— — —— Die verlorene Handſchrift. wem Koman in fünk Büchern Guſtav Freytag. Zweite Auflage. Erſter Theil. Leipzig Verlag von S. Hirzel. 1864. A den Weg hinaus, denn 1. Eine gelehrte Entdeckung. Es iſt ſpäter Abend in unſerm Stadtwald, leiſe wispert das Laub in der lauen Sommerluft und aus der Ferne tönt das Geſchwirr der Feldgrillen bis un⸗ ter die Bäume. Durch die Gipfel fällt bleiches Licht auf den Wald⸗ weg und das undeutliche Geäſt des Unterholzes. Der Mond beſprengt den Pfad mit ſchimmernden Flecken, er zündet im Gewirr der Blätter und Zweige verlorene Lichter auf, hier läuft es vom Baumſtamme bläulich herab wie brennender Spiritus, dort im Grunde leuch⸗ ten aus tiefer Dunkelheit die Wedel eines Farrenkrautes in grünlichem Golde, und über dem Wege ragt der dürre Aſt als ungeheures weißes Geweih. Dazwiſchen aber und darunter ſchwarze, greifbare Finſterniß. Runder Mond am Himmel, deine Verſuche den Wald zu erleuchten ſind unordentlich, bleichſüchtig und launenhaft. Bitte, be⸗ ſchränke deine⸗Lichter auf den Damm, der zur Stadt führt, wirf deinen falben Schein nicht allzuſchräge über linker Hand geht es abſchüſſig in Sumpf und Waſſer.— . 1 † =—8E“ — — — — 2 — 4— 3 3 Pfui, du Lügner! da iſt der Sumpf, und der Schuh blieb darin ſtecken.— Aber dir iſt das grade recht, Täuſchen und Betrügen iſt deine liebſte Arbeit, du Phantaſt unter den Sternen. Man wundert ſich allgemein, daß die Menſchen der Vorzeit auch dich als —— Gott verehrten. Einſt hat das griechiſche Mädchen dich Semele gerufen und ſie hat dir die Schale mit pur⸗ purnem Mohn bekrxänzt, um durch deinen Zauber den treuloſen Geliebten zu ihrer Thürſchwelle zu locken. Da⸗ mit iſt es für immer vorbei. Wir haben die Wiſſen⸗ ſchaft und Photogen, und du biſt herabgekommen zu einem armen alten Gaukler, der fern von Menſchen im Walde umherflackert. Zu einem Gaukler! Man erweiſt dir noch allzuviel Ehre, wenn man dich überhaupt als lebendes Weſen behandelt. Was biſt du denn eigent⸗ lich? eine Kugel ausgebrannter blaſiger Schlacke, luft⸗ los, farbenlos, waſſerlos. Bah! eine Kugel? Unſere Gelehrten wiſſen, daß du nicht einmal rund biſt, auch —— 8 darin lügſt du. Wir von der Erde haben dich nach unſerer Seite in die Länge gezod en. Du biſt gewiſ⸗ ſermaßen zugeſpitzt, und deine Geſtalt iſt erbärmlich und unregelmäßig. Du biſt nichts als eine Art gro⸗ ßer Erdrübe, welche ſich in ewiger Sclaverei um uns herumwälzt. Der Wald lichtet ſich, zwiſchen der Stadt und dem Wanderer liegt noch eine weite Raſenfläche mit ihrem Weiher. Sei gegrüßt, du grüner Thalgrund; wohlge⸗ pflegte Kieswege ziehen ſich über die Waldwie —— ſe, hier und — 5— da erhebt ſich luſtiges Gebüſch und eine Gartenbank. Auf der Bank raſtet bei Tage der wohlhäbige Bürger; die Hände auf das ſpaniſche Rohr geſtützt, ſieht er ſtolz nach den Thürmen ſeiner guten Stadt hinüber.— Iſt heut auch die Flur verwandelt? Vor dem Wanderer breitet ſich's wie eine wogende Waſſerfläche, und es wallt, brodelt und ballt ſich um die Füße, in endloſen Nebel⸗ maſſen ſoweit das Auge reicht. Welches Geiſterheer wäſcht hier ſeine grauen Gewänder? Sie flattern von den Bäumen, ſie ziehen durch die Luft, mattſcheinend, zerfließend, ſich wieder verwebend. Und höher erheben ſich die dämmrigen Gebilde. Sie ſchweben dem Wande⸗ rer über das Haupt, die düſtern Maſſen der Bäume verſchwinden, auch den Himmel verbirgt die Dämme⸗ rung, jeder Umriß löſt ſich auf in ein Chaos von blei⸗ chem Licht und wogender Unform. Noch dauert die feſte Erde unter den Füßen des Schreitenden, und doch wan⸗ delt er geſchieden von allen wirklichen Geſtalten der Erde unter leuchtenden körperloſen Schatten. Hier ſammelt ſich's und dort wieder zu ſchwebendem Scheine. Langſam ſchweifen die Luftgebilde an dem Flor, der den Wande⸗ rer umhüllt. Hier dringt eine gebeugte Geſtalt heran, einem knieenden Weibe vergleichbar, das vor Schmerz zuſammenbricht, dort ein Zug in langen wallenden Ge⸗ wändern wie römiſche Senatoren, an ihrer Spitze ein Kaiſer mit der Strahlenkrone, aber die Krone und das Haupt zerfließen, kopflos und geſpenſtig gleitet der große Schatten vorüber.— Dunſt der feuchten Wieſe, wer hat dich ſo verwandelt? Wetter, das that wieder der Alte dort oben, der gaukelnde Mond. Weicht hinterwärts, täuſchende Bilder der Däm⸗ merung. Das Thal iſt durchſchritten, vor dem Wan⸗ derer ſchimmern erleuchtete Fenſter, hier ragen die näch⸗ ſten Häuſer der Stadt, zwei ſtattliche Häuſer und zwei Hausbeſitzer! Hier wohnen Menſchen, Steuerzahler, rüh⸗ rig Schaffende; ſie hüllen ſich zur Nacht in warme Decken, und nicht in deine wäſſrigen Geſpinſte, o Mond, welche als rollende Tropfen von Haar und Bart träufeln; ſie haben ihre Launen und ihre Biederkeit und ſchätzen deinen Werth, Mond, genau nach den Summen, die du dey Stadtkaſſe an Gaslicht erſparſt. In dem Hauſe zur linken Hand glänzt aus der obern Fenſterreihe eine Lampe nahe den Scheiben. Ver⸗ geblich mühſt du dich, bleiches Wolkenlicht, deine trügen⸗ den Strahlen auch dort hineinzuwerfen. Denn ihn, der dort wohnt, ſollſt du mit deinen Poſſen nicht kränken, er iſt ein Kind der Sonne und ein Held dieſer Ge⸗ ſchichte. Es iſt der Profeſſor Felix Werner, ein gelehr⸗ ter Philologe, noch ein junger Herr, aber von wohlver⸗ dientem Ruf. Da ſitzt er an ſeinem Arbeitstiſch und blickt auf verblichene alte Schrift; ein anſehnlicher Mann; wenn er aufſteht, von guter Mittelgröße, dunkles gelocktes Haar umgiebt ihm ein großes Antlitz von kräf⸗ tiger Bildung, nichts Kleines darin, helle treue Augen unter den dunklen Braunen, die Naſe leicht gebogen, die Muskeln des Mundes ſtark entwickelt, wie bei einem be⸗ geb liebten Lehrer der ſtudirenden Jugend natürlich iſt. Jetzt grade fährt ein feines Lächeln darüber und die Wangen ſind ihm von der Arbeit oder geheimer Aufregung ge⸗ röthet. Verſchwinde hinter einer Wolke, Mond, die Ge⸗ ſellſchaft meines Profeſſors iſt mir lieber. Der Profeſſor ſprang von ſeinem Arbeitstiſch auf und durchſchritt einige Male eifrig das Zimmer, dann trat er an ein Fenſter, welches auf das Nachbarhaus hinſah, ſtellte zwei große Bücher auf das Fenſterbret, legte ein kleineres darüber und brachte dadurch eine Fi⸗ gur hervor, welche einem griechiſchen P ähnlich ſah und durch den Lichtſchein dahinter für die Augen im Nach⸗ barhauſe ſichtbar wurde. Nachdem er dies telegraphiſche Zeichen gezimmert hatte, eilte er wieder an den Tiſch und beugte ſich von neuem über ſein Buch. Der Diener trat leiſe ein, das Abendeſſen wegzuräu⸗ men, welches auf einem Seitentiſch zurecht geſtellt war. Da er die Speiſen unberührt fand, blickte er mißbilligend auf den Profeſſor und blieb lange hinter dem leeren Stuhl ſtehen. Endlich rückte er ſich in militäriſche Haltung: „Der Herr Profeſſor haben das Abendbrod vergeſſen.“ „Räumen Sie ab, Gabriel,“ befahl der Profeſſor. Gabriel bewies keinen guten Willen.„Der Herr Profeſſor ſollten wenigſtens ein Stück kalten Braten zu ſich nehmen. Aus Nichts wird Nichts,“ fügte er wohl⸗ wollend hinzu. „Es iſt nicht in der Ordnung, daß Sie hereinkom⸗ men mich zu ſtören.“ —jy y—-r 4 1 —— ——— — — —— — — — ——y— 4 — 8— Gabriel nahm den Teller und trug ihn zum Pro⸗ feſſor.„Nehmen der Herr Profeſſor wenigſtens ein Paar Biſſen.“ „ So geben Sie,“ ſagte der Prbfeſſor und aß. Gabriel benutzte die Pauſe, in welcher ſein Herr widerſtandslos bei verſtändlicher Thätigkeit verweilte, zu einer reſpectvollen Anmahnung:„Mein ſeliger Haupt⸗ mann hielt ſehr auf ein gutes Abendeſſen.“ „Jetzt aber ſind Sie in's Civile überſetzt,“ verſetzte der Profeſſor lächelnd. „Es iſt aber auch nicht in der Ordnung,“ fuhr Gabriel hartnäckig fort,„wenn ich allein den Braten eſſe, den ich für Sie hole.“ „Ich hoffe, Sie ſind jetzt zufrieden,“ perſetzte der Profeſſor und ſchob ihm den Teller zurück. Gabriel zuckte die Achſeln.„Es iſt zum wenigſten guter Wille. Der Herr Doctor war nicht zu Hauſe.“ „Ich ſehe. Sorgen Sie dafür, daß die Hausthür ge⸗ öffnet bleibt.“ Gabriel machte kehrt und entfernte ſich mit den Tellern. Wieder war der Gelehrte allein, das goldene Licht der Lampe fiel auf ſein Antlitz und die Bücher welche um ihn lagen, ſchneller rauſchten die weißen Blätter unter der Hand des Nachſchlagenden und in ſtarker Span⸗ nung arheiteten ſeine Züge. Da pochte es an die Thür, der erwartete Beſuch trat ein. „Guten Abend, Fritz,“ rief der Profeſſor dem Ein⸗ 1 4 4 — g— tretenden entgegen,„ſetze dich auf meinen Platz und ſieh hierher.“ Der Gaſt, tins ſrt Geſtalt, mit feinen Zügen und einer Brille vor den Augen, rückte ſich gehorſam zurecht und ergriff ein kleines Buch, welches Mittelpunkt eines Kreiſes von aufgeſchlagenen Werken in jedem Alter und Format war. Mit Kennerblicken muſterte er zuerſt den Deckel: geſchwärztes Pergament mit alten Noten und darunter geſchriebenem Kirchentext, er warf einen ſpähen⸗ den Blick auf das Innere des Einbands und ſuchte nach den Pergamentſtreifen, durch welche der übelerhaltene Rücken des Buches mit dem Deckel verbunden war. Dann erſt ſah er auf das erſte Blatt des Inhalts, auf die vergilbten Buchſtaben des geſchriebenen Textes.„Das Leben der heiligen Hildegard,— die Hand des Schreibers aus dem fünfzehnten Jahrhundert,“— ſprach er, und ſah den Freund fragend an. „Nicht deshalb zeige ich dir das alte Buch. Sieh weiter. Der Lebensgeſchichte folgen Gebete, eine Anzahl Recepte und Wirthſchaftsregeln von verſchiedenen Hän⸗ den bis über die Zeit Luthers hinaus. Ich hatte dieſe Blätter für dich gekauft, du konnteſt darin vielleicht et⸗ was für deine Sagen oder Volksaberglauben finden. Bei der Durchſicht aber traf ich auf einer der letzten Seiten dieſe Stelle, und ich muß dir jetzt das Buch noch vor⸗ enthalten. Es ſcheint, daß mehre Generationen eines Mönchskloſters das Buch benutzt haben, um Bemerkun⸗ gen einzuzeichnen, denn auf dieſem Blatt iſt ein Ver⸗ —— lacrimas et signa hinter einander.“ zeichniß von Kirchenſchätzen des Kloſters Roſſau. Es war ein dürftiges Kloſter, das Verzeichniß iſt nicht groß oder nicht vollſtändig. Es wurde von einem unwiſſenden Mönch, ſoweit man aus ſeiner Schrift ſülrſen kann, etwa um 1500 gemacht. Sieh, hier Kirchengeräth und wenige geiſtliche Gewänder, und hier einige theologiſche Hand⸗ ſchriften des Kloſters, für uns gleichgültig, darunter aber zuletzt folgender Titel:„Das alt ungehür puoch von ußfahrt des ſwigers.“ Der Doctor prüfte neugierig die Worte.„Das klingt wie Ueberſchrift eines Rittergedichts. Und was bedeuten die Worte ſelbſt: Iſt der Ausfahrende ein Schwieger, oder ein Schweigender? „Verſuchen wir das Räthſel zu löſen,“ fuhr der Pro⸗ feſſor mit glänzenden Augen fort, und wies mit dem Finger auf daſſelbe Blatt.„Eine ſpätere Hand hat in lateiniſcher Sprache dazugeſchrieben:„Dies Buch iſt la⸗ tein, faſt unlesbar, fängt an mit den Worten: lacrimas et signa und endet mit den Worten: Hier ſchließt der Geſchichten— actorum— dreißigſtes Buch. Jetzt rathe.“ Der Doctor ſah in das erregte Geſicht des Freun⸗ des:„Laß mich nicht warten. Die Anfangsworte klin⸗ gen viel verſprechend, aber ein Titel ſind ſie nicht, es mögen im Anfange Blätter gefehlt haben.“ „So iſt es,“ verſetzte der Profeſſor vergnügt. Neh⸗ men wir an: ein, zwei Blätter haben gefehlt. Im fünf⸗ ten Kapitel der Aunmlen des Tacitus ſtehen die Worte ℳꝙ —— Der Doctor ſprang auf, auch ihm flog ein freudi⸗ ges Roth über das Antlitz. „Setze dich,“ fuhr der Profeſſor fort, den Freund niederdrückend.„Der alte Titel vor den Annalen des Tacitus lautete wörtlich überſetzt:„Tacitus, vom Aus⸗ gange des göttlichen Auguſtus,“ beſſer deutſch:„Vom Hinſcheiden des Auguſtus ab.“ Wohlan, ein unwiſſen⸗ der Mönch entzifferte auf irgend einem Blatt die erſten lateiniſchen Worte der Ueberſchrift:„Taciti ab excessu“ und verſuchte ſie ins Deutſche zu überſetzen. Er war froh zu wiſſen, daß tacitus ſchweigſam bedeutet, hatte aber nie etwas von dem römiſchen Geſchichtſchreiber gehört, und übertrug alſo wörtlich: Vom Ausgange des Schweigenden.“ „Vortrefflich,“ rief der Doctor.„Und der Mönch ſchrieb erfreut ſeine gelungene Ueberſetzung des Titels auf die Handſchrift. Triumph! Die Handſchrift war ein Tacitus.“ „Höre noch weiter,“ ermahnte der Profeſſor.„Im dritten und vierten Jahrhundert unſrer Zeitrechnung be⸗ ſtanden die beiden großen Werke des Tacitus, die Anna⸗ len und Hiſtorien, in einer Sammlung vereint unter dem Titel: Dreißig Bücher Geſchichten. Wir haben dafür mehre alte Zeugniſſe, ſieh her.“ Der Profeſſor ſchlug bekannte Stellen auf und legte ſie vor den Freund.„Und wieder am Ende der verzeichneten Handſchrift ſtand:„Hier ſchließt das drei⸗ ßigſte Buch der Geſchichten.“ Dadurch ſchwindet, wie mir ——— —— ſcheint, jeder Zweifel, daß dieſe Handſchrift ein Tacitus war. Und um das Ganze zuſammenzufaſſen, war das Sachverhältniß folgendes: Zur Zeit der Reformation be⸗ fand ſich eine Handſchrift des Tacitus im Kloſter Roſſau, der Anfang fehlte. Es war eine alte Handſchrift, ſie war durch die Zeit und ihre Schickſale für Mönchsaugen faſt unlesbar geworden.“ „Es muß aber an dem Buch noch etwas Beſonde⸗ res gehangen haben,“ unterbrach der Doctor,„denn der Mönch bezeichnet es mit dem Ausdruck: ungeheuer, wel⸗ ches etwa unſerm Wort unheimlich entſpricht.“ „So iſt es,“ beſtätigte der Profeſſor.„Man darf muthmaßen, daß entweder eine Kloſterſage, die ſich da⸗ ran geheftet hatte, oder ein altes Verbot das Buch zu leſen, oder wahrſcheinlicher eine ungewöhnliche Beſchaffen⸗ heit des Deckels oder Formats dieſe Bezeichnung verur⸗ ſacht hat. Die Handſchrift enthielt beide Geſchichtswerke des Tacitus, welche durch fortlaufende Bücherzahl ver⸗ bunden waren. Und wir,“ fuhr er fort, und warf in der Aufregung das Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Tiſch,„wir beſitzen dieſe Handſchrift nicht mehr. Und keines von den beiden Geſchichtswerken des großen Römers iſt uns vollſtändig erhalten; uns fehlt, wenn wir die Lücken zuſammenrechnen, wohl mehr als die Hälfte.“ Der Freund durchſchritt haſtig das Zimmer. iſt eine von den Entdeckungen, die das Blut ſchneller in die Adern treibt. Dahin und verloren! Aber es überläuft einen heiß, wenn man deutlich empfindet, daß „Das ———— ſo wenig fehlte, einen koſtbaren Schatz des Alterthums für uns zu retten. Er hat Völkermord, Brand und Zer⸗ ſtörung von anderthalb Jahrtauſenden überdauert, er liegt noch zu der Zeit, wo das Morgenroth der neuen Bildung bei uns hereinbricht, glücklich verborgen und unbeachtet in einem deutſchen Kloſter, wenige Wegſtun⸗ den von der großen Völkerſtraße, auf welcher die Huma⸗ niſten hin und herwandern, die Bilder römiſcher Herr⸗ lichkeit im Haupte, begierig nach jeder Ueberl ieferung aus der Römerzeit ſuchend. Und kaum eine Tagreiſe entfernt erblühen Univerſitäten, auf denen die Jugend ſich begeiſtert in lateiniſchen Verſen und Proſa übt. Es lag ſo nahe, daß irgend ein Mönch aus Roſſau einem Ordensbruder davon erzählte, der die Kunde nach Mainz oder Köln trug. Es ſcheint unbegreiflich, daß nicht einer von den lateiniſchen Schullehrern, die ſich damals über das ganze Land verbreiteten, Nachricht von dem Buche er⸗ hielt und den Brüdern etwas von dem Werth eines ſolchen Denkmals ſagte. Und wie natürlich war, daß der geiſtliche Herr, welcher die Oberaufſicht über das Kloſter übte, von dem geheimnißvollen Bande erfuhr und neugierig die verblichenen Blätter umſchlug. Selbſt dann wäre doch eine Kunde in die Welt gedrungen, und die Handſchrift uns wahrſ ſcheinlich irgendwo erhalten. Und nichts von alledem. Und im beſten Fall hat ein Zeitgenoſſe von Erasmus und Melanchthon, ein armer hungernder Mönch die Handſchrift an den Buchbinder ver⸗ kauft, und abgeſchnittene Streifen kleben noch irgendwo 1 3 — 14— an alten Einbänden. Aber ſogar dafür iſt dieſe Nach⸗ richt wichtig.— Das war eine ſchmerzliche Freude, die dir das kleine Buch bereitet hat.“ Der Profeſſor faßte die Hand des Freundes, di⸗ beiden Männer ſahen einer dem andern in 21 Geſicht.„Nehmen wir an, der afte erhaltener Schätze, das Feuer habe uch dieſ udſchrift verzehrt,“ ſchloß der Doeto tra„Wir ſind Kinder, daß wir den Verluſt emp inden, als hätten wir ihn heut erlitten.“ „Wer ſagt uns, daß die Handſchrift unwiederbring⸗ lich verloren iſt?“ entgegnete der Profeſſor in unterdrück⸗ ter Bewegung.„Noch einmal ſetze dich vor das Buch, es weiß uns auch von den Schickſalen der Handſchrift zu erzählen.“ Der Doctor ſprang an den Tiſch und Zriff das Büchlein von der heiligen gart „Hier hinter zeichniß,“ ſprach der Profeſſor und wies auf die latzte Seite des Buches,„ſteht noch mehr.“ 3 Der Doctor ſtarrte auf das Blatt, lateiniſche Buch⸗ ſtaben ohne Sinn und Wortabſatz waren in ſieben Zei⸗ len. zuſammengeſchrieben, darunter ſtand ein Name: F. Tobias Bachhuber. Wergleiche dieſe Buchſtaben mit jener lateiniſchen Bemerkung neben dem Titel der unheimlichen Hand⸗ ſchrift. Es iſt unzweifelhaft dieſelbe Hand, feſte Züge des ſiebzehnten Jahrhunderts, hier das s, r, das f.“ „Es iſt dieſelbe Hand,“ rief der Doctor vergnügt. ie Buchſtaben ohne Sinn ſind kindliche Geheim⸗ ſchr in. wie man ſie im ſiebzehnten Jahrhundert übte. Dieſe hier iſt leicht zu löſen, jeder Buchſtabe iſt mit ſeinem folgenden vertauſcht. Auf dieſen Zettel habe ich die lateiniſchen Worte des Textes zuſammengeſtellt. Die Worte lauten auf Deutſch:„Beim Herannahen des wüthenden Schweden habe ich, um den verzeichneten Schatz unſeres Kloſters den Nachſtellungen des brüllen⸗ den Teufels zu entziehen, dies Alles an einer trocknen und hohlen Stelle des Hauſes Bielſtein niedergelegt. Am Tage Quaſimodogeniti: 37. Alſo am 19. April 1637.— Was ſagſt du nun, Fritz? Es ſcheint doch, die Handſchrift t war bis in den dreißigjährigen Krieg nicht verbrannt, denn Frater Tobias Bachhuber— ſein Anden ken ſei geſegnet,— hat ſie in dieſer Zeit noch einer Be⸗ trachtung gewürdigt, und da er ihr in dem Verzeichniß eine beſondere Anmerkung gönnt, wird er ſie zuverläſſig bei der Flucht nicht zurückgelaſſen haben. Die geheim⸗ nißvolle Handſchrift war alſo bis zum Jahr 1637 im Kloſter Roſſau, und der Frater hat ſie im April dieſes Jahres mit anderer Habe in der hohlen und trocknen Stelle des Schloſſes Bielſtein vor Baners Schweden verborgen.“ „Jetzt wird die Sache Ernſt,“ rief der Doctor. „Ja, es iſt Ernſt, mein Freund; nicht unmöglich, daß die Handſchrift noch irgendwo verborgen dauert.“ „Und Schloß Bielſtein?“ „Es liegt nahe bei dem Städtchen Roſſau. Das — 16— Kloſter hat unter dem Schutze des geiſtlichen Schirmherrn bis zum dreißigjährigen Kriege in dürftigen Verhältniſſen fortbeſtanden; im Jahre 1637 wurde Stadt und Kloſter durch die Schweden verwüſtet. Die letzten Mönche ver⸗ loren ſich, das Kloſter wurde nicht wieder eingerichtet. Das iſt Alles, was ich zur Zeit erfahren konnte. Für das weitere erbitte ich deine Hülfe.“ „Die nächſte Frage wird, ob das Schloß den Krieg überdauert hat,“ verſetzte der Doctor,„und was bis jetzt daraus geworden. Schwerer wird zu ermitteln ſein, wo Bruder Tobias Bachhuber geendet hat, und am ſchwer⸗ ſten, durch welche Händésſein kleines Buch auf uns ge⸗ kommen iſt.“ „Das Buch fand ich heut bei einem hieſigen Anti⸗ qttar, es war neuer Erwerb und noch nicht in ſein Verzeichniß aufgenommen. Die weitere Auskunft, welche der Verkäufer etwa geben kann, werde ich morgen holen.— Es lohnt doch, nachzufragen,“ fuhr er kühler fort, be⸗ müht, einen Strom verſtändiger Erwägung über die aufbrennende Gluth ſeiner Hoffnungen zu leiten.„Seit jener geheimen Notiz des Fraters ſind mehr als zwei⸗ hundert Jahre verfloſſen, die zerſtörenden Kräfte waren in dieſer Zeit nicht weniger thätig als früher, vor an⸗ dern Krieg und Raub der Jahre, in denen das Kloſter zu Grunde ging. So ſind wir zuletzt nicht weiter, als wenn die Handſchrift einige hundert Jahr früher verloren wäre.“ 3 „Und doch ſteigt mit jedem Jahrhundert die Wahr⸗ = — ☛ — — ſcheinlichkeit, daß die Handſchrift bis zur Gegenwart er⸗ halten iſt,“ warf der Doctor ein,„ſelbſt wenn man für jedes Jahrhundert eine gleiche Zahl von Angriffen auf das Beſtehende annimmt. Aber die Zahl der Menſchen, 4 welche das Merkwürdige eines ſolchen Fundes ahnen, iſt ſeit jenem Kriege ſo groß geworden, daß wenig⸗ ſtens eine Zerſtörung durch rohe Unwiſſenheit faſt undenkbar wird.“ „Wir dürfen darin auch dem Wiſſen der Gegen⸗ wart nicht zu viel vertrauen,“ warf der Profeſſor ein. „Wenn es aber wäre,“ fuhr er auf, und ſeine Augen ſtrahlten,„wenn uns die Kaiſergeſchichte des erſten Jahrhunderts„ wie ſie Tacitus geſchrieben, durch ein günſtiges Geſchick zurückgegeben würde, es wäre ein Ge⸗ ſchenk, ſo groß, daß der Gedanke an die Möglichkeit einen ehrlichen Mann wohl berauſchen darf, wie römi⸗ ſcher Wein.“. 1„Unſchätzbar,“ beſtätigte der Doctor,„für unſre eeoe der Sprache, für hundert Einzelheiten römi⸗ ſcher Geſchichte.“ ür die älteſte Geſchichte deiner Germanen,“ rief der Profeſſor. 6 1 4 Und Beide maßen wieder mit ſchnellen Schritten die Stube, ſchüttelten einander die Hände, und ſahen einer den andern fröhlich an. „Und wenn ein günſtiger Zufall auf dieſer Spur zu der Handſchrift leitete,“ begann Fritz,„wenn ſie durch frich d dem Tageslicht zurückgegeben würde, du, mein 4 4 Handſchrift. I. 2 der beſte Mann, ſie herauszuge⸗ ß deinem Leben eine ſolche Freude— macht mich— Freund, du biſt auch ben. Der Gedanke, da und ſo ruhmvolle Arbeit werden könnte, glücklicher, als ich ſagen kann.“ 7 „Finden wir die Handſchrift,“ verſetzte der Profeſſor, „ſo kann ſie nur von uns beiden zuſammen herausge⸗ geben werden.“ „Von uns?“ frug Fritz verwundert. „Von dir mit mir,“ entſchied der Profeſſor,„das ſoll deine Tüchtigkeit in weiteren Kreiſen bekannt„ machen.“ Fritz trat zurück. ich ſo etwas annehmen würde? „Widerſprich mir nicht,“ rief der Profeſſor,„du biſt vollkommen dafür geeignet.“ „Das bin ich nicht,“ verſetzte Fritz feſt,„und ich bin zu ſtolz, etwas zu unternehmen, wobei ich deiner Güte mehr verdanke als meiner Kraft.“ „Das iſt ungeſchickte Beſcheidenheit,“ rief der Pro⸗ feſſor wieder. „Ich werde es nie thun,“ entgegnete Fritz.„Und du verleugneſt dein Zartgefühl, wenn du nur einen Augenblick daran denkſt, daß ich mich vor dem 2 „Wie kannſt du glauben, daß 1 -44 kum mit fremden Federn ſchmücken könnte.“ ls du,“ rief unwillig der Pro⸗ feſſor,„was du vermagſt und was dir frommt.“ „Jedenfalls frommt mir nicht, dir, der du bei. der Arbeit ſelbſt den Löwenantheil haben würdeſt, den „Ich weiß beſſer a — — — 19 Lohn dafür heimlich abzunagen. Nicht meine Beſchei⸗ denheit, ſondern meine Selbſtſchätzung verbietet das. Und dies Gefühl ſollſt du ehren,“ ſchloß Fritz mit gro⸗ ßer Energie. „Nun,“ lenkte der Profeſſor ein, die auflodernde Empfindung bändigend,„vorläufig geberden wir uns wie der Mann, welcher Haus und Acker vom Erlös eines Kalbes kaufte, das ihm noch nicht geboren war. Sei ruhig, Fritz, nicht du, nicht ich werden die Hand⸗ ſchrift herausgeben.“ „Und niemals werden wir erfahren, was römiſche Kaiſer an Thusnelda und Thumelicus gefrevelt haben,“ ſagte Fritz, und trat wieder theilnehmend zu dem Freunde. „Aber es ſind doch nicht Einzelheiten, welche uns den größten Gewinn brächten,“ begann der Profeſſor ruhiger, „und nicht, daß wir dieſe miſſen, macht uns den Verluſt der Handſchrift empfindlich. Denn für die Hauptſachen verſagen andere Quellen nicht. Das Wichtigſte wäre immer, daß Tacitus der erſte und in mancher Hinſicht der einzige Geſchichtſchreiber iſt, der höchſt auffallende, unheimliche Seiten der menſchlichen Natur dargeſtellt hat. Seine Werke ſind uns zwei geſchichtliche Tragö⸗ dien, die Scene des Juliſchen und des Flaviſchen Kaiſer⸗ hauſes, markerſchütternde Bilder der ungeheuren Um⸗ wandlung, welche durch ein Jahrhundert der größte Staat des Alterthums, die Seelen der Gehorchenden, die Charaktere der Herrſcher erfahren; die Geſchichte einer Tyrannenherrſchaft, welche die edlen Geſchlechter 2* vertilgt, eine hohe und reiche Bildung heraustreibt und verdirbt, vor allem die Herrſchenden ſelbſt mit wenigen Ausnahmen entmenſchlicht. Wir haben bis zur Gegen⸗ wart kaum ein anderes Werk, deſſen Verfaſſer ſo ſpä⸗ hend in die Seelen einer ganzen Reihe von Fürſten blickt, ſo ſcharf und genau die Verwüſtungen ſchildert, welche die dämoniſche Krankheit der Könige in den ver⸗ ſchiedenſten Naturen hervorgebracht hat.“ „Mich hat immer geärgert,“ ſagte der Doctor, „wenn man ihm vorwarf, daß er zumeiſt Kaiſer⸗ und Hofgeſchichte geſchrieben. Wer darf Trauben von einer Cypreſſe verlangen und behagliche Freude an dem groß artigen Staatsleben von einem Manne, der durch einen großen Theil ſeines Mannesalters täglich Meſſer und Gift becher eines wahnſinnigen Deſpoten vor ſeinen Augen ſah.“ „Ja,“ fuhr der Profeſſor beiſtimmend fort,„er ge hörte zu den Ariſtokraten, deren Häupter hoch über di Menge herausragen, eine Körperſchaft, unfähig zum Re⸗ gieren, unwillig im Gehorſam. In dem Gefühl einer be⸗ vorzugten Stellung waren ſie die unentbehrlichen Diener die ſtillen Feinde und Rivalen der Fürſten, in ihnen bildeten ſich die Tugenden und Laſter einer gewaltigen Zeit zu ungeheuren Erſcheinungen. Wer ſollte die Ge⸗ ſchichte römiſcher Fürſten ſchreiben, als ein Mann aus dieſem Kreiſe? Durch Palaſtintriguen und ſtillen Ein⸗ fluß dunkler Nebengeſtalten entwickeln ſich die That⸗ ſachen, die ſchwärzeſte Miſſethat verbirgt ſich hinter den ſteinernen Wänden des Palaſtes, das Gerücht, das leiſe ——— — 21— Gem mel des Vorzimmers, der lauernde Blick verſteck⸗ te Haſſes ſind oft die einzigen Quellen des Geſchicht⸗ libers. Uns bleibt vor ſolcher Zeit nichts übrig, beſcheiden das Urtheil des Mannes zu ſchätzen, der oon dieſen fremdartigen Zuſtänden Kunde überliefert Zer die erhaltenen Bruchſtücke des Tacitus ehr⸗ geſcheut betrachtet, der wird ſeinen ſichern Blick in ſtten Falten eines römiſchen Gemüthes bewun⸗ derr hen. Es iſt ein erfahrener Staatsmann, ein kräf ger und wahrhafter Geiſt, der uns die geheime G. ichte ſeiner Zeit ſo erzählt, daß wir die Menſchen und all ihr Thun verſtehen, als ob wir ſelbſt Gelegen⸗ hei hätten, ihnen in das Herz zu ſehen. Wer das ver⸗ me für ſpätere Jahrtauſende, der iſt nicht nur ein gr oßer Geſchichtſchreiber, er iſt auch ein bedeutender Menſch. Und vor ſolcher Geſtalt habe ich immer eine efherzliche Ehrfurcht empfunden, und ich halte für eine gflicht ernſter Kritik, das Mäkeln der Kleinen von ſol⸗ chem Bilde fern zu halten.“ „Schwerlich hat einer ſeiner Zeitgenoſſen,“ beſtätigte ver Dockor,„ſo tief die Schwächen der eigenen Zeitbil⸗ dung gefühlt als er. Und immer hat mich gerührt, wie er das Schwerflüſſige ſeiner Sprache, das Vieldeutige des Ausdrucks mit der Scheu und Vorſicht entſchuldigt, welche unter der Herrſchaft des Scheuſals Domitian auch in die Seelen der Beſten geſchlagen wurden.“ „Ja,“ ſchloß der Profeſſor,„er iſt ein Mann, ſo weit das in ſeiner Zeit noch möglich war, und das iſt zuletzt die Hauptſache. Denn was uns am meiſten ör⸗ dert, iſt doch nicht die Summe des Wiſſens wir einem großen Manne verdanken, ſondern ſei ie Perſönlichkeit, die durch das, was er für uns ef 5 ein Theil unſeres eigenen Weſens wird. Der t des Ariſtoteles iſt für uns noch etwas anderes, Summe ſeiner Lehren, welche wir aus den er Büchern zuſammenſuchen. Und Sophokles bedeu etwas ganz anderes, als ſieben erhaltene Tragödie Art, wie er dachte, fühlte, das Schöne empfan⸗ Gute wollte, die ſoll ein Stück von unſerm Leben den. Dadurch vor allem wirkt das Wiſſen aus gangener Zeit befruchtend auf unſer Sein und len. In dieſem Sinne iſt auch die ſchwermüt trauervolle Seele des Tacitus für mich weit mehr, ſelbſt ſeine Schilderungen des Kaiſerwahnſinns.— Si Fritz, und deshalb ſind mir dein Sanſcrit und dei Inder nicht recht, Ihnen fehlen die Männer.“ „Sie ſind wenigſtens für uns ſchwer erkennbar, erwiederte der Freund.„Aber wer, wie du, die home riſchen Geſänge den Studenten erklärt, der darf nich verkennen, welcher Reiz darin liegt, in die geheimniß vollſten Tiefen des menſchlichen Schaffens hinabzuſteigen in die Periode der Menſchheit, wo noch die junge Volks kraft den Einzelnen, welcher in ihr arbeitet, unſern Blicke verdeckt, und das Volk ſelbſt in Poeſie, Sage Recht, wie ein Einzelweſen Lebendiges geſtaltend, vo uns tritt.“ —— — 23— „Wer ſich nur damit beſchäftigt,“ verſetzte der Pro⸗ feſſor eifrig,„der wird leicht phantaſtiſch und weich. Das Studium ſolcher Urzeiten wirkt wie orientaliſcher Mohnſaft. Die Arbeit unter dieſen ſchillernden un⸗ deutlichen Gebilden, welche im Dunkel aufleuchten und wieder verſchwinden, verführt zu ungeregeltem Combini⸗ ren, wer ſein Lebtag darüber verweilt, wird auch in den Geſichtspunkten, durch die er ſein eigenes Leben beſtimmt, ſchwerlich Willkür fern halten.“ Fritz ſtand auf.„Das iſt unſer alter Streit. Ich weiß, du willſt mir nichts Hartes ſagen, aber ich em⸗ pfinde, daß du dabei an mich denkſt.“ „Und habe ich Unrecht,“ fuhr der Profeſſor fort, „wahrlich, ich habe Reſpekt vor jeder geiſtigen Arbeit, aber meinem Freund möchte ich die gönnen, welche für ihn am ſegensreichſten iſt. Dein Suchen im indiſchen Götterglauben und deutſcher Mythologie lockt dich von einem Räthſel zu dem andern; in dem endloſen Gebiet von unklaren Anſchauungen und Bildern unter weſen⸗ loſen Schatten ſoll eine junge Kraft nicht immer weilen. Zwinge dich zu einem Abſchluß. Auch aus äußern Gründen. Es taugt dir nicht, Privatgelehrter zu ſein, das Leben iſt zu bequem, der äußere Zwang, ein be⸗ ſtimmtes Gebiet von Pflichten fehlen dir. Du haſt mehre von den beſten Eigenſchaften eines Lehrers. Sitze nicht im Hauſe der Eltern, du mußt Univerſitätslehrer werden.“ Dem Freunde ſtieg eine dunkle Röthe langſam über die Wangen.„Es iſt genug,“ rief er gekränkt,„wenn ich zu wenig an meine Zukunft gedacht habe, du ſollſt mir darüber keine Vorwürfe machen. Es war mir vielleicht zu große Freude, an deiner Seite zu leben und der ſtille Vertraute deiner kräftigen Arbeit zu ſein. Etwas von dem Segen, den das Leben eines Mannes allen mittheilt, die an ſeinem geiſtigen Schaffen theilnehmen, habe ich in deiner Nähe doch auch empfunden. Gute Nacht.“ Der Profeſſor ging auf ihn zu und faßte ſeine beiden Hände.„Bleibe,“ rief er,„biſt du mir böſe?“ „Nein,“ erwiederte Fritz,„aber ich gehe.“ Er ſchloß leiſe die Thür. Der Profeſſor ging mit ſtarken Schritten auf und ab, machte ſich Vorwürfe über ſeine Heftigkeit und ſorgte um die Stimmung des Freundes. Endlich warf er die Bücher, welche Telegraphendienſte verrichtet hatten, hef⸗ tig auf die Bretter zurück und trat wieder an den Ar⸗ beitstiſch. Gabriel leuchtete dem Doctor die Treppe hinab, öffnete die Hausthür und ſchüttelte den Kopf, als ſein Nachtgruß bei dem Herrn nur kurze Erwiederung fand. Er löſchte das Licht und horchte nach dem Zimmer ſei⸗ nes Herrn. Als er die Schritte des Profeſſors hörte, entſchloß er ſich, noch einige Züge lauer Abendluft zu ſchöpfen, und ſtieg in den kleinen Hausgarten. Dort ſtieß er auf den Hausbeſitzer Herrn Hummel, welcher wahrſcheinlich in derſelben Abſicht unter den Fenſtern —— des Profeſſors ſpazierte. Herr Hummel war ein breit⸗ ſchultriger Mann mit einem großen Kopfe und eigen⸗ ſinnigem Geſicht, wohlhäbig und gut erhalten, von ehr⸗ barem und altfränkiſchem Anſtrich. Er rauchte aus einer langen Pfeife mit einer ſehr dicken Spitze, an welcher eine Reihe kleiner Kirchthurmsknöpfe hinter einander ſtand. „Ein ſchöner Abend, Gabriel,“ begann Herr Hum⸗ mel,„ein gutes Jahr, das wird eine Ernte.“ Er ſtieß den Diener vertraulich an:„Da oben hat's heut etwas gegeben, das Fenſter ſtand offen. Nicht daß ich hor⸗ chen wollte, aber ich mußte ſo Manches vernehmen, Gabriel!“ ſchloß er bedeutſam und bewegte mißbilligend ſeinen Hausbeſitzerkopf. „Er hat wieder das Fenſter aufgemacht,“ verſetzte Gabriel ausweichend.„Die Fledermaus und die Motte werden bei der freien Ausſicht zudringlich, und wenn er mit dem Doctor discurrirt, ſind beide manchmal ſo laut, daß die Leute auf der Straße ſtehen bleiben und zu⸗ hören.“ „Verſchluß iſt immer gut,“ beſtätigte Herr Hummel. „Was hat's denn eigentlich gegeben? Der Doctor iſt der Sohn von da drüben und Sie kennen meine Mei⸗ nung, Gabriel, ich traue nicht. Ich will niemandem zu nahe treten, aber was von jenem Hauſe kommt, darüber habe ich ſo meine Anſichten.“ „Worüber es ging?“ antwortete Gabriel,„ich hab's nicht gehört, aber das kann ich Ihnen genau ſagen, es ging über die alten Römer. Sehen Sie, Herr Hummel, wenn wir die alten Römer hätten, ſo wäre Vieles bei uns anders. Das waren Eiſenbeißer, die verſtanden zu fouragiren. Sie führten Krieg, ſie eroberten hier und dort.“ „Sie ſprechen ja wie ein Mordbrenner,“ ſagte Herr Hummel mißbilligend. „Ja, ſie thaten es nicht anders,“ erwiederte Ga⸗ briel ſelbſtzufrieden,„ſie waren ein eigennütziges Volk und hatten Haare auf den Zähnen, wie die Igel. Und was am wunderbarſten iſt, wie viel Bücher dieſe Römer bei alledem geſchrieben haben. Kleine und große, viele auch in Folio. Wenn ich die Bibliothek abſtäube, nimmt es mit den Römern kein Ende, jede Art von Kaliber, und manche ſind dicker als die Bibel. Nur ſind alle ſchwer zu leſen, wer aber die Sprache ver⸗ ſteht, erfährt vieles.“ „Die Römer ſind ein abgeſtorbenes Volk,“ verſetzte Herr Hummel,„als es mit ihnen zu Ende ging, kamen die Deutſchen. Der Römer würde es bei uns niemalen thun. Das Einzige, was uns helfen kann, iſt die Hanſa. Das iſt die Einrichtung. Mächtig zur See, Gabriel,“ rief er, und ſchüttelte den Rock deſſelben an einem Knopfe, „die Städte müſſen es unternehmen, Bündniſſe, Capi⸗ talaufnahme, denn Handel iſt da, Credit iſt da, an Menſchen fehlt's nicht. Schiffe bauen, Flaggen auf⸗ hiſſen.“ „Und wollen Sie mit Ihrem Kahne auf das große Meer?“ frug Gabriel, und wies mit der Hand auf — 27— einen kleinen Kahn, der an der hintern Seite des Gar⸗ tens umgeſtülpt auf zwei Hölzern lag.„Soll ich mit meinem Profeſſor auf die See gehen?“ „Davon iſt nicht die Rede,“ verſetzte Herr Hummel, „aber die jungen Leute, welche zuvörderſt unnütz ſind. Mancher könnte etwas Beſſeres thun, als bei ſeinen Eltern zu Hauſe ſitzen. Warum ſoll Ihr Doctor von drüben nicht als Matroſe für's Vaterland mitgehen 2* „Ich bitte Sie, Herr Hummel,“ rief Gabriel er⸗ 2 ſchrocken,„der junge Herr? Er hat ja ein kurzes Ge⸗ ſicht.“ „Thut nichts,“ brummte Hummel,„dafür giebt's auf der See Fernröhre, und er kann's ja meinetwegen bis zum Kapitän bringen. Ich bin nicht der Mann, der ſeinem Nächſten etwas Böſes wünſcht.“ „Er iſt ein Gelehrter,“ entgegnete Gabriel,„und dieſer Stand iſt auch nöthig. Ich verſichere Sie, Herr Hummel, ich habe über das gelehrte Weſen nachgedacht, ich kenne meinen Profeſſor genau und zuweilen den Doctor, und ich muß ſagen, es iſt etwas an der * Sache, es iſt viel daran. Manchmal bin ich zweifelhaft. Wenn der Schneider den neuen Rock bringt, merkt ſo Einer nicht, was Jedermann weiß, ob ihm der Rock ſitzt, oder ob auf dem Rücken Falten ſind. Wenn er auf den Einfall kommt, von einem Bauer eine Fuhre Holz zu kaufen, die vielleicht doch nur geſtohlen iſt, ſo bezahlt er hinter meinem Rücken das Holz viel theurer, 8 als jeder Menſch. Und wenn er unverſehens ärgerlich — 28— wird und ſich ſtreitet über Dinge, die wir beide ruhig mit einander beſprechen, ſo wird mir die Sache zweifel⸗ haft. Wenn ich aber dann ſehe, wie er ſonſt iſt, barm⸗ herzig und freundlich ſogar gegen die Fliegen, die um ſeine Naſe tanzen,— denn er holt ſie mit dem Löffel aus dem Kaffee und ſetzt ſie draußen aufs Fenſterbret — und wie er aller Welt das Beſte gönnen möchte, und wie er ſich ſelber gar nichts gönnt und noch tief in der Nacht lieſt und ſchreibt, ſo wird mir ſeine ganze Geſchichte gewaltig. Und ich ſage Ihnen, ich laſſe nichts auf die Gelehrten kommen. Sie ſind anders als wir, ſie verſtehen nicht, was unſer einer verſteht. Aber wir verſtehen nicht, was ſie verſtehen.“ „Nun, man hat auch ſeine Bildung,“ verſetzte Herr Hummel.„Was Sie ſagen, Gabriel, haben Sie als ein achtbarer Menſch geſprochen, aber das Eine will ich Ihnen anvertrauen, man kann eine große Wiſſenſchaft haben, und ein recht hartherziges Subject vorſtellen, das ſein Geld auf Wucherzinſen giebt und ſeinen guten Freunden die Ehre abſchneidet. Und deswegen meine ich: die Hauptſache iſt Ordnung und Grenze und ſeinen Nachkommen etwas hinterlaſſen. Ordnung hier,“ er wies auf ſeine Bruſt,„und Grenze dort,“ er wies auf ſeinen Zaun,„daß man ſicher weiß, was einem ſelbſt gebührt und was dem andern gehört. Und für die Kinder ein feſtes Eigenthum, auf dem ſie ſitzen; dann mögen dieſe wieder für ihre Kinder ſorgen. Das iſt, was ich unter Menſchenleben verſtehe.“ — 29— Der Hausherr verſchloß die Thür des Zaunes und die Thür des Hauſes, auch Gabriel ſuchte ſein Lager, aber noch lange brannte die Lampe in der Arbeitsſtube des Profeſſors und ihre Strahlen kreuzten ſich an der Fenſterbrüſtung mit dem bleichen Schein des Mondes. Endlich verloſch die Leuchte des Gelehrten, das Zimmer ſtand leer; draußen am Himmel fuhren kleine Wolken an der Mondſcheibe vorüber, und dämmerige Lichter tanzten jetzt als Beherrſcher der Stube über den Schreib⸗ tiſch, über die Werke der alten Römer und über das Büchlein des ſeligen Frater Tobias. 2. Die feindlichen Nachbarn. In künftigen Zeiten wird, wie man hört, auf dem Erdball eitel Freude und Liebe ſein. Und die Menſch⸗ heit wird in waſſergrünem und himmelblauem Gewande einhergehen, Sandalen an den Füßen und Palmzweige in der Hand, um dem letzten Haß und der letzten Bos⸗ heit Salz auf den Schwanz zu ſtreuen und dieſe Nacht⸗ vögel für das große Muſeum der Zukunft auszuſtopfen. Bei ſolcher Jagd wird man finden, daß das letzte Neſt der Unholde zwiſchen den Wänden zweier Nachbarhäuſer hängt. Denn zwiſchen Nachbar und Nachbar niſten ſie, ſeit der Regen vom Dach des einen Hauſes in den Hof des andern rieſelt, ſeit der Sonnenſtrahl durch eine Haus⸗ mauer der andern vorenthalten wird, ſeit Kinder die Hände durch den Zaun ſtecken um Beeren zu naſchen, ſeit der Hausherr nichtpabgeneigt iſt ſich ſelbſt für N er zu halten als ſeine Mitmenſchen. Und es gab zu un⸗ ſern Tagen wenig Gebäude im Lande, zwiſchen denen Widerwille und feindliche Kritik ſo arg wirthſchafteten, als zwiſchen den beiden Häuſern am großen Stadtpark. Viele erinnern ſich der Zeit, wo die Häuſer der 4 1 — 31— Stadt noch gar nicht bis an den waldigen Thalgrund reichten. Damals hatte die Thalgaſſe nur wenige kleine Menſchenwohnungen, dahinter lag ein wüſter Raum, Frau Knips, die Wäſcherin, trocknete dort Bürgerhemden und ihre beiden unartigen Jungen warfen einander mit den Holzklammern. Da hatte Herr Hummel einen Trocken⸗ platz am letzten Ende der Straße gekauft und hatte da⸗ rauf ſein ſchönes Haus gebaut in zwei Stockwerken mit ſteinernen Stufen und eiſernem Gitter, und dahinter ein einfaches Arbeitshaus für ſein Geſchäft, denn er war Hutfabrikant und trieb die Sache ſehr in's Große. Und wenn er aus ſeinem Hauſe trat, und die Vorſprünge des Daches und die Gipsarabesken unter den Fenſtern muſternd überſchaute, ſo ſah er von allen Seiten Licht und Luft und freie Natur, und empfand ſich als den vorderſten Pfeiler der Civiliſation gegen den Urwald. Da begegnete ihm, was manchem Pionier der Wild⸗ niß die Ruhe ſtört, ſein Beiſpiel fand Nachahmung. An einem finſtern Morgen des März kam ein Wagen mit alten Brettern an den Wäſchplatz gefahren, der ihm gegenüber lag, ſchnell wurde ein Plankenzaun zuſammen⸗ geſchlagen, Tagelöhner mit Haue und Handkarren be⸗ gannen Grund zu graben. Das war ein harter Schlag für Herrn Hummel. Aber ſein Leid wurde größer. Als er zornig über die Straße ſchritt und den Maurermeiſter nach dem Namen des Mannes frug, der gegen Licht und Ruhm ſeines Hauſes feindlich arbeiten ließ, da erfuhr er, daß ſein künftiger Nachbar der Fabrikant Hahn ſein * ———r ſollte. Von allen Menſchen auf der Welt war dieſer der größte Tort, den ihm das Schickſal anthun konnte. Nicht eigentlich als Bürger betrachtet, er war nicht un⸗ reputirlich, es ließ ſich gegen die Familie nichts Schweres einwenden, aber er war Hummels natürlicher Gegner, denn das Geſchäft des neuen Anſiedlers bewegte ſich auch um Hüte, und zwar um Strohhüte. Dieſen leichten Plunder zu verfertigen, iſt nie für eine ernſte Männer⸗ arbeit gehalten worden, es war nie ein zünftiges Hand⸗ werk, es hat nie das Recht gehabt, Lehrlinge frei zu ſprechen, es iſt ſonſt nur von italieniſchen Bauern be⸗ trieben worden, es hat ſich als eine Neuerung mit an⸗ dern ſchlechten Sitten erſt ſpät in der Welt verbreitet, es iſt im Grunde gar kein Geſchäft, man kauft Strohbänder und läßt ſie durch zuſammengelaufene Mädchen im Wochen⸗ lohn an einander nähen. Und es beſteht eine alte Feind⸗ ſchaft zwiſchen Filzhut und Strohhut. Der Fitzhut iſt eine hiſtoriſche Macht, durch Jahrtauſende geheiligt, nur die Mütze duldete er neben ſich, als gemeine Einrichtung für Werkeltage. Da erhob der Strohhut ſeine Anmaßun⸗ gen gegen verbrieftes Recht und beanſpruchte frech die Hälfte des Jahres. Und ſeit der Zeit ſchwanken die Wagſchalen des irdiſchen Beifalls zwiſchen dieſen beiden Attributen des Menſchengeſchlechts. Wenn der unſtäte Sinn der Sterblichen nach dem Stroh zuſchwankt, bleibt der ſchönſte Filz, Felbel, Seide und Pappe unbeach⸗ tet ſtehn, von der Luft ausgezogen, von Motten zer⸗ biſſen. Hinwiederum wenn die Neigungen der Menſchen nach dem Filz hinfluthen, trägt alles Geborene, Frauen, dinder und Kindermädchen, kleine Männerhüte, dann ſteht das Stroh kläglich, kein Herz ſchlägt dafür und die Dnnsns niſtet in dem ſchönſten Geflecht. Das war für Herrn Hummel ein ſtarker Grund zum Zorn. Aber es wurde noch ärger. Er ſah täglich, wie das feindliche Haus aus dem Boden wuchs, er beobach⸗ tete die Gerüſte, die aufſteigenden Mauern, die Zierra⸗ then der Geſimſe, die d nih ne ſen— es war zwei Fen⸗ ſter länger als ſein Haus. Das Erdgeſchoß hob ſich in die Höhe, ein zweiter Stock, zu m gar ein dritter— alle Fabrikräume des Strohmanns wurden dem Wohnhaus einverleibt. Das Haus des Herrn Hummel war zu einem unbedeutenden Dinge herabgedrückt. Da ſchritt er zu ſeinem Advocaten und forderte Rache wegen entzogenem Licht und verſchlechterter Ausſicht. Natürlich zuckte dieſer die Achſeln. Das Recht Häuſer zu bauen gehörte zu den Grundrechten der Menſchheit, es war auch gemeines deut⸗ ſches Herkommen in Häuſern zu leben, und es war voraus⸗ ſichtlich hoffnungslos zu beantragen, daß Hahn auf ſei⸗ nem Grundſtück nur ein Leinwandzelt errichten dürfe. So war durchaus nichts zu thun als ſich mit Geduld zu fügen, und Herr Hummel hüätte ſich das ſelbſt ſagen ſollen. Seitdem waren Jahre vergangen. Zu derſelben Stunde vergoldete das Sonnenlicht die Parkſeite der beiden Häu⸗ ſer, ſtattlich und bewohnt ſtanden ſie da, beide gefüllt mit Menſchen, welche täglich an einander vorbeigingen. Freytag, Handſchrift. I. 3 — 34— 1 Zu derſelben Stunde trat der Briefträger in beide Häuſer, die Tauben flogen von dem einen Dach auf das an⸗ dere, die Sperlinge an den beiden Hausrinnen traten in die gemüthlichſten Beziehungen; um das eine Haus roch es zuweilen ein wenig nach Schwefel, um das andere nach verſengten Haaren, aber derſelbe Sommer⸗ wind trieb vom Walde den Harzgeruch und den Duft der Lindenblüthen durch beide Hausthüren. Und doch, die tiefe Abneigung der beiden Häuſer hatte ſich nicht verringert. Das Haus Hahn empfand einen Widerwil⸗ len gegen verſengte Haare, und die Familie Hummel huſtete in ihrem Garten zornig, ſo oft eine Spur von Schwefel in dem Sauerſtoff der Luft geargwöhnt wurde. Zwar wurde das anſtändige Verhalten zu der Nach⸗ barſchaft nicht ganz mit Füßen getreten, wenn auch der Filz eine Neigung zu bärbeißigem Verhalten hatte, das Stroh war biegſamer und bewies in mehren Fällen ſeine Nachgiebigkeit. Beide Hausherren hatten eine be⸗ kannte Familie, in welcher ſie zuweilen zuſammentrafen, ja beide hatten einmal vor demſelben Täufling geſtan⸗ den und darauf geachtet, daß einer nicht weniger Pathen⸗ geld gab als der andere. Deßhalb entſtand ein unvermeid⸗ liches Grüßen, ſo oft man ihm nicht aus dem Wege ge⸗ hen konnte. Aber dabei blieb es. Zwiſchen dem Markt⸗ helfer, welcher die Strohhüte ſchwefelte, und den Arbei⸗ tern, welche über den Haſenhaaren walteten, beſtand glühender Haß. Und die kleinen Leute, welche in den nächſten Häuſern der Straße wohnten, wußten das un thaten redlich das Ihre, um das beſtehende Verhältniß aufrecht zu erhalten. Auch konnte in der That das We⸗ ſen der beiden Hausherren ſchwerlich zuſammenſtimmen. Der Dialekt war verſchieden, die Bildung hatte einen andern Strich, was der eine an Leibgerichten und an⸗ dern Einrichtungen des Lebens lobte, mißfiel dem an⸗ dern; Hummel war aus einem Baumſtamm des nörd⸗ lichen Deutſchlands an das Licht geflogen, Hahn aus einer kleinen Stadt in der Nähe herzugeflattert. Wenn Herr Hummel von ſeinem Nachbar Hahn ſprach, ſo nannte er ihn das Strohfeuer und den Phan⸗ taſten. Herr Hahn war ein ſinniger Mann, ſtill und fleißig über ſeinem Geſchäft, in den Freiſtunden aber er⸗ gab er ſich auffallenden Liebhabereien. Unleugbar waren dieſe darauf berechnet, dem wandelnden Publikum, wel⸗ ches zwiſchen den beiden Häuſern nach der Waldwieſe und den grünen Bäumen hinauszog, einen guten Ein⸗ druck zu machen. In dem kleinen Garten hatte er nach⸗ einander die meiſten Erfindungen gehäuft, durch welche moderne Gartenkunſt die Erde verſchönert. Zwiſchen den drei Fliederbüſchen erhob ſich ein Felſen aus Tuffſtein gemauert mit ſchmalem und ſteilem Pfade zur Höhe, daß nur feſte Bergſteiger ohne Alpenſtock die Expedition nach dem Gipfel wagen konnten, auch ſie in Gefahr mit der Naſe in den zackigen Tuffſtein zu fallen. Im näch⸗ ſten Jahre wurden, nahe am Gitterzaun, in kurzen Ent⸗ fernungen Stangen errichtet, an denen Schlinggewächſe hinaufliefen, zwiſchen je zwei Stangen hing eine bunte 3* — 4 Glaslampe. Wenn die Lampenreihe an feſtlichen Aben⸗ den angezündet war, warf ſie einen magiſchen Glanz auf die Strohhüte, welche unter dem Fliederbuſch zu⸗ ſammenſaßen und die Urtheile der r Vorübergehenden ein⸗ ſammelten. Den Glaskugeln fol gte das Jahr der Pa⸗ pierlaternen. Wieder im nächſten Jahre erhielt der Gar⸗ ten ein antikes Ausſehen, denn eine weiße Muſe glänzte von Epheu und blühendem Lack umgeben bis weit in den Wald hinein. Gegenüber ſolcher Neuerungsſucht hielt Herr Hum⸗ mel feſt an ſeiner Vorliebe für's? Waſſer. An der Hinter⸗ ſeite ſeines Hauſes zog ſich eine ſchmale Waſſerader nach der Stadt. Alljährlich wurde ſein Kahn mit derſelben grünen Oelfarbe angeſtrichen, er ſetzte ſich in ſeinen Frei⸗ ſtunden am liebſten allein in den Kahn und ruderte ſich ein wenig aus den Häuſern in den Park, nahm ſeine Angel zur Hand und ergab ſich dem Vergnügen, Weiß⸗ fiſche und anderes kleines Waſſervolk zu fangen. Ohne Zweifel war das Haus Hummel legitimer, ä... das heißt eigenſinniger, wunderlicher, ſchwerer zu behan deln. Von allen Hausfrauen der Straße erhob Frau Hummel die größten Anſprüche, durch ſeidene Kleider durch eine goldene Uhr an goldener Kette. Sie war eine kleine Dame mit blonden Locken, immer noch recht hübſch, ſie war im Theater abonnirt, gebildet und zart⸗ fühlend, und konnte ſehr böſe werden. Sie ſah aus, als wenn ſie ſich aus nichts etwas mache, aber ſie wußte alles, was auf der Straße vorging. Nur den eigenen Gatten vermochte ihre Regierungskunſt nicht immer zu bewältigen. Doch bewies Herr Hummel, tyranniſch gegen alle Welt, ſeiner Frau zuweilen große Rückſicht. Wenn ſie ihm im Hauſe zu ſtark wurde, ging er ſtillſchwei⸗ gend in den Garten, und wenn ſie ihm auch dahin folgte, verſchanzte er ſich in der Fabrik hinter einem Bollwerk von Haaren. Aber auch Frau Hummel war einer höhern Ge⸗ walt unterworfen, und dieſe Macht übte ihr Töchterchen Laura. Von mehren Kindern war ihr nur dies eine geblieben und alle Zärtlichkeit und weiche Empfindung der Mutter war ihm zu Theil geworden. Und es war ein prächtiger kleiner Balg, die ganze Stadtgegend kannte ſie, ſeit ſie die erſten rothen Schuhe trug, ſchon auf dem Arm der Wärterin war ſie oft angehalten und beſchenkt worden. Luſtig wuchs es auf, ein rundes dralles Mäd⸗ chen mit zwei großen blauen Augen, und runden Bäck⸗ chen, mit dunklem Kraushaar und einem ſchlauen Geſicht. Wenn die kleine roſige Hummel die Straße entlang ſpazierte, die Händchen in den Taſchen der Schürze, war ſie die Freude der ganzen Nachbar⸗ barſchaft. Keck und kurzab wußte ſie ſich in alle zu ſchicken und blieb mit dem kleinen Mäulchen Nieman⸗ dem etwas ſchuldig. Sie gab dem Holzhacker vor der Fhür ihre Butterſemmel und trank mit ihm aus iner Schaale den dünnen Kaffee, ſie begleitete den pſtboten die ganze Straße entlang, und ihr größtes ergnügen war mit ihm die Treppen hinaußzulaufen, — 38— zu klingeln und ſeine Briefe zu übergeben; ja ſie hatte ſich einſt am ſpäten Abend aus der Stube ge⸗ ſchlichen, ſaß neben dem Nachtwächter auf einem Eck⸗ ſteine und hielt ſein großes Horn in ungeduldiger Erwar⸗ tung des Stundenſchlags, zu welchem das Horn ertönen würde. Frau Hummel ſchwebte in einer unaufhörlichen Angſt, daß ihre Tochter einmal geſtohlen werden müſſe, denn mehr als einmal war ſie auf viele Stunden ver⸗ ſchwunden, dann war ſie mit fremden Kindern in ihre Wohnung gegangen und hatte mit ihnen geſpielt; ſie war die Vertraute vieler kleiner Straßenjungen, wußte 3 ſich bei ihnen in Reſpect zu ſetzen, gab ihnen Pfennige und empfing als Zeichen ihrer Achtung Brummteufel und 6 kleine Schornſteinfeger, die aus gebackenen Pflaumen und Holzſtäbchen zuſammengeſetzt waren. Sie war ein gut⸗ herziges Kind, das lieber lachte als weinte, und ihr lu⸗ ſtiges Geſicht machte das Haus des Herrn Hummel wohnlicher, als die Epheulaube der Hausfrau und das mächtige Bruſtbild des Herrn Hummel ſelbſt, welches recht eigenſinnig auf Laura's Puppenſtube herunterſah. „Das Kind wird unerträglich,“ rief Frau Hummel zornig und trat, die betrübte Laura an der Hand, in das Wohnzimmer.„Sie quirlt den ganzen Tag auf der Straße umher. Jetzt als ich vom Markte kam, ſaß ſ⸗ neben der Brücke auf dem Stuhl der Obſtfrau und voe kaufte ihr die Zwiebeln. Jedermann blieb ſtehen, ua ich mußte mein Kind aus dem Gedränge herausholes. „Das Wurm wird gut,“ verſetzte Herr Hu⸗ mel lachend,„warum willſt du ihr die Jugend nicht gönnen?“ „Sie muß aus dem ordinären Verkehr heraus. Es fehlt ihr aller Sinn für das Feinere, ſie kennt noch kaum die Buchſtaben, und ſie hat einen Abſcheu vor dem Lefen. Auch iſt Zeit, daß mit den franzöſiſchen Vokabeln ein Anfang gemacht wird. Die Betty der Regierungsräthin iſt nicht älter und ſie weiß ihre Mutter ſchon ſo zierlich chère mère zu nennen.“ „Die Mutter Scheere und Möhre und den Vater Kohlrabi,“ verſetzte Herr Hummel.„Die Franzoſen ſind ein artiges Volk. Wenn du ſo beſorgt biſt, deine Toch⸗ ter für den Markt abzurichten, dann iſt das Türkiſche immer noch beſſer als das Franzöſiſche. Der Türke be⸗ zahlt dir Geld, wenn du ihm das Kind verhandelſt, die Andern wollen alle noch etwas dazu haben.“ „Sprich nicht ſo ruchlos, Heinrich,“ rief die Gattin. „Und du bleib mir mit deinen verdammten Voka⸗ beln vom Leibe, ſonſt verſpreche ich dir, ich lehre das Kind alle franzöſiſchen Redensarten, die ich kenne, es ſind ihrer nicht viele, aber ſie ſind kräftig. Baiſez moi, Ma⸗ dame Uemmel.“ Damit ging er trotzig aus dem Zimmer. Das Reſultat dieſer Berathung war aber doch, daß Laura in die Schule ging. Es wurde ihr ſehr ſchwer, zu ſchweigen und zu hören, und längere Zeit waren die Fortſchritte wenig befriedigend. Endlich kam auch in die kleine Seele der Ehrgeiz, ſie klomm die untern Staffeln der Bildung bei Fräulein Johanne heran, dann wurde — 40— ſie in das berühmte Inſtitut von Fräulein Jeannette be⸗ fördert, wo die Töchter anſpruchsvoller Familien das höhere Wiſſen erhielten. Dort lernte ſie die Nebenflüſſe des Amazonenſtroms, viel egyptiſche Geſchichte, tippte auf den Deckel eines Elektrophors, ſprach franzöſiſch über das Wetter, las engliſch in einer kunſtvollen Weiſe, welche ſogar dem geborenen Britten die Anerkennung abnöthigte, daß in dem Inſtitut eine neue Sprache erfunden werde, und wurde endlich in allen Feinheiten eines deutſchen Aufſatzes gebildet. Sie ſchrieb kleine Abhandlungen über den Unterſchied zwiſchen Wachen und Schlafen, über die Gefühle der berühmten Cornelia, Mutter der Gracchen, über die Schrecken eines Schiffbruchs und die wüſte Inſel, auf welche ſie ſich gerettet hatte. Zuletzt erwarb ſie Kennt⸗ niſſe in der Abfaſſung von Strophen und Sonetten. Bald ſtellte ſich heraus, daß Lauras Hauptſtärke nicht in der franzöſiſchen, ſondern in der deutſchen Sprache lag, ihr Stil wurde die Freude der Anſtalt, ja ſie be⸗ gann ihre Lehrerinnen und die liebſten Mädchen in Ge⸗ dichten anzuſingen, welche den ſchwierigen Versbau des großen Schiller vom Kranze aus goldenen Aehren bis zur Form aus Lehm gebrannt ſehr glücklich nachahmten. Jetzt war ſie mit achtzehn Jahren ein hübſches roſiges Fräulein, immer noch rund und luſtig, immer noch die Gebieterin des Hauſes, und bei allen Leuten auf der Straße beliebt. Die Mutter, ſtolz auf die Bildung der Tochter, hatte ihr nach der Confirmation ein Oberſtübchen ge⸗ —— räumt, das auf die Bäume des Parkes hinausſah, und Laura richtete ſich ihr kleines Heimweſen zu einem Feen⸗ ſchloß ein, mit Epheu, mit einem kleinen Blumentiſch, mit einem allerliebſten Schreibzeug aus Porcellan, auf welchem Schäfer und Schäferin nebeneinander ſaßen. Dort oben verlebte ſie ihre ſchönſten Stunden bei Feder und Löſchblatt, denn ſie ſchrieb vor Jederniann verborgen ihre Memoiren. Aber auch ſie theilte die Abneigung ihrer Familie gegen das Nachbarhaus. Schon als kleines Ding war ſie bei dieſer Hausthür ſchmollend vorübergegangen, noch nie hatte ihr Fuß den Hausflur betreten, und wenn die gute Frau Hahn einmal einen Handſchlag von ihr for⸗ derte, ſo dauerte es lange, bevor ſie die kleine Hand aus der Schürze zog. Von den Bewohnern des Nachbar⸗ hauſes war ihr aber der junge Fritz Hahn am feinlich⸗ ſten. Sie traf ſelten mit ihm zuſammen, und dann wollte das Unglück, daß ſie immer in einer Verlegenheit war, und Fritz Hahn ihren Gönner ſpielen konnte. Als ſie noch gar nicht in die Schule ging, hatte der älteſte Sohn der Frau Knips, ſchon ein erwachſener Schlingel, welcher hübſche Bilder und Geburtstagswünſche malte und an die Leute in der Nachbarſchaft verkaufte, ſie einmal zwingen wollen, das Geld, das ſie in der Hand hielt, für einen Teufelskopf auszugeben, den er gemalt hatte und den Niemand auf der Straße haben wollte. Recht widerwärtig und boshaft behandelte er ſie und ſie gerieth gegen ihre Gewohnheit in Angſt, gab ihre Groſchen hin —j— — — 412— und hielt weinend das greuliche Bild zwiſchen den Fin⸗ gern. Da kam Fritz Hahn ſeines Weges, frug nach dem Handel, und als ſie ihm die Gewaltthat des Knips klagte, gerieth er in einen ſo heftigen Zorn, daß ſie wieder über den Fritz erſchrak. Er fuhr auf den Burſchen los, der ſein Mitſchüler war und ſchon eine Klaſſe höher ſaß, und begann auf der Stelle eine Prügelei, welcher der jüngere Knips, die Hände in der Taſche, lachend zuſah. Und Fritz drängte den garſtigen Buben an die Wand und zwang ihn das kleine Geldſtück herauszugeben und ſeinen Teufel wieder zu nehmen. Aber dieſe Begegnung half gar nicht dazu ihr den Fritz lieb zu machen. Sie konnte nicht leiden, daß er ſchon als Primaner eine Brille trug und daß er immer ſo ernſt vor ſich hinſah. Und wenn ſie aus der Schule kam, und er mit ſeiner Mappe in die Vor⸗ leſung ging, ſuchte ſie ihm jedesmal aus dem Wege zu gehen. Und noch ſpäter einmal ſtieß ſie mit ihm zuſam⸗ men;— ſie ſaß unter den erſten Mädchen im Inſtitut, der älteſte Knips war bereits Magiſter und der jüngere Lehrling im Geſchäft ihres Vaters und Fritz Hahn ſollte grade Doctor werden— da hatte ſie ſich auf dem Kahn zwiſchen die Bäume des Parkes gerudert, bis der Kahn an eine Wurzel ſtieß und ihr Ruder in das Waſſer fiel. Und als ſie ſich darnach bückte, gingen Hut und Sonnen⸗ ſchirm denſelben Weg und Laura ſah verlegen um Hülfe nach dem Ufer. Da kam wieder Fritz Hahn in tiefen Ge⸗ danken daher, er hörte den leiſen Schrei, welchen Laura bei dem Unfall ausſtieß, ſprang ſofort in das ſchlammige — 43— Waſſer, fiſchte Hut und Sonnenſchirm und zog den Kahn an das Ufer. Hier bot er Laura die Hand und half ihr auf feſten Grund. Laura war ihm wohl Dank ſchuldig, auch hatte er ſie mit Achtung behandelt und Fräulein genannt. Aber er ſah! doch ſehr lächerlich aus, die hagere Geſtalt verbeugte ſich ungeſchickt und die Glä⸗ ſer waren ſtarr auf ſie gerichtet. Und als ſie d darauf er⸗ fuhr, daß er von dem Sprung in den Sumpf einen ſchrecklichen Katarrh davon getragen hatte, da wurde ſie heißzornig auf ſich ſelbſt und auf ihn, weil ſie ge⸗ ſchrieen hatte, wo gar keine Gefahr war, und weil er zu ſo unnöthigem Ritterdienſt geſtürmt war; ſich würde ſich ſchon allein geholfen haben und jetzt dächten die Hahns, ſie ſei ihnen wer weiß welchen Dank ſchuldig. Darüber hätte ſie ruhig ſein können, denn Fritz hatte ſich ſtill umgezogen und die Kleider in ſeiner Stube getrocknet. Freilich, daß die beiden feindlichen Kinder einan⸗ der mieden, war natürlich, denn Fritz war eine ganz an⸗ dere Natur. Auch er war das einzige Kind und auch er war von einem gutherzigen Vater und einer über⸗ ſorglichen Mutter weich erzogen. Von kleinauf ein ſtiller, in ſich gekehrter Knabe, anſpruchslos, fleißig in den Bü⸗ chern, hatte er ſich neben dem Haushalt der Eltern ſeine eigene Welt in einer Wiſſenſchaft aufgebaut, welche von der großen Heerſtraße ſeitab lag. Währende um ihn das Leben luſtig ſummte, ſaß er über die Grundſtriche und Haken des Sanſcrit gebeugt und unterſuchte die Fami⸗ lienverwandtſchaft zwiſchen dem wilden Geiſterheer, das — 44— über der Teutoburger Schlacht dahinfuhr, und zwiſchen den Göttern der Veda, welche über Palmenwälder und Bambusrohr in das heiße Gangesthal hinabſchwebten. Auch er war Freude und Stolz ſeines Hauſes, die Mut⸗ ter ließ ſich nicht nehmen, jeden Morgen ſelbſt den Kaffee heraufzutragen, dann ſetzte ſie ſich mit ihrem Schlüſſelbund ihm gegenüber und ſah ſchweigend zu, während er ſein Frühſtück verzehrte, ſchalt leiſe über ſein Nachtarbeiten am letzten Abend, und ſagte ihm, daß ſie nicht ruhig einſchlafe, bis ſie über ſich den Stuhl rücken höre und die Stiefeln klappern, die er zum Reinigen vör die Thür ſtellte. Nach dem Frühſtück bot Fritz dem Va⸗ ter Gutenmorgen, und er wußte, daß dem Vater Freude war, wenn er einige Minuten mit ihm durch den Garten ſchritt, das Wachsthum der Lieblingsblumen betrachtete und vor allem, wenn er dem Vater zu einem Garten⸗ projekt ſeine Zuſtimmung geben konnte. Das war der einzige Punkt, wo Herr Hahn mit ſeinem Sohne zu⸗ weilen in Gegenſatz gerieth. Und da er den Gründen des Sohnes nicht zu widerſtehen vermochte und den eigenen ſtarken Verſchönerungstrieb auch nicht bändigen konnte, ſo ſchlug er gern den Weg ein, der ſelbſt von größeren Politikern für nützlich erachtet wird, er bereitete ſeine Projekte beimlich vor und überraſchte durch Thatſachen. Bei olchem Stillleben war dem jungen Gelehrten der Verkeyr mit dem Profeſſor das beſte Vergnügen des Tages, ſeine Erhebung, ſein Stolz. Er hatte noch als Student die erſten Vorleſungen gehört, welche —— Felix Werner an der Unioerſität hielt. Allmälig war eine Freundſchaft entſtanden, wie ſie vielleicht nur unter hochgebildeten und wackern Gelehrten möglich iſt. Er wurde der hingebende Vertraute für die umfangreiche Thätigkeit ſeines Freundes. Jede Unterſuchung des Profeſſors und ihre Erfolge wurden bis auf Einzel⸗ heiten beſprochen, jede Freude, die ein neuer Fund machte, theilten die Nachbarn. Täglich ſahen ſie ein⸗ ander, viele Abende vergingen ihnen in der ſchönen Art der Unterhaltung, welche den Deutſchen eigenthümlich iſt, in einem Geſpräch, das zwiſchen Erörterung und Geplauder ſchwebt, wo zwei Geiſter, welche beide die e Wahrheit ſuchen, ſich im Austauſch ihrer Anſichten gegen⸗ ſeitig fördern. Dann rührte in Jedem, angeregt durch das feine Verſtändniß und die Einwürfe des s Andern, eine ſchöpferiſche Kraft kräftig die Schwingen und blitz⸗ ſchnell und ungeahnt öffneten ſich dem Sprechenden und dem Hörer neue Geſichtspunkte, ein tieferes Ver⸗ ſtändniß. Mit dem beſten Theil ihres Lebens wuchſen Beide zuſammen. Freilich war Fritz als der jüngere auch der, welcher ſich am mäiſten der feurigen Natur des Freundes bequemte, er war mehr Empfänger als Ge⸗ bender. Aber gerade deshalb wurde das Verhältniß ſo feſt und innig. Nicht ohne kleine Störungen, wie das bei Gelehrten natürlich iſt, denn beide waren von ſchnellem Urtheil, beide hochgeſpannt in den Forderungen, die ſie an ſich ſelbſt und an die Menſchen machten, beide von feiner, leicht erregter Empfindung. Aber ſolche Gegen⸗ — 8 — — — 46— ſätze wurden bald überwunden, ſie trugen nur dazu bei, die liebevolle Rückſicht, mit welcher ſie einander be⸗ handelten, zu vergrößern. Durch dieſe Freundſchaft wurde das ſchwierige Verhältniß der beiden Häuſer ein wenig gemildert. Auch Herr Hummel konnte nicht umhin dem Doctor eine kleine Rückſicht zu gönnen, da ſein hochverehrter Mie⸗ ther den Sohn der Feinde auffallend auszeichnete. Denn auf ſeinen Miether ließ Herr Hummel nichts kommen. Durch dunkles Gerücht war ihm verkündet, daß der Profeſſor in ſeiner Art ein berühmter Mann ſei, und eer war geneigt irdiſchen Ruhm beſonders hochzuach⸗ ten, wenn er bei ihm zur Miethe wohnte. Auch war der Profeſſor ein vortrefflicher Miether, er proteſtirte nie gegen eine Maaßregel, welche Herr Hummel als 4 oberſte Polizeibehörde des Hauſes verfügte; er hatte Herrn Hummel einſt wegen Anlage eines Capitals um Rath gefragt, er hielt nicht Hund nicht Katze, gab keine Tanzgeſellſchaften, ſang nicht zum Fenſter hinaus und ſpielte auf keinem Flügel Bravourſtücke. Und was die Haup tſache war, er bewies gegen Frau Hummel und Laura, wenn er ihnen einmal begegnete, eine ritterliche Artigkeit, welche dem gelehrten Herrn ſehr wol hl ſtand. Frau Hummel war von ihrem Miether begeiſtert und nel hatte gut befunden, die letzte nothwendige Er⸗ höhung der Miethe nicht vorher im Familienkreiſe zu beſprechen, weil er einen Widerſpruch ſeiner geſammten weiblichen Bevölkerung vorausſah. Jetzt hatte der Kobold, welcher zwiſchen beiden Häuſern hin und her lief, Steine in den Weg werfend und den Menſchen Eſelsohren bohrend, auch die beiden freien Seelen ſeines Reviers gegen einander aufgeregt. Aber ſein Verſuch blieb kümmerlich; die wackern Män⸗ ner waren nicht fügſam, nach ſeiner mißtönenden Pfeife zu tanzen. Früh am nächſten Morgen trug Gabriel einen Brief ſeines Herrn zum Doctor hinüber. Als er in den feindlichen Hausflur trat, kam ihm eilig Dorchen, das Dienſtmädchen der Familie Hahn entgegen, einen Brief ihres jungen Herrn an den Profeſſor in der Hand. Die Boten tauſchten die Briefe und zu gleicher Zeit laſen die Freunde ihre Zuſchriften. Der Profeſſor ſchrieb:„Mein lieber Freund, zürne mir nicht, daß ich wieder einmal heftig wurde, die Ver⸗ anlaſſung war ſo abgeſchmackt als möglich. Was mich verſtimmte, war, ehrlich geſagt, daß du ſo unbedingt verweigerteſt, einen Lateiner mit mir herauszugeben. Denn die Möglichkeit Verlorenes zu finden, welche wir im gefälligen Traume durch einige Augenblicke annah⸗ men, war mir doch auch darum ſo lockend, weil ſie uns beiden eine gemeinſame Thätigkeit in Ausſicht ellte. Und wenn ich wünſche dich in den engern reis meiner Wiſſenſchaft zu ziehen, ſo wirſt du vor⸗ zſetzen, daß ich dabei nicht nur durch perſönliche pfindungen ſondern weit mehr durch den nahelie⸗ zen Wunſch beſtimmt werde, für die Wiſſenſchaft, — 418— auf welche ich mich beſchränken muß, deine Kraft zu gewinnen.“ Fritz dagegen ſchrieb:„Lieber theurer Freund, ich trage das peinliche Gefühl mit mir herum, daß meine Empfindlichkeit von geſtern uns beiden einen ſchönen Abend verdorben hat. Meine nur nicht, daß ich dir das Recht beſtreiten will, mir die Weitſchweifigkeit und Syſtemloſigkeit meiner Arbeiten vorzuhalten. Gerade weil deine Aeußerungen eine Saite berührten, deren ſtillen Mißklang ich ſelbſt zuweilen empfinde, verlor ich für einen Augenblick die Unbefangenheit. Du haſt ſicher in vielem Recht, nur das eine bitte ich dich zu glauben, daß meine Weigerung, mit dir eine große Arbeit zu übernehmen, weder ſelbſtſüchtig noch un⸗ freundſchaftlich war. Ich bin mir bewußt, daß ich ein, wenn auch für meine Kraft zu umfangreiches Gebiet nicht verlaſſen, am wenigſten aber mit einem neuen Kreis von Intereſſen vertauſchen darf, in welchem mein mangelhaftes Können dir nur zur Laſt ſein wird.“ Beide waren nach Empfang dieſer Briefe doch et⸗ was beruhigt. Da aber einzelne Aeußerungen derſelben jedem von ihnen eine weitere Auseinanderſetzung noth⸗ wendig machten, ſo ſetzten ſich beide hin und ſchrieben einander wieder kurz und gedrungen, wie gedankenvollen Männern ziemt. Der Profeſſor antwortete:„Für dei⸗ nen Brief, mein theurer Fritz, danke ich dir von Herzen. Nur das eine muß ich wiederholen, du haſt von je deinen eigenen Werth zu niedrig angeſchlagen und wenn ich dir einen Vorwurf machen darf, ſo iſt es nur dieſer.“ Fritz endlich antwortete:„Wie tief und gerührt empfinde ich in dieſem Augenblic deine Freundſchaft für mich. Nur das will ich dir noch ſagen, unter vie⸗ lem, was ich von dir zu lernen habe, iſt mir nichts nö⸗ thiger, als deine beſcheidene„Beſchränkung.“ Und wenn du mit dieſem Worte deine umfaſſende und reſ ſultatvolle Thätigkeit bezeichneſt, ſo zürne nicht, daß auch ich für meine Arbeit darnach ringe.“ Der Profeſſor ging nach Abſendung ſeines Briefes unruhtg in die Vorleſung und hatte das Bewußtſein, daß er zerſtreut vortrage, Fritz eilte auf die Bibliothek 6 und ſuchte emſig alle Notizen zuſammen, welche über Schloß Bielſtein aufzutreiben waren. Am Mittag nach 1 der Heimkehr las jeder den zweiten Brief des Freundes, dann ſah der Profeſſor oft nach der Uhr und als es drei ſchlug, ſetzte er ſchnell ſeinen Hut auf und ging mit großen Schritten über die Straße in das feindliche Haus. Während er den Thürgriff an der Stube des Doctors faßte, fühlte er von innen einen Gegendruck, kriſtig riß er die Thür auf, Fritz ſtand vor ihm, eben⸗ falls den Hut auf dem Kopf, im Begriff zu ihm her⸗ überzugehen. Ohne ein Wort zu ſagen, umarmten ein⸗ ander die beiden Freunde. „Ich bringe gute Nachricht vom Antiquar“, begann der Profeſſor. 1 „Und ich vom alten Schloſſe,“ rief Fritz. Freytag, Handſchrift. I. 4 E ————— —————— — 50— „Höre zu,“ ſagte der Profeſſor,„der Antiquar hat das Buch des Fraters von einem Kleinhändler gekauft, der im Lande umherzieht, Geräth und alte Bücher zu ſammeln. Der Mann wurde in meiner Gegenwart herbeigeholt, er hat das Büchlein in der Stadt Roſſau ſelbſt aus dem Nachlaß eines Tuchmachers erſtanden, mit einem alten Schrank und einigen geſchnitzten Sche⸗ meln. Es iſt alſo wenigſtens möglich, daß die hand⸗ ſchriftlichen Bemerkungen am Ende, die ſich ohnedies ungeübtem Blicke entziehen, ſeit dem Tode des Fraters niemals Aufmerkſamkeit erregt und niemals Nachfor⸗ ſchungen veranlaßt haben.— Vielleicht gewährt noch ein Kirchenbuch in Roſſau Nachricht über Leben und Tod des Mönches Tobis Bachhuber.“ „Wohl,“ beſtätigte Fritz vergnügt,„es beſteht dort eine Gemeinde ſeiner Confeſſion. Schloß Bielſtein aber liegt eine halbe Stunde von der Stadt Roſſau auf einer waldigen Anhöhe,— ſieh hier die Karte. Es war früher Eigenthum des Landesherrn, im vorigen Jahrhundert iſt es in Privatbeſitz übergegangen. Das Gebäude aber dauert noch, es wird in dieſer Landes⸗ kunde als altes Schloß aufgeführt, welches gegenwärtig Wohnhaus eines Herrn Bauer iſt.— Auch mein Vater weiß von dem Hauſe, er hat es auf einer Geſchäftsreiſe von der Landſtraße geſehen und ſchildert es als ein langgeſtrecktes Gebäude mit Erkern und hohem Dach.“ „Die Fäden verflechten ſich zu einem guten Ge⸗ webe,“ ſagte der Profeſſor ſich behaglich zurechtſetzend. 81 „Halt, noch eins,“ rief der Doctor geſchäftig.„Die Sagen dieſer Landſchaft ſind von einem unſerer Freunde eſammelt. Der Wackere iſt zuverläſſig. Laß ſehen, ob 8 8 hen, au auf⸗ er eine Erinnerung aus der Umgebung von Roſſ gezeichnet hat.