie eine Mutter, welche. angſtvoll den ſcheidenden Liebling ſegnet... Fink hielt ihre Hand feſt. Beide ſahen einander ſtumm 1 in die Augen, Beide mit erblichenen Wangen. Endlich rief* Fink mit tiefem Tonfall ſeiner anelodiichin Stimme:„Leben 3 Sie wohl!“— „Leben Sie wohl!“ ſagte das Mädchen leiſe, ſo leiſe, 4 doß Fink kaum die Worte verſtand. Er ſchritt langſam uͤber die Thürſchwelle, ſie ſah ihm unverwandt nach, wie man einer Erſcheinung nachſteht.— Als der Kaufmann nach dem Schluß des Geſchäfts in 1 das Zimmer ſeiner Schweſter trat, flog ihm Sabine entge⸗ gen, drückte ſich feſt an ihn und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt.„Was haſt du, Mädchen?“ frug der Bruder beſorgt und ſtrich ihr das Haar von der feuchten Stirn. 8 „Fink war bei mir,“ rief Sabine ſich erhebend, nich habe mit ihm geſprochen.“ 4 Worüber? Hat er dir einen Antrag geſnce 8 8 4 3 4 5 Iſt er unartig geweſen?“ frug der Faufüann wher 4 zend.. „Er hat mir einen Antrag gemacht,“ ſagte Sabine. „. Der Kaufmann trat erſchrocken zurück.„Und du, meine Schweſter?“ 4 Ich habe gethan, was du von mir erwarten konnteſt; werde ihn nicht wiederſehen.“ Dabei ſtürzten ihr die änen aus den Augen, ſie ergriff die Hand des Bruders und küßte ſie:„Sei nicht böſe, daß ich weine, ich bin noch angegriffen, es wird vorübergehen.“— „Meine holde Schweſter, liebe, liebe Sabine!“ rief der Kaufmann und umfaßte die gebeugte Geſtalt der Weinenden, ich will nicht fürchten, daß du an mich gedacht haſt, als du die Hand des reichen Erben ausſchlugſt.“— 1„Ich dachte an dich und dein aufopferndes pflichtgetreues 4 4 1 Keben, und ſeine glänzende Geſtalt verlor die ſchönen Far⸗ ben, in denen ich ſie wohl ſonſt geſehen hatte.“— 4„ Sabine, du haſt mir ein Opfer gebracht,*¹ rief der Bruder erſchrocken.— „Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, ſo habe ich 66 3 dieſem Hauſe gebracht, in deſſen Räumen ich unter deinem Schutze aufgewachſen bin, und dem Andenken an unſere guten Eltern, deren Segen über unſerem beſcheidenen Leben iſt.“ Es war ſpät, als Fink in Antons Zimmer trat, er ſaoh rrhitzt aus, ſetzte den Hut auf den Tiſch und ſich auf das Sopha und ſagte zum Freunde:„Vor Allem diem mir eine Cigarre.“ 44 — dicken Geſchöpfe hinein. Orangenpunſch iſt eine von deinen Forcen, die du mir verdankſt. Ich habe dich's gelehrt, und „Hochzeit wird nicht,“ erwiederte Fink kalt.„Sie er⸗ klärte mir, ich ſei ein kleiner Taugenichts und keine annehm⸗ bare Partie für ein anſtändiges Mädchen. Sie nahm die Sache wieder zu gefühlvoll, verſicherte mich ihrer Hochach⸗ tung, gab mir eine Silhouette von meinem Weſen und ent⸗ ließ mich. Aber der Teufel ſoll mich holen,“ rief er auf⸗ ſpringend und warf die Cigarre in eine Ecke,„wenn ſie nic die beſte Seele iſt, die je in einem Unterrocke Tugend gepre⸗ 4 digt hat: ſie hat nur den einen Fehler, daß ſie mich nicht heirathen will; und zuletzt hat ſie auch darin Recht.“ Das Heftige in der Laune des Freundes machte Anton beſorgt.„Wo biſt du aber ſo lange geweſen und woher kommſt du jetzt?“ „Nicht aus dem Weinhaus, wie deine Weisheit anzu⸗ nehmen ſcheint. Wenn Jemand einen Korb erhält, ſo hat er doch wohl das Recht, ein paar Stunden melan⸗ ſcholiſch zu ſein; ich habe mich benommen, wie ſich Jeder in ſolchen verzweifelten Fällen benimmt, ich bin einige Zeit umhergelaufen und habe philoſophirt. Ich habe mit der Welt gegrollt, d. h. mit mir ſelbſt und dem Schwarzkopf, und habe zuletzt damit aufgehört, daß ich vor einer bunten Lampe ſtehen blieb und einer Hökerin dieſe Orangen abkaufte.“ Bei dieſen Worten zog er einige Früchte aus der Taſche.— IJetzt aber, mein Sohn, iſt die Vergangenheit abgethan, jetzt laß uns von der Zukunft reden, es iſt der letzte Abend, den wir miteinander zubringen, an dem ſoll keine Wolke über unſeren Seelen ſein. Mache mir ein Glas Punſch und drücke die V “