Herr Hummel als Falſarins. In den Häuſern der Parkſtraße waltete Friede, 4 Duldſamkeit, heimliche Hoffnung. Seit Ilſes Ankunft ſchien der alte Streit abgethan, das Kriegsbeil begraben. gwar Hummels Hund knurrte und ſchnappte nach Hahns Katze, und wurde von ihr geohrfeigt, und der Markt⸗ helfer Rothe von A. C. Hahn ſchlug im Kuchengarten vor dem Schließer der Fabrik von H. Hummel auf den Tiſch und erklärte ihm ſeine Verachtung. Aber dieſe kleinen Vorfälle glichen unſchädlichen Waſſerblaſen, welche an der Stätte aufſtiegen, wo einſt ein ſtrudelnder Ab⸗ grund von Feindſchaft geweſen war, das Leben zwiſchen den beiden Häuſern floß dahin wie ein klarer Bach, 4 und Vergißmeinnicht wuchs an ſeinem Ufer. Wenn ein menſchenfeindlicher Zauber in den Boden geſteckt war, zu jener Zeit, wo Frau Knips allein darauf herrſchte, ſo ſchien er jetzt durch weibliche Beſchwörung gänzlich be⸗ ſeitigt. An einem Morgen, kurz vor der Meſſe, ſtellte der Markthelfer einer Buchhandlung einen Stoß neuer Bücher auf den Schreibtiſch des Doctors. Es waren 1** die Freiexemplare des erſten größeren Werkes, das er geſchrieben. Fritz ſchlug die erſten Seiten auf, ſah einen Augenblick im ſtillen Genuß auf den Titel, noch einmal flog die Hauptſache des Inhalts durch ſeine Seele. Dann ergriff er ſchnell die Feder, ſchrieb in das Exem⸗ plar einige herzliche Worte und trug es zu ſeinen El⸗ tern hinab. Das Buch handelte, um in der Weiſe Gabriels zu ſprechen, von den alten Indern, ſowie von den alten Deutſchen, es beſprach das Leben unſerer Vorfahren, vor der Zeit, in welcher dieſe den verſtändigen Entſchluß faßten, auf dem Blocksberg artige Brockenſträuße zu bin⸗ den und ſich im Vater Rhein ihre Trinkhörner auszuſpü⸗ len. Es war ein ſehr gelehrtes Buch, und es enthüllte, ſo weit der Verfaſſer ſich nicht geirrt hatte, viele geheime Tiefen der Urzeit. Vater und Mutter, denen Fritz das Buch herunter⸗ trug, hatten nicht nöthig, ſich durch Fremde über die Be⸗ deutung des Werkes belehren zu laſſen. Die Mutter küßte dem Sohne die Stirn und konnte ihre Rührung nicht bekämpfen, als ſie ſeinen Namen ſo groß und ſchön gedruckt auf dem Titel ſah; Herr Hahn aber nahm ihr das Buch aus den Händen und trug es in den Garten. Dort legte er es auf den Tiſch des chineſiſchen Tempels, las mehrere Mal die Widmung und umkreiſt 8 darauf den Pavillon, immer wieder hineinſehend, un 4 zu beobachten, wie ſich der dem Buch ausnehme. Dabei begegnete auch ihm, Bauſtil in Verbindung miß daß * “ — 5— er ſich einige Mal herzhaft räuſperte, um ſeiner freudi⸗ gen Beywegung Herr zu werden. G Nicht geringer war die Freude im Arbeitszimmer des Profeſſors. Dieſer ging das Buch haſtig vom An⸗ fang bis zum Ende durch.„Es iſt merkwürdig,“ ſagte ler dann vergnügt zu Ilſe,„wie kühn und feſt Fritz auf ddie Sache losgeht. Und dabei mit einer Selbſtbeherr⸗ ſcchung, die auch ich ihm nicht in dem Maaße zugetraut habe. Und Vieles daxin iſt mir ganz neu, mich wundert, — 1 daß er ſo ſchnell und heimlich mit der Arbeit abge⸗ ſchloſſen hat.“ Wie die gelehrte Welt das Buch des Doctors be⸗ trachtete, iſt aus vielem gedruckten Lobe erſichtlich. Schwerer iſt zu ſchätzen, wie es auf die Parkgaſſe wirkte. DOerr Hummel ſtudirte in ſeiner Zeitung eine ausführ⸗ liche Beſprechung des Werkes, nicht ohne Geräuſch, er ſummte bei dem Wort Veda, und er brummte bei dem 1 Namen Humboldt, und er pfiff durch die Zähne bei deem Lobe, welches der tiefen Gelehrſamkeit des Verfaſſers 8 ertheilt wurde. Und als am Schluß Recenſent ſich nicht verſagen konnte, im Namen der Wiſſenſchaft dem Doc⸗ tor förmlich Dank zu ſagen und das Werk allen Leſern aangelegentlichſt zu empfehlen, verſtärkte ſich das Geſumm in Herrn Hummels Kopf bis zur Melodie des alten Deſſauers, und er warf die Zeitung auf den Tiſch.„Ich rnke nicht daran, es zu kaufen,“ war alles, was er ven Frauen über ſeine Empfindungen gönnte. Aber er ſah im Laufe des Tages einige Mal nach der feindlichen „4 Hausecke hinüber, wo das Zimmer des Doctors lag, und g dann wieder nach dem eigenen Oberſtock, als wenn er die beiden Gelehrten und ihre Behauſungen gegen ein⸗ ander abſchätzen wollte. Als Ilſe gegen Laura das Urtheil des Gatten über das Buch wiederholte, erröthete Laura ein wenig und er⸗ wiederte, ihr Köpfchen zurückwerfend:„Ich hoffe, es iſt ſo gelehrt, daß wir nicht nöthig haben, uns damit abzugeben.“ Aber die Abneigung, ſich darauf einzulaſſen, verhinderte ſie doch nicht, einige Tage ſpäter den Profeſſor um das Buch zu bitten, weil ſie es der Mutter zeigen wolle. Bei dieſer Gelegenheit wurde es in das Geheimzimmer getragen und verweilte dort längere Zeit. Auch unter den übrigen Anwohnern der Straße wurde die Bedeutung der Familie Hahn, welche ſo rühmlich in die Zeitung gekommen, deren Fritz ſogar im Tageblatt geprieſen war, ſehr vermehrt. Die Wag⸗ ſchale der Volksgunſt ſenkte ſich entſchieden auf Seite dieſes Hauſes, ſogar Hummel fand zweckmäßig, ſich nicht dagegen aufzulehnen, daß in ſeiner Familie mit kühler Anerkennung von dem Nachbarſohn geſprochen wurde. Und wenn Dorchen, wie zuweilen geſchah, mit Gabriel auf der Straße zuſammentraf, ſo wagte ſie ſogar für einige Augenblicke in den Hofraum der Feinde zu tre⸗ ten, trotz dem Geknurr des Hundes und dem düſtern Blick des Hausherrn. An einem warmen Abend des März hatte ſie grade wieder im Vorbeigehen mit Gabriel Nothwendiges be⸗ 1 ſprochen und trippelte zierlich über die Straße nach ihrer Hausthür, während Gabriel ihr voll Bewunderung nachſah. Da trat Herr Hummel in's Freie und er⸗ haſchte den letzten Gruß und Blick Gabriels. „Sie iſt niedlich wie ein Rothſchwänzchen,“ ſagte Gabriel zu Herrn Hummel. Dieſer ſchüttelte menſchen⸗ freundlich den Kopf.„Ich merke wohl, Gabriel, wie dieſer Haſe läuft. Und ich ſage nichts, denn es würde nichts nutzen. Aber Eines will ich Ihnen als eine gute Lehre mittheilen. Sie verſtehen das weibliche Geſchlecht nicht zu behandeln, Sie ſind nicht borſtig gegen das Frauenzimmer. Als ich jung war, zitterten ſie, wenn ich mein Taſchentuch ſchwenkte, und liefen doch um mich her wie die Ameiſen. Dieſe Nation will furchtſam ſein, Sie verderben ſich alles durch Freundlichkeit. Ich ſchätze Sie, Gabriel, und deshalb gebe ich Ihnen dieſen Rath, wie man ihn gleichſam einem Freunde giebt. Sehen Sie, da iſt Madame Hummel. Sie iſt ziemlich kräftig, ich zwinge ſie doch; wenn ich nicht brummig wäre, würde ſie es ſein. Da nun gebrummt werden muß, ſo iſt mir immer plaiſirlicher, daß ich derjenige bin.“ „Jedes Thier hat ſeine Manier,“ verſetzte Gabriel verbindlich,„ich habe kein Geſchick zum Brummbär.“ „Es will gelernt ſein,“ ſagte Herr Hummel wohl⸗ wollend. Er zog die Augenbrauen in die Höhe und machte ein ſchlaues Geſicht:„Dort drüben ſchleicht man auch ſchon im Garten herum, wahrſcheinlich ſpeculirt man wieder mit einem neuen Einfall, den ich zu ſeiner — Zeit mit dem richtigen Namen zu nennen mir unter allen Umſtänden vorbehalte.“ Er dämpfte ſeine Stimme: „Es iſt bereits etwas Anonymes abgeladen und in den Garten geſchafft.“— Und ärgerlich über ſeine eigne Vorſicht fuhr er fort:„Glauben Sie mir, Gebriel, durch das viele Erzeugen von Kindern wird die Welt feig, die Menſchen werden ſo zuſammen gedrängt, daß die Freiheit aufhört, das Leben iſt eine Sclaverei vom erſten Kaſten, in den man gelegt wird, bis zum letzten. Ich ſtehe hier auf meinem eigenen Grund und Boden. Wenn ich an dieſer Stelle ein Loch graben will bis zum Mittelpunkt der Erde, kein Menſch darf mir's ver⸗ wehren. Und doch dürfen wir beide auf meinem freien Eigenthum nicht einmal mit gewöhnlicher Menſchenſtimme eine Meinung ausſprechen. Warum, es könnte gehört werden und fremden Ohren mißfallen. So weit ſind wir. Man iſt ein Knecht ſeiner Nachbarn. Und nun bedenken Sie, ich habe nur Einen gegenüber, auf der andern Seite ſchützt mich das Waſſer und die Fabrik, und ich muß doch die Wahrheit hinunterſchlucken, die ich wenigſtens zehn Fuß von meiner Grenze ausſprechen will. Wer nun gar von allen Seiten mit Nachbarn umgeben iſt, der führt ein erbärmliches Leben, er kann ſich nicht einmal in ſeinem eigenen Garten den Kopf abſchneiden, ohne daß die ganze Nachbarſchaft ein Ge⸗ ſchrei erhebt, weil ihr der Anblick nicht gefällt.“— Er deutete mit dem Daumen nach dem Nachbarhauſe und fuhr vertraulich fort:„Heut ſind wir verglichen worden, — 9— die Weiber haben nicht eher geruht. Und ich verſichere Sie, dort drüben fehlt die richtige Courage zum Streit. Die Sache wurde langweilig, da gab ich mich drein.“ „Es iſt doch gut, daß alles wieder in Ordnung kam,“ ſagte Gabriel.„Wenn die Väter im Streit leben, wie ſollen die Kinder einander grüßen.“ „Warum ſollen ſie einander nicht auch Geſichter ſchneiden,“ rief Hummel ärgerlich.„Ich bin nicht für die ewigen Knixe.“ „Das weiß Jedermann,“ verſetzte Gabriel.„Wenn aber Fräulein Laura bei uns mit dem Doctor zuſam⸗ mentrifft, was ja oft geſchieht, ſo kann ſie doch nicht gegen ihn brummen.“ „Sie treffen alſo oft zuſammen,“ wiederholte Hum⸗ mel bedachtſam.„Da haben Sie wieder die Ueber⸗ füllung, man kann einander nicht aus dem Wege gehen. Nun, meiner Tochter bin ich ſicher, ſie iſt von meiner Art, Gabriel.“ „Das weiß ich doch nicht,“ erwiederte Gabriel lachend. „Ich verſichere Sie, es iſt ganz mein Kopf,“ be⸗ ſtätigte Hummel mit Ueberzeugung.„Was aber dieſen Frieden betrifft, ſo freuen Sie ſich nicht ſo ſehr darüber, denn verlaſſen Sie ſich auf mich, zwiſchen hier und drüben hat er keine Dauer. Wenn das Eis aufthaut und das Gartenvergnügen angeht, dann giebt's wieder Händel. Das iſt hier immer ſo geweſen. Und ich ſehe nicht ein, warum das nicht ſo bleiben ſoll, trotz Ver⸗ — 10— gleich und trotz Ihrer neuen Herrſchaft, der ich übrigens meinen Reſpect nicht vorenthalten will.“ Die Unterredung, welche ſich in den Garten hinein⸗ geſponnen hatte, wurde durch einen ſchwarzen feierlichen Mann unterbrochen, welcher einen großen Brief in bunter Hülle darbot, ſich vor Herrn Hummel aufſtellte und demſelben für ſeine abweſende Tochter die Auffor⸗ derung überbrachte, Pathenſtelle bei einem Kinde zu über⸗ nehmen, welches vor Kurzem geboren war, die Welt zu verengen. Gegen dieſe Einladung war nichts einzuwenden, die junge Mutter, Frau eines Juriſten, war Laura's Freundin und eine Tochter ihrer angeſehenen Pathe, es war ein alter Familienzuſammenhang und Hummel nahm als Vater und Bürger das Ceremoniel der Einladung mit Würde entgegen.„Und für wen iſt der Brief, den Sie noch in der Hand halten?“ frug er den Lohndiener. „Für Herrn Doctor Hahn, welcher mit Fräulein Laura zuſammen ſtehen ſoll.“ „So?“ ſagte Hummel ironiſch,„das geht ja mit vier Kutſchpferden. Tragen Sie Ihren Brief nur dort hinüber.— Habe ich's nicht geſagt, Gabriel?“ wandte er ſich zu ſeinem Vertrauten.„Kaum vor Gericht ver⸗ glichen und auf der Stelle Gevatter, kein Menſch kann dafür ſtehen, daß nicht morgen der Strohmann von drüben zu mir kommt und mir Brüderſchaft anbietet. Da haben Sie die Folgen der Ueberfüllung und des Chriſtenthums. Diesmal iſt gar mein armes Kind das Opfer. ———— — — 11— Er trug den Brief in die Stube und warf ihn vor den heimkehrenden Frauen auf den Tiſch.„Das kommt von eurem Vergleich, ihr ſchwachen Weiber,“ rief er grollend,„hier hängen ſich die Amme und die Hebamme und der Herr Gevatter an euren Hals.“ Die Frauen ſtudirten den Brief und Laura fand rückſichtslos, daß die Frau Pathe grade den Doctor für ſie zum Partner gewählt habe. „Es iſt bequem für den Pathenwagen,“ höhnte Hummel aus ſeiner Ecke.„Er kann in einer Fahrt Zwei abliefern. Jetzt läuft der Humboldt von drüben in weißen Glacehandſchuhen bis in dieſes Zimmer, um dich zur Kirche abzuholen, und ich traue ihm obendrein die Unverſchämtheit zu, daß er dir den Gevattergruß ſchickt.“ „Wenn er es nicht thäte, ſo wäre es eine Belei⸗ digung,“ verſetzte die Gattin,„das muß ſchon der Men⸗ ſchen wegen geſchehen, ſonſt giebt es ein Gerede. Da⸗ gegen dürfen wir nichts ſagen, er wird ihr den Blumen⸗ korb ſchicken mit den Pathenhandſchuhen, und Laura ſendet ihm dagegen das Taſchentuch, wie es in unſerer Bekanntſchaft Brauch iſt. Du weißt ja, daß Laura's Pathe auf ſo etwas hält.“ „Seine Blumen in unſerm Hauſe, ſeine Hand⸗ ſchuhe auf unſern Fingern, und unſer Tuch in ſeiner Taſche,“ zankte der Hausherr,„das wird ja recht luſtig.“ „Ich bitte dich, Hummel,“ entgegnete ſeine Frau unwillig,„verleide uns nicht durch dein Schelten die Artigkeiten, die bei ſolcher Gelegenheit nicht zu vermei⸗ den ſind, und hinter denen kein Menſch etwas ſucht.“ „Ich danke für eure Artigkeiten, die man nicht ver⸗ meiden kann, und an denen Niemandem etwas gelegen iſt. Nichts iſt mir unter den Leuten hier ſo unausſteh⸗ lich, als ihre ewigen Artigkeiten durch die Vorderthür und ihr Kratzen durch die Hinterthür.“ Er ging aus dem Zimmer und ſchloß die Thür nicht leiſe. Die Mutter aber begann:„Im Grunde hat er nichts da⸗ gegen, er will nur ſein ſtrenges Weſen behaupten. Daß du dem Doctor etwas für ſeinen Gevattergruß ſendeſt, iſt nicht grade nöthig, aber du biſt ihm noch eine Auf⸗ merkſamkeit von dem Schäfer her ſchuldig.“ Und Laura verſöhnte ſich mit dem Gedanken, Gevat⸗ terin des Doctors zu werden, und ſagte:„Ich mache mir eine Zeichnung für die Zipfel des Tuches und ich ſticke ſie.“ Am nächſten Morgen ging ſie aus, Battiſt zu kaufen. Aber auch Herr Hummel ging aus. Er be⸗ ſuchte einen Bekannten, der Kürſchner war, zog ihn vertraulich bei Seite und beſtellte ein Paar Handſchuhe ganz von weißem Katzenfell, mit fünf Fingern für eine kleine Hand. Und er forderte, daß an die Spitze jedes Fingers eine Katzenkralle befeſtigt werde.„Es muß aber etwas Zartes ſein,“ verordnete er,„von ungeborenem Kater, im Nothfall auch Säugling von Kanin, und daß mir die Krallen groß und ſteif herausſtehen.“ Dann trat er in einen andern Laden, ließ ſich bunt gedruckte Taſchentücher von Baumwolle zeigen, wie man ſie um . 4— * — 13— einige Groſchen kauft, und wählte ein ſchwarz und rothes mit einem abſcheulichen Portrait, das grade zu ſeiner Stimmung paßte. Dieſen Erwerb ſenkte er in ſeine Taſche. Der Morgen des Tauftages brach an, in der Wohnung des Herrn Hummel klapperte das Plätteiſen, die Mutter that noch einige letzte Nadelſtiche, und Laura fuhr die Treppe geſchäftig auf und ab. Unterdeß wan⸗ delte Hummel zwiſchen Hausthür und Fabrik, jeden Ein⸗ tretenden beobachtend, Speihahn ſaß auf der Schwelle und knurrte, ſo oft ein fremder Fuß an die Hausthür rührte.„Beweiſe dich, Speihahn, wie du biſt,“ brummte Hummel vor ſeinen Hund tretend, nund fahre der Jung⸗ fer von drüben an den Rock; ſie traut ſich nicht herein, wenn du Wache hältſt.“ Und der rothe Hund antwor⸗ tete, indem er ſeinem eigenen Herrn boshaft die Zähne wies.„So iſt's recht,“ ſagte Hummel und ſetzte ſeinen Spaziergang fort. Endlich erſchien Dorchen in ihrer Hausthür und tänzelte, einen verhüllten Korb in der Hand, zur Treppe des Herrn Hummel. Speihahn er⸗ hob ſich grimmig, ſtieß ein heiſeres Geſtöhn aus und ſeine Haare ſträubten ſich. „Rufen Sie den häßlichen Hund weg, Herr Hum⸗ mel,“ rief Dorchen ſchnippiſch,„ich habe einen Auftrag an Fräulein Laura.“ Hummel gab ſeinem Geſicht einen wohlwollenden Ausdruck und griff in die Taſche.„Die Frauen ſind in Arbeit, mein hübſches Kind,“ ſagte er, ein ſchweres Geldſtück herausholend,„pielleicht kann ich's beſtellen.“ Die Botin war über die unerwartete Menſchlichkeit des Tyrannen ſo betroffen, daß ſie einen ſtummen Knix machte und das Körbchen in ſeine Hand gleiten ließ. „Es wird Alles auf's Beſte beſorgt werden,“ verſicherte Herr Hummel mit einnehmendem Lächeln. Er trug den Korb in das Haus und rief Suſanne, ihn den Frauen zu bringen, darauf trat er wieder an die Thür und ſtreichelte den Hund. Nicht lange, und er hörte, daß die Thür der Wohnſtube aufflog und ſein Name laut in den Flur gerufen wurde. Bedächtig ſchritt er in das Frauenge⸗ mach und fand hier arge Verſtörung. Ein zierlicher Korb ſtand auf dem Tiſch, zerſtreute Blumen lagen umher und zwei kleine Pelzhandſchuhe mit großen Krallen an den Fingerſpitzen lagen wie abgeſchlagene Tatzen eines Raubthiers auf dem Boden. Laura aber ſaß vor ihnen und ſchluchzte laut. „Holla,“ rief Hummel,„gehört das auch zum Pathenvergnügen?“ „Heinrich,“ rief die Gattin heftig,„deinem Kinde iſt eine Beleidigung widerfahren. Der Doctor hat ge⸗ wagt, deiner Tochter dies zu ſenden.“ „Ei,“ rief Hummel,„Katzenpfoten, und gar mit Krallen! Warum nicht, die werden warm halten in der Kirche, du kannſt den Doctor ja damit anfaſſen.“ „Es ſoll ein Scherz ſein,“ rief Laura unter heißen Thränen,„weil ich ihn oben zuweilen geneckt habe. Eine ſolche Unzartheit hätte ich ihm niemals zuge⸗ traut.“ „Kennſt du ihn ſo gut?“ frug Hummel.„Nun, da es ein Spaß ſein ſoll, wie du ſagſt, ſo nimm es auch als einen Spaß. Dieſe Feuchtigkeit iſt unnöthig.“ „Und was ſoll jetzt geſchehen?“ rief die Mutter, ‚kann ſie nach dieſer Beleidigung noch mit ihn Pathe ſtehen?“ „Ich ſollte meinen,“ verſetzte Hummel roniſch „Dieſe Beleidigung iſt eine Kinderei gegen andere Be⸗ leidigungen, gegen Hausmauern, Glockenſpiel und Hun⸗ degift. Wenn ihr das Alles hinunterſchlucken konntet, warum nicht auch die Katzenpfoten?“ „Und ſie hat ihm ſelbſt ein Taſchentuch geſäumt und geſtickt,“ rief die Mutter wieder,„und ſie hatte ſich die größte Mühe gegeben noch fertig zu werden.“ „Das ſende ich nicht hinüber,“ rief Laura. „Alſo ſie hat es ſelber geſäumt und geſtickt,“ wie⸗ derholte Herr Hummel.„Es iſt doch hübſch, wenn man mit ſeinen Nachbarn in Freundſchaft lebt. Ihr ſeid ein weiches Völkchen, und ihr nehmt die Sache zu ernſthaft. Das ſind ja Artigkeiten, die man nicht ver⸗ meiden kann, und bei denen man nichts denken ſoll. So handelt doch nach euren Worten. Jetzt gerade müßt ihr das Zeug hinüberſchicken, und ihr müßt euch gegen ihn und Jedermann gar nichts merken laſſen. Behaltet die Verachtung innerlich.“ „Der Vater hat recht,“ rief Laura aufſpringend, „hinweg mit dem Tuch. Und meine Rechnung mit dem Doctor ſei für immer geſchloſſen.“ „So iſt's recht,“ beſtätigte Hummel,„wo iſt der Lappen? Fort damit.“ Das Tuch lag bereits auf einer Platte in feines blaues Papier geſchlagen, ebenfalls von Frühlingsblu⸗ men umgeben.„Dies alſo iſt das Geſäumte und Ge⸗ ſtickte? wir ſchicken es ſogleich hinüber.“ Er nahm die Platte vom Tiſch und trug ſie eilig in die Fabrik, von dort ging das blaue Packet mit vielen Empfehlungen für den Herrn Gevatter in das Haus der Feinde. Frau Hahn brachte Gruß und Gabe in das Zim⸗ mer ihres Sohnes.„Ah, das iſt eine liebe Aufmerk⸗ ſamkeit,“ rief der Doctor und betrachtete angelegentlich die Blumen. „Es kommt ab, daß man auch den Herren etwas ſendet,“ ſprach die Mutter behaglich,„ich hab's immer für eine hübſche Einrichtung gehalten, man ſollte an ſo etwas nicht rütteln.“ Neugierig entfaltete ſie das Papier und ſah ſehr betroffen aus. Ein bedrucktes baumwol⸗ lenes Taſchentuch lag darin, lederartig, aus groben Fä⸗ den gewebt. Es konnte noch eine Atrappe ſein, in die⸗ ſer Hoffnung breitete ſie es auseinander, aber nichts war daran zu ſehen als ein grimmiger Kopf in den Teufelsfarben Roth und Schwarz.„Das iſt kein hüb⸗ ſcher Scherz,“ rief die Mutter gekränkt.. Der Doctor ſah vor ſich nieder.„Ich habe Laura Hummel zuweilen geärgert. Dies hat wohl Bezug auf —,— gen, aber der ſchw — 12— eine Neckerei, die wir gehabt haben. Bitte, Mutter, ſetze die Blumen in ein Glas.“ Er nahm das Tuch, verbarg es in einer Schublade und beugte ſich wieder über die Schrift.„Das hätte ich Laura doch nicht zugetraut,“ fuhr die Mutter bekümmert fort. Da aber der Sohn weitere Klagen nicht begünſtigte, ſtellte ſie ihm die Blumen zurecht und verließ das Zimmer, die Kränkung ihres Kindes im mütterlichen Herzen umher⸗ wälzend. Der Wagen fuhr vor und der Doctor ſtieg ein, die Gevatterin abzuholen.„Er kann nur gleich auf der andern Seite wieder herauskriechen,“ ſagte Herr Hum⸗ mel am Fenſter,„die Hausthüren ſind nahe genug.“ Durch eine ſchwierige Wendung gelangte der Feſtwagen an die Treppe des Herrn Hummel, der Lohndiener öff⸗ nete den Schlag, aber bevor der Doctor die Stufen hinaufdringen konnte, erſchien Suſanne auf der Treppe und rief hinunter:„Bemühen Sie ſich nicht erſt he⸗ rein, das Fräulein wird ſogleich kommen.“ Und Laura ſchwebte von den Stufen herab, ganz in Weiß wie in eine Schneewolke gehüllt. Und wie ſchön ſah ſie heut aus. Zwar die Wangen waren bleicher als ge⸗ wöhnlich und die Augenbraunen ünſter zuſammengezo⸗ 1 üthige Zug gab ihrem Antlitz — eine bezaubernde Würde. Sie vermied den Doctor an⸗ zuſehen, bewegte ihr Hanpien ur ein wenig auf ſeinen Gruß, und als er die Hand bot, ihr Einſteigen zu un⸗ terſtützen, fuhr ſie an ihm oo und ſetzte ſich auf Freytag, Handſchrift. II. 2 — 18— ihren Platz, als ſei er gar nicht vorhanden. Mit Mühe fand er Raum an ihrer Seite, ſie nickte noch einmal über ihn weg nach der Treppe, auf welcher jetzt Herr Hummel ſtand, der heut viel aufgeräumter ausſah als ſein Kind. Schwerfällig trabten die Roſſe vorwärts, die bleiche Laura ſah weder nach rechts noch links. Es iſt ihr erſtes Pathenamt, dachte der Doctor, iſt das feierliche Stimmung? Oder iſt es Reue über das bunte Tuch? Er ſah nach ihren Händen, die Handſchuhe, die er ihr geſandt, waren nicht darauf zu ſehen. Habe ich gegen die Mode geſündigt? dachte er wieder, oder waren ſie zu groß für die kleine Hand? Er ſchweigt, dachte ſie, das iſt ſein böſes Ge⸗ wiſſen, er denkt an die Katzenkrallen, und für mein Taſchentuch hat er kein Wort des Dankes. Ich habe mich doch ſehr in ihm geirrt. Und die Betrachtung wurde ihr ſo wehmüthig, daß ihr wieder eine Thräne in die Augen ſtieg, ſie aber preßte heftig die Lippen an⸗ einander, drückte ſich ſelbſt den Daumen der rechten Hand und zählté in der Stille von eins bis zehn, ein altes Mittel, das ihr ſchon früher heftige Gefühle ge⸗ bändigt hatte. So kann das nicht bleiben, dachte der Doctor, ich muß ſie anreden.„Sie haben die Handſchuhe, die ich Ihnen zu ſenden wagte, nicht brauchen können,“ 1 begann er beſcheiden,„ich häbs gewiß recht ungeſchickt gewählt.“ 4 4 Das war zu viel. daua wandte den Kopf mit — 19— heftiger Bewegung nach dem Doctor, er ſah einen Augenblick in zwei rollende zornige Augen und hörte die verächtlichen Worte:„Ich bin keine Katze.“ Und wieder zuckten ihre Lippen und ſie drückte krampfhaft die Hand zuſammen. Fritz ſann erſtaunt darüber nach, ob Handſchuhe, welche Falten werfen, jemals ein charakteriſtiſches Kenn⸗ zeichen unſerer Hausthiere geweſen ſein können. Er fand die Beziehung unergründlich. Wie Schade, daß ſie Launen hat! Und er begann nach einer Weile von Neuem:„Ich fürchte, die Zugluft wird Ihnen läſtig, ſoll ich das Fenſter ſchließen?“ „Ich danke,“ verſetzte Laura mit eiſiger Kälte. „Wiſſen Sie etwas über den Namen des Täuf⸗ lings?“ frug der Doctor weiter. „Er ſoll Fritz heißen,“ erwiederte Laura, und zum zweiten Mal traf ein flammender Zornesblick ſeine Brillengläſer, dann trat wieder Proſilſtelung mit Ohr⸗ läppchen und Naſenſpitze ein. 8 Ach, ſie war trotz dem Gewitter, das aus ihr blitzte, in dieſem Augenblick wunderſchön, und der Doctor konnte ſich das nicht verhehlen. Sie aber fühlte jetzt ebenfalls die Verpflichtung etwas zu reden, und begann 4. über die Schulter:„Ich finde den Namen ſehr ge⸗ N wöhnlich. 4 „Da es mein eigener Name iſt und ich ihn jeden Tag hören muß,“ verſetzte der Doctor,„ſo darf ich Ihnen vor Andern Recht geben. Es iſt wenigſtens ein 2* — 20— deutſcher Name,“ fügte er gutmüthig hinzu,„es iſt Un⸗ recht, daß man dieſe ſo ſehr vernachläſſigt.“ „Da mein Name auch aus der Fremde ſtammt,“ erwiederte Laura wieder über die Achſel,„ſo habe ich ein Recht, fremde Namen für gewählter zu halten.“ Wenn ſie den ganzen Tag ſo bleibt, dachte Fritz entmuthigt, werden die nächſten Stunden peinlich ſein. Und bei Tiſche muß ich auch neben ihm ſitzen und den Hohn ertragen, dachte ſie. Ach, das Leben legt Schreckliches auf. Sie fuhren am Taufhauſe vor, beide froh, daß ſie wieder unter Menſchen kamen. Als ſie in die Zim⸗ mer traten, ſtoben ſie nach den entgegengeſetzten Seiten auseinander. Aber natürlich mußten ſie zuerſt die junge Mutter begrüßen und ihre Bahnen ſtießen hier wieder zuſammen. Als Laura ſich zu der Pathe wandte, trat auch der Doctor von der andern Seite dazu. Und der guten Patheufiel wieder jener Tag ein, wo die Beiden ebenſo feierlich in ihre Sommerwohnung gekommen wa⸗ ren, und ſie konnte ſich nicht enthalten, zu rufen:„Das hat etwas zu bedeuten, da ſeid ihr ja wieder zuſammen, ihr lieben Kinder.“ Und Laura erhob ſtolr das Haupt und erwiederte:„Nur, weil Sie es durch haben.“. Man fuhr zur Kirche. Der Geiſtliche te mögliche, dem Täufling in dieſem und jenem d gute Freundſchaft zu ſichern, und der kleine Fritz! kreiſte auf den Armen ſeiner Pathen widerwillig V 3 ——*— ——— — 21— Taufſtein. Als er aber dem großen Fritz überliefert wurde, brach er in zorniges Geſchrei aus, und Laura ſah mit Verachtung, wie der Doctor beunruhigt wurde und ungeſchickte Verſuche machte, durch Heben und Sen⸗ ken der Arme den Schreihalz mit ſeinem Anblicke zu verſöhnen; bis ihm zuletzt die Hebamme— eine ſehr entſchloſſene Frau— aus der Noth half. Je weiter die Sonne herab ſank, deſto unerträg⸗ licher wurde die Pflicht des Tages. Bei dem Taufeſſen gingen alle ſchwarzen Ahnungen Lauras in Erfüllung, ſie ſaß neben dem Doctor. Und es war beiden ein ausgezeichnet behagliches Mahl. Der Doctor wagte noch einige Anläufe, ihre unbegreifliche Stimmung zu durch⸗ brechen, er hätte ebenſo leicht mit einem Schwefelholz. das Eis eines Gletſchers aufgethaut, denn jetzt war Laura an die kalte Luft geſelliger Nichtachtung gewöhnt. Sie ſprach ausſchließlich mit dem Taufvater, der auf ihrer andern Seite ſaß und fand in der Unterhaltung mit dem heitern Manne die Schwungkraft des Geiſtes nieeder, während Fritz immer ſtiller wurde, und ſeine Nachbarin zur Linken, eine freundliche junge Frau, auf⸗ fallend vernachläſſigte. Und es wurde noch ärger. Denn als der Braten herannahte, kam der Mitgevatter, ein Stadtrath und ſonſt ein Mann von Welt und Wort, hinter den Stuhl des Doctors und erklärte, daß er den Toaſt auf den Täufling auszubringen keineswegs ge⸗ ſonnen ſei, weil ihm ein Kopfſchmerz alle Gedanken nehme, und daß der Doctor an ſeiner Stelle zu reden — 22— habe. Dem Doctor aber war dieſe Möglichkeit gar nicht eingefallen, und ihm war ſo unbehaglich zu Muthe, daß er ſich ebenfalls leiſe aber ernſthaft gegen die Zumu⸗ thung auflehnte. Und Laura hörte wieder mit tiefer Verachtung den Kampf der beiden Herren um eine Stilübung, die noch dazu nicht einmal ſchriftlich war. Auch der Hausherr wurde aufmerkſam und über die Geſellſchaft kam eine gewiſſe peinliche Erwartung, welche in der Regel nicht die Wirkung hat, widerwilligen Tiſchrednern ihre Geiſteskräfte zu beflügeln, ſondern vielmehr zu banger Gedankenloſigkeit herabzudrücken. Eben war der Doctor im Begriff, doch ſeine Pflicht zu thun, als Laura ihm noch einen kalten Blick gönnte, dann aufſtand und an das Glas ſchlug. Ein lautes Bravo begrüßte ſie und ſie ſprach zu ihrem eigenen Erſtaunen und zur Freude aller Anweſenden:„Da die Herren Pathen ihrer Pflicht ſo wenig eingedenk ſind, ſe bitte ich um Verzeihung, daß ich unternehme, was ſie hätten thun ſollen.“ Und darauf brachte ſie tapfer ein Hoch aus. Es war ein ſehr gewagtes Un⸗ ternehmen, aber es war gelungen und ſie wurde mit Beifall überſchüttet. Auf den Doctor dagegen richteten ſich jetzt die Stachelreden ſämmtlicher Herren. Es iſt wahr, er zog ſich noch erträglich heraus, denn die ver⸗ zweifelte Lage gab ihm ſeine Kraft wieder, ja er hatte die Unverſchämtheit, zu erklären, daß er abſichtlich ge⸗ zögert, um der Geſellſchaft die Freude zu bereiten, welche Allen durch die Beredtſamkeit ſeiner Nachbarin gewor⸗ — 23— den ſei. Und er hielt darauf einen luſtigen Vortrag über alles Mögliche, und als Alle lachten und Keiner mehr wußte wo er hinaus wollte, machte er eine kühne Wendung auf die Pathen, und brachte die Geſund⸗ heit dieſer Menſchenclaſſe aus, und insbeſondere die ſeiner Nachbarin. Für die Anweſenden war das gut ge⸗ nug, für Laura war es nur unleidlicher Hohn und Heuche⸗ lei. Und als ſie mit ihm anſtoßen mußte, ſah ſie ihn wie⸗ der ſo feindſelig an, daß er ſich ſchnell von ihr zurückzog. Jetzt aber begann er ihr in ſeiner Weiſe Gleichgültigkeit zu zeigen, er ſprach laut mit ſeiner Nachbarin, er trank mehre Gläſer Wein. Laura rückte ihren Stuhl von ihm ab und dachte, er trinkt am Ende gar zu viel, er wurde ihr unheimlich, und jetzt wurde ſie ſtiller. Der Doctor aber achtete gar nicht mehr darauf, er ſchlug wieder an das Glas und hielt noch eine Rede, und die war ſo poſſirlich, daß die An⸗ weſenden dadurch in die glücklichſte Stimmung verſetzt wurden. Laura aber ſaß ſtarr wie ein Steinbild und ſah ihn nur manchmal verſtohlen von der Seite an. Darauf verließ der Doctor ganz ſeine Nachbarin, der Stuhl neben ihr ſtand leer, er hatte, um bildlich zu ſprechen, das baumwollene Taſchentuch darauf ge⸗ legt, ſie aber die kleinen Pelzhandſchuhe, daß der leere Stuhl unter ſeiner unſichtbaren Laſt recht unheimlich ausſah, und der Doctor ging hinter der Tafel herum und machte kleine Beſuche, und wo er anhielt, gab es Lachen und Anſtoßen der Gläſer. Und als er die Runde 8 — 24— um den Tiſch geendet hatte, und zu Wirth und Wirthin trat, hörte Laura, wie dieſe ihm für den luſtigen Abend dankten und ſeine frohe Laune rühmten. So kehrte er zu ſeinem Platz zurück. Und jetzt hatte er ſogar die Unverſchämtheit ſich an Laura zu wen⸗ den. Mit einem Ausdruck, in welchem Laura deutlich den Hohn erkannte, hielt er ihr unterm Tiſch die Hand hin und ſagte:„Machen wir Friede, böſe Frau Gevat⸗ terin; reichen Sie mir Ihre Hand.“ Da empörte ſich Lauras ganzes Herz, ſie rief:„Sogleich ſollen Sie meine Hand haben.“ Sie griff ſchnell in eine geheime Taſche, fuhr in einen Katzenhandſchuh und kratzte ihn damit auf die Rückſeite ſeiner Hand.„Da nehmen Sie den Händedruck, den Sie verdienen.“ Der Doctor fühlte einen ſcharfen Schmerz, fuhr mit der Hand in die Höhe und ſah dieſe durch einige rothe Striche tättowirt. Laura aber warf ihm den Hand⸗ ſchuh in den Schooß und ſetzte dazu:„Wäre ich ein 1 Mann, ich machte Ihnen auf andere Weiſe fühlbar, daß Sie mich beleidigt haben.“ . Der Doctor blickte um ſich, ſeine Nachbarin zur Linken war aufgeſtanden, auf der andern Seite bildete gegen die Außenwelt. Dann ſah er erſtaunt auf den Fehde⸗ handſchuh in ſeinem Schooß, und alles war ihm unbe⸗ greiflich, nur das Eine empfand er, daß Laura trotz ihrer Leidenſchaft von hinreißender Schönheit war. Auch er fuhr mit der Hand in ſeine Taſche und der Hausherr, über den Tiſch gebeugt, harmlos einen Wall — 25— ſagte:„Glücklicherweiſe bin ich in der Lage, auf dieſe Riſſe Ihr Geſchenk von heut Morgen legen zu können.“ Und er holte das roth und ſchwarze Tuch hervor und mühte ſich, daſſelbe um die verwundete Hand zu ſchlingen, wobei nicht zu vermeiden war, daß die Hand ein un⸗ heimliches, mörderiſches Ausſehen erhielt. Als Laura die blutigen Schrammen ſah, erſchrak ſie, aber ſie wußte ihre Reue tapfer zu verbergen und warf ihm nur die kalten Worte zu:„Wenigſtens wird für Ihre Hand beſſer ſein, wenn Sie mein Tuch zum Verband nehmen, als dieſes ſteife Leder.“ „Es iſt Ihr Tuch,“ verſetzte der Doctor traurig. „Das iſt noch ſchlimmer als alles andere,“ rief Laura mit bebender Stimme.„Sie haben heut eine Art mit mir zu verkehren, die für mich entwürdigend iſt, und ich frage Sie, was habe ich gethan, um ſolche Be⸗ handlung zu verdienen?“.*. „Was habe denn ich gethan, daß Sie mir dieſe Vorhaltung machen?“ frug der Doctor,„Sie haben mir heut Morgen dieſen Gevattergruß geſandt.“ „Ich?“ rief Laura,„Sie haben mir dieſe Katzenpfoten geſandt, aber nicht ich dies Tuch. Mein Tuch hatte nichts von den Reizen dieſes bunten Drucks, es war nur weiß.“ „Ebenſo darf ich von meinen Handſchuhen ſagen, ſie hatten nicht den Vorzug Krallen zu beſitzen, es war gewöhnliches Leder.“ Laura wandte ſich zu ihm hin und ſtarrte ihm ängſtlich in das Geſicht.„Iſt das wahr?“ „Es iſt wahr,“ verſicherte der Doctor mit überzeugender Aufrichtigkeit,„von dieſen Pelzhandſchuhen weiß ich nichts.“ „Dann ſind wir beide Opfer einer Täuſchung,“ rief Laura beſtürzt.„O, verzeihen Sie mir, vergeſſen Sie, was geſchehen iſt.“ Und den Zuſammenhang ahnend, fuhr ſie fort:„Ich bitte Sie, ſprechen wir nicht mehr davon.— Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das Tuch abbinde.“ Er hielt ihr die Hand hin, ſie trocknete ihm die Finger mit ihrem Tuche und ſchlang es haſtig über die Riſſe.„Es iſt zu klein zum Verbande,“ ſagte ſie traurig,„wir müſſen Ihr eigenes darüber legen. Das war ein häßlicher Tag, Herr Doctor, o vergeſſen Sie und ſein Sie mir nicht böſe.“ Böſe war der Doctor keineswegs, und das war auch aus der eifrigen Unterhaltung zu erkennen, in welche beide jetzt verſanken. Denn beiden war das Herz leicht geworden, und ſie waren bemüht einander das gegen⸗ ſeitig zu beweiſen. Und als der Wagen ſie vor ihren Thüren abſetzte, gab es einen herzlichen Nachtgruß. Am nächſten Morgen trat Herr Hummel in Lauras Geheimzimmer und legte ein blaues Papier auf den Tiſch.„Da iſt geſtern ein Irrthum vorgefallen,“ ſagte er,„hier haſt du, was dir gehört.“ Laura öffnete ſchnell das Papier, ihr geſticktes Tuch lag darin.„Dem Doctor drüben habe ich ſeine Handſchuhe auch zurück⸗ geſchickt, und eine Empfehlung dazu, und ich habe ihm auch ſagen laſſen, es ſei ein Verſehen, und ich, der Vater Hummel, ſendete ihm, was ihm gehörte.“ — — 27— „Vater,“ rief Laura ihm gegenübertretend,„dieſe neue Kränkung war nicht nöthig. Mir magſt du an⸗ thun, was dir dein Haß gegen die Nachbarn eingiebt, aber daß du nach allem, was geſtern geſchehen iſt, auf's neue einen Dritten verletzen kannſt, das iſt grauſam von dir. Dies Tuch gehört dem Doctor. Und da ich es zurückerhalte, werde ich es ihm bei erſter Gelegenheit wieder geben.“ „Richtig,“ ſagte Hummel,„es iſt von dir mit eige⸗ nen Händen geſäumt und geſtickt. Thue jetzt, was du vor deinem Kopfe verantworten kannſt. Du weißt aber, und auch er weiß, was ich von dieſen Ar⸗ tigkeiten zwiſchen hier und dort halte. Willſt du gegen meinen entſchiedenen Willen handeln, ſo wage es. Auf einen Geſchenkfuß mit den Hähnen möchte ich unſere Wirthſchaft nicht einrichten, weder in Kleinem, noch in Größerem. Und da du, wie ich höre, bei den Miethern mit dem Doctor oft zuſammenkommſt, ſo wird gut ſein, wenn du auch daran denkſt. Und dies ſollte eine Er⸗ innerung ſein.“ Er ging gemüthlich zur Thür hinaus und ließ ſeine Tochter im Aufruhr gegen ſein hartes Regiment zurück. Sie hatte nicht gewagt, dem Vater zu widerſprechen, denn er war heut, abweichend von ſei⸗ nem polternden Weſen, in ruhiger Haltung und ſie fühlte aus ſeinen Worten einen Sinn, der ihr den Mund ſchloß und das Blut in die Wangen trieb. Und es wurde für das geheime Tagebuch ein ſtürmiſcher Vor⸗ mittag. — 28— Herr Hummel war auf ſeinem Comtoir mit einer Lieferung von Soldatenkäppis beſchäftigt, als ihn ein Klopfen ſtörte und zu ſeiner Verwunderung Fritz Hahn eintrat. Hummel blieb würdig ſitzen, bis der achtungs⸗ volle Gruß des Andern vollzogen war, dann erhob er ſich langſam und begann im Geſchäftston:„Was ſteht zu Ihren Dienſten, Herr Doctor? Wenn Sie einen feinen Filzhut nöthig haben, wie ich annehme, ſo iſt das Ver⸗ kaufslokal eine Treppe tiefer.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Doctor artig.„Ich komme zunächſt Ihnen für das Tuch zu danken, das Ihre Güte mir ausgeſucht und geſtern zum Geſchenk ge⸗ macht hat.“ „Nicht übel,“ ſagte Hummel.„Es iſt der alte Blü⸗ cher darauf gemalt; er iſt ein Stück Landsmann von mir und ich dachte, daß Ihnen das Tuch deswegen an⸗ genehm ſein würde.“ „Ganz recht,“ antwortete Fritz,„ich werde mir es als Andenken ſorgfältig aufheben. Und ich verbinde mit meinem Dank die Bitte, daß Sie dieſe Handſchuhe hier Fräulein Laura überreichen. Wenn geſtern bei der Uebergabe ein Verſehen vorgefallen iſt, wie Sie mir freundlich mittheilen ließen, ſo habe ich daran keine Schuld. Und da dieſe Handſchuhe Ihrem Fräulein Tochter bereits gehören, ſo bin ich natürlich außer Stande dieſelben zu⸗ rückzunehmen.“ „Wieder nicht übel,“ ſagte Hummel,„aber Sie ſind im Irrthum. Die Handſchuhe gehören meiner Tochter — 29— ganz und gar nicht, ſie ſind von Ihnen gekauft und von meiner Tochter mit keinem Auge geſehen worden. Und ſie ſind heut früh zum Eigenthümer zurückgewandert.“ „Verzeihung,“ entgegnete Fritz,„wenn ich Sie ſelbſt als Zeugen gegen Ihre Worte in Anſpruch nehme, die Handſchuhe ſind geſtern als ein landesübliches Geſchenk an Fräulein Laura geſchickt worden, Sie ſelbſt haben dem Boten die Sendung abgenommen, und durch Ihre Worte die Annahme beſtätigt. Die Handſchuhe ſind alſo durch Ihre eigene Mitwirkung Eigenthum des Fräuleins geworden, und ich habe durchaus kein Anrecht darauf.“ „Kein Advocat kann einen Fall beſſer in's Licht ſetzen,“ entgegnete Herr Hummel mit Behagen.„Es iſt nur ein Uebelſtand dabei. Dieſe Handſchuhe waren un⸗ deutlich, denn ſie lagen in Papier und Blumen verſteckt, wie ein Froſch im Graſe. Hätten Sie mir die Hand⸗ ſchuhe offen und mit der Bitte, ſie meiner Tochter zu geben, in dies Comtoir gebracht, ſo würde ich Ihnen ſchon geſtern geſagt haben, was ich Ihnen jetzt ſage, daß ich Sie nämlich für einen ganz wackern jungen Mann halte, und daß ich nichts dawider habe, wenn Sie jeden Tag Pathe ſtehen, daß ich aber ſehr viel dawider habe, wenn Sie meiner Tochter irgend etwas von dem be⸗ weiſen, was man hier zu Lande Artigkeit nennt. Ich bin gegen Ihr Haus nicht artig, und ich will es nicht ſein. Und deshalb kann ich auch nicht zugeben, daß Sie gegen meine Leute artig ſind. Denn was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig.“ — 30— „Ich bin wieder in der unangenehmen Lage,“ ent⸗ gegnete der Doctor,„Sie durch Ihre eigenen Thaten widerlegen zu müſſen. Sie ſelbſt haben mir geſtern die Ehre einer Artigkeit erwieſen. Da Sie mir als perſönliches Zeichen Ihres Wohlwollens ein Tuch ge⸗ ſchenkt haben, worauf ich, der ich nicht Ihr Mitgevatter bin, gar keinen Anſpruch hatte, ſo darf auch ich ſagen, was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig. Und grade Sie werden gar nichts einwenden dürfen, wenn ich dieſe Handſchuhe in Ihr Haus ſende.“ Hummel lachte.„Alle Hochachtung, Herr Doctor; Sie haben nur vergeſſen, daß Vater und Tochter nicht ganz daſſelbe ſind. Ich habe nichts dagegen, daß Sie mir gelegentlich ein Geſchenk machen, wenn Sie dieſem Triebe nicht widerſtehen können. Ich werde mir dann überlegen, was ich Ihnen dagegen zuſchicken kann. Und wenn Sie alſo meinen, daß dieſe Handſchuhe für mich paſſend ſind, ſo will ich ſie als eine Ausgleichung zwi⸗ ſchen uns beiden behalten. Und wenn ich einmal mit Ihnen zuſammen Pathe ſtehen ſollte, werde ich ſie über meine Daumen ziehen und Ihnen vorzeigen.“ „Ich habe ſie Ihnen als Eigenthum Ihrer Tochter übergeben,“ erwiederte Fritz mit Haltung,„wie Sie wei⸗ ter damit verfahren, darüber ſteht mir keine Entſchei⸗ dung zu, nur ein Wunſch.“ „So iſt es recht, Herr Doctor,“ ſtimmte Hummel bei,„die Sache iſt zur Zufriedenheit aller Betheiligten abgemacht, und wir ſind mit einander zu Ende.“ —— —, —— — — — 31— „Noch nicht ganz,“ verſetzte der Doctor.„Was jetzt kommt, iſt allerdings eine Forderung an Sie. Auch Fräulein Laura hat als meine Gevatterin mir ein Tuch beſtimmt und überſandt. Das Tuch iſt nicht in meine Hände gekommen, ich habe unzweifelhaft das Recht, auch dieſes Tuch als mein Eigenthum zu betrachten, und ich erſuche Sie ergebenſt, die Zuſendung zu bewirken.“ „Oho,“ rief Hummel, und der Bär in ihm regte ſich.„Das ſieht aus wie Trotz, und darauf gebührt eine andere Sprache. Mit meinem Willen erhalten Sie das Tuch nicht, es iſt meiner Tochter zurückgegeben, und wenn ſie es Ihnen noch einhändigt, handelt ſie als ein ungehorſames Kind gegen das Gebot ihres Vaters.“ „Dann alſo iſt meine Abſicht, Sie zum Widerruf dieſes Verbotes zu veranlaſſen,“ verſetzte der Doctor nachdrücklich.„Sie haben, wie ich geſtern zufällig be⸗ merkte, die überſandten Handſchuhe mit anderen ver⸗ tauſcht, welche bei Fräulein Laura den Glauben anregen mußten, daß ich ein unverſchämter und ſ chaler Spaßmacher ſei. Solche hinterliſtige Kränkung eines Fremden, ſelbſt wenn er ein Gegner wäre, ziemt keinem redlichen Mann.“ Hummels Augen wurden groß und er trat einen Schritt zurück.„Alle Wetter,“ brummte er,„iſt ſo et⸗ was möglich? ſind Sie der Sohn ihres Vaters? ſind Sie Fritz Hahn, der junge Humboldt? Sie können ja grob ſein wie ein Bürſtenbinder.“ „Nur wo es nöthig iſt,“ verſetzte Fritz.„Ich habe mir in meinem Verhalten gegen Sie nie einen Mangel 3 t 4 an Zartgefühl zu Schulden kommen laſſen, Sie aber haben gegen mich ein Unrecht begangen, und Sie ſind mir eine Genugthuung ſchuldig. Als ehrlicher Mann werden Sie mir dieſe geben und meine Genugthuung ſoll das Tuch ſein.“ „Es iſt hinreichend,“ unterbrach ihn Hummel, die Hand erhebend,„das Alles nutzt Ihnen nichts. Denn ich will Ihnen, da wir unter uns ſind, gradezu ſagen, ich habe das nicht, was Sie Zartgefühl nennen. Wenn Sie ſich durch mich gekränkt fühlen, ſo wäre mir das in der Stille leid, inſofern ich Sie als einen muthigen jungen Mann vor mir ſehe, der auch ſeine Grobheit hat. Wenn ich mir aber wieder bedenke, daß Sie Fritz Hahn heißen, ſo kommt mir die Meinung, daß es mir ganz recht iſt, wenn Sie ſich durch mich gekränkt füh⸗ len. Und damit müſſen Sie ſich begnügen.“ 3 „Was Sie mir ſagen,“ verſetzte Fritz,„iſt zwar unhöflich, aber redlich iſt es nicht. Und ich gehe mit der Empfindung von Ihnen, daß Sie gegen mich etwas gut zu machen haben. Dies Gefühl iſt für mich jeden⸗ falls angenehmer, als wenn ich in Ihrer Lage wäre.“ „Ich ſehe, wir verſtehen uns in allen Dingen,“ erwiederte Hummel,„wie zwei Geſchäftsleute, die beide ihren Vortheil gehabt haben. Ihnen iſt es angenehm, daß ich ein Unrecht gegen Sie habe, und mir macht es keinen Kummer. Und ſo ſoll es bleiben, Herr Doctor. Wir ſind in unſerm Herzen und vor der Welt Feinde, im Uebrigen aber alle Hochachtung.“ —— —— Der Doctor verneigte ſich und ſchied aus dem Com⸗ toir, Herr Hummel ſah nachdenklich auf die Stelle, wo er geſtanden hatte.— Er war den ganzen Tag in einer milden und men⸗ ſchenfreundlichen Stimmung, die er zunächſt dadurch be⸗ wies, daß er mit ſeinem Buchhalter philoſophirte.„Ha⸗ ben Sie auch einmal Bienenzucht betrieben?“ frug er ihn über den Comtoirtiſch. „Nein, Herr Hummel,“ verſetzte dieſer,„wie ſollte ich dazu kommen?“ „Es fehlt Ihnen an Unternehmungsgeiſt,“ fuhr Hummel tadelnd fort,„warum wollen Sie ſich dieſes Vergnügen nicht gönnen?“ „Ich wohne ja in einer Dachſtube, Herr Hummel.“ „Thut nichts, die neuen Erfindungen erlauben den Bienengenuß in einem Tabackskaſten. Sie ſetzen den Schwarm hinein, öffnen das Fenſter und ſchneiden von Zeit zu Zeit Ihren Honig heraus. Sie können dabei ein reicher Mann werden. Sie ſagen, daß dieſes Ge⸗ ſchmeiß Ihre Hausleute und Nachbarn ſtechen wird, ha⸗ ben Sie keine Sorge, ſolche Rückſichten ſind altfränkiſch. Folgen Sie doch dem Beiſpiel gewiſſer anderer Leute, die auch ihre Bienenſtöcke an die Straße ſetzen, um die Ausgaben für Zucker zu erſparen.“ Der Buchhalter wollte dieſem Vorſchlag zur Güte nicht widerſprechen.„Wenn Sie meinen,“ verſetzte er nachgiebig. „Den Teufel meine ich, Herr,“ brach Humnup los, Freytag, Handſchrift. II. —4— 34 „laſſen Sie ſich nicht einfallen, mit einem Bienenſchwarm in der Taſche in mein Comtoir zu kommen, ich bin entſchloſſen, dergleichen Unfug unter keinen Umſtänden zu dulden. Für dieſe Gaſſe bin ich Hummel genug, und ich verbitte mir jede Art von Summen und Schwärmen um Haus und Hof.“ Als er am Nachmittag mit Frau und Tochter im Garten luſtwandelte, hielt er plötzlich an.„Was war es doch, das hier durch die Luft flog?“ „Es war ein Käfer,“ ſagte ſeine Frau. „Es war eine Biene,“ ſagte Herr Hummel.„Sollte dies Geſindel ſchon ausfliegen? Wenn es etwas giebt, was ich nicht leiden kann, ſo ſind es Bienen. Richtig, da iſt wieder eine. Sie beläſtigt dich, Philippine.“ „Ich kanns nicht ſagen,“ verſetzte dieſe. Aber wenige Augenblicke darauf flog eine Biene unleugbar um Lauras Locken, und Laura mußte ſich mit ihrem Sonnenſchirme gegen die kleine Arbeiterin verthei⸗ digen, welche die Wangen des Mädchens mit einem Pfirſich verwechſelte.„Es iſt auffallend,“ ſagte Hummel zu den Frauen,„das war doch ſonſt nicht ſo arg. In einem hohlen Baum des Parks muß ſich ein Bienenſtock etablirt haben, dergleichen kommt vor. Da draußen ſchläft der Parkwächter auf einer Bank, froh, daß ihn ſelber Nie⸗ mand ſtiehlt. Du ſtehſt ja gut mit dem Manne, mache ihn doch darauf aufmerkſam. Das Ungeziefer iſt unleidlich.“ Frau Hummel ließ ſich zu einer Frage verleiten, der Wächter verſprach aufzumerken, kam nach einer 8— — — Weile wieder an den Zaun und rief leiſe:„Pſt, Ma⸗ dame Hummel.“ „Der Mann ruft dich,“ ermahnte Hummel. „Sie kommen aus dem Garten des Herrn Hahn,“ berichtete vorſichtig der Parkwächter,„dort ſteht jetzt ein Bienenſtock.“ „Wirklich?“ frug Hummel,„iſt es möglich, ſollte Hahn dieſe Liebhaberei gewählt haben?“ Laura ſah un⸗ ruhig auf den Vater.„Ich bin ein friedlicher Mann, Wächter, und ich kann meinem Nachbar nicht zutrauen, daß er uns ſolchen Tort anthut.“ „Es iſt ſicher, Herr Hummel,“ ſagte der Park⸗ wächter,„ſehen Sie dort das gelbe Ding?“ „Richtig,“ rief Hummel kopfſchüttelnd,„es iſt gelb.“ „Laß gut ſein, Heinrich, vielleicht wird es nicht ſo arg,“ begütigte ſeine Frau. „Nicht ſo arg?“ frug Hummel zornig.„Soll ich zuſehen, wie ſich die Bienen auf deine Naſenſpitze ſetzen, ſoll ich dulden, daß meine Frau den ganzen Sommer eine Kugel vor ſich herträgt, ſo groß wie ein Apfel? Laß nur gleich eine Stube für den Chirurgus zurecht machen, er wird doch die nächſten Monate nicht aus unſerm Hauſe kommen.“ Laura trat an den Vater:„Ich ſehe dir's an, du willſt mit den Nachbarn wieder Streit anfangen; wenn du mich liebſt, thu' es nicht. Ich kann dir nicht ſagen, Vater, wie ſehr mir dieſes Gezänk zuwider iſt. Ich habe genug darunter gelitten.“ 3* — 36.— „Ich glaube dir's,“ erwiederte Hummel gemüthlich. „Aber grade weil ich dich liebe, muß ich bei guter Zeit dieſen Injurien von drüben ein Ende machen, bevor dieſes beflügelte Zeug ſeinen Honig aus unſerm Garten hinüberträgt. Ich will dich von keiner Nachbarbiene anfallen laſſen, verſtehſt du?“ Laura wandte ſich ab und ſah finſter in das Waſ⸗ ſer, auf welchem abgefallene Kätzchen der Birken lang⸗ ſam der Stadt zuſchwammen.„Thun Sie etwas Uebri⸗ ges, Wächter, um d ieden zwiſchen Nachbarn zu erhalten,“ fuhr Hummeſort,„und richten Sie Herrn Hahn meine Empfehlung und die Bitte aus, er möchte ſeine Bienen anbinden, damit ich nicht in die Lage komme, wieder die Polizei zu Hülfe zu rufen.“ „Ich will ihm ſagen, Herr Hummel, daß die Bienen der Nachbarſchaft läſtig werden. Denn es iſt wahr, die Gärten ſind klein.“* „Sie ſind ja ſo enge, daß man ſie in einer Schach⸗ tel auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen kann,“ räumte Hummel bereitwillig ein.„Thun Sie's auch aus Er⸗ barmen mit den Bienen ſelbſt. Unſere drei Märzbecher werden als Futter nicht lange vorhalten, und nachher bleibt ihnen nichts übrig, als das eiſerne Gitter zu be⸗ nagen.“ Er gab dem Wächter einige Groſchen und fügte für ſeine Frau und Tochter hinzu:„Um des lieben Friedens willen, ihr ſeht, wie ſehr ich den Nachbar ſchone.“ Die Frauen kehrten gedrückt und voll trüber Ah⸗ nung in das Haus zurück. — 37— Da der Wächter ſich nicht wieder ſehen ließ, lauerte ihm Hummel am nächſten Tage auf.„Nun?“ frug er. „Herr Hahn meinte, die Stöcke wären weit von der Straße hinter Gebüſch. Und ſie beläſtigten Nie⸗ manden. Und er würde ſich ſein Recht nicht nehmen laſſen.“ 5 „Da haben wir's,“ brach Hummel los,„Sie ſind mein Zeuge, daß ich das Menſchenmögliche gethan habe, um Streit zu vermeiden. Der Mann hat vergeſſen, daß es einen Paragraph 16 Es thut mir leid, Wächter, aber jetzt muß die Polizei das letzte Wort ſprechen.“. Und Herr Hummel beſprach ſich vertraulich mit einem Polizeidiener. Herr Hahn aber gerieth wieder einmal in Aufregung und Zorn, als er auf’s Rath⸗ haus beſtellt wurde; und Herr Hummel behielt gewiſſer⸗ maßen Recht, denn die Polizei gab Herrn Hahn den Rath, einer Beläſtigung der Nachbarn und Vorüberge⸗ henden durch Entfernung der Körbe zuvorzukommen. Herr Hahn hatte ſich ſo herzlich über ſeine Bienen ge⸗ freut, ihre Wohnungen waren mit allen neuen Erfin⸗ dungen ausgeſtattet, auch waren es gar nicht unſere zor⸗ nigen deutſchen Bienen, ſondern italieniſche, welche nur ſtechen, wenn ſie auf's äußerſte gereizt werden. Das half jetzt alles nichts, denn auch der Doctor und Frau Hahn baten, die Stöcke zu entfernen, und ſo wurden dieſe in einer dunkeln Nacht von Herrn Hahn unter bittern und niederbeugenden Empfindungen auf's Land — 38— geſchafft. An der Stätte, die ſie öde zurückgelaſſen, er⸗ richtete Herr Hahn wenigſtens einige Staarneſter auf Stangen. Sie waren ein ſchwacher Troſt. Die Staare hatten bereits nach dem alten Brauch ihres Stammes Boten durch das Land geſchickt und ihre Sommerwoh⸗ nungen gemiethet, und nur Sperlinge nahmen froh⸗ lockend Beſitz von den Käſten und ließen als lüderliche Haushalter lange Strohhalme zu den Löchern herab⸗ hängen. Herr Hummel aber zuckte verächtlich die Ach⸗ ſeln und nannte die neue Erfindung mit lautem Baß Spatztelegraphen. Das Gartenvergnügen begann, ſchwermüthige Ah⸗ nung war zur Wirklichkeit geworden, Argwohn und finſtere Mienen ſchieden auf's neue die Nachbarhäuſer. 6. Kleine Gegenſätze. Eine Profeſſorsfrau hat auch Noth mit ihrem Mann. Wenn Ilſe einmal mit wohlbekannten Frauen zuſammen⸗ ſaß, mit der Raſchke, der Struvelius und der kleinen Günther, etwa bei einem vertraulichen Kaffee, der nicht gänzlich verachtet wurde, dann kam ſo allerlei zu Tage. Es war doch eine hübſche Unterhaltung mit den gebildeten Frauen. Allerdings ſtreifte das Geſpräch zu⸗ weilen flüchtig über die Häupter der Dienſtboten, und die Sorgen der Wirthſchaft wagten ſich auch als quakende Fröſche aus dem Weiher gemüthlicher Plauderei hervor. Und Ilſe wunderte ſich, daß auch Flaminia Struvelius ernſthaft über das Aufbewahren kleiner Eſſig⸗ gurken zu ſprechen wußte, und daß ſie angelegentlich nach den Kennzeichen der Jugend an einer gerupften Gans forſchte. Und die luſtige Günther erregte den Hausfrauen von größerer Erfahrung Entſetzen und Ge⸗ lächter, als ſie erklärte, daß ſie das Geſchrei kleiner Kin⸗ der gar nicht ertragen könne, und daß ſie das ihre— das ſie noch nicht einmal hatte— vom erſten Anfang durch Streiche zu ehrbarer Ruhe zwingen werde. Wie geſagt, die Rede ſchweifte von Größerem auch auf dieſe Gebiete. Und wenn ſo einmal Unbedeutendes daran kam, geſchah es natürlich auch, daß die Männer einer ruhigen Beſprechung gewürdigt wurden, und da ergab ſich, daß jede der Frauen, wenn von Männern im all⸗ gemeinen die Rede war, doch an ihren eigenen dachte, und daß jede, ohne daß ſie es ausſprach, ein heim⸗ liches Bündel Sorgen mit ſich herumtrug, und die Hörerinnen zu dem Schluß berechtigte, auch dieſer Mann ſei ſchwer zu behandeln. Gar nicht zu verbergen waren die Schickſale der Frau Raſchke, denn ſie waren ſtadtkundig. Man wußte ſehr wohl, daß er an einem Markttage in ſeinem Schlafrock zur Univerſität gezogen war, in einem leuchtenden Schlafrock, orange und blau mit türkiſchen Muſtern. Und ſeine Studenten, die ihn zärtlich liebten und ſeine Gewohnheiten wohl kannten, hatten doch ein lautes Lachen nicht unterdrückt, und Raſchke hatte ruhig den Schlafrock über das Katheder gehängt und in Hemdsärmeln geleſen, und war im Ueberzieher eines Studenten nach Hauſe gekommen. Seitdem ließ Frau Raſchke den Gatten niemals aus⸗ gehen, ohne ihn noch einmal zu unterſuchen. Und fer⸗ ner kam heraus, daß er ſich nach zehn Jahren in den Straßen der Stadt noch immer nicht zurecht fand, und daß ſie ihr Quartier nicht wechſeln durfte, weil ſie überzeugt war, daß ihr Profeſſor ſich nicht daran kehren und doch immer wieder in die alte Wohnung zurück⸗ laufen würde. Auch Struvelius machte Sorge. Die — 41— letzte gewaltige hatte Ilſe perſönlich kennen gelernt, aber es wurde auch ermittelt, daß er von ſeiner Frau forderte, für ihn lateiniſche Correcturen zu leſen, weil ſie ein wenig dieſe Sprache gelernt hatte, und daß er gänzlich außer Stande war, freundlichen Weinreiſenden ſeine Auf⸗ träge zu verſagen. Und die Struvelius hatte bei ihrer Verheirathung einen ganzen Keller voll kleiner und gro⸗ ßer Weinfäſſer gefunden, die noch gar nicht abgezogen waren, während er ſelbſt bitterlich klagte, daß er keinen Wein in den Keller bekomme. Und ſogar die kleine Günther erzählte, daß ihr Gatte der Nachtarbeiten ſich nicht entſchlagen konnte und daß er bei einer ſolchen Ausſchweifung mit der Lampe unter den Büchern um⸗ herflackerte und einer Gardine zu nahe kam, die Gar⸗ dine fing Feuer, er riß ſie ab, verbrannte ſich dabei die Hände und drang mit kohlſchwarzen Fingern in die Schlafſtube, verſtört, und einem Othello ähnlicher als einem Mineralogen. Ilſe erzählte nichts aus ihrer kurzen Laufbahn, aber auch ſie hatte Gelegenheit, Erfahrungen zu machen. Zwar in ſpäter Arbeit war ihr Hausherr mäßig, auch mit dem Weine wußte er ziemlich Beſcheid, und trank bei Gelegenheit wacker ſein Glas, wie einem deutſchen Gelehrten ziemt. Doch mit dem Eſſen war's bei ihm traurig beſtellt. Es iſt ja nicht ſchön, wenn man viel um den Magen ſorgt, und vollends cinem Profeſſor nicht anſtändig, aber wenn einer gar nicht weiß, was er ißt, und Entenbein und Gansbein verwechſelt, ſo iſt das auch keine Freude für die, welche ihm etwas Gutes er⸗ weiſen möchten. Zum Tranchiren war er vollends nicht zu brauchen. Die zähen ſtymphaliſchen Vögel, welche Her⸗ kules erlegt hatte, und den ungenießbaren Vogel Phönix, den ſein Tacitus mit Achtung erwähnte, kannte er viel genauer als den Knochenbau einer Truthenne. Und Ilſe gehörte zwar nicht zu den Hausfrauen, denen Vergnü⸗ gen iſt, den ganzen Tag in der Küche zu ſtehen, aber ſie verſtand das Geſchäft und ſetzte eine Ehre darein, für den Mittagstiſch ihr Herrſcheramt würdig zu üben. Das war alles vergebens. Er machte zuweilen einen Verſuch, ſeine Tafel zu loben, aber Ilſe kam dahinter, daß ſein Herz gar nicht dabei war. Denn als ſie ihm einen prächtigen Faſan vorſetzte und er an ihrer be⸗ obachtenden Miene merkte, daß eine Aeußerung erwar⸗ tet werde, da lobte er die Köchin, weil ſie ein ſo ſtatt⸗ liches Huhn eingekauft. Ilſe ſeufzte und ſuchte ihm den Unterſchied aus einander zu ſetzen, und ſie mußte erleben, daß ihr Gabriel nach Tiſch bedauernd ſagte: „Es iſt umſonſt, ich kenne den Herrn, er hat kein Ge⸗ ſchick zum Eſſen.“ Seitdem war Ilſe auf die Anerken⸗ nung angewieſen, welche ihr einzelne Herren des Thee⸗ tiſches zollten. Das war ihr kein Erſatz. Auch der Doctor hatte nach dieſer Richtung nicht viel Achtungs⸗ werthes. Und es war jämmerlich und niederbeugend, die beiden Herren vor einem Schnepfenpaar zu ſehen, das der Vater geſchickt hatte. Der Profeſſor aber hielt den Doctor für ausneh⸗ — 43— mend praktiſch, weil dieſer etwas Geſchick im Kaufen und Einrichten hatte, und er war gewöhnt, bei vielen Ereigniſſen des Tages den Freund zu Rathe zu ziehen. Der Schneider kam und brachte Tuchproben zu einem neuen Rock. Der Profeſſor ſah zerſtreut auf die far⸗ bigen Signale der aufgeklappten Mappe.„Ilſe, ſchicke doch zum Doctor, damit er wählen hilft.“ Ilſe ſchickte, aber mit böſem Willen, zum Rockkaufen brauchte man den Doctor auch noch nicht, und wenn ihr lieber Mann darin keinen Entſchluß hatte, ſo war ſie doch auch da. Aber vorläufig half das nichts, der Doctor beſtimmte gebietend Rock, Weſte und den übrigen Kleiderbedarf ihres Gatten. Ilſe hörte der Verhandlung ſchweigend zu, aber ſie war recht herzlich böſe auf den Doctor, und auch ein wenig auf ihren Hausherrn. Und ſie beſchloß in der Stille, daß das ſo nicht bleiben dürfe. Sie unternahm ſchnell eine Kopfrechnung mit ihrem Wirth⸗ ſchaftsgeld, ließ den Schneider in ihr Zimmer kommen, und beſtellte ſelbſt einen zweiten Anzug für ihren Mann, mit dem Auftrage, dieſen zuerſt zu machen. Und als der Künſtler ſein Werk abgeliefert hatte, rief ſie den Gat⸗ ten und frug, wie ihm die Prachtſtücke gefielen. Er lobte, und ſie ſagte:„Sie ſind für dich. Ich mache mich ſo hübſch als ich kann, um dir zu gefallen, trage du auch einmal mir zu Ehren, was ich für dich ausge⸗ ſucht habe. Und habe ich's getroffen, ſo wähle ich dir in Zukunft, und ich übernehme die Verantwortung für deine Garderobe.“ — — 44 Aber der Doctor ſah verwundert darein, als der Profeſſor in anderm Schmucke erſchien. Es ergab ſich jedoch, daß er nichts daran auszuſetzen vermochte. Und als Ilſe dem Doctor allein gegenüber ſaß, begann ſie: „Beide lieben wir den Mann da drinnen, und wir wollen uns über ihn vereinigen. Sie haben das größte Recht, der Vertraute ſeiner Arbeiten zu ſein, und ich darf nie daran denken, mich darin Ihnen gleich zu ſtellen. Aber wo mein kleiner Hausverſtand ausreicht, da wenig⸗ ſtens möchte ich ihm nützlich werden, und was ich ihm darin ſein kann, lieber Herr Doctor, überlaſſen Sie mir.“ Sie ſagte das lächelnd, der Doctor aber trat ernſt⸗ haft vor ſie hin:„Sie ſprechen aus, was ich lange em⸗ pfunden. Ich habe mehre Jahre mit ihm gelebt und manchmal für ihn gelebt, und dieſe Zeit war mir ein hohes Glück, jetzt fühle ich ſehr wohl, daß Sie den nächſten Anſpruch auf ihn haben. Ich werde verſuchen müſſen, mich in manchem zu beſcheiden; es wird mir ſchwer, aber es iſt zuletzt gut, daß es ſo kommt.“ „So waren meine Worte nicht gemeint,“ rief Ilſe unruhig. „Ich verſtehe wohl, wie ſie gemeint waren, und ich verſtehe auch, daß Sie Recht haben. Ihre Aufgabe iſt nicht nur, ihm ſein Leben bequem zu machen. Denn er ſieht gleichgültig über vieles weg, was den Tag ſchmückt und behaglich zurichtet. Aber inniges Bedürfniß iſt ihm, mit ſeiner Umgebung bei allem, was ihn und ſeine Zeit bewegt, im Einklang zu leben. Darin iſt er weich und reizbar. Nicht daß ich ein Verſtändniß für Einzelheiten ſeiner Arbeit habe, machte ihn zu meinem Freund, ſon⸗ dern weit mehr das gute Einvernehmen in den großen und kleinen Fragen unſeres Lebens. Ich ſehe jetzt, wie eifrig Sie bemüht ſind, auch darin ihm Vertraute zu werden. Und glauben Sie mir, der wärmſte Wunſch meines Herzens iſt, daß Sie mit der Zeit dieſes hohe Recht erhalten.“ Er ſchied mit ernſtem Gruß, und Ilſe ſah ihm betroffen nach. Der Doctor hatte an eine Seite ge⸗ rührt, deren Schwirren ſie in ihrem Glücke immer wieder mit Schmerzen fühlte. Ihr war das neue Haus⸗ weſen leicht und klein, und alles ſchnurrte wie ein Kreiſel und auch ſie legte keinen großen Werth auf ihre Thätigkeit. Aber es that ihr doch weh, daß ihre Arbeit dem Gatten ſo wenig war, und ſie dachte wieder: „Wos ich ihm ſein kann, das merkt er kaum, und wo es mir ſchwer wird, ſeinem Geiſte zu folgen, da ent⸗ behrt er vielleicht eine Seele, die ein beſſeres Verſtänd⸗ niß hat.“ Das waren leichte Wolkenſchatten, welche über die ſonnige Landſchaft dahinfuhren, aber ſie kamen oft, wenn Ilſe in ihrem Zimmer grübelnd allein ſaß. Einſt in der Dunkelſtunde war Profeſſor Raſchke angelangt, er zeigte ſich willig, über Abend zu bleiben, und Felix ſandte den Diener zur Frau Profeſſorin, dieſer die Sorge um den abweſenden Gatten zu nehmen. Da 46 Raſchke unter den gelehrten Herren Ilſe's Liebling war, gab ſie in der Noth einen Küchenbefehl, der ihm wohlthun ſollte. Dieſer Befehl verurtheilte einige junge Hühner, welche kurz vorher lebend angelangt waren, zum Tode. Die Herren waren bereits in Ilſe's Zim⸗ mer, als aus der Küche ein klägliches Geſchrei ertönte und das Küchenmädchen ihr bleiches Geſicht an der Thür zeigte und die Herrin herausrief. Dort fand ſich, daß das Gemüth des Mädchens das Schlachten nicht bewerkſtelligen konnte. Da Gabriel die nöthigen Meu⸗ cheleien ſonſt ſtill an entlegener Stätte beſorgt hatte, wußte ſie ſich heut keinen Rath, ein ängſtlicher Verſuch war unglücklich abgelaufen, und Ilſe mußte das Un⸗ vermeidliche ſelbſt thun. Als ſie wieder eintrat, frug unglücklicher Weiſe Felix nach dem Grunde der Auf⸗ regung, und Ilſe erzählte kurz den Vorfall. Die Hähnchen kamen auf den Tiſch, ſie machten der Küche keine Schande, Ilſe ſchnitt und legte vor. Aber ihr Gatte ſchob den Teller zurück, und Raſchke arbeitete zwar aus Artigkeit ein wenig an ſeinem Bruſt⸗ ſtücke herum, würgte aber auch über den Biſſen. Ilſe ſah mit großen Augen auf die beiden Männer.„Wes⸗ halb eſſen Sie nicht, Herr Profeſſor?“ frug ſie endlich den Gaſt mit mühſam erkämpfter Ruhe. 74 „Es iſt nur eine Schwäche der Empfindung, er⸗ wiederte Raſchke,„und Sie haben ganz Recht, es iſt eine Thorheit; mich ſtört noch das Geſchrei der armen Gebratenen.“ 8 ——õ——— — 417— „Dich auch, Felix?“ frug Ilſe mit ausbrechendem Eifer. „Ja,“ erwiederte dieſer,„iſt es nicht möglich, das Umbringen unmerklich zu machen?“ „Nicht immer,“ entgegnete Ilſe gekränkt,„wenn der Raum ſo enge und die Küche ſo nahe iſt.“ Sie klin⸗ gelte und ließ den unglücklichen Braten abtragen.„Da man in der Stadt das Schlachten ſo ſehr bedauert, ſollte man kein Fleiſch eſſen.“ „Sie haben ganz Recht,“ wiederholte Raſchke verſöh⸗ nend,„und unſere Empfindlichkeit hat nur geringe Be⸗ rechtigung. Wir finden die Zubereitungen unbehaglich und laſſen uns Bereitetes in der Regel ſehr wohl gefallen. Aber wer gewöhnt iſt, das Thierleben mit Theilnahme zu betrachten, den beunruhigt die Zerſtörung eines Or⸗ ganismus für egoiſtiſche Zwecke immer, wenn ſie in einer Weiſe vollzogen wird, an welche er zufällig nicht gewöhnt iſt. Denn das ganze Leben der Thiere hat für uns etwas Geheimnißvolles. Dieſelbe Lebenskraft, die wir an uns beobachten, iſt im Grunde auch in ihnen thätig, nur eingeengt durch eine anders beſchränkte und im Ganzen weit unvollkommnere Organiſation!“ „Wie kann man ihre Seele mit der des Menſchen vergleichen,“ rief Ilſe,„das Vernunftloſe mit dem Ver⸗ nünftigen, das Vergängliche mit dem Ewigen!“ „Was das Unvernünftige betrifft, liebe Frau Col⸗ lega, ſo iſt es ein Wort, bei dem man ſich in dieſem Falle nichts Genaues denkt. Wie groß der Unterſchied zwiſchen Menſch und Thier auch ſei, er iſt ſchwer feſt⸗ zuſtellen, und auch nach dieſer Richtung ziemt uns Be⸗ ſcheidenheit. Wir wiſſen ſehr wenig von den Thieren, ſelbſt von denen, welche täglich mit uns leben. Und ich geſtehe Ihnen, daß mir der gelegentliche Verſuch, dies Unverſtändliche meinem Verſtändniß näher zu rücken, eine Achtung und Scheu vor dem fremdartigen Leben eingeflößt hat, bei welcher zuweilen Schrecken war. Ich leide nicht, daß Jemand von meinen Leuten ſein Herz an ein Thier hängt. Auch aus einer Weichheit des Ge⸗ fühls, die, wie ich Ihnen zugebe, pedantiſch iſt. Aber die Einwirkung des menſchlichen Gemüthes auf die Thiere iſt mir vollends räthſelhaft und unheimlich erſchienen, es werden in den fremden Kreaturen dadurch Seiten ihres Lebens entwickelt, welche ſie nach einzelnen Rich⸗ tungen dem Menſchen ſehr ähnlich machen. Auch hat die liebevolle Annäherung an unſere Art für uns ſo viel Rührendes, daß wir leicht mehr Herz und Empfin⸗ dung auf ein Thier wenden, als ihm und uns frommt.“ „Aber das Thier bleibt doch, wie es ſeit der Schö⸗ pfung war,“ rief Ilſe,„unverändert in ſeinen Trieben und Neigungen. Wir können einen Vogel abrichten und einen Hund zwingen, daß er überbringt, was er ſelbſt freſſen möchte, aber das iſt nur äußerer Zwang. Sind ſie ſich ſelbſt überlaſſen, ſo bleibt ihnen Art und Natur ungeändert, und was wir Cultur nennen, fehlt ihnen ganz.“. „Auch darüber ſind wir keineswegs ſicher,“ verſetzte — — 419— Raſchke.„Wir wiſſen gar nicht, ob nicht jedes Geſchlecht der Thiere auch eine Bildung und Geſchichte hat, welche von der erſten Generation bis zur letzten reicht. Es iſt ſehr möglich, daß Kenntniſſe, Virtuoſitäten und Ver⸗ ſtändniß der Welt, ſo weit dies den Thieren möglich iſt, ſich in engerem Kreiſe ebenſo wandelte, als bei den Menſchen. Es iſt eine willkürliche Annahme, daß die Vögel vor tauſend Jahren genau ebenſo geſungen haben, als jetzt. Und ich bin der Anſicht, daß Wolf und Fuchs auf cultivirtem Boden in ähnlicher Lage ſind, wie die letzten Trümmer der Indianerſtämme unter den Weißen, während ſolche Thiere, die in erträglichem Frieden mit den Menſchen leben, wie die Sperlinge und anderes kleines Volk, ſogar die Bienen, in ihrer Art klüger wer⸗ den und im Laufe der Zeit Fortſchritte machen, Fort⸗ ſchritte, die wir in einzelnen Fällen ahnen, die unſere Wiſſenſchaft aber noch nicht darzuſtellen vermag.“ „Damit wird unſer Herr Oberförſter ſehr einver⸗ ſtanden ſein,“ ſagte Ilſe ruhiger,„er klagt bitterlich, daß die Finken unſerer Gegend ſich ſeit Menſchengedenken in ihrem Geſange erbärmlich verſchlechtert haben, weil alle guten Sänger weggefangen ſind und die jungen nichts Ordentliches mehr lernen.“ „Vortrefflich,“ rief Raſchke.„Und wie es unter den Thieren derſelben Art kluge und unwiſſende giebt, läßt ſich auch annehmen, daß den einzelnen eine gewiſſe geiſtige Arbeit zugewieſen iſt, welche über ihr Leben hinaus reicht. Und die Erfahrung eines alten Raben Freytag, Handſchrift. II.. 4 oder die melodiſche Tonfolge einer ſchönſingenden Nach⸗ tigall wäre für die ſpäteren Geſchlechter nicht verloren, ſondern wirkte auch in ihnen mit einer gewiſſen Dauer. Nach dieſer Richtung darf man wohl von Cultur und Fortbildung auch der Thiere ſprechen.— Aber der Küche gegenüber bekennen wir, daß wir zum Nachtheil für das gemeinſame Behagen an unrechter Steile ge⸗ fühlvoll geworden ſind, und Sie zürnen uns deshalb nicht, liebe Freundin.“ „Für diesmal wird es vergeſſen,“ erwiederte Ilſe verſöhnt,„das nächſte Mal ſetze ich Ihnen geſottene Eier vor, die werden doch kein Bedenken haben.“ „Mit den Eiern iſt es auch ſo ein eigen Ding,“ verſetzte Raſchke,„doch darüber enthalte ich mich billig einer näheren Betrachtung. Was mich aber hierher ge⸗ führt hat,“ fuhr er zu Felix gewandt fort,„war nicht Huhn nicht Ei, ſondern College Struvelius. Ich ſuche für ihn Verſöhnung.“ Felix ſetzte ſich ſteif zurecht.„Kommen Sie in ſei⸗ nem Auftrage?“ „Noch nicht, aber auf Wunſch einiger Collegen. Sie wiſſen, daß für das nächſte Jahr ein energiſcher Rector nöthig wird. Und es iſt unter den Bekannten wiederholt von Ihnen die Rede geweſen. Struvelius wird wahrſcheinlich Decan, ſchon deshalb wünſchen wir, daß Sie beide in ein freundliches Verhältniß treten. Noch mehr des academiſchen Friedens wegen. Ungern ſehen wir unſere Alterthumswiſſenſchaft auf geſpanntem Fuße.“ „Was der Mann etwa gegen mich verſehen hat,“ entgegnete der Profeſſor ſtolz,„kann ich ihm leicht ver⸗ geben, obgleich das kleinliche und verſteckte Weſen mir innerlich zuwider iſt. Daß er durch ſeine thörichte Ar⸗ beit ſich ſelbſt und dadurch unſere Univerſität blos ge⸗ ſtellt hat, ertrage ich ſchwerer. Was mich aber von ihm ſcheidet, das iſt die Unehrlichkeit ſeiner Empfindung.“ „Der Ausdruck iſt zu ſtark,“ rief Raſchke. „Er entſpricht genau ſeinem Thun,“ entgegnete der Profeſſor.„Als der Beweis einer Fälſchung geführt war, da noch war ſeine Furcht, eine Niederlage zu er⸗ leben, ſtärker als ſein Sinn für Wahrheit, und er hat ſich ſelbſt belogen, um Andere zu täuſchen. Das iſt eines deutſchen Gelehrten unwürdig, und für ſolches Un⸗ recht kenne ich keine Vergebung.“ „Das iſt wieder zu hart,“ verſetzte Raſchke,„er hat offen und loyal ſeinen Irrthum bekannt.“ „Er hat es erſt gethan, als durch Magiſter Knips ihm und Anderen die Fälſchung an der Schrift augen⸗ ſcheinlich nachgewieſen und dadurch die letzte Ausflucht genommen war.“ „Die Gefühle eines Menſchen ſind nicht ſo leicht wie Zahlen in ihre Elemente zu zerfällen,“ entgegnete Raſchke,„und nur wer billig urtheilt, wird richtig rech- nen. Er hat gekämpft mit verletztem Stolz, vielleicht zu lange, aber er hat ſich herausgehoben.“ „Ich geſtatte an der Sittlichkeit eines wiſſenſchaft⸗. lichen Mannes keine irrationalen Größen, hier war die —.. 4 † X — 52— Frage, ſchwarz oder weiß, Wahrheit oder Lüge,“ rief Felix. „Du haſt doch dem Magiſter größere Nachſicht be⸗ wieſen,“ ſagte Ilſe bittend,„und ich habe ihn ſeit der Zeit mehr als einmal bei dir geſehen.“ „Der Magiſter hat in der Hauptſache geringere Schuld,“ antwortete der Gatte.„Als ihm die Frage ernſthaft vor die Seele trat, hat er ſehr wohl ſeinen Scharfſinn angewandt.“ „Er hatte Geld dafür bekommen,“ ſagte Ilſe. „Er iſt ein armer Teufel, gewöhnt als Zwiſchen⸗ händler bei Antiquargeſchäften einigen Vortheil zu haben, und Niemand wird an ihn die Forderung ſtellen, daß Zer ſich durchweg als Gentleman erweiſe. Soweit ſeine 7 gedrückte Seele der Wiſſenſchaft angehört, iſt ſie nicht ohne männlichen Stolz, das weiß ich. Und für dergleichen Naturen habe ich das wärmſte Mitgefühl. Denn ſein Leben iſt in der Hauptſache ein fortgeſetztes Martyrium zum Beſten Anderer. Und wenn ich einen ſolchen k Mann verwende, ſo weiß ich ſicher, wo ich ihm vertrauen kann, wo nicht.“ „Möchten Sie ſich darin nicht täuſchen,“ rief Raſchke. „Ich übernehme Gefahr und Verantwortung,“ ent⸗ gegnete der Profeſſor;„nichts weiter von dem Magiſter, er gehört nicht hierher. Wenn ich aber ſeine Schuld mit der des Struvelius vergleichen ſoll, ſo iſt mir nicht zweifelhaft, wer, alles eingerechnet, den größeren Mangel an Ehrgefühl gezeigt hat.“ Sene ,,. — 53— „Das iſt wieder ſo ungerecht,“ rief Raſchke,„ daß ich eine ſolche Aeußerung über den abweſenden Collegen nicht anhören kann. Ich vermiſſe mit tiefem Bedauern in Ihrer Auffaſſung die Unbefangenheit, welche ich un⸗ ter allen Umſtänden geboten halte, am meiſten im Ur⸗ 7 theil über einen Amtsgenoſſen.“ „Sie ſelbſt haben mir geſagt,“ verſetzte der Pro⸗ feſſor ruhiger,„daß er dem Verkäufer Schweigen ver⸗ ſprochen hat, weil ihm Ausſicht auf noch andere ge⸗ heimnißvolle Pergamente gemacht wurde. Wie können Sie für ſolches Preisgeben des eigenen Selbſtgefühls ein Wort der Entſchuldigung finden?“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Raſchke,„das hat er ge⸗ than, und das war ſeine Schwäche.“ „Das war ſeine Unſittlichkeit,“ rief der Profeſſor wieder,„und darüber komme ich nicht weg. Wer anders denkt, mag ihm die Hand drücken.“ Raſchke ſtand auf.„Wenn Ihre Worte meinen, daß derjenige weniger Ethos beſitzt, der dem Struvelius noch die Hand drückt, ſo entgegne ich Ihnen, daß ich dieſer Mann bin, und daß mich dieſe Handlung noch keinen Augenblick vor mir ſelbſt gedemüthigt hat. Ich habe vor Ihrem kräftigen und reinen Empfinden eine recht innerliche Hochachtun„Aund es iſt mir manchmal ein Beiſpiel geweſen, aber heut muß ich Ihnen ſagen, daß ich mich Ihrer nicht freue, lſt dieſe Härte doch im Grunde deshalb in Sie gekommen, weil Struvelius Sie perſönlich verletzt hat, ſo geht ſie über das Maß hin⸗ — 34— aus, nach welchem wir nicht uns ſelbſt, aber Andere beurtheilen ſollen.“ „Sie gehe über das Maß hinaus,“ rief der Pro⸗ feſſor,„ich kenne kein beſcheidenes Maß bei den Anfor⸗ derungen, die ich an das Rechts⸗ und Anſtandsgefühl meiner perſönlichen Bekannten ſtelle. Mir iſt nicht gleichgiltig, bei dieſer Auffaſſung Sie zum Gegner zu lA haben; aber wig ich bin, ſelbſt ein unvollkommener und irrender Menſch, ich kann mir dieſe Forderungen an meine Umgebung nicht herabſtimmen.“ „So will ich wünſchen,“ brach Raſchke los,„daß Sie ſelbſt nie in den Fall kommen, Anderen bekennen zu müſſen, Sie ſeien durch einen Betrüger gerade da getäuſcht, wo ſich Ihr Selbſtgefühl am kräftigſten erhob. Denn wer ſo ſtolz über Andere urtheilt, dem würde das Bekenntniß der eigenen Kurzſichtigkeit nicht geringe Schmerzen bereiten.“ „Ja, es wäre furchtbar für mich,“ rief Felix,„auch vider meinen Willen Andere in Unwahrheit und Lüge 8 zu verſtricken. Aber darauf vertrauen Sie, ich würde, 3 um ſolches Unrecht zu ſühnen, alles, was ich an Leben und Kraft noch habe, daran ſetzen. Unterdeß bleibt es „ zwiſchen jenem und mir wie bisher.“ 4) Raſchke rückte ſeinen Stuhl unter den Tiſch.„Dann gehe ich heute, denn ich bin durch unſere Erörterung 1 aus der Ruhe gekommen, und ich würde ein ſchlechter Geſellſchafter ſein. Es iſt das erſtemal, Frau Collega, . daß ich aus dieſem Hauſe mit unbehaglichem Gefühl . 0 v 4 ſcheide, und nicht am wenigſten ſchmerzt mich, daß meine unzeitige Parteinahme für Hühnerſeelen auch gegen Sie den Kamm geſträubt hat.“ Ilſe ſah betrübt in das erregte Antlitz des werthen Mannes, und um die wogenden Gedanken zu glätten 4 und an gute Freundſchaft zu mahnen, ſagte ſie bittend: „Aber das arme Huhn iſt Ihnen nicht erlaſſen, das müſſen Sie doch Pe und ich ſorge dafür, daß es Ihnen mörgen di hre Frau zum Frühſtück vor⸗ geſetzt wird.“ Raſchke drückte ihr die Hand und eilte zur Thür“ hinaus, 7 Profeſſor ging heftig im Zimmer auf und/ 2 ab, endlich trat er pox ſeine Frau und frug kurz:„Habe 2 ſch Un rrecht? 24 3 u. Ar hen Arche Xagd 1 „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Ilſe zögernd,„aber als der Freund zu dir ſprach, war meine ganze Empfin⸗ dung auf ſeiner Seite, und mir war, als hätte er Recht.“ „Auch du?“ ſagte der Profeſſor finſter, wandte ſich ab und ſchritt in ſeine Arbeitsſtube. Und wieder ſaß Ilſe allein, das Herz war ihr ſchwer und ſie grübelte:„Er ſieht doch in vielen Din⸗ gen das Leben anders an als ich. Gegen die Thiere iſt er weicher und gegen die Menſchen zuweilen härter als ich ſein kann. Und wie ich mich auch mühe, ich bleibe ihm gegenüber ein ein ungeſchictes Walb vom Lande. anp gegen mich ſein, aber er wird immer gegen mich meküht üben müſſen.“ 7 Ln Sie ſprang auf und ihr Antlitz flammte. Unterdeß fuhr Raſchke im Vorzimmer umher. Auch dort herrſchte Unordnung, Gabriel war noch nicht von ſeinem weiten Wege zurückgekehrt, die Köchin hatte das abgeräumte Mahl bis zu ſeiner Ankunft auf einen Seitentiſch geſtellt, und Raſchke mußte allein ſeinen Ueberrock ſuchen. Er wühlte unter den Kleidern, griff einen Rock und einen Hut. Unt da er heut nicht zer⸗ ſtreut war wie wohl ſonſt, fie ihm bei einem Blick über die verſchmähte Abendkoſt noch zu rechter Zeit ein, daß er ein Huhn eſſen mußte. Deshalb erfaßte er die neuen Zeitungen, welche Gabriel für ſeinen Herrn zu⸗ recht gelegt hatte, nahm ſchnell ein Huhn aus der überraſchte. So eilte er bei der erſtaunten Köchin vor⸗ über zur Wohnung hinaus. Als er die Entreethür öffnete, ſtieß er an etwas, das an der Schwelle wur⸗ zelte, er hörte hinter ſich ein häßliches Geknurr und ſtürmte die Treppe hinab in's Freie. Dabei flogen ihm die Reden des verlaſſenen Freun⸗ des durch den Kopf. Das ganze Verhalten Werners war ſehr charakteriſtiſch, und es war ein tüchtiges We⸗ ſen. Merkwürdig, daß in einem Augenblick des Zor⸗ nes Werners Geſicht plötzliche Aehnlichkeit mit dem einer Dogge erhalten hatte. Hier wurde dem Philo⸗ ſophen die gradlinige Kette ſeiner Betrachtungen gekreuzt durch die Erinnerung an das Geſpräch über Thierſeelen. Schüſſel, wickelte es in die Blätker und verſenkte es in— die Taſche, deren Tiefe und Geräumigkeit ihn angenehm — — 52— „Es iſt doch zu bedauern, daß es immer noch ſchwer wird, den ſeeliſchen Ausdruck der Thiere zu fixiren. Gelänge das, ſo würde auch die Wiſſenſchaft davon Nutzen ziehen. Wer Ausdruck und Geberde der Leiden⸗ ſchaften bei Menſchen und höheren Thieren genau bis auf Einzelnheiten vergleichen könnte, der vermöchte aus dem Gemeingültigen wie aus den einzelnen Abwei⸗ chungen Intereſſantes zu folgern. Denn dadurch würde das Naturgemäße ihrer dramatiſchen Bewegung und vielleicht einige neue Geſetze derſelben gefunden werden.