“ Er ſchlug eilig nach, ſah in das Buch und blickte den Freund ſprachlos an. Der Profeſſor ergriff den Band und las die kurze Notiz:„In der Umgegend von Bielſtein erzählt man, daß vor alten Zeiten die Mönche einen großen Schatz im Schloſſe vermauert haben.“ Wieder ſtieg die alte unheimliche Handſchrift vor den Freunden aus dem Boden, deutlich ſichtbar, mit den Händen zu greifen. „Unmöglich iſt ja nicht, daß die Handſchrift dort noch verſteckt liegt“, bemerkte endlich der Profeſſor mit künſtlicher Ruhe.„An Beiſpielen für dergleichen Funde fehlt es nicht. Es iſt noch nicht lange her, da wurde in dem alten Hauſe eines Gutsbeſitzers meiner Heimath eine Zimmerdecke durchgeſchlagen, es war eine Doppel⸗ decke, der leere Raum dazwiſchen enthielt eine Anzahl Urkunden und Papiere über Eigenthumsrechte, daneben einigen alten Schmuck. Der Schatz war auch zur Zeit des großen Krieges verſteckt worden, und durch Jahr⸗ hunderte hatte Niemand auf die niedrige Decke der kleinen Stube geachtet.“ „Natürlich,“ rief Fritz ſich die Hände reibend,„auch in den Bekleidungen der alten Rauchfänge ſind zuwei⸗ len leere Räume, ein Bruder meiner Mutter fand beim — 52— Umbau ſeines Hauſes an ſolcher Stelle einen Topf mit Münzen.“ Er zog ſeinen Beutel.„Hier iſt eine da⸗ von, ein ſchöner Schwedenthaler. Der Oheim gab mir ihn bei der Einſegnung als Heckgroſchen und ich trage ihn ſeit der Zeit in der Börſe. Ich habe manchmal harte Verſuchung ihn auszugeben bekämpft.“ Der Profeſſor unterſuchte genau den Kopf Guſtav Adolphs, als ob dieſer ein Nachbar des verſteckten Tacitus geweſen wäre, und in ſeiner Umſchrift eine Kunde von dem verlorenen Buch brächte.„Es iſt richtig,“ ſagte er nachdenkend,„wenn das Haus auf einer Anhöhe liegt, könnten ſelbſt die Kellerräume trocken ſein.“ „Allerdings,“ erwiederte der Doctor.„Häufig wur⸗ den auch die dicken Wände doppelt gemauert und der Zwiſchenraum mit Schutt ausgefüllt. Es iſt in ſolchem Fall leicht, durch kleine Oeffnung einen hohlen Raum im Innern der Mauer hervorzubringen.“ „Für uns aber,“ begann der Profeſſor ſich aufrich⸗ tend,„erwächſt jetzt die Frage: Was haben wir zu thun? Denn eine ſolche Kunde, wie groß oder gering ihre Bedeutung auch werden möge, legt dem Finder doch die Pflicht auf, alles Mögliche zu thun, was die Entdeckung fördern kann. Und dieſe Pflicht haben wir ungeſäumt und vollſtändig zu erfüllen.“ „Wenn du öffentliche Mittheilung von dieſer Ueber⸗ lieferung machſt, ſo giebſt du die Ausſicht, die Hand⸗ ſchrift ſelbſt zu entdecken, und alles, was ſich daran knüpfen mag, aus den Händen.“ — 53— „In dieſer Sache muß jede perſönliche Rückſicht ſchwinden,“ entſchied der Profeſſor. „Und wenn du jetzt die gefundenen Kloſternotizen bekannt machſt,“ fuhr der Doctor fort,„wer ſteht dir dafür, daß nicht die behende Thätigkeit eines Antiquars oder eines Ausländers allen weiteren Nachforſchungen zu⸗ vorkommt. In ſolchem Falle mag der Schatz, ſelbſt wenn er gefunden wird, nicht allein für dich, auch für unſer Land, ja für die Wiſſenſchaft verloren gehn. „Das letzte wenigſtens darf nicht geſchehn,“ rief der Profeſſor.—„Und auch, wenn du dich an die Staatsregierung jener Landſchaft wendeſt, iſt ſehr zwei⸗ felhaft, ob dir Verſtändniß und guter Wille entgegen⸗ kommt,“ erörterte der Doctor ſiegreich. „Es fällt mir nicht ein, die Angelegenheit fremden Beamten zu überlaſſen,“ erwiederte der Profeſſor.„Wir haben aber ganz in der Nähe jemand, deſſen Glück und Scharfſinn im Aufſpüren von Seltenheiten wunder⸗ bar ſind. Ich habe Luſt, dem Magiſter Knips von der Handſchrift zu ſagen; er mag ſeine Correcturen auf einige Tage bei Seite legen, für uns nach Roſſau reiſen und dort das Terrain unterſuchen.“ Der Doctor fuhr in die Höhe:„Das darf niemals geſchehen. Knips iſt nicht der Mann, dem man ein ſolches Geheimniß anvertrauen darf.“ „Ich habe ihn doch ſtets zuverläſſig gefunden,“ ent⸗ gegnete der Profeſſor.„Er iſt bei vieler Wunderlichkeit geſchickt und wohlunterrichtet.“ 8 — 54— „Mir wäre eine Entweihung deines ſchönen Fun⸗ des, den trödelhaften Mann dafür zu verwenden,“ ver⸗ ſetzte Fritz,„und ich werde es nie billigen.“ „Dann alſo,“ rief der Profeſſor,„bin ich entſchloſſen. Die Ferien ſind vor der Thür, ich gehe ſelbſt in das alte Haus. Du aber, mein Freund, auch du wollteſt dir einige Reiſetage gönnen, du mußt mich begleiten; wir reiſen zuſammen, ſchlag ein.“ „Von Herzen,“ rief der Doctor, die Hand des Freundes faſſend.„Wir dringen in das Schloß und citiren die Geiſter, welche über dem Schatze ſchweben.“ „Wir ſprechen zuerſt ein verſtändiges Wort mit dem Eigenthümer des Hauſes. Was dann zu thun iſt, wird ſich finden. Unterdeß bewahren wir die Angelegenheit als Geheimniß.“ „So iſt es Recht,“ ſtimmte Fritz bei, und die Freunde ſtiegen vergnügt in den Garten des Herrn Hahn hinab und beriethen um die weiße Muſe gelagert die Eröffnung des Feldzuges. Feſt eingedämmt durch methodiſches Denken war die Phantaſie des Gelehrten, aber in der Tiefe ſeiner Seele ſtrömte doch reichlich und ſtark dieſer geheimniß⸗ volle Quell aller Schönheit und Thatkraft. Jetzt war in den Damm ein Loch geriſſen, luſtig ergoß ſich die Fluth über ſeine Saaten. Immer wieder flog ihm der Wunſch zu der räthſelhaften Handſchrift. Er ſah die Maueröffnung vor ſich und den erſten Schein der Leuch der auf die grauen Bücher in der Höhlung fiel; er — 55— den Schatz in ſeinen Händen wie er ihn heraustrug und nicht mehr von ſich ließ, bis er die unleſerlichen Seiten entziffert hatte.— Seliger Geiſt des Frater Tobias Bachhuber! wenn du etwa deine Ferienzeit im Himmel dazu verwendeſt, auf unſere arme Erde zurück⸗ zukehren, und wenn du dann bei Nacht durch die Räume des alten Schloſſes gleiteſt, deinen Schatz hütend und unberufene Neugierige ſchreckend, o ſo winke freundlich dem Manne zu, der jetzt naht, dein Geheimniß in's Sonnenlicht zu tragen, denn er ſucht wahrhaftig nicht für ſich Gewinn und Ehren, ſondern er beſchwört dich als ein Redlicher im Dienſt guter Gewalten. ———— — 3. Die Reiſe ins Blane. Wer aus höhern Regionen auf die Gegend von Roſſau herniederblickte, der konnte an einem ſonnigen Erntemorgen des Auguſt zwiſchen den Weiden der Land⸗ ſtraße eine Bewegung wahrnehmen, welche den Thoren der Stadt zuſtrebte. Für nähere Betrachtung wurden zwei wandelnde Männer erkennbar, ein größerer und ein kleinerer, beide in hellen Sommerkleidern, welchen durch die Gewitterregen des letzten Tages aller Glanz abgeſpült war, beide mit ledernen Reiſetaſchen, welche am Riemen von der Schulter hingen; der größere trug einen breitkrempigen Filzhut, der kleinere einen St rohhut. Die Wanderer waren Fremdlinge, denn ſie hielten zuweilen an und beobachteten Thal und Hügel mit Ge⸗ nuß, was den Eingeborenen des Landes ſelten einfiel. Die Gegend war von Vergnügungsreiſenden noch nicht entdeckt, in den Wäldern waren nirgend glatte Pfade für die Zeugſtiefeln der Städter gebahnt, ſelbſt der Fahrweg war keine Kunſtſtraße, in den ausgefahrenen Waſſerlöchern ſtand das Regenwaſſer, die Glöckchen der — 57— I Schafheerde und die Axt des Holzfällers wurden nur von den Bewohnern der Umgegend gehört, welche auf 1 dem Felde arbeiteten oder zwiſchen zwei Orten ihrem Geſchäft nachgingen. Und doch war die Landſchaft nicht ohne Anmuth, die Umriſſe der waldigen Hügel ſchwan⸗ gen ſich in kräftigen Linien, hier und da ragte Geſtein zu Tage, ein Steinbruch zwiſchen Ackerflächen, ein Fels⸗ haupt zwiſchen den Bäumen des Waldes. Von den Bergen am Horizoont zog ein kleiner Bach in gewun⸗ 1 denem Lauf dem fernen Fluſſe zu, umſäumt von Wie⸗ 1 ll, ſenſtreifen, hinter denen ſich die Ackerbeete bis zu den belaubten Höhen hinaufzogen. Fröhlich lag die einſame Landſchaft im Morgenlicht, ſeitab von der großen Völ⸗ 1 8 1 4 kerſtraße. In der Niederung vor den Reiſenden erhob ſich rings von Hügeln umgeben der Ort Roſſau, ein Land⸗ ſtädtchen mit zwei plumpen Kirchthürmen und dunklen Ziegeldächern, welche über die Stadtmauer ragten wie Rücken einer Rinderheerde, die ſich gegen ein Rudel Wölfe zuſammengedrängt hat. 3 Die Fremden ſchauten von der Höhe mit warmer TLuheilnahme auf Schornſteine und Thürme hinter der alten Mauer, welche mißfarbig, geborſten und geflickt vor ihnen lag. Dort war einſt ein Schatz bewahrt worden, der wieder gefunden die ganze civiliſirte Welt beſchäftigen und Hunderte zu begeiſterter Arbeit aufre⸗ In würde. Die Landſchaft ſah durchweg aus wie an⸗ deutſche Landſchaften, der Ort durchweg wie andere 1 — C— arme Städtchen. Und doch war irgend ein kleiner Zug in der Gegend, der den Reiſenden eine fröhliche Hoffnung nährte. War es der luſtige Zwiebelaufſatz, welcher die dicken alten Thürme krönte? oder war es das Thorge⸗ wölbe, welches grade vor den Reiſenden den Eingang zur Stadt in lockendes Dunkel hüllte? oder die Stille des leeren Thalgrundes, in welchem der Ort ohne Vorſtadt und Außenhäuſer lag, wie auf alten Karten die Städte abgebildet werden? oder die Viehheerde, welche aus dem Thore ins Freie zog und auf dem Anger⸗ luſtige Sprünge machte? oder war es vielleicht die kräf⸗ tige Morgenluft, welche den Wanderern um die Schläfe wehte? Beide empfanden, daß etwas Merkwürdiges und Vielverheißendes in dem Thale ſchwebte, welches ſie als Suchende betraten. .„Denke die Landſchaft wie ſie ſich einſt dem Auge bot,“ begann der Profeſſor,„der Laubwald ſchloß ſich in alter Zeit enger um den Ort, er formte die Hügel höher, das Thal tiefer, wie in einem Keſſel lag da⸗ mals das Kloſter mit den Hütten ſeiner abhängigen Landleute. Hier im Süden, wo das Gelände ſich! ſteil hinabſenkt, haben die Mönche ſicher einſt ihren Kloſterwein gebaut. Um das Kloſter ſchloſſen ſich all⸗ mälig die Häuſer der Stadt. Nimm den Thürmen die Mütze, welche ihnen vor hundert Jahren aufgeſetzt wurde, und gieb ihnen die alten Spitzen zurück, an die Mauern ſetze hier und da einen Thurm, und du haſt einen hübſchen Stein⸗ kaſten, der ein geheimnißvolles Stück Mittelalter einſchloß.“ 4 Und auf demſelben Weg, der uns hierher geführt, zog einſt ein gelehrter Mönch mit ſeinen Handſchriften in das ſtille Thal, um hier die Brüder zu lehren oder ſich vor mächtigen Feinden zu verbergen,“ ſagte hoffnungsvoll der Doctor. Die Reiſenden ſchritten am Anger vorüber, der Hirt ſah gleichgültig nach den Fremden, aber die Kühe ſtellten ſich an dem Grabenrand auf und ſtarrten auf die Wanderer, und das halbwüchſige Volk der Heerde brummte ihnen fragend zu. Sie traten durch die dunkle Thorwölbung und ſahen neugierig die Gaſſen entlang, welche hier zuſammenliefen. Es war eine kleine ärm⸗ liche Stadt, nur die Hauptſtraße war mit ſchlechten Jeldſteinen gepflaſtert. Unweit des Thores ragte hoch der ſchräge Balken eines Ziehbrunnens, daran hing eine lange Stange mit dem Eimer. Von Menſchen war wenig zu ſehen, wer nicht in den Häuſern arbeitete, war auf dem Feld beſchäftigt. Denn die Halme, welche in den Steinritzen der Thorwölbung hingen, verriethen, daß Erntewagen die Feldfrucht zu den Höfen der Bür⸗ ger fuhren; neben vieken Häuſern waren hölzerne Thore geöffnet, dann ſah man in die Hofräume, in die Scheu⸗ ern und über Düngerſtätten, auf denen kleines Federvieh pickte. Die letzten Jahrhunderte hatten ſo wenig als möglich an dem Orte geändert, noch ſtanden die niedri⸗ gen Häuſer mit dem Giebel gegen die Straße, zuweilen ſtreckte ſich eine hölzerne Dachrinne über den Weg, ſtatt der Schilder reichten noch die Zeichen der Handwerker, aus — 9 —— — — 60— Blech und Holz geſchnitten, farbig bemalt in die Straße hinein, ein großer hölzerner Stiefel, ein Greif, welcher eine ungeheure Scheere in der Hand hielt, ein ſchreiten⸗ der Löwe, der eine Brezel anbot, und als ſchönſtes Stück ein regelmäßiges Sechseck aus bunten Glasrauten zu⸗ ſammengeſetzt. „Hier hat ſich vieles erhalten,“ ſagte der Profeſſor. Die Freunde kamen auf den Marktplatz, einen un⸗ regelmäßigen Raum, deſſen kleine Häuſer ſich durch bunten Anſtrich herausgeputzt hatten. Dort ſtarrte von einem unanſehnlichen Gebäude ein rothbemalter Drache mit geringeltem Schwanz, aus einem Bret geſchnitten, von einer Eiſenſtange gehalten, in die Luft. Darauf ſtand mit übelgeſchwungenen Buchſtaben: Gaſthof zum Lindwurm. „Sieh,“ ſagte Fritz, auf den Lindwurm weiſend, „die Phantaſie des Künſtlers hat ihm einen Hechtkopf mit dicken Zähnen ausgeſchnitten. Der Wurm iſt der älteſte Schätzehüter unſerer Sage. Es iſt merkwürdig, wie feſt die Erinnerung an dies Sagenthier überall im Volke haftet, wahrſcheinlich ſtammt auch dieſes Schild aus einer Ueberlieferung des Ortes.“ So ſtiegen ſie auf ausgetretener Steintreppe in das Haus, ohne zu ahnen, daß ſie ſchon längſt von ſſcharfen Augen beobachtet wurden.„Wer mögen die ſein?“ 4 frug ein Bürger, der ſeinen Morgentrunk einnahm, dden dicken Wirth,„wie Geſchäftsreiſende ſehen ſie nicht vielleicht iſt einer der neue Paſtor vom Kirchdorfe.“ . 9„ Wirth einander bedeutungsvoll an. ‚So ſieht kein Paſtor aus,“ entſchied der Wirth, r Menſchen beſſer kannte.„Es ſind Fremde, zu s, kein Wagen und keine Sachen.“ Die Fremden traten ein, ſetzten ſich an einen roth⸗ geſtrichenen Tiſch und beſtellten das Frühſtück.„Eine hübſche Gegend, Herr Wirth,“ begann der Profeſſor, „kräftige Bäume im Walde.“ „Bäume genug,“ verſetzte der Wirth. „Die Umgegend ſcheint wohlhabend,“ fuhr der Pro⸗ feſſor fort. „Die Leute klagen, daß ſie nicht genug verdienen,“ antwortete der Wirth. „Wie viel Geiſtliche haben Sie am Orte?“ „Zwei,“ gagte der Wirth höflicher.„Der alte Paſtor iſt ober geſtorben. Es iſt unterdeß ein Candi⸗ dat hier.“ „Ob der andere Pfarrer zu Haus iſt?“ „Iſt mir unbekannt,“ ſagte der Wirth. „Sie haben doch ein Gericht hier?“ „Einen Ortsrichter, er iſt jetzt auf dem Amt, es iſt heut Gerichtstag.“ „Hat nicht vor Zeiten ein Kloſter in der Stadt geſtanden?“ nahm der Doctor das Verhör auf. Der Bürger und der Wirth ſahen einander an. „Das iſt lange her,“ verſetzte der Herr der Schenke. wier in der Nähe liegt das Schloß Bielſtein?“ . 4 frug Fritz weiter. Wieder ſahen der Bürger und de — 62— „Es liegt ſo etwas hier in der Nähe,“ erwiede der Wirth zurückhaltend. „Wie lange geht man bis zum Schloß?“ frug der Profeſſor, geärgert durch die kurzen Antworten des Mannes. „Wollen Sie dorthin?“ frug der Wirth,„kennen Sie den Gutsbeſitzer?“ A „Nein,“ antwortete der Profeſſor. „Haben Sie denn etwas bei ihm zu thun?“ „Das iſt unſere Sache, Herr Wirth,“ verſetzte der Profeſſor kurz. „Der Weg geht eine halbe Stunde durch den Wald, er iſt nicht zu fehlen,“ ſchloß der Wirth die un⸗— gemüthliche Unterhaltung und verließ diee Stube. Der Bürger folgte ihm. G „Viel haben wir nicht erfahren,“ ſagte der Doctor lächelnd,„ich hoffe, der Pfarrer und Richter ſind red- ſeliger.“ „Wir gehen gradezu nach dem Gute,“ entſchied der Profeſſor. Draußen ſteckten der Wirth und der Bürger die Köpfe zuſammen.„Wer die Fremden ſein mögen?4 wiederholte der Bürger,„geiſtlich ſind ſie nicht und a. dem Richter war ihnen auch nicht viel gelegen. He du gemerkt, wie ſie nach dem Kloſter und d Schloſſe frugen?“ Der Wirth nickte.„Ich will meinen Verdacht ſagen,“ fuhr der Bürger eifrig „Sie kommen nicht umſonſt her, ſie ſuchen etwas.“ „Was ſollen ſie ſuchen?“ frug der Wirth nach⸗ denkend. „Es ſind verkleidete Jeſuiten, ſie ſehen mir ſehr apropos aus.“ „Nun, wenn ſie mit den Leuten auf dem Gute anbinden wollen, die ſind Manns genug, mit ihnen fer⸗ tig zu werden.“ „Ich habe mit dem Inſpector zu thun, ich will ihm doch einen Wink geben.“ „Menge dich nur nicht in Geſchichten, die dich nichts angehen,“ warnte der Wirth. Der Bürger aber drückte die Stiefeln feſter, die er unter dem Arm trug, und — fiuͤhr um die Ekke. Schweigend ſchritten die Freunde aus der gemeinen ternheit des Lindwurms auf die Straße. Sie er⸗ frugen von einem Mütterchen am entgegengeſetzten Stadt⸗ thor den Weg nach dem Schloſſe. Hinter der Stadt hob ſich der Pfad von dem Kiesbett des Baches zu einer waldigen Höhe. Sie traten in einen Schlag Buſchholz, aus dem einzelne hohe Eichen emporragten. Der Regen des letzten Abends lag noch in Tropfen auf den Blät⸗ ern, das dunkle Grün des Sommers glänzte im Son⸗ nenſtrahl, einzelne Vögelſtimmen, das Hämmern des pechts unterbrachen die Stille. „Das giebt eine andere Stimmung,“ rief der Doc⸗ erfreut.— „Es gehört wenig dazu, ein gut beſaitetes Men⸗ . z in neuer Melodie klingen zu machen, wenn 8 2 — 64— nicht grade das Schickſal mit rauher Hand darauf ſ Etwas Baumrinde mit grauem Flechtenbart, eine Ha voll Blüthen im Grunde und wenige Noten aus de Kehle eines Vogels,“ verſetzte der Profeſſor weiſe. „Horch, das iſt kein Gruß, den die Natur dem Wan⸗ derer gönnt,“ ſagte er lauſchend. Von fern klangen menſchliche Stimmen, ein leiſer Choral tönte wie aus den Baumgipfeln in ihr Ohr. „Höher hinauf,“ rief der Doctor,„zu der geheim⸗ nißvollen Stälke, wo alte Kirchenlieder aus den Eichen rauſchen.“ Sie ſtiegen noch einige hundert Schritt in die Höhe und ſtanden auf einer Terraſſe des Waldhügels, die an der Seite von Bäumen umſchloſſen, in der Mitte gelichtet war. In der Lichtung ſtand eine kleine hölze. Kirche von einem Friedhof umgeben, dahinter erhob ſich auf einem maſſigen Felsblock ein langes altes Gebäude, das Dach durch viele ſpitze Giebel gebrochen. „Das fügt ſich gut zuſammen,“ rief der Profeſſor und ſah neugierig über die Waldkirche nach dem Schloſſe hinauf. Aus der Kirche ſcholl ein Trauergeſang ſtärker in das Ohr.„Laß uns hineingehen,“ ſagte der Doctor, auf die geöffnete Pforte des Friedhofs weiſend. „Mir iſt gottſeliger hier draußen zu Muthe,“ er⸗ wiederte der Profeſſor,„und mir widerſteht's, unberufen in Freude und Leid Fremder hineinzudringen. Das Lied iſt zu Ende, jetzt kommt des Pfarrers Sprüchlein, —— Fritz aber war auf die Steine der niedrigen Mauer ettert und betrachtete die Kirche.„Sieh die maſſiven febepfeiler. Es iſt der Reſt eines alten Sees, ſie haven ihn durch Tannenholz ergänzt, Thurm und Holz⸗ dach blau vor Alter, es lohnt das Innere zu ſehen.“ Der Profeſſor hielt die lange Ranke eines Brom⸗ beerſtrauches, welche über die Mauer herabhing, in der Hand und ſah bewundernd auf weiße Blüthen, grüne und gebräunte Beeren, welche in dicken Büſcheln bei einander ſtanden. Undeutlich drangen die Laute einer Männerſtimme an ſein Ohr und unwillkürlich neigte er das Haupt, den Sinn außzufaſſen. „Laß uns doch hören,“ ſagte er endlich und be⸗ trat mit dem Freunde den Friedhof. Sie zogen die Hüte und öffneten leiſe die Kirchthür. Es war ein ſehr kleiner Raum, der Ziegelbau des alten Chores von innen weiß getüncht, das übrige von gebräuntem Fichtenholz, die Kanzel, eine Gallerie, wenige Bänke. Vor dem Al⸗ tar ſtand ein offener Kinderſarg, die Geſtalt darin ganz mit Blumen bedeckt, wenige Landleute in ſchmuckloſer Tracht daneben, auf den Stufen des Altars ein alter Geiſilicher mit weißem Haar und treuh herzigem Geſicht, am Haupt des Sarges aber die ſchluchzende Frau eines Arbeiters, die Mutter des Kleinen. Und neben ihr eine kräftige Frauengeſtalt in ſtädtiſcher Tracht, ſie hatte den Hut abgenommen, hielt die Hände gefaltet und ſah auf das Kind unter den Blumen bernieer er. So ſtand ſie regungslos, die Sonn fiel ſchrüge auf das gelockte Haax Fre ytag, Handfhri ift. 5 7 „ und die regelmäßigen Züge des jungen Geſichts. Feſſel der aber als der hohe Wuchs und das ſchöne Hau war densdruck tiefer Andacht, welche über ſie aus⸗ gegoſſen war. Unwill lkürlich faßte der Profeſſor den Arm des Freundes, ihn zurückzuhalten. Der Geiſtliche ſprach ſein Schlußgebet, die ſtattliche Frau neigte das Haupt tiefer, dann beugte ſie ſich noch einmal zu dem Kleinen herab und legte einen Arm um die Mutter, welche ſich weinend an die Tröſterin lehnte. So ſtand die Fremde und ſprach leiſe über dem Haupte der Mut⸗ ter, während ihr ſelbſt die Thränen aus den Augen herabrollten. Wie Geiſterlaut klang das Murmeln der tiefen Frauenſtimme in das Ohr der Freunde. Dann hoben die Männer den Sarg vom Boden und folgten dem Geiſtlichen, der auf den Friedhof führte. Hinter dem Sarge ging die Mutter, das Haupt an der Schul⸗ ter ihrer Führerin. vorüber, verklärt vor ſich hinſchauend, ſie flüſterte ihrer Gefährtin Bibelworte zu.„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.— Laſſet die Kindlein zu Herr h g ſſ 3 mir kommen,“ vernahmen die Freunde. Die Mutter hing gebrochen am Arme der Fremden und, wie durch den leiſen Ton fortgeführt, wankte ſie zu dem Grabe. Ehrfürchtig ſchloſſen ſich die Freunde dem Zuge an. Der Sarg wurde in das Grab gelaſſen, der Geiſtliche ſprach den Segen, jeder der Anweſenden warf drei⸗ Hände voll Erde auf das geſchwundene Leben. Dann traten die Landleute auseinander und machten der Mut⸗ Die Frau ſchritt bei den Fremden — 67— ter und ihrer Begleiterin den Weg frei. Die Fremde reichte dem Geiſtlichen die Hand und geleitete die Mutter langſam über den Friedhof auf den Weg, der zum Schloſſe führte. In einiger Entfernung folgten die Freunde, ohne einander anzuſehen. Der Profeſſor fuhr ſich über die Augen:„Dergleichen macht immer weich,“ ſagte er traurig. „Wie ſie am Altare ſtand,“ rief der Doctor,„eine Seherin der A Hals trüge ſie einen Eichenkranz auf dem Hauptl 4 zog das arme Weib ſich nach durch ihr Murmeln. Es waren zwar unſere ehrli⸗ chen Bibelſprüche; aber jetzt verſtehe ich, was das Wort raunen in alter Zeit bedeutete, wo man auch den Worten eine zauberiſche Kraft zuſchrieb. Sie beherrſchte der Trauernden Seele und Leib, und ihre Stimme regte auch mir das Herz auf. Wer war dieſes Weib, war es Mädchen oder Frau?“ „Es iſt ein Mädchen,“ erwiederte der Profeſſor nachdrücklich.„Sie wohnt im Schloß und wir werden ſie dort treffen. Laß ſie voraus und uns am Fuß des Felſens warten.“ Sie ſaßen lange auf einem vorſpringenden Stein, der Profeſſor wurde nicht müde, ein Büſchel Moos zu betrachten, er bürſtete es mit der Hand und legte es bald nach der einen, bald nach der andern Seite. End⸗ lich ſtand er ſchnell auf.„Was auch kommen möge, ſetzt gehen wir.“ 5* — 68— Sie ſtiegen einige hundert Schritt bis zur Hö. Die Landſchaft vor ihnen war plötzlich verwandelt. Zu Seite lag das Schloß mit einem gemauerten Hofthor und großen Wirthſchaftsgebäuden, vor ihnen neigte ſich eine weite Fläche Ackerlandes von der Höhe, hinab in ein flaches Thal. Das einſame Waldbild war verſchwunden, um die Wanderer rührte ſich kräftig das Leben des Tages, der Wind trieb Wellen durch das Aehrenmeer, Ernte⸗ wagen fuhren auf den Feldweger heran, Menſchen⸗ ſtimmen riefen, die Peitſche knallte 24 die Garben flo⸗ gen von ſtarker Hand genſnuneufs die hohen Leiter⸗ bäume. 1 „Holla, was ſuchen Sie hier?“ frug hinter den Fremden eine tiefe Baßſtimme in befehlendem Ton. Die Freunde wandten ſich ſchnell um. Vor dem Hof⸗ thor ſtand ein mächtiger breitſchultriger Mann mit kurzgeſchorenem Haar und ſehr energiſchem Ausdruck im ſonnenbraunen Geſicht. Hinter ihm ſteckten Wirthſchafts⸗ beamte und Knechte neugierig die Köpfe durch das Thor und ein großer Hund fuhr bellend gegen die Fremden. „Zurück, Nero,“ rief der Landwirth, und pfiff den Hund zu ſich, dabei ſah er mit kaltem Polizeiblick auf die Iremden. „Herr Gutsbeſitzer Bauer?“ frug der Profeſſor grüßend. „Der bin ich, und wer ſind Sie?“ gab der Guts⸗ herr die Frage zurück. Der Profeſſor nannte die Namen und den Ort, — 60— von dem ſie kamen. Der Wirth trat einen Schritt näher und prüfte das Ausſehen der Beiden von oben herab. „Dort wohnen ja wohl keine Jeſuiten,“ ſagte er; „wenn Sie aber hierher kommen, Verborgenes zu fin⸗ den, ſo war die Reiſe unnütz, hier finden Sie nichts.“ Die Freunde ſahen einander an, ſie ſtanden nahe am Hauſe, aber fern vom Ziel. „Sie machen uns fühlbar,“ erwiederte der Profeſſor, „daß wir ohne Vermittlung eines Dritten an Ihre Woh⸗ nung treten. Obgleich Sie aber über den Zweck unſe⸗ res Herkommens bereits eine Vermuthung ausgeſprochen haben, erſuche ich Sie doch, uns deshalb eine Erklärung vor weniger Zeugen zu geſtatten.“ Die feſte Haltung des Profeſſors verfehlte nicht ganz die Wirkung.„Wenn Sie in der That ein Ge⸗ ſchäft zu mir führt, ſo werden wir das allerdings beſſer im Haus abmachen. Folgen Sie mir, meine Herren.“ Er lüftete ein wenig ſeine Mütze, wies mit der Hand nach dem Thor und ſchritt voraus.„Nero, Teufelshund, kannſt du nicht Ruhe halten.“ Der Profeſſor und der Doctor folgten, an ſie ſchloſſen ſich Wirthſchaftsbeamte und Knechte und der knurrende Hund. So wurden die Fremden in einem ungemüthlichen Zuge nach dem Wohnhaus geführt. Trotz ihrer mißlichen Lage ſahen ſi doch mit Neugierde auf den großen Hof, auf die A. zei des Einſcheuerns, auf einen Clan großer Gänſe, welcher durch den Zug — 1 ——— — 70— geſtört breitbeinig und ſchnatternd über den Weg ſchritt. Dann überflog ihr Auge das Wohnhaus, die breiten ſteinernen Stufen mit Bänken an beiden Seiten, die gewölbte Thür, das übertünchte Wappen am Schlußſtein. Sie traten in einen geräumigen Hausflur, der Guts⸗ herr hing ſeine Mütze auf einen Kleiderrechen, drückte mit ſchwerer Hand die Klinke der Wohnſtube und machte wieder eine Handbewegung, welche höflich ſein ſollte und die Fremden zum Vortritt einlud.„Jetzt ſind wir allein,“ begann er,„womit kann ich Ihnen dienen? Sie ſind mir bereits als zwei Schätzeſucher angekündigt. Wenn Sie das ſind, ſo muß ich Ihnen rund heraus erklären, daß ich von ſolchen Thorheiten nichts wiſſen will. Im übrigen bin ich bereit, Ihrer Bekanntſchaft zu freuen.“ „Nun, Schatzgräber ſind wir nicht,“ entgegnete der Profeſſor,„und da wir den Zweck unſerer Reiſe überall als Geheimniß bewahrt haben, ſo begreifen wir nicht, wie Sie etwas Entſtelltes über die Veranlaſſung unſeres Kommens hören konnten.“ „Der Schuſter meines Hoſverwalters hat ihm die Nachricht mit zwei verſohlten Stie hat Sie im Gaſthofe der Stadt geſ Fragen Verdacht geſchöpft.“ „Er hat mehr Scharfſinn aufgewandt,“ erwiederte der Profeſſor,„als bei unſern harmloſen Fragen nöthig war. Und doch hat er nicht ganz Unrecht gehabt.“ „Alſo iſt etwas daran,“ unterbrach der Landwirth mich feln zugetragen, er ehen und aus Ihren — 21— finſter,„in dieſem Fall muß ich die Herren bitten, ſich ſelbſt und mich nicht weiter zu bemühen. Ich habe keine Zeit für dergleichen Narrheiten.“ „Vor Allem haben Sie die Güte, uns anzuhören, ehe Sie uns in ſo kurzer Weiſe das Gaſtrecht aufkün⸗ digen,“ verſetzte der Profeſſor ruhig.„Unſer Kommen hat keinen andern Zweck, als Ihnen eine Mittheilung zu machen, über deren Werth Sie dann ſelbſt entſchei⸗ den mögen. Und nicht nur wir, auch andere könnten Ihnen einen Vorwurf daraus machen, wenn Sie unſer Geſuch ohne Prüfung abweiſen. Die Sache geht Sie mehr an als uns.“ „Natürlich,“ ſagte der Wirth,„dieſe Redensarten kennt man.“ „Doch nicht ganz,“ fuhr der Profeſſor fort,„es iſt ein Unterſchied, wer ſie braucht und welchem Zweck ſie dienen.“ „Nun denn, in des Teufels Namen ſprechen Sie, aber verſtändlich,“ rief der Landwirth ungeduldig. Nicht eher,“ fuhr der Profeſſor fort,„als bis Sie „ ſich bereit zeigen, eine ernſte Angelegenheit ſo anzuhören, wie ſie verdient. Es iſt eine kurze Auseinanderſetzung nöthig und Sie haben uns noch nicht einmal zum Sitzen eingeladen.“ „So nehmen Sie Platz,“ verſetzte der Landwirth, und rückte einen Stuhl. Der Profeſſor begann:„Durch Zufall habe ich vor kurzem in einem geſchriebenen Buche unter andern — 22 handſchriftlichen Aufzeichnungen der Mönche von Roſſau einige Bemerkungen gefunden, welche für die Wiſſen⸗ ſchaft, der ich diene, möglicherweiſe wichtig ſind.“ „Und welches iſt Ihre Wiſſenſchaft,“ unterbrach ihn der Landwirth ungerührt. „Ich bin Philolog.“ „Das bedeutet alte Sprachen?“ frug der Landwirth. „So iſt es,“ fuhr der Profeſſor fort.„Die Notiz eines Mönches in dem erwähnten Bande meldet, daß um das Jahr 1500 eine werthvolle Handſchrift, welche die Geſchichtserzählung des Römers Tacitus enthielt, in dem Kloſter vorhanden war. Das Werk des berühmten Geſchichtſchreibers iſt uns in einigen andern wohlbe⸗ kannten Handſchriften nur ſehr trümmerhaft erhal⸗ ten, es ſcheint, daß die damals in dem Kloſter vor⸗ handene Handſchrift ſein Werk vollſtändiger enthielt. Eine zweite Notiz aus demſelben Buche meldet aus dem April des Jahres 1637, daß damals die letzten Mönche des Kloſters in ſchwerer Kriegszeit Kirchengeräth und die Handſchriften des Kloſters an einer hohlen und trocknen Stelle des Hauſes Bielſtein vor den Schweden verborgen haben.— Das ſind die Worte, die ich ge⸗ funden, weitere Thatſachen habe ich Ihnen nicht mitzu⸗ theilen. Die Echtheit der beiden Bemerkungen iſt für uns zweifellos, ich habe Ihnen eine Abſchrift der be⸗ treffenden Stellen mitgebracht, das Original bin ich bereit, Ihrer eigenen Einſicht zu unterwerfen oder der eines ſachverſtändigen Beurtheilers, den Sie wählen wollen. Ich füge nur noch hinzu, daß wir beide, mein Freund und ich, ſehr gut wiſſen, wie ungenügend die Mittheilungen ſind, welche wir Ihnen machen, und wie unſicher die Ausſicht, daß ſich jetzt nach zwei Jahrhun⸗ derten noch etwas von dem damals vergrabenen Eigen⸗ thum des Kloſters vorfinde. Und doch haben wir eine Ferienreiſe dazu benutzt, Ihnen Nachricht von dieſer Entdeckung zu geben, ſelbſt auf die naheliegende Gefahr einer vergeblichen Unterſuchung. Wir haben uns aber zu dieſer Reiſe verpflichtet gefühlt. Nicht vorzugsweiſe um Ihretwillen, obgleich die Handſchrift, wenn ſie ſich fände, von ſehr hohem Werth ſein würde, ſondern zu⸗ nächſt im Intereſſe der Wiſſenſchaft, denn nach dieſer Richtung wäre in der That ein ſolcher Fund unſchätzbar.“ Der Landwirth hatte aufmerkſam zugehört, das Papier, welches der Profeſſor vor ihn auf den Tiſch legte, ließ er unberührt. Jetzt begann er:„Daß Sie mich nicht täuſchen wollen und daß Sie mir die Wahrheit nach allen Seiten mit guter Meinung ſprechen, ſehe ich ein. Ihre Auseinanderſetzung iſt mir verſtändlich. Ihr Latein vermag ich nicht zu leſen; und das iſt auch nicht nöthig, denn was die Thatſachen betrifft, ſo glaube ich Ihnen. Aber,“ fuhr er lächelnd fort,„die Herren Gelehrten haben in der Ferne eines nicht gewußt, daß dieſes Haus das Unglück hat, in der ganzen Gegend für den Ort zu gelten, an welchem alte Mönche ihre Schätze vermauert haben.“ „Das war uns allerdings nicht unbekannt,“ fiel der Doctor ein,„und es konnte uns die Bedeutung der ſchriftlichen Notizen nicht verringern.“ „Da waren Sie in großem Irrthum. Es liegt doch auf der Hand, daß ein ſolches Gerücht, welches durch mehrere Menſchenalter in einer Gegend geglaubt wird, fortwährend abergläubiſche und gewinnſüchtige Perſonen in Bewegung geſetzt hat, dieſe vermeinten Schätze aufzuſpüren. Wie können Sie annehmen, daß Sie die erſten ſind, welche auf den Gedanken kommen, nachzuſuchen? Dies iſt ein altes feſtes Haus, aber es würde feſter ſein, wenn es nicht vom Keller bis unter das Dach Spuren zeigte, daß man in früherer Zeit Löcher hineingeſchlagen und die Schäden nachläſſig aus⸗ gebeſſert hat. Erſt vor wenigen Jahren habe ich Koſten und Mühe gehabt, einen neuen Dachbalken einzuziehen, weil Dach und Decke ſich ſenkte, und die Unterſuchung ergab, daß gewiſſenloſe Menſchen ein Stück des Balkens ausgeſägt hatten, jedenfalls um in einen Winkel des Daches hineinzugreifen. Und ich ſage Ihnen grade heraus, wenn mir etwas das alte Haus verleidet, in dem ich ſeit zwanzig Jahren Glück und Unglück erfahren habe, ſo iſt es dies widerwärtige Gerücht. Grade jetzt wird in der Stadt die Unterſuchung gegen einen Schatz⸗ gräber geführt, der Narren durch das Vorgeben betro⸗ gen hat, er könne aus dieſem Berge einen Schatz be⸗ ſchwören. Noch wird ſeinen Mitſchuldigen nachgeſpürt. Ihren Fragen in der Stadt haben Sie zuzuſchreiben, daß die Leute dort, welche viel von dem Betruge reden, Sie für Helfer des eingezogenen Gauners gehalten haben. aher auch mein rauher Gruß. Ich mache Ihnen deshalb meine Entſchuldigung.“ „Und Sie wollen ſich nicht dazu verſtehen,“ frug der Profeſſor unzufrieden,„unſere Mittheilung zu wei⸗ terer Nachforſchung zu benützen?“ 1 „Nein,“ verſetzte der Landwirth,„ich will mich nicht ſelbſt zum Narren machen. Wenn Ihr Buch nichts weiter meldet, als was Sie mir geſagt haben, ſo dient dieſe Nachricht zu gar nichts. Wenn die Mönche hier herum irgend etwas verſteckt haben, ſo iſt Hundert ge⸗ gen Eins zu wetten, ſie haben es ſelbſt in ruhiger Zeit wieder herausgeholt. Und wäre gegen alle Wahrſchein⸗ lichkeit das Verſteckte damals an ſeiner Stelle geblieben — es ſind ſeitdem einige hundert Jahre vergangen— ſo hätten es längſt andere hungrige Leute herausgegra⸗ ben. Das ſind, verzeihen Sie mir, Ammengeſchichten, nur gut für Spinnſtuben. Ich habe einen Widerwillen gegen ſolches Gelüſt, das an den Mauern wühlt. Der Landwirth ſoll im Acker ſchaufeln und nicht in ſeinem Hauſe. Unter Gottes Sonne liegen ſeine Schätze.“ Dem Profeſſor wallte das Blut über die kalte Art des Mannes, er bezwang mit Mühe den aus⸗ brechenden Zorn, indem er an das Fenſter trat und einem Haufen Sperlinge zuſah, die heftig gegen einan⸗ der ſchrien. Endlich begann er ſich umwendend:„Ihre Weigerung iſt ein Recht des Hauseigenthümers. Wenn Sie darauf beſtehen, ſo werden wir Sie allerdings mit D D — dem Bedauern verlaſſen, daß Sie die mögliche Bedeu⸗ tung unſerer Mittheilung nicht zu würdigen wiſſen. Ich habe dieſe Begegnung nicht vermieden, obgleich mir wohlbekannt war, wie zufällig die Eindrücke ſind, welche bei einer Lrſüm Unterredung mit Fremden den Entſchluß beſtimmen. Sie würden vielleicht mehr Rückſicht auf unſre Nachricht genommen haben, wenn ſie Ihnen durch Vermittlung Ihrer Regierung zugleich mit der Forderung, genaue Nachſuchung anzuſte llen, zugegangen wäre.“ „Reut Sie, daß Sie dieſen Weg nicht eingeſchlagen haben?“ frug der Landwirth lächelnd. „Offen geſagt, nein. Ich habe in ſolcher Angele⸗ genheit kein Vertrauen zu einem Beamtenprotokoll.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte der Landwirth trocken. „Wir ſtehen unter einem kleinen Landesherrn, aber er iſt fern, wir ſind von fremdem Gebiet umſchloſſen. Bei Hofe habe ich nichts zu thun, es vergehen Jahre, ehe ich nach unſrer Reſidenz komme; die Regierung plagt uns nicht übermäßig und in meinem Bezirk leite ich die Polizei. Wenn meine Regierung Ihren Wünſchen Wich⸗ tigkeit beilegte, ſo würde ſie wahrſcheinlich von mir einen Bericht einfordern, und das würde mir einen Bogen Papier und eine Stunde Schreiberei koſten. Vielleicht, wenn Sie laut zu trommeln verſtehen, ſendet ſie mir auch eine Commiſſion in das Haus. Die meldet ſich bei mir zum Mittagseſſen und ich führe ſie nach Tiſch in die Keller, ſie pocht der Form wegen ein wenig an de, und ich laſſe unterdeß einige Flaſchen auf⸗ orken. Zuletzt wird ſchnell ein Papier beſchrieben und die Sache iſt wieder abgemacht. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie dieſen Weg nicht eingeſchlagen habey im übrigen vertrete ich mein Hausrecht auch gegen den Landesherrn.“ „Es iſt, ſo ſcheint mir, vergeblich, zu Ihnen von dem Werth zu ſprechen, den die Handſchrift haben würde,“ warf der Profeſſor ihm finſter entgegen. „Es wäre verlorene Mühe,“ ſagte der Landwirth. „Ob eine ſolche Seltenheit, auch wenn ſie in meinem Eigenthume zu Tage käme, für mich ſelbſt einen weſent⸗ lichen Werth hätte, iſt fraglich. Und den Werth für Ihre Wiſſenſchaft kenne ich nur aus Sh Verſichern Aber für mich und für Sie rühre ich keinen+ 9. weil ich nicht glaube, daß ein ſolcher döha⸗ 2☛ Finger, Eigenthum verborgen iſt und weil ich niches düf meinem habe, um etwas Unwahrſcheinliches ein f t den Willen Dies, Herr Profeſſor, iſt meine Ant epfer zu bringen. Der Profeſſor trat wieder ſche⸗ Wort. Fritz, der ſich in ſiler Enedeand Nune an wa Fenſter. empfand, daß es Zeit y zurückgehalten hatte, zu machen, er erhob ſiſ„dar, dieſer Unterredung ein Ende uns wirklich Jhre baic tr Aufbruch:„Und Sie haben „Ich bedaure, Ihn Meinung geſagt? zu können,“ verſetz nenen dern daihei geben Art Mitleid auf i beiden), und ſah mi üner in der That leid,/ Fremden.„Es thut mir daß Sie den Umweg zu mir gemacht 77 — 78— haben. Verlangen Sie, meine Wirthſchaft zums jede Thür ſoll Ihnen geöffnet ſein. Die Mauern meir⸗ nes Hauſes öffne ich Niemandem. Ich bin übrigens Wreit, Ihre Mittheilung als Geheimniß zu bewahren, um ſo lieber, da dies auch in meinem Intereſſe liegt.“ „Ihre Weigerung, irgend welche Nachforſchungen auf ihrem Eigenthum anzuſtellen, macht ein ferneres Geheimhalten dieſer Nachricht unnöthig,“ entgegnete der Doctor,„meinem Freunde bleibt jetzt nichts übrig, als ſeine Entdeckung in einer wiſſenſchaftlichen Zeitſchrift zu berichten, er hat dann ſeine Pflicht gethan, vielleicht daß Andere gegenüber Ihnen glücklicher ſind als wir. 4 Der Landwirth fuhr auf.„Donnerwetter, Herr, Sie des Teufels? Sie wollen die Geſchichte Ihren 1 erzählen? Wahrſcheinlich werden dieſe ebenſo Colleg 7 Se. denten ide werden Hunderte die Sache genau ſo uver! 4 .„3 nd Ihre Weigerung ebenſo verur⸗ die w. anſehen w» Doctor. kheilen wie uar⸗ u ftheilen, iſt mir ganz „Herr, wie Sie 8 nrich ſo ſchwarz zu gleichgültig, ich muß Sie irgend zulißt“ rief ſchildern, als Ihre Wahrheits! der Landwirth unwillig.„Aber das alles nichts helfen wird. Verd und ihr Schatz! Jetzt habe ich à Stunde Ihrer Ferien einen Beſt erwarten, fremde Geſichter mit Bri. men, welche den Anſpruch erheben un ſehe voraus, daß ht ſeien die Mönche Sonntag und jede ie den Ihren zu und Regenſchir⸗ Has Holzgeſtell 79— meines Milchkellers zu kriechen und in der Schlafſtube meiner Kinder an der Decke herumzuklettern. Zum Teufel mit dieſem Tacitus!“ Der Profeſſor ergriff ſeinen Hut:„Wir empfehlen uns Ihnen,“ und ging nach der Thür. „Halt, meine Herren,“ rief der Wirth unruhig, „nicht ſo ſchnell. Lieber will ich noch mit Ihnen beiden zu thun haben, als mit einer unabläſſigen Wallfahrt Ihrer Collegen. Weilen Sie noch einen Augenblick, ich mache Ihnen einen Vorſchlag. Sie ſelbſt ſollen durch mein Haus gehen, Sie mögen den alten Bau„ Boden bis zum Keller unterſuchen. Es iſt eir arte Zumuthung für mich und meine Hausgen⸗ ch will das Opfer bringen. Finden Sie ein⸗„die Ihnen Verdacht einflößt, ſo reden wir⸗*. Dagegen ver⸗ ſprechen Sie mir, daß gen meine Hausleute von dem Zweck Ihre⸗ eins ſchweigen. Meine Ar⸗ beiter ſind ohne lgeregt; wenn Sie dem unſeligen Gerücht n rung geben, ſo kann ich nicht dafür ſtehen t meine eigenen Leute auf den Einfall ko lir an einer Ecke des Hauſes die Grundmauer auſtoßen. Mein Haus iſt Ihnen den ganzen Tag Beöffnet, ſo lange ſind Sie meine Gäſte. Dann aber, wenn Sie mündlich oder ſchriftlich über die Sache reden, fordere ich den Zuſatz, es ſei von Ihnen das Mögliche geſchehen, mein Haus durchſucht, aber nichts gefunden worden. Wollen Sie dieſen Vertrag mit mir eingehen?“ Der Doctor ſah zweifelnd auf den Profeſſor, ob 1 — 80— der Stolz des Freundes ſich ſolcher Bedingung beugen werde. Wider Erwarten flog ein Strahl von Freude über das Antlitz des Gelehrten, und er erwiederte artig: „Sie haben uns in einem Punkt mißverſtanden. Nicht wir beanſpruchen die verborgene Handſchrift aus Ihrem Eigenthum herauszuholen, ſondern wir ſind nur gekom⸗ men, um Sie ſelbſt für den Verſuch zu gewinnen. Daß wir in einem fremden Hauſe, unbekannt mit den Räu⸗ men und ungeübt in dieſer Art Nachforſchung, nichts finden werden, iſt uns ſehr deutlich. Wenn wir dennoch voie lächerliche Lage, in welche Sie uns verſetzen, nicht vermetöden und Ihr Anerbieten annehmen, ſo thun wir dies nur in der Hoffnung, daß uns in den Stunden unſeres Hierſeins mrelingen wird, Ihnen ſelbſt ein grö⸗ ßeres Intereſſe an denn möglichen Funde beizubringen.“ Der Landwirth bewegre abweiſend das Haupt auf den hohen Schultern.„Ich habe nur das Intereſſe, die Sache ſo gut als möglich zum Seymeigen zu bringen. Sie mögen thun, was Sie für Pflicht veten.— Meine Geſchäfte verhindern mich, Sie zu begleiten, gebe Sie meiner Tochter.“ Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und denf. 14 ich über⸗ Ilſe 8„Hier, Vater,“ antwortete eine klangvolle Altſtinnne. Der Landwirth ging in das Nebenzimmer.„Komm hervor, Ilſe, ich habe heut einen beſondern Auftrag für dich. Da drin ſind zwei fremde Herren von einer Univerſität. Sie ſuchen ein Buch, das in alten Zeiten 81— in unſerm Hauſe verſteckt ſein ſoll. Führe ſie durch das Haus, ſchließ ihnen alle Räume auf.“ „Aber Vater—“ unterbrach ihn die Tochter. „Thut nichts,“ fuhr der Landwirth fort,„es muß ſein.“ Er trat näher an ſie und ſprach leiſer:„Es ſind zwei Gelehrte, ſie haben einen Sparren—,“ er wies nach dem Kopfe.„Was ſie ſich einbilden, iſt verrückt, und ich gebe ihnen nur nach, um in Zukunft Ruhe zu haben. Sei vorſichtig, Ilſe, ich kenne die Leute nicht. Ich muß auf's Vorwerk, dem Hofverwalter will ich ſagen, daß er ſich in der Nähe des Hauſes hält. Sie ſcheinen mir zwei ehrliche Narren, aber der Teufel mag trauen.“ „Ich fürchte mich nicht, Vater,“ erwiederte die Toch⸗ ter,„das Haus iſt voll Menſchen, wir werden ſchon mit ihnen fertig werden.“ „Sorge dafür, daß die Mägde nicht herumſtehen, während die Fremden an den Wänden klopfen und meſſen. Sie ſehen mir übrigens nicht aus, als ob ſie viel finden würden, wenn auch alle Wände aus Büchern gemauert wären. Aber daß ſie irgendwo einſchlagen oder die Wand beſchädigen, das leideſt du nicht.“ „Recht, Vater,“ ſagte die Tochter.„Bleiben ſie über Mittag?“ „Ja wohl, dein Dienſt geht bis zum Abend. In der Molkerei wird dich die Mamſell vertreten.“ Durch die Thür hörten die Freunde Bruchſtücke der Unterredung, ſie gingen nach den erſten Worten der Inſtruction ſchnell an das Fenſter und ſprachen laut Freytag, Handſchrift. I. 6 — 82— mit einander über eine große Strohanhäufung am Firſt der Scheuer, die nach der Behauptung des Doctors ein Storchneſt war, während der Profeſſor die Anſicht vertrat, daß Störche nicht auf ſolchen Höhen niſteten. Dazwi⸗ ſchen ſagte der Profeſſor leiſe:„Es iſt unbequem, in die⸗ ſer demüthigenden Lage auszudauern. Aber wir vermö⸗ gen nur durch unſer Beharren den Hauswirth zu über⸗ zeugen.“ „Vielleicht entdecken wir doch etwas,“ ſagte der Doctor.„Ich habe einige Erfahrung in Maurerarbeit, als Knabe fand ich beim Bau unſeres Hauſes Gelegen⸗ heit, ſchöne Kenntniſſe in Statik und Balkenklettern zu erwerben. Gut, daß der Tyrann uns allein läßt. Unterhalte du die Tochter, ich will derweile an den Wänden klopfen.“ Wer jemals einer undeutlichen Spur nachgegangen iſt, der weiß, wie ſchwierig in der Nähe erſcheint, was in der Ferne ſo leicht dünkt. Während zuerſt die trü⸗ gende Göttin Hoffnung alle guten Möglichkeiten mit hellen Farben malt, regt die Arbeit des Suchens ſelbſt jeden Zweifel auf. Die lockenden Bilder verbleichen, Kleinmuth und Ermüdung werfen ihre Schatten. Zu⸗ letzt wird pflichtmäßige Ausdauer, was im Anfange ein friſches Wagen war. ——— 4. Das alte Haus. Der Landwirth trat ein, die Reitgerte in der Hand, hinter ihm die hohe Geſtalt vom Friedhof.„Hier meine Tochter Eliſe, ſie wird meine Stelle vertreten.“ Die Freunde verneigten ſich. Es war daſſelbe ſchöne Antlitz, aber ſtatt der hohen Rührung lag jetzt eine ge⸗ ſchäftliche Würde in ihren Zügen, ſie grüßte ruhig und lud die Herren zum Frühſtück in das Nebenzimmer. Was ſie ſprach, waren einfache Worte, aber wieder lauſch⸗ ten die Freunde verwundert auf die tiefen Töne ihrer melodiſchen Stimme. „Bevor Sie ſich hier umſehen, müſſen Sie an mei⸗ nem Tiſch niederſitzen, das iſt bei uns Brauch,“ ſagte der Landwirth in beſſerer Laune, als er bis dahin gezeigt, auch auf ihn übte die Gegenwart der Tochter beſänftigen⸗ den Einfluß.„Wiederſehen zu Mittag.“ Damit ging er zur Thür hinaus. Die Freunde folgten in den Nebenraum, ein großes Speiſezimmer; Stühle ſtanden längs der Wand, in der Mitte eine lange Tafel, an deren oberem Ende drei Plätze gedeckt waren. Das Mädchen ſetzte ſich zwiſchen die Herren 6* 00 und bot die kalten Speiſen.„Als ich Sie auf dem Friedhof ſah, dachte ich, daß Sie den Vater beſuchen wür⸗ den, der Tiſch wartet ſchon eine Weile auf Sie.“ Die Freunde aßen ein wenig und dankten für mehr. „Ich bedaure, daß unſer Kommen auch Ihre Zeit in Anſpruch nehmen ſoll,“ ſagte der Profeſſor ernſt. „Meine Aufgabe iſt leicht,“ antwortete das Mäd⸗ chen,„ich fürchte, die Ihre wird Ihnen mehr Mühe ma⸗ chen. Das Haus hat viele Stuben, und dann die Kam⸗ mern und die Verſchläge auf dem Boden.“ „Ich habe bereits Ihrem Herrn Vater geſagt,“ er⸗ wiederte der Profeſſor lächelnd,„daß wir keinen Werth darauf legen, wie Maurer das Gebäude zu unterſuchen. Betrachten Sie uns als Neugierige, welche das merk⸗ würdige Haus nur ſoweit ſehen wollen, als es ſich ſonſt einem Gaſte öffnet.“ „Das Haus mag wohl für Fremde merkwürdig ſein,“ ſagte Ilſe,„uns iſt es lieb, denn es iſt warm und ge⸗ räumig. Und als der Vater das Gut einige Jahr be⸗ ſaß und zu Kräften gekommen war, hat er meiner ſeligen Mutter zu Liebe Alles bequem eingerichtet; denn wir brauchen großen Raum, es ſind ſechs jüngere Geſchwiſter, und es iſt ein großes Gut; die Herren von der Wirth⸗ ſchaft eſſen bei uns, dann der Hauslehrer und die Mam⸗ ſell, und in der Geſindeſtube auch zwanzig Leute.“ Der Doctor ſah ſeine Nachbarin enttäuſcht an. Wo war die Seherin geblieben? Sie ſprach verſtändig und ſehr bürgerlich, mit ihr konnte man wohl auskommen. „Da wir nun einmal auf hohle Räume ausgehen,“ be⸗ gann er ſchlau,„ſo würden wir uns am liebſten Ihrer Leitung anvertrauen, wenn Sie uns ſagen wollten, ob man in der Wand oder auf dem Boden oder irgendwo hier im Hauſe von Stellen weiß, welche beim Klopfen eine Pohlunn verrathen.“ „O daran fehlt es nicht,“ erwiderte Ilſe.„Wenn man in meiner Stube an die Hinterwand des kleinen Wandſchrankes pocht, ſo merkt man, daß dahinter ein leerer Raum iſt, und dann iſt die Steinplatte unter der Treppe, und viele Platten in der Küche und noch viele andere Stellen im Hauſe. Und bei allen haben die Leute ihre Vermuthung.“ Der Doctor hatte ſeine Brieftafel herausgezogen und ſchrieb die verdächtigen Stellen nieder. Und die Betrachtung des Hauſes begann. Es war ein prachtvolles altes Haus, die Mauer des Unterſtocks ſo dick, daß der Doctor mit geſpannten Armen nicht die ganze Tiefe der Fenſterniſchen einfaſſen konnte. Eif⸗ rig übernahm er das Klopfen und Me teſſen der Wände; die Keller waren zum Theil in den Felſen geſprengt, an einzelnen Stellen ragte das ungeglättete Geſtein noch in die Räume und man erkannte, wo die Mauer auf dem Stein gelagert war. Es waren mächtige Gewölbe, die kleinen Fenſter in der Höhe durch ſtarke Eiſenſtäbe geſchützt, in alter Zeit bei feindlichem Anlauf eine feſte Zuflucht wider Geſchoſſe und Feuer. Und Alles war ſchön trocken und hohl. Denn das Haus war ganz — 86— nach den Anſichten gebaut, welche der Doctor ſchon frü⸗ her über alte Gebäude ſo verſtändig ausgeſprochen hatte: Mauer von außen und von innen, dazwiſchen Schutt und Steinbrocken. Natürlich klangen die Wände des⸗ halb an vielen Stellen hohl wie ein Kürbis. Der Doctor pochte und notirte fleißig, die Knöchel ſeiner Hand wurden weiß und aufgetrieben, aber die Fülle gu⸗ ter Stellen machte ihn kleinlaut. Aus dem Keller traten ſie in den Unterſtock. In der Küche brodelten große Keſſel und Töpfe und neu⸗ gierig ſahen die arbeitenden Frauen auf das Benehmen der Fremden, denn der Doctor klopfte wieder mit den Abſätzen auf den ſteinernen Fußboden und faßte die geſchwärzte Seitenwand des Heerdes mit den Händen an. Dahinter kamen Wirthſchaftsräume und die Gaſtſtuben. In einer derſelben fanden ſie eine Frau in Trauer⸗ kleidung beſchäftigt, die Betten in ein neues Gewand zu hüllen. Es war die Mutter vom Friedhofe. Sie trat an die fremden Herren und bedankte ſich, weil ſie geholfen hätten, ihrem Kinde die letzte Ehre zu er⸗ weiſen. Die Freunde ſprachen ihr freundlich zu, ſie wiſchte mit der Schürze die Augen und ging wieder an ihre Arbeit. „Ich bat ſie heut zu Haus zu bleiben“, ſagte Ilſe, naber ſie wollte nicht. Ihr wäre gut, wenn ſie etwas zu ſchaffen hätte, und wir würden ihre Arbeit brauchen, weil Sie doch wohl zu uns kämen.“ Es that den Ge⸗ lehrten wohl, daß ſie wenigſtens von den weiblichen — 87— Mitgliedern des Hauſes als berechtigte Gäſte aufge⸗ faßt wurden. Sie betraten die andere Seite des Unterſtocks und betrachteten noch einmal die einfachen Zimmer, die ſich zuerſt den Ankommenden geöffnet hatten. Dahinter lag das Arbeitszimmer des Gutsherrn, ein kleiner ſchmuck⸗ loſer Raum, darin ein Schrank mit Jagdgeräth und Reit⸗ zeug, ein Bretergeſtell für Akten und einige Bücher, über dem Bett Säbel und Piſtolen, auf dem Schreibtiſch das kleine Modell einer Maſchine und Proben von Getreide und Sämerei in kleinen Säckchen; an der Wand aber ſtan⸗ den in militäriſcher Ordnung der rieſige Waſſerſtiefel, der Juchtenſtiefel, der Reitſtiefel mit Stulpen, an der äußer⸗ ſten Ecke auch Zwerge von Kalbleder, wie ſie gewöhn⸗ liche Menſchen tragen. In dem Nebenzimmer hörten ſie eine Männerſtimme und kindliche Antworten in re⸗ gelmäßigem Wechſel.„Das iſt die Schulſtube“, ſagte Ilſe lächend. Als die Thür geöffnet ward, ſchwiegen Solo und Chorſtimmen, dem Gruß der Eintretenden antwortete aufſtehend der Lehrer, ein Seminariſt von verſtändigem Geſicht. Verwundert ſtarrten die Kinder in die unerwartete Störung. An zwei Tiſchen ſaßen drei Knaben und drei Mädchen, ein kräftiges blondhaa⸗ riges Geſchlecht.„Das iſt Clara, Luiſe, Riekchen, Hans, Ernſt und Franz.“ Die vierzehnjährige Clara, faſt er⸗ wachſen und ein verjüngtes Abbild der Schweſter, erhob ſich mit einem Knix, Hans, ein derber Burſch von zwölf Jahren, machte den unbedeutenden Verſuch eines — 88— Bücklings, die andern blieben ſtramm ſtehen, ſtarrten unverwandt auf die Fremden, und tauchten, nachdem ſie einer läſtigen Pflicht genügt hatten, wieder auf ihre Plätze nieder. Nur der kleine Franz, ein rothbäckiger Krauskopf von ſieben Jahren, blieb in der Pein ſeiner Aufgabe grimmig ſitzen, und benutzte die Unterbrechung, um für die nächſten Antworten noch ſchnell etwas aus ſeinem Buche einzuſammeln. Ilſe ſtrich ihm über das Haar und frug den Lehrer:„Wie geht's heut mit ihm?“—„Er hat gelernt.“—„Es iſt zu ſchwer,“ rief Franz erbittert. Der Profeſſor bat den Lehrer ſich nicht ſtören zu laſſen und die Reiſe ging weiter: Schlafzimmer der Knaben, Zimmer des Lehrers und wie⸗ der Wirthſchaftsräume, Plättſtube, Kleiderkammer— der Doctor hatte ſeine Brieftafel bereits eingeſteckt. Sie kehrten in den Hausflur zurück, an der Treppe wies Ilſe auf die Steinplatte, der Doctor kniete nieder, verſuchte und ſagte kleinlaut:„„Wieder hohl.“ Ilſe be⸗ trat die Treppe. „Hier oben wohne ich und die Mädchen.“ „Unſere Neugierde hat vorläufig hier ein Ende,“ er⸗ wiederte rückſichtsvoll der Profeſſor.„Sie ſehen, auch mein Freund verzichtet.“ „Man hat aber von oben eine Ausſicht,“ ſagte die Führerin,„dieſe wenigſtens müſſen Sie betrachten.“ Sie öffnete eine Thür.„Dies iſt mein Zimmer.“ Die Freunde blieben vor der Schwelle ſtehen.„Kommen Sie herein,“ ſagte Ilſe unbefangen.„Von Hieſem Fenſter ſieht man — 89— die Straße, auf der Sie zu uns kamen.“ Zögernd tra⸗ ten die Zartfühlenden näher. Es war wieder ein be⸗ ſcheidener Raum, nicht einmal ein Sopha darin, die Wände mit blauer Farbe geſtrichen, am Fenſter ein Nähtiſch und einige Blumenſtöcke, in einer Ecke das Bett mit weißer Gardine verhüllt. Die Freunde traten ſogleich an das Fenſter und ſchauten von der Höhe auf den kleinen Friedhof und die Gipfel der Eichen, auf das Städtchen im Thale und auf die Baumreihe dahinter, welche in gekrümmter Linie bis zu der Höhe lief, wo ſich die Ausſicht in die Ferne ſchloß. Der Blick des Profeſſors haftete an der alten Holzkirche. Wie hatten ſich in wenig Stunden die Stim⸗ mungen geändert! Auf die frohe Erwartung war gefolgt, was beinahe wie Entſagung ausſah, und doch wieder auf die Ungeduld eine wohlthuende Ruhe. „Das iſt unſer Weg in die Fremde,“ wies Ilſe, „wir ſehen oft nach der Richtung aus, wenn der Vater verreiſt iſt und wir ihn erwarten, oder wenn wir von dem Poſtboten etwas Gutes hoffen. Und ſo oft Bru⸗ der Franz erzählt, daß er einſt in die Welt gehen werde, fort von dem Vater und von uns Geſchwiſtern, dann denkt er ſich die Straßen in der Welt immer wie dieſe ausſieht, als einen Fußſteig mit dicken Weidenköpfen.“ „Franz iſt der Liebling?“ frug der Profeſſor. „Er iſt mein Neſthäkchen, wir verloren die gute Mutter, als er noch die Kindermütze trug. Das arme Kind kennt die Mutter gar nicht, und als er einmal —— 90— von ihr geträumt hatte, da brachten die andern Kinder heraus, daß er ſie im Schlaf mit mir verwechſelte, denn ſie trug mein Kleid und meinen Strohhut.— Dies iſt der Wandſchrank,“ ſagte ſie traurig, auf eine Holzthür in der Wand deutend. Die Freunde folgten ſchweigend, ohne bei dem Schranke anzuhalten. Vor der gegenüber⸗ liegenden Stube blieb ſie ſtehen, die Thür öffnend:„Dies war das Zimmer der Mutter, es iſt unverändert, wie ſie es verließ, nur der Vater bleibt des Sonntags einige Zeit darin.“ „Wir geben nicht zu, daß Sie uns weiter führen,“ ſagte der Profiſſor.„Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie peinlich ich unſere Lage Ihnen gegenüber empfinde. Verzeihen Sie uns das unzarte Eintreten in Ihre Häus⸗ lichkeit.“ „Wenn Sie das Haus nicht weiter ſehen wollen,“ erwiederte Ilſe mit dankendem Blick,„ſo geleite ich Sie gern in unſern Garten und durch den Hof. Der Vater wird nicht loben, wenn ich Ihnen etwas vor⸗ enthalte.“ Eine Hinterthür des Flurs führte in den Garten, die Beete, mit Buchsbaum eingefaßt, waren mit Som⸗ merblumen beſetzt, mit den altheimiſchen Bewohnern unfrer Gärten. Am Hauſe liefen Weinreben bis unter die Fenſter des Oberſtocks und die grünen Trauben blinkten überall aus dem hellen Laub. Eine lebendige Hecke ſchied die Blumenbeete vom Gemüſegarten, wo auch der Hopfen an großen Stangen hinaufkletterte. . 1 5 5 4 — 8 1 „ — 91— Weiter ab ſenkte ſich ein großer Obſtgarten mit friſchem Raſengrund einem Seitenthal zu. Es war auch hier nichts Mertwürdiges zu ſehen, gradlinig waren die Blu⸗ menbeete, in Reihen ſtanden die Obſtbäume, der ehr⸗ würdige Buchsbaum und die Hecke waren nach der Schnur geſchnitten und ohne Lücken. Die Freunde ſchau⸗ ten über Beete und Blumen immer wieder nach dem Hauſe zurück und freuten ſich über die braunen Mauern hinter dem ſaftigen Weinlaub und über die Arbeit des Steinmetzen an den Fenſtern und am Giebel. „Es war zur Zeit unſerer Vorfahren ein Haus der Fürſten,“ erklärte Ilſe,„und ſie kamen damals alle Jahre zur Jagd hierher. Jetzt aber iſt nur der dunkle Wald dort hinten noch herrſchaftlich, dort ſteht auch ein Jagdhaus und der Oberförſter wohnt darin. Und nur ſelten kommt unſer Fürſt in die Gegend. Es iſt lange Zeit her, daß wir unſern lieben Landesherrn nicht geſehen haben, und wir leben wie arme Waiſen.“ „Gilt er hier im Lande für einen gütigen Herrn?“ frug der Profeſſor. „Wir wiſſen nicht viel von ihm, aber wir denken uns, daß er gut iſt. Vor vielen Jahren, als ich noch Kind war, hat er einmal in unſerm Haus gefrüh⸗ ſtückt, weil es in Roſſau keine Gelegenheit gab. Damals war ich erſtaunt, daß er keinen rothen Mantel trug, und er ſtrich mir über den Kopf und gab mir den guten Rath zu wachſen. Das habe ich ſeitdem redlich abge⸗ macht.) Und es heißt ſchon, er wird in dieſem Jahre — 92— wieder zur Jagd kommen. Kehrt er wieder bei uns ein, dann muß das alte Haus ſeinen beſten Staat anthun und in der Küche giebt's heiße Wangen.“ Während ſie friedlich unter den Obſtbäumen dahin⸗ ſchritten, tönte vom Hofe her eine helle Glocke.„Das iſt der Ruf zum Eſſen“, ſagte Ilſe,„ich führe die Herren zu ihrem Zimmer, das Hausmädchen wird Sie abholen.“— Die Freunde fanden in einer Gaſtſtube ihre Leder⸗ taſchen und wurden kurz darauf durch ein leiſes Klo⸗ pfen an der Thür geladen und in das Speiſezimmer geführt. Dort wartete ihrer der Gutsherr, ein halbes Dutzend ſonnengebräunte Beamte der Wirthſchaft, die Mamſell, der Hauslehrer und die Kinder. Als ſie eintraten, ſprach der Landwirth mit der Tochter in einer Fenſterniſche; wahrſcheinlich hatte die Tochter gün⸗ ſtig über die Fremden berichtet, denn er kam ihnen mit unumwölkter Miene entgegen, und ſagte in ſeiner kur⸗ zen Weiſe:„Nehmen Sie an unſerm Tiſche vorlieb.“ Dann ſtellte er die Fremden den Anweſenden vor, in⸗ dem er ihre Namen nannte und hinzufügte:„Zwei gelehrte Herren von der Univerſität.“ Jedermann ſtand hinter ſeinem Stuhl nach Würde und Alter gereiht, obenan der Wirth, neben ihm Ilſe, auf der andern Seite der Profeſſor und der Doctor, dann zu beiden Seiten die Herren von der Wirthſchaft, dahinter die Mamſell und die Mädchen, der Lehrer und die Knaben. Der kleine Franz am untern Ende des Tiſches trat an — 939— ſeinen Teller, faltete ber dem Brod die Hände und ſprach eintönig ein kurzes Tiſchgebet. Darauf rückten zu gleicher Zeit alle Stühle, zwei Mädchen in der Tracht der Landſchaft trugen die Speiſen. Es war ein einfaches Mittagsmahl, nur zwiſchen den Fremden ſtand eine Flaſche Wein, die Eingebornen goſſen goldbraunes Bier in die Gläſer. Schweigend und eifrig verrichtete Jeder ſein Werk, am oberen Ende des Tiſches wurde Unterhaltung ge⸗ führt. Die Freunde ſprachen dem Landwirth ihre Freude über Haus und Umgebung aus, und der Haus⸗ herr lachte ſpöttiſch, als der Doctor die dicken Wände des Hauſes rühmend hervorhob. Dann ſchweifte das Geſpräch auf die Umgegend hinaus, auf den Dialekt und die Art des Landvolks.. „Wieder iſt mir in dieſen Tagen aufgefallen,“ ſagte der Profeſſor,„wie fremd und mißtrauiſch die Landleute hier uns Städter beobachten. Unſere Sprache, Sitte, Gewohnheit betrachten ſie wie die eines anderen Volkes. Und wenn ich zuſehe, was der Feldarbeiter mit den ſo⸗ genannten Gebildeten gemein hat, ſo empfinde ich ſihmers lich, daß es viel zu wenig iſt.“ „Und wer iſt daran Schuld,“ entgegnete der Land- wirth,„als die Gebildeten ſelbſt. Nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich Ihnen als einfacher Mann ſage, daß mir dieſe Bildung eben ſo wenig gefällt, als die Unwiſſenheit und Störrigkeit, welche Sie an unſern Landleuten in Erſtaunen ſetzt. Sie ſelbſt z. B. machen — 94— eine weite Reiſe, um alte vergeſſene Schriften zu finden, die einſt ein gebildeter Mann in einem untergegangenen Volke geſchrieben hat. Ich aber frage, was haben Millionen Menſchen, die mit Ihnen eine Sprache ſpre⸗ chen, Ihres Stammes ſind und neben Ihnen leben, von all der Gelehrſamkeit, die Sie für ſich und eine kleine Zahl wohlhabender und müßiger Leute erwerben? Wenn Sie zu meinen Arbeitern reden, die Leute verſtehen Sie nicht. Wenn Sie von Ihrer Wiſſenſchaft etwas erzäh⸗ len wollten, meine Knechte würden vor Ihnen ſtehen wie Neger. Iſt das ein geſunder Zuſtand? Und ich ſage Ihnen, ſo lange dieſer Zuſtand dauert, ſind wir noch kein rechtes Volk.“ „Wenn Ihre Worte einen Vorwurf gegen meinen Beruf enthalten,“ erwiederte der Profeſſor,„ſo ſind ſie ungerecht. Grade jetzt iſt man eifrig bemüht, was in der Arbeitsſtube der Gelehrten gefunden wird, auch dem Volke zugänglich zu machen. Daß dafür nach mancher Richtung nochs mehr geſchehen ſollte, leugne ich nicht. Aber zu allen Zeiten hat ernſt wiſſenſchaftliche For⸗ ſchung, ſelbſt wenn ſie zunächſt nur einem ſehr kleinen Kreiſe verſtändlich iſt, ganz unſichtbar und in der Stille Seele und Leben des geſammten Volkes beherrſcht. Sie bildet die Sprache, ſie richtet die Gedanken, ſie formt allmälig Sitte, Rechtsgefühl und Geſetz nach den Bedürf⸗ niſſen jeder Zeit. Nicht nur die praktiſchen Erfindungen und der ſteigende Wohlſtand werden durch ſie möglich,⸗ 8 auch, was Ihnen nicht weniger wichtig erſcheinen wird, f 1 A 44 A. 2 1 ——— — 95— die Gedanken des Menſchen über ſein eigenes Leben, die Art, wie er ſeine Pflichten gegen Andere übt, der Sinn, in welchem er Wahrheit und Lüge auffaßt, das Alles verdankt jeder von uns der Gelehrſamkeit ſeines Volkes, wie wenig er ſich auch um die einzelnen Forſchungen kümmern möge. Und laſſen Sie mich einen alten Ver⸗ gleich gebrauchen. Die Viſſenſchaft iſt wie ein großes Feuer, das in einem Volke unabläſſig unterhalten wer⸗ den muß, weil ihm Stahl und Stein unbekannt ſind. Ich gehöre zu denen, welche die Pflicht haben, immer neue Scheite in das große Feuer zu werfen. Andere haben die Aufgabe, die heilige Flamme durch das Land, in Dörfer und Hütten zu tragen. Jeder, der an der Verbreitung des Lichtes arbeitet, hat ſein Recht, und Keiner ſoll von dem Andern gering denken.“ „Darin liegt Wahrheit,“ ſagte der Landwirth auf⸗ merkſam. „Wenn das große Feuer nicht brennt,“ ful hr der Profeſſor fort,„werden die einzelnen Flannnen ſich auch nicht verbreiten können. Und glauben Sie mir, was einen ehrlichen Gelehrten bei den ſchwierigſten Unter⸗ ſuchungen, unter denen ihm das Leben dahinſchwindet, immer erhebt und ſtärkt, das iſt grade die unerſchütter⸗ liche Ueberzeugung, welche durch lange Erfahrung tau⸗ ſendfach beſtätigt iſt, daß ſeine Arbeit zuletzt doch der gan⸗ zen Menſchheit zu Gute kommt; ſie hilft nicht immer neue Maſchinen erfinden und neue Culturpflanzen entdecken, ſie iſt deßhalb nicht weniger wirkſam für Alle, auch wo 96— ſie lehrt, was wahr und unwahr, was ſchön und häßlich, was gut und ſchlecht iſt. In dieſem Sinne macht ſie Millionen freier, und dadurch beſſer.“ „Ich ſehe wenigſtens aus Ihren Worten,“ ſprach der Landwirth,„daß Sie Ihren Beruf hoch halten. Und das freut mich überall, denn das iſt die Art eines tüch⸗ tigen Mannes.“ Bei dieſer Unterredung wurde beiden Männern be⸗ haglicher zu Muthe. Der Inſpector erhob ſich und im Nu rückten ſämmtliche Stühle der Würdenträger und der Kinder, die Mehrzahl der Tiſchgäſte verließ das Zimmer. Nur der Wirth, Ilſe und die Gäſte ſaßen noch einige Minuten bei einander, jetzt in ruhig fort⸗ rollender Unterhaltung. Dann ging man in das Ne⸗ benzimmer zu dem angerichteten Kaffeetiſch, Ilſe ſchenkte ein und der Landwirth betrachtete von ſeinem Sitze die unerwarteten Gäſte. Der Profeſſor ſetzte die leere Taſſe hin und be⸗ gann:„Unſre Aufgabe hier iſt beendigt, wir haben Ihnen für gaſtliche Aufnahme zu danken. Ich möchte aber nicht ſcheiden, ohne Sie noch einmal an das zu erinnern—“ b 3 „Warum wollen Sie jetzt fort?“ unterbrach ihn der Landwirth.„Sie haben heut ſchon einen längern Weg gemacht, Sie finden weder in der Stadt noch in den Dörfern dahinter ein erträgliches Unterkommen, und in dem Drang der Ernte vielleicht nicht einmal eine Fuhre. Laſſen Sie ſich's zur Nacht hier gefallen, wir haben ohnedies noch unſer Geſpräch von heut Mor⸗ gen aufzunehmen,“ fügte er mit Laune hinzu,„und mir liegt daran, daß wir in gutem Einvernehmen ſcheiden. Sie begleiten mich ein Stück in das Feld, wo ich allerdings nöthig bin. Wenn ich auf das Vor⸗ werk reite, mag Ilſe wieder meine Stelle vertreten. Am Abend ſprechen wir dann ein verſtändiges Wort mit einander.“ Die Freunde waren bereit, auf dieſen Vorſchlag einzugehen. In gutem Einvernehmen ſchritten die Männer durch das Erntefeld. Der Profeſſor freute ſich über die großen Aehren einer neuen Art Gerſte, welche noch ungemäht, dicht wie Rohr vor ihnen ſtand, und der Landwirth ſprach bedächtige Worte über dieſe an⸗ ſpruchsvolle Halmfrucht des deutſchen Landmanns. Sie blieben ſtehen, wo grade die Arbeiter beſchäftigt wa⸗ ren. Dann trat zuerſt der Beamte, der die Aufſicht führte, dem Gutsherrn entgegen und berichtete, darauf ſchritten ſie über die Stoppeln zu den Garben; der ſchnelle Blick des Landwirths überſah die zuſammenge⸗ legten Mandeln, die emſigen Leute und die harrenden Roſſe am Erntewagen; die Freunde aber betrachteten mit Antheil, wie der Herr des Gutes mit ſeinen Beamten und Arbeitern verkehrte, kurze Befehle und befliſſene Ant⸗ worten, Eifer der ſchaffenden Leute und frohe Mienen, wenn ſie die Zahl der Garben meldeten, überall ein wohl⸗ gefügtes Weſen, ſichere Kraft, ein wackeres Zuſammen⸗ greifen. Sie kehrten zurück mit Achtung vor dem Manne⸗ Freytag, Handſchrift. I. 7 — 98— der in ſeinem kleinen Reiche ſo feſt herrſchte. Auf dem Rückwege blieben ſie bei den Füllen ſtehen, welche ſich hinter der Scheuer auf eingezäuntem Raum tummelten, und als der Doctor vor andern zwei galloppirende Braune rühmte, fand ſich's, daß er richtig die beſten Pferde gelobt hatte, und der Landwirth lächelte ihm wohlwollend zu. Am Eingang des Hofes führte ein Knecht das Reitpferd, einen mächtigen Rappen von ſtar⸗ ken Gliedern und breiter Bruſt, der Doctor klopfte den Hals des Thieres, der Landwirth ſah nach dem Riem⸗ zeug.„Ich bin ein ſchwerer Reiter,“ ſagte er,„und habe Noth, ein dauerhaftes Thier zu finden.“ Er ſchwang ſich wuchtig in den Sattel und griff an ſeine Mütze:„Auf Wiederſehn heut Abend.“ Und ſehr ſtatt⸗ lich ſahen Roß und Reiter aus, als ſie den Feldweg entlang trabten. „Das Fräulein erwartet Sie,“ ſagte der Reitknecht, „ich ſoll Sie zu ihr führen.“ „Haben wir Fortſchritte gemacht, oder nicht?“ frug der Doctor lachend, den Arm des Freundes faſſend. „Ein Kampf hat begonnen,“ erwiederte der Freund ernſthaft,„wer mag ſagen, wie der Ausgang ſein wird.“ Ilſe ſaß von den Kindern umgeben in einer Gais⸗ blattlaube des Gartens. Es war ein herzerfreuender Anblick, das junge blondhaarige Geſchlecht bei einander zu ſehen. Die Mädchen ſaßen neben der Schweſter, die Knaben trieben ſpielend um die Laube, große Veſper⸗ brote in der Hand. Sieben friſche wohlgeformte Ge⸗ — g9g— ſichter, einander ähnlich wie Blüthen deſſelben Baumes und doch jedes Leben in einem andern Zeitraum ſeiner Entfaltung, von Franz, deſſen runder Kinderkopf einer luſtigen Knospe glich, bis zu der ſchönen Fülle in Ant⸗ litz und Gliedern, welche in der Mitte ſaß, am hellſten durch das gebrochene Licht der Sonne beleuchtet. Wie⸗ der erregte den Freunden das Ausſehen des Mädchens, der Klang ihrer Worte das Herz, als ſie den kleinen Franz zärtlich ſchalt, weil er dem Bruder das Butter⸗ brod aus der Hand geſchlagen hatte. Wieder ſtarrten die Kinder mißtrauiſch auf die Fremden, aber der Doc⸗ tor beſeitigte das Ceremoniel der erſten Bekanntſchaft, indem er Franz bei den Beinen nahm, auf ſeine Schultern ſetzte und ſich mit ſeinem Reiter in der Laube nieder⸗ ließ. Der kleine Burſch ſaß einige Augenblicke betroffen auf ſeiner Höhe und die Kinder lachten laut, daß er ſo erſchrocken aus runden Augen auf den fremden Kopf zwiſchen ſeinen Beinchen herabſah. Aber das Geläch⸗ ter der Andern machte ihm Muth, er begann luſtig mit den Beinen zu baumeln und ſchwenkte ſein Vesper triumphirend um die Locken des Fremden. So war die Bekanntſchaft gemacht, wenige Minuten darauf fuhr der Doctor mit den Kindern durch den Garten, ließ ſich jagen und ſuchte die Jauchzenden zwiſchen den Bee⸗ ten zu fangen. G „Iſt's Ihnen recht, ſo möchte ich Sie an eine Stelle führen, wo wir am liebſten auf unſer Haus hinſehen,“ ſagte Ilſe zum Profeſſor. Vontaden Kindern umſchwärmt, 7* — 190— ſchritten die Großen den Weg hinab, der zur Kirche führte, und bogen um den Friedhof herum. Der Fels, auf welchem die Gebäude des Gutes lagen, ſenkte ſich hier ſteil in ein ſchmales Thal, das von der an⸗ dern Seite durch einen höheren Bergrücken eingeengt wurde. Ein gewundener Fußpfad lief in den Grund hinab, dort umſäumte ein Wieſenſtreif das ſtrudelnde Waſſer des Baches. Aus dieſer Tiefe zog ſich der Pfad auf der andern Seite wieder in den Laubwald hinein, unter Goldweiden und Erlen ſtiegen ſie einige hundert Schritt hinan. Vor ihnen erhob ſich aus dem Geröll und Gebüſch ein Felsblock; ſie traten um die Ecke und ſtanden an einer Steingrotte. Der Felſen bildete Por⸗ tal und Wände einer Höhle, welche etwa zehn Schritt in den Berg hineinreichte. Der Boden war eben, mit weißem Sand bedeckt, Brombeeren und wilde Roſen hingen von oben über dem Eingang herab, grade in der Mitte hatte ſich ein großer Buſch Weidenröschen ange⸗ ſiedelt, er ſtand mit ſeinen dichten Blüthenrispen wie ein rother Federſchmuck über dem Felsbogen der Grotte. Die Spur einer alten Mauer an der Seite verrieth, daß die Höhle wohl einmal in arger Zeit die Zuflucht Bedrängter oder Geſetzloſer geweſen war; am Eingange lag ein Stein, deſſen Oberfläche zu einem Sitze geebnet war, in der Dämmerung des Hintergrundes ſtand eine ſteinerne Bank. 35 „Dort iſt unſer Haus,“ ſagte Ilſe, und zeigte über das Thal nach der Höhe, wo hinter den Obſtbäumen — 101— des Gartens das Giebelhaus emporſtieg.„Hier ſind wir im Gebirge. Sie ſehen, der Hof iſt ſo nahe, daß man einen lauten Ruf von drüben bei ſtiller Luft hören kann.“ Aus dem Dämmerlicht der Höhle ſahen die Freunde“ in das helle Licht des Tages, auf das Steinhaus und auf die Bäume, welche ſeinen Fuß umgrenzten.„Jetzt iſt es ſtill im Walde,“ fuhr Ilſe fort,„die Vögel ſind faſt alle verſtummt, die kleinen fliegen am Rande des Holzes und ſuchen reifen Samen, denn ihr Hausweſen iſt zu Ende, ſie leben jetzt in der großen Geſellſchaft. Auch die im Garten zahm waren, werden ausgelaſſen, und kümmern ſich wenig um den Menſchen und ſein Futter.“ „Dort rauſcht es leiſe, wie gurgelndes Waſſer,“ ſagte der Profeſſor. 84 „Ein Quell fließt nebenbei über Steine herab,“ erklärte Ilſe.„Jetzt iſt er ſchwach, aber im Frühjahr ſtrömt vieles Waſſer von dem Berge zuſammen. Dann iſt das Rauſchen laut, und der Bach im Thale fährt wild über die Steine; dann überdeckt er auch die Wieſen dort unten, er füllt den ganzen Grund und, ſteigt bis an das Gebüſch.— Hier aber iſt für uns alle in warmen Tagen ein lieber Aufenthalt. Als der Vater das Gut kaufte, war die Höhle verwachſen, der Eingang mit Steinen und Erde verſchüttet und die Eulen wohnten darin. Und der Vater hat den Platz geſäubert.“ Der Profeſſor trat neugierig in den Raum und ſchlug mit dem Stock an die röthlichen Felſen. Ilſe * — — — 4 — 102— ſah ihn von der Seite an. Jetzt bekommt auch er das Suchen, dachte ſie bekümmert.„Es iſt alles altes Ge⸗ ſtein,“ ſagte ſie beruhigend. Der Doctor war mit den Kindern um die Höhle herumgeklettert, jetzt machte er ſich von Hans los, der ihm grade anvertraute, daß er weiter unten in dichtem Erlengeſtrüpp das leere Neſt einer Beutelmeiſe wiſſe. „Das iſt ein wundervoller Ort für die Sagen der Gegend,“ rief er bewundernd,„es giebt keine ſchönere Heimath für die Geiſter des Thales.“ „Die Leute reden dummes Zeug davon,“ entgegnete Ilſe abweiſend.„Hier ſollen kleine Zwerge wohnen und ſie ſagen, man kann ihre Fußtapfen im Sande erken⸗ nen, und Vater hat den Sand doch erſt hineinfahren laſſen. Aber die Leute fürchten ſich doch, und wenn der Abend kommt, gehen die Frauen und Kinder der Arbeiter nicht gern vorüber. Uns aber verbergen ſie's, denn der Vater leidet den Aberglauben nicht.“ „Ich ſehe, die Zwerge ſtehen hier nicht in Gunſt,“ erwiederte der Doctor. „Da es keine giebt, ſoll man nicht daran glauben,“ verſetzte Ilſe eifrig.„Unſre Leute möchten es wohl noch gern thun. Der Menſch ſoll an das glauben, was die Bibel lehrt, nicht an wildes Zeug, das, wie ſie im Dorfe ſagen, durch den Wald und die Nacht dahinfährt. Neulich war eine alte Frau im nächſten Dorfe krank, kein Menſch trug ihr Eſſen, recht häßlich haben ſie ſich über ihre Niederlage gefreut, weil ſie meinten, das arme Weib könne ſich in eine ſchwarze Katze ve dem Vieh ſchaden. Als wir es erfuhren, d die Gefahr, in Einſamkeit umzukommen. iſt es häßliches Geſchwätz.“ Der Doctor hatte ſich unterdeß die Zwerge in der Brieftaſche angemerkt, ſah aber jetzt ohne Freude auf Ilſe, die aus dem Hintergrund der Höhle ſprach, in dem gebrochenen Scheine zwiſchen Fels und Licht ſelbſt einem Sagenbilde ähnlich.„Der alte Scheich Abraham und der Gauner Jacob, der ſeinen blinden Vater mit dem Bocks⸗ fell an den Aermeln betrügt, ſind ihr ganz recht, aber unſer Schneewittchen gilt ihr für häßliches Zeug.“ Er ſteckte die Brieftafel ein, und ging mit Hans zur Be⸗ hauſung der Beutelmeiſe. Der Profeſſor hatte mit Ergötzen den ſtillen Aerger des Freundes beobachtet, aber Ilſe wandte ſich auch zu ihm:„Mich wundert, daß ihr Freund ſolche Geſchichten aufſchreibt, das iſt nicht gut, dergleichen muß in Ver⸗ geſſenheit kommen.“ „Sie wiſſen, daß er ſelbſt nicht daran glaubt,“ er⸗ wiederte der Profeſſor entſchuldigend,„was er aber darin findet, das ſind nur alte Ueberlieferungen des Volkes. Denn dieſe Sagen ſind in einer Zeit entſtan⸗ den, wo noch unſer ganzes Volk an dieſe Geiſter eben⸗ ſo glaubte, wie jetzt an die Lehren der Bibel. Er ſam⸗ melt ſolche Erinnerungen, um zu erkennen, wie Glaube und Poeſie unſerer Vorfahren war.“ Das Mädchen ſchwieg.„Das gehört alſo auch zu 77 heut Mittag von Ihrer Arbeit ſagten, uch einer Weile. „hört auch dazu.“ kte ſich gut an,“ fuhr Ilſe fort,„denn Sie ſprechen anders als wir. Sonſt, wenn man von einem ſagte, er ſpricht wie gedruckt, meinte ich immer, es ſei ein Vorwurf, aber es iſt das richtige Wort,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„und es macht Freude zu hören.“ Dabei ſah ſie aus der Tiefe der Grotte mit ihren großen Augen auf den Gelehrten, der am Eingange ſtand, an den Stein gelehnt, hell von den Strahlen der Sonne beſchienen. „Es giebt aber auch ſehr viele Bücher, welche ſchlecht ſchwatzen,“ antwortete der Profeſſor lachend,„und nichts ermüdet ſo ſehr, als lange Buchweisheit aus lebendigem Munde.“ „Ja, ja,“ beſtätigte Ilſe,„wir haben auch eine Be⸗ kannte, welche eine gelehrte Frau iſt. Wenn die Frau Oberamtmann Rollmaus uns des Sonntags beſucht, ſo ſetzt ſie ſich auf dem Sopha zurecht und greift mit einem Geſpräch den Vater an. Der Vater mag ſich winden, wie er will, um ihr zu entgehen, ſie weiß ihn feſt zu halten, über Engländer und Tſcherkeſſen, über Kome⸗ ten und die Dichter. Aber die Kinder ſind dahinter gekommen, daß ſie ein Lexikon für Converſation hat, da⸗ raus nimmt ſie Alles. Und wenn ſich in einem Lande etwas ereignet, oder die Zeitung von etwas Lärm macht⸗ ſo lieſt ſie im Lexikon darüber nach. Wir haben das⸗ ſelbe Buch angeſchafft, und wenn ihr Beſuch bevorſteht, brot ſaßen die Erwachſenen noch eine Stunde zuſammen. Die Fremden erzählten von ihrer Stadt und Neuigkeiten aus der Welt, dann wurde, wie Männern ziemt, auch über Politik geſprochen, und Ilſe freute ſich, daß ihr Vater und die Fremden ſich darin vortrefflich verſtan⸗ den. Als der Kuckuk über der Hausuhr die zehnte Stunde ausrief, trennte man ſich mit freundlichem Nachtgruß. Das Hausmädchen hatte den Fremden zur Ruhe ge⸗ leuchtet, Ilſe ſaß auf dem Stuhl die Hände im Schooß gefaltet und ſah ſchweigend vor ſich hin. Der Gutsherr kam aus ſeinem Zimmer und nahm den Nachtleuchter vom Tiſch.„Biſt noch wach, Ilſe? Nun, wie gefallen dir die Fremden?“ „Gut, Vater,“ ſagte das Mädchen leiſe. „Sie ſind nicht ſo dumm als ſie ausſehen,“ ſagte der Wirth auf⸗ und abgehend.„Das von dem großen Feuer war recht,“ wiederholte er,„und das über unſere kleinen Regierungen war auch recht. Der Jüngere wäre ein guter Schullehrer geworden, und der Große, es iſt beim Himmel Schade, daß er nicht ein vier Jahr Waſſer⸗ ſtiefeln getragen hat, er wäre ein geſcheuter Inſpector. Gute Nacht, Ilſe.“ „Gute Nacht, Vater.“ Die Tochter erhob ſich und folgte dem Vater an die Thür.„Bleiben die Fremden morgen hier, Vater?“ „Hm,“ ſagte der Wirth nachdenkend.„Ueber Mittag bleiben ſie jedenfalls, ich will ihnen doch das Vorwerk zeigen. Sorge für etwas Ordentliches zum Eſſen.“ — 108— „Vater, der Profeſſor hat noch nie in ſeinem Leben ein Spanferkel gegeſſen,“ ſagte die Tochter. „Ilſe, wo denkſt du hin, meine Ferkel wegen des Tacitus!“ rief der Landwirth.„Nein, damit komm mir nicht, bleibe bei deinem Federvieh! Halt! noch eins, reiche mir den Band T aus dem Schranke, ich will doch ein⸗ mal über den Burſchen nachleſen.“ „Hier Vater, ich weiß, wo er ſteht.“ „Sieh doch!“ ſagte der Vater,„Frau Oberamtmann Rollmaus! gute Nacht.“ Der Doctor ſah durch das Fenſter in den dunklen Hof. Schlaf und Frieden lag über dem weiten Raum, aus der Ferne klang der Schritt des Wächters, der die Hofſtätte umkreiſte, dann bellte halblaut der Hofhund. „Da ſtehen wir,“ ſagte er endlich,„zwei ächte Abenteurer in der feindlichen Burg. Ob wir etwas daraus fort⸗ tragen, iſt ſehr zweifelhaft,“ fügte er hinzu, ſeinen Freund bedenklich anlächelnd. „Es iſt zweifelhaft,“ ſagte der Profeſſor, mit großen Schritten die Stube durchmeſſend. „Was haſt du, Felix?“ frug Fritz beſorgt nach einer Pauſe,„du biſt zerſtreut, und das iſt ſonſt nicht deine Art.“ Der Profeſſor blieb ſtehen.„Ich habe dir nichts zu ſagen. Es ſind ſtarke, aber unklare Empfindungen, welche ich zu bewältigen ſuche. Ich fürchte, dieſer Tag hat eine Bedeutung gewonnen, gegen welche ein ver⸗ nünftiger Mann ſich zu wehren hat. Frage mich nicht — 196 es fällt wohl etwas für uns jüngere ab. Und dann iſt unſer lieber Herr Paſtor, der uns auch zuweilen aus der Fremde erzählt und mit uns zuſammen die Zeitungen lieſt, welche der Vater hält. Und wenn darin zu Beiträgen für einen guten Zweck aufgefordert wird, dann ſind die Kinder am ſchnellſten bei der Hand, und jedes giebt ſein Scherflein vom Erſparten, der Vater aber reichlich. Und Hans als der älteſte ſammelt, und hat das Recht ſolches Geld einzupacken, und in den Brief ſetzt er die Anfangs⸗ buchſtaben eines Jeden, der dazu gegeben hat. Kommt dann ſpäter im Gedruckten eine Quittung, ſo ſucht jedes zuerſt ſeinen Buchſtaben. Mehrmals war einer falſch gedruckt, dann ſind die Kinder ärgerlich.“ Aus der Ferne hörte man Ruf und Lachen der Kin⸗ der, welche mit dem Doctor von ihrem Ausflug zurück⸗ kehrten. Das Mädchen erhob ſich, der Profeſſor trat zu ihr und ſagte mit warmer Empfindung:„So oft mir einſt die Bilder dieſes Tages lebendig werden, wird mein Herz voll Dank dieſer Stunde gedenken, wo Sie zu einem Fremden ſo ehrlich über Ihr glückliches Leben geſprochen haben.“ Ilſe ſah ihn mit unſchuldigem Vertrauen an.„Sie ſind mir nicht fremd, ich ſah Sie ja am Grabe des Kindes.“ Der fröhliche Schwarm ſchloß beide in die Mitte und zog weiter das Thal hinauf. Es war Abend, als ſie zum Hauſe zurückkehrten, wo der Landwirth ſie bereits erwartete. Nach dem Abend⸗ ſo wird überlegt, welcher Name grade an der Zeit iſt. Dann ſchlagen die Kinder vorher am Sonnabend Abend dieſe Sache auf und leſen vor, was nicht gar zu lang iſt. Und auch der Vater hört zu und ſieht auch wohl noch ſelbſt in das Buch. Und am andern Tage haben die Kinder ihre Freude daran, wenn der Vater die Frau Oberamtmann mit ihrem eigenen Buche über⸗ windet. Denn unſer Buch iſt neuer, ihres iſt ſchon alt, und die neuen Begebenheiten ſtehen nicht darin, von dieſen weiß ſie wenig.“ „Alſo der Sonntag iſt die Zeit, wo man hier Ehre einlegen könnte,“ ſagte der Profeſſor. „Im Winter ſieht man ſich auch manchmal in der Woche,“ fuhr Ilſe fort.„Aber es iſt nicht viel Ver⸗ kehr in der Umgegend. Und wenn einmal ein Beſuch kommt, der uns gute Gedanken zurückläßt, ſo ſind wir dankbar und wir bewahren ſie in treuem Herzen.“ „Die beſten Gedanken ſind doch, welche dem Men⸗ ſchen aus ſeiner eigenen Thätigkeit aufſteigen,“ ſagte der 3 Profeſſer rückſichtsvoll.„Das wenige, was ich von dem Gute hier geſehen, mahnt, wie ſchön das Leben gedeihen kann, auch wenn es weit von dem lauten Geräuſch des Tages abliegt.“ „Das war ein freundliches Wort,“ rief Ilſe.„Und einſam iſt es hier auch nicht und wir kümmern uns auch um die Landsleute draußen und um die große Welt. Wenn die Herren Landwirthe zum Beſuch kommen, wird nicht immer von der Wirthſchaft geſprochen, und 4 — 109— weiter, Fritz,“ fuhr er fort, und drückte dieſem kräftig die Hand,„ich fühle mich nicht unglücklich.“ Fritz verſank in Bekümmerniß, ſetzte ſich zu ſeinem Bett und ſpähte nach ſeinem Stiefelknecht.„Wie ge⸗ fällt dir unſer Wirth?“ fragte er kleinlaut, und ließ, um ſorglos zu erſcheinen, den Stiefel im Holze knarren. „Ein tüchtiger Mann,“ erwiederte der Profeſſor, wieder ſtehenbleibend,„ſeine Art iſt anders, als wir's gewöhnt ſind.“ „Es iſt altſächſiſcher Stamm,“ ſetzte der das Geſpräch fort,„breite Schultern, Hünenwuchs, offene Züge, Wucht in jeder Bewegung. Auch die Kinder ſind von derſelben Art,“ fuhr er fort,„die Tochter hat etwas von einer Thusnelda.“ „Der Vergleich paßt nicht,“ entgegnete der Profeſſor rauh und ſetzte ſeinen Marſch fort. Fritz ſpannte den zweiten Stiefel in das Joch und knarrte in den leiſen Mißklang hinein.„Wie gefällt dir der älteſte Knabe? Er hat ganz das helle Haar ſeiner Schweſter.“ „Das iſt gar nicht zu vergleichen,“ ſagte der Pro⸗ feſſor wieder kurz. Fritz ſetzte die beiden Stiefeln vor das Bett, ſich D 82 octor ſelbſt darauf und begann entſchloſſen:„Ich bin bereit deine Stimmung zu achten, auch wenn ſie mir nicht ganz verſtändlich iſt, aber ich bitte dich doch daran zu denken, daß wir dieſe Gaſtfreundſchaft uns eigentlich erzwungen haben, und daß wir ſie nicht über die Frühſtunden des nächſten Tages in Anſpruch nehmen dürfen.“ „Fritz,“ rief der Profeſſor mit tiefer Empfindung, „du biſt mein zartfühlender lieber Freund, habe heut Geduld mit mir,“ und dabei wandte er ſich wieder um und trat, das Geſpräch abbrechend, an das Fenſter. Fritz gerieth vor Sorgen ganz außer ſich; dieſer großartige Mann, ſicher in allem, was er ſchrieb, voll von Rath und feſtem Entſchluß vor den dunkelſten Textſtellen— und jetzt arbeitete in ihm, was ſein ganzes Weſen erſchütterte. Wie durfte dieſer Mann ſo geſtört werden! Er ſah mit majeſtätiſcher Klarheit in eine Vergangenheit von mehren tauſend Jahren zu⸗ rück, und jetzt ſtand er am Fenſter, einem Kuhſtall gegenüber, und ein Ton klang durch das Zimmer wie ein Seufzen. Und was ſollte daraus werden? Dieſen Gedanken wälzte der Doctor unabläſſig hin und her. Lange ging der Profeſſor mit großen Schritten auf und ab, Fritz ſtellte ſich ſchlafend, ſah aber unter der Bettdecke hervor immer wieder auf den kämpfenden Freund. Endlich löſchte der Profeſſor das Licht und warf ſich auf das Lager. Bald verriethen ſeine tiefen Athemzüge, daß die wohlthätige Natur auch dies pochende Herz für einige Stunden zu leiſem Schlage gebändigt hatte. Aber der Kummer des Doctors hielt hartnäckiger Stand. Von Zeit zu Zeit erhob er den Oberleib aus den Kiſſen, ſuchte taſtend ſeine Brille vom nächſten Stuhle ohne die er den Profeſſor nicht erſehen konnte, und ſpähte durch die runden Gläſer nach dem andern Bette hin⸗ über, nahm die Brille wieder in leiſem Seufzen ab und legte ſich in die Kiſſen zurück. Dieſen Akt der Freund⸗ ſchaft wiederholte er mehre Male, bis auch er in feſten Schlaf verfiel, kurz bevor die Sperlinge im Rebenlaub ihren Morgengeſang anſtimmten. Zwiſchen Heerden und Garben. Die Hofuhr ſchlug, Wagen rollten vor dem Fenſter, die Glöckchen der Heerde läuteten, als die Freunde er⸗ wachten. Einen Augenblick ſahen ſie erſtaunt auf die Wände des fremden Zimmers und durch das Fenſter in den ſonnigen Garten. Während der Doctor Notizen ein⸗ ſchrieb und das Bündel ſchnürte, trat der Profeſſor hin⸗ aus in das Freie. Draußen hatte längſt das Tage⸗ werk begonnen, Beamte und Geſpann waren auf das Feld gezogen, geſchäftig eilte der Hofverwalter um die offenen Scheuern, die Schafe drängten ſich blökend vor dem Stall zuſammen, von den Hunden umkreiſt. Die Landſchaft glänzte im Licht eines wolkenloſen Himmels. Ueber dem Boden ſchwebte noch der Däm⸗ mer, welcher das Licht der deutſchen Sonne auch an hellen Morgen bändigt und mit ſeinem Grau verſetzt. Noch warfen Häuſer und Bäume lange Schatten, die Kühle der thauigen Nacht haftete an den ſchattigen Stel⸗ — 113— len, und die kleinen Luftwellen trieben bald die Wärme des jungen Tageslichts, bald den erfriſchenden Hauch der Nacht dem Gelehrten an die Wange. Er ſchritt um die Gebäude und den Hofraum, um ſich die Stätte zu begrenzen, die er von jetzt als eine fremdartige Erinnerung in der Seele tragen ſollte. Die Menſchen, welche hier wohnten, hatten ihm zögernd ihr Weſen aufgeſchloſſen, manches in dieſem einfachen Leben zwiſchen Haus und Flur erſchien ihm lieb und begehrungswerth. Was hier Thätigkeit gab, Eindrücke und Willen, das konnte er zum größten Theil mit ſeinen Augen überſehen, denn die Aufgaben für jedes Leben, die Pflichten des Tages wuchſen aus dem Hofe und den Beeten der Landſchaft, nach der Ackerſcholle formten ſich di Anſichten über das Fremde, beſchränkte ſich das Ur theil Und lebhaft empfand er, wie tüchtig und glücklich die Men⸗ ſchen leben konnten, denen das eigene Sein ſo feſt ver⸗ wachſen war mit der Natur und den uralten Bedürfniſſen des Menſchen. Er ſelbſt aber, welch andere Gewalten regierten ſein Leben, er wurde geführt durch tauſend Einwirkungen alter und neuer Zeit, nicht ſelten durch Geſtalten und Zuſtände der fernſten Vergangenheit. Denn was der Menſch treibt, iſt ihm mehr als vergäng⸗ liche Arbeit des Tages, und alles, was er gethan, wirkt als ein Lebendiges in ihm fort; der Naturforſcher, welchen die Sehnſucht nach einer ſeltenen Pflanze auf die ſteile Höhe führt, von der er den Rückweg nicht findet, der Soldat, den die Erinnerung an alte Kampfaufre⸗ Freytag, Handſchrift. I. 8 gung in neue Schlachten wirft, ſie werden geleitet durch die Gewalt der Gedanken, welche ihre Vergangenheit in ihnen lebendig gemacht hat.— Natürlich! der Menſch iſt kein Sclave deſſen, was er gelebt hat, wenn er ſich nicht dazu erniedrigt; ſein Wille iſt frei, er wählt, was er mag, und zerwirft, was er nicht bewahren will. Aber die Ge⸗ ſtalten und Bilder, welche einmal in ſeine Seele gefallen ſind, arbeiten doch unabläſſig ihn zu leiten, oft hat er ſich gegen ihre Herrſchſucht zu wehren, in tauſend Fällen folgt er fröhlich ihrem leiſen Zuge. Alles was war und alles was iſt, das lebt über ſeine Erdentage hinaus fort in jedem neuen Daſein, worein es zu drin⸗ gen vermag, es wirkt vielleicht in Millionen, durch lange Zeiten, die Einzelnen und die Völker bildend, er⸗ hebend, verderbend. So werden die Geiſter der Ver⸗ gangenheit, die Gewalten der Natur, auch was man ſelbſt geſchaffen und erdacht hat, ein unveräußerlicher, Leben wirkender Beſtandtheil der eigenen Seele. Und lächelnd ſah der Gelehrte, wie fremde, tauſend Jahr alte Er⸗ innerungen ihn ſelbſt hierher unter Landsleute geführt hatten, und wie dem Manne, der hier herrſchte, ſo ſehr verſchiedene Thätigkeit den Sinn und das Urtheil weit anders geſtaltete. Zwiſchen ſeine Gedanken tönte behaglich aus dem Stall das Brummen der Rinder. Aufblickend ſah eine Reihe geſchürzter Mägde, welche die vollen Milch⸗ eimer nach dem Gewölbe trugen. Hinter ihnen ging Ilſe im einfachen Morgenkleid, das blonde Haar glänzte gegen die Sonne wie geſponnenes Gold, friſch und kräftig ſchritt ſie dahin wie der junge Tag. Der Ge⸗ lehrte empfand Scheu, an ſie zu treten, er ſah ihr ſinnend nach; auch ſie war eine der Geſtalten, welche fortan in ſeinem Innern fortleben ſollten, ein Bild ſeiner Träume, vielleicht ſeines Wunſches. Wie lange? wie mächtig?— Er ahnte nicht, daß ſeine römiſchen Kaiſer ſchon in der nächſten Stunde thätig ſein ſollten, dieſe Frage zu beantworten. Quer über den Hof kam der Landwirth, er rief ihm den Morgengruß zu und frug, ob der Profeſſor ihn auf einem kurzen Gange ins Feld begleiten wolle. Als die beiden Männer neben einander der Sonne ent⸗ gegen ſchritten, beide tüchtige Männer, und doch ſo ver⸗ ſchieden an Haupt und Gliedern, in Haltung und In⸗ halt, da hätte wohl mancher den Gegenſatz mit warmem Antheil betrachtet, und nicht zulett Ilſe; aber wer nicht die Augen eines Schatzgräbers oder Geiſterbanners hatte, der konnte doch nicht bemerken, wie verſchiedenar⸗ tig das unſichtbare Gefolge kleiner Geiſter war, welches beiden um Schläfe und Schultern flatterte, Schwärmen unzählbarer Vögel oder Bienen vergleichbar. Die Geiſter des Landwirths waren in heimiſcher Wirthſchaftstracht, blaue Blouſen oder flatternde Kopftücher, darunter we⸗ nige Geſtalten in den unbeſtimmten Gewändern von Glaube, Liebe, Hoffnung. Hingegen um den Profeſſor ſchwärmte ein unabſehbares Gewühl fremder Gebilde mit Toga oder antiken Helmen, in Purpurgewand und 8*† — 116— griechiſcher Chlamys, auch nacktes Volk in Athleten⸗ tracht, und ſolche mit Ruthenbündeln und mit zwei Flederwiſchen an den Hüten. Das kleine Gefolge des Landwirths flog unabläſſig auf die Ackerbeete und wie⸗ rauf und erzählte, daß er dies Stück durch Unterpflügen grüner Lupinen— einer damals neu eingeführten Cul⸗ tur— gedüngt habe. Der Profeſſor hielt überraſcht an. In ſeinem Gefolge entſtand ein Durcheinander⸗ ſchwärmen, ein kleiner antiker Geiſt flog an die nächſte Erdſcholle und zog vom Haupt des Profeſſors ein zartes Geſpinnſt, das er dort anhing. Unterdeß erzählte der Profeſſor dem Landwirth, wie das Unterackern der grü⸗ nen Hülſenfrucht einſt bei den Römern bräuchlich ge⸗ weſen, und wie er erfreut ſei, daß jetzt nach anderthalb Jahrtauſenden dieſer alte Fund in unſern Wirthſchaften wiederum entdeckt ſei. Dabei kam man auf die Verän⸗ derungen im Landbau, und der Profeſſor erwähnte, wie auffallend ihm geweſen ſei, daß dreihundert Jahre nach Beginn unſerer Zeitrechnung die Getreidebörſe in den Häfen des ſchwarzen Meeres und Kleinaſiens ſo große Aehnlichkeit mit der modernen von Hamburg und Lon⸗ don gehabt habe, während dort in der Gegenwart zumeiſt andere Culturpflanzen gebaut würden. Und endlich be⸗ richtete er ihm gar von einem Waarentarif, den ein römiſcher Kaiſer aufgeſtellt hatte, und daß grade die Preiſe des Weizens und der Gerſte, der beiden Früchte, von denen damals die übrigen Preiſe und Löhne abge⸗ hangen hätten, auf dem erhaltenen Steine verwiſcht wären. Und er hübſch auseinander, weshalb dieſer Verluſt ſo ſehr zu bedauern ſei. Jetzt ging wieder dem Landwirth das Hr auf, und er verſicherte dem Pro⸗ feſſor, das ſei gar nicht übermäßig zu beklagen, denn man könne dieſe verlorenen Werthe aus den Preiſen der übrigen Früchte mit Halm und Hülſe ſicher beſtimmen, weil alle Früchte unter einander im Großen betrachtet ein feſtes und altes Sarthverlültniſ haben. Er gab dieſe Verhältniſſe ihres Nahrungswerthes in Zahlen an, und der Profeſſor Krkrnnte mit freudigem Erſtaunen, daß ſie wohl auf den Tarif ſeines alten Kaiſers Dio⸗ eletian paſſen könnten. Während die Männer dieſe anſcheinend gleichgül⸗ tige Unterhaltung führten, flog ein bösartig ausſehender Genius, wahrſcheinlich Kaiſer Diocletianus ſelber, vom Profeſſor hinüber unter die bäuerliche Genoſſenſchaft des Landwirths, ſtellte ſich in ſeinem Purpurgewand mitten auf den Kopf des Herrn, ſtampfte mit den Beinchen an die Hirnſchale, und veranlaßte dem Landwirth die Empfindung, daß der Profeſſor ein verſtändiger und gediegener Mann ſei, und daß dieſem Mann nützlich ſein werde, weitere Belehrungen über Werth und Preiſe der Früchte zu erhalten. Denn es that dem Landwirth doch ſehr wohl, daß er dem Gelehrten auf deſſen eigenem Gebiet Beſcheid ſagen konnte. — 118— Als nach einer Stunde die beiden Wanderer zum Hauſe zurückkehrten, blieb der Landwirth an der Thür ſtehen und ſagte mit einiger Feierlichkeit zum Profeſſor: „Als ich Sie geſtern hier einführte, wußte ich wenig, wen ich vor mir hatte. Es iſt mir peinlich, daß ich einen Mann, wie Sie, ſo unwirſch begrüßt habe. Ihre Bekanntſchaft iſt mir eine Freude geworden, man findet hier ſelten Jemanden, mit dem man ſich über allerlei ſo ausſprechen kann wie mit Ihnen. Laſſen Sie ſich's, da Sie doch eine Erholungsreiſe machen wollen, auf einige Zeit bei uns einfachen Leuten gefallen. Je län⸗ ger, deſto beſſer. Es iſt freilich jetzt nicht die Zeit, wo der Landwirth ſeinen Gäſten das Haus bequem machen kann, Sie würden vorlieb nehmen müſſen. Wollen Sie arbeiten und brauchen Sie Bücher, wir laſſen ſie hier⸗ her kommen. Uud ſehen Sie nach, ob das bei den Römern nicht etwa Wintergerſte war, die iſt leichter als unſere.— Schlagen Sie ein und machen Sie mir die Freude.“ Er hielt dem Gelehrten treuherzig die Hand hin. Ueber das Antlitz des Profeſſors fuhr es wie ein helles Licht. Er ergriff lebhaft die Hand des Gaſtfreun⸗ des:„Wenn Sie mich und meinen Freund noch einige Tage behalten wollen, ich nehme Ihre Einladung von ganzem Herzen an. Ich darf Ihnen ſagen, daß mir der Einblick in einen neuen Kreis menſchlicher Intereſſen werthvoll iſt, noch weit mehr aber das Wohlwollen, wel⸗ ches uns hier entgegenkommt.“ — 119— „Abgemacht,“ rief der Landwirth heiter,„jetzt rufen wir Shren Freund.“ Der Doctor öffnete ſeine Thür. Als der Landwirth mit warmen Worten die Einladung gegen ihn wiederholte, ſah er einen Augenblick ernſthaft nach dem Freund hin⸗ über. Da dieſer ihm freundlich zunickte, nahm auch er für die Tage an, welche ihm vor dem beſchloſſenen Be⸗ ſuch bei Verwandten noch frei waren.— So geſchah es, daß Kaiſer Diocletianus fünfzehnhundert Jahre, nach⸗ dem er die Erde unfreiwillig verlaſſen hatte, ſeine tyran⸗ niſche Macht an dem Profeſſor und dem Landwirthe ausübte. Ob noch andere geheime Arbeit antiker Ge⸗ walten dabei thätig war, iſt nicht erforſcht. Ilſe hörte ſchweigend den Bericht des Vaters, daß die Herren noch einige Zeit ihre Gäſte ſein wollten, aber ihr Blick fiel ſo klar und warm auf die Fremden, daß dieſe freudig fühlten, ſie ſeien auch hier willkommen. Sie waren von dieſer Stunde wie alte Bekannte eingeführt in das Leben des Hauſes, und beiden, die nie auf dem Lande gelebt, war, als müßte das ſein, und als wären ſie ſelbſt zurückgekehrt in eine Heimath, in der ſie ſich ſchon einmal vor Jahren getummelt hatten. Es war ein geſchäftiges Treiben, und doch lag auch jetzt, wo die Arbeit heiß drängte, ſo heitere Ruhe darüber. Ohne viele Worte, ſicher verbunden wirkten die Menſchen in Haus und Hof neben einander. Das Tageslicht war der oberſte Schirmvogt, der auf⸗ gehend zur Arbeit trieb, erlöſchend die Spannung der 120— Glieder löſte. Und wie die Arbeiter nach dem Himmel ſahen, um ihre Werkſtunden zu ermeſſen, ſo richteten Sonne und Wolke auch die Stimmungen des Tages nach ihrem Zuge, bald Behagen, bald Sorge darnieder ſendend. Und langſam und leiſe, wie die Natur die Blüthen aus dem Boden treibt und die Früchte zeitigt, wuchſen auch die Empfindungen der Menſchen dort zu Blüthe und Frucht. Im friedlichen Zuſammenleben, aus kleinen Eindrücken ſetzt ſich das Verhältniß der Thätigen zu einander zurecht. Wenige warme Worte, ein freundlicher Blick, der kurze Anſchlag einer Saite, welche im Innern lange nachtönt, genügen, zwiſchen Garben und Heerden, zwiſchen Auszug und Heimfahrt vom Felde ein feſtes Band um verſchiedenartige Na⸗ turen zu ſchlingen; ein Band, gewebt aus unſcheinbaren Fäden! aber es erhält dennoch leicht eine Stärke, die durch das ganze Erdenleben dauert. Auch die Freunde umgab der Frieden, die alltäg⸗ liche Tüchtigkeit, die kleinen Bilder des Landes. Nur, wenn ſie das alte Haus betrachteten und der Hoffnung gedachten, welche ſie hierher geführt, kam ihnen etwas von der Unruhe, welche Kinder vor einer Weihnachts⸗ beſcheerung empfinden. Und die ſtill arbeitende Phan⸗ taſie warf ihren bunten Schein über alles, was dem Hauſe angehörte, bis herab auf den Beller Nero, der ſchon am zweiten Tage durch heftiges Schwenken des Schwanzes den Wunſch ausdrückte, auch von ihnen in die Tiſchgenoſſenſchaft aufgenommen zu werden. ſ . .„„ — ℳC3 Es war dem Doctor ſehr der Beobachtung werth, wie ſtark ſein Freund durch dies ruhige Leben angezogen wurde, und wie fügſam er ſich in die Bewohner des Hauſes ſchickte. Der Gutsherr brachte ihm, bevor er auf das Vorwerk ritt, einige landwirthſchaftliche Bücher und ſprach zu ihm über Getreideſorten, und der Pro⸗ feſſor antwortete ſo beſcheiden, wie ein junger Herr in Stulpſtiefeln, und vertiefte ſich ſogleich ernſthaft in dieſe fremden Intereſſen. Auch zwiſchen Ilſe und dem Profeſſor offenbarte ſich ein Einvernehmen, über deſſen Urſache der Doctor unruhig nachſann. Wenn der Pro⸗ feſſor zu ihr ſprach, geſchah es mit inniger Verehrung in Stimme und Blick, und auch Ilſe wandte ſich am ſein Behagen bemüht. Als er ihr bei Tiſche ein Tuch aufhob, überreichte er es mit ehrfurchtsvoller Verbeu⸗ gung, wie einer Fürſtin; als ſie ihm ſeine Taſſe in die Hand gab, ſah er ſo glücklich aus, als hätte er den ge⸗ heimen Sinn einer ſchwierigen Schriftſtelle gefunden. Und dann am Abend, als er mit dem Vater im Gar⸗ ten ſaß, und Ilſe hinter ſeinem Rücken aus dem Hauſe trat, verklärte ſich ſein Angeſicht, und er hatte ſie doch gar nicht geſehen. Und da ſie den Kindern das Abend⸗ brod austheilte und den kleinen Franz wieder ſchelten mußte, weil er unartig war, ſah der Profeſſor plötzlich ſo finſter drein, als ob er ſelbſt ein Knabe wäre, den der Unwille der Schweſter beſſern ſollte. Dieſe Beob⸗ achtungen gaben dem Doctor zu denken. — 122— Und weiter, als kurz darauf der wackere Hans dem Doctor den Vorſchlag machte, bei einem freundſchaftli⸗ verſtändlich an, daß der Profeſſor unterdeß den Vater in der Laube unterhalten werde. Er ſelbſt hätte ſich's kaum getraut, ſeinen gelehrten Freund zu dieſer Aus⸗ ſchweifung aufzufordern. Wie erſtaunte er aber, als Ilſe das Tuch zuſammenlegté, zu dem Profeſſor trat und ihn aufforderte, ſich zuerſt als Blindekuh umbinden zu laſſen. Und der Profeſſor ſah auf dieſes Anſinnen ganz glücklich aus, bot Haupt und Hals ſanft wie ein Opferlamm der Verhüllung und ließ ſich von Ilſe in den Kreis der kleinen Wilden führen. Lärmend umringte der Schwarm den Profeſſor, die dreiſten Kinder zupften ihn am Rockſchoß, ſogar Ilſe wußte einen Knopf ſeines Rockes zu faſſen und zog leiſe daran, er aber gerieth über dieſes Zucken in Aufregung, fuhr mit den Händen umher und achtete keinen Angriff der ſchwärmenden Ju⸗ gend, nur um die Frevlerin zu ergreifen. Und als ihm dies nicht gelang, ſchlug er mit dem Stocke auf und ging wie der blinde Sänger Demodokus taſtend umher, um einen Phäaken mit der Stockſpitze zu faſſen. Und jetzt traf er richtig auf Ilſe, ſie aber hielt das Stock⸗ ende ihrer Schweſter hin, und Clara pfiff daran, der Profeſſor aber rief:„Fräulein Ilſe!“ Und Ilſe freute ſich herzlich, daß er falſch gerathen, und der Profeſſor ſah darüber ſehr betreten aus. Aber dabei blieb es nicht. Dies Landgeſchlecht chen Blindekuhſpiel mitzuwirken, da nahm Fritz als ſelbſt⸗. V — 123— muthete dem Profeſſor ferner zu, den Dritten abzu⸗ ſchlagen, als ſchwarzer Mann zu kommen, und ähnliche anſtrengende Uebungen, bei denen ein Umherhuſchen, Umwenden, Laufen und ein Hüpfen über die Grenze unvermeidlich war. Alles dies machte der Profeſſor recht lüderlich mit. Ja, er bewies darin eine Kunſt⸗ fertigkeit, welche die Kinder bezauberte. Er ſprang wie ein Knabe über die Buchsbaumbeete, unternahm das Kunſtſtück, mit jeder Hand eines zu fangen, ſchlug mit dem zuſammengedrehten Taſchentuch kräftigſt auf die Rückſeite der Knaben, und traf Ilſens Hände mit einem ſo achtungsvollen Schlag, daß Bruder Franz erzürnt ausrief:„Das gilt nicht, das war zu wenig.“ Ilſe aber bekannte ſich getroffen, nahm das Tuch und ſchenkte es jetzt dem Profeſſor gar nicht, ſondern ſchlug ihn damit herzhaft auf die Schultern, und als er ſich erſtaunt um⸗ drehte, lächelte ſie ihm ein wenig zu und übergab ihm das Tuch wieder. Es war unleugbar, die laute Fröhlichkeit der wohl⸗ gebildeten Kinder war anſteckend, auch der Doctor wurde bald von einer derben ländlichen Luſtigkeit erfaßt. Auch er ſprang und klatſchte in die Hände und boxte während des gemeinſamen Spiels noch zum Privatvergnügen mit Hans dem älteſten, ſo oft ſie nebeneinander zu ſtehen kamen. Und während er ſelbſt lachte und auf einem Beine herumſprang, freute er ſich als beobachtender Veiſer über die großen und kleinen Mädchen, wie gut ihnen die kräftigen Bewegungen des wilden Spiels — 124— ſtanden. Denn es war unverkünſtelte Natur und volle Hingabe an das Spiel. Wenn Clara, die zweite, dem Bruder entlief oder im Kreiſe umherfuhr, ſo war ſie bis auf ihr beſcheidenes Röckchen einer ſpartaniſchen Wettläuferin wohl zu vergleichen. Und als Ilſe darauf am Baum ſtand, und mit der Hand einen Aſt über ſich faßte, um ſich zu ſtützen, ſo ſah ihr geröthetes Antlitz, von den Blättern des Nußbaums bekränzt, ſo ſchön und glücklich in die Welt, daß auch der Doctor ganz davon hingeriſſen wurde. Bei ſolcher Bacchantenſtimmung war es nicht zu verwundern, daß der Profeſſor zuletzt Hanſen zum Wett⸗ lauf herausforderte: zweimal im Viereck, längs dem Zaune. Und unter dem Jubel der Kinder verlor Hans ſeine Wette, wie er ſelbſt behauptete, weil er die innere Seite des Vierecks gehabt hatte, aber die allgemeine Stimme verwarf durchaus dieſe Entſchuldigung. Als die Wettläufer wieder bei der Laube ankamen, reichte Ilſe dem Profeſſor ſeinen Ueberziehrock, den ſie unterdeß vom Kleiderrechen des Hausflurs geholt hatte:„Es wird ſpät, Sie dürfen ſich bei uns nicht erkälten.“ Und es war gar nicht kalt, er aber zog den Rock auf der Stelle an, knöpfte ihn von oben bis unten zu und ſchüttelte ſeinen Mitſtreiter Hans vergnügt an den Schultern. Darauf ſetzten ſich alle in der Laube nieder, um abzu⸗ kühlen. Und hier mußte auf die ſtürmiſche Forderung der Kleinen unter allgemeinem Chorgeſange ein Thaler wandern, und von dem ſtrengen Theil der Familie wurde laut gerügt, daß der Thaler zweimal zwiſchen Ilſe und dem Profeſſor auf die Erde fiel, weil ſie ein⸗ ander den geheimen Läufer nicht feſt genug in die Hand gegeben hatten. Durch dies Spiel war die Geſangesluſt der Jugend erweckt worden, und Klein und Groß ſang zuſammen aus voller Kehle ſolche Lieder, welche ſich als gemeinſames Gut erwieſen:„An der Saale kühlem Strande,“ das Mantellied, und:„die Glocke von Caper⸗ naum,“ dieſes als Canon. Darauf ſangen Ilſe und Clara, von dem Doctor erſucht, zweiſtimmig ein Volkslied, ſehr einfach und ſchmucklos, und vielleicht traf eben des⸗ halb die melancholiſche Weiſe das Herz, ſo daß es nach dem Lied ſtill wurde und die fremden Herren gewiſſer⸗ maßen gerührt vor ſich hinſahen, bis der Landwirth die Gäſte aufforderte, auch etwas zum Beſten zu geben. Sogleich ſtimmte der Profeſſor, aus ſeiner Bewegung auftauchend, mit wohltönendem Baſſe an:„Im kühlen . eclr ſig ich hier,“ daß die Knaben begeiſtert die Reſte aller Milchgläſer austranken und mit den Gläſern auf den Tiſch ſtampften. Und wieder äußerte ſich die Ge⸗ ſellſchaft als Chor, ſie unternahm das liebe alte Frage⸗ zeichenlied:„des Deutſchen Vaterland“, ſoweit die Kennt⸗ niß der Verſe reichte, und zum Schluß verſuchte ſich alles zuſammen an Lützow's verwegener Jagd. Der Doctor hielt als feſter Chorſänger die Melodie bei den ſchwierigen Noten ſchön zuſammen und der Refrain klang wundervoll in der ſtillen Abendluft, die Töne zogen das Weinlaub der Mauer entlang und über die — 126— Gipfel der Obſtbäume bis an das Gehölz des nächſten Hügels und kamen von dort als Echo zurück. Nach dieſem Hauptſtück trieb Ilſe die Kinder zum Aufbruch und geleitete die Unzufriedenen in das Haus, die Männer aber ſaßen noch lange im Geſpräch zuſam⸗ men, ſie hatten mit einander gelacht und geſungen und ihre Herzen waren geöffnet. Der Landwirth erzählte aus ſeinen früheren Tagen, wie er ſich da und dort verſucht hatte und endlich hier feſtgeſetzt. Der Kampf um das Leben war auch ihm ſchwer und langwierig ge⸗ weſen, er erinnerte ſich in dieſer Stunde gern daran und ſprach darüber in der guten Weiſe eines thätigen Mannes. So verlief der zweite Tag auf dem Gute zwiſchen Sonne und Sternen, zwiſchen Garben und Heerden. Am nächſten Morgen weckte den Profeſſor ein lau⸗ ter Geſang der geflügelten Hofgenoſſen. Der Pahe flog auf einen Stein unter dem Fenſter der Gaſtſtube und ließ gebieteriſch ſeinen Morgenruf erſchallen, die Hennen und junges Hühnervolk ſtanden im Kreiſe um ihn her und verſuchten dieſelbe Geſangskunſt zu üben. Dazwiſchen ſchrieen die Sperlinge, welche im Weinlaub geſchlafen hatten, aus vollem Halſe, aber ſie drangen nicht durch; dann flogen die Tauben heran und gurrten die Triller. Zuletzt kam noch eine Heerde Enten zu dem Sängerbund und begann ſchnatternd den zweiten Chor. Der Profeſſor ſah ſich genöthigt, das Lager zu räumen, und der Doctor rief unwillig im Bett:„Das kommt von dem geſtrigen Singſang. Jetzt lärmt der Brodneid aller zünftigen Hofmuſikanten.“ Darin aber war er im Irrthum, das kleine Volk des Hofes ſang nur aus Amtseifer, es meldete zuerſt dem Gute, daß ein unruhiger Tag bevorſtehe. Als der Profeſſor in das Freie trat, glühte noch Morgenröthe mit feurigem Schein am Himmel, und der erſte Lichtſtrahl fuhr über die Felder, gebrochen und zitternd wie in Wellen. Der Grund war trocken, an Blatt und Raſen hing kein Thautropfen. Auch die Luft war ſchwül, und matt nickten die Blumenköpfe an den Stielen. Hatte in der Nacht eine zweite Sonne geſchienen? Vom Ginſ eines alten Kirſch hbaumes aber die klang unaufhörlich das helle Pf füün der Golddroſſel. Der alte Gartenarbeiter Luen h kopfſchüttelnd nach dem Baume:„Ich dachte, der Sde uu wäre fortgezogen, er hat unter den Kirſchen arg gewirthſchaftet, jetzt giebt er vor ſeiner Reiſe noch eine Nachricht, heut kommt etwas.“ Schnell rollten die Wagen auf das Erntefeld, die Pferde waren unruhig, ſchüttelten die Köpfe und ſchlu⸗ gen mit dem Schwanze die Flanken, und die Knechte klatſchten ohne Aufhören mit der Peitſche.„Heut ſtechen die Fliegen,“ ſagte im Vorbeifag ren grüßend der Groß⸗ knecht,„es kommt ein Wetter.“ Der Landwirth trat aus dem Hauſe, ſtatt des hergenge rief er dem Profeſſor zu:„Das Wetterglas iſt gefallen, es iſt etwas — 128— im Anzuge.“ Ilſe kam von der Molkerei:„Die Kühe ſind unruhig, ſie brüllen und arbeiten gegen einander.“ Roth hob ſich die Sonne aus trockenem Qualm, die Arbeiter im Felde fühlten die Mattigkeit in den Gliedern und hielten immer wieder bei der Arbeit an, das Antlitz zu trocknen. Der Schäfer war heut mit der Heerde unzufrieden, ſeine Hammel waren auf Kraft⸗ übungen verſeſſen; ſtatt zu freſſen, ſtießen ſie mit den. Köpfen zuſammen, und das Jungvieh hüpfte und tänzelte wie an Drähten in die Höhe gezogen. Unord⸗ nung und Widerſetzlichkeit waren nicht zu bändigen, der Hund umkkreiſte die Aufgeregten unaufhörlich mit hängendem Schwanze, und wenn er heut ein Schaf in das Bein zwickte, ſo merkte es lange den Schaden. Höher ſtieg der Sonnenball am wolkenloſen Him⸗ mel, heißer wurde der Tag, ein leichter Dunſt hob ſich vom Boden und machte die Ferne undeutlich, die Sper⸗ linge flogen unruhig um die Baumgipfel, die Schwal⸗ ben fuhren längs dem Boden und zogen ihre Kreiſe um die Menſchen. Die Freunde ſuchten ihr Zimmer auf, auch hier empfand man die ermattende Schwüle, der Doctor, welcher einen Plan des Hauſes entwarf, legte den Bleiſtift hin, der Profeſſor las von Ackerbau und Viehzucht, aber er ſah oft über ſein Buch nach dem Himmel, öffnete das Fenſter und ſchloß es wieder. Das Mittagsmahl war ſtiller als ſonſt, der Landwirth ſah ernſt drein, ſeine Beamten nahmen ſich kaum Zeit, ihre Teller zu leeren.„Es kommt heut ungelegen,“ — 129— ſagte der Hausherr beim Aufſtehen zu der Tochter,„ich reite an die Grenze; bin ich nicht vor dem Wetter zu⸗ rück, ſo ſieh nach Haus und Hof.“ Und wieder zogen die Menſchen und Roſſe auf das Feld, aber heut war ihnen der Weg zur Arbeit ſauer. Die Hitze wurde unerträglich, die Nachmittagsſonne brannte auf die Haut, Fels und Mauer fühlten ſich heiß an, den Himmel überzog ein weißes Gewölk, das ſich zuſehends verdichtete und zuſammenfuhr. Eifrig trieb der Knecht die Pferde zur Scheuer, die Arbeiter haſteten, die Garben abzuladen, im ſchnellen Trabe fuh⸗ ren die Wagen, noch eine Ladung unter das ſchützende Dach zu retten. Die Freunde ſtanden vor der Hofthür und blickten auf die ſchweren Wolken, welche vom Himmelsrande herauf zogen. Das gelbe Sonnenlicht kämpfte kurze Zeit gegen die dunkeln Schatten der Höhe, endlich ver⸗ ſchwand auch der letzte grelle Schein, glanzlos und trau⸗ ernd lag die Erde. Ilſe trat zu ihnen:„Seine Zeit iſt gekommen, gegen vier Uhr ſteigt es herauf, ſelten zieht es aus dem Morgen über das ebene Land, dann aber wird es jedesmal ſchwer für uns, denn die Leute ſagen, es kann nicht über die Berghöhe, auf die Sie vom Garten aus ſehen. Dann hängt es lange über unſerm Felde. Und der Donner, ſagt man, rollt bei uns ſtärker als anderswo.“ Die erſten Stöße des Windes fuhren heulend an das Haus.„Ich muß durch den Hof, zum Rechten Freytag, Handſchrift. J. 9 — — 130— ſehen,“ rief Ilſe, band ſchnell ein Tuch um das Haupt und drang, von den Männern begleitet, gegen den Sturm vorwärts zu dem Hofgebäude, in welchem die Spritze ſtand, ſie ſah zu, ob die Thür geöffnet und Waſſer in den Tonnen war. Dann eilte ſie vorwärts nach den Ställen, während die Strohhalme im Wirbel um ſie herumfuhren, mahnte die Mägde noch einmal durch muntern Zuruf, ſprach ſchnell einige Worte mit den Beamten und kehrte nach dem Hauſe zurück. Sie warf einen Blick in die Küche und nach dem Heerde und öffnete die Thür des Kinderzimmers, ob alle Geſchwiſter beim Lehrer verſammelt waren. Zuletzt ließ ſie noch den Hund herein, der an der geſchloſſenen Hofthür ängſtlich bellte, und trat dann wieder zu den Freunden, welche vom Fenſter der Wohnſtube in den Aufruhr der Elemente blickten.„Das Haus iſt verwahrt, ſo gut die Hand des Menſchen vermag, wir aber vertrauen auf ſtärkeren Schutz.“ Und das Wetter wälzte ſich langſam näher, eine ſchwarze Maſſe nach der andern ſchob ſich heran, und unter ihnen ſtieg ein fahler Dunſtſchleier wie ein un⸗ geheurer Vorhang höher und höher, der Donner rollte, kürzer die Pauſen, wilder ſein Dröhnen, der Sturm heulte um das Haus, jagte zornig dicke Staubwolken um die Mauern, Blätter und Halme flogen in wildem Tanze dahin. „Der Löwe brüllt,“ ſagte Ilſe, die Hände faltend Sie neigte auf einige Augenblicke das Haupt. Dann ſah — 131— ſie ſchweigend zum Fenſter hinaus.„Der Vater iſt auf dem Vorwerk unter Dach,“ begann ſie wieder, einer Frage des Profeſſors zuvorkommend. Und ein tüchtiges Wetter tobte um das alte Haus. Die es zum erſten Mal an dieſer Stelle hörten, auf freier Höhe, an der Seite des Bergrückens, von dem das wirbelnde Getöſe des Donners zurückſchallte, meinten ſolche Gewalt der Natur noch nicht erlebt zu haben. Während der Donner tobte, ward es plötzlich finſter in der Stube wie bei einbrechender Nacht, und immer wieder wurde die unheimliche Dämmerung durch den Schein der feurigen Schlangen zerriſſen, welche über den Hof dahinfuhren. In der Kinderſtube war es laut geworden, man hörte das Weinen der Kleinen. Ilſe ging an die Thür und öffnete.„Kommt zu mir,“ rief ſie. Aengſtlich liefen die Kinder herein und drängten ſich um die Schweſter, ſie faßten ihre Hände, die jüngſten klam⸗ merten ſich an ihr Gewand. Ilſe nahm die kleine Schweſter und legte ſie in die Hände des Profeſſors, der neben ihr ſtand.„Seid ſtill und ſagt leiſe euren Spruch,“ mahnte ſie,„jetzt iſt keine Zeit, zu weinen und zu klagen.“ Plötzlich ein Licht ſo blendend, daß es zwang, die Augen zu ſchließen, ein kurzer markerſchütternder Krach, der in mißtönendem Knattern endete. Als der Profeſſor die Augen öffnete, ſah er in dem Schein eines neuen Blitzes Ilſe neben ſich ſtehen, das Haupt ihm 9* zugewendet, mit ſtrahlendem Blick.„Das hat einge⸗ ſchlagen,“ rief er beſorgt. „Nicht in den Hof,“ verſetzte das Mädchen unbe⸗ weglich. Und wieder ein Schlag und wieder ein Feuerſchein und ein Schlag, wilder, kürzer, ſchärfer.„Es ſchwebt über uns,“ ſagte Ilſe ruhig, und drückte das Haupt des kleinen Bruders an ſich, als wollte ſie ihn ſchützen. Der Profeſſor konnte den Blick nicht abwenden von der Gruppe in der Zimmermitte. Die edle Geſtalt des Weibes vor ihm, hoch aufgerichtet, unbeweglich, umringt von den angſtvollen Geſchwiſtern, gehoben das Antlitz und um den Mund ein ſtolzes Lächeln. Und ſie hatte in unwillkürlicher Empfindung eines der theuren Leben ſeiner Obhut anvertraut, er ſtand in der Noth des Augenblicks neben ihr als einer der Ihrigen. Auch er hielt das Kind feſt, das ihn ängſtlich umſchlungen. Es waren kurze Augenblicke, aber zwiſchen Blitz und Schlag ſchlug die Gluth in ihm zu hellen Flammen auf. Die neben ihm ſtand im Wetterſchein, von blendendem Licht um⸗ goſſen, ſie war es, die er ſich forderte für ſein Leben. Und länger dröhnte der Donner, der Regen ſchlug an das Fenſter, ein Waſſerguß raſſelte und klatſchte um das Haus, die Fenſter zitterten in einem wüthenden Anprall des Sturmes. „Es iſt vorüber,“ ſagte die Jungfrau leiſe. Die Kinder fuhren auseinander und liefen an das Fenſter.„Nach oben, Hans,“ rief die Schweſter, und eilte mit dem 4 — 133— Bruder aus dem Zimmer, um zu ſehen, ob das Waſſer doch irgendwo Eingang gefunden. Der Profeſſor ſah ſinnend nach der Thür, aus der ſie geſchwunden war, der Doctor aber, der unterdeß das Knie in den Händen ruhig auf dem Stuhl geſeſſen, begann kopfſchüttelnd: „Dieſe Naturerſcheinung iſt für uns ungemüthlich. Seit die Blitzableiter in Mißeredit gekommen ſind, hat man nicht einmal den Troſt, daß ſolche Stange dem Codex Sicherheit gegen die Zudringlichkeit von oben gewährt. Das iſt ein ſchlechter Aufenthalt, mein Freund, für unſer armes altes Manuſcript, und es iſt wahrlich Chriſtenpflicht, das Buch ſo ſchnell als möglich aus die⸗ ſem Donnerwinkel zu retten. Wie kann man ferner noch mit Gemüthsruhe eine Wolke am Himmel ſehen? Wir werden immer daran denken müſſen, was hier alles möglich iſt.“ „Das Haus hat doch bis jetzt vorgehalten,“ erwie⸗ derte der Profeſſor lächelnd,„überlaſſen wir die Hand⸗ ſchrift unterdeß den guten Gewalten, denen die Men⸗ ſchen ſelbſt hier ſo feſt vertrauen.— Sieh, ſchon bricht der Sonnenſtrahl durch den Dunſt.“ Eine halbe Stunde ſpäter war alles vorüber, über den Bergen lag noch die dunkle Wolke, und aus der Ferne tönte gefahrlos der Donner. In dem leeren Hofe regte ſich wieder das Leben. Zuerſt zog in fröh⸗ lichem Eifer der Entenchor aus ſeinem Verſteck, putzte die Federn, unterſuchte die Waſſerlachen und ſchnatterte längs den Wagengleiſen. Dann kam der Hahn mit F 4 1 4 8 — 134— ſeinen Hühnern vorſichtig ſchreitend und die eingeweich⸗ ten Körner pickend, die Tauben flogen an Vorſprünge der Fenſter, wünſchten einander mit Verbeugungen Glück und breiteten die Federn im neuen Sonnenlicht, Nero fuhr in kühnem Sprunge aus dem Hauſe, trottete durch den Hof und bellte herausfordernd in die Luft, um die feindliche Wolke vollends zu verſcheuchen. Dann ſchrit⸗ ten die Mägde und Arbeiter wieder rührig über den Platz und athmeten erfriſcht den Balſam der feuchten Luft. Und der Hofverwalter kam und berichtete, daß es zweimal in den Berg nebenan geſchlagen. Auch der Landwirth ritt in ſtarkem Trabe herein, tüchtig durch⸗ näßt, um zu ſehen, ob Haus und Hof ihm unverſehrt geblieben. Er ſprang fröhlich vom Pferde und rief: „Es hat draußen eingeweicht, aber Gottlob, daß es ſo vorübergegangen. Solch Wetter iſt hier ſeit Jahren nicht erlebt.“ Und die Leute hörten noch eine Weile, wie der Großknecht erzählte, daß er eine Waſſerſäule ge⸗ ſehen, die als ein großer Sack vom Himmel bis zur Erde hing, und daß es jenſeit der Grenze ſtark gehagelt. Dann traten ſie gleichmüthig in die Ställe und genoſſen die Ruheſtunde, die ihnen das Unwetter vor der Zeit verſchaffte. Und während der Landwirth zu ſeinen Beamten ſprach, rüſtete ſich der Doctor, mit den Knaben und dem Lehrer in das Thal hinabzuſteigen und dort die Ueberſchwemmung des Baches zu betrachten. Der Profeſſor aber und Ilſe blieben im Obſtgarten, und der Profeſſor erſtaunte über die Menge der brau⸗ — 135— nen Hausträgerinnen, der Schnecken, welche jetzt überall hervorkamen und langſam über den Weg zogen; und er nahm eine nach der andern und ſetzte ſie vorſichtig aus dem Wege, aber die Unverſtändigen kehrten immer wieder auf den feſten Kies zurück, und erhoben den Anſpruch, daß die Fußgänger ihnen auswichen. Und die beiden ſahen nach, wie die Fruchtbäume das Un⸗ wetter ertragen hatten. Sie waren arg zerzauſt und beugten ihre Aeſte tief herab. Und viel unreifes Obſt lag abgeſchlagen im Graſe. Der Profeſſor ſchüttelte vorſichtig an den regenſchweren Aeſten, um ſie von der fremden Laſt zu befreien, er holte einige Stangen und unterſtützte einen alten Apfelbaum, der unter ſeiner Laſt zu erliegen drohte, und beide lachten herzlich, als ihm bei der Arbeit das Waſſer aus den Blättern, wie aus kleinen Rinnen, auf Haar und Rock hinablief. Und Ilſe ſchlug bedauernd die Hände zuſammen über die vielen gefallenen Früchte, es hing aber doch noch viel an den Bäumen, und es war immer noch eine reiche Ernte zu hoffen. Und der Profeſſor gab ihr theilnehmend den Rath, das gefallene Obſt zu backen, und Ilſe lachte wieder darüber, weil das meiſte noch zu unreif ſei. Da geſtand ihr der Profeſſor, daß auch er als Knabe geholfen habe, wenn ſeine liebe Mutter das Obſt auf dem Trockenbret ordnete. Denn ſeine Eltern hatten auch einen großen Garten an der Stadt gehabt, in welcher ſein Vater Beamter geweſen. Und Ilſe hörte mit leidenſchaftlichem Antheil zu, als er weiter er⸗ —ͤͤſſſ — 136— zählte, daß er als Knabe den Vater verloren und wie lieb und geſcheut ſeine Mutter um ihn geſorgt, und wie innig ſein Verhältniß zu ihr geweſen, und daß ihr Verluſt der größte Schmerz ſeines Lebens ſei. Dabei ſchritten ſie den langen Kiesweg auf und ab, und in beiden klang durch die heitere Stimmung der Gegen⸗ wart ein Ton des Leides aus vergangenen Tagen, grade wie in der Natur die Bewegung des heftigen Unwetters leiſe nachzitterte und das reine Licht des Tages von unzähligen blitzenden Edelſteinen auf Laub und Halm erglänzte. Ilſe öffnete eine Pforte, welche aus dem untern Theil des Obſtgartens in's Freie führte, ſie ſtand ſtill 6 und begann mit zögernder Bitte:„Ich habe einen Gang vor in das Dorf, um zu ſehen, wie der Herr Pfarrer das Wetter überſtanden hat. Wird Ihnen recht ſein, unſern guten Freund kennen zu lernen?“— „Wenn er Ihnen lieb iſt, ſo bin ich dankbar, daß Sie mich zu ihm führen,“ antwortete der Profeſſor.. Auf feuchtem Fußpfade ſchritten ſie in die gewun⸗ dene Verlängerung des Thals, welche ſich an der Seite des Friedhofs hinzog. Dort lag mit zuſammengedräng⸗ ten Häuſern ein kleines Dorf, meiſt von Arbeitern des Gutes bewohnt. Das erſte Gebäude unter der Kirche war das Pfarrhaus, mit Holzdach und kleinen Fenſtern, wenig von den Wohnungen der Landleute verſchieden. Ilſe öffnete die Thür, eine alte Magd eilte mit vertrau⸗ lichem Gruß entgegen.„Ach, Fräulein,“ rief ſie,„das — 137— war heut ſchlimm, ich dachte, der jüngſte Tag wäre vor der Thür. Der Herr hat immer an dem Kammerfenſter geſtanden und nach dem Schloß hinaufgeſehen und für Sie die Hände in die Höhe gehoben.— Jetzt iſt er im Garten.“— Durch die Hinterthür traten die Gäſte in einen kleinen Raum zwiſchen Giebeln und Scheuern der Nachbarhöfe, wenige niedrige Fruchtbäume ſtanden zwiſchen den Blumenbeeten. Der alte Herr in dunklem Hausrock ſtand an einem Spalier und arbeitete emſig. „Mein liebes Kind“, rief er aufſehend, und ſein gut⸗ herziges Angeſicht lachte vor Freude unter dem wei⸗ ßen Haar,„ich wußte, daß Sie heut kommen würden.“ Er verneigte ſich vor dem fremden Gaſt und wandte ſich nach den Begrüßungsworten wieder zu Ilſe.„Den⸗ ken Sie das Unglück, der Sturm hat unſern Pfirſich⸗ baum geknickt, das Geländer iſt abgeriſſen, die Zweige zerſchlagen, der Schaden iſt unerſetzlich.“ Er beugte ſich zu ſeinem kranken Baume herab, dem er grade mit Baumwachs und Baſt einen Verband aufgelegt hatte.„Es iſt der einzige Pfirſich hier,“ klagte er dem Profeſſor,„auf dem ganzen Gute haben ſie keinen, und in der Stadt voll⸗ uds nicht. Aber ich darf Sie nicht mit meinen kleinen Leiden beläſtigen,“ fuhr er muthiger fort,„bitte, kommen Sie mit mir in die Stube.“ Ilſe trat in eine Seiten⸗ thür neben dem Hauſe.„Was macht Flavia?“ frug ſie die Magd, welche den Beſuch erwartend an der Pforte ſtand. „Munter,“ antwortete Suſanne,„und der Kleine auch.“ — 138— „Es iſt die gelbe Kuh und ein junges Ochſenkalb,“ erklärte der Paſtor dem Profeſſor, während Ilſe mit der Magd in den engen Hofraum trat.„Ich ſehe nicht gern, wenn die Leute dem Vieh chriſtliche Namen geben, da muß unſer Latein aushelfen.“ Ilſe kehrte zurück.„Es iſt Zeit, daß das Kalb fort⸗ kommt, es iſt ein unnützer Brodeſſer.“ „Das hab' ich auch geſagt,“ ſchaltete Suſanna ein, „aber der Herr Pfarrer will ſich nicht dazu entſchließen.“ „Sie haben Recht, mein liebes Kind,“ erwiederte der Pfarrer,„nach menſchlicher W Jeisheit wäre es rath⸗ ſam, das Oechslein dem Schl lächter zu überliefern. Aber das Oechslein ſieht die Sache ganz anders an, und es iſt eine muntere Kreatur.“ „Wenn man's aber darum frägt, erhält man keine Antwort,“ ſagte Ilſe,„und deswegen muß ſich's gefallen laſſen, was wir wollen. Erlauben Sie, Herr Pfarrer, daß ich das mit Suſanne hinter Ihrem Rücken abmache. Unterdeß holſt du die Milch von oben.“ Der Pfarrer fü hrte in ſeine Stube. Es war ein kleiner Raum, weiß getüncht, dürftig möblirt, darin ein alter Schreibtiſch, ein ſchwarzbeſtrichenes Bücherbret mit einer kleinen Anzahl ältlicher Bücher, Sopha und Stühle mit buntem Kattun überzogen.„dier iſt ſeit vierzig Jahren mein Tusculum,“ ſagte der Paſtor vergnügt zum Profeſſor, der verwundert auf den dürftigen Hausrath blickte.„Es würde größer ſein, wenn der Anbau zu Stande gekommen wäre, es waren auch ſchon Pläne — 139— gemacht, und mein Herr Nachbar hat ſich ſehr darum bemüht, aber ſeit meine ſelige Frau dort hinaufgezo⸗ gen iſt“— er ſah nach der Höhe des Friedhofs— „will ich nichts mehr davon hören.“ Der Profeſſor ſah zum Fenſter hinaus. Vierzig Jahre in dem engen Bau, dem ſchmalen Thal, zwiſchen dem Friedhof, den Hütten, dem Wald! Ihm wurde ge⸗ drückt zu Muth.„Es ſcheint, die Gemeinde iſt arm,“ ſagte er,„zwiſchen den Bergen liegt nur wenig Feld. Und wie iſt's im Winter?“ 4 „Ei, die Füße tragen noch“, erwiederte der geiſtliche Herr,„man beſucht dann auch gute Freunde, nur der Schnee wird zuweilen läſtig, einmal waren wir ganz eingeſchneit, und Herr Bauer hat uns herausſchaufeln müſſen.“ Er lächelte behaglich bei der Erinnerung.„Es iſt nicht einſam, wenn man lange Jahre an einem Orte gelebt hat, man hat die Großväter gekannt, die Väter aufgezogen, man lehrt die Kinder und hier und da ſchon die Enkel, und man ſieht, wie die Menſchen ſich von der Erde erheben und wieder hinabſinken, gleich den Blättern der Bäume. Und man merkt, daß Alles eitel iſt und eine kurze Vorbereitung. Liebes Kind,“ ſagte er zu Ilſe, welche jetzt eintrat,„ſetzen Sie ſich zu uns, ich habe Ihr liebes Geſicht ſeit drei Tagen nicht geſehen, und wollte nicht heraufkommen, weil ich hörte, daß Beſuch bei Ihnen iſt. Ich habe auch dtwas für Sie,“ fuhr er fort, und holte einen beſchriebenen Bogen vom Pult,„es iſt Poeſie dabei.“ — uo „Denn auch der Muſengeſang fehlt uns nicht“, fuhr er gegen den Profeſſor fort.„Freilich iſt er demüthig und von der bukoliſchen Art. Aber glauben Sie mir, für einen, der ſein Dorf kennt, giebt es wenig Neues unter der Sonne. Es iſt im Kleinen hier alles, wie in der übrigen Welt im Großen, der Schmidt iſt-ein heftiger Politikus, und der Schultheiß möchte gern ein — 2:— Dionyſius von S hrakus ſein. Und auch den reichen— Mann der Schrift haben wir, freilich auch mehre Lazaruſſe, zu welchen dieſer Dichter gehört; und unſer Tüncher iſt im Winter ein Muſikus, er ſpielt gar nicht ſchlecht auf der Zither. Das alles arbeitet durcheinan⸗ der und möchte gern oben hinaus, und es macht zuwei⸗ len Mühe, die gute Nachbarſchaft unter ihnen zu er⸗ halten.“ „Er will ſeine grüne Wand wieder haben, ſo viel ich verſtehe,“ ſagte Ilſe von dem Blatt aufſehend. „Seit ſieben Jahren liegt er in ſeiner Kammer, zur Hälfte gelähmt, mit heftigen Schmerzen und unheil⸗ bar,“ erklärte der Pfarrer dem Gaſt,„und er ſieht durch ein kleines Fenſterloch in die Welt, auf die Lehmwand gegenüber und die Menſchen, welche davor ſichtbar wer⸗ den. Und die Wand gehört dem Nachbar, ſie war durch mein liebes Kind mit wildem Wein bezogen. In dieſem Jahr aber hat der Nachbar— unſer reicher Mann— daran gebaut und das Grüne abgeriſſen. Das ärgert den Kranken. Und ihm iſt ſchwer zu helfen, denn jetzt iſt nicht die Zeit, Neues zu pflanzen.“ — 441— „Es muß doch Rath werden,“ warf Ilſe ein.„Ich will mit ihm darüber reden. Verzeihen Sie, es ſoll nicht lange dauern.“ Sie verließ das Zimmer.„Iſt's Ihnen recht,“ ſagte der Pfarrer geheimnißvoll zu ſeinem Gaſt,„ſo zeige ich Ihnen dieſe Wand, denn ich habe mir die Sache viel überlegt, aber ich finde keinen Rath.“ Schweigend ſtimmte der Profeſſor bei. Die Männer ſchritten die Dorfgaſſe entlang, an der Ecke faßte der Pfarrer den Arm ſeines Begleiters.„Hier liegt der Kranke,“ be⸗ gann er halblaut,„er hört ſchwer in ſeiner Schwäche, aber wir müſſen doch leiſe auftreten, daß er uns nicht merkt; denn das ſtört ihn.“ Der Profeſſor ſah dichtbei am dürftigen Hauſe ein kleines Schiebfenſter geöffnet und Ilſe davor ſtehen, von ihnen abgewandt. Während der Pfarrer ihm die Lehmwand zeigte und die Höhe, welche für die Laub⸗ umkleidung nöthig ſei, hörte er auf das Geſpräch am Fenſter. Ilſe ſprach laut hinein und von dem Lager antwortete eine ſchrille Stimme. Erſtaunt ver⸗ nahm er, daß nicht vom Weinlaub die Rede war.—„Und hat der Herr ein gutes Gemüth?“ frug die Stimme:„Er iſt ein gelehrter Mann und ein guter Mann,“ antwortete Ilſe.„Und wie lange bleibt er bei Ihnen?“ frug der Kranke.„Ich weiß nicht,“ war Ilſens zögernde Ant⸗ wort.„Er ſoll ganz bei Ihnen bleiben, denn er iſt Ihnen lieb,“ ſagte der Kranke.„Ach, das dürfen wir gar nicht hoffen, lieber Benz. Aber dies Geſpräch hilft nicht „ — 142— zu guter Ausſicht auf gegenüber,“ fuhr Ilſe fort.„Mit dem Nachbar rede ich, aber zwiſchen heut und morgen wächſt doch nichts. Da habe ich mir ausgedacht, der Gärtner ſchlägt hier draußen unter dem Fenſter ein kleines Bret feſt, und wir ſetzen unterdeß die Blumen⸗ ſtöcke aus meiner Stube darauf.“—„Das benimmt mir die Ausſicht,“ entgegnete die Stimme unzufrieden,„ich kann dann die Schwalben nicht mehr ſehen, wenn ſie vorbeifliegen, und ich ſehe wenig von den Köpfen der Leute, die vorbeigehen.“„Das iſt richtig,“ verſetzte Ilſe, „aber wir machen das Bret ſo niedrig, daß nur die Blumen durchs Fenſter gucken.“„Was ſind's für Blu⸗ men?“ frug Benz.„Ein Myrtenſtock,“ ſagte Ilſe. „Der blüht nicht,“ verſetzte Benz mürriſch.—„Aber zwei Roſen blühen und ein Vanilleſtrauch.“—„Den kenne ich nicht,“ warf der Kranke ein.„Er riecht wun⸗ dergut,“ ſagte Ilſe empfehlend.„Dann kann er kom⸗ men,“ bewilligte Benz,„aber Baſilikum muß auch dabei ſein.“—„Wir wollen ſehen, ob's zu haben iſt,“ erwie⸗ derte Ilſe,„und um das Fenſterholz zieht euch der Gärt⸗ ner eine Epheuranke.“„Der iſt mir zu ſchwarz,“ wider⸗ ſprach der ungenügſame Benz.„Ei was,“ entſchied Ilſer 8 5.„, 7 1 „wir probiren's. Iſt's euch nicht recht, ſo wird's geändert.“ Damit war der Kranke einverſtanden.„Aber der Gärtner ſoll mich nicht warten laſſen,“ rief er,„ich möchte es mor⸗ gen haben.“„Gut,“ ſagte Ilſe,„am frühen Morgen.“— —„und meinen Vers zeigen Sie Niemand,“ bat Benz, „auch dem fremden Herrn nicht, er iſt nur für Sie.“ — — 13— „Das bleibt unter uns,“ ſagte Ilſe.„Ruft eure Toch⸗ ter Anna, lieber Benz.“ Sie rüſtete ſich zum Aufbruch, der Pfarrer zog einen Gaſt leiſe zurück.„Wenn der Kranke ſolches Ge⸗ präch gehabt hat,“ erklärte er,„iſt er für den nächſten Tag zufrieden. Und morgen macht er ihr wieder einen Vers. Er ſchreibt, unter uns geſagt, manchmal Non⸗ ſens, aber es iſt gut gemeint, und ihm iſt es die beſte Unterhaltung. Nämlich die Leute im Dorfe ſcheuen ſich, an ſein Fenſter zu treten, und ſie gehen auch nicht gern vorüber.— Und für mein Amt iſt dies die härteſte Arbeit. Denn die Leute ſind in dem Aberglauben ver⸗ ſtockt, daß Krankheit und Erdenleid von böſen Mächten ſtammen, und daß ſie durch Haß angethan werden, oder zur Strafe für begangenes Unrecht. Und wenn ich hnen predige ohne Aufhören, daß Alles nur eine Prü⸗ uns iſt für das Jenſeits, die Lehre iſt ihnen zu groß und hoch, nur die Schwachen glauben ſie, wer aber geſund und trotzig daſteht, der ſträubt ſich gegen die Wahrheit und das Heil.“ Der Gelehrte ſah nach dem kleinen Fenſter, aus dem der Kranke auf eine Lehmwand blickte; und er ſah wieder nach dem geiſtlichen Herrn, der in dem Thal ſeit vierzig Jahren für die heilbringende Wahrheit kämpfte. Ihm wurde das Herz ſchwer, und ſein Auge flos aus der dämmernden Tiefe zu den Berggipfeln, welche noch im frohen Licht der Abendſonne glänzten. Da trat ſie wieder zu ihm, ſie, welche herabgeſtiegen ſ ſ war, die Hülfloſen und Armen zu bewachen, und als er neben ihr der Höhe zuſchritt, da war ihm, als ob ſie beide aus dumpfer Erdennoth emportauchten in leichtere Luft. Aber auch die jugendliche Geſtalt, das ſchöne ruhige Antlitz neben ihm glänzte vom Abendlicht umſäumt ſo fremdartig, ſeinem irdiſchen Weſen ungleich, ähnlich einem der Boten, welche einſt Jehova in die Zelte ſeiner Getreuen ſandte. Und er freute ſich, als ſie über die luſtigen Sprünge des Hundes lachte, der ihnen bellend entgegenfuhr. So ſchwand wieder ein Tag dahin zwiſchen Sonnen⸗ licht und Wolkenſchatten, in kleinen Erlebniſſen, in ſtil⸗ lem Sein. Wenn die Feder davon erzählt, iſt es gering, wenn aber ein Menſch darin lebt, treibt es ihm den Strom des Blutes kräftig durch die Adern. 6. 4 Die gelehrte Frau vom Lande. Es war Sonntag und auch das Gut trug ſein Feſt⸗ gewand. Auf dem Hofe ſtanden die Scheuern geſchloſſen, Knechte und Mägde ſchritten in ihrem beſten Staat da⸗ her, nicht wie geſchäftige Arbeiter, ſondern in der behag⸗ lichen Muße, welche dem deutſchen Landmann die Poeſie des mühevollen Lebens iſt. Von dem Kirchthurm rief das Glöckchen zum Gottesdienſt, Ilſe ging mit den Schwe⸗ ——— ſtern, das Geſangbuch in der Hand, langſam den Fels hinunter, in kleinen Gruppen folgten die Mägde und Männer. Heut blieb der Gutsherr in ſeiner Arbeits⸗ ſtube, um die aufgelaufene Schreiberei zu erledigen. Vorher aber klopfte er an das Zimmer der Freunde und machte ihnen einen kurzen Morgenbeſuch.„Heut kommen Gäſte, Oberamtmann Rollmaus mit ſeiner Frau, er iſt ein tüchtiger Wirth, die Frau iſt ſehr auf Bildung verſeſſen. Nehmen Sie ſich in Acht, ſie wird Ihnen zuſetzen.“ Schlag zwölf Uhr fuhren zwei wohlgenährte Braune einen halbgedeckten Wagen vor das Haus. Die Kinder eilten an das Fenſter.„Die Frau Oberamtmann kommt!“ Freytag, Handſchrift. I. 10 *— — 146— 87 riefen aufgeregt die jüngſten. Ein ſtämmiger Mann in dunkelgrünem Rock ſtieg aus dem Wagen, eine kleine Dame in ſchwarzer Seide folgte mit Sonnenſchirm und einer großen Schachtel. Der Hausherr und Ilſe traten ihnen in der Hausthür entgegen, der Wirth rief lachend ſeinen Willkomm zu und führte den Oberamtmann in das Familienzimmer. Der Herr Oberamtmann trug unter ſeinem ſchwarzen Haar ein rundes Angeſicht, das durch Luft und Sonne mit gleich⸗ mäßigem Rothbraun dauerhaft übermalt war, dazu kleine ſcharfe Augen, Naſe und Lippen reichlich und röthlich hervorſtehend. Als er Stand und Namen der beiden Fremden erfuhr, verbeugte er ſich zwar ein wenig, ſah aber mißfällig, daß dieſe beiden Städter in den anſpruchs⸗ vollen ſchwarzen Frack gekleidet waren, und da er eine unbeſtimmte aber kräftige Abneigung gegen alle unnützen Schreiber und Hungerleider hatte, welche ſo hier und da die Güter beſuchen, etwa um Bücher zu ſchreiben, oder auch weil ſie ſonſt keinen rechten Aufenthalt haben, ſo nahm er gegen beide eine mürriſche und beobachtende Haltung an. Erſt nach einer Weile erſchien die Frau Oberamtmann, ſie hatte unterdeß mit Ilſe's Hülfe ihre gute Haube, ein Kunſtwerk mit zwei dunkelrothen Roſen, aus der Schachtel geholt, und ſie drang jetzt mit ihrem 1 ſpitzen Näschen in die Geſellſchaft, vom Kopf bis zum Fuß geglättet, rauſchend, knixend, lächelnd. Schnell fuhr ſie von einem zum andern, küßte die Mädchen auf den Mund, erklärte den Knaben, daß ſie in den letzten Wochen — na— ſehr gewachſen ſeien, und hielt endlich erwartungsvoll vor den beiden Fremden. Der Landwirth ſtellte vor und verfehlte nicht wieder beizufügen:„Zwei Herren von der Univerſität.“ Die kleine Dame ſpitzte gleichſam die Ohren und ihre grauen Augen erglänzten.„Von der Univer⸗ ſität!“ rief ſie,„ei welche Ueberraſchung! Dieſe Herren ſind ſeltene Gäſte in unſerer Gegend. Es iſt freilich auch bei uns für gelehrte Herren wenig zu holen, denn der Materialismus herrſcht bei uns, und die Leſebiblio⸗ thek in Roſſau iſt wirklich nicht in den beſten Händen, neue Sachen ſind niemals zu haben. Darf ich mir noch die Frage erlauben, welches Studium die Herren haben, Wiſſenſchaft im Allgemeinen oder etwas B Beſonderes?“ „Mein Freund mehr das Allgemeine, ich das Be⸗ ſondere,“ erwiederte der Profeſſor,„außerdem etwas alte Sprachen, dieſer Herr Indiſch.“ „Wollen Sie nicht die Güte haben, auf dem Sopha Platz zu nehmen?“ begann Ilſe dazwiſchen tretend. Die Frau Oberamtmann folgte widerſtrebend. „Alſo Indiſch,“ rief ſie ſich niederlaſſend und ihr Gewand zurechtſtreichend.„Das iſt eine ſeltene Sprache. Sie tragen ja wohl Federbüſchel und ihre Kleidung iſt mangelhaft, und die Beinkleider, wenn man das erwäh⸗ nen darf, hängen herunter, wie bei manchen Tauben, welche auch lange Federn an den Beinen haben. Man ſieht ſie zuweilen abgebildet; in dem Bilderbuch meines Karl vom letzten Weihnachten ſind dieſe wilden Männer deut⸗ lich zu ſehen. Sie haben barbariſche Sitten, liebe Ilſe.“ 10* „ —, „Warum iſt aber Karl nicht mitgekommen?“ frug Ilſe, um die Herren von der Unterhaltung zu löſen. „Es war nur wegen der Rückfahrt im Finſtern. Denn der Wagen iſt zweiſitzig, und neben Rollmaus kann kein⸗Drittes eingeſchachtelt werden. Da muß Karl beim Kutſcher ſitzen, und das arme Kind wird Abends immer ſb ſchläfrig daß ich Sorge habe, es fällt herun⸗ ter. Und dann ſind die Aufgaben für morgen. Denn denken Sie, ich habe Rollmaus dazu gebracht, auch einen Hauslehrer für unſere Kinder anzunehmen, wie Ihr lieber Vater gethan hat.“ Als die Oberamtmann die Ausſicht eröffnete, bei finſterer Nacht heimzufahren, ſah der Doctor den Freund mitleidig an, aber der Profeſſor hörte ſo aufmerkſam nach der Unterhaltung, daß er das Bedauern gar nicht bemerkte. Ilſe frug weiter, und die Frau Oberamtmann ſtand ihr allerdings Rede, ſah aber zuweilen begehrlich nach dem Doctor, deſſen Verhältniß zu den Indianern in Karls⸗ Bilderbuch ihr lehrreich erſchien. Unterdeß waren die Landwirthe ſogleich in ein Geſpräch über die Eigenſchaften eines Roſſes geſunken, das irgendwo in der Nähe zu gemeinnütziger Thätigkeit aufgeſtellt war, ſo daß der Doctor ſich zuletzt an die Kinder wandte und. mit Klara und Luiſe plauderte. Nachdem eine halbe Stunde ruhiger Vorbereitung vergangen war, erſchien das Dienſtmädchen an der Thür des Speiſezimmers. Der Landwirth lud ein, zu Tiſche 1 4 zu gehen, und bot ritterlich der Frau Oberamtmann ſei⸗ — 149 nen Arm über die Sophalehne. Die Dame knixte und fuhr neben ihm durch die Thür, der Profeſſor führte Ilſe, der Doctor aber Schweſter Klara, welche erröthete und ſich ſträubte, bis er Luiſe und Riekchen an ſeinen andern Arm hieng, worauf auch noch Franz ſeinen Rockzipfel faßte und ihm auf dem Wege hinter ſeinem Rücken zuraunte: „Heut giebt's einen Truthahn.“ Der Oberamtmann aber, welcher das Führen der Damen als eine läſtige Erfindung betrachtete, machte einſam den Schluß, und begrüßte im Saale die aufgeſtellten Herren von der Wirthſchaft mit den Worten:„Iſt das Korn herein?“—„Verſteht ſich,“ grüßte der Inſpector dagegen. Wieder nahm alles nach Rang und Würden Platz, auf dem Ehrenſitz die Frau Oberamtmann, zwiſchen ihr und Ilſe der Profeſſor. Es war für dieſen kein ruhiger Mittag, zwar Ilſe war ſtiller als gewöhnlich, aber ſeine neue Nachbarin ſtellte ihm wiſſenſchaftliche Aufgaben. Sie zwang ihn von der Einrichtung ſeiner Univerſität zu erzählen, und in welcher Weiſe die Studenten belehrt würden. Und der Profeſſor that das ausführlich und mit guter Laune. Es gelang ihm aber nur kurze Zeit, ſich und Andern die peinliche Empfindung fern zu halten, welche die Reden der Frau Oberamtmann wohl verurſachten.„Alſo phi⸗ loſophiſch ſind Sie?“ ſagte die Rollmaus.„Das iſt ja ſehr intereſſant. Ich habe es auch mit der Philoſophie verſucht, aber der Stil iſt zu unverſtändlich. Was ent⸗ G hält denn eigentlich die Philoſophie?“ Rann —— ihres eigenen Geiſtes zu belehren, und dadurch feſter und vielleicht beſſer zu machen,“ beantwortete der Profeſſor geduldig die mißliche Frage.. „Das Leben des Geiſtes,“ rief die Oberamtmann aufgeregt,„aber glauben Sie denn auch, daß die Geiſter nach dem Tode der Menſchen erſcheinen können 24 „Haben Sie Beiſpiele davon?“ frug der Profeſſor. „Es würde gewiß Allen willkommen ſein, darüber zu hören. Iſt dergleichen hier in der Gegend vorgekommen?