“ Während der Philoſoph darüber dachte, fühlte er ein wiederholtes Ziehen am Rockſchooß. Da ſeine Frau die Gewohnheit hatte, ihn leiſe zu zupfen, wenn er ne⸗ ben ihr in Gedanken wandelte und einem Bekannten begegnete, ſo ließ er ſich dadurch nicht weiter ſtören, er nahm freundlich ſeinen Hut ab und ſagte gegen das Brückengeländer gewendet:„Guten Abend.“ „Dies Gemeinſame und Urſprüngliche des mimi⸗ ſchen Ausdrucks bei Menſchen und höheren Thieren würde aber, genau erkannt, vielleicht ſogar neue Blicke in das große Geheimniß des Lebens verſtatten.“— Es zupfte wieder. Raſchke nahm mechaniſch den Hut ab; es zupfte wieder.„Ich danke, liebe Aurelie, ich habe ge⸗ grüßt.“ Darüber entwickelte ſich an ihm der Seitenge⸗ danke, daß ſeine Frau nicht ſo tief unten am Rock zie⸗ hen könnte. Die zupfte, war gar nicht ſie, ſondern ſeine kleine Tochter Bertha, die zuweilen altklug neben ihm ging und ebenſo wie die Mutter leiſe die Glocke zum 8 — 58 Grüßen zog.„Es iſt gut, mein Kind,“ ſagte er, da Bertha unaufhörlich an dem Rockſchooß kratzte und läutete. „Komm hervor, du Schelm,“ und er faßte in Gedanken hinter ſich, die Neckerin heranzuziehen. Er ergriff tief unten etwas Rundes, Zottiges, fühlte im Augenblick ſcharfe Zähne an ſeinen Fingern und wandte ſich er⸗ ſchrocken um. Da ſah er im Laternenlicht ein röthlich ſchimmerndes Ungethüm mit dickem Kopf, mit geſträub⸗ tem Haar und einer Quaſte ſtatt des Schwanzes aus gehobener Stellung auf die Vorderbeine zurückfallen. Frau und Tochter waren ihm greulich verwandelt und er blickte verwundert auf das undeutliche Geſchöpf, das ſich ihm gegenüber ſetzte und ihn ebenfalls ſchweigend anſtarrte. „Eine merkwürdige Begegnung,“ rief Raſchke.„Was biſt du, unbekanntes Weſen? muthmaßlich ein Hund, hinweg mit dir!“ Die Kreatur wich einige Schritte zu⸗ rück, Raſchke eilte in ſeiner Unterſuchung weiter:„Wenn man den Geſichtsausdruck und die Geberde der Affecte in ſolcher Art auf Grundformen zurückführte, ſo würde ſich jedenfalls als eins der thätigſten Geſetze das Beſtreben erweiſen, Fremdes anzuziehen und abzuſtoßen. Und es wäre lehrreich, bei dieſen unwillkührlichen Bewegungen der Menſchen und Thiere zu unterſcheiden, was jeder Art naturnothwendig und was ihr conventionell iſt. Hinweg, Hund, thu mir den Gefallen und geh nach Haus. Was will er von mir? er gehört offenbar in Werners Reich. Das arme Geſchöpf wird ſich unter ————————— — — 0,30 — 59— 1 dor Herrſchaft einer fipen Idee in der Stadt ver⸗ laufen.“ Unterdeß wurden die Angriffe Speihahns leiden⸗ ſchaftlicher, zuletzt bewegte er ſich in ganz unnatürlichem 4 und rein conventionellem Marſche nur auf den Hinter⸗ 1 beinen vorwärts, indem er ſich mit den Vorderpfoten an die Rückſeite des Profeſſors ſtemmte, und mit dem Maul förmlich in den Rock einbiß. Ein fpäter Schuſterjunge blieb ſtehen und ſchlug an ſein Schurzfell.„Schämt ſich der Meiſter nicht, daß er ſich von dem armen Lehrjungen bockſchieben läßt?“ Und in Wahrheit ſah der Hund hinter dem Manne aus, wie ein Zwerg, der auf der Eisbahn einen Rieſen ſtoßend fortbewegt.—₰ Raſchkes Intereſſe an den Gedanken des Hundes wurde größer. Er blieb an einer Laterne ſtehen, beſah und befühlte ſeinen Rock. Dieſer Rock war zu einem Sammetkragen und ſehr langen Aermeln gekommen, zu Vorzügen, welche der Philoſoph an ſeinem Oberrocke niemals bemerkt hatte. Jetzt war die Sache klar, er ſelbſt hatte in Gedanken ein falſches Kleid gewählt, und der wackere Hund beſtand darauf, die Garderobe ſeines Herrn zu retten und dem Räuber fühlbar zu machen, daß et⸗ was nicht in Ordnung war. Raſchke freute ſich ſo ſehr über dieſe Klugheit, daß er ſich umdrehte, an Speihahn einige gütige Worte richtete und einen Verſuch machte, das borſtige Fell zu ſtreicheln. Der Hund ſchnappte wieder nach ſeiner Hand.„Du haſt ganz Recht,“ ent⸗ — 60— gegnete Raſchke,„daß du mir zürnſt, ich will dir bewei⸗ ſen, daß ich mein Unrecht einſehe.“ Er zog den Rock aus und hing ihn über den Arm:„Richtig, er iſt weit ſchwerer als mein eigener.“ So ging er in ſeinen dün⸗ nen Leibrock friſch vorwärts und erkannte mit Befrie⸗ digung, daß der Hund die Angriffe auf den Rücken auf⸗ gab. Dafür aber ſprang Speihahn an der Rockſeite dahin, und wieder biß er nach dem Rock und⸗ nach der Hand und knurrte widerwärtig. Dem Profeſſor wurde der Hund ärgerlich, und als er auf der Promenade an eine Bank kam, legte er den Rock auf die Bank, um den Hund in ernſter Begegnung nach Hauſe zu treiben. Dadurch wurde er pwar den Huns los, wber auch den Rock. Denn Spei⸗ haahn ſprang mit gewaltigem Satze auf die Bank, ſtellte ſich breitbeinig über den Rock und erhob gegen den Profeſſor, der ihn vertreiben wollte, ein grimmiges Knurren und Fauchen.„Es iſt Werners Rock,“ ſagte ſich der Profeſſor,„und es iſt Werners Hund, es wäre unrecht, das arme Thier zu ſchlagen, weil es in ſeiner Treue leidenſchaftlich wird, und es wäre unrecht, Hund und Rock zu verlaſſen.“ So blieb er vor dem Hunde ſtehen und redete ihm freundſchaftlich zu, aber Spei⸗ hahn achtete gar nicht mehr auf den Profeſſor, er wandte ſich gegen den Rock ſelbſt und kratzte, wühlte, biß hinein. Raſchke ſah, daß der Rock dieſe Wuth nicht lange ertragen konnte.„Er iſt verrückt oder toll,“ ſagte er ſich mißtrauiſch,„zuletzt werde ich doch Gewalt gegen — 61— dich brauchen müſſen, arme Kreatur,“ und dabei über⸗ legte er, ob er ebenfalls auf die Bank ſpringen und den Verrückten durch eine kräftige Fußbewegung in die Tiefe ſchleudern ſollte, oder ob er den unvermeidlichen Angriff beſſer von unten eröffnen würde. Er entſchloß ſich zu letzterem und ſah umher, ob irgendwo ein Stein oder Pfahl gegen den Wüthenden erreichbar ſei. Dabei blickte er auf die Bäume und den dunklen Himmel über ſich, und die Oertlichkeit erſchien ihm ganz fremd.„Iſt hier Zauberei im Spiel?“ rief er ergötzt.„Bitte,“ wandte er ſich grüßend an einen einſamen Wanderer, der ſeines Weges kam,„in welcher Stadtgegend ſind wir wohl? Und könnten Sie mir wohl auf einen Augenblick Ihren Stock leihen?“ „Wirklich?“ entgegnete der Augeredete in unwilli⸗ gem Ton,„das ſind ja ſehr verfängliche Fragen. Mei⸗ nen Stock brauche ich des Abends ſelbſt. Wer ſind denn Sie, mein Herr?“ Und der Fremde trat dem Profeſſor drohend näher. „Ich bin friedlich,“ verſetzte Raſchke,„und thätlichen Angriffen durchaus abgeneigt. Es hat ſich nur zwiſchen jenem Thiere auf der Bank und mir ein Streit um den Beſitz eines Rockes erhoben, und ich würde Ihnen ver⸗ bunden ſein, wenn Sie den Hund von dem Rocke ver⸗ ſcheuchten. Aber ich bitte Sie, dem Thiere nicht mehr weh zu thun, als durchaus nöthig iſt.“ „Iſt denn das Ihr Rock?“ frug der Mann. „Das kann ich leider nicht bejahen,“ verſetzte Raſchke gewiſſenhaft. — 62— „Hier iſt etwas nicht in Ordnung,“ rief der Fremde und ſah wieder argwöhniſch auf den Profeſſor. „Allerdings nicht,“ verſetzte Raſchke,„der Hund iſt außer ſich, der Rock iſt vertauſcht, und ich weiß nicht, wo wir ſind.“ „Nahe beim Thalthor, Herr Profeſſor Raſchke,“ antwortete die Stimme Gabriels, welcher eilig zu der Gruppe trat.„Um Vergebung, wie kommen Sie hier⸗ her?“ „Vortrefflich,“ rief Raſchke vergnügt,„ich bitte, übernehmen Sie hier dieſen Rock und dieſen Hund.“ Erſtaunt ſah Gabriel auf Freund Speihahn, der jetzt über dem Rocke ſaß und gegen ſeinen Gönner das Haupt ſenkte. Gabriel warf den Hund herab und riß den Rock an ſich.„Das iſt ja unſer Ueberzieher,“ rief er. „Ja, Gabriel,“ beſtätigte der Profeſſor,„das war mein Irrthum, und der Hund hat dem Rock eine merk⸗ würdige Treue bewieſen.“ „Treue?“ rief Gabriel entrüſtet, und zog ein Packet aus der Taſche des Rockes.„Es war gefräßiger Eigennutz, Herr Profeſſor, hierin muß etwas Gebratenes ſein.“ „Ha,“ rief Raſchke,„richtig, ich erinnere mich, das Huhn iſt an allem Schuld. Geben Sie mir das Packet, Gabriel, das Huhn muß ich ſelbſt eſſen. Und wir könn⸗ ten jetzt mit völliger Befriedigung einander Gutenacht ſagen, wenn Sie mir noch ein wenig meine Richtung durch dieſe Bäume angeben wollten.“ 8 4 — 63— „Aber Sie dürfen mir nicht in der Abendluft ohne Oberrock nach Hauſe gehen,“ bat Gabriel wohlmeinend, „wir ſind nicht weit von unſerer Wohnung, am beſten wäre wirklich, der Herr Profeſſor kehrte mit mir um.“ Raſchke überlegte und lachte:„Sie haben Recht, lieber Gabriel, mein Aufbruch war ungeſchickt, und die Thierſeele hat heut eine Menſchenſeele zur Ordnung ge⸗ bracht.“ „Wenn Sie dieſen Hund meinen,“ verſetzte Gabriel, „ſo wär's zum erſten Mal, daß er etwas Ordentliches zu Stande bringt. Ich merke, er iſt Ihnen von unſerer Thür nachgeſchlichen, denn dorthin ſtelle ich ihm des Abends die kleinen Knochen.“ „Er that einmal, als wäre er nicht ganz bei Sin⸗ nen,“ ſagte der Profeſſor. „Er iſt ſchlau, wo er will,“ verſetzte Gabriel ge⸗ heimnißvoll,„aber wenn ich von meinen Erfahrungen mit dieſem Hund reden ſollte—“ „Sprechen Sie, Gabriel,“ rief der Philoſoph wiß⸗ begierig.„Nichts iſt vor Thieren ſo werthvoll, als wahrhafter Bericht ſölcher, welche genau beobachtet haben.“ „Das darf ich von mir ſagen,“ beſtätigte Gabriel mit Selbſtgefühl,„und wenn Sie genau wiſſen wollen, wie er iſt, ſo verſichre ich Sie, er iſt verwünſcht, er iſt unehrlich, er iſt vergiftet und er hat einen Grimm gegen die Menſchheit.“ „Hm, ſo!“ verſetzte der Philoſoph kleinlaut, ſich — 64— merke, es iſt viel ſchwerer, einem Hund in's Herz zu ſehen, als einem Profeſſor.“ Speihahn ſchlich ſtill und gedrückt, und hörte auf das Lob, das ihm ertheilt wurde, während Profeſſor Raſchke von Gabriel geleitet in das Haus am Parke zurückkehrte. Gabriel öffnete die Thür des Wohnzimmers und rief hinein:„Herr Profeſſor Raſchke.“ Ilſe ſtreckte ihm beide Hände entgegen:„Willkom⸗ men, willkommen, lieber Herr Profeſſor,“ und führte ihn in das Arbeitszimmer des Gatten. „Da bin ich wieder,“ rief Raſchke vergnügt,„nach einer Irrfahrt wie im Märchen; was mich zurückgeführt hat, waren zwei Thiere, die mir den richtigen Weg wie⸗ ſen, ein gebratnes Huhn und ein vergifteter Hund.“ Felix ſprang auf, die Männer grüßten einander mit warmem Händedruck und es wurde nach aller Irrung noch ein herzerfreuender Abend. Als Raſchke ſich ſpät entfernt hatte, ſagte Gabriel traurig zu ſeiner Herrin:„Dies war der neue Rock; das Huhn und der Hund haben ihn verwüſtet, daß es ein Jammer iſt.“ 1—. — 1. Die Erkrankung. Ueber dem Stadtwald und den Gärten rührte ſich das junge Leben des Frühlings. In ſtillem Winter⸗ traum hatten Knoſpen und Raupen nebeneinander ge⸗ ſchlafen, jetzt ſchoß das Blatt aus ſeiner Hülle und der Wurm kroch über das junge Grün. Unter dem hellen Schein einer höheren Sonne begann der Kampf des Lebens, das Blühen und Welken, die bunten Farben und der Spätfroſt, in dem ſie erblichen, das luſtige Laub und der Käfer, der daran nagte. Der uralte Streit er⸗ hob ſich um Knoſpen und Blüthen wie im Herzen des Merſchen. In AIlſes Lehrſtunden wurde jetzt Herodot geleſen. Auch er ein Frühlingsbote des Menſchengeſchlechts an der Grenze zwiſchen träumender Poeſie und heller Wirk⸗ lichkeit, der frohe Verkünder einer Zeit, in welcher das Volk der Erde ſich der eigenen Schönheit freute und die Wahrheit mit Ernſt zu ſuchen begann. Wieder las Ilſe in leidenſchaftlicher Spannung die Seiten, welche ihr eine verſchüttete Welt ſo lebendig und herzlich vor Augen ſtellten. Aber es war nicht mehr die ungetrübte 5 4 Freytag, Handſchrift. II. — A 66— 4 8 2 erhebende Freude an dem Erzählten, wie bei dem Werk des großen Dichters, der Schickſal und Thaten ſeiner Helden ſo lenkte, daß ſie dem Gemüth auch da wohlthaten, wo ſie Leid und Schrecken erregten. Denn das iſt ein Recht der menſchlichen Erfindung, die Welt zu geſtalten, wie das weiche Herz des Menſchen ſie erſehnt: Wechſel und billiges Verhältniß in Glück und Leid, jedem Ein⸗ zelnen nach ſeiner Kraft und ſeinem Thun Anerkennung und klug zugemeſſene Vergeltung. Der Geiſt aber, welcher hier das geſchwundene Leben regierte, waltete übermenſchlich; die Fülle des Lebendigen drängte ſich, eines verwüſtete das andere, erbarmungslos brach die Zerſtörung ein, und ſie traf die Guten wie die Böſen, es war auch eine Vergeltung, es war auch ein Fluch, aber ſie ſchlugen unbegreiflich, grauſam, herzzermal⸗ mend. Das Gute blieb nicht gut, und das Böſe behielt den Sieg. Was erſt zum Segen war, wurde ſpäter zum Verderben, was heut wohlthätig Größe und Herr⸗ ſchaft gab, das wurde morgen eine Krankheit, welche den Staat zerſtörte. Wenig galt jetzt der einzelne Held; wo ſich eine große Menſchenkraft für Augenblicke herr⸗ ſchend erhob, ſah Ilſe gleich darauf, wie ſie dahinſchwand in dem wirbelnden Strom der Ereigniſſe. Kröſus; der überſichere gutherzige König, fiel, der ſtarke Cyrus ver⸗ ging, und Xerxes wurde geſchlagen. Aber auch die Völker verſanken, die große Wunderblume Egypten ver⸗ dorrte, das goldene Reich der Lyder zerbrach, die mäch⸗ kigen Perſer verdarben zuerſt Andere, dann ſich ſelbſt. — ——, — 6— Und in dem jungen Hellenenvolk, das ſich ſo helden⸗ kräftig erhob, ſah ſie bereits den Zorn, die Miſſethat und die feindlichen Gegenſätze geſchäftig, durch welche das ſchönſte Gebilde des Alterthums nach kurzem Ge⸗ deihen vergehen ſollte. 1 Ilſe und Laura ſaßen einander gegenüber, zwiſchen— ihnen lag das aufgeſchlagene Buch. Zwar wurde Laura nicht bei dem geheimen Vortrag des Profeſſors zuge⸗ laſſen, aber ihre Seele flog getreulich auf der Wildbahn nebenher. Ilſe theilte ihr von dem Erwerb ihrer Stun⸗ den mit und genoß die ſüße Freude, neues Wiſſen leh⸗ rend in den Geiſt einer Vertrauten zu ſenken. „Auf dieſen Xerxes habe ich einen großen Zorn,“ rief Laura,„ſchon von der Fibel her: Der Perſer Xer⸗ res war ein großer reicher König, Xanthippe war ein Weib, doch taugten beide wenig. Ich dachte lange, ruthipxe wäre ſeine Frau geweſen, ich hätte ſie ihm e ge⸗ gönnt. Sehen Sie dagegen die dreihundert Spartaner, ſie ſenden die andern nach Haus, und kränzen ſich und ſalben ſich und ziehen ihr Feſtkleid an zum Tode. Das erhebt das Herz. Sie waren Männer. Und könnte ich Pihrem Gedächtniß etwas Liebes erweiſen durch meinen dummen Kopf und meine ſchwachen Hände, ich wollte dafür arbeiten, bis mir die Finger ſchmerzten. Aber was kann ich Armſelige thun! Höchſtens Reiſetaſchen ſticken für ihren Weg in die Unterwelt, und die kämen Zweitauſend Jahr zu ſpät. Wir Frauen ſind erbärm⸗ lich dran,“ rief ſie ärgerlich. 1* 3 1 — — —— —— —=—— 3 7 1—— „Ich weiß andere aus der Schlacht,“ ſagte Ilſe, „die mir rührender ſind, als die dreihundert von Sparta. Das ſind die Theſpier, welche zugleich mit ihnen kämpften und ſtarben. Die Spartaner zwang ihr ſtol⸗ zes Herz, die ſtrenge Zucht und Befehl ihrer Obrigkeit. Die Theſpier aber ſtarben freiwillig. Sie waren kleine Leute, und ſie wußten wohl, daß die größte Ehre ihren vornehmen Nachbarn bleiben würde. Sie aber ſtanden treu in beſcheidenem Sinn, und das war weit ſelbſtloſer und edler.— Ach, ihnen allen war es leicht,“ fuhr ſie traurig fort,„aber die zurückblieben, ihre armen Eltern, die Frauen und Kinder, das zerſtörte Glück und der unſägliche Jammer daheim.“ „Jammer!“ rief Laura,„wenn ſie dachten wie ich, waren ſie ſtolz auf den Tod ihrer Lieben und trugen, wie dieſe, Kränze in ihrem Schmerz. Wozu iſt unſer Leben, wenn man ſich nicht freuen darf, es für Höheres hinzugeben.“ „Für Höheres?“ frug Ilſe.„Was den Männern höher gilt als Weib und Kind, iſt das höher auch für uns? Unſer Amt iſt, das ganze Herz auf ſie, die Kin⸗ der und das Haus zu richten. Und wenn ſie uns ge⸗ nommen werden, uns iſt das ganze Leben verwüſtet und nichts bleibt, als unendliche Trübſal. Da iſt für uns wohl natürlich, wenn wir ihren Beruf anders an⸗ ſehen, als ſie ſelbſt.“ „Ich will auch ein Mann ſein,“ rief Laura.„Sind wir denn ſo ſchwach an Geiſt und Gemüth, daß wir 4 — 69— weniger Begeiſterung und Ehrgefühl und Liebe zum Va⸗ terland haben müſſen als ſie? Der Gedanke iſt furcht⸗ bar, durch das ganze Leben nur Dienerin zu ſein eines Gebieters, der auch nicht ſtärker und beſſer iſt als ich, und der Gummiſchuhe trägt, ſich die Füße nicht naß zu machen, und einen wollenen Shapl, ſobald ein rauhes Lüftchen weht.“ „Man trägt dergleichen hier in der Nachbarſchaft,“ verſetzte Ilſe lächelnd. „Es thun's die Meiſten,“ ſagte Laura ausweichend, „und glauben Sie mir, Frau Ilſe, dies Männervolk hat kein Recht darauf, daß wir unſer ganzes Herz und Leben auf ſie richten. Grade die tüchtigſten haben kein volles Herz für uns. Und wie ſollten ſie auch? Wir ſind ihnen gut zur Unterhaltung und ihre Strümpfe zu ſtopfen und vielleicht ihre Vertrauten zu werden, wenn ſie ſich einmal nicht Rath wiſſen, aber die beſten von ihnen ſehen immer über uns weg auf das Garze, und dort iſt ihr eigentliches Leben. Und was ihnen recht iſt, das ſollte uns billig ſein.“ „Und haben wir nicht genug an dem, was ſie uns von ihrem Leben geben?“ frug Ilſe.„Iſt's auch nur ein Theil, er macht uns glücklich.“ „Iſt es ein Glück, die größten Gefühle zu entbeh⸗ ren?“ rief Laura wieder,„können wir ſterben wie Leo⸗ nidas?“. Ilſe wies auf die Thür ihres Gatten.„Mein Hellas ſitzt dort drin und arbeitet, und mir pocht das —————— Herz, wenn ich ſeinen Tritt höre, oder auch nur das Kniſtern ſeiner Feder. Für den einen Geliebten zu leben oder zu ſterben, iſt doch auch eine erhebende Idee, und ſie macht glücklich. Ach, nur glücklich, wenn man weiß, daß man ihm ein Glück iſt.“ Laura flog zu den Füßen der Freundin, ſah ihr in das ſorgenvolle Antlitz und ſchmeichelte.„Ich habe Sie ernſthaft gemacht mit meinem Geſchwätz, und das war Unrecht, denn ich machte Fhnen jede Stunde ein Lächeln um die Lippen zaubern und immer ein freundliches Licht in die ſanften Augen. Haben Sie Geduld mit mir, ich bin ein Querkopf und ein unwirſches Ding, und oft unzufrieden mit mir und andern, und ich weiß manchmal ſelbſt nicht warum.— Aber Xerxes taugt nichts, dabei bleibe ich, und wenn ich ihn hätte, ich könnte ihn alle Tage ohrfeigen.“ 1 „Ihm wenigſtens iſt es vergolten worden,“ verſetzte Ilſe. Laura ſprang wieder auf.„Iſt das eine Vergel⸗ tung für den Buben, Hunderttauſende hat er umge⸗ bracht oder elend gemacht, und er fährt mit heiler Haut nach Hauſe. Es giebt keine Strafe, die hart genug iſt für ſolchen frevelhaften König.— Ich weiß aber recht gut, wie er war, er war ein verzogenes Mutterſöhnchen, und er hatte immer in ſeinem elterlichen Hauſe gelebt, er war aufgewachſen im Ueberfluß, und alle Menſchen waren ihm unterthänig. Und deswegen behandelte er alle mit Verachtung. Es würde andern eben ſo gehen, wenn ſie in die Lage kämen. Ich kann mir's recht gut denken, daß ich ſelbſt ſo ein Ungethüm ſein würde, und mancher Bekannte auch.“ „Etwa mein Mann?“ frug Ilſe. „Der iſt mehr Cyrus oder Kambyſes,“ verſet Laura. Ilſe lachte.„Das iſt nicht wahr. Aber wie wäre es mit dem Doctor drüben?“ Laura hob ſtrafend die Hand gegen das Nachbar⸗ haus.„Der wäre Xerxes, grade wie er im Buche ſteht. Wenn Sie ſich den Doctor denken ohne Brille, in einem goldenen Schlafrock, mit einem Scepter in der Hand, und ohne ſein gutes Herz, was Fritz Hahn allerdings hat, und etwas weniger geſcheut als er iſt, und noch mehr verzogen als er iſt, und als einen Menſchen, der kein Buch geſchrieben hat, und nichts gelernt hat, als andere ſchlecht behandeln, ſo iſt er ganz Xerxes. Ich ſehe ihn vor mir auf dem Throne ſitzen hier am Bach und mit ſeiner Peitſche in das Waſſer ſchlagen, weil es ihm die Stiefeln naß macht. Der hätte wohl gefährlich werden können, wenn er nicht hier am Stadtpark ge⸗ boren wäre.“ „Das meine ich auch,“ verſetzte Ilſe.— Aber am Abend in der Lehrſtunde ſprach Ilſe zum Gatten:„Als Leonidas mit ſeinen Helden ſtarb, rettete er ſeine Landsleute vor der Herrſchaft fremder Barba⸗ ren, aber nach ihm endeten viele Tauſende des ſchönen Volkes im innern Kampf der Städte, und in ſolchem Streite verdarb das Volk, und nicht lange währte es, — ◻ ——— — — 5 8 — —— ———— 2 — 1 ¹ da kamen andere Fremde und nahmen ihren Enkeln doch die Freiheit. Wozu ſind die vielen Tauſende ge⸗ ſtorben, was half der Haß und die Begeiſterung und der Parteieifer, alles war eitel und alles ein Zeichen des Untergangs. Der Menſch iſt hier wie ein Sandkorn, das in den Boden getreten wird, ich ſtehe vor einem ſchrecklichen Räthſel, und mir wird bange auf der Erde.“ „Ich will verſuchen, dir eine Löſung zu geben,“ verſetzte der Gatte ernſt,„aber die Worte, welche ich dir heut ſagen darf, ſind wie die Schlüſſel zu den Ge⸗ mächern des böſen Blaubart. Oeffne nicht zu haſtig jedes Zimmer, denn in einigen iſt zu ſchauen, was dir jetzt vorzeitig neue Unſicherheit aufregt.“ „Ich bin dein Weib,“ rief Ilſe,„und haſt du eine Antwort für die Fragen, welche mich peinigen, ſo for⸗ dere ich ſie.“ w „Es iſt auch dir kein Geheimniß, was ich dir ant⸗ worte,“ ſprach der Profeſſor.„Du biſt nicht nur, wofür du dich hältſt, ein Menſch, geſchaffen zu Leid und Freude, durch Natur, Liebe, Glauben mit Einzelnen verbunden, du biſt zugleich mit Leib und Seele einer irdiſchen Macht verpflichtet, um die du nur wenig ſorgſt, und die doch vom erſten bis zum letzten Athemzuge dein Leben leitet. Wenn ich dir ſage, daß du ein Kind deines Volkes und daß du ein Kind des Menſchengeſchlechts biſt, ſo iſt dir dies Wort ſo geläufig, daß du wohl nicht mehr an die hohe Bedeutung denkſt. Und doch iſt dies Verhältniß — das höchſte irdiſche, in dem du ſtehſt. Zu ſehr werden 8 — 3— wir von kleinauf gewöhnt, nur die Einzelnen, mit denen uns Natur oder freie Wahl verbindet, in unſer Herz zu ſchließen, und ſelten denken wir daran, daß unſer Volk der Ahnherr iſt, von dem die Eltern ſtammen, der uns Sprache, Recht, Sitte, Erwerb und jede Möglichkeit des Lebens, faſt alles, was unſer Schickſal beſtimmt, unſer Herz erhebt, geſchaffen oder zugetragen hat. Freilich nicht unſer Volk allein; denn auch die Völker der Erde ſtehen wie Geſchwiſter nebeneinander, und ein Volk hilft Leben und Schickſal der andern beſtimmen. Alle zuſammen ha⸗ ben gelebt, gelitten und gearbeitet, damit du lebſt, dich freuſt und ſchaffſt.“ Ilſe lächelte.„Auch der böſe König Kambyſes und ſeine Perſer?“ „Auch ſie,“ verſetzte der Profeſſor, 3‚denn das große Netz, in welchem dein Leben einer Maſche gleicht, iſt aus unendlich vielen Fäden zuſammengewebt, und wenn einer gefehlt hätte, wäre das Gewebe unvollſtändig. Denke zuerſt an Kleines. Der Tiſch, an welchem du ſitzeſt, die Nadel, welche du in der Hand hältſt, die Ringe an Fingern und Ohr verdankſt du Erfindungen einer Zeit, aus welcher jede Kunde fehlt; damit dein Kleid gewebt werden konnte, iſt der Webſtuhl in einem unbekannten Volke erfunden, und ähnliche Palmenmuſter, wie du trägſt, ſind in einer Fabrik der Phönicier erdacht worden.“ „Gut,“ ſagte Ilſe,„das laſſe ich mir gefallen, es iſt ein hübſcher Gedanke, daß die Vorzeit ſo artig für mein Behagen geſorgt hat.“ ———- ————— — — „Nicht dafür allein,“ fuhr der Gelehrte fort,„auch was du weißt und was du glaubſt, und vieles, was dein Herz beſchäftigt, iſt dir durch dein Volk aus eigener und fremder Habe überliefert. Jedes Wort, das du ſprichſt, iſt durch hunderte von Generationen fortgepflanzt und umgebildet worden, damit es den Klang und die Bedeu⸗ tung bekam, welche du jetzt ſpielend gebrauchſt. In die⸗ ſem Sinn ſind unſere Ahnen aus Aſien in's Land ge⸗ zogen, hat Armin mit den Römern für Erhaltung un⸗ ſerer Sprache gekämpft, damit du an Gabriel einen Be⸗ fehl geben kannst un ihr beide verſteht. Für dich ha⸗ ben die T Dichter gelebt, welche dir in der Jugendzeit des Hellenenvolkes den kräftigen Klang des epiſchen Verſes erfanden, den ich ſo gern von deinen Lippen höre. Und ferner, damit du auben kannſt, wie du glaubſt, war vor dreihundert Jahren in deinem Vateérland der groß⸗ artigſte Kampf der Gedanken nöthig, und wieder andert⸗ halbtauſend Jahre Frihe in einem kleinen Volke Aſiens noch machtvolleres Ringen der Seele, und wieder funf⸗ zig Generationen früher ehrwürdige Gebote unter den Zelten eines wandernden Wüſtenvolkes. Das Meiſte, was du haſt und biſt, verdankſt du einer Vergangenheit, die anfängt von dem gerſten Menſchenleben auf Erden. Und in dieſem Sinn hat das ganze Menſchengeſchlecht gelebt, damit du leben kannſt.“ Ilſe ſah mit Spannung auf den Gatten.„Der Gedanke erhebt,“ rief ſie,„und er kann den Menſchen ſtolz machen. Aber wie ſtimmt dazu, daß derſelbe Menſch wieder ein Nichts iſt und wie ein Wurm zertreten wird in dem großen Treiben deiner Geſchichte?“ „Wie du ein Kind deines Volkes und des Men⸗ ſchengeſchlechtes biſt, ſo iſt es zu jeder Zeit der Einzelne geweſen, und wie er ſein Leben und faſt den ganzen Inhalt deſſelben dem größeren Erdengebilde verdankt, von dem er ein Theil iſt, ſo iſt auch ſein Schickſal an das größere Schickſal des Volkes, an die Geſchicke der Menſchheit gefeſſelt. Dein Volk und dein Geſchlecht haben dir vie⸗ les gegeben, ſie verlangen dafür ebenſo viel von dir. Sie haben dir den Leib behütet, den iſt geformt, ſie fordern auch deinen Leib und Geiſt für ſich. Wie frei V du als Einzelner die Flügel regſt, dieſen Gläubigern A s biſt du für den Gebrauch deiner Freiheit verantwortlich. E‿ Ob ſie als milde Herren dein Leben friedlich gewähren h 1 laſſen, ob ſie es ſich mit hoher Mahnung in einer 3 Stunde fordern, deine Pflicht iſt dieſelbe; indem du für A4 2 dich zu leben und zu ſterben meinſt, lebſt und ſtirbſt du NVä. e für ſie. Das einzelne Leben iſt für ſolche Betrachtung a unermeßlich klein gegen das Ganze. Uns iſt der einzelne verſtorbene Menſch nur erkennbar, ſofern er auf andere 2 Luh) Menſchen eingewirkt hat, nur im Zuſammenhange mit SM, denen, die vor ihm waren und nach ihm kamen, hat er/ Werth. Werth hat aber in dieſem Sinne der Große und der Kleine. Denn in ſolcher Pflicht gegen ſein Volk arbeitet jeder von uns, wer ſeine Kinder erzieht, wer den Staat regiert, wer Wohlſtand, Behagen, Bildung ſeines Geſchlechts mehrt. Unzählige wirken dies, ohne daß von ihnen eine perſönliche Kunde bleibt, ſie ſind wie Waſſer⸗ tropfen, die mit andern eng verbunden als große Fluth dahin rinnen, für ſpätere Augen nicht erkennbar. Aber vergebens haben darum auch ſie nicht gelebt. Und wie die zahlloſen Kleinen Bewahrer der Bildung und Arbei⸗ ter für Fortdauer der Volkskraft ſind, ſo ſtellt auch die höchſte Kraft des Einzelnen, der größte Held, der edelſte Reformator durch ſein Leben nur einen kleinen Theil der Volkskraft dar. Während er für ſich und ſeine Zwecke kämpft, arbeitet er zugleich umgeſtaltend für ſeine Zeit, vielleicht über ſeine Zeit und ſein Volk hinaus, für alle Zukunft. Auch er zahlt nur die Schuld ſeines Lebens, indem er die Verpflichtung ſpäterer Menſchen größer und edler macht. Und ſieh, Geliebte, bei ſolcher Auffaſſung ſchwindet der Tod aus der Geſchichte. Das Reſultat des Lebens wird wichtiger als das Leben ſelbſt, über dem Mann ſteht das Volk, über dem Volk die Menſchheit, alles, was ſich menſchlich auf Erden regte, hat nicht nur für ſich gelebt, ſondern auch für alle an⸗ deren, auch für uns, denn es iſt ein Gewinn geworden für unſer Leben. Wie die Griechen in ſchöner Freiheit heraufwuchſen und vergingen, und wie ihre Gedanken und Arbeiten den ſpäteren Menſchen zu gut kamen, ſo wird auch unſer Leben, das in kleinem Kreiſe verläuft, nicht vergeblich für die Geſchlechter der Zukunft.“ „Ach,“ rief Ilſe,„das iſt eine Anſicht über das Er⸗ denleben, die nur ſolchen möglich iſt, welche Großes thun, und um die man ſich in ſpäter Zeit immer — 77— wieder kümmert. Mich friert dabei. Der Menſch iſt hier nur wie Blume und Kraut, und das Volk wie eine Wieſenfläche, und ſind ſie gemäht durch die Zeit, ſo iſt, was übrig bleibt, nur nützliches Heu für die Spätern. Alle, die einſt waren und die jetzt ſind, ſie haben doch auch für ſich ſelbſt gelebt, und für die, welche ſie ſich mit freier Liebe ſuchten, für Weib und Kind und ihre Freunde, und ſie waren noch etwas anderes als eine Ziffer unter Millionen, und als ein Blatt am unge⸗ heuren Baume. Und wenn ihr Daſein ſo klein iſt, und ſo unnütz, daß euer Auge keine Spur ſeines Schaffens erkennt, das Leben des armen Bettlers, meines Kranken am Dorffenſter, ihre Seelen werden doch behütet von einer Macht, welche größer iſt als dein großes Netz, das aus Menſchenſeelen gewebt iſt.“ Sie ſprang auf und ſtarrte dem Gatten ängſtlich in das Antlitz.„Beugt euren Menſchenſtolz vor einer Gewalt, die ihr nicht ver⸗ ſteht.“ Der Gelehrte ſah beſorgt auf ſein Weib.„Auch ich beuge mich in Demuth vor dem Gedanken, daß die große Einheit des Lebendigen auf dieſer Erde nicht die höchſte Macht des Lebens iſt. Nur der Unterſchied iſt zwiſchen dir und mir, daß ich gewöhnt bin, in meinem Geiſt mit den hohen Gewalten der Erde zu verkehren. Auch mir ſind ſie Offenbarungen, ſo ehrwürdig und heilig, daß ich dem Ewigen und Unbegreiflichen am lieb⸗ ſten auf dieſem Wege zu nahen ſuche. Du biſt gewöhnt,“ das Unerforſchliche im Bilde zu ſchauen, welches fromme Tromme. Ueberlieferung in dein Gemüth gelegt hat, und ich wie⸗ derhole die Worte, welche ich dir früher ſagte: Dein Su⸗ chen und Vertrauen und das meine entſpringen aus der⸗ ſelben Quelle, und es iſt daſſelbe Licht zu dem wir auf⸗ blicken, wenn auch auf verſchiedene Weiſe. Was dem Glauben früherer Geſchlechter die Götter und wieder die Engel und Erzengel waren, höhere Gewalten, welche als Boten des Höchſten das Leben der Einzelnen umſchwe⸗ ben, das ſind in anderem Sinne für uns die großen geiſtigen Einheiten der Völker und der Menſchheit, Per⸗ ſönlichkeiten, welche dauern und vergehen, aber nach an⸗ dern Geſetzen als die einzelnen Menſchen. Und daß ich dieſe Geſetze zu verſtehen ſuche, das iſt ein Theil mei⸗ ner Frömmigkeit. Du ſelbſt wirſt allmälig die beſchei⸗ dene und erhebende Auffaſſung des Heiligen, in welcher ich lebe, kennen lernen. Auch du wirſt allinälig erfah⸗ ren, daß dein und mein Glaube im Grunde derſelbe iſt.“ „Nein,“ rief Ilſe,„ich ſehe nur Eines, eine tiefe Kluft, welche meine Gedanken von deinen ſcheidet. O, nimm mir die Angſt, welche mich jetzt um deine Seele peinigt.“ „Nicht ich kann das thun, und nicht ein Tag kann . das thun, nur unſer Leben ſelbſt, tauſend Eindrücke, ☛☚ tauſend Tage, an denen du dich gewöhnſt, die Welt ſo 2 anzuſehen wie ich.“ ,S Er zog die Gattin, welche ſtarr vor ihm ſtand, näher Lan ſich und ſagte ihr leiſe:„Gedenke an den Spruch: — 79— er, der ſo geſprochen, wußte, daß Mann und Weib eines ſind durch das ſtärkſte Gefühl der Erde, welches alles trägt und alles duldet.“ „Und was kann ich dir ſein, dem der Einzelne ſo wenig und klein iſt?“ frug Ilſe tonlos. 3 „Das Höchſte und Liebſte auf Erden, die Blüthe meines Volkes, ein Kind meines Geſchlechts, in dem ich ehre und liebe, was vor uns war und was uns über⸗ leben wird,“ rief der Profeſſor. Ilſe ſtand allein unter den fremden Büchern, draußen ſchlug der Wind an die Mauern, er jagte die Wolken an dem Monde vorüber, bald wurde die Stube dunkel, bald füllte ſie ſich mit fahlem Scheine. Und in dem wechſelnden Licht der Dämmerung dehnten ſich ihr die Wände zu einem unabſehbaren Raum, aus den Bü⸗ chern ſtiegen fremde Geſtalten, ſie hingen an den Wän⸗ den und ſchwebten von der Höhe, ein Heer von grauen Schatten, die bei Tage in die gradlinigen Gehäuſe der Bücher gebannt waren, zogen gegen das Weib heran, und die Todten, die geſpenſtig fortlebten auf der Erde, ſtreckten die Arme nach ihr und forderten ihre Seele für ſich. Und Ilſe richtete ſich hoch auf, ſie hob die Hände nach oben und rief ſich die hellen Bilder zu Hülfe, die von kleinauf ihre Tage ſegnend umgeben hatten, weiße Geſtalten mit leuchtendem Antlitz. Und ſie neigte das Haupt und bat:„Schützet mir den Frieden meiner Seele.“ ——— 2 ——— ——— — 50Aℳ2 Als Ilſe in ihr Zimmer trat, lag ein Brief ihres Vaters auf dem Tiſch, ſie öffnete haſtig und ſank, nach⸗ dem ſie die erſten Zeilen geleſen, ſchluchzend darüber hin. Der Vater zeigte der Tochter den Tod eines alten Freundes an. Der gute Herr Pfarrer war aus dem engen Thal hinaufgetragen zu der Ruheſtätte, die er ſich auf dem Friedhof neben ſeiner Frau erwählt. Von der Aufregung, die ihm Ilſes Scheiden verurſacht, hatte er ſich nicht wieder erholt, der Winter war in langem Siechthum vergangen, an einem warmen Frühlingsabend überraſchte ihn im Garten vor ſeinem Pfirſichbaume das ſchnelle Ende. Dort fand ihn die treue Magd und lief mit der Schreckensbotſchaft nach dem Schloſſe. Er hatte wenige Stunden vorher Clara gebeten, ſeinem lieben Kinde in der Stadt zu ſchreiben, daß es ihm jetzt wohl gehe. 1 3 Ilſe hatte oft im Winter um das Leben des Freun⸗ des geſorgt, und die Nachricht kam ihr nicht überraſchend. Und doch fühlte ſie grade jetzt ſeinen Verluſt als ent⸗ ſetzliches Unglück. Das war ein Leben, welches feſt und treu an dem ihren hing, ſie wußte wohl, in den letzten Jahren war ſie der Mittelpunkt ſeiner Gedanken und faſt ausſchließlich der Inhalt ſeines Herzens geweſen. Und ſie hatte dies Leben, das ganz ihr gehörte, um eine ſtärkere Neigung verlaſſen, und ihr ſchien jetzt ein Unrecht, daß ſie von ihm geſchieden war. Sie ſah den Stab zerbrochen, der ſie feſt band an die Gefühle ihrer Kindheit. Und ihr war, als wanke der Boden und ——— — * als ſei alles unſicher geworden, das Herz des Gatten, die eigene Zukunft. So fand ſie der Profeſſor, über den Brief gebeugt, in Thränen aufgelöſt, ihr Schmerz erſchütterte auch ihm das Herz, und er bat ſie ängſtlich, ihrer ſelbſt zu ge⸗ denken. Lange redete er zärtlich in ſie hinein. Endlich ſah ſie ihn wieder mit treuen Augen an und verſprach ruhig zu ſein.. Aber es gelang ihr nicht.— Nach wenigen Stunden mußte er ſie zu ihrem Lager führen. Und es wurde eine gefährliche Krankheit. Ilſe hatte Tage, wo ſie in tödtlicher Schwäche bewußtlos lag. Wenn ſie einmal die müden Augen auſſchlug, ſah ſie Lin das abgehärmte Antlitz ihres Gatten, und ſie ſah Lauras Lockenkopf zärtlich über ihr Lager geneigt, dann ſchwand wieder alles in dumpfer Betäubung. Es war ein langes Ringen zwiſchen Leben und Bergehen, aber ſie überwand. Und der erſte Eindruck, den ſie empfing, als ſie ſchmerzlos wie aus einem Schlummer erwachte, war das Rauſchen eines ſchwar⸗ zen Kleides und die große Locke der Struvelius, welche ihren Kopf durch die geſchloſſenen Vorhänge geſteckt hatte und kummervoll aus den grauen Augen auf ſie herabſah. Leiſe rief ſie den Namen ihres Gatten, und im nächſten Augenblick kniete er ſelbſt an ihrem Lager und bedeckte ihre Hand mit Küſſen, und der ſtarke Mann war ſo außer Faſſung, daß ſein Leib in krampfhaftem Weinen bebte. Sie legte ihm die Hand auf das Haupt, Freytag, Handſchrift. II. 6 ſtrich ihm das verworrene Haar zurück und ſagte ihm leiſe:„Felix, Geliebter, ich will leben.“ Und jetzt kam eine Zeit großer Schwäche und zö⸗ gernder Geneſung, noch manche Stunde kraftloſer Schwer⸗ muth, aber auch ein leiſes Lächeln flog zuweilen über ihre bleichen Lippen. Draußen grünte der Frühling, nicht alle Knoſpen hatte der Nachtreif vernichtet, und die Stadtvögel zwit⸗ ſcherten vor ihren Fenſtern. Und mit Rührung ſah Ilſe, welch guter Krankenpfleger ihr Mann war, wie geſchickt er ihr die Arznei reichte und die Taſſe mit Brühe herzutrug, wie er kaum dulden wollte, daß ein⸗ mal Andere ſeine Stelle an ihrem Lager einnahmen, und wie er auch jetzt noch trotzig verweigerte, ſich in der Nacht einige Stunden Schlaf zu gönnen, aber als ſie ſelbſt bat, ganz widerſtandslos und mit feuchten Augen nachgab. Und Ilſe erfuhr von Laura, daß dieſer Mann ſehr große Noth gemacht hatte, er war in der argen Zeit ganz verſtört geweſen, finſter und heftig gegen Jeder⸗ mann, er hatte bei Tag und Nacht an dem Lager ge⸗ ſeſſen, daß man gar nicht begriff, wie er ſelbſt den Zu⸗ ſtand ausgehalten hatte.„Der Arzt konnte ihn nicht zwingen,“ ſagte Laura,„ich aber fand das rechte Wort, denn ich drohte ihm ernſthaft, daß ich Ihnen ſeine Wi⸗ derſetzlichkeit klagen würde. Da überließ er mir endlich auf einzelne Stunden den Platz, und zuletzt auch der Struvelius, aber ungern, weil er behauptete, daß dieſe zuviel raſchele.“ 8*— — 83— Laura ſelbſt bewies jetzt prächtig ihre Liebe; ſie war ſtets zur Stelle, ſchwebte geräuſchlos wie ein Vogel um das Krankenbett, ſaß ſtundenlang unbeweglich, und wenn Ilſe die Augen aufſchlug und ein wenig bei Kräften war, hatte ſie immer eine hübſche Geſchichte bei der Hand. Wie ſie erzählte, war die Struvelius gleich am zweiten Tage herzugekommen, hatte dem Profeſſor eine kleine Rede gehalten, worin ſie feierlich die Rechte ei⸗ ner Freundin in Anſpruch nahm, und ſich dann auf die andere Seite des Bettes geſetzt. Er aber hatte gar nichts von ihren Perioden gehört, war plötzlich auf⸗ gefahren und hatte ſie gefragt, wer ſie ſei, und was ſie hier wolle. Da antwortete die Frau Profeſſorin ihm ruhig, ſie heiße Flaminia Struvelius, und ſie habe ebenfalls ein Recht hier zu ſein durch ihr Herz, und darauf hielt ſie ihm die Rede noch einmal, bis er ſich's endlich gefallen ließ. Und ſogar ihr Mann war hier,“ ſetzte Laura vorſichtig hinzu,„als es grade am ſchlimm⸗ ſten war, und er ſtieß auf den Gemahl, und ich ſah, wie dieſer ihm die Hand reichte, aber, unter uns, ich glaube, er kannte ihn gar nicht.— Und dann,“ erzählte Laura,„kam auch der thörichte Menſch, der Doctor, gleich am erſten Abend mit ſeiner Schlafdecke und einer Kaffeemaſchine von Blech und erklärte, er werde hier wachen. Und da er nicht in die Krankenſtube gelaſſen werden konnte, ſetzte er ſich mit ſeinem Blech in des Profeſſors Stube, und es war wie bei der Geſchichte mit dem Jokel, den ſein Herr ausſchickt; der Profeſſor 6*† — 8— pflegte Sie und der Doctor pflegte den Profeſſor.“ Und Ilſe zog Lauras Kopf zu ſich nieder und ſagte ihr in's Ohr:„Und Schweſter Laura pflegte den Doctor.“ Worauf Laura ſie auf den Mund küßte, aber heftig mit dem Kopf ſchüttelte.„Wenigſtens läſtig war er nicht,“ fuhr ſie fort,„er verhielt ſich ſtill, und wir haben ihn als Cerberus gebraucht, der die Beſuche und die Vie⸗ len, welche anfrugen, abfertigte. Das hat er treulich gethan. Und wenn es möglich wäre, ihn zu ſehen, ſo glaube ich, es würde ihm große Freude ſein.“ Ilſe nickte.„Laß ihn herein.“ Der Doctor kam, Ilſe ſtreckte ihm den Arm entgegen und empfand aus dem treuen Händedruck und dem bewegten Geſicht des Nachbars, daß auch der gelehrte Vertraute des Gelieb⸗ ten, auf deſſen Beifall ſie nicht immer rechnete, als ein wackerer Freund an ihrem Lager ſaß. Und Ilſe erlebte, daß noch andere fremde Herren an ihr Bett drangen. „Wenn die Frau Collega Audienz giebt, ſo bitte ich, mich zu melden,“ ſprach eine fröhliche Stimme draußen. „Herein, Herr Profeſſor Raſchke,“ rief Ilſe von ihrem Lager. „Da iſt ſie,“ rief er lauter, als in einem Kranken⸗ zimmer üblich iſt.„Zum frohen Licht entronnen dem ſchweren Verhängniß.“ „Was machen die Thierſeelen, lieber Herr Profeſ⸗ ſor?“ frug Ilſe. „Sie freſſen im Stadtwald die Blätter ab verſetzte Raſchke,„es hat in dieſem Jahr zahlloſe Mai⸗ -71 / 3 * — 1 ——x—x—ꝛ käfer gegeben.— Hiehe, da fliegt einer um die Arznei⸗ flaſche, ich fürchte, er hat mich als Omnibus benutzt, um zu Ihnen zu dringen. Die Biume ſtehen wie Beſen, und das Federvieh iſt ſo gemäſtet, daß alle Vorurtheile gegen den Genuß dieſer Mitlebenden gärzlich beſeitigt ſind. Ich zähle die Tage bis zu dem frohen Augen⸗ blick, wo die Freundin mir erlauben wird, einen Beweis meiner Beſſerung abzulegen.“ Es war eine langſame Geneſung, aber ſie war reich an tröſtender Empfindung. Denn das Schickſal gönnt dem Geneſenden gern als Entſchädigung für Gefahr und Schmerz, daß er ſeine Umgebung frei von dem Staub der Werkeltage ſchaut in reinen Umriſſen und friſchem Glanz. Dieſe milde Poeſie des Krankenlagers fühlte jetzt Ilſe, als ſie dem ehrlichen Gabriel die Hand ent⸗ gegen hielt, die der Burſch küßte, ſein Schnupftuch in der Hand, während der Profeſſor rühmte, wie ſorglich er ſeinen Dienſt gethan. Und ſie fühlte dies Behagen, als ſie an Lauras Arm in den Garten hinabſtieg, und Herr Hummel in ſeinem beſten Rocke ehrbar auf ſie ) ſie zuſchritt, das Haar glatt gebürſtet und die trotzigen Augen in milder Stimmung halb zuſammengedrückt, und hinter ihm langſam ſein Hund Speihahn, der den Kopf ebenfalls in widerwilliger Achtung ſenkte. Und als Herr Hummel ſeine Huldigung dargebracht hatte, ſagte er in ſeinem Mitgefühl ſogar:„Wenn Sie ſich einmal eine ruhige Bewegung anthun wollen, ſo bitte ich, ſich meines Kahns ganz nach Belieben — ;—— — —————————õꝛ — 386— zu bedienen.“ Das war die höchſte Gunſt, die Herr Hummel erweiſen konnte, denn er traute den Bewoh⸗ nern des Landes, in welchem er lebte, keine von den Fähig⸗ keiten zu, welche für das Waſſer nothwendig ſind. Und er hatte allerdings Recht, wenn er eine Reiſe auf ſei⸗ nem Kahn ein ruhiges Vergnügen nannte, denn der Kahn blieb bei dem niedrigen Waſſerſtand dieſes Jahres häufig auf dem Grunde ſitzen, und die größte Aufre⸗ gung, welche er geſtattete, war, daß man die Hände nach beiden Ufern ausſtreckte und mit jeder ein Grasbüſchel abriß. Und als Ilſe wieder in ihrem Zimmer ſaß, geſchah es oft, daß ſich die Thür leiſe öffnete, der Gatte eintrat, ihr Stirn und Mund küßte und dann vergnügt unter ſeine Bücher zurückging. Und wenn ſie die zärtliche Sorge aus ſeinen Augen las, und ſein Glück, daß er ſie wieder geneſen und in ſeiner Nähe wußte, da zwei⸗ felte ſie nicht mehr an ſeiner Liebe, und ihr war, als dürfe ſie auch nicht mehr um das ſorgen, was er über Le⸗ ben und Untergang der Einzelnen und der Völker dachte. „„ Grn ◻2 1 =u —— 8. Eine Frage der Reſidenz. Unter den Fragen nach der Frau Profeſſorin, welche während der Krankheit kamen, war auch die eines Fremden. Gabriel erregte im Haushalt ein kleines Er⸗ ſtaunen, als er erzählte:„Da ich einmal nach der Apo⸗ theke lief, ſtand ein Mann von feinem Ausſehen auf der Straße im Geſpräch mit Dorchen. Und Dorchen rief mich hinzu, und der Mann erkundigte ſich nach Allerlei und es ſchien ihm ſehr ungelegen, daß Sie er⸗ krankt waren.“ „Haben Sie nach ſeinem Namen gefragt?“ „Den wollte er nicht nennen. Er wäre aus Ihrer Gegend, und hätte ſich nur auf der Durchreiſe erkun⸗ digen wollen.“ „Vielleicht war's Jemand aus Roſſau,“ klagte Ilſe, „wenn er nur nicht den Vater durch ſeine Reden ge⸗ ängſtigt hat.“ Gabriel ſchüttelte den Kopf.„Er meinte etwas da⸗ bei, er ſpionirte nach dem ganzen Haushalt und that dreiſte Fragen, die ich ihm gar nicht beantworten wollte. Und weil er ein ſchlaues Ausſehen hatte, ging ich ihm nach —ÿÿ— bis zum nächſten Gaſthof, und da ſagte mir der Huaus⸗ knecht, daß es der Kammerdiener eines Fürſten wäre.“ Und Gabriel nannte den Namen. „Das iſt unſerx Landesherr,“ rief Ilſe,„was kann der an mir für Theil nehmen?“ „Der Mann wollte eine Neuigkeit nach Hauſe brin⸗ gen,“ verſetzte der Gatte.„Er war wohl damals mit im Jagdgefolge, und es war gute Meinung.“ Mit dieſem Beſcheid wurde Gabriel beruhigt, und Ilſe ſagte vergnügt:„Es iſt doch hübſch, wenn ein Lan⸗ desvater ſich auch um ſeine Kinder in der Fremde küm⸗ nert, denen es gerade ſchlecht geht.“ Indeß Gabriels Kopfſchütteln war nicht ohne Grund, die Nachfrage hatte etwas zu bedeuten. Hinter der Scheuer eines Bauerhofes ſaß eine junge Dame auf dem Raſen und band Wieſenblumen zu einem dicken Strauß; ein Knäuel blauer Wolle rollte in ihren Schooß, ſo oft ſie ein neues Büſchel Blumen einfügte. Auf der Wieſe vor ihr lief ein junger Herr geſchäftig durch das tiefe Gras, ſuchte die Blüthen zu⸗ ſammen und legte ſie nach den Farben geordnet vor die Straußwinderin. Daß der Jün gling und das Fräulein Geſchwiſter waren, ließ ein ſtark ausgeprägter Familien⸗ zug ihres Angeſichts erkennen, und das gewählte Pro⸗ menadenkleid machte jedem zweifellos, daß beide nicht unter Klee und Kamillen des Grundes aufgeblüht waren auch wer nicht durch eine Lücke zwiſchen den — 9— Scheuern ſah, wie ſich auf der andern Seite Pferdeköpfe und die Treſſenhüte ihrer Dienerſchaft bewegten. „Du bringſt den Strauß nicht zu Stande, Siddy,“ ſagte der junge Herr zweifelnd zu dem Fräulein, als dieſes ungeſchickt an dem zerriſſenen Woll llfaden knüpfte. „Wenn nur der Faden beſſer hielte,“ rief die Emſige, „mach' mir den Knoten.“ Es erwies ſich, daß der junge Herr damit auch nicht leicht zu Stande kam.„Gieb acht, Benno, wie ſchön der Strauß wird, das iſt meine Kunſt.“ „Es iſt ja alles viel zu locker,“ wandte der junge Herr ein. „Für's erſte Mal iſt's gut genug,“ verſetzte Siddy. „Da, ſchau meine Hände an, und wie ſie riechen.“ Sie zeigte die blauen Spitzen der kleinen Finger, hielt ſie ihm an das Geſicht, und als er gutmüthig daran roch, gab ſie ihm einen kleinen Naſenſtüber.„Von den rothen Blumen habe ich genug,“ fuhr ſie, wieder über dem Strauße fort,„jetzt kommen nur weiße im Kreiſe herum.“ „Was für weiße?“. „Ja, wer die Namen wüßte,“ verſetzte Siddy be⸗ denklich,„ich meine Margueriten. Wie nennen Sie dieſe weiße Blume?“ frug ſie nach rückwärts gewandt die Bäuerin, welche reſpectvoll einige Schritt hinter dem beſchäftigten Paare ſtand und mit vergnügtem Lächeln dem Treiben der beiden zuſah. „Wir nennen ſie Gänſeblume,“ ſagte die Bäuerin. „Ah, richtig,“ rief S iddy,„aber lange Stiele, Benno.“ 4 ö—ö—G—öööooo — 90— „Sie haben aber gar keine langen Stiele,“ klagte dieſer und trug herzu, was er in der Nähe abrupfen konnte.„Weißt du, was mich wundert?“ begann er, neben der Schweſter im Graſe ſitzend.„Dieſe Wieſe iſt voll Blumen, wenn man ſie mäht, wird Heu darans und im Heu ſieht man von all' den Blumen nichts.“ „Nicht?“ frug Siddy, und knüpfte zufrder an der Wolle.„Sie mögen auch vertrocknet ſein.“ Benne ſchüttelte den Kopf.„Sieh dir einmal ein Bündel Heu an, du wirſt wenig darin merken. Ich denke, die Leute pflücken ſie vorher heraus und verkaufen ſie in der Stadt.“ Siddy lachte und wies über die grüne Fläche. „Da, ſchau um dich, ſie ſind zahllos, und die Leute kau⸗ fen auch nur die ewigen Gartenblumen. Und dieſe hier ſind doch weit zierlicher. Wie reizend iſt das Sternchen an der Blume unſerer Frau Marguerite.“ Sie hielt den Strauß ihrem Bruder hin und ſah liebevoll auf ihr Kunſtwerk. „Du haſt es doch durchgeſetzt,“ ſagte der junge Herr bewundernd,„du biſt immer ein kluges Weibchen gewe⸗ ſen.— Mir thut's leid, Siddy, daß du von uns geh'ſt,“ ſetzte er traurig hinzu. Die Schweſter ſah ihn ernſthaft an.„Iſt das wahr?— Erhalte mir immer deine Freundſchaft, mein Bruder, du biſt der einzige hier, der mir den Abſchied ſchwer machen wird.— Benno, wir ſind wie zwei Waiſen⸗ kinder, die in einer kalten Winternacht im Schnee ſitzen.“ — ———————— — 5 2— 4— — — 91— Die ſo ſprach, war BPrinzeſſin Sidonie, und die Sonne ſchien warm aff ſ bie blühende Wieſe vor ihr. „Wie gefällt dir mein Bräutigam?“ frug ſie nach einer Pauſe, den blauen Faden häufig um den fertigen Strauß windend. „Er iſt ein ſchöner Mann und er war ſehr freund⸗ lich zu mir,“ ſagte Benno nachdenklich.„Ob er ge⸗ ſcheut iſt?“ Siddy nickte.„Er iſt darin ordentlich. Er ſchreibt auch liebe Briefe. Willſt du, ſo ſollſt du einen leſen.“ „Das möchte ich gern,“ rief Benno. „Und weißt du,“ fuhr Siddy geheimnißvoll fort, „auch ich ſchreibe ihm alle Tage. Denn ich denke, eine Frau ſoll ihrem Mann Großes und Kleines vertrauen, und da will ich mich und ihn daran gewöhnen. Und ich ſchreibe ihm der Sicherheit wegen unter fremder Adreſſe und meine Kammerfrau beſorgt die Briefe zur Poſt, denn ich fürchte, meine dummen Zeilen werden ſonſt geleſen, bevor ſie abgehen.“ Sie ſagte das gleich⸗ müthig und betrachtete ihren Strauß.„Auch dieſen Beſuch bei Frau Marguerite erfährt er haarklein, und daß er dir gut gefallen hat. Und jetzt iſt der Strauß fertig,“ rief ſie fröhlich,„ich ſchlage ein Tuch darum, wir nehmen ihn in den Wagen, und ich ſetze ihn auf meinen Schreibtiſch.“ Benno lachte:„Er ſieht aus wie eine Keule, du kannſt ihn heut Abend im Ballet den Wilden borgen.“ ——— — —— „Er iſt doch beſſer als die flachen Teller, die man nicht einmal in's Waſſer ſetzen darf,“ verſetzte die Schweſter aufſpringend.„Vorwärts, wir tragen ihn zum Brunnen.“ Sie eilten, von der Bäuerin gefolgt, nach dem Hofe. Benno ergriff einen Eimer und trug ihn nach der Pumpe.„Ich will pumpen,“ rief Siddy; ſie faßte den Schwengel und verſuchte zu drücken, aber es gelang ihr ſchlecht, nur einzelne Tropfen rannen in den Eimer. Benno tadelte:„Du biſt ungeſchickt, laß mich daran.“ Jetzt trat er an das Holz und Siddy faßte den Eimer; er drückte kräftig und der Strahl fuhr über den Eimer auf die Hände und das Kleid der Prinzeſſin. Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus und ließ den Eimer fallen, und beide lachten laut.„Du haſt mich ſchön zugerichtet, unartiger Bonbon,“ rief Siddy.„Ei, das thut nichts, Mutter,“ tröſtete ſie die Bäuerin, welche herzulief und erſchrocken die Hände zuſammenſchlug.„Du, mir fällt etwas ein, ich ziehe mir den Rock unſerer Dame Mar⸗ guerite an, und du einen Kittel ihres Mannes, und wenn der Vetter kommt, ſoll er uns nicht erkennen und wir überfallen ihn.“ „Wenn nur alles gut abl äuft,er wandte Benno be⸗ denklich ein. „Es ſieht uns ja Niemand,“ überredete Siddy. „Mütterchen," ſchmeichelte ſie der Bäuerin, kandut in eure Kammer und helft mir beim Anziehen.“ Die jun⸗ gen Herrſchaften ergriffen die Hände der Fran und 3 — — — 3 zogen ſie in das Haus. Benno legte im Hausflur ſei⸗ nen Sommerrock ab, beſah mißtrauiſch den neuen Kittel, welchen eine ſtämmige Magd zutrug, und fuhr mit ihrer Hülfe hinein. Der zierliche Bauerburſch ſetzte ſich ge— duldig auf eine Bank, ſeine Gefährtin zu erwarten, und benützte die Muße, einen Schleifſtein zu drehen und neu⸗ gierig die Fingerſpitze ein wenig daran zu halten. Wäh⸗ rend dieſer Unterſuchung fühlte er einen Schlag auf den Rücken, und ſah erſtaunt eine kleine Bäuerin in blauem Rock und ſchwarzer Jacke, die landesübliche Mütze auf dem Kopf, hinter ſich ſtehen.„Wie gefalle ich dir?“ frug Siddy die Arme in einander legend. „Allerliebſt,“ rief Benno überraſcht,„ich hätte nicht gedacht, daß ich eine ſo hübſche Schweſter habe.“ Siddy machte einen bäuriſchen Knix.„Wo haſt du bis heut die Augen gehabt, du thörichter Bonbon?— Und jetzt helfen wir in der Wirthſchaft. Was haben Sie für ihre neuen Dienſtleute zu thun, Frau Marguerite?“ Die Bäuerin ſchmunzelte.„Dort iſt das Futter für die Kühe mit Schrotwaſſer abzubrühen,“ ſagte ſie. „Nichts mehr mit Waſſer, wir haben genug davon. Komm, Benno, wir decken unterdeß den Tiſch im Gar⸗ ten unter den Obſtbäumen und tragen die ſaure Milch herzu.“ Sie drangen in die Stube, trugen zuſammen eine kleine Bank heraus und ſetzten ſie in den Gras⸗ garten unter einen Apfelbaum, dann flogen ſie nach Tellern und Löffeln zurück, die Bäuerin und die Magd brachten den Tiſch, einen großen Milchnapf und Schwarz⸗ — ——— — 94— brot. Siddy fuhr behende umher, deckte die Serviette über, ſtrich ſie eifrig zurecht und ſetzte die buntbemalten Thonteller auf.„Sieh dies an,“ flüſterte Benno, und wies betrübt auf die abgenutzten Blechlöffel. „Wir waſchen ſie noch einmal ab und trocknen ſie mit grünen Blättern,“ rieth die Schweſter. Wieder lie⸗ fen ſie mit den Löffeln zu dem Brunnen und rieben kräftig mit Blättern daran, aber ſie vermochten keinen weißen Glanz hervorzubringen.„Es iſt ihre Art ſo,“ tröſtete Benno,„das gehört mit zum ländlichen Feſt.“ Der Tiſch war gedeckt, Siddy rückte an den Sche⸗ meln und wiſchte mit ihrem Battiſttuch herum.„Du biſt der Erbprinz,“ ſagte Siddy,„du mußt auf die Bank und wir andern zu deinen Seiten. Das Schwarz⸗ brod muß zerkrümelt werden, das kann ſich jeder ſelbſt machen. Der Zucker fehlt, es kommt nicht darauf an.“ Sie ſaßen erwartungsvoll vor dem Milchnapf und klap⸗ perten im Takt mit den Löffeln. Ein kleiner grüner Apfel fiel vom Baum mitten in die Milchſchüſſel und verurſachte ein Spritzen. Beide lachten laut, ſprangen wieder auf, laſen die unreifen Aepfel und Pflaumen aus dem Graſe und ſpähten über die Hecke auf einen Feldweg, der zur Stadt führte.„Er kommt,“ rief Benno, „verſtecke dich.“ Ein Reiter ritt im Galopp heran, von dem ſchnau⸗ benden Pferde ſchwang ſich ein junger Offizier, er band das Pferd an einen Pfahl und ſprang mit einem Satz über die Hecke. Aber er hielt erſtaunt an, denn er wurde aus den Winkeln mit einem Kreuzfeuer von un⸗ reifen Aepfeln und Pflaumen überſchüttet, ſchnell ergriff er einige der grünen Geſchoſſe und vertheidigte ſich, ſo gut er konnte, gegen den Angriff. Die kleinen Bauer⸗ leute ſprangen hervor.„Endlich,“ rief Benno,„du haſt lange warten laſſen.“ Und Siddy verneigte ſich vor ihm:„Prinz, die ſaure Milch iſt ſervirt.“ Prinz Vic⸗ tor ſah mit unverhohlener Bewunderung auf die junge Bäuerin.„Ei,“ ſagte er gutmüthig,„jetzt ſieht man doch endlich einmal, wie klein die Füße ſind, vor die man ſeine Huldigungen niederlegt. So war's recht, ihr Kin⸗ der. Aber vor allem muß ich Satisfaktion haben für den Ueberfall.“ Er drehte ſein Taſchentuch zuſammen, die Geſchwiſter lachten und baten:„Sei gut, Vetter, wir thun's nicht wieder.— Ach, lieber Herr Oger, Gnade, Erbarmen,“ flehte Siddy, und fuhr mit dem Zipfel ihrer Schürze nach den Augen. „Nichts da,“ rief Victor,„ich erhalte euretwegen doch wieder Arreſt, da will ich euch wenigſtens vorher abſtrafen.“ So trieb er die Andern um den Tiſch. „Das thut weh, Vetter,“ rief Siddy;„laß die Thorheiten und komm zu Tiſch. Ich lege vor. Oben iſt der Rahm. Da wird Gerechtigkeit nöthig, wenn Victor da⸗ bei iſt.“ Victor muſterte den Tiſch.„Das iſt alles ſehr ſchön, aber der Zucker fehlt.“ „Es war keiner zu haben,“ riefen die Geſchwiſter im Chor. Victor griff in die Taſche und ſetzte eine — 96— ſilberne Büchſe auf den Tiſch.„Was würde aus euch, wenn ihr mich nicht hättet. Hier iſt der Zucker.“ Und er griff wieder in den Rock und brachte eine Lederflaſche mit kleinem Trinkglas zu Tage.„Und hier iſt eine andere Hauptſache, der Cognac.“ „Wozu?“ frug Siddy. „Zum Trinken, gnädigſte Couſine. Willſt du dies kalte Gelée ohne Cognac mit deinem Innern vermählen, ſo wage ich nicht zu widerſprechen, dir aber, Benno, rathe ich als Mann, ſorge für dein Heil.“ Die Beiden hielten verlegen ihre Löffel beim Stiele. „Das wäre nothwendig?“ frug Benno argwöhniſch. „Es calmirt, wie unſer Doctor ſagt,“ erklärte Vic⸗ tor,„es pacificirt und zwingt die rebelliſche Maſſe zu ruhiger Submiſſion, welche in Frieden tiefer und tiefer wird. Verweigerſt du den Cognac, ſo geht's wie auf dem Weg zur Hölle. Der Pfad iſt anfangs leicht, aber was dahinter kommt, iſt Chaos. Jedenfalls würde dir das heutige Ballet erſpart werden. Iſt euch die Sache klar 24 „Sehr klar,“ rief Siddy,„daß du uns zum Beſten haſt wie immer. Gieb ihm eines auf die Finger, Benno.“ Benno tippte ihm mit dem Löffel auf die Hand, Victor ſprang auf und parirte in Fechterſtellung mit ſeinem Löffel, und die Geſchwiſter jagten den Vetter wieder luſtig um die Bäume. Da ſtörte ein eiliger Tritt, ein Lakei erſchien auf einen Augenblick an der Gartenthür:„Der durchlauch⸗ tigſte Herr kommt geritten,“ rief er. — „ Alle drei ſtanden ſtill, die Löffel ſanken in's Gras. „Wir ſind verrathen,“ rief Siddy erbleichend,„mache dich fort, Victor.“ „Ich bin Officier und darf nicht entlaufen,“ ent⸗ gegnete dieſer achſelzuckend, ergriff ſeinen Säbel und hakte ihn eilig ein. „Du nimmſt alles auf dich, Benno,“ rief die Schweſter. „Ich möchte wohl,“ verſetzte dieſer kleinlaut,„ich habe nur zum Erfinden niemals Geſchick gehabt.“ Vor dem Hofe ſtieg der Fürſt mit Hülfe des Stall⸗ meiſters ab, der Lakei eilte voran, die Pforte zu öffnen, langſam nahte das Schickſal. Der Fürſt trat in den Garten und ſein ſcharfer Blick flog über die jungen Herrſchaften, welche ſteif auf ihrem Platz ſtehen blieben und ſich vor ihm verneigten. Ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeinen Mund, als er die Zurüſtungen des Tiſches ſah.„Wer von euch hat den ländlichen Carne⸗ val arrangirt?“ frug er. Alle ſchwiegen.„Antworte, Benno,“ wandte er ſich finſter an den jungen Herrn im blauen Kittel.. „Siddy und ich wollten einmal auf einer Wieſe ſitzen, bevor die Schweſter unſer Land verläßt. Ich habe aus Ungeſchick die Schweſter mit Waſſer beſchüttet, ſie mußte ſich umziehen.“ „Wo iſt dein Fräulein, Sidonie?“ frug er die Tochter. „Ich bat ſie, auf das nahe Gut ihrer Tante zu Freytag, Handſchrift. II. 7 —-ͤͤͤͤͤſͤſſſ — 48.— fahren und mich in einer Stunde von hier abzuholen,“ verſetzte Prinzeſſin Sidonie. „Sie hat nicht gut gethan, meine Befehle zu ver⸗ geſſen, um die deinen zu erfüllen, und ſie hat ihre Pflicht verletzt, als ſie die Prinzeſſin einem ſol⸗ chen Abenteuer überließ. Es ziemt nicht, daß Prin⸗ zeſſinnen allein und verkleidet in Dorfhäuſern ein⸗ kehren.“ Die Prinzeſſin preßte die Lippen zuſammen.„Mein gnädigſter Herr und Vater möge verzeihen, ich war nicht allein; ich hatte den beſten Schützer bei mir, den eine Fürſtin unſeres Hauſes haben kann, und der war Ew. Hoheit Sohn, mein erlauchter Bruder.“ Der Fürſt trat einen Schritt näher und ſah ihr ſchweigend in's Geſicht, und ſo ſtark war in ſeinem Ant⸗ litz der Ausdruck von Zorn und Abneigung, daß die Prinzeſſin erbleichte und die Augen niederſchlug.„Und gehört Prinz Vietor auch zu den Beſchützern, welche ſich die Prinzeſſin in den Bauerhof beſtellt?“ frug er.„Hat der Lieutenant— er nannte den Namen ſeines Ge⸗ ſchlechts— Urlaub, ſich aus der Garniſon zu ent⸗ fernen?“ „Ich bin ohne Urlaub herausgeritten,“ verſetzte der Prinz in militäriſcher Haltung. „Melde dich als Arreſtant,“ befahl der Fürſt. Victor ſalutirte und machte Kehrt, er band ſein Pferd ab und nickte hinter dem Rücken des Fürſten über die Hecke ſeinem Wetter zu, bevor er der Stadt zutrabte. — 399— „Ihr aber eilt, dieſe Mummerei los zu werden,“ befahl der Fürſt,„die Prinzeſſin fährt im Wagen des Erbprinzen nach Haus.“ Er winkte, die jungen Herr⸗ ſchaften verneigten ſich und eilten aus dem Garten. „Mir hat das Unglück geahnt,“ ſagte der Erbprinz im Wagen zu ſeiner Schweſter.„Arme Siddy!“ „Ich will lieber eine Magd dieſer Bäuerin ſein und Holzpantoffeln an den Füßen tragen, als dies Selaven⸗ leben noch lange erdulden,“ rief die zornige Prinzeſſin. „Laß dir nur heut beim Diner nichts merken,“ bat Benno. Der Strauß von Wieſenblumen ſtand im Eimer, und am Abend zerrupften ihn die Kühe der Bäuerin. Den Tag darauf trat der Oberſthofmeiſter von Ottenberg, ein alter Herr mit weißem Haar, bei dem Fürſten ein.„Ich bemühe Ew. Excellenz,“ begann der Fürſt zuvorkommend,„weil ich in einer Familienange⸗ legenheit Ihre Anſicht zu vernehmen wünſche. Der Tag naht, wo die Prinzeſſin uns verläßt.— Haben Sie meine Tochter heut geſprochen?“ unterbrach er ſich. „Ich komme von Ihrer Hoheit,“ antwortete ehrer⸗ bietig der alte Herr. Der Fürſt lächelte:„Ich habe Ihr geſtern einige ernſte Worte geſagt. Die Kinder ſpielten auf eigene Hand eine Idylle und ich traf ſie in Bauerkleidern und ausgelaſſener Stimmung. Unſere liebe Siddy batte ver⸗ geſſen, daß ſolches Spiel Mißdeutungen ausgeſetzt iſt, die ſie zu vermeiden jede Urſache hat.“ —— — — — — 1090— Der Oberſthofmeiſter verbeugte ſich ſchweigend. „Doch nicht um die Prinzeß handelt es ſich. Die Zeit iſt gekommen, wo über die nächſten Jahre des Erb⸗ prinzen ein Entſchluß gefaßt werden muß. Ich habe daran gedacht, ihn trotz der Bedenken, welche ſeine zarte Geſundheit nahe legt, in eine größere Armee eintreten zu laſſen. Sie wiſſen, daß dies für uns nur in Einem Staate möglich iſt. Und auch dort hat ſich eine un⸗ erwartete Schwierigkeit gefunden. Es ſind dort zwei Regimenter, welche Sicherheit gewähren, daß der Prinz nur mit Offizieren von Familie in ein kameradſchaftli⸗ ches Verhältniß treten würde. Aber das eine Regiment hat jetzt zum Commandeur denſelben Kobell erhalten, der vor Jahren unſern Dienſt quittirt hat; es iſt un⸗ thulich, den Prinzen zu ſeinem Untergebenen zu machen. Bei dem andern Regiment aber iſt in den letzten Mo⸗ naten das Unerwartete geſchehen und trotz dem Wider⸗ ſtande des Offiziercorps ein Herr Müller eingeſchoben worden. So iſt dem Erbprinzen unmöglich gemacht in die einzige Armee zu treten, welche uns offen ſteht.“ „Darf ich mir die Frage erlauben, ob nicht das zweite Hinderniß zu beſeitigen war?“ frug der Oberſt⸗ hofmeiſter. „Man möchte uns gern gefällig ſein,“ verſetzte der Fürſt,„weiß aber ſelbſt keinen Rath, denn das Einrei⸗ hen des bürgerlichen Lieutenants war ein Zugeſtändniß, welches man aus politiſchen Gründen gemacht hatte.“ „und es würde nicht viel helfen, wenn an Name 8 8 — 11— und Familie des Lieutenant Müller ſelbſt das Störende geändert würde?“ warf der Oberſthofmeiſter ein. „Auch das iſt vorſichtig tentirt worden, es hat ſich ergeben, daß in dem Vater des Menſchen keine Be⸗ reitwilligkeit war. Und Excellenz, zuletzt blieb die In⸗ convenienz noch dieſelbe. Sie wiſſen, daß ich in dieſen : 5.: 0 4„ 3 Dingen keineswegs Puriſt bin, aber für den kamerad⸗ ſchaftlichen Verkehr des Tages wäre dem Erbprinzen ſolche Nähe doch gar zu unbehaglich. Müller oder von Müller, der Mehlſtaub bleibt.“ Es entſtand eine Pauſe. Endlich begann der Oberſt⸗ hofmeiſter:„Für jüngere Prinzen ohne Vermögen und die Möglichkeit, ſich ſelbſt eine kräftige Thätigkeit zu fin⸗ den, ſind die Vortheile einer militäriſchen Carriere aller⸗ dings unleugbar. Ob ſie auch für einen Fürſten un⸗ zweifelhaft ſind, der die Vorbildung für einen großen Beruf ſucht? Ich erinnere mich, daß in früherer Zeit Ew. Hoheit das Soldatenſpiel an den Höfen als eine Modelaune ohne Vorliebe betrachteten.“ „Das leugne ich nicht,“ verſetzte der Fürſt,„und Ihnen gegenüber darf ich mich wohl zu dieſer Anſicht bekennen. Der gewöhnliche Zuſtand der menſchlichen Geſellſchaft iſt jetzt nicht der Krieg, ſondern der Friede. Die angelegentliche Vorbildung eines jungen Fürſten für den Krieg wird allerdings in ſeinem Weſen einige männliche Seiten entwickeln, überliefert ihn aber in allen Hauptſachen hülflos den Händen ſeiner Beamten. Und im Vertrauen, Excellenz, die Freude an 2 102— Epauletten iſt grade während der Friedenszeit in die Höfe gedrungen, und im Fall eines großen Krieges, wo nur bei wirklichem Feldherrntalent Hülfe zu finden iſt, wird das militäriſche Dilettiren der Fürſten ſich mit wenigen Ausnahmen als durchaus unnütz erweiſen. Das alles iſt unleugbar. Leider iſt es gegenwärtig nicht mehr Modelaune, wenn an den meiſten Höfen dieſer Bildungsweg für junge Fürſten gewählt wird, ſondern ernſte Nothwendigkeit. Die Zeit, in welcher wir zu le⸗ ben verurtheilt ſind, hat eine engere Verbindung der Höfe mit den Heeren unvermeidlich gemacht, und was einſt beſſer unterblieb, iſt jetzt eine Stütze fürſtlicher Stellung geworden.“ „Ich ſehe die Stellung erlauchter Herren nicht da⸗ durch verſtärkt, daß ſie ſchlechte Generäle ſind,“ erwiederte der Oberſthofmeiſter.„Ja, man darf behaupten, daß viele von den Schwierigkeiten, welche die Gegenwart zwiſchen Fürſten und Völkern aufgehäuft hat, grade daher rühren, daß unſere Prinzen neben vortrefflichen Anſichten über den Hufbeſchlag der Pferde und das Ausarbeiten der Recruten, auch einige Vorurtheile und Unarten der Gar⸗ niſon zu ihrem hohen Beruf mitbringen, und viel zu wenig von der Sicherheit, dem edlen Stolz und dem fürſtlichen Sinn, welchen die Uebung in den großen Geſchäften zu entwickeln vermag.“ Der Fürſt lächelte.„Excellenz ſind alſo der Anſicht, daß der Erbprinz eine Univerſität beſuchen ſoll? Denn eine andere Schule giebt es doch nicht, wenn er einmal * — — — 103— dieſen Hof verläßt. Der Prinz iſt ſchwach und beſtimm⸗ bar, die Gefahren, welche für ihn auf dieſem Wege lie⸗ gen, ſind doch noch größer, als der Verkehr mit einem ungeeigneten Offizier.“ „Es iſt wahr,“ warf der Oberſthofmeiſter ein,„daß während dieſer Jahre der Erbprinz gewiſſe Zugeſtänd⸗ niſſe an den Brauch einer Akademie zu machen hat; für den perſönlichen Umgang finden ſich aber doch auf jeder Univerſität Söhne alter Familien, welche die Ehre den Prinzen zu entouriren, wohl würdigen. Es wird viel⸗ leicht dort leichter ſein den jungen Herrn von unpaſ⸗ ſender Kameradſchaft frei zu halten, als beim Regiment.“ „Nicht dieſe Gefahr fürchte ich,“ verſetzte der Fürſt, „ſondern unpraktiſche Theorie und zerſtörende Ideen, welche dort verkündet werden.“ „Was man belämpfen muß, ſollte man doch vorher kennen lernen,“ entgegnete der Oberſthofmeiſter.„Erachten Ew. Hoheit bei der vielſeitigen Erfahrung, welche Höchſt⸗ denſelben ein reiches Leben verlieh, die Bekanntſchaft mit dieſen Ideen ſo gefährlich?“ „Wer geht in die Hölle, um fromm zu werden?“ frug der Fürſt in guter Laune. „Als ein großer Dichter dies gewagt hatte,“ verſetzte der Oberſthofmeiſter,„ſchrieb er ſein göttliches Gedicht. Und mein gnädigſter Herr, der ſelbſt warmes Intereſſe für wiſſenſchaftliche Thätigkeit vielfach bewährt hat, wird doch unſere Akademieen höchſtens für Orte eines milden Feg⸗ feuers halten. Sollte an den Seelen unſerer erlauchten Herren nach der Rückkehr von dieſer Stätte hie und da ein infernaliſches Flämmchen hängen, es wird durch die hohen Intereſſen des fürſtlichen Berufes ſehr bald getilgt.“ „Ja,“ beſtätigte der Fürſt mit devoter Miene,„es liegt eine Weihe auf dem Amt des Fürſten, welche das Weſen auch des ſchwachen Mannes für die großen In⸗ tereſſen umbildet, welche er durch ſein Leben darzuſtellen hat. Aber, Excellenz, es iſt ſchwer, ohne verächtliches Mitleid auf die ſentimentale Gefühlsſeligkeit neuer Re⸗ genten zu ſehen, und aus Fürſtenmunde immer wieder die alten Phraſen von Liebe und Vertrauen gläubig nachgeſprochen zu hören. Allerdings ſind dieſe populären Aufwallungen vergänglich, und auch mancher von uns älteren hat einſt geſchwärmt und da grünes Moos zu pflanzen verſucht, wo es von der Sonne verſengt wird, aber die furchtbaren Gefahren unſerer argen Zeit machen ſolches Schwanken neuer Regenten iinmer ge⸗ fährlicher, und falſche Schritte der erſten Regierungs⸗ wochen mögen oft die ganze ſpätere Stellung verderben.“ Der Oberſthofmeiſter erwiederte entſchuldigend:„Es iſt vielleicht gut, weiſer zu ſein als andere, aber nüch⸗ terner zu ſein als alle andere, bringt doch nicht zu je⸗ der Zeit Vortheil. Ein wenig Poeſie und jugendliche Begeiſterung mag man unſern Fürſten auch gönnen. Und wenn ich deshalb für des Erbprinzen Hoheit den Beſuch einer Univerſität zu empfehlen wage, ſo thue ich dies mit der willkommenen Empfindung, daß ich da⸗ mit auch Ew. Hoheit eigentliche Meinung ausſpreche.“ 2 Der Fürſt ſah ſcharf nach dem Oberſthofmeiſter und auf ſeiner Stirn zog ſich ein ſchnelles Gewölk zuſammen. „Wie wollen Sie wiſſen, was meine geheimen Gedanken ſind?“ „Das wäre Ew. Hoheit gegenüber ein ganz vergeb⸗ licher Verſuch,“ verſetzte der alte Herr ruhig,„und es würde einem alten Diener wenig anſtehen, nach den ge⸗ heimen Gedanken ſeines Herrn zu ſpähen. Aber Höchſt⸗ dieſelben haben bis jetzt dem Erbprinzen immer ſolche Gouverneure und Begleiter gegeben, welche nicht Mili⸗ tärs waren. Das legte einen Schluß auf Ew. Hoheit Willensmeinung für Jedermann nahe.“ „Sie haben Recht— wie immer,“ ſagte der Fürſt verſöhnt.„Und es war mir Freude, Ihre Auffaſſung in Uebereinſtimmung mit der meinigen zu finden. Deun es iſt immerhin ein ernſter Entſchluß, er raubt mir auf längere Zeit die Nähe meines lieben Benno.“ Der Oberſthofmeiſter bewies ſein Mitgefühl durch eine ſtumme Verbeugung.„Der Höchſte Entſcheid wird allerdings große Veränderungen hervorbringen, denn er entfernt zu gleicher Zeit alle jungen Herrſchaften vom Hofe.“ 3 „Alle f ug der Fürſt überraſcht.„Der Erbprimz würde kurz nach der Vermählung ſeiner Schweſter ab⸗ reiſen, aber da iſt ja noch Prinz Victor, welcher zurück⸗ bleibt.“ „Dann bitte ich unterthänigſt um Verzeihung,“ entgegnete der Oberſthofmeiſter,„ich hatte vorausgeſetzt, „ „ ———.— —— daß die Abreiſe des Erbprinzen auch den Uebertritt des Prinzen Victor in eine fremde Armee zur Folge haben würde.“ „Wie kommen Sie dazu?“ frug der Fürſt überraſcht. „Ich habe durchaus nicht die Abſicht, den Prinzen Victor in der Fremde zu fourniren, er mag ſeine Reitkunſt bei unſern Schwadronen üben.“ „In dieſem Falle würde ſeine Stellung am Hofe geändert,“ ſagte der Oberſthofmeiſter nachdenklich,„er erhält den Rang und wird für dieſe Jahre dem Hofe bei Gelegenheit der Ueldvedtäütende Prinz des erlauchten Hauſes.“ „Was fällt Ihnen ein, Oberſthofmeiſter?“ verſetzte der Fürſt unwillig. 6„Hoheit wollen gnädigſt anpeben, wie das vermie⸗ den werden ſoll. Das Recht des Blutes kann nie ge⸗ geben und nie genommen werden. Der Prinz iſt der nächſte Anverwandte, die Ordnung des Hofes fordert die entſprechende Stellung, und der Hof wird in tiefſter Ehrfurcht darauf beſtehen, daß ſie dem Prinzen nicht verſagt werde.“ „Der Hof,“ rief der Fürſt verächtlich,„ſagen Sie grade heraus, der Oberſthofmeiſter.“ „Der Oberſthofmeiſter iſt von Ew. Hoheit dazu be⸗ ſtellt, über die Ordnung des Hofes zu wachen,“ verſetzte der alte Herr mit Feſtigkeit.„Als perſönliche Meinung. wage ich noch anzuführen, daß für den lebendigen und thatkräftigen Geiſt des Prinzen Victor der Dienſt in — 107— dieſer Reſidenz und die Nähe des Hofes nicht vortheil⸗ haft ſind; es iſt vorauszuſehen, daß er öfter Ew. Ho⸗ heit Veranlaſſung zur Unzufriedenheit geben wird, und daß der Verluſt Höchſter Gnade bei dem aufgeweckten und volksthümlichen Weſen des Prinzen eine dauernde Veranlaſſung zu Mediſance und böswilligem Geſchwätz ſein würde. Deshalb wagte ich anzunehmen, daß die Bedenken, welche eine militäriſche Carriere des Erb⸗ prinzen in fremder Armee hindern, bei Prinz Victor ohne Gewicht ſein würden.“ Der Fürſt ſah finſter vor ſich hin. Endlich begann er mit Ueberwindung:„Ich muß Ihnen dankbar ſein, 4 daß Sie mich auf dieſes Bedenken geführt haben. Ich werde nach reiflicher Ueberlegung meinen Entſchluß faſ⸗ ſen. Seien Excellenz überzeugt, daß ich den warmen An⸗ theil wohl zu ſchätzen weiß, den Sie mir und den Mei⸗ nen bewahren.“ Er neigte das Haupt, der Oberſthof⸗ meiſter verließ das Zimmer; und die Falten im Antlitz des Fürſten zogen ſich drohend zuſammen, als er dem Alten nachſah. Die Folge dieſer Unterredung war, daß der Erb⸗ prinz auf eine Univerſität geſandt wurde. Dies Erckg⸗ niß ward an der Univerſität im Schein der hölliſchen Flämmchen, welche hie und da loderten, nicht ganz ſo aufgefaßt als am Hofe. Der Magnificus trat eines Abends bei Profeſſor Werner ein und begann, Ilſe begrüßend:„Sie haben Ihrem Lande ein gutes Beiſpiel gegeben, als Sie zu 1 1 — 3 B“— — 108— uns kamen, von oben iſt der Univerſität die Mitthei⸗ lung geworden, daß im nächſten Semeſter Ihr Erbprinz bei uns ſeine Studien beginnen will.“ Und zum Pro⸗ feſſor gewandt, fuhr er fort:„Man erwartet, daß wir alles thun werden, den jungen Herrn zu fördern, was mit den Pflichten unſeres Amtes verträglich iſt. Ihnen habe ich den hohen Wunſch auszudrücken, daß auch Sie dem Erbprinzen auf ſeinem Zimmer eine Vorleſung halten.“ „Ich leſe kein Prinzencollegium,“ erwiederte der Profeſſor,„dazu iſt meine Wiſſenſchaft zu umfangreich, ſie läßt ſich nicht in eine Nußſchale packen.“ „Vielleicht würde ſich doch irgend ein populäres Thema ergeben,“ mahnte der kluge Magnificus.„Mir ſcheint faſt höherer Werth, als auf den Inhalt der Vor⸗ leſung, darauf gelegt zu werden, daß Ihre Perſon mit dem Erbprinzen in wohlthuende Verbindung tritt.“ „Wenn der Prinz ſich in meinem Hauſe wohl fühlen und unſerm Brauch fügen kann, ſo bin ich zu jeder anſtändigen Aufmerkſamkeit erbötig. In meinen Vorträgen führe ich ſeinetwegen keine Aenderung ein. Beſucht er als Student eines meiner Collegien, gut. Auf ſeinem Zimmer leſe ich weder ihm noch jemand Anderem.“ „Wird man die Weigerung nicht als eine Un⸗ freundlichkeit empfinden?“ wandte der Rector ein. „Wohl möglich,“ verſetzte der Profeſſor,„und ich geſtehe Ihnen, daß mir dies in vorliegendem Fall be⸗ ſonders peinlich iſt. Aber keine perſönliche Rückſicht ſoll —— —.,,— — 10⁰— mich beſtimmen, von einem Grundſatz abzuweichen. Ich habe früher einmal die Erfahrung gemacht, wie demü⸗ thigend es iſt, einem Knaben, dem die nöthige Vorbil⸗ dung, dem Verſtändniß und inneres Intereſſe fehlte, ernſte Männerarbeit zurechtzuſchneiden. Ich thue es nie wieder. Dann aber handle ich im Intereſſe dieſer jun⸗ gen Herren ſelbſt, ſo viel ich als Einzelner vermag, deſſen Studien von der Heerſtraße fürſtlicher Bildung weitab liegen. Wollen ſie von uns etwas lernen, was für ihr Leben fruchtbar iſt, ſo ſollen ſie es ordentlich lernen, und ſie ſollen mit den Vorkenntniſſen zu uns kommen, welche ihnen möglich machen, von der Wiſſen⸗ ſchaft Nutzen zu ziehen. Ich habe hie und da aus der Ferne geſehen, wie traurig es mit der innern Bildung der Mehrzahl beſtellt iſt. Das flache zerſtreuende Weſen ihrer Erziehung, welches ihnen faſt die Möglichkeit nimmt, an irgend einem Gebiete geiſtiger Arbeit ein warmes Intereſſe zu nehmen, macht ſie auch ſpäter für das Le⸗ ben und für ihre Regentenpflichten wenig brauchbar. Und wir nehmen Theil an dieſem Unrecht, wenn wir Jünglinge, die in Wahrheit nicht die Kenntniſſe eines Tertianers haben, mit dem Schein und Firniß wiſſen⸗ ſchaftlicher Cultur überziehen. Denn darauf iſt es doch in der Regel abgeſehen. Man braucht ſicher nicht die Univerſität zu beſuchen, um ein tüchriger Mann zu wer⸗ den; wenn man aber dieſen ſchwierigen Weg einſchlägt, — und ich meine allerdings, jeder künftige Regent ſollte das— ſo darf es nur in einer Weiſe geſchehen, welche — 110— auch tüchtige Reſultate ſichert. Ich verurtheile nicht die Lehrer, welche anders denken,“ ſchloß der Profeſſor, „es giebt ohne Zweifel Disciplinen, bei denen gedrängte Darſtellung einiger Hauptſätze möglich und nützlich iſt. Die Alterthumswiſſenſchaft wenigſtens gehört nicht dazu. Und deshalb bitte ich zu entſchuldigen, wenn ich mich dem jungen Herrn für Privatſtunden verſage.“ Der Rector zuckte die Achſeln und ſprach dieſen Grundſätzen ſeine Anerkennnng aus. „Mein armer Erbprinz,“ rief Ilſe bedauernd, als der Rector ſich entfernt hatte. „Mein armer Codex,“ parodirte der Profeſſor la⸗ chend. „Aber eine Ausnahme haſt du doch gemacht,“ wandte Ilſe ein,„bei deinem Weibe.“ „Hier iſt die Lehrſtunde nur der Leitfaden, unſer ganzes Leben die Erläuterung,“ verſetzte der Profeſſor. „Den künftigen Landesherrn von Bielſtein aber wirſt du unter dieſen Umſtänden wohl nur aus der Ferne als dein ſtilles Eigenthum betrachten können; und auch mir ſchwindet eine gewiſſe unſichere Hoffnung, welche ich auf das flüchtige Begegnen mit ſeinem Vater baute. Denn es iſt allerdings wahrſcheinlich, daß man dort meine Weigerung als launiſchen Hochmuth auffaßt.“ Darüber hätte der Profeſſor ruhig ſein können. Es wird dafür geſorgt, daß ſolche Auffaſſung nicht zu rechter Zeit an die Adreſſe gelangt, für welche ſie be⸗ -,— — 111— ſtimmt iſt. Die Schärfe wird umgebogen, die Spitze abgebrochen und zuletzt hält man in hoher Luft der⸗ gleichen Geſinnung für ſo ungeheuerlich, daß man ſie nur den verworfenſten Menſchen zutraut. Dafür galt der Profeſſor keineswegs. Schon der Rector war vor⸗ ſichtig genug, die Weigerung Werners durch Gründe zu verdecken, und in der Reſidenz des Fürſten hatte man einmal beſchloſſen, daß der Erbprinz ein Zuhörer des Profeſſors werden ſollte. Aus dem eingeſandten Ver⸗ zeichniß der Vorleſungen wurde ein kleines Collegium Werners ausgeſucht: Beſichtigung und Erklärung an⸗ tiker Bildwerke in Gipsabgüſſen, bei welchen der Erb⸗ prinz mit ſeinem Begleiter wenigſtens nicht unter allerlei bunten Mützen zu ſitzen nöthig hatte, ſondern in fürſtlicher Iſolirung umherwandelnd gedacht werden konnte. Wieder wogten die Wellen der reifen Aehren, als 3 Ilſe mit ihrem Gatten dem Gute des Vaters zufuhr. Ein Jahr, reich an Freuden, nicht frei von Schmer⸗ zen, lag hinter ihr, auch ſie hatte jetzt eine kleine Ge⸗ ſchichte, Frieden und Streit, Wachsthum und Vergehen am eigenen Leben erfahren. Wer in ihr Antlitz ſah, der konnte an der bleichen Wange das Leid erkennen, welches ſie getroffen, und an dem ſinnenden Blick, daß ernſte Gedanken durch ihr Haupt aezogen waren Aber ZA — 112— als ſie auf der Höhe das dunkle Dach des Vaterhauſes erblickte und an der wetterblauen Holzkirche vorbeifuhr, da war Großes und Kleines vergeſſen, und ſie empfand ſich wieder als Kind in dem Frieden der Heimath, der ihr jetzt ſo wohlthuend und troſtbringend erſchien. Und als ſich die Gutsleute um die Thür drängten, als die Geſchwiſter heranſtürmten, und der Vater alle überragend den Gatten und ſie ſelbſt aus dem Wagen hob, da hielt ſie jeden in ſtummem Gruß umfangen, aber als der kleine Franz an ihr aufſprang, drückte ſie ihn ſo lange an ihr Herz, bis ſie die Haltung verlor und in Thränen ausbrach, ſo daß ihr der Vater das Kind vom Arme nehmen mußte. Es konnte nur ein kurzer Beſuch ſein, den die Gatten auf dem Gut machten, Amtsgeſchäfte zwangen den Profeſſor zu ſchneller Heimkehr, er hatte Ilſe den Vorſchlag gemacht, ſie länger beim Vater zu laſſen und wieder abzuholen; ſie aber wollte nicht. Prüfend ſah der Vater auf Haltung und Antlitz der Tochter und ließ ſich von dem Profeſſor immer wie⸗ der erzählen, wie ſchnell und gut ſie in der Stadt hei⸗ miſch geworden war. Unterdeß flog Ilſe durch Hof und Garten hinaus in die Landſchaft, wieder leichtbeflügelt wie die kleinen Geſchwiſter, die ihre Hand nicht loslaſſen wollten.