“ „Weniger mit Geiſtern,“ erwiederte Frau Oberamt⸗ mann, mißtrauiſch nach dem Hausherrn blickend,„aber mit Ahnungsvermögen, und was man Sympathie nennt. Denken Sie einmal, in unſerm Hauſe diente ein Mäd⸗ chen, ſie hätte es nicht nöthig gehabt, aber die Eltern wollten ſie auf einige Zeit von ſich thun. Denn im Dorfe war ein armer Burſch, der aber ein großer Gei⸗ ger war, der ſtrich Morgens und Abends mit der Vio⸗ line um ihr Haus, und wenn das Mädchen hinauskom⸗ men konnte, ſaßen ſie miteinander hinter einem Buſch, er ſpielte auf der Geige und ſie hörte zu. Und deß⸗ wegen konnte ſie nicht von ihm laſſen. Sie war ein ſauberes Mädchen und ſchickte ſich im Hauſe zu allem, nur daß ſie immer traurig war. Und der Geiger wurden zu den Huſaren genommen, wozu er auch paßte, wei er ſehr entſchloſſen und unterminirt war. Nach einem Jahre kommt die Köchin zu mir und ſagt:„Frau Ober⸗ amtmann, ich halte es nicht länger aus, die Jette treibt Nachtwandel. Sie ſteigt aus dem Bette und ſingt das — 151— Lied von einem Soldaten, den der Hauptmann erſchießen läßt, weil es nicht anders ſein konnte, und ſtöhnt dazu, daß es einen Stein erbarmen möchte, und am Morgen weiß ſie nichts von ihrem Singen, aber ſie weint immer ſtill fort.“ Und das war die Wahrheit. Ich rufe ſie und frage ſie ernſthaft:„Was haſt du? Ich kann das myſterielle Weſen nicht ausſtehen, du biſt mir eine Cha⸗ rade.“ Darauf jammerte ſie ſehr und meinte, ich ſolle ſie doch nicht für ſo etwas halten, ſie ſei ein ehrliches Mädchen, aber ſie hätte eine Erſcheinung gehabt. Und nun kam alles heraus. Der Gottlob war in der Nacht an ihrer Kammerthür erſchienen, ganz hager und traurig, und hatte geſagt: Jette, es iſt vorbei mit mir, morgen muß ich dran glauben. Ich ſuchte ihr das Zeug aus⸗ zureden, aber ihre Angſt ſteckte mich an, ich ſchrieb an einen Offizier, den Rollmaus von der Haſenjagd kannte, und fragte, ob das eine Dummheit wäre, oder von dem ſogenannten Ahnungsvermögen herkäme. Und er ſchrieb mir ganz erſtaunt zurück, es wäre richtig Ahnungsver⸗ mögen, an demſelben Tage war der Geiger vom Pferde geſtürzt, hatte ein Bein gebrochen und lag in dem La⸗ zareth zum Tode. Jetzt bitte ich Sie, ob das nicht eine Naturerſcheinung war.“ „Und was wurde aus den armen Leuten?“ frug der Profeſſor. „Ach die!“ erwied erte die Frau Oberamtmann,„es ließ ſich helfen. Denn ein Kamerad von dem Gebrochenen war aus unſerm Dorf, welcher eine kranke Mutter hatte; dem 152— ſchrieb ich die Forderung, daß er jeden dritten Tag einen Brief an mich ſchickte, wie es dem Kranken ging, und es konnte mit Speck und Mehl gut gemacht werden. Und da ſchrieb er, und die Sache dauerte viele Wochen. Endlich aber wurde der Geiger geheilt und kam am Stock zurück. Und beide waren ſo blaß wie dieſes Tuch, als ſie zuſammen kamen, und fielen einander vor meinen Eltern des Mädchens ein Wort ſprach, welches wenig nutzte. Dann aber mit Rollmaus, dem unſere Dorf⸗ ſchenke gehört, und der grade einen guten Pächter ſuchte. Und das brachte die Geſchichte zum Ende, oder wie man zu ſagen pflegt, zum commencement du pain. Denn Rollmaus war zwar mit der Geige nicht zufrieden, weil er meinte, dieſe ſei ein Anzeichen von leichtem Geblüt, aber die Leutchen halten ſich ordentlich. Dann zuerſt war ich Pathe, dann Rollmaus. Es ſind aber keine Erſcheinungen mehr vorgekommen.“ „Das war von Ihnen brav und liebevoll gehan⸗ delt,“ rief der Profeſſor kräftig. „Man iſt ja bei alledem auch Menſch,“ entſchuldigte ſich die Frau Oberamtmann. „Und ich hoffe ein guter Menſch,“ verſetzte der Pro⸗ feſſor.„Glauben Sie mir, verehrte Frau, in der Phi⸗ loſophie und anderer Gelehrſamkeit giebt es verſchiedene Anſichten. Man ſtreitet ſich über vieles, und leicht hält Einer den Andern für unwiſſend. Aber was Redlichkeit heißt und Menſchenfreundlichkeit, darüber ſind die Anſichten — 153— ſelten verſchieden geweſen, und wo man dieſe Eigenſchaf⸗ ten findet, hat Jedermann Freude und Hochachtung, und dieſe habe ich jetzt vor Ihnen, Frau Oberamtmann.“ Das ſagte er herzlich der gelehrten Frau. An ſeiner andern Seite aber hörte er ein leiſes Rauſchen des Ge⸗ wandes, und als er ſich zu Ilſe wandte, begegnete er einem Blick ſo voll von demüthiger Dankbarkeit, daß er mit Mühe ſeine Haltung bewahrte. Die Frau Oberamtmann aber ſaß lächelnd und zufrieden mit dem philoſophiſchen Syſtem ihres Nach⸗ bars. Und wieder wandte ſich der Profeſſor zu ihr und ſprach mit ihr davon, daß es gar nicht leicht ſei, Hülf— loſen auf die rechte Art wohlzuthun. Und die Frau Oberamtmann gab zu, daß die Leute ohne Bildung ihre eigene Art hätten, aber„man kann leicht mit ihnen fer⸗ tig werden, wenn ſie nur erkennen, daß man's gut meint.“ Und der Profeſſor veranlaßte allerdings noch ein kleines Mißverſtändniß, als er der Oberamtmann achtungsvoll in ſeiner Sprache bemerkte:„Ganz recht, zuletzt iſt auch auf dieſem Gebiet geduldige Liebe die Vorausſetzung einer fruchtbaren Thätigkeit.“ „Ja,“ beſtätigte die Rollmaus verlegen,„allerdings; dieſe gewiſſe Thätigkeit, welche Sie erwähnen, fehlt bei uns gar nicht, und ſie heirathen meiſt grade noch zur rechten Zeit, aber die geduldige Liebe, welche Sie ſehr rich⸗ tig Vorausſetzung nennen, iſt bei unſern Landleuten nicht immer vorhanden, denn ſie ſorgen bei einer Heirath oft mehr um Geld als um Liebe.“ Wenn aber auch einzelne Noten in dem Concert am obern Tiſch nicht recht zu einander ſtimmten, ſo verging doch der Truthahn und die Sahnmehlſpeiſe— ein Meiſter⸗ werk aus Ilſe's Küche— ohne widerwärtigen Zuſammen⸗ ſtoß des gelehrten Wiſſens. Und Alle erhoben ſich wohl mit einander zufrieden. Nur die Kinder, deren unſchul⸗ dige Bosheit am dauerhafteſten iſt, empfanden ein Miß⸗ fallen, daß heut Frau Oberamtmann in keinen Kampf eintrat, in welchem das Converſationslexikon als oberſter Kampfrichter waltete. Während nun die Männer im Nebenzimmer Kaffee tranken, ſaß Frau Rollmaus wieder auf dem guten Sopha, und Ilſe hatte einen harten Stand die neugierigen Fragen zu beantworten, mit denen ſie jetzt wegen der beiden Fremden angegriffen wurde. Un⸗ terdeß belagerten die Kinder das Sopha, und lauerten auf eine Gelegenheit, um ſelbſt einen kleinen Feldzug gegen die ahnungsloſe Frau Oberamtmann zu unter⸗ nehmen. „Alſo ſie forſchen nach, und in unſerer Gegend. Nach Indianern kann es nicht ſein, ich wüßte nicht, daß hier herum welche aufgetreten wären. Es müßte denn ein Irrthum ſein, und ſie müßten Zigeuner mei⸗ nen, ſolche kommen vor. Denken Sie, liebe Ilſe, erſt vor vierzehn Tagen ein Mann und zwei Weiber, jede mit einem Kinde. Die Weiber ſagten wahr; was ſie dem Hausmädchen prophezeit haben, iſt wirklich merk⸗ würdig, und am Abend fehlten zwei Hühner. Sollte es wegen der Zigeuner ſein? aber das kann ich nicht glauben, da dies blos Keſt er ſind, und nichts⸗ nutzige Leute. Nein, deret forſchen ſie nicht.“ „Wer ſind denn ab⸗ Zigeuner?“ frug Clara. „Liebes Kind, ſie Vagabonden, welche früher ein Volk waren und 7(breiteten. Sie hatten einen König und Briefe Jagdhunde, obgleich ſie große Spitzbuben waren prünglich aber ſind ſie Egypter, eigentlich aber ⸗ dianer.“ „Wie kön e, aner ſein,“ rief Hans ohne alle Ehrerbie„diee aaner wohnen ja in Amerika. Wir haben ein Co ationslexicon, und wir wol⸗ len gleich ag hen.“ 3 „Ja, j riefen Kinder und liefen mit dem Bruder zum herſchre Triumphirend brachte je⸗ des einen Ba etragen nd ſtellte die neuen Ein⸗ bände zwiſchen Kaffeetaſſen vor Frau Rollmaus auf. Dieſe blich eineswegs erfreut auf die geheime Quelle ihrer Kraſt, welche hier vor aller Augen blos⸗ gelegt wurde. „Und unſeres neuer als das Ihre,“ rief der kleine Franz die Hda hwenkend. Vergebens bemühte ſich Ilſe durch abwe„Winke dieſen Ausbruch des Familienſtolzes zu unte fen. Hans hielt, das Wort Zigeuner ſuchend, den le Band feſt in ſeinen Hän⸗ den, und eine Niederlage Frau Oberamtmann war nach menſchlichem Dafür 3 1 Aber plötzlich ſprang Har Höhe und rief:„Hier ſte „Unſer Herr Profeſſor ſteht im Converſationslexicon!“ ſchrien die Kinder. Fannilienfehde und Zigeuner waren vergeſſen, Ilſe nahm denn Bruder das Buch aus der Hand, die Oberamtmann ſtamd auf, um die merkwür⸗ dige Stelle über Ilſe's Schulterr ſelbſt zu leſen, alle Kinderköpfe drängten ſich um das Buch, daß ſie wieder ausſahen wie ein Bündel Knospen am Fruchtbaum, und alle ſpähten neugierig nach den Zeilen, die für ihren Gaſt und ſie ſelbſt ſo ruhmvoll waren. In dem Artikel ſtanden die gewöhnlichen kurzen, Notizen, welche über lebende Gelehrte gegeben werden, Ort und Tag ſeiner Geburt und die— meiſt lateiniſchen— Titel ſeiner Schriften. Alle dieſe Titel wurden trotz der un⸗ leſerlichen Sprache mit Jahreszahl und Format laut abgeleſen. Ilſe ſah lange in das Buch, dann reichte ſie es der erſtaunten Frau Oberamtmann, dann zogen die Kinder den Band einander aus den Händen.*Das Ereigniß machte auf Groß und Klein einen Eindruck, der in literariſchen Kreiſen niemals erreicht werden konnte. Am glücklichſten war die Frau Oberamtmann, ſie hatte neben einem Manne geſeſſen, der nicht nur ſelbſt nachſchlug, ſondern auch nachgeſchlagen werden konnte. Er war jetzt für ſie berühmt im Allgemeinen, ohne Einſchränkung, und ſicempfand zum erſten Male in ihrem Leben, daß ſich i ſolchem gedruckten Mann echt L e„Welch ein ausgezeichne⸗ Vie waren doch die Titel e?“ Ilſe wußte es nicht, 157 5 Auge und Gedanken waren ihr an den kurzen Bemer⸗ kungen über ſeine Lebensverhältniſſe feſtgeheftet. Dieſe Entdeckung hatte die gute Folge, daß Frau Oberamtmann für heut gänzlich die Waffen ſtreckte und ſich beſchied keine Kenntniſſe zu verrathen, denn ſie ſah ein, daß heut eine Concurrenz mit dieſer Familie unmöglich war, und ſie ließ ſich zu einer anſpruchslo⸗ ſen Unterhaltung über Hausangelegenheiten herab. Die Kinder aber ſtellten ſich in achtungsvoller Entfernung vor dem Profeſſor auf und betrachteten ihn neugierig noch einmal von oben bis unten, und Hans theilte dem Doctor leiſs die Neuigkeit mit, und war ſehr betroffen, daß dieſer nichts daraus machte. Nach dem Kaffee ſchlug der Landwirth ſeinen Gä⸗ ſten vor, den nahen Berg zu beſteigen und den Scha⸗ den zu betrachten, welchen der Blitz angerichtet. Ilſe belud eine Magd mit dem Abendbrot und einigen Flaſchen Wein, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Vom Felſen ging es in das Thal hinab über den Wie⸗ ſenſtreif und den Bach, dann die Berglehne hinauf durch Unterholz in den Schatten hochſtämmiger Fichten. Der Regen hatte die ſteilen Wege ausgeſpült und un⸗ regelmäßige Waſſerrinnen furchten den Kies. Auch die Frauen ſchritten tapfer über die feuchten Stellen. Wer aber nicht aus Tracht und Haltung des Profeſſors er⸗ kannte, daß er in ſicherem Gefühl ſeiner Männlich⸗ keit auftrat, der hätte wohl argwöhnen dürfen, daß zwar die Frau Oberamtmann ein verkleideter Herr ſei, der Herr Profeſſor aber eine weichbeſchuhte Dame. Denn die Rollmaus umſchwebte ihn ehrerbietig und war nicht von ſeiner Seite zu bringen. Sie machte ihn auf Steine aufmerkſam, bezeichnete mit der Spitze ihres Schirmes die trockenſten Stellen, blieb zuweilen ſtehen und ſprach die Befürchtung aus, daß ihn der Weg zu ſehr angreifen werde. Der Profeſſor ließ ſich die Hul⸗ digung der kleinen Dame erſtaunt gefallen und ſah nur einige Male fragend auf Ilſe, über deren Geſicht dann ein ſchalkhaftes Lächeln flog. Auf der Höhe wurde der Pfad bequemer, einzelne Laubbäume unterbrachen das dunkle Grün der Fichten. Der Gipfel ſelbſt war gelichtet, zwiſchen den Steinen breitete das Haidekraut ſeine dichten Büſchel, an denen noch die erbleichenden Blüthen des Jahres hingen. Ringsumher überſah man die Landſchaft mit ihren Höhen und Thälern, in der Tiefe den Bach und ſeinen grünen Saum, das Gut mit ſeinen Feldern, das Thal von Roſſau. Auf die ſinkende Sonne zu aber hob ſich in langgeſchwungenen Bogen eine Erdwelle hinter der andern, jede nach der Entfernung anders mit dämmerigem Blau gefärbt bis in das helle Grau der Gebirgskette am Horizont. Das war unter heiterem Himmel, in reiner Bergluft ein er⸗ friſchender Anblick, und die Geſellſchaft lagerte vergnügt im Haidekraut, wo es die weichſten Polſter bot. Nach kurzer Raſt brach die Geſellſchaft, von Hans geführt, zu der Stelle auf, an welcher der Wetterſtrahl den Baum gefällt hatte. In einem Schlag hoher 150— Nadelbäume war der Ort der Verwüſtung. Eine ſtarke geſunde Fichte war durch den Strahl erſchlagen und zerworfen, ein wüſtes Durcheinander von Zweigen und rieſigen Splittern des weißen Holzes lag im Umkreis des gebrochenen Stammes, der ohne Krone, geſchwärzt, bis auf den Grund geſpalten noch etwa haushoch aus den Trümmern hervorragte. Aus dem Gewirr der Aeſte am Boden erkannte man, daß auch der Grund aufge⸗ wühlt war bis unter die Wurzeln der nächſten Bäume. Ernſthaft ſahen die Erwachſenen auf die Stätte, wo ein Augenblick das kräftige Leben in häßliche Unform verwandelt hatte. Die Kinder aber drangen jauchzend in das Dickicht, griffen nach den ſchuppigen Zapfen des vergangenen Jahres und ſchnitten Aeſte von dem Göpfel, jeder bemüht, das größte Gehänge der gelben Schuppen⸗ früchte davon zu tragen. „Es iſt nur einer von Hunderten,“ ſagte der Landwirth finſter,„aber es thut doch weh, ſolche Ver⸗ wüſtung gegen die gewohnte Ordnung zu betrachten, und an das Verderben zu denken, das ſo nahe über un⸗ ſern Häuptern dahinfuhr.“ „Macht dieſe Erinnerung nur Mißbehagen?“ frug der Profeſſor,„iſt ſie nicht auch erhebend?“ „Die Hörner des Widders hängen an den Zwei⸗ gen,“ ſprach Ilſe leiſe zum Vater,„er wurde das Opfer, damit wir verſchont blieben.“ And ich meine auch der Menſch, der von ſolchem 4 getroffen wird, er ſollte, wenn dieſer Augenblick — 160— noch zu einem letzten Gedanken Zeit läßt, ſich ſelbſt ſa⸗ gen: es iſt ganz in der Ordnung.“ Der Landwirth ſah den Profeſſor fragend an: „Sprechen Sie darüber zu uns einige Worte,“ be⸗ gann er feierlich.„Man hat an dieſem Orte einen Wunſch nach einem gemeinſamen Gedanken, der von dem Mißbehagen frei macht.“ „Ich bin nicht geübt in der Sprache erbaulicher Be⸗ trachtung,“ ſagte der Gelehrte,„und ich vermag nur welt⸗ liche Worte zu reden. Wir vergeſſen leicht im Behagen des Tages, was wir immer im fröhlichen Herzen tragen ſollten, daß wir nur unter Bedingungen leben, wie alles Andere auf Erden und am Himmel. Zahlloſe Kräfte, fremdartige Gewalten ſind um uns in unaufhör⸗ licher Arbeit, jede nach feſten ihr eigenen Geſetzen wirkend, auch unſer Leben erhaltend, tragend, beſchädigend. Die Kälte, welche den Kreislauf des Blutes hemmt, die ein⸗ brechende Woge, in welcher der menſchliche Leib verſinkt, der ſchädliche Dampf des Bodens, der den Athem ver⸗ giftet, ſie ſind keine zufälligen Erſcheinungen, die Ge⸗ ſetze, in deren Zwange ſie auf uns eindringen, ſind ebenſo uralt und ebenſo heilig, als unſer Bedürf⸗ niß nach Speiſe und Trank, nach Schlaf und Licht. Und wenn der Menſch ſeine Stellung unter den Ge⸗ walten der Erde erwägt, ſo heißt leben nichts Anderes, als thätig gegen ſie kämpfen und denkend ſie verſtehen. Wer das Brod ſchafft, das uns nährt, und das Holz zieht, das uns wärmt, jede nützliche Thätig 4 — 161— 1 keinen anderen Zweck als uns zu vertheidigen und ſtär⸗ ker zu machen durch freundliche Benutzung oder Ueber⸗ windung dieſer Mächte. Und ſchon bei dieſer Arbeit merken wir, daß zwiſchen jeder lebendigen Regung in der Natur und in unſerem eigenen Geiſte eine geheime Verbindung iſt, und daß alles Lebendige, wie feindlich es im Einzelnen ſich befehde, doch zuſammen eine große unermeßliche Einheit bildet. Und Ahnung und Gedanke dieſer Einheit ſind zu allen Zeiten das Herr⸗ lichſte geweſen, was der Menſch in ſich hervorzurufen vermochte. Und deshalb iſt dem Menſchen die zweite Aufgabe geworden, eine unwiderſtehliche Sehnſucht und ein unwiderſtehlicher Trieb, den innern Zuſammenhang dieſer Lebensgewalten zu erfaſſen. Und das iſt es, was uns fromm macht.— Und nicht bei jedem Menſchen iſt die Arbeit die gleiche, aber das Ziel iſt daſſelbe. Die warme Empfindung des einen ahnt eine ewige Ver⸗ nunft in allem, was ihr unbegreiflich erſcheint, und ſie nennt dieſe in kindlichem Vertrauen mit dem ehr⸗ würdigſten und herzlichſten Namen. Und wieder andere ſuchen emſig die einzelnen Geſetze und Kräfte des Lebens zu beobachten und ihren großen Zuſammenhang ehr⸗ furchtsvoll zu verſtehen, und dieſe ſind es, welche der Wiſſenſchaft dienen. Wer glaubt und wer forſcht, beide thun im Grunde daſſelbe, ſie üben die höchſte Beſchei⸗ denheit, denn ſie empfinden, daß alles einzelne Leben, eigenes und fremdes, unendlich klein iſt gegen das große Ganze. Und wer, vom Blitzſtrahl getroffen, noch zu Freytag, Handſchrift. I. 11 glauben vermöchte, ich gehe zum Vater, und wer in ſolchem Augenblick mit Intereſſe zu beobachten vermöchte, wie ſein Nervenleben aufhört, ſie haben beide ein gott⸗ ſeliges Ende.“ So ſprach der Profeſſor vor der geborſtenen Fichte, die letzte Aeußerung Ilſe's im Herzen. Die Kinder hörten dem kräftigen Tonfall ſeiner Worte ein Weilchen zu, dann wurde ihnen die Sache lang, Hans fuhr den Schweſtern mit ſeinem Nadelzweige in die Aermel, ſie ſchlugen mit ihrer Fichtenruthe nach ihm, die Brüder kamen zu Hülfe, und ein Gefecht mit grünen Zweigen zog ſich von dem Stamme abwärts in das Dickicht. Der Oberamtmann ſah verwundert auf den Redner, und faßte den Verdacht, dieſer Mann gehöre zu einer neuen Klaſſe von Volksapoſteln, die zur Zeit hier und da auftauchten. Seine Frau ſtand, die Hände über dem Sonnenſchirm gefaltet, andächtig da, und nickte zuweilen beſtätigend mit dem Kopfe, bis ſie endlich den Guts⸗ herrn leiſe anſtieß und flüſterte:„Das gehört zu der Philoſophie, von der wir ſprachen.“ Der Landwirth jedoch erwiederte nichts, ſondern hörte mit geneigtem Haupt, um dem Sinn beſſer zu folgen. Ilſe aber wandte die Augen nicht von dem Sprechenden. ab, fremdartig klang ſeine Rede, und einiges regte ihr ge⸗ heimes Bangen auf, ſie wußte nicht weshalb. Aber ſie hätte nichts dagegen ſagen können, denn der Quell warmen Lebens, der aus dieſer Menſchenſeele hervor⸗ brach, wirkte wie ein Zauber auf ſie. Die Wahl der — 163— Worte, die neuen Gedanken, der edle Ausdruck ſeines feſten Antlitzes nahmen ſie unwiderſtehlich gefangen. Es war nach der Anſicht des Doctors eine ſeltſam zu⸗ ſammengeladene Geſellſchaft für den ſchwerverſtändlichen Vortrag eines Profeſſors, und der Redner hatte, an eine einzige denkend, als ein ſorgloſer Säemann geſäet. Aber wer vermag zu ſagen, wie das Saatkorn der Worte in den Hörern haftet und aufblüht, vielleicht verdorrte es auf dem Stein, vielleicht auch entwickelte ſich's in einer Seele zu neuem Leben. Die Geſellſchaft kehrte zu dem Lager auf dem Gipfel zurück. Hinter den Bergen ſank die Sonne und von ihr her ſtrich der Wind über die Höhen, der milde Abendſchein vergoldete zuerſt die Spitzen des Haidekrauts und die Geſtalten der Menſchen, dann ſtieg er hinauf über ihre Häupter bis zu den Gipfeln der Bäume, und bläulicher Schatten deckte den Boden, die Baumſtämme, die Fernſicht. Oben aber am Himmel ſchwebten die kleinen Lichtwolken aus Gold und Purpur, bis auch dort die glühenden Farben in roſiger Dämmerung erblaßten. Der Nebel ſtieg aus der Tiefe und im einförmigen Grau ſchwanden die Farben des Himmels und der Erde. Lange ſah die Geſellſchaft in die wechſelnden Lichter des Abends, endlich rief der Gutsbeſitzer nach dem Inhalt des Korbes, die Kinder waren geſchäftig auszupacken, und die kalten Speiſen in der Runde zu bieten. Der Landwirth goß den Wein in die Gläſer, 11* — 164— ſtieß kräftig mit ſeinen Gäſten an und freute ſich des guten Abends. Und Hans lief auf einen Wink des Vaters ins Gebüſch und holte einige Kienfackeln hervor. „Es iſt heut keine Gefahr,“ ſagte der Landwirth zum Oberamtmann, während er die Fackeln anzündete. Die Kinder drängten ſich zum Fackeltragen, aber nur Hans wurde mit dieſem Ehrenamt betraut, die Herren vom Lande trugen die anderen ſelbſt. Langſam wand ſich der Zug den Berg gpfad hinab, die Fackeln warfen ihr grelles Licht auf Nadelbüſchel und Steine und auf die Geſichter der Menſchen, welche in den Biegungen des Weges roth leuchteten wie der aufgehende Mond, und wieder in Finſterniß ver⸗ ſchwanden. Die Frau Oberamtmann hatte ſchon einige Mal verſucht, auch den zweiten der großen Fremden zum Geſpräch heranzuziehen, jetzt gelang es ihr bei einer ſchlechten Wegſtelle.„Was Ihr Freund ſprach,“ begann ſie,„war ſehr ſchön, denn es war lehrreich. Er hat ganz Recht, man ſoll gegen die Gewalten kämpfen und man ſoll den Zuſam⸗ menhang ſuchen. Aber ich verſichere Sie, einer Frau wird das ſchwer. Denn Rollmaus, der doch für mich die erſte Naturgewalt iſt, hat einen Haß gegen Gründe, er iſt immer dafür, daß alles nach ſeinem Kopfe geht. Und als ein rechtſchaffner Mann hat er darin auch Recht, aber für Wiſſenſchaft iſt er nicht ſehr, und auch wegen eines Claviers für die Kinder habe ich meine Noth mit ihm. Und ich ſuche wohl die Gründe und 165 Kräfte, und was man ſonſt Zuſammenhang nennt, und man lieſt, was man kann, denn man will doch auch wiſſen, was in der Welt vorgeht, und ſich aus dem Ge⸗ wöhnlichen erheben. Aber manchmal verſteht man's nicht, und wenn man's auch zweimal lieſt. Und wenn man's hat, dann iſt's vielleicht ſchon veraltet, und es gilt nichts mehr, und man möchte gar alles Forſchen aufgeben.“ „Thun Sie das doch nicht,“ ermahnte der Doctor, „es iſt immer eine geheime Freude, wenn man etwas weiß.“ „Nicht wahr;“ fuhr die Frau Oberamtmann fort, „wenn ich in der Stadt lebte, ich würde mich ganz in die Wiſſenſchaft vertiefen, aber auf dem Lande iſt man zu allein, und dann die große Wirthſchaft, und auch der Mann, und man hat zu thun, daß man's dem recht macht. Denn Sie glauben nicht, was für ein tüchtiger Wirth er iſt.— Rollmaus, halt deine Fackel zur Seite, der ganze Rauch ſchlägt dem Herrn Doctor in's Geſicht.“ Rollmaus wandte mit leiſem Gebrumm die Fackel ab. Seine Frau drängte ſich an ihn, faßte ſeinen Arm und hob ſich zu ſeinem Ohr:„Ehe wir wegfahren, mußt du die fremden Herren zu uns einladen, damit die Schick⸗ lichkeit beachtet wird.“ „Er iſt ein freier Winkelprediger,“ antwortete der Oberamtmann mürriſch. „Um Gotteswillen, Rollmaus, begehe keine Ruch⸗ loſigkeit und blasvomire nicht,“ fuhr ſie fort, ihm den Arm drückend,„er ſteht ja im Lexikon.“ — 166— „In deinem?“ frug der Gatte. „In dem hieſigen,“ verſetzte die Frau,„was auf eins herauskommt.“ „Es ſtehen Viele in Büchern, die weniger werth ſind, als andere, die nicht darin ſtehen,“ ſagte der Mann ungerührt. „Damit widerlegſt du mich nicht,“ verſetzte die Frau, nich ſage dir und ich avertire dich, er iſt ein berühmter Mann, und der Anſtand verlangt, daß wir darauf Rückſicht nehmen. Und du weißt, was den Anſtand be⸗ trifft“— „Sei nur ruhig,“ beſänftigte Rollmaus;„ich habe ja nichts dagegen, wenn es ſein muß. Ich habe deinet⸗ wegen ſchon in ganz andere ſaure Aepfel gebiſſen.“ „Meinetwegen?“ frug die Oberamtmann gekränkt. „Bin ich unvernünftig, bin ich ein Tyrann, bin ich eine Eva, welche mit ihrem Manne unter dem Baume ſteht, mit lüderlichem Haar, und nicht einmal mit einem Hemde? Willſt du dich und mich mit ſolchen alten Zuſtänden vergleichen?“ „Na,“ ſagte Rollmaus,„gieb dich nur zufrieden, wir wiſſen ja, wie wir mit einander ſtehen.“ „Siehſt du wohl, daß ich Recht habe?“ verſetzte be⸗ ſänftigt die Frau Oberamtmann.„Und glaube mir, ich weiß auch, wie andere mit einander ſtehen, und ich ſage dir, ich habe ſo eine Ahnung, es ſpinnt ſich etwas an.“ *„Wer ſpinnt?“ frug Rollmaus. „Es iſt zwiſchen Ilſe und dem Herrn Profeſſor.“ — 167— „Das wäre der Teufel!“ rief der Oberamtmann lebhafter, als er den ganzen Tag geweſen war. nicht die Discretion.“ Ilſe war zurückgeblieben, ſie führte den jüngſten Bruder, dem Ermüdung den Schritt unſicher machte. Ritterlich weilte der Profeſſor neben ihr. Er machte ſie aufmerkſam, wie gut ſich der Zug ausnehme, die Fackeln wie große Glühwürmer an der Spitze, dahinter die ſcharf beleuchteten Geſtalten, der wechſelnde Feuerſchein an Baumſtämmen und grünen Zweigen. Ilſe hörte längere Zeit ſchweigend zu, endlich begann ſie:„Und das Liebſte am heutigen Tage war, daß Sie ſo gütig zu unſerer Nachbarin ſprachen. Als ſie neben Ihnen ſaß, war mir weh zu Muth. Denn mir kam vor, als wäre demüthi⸗ gend für Sie, die ungeſchickten Fragen unſerer Freun⸗ din zu hören, und auf einmal war mir, als ob Sie auch gegen uns eine immerwährende Nachſicht üben müßten, und das quälte mich. Weil Sie aber ſo freund lich das Gute anerkannten, das unſere Frau Oberamt⸗ mann hat, merkte ich doch, daß es Ihnen keine Ueber⸗ windung koſtet, mit uns einfachen Leuten zu verkehren.“ „Liebes Fräulein,“ rief der Profeſſor erſchrocken, nich hoffe, Sie ſind überzeugt, daß ich der wackern Dame nur ſagte, was wahre Herzensmeinung war.“ „Ich weiß es,“ fuhr Ilſe lebhaft fort,„und die treue Seele vor uns fühlt es auch. Sie war heut den ganzen Tag ruhiger und heiterer, als ſie ſonſt iſt. Und — 168— dafür muß ich Ihnen danken. Ach, von Herzen,“ fügte ſie leiſe hinzu. Da Lob aus geliebtem Munde nicht die kleinſte Freude des Menſchen iſt, ſah der Profeſſor glücklich auf ſeine Nachbarin, welche jetzt im Dunkeln den Bruder zu ſchnellerem Schritte trieb. Er wagte das Schweigen nicht zu brechen, beiden waren die reinen Herzen ge⸗ öffnet, und ohne ein Wort zu reden fühlten ſie den Strom warmer Empfindungen, der von einem zum andern zog.„Wer aus ſeinen Büchern unter an⸗ dere Menſchen tritt,“ begann endlich der Profeſſor,„dem macht die pedantiſche Gewohnheit des Bücherleſens zu⸗ weilen leichter, aus einem fremden Leben heraus zu holen, was ihm für das eigene dienlich ſein kann. Denn zuletzt iſt in jedem Leben etwas Ehrwürdiges, wie oft es auch durch wunderliche Zuthat verdeckt iſt.“ „Uns iſt geboten, den Nächſten zu lieben,“ ſagte Ilſe,„und wir mühen uns, das zu thun; aber wenn man findet, daß dieſe Liebe ſo heiter, ſo hoch und ſicher gegeben wird, iſt es doch rührend. Und wo man ſolche Geſinnung vor ſich ſieht, wird ſie ein Beiſpiel und erhebt das Herz.— Komm Franz,“ ſagte ſie zum Bruder ge⸗ wandt,„es iſt nicht mehr weit nach Haus.“ Aber Franz ſtolperte und erklärte ſchlaftrunken, daß ihn ſeine Beine ſchmerzten.„Auf, kleiner Herr,“ rief der Profeſſor,„laß dich tragen.“ Aengſtlich wehrte Ilſe:„Das kann ich nicht zugeben, es iſt nur der Schlaf, der ihn träge macht.“ — 169— „Bis wir im Thale ſind,“ ſagte der Profeſſor, und hob den Knaben an ſeine Schulter. Franz ſchlug ihm den Arm um den Hals, drückte ſich an ihn und war bald feſt entſchlafen. Sie kamen an eine ſteile Biegung des Weges, der Profeſſor bot ſeiner Gefährtin den freien Arm, ſie aber weigerte ſich und ſtützte ſich nur ein wenig auf die dargebotene Hand. Und ihre Hand glitt hinab und blieb in der des Mannes liegen. Hand in Hand ſchritten beide den letzten Theil des Berges abwärts in das Thal, keines ſprach ein Wort. Unten löſte Ilſe leiſe ihre Hand aus der ſeinen, er ließ ſie los ohne Wort und Druck, aber die wenigen Minu ten umfaßten für beide eine Welt von ſeligen Gefühlen. „Komm herab, Franz,“ bat Ilſe, und nahm den ſchlafen⸗ den Bruder vom Arm ihres Freundes. Sie beugte ſich zu dem Kleinen nieder und ſprach ihm Muth ein, und weiter ging es zu der Geſellſchaft, welche am Bach die Zurückgebliebenen erwartete. Der Wagen des Oberamtmanns fuhr vor. Wort⸗ reich waren die Abſchiedsgrüße der Frau Oberamtmann; auch der Starrſinn des Gatten war durch die Vorſtel⸗ lungen ſeiner Frau gemildert, und als er die Mütze in der Hand hielt, bequemte er ſich mit erträglichem An⸗ ſtande zum Biß in den erwähnten ſauren Apfel. Er trat auf die Schreiberleute aus der Stadt zu, und er⸗ ſuchte ſie, auch ihm das Vergnügen ihres Beſuches zu ſchenken, und als er die freundlichen Worte ſprach, übte die Einladung ſelbſt auf ſein ehrliches Gemüth eine weitere beſänftigende Wirkung, er ſtreckte auch noch die Hand aus, und als dieſe ihm kräftig geſchüttelt wurde, näherte er ſich der Anſicht, daß die Fremden im Grunde auch nicht ſo übel wären. Der Gutsherr begleitete die Gäſte zu dem Wagen, Hans reichte die Schachtel hinein, und beide Landwirthe beobachteten unter dem letzten Gutnachtruf noch mit Kennerblick, wie die Braunen anzogen. 7. Ueue Feindſeligkeit. Während zwiſchen dem Profeſſor und dem Doctor eine helle Frauengeſtalt aufſtieg, wollte das Schickſal, daß zwiſchen den beiden Nachbarhäuſern eine neue Fehde entbrannte. Und das ging ſo zu. Herr Hahn hatte die Abweſenheit ſeines Sohnes zu einer Verſchönerung des Grundſtücks benutzt. Sein Garten lief nach dem Parke ſpitz zu, und er hatte viel darüber nachgedacht, wie dieſe Spitze zu einer guten Wir⸗ kung verwerthet werden könnte. Denn die kleine Erhöhung, die er dort aufgeworfen und mit Roſen beſetzt hatte, erwies ſich als ungenügend. Er beſchloß alſo ein hüb⸗ ſches waſſerdichtes Sommerhaus für ſolche Beſucher des Gartens zu zimmern, welche nicht geneigt waren, bei ſchlechtem Wetter nach der nahen Wohnſtube zurückzu⸗ gehen. Alles war ſchon vor der Abreiſe des Sohnes weislich überlegt, den Tag darauf ließ er einen ſchlan⸗ ken Holzbau errichten, mit kleinen Fenſtern nach der Straße, oben ſtatt des Daches eine Plattform mit lufti⸗ gen Bänken, deren Latten über die Holzwände und den Gartenzaun kühn in die Luft der Straße vorſprangen. — 1722— Die Sache ſah gut aus. Als aber Herr Hahn herzlich vergnügt ſeine Gattin eine kleine Seitentreppe auf die Plattform hinaufführte und die wohlgerundete Frau Hahn, nichts Arges ahnend, auf der Luftbank niederſaß, und von dort oben verwundert auf die Welt herunter⸗ blickte, da ergab ſich, daß die Spaziergänger grade unter ihr wegſchritten, und wer längs dem Zaun ging, ſah den Himmel über ſich verdunkelt durch das Gefieder des großen Vogels, der auf ſeinem hohen Sitz der Straßen⸗ welt den Rücken kehrte. Da klangen ſchon in der erſten Viertelſtunde ſo ſpitze Reden herauf, daß die argloſe Frau Hahn dem Weinen nahe war und ihrem Haus⸗ herrn mit ungewohnter Energie erklärte, ſie werde ſich nie wieder als Henne behandeln laſſen und die Platt⸗ form nicht wieder beſteigen. Die Familienſtimmung wurde dadurch nicht beſſer, daß Herr Hummel während dieſer Ausſtellung der Frau Hahn am Zaune des Nach⸗ bargartens geſtanden und über die nichtswürdigen Re⸗ densarten des Volkes recht höhniſch gelacht hatte. Hahn aber, nach kurzem Kampfe zwiſchen Stolz und Rückſicht, gab der beſſeren Stimme ſeines Innern Gehör, entfernte die Bänke und die Plattform und er⸗ richtete über dem Sommerhauſe ein ſchönes chineſiſches Dach. An die Vorſprünge des Daches aber hing er kleine Glocken. Wenn ſich der Wind erhob, tönten die Glocken leiſe. Dieſer Einfall wäre eine entſchiedene Verbeſſerung geweſen. Aber die Schlechtigkeit der Men⸗ ſchen gönnte dem Kunſtwerk keine Ruhe. Denn die Stra⸗ ßenjungen machten ſich ein Vergnügen daraus, einzelne Glocken durch lange Gerten in Bewegung zu erhalten. Und in einer der nächſten Nächte wurde die Nachbar⸗ ſchaft ſogar durch ein vielſtimmiges Glockenconcert aus dem Schlummer geweckt. Herrn Hahn däuchte im Schlafe, daß der Winter gekommen ſei und eine luſtige Geſellſchaft Schlitten fahrend ſein Haus umkreiſe; er horchte auf und eer⸗ kannte mit Entrüſtung die aufgeregte Thätigkeit ſeiner Glocken. Im Nachtkleide eilte er in den Garten und rief zornig in die Luft hinaus:„Wer iſt hier?“ Au⸗ genblicklich verſtummte das Geläut, ringsum tiefes Schweigen, friedliche Stille. Er ſtieg zum Gartenhaus hinauf und ſah die unſichern Umriſſe ſeiner Glocken, welche noch unter dem Nachthimmel ſchwangen, aber rund umher war Niemand zu entdecken. Er ging nach ſeinem Bett zurück, aber kaum hatte er ſich zurecht gelegt, ſo fing der Lärm wieder an, haſtig und rufend, als ſollte eine Weihnachtsbeſcherung eingeläutet werden. Und es wurde auch eine eingeläutet, aber keine fröhliche. Wieder ſtürmte er ins Freie, und wieder ſchwieg der Lärm, aber als er ſich über das Gitter er⸗ hob und umherſpähte, ſah er im Garten gegenüber die breite Geſtalt des Herrn Hummel am Zaun ſtehen, und hörte eine dröhnende Stimme rufen:„Was ſind das für verrückte Phantaſtereien?“ „Es iſt unerklärlich, Herr Hummel,“ rief Herr Hahn begütigend über die Straße hinüber. — ſu— „Unerklärlich iſt nichts,“ rief Herr Hummel,„als der Unfug, Glocken auf offner Staaße in die freie Luft zu hängen.“ „Ich verbitte mir Ihre Ausfälle,“ rief Herr Hahn tief verletzt,„ich habe das Recht, auf meinem Grundſtück aufzuhängen, was ich will.“ Und nun begann ein Kampf der Anſichten über die Straße, ſchrecklich und kläglich zugleich. Dort Hum⸗ mels Baß, hier Hahns ſcharfe Stimme, welche in hohe Tenorlagen hinüberhüpfte; beide Nachtgeſtalten in lan⸗ gen Schlafröcken, getrennt durch Straße und Verſchan⸗ zungen, aber wie zwei antike Helden mit ſtarken Wor⸗ ten gegen einander fechtend. Wenn man auch nicht den wilden Anſtrich erkennen konnte, den Herr Hahn durch die rothe Farbe ſeines Schlafrocks erhielt, ſo ragte er doch auf der Höhe neben ſeinem chineſiſchen Tempel, und ſeine Arme hoben ſich imponirend von dem dämm⸗ rigen Horizonte ab, Herr Hummel aber ſtand im Fin⸗ ſtern überſchattet von wildem Wein.„Ich werde Sie bei der Polizei belangen laſſen, weil Sie die bürgerliche Ruhe ſtören,“ rief Herr Hummel zuletzt und fühlte in ſeinem Rücken die kleine Hand ſeiner Frau, die ihn beim Schlafrock faßte und umdrehte und ihn leiſe be⸗ ſchwor keine Scene zu geben. „Und ich werde vor Gericht fragen, wer Ihnen das Recht giebt, Ihre Injurien über die Straße zu werfen,“ rief Herr Hahn ebenfalls auf dem Rückzuge, denn un⸗ ter dem Getöſe des Kampfes hatte er häufig die leiſen if Worte gehört:„Komm zurück, Hahn,“ und ſeine Frau händeringend hinter ſich geſehen. Er aber war nicht in der Stimmung das Schlachtfeld zu verlaſſen. „Licht her und eine Leiter,“ rief er,„ich will dieſe Schändlichkeit ermitteln.“ Eilfertig erſchienen Leiter und Laterne, von dem erſchrockenen Dienſtmädchen zugetragen. Herr Hahn ſtieg zu ſeinen Glocken hinauf und ſuchte lange vergeblich, endlich entdeckte er, daß Jemand ein Geflecht von Pferdehaaren mit den einzelnen Glocken in Ver⸗ bindung gebracht und dieſelben von außen wie an einem Strange geläutet hatte. Auf dieſe wilde Nacht folgte ein wüſter Morgen. „Gehen Sie zu dem Manne hinüber, Gabriel,“ ſagte Herr Hummel,„und fragen Sie ihn um des lieben Friedens willen, ob er gutwillig ſogleich die Glocken ab⸗ nehmen will. Ich fordere meinen Schlaf. Und ich leide nicht, daß Nachtgeſindel an mein Haus gelockt wird, um den Zaun ſtreift, in meinem Garten die Pflaumen ſtiehlt und in meine Fabrik einbricht. Dieſer Mann läutet die Spitzbuben aus der ganzen Umgegend zuſammen.“ Gabriel verſetzte:„Um des lieben Friedens willen gehe ich hinüber, aber nur wenn ich mit Höflichkeit ſa⸗ gen darf, was ich für gut halte.“ „Mit Höflichkeit?“ wiederholte Hummel und blinzte dem Vertrauten ſchlau zu.„Sie verſtehen Ihren Vor⸗ theil nicht. Eine ſo ſchöne Gelegenheit, deutlich zu wer⸗ den, kommt Ihnen ſobald nicht wieder. Und es wäre jammerſchade, wenn man ſich das entgehen ließe. Aber ich habe ſo meine Ahnungen, Gabriel, höflich oder nicht, mit dem Manne werden wir nicht fertig. Er iſt bos⸗ haft und ſtörrig und verbiſſen. Er iſt ein Bulldog, Gabriel, da haben Sie ſeinen Charakter.“ Gabriel trat bei dem armen Herrn Hahn ein, der noch leidend vor dem unberührten Frühſtück ſaß und mißtrauiſch auf den Bewohner des feindlichen Hauſes bliekte.„Ich komme nur zu fragen,“ begann Gabriel ſchlau,„ob Sie vielleicht durch Ihren Herrn Sohn Nachricht von meinem Profeſſor bekommen haben.“ „Keine,“ verſetzte Herr Hahn traurig,„es giebt Zeiten, wo alles quer geht, lieber Gabriel.“ „Ja, das war heut Nacht ein ſchlechter Schaber⸗ nack,“ bedauerte Gabriel. Herr Hahn ſprang auf.„Unſinnig hat er mich genannt, einen Phantaſten hat er mich Jenannt. Darf ich mir das gefallen laſſen? Als Geſchäftsmann, und in meinem eigenen Garten?— Wegen dem Spielwerk mögen Sie Recht haben, man muß nicht zu viel Ver⸗ trauen auf die Menſchen ſetzen. Jetzt aber iſt meine Ehre gekränkt, und ich ſage Ihnen, die Glocken bleiben, und ſollte ich alle Nächte einen Wächter dazu ſtellen.“ Vergebens ſprach Gabriel verſtändige Worte. Herr Hahn blieb unerbittlich und rief dem Abgehenden noch nach:„Und ſagen Sie ihm, vor Gericht ſehen wir uns wieder.“ In der That ging er zu ſeinem Sachwalter und beſtand auf einer Klage wegen nächtlicher Injurien. — 17— „Gut,“ ſagte Hummel, als Gabriel von ſ fruchtloſen Geſandtſchaft zurückkehrte.„Dieſe Leute zwingen mich, Sicherheitsmaßregeln für mich ſelbſt zu treffen, ich will dafür ſorgen, daß keine fremden Pferde⸗ haare an mein Haus gebunden werden. Wenn bei denen drüben die Spitzbuben mit den Schellen läuten, ſo ſollen bei mir die Hunde bellen. Wurſt wider Wurſt, Gabriel.“ Düſter ging er in ſeine Fabrik und ſchnaubte wild umher. Sein Buchhalter, der das Ausſehen eines gedrückten Mannes hatte, weil er neben Herrn Hummel nie recht aufkommen konnte, fühlte ſich verpflichtet zeit⸗ gemäß zu reden und bemerkte ſchüchtern:„Die Einfälle von A. C. Hahn ſind abgeſchmackt, alle Welt hält ſich darüber auf.“ Aber die Rede gedieh ihm nicht.„Was kümmern Sie dieſes Mannes Einfälle?“ rief Hummel, „ſind Sie Hausbeſitzer und ſind Sie Principal dieſes Geſchäfts oder bin ich es? Wenn ich mich ärgern will, ſo iſt das meine Sache und geht Sie gar nichts an. Sein neuer Commis Knips trägt einen friſirten Locken⸗ kopf und riecht nach kölniſchem Waſſer. Machen Sie ſich doch über den luſtig, das iſt Ihre Gerechtſame. Und was die übrige Welt betrifft, ſo iſt ihr Schelten auf dieſes Mannes Erfindungen grade ſo viel werth, als ob ein Sperling vom Dache ſchreit. Und wenn er alle Tage ein Schellengeläut auf ſeine Schultern hängt und damit in ſein Comtoir geht, ſo bleibt er für dieſes Stra⸗ ßenvolk immer ein reputirlicher Bürger. Nur mir gegen⸗ Freytag, Handſchrift. I. 12 iſt das ein ander Ding. Ich bin ſein Nachbar bei ag und bei Nacht. Und wenn er Suppen einbrockt, ſo fällt auch mir der Löffel hinein. Im Uebrigen ver⸗ bitte ich mir alle Verleumdungen auf Mitmenſchen. Was geſagt werden muß, beſorge ich allein, ohne Aſſocié. Merken Sie ſich das.“ An einem der nächſten Abende ſtand Gabriel vor der Thür, ſah auf den Himmel und wartete, ob eine kleine ſchwarze Wolke, welche dort oben langſam dahin⸗ ſchiffte, das Bild des Mondes verdecken würde. Grade als dies Ereigniß eintrat, und die Straße und die bei⸗ den Häuſer im Dunkel lagen, fuhr ein Wagen vor das Haus und die Stimme des Hausbeſitzers frug hinter dem Leder hervor:„Alles in Ordnung?“ „Alles in Ordnung,“ erwiederte Gabriel, und knöpfte den Schurz auf. Herr Hummel ſtieg ſchwerfällig herab, hinter ihm klang ein unwilliges Knurren.„Was ſteckt da in der Finſterniß?“ frug Gabriel neugierig, und griff in den Wagen, aber er zog ſchnell die Hand zu⸗ rück:„Das Grobzeug will beißen?“ „Ja, das hoffe ich,“ verſetzte Herr Hummel,„es ſoll beißen. Ich bringe Wachhunde mit gegen die Glockenſpieler.“ Er zerrte am Strick zwei undeutliche Geſtalten heraus, welche auf dem Boden mit heiſerem Gekläff umherfuhren, Gabriels Beine bösartig umkreiſten und den Strick wie eine Schlinge um ihn zogen.„Die Menge muß es bringen,“ rief Gabriel,„zwei Stück!“ Der Mond hatte die Wolke überwunden und beleuchtete hell die beiden Hunde.„Das ſind ſeltſame Thiere, Herr Hummel, es iſt eine ſchwierige Race. Zwei Köter,“ fuhr er abſchätzend fort,„kaum von Mittelgröße, es iſt dickes Format, und ihr Haar iſt zottig, über die Schnauze hängen die Borſten wie ein Schnurrbart. Die Mutter war eine Pudelin, der Vater ein Affenpintſch, auch ein Mops muß mit in der Verwandtſchaft geweſen ſein, und der Urgroßvater war ein Dachshund. Ein ſchöner Bau, Herr Hummel, ſo etwas iſt ſelten. Wie ſind Sie zu dieſen Mondkälbern gekommen?“ „Das war ein eigener Zufall. Im Dorfe hatte ich für heut keinen Hund erhalten; als ich durch den Wald zurückfuhr, ſcheuten die Pferde und wollten nicht vorwärts. Während der Kutſcher mit ihnen hantirte, ſah ich auf einmal neben dem Wagen einen großen ſchwarzen Mann ſtehen, wie aus dem Boden heraufge⸗ ſchoſſen. Er hielt die zwei Hunde am Stricke und lachte höhniſch über die Schelte des Kutſchers.„Was ſoll’s?“ rief ich ihn an,„wohin führt ihr die Hunde?“„Dem, der ſie haben will,“ rief der Schwarze. „Hebt ſie in den Wagen,“ ſagte ich. „Ich reiche nichts,“ brummte der Fremde,„ihr müßt ſie euch holen.“ Ich ſtieg ab und frug:„Was verlangt ihr dafür?“ „Nichts,“ ſagte der Mann. Die Sache wurde mir bedenklich, aber ich dachte, man kann's doch probi⸗ ren, ich trug die Burſchen in den Wagen, ſie waren lamm⸗ fromm.„Wie heißen die Hunde?“ rief ich aus dem Wagen. 12* —— — 189— „Bräuhahn und Goſe,“ ſagte der Mann, und lachte wie ein Teufel. „Das ſind keine Hundenamen, Herr Hummel,“ warf Gabriel kopfſchüttelnd ein. Das ſagte auch ich dem Manne, und er verſetzte:„Ge⸗ tauft ſind ſie nicht.“„Aber der Strick iſt euer,“ ſagte ich, und denken Sie, Gabriel, dieſer ſchwarze Kerl antwortete mir:„Behaltet ihn, ihr könnt euch dran hängen.“ Ich wollte ihm die Hunde wieder alls dem Wagen werfen, da war der Mann im Walde verſchwunden wie ein Irrwiſch. „Das iſt eine niederträchtige Geſchichte,“ rief Ga⸗ briel bekümmert,„dieſe Hunde ſind in keinem chriſtli⸗ chen Hauſe gewachſen. Und wollten Sie wirklich ſolche Geſpenſter behalten?“ „Ich will's probiren,“ ſagte Herr Hummel.„Zu⸗ letzt iſt ein Hund ein Hund.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Hummel, in den Thieren ſteckt etwas.“ „Dummes Zeug!“ „Sie ſind ſcheuſälig,“ fuhr Gabriel fort, und zählte an den Fingern;„ſie haben keine menſchlichen Hunde⸗ namen, ſie ſind angeboten ohne Geld, kein Menſch weiß, was dieſe Beſtien freſſen.“ „Auf den Appetit werden Sie nicht lange zu warten haben,“ verſetzte der Hausherr. Gabriel zog ein Stück Semmel aus der Taſche, die Hunde ſchnappten darnach. „In dieſer Weiſe ſind ſie zuverläſſig,“ ſagte er ein wenig beruhigt.„Aber wie ſoll man ſie in Ihrem Hauſe rufen?“ — 181— „Der Bräuhahn mag bleiben, was er iſt,“ verſetzte Herr Hummel,„aber in meiner Familie ſoll kein Hund Goſe heißen. Ich leide dieſes Getränk nicht.“ Er ſah feindſelig auf das Nachbarhaus hinüber.„Andere Leute laſſen ſich das Zeug täglich über die Straße holen, das iſt für mich kein Grund, ein ſolches Wort in meinem Haushalt zu dulden. Der Schwarze heißt von jetzt ab Bräuhahn und der Rothe Speihahn. Damit abge⸗ macht.“ „Aber, Herr Hummel, das ſind lauter injuriöſe Namen,“ rief Gabriel,„damit wird das Uebel ärger.“ „Das iſt meine Sorge,“ ſagte Herr Hummel ent⸗ ſchloſſen.„Bei Nacht bleiben ſie im Hofe, ſie ſollen das Haus bewachen.“ „Wenn ſie nur leibhaftig aushalten,“ warnte Ga⸗ briel,„die Art kommt und verſchwindet wie ſie will, und nicht wie wir wollen.“ „Sie werden doch nicht des Teufels ſein,“ lachte Herr Hummel. „Wer ſpricht vom Teufel?“ verſetzte Gabriel ſchnell. „Einen Teufel giebt es nicht, das leidet der Profeſſor nimmer, aber von Hunden hat man Beiſpiele.“ Damit zog Gabriel die Thiere in den Hausflur, Herr Hummel rief in die Stube:„Guten Abend, Phi⸗ lippine, hier habe ich dir etwas mitgebracht.“ Frau Hummel trat mit dem Licht in die Thür und ſah erſtaunt auf das Geſchenk, das zu ihren Füßen winſelte. Durch dieſe Demuth wurde das ſtolze Herz der Hausfrau zum Wohlwollen geſtimmt.„Aber ſie ſind häßlich,“ ſagte ſie zweifelnd, als der Rothe und der Schwarze zu ihren beiden Seiten niederſaßen, das Ge⸗ ſäß geſenkt, mit dem Schwanze wedelnd und unter den langen Augenhaaren zu ihr aufblickend.„Und warum zwei?“ 4 „Sie ſind nicht für die Ausſtellung gearbeitet,“ ent⸗ gegnete Herr Hummel begütigend,„es iſt Landwaare. Der eine iſt nur Erſatzmann.“ Nach dieſer Vorſtellung wurden ſie in einen Ver⸗ ſchlag getragen, Gabriel prüfte noch einmal ihre Fähig⸗ keit im Freſſen und Saufen, ſie erwieſen ſich durchaus als regelmäßige, wenn auch nicht durch Leibesſchönheit ausgezeichnete Hunde, und Gabriel ſtieg ſorglos zu ſeiner Kammer hinauf.. Als die Uhr zehn ſchlug und das Gitterthor, wel⸗ ches den Hof von der Straße ſchied, geſchloſſen wurde, ging Herr Hummel ſelbſt zum Hundezwinger hinab, um die neuen Wächter in ihren Beruf einzuweihen. Aber er erſtaunte ſehr, als er ihnen die Thür öffnete. Denn ohne ſein ermunterndes Herrenwort abzuwarten, ſtürz⸗ ten die beiden Creaturen zwiſchen ſeinen Füßen in den Hof hinaus. Wie von einer unſichtbaren Peitſche ge⸗ trieben, fuhren ſie um das Haus und die Fabrik herum, ohne Aufhören, immer neben einander. Und keineswegs ſtillſchweigend. Sie waren bis dahin gedrückt und klein⸗ laut geweſen, jetzt wurden ſie, entweder wegen guter Leibesnahrund, oder weil ihre nächtliche Stunde gekom⸗ men war, ſo geräuſchvoll, daß ſogar Herr Hummel er⸗ ſtaunt zurücktrat; ihr heiſeres ſcharfes Gebell übertönte das Horn des Nachtwächters und die Rufe des Hausherrn, welcher ihnen Mäßigung anempfehlen wollte. O hne Aufhören ging die wilde Jagd im Hofe herum und ein unendliches Gekläff begleitete den Sturmlauf. Die Fenſterflügel des Hauſes öffneten ſich.„Das wird eine lebendige Nacht, Herr Hummel,“ rief Gabriel hinunter. „Aber Heinrich, das iſt ja unerträglich,“ rief die Gattin aus der Schlafſtube. „Es iſt nur die erſte Freude,“ tröſtete Herr Hum⸗ mel, und zog ſich in das Haus zurück. Aber dieſe Anſicht erwies i⸗ als ein Irrthum. Durch die ganze N kacht klang das Gebell der Hunde aus dem Hofe. Auch in den Hauf ſern der Nachbarſchaft wurden Läden aufgeriſſen und laute Scheltworte nach dem Hof des Herrn Hummel geworfen. Am nächſten Morgen ſtand Herr Hummel unſicher auf. Selbſt ihm war ſein kräftiger Bürgerſchlaf durch die Vorwürfe der Gattin geſtört worden, welche jetzt zornig und mit Kf ſchmerzen behaftet beim Frühſtück ſaß. Und als den Hof trat und die Beſchwerden einſammelte, welchei ihm ſeine Leute von der Außenwelt zutrugen, da war auch er einen Augenblick ſchwankend, ob er die Hunde für eine Bereicherung ſeines Hausſtandes halten dürfe. Das Unglück wollte, daß grade in dieſer Stunde dir Markthelfer des Herrn Hahn mit herausfordernder Miene in den Hof trat und meldete: Herr Hahn müſſe — 184— darauf beſtehen, daß Herr Hummel das unerhörte Ge⸗ bell abſchaffe, er werde ſich ſonſt genöthigt ſehen, ſein Recht bei der Polizei zu ſuchen. Dieſer Angriff des Gegners entſchied den innern Kampf des Herrn Hummel.„Wenn ich das Bellen meiner Hunde ertrage, ſo können's andere Leute auch ertragen. Dort ſpielen die Glocken, hier ſingen die Hunde, und wenn jemand vor der Polizei meine An⸗ ſicht hören will, ſo ſoll er genug zu hören bekommen.“ Er ging in das Haus zurück und trat würdig vor ſeine leidende Hausfrau.„Du biſt meine Frau, Phi⸗ lippine, du biſt eine kluge Frau und ich gebe dir nach in jedem Dinge, worin du mir einen verſtändigen Wil⸗ len zeigſt.“ „Sollen zwei Hunde zwiſchen dich und mich treten?“ frug mit ſchwacher Stimme die Gattin. „Niemals,“ verſetzte Hummel,„Hausfriede muß ſein, und dein Kopfſchmerz iſt mir nicht recht. Und ich wollte dir zu gefallen die Bieſter ſchon wieder abſchaffen. Da begegnet mir dies mit dieſen Phantaſten. Zum zweiten Mal bedrohen ſie mich mit Juſtiz und Polizei. Jetzt ſteht meine Ehre auf dem Spiel und ich kann nicht mehr nachgeben. Sei mein gutes Weib, Philippine, verſuch's einige Nächte mit Baumwolle in den Ohren, bis ſich die Hunde an ihre Arbeit gewöhnt haben.“ „Heinrich,“ verſetzte die Gattin matt,„ich habe nie an deinem Herzen gezweifelt, aber dein Character iſt rauh. Und die Hunde haben eine zu häßliche Stimnſſe 1 — 185— Willſt du, um deinen Willen durchzuſetzen, deine Frau durch Schlafloſigkeit leiden ſehen und immer kränker werden ſehen, ſo ſag's. Willſt du, um deinen Charakter zu behaupten, den Frieden mit der Nachbarſchaft opfern, ſo ſag's.“ „Ich will nicht, daß du krank wirſt, und ich will die Hunde nicht weggeben,“ verſetzte Herr Hummel, er⸗ griff ſeinen Filzhut und ging mit ſtarken Schritten nach der Fabrik. Wenn ſich aber Herr Hummel der Hoffnung hin⸗ gab, den ſchwerſten Hauskampf als Sieger beendet zu haben, ſo wandelte er in großem Irrthum. Noch war eine andere Macht innerhalb ſeiner Grenzen übrig, und dieſe eröffnete den Feldzug auf ihre Weiſe. Als Hum⸗ mel in ſeinem kleinen Comtoir an das Pult trat, ſah er neben dem Dintenfaß einen Blumenſtrauß. An dem roſa Seidenband hing ein kleiner Brief, geſiegelt mit der Oblate Vergißmeinnicht, überſchrieben:„Meinem lieben Papa.“„Das iſt mein Blitzmädel,“ murmelte er, öffnete das Billet und las folgende Zeilen:„Lieber Papa, guten Morgen, die Hunde machen uns große Sorgen, ſie ſind gar zu häßlich, und ihr Gebell iſt gräßlich. Was den Unfrieden mehrt, und die Nachbarn ſtört, behalte nicht in Hof und Hut. Sei edel, Vater, hilfreich und gut.“ Hummel lachte kräftig, daß die Arbeit in der Fabrik ſtofkte, und Jedermann über die gute Laune verwundert Mär. Dann bezeichnete er den Zettel mit dem Datum es Empfanges, ſteckte ihn in die Brieftaſche und begab ſich nach Durchſicht der eingelaufenen Briefe nach dem Garten. Er ſah ſeine kleine Hummel mit der Gießkanne über die Beete fahren und Vaterſtolz ſchwellte ihm das Herz. Wie behend ſie ſich drehte und beugte, und wie ihr die dunkeln Löckchen um das blühende Antlitz hingen, und wie geſchäftig ſie die Kanne hob und ſchwenkte! Und als ſie ihn erblickte, das Gefäß hinſetzte und ihm mit dem Finger drohte, da wurde er vollends bezaubert. „Wieder Verſe,“ rief er ihr entgegen,„es iſt Js neun, die ich kriege.“ „Und du wirſt mein guter Papa ſein,“ rief Laura auf ihn zueilend und ſtreichelte ſein Kinn.„Schaffe ſie ab.“ „Siehſt du, Kind,“ ſagte der Vater behaglich,„ich habe ſchon mit deiner Mutter darüber geſprochen, und ich habe ihr auseinander geſetzt, weshalb ich ſie nicht abſchaffen kann. Jetzt darf ich doch nicht dir zu Zefallen thun, was ich deiner Mutter nicht zugeben konnte. Das wäre gegen die Hausordnung. Reſpectire deine Mutter,* kleine Hummel.“ „Du biſt hartherzig, Vater,“ verſetzte die Tochter ſchmollend.„Und ſieh, du haſt in dieſer Sache Unrecht.“ „Oho,“ rief der Vater,„kommſt du mir ſo?“ „Was that uns das Glockenſpiel drüben zu Leid? Das Häuschen iſt hübſch, und wenn wir Abends in Garten ſitzen und der Wind geht und die Glocken l bimmeln, das hört ſich gut an, es iſt wie in I Zauberflöte.“ „Hier iſt keine Oper,“ rief Hummel ärgerlich,„ſon⸗ dern offene Straße. Und wenn meine Hündlein bellen, ſo kannſt du ja auch deine Theaterideen haben und den⸗ ken, daß du in der Wolfsſchlucht biſt.“ „Nein, mein Vater,“ erwiederte die Tochter eifrig. „Du haſt Unrecht gegen die Leute. Denn du willſt ihnen einen Poſſen thun, und das kränkt mich in tiefſtem Her⸗ zen. Und das leide ich nicht an meinem Vater.“ „Du wirſt's doch leiden müſſen,“ erwiederte Hum⸗ mel verſtockt.„Denn dies iſt ein Streit zwiſchen Män⸗ nern, hier finden Paragraphen der Polizeiordnung ſtatt, da bleibe du mit deinen Verſen hübſch davon. Und was die Namen betrifft, ſo iſt wohl möglich, daß andere Wörter, wie Adolar und Ingomar und Marquis Poſa euch Weibern beſſer klingen. Dies aber iſt für mich kein Grund, meine Namen ſind praktiſch. In deinen Blumen und Büchern will ich dir Vieles zu Gefallen thun, aber Poeſie bei Hunden beachte ich nicht.“ Damit kehrte er der Tochter den Rücken, bemüht dieſes Strei⸗ tes ledig werden.— Lauxa aber eilte in die Stube zur Mutter und die Frauey traten in Berathung.„Der Lärm war arg,“ klagte/ Laura,„aber ſchrecklicher iſt der Name. Mutter, Jann dieſes Wort nicht ausſprechen, und du darfſt nichſt leiden, daß unſere Leute die Hunde ſo nennen.“ „Liebes Kind,“ erwiederte die erfahrene Frau,„man ſbt auf Erden viel Unbilliges, aber am meiſten ſchmerzt, as gegen die Würde der Frauen im eigenen Hauſe us geübt wird. Ich ſpreche mich darüber nicht weiter aus. Was nun den Namen Bräuhahn betrifft, ſo hat dieſer, welcher, wie ich höre, ein benachbartes Getränk iſt, man⸗ ches, was zu ſeiner Entſchuldigung geſagt werden kann, und etwas müſſen wir darin dem Vater nachgeben. Die andere Bezeichnung aber, darin gebe ich dir Recht, wäre eine Beſchimpfung der Nachbarn. Doch wenn der Vater merkt, daß wir hinter ſeinem Rücken den rothen Hund Phöbus oder Azor nennen, ſo wird das Uebel ärger.“ „Den böſen Namen wenigſtens ſoll Niemand in den Mund nehmen, dem an meiner Freundſchaft gelegen iſt,“ entſchied Laura, und eilte in den Hof. Gabriel benutzte ſeine einſame Muße, die neuen Ankömmlinge zu beobachten. Es zog ihn öfter nach dem Hundeſtall, dort die irdiſche Beſchaffenheit der Fremd⸗ linge feſtzuſtellen. „Was iſt Ihre Meinung?“ frug Laura zu ihm tretend. „Ich habe ſo meine Meinung,“ antwortete der Die⸗ ner, in die Tiefe des Stalles ſpähend.„NänJich in den da ſteckt doch etwas. Haben Sie heut Nacht den Geſang dieſer Raben beachtet? So bellt kein richtiger Hund. Sie winſeln und jammern, dazwiſchen krächzen ſies und ſprechen wie kleine Kinder. Ihr Freſſen iſt gewöhnlich, aber ihre Lebensart iſt unmenſchlich. Sehen Sie, ua ducken ſie ſich, wie auf's Maul geſchlagen, weil Sonne auf ſie ſcheint.— Und dann, liebes Fräust der Name!“ — 189— 3 Laura ſah neugierig auf die Thiere.„Wir ändern den Namen in der Stille, Gabriel, dieſer hier ſoll nur ⸗ der Rothe heißen.“ .„Das wüäre ſchon beſſer, es wäre wenigſtens nicht ſe injuriös für Herrn Hahn, ſondern nur für die Keller⸗ wohnung.“ e „Wie meinen Sie das?“ d„Da doch drüben der Markthelfer Rothe heißt.“ f„Dann alſo,“ entſchied Laura,„wird das rothe Un⸗ n thier von jetzt ab nur das Andere genannt, und ſo „ ſollen ihn unſere Leute rufen. Sagen Sie das auch den Arbeitern in der Fabrik.“ n„Andres?“ verſetzte Gabriel.„Der Name wird ihm u ſchon recht ſein. Dies Geſindel hat's nicht gern, wenn es mit ordentlichen Zeichen gerufen wird. Dieſes An⸗ dere wird am beſten wiſſen, woher das Eine ſtammt, u dem es zugehört. Na, die Nachbar ſchaft wird meinen, daß er Andreas heißt, damit geſchieht ihm immer noch 3 81 viel E Ehre.“ 1 Soſwar billi liger Sinn geſchäftig, die böſe Vorbe⸗ deutung des Raplens abzuwenden. Vergebens. Denn, b wie Laura richtin bemerkte, wenn der Ball des Unheils d unter die Meyſſchen geworfen wird, ſo trifft er erbar⸗ 1 mungslos die, Guten wie die Böſen. Der Hund wurde mit dem unſſtheinbarſten Namen verſehen, der gar kein Name war. Aber durch eine unbegreifliche Verbindung der Ereignzaſſe, welche allen menſchlichen Scharfſinn 9 hah es, daß Herr Hahn ſelbſt den Vor⸗ 190— namen Andreas führte. So wurde der Doppelname des Geſchöpfes eine doppelte Kränkung des Nachbarhau⸗ ſes, und Alles ſchlug zu ſchrecklichem Unglück um, Tort und gute Meinung kochten zuſammen zu einer dicken ſchwarzen Suppe des Haſſes. Gleich in der Frühe, als Herr Hummel vor die Thür trat und trotzig wie Ajax die beiden Hunde mit ihren feindlichen Namen rief, vernahm Markthelfer Rothe im Kellerſtock den Ruf, eilte in die Stube ſeines Haus⸗ herrn und meldete dieſe häßliche Kränkung. Frau Hahn verſuchte, die Sache nicht zu glauben, und ſetzte durch, daß wenigſtens eine Beſtätigung abgewartet wurde. Aber dieſe Beſtätigung blieb nicht aus. Denn am Nachmit⸗ tag öffnete Gabriel die Thür des Zwingers und zwang die Geſchöpfe, ſich auf eine Viertelſtunde dem Sonnen⸗ licht des Gartens auszuſetzen. Und Laura, welche unter ihren Blumen ſaß, und grade nach ihrem ſtillen Ideal, einem berühmten Sänger, blickte, der mit geölten ſchwarzen Haaren und einem Feldherrnblick vorüberſchritt, verzichtete als wackeres Mädchen darauf, ihrem Liebling durch das Weinlaub nachzuſpähen, und⸗wendete ſich zu den Hunden. Und um den Rothen an ſeinen neuen Namen zu gewöhnen, lockte ſie ihn mit oinem Stückchen Kuchen und rief ihm einigemal das unggſchickte Wort „Andres“ zu. In demſelben Augenblick ſtuürzte Dorchen zu Frau Hahn:„Es iſt richtig, jetzt ruft ihn gar Fräu⸗ lein Laura mit dem Vornamen unſeres Herken.“ Frau Hahn fuhr erſchrocken an das Fenſter unßs vernahm — 191— ſelbſt den Namen ihres lieben Mannes. Sie trat eben leibtheit und einer unabläſſigen Neigung, den Staub Erſtaunt ſah Laura von den garſtigen Hunden auf den unerhörten Beſuch, welcher mit ſtarken Schrit⸗ ten auf ſie zukam. „Ich komme, mich bei Ihnen zu beklagen, Fräulein,, begann Frau Hahn ohne Gruß.„Was in dieſem Hauſe meinem Manne zum Hohn gethan wird, iſt unerträg⸗ lich. Für das Benehmen Ihres Vaters können Sie nicht, aber daß auch Sie ſich auf ſolche Beſchimpfungen einlaſſen, finde ich an einem jungen Mädchen doch zu ſchrecklich.“ „Was meinen Sie damit, Madame Hahn?“ frug Laura mit flammendem Geſicht. „Die Beleidigung eines Menſchen durch Hunde⸗ namen meine ich. Sie rufen ihren Hund mit allen Namen meines Mannes.“ „Das habe ich niemals gethan,“ verſetzte Laura. „Leugnen Sie nicht,“ rief Frau Hahn. „Ich ſpreche keine Unwahrheiten,“ ſagte das Mäd⸗ chen ſtolz. „Mein Mann heißt Andreas Hahn, und wie Sie dieſes Thier nennen, das hört die ganze Nachbarſchaft aus Ihrem Munde.“ Laura's Stolz bäumte auf.„Dies iſt ein Mißver⸗ ſtändniß, und der Hund heißt gar nicht ſo. Was Sie mir ſagen, iſt ungerecht vom Anfang bis zum Ende.“ „Wie ſo ungerecht?“ frug Frau Hahn wieder,„am Morgen ruft der Vater, am Nachmittag die Tochter.“ Auf Lauras Herz ſank eine Centnerlaſt, ſie fühlte ſich hinabgedrückt in einen Abgrund von Unrecht und Greuel. Die That des Vaters lähmte ihre Kraft, auch ihr brachen die Thränen aus den Augen. „Ich ſehe, daß Sie wenigſtens nicht ohne Gefühl für das Unrecht ſind, das Sie begehen,“ fuhr Frau Hahn ruhiger fort,„thun Sie's nicht wieder. Glauben Sie mir, es iſt leicht, andere zu kränken, aber es iſt ein trauriges Geſchäft. Und mein armer Mann und ich haben's um Sie nicht verdient. Denn wir haben Sie aufwachſen ſehen vor unſern Augen, und wenn wir auch ſonſt nicht mit Ihren Eltern im Verkehr ſtehen, wir haben uns immer über Sie gefreut und in unſerm Hauſe iſt Ihnen niemals etwas Böſes gewünſcht wor den. Sie wiſſen nicht, was Hahn für ein guter Mat iſt, aber ſo etwas durften Sie doch nicht thun. W haben, ſeit wir hier wohnen, aus dieſem Hauſe vie — Kränkung erfahren, aber daß auch Sie die Geſinnung Ihres Vaters theilen, das thut mir am allermeiſten weh.“ Laura verſuchte umſonſt ihre Thränen zu trocknen. „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie mir Unrecht thun, zweiter kann ich nichts zu meiner Rechtfertigung ſagen, und ich will es auch nicht. Sie haben mich mehr ge⸗ kränkt, als Sie wiſſen. Und ich muß darauf vertrauen, daß ich gegen Sie ein gutes Gewiſſen habe.“ Mit dieſen Worten eilte ſie in das Haus, Frau Hahn kehrte unſicher über den Erfolg ihres Beſuches dem feindlichen Bau den Rücken. In ihrem Dachſtübchen ſchritt Laura auf und ab und rang die Hände. Unſchuldig und doch ſchuldvoll, trotz gutem Willen bis auf's Blut gekränkt, hineingezo⸗ gen in einen Familienhaß, deſſen Jammer noch gar nicht abzuſehen war, ſo durchflog ſie die Exeigniſſe der letzten Tage in empörter Seele. Endlich ſetzte ſie ſich an ihren kleinen Schreibtiſch, zog ihr Geheimbuch heraus und vertraute ihre Schmerzen dieſem verſchwiegenen Freunde in violettem Leder. Und ſie ſuchte Troſt bei den Seelen Anderer, die aus ähnlichem Weh ſich edel erhoben hatten, und fand endlich eine Beſtätigung ihrer E ebniſſe in der ſchönen Stelle des Dichters:„Vernunft ſtrd Unſinn, Wohlthat Plage, weh dir, daß du ein Enkel at.“ Denn hatte ſie nicht Verſtändiges und Wohl⸗ cuendes gewollt, und war nicht Unſinn und Plage da⸗ aus geworden? Und hatte das Unglück nicht auch ſie Freytag, Handſchrift. I. 13 — 191— ohne ihr Verſchulden getroffen, weil ſie Kind vom Hauſe war? Mit dieſem Satze ſchloß ſie einen leidenſchaftlichen Erguß. Um aber vor dem eigenen Gewiſſen nicht lieb⸗ los zu erſcheinen, ſchrieb das arme Kind ſogleich die Worte darunter: Mein lieber, guter Vater. Dann ſchob ſie ein wenig getröſtet das Buch zurück. Doch als ärgſte Demüthigung empfand ſie, daß ſie von den fremden Leuten drüben ungerecht beurtheilt wurde, und ſie ſchlug die Arme übereinander und ſann, ob ihr nicht dennoch eine Rechtfertigung möglich ſei. Sie ſelbſt konnte nichts thun. Aber da war ein ehr⸗ licher Mann, der von Allen im Hauſe als Vertrauter gebraucht wurde, der ihren Kanarienvogel vom Pips ge⸗ heilt hatte und die kleine Büſte Schillers von einem Spinnenfleck auf der Naſe. Und ſie beſchloß, nur dem treuen Gabriel von den Reden der Frau Hahn zu er⸗ zählen, ohne Noth aber auch nicht der Mutter. Und es fügte ſich, daß gegen Abend Gabriel und Dorchen auf der Straße in ein kleines Geſpräch kamen. Dorchen begann bittere Klage über die Bosheit der Hummeln, Gabriel aber mahnte herzlich:„Laſſen Sie ſich durch dieſen Krieg nicht fortreißen. Es muß auch ſolche geben, welche neutral bleiben. Seien Sie ein Engel, Dorchen, welcher den Frieden und die Kränze in das Haus trägt. Nämlich die Tochter iſt unſchuldig, Darauf wurde die Namengebung noch einmal durchge⸗ ſprochen, und Laura ehrenvoll gerechtfertigÄt. Als Ga⸗ briel ſpäter im Vorbeigehen ſagte:„dieſe Sache iſt in Ordnung, und Herr Hahn hat geſagt, ihm wäre gleich unwahrſcheinlich geweſen, daß Sie es ſo übel mit ihm meinten,“ da fiel ihr zwar die ſchwerſte Laſt vom Herzen, und wieder klang ihr leiſer Geſang durch das Haus, aber ruhig wurde ſie deshalb doch nicht. Denn immer noch blieb ihr Haus gegen die Nachbarn im Un⸗ recht, und die Menſchen von jenſeits wurden durch den Zorn des Vaters ſchwer gekränkt. Ach, dies gewaltige Ge⸗ müth konnte ſie nicht bändigen, aber ſie mußte verſuchen, in der Stille ſein Unrecht zu ſühnen. Darüber grübelte ſie noch am ſpäten Abend beim Auskleiden. Und als ſie bereits im Bette lag und vieles gefunden und verworfen hatte, da kam ihr der rechte Einfall, und ſie ſprang noch einmal auf, zündete das Licht an und lief im Hemde nach dem Schreibtiſch. Dort ſchüttete ſie ihr Beutel⸗ chen aus, und überzählte die neuen Thaler, die ihr der Vater zu Weihnacht und am Geburtstage geſchenkt hatte. Dieſe Thaler beſchloß ſie zu einer geheimen Abbitte zu verwenden. Vergnügt nahm ſie den Perlenbeutel zu ſich ines Bett, legte ihn unter das Kopfkiſſen, und ſchlief darüber in Frieden ein, obgleich wieder die wilde Jagd der Geſpenſterhunde um das Haus tobte, greulich und unaufhörlich. Am nächſten Morgen ſchrieb Laura mit großen ſteifen Buchſtaben Name und Wohnung des Herrn Hahn auf ein leeres Couvert, ſiegelte daſſelbe mit einem Veil⸗ chen, welches die Umſchrift trug:„ich verberge mich,“ und ſteckte die Adreſſe in ihre Taſche. Als ſie wegen 13* — 196— eines Einkaufs nach der Stadt ging, machte ſie auf eigene Gefahr einen Seitenweg zu einem Hanmsger tner, mit dem ſie perſönlich nicht bekannt war. Dort kaufte ſie den dicken Buſch einer Zwergorange voll von Blü⸗ then und goldenen Früchten, ein Prachtſtück des Glas⸗ hauſes, ſie fuhr den Strauch mit pochendem Herzen in geſchloſſener Droſchke, bis ſie einen Lohnträger fand, und empfahl mit einer außerordentlichen Vergütigung dem Träger, Strauch und Couvert ohne Gruß und Wort im Hauſe des Herrn Hahn niederzuſetzen. Redlich führte der Mann den Auftrag aus. Dor⸗ chen entdeckte den Stock im Hausflur und in der Fami⸗ lie Hahn begann eine kleine ſehr behagliche Aufre⸗ gung, fruchtloſes Sinnen, wiederholte Beſichtigung, eitles Vermuthen. Als Laura am Mittag durch das Wein⸗ laub in den Garten hinüberſpähte, hatte ſie die Freude, den Orangenſtrauch auf einem ausgezeichneten Platz vor der weißen Muſe zu erblicken. Allerliebſt leuchtete der Buſch in Weiß und Gold über die Straße. Und Laura ſtand lange hinter den Ranken und faltete unwillkürlich die Hände. Das Unrecht war von ihrer Seele genommen. Dann wandte ſie ſich in gehobener Stimmung ab von dem feindlichen Hauſe Unterdeß hing eine Polizeibeſchwerde und eine ge⸗ richtliche Klage zwiſchen den beiden Häuſern. Die letz⸗ tere wurde durch Einfügung des Namens Speihahn noch an demſelben Tage gefährlich verſchärft. Und der Frieden im Hauſe und in der Nachbar⸗ ſchaft blieb geſtört. Zuerſt hatte das Glockenſpiel die allgemeine Meinung gegen Herrn Hahn aufgeregt, aber durch die Hunde wurde die Stimmung gründlich geän⸗ dert, die ganze Straße zog ſich nach dem Stroh hinüber, der Filz hatte alle Welt gegen ſich. Herrn Hummel kümmerte das wenig. Des Abends ſaß er im Garten auf dem umgeſtürzten Kahn und ſah ſtolz auf das Nach⸗ barhaus, während Bräuhahn und das Andere zu ſeinen Füßen lagen und nach dem Mond blinzten, der in ſeiner gewohnten Weiſe boshaft herniederblickte auf Hummel, auf Hahn, auf die übrige Welt. Und es geſchah, daß in einer der nächſten Nächte unter Hundegebell und Mondſchein am chineſiſchen Bau des Herrn Hahn alle Glocken abgeriſſen und geſtohlen wurden. — 8. Noch einmal Tacitus. Unſer Volk weiß, daß alle verlorenen Dinge unter den Krallen des Böſen liegen. Wer etwas ſucht, der hat zu rufen:„Teufel, nimm die Pratze weg.“ Dann liegt's plötzlich da vor den Augen der Menſchen, es war ſo leicht zu finden, man iſt hundertmäl herum gegangen, man hat darüber und darunter geſehen, das Unwahr⸗ ſcheinlichſte hat man durchſucht und an das Nächſte nicht gedacht. Zuverläſſiig war es mit der Handſchrift nicht an⸗ ders, ſie lag unter der Tatze des Böſen, oder eines Kobolds ganz in der Nähe der Freunde; wenn man die Hand aus⸗ ſtreckte, war ſie zu faſſen; der Erwerb wurde nur noch durch ein Bedenken aufgehalten, durch die Frage: wo? Ob dieſe Verzögerung für beide Gelehrte die große oder kleine Frage peinlicher Tortur werden ſollte, das allein war noch zweifelhaft. Indeß auch über dieſe Unſicherheit konnte man hinwegkommen; die Hauptſache war, daß die Handſchrift ſelbſt wirklich und vorhanden da lag. Und kurz, die Sache ſtand im Ganzen ſo gut als irgend möglich, es fehlte nur noch eben die Handſchrift. „Ich ſehe,“ ſagte der Doctor dem Freunde,„du biſt — 199— angeſtrengt befliſſen, die Erwachſenen zu bilden, ich ſenke den Codex in die Seelen der nächſten Generation. Hans der älteſte iſt weit entfernt, die Auffaſſung des Vaters und der Schweſter zu theilen, er zeigt Gemüth für den alten Schatz. Und wenn uns ſelbſt nicht gelingt, die Entdeckung zu machen, er wird einmal die Hausmauer nicht ſchonen.