„Alle ſeid ihr gewachſen,“ rief ſie,„mein Krauskopf aber am meiſten, der wird werden wie der Vater. Ein Landwirth, Franz.“ — 113— „Nein, ein Profeſſor,“ erwiederte der Knabe. „Ach du armes Kind,“ ſagte Ilſe. Die Feldarbeiter verließen die Garben und eilten ihr entgegen, es gab viel zu grüßen und zu fragen, der Großknecht hielt ſeine Pferde an, ſein Sattelpferd, der Schimmel, rückte heftig mit dem Kopfe.„Er kennt Sie recht gut,“ ſagte der Knecht, und klatſchte luſtig mit der Peitſche. Ilſe ging in das Dorf und trug ihren Gruß zu den Todten und den Lebendigen, und als der kranke Benz ſie endlich losgelaſſen hatte, rief er nach ſeiner Tafel und verfertigte mit zitternder Hand ein Freudenge⸗ dicht. Bedächtiger wandelte die Frau Profeſſorin durch den Hof. Vom Zuge der Mägde geleitet, ſchritt ſie den Gang zwiſchen den Rindern entlang, trotz ihrem modi⸗ ſhen Kleide, der ſagenhaften Frau Berchta ähnlich, elche Segen ſtreuend durch Stall und Haus des Land⸗ anns gleitet. Vor jedem gehörnten Haupte hielt ſie i, die Kühe hoben die Mäuler zu ihr auf und brumm⸗ en, bei jeder war eine wichtige Neuigkeit zu berichten. Die Mägde wieſen ihr ſtolz die angebundenen Kälber und baten um Namen für die erwachſenen Ferſen; denn der Herr hatte befohlen, daß Ilſe das Jungvieh mit Namen verſehen ſollte, und die Mägde freuten ſich über die vornehmen Stadtnamen Kalypſo und Xanthippe.— Alles vertraut und alles wie ſonſt, und doch bei jedem Schritt Neues für Auge und Ohr.. Clara gab ihr Rechenſchaft über die Wirthſchaft; das Mädchen hatte ſich trefflich gehalten, ihr Lob, 8 Freytag, Handſchrift. II. — 114— welches die Mamſell und, was wichtiger war, die Groß⸗ magd in vertraulicher Unterredung ertheilten, that Ilſe ſehr wohl, und ſie ſagte:„ZJetzt erſt bin ich ganz be⸗ ruhigt, ich kann hier entbehrt werden.“ Gegen Abend ſuchte der Profeſſor ſeine Frau, die ſeit Stunden verſchwunden war. Er hörte den Lärm der Kinder am Bach, und dachte ſich, wo Ilſe jetzt ſein müßte. Als er um den Stein der Höhle bog, ſah er ſie im Halbdunkel ſitzen, das Auge nach dem Vater⸗ hauſe gewandt. Er rief ihren Namen und ſtreckte die Arme nach ihr aus, ſie flog ihm an die Bruſt und ſagte leiſe:„Ich weiß, daß an deinem Herzen meine. Heimath iſt; habe Nachſicht, wenn die alte Zeit mir jetzt mächtig wird.“ Am ſpäten Abend, als der Vater den Profeſſon in das Schlafzimmer führte und mit ihm noch Ge, ſchäfte und Politik beſprach, ſchickte Ilſe ihre Schweſte Clara zu Bett und ſie ſetzte ſich auf den Stuh Und als der Vater hereinkam, das Licht vom Tiſ zu holen, fand er die Ilſe wieder an ihrer alten Stelle zum Nachtgruß, und ſie hielt ihm den Leuch⸗ ter hin. Er ſetzte das Licht auf den Tiſch, ging, wie er pflegte, vor ihr auf und ab und begann: „Du biſt bleicher und ernſter als du warſt. Wird das vorübergehen?“ „Ich hoffe, es wird vorübergehen,“ wiederholte die Toch⸗ ter.— Nach einer Weile fuhr ſie fort:„Man denkt über vieles anders in der Stadt, und man glaubt anders, Vater.“ — 105— Der Vater nickte mit dem Kopf.„Das war's,“ ſagte er,„und deshalb habe ich um dich geſorgt.“ „Und es wird mir unmöglich, ſchwere Gedanken los zu werden,“ ſprach Ilſe leiſe. „Armes Kind,“ rief der Landwirth,„dabei dir zu helfen, geht über meinen Verſtand. Denn bei uns auf dem Lande iſt es leicht, an Vaterſorge zu glauben, wenn man über das Feld geht und ſich des Wachsthums freut. Aber laß dir von einem Landmann ein vertrauliches Wort ſagen. Es iſt in allen Dingen auf Erden Be⸗ ſcheidenheit nöthig und Entſagung. Wir auf dem Lande ſind nicht beſſer und geſcheuter, weil wir wenig um das ſorgen, was dem Menſchen räthſelhaft iſt. Wir haben keine Zeit zu grübeln, das iſt bequem, und wenn uns ein Gedanke erſchreckt, hilft die Arbeit darüber weg. Aber manchmal kommt doch die Ungewißheit. Auch ich habe Tage gehabt, und ich habe ſie noch, wo ich mir meinen Kopf zerbreche, obgleich ich weiß, daß ich nicht auf's Reine kommen kann; und deshalb ſuche ich mir jetzt ſolche Gedanken fern zu halten. Das iſt Vorſicht, aber es iſt nicht Tapferkeit. Du biſt hinein⸗ geſetzt in ein Leben, wo dir das Hören und Nachdenken unvermeidlich wird. Du mußt dich durchkämpfen, Ilſe. Und vergiß dazu zweierlei nicht. Die Menſchen haben von je ſehr verſchieden angeſehen, was ihnen nicht ganz verſtändlich war, und ſie haben einander deshalb ſeit alter Zeit gehaßt und wie Kannibalen geſchlachtet, nur weil jeder gegen den andern Recht haben wollte. Darin 8* — 116— liegt eine Warnung. Aber Eines hat ſich immer be⸗ währt gegenüber dem Zweifel: ſeine Pflicht thun, alle Tage das Nächſte thun, und im Uebrigen vertrauen, daß man nicht deshalb verloren iſt, weil man Eines und das Andere denkt. Biſt du der Liebe deines Man⸗ nes ſicher?“ „Ja,“ verſetzte Ilſe.. „Und haſt du eine aufrichtige Achtung vor dem, was er thut, für dich und für alle anderen?“ „Ja,“ rief Ilſe. „Dann iſt alles in Ordnung,“ ſagte der Vater, „denn an ſeinen Früchten erkennen wir den Acker. Um das Uebrige grämen wir uns nicht heut, nicht in der Zukunft. Gieb mir das Licht und geh zu deinem Mann. Gute Nacht, Frau Profeſſorin.“ Bere, ke, cje T riht zumn ve e, Mr 9 — — &☛ ‿ — — — — A 1. Die Buttermaſchine. Im großen Saale der Univerſität war ein gewähl⸗ tes Publikum verſammelt, Würdenträger der Regierung und Stadt, Männer der Wiſſenſchaft, hinter ihnen die Studenten, welche ab⸗ und zuſtrömend die Thür des großen Portals in Bewegung erhielten. Oben aber auf der Gallerie ſaßen die Frauen der Profeſſoren, in der Mitte der erſten Reihe Ilſe mit Laura auf dem Ehrenplatz. Heut war für Ilſe ein großer Tag, denn der Glanz der höchſten akademiſchen Würde ſank auf das Haupt ihres Gatten. Felix Werner war zum Rec⸗ tor Magnificus gewählt und ſollte hier ſein Amt an⸗ treten. In langem Zuge ſchritten die Lehrer der Univerſität in den Saal, vor ihnen die Pedelle in alterthümlicher Amtstracht, große Scepter in der Hand; die Herren ſelbſt nach den Facultäten geordnet. Die Theologie begann den Zug und die Philoſophie ſchloß den Reigen, dieſe an Zahl der Männer und Bedeutung die ſtärkſte Abthei⸗ lung, alle zuſammen aber bildeten eine ſtattliche Ge⸗ noſſenſchaft, neben einzelnen Nullen gingen hochberühmte 4 b Herren, auf welche das Land ſtolz ſein durfte, und es war eine Freude für Jedermann, ſo viel gelehrtes Wiſſen körperlich verſammelt zu ſehen. Nur die wür⸗ dige Darſtellung im Zuge gelang den großen Geiſtern nicht, ſie hielten ſchlecht Reihe, mancher ſah aus, als ob er mehr an ſeine Bücher denke, als an den Ein⸗ druck, welchen ſeine Geſtalt dem Publikum machen ſollte, einer hatte ſich gar verſpätet— er hieß Raſchke — und kam ſorglos und vertraulich grüßend hinter den jüngſten Privatdocenten hergelaufen. Den Zug empfing ein lateiniſcher Geſang des akademiſchen Sän⸗ gerchors, nicht verſtändlich, aber feſtlich. Die Profeſ⸗ ſoren ordneten ſich auf ihren Sitzen, der bisherige Rector betrat ein hohes, mit Blumen verziertes Kathe⸗ der, hielt zuerſt eine gelehrte Rede über den Nutzen, welchen vor längerer Zeit das unruhige Volk der Ara⸗ ber der mediciniſchen Wiſſenſchaft gebracht hat, und be⸗ richtete dann über die akademiſchen Ereigniſſe des letzten „Jahres. Der Vortrag war ſchön und alles war ſehr feierlich, die Ehrengäſte der Stadt und Regierung ſaßen unbeweglich, die Profeſſoren hörten ergeben zu, die Studenten knarrten nur wenig an der Thür, und wenn von dem gemalten Plafond der Aula zuweilen die Lange⸗ weile ihre großen Fledermausflügel gegen die Augen der Zuhörer herabbewegte, wie bei akademiſchen Schauſtel⸗ lungen unvermeidlich iſt, Ilſe merkte heut nichts davon. Als Magnificus den Vortrag beendet hatte, bat er mit einer zierlichen Handbewegung und den verbindlichſten ☛ Worten ſeinen Nachfolger, zu ihm auf die Erhöhung zu ſteigen. Ilſe erröthete, als ihr Felix das Katheder betrat. Der Rector nahm ſein Baret ab, die goldene Kette und den Mantel, der ganz wie ein alter Fürſten⸗ mantel ausſah, und Alles ſetzte und hing er um ſeinen Nachfolger mit warmen Wünſchen und Aeußerungen der Hochachtung. Laura flüſterte ihrer Nachbarin zu: „Wenn unſer Herr Profeſſor ein Schwert an der Seite trüge, wäre er ganz wie ein Kurfürſt auf den Bildern draußen;“ und Ilſe nickte freudig, es war genau ihre Anſicht. Jetzt aber trat Werner in Purpurmantel und Kette vor. Die Pedelle kreuzten ihre Scepter zu beiden Seiten des Katheders und der neue Rector hielt maje⸗ ſtätiſch eine Anſprache an Profeſſoren und Studenten, worin er Günſtiges erbat und gutes Regiment verhieß. Wieder begann der akademiſche Chor ein lateiniſches Triumphlied und der Zug der Univerſitätslehrer bewegte ſich in das Nebenzimmer zurück, wo die Profeſſoren ihren Rector händeſchüttelnd umſtanden und die Pedelle Pur⸗⸗ purmantel und Kette in Käſten packten, zur Schonung für ſpätere Zeiten. Auch Ilſe empfing die Glückwünſche der Frauen und des Theetiſches, welcher ſich an der Gal⸗ lerietreppe aufſtellte und ſie luſtig mit„Magnificenz“ begrüßte. Zu Haus fiel Ilſe dem Gatten um den Hals und ſagte ihm, wie ſtattlich er in ſeinem Ornate aus⸗ geſehen habe.„Was die Zigeunerin ſprach,“ rief ſie, „heut iſt es erfüllt, heut trug der Mann, den ich liebe, den Fürſtenhut, ſei gegrüßt, du mein Fürſt und Herr.“ Für den Nachmittag dieſes großen Tages war der Beſuch des Erbprinzen angemeldet, Ilſe ſah noch ein⸗ mal in die Winkel der blanken Wohnung, damit ſie als Hausfrau keine Unehre erlebe, und ließ ſich von dem Gatten über die Form unterrichten, in der man mit vornehmen Herren ſpricht.„Damit ich Beſcheid weiß, wenn er ſich auch um mich kümmert. Ich bin unruhig, Felix, denn es iſt doch etwas Großes, den künftigen Herrn der Heimath kennen zu lernen.“ Mit dem Stundenſchlag fuhr der Wagen vor, Ga⸗ briel in ſeinem beſten Frack führte die Herren an das Zimmer des Rectors. Unterdeß ging Ilſe erwartungs⸗ voll in ihrer Stube auf und ab. Nicht lange und ihre Thür wurde geöffnet, zwei Herren traten, von dem Gatten geleitet, ihr entgegen. Da war der Prinz, eine zarte Geſtalt unter Mittelgröße, ſchwarzes Haar, ein kleines Geſicht mit weichen Zügen, über den feinen Lippen ein dunkler Streif, welcher den beginnenden Bart andeutete, die Haltung etwas ſchlottrig und verlegen, ſo machte er den Eindruck eines zarten und ſchwächlichen Menſchen⸗ kindes. Befangen trat er auf Ilſe zu und ſagte ihr ſo leiſe, daß ſie kaum die Worte verſtand, wie ſehr er ſich freue, in ihr eine Landsmännin zu begrüßen. Ilſe erhielt durch ſein ſchüchternes Weſen ihren Muth zurück, und da ſie in dem Anblick ihres jungen Prinzen ein wenig bewegt war, ſo begegnete ihr, daß — 123— ſie ihm eine kleine Rede hielt:„Wir aus unſerm Lande hängen an der Heimath, und da ich jetzt Ew. Hoheit ſo nahe vor mir ſehe, wage ich auch zu ſagen, daß ich Ew. Hoheit ſehr gut wieder erkenne. Sie waren noch ein ganz junger Herr, und ich war ein halbwüchſiges Mäd⸗ chen, da ſah ich Sie zuerſt neben Ihrem Herrn Vater in der Reſidenz. Ew. Hoheit ſaßen auf einem ſehr kleinen Pferde, während mein Vater und ich grüßten, ſtand das Pferd ſtill und wollte nicht weiter gehen. Sie ſahen mich freundlich an, ganz mit denſelben Augen, wie jetzt. Ich hielt ein Paar Roſen in der Hand, und weil Sie unſer junger Prinz waren, bot ich Ihnen die Roſen an. Aber Sie ſchüttelten den Kopf, und Sie konnten auch nichts nehmen, weil Sie den Zügel halten mußten, und ich glaube, Sie waren etwas ängſtlich auf dem Pferde. Nur das Pferd fuhr mit ſei⸗ nem Kopf nach den Blumen. Da kam ein Großer in Uniform herangeritten, faßte das Pferd, und wir traten zurück. Sie ſehen, ich weiß noch Alles, denn für ein Mädchen vom Lande iſt ſo etwas eine wichtige Erinne⸗ rung.— Aber erweiſen Hoheit mir doch die Ehre Platz zu nehmen.“ Der Begleiter des Prinzen, Kammerherr von Wei⸗ degg, begrüßte Ilſe verbindlich; er war ein Mann in mittlen Jahren, groß, von guter Haltung und keinem üblen Geſicht. Er übernahm die Leitung der Wechſel⸗ reden und ein kleines Geſpräch luſtwandelte über die Berge und Wälder des Heimathlandes. Es blieb ein anſtändiger Austauſch von Worten, welcher ſich unge⸗ wöhnlicher Gedanken gänzlich enthielt. Der Prinz war ſchweigſam, ſpielte mit einem Augenglaſe, und ſah be⸗ fremdet und vorſichtig auf die ſtattliche Profeſſorsfrau, welche ihm gegenüber ſaß. Zuletzt frug der Kammerherr nach den Stunden, wo dies Zimmer ſich Fremden öffne, und drückte den Wunſch aus, dem Prinzen und ihm möge geſtattet ſein, zuweilen einzutreten.„Von den we⸗ nigen Beziehungen, welche die fremde Stadt bietet, iſt uns dies Haus beſonders werthvoll, in welchem mein durchlauchtigſter Prinz das Recht beanſpruchen darf, nicht ganz als Fremder behandelt zu werden.“ Das alles war recht ſauber und verbindlich, und als der Profeſſor die Fremden bis an die Entreethür geleitet hatte, ſagte er zu ſeiner Frau:„Nun, ſie ſehen ja menſchlich genug aus.“ „Ich habe mir Prinzen ganz anders gedacht, Felix, keck und übermüthig, dieſer hatte nicht einmal einen Stern auf der Bruſt.“ „Der war nur in die Taſche geſteckt,“ tröſtete der Profeſſor.. „Aber er ſieht aus wie ein guter Junge,“ ſchloß Ilſe,„und da er mein Landsmann iſt, ſoll er auch gut behandelt werden.“. „So iſt es recht,“ verſetzte der Profeſſor lachend. 1 Es machte ſich in den nächſten Wochen allmälig, daß der Erbprinz und ſein Kammerherr die gute Be⸗ handlung behaglich fanden. Der Kammerherr bewährte ſich als angenehmer Mann, er hatte größere Reiſen ge⸗ macht, hatte einiges erlebt, vieles geſehen und allerlei geleſen, auch was nicht grade am Wege liegt; er ſam⸗ melte Autographen und war dem menſchlichen Geſchlecht durch kein Laſter und durch keine üble Gewohnheit läſtig. Während einem längeren Aufenthalt in Rom hatte er mit alten Bekannten des Profeſſors in Ver⸗ bindung geſtanden, er war durch die Ruinen Pompeji's gewandelt und zeigte ein wohlthuendes Intereſſe an der Einrichtung altrömiſcher Häuſer. Außerdem verſtand er gut zu hören und zu fragen und erzählte zuweilen mit anſtändiger Mediſance Anekdoten von vielgenannten Perſonen. So geſchah es, daß der Profeſſor gern mit ihm verkehrte, und daß er am Theetiſche Ilſes den Wir⸗ then willkommen, den Gäſten nicht unbequem war. Auch ihm ſelbſt ſchien der Verkehr mit den gelehrten Herren Freude zu machen, er beſuchte den Doctor und betrachtete bei dieſem alte Holzſchnitte, er behandelte den Profeſſor Raſchke mit rückſichtsvoller Artigkeit und be⸗ gleitete nebſt ſeinem Prinzen den Philoſophen an einem klaren Winterabend bis zu der entlegenen Wohnung, während Raſchke ſehr intereſſante Beobachtungen über den Schlaf der Pflanzen mittheilte. Daß der Erbprinz ſich ebenſo gut unter den Pro⸗ feſſoren zurecht fand, konnte man nicht behaupten; er hörte dem Geſpräch der Männer leidend zu, wie einem akademiſchen Hörer ziemte, und ſprach durchaus und zu rechter Zeit das Schickliche. Nur zuweilen deutete er durch leiſes Knipſen ſeiner Lorgnette an, ſein Gemüth werde wohl eine andere Art von Unterhaltung nicht ungern ertragen. Ilſe war unzufrieden, wenn er mit der Lorgnette knackte, und wenn ſie zu ihm hinüberſah, hörte das Knipſen auf. Denn Ilſe wollte, daß er ſich unter den andern Männern recht ſtattlich hervorthun ſollte, und ihr war, als könnten die Herren ihr ſelbſt einen Vorwurf daraus machen, daß ihr Prinz für Männergeſchäfte kein rechtes Herz erwies. Sie war deshalb als Hausfrau mit zar⸗ ter Aufmerkſamkeit um ihn bemüht; ſie wagte den Rath, daß er den Thee nicht zu ſtark trinken möchte, und be⸗ reitete ihm ſelbſt die Miſchung. Der Prinz ließ ſich das gern gefallen, er ſaß am liebſten auf dem Stuhl neben ihr und ſah ihr freundlich zu, wie ſie um den Tiſch wirthſchaftete. Nur ihr gegenüber ging er ein wenig aus ſeiner vorſichtigen Zurückhaltung heraus, er erzählte ihr was er von Merkwürdigkeiten der Stadt geſehen, und wenn er grade nichts zu ſprechen hatte, machte er wenigſtens ihr Amt leicht, er ſtellte den Sahn⸗ topf vor ſie hin und hatte ein ſcharfes Auge auf die Zuckerbüchſe, wenn er meinte, daß Ilſe für ſich davon Gebrauch machen könne. Einſt, als er wieder ſchweigſam neben ihr ſaß und die Herren grade zornig über der Bibliothekverwaltung des Vaticans zu Gericht ſaßen, machte Ilſe den Vor⸗ ſchlag, ein Werk anzuſehen, das ihr der Gatte gekauft hatte, gutgeſtochene Bildniſſe berühmter Gelehrten und Künſtler. Sie gingen zu der. Lampe des Nebenzimmers, der Prinz betrachtete mit matter Theilnahme die Köpfe. „Von manchen weiß ich nichts,“ begann Ilſe,„als einige Worte, die mir mein Mann über ſie erzählt hat. Ihre Bücher habe ich nicht geleſen, und von den ſchönen Werken, die ſie gemalt und componirt haben, kenne ich auch gar wenig.“ „Mir geht es grade ſo,“ verſetzte der Prinz ehrlich, „nur die Muſiker kenne ich etwas.“ „Und doch iſt eine Freude, die Geſichter anzuſehen,“ fuhr Ilſe fort,„man denkt bei jedem, wie der Character und die Vorzüge dieſes Mannes ſein möchten, und wenn man Jemand fragt, der mehr weiß, ergiebt ſich manch⸗ mal eine Beſtätigung, und manchmal ein Irrthum. Das hilft einem, die Männer lieb und vertraulich zu machen, und man ſucht Gelegenheit, auch mit ihrer Kunſt und Weisheit bekannt zu werden. Ich mühe mich jetzt, von einem nach dem andern mehr zu erfahren. Wenn man aber etwas von einem großen Mann geleſen hat und ſein Bild nach einiger Zeit wieder anſieht, dann iſt es, als ſchaute man in das Geſicht eines guten Freundes.“ „Leſen Sie gern?“ frug der Prinz aufblickend. „Langſam,“ erwiederte Ilſe,„denn von ernſten Dingen geht nicht viel auf einmal in den ungelehrten Kopf, beſonders wenn es ernſte Gedanken erregt.“ „Ich leſe nicht gern,“ verſetzte der Prinz,„am wenigſten, was einem ſo vorgelegt wird. Und mir iſt es langweilig, denn ich habe nichts Ordentliches gelernt und ich weiß nirgend recht Beſcheid.“ Das ſagte er mit Bitterkeit. Ilſe erſchrak über das Geſtändniß.„Dem werden Ew. Hoheit jetzt abhelfen, es iſt ja hier ſo ſchöne Gelegenheit.“ „Ja,“ verſetzte der Prinz,„vom Morgen bis zum Abend, und alles durcheinander, ich bin jedesmal froh, wenn die Stunden zu Ende ſind.“ Ilſe betrachtete den jungen Herrn mit großer Be⸗ trübniß.„Das iſt ja für Ew. Hoheit ein rechtes Un⸗ glück. Haben Sie denn nichts, was Ihnen zu wiſſen oder zu beſitzen recht lieb iſt? Eine Sammlung von Steinen oder Schmetterlingen, oder von ſeltenen Büchern oder Kupferſtichen, wie der Doctor drüben? Dabei hat man das ganze Jahr ſein Vergnügen, und man lernt auch allerlei, wenn man ſich dieſe werthen Sachen zu⸗ ſammenträgt.“ 8 „Wenn ich dergleichen haben will, kann ich alles in Haufen geſammelt haben,“ verſetzte der Prinz.„Aber wozu? es ſteht ſchon ſo viel Zeug um mich herum. Wenn ich heut Steine ſuchen wollte, geriethen alle Leute um mich in Aufregung, und es würde mir entweder verwehrt oder eine ganze Sammlung in's Haus getragen.“ b„Das hilft freilich nichts,“ bedauerte Ilſe,„man muß ſelbſt um das Einzelne ſorgen, dann kommt die Freude. Ein Menſch kann nicht alles wiſſen, aber etwas muß jeder haben, was er ordentlich verſteht. Wenn ich — 129— mein kleines Leben vergleichen dürfte mit dem großen, das Ew. Hoheit erwartet, ſo könnte ich Ihnen wohl et⸗ was erzählen. Als meine gute Mutter ſich zu ihrer letzten Krankheit einlegte, war ich ein ganz junges Ding, aber ich wollte durchaus an ihrer Stelle die Wirthſchaft führen. Da fand ſich, daß ich mir nicht Rath wußte. Ich verſtand nicht einmal, ob die Leute fleißig oder träge waren, ich kannte auch nicht die Handgriffe, und wenn Jemand etwas ſchlecht machte, konnte ich's nicht lehren. Deßhalb ſaß ich an einem Abend muthlos und ärger⸗ lich über mich ſelbſt, und ich glaube, ich weinte. Da ſagte mein guter Vater: du durfteſt nicht ſo viel auf einmal übernehmen, du ſollſt erſt etwas genau lernen. Und er wies mich in die Molkerei. Wiſſen Ew. Hoheit, was das iſt?“ „Nicht ſo recht,“ verſetzte der Prinz. „Das iſt ja die Milchwirthſchaft des Gutes, ich will Ew. Hoheit ſagen, was dabei zu thun iſt.“ Sie erzählte ihm die ganze Tagesarbeit des Milch⸗ kellers.„Und jetzt machte ſich's ſo. Ich griff ſelbſt mit an, wurde feſt in der Arbeit und bekam ein Urtheil über die Mägde. Ich lernte jede Kuh genau kennen, und lernte auch, welche Art für uns am beſten war und warum. Denn nicht jede Race paßt überall hin. Bald bekam ich den Ehrgeiz, Butter und Käſe recht fein zu machen. Ich erkundigte mich bei den— und las auch zuweilen in einem Buch darüber. Dann beſprach ich mit dem Batzr Verboſſe Freytag, Handſchrift. II. —— —. 2— ——— — — 130— rungen. Und grade als ich wegkam, war die Rede davon, ſtatt unſeres großen Butterfaſſes von Holz eine neue Maſchine anzuſchaffen. Sie iſt jetzt aufgeſtellt, ſoll ſehr gut ſein und ſchöne Butter machen, ich habe ſie aber noch nicht geſehen. Denn Ew. Hoheit kennen doch das Buttern?“ „Nein,“ verſetzte der Prinz. Ilſe beſchrieb es ihm ein wenig.„Wenn aber der Vater um Johanni die große Rechnung machte, da war mein Stolz, daß die Kühwirthſchaft in jedem Jahre höhern Ertrag gab. Mich ärgerte nur, daß der Vater über meinen kleinen Gewinn lachte, denn der eigentliche Werth der Kühe lag für ihn in ganz andern Dingen.“ Auch darüber machte Ilſe eine leiſe Andeutung.„Und ſehen Hoheit,“ fuhr ſie fort,„erſt von dieſer Zeit ab fühlte ich mich in der Welt recht zu Hauſe. Noch jetzt, wenn ich einmal in eine Fabrik gehe, ertappe ich mich darüber, daß ich ſie wie eine andere Art Molkerei an⸗ ſehe, und wenn von Staatseinnahmen und Regierung die Rede iſt, vergleiche ich ſie noch heut mit unſerer Wirthſchaft. Aber es iſt wohl thöricht, daß ich Ew. Hoheit von Butter und Käſe unterhalte.“ Der Prinz ſah ihr treuherzig in die Augen.„Ach, gnädige Frau,“ ſagte er,„Sie ſind glücklich daran ge⸗ weſen, mir aber iſt es nie ſo gut geworden, daß ich bei dem, was mir lieb⸗ war, recht ruhig beharren konnte. Vom Morgen bis zuͤm ⸗Abend bin ich erzogen worden und von einem zum andern geſchleppt. Wenn ich als Kind in den Garten ging, war immer die Gou⸗ vernante dabei oder der Erzieher, und wenn ich im Graſe ſprang, wurde darauf gehalten, daß meine kleinen Sprünge auch für andere Leute gut ausſahen, nieder⸗ kauern durfte ich nicht; und als ich mich einmal auf den Kopf ſtellen wollte, wie ich bei andern Knaben ge⸗ ſehen hatte, gab es Entſetzen wegen der Unſchicklichkeit und Arreſt. Jeden Augenblick hieß es, das paßt nicht für einen Prinzen, oder das iſt jetzt nicht an der Zeit. So oft ich aus der Stube kam, ſtarrten mich die fremden Leute an, und auch ich mußte immer auf ſie ſehen und grüßen; mir wurde geſagt, wem ich die Hand geben durfte und wem nicht, wen ich anreden durfte und wen nicht. So ging es alle Tage. Im⸗ mer waren es leere Redensarten, in drei Sprachen, und jeden Tag war der Gedanke obenan, daß man ſich nur gut präſentire. Einmal wollte ich mir mit der Schweſter einen kleinen Garten anlegen, ſogleich wurde der Hofgärtner gerufen, der uns graben und pflanzen mußte. Da war's uns vom erſten Tage verleidet. Dann wollten wir Theater ſpielen und hatten uns ſchon ſelbſt ein Stück ausgedacht, wieder wurde uns geſagt, das ſei dummes Zeug, und wir mußten ein Spiel aus⸗ wendig lernen mit franzöſiſchen Redensarten, wo die Kinder immer riefen, wie lieb ſie Papa und Mama hätten, und wir hatten gar keine Mutter. Ueber die⸗ ſem Zurichten für den Schein iſt ine Kinderzeit ver⸗ gangen. Ich verſichere Sie, ich nichts gründlich, 39* und wenn ich jetzt hier in dem ewigen Lernen bleibe, ſo habe ich das Gefühl, daß es mir gar nichts helfen wird, und ich komme mir ſehr unnütz vor in der Welt.“ „Ach, das iſt traurig,“ rief Ilſe in tiefem Mitge⸗ fühl.„Aber ich flehe Ew. Hoheit an, verlieren Sie nur nicht den Muth. Es iſt unmöglich, daß das Leben un⸗ ter ſo vielen tüchtigen und geſcheuten Männern, die Sie hier finden, ohne Segen für Sie ſein ſollte.“ Der Prinz ſchüttelte den Kopf. „Denken doch Ew. Hoheit an Ihre Zukunft,“ fuhr Ilſe leiſe fort.„Ach, Sie haben alle Urſache, zuverſichtlich und tapfer zu ſein. Ihr Amt iſt doch das höchſte auf Erden. Wir andern arbeiten und ſind glücklich, wenn wir ein einzelnes Menſchenleben vor dem Untergange bewahren, und wenn es noch ſo klein und elend iſt, Ihnen aber wird einmal Wohlſein und Leben von vielen Tauſenden in die Hand gegeben. Was Sie für Schule und Bildung thun durch gute oder ſchlechte Lehrer der Seelen, und ob Sie für Krieg oder Frieden ſtimmen, das kann ein ganzes Land glücklich machen oder verderben. Wenn ich an dieſen erhabenen Beruf denke, kommt mir die Ehrfurcht vor Ihnen, und ich möchte Sie auf meinen Knieen an⸗ flehen, daß Sie thun, was möglich iſt, um ſich zu einem tüchtigen Fürſten zu machen. Dafür iſt jetzt der beſte Rath, daß Sie guten Willen zeigen, auch das zu ler⸗ nen, was Ihnen langweilig iſt. Und im Uebrigen ver⸗ trauen Sie der Zutunft, auch Ihnen wird die — — 133— Freude am Leben und das Gefühl der Tüchtigkeit kom⸗ men.“ Der Prinz ſchwieg, denn die Erwähnung ſeines künftigen Fürſtenamtes gehörte zu den Anſpielungen, welche bei Hofe verpönt ſind und die im ſtillen Geiſte zu verfolgen einem Thronerben noch weniger als andern erlaubt iſt. „Gelehrte Vorleſungen höre ich genug,“ ſagte end⸗ lich der Prinz,„ich wollte aber lieber, ich wäre bei einem Landwirth in der Lehre geweſen, wie Sie.“ Sie kehrten zu den Herren zurück und der Prinz nahm den Reſt des Abends aufmerkſam an der Unterhaltung Theil. Als er ſich entfernt hatte, ſagte Ilſe zu ihrem Gatten:„Da geht er hin, er hat, was Tauſende froh machen würde, und doch iſt er unglück⸗ lich, denn ſie haben ihm ſein ehrliches Herz in Leder eingenäht, wie einer Gliederpuppe. O, ſei gütig gegen ihn, Felix, und gönne ihm manchmal etwas von deiner Seele, damit ein Theil deiner Sicherheit und Kraft auf ihn übergehe.“ Der Gatte küßte ſie auf das Haupt und ſagte: „Dir wird das leichter möglich ſein als mir. Aber er ſelbſt hat ſich das Rechte geſagt, drei Jahre bei deinem Vater in der Wirthſchaft wären für ihn und ſein Land die beſte Hülfe.“ Beim Frühſtück des nächſten Morgens nahm der Kammerherr die Zeitungen aus der Hand des Lakeien, der Prinz ſaß ſchweigend am Tiſch, ſpielte mit dem 0 5 1 8 — 134— Kaffeelöffel und beobachtete eine Fliege, welche vom Rande des Sahntopfs unehrerbietige Verſuche machte, in die fürſtliche Milch zu ſinken. Da die ſchriftliche Inſtruction dem Kammerherrn die Pflicht auferlegte, den Prinzen vor jeder gefährlichen Lectüre zu behüten— es waren damit unzufriedene Zeitungen und ſchmutzige Romane gemeint— ſo bot er ſeinem Herrn zuerſt das unter allen Umſtänden gefahrloſe Tageblatt, wäh⸗ rend er ſelbſt eine wohlgeſinnte Zeitung ergriff, um dort die Hofnachrichten, Beförderungen und Ordensver⸗ leihungen zu muſtern. Er war längſt mit ſeiner Lectüre zu Ende, der Prinz aber ſtudirte noch immer über den friſchen Schellfiſchen und Auſtern. Betrübt ſah der Kammerherr, wie die junge Hoheit wieder einmal für den Lauf der Welt ſo geringe Theilnahme zeigte. Ein Bekannter des Kammerherrn war zum Rittmeiſter gvancirt, ein anderer kündigte ſeine Verlobung an, er verfehlte nicht, den Prinzen aufmerkſam zu machen, dieſer aber lächelte nur in ſeiner zerſtreuten Weiſe. Der Kammerherr ging alſo zu ſeiner nächſten Pflicht über, er überlegte das Programm des Tages. Und da ihm oblag, den Prinzen mit den Neuigkeiten der Kunſt, Literatur und der Stadt in geziemender Auswahl be⸗ kannt zu machen, ſo wartete er ungeduldig auf die Be⸗ freiung des Tageblattes, um ſich aus dieſem Rath zu holen. Endlich unterbrach der Prinz dieſe Erwägungen durch die Frage:„Hier finde ich eine permanente Aus⸗ — 135— ſtellung landwirthſchaftlicher Geräthe, was iſt in ſolcher Ausſtellung zu ſehen?“ Der Kammerherr verſuchte, das zu erklären, und knüpfte vergnügt den Vorſchlag an, auch einmal dieſe Ausſtellung zu beſuchen. Der Prinz gab durch ein ſchwaches Kopfnicken ſeine Einwilligung zu erkennen, ſah nach der Uhr und ging auf ſein Zimmer, den drei⸗ ſtündigen Morgencurſus durchzumachen, eine Stunde Staatswiſſenſchaft, eine Stunde Mythologie und Aeſthe⸗ tik, und eine Stunde Taktik und Strategie. Dann trat er mit ſeinem Begleiter den Weg nach der Aus⸗ ſtellung an. Selbſt dem Kammerherrn wurde langweilig zu Muth, als er hinter ſeinem jungen Herrn die großen Räume betrat, in denen unverſtändliche Maſchinen zahl⸗ reich durcheinander ſtanden. Der Geſchäftsführer des Fabrikanten begann die Erklärung, der Kammerherr that die Fragen, welche eine geziemende Wißbegierde andeuten ſollten, der Prinz ging geduldig von einem räthſelhaften Körper zum andern, und hörte etwas von Pflug, Erſtir⸗ pator und Walze. Endlich veranlaßte die große Dreſch⸗ maſchine den Erklärer, einen Arbeiter mit einer Treppen⸗ leiter zu Hülfe zu rufen. Der Prinz überließ dem Kammerherrn die Mühe, hinauf zu ſteigen und die innere Einrichtung zu bewundern, er ſpielte unterdeß mit ſeiner Lorgnette und frug den Geſchäftsführer in dem leiſen Tone, in dem er zu ſprechen gewöhnt war: „Haben Sie nicht auch eine Buttermaſchine?“ 3 ————— — 136— „Ja wohl,“ war die Antwort,„mehre von verſchie⸗ dener Conſtruction.“ Der Prinz gab ſich wieder ruhig der Betrachtung des großen Dreſchmechanismus hin und lernte die ſchöne Vorrichtung ſchätzen, welche das aus⸗ gedroſchene Stroh, das er ſich zu denken aufgefordert wurde, auf einen unſichtbaren Futterboden hinaufbe⸗ förderte. Endlich kamen die Geräthe an die Reihe, welche ihm am Herzen lagen, moderne Nachfolger des alten ehrlichen Butterfaſſes. Da ſtanden ſie neben ein⸗ ander, das kleine Handgefäß, durch welches, wenn der Verſicherung des Führers zu trauen war, jede Hausfrau in unglaublich kurzer Zeit ihre Butter ſelbſt bereiten konnte, und die gewaltige Erfindung, welche den Be⸗ dürfniſſen der größten Milchwirthſchaft ſpielend genügte. Der Prinz ließ ſich beſchreiben, wie der Rahm hinein⸗ gegoſſen, in eine gewiſſe kreiſende Bewegung geſetzt und durch dieſe Aufregung gezwungen wird, ſich mit ſich ſelbſt zu entzweien. Das alles hatte er ſchon viel ſchö⸗ ner gehört, aber es machte ihm Spaß, die Vorzüge des modernen Baues einzuſehen, und er wurde innig von ſeiner Vortrefflichkeit überzeugt. Er that zum Er⸗ ſtaunen ſeines Begleiters Fragen, ergriff die Kurbel und verſuchte ein wenig zu drehen, zog aber mit ver⸗ legenem Lächeln die Hand wieder zurück. Zuletzt frug er ſogar nach dem Preiſe. Der Kammerherr freute ſich über die anſtändige Wißbegierde, welche ſein junger Herr bewies, aber er wurde wieder gedemüthigt, als der Prinz ſich zu ihm wandte und franzöſiſch ſagte:„Was meinen — 137— Sie? Ich habe Luſt, die kleine Maſchine zu kaufen.“ Des Drehens wegen, dachte der Kammerherr mit innerm Achſelzucken.„Wie kommt es, daß Hoheit ſich grade dafür intereſſiren?“„Sie gefällt mir,“ erwiederte der Prinz,„und man möchte dem Mann doch etwas ab⸗ kaufen.“ Die niedliche Erfindung wurde erſtanden, in das Quartier des Prinzen getragen und in ſeiner Arbeits⸗ ſtube aufgeſtellt. Gegen Abend, während der Prinz ſeine Muſikſtunde am Flügel verlebte, mußte die Maſchine ſogar in dem Rapport erſcheinen, welchen der Kammer⸗ herr für den regierenden Herrn verfaßte. Rühmend hob der Berichterſtatter das Intereſſe hervor, welches ſein Prinz den nützlichen Werkzeugen deutſcher Bodencultur erwieſen hatte. Allein ſelten war dem armen Kammer⸗ herrn ſo ſchwer geworden, die Pflicht eines getreuen Hofmanns zu üben, welchem ziemt, perſönliches Empfin⸗ den zurück zu drängen und Peinliches mit Anmuth zu umziehen. Denn in Wahrheit fühlte er tiefe Scham über die unnütze Spielerei ſeines Prinzen. Aber man lernt bei Hofe nie aus, wie ſehr man auch den Faltenwurf eines fürſtlichen Gemüthes ſtudire, ſelbſt dem weiſeſten Hofmarſch Ul bleiben einzelne Tiefen unerforſchlich. Der Erbprinz aber bedeckte die Buttermaſchine mit einem ſeidenen Tuch, und wenn er allein war, trat er vorſichtig heran, drehte an der Kurbel und beobachtete den Mechanismus. Einige Tage darauf hatte der Kammerlakai den Prinzen ausgekleidet, die Schlafſchuhe zurecht geſtellt und ſeine Nachtverbeugung gemacht, da blieb der kleine aus⸗ gehülſte Prinz gegen Gewohnheit auf dem Stuhle ſitzen und hemmte den Abſchied des Dieners durch die Anrede: „Krüger, Sie müſſen mir einen Gefallen thun.“— „Hoheit haben zu befehlen.“—„Beſorgen Sie mir zu morgen früh, ohne daß es Jemand ſieht, einen gro⸗ ßen Topf Milch, aber Sie ſetzen die Milch nicht auf Rechnung.“—„Befehlen Hoheit gekochte oder un⸗ gekochte?“ Das war eine ſchwierige Frage. Der Prinz drehte ſchweigend am Schnurrbart und ſah ſeinen Krüger hülf⸗ los an.„Ich weiß nicht,“ brach er endlich heraus,„ich möchte gern einmal buttern.“ Krüger begriff ſcharfſinnig, daß dieſer Wunſch mit der neuen Maſchine zuſammen hing, und längſt gewöhnt, an vornehmen Herren nichts erſtaunlich zu finden, erwiederte er:„Dann muß aber die Maſchine erſt ausgebrüht werden, ſonſt ſchmeckt die Butter ſchlecht, und den Rahm dazu muß ich beſtellen. So möchten Ew. Hoheit ſich noch einen Tag gedulden.“ „Ich überlaſſe Ihnen alles,“ ſagte der Prinz ver⸗ gnügt,„nehmen Sie die Maſchine und ſorgen Sie, daß Niemand etwas erfährt.“ Als Krüger am Morgen des zweiten Tages beim Prinzen eintrat, fand er den jungen Herrn bereits an⸗ gekleidet und meldete, ſtolz auf ſeine vertraute Stellung: „Der Herr Kammerherr ſchläft noch, es iſt alles bereit.“ — 13³39— Der Prinz eilte auf den Zehen in die Stube, ein großer Topf Rahm wurde in den Leib der Maſchine gegoſſen, erwartungsvoll ſetzte ſich der Prinz an den Tiſch und ſagte:„Ich will ſelbſt drehen.“ Er drehte und Krüger ſah zu.„Aber gleichmäßig, Hoheit,“ er⸗ mahnte Krüger. Der Prinz konnte ſich nicht verſagen, den Deckel zu öffnen und hineinzublicken.„Es will noch nicht werden, Krüger,“ ſagte er kleinlaut.—„Nur im⸗ mer munter, Hoheit,“ ermahnte Krüger,„bitte um gnä⸗ digſte Erlaubniß, weiter zu drehen.“ Darauf drehte Krüger und der Prinz ſah zu.„Es wird,“ rief der Prinz vergnügt, als er hineingeſehen. „Ja, es iſt geworden,“ verſetzte Krüger.„Jetzt aber kommt die andere Arbeit. Die Butter muß her⸗ ausgenommen und ausgewaſchen werden. Befehlen Ew. Hoheit?“ „Nein,“ ſagte der Prinz mißtrauiſch,„das geht nicht. Aber die Maſchine iſt gut. Bringen Sie mir einen Löffel und das Weißbrot, ich fiſche heraus, was ich finde, man muß ſich zu helfen wiſſen.“ Der Prinz fuhr mit dem Löffel in das Getümmel, holte in der Bil⸗ dung begriffene Butter heraus und ſtrich ſie mit einem Gefühl von Behagen, das ihm ganz neu war, auf ſein Weißbrot.„Sie ſchmeckt) ſäuerlich, Krüger,“ ſagte er. „Das kann nicht anders ſein,“ verſetzte Krüger belehrend, „es iſt ja noch die Buttermilch drin.“—„Das thut nichts,“ tröſtete ſich der Prinz.„Krüger, ich hätte nicht gedacht, daß beim Buttern ſo viel zu beobachten iſt.— — 1490— „Ja, aller Anfang iſt ſchwer,“ verſetzte Krüger ermu⸗ thigend.—„Es iſt gut,“ ſchloß der Prinz gnädig,„neh⸗ men Sie die Maſchine heraus, und daß ſie mir recht rein wird.“ Seitdem ſtand die Buttermaſchine friedlich unter ſeidenem Tuche, der Prinz ſtellte ſich in einſamen Stunden zuweilen davor und überlegte, wie er ſie in die Hände liefern könne, denen er ſie heimlich beſtimmt hatte. 8 Die Sterne ſelbſt ſchienen das zu begünſtigen. Denn der rollende Erdball wälzte ſich dem letzten Himmels⸗ zeichen zu, welches die Seelen unſeres Volkes mit magi⸗ ſcher Gewalt auf das ſchönſte Feſt des Jahres richtet. Weih⸗ nachten war nahe und die Frauenwelt der Parkſtraße fuhr in geheimnißvoller Thätigkeit einher. Der Verkehr mit gu⸗ ten Bekannten wurde unterbrochen, angefangene Bücher lagen im Winkel, Theater und Concertſaal wieſen leere Plätze, die Accorde des Flügels und die neuen Bravour⸗ arien klangen ſelten in die raſſelnden Wagen der Straße, innere Kämpfe wurden beſchwichtigt, und böſer Nachbarn ward wenig gedacht. Was eine Hausfrau oder Tochter zu leiſten vermochte, das wurde auch in dieſem Jahr auffällig. Vom Morgen bis zum Abend flogen kleine Finger zwiſchen Perlen, Wolle, Seide, Pinſel und Pa⸗ lette umher, der Tag wurde zu achtundvierzig Stun⸗ den ausgeweitet, ſelbſt in den Minuten eines unruhi⸗ gen Morgenſchlummers arbeiteten dienſtfertige Heim⸗ chen und andere unſichtbare Geiſter im Solde der . . — 41— Frauen. Je näher das Feſt rückte, deſto zahlreicher wur⸗ den die Geheimniſſe, in jedem Schrank ſteckten Dinge, die Niemand ſehen ſollte, von allen Seiten wurden Packete in das Haus getragen, deren Berührung ver⸗ pönt war. Aber während die Hausgenoſſen geheimniß⸗ voll an einander vorüberſchlüpfen, iſt die Hausfrau ſtille Herrſcherin in dem unſichtbaren Reich der Geſchenke, Vertraute und kluge Rathgeberin aller. Sie kennt in dieſer Zeit keine Ermüdung, ſie denkt und ſorgt für Jedermann, die Welt iſt ihr ein großer Schrank gewor⸗ den mit zahlloſen Fächern, aus denen ſie unabläſſig herausholt, in die ſie Verhülltes nach weiſem Plane ein⸗ ſtaut. Wenn am Weihnachtsabend der Flitterſtern blitzt, der Wachsſtock träufelt und die goldene Kugel am Chriſt⸗ baum ſchimmert, da feiert die Phantaſie der Kinder ihre Saron Stunde, aber die Poeſie der Hausfrauen und Töchter füllt ſchon Monate vorher die Zimmer mit fröhlichem Glanz. Wenn man das Urtheil des Herrn Hummel als ge⸗ meingültig betrachten darf, iſt leider auch den Männern, welche die Ehre eines Hauſes zu vertreten haben, die Begeiſterung dieſer Wochen nicht vollſtändig entwickelt. „Glauben Sie mir, Gabriel,“ ſagte Herr Hummel an einem Decemberabend, während er einem Jungen nach⸗ blickte, der mit Brummteufeln umging,„in dieſer Zeit verliert der Mann ſeine Bedeutung; er iſt nichts als ein, 7ℳo Geldſpint, in dem ſich der Schlüſſelbart vom Morgen bis zum Abend dreht. Die beſte Frau wird unverſchämt und phantaſtiſch, alles Familienvertrauen ſchwindet, Eines geht ſcheu an dem Andern vorüber, die Hausord⸗ nung wird mit Füßen getreten, die Nachtruhe gewiſſen⸗ los ruinirt; wenn gegeſſen werden ſoll, läuft die Frau auf den Markt, wenn die Lampe ausgelöſcht werden ſoll, fängt die Tochter eine neue Stickerei an. Und iſt die lange Noth ausgeſtanden, dann ſoll man ſich gar noch freuen über neue Schlafſchuhe, welche einen Zoll zu klein ſind, und bei denen man ſpäter die grobe Schuſter⸗ rechnung zu bezahlen hat, und über eine Cigarrentaſche von Perlen, die platt und hart iſt, wie eine gedörrte Flunder. Endlich zu allerletzt, nachdem man goldene Funken geſpuckt hat wie eine Rakete, fordern die Frauen noch, daß man auch ihnen ſelbſt durch eine Schenkung ſein Gemith erweiſt. Nun, die meinigen habe ich mir gezogen.“ „Ich habe doch auch Sie ſelbſt geſehen, 5 wandte Gabriel ein,„mit Packet und Schachtel unter dem Arm.“ „Dies iſt wahr,“ verſetzte Herr Hummel,„eine Schachtel iſt unvermeidlich. Aber, Gabriel, das Denken habe ich mir abgeſchafft. Denn das war das Niederträch⸗ tige bei der Geſchichte. Ich gehe jedes Jahr zu derſelben Putzmacherin und ſage:„eine Haube für Madame Hum⸗ mel.“ Und die Perſon ſagt:„Zu dienen, Herr Hummel,“ und die Architectur ſteht reiſefertig vor mir. Ich gehe ferner jedes Jahr zu demſelben Kaufmann und ſage:„ein Kleid für meine Paahier Laura, ſo und ſo theuer, ein Thaler Spielraum nach oben und unten,“ und das Kleid liegt preiswürdig vor mir. Im Vertrauen, ich habe den Verdacht, daß die Frauen hinter meine Schliche gekom⸗ men ſind, und ſich die Sachen vorher ſelbſt ausſuchen, denn es iſt immer alles ſehr nach ihrem Geſchmack, wäh⸗ rend in früheren Jahren Widerſetzlichkeit ſtattfand. Jetzt haben ſie die Mühe, den Plunder auszuwählen, und am Abend müſſen ſie noch heucheln wie die Katzen, aus⸗ einanderfalten und anprobiren, ſich erſtaunt ſtellen, und mein ausgezeichnetes Geſchick loben. Das iſt meine einzige Genugthuung bei dem ganzen Kindervergnügen. Aber ſie iſt dürftig, Gabriel.“ So knarrte mißtönend die Proſa des Hausherrn, doch die Parkſtraße achtete wenig darauf, und ſie wird ſolchen Sinn immer mit gebührender Mißachtung be⸗ trachten, ſo lange ſüßer iſt für Andere ſorgen als für ſich ſelbſt und Freude zu machen ſeliger als Freudiges zu empfangen. Auch für Ilſe wurde in dieſem Jahr das Feſt eine große Angelegenheit, ſie trug wie eine Biene zuſam⸗ men, und nicht nur für die Lieben in der Heimath. Denn auch in der Stadt hatten ſich viele große und kleine Kinder an ihr Herz geneſtelt, von den fünf un⸗ mündigen Raſchke's bis zu den kleinen Barfüßlern mit dem Suppentopf. Auch bei ihr wurden die Sophawinkel unheimlich für den Gatten, für Laura und den Doctor, wenn dieſe einmal unerwartet eintraten. Als der Kammerherr einige Zeit vor dem Feſte — m einen Beſuch ſeines Prinzen bei dem neuen Rector ſchicklich erachtete, fanden die Herren Ilſe und Laura in eifriger Arbeit und den Salon der Frau Rectorin in eine große Marktbude verwandelt. Auf langem Tiſch ſtanden Weihnachtsbäumchen, und gefüllte Säcke lehnten ihren ſchweren Leib an die Tiſchbeine, die Frauen aber arbeiteten mit Elle und Scheere, zertheilten große Woll⸗ zöpfe und wickelten Linnenſtücke auseinander, wie Kauf⸗ leute. Als Ilſe den Herren entgegentrat und ihre Um⸗ gebung entſchuldigte, bat der Kammerherr dringend, ſich nicht ſtören zu laſſen.„Wir dürfen nur hier bleiben, wenn wir das Recht erhalten, uns nützlich zu machen.“ Auch der Prinz ſagte:„Ich bitte um die Erlaub⸗ niß zu helfen, wenn Sie etwas für mich zu thun haben.“ „Das iſt freundlich,“ verſetzte Ilſe,„denn bis zum Abend iſt noch Vieles zu vertheilen. Erlauben Ew. Ho⸗ heit, daß ich Sie anſtelle. Nehmen Sie den Sack mit Nüſſen, Sie, Herr Kammerherr, haben Sie die Güte die Aepfel unter ihre Obhut zu nehmen, du, Felix, er⸗ hältſt den Pfefferkuchen. Und ich bitte die Herren, kleine Häufchen zu machen, zu jedem zwanzig Nüſſe, ſechs Aepfel, ein Packet Kuchen.“ Die Herren gingen mit Feuer an die Arbeit. Der Prinz zählte gewiſſenhaft die Nüſſe und ärgerte ſich, daß ſie immer wieder unter einander fuhren, machte aber die Erfindung, durch zuſammengefaltete Papierſtreifen die Portionen beiſammen zu halten, die Herren lachten und und liebenswerth auls, daß ſich alle über ihn freuten. Emſig packte er ſeine Schätze vor der Frau Profeſſorin aus und ſchüttete zuletzt die Zuckerdüten auf den Tiſch. Seine Befangenheit war verſchwunden, er ſpielte in kindlichem Behagen mit den hübſchen Dingen, wies den Andern die kunſtvolle Arbeit an Marzipanpflaumen, bat Laura einen Tempelherrn aus Zucker für ſich zu be⸗ halten und wirthſchaftete zierlich und behend um den Tiſch, bis die Andern ihm bewundernd zuſahen und in ſeine Kinderſcherze einſtimmten. Als die Frauen den Ausputz der Fichtenbäumchen begannen, erklärte der Prinz, auch er werde dabei helfen. Er ſetzte ſich vor die Untertaſſe mit Eiweiß, ließ ſich die Handgriffe zeigen und wälzte die beſtrichenen Früchte in Gold⸗ und Silberblättchen. Ilſe ſetzte als Preis für den Herrn, der am meiſten und beſten arbeiten würde, eine große Dame von Pfef⸗ ferkuchen mit Reifrock und Glasaugen, und es entſtand ein löblicher Wetteifer unter den Herren, die beſten Stücke zu liefern. Der Profeſſor und Kammerherx wußten alle Kunſtfertigkeit zu verwenden, der Prinz aber arbeitete als Neuling etwas lüderlich, es blieben einzelne leere Stellen, und an andern bauſchte das Schaumgold. Er war mit ſich unzufrieden, aber Ilſe ermunterte ihn: „Nur müſſen Ew. Hoheit ſparſamer mit dem Golde ſein, ſonſt reichen wir nicht.“ Zuletzt exhielt der Kammer⸗ herr die Dame im Reifrock, und der Prinz als au⸗ ßerordentliche Belohnung für ſeine Strebſamkeit ein 10* — 148— Wickelkind, das aber auch durch zwei Glaskorallen in die Welt ſtarrte. Draußen auf dem Weihnachtsmarkt ſtanden die kleinen Kinder um die Tannenbäumchen und Weihnachts⸗ buden und ſchauten ahnungsvoll und begehrlich auf die Schätze, und in Ilſes Zimmer ſaßen die großen Kinder am Tiſche, ſpielend und glücklich; auch hier kam kein kluges Wort zu Tage, und der Prinz malte ſich zuletzt mit Eiweiß die Umriſſe eines Geſichtes auf die Hand⸗ fläche und vergoldete ſie mit den Metallblättchen. Als der Erbprinz aufbrach, frug der Profeſſor: „Darf ich fragen, wo Ew. Hoheit den Weihnachtsabend verbringen?“ „Wir bleiben hier,“ verſetzte der Prinz. „Da ſeltene Muſikaufführungen in Ausſicht ſtehen,“ fügte der Kammerherr hinzu,„hat des Fürſten Hoheit auf die Freude verzichtet, den Prinzen zum Feſt in ſei⸗ ner Nähe zu haben, wir werden alſo ſtille Weihnacht im Quartier halten.“ „Wir wagen nicht einzuladen,“ fuhr der Pro⸗ feſſor fort,„falls aber Ew. Hoheit an dieſem Abend nicht in anderer Geſellſchaft verweilen, würde uns große Freude ſein, wenn die Herren bei uns vorlieb nähmen.“ Ilſe ſah dankbar auf den Gatten, und der Prinz überließ diesmal nicht dem Kammerherrn die Antwort, ſondern nahm mit Wärme die Einladung an. Als er mit ſeinem Begleiter durch die gefüllten Straßen ſchritt, begann er vorſichtig:„Irgend etwas werden wir doch auch zu dem Weihnachtstiſch beiſteuern.“ „Ich habe ſoeben daran gedacht,“ verſetzte der Kam⸗ merherr,„wenn Ew. Hoheit den wackern Leuten die Ehre erweiſen und den Abend bei ihnen zubringen, ſo bin ich nicht ſicher, wie der Fürſt eine Beiſteuer meines gnädigſten Prinzen zu dieſem Weihnachtsbaum auffaſſen wird.“ „Nur nichts von Brochen oder Ohrringen aus dem langweiligen Kaſten des Hofjuweliers,“ rief der Prinz mit ungewohnter Energie,„es darf nur eine Kleinig⸗ keit ſein, am liebſten ein Scherz.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ beſtätigte der Kam⸗ merherr.„Aber es iſt doch rathſam, den Entſcheid dar⸗ über dem durchlauchtigſten Herrn anheim zu geben.“ „Dann bleibe ich lieber zu Hauſe,“ verſetzte der Prinz erbittert,„ich will nicht mit einem dummen Ca⸗ deau in der Hand eintreten. Läßt ſich nicht machen, daß der Beſuch ganz zwanglos erſcheint, wie auch die Einladung war?“ Der Kammerherr zuckte die Achſeln.„Wenige Tage nach dem Feſt wird der ganzen Stadt bekannt ſein, daß Ew. Hoheit dem Profeſſor Werner dieſe ungewöhnliche Ehre erwieſen haben. Ohne Zweifel wird das Ereig⸗ niß von irgend einem Unberufenen nach der Reſidenz geſchrieben. Hoheit wiſſen beſſer als ich, wie der Fürſt eine ſolche Nachricht aufnehmen mag, die ihm zuerſt von Fremden kommt.“ Dem Prinzen war die Freude verdorben.„So ſchreiben Sie meinem Vater,“ rief er zornig;„aber ſtellen Sie die Einladung dar, wie ſie vorgebracht wurde, und ſprechen Sie ſich gegen jedes gnädige Geſchenk aus. Es würde dieſe Familie nur verletzen.“ Der Kammerherr freute ſich über den Takt ſeines jungen Herrn und verſprach den Brief nach Wunſch einzurichten. Das verſöhnte den Prinzen und er be⸗ gann nach einer Weile:„Ich habe mir ausgedacht, Wei⸗ degg, was wir geben dürfen. Frau Profeſſorin iſt vom Lande, ihr ſchenke ich als Attrape die Maſchine, die ich neulich gekauft habe, und ich lege hübſche Bonbons oder ſo etwas hinein.“ „Jetzt will er die unnütze Spielerei wieder los wer⸗ den,“ dachte der Kammerherr.„Das geht unmöglich,“ erwiederte er laut.„Ew. Hoheit ſind gar nicht ſicher, daß Frau Profeſſorin den Scherz ſo auffaſſen wird, wie er gemeint war. Und verzeihen Ew. Hoheit die Bemerkung: es iſt ſehr mißlich, in ſolche Geſchenke et⸗ was zu legen, was Mißdeutungen unterliegen kann. Ew. Hoheit vollends dürfen dergleichen niemals wagen. Wenn auch die liebenswürdige Frau ſelbſt nichts dar⸗ in findet, in ihrem Kreiſe wird viel beſprochen werden, daß ein ſolcher Scherz von Ew. Hoheit gemacht iſt, und man würde darin leicht eine ironiſche Anſpielung auf ein gewiſſes ländliches Benehmen finden, welches der Dame unleugbar recht gut ſteht, aber doch hier und da Veranlaſſung zu leiſem Lächeln ſein kann.“ Dem Prinzen fror das Herz, er war wüthend auf den Kammerherrn, und erſchrak auch wieder bei dem Gedanken, daß er Frau Ilſe verletzen könnte; die Poeſie des Feſtes war ihm gründlich verdorben, er ging ſtumm in ſein Quartier. „Auf den Brief des Kammerherrn kam die Antwort, daß der Fürſt gegen einen gelegentlichen Beſuch des Erbprinzen trotz der nahe liegenden Inconvenienz nichts einwenden wolle, und daß, wenn eine Aufmerkſamkeit überhaupt unvermeidlich ſei, dieſelbe von einem Gärtner und Conditor beſchafft werden müſſe. Es wurde alſo eine Menge von Blumen und Confitüren durch den Kammerherrn eingekauft und vor dem Prinzen aufgeſetzt. Dieſer aber ſah kalt und ſchweigend über den fröhlichen Farbenglanz. Zwei Lakeien trugen die Sachen gegen Abend zum Rector mit einem kleinen Billet des Kam⸗ merherrn, welcher im Namen ſeines durchlauchtigſten Prinzen bat, die Sendung zum Ausputz des Weihnachts⸗ tiſches zu verwenden. Unterdeß ſtand der Prinz finſter vor dem landwirthſchaftlichen Mechanismus und haderte bitter mit ſeiner fürſtlichen Würde. Als er zur geziemenden Stunde bei Werners ein⸗ trat, war die Beſcheerung vorüber, der Chriſtbaum aus⸗ gelöſcht. Ilſe hatte das ſo gewollt,„es iſt nicht nöthig, daß die fremden Herrſchaften ſehen, wie wir uns über die Geſchenke freuen.“ Der Prinz empfing den Dank Ilſes über den prächtigen Schmuck ihres Tiſches mit Zurückhaltung und ſaß ſchweigend und zerſtreut vor dem — 152— Theekeſſel. Ilſe dachte:„Ihm thut es weh, daß er kei⸗ nen frohen Weihnachtsabend hat, das ärmſte Kind iſt luſtig vor ſeinem Fichtenbäumchen, und er ſitzt wie aus⸗ geſchloſſen von den Freuden der Chriſtenheit.“ Sie winkte Laura und ſagte dem Prinzen:„Wollen Ew. Hoheit nicht unſern Chriſtbaum anſehen? Die Lichter mußten gelöſcht werden, ſonſt brannten ſie auf einmal herunter. Iſt's aber Ew. Hoheit recht, ſo zünden wir die ganze Herrlichkeit noch einmal an, und es wäre ſehr gütig, wenn Hoheit uns dabei helfen wollten.“ Das war dem Prinzen doch willkommen, und er ging mit den Frauen in das Weihnachtzimmer. Dort erbot er ſich den Stock zu nehmen, an deſſen Spitze ein Wachsſtockende befeſtigt war, um die höchſten Lichter des mächtigen Baumes zu erreichen. Während er ge⸗ ſchäftig an dem Baum arbeitete, wurde ihm das Herz etwas leichter, und er ſah mit Antheil auf die Geſchenke, welche unter dem Baume lagen.„ZJetzt aber haben Ew. Hoheit die Güte hinauszugehen,“ ſagte Ilſe,„und wenn ich klingle, ſo gilt es Ihnen und Herrn von Weidegg, das kann Ew. Hoheit nicht erſpart werden.“ Der Prinz eilte hinaus, die Schelle tönte. Als die Herren eintraten, fanden ſie zwei kleine Tiſche gedeckt, darauf angezün⸗ dete Bäumchen, und unter jedem eine große Schüſſel mit Backwerk, das man nur in der Landſchaft zu backen verſtand, welcher ſie angehörten.„Das ſoll eine Erin⸗ nerung an unſere Heimath ſein,“ ſagte Ilſe,„und auf dem Bäumchen ſind die Aepfel und Nüſſe, welche die .* —— — 153— Herren ſelbſt vergoldet haben; die mit den rothen Flecken ſind Ew. Hoheit Arbeit. Und dies iſt eine reſpectvolle Sendung aus der Wirthſchaft meines lieben Vaters. Ich bitte die Herren, die geräucherte Gänſebruſt mit gutem Appetit zu verzehren; wir ſind ein wenig ſtolz auf dieſe Leiſtung. Hier aber, mein gnädigſter Prinz, iſt zur Erinnerung an mich ein kleines Modell von un⸗ ſerm Butterfaß, denn dabei habe ich als ein Kind vom Lande meine hohe Schule durchgemacht, wie ich neulich Ew. Hoheit erzählte.“ Und auf dem Platze des Prin⸗ zen ſtand wohlhäbig dies nützliche Werkzeug aus Mar⸗ zipan gefertigt.„Unten auf dem Boden habe ich Ew. Hoheit mein Sprüchel von damals aufgeſchrieben. Und ſo nehmen die Herrſchaften mit dem guten Willen vorlieb.“ Sie ſagte das mit ſo inniger Fröhlichkeit und bot dem Kammerherrn dabei ſo gutherzig die Hand, daß dieſem ſeine Anſtandsgedanken ruinirt wurden und er ihr recht wacker die Rechte ſchüttelte. Der Prinz aber ſtand vor ſeinem Fäßchen und dachte:„Jetzt iſt der Augenblick oder er kommt nie.“ Er las unten die an⸗ ſpruchsloſen Worte:„Hat man ſich mit Einem rechte Müh' gegeben, ſo bleibt es Segen für das ganze Leben.“ Da bat er ohne alle Rückſicht auf die dräuen⸗ den Folgen ſeines Wagniſſes:„Darf ich Ihnen einen Tauſch vorſchlagen? Ich habe auch eine kleine Butter⸗ maſchine gekauft, ſie iſt mit einem Rade und einer Scheibe zum Drehen, und man kann ſich darin jeden — 454— Morgen ſeinen Bedarf ſelbſt machen. Es wäre mir große Freude, wenn auch Sie dieſe annehmen wollten.“ Ilſe verneigte ſich dankend, der Prinz bat, den Die⸗ ner ſogleich in ſein Quartier zu ſenden. Während der Kammerherr noch erſtaunt den Zuſammenhang über⸗ dachte, wurde der Mechanismus in das Zimmer getra⸗ gen, der Prinz ſetzte ihn mit eigenen Händen auf eine Ecke des Tiſches, erklärte der Geſellſchaft die innere Ein⸗ richtung, und war ſehr erfreut, als Ilſe ſagte, daß ſie Zutrauen zu der Erfindung habe. Wieder wurde er das fröhliche Kind von neulich, trank luſtig ſein Glas Wein und brachte mit gefälligem Anſtand die Geſundheit des Hausherrn und der Hausfrau aus, ſo daß der Kam⸗ merherr ſeinen Telemach gar nicht wieder erkannte. Und beim Abſchiede packte er ſich ſelbſt den Marzipan ein und trug ihn in der Taſche nach Hauſe. 2. Aus drei Cabinetten. Das Jahr des Rectorats hatte auch Ilſe’s Haus⸗ halt und den Kreis ihrer Gedanken ſo umgeformt, daß ſie dem Gatten erſtaunt ſagte:„Ich bin jetzt wie aus der Schule in das Getümmel der Welt verſetzt.“ Die Tage ihres Felix waren mit zerſtreuenden Geſchäften belaſtet, ſchwierige Verhandlungen der Univerſität mit der Regierung, ärgerliche Vorfälle in der Studenten⸗ ſchaft nahmen einen großen Theil ſeiner Zeit in Anſpruch. Auch die Abende verliefen nicht wie im erſten Jahr, wo Ilſe der ſtillen Arbeit des Gatten zuſah oder den Worten der Männer lauſchte; denn viele Abende waren dem Profeſſor durch Sitzungen des Senates in Anſpruch genommen und viele durch größere Geſellſchaften, de⸗ nen er als Rector ſich nicht entziehen wollte. Wenn die Freunde zuzr Theetiſch kamen, fehlte zuweilen der Hausherr. Ilſe hatte die Lehre des Vaters beherzigt. Sie lebte friſch darauf los und mied verwirrende Gedanken. Der Gatte ſelbſt war ängſtlich bemüht, alles von ihr fern zu halten, was ihre Ruhe ſtören konnte, und die — 156— geiſtige Diät, welche ihr zu Theil wurde, that ihr ſehr wohl. Wenn er ſie in Geſellſchaft ſich gegenüber ſah, 3 wieder in voller Kraft und Geſundheit, die Wange leicht geröthet, um Augen und Lippen heiteres Leben, da war ihm, als ſei ſeine Pflicht dieſe Seele für immer auh hüten vor dem übermächtigen Einbruch kämpfender Ge⸗ walten, und ihm war ganz recht, daß ſie auch durch häufigen Verkehr mit verſchiedenartigen Menſchen und durch die leichten Bande einer reichen Geſelligkeit hei⸗ miſch wurde in ſeinem Kreiſe. Und freudig ſah er, daß ihre unbefangene Art Anerkennung fand, und daß ſie nicht nur von den Männern mit Auszeichnung behan⸗ delt wurde, auch den Frauen gefiel. Doch das Privatiſſimum, wie Ilſe nach Univerſi⸗ tätsbrauch die Stunde nannte, wo ſie die lehrenden Worte des Gatten vernahm, wurde unter allen Störun⸗ gen fortgeſetzt; darauf hielt die Hausfrau mit eiſerner Strenge, und wenn ein Tag verſäumt war, mußte das Verlorene am nächſten eingebracht werden. Aber auch⸗ in dieſe Stunden war ein anderer Inhalt gekommen. Der Profeſſor las jetzt mit ihr kleine Stücke alter Schrift⸗ ſteller, welche in Vers und Proſa die graziöſe Schönheit des antiken Lebens abſpiegelten. Die unſchuldige Seele der Frau fand ſich in der heitern Sinnlichkeit dieſer fremden Welt arglos zurecht, und die Eindrücke, welche ſie erhielt, ſtimmten vortrefflich zu der Weiſe, in der 1 ſie ſich jetzt das eigene Leben zurecht legte. Der Profeſſor erklärte ihr einzelne Gedichte der griechiſchen Antholo⸗ —— — 157— gie und des Theokrit, weniges aus der Lyrik der Rö⸗ mer, dazwiſchen aber zum Vergleich Gedichte des großen Deutſchen, der in einziger Weiſe griechiſche Schönheit mit deutſcher Empfindung zu vermählen gewußt. Wie⸗ der klangen in das Tagesleben der jungen Frau leiſe die Melodien des helleniſchen Saitenſpiels und der Rohr⸗ pfeife, wenn Laura über ihrem todten Kanarienvogel trauerte, oder wenn Ilſe ſelbſt mit Frau Günther trau⸗ lich ſchwatzend nach dem ſtädtiſchen Muſeum ging, dem Syrakuſiſchen Weibe gleich, welches die Nachbarin ab⸗ holt, um die reiche Ausſtellung der Königin auf der Burg zu betrachten. Und als der Gatte ſich einmal in ſpäter Stunde über ihr Antlitz beugte, um zu ſehen, ob ſie entſchlummert war, da ſchlug ſie die Augen zu ihm auf, und frug ihn, ob er etwa auf ihrer Schulter ſeine Versfüße abzählen wollte, und ſie wand ihm ihre lan⸗ gen Haare um den Hals und lachte, als er darüber ſeine große Abhandlung von den Gladiatoren im Stich ließ, über welcher er in der Stille arbeitete. Auch die Würde der Magnificenz erwies Ilſe in großer Abendgeſellſchaft, alle Zimmer waren geöffnet, die ſchmucke Wohnung ſtrahlte im Kerzenglanz, die Häupter der Univerſität und Stadt mit ihren Frauen waren zahlreich erſchienen, der Prinz und ſein Kammer⸗ herr fehlten nicht. Laura half anmuthig die Hon⸗ neurs machen und in der Stille die fremden Diener anweiſen; Küche und Wein thaten geſchmackvoll ihre Pflicht, die Gäſte gebehrdeten ſich artig und ſchieden — 158— fröhlich angeregt. Jetzt war der große Abend glücklich vergangen, auch der Doctor und Laura hatten ſich ent⸗ fernt; Ilſe gab die letzten Aufträge an Gabriel und ſchritt noch einmal durch die Zimmer in dem frohen Gefühl, daß ſie ihrem Felix und ſich Ehre eingelegt hatte. Im Ankleidezimmer warf ſie einen Blick in den Spiegel.„Du haſt nicht nöthig, dich prüfend zu be⸗ trachten,“ ſagte der Gatte,„es war Alles ſehr ſchön, aber das ſchönſte war die Frau Rectorin.“ „Damon, mein Schäfer,“ verſetzte Ilſe,„wie biſt du verblendet. Doch ſagſt du's auch nicht zum erſten Mal, ich höre ſolche Worte ſehr gern, du kannſt daſſelbe mir noch recht oft erzählen. Aber Felix,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr Haar auflöſte,„es iſt doch immer etwas Feſtliches ſelbſt bei ſolcher Geſellſchaft, wo die Menſchen nichts thun, als ſich unterhalten. Man trägt von Kei⸗ nem viel davon, und doch iſt's ein hübſches Vergnügen unter ihnen umherzutreiben, Alle wollen artig ſein und ſuchen ſich auf's Beſte zu erweiſen, und Jeder iſt be⸗ müht, ſich den Andern ein wenig anzupaſſen.“ „Nicht Jedem gelingt bei ſolcher Gelegenheit, ſei⸗ nen Inhalt gut darzuſtellen, am wenigſten uns Bücher⸗ menſchen,“ verſetzte Felix.„Aber es iſt wahr, dieſe Ge⸗ ſellſchaften geben Solchen, die in ähnlichen Lebenskrei⸗ ſen ſtehen, eine gewiſſe Gemeinſamkeit der Sprache und Haltung, zuletzt auch der Ideen. Und das iſt ſehr nö⸗ thig, denn im Grunde ſind auch die, welche nahe an einander leben, in einem weiten Gebiet ihres Empfindens — —— und Denkens oft ſo verſchieden, als ob ſie aus verſchie⸗ denen Jahrhunderten ſtammten. Wie hat dir der Kam⸗ merherr gefallen?“ Ilſe ſchüttelte den Kopf.„Er iſt der artigſte und aufgeweckteſte von Allen und weiß Jedem etwas Ver⸗ bindliches zu ſagen; aber man möchte ihm doch nicht trauen, denn man hat wie bei einem Aal gar keinen Anhalt, und keinen Augenblick, wo man in ſein Herz ſieht. Da war mir unſer Prinz mit ſeinem ſteifen We⸗ ſen lieber. Er hat mir heut von ſeiner Schweſter er⸗ zählt, die muß ſehr geſcheut und liebenswürdig ſein. Aus welchem deiner Jahrhunderte ſtammt denn er?“ „Aus der Mitte des vorigen,“ verſetzte der Gatte lachend,„er iſt gute hundert Jahre jünger als wir, aus der Zeit, wo die Menſchheit in zwei Klaſſen zerfiel, in Hoffähige und Sclaven. Aber wenn du dich in unſe⸗ rer Nähe umſehen willſt, kannſt du größere Unter⸗ ſchiede erkennen. Da iſt unſer Gabriel, eine Menſchen⸗ ſeele, die in ihren Vorurtheilen und ihrer Poeſie um dreihundert Jahre jünger iſt als die Gegenwart. Seine Weiſe zu empfinden erinnert an die Zeit, in welcher die großen Reformatoren unſer Volk zuerſt zum Denken heranzogen. Dagegen die feindlichen Nachbarn ſind in mancher Hinſicht Repräſentanten von zwei entgegen⸗ geſetzten Richtungen, welche am Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts neben einander liefen, in unſerm Hauſe eigen⸗ ſinniger Rationalismus, bei den Alten drüben eine weiche Gefühlsſeligkeit. — 160— „Und welcher Zeit gehöre ich an?“ frug Ilſe ſich vor den Gatten ſtellend. .„Du biſt mein liebes Weib,“ rief er und wollte ſie an ſich ziehen. „Ich will dir's ſagen,“ fuhr Ilſe zurückweichend fort,„nach eurer Meinung bin ich auch aus einer ver⸗ gangenen Zeit, und das hat mich mehr geängſtigt, als ich jetzt ausſprechen will. Aber ich mache mir nichts mehr daraus. Denn wenn ich dich zwingen kann meine Hand zu küſſen, ſo oft ich dir's befehle— der Profeſſor war ſehr willig dazu— wenn ich ſehe, wie es dich auch keine Ueberwindung koſtet mich einmal auf den Mund zu küſſen— es iſt nicht nöthig, daß du es jetzt verſuchſt, ich glaube dir. Ferner, wenn ich merke, daß der gelehrte Herr nicht abgeneigt iſt, mir die Schlaf⸗ ſchuhe zu reichen, und vielleicht gar mein Nachtkleid,— gut, ich will nicht, daß du dich weiter bemühſt. Hier häkele mir die Ohrringe auf und mache das Käſtchen hübſch zu. Und wenn ich außerdem merke, daß dir viel daran gelegen iſt mir zu gefallen, daß du auf meinen Wunſch die Conſiſtorialräthin zu Tiſche geführt haſt, die du gar nicht leiden kannſt, und daß du mir dies prächtige Kleid gekauft haſt, obgleich du vom Kaufen gar nichts verſtehſt. Wenn ich ferner ſehe, daß Magni⸗ ficenz ganz in meiner Botmäßigkeit ſind, daß ich die Schlüſſel zum Brote habe und ſogar deine Geldrechnung führe, und wenn ich mir endlich in das Gedächtniß zu⸗ rückführe, daß du guter, lieber Büchermann neben dei⸗ nen Griechen und Römern auch Frau Ilſe kleiner Ab⸗ handlungen würdigſt, und daß dir eine Freude iſt, wenn ich ein wenig von deiner gelehrten Schreiberei verſtehe, ſo kommt mir die Meinung, daß du ganz mir ange⸗ hörſt, du und deine Zeit, und daß es mir ganz gleich⸗ gültig iſt, aus welcher Periode der Weltgeſchichte meine Gemüthsart ſtammt. Denn wenn ich zurückgebliebenes Kind aus entlegener Zeit dich in das Ohrläppchen zwicke, wie ich jetzt thue, ſo wird mir der große Herr der Ge⸗ genwart und Zukunft und ſein Philoſophiren über ver⸗ ſchiedene Menſchen nur lächerlich. Nachdem ich dir dieſen Vortrag gehalten habe, kannſt du ruhig ein⸗ ſchlafen.“ „Das wird ſchwer halten,“ verſetzte der Profeſſor, „wenn die gelehrte Hausfrau um das Lager herumwan⸗ delt und im Nachtkleide Reden hält, die langſtieliger ſind, als die eines römiſchen Philoſophen. Und wenn ſie darauf mit den Schrankthüren klappert und in den Zimmern umherfährt.“ „Mein Tyrann fordert morgen früh ſeinen Kaffee, der muß heut herausgegeben werden, und ich kann nicht einſchlafen, wenn ich nicht alle Schlüſſel neben mir habe.“ „Da hilft nichts,“ ſagte der Profeſſor,„als ernſt⸗ hafte Beſchwörung,“ und einen Vers des Theokrit paro⸗ dirend, rief er:„Drehhals, wende dich um, und ziehe das Weib in die Kammer.“ „Ich muß nachſehen, ob noch irgend ein Licht brennt,“ rief Ilſe hinein.— Aber gleich darauf kniete ſie an Freytag, Handſchrift. II. 11 ſeinem Lager nieder und umſchlang ihn mit ihren Ar⸗ men.„Es iſt ſo ſchön auf der Welt, Felix,“ rief ſie, „bitten wir demüthig, daß unſer Glück dauere.“ Ja du biſt glücklich, Frau Ilſe, aber wie dein Vater geſagt hat, du verdankſt dein Glück der Vorſicht, nicht der Tapferkeit. Als Ilſe ihrem Vater ſchrieb, wie die große Abend⸗ geſellſchaft verlaufen war, vergaß ſie nicht beizufügen, daß auch ihr künftiger Landesherr wieder unter den Gäſten geweſen war, und daß ſie ſich mit ihm recht ver⸗ ſtändig unterhalten habe. Der Vater ſchien ihr die letzte Mittheilung nicht recht zu würdigen, denn er antwor⸗ tete ärgerlich:„Wenn du ſo einflußreiche Rathgeberin geworden biſt, ſorge lieber dafür, daß wir einen Anſchluß an die große Chauſſee erhalten; die Sache wird ſeit zehn Jahren von den Behörden hingezogen, es iſt eine Schande, daß wir von aller Welt ſo abgeſchnitten ſind. Der Schim⸗ mel hat das Bein gebrochen. Unſer Gut wäre an die zehntauſend Thaler mehr werth, wenn die Regierung nicht ſo ſaumſelig wäre.“ Ilſe las den Brief ihrem Gatten vor und ſagte: „Das mit der Chauſſee wollen wir dem Prinzen ſagen, der kann es bei ſeinem Vater durchſetzen.“ Der Gatte lachte.„Ich übernehme dieſen Auftrag nicht, der Prinz ſieht mir nicht aus, als ob er großen Einftuß auf die Regierung hätte.“ „Das wollen wir doch ſehen,“ verſetzte Ilſe fröh⸗ — 163— lich,„bei nächſter Gelegenheit ſpreche ich ihn darauf an.“ Dieſe Gelegenheit blieb nicht aus. Der Conſiſto⸗ rialrath, welcher jetzt theologiſcher Decan war, lud zu einem Thee. Es war eine vornehme und ehrwürdige Geſellſchaft, für Ilſe gar nicht behaglich, die Frömmig⸗ keit des Decans war ihr längſt verdächtig, aus dem Frack des ſüßlichen Herrn ſah ſie oben deutlich einen einge⸗ knöpften Fuchsſchwanz herausragen, in den Reden der Frau Decanin war eine unbequeme Miſchung von Honig und Galle, die Räume waren enge und heiß und die Gäſte gelangweilt. Aber der Erbprinz mit ſei⸗ nem Kammerherrn hatte zugeſagt. Als er eintrat, ſtreb⸗ ten der Hausherr und einige Gäſte, welche den Brauch der Höfe kannten, nach einer Aufſtellung mit Front, aber der Erfolg wurde durch die Unachtſamkeit oder auf⸗ ſäſſiges Weſen der Mehrzahl vereitelt. Der Prinz mußte ſich vom Hausherrn geleitet durch die Gruppen bis zur Frau Decanin durchkämpfen. Sein Blick prallte von ihren ſcharfen Zügen ab und irrte in ihrer Nähe um⸗ her, wo Ilſe ſtand, wie aus einem andern Planeten her⸗ abgeſtiegen. Sie war heut ſehr majeſtätiſch, der kleine Bandſchmuck ſaß wie ein Krönchen auf den lockigen Haa⸗ ren, deren Fülle ihr Haupt mächtig umgab. Der Prinz ſah ſcheu auf ſie und konnte kaum die Worte finden, welche er ihr gönnen mußte. Als er ſlich nach kurzem Gruß wieder zur Geſellſchaft wandte, war Ilſe un⸗ zufrieden, ſie hatte als gute Bekannte artigere Be⸗ 11*. — 164— handlung erwartet. Sie überlegte nicht, daß ſeine Auf⸗ gabe in der Geſellſchaft nicht die eines Privatmannes war, und daß er fürſtliche Pflichten zu erfüllen hatte, bevor er als Menſch unter den Andern umherlaufen konnte. Während er aber mit innerem Unwillen that, was ſeine Stellung erheiſchte, zuerſt langſam umher⸗ ging, zu Ilſe's Gatten, dann zu den übrigen Würden⸗ trägern, darauf feſte Stellung nahm, ſich Einzelne vor⸗ ſtellen ließ und Fragen that, wie ſie für ſolche Fälle überlegt waren, wartete auch er ungeduldig auf den Zeitpunkt, wo ihm das Schickſal geſtatten würde, mit der Landsmännin ein wenig zu reden. Er hielt aber wacker Stand; der Profeſſor der Geſchichte ſprach ihm ſeine Freude aus, daß jetzt ältere Chroniken ſeiner Land⸗ ſchaft herausgegeben würden, und ſuchte halb erzählend, halb belehrend die Bedeutung derſelben klar zu machen. Unterdeß bedachte der Prinz, daß die Frau Rectorin we⸗ nigſtens zu ſeiner linken Seite ſitzen werde, denn der Kammerherr hatte ihn aufmerkſam gemacht, daß die De⸗ canin ſeine rechte Seite erhalten müſſe.— Die Sache war zweifelhaft. Denn die Decanin war zwar Wirthin, aber der Abend hatte einen gewiſſer⸗ maßen officiellen Univerſitätsſtrich, und Ilſe war ohne Widerrede nnter den gelehrten Damen die vornehmſte. Jedoch dieſer Zweifel wurde deshalb unweſentlich, weil der Decan für zahlreiche Zuſendung theologiſcher Werke und bewundernde Huldigungsbriefe von dem Fürſten bereits das Comthurkreuz ſeines Ordens erhalten hatte. — 165— Daß er bis zu dieſem emporgeklettert, glich, wie der Kammerherr auseinanderſetzte, den Würdenunterſchiied— zwiſchen Magnificus und Decan ſo vollſtändig aus, daß die Decanin doch ſchließlich das beſte Recht hatte. Nun war allerdings, wie der Kammerherr zugab, im Grunde gleichgültig, wie man hier durcheinanderſaß, denn von einem Recht auf Rang konnte in dieſer Geſſellſchaft überhaupt nicht die Rede ſein. Doch war es angemeſſen, wenn der Prinz nicht ganz verſäumte, zu diſtinguiren. Alſo an ſeiner linken Seite wenigſtens hoffte der Prinz Frau Ilſe zu finden. Doch auch dieſe Erwartung wurde durch die Tücke der Decanin vereitelt. Denn in der Geſellſchaft erſchien die Frau eines Oberſten, Mann und Frau von alter Familie, erſt an den Ort verſetzt. Befliſſen führte die Decanin den Kammerherrn der ein⸗ tretenden Frau Oberſt zu, und bei der Begrüßung er⸗ gab ſich zum Ueberfluß, daß beide gemeinſame Verwandte hatten. Dadurch wurde die Rangordnung des Soupers zerrüttet. Die Dame forderte ihr Recht der Vorſtellung. Der Kammerherr führte ſie dem Prinzen entgegen, der Prinz aber kam artig zuvor, und ſprach ſeinen Wunſch aus, der Dame genannt zu werden.„Sie läßt ſich einem Studenten vorſtellen,“ ſagte erſtaunt die kleine Günther.—„Das iſt eine Beeinträchtigung der ſocia⸗ len Vorrechte, welche die Frau dem Mann gegenüber zu behaupten hat,“ ſagte unwillig die Struvelius. „Sie macht es doch recht hübſch,“ erwiederte Ilſe, „und wie ſie ſich mit ihm unterhält, gefällt mir.“ Die ———— —— — 166— Frauen wußten nicht, daß der Gegenſtand ihrer Bemer⸗ kungen in dieſem Augenblick ſcheinbarer Erniedrigung den Triumph einer höhern Stellung freudig empfand. Der Prinz, die Oberſtin und der Kammerherr bildeten für kurze Zeit eine Gruppe, von welcher das Licht des Abends ausſtrahlte, alle drei in dem Bewußtſein, daß ſie unter Fremden zuſammengehörten. Die Folge dieſer Vorſtellung war, daß die Frau Oberſt an der linken Seite des Prinzen zu ſitzen kam, und Ilſe, von zwei Decanen eingefaßt, ihm gegenüber. Für den Prinzen wurde die Bewahrung fürſtlicher Würde dadurch nicht leichter, daß er die Augen und das Locken⸗ haar ſeiner Landsmännin vor ſich erblickte, ſo oft er die Augen erhob. Langſam ſchlich ihm die Abendſtunde da⸗ hin, erſt kurz vor dem Aufbruch fand er Gelegenheit, ungezwungen mit Frau Ilſe zuſammen zu treffen. „Warte,“ dachte Ilſe,„die Chauſſee ſoll dir nicht ge⸗ ſchenkt ſein.“. „Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Vater und dem Gut?“ begann der Prinz mit einer Frage, welche die Unterhaltung ſchon öfter eingeleitet hatte.— „Es iſt keine gute Nachricht,“ erwiederte Ilſe,„denken Ew. Hoheit, eines unſerer Arbeitspferde hat den Fuß gebrochen. Es war ein Schimmel, den wir ſelbſt gezogen, ein gutes frommes Thier, ich bin manchmal auf ihm geritten, obgleich der Vater das nicht gern ſah. Denn ſehen Ew. Königl. Hoheit, der Weg bei uns bis zu der größeren Marktſtadt, wohin der Vater jedes Jahr das — 167— Getreide abliefern muß, iſt unverantwortlich ſchlecht, es geſchieht durch die Regierung gar nichts dafür. Seit zehn Jahren hängt die Sache, aber es kommt zu nichts. Wenn Ew. Hoheit etwas dazu thun könnten, daß uns eine Chauſſee gebaut wird, ſo bitte ich ſehr, Sie helfen der ganzen Gegend auf.“ Der Prinz ſah ihr treuherzig in die Augen nnd ſagte verlegen:„Das iſt Sache der Regierung, ich glaube, mein Vater weiß davon nichts.“ „Das glaube ich auch,“ erwiederte Ilſe ſiegreich, „die Herren von der Regierung haben immer Gründe, nichts zu thun, Schwierigkeiten machen und kein Geld haben, das verſtehen ſie am beſten.“ Der ammerherr trat in die Nähe, und da die Unterhaltung einen un⸗ heimlichen politiſchen Anſtrich erhalten, nahm der Prinz ſchnell ſeinen Rückzug mit den Worten:„Hoffen wir das Beſte,“ lächelnd und ſich verbeugend. Ilſe ſagte beim Herausgehen zu ihrem Manne:„Felix, ich hab's ihm geſagt, er iſt ein gutes Kind, aber in Geſellſchaft hat er nichts als Redensarten.“ Der Zufall wollte, daß einige Wochen darauf der fürſtliche Rath, welcher die oberſte Verwaltung von Roſſau hatte, nach der Univerſitätsſtadt kam, den Kammer⸗ herrn beſuchte und von dieſem zum Prinzen geführt ward. Er wurde zum Mittageſſen geladen, der Prinz zeigte ungewöhnlichen Antheil an den Verhältniſſen der abgelegenen Gegend, erkundigte ſich nach den Gütern und deren Beſitzern und ſagte endlich beim Kaffee, als —— .— 168— er allein mit dem Rath am Fenſter ſtand:„Wie kommt es, daß noch keine Chauſſee in der Gegend iſt? Könnten Sie nicht etwas dafür thun?“ Der Beamte ſetzte die Schwierigkeiten gebührend auseinander. Der Prinz er⸗ wiederte endlich:„Ja, ich weiß, an Gründen fehlt es nicht, Sie würden mich aber verbinden, wenn Sie ſich Mühe geben wollten, die Sache doch durchzuſetzen.“ Mit dieſen Worten im Herzen reiſte der Beamte nach Hauſe, höchlich aufgeregt durch dieſe Lebensäußerug ſeines zukünftigen Herrn. Er wälzte die Worte drei Tage lang im bekümmerten Gemüth, ihre Bedeutung wurde ihm immer größer, ſeine eigene Zukunft mochte davon abhängen. Endlich kam er zu der Anſicht, daß dies ein Fall ſei, der einen außerordentlichen Entſchluß nöthig mache, er ſetzte ſich auf, fuhr nach der Reſidenz und legte die ganze Unterredung und ein dickes ver⸗ ſtäubtes Aktenbündel, Chauſſeeangelegenheiten, vor ſeinem Miniſter nieder. Der Miniſter dankte ihm für die Mittheilung und kam wieder zu der Anſicht, daß hier ein Incidentpunkt vorliege, bei dem es klug ſei, Sere⸗ niſſimo Mittheilung zu machen. Am Ende eines Vor⸗ trags über Staatsangelegenheiten erwähnte er, daß im Diſtrict von Roſſau die Klagen über die ſchlechten Wege und das Verlangen nach einer Chauſſee lebhaft würden und erzählte, bei welcher Gelegenheit der Erb⸗ prinz ſelbſt fein Intereſſe an dem Bau ausgeſprochen habe. Der Fürſt erhob ſich ſchnell von ſeinem Seſſel. „Der Erbprinz? Was bedeutet das?— Es iſt mir lieb, 8 daß mein Sohn ſich für Landesangelegenheiten intereſſirt,“ fügte er hinzu,„ich werde mir die Sache überlegen.“ Denſelben Tag ging ein eigenhändiger Brief des Fürſten an den Kammerherrn ab:„Woher kommt das Intereſſe des Erbprinzen an dem Chauſſeebau bei Roſſau? Ich fordere genauen Bericht.“— Der Kammerherr gerieth in Verlegenheit, auch er fühlte ſeine Stellung durch ein Geheimniß gefährdet. Endlich wählte er, zwiſchen Vater und Sohn geſtellt, den Weg offener Entfaltung vor der künftigen Sonne, und theilte dem Prinzen die Frage des Fürſten mit. 3 „Sie ſehen, welche Wichtigkeit der Herr auf die Mittheilung legt, es wird unvermeidlich ſein, ihm Nä⸗ heres mitzutheilen.“ Der Prinz war ebenfalls betroffen.„Es war ja nichts als ein hingeworfenes Wort,“ entgegnete er zögernd. „Um ſo beſſer,“ ſagte der Kammerherr,„es kommt nur darauf an, zu ſagen, wie in Ew. Hoheit der Wunſch entſtand. Dem Fürſten könnte auffallend ſein, wenn ſich Unterthanen oder Behörden an Ew. Hoheit, ſtatt an ihn ſelbſt gewandt hätten. Das war, ſo viel ich weiß, nicht der Fall.“ „Nein,“ verſetzte der Prinz,„ich habe bei dem Rec⸗ tor Magnificus davon gehört, ich habe ja nichs gethan, als den Rath, als er hier war, deshalb gefragt. Ich wollte doch eine Antwort geben können,“ fügte er klug hinzu. Beruhigt ſetzte ſich der Kammerherr hin, rühmte — 170— in ſeinem Bericht den Profeſſor und Ilſe, welche ein angenehmes Haus machten, und verfehlte nicht, zu be⸗ merken, daß der Erbprinz gern dort ſei. Und er war erfreut, als wenige Tage darauf einer geſchäftlichen Mit⸗ theilung des Kabinetſecretärs eine eigenhändige Nach⸗ ſchrift ſeines Gebieters zugefügt war, in welcher dieſer ſeine beſondere Zufriedenheit mit dem Erbprinzen und Kammerherrn ausſprach. Nicht weniger erfreut war Ilſe, als ihr der Vater ſchrieb:„Ilſe, kannſt du hexen? Es iſt Befehl gegeben, die Chauſſee ſofort in Angriff zu nehmen, der Wege⸗ baumeiſter iſt bereits hier, die Straße abzuſtecken. 4 Ilſe brachte am Mittag den Brief vergnügt aus ihrer Rock⸗ taſche.„Lies, ungläubiger Mann, und ſieh, was unſer kleiner Prinz durchzuſetzen vermag, wir haben dem guten Herrn doch Unrecht gethan. Mein armer Schimmel hat ihn gedauert, und er hat ſeinem lieben Vater alles geſchrieben.“ Als der Erbprinz wieder einmal in größerer Ge⸗ ſellſchaft an Ilſe trat, begann ſie nach der erſten Be⸗ grüßung leiſe:„Meine Heimath iſt Ew. Hoheit zu war⸗ mem Dank verpflichtet, Hoheit haben die Güte gehabt, ſich für die Chauſſee zu verwenden.“ „Wird ſie gebaut?“ frug der Prinz überraſcht. „Und das wiſſen Ew. Hoheit nicht? Ihre Ver⸗ wendung hat es doch bei Ihrem durchlauchtigſten Herrn Vater durchgeſetzt.“ „Das würde wenig genutzt haben,“ fuhr der Prinz heraus,„nein, nein,“ ſetzte er eifrig ablehnend hinzu. „Ich habe deshalb meinem Vater nicht geſchrieben. Es iſt ganz ſein eigener Entſchluß.“ Ilſe ſchwieg, ihr war unbegreiflich, was den Sohn eines Fürſten verhindern könne, dem Vater offen eine geſchäftliche Bitte vorzutragen, deren Erfüllung wohlthä⸗ tig für Viele war. Und daß er jeden Antheil ablehnte, den er doch offenbar hatte, dünkte ihr eine ſehr unge⸗ ſchickte Beſcheidenheit. 2 Der Kammerherr aber hatte in dem letzten Kabi⸗ netsſchreiben eine Beſtätigung ſeiner Anſicht gefunden, daß der Fürſt den Verkehr des Erbprinzen im Hauſe des Rectors nicht ungern ſehe. Er dachte zuweilen über den Grund dieſes hohen Intereſſes an Menſchen nach, welche ſo ſehr außerhalb der Sphäre fürſtlicher Beachtung ſtanden. Er kam darüber nicht recht auf's Reine. In jedem Fall war ſeine eigene Aufgabe, den Prinzen von dieſem Hauſe nicht zurückzuhalten und ſich ſelbſt dem Rector und ſeiner Hausfrau angenehm zu er⸗ weiſen. Dies Letztere that er gern und ehrlich, nicht nur, weil der Rector ein angeſehenes Haus machte. Er fand ſich zuweilen ohne den Prinzen bei dem Profeſſor ein, ließ ſich von ihm Bücher empfehlen, achtete ſehr auf ſein Urtheil über Menſchen, wählte, ſo weit ihn ſeine Inſtruction nicht band, auch die Lehrer des Prinzen nach ſeinem Rath. Die energiſche Wucht und das ſtolze wahrhafte Weſen des Gelehrten zogen deu Hof⸗ 2 herrn an, und Werner wurde ihm bald eine werthvolle — 172— Bekanntſchaft. Auch Frau Ilſe war er aufrichtig zuge⸗ than und auch ſie erlebte einige Augenblicke, wo etwas von dem Herzen des Kammerherrn zu ſehen war. Aber obgleich der Kammerherr alle Fügſamkeit eines Hofmanns hatte und wußte, daß dem Fürſten und ſei⸗ nem jungen Herrn die Beſuche im Hauſe des Rectors willkommen waren, bewies er doch an ſeinem Prinzen wenig Zuvorkommenheit gegen höchſte Wünſche. Ja, er war geneigt, Schwierigkeiten aufzufinden, wenn einmal, was freilich ſelten geſchah, ſein Prinz eine Theeſtunde bei Werners vorſchlug. Er kam in ſchicklichen Zwiſchen⸗ räumen mit dem Prinzen an, aber er vermied ſeit der Chauſſeeangelegenheit für den Erbprinzen größere An⸗ näherung. Dagegen ſuchte der Kammerherr den Prin⸗ zen in geeigneter Weiſe unter den Studenten einzubür⸗ gern. Von den Genoſſenſchaften, welche ſich durch Far⸗ ben, Bräuche und Statuten unterſchieden, war damals das Corps der Markomannen vor andern anſehnlich. Es war die ariſtokratiſche Verbindung, enthielt viele Söhne alter Familien, einige der beſten Schläger, ſeine Mitglieder trugen die bunte Mütze am ſtolzeſten, ſie waren vielbeſprochen, nicht grade beliebt. Der Kammer⸗ herr fand in dieſem Corps einen Verwandten, und un⸗ ter den Häuptern das wünſchenswerthe Verſtändniß für die ſociale Stellung des jungen Herrn. So machte ſich's, daß der Prinz mit dieſer Ver⸗ bindung näher bekannt wurde, er lud die Studenten in ſein Quartier, beſuchte zuweilen ihre kleinen Trinkabende, * — 173— und wurde von ihnen in die Gewohnheiten des akade⸗ miſchen Lebens behaglich eingeführt. Er nahm Fecht⸗ ſtunde, erwies darin trotz ſeinem zarten und wenig ge⸗ ſtählten Körper einiges Geſchick, und die ſauſende Klinge des Rappiers gefährdete in ſeiner Wohnung alltäglich Spiegel und Kronleuchter. Ilſe aber ſprach gegen den Gatten ihre Verwunder⸗ ung aus, daß der Prinz ſich zuerſt ſo ſchnell und rück⸗ haltslos aufgeſchloſſen hatte, und ſich ſeit dem großen Erfolg in Chauſſeeſachen ſo vorſichtig zurückhielt.„Bin ich ihm zu anmaßend erſchienen?“ frug ſie bekümmert, „es war doch nur in guter Meinnng geſagt. Aber ich merke, Felix, bei dieſen Herrſchaften iſt es nicht wie bei unſer einem. Wo wir einmal gutes Zutrauen haben, da richten wir uns häuslich ein, ſie aber ſind wie die Vögel, ſie ſingen dicht beim Ohr ihr Lied, und huſch, fliegen ſie auf und ſuchen in der Ferne einen andern Ruheplatz.“ „Im nächſten Jahr kommen ſie vielleicht wieder,“ erwiederte der Gatte,„wer ſie ſich an's Haus zähmen will, hat das Nachſehen. Wenn ihr luftiger Pfad ſie in die Nähe führt, mag man ſich ihrer freuen, aber um die Sorgloſen ſoll man ſich nicht das Herz beſchweren.“ Und Ilſe nickte und verſetzte:„Honig erfülle dir, Thyrſis, den Mund, ich höre und lerne.“ Aber in der Stille ärgerte ſich Ilſe doch über die Untreue ihres kleines Singvogels. — 174— „Heut treibt mich mein Pflichtgefühl zu Ihnen,“ be⸗ gann der eintretende Kammerherr zum Profeſſor.„Unter den Vorträgen, welche für den Erbprinzen gewünſcht werden, iſt auch einer über Heraldik. Ich bitte Magni⸗ ficenz, mir einen Lehrer dafür nachzuweiſen, der wenig⸗ ſtens einige Stunden zu geben vermöchte. In der Reſi⸗ denz war keine geeignete Perſönlichkeit, und ich geſtehe, ohne Erröthen, daß meine eigenen Kenntniſſe viel zu dürftig ſind, als daß ich dem Prinzen davon etwas ab⸗ laſſen könnte.“ Der Profeſſor dachte nach.„Unter meinen Colle⸗ gen weiß ich Niemand, den ich dafür empfehlen könnte. Es iſt möglich, daß Magiſter Knips auch darin Beſcheid weiß. Er iſt auf allen dieſen Seitenpfaden der Wiſſen⸗ ſchaft gut orientirt, er iſt aber in engen Verhältniſſen aufgewachſen, und die Formen ſeiner Ergebenheit ſind ein wenig altfränkiſch.“ Dem Kammerherrn erſchien altfränkiſche Ergebenheit nicht als Hinderniß, und da er ſelbſt die Gelegenheit be⸗ nutzen wollte, über die Bedeutung einer räthſelhaften Fi⸗ gur in ſeinem Wappen klar zu werden, welche einer Ofen⸗ gabel ſehr ähnlich ſah, eigentlich aber ein celtiſcher Drui⸗ denſtab war, ſo verſetzte er:„Es würden doch nur wenige Lectionen werden, undich könnte ſelbſt dabei anweſend ſein.“ Magiſter Knips wurde gerufen, fand ſich, wie immer auf der Stelle ein, und wurde dem Kammerherrn vor⸗ geſtellt. Dieſem erſchien die groteske Geſtalt allerdings in anderer Weiſe komiſch, als mancher von den Herren — —— ⸗ — 175— Profeſſoren, aber keineswegs ungeeignet. Die Beſchei⸗ denheit war unverkennbar, die Devotion konnte nicht größer ſein, und wenn man ſeine Geſtalt in einen er⸗ träglichen Frack einband, ſo durfte ſie für den Nothfall neben dem Erbprinzen und Kammerherrn am Tiſche ſitzend gedacht werden. Der Kammerherr frug alſo, ob Herr Knips im Stande ſei, einige Vorträge über Heral⸗ dik zu halten. „Falls Ew. Hoch⸗ und Wohlgeboren gnädigſt vorlieb nehmen wollten mit deutſchem und franzöſiſchem Blaſon, ſo glaube ich, Denenſelben mein allerdings ungenügendes Wiſſen anbieten zu dürfen. In den engliſchen Wappen und Figuren dagegen iſt meine Kenntniß wegen man⸗ gelnder Gelegenheit nicht ausreichend. Dagegen würde ich Denenſelben über die neueren Unterſuchungen wegen der Ehrenſtücke Auskunft zu geben mich be⸗ fleißigen.“ „Das wird nicht einmal nöthig ſein,“ verſetzte der Kammerherr, und zum Profeſſor gewandt, bat er:„Wür⸗ den Magnificenz mir erlauben, mit dem Herrn Magiſter das Nähere zu beſprechen?“ A Der Profeſſor überließ die Beiden der geſchäftlichen Verhandlung, und der Kammerherr fuhr freier fort: „Ich will im Vertrauen auf die Empfehlung des Herrn Rector einen Verſuch machen, ob des Erbprinzen Hoheit Ihre Vorträge benutzen kann.“ Knips wurde zuſeheuds kleiner und ſchwand faſt ganz in den Erdboden. Nur ſein Haupt neigte ſich von 1 — —õ—— — 126— der Schulter andächtig nach dem Auge des Kammer⸗ herrn. Dieſer beſtimmte freigebig den Preis der Stun⸗ den, Knips lächelte, und drückte die Augen zuſammen. „Dagegen muß ich die Forderung ſtellen, Herr Magiſter, daß auch Sie nicht verſchmähen, ſich in Ihrem Aeußern ein wenig den beabſichtigten Vorträgen anzupaſſen. Schwarzer Frack und eben ſolche Beinkleider.“ „Sie ſind vorhanden,“ erwiederte Knips in ſeinen höchſten Tönen. „Weiße Weſte und weiße Cravatte,“ fuhr der Kam⸗ merherr fort. „Ebenfalls vorhanden,“ flötete Knips wieder. Der Kammerherr hielt doch für wünſchenswerth, ſich von dieſer Befähigung des Candidaten durch eigene Anſchauung zu überzeugen.„Ich erſuche Sie alſo, ſich auf geeignete Weiſe in der Wohnung des Erbprinzen einzufinden. Dort beſprechen wir das Nähere.“ Knips erſchien am nächſten Morgen in ſeinem Staatskleid, das Haar durch ſtarke Bürſtenſtriche ge⸗ glättet, mit Handſchuhen und rundem Hut; und der Kammerherr fand, daß der Mann gar nicht ſo übel ausſah. Er machte ihn alſo noch aufmerkſam, daß es hier nicht auf wiſſenſchaftliche Erörterung, ſondern viel⸗ mehr auf einen ſchnellen Ueberblick ankomme, und über⸗ gab, um Knipſes Luftſchicht zu weihen, beim Abſchiede noch eine Flaſche wohlriechendes Waſſer für e ein weißes Taſchentuch. Knips bereitete ſich für ſeine erſten Stunden vor, —— — 4 indem er zuerſt ſeinen Farbekaſten, dann einige Brief⸗ ſteller und alte Complimentirbücher hervorzog. Mit Hülfe des Farbekaſtens malte er einige Wappen, und aus den Büchern ſchrieb er die ehrfurchtsvollen Rede⸗ wendungen ab, welche unſere demüthige Kanzleiſprache im Verkehr mit den Großen eingeführt hat, und lernte alle auswendig. Zur Stunde präſentirte er ſich dem Kammerherrn, glatt und duftend, einer Blume gleich, welcher durch den Strahl hoher Sonne die Kraft des Stengels genommen iſt. So wurde er vor die Augen des Prinzen geführt, welkte auch vor dieſem eine Weile dahin, bis er durch einen Stuhl Halt erhielt, und be⸗ gann ſeinen Vortrag, indem er das fürſtliche Hauswappen und das Wappen des Kammerherrn aus einer kleinen Mappe zog, in tiefſter Ehrfurcht zu Füßen legte und daran die erſten Erklärungen knüpfte. Sein Vortrag war nach den eigenen Worten des Kammerherrn ganz magnifique, ſeine unterthänigen Ara⸗ besken drehten ſich zwar wunderlich und weitſchweifig, aber durchaus nicht unangenehm, ſie waren poſiirlich, und ſie paßten ſehr zu dem ſchnörkelhaften Inhalt ſeiner Vorträge. Er brachte häufig kleine Zeichnungen, Wappen⸗ bücher und Kupferwerke von der Bibliothek zum Anſehen und erwies ſich gründlicher unterrichtet, als vielleicht nothwendig geweſen wäre. Wenn er ſich ja einmal auf hiſtoriſche Erörterungen einließ, die ihm intereſſanter waren als ſeinen Zuhörern, ſo hob der Kammerherr nur den Finger, und Knips faatterte ehrerbietig auf die Freytag, Handſchrift. II. 12 9— 178— Fahrſtraße zurück. Die Herren fanden mehr Gefallen an ſeinem Vortrage als an manchem andern, den des Magiſters hohe Gönner hielten Dis Stunden wurden über das ganze Halbf ahr. denn zufällig fand ſich, daß Knips auch in rch ne Fa⸗ quins und anderen ritt wußte. Er erzählte Reitt rtnen von alten Hhaneien des eigenen hohen Hauſes, beſchrieb genau das Ceremoniel und wußte ſogar die Namen der mitwirkenden Cavaliere anzugeben. Den Zuhörern erſchien dies Wiſſen ſtau⸗ nenswerth, ihn koſtete wenig Mühe, die Notizen aus Büchern zuſammen zu tragen. Und als er am Ende reichlich belohnt von dannen ſchied, war ſeinen Hörern leid, daß die luſtige Geſtalt nicht mehr ihre altfränkiſche und verkrauſte Weisheit vortragen ſollte. „Mutter, ſieh her,“ rief Knips in ſeine Stube tre⸗ tend, und holte eine kleine Geldrolle aus der Taſche, „das iſt die größte Summe, die ich je bei einem Geſchäft verdient.“ Die Mutter ſchlug mit den Händen auf die Schürze.„Da lobe ich mir die vornehmen Leute, die wiſſen meinen Sohn doch zu ſchätzen.“ „Zu ſchätzen?“ verſetzte Knips verächtlich,„die wiſſen gar nichts von mir und von dem was ich verſtehe. Und je weniger man ihnen beibringt, deſto lieber iſt es ihnen. Es macht ihnen Mühe, nur das aufzuſchlagen, was ſchon für alle Welt zugerichtet iſt, und was in hundert Fo⸗ lianten ſteht, war ihnen noch neu. Ich habe ſie behan⸗ delt wie kleine Jungen, und ſie haben es nicht gemerkt. — 179— 3 Nein, Mutter, ſie verſtehen noch ſchlechter, mich zu be⸗ nutzen, als hier das Profeſſorenvolk. Mich ehren nach meinem Wiſſen thut Niemand.“ „FEiner weiß es,“ murmelte er vor ſich hin,„aber der iſt hochmüthiger als der Kammerherr. Der Kammer⸗ herr thut, als wollte er über die alten Carrouſels und Maskaraden ſich ſelbſt unterrichten. Ich will ihm den kleinen Rohr zum Andenken ſchenken. Es ſteht grade ſo wenig darin, daß es für ihn gut genug iſt. Ich habe das Buch um vier Groſchen gekauft, das Schweins⸗ leder iſt noch ziemlich weiß, ich waſche es mit Salmtiak und klebe ſein Wappen hinein. Wer weiß, wozu es nützen kann.“ 3 Er wuſch ab und fuhr mit dem Pinſel in ſeinen Muſcheln umher.„Die Welt iſt voller Schwindel, Mutter. Wer hätte gedacht, daß ich mit dem alten ſchlottrigen Unſinn dieſer Wappenzeichen ein Capital verdienen würde?“ Und er zeichnete und tuſchte über dem Wappen:„Ich habe ſelten Gold in das Haus ge⸗ tragen, und dann war es immer für ſchlechtes Zeug, das mir keine Ehre gemacht hat.“— Hier brach er ab. „Noch einmal ziehe ich meine Lohndienerkleidung an, wenn ich ihnen das Buch überreiche, dann ſchaff ſie mir aus den Augen.“ In der Gegend von Roſſau ſteckten Wegebauer Meßſtangen auf und in der Univerſitätsſtadt legte Ma⸗ giſter Knips den weißen Schweinslederband in die Hände 12* 8 — 180— ſeines hochgeneigten Gönners. Ilſe freute ſich, daß der Weg zum Gut ihres Vaters für Jedermann leicht fahr⸗ bar ſein würde, und der Profeſſor hörte mit Antheil, daß der Mann, den er empfohlen, ſich gut anſchickte, 1 und er lächelte wohlwollend über die Dankſagungen des Magiſters. Aber für den Kunſtbau der neuen Straße und für die erprobte Kunſtfertigkeit des kleinen Mannes ſollte den beiden Glücklichen, welche die Empfehlung an die rechte Stelle gebracht, noch Dank werden, den ſie ſich nicht begehrten. 3. Vielliebchen. Ilſe ſtellte eines Abends die letzten Süßigkeiten der Weihnachtszeit auf den Tiſch. Laura klapperte mit einer Knackmandel und frug den Doctor ernſthaft, woher der ehrwürdige Gebrauch der Vielliebchen komme. Der Doc⸗ tor beſtritt das Ehrwürdige, wußte aber im Augenblick den Urſprung des Spiels nicht anzugeben, und war über dieſe Unſicherheit ſichtlich betroffen. Er vergaß deshalb ſeine Pflicht, zum gemeinſamen Genuß der Doppelman⸗ del aufzufordern. Laura öffnete die Schale und legte nathlſſts zwei Mandeln zwiſchen ihn und ſich.„Da ſind ſie.“ „Soll's gelten?“ rief der Doctor erheitert. „Meinetwegen,“ erwiederte Laura,„mit Geben und Nehmen, wie recht iſt. Aber es darf nur Scherz ſein,“ fügte ſie, des Vaters d, hinzu,„und kein Ge⸗ ſchenk.“ Beide aßen mit dem rühmlichen Entſchluß, das Spiel zu verlieren. Die Folge war, daß das Ge⸗ ſchäft nicht vorwärts gehen wollte. Laura überreichte dem Doctor in den nächſten Wochen Bücher, Theetaſſen, Teller mit aufgeſchnittenem Braten, er war wie ein „* — 182— Stock, niemals ſagte er:„Ich denke dran.“ Hatte er den Contract vergeſſen, oder war's gewöhnliche Ritterlich⸗ keit? Laura aber durfte ihm ſeine Vergeßlichkeit gar nicht zu Gemüth führen, ſonſt gewann ſie das Viellieb⸗ chen. Sie wurde wieder einmal zornig auf ihn.„Mir reicht der gelehrte Herr gar nichts,“ ſagte ſie zu Ilſe, „er behandelt mich, als wäre ich eine Neſſel.“ „Das iſt Zufall,“ verſetzte Ilſe,„er hat's längſt vergeſſen.“ „Natürlich,“ rief Laura,„für einen hübſchen Scherz mit meiner unbedeutenden Perſon hat er kein Gedächtniß.“ „Mach' ein Ende,“ mahnte Ilſe,„erinnere du ihn daran.“ Es fügte ſich, daß der Doctor einmal nicht ver⸗ meiden konnte, ihr eine Scheere aufzuheben und in die Hand zu reichen.„Ich denke dran,“ ſagte Laura ſchnip⸗ piſch,„beſſer als Sie.“. Darauf bot ſie dem Doctor die Zuckerbüchſe, der Doctor holte ſich ehrbar ein Stück Zucker heraus und ſchwieg.„Guten Morgen, Vielliebchen,“ rief ſie ver⸗ ächtlich. Der Doctor lachte und erklärte ſich überwun⸗ den.„Es iſt gar nicht ſchön,“ fuhr Laura eifrig fort, „daß Sie ſich ſo wenig nn i intehen bekümmert haben, ich werde nie wieder eines mit Ihnen eſſen; gegen Herren, die ſo zerſtreut ſind, iſt es keine Ehre, zu gewinnen.“ Kurz darauf überreichte ihr der Doctor ein winzi⸗ ges gedrucktes Büchel in zierlichem Einband. Auf dem / ——:ꝛ—ÿõÿõ;— ———— — 183— erſten Blatte ſtand:„Für Fräulein Laura,“ und auf dem zweiten:„Die Entſtehung der Vielliebchen, ein Märchen.“ Es war die Geſchichte der ſchönen Königs⸗ tochter, welche ſehr gern Knackmandeln aß, aber nicht heirathen wollte. Deshalb erfand ſie Folgendes. Sie ließ jedem Prinzen, der um ihre Hand warb,— und es waren unzählige— die Hälfte einer Doppelmandel prä⸗ ſentiren und ſie ſpeiſte den andern Zwilling.„Und wenn Ew. Liebden mich von jetzt ab zwingen können, daß ich etwas aus Dero Hand nehme, ohne die Worte zu ſpre⸗ chen: ich denke dran, ſo bin ich zu jeder Vermählung bereit; wenn aber ich Ew. Liebden verleiten kann, etwas aus meiner Hand zu nehmen, ohne daß Ihnen die klu⸗ gen Worte einfallen, ſo werden Dieſelben an Dero fürſt⸗ lichem Haupte unbedingt kahl geſchoren und verlaſſen ſofort meine Länder.“ Es war aber eine Tücke bei dieſem Vertrage. Nämlich der ſchönen Prinzeſſin durfte nach Hofſitte überhaupt Niemand etwas in die Hand reichen, bei Todesſtrafe, ſondern er reichte es der Staatsdame und dieſe reichte es der Königstochter. Wenn aber die Königstochter ſelbſt etwas wegnehmen oder überreichen wollte, wer konnte ihr das wehren? Es war alſo für die Freiwerber ein bitteres Vergnügen. Denn wie ſie ſich auch mühten, die Prinzeſſin zu verleiten, daß ſie ohne Angebot etwas aus ihrer Hand nahm, immer fuhr die Staatsdame dazwiſchen und verdarb die beſten Pläne. Wenn aber die Königstochter einen Freier abſchaffen wollte, that ſie einen Tag holdſelig gegen ihn, bis er 4 — —— — — — 184— ganz bezaubert war, und ſobald er neben ihr ſaß und bereits vor Freude taumelte, dann ergriff ſie wie von ungefähr etwas in ihrer Nähe, einen Granatapfel oder ein Ei, und ſagte leiſe:„Behalten Sie dies zu mei⸗ nem Angedenken.“ Sobald nun der Prinz das Stück in die Hand nahm und vielleicht noch der rettenden Worte ein wenig gedachte, ſprang das Ding auseinander und ein Froſch, eine Horniſſe oder Fledermaus fuhr heraus gegen ſeine Locken, daß er zurückſchreckte und im Schrecken die Worte vergaß. Und dann auf der Stelle geſchoren und fort mit ihm. Das war durch Jahre gegangen, und in allen Königshäuſern trugen die Prinzen Perücken— auch dieſe ſind ſeitdem bräuchlich geworden— da traf ſich's, daß ein fremder Königſohn zugereiſt kam in eigenen Geſchäf⸗ ten und aus Zufall die Mandelkönigin ſah. Er fand ſie ſchön, und er merkte die Tücke. Aber ihm hatte ein befreundetes graues Männchen einen Apfel geſchenkt, an dem durfte er alle Jahre einmal riechen, dann kam ihm ein kluger Eiufall. Und er war wegen der klugen Ein⸗ fälle ſchon unter allen Königen ſehr berühmt geworden. Jetzt war grade die Zeit des Apfels gekommen, er roch und da fiel ihm ein: wenn du das Spiel mit Nehmen und Geben gewinnen willſt, dar⸗ rfſt du ihr niemals und unter keinen Umſtänden etwas geben oder nehmen. Er ließ ſich alſo die Hände feſt in den Gürtel binden, ging mit ſeinem Marſchall zu Hofe, und ſagte, er wollte gern auch ſeine Mandel eſſen. Der Prinzeſſin gefiel er ſehr und — 185— ſie ließ ihm die Mandel reichen. Die nahm ſein Mar⸗ ſchall und ſteckte ſie ihm in den Mund. Da fragte die Königstochter, was denn das vorſtelle, und überhaupt, warum er die Hände immer im Gürtel trage. Und er antwortete, bei ſeinem Hofe ſei der Brauch noch viel ſtrenger als bei ihrem, er dürfe mit ſeinen Händen gar nichts nehmen und geben, höchſtens mit den Füßen oder dem Kopfe. Da lachte die Prinzeſſin und ſagte:„Auf die Weiſe können wir ja niemals in unſerm Spiel zu⸗ ſammenkommen.“ Er zuckte die Achſeln und antwortete: Nur wenn Sie geruhen wollten, etwas von meinen 7, D Stiefeln zu nehmen.“„Das kann nie geſchehen,“ rief der ganze Hofſtaat.„Wozu ſind Sie hergekommen,“ rief die Prinzeſſin ärgerlich,„wenn Sie ſo dumme Gewohn⸗ heiten haben?“„Weil Sie ſehr ſchön ſind,“ ſagte der Prinz,„wenn ich Sie auch nicht gewinnen kann, ich will Sie doch anſehen.“„Dagegen kann ich nichts haben,“ verſetzte die Königstochter. Der Prinz blieb alſo am Hofe und gefiel ihr immer beſſer. Weil ſie aber auch ihre Bosheit hatte, ſuchte ſie ihn auf alle Art zu ver⸗ führen, daß er die Hand aus dem Gürtel zog und doch etwas von ihr nahm. Sie unterhielt ſich immer mit ihm und ſchenkte ihm Blumen, Bonbon und Riech⸗ fläſchchen, und zuletzt gar ihr Armband, auch zuckte es ihm mehrmals in den Händen, aber da fühlte er die Bande und kam zur Beſinnung, nickte immer dem Mar⸗ ſchall und der ſammelte ein und ſagte:„Wir denken ſchon dran.“ Dabei wurde endlich die Prinzeſſin ungeduldig ———— 2 — ——— —— — — 186— und ſie begann:„Mir iſt mein Taſchentuch herunterge⸗ fallen, Ew. Liebden könnten mir's aufheben.“ Der Prinz faßte das Tuch mit der Fußſpitze und ſchwenkte es gleichgültig, und die Prirzeſſin beugte ſich nieder, nahm das Tuch von ſeinem Fuß und rief zornig:„Ich denke dran.“ Darüber war ein Jahr vergangen und die Kö⸗ nigstochter ſagte zu ſich ſelbſt: So kann das nicht blei⸗ ben, hier muß Schicht gemacht werden, ſo oder ſo. Sie begann alſo zum Prinzen:„Ich habe den beſten Gar⸗ ten der Welt, den will ich morgen Ew. Liebden zeigen.“ Aber der Prinz roch wieder an ſeinem Apfel. Und als ſie in den Garten kamen, fing der Prinz an:„Hier iſt s wunderſchön. Damit wir aber in rechtem Frieden neben einander gehen und durchaus nicht durch unſer Spiel geſtört werden, bitte ich meine Herrin, daß dieſelbe nur auf eine Stunde meine Hofſitte annehme und ſich auch die Hände feſtbinden laſſe. Dann ſind wir eines des andern ſicher und uns kann nichts Aergerliches begeg⸗ nen.“ Der Prinzeſſin war das nicht recht, aber er bat und ſie wollte ihm doch die Kleinigkeit nicht abſchlagen. So gingen ſie allein mit einander, die Hände im Gürtel gebunden. Die Vögel ſangen, die Sonne ſchien warm und vom Baum hingen die rothen Kirſchen bis auf die Wangen herunter. Die Prinzeſſin ſah auf die Kirſchen und rief:„Wie ſchade, daß Ew. Liebden mir keine da⸗ von pflücken können!“ Der Prinz antwortete:„Noth kennt kein Gebot,“ er nahm eine Kirſche mit dem Munde und bot ſie der Königstochter. Der Prirzeſſin blieb — 187— nichts übrig, ſie mußte ihren Mund an den ſeinen bringen, um die Kirſche zu faſſen, und da ſie die Frucht zwiſchen den Lippen hatte und ſeinen Kuß dazu, ver⸗ mochte ſie nicht, im Augenblick zu ſprechen: ich denke dran. Da rief er laut:„Guten Morgen, Vielliebchen,“ zog die Hände aus dem Gürtel und fiel ihr um den Hals. Und wenn ſie nicht geſtorben ſind u. ſ. w. Dieſe Geſchichte hatte der Doctor luſtig ausgeführt und eigens für Laura drucken laſſen, ſo daß Niemand dies Büchel haben konnte, als ſie allein. Laura trug das Märchen in ihr Geheimzimmer, ſah mit Stolz auf ihren gedruckten Namen und las immer wieder die kleine dumme Geſchichte. Und ſie ging nachdenkend auf und ab. Wenn ſie ſich ſo den ganzen Fritz Hahn überlegte, konnte ſie doch kein recht gutes Gewiſſen haben. Von klein auf hatte er ſie zu Dank verpflichtet, er war ſtets lieb und gut gegen ſie geweſen, und ſie, und ach noch mehr der Vater, hatten ihm immer wieder weh gethan. Reuevoll überdachte ſie alle Vergangenheit bis zu den Katzenpfoten; was ihr ſchon bei dem Vielliebchen in der Seele gelegen hatte, das wurde ihr jetzt deutlich, ſie konnte nicht un⸗ befangen ſein, wie ſie doch ſollte, und nicht gleichgül⸗ tig, wie ihr ganz recht geweſen wäre, weil ſie immer vor ihm in den eiſernen Banden einer Verpflichtung lag.„Ich muß mit ihm aufs Reine kommen.“ Ach, aber zwiſchen ihm und ihr ſtand als trennende Mauer das Verbot des Vaters. Sie überlegte, wie — 188— ſie, ohne jedem Befehl entgegen zu handeln, doch dem Doctor etwas Angenehmes erweiſen könne. Aehnliches hatte ſie ſchon einmal mit der Orange gewagt; wenn drüben Niemand wußte, daß der Scherz von ihr kam, dann war keine Gefahr, es entſtand kein zartes Ver⸗ hältniß und keine Freundſchaft, die der Vater doch nur vermeiden wollte. Sie eilte zu Ilſe herunter.„Die Verpflichtungen gegen den Doctor drücken mich mehr, als ich ſagen kann, es iſt unerträglich, immer in ſeiner Schuld zu ſein. Jetzt habe ich mir etwas ausgedacht, was dies Verhältniß zum Ende bringt.“ „Nimm dich nur in Acht,“ verſetzte Ilſe,„daß die Sache auch gründlich abgemacht wird.“ Darauf ſchlüpfte Laura in das Arbeitszimmer des Profeſſors und bat:„Helfen Sie mir zu einem Scherz gegen den Mann von drüben, er ſammelt ja allerlei alte Sachen, ich möchte etwas Seltenes für ihn er⸗ werben, was ihm lieb wäre. Aber keine Seele darf wiſſen, daß ich dabei im Spiele bin, und er am we⸗ nigſten.“ Der Profeſſor verſprach, auf etwas zu denken. Einige Zeit darauf legte er in Lauras Hände einen kleinen zerriſſenen Band, der jämmerlich herabgekommen ausſah.„Es ſind Einzeldrucke alter Volkslieder,“ ſagte er,„die irgend einmal zuſammengebunden ſind, ich ſtieß durch einen glücklichen Zufall darauf. Das Büchlein iſt theuer, für den Liebhaber iſt ſein Werth unverhält⸗ nißmäßig größer, als der Preis. Nehmen Sie keinen — — 189— Anſtoß an dem ſchlechten Kleide, Fritz wird doch die ein⸗ zelnen Lieder von einander löſen und in ſeine Samm⸗ lung ordnen. Ich bin überzeugt, Sie können ihm kein lieberes Geſchenk machen.“ „Er ſoll es erhalten,“ ſagte Laura vergnügt,„aber er ſoll gequält werden.“ Es war eine ſchöne Sammlung, ſehr ſeltene Stücke darunter, ein ganz unbekannter Druck des Liedes vom Ritter Tanhäuſer, das Lied vom Räuber Stürzebecher und andere erfreuliche Blätter. Laura trug das Buch herauf, und ſchnitt die gebundenen Bogen ſorgfältig von dem Bindfaden, der ſie locker zuſammenhielt. Darauf ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch und fuhr in der ano⸗ nymen Brieſſtellerei fort, welche ihr die Tyrannei des Vaters aufgenöthigt hatte, indem ſie mit verſtellter Hand Folgendes ſchrieb:„Lieber Herr Doctor, ein Unbekann⸗ ter ſendet Ihnen dies Lied für Ihre Sammlung, er hat noch dreißig ähnliche, welche Ihnen beſtimmt ſind, doch unter Bedingungen. Erſtens: Sie bewahren gegen Je⸗ dermann, wer es auch ſei, unverbrüchliches Schweigen. Zweitens: Sie ſenden für jedes Gedicht ein anderes, das Sie ſelbſt gemacht haben, worüber es auch ſei, unter Adreſſe O. W. auf die Stadtpoſt. Drittens: Wenn Sie bereit ſind, in dieſen Vertrag zu willigen, ſo gehen Sie an einem der drei nächſten Tage Nach⸗ mittags um drei Uhr an No. zehn der Parkſtraße vor⸗ über, etwas Blühendes am Knopfloch. Der Abſender wird ſich innig freuen, wenn Sie auf dieſen kleinen — 190— Scherz eingehen. Ihr ergebener N. N.“ Dieſem Briefe lag das Lied vom Stürzebecher bei. Die Taſchenuhr des Doctors zeigte, wie durch ſpä⸗ tere Nachforſchungen feſtgeſtellt wurde, neun Uhr fünf Minuten, als dieſer Brief in ſein Zimmer gebracht wurde: der Barometer war im Steigen, am Himmel leichtes Federgewölk, dazwiſchen die bleiche Mondſichel erkennbar. Der Doctor öffnete, ein alter Druckbogen ſtach gelblich vom grünen Poſtpapier eines Briefes ab. Er entfaltete haſtig die gelben Blätter und las:„Storte⸗ becker und Godeke Michael, de rowten alle beede.“ Kein Zweifel, der niederdeutſche Urtext des berühmten Liedes, den die Welt bis dahin vermißt hatte, lag leibhaftig vor ihm. Ihm wurde ſo wohl zu Muth, wie dem Kinde voor der Einbeſcheerung. Darauf las er den Brief, und als er am Ende angekommen war, las er ihn noch ein⸗ mal. Er lachte. Offenbar war das Ganze eine Schel⸗ merei. Aber von wem? Seine Gedanken flogen um Laura, aber ſie hatte ihn erſt geſtern Abend durch kalte Nichtach⸗ tung verletzt. An Ilſe war nicht zu denken, und dem Pro⸗ feſſor ſah ſolch ſpielender Unfug vollends nicht ähnlich. Und was ſollte das Haus No. zehn? Die junge Schauſpie⸗ lerin, welche dort wohnte, galt ſehr dafür, eine liebenswür⸗ dige und unternehmende Dame zu ſein. War es möglich, daß ſie ein Verſtändniß für Volkslieder hatte, und, das konnte der Doctor ſich nicht verbergen, auch ein zartes Verſtändniß für ihn ſelbſt? Dem ehrlichen Fritz begegnete, daß er einen Augenblick vor den Spiegel trat, aber er proteſtirte ſogleich innerlich und zog ſich lachend zu dem Schreibtiſch und dem Volksliede zurück. Er konnte auf den Scherz nicht eingehen, das war klar, aber es war ſehr ſchade. Er legte den Stürzebecher bei Seite und ergriff ſeine Arbeit. Aber nach einer Weile nahm er ihn wieder zur Hand. Dieſes Prachtſtück wenigſtens war ihm ohne demüthigende Bedingung geſandt, viel⸗ leicht mochte er doch dies eine behalten. Er öffnete eine Mappe ſeiner alten Volkslieder und ſuchte die Stelle, wo das Gedicht eingereiht werden mußte, wenn es in der That ſein Eigenthum wurde. Er legte den Schatz in die Reihe, ſtellte die Mappe wieder in den Bücher⸗ ſchrank und dachte, es iſt ja gleichgültig, wo der Bogen liegt. In dieſer Weiſe kämpfte der Doctor bis nach dem Mittageſſen. Kurz vor drei Uhr war er zu einer ruhi⸗ gen Auffaſſung gelangt. War es nur Scherz eines nahen Bekannten, ſo wollte er kein Spaßverderber ſein; hatte die Sendung irgend ein anderes Motiv, ſo mußte auch das zu Tage kommen. Unterdeß mochte er die ſel⸗ tenen Drucke wohl aufbewahren, aber er durfte ſie nicht als ſein Eigenthum behandeln, bis das Recht des Ab⸗ ſenders daran und der Zweck der Sendung deutlich war. Dies Bedenken mußte er dem Unbekannten zu⸗ erſt mittheilen. Nachdem er dieſen nothdürftigen Ver⸗ gleich zwiſchen ſeinem Gewiſſen und ſeinem Sammeltrieb zu Stande gebracht, holte er aus der Blumenſtube des Vaters etwas Blühendes, ſteckte es in ſein Knopfloch — 192— und trat auf die Straße. Unſicher blickte er nach den Fenſtern des feindlichen Hauſes, aber Laura war nir⸗ gend zu finden, denn ſie lauſchte hinter der Gardine und ſchnippte, als ſie die Blumen im Knopfloch ſah, mit den Fingern über den gelungenen Scherz. Der Doctor wurde verlegen, als er in die Nähe der vor⸗ geſchriebenen Hausnummer kam. Die Lage war doch demüthigend und ihn reute ſeine Begehrlichkeit. Er ſah in die Fenſter des Unterſtocks, und ſieh! die junge Schau⸗ ſpielerin ſtand grade an den Scheiben. Er blickte auf ein geſcheutes Geſicht mit einnehmenden Zügen, zog verbindlich ſeinen Hut, nicht ohne ſchwaches Erröthen; und das Fräulein dankte artig dem wohlbekannten Sohn des Nachbarhauſes. Der Doctor ging noch ein wenig auf der Promenade umher, ihm erſchien dies Aben⸗ teuer unheimlich. Es war doch nicht zufällig, daß die Künſtlerin am Fenſter ſtand und grüßte. Er wurde mit ſeinen Quergedanken nicht fertig, nur Eines war ihm ganz klar geworden, er behielt vorläufig den Stürze⸗ becher. Da ſeine Gewiſſensbiſſe nicht aufhörten, ſo rang er zwei Tage mit ſich ſelbſt, ob er ſich auf weiteren Briefwechſel einlaſſen dürfe. Am dritten waren die letzten Bedenken zum Schweigen gebracht. Dreißig Volkslieder, ſehr alte Drucke, die Verſuchung war über⸗ mächtig! Er holte ſeine eigenen Verſe heraus, Ergüſſe ſeiner lyriſchen Periode, muſterte und verwarf; endlich fand er eine unſchuldige Romanze, welche ihn in keiner — 193— Weiſe blosſtellte; ſie wurde abgeſchrieben und von eini⸗ gen Zeilen begleitet, worin auch er ſeine Bedingung ausſprach, daß er ſich nur als Bewahrer der Lieder be⸗ trachten könne. Einige Tage darauf erhielt er eine zweite Sendung, es war ein werthes Mönchslied, worin die gebratene Martinsgans gefeiert wurde, dabei lag ein Zettel, wel⸗ cher die ermunternden Worte enthielt:„Nicht übel, fah⸗ ren Sie fort.“ Und wieder erhob ſich Lauras Geſtalt vor ſeinen Augen und er laͤchte die Martinsgans recht herzlich an. Das war auch ein alter Druck, der noch nirgend verzeich⸗ net war! Er zog alſo diesmal eine Ode auf den Früh⸗ ling aus ſeinen Poeſien und adreſſirte dieſe mit den befohlenen Buchſtaben 0. W. Der Profeſſor wunderte ſich, daß der Doctor über das Liederbuch ſchwieg, und äußerte dies gegen Ilſe, welche ein wenig im Geheimniß war.„Er darf nicht ſprechen,“ ſagte dieſe,„ſie behandelt ihn ſchlecht. Da er es iſt, hat der Scherz für das kecke Mädchen keine Gefahr.“ Laura aber war ſelig über dies Schachſpiel mit verdeckten Zügen. Sie hob die Gedichte des Doctors ſorgfältig in ihrem Geheimbuch auf, und ſie fand, daß die Poeſie der Hahns gar nicht ſo ſchlecht war, ja ſie war ausgezeichnet. Aber faſt noch lockender als die Correſpondenz wurde ihrem Uebermuthe der Gedanke, dem Doctor ein kleines artiges Verhältniß zu der Schauſpielerin aufzuzwingen. Als ſie wieder mit ihm Freytag, Handſchrift. II. 13 — 194— bei Ilſe zuſammentraf und einer der Anweſenden das Talent der jungen Dame rühmte, erzählte ſie un⸗ befangen und gar nicht zum Doctor Fewandt⸗ was die Straße von bizarren Einfällen der Schauf pielerin wußte, daß ſie einſt ihr Hündchen mit einer Nachthaube au's Fenſter geſetzt, als ihr ein widerwärtiger Verehrer ein Ständchen angekündigt hatte, und daß ſie eine Vor⸗ liebe für bettelnde Handwerksburſchen habe und ſich mit ihnen meiſterhaft im Dialekt ihrer Landſchaft zu unter⸗ hulten wiſſe. Der argloſe Doctor wurde nachdenklich. Sollte in der That die Schauſpielerin mit ihm in Correſpondenz ſtehen, ohne daß er es wußte? Und Fritz begann der Dame eine gewiſſe ruhige Beachtung zu gönnen. Als Laura einſt auf dem abonnirten Platz ihrer Mutter ſaß und einer Rolle der Künſtlerin zuſah, er⸗ kannte ſie in der Loge gegenüber Fritz Hahn, ſie be⸗ obachtete, daß er durch ſein Opernglas angeſtrengt auf die Bühne ſtarrte und einige Mal lebhaften Beifall zu erkennen gab.— Nun, der war glücklich auf falſche Fährte gebracht. Indeß er mußte doch auch erfahren, daß der unbe⸗ kannte Correſpondent mehr verſtand, als Adreſſen zu ſchreiben. Laura durchſuchte die Lieder, ſtudirte lange über dem Text des alten Gedichtes vom Ritter Tanhäuſer, der bei Frau Venus im Berge verweilt, und ſandte das Lied mit folgenden Zeilen: „Während ich das Gedicht durchleſe, überkommt mich — 195— Rührung und Schreck vor dem Sinn dieſer alten Poeſie. Was wird nach der Meinung des Dichters aus der Seele des armen Tanhäuſers? Er hat ſich von Frau Venus losgeriſſen und kehrt reuig zum Chriſtenglauben zurück, und als ihm der harte Papſt ſagt: ſo wenig der Stock, den ich in der Hand halte, grün werden kann, ſo wenig kannſt du noch ſelig werden, da wankt er aus trotziger Verzweiflung zur Venus in den Berg zurück. Darauf erſt ergrünt der Stab in der Hand des Papſtes und vergebens ſendet dieſer ſeine Boten, den Ritter zu⸗ rückzuholen. Wie verſteht der Sänger den Rückfall des Tanhäuſers? Wird die ewige Liebe und Barmherzig⸗ keit dem Armen auch jetzt noch verzeihen, obgleich er ſich der Teufelin zum zweitenmal ergiebt? Iſt alſo dieſer alte Dichter ſo frei und groß geſinnt, daß er auch noch die Rückkehr zur Heidenfrau für verzeihlich hält? Oder iſt Tanhäuſer jetzt in ſeinen Augen für ewig verloren, und ſoll der grünende Stab nur anzeigen, daß der Papſt die Schuld trägt? Es würde mich freuen, darüber von Ihnen Aufklärung zu er⸗ halten. Das Gedicht finde ich ſehr ſchön und er⸗ greifend, und in den einfachen Worten, wenn man ſich erſt hineingeleſen hat, gewaltige Poeſie. Aber ich habe Angſt um das Schickſal des Tanhäuſers. Ihr N. N.“ Der Doctor antwortete ſogleich:„Es iſt zuweilen ſchwer, aus der tiefen Empfindung und dem knappen Ausdruck alter Gedichte die Grundidee des Dichters zu 13* —— ¼¼ — — 5 — — 196— verſtehen. Am ſchwerſten vor einem Gedichte, welches durch Jahrhunderte vom Volksmunde fortgetragen, zu⸗ verläſſig in Wortlaut und Inhalt Aenderungen erfahren hat. Das erſte Motiv des Liedes, daß Sterbliche bei den alten Heidengöttern im Innern der Berge weilen, beruht auf einer Anſchauung, die noch aus der Heiden⸗ zeit ſtammt. Die Idee, daß der Chriſtengott milder iſt als ſein Stellvertreter anf Erden, wurde ſeit der Hohen⸗ ſtaufenzeit in Deutſchland heimiſch. Man darf den Ur⸗ ſprung des Gedichtes wohl auf dieſe Zeit zurückführen. In den uns überlieferten Formen mag es etwa aus der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts ſtammen, wo die Oppoſition gegen die Hierarchie in Deutſchland bei Hoch und Niedrig allgemein war. Der hohe Gedanke dieſer Oppoſition war: nicht der Prieſter kann die Sünden vergeben, nur Reue, Buße, Erhebung des eigenen Herzens. Der Druck, welchen Ihre Güte mir über⸗ ſandt hat, ſtammt aus der erſten Zeit Luthers, aber wir wiſſen, daß das Lied älter iſt, und wir beſitzen ver⸗ ſchiedene Texte, von denen einige noch ſtärker hervor⸗ heben, daß Tanhäuſer auch nach ſeinem Rückfall der göttlichen Gnade vertrauen dürfe. Zuverläſſig hielt der Sänger des überſandten Textes den armen Tanhäuſer für verloren, wenn dieſer ſich nicht wieder von Frau Venus frei machte. In dieſem Fall nicht. Der Volks⸗ ſage nach iſt Tanhäuſer bei ihr geblieben. Aber den gro⸗ ßen Gedanken, der auch unſer Leben adelt, daß der Menſch, ſo lange Geiſt und Gemüth ihm nicht ausge⸗ ₰ — 192,— brannt ſind, in ſich ſelbſt die Kraft zur Erhebung über begangenes Unrecht trage, dürfen wir auch in dieſem Ge⸗ dicht erkennen, deſſen poetiſchen Werth ich würdige wie Sie.“ Als Laura dieſe Antwort erhielt— Gabriel war auch hier der vertraute Bote— ſprang ſie vor Freude von ihrem Arbeitstiſch hoch auf. Sie hatte mit Ilſe die Leiden Tanhäuſers beklagt und der Freundin eine Abſchrift des Gedichtes gegeben, jetzt lief ſie mit den Zeilen des Doctors herunter, ſtolz, daß ſie durch den kindiſchen Scherz, über welchen Ilſe den Kopf geſchüt⸗ telt hatte, zu einer geheimen wiſſenſchaftlichen Erörte⸗ rung gekommen war. Von dieſem Tage erhielt die geheime Correſpondenz für Laura und Fritz eine Be⸗ deutung, an welche keines von beiden im Anfang ge⸗ dacht hatte. Denn Laura wagte jetzt, wenn ſie über etwas nicht mit ſich auf's Reine kommen konnte, oder wenn ein ſtilles Intereſſe ſie beſchäftigte, ihre Gedanken, die bis dahin im Schreibtiſch verſchloſſen wurden, dem Nachbar mitzutheilen, und der Doctor ſah mit Erſtau⸗ nen und Freude ein weibliches Gemüth von kräftigem und originellem Empfinden, das bei ihm Klarheit ſuchte und mit ungewöhnlichem Vertrauen ſich aufſchloß. Dieſe Stimmung war auch aus ſeinen Gedichten zu erkennen, ſie waren nicht mehr aus der Mappe herausgeholt, ſon⸗ dern erhielten einen gewiſſermaßen perſönlichen Charak⸗ ter. Und Laura wurden die Augen feucht, als ſie ein Blatt in der Hand hielt, welches in Verſen ſeine Span⸗ nung und Ungeduld ausſprach, den unbekannten Corre⸗ — 198— ſpondenten kennen zu lernen. Es war ſo reine Em⸗ pfindung in den Zeilen, und man ſah daraus ſo deut⸗ lich den guten und feinen Mann, daß man ein recht herzliches Zutrauen zu ihm haben mußte. Die alten Volkslieder, zuerſt die Hauptſache, wurden allmälig nur die Begleiter des ſtillen Briefwechſels, und Lauras enthu⸗ ſiaſtiſche Seele ſchwebte beflügelt über goldumſäumte Wolken, während unten Herr Hummel grollte und Herr Hahn mißtrauiſch neue Angriffe des Feindes erwartete. Aber dies poetiſche Verhältniß zum Nachbarſohn, welches Lauras Unternehmungsgeiſt geſchaffen hatte, litt an derſelben Gefahr, welche allen poetiſchen Stimmun⸗ gen droht, die rauhe Wirklichkeit konnte es jeden Augen⸗ blick zerſtören. Niemals durfte der Doctor wiſſen, daß ſie es war, die Tochter der Feinde, ſein alltäglicher An⸗ blick, das kindiſche Mädchen, das in Ilſe's Zimmer mit ihm um Butterbrode und Knackmandeln zankte. Wenn ſie mit ihm Auge gegen Auge zuſammentraf, war er ihr der Doctor mit der Brille von ſonſt und ſie die kleine borſtige Hummel, welche mehr von der Unart ihres Baters hatte, als Gabriel zugeben wollte. Das Schmol⸗ len und die Neckerei des Tages lief zwiſchen beiden fort wie früher. Dennoch war unvermeidlich, daß zuweilen aus Lauras Augen ein Strahl warmer Empfindung brach, und daß ſich der freundliche Humor, mit dem ſie den Doctor im Innern betrachtete, einmal durch flüchtige Worte verrieth. Fritz wandelte deshalb in einer Unſicherheit dahin, über die er im Stillen lachte, — 199 und die ihn doch quälte. Immer ſah er Laura vor ſich, wenn er einige Zeilen der gut verſtellten Hand auf ſeinem Zimmer las, doch ſobald er die Nachbarin beim Freunde traf, ſorgte ſie durch eine ſpöttiſche Bemerkung und durch ſpröde Zurückhaltung dafür, daß er wieder unſichtbar wurde. Sie zwang die Noth zu ſolcher Ko⸗ ketterie, er aber wurde immer aufs Neue kühl davon angeweht, und dann fiel ihm aufs Herz, ſie iſt es doch nicht, kann es denn die Schauſpielerin ſein? Am Theetiſch entſtand allgemeines Erſtaunen, als der Doctor einſt fallen ließ, er ſei zu einem Maskenball eingeladen und nicht abgeneigt, ſich in das Getümmel zu ſtürzen. Der Ball wurde von einer großen Reſſource anſehnlicher Bürger gegeben, zu welcher auch Herr Hum⸗ mel gehörte, die Geſellſchaft war dafür bekannt, daß die erſten Schauſpieler der Stadtbühne ſich dort als willkom⸗ mene Gäſte im Kreiſe ihrer Verehrer bewegten. Da der Doctor ſonſt nie für dieſe Art geſelliger Unterhaltung ein Herz bewieſen hatte, ſah auch der Profeſſor verwun⸗ dert auf den Freund, nur Laura ahnte den Zuſammen⸗ hang, aber alle ließen ſich ſchweigend die Ankündigung eines bevorſtehenden Exceſſes gefallen. Herr Hummel war nicht der Anſicht, daß ein Mas⸗ kenball die Stätte ſei, wo die Tüchtigkeit des deutſchen Bürgers Triumphe feiert, er hatte widerwillig den ſchmeichelnden Bitten ſeiner Frauen nachgegeben und ſtand jetzt unter den Masken im Saale. Den kleinen ſchwar⸗ zen Domino hatte er wie ein Prieſtermäntelchen nach⸗ — 200— läſſig auf den Rücken gehoben, den Hut in die Augen gedrückt, ſein breites Geſicht überragte auf allen Sei⸗ ten den Florbart der Seidenlarve und war ſo unver⸗ kennbar wie ein Vollmond hinter dünnem Geyölke. Spöttiſch ſah er in das Gedränge der Masken, welche bei einander vorbeiſtrichen, etwas weniger behaglich und etwas ſchweigſamer, als ſie ohne Larve und bunten Rock geweſen wären. Und vor Andern zuwider waren ihm die eingeſtreuten Harlekine, welche beim Beginn des Feſtes eine Ausgelaſſenheit heuchelten, die ihnen nicht natürlich war. Herr Hummel hatte gute Augen, nur ging es ihm wie Andern auch, wenn Jemand maskirt war, vermochte er ihn nicht zu erkennen. Aber alle Welt erkannte ihn. Hinten zupfte etwas.„Was macht Ihr Hund Speihahn?“ frug mit einer Verbeu⸗ gung ein Herr in Rococco. Hummel verneigte ſich wieder.„Danke für gütige Nachfrage, ich hätte ihn mit⸗ gebracht, Sie in Ihre Waden zu beißen, wenn Sie mit dieſem Artikel verſehen wären.“—„Kann dieſe Hummel auch ſtechen?“ frug ein grüner Domino im Falſet.„Er⸗ ſparen Sie ſich Ihre Bemerkungen, Fiſtulant,“ entgegnete Herr Hummel grollend,„Ihre Stimme iſt ja ins Weibliche umgeſchlagen, ſollte Ihnen etwas fehlen, ſo bedaure ich auf⸗ richtig Ihre Familie.“ Er ſteuerte weiter.„Kaufſt du eine Partie Haſenhaare, Bruder Hummel?“ frug ein wandern⸗ der Tabuletkrämer.„Ich danke, Bruder,“ verſetzte Hummel grimmig,„du kannſt mir aber die Eſelshaare ablaſſen, welche dir deine Frau beim letzten Zanke ausgeriſſen hat.“ ——öͤſGſͤſͤſͤ — 201— „Das iſt der grobe Filz,“ rief naſeweis ein kleiner Pierrot und ſchlug Herrn Hummel mit der Pritſche über den Bauch. Das war Herrn Hummel zu viel, er faßte den Pierrot beim Kragen, nahm ihm die Pritſche weg und hielt den Widerſetzlichen an ſein Knie.„Warte, mein Söhnchen,“ rief er,„dir wäre jetzt gut den Filz an⸗ derswo zu tragen als auf dem Kopfe.“ Aber ein beleibter Türke fiel ihm in den Arm.„Herr, wie können Sie ſich unterſtehen, meinen Sohn anzufaſſen?“„Iſt dieſes Beſteck Ihre Arbeit?“ frug Herr Hummel zornig,„ſchämen Sie ſich. Ihre löſchpapierne Phyſiognomie iſt mir nicht be⸗ kannt. Wenn Sie ſich als Türke der Anfertigung von ungezogenen Hanswürſten widmen, ſo müſſen Sie ſich auch türkiſchen Bambus auf dem Rücken Ihrer Pro⸗ dukte gefallen laſſen, das iſt Völkerrecht. Sollten Sie dieſes nicht verſtehen, ſo melden Sie ſich morgen auf meinem Comptoir, ich werde Sie darüber ins Klare ſetzen und Ihnen eine Rechnung überreichen wegen des Uhrglaſes, das mir dies Subjekt aus Ihrem Harem in der Taſche zerbrochen hat.“ Und damit warf er den Pierrot dem Türken in die Arme, die Pritſche auf die Erde und ſchritt ſchwerfällig durch die Masken, welche ihn umring⸗ ten.„Keine menſchliche Seele,“ grollte er vor ſich hin, „man iſt wie Robinſon unter den Wilden.“ Er bewegte ſich in den Tanzſaal unbekümmert um die weißen Schultern und blitzenden Augen, welche neben ihm auf⸗ tauchten und wieder verſchwanden. Endlich erblickte er zwei graue Fledermäuſe, die er perſönlich zu kennen 202— glaubte, denn es ſchienen ihm die Masken ſeiner Frau und Tochter. Er ging auf ſie zu, ſie aber wichen ihm ſcheu aus und verloren ſich im Gedränge. Es waren allerdings die Frauen ſeines Hauſes, aber ſie hatten die Abſicht unerkannt zu bleiben, und ſie wußten, daß das neben Herrn Hummel unmöglich ſei. So wandte ſich der verlaſſene Hausherr kurz um, ging in ein Neben⸗ zimmer, ſetzte ſich einſam an einen der leeren Tiſche, nahm die Larve ab, beſtellte eine Flaſche Wein, frug nach dem Tageblatt und zündete eine Cigarre an.„Ver⸗ gebung, Herr Hummel,“ rief ein kleiner Kellner,„hier wird nicht geraucht.“ „Auch du?“ verſetzte Herr Hummel trübe,„du ſiehſt, es wird geraucht. Dies iſt auch ein Maskenſcherz. Denn heut wird alle Humanität und menſchliche Rückſicht aus Langerweile mit Füßen getreten, und das iſt's grade, was man bal masqué nennt.“ Unterdeß ſchlüpfte Laura unter den Masken umher, ſie ſuchte den Doctor. Auch Fritz Hahn war für ſcharfe Augen leicht erkennbar, er trug über der Larve gemüth⸗ lich ſeine Brille. Er ſtand als blauer Domino neben einer eleganten Dame in rothem Mantel. Laura drängte ſich in die Nähe. Fritz ſchrieb der Dame etwas gleichgültig, darauf ſchrieb er wieder etwas in ihre Hand und wies auf ſich ſelbſt, wahrſcheinlich war es ſein ei⸗ gener Name, denn die Dame nickte, und Laura glaubte zu erkennen, wie ſie unter ihrem Flor lachte. Und in die Hand, jedenfalls ihren Namen, denn ſie nickte 203 Laura hörte, wie der Doctor die Dame mit dem Na⸗ men der Rolle anredete, in welcher er ſie neulich auf der Bühne geſehen hatte, und außerdem mit du. Das war zwar Maskenrecht, aber nöthig war es nicht. Der Doctor aber ſprach ſeine Freude aus, daß die Künſt⸗ lerin bei der Balkonſcene ſo gut verſtanden habe die aufglühende Empfindung in den ſchwierigen Verſen dar⸗ zuſtellen. Der rothe Mantel⸗wurde aufmerkſam, wandte ſich ganz dem Doctor zu und begann über die Rolle zu ſprechen. Die Dame ſprach eine Weile, und dann wieder Doctor Romeo und noch länger. Dabei trat die Schauſpielerin einige Schritte zurück an einen Pfeiler, der Doctor folgte ihr dahin, und Laura ſah, wie der rothe Mantel einige andere Herrenmasken kurz abfer⸗ tigte und ſich wieder zum Doctor wandte. Endlich ſetzte ſich die Künſtlerin gar hinter den Pfeiler, wo ſie we⸗ nig von fremden Blicken geſehen wurde, und der Doc⸗ tor ſtand an den Stein gelehnt neben ihr und ſetzte die Unterhaltung fort. Laura ſchob ſich hinter den Pfei⸗ ler und hörte, wie lebhaft die Unterhaltung von beiden geführt wurde. Es war von Leiidenſchaft die Rede. — Nun, es war noch nicht die Leidenſchaft, welche beide für einander entflammte, ſondern vorläufig die der Bühne aber auch das war mehr, als ein Freund des Doctors billigen konnte. Laura trat raſch hervor, ſtellte ſich neben Fritz Hahn und hob warnend den Finger in die Höhe. Der⸗ Doctor ſah verwundert auf die Fledermaus und zuckte — 204— die Achſeln. Da ergriff ſie ſeine Hand und ſchrieb ſei⸗ nen Namen ein. Der Doctor machte eine Verbeugung, darauf hielt ſie ihre Hand hin. Wie konnte er ſie in der entſtellenden Hülle erkennen? Er gab ſtarke Zeichen ſeiner vollen Unwiſſenheit und wandte ſich wieder zu der Dame im rothen Mantel. Laura trat zurück und ihre Schläfe rötheten ſich unter der Maske. Auch im Zorn auf ſich ſelbſt! Denn ſie hatte dem Unglücklichen dieſe Gefahr gebracht, und ſie hatte darauf beſtanden, den Ball heimlich vor ihm und in einer Tracht zu be⸗ ſuchen, welche das Erkennen ſo ſchwer machte. Sie zog ſich zu ihrer Mutter zurück, welche endlich das Glück gehabt hatte, in der Frau Pathe eine Ge⸗ ſellſchafterin zu finden, und eine Ecke des Maskenſaals benutzte, um Beobachtungen über die körperliche Ent⸗ mwicklung des getauften kleinen Fritz auszutauſchen. Laura ſetzte ſich neben die Mutter und ſah theilnahm⸗ los auf die tanzenden Masken. Plötzlich ſprang ſie wie von Federn geſchnellt in die Höhe, denn Fritz Hahn tanzte mit der Dame im rothen Mantel vorüber. War das möglich? Längſt hatte er das Tanzen abgeſchworen, mehr als einmal hatte er Laura wegen ihrer Freude daran verſpottet, auch ſie ſelbſt hatte vor ihrem Ge⸗ heimbuch Stunden gehabt, wo ihr dieſe einförmige, kreiſende Bewegung kindiſch und mit einer edleren Auf⸗ faſſung des Lebens unverträglich erſchien. Und jetzt drehte er ſich wie ein Kreiſel.„Was ſehe ich?“ rief auch ihre Mutter—„iſt das nicht— und die rothe .— iſt ja gar—.“„Es iſt gleichgültig, mit wem er tanzt,“ unterbrach Laura, um nicht die verhaßte Beſtätigung zu hören. Aber ſie kannte Fritz Hahn und ſie wußte, daß dieſer Walzer etwas zu bedeuten hatte. Inlia gefiel ihm ſehr, ſonſt hätte er's nicht gethan, ihr ſelbſt war dieſe Auszeichnung nie zu Theil geworden. Der alte Komiker der Stadtbühne trat als Pantalon zu ihnen, er hatte endlich die zwel einflußreichen Damen aufge⸗ funden, er trippelte, machte groteske Verbeugungen und fing an die Mama mit kleinem Geklätſch zu unterhal⸗ ten. Und eine ſeiner erſten Bemerkungen war:„Man hört, der junge Hahn wird zum Theater gehen, er ſtu⸗ dirt mit unſerer Primadonna ſeine Liebhaberrolle ein.“ Laura wandte ſich mit Widerwillen von der platten Be⸗ merkung ab. Ihre letzte Hoffnung war die Zeit des Demas⸗ kirens, ungeduldig erwartete ſie den Augenblick. End⸗ lich trat eine Pauſe ein, die Larven fielen. Sie nahm den Arm der Mutter, mit ihr durch den Saal zu ge⸗ hen und die Bekannten zu grüßen; es dauerte lange, bis ſie in die Nähe von Fritz Hahn kamen, und er ſah nicht einmal nach ihnen hin. Laura zuckte mit der Hand, ihn leiſe anzurühren, aber ſie preßte die Finger feſt und ging aus großen Augen auf ihn blickend vorüber. Jetzt endlich that er, was längſt ſeine Schuldigkeit geweſen wäre, er erkannte ſie. Sie ſah die Freude auf ſeinem Geſicht, und ihr wurde leichter zu Muth. Sie blieb ſtehen, ſ — ——ꝛn — 206— während er ſich vor der Mutter verneigte und einige höfliche Worte mit dieſer wechſelte, und ſie wartete, daß er anerkennen werde, wie ſie ihn bereits gegrüßt. Er aber ſprach kein Wort von der Begegnung. Hatten ihm ſo Viele den Namen in die Hand geſchrieben, daß er eine einzelne arme Fledermaus nicht im Gedächtniß be⸗ halten konnte? Und als er ſich zu ihr wandte, lobte er die Ballmuſik. Das war die Beachtung, die er ihr gönnte! Mit Julia hatte er geſprochen, was zwiſchen freien Seelen der Rede werth iſt, und ihr gegenüber ſchnurrte eine gleichgültige Phraſe. Ihre Augen bekamen den düſtern Hummelblick, als ſie antwortete:„Sie hatten ſonſt wenig Sympathie mit dem großen Hackebrett dort oben, das die Puppen hüpfen macht.“ Der Doctor lächelte befangen und bat um den nächſten Tanz. Das war ſo ungeſchickt als möglich. Laura antwortete bitter: „Die graue Fledermaus war bereits ſo dreiſt an Ro⸗ meo heran zu flattern, damals hatte er keinen Tanz für ſie frei, jetzt thun ihr von dem hellen Licht die Augen weh.“ Sie neigte ihr Köpfchen wie eine Köni⸗ gin, nahm den Arm ihrer Mutter und ließ ihn hinter ſich zurück. Was noch kam, war eitel Herzeleid. Noch einmal tanzte der Doctor mit der Dame im Mantel, und Laura ſah jetzt, wie freundlich die Verführerin ihn an⸗ lachte, und er tanzte ſonſt mit Niemandem. Um ſie aber kümmerte er ſich nicht weiter; und es war ein Glück, ——y — 202— daß bald darauf Hummel zu den Seinen trat und ſagte: „Es hielt ſchwer, euch zu finden. Erſt als ich die Leute nach den zwei häßlichſten Verputzungen frug, wurde auf euch gewieſen. Es wäre mir lieb, wenn ihr morgen ohne Kopfſchmerz erwachtet, wir haben heut des Vergnügens genug ausgeſtanden.“ Laura war froh, als der Wagen an der Hausſchwelle hielt, ſie ſtürzte in ihr Zimmer, riß ihr Buch aus der Schublade und ſchrieb mit flie⸗ gender Haſt hinein:„Fluch meiner That und Fluch dem frevelhaften Scherz! Die Drachenzähne hab' ich mir ins Land geſtreut, In Waffen wächſt ein Heer von Fein⸗ den und bedreut Mit ſcharfem Stahle mir das warme Herz.“ Und ſie wiſchte dabei über den Thränen, die ihr auf das Papier rollten. Das klare Licht des nächſten Morgens übte auch auf ihre ſcheu flatternden Gedanken ſeine beruhigende Macht. Dort drüben lag Fritz Hahn wohl noch in ſeinem Bett. Der gute Junge war geſtern müde ge⸗ worden. Es mochte doch noch mancher Tropfen Waſſer zum Meere fließen, bevor Freund Fritz ſich entſchloß, ſein Geſchick mit dem einer tragiſchen Künſtlerin zu verbinden. Sie holte ihren Vorrath von alten Druck⸗ bogen heraus und wählte. Da war ja ein recht luſti⸗ ges Lied: die Käferhochzeit, worin der Käfer auf dem Zaune die Jungfer Fliege auffordert ihn zu heirathen. Viele kleine Vögel bemühen ſich ernſthaft um die Hoch⸗ zeit, dieſe aber wird zuletzt durch ein unrühmliches Privatvergnügen des Bräutigams verdorben.„Gut,“ ſagte Laura,„mein Käfer Fritz, ehe du die leichte Fliege Julietta heiratheſt, ſollen noch andere Vögel ihr Stimm⸗ chen dazu geben.“ Sie legte das Lied zuſammen und ſchrieb dazu auf einen kleinen Zettel:„Sie vermuthen falſch. Der dies ſendet, hieß niemals Julia.“ Als ſie den Brief ſchloß, ſagte ſie beruhigt zu ſich ſelbſt:„Wenn er jetzt nicht merkt, daß er im Irrthum war, ſo muß man an ſeinem Urtheil verzweifeln.“ Der Doctor ſaß noch ein wenig betäubt bei ſeinen Büchern, als dieſer Brief bei ihm einfiel. Er warf einen Blick auf die Käferhochzzit; alte Einzeldrucke davon waren ihm überhaupt noch nicht vorgekommen und er ſah ſchon bei ſchnellem Ueberfliegen, daß manche Verſe ganz anders lauteten, als in unſerm landläufigen Text. Dann nahm er den Zettel und ſuchte den Orakel⸗ ſpruch deſſelben zu verſtehen. Allerdings jetzt war un⸗ zweifelhaft, daß die Sendung von der Schauſpielerin kam, denn wer ſonſt konnte wiſſen, daß er ſie mit Julia angeredet hatte, und daß lange von dieſer Rolle die Rede geweſen war. Aber was ſollten die Worte: Sie vermuthen falſch? Auch darüber ging ihm ein blendendes Licht auf. Er hatte behauptet, daß die Darſtellung der Leidenſchaft dem Künſtler nur bis zu einem gewiſſen Grade möglich ſei, wenn ihm nicht ein⸗ mal das Leben ſelbſt eine ähnliche Kette von Empfin⸗ dungen durch die Seele gezogen hätte. Das hatte die Schauſpielerin geleugnet und ſie hatten ſich darüber zu vereinigen geſucht. Ihre Worte bedeuteten alſo offenbar, — 209— daß ſie die Julia gegeben, ohne je eine große Leiden⸗ ſchaft gefühlt zu haben. Nun dies war ein Geſtändniß, das wieder viel Vertrauen zeigte, ja vielleicht noch mehr. Der Doctor ſaß lange vor dem Blatt. Aber er wurde jetzt ziemlich ſicher, mit wem er den Briefwechſel führe, und die Entdeckung machte ihn nicht froh. Denn wie er ſich auch mit verſtändigen Gründen geſträubt hatte, es waren doch immer Lauras Augen gegweſen, die ihm von dem Papier entgegenſtrahlten, freilich ein ganz anderer Blick, als ſie ihm geſtern gegönnt hatte. Er legte die Käferhochzeit ſtill zu den andern Liedern, und wieder frug er ſich, ob er den Briefwechſel jetzt noch fortſetzen dürfe. Endlich packte er als Ant⸗ wort die fällige Abgabe ein, etwas aus dem verblüh⸗ ten Vorrath ſeiner Mappe, und ſchrieb nichts weiter dazu. Einige Tage darauf ging der Profeſſor mit Ilſe durch die Straße, und als ſie bei der Wohnung der Schauſpielerin vorbeikamen, ſahen beide den Freund am Fenſter der Heldin ſtehen, und Fritz nickte ihnen hinter den Scheiben zu. „Wie kommt er zu dieſer Bekanntſchaft?“ frug der Profeſſor,„gilt die junge Dame nicht für ſehr emanci⸗ pirt?“„Ich fürchte,“ antwortete Ilſe bekümmert. Zu Madame Hummel aber kam Frau Knips, welche der Schauſpielerin gegenüber wohnte, mit noch feuchter Wäſche gelaufen und erzählte, daß am Abend zuvor ein ganzer Korb Champagner zu dem Fräulein geſchafft Freytag, Handſchrift. II. 14 — 210— worden ſei, und daß man in der Nacht den lauten Ge⸗ ſang einer wilden Geſellſchaft über die ganze Straße gehört habe und der junge Herr Hahn ſei mitten da⸗ runter geweſen! Am Sonntag war der Komiker zum Mittagsbraten des Herrn Hummel geladen, und eine ſeiner erſten Anek⸗ doten war, daß er von einer luſtigen Geſellſchaft er⸗ zählte, die bei der Schauſpielerin geweſen war. Mit der Bosheit, welche auch Genoſſen derſelben Kunſt ein⸗ ander zu Theil werden laſſen, ſetzte er hinzu:„Sie hat einen neuen Verehrer gefunden, den Sohn von drüben. Nun das Geld ſeines Vaters wird doch auf dieſem Wege der Kunſt zu Hülfe kommen.“ Herr Hummel machte große Augen und ſchüttelte den Kopf, ſagte aber weiter nichts als:„Alſo auch Fritz Hahn iſt unter die Schau⸗ ſpieler gegangen und lüderlich geworden, er wäre der letzte geweſen, dem ich ſo etwas zugetraut hätte.“ Frau Hummel aber ſuchte ihre⸗Erinnerungen vom Ball zu⸗ ſammen und fand darin traurige Beſtätigung, als Laura, welche heut ſehr bleich und ſchweigſam da ſaß, gegen den Mimen heftig herausfuhr:„Ich leide nicht, daß Sie an unſerm Tiſche in ſolchem Ton vom Herrn Doctor ſprechen. Wir kennen ihn gut genug um zu wiſſen, daß er in Benehmen und Grundſätzen ein edler Menſch iſt. Er iſt Herr über ſein Thun, und wenn ihm das Fräulein lieb geworden iſt und er ſie zuweilen beſucht, ſo geht das keinen Dritten etwas an. Und es iſt boshafte Verleumdung zu ſagen, daß er dort etwas Unehrenhaftes begehen wird, und Geld ausgeben, das ihm nicht gehört.“ Dem Komiker kam vor Schrecken eine Brodkrume in die falſche Kehle, er verſank in den heftigſten Bühnenhuſten ſeines Lebens, die Mutter aber verſetzte, um den genialen Mann zu entſchuldigen:„Du ſelbſt haſt zuweilen gefühlt, daß das Benehmen des Doctors nicht das richtige war.“ „Wenn ich in thörichtem Unmuth ſo etwas geſagt habe,“ rief Laura,„war es ein Unrecht und es ſchmerzt mich ſehr; ich habe nur die Entſchuldigung, daß es niemals böſe gemeint war. Von Andern aber ertrage ich keine Kränkung unſeres Nachbars.“ Und ſie ſtand vom wiſche auf und verließ das Zimmer. Der Komiker rechtfertigte ſich gegen die Mutter, Herr Hummel aber faßte an ſein Weinglas und ſagte mit zuge⸗ drückten Augen ſeiner Tochter nachſehend:„Sie iſt bei trübem Tageslicht gar nicht von mir zu unterſcheiden.“ Die Miſſethaten des Doctors machten ihm ſelbſt wenig Kunter Er hatte ſeiner Tänzerin vom Ball einen Beſuch gemacht, denſelben, wobei er am Fenſter geſehen wurde. Einer ſeiner Schulfreunde, jetzt zweiter Tenor der Bühne, war dazu gekommen und hatte mit der Künſtlerin beſchloſſen, an ihrem nahen Geburtstage ein kleines Pickenick einzurichten, ſo war Fritz aufgefor⸗ dert worden Theil zu nehmen. Es war eine luſtige Geſellſchaft geweſen, der Doctor hatte ſich unter den leichtbeſchwingten Vögeln der Bühne ſehr gut unter⸗ halten und mit der Humanität eines Weiſen über den gu⸗ 14* * — 2412— ten Takt gefreut, welcher in der zwangloſen Weiſe ihres Verkehrs ſichtbar wurde. Auch manches verſtändige Wort wurde den Abend geſprochen, und er ging mit der Anſicht nach Hauſe, daß es auch für ſeines⸗ gleichen recht erfriſchend ſei, ſich einmal zu der lu⸗ ſtigen Kunſt zu geſellen. Aber er verſuchte an demſel⸗ ben Abend auch durch eine Kriegsliſt ſeine unbekannte Correſpondentin zu ermitteln. Als man kleine Lieder ſang und mit munterer Grazie komiſche Reime recitirte, hatte er das Käferlied auf das Tapet gebracht und ehrbar intonirt:„Der Käfer auf dem Zaune ſaß, brum, brum, die Fliege die darunter ſaß, ſum, ſum.“ Einige hatten eingeſtimmt, die Dame im Mantel aber kannte das Lied gar nicht, nur ein ähnliches aus einer alten Rolle, und als der Baſſiſt dem Doctor die Melodie aus dem Munde na m und bei den folgenden Verſen jeden der auftre⸗ tenden Vögel durch Geberde und komiſche Veränderun⸗ gen der Melodie zu portraitiren wußte, da hatte die Wirthin ſo unbefangen gelacht und ſich vorgenommen das Lied zu lernen, daß der Doctor wieder ſehr zwei⸗ felhaft wurde, bei der Heimkehr auf ſeiner Hausſchwelle ſtehen blieb und bedeutſam nach dem Hauſe des Herrn Hummel hinüberſah. Und wer genau unterſucht hätte, weshalb er nach dieſem Käferlied ſelbſt laut und über⸗ müthig wurde wie die Andern, der hätte vielleicht ge⸗ funden, daß ihm durch jene Unbefangenheit der Schauſpielerin ein kleiner Stein vom Herzen geſchnellt war. 3 — 213— Aber das Alles half ihm wenig gegenüber Brumm und Summ der Nachbarn. Die Parkſtraße hatte ihrem Fritz Hahn in der letzten Zeit erhöhte Beachtung ge⸗ gönnt, ſein Bild war unter die ernſten Gelehrten ihres Albums eingereihet, welche ſie täglich betrachtete und be⸗ ſprach. Jetzt ſchien ein fremder Zug in das bekannte Geſicht gekommen, und die Straße wollte nicht dulden, daß eines ihrer Kinder einmal anders ausſah, als ihr geläufig war. Deshalb fand viel Raunen und Kopf⸗ ſchütteln ſtatt, Herr und Frau Hahn erfuhren das, nicht zuletzt der Doctor. Er lachte darüber, aber ganz recht war es ihm nicht. „Tanhäuſer edler Rittersmann, du liegſt in Frau Venus Banden, ich ſelbſt war der arge Papſt Urban, ich häufte dir Jammer und Schande.“ So klagte Laura in ihrem Zimmer, aber ſie verbarg den großen Schmerz, auch gegen Ilſe ſprach ſie kein Wort über die Ge⸗ fahren des Doctors, und als dieſe einmal eine leiſe Anſpielung auf die neue Verbindung des Freundes wagte, zerriß Laura den Faden ihrer Stickerei und ſagte, während ihr das Blut heiß zum Herzen drang: „Warum ſoll der Doctor nicht hinübergehen? Er iſt ein junger Mann, dem es gut thut, verſchiedene Menſchen zu ſehen, er ſitzt ohnedies zu viel in der Stube und bei ſeinen Eltern, wäre ich ein Mann wie er, ich hätte längſt mein Bündel geſchnürt und wäre in die Welt gelaufen, denn dieſe engen Hausmauern machen klein⸗ müthig und pedantiſch.“ — 214— Am Theetiſch brachte einer der Anweſenden das Geſpräch auf die Schauſpielerin und zuckte die Achſeln über ihr freies Weſen. Laura empfand die Pein des Doctors: da ſaß der arme Fritz und mußte das verwer⸗ fende Urtheil anhören, die näheren Bekannten ſchwie⸗ gen und ſahen bedeutſam auf ihn, ſeine Lage war ſchrecklich, denn jeder Narr benutzte des Fräuleins ſchutzloſe Stellung, um ſich als Cato zu erweiſen.„Ich wundere mich,“ rief ſie,„daß Herren ſo ſtrenge über kleine Streiche einer Künſtlerin urtheilen, das ſollten ſie doch uns überlaſſen. Einer ſolchen Dame darf man noch viel mehr zu gut halten, denn ihr fehlt aller Schutz und alle Freude, welche uns die Familie giebt. Ich bin überzeugt, daß ſie ein wackeres und feinfühlen⸗ des Mädchen iſt.“ Der Doctor ſah dankbar zu ihr herüber und be⸗ ſtätigte ihre Worte. Er merkte nichts, aber es war ge⸗ kommen, wie in ſeinem Kindermärchen, Laura bog ſich be⸗ reits zu ſeiner Fußſpitze herab und hob das Taſchen⸗ tuch auf. 3 Noch mehr wurde ihr zugemuthet. Der Monat März begann in der Welt ſeine Theaterſtreiche. Erſt hatte er eine Schneelandſchaft aus grauen Wolkenſoffit⸗ ten heruntergelaſſen, Dächer mit Eiszapfen, weiße Cry⸗ ſtalle an den Bäumen und wildes Sturmgeheul hinter der Scene, plötzlich war Alles verwandelt, ein lauer Südwind wehte, die Knoſpen der Bäume ſchwollen, auf den Wieſen hob ſich junges Grün über die dürren Stiele; 6 4 — 215— die Kinder liefen in den Stadtwald und trugen große Bün⸗ del der erſten Frühlingsblumen heim, fröhliche Menſchen zogen in unabſehbarer Wallfahrt durch die Parkſtraße dem warmen Sonnenſchein entgegen. Auch über Herrn Hummel kam das Frühlingsahnen. Dies äußerte ſich jährlich dadurch, daß er Farbe für den Kahn miſchte und an einem kluggewählten Nachmittag mit Frau und Tochter in einen entlegenen Kaffeegarten luſtwandelte. Für Laura war die feſtliche Reiſe ein mäßiges Vergnügen, denn Herr Hummel ſpazierte den Frauen mit ſtarken Schritten voraus, er freute ſich ganz in der Stille darüber, wie Alles in der alten Natur wieder in Stand kam, und gönnte den Seinen nur dann eine Bemerkung über die Schulter, wenn ihn eine Ver⸗ änderung der Vegetation ärgerte. Aber Laura wußte, daß der Vater auf dieſe Märzfreude hielt, und eilte auch in dieſem Jahr neben der Mutter hinter ihm her, einem einſamen Dorfe zu, wo Herr Hummel ſeine Pfeife rauchte, die Hühner fütterte, den Kellner abkanzelte, mit dem Wirth ein Geſpräch über die Saaten führte, und der Sonne geſtattete, ſich auch ihrerſeits über das gute Ausſehen ihres alten Bekannten Hummel zu freuen. Denn Herr Hummel, ſonſt keineswegs menſchenſcheu, liebte in der Natur allein zu ſein, und haßte die Sammelplätze der Städter auf dem Lande, wo das Aroma von friſchem Kuchen und gebackenen Kräpfeln alle Natur wegräucherte. Wapleln Als er mit ſeinen Vunnon d den Rafſeszarien betrat, ſru ch Pteee: 3 Keeecn c 7 n he Shl? J. 1 ¹ F. 1 3 A 094 ſah er unzufrieden, daß bereits andere Gäſte vorhanden waren. Er warf einen zweiten tadelnden Blick auf die luſtige Geſellſchaft, welche ſeinen gewöhnlichen Platz in Beſitz genommen hatte, und erkannte die junge Schau⸗ ſpielerin, andere Mitglieder der Bühne, mitten unter ihnen den Sohn ſeines Gegners. Da wandte er ſich zu ſeiner Tochter und ſagte blinzelnd:„Heut wirſt du recht zufrieden ſein, hier haſt du ja außer dem Naturgenuß auch noch die Kunſt zur Hand.“ Laura erſchrak vor der harten Zumuthung, welche ihrer Kraft geſtellt wurde, aber ſie hob ſtolz das Haupt und ſchritt mit den Eltern in eine andere Ecke des Gar⸗ tens. Dort ſetzte ſie ſich mit dem Rücken gegen die Fremden. Dennoch merkte ſie mehr von ihrem Treiben, als für die Faſſung gut war, ſie vernahm La⸗ chen und luſtiges Gebrumm der Käferaſſemblee; je we⸗ niger ſie ſah, um ſo peinlicher wurde der Lärm, und jedes Geräuſch wurde in der tiefen Stille fühlbar, denn auch Ohr und Auge der Mutter hing geſpannt an der andern Geſellſchaft. Nach einer Weile brach die laute Unter⸗ haltung der Künſtler ab und aus den leiſen Reden glaubte ſie ihren Namen zu hören. Gleich darauf knirſchte hinter ihr der Kies, ſie dachte ſih daß der Doctor in ihrem Rücken war. Er trat an den Tiſch, grüßte ſtumm den Vater, machte der Mutter eine freundliche Bemerkung über das Wetter und war gerade im Begriff ſich an Laura zu wenden, mit einem Zwange, den ſie ihm wohl an⸗ — 2417— ſah, als Herr Hummel, der bis dahin den Einbruch des Feindes ſchweigend ertragen hatte, die Pfeife aus dem Munde nahm und mit ſanfter Stimme begann: „Iſt denn möglich, was man über Sie hört, Herr Doc⸗ tor? Sie wollen ſich verändern?“ Laura fuhr mit dem Sonnenſchirm heftig in den Kies. „Ich weiß nichts davon,“ verſetzte der Doctor kühl. „Es geht das Gerücht,“ fuhr Herr Hummel fort, „Sie wollen Ihren Büchern Valet ſagen und dramati⸗ ſcher Künſtler werden. Sollte dieſes doch der Fall ſein, ſo bitte ich Sie freundlich auch meines kleinen Geſchäftes zu gedenken. Jede Art von künſtleriſcher Kopftracht, für Liebhaberrollen feiner Biber, für Lakaien mit Treſſen, und wenn Sie einmal den Bajazzo machen, eine weiße Filzmütze. Aber Sie werden lieber Clown heißen wollen. Es iſt jetzt eine gute Carriere geworden, Hanswurſt iſt aus der Mode, man wird Sie auch Herr Clown anreden.“ „Ich habe nicht die Abſicht zur Bühne zu gehen,“ erwiederte der Doctor.„Wenn ich ja auf den Einfall käme, würde ich Sie nicht um die Kunſtwerke Ihrer Fa⸗ brik bitten, ſondern um eine Unterweiſung in dem, was Sie für gute Lebensart halten. Ich würde dann auf der Bühne wenigſtens wiſſen, was ſich unter Männern von Anſtandsgefühl nicht ſchickt.“ Er grüßte die Frauen und entfernte ſich. „Immer Humkboldt,“ ſagte Herr Hummel ihm nachblickend. 7 — As Laura rührte ſich nicht, aber ihre dunklen Augen⸗ brauen zogen ſich ſo drohend zuſammen, daß auch Herr Hummel davon Kenntniß nahm.„Ich bin ganz deiner Meinung,“ ſagte er behaglich zu ſeiner Tochter,„es iſt Schade um ihn, wäre er nicht in dieſer Strohhütte ver⸗ dorben, es hätte wohl etwas aus ihm werden können. Der iſt nun auch dahin.“ Dabei nahm er Kuchen⸗ brocken und bot ſie einem Löwenhündchen, welches vor ihm auf den Hinterbeinen ſaß und die Vorderpfoten bittend auf und ab bewegte. „Billy,“ rief eine Frauenſtimme durch den Garten. Aber Hund Billy achtete nicht darauf, ſondern fuhr fort Herrn Hummel ſeine Ergebenheit zu beweiſen, und dieſer, der für Thiere ein weicheres Gemüth hatte als für Menſchen, fütterte den Kleinen. Die Schauſpielerin kam eilig heran.„Bitte geben Sie dem unartigen Thiere keinen Kuchen, es ſind Man⸗ deln darin,“ bat die Künſtlerin und wehrte dem Hündchen. „Ein hübſcher Hund,“ verſetzte Herr Hummel ſitzend. „Wenn Sie erſt wüßten, wie geſcheut er iſt,“ ſagte das Fräulein,„er verſteht alle Kunſtſtücke. Zeige dem Herrn, was du gelernt haſt.“ Sie hielt den Sonnen⸗ ſchirm hin, Billy ſprang eifrig darüber weg und ſofort mit einem Satze auf den Schooß des Herrn Hummel, dort wedelte er mit dem Schweif und verſuchte ihm das Geſicht zu lecken. „Er will Sie küſſen,“ ſagte die Schauſpielerin,„da⸗ — 219— rauf dürfen Sie ſich etwas einbilden, denn das thut er gar nicht Jedermann.“ „Es iſt auch nicht Jedermanns Sache,“ verſetzte Herr Hummel, und ſtreichelte den Kleinen. „Sei dem Herrn nicht läſtig, Billy,“ ſchalt das Fräulein. Herr Hummel ſtand auf und präſentirte den Hund, der auf ſeinen Kuß nicht verzichten wollte und immer noch nach dem Geſicht des Hausbeſitzers züngelte.„Er iſt treuherzig,“ ſagte Herr Hummel,„und hat ganz die Farbe des meinigen.“ Das Fräulein liebkoſte den Kleinen.„Der Schelm iſt leider ſehr verzogen; er kriecht in meinen Muff ſo oft ich in das Theater gehe, und ich muß ihn mitneh⸗ men, obgleich das nicht geſchehen ſoll. Erſt neulich ſtand ich ſeinetwegen Todesangſt aus, denn während ich als Clärchen unter den Bürgern jammerte, war Billy aus der Garderobe gelaufen, wedelte zwiſchen den Couliſſen und machte mir Männchen.“, „Es war ein ergreifendes Spiel,“ begann Frau Hummel. „Ich fuhr wohl mehr umher als ſonſt,“ erwiederte die Schauſpielerin,„denn ich mußte bei jeder Wendung in die Couliſſe rufen: Kuſch, Billy!“ „Gut,“ nickte Herr Hummel,„immer Beſonnen⸗ heit.“ „Heut aber bin ich dem Unartigen dankbar,“ fuhr das Fräulein fort,„denn er verſchafft mir hier auf dem Lande die Freude, meine Nachbarn zu begrüßen. Herr Hummel, wie ich höre.“ Herr Hummel verneigte ſich ſchwerfällig. Die Schauſpielerin wandte ſich mit einer Verbeugung zu den Damen, welche ſtumm ihren Gruß erwiederten. An der Dame war Manches, was Herrn Hummel gefiel. Sie war hübſch, ſah aus geſcheuten Augen fröh⸗ lich in die Welt und trug etwas auf dem Kopf, was er perſönlich kannte. Er ergriff alſo einen Stuhl und ſagte mit einer zweiten Verbeugung:„Wollen Sie nicht die Güte haben, Platz zu nehmen?“ Die Fremde nickte ihm zu und wandte ſich an Laura.„Ich freue mich, Sie endlich ſo nahe zu ſehen, Sie ſind mir keine Fremde mehr, ich habe manchmal an Ihnen rechte Freude ge⸗ habt, und es iſt mir lieb, daß ich Ihnen heut dafür danken kann.“ „Wo war das doch?“ frug Laura beklommen. „Wo Sie gewiß nicht daran dachten,“ verſetzte die Andere.„Ich habe ein ſcharfes Auge und erkenne über die Lampen jedes Geſicht der Zuſchauer. Sie glauben nicht, wie ſehr das zuweilen peinigt. Da Sie einen feſten Platz haben, iſt mir oft Erholung geweſen, auf Ihren Zügen auszuruhen und den lebendigen Ausdruck zu betrachten. Und mehr als einmal habe ich, ohne daß Sie es wußten, für Sie allein geſpielt.“ „Ha,“ dachte Laura,„das iſt keine Fliege, das iſt Frau Venus.“ Aber ſie fühlte eine Saite angeſchla⸗ gen, die reinen Ton gab. Sie ſagte der Schauſpielerin, wie ungern ſie eine ihrer Rollen verſäume, und daß in ihrem Hauſe die erſte Frage vor dem neuen Theater⸗ zettel ſei, ob auch das Fräulein mitſpiele. Dies gab der Mutter Gelegenheit, ſich an der Un⸗ terhaltung zu betheiligen. Dagegen rühmte die Schau⸗ ſpielerin, wie gütig man ihr überall entgegen gekommen ſei.„Denn das Reizvollſte unſerer Kunſt,“ fuhr ſie fort,„ſind die ſtillen Freunde, welche wir in den Stun⸗ den des Spiels gewinnen, Menſchen, die man ſonſt vielleicht nie ſieht, deren Namen man nicht weiß, und welche doch unſer Leben mit Theilnahme begleiten. Lernt man bei Gelegenheit einmal dieſes Wohlwollen Fremder kennen, ſo wird es reiche Entſchädigung für die Leiden unſeres Berufes, unter denen die zudringliche Huldi⸗ gung gemeiner Menſchen vielleicht das größte iſt.“ Nun die Huldigung des Doctors durfte ſie zu die⸗ ſen Leiden ſicher nicht zählen. Während die Frauen in ſolcher Weiſe mit einander ſprachen und Herr Hummel beifällig zuhörte, traten auch einzelne Herren dem Tiſche näher. Frau Hummel begrüßte zuvorkommend den zweiten Tenor, der im Hauſe der Frau Pathe bisweilen ein Lied ſang, und der würdige Vater der Bühne, welcher Herrn Hummel aus der Reſſource kannte, begann mit dieſem ein Geſpräch über den Bau eines neuen Theaters. Da⸗ rüber hatte Hummel als Bürger ſehr beſtimmte Anſich⸗ ten, welche mit denen des würdigen Vaters ganz überein⸗ ſtimmten. 1 1 — 222— So verſchmolzen die beiden getrennten Geſellſchaf⸗ ten, und der Tiſch des Herrn Hummel wurde ein Mittelpunkt, den die Kinder Thalias umſchwärmten. Während die Schauſpielerin mit Frau Hummel recht ehrbar und hausmütterlich die Uebelſtände ihrer Woh⸗ nung beſprach, ſah Laura nach dem Doctor. Er ſtand mehre Schritte von der Geſellſchaft an einem Baum und ſah nachdenkend vor ſich hin. Schnell trat Laura zu ihm, und begann mit fliegender Eile:„Mein Vater hat Sie beleidigt, ich bitte Sie um Verzeihung.“ Der Doctor ſah auf.„Es that nicht weh,“ ſagte er gutherzig,„ich kenne ja ſeine Art.“ „Ich habe ſie geſprochen,“ fuhr Laura mit beben⸗ der Stimme fort,„ſie iſt geſcheut und liebenswürdig und hat eine unwiderſtehliche Freundlichkeit.“ „Wer?“ frug der Doctor,„die Schauſpielerin?“ „Verſtellen Sie ſich nicht gegen mich,“ fuhr Laura fort,„das iſt zwiſchen uns unnöthig, es giebt Niemand auf Erden, der Ihr Glück ſo von Herzen wünſcht als ich. Betrüben Sie ſich nicht über das Kopfſchütteln Anderer; wenn Sie der Liebe des Fräuleins ſicher ſind, iſt alles Uebrige Nebenſache.“ Der Doctor erſtaunte immer mehr:„Ich will ja aber das Fräulein gar nicht heirathen.“ „Leugnen Sie nicht, Fritz Hahn, das ſteht Ihrem wahrhaften Weſen ſchlecht,“ rief die leidenſchaftliche Laura wieder.„Ich merke wohl, wie ſehr das Fräulein zu Ihnen paßt. Seit ich ſie geſehen, bin ich überzeugt, — 223— für alles Gute und Große finden Sie bei ihr Verſtänd⸗ niß. Bedenken Sie ſich nicht und wagen Sie muthig, Ihrem Herzen zu folgen. Denn ſehen Sie, Fritz, eine Sorge habe ich um Sie. Ihr Gefühl iſt warm und Ihr Urtheil iſt ſicher, aber Sie hängen zu feſt in den Ban⸗ den Ihrer Umgebung. Ich zittere davor, daß Sie darum unglücklich werden können, weil Sie vielleicht nicht in der rechten Stunde einen Entſchluß faſſen, der Ihrer Familie ungewöhnlich erſcheint. Ich kenne Sie von meiner erſten Kindheit, und ich weiß ſehr gut, daß Ihre Gefahr immer war, ſich ſelbſt für andere zu ver⸗ geſſen. Darüber können Sie zu einem opfervollen Da⸗ ſein kommen, und der Gedanke iſt mir ſchrecklich. Denn ich möchte, daß Ihnen alles Gute zu Theil wird, was Ihr redliches Gemüth verdient.“ Die Thränen liefen ihr über die Wangen, als ſie ihn liebevoll anſah. Jedes Wort, das ſie ſprach, klang dem Doctor wie Lerchentriller und Geſchwirr der Heimchen. Leiſe ſprach er:„Ich liebe das Fräulein nicht, ich habe nie den Ge⸗ danken gehabt, ihre Zukunft an die meine zu feſſeln.“ Laura trat zurück, über ihr Antlitz zog hohe Röthe. „Es iſt eine flüchtige Bekanntſchaft, nichts weiter für jene und mich, ihr Leben gehört der Kunſt und ſchwerlich jemals ruhiger Häuslichkeit. Wenn ich für mich ein Herz zu begehren wagte, ſo wäre es nicht das ihre, ſondern ein anderes.