“ Im Einvernehinen mit Hans nahm der Doctor ganz in der Stille ſeine Nachforſchungen wieder auf.. In ruhigen Stunden, wo der Landwirth arglos bei ſei⸗ ner Ernte umherritt und der Profeſſor im Zimmer ar⸗ beitete oder in der Gaisblattlaube ſaß, ſtrich der Doctor ſpionirend im Innern des Hauſes. In dem Kittel eines Arbeiters, den Hans auf ſein Zimmer gebracht hatte, durchforſchte er die ſtaubigen Höhen und Tiefen des Raumes. Und mehr als einmal erſchreckte er die die⸗ nenden Frauen der Wirthſchaft, wenn er plötzlich hinter einer alten Tonne des Kellers auftauchte, oder wenn er rittlings auf einem Balken des Dachſtuhls dahinfuhr. Bei dem Milchkeller war für Anbau einer Eisgrube ein Loch gegraben, die Arbeiter hatten ſich in der Mittags⸗ ſtunde entfernt, und die Mamſell ging arglos in der Nähe der bloßgelegten Mauer vorüber. Da erblickte ſie plötzlich einen Kopf ohne Leib, mit feurigen Augen und geſträubtem Haar, welcher langſam auf dem Erdboden dahinwandelte und hohnlachend das Geſicht auf ſie zu⸗ kehrte. Sie ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſtürzte in die Küche, wo ſie auf einem Schemel in — 200— Ohnmacht ſank und erſt durch vieles Zureden und Begie⸗ ßen mit Waſſer zum Leben erweckt wurde. Beim Mittag⸗ eſſen war ſie ſo verſtört, daß ſie jedermann auffiel, und da ergab ſich endlich, daß der teufliſche Kopf auf den Schultern ihres Tiſchnachbars ſaß, der heimlich in das Loch geſtiegen war, um das Mauerwerk zu unterſuchen. Bei dieſer Gelegenheit entdeckte der Doctor mit einiger Schadenfreude, daß das gaſtliche Dach, welches ihn und den Codex vor Regen ſchützte, über einem an⸗ erkannten Geſpenſterhauſe ſtand. Es ſpukte heftig in dem alten Bau, Geiſter wurden häufig geſehen, und die Berichte gingen nur darin auseinander, ob es ein Mann in grauer Kutte, ein Kind in weißem Hemd⸗ chen, oder ein Kater von der Größe eines Eſels ſei. Jedermann wußte, daß ab und zu ein unerklärliches Klopfen, Raſſeln, Donnern und unſichtbares Steinwer⸗ fen ſtattfand, zuweilen war das ganze Anſehen des Land⸗ wirths und ſeiner Tochter nöthig, um den Ausbruch eines paniſchen Schreckens unter den Dienſtboten zu ver⸗ hindern. Auch die Freunde hörten in ſtiller Nacht un⸗ berechtigte Töne, Geächz, Gepolter und herausforderndes Geklopf an den Wänden. Dieſe Unarten des Hauſes erklärte der Doctor zur Zufriedenheit des Landwirths aus ſeiner Theorie der alten Mauern. Er erläuterte, daß viele Geſchlechter von Wieſeln, Ratten und Mäuſen den dicken Steinbau canaliſirt und ein Syſtem von be⸗ deckten Gängen und Burgen angelegt hatten. Deshalb wurde jedes geſellige Vergnügen und jede Zänkerei, wel⸗ — 201— cher ſich die Inſaſſen der Mauer ergaben, durch dum⸗ pfes Getöſe bemerkbar. Aber in der Stille horchte der Doctor doch ärgerlich auf das geheime Rumoren ſeiner Wandnachbarn. Denn wenn dieſe ſo aufgeregt um den Codex herumtobten, drohten ſie die ſpätere Arbeit der Wiſſenſchaft ſehr zu erſchweren. So oft er heftig knab⸗ bern hörte, mußte er denken, ſie freſſen wieder eine Zeile weg, jedenfalls wird eine Menge Conjecturen nöthig werden. Und es war nicht das Nagen allein, wodurch dies Mauſevolk den Codex, der unter ihnen lag, verunzierte. Aber für die große Geduld, welche in dieſer Ange⸗ legenheit nöthig war, wurde der Doctor durch andere Entdeckungen entſchädigt. Er beſchränkte ſich nicht auf Haus und Hof, ſondern durchſuchte auch die Umgegend nach alten Volkserinnerungen, welche noch hie und da am Rocken der Spinnſtuben hingen und ſich um den Kochtopf alter Mütterchen kräuſelten. Gleich am zwei⸗ ten Tage machte er durch geheime Vermittelung der Taglöhnerfrau die Bekanntſchaft einer Mährchenerzählerin im nächſten Dorfe. Nachdem die liebe alte Frau den erſten Schreck vor dem Titel des Doctors und die Furcht überwunden hatte, er wolle ihr wegen unbefugter ärzt⸗ licher Praxis zu Leibe gehen, ſang ſie ihm mit zittern⸗ der Stimme die Liebeslieder ihrer Jugend und erzählte mehr, als der Hörer nachzuſchreiben vermochte. Jeden Abend brachte der Doctor beſchriebene Blätter nach „Hauſe, ſehr bald fand er in ſeiner Sammlung alle be⸗ kannten Charaktere unſerer Volksſagen, einen wilden Jäger, einige Frau Hollen, drei weiße Fräulein, mehre Mönche, einen undeutlichen Nix, der in der Geſchichte zwar als Handwerksburſche auftrat, aber ganz unleug⸗ bar urſprünglich ein Waſſermann geweſen war, und zu⸗ letzt viele kleine Zwerge. Zuweilen begleitete ihn auf dieſen Ausflügen Hans, der älteſte, der den Doctor bei den Landleuten einführte, und ſich hütete dem Vater und der Schweſter über dieſe Jagdzüge eine Mittheilung zu gönnen. Nun iſt allerdings möglich, daß hier und da ein Erdloch oder ein Brunnen im Felde ohne Berechti⸗ gung mit einem Geiſte verſehen wurde. Denn als die weiſen Frauen des Dorfes merkten, wie ſehr der Doc⸗ tor ſich über ſolche Mittheilungen freute, wurde in ihnen die uralte Erfindungskraft des Volkes aus langem Schlummer geweckt, und es kam ihnen ſo vor, als ob hie und da noch etwas von dem Geiſtervolk ſtecken müſſe. Im Ganzen aber bewieſen beide Theile einander deutſche Treue und Gewiſſenhaftigkeit, und zuletzt war der Doctor auch kein Mann, den man leicht hintergehen konnte. Als er einſt von ſolchem Beſuche nach dem Schloſſe zurückkehrte, begegnete er auf einſamem Fußpfade der Taglöhnerfrau. Sie ſah ſich vorſichtig um und geſtand ihm endlich, wenn er ſie nicht dem Gutsherrn verrathen wolle, ſo könne ſie ihm wohl etwas mittheilen. Der Doc⸗ tor gelobte unverbrüchliche Verſchwiegenheit. Darauf er⸗ zählte die Frau, im Keller des Schloſſes, auf der Seite gegen Morgen in der rechten Ecke ſei ein Stein, mit 4 203— drei Kreuzen bezeichnet. Dahinter liege der Schatz. Das habe ſie von ihrem Großvater gehört, und der habe es von ſeinem Vater, und dieſer ſei im Schloß in Dienſten geweſen, und zu deſſen Zeit hätte der damalige Ober⸗ amtmann den Schatz heben wollen; als ſie aber deshalb in den Keller gingen, habe es einen fürchterlichen Knall und ein ſolches Getöſe gegeben, daß ſie entſetzt zurück— gelaufen ſeien. Das aber mit dem Schatz ſei ſicher, denn ſie habe den Stein ſelbſt angefühlt, die Zeichen ſeien deutlich eingegraben. Jetzt ſei der Weinkeller dort, der Stein durch ein Hohlzgeſtell verdeckt. Der Doctor nahm dieſe Mittheilung mit Ruhe auf, beſchloß aber, ganz für ſich Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen. Er ſagte weder dem Profeſſor, noch ſeinem Hans ein Wort, lauerte aber auf eine Gelegenheit. Seine Vertraute trug den Wein, welcher unabänderlich vor dem Platz der Gäſte ſtand, zuweilen ſelbſt aus dem Keller und wieder zurück. Am nächſten Morgen folgte er ihr kühnlich, die Frau ſprach kein Wort als er hinter ihr in den Verſchlag trat, ſondern wies ſcheu in eine Ecke der Wand. Der Doctor ergriff die Lampe, hob ein Dutzend Flaſchen von ihrer Stelle und taſtete an dem Geſtein; es war ein großer behauener Stein mit drei Kreuzen. Er ſah die Frau bedeutungsvoll an,— ſie hat ſpäter im engſten Vertrauen erzählt, die gläſernen Schilde vor ſeinen Augen hätten in dieſem Augenblick ſo ſchrecklich gegen die Lampe geleuchtet, daß ihr ganz angſt geworden ſei,— er aber ging ſchweigend herauf, 2014— entſchloſſen, die Entdeckung bei erſter Gelegenheit gegen den Landwirth zu benutzen. Doch die größte Ueberraſchung ſtand dem Doctor noch bevor, ſeine ſtille Arbeit wurde durch den ſeligen Frater Tobias ſelbſt unterſtützt, ja durch das Lebensende dieſes frommen Märtyrers gleichſam geweiht. Die Freunde ſtiegen nämlich nach Roſſau hinab, von dem Landwirth, den ein Geſchäft zur Stadt führte, be⸗ gleitet. Der Landwirth führte die Freunde zum Bürger⸗ meiſter und erſuchte dieſen, den Herren, als zuverläſſigen Männern, vorzulegen, was etwa von alten Schriften vorhanden ſei. Der Bürgermeiſter, ein ehrlicher Ger⸗ ber, fuhr in ſeinen Rock und brachte ſelbſt die Gelehr⸗ ten vor das alte Kloſtergebäude. Es war nicht viel daran zu ſehen, ein neues Dach, innerer Umbau, nur die Mauern ſtanden noch, kleine Beamte des Landesher rn wohnten in den Zellen. Ueber das Rathsarchiv ſtellte der Bürgermeiſter die Muthmaßung auf, daß wohl nicht viel darin ſein werde, er empfahl die Herren in dieſer Angelegenheit dem Stadtſchreiber und ging ſelbſt nach dem Schießhauſe, um ſich nach ſchwerem Regierungsakt eine Partie Solo anzuthun. Der Stadtſchreiber neigte ſich reſpectvoll vor ſeinen Collegen von der Feder, ergriff ein roſtiges Schlüſſelbund, und öffnete das kleine Gewölbe des Rathhauſes, wo alte Akten in dicker Staubhülle die Zeit erwarteten, in welcher ihr Stillleben unter dem Stampfer einer Papiermühle enden würde. Die Stadt⸗ ſchreiberei wußte ein wenig unter den alten Papieren Beſcheid, begriff auch vollſtändig die Wichtigkeit der Mit⸗ theilungen, welche von ihr erwartet wurden, verſicherte aber der Wahrheit gemäß, daß durch zwei Stadtbrände ſowie durch Unordnung in früherer Zeit jede alte Nach⸗ richt verloren ſei. Man kannte auch keinerlei Außzeich⸗ nung in einem Privathauſe, nur in der gedruckten Chro⸗ nik einer Nachbarſtadt waren einige Notizen über das Darnach war der Ort durch einige Jahre ein Trümmer⸗ hauf und faſt unbewohnt geweſen. Im Uebrigen lebte das Städtchen geſchichtslos fort und der Stadtſchreiber betheuerte, man wiſſe hier nichts von der alten Zeit und kümmere ſich gar nicht darum. Vielleicht ſei in der Re⸗ ſidenz etwas über die Stadt zu erfahren. Die Freunde aber ſchritten unermüdlich von einem klugen Mann zum andern, und frugen wie im Mähr⸗ chen nach dem Vogel mit goldenen Federn. Zwei Erd⸗ männchen hatten nichts gewußt, jetzt blieb noch das dritte. Sie ließen ſich alſo zu dem katholiſchen Pfarrer führen. Ein kleiner alter Herr empfing ſie mit tiefen Bücklingen, der Profeſſor ſetzte ihm auseinander, daß er über die letzten Schickſale des Kloſters Auskunft ſuche, vor Allem, was aus einem der letzten Mönche, dem ehrwürdigen Bruder Tobias Bachhuber, in ſeinen Jahren gewor⸗ den ſei. „Aus ſo entlegener Zeit werden keine Todtenſcheine verlangt,“ verſetzte der Geiſtliche,„ich kann den hochver⸗ ehrten Herrn koshalh keinerlei Beſcheid verſprechen. — 206— Dennoch, wenn es Ihnen nur darum zu thun, und Sie nichts der Kirche Nachtheiliges aus alten Schriften eruiren wollen, bin ich gewillt, denſelben das älteſte der vorhandenen Bücher zu präſentiren.“ Er ging in eine Kammer und brachte ein langes ſchmales Buch hervor, dem der Moder des feuchten Raumes die Ränder be⸗ ſchädigt hatte.„Anhier ſind einige Notata meiner im Herrn ruhenden Vorgänger, vielleicht daß den verehrten Herren dieſes dienen kann. Weiteres bin ich nicht im Stande, weil Aehnliches nicht mehr vorhanden.“ Auf dem Vorſetzblatt ſtand ein Verzeichniß geiſtli⸗ cher Würdenträger des Ortes in lateiniſcher Sprache. Eine der erſten Notizen war:„Im Jahre des Herrn 1637 im Monat Mai iſt der verehrungswürdige Bruder Tobias Bachhuber, der letzte Mönch hieſigen Kloſters, an der Seuche der Peſtilenz geſtorben. Der Herr ſei ihm gnä⸗ dig.“ Der Profeſſor wies dem Freunde ſchweigend die Stelle, der Doctor ſchrieb die lateiniſchen Worte ab, ſie gaben dankend das Buch zurück und empfahlen ſich. „Und die Handſchrift liegt doch in dem Hauſe,“ rief der Profeſſor auf der Straße. Der Doctor dachte an die drei Kreuze und lächelte vor ſich hin. Er war keineswegs mit den taktiſchen Maßregeln einverſtanden, welche er ſeinen Freund zur Rettung des Codex aus⸗ führen ſah. Wenn der Profeſſor behauptete, daß ihre einzige Hoffnung auf dem Antheil beruhe, den ſie nach und nach dem Hausherrn beibringen könnten; ſo hegte der Doctor den Verdacht, daß ſein Freund zu dieſer langſamen Kriegführung nicht durch reinen Eifer für die Handſchrift gebracht werde. Der Landwirth aber beobachtete über die Hand⸗ ſchrift ein hartnäckiges Schweigen; warf der Doctor ein⸗ mal eine Anſpielung hin, ſo verzog der Wirth ſpöttiſch das Geſicht und lenkte das Geſpräch ſogleich auf etwas anderes. Das durfte ſo nicht bleiben. Der Doc⸗ tor beſchloß jetzt, wo ſeine Abreiſe bevorſtand, eine Ent⸗ ſcheidung zu erzwingen. Als die Männer am Abend im Garten zuſammen ſaßen, und der Landwirth in heiterer Ruhe auf ſeine Obſtbäume ſah, begann der Doctor den Angriff.„Ich gehe nicht von hier, mein Gaſtfreund, ohne Sie an unſern Contract erinnert zu haben.“ „An welchen Contract?“ frug der Landwirth wie ein Mann, der ſich an nichts erinnert. „Wegen der Handſchrift,“ fuhr der Doctor ent⸗ ſchloſſen fort,„die bei Ihnen verborgen liegt.“ „So? Sie ſagten ja ſelbſt, es ſei Alles hohl. Da wird uns nichts übrig bleiben, als das Haus vom Dach bis zum Keller nieder zu reißen; ich dächte, damit war⸗ teten wir bis zum nächſten Frühjahr, wo Sie wieder zu uns kommen ſollen. Denn wir müßten in dieſem Falle doch in den Scheunen wohnen, und die ſind jetzt voll.“ „Das Haus mag vorläufig ſtehen bleiben,“ ſagte der Doctor,„wenn Sie aber immer noch meinen, daß die Mönche ihr Kloſtergut wieder heraus geholt haben, ſo ſteht dieſer Anſicht ein Umſtand entgegen. Wir ha⸗ ben in Roſſau ermittelt, daß der wackere Bruder, der 4 — — 208— im April die Sachen hier verſteckt hatte, ſchon im Mai an der Peſtilenz geſtorben iſt. Laut Angabe des Kirchen⸗ buches; hier iſt die Stelle.“ Der Landwirth ſah in die Brieftafel des Doctors, klappte ſie wieder zu und ſagte:„Dann haben ſeine Herren Mitbrüder das Eigenthum herausgeholt.“ „Das iſt kaum möglich,“ verſetzte der Doctor,„denn er war der letzte ſeines Kloſters.“ „Dann alſo haben's andere Stadtleute geholt.“ „Aber die Einwohner der Stadt haben ſich damals verlaufen, der Ort lag Jahre lang verwüſtet, menſchen⸗ leer, in Trümmern.“ „Hm,“ begann der Landwirth in guter Laune,„die Herrn Gelehrten ſind ſtrenge Mahner und wiſſen auf ihrem Recht zu beſtehen. Sagen Sie alſo grade heraus, was wollen Sie von mir? Sie müßten mir doch vor allem eine einzelne Stelle angeben können, die nicht nur Ihnen verdächtig iſt, ſondern die auch nach gemeinem Urtheil etwas zu verſchließen ſcheint, und das ſind Sie zuverläſſig nicht im Stande.“ „Ich weiß eine ſolche Stelle,“ erwiederte der Doctor dreiſt,„und ich ſtelle Ihnen gegenüber die Vermuthung auf, daß der Schatz dort liegt.“ Der Profeſſor und der Landwirth ſahen erſtaunt auf ihn.„Folgen Sie mir in den Keller,“ rief der Doctor. Ein Licht wurde angezündet, der Doctor führte zu 4 dem Verſchlage, in welchem der Wein lag.„Wie kommſt — 2⁰9— du zu der ſiegesfrohen Zuverſicht?“ frug ihn der Pro⸗ feſſor leiſe auf dem Wege. „Ich argwöhne, daß du deine Geheimniſſe haſt,“ verſetzte der Doctor,„laß mir die meinen.“ Geſchäftig räumte er die Flaſchen aus einer Ecke, leuchtete an den Stein und ſchlug mit einem großen Schlüſſel an die Mauer,„die Stelle iſt hohl, und der Stein iſt bezeichnet.“ „Es iſt richtig,“ ſagte der Landwirth,„dahinter iſt ein leerer Raum; und er iſt jedenfalls nicht klein. Aber der Stein iſt einer von den Grundſteinen des Hauſes und nirgend iſt ſichtbar, daß er einmal aus ſeiner Lage gerückt wurde.“ „Nach ſo langer Zeit würde man das ſchwerlich erkennen,“ warf ihm der Doctor entgegen. Der Landwirth unterſuchte ſelbſt die Mauer.„Eine große Platte liegt darüber, es iſt vielleicht möglich, den bezeichneten Stein von der Stelle zu heben.“ Er überlegte eine Weile und fuhr endlich fort:„Ich ſehe, ich muß Ihnen einen Preis zahlen. Ich will damit die erſte Stunde unſerer Bekanntſchaft ausgleichen, die mir immer noch auf der Seele liegt. Und da wir drei hier wie Verſchwörer im Keller ſtehen, ſo wollen wir uns auf das frühere Abkommen verpflich⸗ ten. Ich will einmal thun, was ich für ſehr un⸗ nöthig halte. Dafür werden Sie, wenn Sie jemals über die Sache ſprechen oder ſchreiben, auch mir das Zeugniß nicht verſagen, daß ich allen billigen Wünſchen nachgegeben habe.“ Freytag, Handſſchrift. I. 14 „Wir werden ſehn, was ſich thun läßt,“ verſetzte der Doctor. 1 „Wohlan, in einem Steinbruch an meiner Grenze ſind fremde Arbeiter beſchäftigt, ſie ſollen verſuchen, den Stein auszulöſen und wieder in ſeine Lage zu bringen. Damit wird, wie ich hoffe, dieſe Sache für immer ab⸗ gemacht.— Ilſe, laß morgen in der Frühe das Holz⸗ geſtell im Weinkeller ausräumen.“ Am nächſten Tag kamen die Steinarbeiter, mit ihnen ſtiegen die drei Herren und Ilſe in den Keller und ſahen neugierig zu, wie Spitzhacke und Brecheiſen ihre Gewalt an dem vierkantigen Stein verſuchten. Er war auf den Fels geſetzt und tüchtige Anſtrengung war nöthig, ihn zu löſen. Aber auch die Leute erklärten, daß dahinter eine große Höhlung ſei, und arbeiteten mit einem Eifer, der durch den Ruf des geſpenſtigen Hauſes ſehr geſteigert wurde. Endlich wich der Stein, eine dunkle Oeffnung bot ſich den Augen, die Zuſchauer tra⸗ ten näher, die beiden Gelehrten in lebhafter Spannung, auch der Landwirth und ſeine Tochter voll Erwartung. Der Steinbrecher faßte ſchnell das Licht und hielt es vor die Oeffnung, ein feiner Dunſt zog heraus, erſchreckt fuhr der Mann mit dem Lichte zurück.„Da drin liegt etwas Weißes,“ rief er zwiſchen Angſt und Hoffnung. Ilſe ſah auf den Profeſſor, der mit Mühe die Erregung beherrſchte, welche in ſeinem Antlitze arbeitete. Er griff nach dem Licht, da wehrte ſie ihm und rief ängſtlich: „Nicht Sie.“ Sie eilte zu der Oeffnung und fuhr K — 211— mit der Hand in den hohlen Raum. Sie faßte Greif⸗ bares, man hörte ein Raſſeln, ſie zog ſchnell die Hand zurück, aber auch ſie warf, was ſie feſtgehalten, erſchreckt auf den Boden: es war ein Stück Gebein. „Das iſt eine ernſte Antwort auf Ihre Frage,“ rief der Landwirth,„wir zahlen einen theuren Preis für den Scherz.“ Er nahm das Licht und ſuchte jetzt ſelbſt in der Oeffnung, ein Haufen zuſammengefallener Knochen lag darin. Die Andern ſtanden in unbehaglichem Schweigen herum. Endlich warf der Landwirth einen Schädel in den Keller und rief ſich erhebend als ein Mann, der von peinlichem Gefühl befreit wurde:„Es iſt das Gebein eines Hundes!“ „Es war ein kleiner Hund,“ beſtätigte der Stein⸗ hauer, und ſchlug mit dem Eiſen an einen Knochen, das morſche Gebein brach in Stücke. „Ein Hund!“ rief der Doctor erfreut, und vergaß für einen Augenblick ſeine getäuſchte Hoffnung.„Das iſt lehrreich. Die Grundmauer dieſes Hauſes muß ſehr alt ſein.“ „Es freut mich, daß Sie auch mit dieſem Fund zufrieden ſind,“ verſetzte der Landwirth ironiſch. Der Doctor aber ließ ſich nicht ſtören und er⸗ zählte, wie im frühen Mittelalter ein abergläubiſcher Brauch geweſen ſei, in die Grundmauer feſter, Ge⸗ bäude etwas Lebendes einzuſchließen. Die Gewohnheit ſtamme aus uralter Heidenzeit. Die Fälle ſeien ſelten genug, wo man dergleichen in alten Bauten gefunden, 14* — 2102— und das Gerippe des Thieres ſei eine ſchöne Beſtä⸗ tigung. 5 Wenn es Ihre Anſicht beſtätigt,“ ſagte der Land⸗ wirth,„meine beſtätigt es auch. Eilt, ihr Leute, den Stein wieder feſt zu machen.“ Jetzt leuchtete und fühlte auch der Steinhauer in die Oeffnung und erklärte, daß nichts mehr darin ſei. Die Arbeiter rückten den Stein an ſeine Stelle, der Wein wurde eingeräumt und die Sache war abgethan. Der Doctor aber trug die ſpöttiſchen Bemerkungen, welche der Landwirth nicht ſparte, mit großer Ruhe, und ſagte ihm:„Was wir erreicht haben, iſt allerdings nicht viel, aber wir wiſſen doch jetzt mit Sicherheit, daß die Hand⸗ ſchrift nicht an dieſer Stelle Ihres Hauſes liegt, ſondern an einer andern. Ich nehme ein ſorgfältiges Verzeich⸗ niß aller hohlen Stellen mit, und wir begeben uns unſerer Anſprüche an Ihr Haus wegen dieſes Fundes durchaus nicht, ſondern wir betrachten Sie von jetzt ab als einen Mann, der den Codex zu ſeinem Privatge⸗ brauch auf unbeſtimmte Zeit geliehen hat, und ich ver⸗ ſichere Sie, Wunſch und Sorge werden uns unaufhör⸗ lich um dieſes Haus ſchweben.“ „Laſſen Sie den Menſchen, die darin wohnen, auch etwas von den guten Wünſchen zu Theil werden,“ er⸗ wiederte lachend der Landwirth,„und vergeſſen Sie nicht, daß Sie bei Ihrem Suchen nach der Handſchrift in Wahrheit auf den Hund gekommen ſind. Ich hoffe übrigens, daß dieſe Entdeckung mein armes Haus von —— dem üblen Rufe befreien wird, Schätze zu enthalten. Und um dieſen Gewinn will ich mir die unnöthige Ar⸗ beit recht gern gefallen laſſen.“ „Das iſt der größte Irrthum Ihres Lebens,“ er⸗ wiederte der Doctor überlegen,„grade das Entgegenge⸗ ſetzte wird ſtattfinden. Unſere Entdeckung wird von allen Leuten, welche ein Gemüth für Schätze haben, ſo verſtanden werden, daß Ihnen nur der Glaube fehlte, und daß Sie nicht die nöthige Feierlichkeit anwandten; deshalb iſt der Schatz Ihren Augen entrückt, und zur Strafe der Hund beigeſetzt worden. Ich weiß beſſer, wie Ihre Nachbarn dergleichen der Nachwelt überliefern. Harre in Frieden deiner Erweckung, Tacitus, dein be⸗ harrlichſter Freund ſcheidet, denn er, den ich dir zurück⸗ laſſe, fängt an, der Gleichgültigkeit dieſes Hauſes un⸗ billige Zugeſtändniſſe zu machen.“ Er ſah ernſthaft auf den Profeſſor hinüber und rief ſeinen Begleiter Hans zu einem letzten Beſuche im Dorfe, um dort noch von ſeinen weiſen Frauen dank⸗ baren Abſchied zu nehmen und ein ſchönes Volkslied ein⸗ zuheimſen, dem er auf die Spur gekommen war. Er blieb lange aus, denn nach dem Liede kam un⸗ vermuthet noch eine wundervolle Geſchichte zum Vor⸗ ſchein von einem Herrn Dietrich und ſeinem Pferd, welches Feuer ſchnaubte. Als der Profeſſor gegen Abend nach ihm ausſah, traf er auf Ilſe, welche, ihren Strohhut in der Hand, zu einem Gang in's Freie gerüſtet war.„Iſt Ihnen — 214— recht,“ ſagte ſie,„ſo gehen wir Ihrem Freunde entgegen.“ Sie ſchritten einen Rain entlang, zwiſchen abgeräumten Feldern, auf denen hier und da wildes Grün aus den Stoppeln herauftrieb. „Der Herbſt naht,“ bemerkte der Profeſſor,„das iſt die erſte Mahnung.“ „Wir in der Wirthſchaft,“ erwiederte Ilſe,„ſind wie Till Eulenſpiegel gutes Muths, ſo oft wir im Win⸗ ter durchmachen, was Andern läſtig ſcheint. Wir den⸗ ken dann auf das nächſte Frühjahr, und wir freuen uns der Ruhe. Wenn die Windsbraut dahinfährt und den Schnee mannshoch in die Thäler weht, wir ſitzen im Warmen.“ „Uns in der Stadt aber vergeht der Winter, faſt ohne daß wir ihn merken. Nur die kurzen Tage, die weißen Dächer erinnern daran, unſere Arbeit aber ver⸗ läuft unabhängig vom Wechſel der Jahreszeiten. Und doch hat mich der Blätterfall ſeit meiner Kindheit be⸗ trübt, und im Frühjahr habe ich immer Luſt, die Bücher bei Seite zu werfen und durch das Land zu laufen wie ein Handwerksgeſell.“ Sie ſtanden an einem Garbenhaufen. Ilſe bog einige Aehrenbündel zum Sitz zurecht und ſah über die Felder nach den fernen Bergen. „So iſt's mit uns grade umgekehrt und anders als man denken ſollte“, begann ſie nach einer Weile,„wir ſind hier wie die Vögel, die Jahr aus Jahr ein luſtig mit den Flügeln ſchlagen, Sie aber denken und 7 1 4 ſorgen um andere Zeiten und andere Menſchen, die lange vor uns waren; Ihnen iſt das Fremde ſo vertraut, wie uns der Aufgang der Sonne und die Sternbilder. Und wenn Ihnen wehmüthig iſt, daß der Sommer en⸗ det, eben ſo wird es mir ſchmerzlich, wenn ich einmal von vergangener Zeit höre und leſe, und am traurig⸗ ſten machen mich die Geſchichtsbücher. So viel Unglück auf Erden, und grade die Guten nehmen ſo oft ein Ende mit Leid. Und ich werde dann vermeſſen und frage, warum hat der liebe Gott das ſo gewollt? Und es iſt wohl recht thörigt, wenn ich das ſage, ich leſe deshalb nicht gern in der Geſchichte.“ „Dieſe Stimmung begreife ich,“ erwiederte der Pro⸗ feſſor.„Denn wo die Menſchen ihren Willen durchzuſetzen ſtreben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit, werden ſie am Ende faſt immer als die Schwächeren widerlegt; auch was der Stärkſte etwa ſiegreich durchſetzt, hat keinen ewigen Beſtand. Und wie die Menſchen und ihre Werke, ver⸗ gehen auch die Völker. Aber wir ſollen nicht an die Schickſale eines einzelnen Mannes oder Volkes unſer Herz hängen, ſondern wir ſollen verſtehen, wodurch ſie groß wurden und untergingen, und welches der bleibende Gewinn war, welcher dem Menſchengeſchlecht durch ihr Leben erhalten wurde. Dann wird der Bericht über ihre Schickſale nur wie eine Hülle, hinter welcher wir die Thätigkeit anderer lebendiger Kräfte erkennen. Und wir erfahren, daß in den Menſchen, welche zerbrechen, und in den Völkern, welche zerrinnen, noch ein höheres ge⸗ — 216— heimes Leben waltet, welches nach ewigen Geſetzen ſchaffend und zerſtörend dauert. Und einige Geſetze dieſes höhern Lebens zu erkennen und den Segen zu empfinden, welchen dies Schaffen und Zerſtören in unſer Daſein gebracht hat, das iſt Aufgabe und Stolz des Ge⸗ ſchichtforſchers. Von dieſem Standpunkt verwandelt ſich Auflöſung und Verderben in neues Leben. Und wer ſich gewöhnt, die Vergangenheit ſo zu betrachten, dem vermehrt ſie die Sicherheit und ſie erhebt ihm das Herz.“ Ilſe ſchüttelte das Haupt und ſah vor ſich nieder. „Und der römiſche Mann, deſſen verlorenes Buch Sie zu uns geführt hat, und von dem heut wieder die Rede war, iſt er Ihnen deshalb lieb, weil er die Welt eben ſo freudig angeſehen hat wie Sie?“ „Nein,“ erwiederte der Profeſſor,„grade das Ge⸗ gentheil macht uns ſeine Arbeit beweglich. Sein ernſter Geiſt wurde niemals durch fröhliche Zuverſicht gehoben. Das Schickſal ſeines Volkes, die Zukunft der Menſchen liegt ihm als ein unheimliches Räthſel ſchwer auf der Seele, in der Vergangenheit erblickt er eine beſſere Zeit, freieres Regieren, ſtärkere Charactere, reinere Sitten, er erkennt an ſeinem Volke und im Staat einen Ver⸗ fall, der ſelbſt durch gute Regenten nicht mehr aufzu⸗ halten iſt. Es iſt ergreifend, wie der beſonnene Mann zweifelt, ob dies furchtbare Schickſal von Millionen eine Strafe der Gottheit iſt, oder die Folge davon, daß kein Gott ſich um das Loos der Sterblichen kümmert. Ahnungsvoll und ironiſch betrachtet er die Geſchicke der Einzelnen, die beſte Weisheit iſt ihm, das Unver⸗ meidliche ſchweigend und duldend ertragen. Daß er in eine troſtloſe Oede ſtarrt, erkennt man auch dann, wenn ihm einmal ein kurzes Lächeln die Lippen bewegt; man meint zu ſehen, daß um ſein Auge doch die Furcht hängt und der ſtarre Ausdruck, welcher dem Menſchen bleibt, den einmal tödtliches Grauen geſchüttelt.“ „Das iſt traurig,“ rief Ilſe. „Ja, es iſt fürchterlich. Und wir begreifen ſchwer, wie man bei ſolcher Troſtloſigkeit das Leben ertrug. Die Freude, unter einem Volke mit aufſteigender Kraft zu leben, hatte damals nicht der Heide, nicht der Chriſt. Denn das iſt doch das höchſte und unzerſtörbare Glück des Menſchen, wenn er vertrauend auf das Werdende, mit Hoffnung auf das Zukünftige blicken kann. Und ſo leben wir. Viel Schwaches, viel Verdorbenes und Abſterbendes umgibt uns, aber dazwiſchen wächſt eine unendliche Fülle von junger Kraft herauf. Wurzeln und Stamm unſeres Volkslebens ſind geſund. Innigkeit in der Familie, Ehrfurcht vor Sitte und Recht, harte, aber tüchtige Arbeit, kräftige Rührigkeit auf jedem Gebiet. In vielen Tauſenden das Bewußtſein, daß ſie ihre Volks⸗ kraft ſteigern, in Millionen, die noch zurückgeblieben ſind, die Empfindung, daß auch ſie zu ringen haben nach unſerer Bildung. Das iſt uns Modernen Freude und Ehre, das hilft wacker und ſtolz machen. Und wir wiſſen wohl, die frohe Empfindung dieſes Be⸗ ſitzes kann auch uns einmal getrübt werden, denn jeder Nation kommen zeitweiſe Störungen ihrer Entwicklung, aber das Gedeihen iſt nicht zu ertödten und nicht auf die Dauer zurückzuhalten, ſo lange dieſe letzten Bürgſchaften der Kraft und Geſundheit vorhanden ſind. Deshalb iſt jetzt auch glücklich, wer den Beruf hat, längſt Vergan⸗ genes zu durchſuchen, denn er blickt von der geſunden Luft der Höhe hinab in die dlunke Tiefe.“ Ilſe ſah hingeriſſen in das Antlitz des Mannes; er aber bog ſich über die Garbe, welche zwiſchen ihm und ihr lehnte, und fuhr begeiſtert fort:„Jeder von uns holt aus dem Kreiſe ſeiner perſönlichen Erfahrun⸗ gen Urtheil und Stimmung, welche er bei Betrachtung großer Weltverhältniſſe verwendet. Blicken Sie um ſich her auf die lachende Sommerlandſchaft, dort in der Ferne auf die thätigen Menſchen, und was Ihrem Her⸗ zen näher liegt, auf Ihr eigenes Haus und den Kreis, in dem Sie aufgewachſen ſind. So mild das Licht, ſo warm das Herz, verſtändig, gut und treu der Sinn der Menſchen, die Sie umgeben. Und denken Sie, welchen Werth auch für mich hat, das zu ſehen und an Ihrer Seite zu genießen. Und wenn ich fortan über meinen Büchern recht innig empfinde, wie wacker und tüchtig das Leben meines Volkes iſt, welches mich umgiebt, ſo werde ich fortan auch Ihnen zu danken haben.“ Er ſtreckte ſeine Hand aus über die Garben, Ilſe faßte ſie, hielt ſie mit beiden Händen feſt und eine warme Thräne fiel darauf. So ſah ſie mit feuchten Augen zu ihm — 219— hin, eine ganze Welt von Seligkeit lag in ihrem Antlitz. Allmälig ergoß ſich ein helles Roth über ihre Wangen, ſie ſtand auf, noch ein Blick voll hingebender Zärtlich⸗ keit fiel auf ihn, dann ſchritt ſie flüchtig von ihm ab⸗ wärts, den Rain entlang. Der Profeſſor blieb ſtehen an die Garben gelehnt. Auf der Spitze der Aehre über ſeinem Haupte zwit⸗ ſcherte fröhlich die Haidelerche, er drückte ſeine Wange an die Getreidebüſchel, welche ihn halb verbargen. So ſah er in ſeliger Vergeſſenheit dem Mädchen nach, das zu den fernen Arbeitern hinabſtieg. Als er die Augen erhob, ſtand ihm der Freund zur Seite, er ſchaute ein Antlitz, in welchem inniges Mitgefühl zuckte, und hörte die leiſe Frage:„Und was ſoll werden?“ „Mann und Weib,“ ſprach der Profeſſor ſtark; drückte dem Freunde die Hand und ſchritt über das Feld dem Ruf der Lerche nach, welche auf jeder Garbenſpitze anhielt, ihn zu erwarten. Fritz war allein. Das Wort war geſprochen, ein neues ungeheures Schickſal erhob ſich über das Leben des Freundes. Alſo das ſollte das Ende ſein? Thus⸗ nelda ſtatt des Tacitus?— Ach, die ſociale Erfindung der Ehe war ſehr ehrwürdig, das empfand Fritz tief, es war faſt allen Menſchen unvermeidlich, die aufwüh⸗ lenden Kämpfe durchzumachen, welche eine Veränderung der geſammten Lebensordnung zur Folge haben. Aber den Freund konnte er ſich gar nicht denken unter den b Büchern, mit den Collegen, und dazu dieſe Frau! Schmerzlich fühlte er, daß auch ſein Verhältniß zu dem Gelehrten dadurch geändert werden mußte.— Aber er dachte nicht lange an ſich ſelbſt, mißtrauiſch, ängſt⸗ lich ſorgte er um den Waghalſigen. Und nicht weniger um ſie, die ſo gefährlich in die Seele des Andern ein⸗ gedrungen war.— Und der Treue ſah zornig in die Runde auf Stoppeln und Strohhalme, und er ballte eine Fauſt gegen den ſeligen Bachhuber, gegen das Thal von Roſſau, ja auch gegen ſie, die letzte Urſache der heil⸗ loſen Verwirrung,— gegen die Handſchrift des Tacitus. 9. Ilſe. Ilſe hatte in großer Wirthſchaft gleichmäßig dahin⸗ gelebt, ſeit dem Tod der Mutter hatte ſie, kaum erwach⸗ ſen, dem Haushalt des Gutes vorgeſtanden angeſtrengt und pflichtgetreu wie ein Beamter ihres Vaters; der Frühling kam und der Herbſt, ein Jahr rollte wie das andere über ihr Haupt, der Vater, die Geſchwiſter, das Gut, die Arbeiter und die Armen des Thales, das war ihr Leben. Mehr als einmal hatte ſich beim Vater ein Freier gemeldet, ein derber tüchtiger Landwirth aus der Ungegend, ſie aber hatte ſich zufrieden gefühlt in dem Amt des Hauſes, und ſie wußte, daß dem Vater lieb war, wenn er ſie bei ſich behielt. Des Abends, wenn der thätige Mann auf dem Sopha ausruhte und die Kinder zu Bett geſchickt waren, ſaß ſie ſtill mit ihrer Stickerei neben ihm oder beſprach die kleinen Vorgänge des Tages, die Krankheit eines Arbeiters, den Schaden eines Hagelſchauers, den Namen der neuen Milchkuh, die angebunden wurde. Es war eine einſame Gegend, viel Wald, meiſt kleine Güter, keine reiche Geſelligkeit, und der Vater, der ſich durch angeſtrengte Thätigkeit — 222— zum wohlhabenden Mann heraufgearbeitet hatte, war kein Freund großer Geſellſchaften, die Tochter auch nicht. Am Sonntage kam wohl der Herr Paſtor zu Tiſche, die Beamten des Vaters blieben dann über dem Kaffee und erzählten kleine Geſchichten aus der Umgegend, die Kinder, welche in der Woche durch den Seminariſten gebändigt wurden, lärmten durch Garten und Flur. Und wenn Ilſe eine freie Stunde hatte, ſetzte ſie ſich in ihr Stübchen mit einem Buche aus der kleinen Samm⸗ lung des Vaters, einem Roman von Walter Scott, einer Erzählung von Hauff, einem Band von Schiller. Jetzt aber war mit dem fremden Mann eine Fülle von Bildern, Gedanken, Gefühlen in ihrer Seele aufgegangen. Vieles was ſie bis dahin gleichmüthig aus der Fremde betrachtet hatte, wurde ihr auf einmal nah vor die Au⸗ gen gerückt. Wie künſtliches Feuer, welches unerwartet aufſprühend, einzelne Stellen der dunklen Landſchaft mit buntem Schein erleuchtet, gab ihr ſeine Rede bald hier bald dort einen feſſelnden Blick auf fremdes Leben. Wenn er ſprach und die Worte ſo reich, gewählt und vornehm aus ſeinem Innern quollen, dann neigte ſie das Haupt anfänglich vorwärts wie im Traum, bis zuletzt ihr Blick an ſeinen Lippen und Augen feſthing. Denn ſie fühlte eine Ehrfurcht, bei welcher Schrecken war, vor einem Menſchengeiſt, der ſo hoch und ſicher über der Erde ſchwebte. Von vergangenen Zeiten ſprach er wie von der Gegenwart, die geheimen Gedanken der Menſchen, welche vor Jahrtauſenden lebendig geweſen — — 223— waren, wußte er zu erklären. Ach, ſie empfand die Herrlichkeit und Größe menſchlicher Wiſſenſchaft als Verdienſt und Größe des Einen, der ihr gegenüber ſaß, und die geiſtige Arbeit vieler Jahrhunderte erſchien ihr wie ein überirdiſches Weſen, das mit menſchlichem Munde in ihrem Hauſe Unerhörtes verkündete. Aber es war nicht das Wiſſen allein. Wenn ſie wie aus der Tiefe den Blick zu ihm erhob, ſah ſie ein ſtrahlendes Auge, den freundlichen Zug um die beredten Lippen, und ſie fühlte ſich unwiderſtehlich zu dem warmen Leben des Mannes gezogen. Dann ſaß ſie ihm als ſtille Hörerin gegenüber. Wenn ſie aber in ihr Zimmer trat, dann kniete ſie nieder und ver⸗ barg das Antlitz in ihren Händen, ſie ſah ihn dann vor ſich und brachte ihm in der Einſamkeit ihre Huldigung dar. So erwachte ſie zum Leben. Es war eine Zeit der reinen Begeiſterung, eines ſelbſtloſen Entzückens, das der Mann nicht kennt und das nur dem Weibe wird, einem reinen unwiſſenden Herzen, dem plötzlich bei gereifter Kraft das Größte des Erdenlebens die empfängliche Seele einnimmt. Und ſie ſah, daß ihr Vater in ſeiner Art unter dem Einfluß deſſelben Zaubers ſtand. Am Mittagstiſch, der ſonſt ſo ſchweigſam war, floß jetzt die Unterhaltung wie aus lebendigem Born, an den Abenden, wo er ſonſt müde über der Zeitung geſeſſen hatte, wurde das Ge⸗ ſpräch zuweilen bis auf die erſte Nachtſtunde hinausge⸗ zogen, Vieles wurde erörtert, oft wurde geſtritten, im⸗ mer war der Vater, wenn er ſeinen Nachtleuchter vom Tiſche nahm, in heiterer Stimmung, mehr als einmal wiederholte er auf⸗ und abgehend noch ſich ſelbſt ein⸗ zelne Reden des Gaſtfreundes.„Er iſt in ſeiner Art ein ganzer Mann,“ ſagte er,„Alles ſicher und feſt ge⸗ fügt, man weiß immer, wie man mit ihm dran iſt.“ Einigemal ängſtigte ſie, was er ausſprach. Zwar vermieden die Freunde, was die innige Gläubigkeit der Hörerin verletzen konnte, aber aus den Reden des Pro⸗ feſſors klang zuweilen eine fremdartige Auffaſſung ehr⸗ würdiger Lehre und der menſchlichen Pflichten heraus. Und doch war wieder ſo edel und gut was er behaup⸗ tete, daß ſie ſich dagegen mit ihren Gedanken nicht zu wehren wußte. Er war oft heftig in ſeinen Ausdrücken; wo er ver⸗ urtheilte, that er das mit ſtarken Worten, auch im Ge⸗ ſpräch brach er wohl heraus, daß der Doctor und ſo⸗ gar der Vater zurückwichen. Und ſie ahnte, daß in ſei⸗ nem Haupte ſich die Welt anders darſtellte als bei den meiſten Menſchen, ſtolzer, edler, entſchiedner. Und wenn er von Andern viel verlangte, wie einem natürlich iſt, der mehr mit abgeſchloſſenen Bildungen als mit dem werden⸗ den Leben verkehrt, da wurde ihr wohl bange, wie man vor ſeinen Augen beſtehen könne. Aber derſelbe Mann war wieder ſo bereit alles Gute anzuerkennen, und er freute ſich wie ein Kind, wenn er erfuhr, daß ſich Je⸗ mand brav und ſtark erwieſen hatte. Er war ein ernſter Mann, und doch war er Lieb⸗ ling der Kinder geworden, faſt noch mehr als der Doc⸗ tor. Sie vertrauten ihm ihre kleinen Geheimniſſe, er beſuchte ſie in der Kinderſtube und gab ihnen nach Ju⸗ genderinnerungen Anweiſung, wie ſie einen großen Papierdrachen machen ſollten, er malte ſelbſt die Augen und den Schnurrbart und ſchnitt die Quaſte des Schwan⸗ zes, und ein froher Tag war's, als der Drache das erſte Mal auf dem neuen Stoppelfelde aufſtieg. Wenn der Abend kam, dann ſaß er, von den Kindern umge⸗ ben, wie ein Rebhuhn unter den Küchlein, Franz klet⸗ terte auf die Stuhllehne und zauſte an ſeinem Haar, an jedem Knie lehnte eines der Größern; dann wurden Räthſel aufgegeben und Geſchichten erzählt, und wenn Ilſe zuhörte, wie er mit den Kindern kleine Reime nachſprach und lehrte, dann ſchwoll ihr das Herz vor Freude, daß ein ſolcher Geiſt ſo zutraulich mit der Ein⸗ falt verkehren konnte, dann ſpähte ſie in ſein Antlitz und ſah hinter den feſten Zügen des Mannes ein Kinderge⸗ ſicht herausleuchten, lachend und glücklich, und ſie konnte ſich ihn denken, wie er ſelber ein kleiner Bube gewe⸗ ſen war, der auf dem Schooße ſeiner Mutter ſaß.— Glückliche Mutter! Da kam die Stunde unter den Garben, die ge⸗ lehrte Unterredung, welche mit Tacitus anfing und mit einem ſtummen Bekenntniß der Liebe endigte. Die ſe⸗ lige Heiterkeit ſeines Angeſichts, der bebende Klang ſei⸗ ner Stimme hatten den dünnen Schleier zerriſſen, der Freytag, Handſchrift. I. 15 — 226— ihr das eigene wogende Gefühl barg. Sie wußte jetzt, daß ſie ihn liebte, heiß und unendlich, und ſie ahnte, daß er empfand, wie ſie ſelbſt. Der ihr ſo groß gegen⸗ über ſtand, er hatte ſich zu ihr herabgeneigt, ſie hatte ſeinen warmen Athem, den ſchnellen Druck ſeiner Hand gefühlt. Als ſie dahinging durch das Feld, ſtrömte ihr die Gluth in die Wangen, und was ſie umgab, Erde und Himmel, Flur und ſonniger Waldesſaum, das floß vor ihr in leuchtende Wolken zuſammen. Mit beflügel⸗ tem Fuß eilte ſie hinab in den Waldgrund, wo das Baumlaub ſie umhüllte. Jetzt erſt fühlte ſie ſich allein, und ohne es zu wiſſen, faßte ſie einen ſchlanken Birken⸗ ſtamm und ſchüttelte ihn mit voller Kraft, daß der Baum laut rauſchte und ſeine Blätter auf ſie herabſtreute. Und ſie hob die Hände zu dem goldenen Licht des Himmels und warf ſich nieder auf den Moosgrund. In heftigen Athemzügen hob ſich ihre Bruſt und die kräftigen Glie⸗ der zuckten von der inneren Erregung. Wie vom Him⸗ mel herab war die Leidenſchaft in das junge Weib ge⸗ ſunken, und ſie faßte ihr Leib und Seele mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt. Lange lag ſie ſo, braune Sommerfalter ſpielten ihr um das Haar, eine kleine Eidechſe fuhr ihr über die Hand, weiße Dolden der Waldblumen und die Zweige der Haſel neigten ſich über ſie, als wollten die kleinen Kinder der Natur das heiße Leben der Schweſter ver⸗ decken, welche zu ihnen gekommen war in dem feligſten. Schreck ihres Lebens. 4 * 5 — 227— Endlich hob ſie ſich auf die Kniee, ſchlug die Hände zuſammen, ſie dankte dem lieben Gott für ihn und bat für ihn. Geſammelt trat ſie in das offene Thal, nicht mehr das ruhige Mädchen von ſonſt, ihr eigenes Leben und was ſie umgab, glänzte in neuen Farben, und ein neues Fühlen fand ſie in der Welt. Sie verſtand die Sprache des Schwalbenpaares, welches um ſie kreiſte, und mit zwitſcherndem Ton pfeilſchnell an ihr vorüberfuhr. Es war die wonnige Freude am Leben, welche den kleinen Leib durch die Luft ſchnellte, und was die Vögel zu ihr ſprachen, war ein ſchweſterlicher Jubelruf. Sie antwortete . auf den Gruß der Arbeiter, welche vom Felde heimgin⸗ gen, und ſie ſah auf eine der Frauen, welche die Gar⸗ ben angelegt hatte, und wußte genau, wie ihr zu Muthe war. Auch die Frau hatte als Mädchen einen fremden Burſchen geliebt, es war eine lange unglückliche Neigung geweſen mit vielen Schmerzen, jetzt aber ging ſie ge⸗ tröſtet neben ihm nach Hauſe, und als ſie mit ihrer Herrin ſprach, ſah ſie ſtolz auf ihren Begleiter. Und Ilſe fühlte, wie glücklich die arme ermüdete Frau war. Und als Ilſe in den Hof trat und die Stimme der Mägde hörte, welche vergebens auf ſie gewartet hatten, und das ungeduldige Brummen der Rinder, das wie ein Vorwurf an die ſäumige Herrin klang, da ſchüttelte ſie leiſe das Haupt, als wenn die Mahnung nicht mehr ihr gelte, ſondern einer andern. Als ſie wieder aus den Wirthſchaftsräumen in das 15* — 228— goldene Abendlicht trat, mit beflügeltem Schritt, das Haupt gehoben, ſah ſie erſtaunt den Vater neben ſeinem Reitpferd ſtehen, bereit zum Aufſitzen, und vor ihm in ruhigem Geſpräch den Doctor und den Mann, welchem entgegenzutreten ſie in dieſem Augenblicke verlegen ſcheute. Sie näherte ſich zögernd.„Wo ſäumſt du, Ilſe,“ rief der Landwirth,„ich muß fort,“ und, in das bewegte Geſicht der Tochter blickend, ſetzte er hinzu,„es iſt nichts Großes. Ein Brief des kranken Oberförſters ruft mich in das Forſthaus, es iſt einer von den Hof⸗ leuten angekommen, und ich kann mir denken, was ſie von mir wollen. Ich hoffe, zur Nacht zurück zu ſein.“ Und dem Doctor nickte er zu:„Wir ſehen uns noch vor Ihrer Abreiſe.“ Er trabte dahin und Ilſe dankte im Herzen der neuen Botſchaft, die ihr leichter machte, ruhige Worte mit den Freunden zu ſprechen. Sie folgte neben ihnen dem Wege, auf dem der Vater dahinritt, und bemühte ſich, in gleichgültigem Geſpräch die Unruhe zu verbergen. Und ſie erzählte von dem Jagdſchloß im Walde und von der Einſamkeit, in welcher der greiſe Oberförſter unter den Buchen des Forſtes hauſe. Aber es war doch eine ſpärliche Rede, jedes der ehrlichen Herzen war mächtig bewegt, der Profeſſor und Ilſe vermieden einander in die Augen zu blicken, auch dem Freunde ge⸗ lang nicht, durch leichte Scherze die Leidenſchaftlichen in das kleine Treiben dieſer Welt herab zu ziehen. Da wies Ilſe plötzlich mit der Hand auf einen Hohlweg zur Seite, aus welchem mehre ſchwarze Köpfe — 229 ☚ auftauchten.„Sehen Sie dort die Indianer der Frau Oberamtmann.“ In ſchnellem Schritt zog eine Reihe wilder Geſtalten, eine hinter der andern; voran ein kräftiger Mann in braunem Kittel und verſchoſſenem Hut, einen dicken Stab in der Hand, hinter ihm einige jüngere Männer, dann Weiber mit kleinen Kindern auf deem Rücken; um den Trupp liefen halbnackte Buben und Mädchen. Die Mehrzahl der Fremden war bar⸗ häuptig und ohne Schuhe, lange ſchwarze Haare hingen um die braunen Geſichter und die wilden Augen ſtarr⸗ teen ſchon aus der Ferne gierig auf die Spaziergänger. „Wenn der Herbſt kommt, ſtreicht zuweilen das fremde Volk durch unſer Land, aber ſeit einigen Jahren haben ſie ſich nicht in die Nähe des Guts gewagt.“ Der Trupp nahte, aus dem Trott wurde ſtürmi⸗ ſches Laufen, im Augenblick waren die Freunde von zehn bis zwölf dunklen Geſtalten umringt, welche mit leiden⸗ ſchaftlicher Geberde drängten und laut ſchreiend die Hände ausſtreckten, Männer, Weiber, Kinder im Ge⸗ tümmel durcheinander. Erſtaunt ſahen die Freunde in die blitzenden Augen, die heftigen Bewehungen, und auf die Kinder, welche mit den Füßen ſtampften und mit ihren Händen den Leib der Fremden betaſteten wie Wahnſinnige. „Zurück, ihr Wilden,“ rief Ilſe, drang durch die Bande und ſtellte ſich vor die Freunde.„Zurück, wer ſpricht für den Haufen?“ wiederholte ſie unwillig, und hob gebietend den Arm. Der Lärm verſtummte, ein — 230— braunes Weib, nicht kleiner als Ilſe, das glänzende Haar in Flechten gebunden und mit einem bunten Kopftuch umſchlungen, trat aus der Schaar und ſtreckte die Hand gegen Ilſe aus:„Meine Kinder bitten,“ ſagte ſie,„ſie hungern und dürſten.“ Es war ein großes Antlitz mit ſcharfen Zügen, in denen noch die Spuren früherer Schönheit ſichtbar waren. Mit vorgebeugtem Kopf ſtand ſie der Jungfrau gegenüber und ihre fun⸗ kelnden Augen fuhren ſpähend von einem Antlitz auf das andere. „Geld haben wir nur für die Menſchen, welche uns arbeiten,“ antwortete Ilſe kalt.„Für den Fremden, der dürſtet, iſt unſer Quell, und dem Hungernden ge⸗ ben wir von unſerm Brot, ihr erhaltet nichts weiter aus unſerm Hauſe.“ Wieder hob ſich ein Dutzend Arme und wieder drängte der wilde Haufe heran. Die Zigeunerin trieb ihn durch einen Ruf in fremder Sprache zurück.„Wir wollen dir arbeiten, Fräulein,“ ſagte ſie in geläufigem Deutſch mit fremdem Accent,„die Männer beſſern altes Geräth, wir ſcheuchen dir Maus und Ratte aus den Mauern, haſt du ein krankes Pferd, wir heilen es ſchnell.“ Ilſe bewegte verneinend das Haupt.„Eurer Hülfe bedürfen wir nicht. Wo iſt euer Paſſirſchein?“ 3 „Wir haben keinen,“ ſagte die Frau,„wir kommen weit aus der Fremde.“ Sie wies nach der aufgehenden Sonne. „Und wo wollt ihr zur Nacht raſten?“ frug Iſſe. „Wir wiſſen es nicht. Das Licht will untergehen und meine Leute ſind müde und barfuß,“ verſetzte die Zigeunerin. „Ihr dürft nicht nahe am Hofe und nicht nahe bei den Dorfhäuſern lagern. Die Brote erhaltet ihr am Hofthor, dorthin ſchickt Jemanden, der ſie abholt. Und wenn ihr ein Feuer anzündet auf unſerer Flur, ſo hütet euch, den Garben nahe zu kommen, wir werden auf euch Acht geben. Und Niemand von euch ſchleicht auf das Gut und in das Dorf, den Leuten wahrzuſagen, das leiden wir nicht.“ „Wir ſagen nicht wahr,“ antwortete die Frau, und berührte mit der Hand ein kleines ſchwarzes Kreuz, welches ſie am Halſe trug.„Die Zukunft kennt hier⸗ unten Keiner, auch wir wiſſen nichts davon.“ Ilſe neigte ehrerbietig das Haupt.„Gut,“ ſagte ſie,„wie auch der Sinn iſt, welchen ihr hinter euren Worten bergt, ihr ſollt mich nicht umſonſt an die Ge⸗ meinſchaft gemahnt haben, die zwiſchen uns iſt. Kommt ſelbſt an das Thor, Mutter, und erwartet mich dort. Braucht ihr etwas für eure Kleinen, ſo will ich euch zu helfen ſuchen.“ „Wir haben ein krankes Kind, ſchönes Fräulein, und den Buben fehlen die Kleider,“ bat die Zigeunerin, „ich komme, und meine Leute werden thun, wie du willſt.“ Sie gab ein Zeichen und der wilde Zug trabte gehorſam einen Seitenweg entlang, der dem kleinen Dorfe zuführte. Die Freunde ſahen der Bande neugierig nach. „Daß ſolche Scene in dieſem Lande möglich wäre, hätte ich nie geglaubt,“ rief der Doctor. „Sie waren früher bei uns eine Landplage,“ ver⸗ ſetzte Ilſe gleichmüthig.„Jetzt ſind ſie ſelten, der Vater hält ſtreng auf Ordnung, und ſie wiſſen das recht gut. Aber wir müſſen zurück in den Hof, denn Vorſicht kann bei dem diebiſchen Volk nicht ſchaden.“ Sie eilten nach dem Hofe, der Doctor bedauerte herzlich, daß ihn ſeine Abreiſe verhinderte, den Frem⸗ den die Geheimniſſe ihrer Sprache abzufragen. Ilſe aber rief den Inſpector, und die Kunde, daß Zigeu⸗ ner in der Nähe waren, flog wie ein Lauffeuer durch den Hof. Die Ställe wurden verwahrt, das Federvieh und die Familien der fettumwachſenen Schweine der Ob⸗ hut von zwei handfeſten Mägden übergeben, der Schäfer und die Knechte erhielten Befehl, Nachtwache zu halten. Ilſe rief die Kinder, ſie gab ihnen das Abendbbrot und fand ſchwer, die Aufgeregten zu bändigen. Die Jüngſten wurden der Mamſell unter ſtarkem Proteſt und Thrä⸗ nen übergeben zu ſicherer Aufbewahrung in ihren Bet⸗ ten. Dann ſuchte Ilſe alte Röckchen und Linnen zu⸗ ſammen, belud eine Magd mit zwei Broten und ſchickte ſich an, zum Hofthor zu gehen, wo die Zigeunerin ſie erwarten ſollte. Der Doctor hatte ſich in ſeiner Freude. über die Fremden aller Sorge um den Freund entſchla⸗ gen.„Erlauben Sie uns, die Verhandlung mit der Sibylle anzuhören,“ bat er. Sie fanden die Zigeunerin in der Dämmerung vor — 233 1 1 dem Thor ſitzend, neben ihr ein halbwüchſiges Mädchen mit prachtvollen Augen und langen Zöpfen, aber man⸗ gelhaftem Gewande. Das Weib erhob ſich und nahm mit vornehmer Haltung die Spende in Empfang, welche ihr Ilſe reichte. „Segen über dich, Fräulein,“ rief ſie,„alles Glück, das du dir jetzt wünſcheſt, ſoll dir zu Theil werden. Und du haſt ein Angeſicht, welches Glück verheißt. Segen über dein goldenes Haar und deine blauen Augen. Dir danke ich,“ ſchloß ſie ſich verneigend.„Wollen die Herren nicht auch meinem Mädchen ein Andenken ſchen⸗ ken?“ Die wilde Schöne hielt ihre Hand hin.„Die Sonne hat ihr das Geſicht verbrannt, ſeien Sie freund⸗ lich gegen die arme Schwarze,“ bettelte die Alte, und dabei ſah ſie lauernd in der Runde umher. Der Pro⸗ feſſor ſchüttelte verneinend das Haupt, der Doctor griff nach ſeiner Börſe und legte der Alten ein Geldſtück in die Hand.„Das Prophezeien habt ihr aufgegeben?“ frug er lachend.— „Es bringt Unglück dem, der wahrſagt, und dem, der fragt,“ verſetzte die Zigennerin.„Hüte ſich der Herr vor allem, was bellt und kratzt, denn ihm kommt Un⸗ glück von Hunden und Katzen.“ Ilſe und der Profeſſor lachten, die Augen der Zigeunerin ſuchten unterdeß un⸗ ruhig in dem Gebüſch. „Wir können nicht wahrſagen fuhr ſie geläufig fort,„wir haben keine Macht über die Zukunft, und wir irren wie ihr andern auch. Aber Manches ſehen — 231— wir doch, ſchönes Fräulein, und ohne daß du verlangſt, will ich dir es ſagen. Der Herr da neben dir ſucht einen Schatz, und er wird ihn finden, aber er ſoll ſich hüten, daß er ihn nicht verliert; und du, ſtolzes Fräu⸗ lein, wirſt einem Manne lieb ſein, der eine Krone trägt, und du wirſt die Wahl haben, ob du eine Königin werden willſt, die Wahl und die Qual,“ ſetzte ſie leiſer hinzu, und ihre Augen flogen wieder unruhig umher. „Hinweg mit euch!“ rief Ilſe unwillig,„ſolch Ge⸗ ſchwätz ſtimmt ſchlecht zu euren Worten.“ „Wir wiſſen nichts,“ murmelte die Zigeunerin de⸗ müthig, nach dem Zeichen an ihrem Halſe faſſend.„Wir haben nur unſere Gedanken. Und unſere Gedanken ſind eitel oder wahr, je nachdem ein Stärkerer will. Lebe wohl, ſchönes Fräulein,“ rief ſie mit Nachdruck, und ſchritt mit ihrer Begleiterin in die Tiefe. „Wie ſtolz ſie dahingeht,“ rief der Doctor,„Re⸗ ſpect vor dem klugen Weibe, ſie wollte nicht wahrſagen, aber ſie konnte doch nicht vermeiden, ſich durch geheimes Wiſſen zu empfehlen.“ „Sie hat ſich längſt bei den Feldarbeitern nach uns Allen erkundigt,“ verſetzte Ilſe lachend. „Wo nur ihr Lager aufgeſchlagen iſt?“ frug der Doctor neugierig. „Wahrſcheinlich hinter dem Dorfe,“ verſetzte Ilſe. „Im Thal ſehen wir wohl die Feuer. Die Fremden haben nicht gern, wenn man ihrem Lager nahe kommt und zuſieht, was ſie als Abendkoſt verzehren.“ Sie ſtiegen langſam in das Thal hinab und blie⸗ ben am Ufer des Baches unfern dem Garten ſtehen. Rings um ſie lag das Dunkel des Abends auf Buſch und Wieſe, das alte Haus auf dem Steine ragte düſter unter dem dämmrigen Grau des Himmels. Vor ihren Füßen murmelte das Waſſer und die Blätter der Bäume rührten ſich im Nachtwind. Schweigend blickten die Drei in die verſchwimmenden Formen der Landſchaft hinaus, das Seitenthal mit dem Dorf lag unſichtbar in dem tiefen Schatten der Nacht, nicht einmal ein erleuch⸗ tetes Fenſter war zu ſehen.„Sie ſind lautlos ver⸗ ſchwunden wie die Fledermäuſe, welche eben noch durch die Luft flogen,“ ſagte der Doctor. Aber die Andern antworteten nicht, ſie dachten nicht mehr an die Zigeuner. Da klang es durch die Abendluft wie leiſes Wim⸗ mern. Ilſe fuhr zuſammen und lauſchte. Und noch einmal derſelbe ſchwache Ton.„Die Kinder!“ ſchrie Ilſe entſetzt, und ſtürzte der Hecke zu, welche den Obſt⸗ garten von der Wieſe trennte. Sie rüttelte angſtvoll an der verſchloſſenen Pforte, dann brach ſie das Geäſt der Hecke auseinander und ſprang wie eine Löwin hin⸗ durch, das Obſtgelände hinauf. Die Freunde eilten ihr nach, aber ſie erreichten die Schnelle nicht. Vor ihr ſchimmerte es hell unter den Bäumen und es regte ſich, da ſie heranflog. Zwei Männer hoben ſich vom Boden, eine Geſtalt fuhr ihr entgegen, Ilſe aber ſchlug den Arm zurück, der zum Schlage gegen ſie ausholte, daß der Mann taumelte, und warf ſich über die wimmern⸗ — —— 236— den Kleinen, welche im Raſen lagen. Hinter Ilſe ſprang Felix herzu und packte den Mann, der Doctor rang im nächſten Augenblick mit einem andern, der wie ein Aal unter ſeinen Händen dahinglitt und in der Dunkelheit verſchwand. Der erſte Räuber aber hob ſein Meſſer gegen den Arm des Profeſſors, entrang ſich der Hand, welche ihn feſthielt, und war im nächſten Augenblick durch die Hecke gebrochen. Man hörte das Knarren im Geäſt, dann war Alles wieder ſtill. „Sie leben!“ rief Ilſe am Boden knieend mit flie⸗ gendem Athem und umſchlang die Kleinen, welche jetzt ein klägliches Geſchrei ausſtießen. Es war Riekchen im bloßen Hemde und Franz, auch halb ausgeſchält. Die Kinder waren den Augen der Mamſell und dem Schutz der Schlafſtube entſchlüpft und in den Garten geſchlichen, um die Feuer der Zigeuner zu ſehen, von denen die Geſchwiſter erzählten. Da waren ſie den Genoſſen der Bande, welche Greifbares ſuchten, in die Hände gefallen und der Kleider entledigt worden. Ilſe nahm die ſchreienden Kinder auf ihre Arme, vergebens wollten die Freunde ihr die Laſt abnehmen. Lautlos eilte ſie mit den Geretteten nach dem Hauſe, ſie ſtürzte in das Zimmer und beide feſthaltend kniete ſie vor dem Sopha über ihnen, und die Freunde hörten ihr unterdrücktes Schluchzen. Aber nur auf wenige Augenblicke verlor ſie die Haltung. Sie richtete ſich auf und ſah über die Dienſtleute, welche in ängſtlichem Ge⸗ dränge die Stube füllten.„Den Kindern iſt kein Leid — 237— geſchehen,“ rief ſie,„geht, wo ihr die Wache habt und holt mir einen der Herren.“ Der Inſpector trat aus dem Haufen.„Das war ein Raub auf unſerem Grunde,“ ſagte Ilſe,„und die ihn verübt, ſoll das Geſſetz errei⸗ chen. Ich bitte, laſſen Sie die Bande in ihrem Lager aufheben.“ „In der Schlucht hinter dem Dorf iſt ihr Feuer,“ erwiederte der Inſpector,„man ſieht den rothen Rauch vom Oberſtock. Aber Fräulein— ich ſage es ungern — wäre nicht vorſichtiger, man ließe die Schurken ent⸗ laufen. Ein großer Theil unſerer Ernte liegt in Gar⸗ ben, ſie zünden uns in der Nacht aus Rache die Haufen an oder wagen noch Aergeres, um ihre Leute wieder frei zu machen.“ „Nein,“ rief Ilſe,„bedenken Sie nicht, zögern Sie nicht. Ob die Argen uns zu ſchaden vermögen oder nicht, darüber entſcheidet ein höherer Wille, wir thun, was unſere Pflicht iſt. Der Frevel fordert Strafe und der Herr dieſes Gutes iſt zum Wächter des Geſetzes ge⸗ ſtellt.“ „Laſſen Sie uns eilen,“ mahnte der Profeſſor den Beamten,„wir begleiten Sie.“ „Nehmen Sie von den Männern, wer im Hofe rüſtig iſt,“ rief Ilſe,„Hans und ich wachen im Hauſe.“ Sie riß die Stubenthür auf und wies finſter nach dem Gewehrſchrank des Vaters.„Holen Sie dort, was un⸗ ſern Leuten zum Schutze dient.“ „Nun, mir iſt's nach dem Herzen,“ verſetzte der — 238— Inſpector überlegend,„der Hofverwalter bleibt hier, wir Andern ſuchen die Bande am Feuer.“ Er eilte hinaus. Der Doctor faßte einen Knoten⸗ ſtock, der in einer Zimmerecke lehnte.„Das wird genü⸗ gen,“ ſagte er lächelnd dem Freunde.„Ich halte mich zu einiger Schonung verpflichtet gegen dieſe lüderlichen Studiengenoſſen, welche ihr Indiſch noch nicht ganz vergeſſen haben.“ Im Begriff, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, hielt er an:„Du aber bleibſt zurück, denn du 2 bluteſt.“ Aus dem Aermel des Profeſſors fielen einzelne Blutstropfen zur Erde. Das Antlitz ver Jungfrau wurde fahl wie die Thür, bei welcher ſie ſtand, und ſie hielt ſich zitternd an den Pfoſten.„Um unſertwillen,“ murmelte ſie tonlos. Plötzlich eilte ſie auf den Profeſſor zu und neigte ſich auf die Hand herab, ſie zu küſſen, erſchrocken hielt Felix die Leidenſchaftliche zurück.„Es iſt nicht der Rede werth, Fräulein,“ rief er,„ich bewege den Arm nach Gefallen.. Der Doctor zwang ihn, den Rock auszuziehen und Ilſe flog nach Verbandzeug. Fritz aber unterſuchte mit der Ruhe eines alten Studenten die wunde Stelle.„Es iſt ein kurzer Stich in die Muskeln des Unterarmes,“ tröſtete er ſachverſtändig das Fräulein,„etwas Heft⸗ pflaſter wird genügen.“ Der Profeſſor fuhr wieder in den Rock und ergriff den Hut:„Vorwärts,“ ſagte er. „O nein, bleiben Sie bei uns!“ flehte Ilſe ihm nacheilend. Der Profeſſor ſah in das angſterfüllte Ge⸗ — 239— ſicht, ſchüttelte ihr herzlich die Hand und verließ mit dem Freunde das Zimmer. Der eilige Tritt der Männer verklang. Ilſe durch⸗ ſchritt allein die Räume des Hauſes, Thüren und Fenſter⸗ läden waren geſchloſſen, an der Thür nach dem Hofe wachte Hans, den Säbel des Vaters in der Hand, vom Oberſtock beobachteten die Hausmädchen Hofraum und Garten. Ilſe trat in die Kinderſtube, wo die armen Kleinen von der Mamſell und den Geſchwiſtern umringt in ihren Betten ſaßen und zwiſchen den letzten Thränen und dem Schlafe kämpften. Ilſe küßte die Müden und drückte ſie in die Kiſſen, dann eilte ſie hinaus in den Hof und lauſchte ängſtlich bald nach der Richtung, in welcher die Bande lagerte, bald nach der andern Seite, wo Hufſchlag die Ankunft des Vaters verkünden ſollte. Alles war ſtill. Die Mägde von oben riefen ihr zu, daß auch das Feuer der Zigeuner verlöſcht ſei, und wieder eilte ſie auf und ab, horchte erwartungsvoll und richtete die Augen zum Sternenhimmel. Selch ein Tag! Vor wenig Stunden hoch empor⸗ gehoben über die Noth der Erde und jetzt durch feind⸗ liche Fauſt zurückgeriſſen in Schrecken und Angſt! Sollte das eine Vorbedeutung ſein für die Tage der Zukunft? War die goldene Pforte nur geöffnet, um ſich mißtönend wieder zu ſchließen und eine arme Seele zurückzulaſſen in verzehrender Sehnſucht? Die Betrügerin hatte pro⸗ phezeit von Einem, der eine Krone tragen würde. Ja, in dem Reich, wo er als ein König herrſchte, da war ſelige Heiterkeit und beglückender Friede. Ach, wenn es erlaubt iſt, Irdiſches zu vergleichen mit den Freuden des Him⸗ mels, ſolches Wiſſen und Denken gab eine Vorahnung der ewigen Herrlichkeit. Denn ſo ſchwebten die Geiſter derer, die hienieden gut und weiſe geweſen waren, licht⸗ umfloſſen in reiner Klarheit, und ſie ſprachen lächelnd und glücklich zu einander von Allem, was auf Erden geweſen war, das Geheimſte wurde ihnen offenbar und das Tieſverhüllte durchſichtig, und ſie wußten, daß alle Pein und aller Schmerz der Erde ewige Weisheit und Güte war. Und er, der hier auf Erden dahinſchritt, den heitern Himmel im Herzen, ihn ſtach der wandernde Strolch in den Arm um ihretwillen, und um ihrer Lie⸗ ben willen war er wieder ausgezogen in die feindſelige Nacht, und unendliche Angſt um ihn ſchnitt durch das Herz. „Schütze ihn, Allerbarmer,“ rief ſie,„und mich heb aus dem Dunkel, ſtärke mir die Kraft und verkläre meinen Geiſt, daß ich würdig werde des Mannes, der dein Antlitz ſchaut in vergangenen Zeiten und über geſchwundenen Völkern.“ Endlich hörte ſie den ſchnellen Trab eines eite und das Schnauben des ungeduldigen Roſſes an denß verſchloſſenen Thor.„Vater!“ rief ſie, riß den Riege zurück, und flog an den Hals des Abſteigenden. Be ſtürzt vernahm der Landwirth ihren ſchnellen Berich er warf die Zügel des Pferdes dem Sohne zu und ein in die Kinderſtube, ſeine Kleinen zu herzen, die bein Anblick des Vaters ihres Unglücks gedachten und weinen neue Wehklage begannen. — 241— Als der Landwirth in den Hof trat, zogen die Gutsleute vor das Haus und der Inſpector berichtete: „Niemand war um das Feuer und in der Nähe zu ſehen. Am Feuer keine Spur, daß dabei geraſtet wor⸗ den, es war zur Täuſchung angezündet, ſie haben hier nur ſtehlen wollen, der größte Theil der Bande iſt ſchon am Abend weiter gezogen. Sie liegen irgendwo in den Wäldern verſteckt, und wenn die Sonne aufgeht, ſind ſie längſt über die Grenze. Das Gewürm kenne ich aus alter Zeit.“ „Er hat recht,“ ſagte der Landwirth zu den Freun⸗ den,„und ich meine, wir haben nichts mehr zu fürchten. Doch werden zuverläſſige Augen dieſe Nacht geöffnet blei⸗ ben. Ihnen aber dankt ein armer Vater,“ fügte er be⸗ wegt hinzu,„der letzte Tag, den Sie bei uns verlebten, Herr Doctor ſollte vom Morgen bis zum Abend aben⸗ teuerlich ſein. Das iſt ſonſt nicht unſere Art.“ „Ich ſcheide allerdings in Sorge um das, was ich hier zurücklaſſe,“ verſetzte der Doctor zwiſchen Ernſt und Scherz.„Daß jetzt gar noch verlorene Kinder Aſiens um dieſe alten Mauern ſchleichen, iſt außer Spaß.“ „Der Zigeuner ſind wir ledig, wie ich hoffe,“ fuhr der Landwirth gegen ſeine Tochter fort,„aber auf einen andern Beſuch magſt du dich bei Zeiten gefaßt machen, der Landesherr wird in einigen Wochen vor dieſem Hauſe abſteigen. Ich bin nur deshalb fortgeſprengt worden, um Geſchwätz über ſeinen Beſuch zu hören, und zu ver⸗ nehmen, daß noch nicht entſchieden ſei, wo Sereniſſimus Freytag, Handſchrift... 16 — 242— vor der Jagd das Frühſtück einnehmen werde. Dieſe. Wink kenne ich, es war vor funfzehn Jahren eben ſo Da hilft nun nichts, zu Roſſau im Lindwurm kanr er nicht bleiben. Auch dieſe Störung wird vorüber⸗ gehen.— Und jetzt uns Allen eine gute Nacht und ein Schlaf in Frieden.“ Die beiden Freunde traten nachdenklich in ihr Schlafzimmer. Der Profeſſor ſtand am Fenſter und horchte auf den Tritt der Wächter, die von außen und innen den Hof umzogen, auf das Zirpen der Grillen und auf die gebrochenen Laute, welche aus der ſchlum⸗ mernden Flur in das Ohr drangen. Und wieder hörte er ein Geräuſch neben ſich und ſah in das treue Ge⸗ ſicht ſeines Freundes, der in ſeiner Aufregung die Hände gefaltet hatte:„Sie iſt fromm,“ rief Fritz klagend. „Sind wir's nicht auch?“ erwiederte der Profeſſor, und richtete ſich hoch auf. „Sie iſt dem Leben deines Geiſtes ſo fremd wie die heilige Eliſabeth.“ „Sie hat Verſtand,“ entgegnete der Profeſſor. „Sie ſteht ſo ſicher und abgeſchloſſen in ihrem Kreiſe, ſie wird in deiner Welt nie heimiſch werden.“ „Sie iſt tüchtig hier, ſie wird es überall ſein.“ „Du verblendeſt dich,“ rief Fritz händeringend. „Willſt du in den Frieden deiner Tage einen Zwieſpalt bringen, deſſen Ende du nicht abſehen kannſt? Willſt du ihr ſelbſt die ungeheure Umwandlung zumuthen, welche ſie aus einer tüchtigen Wirthin zur Vertrauten ———— —— deiner rückſichtsloſen Forſchung machen ſoll? Darfſt du ihr das ſichere Selbſtgefühl eines kräftigen Lebens rau⸗ ben, und in ihre Zukunft den Kampf, die Unſicherheit, den Zweifel hineintragen? Wenn du nicht an dich und deine Ruhe denkſt, ſo haſt du doch die Verpflichtung, ihr Weſen zu ehren.“ Der Profeſſor legte das heiße Haupt an das Holz des Fenſters. Endlich fuhr er auf:„Wir aber ſollen Diener der Wahrheit ſein und ihre Verkünder. Und wenn wir dieſe Pflicht gegen tauſend Fremde üben, gegen Je⸗ den, der uns hören will, wächſt nicht Recht und Pflicht da, wo wir lieben?“ „Täuſche dich nicht,“ antwortete Fritz,„du, der fein⸗ fühlende Mann, der jedes Leben in ſeiner Berechtigung ſo willig anerkennt, du wärſt der Letzte, die Harmonie ihres Weſens zu ſtören, wenn du ſie nicht für dich be⸗ gehrteſt. Was dich treibt, iſt nicht Pflichtgefühl, ſondern Leidenſchaft.“ „Was ich der Fremden nicht zumuthen darf, das ziemt mir an dem Weibe zu thun, das ich für immer mit mir verbinde. Und hat nicht jede Frau, die unſerm Leben nahe tritt, ähnliche Wandlung zu erfahren? Wie hoch ſtellſt du das Wiſſen der Frauen aus der Stadt, welche in unſeren Kreiſen heraufkommen?“ „Was ſie wiſſen, iſt in der Regel unſicherer, als ihnen und uns gut iſt,“ verſetzte Fritz,„aber von klein auf ſind ſie gewöhnt, mit Theilnahme die wiſſenſchaft⸗ lichen Intereſſen der Männer zu begleiten. Die beſten 16* * — 244— Reſultate des geiſtigen Schaffens ſind ihnen doch ſo leicht zugänglich, daß ſie überall Anknüpfungspunkte für ein herzliches Verſtändniß finden. Hier aber, wie ſchön, wie liebenswerth ſich unſern Augen dies Leben darſtellt, es iſt vielleicht grade darum ſo anziehend, weil es uns zu⸗ gleich ſo fremdartig gegenüberſteht.“ „Du übertreibſt und wirſt unwahr,“ rief der Pro⸗ feſſor.„Grade in dieſen Tagen habe ich tief gefühlt, was wir über den Büchern leicht vergeſſen, wie groß die Rechte ſind, welche eine edle Leidenſchaft in unſerm Leben hat. Wer kann ſagen, was zwei Menſchen ein⸗ ander ſo lieb macht, daß ſie ſich nicht ſcheiden können? Es iſt nicht nur die Freude am Daſein des Andern, nicht das Bedürfniß der Ergänzung des eigenen Weſens, auch nicht Sinn und Phantaſie allein, welche das Fremde uns ſo innig verbinden. Iſt denn nöthig, daß die Frau nur das feinere Rohr wird, welches eine Octave höher immer dieſelben Noten tönt, welche der Mann ſpielt? Die Sprache iſt arm für den mächtigen Ausdruck der Freude und Erhebung, welche ich in ihrer Nähe empfinde, und ich kann dir nur ſagen, mein Freund, das iſt etwas Gutes und Großes, und es fordert in meinem Leben ſein Recht. Was aber jetzt aus dir ſpricht, das iſt nur der kalte Zweifler Verſtand, der allem Werdenden abhold, ſo lange ſeine Anſprüche erhebt, bis er durch die vollen⸗ dete That widerlegt iſt.“ „Es iſt nicht allein der Verſtand,“ verſetzte Fritz gekränkt.„Daß du meine Rede ſo verkennſt, habe ich — 245— 8 nicht verdient. War es anmaßend, daß ich mit dir über Gefühle geſprochen habe, welche dir jetzt für heilig gelten, ſo darf ich zu meiner Entſchuldigung ſagen, daß ich nur die Rechte in Anſpruch nahm, welche mir deine Fr eundſchaft bis zu dieſer Stunde eingeräumt hat. Ich mußte meine Pflicht gegen dich thun, bevor ich dich hier verlaſſe. Kann ich dich nicht überzeugen, ſo ſuche die Unterredung zu ver⸗ geſſen, ich werde dies Thema nie wieder berühren.“ Er ließ den Profeſſor am Fenſter ſtehn und wandte ſich zu ſeinem Lager. Diesmal zog er die Stiefeln leiſe aus und legte ſich auf ſein Bett, den Kopf zu der Wand gekehrt. Nach einer Weile fühlte er ſeine Hand ergrif⸗ fen, der Profeſſor ſaß an ſeinem Lager und hielt die Hand des Freundes feſt, ohne eine Wort zu ſprechen. Endlich entzog ſie ihm Fritz mit herzlichem Druck und wandte ſich wieder zur Wand. Im erſten Morgengrau ſtand er auf, trat leiſe an das Lager des ſchlummernden Gelehrten und ging ſtill zur Thür hinaus. Im Wohnzimmer erwartete ihn der Hausherr, der Wagen fuhr vor, ein kurzer, freundlicher Abſchied und Fritz fuhr davon und ließ ſeinen Freund allein unter den Grillen des Feldes und unter den Aehren, deren ſchwere Häupter ſich im Morgenwind ho⸗ ben und ſenkten, gleich den Wellen des Meeres, in die⸗ ſem Jahr wie vor tauſend und abertauſend Jahren. Der Doctor ſah zurück auf den Stein, der das alte Haus trug, auf die Terraſſe darunter mit dem Fried⸗ hofe und der Holzkir che, und auf den Laubwald, welcher — 246— den Fuß der Anhöhe umzog. Und alle Vergangenheit und Gegenwart der gefährlichen Stätte waren ihm deut⸗ lich. Das uralte Weſen aus der Sachſenzeit hatte ſich an dieſem Orte nur wenig geändert. Und er ſah den Felſen und die ſchöne Ilſe von Bielſtein, wie ſie vor Menſchengedenken geweſen waren. Damals war der Stein einem Heidengotte heilig, ſchon damals hatte ein Thurm darauf geſtanden, und die Ilſe hatte darin ge⸗ wohnt, mit ihren geſcheitelten blonden Haaren, im wei⸗ ßen Linnengewand, einen Pelz von Otterfell darüber. Damals war ſie Prieſterin und Prophetin geweſen für einen Stamm wilden Sachſenvolks. Und wo jetzt die Kirche ſtand, war die Opferſtätte geweſen, und das Blut der gefangenen Feinde war von dort heruntergerieſelt in das Thal. Und wieder ſpäter hatte ein chriſtlicher Sachſen⸗ häuptling dort ſein Balkenhaus gebaut, und wieder hatte dieſelbe Ilſe darin geſeſſen zwiſchen den hölzernen Pfoſten, auf dem erhöhten Raum der Frauen, und ſie hatte die Spindel gedreht oder den Männern ſchwarzen Meth in die Schale gegoſſen. Und wieder Jahrhunderte ſpäter war das gemauerte Haus mit ſteinumfaßten Fenſtern und einem Wartthurm auf dem Felſen errichtet worden als Neſt eines räu⸗ beriſchen Junkers, und die Ilſe von Bielſtein hatte wie⸗ der darin gehauſt in einer ſammtnen Schaube, die der Vater auf des Königs Heerſtraße den Kaufherren ge⸗ raubt hatte, und wenn das Haus von einem Feinde — 247— berannt wurde, ſtand die Ilſe unter den Männern auf der Mauer, und ſpannte die große Armbruſt wie ein Reitersknecht. Und wieder viele hundert Jahre ſpäter hatte ſie in dem Jagdſchloß eines Fürſten geſeſſen, bei ihrem Vater, einem alten Kriegsmann aus der Schwedenzeit. Damals war ſie ſpießbürgerlich und fromm geworden, ſie kochte Beeren zu Muß und ging hinunter zum Pfarrer in das Conventikel, ſie wollte keine Blumen tragen und ſchlug mit dem Finger in der Bibel nach, welchen Mann ihr der Himmel beſcheeren würde. Und jetzt ſtand daſſelbe Sachſenkind ſeinem Freunde gegenüber, hoch und kräftig an Leib und Seele, aber immer noch ein Kind des Mittelalters, gefaßt und ſtill, mit gleichmäßigem Ausdruck des ſchönen Angeſichts, der nur wechſelte, wenn einmal plötzliche Leidenſchaft durch das Herz fuhr; ein Gemüth wie im Halbſchlaf, ein ſo einfaches Gefüge des Geiſtes, daß man zuweilen nicht wußte, war ſie ſehr klug oder einfältig. Und an ihrem Weſen hing etwas von allem, was die Ilſen ſeit zwei Jahrtauſenden geweſen: ein Stück Alraune, Methſpen⸗ derin, Reiterstochter, Pietiſtin. Es war die altdeutſche Art und die altdeutſche Schönheit, aber daß ſie jetzt mit einemmal auch noch das Weib eines Profeſſors werden ſollte, das dünkte dem bekümmerten Doctor zu ſehr gegen alle Geſetze ruhiger geſchichtlicher Entwicklung. 10.. Die Werbung. Wenige Stunden, nachdem der Freund das Gut verlaſſen, trat der Profeſſor in das Arbeitszimmer des Landwirths.„Die Zigeuner ſind verſchwunden und mit ihnen Ihr Freund. Es thut uns Allen leid, daß der Herr Doctor nicht länger bleiben konnte,“ rief ihm der Landwirth von ſeiner Arbeit zu. „Bei Ihnen liegt die Entſcheidung, ob auch ich noch länger weilen darf,“ entgegnete der Profeſſor in ſo tie⸗ fem Ernſt, daß der Landwirth aufſtand und ſeinen Gaſt fragend anblickte.„Ich komme, von Ihnen ein großes Vertrauen zu erbitten,“ fuhr der Profeſſor fort,„und ich muß von hier ſcheiden, wenn Sie mir daſſelbe verſagen.“ „Sprechen Sie, Herr Profeſſor,“ entgegnete der Landwirth. „Es iſt für uns beide nicht mehr möglich, in dem unbefangenen Verhältniß als Wirth und Gaſt fortzu⸗ leben. Ich ſuche die Neigung Ihrer Tochter Eliſe für mich zu gewinnen.“ Der Landwirth fuhr zurück, die Hand des ſtarken Mannes klammerte ſich an die Tiſchplatte. — — 249— „Ich weiß, was ich von Ihnen fordere,“ rief der Gelehrte mit ausbrechender Leidenſchaft.„Das Höchſte nehme ich in Anſpruch, was Sie geben können; ich weiß, daß ich Ihr Leben dadurch ärmer mache, denn ich will von Ihnen abwenden, was Ihnen Freude, Hülfe, Stolz geweſen iſt.“ „Und doch,“ murmelte der Landwirth finſter,„Sie erſparen dem Vater, das zu ſagen.“ „Ich fürchte, daß Sie mich in dieſem Augenblicke für einen Einbrecher in den Frieden Ihres Hauſes hal⸗ ten,“ fuhr der Gelehrte fort.