“ Er ſah nach dem Tiſch hinüber, wo grade ein lautes Lachen Herrn Hummel andeutete, und ſprach die letzten Worte ſo leiſe, daß ſie — 224— kaum bis in Laura's Ohr drangen, dabei blickte er ſchmerzlich vor ſich hin auf die Knoſpe des Fliederſtrau⸗ ches, in welcher noch die junge Blüthe verborgen lag. Laura ſtand unbeweglich wie von dem Stabe eines Zauberers berührt, aber die Thränen liefen noch immer von ihrer Wange herab. Sie war nahe daran die Kirſche ihres Vielliebchens mit den Lippen zu faſſen. Da ſummten die luſtigen Käfer heran, die Schau⸗ ſpielerin winkte ihr lächelnd zu, der Vater rief, das Märchen war zu Ende. Laura hörte noch, wie das Fräulein ſiegreich zum Doctor ſagte:„Er hat mir doch einen Stuhl angeboten, er iſt gar kein Brummbär, er war ſehr gut gegen Billy.“ Als Fritz in ſeine Wohnung kam, ſchleuderte er Hut und Oberrock von ſich, ſprang an den Schreibtiſch und holte die kleinen Briefe der unbekannten Hand heraus.„Sie iſt es,“ rief er laut,„ich Thor, nur einen Augenblick zu zweifeln.“ Er las jeden der Briefe wie⸗ der durch und nickte bei jedem mit dem Kopfe. Das war ſein hochſinniges wackeres Mädchen, wie ſie ſich ſonſt auch ſtellte, heut hatte ſie ihm ihr wahres Antlitz gezeigt. Er wartete ungeduldig auf die Stunde, wo er Laura bei den Freunden treffen würde. Sie trat ſpät ein, grüßte ihn ruhig und war den Abend ſchweigſamer und weicher als ſonſt. Wenn ſie ſich an ihn wandte, ſprach ſie zu ihm ernſthaft wie zu einem bewährten Freunde. Sehr gut ſtand ihr die milde Ruhe. Jetzt gab ſie ſich ihm wie ſie war, ein begeiſtertes Fühlen, ein — — 225— reiches Gemüth. Sprödigkeit und neckende Laune, die alten Schalen, welche den ſüßen Kern verdeckt hatten, waren zerbrochen. Auch die ruhige Vorſicht freute ihn, mit der ſie unter den Freunden ihre Empfindung barg. Wenn die nächſte Liederſendung kam, dann ſprach ſie zu ihm, wie jetzt beiden um's Herz war, oder ſie gab doch ihm das Recht, offen an ſie zu ſchreiben. Der Doctor zählte am nächſten Morgen die Minuten, bis der Brief⸗ träger ſein Haus betrat. Er riß die Thür auf und eilte dem Manne entgegen. Fritz hielt einen neuen Brief in der Hand, er löſte ungeduldig das Couvert, keine Zeile des Abſenders lag dabei, er entfaltete den alten Druckbogen und las die Worte des groben Liedes: „Hei ha ho. Steck an den Schweinebraten, darzu die Hühner jung! darauf mag uns gerathen ein friſcher freier Trunk. Hol Wein, ſchenk ein, trink mein liebes Brüderlein, heute muß Alles verſchlemmet ſein,“ und der ehrliche einfältige Doctor frug wieder: iſt ſie es? oder wäre möglich, daß ſie es nicht iſt? Freytag, Handſchrift. II. 15 4. Unter den Studenten. Wer dem Profeſſor von Herzen gut werden wollte, der mußte ihn ſehen, wenn er im Kreiſe ſeiner Zuhö⸗ rer ſaß, der gereifte Mann unter der aufblühenden Jugend, der mittheilende Lehrer vor bewundernden Schülern. Denn des akademiſchen Lehrers ſchönſtes Vorrecht iſt, daß er nicht nur durch ſein Wiſſen, auch durch ſeine Perſönlichkeit die Seelen der nächſten Gene⸗ ration adelt. Aus den Vielen, welche einzelne Vorträge hören, ſchließt ſich ein gewählter Kreis enger an den Gelehrten, im perſönlichen Verkehr ſchlingt ſich ein Band um Lehrer und Schüler, leicht gewebt, aber dauerhaft, denn was den Einen an den Andern feſſelt, oft den Fremden nach wenig Stunden zum Vertrauten macht, iſt ihr frohes Bewußtſein, daß beide daſſelbe für wahr, groß, gut halten. 5 Dieſes Verhältniß, reizvoll und fruchtbar für beide Theile, iſt die edle Poeſie, welche die Wiſſenſchaft ihren Bekennern gönnt. Fremde und ſpätere Menſchen, welche den Werth eines Mannes nur nach ſeinen Bü⸗ chern beurtheilen, ſie erhalten, wie hoch auch der Gelehrte ſelbſt dieſe Art von Ueberlieferung ſchätzen möge, doch nur ein unvollſtändiges Bild des Entfernten; weit an⸗ ders wirkt der lebendige Quell ſchöpferiſcher Kraft auf die Seelen ſolcher, welche von Lippe und Auge des Leh⸗ rers ſein Wiſſen empfangen. Nicht nur der Inhalt ſei⸗ ner Lehre bildet ſie, mehr noch ſeine Methode zu ſuchen und darzuſtellen, am meiſten ſein Charakter und die origi⸗ nelle Weiſe des Vortrags. Denn dieſe erwärmen dem Hörer das Herz und ſenken ihm Achtung und Neigung in das Gemüth. Solcher Abdruck eines menſchlichen Lebens, der in vielen zurückbleibt, iſt für Methode und Charakter der Jüngeren oft wichtiger, als der Inhalt empfangener Lehre. In den Schülern arbeitet das Weſen des Lehrers neues Leben ſchaffend fort, ſeine Vorzüge, zuweilen auch Eigenheiten und Schwächen. In jedem Hörer nüaneirt ſich anders das charakteriſtiſche Bild ſeines ſtarken Meiſters, und doch iſt in jedem der Bildner, der an dieſer Seele formte, vielleicht bis zur kleinen Abſonderlichkeit erkennbar. Die Lehrſtunde, welche Felix für ſeine Frau feſt⸗ geſetzt hatte, war nicht die einzige, welche er in ſeinem Hauſe gab. Ein Abend jeder Woche gehörte ſeinen Studenten. Da kamen zuerſt Einzelne, welche für ihre Arbeiten einen Wunſch hatten, mit Anfrage und Bitte. Später ſammelte ſich eine größere Zahl, auch Ilſes Zimmer wurde geöffnet, Gabriel bot Thee und ein⸗ faches Abendbrot, eine Stunde verlief in zwangloſem Geſpräch und einzelnen Gruppen; bis ſich allmälig die Getreuen in das Arbeitszimmer des Lehrers zogen und 3 15* — 228— den Kreis dichter um ſein geehrtes Haupt ſchloſſen. Dann ſaß der Profeſſor inmitten ſeiner Schüler, und das Zimmer wurde zuweilen enge. Auch hier formloſe Un⸗ terhaltung, bald ein launiger Bericht über Erlebtes, bald eingehende Erörterung, wobei der Profeſſor ſeine jungen Freunde zu thätiger Theilnahme anzuregen wußte; dazwiſchen ſchnelle Urtheile über Menſchen und Bücher in ſchlagender Rede und Antwort, wie ſolchen natürlich iſt, die aus flüchtigem Anſchlage eine lange Melodie erkennen. Felix erſchloß in dieſen Stunden ſein Inneres mit einer Offenheit, die er in ſeinen Col⸗ legien nicht zeigte, er ſprach über ſich und Andere ohne Rückhalt und verhandelte behaglich, was ihm grade auf der Seele lag. Aber wie verſchieden die Unterhaltung dieſer Abende dahinlief, immer waren es Männer der⸗ ſelben Wiſſenſchaft, welche einander im Großen und Kleinen verſtanden und ſelbſt im Scherze ernſter Gei⸗ ſtesarbeit gedachten. Auch Frau Ilſe blieb dieſer vertrauten Geſellſchaft keine fremde Erſcheinung. Die Theilnehmer, ſämmt⸗ lich ernſthafte Männer, ältere Studenten oder junge Doctoren, freuten ſich der anſehnlichen Hausfrau, welche in ihrer einfachen Weiſe gern mit den Einzel⸗ nen verkehrte. Im Jahre vorher war einmal ihre Freude an der Odyſſee zu Tage gekommen, als ſie die Herren zum Genuß einer Hinterkeule des erdauf⸗ wühlenden Ebers aufgefordert und den wohlthuenden Wunſch ausgeſprochen hatte, die Geſellſchaft möge 4 3 — 229— nicht verſchmähen, ihre Hände nach dem bereiteten Mahle auszuſtrecken. Seitdem hieß ſie in dem Kränzchen Frau Penelope, und ſie wußte, daß dieſer Beiname ſich auch über die Wände des Hauſes in die Studentenſchaft ver⸗ breitet hatte. Nun hatte Ilſe auch unter den jungen Gelehrten ihre Lieblinge. Zu dieſen gehörte ein wackerer Stu⸗ dent, nicht der bedeutendſte unter den Zuhörern des Profeſſors, aber einer der fleißigſten. Er war ihr Landsmann und Ilſe hatte zuerſt an ihm erkannt, daß auch zarte Empfindung in der Bruſt eines Studenten zu finden ſei. Unſer Student hatte in den letzten Jahren mit Erfolg daran gearbeitet, den Krater ſeines Innern durch Collegienhefte auszufüllen. Seiner Lyrik aber hatte er ziemlich entſagt; denn damals, wo der Profeſſor ihm ſeine Gedichte zurückſchickte, war er ſehr in ſich gegangen und hatte demüthig um Entſchuldigung gebeten; war auch ſeitdem durch ein gutes Stipendium, das ihm Fe⸗ lix verſchafft, zu einer weniger menſchenfeindlichen Auf⸗ faſſung bürgerlicher Verhältniſſe durchgedrungen. Erbe⸗ währte ſich als ein treuer und anhänglicher Burſch und trug jetzt würdig den Titel Doctorandus, welcher nach Angabe unſrer Grammatiker einen Mann bedeutet, der zum Doctor gemacht werden ſoll oder muß. Dabei hatte er auch bei der Studentenſchaft eine gewiſſe Geltung, er be⸗ kleidete in der großen Verbindung Arminia ein Ehren⸗ amt, trug noch immer ihre Farbenmütze und wurde dort zu den bevorzugten Weiſen gerechnet, welche an — Trinkabenden von läſtiger Verpflichtung befreit ſind, und die Pauſen, in denen ſtürmiſche Jugend Athem holt, durch ernſtes Geſpräch über Menſchentugend aus⸗ füllen. An einem Studentenabend brodelte die Unterhal⸗ tung ſchon in Ilſes Zimmer ſehr laut und warf wiſſen⸗ ſchaftliche Blaſen. Eine intereſſante Handſchrift war in entlegener ſüddeutſcher Bibliothek aufgefunden. Ueber den Fund und den Herausgeber wurde verhandelt und Felix zählte behaglich mit einigen Auserwählten alle ähnlichen Entdeckungen auf, welche in den letzten zwanzig Jahren gemacht waren. Da begann unſer Student, der gerade durch Frau Ilſe eine Taſſe Thee erhalten hatte, mit dem Löffel rührend, recht gemüthlich:„Sollte nicht auch in der Nähe noch manches zu finden ſein? So ſteht in meiner Heimath eine alte Kiſte, welche Bü⸗ cher und Papiere aus dem Kloſter Roſſau enthalten ſoll. Es iſt nicht unmöglich, daß darunter etwas Werth⸗ volles ſteckt.“ Das ſprach der Student und rührte mit dem Löf⸗ fel, dem Knaben gleich, welcher den brennenden Span in einer gefüllten Bombe herumdreht. Der Profeſſor fuhr von ſeinem Stuhl in die Höhe und warf dem Studenten einen Flammenblick zu, daß dieſer erſchrak und die Taſſe ſchnell hinſetzte, um bei dem, was kommen mußte, nichts zu beſchütten.„Wo ſoll die Kiſte ſtehen?“ „Wod weiß ich nicht,“ verſetzte der Student betre⸗ —— — 231— 2‿ ten,„vor einigen Jahren hat mir ein Landsmann da⸗ von erzählt, er war in der Gegend von Roſſau gebo⸗ ren“— der Student nannte den Namen und Ilſe kannte die Familie.„Aber in unſerm Fürſtenthum muß es ſein, denn er hat dort als Hauslehrer an mehren Orten gelebt.“ „War er denn Philolog?“ frug ein älterer Hörer eben ſo ſehr im Jagdeifer als der Profeſſor. „Er war Theolog,“ verſetzte unſer Student. Ein bedauerndes Geräuſch ging durch das Zimmer. „Dann iſt die Nachricht doch unſicher,“ ſchloß der Kritiker. „Hat der Mann die Kiſte ſelbſt geſehen?“ frug der Profeſſor. „Auch darüber bin ich nicht ſicher,“ erwiederte der Student,„ich hatte damals noch kein rechtes Verſtänd⸗ niß für den Werth dieſer Mittheilung. Aber er muß ſie doch ſelbſt geſehen haben, denn ich erinnere mich, er ſagte, ſie wäre dick mit Eiſen beſchlagen.“ „Unglücksmann,“ rief der Profeſſor,„ſchaffen Sie uns Kunde von dieſem Kaſten.“ Er ging heftig im Zim⸗ mer auf und ab, die Studenten machten ſeiner Aufregung ehrerbietig Platz.„Die Nachricht iſt wichtiger, als ich Ihnen jetzt ſagen kann,“ begann der Profeſſor vor dem Studenten anhaltend.„Suchen Sie zunächſt Ihre Er⸗ innerungen zu ſammeln. Hat Ihr Bekannter die Kiſte offen geſehen?“ „Wenn ich mir alles zuſammenhalte,“ verſetzte der 1 Student, möchte ich glauben, er hat ſelbſt geſehen, daß alte Kloſterſachen darin liegen.“ „Dann war ſie alſo nicht mehr verſchloſſen?“ frug der Profeſſor weiter.„Und wo iſt jetzt Ihr Freund?“ „Er iſt voriges Jahr mit einer Bauerstochter nach Amerika gegangen. Wo er ſich jetzt aufhält, weiß ich nicht, das wird aber bei ſeinen Verwandten zu er⸗ fahren ſein.“ Wieder ging ein inübelligendes Geräuſch durcß das Zimmer. „Ermitteln Sie den Aufenthalt des Mannes, ſchrei⸗ ben Sie ihm und fordern Sie genaue Auskunft,“ rief der Profeſſor,„Sie können mir keinen größern Dienſt erweiſen.“ Der Student verſprach das Menſchenmögliche. Als die Herren ſich entfernten, richtete Gabriel dem Stu⸗ denten eine heimliche Einladung zu nächſtem Mittag aus. Ilſe wußte, daß ihrem Felix jetzt die Nähe des Vertrauten wohlthun werde, der einen Bekannten be⸗ ſaß, der den Kaſten geſehen hatte, der die Bücher von Roſſau enthielt, unter welchen allerdings die Hand⸗ ſchrift des Tacitus liegen konnte, wenn ſie nicht irgend⸗ wo anders war. 1 Aber ſie ſelbſt hörte ohne Freude von der geheim⸗ nißvollen Kiſte. Denn Ilſe war leider in Sachen der Handſchrift immer noch ungläubig, ſie hatte einigemal den Gatten durch ihre Gleichgültigkeit verletzt und mied ſeit dem Unglück des Struvelius jede Erwähnung des 1 verlorenen. Dazu hatte ſie noch einen beſonderen Grund. Sie wußte, wie ſehr der Gedanke und jede Erörterung ihren Felix aufregte. Er fuhr dann in die Höhe, ſprach in heftigen Worten, und ſeine Augen blitzten wie im Fieber. Zwar bändigte er ſich ſelbſt nach wenig Augenblicken, und lachte wohl über ſeinen Eifer, aber der Hausfrau war ſolcher Ausbruch geheimer Leidenſchaft unbehaglich, denn ſie empfand bei dem plötzlichen Auflodern, daß der Gedanke an den Codex die Seele des geliebten Mannes wund drückte, und ſie argwöhnte, daß er in der Stille oft darüber träumte und Feindſeliges gegen die Mauern des Vater⸗ hauſes ſann.. Auch heut hatte unſer Student den Sturm aufge⸗ regt. Noch ſpät wurde der Doctor gerufen, lange wurde erörtert und geſtritten, Ilſe war erfreut, daß der Doctor auf die Kiſte nicht viel gab und durch verſtändige Ein⸗ würfe auch dem Profeſſor wieder eine launige Bemerkung über ſeine heiße Jagdluſt abnöthigte.. ℳ) Als der Student am nächſten Mittag die Briefe, er geſchrieben hatte, als Zeichen ſeines Eifers eee„wandelte der Profeſſor die Nachricht ruhi⸗ ger.„Es iſt eine unſichere Notiz,“ ſagte er,„ſelbſt wenn der Srzihler Wahrheit ſprach, mag noch jeder einzelne Umſtand, ſogar der Name des Kloſters, unrichtig ſein.“ Als vollends aus der Heimath des Studenten die Kunde einlief, der Theolog habe ſich irgendwo im Staate Wis- conſin als Apotheker niedergelaſſen, und der Brief des velaes Studenten in eine unſichere Ferne geſandt werden mußte, da ermäßigte ſich der Strudel, welchen die auf⸗ tauchende Kiſte erregt hatte, zu gefahrloſen kleinen Wellen. Der größte Vortheil erwuchs aus dieſem Vorfall zunächſt unſerem Studenten. Denn der Profeſſor theilte die Nachricht dem Kammerherrn mit und gönnte dieſem eine Andeutung, daß in dem Kaſten Sachen von hohem Werth verpackt ſein könnten. Der Kammerherr hatte früher einmal durch mehre Jahre die Geſchäfte eines Schloßhauptmanns beſorgt und war mit dem Inventa⸗ rium einiger fürſtlichen Schlöſſer bekannt, wußte jedoch auf keinem Boden etwas Verdächtiges zu finden. Da ihm aber der Student als Günſtling des Hauſes vor Augen trat, wollte er an dem jungen Mann ſeine Geneigtheit erweiſen, und forderte denſelben auf, ſich als Landeskind dem Erbprinzen vorzuſtellen. Das geſchah. Eine Folge der Vorſtellung war, daß unſer Student zu einem Abend eingeladen wurde, an wel⸗ chem der Prinz mehre akademiſche Bekannte Kei ſich empfing. Es war für den Studenten ein bangſamer Abend, und der Armine hatte allerlei Urſache argwöhniſch zu ſein. Denn in dieſem Jahr ſtürmte es heftig in der Studentenſchaft. Grade die Händel zwiſchen dem Corps der Markomannen und der großen Geneſſenſchaft Arminia hatten den Sturm erregt. Und die letzte Veranlaſſung des Unwetters war ſeltſam und lehrreich — 235— für jeden, der die geheime Verknotung irdiſcher Er⸗ eigniſſe beachtet. Jener Zwiſt der Profeſſoren, welcher die Vertreter der Alterthumswiſſenſchaft von einander ſchied, der Kampf zwiſchen Werner und Struvelius, hatte zu ſeiner Zeit die akademiſche Jugend durchaus nicht auf⸗ geregt. Aber kurz darauf war unter den Studenten ein Lied aufgetaucht, in welchem die Abenteuer des Struvelius reſpectwidrig beſungen wurden. Dies Lied war als Kunſtwerk ſchwächlich, es lief im Bänkeltone und war mit einem Refrain verziert, welcher lautete: „Struvelius, Struvelius, heraus mit deinem Fidibus, wer ſich verbrennt, der hat Verdruß.“ Der Dichter iſt nie ermittelt worden. Wenn man aber erwägt, daß dieſes Lied, ſo weit ſein poſſenhafter Inhalt erkennen ließ, feindſelig gegen Struvelius und zu Werners Ruhm gedichtet war, und wenn man ferner erwägt, daß es zuerſt unter den Arminen aufkam, und daß unter den Kindern Armins einer mit lyriſcher Vergangenheit war, daß dieſer Eine zu Werners Kränzchen gehörte, und daß im Kränzchen das Pergament einigemal verächtlich als Fidibus behandelt wurde, ſo kann man die vor⸗ ſichtige Vermuthung nicht unterdrücken, daß unſer Stu⸗ dent ſeine ſcheidende Muſe, als ſie gerade zur Thür hinausgehen wollte, noch zu dieſer niedrigen Leiſtung entwürdigt habe. Das leichtfertige Lied war bei den Arminen hei⸗ miſch, ſein Refrain wurde zuweilen in ſtiller Nacht auf der Straße gehört, es war den Profeſſoren ſehr ärger⸗ — 2—— 7 — 236— lich, und nicht zuletzt dem Theetiſch Werners, aber mit Gewalt ließ ſich nicht dagegen ankämpfen. Den Mar⸗ komannen und ihren Bundesgenoſſen blieb das Lied und ſeine Veranlaſſung gleichgültig, aber ſie ſangen die Verſe nicht, weil dieſe einem Trinkliede der Arminen nachgebildet waren. Grade da Werner ſein Rectorat antrat, ſaßen in einer Reſtauration Studenten aller Parteien durcheinander. Als ein Markomanne ſeine Pfeife an der Gasflamme anzündete und ſich dabei das Corpsband verſengte, ſangen einige Arminen höhnend den Refrain. Die Markomannen ſprangen auf und geboten Schweigen. Die natürliche Folge waren zahl⸗ reiche Forderungen. Leider blieb es dabei nicht. Ein Haufe Arminen war vor das Lager der Markomannen gezogen und hatte auf der Heerſtraße dieſelbe unfreund⸗ liche Weiſe angeſtimmt, es war zu hedauerlichen Con⸗ flicten zwiſchen den Parteien und der Stadtpolizei ge⸗ kommen, Unterſuchungen und ernſte Strafen waren die Folge geweſen. Werner ſelbſt hatte in vertraulicher Be⸗ ſprechung mit einzelnen Häuptern Alles gethan, das leidige Lied zu dämpfen, und ſeinem Anſehen war ge⸗ lungen, den Geſang wenigſtens auf der Straße zu bän⸗ digen. Aber der Groll war in den Herzen zurückgeblie⸗ ben. Durch allerlei widerwärtige Vorfälle wurde bemerk⸗ bar, daß die akademiſchen Bürger uneiniger als gewöhn⸗ lich und in widerſetzlicher Stimmung waren. Dies alles wälzte der Armine in beſorgtem Ge⸗ müth, als er im Vorzimmer des Prinzen ſeine Mütze neben die Kopfzierden großer Markomannenhäuptlinge hing. Indeß verlief der Abend beſſer als er dachte. Die Markomannen beobachteten in dem geweihten Raume anſtändige Höflichkeit. Ja, das Zuſammentreffen Mäidi eine Bedeutung. Denn grade in dieſer Zeit war Ver⸗ anlaſſung, ein Feſt der Univerſität durch ſolennen Com⸗ mers zu feiern. Aber wie häufig große Angelegenheiten unſerer Nation, drohte auch dieſes Trinkfeſt durch den Zwiſt der Stämme vereitelt zu werden. Jetzt, wo der Armine unter den Markomannen Eispunſch trank, äußerte der Erbprinz, daß er gern einmal einen feierlichen Commers anſehen würde, und Beppo, Führer der Mar⸗ komannen, ſprach gegen den Arminen eine Anſicht aus, wie der Zwiſt beigelegt werden könnte. Der Armine erbot ſich, dieſe Vorſchläge ſeinem Stamme zu überbrin⸗ gen. Als der Kammerherr Bedenken gegen eine Theil⸗ nahme des Erbprinzen am Commers erhob, verſicherte der Sohn Armins, von Punſch und Geſpräch begeiſtert, daß auch ſein Volk gemüthvoll die Ehre empfinden werde, die der Erbprinz dem Feſt durch ſeine Gegen⸗ wart erweiſe. Die Bemühungen unſeres Studenten hatten Er⸗ folg; das Kriegsbeil wurde begraben, die akademiſche Jugend rüſtete ſich zu einem gemeinſamen Feſte. Ein großer Saal, reich verziert mit den Farben aller Ge⸗ noſſenſchaften, welche an dem Commers Theil nahmen, war mit langen Tafeln beſetzt. An den Enden ſtanden im Feſtſchmuck die Präſiden mit ihren Schlägern, auf den Stühlen ſaßen mehre Hundert Studenten nach Verbindungen gereiht; unter den Markomannen der Prinz und ſein Kammerherr, und der Prinz trug heut der Verbindung zu Ehren ihre Abzeichen. Rauſchende Muſik trug den vollen Klang der Lieder weit in die Runde, es war ein guter Anblick, ſo viele Männer, Hoff⸗ nung und Kraft der nächſten Generation, in feſtlichem Geſange und den alten Bräuchen der Akademie bei ein⸗ ander zu ſehen. Ohne Störung verlief das Feſt bis gegen das Ende. Als der Kammerherr bemerkte, daß die Wangen glühten, der Geſang wilder dahinfuhr, und die Muſik dem akademiſchen Pulsſchlag nicht ſchnell ge⸗ nug tönte, mahnte er in der Pauſe zum Aufbruch. Der Prinz erhob ſich, ſelbſt erregt durch Geſang und Wein, vor ihm ſchritt der geſammte Adel der Markomannen, das wogende Volk zu theilen. Sie mußten ſich durch die Menge drängen, welche von den Stühlen aufgeſtan⸗ den war und durch einander ſchwirrte. So geſchah es, daß der Prinz von ſeinem akademiſchen Hofſtaat abge⸗ ſchnitten wurde und mit einem trotzigen Arminen zu⸗ ſammenſtieß, der durch Wein geſtärkt, und durch unſanfte Berührung der Vorausſchreitenden erbittert, den Weg nicht räumte, ſondern mit den Ellenbogen unbillig ver⸗ engte, und den Rauch ſeiner Pfeife ruhig vor ſich hin blies, ſo daß der Dampf dem Prinzen um den kleinen Bart fuhr. Da hatte der Prinz die Unbeſonnenheit, den Studenten anzuſtoßen und zu ſagen:„Sie ſind ein unverſchämter Wicht.“ Und der Armine ſprach mit lau⸗ — 239— ter Stimme das verhängnißvolle Wort aus welchos nach akademiſcher Sitte ein Duell, oder Ehrloſigkeit des Ge⸗ ſchmähten zur Folge hat. Er war im Nu von den düſtern Geſtalten der Markomannen umdrängt, und daſſelbe Schmähwort regnete von allen Seiten wie Hagel gegen ſeine dreiſte Stirn. Er aber zog höhnend ſeine Schreibtafel und rief:„Einer nach dem Andern, daß keiner von dem Hofſtaat fehlt, wie der Herr, ſo das Geſinde.“ Und da der Andrang größer wurde, ſchrie er hinter ſich:„Hierher, ihr Arminen!“ und begann im wilden Baſſe den Schlachtruf ſeines Stammes: „Struvelius, Struvelius, heraus mit deinem Fidibus!“ Im Saale brach das Getümmel los, über Stuhl und Tiſch ſprangen die Arminen ihrem gefährdeten Krie⸗ ger zu Hülfe; nicht mehr einzeln, ſondern wie Hecken⸗ feuer flogen die ſchmähenden Worte und Forderun⸗ gen hin und her. Vergebens forderten die Präſiden zu den Plätzen, vergebens fiel die Muſik ein, zwi⸗ ſchen das Geſchmetter der Fanfare klangen die zor⸗ nigen Rufe der ſtreitenden Parteien. Zwar eilten die Präſiden auf einen Hauf zuſammen und trenn⸗ ten, im Zuge dazwiſchen fahrend, die Zankenden. Aber auf das wilde Toben folgten leidenſchaftliche Erörter⸗ ungen, die Verbindungen ſtanden getrennt, die einzelnen Haufen verhöhnten einander und ſuchten nach altem Kriegsbrauch die Gegner allmälig bis zum äußerſten Worte zu treiben, ſchon waren einzelne Ausdrücke ge⸗ ⸗ fallen, welche durch den Sittencodex der Akademie⸗ gänz⸗ — 3 240 lich verboten ſind, die Schläger blitzten in der Luft und mehr als eine Fauſt packte ſtatt der Waffe die Wein⸗ flaſche. Die Muſik ſtimmte das Vaterlandslied an, doch die Weiſe klang den Empörten widerwärtig in ihren Zorn, von allen Seiten donnerte der Ruf:„Aufhören.“ Die verſchüchterten Muſiker ſchwiegen und der neue Ausbruch eines ungeheuren Tumultes ſchien unvermeid⸗ lich. Da ſprang ein alter Häuptling der Teutonen, der ſein Volk kannte, auf das Orcheſter, ergriff eine Geige, ſtellte ſich als Dirigent hoch auf einen Stuhl und be⸗ gann die kindiſche Melodie:„Ach, du lieber Auguſtin, Alles iſt hin.“ Die Muſik fiel in klagenden Tönen ein. Jeder ſah nach der Höhe, man erkannte den anſehnlichen Mann, der angeſtrengt auf der Geige kratzte, die Stim⸗ mung ſchlug plötzlich um, es entſtand ein allgemeines Gelächter. Die Präſiden ſchmetterten mit ihren Klingen auf die Tiſche, daß mehr als eine zerſprang, und gebo⸗ ten Ruhe, die Führer aller Verbindungen traten zuſam⸗ men, erklärten den Commers für aufgehoben und for⸗ derten ruhigen Heimgang der Stämme, weil ſie ſelbſt alles Weitere in die Hand nehmen würden. Zornig drängte die Studentenſchaft zum Saale hinaus und zer⸗ ſtreute ſich zu ihren Sammelplätzen. Aber in jedem Haufen wurden die Vorfälle mit leidenſchaftlicher Erbitter⸗ ung beſprochen und eilige Geſandtſchaften ſchritten durch die Nacht von einem Lager zum andern. Den Prinzen hatte der Kammerherr nach dem erſten Zuſammenſtoß aus dem Gewühl gerettet. Der — 241 5 Prinz ſaß in ſeinem Zimmer bleich und entſetzt über den Unfall und die Folgen, die er zu haben drohte. Auch der Kammerherr war beſtürzt, denn auf ſein Haupt fiel die Verantwortung für dieſen Scandal. Da⸗ bei ſah er mit wirklicher Theilnahme auf den jungen Fürſten, der die Kränkung ſeiner Ehre ſo tief empfand, und wie gebrochen vor ſich hinſtarrte, unempfänglich für den Troſt, daß der Plebejer ſeine fürſtliche Ehre ſo wenig zu kränken vermöge, wie der Sperling auf dem 4 Baum. Nach einer ſchlafloſen Nacht empfing der Prinz 4 die Aelteſten der Markomannen, welche kamen, um 5 7 den Beſchluß ihres Stammes zu verkünden. Sie er⸗ klärten, daß ihr erſter Häuptling Beppo erwählt ſei, die Stelle des Prinzen bei den weiteren Verhandlungen mit dem Arminen zu vertreten, und der Senior bat ritterlich, ihm dieſe Ehre zu bewilligen. Er fügte hinzu: 3 nach der Meinung ſeiner Genoſſenſchaft habe der Ar⸗ mine überhaupt keine Anſprüche auf den Vorzug, daß dem verruchten Schmähwort eine Forderung folge, und wenn der Prinz jedes weitere Eingehen verweigere, würden die Markomannen alle Folgen auf ihre Ge⸗ noſſenſchaft nehmen. Aber ſie wollten nicht verbergen, daß ſie mit dieſer Anſicht allein ſtünden, ja daß ſie in ihrem eignen Corps Widerſpruch gefunden hätten. Und Alles erwägend hielten ſie für die beſte Auskunft, wenn der Prinz dem akademiſchen Brauch ein Zugeſtändniß mache, deſſen Größe ſie allerdings tief empfänden. 5 1 8 Freytag, Handſchrift. II.. 16 3 — —y — —jyy ͤͤn 8 22 — 242— Der Prinz war noch faſſungslos, der Kammerherr bat die Herren, Sr. Hoheit einige Stunden Zeit zur Erwägung zu laſſen. Unterdeß trug unſer Student, den die Rückſicht auf ſeine Diſſertation gebändigt und vor perſönlichen Verwickelungen bewahrt hatte, die Kunde des Unheil⸗ beſtürzt an den Doctor, da er ſich in dieſer Angelzen⸗ heit vor den Rector nicht traute. Der Doctor eilt zum Freunde, der bereits durch die Pedelle und Berichs der Polizei von dem unerfreulichen Ereigniß wußte.„Uber den perſönlichen Confliet des Prinzen iſt mir bis ztzt keine Anzeige geworden, es iſt vielleicht für ihn ſelöt und für die Univerſität wünſchenswerth, daß eine ſ olch nicht erfolgt. Ich werde wachſam ſein und weitere Folgen zu verhüten ſuchen, und ich werde meine Amts⸗ pflicht nach jeder Richtung auf das Strengſte thun, ſorgt aber dafür, daß ich über dieſe Angelegenheit nur erfahre, was mir Grundlage zu amtlichem Einſchreiten werden kann.“ Faſt in derſelben Lage wie unſer Student, war der Kammerherr, auch er ſtellte ſich ſorgenvoll beim Doctor ein, erzählte den Streit und frug, was der Doctor von der Verpflichtung des Prinzen halte, ſich durch ſeinen Stellvertreter auf ein Duell einzulaſſen. Der Doctor erwiederte mit Zurückhaltung:„Jedes Duell iſt Unſinn und Unrecht. Wenn der Erbprinz von dieſer Anſicht durchdrungen iſt und die Conſe⸗ quenzen derſelben für ſein Leben und dereinſt für — 243— ſeine Regierung auf ſich nehmen will, ſo werde ich der letzte ſein, der gegen dies Martyrium etwas einwendet. Steht aber Ihr junger Herr nicht ſo ſicher und frei über den Vorurtheilen ſeines Kreiſes, und iſt auch ihm die ſtille Anſicht eingepflanzt, daß es für Cavaliere und Mi⸗ litärs eine beſtimmte Ehre giebt, welche noch etwas An⸗ deres bedeutet als die Ehre eines Ehrenmannes, und welche in gewiſſen Fällen ein Duell nöthig macht, ſollte Ihr Prinz nach ſolchen Anſchauungen urtheilen und dereinſt regieren wollen, ſo will ich Ihnen allerdings bekennen, daß ich ihm das Recht nicht zugeſtehe, den Ehr⸗ begriffen unſerer akademiſchen Jugend entgegenzutreten.“ „Sie ſind alſo der Meinung,“ frug der Kammer⸗ herr,„daß der Prinz ſich auf die angebotene Stellver⸗ tretung einlaſſen müſſe?“ „Ich habe weder Recht noch Wunſch hier eine Mei⸗ nung auszuſprechen,“ verſetzte der Doctor.„Ich kann nur ſagen, daß mir die Stellvertretung auch nicht ge⸗ fällt. Mir ſcheint die Sache ſo zu liegen: entweder Vernunft oder wenigſtens perſönlicher Muth.“ Der Kammerherr ſtand ſchnell auf.„Das iſt ganz unmöglich; es wäre nicht nur eine unerhörte Abweichung von dem Herkommen und würde für den Prinzen neue peinliche Verwicklungen herbeiführen, es iſt auch ſo voll⸗ ſtändig gegen meine Ueberzeugung von dem, was einem Fürſten erlaubt iſt, daß davon unter keinen Umſtänden die Rede ſein kann.“ Der Kammerherr entfernte ſich, nicht angenehm von 16 † — 3 4 — 7 5 4 A Sr,= K — der radikalen Auffaſſung des Doctors berührt. Nach der Heimkehr ſagte er dem Prinzen:„Die Angelegenheit muß ſchnell beendigt werden, bevor der Fürſt davon erfährt. Höchſtderſelbe wird bei der Perſönlichkeit des Gegners Ew. Hoheit jede Conceſſion auf das Strengſte unter⸗ ſagen; und doch ſehe ich, daß die Beziehungen meines gnädigſten Prinzen zu der Studentenſchaft und vielleicht ſogar andere perſönliche Verhältniſſe aufs Aeußerſte ge⸗ fährdet ſind, wenn es nicht gelingt, den hier üblichen Anſichten einigermaßen zu entſprechen. Darf ich deshalb Ew. Hoheit einen Rath geben, ſo iſt es immer der, daß Höchſtſie der Atmoſphäre, in welcher wir einmal leben, eine große Bewilligung machen und Herrn von Halling als Vertreter annehmen.“ Der Prinz ſah gedrückt vor ſich nieder und ſagte endlich:„Das wird wohl das Beſte ſein.“ Der große Häuptling Beppo, eine der beſten Klin⸗ gen der Univerſität, ſollte ſich alſo für den Erbprinzen ſchlagen. Nun erwies es ſich aber, daß die Arminen mit dieſer Vertretung keineswegs zufrieden waren, ſon⸗ dern den unverſchämten Anſpruch erhoben, den Prin⸗ zen ſelbſt in Fauſthandſchuhen und Batiſthemd vor ſich zu ſehen. Namentlich Ulf der Dicke, Urheber des gan⸗ zen Scandals, erklärte, daß er den Markomannenführer ohnedies in ſeiner Brieftaſche finde und nicht auf die fröhliche Ausſicht verzichten wolle, mit ihm in Privatan⸗ gelegenheiten einen Gang unter kleinen Mützen abzu⸗ machen. — mm. e, vaee Oℳ 2 u—— 3 5 2— nefe e ree rn emnee Das war nicht zu leugnen; indeß ein großer Rath— aller Senioren, welchen die Markomannen ſchnell zu⸗ X ſammenriefen, entſchied für dieſe. Dagegen wurde ihre liſſtige Forderung abgelehnt, daß der Armine zuerſt gegen ihre Corpsgenoſſen auf die Kreide trete. Sie wollten dadurch den Prinzen der ganzen Sache überheben, da anzunehmen war, daß auch die ſtämmige Kraft des Ar⸗ minen lange beſeitigt ſein würde, bevor nur die Hälfte der Namen in ſeiner Brieftafel getilgt war. Es blieb alſo nichts übrig, als daß die beiden Kämpfer zu zwei verſchiedenen Malen auf einander los hieben, der Mar⸗ . komanne zuerſt im Namen des Prinzen.„Wir wollen uns beide Mühe geben, daß das zweite Mal nicht nöthig wird,“ ſagte der Markomanne beim Aufbruch bedeutſam zum Vertreter des Arminen. Jede Vorkehrung war getroffen, den verhängniß⸗ vollen Zweikampf geheim zu halten, nur die Betheilig⸗ ten wußten die Stunde, ſelbſt den Stammgenoſſen wurde von anderen Tagen geſprochen, denn die Pedelle waren wachſam, die Univerſität bereits von der höchſten Behörde aufgefordert, mit allen Mitteln weitere Folgen zu verhindern. Am Mittag vor dem Zweikampf lud der Prinz die Markomannen zu Tiſche, es war dabei ſoviel von ähnlichen Geſchäften die Rede, daß ſelbſt dem Kammer⸗ herrn unheimlich wurde. Kurz vor dem Aufbruch ſtand der Prinz mit dem Senior in einer Fenſterniſche, plötz⸗ lich faßte er die Hand des jungen Mannes, hielt ſie feſt — und ein heftiges Schluchzen erſchütterte ihm die Glieder. Bewegt ſah der tapfere Knabe auf den Prinzen:„Es wird Alles gut gehen, Hoheit,“ ſagte er tröſtend. „Für dich, aber nicht für mich,“ erwiederte der Prinz und wandte ſich ab. Als gegen Abend der Erbprinz unſtät durch die Zim⸗ mer ging, machte der Kammerherr, der ſelbſt trübe Ge⸗ danken loswerden wollte, den Vorſchlag, heut Abend das Haus des Rectors zu beſuchen. Dies war der einzige Ort, wo er ſicher war, nichts von der widerwärtigen Ge⸗ ſchichte zu hören, und er war ſcharfſinnig genug zu ahnen, daß auch dem Prinzen dieſer Beſuch am erſten wohl⸗ thun werde. Ilſe wußte Alles. Unſer Student, der wider Willen die Elſter geſpielt hatte, welche Unheil ſtiftend zwiſchen den Parteien auf⸗ und ablief, umkreiſte im⸗ mer noch ängſtlich das Haus des Rectors, er wagte an einem Studentenabend bei Frau Penelope zurück⸗ zubleiben, als ſich die Anweſenden in das Zimmer des Rectors zogen, erzählte der Fragenden den ganzen Streit, ſchilderte die gefährliche Lage des Prinzen und flehte, Sr. Magnificenz nichts von dem Vorfall zu ſa⸗ gen. Als der Prinz eintrat, war unter den Anweſen⸗ den eine Spannung bemerkbar, welche ſolchen, die in gefährliche Geſchäfte verſtrickt ſind, die Unbefangenheit nicht zu erhöhen pflegt. Der Kammerherr war liebens⸗ würdiger als je und erzählte hübſche Hofgeſchichten, aber er machte keine Wirkung. Der Prinz ſaß verlegen — — 247— auf ſeinem Platz neben Frau Ilſe, auch aus ihren freundlichen Worten fühlte er den Ernſt, er ſah wie ihr Blick traurig auf ihm ruhte und ſich ſchnell ab⸗ wandte, als er die Augen aufſchlug. Endlich begann er mit unſicherer Stimme:„Sie haben mir früher die Köpfe berühmter Männer gezeigt, darf ich Sie bitten mir den Band noch einmal zu weiſen?“ Ilſe ſah ihn an und ſtand auf. Der Prinz folgte ihr wie neulich zu der Lampe des Nebenzimmers. Sie legte den Band vor ihn, er ſah theilnahmlos darüber weg und begann endlich leiſe:„Mir lag nichts an den Köpfen, nur mit Ihnen allein zu ſein. Ich bin hülflos und ſehr unglücklich. Ich habe keinen Menſchen auf Erden, der mir ehrlich räth, was ich thun ſoll. Ich habe einen Studenten gekränkt und bin ſchwer von ihm beleidigt. Jetzt ſoll ein Anderer für mich den Streit ausfechten.“) „Arme Hoheit,“ rief Ilſe. Cℳ 4 „Sprechen Sie nicht ſo zu mir, gnädige Frau, wie ein Weib das anſieht, ſondern als ob Sie mein Freund wären. Daß ich Ihnen mit meiner Angſt zur Laſt falle, macht mich in dieſem Augenblicke vor mir ſelbſt verächtlich, und ich fürchte, ich werde es auch Ihnen ſein.“ Er ſah finſter vor ſich nieder. Ilſe ſprach leiſe:„Ich kann nur reden, wie mir um's Herz iſt, haben Hoheit ein Unrecht gethan, ſo bitten Sie es ab, ſind Sie beleidigt worden, ſo verzeihen Sie.“— Der Prinz ſchüttelte das Haupt.„Das würde —— 24 — 248— nichts nutzen, es würde mich nur auf's Neue beſchimpfen vor allen Andern und vor mir ſelbſt. Nicht darum frage ich Sie. Nur Eines will ich wiſſen, darf ich einen Andern meinen Streit auskämpfen laſſen, weil ich ein Prinz bin? Alle ſagen mir, ich müßte es thun, ich habe zu Keinem Zutrauen, nür zu Ihnen.“ Ilſe ſtieg das Blut in das Antlitz:„Ew. Hoheit legen eine Verantwortung auf meine Seele, vor der ich erſchrecke.“ „Sie haben einmal zu mir die Wahrheit Pipvaehen 44 ſagte der Prinz finſter,„wie noch niemals ein Menſch auf Erden, und jedes Wort aus ihrem Munde war gut und herzlich. Und deshalb fordere ich auch, daß Sie mir heut Ihre wahre Meinung ſagen.“ „Dann alſo,“ rief Ilſe ihn groß anſehend, und das alte Sachſenblut wallte in ihr auf,„wenn Ew. Ho⸗ heit Streit angefangen, ſo müſſen Sie ihn auch ſelbſt als Mann zu Ende führen, und Sie ſelbſt müſſen da⸗ für ſorgen, daß es in ehrenvoller Weiſe geſchehe. Ew. Hoheit dürfen nicht zugeben, daß ein Anderer um Ihres Unrechts willen Ihrem Gegner trotzt und ſeine geſun⸗ den Glieder in Gefahr ſetzt. Denn einen Fremden zu Unrecht verleiten und in Gefahr ſtürzen und dabei ruhig zuſehen, das iſt das Schrecklichſte von Allem.“ Der Prinz verſetzte kleinlaut: Er iſt muthig und dem Gegner überlegen.“ „Und wie dürfen Ew. Hoheit Ihren Gegner einer fremden Kraft preisgeben, die ſtärker iſt als die 4 8 ———nnree ℳA ,— 240. eoe d Ihre? Wenn Ihr Stellvertreker gewinnt oder verliert, Sie werden ihm mehr ſchuldig als man einem Frem⸗ den ſchuldig ſein darf, und durch Ihr ganzes Leben wird Sie der Gedanke drücken, daß er Muth bewieſen hat, wo Sie ihn nicht gezeigt haben.“ Der Prinz wurde bleich und ſchwieg.„Ich fühle ebenſo,“ ſagte er endlich. „Furchtbar iſt Alles, was auf dieſem Wege liegt,“ fuhr Ilſe mit gerungenen Händen fort,„Frevel hier und dort und blutdürſtige Rache. Aber iſt Ihnen un⸗ möglich, ein Unrecht zu verhindern, ſo beſteht doch Ihre Pflicht zu ſorgen, daß es nicht größer werde und daß ſeine Folgen nicht auf Anderer Haupt ſinken, nur auf das Ihre. Und Alles in mir ruft: Sie ſelbſt müſſen thun, wo nicht, was Recht iſt, doch was am wenigſten Unrecht iſt.“ Der Prinz nickte mit dem Kopfe und ſaß wieder ſchweigend.„Ich darf keinem von meiner Umgebung 1 etwas ſagen,“ begann er endlich,„am wenigſten dem dort,“ er wies auf den Kammerherrn.„Wenn ich ver⸗ hindern ſoll, daß ein Anderer an meiner Statt den Streit ausficht, ſo muß das in den nächſten Stunden geſchehen. Wiſſen Sie jemand, der mir dabei helfen würde?“ „Meinem Mann verbietet ſein Amt in dieſer Sache 1 etwas für Ew. Hoheit zu thun. Der Doctor aber.“ 2 Der Prinz ſchüttelte den Kopf. „Unſer Student,“ rief Ilſe,„er iſt Ew. Hoheit — — 250— aufrichtig ergeben, er iſt ein Landsmann und fühlt großen Kummer über die Sache.“ Der Prinz überlegte.„Wollen Sie mir Ihren Diener für einige Stunden dieſes Abends erlauben, ſobald Sie ſeiner nicht mehr bedürfen?“ Ilſe rief Gabriel, der am Tiſche beſchäftigt war, in das Zimmer und ſagte zu ihm:„Thun Sie, was Hoheit aufträgt.“ Der Prinz trat an das Fenſter und ſprach leiſe mit dem Diener.. „Verlaſſen ſich Ew. Hoheit ganz auf mich,“ ſagte Gabriel und ging zu ſeinen Taſſen zurück. Der Prinz trat zu Frau Ilſe, welche unbeweglich da ſaß und auf das Buch ſtarrte.„Ich habe die Köpfe angeſehen,“ ſagte er ruhiger, als er noch heut Abend geweſen war,„und ich habe gefunden, was ich ſuchte. Ich danke Ihnen.“ 3 Ilſe erhob ſich und kebuth mit ihm zur Geſellſchaft zurück. Die Gäſte hatten ſich entfernt und Ilſe ſaß allein in ihrem Zimmer. Was hatte ſie gethan! Vertraute eines Mannes bei blutigem Beginnen, geheime Bera⸗ therin bei geſetzloſer That! Sie, ein Weib, war Ver⸗ bündete eines Fremden, ſie, die Gattin des Mannes, der jetzt ein Wächter des Geſetzes ſein ſollte, war Helferin bei einem Verbrechen geworden. Welcher finſtere Geiſt hatte ihr die Sinne bethört, als ſie vertraulich der Rede des Andern antwortete und flüſternd mit ihm verhan⸗ delte, was ſie dem eigenen Mann nicht zu geſtehen wagte? — 251— Nein, der ſie verlockt hatte, ein Fremder war er nicht. Seit ihrer Kindheit hatte ſie mit innigem An⸗ theil von ihm gehört, er war der künftige Gebieter ihrer Heimath, einſt Herr über Leben und Tod auf dem Felſen, von dem ſie hinabgeſtiegen war in die Fremde. Seit er zuerſt vor ſie trat, ſo rührend in ſeiner freudeloſen Ju⸗ gend, in der weichen Hilfloſigkeit ſeines Standes, hatte ſie zärtlich um ihn geſorgt, und was er ihr erwieſen hatte ſeit demſelben Tage, war ein liebenswerthes, lau⸗ teres Gemnüiß Jetzt faßte ſie bebende Angſt auch um ihn. Sie hatte ihn in ſein Schickſal helriehen, ſie trug die Schuld eines Beginnens, das ſeinem Stande für ungeheuer galt. Wenn ihm zum Unheil wurde, was ſie gerathen, wenn der Gegner den armen ſchwachen Jüng⸗ ling bis zum Tode traf, wie wollte ſie das ertragen in ihrem Gewiſſen? Sie ſprang auf und wieder rang ſie die Hände. Der Gatte rief ihren Namen, ſie fuhr zuſammen, denn ſie fühlte ſich in einer Schuld gegen ihn. Und wieder frug ſie bange:„Welcher böſe Geiſt hat mich verwirrt? Bin ich nicht mehr, die ich war? Wehe mir, ich habe mich nicht gehalten, wie einer Chriſtin geziemt, nicht als eine beſcheidene Frau, die den Schrein ihrer Seele öffnen ſoll nur vor Einem. Dennoch aber,“ rief ſie ihr Haupt⸗ erhebend,„wenn er wieder vor mir ſtände und noch ein⸗ mal früge, ob er als Mann handeln ſoll, oder als ein Schwächling, ich würde ihm wieder daſſelbe ſagen und: immner wieder. Der Herr ſchütze mich!“ 4 Als Krüger in das Schlafgemach trat, den Prinzen auszukleiden, gab ihm dieſer in kurzem Ton Aufträge, welche den Lakaien höchlich befremdeten. Da er aber dadurch ſeine vertraute Stellung befeſtigt ſah, verſprach er Gehorſam und Schweigen. Er löſchte die Lampen und ging auf ſeinen Poſten. Nach einer Stunde führte er den Studenten, welcher von Gabriel abgeliefert wurde, durch eine Seitenthür in das Schlafzimmer des Prin⸗ zen. Dort fand eine leiſe Unterredung ſtatt, deren Folge war, daß der Student in großer Aufregung aus dem Hauſe eilte und dem harrenden Gabriel den Auftrag gab, zu früher Morgenſtunde eine Droſchke an die nächſte Straßenecke zu beſtellen. In dem Saale eines abgelegenen Kaffeehauſes vor der Stadt war beim erſten Morgenlicht eine ernſte Ge⸗ ſellſchaft verſammelt, die Blüthe der Corps und Ver⸗ bindungen, erprobte Geſellen von verwegenem Ausſehen, für jedes Studentenherz ein gewaltiger Anblick; heut” ſollten nach einander mehre von den vielen Blutver⸗ trägen jenes Abends ausgeführt werden. Das erſte Ge⸗ ſchäft ſollte der Studentenehre des Erbprinzen gelten. Die Kämpfer waren ausgezogen und in ihre Fechtertracht gekleidet; Jeder ſtand mit ſeinem Secundanten und Zeugen in einer Ecke des Saales, der Doctor— es war der alte Teutone von der Geige— hatte in einem Winkel ſeinen Apparat ausgebreitet und ſah mit grim⸗ migem Behagen auf die bevorſtehende Arbeit, welche ihm neue lehrreiche Kuren verſprach. Aber die Armi⸗ ₰ ₰ nen waren aufſätzig, noch einmal traten ihre Secundan⸗ ten vor den Unparteiiſchen und erhoben Beſchwerde, daß der Prinz nicht gegenwärtig ſei, um wenigſtens durch ſeine Anweſenheit den Vertreter zu beſtätigen. Sie forderten deßhalb, daß die bevorſtehende Affaire nicht für ihn gerechnet werde, ſondern als perſönli⸗ cher Kampf der beiden Studenten, welche mit einan⸗ der in mehrfache zarte Beziehungen getreten waren. Da die Markomannen kein gutes Gewiſſen hatten, denn ſie hatten bei den Verhandlungen dieſen Punkt zwei⸗ deutig zu umgehen gewußt, machten ſie jetzt den Vor⸗ ſchlag, daß der Prinz nachträglich mit dem Arminen oder deſſen Secundanten am dritten Ort zuſammenkom⸗ men ſolle, damit zwiſchen beiden die gebräuchliche Ver⸗ ſöhnung ſtattfinde. Noch wurde darum gehandelt, mit Erbitterung, aber in kurzen Worten, wie der Zwang dieſer Stunde gebot, da pochte der Fuchs, welcher die Wache an der Treppe hatte,— es war ein junger Armine— zwei⸗ mal an die Thür. Alle ſtanden unbeweglich. Nur die Secundanten rafften die Schläger zuſammen und war⸗ fen ſie in eine finſtere Kammer, und unſer Student, der als Zeuge ſeinem Stammgenoſſen noch ſeidene Stränge über die Pulsadern der Hand legte, ſprang ſchnell an die Thür und öffnete. Eine kleine Geſtalt im Mantel und runden Hut trat herein, es war der Erb⸗ prinz. Er nahm den Hut ab, ſein Geſicht ſah etwas bleicher aus als gewöhnlich, aber er begann mit ruhiger Haltung:„Ich bin heimlich hergekommen; ich bitte die Anweſenden mir zu erlauben, daß ich mir ſelbſt Genug⸗ thuung hole, und ich bitte Sie Nachſicht mit mir zu haben, wenn ich mich in dem Brauch ungeübt zeige, denn es iſt das erſte Mal, daß ich mich verſuche.“ Es entſtand eine Stille, ſo tief, daß man das leiſe Schwirren des Rappiers hörte, welches in eine Ecke ge⸗ ſchleudert war, alle Anweſenden empfanden, daß dies ein wackeres Thun war. Nur Beppo, der Markomanne, ſtand beſtürzt und begann:„Schon deine Gegenwart ge⸗ nügt, die letzten Schwierigkeiten zu beſeitigen, ich beſtehe darauf, daß nicht umgeworfen wird, was beſchloſſen iſt,“ und leiſer fügte er hinzu:„Ich beſchwöre Ew. Hoheit, nicht das Unnöthige zu thun, es ladet uns allen eine Verantwortung auf, die wir nicht übernehmen dürfen.“ Der Prinz erwiederte feſt:„Du haſt dein Ver⸗ ſprechen erfüllt, ich werde dir für den Willen ebenſo dankbar ſein, als für die That. Aber ich bin entſchloſſen.“ Und er zog ſeinen Rock aus und ſagte:„Legt mir die Binden an.“— Der Secundant des Arminen wandte ſich zum Un⸗ parteiiſchen.„Ich bitte, den Gegner zur Eile zu mah⸗ nen, wir ſind nicht hier, um Artigkeiten zu wechſeln; will ſich der Prinz ſelbſt Genugthuung holen, wir ſind bereit.“ Die Markomannen rüſteten den Prinzen, und man darf den tapfern Geſellen das Zeugniß nicht ver⸗ ſagen, ſie thaten es mit ſo inniger Ehrerbietung und ängſtlicher Sorgfalt, als ob ſie in der That Krieger — 255— des Volksſtammes wären, deſſen Namen ſie trugen, und ihr junges Königskind zum tödtlichen Einzelkampfe ſtellen ſollten. Der Prinz trat auf den Kreideſtrich, ſeinem Se⸗ cundanten, einem harten Balafre, zitterte die Waffe in der Hand, als er ſich neben ihm auslegte.„Gebunden — Los!“ Die Klingen ſauſten in der Luft. Der Prinz hielt ſich nicht ſchlecht, eine lange Gewöhnung, ſich vor⸗ ſichtig zu beherrſchen, kam ihm zu gut, er vermied, ge⸗ fährliche Blößen zu geben, und ſein Secundant zog ſich eine herbe Warnung des Unparteiiſchen zu, weil er ohne Rückſicht auf ſeine eigenen Glieder im Bereich des feind⸗ lichen Stahles lag. Der Armine war an Kraft und Kunſt weit überlegen, aber er geſtand ſpäter ſeinen nächſten Freunden, es ſei ihm doch ſtörend geweſen, das Fürſtenkind leibhaftig im Bereich ſeines Schlägers zu ſehen. Nach dem vierten Gange ſtrömte das Blut von Ulfs breiter Backe auf das Hemd. Sein Secundant forderte Fortſetzung des Kampfes, der Unparteiiſche er⸗ klärte den Streit für beendet. Der Prinz ſtand ſtill auf ſeinem Platz, jetzt entfiel der Schläger ſeiner Hand, und ein leiſes Zittern bewegte die Finger, aber ſein Mund lächelte, und es war ein guter Ausdruck in den frohen Zügen. Ein Knabe hatte durch die ernſte Viertelſtunde das Selbſtgefühl eines Mannes gewonnen. Bevor der Prinz ſich zu ſeinem Gegner wandte, fiel er dem Markomannen um den Hals und ſagte:„Jetzt kann ich dir von Herzen danken.“ Der Unparteiiſche — 256— führte ihn zum Gegner, der unwillig vor dem Doctor ſtand, und doch auch ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, das ihm weh genug that, und beide reichten einander die Hände. Nun traten auch die Arminen grüßend zu dem Prinzen, während der Unparteiiſche in den Saal rief:„Zweiter Fall.“ Aber der Prinz, der ſeinen Mantel wieder umge⸗ than hatte, ging zu dem Leiter des Zweikampfes und begann:„Ich kann nicht fortgehen ohne eine große Bitte auszuſprechen. Ich bin unglücklicher Weiſe die Veranlaſſung des peinlichen Vorfalles geweſen, welcher jetzt die Studentenſchaft entzweit, ich weiß wohl, daß ich gar kein Recht habe, hier einen Wunſch zu äußern, aber es wäre mir eine freudige Erinnerung für immer, wenn ich dazu beitragen könnte, daß Verſöhnung und Friede beſchloſſen würde.“ Von ſeinen Markomannen hätte er in dieſem Augenblick das Schwerſte fordern dürfen, aber auch die Andern ſtanden unter dem Eindruck eines ungewöhn⸗ lichen Erlebniſſes. Ein beifälliges Murmeln ging durch den Saal, ſogar der Unparteiiſche rief mit lauter Stimme:„Der Prinz hat ein gutes Wort geſprochen.“ Die düſtern Blicke Einzelner wurden nicht beachtet, die Secundanten und Senioren beriethen in der Mitte des Saales, das Reſultat war, daß die ſchwebenden Forderungen zunächſt zwiſchen den Anweſenden ausge⸗ glichen und eine allgemeine Verſöhnung eingeleitet wurde. Der Prinz verließ, von den Markomannen um⸗ drängt, das Haus und ſprang in den Wagen, Krüger öffnete ihm die Thür des Schlafzimmers. Der Kam⸗ merherr war über die lange Ruhe ſeines jungen Herrn grade an dieſem Morgen ſehr verwundert; als er nach der Meldung des Kammerlakaien zum Frühſtück eintrat, fand er ſeinen Prinzen behaglich am Tiſch ſitzen. Nach⸗ dem Krüger hinausgegangen war, begann der Prinz: „Das Duell iſt abgemacht, Weidegg, ich habe mich ſelbſt geſchlagen.“ Der Kammerherr ſtand erſchrocken auf.„Ich ſage Ihnen das, weil es Ihnen doch kein Geheimniß bleiben würde. Ich hoffe, der Streit unter den Stu⸗ denten wird damit abgemacht ſein. Sprechen Sie mir nichts dagegen, und regen Sie ſich ſelbſt nicht auf, ich habe gethan, was ich für Recht hielt, oder doch für das kleinſte Unrecht, und ich bin froher als ich ſeit langer Zeit war.“ Die Häupter der Markomannen hatten von den übrigen Anweſenden das Wort erbeten, daß die einzel⸗ nen Vorgänge dieſes Morgens nicht verbreitet werden ſollten, und man muß annehmen, daß Jedermann ſein Wort gehalten habe. Dennoch flog durch Univerſität und Stadt blitzſchnell die Kunde, daß der Prinz ſelbſt durch wackeres Verhalten die Händel ausgeglichen habe. Und der Kammerherr. erkannte aus frohen Andeutungen der Markomannen und aus den freundlichen Grüßen, welche ſein junger Herr auf der Straße erhielt, noch mehr aber aus der veränderten Haltung des Prinzen Freytag, Handſchrift. II. 17 ſelbſt, daß das heimliche Duell doch eine gute Seite ge⸗ habt hatte, und das verſöhnte ihn ein wenig mit dem ärgerlichen Ereigniß. Als der Prinz einige Zeit darauf das Haus des Rectors betrat, wurde er in das Arbeitszimmer geführt und Werner begrüßte ihn lächelnd.„Ich war genöthigt, meiner Regierung über die letzten Vorfälle zu berichten und, gemäß der übereinſtimmenden Ausſage der vorge⸗ ladenen Studenten beizufügen, daß Ew. Hoheit Dazwi⸗ ſchentreten weſentlich dazu beigetragen hat, den Frieden wieder herzuſtellen. Mir iſt der Auftrag geworden, Ihnen dafür warme Anerkennung der akademiſchen Be⸗ hörde auszuſprechen. Perſönlich erlaube ich mir dem Wunſch Worte zu geben, daß Alles, was Ew. Hoheit in dieſen Tagen erlebt, Ihnen immer eine angenehme und fruchthare Erinnerung ſein möge.“ Als der Prinz ſich vor Frau Ilſe verneigte, ſagte er leiſe:„Es iſt Alles gut gegangen, ich danke.“ Ilſe ſah ſtolz auf ihren jungen Herrn, und doch war die bange Unſicherheit der letzten Tage nicht ganz von ihr genommen, und ſie war dem Prinzen gegenüber ſtiller als gewöhnlich. 5. Alles geſtört. Der Frühling flog luſtig durch das Land. Die Blüthenſträucher und die Beete der Gärten prangten ſtolz in den Farben ihrer Verbindung, in dieſem Jahre ſangen wirklich Staare in den Käſten des Herrn Hahn, und auf der Waldwieſe vor dem Garten des Herrn Hummel freuten ſich Hahnenfuß und wilder Lauch der feuchten Wärme. Den akademiſchen Bürgern wurde es eine behagliche Zeit, die Händel des Winters waren abgethan, die Pedelle zogen um zehn Uhr das Nacht⸗ camiſol an, und die Vorleſungen der Herren Profeſſo⸗ ren liefen gemüthlich nebeneinander hin wie Mühlräder bei hohem Stande des Waſſers. Auch der Rector genoß die Ruhe, und ſie war ihm zu gönnen, denn Ilſe ſah beſorgt, daß ſeine Wange hag⸗ rer war als ſonſt, und daß am Abend zuweilen eine Ermüdung über ihn kam, die er früher nicht gekannt.„Er ſollte auf einige Monate ſein Arbeitszimmer verlaſſen,“ rieth der Arzt,„das würde ihm wieder für Jahre die Spannung geben, jedem Gelehrten thut zwei, drei Mal im Leben ſolche Erfriſe chung Noth, eine Reiſe wäre die beſte Cur.“ 11* —————m⁰ — 260— Felix lachte dazu, aber die Hausfrau bewahrte den Rath in treuem Gemüth und ſuchte unterdeß den Gat⸗ ten ſo oft als möglich von ſeinen Büchern in das Freie zu entführen. Auch heut zog ſie ihn am Arm durch Wald und grüne Wieſen. Sie wies ihm Schmetterlinge, die über den Feldblumen flatterten, und Vögelſchwärme, welche in der warmen Luft dahinzogen.„Jetzt iſt die Zeit deiner Unruhe, von der du mir einſt erzählt haſt, fühlſt du nichts davon?“ „Ja,“ ſagte der Profeſſor,„und wenn du mit mir ziehen willſt, ſo machen wir wenigſtens in Gedanken eine gemeinſame Reiſe in die Ferne.“ „Du willſt mich mitnehmen 2“ rief Ilſe erfreut. „Ich bin wie ein Murmelthier, ich kenne nur die Höhle, aus welcher mein Herr mich geholt, und den Deckel des Kaſtens, in dem er mich füttert. Darf ich wünſchen, ſo fordere ich mir Eisberge, welche hoch über die Wol⸗ ken ragen, und Abgründe, die ſteil ins Unermeßliche fallen. Aber aus den Bergen ſteige ich hinab zu Oel⸗ baum und Orange, ſeit Jahren habe ich von den Men⸗ ſchen gehört, welche dort gelebt haben, euch allen lacht das Herz, ſo oft ihr von dem blauen Meer und der Herr⸗ lichkeit alter Städte redet. Das möchte ich ſehen, deine Worte dazu hören und die Freude fühlen, die du beim Wiederſehn von allem haſt, was dir dort lieb geworden iſt.“ „Gut,“ verſetzte der Profeſſor,„alſo die Alpen, dann bis Neapel. Ich habe nur zuerſt einige Wochen in Florenz für den Tacitus zu arbeiten.“ — 2616 84 „Hui,“ dachte Ilſe,„da iſt der Codex wieder.“ Sie ſaßen unter der großen Eiche nieder, einem Rieſen des Mittelalters, der das neue Baumgeſchlecht im Stadtwald überragte, wie die Kuppel Sanct Peters die Dächer und Thürme der heiligen Stadt. Und un⸗ ter dem hohen Laubgewölbe, zu dem Ilſe gern die Schritte lenkte, machten ſie luftige Reiſepläne zu Pinien und Cactushecken. Als ſie aus dem Gehölz in eine nahe Lichtung tra⸗ ten, ſahen ſie unter den Wieſenblumen die Livree eines Lakaien, ſie erkannten den Prinzen mit ſeinem Begleiter, neben ihnen einen Wirth aus dem nächſten Dorfe. Die Herren traten grüßend heran.„Hier wird ein Anſchlag gegen einige Stunden Ihrer Muße gemacht,“ rief der Kammerherr dem Profeſſor zu, und der Prinz begann: „Ich habe den Wunſch, einige Herren und Damen von der Univerſität ins Freie zu bitten, da ich hier doch nicht die Freude haben kann, ſie in eigenem Hauſe zu ſehen. Es ſoll keine große Geſellſchaft ſein, und ſo ländlich als möglich. Wir haben an dieſen Platz gedacht, weil die gnädige Frau ihn öfter gerühmt hat. Und ich werde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie mir noch mit gutem Rath aushelfen wollen, wie die Sache am beſten einzurichten iſt.“ „Wenn Ew. Hoheit den Frauen eine Freude machen will, ſo laden Sie auch die Kinder ein. Iſt es zugleich ein Kinderfeſt, ſo ſind Hoheit ſicher, daß es Allen eine gute Erinnerung hinterläßt.“ Das wurde angenommen. Es erſchienen zierliche Einladungen, durch welche Rector und Decane und die Herren Profeſſoren, mit denen der Prinz perſönlich be⸗ kannt war, nebſt ihren Familien für ein Feſt im Freien geworben wurden. Der Gedanke fand bei Großen und Kleinen Beifall, und unter den Bekannten der Frau Profeſſorin regte ſich frohe Erwartung. Auch Laura hatte eine Einladung erhalten, und ihre Freude war groß. Als ſich aber am Abend ergab, daß der Doctor nicht eingeladen war, wurde ſie unwillig. „Mir fällt nicht ein, ſeinen Anwalt zu machen,“ ſagte ſie zu Ilſe,„doch er iſt genau in meiner Lage: wenn man mich um deinetwillen eingeladen hat, ſo mußte man deines Mannes wegen auch ihn auffordern. Daß man dies verſäumt hat, iſt eine Taktloſigkeit oder etwas Schlimmeres. Und da er nicht gebeten iſt, bin ich entſchloſſen, auch nicht zu gehen. Denn Fritz Hahn mag ſonſt ſein wie er will, eine Nichtachtung hat er von dieſen vornehmen Leuten nicht verdient.“ Vergebens ſuchte ihr Ilſe auseinander zu ſetzen, daß der Doctor dem Prinzen, von dem doch die Einladung ausgehe, keinen Beſuch gemacht. Laura blieb eigenſin⸗ nig und verſetzte:„Du biſt ein beredter Vertheidiger deines Prinzen und in den Gebräuchen vornehmer Leute beſſer bewandert, als ich dir zugetraut hätte. Ich aber werde zum Feſte ſchulkrank, darauf verlaß dich. Wenn nicht anging, den drüben zu laden, ſo geht es bei mir auch nicht an. Sage aber dem Doctor nichts davon, damit — 263— Fritzchen ſich nicht etwa einbildet, ich thäte es ihm zu Liebe, es iſt nicht Freundſchaft für ihn, ſondern Bos⸗ heit gegen die Hofherrn.“ An einem Sonntag fuhr zuerſt ein großer Four⸗ gon mit Krüger und einem Koch in die Nähe der gro⸗ ßen Eiche, Equipagen des Prinzen holten die Herren und Damen, ein Omnibus mit Guirlanden und Krän⸗ zen verziert lud die Kinder der Familien zuſammen. Auf der Wieſe war ein Zelt errichtet, ſeitwärts durch Gebüſch verdeckt eine Breterhütte mit improviſirtem Kochheerd; eine Muſikbande ſaß verſteckt im Walde und empfing die ankommenden Familien. Der Prinz und ſein Kammerherr begrüßten an der Waldecke und ge⸗ leiteten zum Mittelpunkt des grünen Feſtraums, wo ein ungeheures Werkſtück höchſter Bäckerkunſt den Leuchtthurm bildete, in deſſen Nähe man ſich vor Anker legte. Bald verrieth Geklirr der Taſſen, daß man ſich der unvermeidlichen Vorbereitung zu ge⸗ müthvoller deutſcher Fröhlichkeit hingab. Im Anfang waren die Geladenen feierlich, das Ungewöhnliche des arrangirten Feſtes verurſachte Erwägung. Als aber Raſchke ſeine Rockſchöße faßte und ſich im Graſe lagerte, als die anderen Herren ihm folgten und dargebotene Cigarren anzündeten, bekam die Wieſe ein theokritiſches Ausſehen. Da ſaß der Rector auf dem Raſen, die Beine wie eine Türke zuſammen geſchlagen, daneben der Conſiſtorialrath auf einem Stuhle und etwas entfernt auf einem abgeſchlagenen Baumſtamm der immer noch — 264— feindliche Struvelius, mit ſeinem ſtarrenden Haar und der ſchweigſamen Weiſe, dem kummervollen Geiſt der alten Weide ähnlich. Abſeits von ihnen aber thronte auf einem alten Ameiſenhaufen, über den er ſein Taſchen⸗ tuch gebreitet hatte, Magiſter Knips, er hielt ſeinen runden Hut ehrerbietig unter dem Arm und ſtand auf, ſo oft der Prinz in ſeine Nähe trat. Unterdeß war der Prinz bemüht, die Damen zu unterhalten, ſeit den letzten Vorfällen des Winters war er ohnedies Liebling der Frauen, heut eroberte er vollends durch verlegene Anmuth die Herzen der Mütter und Töchter. Er ſprach verbindlich mit jeder Einzelnen, winkte den Lakaien, wo es fehlte, war um alles beſorgt und lachte über ſich ſelbſt, wenn er nicht Beſcheid wußte. Ilſe und er arbeiteten im ſtillen Einverſtändniß einander in die Hände, der Frauenwelt Liebenswürdiges zu erweiſen, Ilſe, gehoben von dem Gedanken, daß ihr Prinz den Leuten ſo gut gefalle, und der Prinz im Herzen ſelig über die kleine gemeinſame Arbeit, die er mit der Frau⸗ Rectorin beſorgte. Noch nie hatte er ſich ihr ſo vertraulich nahe ge⸗ fühlt, als heut. Er ſah nur ſie, er dachte nur an ſie. Im Geſchwirr der Redenden, unter den Klängen der Muſik lauſchte er auf jedes Wort aus ihrem Munde. So oft er zu ihr trat, empfand er das warme Leben der ſchönen Frau wie einen wonnigen Zauber. Sie faßte nach einem Baumblatt, ihr Spitzenärmel ſtreifte ſein Geſicht, und von der Berührung des feinen Ge⸗ webes röthete ſich ihm die Wange. Ihre Hand ruhte einen Augenblick auf der ſeinen, als ſie ihm einen bun⸗ ten Käfer darbot, und er fühlte den flüchtigen Druck wie einen Schlag im Herzen.„Der Käfer weiß Ew. Hoheit Zukunft. Sie dürfen ihn fragen: Liebes Marien⸗ vögelein, wie lange werd' ich luſtig ſein? ein Jahr, zwei Jahr und ſo fort, bis er entfliegt.“ Der Prinz begann den Spruch, aber er war noch nicht bis zum erſten Jahr gekommen, als der Käfer davonflog.„Das gilt nicht Ihnen,“ tröſtete Ilſe lachend,„der Kleine war noch böſe auf mich.“„Lieber will ich das Unglück tragen,“ verſetzte leiſe der Prinz,„als daß es Ihnen naht.“ Da nun Ilſe, betroffen durch den innigen Klang ſeiner Worte, ſich zu den Frauen wendete, hob er ver⸗ ſtohlen das Tuch auf, welches ihr von der Schulter ge⸗ glitten war, und drückte es hinter dem Baum an ſeine Lippen. Lauter wurde die junge Welt, als aus der Hütte hinter dem Buſch zwei Männer heraustraten mit rothem Rock und Trommel und die Jugend zu einem Vogel⸗ ſchießen einluden. Der Kammerherr nahm die Aufſicht über die Knaben, Ilſe über die Mädchen, Jäger und Lakai halfen bei den Armbrüſten, die Bolzen knallten ohne Aufhören gegen den Leib der aufgerichteten Vögel, denn das Treffen war bequem gemacht, und wer nicht grade ſchoß, konnte Preiſe bewundern, welche auf zwei Tiſchen ausgeſtellt waren. Es ging Alles ſchnell, wie bei einem Hoffeſt ſchicklich iſt, die Lakaien durchwander⸗ ten unaufhörlich die Geſellſchaft mit jeder denkbaren Er⸗ friſchung, die Splitter der Vögel fielen wie Hagel, und der Prinz vertheilte die Preiſe an die Kinder, die ihn umdrängten. Bertha Raſchke wurde Schützenkönigin, ein kleiner Conſiſtorialrath ihr Mitregent. Jauchzend zogen die Kinder mit ihren Geſchenken hinter den Tromm⸗ lern her bis zu einer langen Tafel, wo ihnen eine Mahklzeit bereitet war. Sie mußten nieder ſitzen, in der Mitte König und Königin. Jäger und Lakaien trugen die Gänge eines langen Soupers auf. Der Kammerherr hätte nichts Beſſeres erfinden können, die Eltern zu verbinden, auch die Väter traten hinter die Stühle und freuten ſich innig, wie die Kleinen aus den Kryſtallgläſern unſchädlichen⸗Wein tranken und ſelig aus roſigen Geſichtern die gemalten Teller und ſilbernen Aufſätze der Tafel anſtaunten. Bald wurden ſie luſtig, zuletzt erhob ſich ſogar der kleine Conſiſto⸗ rialrath und brachte die Geſundheit des Prinzen aus, alle Kinder ſchrieen Hoch, die Trommler trommelten, die Muſik fiel ein und die Eltern umſtanden dankend den Feſtgeber. Ilſe aber brachte eine Schärpe ge⸗ tragen, welche die Frauen von Feldblumen ge⸗ flochten hatten, und bat den Prinzen um die Erlaub⸗ niß, ihm die Schärpe anzulegen. Er ſtand unter den frohen Menſchen ſelbſt gehoben durch die harmloſe Freude, welche die Andern erfüllte, und durch die ach⸗ tungsvolle Neigung, welche ihn aus allen Augen anſah. Mit ſtummem Dank blickte er zu Ilſe herüber und ohne — 267— Veranlaſſung wurden ihm die Augen feucht. Und wie⸗ der ſchrieen die Kinder ihr Hoch und die Trommler wirbelten. Da ſprengte ein Reiter in fremder Livree aus dem Walde heran, der Kammerherr trat beſtürzt zu dem Prinzen und überreichte ihm einen Brief mit ſchwarzem Siegel. Der Prinz eilte in das Zelt, der Kammerherr folgte ihm. Der junge Herr hatte bei Feldblumen kein Glück. Die Feſtfreude war dahin, die Geſellſchaft ſtand theil⸗ nehmend und unſicher in Gruppen um das Zelt. End⸗ lich trat der Kammerherr heraus; während er ſich an den Rector wandte und die Anweſenden ihn umdräng⸗ ten, ſah Ilſe den Prinzen an ihrer Seite, tiefe Trauer im Angeſicht.„Ich bitte Sie mich bei den Damen zu entſchuldigen, wenn ich mich ſogleich entferne. Der Ge⸗ mahl meiner Schweſter iſt nach kurzer Krankheit geſtor⸗ ben, und meine arme Schweſter iſt ſehr unglücklich ge⸗ worden.“ Der Schmerz zuckte in ſeinem Geſicht, als er fortfuhr:„Ich ſelbſt habe meinen Schwager wenig gekannt, aber er war gegen meine Schweſter ſehr gut, und ſie fühlte ſich bei ihm glücklicher als je in ihrem Leben. Sie ſchreibt mir in Verzweiflung, und das Un⸗ glück iſt für ſie ganz unſäglich. Wie die Verhältniſſe ſind, wird ſie an ihrem jetzigen Wohnort nicht bleiben dürfen, ich ſehe voraus, daß ſie wieder zu uns zurück⸗ kehren muß. Das iſt unſer bitteres Schickſal, nirgend ruhig bleiben, immer wieder gewaltſam herausgeriſſen ———— — 268— werden. Und ich weiß, mich wird ein ähnliches Unglück treffen. Ich fühle mich jetzt hier wohl, Ihnen darf ich das geſtehen, auch mir macht dieſer Todesfall Vieles unſicher, ich ahne, er wird auch mich von hier fortziehen. Ich reiſe morgen auf einige Tage zu meiner Schweſter, denken Sie mit Theilnahme meiner.“ Er verneigte ſich und trat in das Zelt zurück, in den nächſten Minuten rollte ſein Wagen der Stadt zu. Ilſe eilte zu ihrem Gatten, dem vom Kammerherrn die Bitte ausgeſprochen war, bei der Geſellſchaft ſeine Stelle zu vertreten. Man beſchloß ſogleich aufzubrechen. Die Kinder wurden in die Wagen geſetzt, die Erwach— ſenen kehrten in ernſtem Geſpräch zur Stadt zurück. Unterdeß ſaß die ſchulkranke Laura in ihrem Stüb⸗ chen und ſtöberte unter den alten Liederdrucken. Nach jener Begegnung im Dorfgarten war ſie mit Schrecken zu der Erkenntniß gekommen, daß die Tage ängſtlicher Sorge um den Doctor ihren Schatz ſehr vermindert hatten, wohl ein Dutzend— und nicht der ſchlechteſten — war leidenſchaftlich hinübergeſchleudert, die Schnüre, an welchen ſie das Sammlerherz drüben feſthielt, droh⸗ ten dünn zu werden. Deshalb war das Trinklied für längere Zeit die letzte Spende geblieben. Heut aber, wo Fritz eine Behandlung erfahren hatte, welche ihr mehr Kummer machte als ihm ſelbſt, mußte ſie auf einen kleinen Troſt für ihn denken. Ein ſchwerer Tritt auf der Treppe ſtörte die Wahl. Laura hatte kaum Zeit ihren Schatz in die geheime — 269— Schublade zu werfen, als ſchon die ſchwere Hand des Herrn Hummel auf die Klinke drückte. Das war ein ſeltener Beſuch und Laura empfing ihn mit der Ah⸗ nung, daß er auch heut nicht ohne ernſte Veranlaſſung erfolge. Herr Hummel trat dicht vor ſeine Tochter und betrachtete ſie ſorgfältig, als wäre ſie eine neue pariſer Erfindung.„Du haſt alſo Kopfſchmerz und konnteſt die Einladung nicht annehmen? Das bin ich an meiner Tochter nicht gewöhnt. Bei deiner Mutter kann ich nicht verhindern, daß ihr Gefühl zuweilen in das Ge⸗ hirn ſteigt, von deinem Kopf fordere ich, daß er unter allen Umſtänden frei bleibe. Weshalb biſt du alſo der Einladung nicht gefolgt?“ „Es wäre mir ein unerträglicher Zwang geweſen,“ ſagte Laura. „Ich verſtehe,“ verſetzte Herr Hummel.„Ich bin nicht ſehr für Fürſten, ich bin auch nicht gegen ſie. Ich kann nicht finden, daß ſie einen größeren Kopf ha⸗ ben als andere Leute, und ich bin deshalb veranlaßt, ſie als einfache Kunden der bürgerlichen Geſellſchaft zu be⸗ trachten, welche nicht immer Numero eins weder ſind noch tragen. Jedoch, wenn dich ein Prinz mit andern anſtändigen Perſonen zu einem ehrbaren Sommerver⸗ gnügen einladet, und du dich weigerſt, ſo frage ich als Vater nach dem Grund, und zwiſchen dir und mir ſoll jetzt von Kopfſchmerz keine Rede ſein.“ Laura erkannte an dem unwirſchen Blick des Vaters, daß er noch Anderes im Schilde führte.„Wenn du die — 220— Wahrheit wiſſen willſt, ich mache dir kein Geheimniß daraus. Ich bin nicht meiner ſelbſt wegen eingeladen, denn was liegt den Leuten an mir, ſondern als Tiſch⸗ inventarium unſerer Hausgenoſſen.“ „Das wußteſt du doch auch, als die Einladung an⸗ kam, und damals fuhrſt du vor Freude in die Höhe.“ „Mir iſt der Gedanke erſt nachher gekommen.“ „Als du erfuhrſt, daß der Doctor von drüben nicht geladen war,“ ſagte Hummel.„Deine Mutter iſt eine ſehr brave Frau, vor der ich alle Hochachtung habe, aber ihr begegnet zuweilen, das man ihr ein Geheim⸗ niß abſchrauben kann. Wenn du alſo etwas ſpintiſirſt, was weder die Welt noch dein Vater erfahren ſoll, ſo wird es klug ſein, das Niemandem anzuvertrauen, weder in unſerm Hauſe noch in einem andern.“ „Gut alſo,“ rief Laura entſchloſſen,„wenn du es gemerkt haſt, ſo höre es noch einmal von mir. Ich bin ein Bürgerkind wie Fritz Hahn drüben, er iſt öfter als ich mit den Herren vom Hofe zuſammengetroffen; daß man auf ihn keine Rückſicht nahm, hat mir klar ge⸗ macht, daß man meinesgleichen als eine überflüſſige Zu⸗ gabe betrachtet.“ „Alſo der drüben iſt deinesgleichen?“ frug Herr Hummel,„das grade war es, was ich dir ausreden wollte. Ich möchte nicht, daß du deine Gefühle nach den Wetter⸗ gläſern von dort drüben einrichteſt. Ich möchte nicht, daß Hahn junior auf den Gedanken käme, einmal einen Schwibbogen über die Gaſſe zu bauen, und in Schlaf⸗ — 2391— ſchuhen von einem Haus in das andere zu wandeln. Der Gedanke gefällt mir nicht. Ich will dir nur einen Grund anführen, der mit meinem alten Zorn gar nichts zu thun hat. Er iſt ſeines Vaters Sohn, und er hat keine rechte Courage für das Leben. Wer aushalten kann, Jahr für Jahr in dem Strohneſt zu ſitzen und Bücher aufzuklappen, der wäre, wenn ich mich als Mäd⸗ chen betrachte, nicht mein Mann. Es iſt möglich, daß er ſehr gelehrt iſt und grade die Dinge weiß, um die ſich andere Menſchen wenig kümmern, ich habe aber noch nicht gehört, daß er ſich dadurch etwas Ordentliches verdient hat. Deshalb, wenn geſchehen könnte, was nicht geſchehen wird, ſo lange das Grundſtück drüben ein Hüh⸗ nerhof iſt, wenn ich Heinrich Hummel zugeben wollte, daß mein einziges Kind vor der weißen Muſe Strümpfe ſtrickt, ſo wäre dies für mein Kind ſelbſt ein Unglück. Denn du biſt meine Tochter. Du biſt innerlich eben ſo ſehr ein Dickkopf wie ich von außen, und wenn du unter ſolche ſchwachherzige Leute geräthſt, wirſt du ſie jämmerlich unterbuttern, und du ſelbſt wirſt darüber unglücklich werden. Deshalb alſo bin ich der Meinung, daß dein Kopfſchmerz eine Narrheit war, und ich wünſche nie wieder von Leiden dieſer Art zu hören. Guten Tag, Fräulein Hummel.“ Er ſchritt zur Thür hinaus und brummte auf der Treppe:„Blühe, liebes Veilchen, das ich ſelbſt erzog.“ Laura ſaß am Schreibtiſch und ſtützte das ſchwere Haupt mit beiden Händen. Das war ein fürchterlicher Auftritt, die Reden des gewaltthätigen Vaters riſſen ihr die Seele wund. Aber in ſeiner höhnenden Betrach⸗ tung des Nachbarſohnes war doch eine Wahrheit, die ihr ſelbſt ſchon wie eine feindliche Spinne über die bunten Blätter ihrer Theilnahme gekrochen war. Er mußte hin⸗ aus in die Welt. Unten die Freunde dachten daran in die Ferne zu ziehen, ach, ſie ſelbſt war ein armer Vogel, der vergebens aufflatterte, weil die Feſſel am Fuß zu⸗ rückhielt. Er aber konnte ſich löſen. Sie verlor ihn aus der Nähe, ſie verlor ihn vielleicht für immer, aber das durfte ſie nicht hindern, ihm die Wahrheit zu ſagen. Haſtig fuhr ſie unter die alten Druckblätter, mit Mühe fand ſie ein Reiſelied, welches allerdings nicht recht auf den Doctor paßte, inſofern es die Gefühle eines recht lüderlichen Landſtreichers ausſprach. Das Lied war ſchlimm, aber es gab nichts Beſſeres, unſre Vorfahren fanden, ſofern ſie ſich nicht grade der Wegelagerei be⸗ fleißigten, geringes Vergnügen auf der Landſtraße. Der Brief mußte das Beſte thun. Sie ſchrieb alſo:„Die Sommervögel fliegen, auch die ſehnſüchtigen Träume der Menſchen ſuchen die Ferne. Zürnen Sie nicht, wenn der Abſender Sie bittet, etwas von der Stimmung die⸗ ſes loſen Liedes in Ihr eigenes Leben aufzunehmen. Für Sie iſt die Heimath zu enge, Ihr Werth wird hier nicht erkannt, wie Sie verdienen. Sie ſelbſt entbehren in dem ſtillen Hauſe der Eltern die Erfahrungen, welche der Mann gewinnt, wenn er ſich durch eigene Tüchtig⸗ keit ein neues Leben formt. Wohl weiß ich, daß Ihre ¹ 1 8 4 — 273— höchſte Aufgabe immer ſein wird, durch Schriftwerke Ihre Wiſſenſchaft zu fördern. Das vermögen Sie überall zu thun. Aber Sie ſollten doch nicht ver⸗ ſchmähen, auch im perſönlichen Verlehr auf Jüngere leh⸗ rend zu wirken und ſich ſelbſt an den Kämpfen Ihrer Zeit thätig zu betheiligen. Auf, Herr Doctor, auch Ihnen ſingt hier der unbekannte Vogel ſein Wanderlied. Mit Schmerz werden die Zurückbleibenden Sie miſſen.“ Zu derſelben Stunde ſaß Gabriel in ſeiner Kammer und bürſtete die letzten Stäubchen von dem Feſtgewand, das er über den Stuhl gebreitet hatte, zu ſeinen Füßen leckte ſich der rothe Hund die Pfote und ließ zuweilen leiſes Geknurr hören, das faſt wie ein Seufzer klang. Gabriel betrachtete unzufrieden den Hund.„Schöner biſt du im letzten Winter nicht geworden und beſſer auch nicht. Dein tückiſches Daſein iſt nur auf deine Schüſſel und die Beine der Vorübergehenden gerichtet. Ich wüßte nicht, daß einmal ein Hund der Menſchheit ſo verhaßt geweſen wäre, wie du, und kein Hund hat dieſen Haß ſo verdient. Deine einzige Freude iſt zu verachten, was wohlanſtändig iſt. Denn was iſt dir der liebſte Feſt⸗ tag? wenn es geregnet hat und die Pfützen auf dem Wege ſtehen und ein Sonnenblick die Leute verführt in den Wald zu ſpazieren. Dann lauerſt du auf der Stein⸗ treppe, und kommt ein junges Mädchen vor deine Augen in recht hellem Sommerkleide, dann ſpringſt du mit einem Satz vor ihr in die Pfütze wie ein Froſch, daß ihr Kleid bis an den Hals beſpritzt wird, und ich eine Freytag, Handſchrift. II. 18 — 274— Droſchke holen muß, worin die Perſon nach Hauſe fährt. Was hat dir geſtern der fliegende Cigarren⸗ händler gethan? Sein Kaſten ſtand auf einer Bank am Garten des Herrn Hummel, und das Geſchäft ver⸗ ſprach gut zu werden wegen der Mücken im Thale, aber da wurdeſt du Böſewicht hämiſch. Der Cigarrenmann tritt zwei Schritt von ſeinem Kaſten zu einem Bekann⸗ ten, du ſpringſt gegen das Butterbrot, das auf dem Kaſten liegt, dabei mit allen vier Beinen auf das Glas; die Glasſcheiben brechen, die Splitter miſchen ſich mit den Cigarren, du trampelſt Glas und Stinkadores zu einem Brei und fährſt in das Haus zurück. Du haſt es durchgeſetzt, Scheuſal, dein Herr hat den Cigarren⸗ mann angefahren, als dieſer gegen dich klagte, und der Mann hat ſeinen Kram aufgepackt und iſt mit einem Fluch von unſerm Hauſe weggezogen. Auf welchen Nacht⸗ wegen biſt du ſeitdem dahingefahren? Kein Auge hat dich geſehen.“ Er beugte ſich zu dem Hunde nieder. „Alſo diesmal iſt dir's wirklich ins Fleiſch gegangen, es iſt mir lieb zu merken, daß du nicht nur Andern ſcha⸗ den kannſt, ſondern auch dir ſelbſt.“ Gabriel ſah nach der Pfote und zog einen Glasſplitter heraus. Der Hund blickte ihn winſelnd an. „Wenn ich nur wüßte,“ fuhr Gabriel kopfſchüttelnd fort,„was der Hund an mir findet. Sind es die Knö⸗ chel oder weiß er einen ſchlechten Streich von mir, der ihm Spaß macht? Er haßt alle Welt, knurrt auch ge⸗ gen ſeinen Hauswirth, nur zu mir kommt er auf Be⸗ — 275— ſuch und benimmt ſich wie ein guter Kamerad. Und noch verrückter iſt er zu meinem Rector. Ich glaube nicht, daß Magnificenz viel von dem Leben Speihahns weiß. So oft dieſer Unhold aber meinen Profeſſor ſieht, guckt er ihn aus ſeinem Haargebüſch ſchlau an und thut ſein Aeußerſtes, er wedelt mit der Quaſte. Und wenn der Herr nach der Univerſität geht, läuft er hinter ihm her wie ein Lamm hinter ſeiner Mutter. Wie kommt er dazu, ſeine ſchwarze Seele grade auf meinen Gelehrten zu richten? Was will er von unſerer Wiſſen⸗ ſchaft? Sie glauben doch nicht an dich, Junker Speiteufel.“ Er ſah ſich mißtrauiſch um und fuhr ſchnell in ſeinen Rock. Im Sonntagsſtaat trat er vor die Hausthür. Bei Hahns war Niemand zu Hauſe, denn Dorchens Geſicht ſah aus dem Fenſter der Putzſtube. Sie lächelte und nickte, Gabriel faßte ein Herz und ſchritt in den feindlichen Hausflur. Die Zimmerthür öffnete ſich, Dorchen knixte auf der Schwelle und Gabriel begann die Thür in der Hand feierlich:„Wenn ich an dieſem ſchönen Tag das Vergnügen haben könnte, mit Ihnen auszugehen, ſo würde er mir noch angenehmer.“ Dorchen erwiederte, an der Schürze zupfend:„Ich muß als Hausunke hier ſitzen, aber das darf ja Sie nicht hindern.“ „Es fehlt mir dann die Heiterkeit,“ verſetzte Gabriel mit einer Verbeugung,„denn ich muß doch immer an Sie denken, und da ich Sie jetzt ſelbſt vor mir habe, iſt mir das viel lieber, als das bloße Denken im 18* 8 4— 4 — 276— Freien. Wenn Sie mich alſo ein wenig hier dulden wollen—“ „Wreten Sie doch näher, Herr Gabriel.“ „Nur auf die Thürſchwelle,“ ſagte Gabriel eintre⸗ tend und hielt die offene Thür in der Hand.„Ich wollte Ihnen nur bei dieſer Gelegenheit ſagen, daß ich die Nummer, von welcher Sie neulich geträumt haben, bei keinem Collecteur finden konnte, ich habe jedoch eine andere genommen, und ich habe ſie von einem kleinen Betteljungen ziehen laſſen, weil das Glück bringt. Es würde mich erfreuen, wenn Sie dieſe Nummer mit mir zuſammen ſpielen wollten. Es iſt viel, denn es iſt ein ganzes Achtel.“ „Aber das wird ja keine gute Vorbedeutung, Gabriel,“ erwiederte Dorchen in artiger Verlegenheit. „Warum nicht, Fräulein? es war ein richtiger Bet⸗ teljunge.“ „Nein, ich meine, wenn zwei zuſammenſpielen, die einander lieb haben.“ „Liebes Dorchen,“ rief Gabriel näher tretend und faßte nach ihrer Hand. Ein dumpfes Gegurgel unterbrach das Geſpräch. Dorchen fuhr erſchrocken von ihm fort.„Das war wie ein Geiſt,“ rief ſie. „Dies iſt unmöglich,“ tröſtete Gabriel,„erſtens bei Tage, zweitens in einem neuen Hauſe und drittens iſt es mit Geiſtern überhaupt ſoſo. Es war nur auf der Straße.“ — 2297— „Mir iſt ein rechter Troſt, daß Sie hier ſind,“ rief das furchtſame Dorchen.„Allein ſein in einem großen Hauſe iſt immer ſchreckhaft.“ „Und zu zweien in einem kleinen iſt immer luſtig,“ rief Gabriel unternehmend,„ach, Dorchen, wenn wir daran denken dürften.“ Wieder hörte man leiſes Gekrächz.„Es iſt doch etwas hier,“ rief Dorchen,„ich fürchte mich.“ Sie ſprang von ihm weg in die Mitte der Stube. Gabriel ergriff eine Elle und ſuchte unter den Meubeln.