„Aber wenn Ihnen auch ſchwer wird, gütig gegen mich zu ſein, Sie ſollen alles wiſſen. Ich ſah ſie zuerſt in der Kirche und ihr inniges, gottbegeiſtertes Weſen ergriff mich mächtig. Ich lebte um ſie im Hauſe und fühlte jede Stunde mehr, wie ſchön und liebenswerth ſie iſt. Unwiderſtehlich wurde die Gewalt, welche ſie auf mich ausübt. Die Leiden⸗ ſchaft, in welcher ich lebe, iſt ſo groß geworden, daß mir der Gedanke Entſetzen bereitet, ſie könnte mir doch fern bleiben. Für Leib und Seele ſehne ich mich, ſie zu meinem Weibe zu machen.“ So ſprach der Gelehrte, offenherzig wie ein Kind. „Und wie weit ſind Sie mit meiner Tochter?“ frug der Landwirth. „Ich habe zwei Mal in ausbrechendem Gefühl ihre Hand berührt,“ rief der Profeſſor. „Haben Sie über Ihre Liebe mit ihr geſprochen?“ „Dann ſtände ich nicht ſo vor Ihnen,“ entgegnete — 250— der Profeſſor.„Ich bin, Ihnen gänzlich unbekannt, durch einen beſonderen Zufall zu Ihnen gekommen. Und ich bin nicht in der glücklichen Lage eines Frei⸗ werbers, der ſich auf längere Bekanntſchaft berufen kann. Sie haben mir ungewöhnliche Gaſtfreundſchaft erwieſen, und ich bin verpflichtet, Ihr Vertrauen nicht zu täuſchen; ich will nicht hinter Ihrem Rücken ein Herz für mich gewinnen, das mit Ihrem Leben ſo eng verbunden iſt.“ Der Landwirth neigte beiſtimmend das Haupt. „Und haben Sie die Zuverſicht, ihre Liebe für ſich zu gewinnen?“ „Ich bin kein Knabe und ſehe wohl, daß ſie mir herzlich zugethan iſt. Ueber die Tiefe und Dauer eines jungfräulichen Gefühls haben wir beide kein Urtheil. In einzelnen Stunden habe ich die beſeligende Ueber⸗ zeugung gehabt, daß die warme Neigung des Weibes mir geworden iſt, aber gerade die unbefangene Unſchuld ihres Empfindens macht mich wieder unſicher. Und wenn ich Ihnen das Schwerſte geſtehen ſoll, was mir zu ſagen bleibt, ich darf nicht leugnen, daß für ſie noch eine Rückkehr zu ruhiger Empfindung möglich iſt.“ Der Landwirth ſah auf den Mann, der ſich mühte, unbefangen zu urtheilen, und doch am ganzen Körper bebte.„Ich habe die Pflicht, auf einen Herzenswunſch meines Kindes Rückſicht zu nehmen, wenn er ſo mächtig wird, daß er ſie aus ihrer Heimath fortzieht zu einem andern Manne. Immer vorausgeſetzt, daß ich ſelbſt nicht die Ueberzeugung habe, es werde ihr Unglück ſein. Ihr Verhältniß zu meiner Tochter iſt bei der kurzen Bekanntſchaft und nach dem, was Sie mir darüber ſa⸗ gen, ſchwerlich ſo, daß mir nur die Wahl bleibt, ent⸗ weder einzuwilligen, oder mein Kind elend zu machen. Und Ihr Geſtändniß giebt mir auch die Mkglichkeit, zu verhüten, was mir vielleicht in vieler Rückſicht unwill⸗ kommen iſt. Ja, Sie ſind mir in dieſem Augenblick ein Fremder, und als ich Ihnen anbot, bei mir zu blei⸗ ben, habe ich gethan, was für mich und die Meinen ſchwere Folgen haben mag.“ Und als der Landwirth in der Erregung des Augenblicks ſo ſprach, fiel ſein Blick auf den Arm, der geſtern geblutet hatte, und wieder auf die mannhaften Züge des bleichen Antlitzes vor ihm, und er unterbrach ſeine Rede und legte die Hand auf die Schulter des Andern.„Nein,“ rief er, „das iſt nicht meines Herzens Meinung, und nicht ſo darf ich Ihnen antworten.“ Und er ſchritt durch das Zimmer, bemüht ſich zu faſſen.„Aber hören auch Sie ein ver⸗ trauendes Wort, und zürnen Sie mir darum nicht,“ fuhr er ruhiger fort.„Wohl weiß ich, daß ich meine Tochter nicht für mich erzogen habe, und daß ich mich einmal gewöhnen muß, ſie zu entbehren. Aber unſere Bekanntſchaft iſt zu kurz, als daß ich ein Urtheil hätte, ob mein Kind an Ihrer Seite Frieden oder Unfrieden zu erwarten hat. Wenn ich Ihnen ſage, daß Sie mir ſehr werth und angenehm geworden ſind, ſo hat das doch in dieſer Stunde keine Bedeutung. Wären Sie — 252— ein Landwirth wie ich, ſo würde ich Ihre 2 Nittheilung mit leichterem Herzen anhören, denn ich hätte in der Zeit Ihres Hierſeins wohl über Ihre Tüchtigkeit eine feſte Anſicht gewonnen. Daß unſer Beruf ſo verſchieden iſt, macht nicht nur mir ſchwer, über Sie zu urtheilen, es mag auch gefährlich werden für die Zukunft meines Kindes. Wenn der Vater wünſcht, daß die Tochter ſich mit einem Manne verheirathet, der in ähnlichem Ge⸗ ſchäfte arbeitet, ſo hat das in jedem Lebenskreiſe ſeinen guten Grund, für den Landwirth von meinem Schlage noch einen beſonderen. Denn die Tüchtigkeit unſerer Kinder liegt zum Theil darin, daß ſie als Gehülfen der Eltern heranwachſen. Was Ilſe in meinem Hauſe ge⸗ lernt hat, giebt mir die Sicherheit, daß ſie als Frau eines Landwirths ihren Platz vollkommen ausfüllen wird, ja, ſie vermöchte wohl Schwächen ihres Mannes zu ergänzen. Und das wird ihr ein geſundes Leben ſichern, ſelbſt wenn ihr Mann manches zu wünſchen übrig ließe. Als Frau eines Gelehrten hat ſie wenig Nutzen von dem, was ſie weiß, und ſie wird als ein Unglück empfinden, daß ſie vieles andere nicht gelernt hat.“ „Daß ſie entbehren wird, muß ich einräumen, auf alles, was ihr nach Ihren Worten fehlt, gebe ich wenig,“ rief der Gelehrte.„Ich bitte Sie, darin mir und der Zukunft zu vertrauen.“ „Dann alſo antworte ich Ihnen, Herr Profeſſor, ebenſo offen, wie Sie zu mir geſprochen haben, ich darf Ihre Forderung nicht kurz abweiſen, denn ich will dem, — 253— was vielleicht Sehnſucht und Glück meiner Tochter iſt, nicht feindlich in den Weg treten; und doch, ich kann bei der unvollſtändigen Einſicht, die ich über Ihre Ver⸗ hältniſſe habe, nicht darauf eingehen. Und ich bin in dieſem Augenblicke in der ſchmerzlichen Lage, daß ich nicht weiß, wie ich überhaupt dieſe Sicherheit gewinnen kann.“ „Wohl fühle ich, wie ungenügend und zufällig die Urtheile ſind, welche ſie von Freunden über mich ein⸗ ſammeln können; es wird dennoch geſchehen müſſen,“ antwortete mit Haltung der Gelehrte. Der Landwirth bejahte ſchweigend und der Pro⸗ feſſor fuhr fort: „Zunächſt bitte ich um Erlaubniß, Ihnen über meine äußeren Verhältniſſe Mittheilung zu machen.“ Er nannte ſeine Einnahmen, gab getreulich an, woher ſie floſſen, und legte ein Verzeichniß derſelben auf den Arbeitstiſch.„Für dieſe Angaben wird mein Rechts⸗ freund, ein geachteter Anwalt der Univerſitätsſtadt, Ihnen jede Beſtätigung geben, welche Sie wünſchen. Ueber meine Brauchbarkeit als Lehrer und meine Stellung an der Univerſität muß ich Sie allerdings auf das Urtheil meiner Collegen verweiſen und auf die Anſicht, die ſich etwa in der Stadt darüber gebildet hat.“ Der Landwirth blickte in das Verzeichniß.„Selbſt die Bedeutung dieſer Summen für Ihre Verhältniſſe iſt mir nicht ganz deutlich, für weitere Kunde habe ich in Ihrer Heimath kaum eine Anknüpfung. Aber, — 254— Herr Profeſſor, ich werde ohne Zögern mir ſelbſt die Gewißheit zu verſchaffen ſuchen, welche ich erhalten kann. Ich werde morgen nach Ihrer Stadt abreiſen.“ „O wie danke ich Ihnen,“ rief der Profeſ ſſor und faßte die Hand des Landwirths. „Noch nicht,“ antwortete dieſer und zog ſeine Hand zurück. „Ich werde natürlich, falls Sie das wünſchen, Sie begleiten,“ fuhr der Profeſſor fort. „Das wünſche ich nicht,“ verſetzte der Landwirth. „Schreiben Sie ſogleich die Briefe, welche mich einigen Ihrer Bekannten empfehlen, im Uebrigen muß ich mich auf meine Fragen und allerdings auf den Zufall ver⸗ laſſen. Aber, Herr Profeſſor, dieſe Reiſe wird mir nur Ihre Angaben beſtätigen, die ich ohnedies für wahr halte, und vielleicht Urtheile Anderer über Sie, welche zu dem ſtimmen, was ich ſelbſt von Ihnen halte. Setzen wir den Fall, daß dieſe Auskunft mich befriedigt, was ſoll die Folge ſein?“ „Daß Sie mir geſtatten, noch länger in Ihrem Hauſe zu verweilen,“ rief der Profeſſor,„daß Sie ver⸗ trauend meine Annäherung an Ihre Tochter dulden, und daß Sie mir Ihre Einwilligung zur Ehe geben, ſobald ich der Neigung Ihrer Tochter ſicher bin.“ „Solche Vorbereitung zu einer Brautwerbung iſt ungewöhnlich,“ ſagte der Landwirth mit trübem Lächeln, „doch ſie iſt einem Landwirth nicht unwillkommen. Wir ſind gewohnt, die Früchte langſam reifen zu ſehen. — 255— Alſo, Herr Profeſſor, auch nach meiner Reiſe behalten wir alle drei Freiheit der Wahl und des letzten Ent⸗ ſchluſſes.— Und dieſe Unterredung, ſoll ſie unſer Ge⸗ heimniß bleiben?“ „Ich beſchwöre Sie darum,“ flehte der Gelehrte. Wieder flog ein leiſes Lächeln über das ernſte Antlitz des Wirthes. „Damit meine ſchnelle Abreiſe weniger auffalle, bleiben Sie unterdeß hier. Vermeiden Sie vor meiner Rückkehr, ſich meiner Tochter zu nähern. Sie ſehen, auch ich erweiſe Ihnen ein großes Vertrauen.“ So hatte der Profeſſor ſeinen Gaſtfreund gezwun⸗ gen, der Vertraute ſeiner Liebe zu werden. Es war ein ſchöner Vertrag zwiſchen Leidenſchaft und Gewiſſen, den der Gelehrte durchgeſetzt hatte, und doch war in ſeiner Dispoſition ein Irrthum, und die Abhandlung, an wel⸗ cher er mit heißem Haupt und pochendem Herzen arbeitete, gerieth ein wenig anders, als er ſich und dem Vater vorgeſtellt. Denn zwiſchen den drei Menſchen, welche jetzt die hochſinnig eingeleitete Brautwerbung durchmachen ſollten, war plötzlich die Unbefangenheit verſchwunden. Als Ilſe am Morgen der verhängniß⸗ vollen Unterredung ſtrahlend von Glück zu den Män⸗ nern trat, fand ſie den Himmel des Gutes lichtlos, mit finſteren Wolken umzogen. Der Profeſſor war unruhig und düſter, er arbeitete faſt den ganzen Tag auf ſeiner Stube, und als die Kleinen ihn am Abend baten, eine Geſchichte zu erzählen, da lehnte er's ab, faßte den Kopf der kleinen Schweſter mit beiden Händen, küßte ihre Stirn und legte ſein eigenes Haupt darauf, als wollte er ſich auf das Kind ſtützen. Gezwungen und ſpärlich waren die Worte, die er an Ilſe richtete, und doch haf⸗ ſicher. Und Ilſe überraſchte auch den Vater, wie dieſer ſie geſpannt und ſchmerzlich anſah. Auch zwiſchen den Vater und ſie war ein Geheimniß getreten, das in ſei⸗ nem Innern arbeitete. Ja ſogar zwiſchen den beiden Männern war es nicht wie ſonſt. Der Vater ſprach wohl einmal leiſe zu dem Freunde, aber beiden ſah ſie einen Zwang an, wenn ſie über Gleichgültiges redeten. Und am nächſten Morgen gar die geheimnißvolle Reiſe des Vaters, die er ihr durch karge Worte über ein gleichgültiges Geſchäft anzeigte! War ſeit jenem wüſten Abend alles um ſie verwandelt? Das Herz des Weibes zog ſich ängſtlich zuſammen. Die Unſicherheit kam ihr, die Furcht vor etwas Feindſeligem, das gegen ſie heran⸗ fuhr. Schmerzvoll hielt ſie ſich zurück, in ihrem Zim⸗ mer kämpfte ſie mit ſchweren Gedanken, und ſie vermied, mit dem Manne ihrer Liebe allein zu ſein. Natürlich wurde dem Profeſſor die Veränderung an der Geliebten auf der Stelle deutlich, und ſie quälte den tief⸗ ſinnigen Mann. Wollte ſie ihn fernhalten, um den Vater nicht zu verlaſſen, war nur frohes Erſtaunen geweſen, was er für herzliche Neigung hielt? Dieſe Sorge machte ſeine Haltung gezwungen und ungleichmäßig und der Wechſel ſeiner Stimmung wirkte wieder auf Ilſe zurück. — 257— Fröhlich hatte ſich der Blüthenkelch ihrer Seele m aufſteigenden Lichte geöffnet, da war ein Tropfen korgenthau hineingefallen, und die zarten Blätter ſchloſſen ich noch einmal unter der fremden Laſt. Ilſe war bei Krankheiten und Verletzungen die weiſe Frau des Gutes. Von ihrer Mutter hatte ſie dies Ehrenamt übernommen und ihr Ruhm in der Um⸗ gegend war nicht gering; auch war es nicht unnöthige Befliſſenheit, denn Roſſau beſaß nicht einmal einen or⸗ dentlichen Heilkünſtler. Ilſe aber verſtand ihre einfachen Hausmittel vortrefflich anzuwenden, ſogar der Vater und de ) N ſi — die Herren der Wirthſchaft unter warfen ſich gehorſam ihrer Pflege. Und ſie war in den Beruf einer b barmherzigen Schweſter ſo eingelebt, daß i ihr jungfräu liches Zartge⸗ fühl gar nichts darin fand, am Krankenbett eines Guts⸗ genoſſen zu ſitzen, und daß ſie ohne Ziererei in die Wunde blickte, welche der Hufſchlag eines Pferdes oder der Schnitt einer Senſe verurſach ht hatte. Und jetzt ſtand er mit einer Wunde neben ihr, er hielt den Arm nicht einmal in der Binde, und ſie ſorgte unaufhörlich, daß der Schaden ärger werden könne. Wie gern hätte ſie die Stelle geſehen, ach wie gern ſie ſelbſt verbunden, und ſie bat ihn am Morgen beim Frühſtück auf den Arm deutend:„Wollen Sie nicht uns zu Liebe etwas dafür thun?“ Und der Profeſſor zog befangen den Arm zurück und erwiederte:„Es hat gar nichts zu bedeuten.“ Sie ſchwieg verletzt. Als er aber auf ſein Zimmer ging, Freytag, Handſchrift. I. 17 wurde ihr die Sorge übermächtig, und ſie ſandte die Tagelöhnerfrau, welche in ſolchen Künſten ihre bewährte Gehülfin war, mit einem Auftrage in das Gaſtzimmer, und ſchärfte ihr ein, gewaltthätig aufzutreten, jeden Widerſpruch des Herrn zu bewältigen, den Arm zu be⸗ trachten und ihr zu berichten. Aber als die ehrliche Frau ſagte, daß ihr Fräulein ſie ſende und daß ſie darauf beſtehen müſſe, den Stich zu ſehen, da entſchloß ſich zwar der Profeſſor zögernd, die Stelle zu zeigen, aber als die Botin einen bedenklichen Bericht heraus⸗ trug, und Ilſe, die unruhig vor der Thür auf und ab ging, durch die Vermittlerin wieder kalte Umſchläge befahl, da wollte der Profeſſor dieſe nicht anwenden. Und er hatte wohl Urſache dazu, denn wie ſchmerzlich er den Zwang fühlte, der ihm im Verkehr mit Ilſe aufgelegt war, ſo dünkte ihm doch unerträglich, ihren Anblick ganz zu miſſen und in ſeiner Stube allein bei dem Waſſernapf zu ſitzen. Und daß er den guten Rath verwarf, ſchmerzte Ilſe noch mehr, denn ſie fürchtete die Folgen, und es that ihr wieder weh, daß er auf ihre Wünſche nichts gab. Und als ſie vollends erfuhr, daß er heimlich zum Chirurgus nach Roſſau geſchickt hatte, da kamen dem ehrlichen Mädchen die Thränen in die Augen über das, was ſie für Nichtachtung hielt. Denn ſie kannte die verkehrten Mittel des Trunkenbolds, und ſie wußte jetzt genau, daß es ein Unglück geben würde. Sie kämpfte mit ſich bis zum Abend, endlich beſiegte die Sorge um den Geliebten alle Bedenken, und als er — 259— neben den Kindern in der Laube ſaß, trat ſie vor ihn und bat in ihrer Herzensangſt leiſe mit niedergeſchla⸗ genen Augen:„Der fremde Mann macht Ihnen die Schmerzen größer, bitte, laſſen Sie mich die Wunde ſehen.“ Und der Profeſſor, erſchrocken über dieſe Aus ſicht, welche ſeine ganze, mühſam erkämpfte Selbſtbe⸗ herrſchung zu vernichten drohte, erwiederte, wie Ilſe hörte, mit rauher Stimme,— er war aber in Wahr⸗ heit nur durch innere Bewegung ein wenig heiſer—: „Ich danke, das kann ich gar nicht annehmen.“ Da ergriff Ilſe die beiden jünſten Geſchwiſter, welche in den Händen der Zigeuner geweſen waren, ſtellte ſie vor ihn hin und rief heftig:„Bittet ihr, wenn er auf mich nicht hört.“ Und dem Profeſſor war dieſer kleine Auf⸗ tritt ſo beweglich, und Ilſe ſah in ihrer Aufregung ſo unwiderſtehlich ſchön aus, daß ihn die Rührung über⸗ mannte und daß er, um gegen den Vater ehrlich zu blei⸗ ben, aufſtand und ſchnell aus dem Garten ging. Und Ilſe preßte die Hände krampfhaft zuſammen und ſah ſtarr vor ſich hin. Alles war ein Traum ge⸗ weſen, Täuſchung war's und thörichte Einbildung, daß ſie in ſeliger Stunde gehofft hatte, er liebe ſie. Und ſie hatte ihm ihr Herz offenbart, und ihr heißes Gefühl war für ihn nichts als dreiſte Zudringlichkeit einer Fremden. Und ſie war ihm ein ungeſchicktes Weib vom Lande, dem das ſtädtiſche Zartgefühl fehlte, und die ſich thöricht etwas in den Kopf geſetzt, weil er einige Male gütig zu ihr geſprochen. Sie ſtürzte in ihr Zimmer, 17* 3 — 260— dort ſank ſie vor ihrem Lager nieder und ein krampf⸗ haftes Schluchzen erſchütterte ihr die Glieder. Sie war den ganzen Abend nicht mehr ſichtbar, am nächſten Tage trat ſie dem Geliebten ſtolz und kalt gegenüber, ſie ſprach nur das Nöthigſte und rang in der Stille mit Thränen und unendlichem Jammer. Alles war hochſinnig für eine feine und zarte Brautwerbung zurechtgelegt, aber wenn zwei Menſchen einander lieb haben, ſollen ſie das einer dem andern auch friſch und einfältig ſagen, ohne Dispoſition und, beim Styr, auch ohne Zartgefühl. Der Landwirth war abgereiſt. Ein Geldgeſchäft, das er auf dem Wege erledigen konnte, gab den Vor⸗ wand. Schon den Tag darauf fiel ſeine gewaltige Geſtalt und das ſorgenvolle Antlitz in den Straßen der Univerſitätsſtadt auf. Gabriel war ſehr verwun⸗ dert, als ein rieſiger Mann, höher als ſein alter Freund, der Wachtmeiſter bei den Küraſſieren, an der Thür ſchellte und einen Brief des Herrn überbrachte, worin Gabriel aufgefordert wurde, ſich und das Quar⸗ tier dem Herrn zur Verfügung zu ſtellen. Der fremde Mann ſchritt durch die Zimmer, ſaß am Arbeitstiſch des Profeſſors nieder und begann mit Gabriel ein Ge⸗ ſpräch in Kreuzfragen, aus denen der Diener nicht klug werden konnte. Auch Herrn Hummel begrüßte der Fremde, dann ließ er ſich nach der Univerſität führen, hielt auf der Straße Studenten an und frug ſie aus, verhandelte mit dem Rechtsanwalt, beſuchte einen Kauf⸗ mann, mit welchem er zuweilen Getreidegeſchäfte machte, ließ ſich von Gabriel zum Schneider des Profeſſors führen, dort einen Rock zu beſtellen, und Gabriel mußte lange vor der Thür ſtehen, bis der geſchwätzige Schnei⸗ der den Fremden entließ. Auch zu Herrn Hahn ging er, einen Strohhut zu kaufen, und am Abend ſah man ſeine große Geſtalt, welche den chineſiſchen Tempel un⸗ billig beengte, neben Herrn Hahn bei einer Flaſche Wein ſitzen. Es war ein armer Vater, der ſich bei gleichgül⸗ tigen Leuten ängſtlich erkundigte, ob er ſein geliebtes Kind in die Arme eines Fremden legen müſſe. Ach, was er erfuhr, war alles noch weit günſtiger, als er erwartet hatte. Auch ihm wurde deutlich, was die Frau Oberamtmann Rollmaus längſt wußte, daß es nach der Meinung Anderer kein gewöhnlicher Mann war, den er bei ſich aufgenommen hatte. Als der Heimkehrende am Abende des nüächſten Tages zwiſchen den letzten Häuſern von Roſſau dahin⸗ fuhr, ſah er eine Geſtalt eilig auf ſich zukommen. Es war der Profeſſor, den die ungeduldige Erwartung auf den Weg getrieben hatte, und der jetzt mit verſtörtem Geſicht an den Wagen eilte. Der Landwirth ſprang von ſeinem Sitze und ſagte dem Profeſſor leiſe:„Blei⸗ ben Sie bei uns, der Himmel gebe zu allem Weiteren ſeinen Segen.“ Und als die beiden Männer neben ein⸗ ander den Fußpfad hinaufſtiegen, fuhr der Gutsherx mit einem Anflug von guter Laune fort: 22¶ Sie haben mich gezwungen, um Ihre Wohnung zu ſpioniren, lieber Herr Profeſſor. Ich habe erfahren, daß Sie ſtill weg leben. Sie bezahlen Ihre Rechnungen pünktlich, Ihr Diener ſpricht mit Ehrerbietung von Ihnen, die Nach⸗ barn denken gut über Sie, in der Stadt ſind Sie ein angeſehener Mann, alles, was Sie ſonſt über ſich ge⸗ ſagt haben, iſt beſtätigt. Ihr Quartier iſt ſehr ſtattlich, die Küche zu klein, die Vorrathskammer enger als bei uns ein Schrank. Durch die Fenſter iſt wenigſtens Ausſicht in's Grüne.“ Sonſt wurde kein Wort über den Zweck der Reiſe geſprochen, aber hoffnungsvoll vernahm der Profeſſor, was der Landwirth von anderen Beobachtungen erzählte, wie reichlich die Bürger lebten, wie glänzend die Läden ausgeſtattet waren, dann von den hohen Häuſern des Marktes, dem Gedränge auf den Straßen und von den Tauben, welche nach altem Herkommen vom Rath gehal⸗ ten werden und dreiſt wie Stadtbeamte zwiſchen Wagen und Menſchen umherlaufen. Es war früher Morgen auf dem Gute, wieder ſandte die Sonne ihre erſten Strahlen heiß auf die Erde. Nach einer ſchlummerloſen Nacht eilte Ilſe durch den Garten zu dem kleinen Badehauſe, das der Vater zwiſchen Rohr und Gebüſch angelegt hatte. Dort tauchte ſie die weißen Glieder in das Waſſer, hüllte ſich ſchnell wieder in ihr Gewand und ſtieg, die Strahlen der Sonne ſuchend, den Weg hinauf, welcher unweit der Grotte nach der Höhe führte. Da ſie wußte, daß ) 6 4 7 — 263— unter den Steinen der Höhle noch die kühle Nachtluft lag, ſtieg ſie höher hinauf, wo die Berglehne ſteil nach der Grotte und dem Thal abfiel. Dort oben auf dem Abhange ſetzte ſie ſich zwiſchen den erſten Büſchen nie⸗ der, um fern von jedem Menſchenauge im Sonnenſtrahl die Haare zu trocknen und ihren Anzug zu ordnen. Sie ſah hinüber nach dem Vaterhauſe, wo auf dem Freunde wohl noch der Morgenſchlummer lag, und ſah vor ſich herunter auf die Steindecke der Grotte und auf den großen Federbuſch von Weidenröschen, dem jetzt die weiße Wolle des Samens aus den Schoten quoll. Und ſie ſtützte das Haupt in die Hand und dachte an den letzten Abend, wie wortkarg er wieder geweſen war, und daß der Vater zu ihr gar nicht von ſeiner Reiſe ſprach. Aber wie unruhig auch die Sorgen durch ihr Haupt fuhren, aus der klaren Fluth hatte ſie auch ihren Gedanken Erfriſchung geholt, und jetzt warf der Morgen ſein mildes Licht auch über ihr Herz. Dort ſaß das Kind des Gutes, ſie wand das Waſſer aus dem Haar und ſtützte die weißen Füße auf das Moos. Neben ihr ſummten die Bienen über dem blühenden Quendel, und eine kleine Arbeiterin kreiſte drohend um ihre Füße. Ilſe bewegte ſich und ſtieß an einen ihrer Schuhe, der Schuh glitt hinab, überſchlug ſich und fiel in kleinen Sätzen über Moos und Stein, er ſprang beim Weidenröschen vorbei und verſchwand in der Tiefe. Ilſe fuhr in den Kameraden des Flüchtlings und eilte auf dem Wege zur Grotte nach. — 264— Sie bog um die Felsecke und trat erſchrocken zurück, denn auf dem Platze vor der Grotte ſtand der Profeſſor und betrachtete ſinnend die geſtickten Arabesken des Schuhes. Der zartfühlende Mann war über dieſe plötz⸗ liche Bewegung kaum weniger betroffen als Ilſe. Es hatte auch ihn am frühen Morgen hinausgetrieben zu der Stelle, wo ihm zuerſt das Herz des Mädchens auf⸗ gegangen war, auf dem Stein am Eingange hatte er geſeſſen und das Haupt an den Felſen gelehnt in tie⸗ fem und ſchmerzlichem Grübeln. Da, horch, ein leiſes Rauſchen, Steinchen und Sand rollten herab, ein klei⸗ nes Meiſterwerk bildender Kunſt fiel dicht vor ſeine Füße. Er ſchnellte empor, denn er ahnte auf der Stelle, wem der ſpringende Schuh gehörte. Jetzt ſah er die Geliebte vor ſich ſtehen, in leichtem Morgengewand, von dem langen blonden Haar umfloſſen, einer Waſſerfee oder Bergnymphe vergleichbar. „Es iſt mein Schuh,“ rief Ilſe verlegen und ver⸗ barg den Fuß. „Ich weiß,“ ſagte der Gelehrte ebenfalls verlegen und rückte den Schuh ehrerbietig an den Saum ihres Kleides. Schnell ſchlüpfte der Fuß hinein, aber die kurze Bewegung der weißen Zehen gab dem Profeſſor plötzlich einen Heldenmuth, den er an den letzten Tagen nicht gehabt hatte.„Ich gehe nicht von der Stelle,“ rief er entſchloſſen. Ilſe fuhr in die Grotte und barg ihre Haare in dem Retz, das ſie in der Hand hielt. Der Gelehrte ſtand am Eingange zu dem Heiligthume, neben — — 265— ihm hingen die Ranken der Brombeeren, die Bienen ſummten über dem Quendel und ihm pochte das Herz. Als Ilſe mit gerötheten Wangen aus der Grotte in das Licht des Tages trat, hörte ſie, wie eine Stimme in tiefer Bewegung ihren Namen ausſprach, ſie fühlte ihre Hände gefaßt, ein heißer Blick aus den treuen Augen, ſüße Worte in bebendem Tonfall, der Arm des Mannes umſchlang ſie, lautlos ſank ſie an ſein Herz. Denn, wie der Profeſſor ſelbſt bei einer andern Gelegenheit auseinandergeſetzt hatte, der Menſch vergißt zuweilen, daß ſein Leben auf einem Contract mit über⸗ mächtigen Naturgewalten beruht, welche den kleinen Herrn der Erde unverſehens kreuzen. Dergleichen un⸗ beachtete Mächte zwangen jetzt auch den Profeſſor und Ilſe. Weiß nicht, welche Naturgewalt die Biene ſandte und den Schuh warf, waren es die Erdmännchen, an welche Ilſe nicht glaubte, oder war es Einer aus der antiken Bekanntſchaft des Profeſſors, der gaisfüßige Pan, der in den Grotten auf der Rohrpfeife bläſt. Die Brautwerbung war wiſſenſchaftlich begonnen, aber ſie war ohne alle Weisheit zur Vollendung ge⸗ bracht. Es waren zwei große und reine Herzen, welche jetzt an einander ſchlugen, aber, um alles zu ſagen, der feinfühlende Profeſſor hatte zuletzt doch um die Geliebte geworben, als ſie gerade keinen Strumpf an hatte. 11. Speihahn. Ueber den feindlichen Häuſern war rabenſchwarze Nacht, die Welt ſah aus wie eine große Kol hlengrube, in der die Leuchte erloſchen iſt. Der Wind fuhr durch die Bäume des Parkes, man hörte ein Rauſchen der Blätter, Geknarr der Aeſte, ein tiefes, zorniges Brum⸗ men in der Luft, aber man ſah nichts als einen unge⸗ heuren ſchwarzen Vorhang, der den Stadtwald verhüllte, und ein ſchwarzes Zeltdach, das über die Häuſer geſpannt war. Die Straßen der Stadt waren leer, wer ein freundliches Verhältniß zu ſeinem Bett hatte, lag längſt darin, wer eine Schlafmütze beſaß, heut zog er ſie über die Ohren. Alles Menſchliche barg ſich in tiefem Schweigen, auch den Stundenſchlag der Thurmglocke zerriß der Sturmwind und führte die einzelnen Töne hierhin und dorthin, ſo daß Niemand die Schläge der Mitternachtsſtunde vollſtändig zuſammenbringen konnte. Nur um das Haus des Herrn Hummel kläffte die wilde Jagd, die Hunde fuhren im Hofe umher, unbe⸗ irrt durch Sturm und Finſterniß, und wenn der Wind wie ein Hifthorn zwiſchen den Häuſern blies, bellte die Meute dem Schlafe der Menſchen ein greuliches Halali. „Den iſt heut wohl,“ dachte Gabriel in ſeiner Kammer,„das iſt ganz ihr Wetter.“ Endlich entſchlief auch er und hatte einen Traum, als wenn die beiden Hunde ſeine Kammerthür aufmachten, ſich vor ſeinem Bett auf zwei Stühle ſetzten und abwechſelnd die Zünd⸗ hütchen ihrer Taſchenpiſtolen auf ihn abknipſten. Er lag noch in unruhigem Schlaf, als es an ſeine Thür pochte. „Stehen Sie auf, Gabriel,“ rief die Stimme des alten Schließers aus der Fabrik,„es iſt ein Unglück geſchehen.“ „Durch die Hunde?“ rief Gabriel, mit beiden Bei⸗ nen aus dem Bette ſpringend. „Es muß jemand eingebrochen ſein,“ rief der Mann wieder durch die Thür,„die Hunde liegen auf der Erde.“ Gabriel fuhr erſchrocken in ſeine Stiefeln und eilte in den Hof, der durch die Morgendämmerung nothdürf⸗ tig erhellt wurde. Da lagen die zwei armen nächtlichen Geſchöpfe auf dem Boden, nur noch ein wenig zappelnd. Gabriel lief zu dem Waarenlager, ſah nach Thür und Fenſtern, dann unterſuchte er das Haus, jeder Laden war geſchloſſen, nirgend Verſtörung zu entdecken. Als er zurückkehrte, ſtand Herr Hummel vor den Liegenden. „Gabriel, hier iſt eine Miſſethat geſchehen, den Hunden iſt etwas angethan, laſſen Sie beide liegen, es muß eine Beweisaufnahme ſtattfinden, ich ſchicke zur Polizei.”“ „Ei was,“ erwiederte Gabriel,„erſt kommt das Er⸗ p — 268— barmen, dann die Polizei, vielleicht iſt den Würmern noch zu helfen.“ Er nahm die beiden Thiere, trug ſie an's Licht und unterſuchte ihren Zuſtand.„Der Schwarze iſt dahin,“ ſagte er mitleidig,„der Rothe hat noch eini⸗ gen guten Willen.“ „Zum Thierarzt, Klaus,“ rief Herr Hummel,„und auf der Stelle, er möchte mir den Gefallen thun und ſogleich aufſtehen, es ſoll ſein Schade nicht ſein. Dieſer Fall muß in's Tageblatt. Ich verlange Satisfaction vor Stadtverordneten und Rath.— Gabriel,“ fuhr er in zorniger Bewegung fort,„ſie ermorden die Hunde von Bürgern. Damit fängt die niederträchtige Bosheit an, aber ich bin nicht der Mann, der ſich durch Meuchel⸗ mörder behandeln läßt, es ſoll ein Exempel werden, Gabriel.“ Gabriel ſtreichelte unterdeß das Fall des rothen Hundes, der die Augen wild unter dem zottigen Stirn⸗ haar rollte und kläglich mit den Pfoten ſchlug. Endlich kam der Thierarzt. Er fand die ganze Familie im Hofe verſammelt, Frau Hummel, noch im Nachtgewande, trug ihm eine Taſſe Kaffee zu, er bedau⸗ erte trinkend und begann die Unterſuchung. Das Ver⸗ dikt des Sachverſtändigen lautete auf Vergiftung. Die Sektion ergab genoſſene Klößchen mit Arſenik, und was Herrn Hummel noch tiefer kränkte, außerdem mit Glas⸗ ſplittern. Der Rothe gewährte bei alledem eine un⸗ ſichere Hoffnung, gerettet zu werden. Das wurde der Familie Hummel ein finſterer —,——,— Morgen. Herr Hummel ſetzte ſich noch vor dem Früh⸗ ne an den Schreibtiſch und verfaßte eine Ar zeige für s Tageblatt, worin er zehn Thaler? Belohnung für den Aden nſchenfreund ausſetzte, der ihm den tückiſchen Ver⸗ gifter ſeiner Hunde angeben wollte. Die zehn Thaler unterſtrich er dreimal mit Kleckſen. Dann trat er an ſein Fenſter und ſah grimmig hinüber nach dem Sch hlupf⸗ winkel ſeines Gegners und nach dem chineſiſchen Tem⸗ pel, der die Veranlaſſung des neuen Unfriedens gewor⸗ den war. Und immer wieder wandte er ſich zu ſeiner Frau und brummte auf⸗ und abgehend: Fall nicht zweifelhaft.“ „Ich begreife dich nicht,“ erwiederte die Gattin, welche an dem anſtrengenden Morgen zum zweiten Mal dr Frühſtück einnahm,„und ich verſtehe nicht, wie du deiner Sache ſicher ſein kannſt. Es iſt wahr, in den Leuten iſt eine Art, welche uns immer wieder abſtößt, und es mag ein Unglück ſein, daß wir dieſe Nachbar⸗ haft haben. Aber du kannſt nicht behaupten, daß ſie unde vergiften. Und ich kann mir nicht denken, daß e Hahn ſolche Einfälle hat. Ich gebe dir zu, ſie iſt eine ger wöhnliche Frau, und der Doctor ſagt, daß es Klößchen waren, was auf eine weibliche Hand ſchließen läßt. Aber als unſer Rother bei den Krammetsvögeln getroffen wurde, die ſie in der Küche hatte, hat ſie mir den Hund nur mit einer Empfehlung; zurtickgeſchick, und es wäre nicht ſchön von ihm, er hätte drei Vögel ge⸗ freſſen. Das Mir iſt der „M ⸗ dan 8 di war in der Ordnung, und ich kann darin — 270— keine Mordluſt finden. Und er, du lieber Gott, er ſieht mir auch nicht aus, als ob er in finſterer Mitternacht ſich mit unſeren Hunden zu thun machte.“ „Er iſt tückiſch,“ grollte Herr Hummel,„aber du haſt immer deine eigene Meinung von den Leuten ge⸗ habt. Er iſt ſcheinheilig gegen mich geweſen von dem erſten Tage, wo er ſich vor dieſen Fenſtern bei ſeinen Ziegeln aufſtellte und mir den Rücken zukehrte. Und ich habe mich immer wieder von euch Weibern bewegen laſſen, ihn als Nachbar zu behandeln mit Grüßen und Redensarten; und ich habe ſtillgeſchwiegen, wenn ihr mit der Frau drüben euer Gewäſch getrieben habt.“ „Unſer Gewäſch, Heinrich,“ rief die Gattin und ſetzte ihre Kaffeetaſſe klirrend hin.„Ich muß dich bitten, daß du nicht vergißt, was du mir ſchuldig biſt.“ „Nun, es war nicht ſo böſe gemeint,“ räumte Herr Hummel ein, um den Sturm zu beſchwichtigen, den er zur Unzeit heraufbeſchworen hatte. „Wie es gemeint war, mußt du wiſſen, ich halte mich an das, was ich höre; es zeigt wenig Gefühl, Hum⸗ mel, daß du um eines todten Hundes willen deine Gat⸗ tin und deine Tochter als Waſchfrauen behandelſt.“ Dieſe Auseinanderſetzung trug noch mehr wider⸗ wärtiges Grau in die Stimmung des Morgens, förderte aber keineswegs die Entdeckung des Verbrechers. Es war vergebens, daß die Hausfrau, um den ſtöbernden Verdacht des Gatten von der Familie Hahn abzulenken, viele andere Vermuthungen aufſtellte und mit Laura's — ſſ Hülfe wieder verwarf, gegen die eigenen Arbeiter, gegen den Nachtwächter, und daß ſie zuletzt ſogar den Markt⸗ helfer von drüben als möglichen Miſſethäter einräumte. Ach, die bürgerliche Stellung der Hunde war ſo trüb⸗ ſelig geweſen, daß die Familie Hummel viel leichter die wenigen Menſchen herzählen konnte, welche den Hunden nichts Böſes anwünſchten, als die vielen, welche Wunſch und Intereſſe hatten, die Scheuſale zum Cocytus wan⸗ deln zu ſehen. Denn wie Lauffeuer fuhr die Nachricht über die Straße, bei der Obſtfrau an der Ecke war heut Verſammlung wie auf der Börſe, in den Kramläden mitleidlos, feindſelig, ſchadenfroh. Auch die äußeren Hauſes, der Commis in ſädlicen Geſchäft, welcher zu den Feinden übergegangen war, aber nicht müde wurde, ſeinem früheren Lehrherrn gelegentliche Ehrfurcht und Fräulein Laura eine unbequeme Anbetung zu erweiſen. Endlich kam ein Komiker der Stadtbühne, der häufig des Sonntags eingeladen wurde und dafür luſtige Ge⸗ ſchichten erzählte. Aber ſelbſt dieſe wenigen Getreuen wurden von einzelnen Hausgenoſſen beargwöhnt. Der Familie Knips mißtraute Gabriel, den Commis verab⸗ ſcheute Laura, und der Komiker, ſonſt ein willkommener — 22— Gaſt, hatte einige Abende zuvor im Vorbeigehen leicht⸗ ſinnig gegen einen Begleiter geäußert, daß es verdienſt⸗ lich ſein würde, dieſe Hunde von der Weltbühne zu ent⸗ fernen. Heut war dieſer unglückliche Einfall der Haus⸗ frau hinterbracht worden, und er lag ihr ſchwer auf dem Herzen. Funfzehn Jahre hatte ſie grade dieſes Mannes Huldigung mit Wohlgefallen ertragen, viele Freundlich⸗ keit, pegeiſtertes Klatſchen im Theater war ihm zu Theil geworden, der Sonntagsbraten und eingeſottenen Früchte gar nicht zu gedenken; und jetzt, wo der Mime bedau⸗ ernd den Kopf ſenkte und ſein Entſetzen ausſprach, da wurde ihm ſein Geſicht wegen langer Gewöhnung an komiſche Wirkungen ſo heuchleriſch verzogen, daß Frau Hummel aus den Zügen des geſchätzten Mannes plötz⸗ lich einen Teufel herausgrinſen ſah. Und ihre ſpitzen Bemerkungen über Judaſſe erſchreckten wieder den Mi⸗ men, weil ſie ihm die Gefahr offenbarten, ſein beſtes Haus zu verlieren, und je läglicher er ſich fühlte, deſto zweideutiger wurde ſein au Während aller dieſer Vo lle hielt ſich die Familie Hahn gärzlich zurück. Kein Zeichen, on unſchicklicher Freude, keines von unnatürlichem 3 drang aus den ſchweigenden Mauern. Nur am Nachmittag, als Frau Hummel, um ſich zu erhol ein wenig in die Luft ging, begegnete ihr die barin. Und Frau Hahn, welche ſich ſeit jener Gar fühlte, blieb ſtehen und ſprach freundlich ihr Bedauern aus, daß Frau Hummel einen ſo unangenehmen Vor⸗ „F. tenſcene im Unrecht 273— fall erlebt habe. Und da klang doch die feindliche Stim⸗ mung und der Verdacht des Mannes aus der Ant⸗ wort heraus, ſehr kalt und abweiſend ſprach Frau Hum⸗ mel, und auch die beiden Frauen ſchieden in feindſeliger Stimmung. Unterdeß ſaß Laura an ihrem Schreibtiſch und be⸗ ſprach die Ereigniſſe des Tages in ihren geheimen Auf⸗ zeichnungen, und mit leichtem Herzen dichtete ſie zum Schluß die Verſe:„Sie ſind dahin! von uns genommen iſt der Fluch, und ausgetilgt der Flecken in des Schick— ſals Buch.“ Dieſe Prophezeiung enthielt gerade ſoviel Wahrheit, als wenn ſie nach dem erſten Scharmützel des trojaniſchen Krieges durch Kaſſandra in Hektors Stammbuch eingezeichnet worden wäre. Sie wurde durch endloſe Greuel der Folgezeit widerlegt. Zunächſt war Speihahn gar nicht dahin, ſondern blieb am Leben. Aber der nächtliche Verrath übte auf Leib und Seele des Geſchöpfes einen betrübenden Ein⸗ fluß. Er war nie ſchön geweſen, jetzt wurde ſein Leib mager, der Kopf dick und ſein zottiges Fell ſtruppig. Die Glasſplitter, welche der kunſtvolle Arzt aus ſeinem Magen entfernte, fuhren gewiſſermaßen in die Haare, daß dieſe borſtig am Leibe ſtarrten wie an einer Fla⸗ ſchenbürſte; das 1 ewundene Schwänzchen wurde kahl, nur an der Spitze beſtand eine Haarquaſte, daß es aus⸗ ſah wie ein verbogener Korkzieher mit einem Kork am *Ende. Mit dieſem Schwanze wedelte er nie mehr, auch ſein Kläffen hörte auf, bei der Nacht wie am Tage Freytag, Handſchrift. L. 18 wandelte er ſchweigend, nur ausnahmsweiſe vernahm man ein dumpfes Knurren, das zu denken gab. Er kehrte in das Leben zurück, aber die ſanfteren Gefühle in ihm waren erſtorben, ſein Charakter wurde menſchen⸗ ſcheu und ſchwarze Hintergedanken ſammelten ſich in ſeinem Innern, Anhänglichkeit und Berufstreue wurden vermißt, ſtatt ihrer erwies er lauernde Heimtücke und allgemeine Rachſucht. Doch Herr Hummel beachtete dieſe Umwandlung nicht. Der Hund war das Opfer einer unerhörten Bosheit, welche ihn, den Hausbeſitzer, ſchädigen wollte, und wäre er zehnmal häßlicher und menſchenfeindlicher geweſen, Herr Hummel hätte ihn doch zu ſeinem Lieblinge gemacht. Er ſtreichelte ihn und nahm es dem Hunde gar nicht übel, wenn dieſer zum Danke nach den Fingern ſeines Herrn ſchnappte. Während aus der neuen Brandſtätte des Familien⸗ friedens immer noch die Flämmchen ſittlicher Entrüſtung emporzüngelten, kehrte Fritz von ſeiner Reiſe zurück. In der erſten Stunde erzählte ihm die Mutter alle Vorfälle der jüngſten Zeit: das Glockenſpiel, die Hunde, die neue Feindſchaft.„Es war recht gut, daß du nicht hier warſt. Haſt du denn auch immer ein gutes Feder⸗ bett gehabt? In den Gaſthöfen ſind ſie jetzt mit den Decken gegen Fremde ſehr rückſichtslos. Ich hoffe, auf dem Lande, wo ſie die Gänſe ſelbſt zi hen, wird mehr Einſicht geweſen ſein. Und wegen dieſes neuen Zankes ſprich mit dem Vater, thu was du kannſt, daß wieder Friede wird.“ — 2275— Fritz hörte ſchweigend den Bericht der Mutter und ſagte endlich begütigend:„Du weißt, es iſt nicht das erſte Mal, es geht vorüber.“ Dieſe Neuigkeiten trugen nicht dazu bei, den Doc⸗ tor heiter zu ſtimmen. Er ſah aus ſeiner Stube be⸗ kümmert nach dem Nachbarhauſe und den Fenſtern des Freundes hinüber. Dort wurde wohl in Kurzem ein neuer Haushalt eingerichtet; konnte dann auch ſeine Freundſchaft zum Profeſſor von den Störungen betrof⸗ fen werden, welche ſeit alter Zeit die beiden Häuſer beſchäftigten? Er ging daran, die Sammlungen ſeiner Reiſe zu ordnen, aber die Fußtapfen in der Höhle machten ihm heut eine unbehagliche Empfindung, und beim Hufſchlag des wilden Jägers mußte er an die alt⸗ klugen Worte Ilſe's denken:„es iſt Alles Aberglaube.“ Er legte die Hefte zuſammen, ergriff den Hut und ging grübelnd und nicht gerade fröhlich gemuthet in den Stadtpark. Und als er wenige Schritte vor ſich Laura Hummel auf demſelben Wege dahinſchweben ſah, bog er ſeitwärts ab, um Niemandem aus dieſem Hauſe zu be⸗ gegnen. Laura trug ein Körbchen mit Früchten zu ihrer Frau Pathe. Die alte Dame bewohnte eine Sommerwohnung im nahen Dorfe, zu welchem ein ſchattiger Fußweg durch den Park führte. Es war zu dieſer Stunde ein⸗ ſam im Stadtwald, und nur die Vögel beobachteten, wie ſorglos der kleine Mund des behenden Fräuleins lachte, und wie glücklich zwei ſchöne tiefblaue Augen in das 18* — 276— Dickicht ſpähten. Aber obgleich Laura eilte, ſie hatte doch vielen Aufenthalt. Zuerſt fiel ihr ein, daß die Blätter einer Blutbuche ihrem braunen Filzhütchen gut ſtehen würden, ſie brach einen Zweig, nahm den Hut ab und ſteckte die Blätter auf, und um ſich dar⸗ über zu freuen, behielt ſie den Hut in der Hand und legte zum Schutz gegen einzelne verwegene Lichtſtrahlen ein Flortuch über den Kopf. Dann bewunderte ſie das Parket von Goldgelb und Grau, welches die Sonne auf den Weg malte. Dann lief gar ein Eichhörnchen über den Weg, fuhr blitzſchnell an einem Baum hinauf und duckte ſich in die Zweige, und Laura ſah zu ihm empor und erkannte ſeine reizenden Ohrbüſchel hinter dem Laub, und ſie träumte ſich ſelbſt auf die Höhe des Baumes mitten unter Laub und Früchte, ſchaukelte auf den Zweigen, ſchwang ſich von einem Aſt auf den andern und machte zuletzt einen Spaziergang auf den Gipfeln wie auf grünen Hügeln hoch in der Luft über die flatternden Blätter. Und als ſie dem Waſſer nahe kam, das auf der andern Wegſeite daran hinfloß, erlebte ſie, daß eine große Geſellſchaft Fröſche, welche am Uferrande in der Sonne ſaß, wie auf Kommando mit großem Satze in's Waſſer ſprang, und ſie lief hinzu und ſah mit Erſtau⸗ nen, daß die Fröſche im W er weit anders ausſahen, als auf dem Lande, gar nicht wie Klötze, ſondern daß ſie dahinfuhren wie kleine Herren mit Bäuchlein und dicken Hälſen, aber langen Beinchen, welche tapfer aus⸗ greifen. Und da ein großer Froſch auf ſie zuſteuerte und ſeinen Kopf gegen ſie aus dem Waſſer hob, fuhr ſie zurück, ſchämte ſich einen Augenblick, daß ſie ſeiner Schwimmkunſt zugeſehen hatte, und lachte dann über ſich ſelbſt. So zog ſie durch den Wald, ſelbſt ein Som⸗ mervogel, leicht geſchwingt und in Frieden mit aller Welt. Aber hinter ihr ſchritt ihr Schickſal. Speihahn nämlich hatte von ſeinem gewöhnlichen Platz an der ſteinernen Freitreppe ihr Beginnen nicht unbemerkt ge⸗ laſſen. Unter den wilden Haaren, die wie ein Schnurr⸗ bart über ſeine Augen hingen, war etwas aufgedämmert, er hatte ihr nachgeſchielt, ſich endlich aufgemacht, und trottete jetzt ſchweigend hinter ihr her, ungerührt durch Sonnenſtrahl, Fruchtkorb und das rothe Kopftuch ſeiner jungen Herrin. Mitten zwiſchen Stadt und Dorf ſtieg der Weg aus dem Thalgrunde und ſeinen Bäumen zu einer kahlen Ebene, auf welcher die Kriegsmacht der Stadt zuweilen ihre Uebungen hielt, in den friedlichen Stunden ein Schäfer die Heerde weidete; der Pfad lief ſchräg über die offene Fläche dem Dorfe zu. Laura hielt auf der Höhe zuweilen an und bewunderte die fernen Wollträger und den braunen Schäfer, der mit ſeinem großen Hut und Hakenſtock ſehr hübſch ausſah. Schon war ſie über die Heerde hinausgekommen, da hörte ſie hinter ſich Gebell und drohendes Geſchrei, ſie wandte ſich um und ſah die friedliche Gemeinde in wildem Auf⸗ ruhr. Die Schafe ſtoben auseinander, einige rannten kopflos in die Weite, andere lagen zuſammengeballt in — 228— einem Quergraben, die Schäferhunde bellten, der Schäfer und ſein Knabe liefen mit gehobenen Stöcken um den verſtörten Haufen. Aber während Laura er⸗ ſtaunt in das Getümmel ſah, wurde ſie ſelbſt davon umringt, der Schäfer und ſein Junge ſprangen auf ſie zu, zwei große Schäferhunde folgten dem hetzenden Zu⸗ ruf, ſie fühlte ſich von rauher Männerhand angepackt, das zornige Geſicht des Schäfers und ſein Hakenſtock bewegten ſich dicht vor ihren Augen.„Ihr Hund hat mir die Heerde auseinandergejagt, ich fordere Strafe und Zahlung.“ Erſtarrt und leichenblaß griff Laura nach ihrem Geldtäſchchen, kaum vermochte ſie zu bitten:„ich habe ja keinen Hund, laſſen Sie mich los, lieber Schäfer.“ Aber der Mann ſchüttelte wild ihren Arm, zwei rieſige ſchwarze Thiere ſprangen an ihr hinauf und ſchnappten nach ihrem Tuche.„Es iſt Ihr Hund, und ich kenne das rothe Bieſt,“ ſchrie der Schäfer. Und das war kein Irrthum. Speihahn hatte näm⸗ lich ebenfalls die Schafheerde beobachtet und ſeinen ruch⸗ loſen Plan geſchmiedet. Plötzlich war er mit heiſerem Gekläff auf ein Schaf zugeſprungen und hatte es heftig in's Bein gebiſſen. Darauf Flucht der Heerde, Zu⸗ ſammenſtürzen des Haufens, Speihahn mitten darunter, kläffend, kratzend, beißend, dann linksab einen trockenen Graben entlang, den Abhang zum Walde hinunter in das dichteſte Geſträuch. Jetzt trabte er in Sicherheit nach Hauſe zurück, die Zähne fletſchend, mit verworre⸗ nem Schnurrbart, und ließ ſein Fräulein unter der Fauſt des Schäfers vergehen, der ſeinen Hakenſtock noch immer über ihr ſchwenkte. 74 „Laſſen Sie das Fräulein los,“ rief die erzürnte Stimme eines Mannes, Fritz Hahn ſprang herzu, ſtieß den Arm des Schäfers zurück und fing Laura, der die Sinne ſchwanden, in ſeinen Armen auf. Das Dazwiſchentreten eines Dritten zwang den Schäfer zu neuer Anklage, deren Schluß war, daß er wieder in auflodernder Hitze das Mädchen anfaſſen wellte und daß ſeine Hunde gegen den Doctor heran⸗ fuhren. Aber tief empört rief Fritz:„Sie halten die Hunde zurück und benehmen ſich manierlicher, oder ich veranlaſſe, daß Sie ſelbſt beſtraft werden. Hat ein fremdes Thier Ihrer Heerde Schaden gethan, ſo ſoll eine billige Entſchädigung gezahlt werden, ich bin bereit, Ihnen oder dem Beſitzer der Schafheerde dafür zu bürgen.“ So rief er und hielt Laura feſt im Arme, ihr Kopf lag auf ſeiner Schulter und das rothe Tuch hing über ſeine Weſte bis auf das Herz Mab.„Faſſen Sie ſich, liebes Fräulein,“ bat er herzlich beſorgt. Laura erhob ihr Haupt, blickte furchtſam auf das Angeſicht, welches ſich von Menſchenliebe und Mitgefühl geröthet über ſie beugte und erkannte mit Schrecken ihre Lage. Furchtbares Schickſal! Wieder er, zum drittenmale er, der unvermeidliche Beſchützer und Retter! Sie entwand ſich ihm und ſagte mit ſchwacher Stimme:„Ich danke Ihnen, Herr Doctor, ich vermag allein zu gehen.“ — 280 „Nein, ich laſſe Sie nicht ſo,“ rief Fritz und ver⸗ handelte wieder mit dem Schäfer, der unterdeß die beiden Opfer des mörderiſchen Hundes herzugeholt und als Beweiſe der verübten Miſſethat niedergelegt hatte. Fritz griff in ſeine Taſche, reichte dem Schäfer ein Aufgeld zu der gebotenen Entſchädigung, nannte ſeinen Namen und beſprach mit dem Manne, der nach Anblick des Geldes ruhiger wurde, eine Zu⸗ ſammenkunft. „Bitte, geben Sie mir den Arm, ritterlich zu Laura. „Ich kann das nicht annehmen,“ erwiederte das betäubte Mädchen, der großen Feindſchaft eingedenk. „Es iſt nur Menſchenpflicht,“ begütigte Fritz,„Sie ſind zu angegriffen, um allein zu gehen.“ „Dann bitte ich Sie, mich zu meiner Frau Pathe zu geleiten, es iſt am nächſten dorthin.“ Fritz nahm ihr das Körbchen ab und las die her⸗ ausgefallenen Früchte zuſammen, darauf führte er ſie dem Dorfe zu.„Vor dem Manne hiütte ich mich nicht ſo ſehr gefürchtet,“ klagte Laura,„aber die ſchwarzen Thiere waren zu furchtbar.“ Dabei hielt ſie ihren Arm ſchwebend in dem ſeinen, denn jetzt, wo der Schrecken verflog, fühlte ſie das Peinliche ihrer Lage, ach, mit Gewiſſensbiſſen! Denn ſie hatte erſt heute früh die Reiſetoilette des heimkehrenden Doctors unausſtehlich gefunden. Nun war allerdings Fritz kein Mann, deſſen Unausſtehlichkeit lange vorhielt. Er war voll Zartge⸗ 74 wandte er ſich — 281— fühl und Sorge um ſie, ſtrebte ihr jede Unebenheit des Weges zu erſparen, ſtreckte im Gehen ſeinen Fuß aus und ſtieß kleine Steine weg. Er begann ein gleichgül⸗ tiges Geſpräch über die Frau Pathe, wobei ſie erzählen mußte und auf andere Gedanken kommen konnte. Dar⸗ über ergab ſich, daß er ſelbſt die Pathe recht hoch ſchätzte, ja, ſie hatte ihm einſt, als er noch Schulknabe war, einen Kirſchkuchen geſchenkt und er dafür an ihrem Geburtstage ein Gedicht verfertigt. Ueber das Wort Gedicht erſtaunte Laura. Alſo dort drüben konnte man das auch? Allein der Doctor ſprach ſehr rückſichtslos von den erhebenden Schöpfungen glücklicher Stunden. Und als ſie ihn frug:„Sie haben auch gedichtet?“ und er lachend erwiederte:„nur für's Haus, wie Jeder⸗ mann,“ da fühlte ſie ſich durch ſeine kalte Nichtachtung der Poeſie recht gedrückt. Es war jedenfalls ein Unter⸗ ſchied zwiſchen Vers und Vers, bei Hahn's thaten ſie das um Kirſchkuchen. Aber gleich darauf tadelte ſie ſich wegen unziemlicher Gedanken gegen ihren Wohlthäter. Und ſie wandte ſich freundlich zu ihm und ſprach von ihrer Freude über das heutige Eichhorn im Walde. Denn ſie hatte früher einmal ein ſolches Thier von einem Stra⸗ ßenjungen gekauft und in's Freie geſetzt, und das Thier⸗ chen war zweimal vom Baume wieder auf ihre Schul⸗ tern geſprungen, und ſie war endlich mit Thränen weggelaufen, damit das Kleine in ſeinem Walde bleiben müſſe. Und wenn ſie jetzt ein Eichhorn ſehe, ſei ihr immer, als gehöre es ihr zu, und ſie täuſche ſich gewiß, —— — 282— aber die Eichhörner ſchienen ihr dieſelbe Anſicht zu hegen. Dieſe Geſchichte führte zu der merkwürdigen Entdeckung, daß der Doctor ganz ähnliche Erlebniſſe mit einer kleinen Eule gehabt hatte, und er machte der Eule nach, wie ſie immer mit dem Kopfe nickte, wenn er ihr das Freſſen brachte, und dabei ſahen ſeine Brillen⸗ gläſer ganz wie Eulenaugen aus, und Laura konnte das Lachen nicht verbergen. In dieſem Geſpräche kamen ſie vor der Thür der Pathe an, Fritz entließ Laura's Arm und wollte ſich verabſchieden, ſie blieb an der Thürſchwelle ſtehen, die Hand am Griffe, und ſagte verlegen:„Wollen Sie nicht wenigſtens einen Augenblick hereinkommen, da Sie die Frau Pathe kennen?“„Mit Vergnügen,“ erwiederte der Doctor. Die Pathe ſaß in ihrer Sommerwohnung, welche etwas kleiner, feuchter und ungemüthlicher war, als ihr Quartier in der Stadt. Als aber die Kinder der feind⸗ lichen Häuſer miteinander eintraten, erſt Laura, immer noch bleich und feierlich, und hinter ihr der Doctor, ebenfalls mit ſehr ernſthaftem Geſicht, da erſtaunte die gute Dame ſo, daß ſie ſtarr auf dem Sopha ſitzen blieb und nur die Worte herausbrachte:„Was muß ich er⸗ blicken! Iſt das möglich, ihr Kinder bei einander?“ Dieſer Ausruf löſ'te den Zauber, welcher die jungen Seelen für einen Augenblick zuſammenband. Laura ging erkältet auf die Pathe zu und erzählte, daß der Herr Doctor zufällig bei ihrem Unfall herbeigekommen; — 283— der Doctor aber erklärte, daß er nur das Fräulein ihr ſicher habe übergeben wollen; dann erkundigte er ſich nach dem Befinden der Pathe und nahm ſeinen Abſchied. Während die Pathe ſtärkende Mittel herbeiholte und beſchloß, daß Laura unter dem Schutze des Dienſt⸗ mädchens auf einem anderen Wege heimkeh hren ſolle ging der Doctor mit leichten Schritten nach dem Walde zurück. Seine Stimmung war gärzlich verwandelt, häufig flog ihm ein Lächeln über das Antlitz. Immer wieder mußte er daran zurückdenken, wie feſt ihm das Mädchen in dem Arm lag. Er hatte ihre Bruſt an der ſeinen gefühlt, ihr Haar hatte ſeine Wange berül n 8 und er hatte auf den weißen Nacken und auf bie Büſten herabgeſehen. Der wackere Junge erröthete bei dem Gedanken und beſchleunigte ſeinen Marſch. Darin we⸗ nigſtens hatte der Profeſſor nicht Unrecht, ein Weib war immerhin noch etwas anderes, als die Summe der Gedanken, welche ſie über Menſchenleben und Weltge⸗ ſchichte aus ſich zu entwickeln vermochte. Dem Docton ſchien allerdings, als ob etwas ſehr Anziehendes in wal⸗ lenden Locken, rothen Bäckchen und einem hübſchen Halſe liege. Er gab zu, daß dieſe Entdeckung nicht neu war, aber ihren Werth hatte er bis dahin noch nicht mit, ſolcher Deutlichkeit gefühlt. Und es war ſo rührend geweſen, wie ſie aus der Betäubung zu ſich kam, die Augen aufſchlug und ſich ſchamhaft aus ſeinen Armen löſte. Auch daß er ſie ſo trotzig vertheidigt hatte, er⸗“ füllte ihn jetzt mit heiterem Stolze, er blie auf dem 8 e.ℳ* — 284— Schlachtfelde ſtehen und lachte recht herzlich vor ſich hin. Dann ging er in demſelben Wege, den Laura aus dem Walde gekommen war, er ſah auf den Boden, als wenn er die Spuren ihrer kleinen Füße auf dem Kies zu er⸗ kennen vermöchte, und er fühlte Glanz und Wärme der Luft, den Lockruf der Vögel, das Flattern der Libellen mit ebenſo beflügeltem Muth, wie kurz vorher ſeine 6. Freus„hübſ che Nachbarin. Dabei ſummte ihm die Erinnerung — 2r Cve, zan den Freund durch den Kopf, behaglich dachte er auch die Regungen dieſes Gemüthes und an die Erſchüt⸗ Juα wrrnge welche Thusnelda darin hervorgebracht. Es hatte ³—o, em Profeſſor närriſch geſtanden, ſein Freund war in Sa dem Padhose der aufgehenden Leidenſchaft ſehr komiſch geweſen. Solch ſchwerflüſſiges ernſthaftes Weſen ſtach ¹ ſeltſam ab gegen die neckiſchen Angriffe, welche der Zu⸗ 6 zee Saa fall auf das Leben der Erdgeborenen macht. Und als F. auf dem letzten Buſch eine von den kleinen Heuſchrecken raſſelte, deren Geſchwirr er in ſorgenvoller Zeit oft 4 gehört hatte, ſagte er luſtig vor ſich hin:„auch die muß ſart 2e noch dabei ſein, erſt die Schafe, dann die Grillen.“ Pud er begann halblaut ein gewiſſes altes Lied, worin he„Je 9 Grillen aufgefordert wurden, dahinzufahren und ſein Gemüth nicht weiter zu beläſtigen. So kam er von zſeinem Spaziergange in recht leichter, weltmänniſcher ,— Stimmung nach Hauſe. 2 au„Heinrich,“ begann Frau Hummel am Nachmittage ᷑ 3 feierlich zu ihrem Gatten,„mache dich gefaßt auf eine 4 fatale Geſchichte, ich beſchwöre dich, bleibe ruhig und Cafn 2 ule Pr 72 2S 2llee e 27e We, Seruene S e 6.. F rruße, A dh, — 285— vermeide eine Scene, und mühe dich, deinen Widerwillen zu bezähmen und vor allem, achte auch unſere Gefühle.“ Und ſie erzählte ihm das Unglück. „Was den Hund betrifft,“ verſetzte Hummel nach⸗ drücklich,„ſo iſt durchaus noch nicht bewieſen, daß es unſer Hund war. Das Zeugniß des Schäfers genügt mir nicht, ich kenne dieſes Subjekt, ich verlange einen unbeſcholtenen Zeugen. Es laufen jetzt ſo viele fremde Hunde um die Stadt, daß die allgemeine Sicherheit darunter leidet, und ich habe ſchon oft geſagt, es iſt eine Schande für unſere Polizei. Sollte es aber doch unſer Hund geweſen ſein, ſo kann ich kein beſonderes Unrecht darin finden. Wenn das Schaf ihm ein Bein hinſtreckt und er ein wenig daran zwickt, ſo iſt das ſeine Sache, und gar nichts dagegen zu ſagen. Was ferner den Schäfer betrifft, ich kenne ſeinen Herrn, ſo iſt das meine Sache. Was endlich den jungen Mann da drüben betrifft, ſo iſt das eure Sache. Ich habe nicht den Willen, das Unrecht ſeiner Eltern an ihm heimzu⸗ ſuchen, aber ich will mit den Leuten nichts zu thun haben.“ „Ich mache dich aufmerkſam, Hummel,“ warf die Gattin ein,„daß der Doctor dem Schäfer bereits Geld gegeben hat.“ „Geld für mein Kind, das leide ich nicht,“ rief Hummel,„wie viel war's?“ „Aber Vater—“, bat Laura.„Wie kannſt du verlangen,“ rief Frau Hummel vorwurfsvoll,„daß deine und richteſt an ſie noch einmal deinen Dank für den Tochter in Todesgefahr die Groſchen zählt, welche ihr Retter auslegt.“ — „So ſeid ihr Weiber,“ grollte der Hausherr, ur Geſchäfte fehlt der Sinn. Konnteſt du ihn nicht nach⸗ träglich fragen? Den Schäſer nehme ich auf mich, der Doctor kümmert mich nicht. Nur das ſage ich euch, die Sache wird kurz abgemacht, und im übrigen bleibt's bei unſerm Verhältniß zu dieſem Hauſe. Ich fordere mir glattes Geſchäft, und ich will dieſe Hähne nicht grüßen.“ 8 Nach dieſem Entſcheid überließ er die Frauenſtube ihren Gefühlen.„Der Vater hat Recht,“ begann Frau Hummel,„daß er uns die Hauptſache überläßt. Seinem ſtrengen Sinne würde der D Dank zu ſchwer ankommen.“ M keiten, könnteſt du nicht hinübergehen?“ Nein Kind,“ erwiederte Frau Hummel ſich räu⸗ ſpermd„das iſt nicht leicht. Dieſer unglückliche Vorfall mit den Hunden hat uns Frauen zu ſehr auseinander gebracht. Nein, da du die Hauptperſon bei dem heuti⸗ gen Vorfalle biſt, mußt du ſelbſt hinüberg gehen.“ „Ich kann doch nicht den Doctor beſuchen, 4 vief Laura erſchrocken. „Das iſt gar nicht nöthig,“ begütigte Frau Hum⸗ mel.„Den einzigen Vortheil hat die Nachbarſchaft, daß wir von unſerem Fenſter ſehen, wenn die Männer ausgehen. Dann ſpringſt du zu der Mutter hinüber Mutter,“ bat Laura,„du biſt geſchickt in Arng —————— 3 1 — 287— Sohn. Du biſt mein kluges Kind und wirſt dir zu helfen wiſſen.“ Darauf ſaß Laura am Fenſter, ohne Freude ſah ſie ſich zur Wächterin der Nachbarn geſetzt, und recht widerwärtig erſchien ihr das Auflauern. Endlich trat der Doctor auf die Thürſchwelle. Sein Ausſehen war wie gewöhnlich, gar nichts Ritterliches darin zu erkennen, die Geſtalt war zart und der Wuchs regelmäßig, Laura liebte das Hohe; er hatte geiſtvolle Züge, aber ſie wur⸗ den verſteckt durch die große Brille, welche ihm ein recht pedantiſches Ausſehen gab; wenn er einmal bachte, wurde ſein Geſicht recht hübſch, aber ſein gewöhnlicher Ernſt kleidete ihn gar nicht. Fritzt vofſchwand um die Ecke ühd Laura ſetzte mit ſchwerem Herzen ihr Hütchen auf und ging in das feindliche Haus, deſſen Räume ſie noch niemals betreten hattenn Dorchen, die nicht im Geheim⸗ niß war, blickte den Beſuch erſtaunt an, brachte ihn aber ſcharfſinnig mit der Rückkehr des Doctors in Ver⸗ bindung und verkündete aus freien Stücken, von den Heuven ſei Niemand zu Hauſe, Frau Hahn aber im Gärken. Frau Hahn ſaß im chineſiſchen Tempel. Verlegen ſtanden die beiden Frauen einander gegenüber, beide dachten zugleich an ihr letztes Geſpräch, und beiden war die Erinnerung peinlich. Aber bei Frau Hahn über⸗ wog ſogleich der menſchliche Schauder vor der Gefahr, welche Laura umzingelt hatte.„Ach, Sie armes Fräu⸗ lein,“ begann ſie. Und während ſie von Mitleid auf⸗ wallte, fühlte ſie, daß der chineſiſche Bau für dieſen Beſuch kein geeigneter Ort ſei, ſie ſteuerte zartfühlend davon ab und lud auf die kleine Bank vor der weißen Muſe. Das war der glücklichſte Platz des Hauſes, hier lachte der Orangenbaum ſeine Käuferin an, und Laura vermochte ſich in dankbare Stimmung zu verſetzen. Sie ſagte der Nachbarin, wie ſehr ſie ſich dem Herrn Dot⸗ ter verpflichtet fühle, und daß ſie die Mutter bitte, dem Sohne dies zu ſagen, weil ſie ſelbſt in der Verwirrung dieſe Pflicht nicht gebührend erfüllt habe. Dazu fügte ſe das Geſchäftliche wegen des böſen Schäfers. Der Dank vergnügte die gute Frau Hahn, und mütterlich bat ſie Laura, ihren Puttein uerni abzunehmen, weil es im Garten noch warm ſei. Laura aber nahm dis Hutt nicht ab. Sie ſprach ſchickliche Freude aus, wie Hüiſch d r A Ga gene blühe, und ß tie mit Befriedigung, Topfe dem Herrn Hahn von einem Unbekannten geſchenkt ſei, auch die Früchte ſeien ſüß, denn Herr Hahn habe die Rückkehr des Sohnes durch ein künſtliches Getränk gefeiert und dazu die erſte Frucht des kleinen Baumes genommen.. 3 Es war bei alledem ein diplomatiſcher Beſuch, er wurde nicht über die nothwendige Zeit ausgedehnt, und Laura war froh, als ſie beim Abſchied Empfehlung und Dank an den Herrn Doctor wiederholt hatte. Auch in den ſtillen Aufzeichnungen Laura's wurde die Begebenheit des Tages ſehr kurz abgefertigt. Sogar eine angefangene Betrachtung über das Glück einſamer — — 289— Waldbewohner blieb unvollendet. Wie, Laura? Du ſchreibſt ja alles nieder; wenn ein Holzwurm tickt, oder ein Sperling in dein Fenſter ſchreit, hüpfen dir einige Versfüßenmuf. Hier wäre ein Erlebniß, ewalti für dein junges Leben: Gefahr, Bewußtloſigkeit, Armeeeines Fremden, der trotz ſeinem gelehrten Ausſehen doch ein hübſcher Knabe iſt. Jetzt wäre Zeit zu ſchildern und zu ſchwärmen. Eigenſinniges Kind, warum liegt das Abenteuer als todtes Geſtein in der phantaſtiſchen Land⸗ ſchaft, welche dich umgiebt? Geht dir's wie dem Rei⸗ ſenden, der müde auf die Alpengegend zu ſeinen Füßen blickt und ſich wundert, daß die fremdartige Natur ihn ſo wenig ergreift, bis allmälig, vielleicht nach Jahren, die Bilder ihn im Traum und Wachen verfolgen und von neuem in die Berge ziehen? Oder hat die Nähe des argen Wichtes, der die Miſſethat verübt, auch dir die freien Schwingen gelähmt? Da liegt er vor deiner Thürſchwelle, roth und ruppig, und leckt ſeinen Schnurrbart! Ne v ht 5. tle 1 2, ſ, Ah, ee, Ueseee., SA NMN a: nat r e Ae Freytag, Handſchrift. I. 12. Der Abſchied vom Gute. . mu urr Ke utſa uzee Der 5 war gekommen, auf den Hügeln des g. g Gutes trugen die Bäume ihr buntes Trauerkleid; zwi⸗ ſchen den Stoppeln hing weißes Geſpinſt und die Thau⸗ tropfen lagen darauf, bis der Wind das Gewebe zerriß und aus Flur und tu entführte in die blaue Ferne. Auf dem Gute aber gingen Hand in Hand zwei Glück⸗ liche. In dieſem Jahr war der Blätterfall dem Profeſſor gar nicht empfindlich, denn in ſeinem eigenen Leben hatte ein neuer Frühling begonnen, und die Seligkeit dieſer Tage war auf ſein Antlitz in einer Schrift ge⸗ ſchrieben, die auch der Ungelehrteſte zu leſen vermochte. Ilſe war Braut. Demüthig trug ſie die unſicht⸗ bare Krone, welche nach der Meinung des Hauſes und der Nachbarſchaft jetzt auf ihrem Haupte ſaß. Immer noch hatte ſie Stunden, wo ſie an das Glück kaum glau⸗ ben konnte. Wenn ſie ſich früh vom Lager erhob und das Schleifen der ausziehenden Pflüge hörte, oder wenn ſie im Keller ſtand und die Milcheimer klapperten, war ihr die Zukunft wie ein Traum. Aber am Abend, wenn ſie neben dem geliebten Mann in der Laube ſaß, ſeinen M Dotter fiel ihm um den Hals und ging ihm in den Worten lauſchte und die Rede über Großes und Kleines dahinflog, dann faßte ſie ihn leiſe am Arm und verſicherte ſich, daß er ihr gehörte, und daß ſie ſelbſt fortan in der Welt leben ſollte, in welcher ſein Gzift heimiſch war. eunu! Noch vor dem Winter, ehe die Vorleſungen der Univer⸗ ſität begannen, ſollte die Hochzeit ſein. Denn der Profeſſor hatte flehentlich gegen langen Brautſtand Verwahrung ein⸗ gelegt, und der Landwirth gab ihm Recht.„Gern hätte ich Ilſe über den Winter behalten, denn Clara muß einen Theil ihrer Arbeit übernehmen, und dem Kind wäre die An⸗ weiſung der Schweſter ſehr nöthig. Aber für euch iſt es anders beſſer. Sie, mein Sohn, haben ſich meine Tochter nach kurzer Bekanuntſchaft gefordert, je eher ſich Ilſe an Ihr Stadtleben gewöhnt, deſto beſſer wird es für Sie beide ſoin⸗ und ich meine, im Winter wird ihr das leichter werden.“ Es war eine Zeit ſeliger Unruhe, und es war gut, 5 die verſtändige Sorge um den neuen Haushalt die he Empfindung der Verlobten ein wenig zunirdiſchen S gen hinabzwang. Der Profeſſor reiſte noch einmal nach der Uer⸗ ſitätsſtadt. Sein erſter Gang war zum Freund.„Wün⸗ ſche mir Glück,“ rief er,„vertraue ihr und mir.“ Der Tagen ſeines Aufenthalts nicht von der Seite, er be⸗ gleitete ihn bei allen Einkäufen und überlegte mit ihm die Einrichtung der Zimmer. Gabriel, dem der Beſuch des Landwirths ein Vorgefühl kommender Ereigniſſe ge⸗ geben hatte, und dem um die eigene UnssFehrlichkeit 19*. — 292 bange geworden war, fühlte ſich ſtolz, weil der Profeſſor ihm jägte:„Win bleiben die Alten, thun Sie, was in Ihren Kräften ſteht, ſich meiner Frau nützlich zu ma⸗ chen.“ Dann kam Herr Hummel, ſtattete im Namen der Familie ſeinen Glückwunſch ab, und erbot ſich aus freien Stücken, noch zwei Zimmer ſeines Hauſes, die er enthehren konnte, dem Profeſſor zu überlaſſen. Aber un⸗ 2„ eAuhiger als alle andern erwartete Laura die neue Haus⸗ genoſſin. Und ſie brach in die ohriſtlichen Worte aus; Wn‿„Wie wird ſie ſein, erhaben oder niedlich? voll ſtrenger d* 7 Würde oder lachend friedlich? mir pocht das Herz und — die Gedanken fliegen! wird liebevolles Ahnen mich be⸗ trügen?“ Und als der Profeſſor ſie und ihre Mutter „ bat, ſeiner künftigen Frau entgegenzukommen und bei 2n=2, 7a der Einrichtung zu helfen, und als er gegen Laura hin⸗ 47„2, Jzuſetzte, er hoffe auf ein gutes Verhältniß zwiſchen ihr und ſeiner Braut, da ahnte er gar nicht, wie viel Glück er in ein junges Herz ſenkte, welches das unruhige . Bedürjniß hatte, ſich hingebend anzuſchließen. Die un⸗ Kichodi Angaben, welche er über das Weſen ſeiner Ver⸗ lobten machte, hüllten die Geſtalt immer noch in Nabel, aber ſie wurden doch für Laura ein Rahmen, in welchen ſie täglich neue Geſichter und Stellungen hineinſeichtzete. Unterdeß ſaßen in den Nebenräumen des alten Hauſes die Frauen emſig um Truhen und Leinwand beſchäftigt. Clara war durch den Brautſtand der Schweſter auf einmal zum erwachſenen Mädchen ge⸗ worden, ſie half und gab guten Rath und erwies ſich — 293— im Alkem brauchbar und verſtändig. Und Ilſe rühmte das am Abend gegen den Vater und darauf ſchlang ſie die Arme und ſeinen Hals und brach in heiße Thränen aus. Dem Vater zuckte der Mund, er antwortete nicht, aber er hielt die Tochter mit beiden Händen feſt an ſei⸗ nem Herzen. Auch für dieſe Trennung traf es ſich günſtig, daß die letzten Wochen vor dem Abſchied übervoll von Arbeit und Zerſtreuung waren. In der Wirthſchaft gab es noch viel zu ſchaffen, und der Vater erließ den Verlobten keinen Beſuch bei ſeinen Bekannten in der Nachbarſ ſchaft. Zu den nächſten gehörte die Familie Rol llmaus. Ilſe hatte ihre Verlobung der Frau Oberamtmann in beſonderm Briefe angezeigt. Darüber war gro ße Erregung entſtanden. Die Frau Oberamtmann triumphirte. Rollmaus aber ließ ſich ſofort das Pferd ſatteln und kam nach Bielſtein gerit⸗ ten, jedoch nicht vor das Haus, er frug am Hofthor nach dem Gutshern und ritt zu dieſem auf das Feld. Dort nahm er den Landwirth bei Seite und begann ſeinen Glückwunſch mit der kurzen Frage:„Was hat er?“ Dieſe Frage konnte durch Zahlen beantwortet werden, und die Antwort beruhigte ihn einigermaßen. Denn er wandte ſein Pferd, kurz um eſtrabte vor das Haus und brachte der Braut und dem Profeſſor, den er jetzt als ebenpürtig anſah, ſeinen Glückſpunſch dar. Und diesmal wiederholte er brinzzend ſeine Einladung. Nach der Rückkehr ſagte r ſeiner Frau:„Ich hätte der Ilſe eine beſſere Partie Weinfeh. indeß der Mann iſt nicht ganz übel, freilich auf einem großen Gute müßte er ſich mühſam durchſchlagen.“ — 294— „Rollmaus,“ erwiederte die Frau,„ich hoffe, du wirſt dich bei dieſer Gelegenheit decent beweiſen.“ „Wie ſo?“ frug der Oberamtmann. „Du mußt beim Eſſen die Geſundheit des Braut⸗ paars ausbringen.“ Der Gatte brummte.„Jedoch ohne unnützes Zeug, wie Redensarten und Steckenbleiben. Ich kenne das, darauf laſſe ich mich nicht ein.“ „Die Redensarten müſſen die Vorausſetzung ſein,“ rief die Oberamtmann.„Und wenn du nicht willſt, ſo werde ich ſelbſt beſorgen, was vorgeſetzt werden muß, und du ſprichſt die Geſundheit.“ Das Haus Rollmaus hatte für den Brautbeſuch ſein feinſtes Tiſchzeug aufgedeckt, und die Frau Ober⸗ amtmann erwies nicht nur ein gutes Herz, auch gute Küche. Sie ſchlug beim Braten an das Glas und be⸗ gann aufgeregt:„Liebe Ilſe, da Rollmaus in ſeiner Geſundheit das Kurze und Drakoniſche äußern wird, ſo will ich nur vorher erwähnen, daß wir Ihnen aus einemn ehrlichen Herzen Glück wünſchen als alte Freunde Ihrer ſ Eltern, und da wir immer gute Nachbarſchaft mit ein⸗ ander gehalten haben, in allem Unglück, und wenn ein angenehmer Zuwachs zur Familie kam, und ebenſo durch Aushülfe in der Wirthſchaft. Es iſt uns ſehr wehmüthig, daß Sie aus dieſer Gegend ziehen, obgleich wir uns freuen, daß Sie in eine Stadt kommen, wo man das Geiſtige zu ſchätzen weiß, und was ein höheres Streben genannt wird. Ich will nicht voluminös werden, wes 295— halb wir Sie beide bitten, auch in treuer Freundſchaft an uns zu denken.“ Sie fuhr mit dem Tuch nach den Augen, und Rollmaus faßte die Familiengefühle krüſt.d in den vier Worten zuſammen:„Das Brautpaar ſoll leben Beim Abſchied weinte die Frau Oberamtmann ein went und bat den Hausherrn zu erlauben, daß ſie doch zur Trau⸗ ung kommen dürfe, wenn auch die Hochzeit ohne Gäſte ſei Und noch eine Störung brach herein. Der Land⸗ wirth hatte um die Ehre gebeten, und ſie war ihm ge⸗ währt. Auf dem Wege zum Jagdſchloß wollte der Fürſt anhalten, und im alten Hauſe das Frühſtück einnehmen. „Es iſt gut, Ilſe, daß du noch bei uns biſt,“ ſagte der Landwirth. „Aber man weiß ja gar nicht, wie ſo ein Herr! das gewöhnt iſt,“ wandte Ilſe zwiſchen Freude und Sorge ein. „Er bringt doch einen ſeiner Köche mit, der in der Oberförſterei das Jagdeſſen zurichtet, der mag helfen; ſorge nur dafür, das er etwas in der Küche findet.“ Am Tage der emſigen Vorbereitung ſaßen die Kin⸗ der, die Mamſell und Arbeiterinnen zwiſchen Hügeln von Waldzweigen und Herbſtblumen und wandten Kränze und Guittanven.„Verſchont nichts,“ befahl Ilſe dem alten Gärtner, der iſt unſer lieber Landesvater,“ wir Kleinen bringen ihm unſere Blumen als Steuer dar.“ Und Haus verfertigte mit Hilfe des Profeſſors aus Georginen rieſige Kokarden und Namenszüge. Schon am Abend vor der Jagd hielten der Fourier und der Mundkoch ihren Einzug. Der Fourier bat, — 296— die Tafel im Garten zu decken, dem Fürſten folge die nöthige Dienerſchaft, bei der übrigen Aufwartung könn⸗ ten die ſchmucken/ ausmädchen helfen, dem Herrn ſei das Ländliche grade recht. Am Morgen der Magd ritt der Landwirth in ſeinem beſten Staat nach Roſſau hin⸗ ab, den Fürſten zu empfangen, und die Kinder drängten ſich um die Fenſter der obern Stuben und ſpähten wie Wegelagerer nach der Landſtraße. Kunz von Mittag kamen die Wagen den Berg herauf und fuhren an der alten Hausthür vor, der Landwirth und der Oberförſter, welche zu beiden Seiten des fürſtlichen Wagens ritten, ſprangen von den Pferden. Der Fürſt ſtieg mit ſeinen Begleitern aus und betrat grüßend die Schwelle. Ein Herr in höherem Mannesalter von mäßiger Größe, einem ſchmalen feinen Geſicht, dem man noch glaubte, daß er in ſeiner Jugend den Ruf eines ſchönen Mannes gehabt hatte, mit zwei klugen Augen, deren Umgebung nur durch zu viele kleine Falten verknittert war. Ilſe trat in den Hausflur, der Landwirth ſtellte in ſeiner ein⸗ fachen Weiſe die Tochter vor, der Herr begrüßte Ilſe huldreich mit einigen Worten und gönnte dem Profeſſor, der ihm als Bräutigam der Tochter genannt wurde, einen Blick und eine Frage, worauf der Profeſſor vom Oberjägermeiſter aufgefordert wurde am Frühſtück Theil zu nehmen. Dann ſchritt der Fürſt ſogleich in den Garten, rühmte das Haus und die Landſchaft und er⸗ innerte ſich, daß er zum erſten Mal als vierzehnjähriger Kuabe mit ſeinem Vater dieſe Gegend beſucht habe. — 297— Das Frühſtück verlief auf's Beſten der Fürſt that dem Landwirth wohlthuende Fragen, welche ſein Intereſſe an den Zuſtänden der Landſchaft erwieſen. Als er ſich vom Tiſch erhoben hatte, trat er an den Profeſſor und frug nach Einzelheiten der Univerſität, er kannte den Namen des einen und anderen Collegen. Durch die ſichern Antworten und die gute Haltung des Gelehrten wurde er veranlaßt, das Geſpräch zu verlängern. Er erzählte ihm, daß er ſelbſt ein wenig Sammler ſei, antike Münzen und Gräberfunde aus Italien mitgebracht habe, und daß ihm die Vermehrung ſeiner Sammlungen viele Freude gemacht. Und ihm war angenehm, daß der Pro⸗ feſſor bereits von einigem Bedeutenden darin wußte. Als nun der Fürſt mit einer Wendung zum Schluſſe den Gelehrten frug, ob er in dieſer Gegend heimiſch ſei und Felix antwortete, daß ein Zufall ihn hierhergeführt, da flog dem Gelehrten plötzlich der Gedanke durch das Haupt, daß hier eine Gelegenheit ſei, die wohl ſo nicht wiederkehren werde, die höchſte Gewalt des Landes mit dem Schickſale der verlorenen Handſchrift bekannt zu machen, vielleicht Förderung für weitere Nachforſchungen in der Reſidenz zu gewinnen. Und er begann ſeinen Bericht. Der Fürſt hörte mit ſichtlicher Spannung zu, führte ihn während angelegener Querfragen weiter von der Geſellſchaft ab, und war ſo ganz bei der Sache, daß er darüber, wie es ſchien, die Jagd vergaß. Der Oberjägermeiſter wenigſtens ſah oft nach der Uhr und ſagte dem Gutsherrn Verbindliches über das Intereſſe, — 298— welches der Herr an ſeinem Schwiegerſohne nehme. Endlich ſchloß der Fürſt die Unterhaltung:„Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung, ich würdige das Ver⸗ trauen, welches Sie mir damit erweiſen, kann ich Ihnen darin ſelbſt nützlich ſein, ſo wenden Sie ſich direkt an mich, führt Sie der Weg einmal in meine Nähe, ſo laſſen Sie mich das wiſſen, ich werde mich freuen, Sie wieder zu ſehen.