„Alſo du biſt's wieder,“ rief er zornig und fuhr mit der Elle un⸗ ter das Sopha. In einem Satz und Schrei ſprang Speihahn hervor und auf den nächſten Stuhl, vom Stuhle auf den Pfeilertiſch, worauf die Stutzuhr ſtand, er ſchleuderte die Uhr herunter, ſtürzte mit einem un⸗ förmlichen Sprunge nach und fuhr durch den Thürritz ins Freie. Es war die Stutzuhr, es war das Hochzeitsge⸗ ſchenk, Herr Hahn zog ſie jeden Abend auf, bevor er zu Bett ging; ſie hatte zwei Alabaſterſäulen mit ver⸗ goldeten Krönchen, das Uebrige war von amerikaniſchem Holz und ſtellte einen Triumphbogen vor. Jetzt lag das Kleinod in Trümmern, die Säulen gebrochen, das Holz zerborſten, das Zifferblatt zerſplittert, in dem offenen Werke wirbelte ein einziges Rad mit fürchterlicher Schnel⸗ ligkeit, alles Uebrige war regungslos und todt. Dorchen ſtand entſetzt vor den Scherben und rang die Hände. „Das Scheuſal,“ ſeufzte Gabriel, bemühte ſich vergebens — 278— um das verwüſtete Kunſtwerk, und ſuchte mit nicht beſſerem Erfolg ſein armes Mädchen zu tröſten, welche vor den Schrecken der nächſten Stunde zitterte. „Mir hat geahnt, daß heut etwas paſſiren würde,“ rief Herr Hahn nach der Heimkehr,„ich hatte geſtern zum erſten Mal vergeſſen, die Uhr aufzuziehen. Aber jetzt iſt meine Geduld zu Ende und es ſoll ein Krieg mit dem drüben werden auf Leben und Tod.“ Drohend trat er auf das ſchluchzende Mädchen zu.„Bezeuge die Wahrheit,“ rief er,„das Gericht wird dein Zeugniß for⸗ dern, ſuche deine Rettung nicht in Heuchelei und Lüge. War er es, oder warſt du es?“ Dorchen berichtete noch einmal dramatiſch die ganze Miſſethat Speihahns, ſie rückte an dem Sopha, als könnte ſie den Hund leibhaftig hervorholen, ſie gab die geöffnete Thür weinend zu und erklärte Gabriels Anweſenheit aus einer Anfrage, die er gethan.„Unglückliche,“ rief der zornige Hausherr,„ich ſehe deine Verlegenheit, du warſt es ſelbſt, dein Gewiſſen peinigt dich. Wie kannſt du beweiſen, daß er unter em Sopha war? Von deiner Seele fordere ich handgreifli⸗ chen Beweis.“ „Hier iſt er,“ rief Dorchen, immer noch ſchluchzend und wies in tragiſcher Stellung mit der Hand auf den Boden. Und ein Beweis war unter dem Sopha unverkenn⸗ bar, obgleich nicht gut handgreiflich, der Hund hatte zu⸗ rückgelaſſen, was ſeinen Namen ſo ſicher beſtätigte, als hätte er ſein Petſchaft auf den Boden gedrückt. ——— —— ———— — 2879— Jetzt gab auch Frau Hahn zornig den Befehl, wel⸗ cher einer Hausfrau vor ſolchem Greuel ziemte. „Unterſteht euch nicht,“ rief Herr Hahn wieder, „hinweg mit Lappen und Tüchern, dies bleibt.“ „Aber Andreas,“ rief ſeine Frau. „Dies bleibt, ſage ich, es muß recognoscirt und vidimirt werden. Holt ſogleich Rothe und ſeine Frau, und wen ihr von ſicheren Zeugen auf der Straße findet.“ Die Zeugen kamen und umſtanden empört die Stätte des Verbrechens. Herr Hahn aber eilte an ſeinen Schreib⸗ tiſch und ſchrieb einen kräftigen Brief an Herrn Hum⸗ mel, worin er die Unthat berichtete, die Zeugen nannte, und drohend Schadenerſatz forderte. Dieſen Brief trug Rothe mit einem Bret, worauf die Trümmer der Uhr lagen, zu Herrn Hummel hinüber. Hummel las bedächtig den Brief und warf ihn auf den Tiſch.„Ich laſſe Ihrem Herrn zu dem neuen Sommerver⸗ gnügen gratuliren,“ ſagte er kalt.„Tragen Sie dieſen Präſentirteller ſogleich wieder zurück, ich habe auf ſolchen Unſinn keine Antwort. Man mag thun, was man nicht laſſen kann.“. Am nächſten Tage erhob wieder eine gerichtliche Klage ihr Meduſenhaupt zwiſchen den beiden Häuſern. Diesmal war auch Frau Hahn tief empört, und als ſie am nächſten Tage Laura auf der Straße begegnete, wandte ſie ihr gutmüthiges Geſicht zur Seite, die Tochter der Feinde nicht zu grüßen. Laura aber erhielt die Antwort des Doctors auf — 280— ihren Brief. Ein hübſches Gedicht rühmte das Glück des Elternhauſes und als beſte Freude des Nachbars Töchterlein, welche der Dichter im Garten unter ihren Blumen ſah, ſo oft er über den hohen Zaun blickte. Dann las ſie folgende Worte:„Die Mahnung, welche ſo herzlich aus Ihren Zeilen ſpricht, hat auch in mir geklungen. Ich weiß, was meinem Leben fehlt. Meine Wiſſenſchaft macht mir überhaupt unmöglich, in größe⸗ ren Kreiſen Anerkennung zu finden, welche die Freunde eines Gelehrten ihm zuweilen eifriger fordern, als er ſelbſt; ſie erſchwert mir auch eine akademiſche Laufbahn, für welche ich jetzt auf einen zufälligen Ruf aus der Fremde angewieſen bin. Mit dieſen Erwägungen werde ich leicht fertig. Aber die Beſchaffenheit meiner Arbeiten nimmt mir auch alle Hoffnung, daß jemals äußere Erfolge das Hinderniß bewältigen werden, welches ſich gegen die ge⸗ heimen Wünſche meiner Seele aufgethürmt hat. Ich habe Stunden, wo ſelbſt der große Gedanke ſeine Heil⸗ kraft verliert, daß Entbehren und Entſagen eine un⸗ erläßliche Bedingung für das Prieſteramt iſt, welches ich zu verwalten habe.“ „Armer Fritz!“ rief Laura,„ärmer noch ich ſelbſt. Sein Prieſteramt!— Weshalb muß er entbehren, weil er Sanscrit treibt? Nicht Muth fehlt dieſen Gelehr⸗ ten, wie der Vater ſchmäht, aber die Leidenſchaft. Sie ſind ſelbſt ſtaublos und blutlos wie die alten Götter, von denen ſie ſchreiben. Das kniſtert einmal in ihrem Leben und giebt einen Funken, und man hofft auf eine — 281— mächtige Feuerflamme, aber ſogleich iſt wieder Alles ge⸗ dämpft und durch kluge Erkenntniß zerdrückt.“ Sie ſprang auf.„Ha, könnte ich den Fritz beim Haar packen und hineinwerfen in das wildeſte Getümmel, wo er ſich blutig durchſchlägt, dem Vater trotzt und etwas Großes auf's Spiel ſetzt, um zu gewinnen, was er, wie er leiſe klagt, für ſich begehrt. Fluch dieſer ſtillen, klaren, ge⸗ lehrten Luft, ſie macht langweilig die in ihr athmen! Ihre ſtärkſte Regung iſt ein ſchmerzliches Achſelzucken über uns andere Sterbliche oder über ſich ſelbſt.“ So zürnte die leidenſchaftliche Laura in ihrer Dachſtube, und wieder wurde ihr Papier von bittern Thränen befeuchtet, als ſie in dem heroiſchen Vers Beruhigung ſuchte und die fremden Götter des Doctors ermahnte gegen die Tücke Speihahns zu Felde zu ziehen. Leuchtender Indra und ihr, glanzvolle Gewalten des Aethers, Welche dem Erdengeſchlecht jemals ſegnend genaht, Eilt zur Rettung herbei, denn arg umdrängt uns das Unheil. Schwarze Geſtalten der Nacht füllen den friedlichen Hof, Scheiden vom Kinde den Vater; und breit auf der Schwelle gelagert, Knurret bethörenden Fluch tückiſch der greuliche Mops. Der Friede blieb geſtört, nicht nur den Nachbarn der Parkſtraße, auch dem jungen Herrn, an deſſen Feſt die Verwirrung eingebrochen war. Der Prinz wurde einige Wochen in der Fremde aufgehalten, nach ſeiner Rückkehr lebte er in der ſtillen Zurückgezogenheit, welche ihm durch die Trauer auferlegt war. Die Vorträge — 282— auf ſeinem Zimmer wurden wieder aufgenommen, aber ſein Platz an Ilſe's Theetiſch blieb leer. Am Tage der akademiſchen Preisvertheilung brachte die Studentenſchaft ihrem Rector einen großen Fackel⸗ zug. Durch die alten Straßen wogte der flammende Schein, die Fanfare tönte, kräftiger Männergeſang brauſte dahin, Giebel und Erker leuchteten in buntem Glanz, die Präſiden ſchwenkten luſtig ihre Waffen, die Fackel⸗ träger ſpritzten die Funken gegen das andrängende Volk der Straßen. Der Zug wand ſich in die Gaſſe am Thal, er hielt vor dem Hauſe des Herrn Hummel, wieder Muſik und Geſang, eine Deputation betrat feierlich die Haus⸗ ſchwelle. Hummel ſah ſtolz auf den langen Strom ro⸗ then Lichtes, welcher heranfluthete und ſich an der Maſſe ſeines Baues brach. Die ganze Ehre galt nur ſeinem Hauſe, wenn er auch nicht verhindern konnte, daß Dampf und Lohe ſich gleich vertheilten und das feindliche Dach⸗ geſims verklärten. DOben beim Rector waren einige der nächſten Freunde verſammelt, er empfing in ſeinem Zimmer die Führer der Studentenſchaft zu Rede und Gegenrede. Während die Anweſenden nahe traten, die feierlichen Worte anzuhören, öffnete ſich leiſe die Thür von Ilſe's Zimmer; der Prinz trat ein. Ilſe eilte ihm entgegen, er aber begann ohne Gruß:„Ich komme heut Ihnen Lebewohl zu ſagen. Was ich ahnte, iſt eingetroffen, ich habe den Befehl erhalten, zu meinem Vater zu⸗ rückzukehren. Morgen werde ich mit meinem Begleiter — 283— von dem Herrn Rector und Ihnen förmlichen Abſchied nehmen, ich wollte Sie vorher auf einen Augenblick ſehen. Und jetzt, da ich vor Ihnen ſtehe, habe ich keine Worte für das, was mich hertrieb. Ich danke Ihnen für alle Freundlichkeit. Ich bitte Sie, mich nicht zu vergeſſen. Sie ſind es, die mir dieſe Stadt lieb gemacht hat. Sie machen mir ſchwer von hier zu ſcheiden.“ Er ſprach die Worte ſo leiſe, daß ſie nur wie ein Hauch in Ilſes Ohr drangen, und er wartete ihre Antwort nicht ab, ſondern verließ das Zimmer ſo ſchnell wie er eingetreten war. Draußen auf dem freien Platz an der Parkwieſe warfen die Studenten ihre Fackeln zu einem großen Hau⸗ fen, hoch fuhr die rothe Lohe in die Luft, der Dampf ballte ſich bleigrau um die Wipfel der Bäume, er rollte an den Häuſern entlang, drang durch die geöffneten Fenſter und beengte den Athem. Niedriger wurde die Flamme, aus den verkohlten Bränden ſtieg dünner Rauch. Es war ein ſchnelles luſtiges Roth, ein flüchtiges Feuer, verglommen, zerweht, nur Rauch und Aſche blieben zu⸗ rück. Aber Ilſe ſtand noch immer am Fenſter und ſah traurig auf die leere Stelle. 6. Vor dem Drama. „Er war ein Tyrann,“ rief Laura,„und ſie hatte Recht, ihm nicht zu gehorchen.“ „Er that in harter Weiſe ſeine Pflicht, und ſie ebenſo die ihre,“ verſetzte Ilſe. „Er war ein querköpfiger engherziger Burſch, der zuletzt gedemüthigt wurde, ſie aber eine edle Heldin, die alles wegwarf, was ihr auf Erden lieb war, um mit großem Herzen die höchſte Pflicht zu üben,“ rief Laura. „Er hat gehandelt in dem Zwange ſeines Charak⸗ ters, wie ſie nach dem ihren. Sie war ſtärker als er und ging ſiegreich in den Tod, ihn zerbrach das Gewicht ſeines Thuns, da er lebte,“ entgegnete Ilſe. Die Charactere, über welche die Frauen ſprachen, waren Antigone und Kreon. Der Profeſſor hatte an einem Herbſtabend die Tra⸗ gödien des Sophokles auf den Tiſch ſeiner Frau gelegt. „Es iſt Zeit, daß du die ſchönſte Dichterkraft des Alter⸗ thums in ihren Werken verſtehen lernſt.“ Er las vor und erklärte. In den ſtillen Frieden des deutſchen Hau⸗ — 285— ſes ſchwebten die hohen Gebilde der attiſchen Bühne. Ilſe hörte Fluch und herzerſchütternde Klage um ſich her, ſie ſah ein dunkles Verhängniß einbrechen über Menſchen von höchſtem Adel der Empfindung und eher⸗ nem Willen, ſie fühlte den Sturm der Leidenſchaft durch gewaltige Seelen toben, und hörte zwiſchen dem Schrei der Rache und Verzweiflung weich die Accorde rühren⸗ den Gefühls in unwiderſtehlichem Zauber ertönen. Wohl war für Ilſe die Zeit gekommen, wo ſie Ge⸗ ſtalt und Schickſal ſtarker Menſchen mit vollem Ver⸗ ſtändniß in ſich aufzunehmen vermochte. Nicht immer liegt das Sonnenlicht auf dem Pfade des Menſchen, in täuſchender Nebelnacht ſucht er ſeine Richtung nicht mit dem Auge allein, er lauſcht dann auch auf geheime Stimmen in ſeiner Bruſt. Aus dem Kampf entgegengeſetzter Pflichten, aus dem Drange der Leidenſchaft rettet den Menſchen nicht zumeiſt der kluge Gedanke, nicht würdiges Lehrwort, ihn befreit oder wirft in die Tiefe ein kurzer Entſchluß, der wie eine Natur⸗ nothwendigkeit aus dem Innern bricht, und doch hervorge⸗ bracht wird durch den Zwang des ganzen frühern Lebens,, durch alles, was der Menſch weiß und glaubt, gedacht, ge⸗ litten und gethan hat. Was in der finſtern Stunde treibt zum guten Ziel oder in das Verderben, das nennen die Leute Charakter, und wie der Wanderer den Weg ſucht durch Hinderniſſe und Schrecken, das nennt der Zu⸗ ſchauer vor der Bühne dramatiſche Bewegung. Nur wer einmal unter den gaukelnden Bildern — 286— der Nacht dahingegangen iſt und ernſthaft auf die ge⸗ heime Mahnung ſeines Innern gelauſcht hat, nur der verſteht völlig, wie Andern zu Muthe war, die in ähn⸗ licher Lage den Ausweg aus beengendem Irrſal ſuchten und ſich Heil oder Verderben fanden. Auch um Ilſes Haupt waren in einzelnen Stun⸗ den flüchtige Schreckbilder dahingefahren, auch ſie hatte gebangt, ob ſie auf rechtem Wege war. Die ſiebente Tragödie des Griechen war geleſen, die kühnſte Darſtellung herber Leidenſchaft und blutiger Rache. Ilſe ſaß noch ſtumm und erſchrocken über den fürchterlichen Ausbruch des Haſſes aus dem Herzen der Elektra. Da begann der Gatte, um ihr befrei⸗ ende Gedanken herbeizurufen:„Jetzt haſt du alles ge⸗ hört, was uns von Kunſt und Gewalt eines wunder⸗ vollen Dichtergeiſtes geblieben iſt. Du aber ſollſt mir berichten, welcher unter ſeinen Charakteren dich am mei⸗ ſten gefeſſelt hat.“. „Meinſt du, wo mich die Gewalt ſeiner Poeſie am meiſten ergriffen hat, ſo iſt mir immer die neueſte Ge⸗ ſtalt die größte geweſen, und heut iſt es das ungeheure Bild der Elektra. Frägſt du aber, welche Geſtalt mir am meiſten wohlgethan hat,—“ „Die ſanfte Ismene,“ unterbrach lächelnd der Pro⸗ feſſor. Ilſe ſchüttelte das Haupt.„Nein, der mir am beſten gefällt, iſt der wackere Sohn des Achill. Erſt will er dem liſtigen Anſchlag des Genoſſen nachgeben und einem Unglücklichen Gewalt anthun, aber nach längerem Kampf 5 1 — 287— ſiegt die edle Natur. Er erkennt, daß er ein Unrecht begehen will, und ermannt ſich.“ Der Profeſſor machte das Buch zu und ſah ſeine Frau erſtaunt an.„Denn ſieh,“ fuhr Ilſe fort,„grade in den größten Geſtalten deines Griechen iſt eine Starr⸗ heit, die mich erſchreckt. Allen fehlt etwas, um Men⸗ ſchen zu ſein wie wir, ſie zweifeln nicht wie wir, ſie ringen nicht, ob ſie recht thun, ihre Größe iſt, unver⸗ rückt etwas Fürchterliches zu wollen, oder den harten Nacken gegen ein furchtbares Schickſal zu ſtemmen. Wir aber fordern von dem ſtarken Menſchen, daß er zwar gewaltig thut, was er nach ſeinem Weſen thun muß, Gutes oder Arges, aber unſern vollen menſchlichen An⸗ theil gewinnt er doch nur dann, wenn wir die Sicher⸗ heit haben, daß es in ſeinem Innern grade ſo arbeitet, wie vielleicht in uns ſelbſt.“ „Wie vielleicht in uns ſelbſt?“ frug der Profeſſor ernſt und legte das Buch weg.„Woher kommt dir dieſe Erkenntniß? Ilſe, haſt du ein Geheimniß vor dei⸗ nem Mann?“ Ilſe erhob ſich und ſah betroffen nach ihm hin⸗ über. Doch der Profeſſor fuhr heiter fort:„Ich will dir erſt ſagen, weshalb ich frage und was ich von dir wiſſen möchte. Als ich dich heimführte aus Hof und Flur, da warſt du trotz deinem innigen deutſchen Em⸗ pfinden nach mancher Rückſicht eine Geſtalt, wie wir uns Nauſikaa und Frau Penelope behaglich in ihrer — 288— Umgebung ausmalen. Unbefangen nahmſt du die Bil⸗ der der Welt in dich auf, du ſtandeſt ſicher und ſtark in feſtumgrenztem Kreis von Rechten und Pflich⸗ ten; mit kindlichem Vertrauen holteſt du von der Sitte deines Kreiſes und aus heiligen Sprüchen die Richtſchnur für Urtheil und Handeln. Deine Liebe zu mir, die Berührung mit anders geformten Seelen, der Einblick in ein neues Gebiet des Wiſſens erweckten in deinem Innern leidenſchaftliche Klänge, die Unſicherheit kam und der Zweifel, neue Gedanken arbeiteten heftig gegen alte Vorſtellungen, die Forderungen deines gegen⸗ wärtigen Lebens gegen den Inhalt deiner Mädchenjahre. Du warſt durch Monate unglücklicher als ich wußte. Jetzt aber biſt du in einer Zeit, wo ich mich deiner fröhlichen Ruhe und deines Gedeihens freute, zu einem Verſtändniß des Menſchen vorgedrungen, das mich über⸗ raſcht. Oft habe ich in den letzten Abenden mit heimlicher Freude geſehen, wie warm deine Theilnahme und wie mild dein Urtheil die Charaktere des Dramas begriff. Ich hatte erwartet, daß das Herbe und Ungeheure ihres Schickſals dich zuweilen abſtoßen würde, und daß du be⸗ hend ſein würdeſt in Zuneigung und Abneigung, du aber haſt dein Mitgefühl den dunklen Geſtalten gegönnt wie den hellen, als wenn deine Seele ſelbſt unter der Ahnung gezuckt hätte, daß ſich im eigenen Leben Gutes in Böſes verkehren kann und Segen in Fluch, und als wenn du in dir ſelbſt erfahren hätteſt, daß der Menſch nicht nur dem äußern Sittengeſetz zu folgen hat, wig — — 289— 2 erhabe ſein Urſprung ſei, ſondern daß in Stunden der Noth noch ein anderes Gebot dazu kommen müſſe, wel⸗ ches aus der Tiefe der Menſchenbruſt heraufgeholt wird. Solche Einſicht aber wird dem Menſchen wohl nur in Stunden der eigenen Gefahr. Es iſt unwahr⸗ ſcheinlich, daß du dazu gekommen biſt ohne Erfahrun⸗ gen, die mir fremd geblieben ſind. Ich dränge mich nicht in gbin Heetranen, ich weiß, wie ſicher ich dei⸗ ner bin, aber iſt dir's Recht, ſo gieb mir Auskunft, wie iſt dir die feine Empfindung für die geheimen Kämpfe ſolcher Menſchen aufgegangen, welche ein tragiſches Schickſal fortreißt?“ Ilſe faßte ihn an der Hand und zog ihn in ihr Zimmer.„Auf dieſer Stelle war's,“ rief ſie.„Ein Fremder frug mich, ob er ſich tödtlicher Gefahr ausſetzen ſolle um ſeiner Ehre willen, oder ob er einen Anderen der Gefahr preisgeben dürfe. Ich hatte ihm ein Recht zu ſolcher Frage gegeben, denn ich hatte ſchon früher zu ihm mit größerer Offenheit über ſein Leben geſprochen, als für eine vorſichtige Frau klug war. Ich ſtand und rang gegen die Frage, die er mir ſtellte, aber ich konnte die Antwort nicht verweigern, und, Felix, alles geſagt, ich wollte auch nicht. Ich gab einen Rath, der ihm ein blutiges Ende hätte bereiten können, ich gab den Rath heimlich, und ich war verſtrickt in ein Verhängniß, aus dem ich mich nicht zu löſen wußte. Ich ſah mich um nach dir, ich durfte dir nichts ſagen, du wäreſt entweder untreu gegen deine Amtspflicht geworden, oder du Freytag, Handſchrift. II. 19 — 290— hätteſt das Ehrgefühl eines Andern für immer ſchüdigen müſſen; ich frug unſere heilige Lehre, ſie rief mir nur zu, daß mein Rath ſündhaft ſei. Ich war unglücklich, Felix, daß ich in dieſe Lage gekommen war, noch un⸗ glücklicher, daß du mir verſagen mußteſt und unſere Lehre mich nicht heraushob. Aber ich habe in dieſer Sache gerathen, wie mir um's Herz war. Es iſt nicht mein Verdienſt, daß alles beſſer gewordenaäit, als ich ängſtlich geſorgt. Seitdem weiß ich, Felix, was Gewiſſens⸗ kampf iſt. Und du kennſt das einzige Geheimniß, das ich vor dir hatte. That ich ein Unrecht gegen dich, ſo urtheile mild, denn, bei allem was mir heilig iſt, ich konnte nicht anders.“ „Und der Prinz?“ frug der Gatte leiſe. „Er iſt ein gutes freundliches Herz, ein unerzoge⸗ ner Mann, ich aber bin dein Weib. Ihm gegenüber war kein Zweifel und kein Kampf.“ „Ich weiß genug, du ernſthaftes, ehrbares Weib,“ ſagte der Profeſſor,„ich kann jetzt dir gegenüber meine Bücher zuſammenpacken. Wenig gilt die Lehre, und ſei ſie noch ſo gut, gegen das Leben. Ein thörigtes Studentenduell, in dem du unſichtbarer Beirath warſt, hat für dein Inneres vielleicht mehr gethan, als meine klugen Worte in Jahren durchgeſetzt hätten. Sei gutes Muths, Frau Ilſe von Bielſtein, wie uns auch das Schickſal noch zauſen mag, ich weiß jetzt, mit inneren Kämpfen wirſt du fertig, und darum brauchen wir um die Gefahren, die von außen kommen, nicht zu ſor⸗ — 291— gen. Denn was auch uns Menſchen auf Erden ſtöre und aufrege, wer ſein eigenes Weſen einmal ſoweit ken⸗ nen gelernt hat, daß er auch die Geheimſchrift anderer Seelen zu leſen vermag, der hat eine gute Schutzwehr gegen die Verſuchungen der Welt.“ Was der deutſche Gelehrte ſagte, der jetzt ſein Weib ſo ſicher in die Arme ſchloß, war nicht übel, nur ſchade, daß wir deshalb noch keine Sicherheit haben die Geheim⸗ niſſe anderer Seelen zu durchſchauen, weil wir etwas von der Arbeit unſerer eigenen belauſcht haben; und ſchade, daß die größte Kenntniß fremder Seelenſchrift nicht Schutzwehr wird gegen den Sturm der eigenen Leidenſchaften. Der Kammerherr, welcher als Hofmarſchall des Erbprinzen fungirte, hatte beim Fürſten Vortrag über Angelegenheiten des Dienſtes. Es galt unter Anderem den Kammerlakaien Krüger von der Buttermaſchine in die Ehren, und was nicht weniger wichtig war, in den vollen Gehalt eines erbprinzlichen Kammerdieners zu befördern. Wider Erwarten war der Fürſt bereit auf die Vorſchläge einzugehen, und der Kammerherr wollte bereits, der gnädigen Laune des Herrn froh, ſeinen Rückzug nehmen, als der Fürſt ihm den Abgang durch die gütige Bemerkung hemmte:„Ihre Schweſter Mal⸗ wine ſah leidend aus; ſie tanzt doch nicht zu viel? Hü⸗ ten Sie ihre zarte Geſundheit, nichts iſt für ſolche Con⸗ ſtitution ſchädlicher als eine frühe Heirath. Ich wün⸗ 19* ſche ihr freundliches Geſicht noch lange am Hofe zu ſehen.“ Nun war aber Fräulein Malwine mit einem Offi⸗ cier des Fürſten in der Stille verlobt, der Hof und die Stadt wußten es, die Verlobten aber waren arm, und zu ihrer Verbindung eine Erlaubniß des Fürſten nöthig. Um dieſe zu erhalten, wurde eine günſtige Stunde ab⸗ gewartet. Deshalb erſchrak der Kammerherr über die Worte ſeines Herrn, er fand darin eine geheime Dro⸗ hung, und während er für die huldvolle Theilnahme dankte, war auf ſeinem Geſicht deutlich die Betroffenheit zu leſen. Nachdem der Fürſt durch dieſen kurzen Ruck am Wirbel ſein Inſtrument geſtimmt hatte, fuhr er gleich⸗ gültig fort:„Haben Sie eine Viertelſtunde Zeit, ſo be⸗ gleiten Sie mich in das Antikencabinet.“ Der Kam⸗ merherr verneigte ſich. Durch Corridor und Säle ging es in einen ent⸗ fernten Theil des Schloſſes, wo im oberſten Stock eine große Sammlung von alten Münzen, geſchnittenen Steinen und andern kl nen Neberreſten aus griechiſcher und römiſcher Zeit aufgeſtellt waren. Mehre Genera⸗ tionen regierender Herren hatten dazu beigetragen, den größten Theil hatte der Fürſt ſelbſt von ſeinen Reiſen heimgebracht, er ſelbſt hatte in früheren Jahren an Aufſtellung der Sachen Antheil genommen, und große Summen auf Ankauf verwandt. Allmählig war dieſe Liebhaberei geſchwunden, ſeit Jahren hatte die Feder⸗ 1 — 293— bürſte des Conſervators den Staub nur für einzelne Fremde abgewehrt, welche zufällig in die faſt unbe⸗ kannte Sammlung geriethen. Deshalb folgte heut der Kammerherr ſeinem Herrn mit der Empfindung, daß dieſer ungewöhnliche Einfall irgend etwas bedeute, und obgleich er den ſonnigen Höhen des Erdenlebens nahe ſtand, neigte er ſich doch zu der trüben Auffaſſung, daß das Bevorſtehende nichts Gutes ſein werde.. Der Fürſt nickte der tiefen Ver⸗ beugung des vernachläſſigten Aufſehers zu, durchſchritt prüfend die lange Zimmerreihe, ließ ſich einzelne Be⸗ hältniſſe aufſchließen, nahm das geſchriebene Verzeichniß 1 zur Hand und betrachtete angelegentlich die Goldmünzen 1 Alexander des Großen und ſeiner Nachfolger und eine Sammlung alter Glasgefäße und angeſchliffener Glas⸗ ſcherben, an denen die kunſtvolle Arbeit der alten Glaſer auffallend war. Endlich frug er nach dem Fremden⸗ buch, in welches die Beſucher ihre Namen einzeichneten. Nachdem er den Mann durch einen Auftrag entfernt hatte, begann er zu ſeinem Begleiter:„Die Sammlung wird weniger geſehen, als ſie verdient, ich habe längſt daran gedacht, ſie durch eine beſſere Aufſtellung und. einen guten Katalog bekannt und für die Gelehrten nützlich zu machen. Sie iſt eine von den kleinen Freu⸗ den meines Lebens geweſen, ich habe manches dabei ge⸗ lernt, und Widriges auf Stunden vergeſſen. Wiſten Sie Jemand, der geeignet wäre die Leitung dieſer A ßen und dankenswerthen Arbeit zu übernehmnen?2⁰. 3 — 294— Der Kammerherr beſann ſich, aber ihm fiel Nie⸗ mand bei. „Am liebſten ein Fremder,“ fuhr der Fürſt fort. „Das giebt ein vorübergehendes und ungezwungenes Verhältniß, er müßte natürlich als Gelehrter und als Menſch die beſten Garantien geben.“ Der Kammerherr nannte einen und den andern Sachverſtändigen aus anderen Reſidenzen; der Fürſt ſah ihn mit ſcharfem Blick an und ſchüttelte das Haupt. „Denken Sie darüber nach,“ ermahnte er,„vielleicht fällt Ihnen doch Jemand ein.“ Die Beſichtigung ging fort, bei einem antiken Ge⸗ fäß erinnerte ſich der Fürſt mit Intereſſe, wie er dazu gekommen war. Eine Römerin, eine ſchöne, große Ge⸗ ſtalt, war plötzlich an ihn getreten und hatte ihm das Stück angeboten, mit ſo vornehmer Haltung, daß er, wie er lächelnd äußerte, von der ungewöhnlichen Weiſe 4 der Frau und ihrer ſonoren Stimme überraſcht, mehr gezahlt hatte, als ſie forderte. Dem Kammerherrn fiel noch Niemand ein. Auf dem Rückwege nach ſeinen Zimmern blieb der Fürſt in einem der einſamen Säle ſtehen und frug den Kammerherrn:„Iſt Ihnen nicht aufgefallen, daß die Scarletti ſchlechte Toilette macht?“ Der Kammerherr ver⸗ neinte, denn die Tänzerin galt dafür in Gunſt zu ſtehen. ‚Sie trug geſtern Abend an der Bruſt einen un⸗ förmlichen Blumenſtrauß. Wem von unſrer Jugend galt dieſe ungeſchickte Aufmerkſamkeit?“ 1 — 295— Wieder erſchrak der Kammerherr, jetzt wußte er, daß ein Hagelwetter gegen ſeine Saaten zog.„Da Sie heut in der Stimmung ſind, nichts zu wiſſen,“ fuhr der Fürſt in ſcharfem Tone fort,„ſo bemerke ich Ihnen, daß ich ungern ſehe, wenn der Erbprinz mit den Da⸗ men vom Theater irgend welche Verbindung unterhält. 4* Er iſt nicht alt genug, um ſolche Verhältniſſe mit den nöthigen Reſerven durchzumachen, und die Eitelkeit der Donnen trägt jede Gunſt renommirend zur Schau.“ Der Kammerherr betheuerte bei ſeiner Ehre, daß er von dieſer Artigkeit des Erbprinzen nichts gewußt. 1 und daß, auch wenn die Annahme ſeines gnädigſten Herrn begründet ſei, nichts als ein flüchtiger Einfall des Prinzen dieſe Scene veranlaßt habe.„Ew. Hoheit werden überzeugt ſein, daß ich zu ſo etwas nicht die Hand biete.“ „Ich will aber auch nicht, daß Sie die Augen ſchließen,“ fuhr der Fürſt bitter fort,„Sie haben in der Loge hinter dem Erbprinzen geſtanden, und Sie müſſen die kokette Adoration geſehen haben, welche ihm die Perſon darbrachte. Die Sendung iſt wahrſcheinlich durch den neuen Kammerdiener befördert. Machen Sie dieſem bemerkbar, daß man in meinem Dienſt nicht auf zwei Schultern trägt. Von Ihnen aber verlange ich,“ fuhr er ruhiger fort,„daß Sie Ihre Aufmerkſamkeit verdoppeln. Die Geſundheit des Erbprinzen verlangt immer noch Schonung. Ich will nicht, daß er ſich durch — 296— ſolche Verhältniſſe phyſiſch ruinire. Er iſt müßig und weich. Was beſchäftigt ihn wohl jetzt?“ „Er beſucht regelmäßig die kleinen Abende der Frau Prinzeſſin.“ „Und am Tage?“ ſetzte der Fürſt das Examen fort.. „Wie Ew. Hoheit bekannt, liebt er Muſik, er ſpielt mit dem Concertmeiſter zu vier Händen.“ „Was lieſt er?“ Der Kammerherr nannte einige franzöſiſche Bücher. „Darf ich mir einen unterthänigen Vorſchlag erlauben? Es würde Sr. Hoheit gewiß nach jeder Richtung nützlich ſein, wenn Derſelbe die Freude hätte etwas zu ſchaffen und einzurichten, vielleicht durch eine Parkanlage oder einen Bau. Ich wage anzuführen, daß ſich eine ähn⸗ liche Thätigkeit junger Herren an andern Höfen als vortheilhaft bewährt hat. Vielleicht würde eines von Ew. Hoheit Schlöſſern für ſolche Beſchäftigung geeignet ſein.“ „Und der Erbprinz und Herr von Weidegg wür⸗ den eigenen Hofhalt einrichten, und mehre Monate des Jahres fern vom Hofe ihre Villeggiatura halten,“ er⸗ wiederte der Fürſt. „Ich betheure, daß ich dabei nicht an mich gedacht habe,“ erwiederte der Kammerherr gekränkt. „Ich verdenke es Ihnen nicht,“ verſetzte der Fürſt mit zermalmender Leutſeligkeit.„Die Rückſicht auf meine Kaſſe verbietet mir Ihrem Vorſchlag beizuſtimmen, — 297— aber ich will für die Zukunft daran denken. Daß der Prinz aus ſeinem Univerſitätsjahr kein Intereſſe mitge⸗ bracht hat, iſt mir unliehe Hat ihm denn dieſe Zeit auch kein perſönliches Verhältniß zurückgelaſſen, das eine Bereicherung ſeines Lebens wäre?“ „Im Kreiſe des Profeſſor Werner hat er ſich ſehr wohl gefühlt,“ erwiederte zögernd der gute Kammerherr. „Ich hoffe, er bewahrt ſeinem Lehrer eine dankbare Erinnerung.“ A. „Er ſpricht mit großer Theilnahme von ihm und ſeinem Hauſe,“ entgegnete der Kamerherr. „Es iſt gut,“ ſchloß der Fürſt.„Die Beſchäftigung durch einen Bau werde ich mir überlegen, und Sie ver⸗ geſſen nicht, ein wenig für meine Sammlungen zu ſorgen.“ Dieſe neue Aufforderung brach die Kraft des Kam⸗ merherrn, noch ſchwieg er einige Augenblicke im inneren Kampf, während der Fürſt weiter ſchritt, das Haupt auf ihn zugeneigt wie Jemand, der etwas Entſcheiden⸗ des hören will. „Für die Antiken wüßte ich allerdings keinen beſſern vorzuſchlagen, als den Profeſſor Werner ſelbſt,“ ſprach endlich der Kammerherr. Der Fürſt blieb wieder ſtehen.„Sie halten ihn für geeignet?“ „Ueber ſeine wiſſenſchaftliche Befähigung ſteht mir natürlich kein Urtheil zu,“ verſetzte der Kammerherr vorſichtig. Geärgert durch dieſen feigen Verſuch des Rückzuges frug der Fürſt nachdrücklich:„Würde er einen ſolchen Auftrag annehmen?“ „Er hat dort eine angeſehene Stellung und iſt glücklich verheirathet, er würde ſicher ſeine Häuslichkeit nicht für längere Zeit verlaſſen.“. „Vielleicht ließe ſich das einrichten,“ entgegnete der Fürſt.„Alſo Werner? Er hat mir bei flüchtiger Be⸗ gegnung einen guten Eindruck gemacht. Erinnern Sie mich, doch heut Abend daran, daß wegen Bielſtein etwas im Archiv nachzuſehen iſt.“ So bemühte ſich ein Vater für das Gedeihen ſeines Sohnes. Der Kammerherr erinnerte am Abend, daß wegen Bielſtein etwas im Archiv nachzuſehen ſei, und der Fürſt war dafür dankbar. Am nächſten Morgen wurde durch das Kabinet dem Archiv und einzelnen Zweigen der Hof⸗ und Staatsverwaltung Befehl, alle auf Schloß Biel⸗ ſtein und Kloſter Roſſau bezüglichen Acten von einem gewiſſen Alter hervorzuſuchen und einzuſenden. Dieſer Befehl veranlaßte ein ſtarkes Aufrühren von Staub, fünf große Lederſäcke wurden mit Urkunden und alten Papieren angefüllt. Das Geſammelte wurde an den Profeſſor geſandt; in einem Briefe ſprach der Fürſt ſeinen Dank für die Aufmerkſamkeit aus, welche der Profeſſor dem Erbprinzen erwieſen. Einer früheren Unterredung gedenkend, überſende er ihm zur Einſicht, was bei oberflächlichem Suchen über die Vergan⸗ — 299— genheit eines Ortes aufzufinden geweſen, an dem er In⸗ tereſſe nehme. Dieſe Sendung bewegte zwei Forſchern das Haupt zu ſchwerem Sinnen. Schon damals als unſer Stu⸗ dent die unſichere Nachricht über eine erhaltene Kiſte in den Frieden des Hauſes geſchleudert hatte, waren die Freunde wieder zu der Aufzeichnung des ſeligen Bach⸗ huber zurückgekehrt und hatten jedes Wort derſelben noch einmal ſorgfältig erwogen:—„An einer hoh⸗ len und trockenen Stelle, loco caro et sicco.“— Das Wort Stelle, locus, gab viel zu denken, es war da⸗ rüber durchaus zu keiner Klarheit zu kommen.—„Des Hauſes Bielſtein, domus Bielsteyn!“— Hier war der Ausdruck Haus, domus, ſehr merkwürdig. Bedeutete er, daß der Codex in dem Wohnhauſe ſelbſt verſteckt lag, oder war das Wort Haus in der veralteten Bedeutung Ritterſitz, Gut, gebraucht? Der Doctor verfocht das Wohnhaus, der Profeſſor den Ritterſitz. Darauf aber kam ſehr viel an. Denn wenn domus nur das Gut bedeutete, ſo konnte die Handſchrift auch in irgend einer andern Stelle auf dem Gutsgrund verborgen ſein.— „Habe ich das Alles niedergelegt, haec omnia deposui!“ — Sehr tröſtlich war das Wort Alles, omnia, denn es gab Sicherheit, daß der ſelige Bachhuber den Codex nicht zurückgelaſſen hatte. Aber das Niederlegen war um ſo zweifelhafter. Bezeichnete das Wort, daß der Codex nur in Bielſtein deponirt, alſo den Bewohnern gewiſſermaßen übergeben und anvertraut war, oder hatte — ==—IIſſſ 390— Schreiber den Ausdruck gewählt, weil er das Einſenken, Verrammen, in die Tiefe Bergen andeuten wollte? Uns Laien im lateiniſchen Stil liegt freilich die Auffaſſung nahe, daß Bachhuber überhaupt froh war eine lateiniſche Vocabel zu beſitzen, durch welche er das Verſtecken ſeines Schatzes andeuten konnte. Dagegen aber ſträubte ſich die Empfindung der Gelehrten. 4 Zuletzt vereinigten ſich die Freunde in der Anſicht, daß die Hausmauern trotz jener Nachricht einer fort⸗ geſetzten Beachtung werth ſeien. Die hohlen Stellen, welche der Doctor verzeichnet hatte, wurden gemuſtert, der Wandſchrank in Ilſe's Schlafſtube ſchien eine nicht verächtliche Möglichkeit darzubieten. Der Profeſſor be⸗ ſchloß in den nächſten Ferien wenigſtens darüber Sicher⸗ heit zu erhalten. Zwar geſtatteten die Geſchäfte des Rectorats auch diesmal nur einen kurzen Beſuch auf dem Gute, indeß vertraute der Profeſſor auf ſeine ſo⸗ ciale Stellung, welche ihm Ilſe's Zimmer und den Wandſchrank öffneten. 4 Es war ein ſchöner Auguſttag, der Vater ritt auf den Feldern umher, Ilſe ſaß mit Clara in häuslicher Berathung, als ſich in der Küche ein Aufſtand erhob und die Mamſell außer ſich in das Wohnzimmer ſtürzte: „Es ſpukt wieder!“ Und in der That erſchütterte ein 7 lautes Pochen und Schlagen das Haus, die Mägde liefen im Flur zuſammen, der Lärm kam aus dem menſchen⸗ leeren Oberſtock. Ilſe eilte hinauf und traf, als ſie die Thür ihres Zimmers aufriß, ihren Gatten in Hemds⸗ — 301— ärmeln, wie er mit allerlei Werkzeug des Gutsböttchers im Wandſchrank arbeitete. Lachend empfing er ſie und rief zur Beruhigung hinab, daß er die Bretter am Wandſchrank feſtſchlage. Das war richtig, aber er hatte ſie vorher ausgebrochen. Die Handſchrift lag nicht da⸗ hinter, nichts war zu ſehen als ein mäßiger leerer Raum mit einigen Kalkbrocken. Nur ein Unerklärliches hatte ſich gefunden, das doch gewiſſermaßen an den Codex erinnerte, ein kleiner blauer Tuchlappen. Wie der in die Mauer gekommen, war räthſelhaft. Spätere Prüfung ergab, daß er nicht mit Indigo gefärbt, alſo wahrſcheinlich ſchon vor Einführung dieſer Farbe entſtanden war. Ob ihn eine Maus in hausmütterlicher Sorge dort niedergelegt und deponirt hatte, zum Schmuck ihres Wochenbettes und zugleich als eßbaren Vorrath für verzweifelte Fälle, konnte nicht ermittelt werden, da gegenwärtig dieſem Geſindel jede Ueberlieferung aus der Vergangenheit zu fehlen ſcheint, und die Thäterin ſelbſt wahrſcheinlich ſchon vor einigen hundert Jahren von einer Ahnfrau unſerer Katzen gefreſſen war. Dieſe Entdeckung hätte eigentlich den Freunden die Zuverſicht ſteigern ſollen. Denn es gab jetzt bereits zwei Stellen, an welchen der Schatz zuverläſſig nicht war. Aber in der Natur des Menſchen iſt viel Unlogi⸗ ſches. Auch der Doctor neigte ſich jetzt der Auffaſſung des Profeſſors zu, daß die Handſchrift vielleicht gar nicht in dem Hauſe ſelbſt ſtecke, ja daß ſie wohl gar ſchon einmal aus ihrem Lager entfernt ſei. 2 — 302— So ſtand die Angelegenheit, als die Sendung des Fürſten eintraf. Die Freunde ſaßen viele Stunden vor den Koffern und prüften ſorglich die Akten. Für die Geſchichte der Landſchaft fand ſich viel Werthvolles darin, lange nichts, was zum Codex verhelfen konnte. Endlich hob der Profeſſor vom Boden eines Koffers ein dickes Bündel gehefteter Berichte, welche durch Beamte von Biel⸗ ſtein der Fürſtlichen Regierung überſandt waren. Darun⸗ ter war das Schreiben eines Amtsverwalters aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, worin dieſer arzeigte, daß er bei ſchwebenden gefährlichen Zeitläufen ſich beeile, Hohem Befehl gemäß, die annoch in ſeinem Verſchluß befindlichen Truhen mit Jagdgeräth und alten Büchern nach dem fürſtlichen Luſtſchloß Solitude abzuliefern. Zuverläſſig hatte der Schreiber des Briefes nicht geahnt, welche Aufregung ſeine verblichene Schnörkel⸗ ſchrift unter ſpäten Enkeln hervorbringen würde. „Hier iſt die Kiſte des Studenten,“ rief der Pro⸗ feſſor mit gerötheten Wangen und ielt dem Freunde das Aktenſtück hin. „Merkwürdig,“ ſagte der Doctor,„es iſt unmöglich, daß dies Zuſammentreffen zufällig iſt.“ „Die Kiſte des Studenten war kein Nebelbild,“ rief der Profeſſor ſeiner Frau in das Zimmer.„Hier iſt die Beſtätigung.“ 3 „Wo ſteht die Kiſte?“ frug Ilſe neugierig. „Das gerade iſt es, was wir noch nicht wiſſen,“ verſetzte der Profeſſor lachend.„Hier iſt eine neue — 303— Fährte, undeutlich, von der alten Richtung weit abſprin⸗ gend, aber ſie kann auf kurzem Wege zu dem verſchwun⸗ denen Pergament leiten.“ Die Freunde eilten in Waid⸗ mannseifer zu dem Aktenbündel zurück.„Alte Bücher,“ rief der Doctor.„Das Haus war ein Jagdſchloß, das Gut kam erſt ein Menſchenalter vor Abfaſſung dieſes Briefes in den Beſitz dieſes Fürſtengeſchlechtes, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſie ſelbſt bei ihren kurzen Jagd⸗ beſuchen dort Bücher aufgeſammelt haben.“ „Alte Bücher,“ rief auch der Profeſſor.„Es kön⸗ nen auch Jagdjournale und Rechnungen gemeint ſein, aber unmöglich iſt nicht, daß die Truhen wenigſtens Einzelnes von dem alten Kloſtergut enthielten. Ilſe, wo liegt das Schloß deines Landesherrn, welches Solitude heißt?“ Ilſe wußte nichts von einem ſolchen Schloſſe. „Es trifft ſich gut, daß der Fürſt ſelbſt uns eine Veranlaſſung giebt, darüber Näheres zu erkunden.“ „Ach ihr armen Männer,“ klagte Ilſe in der Thür, njetzt ſeid ihr viel ſchlechter dran als früher; ſo lange der Schatz noch in unſerm Hauſe lag, hielt wenigſtens der Vater gute Wache, jetzt iſt er in einem Kaſten in die weite Welt gefahren, und ſogar von dem Hauſe, in welches er getragen ſein könnte, weiß man nichts mehr zu erzählen.“ Die Freunde lachten wieder.„Das Haus des Va⸗ ters bleibt deshalb doch verdächtig,“ tröſtete der Gatte. Der Profeſſor ſandte den Inhalt der Kiſte an das fürſtliche Kabinet zurück, ſprach in einem Briefe an den — 304— Fürſten ſeinen warmen Dank aus und erwähnte, daß eine unſichere Spur ihm den Wunſch nahe lege, die Erlaubniß zu perſönlichen Nachforſchungen zu erhalten. Dieſer Brief hatte für beide Theile die erſehnte Folge. Der Fürſt erhielt die Genugthuung, welche für irdiſche Hoheit werthvoll iſt, daß er eine Gunſt zu gewähren ſchien, während er ſelbſt eine ſuchte. Der Profeſſor aber war freudig überraſcht, als umgehend ein Kabinetſchreiben des Fürſten eintraf, in welchem dem Profeſſor jede Förderung bei ſeinen Unter⸗ ſuchungen verheißen und daran ein Vorſchlag geknüpft wurde. Der Fürſt wünſche die Prüfung ſeines Antiken⸗ cabinets durch eine wiſſenſchaftliche Autorität, und der Fürſt würde Niemandem lieber dieſe Thätigkeit anver⸗ trauen, als dem Profeſſor. Er wiſſe wohl, wie werth⸗ voll für Andere die Thätigkeit des Gelehrten ſei, er hoffte aber, die Sammlung würde auch ihm wichtig genug erſcheinen, um einige Wochen darauf zu wenden. Zugleich ſchrieb der Kammerherr im Auftrage ſei⸗ nes gnädigſten Herrn. Der Fürſt werde ſich freuen, den Profeſſor für die Zeit ſeines Beſuches in der Re⸗ ſidenz gaſtlich aufzunehmen. Ein Gartenpavillon, der im erſten Frühjahr wohl bewohnbar ſei, werde ihm zur Dispoſition geſtellt. Das Quartier ſei geräumig genug, um außerdem noch ſeine Familie aufzunehmen, und es ſei ihm befohlen hervorzuheben, daß der Profeſſor mit Gemahlin und Dienerſchaft darin vollkommen Raum finde, da der Fürſt nicht wünſche, daß der Gelehrte ſeine — — 305— eme Häuslichkeit unterdeß ganz entbehre. Die erſten When des Frühjahrs dürften für beide Theile die be⸗ quemſte Zeit ſein. Er, der Kammerherr, freue ſich dar⸗ auf, ſeiner Landsmännin in der Reſidenz die Honneurs zu machen. Der Profeſſor eilte mit beflügeltem Schritt zu ſei⸗ ner Frau und legte den Brief in ihren Schooß.„Hier lies, was unſere Reiſe in die Ferne gefährdet, es bean⸗ ſprucht einen Theil der beſten Reiſezeit. Aber ich muß dieſe Einladung annehmen, denn jede Ausſicht, auch die entfernteſte, der Handſchrift habhaft zu werden, zwingt mich, Alles einzuſetzen, was der Menſch einer großen Hoffnung nur opfern darf. Willſt du mit mir auf die Jagd ausziehen? Du ſiehſt, die artigen Leute haben für Alles geſorgt.“— „Ich ein Gaſt unſeres Landesherrn!“ rief Ilſe, in den Brief ſehend,„nie hätte ich mir ſolche Ehre träu⸗ men laſſen. Was wird der Vater dazu ſagen!— Das iſt für dich eine ſehr ehrenvolle Einladung,“ fuhr ſie ernſt fort,„und du mußt ſie in jedem Fall annehmen.— Für mich, wenn ich mir's recht überlege, iſt es doch am 8 beſten, ich bleibe hier.“ „Wozu dich auf Wochen von mir trennen? Es wäre das erſte Mal.“. „So ſchicke mich unterdeß zum Vater,“ ſagte Ilſe.— „Iſt das nicht daſſelbe?“ frug der Profeſſor. „Was ſoll ich unter den fremden Menſchen?“ fuhr Ilſe ängſtlich fort. Freytag, Handſchrift. II. 20 — 306— „Thorheit,“ rief der Profeſſor,„haſt du Grund, nicht mitzugehen?“ und er ſah ihr unruh das Angeſicht. „Nicht daß ich einen ſagen könnte,“ erwiederte Ilſe. „Dann alſo entſchließ dich kurz und komm mit. Wir würden uns wahrſcheinlich freier fühlen, wenn wir dort nach eigenem Gefallen leben könnten, aber im Gaſt⸗ hof einer fremden Stadt ſehe ich dich zu wochenlangem Aufenthalt auch nicht gern, und nach anderer Rückſicht befreit dieſe Aufnahme beide Theile vor Anbieten und Zurückweiſen einer Entſchädigung. Wir bleiben dort, ſo lange ich unumgänglich nöthig bin, dann geht’s doch nach dem Süden, ſo weit wir kommen. Es iſt zuletzt nur Aufſchub der Reiſe von wenigen Wochen.“ Als die zuſtimmende Antwort des Profeſſors ein⸗ traf, berichtete der Kammerherr in Gegenwart des Hof⸗ marſchalls dem Fürſten.„Sorgen Sie dafür, daß der Pavillon ſo bequem als möglich eingerichtet wird. Ser⸗ virt wir im Pavillon zu der Stunde, welche der Herr Profeſſor angiebt.“ „Und wie befehlen Ew. Hoheit, daß die Fremden zum Hofe geſtellt werden?“ frug der Hofmarſchall. „Das iſt ſelbſtverſtändlich,“ ſagte der Fürſt,„er hat das Vorrecht Fremder und wird gelegentlich zu klei⸗ ner Hoftafel eingeladen.“ „Aber die Frau Profeſſorin?“ frug der Hofmarſchall. „Ah,“ ſagte der Fürſt,„die Frau, es iſt wahr, ſie ommt mit.“ **** — 307— „Alſo,“ fuhr der Hofmarſchall fort,„zwei Couverts im Pavillon, zwei Logenplätze, ein Lakai ohne Livree.“ „Das genügt,“ entſchied der Fürſt,„das Weitere wird ſich finden. Wenn die Frau Profeſſorin unſern Damen einen Beſuch macht, ſo werden dieſe, wie ich annehme, die Artigkeit erwiedern. Im Uebrigen wollen wir der Prinzeſſin nicht vorgreifen.“ „Was ſoll das mit der Fremden?“ frug der Hof⸗ marſchall vor dem Palais den Kammerherrn.„Sie kennen ja die Leute.“ „Wie man ſich in fremder Stadt kennen lernt,“ verſetzte der Kammerherr. „Sie haben doch ihre Herkunft vermittelt?“ „Ich habe nur nach dem Befehl des Fürſten ge⸗ ſchrieben. Der Profeſſor iſt ein angeſehener Gelehrter von Ruf und durchaus Gentleman.“ „Aber was ſoll die Frau hier?“ Der Kammerherr zuckte die Achſeln.„Er war wohl nicht ohne die Frau zu haben,“ verſetzte er vorſichtig. „Und doch lag dem Fürſten an ihr.“ „Iſt Ihnen das aufgefallen?“ frug der Kammer⸗ herr,„ich habe nichts davon bemerkt.“ „Er that als ob ſie ihm ſehr gleichgültig ſei. Und ſie iſt gewiſſermaßen ein Landeskind.“ „Sie wiſſen, daß der Fürſt der letzte wäre, welcher die Rechte des Hofes aus den Augen läßt. Es iſt kein Grund zur Sorge.“ „In jedem Fall muß die Prinzeſſin ſogleich ihre 20* Poſition nehmen. Dieſe Frau Profeſſorin gilt, wie ich höre, für eine Schönheit.“ „ Ich glaube, ſie iſt ebenfalls eine Frau von Cha⸗ rakter,“ verſetzte der Kammerherr. Der Profeſſor erhielt den erbetenen Urlaub. Ilſe traf die Vorbereitungen zur Reiſe mit einem ſeierlichen Ernſt, der ihrer ganzen Umgebung auffiel. Sie ſollte jetzt mit ihrem Gatten in die Nähe des Fürſten kom⸗ men, den ſie aus der Ferne mit ſcheuer Ehrfurcht be⸗ trachtete. Ihr fiel ſchwer auf das Herz, daß der Sohn nie von dem Vater geſprochen hatte, und daß ſie von dem erlauchten Herrn nichts weiter kannte, als Antlitz und Geberde. Sie ſuchte alle Erinnerungen und alle Anekdoten zuſammen, aber ſein Weſen blieb ihr undeut⸗ lich, und ſie frug ſich ängſtlich, wie wird er ſein gegen Felix und mich? Iſt er ein Kreon, oder ein Odyſſeus, oder Agamemnon der Bölkergebieter? Und ſie ſetzte ſich aus dieſen Geſtalten ein Bild zuſammen, das ihr kein Vertrauen einflößte. Während Felix die Bücher und Aufzeichnungen, welche ihm für die Reiſe unentbehrlich waren, zuſammen⸗ ſuchte, ſtand der Doctor kummervoll im Zimmer des Freundes. Er war innig überzeugt, daß der Profeſſor ſich der Pflicht nicht entziehen durfte, die Handſchrift zu ſ uchen, und doch war ihm dieſe Einladung des Hofes nicht recht. Der ſchnelle Aufbruch aus wohlbefeſtigtem Leben äng⸗ ſtigte ihn und er ſah zuweilen prüfend auf Frau Ilſe. Laura ſaß am letzten Ahesn asben Ilſe und lehnte — 309— ſich weinend an ihre Schulter.„Mir iſt, als ſtünde mir Großes bevor,“ ſagte Ilſe,„und ich gehe mit Furcht. Dich aber verlaſſe ich ohne Sorge um deine Zukunft, obgleich dein kleiner Trotzkopf mich zuweilen geängſtigt hat. Denn ein Anderer wird dir immer der beſte Be⸗ rather bleiben, auch wenn ihr euch wenig ſeht.“ 3 „Ich verliere ihn zugleich mit dir,“ rief Laura un⸗ ter Thränen,„Alles entſchwindet, was meinem Leben Freude geweſen war. In dem kleinen Garten, den ich mir in der Stille angelegt habe, ſind die Blüthen mit der Wurzel ausgeriſſen, auch für mich kommt die bittere Zeit der Entſagung, und der arme Fritz, der ohne⸗ dies mit ſtiller Reſignation umherläuft, wird jetzt ganz in ſeiner Einſiedelei verkommen.“ Sogar Gabriel, der die Reiſenden nach der Reſi⸗ denz begleiten und ihre Heimkehr aus der Ferne auf dem Gut des Vaters erwarten ſollte, war in dieſen Ta⸗ gen aufgeregt und verſchwand öfter während der Dunkel⸗ ſtunde im Hauſe des Herrn Hahn. Am letzten Tage brachte er vom Markt ein ſchönes Kunſtblatt nach Hauſe, wor⸗ auf ein Vogel von ungewöhnlichem Ausſehen durch auf⸗ geklebte bunte Federn gebildet war, mit der Unterſchrift: Prachthahn aus Madagascar. Gabriel ſchrieb dazu mit ſauberer ſteifer Handſchrift die freundlichen Worte: „Getreu bis an den Tod“ und trug gegen Abend den Hahn in den Hausflur der Gegner. Man konnte dort ein Geflüſter hören, und ein Taſchentuch ſehen, wel⸗ ches über zwei betrübte Angen gewiſcht wurde. — 310— „Es ſoll keine Anſpielung ſein auf den Namen dieſes Hauſes,“ ſagte Gabriel und hielt den Vogel noch einmal gegen den Mond, welcher durch das Treppen⸗ fenſter ſeine Strahlen auf zwei traurige Geſichter her⸗ niederwarf,„aber es gefiel mir als Erinnerung. Den⸗ ken Sie dabei an mich und die Worte, die ich darauf geſchrieben habe. Denn Scheiden muß ſein, aber es iſt ſchwer.“ Der ehrliche Junge fuhr nach ſeinem Tuche. Dorchen nahm ihm das Taſchentuch weg,— ſie hatte das ihre vergeſſen— und weinte ſehr hinein.„Es iſt nicht auf lange,“ ſagte Gabriel in ſeinem Schmerze tröſtend. „Kleben Sie den Vogel in den Deckel Ihrer Truhe, und wenn Sie die Truhe öffnen, und ein gutes Kleid herausholen, denken Sie an mich.“ „Immer,“ rief Dorchen weinend,„ich brauche das nicht.“ 3 „Wenn ich wiederkomme, Dorchen, ſprechen wir weiter, wie es mit uns werden ſoll, und ich hoffe, es ſoll gut werden. Das Tuch, in das Sie geweint haben, ſoll mein Andenken ſein.“ „Laſſen Sie mir's,“ bat Dorchen ſchluchzend.„Ich will's Ihnen nur ſagen, ich habe Wolle gekauft und ich ſticke eine Brieftaſche. Die ſollen Sie tragen, und wenn ich ihnen ſchreibe, thun Sie meine Briefe hinein.“ Gabriel ſah trotz ſeinem Kummer ſehr glücklich aus und der Mond blickte ſpöttiſch herab auf die Küſſe und Gelübde, welche gewechſelt wurden. Vviertes Buche 1. „ Der Fürſt. Der Erbprinz ging mit dem Kammerherrn durch die Gartenanlagen, welche drei Seiten des fürſtlichen Schloſſes umgaben. Er ſah gleichgültig auf die Far⸗ benpracht der erſten Blumen und das junge Grün der Bäume, welches wie ein durchſichtiger Schleier um die Aeſte ſchwebte, heut war er noch ſchweigſamer als gewöhnlich; während der Vogel aus den Zweigen über ihm ſeine Weiſe pfiff, die Wellen der Früh⸗ lingsluft würzig von den Baumwipfeln wehten und gelben Blumenſtaub auf ſeinen Hut ſtreuten, klapperte er mit der Lorgnette.„Wer pfeift dort?“ frug er end⸗ „Es ſind Stühle für den Pavillon,“ verſetzte der Kammerherr,„er wird dem Profeſſor Werner ein⸗ gerichtet. Das Haus iſt jetzt ſelten geöffnet, früher be⸗ wohnte es der gnädigſte Herr zuweilen ſelbſt auf einige Tage.“ — 311— „Ich erinnere mich nie darin geweſen zu ſein.“ „Wollen Hoheit vielleicht die Räume betrachten?“ „Wir können vorbeigehen.“ Der Kammerherr lenkte auf den Pavillon zu, bei der Thür ſtand der Hofmarſchall, welcher grade zum Rechten ſehen wollte. Der Erbprinz grüßte, warf einen flüchtigen Blick auf das Haus und wollte vorübergehn. „Es war ein kleiner vergrauter Steinbau in verwegenem Zopfſtil, um Thür und Fenſter muſchelartige Ara⸗ besken und dicke Guirlanden von ſteinernen Blumen, welche von kleinen waſſerſüchtigen Engeln an Bändern gehalten wurden, die Bänder waren wie aus Elephan⸗ tenleder geſchnitzt, die Genien ſahen aus, als wären ſie aus ſchwarzem Sumpf gekrochen und eben erſt in der Sonne getrocknet. Unter dem jungen Laub ſtand der finſtere Bau wie eine große Komode, in welcher alle gewelkten Blumen, die der Garten je getragen, und alle Moosbärte, die der Gärtner je von den Bäumen gekratzt, für ſpätere Geſchlechter aufbewahrt werden. „Es iſt ein plumpes Haus,“ ſagte der Prinz. „Grade das düſtere Ausſehen hat dem gnädigſten. Herrn immer wohlgefallen,“ verſetzte der Hofmarſchall. „Wollen Ew. Hoheit nicht das Innere anſehen?“ Lang⸗ ſam ging der Prinz die Stufen hinauf und durchſchritt die Zimmerreihe. Noch war der Modergeruch in den langverſchloſſenen Räumen nicht durch das Räucherwerk gebändigt, in allen Kaminen flammten die Scheite, aber die Wärme, welche ſie verbreiteten, kämpfte noch gegen 4 H 3 2 — 315— die feuchte Luft. Die Einrichtung der Zimmer war durchaus regelrecht und vollſtändig. Schwere Portieren und Vorhänge mit großen Quaſten und geſchweifte Meublen mit vieler Vergoldung und weißen Kappen zur Schonung der ſeidenen Ueberzüge, Spiegel mit breiten Barokrahmen, um die Kamine Laubgewinde aus grauem Marmor, darüber geſchnörkelte Vaſen und Nippesfigu⸗ ren aus gemaltem Porcellan. Im Boudoir ſtand auf einer Marmorconſole unter Glasglocke eine große Uhr, über dem Zifferblatt goß eine nackte vergoldete Nymphe aus ihrer Urne Waſſer, welches zu gelbem Eis gefroren war. Alles war reich ſtaffirt, aber die ganze Einrich⸗ tung, Meubel, Porcellan, Wände ſahen aus, als hätte nie ein Auge mit Freude darauf geruht, nie eine ſorg⸗ liche Hausfrau ſich des Beſitzes gefreut. Die Uhr war einſt ein Geburtstagsgeſchenk für den regierenden Herrn von einem gleichgültigen Verwandten geweſen, ſie war flüchtig betrachtet beim Kauf und eben ſo freudelos beim Empfange, die Uhr war jetzt mit einer Nummer einge⸗ tragen worden in die große Liſte, ſie hatte ſich in den erſten Jahren bemüht, durch Ticken ihr Zimmer behag⸗ lich zu machen, die Glasglocke hatte immer den Schall gedämpft, die Uhr hatte endlich die unnützen Verſuche aufgegeben und beharrte darauf, die zwölfte Stunde zu zeigen. Jetzt, wo der Kaſtellan ſie von Neuem auf⸗ gezogen, tickte ſie noch müde und abgeſpannt, aber man ſah ihr den Wunſch an, auch dieſe Anſtrengung zu be⸗ enden. Es waren vornehme Allerweltsſachen, ſie hatten 1 * „0 — 316— zuerſt in den großen Geſellſchaftsräumen geſtanden, welche bei Hoffeſten geöffnet werden, ſie hatten aufge⸗ hört, modern zu ſein und waren in Seitenzimmer gebracht worden. Jetzt war ihre Beſtimmung, im Ver⸗ zeichniß fortgeführt zu werden von einer Generation auf die andere und alljährlich einmal gezählt, ob ſie noch vorhanden waren. So lebten ſie ein unſterbliches Da⸗ ſein, geſchont und nicht gebraucht, bewahrt und nicht be⸗ achtet, und dabei ſollten ſie immer höher hinauf gefördert werden aus den Cavalierſtuben in die Zimmer der Un⸗ terbeamten, zuletzt nach langer Ruhe auf den Boden. „Es iſt feucht und kalt hier,“ ſagte der Prinz an den Wänden umherblickend, und beeilte ſich wieder in's Freie zu kommen. „Wie gefällt Ew. Hoheit die Einrichtung?“ frug der Hofmarſchall. „Sie geht an,“ verſetzte der Prinz,„bis auf die Bilder.“ „Einige ſind freilich etwas frei,“ gab der Mar⸗ ſchall zu. „Meinem Vater wird lieb ſein, wenn Sie dieſe bei Seite ſtellen. Wann wird Herr Profeſſor Werner erwartet?“ 85. 3 „Heut gegen Abend,“ verſetzte der Kammerherr. „Haben Hoheit vielleicht den Wunſch, den Gaſt nach ſeiner Ankunft zu empfangen oder ſelbſt zu begrüßen?“ „Fragen Sie deshalb an,“ erwiederte der Prinz. Als der Prinz mit ſeinem Begleiter die Treppe zu 8*. 8 — 317 ſeinen Zimmern im Schloſſe hinaufſtieg, begann der Kammerherr:„Die Frau Profeſſorin hat ſich früher einmal über die Blumen gefreut, welche Ew. Hoheit ihr ſandten, darf ich dem Hofgärtner den Auftrag geben, die Zimmer damit zu verſehen?“ 3 „Thun Sie, was Ihnen paſſend dünkt,“ verſetzte der Erbprinz kalt. Er trat in ſeine Wohnung, ſah hinter ſich, ob er allein war, und ging mit ſchnellen Schritten zu dem Fenſter, von welchem er über den ge— ſchorenen Raſenplatz und die blühenden Bosquets auf den Pavillon ſehen konnte. Er ſtarrte lange zum Fen⸗ ſter hinaus, dann nahm er ein Buch vom Tiſch und ſetzte ſich in die Sophaecke, zu leſen, aber er legte das Buch wieder auf den Tiſch, ging haſtig auf und ab und ſah auf ſeine Uhr. Die Hoftafel war vorüber. Die Damen warfen einen halben Blick hinter ſich, ob ihr Hintergrund der Abſchiedsverbeugung günſtig ſei, die Herren faßten die Hüte unter den Arm, der Hofmarſchall trat in die Nähe der Thür und hielt mit gefälligem Anſtand ſeinen Stock unter dem Goldknopf, ſichere Anzeichen, daß die höchſten Herrſchaften an den Aufbruch dachten. Die Prinzeß, welche noch in Trauer war, kreuzte den Weg des Bruders:„Wann kommen ſie? Ich bin neugierig,“ frug ſie leiſe. „Sie ſind vielleicht ſchon da,“ antwortete dieſer vor ſich niederſehend.— „Ich fahre heut zum erſten Mal in's Theater,“ 2 ““ — 318— fuhr die Prinzeſſin fort,„kannſt du, ſo komm in die Loge.. „ Der Prinz nickte. Dem Marſchall kam eine Mel⸗ dung, er trug ſie dem Fürſten.„Dein Lehrer, Pro⸗ feſſor Werner, iſt angekommen,“ ſagte der Fürſt laut zum Sohne,„du wirſt den Wunſch haben, ihn zu be⸗ grüßen.“ Er neigte ſich gegen den Hof, die jungen Herrſchaften ſchwebten hinter ihm aus dem Saale. Der Kammerherr eilte dem Pavillon zu, ruhiger folgte der Hofmarſchall. Eine fürſtliche Equipage hatte die Reiſenden von der letzten Station abgeholt, die Bäume des Parkes, die Anlagen und die erleuchte⸗ ten Fenſter des Reſidenzſchloſſes flogen an den Rei⸗ ſenden vorüber. Der Pavillon war nicht mehr ein unförmlicher Bau, wie heut am Tage vor dem rück⸗ ſichtsloſen Strahl der Sonne und den gleichgül⸗ tigen Augen der Hofherren. Der Mond beſchien die Front, er übermalte mit ſchimmerndem Firniß die Mauern, verſilberte die Backen der Engel und die dicken Tulpenblätter ihrer Guirlande, und hob von der hellen Wandfläche die Schatten der vorſpringen⸗ den Geſimſe kräftig ab. Aus der geöffneten Thür drang Kerzenglanz, Lakaien in reich Palonirter Livree hielten die ſchweren Armleuchter. Der Haushofmeiſter, ein freundlicher Mann in Frack und Kniehoſen, ſtand im Hausflur und begrüßte die Ankommenden mit verbind⸗ llichen Worten. Hinter den Lakaien ſtieg Ilſe am Arm des Gatten über den Teppich der Stufen, und als der — 319— Diener die Portiere zurückſchlug und die Zimmerreihe im Kerzenglanz ſtrahlte, unterdrückte ſie mit Mühe einen Ausruf des Erſtaunens. Der Haushofmeiſter führte durch die Zimmer und erklärte kurz ihre Bedeutung, Ilſe erkannte mit ſchnellem Blick, wie ſtattlich und bequem auch die Nebenräume waren. Bewundernd ſtand ſie vor der Blumenfülle, die in Vaſen und Schalen aufgeſtellt war, ſie dachte, ob ihr kleiner Prinz dieſe zarte Aufmerkſamkeit gehabt, und war einen Augenblick enttäuſcht, als der Beamte erklärte, der Herr Kammerherr habe dies geſandt. Während ihr ein arti⸗ ges Mädchen vorgeführt wurde, das ausſchließlich für ihren Dienſt beſtimmt war, ſtand Gabriel noch im Vor⸗ zimmer und überlegte, wohin er ſich und ſein Rüſtzeug tragen ſolle, damit die Stiefeln des Herrn Profeſſors morgen früh dem Glanz des Hauſes keine Schande machten, bis auch ihn einer der Lakaien in ſeine höhere Behauſung einführte und kameradſchaftlich auf die La⸗ terne einer Reſtauration aufmerkſam machte, die für ruhige Stunden vorzüglich gelegen ſei. Noch ging Ilſe wie betäubt von der Herrlichkeit durch die Gemächer und prüfte grade den Verſchluß der Fenſter, um friſche Luft Linzulaſſen, denn der ſtarke Ge⸗ ruch der Hyacinthen vedrohte mit, Kopfſchmerz, da kam der Kammerherr und hinter ihm der Hofmarſchall, auch ein artiger Herr von ſehr feinem Weſen, und beide ſprachen ihre Freude aus, den Profeſſor und ſeine Ge⸗ mahlin hier zu begrüßen, ſie erboten ſich zu jedem guten — 320— Dienſt und erklärten an den Fenſtern die Lage des Pavillons. Plötzlich riß der Lakai die Flügelthüren auf: „Des Erbprinzen Hoheit.“ Der junge Herr trat langſam über die Schwelle, er verneigte ſich ſtumm vor Ilſe und bot dem Profeſſor. die Hand:„Mein Vater trug mir auf, Ihnen ſeine Freude auszuſprechen, daß Sie ſeinen Wunſch erfüllt haben,“ und zu Ilſe gewandt, fuhr er fort:„Möchte Ihnen die Wohnung ſo bequem ſein, daß Sie Ihr Quartier an der Waldwieſe nicht zu ſehr vermiſſen.“ Ilſe ſah mit inniger Freude auf ihren Prinzen: er war, wie ihr ſchien, noch ein wenig gewachſen, ſeine Haltung war immer gedrückt, aber die Wangen waren doch etwas geröthet, es ging ihm nicht ſchlecht, das war wohl zu ſehen. Auch der kleine Bart war ſtärker und ſtand ihm gut.— Sie erwiederte:„Ich wage mich noch kaum umzu⸗ drehen, es iſt wie in einem Feenſchloß, man erwartet jeden Augenblick, daß ein Geiſt aus der Wand ſpringen wird und fragen: befehlen Sie vielleicht, durch die Luft zu fahren? vier Schwäne halten mit einem goldenen Wagen am Fenſter; man braucht auch keinen Stuhl, um hinein zu ſteigen, denn die Fenſter reichen ja bis auf den Fußboden. Die Parkſtraße ſendet ihre Huldi⸗ gungen, und für die Sendung, welche mir der Herr Kammerherr unter die letzten Chriſtbäumchen machte, ſage ich Ew. Hoheit noch von Herzen Dank.“ Der Profeſſor trat zum Prinzen, nannte ihm die 2 — 321— Namen einiger Collegen, welche ſich ihm zu geneigtem Andenken empfehlen ließen, und bat, dem Fürſten ſeinen Dank für die gaſtliche Aufnahme auszuſprechen, bis ihm ſelbſt die Ehre werde, ſich dem hohen Herrn vorzuſtellen. Alles kräuſelte ſich in runden und zierlichen Schnörkeln, die Lampen und ſilbernen Armleuchter glänzten, die Hyacinthen ſendeten aus allen Glöckchen ſüßen Wohlge⸗ ruch, die geſchloſſenen Vorhänge gaben den Zimmern ein trauliches Ausſehen, und an der gemalten Decke hielt ein fliegender Amor ein rothes Mohnbüſchel über die Häupter der Gäſte. „Heut überlaſſen wir Sie der Ruhe, Sie müſſen 3 ermüdet ſein,“ ſchloß der Prinz den Beſuch, und der Kammerherr verſprach morgen bei guter Stunde dem 1 Profeſſor mitzutheilen, wann der Fürſt ihn empfangen werde. Kaum hatten die Herren ſich entfernt, als ein Diener meldete, daß das Diner im Nebenzimmer ſervirt ſei.„Jetzt zum Abend?“ wandte Ilſe ſchüchtern ein. „Das hilft nichts,“ verſetzte der Profeſſor,„du haſt den erſten Schritt gethan, erweiſe auch ferner deine Ta⸗ pferkeit.“ Er bot ihr in dieſer ritterlichen Luft den Arm, der Mann mit den Treſſen führte in das Neben⸗ zimmer und rückte die Stühle des reichgeſchmückten Tiſches. 4 Die Gänge wollten kein Ende nehmen, trotz Ilſe's Proteſt ſchnurrte das volle Diner ab, und ſie ſagte endlich:„Ich laſſe mir Alles gefallen, dieſen Geiſtern gegenüber hilft kein Sträuben, wer in einem Fürſtenſchloſſe lebt, muß auch ſeine Dreiſtigkeit haben. 3 Freytag, Handſchrift. II. 4 21 — — 322— Als die Mahlzeit endlich abgetragen und Ilſe auch ihrer Sorge um Gabriel enthoben war, begann ſie ſo⸗ gleich ſich geſchäftig einzurichten. Während ſie auspackte und in Schränke und Schubkäſten legen ließ, ſagte ſie heimlich zum Gatten:„Das iſt ein ſehr ſchöner Will⸗ kommen, Felix, und ich habe jetzt ein rechtes Vertrauen, daß alles gut gehen wird.“ 3 „Haſt du denn je daran gezweifelt?“ frug der Profeſſor. Ilſe antwortete:„Ich habe eine heimliche Angſt ge⸗ habt bis zu dieſer Stunde, weiß ſelbſt nicht warum, jetzt aber iſt ſie verſchwunden, denn die Menſchen ſind hier alle freundlich und ſehen gutherzig aus.“ Der Prinz ging durch die Anlagen dem Schloſſe zu. Hinter ihm unterhielten ſich die beiden Cavaliere. „Das iſt ja eine exquiſite Erſcheinung,“ ſagte der Hofmarſchall,„eine Schönheit erſten Ranges, darin iſt Race.“ „Es iſt eine in jeder Hinſicht ausgezeichnete Frau,“ verſetzte der Kammerherr laut. „Das haben Sie mir ſchon einmal geſagt,“ erwie⸗ derte der Hofmarſchall,„ich gratulire Ihnen nachträglich zu dieſer Bekanntſchaft von der Univerſität.“ „Wie gefällt Ihnen der Profeſſor?“ frug ablenkend der Kammerherr. „Er ſcheint ein geſcheuter Mann,“ verſetzte der Hof⸗ marſchall gleichgültig.„Nun, es iſt lange her, daß der Pavillon keine ſolche Schönheit bewahrt hat.“ Der Prinz wandte ſich um, er ſah beim Schein des großen Kandelabers am Schloſſe, daß die Herren einen ſchnellen Blick miteinander austauſchten. Der Wagen des Prinzen hielt an der Treppe, er ſtieg ein ohne Wort und Gruß für ſeine Begleiter und fuhr in die Oper. Dort trat er in den Salon der fürſtlichen Loge. „Wie gefallen ſich die Fremden in ihrem Pavillon?“ frug der Fürſt freundlich. „Sie ſind mit Allem zufrieden,“ verſetzte der Erb⸗ prinz,„aber die Räume ſind feucht, und ſie werden für längern Aufenthalt ungeſund ſein.“ „Sie waren das doch bis jetzt nicht, ſoviel ich mich erinnere,“ verſetzte der Fürſt kalt,„ich hoffe, auch du wirſt dich davon überzeugen.“ Und zu dem Kammerherrn gewandt befahl er:„Morgen nach dem Frühſtück wün⸗ ſche ich Herrn Werner zu ſprechen.“ Der Erbprinz ging in die Loge ſeiner Schweſter und ſetzte ſich ſtumm an ihre Seite. „Wo ſind die Plätze der Fremden?“ frug die Prin⸗ zeſſin. „Ich weiß nicht,“ erwiederte der Prinz. Die Prin⸗ zeſſin ſah fragend hinter ſich.„Gegenüber, die Fremden⸗ loge,“ erklärte der Kammerherr,„aber ſie haben heut wohl noch mit ihrer Einrichtung zu thun.“ „Was iſt dir, Benno?“ frug die Schweſter nach dem erſten Akt,„du huſteſt.“ „Ich habe mich ein wenig erkältet, es geht vorüber.“ 21* — 324 Nach dem Theater zog ſich der Prinz in ſein Schlafzimmer zurück und klagte gegen Krüger über Kopf⸗ ſchmerz und rauhen Hals. Als er allein war, öffnete er das Fenſter und ſah über die Anlagen nach dem Pavillon, deſſen Lichter wie Sterne durch die Nacht ſchimmerten. Der Prinz horchte, ob er einen Ton von drüben erlauſchen könne. Ihm war warm, denn er nahm ſeine Halsbinde ab und ſtand lange unbeweglich am Fenſter, bis die kühle Nachtluft ſein Zimmer durch⸗ zogen hatte und drüben das letzte Licht erloſchen war. Dann ſchloß er leiſe die Flügel und ging zu Bett. Vorſichtig war das nicht, denn der Prinz, deſſen Geſundheit ohnedies leicht zerſtört wurde, fühlte ſich am nächſten Morgen ſtark erkältet, der Leibarzt ward eilig gerufen, der Prinz mußte das Bett hüten. Als dem Fürſten die Erkrankung des Erbprinzen gemeldet wurde, gerieth er in ſehr üble Laune.„Grade jetzt!“ rief er,„er hat alles Unglück eines kränklichen Menſchen.“ Noch als der Profeſſor gemeldet wurde, war die Weiſe, in welcher der Fürſt die Meldung an⸗ nahm, ſo kalt und wegwerfend, daß der Kammerherr um die nächſte Stunde des Profeſſors beſorgt wurde. Indeß übten die lange Gewöhnung ſich huldreich darzu⸗ ſtellen und die ſichere Haltung des Profeſſors beſänfti⸗ genden Einfluß, nach wenigen einleitenden Worten ver⸗ ſetzte der Fürſt die Unterhaltung nach Italien, es fand ſich, daß der Profeſſor in Briefwechſel mit einem vor⸗ nehmen Römer von ungewöhnlicher Gelehrſamkeit ſtand, den der Fürſt zu ſeinen näheren Bekannten zählte, und daß er in Italien auch in den Kreiſen gelebt, welche dem Fürſten bei ſeiner letzten Reiſe wohlgethan hatten. Dadurch wurde der Profeſſor dem Fürſten allmälig in ganz anderes Licht geſtellt, er hatte ihn als ein gleichgültiges Werkzeug herzugeholt und ſah jetzt in ihm einen Mann, der perſönliche Achtung zu fordern hatte, weil er mit Andern bekannt war, deren Stellung der Fürſt reſpectirte. Darauf frug der Fürſt, wie es mit der verlorenen Handſchrift ſtehe und beobachtete lächelnd den leidenſchaftlichen Eifer des Profeſſors, als dieſer ihm von der neuen Spur berichtete, die er in den Ak⸗ ten gefunden.„Es wird gut ſein, wenn Sie mir in einem Memorial den ganzen Stand der Angelegenheit auseinanderſetzen, das kommt meinem Gedächtniß am beſten zu Hülfe; fügen Sie bei, welche Förderung Sie von mir oder meinen Beamten irgend wünſchen.“ Der Profeſſor war dafür ſehr dankbar. „Ich laſſe mir nicht nehmen, Sie ſelbſt in das Antikenkabinet zu führen,“ fuhr der Fürſt fort,„ich will dabei erfahren, wie ein Gelehrter, der volles Sachver⸗ ſtändniß hat, die ſtillen Freuden eines übel unterrichte⸗ ten Sammlers anſieht.“ Die Thüren flogen auseinander, der Gelehrte be⸗ trat an der Seite des Fürſten die weiten Säle.„Wir gehn zuerſt flüchtig durch die Zimmer, damit ich Ihnen kurz Inhalt und Anordnung vorführe,“ ſagte der Fürſt. Er berichtete, der Profeſſor blickte auf eine Fülle von — 326— hübſchen und lehrreichen Ueberreſten des Alterthums, auf Vieles, was ihm ganz neu war. Bald überließ der Erklärer den Gelehrten ſeinem eigenen Auge. Und jetzt gab dieſer die Erläuterung; hier eine Inſchrift, die wahrſcheinlich noch Niemand abgeſchrieben hatte, dort ein Thongefäß mit ſehr intereſſantem Bilde, dort eine Statuette, merkwürdige Variation eines berühmten anti⸗ ken Bildwerks, hier die unbekannte Münze eines römi⸗ ſchen Geſchlechts mit einem Familienwappen, dort wie⸗ der eine lange Reihe von Amuletten mit räthſelhaften Zeichen. Es war dem Fürſten Freude, Unſcheinbares als bedeutend zu erkennen und jeden Augenblick über Werth und Namen neuer Aufſchlüſſe zu erhalten, der Profeſſor aber hatte den Takt lange Erklärungen zu ver⸗ meiden. Er ſelbſt blickte mit friſcher Freude auf die Sammlung. Grade war für ihn eine Zeit gekommen, wo er nicht durch größere Arbeiten beſchäftigt, eine hei⸗ tere Empfänglichkeit für Eindrücke mitbrachte, und bei jedem Schritt empfand, wie reizvoll die neuen Anſchau⸗ ungen waren, welche er erhielt. Denn ſehr Vieles ſtand hier, was zu näherer Unterſuchung lockte. Von dem ſchö⸗ nen Behagen, welches er darüber fühlte, ging etwas auf den Fürſten über. Seine Fragen und die Antworten des Profeſſors nahmen kein Ende, bei vielen Stücken freute den Fürſten zu erzählen, wie er dazu gekommen, und der Profeſſor wußte ihn immer mit kleinen Geſchichten ähn⸗ licher Junde zu neuem Berichte zu veranlaſſen. So vergin⸗ gen einige Stunden, ohne daß der Fürſt Ermüdung merkte, — 327— und er war höchlich erſtaunt, als ihm die Meldung wurde, daß die Stunde des Diners nahe ſei.„Das iſt nicht möglich,“ rief er,„Sie verſtehen die ſchwerſte aller Künſte, die Zeit vergeſſen zu machen. Ich erwarte Sie bei Tafel, morgen ſehen Sie, ungeſtört durch mein Da⸗ zwiſchenreden, die Sammlung noch einmal an, dann gönnen Sie mir auch darüber ſchriftlichen Bericht, was die Aufſtellung zu wünſchen läßt, und wie zu machen iſt, daß das Beachtungswerthe auch der Wiſſenſchaft zu gute kommt.“ Bei Tafel— es war Niemand anweſend als einige Cavaliere, denen der Profeſſor nach dem Rath des Kam⸗ merherrn ſchon am Morgen ſeinen Beſuch gemacht— wurde die Unterhaltung fortgeſetzt. Der Fürſt erzählte viel von Italien und verfehlte nicht im leiſen Anſchlag auch die perſönlichen Beziehungen des Profeſſors zu Be⸗ kannten des Fürſten durchklingen zu laſſen, damit ſein Hof über den Mann, der ihm gefiel, unterrichtet werde. Es war eine hübſche rollende Unterhaltung, und ehe der Fürſt die Geſellſchaft verließ, wandte er ſich noch einmal zum Profeſſor und ſagte:„Ich wünſche lebhaft, daß Sie ſich bei uns wohl fühlen, ich hoffe auf mehr als einen Tag, der für mich ſo anmuthig wird, als der heutige.“ Auch dem Profeſſor war der Tag eine rechte Er⸗ friſchung geweſen, und in gehobener Stimmung ſagte er beim Herausgehen zu dem Oberſthofmeiſter:„Des Fürſten Hoheit verſteht gut, Wohlthuendes zu ſagen.“ — 328— Der Oberſthofmeiſter neigte artig das weiße Haupt: „Das iſt Beruf der Fürſten.“ „Wohl,“ fuhr der Profeſſor freutig fort,„aber ſo warmes Eingehen auf Einzelnheiten bei einem ziemlich ent⸗ legenen Gebiete wiſſenſchaftlicher Forſchung war mehr, als ich vorausgeſetzt habe.“ Der Oberſthofmeiſter machte eine höfliche Bewegung, welche andeuten ſollte, daß er nicht geſonnen ſei, zu widerſprechen, ließ ſich einen altfränki⸗ ſchen kleinen Mantel umhängen, neigte ſich ſchweigend gegen die Herren, welche in ähnlicher Thätigkeit begriffen waren, und ſtieg in ſeinen Wagen. Der Fürſt war an Geiſt und Bildung der Mehr⸗ zahl ſeiner Standesgenoſſen überlegen. Er hatte viel von der Elaſticität ſeiner Jugend in das höhere Mannes⸗ alter gerettet, ſein körperliches Befinden war vortrefflich und er pflegte ſeine Geſundheit ſorgfältig, er durfte ſich im Nothfall noch Anſtrengungen zumuthen, welche einem jüngeren Mann hart geweſen wären. Als junger Herr hatte er ſich den Wallungen der damals modiſchen Poeſie mit offener Empfindung hingegeben, höher und freier fühlen als andere Menſchen war ihm eine willkommene Lehre geweſen. Er hatte damals in Briefwechſel mit namhaften Gelehrten und Künſtlern geſtanden, erzählte gern, wie er einem hervorragenden Geiſt da und dort näher getreten war, und eine berühmte Sängerin bewahrte noch in alten Tagen ein beſonders koſtbares Armband, das er ihr einſt auf der Bühne in leiden⸗ ſchaftlichem Enthuſiasmus ſelbſt um den Arm gelegt hatte. Aber ſeine Jugend⸗ und Manneszeit war in eine ſchwache kränkliche Periode unſerer Entwickelung gefallen. In den Jahren, wo ein fremder Eroberer die deutſchen Fürſten behandelt hatte, wie die große Mehr⸗ zahl derſelben verdiente, hatte auch er, noch ein Jüngling, ſich vor dem Fremden gebeugt und den Sinkenden zu rechter Zeit verlaſſen, um ſich die Ausſicht auf ſein Land zu retten. Seitdem hatte er über verkümmerte Menſchen geherrſcht, denn er hatte ſein Gebiet in einer Zeit großer Erſchöpfung übernommen, er hatte wenig darin gefun⸗ den, was er zu ehren und zu ſcheuen gezwungen war, ſelten ein Recht, das von feſten Männern gegen ihn geltend gemacht wurde, keine öffentliche Meinung, welche ſtark genug war, ſeinen Uebergriffen die geſchloſſene Fauſt eines einmüthigen Entſchluſſes entgegen zu halten. Sein Land wurde durch die Beamten regiert, die Be⸗ amtenſtellen immer wieder vermehrt, über jeden verlo⸗ renen Schlüſſel einer Dorfkirche wurde ein Aktenbündel angelegt, er ließ dies weitläufige Formenweſen, in dem die Bevölkerung wie erſtarrt dahinlebte, ruhig gewähren, und ſorgte nur dafür, daß die Beamten, wo einmal ſein perſönliches Intereſſe in das Spiel kam, gefügige Diener waren, welche ihm Geld ſchafften und ein be⸗ gangenes Unrecht ihres Herrn behend der Oeffentlichkeit entzogen. m ree — 330 Er ſelbſt war, wo er mit ſeinem Volk in Verbin⸗ dung trat, leutſelig und von beſter Laune, machte den Bittenden leicht, ihm zu nahen, hörte gefällig alle Kla⸗ gen und ſchob theilnehmend die Schuld auf die Beamten. Er war nicht unpopulär; zuweilen murrten Unzufriedene über die hohen Steuern und über koſtſpielige Ausgaben ihres Fürſten, hier und da drang eine Anekdote aus ſeinem Privatleben in die Oeffentlichkeit, aber die neue Zeit, welche ſich auch in ſeinem Lande regte, kämpfte nur ſchwach in unbehülflichen Anläufen gegen das Sy⸗ ſtem ſeiner Regierung. Und obgleich er als Regent keine Neigung zeigte, Uebelſtände aus eigenem Willen zu beſſern, erſchien er den Fernſtehenden doch als ein hu⸗ maner, perſönlich gutherziger Mann. Er hatte für Jeden einen freundlichen Gruß, ein gnädiges Wort be⸗ reit, er wußte viel von den Privatverhältniſſen ſeiner Unterthanen und erwies den Einzelnen bei Gelegenheit ſeine perſönliche Theilnahme; er liebte die Kinder, denn er blieb bisweilen auf der Straße vor hübſchen Knaben und Mädchen ſtehen und frug nach ihren Eltern, ver⸗ anſtaltete alljährlich den Schulkindern ſeiner Reſidenz fein Feſt, erſchien ſelbſt dabei, lachte und freute ſich über ihre Spiele. „Sein Hof war in vieler Beziehung ein Muſter von Ordnung und gefälligem Schein. Auch gegen ſeine Umgebung blieb er der vornehme Mann, und er⸗ reichte, was für einen Fürſten das Schwerſte iſt, daß die, welche ihn täglich umkreiſten, faſt immer ein — 32a1— Gefühl ſeiner Ueberlegenheit hatten. Er war nie Mili⸗ tär geweſen, er enthielt ſich nicht ſarkaſtiſcher Bemer⸗ kungen über die kriegeriſchen Paſſionen anderer Frie⸗ densfürſten, und ſein Hof blieb lange Zeit frei von der militäriſchen Umgebung, welche an Nachbarhöfen den Dienſt der alten Chargen in den Hintergrund drängte und Uebelſtände der früheren Hofordnung mit neuen vertauſchte, welche nicht geringer waren. Allmälig frei⸗ lich machte auch er der Mode einige Zugeſtändniſſe, auch ſeine Adjutanten wurden einflußreiche Mitglieder des Hofhaltes. Der Dienſt bei ihm galt nicht für bequem, und er war trotz ſeiner Ruhe von den Herren ſeines Hof⸗ haltes gefürchtet. Denn es gab Stunden, wo, wie es ſchien, ſein gehaltenes Weſen nicht nur mit Härte ver⸗ ſetzt war, ſondern mit einer ganz fremdartigen Zuthat, in ſolchen Augenblicken fiel ein eyniſcher Scherz oder ein brüskes herausforderndes Urtheil von ſeinen Lippen und er verlor jede Rückſicht auf Stimmung und An⸗ ſprüche ſeiner Umgebung. Aber Cavaliere und Adiu⸗ tanten ertrugen die geheimen Dornen ihrer Stellung ohne die laute Kritik, welche ſonſt wohl von der Um⸗ gebung ſouveräner Herren ausgeht. Denn der Fürſt verſtand es, ſie vor Fremden zu heben. Er hielt ſtreng auf Etikette, auch zu ihren Gunſten, vertrat geſchickt ihr Intereſſe bei den Courtoiſiegeſchenken, bei Orden und Brillanten, welche fremde Herrſchaften ſeinem Hofe zu machen verbunden waren; er muthete ihnen nie zu, was gegen die Würde ihres Amtes war. Und er wußte ———õÿ—— Fremden gegenüber ſich und ſeinen Hofſtaat ſtets würdig zu behaupten. Seine Gemahlin war früh geſtorben, der bleichen zarten Dame bewahrten die Bewohner der Reſidenz immer noch ein dankbares Andenken. Man erzählte, daß die Ehe keine glückliche geweſen ſei, doch die Trauer des Fürſten nach dem Verluſt war heftig und dauernd, er ſprach noch immer mit großer Zär tlichkeit von der Ge⸗ ſchiedenen, nnd heftete ſelbſt alljährlich am Todestage einen Kranz an ihr Grabgewölbe. Er hatte zwei Kinder. Das älteſte, die Prinzeſſin, war nach dem Tode des Gemahls an den Hof zurück⸗ gekehrt, und der Fürſt behandelte ſie vor den Lugm des Hofes und des Volkes mit beſonderer Rückſicht. Dem Hofprediger hatte er ihretwegen ſein ganzes Herz anfge ſchloſſen.„Ich ſähe ſie gern auf's Neue vermählt, ſie hat das Recht, Anſprüche an das Leben zu machen, das Herz iſt warm, die Natur kräftig, und meinen Erfah⸗ rungen nach hat ein langer Wittwenſtand für eine Fürſtin viele Uebelſtände. Aber ich fürchte, ſie wird widerſtreben. Ich bin gegen dies Kind vielleicht immer ein ſchwacher Vater geweſen. Sie wiſſen, hochwürdiger Herr, wie ſehr ſie immer mein Liebling war.“ Darauf hatte der fromme Herr mit gefalteten Händen ausge⸗ rufen:„Ich weiß es, und ich weiß, wie warm das Herz der durchlauchtigſten Prinzeſſin an ihrem geliebten Vater hängt.“ Auch das Volk merkte, daß der Fürſt ein guter Vater war. An jedem Geburtstage der Tochter wurde 333— großes Hoffeſt befohlen, und als der Fürſt einſt in die⸗ ſer Zeit auf Reiſen geweſen war, erſchien er doch wi⸗ der Erwarten am Abend des Geburtstages in der Loge der Prinzeſſin, küßte noch in Reiſekleidern die hohe Dame vor allem Volk auf die Stirn und ſagte, daß er ſeine Rückkehr beeilt habe, um ihr zum Feſte ſeinen Glück⸗ wunſch zu bringen. Auch ſonſt verſäumte er keine Ge⸗ legenheit, ihr kleine Artigkeiten zu erweiſen, die bei je⸗ dem Vater den Eindruck liebenswürdiger Ritterlichkeit machen, beim regierenden Herrn doppelt werthvoll ſind. Vor jedem Ball ſandte er ſelbſt der Tochter einen Blu⸗ menſtrauß, und jedesmal ließ er ſich denſelben vorher durch den Hofgärtner in das Schloß bringen, um ihn anzuſehen. Er hatte gern, wenn diſtinguirte Reiſende auch vor den Gemächern der Prinzeſſin ihre Ankunft meldeten, und achtete genau darauf, ob ſie ſich während ihrer Tournee durch den Saal auch gut unterhielt. Die Nebenſterne irdiſcher Hoheit haben bei ihrem Umkreiſen in der Geſellſchaft auf die Bewegungen der Hauptſonne geheime Rückſicht zu nehmen, die Prinzeſſin vergaß wohl einmal vor einem intereſſanten Gaſt dieſe Rückſicht, dann verzögerte er um ihretwillen ſeinen Aufbruch, ſah lächelnd nach ihr hin und hatte einen bequem ſtehenden Cava⸗ lier noch etwas Scherzhaftes zu fragen. Der Hof wußte freilich, daß in ſolchen Augenblicken die Scherze herber Natur waren, und man beeiferte ſich dann gar nicht in ſeiner Nähe zu ſtehen. Denn trotz der großen Mühe, welche ſich der Fürſt gab, ſein Verhältniß zur Prinzeſſin —— — — gut darzuſtellen, behauptete man doch, daß er ſie in ö“ der Stille mit Abneigung betrachte. Wohl iſt einem b Fürſten möglich, ſeiner täglichen Umgebung in wichti⸗ gen Dingen undurchdringlich zu bleiben, aber es iſt faſt “ unmöglich, ſie dauernd zu täuſchen. Anders war die Stellung des Vaters zum Sohn. Dieſer war als ein kränklicher ſchüchterner Knabe durch die herriſche Weiſe, in welcher der Vater ſeine Er⸗ ziehung überwachte, noch unſicherer geworden. Der Knabe hatte kein Talent gehabt, ſich wirkungsvoll dar⸗ zuſtellen, noch jetzt wurde ihm ſchwer, in der Unterre⸗ dung mit Fremden ſeine Schüchternheit zu überwinden. Wenn ihm die Liſte der Eingeladenen überreicht wurde,. und er überlegte, was er mit den Einzelnen ſprechen ſolle, ſo fielen ihm ſelten geſcheute Fragen ein, und was er dann etwa vorbrachte, kam noch ſo ungeſchickt heraus, daß man deutlich merkte, er hatte den Kram einſtudirt. Selbſt dem Hofe gegenüber war der Prinz ſchweigſam und theilnahmlos, Damen und Herren waren deshalb geneigt anzunehmen, daß er ein wenig bete ſei. Der Vater behandelte ihn mit Nichtachtung, und dem Sohne gegenüber klang ſeine Stimme zuweilen kurz und hart, F als wenn es ſich nicht der Mühe lohne, die Gering⸗ ſchätzung zu verbergen. Darin aber that man dem Fürſten Unrecht. Ein regierender Herr ſieht in dem Sohn leicht den jüngern Rivalen. Der Sohn wird ſein Nachfolger, er iſt dazu da, ſchon in der nächſten Generation ſeinen „— 333— 2 Vater vor aller Welt zu widerlegen, ſeine Einrichtungen umzuſtoßen, die Unzufriedenen und Gegner zu verſöhnen. Es iſt unvermeidlich, daß ihm einmal, wenn er Herr ge⸗ worden, der Blick auf Vielem haftet, was unter der frü⸗ heren Regierung nicht gut geweſen iſt, daß ihm Alles zugetragen wird, was ſein Vater im Geheimen gefehlt und geſündigt hat. Das war auch für den Fürſten Grund genug, den Erbprinzen fremd und kalt zu behandeln. Jetzt war er ein Nichts, ein machtloſer Sclave, der jeden Thaler nur durch die Gnade des Vaters erhielt, einſt ſollte er Alles ſein. Aber der Sohn war in ſei⸗ nen Augen unbedeutend, wie willenlos bewegte er ſich . in vorgeſchriebenem Gleiſe, er hatte nie getrotzt, war mit Allem zufrieden, hatte ſich ſchweigend und ehrerbietig jedem Befehle gefügt, es war nicht anzunehmen, daß er in Wahrheit ſelbſt regieren würde, er konnte den Vater ſchwerlich in Schatten ſtellen. So kam zu der ruhigen Nichtachtung, welche in der Seele des Vaters lebte, 3 allmälig ein kühles, faſt mitleidiges Wohlwollen. Die furchtſame Unterwürfigkeit des Prinzen war dem Für⸗ 1 ſten ſehr bequem, es wurde ihm behaglich, das ſchwache NRohr, welches die Zukunft ſeiner Familie tragen ſollte, ½ ſür das Leben mit den Stützen zu verſehen, welche der Fürſt zu geben verſtand. Ihm gegenüber gab er ſich wie er war, was er etwa für ihn that, geſchah mit der Em⸗ 1 pfindung, daß er nicht ſich, ſondern einem Andern Gu⸗ 1 tes erwies. Und grade jetzt, wo der Fürſt ſich bemüht hatte, 3 dem Erbprinzen eine Freude zu machen, wurde dieſer krank! Ilſe ging mit Gabriel durch die Zimmer und ver⸗ ſuchte die Einrichtung nach ihres Herzens Wunſch zu ſtimmen, ſie rückte über den Tiſchen, prüfte den Zug an den Vorhängen und betrachtete mißtrauiſch die Malerei der Porzellanvaſen.„Kaufen Sie in der Stadt einen Lampenſchleier, den hängen wir über die große Uhr.“ „Es iſt ohnedies noch eine andere da, welche ſich nicht weigert, zu gehen,“ verſetzte Gabriel.„Auch hört man die Uhr vom Schloſſe, aber ſie ſchlägt ſo traurig, daß man die Geduld darüber verliert. Mich wundert, daß in dieſer ſchönen Einrichtung Eines fehlt, und das iſt eine Uhr mit dem Kukuk. Der würde ſehr paſſen, er macht Leben, wenn er ſeine Thür öffnet und tiefe Complimente ſchneidet, iſt es ganz wie bei Hofe. Denn höflich ſind ſie hier, wenn auch das Gemüth hinterliſtig iſt. Dem Lakaien traue ich nicht, er frägt mich zu ſehr aus. Wie wär's, wenn man den abſchaffte? Ich bin doch allein im Stande, mit dem Mädchen dieſe Wirthſchaft zu be⸗ ſorgen. Gekocht kann nicht werden, es iſt gar keine Küche da, man muß wegen jedem Topf warmen Waſſers hin⸗ übergehen unter die Weißjacken, die im Keller wie Geiſter durcheinander wirthſchaften.“ „Da hilft nun nichts,“ entſchied Ilſe,„wir müſſen uns in die Ordnung gewöhnen, Hoffahrt will Noth lei⸗ den, Geheimniſſe haben wir nicht und ich weiß, Sie wer⸗ den vorſichtig ſein.“ — ———— — 337— „Die Gärtner haben auch einen Tiſch und Stühle vor das Haus geſtellt und Blumen darum,“ ſagte Gabriel,„darf ich die Arbeit hinunter tragen? Die Sonne ſcheint warm.“. Ilſe trat vor das Haus, neben der. Thür war ein Raum durch aufgeſtellte Topfgewächſe abgegrenzt, ein traulicher Platz im warmen Mittagslicht, man überſah aus dem grünen Verſteck die Wege und den geſchorenen Raſenteppich bis zu den Mauern des Schloſſes. Ilſe ſaß auf dem Gartenſtuhl nieder, hielt ihre Stickerei in den Händen und blickte hinüber auf den großen Stein⸗ pallaſt, der ſich mit ſeinem Thurm und neuen Seiten⸗ gebäuden einige hundert Schritt von ihr erhob. Dort wohnten die Großen der Erde, denen ſie plötzlich ſo nahe gekommen war. Sie zählte die Reihe der Fenſter und dachte, daß viel mehr als hundert Stuben und Säle darin ſein müßten, alle ſtattlich und vornehm eingerichtet, und ſie überlegte, wie viel Menſchen wohl dazu gehörten, ein ſolches Gebäude zu füllen, damit es nicht leer und öde ausſehe. Der Tritt eines Mannes ſtörte ihre Gedanken. Ein Herr in geſetzten Jahren ging auf dem Kiesweg, er näherte ſich, es war der Fürſt. Ilſe ſtand erſchrocken auf, der Fürſt trat langſam auf ſie zu. ‚Madame Werner?“ frug er, ſeinen Hut berührend. Ilſe verneigte ſich tief, ihr pochte das Herz, unvorbereitet ſtand ſie dem Manne gegenüber, der ihr in der ganzen Mädchenzeit als der höchſte Menſch auf Erden ge⸗ golten hatte. Wenn ſie ihn einmal geſehen, war es Freytag, Handſchrift. II. 22 immer nur in vornehmem Vorüberſchreiten geweſen, und doch hatten ihre Gedanken ſeit den Jahren, wo ſie ihn mit Krone und Scepter eines Kartenkönigs ſchmückte, in ſcheuer Ehrfurcht an ihm gehangen. Oft, wenn ſie den Erbprinzen anſah, hatte ſie verſucht, ſich vorzuſtel⸗ len, wie ſein Vater ſein müſſe; was ſie etwa über ihn gehört, hatte nicht geholfen, ihr die Bangigkeit zu ver⸗ mindern. Der Fürſt ſah mit Wohlgefallen auf das ſchöne Weib vor ihm, welches in ſtummer Betroffenheit den ſchmeichelhafteſten Gruß entgegenbrachte.„Sie ſind mir nicht fremd,“ begann er,„und Sie haben Urſache, mit den Jahren zufrieden zu ſein, welche ſeit meiner Fahrt über den Hof Ihres Vaters vergangen ſind. Verſuchen Sie jetzt, wie ſich's bei uns lebt. Auch wir freuen uns des Frühlings, und ich ſehe, die Sonne blickt freund⸗ lich auf den Platz, wo Sie ſich anſiedeln.“ Er ſetzte ſich auf einen Gartenſtuhl, indem er auf einen andern wies.„Laſſen Sie ſich in Ihrer Arbeit nicht ſtören, ich bin ein Spaziergänger, der einen Ihrer Stühle er⸗ bittet, wenige Minuten zu raſten.“ „Die Arbeit lag in müßiger Hand,“ antwortete Ilſe,„ich ſah hinüber nach dem Schloß und überdachte, wie groß der Haushalt ſein muß, der ſo viel Raum fordert.“ „Es iſt ein alter Bau,“ bemierkte der Fürſt,„man⸗ ches Jahrhundert hat gearbeitet, ihn zu vergrößern, und doch will nach der Meinung meiner Beamten der Raum — 339— immer noch nicht reichen. Man breitet ſich leicht an⸗ ſpruchsvoll aus. Aber grade dann erfreut es wieder ein⸗ mal, ſich ganz in's Enge zu ziehen, ich ſelbſt habe ſonſt dieſen Pavillon bewohnt, allein, mit wenigen zuverläſſi⸗ gen Dienern. Solche Einſamkeit that wohl.“ „Das kann ich mir denken,“ verſetzte Ilſe theilneh⸗ mend.„Uns kleinen Leuten aber iſt neu, ein ſo großes Weſen ſo prächtig eingefaßt zu ſehen. Schloß und Hof⸗ halt ſtehen unter den blühenden Bäumen, wie ein großer Edelſtein im Golde. Mir iſt's von Herzen lieb, daß ich Ew. Hoheit Haus und Leben jetzt ſo in der Nähe erblicke, man hat doch einen Anhalt und weiß, wie man ſich die Umgebung des gnädigſten Landesherrn denken ſoll.“ „Sie betrachten ſich alſo noch als Kind des Landes,“ ſagte der Fürſt lächelnd. „Das iſt natürlich,“ antwortete Ilſe.„Von kleinauf habe ich von Ew. Hoheit als unſerm Oberherrn gehört, ſo oft ich in die Zeitung ſah, fand ich Ew. Hoheit Na⸗ men unter den Befehlen, überall habe ich Ew. Hoheit Bild geſehen, und ſeit ich in die Kirche ging, habe ich für Ew. Hoheit Glück und Geſundheit gebetet. Das giebt ein Verhältniß, es iſt freilich einſeitig, denn Ew. Hoheit können ſich nicht um uns Alle kümmern, wir aber denken und ſorgen viel um den Landesherrn.“ „Und beſprechen ihn auch zuweilen unzufrieden,“ verſetzte der Fürſt in guter Laune. „Wie's grade kommt, gnädigſter Fürſt,“ verſetzte 4 22* — — 340— Ilſe ehrlich,„man ſpricht auch von ſeinen Nachbarn nicht immer das Beſte. Zuletzt in Ernſt und Noth kommt doch das gute Herz zum Vorſchein. Eben ſo iſt es mit dem Landesherrn, Jeder macht ſich von ihm ein Bild nach ſeinem Wiſſen und Meinen, hofft auf ihn und zürnt mit ihm, zuletzt denkt er doch daran, daß ſein Fürſt und er zu einander gehören.“ „Es wäre zu wünſchen, daß ſo billiger Sinn ſich an jedem Unterthan erwieſe,“ entgegnete der Fürſt. „Aber die Treue wankt, die perſönliche Zuneigung ſchwindet.“ „Viele wiſſen auch zu wenig von ihrem Landesherrn,“ entſchuldigte Ilſe,„wie ſoll man ihm gut werden, wenn man wenig von ihm ſieht? Denn das Sehen thut viel; wir um Roſſau haben ſelten die Ehre, unſern Fürſten mit Augen zu erblicken.“ „Die Geſinnung jener Gegend wird mir als un⸗ zuverläſſig geſchildert,“ verſetzte der Fürſt. „Wir ſitzen im Winkel, aber wir haben auch unſer Herz. Ew. Hoheit erinnern ſich kaum noch an die Mädchen von Roſſau, welche Ew. Hoheit vor ſiebzehn Jahren an der Ehrenpforte empfingen. Es waren ihrer zwanzig, mehr hatte die kleine Stadt nicht auf⸗ gebracht. Sie trugen aber alle die Landesfarben an Mieder und Rock, die Kleider mußten ſie ſich natürlich ſelbſt kaufen. Eine der Mädchen war blutarm, ſie war aber hübſch und ſollte nicht wegbleiben, da nähte ſie wochenlang vorher in der Nacht, ſich das Geld zum — 341— Kleide zu ſchaffen. Noch in ihrer letzten Krankheit, denn ſie iſt jung geſtorben, bat ſie, man möchte ihr im Sarge daſſelbe Kleid anziehen, denn der Tag war ihre größte Freude und Ehre geweſen. Ew. Hoheit aber konnten ſich damals gar nicht aufhalten, fuhren ſchnell durch die Ehrenpforte und haben vielleicht die Mädchen nicht einmal geſehen.“ Während Ilſe ſprach, warf ſie verſtohlen Semmel⸗ krumen zur Seite. Der Fürſt ſah auf ihre Hand. Ilſe entſchuldigte ſich.„Der Fink ruft ſeinem gnädigſten Landesherrn zu:„Gieb, gieb.“ Die kleinen Brodeſſer hier ſind gut gezähmt.“ „Sie werden wahrſcheinlich von der Dienerſchaft gefüttert,“ ſagte der Fürſt. „Die Thiere zu lieben iſt auch unſere Landesart,“ rief Ilſe,„und zahme Vögel ſtehen einem Herren⸗ ſchloß gut, denn hier ſoll Alles ein fröhliches Zutrauen haben.“ Dem Fürſten fiel der Handſchuh zur Erde, die loyale Ilſe bückte ſich eilig darnach, der Herr ſah einen Augenblick ſinnend auf Ilſes Kopf und Büſte. Er ſtand langſam auf.„Ich hoffe, Madame, daß auch Sie unter die Fröhlichen gehören, welche gutes Vertrauen zu dem Beſitzer dieſes Grundſtücks haben. Als Haus⸗ wirth, der ſich nach dem Befinden ſeiner neuen Mie⸗ ther erkundigt hat, wünſche ich Ihnen, daß Sie hier auch ſelbſt etwas von dem Behagen empfinden mögen, welches Sie Andern mitzutheilen wiſſen.“ Er grüßte — 342— artig zu Ilſes ehrfurchtsvoller Verneigung und ging dem Schloſſe zu. Dort erwartete ihn der Kammerherr, über das Be⸗ finden des Erbprinzen zu berichten:„Se. Hoheit iſt lei⸗ der noch genöthigt, das Bett zu hüten.“ „Er ſoll ſich ruhig pflegen,“ verſetzte der Fürſt gnädig,„und das Zimmer ja nicht zu früh verlaſſen.“ 2. Im Pavillon. Die prächtigen Irisfarben, womit Ilſe in den er⸗ ſten Tagen ihren neuen Aufenthalt geſchmückt hatte, verblichen allmälig. Wie an Stelle des Haushofmeiſters und der empfangenden Lakaien jetzt ein einzelner Diener in dunklem Rock neben Gabriel trat, ſo kleidete ſich auch alles Andere, was Ilſe umgab, Wohnung und Menſchen, in die beſcheidenen Farben gewöhnlicher Er⸗ dentage. Das war in der Ordnung und Iſſe ſagte das ſelbſt ihrem Gatten. Nur Eines war ihr nicht recht, daß ſie von ihrem Felix jetzt mehr getrennt war, als in der Stadt. Den Morgen und einen Theil des Nach⸗ mittags arbeitete er im Antikenkabinet, viele Stunden auch für ſeine eigenen Zwecke im Archiv und unter den Akten des Marſchallamtes, deren einſames Zimmer ihm bereitwillig geöffnet wurde; kam er nach Hauſe, ſo hatte er zuweilen Eile, ſich zur fürſtlichen Tafel umzukleiden, und Ilſe ſpeiſte allein. Wie gewandt der fremde Die⸗ ner die große Zahl der Schüſſeln auftrug, ihr war die einſame Mahlzeit ungewohnt und traurig. Nur die Mehrzahl der Abende verging ihr in neuer Unterhaltung, — 3414— dann hielt ein fürſtlicher Wagen vor dem Pavillon und entführte ſie mit ihrem Gatten in das Theater. Als ſie zum erſten Mal die geſchloſſene Loge nahe der Bühne betrat, freute ſie ſich des bequemen Platzes, der ihr er⸗ laubte, ungeſtört durch das Publikum der Vorſtellung zu folgen. Wenn ſie ſich in ihrer Loge zurücklehnte, ſah ſie nichts von dem Zuſchauerraum, nur den Sitz des Fürſten gegenüber. Das Theater war ſehr ſtattlich, Dekorationen und Koſtüme viel reicher, als ſie in der Univerſitätsſtadt geſehen hatte, bei der Oper einige gute Sänger. Hingeriſſen von der Aufführung merkte ſie nicht, wie neugierig das Publikum nach ihr hinſah, daß auch der Fürſt ſein Augenglas oft auf ſie richtete. Bald kam ſie zu der Anſicht, daß das Theater noch das beſte Vergnügen der Reſidenz ſei, und der Gatte hielt darauf, daß ſie dieſe Zerſtreuung nicht entbehrte, obgleich er ſelbſt vielleicht vorgezogen hätte, über ſeinen Büchern zu bleiben oder ein Aktenbündel des Archivs zu durchſuchen. In den Zwiſchenakten ſah Ilſe dann neugierig hinunter auf die Menſchen, die ihr alle fremd waren, und ſagte Fu Felix:„Hier iſt doch die einzige Gelegenheit, wo ich Jnoch Frauen in meiner Nähe habe.“ Denn in den Tagesſtunden fühlte ſie die Einſam⸗ keit. Der Vater hatte einen Geſchäftsfreund in der Stadt, ſie war gleich am erſten Tage hingegangen, aber in der Familie des kleinen Kaufmanns fand ſie Nie⸗ mand, der ihr zuſagte; ſie war nach Anweiſung des Kammerherrn mit Felix bei den Damen des Hofes um⸗ “ hergefahren ihren Beſuch zu machen, in den meiſten Häuſern war Niemand zu Hauſe geweſen und ſie hatte Karten abgegeben. Spärlich kamen die Gegenbeſuche, und es traf ſich immer, daß Ilſe, wenn ſie einmal in die Stadt oder den Schloßgarten gegangen war, bei der Heimkehr die Karte einer Dame auf dem Tiſch fand. Das war ihr gar nicht lieb, denn ſie wollte doch wiſſen, wie ſich mit den Frauen hier umgehen ließ. Zwar einige Herren des Hofes ſtellten ſich in den Morgenſtunden ein, der Kammerherr und der Hofmarſchall, aber auch die Beſuche des Kammerherrn wurden kürzer, er ſah gedrückt aus, und ſprach faſt nur von der anhaltenden Unpäßlichkeit des Erbprinzen.— Sehr begierig war Ilſe, die Prinzeſſin kennen zu lernen. Am zweiten Tage nach der Ankunft brachte der Kammerherr die Kunde, daß Ihre Hoheit Herrn und Madame Werner zu feſtgeſetzter Stunde ſehen wolle. Ilſe ſtand neben dem Gatten unter Seide und Vergol⸗ dung eines fürſtlichen Zimmers, die Thür flog auf, eine junge Dame in Halbtrauer ſchwebte herein. Ilſe er⸗ kannte auf den erſten Blick die Schweſter des Erbprin⸗ zen, eine feine zierliche Geſtalt, dieſelben Augen, nur kecker und glänzender, um den feinen Mund ein reizen⸗ des Lächeln. Die Prinzeſſin neigte gegen ſie ernſt das kleine Haupt, ſprach einige artige Worte zu ihr und wandte ſich dann zu Felix, mit dem ſie ſogleich in leb⸗ haftes Geſpräch kam. Ilſe ſah mit Bewunderung auf die leichten Bewegungen, auf den Tact, mit welchem die Prinzeß Freundliches zu ſagen wußte, ſie merkte bald, daß aus der ſchönen Hülle ein lebhafter Geiſt her⸗ vorblickte, den Antworten des Gatten folgten blitzſchnell geſcheute Einfälle der erlauchten Dame. Zum Schluß wandte ſich die Prinzeſſin wieder an Ilſe und ſagte, wie ſehr ihr Bruder bedaure, daß ſeine Krankheit ihn des Vergnügens beraube, ſie hier zu ſehen. Worte und Ton waren ſehr gütig, und doch lag etwas von Stolz und fürſtlicher Würde darin, was Ilſe weh that. Als der Profeſſor bei der Rückfahrt mit Wärme von der liebenswürdigen Dame ſprach und ausrief:„Das iſt ein ungewöhnlich klarer Geiſt, wie ihr Ausſehen iſt auch ihre innere Arbeit von elfenhafter Anmuth,“ da ſchwieg Ilſe ſtill, ſie fühlte, daß der Gatte Recht hatte, aber ihr war, als hätte die Prinzeſſin ſie ausgeſchloſſen von der Annäherung, welche ſie ihrem Felix geſtattete. In dieſer Stimmung war ihr eine Aufmerkſamkeit überraſchend und werthvoll. Seit jener Unterredung mit dem Fürſten überbrachte ihr der Hofgärtner jeden Mor⸗ gen zu derſelben Stunde eine Schüſſel der prächtigſten Blumen im Auftrage des hohen Herrn. Dabei blieb es nicht, wenige Tage darauf kam der Fürſt wieder heran, als Ilſe vor der Thür ſaß. Er frug, ob ein leiſer Windzug nicht rathſam mache, in das Haus zu treten; ſie geleitete ihn in die Zimmer, er ſaß dort nieder, forſchte angelegentlich, wie ſie ſich unterhalte, ob ſie Bekannte in der Stadt gefunden, und war ſo gütig um ihr Wohl⸗ befinden bemüht, daß Ilſe dem Gatten nach ſeiner Heim⸗ — 347— kehr ſagte:„Wie trügeriſch iſt doch die Anſicht, die man ſich über fremde Menſchen bildet. Als ich hierher kam, dachte ich mir den Herrn als einen recht hinterhaltigen Mann, und er iſt ſo freundlich und ſieht aus wie ein recht guter Hausvater. Nun— Strenge mag bei der großen Wirthſchaft hier wohl manchmal nöthig ſein.“ Das kurze Anſprechen des Fürſten wiederholte ſich. Beim nächſten Mal traf er den Profeſſor neben ſeiner Gattin. Diesmal war der Fürſt ernſter als ſonſt.„Wie waren Sie mit dem Erbprinzen zufrieden?“ frug er den Profeſſor. „Die Vortragenden rühmten ſeinen Fleiß, unter den Studenten hatte er Popularität gewonnen, man ſah ihn allgemein mit Bedauern ſcheiden.“ Der Fürſt horchte auf das Wort Popularität.„Wie hat der Prinz verſtanden ſich dieſe zu erwerben?“ „Er hat Redlichkeit und entſchiedenen Willen be⸗ wieſen, man hatte Zutrauen zu ſeinem Charakter.“ Der Fürſt ſah prüfend auf den Profeſſor und er⸗ kannte aus der ruhigen Haltung, daß dies nicht unwahre Höflichkeit war. „Die Zuneigung der Studenten hat ſich auch beim Abgange des jungen Herrn durch ein feierliches Ständ⸗ Phen bewieſen,“ fiel Ilſe ein. „Ich weiß,“ verſetzte der Fürſt,„ich nahm an, daß Weidegg dabei etwas reichlich das Seine gethan habe.“ „Es war freier Wille und warme Empfindung der Ptudentenſchaft,“ verſicherte der Gelehrte. — 348— Der Fürſt ſchwieg. „Auch uns Frauen iſt der junge Herr lieb gewor⸗ den,“ ſetzte Ilſe das Lob fort,„und in unſerm Hauſe ſahen wir traurig den Stuhl leer, auf dem Se. Hoheit an unſern Theeabenden geſeſſen hatte.“ Immer noch ſchwieg der Fürſt, endlich begann er in herbem Ton:„Was Sie mir ſagen, überraſcht mich. Ich darf Sie als Lehrer des Prinzen betrachten und zu Ihnen offener ſprechen als gegen meine Umgebung. Der Prinz iſt eine ſchwache Natur, und ich habe kein Ver⸗ trauen zu ſeiner Zukunft.“ „Bei uns machte er den Eindruck, daß hinter ſchüch⸗ terner Zurückhaltung doch Anlage zu einem wackern und charakterfeſten Weſen vorhanden ſei,“ verſetzte der Pro⸗ feſſor ehrerbietig. Ilſe dachte, daß jetzt der Augenblick ſei, dem Prin⸗ zen etwas Gutes durchzuſetzen.„Wenn ich wagen darf, vor Ew. Hoheit auszuſprechen, was auch mein Gatte denkt, der Prinz wünſchte ſich nähere Kenntniß der Land⸗ wirthſchaft; da ich auch vom Lande bin, ſo werden Ew. Hoheit mir verzeihen, wenn ich dieſe Schule unſerem theueren jungen Herrn am liebſten gönnen würde.“ „Auf dem Gut Ihres Vaters?“ frug der Fürſt kurz, „Wo es auch ſei,“ verſetzte Ilſe arglos. „Mir ſelbſt hat er nie etwas von ſolchen Wünſchen geſagt,“ ſchloß der Fürſt ſich erhebend.„In jedem Fallſe bin ich Ihnen für den Antheil dankbar, den Sie an ſehh⸗ ner Zukunft nehmen.“ 1 — 349— Er entfernte ſich mit gehaltenem Gruß zu den Ge⸗ ſchäften des Tages. Der Tag wurde hart für Alle, welche mit ihm zu thun hatten. Er ritt mit ſeinem Ad⸗ jutanten weit hinaus in eine hügelige Waldlandſchaft, wo ſeine Soldaten nach einem Nachtmarſch Felddienſt übten. Sonſt kümmerte er ſich wenig um militäriſche Einzelheiten, heut hetzte er die Leute und ſeine Adjutan⸗ ten durch plötzliche Aenderungen der Dispoſition weit umher. Als die Soldaten ermattet heimzogen, beſich⸗ tigte er noch ein entferntes Geſtüt und eine Waldpflan⸗ zung, und ſtrich ſtundenlang auf rauhen Bergwegen einher. Niemand machte es ihm zu Dank, nur Tadel und bittere Bemerkungen fielen von ſeinen Lippen. Am Abend war Hofconcert, todtmüde ſtand der Adjutant im Saale und zählte die Minuten bis zu ſeinem Rückzuge. Da forderte ihn der Fürſt, als er den Hof entließ, noch in ſein Arbeitszimmer. Hier ſetzte ſich der Fürſt auf einen Lehnſeſſel in die Nähe des Kamins und ſah in die Flamme, legte zuweilen ein Scheit an, hielt den ſilbernen Griff des Feuerhakens in der Hand, und ſchlug nach längern Pauſen mit dem eiſer⸗ nen Haken an die metallene Einfaſſung des Feuerrah⸗ mens. Unterdeß ſtand der Adjutant einige Schritt hin⸗ ter ihm, eine Stunde, zwei Stunden, einer Ohnmacht nah, erſt mitten in der Nacht erhob ſich der Fürſt und ſagte:„Sie werden müde ſein, ich will Sie nicht länger aufhalten.“ Er ſprach das mit ſanftem Tone, aber in ſeinen Augen glitzerte ein unheimlicher Schein, und der — 350— Adjutant geſtand ſpäter ſeinen nächſten Freunden, er werde den Blick nicht vergeſſen, ſo lange er lebe. „Zum dritten Mal hat der Fürſt den Pavillon be⸗ ſucht,“ berichtete der Kammerherr dem Erbprinzen, wel⸗ cher mit verhülltem Hals in ſeinem Zimmer ſaß. Der Erbprinz ſah auf das Buch nieder, das er vor ſich hin⸗ gelegt hatte.„Fühlen ſich die Gäſte wohl in ihrer Umgebung?“ 4 „Von Frau Profeſſorin möchte ich das nicht be⸗ haupten, ich fürchte, ſie geräth hier in eine ſchwierige Lage. Die auffallende Auszeichnung, welche des Fürſten Hoheit ihr zu Theil werden läßt, und gewiſſe alte Er⸗ innerungen, welche ſich an den Pavillon knüpfen—“ Der Prinz ſtand auf und ſah den Kammerherrn ſo finſter an, daß dieſer verſtummte. „Der Fürſt war heut ſehr ungnädig,“ fuhr der Kammerherr gedrückt fort.„Als ich über Ew. Hoheit Befinden berichtete, fand ich eine Aufnahme, welche nicht ermuthigend war.“ Der Erbprinz trat an das Fenſter.„Die Luft iſt mild, Weidegg, ich will verſuchen, morgen auszugehen.“ Der Kammerherr war ſehr unſicher, welche Aufnahme dieſer Entſchluß des Erbprinzen finden werde, er entfernte ſich ſchweigend. Als der Prinz allein war, riß er den Shawl von ſeiner Bruſt und warf ihn in eine Ecke.„Thor, der ich war, ich wollte ſie vor dem Geſchwätz bewahren und habe Schlimmeres herbeigeführt. Ich ſelbſt ſitze hier in — 351— der Kartauſe und der Fürſt macht ihr an meiner Statt ſeine Beſuche. Es war ein feiges Mittel. Vermag ich nicht abzuwenden, was über die Arme heraußzieht, ſo will auch ich meine Rolle in dem Stück ſpielen, das hier beginnt.“ Als der Prinz am nächſten Morgen bei ſeinem Vater eintrat, begann dieſer mit ruhiger Kälte:„Ich höre von Fremden, daß du dir Einblick in eine Land⸗ wirthſchaft erſehnt haſt. Der Wunſch iſt verſtändig. Ich will daran denken, wie du Gelegenheit erhältſt, dieſe Kenntniſſe irgendwo auf dem Lande zu erwerben. Das wird auch für deine Geſundheit vortheilhaft ſein und deiner Neigung zu poetiſchem Stillleben entſprechen.“ „Ich werde thun, was mein lieber Vater mir be⸗ fiehlt,“ antwortete der Erbprinz und verließ das Zimmer. Der Fürſt ſah ihm nach und murmelte:„Kein anderer Laut in ſeiner Kehle als feige Ergebung, ſtets dieſelbe unterwürfige Geduld. Ihm zuckte keine Miene, keine Wimper, als ich das Unwillkommene befahl. Iſt möglich, daß dieſer ſchlaffe Knabe in der Verſtellung ein Meiſter iſt, der mich und uns Alle hintergeht?“ Wenn Ilſe trotz der Auszeichnung, welche der Fürſt ihr zu Theil werden ließ, doch etwas von den dunklen Schatten ahnte, welche über dem Pavillon lagen, weit anders war die Stimmung ihres Gatten. Er lebte be⸗ reits mitten in kleinen reizvollen Unterſuchungen, zu denen ihm das Antikenkabinet Veranlaſſung gab, und die Poeſie ſeines ernſten Geiſtes arbeitete geſchäftig, ihm den Aufenthalt in der Reſidenz mit glänzendem Schein zu umziehen. Er war ein Jäger, der reine Bergluft athmend mit leichtem Schritt auf ſeinem Jagd⸗ grund ſchreitet, während um ihn der Sonnenſtrahl Moosgrund und Haidekraut vergoldet. Jetzt war für ihn die Zeit gekommen, wo in den Bereich ſeiner Hand kam, was er ſeit Jahren geträumt hatte. Zwar die neue Spur der Handſchrift blieb undeutlich. Was aus jenen Truhen geworden war, die in dem alten Briefe erwähnt wurden, war noch nicht zu ermitteln. In der Bibliothek des Fürſten, in einer Bücherſammlung der Stadt fan⸗ den ſich weder Handſchriften noch andere Bücher, welche aus der Habe des Kloſters Roſſau eingereiht ſein konn⸗ ten. Er hatte die Bekanntſchaft mit dem Oberjäger⸗ meiſter erneuert, auch dieſer wußte keinen Raum zu nennen, wo altes Jagdgeräth aufbewahrt werde. Er durchlief alte Verzeichniſſe des Marſchallamtes, nirgend waren die Kiſten zu erkennen. Aber befrendlicher blieb, daß der Name eines fürſtlichen Schloſſes Solitude auch in der Reſidenz ganz unbekannt war, kein Druckwerk, kein altes Papier enthielt den Namen. Wenn auch durch einen Brand in der Hofkanzlei viele Acten ver⸗ nichtet waren, aus dem Erhaltenen mußte ſich doch eine Kunde auffinden laſſen. Doch das Schloß war, wie aus einer alten Sage, verſchwunden und verſunken; auch außerhalb des fürſtlichen Gebietes, in angrenzender Land⸗ ſchaft haftete nirgend dieſer Name. Offenbar war er wenig — 3533 bekannt und bald mit einem andern vertauſcht worden. Wie ſeltſam aber auch dieſer Umſtand war, durch die Nachricht des Studenten hatte jener alte Brief des Be⸗ amten eine Bedeutung gewonnen, die dem Suchenden guten Erfolg wahrſcheinlich machte. Denn erſt vor wenig Jahren hatte Jemand, der von dem Werth ſolcher Nach⸗ richten nichts wußte, die Kiſte von Roſſau geſehen, ſie war nicht mehr ein täuſchendes Bild aus ferner Ver⸗ gangenheit, jeden Tag konnte ein glücklicher Zufall dar⸗ auf führen. Vorläufig nur ein Zufall. Aber wenn der Profeſſor auf das Schieferdach des fürſtlichen Schloſſes blickte und die großen Treppen hinaufſtieg, kam ihm im⸗ mer die frohe Ahnung, daß er jetzt ſeinem Funde nahe ſei. Mit Hilfe des Kaſtellans hhatte er bereits den gan⸗ zen Schloßboden durchſucht, er war unter den mächtigen Balkenlagen des alten Baues herumgeklettert wie ein Marder, und hatte alte Dachkammern geöffnet, deren Schlüſſelbart vielleicht ſeit einem Menſchenalter nicht im Schloſſe gedreht war. Er hatte nichts gefunden. Aber es gab noch handere Häuſer des Fürſten in der Stadt und Umgegend, und ſein Entſchluß ſtand feſt, in der Stille eines mach dem andern zu durchſuchen. In dieſer Zeit treibender Unruhe, wo die Phan⸗ taſie ſtets vieue Ausſichten öffnete, war ihm der Ver⸗ kehr mit gefälligen Menſchen ſehr erfreulich. Er ſelbſt innerlich, angeregt, zeigte ſich als guter Geſellſchafter und beobachtete mit heiterem Antheil das Treiben ſeiner Umgebung. Der Fürſt zeichnete ihn auffallend Freſytag, Handſchrift. II 23 6 aus, die Cavaliere waren zuvorkommend, er ſchritt ſicher und ohne Anſprüche neben ihnen dahin. Der Kammerherr berichtete dem Profeſſor, wie gut er der Prinzeſſin gefallen habe, und Felix freute ſich, daß an einem Vormittage auch ſie mit ihrer Hofdame 3 das Antikenkabinet beſuchte und um ſeine Führung bat. Als die Prinzeſſin ſich dankend entfernte, bat ſie ihn noch, ihr Bücher anzuweiſen, aus denen ſie ſich ſelbſt ein wenig über den Theil des antiken Lebens unterrich⸗ ten könne, deſſen Trümmer er ihr gewieſen, ſie erzählte ihm von einer antiken Vaſe, die ſie beſitze, und forderte ihn auf, dieſe bei ihr anzuſehn. Jetzt ſtand der Gelehrte neben der Prinzeſſin vor der aufgeſtellten Vaſe. Er erklärte ihr den Inhalt des Bildes und erzählte Einiges über altgriechiſche Töpfer⸗ arbeit. Die Prinzeſſin führte ihn in ein anderes Zimmer und wies ihm werthvolle Handzeichnungen;“ damit Sie Alles ſehen, was ich von Kunſtſachen beſitze.“ Während er dieſe anſah, begann ſie plötzlich:„Sie haben jetzt etwas von uns kennen gelernt, wie ſind Sie mit uns zufrieden?“ „Man iſt mir ſehr freundlich entgegengekommen,“ erwiederte der Profeſſor,„das thut den Selbſtgefühl wohl, mir macht Freude ein Tagesleben zu ſehn, das von dem meines Kreiſes abweicht, und Menſchen, welche anders geformt ſind.“ „Und worin finden Sie uns anders gefornat?“ frug die Prinzeſſin angelegentlich. 3 „Die Gewöhnung, ſich in jedem Augenlick ſchicklich — — — 355— . darzuſtellen und unter Andern ſeine Stellung zu be⸗ haupten, giebt den Perſonen eine leichte Sicherheit, welche ſehr wohlthuend wirkt.“ „Das wäre ein Vorzug, den wir mit jedem erträg⸗ lichen Schauſpieler theilen,“ verſetzte die Prinzeſſin. „In jedem Fall iſt es Vortheil, immer dieſelbe Rolle zu ſpielen.“ „Sie meinen, es iſt deshalb keine Kunſt, wenn wir Virtuoſität erwerben und unſere Sache beſſer machen,“ fiel die Prinzeſſin lächelnd ein,„aber darin liegt auch eine Gefahr, wir werden von klein ſo ſehr daran gewöhnt, uns angemeſſen zu erweiſen, daß unſere Aufrichtigkeit zu⸗ weilen in Gefahr kommt, wir beobachten die Wirkung unſe⸗ rer Worte, und wir denken leicht mehr an die gute Wirkung als den wahrhaften Inhalt der Reden. Ich ſelbſt, während ich mit Ihnen ſpreche, bemerke mit Vergnügen, wie ich Ihnen gefalle, ich bin auch nichts weiter als eine arme Prinzeſſin. Aber wenn Ihnen an uns die Virtuoſität im Präſen⸗ tiren der eigenen Perſon gefällt, uns zieht ebenſoſehr ein Weſen an, das ſicher in ſich ruht, ohne auf äußere Darſtellung zu achten, und wir finden vielleicht Män⸗ gel in der Form, einen kräftigen Ausdruck und derglei⸗ chen grade intereſſant, immer vorausgeſetzt, daß man uns nicht verletzt, denn darin ſind wir empfindlich. Denn wer uns auf die Dauer gefallen will, der thut gut, unſere Anſprüche jeden Augenblick zu ſchonen. Ich will nicht, daß Sie mich ſo behandeln,“ unterbrach ſie ſich,„aber ich denke dabei doch an Sie. Geſtern hörte 23*† K 5 — 356— 8 d ich, wie Sie dem Fürſten gradezu widerſprachen. Bitte, ſchonen Sie unſere Schwäche, ich möchte, daß Sie ſich recht lange bei uns gefielen.“ Der Profeſſor verneigte ſich.„Wenn ich im Wider⸗ ſpruch wärmer wurde als nöthig war, ſo bin ich einer Verſuchung unterlegen, welche Männern meines Berufes gefährlich wird. Disputiren iſt die Schwäche der Gelehrten.“ „Gut, wir rechnen mit unſeren Eigenheiten gegen einander ab. Sie aber ſind in der glücklichen Lage, ſtets friſchweg anzugreifen, wir immer in der entgegengeſetz⸗ ten, uns vorſichtig zu vertheidigen. Die große Sorge, welche uns von Jugend auf jeden Augenblick am Kleide zieht, iſt die, daß wir uns nichts vergeben. Bei Ihnen ſtreitet man ſich wahrſcheinlich ſelten um den Vorrang, ich fürchte, auch Ihnen iſt ſehr gleichgültig, welche Stufe Sie in unſerer Rangordnung einnehmen, uns iſt der⸗ gleichen große Angelegenheit, nicht nur unſerm Hof⸗ ſtaat, noch mehr uns ſelbſt. Viele von uns ſind Tage lang unglücklich, weil ſie nicht bei Tafel den Platz er⸗ halten, den ſie beanſpruchen. Mancher Beſuch unter⸗ bleibt deshalb, alte Verbindungen werden abgebrochen, und es giebt allerlei unfreundliches Gezänk hinter der Scene. Treten wir einmal klugen Leuten von Ihrer Art gegenüber, dann lachen wir wohl ſelbſt über die Schwäche, aber wenige ſind frei davon. Auch ich habe ſchon um meinen Platz bei der Tafel gefochten und mit dem Fächer Wind gemacht,“ ſetzte ſie mit muihwilligen Offenheit hinzu. „Niemand mag ſich in jedem Augenblick von den Anſchauungen ſeiner Umgebung frei erhalten,“ verſetzte artig der Profeſſor.„Vor hundert Jahren war im Le⸗ ben des Bürgers derſelbe peinliche Eifer um Rang und geſellige Bevorzugung. Bei uns iſt das anders gewor⸗ den, ſeit unſer Leben einen ſtärkern geiſtigen Inhalt erhielt. In Zukunft wird man auch bei Hof über der⸗ gleichen als veralteten Trödelkram lächeln.“ Die Prinzeß hob drohend den kleinen Finger.„Herr Werner, das ſprach wieder der Gelehrte, verbindlich war das nicht. Wir bewegen uns nicht ſo ſehr im Nach⸗ trabe der Mode und gutem Lebensart, daß wir hinter den Menſchen zurückgeblieben ſind, von denen wir uns geſellſchaftlich abſchließen.“ „Vielleicht grade deshalb,“ ſagte der Profeſſor,„weil man ſich abſchließt. Der wärmſte Herzſchlag unſerer Nation war von je in der Mitte zwiſchen oben und unten, von da aus verbreiten ſich Bildung und neue Ideen allmälig zu den Fürſten und in das Volk. Sogar Ei⸗ genthümlichkeiten und Schwächen einer Zeitbildung ſtei⸗ gen in der Regel ein halbes Menſchenalter, nachdem die Gebildeten in der Mitte des Volkes darunter gelitten haben, auf die Throne, ſie erlangen dort erſt Geltung, wenn ſie im Volke durch neue Zeitrichtung bereits über⸗ wunden ſind. Auch deshalb wird es zuweilen ſchwer, daß ſich Fürſt und Volk in ernſten Dingen verſtehen.“ „O wie haben Sie recht,“ rief die Prinzeſſin und trat näher an ihn.„Das iſt Verhängniß der Fürſten, . 358— unſer aller Unglück, daß die tüchtigſte Bildung unſerer Zeit ſelten freundlich auf uns wirkt. Die friſche Luft fehlt der Atmoſphäre, in der wir leben, wir alle ſind weich und ſtubenkrank. Was uns nahe tritt, muß ſich unſern Vorurtheilen anbequemen, und wir gewöhnen uns, die Menſchen nur nach der künſtlichen Ordnung zu ſchätzen, die wir ſelbſt für ſie erdacht. Haben Sie früher einmal mit einem unſerer großen Herren in Verbindung geſtanden?“ „Nein,“ verſetzte der Profeſſor. „Haben Sie auch niemals, was Sie geſchrieben, einem hohen Herren überſandt?“ „Ich hatte dazu keine Veranlaſſung,“ verſetzte der Profeſſor.. „Dann ſind Sie ſogar unbekannt mit der Scala von Huldbezeigungen, welche wir den Herren Gelehrten gegenüber feſtſtellen. Jetzt mache ich die ſchöne Beleh⸗ rung über Thonvaſen quitt, die ich von Ihnen erhal⸗ ten, auch ich gebe Ihnen Unterricht. Setzen Sie ſich mir gegenüber, Sie ſind jetzt mein Scholar.“ Die Prinzeß lehnte ſich in dem Seſſel zurück und zog ihr Geſicht in ernſte Falten.„Wir nehmen an, Sie ſind fromm und gut und ſchauen ehrerbietig nach dem Stiele des Reichsapfels hin, den wir in der Hand halten. Ihre erſte Sendung kommt, ein anſehnliches Buch; der Titel wird aufgeſchlagen: Ueber antike Thonvaſen.— Hm hm, wer iſt der Mann? Man er⸗ kundigt ſich ein wenig, es iſt gut, wenn bereits gedruckte — 359— Notizen über Sie zu haben ſind. Darauf anerkennende Antwort aus dem Kabinet, kurze Variation nach dem Formular Numero 1. Ihre zweite Sendung erſcheint, ein hübſcher Einband, ein angenehmer Eindruck, des⸗ halb wärmere Anerkennung in verbindlichen Ausdrücken nach Formular 2. Dritte Sendung, wieder dick, der Goldſchnitt iſt untadelhaft, das Kabinet nimmt das Buch in die Hand und erwägt. Iſt der Verfaſſer eine kleine Leuchte, ſo tritt er in das Stadium der Buſennadel, iſt er höherer Beachtung werth, durch bekannten Namen, oder was uns ſicherer iſt, durch einen Titel, ſo gelangt er in den Geſichtskreis des Ordens. Ein Orden hat Klaſſen, welche an Fremde genau nach ihrem Titel aus⸗ getheilt werden. Aber wer beharrlich iſt und nicht nach⸗ läßt, immer auf's neue zu verpflichten, der hüpft all⸗ mälig wie der Laubfroſch in Jahreszwiſchenräumen nach der Höhe.“ „Ehrerbietigen Dank für die Belehrung,“ erwie⸗ derte der Profeſſor,„es ſei mir geſtattet, in dieſem Fall das Kabinet in Schutz zu nehmen. Was ſollen die erlauchten Herren zuletzt auf gleichgültige Sendungen anders thun, zumal wenn ſie in Menge einlaufen?“ „Es war nur ein gutmüthiges Beiſpiel,“ ſagte die Prinzeſſin,„wie hübſch wir die Stufen zu unſerer Gnade nach allen Richtungen gezimmert haben. Uebrigens ſind wir bei dem, was wir den Männern ſchenken, nicht nur ar⸗ tig, ſondern auch ökonomiſch für uns ſelbſt beſorgt. Wer — 360— 3 nicht bunte Bänder zu verſchenken hat, fühlt ſich ſehr genirt. Aber,“ fuhr ſie in verändertem Ton fort,„in derſelben Weiſe iſt ein großer Theil unſerer Thätigkeit 7 auf eitlen Schein und leere Form gerichtet; und weil Hunderte ſo ſchwach und abhängig ſind, daß ſie ſich da⸗ durch anziehen laſſen, meinen wir Millionen an uns feſſeln zu können.“ 3 „Manch kleiner Vortheil wird damit erreicht,“ ver⸗ ſetzte der Profeſſor,„nur ein Irrthum iſt in der Rech⸗ nung; wer die Menſchen durch ihre Schwächen, Eitel⸗ keit und Hoffahrt an ſich bindet, der erwirbt den beſten Theil ihres Lebens doch nicht; in ruhigen Zeiten iſt dieſe befliſſene Attraction unnöthig, in der Gefahr er⸗ weiſt ſie nur die Stärke eines Str ohſeils.“ Die Prinzeß nickte eifrig mit dem Haupt.„Man weiß das auch recht gut,“ ſagte ſie vertraulich,„und man fühlt ſich gar nicht wohl und ſicher, trotz dem maſſenhaften Ausſtreuen von Huld. Was ich zu Ihnen ſage, würde meinen erlauchten Verwandten wie Hochver⸗ rath klingen, nur weil ich es ausſpreche, nicht weil ich ſo denke. Halten Sie mich nicht für einen weißen Raben, es giebt Klügere als ich, die in der Stille eben ſo ur⸗ theilen, aber wir finden uns aus den Barrieren nicht heraus, und wir klammern uns daran, obgleich wir wiſſen, daß die Stütze ſchwach iſt. Denn wie der Kolibri die Schlange, ſo betrachten wir das Antlitz, welches uns die neue Zeit entgegenhält, mit Schauder und hilfloſer . Erwartung.“ Sie erhob ſich.„Doch ich bin ein Weib und habe kein Recht, über dieſe großen Verhältniſſe mit⸗ zuſprechen. Wenn mir einmal bange wird, gebrauche ich das Vorrecht der Frauen, zu klagen, das habe ich Ihnen gegenüber reichlich gethan. Denn mir liegt ernſtlich daran, Ihnen zu gefallen, Herr Werner. Ich wünſche, daß auch Sie mich als ein Weib betrachten, welches Beſſeres verdient, als gefällige Worte und höfliche Nich⸗ tigkeiten. Gönnen Sie mir recht oft die Freude, an Ihrem Urtheil das meine zu berichtigen.“ Sie hielt dem Gelehrten mit herzlichem Vertrauen die Hand entgegen. Werner beugte ſich tief herab und verließ das Zimmer. Die Prinzeß ſah ihm fröhlich nach. Der Profeſſor trat warm von dem Geſpräch in den Pavillon und erzählte ſeiner Frau den ganzen Verlauf. „Ich habe nicht für möglich gehalten,“ rief er,„daß in Frauen dieſes Kreiſes ein ſo freies und hochſinniges Verſtändniß ihrer Stellung zu finden ſei. Das Schönſte war die heitere Unbefangenheit ihres Weſens, ein Lieb⸗ reiz, der ſich jeden Augenblick in Accent und Bewegung ausſprach. Die kleine Dame hat mich bezaubert. Ich will ihr ſogleich das Buch zurecht machen, das ſie ſich gewünſcht hat.“ Er ſetzte ſich an den Tiſch, ſtrich ge⸗ druckte Stellen an und ſchrieb Bemerkungen auf kleine Zettel, die er hineinlegte. Ilſe ſaß am Fenſter und ſah mit großen Augen auf den Gatten. Es war kein Wunder, daß die Prin⸗ zeß ihm gefiel, Ilſe ſelbſt hatte mit dem Scharfſinn einer Frau erkannt, wie fein ſie zu gewinnen wußte. Hier war eine Seele, die ſich unter dem Zwang ihres Hofes nach dem Verkehr mit einem freigebildeten Mann ſehnte, hier war ein kräftiger Geiſt, der ſich über die Vorurtheile ſeines Ranges erhob, gewandt, leicht beflü⸗ gelt, mit ſchnellem Verſtändniß. Jetzt hatte dieſe Frau einen Mann gefunden, zu dem ſie aufſehen mußte, und ſie legte mit ihrer kleinen Hand die Feſſeln um ſeine Bruſt. Es wurde dunkel im Zimmer, noch ſaß Felix, machte Zeichen und ſchrieb. Die Strahlen der Abendſonne lagen auf ſeinem Haupt, um Ilſe ſchwebten die dunk⸗ len Schatten des fremden Raumes. Im Rücken des Gatten erhob ſie ſich von ihrem Stuhl. „Er iſt gut gegen mich,“ klang es in ihr,„er liebt mich, wie man an Jemandem hängt, den man ſich ge⸗ zogen und zum Vertrauten gemacht hat. Er iſt nicht wie andere Männer, daß er meine Rechte hinwerfen wird an eine Fremde, er iſt arglos wie ein Kind und merkt nichts von der Gefahr, die ihm und mir droht. Hüte dich, Ilſe, daß du den Nachtwandler nicht weckſt.“— „Ich Thörin! welches Recht habe ich zu klagen, wenn auch einer Andern ſeine reiche Seele zu Gute kommt? Bleibt nicht genug von dem Schatz ſeines Le⸗ bens noch für mich? Nein,“ rief ſie, und ſchlang die Hände um den Hals des Gatten,„du gehörſt mir und ganz will ich dich haben.“ Der Profeſſor ſah auf, ſein erſtaunter Blick Brachit Ilſe zur Beſinnung.„Verzeih,“ ſagte ſie tonlos,„ich war in Gedanken.“ „Was haſt du, Ilſe?“ frug er gutherzig,„Deine Wange iſt heiß, biſt du krank?“ „Es wird vorübergehen, habe Geduld mit mir.“ Der Profeſſor verließ ſein Buch und beſchäͤftigte ſich ängſtlich mit ſeiner Frau.„Oeffne das Fenſter,“ bat ſie leiſe,„die Luft in dem verſchloſſenen Raume legt ſich ſchwer auf die Bruſt.“ Er war ſo herzlich um ſie bemüht, daß ſ ſie wieder heiter auf ihn ſah:„Es war eine thörichte Schwäche, Felix, ſie iſt vorüber.“ 1 3. . Zwei neue Gäſte..* Der Profeſſor ſtand mit dem Aaunerherrni im Ar⸗ beitszimmer des Fürſten. Dieſer hielt das Memorial in der Hand, welches Werner über das Antikencabinet verfaßt hatte.„Erſt hierdurch erhalte ich ein Urtheil über den Umfang des Katalogs, welchen Sie für nöthig halten. Ich bin bereit, auf Ihre Vorſchläge einzugehen, wenn Sie ſich verpflichten wollen, die oberſte Leitung der neuen Aufſtellung und des Katalogs zu übernehmen. Können Sie uns dieſen Dienſt nicht erweiſen, ſo bleibt alles wie bisher, denn nur das große Vertrauen, welches ich zu Ihnen habe, und der Wunſch, Sie in meiner Nähe zu behalten, würde mich veranlaſſen, die nöthigen Opfer zu bringen. Sie ſehen, ich mache das Unter neh⸗ men von dem Grade der Zuneigung abhängig, welchen Sie ſelbſt für dieſe Arbeit hegen.“ Der Profeſſor entgegnete, daß ſeine Anweſenheit für die erſte Einrichtung wünſchenswerth ſein möge, und daß er bereit ſei, einige Wochen darauf zu wenden. Später werde genügen, wenn er ab und zu die Fortſchritte der Arbeiten prüfe. — 365— „Damit bin ich vorläufig zufrieden,“ ſagte der Fürſt mit kurzem Bedacht,„unſer Vertrag iſt alſo geſchloſſen. Ferner aber ſehe ich, daß es darauf ankommt, einen Arbeiter zu gewinnen, welcher unter Ihrer Leitung das Detail bewältigÄt. Der Conſervator iſt dafür nicht brauchbar?“. Der Profeſſor verneinte dies. „Und können Sie mir ein ſchlagen?“ Der Profeſſor muſterte in Gedanken die älteren Mitglieder ſeines Kränzchens. Diesmal fiel dem Kammerherrn ſogleich der geeig⸗ nete Mann ein.„Würde nicht Magiſter Knips für dieſe Arbeit paſſen?“ „In der That,“ ſagte der Profeſſor,„Fleiß, Kennt⸗ niſſe, ſeine ganze Perſönlichkeit machen ihn vortrefflich geeignet. Ich glaube, daß er auf der Stelle zu haben wäre. Auch für ſeine Zuverläſſigkeit gegenüber den Werth⸗ ſtücken könnte ich bürgen. Aber ich darf dieſe Verant⸗ wortung doch nicht übernehmen, ohne Ew. Hoheit mit⸗ zutheilen, daß er einmal in ſeinem Leben durch Mangel an Vorſicht in einen widerwärtigen Handel verwickelt i Gehilfen vor⸗ wurde, der nicht mir, aber mehren ſeiner Bekannten das blatt des Tacitus. Der Fürſt hörte mit Intereſſe zu und — 366— „Ueber den Beſtand der Sammlungen erlauben die alten Verzeichniſſe augenblickliche Controlle. Sie halten den Magiſter für unſchuldig an jenem Betruge?“ „Ich halte ihn dafür,“ ſagte der Gelehrte. „Dann erſuche ich Sie, dem Mann zu ſchreiben.“ Wenige Tage darauf betrat Magiſter Knips die Reſidenz. Er trug Reiſetaſche und Hutſchachtel in eine anſpruchsloſe Herberge, hüllte ſeinen Leib auf der Stelle in die Gewänder, welche er ſelbſt gegen ſeine Mutter Lohndienertracht nannte, und ſuchte den Pavillon des Profeſſors auf. Gabriel ſah die Geſtalt von Weitem durch blühendes Geſträuch heranziehen, den Kopf auf der Schulter, den Hut in der Hand. Denn Knips erachtete für anſtändig, im Bann des fürſtlichen Schloſſes das Haupt entblößt zu tragen, und durchſchritt wie eine wan⸗ delnde Verbeugung den vornehmen Geſichtskreis. Auch der Profeſſor konnte ein Lächeln nicht bergen, als er den höfiſch zugerichteten Magiſter, glatt und duftend, mit zwei tiefen Verbeugungen vor ſich ſah.„Der Kammerherr hat Sie für dieſe Thätigkeit vorgeſchlagen, ich habe nicht widerſprochen. Denn unter der Voraus⸗ ſetzung, daß ſie Ihnen in entſprechender Weiſe honorirt wird, bietet ſie Gelegenheit zu einer großen Anſtrengung, welche Sie vielleicht für immer aus kleiner Tagesarbeit heraushebt, und welche bei pflichtgetreuer Ausführung nicht nur Einzelne von uns, ſondern die ganze Wiſſen⸗ ſchaft zu lebhaftem Dank verpflichten wird. Ihre Lei⸗ ſtung hier mag deshalb für Ihr ſpäteres Leben — 367 entſcheidend ſein. Denken Sie jede Stunde daran, Herr Magiſter, daß Sie Gewiſſenhaftigkeit und Treue nicht nur der Wiſſenſchaft, auch dem Eigenthum des Fürſten zu beweiſen haben, welcher Sie vertrauend hierher rief.“ „Hochwohlgeborner und hochverehrter Herr Pro⸗ feſſor,“ erwiederte Knips,„als ich Dero Brief durchge⸗ leſen hatte, war mir nicht zweifelhaft, daß Dero gütiges Wohlwollen mir Gelegenheit geben wollte, einen neuen Menſchen anzuziehen. Deshalb, an die Pforte eines unbekannten Lebens tretend, flehe ich tief bewegt vor Anderem um die Fortdauer von Dero guter Meinung, welche ich in treuſtem Gehorſam verdienen zu können vertraue.“. „Gut alſo,“ ſchloß der Profeſſor,„melden Sie ſich bei dem Kammerherrn.“ Schon am Tage darauf ſaß Knips vor einer Reihe antiker Lampen, den Frack durch Ueberziehärmel geſchützt, die Feder am Ohr, von Büchern der fürſtlichen Biblio⸗ thek umgeben. Er ſchlug nach, verglich, ſchrieb auf und war rüſtig in ſeiner Arbeit, als wenn er ſein Lebtag Commis in einem Nippesgeſchäft des alten Roms ge⸗ weſen wäre. Der Kammerherr meldete vor der Tafel heiter dem Prinzen:„Magiſter Knips iſt da,“ und der Prinz wiederholte zur Schweſter:„Der weiſe Knips iſt da.“ „Ah, der Magiſter,“ ſagte der Fürſt ebenfalls mit Laune. In derſelben Woche wurde der Fürſt von dem Kam⸗ merherrn in die Sammlungen bggleitet, damit Knips gelegentlich unter die Augen des Herrn geſtellt werde. ———— ————m — 368— Maus glich, welche durch ſtarke Bezauberung verhindert wird, in ihrem Loche zu verſchwinden. Der Fürſt er⸗ kannte ſogleich, was er ſubalterne Natur nannte, und das bleiche breitgedrückte Antlitz, das zurückgezogene Kinn und die wehmüthige Miene ſchienen ihn zu ergötzen. Im Begriff weiter zu gehen, wies er auf den Bücherwall, aus welchem Knips emporgeſchoſſen war:„Sie haben ſich ſchnell heimiſch gemacht, ich hoffe, daß Sie bei uns fan⸗ den, was Ihnen an Büchern unentbehrlich iſt.“ „Maßloſen Wünſchen entſagend,“ jammerte Knips in hohem Ton,„habe ich aus Allerhöchſtdero Bibliothek vieles Brauchbare zu entleihen mir in tiefſter Unterthä⸗ nigkeit geſtattet, Fehlendes aber mit Beihülfe verehrter Gönner aus den Bücherſammlungen meiner Vaterſtadt herbeizuſchaffen gewagt.“ Der Fürſt ging mit kurzem Kopfnicken weiter, Ma⸗ giſter Knips blieb in der Stellung demüthiger Hingabe ſtehen, bis der Fürſt das Zimmer verlaſſen hatte, dann ſank er auf den Stuhl zurück und ſchrieb ohne links und rechts zu ſehen, an dem angefangenen Worte wei⸗ ter. So oft der Fürſt das Zimmer betrat und verließ, ſchnellte er auf und fiel zurück, durch Ehrfurcht in einen Automaten verwandelt. „Sind Sie mit ihm zufrieden?“ frug der Fürſt den Profeſſor. „Noch über Erwarten,“ antwortete dieſer. Der Fürſt ſah neugierig auf den tiefgekrümmten Mann, dem der Angſtſchweiß ausbrach, und der jetzt völlig einer — — 369— Der Kammerherr, froh ſeiner Empfehlung, erig⸗ nerte den Fürſten, daß derſelbe Magiſter ſich auch als vortrefflichen Wappenmaler erwieſen habe und merkwür⸗ dige Kenntniſſe in Brauch und Feſtordnung der alten Höfe beſitze. Als der Fürſt den Saal verließ, ſtreifte ſein Auge vornehm über das geſenkte Haupt des Kleinen, aber Knips konnte mit dem Erfolge dieſer Vorſtellung zufrieden ſein, er war ſehr ehrerbietig und ſehr bequem für fernere Verwendung befunden. Ihm wurde ſogleich Gelegenheit, ſeine Brauchbar⸗ keit in einem außerordentlichen Fall zu beweiſen. Die Ordnung des Hofes war in allen Stücken muſterhaft, nicht am wenigſten, wenn der Fürſt eine Aufmerkſam⸗ keit zu erweiſen hatte. Ein vertrauter Kabinetsrath zog vor jedem Geburtstag, bei welchem der Fürſt durch ſein Herz zu einem Geſchenk verpflichtet war, nicht weniger vor Volksfeſten, welche die Stiftung eines ſilbernen Bechers oder andern Beweis fürſtlicher Theilnahme nothwendig machten, den Tag des Feſtes nebſt der für das Geſchenk ausgeſetzten Summe aus ſeinem Verzeichniß und ſandte die Anzeige dem Kammerherrn. Denn dieſer war mit dem ehrenvollen, aber ſchwierigen Amte beklei⸗ det, etwas Paſſendes zu wählen und anzukaufen. Bei Geburtstagen der fürſtlichen Familie hatte der Kammer⸗ herr aber nur Vorſchläge zu machen, der Fürſt entſchied ſelbſt über Geſchenke und Preiſe. Jetzt nahte der Ge⸗ burtstag der Prinzeſſin. Der Cavalier machte deshalb ihrer Kammerfrau einen Beſuch und erkundigte ſich un⸗ Freytag, Handſchrift. II. 24. —— — 370— ter der Hand, was die Prinzeſſin ſich wohl wünſche. Auf dieſem nicht ungewöhnlichen Wege wurde allerlei feſtgeſtellt, der Kammerherr fügte aus eignem Antriebe moderne Kleinigkeiten bei, darunter Vorlegeblätter zu bunten Anfangsbuchſtaben, welche grade damals in Al⸗ bum und Briefbogen gemalt wurden, denn er wußte, daß die Prinzeſſin dergleichen gewünſcht hatte. Der Fürſt wählte aus der Liſte und blieb zuletzt an den Vor⸗ legeblättern hängen.„Dieſe Pariſer Fabrikzeichnungen werden der Prinzeſſin ſchwerlich gefallen. Können Sie nicht gemalte Buchſtaben alter Pergamente von einem Zeichner copiren laſſen? Wer hat mir doch Ihren Ma⸗ giſter Knips gerühmt? Er ſoll kleine Handzeichnungen ſehr zierlich anfertigen.“ Der Kammerherr freute ſich ehrerbietig des hohen Einfalls und ſuchte den Magiſter auf; Knips verſprach, alle Buchſtaben des Alphabets nach alten Handſchriften zu malen, der Kammerherr beſorgte unterdeß die Kapſel. Als die Arbeit des Magiſters dem Fürſten vorgelegt wurde, war dieſer in der That überraſcht.„Das ſind ja ſchöne alte Miniaturen,“ rief er,„wie kommen Sie dazu?“ Jeder Buchſtabe ſtand auf altem Pergament ſo gemalt, daß, wer flüchtig zuſah, nicht erkennen mochte, ob die Arbeit alt oder neu war. Lange ſah der Fürſt auf die Blätter.„Dies iſt ein ſtaunenswerthes Talent; ſorgen Sie dafür, daß der Mann nach dem Werth ſeiner Leiſtung entſchädigt wird.“ Knips gerieth in ehrfurchtsvolles Entzücken, als ihm der — 371— Kammerherr die Zufriedenheit des Fürſten in glänzen⸗ dem Gepräge zu erkennen gab. Dabei aber blieb es nicht. Denn kurz darauf beſuchte der Fürſt das Anti⸗ kenkabinet in einer Stunde, wo Knips darin arbeitete. Der Fürſt hielt wieder vor dem Magiſter an.„Ich habe mich über die Bilder gefreut,“ ſagte er,„Sie be⸗ ſitzen eine ſeltene Virtuoſität, Auge und Urtheil durch den Schein des Alterthums zu täuſchen.“ „Allerhöchſte Gnade möge verzeihen, wenn die Nach⸗ ahmung wegen Kürze der Zeit nur unvollkommen aus⸗ fiel,“ erwiederte der gebeugte Knips. „Ich bin ſehr damit zufrieden,“ entgegnete der Fürſt und muſterte ſcharf Antlitz und Haltung des kleinen Mannes. Er fing an, dem Magiſter ein Intereſſe zu gönnen.„Es kann Ihnen nicht an Gelegenheit gefehlt haben, dieſe Kunſt in lohnender Weiſe auszuüben.“ „Allerhöchſter fürſtlicher Huld blieb vorbehalten, die geringe Fertigkeit für mich werthvoll zu machen,“ verſetzte Knips,„bis jetzt habe ich ſolche Nachbildung nur zu meinem eigenen Vergnügen geübt, oder hie und da als Scherz, um einmal Andere zu necken.“ Der Fürſt lächelte und entfernte ſich mit einer wohlwollenden Bewegung des Hauptes. Magiſter Knips war ſehr brauchbar befunden. Die Prinzeſſin ſaß an ihrem Schreibtiſch, die Feder flog in der kleinen Hand, ſie blickte zuweilen in ein Buch von gelehrtem Ausſehen und ſchrieb Stellen ab, welche 24* — — 32— ihr durch Striche bezeichnet waren. Tritte im Vorzim⸗ mer ſtörten die Arbeit, der Erbprinz trat ein, neben ihm ein Officier in fremder Uniform.„Setzt euch, Kinder,“ rief die Princeß.„Lege deinen Sarras ab, Victor, und komm zu mir. Du biſt ein hübſcher Junge geworden, man ſieht dir's an, daß du dich unter frem⸗ den Leuten behauptet haſt.“* „Man ſchlägt ſich durch,“ verſetzte Victor achſel⸗ zuckend, und ſtellte den Säbel vorſichtig in die Nähe, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte. „Sei ruhig,“ tröſtete die Princeß,„wir ſind jetzt ſicher, er hat Geſchäfte.“ „Wenn er es geſagt hat, wollen wir uns nicht darauf verlaſſen,“ verſetzte Victor.„Du biſt ernſter ge⸗ worden, Siddy, auch das Zimmer iſt verändert, Bücher und wieder Bücher,“ er ſchlug einen Titel auf.„Ar⸗ chäologie der Kunſt. Sprich, was thuſt du mit dem Zeug?“ „Man ſchlägt ſich durch,“ wiederholte Siddy achſel⸗ zuckend. „Siddy beſchützt die Wiſſenſchaft,“ erklärte der Erb⸗ prinz.„Wir haben jetzt gelehrte Theeabende, ſie läßt Stücke leſen mit vertheilten Rollen. Nimm dich in Acht, du wirſt auch daran müſſen.“ „Ich leſe nur Böſewichter,“ verſetzte Lictor,„und allenfalls Bediente.“ „Das Beiwerk iſt mein Theil,“ ſagte der Erbprinz, „das Beſte, was an mich kommt, iſt ein gutmüthiger Vater, der zuletzt ſeinen Segen giebt.“ „Er hat keinen andern Ton in ſeiner Kehle,“ ent⸗ ſchuldigte die Prinzeß,„als ruhigen Biederſinn, er pro⸗ teſtirt, wenn er mehr als vier Verſe hintereinander vor⸗ tragen ſoll, dabei entſteht noch jedesmal eine Pauſe, in der er ſich die Lorgnette zurecht rückt.“ „Sein eigentlicher Beruf iſt Paſtor,“ ſpottete Vie⸗ tor,„er würde ſeiner Gemeinde den Genuß kurzer Pre⸗ digten und eines tugendhaften Wandels verſchaf⸗ fen.“ „Höre, wenn er darin beſſer ſein ſollte als du, ſo wäre das noch kein Verdienſt. Victor, du ſtehſt bei uns in dem Ruf, immer noch ſehr unartige Streiche zu machen, und uns wird die Bekanntſchaft mit deinen Thorheiten nicht erlaſſen.“ „Verleumdung,“ rief Victor.„Ich bin bei meinem Regiment übel angeſehen wegen allzu ſchroffen Grund⸗ ſätzen.“ „Dann bewahre uns der Himmel vor einem Ein⸗ bruch deiner Kameraden. Mir iſt recht, daß du deinen Urlaub in dieſer Galeere zubringen willſt, aber ich wundere mich darüber. Du biſt frei, dir ſteht die Welt offen.“ „Ja, frei, wie eine Dohle, die aus dem Neſt ge⸗ worfen iſt,“ verſetzte Victor,„man hat doch Stunden, wo einem einfällt, daß die Garniſon nicht alle Reize einer Heimath hat.“ „Und die ſuchſt du bei uns?“ frug die Prinzeſſin. „Armer Vetter!— Aber du warſt unterdeß in Cam⸗ — 31— pagne, ich gratulire. Wir hören, du haſt dich brav ge⸗ halten.“ „Ich hatte ein gutes Pferd,“ lachte Victor. „Und du haſt die große Tour bei den Verwandten gemacht?“— „ Ich habe die Myſterien dreier Höfe durchgeleſen,“ verſetzte Victor.„Zuerſt bei der Couſine, unſchuldiger Schäferhof und reizendes Stillleben. Der Hofmarſchall trägt eine Stickerei in der Taſche, an der er unter den Damen arbeitet. Die Hofdame kommt mit ihrem Bo⸗ logneſer zum Diner und läßt ihn von der Küche füttern. Jede Woche werden zweimal Leute aus der Stadt auf Thee und Backwerk geladen. Wenn die Familie den Thee allein nimmt, wird um Haſelnüſſe geſpielt. Ich glaube, ſie werden im Herbſt vom ganzen Hofe geſam⸗ melt. Dann ging’s zum Großonkel an den Hof der ſechsfüßigen Grenadiere, ich war der kleinſte unter der Geſellſchaft, den einen Tag waren alle als Generäle co⸗ ſtümirt, den Tag darauf alle als Nimrods in Jagd⸗ röcken und Gamaſchen; heut wird exercirt, morgen ge⸗ jagt, Pulver iſt der größte Conſum des Hofes; auch das Ballet trägt, wie man ſagt, unter dem Flor Uniformen. Endlich kam der große Hof der Tante Luiſe. Alle in weißen Köpfen mit Puder, hat Jemand jüngeres Haar, ſo ſucht er es ſo ſchnell als möglich los zu werden. Abends tugendhafte Familienunterhaltung, wer mediſirt, erhält am nächſten Morgen von der Fürſtin eine Aufforderung zu Beiträgen für milde Stiftungen. Prinzeß Minna frug mich, ob ich auch fleißig zur Kirche gehe, und als ich ihr ſagte, daß ich wenigſtens mit unſerm Feldprediger regelmäßig Whiſt ſpiele, fiel ich in Verachtung; ſie tanzte den erſten Contretanz mit ihrem Bruder, ich bekam erſt den zweiten. Die Abend⸗ geſellſchaft genau nach ihren Würden aus den vier Schachteln geholt, jede in geſonderter Aufſtellung. Saal der wirklichen Geheimen, der Kammerherrn, des Kleinviehes vom Hofe, und außerdem eine Vorhölle für unvermeidliches Bürgervolk, worin Banquiers und Künſt⸗ ler der höchſten Beachtung harren.“ „Dies ſteife Weſen macht uns vor aller Welt lächer⸗ lich,“ rief der Erbprinz. Die Prinzeß und Victor lachten über den plötzlichen Eifer.„Seit wann iſt Benno roth?“ frug Victor. „Ich höre dies von ihm zum erſten Male,“ ſagte die Prinzeß. „Ein Fürſt ſoll nur Gentlemen in ſeine Geſell⸗ ſchaft laden, wer darin iſt, ſteht dem Andern gleich,“ belehrte der Erbprinz. Wieder lachten die Andern.„Wir danken für den weiſen Spruch, Profeſſor Bonbon,“ rief Siddy. „In dieſem Zimmer war's, wo wir dich als Eule anzogen, Bonbon, und wo du ſeufzend unter Siddy's Mantel ſaßeſt, als der Fürſt uns überraſchte.“ „Und wo du Strafe erhielteſt,“ verſetzte Benno, „weil du mich armen Kerl ſo verunſtaltet.“ „Mach's ihm noch einmal,“ rief Siddy. “ K „Wie du befiehlſt.“ Victor nahm ein buntes Sei⸗ dentuch, formte zwei Zipfel durch Knoten zu Ohr⸗ büſcheln und verhüllte den Kopf des Erbprinzen, der ſich das Manöver ruhig gefallen ließ. Sein ernſthaftes Geſicht mit den dunklen Augenbrauen blickte abenteuer⸗ lich aus der Hülle heraus.„Jetzt fehlt der Federrock,“ rief Siddy,„den denken wir uns dazu. Ich bin die Wachtel und Victor macht den Hahn. Ich kenne noch die Melodie, die wir uns als Kinder erdacht haben.“ Sie flog zum Flügel und fuhr über die Taſten, der Erbprinz drehte den Theaterzettel, welchen er in der Taſche trug, zu einer ſpitzen Düte und ſtöhnte hinein: „Uhü, Uhü, Frau Wachtel, ich freſſe Sie.“ Die Wachtel ſang:„Pikwerwit, alter Uhu,'s macht ſich nit.“ Und der Hahn krähte:„Kikeriki, allerliebſte Wachtel, ich liebe Sie.“ „Das iſt nie wahr geweſen, Victor,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin unter dem Spiele. „Wer weiß,“ entgegnete er,„Kikeriki.“ Das Concert war im beſten Gange, Victor ſprang auf den Teppich, ſchlug mit den Händen und krähte, der Erbprinz blies auf ſeinem Stuhle unermüdlich die Klagelaute des Uhn, Siddy bewegte ihr Köpfchen nach dem Takte, ſang ihr Pikwerwit und rief dazwiſchen: „Ihr ſeid lächerliche kleine Jungen.“ Da klopfte es leiſe, ſchnell fuhren Alle auf, der Säbel flog an ſeinen Rie⸗ men, die Wachtel war im Nu in eine vornehme Dame verwandelt. — 370— „Des Fürſten Hoheit läßt erſuchen, Höchſtdenſelben allein zu erwarten,“ meldete der eintretende Kammerdiener. „Ich wußte, daß er uns ſtören würde,“ rief Victor aufbrechend. „Hinweg ihr Kinder,“ rief Prinzeß Sidonie.„Noch einmal, mich freut's, Vetter, daß du wieder da biſt, wir drei wollen zuſammenhalten. Benno iſt brav und mein einziger Troſt. Vermeide, ſo oft der Fürſt zugegen iſt, dich mit mir zu beſchäftigen, ich nehme dir nicht übel, wenn du dich gar nicht um mich kümmerſt. Der Spion, welcher mir geſetzt wurde, iſt jetzt mein Fräu⸗ lein, die Loſſau, jedes Wort, das du in ihrer Gegen⸗ wart ſprichſt, wird zugetragen. Die Herren kennſt du, luſtiger ſind ſie nicht geworden.“ „Da iſt Benno's Kammerherr heraufgekommen,“ frug Victor,„der Fürſt ſprach heut lange mit ihm.“ „Er iſt gutmüthig, aber ſchwach,“ bemerkte der Erb⸗ prinz,„und hängt ganz von ſeiner Stelle ab. Verlaß iſt nicht auf ihn.“ „Sei diesmal hübſch artig, Victor,“ fuhr die Prin⸗ zeſſin fort,„ſei ein guter Chineſe, trage deinen Zopf regelrecht, und benimm dich genau nach den Privile⸗ gien des Knopfes, den du auf deiner Mütze führſt. Jetzt macht fort, dort hinaus, die Treppe meiner Kam⸗ merfrau hinab.“ Prinzeß Sidonie eilte dem Fürſten an die Thür des Empfangzimmers entgegen. Der Fürſt durchſchritt die Räume bis in ihre Arbeitsſtube. Er warf einen Blick in das aufgeſchlagene Buch.„Wer hat dieſe Zeichen gemacht?“ „Herr Werner hat mir die wichtigſten Stellen an⸗ geſtrichen,“ verſetzte die Prinzeſſin. „Es iſt mir lieb, daß du dieſe Gelegenheit benützeſt, dich durch einen ausgezeichneten Gelehrten fördern zu laſſen. Er iſt, wenn man von dem doctrinären Weſen abſieht, welches an dieſen Meiſtern der Bücher hängt, ein bedeutender Menſch. Ich habe den Wunſch, ihm für ſeine opfervolle Thätigkeit den Aufenthalt ſo ange⸗ nehm zu machen, als die Verhältniſſe erlauben, und ich erſuche, daß du dabei das Deine thuſt.“ Die Prinzeß verneigte ſich ſtumm, die Finger ihrer Hand ſchloſſen ſich krampfhaft zuſammen.— „Da es unmöglich iſt, ihn und ſeine Frau dem Hofe näher zu ſtellen, ſo wünſche ich, daß du die Frem⸗ den einmal zu deinen kleinen Theeabenden einladeſt.“ „Mein gnädigſter Vater wolle mir verzeihen, wenn ich nicht ſehe, wie dies geſchehen kann. Die Abendge⸗ ſellſchaft hat bis jetzt immer nur aus meinen Damen und den erſten Mitgliedern des Hofes beſtanden.“ „So ändere das,“ ſagte der Fürſt kalt,„es bleibt dir unbenommen, noch einen oder den andern von un⸗ ſern Beamten mit ihren Frauen herbeizuziehen.“ „Verzeihung, mein Vater, da dies bis jetzt niemals geſchah, würde Jedermann bemerken, daß die Aenderung nur durch die beiden Fremden veranlaßt iſt. Es muß üble Nachrede verurſachen, wenn ein zufälliger Be⸗ . — — 379— ſuch umzuwerfen vermag, was an dieſem Hofe bis zu dieſem Tage für erlaubt gehalten wurde.“ „Die Rückſicht auf unartiges Geſchwätz ſoll dich nicht abhalten,“ verſetzte der Fürſt gereizt. „Mein gnädigſter Vater möge huldvoll die Rück⸗ ſichten würdigen, welche mich verhindern etwas der⸗ gleichen zu thun. Es würde doch mir, der Frau, nicht ziemen, mich über Sitte und Brauch wegzuſetzen, welche mein Fürſt und Vater für ſich ſelbſt bindend erachtet. Du haſt geruht, Herrn Werner bei kleiner Hoftafel den Zutritt zu geſtatten, ihn würde auch ich, ohne unge⸗ wöhnlichen Anſtoß zu erregen, an meinem Theetiſch ſehn dürfen. Die Frau dagegen iſt von meinem gnädigſten Vater niemals mit dem Hofe in Verbindung gebracht. Es würde der Tochter ſchlecht anſtehen, zu wagen, was der Vater ſelbſt nicht gethan.“ „Dieſer Grund iſt ein ſchlechter Deckmantel für böſen Willen,“ erwiederte der Fürſt,„dich hindert nichts, den Hof ganz wegzulaſſen.“ „Ich kann keine Abendgeſellſchaft, und ſei ſie noch ſo klein, ohne meine Hofdamen laden,“ erwiederte die Prinzeſſin hartnäckig,„ich darf von meinen Damen nicht fordern, an ſo rückſichtslos zuſammengeladener Ge⸗ ſellſchaft Theil zu nehmen.“ „Ich werde dafür ſorgen, daß Fräulein von L Loſſau erſcheint,“ verſetzte der Fürſt in bitterem Tone,„ich be⸗ ſtehe darauf, daß du im Uebrigen nach meinem Willen thuſt.“ „Verzeihung, mein gnädigſter Vater,“ verſetzte die Prinzeſſin in großer Aufregung,„wenn ich in dieſem Fall nicht gehorche.“ „Du wagſt mir zu trotzen?“ rief der Fürſt in einem plötzlichen Ausbruch von Zorn und kam der Prin⸗ zeſſin näher, die Prinzeß erblich und trat wie zur Ab⸗ wehr hinter einen Stuhl. „Ich bin hier die einzige Dame unſeres Hauſes,“ rief ſie,„und ich habe in dieſer hohen Stellung Rück⸗ ſichten zu nehmen, von denen mich nicht der Herr die⸗ ſes Hofes, nicht mein eigener Vater entbinden kann. Führen Ew. Hoheit eine neue Hofordnung ein, ich werde mich willig fügen, was aber Ew. Hoheit heut von mir verlangen, iſt keine neue Ordnung, es iſt Unordnung, demüthigend für mich und uns Alle.“ „Freche, übermüthige Thörin,“ rief der Fürſt, ſei⸗ ner nicht mehr mächtig,„meinſt du meinen Befehlen entwachſen zu ſein, weil ich dich einmal aus meiner Hand ließ? Ich habe dich wieder hergezogen, um dich feſt⸗ zuhalten, du biſt in meiner Gewalt, keine Sclavin iſt es mehr. In dieſen Mauern gilt kein Wille, als der meine, und wenn du dich nicht beugſt, ich weiß verſtock⸗ ten Sinn zu brechen.“ Er trat drohend auf ſie zu. Die Prinzeß wich an die Wand ihres Zimmers zurück.„Ich weiß, daß ich eine Gefangene bin,“ rief auch ſie mit flammenden Blicken,„ich wußte, ſeit ich hierher zurückkehrte, daß ich in meinen Kerker trat, ich weiß, daß kein Schrei der Angſt aus dieſen Mauern dringt, und daß eine Sclavin * — 381— mehr Schutz findet unter den Menſchen, als das Kind eines Fürſten gegen den eigenen Vater. Aber in dieſem Zimmer habe ich eine Helferin, zu der ich oft flehend aufſehe, und wenn Ew. Hoheit mir jede Möglichkeit nehmen, bei Lebenden Hülfe zu ſuchen, ich rufe mir zum Schutz gegen Sie die Todten.“ Sie riß die Schnur eines Vorhangs, das lebensgroße Bild einer Dame wurde ſichtbar, in dem ſanften Antlitz ein rührender Zug von Trauer. Die Prinzeſſin wies auf das Bild und ſah ſtarr nach dem Fürſten:„Wagen Ew. Hoheit die Tochter vor den Augen ihrer Mutter zu be⸗ ſchimpfen.“ Der Fürſt fuhr zurück, ein rauher Ton drang aus ſeiner Bruſt, er wandte ſich ab und winkte mit der Hand.„Verhülle das Bild,“ ſprach er tonlos.—„Rege dich und mich nicht unnöthig auf,“ begann er mit ver⸗ ändertem Ton,„willſt du meinen Wunſch nicht erfüllen, es ſei, ich beſtehe nicht darauf.“ Er nahm ſeinen Hut vom Tiſch und fuhr in ſanfter Stimme fort:„Du biſt bei der Bürgerſchaft beliebt, das Wetter iſt ſommerwarm und verſpricht Dauer. Ich werde an deinem Geburts⸗ tage den Beamten und der Stadt ein Tagesconcert im Park veranſtalten; die Liſte der Einladungen werde ich dir durch den Oberſthofmeiſter zuſchicken. Am Abend iſt Gallatafel und Feſtoper.“ Der Fürſt ſchritt durch die Thür ohne die Tochter anzuſehen, die Prinzeſſin folgte ihm bis an das Vorzimmer, wo die Dienerſchaft ſtand. Die Prinzeſſin nachis bei der Thür eine tiefe Ver⸗ —— — 382— beugung, der Fürſt winkte ihr freundlich mit der Hand. Dann flog die Prinzeſſin in ihr Zimmer zu⸗ rück, warf ſich vor dem Bild auf den Boden und rang die Hände. Die Prinzen gingen durch den Park, die Spazier⸗ gänger grüßten und ſahen ihnen nach. Ehrbar und altbärtig rückte der Erbprinz ſeinen großen Hut, Victor fuhr leicht an die Huſarenmütze und nickte zuweilen einem hübſchen Geſichte vertraulich zu.„Alles alte Be⸗ kannte,“ begann er,„es freut einen doch, daß man hier zu Hauſe iſt.“ „Du biſt immer ein Liebling der Leute geweſen,“ ſagte der Erbprinz. „Ich habe ſie amüſirt und geärgert,“ verſetzte Vic⸗ tor lachend.„Ich fühle wie Herkules den mütterlichen Boden unter mir und bin zu jeder Miſſethat aufgelegt. Benno, ſieh nicht ſo gelangweilt aus, das leide ich nicht.“ 4 „Wenn du nur alle Tage zu derſelben Stunde mit mir ſpazieren gingſt, würdeſt du auch ſo ausſehen,“ verſetzte Benno und blieb vor einem leeren Waſſer⸗ baſſin ſtehen, worin vier kleine Bären ſaßen und nach dem Publicum ſchauten, das ihnen Brod hin⸗ abwarf. Der Erbprinz nahm aus den Häͤnden des Wärters, der mit abgezogener Mütze zu ihm trat, einige Brodſtücke und warf ſie gleichgülſtig den Bären zu. „Und wenn du auf höchſten Befehl dich alle Tage als populären Freund des llles zeigen und die — 383— dummen Bären füttern müßteſt, ſo würdeſt du die Bären auch langweilig finden.“ „Bah,“ rief Victor,„es ſteht ja nur bei dir, dieſe Mondkälber unterhaltend zu machen.“ Er ſprang mit einem Satz in den gemauerten Raum unter die Thiere, packte den erſten Bär wie einen Hammel, der zur Woll⸗ ſchur getragen wird, und warf ihn auf den zweiten, ebenſo den dritten auf den vierten. Ein greuliches Gebrumm und Ohrfeigen der Bären begann, ſie balg⸗ ten heftig miteinander, das Publicum jauchzte vor Ver⸗ gnügen.„Ihre Hand, Kamerad,“ rief der Prinz einem Zuſchauer, welcher mit lauten Aeußerungen des Bei⸗ falls dem Unfug zuſah.„Helfen Sie heraus.“ Der Angerufene, es war Freund Gabriel, hielt beide Hände herunter.„Hier, Excellenz, ſchnell, daß die Bieſter nicht in die Uniformhoſe beißen.“ Er zog den Prinzen, der ſich mit ſeinen Füßen an die Mauer ſtemmte, kräftig herauf, Bictor ſprang leichtfüßig auf den Mauer⸗ rand und gab ſeinem Beiſtand einen Schlag auf die Schulter.„Dank, Kamerad, wenn Sie einmal im Loch ſitzen, halte ich Ihnen auch die Hand entgegen.“ Das Volk ſchrie Bravo, es gab ein ehrerbietiges Ge⸗ lächter, während unten das Fauchen, Kratzen und Beißen nicht aufhörte. „Man muß Leben in die Verhältniſſe bringen,“ ſagte Victor,„wenn mich dein Vater nicht wegjagt, ſoll es in acht Tagen an eurem Hofe zugehen, wie hier in der Bärengrube.“ 1 1 4 8 — 384— „Und ich hab's unterdeß weggekriegt,“ verſetzte Benno bekümmert,„einer ſagte zum andern, wenn der doch auch ſo viel Courage hätte, und damit meinte er mich.“ „Sei ruhig, du biſt der Weiſe; vor einſichtsvollen Leuten ſetze ich deine Tugend in's helle Licht. Zunächſt erbitte ich dein Vertrauen. Welcher Dame vom Theater gönnſt du deine Aufmerkſamkeit, damit ich dir nicht in den Weg komme? Ich wünſche meine Ausſichten bei dir nicht zu ruiniren.“ „Man will an mir dergleichen durchaus nicht lei⸗ den,“ verſetzte Benno. „Nicht leiden?“ frug Victor erſtaunt.„Was iſt das wieder für eine Tyrannei? Iſt hier guter Ton ge⸗ worden, tugendhaft zu ſein? Dann gönne mir wenig⸗ ſtens eine Mittheilung, welche andere Dame aus poli⸗ tiſchen Gründen von mir nur aus der Ferne bewundert werden darf.“ „Ich glaube, daß du freie Wahl haſt,“ verſetzte Prinz Benno gedrückt.— weil mir, daß ich nicht Erbprinz bin. Was aber hat den Fürſten veranlaßt mich ſo gnädig hierher ein⸗ zuladen?“ „Wir wiſſen es nicht, auch Siddy war überraſcht.“ „Und ich Narr glaubte, ſie hätte die Hand im Spiele gehabt.“ 3 „Hätte ſie etwas dafür veſucht ſo wäre dir ſicher keine Einladung geworden.“ „Daß er mich nicht gern ſieht, iſt klar, es war ein kühler Empfang.“ „Vielleicht will er dich verheirathen.“ „Mit wem?“ frug Victor ſchnell. „Er hat dich doch veranlaßt, bei den Verwandten herumzureiſen,“ verſetzte der Erbprinz vorſichtig. „Er? durchaus nicht. Ich wurde aus einer Hand in die andere ſpedirt und überall wie ein netter Junge behandelt. Das Ganze war offenbar eine Verabre⸗ dung.“ „Vielleicht ſteckt eine unſerer großen Eheſtifterinnen dahinter,“ ſagte der Erbprinz. „Bei mir nicht, verlaß dich darauf. Ich bin bei ſämmtlichen geheimen Müttern unſeres Vaterlandes, welche die allerhöchſten Familiengefühle unter Aufſicht genommen haben, ſehr ſchlecht angeſchrieben, die rühren meinetwegen keinen Finger.“ „Wenn's alſo der Vater nicht war und Niemand anders, ſo hat's der Oberhofmeiſter gethan.“ „Sei geſegnet für dieſen Verdacht,“ rief Victor. „Wenn er mich hierher haben wollte, dann ſteht Alles gut.“ „Haſt du ihn geſprochen?“ „Ich war bei ihm, er ließ ſich ſogleich vom Feldzug erzählen und ſprach in ſeiner Art freundlich, nicht mehr als ſonſt.“ „Dann war er es, verlaß dich darauf.“ „Aber warum?“ frug Wictor,„was ſoll ich hier?“ Freytag, Handſchrift. II. 25 — 386 „Das mußt du mich nicht fragen, um mich küm⸗ mert er ſich wenig.“ „Warum lenkſt du bei jedem Seitenweg vom Pa⸗ villon ab,“ frug Victor,„habt ihr dort Fußangeln auf⸗ geſtellt? Wetter, welch prachtvolles Geſicht! Sieh du Duckmäuſer. Alſo ihr ſeid tugendhaft geworden?“ Der Erbprinz erröthete vor Zorn.„Die. Dame dort oben hat Anſpruch auf die rückſichtsvollſte Behand⸗ lung,“ ſagte er finſter. „Das iſt alſo die ſchöne Fremde,“ rief Victor. „Sie lieſt. Wenn ſie nur einen Blick herunterwerfen wollte, damit man mehr als das Profil ſähe. Wir gehn hinauf, du führſt mich ein.“. „In keinem Fall,“ verſetzte der Erbprinz,„wenigſtens jetzt nicht.“ Victor ſah ihn verwundert an.„Du weigerſt Dich mich dieſer Dame vorzuſtellen? Ich brauche dich nicht.“ Er machte ſich von ihm los. „Du biſt toll,“ rief der Erbprinz ihn zurück⸗ haltend. „Ich war nie mehr bei Sinnen,“ entgegnete Victor. Er eilte einem Baum zu, der ſeine niedrigen Aeſte in der Nähe des Fenſters emporſtreckte und kletterte mit der Behendigkeit einer Katze in die Höhe. Ilſe ſah auf, erkannte den Erbprinzen und einen aufſteigenden Offi⸗ zier und trat vom Fenſter zurück. Victor brach eine Gerte ab und berührte die S w Man hörte im Hauſe ſchellen, das Fenſter w de geöffnet, Gabriel ſah — 387— heraus.„Immer in der Luft, Excellenz?“ rief er,„was befehlen Dieſelben?“ „Richten Sie Ihrer Herrin meine ehrerbietige Bitte aus, ſie in dringender Angelegenheit nur einen Augenblick zu ſprechen.“ Ilſe erſchien mit ernſtem Geſicht am Fenſter, hinter ihr der Diener; der junge Herr hielt ſich mit einer Hand feſt und griff mit der andern grüßend an ſeine Mütze.„Ich erbitte Ihre Vergebung, gnädige Frau, daß ich dieſen ungewöhnlichen Weg wähle, mich Ihnen vorzuſtellen, mein Vetter dort unten hat mich wider meinen Willen hier heraufgeſchickt.“ „Wenn Sie hinunterfallen, mein Herr, nehmen Sie die Ueberzeugung auf den Erdboden mit, daß das Klet⸗ tern unnütz war, die Thür des Hauſes ſteht offen.“ Ilſe trat zurück, Victor verneigte ſich wieder.„Die Dame iſt ganz meiner Meinung,“ rief er ſtrafend dem Erbprinzen zu,„daß du ſehr Unrecht gethan haſt, mich von der Thür abzuſperren.“ „Es giebt nach dieſer Etourderie keinen Ausweg, als daß wir ſogleich hinaufgehen und um Entſchuldi⸗ gung bitten,“ verſetzte der Erbprinz zornig. „Das war ja grade, was ich wollte,“ rief Victor, „man muß den Menſchen nur verſtändig zureden.“ Der Erbprinz trat mit ſeinem Vetter ein, Ilſe empfing die Prinzen mit ſtummer Verbeugung. „Dies iſt derſelbe Mann,“ begann der Erbprinz, on dem ich Ihnen, gnädige Frau, bereits erzählt habe, 25* — 388 er hieß ſchon als Knabe bei denen, welche ſein Weſen kannten, Junker Eulenſpiegel.“ „Ew. Hoheit hätte es doch nicht thun ſollen,“ ver⸗ ſetzte Ilſe traurig, nich bin hier fremd und einer Miß⸗ dentung mehr ausgeſetzt als Andere.“ Sie wandte ſich an den Erbprinzen.„Es iſt das erſte Mal, daß ich Ew. Hoheit ſeit Ihrer Geneſung ſehe.“ „Ich bin in Gefahr, wieder aus Ihrer Nähe ver⸗ bannt zu werden,“ verſetzte der Erbprinz,„und Sie ha⸗ ben das gewollt.“ Ilſe ſah ihn befremdet an. „Sie haben meinem Vater den Inhalt einer Un⸗ terredung mitgetheilt, die ich einſt mit Ihnen hatte,“ fuhr der Erbprinz bekümmert fort.„Sie haben dadurch den Fürſten veranlaßt zu beſchließen, daß ich von hier auf das Land verſetzt werde.“ 3 „Ich möchte um Alles nicht, daß Ew. Hoheit von mir glaubten, ich habe ein Vertrauen verrathen. Waren die harmloſen Worte, die ich zu Ihrem Herrn Vater geſprochen, gegen Ew. Hoheit Wunſch, ſo kann ich zu meiner Entſchuldigung nur ſagen, daß ſie aus der wärmſten Empfindung für Ew. Hoheit hervorgegangen ſind.“ Der Erbprinz verneigte ſich ſchweigend. „Dies Terzett iſt nur aus Diſſonanzen zuſammen⸗ geſetzt,“ rief Victor.„Alle drei ſind wir gekränkt, jeder durch die beiden andern; am tiefſten ich, denn mich hat mein ungefälliger Couſin in die Gefahr geſetzt, gänzlich — 389— aus Ihrer Gnade zu fallen, bevor ich ſie zu gewinnen Gelegenheit hatte. Dennoch bitte ich um die Erlaubniß, mich Ihnen wieder vorzuſtellen in beſſerer Beleuchtung als mir das Baumlaub dort draußen zukommen ließ.“ Die Prinzen empfahlen ſich, im Freien ſagte Vic⸗ tor:„Ich wollte nur wiſſen, was die Frau Profeſſorin zu bedeuten hat, ich merke jetzt, daß es für mich in keinem Fall rathſam iſt, meine Ehrerbietung geräuſchvoll zu Füßen zu legen. Sei mir nicht böſe, Benno, ich bin kein Spiel⸗ verderber, kannſt du mich brauchen, ſo befiehl über mich.“ Der Erbprinz blieb ſtehen und ſah ſeinen Vetter ſo ſchmerzlich an, daß auch dieſer ernſthaft wurde.„Willſt du mir einen Dienſt erweiſen, für den ich dir dankbar ſein werde, weil ich lebe, ſo hilf dazu, daß die Bewoh⸗ ner jenes Hauſes unſere Gegend ſo ſchnell als möglich verlaſſen. Es bringt kein Glück uns nahe zu ſein.“ „Sag's ihnen doch gerade heraus, dir werden ſie mehr glauben als mir.“ „Welchen Grund ſoll ich angeben?“ frug der Erb⸗ prinz.„Es giebt nur einen, und ich bin der letzte, der ihn ausſprechen darf.“ „Die Frau ſieht wenigſtens aus, als wüßte ſie recht gut ſich ſelbſt zu berathen,“ tröſtete Victor.„Grö⸗ ßere Sorge habe ich um dich, ich ſehe, du biſt in Gefahr diesmal mit dem Fürſten zu ſehr einer Meinung zu ſein. Wirſt du nicht wenigſtens Einwürfe wagen, wenn er dich fortſchicken will?“ „Mit welchem Recht?“ frug der Erbprinz.„Er 390 iſt mein Vater, Bictor, und mein Herr. Ich bin der erſte ſeiner Unterthanen, mir ziemt es, der gehorſamſte zu ſein. So lange er mir nichts befiehlt, was gegen mein Gewiſſen iſt, bin ich verbunden ihm auf der Stelle zu gehorchen. Das iſt die Richtſchnur, die ich für mein Thun gezogen habe. Aus innerer Ueberzeugung.“ „Geſetzt aber,“ warf Victor entgegen,„ein Vater wollte ſeinen Sohn entfernen, um Andern Unheil zu brauen, denen der Sohn Antheil gönnt?