“ Als der Fürſt durch den Hausflur nach dem Wa⸗ gen ſchritt, blieb er einen Augenblick ſtehen und ſah ſich um, der Oberjägermeiſter gab dem Landwirth ſchnell einen Wink, Ilſe wurde gerufen und verneigte ſich wie⸗ der und der Fürſt dankte ihr in Kürze für die gaſtliche Aufnahme. Ehe die Wagen zwiſchen den Hofgebäuden verſchwanden, ſah der Fürſt ſich noch einmal nach dem Hauſe um. Auch dieſe Artigkeit fiel auf fruchtbaren Boden.„Ganz umgedreht hat er ſich und ganz eigen darauf geſehen,“ erzählte die Taglöhnerfrau, die ſich mit Arbeitern bei dem Laubgewinde an der Scheuer aufge⸗ pflanzt hatte. Alles war zufrieden und freute ſich der Huld, welche mit gutem Anſtand erwieſen und empfan⸗ gen war. Ilſe rühmte die Leute des Fürſten, die ihr alles ſo bequem gemacht, dem Profeſſor hatten die ge⸗ ſcheuten Fragen des Herrn ſehr wohlgefallen, und als der Landwirth am ſpäten Abend zurückkehrte, erzählte auch er, wie gut die Jagd verlaufen, und daß der Fürſt ihm noch Freundliches geſagt und vor allen Leuten zu ſeinem Schwiegerſohne Glück gewünſcht habe. — 299— Und der letzte Tag kam, den die Jungfrau im Hauſe des Vaters verlebte. Sie ging mit Schweſter Clara hinab in das Dorf, ſie ſtand am Fenſter des armen Lazarus, ſie kehrte in jedem Hauſe ein und über⸗ gab die Armen und Kranken der Schweſter. Dann ſaß ſie lange bei dem Herrn Pfarrer in der Studierſtube, der alte Mann hielt ſein liebes Kind an den Händen feſt und wollte ſie nicht fortlaſſen. Beim Abſchied ſchenkte er ihr die alten Bibehnik welcher ſeine Frau ge⸗ leſen hatte.„Ich wollte ſie mit mir nehmen in die letzte Behauſung,“ ſagte er,„aber ſie iſt beſſer aufge⸗ hoben in Ihren Händen.“ Als Ilſe zurückkam, ſetzte ſie ſich in ihrer Stube nieder, und die Mägde und Arbei⸗ terinnen des Guts traten eine nach der andern ein, von jeder nahm ſie unter vier Augen Abſchied, ſie ſprach noch einmal über das, was jeder auf dem Herzen lag, gab Troſt und guten Rath, ein kleines Andenken aus ihrer Habe, und zum Abſchied einen guten Spruch, wie er jeder auf däs Leben paßte. Am Abend ſaß ſie zwiſchen dem Vater und dem geliebten Mann, der Lehrer hatte den Kindern einige Verſe eingelernt, Clara brachte den Brautkranz, und der kleine Bruder erſchien als Genius, aber als der Genius ſeinen Spruch ſagen ſollte, fing er an zu ſchluchzen, verbarg ſeinen Kopf in Ilſes Schooß und war gar nicht wieder zu beruhigen. Und zur Gutenachtzeit, als ſich alles entfernt hatte, ſaß Ilſe noch einmal auf Ihrem Stuhl in der Wohn⸗ ſtube, und als der Vater aufbrach, reichte ſie ihm den * — 300 Leuchter. Der Vater ſetzte ihn wieder hin und ging auf und ab, ohne zu ſprechen. Endlich begann er: „Deine Stube bleibt für dich unverändert, und wenn du zu uns zurückkehrſt, ſollſt du alles ſo finden, wie du es verlaſſen. Dem Gute biſt du nicht zu erſetzen, nicht den Geſchwiſtern, auch nicht deinem Vater. Ich gebe dich hin mit Schmerzen in ein Leben, das uns beiden unbekannt iſt. Gute Nacht, mein braves Kind, des Him⸗ mels Segen über dich. Gott behüte dir dein ehrliches Herz. Sei tapfer, Ilſe, das Leben iſt ſchwer.“ Er zog ſie an ſich und ſie weinte ſtill an ſeinem Herzen. Die Morgenſonne des nächſten Tages ſchien durch die Fenſter der alten Holzkirche auf die Stätte vor dem Altar. Wieder umſäumte ſie Ilſes Haupt wie mit überirdiſchem Glanz und verklärte das glückliche Antlitz des Mannes, in deſſen Hand der alte Pfarrer die Hand ſeines Lieblings legte. Die Kinder des Hauſes und die Arbeiterinnen des Gutes ſtreuten Blumen. Ueber den letzten Schmuck des Gartens ſchritt Ilſe mit Kranz und Schleier, das Auge zur Höhe gerichtet. Aus den Armen des Vaters und der Geſchwiſter, unter den lauten Segenswünſchen der Frau Oberamtmann und dem leiſen Gebet des alten Pfarrers hob der Gatte ſie in den Wagen. Noch ein Hoch der Gutsleute, noch ein Blick nach dem Vaterhauſe, und Ilſe faßte die Hand des Gatten und hielt ſich an ihm feſt. ☛ —₰ — — 2 ——½õj4—— 1. Die erſten Grüße der Stadt. Im Stadtwald fiel das Laub vor die Füße der Spaziergänger, Ilſe ſtand am Fenſter und dachte an die Heimath. Die Kränze über der Thür waren verwelkt, Linnen und Kleider lagen eingeſtaut in den Schränken, das eigene Leben rann ſo ſtill, und draußen das fremde rauſchte ſo überlaut. Im Nebenzimmer ſaß der Gatte über ſeiner Arbeit; nur das Knittern der Blätter, welche er umſchlug, drang durch die Thür, und dazwiſchen aus der nahen Küche ein Klappern der Teller. Sehr ſchön war die Wohnung, aber enge eingehegt, zur Seite die ſchmale Straße; dahinter das Nachbarhaus mit vielen neugierigen Fenſtern; auch nach dem Walde der Horizont verbaut durch graue Stämme und ragende Aeſte. Und aus der Ferne tönte vom Morgen bis zum Abend das Summen, Raſſeln und Rufen der thätigen Stadt in das Ohr, von der Höhe die Klänge eines Flügels, vom Bürgerſteig ohne Aufhören die Tritte der Vorübergehen⸗ den, Wagen rollten heran, laute Stimmen zankten. Und wie lange man aus dem Fenſter ſchaute, immer neue Menſchen und unbekannte Geſichter, viele ſchöne Herr⸗ ſchaften und wieder ſehr ärmliche Leute. Ilſe dachte bei jedem Vorübergehenden, der einen modiſchen Rock trug, wie vornehm er ſein müſſe, und bei jedem dürftigen Anzug, wie hart den Armen hier das Leben drückte. Alle aber waren ihr fremd, die ſie reden hörte, auch die nahe bei ihr wohnten und von allen Ecken auf ihr eigenes Treiben ſehen konnten, hatten wenig mit ihr zu ſchaffen, und wenn ſie nach Einzelnen frug, wußten ihre Hausgenoſſen nur ſpärliche Nachricht zu geben. Alles fremd und kalt und in endloſem Getümmel! Ilſe ſtand in ihrer Wohnung wie auf einem winzigen Eiland in ſturmbewegtem Meere und ihr wurde bange vor dem fremden Leben.. Aber die Stadt, wie rieſenhaft und tobſüchtig ſie ſich gegen Ilſe geberdete, war im Grunde ein freund⸗ liches Ungethüm, ja, ſie hegte vielleicht vor andern eine ſtille Neigung zu poetiſchen Gefühlen und zu heimlicher Artigkeit. Zwar hatte ein geſtrenger Stadtrath den Brauch aufgegeben, anſehnlichen Fremden den Willkom⸗ men mit Wein und Fiſchen zu überreichen, aber e ſandte doch den erſten Morgengruß durch ſeine geflügel⸗ ten Schützlinge, über welche ſich ſchon Ilſes Vater ge⸗ freut hatte. Die Tauben flogen um Ilſes Fenſter, ſaßen gedrängt vor den Scheiben und pickten an das Holz, bis Ilſe ihnen Futter hinausſtreute. Und Gabriel, der das Frühſtück abräumte, konnte nicht umhin, ſich ſelbſt zu loben:„Ich habe ſie ſeit einigen Wochen an dieſem Fenſter gefüttert, weil ich mir dachte, daß ſie — Ihnen recht ſein würden.“ Und als Ilſe ihn dankbar anſah, geſtand er offenherzig:„Denn ich bin auch vom Dorfe, und weil ich zuerſt in die Kaſerne kam, habe ich auch mein erſtes Commisbrod mit einem fremden Pudel aufgegeſſen.“ Aber die Stadt ſorgte noch durch andere Vögel dafür, daß die Frau vom Lande heimiſch wurde. Gleich am erſten Tage, wo Ilſe allein ausging— es war ein ſchwerer Gang, denn ſie konnte ſich mit Mühe enthalten, vor den Schaufenſtern ſtehen zu bleiben, und ſie er⸗ röthete, ſo oft die Leute dreiſt in ihr Geſicht ſahen— gleich damals hatte ſie vor einer Conditorei arme Kin⸗ der getroffen, welche begehrlich durch die Fenſterſchei⸗ ben auf das Backwerk ſtarrten; die ſehnſuchtsvollen Blicke hatten ſie gerührt, ſie war hineingetreten und hatte Kuchen unter ſie vertheilt. Seitdem machte ſich's, daß jeden Mittag leiſe an Ilſe's Klingel gezogen wurde und kleine Jungen mit zerriſſnen Höschen leere Töpfe darboten und gefüllte heimtrugen, zum Aerger des Herrn Hummel, der ein ſolches Anlocken von Spitzbuben nicht loben konnte. Als Ilſe am Abend ihrer Ankunft von dem Gatten in ihr Zimmer geführt wurde, fand ſie über den Tiſch eine ſchöne Decke gebreitet, ein Meiſterſtück ſorgfältiger Frauenarbeit, daran einen Zettel mit dem Wort:„Will⸗ kommen.“ Gabriel bekannte, daß Fräulein Laura dies Geſchenk aufgelegt habe. Deßhalb wurde am nächſten Morgen der erſte Beſuch im Unterſtock gemacht. Als Freytag, Handſchrift. I. 20 Ilſe in das Wohnzimmer der Familie Hummel trat, ſprang Laura erröthend auf und ſtand verlegen der Frau Profeſſorin gegenüber; ihre ganze Seele flog der Fremden entgegen, aber Ilſes Weſen flößte ihr Scheu ein. Ach, die Erſehnte war allerdings erhaben und würdevoll, weit mehr als Laura gedacht hatte, Laura kam ſich auf der Stelle ſehr klein und unreif vor, ſie empfing ſchüchtern den warmen Dank und zog ſich einige Schritte zurück, der Mutter die Pflicht der Worte über⸗ laſſend. Aber ſie wurde nicht müde, die ſchöne Frau anzuſehen und ihre Geſtalt in Gedanken mit dem edel⸗ ſten Coſtüm der tragiſchen Bühne zu ſchmücken. Laura erklärte der Mutter, daß ſie den Gegenbeſuch allein machen wolle, und ſchlüpfte am nächſten ſchicklichen Tage in der Dämmerſtunde hinauf, mit pochendem Herzen, aber entſchloſſen, eine gute Unterhaltung zu ſuchen. Doch da wollte der Zufall, daß gleich nach ihr der Doctor als Störenfried eintrat, und es gab nichts, als ein zerpflücktes Geſpräch und verblichene Redens⸗ arten, durch welche gar nichts erreicht wurde. Und ſie empfahl ſich wieder, böſe auf den Doctor und unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt, weil ſie nichts Beſſeres zu ſagen gewußt.„ Seit dieſen Tagen war die Hausgenoſſin für Laura ein Gegenſtand ſtiller unabläſſiger Verehrung. Sie ſetzte ſich nach Tiſche an das Fenſter und wartete auf die Stunde, in welcher Ilſe am Arm des Gatten auszu⸗ hegen pflegte. Dann lauſchte ſie hinter der Gardine — — 397— hervor und ſah ihr bewundernd nach. Sie huſchte oft über den Hausflur und um die Entreethür des Miecher, aber wenn Ilſe einmal von weitem ſichtbar wurde, verbarg ſie ſich, oder wenn ſie mit ihr zuſammentraf, verneigte ſie ſich tief, und wußte in der Schnelle nur Gewöhnliches zu reden. Sie war ſehr bekümmert, ob ihr Clavierſpiel nicht ſtören würde und ließ hinauffragen, in welchen Stunden ſie am wenigſten damit läſtig ſei; und als er, der rothe Kobold ohne Namen, einſt gegen Ilſe geknurrt und ihr tückiſch in das Kleid gebiſſen hatte, gerieth ſie in ſolchen Zorn, daß ſie ihren Sonnen⸗ ſchirm holte und das Scheuſal damit bis unter die Treppe verfolgte. Unter dem Namen der Mutter— denn für ſich ſelbſt wagte ſie es nicht— begann ſie einen Feldzug von kleinen Aufmerkſamkeiten gegen den Oberſtock. Wenn Verkäufer gute Dinge für die Küche anboten, wurde Laura den Mittagsfreuden des Herrn Hummel verhäng⸗ nißvoll, denn ſie fing junge Gänſe und fette Hühner vor der Küche ab und ſandte ſie regelmäßig nach der Höhe, bis das Dienſtmädchen Suſanne über das Vor⸗ kaufsrecht der Miether in Erbitterung gerieth und Frau Hummel zu Hülfe holte. Als durch eine Frage Gabriels offenbar wurde, daß ſich die Frau Profeſſorin nach einer beſtimmten Art feiner Aepfel erkundigt hatte, eilte Laura auf den Markt, ſuchte ſo lange, bis ſie ein Körbchen davon heimbrachte, und diesmal zwang ſie ſogar Herrn Hummel ſelbſt, den Korb mit vielen Empfehlungen 20* hinaufzuſenden. Ilſe freute ſich des artigen Hauswirths, aben ſie ahnte nicht den geheimen Quell. „Vor einem Volk habe ich große Scheu,“ ſagte Ilſe zu ihrem Gatten,„und das ſind die Studenten. Ich war kaum flügge und zum Beſuch bei unſerer Tante, da ſah ich eine ganze Geſellſchaft zum Thore herein⸗ ziehen, mit großen Degen, mit Federhüten und ſammte⸗ nen Röcken. Thaten die wild! Ich durfte den Tag nicht auf die Straße gehen. Wenn ich jetzt als deine Frau mit den wilden Männern verkehren muß, ich fürchte mich nicht grade, aber ſie ſind mir bangſam.“ „Nicht alle ſind ſo arg,“ tröſtete der Profeſſor,„du wirſt ſie bald gewöhnt werden.“ Trotzdem erwartete Ilſe mit Spannung den erſten Studenten. Und es traf ſich, daß an einem Morgen die Schelle gezogen wurde, als grade der Profeſſor auf der Bibliothek weilte, Gabriel und das Mädchen ausge⸗ gangen waren. Ilſe öffnete ſelbſt die Thür. Betroffen prallte ein junger Mann zurück, der durch die bunte Mütze als Student deutlich wurde, und außerdem eine ſchwarze Mappe unter dem Arme trug. Dieſer ſah freilich anders aus, ohne Straußenfeder und Degen, er war auch bleich und ſchmächtig von Geſicht; aber Ilſe fühlte doch Reſpect vor dem gelehrten jungen Herrn und fürchtete nebenbei, daß die Wildheit ſeines Standes plötz⸗ lich aus ihm hervorbrechen könnte. Indeß, ſie war ein tapferes Mädchen geweſen und nahm den Beſuch von der praktiſchen Seite:„Das Unglück iſt einmal da, jetzt — 309— gilt's artig ſein.— Sie wünſchen meinen Mann zu ſprechen, er iſt im Augenblick nicht zu Hauſe, wollen Sie ſich nicht gütigſt herein bemühen?“ Der Student, ein armer Philologe, welcher als Bewerber um ein kleines Stipendium anlief, gerieth ſolchem majeſtätiſchen Willen gegenüber in ſtarke Be⸗ klemmung. Er machte viele Verbeugungen, aber er wagte nicht zu widerſtreben. Ilſe führte ihn alſo in das Beſuchzimmer, nöthigte ihn, auf einem Lehnſeſſel niederzuſitzen und frug, ob ſie ihm mit irgend etwas dienen könne. Der arme Schelm wurde immer ver⸗ legener, und auch Ilſe wurde durch ſeine Unruhe ein wenig angeſteckt. Sie fing aber entſchloſſen eine Unter⸗ haltung an und erkundigte ſich, ob er aus dieſer Stadt ſtamme. Dies war nicht der Fall.— Aus welcher Gegend er zugezogen, auch ſie ſei eine Fremde.— Und da er⸗ gab ſich, daß er aus ihrer Landſchaft war, zwar nicht aus der Nähe ihrer Heimath, ſondern, wie Beide mit einander berechneten, etwa zehn Meilen ab aus anderer Ecke, indeß er hatte doch von klein auf dieſelben Berge geſehen und kannte den Dialect ihres Landes und die Sprache ſeiner Vögel. Nun rückte ſie ihm näher und machte ihn geſprächig, bis beide wie gute Geſellen mit einander plauderten. Endlich ſagte Ilſe:„Mein Mann kommt vielleicht nicht ſo bald, ich möchte ihn aber des Vergnügens nicht berauben, Sie zu ſprechen, wie wäre es, Herr Landsmann, wenn Sie uns den nächſten Sonntag die Freude machten, unſer Mittagsgaſt zu ſein?“ — 310— Ueberraſcht und unter vielen Dankſagungen erhob ſich der Student und entfernte ſich von Ilſe bis an die Thür begleitet. Er hatte aber, umſtrickt durch das Abenteuer, ſeine Mappe vergeſſen, noch einmal tönte ſchüchtern die Schelle, er ſtand noch einmal verlegen an der Thür und bat mit vielen Entſchuldigungen um ſeine Mappe. Ilſe freute ſich der Begegnung und daß ſie ſo gut die erſte Schwierigkeit überwunden hatte. Froh rief ſie ihrem Mann an der Thür zu:„Felix, der erſte Student war hier.“ „So?“ erwiederte der Gatte, durch die Nachricht keineswegs erſchüttert,„wie hieß er?“ „Den Namen weiß ich nicht, er trug aber eine rothe Mütze und ſagte: er ſei kein Fuchs. Ich habe mich nicht gefürchtet, ich habe ihn dir für Sonntag zum Eſſen gebeten.“ „Nun,“ verſetzte der Profeſſor,„wenn du das bei Jedem thuſt, ſo wird unſer Haus voll werden.“ „War's nicht recht?“ frug Ilſe bekümmert.„Ich ſah wohl, daß es keiner von den großen war, aber ich wollte um deinetwillen doch lieber zu viel, als zu wenig thun.“ Maß gut ſein,“ ſagte der Profeſſor,„es ſoll ihm nicht vergeſſen werden, daß er der erſte war, der in dein liebes Angeſicht ſchaute.“ Der Sonntag kam, und in der Mittagsſtunde un⸗ Obwohl e ter vielen Verbeugungen der Studioſus. — 311— ſonſt Freitiſche in Familien als eine eben ſo werthvolle als läſtige Einrichtung leidend ertrug, ſo hatte er doch diesmal in Weſte und ſogar in Handſchuhen eine außer⸗ ordentliche Anſtrengung gemacht. Ilſe aber erhielt durch die Haltung des Gatten gegen den Studenten ſogleich eine ruhige mütterliche Würde. In ſolcher Stimmung legte ſie ihm ein zweites Bratenſtück auf den Teller und verſah ihn mit gehäufter Zukoſt. Die wohlwollende Be⸗ handlung und einige Gläſer Wein, deren letztes Ilſe eingoß, ſtärkten dem Studenten das Herz und hoben ihn über die Erbärmlichkeiten des irdiſchen Daſeins. Nach Tiſche beſprach der Profeſſor mit dem Doctor er⸗ was Gelehrtes. Ilſe aber ſetzte gütig die Unterhaltung mit dem jungen Herrn fort, und kam, da dies am be⸗ quemſten war, auf ſeine Familienverhältniſſe zu ſprechen. Da wurde der Student warm und weich und begann Enthüllungen von ſehr traurigem Inhalt. Natürlich zunächſt, daß er kein Geld hatte, dann aber wagte er auch ſchmerzliche Offenbarungen über ein zartes Verhält⸗ niß zu der Tochter eines Juriſten, mit welcher er in demſelben Hauſe gewohnt und die er ein Jahr lang innig verehrt hatte, zuletzt mit Poeſien. Endlich kam der Vater dahinter. Dieſer verbot mit einer Tyrannei, wie ſie geheimen Juſtizräthen eigen iſt, ſeiner Tochter die Annahme der Gedichte, und bewirkte ſogar die Ent⸗ fernung des Studioſus aus dem Hauſe. Seitdem war das Innere des Studenten ein Abgrund von Verzweif⸗ lung; kein Gedicht,— es waren Sonette,— drang — 312— mehr bis zu der umſch rſſenen Geliebten. Ja, er hatte Grund, anzunehmen, daß auch ſie ihn verachte. Denn ſie beſuchte Bälle, und er hatte ſie erſt den Abend vor⸗ her geſehen, wie ſie mit Blumen im Haar aus dem Wagen des Vaters in ein hell erleuchtetes Haus getreten war. Traurig hatte er an der Hausthür unter dem zuſchauenden Volk geſtanden, ſie aber war roſig, lächelnd, ſtrahlend bei ihm vorübergeglitten. Jetzt wandelte er mit ſeinem Abgrunde dahin, allein, ohne eine menſchliche Seele, des Lebens müde und voll ſchwarzer Gedanken, über welche er ſehr düſtere Andeutungen machte. Zuletzt bat er Ilſe um Erlaubniß, ihr diejenigen Gedichte, welche die Zuſtände ſeines Innern am deutlichſten aus⸗ drückten, überſenden zu dürfen. 1 Natürlich gab das Ilſe in warmem Mitleid zu. Der Studioſus empfahl ſich und Ilſe erhielt am nächſten Morgen durch Stadtpoſt ein ziemliches Päckchen mit einem ehrerbietigen Briefe, worin der Student ſich entſchuldigte, daß er nicht alle poetiſchen Aktenſtücke, welche ſein Unglück in's richtige Licht ſetzten, mitſende, da er mit dem Abſchreiben nicht fertig geworden ſei. Beilage war ein Sonett an Ilſe ſelbſt, ſehr hoch⸗ achtungsvoll und zart, doch war daraus allerdings die ſtille Neigung des Studenten erkennbar, Ilſe an Stelle ſeiner Ungetreuen zur Herrin ſeiner Träume zu machen. Ilſe trug verlegen dieſe Sendung auf den Arbeits⸗ tiſch ihres Gatten.„Habe ich etwas verſehen, Felix, ſo ſag' mir's.“ Der Profeſſor lachte.„Ich ſchicke ihm — 313— ſelbſt ſeine Gedichte zurück, das wird die Huldigung wohl bändigen; du weißt jetzt, daß es nicht ohne Gefahr iſt, das Vertrauen eines Studenten zu gewinnen. Die Gedichte ſind übrigens ſchlechter als nöthig wäre.“ „Das war alſo eine Lehre,“ ſagte Ilſe,„die ich mir geholt. In Zukunft wollen wir vorſichtiger ſein.“ Aber ſo ſchnell wurde ſie die Erinnerung an den Studenten nicht los. Jeden Nachmittag, wenn das Wetter nicht gar un⸗ freundlich war, ging zu derſelben Stunde Ilſe am Arm des Gatten in den Stadtwald. Die Glücklichen ſuchten einſame Nebenpfade, wo das Aſtgeflecht dichter ragte und das Grün des Grundes fröhlich gegen die gelben Blätter abſtach. Dann dachte Ilſe an die Bäume des Gutes, und da machte ſich's, daß die Gat⸗ ten immer wieder vom Vater und von den Ge⸗ ſchwiſtern ſprachen und von den erſten Nachrichten, die ſie aus der Heimath bekommen. An dem W Wieſengrund, welcher ſich von den letzten Gebäuden in den Wald zog, ſtand unter dichtem Gebüſch eine Bank, dort überſah man im Vordergrund die feindlichen Häuſer, dahinter Giebel und Thürme der Stadt. Als Ilſe das erſte Mal aus dem Gebüſch an die Stelle trat, freute ſie ſich des Anblicks ihrer Fenſter und der umdämmerten Thürme, und dabei fiel ihr der Sitz in der Höhle ein, von dem ſie ſo oft auf das Vaterhaus geblickt hatte; ſie ſaß auf der Bank nieder, zog Briefe ihrer Geſchwiſter hervor, die ſie eben erhalten, und las dem Gatten die — 314— ſchmuckloſen Sätze, in denen die letzten Ereigniſſe des Gutes berichtet wurden. Seitdem war ihr die Ruhe⸗ ſtelle lieb, jedesmal lenkten ſich die Schritte auf dem Heimwege dorthin, und ſie ſchaute von der Bank nach der Wohnung, den Dächern der Stadt und dem Him⸗ mel darüber. Als ſie nun am Tage nach jener Sendung des Studenten wieder aus dem Gehölz zu der Bank trat, ſah ſie einen kleinen Blumenſtrauß darauf liegen; neu⸗ gierig griff ſie darnach, ein zierlich zuſammengelegtes Briefchen von Roſapapier hing daran, mit der Auf⸗ ſchrift:„Ein Gruß aus B.“ Dahinter grade ſo viel Punkte, als der Name des väterlichen Gutes Buchſtaben enthielt. Ueberraſcht reichte ſie den Zettel dem Profeſſor, er öffnete und las die anſpruchsloſen Worte:„Unterm Stein die kleinen Zwerge ſenden dir den Blumenſtrauß, grüßend über Thal und Berge, aus dem lieben Vater⸗ haus.“—„Das gilt dir,“ ſagte er verwundert. „Wie allerliebſt,“ rief Ilſe. „Die Zwerge ſind jedenfalls ein Scherz des Doc⸗ tors,“ entſchied der Profeſſor,„freilich hat er ſeine Hand gut verſtellt.“ Erfreut ſteckte Ilſe den Strauß an:„Wenn der Doctor heut Abend kommt, ſoll er nicht merken, daß wir ihn errathen haben.“ Der Profeſſor erzählte von den neckiſchen Einfällen des Freundes, und Ilſe, die ſonſt den Doctor mit einem geheimen Zweifel betrach⸗ tete, ſtimmte herzlich bei. N Als aber der Doctor am Abend die größte Unbe⸗ fangenheit heuchelte, wurde fröhlich ſeine Verſtellungs⸗ kunſt geſcholten und der Dank doch an ihn abgegeben. Da aber erklärte er feſt, daß Strauß und Gedicht nicht von ihm kämen, es erhob ſich eine fruchtloſe Erörterung über den Urheber, und der Profeſſor ſah zuletzt ſehr ernſthaft aus. Und die Begrüßung im Walde wiederholte ſich. Wenige Tage darauf lag wieder ein kleiner Strauß mit derſelben Aufſchrift und einem Verſe auf der Bank. Noch einmal verſuchte Ilſe leiſe eine Mitwirkung des Doctors zu behaupten, aber der Profeſſor wies das kurz ab und ſteckte den roſafarbenen Zettel ein. Ilſe nahm den Strauß mit, diesmal nicht im Gürtel. Als der Doctor herüberkam, wurde das Abenteuer wieder in Er⸗ wägung gezogen. „Es kann Niemand ſein, als der kleine Student,“ geſtand Ilſe gedrückt. „Das fürchte auch ich,“ ſagte der Profeſſor, und erzählte dem Doctor zu Ilſes Kummer von der ver⸗ traulichen Sendung des Muſenſohns.„So harinlos die Sache an ſich iſt, hat ſie doch eine ernſte Seite. Das Auflegen dieſer Adreſſen ſetzt eine genaue Beob⸗ achtung voraus, die nichts weniger als angenehm iſt, und ſolche emſige Thätigkeit kann den Verehrer bis zu größerem Wagniß führen. Dem muß geſteuert werden. Ich werde morgen verſuchen, ihn von ſeinem Unrecht zu überzeugen.“ — 316— „Und wenn er dir die Thiäterſchaft ableugnet,“ warf der Doctor ein.„Dies wenigſtens ſollte man ihm vorher unmöglich machen. Der Strauß kann, wenn er andern Vorübergehenden entgehen ſoll, erſt im letzten Augenblicke vor eurer Ankunft hingelegt werden, und es iſt nicht ſchwer, euer Kommen abzuwarten, da der Spaziergang in größter Regelmäßigkeit ſtattfindet. Man muß den Dreiſten zu überraſchen ſuchen.“ „Ich werde alſo morgen allein gehen,“ ſagte der Profeſſor. „Du darfſt einem Studenten nicht im Walde auf⸗ paſſen,“ entſchied der Doctor,„auch wird, wenn Frau Profeſſorin zu Hauſe bleibt, der Strauß wahrſcheinlich nicht auf der Bank liegen. Ueberlaß mir die Sache. Geht morgen und in den nächſten Tagen aus wie ge⸗ wöhnlich, ich will von anderer Seite her die Stätte des Frevels beobachten.“ Das wurde beſchloſſen, der Profeſſor nahm die bei⸗ den kleinen Sträuße aus dem Glaſe und warf ſie zum Fenſter hinaus. Den Tag darauf ging der Doctor als Spion ver⸗ kleidet in grauem Rock und dunklem Hut eine Viertel⸗ ſtunde vor den Freunden in den Stadtwald, um aus einem Verſteck den vermeſſenen Verſifex zu überfallen; er nahm ſich vor, den Thäter im Gebüſch ſo zu zer⸗ knirſchen, daß ſeinem Profeſſor jede perſönliche Einmi ſchung geſpart wurde. Grade gegenüber der Bank fan er eine gute Stelle, wo dauerhaftes Buchenlaub den — 317— Jäger vor dem Wilde verbarg. Dort ſtellte er ſich auf dem Anſtand zurecht, zog einen großen Operngucker aus der Taſche, zwang ihn durch Drehen zu der ſchärfſten Wirkung, und ſtarrte unverwandt nach der verhängniß⸗ vollen Bank. Noch war die Bank leer, wenige Spazier⸗ gänger gingen gleichgültig an ihr vorüber, die Zeit wurde lang, der Doctor ſah eine halbe Stunde durch die Gläſer, daß ihm die Augen ſchmerzten, aber er hielt aus, ſein Stand war ausgezeichnet, der Verbrecher konnte nicht entrinnen. Da plötzlich, grade als ſein Auge zu⸗ fällig nach Herrn Hummels Haus abſchweifte, ſah er dort die Gartenthür nach dem Stadtpark geöffnet, etwas Dunkles fuhr heraus zwiſchen die Bäume, kam bei der Bank aus dem Gehölz, ſah ſich vorſichtig um, ſtrich längs der Bank dahin und verſchwand wieder hinter den Couliſſen der Bäume und hinter der feindlichen Garten⸗ pforte. Ein unendliches Erſtaunen lagerte ſich auf dem Antlitz des Doctors, er drückte das Opernglas zuſammen und lachte ſtill vor ſich hin, richtete wieder die Gläſer und ſpähte der verſch undenen Geſtalt nach, ſchüttelte mit dem Kopf und verfiel in ein tiefes Sinnen. Da, horch, der ruhige Schritt zweier Luſtwandelnden. Der Profeſſor und Ilſe traten in ſeiner Nähe aus dem Holz, ſie blieben einige Schritt von der Bank ſtehen und ſahen auf einen verhängnißvollen Strauß, welcher recht unſchuldig dalag. Der Doctor brach lachend aus dem Gebüſch, er nahm den Strauß und bot ihn Ilſe an.„Es iſt nicht der Student,“ ſagte er. ¹ — 318— „Wer alſo?“ frug der Profeſſor unruhig. „Das darf ich nicht ſagen,“ verſetzte der Doctor, naber die Sache iſt harmlos, der Strauß iſt von einer Dame.“ „Im Ernſt?“ frug der Profeſſor. „Verlaß dich darauf,“ erwiederte Fritz überzeugend, „er iſt von Jemand, den wir beide kennen. Und deine Frau darf keinen Augenblick anſtehen, ſich den Gruß gefallen zu laſſen, er iſt in beſter Meinung gegeben.“ „Sind die Städter ſo reich an Verſen und Ge⸗ heimniſſen?“ frug Ilſe neugierig, und nahm mit leichtem Herzen die Blumen. Wieder wurde gerathen, leider fand ſich kein Menſch, dem man dergleichen zutrauen konnte. „Es iſt mir lieb, daß ſich die Sache ſo löſt,“ ſprach der Profeſſor,„doch ſage deiner Dichterin, daß ſolche Sen⸗ dung ſehr leicht in falſche Hände kommen kann.“ „Ich habe keinen Einfluß auf ſie,“ erwiederte der Doctor,„aber weshalb ſie ſich dieſe Grüße auch in den Kopf geſetzt hat, es wird euch nicht ewig Geheimniß bleiben.“ Endlich kam die heißerſehnte Stunde, in welcher Laura mit der hohen Fremden— ſo wurde Ilſe bis zu dieſem Tage in den Memoiren bezeichnet— ohne Be⸗ obachter zuſammentraf. Die Mutter war ausgegan⸗ gen, als Ilſe mit einer häuslichen Frage in das Wohn⸗ zimmer trat. Laura gab Auskunft, wurde im Reden herzhaft und wagte endlich die Bitte, daß Ilſe mit ihr in den Hausgarten hinabſteigen möchte. Dort ſaßen — 319— beide nebeneinander in dem letzten Strahl der Oc⸗ toberſonne und begutachteten mild den Kahn, den chineſiſchen Tempel und die Vorübergehenden. Endlich faßte Laura mit den Fingerſpitzen Ilſe's Hand und zog ſie in die Gartenecke, um ihr die größte Seltenheit, das verlaſſene Neſt eines Zaunſchlüpfers zu zeigen. Die Vögel waren längſt entflogen, das Gewebe hing an halbentlaubten Aeſten.„Hier waren ſie,“ rief Laura nachdrücklich;„himmliſche kleine Weſen, fünf geſprenkelte Eier lagen darin, und ſie haben die Kleinen glück⸗ lich heraufgebracht. Ich ſtand die ganze Zeit Todes⸗ angſt aus wegen der Katzen, die hier ſehr umher⸗ ſchleichen.“. „Sie ſind ein liebes Stadtkind,“ ſagte Ilſe.„Ach, die Menſchen ſind hier glücklich, wenn ſie nur einen armen Plattmönch im Garten erhalten. Zu Hauſe ſchwirrte, flog und ſang das von allen Bäumen, und wenn's nicht etwas Beſonderes war, konnte man ſich gar nicht um das Einzelne kümmern. Hier wird Einem jedes Thierchen werthvoll und wehmüthig. Zuletzt auch die Sperlinge. Ich bin am erſten Morgen erſchrocken über dieſe armen Geſchöpfe. Sie ſind ihren Kameraden draußen gar nicht zu vergleichen, ſo ſtruppig und abge⸗ ſtoßen ſind ihre Federn, und am ganzen Leibe ſind ſie ſchwarz und rußig wie Kohlenbrenner. Ich hätte gern einen Schwamm genommen und die ganze Bande ab⸗ gewaſchen.“ „Es würde nichts helfen, denn ſie werden gleich wieder angemalt,“ ſagte Laura kleinlaut,„das macht der Ruß in den Dachrinnen.“ „Wird man in der Stadt ſo verſtäubt und von allen Seiten geſtoßen? Das iſt traurig. Es iſt doch ſchöner auf dem Lande,“ und als Ilſe das leiſe geſtand, wurden ihr bei dem Gedanken an den fernen Wald⸗ hügel wider Willen die Augen feucht.„Ich bin nur noch fremd hier,“ ſetzte ſie muthiger hinzu.„Die Stadt wäre ſchon gut, wenn nur nicht gar zu viel Menſchen darin wären, die kränken mich noch mit ihrem Anſtar⸗ ren, ſo oft ich allein auf der Straße gehe.“ „Ich will Sie begleiten,“ rief Laura hingeriſſen, „wenn Sie wollen, ich will immer bereit ſein.“ Das war ein freundliches Anerbieten und es wurde dankbar angenommen. Und Laura bat in ihrer Freude darüber, daß Ilſe ſie jetzt auch in ihr Geheimzimmer begleite. Sie ſtiegen in den Oberxock hinauf. Dort wurde das kleine Sopha, der Epheu, Schäfer und Schä⸗ ferin bewundert, zuletzt das neue Forzepiano. „Spielen Sie mir etwas vor,“ bat Ilſe.„Ich kann nichts. Wir hatten ein altes Clavier, da habe ich nur wenig Takte von meiner lieben Mutter gelernt, wenn die Kinder tanzten.“ Laura ergriff ein ſchönes Notenheft, deſſen erſtes Blatt kunſtvoll mit vergoldeten Elfen und Lilien geziert war, nnd ſpielte innerlich be⸗ bend, aber mit hübſcher Fingerfertigkeit das Elfenſtück herunter. Und ſie erklärte lachend und ihre dunklen Löckchen ſchüttelnd die Stellen, wo die Geiſter angehuſcht ————, — 321— kamen und geheimnißvoll durcheinander Thaßten Ilſe war hocherfreut.„Wie ſchnell die kleinen Finger fliegen,“ ſagte ſie und betrachtete mit Bewunderung die feine Hand Laura's,„ſehen Sie, wie groß meine Hand da⸗ gegen iſt, und wie hart die Haut, das kommt vom An⸗ faſſen in der Wirthſchaft.“ Und Laura ſah bittend zu ihr auf.„Wenn ich nur Sie ſingen hörte.“ „Ich vermag nichts als Geſangbuchlieder und ein Paar alte Dorfmelodien.“ „O ſingen Sie doch,“ bat Laura, nich will Sie zu begleiten ſuchen.“ Ilſe begann eine alte Weiſe und Laura ſuchte eine beſcheidene Begleitung und horchte hingeriſſen auf den kräftigen Klang der Stimme, ſie fühlte ihr Herz in den Tonwellen zittern und wagte beim letzten Vers leiſe einzuſtimmen. Sofort ſuchte ſie nach einem Liede, das beide kann⸗ ten, und als der gemeinſame Geſang ſo ziemlich gelun⸗ gen war, klatſchte Laura begeiſtert in die Hände, und es wurde der Beſchluß gefaßt, ein und das andere leichte Lied einzuüben und den Profeſſor damit zu überraſchen. Und es ergab ſich, daß Ilſe nur ſelten ein kleines Concert gehört und nur einige Male auf Reiſen in ihrer Umgegend ein Schauſpiel geſehen hatte, und nicht mehr als eine Oper. „Das Stück hieß der Freiſchütz,“ ſagte Ilſe.„Sie war des Oberförſters Tochter, und ſie hatte eine Freundin, gerade ſo luſtig und mit ſolchen hübſchen Locken und Freytag, Handſchrift. I. 21 — 322— treuen Augen, wie Sie haben. Und der Mann, den ſie liebte, verlor ſein Vertrauen auf des Himmels gna⸗ denvollen Schutz, und um das Mädchen für ſich zu er⸗ halten, verleugnete er, und gab ſich dem Böſen. Das war fürchterlich. Und ihr wurde das Herz ſchwer, und die Ahnung kam über ſie, aber ſie verlor nicht die Kraft und nicht das Vertrauen zu der Hülfe von oben. Und ihr Glaube rettete den Geliebten, über den der Böſe ſchon ſeine Hand hielt.“ Darauf ſchilderte ſie getreu⸗ lich den ganzen Verlauf des Stückes.„Es war hin⸗ reißend,“ ſagte ſie,„ich war damals noch jung, und als ich in unſer Quartier kam, konnte ich mich nicht faſſen, und der Vater mußte mich ſchelten.“ Laura lauſchte auf dem Fußbänkchen zu Ilſe's Füßen, hielt die Ham der Profeſſorin feſt und ließ ſich wie ein kleines Kind das ein Mährchen hört, erzählen, was ſie doch ſo gut wußte, und die Fremde war ihr unendlich rührend. „Wie warm Sie das ſchildern, es iſt, als ob man ein Gedicht lieſt.“ „Ach nein,“ erwiederte Ilſe kopfſchüttelnd,„gerade dieſe Artigkeit verdiene ich am wenigſten, ich habe in meinem ganzen Leben keinen Vers gemacht, und ich bin ſo proſaiſch, daß ich gar nicht weiß, wie ich mit meinem ungeſchickten Weſen in der Stadt zurecht kommen werde Denn hier macht man Verfe! Sie ſummen um einen in der Luft, wie die Mücken im Sommer.“ „Meinen Sie?“ frug Laura, das Köpfchen ſenkend „Denken Sie, auch ich Fremde habe Verſe erhalten, ——.,—,— i — 328— „Das finde ich natürlich,“ ſagte Laura und drückte ihr Taſchentuch in Falten, um die Verwirrung zu verbergen. „Auf der Bank. im Park habe ich kleine Sträuße gefunden mit lieben kleinen Gedichten. Und der Name meiner Heimath mit Buchſtaben und Punkten. Sehen Sie, erſt ein großes B und dann—“ Laura ſah in ihrem Entzücken über den Bericht vom Taſchentuch auf, ihre Wangen waren mit Purpur über⸗ goſſen, aber aus den Augen lachte der Schelm. Ilſe blickte in das ſtrahlende Geſicht, und während ſie ſprach, errieth ſie die Geberin. Da beugte ſich Laura auf Ilſe's Hand, ſie zu küſſen, Ilſe aber hob ihr den Lockenkopf in die Höhe, drohte ihr mit dem Finger und küßte ſie auf den Mund. „Und Sie ſind mir nicht böſe,“ bat Laura,„daß ich ſo dreiſt war.“ „Es war lieb und ſchön. Aber denken Sie, es hat uns doch in Verwirrung geſetzt, der Doctor hat ſie wohl beobachtet, aber er hat uns Ihren Namen nicht genannt.“ „Der Doctor?“ rief Laura aufſpringend,„muß der überall dazwiſchen kommen.“ „Er hat Ihr Geheimniß treu bewahrt. Und nicht wahr, jetzt darf ich meinem Hausherrn alles ſagen? Denn unter uns, ihm war's eine Zeitlang gar nicht recht.“ „ih Das war nun für Laura ein Triumph. Wieder flog ſie zu Ilſe's Füßen und bat ſchelmiſch, zu erzählen, was der Herr Profeſſor geſagt. „Das geht nicht an,“ entgegnete Ilſe gravitätiſch, ndenn das iſt ſein Geheimniß.“ 21* — 324— So ſchwand eine Stunde in ſüßem Geplauder bis die Uhr ſchlug und Ilſe ſchnell aufſtand.„Mein Mann wird ſich wundern, wohin ich verſchwunden bin,“ ſagte ſie,„Sie ſind ein liebes Fräulein, iſt's Ihnen recht, ſo wollen wir treu zuſammenhalten.“ Ach, Laura war das ſehr recht, ſie begleitete ihren Beſuch bis zur Treppe, und auf den Stufen fand Laura, daß ſie eine Hauptſache vergeſſen hatte, ihre Stube lag gerade über dem Zimmer der Frau Profeſſorin, und wenn Ilſe das Fenſter öffnete, konnte ſie im Nothfall der Hausgenoſſin ſchnelle Nachricht hinaufwinken. Und als Ilſe an ihrer Thür ſchloß, kam Laura noch einmal hinabgelaufen, um ihre Freude auszuſprechen, daß Ilſe ihr dieſe Stunde geſchenkt habe. Laura ging in ihrem Zimmer mit ſchnellen Schrit⸗ ten auf und ab und ſchnippte mit den Fingern wie einer, der das große Loos gewonnen hat. Und ſie vertraute dem geheimen Werke die ganze Weiheſtunde an, jedes Wort, das Ilſe geſprochen, und ſchloß mit den Verſen:„Ich fand dich, Reine! Leben wird mein Traum. Dir ſchwebt die Seele zwiſchen Freud' und Schmerzen, ich aber rühr' an deines Kleides Saum und trage liebend dich in meinem Herzen.“ Dann ſetzte ſie ſich an das Piano und ſpielte noch einmal mit leiden⸗ ſchaftlichem Ausdruck die Melodie, welche Ilſe ihr vor⸗ geſungen hatte. Und Ilſe hörte unten den innigen Dank für ihren Beſuch. 2. Ein Cag der Beſuche. Der Wagen fuhr vor, Ilſe trat, für die erſten Beſuche gerüſtet, in das Arbeitszimmer des Gatten. „Sieh mich an,“ ſagte ſie,„bin ich ſo recht?“ „Alles in Ordnung,“ rief der Profeſſor, fröhlich ſeine Frau muſternd. Aber es war gut, daß auch ohne ſeine Hilfe alles in Ordnung war, denn in Toiletten war des Profeſſors kritiſcher Blick von zweifelhaftem Werth. „Jetzt fängt für mich ein neues Spiel an,“ fuhr Ilſe fort,„wie es zu Hauſe die Kinder geübt. Ich ſoll bei deinen Freunden anklopfen und rufen:„Holla, holla!“ und wenn die fremden Frauen fragen: wer iſt da? dann werde ich antworten, wie's im Spiele geht:„ein fremdes Bettelweib.“—„Was will ſie denn?“—„Für mich ein Stücklein Brot, für meinen Mann'nen Kuß, weil er mit mir bitten muß.“ „Nun, was die Küſſe betrifft, welche ich den Frauen der Collegen austheilen ſoll,“ verſetzte der Poofeſſor, in die Handſchuhe fahrend,„ſo wäre ich dir im Ganzen verbunden, wenn du das Geſchäft übernähmſt.“ — 326— „Ja, ihr Männer ſeid darin ſehr ſtreng,“ ſagte Ilſe,„auch mein Fränzchen weigerte ſich immer, das Spiel zu ſpielen, weil er den dummen Mädeln keinen Kuß geben wollte.— Ach, wenn ich dir nur keine Un⸗ ehre mache!“ Sie fuhren durch die Straßen. Der Profeſſor er⸗ zählte ſeiner Frau auf dem Wege von Perſon und ge⸗ lehrtem Weſen des Collegen, zu dem ſie gerade fuhren. „Zuerſt zu lieben Menſchen,“ ſagte er,„der jetzt kommt, iſt Profeſſor Raſchke, unſer Philoſoph, und mir ein werther Freund. Ich hoffe, ſeine Frau wird dir ge⸗ fallen.“ „Iſt er ſehr berühmt?“ frug Ilſe und legte dis Hand auf das pochende Herz. Sie hielten am äußerſten Ende der Vorſtadt vor einem niedrigen Hauſe, Gabriel eilte in den Hausflur, den Beſuch anzukündigen, und da er die Küche leer fand, klopfte er an die Stubenthür und öffnete endlich, in den Bräuchen des Hauſes erfahren, den Eingang zum Hofe.„Herr und Frau Profeſſor ſind im Garten.“ Durch den engen Hof traten die Beſuchenden in einen Gemüſegarten, deſſen Luft der Hauswirth ſeinem Miether zur vorſichtigen und ſchonenden Mitbenutzung eingeräumt hatte. Unter der Mittagsſonne des Herbſt⸗ tages ſchritt ein Ehepaar die geraden Wege entlang. Die Frau trug ein kleines Kind auf dem Arme, der Mann hielt ein Buch in der Hand, aus dem er im Gehen ſeiner Begleiterin vorlas. Um aber auch ſeine ie — 327— andere zur Zeit wenig beſchäftigte Körperſeite für die Familie zu verwerthen, hatte der Profeſſor die Deichſel eines Kinderwagens an den Bund ſeiner Beinkleider be⸗ feſtigt und fuhr auf ſolche Weiſe ein zweites Kind hin⸗ ter ſich her. Die Wandelnden kehrten den Gäſten den Rücken zu und bewegten ſich langſam, hörend und vor⸗ leſend, tragend und fahrend abwärts. „Ein Zuſammenſtoß in dem engen Wege iſt nicht wünſchenswerth,“ ſagte Felix,„wir müſſen warten, bis ſie um das Viereck lenken und uns das Geſicht zukeh⸗ ren.“ Und es dauerte eine gute Weile, bevor der Zug die Hinderniſſe der Reiſe überwand, denn der Profeſſor blieb im Eifer des Leſens zuweilen ſtehen und erklärte etwas, wie aus ſeinen Handbewegungen zu erkennen war. Neugierig ſuchte Ilſe die Mienen der ſeltſamen Spaziergänger. Die Frau war bleich und zart, man ſah ihr an, daß ſie vor Kurzem das Krankenlager ver⸗ laſſen hatte, ihm hing um ein edelgeformtes, geiſtvolles Angeſicht langes dunkeles Haar, auf dem der graue Reif lag. Schon waren ſie dicht an die Gäſte gekommen, da erſt wandte die Frau die Augen von dem Gatten ab und erblickte den Beſuch. „Welche Freude!“ rief der Philoſoph und ſenkte ſein Buch in die große Rocktaſche.„Guten Morgen, College. Ha, da iſt ja unſere liebe Frau Profeſſorin. Frau, binde mir den Wagen ab, die Familienbande hemmen.“— Das Ablöſen dauerte einige Zeit, da die Hausfrau die Hände nicht frei hatte und Profeſſor 328— Raſchke keineswegs ſtill hielt, ſondern vorwärts ſtrebte und bereits die Hände des Collegen und der neuen Profeſſorin in ſeinen beiden Händen feſthielt.„Kom⸗ men Sie in das Haus, Sie liebe Gäſte,“ rief er und ging, während Felix ſeine Frau der Profeſſorin zuführte, mit großen Schritten voran. Darüber vergaß er ſeinen Kinderwagen, den Ilſe über die Schwelle hob und in den Hausflur rollte. Dort nahm ſie das verlaſſene Kind aus den Betten und die beiden Frauen traten, jede ein kleines Werk der Welt gei lheit auf dem Arme, in das Zimmer und ſagten dabei einander die erſten freundlichen Worte, während das Kleine auf Ilſe's Arm ſeine Windmühle ſchwenkte und das jüngſte ge⸗ lehrte Kind auf dem Arme der Mutter zu ſchreien be⸗ gann. Unterdeß fuhr College Raſchke abräumend in der Stube umher, entfernte Bücher und Papiere vom Sopha, rückte ein ausgebleichtes Sophakiſſen durch kräf⸗ tigen Schlag in ſeine Form, daß der Staub heraus⸗ fuhr, und bat eifrig:„Nehmen Sie Platz. Aber wie? Sie bemühen ſich ſelbſt mit dieſem Pupus. Iſt's der Säugling, ſo kann ich's Ihrem ſchönen Kleide nicht empfehlen. Doch, es iſt das andere, das giebt beſſere Garantien,“ verbeſſerte er ſich ſelbſt. Unterdeß befeſtigte ſich die Geſellſchaft auf den Sitzen. Ilſe ſpielte mit dem Kinde auf ihrem Schoße, während Frau Raſchke auf einen Augenblick verſchwand und ohne den ſchreien⸗ den Säugling zurückkam. Sie ſaß ſchüchtern da, aber ſie that mit leiſer Stimme wohlthuende Fragen. ———„» 8—,. — 329— Nur unterbrach der lebhafte Philoſoph immer wieder die Unterhaltung der Frauen, indem er der neuen Frau Collega zunickte und dem Profeſſor die Hand ſtreichelte: „So war's recht, ich freue mich, daß Sie ſich in blühen⸗ der Jugend an unſer Treiben gewöhnen, denn unſere Frauen haben es nicht leicht, das äußere Leben iſt enge, das innere anſpruchsvoll. Wir ſind oft langweilige Geſellen, ſchwer zu behandeln, mißmüthig, mürriſch und widerwärtig.“ Und dabei ſchüttelte er mißbilligend den Kopf über das gelehrte Weſen und aus ſeinem Angeſicht lachte ein inniges Behagen. Der Aufbruch des Beſuches wurde durch den Pu⸗ pus beſchleunigt, der in der Nebenſtube wieder jämmer⸗ lich zu ſchreien begann.„Sie wollen ſchon fort“, klagte der Philoſoph gegen Ilſe,„dieſer Beſuch kann nicht ge⸗ rechnet werden. Sie gefallen mir ſehr, Sie haben ein klares Auge, und ich merke, Sie haben ein freundliches Gemüth, und das iſt alles. Im Kopfe einen guten Spiegel, der die Bilder der Welt voll und rein zurück⸗ ſtrahlt, und im Herzen eine dauerhafte Flamme, welche Andern von ihrer Wärme abgiebt. Wer das hat, dem kann's nicht fehlen, ſelbſt wenn ihm das Schickſal auf⸗ erlegt, Frau eines Stubengelehrten zu ſein, wie Sie ſind und dieſe arme Mutter von fünf Schreihälſe Und wieder ſtrich er befliſſen umher, holte einen Hut aus dem Winkel und hielt ihn der Frau hin. Ilſe lachte.„Ja ſo,“ rief er,„es iſt ei hut, er gehört dem Gatten.“.=„Auch ich bin — 330— entſchuldigte ſich der Profeſſor.„Dann alſo iſt es mein eigener,“ entſchied Raſchke, ſetzte den Hut entſchloſſen auf und ſchritt zur Thüre hinaus, die Gäſte an den Wagen zu begleiten. Ilſe ſaß im Wagen eine Weile ſtumm vor Erſtau⸗ nen:„Jetzt habe ich Muth, Felix, die Profeſſoren ſind noch weniger ſchreckhaft als die Studenten.“ „Nicht alle antworten ſo auf die erſte Begrüßung,“ erwiederte der Profeſſor.„Der jetzt kommt, iſt mein nächſter College Struvelius, er lehrt wie ich Griechiſch und Latein, gehört nicht zu meinen nähern Bekannten, iſt aber ein tüchtiger Gelehrter.“ Diesmal war es ein Haus der Stadt, die Einrich⸗ tung des Quartiers ein wenig ältlicher, als in Ilſe's neuer Wohnung. Dieſe Frau Profeſſorin trug ein ſchwarzſeidenes Kleid und ſaß vor einem Schreibtiſch, der mit Büchern und Papieren bedeckt war. Zarte Dame in mittleren Jahren, mit einem kleinen, aber geſcheuten Geſicht, und einer ſeltenen Friſur. Denn ihr kurzes Haar war hinter die Ohren in eine große, eingerollte Locke gekämmt, was ihr eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Sappho oder Corinna gab, ſo weit nämlich ein Ver⸗ gleich mit dem keineswegs hinreichend ermittelten Haar⸗ chs der beiden antiken Damen geſtattet iſt. Frau Lſor Struvelius erhob ſich langſam und begrüßte tretenden mit ſteifer Haltung. Sie ſprach gegen Freude aus und wandte ſich dann ſogleich an ſor.„Ich hahanheut das Werk des Collegen — 331— „Raſchke angefangen, und ich bewundere den Tiefſinn des Mannes.“ „Alles was er ſchreibt, iſt erfreulich,“ verſetzte der Profeſſor,„weil bei allem ein ganzer und reiner Menſch ſichtbar wird.“ „Den Vorderſatz un Nachſatz gebe ich für dieſen Collegen zu, gegen die Verallgemeinerung des Satzes möchte ich bemerken, daß manches Epoche machende Werk keine hohe Berechtigung haben würde, wenn ein ganzer Mann dazu gehört, um ein gutes Buch zu ſchreiben.“ Ilſe ſah ſcheu auf die gelehrte Frau, welche ihrem Manne zu widerſprechen wagte. „Doch wir wollen uns vereinigen,“ fuhr die Pro⸗ feſſorin ſo geläufig fort, als ob ſie ihre Worte aus einem Buche abläſe.„Nicht jedes tüchtige Werk fordert, daß ſein Verfaſſer ein Mann von Character ſei, aber wer wirklich dieſe edle Qualität hat, wird ſchwerlich et⸗ was ſchaffen, was in ſeiner Wiſſenſchaft ungünſtig wirkt. Und allerdings wurzeln die Schwächen eines gelehrten Werkes häufiger als man wohl annimmt in einer Cha⸗ racterſchwäche deſſen, der das Werk ſchrieb.“ Der Profeſſor neigte beiſtimmend das Haupt. „Denn,“ fuhr ſie fort,„die Stel llung, welche ein Gelehrter zu den großen Zeitfragen ſeiner Wiſſenſchaft einnimmt, ja ſelbſt die Vorzüge und Mängel ſeiner Methode ſind doch in der Regel aus dem Character zu n.— Sie haben immer auf dem Lande gelebt,“ die ſie ſich zu Ilſe,„es wäre mir belehrend, zu er⸗ fahren, welche Eindrücke Ihnen das nahe Aneinander⸗ ſein der Menſchen in der Stadt gemacht hat.“ „Ich habe bis jetzt nur mit ſehr wenigen verkehrt,“ entgegnete Ilſe ängſtlich. „Natürlich,“ fuhr Frau Profeſſor Struvelius fort „Ich meine aber, Sie werden mit Ueberraſchung bemerken, daß die größere Nähe nicht immer ein inneres Zuſam⸗ menleben fördert. Doch Struvelius muß erfahren, daß Sie hier ſind.“ Sie ſtand auf, öffnete das Nebenzim⸗ mer und rief, lothrecht an der Thür ſtehend, hinein: „Herr und Frau Profeſſor Werner.“ Aus der Neben⸗ ſtube wurde leiſes Brummen gehört und eilfertiges Rauſchen großer Blätter. Die Profeſſorin ſchloß die Thür und fuhr fort:„Denn zuletzt leben wir doch durch Viele und in Wenigen In der Stadt wählt man aus einer Fülle von Perſönlichkeiten mit einer gewiſſen Will⸗ kür. Man könnte reicher ſein, als man grade iſt. Auch dieſes Gefühl verleiht eine Zuverſicht. Und ſolche Zu⸗ verſicht giebt allerdings die Stadt leichter als das Land.“ Die Seitenthür öffnete ſich, Profeſſor Struvelius trat ein mit zerſtreutem Blick, ſcharfer Naſe, ſchmalen Lippen, leider auch er mit ungewöhnlichem Hauptſchmuck. Denn ſein Haar ſtand ſo ſtruwelig über den Schläfen, daß die Annahme wohl berechtigt war, dieſe Kopftracht ſei alter Familienbeſitz, eine Erbperrücke, welche in frühe⸗ ren naſeweiſen Jahrhunderten ſeinem Geſchlecht den Namen zugezogen hatte. Er verbeugte ſich ein mann ſchob einen Stuhl heran und ſetzte ſich ſtumm nid 333— „wahrſcheinlich arbeitete er in Gedanken an ſeinem grie⸗ chiſchen Schriftſteller rührig fort. Ilſe litt unter der Ueberzeugung, daß ihm der Beſuch eine ungelegene Stö⸗ rung ſei und daß ſeine Frau ſich unendlich tief herab⸗ laſſe, wenn ſie ihr eine Anrede gönnte.„Sind Sie muſikaliſch?“ examinirte Frau Struvelius. „Ich darf kaum ſagen ja,“ erwiederte Ilſe. „Das freut mich,“ rief die Wirthin, rückte ſich ihr geegenüber und muſterte ſie mit ſcharfem Blick.„Wie ich Sie mir denke, dürfen Sie nicht muſikaliſch ſein. Dieſe Kunſt macht uns weich und zieht nur zu häufig gebrochene Exiſtenzen.“ Felix bemühte ſich noch ohne ſonderlichen Erfolg, den Profeſſor zur Theilnahme an der Unterhaltung her⸗ anzuziehen; bald erhoben ſich die Beſuchenden. Beim Abſchiede ſtreckte Frau Profeſſor Struvelius die untere Hälfte des Armes rechtwinklig nach Ilſe aus und ſagte mit feierlichem Hundedrack:„Werden Sie heimiſch bei uns.“ Und die Anrede ihres Gatten:„Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen,“ wurde durch die zuklappende Thür entzwei geſchnitten. „Was ſagſt du jetzt?“ frug der Profeſſor im Wagen. „Ach, Felix, ich bin recht klein geworden, mein Muth iſt dahin, ich möchte am liebſten nach Hauſe fahren.“ „Sei ruhig,“ tröſtete der Gatte,„du fährſt heut auf dem Jahrmarkt umher und ſiehſt über viele aufge⸗ — 334— ſchlagene Tiſche. Was dir nicht gefällt, brauchſt du nicht zu kaufen. Der nächſte Beſuch gilt unſerm Hiſto⸗ riker, einem würdigen Mann, der zu den guten Geiſtern unſerer Univerſität gehört. Auch ſeine Tochter iſt eine liebenswürdige junge Dame.“ Ein Diener öffnete das Entree und führte in das Empfangzimmer. An der Wand hingen einige gute Landſchaften; ein Flügel, ein zierlicher Blumentiſch, die ſeltenſten Pflanzen wohl geordnet und gepflegt. Die Tochter trat eilig herein, eine feine Geſtalt mit zwei ſchönen dunklen Augen, ihr folgte ein ſtattlicher alter Herr von vornehmer Haltung, der faſt ausſah wie ein hoher Beamter, nur ſeine lebhafte Weiſe zu ſprechen ließ den Gelehrten erkennen. Mit wohlthuender Herz⸗ lichkeit wurde Ilſe aufgenommen. Der alte Herr ſetzte ſich neben ſie, begann eine zwangloſe Unterhaltung und Ilſe fühlte ſich bald behaglich wie bei guten Bekannten. Und ſie wurde auch an ihre Heimath erinnert, denn der Gelehrte frug:„Iſt von dem alten Kloſter in Roſſau noch etwas erhalten?“ Felix ſah neugierig auf, und Ilſe antwortete:„Nur die Mauer; auch das Innere iſt um⸗ gebaut.“ 3 „Es war eine der älteſten geiſtlichen Stiftungen Ihrer Gegend, hat viele Jahrhunderte beſtanden und ſicher auf eine weite Umgegend Einfluß geübt. Da iſt auffallend, daß die Urkunden des Kloſters faſt ganz fehlen und die übrigen Nachrichten, ſo viel mir bekannt, ſehr dürftig ſind. Man muß vermuthen, daß dort noch N *manches in Verborgenheit liegt.“ Ilſe ſah, wie ſich das Angeſicht ihres Gatten verklärte, aber er verſetzte ruhig: „Am Orte ſelbſt waren meine Fragen vergeblich.“ „Das iſt wohl möglich,“ gab der Hiſtoriker zu, „vielleicht ſind die Documente nach Ihrer Reſidenz ge⸗ bracht und liegen dort noch irgendwo unbenutzt.“ So rollte ein Beſuch nach dem andern ab. Da war der Rector, Mediciner, ein behaglicher Weltmann in brillanter Einrichtung, ſeine Gattin eine runde be— wegliche Frau mit zwei herausfordernden Augen; dann der große theologiſche Conſiſtorialrath, ein langer hage⸗ rer Herr mit ſüßlichem Lächeln, auch bei ſeiner Gattin alles in übergroßen Verhältniſſen, Naſe, Mund und Freundlichkeit. Der letzte war der Mineraloge, ein junger gewandter Mann mit einer ſehr niedlichen Frau, auch erſt ſeit wenigen Monaten verheirathet. Während die jungen Frauen auf dem Sopha ſchnell gute Be⸗ kanntſchaft machteg, wurde Ilſe zum zweitenmal durch eine Frage des Profeſſors überraſcht:„Ihre Heimath iſt für mein Fach nicht ohne Intereſſe; iſt nicht eine Höhle in der Nähe?“ Ilſe erröthete und ſah wieder nach ihrem Felix:„Sie gehört zum Gut meines Vaters.“ „Ei, dann habe ich jetzt grade mit einem Funde zu thun, der auf Ihrem Gute gemacht iſt,“ rief der Mineraloge. Er holte einen Stein von auffallendem ſtrahligem Gefüge herbei.„Dies iſt ein ſehr ſeltenes Mineral, das in der Nähe der Höhle entdeckt wurde, ein Apotheker der Gegend hat es mir eingeſchickt.“ Er nannte ihr den Namen des Minerals, ſprach über das Geſtein der Höhle und des Felſens, auf welchem das väterliche Haus ſtand, grade als wäre er ſelbſt dort ge⸗ weſen und ließ ſich von Ilſe die Linien der Berge und die Steinbrüche der Nähe beſchreiben. Er hörte achtungs⸗ voll ihre ſichern Antworten und fand die Bodenbildung des Gutes ſehr merkwürdig. Erfreut rief Ilſe:„Wir meinten, man kümmere ſich in der Welt gar nicht um uns, aber ich ſehe, die Herren Gelehrten wiſſen einiges mehr von unſerer Gegend als wir ſelbſt.“ „Wir verſtehen wenigſtens Werthvolleres dort zu finden als Geſteintrümmer,“ erwiederte der Profeſſor artig. Nach der Heimfahrt trat Ilſe in das Zimmer des Gatten, der bereits an ſeiner Arbeit ſaß.„Dulde mich heute bei dir, Felix, mir ſummt der Kopf von all' den Menſchen, welche eingezogen ſind. Das war für mich viel Neues an einem Tage, und viele Freundlichkeit von ſo geſcheuten und vornehmen Geiſtertk. Am gefährlich⸗ ſten war's bei der beleſenen Frau; Felix, es iſt wohl unrecht, daß ich ſo etwas ſage, und ſie iſt ja um ſehr vieles feiner und geſcheuter, aber wenn ich dir eine Aehnlichkeit nennen ſoll mit einer guten alten Be⸗ kannten—“ „Rollmaus,“ beſtätigte der Profeſſor.„Die hier aber iſt in der That ſehr geſcheut.“ „Gebe der Himmel,“ bat Ilſe,„daß ſich ihr — 337— Herz eben ſo treu erweiſt, aber vor ihrer Gelehrſamkeit fühle ich einen Schauder. Sonſt gefallen mir die Frauen gut, aber die Männer noch viel beſſer. Und etwas Großes haben ſie faſt alle, ſie ſprechen wunder⸗ ſchön, ſie ſind ungezwungen und ſehen recht innerlich froh und ſeelenvergnügt aus. Natürlich, ſie ſchweben über der Erde wie deine alten Götter, da können ſie wohl luſtig ſein. Ach, und dabei das geflickte Haus⸗ röckel, welches der liebe Herr Profeſſor Raſchke anhatte. Dem wird Motte und Moſt das Seine auch nicht freſſen! Und wenn ich mir denke, daß dieſe vielen klugen Leute mich aufmerkſam und gut behandeln, nur meines Hausherrn wegen, ſo weiß ich nicht, wie ich dir danken ſoll. Jetzt alſo bin ich unter die neuen Men⸗ ſchen aufgenommen und ich darf bitten: mein Eingang ſei geſegnet.“ Der Gatte reichte ihr die Hand und zog ſie an ſich. Und ſie faßte ſein Haupt mit ihren Händen und neigte ſich darüber. G „Was iſt es, worüber du jetzt arbeiteſt?“ frug ſie endlich leiſe. „Nichts Großes, nur eine Abhandlung, wie ich ſie alljährlich für die Univerſität zu machen habe.“ Und er ſprach ihr Einiges von dem Inhalt der Arbeit. „Und wenn ſie fertig iſt, was dann?“ „Dann iſt für neue Aufgaben geſorgt.“ „Und das geht immer ſo fort, vom Morgen bis in den Abend, alle Jahre, bis die Augen verſagen und Freytag, Handſchrift. I. 22 — 338— die Kraft zerbricht,“ klagte Ilſe.„Laß mich heut um et⸗ was Ernſtes bitten. Zeige mir die Bücher, Felix, die du geſchrieben haſt, aber Alles.“ „Was ich etwa noch beſitze,“ ſagte der Profeſſor, und holte hier und da aus den Winkeln Bücher und Abhandlungen zuſammen. Ilſe ſchlug eine Schrift nach der andern auf, und es ergab ſich, daß ſie einige von den lateiniſchen Titeln bereits auswendig wußte. Der Profeſſor wurde darüber eifrig und ihm fielen immer noch kleine Arbeiten ein, die er vergeſſen hatte. Ilſe aber legte alles vor ſich in einem Häufchen zuſammen und begann feierlich:„Jetzt kommt für mich eine große Stunde. Denn ich will jetzt von dir erfahren, was in jeder Schrift ſteht, ſo weit du deinem Weibe das deut⸗ lich machen kannſt. Als ich dir ſchon im Geheimen gut war, da fanden die Kinder deinen Namen im Lexicon, wir mühten uns, die fremden Namen deiner Bücher zu leſen, und die Oberamtmann hatte in ihrer Weiſe Muthmaßungen über den Inhalt. Da fühlte ich einen Schmerz, daß ich gar nichts von dem verſtand, was du für die Menſchheit gearbeitet haſt. Seither habe ich immer auf den Tag gehofft, wo ich dich nach dem fra⸗ gen könnte, was du beſſer gewußt haſt als die Andern, und worauf ich ſtolz ſein darf, da ich dir angehöre. Und un der heut iſt die Stunde. Denn du haſt mich heut deinen Freunden als deine Frau vorgeſtellt. Und ich will dein 1 5 Weib auch da ſein, wo dein Schatz iſt und dein Her ſo weit ich vermag.“ ſtä des Ka⸗ — 339— „Liebe Ilſe,“ rief der Profeſſor, hingeriſſen von ihrer ehrbaren Würde. „Aber vergiß nicht,“ fuhr Ilſe mit wichtiger Miene fort,„daß ich ſehr wenig verſtehe, und verliere nicht die Geduld. Und ich habe mir ausgedacht, wie ich es haben will. Schreibe du mir die Titel, wie ſie in fremder Sprache und wie ſie deutſch lauten, in ein Büchel, das ich mir dazu gekauft habe, deine früheſte Arbeit zuerſt und die jüngſte zuletzt. Und dahinter, ob dir die Arbeit ſehr lieb iſt oder weniger, und welche Wichtigkeit ſie für die Menſchen hat. Und darunter will ich mir bei jeder Schrift aufzeichnen, was ich von deiner Erklärung ver⸗ ſtehe, damit ich alles in gutem Gedächtniß behalte.“ Sie trug ein leeres Heft herzu, der Profeſſor ſuchte wieder noch einzelne Abhandlungen hervor, ordnete ſie nach Jahren, und ſchrieb jeden Titel auf eine beſondere Seite des Heftes. Dann erklärte er ſeiner Frau in lihrer Sprache ein weni was jeder Schrift Inhalt war, ) g, hrif und half die kleinen Bemerkungen in das Notizbuch ſchreiben.„Was deutſch iſt, ſuche ich ſelbſt zu leſen,“ ſagte Ilſe. So ſaßen Beide ernſthaft über die Bücher geneigt und dem Profeſſor pochte das Herz vor Freude über den feſten Bedacht, mit welchem ſein Weib das Ver⸗ ſtändniß ſeiner Thätigkeit ſuch te. Denn es iſt das Loos hatig) des Gelehrten, daß Wenige mit herzlichem Antheil Mühe, Kampf und Verdienſt ſeines Schaffens betrachten. Der Belt gilt er für einen harten Baugehülfen. Was er 22* — 340 mit ausdauernder Kraft gebildet, das wird ſofort als ſin Bauſtein verwandt zu dem unermeßlichen Hauſe der ſe Wiſſenſchaft, an welchem das Geſchlecht der Erde ſeit ſe Jahrtauſenden arbeitet. Hundert Andere ſtellen ſich da⸗ N rauf, um die eigene Arbeit zu fördern, tauſend neue m Werkſtücke werden darüber gewälzt, nicht Viele ſind, fa welche danach fragen, wer den einzelnen Pfeiler gemeißelt, vr und noch ſeltener drückt dem Arbeiter ein Fremder da⸗ S rum die Hand. Dem leichten Werke des Dichters winkt noch lange grüßend zu, wer einmal davor heiteres Lächeln H gefunden hat oder gehobene Stimmung. Der Gelehrte D wird nur ſelten und faſt zufällig durch einzelne Werke w ein werther Freund und Vertrauter ſeiner Leſer. Er N ſtellt nicht der Phantaſie lockende Bilder, er ſchmeichelt di nicht zuvorkommend dem ſehnſuchtsvollen Gemüth, er fordert ſtrengen Ernſt und nüchterne Sammlung vom un Leſer, und dieſelbe Strenge und Nüchternheit wird ihm de ſelbſt zu Theil bei jedem Urtheil über ſeine Leiſtung.au Auch wo er Ehrfurcht einflößt, bleibt er ein Fremder. Und doch iſt er kein Steinmetz, der unförmliche Maſſe nach verſtändigen Maßen zurechtſchlägt, auch er P ſchafft mit inneren Kämpfen, mit ſeinem beſten Herzblut, ei zuweilen unter ſchwerem Leid, oft mit beglückender Freuf ho digkeit. Auch ihm erblüht, was er ſeiner Zeit darbringt S aus den tiefſten Wurzeln ſeines Lebens. Und deshalt iſt dem Gelehrten die Seele, welche das Wackere ſeinen ha Arbeit herzlich empfindet, und nicht nur nach dem letz⸗ m ten Gewinn der Wiſſenſchaft frägt, ſondern nach dem we ——— — 341— innern Kampf des Schaffenden, ein koſtbarer Fund, ein ſeltenes Glück.— Jetzt ſah Felix mit Rührung, wie ſein Weib nach dieſer Stellung rang, und dem kräftigen ⸗Manne wurde das Herz weich, während er ihr den Na⸗ men eines römiſchen Dichters nannte, den er zu einem „, faſt unbekannten Gedicht ermittelt, und während er ihr t, von römiſchen Tribus und von den Geſchäften des ⸗ Senates erzählte. t Und als ein Jedes verzeichnet war, faltete Ilſe die n Hände über den Büchern, und rief:„Hier halte ich Alles. te Der Raum, den es einnimmt, iſt ſo klein, und doch ke waren dafür viele arbeitvolle Tage nöthig, und manche r Nacht, der größte Theil deines edlen Lebens. Dies hat ft dir oft heiße Wangen gemacht, wie du heute wieder haſt. r Dafür haſt du gelernt, daß dir dein armer Kopf brannte, nſund dafür haſt du immer in der Stube und zwiſchen nden engen Mauern geſeſſen. Ich habe die Bücher ſonſt z. auch gleichgültig angeſehen, jetzt erkenne ich erſt, was ein r. Buch iſt, eine ſtille unendliche Arbeit.“ ze„Nicht von jedem iſt das zu rühmen,“ verſetzte der r Profeſſor, aber die beſſeren ſind dafür auch mehr als teine Arbeit.“ Er ſah liebevoll auf die Wände, an denen u hohe Bücherſchränke bis zur Decke reichten, ſo daß die t. Stube ausſah wie mit Bücherrücken tapezirt. „Mir wird angſt vor der Menge,“ ſagte Ilſe, und a half ihm ſeine eignen Werke in eine dunkle Ecke räu⸗ men, welche ihnen jetzt als Standquartier eingeräumt - wurde.„Sie ſehen ſo gleichgültig aus, und doch mögen —— viele in Leidenſchaſt geſchrieben ſein und auch die Lefer aufgeſtört haben.“ „Ja,“ ſagte der Gatte,„ſie ſind die großen Schätze⸗ hüter des Menſchengeſchlechts. Das Beſte, was je ge⸗ dacht und erfunden wurde, bewahren ſie aus einem Jahr⸗ hundert in das andere, und ſie verkünden, was nur einſt auf Erden lebendig war. Hier ſteht, was wohl tauſend Jahre vor unſerer Zeitrechnung geſchaffen wurde, und dicht daneben, was erſt vor wenig Wochen in die Welt wanderte.“ „Und von den Röckchen, die ſie tragen, ſieht faſt eins aus wie das andere,“ ſagte Ilſe,„ich würde mich ſchwer darin zurecht finden.“ Der Profeſſor erklärte ihr die Anordnung, führte 8 2 ſie von einem Schrank zum andern, und wies ihr ein⸗ zelne, die ihm beſonders lieb waren. „Und du brauchſt ſie alle?“ „Gelegentlich wohl noch viele andere. Die hier ſtehen, ſind doch nur ein unendlich kleiner Theil der Bücher, welche je gedruckt wurden. Denn ſeit ſie erfunden ſind, liegt in ihnen faſt alles, was wir wiſſen und Bildung 3 nennen. Aber das iſt es nicht allein,“ fuhr er geheimniß⸗ voll fort,„Wenige denken daran, daß ein Buch mehr iſt, als ein Werk des ſchaffenden Geiſtes, das er von ſich abſendet, wie der Tiſchler einen beſtellten Seſſeh Zwar an jedem Menſchenwerk bleibt etwas von der She le des Menſchen hängen, der es gefertigt. Das aber ſchließt zwiſchen ſeinen Deckeln in Wehrhef den Geiſt .— 343— z Menſchen ein. Was ein Mann für Andere bedeu⸗ der beſte Theil ſeines Lebens, bleibt in dieſer Form r die nächſten Geſchlechter, vielleicht bis in die fernſte ukunft. Und ſowohl die, welche ein gutes Buch ſchrei⸗ n, als auch ſolche, deren Leben und Thun im Buche ergeſtellt wird, ſie beharren in der That lebendig unter ns. Wir verkehren mit ihnen als mit Freunden und Gegnern, wir bewundern und bekämpfen, wir lieben und verabſcheuen ſie nicht weniger, als wenn ſie leibhaftig unter uns weilten. Der Menſchengeiſt, der zwiſchen ſolche Deckel eingeſchloſſen iſt, wird dadurch auf Erden unvergänglich, und deshalb dürfen wir ſagen, im Buche dauert das geiſtige Leben des Einzelnen, und nur der Geiſt, welcher eingebucht wird, hat ſichere Dauer auf Erden.“ „Und der Irrthum dauert auch,“ rief Ilſe,„und die Lügner und die unreinen Geiſter, wenn ſie ſich in ein Buch ſtecken.“ „Auch ſie, ſie werden durch andere Geiſter wider⸗ legt. Sehr verſchieden freilich iſt Werth und Bedeutung dieſer Unſterblichen. Bei Wenigen bleibt das Schöne und Große, das ſie gefunden, für alle Zeiten, Viele gel⸗ ſpäterer Zeit nur, weil wir erkennen, wie in ihren eu das Weſen der Menſchen beſchaffen war, andere 4 ſind ganz nichtig und unnütz, und ſolche ſchwin⸗ ell dahin. Aber alle Bücher, die geſchrieben w. den, Lom älteſten bis zum jüngſten, ſtehen in einem geheim inollen Zuſammenhang. Denn ſieh, Keiner, der ein B rieben, iſt durch ſich ſelbſt geworden, was 341— er uns iſt, jeder ſteht auf den Schultern ſeiner Vor⸗ gänger, alles, was vor ihm geſchaffen wurde, hat irgend⸗ wie dazu geholfen, ihm Leben und Geiſt zu bilden. Und wieder, was er geſchaffen, hat irgendwie andre Menſchen gebildet, und wieder aus ſeinem Geiſt iſt in ſpätere über⸗ gegangen. So bildet der Inhalt aller Bücher ein großes Geiſterreich auf Erden, von den vergangenen Seelen leben und nähren ſich Alle, welche jetzt ſchaffen. In dieſem Sinne iſt der Geiſt des Menſchengeſchlechts eine unermeßliche Einheit, der jeder Einzelne angehört, der einſt lebte und ſchuf, der jetzt athmet und Neues wirkt. Und der Geiſt, den die vergangenen Menſchen als ihren eigenen empfanden, er ging und geht jeden Tag in An⸗ dere über. Was heut geſchrieben iſt, wird morgen vielleicht die Habe von tauſend Fremden, und wer längſt ſeinen Leib der Natur zurückgegeben hat, lebt unaufhörlich in neuem irdiſchen Daſein fort, und wird täglich in Tau⸗ ſenden aufs Neue lebendig.“ „Höre auf,“ rief Ilſe ängſtlich,„mir ſchwindelt.“ „Ich ſage dir das heut, weil auch ich mich als beſcheidenen Arbeiter in dieſem irdiſchen Geiſterreich fühle. Dieſe Empfindung giebt mir eine Freude am Leben, die unzerſtörbar iſt, und ſie giebt mir beides, Freiheit und Demuth. Denn wer in ſolchem Sinne arbeitet, der ſchafft, ob ſeine Kraft ſich groß, ob Aein erweiſe, nicht ſich zur eigenen Ehre, ſondery für Alle. Er lebt nicht für ſich, ſondern für Alle, geeichwie Alle, die geweſen ſind, für ihn fortleben.“ 4 — 345— *» So ſprach er ernſthaft, von ſeinen Büchern um⸗ geben, und die ſcheidende Sonne warf ihre Strahlen freundlich auf ſein Haupt und auf die Behauſungen ſeiner Geiſter an der Wand. Und Ilſe ſagte, an ſeine Schulter gelehnt, demüthig:„Ich bin dein, lehre mich, bilde mich, mache mich verſtehen, was du verſtehſt.“ 4 — 3. Unter den Gelehrten. Ilſe ſteckte den Kopf in das Arbeitsz immer des Gatten.„Darf ich ſtören?“ „Nur herein.“ „Felix, wie unterſcheiden ſich die Faune und Sa⸗ tyre? Hier lieſt man, die Satyre haben Ziegenfüße, die Faune aber Menſchenbeine, nur hinten ein kleines Schwärnzchen.“ „Wer ſagt das?“ frug Felix entrüſtet. Es iſt gedruckt,“ erwiederte Ilſe,„hier ſteht es bewieſen.“ Sie hielt dem Gatten ein aufgeſchlagenes Buch hin. „Es iſt aber nicht wahr,“ erwiederte der Profeſſor und erklärte ihr das Sachverhältniß.„Bei den Griechen Satyre, bei den Römern Faune, der Herr mit dem Bocksfuß aber hieß Pan. Wie kommt der Bacchanten⸗ zug in deine Wirthſchaft?“ „Ihr ſagtet geſtern, der Conſiſtorialrath hat ein Faungeſicht. Nun entſtand die Frage: was iſt ein Faungeſicht, und was iſt ein Faun? Laura erinnerte ſich aus der Schule ſehr gut, daß er ein altes römiſches 347— Fabelweſen war. Und ſie brachte dies Buch, worin die Geſchöpfe abgebildet ſind. Was iſt das für eine aus⸗ gelaſſene Geſellſchaft? Warum haben ſie ſpitze Ohren wie die Rehe, und was ſoll das heißen, wenn man ſich nicht einmal in ſolchen Dingen auf deine unſterblichen Bücher verlaſſen kann?“ „Komm her,“ ſagte Felix,„ich will dir ſchnell die ganze Sippſchaft vorſtellen.“ Er holte ein Kupferwerk herzu und ſchlug ihr die Geſtalten des Bacchuskreiſes auf. Eine Weile ging die Belehrung gut von Statten. „Sie haben alle ſehr wenig Kleider,“ wandte Ilſe be⸗ kümmert ein. „Der Kunſt iſt der Leib lieber als das Gewand,“ tröſtete der Gatte. Aber Ilſe wurde ängſtlicher. Endlich ſchlug ſie erröthend das Buch zu und rief:„Ich muß fort. Ich helfe heute in der Küche, es wird eine neue Mehlſpeiſe gelehrt. Dort iſt meine hohe Schule. Und das Mäd⸗ chen iſt noch ein Fuchs.“ Sie eilte zur Thür hinaus. „Sage deinen Satyren und Faunen, daß ich eine beſſere Idee von ihnen gehabt habe, ſie ſind ſehr unanſtän⸗ dig,“ rief ſie, den Kopf noch einmal in das Zimmer ſteckend. „Das ſind ſie,“ rief Felix durch die Thür,„und ſie wollen auch nichts anderes ſein.“ Beim Eſſen, als Felix die Mehlſpeiſe nach Gebühr bewundert hatte, legte Ilſe den Löffel weg und ſagte ernſthaft:„Zeige mir nicht wieder ſolche Bilder, ich möchte deinen Heiden gut werden, aber wie kann ich das, weun ſie ſo ſind.“ „Sie ſind nicht alle ſo arg,“ beruhigte der Gatte. „Iſt dir's recht, ſo machen wir heut Abend einigen von den alten Herrſchaften unſern Beſuch.