“ „Ich meine, der Sohn müßte doch gehen,“ verſetzte der Erbprinz,„wie ſchwer es ihm auch wird; denn ihm ziemt nicht einmal einen Verdacht gegen den Vater in ſeiner Seele zu dulden.“ „Mehr Sohn als Prinz,“ rief Bictor,„und wir ſind am Ende, tugendhafter Benno. Ah, Bergau, wohin?“ Der angeredete Hofmarſchall verſetzte bedrängt: „Nach dem Pavillon, mein Prinz.“ „Haben Sie Näheres über den Schrecken gehört,“ frug Vietor geheimnißvoll,„den man im Schloſſe des Großonkels gehabt hat? über eine Frau oder vielmehr Erſcheinung, die in Wirklichkeit ein Geiſt war, der als Geſpenſt auftrat, mit einem Getöſe, welches als Gepolter anfing und mit einem Trauermarſch endete, Pebei die Thüren zitterten und die Kronleuchter klirrten wie ein Schellengeläut? Nichts gehört?“. 4„Nicht das Geringſte, welche Erſcheinung? wann? und wie?“ „Ich weiß durchaus nichts“ 1 e ſ etzte Victor. — 391— „Kommt Ihnen etwas zu Ohren, ſo bitte ich um Nach⸗ richt.“ Das verſprach der Hofmarſchall und eilte vor⸗ wärts. Der Hofmarſchall war in ſeinem Dienſt untadel⸗ haft, er kannte alle Tafelgedecke und Gläſer perſönlich, überflog gewiſſenhaft die Rechnungen, ſorgte für einen guten Weinkeller und verſtand gründlich die Repräſentation ſeiner Charge. Außerdem war er ein wackerer Edelmann, fromm, mit reichem Kinderſegen beglückt, aber er war nicht, was man einen großen Geiſt nennt. Dieſe letzte Eigenſchaft machte ihn bisweilen zu einem werth⸗ vollen Kämpfer des Hoflagers, denn er verfocht mit der Sicherheit eines Fanatikers den geheiligten Brauch ſeines Hofes gegen unberechtigte Anſprüche fremder Gäſte, und wurde vom Fürſteu wohl einmal als Sturm⸗ bock benutzt, um eine Mauer anzurennen, welche ein Anderer vorſichtig umging. Heut trat der Hofmar⸗ ſchall bei Ilſe ein, im Herzen unwillig über den Auf⸗ trag, den er geſchickt auszuführen befehligt war. Er traf die Franu Profeſſorin in ungünſtiger Stimmung. Die Dreiſtigkeit Vietors, der geheime Vorwurf in den Wor⸗ ten des Erbprinzen hatten ſie unzufrieden mit ſich ſelbſt gemacht, und mißtrauiſch gegen die unklaren Verhältniſſe, von welchen ſie umgeben war. Der Hofmarſchall rührte lange die Bowle um, aus welcher er einzuſchenken hatte, er drehte die Unterhaltung auf Ilſe's Heimath und ihren Vater, den er nach ſeiner Annahme einmal bei einer Thierſchau geſehen hatte.„Ein ſchönes Gut, wie man hört, ſehr reſpectabler Charakter.“ Ilſe, über jedes Lob ihrer Lieben erfreut, ging arglos auf dies Geſpräch ein und erzählte von Gütern und Nachbarn in ihrer Ge⸗ gend. Endlich begann der Hofmarſchall:„Herr Bauer iſt jeder Auszeichnung würdig; verzeihen Sie mir des⸗ halb eine Frage: Hat Ihr Vater denn niemals den Wunſch gehabt, geadelt zu werden?“ „Nein,“ verſetzte Ilſe und ſah den Hofmarſchall groß an,„wie ſollte er zu dieſem Wunſch kommen?“ „Ich enthalte mich aller Bemerkungen über die günſtigen Folgen, welche eine ſolche Erhebung für die Carriere Ihrer Geſchwiſter haben würde, ſie liegen auf der Hand. Es iſt leicht zu begreifen, daß beſcheidenes Selbſtgefühl einen Mann verhindern kann, ſich um die⸗ ſen Vorzug zu bewerben. Ich bin aber überzeugt, daß des Fürſten Hoheit auch im eigenen Intereſſe eine ſolche Verleihung gern ſehen würde. Denn die Stell⸗ ung Ihres Herrn Vaters zu meinem gnädigſten Herrn würde dadurch ſehr viel günſtiger.“ „Es iſt eine recht günſtige Stellung,“ ſagte Ilſe. „Ich darf wohl bei den perſönlichen Beziehungen, in welche Sie zu unſern hohen Herrſchaften getreten ſind, darüber offen ſprechen,“ fuhr der Hofmarſchall ſicherer fort.„Für des Fürſten Hoheit, und für uns alle würde werthvoll ſein, wenn Höchſtderſelbe bei gelegent⸗ licher Anweſenheit in jener Gegend ein Haus fände, in welchem eine gaſtliche Aufnahme möglich wäre.“ Erſtaunt unterbrach ihn Ilſe:„Ich bitte, Herr — 393— von Bergau, mir das näher auseinanderzuſetzen, ich verſtehe von dieſen Dingen gar nichts. Der Fürſt hat doch ſchon einige Mal unſer Haus mit ſeiner Anwe⸗ ſenheit beehrt.“ Der Hofmarſchall zuckte die Achſeln.„Man hat in der Noth das freundliche Anerbieten Ihres Herrn Vaters angenommen, es mußte immer ein kurzes, wie gelegentliches Abſteigen bleiben, denn wenn auch Ihr Vater ſelbſt in ſeiner amtlichen Stellung für dieſe Ehre nicht ganz ungeeignet war, ſo fehlte doch die Haus⸗ frau, welche die Honneurs des Hauſes machen konnte.“ „Ich vertrat dieſe Stelle, ſo gut ich vermochte,“ ſagte Ilſe. Der Hofmarſchall verneigte ſich.„Es hat Erwä⸗ gungen gekoſtet, wie das Frühſtück einzurichten wäre, ohne die Frauen des Hauſes zu beleidigen, und es war ſehr willkommen, daß Herr Bauer ganz davon abſah, für die Frauen eine Theilnahme daran zu verlangen. Geſtatten Sie mir endlich noch die Bemerkung, eine Standeserhöhung Ihres Vaters würde ſogar für Sie ſelbſt werthvoll ſein. Denn Ihr Herr Gemahl iſt als Gelehrter von ausgezeichneten Verdienſten ebenfalls in der Lage, daß ein angedeuteter Wunſch deſſelben ihm Rang und Stand verſchaffen könnte, welche ihn bei Hofe etabliren. Unter dieſen Vorausſetzungen aber würde ſich auch für Sie ein Zutritt bei Hofe, wenn auch mit Beſchrän⸗ kungen durchſetzen laſſen. Dem Fürſten und der Prinzeſ⸗ ſin wäre durch unſere Hofordnung Gelegenheit gegeben, — — 394— Ihnen bisweilen im Schloſſe bei Gegenwart der Char⸗ gen Zutritt zu geſtatten, zu größerem Hofball und Hof⸗ concert wären Einladungen möglich.“ Ilſe ſtand auf.„Es iſt genug, Herr Hofmarſchall, jetzt verſtehe ich. Was mein Vater thut, wenn ihm angeboten wird, wovon Sie ſprechen, glaube ich zu wiſſen, er wird lachen und das Angebotene zurück⸗ weiſen, und er wird ſagen, wenn unſer bürgerliches Haus unſerm Landesherrn nicht gut genug iſt darin einzukehren, ſo verzichten wir auf die Ehre. Ich aber habe im Zurückweiſen nicht die Ruhe, welche ich mei⸗ nem Vater zutraue, und ich ſage Ihnen, mein Herr, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß ich als Frau der hieſigen Geſellſchaft nicht für vollberechtigt gelte, ich würde keinen Fuß hierher geſetzt haben.“ Mit Mühe bezwang Ilſe den Zorn, welcher in ihr arbeitete. Der Hofmarſchall war beſtürzt und verſuchte ſich in zudeckender Rede, aber mit Frau Ilſe war nicht mehr zu verhandeln, ſie blieb ſtehen und zwang ihn dadurch zum Aufbruch. Der Profeſſor fand ſeine F Frau im dunklen Zunmer vor ſich hinbrütend.„Willſt du einen Adelsbrief haben?“ rief ſie aufſpringend,„er wird auf der Stelle für dich ausgefertigt und für den Vater auch, damit wir alle den Vorzug erhalten, volle Menſchen zu werden, mit denen die Leute im Schloß verkehren können, ohne ſich gedemüthigt zu fühlen. Es wird ihnen unbequem, daß ſie uns nur wie gelegentlich ſehn können. Ich weiß 3— ‿ jetzt, weshalb ich allein ſpeiſe, und weshalb der Fürſt in Bielſtein nicht unſere Wohnſtube betrat. Uns thut ein neuer Name noth, damit wir die Bildung und den Anſtand erhalten, welche uns würdig machen, zu Hofe zu gehen. Uns noch nicht einmal, vielleicht unſere Kinder. Kannſt du das anhören, ohne vor Scham zu erröthen, daß wir hier ſind? Sie füttern uns wie fremde Thiere, die ſie ſich aus Neugierde an⸗ ſchaffen und wohl wieder aus dem Pferch hinausjagen.“ „Holla, Ilſe,“ rief Felix,„du verwendeſt mehr Pathos als nöthig iſt. Was kümmern uns die Vorur⸗ theile der Menſchen hier? Wir ſind hergekommen, weil ſie etwas von uns begehrten, wir etwas bei ihnen ſuch⸗ ten. Hat der Fürſt nicht alles gethan, uns den Auf⸗ enthalt in der Weiſe angenehm zu machen, wie wir ſie gewohnt ſind? Wenn die Leute hier durch den Brauch, in dem ſie erzogen ſind, und durch die Sitte ihres Kreiſes veranlaßt werden, den Verkehr mit uns durch beſtimmte Formen abzugrenzen, was kümmert das uns? Wollen wir ihre Vertrauten werden und mit ihnen zu⸗ ſammenleben, wie mit unſern Freunden daheim? Sol⸗ ches Aufſchließen unſerer Seelen haben ſie ſich doch noch nicht verdient. Als wir herkamen, traten wir in ein einfaches Contractverhältniß, wir übernahmen auch die Verpflichtung, uns in ihre Lebensordnung zu fügen.“ „Und wir behielten die Freiheit, von hier zu gehen, ſobald uns dieſe Ordnung nicht mehr gefällt.“ „Ganz recht,“ verſetzte der Profeſſor,„ſobald wir ——— 4 1 — 396 einen ausreichenden Grund haben, ſie unerträglich zu finden. Ich meine, das iſt nicht der Fall. Man ver⸗ langt von uns nichts Entwürdigendes, ja man zeigt uns befliſſene Aufmerkſamkeit, was kümmert uns der Theil ihres Lebens, den ſie uns nicht geben, und den wir zu begehren weder Recht, noch Weraſfaſſunn haben.“ „Täuſche uns beide nicht,“ unſerer Stadt Jemand zu dir ſagte, du darfſt nur meine Schuhe anſehen, aber den Blick nicht bis zu meinem Geſicht erheben, du darfſt nur im Freien mit mir zu⸗ ſammen kommen, aber nicht in meinem Hauſe, ich kann nur ſtehend bei dir eſſen, aber an deinem Tiſch nieder⸗ zuſitzen verbietet mir meine Würde, was wirſt du, der du ſo ſtolz in deinem Kreiſe ſtehſt, einem ſolchen Tho— ren antworten?“ „Ich werde nach dem Grund ſeiner Befangenheit fragen, vielleicht ihn bedauern, vielleicht mich von ihm wegwenden.“ „So thu's hier,“ rief Ilſe.„Denn wir ſind ge⸗ ladene Gäſte, vor denen die Hausleute die Thür zu⸗ ſperren.“— „Ich wiederhole dir, wir ſind nicht Gäſte, welche geladen wurden, mit den Menſchen hier geſellig zu ver⸗ kehren. Ich bin zur Arbeit hergerufen, und ich habe dieſen Ruf angenommen, weil ich für meine Wiſſen⸗ ſchaft ſo Großes ſuche, daß ich weit andere Uebelſtände ertragen müßte, als etwa unbequeme Gewohnheiten des Hofes. Dies wichtige Intereſſe darf ie nicht aufs H htig . rief Ilſe.„Wenn in „ 397— Spiel ſetzen durch ein Auflehnen gegen geſellige An⸗ ſprüche, die mir nicht gefallen. Grade, weil ich ohne beſondere Ehrfurcht auf dieſe Ordnung ſehe, ſtört ſie mir nicht die Laune.“ „Es thut aber weh und macht zornig, daß Men⸗ ſchen, an deren Leben man Antheil nimmt, an ſo greu⸗ lich veraltetem Trödel hängen,“ rief Ilſe immer noch erbittert. „Das alſo iſt es?“ frug Felix.„Wir ſorgen auch um das Seelenheil der Anſpruchsvollen ſelbſt? Das läßt ſich eher hören. Nun, an jedem Privilegium hängt ein alter Fluch, der die Meiſten trifft, welche daran Theil haben. Das mag auch von den Vorrechten des Hofesgelten. Das Leben unſerer Fürſten iſt in den Bann beſtimmter Kreiſe eingeſchloſſen, Anſchauung und Vorurtheil einer Umgebung, die ſie ſich nicht frei wählen dürfen, um⸗ giebt ſie vom erſten Tage ihres Lebens bis zum letzten. Daß ſie nicht ſtärker und freier ſind, rührt zum großen Theil von der engen Atmoſphäre, in welche ſie durch die Etikette gebannt ſind. Das iſt ein Unglück nicht nur für ſie ſelbſt, iſt für uns alle ein Leiden, daß unſere Fürſten ſo häufig die bürgerliche Geſellſchaft mit en Augen eines Kammerjunkers betrachten. Dieſen Uebel⸗ ſtand mag man als Mitlebender ſchmerzlich fühlen. Und ich meine allerdings, der Kampf, welcher in unſerm Vaterlande auf verſchiedenen Gebieten entbrannt iſt, wird nicht eher mit einem guten Frieden enden, als bis die Gefahren be⸗ ſeitigt ſind, welche die alte Hofordnung der Erziehung ——— — 398— unſerer Fürſten bereitet. Auch ſcheint mir in der That, daß dieſe ſtarre Ordnung ſchon an vielen Stellen durch⸗ löchert iſt, die Zeit mag kommen, wo das Unverſtän⸗ dige darin ein Stoff für gute Laune und Satire wird. Denn die Eiikette der Höfe iſt zuletzt ein Ueberreſt aus vergangener Zeit, wie unſere Zunftverfaſſung und ähn⸗ licher veralteter Brauch. Darin haſt du Recht. Wer ſich aber perſönlich ſo ſehr reizen läßt, wie du in dieſer Stunde, der ſetzt ſich dem Argwohn aus, daß er nur deshalb zürnt, weil er ſich ſelbſt den Zutritt zu abge⸗ ſchloſſenen Kreiſen begehrt.“ Ilſe ſah ſchweigend vor ſich nieder.„Dir und mir,“ fuhr der Profeſſor fort,„geziemt bei zufälliger perſönlicher Berührung mit ſolchen Anſchauungen nur Eines: kühle Nichtachtung. Wir wünſchen im Inter⸗ eſſe unſerer Fürſten die Schranken beſeitigt, welche ihnen den Verkehr mit ihrem Volke einengen, aber wir haben durchaus nicht Wunſch und Drang, uns an die Stelle derer zu ſetzen, auf welche die Gebieter unſe⸗ res Landes jetzt ausſchließlich angewieſen ſind. Denn im Vertrauen, wir alle, deren Leben, in angeſtrengter ge⸗ ſchäftlicher Thätigkeit verläuft, wir würden in der Regel ſchlechte Geſellſchafter der Fürſten ſ ein, uns fehlt nicht nur die zierliche Sicherheit der Form, die ſich eher ge⸗ winnen ließe, auch die wohlthuende Gefügigkeit im Tagesverkehr, die Stärkeren werden leicht durch Unab⸗ hängigkeit verletzen, die Schwachen durch haltloſe Unter⸗ würfigkeit verächtlich werden. Nur die Freiheit der Wahl .— 399—. fordern wir für die Regierenden. Ein Gefühl dürfen wir aber ohne Ueberhebung bewahren, daß alle, die ſich ge⸗ ſellig von unſern Kreiſen ſcheiden, mehr verlieren als wir. Was die Herzen erwärmt, den Geiſt erhellt, muß man aus dem Volke holen. Wer ſich das ſchwer macht, der entbehrt.“. Ilſe trat zu ihm und legte ihre Hand in die ſeine. „Deshalb, Frau Ilſe,“ fuhr der Gatte heiter fort, „laß dir ruhig für dieſe wenigen Wochen gefallen, was um dich vorgeht. Käme dir einmal die Aufforderung, in Wirklichkeit Gaſt für die Geſelligkeit eines Hofes zu werden, dann magſt du vorher über deine Anſprüche in Verhandlung treten, und wenn du in ſolchem Falle ablehnſt, dann thuſt du's mit Lachen.“ „Sprichſt du ſo aus ſicherer Ruhe deiner Seele,“ frug Ilſe, und ſah den Gatten forſchend an,„oder weil dir jetzt ſehr viel daran liegt, hier zu bleiben?“ „Mir liegt alles an meiner Handſchrift,“ verſetzte der Profeſſor,„im Uebrigen entbehre ich die Ruhe we⸗ niger als du. Denn du haſt ſeit deiner Jugend und vollends im letzten Jahr mit warmer Empfindung um Perſonen dieſes Fürſtenſchloſſes geſorgt, du haſt dich in einzelnen Stunden ihnen vertraulich nahe ge⸗ fühlt und deshalb biſt du jetzt mehr verletzt als nöthig wäre.“ Ilſe nickte beſtätigend mit dem Haupt. „Halt' aus, Ilſe,“ ſuhr der Gatte herzlich fort,„denke daran, daß du frei biſt und jeden Tag davon fliegen — — 4100—. kannſt. Aber mir wäre lieb, wenn du mich nicht allein ließeſt.“ „Iſt dir das lieb, Felix?“ frug Ilſe weich. „Thörin!“ rief der Profeſſor.„Heut laſſen wir das Theater und nehmen unſere Leſeabende auf. Ich habe mitgebracht, was dir die Grillen vertreiben ſoll.“ Er trug die Lampe auf den Tiſch, ſchlug ein kleines Buch auf und begann:„Es war an einem Pfingſtentag, Nobel, der König von allen Thieren, hielt Hof“ und ſo fort.. Frau Ilſe ſaß, die Arbeit in der Hand, neben dem Gatten, wie ſonſt fiel das Licht der Lampe auf das Antlitz des Geliebten, ſie ſuchte ſpähend darin zu leſen, ob er noch gegen ſie fühle, wie ehemals; bis endlich die Frevel⸗ thaten des Fuchſes auch ihr die Lippen zum Lächeln zogen und ſie ihm das Buch aus der Hand nahm, um weiter zu leſen mit ruhigem Athem, behaglich, wie in der Heimath. „Wie geht es der kranken Frau von Bergau?“ frug am andern Morgen die Prinzeß ihr Hoffräulein, die kleine Gotlinde Thurn. „Schlecht, Hoheit, ſie hat ſich ſehr alterirt über die plötzliche Abreiſe ihres Gatten, und ihre Entbin⸗ dung wird jede Stunde erwartet.“ „Bergau iſt verreiſt? warum jetzt?“ frug die Prin⸗ zeß erſtaunt. „Der Fürſt hat ihm den Einkauf von Porzellan in einer fremden Stadt befohlen.“ ———— ———— — 4101— Die Prinzeſſin ſah bedeutſam auf die Vertraute. „Verzeihen Hoheit, daß ich es auszuſprechen wage,“ fuhr das Hoffräulein fort,„wir alle ſind empört. Bergau hat geſtern, wie man vernimmt, eine Scene mit der fremden Dame im Pavillon gehabt, heut früh hat er von des Fürſten Hoheit den Befehl erhalten unter Ausdrücken, welche jede Einwendung unmöglich machten.“ „Was hat's denn im Pavillon gegeben?“ frug die Prinzeſſin. „Das weiß man nicht,“ verſetzte das erzürnte Fräu⸗ lein.„Aus den Andeutungen Bergau's muß man ſchlie⸗ ßen, daß die Fremde Anſprüche erhoben hat, Zutritt bei Hofe gefordert und mit ihrer Abreiſe gedroht.— Die Anmaßung der Fremden iſt unleidlich, wir alle bitten, daß Hoheit die Gnade haben, unſere Rechte zu vertreten.“ „Gute Linda, ich bin für euch ein gefährlicher Bundesgenoſſe,“ verſetzte die Prinzeſſin traurig. Der Geburtstag der Prinzeſſin wurde von Hof und. Stadt gefeiert. Viele Leute trugen Feſtkleider, lange Züge 5 Gratulirender bewegten ſich nach dem Vorzimmer des Fürſtenkindes, zwei Diener hatten vollauf zu thun, Liſten und Federn darzubieten, damit die Ankommenden ihre* Namen einzeichneten. Die Prinzeß empfing am Mor⸗ gen den Hofſtaat, ſie erſchien zum erſten Mal in hellen Sarben und ſah ſchöner aus als je. In dem geöffne⸗. 1 teen Seitenzimmer ſtanden die Tiſche, welche mit Ge⸗ 3 1 Freytag, Handſchrift. II. 26 ———— ſchenken bedeckt waren, viel wurde von den Damen die prachtvolle Robe bewundert, welche der Fürſt ſeiner Tochter verſchrieben hatte, und von den Weiſen des Hofes kaum weniger die ſchöne Arbeit an den Minia⸗ turen des Magiſters. Um drei Uhr begann das Concert im Schloß⸗ garten, Herren und Frauen des Adels, der Beamten und Bürgerſchaft traten in den abgegrenzten Raum, die Damen der Prinzeſſin begrüßten und ordneten die Frauenwelt durch leiſe Winke zu einem großen Kreis, hinter welchen die Herren als dunkle Einfaſſung traten, auf der einen Seite die Familien des Hofes, auf der andern die Stadt. Die Gäſte fügten ſich mit Behen⸗ digkeit dem Zwange der mathematiſchen Linie, nur auf der Stadtſeite gab's kleine Unordnung. Der neue Stadtrath Gottlieb, ein anſehnlicher Fleiſchermeiſter, ſchob Frau und Tochter nach hinten und ſtellte ſich breitbeinig in die Vorderreihe, und es bedurfte einer Aufforderung des Hoffräuleins, um die Zurückgeſtellten hervorzuziehen.„Ich zahle die Steuern,“ ſagte der ge⸗ bändigte Gottlieb mit verlegenem Trotz zu ſeiner Um⸗ gebung, aber er begegnete auch bei ſeinen Nachbarn einem verurtheilenden Lächeln. Als Ilſe neben dem Gatten in die fremde Geſell⸗ ſchaft trat, fühlte ſie ſich durch die kalten neugierigen Blicke erſchreckt, welche von allen Seiten gegen ſie ſtachen. Hofdame, und die Baraneß machte nach kühler Begrü⸗ Der Kammerherr führte ſie zu der erſten — 203— ßung eine gehaltene Handbewegung, durch welche Ilſe an das Ende der Hoſſeite gegenüber dem Eingange ge⸗ ſtellt wurde. Pünktlich erſchienen unter Vortritt der Marſchälle die Herrſchaften, am Arme des Fürſten ſtrah⸗ lend und lächelnd die Prinzeß, hinter ihr die Prinzen. Die Kleider der Damen rauſchten wie Wellen bei dem ehrfürchtigen Niedertauchen, hinter ihnen beugte auch der Männerkreis ſeine Häupter in feierlichem Schwunge. Die Prinzeß machte die tiefe Cercleverneigung, ein Meiſter⸗ ſtück höchſter Hoftechnik, und begann ihren Rundgang. Frau Sonne ſchien warm wie im Sommer, Alles freute ſich des ſchönen Tages und des frohen Geburtstags⸗ kindes; die Prinzeß war wieder von bezaubernder Liebens⸗ würdigkeit, und erwies heut ihr Talent, ſich edel darzu⸗ ſtellen, in der gehobenen Stimmung, welche, wie man ſagt, von der Ausübung ſchöner Kunſt unzertrennlich iſt. Vor ihr bewegte ſich die Hofdame, zog Einzelne noch durch einen Wink zur Vorderreihe und nannte die Namen, welche der Prinzeß etwa fremd waren. Die Prinzeſſin hatte für Jeden ein herzliches Wort oder doch ein Kopfnicken und ſüßes Lächeln, welche das Gefühl gaben, daß man wohl beachtet ſei. Der Fürſt aber ſtand heut unter ſeinen Bürgern mit aller Behäbigkeit eines guten Hausvaters. „Eine große Zahl alter Freunde und Nachbarn,“ ſagte er dem Oberbürgermeiſter.„Ich wußte, daß dies ganz nach dem Herzen meines Kindes ſein würde. Denn es iſt für ſie nach ſchwerer Prüfungszeit wieder das erſte 1 26* — 404— Mal, daß ſie mit Vielen zuſammentrifft, welche freund⸗ lichen Antheil an ihrem Leben nehmen.“ Aber keine von allen geladenen Frauen ſah mit ſolcher Spannung auf den Cercle der Prinzeſſin, als lſe. Sie vergaß ihren Zorn über Standesvorurtheile, ſie vergaß auch das Mißbehagen, welches ihr die eigene Einſamkeit unter den fremden Frauen bereitete, und blickte unverwandt auf die junge Fürſtin. Etwas von dem Reiz, den die Huld der vornehmen Dame für die Anweſenden hatte, empfand doch auch Ilſe. Dieſe Leichtigkeit, in wenig Minuten ſo Vielen etwas Wohl⸗ thuendes von dem eigenen Weſen zu geben, war ihr ganz neu. Unruhig ſchaute ſie nach ihrem Felix zurück, auch er beobachtete mit Freude die graziöſen Bewegun⸗ gen der Prinzeſſin. Sie kam näher, Ilſe vernahm ihre Fragen und die Antworten der Glücklichen, denen ſie nähere Beachtung zu Theil werden ließ, Ilſe ſah auch, daß das Auge der Prinzeſſin flüchtig bis zu ihr hinabſtreifte und daß ſein Ausdruck ernſter wurde. Die Prinzeß hatte ſich bei einem alten Fräulein, das vor Ilſe ſtand, verweilt und angelegentlich nach dem Be⸗ finden der kranken Mutter erkundigt, jetzt ſchritt ſie langſam an Ilſe vorüber, neigte faſt unmerklich das Haupt und ſagte leiſe:„Ich höre, Sie wollen uns ver⸗ laſſen.“ Die unerwartete Frage und Kälte in Ton und Angeſicht regten den Stolz der Profeſſorin auf, unter dem Strahl ihrer großen Augen hob ſich auch die Ge⸗ —— — — 405— ſtalt der Prinzeſſin, beide wechſelten einen feindſeligen Blick, als Ilſe antwortete:„Ich bitte Ew. Hoheit um Verzeihung, wenn ich bei meinem Gatten bleibe.“ Die Prinzeß ſah auf den Profeſſor, wieder flog ein fröhliches Lachen über ihr Geſicht, ſie ſetzte ihre Wanderung fort. Auch Ilſe wandte ſich ſchnell zu ihrem Mann, er ſchaute durchaus harmlos und vergnügt in die Welt, er hatte von der kleinen Scene gar nichts gemerkt. Wohl aber der Fürſt. Denn er ſchritt quer durch den Raum auf Ilſe zu und begann:„Unter alten Be⸗ kannten begrüßen wir auch die neuen. Doch für mich und den Erbprinzen paßt der Ausdruck nicht. Denn wir ſind der Gaſtlichkeit Ihres Hauſes oft zu Dank verpflichtet geweſen, und es iſt uns beſonders werth⸗ voll, daß wir Ihnen heut den Kreis zeigen, in welchem wir heimiſch ſind. Ich bedaure, daß Ihr Herr Vater nicht unter uns iſt, ich hege warme Achtung vor ſeiner gediegenen Tüchtigkeit, und ich weiß ſeine Ver⸗ dienſte um die Landſchaft ſehr wohl zu ſchätzen. Er hat bei der landwirthſchaftlichen Ausſtellung einen Preis erhalten, richten Sie ihm meine Glückwünſche aus. Ich hoffe, ſein Beiſpiel wird für mein Land nicht verloren ſein.“ Der Fürſt verſtand gut zu machen, was ſein Hof an Ilſe verſah. Eine Profeſſorfrau hat ſtarke Bedenken gegen Hofbrauch und vornehme Anſprüche. Aber wenn denen, die ſie liebt, in feierlicher Verſammlung ein wohl⸗ verdientes Lob aus erlauchtem Munde zu Theil wird, das freut ſie doch trotz alledem. Nach der verletzenden Frage der Tochter war die glänzende Auszeichnung durch den Vater eine ſchöne Genugthuung. Ilſe ſah den Fürſten mit einem Blick inniger Dankbarkeit an, und dieſer wandte ſich jetzt freundlich zu ihrem Felix, und blieb lange vor ihm ſtehen. Als er endlich zu An⸗ vern trat, hatte die ungewöhnliche Beachtung, welche er den Fremden vor ſeinem verſammelten Volke gönnte, die landesüblichen Folgen; auch die Herren des Hofes ſchoben ſich heran und erwieſen Ilſe und dem Profeſſor von der⸗Seite ihre Aufmerkſamkeit. Ilſe ſah jetzt ruhiger in den Kreis und bemerkte, wie der Erbprinz lang⸗ ſam durch die Reihen ging und Herren und Damen nach einer geheimen ſyſtematiſchen Reihenfolge aufſuchte, dabei wohl auf dem Wege anhielt und ſein Augen⸗ glas bewegte, als ob er etwas überlege; während Prinz Victor als Komet eine durchaus unregelmäßige Bahn wandelte, deren Punkte ſich nur beſtimmen ließen, wenn man die hübſcheſten Geſichter herausſuchte. Er hatte lange mit der Tochter des Stadtrath Gottlieb geſprochen und das Fräulein zu einem Lachen gebracht, über das ſie ſelbſt ſo erſchrak, daß ſie roth wurde und ihr Taſchen⸗ tuch vor den Mund hielt; als er plötzlich neben Ilſe ſtand.„Eine ſolche Blumenausſtellung iſt luſtig,“ be⸗ gann er nachläſſig wie zu einem guten Kameraden. „Man muß freilich auch manchen ſtachligen Cactus in Kauf nehmen.“. „Für die Herrſchaften, welche mit ſo Vielen zu — 497— ſprechen haben, mag ſie doch ermüdend ſein,“ ſagte 1 Ilſe. „Glauben Sie das ja nicht,“ verſetzte Victor.„Es iſt ſüß, ſo viel Leute vor ſich zu ſehen, welche nicht muck⸗ ſen dürfen, wenn man's ihnen nicht erlaubt; für dieſen Genuß erträgt fürſtliches Blut noch größere Strapazen. Kennen Sie das Spiel: Dreh dich nicht um, der Plump⸗ ſack geht um? Dies hier iſt eine Variation, welche zum Vergnügen hoher Herrſchaften eingerichtet wurde. Nur daß die Kläpſe nicht auf dem Rücken, ſondern vorn ap⸗ plicirt werden.“ Der Kreis gerieth in Bewegung, der Fürſt bot der. Prinzeſſin den Arm und führte ſie in ein großes bunt⸗ verziertes Zelt, die Gäſte folgten, eine Schaar Lakaien bot Erfriſchungen. Darauf nahmen die Damen hinter den hohen Herrſchaften Platz, die Herren ſtanden in der Runde. Das Concert begann mit majeſtätiſchem Paukenſchlag und ging nach kurzem Verlauf, unter ra⸗ ſenden Einfällen ſämmtlicher Geigen, zu Ende. Jetzt 3 aber begrüßte die Prinzeſſin auch die Herren, dieſe aller⸗ dings mit minderer Regelmäßigkeit. Ilſe ward von 1 Fräulein von Loſſau in ein Geſpräch verflochten, die Prinzeß aber trat zu Felix Werner und that eifrige Fragen, der Profeſſor wurde warm und erklärte, die Prinzeſſin frug immer mehr, lachte und antwortete. Der dienſtthuende Obermarſchall blickte verſtohlen nach der Uhr, es war höchſte Zeit für die Damen des Hofes, ſich zum Diner umzukleiden, der Fürſt aber winkte ihm — 498— 6 zu, ſah zufrieden nach der Prinzeſſin und ſagte in beſter Laune zu ſeinem Sohn:„Heut regiert ſie, wir warten gern.“ 4 3 „Meine liebe Hoheit vergißt uns alle über den Fremden,“ flüſterte Fräulein von Thurn bekümmert dem Prinzen Victor zu. „Beruhigen Sie deshalb Ihr treues Herz, Dame Gotlinde,“ tröſtete der Prinz.„Unſre Herrin Brada⸗ mante hat ihre ſiegreichen Waffen ein langes Jahr nicht gebraucht; ſie würde heut ihre Kraft verſuchen, und wenn ſie einen Kahlkopf vor ſich hätte.“. Am nächſten Morgen ſaß die Prinzeſſin unter ihren Hofdamen, der vergangene Tag wurde beſprochen wie Brauch iſt, die Prinzeſſin bewundert, über Abweſende ein wenig geurtheilt, und über Toilette und Haltung einiger Stadtmütter Erſtaunen ausgedrückt. „Aber mit der Stadtkämmerin haben Hoheit nicht geſprochen,“ rief Gotlinde Thurn,„die arme Frau hat das als Zurückſetzung empfunden und nach dem Concert geweint.“ „Wo ſtand ſie?“ frug die Prinzeß. „Nahe bei der Fremden,“ antwortete die Thurn. „Ah, deshalb,“ rief die Prinzeß.„Wie ſieht ſie denn aus?“ 1 3„Ein rundes Frauchen mit braunen Augen und rothen Backen. Mein Bruder wohnt in ihrem Hauſe, daher kenne ich ſie. Sie verſteht ausgezeichnete Obſt⸗ kuchen zu backen.“ — 409— „Mach's gut, Linda,“ ſagte die Prinzeß,„ſage ihr etwas Freundliches von mir.“ „Darf ich ihr erzählen, daß Hoheit von ihrem gu⸗ ten Kirſchſafte gehört haben und gern einige Flaſchen davon erhalten würden? Das macht ſie überglücklich!“ Die Prinzeſſin nickte.„Die Tochter des Stadtrath Gottlieb wird eine Schönheit,“ lobte die Baronin Hall⸗ ſtein. „Prinz Victor hat alle Andern über ihr vergeſſen,“ rief die Loſſau gekränkt. „Wünſchen Sie ſich Glück, liebe Betty,“ verſetzte die Prinzeſſin ſcharf,„wenn Sie von meinem Vetter vergeſſen werden. Die Aufmerkſamkeiten des Prinzen ſind in der Regel bennruhigend für die Damen, denen er ſie zu— läßt.“ „Aber dankbar ſind wir alle,“ rief die Hallſtein, eine Dame von Muth und Charakter,„daß Ew. Hoheit gegenüber der Frau vom Pavillon den Hof vertreten haben. Die kühle Abfertigung hat allgemein gefreut.“ „Meinſt du, Wally?“ ſagte die Prinzeß nachdenkend. „Die Frau iſt ſtolz und hat mir getrotzt. Aber ich hatte ſie zuerſt verletzt und an einem Tage, wo ich im Vortheil war.“ 4. Neckereien. Das Jahr ließ ſich nach jeder Richtung leichtfertig an. Die Schnepfen waren häuslich eingerichtet, bevor die Jäger ihre Waſſerſtiefeln angelegk hatten, und die Märzbecher hatten wirklich im März geblüht. Der Mond lachte zwiſchen dem erſten und letzten Vi etel jeden Abend mit ſchief gezogenem Mund, an Höfe gannen Prinzeſſinnen mit Profeſſoren 33 verlorenen Handſchriften zu ſuchen, und in den Städten zeigten die Bürger eine ungewöhnliche Neigung zu Maitrank und zu gewagten Unternehmungen. Auch ruhige Köpfe er⸗ faßte der Taumel, Stroh und Papier wurden mächtig. Alle Welt trug nicht nur Hüte, auch Mützen von Stroh, alle Welt betheiligte ſich an Papiergeſchäften und neuen Aktien. Das Haus Hahn kam obenauf. Die Beſtellun⸗ gen der kleinen Kaufleute liefen ſo maſſenhaft ein, daß ſie gar nicht mehr ausgeführt werden konnten, in allen Winkeln des Hauſes ſaßen Mädchen und nähten Stroh⸗ bänder zuſammen, der Schwefelgeruch wurde auf der Straße und in den Nachbargärten unerträglich. r Hummel ſaß des Abends auf ſeinem umgeſtürzten Kahn, — 411— wie Napoleon auf Helena als ein überwundener Stand⸗ punkt und aufgegebener Mann. Mit zorniger Verach⸗ tung ſchaute er auf den Taumel der Menſchheit. Wie⸗ derholt forderten ihn ſeine Bekannten auf, die große Bewegung auf ſich wirken zu laſſen, Mitglied zu wer⸗ den von irgend einer Geſellſchaft, eine Bank zu grün⸗ den, Kohlen zu graben, Eiſen zu ſchmelzen. Er wies alle dieſe Zumuthungen kurz von ſich ab. Wenn er in ſeine thatloſen Werkſtätten ging, welche ſich faſt nur durch den Kampf gegen Motten erhielten, und ſein Duchlatt eine Vermuthung über die nächſten Pariſer men wagte, ſo lachte er wild und entgegnete: mir jede Muthmaßung über die Deckel, welche die Leute brauchen werden, wenn dieſer Schwin⸗ del aufhört. Wollen Sie aber durchaus die nächſte Mode wiſſen, ſo will ich ſie Ihnen andeuten. Pech⸗ kappen werden die Leute tragen. ⸗Ich wundere mich, daß Sie noch an Ihrem Pulte ſitzen. Warum machen Sie es nicht wie andere Ihrer Collegen, welche jetzt überall in den Weinhäuſern liegen?“. „Herr Hummel, das erlauben mir meine Mittel nicht,“ verſetzte der gedrückte Mann. „Ihre Mittel,“ rief Hummel,„wer frägt getzt dar⸗ nach? Schwefelhölzer ſind ſo gut wie baar Geld, die Eckenſteher machen Wechſelgeſchäfte und ſchenken einan⸗ der ihre Bruſtbilder. Warum leben Sie nicht wie der Buchhalter Knips von drüben? Als ich meiner Frau beim Italiener eine Apfelſine kaufte, ſah ich ihn in der — 4¹2— Hinterſtube ſitzen, mit einer Flaſche Champagner in Eis. Warum ſetzen Sie ſich nicht auch in's Eis in dieſer hitzigen Zeit? Es iſt Alles ein greulicher Schwindel geworden, ein Sodom und Gomorrha, das Strohfeuer brennt, aber es wird ein Ende mit Schrecken nehmen.“ Herr Hummel ſchloß ſein Comtoir und ſchritt im Zwielicht nach dem Stadtpark, wo er wie ein Geiſt an der Grenze ſeines Grundſtücks auf⸗ und abwandelte. Aus ſeinen Betrachtungen wurde er durch ein wildes Gekläff des rothen Hundes geweckt, welcher an eine um⸗ ſchattete Bank des Parks ſtürzte und wüthend in die Stiefeln und Beinkleider eines Mannes biß. Hr. mel trat näher, ein Männlein und ein F auseinander. Hummel war Weltmann genug ſich nichts merken zu laſſen, aber er zog ſich eilig in ſeinen Gar⸗ ten zurück und ſetzte dort ſeine Wanderung in Sturm⸗ ſchritt fort.„Ich hab's gewußt, ich hab's geſagt, ich habe gewarnt. Der arme Teufel.“ Dabei trat er zor⸗ nig auf den eignen Buchsbaum und vergaß die Stunde des Abendeſſens, ſo daß ſeine Frau zweimal in den Gar⸗ ten rufen mußte. Auch als er bei Tiſche ſaß, finſter und mit einem Wetter geladen, äußerte er eine ſo tiefe Menſchenverachtung, daß die Frauen bald verſtummten. Laura machte noch einen Verſuch, das Geſpräch auf die Frau Bürgermeiſterin zu bringen, welcher Hummel große Verehrung bewies, ſo oft ſie vorbei ging, aber er brach in die entſetzlichen Worte aus:„Sie iſt auch nichts Beſſeres als ein Weib.“ „Jetzt iſt's genug, Hummel,“ rief ſeine Frau,„die⸗ ſes Benehmen iſt ſehr unerfreulich, und ich muß dich erſuchen deine üble Laune nicht ſo weit zu treiben, daß ſie dich des Urtheils über weiblichen Werth beraubt. Ich kann Vieles verzeihen, aber niemals einen Frevel am Adel menſchlicher Natur.“ „Bleib mir v m 5 mit deinem menſchlichen Adel,“ verſetzte Hum nel, ſtand vom Tiſche auf, rückte heftig den Stuhl an ſeinen Platz und ſtürmte in die Nebenſtube, wo er im Halbdunkel wieder zornig auf und abſchritt; denn Gabriel lag ihm ſehr im Sinn. Allerdings war die geſellſchaftliche Stellung dieſes Man⸗ nes keine hervorragende, er war nicht Verwandter, nicht Hausbeſitzer, nicht einmal Bürger. Deshalb erwog Herr Hummel, daß eine Einmiſchung in die geheimen Gefühle deſſelben ihm ſelbſt ſchwerlich anſtehe. Aber zu dieſer Erkenntniß drang er nicht ohne Kämpfe durch. Und er vermochte die Stimme, welche in einem Winkel ſeines Herzens zu Gunſten Gabriels brummte, durchaus nicht zum Schweigen zu bringen. Unterdeß ſaßen die Frauen an dem verſtörten Tiſch. Laura ſah finſter vor ſich nieder, ihr waren ſolche Sce⸗ nen nicht neu, und ſie wurden ihr immer ſchmerzlicher. Die Mutter aber war über den unverhohlenen Zorn gegen die Frauenwelt ſehr beſtürzt und verſank unter den Wogen ſturmbewegter Gedanken. Sie kam endlich zu der Ueberzeugung, daß Hummel eiferſüchtig ſei. Das war ſehr lächerlich, und es gab durchaus keine erträg⸗ — 4114— liche Veranlaſſung zu ſolcher Leidenſchaft. Aber die Einfälle der Männer waren von je unberechenbar. Der Mime war den Tag vorher auf ihren Wunſch erſchie⸗ nen, er war ſehr unterhaltend geweſen, Braten und Wein hatten ihm vortrefflich geſchmeckt und er hatte ihr beim Abſchiede mit kühnem dramatiſchem Blick die Hand geküßt. War es möglich, daß dieſer Blick das Unheil angerichtet hatte? Jetzt ging auch Frau Hummel auf und ab, ſah im Vorbeigehen nach dem Spiegel und beſchloß als tapfere Hausfrau ihrem Mann noch heut Abend ſeine Thorheit vorzuhalten.„Geh hinauf, Laura,“ ſagte ſie leiſe zu ihrer Tochter,„ich habe mit deinem Vater allein zu ſprechen.“ 4 Laura nahm ſchweigend den Leuchter und trug ihn auf ihren Geheimtiſch, ſie ſtellte ſich an das Fenſter und ſah nach dem Nachbarhauſe hinüber, wo die Lampe des Doctors durch die Vorhänge ſchimmerte. Sie rang die Hände und rief:„Fort, fort von hier, das iſt die einzige Rettung für mich und ihn.“ Unterdeß hatte Frau Hummel das Nachtmahl ab⸗ räumen laſſen, ſie ſammelte noch einmal Muth zu der bevorſtehenden ſchweren Stunde und trat endlich an die Thür des Nebenzimmers, in welchem Herr Hummel noch immer umtobte.„Heinrich,“ begann ſie feierlich,„biſt du jetzt im Stande, den Fall, welcher dir alle Haltung geraubt hat, ruhig zu betrachten?“ „Nein,“ rief Hummel, und warf einen Stiefel an die Thür. „SIch kenne die Veranlaſſung deines Zorns,“ fuhr Frau Hnnnel fort und blickte verſchämt vor ſich nieder. „Darüber bedarf es keiner Erklärung. Es iſt möglich, daß er ſich zuweilen mit Blicken und kleinen Bemerkungen mehr herauswagt als nöthig wäre, aber er iſt doch ein talentvoller und liebenswürdiger Mann, und man muß ſcinam Beruf etwas zu gute halten.“ Er iſt ein elender Laffe,“ rief Herr Hummel und Madert den zweiten Stiefel von ſich. „Das iſt nicht wahr,“ rief Frau Hummel eifrig. „Aber wenn es wäre, Heinrich, ſelbſt wenn du ihm jede Unwürdigkeit zutrauen könnteſt, vergiß nicht, daß in dem Herzen des Weibes Stolz und Pflichtgefühl wohnen und daß dein Verdacht eine Beleidigung gegen d dieſe ſchützen⸗ den Genien wird.“ „Sie iſt eine kokette einfältige Gans,“ rief Hummel und riß ſeine Schlafſchuhe unter dem Bett hervor. Frau Hummel fuhr entſetzt zurück.„Dieſe Be⸗ handlung hat dein Weib nicht verdient. Du trittſt mit Füßen, was dir heilig ſein ſollte. Komm zu dir, ich beſchwöre dich, deine Eiferſucht bringt dich dem Wahnſinn nahe.“ „Ich eiferſüchtig auf ſolche Perſon? 2“ rief Hummel verächtlich und klopfte heftig die Aſche ſeiner Pfeife aus. „Dann müßte ich in der That verrückt ſein. Laß mich mit all dem Unſinn in Ruhe.“ Frau Hummel ergriff ihr Taſchentuch und begann zu ſchluchzen.„Er war mir manchmal eine Erheiterung, — 416— er erzählte Geſchichten, wie ich ſie in meinem Leben nie wieder hören werde, aber wenn er dich ſo aufregt, daß alle Vernunft deiner Seele ſchwindet, und du deine Frau durch die unwürdigſten Vögelnamen beſchimpfſt — ich habe manches Opfer gebracht in unſerer Ehe, auch er ſoll noch am Altar des häuslichen Friedens fallen. Nimm ihn hin, er ſoll nie wieder eingeladen werden.“** „Wer iſt Er?“ frug Hummel. „Wer ſonſt als unſer Komiker?“ „Wer iſt ſie?“ Frau Hummel ſah ihn mit einem Blick an, der unzweifelhaft machte, daß ſie ſelbſt die Dame war. „Iſt es möglich?“ rief Hummel erſtaunt.„So ſchwimmen wir Aepfel? Warum willſt du deinen Theaterhanswurſt am häuslichen Altar ſchlachten? Setze ihm lieber etwas Geſchlachtetes vor, das wird für alle Theile bequemer ſein. Sei ruhig, Philippine. Du biſt manchmal undeutlich in deinen Reden und du machſt zu viel Geklatſch, du haſt deine Theatergeſpinſte im Kopfe und du haſt deine Launen und confuſen Einfälle, aber im Uebrigen biſt du meine brave Frau, auf die ich nichts kommen laſſe, weder vor Andern, noch in meinen Gedanken. Und jetzt fahre mir nicht mehr vor dem Lichte herum, denn ich habe mich entſchloſſen und ich will ihm einen Brief ſchreiben.“ Während Frau Hummel ſich betäubt auf das Sopha ſetzte, und überlegte, ob ſie durch das Lob ihres 8 — 417— Gatten gekränkt oder beruhigt ſein dürfe, und ob ſie ſich ſelbſt närriſch getäuſcht, oder ob Heinrichs Wahnſinn nur die neue furchtbare Form der Bonhommie ange⸗ nommen habe, ſchrieb Herr Hummel wie folgt: „Mein guter Gabriel, geſtern, den 17. hujus, Abends 7 ¾ Uhr, ſah ich auf der Bank Numero 4 der Waldwieſe die Dorothee von drüben und Knips junior zuſammenſitzen. Da Speihahn attakirte, flohen ſie auseinander. Dies zur Warnung und weitern Be⸗ ſchlußfaſſung. Ich bin bereit, nach Ihrer Ordre zu verfahren. Stroh, Gabriel! Ihr affectionirter H. Hummel.“ Zu gleicher Stunde mit dieſem Schreiben flog ein Brief Lauras an Ilſe in den Pavillon. Recht kummer⸗ voll ſchrieb die treue Seele. Die kleinen Händel des Hauſes und der Nachbarſchaft kränkten ſie mehr als nö⸗ thig war, von dem Doctor ſah ſie wenig, und was ihr den bitterſten Schmerz machte, ſie hatte das letzte Lied ausgege⸗ ben, ſie wußte dem Doctor nichts mehr zu ſenden und wollte die Correſpondenz ohne Beilage fortſetzen. Verwun⸗ dert las Ilſe einen Satz, deſſen Sinn ihr nicht recht verſtändlich war.„Ich habe mir bei Fräulein Jean⸗ nette Erlaubniß ausgewirkt, einzelne Lehrſtunden in ihrer Anſtalt zu geben, ich will nicht länger ein unnützer Broteſſer ſein. Seit ich dich aus meiner Nähe verloren, iſt es um mich kalt und öde, mein einziger Troſt bleibt, daß ich wenigſtens vorbereitet bin, auch in die Fremde zu fliegen und dort die Körnchen ein⸗ Freytag, Handſchrift. II. 27 *— 418— zuſammeln, welche ich zur Friſtung meines Lebens brauche.“ „Wo iſt mein Mann?“ frug Ilſe ihr Mädchen. „Der Herr Profeſſor iſt zu Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin gegangen.“ 3 „Rufen Sie Gabriel.“. 3 „Er hat eine traurige Nachricht erhalten, er ſitzt auf ſeiner Stube.“ Gleich darauf trat der Diener mit verſthetem We⸗ ſen ein.„Was iſt geſchehen, Gabriel?“ frug Ilſe er⸗ ſchrocken. 2 „Es iſt nur in meinen eigenen Sachen,“ verſetzte Gabriel mit bebender Stimme,„es iſt keine gute Nach⸗ richt, welche mir dies Papier zugetragen hat.“ Er griff in den Rock und holte Hummels zerknitterten Brief hervor, wandte ſich ab und legte den Kopf auf das Holz des Fenſters. „Armer Gabriel,“ rief Ilſe.„Aber noch iſt eine Erklärung möglich, welche das Mädchen rechtfertigt.“ „Ich danke Ihnen für den guten Glauben, Frau Profeſſorin,“ verſetzte Gabriel feierlich,„aber dieſer Brief meldet mein Unglück. Der ihn geſchrieben hat, iſt zu⸗ verläſſig wie Gold. Ich wußte Alles, bevor ich ihn erhielt. Sie hat mir auf mein letztes Schreiben nicht geantwortet, ſie hat mir die Brieftaſche nicht geſchickt, und geſtern gegen Abend, als ich draußen umherging und grade an ſie dachte, flog neben mir eine Lerche in die Höhe und ſang mir ein Lied, das mir Gewißheit gab.“ — — 419— „Das iſt Thorheit, Gabriel, Sie dürfen nicht da⸗ durch Ihr Urtheil beſtimmen laſſen, weil Ihnen zufällig bei Dem Vögelutrübe Gedanken kommen.“ „Es war deutlich, Frau Profeſſorin,“ verſetzte Ga⸗ briel traurig.„Grade als die Lerche aufflog und ich an die Dorothee dachte, fielen mir Worte ein, die ich als Kind gehört hatte und ſeit der Zeit nicht wieder. Es iſt kein Aberglaube dabei und ich kann Ihnen den Spruch erzählen: Lerche, liebe Lerche, hoch über dem Rauch, was haſt du mir Neues zu ſagen? Dieſer Ge⸗ danke kam mir, und darauf vernahm ich ſo deutlich, als wenn mir Jemand die Antwort ins Ohr ſpräche: Zwei Verliebte ſeh' ich am Haſelſtrauch, den dritten hör' ich klagen, zwei treten über den Stein in das geweihte Haus, der dritte ſitzt allein und wiſcht ſich die Augen aus.“ Gabriel fuhr nach ſeinem Taſchentuch.„Das war eine ſichere Vorbedeutung, die Dorothee verleugnet mich.“ „Gabriel, ich fürchte, ſie war immer ein Flattergeiſt,“ rief Ilſe. „Sie hat ſelbſt ein Herz wie ein Vogel,“ entſchul⸗ digte Gabriel,„ſie iſt keine ernſte Perſon und hat die Art, Alle freundlich anzulachen. Das wußte ich. Aber, daß ſie fröhlich und ſorglos war und angenehm ſcherzte, hat ſie mir lieb gemacht. Es war ein Unglück für mich und ſie, daß ich von ihr weggehen mußte, grade, da ſie ihr Gemüth auf mich richtete und die Andern abhielt, welche hübſch gegen ſie thaten. Denn ich weiß, der 27* —— Buchhalter hatte ſchon lange ein Auge auf ſie, er hatte ihr Ausſicht gemacht, ſie zu heirathen, und das war eine beſſere Verſorgung, als ich ihr geben konnte.“ „Hier muß etwas geſchehen,“ rief Ilſe.„Wollen Sie nach der Stadt zurück und ſelbſt zum Rechten ſehen? Mein Mann wird Ihnen ſogleich die Erlaubniß geben. Vielleicht iſt es doch nicht ſo ſchlimm.“ „Für mich iſt es ſo ſchlimm, als es ſein kann, Frau Profeſſorin. Wollen Sie die Güte haben und für die Dorothee ſorgen, daß ſie nicht unglücklich wird, ſo danke ich Ihnen von Herzen. Ich will ſie nie wieder ſehen. Ja, Frau Profeſſorin, hat man Jemanden lieb, ſoll man ihn nicht allein laſſen, wenn er in Verſuchung iſt.* Ilſe verſuchte zu tröſten, aber ſie fühlte die Worte Gabriels tief in ihrem Herzen.„Der Dritte ſitzt allein,“ klagte es in ihr fort. Sie ſtand wieder allein im Saal und ſah ſcheu auf die fremden Wände. Aller Schmerz, der je in die⸗ ſem Raume eine Menſchenſeele bewegt hatte, Eiferſucht und verletzter Stolz, fieberhafte Erwartung und hoff⸗ nungsloſes Sehnen, Trauer um zerſtörtes Glück und Grauen vor der Zukunft, Schrei der Angſt und Stöh⸗ nen eines gequälten Gewiſſens, herbe Mißtöne aus fer⸗ ner Vergangenheit, längſt verhallt, zerfloſſen, verweht, ſie ſandten heut einen undeutlichen zitternden Nachklang in das argloſe Herz des Weibes.„Es iſt unheimlich hier, und wenn ich in Worte faſſen will, was mich — 4 — 421 ängſtigt, ſo verſagen ſie. Ich bin keine Gefangene, und doch umgiebt mich die Luft eines Kerkers. Der Kammerherr ließ ſich ſeit Tagen nicht ſehen, und der Prinz, der ſonſt zu mir ſprach wie zu einer Freun⸗ din, kommt ſelten, nur auf Minuten, und dann iſt es ſchlimmer, als ob er nicht da wäre. Er iſt ge⸗ drückt wie ich, und ſieht mich an, als fühlte er die⸗ ſelbe namenloſe Angſt. Und ſein Vater? Wenn er vor mich tritt, iſt er ein freundlicher Herr, dem man gut ſein könnte, und ſobald er mir den Rücken wendet, verzerren ſich vor meiner Seele die Züge ſeines Ant⸗ litzes. Es thut nicht wohl, den Großen der Erde nahe zu ſein, ſie neigen ſich einem zu, öffnen ihre Seele wie gute Freunde, und kaum fühlt man die Erhebung, daß das Höchſte einem ſo großes Anrecht gewährt, dann ziehen ſich die neckenden Geiſter plötzlich wieder in ihr unſichtbares Reich zurück, und man kümmert ſich, denkt an ſie und regt ſich auf. Solch Leben nimmt den Frieden.“ „Felix ſagt, man ſoll nicht ſorgen um dieſe Sorg⸗ loſen. Wie kann man Antheil und Sorge meiden, wenn ihrer Seele Wohlfahrt ein Segen für Alle iſt?“ „Iſt es nur darum, Ilſe,“ frug ſie,„daß die Ge⸗ danken ruhelos fliegen? Oder iſt es Stolz, bald verletzt und bald wieder geſchmeichelt, iſt es Angſt um Geliebtes, das ſie mir in der Stille entreißen wollen?“ „Weshalb bangt mir um dich, mein Felix? Warum zage ich, weil er hier ein Weib gefunden hat, das ſeinem — 422— Geiſte ebenbürtig iſt? Bin ich es nicht auch? An ſeinem Licht bin ich heraufgewachſen, ich bin nicht mehr die unwiſſende Landfrau, die er ſich einſt von den Heer⸗ den geholt hat. Fehlt mir auch der lockende Reiz der vornehmen Dame, was kann ſie ihm mehr geben als ich? Er iſt kein Knabe und er weiß, daß ich jede Stunde nur für ihn lebe. Ich verachte euch, ihr kläglichen Bil⸗ der, wie habt ihr Zugang zu meiner Seele gefunden? Ich bin keine Gefangene dieſer Wände, und wenn ich hier weile, wo ihr Macht habt über die Menſchen, ich bleibe um ſeinetwillen. Man ſoll nicht verlaſſen, den man liebt, das Wort iſt auch für mich geſprochen. Aber meines Vaters Kind ſitzt nicht kläglich in der Kammer und wiſcht ſich die Augen, wenn der Geliebte auch einmal mit einer Prinzeſſin unter dem Haſelſtrauch ſitzt.“ Gabriel ſchlich in einem abgelegenen Theil der Anlagen dahin, da fühlte er einen Schlag auf der Schulter, Prinz Victor ſtand hinter ihm.„Freund Gabriel?“„Zu Befehl, Hoheit.“„Wo gedient?“ „Blaue Huſaren.“„Gut,“ nickte der Prinz,„wir ſind ooon derſelben Waffe. Ich höre, Sie ſind ein zuverläſſi⸗ ger Burſch. Wo fehlt's Ihnen?“ Er zog ſeine Börſe heraus.„Wir theilen, nehmen Sie, was Sie brauchen.“ Gabriel ſchüttelte den Kopf. „Dann ſind die Weiber ſchuld,“ rief der Prinz, „das iſt ſchlimmer. Iſt ſie ſtolz?“ Gabriel verneinte. „Iſt ſie ungetreu?“ Der arme Burſch wandte ſich ab. — 1723— „Bei den Eltern bin ich leider ein ſchlechter Für⸗ ſprecher,“ ſagte der Prinz theilnehmend,„das Geſchlecht der Väter gönnt mir wenig Zutrauen. Wenn's aber gilt, einem Mädchen in's Gewiſſen zu reden, dann ru— fen Sie mich.“ „Ich danke für den guten Willen, Hoheit, mir iſt nicht zu helfen. Das muß hinunter gearbeitet werden.“ Er wandte ſich wieder ab.“ „Pfui, Kamerad, haben Sie den Soldatenſpruch vergeſſen: Alle gern haben, Eine lieben, ſich um Keine grämen? Wird ja einmal das Herz ſchwer, ſo muß man nicht allein umherlaufen, wie Sie thun. In Er⸗ mangelung eines andern Gefährten nehmen Sie vor⸗ läufig mit mir vorlieb.“. „Das iſt zu viel Ehre,“ ſagte der arme Gabriel, nach der Mitze greifend. Der Prinz hatte ihn während dieſer Reden von dem offenen Wege abgeführt in ein dichtes Gebüſch, er ſetzte ſich jetzt auf die Wurzel eines alten Baumes und wies mit einer Handbewegung Gabriel an den nächſten Stamm. „Hier liegen wir im Verſteck, Sie ſehen dort hi⸗ naus, ich hier auf den Weg, daß uns Niemand über⸗ raſcht. Wie gefällt Ihnen Ihr Quartier? Haben Sie gute Bekannte gefunden?“ „Ich meine, es iſt klug, hier Niemandem zu trauen,“ antwortete Gabriel vorſichtig. „Nun,“ verſetzte der Prinz,„ich bin nicht von hier, — 1424— ich habe nichts dagegen, wenn Sie mit mir eine Aus⸗ nahme machen. Nehmen Sie an, wir ſäßen im Felde, an demſelben Feuer und tränken aus einer Feldflaſche. Sie haben Recht, es iſt hier nicht Alles ſo ſicher wie es ausſieht. Das nächtliche Rumoren im Schloſſe ge— fällt mir auch nicht. Sie haben davon gehört?“ Gabriel beſtätigte lebhaft.„In ſolchem altem Schloß,“ fuhr der Prinz behaglich fort,„ſind manche Thüren, die Wenige kennen, vielleicht auch Gänge in der Wand. Ob's Geiſter ſind oder etwas Anderes, wer weiß es. Das ſchleicht daher und kommt auf einmal hervor, wo man nicht dran denkt, und wenn man grade ſein Nachthemd angezogen hat, öffnet ſich eine geheime Thür, oder eine Diele des Fußbodens ſteigt in die Höhe, und eine ver⸗ dammte Erſcheinung ſchwebt herauf, räumt ab, was auf den Tiſchen iſt, und ehe man ſich beſinnt, iſt's wieder verſchwunden.“ „Wer's leidet, Hoheit,“ verſetzte Gabriel tapfer. „Ja, wer ſich zur Wehr ſetzen könnte,“ lachte der Prinz,„es ſtreckt die Hand aus und man iſt unbeweg⸗ lich, es hält dem Schlafenden einen Schwamm vor die Naſe und er erwacht nicht.“ Gabriel horchte hoch auf. „Die Leute erzählen, auch in Ihrem Pavillon ſoll's nicht geheuer ſein,“ fuhr der Prinz fort.„Es wäre doch gut, wenn ein ſicherer Mann einmal in der Stille Alles durchſuchte. Findet man einen Zugang, der nicht in Ordnung iſt, ſo ſperrt man ihn mit einer Schraube — 1425— oder mit einem Riegel zu. Es iſt freilich unſicher, ob man etwas findet. Denn dergleichen Teufelswerk iſt ſchlau angebracht.“ Er winkte bedeutſam zu Gabriel, der geſpannt auf ihn ſtarrte. „Das iſt nur ein Gedanke von mir,“ ſagte der Prinz,„wenn aber ein Soldat in fremdem Quartier liegt, ſo ſieht er ſich nach einer Sicherheit um für die Zeit, wo ſeine Leute ſchlafen.“ „Ich verſtehe Alles,“ verſetzte Gabriel leiſe. „Man muß Andern nicht unnöthige Angſt machen,“ fuhr der Prinz fort.„Aber in der Stille thut man ſeine Pflicht als braver Junge. Ich ſehe, das ſind Sie.“ Der Prinz erhob ſich von ſeiner Baumwurzel.„Können Sie mich einmal brauchen, oder hätten Sie mir etwas zu ſagen, was Niemand ſonſt zu wiſſen braucht, ich habe einen Burſchen, den mit dem großen Schnauzbart, einen guten ſtillen Menſchen, machen Sie ſeine Bekannt⸗ ſchaft. Im Uebrigen pflegen Sie ſich hier. Da lun⸗ gert ja bei Ihnen noch ein Lakai herum, iſt ein Gang zu thun, ſo kann der ihn abmachen. Es iſt gut für eine Herrſchaft, wenn in fremdem Hauſe immer ein zu⸗ — 426— Abends, wenn ſeine Herrſchaft im Theater war, ſah man ihn zuweilen neben dem Diener des Prinzen in geräuſchloſer Unterhaltung auf einer Gartenbank. An die Wände des Pavillons heftete der Geiſt trü⸗ ber Ahnung ſeine grauen Schleier, im Fürſtenſchloß aber wirthſchaftete unterdeß ein unſichtbarer Kobold an⸗ derer Art, Große und Kleine verſtörend. Der Stall war in Beſtürzung. Das liebſte Reit⸗ pferd des Fürſten war ein weißer Ivenacker. Als der Reitknecht am Morgen zu dem Pferde trat, fand er ihm auf der Bruſt ein großes ſchwarzes Herz gemalt. Die ſchändende Farbe ließ ſich nicht abwaſchen, wahrſchein⸗ lich hatte der Böſewicht eine Tinctur, welche für das Haupthaar der Menſchen erſonnen war, zu dieſem Fre⸗ vel angewendet. Die Sachverſtändigen erklärten, nur die Zeit könne den Schaden heilen. Es war unver⸗ meidlich, dem Fürſten Anzeige zu machen, der Herr ge⸗ rieth in heftigen Zorn, ſtrengſte Unterſuchung wurde angeſtellt. Die Nachtwache des Stalles hatte Niemand geſehen, kein fremder Fuß hatte den Raum betreten, nur der Reitknecht des Prinzen, ein ſchnauzbärtiger Kunde aus fremdem Volk, hatte zugleich mit der übrigen Stall⸗ bedienung ein Pferd ſeines Prinzen beſorgt, welches dieſer vor Kurzem von einem Verwandten zum Geſchenk erhalten. Der Mann wurde verhört, er ſprach wenig deutſch, war nach der Ausſage des übrigen Perſonals harmlos und einfältig, es war durchaus nichts auf ihn zu bringen. Zuletzt wurde der Stallknecht, welcher die Wache gehabt hatte, aus dem Dienſt gejagt. Er ver⸗ ſchwand aus der Hauptſtadt und wäre ſehr in's Elend gekommen, wenn nicht Prinz Victor den armen Teufel in ſeiner Garniſon untergebracht hätte. Das Ballet gerieth in Aufruhr. In dem neuen Ballo tragico„der Nix“ hatte die Prima Ballerina Giu⸗ ſeppa Scarletti eine glänzende Rolle, in der ſie grün⸗ ſeidene Höschen mit reichem Silberbeſatz tragen ſollte. Als ſie vor der erſten Aufführung dies Garderobenſtück, welches für die Rolle bedeutſam war, anlegen wollte, war die Helferin ſo ungeſchickt, ihr daſſelbe verkehrt, die Rückſeite nach vorn, zu reichen. Die Dame ſprach kräftig ihre Ungeduld aus, die Garderobiere drehte das Stück um, wieder war die Rückſeite vorn. Das Kunſt⸗ werk wurde näherer Betrachtung unterworfen, man fand mit Entſetzen, daß es wie eine geſchloſſene Muſchel aus zwei Hohlſeiten zuſammengeſetzt war. Die Scarletti gerieth in Furie, dann in Thränen und nervöſe Zu⸗ fälle, der Regiſſeur, der Intendant wurden gerufen, die Künſtlerin erklärte, nach dieſer Schmach und Auf⸗ regung nicht tanzen zu können. Erſt als Prinz Vic⸗ tor, den ſie hochſchätzte, ſelbſt in die Garderobe kam, ihr ſeine tiefe Entrüſtung auszuſprechen, und erſt als der Fürſt ihr ſagen ließ, daß die Kränkung aufs Strengſte beſtraft werden ſolle, gewann ſie den Muth zurück, wel⸗ chen die ſchwierige Rolle nöthig machte. Unterdeß hatte auch die elfenhafte Schnelligkeit des Theaterſchneiders den Schaden ihres Kleides gebeſſert. Sie tanzte ſuperb, 8 — 428 aber mit einem ſchmerzlichen Ausdruck, der ihr ſehr gut ſtand. Schon war der Intendant froh, daß das Un⸗ glück ſo vorübergegangen war, ſchon wurde in der letz⸗ ten Decoration die ganze Tiefe der Bühne erſchloſſen, da zeigten ſich plötzlich in der Nixengrotte unter benga⸗ liſchem Feuer die ausgetauſchten Beinkleider, ſie hingen friedlich an zwei Zacken eines ſilbernen Felſens, als wä⸗ ren ſie von einem Waſſergeiſt zum Trocknen aufgehängt. Darauf unruhige Bewegung, lautes Gelächter im Publi⸗ kum, der Vorhang mußte fallen, bevor das bengaliſche Feuer niedergebrannt war. Alles ſchnob Rache, aber der Miſſethäter war wieder nicht zu ermitteln. Der Dienerſchaft ſträubte ſich das Haar. Man wußte, daß in ſchweren Zeiten des fürſtlichen Hauſes eine ſchwarze Dame durch Corridor und Säle ſchritt und daß dieſe Erſcheinung der hohen Familie ein Un⸗ glück bedeute. Der Glaube war allgemein, ſelbſt der Hofmarſchall theilte ihn, ſeinem eigenen Großvater war die ſchwarze Frau erſchienen, als dieſer einſt in einſamer Nacht auf die Rückkehr ſeines gnädigſten Herrn wartete. An einem Abend hatte ſich der Hof entfernt und der Hofmarſchall ſchritt, den Lakaien mit der Leuchte vor ſich, durch die leeren Säle, dem Flügel zu, in welchem der Prinz Victor logirt war, um nach Verabredung bei dieſem eine ſtille Cigarre zu rauchen. Plötzlich fuhr der Lakai zurück und wies zitternd in eine Ecke. Dort ſtand die ſchwarze Geſtalt, das Haupt mit dem Schleier ver⸗ hüllt, ſie erhob drohend die Hand und verſchwand durch — 429 eine Tapetenthür. Dem Lakaien fiel die Leuchte aus der Hand, der Hofmarſchall tappte im Finſtern bis zum Vorzimmer des Prinzen und ſank dort auf das Sopha. Als der Prinz aus ſeiner Garderobe eintrat, fand er die Hofcharge in einem Zuſtand der höchſten Alte⸗ ration, ſelbſt ein Glas Punſcheſſenz, welches er ihm eigenhändig eingoß, vermochte den Gebeugten nicht auf⸗ zurichten. Die Kunde, daß die ſchwarze Dame erſchie⸗ nen ſei, flog durch alle Räume des Schloſſes, die bange Erwartung eines Unheils beſchäftigte den Hofſtaat und die Dienerſchaft. Die Lakaien liefen des Abends im Schnellſchritt durch die Corridore und erſchraken vor dem Wiederhall ihrer eigenen Tritte, die Hofdamen woll⸗ ten ihre Zimmer gar nicht mehr ohne Begleitung ver⸗ laſſen. Auch der Fürſt erfuhr davon, er zog die Augen finſter zuſammen und ſah bei der Tafel verächtlich nach dem Hofmarſchall hinüber.. Sogar die Hofdamen blieben nicht verſchont. Fräu⸗ lein von Loſſau, welche in dem Damenſchloß, einem Flügel des Palais, über den Zimmern der Prinzeſſin wohnte, kam zur Nacht in der glücklichſten Stimmung nach ihrer Wohnung. Prinz Victor hatte ſie auffallend ausgezeichnet, er war ſehr drollig geweſen und hatte ihr dabei einige Mal Gefühl gezeigt, das bei ihm ſelten durchbrach. Sie ließ ſich von ihrem Mädchen entkleiden, und legte ſich unter anmuthigen Gedanken auf ihrem Lager zurecht, Alles wurde ſtill, ſie ſank in den erſten Schlummer, das Bild des Prinzen gaukelte im Con⸗ — 430— tretanz vor ihr. Da, horch, ein leiſes Geräuſch, es kniſterte, Etwas ſtrich langſam unter ihrem Bett dahin. Sie fuhr in die Höhe, der unheimliche Ton hörte auf; ſchon war ſie im Begriff, ſich ſelbſt zu belügen, daß Alles nur eine Einbildung des Schlafes ſei, da kniſterte und fuhr es wieder unter dem Bett, es ſtieß an ihre Schlaf⸗ ſchuhe, es kam raſſelnd hervor, ſie hörte ein furchtbares Stöhnen und ſah beim matten Schein der Nachtlampe, daß ſich eine Kugel langſam hinter dem Stuhle heran⸗ ſchob und vor dem Bette Halt machte. Halb bewußt⸗ los vor Entſetzen fuhr ſie aus dem Bett, berührte mit dem nackten Fuß einen fremden Gegenſtand, fühlte an der Stelle einen ſcharfen Schmerz und ſank mit einem Schrei zurück. Jetzt erhob ſie im Bett gellenden Hilfe⸗ ruf, bis ihr Mädchen herbeiſtürzte und zitternd das Licht anzündete, das Fräulein wies immer noch ſchreiend in eine Ecke, wo die ſtachlige Geſpenſterkugel jetzt in ruhi⸗ ger Furchtbarkeit verweilte und ſich allmälig als ein großer Igel darſtellte, der noch träumeriſch von ſeinem Winterſchlaf mit einer Thräne an der Naſe daſaß. Das Fräulein wurde vor Schrecken krank. Als der Arzt am frühen Morgen zu ihr eilte, fand er Lakaien und Kammermädchen in geſchloſſenem Haufen vor ihrer Thür verſammelt. An der Thür war ein weißes Schild von Pappe befeſtigt, darauf mit großen Buchſtaben zu leſen: Bettina von Loſſau, fürſtliche Hofſpionin. Wieder wurde ſtrengſte Unterſuchung befohlen, und wieder wurde der Miſſethäter nicht ermittelt. — 431— Aber der neckende Geiſt, welcher ſich unter dem Schieferdache des Schloſſes einquartiert hatte, trieb nicht nur mit Hof und Dienerſchaft ſeinen Poſſen, er wagte auch den Profeſſor in gelehrter Arbeit zu ſtören. Ilſe ſaß allein und betrachtete zerſtreut die Bilder zu Reinecke Fuchs, als der Lakei die Thür aufriß:„Des Fürſten Hoheit.“ Der Fürſt ſah über das aufgeſchlagene Bild des „Buches:„Das alſo iſt die Laune, mit welcher Sie unſere Zuſtände betrachten. Die Satire der Blätter iſt bitter, aber ſie enthalten eine unvergängliche Wahrheit.“ Ilſe ſchloß erröthend das Buch.„Die unartigen Thiere ſind rohe Egoiſten, das iſt bei Menſchen doch anders.“ „Meinen Sie?“ frug der Fürſt.„Wer darüber Erfahrungen gemacht hat, wird nicht ſo wohlwollend urtheilen. Die zweibeinigen Thiere, welche ihre Zwecke in der Nähe des Herrſchers verfolgen, ſind in der Mehr⸗ zahl ebenſo rückſichtslos in ihrem Egoismus und ebenſo geneigt, ihre Anhänglichkeit zu betheuern. Es iſt niiht leicht, ihre Anſprüche zu bändigen.“ „Neben einzelnen Argen bilden doch Beſfere die Mehrzahl, bei denen das Tüchtige überwiegt,“ wandte Ilſe mit bittender Stimme ein. Der Fürſt neigte artig das Haupt.„Wer Alle überſehen ſoll, muß die Beſchränktheit jedes Einzelnen lebhaft empfinden, denn er muß wiſſen, wo und wie weit er ihm vertrauen darf. Solche Beobachtung frem⸗ der Natur, welche ſtets bemüht iſt, das Weſen von dem Schein zu trennen, die Brauchbarkeit fremder Natur zu ſondiren und dem Beobachter ein überlegenes Ur⸗ theil zu bewahren, ſchärft den Blick für die Mängel Anderer. Es iſt möglich, daß wir bisweilen in der Stille zu ſtreng urtheilen, während Sie, eine Frau mit warmem Gemüth, in die liebenswerthere Schwäche ver⸗ fallen und das Menſchenvolk allzu günſtig betrachten.“ „Dann iſt mein Loos doch glücklicher,“ rief Ilſe und ſah den Fürſten mit ehrlichem Kummer an. „Es iſt ſchöner und beglückender,“ ſagte dieſer mit Empfindung,„ſich ohne Zwang ſeinem Gefühl hinzu⸗ geben, arglos mit den Wenigen verkehren, welche man ſich frei erwählt, Unholdes durch eine leichte Wendung zu vermeiden, den Geliebten ein fröhliches Herz zwang⸗ los zu öffnen. Wer aber in der kalten Luft der Ge⸗ ſchäfte zu leben verurtheilt iſt, im Kampf gegen zahl⸗ loſe Intereſſen, welche einander feindlich kreuzen, der vermag dieſe Exiſtenz nur zu ertragen, wenn er ſein Tagesleben mit einer Ordnung unmgiebt, welche ihm wenigſtens eine gehäufte Laſt des Unwillkommenen fern hält und die Füchſe und Wölfe zwingt, ihre harten Köpfe zu beugen. Solche Ordnung des Hofes und der Regierung iſt kein vollkommenes Werk, oft wird darüber geklagt, vielleicht wurde Ihnen ſelbſt Gelegenheit zu be⸗ merken, daß Brauch und Etikette eines Hofes nicht ohne Härte ſind. Dennoch ſind ſie nothwendig. Denn ſie erleichtern uns den Rückzug und erhalten uns in einer — 433— gewiſſen Iſolirung, dadurch aber helfen ſie uns die innere Freiheit bewahren.“ Ilſe ſah vor ſich nieder. „Doch glauben Sie mir„“ fuhr der Fürſt fort, „auch wir bleiben Menſchen, mir möchten uns gern der Stunde warm hingeben, und mit Solchen, die uns werth geworden, zwanglos zuſammenleben. Wir müſſen uns oft reſigniren, und wir erleben Augenblicke, wo ſolche Entſagung ſehr ſchwer wird.“ „Aber innerhalb der hohen Familie fallen dieſe Rückſichten doch weg,“ rief Ilſe.„Der Vater und ſeine Kinder, die Geſchwiſter untereinander, dieſe heiligen Verhältniſſe dürfen niemals geſtört werden.“ M Die Miene des Fürſten verfinſterte ſich.„Auch ſie leiden in der exponirten Stellung. Man lebt nicht zuſammen, man ſieht ſich weniger allein, und häufig von Andern beobachtet. Jeder kommt zum Andern aus ſeinem beſonderen Kreiſe von Intereſſen, aus einer Umgebung, die ihn beeinflußt, und die ihm vielleicht das Zutrauen zu ſeinen nächſten Verwandten mindert. Mein Sohn iſt Ihnen bekannt. Er hat alle Anlage zu einem gutherzigen offenen Menſchen, Sie werden bemerkt haben, wie argwöhniſch und verſteckt er ge⸗ worden iſt.“ Ilſe vergaß kluge Gedanken und fühlte ſich wieder ein wenig ſtolz als Vertraute.. „Verzeihung,“ rief ſie,„das habe ich nie gefunden, er iſt nur ſchüchtern und zuweilen ein wenig ungelenk.“ Der Fürſt lächelte.„Sie haben neulich eine An⸗ Freyta, Handſchrift. IZI. 28 — 44— ſicht darüber ausgeſprochen, was ſeiner Zukunft vortheil⸗ haft ſein würde. Er ſoll einmal die Geſchäftsführung großer Familiengüter überſehen, ihm wäre allerdings gut, wenn er die Arbeit des Landwirths aus eigener Anſchauung kennen lernte. Er fühlt ſich ohnedies am Hofe nicht wohl.“ Ilſe nickte mit dem Kopfe.„Auch das haben Sie ſchon bemerkt?“ frug der Fürſt heiter. Ich will meinem Prinzen doch Gutes rathen, dachte Ilſe, wenn es ihm auch nicht ganz bequem iſt.„Dann wage ich zu ſagen,“ rief ſie,„daß jetzt grade die beſte Zeit gekommen iſt. Denn, gnädigſter Herr, er muß doch die Frühjahrsbeſtellung lernen, und die iſt in vollem Gange, er kommt nur noch zur Gerſte zurecht, da darf man nicht aufſchieben.“ Dem Fürſten gefiel dieſer Eifer ſehr.„Nicht ſo leicht iſt der Ort gefunden,“ ſagte er. „Wenn Ew. Hoheit hier in der Nähe eine Domäne haben, wobei ein Schlößchen iſt.“ „Dann könnte er recht oft nach der Stadt kommen,“ verſetzte der Fürſt mit rauher Stimme. „Das taugt nicht,“ fuhr Ilſe eifrig fort.„Er muß zuerſt die Arbeit der Leute gründlich kennen und dazu regelmäßig auf dem Felde ſein.“ „Einen beſſern Rathgeber konnte ich nicht finden,“ ſagte der Fürſt in vortrefflicher Laune.„In der Nähe fehlt die Gelegenheit. Ich habe an das Gut Ihres Vaters gedacht.“ Ilſe ſtand überraſcht auf.„Aber unſer Hausweſen b 1 — — 435— iſt gar nicht eingerichtet, einen ſolchen Herrn aufzuneh⸗ men,“ verſetzte ſie mit Zurückhaltung.„Nein, gnädig⸗ ſter Herr, die bürgerliche Ordnung unſerer Familie würde nicht für die Anſprüche eines jungen Fürſten paſſen. Ich ſchweige von andern Bedenken, die mir früher un⸗ bekannt waren, und die mir erſt hier auf die Seele gefallen ſind. Deshalb, wenn ich nach meinem Gefühl ſprechen darf, bin ich der Meinung, daß dies aus vielen Gründen nicht gut angeht.“ „Es war nur ein Gedanke,“ verſetzte der Fürſt in der glücklichſten Stimmung.„Der Zweck würde ſich vielleicht erreichen laſſen, ohne Herrn Bauer unbillig zu beengen. Meine Abſicht war,“ fuhr er mit ritter⸗ licher Artigkeit fort,„Ihnen und Ihrem Vater einen offenkundigen Beweis meiner Achtung zu geben, ich habe dazu beſondere Veranlaſſung.“ Er ſah Ilſe bedeutſam an, ſie dachte an den Geburtstag der Prinzeſſin. „Ich weiß warum,“ ſagte ſie leiſe. Der Fürſt rückte ſeinen Stuhl näher.„Ihr Vater hat eine große Familie?“ frug er.„Ich erinnere mich dunkel, einige rothbäckige Knaben geſehen zu haben.“ „Das waren die Brüder,“ lachte Ilſe,„es ſind prächtige Jungen, gnädiger Herr, wenn ich als Schwe⸗ ſter loben darf. Sie werden einmal Ew. Hoheit Freude machen. Noch ſind ſie etwas ungeleckt, aber brav und geſcheut. Mein Franz hat mir erſt geſtern geſchrieben, ich möchte Ew. Hoheit von ihm grüßen. Das kleine Kerlchen denkt, dergleichen geht nur ſo. Nun ich will 28* 8 8 — 436— doch, weil es die Gelegenheit giebt, den Gruß an mei⸗ nen lieben gnädigen Herrn ausgerichtet haben, es iſt ein dummer Kindergruß, aber er kommt aus gutem Herzen.“ Sie neſtelte an ihrer Taſche und brachte einen Brief hervor, der mit ſchönen Buchſtaben bemalt war. „Sehen Ew. Hoheit, ſo hübſch ſchreibt das Kind. Ach, aber ich darf den Brief nicht zeigen, denn Hoheit werden darin wieder eine Beſtätigung finden, daß die Menſchen immer egoiſtiſche Wünſche im Hintergrund haben, wenn ſie an ihren Fürſten denken. Der un⸗ glückliche Junge hat auch einen Wunſch.“ „Da haben wir's,“ ſagte der Fürſt. Ilſe wies ihm den Brief, der Fürſt faßte gnädig das Papier mit ihr an und ſeine Hand lag auf der ihren.„Er iſt ſo unverſchämt, Ew. Hoheit um einen großen Lederball zum Ausblaſen zu bitten. Der Ball iſt bereits gekauft.“ Sie ſprang auf und trug einen rieſigen bunten Ball herzu.„Den ſchicke ich noch heut, und ich ſchreibe ihm dazu, daß es ſich gar nicht zieme, einen ſo großen Herrn um etwas anzubetteln. Er iſt ſchon neun Jahre, aber er iſt noch ſehr kindiſch. Ew. Hoheit müſſen ihm das zu Gute halten.“ Ergriffen von der unbefangenen Herzlichkeit ſagte der Fürſt:„Schreiben Sie ihm zugleich, daß ich ihm ſagen laſſe, er ſoll ſich den heiteren Sinn und das lo⸗ hale Gemüth ſeiner älteſten Schweſter durch die Gefah⸗ ren des Lebens retten. Auch ich fühle, wie ſehr Ihr We⸗ — 437— ſen denen zum Segen iſt, welche das Glück haben in Ihrer Nähe zu athmen. In einem Treiben, welches mit aufreibenden Eindrücken angefüllt iſt, wo Haß und Arg⸗ wohn mehr von dem Frieden der Seele ehmen, als die Stunden der Ruhe zurückgeben könn ken, habe ich mir doch Empfänglichkeit bewahrt für die unſchuldige Friſche eines Gemüthes wie das Ihre iſt. Ich freue mich Ihrer von Herzen.“ Wieder legte er ſeine Hand leiſe auf die ihre, Ilſe ſah beſchämt durch das Lob ihres lieben Landesherrn vor ſich nieder. Da nahte ein eiliger Schritt, der Fürſt erhob ſich, der Profeſſor trat ein. Er verneigte ſich vor dem Für⸗ ſten und ſah überraſcht auf ſeine Frau.„Du biſt nicht unwohl?“ rief er fröhlich.„Verzeihung, gnädigſter Herr, ich kam in Sorge um meine Frau. Ein fremder Knabe zog die Klingel am Antikenkabinet und brachte die Bot⸗ ſchaft, der Fremde möge ſogleich nach ſeiner Frau ſehen, ſie ſei erkrankt. Gut, daß es eine Verwechslung war.“ „Ich bin dem Irrthum dankbar,“ perſetzte der Fürſt, nda er mir Gelegenheit giebt Ihnen ſelbſt zu ſagen, was ich vor Madame Werner niederlegen wollte: der Stall hat Befehl Ihnen zu jeder Stunde einen Wagen bereit zu halten, wenn Sie bei Ihren geheimnißvollen Nachforſchungen eine Reiſe in die Umgegend wünſchen.“ Ex Ampfahl ſich gnädig. Der Fürſt öffnete das Fenſter ſeines Arbeitzimmers, kuft war ſchwül, lange hatte die Sonne über der — 438— frohen Erde geglänzt, jetzt war ſie verſchwunden, ſchwere Wolken wälzten ſich wie unförmliche Waſſerſchläuche über der Stadt und dem Schloß. Der Fürſt holte tief Athem, aber die Gewitterluft preßte den Dampf aus den Eſſen des Schloſſes herab an ſein Fenſter und der Rauch fuhr wie ein grauer Nebel um ſein Haupt. Er riß die Thür der Gallerie auf, welche zu ſeinen Audienzzimmern führte, und ſchritt haſtig über den Teppich. An den Wänden hing eine Reihe Oelbilder, Köpfe ſchöner Frauen, denen der Fürſt einmal Beachtung geſchenkt hatte. Sein Blick irrte von der einen zur andern, am Ende der Reihe war noch ein leerer Platz, er blieb davor ſtehen und ſeine Phantaſie malte ein Bild hin mit blonden Haaren und einem treuherzigen bürgerlichen Licht in den Angen, rührend wie keines der andern Ge⸗ ſichter. „So ſpät,“ klang es in ihm.„Es iſt die letzte Stelle, und es iſt das ſtärkſte Gefühl. Thoren, die uns ſagen, daß die Jahre gleichgültig machen. Wenn ſie mir begegnet wäre am anderen Ende,“ er ſah die Gallerie hinab, „bei dem Beginn meines Lebens, als ich noch vor einem Roſenſtrauch ſehnſüchtig an die Wangen des Mädchens dachte und durch den Geſang einer Grasmücke empfind⸗ ſam gerührt wurde, hätte damals ein ſolches Weib mir ſchützend erhalten, was ich für immer verlor.“ „Unnütze Frage, die um Vergangenes ſorgt. ☚☛ halten muß ich für die Gegenwart, was in de meiner Hand gekommen iſt. Der ſchwache Jü die d — 433— einer neuen Aera unſerer Kenntniß des betreffen⸗ den Römers von den Zungen aller Völker gefeiert werden.“ Der Fürſt hörte zufrieden dieſen Enthuſiasmus des Magiſters, der in der Begeiſterung ſeine demüthige Haltung vergaß und pathetiſch den Arm nach der Rich⸗ tung ausſtreckte, wo er die Strahlenkrone über dem Haupte des Fürſten ſchweben ſah. „Dies Alles würde geſchehen, wenn man den Schatz fände,“ ſagte der Fürſt,„noch iſt er nicht ge⸗ funden.“ Knips ſank zuſammen.„Allerdings iſt der Ge⸗ danke vermeſſen, daß ein ſolches Glück einem Lebenden beſchieden ſei, dennoch wäre Frevel an der Möglichkeit zu zweifeln.“ „Dem Profeſſor Werner ſcheint viel an dem Funde gelegen,“ warf der Fürſt gleichgültig ein. „Derſelbe müßte nicht ein Gelehrter von gediege⸗ nem Urtheil ſein, wenn er nicht die Wichtigkeit dieſes Gewinnſtes ebenſo tief empfände, als Höchſtdero aller⸗ unterthänigſter Diener und Knecht.“. Der Fürſt unterbrach den Redenden.„Herr von Weidegg hat Ihnen den Antrag geſtellt in meinem Dienſt zu bleiben. Sie haben angenommen?“ „Mit den Gefühlen eines geretteten Menſchen,“ rief Knips,„welcher Dank und Segenswünſche in unbegrenz⸗ ter Verehrung zu Ew. Hoheit Füßen niederzulegen wagt.“ „Haben Sie ſich bereits verpflichtet?“ * — 444— „In feierlichſter Weiſe.“ „Gut,“ ſagte der Fürſt und hielt mit einer Handbewegung den Strom ehrfurchtsvoller Betheurung in den Lippen des Magiſters zurück. „Man hat mir gerühmt, Herr Magiſter, daß Sie beſonderes Glück haben, dergleichen Seltenheiten aufzu⸗ finden. Glück,“ wiederholte der Fürſt,„oder was daſſelbe iſt, Geſchick. Halten Sie im Ernſt für glaublich, daß die undeutlichen Spuren zu dem verlorenen Schatz führen?“ „Wer darf noch behaupten, daß ein ſolcher Fund unmöglich iſt?“ rief der Magiſter.„Ja wäre mir er⸗ laubt in tiefſter Ehrfurcht meine Anſicht auszuſprechen, welche wie ein Freudenſchrei aus meinem Innern bricht, es iſt ſogar— ich darf nicht ſagen wahrſcheinlich— aber es iſt doch nicht unwahrſcheinlich, daß ein Zufall da⸗ rauf führt. Jedoch wenn ich I geſtatten darf, eine ehr⸗ furchtsvolle Erfahrung in Worte zu faſſen, welche viel⸗ leicht nur Aberglaube iſt, wenn ſich die Handſchrift findet, ſo findet ſie ſich nicht da, wo man ſie erwartet, ſon⸗ dern irgendwo anders. So oft mir bis jetzt in meinem beſcheidenen Daſein das Glück eines Fundes zu Theil geworden iſt— ich erwähne nur den italieniſchen Ho⸗ mer von 1488— ſo war dies immer gegen alles Ver⸗ muthen; und was Allerhöchſte Huld meine Geſchicklich⸗ keit nannte, das iſt, wenn ich das Geheimniß meines Glückes zu offenbaren mich unterfange, im letzten Grunde nichts als der Umſtand, daß ich häufig da ge⸗ ſucht habe, wo nach gemeiner menſchlicher Vermuthung ein Schatz zu liegen keine Veranlaſſung hatte.“ „Die Ausſicht, welche Sie eröffnen, iſt jedenfalls für einen Ungeduldigen nicht tröſtlich,“ verſetzte der Fürſt, „denn das kann lange währen.“ „Generationen mögen ſchwinden,“ rief Knips,„aber die Gegenwart und Zukunft wird ſuchen, bis der Codex gefunden iſt.“ „Das iſt mir ein ſchlechter Troſt,“ lächelte der Fürſt,„und ich geſtehe, Herr Magiſter, Sie täuſchen durch dieſe Worte die heitere Erwartung, welche ich hegte, daß Ihre Spürkraft und Geſchicklichkeit mir recht bald das Vergnügen machen würde, das Buch in den Händen des Profeſſors zu ſehen, das Buch ſelbſt oder doch einen handgreiflichen Beweis ſeiner Exiſtenz. Ich bin Laie in all dieſen Sachen, und ich habe durchaus kein Urtheil über die Wichtigkeit, welche Sie der Ent⸗ deckung beilegen. Mir iſt es zur Zeit nur um einen Scherz zu thun, oder, ich wiederhole die Worte, welche Sie mir neulich vor den Miniaturen ſagten, um eine Neckerei.“ Ausdruck und Haltung des Magiſters veränderten ſich allmählig wie unter der Beſchwörung eines Zau⸗ berers, er ſank zuſammen, legte das Haupt auf die Achſel und ſah in ängſtlicher Spannung auf den Fürſten. „Kurz geſagt, ich wünſche, daß Herr Werner recht bald auf eine ſichere Spur der Handſchrift geleitet ———y — 446— werde, wenn es nicht möglich iſt die Handſchrift ſelbſt herbeizuſchaffen.“ Knips ſchwieg und ſtarrte auf den Sprechenden. „Ich erſuche Sie,“ fuhr der Fürſt nachdrücklich fort,„Ihr bereits bewährtes Talent für dieſen Zweck in Thätigkeit zu ſetzen. Ihre Hilfe dabei müßte aller⸗ dings mein Geheimniß bleiben, denn ich möchte Herrn Werner gönnen, daß er ſelbſt das Vergnügen empfindet einen Fund zu machen. So iſt ja wohl der Ausdruck.“ „Es muß eine große Handſchrift ſein,“ ſtöhnte Knips. „Ich fürchte,“ verſetzte der Fürſt nachläſſig,„ſie iſt längſt in Stücke zerriſſen. Nicht unmöglich, daß ſich einige zerſtreute Blätter irgendwo erhalte. haben.“ Der Magiſter ſtand wie vom Donner gerührt. „Es iſt ſchwer, den Profeſſor zu befriedigen.“ „Um ſo größer wird Ihr Verdienſt ſein, Verdienſt und Lohn.“ Knips blieb zuſammengeſunken ſtehen und ſchwieg. „Iſt Ihre Zuverſicht geſchwunden, Herr Magiſter?“ ſpottete der Fürſt.„Es iſt doch nicht das erſte Mal, daß Ihnen ein ſolcher Fund gelingt.“ Er trat dem kleinen Mann näher.„Ich weiß etwas von früheren Proben Ihrer Kunſtfertigkeit, und ich bin über den Umfang Ihres Talentes durchaus nicht mehr in Zweifel.“ Knips fuhr zuſammen, aber er fand noch keine Worte. „Im Uebrigen bin ich mit Ihrer Thätigkeit zufrieden,“ 447— fuhr der Fürſt mit veränderter Stimme fort,„ich zweifle nicht, daß Sie nach mehrfacher Richtung verſtehen wer⸗ den, ſich den Beamten meines Hofes nützlich zu machen und dadurch Ihre eigne Zukunft wohl zu berathen.“ „Hohe Ehre,“ jammerte Knips, und zog ſein Taſchentuch. „Was die verlorene Handſſchrift betrifft,“ fuhr der Fürſt fort,„ſo wird der Aufenthalt des Herrn Werner, wie ich fürchte, nur vorübergehend ſein. Ihnen würde die Aufgabe zufallen, die Nachforſchungen in unſerem Lande fortzuſetzen.“ Knips erhob ſein Haupt und ein Strahl von Freude fuhr über ſein verſtörtes Geſicht. „Hat die Handſehrift in der That ſo großen Werth, wie die Herren Gelehrten meinen, ſo würde, im Fall nach der Abreiſe des Profeſſors noch etwas zu entdecken bliebe, für Sie bei uns grade die Thätigkeit gefunden ſein, welche Ihnen beſonders zuſagt.“ „Dieſe Ausſicht iſt die höchſte und gnädigſte, welche meinem Leben zu Theil werden kann,“ erwiderte Knips muthiger. 1 „Gut,“ ſagte der Fürſt,„verdienen Sie ſich jetzt dieſes Anrecht und verſuchen Sie zunächſt, was Ihre Geſchicklichkeit vermag.“ 3 „Ich werde mir Mühe geben, Ew. Hoheit zu die⸗ nen,“ verſetzte der Magiſter, die Augen auf den Boden geheftet. Knips verließ das Kabinet. Der kleine Mann, — 448— welcher jetzt die Treppe hinabſchlich, ſah anders aus, als jener glückſelige Magiſter, der vor wenig Minuten hinaufgeſtiegen war. Das bleiche Geſicht war nach vorn gebeugt und ſein Auge irrte ſcheu über die Mienen der Diener, welche ihn neugierig betrachteten. Er griff mechaniſch nach ſeinem Hut, und er, der Magiſter, ſetzte ihn noch im Fürſtenſchloſſe auf ſein Haupt. Er trat hinaus auf den Platz, der Sturm fegte durch die Stra⸗ ßen, trieb Staub in Wirbeln um ihn her und jagte ihm die Rockſchöße vorwärts.„Er treibt,“ murmelte Knips,„er treibt, wie kann ich widerſtehen? Soll ich zurückkehren in die kalte Kammer zu meinen Correctu⸗ ren, ſoll ich mein Lebtag von der Profeſſorengnade ab⸗ hängen und den ſtolzen Tröpfen Bücklinge machen, immer in Sorge, daß ein Zufall dieſen Gelehrten ver⸗ räth, wie auch ich einmal ihr Meiſter war und ſie höhnte?“ „Hier aber ein gutes Leben, und Gelegenheit, un⸗ ter Unwiſſenden der Klügſte zu ſein und ihnen unent⸗ behrlich zu werden. Ich bin es ſchon jetzt, der Fürſt hat ſich zu mir geſtellt wie ein Kamerad zum andern, und er kann, wenn ich ſeinen Willen thue, ſich ſo we⸗ nig von mir ſcheiden, wie das Pergament von der Schrift.“ Er wiſchte ſich den kalten Schweiß von der Stirn. „Ich ſelbſt finde den Codex,“ fuhr er zuverſichtlicher fort.„Jacobi Knipsii sollertia inventum. Ich kenne das große Geheimniß, und ich will ſuchen Tag für Tag, — ———— ——-—-—— ——— “ 4 e e.. 75, 5,.. e er,d⸗ 7 n 5 — 4 Eer pkaer Dere e, 22 5 74 w 4 ,. Se.= u. Se 4 ve3. 1 9 , e Zeee 2Jö 5 7. e 4—.— Se Be. We. ch, 2 . A. 3 4 unnunuunnununuu 15 16 17 18