“ Miit dieſem Tage begann für Ilſe eine neue Zeit des Lernens. Bald wurde den Erklärungen des Gatten eine feſte Tagesſtunde beſtimmt, für Ilſe die werthvollſte Zeit des Tages. Der Profeſſor gab ihr zuerſt eine kurze Schilderung der großen Culturvölker des Alter⸗ thums und des Mittelalters und ſchrieb ihr ſehr wenige Zahlen und Namen auf, die ſie auswendig lernte. Und er ſchilderte ihr, wie das ganze Leben der Menſchen im letzten Grunde nichts ſei, als ein unaufhörliches Einnehmen, Umſchaffen und Ausgeben der Stoffe, Bil⸗ der und Eindrücke, welche die umgebende Welt darbietet; und wie die ganze geiſtige Entwicklung der Menſchheit im letzten Grunde nichts ſei, als ein ernſtes und an⸗ dächtiges Suchen nach Wahrheit, und wie die ganze politiſche Geſchichte im letzten Grunde nichts ſei, als ein allmäliges Bändigen des Egoismus, welcher Men⸗ ſchen, Stämme, Völker feindlich von einander ſcheidet, durch Steigerung der Bedürfniſſe, durch Läuterung des Rechtsgefühls und durch die Zunahme der Liebe und Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Nach ſolcher Vorbereitung begann der Profeſſor ſogleich die Odyſſee vorzuleſen, kurze Erläuterung an⸗ fügend. Noch nie hatte Poeſie ſo groß und rein auf 2 — 349— die⸗Seele der Frau gewirkt, der heitere Märchenton des erſten Theils, die gewaltige Ausführung des zweiten nahmen ihr Herz ganz gefangen, die Geſtalten erhielten ihr ein faſt greifbares Leben, ſie wandelte, litt und froh⸗ lockte mit ihnen, hinaufgehoben in eine neue Welt ſchöner Bilder und hoher Empfindungen. Und als der Schluß herankam, der Vielduldende ſeiner Gattin gegenüber ſaß und die Erkennungsſcene Töne aus dem geheimſten Leben der jungen Frau anſchlug, da ſaß auch Ilſe, die Wangen geröthet, die thränenfeuchten Augen ſchamhaft niedergeſchlagen, neben dem geliebten Manne; und als er geendet, ſchlang auch ſie die weißen Arme um den Geliebten und ſank aufgelöſ't von Entzücken und Rüh⸗ rung ihm an die Bruſt. Ihrer Seele, die nach langer Ruhe in einem großen Gefühle erglüht war, verklärte das unſterbliche Schöne dieſer Dichtung alle Stunden des Tages, ja die Sprache und Haltung. Gern ver⸗ ſuchte ſie ſich ſelbſt mit Vorleſen, und der Profeſſor hörte mit inniger Freude, wie die majeſtätiſchen Verſe klangvoll von ihren Lippen rollten, und wie ſie in Ton⸗ fall und Ausdruck unbewußt ſeine Sprache nachahmte. Wenn er früh in die Vorleſung ging und ſie ihm in ſeinen braunen Tüffelrock half, da klangen ihm die herz⸗ erfreuenden Worte nach:„Purpurn iſt und rauh das Gewand des edlen Odyſſeus;“ wenn ſie ihm in der Lehrſtunde gegenüber ſaß und er einmal eine Pauſe machte, dann brachen die bewundernden Worte von ihren⸗ Lippen:„So mit klugem Bedacht und verſtandvoll redeſt — 350— du alles.“ Und wenn ſie ſich ſelbſt loben wollte, dann ſummte ſie zu den brodelnden Blaſen des Theekeſſels: „Selbſt wohl hab' ich im Herzen Verſtand und erkenne genugſam Gutes zugleich und Böſes; doch vormals war ich ein Kind noch.“ Auch das Gut des lieben Vaters leuchtete ihr jetzt in dem goldenen Glanze der Hellenen⸗ ſonne.„Ich weiß nicht,“ ſagte der Vater einmal des Abends zu Clara,„wie es möglich iſt, daß Ilſe ſo ſchnell den Brauch unſerer Wirthſchaft vergeſſen konnte. Sie ſpricht in ihrem Briefe von der Zeit, wo die Rinder wieder in dem weitſcholligen Blachfelde wandeln werden. Sie meint jedenfalls die Brache, aber wir haben ja Stall⸗ fütterung.“ Draußen heulte der Nordwind um die beiden Nachbarhäuſer und legte Eispalmen über die Fenſter⸗ ſcheiben, drinnen aber zog ein Tag nach dem andern lichtvoll und buntfarbig, und ein Abend herzer⸗ freuender als der andere über die Häupter der Glück⸗ lichen, ob ſie allein waren, oder ob die Freunde des Gatten, Führer des Volkes, zuſammenſaßen und am gedeckten Theetiſche die Hände nach einfach bereitetem Mahle ausſtreckten. Denn auch die Freunde des Gatten und kluges Wechſelgeſpräch ſind der Hausfrau erfreulich. Dann leuchtet die Lampe feſtlich in Ilſe's Stube, die Gardinen ſind zugezogen, der Tiſch wohlgerüſtet, auch eine Flaſche Wein iſt aufgeſetzt, wenn die Herren eintreten. Manch⸗ mal beginnt das Geſpräch mit Kleinigkeiten, die Freunde — 351— wolken auch der Profeſſorin ihre Hochachtung erweiſen, der eine ſpricht ein wenig über Concerte, der andere empfiehlt ein neues Bild oder Buch. Zuweilen aber treten ſie ſchon aus der Arbeitsſtube in eifriger Unter⸗ redung, dann iſt der Tritt feſter und die Bäckchen ſind etwas geröthet, dann dringt die Rede gleich auf das los, was ihnen gerade aus ihrer Wiſſenſchaft auf der Seele liegt. Nicht immer iſt die Unterhaltung ganz verſtänd⸗ lich, und wenn ſie ſich gerade auf Einzelheiten heftet, auch nicht in jedem Moment ſehr anziehend, aber im Ganzen iſt ſie doch für die Hörerin Freude und Er⸗ quickung. Dann ſitzt Ilſe ſtill da, die Hände, welche ſich über der Arbeit bewegten, ſinken ihr in den Schooß und andächtig hört ſie zu. Wer nicht Profeſſorfrau iſt, hat doch keine Vorſtellung, wie ſchön die Unterhaltung der Gelehrten dahinfließt. Alle wiſſen gut zu reden, Alle ſind eifrig und haben dabei ein gehaltenes Weſen, das ihnen ſehr wohlſteht. Und die Erörterung erhebt ſich, ein Kampf gewichtiger Meiuungen beginnt. Sie kreuzen ſich, ſie fahren durcheinander, der Eine ſagt zuerſt ſchwarz, der Andere weiß, der erſte beweiſt, daß er Recht hat, der zweite widerlegt und engt den erſten ein. Nun denkt die Frau, wie wird dieſer ſich herauswinden. Aber keine Sorge, es fehlt ihm nicht, mit einem Sprunge iſt er über dem Andern, dann kommt der Andere mit neuen Gründen und treibt die Sache noch höher, und die Uebrigen reden auch hinein, ſie werden feurig und ihre Stimmen ertönen lauter. Und ob ſie ſich zuletzt — 3532— miteinander vergleichen, oder ob jeder bei ſeiner Mei⸗ nung bleibt— was häufig vorkommt— immer iſt eine Freude, ſchwierige Fragen ſo von allen Seiten beleuch⸗ tet zu ſehen. Und wenn der Eine etwas recht Großes ſagt und auf den Kern der Wahrheit kommt, dann ſind ſie ſämmtlich in gehobener Stimmung, dann leuchtet es in dem heimlichen Raume wie von überirdiſchem Lichte, und wer ſpricht und wer hört, fühlt ſich frei, ſicher und leicht. Ach aber, der geſcheuteſte von Allen, und der, deſſen Meinung mit der größten Hochachtung gehört wird, das iſt doch immer der Hausfrau lieber Mann. Freilich bemerkte Ilſe auch, daß nicht alle gelehrten Herren daſſelbe gute Weſen bewährten. Mancher konnte Widerſpruch nicht gut vertragen, und es war ihm in ſchwachen Augenblicken mehr um ſeine Geltung, als um die Wahrheit zu thun. Und wieder Einer wollte nur ſprechen und nicht hören und beengte die Unterhaltung, indem er immer auf das zurückkam, was die Andern überwunden hatten. Und ſie entdeckte, daß auch eine ungelehrte Frau aus dem Geſpräche der weiſen Männer einiges von ihrem Charakter erkennen konnte. Und wenn ſich die Gäſte entfernt hatten, dann wagte ſie wohl ein beſcheidenes Urtheil über Wiſſen und Weſen Einzelner. Und ſie war ſtolz, wenn Felix zugab, daß ihr Urtheil das Richtige getroffen. Und bei ſolcher Unterhaltung erfuhr die Frau des Gelehrten auch viele Sachen ganz genau, die jeder an⸗ dern Frau ſchwierig bleiben. Da war z. B. die römiſche ——— Plebs, wenig bedeutet den meiſten Frauen dieſes Wort. Die alte Plebs hat zu ihrer Zeit nie Kaffeegeſellſchaften gegeben, nie auf dem Flügel geſpielt, nie Reifröcke ge⸗ tragen und nie einen franzöſiſchen Roman geleſen. Sie iſt eine im Schutt des Alterthums begrabene, ſehr un⸗ gemüthliche Einrichtung. Die Frau eines Philologen aber weiß davon. Was hörte nicht Ilſe alles von Ple⸗ bejern und Patriciern, ja, ſie nahm in ihrem Herzen Partei für die Plebejer, ſie verwarf gänzlich die Anſicht, daß ſie nur aus kleinen Leuten und leichtfertigem Ge⸗ ſindel zuſammengefloſſen ſeien, und ſchätzte ſie als tüch⸗ tige Landwirthe, trotzige politiſche Männer, die hart⸗ näckig bis auf den Tod in einem großen Vereine gegen ungerechte Patricier kämpften. Und ſie dachte dabei an ihren eigenen Vater und hatte Tage, wo ſie ihre Be⸗ kannten darauf anſah, ob ſie auch zur Plebs gehören würden, wenn ſie Römer wären. Auch ihr ſelbſt waren die Herren freundlich, und faſt alle hatten eine Eigenſchaft, die den Verkehr bequem machte, ſie erklärten gern. Im Anfange wollte Ilſe ungern verrathen, daß ſie von Vielem gar nichts wußte. An einem Abend aber ſetzte ſie ſich vor ihren Gatten und begann:„Ich habe mir etwas ausgedacht. Bisher habe ich mich geſcheut zu fragen, nicht weil ich mich meiner Unwiſſenheit ſchäme, wo ſollte ich's her haben? nur um deinetwillen, damit die Leute nicht merken, daß du eine einfältige Frau haſt. Aber wenn dir's Recht iſt, will ich's jetzt anders machen, denn ich merke, ſie Freytag, Handſchrift. I. 23 ſprechen zumeiſt gern, und da werden ſie wohl auch mir ein geflügeltes Wort gönnen.“ „So iſt es recht,“ ſagte der Gatte,„du wirſt ih⸗ nen um ſo lieber werden, je mehr du ihnen Antheil zeigſt.“ „Wiſſen möchte ich alles, die ganze Welt, um dir ähnlicher zu werden, aber es fehlt mir immer noch an Verſtändniß.“ Und die neue Politik bewährte ſich vortrefflich. Ilſe erfuhr ſogar, daß es zuweilen leichter war, einen lieben Bekannten zum Reden als zum Aufhören zu bringen. Denn die Herren berichteten ihr gewiſſenhaft und in großen Zügen, was ſie erfahren wollte, aber ſie vergaßen wohl einmal, daß die Fähigkeit der Frau, das Neue auf⸗ zunehmen, nicht ſo entwickelt war, als ihnen die Kunſt zu belehren. Ja, ſie ſchwebten wie Götter über der Erde. Aber ſie theilten auch darin das Loos der ambroſiſchen Ge⸗ noſſenſchaft, daß der heitere Friede, welchen ſie in die Herzen der Sterblichen ſandten, unter ihnen ſelbſt durch⸗ aus nicht immer waltete und durch geworfene Erisäpfel leicht verſcheucht wurde. Es war Ilſes Schickſal, daß ſie unter heftiger Fehde der Unſterblichen im Olymp heimiſch werden ſollte. An einem finſtern Wintertage fuhr der Sturmwind übel gelaunt gegen die Fenſter und verſteckte den Stadt⸗ wald hinter wirbelnden Schneewolken. Da hörte Ilſe im Zimmer ihres Gatten die ſcharfen Laute des Pro⸗ ——— — 355— feſſor Struvelius in bedächtigem Fluß der Rede, dazwi⸗ ſchen langes und eingehendes Geſpräch ihres Felix. Die Worte waren nicht zu unterſcheiden, der Tonfall aber war zwei Stimmen ſchnellſchwebender Vögel vergleich⸗ bar, dem Wettgeſange der Droſſel und einer Uebles weiſſagenden Krähe. Die Unterredung zog ſich lange hin, und Ilſe wunderte ſich, daß Struvelius ſo ausdau⸗ ernden Gebrauch der Rede ertrug. Als er ſich endlich entfernt hatte, trat Felix zu ungewohnter Stunde in ihr Zimmer und ging, mit geheimen Gedanken beſchäf⸗ tigt, einigemal ſchweigend auf und ab. Zuletzt brach er kurz heraus:„Ich bin in die Lage gekommen, dem Collegen über unſere Handſchrift eine Mittheilung zu machen.“ Ilſe ſah neugierig auf. Seit ihrer Vermählung war von Tacitus noch nicht die Rede geweſen.„Du hatteſt doch die Abſicht, gegen Fremde nicht mehr davon zu ſprechen.“ „Und ich habe das Schweigen ungern gebrochen. Mir blieb nichts übrig, als gegen meinen nächſten Col⸗ legen offen zu ſein. Das Gebiet unſerer Wiſſenſchaft iſt umfangreich, nicht häufig geſchieht es, daß Genoſſen derſelben Univerſität jeder für ſich auf dieſelbe Arbeit verfallen. Ja, aus nahe liegenden Gründen vermeiden ſie, einander darin eine gewiſſe Concurrenz zu machen. Fügt der Zufall nun doch einmal ſolches Zuſammen⸗ treffen, ſo iſt Mitgliedern derſelben Anſtalt jede zarte 23* — 356— wiſſe, daß ich mich ab und zu mit Tacitus beſchäftige, und er bitte mich um einige Auskunft. Er frug nach den Handſchriften, die ich vor Jahren im Auslande ein⸗ geſehen und verglichen, und nach der Durchzeichnung, die ich von den Schriftzügen derſelben für mich gemacht hatte.“ „Und du haſt ihm mitgetheilt, was du wußteſt?“ frug Ilſe. 4 „Ich habe ihm gegeben, was ich beſaß, das verſtand ſich von ſelbſt,“ erwiederte der Profeſſor.„Denn was er auch damit anfangen mag, es wird nicht ganz ohne Gewinn für die Wiſſenſchaft ſein.“ „Und er ſoll deine Arbeit benützen, um die ſeine möglich zu machen? Jetzt wird er vor der Welt in dei⸗ nen Federn ſingen,“ klagte Ilſe. „Ob er das Gegebene mit Anſtand gebraucht, ob er es mißbraucht, iſt ſeine Sache, ich habe die Verpflich⸗ tung, einem bewährten Amtsgenoſſen nur das Ehren⸗ hafte zuzutrauen. Das war mir keinen Augenblick zwei⸗ felhaft, wohl aber fiel mir Anderes auf. Er war nicht offen gegen mich. Er gab an, daß ihn die Kritik eini⸗ ger Stellen des Tacitus beſchäftige, aber er verbarg mir die Hauptſache, das empfand ich deutlich. Da blieb mir nichts übrig, als ihm grade heraus zu ſagen, daß ich ſeit langer Zeit für dieſen Schriftſteller ein warmes Inter⸗ eſſe herumtrage, und daß ich ſeit dem letzten Sommer an ihn gefeſſelt ſei durch die, wenn auch unſichere Möglichkeit eines neuen Fundes. Und ich habe ihm ——— — 357— die Nachricht gezeigt, welche mich zuerſt in deine Nähe leitete. Er iſt Philolog wie ich, und weiß jetzt, welche Bedeutung für mich dieſer Autor gewonnen hat.“ „Mein einziger Troſt iſt,“ ſagte Ilſe,„daß der ver⸗ ſtändige Vater dem Struvelius ein ſchweres Verhäng⸗ niß bereiten wird, wenn dieſer auf unſerm Gute nach der Handſchrift freien will.“ Dem Profeſſor war der Gedanke an den Trotz ſeines gewaltigen Schwiegervaters heut tröſtlich und er lächelte.„Nach dieſer Seite bin ich ſicher. Aber was will der Andere mit Tacitus, die Hiſtoriker lagen doch ſonſt nicht auf ſeinem Wege?— Es iſt kaum denkbar, — aber ſollte das Unglaubliche geſchehen ſein? iſt die geheimnißvolle Handſchrift durch irgend einen Zufall aufgefunden und in ſeinen Händen?— Doch es iſt Thorheit, darum zu ſorgen.“ Er ſchritt heftig auf und ab und rief endlich, in ſtarker Bewegung ſeiner Frau die Hand ſchüttelnd:„Es iſt immer widerwärtig, wenn man ſich auf ſelbſtſüchtigen Empfindungen ertappt.“ Er ging wieder an ſeine Arbeit, und als Ilſe leiſe die Thür öffnete, ſah ſie ſeine Feder in gleichförmiger Bewegung. Gegen Abend aber, wo ſie nach ſeiner Lampe ſah und die Ankunft des Doctors verkündigte, ſaß er, den Kopf auf die Hand geſtützt, in finſterm Sinnen. Sie ſtrich ihm leiſe über das Haar und er merkte es kaum. Der Doctor aber nahm die Sache nicht ſo inner⸗ lich, er gerieth in Aerger über die Geheimnißkrämerei * des Andern und über die Hochherzigkeit des Freundes, und es gab eine lebhafte Erörterung.„Möchteſt du dieſe Offenheit niemals bereuen,“ rief der Doctor,„der Mann wird aus deinem Silber ſeine Münzen ſchlagen. Denke an mich, dir wird ein Poſſen geſpielt.“ „Zuletzt,“ ſo ſchloß der Profeſſor bedachtſam,„lohnt nicht, ſich darüber aufzuregen. Kam durch irgend einen unwahrſcheinlichen und unerhörten Zufall weſentlich Neues in ſeinen Beſitz, ſo hat er ein Recht auf alles vorhandene Material, auf meine Sammlungen, auf meine Unterſtützung, ſo weit ich ſie zu geben vermag. Uebt er ſeinen Scharfſinn nur an dem vorhandenen Text, ſo iſt unſerer kindlichen Hoffnung gegenüber Alles, was er fördern mag, unweſentlich.“ In ſolcher Weiſe zog unſcheinbar und harmlos ein academiſches Gewölk herauf. Bier Wochen waren vergangen, der Profeſſor war oft mit ſeinem Collegen zuſammengetroffen. Es konnte nicht auffallen, daß Struvelius den Namen Tacitus nicht über ſeine ſchweigſamen Lippen brachte, der Pro⸗ feſſor aber blickte unruhig auf den Pfad des Amtsge⸗ noſſen, denn er glaubte zu bemerken, daß der Andere ihm auswich. An einem friedlichen Abend ſaß Felix Werner mit Ilſe und dem Doctor am Theetiſch, als Gabriel eintrat und eine kleine Broſchüre in unſchein⸗ barem Zeitungspapier vor dem Profeſſor niederlegte. Der Profeſſor riß die Hülle ab, warf einen Blick auf den Titel und reichte das Heft ſchweigend dem — 359— Doctor. Der lateiniſche Titel lautete in die Sprache dieſes Buches überſetzt:„Ein Fragment des Tacitus, als Spur einer verlorenen Handſchrift mitgetheilt von Dr. Friedobald Struvelius, Profeſſor u. ſ. w.“ Ohne ein Wort zu ſagen, ſtanden die Freunde auf und tru⸗ gen die Abhandlung in das Arbeitszimmer des Profeſſors. Ilſe blieb erſchrocken zurück, ſie hörte, wie ihr Gatte den lateiniſchen Text vorlas, und erkannte, daß er ſich zwang, durch langſames und feſtes Leſen ſeine Aufre⸗ gung zu überwältigen. Was in dieſer verhängnißvollen Schrift enthalten war, darf leider dem Leſer nicht vor⸗ enthalten werden. Aeltere Zeitgenoſſen kennen noch aus der Cultur⸗ periode, in welcher der Tabak aus Pfeifenköpfen geraucht wurde, die wohlthätige Erfindung, welche mit einem noch durch keine Forſchung hinreichend aufgehellten Worte Fidibus benannt wird; ſie kennen die normale Länge und Breite eines ſolchen Papierſtreifens, welchen unſere Väter aus verjährten Akten maſſenhaft zuſammenfalte⸗ ten. Ein ſolcher Streifen, allerdings nicht von Papier, ſondern von einem Pergamentblatt geſchuitten, war in die Hände des Herausgebers gefallen. Der Streifen hatte aber vorher ſchwere Schickſaleé erfahren. Er war etwa vor zweihundert Jahren von einem Buchbinder auf die Rückſeite eines dicken Bandes geklebt worden, um die Dauer des Heftzwirns zu verſtärken, und er war für dieſen Zweck durch Leim übel zugerichtet. Nach Entfernung des Leims erſchienen die Schriftzüge einer — 360— alten Mönchshand. Das Wort Amen und einige hei⸗ lige Namen machten zweifellos, daß das Geſchriebene dazu gedient hatte, chriſtliche Frömmigkeit zu fördern. Unter dieſer Mönchsſchrift aber waren andere und grö⸗ ßere lateiniſche Buchſtaben ſichtbar, ſehr verblichen, faſt ganz geſchwunden, von denen man einige mit mäßiger Anſtrengung zu dem römiſchen Namen Piſo zuſammen⸗ deuten konnte. Da hatte nun Profeſſor Struvelius durch Hartnäckigkeit und durch Anwendung einiger che⸗ miſcher Mittel möglich gemacht, dieſe untere Schrift zu leſen. Sie war nach den Formen ihrer Buchſtaben ur⸗ alt. Da der Pergamentfidibus aber von einem ganzen Blatte abgeſchnitten war, enthielt er natürlich nicht voll⸗ ſtändige Sätze, nur einzelne Wörter, welche in die Seele des Leſers fielen wie verlorene Noten einer fernen Muſik, die ein Wind an's Ohr trägt, es war daraus keine Me⸗ lodie zu machen. Grade das hatte den Herausgeber an⸗ gezogen. Er hatte die verſchwundenen Buchſtaben er⸗ mittelt, die durchſchnittenen Worte ergänzt, ja, den ge⸗ ſammten fehlenden Theil des Blattes gemuthmaßt. Und er hatte durch bewundernswerthe Anwendung der aller⸗ größten Gelehrſamkeit aus wenigen ſchattenhaften Flecken des Fidibus ziemlich die ganze Seite einer Pergament⸗ handſchrift hergeſtellt, wie ſie etwa vor zwölfhundert Jahren leibhaftig geweſen ſein konnte. Es war eine ſtaunenswerthe Arbeit. Und daraus ergab ſich Folgendes. Noch am deut⸗ lichſten, obgleich für gewöhnliche Augen kaum lesbar, — 361— war anf dem Pergamentſtreif ein gewiſſer Pontifex Piſo geweſen, in wortgetreuer Ueberſetzung: Brückenmacher Erbs. Dieſer Erbs ſchien den Pergamentſtreifen ſehr zu beſchäftigen, denn der Name zeigte ſich einige Mal. Nun aber hatte der Herausgeber aus dieſem Namen und aus den Ruinen zerſtörter Wörter bewieſen, daß der Pergamentſtreif letzter Ueberreſt einer Handſchrift des Tacitus war, und daß ſeine Worte einem uns ver⸗ lorenen Abſchnitt der Annalen angehörten; und er hatte endlich aus dem Charakter der ſchattenhaften Buchſtaben nachgewieſen, daß der Pergamentſtreif zu keiner der vor⸗ handenen Handſchriften des Römers gehört habe, ſon⸗ dern daß er durch Zerſtörung einer ganz unbekannten entſtanden ſei. Die Freunde ſaßen, nachdem der Aufſatz vorgeleſen war, finſter und ſinnend. Endlich brach der Doctor aus:„Wie unfreundlich, dir dies zu verbergen, und doch deine Hülfe in Anſpruch zu nehmen!“ „Darauf kommt jetzt wenig an,“ erwiederte der Profeſſor,„die Arbeit ſelbſt kann ich nicht loben, ſie wendet auf unſichere Grundlage einen übergroßen Scharf⸗ ſinn, und gegen Manches, was er ergänzt und vermu⸗ thet, wird Einſpruch zu erheben ſein. Aber warum ſprichſt du micht aus, was uns beiden mehr am Herzen liegt, als das Ungeſchick eines wunderlichen Mannes. Wir ſind einer Handſchrift des Tacitus auf der Spur, und hier findet ſich das Trümmerſtück einer ſolchen Handſchrift, welche nach dem dreißigjährigen Kriege von einem Buch⸗ binder zerſchnitten ward. Die Ausbeute, welche dies kleine Fragment für unſer Wiſſen geben mag, iſt ſo un⸗ bedeutend, daß der Gewinn den aufgewandten Fleiß gar nicht lohnt, gleichgültig für alle Welt, nur nicht für uns. Denn, mein Freund, wenn wirklich eine Handſchrift des Tacitus in ſolche Streifen zerſchnitten wurde, ſo iſt es mit großer Wahrſcheinlichkeit dieſelbe, auf welche wir gehofft haben.— Was weiter,“ ſchloß er bitter,„wir werden ein Traumbild los, das uns vielleicht noch lange geäfft hätte.“ „Wie kann dies Pergament von der Handſchrift unſeres Freundes Bachhuber ſtammen 2“ rief der Doctor, „auf dieſem hier iſt der Text ja mit Gebeten über⸗ ſchrieben.“ „Wer ſteht uns dafür, daß nicht auch die Mönche von Roſſau wenigſtens einzelne verblichene Blätter mit ihrem geiſtlichen Hausbedarf übermalten? Dergleichen iſt nicht gewöhnlich, aber wohl denkbar.“ „Vor allem mußt du ſelbſt das Pergamentblatt des Struvelius ſehen,“ entſchied der Doctor.„Genaue Be⸗ trachtung kann manches aufhellen.“ „Es iſt mir nicht bequem, deshalb mit ihm zu ſpre⸗ chen, aber es ſoll morgen geſchehen.“ Den Tag darauf trat der Profeſſor ruhiger in das Zimmer des Collegen Struvelius.„Sie mögen denken,“ begann er,„daß ich mit beſonderer Spannung Ihre Ab⸗ handlung geleſen habe. Nach dem, was ich Ihnen vo einem unbekannten Codex des Tacitus mittheilte, wiſſe. ———— — 363— Sie, daß unſere Ausſicht, dieſen Codex zu ermitteln, ſehr verringert wird, wenn der Pergamentſtreif von Blättern des Tacitus geſchnitten iſt, welche noch vor zweihundert Jahren in Deutſchland erhalten waren.“ „Wenn er geſchnitten iſt?“ erwiederte Struvelius ſcharf.„Er iſt davon geſchnitten. Und was Sie mir über den Verſteck von Roſſau mittheilten, war doch un⸗ ſicher, und ich bin nicht der Meinung, daß darauf Werth zu legen iſt. Wenn dort in der That eine Hand⸗ ſchrift des Tacitus vorhanden war, ſo iſt ſie allerdings zerſchnitten und dieſe Frage erledigt.“ „Wenn ſolche Handſchrift vorhanden war?“ entgeg⸗ nete Felix.„Sie war vorhanden. Ich aber komme, Sie zu bitten, daß Sie mich das Pergamentblatt ſehen laſſen Seit der Inhalt veröffentlicht iſt, wird das wohl keinem Bedenken unterliegen.“ Struvelius ſah verlegen aus, als er antwortete: „Ich bedaure Ihren Wunſch, den ich übrigens ganz in der Ordnung finde, nicht erfüllen zu können, ich bin nicht mehr im Beſitz des Blattes.“ „Und an wen habe ich mich deshalb zu wenden?“ frug der Profeſſor befremdet. „Auch darüber bin ich vorläufig zum Schweigen verpflichtet.“ „Das iſt auffallend,“ brach Felix los,„und ver⸗ zeihen Sie mir das offene Wort, es iſt ſchlinnner als unfreundlich. Denn ob die Bedeutung dieſes Fragmen⸗ tes groß oder gering iſt, es ſollte nach dem Druck ——“ — 364— ſeines Inhaltes den Augen Anderer nicht entzogen wer⸗ den. Ihnen ſelbſt muß daran liegen, daß Andere Ihre Herſtellung des Textes gründlich zu würdigen vermögen.“ „Das gebe ich zu,“ erwiederte Struvelius,„aber ich bin nicht im Stande, Ihnen die Einſicht dieſes Blat⸗ tes zu bewirken.“ „Haben Sie daran gedacht,“ rief der Profeſſor auf⸗ lodernd,„daß Sie durch ſolche Weigerung Mißdeutun⸗ gen Fremder ausgeſetzt werden, Mißdeutungen, die nie⸗ mals mit Ihrem Namen in Verbindung gebracht wer⸗ den ſollten?“ „Und ich halte mich ſelbſt für hinreichend befähigt, Wächter meines guten Namens zu ſein, und muß Sie bitten, dieſe Sorge vollſtändig mir zu überlaſſen.“ „Dann habe ich Ihnen nichts weiter zu ſagen, Herr Profeſſor,“ erwiederte Felix, und ging nach der Thür. Im Gehen ſah er noch, daß ſich die Mittelthür öffnete und die Frau Profeſſorin, aufgeſchreckt durch die lauten Worte der Sprechenden, wie ein Genius eintrat und die Hand flehend nach ihm ausſtreckte. Er aber ſchloß nach flüchtiger Verbeugung die Thür und ging zornig nach Hauſe. Die Wolke war geballt, der Himmel wurde finſter. Der Profeſſor nahm jetzt noch einmal die Abhandlung des unholden Collegen zur Hand. Und es war grade, als wenn ein Luchs einen Haſen oder ein Zicklein zer⸗ riſſen hat und ſich des Schmauſes zu freuen bereit iſt, — 365— und der wilde Bergleu wirft ſich, die Mähne ſchüttelnd, gegen die Beute, daß der andere entweicht, die Schläge des Starken im Nacken. Ilſe rief heut den Gatten zweimal vergebeus zu Tiſche; als ſie beſorgt an ſeinen Stuhl trat, ſah ſie in ein verſtörtes Antlitz.„Ich kann nicht eſſen,“ ſagte er kurz,„ſchicke hinüber, ich laſſe Fritz bitten, ſich ſogleich hey zu bemühen.“ Ilſe ſandte erſchrocken in das Nachbarhaus, ſetzte ſich im Zimmer des Profeſſors nieder und folgte mit ihrem Blick dem auf und ab Schreitenden.„Was hat dich ſo erregt, Felix?“ frug ſie ängſtlich. „Ich bitte dich, liebes Weib, iß heut ohne mich,“ rief er, und ſetzte ſeine Wanderung fort. Eilig trat der Doctor ein:„Das Bruchſtück iſt nicht aus einer Handſchrift des Tacitus,“ rief der Pro⸗ feſſor dem Freunde entgegen. „Vivat Bachhuber!“ erwiederte dieſer noch an der Thür und ſchwenkte den Hut. „Es iſt kein Grund zur Freude,“ unterbrach ihn der Profeſſor finſter,„das Fragment, ſo weit es über⸗ haupt irgend wo her iſt, enthält eine Stelle des Tacitus.“ „Nun, irgend wo her muß es doch ſein,“ ſagte der Doctor. „Nein,“ rief der Profeſſor mit ſtarker Stimme, „das Ganze iſt eine Fälſchung. Die obere Hälfte des Textes ſcheinen wüſt zuſammengeſchriebene Worte, auch ſind die Verſuche des Herausgebers, dieſe in einen ver⸗ —ö— — 366— ſtändlichen Zuſammenhang zu bringen, nicht glücklich. Der untere Theil des ſogenannten Fragments iſt aus einem Kirchenvater abgeſchrieben, welcher an einer bis jetzt nicht beachteten Stelle einen Satz des Tacitus an⸗ führt. Der Fälſcher hat einzelne Worte dieſes Citats mit regelmäßiger Auslaſſung der dazwiſchen liegenden Wörter auf den Pergamentzettel unter einander geſchrie⸗ ben. Das letzte iſt unzweifelhaft.“ Er führte den Doc⸗ tor, der jetzt faſt ſo betroffen ausſah wie er ſelbſt, zu den Büchern und bewies ihm die Richtigkeit ſeiner Be⸗ hauptung.„Der Fälſcher hat aus dieſem gedruckten Text des Kirchenvaters ſeine Weisheit geholt, denn er hat das Ungeſchick gehabt, einen Druckfehler des Setzers mit abzuſchreiben. So ſind wir mit dem Pergament⸗ blatt fertig, und mit einem deutſchen Gelehrten auch.“ Er zog das Tuch, den Schweiß von ſeiner Stirn zu trocknen, und warf ſich in einen Seſſel. „Halt,“ rief der Doktor,„hier handelt es ſich um einen Gelehrten von Ruf und Ehre Laß uns noch einmal kaltblütig unterſuchen, ob nißt ein zufälliges Zuſammenſtimmen möglich iſt.“ „Suche,“ ſagte der Profeſſor,„ich bin am Ende.“ Der Doctor verglich lange und ängſtlich den er⸗ gänzten Text des Struvelius mit den gedruckten Worten des Kirchenvaters. Endlich ſagte er traurig:„Was Struvelius ergänzt hat, trifft in Sinn und Wortlaut mit den Worten des Kirchenvaters ſo merkwürdig über⸗ ein, daß man in Verſuchung geräth, die etwa abweichen⸗ —— — 369— auf den Collegen, daß die letzte Unterredung ihre Schat⸗ ten über dieſe neue Zuſammenkunft zu werfen drohe, denn er ſah betroffen aus und ſein Haar ſtand chaotiſch auf dem Haupte. Der Profeſſor legte ihm die gedruckte Stelle des Kirchenvaters vor Augen und ſagte dazu nur die Worte:„Dieſe Stelle iſt Ihnen entgangen.“ „In der That,“ rief Struvelius, und ſaß lange darüber gebeugt.„Ich kann mir dieſe Beſtätigung ge⸗ fallen laſſen,“ ſprach er endlich, von dem Folianten auf⸗ ſehend. Der Profeſſor aber legte den Finger auf das Buch: „In den Text des Pergamentblattes, welchen Sie ergänzt haben, iſt ein ungewöhnlicher Druckfehler dieſer Aus⸗ gabe aufgenommen, ein Druckfehler, welcher am Ende *des Buches verbeſſert wurde. Die Worte des Perga⸗ mentblattes ſind alſo zum Theil nach dieſer gedruckten Stelle zuſammengeſetzt und eine Fälſchung.“ Struvelius blieb ſtumm ſitzen, aber er war ſehr erſchrocken und ſah ängſtlich in das zuſammengezogene Geſicht des Collegen. „Es wird jetzt zunächſt Ihr Intereſſe ſein, dem Publikum darüber die unvermeidliche Aufklärung zu geben.“ „Eine Fälſchung iſt unmöglich,“ entgegnete Stru⸗ velius unbeſonnen,„ich ſelbſt habe das Pergamentblatt von dem alten Leim gereinigt, der den Text verdeckte.“ „Und doch ſagten Sie mir, daß das Blatt nicht in Ihrem Beſitz ſei. Sie werden begreifen, daß es mir Freytag, Handſchrift. J. 24 — ¹——— — 370— keine Freude machen kann, einem Amtsgenoſſen gegen⸗ über zu treten, deshalb müſſen Sie ſelbſt unverzüg⸗ lich das ganze Sachverhältniß öffentlich darlegen. Denn daß die Fälſchung bekannt werden muß, iſt ſelbſtver⸗ ſtändlich.“ Struvelius dachte nach.„Ich räume ein, daß Sie in guter Meinung ſprechen,“ begann er endlich,„aber ich habe die feſte Ueberzeugung, daß die Schrift des Pergaments echt iſt, und ich muß Ihnen überlaſſen, zu thun, was Sie für Pflicht halten. Wenn Sie Ihre Collegen öffentlich angreifen, ſo werde ich das zu ertragen ſuchen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Struvelius wider⸗ ſpenſtig, aber in großer Unruhe, und die Angelegenheit wälzte ſich auf der Bahn des Unheils weiter. Ilſe ſah mit Betrübniß, wie heftig ihr Gatte unter der Stör⸗ rigkeit ſeines Collegen litt, die er als unreinliches Weſen verurtheilte. Jetzt ſchrieb der Profeſſor in die wiſſen⸗ ſchaftliche Zeitung, für welche er arbeitete, eine kurze Darſtellung des wirklichen Sachverhältniſſes. Er führte die verhängnißvolle Stelle des Kirchenvaters an und ſprach ſchonend ſein Bedauern aus, daß der ſcharfſinnige Herausgeber igendwie durch einen Betrüger hinter⸗ gangen ſei. Dieſe ſchlagende Beurtbeilung machte an der Uni⸗ verſität ein ungeheures Aufſehen. Wie ein geſtörter Bienenſchwarm, welcher hierhin und dorthin fliegt, ſummten die Collegen durch einander. Struvelius hatte wenig warme Freunde, aber er hatte auch keine Gegner. Zwar die erſten Tage nach jenem literariſchen Ur⸗ theil galt er für einen aufzugebenden Mann, aber er ſelbſt hielt ſich gar nicht dafür, ſondern verfaßte eine Entgegnung. Darin betonte er nicht ohne Selbſtgefühl die ſchöne Beſtätigung, welche ſeine Ergänzungen durch die von ihm allerdings überſehene Stelle des Kirchen⸗ vaters erhalten, er behandelte das Zuſammentreffen des Druckfehlers mit dem Wortlaut ſeines Pergaments als einen wunderlichen, keineswegs aber unerhörten Zufall, und verſagte ſich zuletzt nicht, einige ſcharfe Seitenblicke auf andere Gelehrte zu werfen, welche gewiſſe Autoren für ihre Domäne hielten, und einen zufälligen kleinen Fund mißachteten, während doch kein unbefangenes Ur⸗ otheil auf einen größern hoffen dürfe. Dieſe taktloſe Anſpielung auf den geheimen Co⸗ dex empörte den Profeſſor in tiefſter Seele, aber ſtolz verſchmähte er jeden weitern Kampf vor der Oeffent⸗ lichkeit. Die Entgegnung des Struvelius war aller⸗ dings übel gelungen, indeß hatte ſie doch die Wirkung, daß die Mitglieder der Univerſität, welche gegen Felix geſtimmt waren, den Muth gewannen, auf Seite des Gegners zu treten. Die Sache ſei immerhin zweifelhaft, und es ſei doch gegen die Bundespflicht des Amtes, ſeinen Collegen öffentlich ſo groben Verſehens zu be⸗ Züchtigen. Der Augreifer hätte das auch einem Andern überlaſſen können. Gegen dieſe Schwachen kämpfte der beſſere Theil der Amtsgenoſſen aus dem Lager unſeres 24* N A — 372— Profeſſors. Einige der angeſehenſten, unter ihnen alle von Ilſes Theetiſch, beſchloſſen, daß die Angelegenheit nicht im Sande verlaufen dürfe. In der That ſtand für Struvelius der Streit ungünſtig genug, denn ihm wurde ernſtlich vorgeſtellt, daß ſeine Ehre ihn ver⸗ pflichte, über das Pergament irgend eine Aufklärung zu geben. Er aber ſchwieg ſich durch dieſe Verhaue hinge⸗ worfener Behauptungen durch, ſo wohl oder übel ihm möglich war. Auch die Abende in Ilſes Zimmer erhielten durch dies Ereigniß einen kriegeriſchen Charakter, immer wie⸗ der ſaßen die nächſten Freunde, der Doctor, der Mine⸗ ralog, und nicht zuletzt Raſchke, wie Kriegstribunen in Berathung gegen den Feind. Und Raſchke geſtand an einem Abend, daß er ſo eben bei dem verſtockten Gegner geweſen war und ihn flehentlich gebeten hatte, wenigſtens zu bewirken, daß irgend ein Dritter das unglückliche Pergament zur Anſicht erhalte. Und Struvelius war einigermaßen in Thauwärme gekommen und hatte be⸗ dauert, daß er Schweigen verſprochen, weil ihm noch andere Seltenheiten in Ausſicht geſtellt ſeien. Da hatte ihn Raſchke beſchworen, auf ſolche unheimliche Schätze zu verzichten und ſich die Freiheit der Rede zurück zu kaufen. Es war eine lebhafte Erörterung ge⸗ weſen, denn Raſchke fuhr ſich mit der kleinen Thee⸗ ſerviette— ſie hatte Franzen und war Ilſes Freude— über Naſe und Augen und ſteckte ſie dann in ſeine Taſche. Und als Ilſe ihm lachend ſeinen Raub zu — 373— Gemüth führte, brachte er nicht nur die Serrviette her⸗ vor, ſondern mit ihr noch ein ſeidenes Taſchentuch, von dem er behauptete, daß es ebenfalls Ilſen gehören müſſe, obgleich es offenbar Eigenthum eines mit Schnupftabak umgehenden Herrn war. Deshalb wurde gegen ihn der Verdacht erhoben, daß er das Tuch aus dem Zimmer des Struvelius mitgebracht habe.„Nicht unmöglich,“ ſagte er,„denn wir waren bewegt.“ Und das fremde Taſchentuch lag auf einem Stuhle und wurde von den Anweſenden mit kalten Blicken und feindlichen Empfindungen betrachtet. 4. Der profeſſorenball In dieſe academiſche Verſtörung fiel der große Pro⸗ feſſorenball, das einzige Feſt des Jahres, welches ſämmt⸗ lichen Familien der Univerſität Gelegenheit gab, in fröh⸗ licher Geſelligkeit zuſammenzutreffen. Auch Studenten und andere Bekannte wurden geladen, der Ball war in der Stadt wohl angeſehen und die Einladungen begehrt. Ein academiſcher Tanz iſt etwas ganz anderes, als ein gewöhnlicher Ball. Denn außer allen guten Eigen⸗ ſchaften eines diſtinguirten Balles erweiſt er noch drei Vorzüge deutſcher Wiſſenſchaft: Fleiß, Freiheit und Gleich⸗ gültigkeit; Fleiß im Tanzen, auch bei den Herren, Frei⸗ heit in anmuthigem Verkehr zwiſchen Jung und Alt und Gleichgültigkeit gegen Uniformen und lackirte Tanzſtiefeln. Zwar die Jugend hat auch hier im Ganzen einen welt⸗ bürgerlichen Charakter, denn dieſelben Tanzweiſen, Roben, Sträuße und Verbeugungen, grüßende Augen und ge⸗ röthete Bäckchen mag man bei tauſend ähnlichen Feſten von der Newa bis nach Californien erblicken. Nur wer genauer zuſah, erkannte wohl an einem Mädchenkopf die /† geiſtvollen Augen und beredten Lippen, welche von dem — 375— gelehrten Vater auf ſie übergegangen waren, und viel⸗ leicht in Locken und Bändern eine kleine akademiſche Eigenheit. Und der alte Satz, welchen Tiefſinn vergange⸗ ner Studenten gefunden: Profeſſorentöchter ſind entwe⸗ der hübſch oder häßlich, empfahl ſich auch hier dem be⸗ trachtenden Menſchenfreund, die landesübliche Miſchung beider Eigenſchaften war ſelten. Und unter den Tän⸗ zern waren neben dem gewöhnlichen Ballgut, einigen Offizieren und der Blüthe ſtädtiſcher Jugend, hie und da junge Gelehrtengeſichter zu ſehen, hager und bleich, umfloſſen von ſchlichtem Haar, welches mehr geeignet war, ſinnig auf die Bücher hinabzuhängen, als im Tanze durch den Saal zu ſchweifen. Was aber dieſem Feſt ſeinen Werth gab, war gar nicht die Jugend, ſon⸗ „dern Herren und Frauen in geſetzten Jahren. Unter den älteren Herren mit grauem Haar und fröhlichem Antlitz, welche in Gruppen zuſammenſtanden, oder behag⸗ lich zwiſchen den Damen umhertrieben, viele bedeutende Köpfe, fein ausgearbeitete Züge, ein friſches, lebendiges, unterhaltſames Weſen. Und unter den Frauen nicht wenige, die ſonſt das ganze Jahr geräuſchlos zwiſchen dem Arbeitszimmer des Gatten und der Kinderſtube ein⸗ herſchwebten, und die ſich jetzt im ungewohnten Staats⸗ kleid dem Kerzenglanz ausgeſetzt ſahen, ebenſo ſchüch⸗ tern und verſchämt, wie ſie vor langer Zeit als Mädchen geweſen waren. Diesmal aber war beim Beginn des Feſtes in ein⸗ u Gruppen doch eine gewiſſe Spannung unver⸗ kennbar. Der Theetiſch Werners hatte angenommen, daß Struvelius nicht kommen werde. Aber er war da. Er ſtand ſtill in ſich gezogen mit ſeinem gewöhnlichen zerſtreuten Blick unweit des Eingangs, und Ilſe und ihr Gatte mußten an ihm vorüber. Als Ilſe am Arm des Profeſſors durch den Saal ſchritt, ſah ſie, daß die Augen Vieler ſich neugierig auf ſie richteten, und hohe Röthe ſtieg ihr in die Wangen. Der Profeſſor führte ſie der Frau des Collegen Günther zu, welche mit Ilſe verabredet hatte, daß ſie am Abende zuſammenhalten wollten, und Ilſe war froh, als ſie auf einem der er⸗ höhten Sitze neben der muntern Frau Platz gefunden hatte, und ſie wagte im Anfange nur ſchüchtern um ſich zu blicken. Aber der Schmuck des Saales, die vielen ſtattlichen Menſchen, welche ſuchend, plaudernd, grüßend den großen Raum füllten, dazwiſchen die erſten Klänge der Ouvertüre gaben ihr bald eine gehobene Stimmung. Sie getraute ſich weiter umzuſchauen und nach ihren Bekannten zu ſpähen, vor Allem nach dem lieben Manne. Und ſie ſah ihn unweit der einen Saalthür ſtehen in⸗ mitten ſeiner Freunde und Genoſſen, ragend an Haupt und Gliedern. Und ſie ſah unweit der andern Thür den Gegner Struvelius ſtehen mit kleinem Gefolge, faſt nur von Studenten umgeben; ſo ſtanden die Männer zwiefach getheilt, den Groll in ihrem Buſen ehrbar bän⸗ digend. Aber zu Ilſe kamen die Bekannten des Gat⸗ ten, der Doctor kam und lachte ſie aus, weil ſie vor⸗ her große Sorge gehabt, wie man in dem Gewirr — 377— der Menſchen einander finden werde, auch der Minera⸗ loge kam und erklärte ſeine Abſicht, ſie um einen Tanz zu erſuchen. Doch Ilſe machte ihm dagegen ernſthafte Vorſtellungen:„Bitte, thun Sie das nicht, ich bin in den neuen ſtädtiſchen Tänzen nicht ſicher, und Sie möch— ten mit mir nicht gut beſtehen. Und da wollen wir einen Grundſatz daraus machen und ich werde gar nicht tanzen. Aber das iſt auch nicht nöthig, denn mir iſt ſehr feſtlich zu Muth, und ich freue mich von Herzen über all die ſchmucken Leute.“ Bald traten Fremde heran, ließen ſich ihr vorſtellen, und ſie erlangte ſchnell größere Gewandtheit Tänze abzuſchlagen. Darauf führte auch der Hiſtoriker ſeine Tochter zu ihr, und der würdige Herr ſprach längere Zeit mit Ilſe und ſetzte ſich endlich ogar neben ſie, und Ilſe fühlte freudig, daß darin eine Auszeichnung lag. Endlich wagte ſie ſich ſelbſt einige Schritte von ihrem Platz, um Frau Profeſſor Raſchke zu ſich zu holen. Und es dauerte nicht lange, ſo bildete ſie mit den Bekannten eine hübſche kleine Geſſell⸗ ſchaft, die niedliche Frau Günther machte allerliebſte Scherze und erklärte ihr fremde Damen und Her⸗ ren. Auch die Frau Rectorin kam herbei und ſagte, ſie müſſe ſich zu ihnen ſetzen, weil ſie merke, daß es bei ihnen ſo luſtig hergehe, und die Magnificenz warf ihre Augen wie Leuchtkugeln hin und her und zog einen Herrn nach dem andern zu der Gruppe; und wer der Magnificenz Hochachtung bewies, der begrüßte auch die neue Frau Collegin. Es wurde in ihrer Nähe ein — 378 Kommen und Gehen wie auf einem Jahrmarkt, und Ilſe und die Magnificenz ſaßen da wie zwei Nachbar⸗ ſterne, von denen einer den Glanz des andern vermehrt. Alles war gut und ſchön, Ilſe war ſeelenvergnügt und es fand an ihrer Nähe nur etwas mehr freundſchaft⸗ liches Händeſchütteln ſtatt, als ſich im Ganzen mit der Feierlichkeit eines Balles verträgt. Und als Felix auch einmal herzutrat und ſie fragend anſah, da drückte ſie ihm leiſe die Fingerſpitze und lachte ihn ſo glücklich an, daß er keiner weitern Antwort bedurfte. Da, in einer Pauſe, als Ilſe die Wände des Saales entlang ſah, erblickte ſie auf der entgegengeſetzten Seite Frau Profeſſor Struvelius. Sie ſaß in auffallend dunklem Kleide, ihre eine ſapphiſche Locke hing ernſt und ſchwermüthig von dem feinen Haupt. Die Gattin des Feindes ſah bleich aus und blickte ſtill vor ſich nieder. In der Haltung der Frau war etwas, was Ilſen das Herz bewegte, und ihr war, als müßte ſie hinüber gehen. Sie überlegte, ob ihrem Felix das recht ſein werde, und fürchtete ſich auch vor einer kalten Abweiſung. Endlich aber faßte ſie ein Herz und ſchritt quer durch den Saal auf die gelehrte Frau zu. Sie wußte nicht, was ſie that. Sie ſelbſt war viel mehr aufgefallen, ſie wurde viel ſchärfer beobachtet, und die Anweſenden beſchäftigte der Zwiſt zweier Häuptlinge viel angelegentlicher, als ſie ahnte. Wie ſie jetzt mit feſtem Schritt auf die Andere zuging, und ſchon einige Schritt vor ihr die Hand nach ihr ausſtreckte, da ent⸗ 1 u N —— — 379— ſtand eine bemerkbare Stille im Saale, und viele Augen richteten ſich auf die beiden Frauen. Die Struvelius erhob ſich gradlinig, ſtieg eine Stufe von ihrem Sitz hinab und ſah ſo gefroren aus, daß Ilſe erſchrak, und kaum eine alltägliche Frage nach ihrem Befinden über die Lippen brachte. „Ich danke Ihnen,“ antwortete die Struvelius,„ich bin keine Freundin lauter Geſelligkeit, wohl nur des— halb, weil mir alle Eigenſchaften dafür fehlen. Denn zuletzt iſt dem Menſchen nur da wohl, wo er Gelegen⸗ heit hat, irgend eine Anlage thätig darzuſtellen.“ „Mit meiner Anlage ſieht es vollends ſchlecht aus,“ ſagte Ilſe ſchüchtern,„aber mir iſt hier alles neu, und deshalb unterhalte ich mich ſehr durch das Zuſehen, und ich möchte meine Augen überall haben.“ „Das iſt bei Ihnen eine ganz andere Sache,“ ver⸗ ſetzte die Struvelius mit kalter Abfertigung. Zum Glück wurde die dürftige Unterhaltung im Beginn unterbrochen. Denn die Conſiſtorialräthin ſchoß neugierig wie eine Elſter zu der Gruppe, um menſchen⸗ freundlich zu vermitteln, oder in der auffallenden Scene mitzuwirken. Sie pickte in das Geſpräch hinein, und gleichgültige Reden wurden kurze Zeit fortgeſetzt. Ilſe kehrte erkältet auf ihren Platz zurück, mit ſich ſelbſt ein wenig unzufrieden. Sie hatte keine Urſache dazu. Die kleine Günther ſagte ihr leiſe:„Das war recht, und ich bin Ihnen jetzt noch einmal ſo gut;“ und Profeſſor Raſchke kam zu ihr herangeſchoſſen, er erwähnte nichts, — 380— aber nannte ſie einmal über das andere ſeine liebe Frau Collega. Er frug beſorgt, ob er ihr nicht etwas Gutes, wie Thee oder Limonade, zutragen dürfe, er nahm den feingeſchnitzten Fächer, den ihr Laura aufgenöthigt hatte, bewundernd aus ihrer Hand und ſteckte ihn aus Vor⸗ ſicht in die Bruſttaſche ſeines Fracks. Und dabei kam er auf eine luſtige Geſchichte, wie er als Student ſich in ſeiner kleinen Stube ſelbſt tanzen gelehrt hatte, um ſeiner gegenwärtigen Frau zu gefallen, und im Feuer ſeiner Erzählung begann er vor Ilſe die Methode dar⸗ zuſtellen, durch welche er ſich in der Stille die erſten Pas beigebracht. Er bewegte ſich grade im Schwunge und der Schwanenflaum des Fächers ragte wie eine große Feder aus ſeinem Flügel hervor, als ein neuer Tanz begann und der Profeſſor durch die wirbelnden Paare mit Lauras Fächer weggefegt wurde.— Es waren nur wenige Schritte, die Ilſe durch den Saal gethan hatte, aber die kleine Aeußerung eines ſelbſtſtändigen Willens hatte ihr die gute Meinung der Univerſität gewonnen. Denn mancher Bemerkung, welche wohl über ihr ländliches Weſen gemacht wurde, klang jetzt bei Männern und Frauen die Anerkennung entgegen: ſie hat Gemüth und Charakter. 1 Nach altem Brauch wurde der Ball in ſeiner Mitte durch ein gemeinſchaftliches Abendeſſen unterbrochen. Würdige Profeſſoren waren ſchon einige Zeit vorher im Nebenzimmer ſpähend um gedeckte Tiſche gewandelt, hat⸗ ten vorſorglich Zettel gelegt und mit wohlgekräuſelten — 381— Kellnern eine Weinlieferung verabredet. Endlich lagerte ſich die Geſellſchaft, nach Familien geordnet, um die Tafeln. Als Ilſe am Arm des Gatten nach ihrem Platze ſchritt, frug ſie leiſe:„War's recht, daß ich hin⸗ über ging?“ Und er erwiederte ernſthaft:„Es war nicht unrecht.“ Damit mußte ſie ſich vorläufig begnügen. Während der Tafel brachte Magnificus den erſten Toaſt auf die academiſche Geſelligkeit aus, und die Herren vom Theetiſch fanden, daß ſeine leiſe Anſpielung auf ein freundliches Zuſammenhalten der Collegen in unzarter Weiſe an die brennende Frage des Tages rühre. Aber dieſe Wirkung ging ſogleich in andern Trink⸗ ſprüchen unter und Ilſe merkte, daß die Tiſchreden hier anders betrieben wurden, als in der Familie Rollmaus, denn ein College nach dem andern ſchlug an das Glas. Und wie zierlich und geiſtreich wußten ſie leben zu laſ⸗ ſen, ſie hielten ihre Frackſchöße und blickten kaltblütig in die Runde, und gedachten in herrlichen Worten der Gäſte, der Frauen und der übrigen Menſchheit. Und als die Propfen des Champagners knallten, wurde die Beredtſamkeit übermächtig, und es ſchlugen ſogar zwei Profeſſoren zu gleicher Zeit an die. Gläſer. Da erhob ſich noch einmal der Pfrofeſſor der Geſchichte, und alles wurde ſtill. Und er begrüßte die neuen Mitglieder der Univerſität, die Frauen und Männer, und Ilſe merkte, daß dieſer Gruß auch auf ſie ſelbſt gehe, und ſah auf den Teller herab. Aber ſie erſchrak, als er immer per⸗ licher wurde und zuletzt gar ihren Namen laut in den Saal rief, und den der Mineralogin, welche auf der andern Seite ihres Felix ſaß. Die Gläſer klangen, ein Tuſch wurde geblaſen, viele Collegen und einige Frauen erhoben ſich und zogen mit ihren Gläſern heran, es entſtand hinter den Stühlen eine kleine Völkerwan⸗ derung, und Ilſe und die Mineralogin mußten ohne Aufhören anſtoßen, danken und ſich verneigen. Als Ilſe erröthend aufſtand, um mit den Grüßenden anzuſtoßen, ſtreifte ihr Blick unwillkührlich die nächſte Tafel, wo wieder die Struvelius gegenüber ſaß, und ſie ſah, wie dieſe nach dem Glaſe zuckte, aber ſchnell zurückfuhr und finſter vor ſich hinſtarrte. Die Geſellſchaft erhob ſich, und jetzt erſt begann die rechte Feſtfreude. Denn auch die Profeſſoren wur⸗ den regſam und gedachten ährer alten Tüchtigkeit. Und der Saal erhielt ein verändertes Ausſehen, denn jetzt drehten ſich auch ehrwürdige Herren mit ihren eigenen Frauen im Kreiſe. Ach, es war für Ilſe ein herziger und rührender Anblick! Mancher alte Frack und be⸗ queme Wegſtiefel bewegte ſich im Takte. Und die Her⸗ ren tanzten entſchloſſen mit allerlei Schleifung des Fußes und kühner Bewegung der Kniee in dem Stil ihrer Jugendzeit und mit dem Gefühl, daß ſie ihre Kunſt auch noch verſtanden. Einige der Frauen hingen ſchüch⸗ tern in den Armen der Tänzer, manche auch etwas ſchwerfällig. Und andern ſah man an, wie gut ſie das Regiment im Hauſe führten, denn wenn die Wiſſen⸗ ſchaft des Gemahls nicht ganz ausreſchte, wußten ſie — 383— durch ein kräftiges Herumſchwingen im Kreiſe fortzu⸗ treiben. Und Magnificus tanzte mit ſeiner runden Frau, ſehr zierlich, und Raſchke tanzte mit ſeiner Frau und ſah beim Anlauf, der einige Zeit in Anſpruch nahm, triumphirend nach Ilſe hinüber. Bei dieſem Ball geſchah, was lange nicht vorgekommen war, die Profeſ⸗ ſoren wagten auch eine Senioren⸗Francaiſe. Als aber Naſchke dazu antrat, entſtand ein beſorgtes Kopfſchütteln ſeiner Vertrauten. Nicht ohne Grund, denn er brachte eine heilloſe Verwirrung in die Touren. Er wollte ſeine Frau durchaus nicht mit einer andern Dame vertauſchen, welche ihm gegenüberſtand; dann ergab ſich, daß er keine feſte Anſicht über ſeinen eigentlichen Platz gewinnen konnte, und erſt am Ende, als ein großer Stern ge⸗ bildet wurde, bei welchem die Herren an der Außen⸗ ſeite als Strahlen herumkreiſten, da fand er ſich an der Hand irgend einer Dame wieder zurecht und ſchwenkte lachend ſeine Beinchen gegen die Außenwelt. Luſtiger wurde das Getümmel, alle Nachbarinnen Ilſens waren durch den Taumel ergriffen und tanzten Walzer; Ilſe ſtand unweit einer Säule nnd ſah in das bunte Treiben herab. Da ſtrich etwas hinter ihr herum, ein ſeidenes Kleid rauſchte, die Struvelius trat neben ſie. Betroffen ſah Ilſe in die großen grauen Augen der Gegnerin, welche langſam begann:„Ich halte Sie für edel und gemeiner Empfindung ganz unfähig.“ Ilſe verneigte ſich ein wenig, um ihren Dank für die unerwartete Erklärung auszudrücken. — 384— „Ich gehe umher,“ fuhr die Struvelius in ihrer gemeſſenen Weiſe fort,„wie mit einem Fluche beladen. Was ich in dieſen Wochen gelitten habe, iſt unaus— ſprechlich, heute in der lauten Freude komme ich mir vor wie eine Ausgeſtoßene.“ Das Tuch in ihrer Hand zitterte, aber ſie ſprach eintönig fort:„Mein Mann iſt unſchuldig, und in der Hauptſache von ſeinem Recht überzeugt. Mir als ſeiner Frau geziemt, ſeine Auffaſ⸗ ſung und ſein Schickſal zu theilen. Aber ich ſehe auch ihn durch eine unſelige Verwickelung innerlich verſtört, und ich fühle mit Entſetzen, daß ihm die gute Meinung ſeiner nächſten Bekannten verloren ſein mag, wenn es nicht gelingt, die Zweifel zu löſen, welche ſich um ſein Haupt ſammeln.— Helfen Sie mir,“ rief ſie in plötz⸗ lichem Ausbruch die Hände ringend, und zwei große Thränen rollten über ihre Wangen. „Vermag ich das?“ frug Ilſe. „Es iſt ein Geheimniß bei der Sache,“ fuhr die Struvelius fort,„mein Mann hat die Unvorſichtigkeit gehabt, unbedingtes Schweigen zu verſprechen, und ſein Wort iſt ihm heilig, und er ſelbſt iſt wie ein Kind in Geſchäften und weiß ſich in dieſer Sache keinen Rath. Ohne ſein Wiſſen und Zuthun muß verſucht werden, was ihn rechtfertigt. Und ich bitte Sie, mir dabei Ihren Beiſtand nicht zu verſagen.“ „Ich kann nichts thun, was mein Mann mißbilli⸗ gen würde, und ich habe bis jetzt niemals ein Geheim⸗ niß vor ihm gehabt,“ verſetzte Iſſe ernſt. ———— „Ich will nichts, was nicht vor dem ſtrengſten Ur⸗ theile beſtehen könnte,“ fuhr die Andere fort.„Ihr Ge⸗ mahl ſoll zuerſt wiſſen, was ich etwa ermitteln kann, grade deshalb wende ich mich an Sie. Ach, nicht des⸗ halb allein, ich weiß Niemanden, dem ich vertrauen könnte.— Ihnen ſage ich, was ich nicht von Struve⸗ lius erfahren habe, er hat das unglückliche Pergament⸗ blatt von Magiſter Knips erhalten und an dieſen wie⸗ der zurückgegeben.“ „Das iſt der kleine Magiſter auf unſerer Straße?“ frug Ilſe neugierig. „Derſelbe, Ich muß den Magiſter veranlaſſen, daß ir das Blatt wieder herbeiſchafft, oder mir ſagt, wo es zu finden iſt. Nicht hier iſt der Ort dies zu beſprechen,“ rief ſie, als die Tanzmuſik verſtummte.„Bei der Stel⸗ lung unſerer Männer darf ich Sie nicht beſuchen, es würde mir zu ſchmerzlich ſein, die veränderte Haltung Ihres Gemahls in einer Begegnung zu empfinden; aber ſch wünſche Ihren Rath und bitte Sie, eine Zuſammen⸗ ſunft am dritten Ort möglich zu machen.“ „Wenn Magiſter Knips im Spiel iſt,“ erwiderte Ilſe zögernd,„ſo ſchlage ich Ihnen vor, ſich zu Fräu⸗ lein Laura Hummel, meiner Hausgenoſſin, zu bemühen, vir ſind in ihrem Zimmer ungeſtört, und ſie weiß mehr bon dem Magiſter und ſeiner Familie als wir beide. lber, Frau Profeſſorin, wir armen Frauen werden bei finem fremden Manne ſchwerlich etwas durchſetzen.“ „Ich bin entſchloſſen, Alles zu wagen, um meinen Freytag, Handſchrift. I.⸗ 25 8 — — 386— Gatten von dem unwürdigen Verdacht zu befreien, der ſich gegen ihn zu erheben droht. Beweiſen Sie ſich ſo, wie Sie mir erſcheinen, und ich will Ihnen auf Knieen danken.“ Sie rückte wieder heftig mit der Hand und ſah dabei ſehr gleichgültig aus. „Wir treffen uns morgen„“ verſetzte Ilſe,„darin wenigſtens darf ich Ihrem Vertrauen entſprechen.“ Und ſie beredeten die Stunde. So trennten ſich die Frauen. Noch einmal ſah die Struvelius hinter der Säule hervor aus ihren großen Augen flehend nach Ilſe, dann umſchloß beide der Schwarm aufbrechender Ballgäſte. Nach der Heimfahrt hörte Ilſe im Traum noch lange die Tanzmuſik und ſah fremde Männer und Frauen an ihr Lager kommen, und ſie lachte und wun⸗ derte ſich über die närriſchen Leute, die ſich gerade eine Zeit ausſuchten, wo ſie im Bette lag ohne ihr ſchönes 8 Kleid und den Fächer. Aber in dieſe frohe Betrach⸗ tung fuhr die heimliche Sorge, daß ſie ihrem Felix von all dieſen Beſuchen nichts ſagen dürfe. Und da ſie leiſe über ſolchen Zwang ſeufzte, ſchwebte der Traum zurüc nach der elfenbeinenen Pforte, aus welcher er herange zogen war, und ein feſter Schlummer löſte ihr di Glieder. Am nächſten Morgen ging Ilſe zu Laura hinau und vertraute ihr die Ereigniſſe des Abends, zuletzt di Bitte der Struvelius. Die geheime Zuſammenkunf mit der Frau Profeſſorin wal ganz nach Lauras Sinn H — 387— Sie hatte in den letzten Wochen am Theetiſch mehr als ein⸗ 1 mal von dem geheimnißvollen Pergament gehört, ſie fand 1 den Entſchluß der Struvelius hochherzig und ſprach von al⸗ 3 lem, was Magiſter Knips anzetteln könne, mit Verachtung. Mit dem Stundenſchlag traf Frau Struvelius ein. Sie ſah heut recht gedrückt und leidend aus und man erkannte auch hinter ihren unbeweglichen Zügen die ängſtliche Spannung. 9 Ilſe kürzte die unvermeidliche Einleitung von Grüßen 1 und Entſchuldigungen ab, indem ſie begann:„Ich habe A Fräulein Laura von Ihrem Wunſche geſagt, das Per⸗ gamentblatt zu erhalten, ſie iſt bereit Herrn Magiſter d Knips ſogleich herüber zu rufen.“ nd„„SDas iſt unendlich mehr, als ich zu hoffen wagte,“ n ſagte die Struvelius,„ich war bereit mit Ihrer gütigen n Hilfe ihn ſelbſt aufzuſuchen.“ bes„Er ſoll herkommen,“ entſchied Laura,„und er ſoll c. ſich hier verantworten. Er iſt mir immer unausſtehlich A geweſen, obgleich er mir manchmal für Geld hübſche 3 kleine Bilder gemalt hat. Denn ſeine Demuth iſt ſo, ic wie ſie keinem Manne geziemt, und ich halte ihn im e 75 e 5 1 g Grund ſeines Herzens für einen Schleicher.“ d Die Köchin Suſanne wurde gerufen und von Laura in Gegenwart der Frauen als Herold in die Burg der au Knipſe geſandt.„Und du ſagſt unter keinen Umſtänden, bi daß Jemand bei mir iſt, und wenn er kommt, führſt 1 du ihn ſogleich herauf.“ Suſanne kehrte mit ſchlauem Geſicht zurück und überbrachte den Gegengruß;„Der 25* — 388— Magiſter läßt ſagen, er wird ſich ſogleich die hohe Ehre geben. Er erſtaunte ſich, aber es war ihm recht.“ „Er ſoll ſich wundern,“ rief Laura. Die verbün⸗ deten Damen ließen ſich um den Sophatiſch nieder und empfanden den Ernſt der Stunde, welche ihnen bevor⸗ ſtand.„Wenn ich mit ihm ſpreche,“ begann Frau Stru⸗ velius feierlich,„haben Sie die Güte, genau auf ſeine Antworten zu achten, damit Sie dieſelben im Nothfalle wiedecholen können, ſeien Sie mir Beiſtand und Zeugen.“ „Ich kann ſchnell ſchreiben,“ rief Laura,„ich will aufzeichnen, was er antwortet, nachher kann er's nicht ableugnen.“ „Das wird zu ſehr wie ein Verhör,“ warf Ilſe ein,„es macht ihn nur mißtrauiſch.“ Draußen ſcholl das wüthende Gekläff eines Hundes. „Er kommt,“ rief die Struvelius und rückte ſich ent⸗ ſchloſſen zurecht. Ein polternder Schritt ließ ſich von der Treppe hören, Suſanne öffnete und Magiſter Knips trat ein. Gefährlich ſah der nicht aus, ein kleiner gekrümm⸗ ter Mann, von dem man zweifeln konnte, ob er jung oder alt war, ein blaſſes Geſicht mit hervorſtehenden Backenknochen, auf denen zwei rothe Flecken lagen, zu⸗ ſammengedrückte Augen, wie Kurzſichtige zu haben pfle⸗ gen, von rieler Nachtarbeit bei trüber Lampe geröthet, ſo ſtand er, den Kopf auf eine Seite geneigt, in faden⸗ ſcheinigem Rock, ein demüthiger Diener, vielleicht ein Opfer der Wiſſenſchaft. Als er drei Damen ſitzen ſah, — 3839— wo er ſeinem Herzen nur für eine Faſſung gegeben hatte, alle ſtreng und feierlich, darunter die Frauen gewalti⸗ ger Männer, blieb er beſtürzt an der Thür ſtehen. Doch faßte er ſich und machte drei tiefe Verbeugungen, wahrſcheinlich jeder Dame eine, enthielt ſich aber alles Gebrauchs der Worte.„Setzen Sie ſich, Herr Magiſter,“ begann Laura herablaſſend, und wies auf einen leeren Stuhl gegenüber dem Sopha. Der Magiſter trat zö⸗ gernd heran, rückte den Stuhl weiter aus dem Be⸗ reich der drei Schickſalsgöttinnen, und ſchob ſich mit einer neuen Verbeugung auf eine Ecke des Rohrge⸗ flechts. „Es wird Ihnen bekannt ſein, Herr Magiſter,“ be⸗ gann Frau Struvelius,„daß die letzte Schrift meines Mannes Erörterungen veranlaßt hat, welche allen Be⸗ theiligten, und wie ich vorausſetze, auch Ihnen peinlich geweſen ſind.“ Knips machte ein ſehr klägliches Geſicht und legte den Kopf ganz auf eine Schulter. „Ich berufe mich jetzt auf das Intereſſe, welches auch Sie für die Studien meines Mannes haben, und ich berufe mich auf Ihr Herz, wenn ich Sie erſuche, mir offen und gradſinnig die Auskunft zu geben, welche uns Allen wünſchenswerth ſein muß.“ Sie hielt an, Knips ſah mit gebeugtem Haupt von der Seite zu ihr hinüber und ſchwieg ebenfalls.„Ich bitte Sie um eine Antwort,“ rief die Struvelius nachdrücklich. „Ach ſehr gern, hochverehrte Frau Profeſſorin,“ be⸗ 14 „ — 390— gann endlich Knips mit feiner Stimme,„ich weiß nur nicht, worauf ich antworten ſoll.“ „Aus ihren Händen hat mein Mann das Perga⸗ ment bekommen, welches die Veranlaſſung zu ſeiner letz⸗ ten Abhandlung geweſen iſt.“ „Hat der Herr Profeſſor der hochverehrten Frau Profeſſorin das geſagt?“ frug Knips noch kläglicher. „Nein,“ antwortete die Struvelius,„aber ich habe durch die Thür gehört, daß Sie kamen, und ich habe gehört, daß er verſprach über etwas zu ſchweigen, und da ich ſpäter bei ihm eintrat, ſah ich das Pergament auf ſeinem Tiſch liegen, und als ich darnach frug, ſagte er mir auch: das iſt ein Geheimniß.“ Der Maggiſter ſah unſicher in der Luft umher und ſenkte den Blick endlich auf ſeine Knieſpitzen, welche in ungewöhnlicher Glätte und Abgeſtoßenheit glänzten. „Wenn der Herr Profeſſor ſelbſt meinten, daß die Sache Geheimniß ſei, ſo ſteht doch mir nicht zu, darüber zu ſprechen, ſelbſt wenn ich in der That etwas wüßte?“ „Sie verweigern alſo, uns Auskunft zu geben.“ „Ach! hochverehrte und wohlgeneigte Frau Profeſſo⸗ rin, ich wüde Niemandem lieber eine⸗Mittheilung machen als den gütigen Damen, welche ich hier zu ſehen die Ehre habe, aber ich bin viel zu ſchwach Ihnen hierin zu dienen.“— „Und haben Sie überlegt, was Ihre Weigerung für verwirrende Folgen haben muß für meinen Gatten, für die ganze Univerſität, und was Ihnen mehr als dies alles gelten muß, wenn Sie im Dienſt der Wahr⸗ heit ſtehen, für die Wiſſenſchaft?“ Knips gab zu, im Dienſt der Wahrheit zu ſtehen. Laura merkte, daß das Verhör ſich in Seitenpfade ſchlängelte, auf denen das Pergament nicht zu finden war, ſie ſprang auf und rief:„Gehen Sie einmal hin⸗ aus, Magiſter Knips, ich habe mit Frau Profeſſorin etwas zu beſprechen.“ Knips erhob ſich ſehr bereitwillig und machte eine Verbeugung.„Sie dürfen aber nicht fort, treten Sie in das Zimmer nebenan. Kommen Sie, ich werde Sie ſogleich wieder einlaſſen.“ Knips folgte mit geſenktem Haupt und Laura kam auf den Fuß⸗ ſpitzen zurück und ſagte leiſe:„Ich habe ihn einge⸗ ſchloſſen, damit er nicht entläuft.“ Die Frauen neig⸗ ten die Köpfe zu geheimer Berathung. „Sie behandeln ihn zartfühlend, Frau Profeſſorin,“ flüſterte Laura,„bieten Sie ihm Geld, das wird ihn locken. Es iſt hart, daß ich ſo etwas ſagen muß, aber ich kenne die Familie Knips, ſie iſt egoiſtiſch.“ „Auch ich habe für den äußerſten Fall daran ge⸗ dacht,“ verſetzte die Struvelius,„ich wollte ihn nur nicht durch ein kaltes Angebot verletzen, wenn eine männliche Empfindung in ihm lebt.“ „Ei was,“ rief Laura,„es iſt gar kein Mann, es iſt nur ein Haſenfuß. Und wenn er Ihnen wider⸗ ſteht, ſo bieten Sie mehr. Bitte, hier iſt meine Spar⸗ caſſe.“ Sie lief zum geheimen Schreibtiſch und holte die Perlentaſche hervor. „Ich bin Ihnen von Herzen dankbar,“ raunte die Struvelius und zog auch ihre Börſe aus dem Gewande. „Wenn es nur reichen wird,“ ſagte ſie ängſtlich an den Schnüren ziehend,„ſehen wir ſchnell, was wir haben.“ „Behüte,“ rief Laura erſchrocken,„ſie iſt ja voll Gold.“ „Ich habe zu Geld gemacht, was ich grade konnte,“ erwiederte haſtig die Struvelius.„Das iſt ja jetzt alles unweſentlich.“ Ilſe nahm beiden Frauen die Börſen aus der Hand und ſagte feſt:„Das iſt viel zu viel. Solche Summe dürfen wir ihm nicht anbieten, wir wiſſen nicht, ob wir nicht den armen Mann in Verſuchung führen ein Unrecht zu thun. Ueberhaupt wenn wir Geld bieten, laſſen wir uns auf einen Handel ein, den wir gar nicht verſtehen.“ Das beſtritten die Andern, und im Flüſterton wurde eifrig darüber verhandelt. Endlich entſchied Laura:„Zwei Goldſtücke ſoll er haben, und damit abgemacht.“ Sie eilte hinaus, den Gefangenen wieder einzuführen. Als der Magiſter eintrat, ſah die Struvelius ſo bittend auf Ilſe, daß dieſe ſich überwand, die Verhand⸗ lung einzuleiten.„Herr Magiſter, wir Frauen haben uns in den Kopf geſetzt, das Schriftſtück zu erhalten, welches die Herren Gelehrten ſo ſehr beſchäftigt, und da Sie Beſcheid wiſſen, bitten wir Sie, uns dabei zu helfen.“ Magiſter Knips bewegte ſeine Lippen zu einem unterwürfigen Lächeln. 58 * 8 ————y — 393 „Wir wollen es kaufen,“ fiel die Struvelius ein, „und wir bitten Sie, den Ankauf zu beſorgen. Sie ſollen das Geld haben, welches Sie dafür brauchen.“ Sie fuhr in ihre Börſe, vergaß in innerer Angſt die Verabredung und zählte einen Louisdor nach dem an⸗ dern auf den Tiſch, daß Laura erſchrocken zu ihr ſprang und ſie von hinten heftig an dem Tuch zupfte. Knips trug ſein bedrängtes Haupt wieder auf der Schulter, und wie ein Hündchen auf die Hand des Brodſchnei⸗ denden ſtarrt, blickte er auf die kleinen Finger der Frau Profeſſorin, aus denen ein Goldſtück nach dem andern fiel.„Dies und noch mehr gehört Ihnen,“ rief die Struvelius,„wenn Sie mir das Pergament ſchaffen.“ Der Magiſter fuhr in die Taſche nach ſeinem Tuch und trocknete ſich die Stirne.„Wohl wird Denenſelben bekannt ſein,“ ſagte er klagend,„daß ich viele Correc⸗ turen leſen muß, und manches Mal in die liebe Nacht arbeiten, bevor ich nur den zehnten Theil von dem verdiene, was hier liegt. Es iſt eine große Verlockung für mich, aber ich glaube nicht, daß ich das Pergament⸗ blatt ſchaffen kann. Und wenn es mir gelingen ſollte, ſo fürchte ich, es könnte nur unter der Bedingung ſein, daß den Streifen keiner der Herren Profeſſoren in die Hand bekommt, ſondern daß derſelbe hier in Gegenwart der hochverehrten Frauen und Fräulein vernichtet wird.“ „Gehen Sie noch einmal hinaus, Magiſter Knips,“ rief Laura aufſpringend,„und laſſen Sie Ihren Hut hier liegen, damit Sie uns nicht entwiſchen.“ 3 ———y————— 4 3 — ——— — —— — 194— Der Magiſter verſchwand zum zweiten Male. Wieder fuhren die Frauenköpfe zuſammen. „Er hat das Blatt, und er kann es ſchaffen, jetzt wiſſen wir's,“ rief Laura. „Auf ſein Anerbieten können Sie nicht eingehen,“ ſagte Ilſe,„denn es liegt Ihnen doch nichts daran das Blatt zu behalten, es ſoll nur noch einmal von unſern Männern unterſucht werden, dann kann es ja der Herr Magiſter wieder zurücknehmen.“ „Bitte, ſchaffen Sie alles Gold fort bis auf dies hier,“ rief Laura,„und erlauben Sie mir, jetzt aus einem andern Ton mit ihm zu ſprechen, denn meine Geduld iſt am Ende.“ Sie öffnete die Thür:„Kom⸗ men Sie herein, Magiſter Knips, und hören Sie mich mit Ueberlegung an. Sie haben ſich geweigert, das Gold iſt verſchwunden bis auf zwei Stücke, die liegen noch für Sie da. Aber nur unter der Bedingung, daß Sie auf der Stelle ſchaffen, was Frau. Profeſſorin von Ihnen erbeten hat. Denn wir haben Ihnen deutlich angeſehen, Sie beſitzen das Blatt, und wenn Sie ſich noch weigern, ſo kommt uuns der Verdacht, daß Sie da⸗ bei etwas Unehrliches verübt haben.“ Knips ſah ſie erſchrocken an und winkte flehend mit der Hand.„Und ich gehe ſogleich zu Ihrer Mutter und ſage ihr, daß es ein Ende hat zwiſchen ihr und unſerm Hauſe. Und ich gehe herüber zu Herrn Hahn und erzähle ihm von Ihrem Verhalten, und daß er Ihnen Ihren Bruder auf den Hals ſchickt. Ihr Bruder iſt in einem Ge⸗ — lein Laura ſogar gegen mich ſelbſt etwas muthmaßt, ſo ſchäft und weiß, was Redlichkeit heißt. Und wenn er es nicht einſieht, ſo wird Herr Hahn daran denken, und auch Ihrem Bruder wird es nicht zum Heile gereichen. Und zuletzt will ich Ihnen noch etwas ſagen. Ich laſſe auf der Stelle Herrn Fritz Hahn herüberbitten, und wir theilen ihm Alles mit, und dann ſoll er mit Ihnen verhandeln. Und daß Fritz Hahn mit Ihnen fertig wird, wiſſen Sie. Und ich auch, denn ich habe als kleines Mädchen dabei geſtanden. Und ich kenne Sie, Herr Magiſter. Wir auf unſerer Straße ſind nicht von der Art, daß wir uns hinter's Licht führen laſſen. Und wir halten auf Ordnung in der Nachkarſchaft. Und deshalb ſchaffen Sie das Blatt, oder Sie ſollen Laura Hummel kennen lernen.“ Das rief Laura mit blitzenden Augen, und ſie ballte die kleine Hand gegen den Magiſter. Und Ilſe ſah mit Erſtaunen, wie in der Rede der Eifrigen auf einmal der Doctor als Ajax ge⸗ gen den Magiſter heranſtürmte. Wenn ein Vortrag nach ſeinen Wirkungen beur⸗ theilt werden darf, ſo war Lauras Anrede muſterhaft, denn ſie bewirkte in dem Magiſter völlige Zerſtörung. Er war unter den Menſchen und Gewohnheiten der kleinen Straße aufgewachſen, und würdigte ſehr wohl die Folgen, welche Lauras Feindſchaft für das geringe Behagen ſeines eigenen Lebens haben konnte. Er kämpfte deshalb eine Weile um die Worte, endlich be⸗ gann er leiſe:„Da es ſoweit gekommen iſt, daß Fräu⸗ . ———— ſes Geld herausgeben wird. Und ich beſorge Nein.“ bin ich allerdings genöthigt den hochverehrten Frauen zu ſagen, wie die Sache zuſammenhängt. Ich kenne einen kleinen reiſenden Händler, der allerlei Antiquitä⸗ ten mit ſich führt, Holzſchnitte, Miniaturen, auch Bruch⸗ ſtücke alter Handſchriften, und was ſonſt in dieſer Art vorkommt, ich habe ihm manchmal Kunden zugewieſen, und wohl auch über den Werth ſeltener Sachen Aus⸗ kunft gegeben. Dieſer Mann zeigte mir bei ſeinem Hierſein einen Haufen alter Pergamentblätter, über welche er bereits, wie er ſagte, mit einem Auswärtigen im Handel war. Und weil man jetzt auf die doppelt beſchriebenen Blätter ſehr aufmerkt, war ihm der Strei⸗ fen aufgefallen, und mir auch. Ich las einiges darin, ſoweit man es durch den Leim erkennen konnte, der noch darüber lag, und ich bat ihn, mir das Pergament wenigſtens zu leihen, damit ich es einem unſerer großen Herren Gelehrten zeigen könnte. Und ich trug es zu Herrn Profeſſor Struvelius. Und als der Herr Pro⸗ feſſor meinten, die Sache wäre vielleicht der Mühe werth, ging ich wieder zu dem Händler. Und dieſer ſagte mir, verkaufen könne er das Blatt vorläufig nicht, aber es ſei ihm recht, wenn darüber geſchrieben würde, denn dadurch könnte es größeren Werth erhalten. Und der Händler überließ es mir bis zu ſeiner Zurückkunft. In dieſer Woche iſt er wieder angekommen, um es mit fortzunehmen. Jetzt weiß ich nicht, ob es noch vorhan⸗ den iſt, und ich kann gar nicht ſagen, ob er es für die⸗ Die Frauen ſahen einander an.„Sie Alle hörten dieſe Ausſage,“ begann die Struvelius.„Aber weshalb haben Sie, Herr Magiſter, meinen Mann gebeten, Nie⸗ mandem zu ſagen, daß das Pergament von Ihnen kommt?“ Der Magiſter wand ſich auf dem Stuhl und ſah verlegen auf ſeine Kniee herab.„Ach, die hochverehrten Damen werden mir zürnen, wenn ich das ausſpreche. Herr Profeſſor Werner hat gegen mich immer viele Freundlichkeit gehabt und ich hatte Angſt, derſelbe könnte übel empfinden, wenn ich einen ſolchen Fund nicht zuerſt ihm zeigte. Und doch hatte auch Herr Profeſſor Stru⸗ velius mich wieder zu Dank verpflichtet, denn derſelbe hatte mir geneigteſt Correctur und Inhaltsverzeichniß ſeiner neuen großen Ausgabe übertragen. Und ich ſtand zwiſchen zwei ſchätzbaren Gönnern in Verlegenheit.“ Das war ſo kläglich, daß es leider nicht unwahr⸗ ſcheinlich war. „O bewirken Sie, daß ihr Gemahl ihn anhört,“ rief die Struvelius. „Wir hoffen, Herr Magiſter, Sie werden Ihre Worte vor Andern wiederholen, welche den Inhalt beſſer verſtehen, als wir,“ ſagte Ilſe, und der Magiſter er⸗ klärte furchtſam ſeine Bereitwilligkeit. „Aber das Pergament müſſen Sie doch ſchaffen,“ varf Laura dazwiſchen. Knips zuckte die Achſeln.„Wenn es möglich iſt,“ ſagte er,„und ob der Mann für dieſen Betrag mir das Blatt überlaſſen wird.“ 4 — 398— Die Struvelius griff wieder nach ihrer Taſche, aber Ilſe hielt ihr die Hand feſt, und Laura rief:„Wir geben nicht mehr.“„Dennoch aber,“ fuhr der Magiſter, gedrückt durch den Widerſtand ſeiner Richterinnen, fort: nes ſind Zweifel erhoben an der Echtheit, und wie es bei ſolchen Leuten geht, vielleicht hat das Blatt dem Händler dadurch an Werth verloren.— Aber, hochver⸗ ehrte Frauen und Fräulein, wenn es mir gelingen ſollte, Ihnen zu dienen, ſo flehe ich in Ehrerbietung, daß Die⸗ ſelben mir nicht den unglückſeligen Antheil nachtragen, den ich ohne mein Verſchulden in dieſer ſchwierigen Sache gehabt habe. Sie hat mich die ganze Zeit ſehr bekümmert und ſeit die Worte des Herrn Profeſſor Werner gedruckt wurden, habe ich jeden Tag gejammert, daß ich je mit einem Auge auf das Blatt geſehen. Denn ich darf meine gewichtigen Gönner nicht verlie⸗ ren, wenn ich nicht in den Abgrund des Elends ſinken ſoll.“ Dieſe Worte regten den Richterinnen das Mitleid auf, und die Struvelius ſagte gütig:„Wir glauben Ihnen, denn es iſt eine häßliche Empfindung, auch wider Willen Andere getäuſcht zu haben.“ Aber Laura, welche ſich zur Vorſitzenden des Rathes aufgeworfen hatte, ent⸗ ſchied kurz:„Ich bitte alſo, daß alle Betheiligten ſich morgen um dieſelbe Stunde hierher bemühen. Ihnen, Magiſter Knips, gebe ich bis dahin Zeit, das Blatt in unſere Hände zu liefern. Nach Ablauf dieſer Friſt wird Wäſche entzogen, das Haus verboten und der Familie — — ☚ 8 1 4 4 1 ſfſſfffnnfffffffnnnſſſſffnnſnffnniſfffſſſfſſnfſſſſſſſiiſſffſſſſiſſiſſſſſſſſftt 7 8 9 10 11 12 14 16 1